HG|1|0|1|1|Vorrede zur Haushaltung Gottes, wir der Herr sie selbst kundgegeben
HG|1|0|1|0|Der Schreiber des vorliegenden Werkes suchte ernstlich, und er fand, was er suchte. Er bat, und es ward ihm gegeben; und da er an die rechte Tür pochte, so ward sie ihm aufgetan und durch ihn allen jenen auch, die eines guten Herzens und Willens sind. Denen aber, die da nicht mit dem Herzen, sondern allezeit nur mit ihrem vermeintlich reinen Weltverstand suchen und prüfen und kritisieren und statt an den lebendigen Namen des ewigen Gebers aller guten Gaben nur an die harte und tote Schale der Materie klopfen, wird es nicht gegeben und aufgetan werden. Denn der Geist des Herrn offenbart sich nie durch den Verstand der Verständigen der Welt, sondern nur in und durch die Einfalt des Herzens denjenigen, die vor der Welt der Verständigen als Toren gelten und bekannt werden; aber der Verstand der Weisen der Welt wird in kurzer Zeit dennoch zunichte vor der Einfalt der Toren.
HG|1|0|2|0|Wer das vorliegende Werk lesen wird mit einem demütigen und dankbar gläubigen Herzen, dem wird daraus allerlei Gnade und Segen zuteilwerden, und er wird im Werk den rechten Autor nicht verkennen. Der puren Verstandeskaste ist’s aber ohnehin einerlei, ob sie einen Daniel, oder einen Sir Walter Scott, oder einen Rousseau, oder Hegel liest; denn der Weltverstand nimmt alles weltlich und nimmt eine höherstehende Mitteilung von oben her als ein loses Hirngespinst ungelehrter, aber von Natur nur phantasiereicher Menschen an, die etwas durch ihre Mystifikationen gelten und erreichen möchten, weil sie auf dem reinen Verstandesweg nichts erreichen können, da ihnen dieser notwendig mangelt!
HG|1|0|3|0|Aber das führe ja niemand irre! Wie oft sind die vier Evangelien schon verdächtigt worden; gelten sie darum in den Herzen der wahren Bekenner Gottes weniger? Wie oft bin Ich, der Herr und Geber des Lebens und jeglicher demselben wahrhaft ersprießlichen Gabe, schon als ein purer Mensch, als ein Magnetiseur, auch als ein Betrüger, auch schon als eine rein erdichtete Person von den Weltweisen deklariert worden und werde zur Stunde von Millionen also deklariert! Aber das macht dennoch andere Millionen nicht irre. Diese als Täter und nicht als alleinige Hörer Meines Wortes sahen es in der Einfalt ihres Herzens, dass der Jesus von Nazareth mehr war, als für was Ihn die vielen Gelehrten der Welt halten oder gar nicht halten. Halte sich daher bei diesem vorliegenden Werk niemand an das Urteil der Welt, die nur das erhebt, was ihrer Art ist, sondern allein an die Stimme des Herzens der Einfältigen. Diese werden jedermann vor den Augen des guten Gebers ein richtiges Urteil abgeben. Der Verstand der Weltweisen aber wird sich daran vielfach zu stoßen die beste Gelegenheit finden. Wohl ihm, so er dabei nicht völligen Schiffbruch erleiden wird!
HG|1|0|4|0|Wer dies Werk liest und es wohl als eine geistige Eingebung betrachtet, aber im Unklaren ist, ob es von einem Geist niederer oder höherer Art herkomme, der ist noch stark blind, und die Decke des Weltverstandes verhüllt noch mächtig die Sehe seines Herzens.
HG|1|0|5|0|Wer an Mich lebendig glaubt, dem ist Meine Stärke, Güte und vollste Weisheit sicher nicht fremd, und er wird und er muss es einsehen, dass Ich wohl Kraft und Weisheit in ewiger Übergenüge besitze und werde da, wo Ich ein Feld bebaue, den Feind sicher aus dem Feld für ewig zu verdrängen vermögen; denn Ich und der Satan haben noch nie in einer Furche den Pflug geleitet! Im Verstand der uneigennützigen [scheinheiligen] Welt leider wohl, die, da sie selbst finster ist, überall nichts als Finsternis erschaut; aber in den Augen derjenigen, die vom Vater gelehrt und gezogen sind, erscheint alles ganz anders, denn den wahrhaft Reinen und Erleuchteten ist alles rein und wohlbeleuchtet.
HG|1|0|6|0|Denen aber, die da sagen, diesem Werk, um als ein von oben her gegebenes zu gelten, fehle die Einfalt, die Ruhe und Umsicht und die gewisse Tiefe in der ganzen Weltanschauung , sei ganz kurz bloß das gesagt: dass sie sich wohl vorher in ihrem Herzen genau prüfen möchten, ob ihnen vielleicht nicht eben das mangelt, was sie in dem Wort vermissen. Im Übrigen haben sie da ein Urteil abgegeben, damit sie als europäische Gelehrte über dieses Werk doch auch etwas gesagt haben, ohne in die volle Tiefe des Werkes eingedrungen zu sein; denn dazu gehört doch offenbar mehr als ein kaum einmaliges flüchtiges Durchlesen einer Abteilung dieses Werkes.
HG|1|0|7|0|Was verstehen denn solche Leser unter der Einfalt? Ich meine aber, eine Schrift, die trotz der ganz notwendigen, für die beschränkte menschliche Sehe mysteriösen Fülle und Tiefe dessen, was sie gibt, also verfasst ist, dass sie sogar Kinder recht wohl verstehen können, wenn sie nur des Lesens einigermaßen kundig sind und ein wenig übers Abc und übers Einmaleins hinaus zu denken vermögen, sollte doch Rechtens keinen Mangel an der gewissen Einfalt haben. Bilder und eine Sprache aber bedingen ewig nie die Einfalt einer Schrift, sondern lediglich nur das leichte Verständnis eines noch so einfältigen Herzens und das Sich-leicht-Zurechtfinden in solch einer Schrift; alles andere aber – als: eine alte, unbehilfliche Sprache und mehrere Tausende von Jahren alte entsprechende Gleichnisbilder sind ebenso wenig Einfalt wie der Weltverstand der Weltweisen. Was aber da von der erforderlichen Ruhe und Umsicht und der geforderten Tiefe in der ganzen Weltanschauung bemerkt ist, so ist alles das in dem vorliegenden Werk umso mehr vorhanden, je mehr der krittelnde Weltverstand solches zu vermissen wähnt; denn was dem Herzen die Ruhe gibt, das muss doch selbst Ruhe haben in Fülle. Dem Verstand aber kann es freilich keine Ruhe geben, weil dieser für die Ruhe nicht aufnahmefähig ist und daher in einer Schrift ebenso wenig irgendeine Ruhe finden kann wie irgendein Strom, bevor er nicht des Meeres tiefste Tiefe erreicht hat. Wenn der Verstand der Weltweisen sich aber demütigen könnte, und von seiner vermeinten Höhe hinabsteigen in das einfaltsvolle Lebenskämmerlein des Herzens, so würde er dann aus dieser Ruhe heraus schon auch im vorliegenden Werk die vermisste Ruhe und eine vollste Umsicht in eben dieser Ruhe finden. Aber solange der Verstand gleich einem Wetterhahn auf der Turmspitze irdischer Weisheit ohne Unterlass von allerlei Zweifelwinden nach allen Richtungen hin und her gedreht wird, da kann er wahrscheinlich nirgends seine Ruhe finden, die er selbst nicht hat, und also auch die angewohnte Umsicht nicht, die er auf seiner windigen Höhe genießt.
HG|1|0|8|0|So aber jemand in diesem Werk die gewisse Tiefe der ganzen Weltanschauung vermisst, dem sei es vorerst gesagt, dass es dem Geber dieser Schrift auch gar nicht darum zu tun war, durch vorliegende Schrift bei denen, die sie als das, was sie eigentlich ist, in der wahren Ruhe und Einfalt ihres Herzens lesen werden, eine solche Anschauung, die leider nun schon unter den Menschen zu sehr verbreitet ist, zu entwickeln, sondern lediglich, um einen frommen und dankbaren Sinn zu erwecken, und aus diesem heraus einen lebendigen Glauben und die rechte Liebe zu Gott und dem Nächsten zu erwecken und für dauernd zu beleben.
HG|1|0|9|0|Fürs Zweite aber werden jene, die aus dem rechten Sinne heraus diese Schrift lesen, dennoch zu einer hinreichenden Tiefe der besseren Weltanschauung gelangen ohne Zutat der Gelehrten, die auf dem Wege ihrer eitlen Verstandesprüfungen wohl ewig nie in jene rechten Tiefen der totalen Welt- und Weltenanschauung gelangen werden, als wie sie bloß nur im vorliegenden Werk für die rechten Leser zu erschauen ist, – anderer und späterer Werke [gar nicht] zu gedenken, in denen sozusagen die Sonne und mit ihr materiell und hauptsächlich geistig alle Planeten-, Sonnen- und Zentralsonnensysteme verständlich genug und ausführlich entwickelt und enthüllt werden.
HG|1|0|10|0|So aber in einem Werk vom Urbeginn aller geschaffenen Dinge, und zwar sowohl die materielle und ganz besonders die geistige Entwicklung derselben, also durch eine nahe schon ewig dauernde Zeiten- und Zustandsfolge, genügend klar dargestellt wird, und es findet jemand demnach zu wenig Tiefe in der mangeln sollenden Weltanschauung, – wahrlich, da gibt es denn wohl auch in allen Himmeln kaum irgendeine Augensalbe mehr, mittels welcher solche Forscher um ihre sehr bedauerliche Kurzsichtigkeit kommen könnten!
HG|1|0|11|0|„Wir einfältigen und verstandesschwachen Liebhaber Gottes“, so können mit vollem Recht die rechten Leser dieses Werkes sagen, „da wir zwar außer der Universität Gottes in unserem Herzen nie eine andere, weder zu Paris noch zu Jena und Göttingen, besucht haben, gehen aber mit aller eurer hochberühmten Weltweisheit dennoch nicht tauschen; denn unser inständiges Schauen in den Tiefen der großen Schöpfungen unseres heiligen Vaters ist uns lieber als euer tausendjähriges Forschen mit verdeckter Sehe. Wie weit eure Ferngläser und eure mathematischen Linien reichen, können wir aus eurem Kalender sehen, und eure Wege sind uns nicht fremd; aber wie weit die helle Sehe unseres in Gott ruhenden Herzens reicht, das zu bemessen dürften eure Tubusse und mathematischen Linien wohl sehr bedeutend zu kurz werden und zu wenig mathematisch sein!“
HG|1|0|12|0|Wer also dieses Werk mit wahrem Nutzen für seine Seele lesen will, der lese es in aller Einfalt seines gottergebenen Herzens und mache darüber nicht einen Zensor nach weltmenschlicher Weise, sondern stets nur einen sehr sorgsamen Hauswirt seines Herzens, so wird er in vorliegendem Werk alles in Hülle und Fülle finden, was einige wenige hochgelehrte Leser leider nicht gefunden haben.
HG|1|0|13|0|Und nun denn allen Segen und jegliche Gnade den rechten Lesern, die eines reinen Herzens und eines guten Willens sind. Amen!
HG|1|0|14|1|Vorwort
HG|1|0|14|1|Als Vorwort zu Meiner Haushaltung sei euch ein Lied beschieden, aus dessen geheimnisvoller Weise ihr sollt im Geist und in der Wahrheit beten; denn wer das nicht kann und weiß, der ist noch nicht geschickt zu Meinem Reich, daher ist es nötig, euch davon eine kurze Meldung zu tun. Das kurze Lied soll es euch lehren wie folgt:
HG|1|0|14|0|Der Leibesstimme Hauchgewimmer / dringt zu Meinen Ohren nimmer, / und ein Gebet nur von dem Munde / sei niemals eurer Bitten Kunde.
HG|1|0|15|0|Im Herzen nur soll reden lernen, / auf Erden also wie in Sternen, / der da mit Mir will Rede führen, / ansonsten wird er sich verirren.
HG|1|0|16|0|Denn einmal pfleg Ich laut zu reden, / hört – ihr allzeit Herzensspröden! / Doch nur in heil’ger Stille leise, / so rede Ich in liebster Weise.
HG|1|0|17|0|So ihr da wollt Mein Wort vernehmen, / müsst ihr an Stimme euch nicht stemmen, / sollt drum im Herzen Worte bauen / in dessen Innres lernen schauen.
HG|1|0|18|0|Ihr nehmt zum Beispiel „Unser Vater“, / sprecht es matt und immer matter, / und lasst am Ende weg die Stimme, / horcht dann nur auf des Geist’s Gewimme;
HG|1|0|19|0|Gleich einem Echo würd’t ihr finden / dann Worte sich dem Geist entwinden, / und geht’s – wie schwer auch im Beginnen –, / lasset nicht ab, ihr werd’t gewinnen!
HG|1|0|20|0|Gleichwie die Kinder anfangs lallen, / um ihren Willen euch zu malen, / so ist es auch mit innrer Sprache, / Gewöhnung, Übung klärt die Sache.
HG|1|0|21|0|Zu allem – hört! – gehöret Schule, / sonst wird gar all’s zu einer Nulle, / darum soll obiges geschehen, / sonst könnt ihr nie den Geist verstehen.
HG|1|0|22|0|Und habt ihr das in euch gewonnen / und seid zu beten dann gesonnen, / dann sollt derart im Geist ihr flehen, / Ich werde euch gar wohl verstehen.
HG|1|0|23|0|Und wenn dann eurem Geist wird gehen, / gar fertig seine Zung’ zu drehen, / recht klar und deutlich all’s zu sagen, / könnt ihr auch Mich um etwas fragen.
HG|1|0|24|0|Und nach der Kraft der reinen Liebe / werd’t ihr gewahren heil’ge Triebe; / dann forschet ganz gelassen stille, / wie sich da kündet Gottes Wille.
HG|1|0|25|0|Ihr werdet klar und deutlich hören, / was da wohl ist Mein leicht’s Begehren: / Nur auszustreuen guten Samen, / das soll geschehen allzeit! Amen!
HG|1|0|26|0|Der euch dies Lied hat gegeben, der ist heilig, heilig, heilig. Amen, Amen, Amen!
HG|1|1|1|1|Mahnruf des Herrn
HG|1|1|1|1|Am 15. März 1840, nach der 6. Stunde des Morgens
HG|1|1|1|1|So sprach der Herr zu und in mir [Jakob Lorber] für jedermann, und das ist wahr und getreu und gewiss:
HG|1|1|1|0|Wer mit Mir reden will, der komme zu Mir, und Ich werde ihm die Antwort in sein Herz legen; jedoch die Reinen nur, deren Herz voll Demut ist, sollen den Ton Meiner Stimme vernehmen.
HG|1|1|2|0|Und wer Mich aller Welt vorzieht, Mich liebt wie eine zarte Braut ihren Bräutigam, mit dem will Ich Arm in Arm wandeln. Er wird Mich allezeit schauen wie ein Bruder den anderen Bruder, und wie Ich ihn schaute schon von Ewigkeit her, ehe er noch war.
HG|1|1|3|0|Den Kranken aber sage: sie sollen sich in ihrer Krankheit nicht betrüben, sondern sollen sich ernstlich an Mich wenden und sollen Mir ja ganz trauen. Ich werde sie trösten, und ein Strom des köstlichsten Balsams wird sich in ihr Herz ergießen, und des ewigen Lebens Quelle wird unversiegbar in ihnen offenbar werden; sie werden genesen und werden erquickt werden wie das Gras nach einem Gewitterregen.
HG|1|1|4|0|Die Mich suchen, denen sage: Ich bin der wahre Überall und Nirgends. Überall bin Ich, wo man Mich liebt und Meine Gebote hält, – nirgends aber, wo man Mich nur anbetet und verehrt. Ist denn die Liebe nicht mehr denn das Gebet, und die Haltung der Gebote nicht mehr denn die Verehrung? Wahrlich, wahrlich sage Ich dir: Der Mich liebt, der betet Mich im Geiste an, und der Meine Gebote hält, der ist’s, der Mich in der Wahrheit verehrt. Meine Gebote aber kann niemand halten als nur derjenige, der Mich liebt; der Mich aber liebt, hat kein Gebot mehr als dieses, dass er Mich liebt und Mein lebendiges Wort, welches das wahre, ewige Leben ist.
HG|1|1|5|0|Den Schwachen tue kund aus Meinem Mund: Ich bin ein starker Gott. Sie sollen sich alle an Mich wenden; Ich werde sie vollenden. Aus dem Mückenfänger will Ich einen Löwenbändiger machen, und die Furchtsamen sollen die Welt zerstören, und die Starken der Erde sollen zerstreut werden wie Spreu.
HG|1|1|6|0|Den Tänzern und Tänzerinnen sage ohne Scheu, dass sie allesamt vom Satan übel hergenommen sind. Er fasst sie nämlich allesamt bei den Füßen und dreht sich mit ihnen schnell in einem Wirbelkreis herum, damit sie dadurch ganz durch und durch schwindelig werden und weder stehen, noch gehen, noch sitzen, noch schlafen, noch rasten, noch sehen, noch hören, noch fühlen, noch riechen, noch schmecken, noch empfinden können; denn sie sind wie Tote, – daher kann ihnen weder geraten noch geholfen werden. Und wollten sie noch zu Mir sich wenden, so würde es ihnen ergehen wie einem, den ein Starker bei den Füßen nähme und ihn schnell in einem Kreis um sich herumtriebe; würde dieser auch zum Himmel emporblicken, so würde er keine Sonne, sondern nur einen lichten Streifen erblicken, der ihn erblinden würde, damit er dann seine Augen schließen und gar nichts mehr sehen möchte.
HG|1|1|7|0|Dessen leiblich Auge blind ist, dem steht noch die Sehe des Geistes offen; wer aber erblindet am Geiste, der bleibt blind ewiglich.
HG|1|1|8|0|Den Spielern sage, dass sie zuerst ihr Leben und hernach aber alles, was ihnen zu diesem gegeben wurde, verspielen. Denn das Spiel ist ein Brunnen voll giftigen Unrats; die Spieler glauben aber, es sei eine verborgene Goldquelle. Daher wühlen sie täglich in demselben, schlürfen den Pesthauch in die Nüstern, vergiften sich durch und durch und finden statt des vermeintlichen Goldes des Geistes ewigen Tod.
HG|1|1|9|0|Diejenigen, welche die Schrift besitzen und sie nicht lesen, gleichen einem Durstigen am Brunnen, wo reines Wasser ist, das sie aber nicht trinken wollen, entweder aus einer gewissen geistigen Wasserscheu gleich tollen Hunden, welche, statt ihre Schnauze ins Wasser zu stecken und zu genesen, in die härtesten Steine beißen, um sich den brennenden Durst zu stillen, oder auch wohl meistens aus einer gewissen lauen Trägheit, und lassen sich daher lieber von einigen gewissen faulen Dienern aus der nächsten Pfütze stinkenden Schlamm zur Stillung ihres Durstes reichen, damit sie dann allesamt übel umkommen.
HG|1|1|10|0|Den Buhlern und Buhlerinnen aber sage: Wer im Fleische wandelt, der wandelt im Tode, und seine Lust wird bald zur Speise der Würmer umgestaltet werden. Nur wer im Geiste wandelt, kommt zum Lichte, der Urquelle alles Lebens; sein Anteil wird ewig bestehen und sich vermehren.
HG|1|1|11|0|Den Kleiderpracht- und Modesüchtigen sage ernstlich, dass sie nackt vor ihrem gerechtesten Richter stehen. Ihre Pracht wird vergehen wie ein Schaum; ihre Herrschsucht und Pracht wird in die niedrigste Sklaverei verwandelt werden, und sie werden sich ewig ihrer Torheit schämen müssen. Ist denn nicht ein großer Tor der, welcher sich vornimmt, einen Schmeißhaufen vergolden zu wollen, und die Edelsteine aber, statt in Gold, in den schmutzigsten Kot fassen lässt?! Oh, dass es der Irrsinnigen jetzt in der Welt doch gar so viele gibt! Das Licht halten sie für Finsternis, und die Finsternis fürs Licht.
HG|1|1|12|0|Schon steht im Osten ein Stern, welcher dem Orion die Bahn brechen wird, und das Feuer des großen Hundes wird sie alle verzehren; und Ich will der Sterne in großer Menge vom Himmel auf die Erde schleudern, damit die Bösewichte alle umkommen und Mein Licht leuchte allerorten.
HG|1|1|13|0|Ich, Jehova, Gott von Ewigkeit, der Wahrhaftige und Getreue zur letzten Warnung. Amen.
HG|1|1|14|0|Du, der du dieses schlecht niedergeschrieben, dir gilt dieses zunächst, hernach aber allen übrigen. Amen. Dieses sagt der Erste und der Letzte. Amen.
HG|1|2|1|1|Gebote des Herrn an die Menschen
HG|1|2|1|1|Am 16. März 1840
HG|1|2|1|1|So sprach der Herr zu und in mir für jedermann; und das ist wahr, getreu und gewiss:
HG|1|2|1|0|Du bist der Lot von Sodom; aber sehe zu, dass du nicht erstickst in der Unzucht und das Erbe der Hure dein Anteil wird; denn du bist wie keiner vor dir und nach dir. Du bist als Mensch ganz im Fleische und dessen Lust und bist als Geist ganz frei mit offenen Augen und offenen Ohren. Deinen Leib beschmierst du mit Kot, und über deinen Geist werden Ströme des Lichtes ausgegossen; dein Leib isst mit den Sauen, da dein Geist von tausend Engeln umgeben ist. Dein irdisch Herz hast du angefüllt mit Mist und Kot, und Ich habe Mir in deines Geistes Herzen eine Wohnung errichtet. Du unterhältst dich mit Huren, während Ich mit dir wie ein Bruder zum Bruder spreche; du stinkst wie ein Pfuhl, und dein Geist atmet des höchsten Himmels Wohlgerüche; du bist ein Scheusal, und dein Auge überstrahlt die Sonnen. Daher reinige dein Fleisch und werde eins mit dir, damit Ich eins mit dir werde!
HG|1|2|2|0|Sage den ängstlichen Müttern: sie sollen ihre Töchter nicht in der Furcht vor den Männern und der Welt erziehen – denn was man fürchtet, dem gehorcht man blindlings in der Versuchung, und dem Gefürchteten wird der Sieg leicht werden –, sondern sie sollen sie lieber in Meiner Furcht und Liebe erziehen, damit Ich Sieger werde, damit sie die Welt verachten und in Meiner unbegrenzten Liebe schwelgen. Sie sollen sie der Gewinnung eines Ehegatten willen nicht auf öffentliche Örter führen, sondern zu Mir, zu Mir sollen sie sie bringen, und Ich sage dir: Nicht eine ihrer Begierden soll ungesegnet und unbefriedigt bleiben; denn Ich bin ein reicher Gott, der an allem den unendlichsten Überfluss hat, der alles im höchsten Übermaße geben kann und auch geben will.
HG|1|2|3|0|Die Armen sollen nicht betteln vor der Türe des Reichen, wo sie das Los der fremden Hunde erfahren und ihr Herz in Trauer und Bitterkeit verkehrt wird, – sondern sie sollen nur festen Vertrauens zu Mir kommen, und Ich werde sie allesamt erquicken. Den Hungrigen will Ich speisen, den Durstigen tränken, den Nackten bekleiden, den Kranken heilen; der Lahme soll springen wie ein Hirsch, der Aussätzige wird gereinigt, der Blinde wird sehend, der Taube hören, und den Schwachen will Ich stärker machen denn einen Löwen; der Furchtsame wird mutiger denn ein männlich Füllen, und der Alte soll Ruhe finden. Der Arme ist Mein nächster Bruder; Ich sorge für ihn. Daher soll er sich nicht von den Hunden entheiligen lassen; denn die Reichen der Welt sind Brüder des Satans und Kinder des Teufels aus der Hölle.
HG|1|2|4|0|Meinen Freunden und Freundinnen sage: sie sollen Meine Diener und Knechte nicht mehr lieben als Mich; ihr Heil sollen sie nicht so sehr in ihre, sondern vielmehr ganz in Meine Hände legen und sich ganz Mir anvertrauen. Denn der Diener muss handeln nach dem Gebot streng, will er nicht für unwürdig befunden werden; allein der Geber des Gesetzes steht über demselben und kann auch über dasselbe stellen, wen er will. Solange sie aber stehen unter dem Joch, werden sie gerichtet; der aber zu Mir kommt, dem kann Ich das Gericht erlassen.
HG|1|2|5|0|Meine Kirche auf Erden ist ein Reinigungsbad; der sich gewaschen hat, der komme zu Mir, damit Ich ihn abtrockne mit der Wärme Meiner Liebe und ihn behalte. Der aber nur Freude an dem Pritscheln und Wascheln hat, dem geht es wie den Mühlrädern, die nie aus dem Wasser kommen.
HG|1|2|6|0|So jemand die Werke der wahren Buße gewirkt hat, der komme zu Mir, damit Ich ihn aufnehme wie einen verlorenen Sohn und ihn behalte in Meiner Kraft. Denn der Knecht kann raten, Ich aber kann es tun; der Diener kann belehren, allein die Erlösung ist nur Mein Werk; der Knecht kann beten, aber nur Ich kann segnen. Mein Diener muss richten gerecht; aber das Recht der Gnade hat nur der Herr. Daher sollen sie über den Dienern und Knechten des Herrn nicht vergessen!
HG|1|2|7|0|Dieses sage ihnen von Wort zu Wort getreu ganz ohne Scheu; denn du darfst die Welt nicht fürchten, wenn du Mich lieben willst, – denn Ich bin mehr als alle Welt.
HG|1|2|8|0|Ich bin der Welt ein gar kleiner Held, den man für gar nichts hält. Die Gelehrten sehen Mich kaum noch über die Achseln an und lassen Mir mit genauer Not noch kaum den Namen eines ehrlichen Mannes. Einige aber haben Mich schon ganz und gar verabschiedet; für diese also bin Ich gar nicht mehr vorhanden. Einige lassen Mir wohl noch irgendeinen göttlichen Zug gelten, jedoch nur auf eine kurze Zeit; dann aber lassen sie sich von den Weltweisen über ein Besseres belehren. Ich werde dann gleich infam kassiert und gelte noch höchstens als ein alter Weibergott. Bei einigen Meiner groß sein wollenden Diener und Knechte diene Ich bloß nur noch als ein öffentliches Amtssiegel und als äußere, göttlichartige Umfassung ihres schwarzen Unsinns und ihrer groben, finsteren Dumm- und Narrheit. Die einen aber lassen Mich zwar wohl noch in Meiner Göttlichkeit stecken; aber dafür muss Ich für ihre zeitlichen Vorteile aus Mir machen lassen, was sie wollen, und zwar, was das Allerärgste ist, Ich muss ein bares Unding sein! Liebe und Barmherzigkeit darf Ich nur so lange haben, als es ihnen gefällig ist; dann aber muss Ich unerbittlicher werden als ein Stein und muss Mich zu dem schändlichsten Tyrannen umgestalten lassen! Ich muss von einem Richterstuhl auf den anderen springen und ein Verdammungsurteil über das andere aussprechen; Meine Liebe muss also nur zeitlich, aber Meine Tyrannei und das damit verbundene allerschärfste Richteramt soll ewig währen. O der ungeheuren Narren! Meine unbegrenzte Langmut, Sanftmut, Demut und ewige Liebe zu Meinen Geschöpfen taugt freilich nicht in ihren habsüchtigen Kram; aber es soll ihnen bald ein Strich durch alle ihre Rechnungen gemacht werden. Ihre Rechnungen liegen vor Mir, und das Maß ihrer Taten ist voll geworden bis auf eins, und der Lohn harret ihrer.
HG|1|2|9|0|Wer Mich nicht kennt, wie Ich bin, und wer Ich bin, dem wäre es besser, dass er von Mir gar nichts wüsste, – denn dann könnte Ich ihn noch lebendig machen dort im Reich der Geister; so aber machen sie sich Meiner Hilfe unfähig, denn sie töten dadurch das Leben in sich, da sie Mich in sich zerstören und somit auch töten, und sind die vom Weinstock getrennten Reben.
HG|1|2|10|0|Dieses aber sage Ich jetzt, dass Ich bin der alleinige, ewige Gott in Meiner dreieinigen Natur als Vater Meinem Göttlichen nach, als Sohn Meinem vollkommen Menschlichen nach und als Geist allem Leben, Wirken und Erkennen nach. Ich bin von Ewigkeit die Liebe und die Weisheit Selbst. Nie habe Ich von jemandem etwas empfangen. Alles, was da ist, ist von Mir, und wer etwas hat, der hat es von Mir. Wie bin Ich denn ein Tyrann und ein Verdammungsurteilsprecher?! O ihr Toren! Ich liebe euch; ihr verachtet Mich. Ich bin euer Vater; ihr macht Mich zum Scharfrichter. Wo Ich segne, da flucht ihr; wo Ich baue, da zerstört ihr; was Ich aufrichte, das beugt ihr nieder; wo Ich säe, da leitet ihr erstickende Fluten darüber; ihr seid in allem wider Mich. Wäre Ich, wie ihr sagt, dass Ich sei, – wahrlich, sage Ich euch, die Erde bestände schon lange nicht mehr, ja sie wäre sogar nie erschaffen worden. Weil Ich aber bin, wie Ich bin, so besteht noch alles, wie es war, und wie es sein wird ewig; und auch ihr werdet sein, wie ihr sein wollt, ohne Mein Verdammungsurteil, – denn ihr werdet sein, wozu ihr euch selbst gemacht werdet haben. Die aber Mich nehmen, wie Ich bin, und Mich lieben, wie Ich sie liebe, aus denen aber werde Ich machen, was sie wollen, damit ihre Freiheit und Freude vollkommen sei ewiglich.
HG|1|2|11|0|Meinen Dienern und Knechten sage: Meine Ämter sind keine Wechselbanken und keine Geldboutiquen! Denn der Mir des Geldes wegen dient, der dient Mir nicht aus Liebe; wer Mir aber nicht aus Liebe dient, dessen Dienst ist Mir fremd, wie Ich ihm ganz fremd sein muss, da er Mir nicht aus Liebe dient; mit ihm habe Ich die Rechnung schon geschlossen. Wie ist der aber ein treuer Knecht, der die Schätze des Herrn ohne Befugnis gleich einem Dieb um die schändlichsten Preise verkaufte? Ischariot verkaufte Mich doch noch wenigstens um dreißig Silberlinge, ohne dass er es vorauswusste, was mit Mir geschehen wird; denn er war verblendet und ging verloren. Jetzt aber bin Ich schon als gemartert, getötet und wieder auferstanden um die schändlichsten Spottpreise zu jeder Minute zu haben. O ihr schändlichen Diebe, ihr Mörder, womit soll Ich euch denn vergleichen? Ihr Kinder des Drachen, ihr Otterngezüchte, ihr Schlangenbrut! So dient ihr Mir, so muss Ich euch finden? Ich ließ ja durch Meinen lieben Paulus sagen, dass der, der dem Altar dient, auch vom Altar leben soll, aber nur aus den Werken der Liebe, die alles Gute wirkt; ihr aber habt keine Werke der Liebe, – daher seid ihr Räuber und Diebe und Meuchelmörder des Evangeliums und aller Wahrheit. Wisst ihr: Wie die Arbeit, so der Lohn! Liebe ist nicht ums Geld, sondern nur wieder um Liebe zu haben. Ich bin die Liebe Selbst und bin durchgehends um keinen anderen Preis als nur wieder um Liebe zu haben. Durch Liebe habe Ich euch alle erkauft; daher fordere Ich von euch allen wieder Liebe. Der daher Mir dienen will, der diene Mir in der Liebe, in der Ich für ihn am Kreuz gestorben bin; und der zu Mir kommen will, der komme in der Liebe zu Mir, die am Kreuz für ihn blutete.
HG|1|2|12|0|Den Beamten und Herren der Welt sage ohne Scheu ganz wortgetreu, dass ihre Ämter nicht höher stehen als die Ämter Meines Reiches. Jedes Amt aber, das wider Mein Amt ist, will Ich zerstören in der Bälde; wehe seinen Dienern! Denn Ich bin der Allerhöchste; Mein Gesetz ist ewig, wie Ich es bin, und wird bleiben wie Ich ewig. Die Motten, die Mein Gesetz benagen wollen und wieder Gesetze aus ihrem Kot machen, um Mein Gebot zu vertilgen, auf diese wird es sich mit größter Last und Schwere hinwälzen und sie vernichten, als wären sie nie gewesen. Jedem, der sich an Meinen Geboten versündigt, kann vergeben werden, wenn er sich bessert, seinen Fehler einsieht und bereut, sich dann zu Mir wendet und in Mir verbleibt und Ich in ihm; aber wer Mein Gesetz untergraben will, den wird es erdrücken, und er wird fürder nicht mehr sein ewiglich. Alle Weltgesetze untergraben Mein Gebot, wenn sie nicht aus Meiner Liebe von Männern gegeben sind, die durch Meinen Geist unterrichtet sind. Wehe den Tyrannen, wehe den Despoten, die herrschen des Thrones wegen und der Macht und des Ansehens; denn zu ihrer Zeit fehlt nicht mehr denn eins, und sie werden erfahren die Macht der Schwachen. Der Boden ist Mein, und das Feld ist Mein; dies sagt der Wahrhaftige, der ewige Gott der Liebe und Weisheit, und gibt es kund einem Narren für die Weisen der Welt. Amen. Ich, Jehova, Amen.
HG|1|3|1|1|Der Herr als Vater Seiner Kinder
HG|1|3|1|1|Am 20. März 1840
HG|1|3|1|1|So sprach der Herr zu und in mir für jedermann, und das ist wahr, getreu und gewiss:
HG|1|3|1|0|Ich bin ein guter Wirt; auch nicht ein Brosame geht verloren. Wer sein Kapital bei Mir anlegt, dem wird es hohe Zinsen bringen, und es wird in Meinem Herzen intabuliert bleiben, und die Zinsen werden wachsen bis in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten. Blick’ empor, du Tor, und schaue den Sternenhimmel an! Wer hat je die Sonnen gezählt, deren Zahl kein Ende hat, und die Erden alle, die Ich um sie zu Tausenden bei jeder einzeln geschaffen habe? Und Ich sage dir, der Ich wahrhaftig und getreu bin in jeglichem Meiner Worte: Um einen Pfennig gebe Ich eine Erde und um einen Trunk frischen Wassers eine Sonne. Wahrlich, Ich sage dir: Der geringste Dienst der Nächstenliebe wird auf das Ungeheuerste, Unaussprechlichste belohnt werden.
HG|1|3|2|0|Du fragst Mich, ob wohl überall auch Menschen seien, wie hier auf der Erde, die du bewohnst, und Ich sage dir: Ja, es gibt überall Menschen, die aus Meinen Eingeweiden hervorgehen und Mich erkennen nach der Art der Eingeweide; und die aus Meinen Händen hervorgehen und Mich erkennen an Meinen Händen; und die aus Meinen Füßen hervorgehen und Mich erkennen nach Meinen Füßen; und die aus Meinem Kopf hervorgehen und Mich erkennen nach Meinem Kopf; und die aus Meinen Haaren hervorgehen und Mich erkennen nach Meinen Haaren; und die aus Meinen Lenden hervorgehen und Mich erkennen nach Meinen Lenden; und überhaupt die aus allen und jeden Einzelteilen Meines Leibeswesens hervorgehen und Mich danach erkennen. Und ihr Leben und ihre Seligkeit entspricht dem Teil, aus dem sie hervorgegangen, und sie sind alle Meine Geschöpfe, die Mir lieb sind; denn Ich bin ganz Liebe und bin überall die Liebe Selbst.
HG|1|3|3|0|Aber die Menschen dieser Erde rief Ich aus dem Zentrum Meines Herzens hervor und schuf sie vollkommen nach Meinem Ebenbild, und sie sollten nicht nur Meine Geschöpfe, sondern Meine lieben Kinder sein, die Mich nicht als Gott und Schöpfer, sondern nur als ihren guten Vater erkennen sollen, der sie nach kurzer Prüfungszeit wieder ganz zu Sich nehmen will, damit sie da alles haben sollen, was Er Selber hat, und bei Ihm wohnen möchten ewiglich und mit Ihm herrschen und richten möchten das All. Aber siehe, alle Meine Geschöpfe lieben Mich als ihren Schöpfer in dankbarer Freude ihres Daseins; aber Meine Kinder wollen ihren Vater nicht und verschmähen Seine Liebe!
HG|1|3|4|0|Siehe, Ich bin traurig, wenn Ich sehe, wie stündlich Tausende und tausendmal Tausende dahinwelken und sterben! Oh, wenn Ich ihnen doch nur helfen könnte! Ist es nicht traurig, wenn der Allmächtige nicht helfen kann?
HG|1|3|5|0|Du fragst Mich schon wieder, wie denn das möglich sei? O ja, sage Ich dir, das ist sehr möglich. Siehe, alle Meine Geschöpfe hängen an Meiner Macht, aber Meine Kinder hängen an Meiner Liebe. – Meine Macht gebietet, und es geschieht; aber Meine Liebe wünscht nur und gebietet in aller Sanftmut den freien Kindern, und die freien Kinder verstopfen ihre Ohren und wollen nicht das Angesicht ihres Vaters schauen. Daher, weil sie frei sind, wie Ich es bin, kann Ich ihnen nicht helfen, wenn sie es nicht wollen. Denn Meine Macht geht über alles; aber Mein Wille ist Meinen Kindern untertan. Dieses aber soll sich jeder hinter die Ohren schreiben: Ich bin euer Vater, bin aber auch euer Gott, und außer Mir ist keiner mehr. Wollt ihr Mich als Vater – oder als Gott? Eure Taten werden Mir die entscheidende Antwort geben.
HG|1|3|6|0|So merket es denn: Die Liebe wohnt nur im Vater und heißt der Sohn. Wer diese verschmäht, der wird der mächtigen Gottheit anheimfallen und wird seiner Freiheit auf ewig beraubt werden, und der Tod wird sein Anteil sein; denn die Gottheit wohnt auch in der Hölle, aber der Vater wohnt nur im Himmel. Gott richtet alles nach Seiner Macht; aber die Gnade und das ewige Leben ist nur im Vater und heißt der Sohn. Die Gottheit tötet alles; aber der Sohn oder die Liebe in Mir hat Leben, gibt Leben und macht lebendig.
HG|1|3|7|0|Dieses alles sagt der gute Wirt und der sparsame Vater allen Seinen Kindern, damit sie sich bessern sollen, um einst das Erbe zu nehmen, was Ich ihnen von Ewigkeit so treulich bereitet und aufbewahrt habe.
HG|1|3|8|0|Deinen Freunden und Brüdern sage ja in aller Liebe: Ich, ihr liebevollster Vater, habe schon Meine beiden Arme ausgestreckt, um sie allesamt an Mein Herz ewig, ewig zu drücken. Sie sollen sich ja nicht mehr von Mir wenden, sondern unverwandt sollen sie in Mein Angesicht schauen, und Mein Auge wird es ihnen sagen, ja laut verkünden wird es ihnen, wie sehr Ich sie liebe, und wie aufrichtig Ich es mit ihnen meine.
HG|1|3|9|0|Sage ihnen: Ich habe ihre Sünden von Meinen Augen hinweggetan und habe sie gewaschen so weiß wie der Schnee; es ist nun kein Hindernis mehr. Ich will ihnen kein unsichtbarer Vater mehr sein; sie sollen Mich allzeit schauen und mit Mir tändeln und schäkern und sich freuen; alle ihre Sorgen sollen sie nun Mir übertragen.
HG|1|3|10|0|Oh, mit welcher Freude will Ich fernerhin sorgen für sie! Oh, was sind alle Freuden und Seligkeiten Meiner Himmel für Mich, den Vater, gegen die, von Meinen lieben Kindern als einziger, wahrer Vater geliebt zu sein!
HG|1|3|11|0|Siehe, alle Seligkeiten gebe Ich euch für diese einzige, die Ich nur für Mich bestimmt habe, und darum sollen Meine Kinder auch niemanden als Mich, Mich nur ganz allein, ihren Vater nennen; denn Ich bin es auch und bin es auch mit allem Recht, und niemand kann Mir das Recht nehmen, da Ich der Einzige, Alleinige bin und außer Mir keiner mehr ist.
HG|1|3|12|0|Siehe, Ich will sie dir alle beim Namen: H1, L, V1, T, S, S, A, A, S, S nennen. Sie sollen alle Meinen Vatergruß empfangen und heute noch, wenn sie wollen, sollen ihnen die Pforten der Himmel geöffnet werden, das die Augen ihres Geistes sind, und Ich will noch heute wohnen in ihren Herzen. Nur eins noch sollen sie mit Beharrlichkeit tun, nämlich ihr Fleisch sollen sie reinwaschen aus dem Brunnen, da lebendiges Wasser innen ist, und einen Stab sollen sie nehmen, der zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß ist; den sollen sie zur Hälfte abbrechen, und den schwarzen Teil sollen sie der Welt unter die Füße werfen und den weißen Teil für sich behalten zum Zeichen, dass sie mit der Welt und mit ihrem Fleische auf immer gebrochen haben.
HG|1|3|13|0|Das ist aber so viel, dass sie in sich ernstlich gehen sollen, sich ganz erkennen und Mir dann ihre vorgefundenen Gebrechen in ihrem Herzen treu und wahr vortragen. Ich werde den Unrat aus ihren Herzen vertilgen und werde sie mit dem Feuer Meiner göttlich-väterlichen Liebe erfüllen. Und so gereinigt sollen sie sich dann dem Priester zeigen durch und in der Beichte; und sodann werde Ich kommen und mit ihnen am Altar das Freudenmahl halten.
HG|1|3|14|0|Sage ihnen noch hinzu, dass sie sich ja nicht in der und an der Kirche stoßen sollen; denn eine jede Speise, die Ich anempfehle, reinige Ich für den, der sie im Geiste und in der Wahrheit genießen will, und dann soll er sie genießen ohne Sorge. Was Ich Meinen Kindern gebe, das ist rein und wird durch die äußere Form nicht entheiligt für jene, für die Ich es gesegnet habe. Den Tempel werde Ich segnen, und die Stätte wird heilig sein, wo sie sich befinden werden; denn Ich, ihr heiliger Vater, werde da sein mitten unter ihnen, wo sie hingehen werden, und kein Haar soll an ihnen gekrümmt werden.
HG|1|3|15|0|Sage ihnen ja ganz bestimmt und gewiss: Meine Liebe harret ihrer, und Meine Arme will Ich nicht eher schließen, als bis sie allesamt in Meinen Armen ruhen werden, wo sie ihren liebevollsten, heiligen Vater von Angesicht zu Angesicht schauen werden und ihrer Freuden nimmer ein Ende sein wird. Amen!
HG|1|3|16|0|Sage allen, die Mich suchen, dass Ich stets zu Hause bin, niemals ausgehe, und dass Ich nicht nur gewisse Stunden oder Zeiten bestimmt habe, in welchen man zu Mir kommen kann wie zu den Königen der Erde und allen den Großen der Welt. Also nicht nur am Sabbat oder Feiertag, sondern zu jeder Minute ist Mir ein liebendes Herz angenehm, und in der Nacht selbst habe Ich noch nie vor jemandem die Türe verriegelt; wann ihr also immer klopfen werdet, will Ich „Herein!“ sagen.
HG|1|3|17|0|Du musst und kannst es nun schon frei heraussagen, ob Ich dich je zu etwas zu einer bestimmten Zeit genötigt habe, oder ob es nicht allezeit deinem freien Willen überlassen war, sich zu Mir zu begeben und um irgendetwas zu fragen, was du habest wissen wollen? Und ob Ich dir je eine Frage schuldig bin geblieben? Und hast du Mich aus der Hölle gefragt, so antwortete Ich dir; und warst du auf der Erde, so sprach Ich mit dir; und in den Himmeln sprach Ich mit dir. Bei Tag und bei Nacht ist dir Mein Ohr beständig zugekehrt. Was du hier schreibst, schreibst du ja nur nach deiner Zeit und Muße, und Mir ist es allezeit ganz recht, und solange du es willst, und wie viel du willst, und siehe, Mir ist es recht. Daher sage ihnen ganz getreu: Mir sei es ganz einerlei; wann jemand zu Mir kommt, wird er angehört und angenommen!
HG|1|3|18|0|Sage den Kindern, dass sie ja nicht Spott mit Mir treiben sollen, sondern dass sie das ernstlich nehmen sollen! Sage ihnen, dass Ich durchgehends kein Spaßmacher bin, noch irgendeinen Spaß verstehe; denn Ich meine es ernst mit allen, mit Großen und Kleinen, mit Jungen und Alten, mit Männlich und Weiblich. Ausnahmen finden bei Mir gar keine statt.
HG|1|3|19|0|Denn siehe, Meine Geschöpfe, die nichts taugen, zerstöre Ich augenblicklich und vernichte sie auf ewig; aber für Meine Kinder habe Ich auch Strafen in Menge und will die Ungehorsamen züchtigen bis auf den letzten Tropfen ihres Blutes, und sie werden dann gewiss erkennen, dass Ich wenigstens der Herr im Hause bin, wenn sie Mich schon als liebenden, heiligen Vater nicht erkennen wollen.
HG|1|3|20|0|Wehe aber denen, die Meine väterlichen Züchtigungen verkennen und missdeuten! Ich sage noch einmal: Wehe ihnen! Diese wird der Vater verstoßen, und sie werden dann mit ihrem ewig unerbittlichen Gott zu tun haben. Das sage Ich dir als einem schlechten, faulen Knecht. Amen. Ich, Jehova, Amen.
HG|1|4|1|1|Die alleinige wahre Kirche
HG|1|4|1|1|Am 22. März 1840
HG|1|4|1|1|So sprach der Herr zu mir und in mir für jedermann, und das ist wahr, gewiss und getreu:
HG|1|4|1|0|Meine Gnade ist ein reicher Schatz; dem sie zuteilwird, der wird keinen Mangel haben an allem jemals, zeitlich und ewig. Daher soll sich jeder bemühen, sich diese ja sogleich zu eigen zu machen; denn Ich gebe sie jedem, der sie nur immer haben will.
HG|1|4|2|0|Denn siehe, wollt ihr Vergebung eurer Sünden, so werden sie euch vergeben, so ihr wahre Buße wirkt durch Jesus, welcher ist Mein lebendiges Wort und die Liebe in Mir, und die Pforten des Himmels stehen euch offen, und so ihr hinein wollt, könnt ihr hinein und da schauen das Angesicht eures heiligen Vaters, der Ich es bin, der ewige Gott Jehova.
HG|1|4|3|0|Das könnt ihr tun vermöge des lebendigen Wortes, welches ist Jesus Christus oder die ewige Liebe und Weisheit in Mir, woraus alles Gute und Wahre fließt. Die Liebe ist euch gegeben von Anbeginn; denn sie ist das eigenste Leben in euch, so wie die Macht in Meinen Geschöpfen, die zwar auch aus Meiner Liebe hervorgeht, aber doch nicht die Liebe selbst ist, da in ihr keine Freiheit ist, sondern nur die Wirkung der Liebe, welche aber an und für sich ist ohne Leben, – daher auch alles, was hervorgeht aus der Macht, an und für sich ist tote Materie, deren Leben nur scheinbar ist, – in der Wirklichkeit aber ist es der Tod.
HG|1|4|4|0|Daher, so jemand seine Liebe an die materielle Welt heftet, so wird seine Liebe an sich durch die Macht des Todes erdrückt, und die Folge ist dann das Los der Materie oder der Tod.
HG|1|4|5|0|Der aber seine Liebe zu Mir richtet und an Mich heftet, der verbindet seine Liebe wieder mit der Liebe oder mit dem Leben alles Lebens; der wird dann lebendig durch und durch.
HG|1|4|6|0|Nun aber siehe, die Liebe an und für sich ist blind und finster und eben dadurch frei und unabhängig; aber auch eben dadurch in großer Gefahr, sich zu verlieren und zugrunde zu gehen.
HG|1|4|7|0|Darum gebe Ich aller Liebe zu Mir nach dem Grad ihrer Größe auch alsogleich den gerechten Anteil des Lichtes hinzu, und das ist ein Geschenk und heißt die Gnade; mit dieser fließe Ich bei jedem Menschen ein nach dem Grad seiner Liebe.
HG|1|4|8|0|Daher, so jemand die Liebe hat, da er Mein Gesetz in sich lebendig macht, welches die höchste Liebe ist, über den werden Ströme des Lichtes ausgegossen werden, und sein Auge wird durchdringen die Erde und wird schauen die Tiefen der Himmel.
HG|1|4|9|0|Sage es den Kindern, und sage es allen, sie mögen sein, welcher Religion sie wollen – ob Römische, ob Protestanten, ob Juden, ob Türken, ob Brami, ob finstere Heiden –, kurz für alle soll es gesagt sein: Auf der Erde gibt es nur eine wahre Kirche, und diese ist die Liebe zu Mir in Meinem Sohn, welche aber ist der heilige Geist in euch und gibt sich euch kund durch Mein lebendiges Wort, und dieses Wort ist der Sohn, und der Sohn ist Meine Liebe und ist in Mir und Ich durchdringe Ihn ganz, und Wir sind eins, und so bin Ich in euch, und eure Seele, deren Herz Meine Wohnstätte ist, ist die alleinige wahre Kirche auf der Erde. In ihr allein ist ewiges Leben, und sie ist die alleinseligmachende.
HG|1|4|10|0|Denn siehe, Ich bin der Herr über alles, was da ist; Ich bin Gott, der Ewige und Mächtige, und als solcher bin Ich auch euer Vater, der Heilige und Liebevollste. Und dieses alles bin Ich im Wort; das Wort aber ist im Sohn, und der Sohn ist in der Liebe, und die Liebe ist im Gesetz, und das Gesetz ist euch gegeben. So ihr es beobachtet und danach tut, so habt ihr es in euch aufgenommen; dann wird es in euch lebendig und erhebt euch über euch selbst und macht euch frei, und ihr seid dann nicht mehr unter dem Gesetz, sondern über demselben in der Gnade und im Licht, welches alles Meine Weisheit ist.
HG|1|4|11|0|Und das ist die Seligkeit oder das Reich Gottes in euch oder die alleinigseligmachende Kirche auf der Erde, und in keiner anderen ist das ewige Leben als nur einzig in dieser.
HG|1|4|12|0|Oder meint ihr denn, Ich wohne in den Mauern, oder in der Zeremonie, oder im Gebet, oder in der Verehrung? O nein, ihr irrt euch sehr, denn da bin Ich nirgends, – sondern nur, wo die Liebe ist, da bin Ich auch; denn Ich bin die Liebe oder das Leben Selbst. Ich gebe euch Liebe und Leben und verbinde Mich nur mit Liebe und Leben, aber niemals mit der Materie oder mit dem Tode.
HG|1|4|13|0|Denn darum habe Ich den Tod überwunden und die Gottheit Mir untertan gemacht, damit Ich alle Gewalt habe über alles, was da ist, und Meine Liebe herrsche ewiglich und mache lebendig alles, was ihr untertan ist.
HG|1|4|14|0|Und wie meint ihr denn, dass Ich eurer im Tode harre, während Ich doch das Leben Selbst bin?! Daher gehe zuvor in die wahre Kirche, da Leben innen ist; dann erst in die tote, damit sie lebendig wird durch euch.
HG|1|5|1|1|Die Schöpfung
HG|1|5|1|0|Wer Ohren hat zu hören, der höre, und wer Augen hat zu sehen, der sehe; denn siehe, Ich will euch hier ein gar großes Geheimnis enthüllen, damit ihr sehen möget, wie sich euer liebevollster, heiliger Vater euch von Angesicht zu Angesicht zu schauen und zu genießen brüderlich gibt. Denn die Kinder müssen eingeweiht sein in die große Haushaltung ihres Vaters von Ewigkeit her.
HG|1|5|2|0|Die Gottheit war von Ewigkeit her die alle Unendlichkeit der Unendlichkeit durchdringende Kraft und war und ist und wird sein ewig die Unendlichkeit Selbst. In der Mitte Ihrer Tiefe war Ich von Ewigkeit die Liebe und das Leben Selbst in Ihr; aber siehe, Ich war blind wie ein Embryo im Mutterleib. Die Gottheit aber gefiel Sich in der Liebe und drängte Sich ganz zu Ihrer Liebe. Und der Liebe ward es immer heißer und heißer in Ihrer Mitte, und es drängten sich Massen und Massen der Gottheit dahin, und alle Mächte und Kräfte stürmten auf Dieselbe los.
HG|1|5|3|0|Und siehe, da entstand ein großes Rauschen, Brausen und Toben, und siehe, die Liebe ward geängstigt und gedrückt von allen Seiten, so dass die Liebe bis ins Innerste erbebte. Und die Liebe gewahrte es, und das Rauschen ward zum Ton, der Ton aber ward in der Liebe zum Wort, und das Wort sprach: „Es werde Licht!“ Und da loderte im Herzen die Flamme der entzündeten Liebe auf, und es ward Licht in allen Räumen der Unendlichkeit.
HG|1|5|4|0|Und Gott sah in Sich die große Herrlichkeit Seiner Liebe, und die Liebe ward gestärkt mit der Kraft der Gottheit, und so verband Sich die Gottheit mit der Liebe ewiglich, und das Licht ging aus der Wärme hervor.
HG|1|5|5|0|Und siehe, da sah die Liebe alle Herrlichkeiten, deren Zahl kein Ende ist, in der Gottheit, und die Gottheit sah, wie dieses alles aus der Liebe in Sie überging, und die Liebe sah in der Gottheit Ihre Gedanken und fand großes Wohlgefallen an denselben. Da entzündete Sich die Liebe von neuem, und die Kräfte der Gottheit rauschten um Sie, und siehe: Die Gedanken der Liebe waren selbst Liebe und waren ohne Zahl.
HG|1|5|6|0|Da sah die Gottheit Ihre Herrlichkeit, und die Liebe empfand Ihre Macht. Und da sprach die Liebe in der Gottheit: „Lasset Uns die Gedanken der Herrlichkeit festhalten und heraustreten, dass sie frei werden und Uns empfinden und sehen, wie Wir sie empfinden und sehen und Wir sie empfanden und sahen, ehe noch das Licht ihre Formen erleuchtete.“
HG|1|5|7|0|Da ging das Wort in die Gottheit über, und Sie ward überall Liebe. Und siehe, da sprach die Gottheit zum ersten Male: „Es werde!“ Und es ward ein Heer der Geister aus Gott frei, deren Zahl kein Ende hat, und die Liebe sah Sich Selbst verunendlichfältigt und sah Ihre unendliche Schönheit vollkommen.
HG|1|5|8|0|Aber alle die Wesen waren noch nicht lebendig und empfanden noch nicht und sahen noch nicht; denn sie waren noch außer der Liebe in der Gottheit fixierte Formen.
HG|1|5|9|0|Und es dauerte die Liebe, und Sie regte Sich, und das Regen stieg in der Gottheit empor, und die Gottheit gab Ihre Gefangenen der Liebe, und Liebe durchdrang alles. Und siehe, da wurden die Formen lebendig und staunten sich an und wärmten sich an den Flammenströmen der göttlichen Liebe und bekamen dadurch selbständige Bewegung und Regsamkeit. Aber sie erkannten sich noch nicht.
HG|1|5|10|0|Da sprach die Liebe abermals: „Lasset Uns machen, dass sie sich erkennen, damit sie dann Mich und durch Mich auch Dich erkennen mögen.“
HG|1|5|11|0|Da stieg wieder das Wort in der Gottheit empor, und in der Gottheit ertönte das Wort, und das Wort ward zum Gesetz, und das Gesetz war die Liebe und strömte in alle über.
HG|1|5|12|0|Und siehe, da wurden gebildet drei, und aus ihnen gingen hervor sieben. Und die drei waren gleich der Liebe, dem Licht und der Gottheit; und die sieben waren gleich den sieben Geistern Gottes, und sie heißen und werden ewig heißen: 1. Liebet die Liebe. 2. Fürchtet die Gottheit, welche tötet, – damit ihr nicht getötet werdet. 3. Die Liebe in euch ist heilig; darum achtet euch untereinander, wie euch die Liebe in der Gottheit achtet und Freude hat an euch. 4. Jeder ist sein Eigentum und das Eigentum der Liebe Gottes; daher werde keiner dem anderen zum Raube. 5. Keiner verdecke je sein Antlitz vor dem anderen, damit der andere nicht wisse, wie die Liebe ist, – damit ihr seid wie die Liebe, die euch werden hieß. 6. Euer Inneres sei auch euer Äußeres, damit keine falsche Regung in euch entstehe und ihr zugrunde gehet. 7. Euer Äußeres sei der getreue Widerschein eures inneren Spiegels, in welchem Sich die Liebe der Gottheit beschaut; sonst wird der innere Spiegel zerbrochen werden und eure Gestalt wird schrecklich werden.
HG|1|5|13|0|Da donnerte die Gottheit in den unendlichen Räumen den Übertretern ein fürchterliches Strafgericht, und so ward die Anbetung der Gottheit in der allerhöchsten Furcht ihnen geboten, und es ward ihnen geboten die Liebe der Liebe. Und sie wurden hinausgestellt in der höchsten Freiheit und konnten tun, was sie wollten, und nichts soll sie hindern in ihrer Freiheit und bis zur Zeit, da sie sich werden erkannt haben in ihrer Freiheit und ihrer Demut, damit das Gesetz ihr eigenes werde und sie dann vollkommen frei würden.
HG|1|5|14|0|Allein nun erkannten sie sich in ihrer großen Macht und alles überstrahlenden Herrlichkeit und Majestät, und der Oberste der drei, gleich dem Licht der Gottheit, entzündete sich in seiner Begierde, um sich der Gottheit vollends zu bemächtigen. Durch ihn entzündete sich ein großer Teil der Geister, die durch ihn wurden; und durch sie erbrannte auch die Gottheit in Ihrem Grimm gleich den zwei niederen Geistern der drei und schleuderte die böse Rotte in die Tiefe der Tiefen ihres Zornes.
HG|1|5|15|0|Und die zwei und die aus ihnen hervorgingen und die sieben, deren Zahl gerecht war, wurden gefunden in der Treue ihrer Demut und wurden aufgenommen in die Kreise der Macht Gottes; und die Liebe sah, dass sie rein waren befunden, und freute Sich in ihrer Vollendung. Und siehe, die Kraft der Gottheit in der Liebe stieg empor, und die Gottheit bewegte Sich, und die Geschaffenen nahmen wahr die Bewegung der Gottheit, und die Gottheit bewegte Sich zu Ihrer Liebe, und den Geschaffenen wurden die Augen eröffnet, und sie sahen zum ersten Male die ewige Liebe.
HG|1|5|16|0|Da staunten die Heere der Zahllosen, und es entstand ein großer Jubel und eine große Freude unter ihnen; denn sie sahen die Macht Gottes in der Liebe und sahen die Liebe in sich und auch die Kraft, die sie werden hieß, und erkannten sich und erkannten die Liebe und erkannten Gott.
HG|1|5|17|0|Nun bewegte Sich die Gottheit, und die Geschaffenen fürchteten sich vor der Gottheit, und die Liebe sah ihre Furcht und sah, dass ihre Furcht gerecht war, und die Furcht ward ihnen zum Gehorsam, und der Gehorsam war die Demut, und die Demut war ihre Liebe, und die Liebe ward ihr Gesetz, und das Gesetz ihre ewige Freiheit, und die Freiheit ward ihr Leben, und das Leben ihre Seligkeit ewiglich.
HG|1|5|18|0|Nun siehe, die ewige Liebe redete sie an, und sie verstanden das Wort; da lösten sich ihre Zungen, und das erste Wort, das ihren Lippen entschwamm, war Liebe. Und es gefiel der Gottheit der Ton ihrer Rede; und die Gottheit ward bewegt durch die Liebe, und die Bewegung formte sich in den Geschaffenen, und die Form wurde zum Ton, und der Ton war das zweite Wort und hieß – Gott.
HG|1|5|19|0|Und nun erst waren die Geschaffenen vollendet. Und die Liebe sprach zu den Geschaffenen: „Der Erste unter euch ging verloren; daher übernehme Ich seine Stelle und werde sein unter euch ewiglich!“
HG|1|5|20|0|Da lösten sich von neuem ihre Zungen, und ihre Knie beugten sich, und sie beteten die Liebe an.
HG|1|5|21|0|Nun sehe weiter, was alles die Liebe tat, und Gott in der Liebe, und die Liebe in Gott. Und es dauerte die Liebe der Verlorenen; aber die Gottheit erbebte in Ihrem Grimm, und es ward gehört in allen Räumen der Unendlichkeit Gottes ein großer Donner. Und der Donner drang bis zum Innersten der ewigen Liebe, und die Liebe allein verstand den Donner der Gottheit, und der Donner ward in Ihr zum Wort und sprach: „Alle Macht sei Dir untertan; tue nach Deinem Gefallen und sprich ‚Es werde!‘, und es wird sein!“
HG|1|5|22|0|Und siehe, die Liebe wurde gerührt bis ins Innerste, und es floss die erste Träne aus dem Auge der ewigen Liebe, und diese Träne floss aus dem Herzen der Gottheit und hieß und heißt und wird ewig heißen: Die Erbarmung.
HG|1|5|23|0|Diese Träne ward zum großen Gewässer, und das Gewässer ergoss sich in alle Räume der Unendlichkeit und ergoss sich in die Tiefe der Tiefen des Zornes der Gottheit und milderte das Feuer des Grimmes Gottes.
HG|1|5|24|0|Und siehe, der Geist Gottes in Seiner Kraft wehte sanft über den Gewässern der Erbarmung, und die Gewässer teilten sich. Und Gott sprach aus Seiner Liebe, und Seine Liebe war das Wort, und das Wort stieg in die Tiefe der Tiefen und schwebte über den Gewässern, und die Gewässer wurden geschieden wie Tautropfen und wurden verteilt in groß und klein nach der Zahl der Verlorenen, die kein Ende hat, in alle Räume der Unendlichkeit.
HG|1|5|25|0|Und siehe, der letzte Tropfen, der zurückblieb, der war der innerste der Gewässer und war der innerste der Erbarmung; und der wurde nicht verteilt, sondern blieb, wo er übrigblieb, und wurde bestimmt zum Mittelpunkt und zum Schauplatz der größten der Taten der ewigen Liebe.
HG|1|5|26|0|Und nun siehe, dieser letzte Tropfen ward geschaffen zur Erde, die du und deine Brüder bewohnen. Und die anderen Tropfen wurden geschaffen zu Sonnen, Erden und Monden aller Art, deren Zahl kein Ende hat; und siehe, so entstanden der sichtbare Himmel mit seinen Sternen, der Sonne, dem Mond und die sichtbare Erde mit den Meeren und festem Land.
HG|1|5|27|0|Und nun siehe und hebe deine Augen empor, und du wirst die Wunder der ewigen Liebe begreifen. Du siehst allzeit den Glanz der Sonne, das Licht des Mondes und den Schimmer und das Geflimmer der Sterne in ihren mannigfaltigsten Stellungen, die ihr Sternbilder nennt; du siehst auch die verschiedenartigsten Formationen in allen drei Reichen der naturmäßigen Erde; allein bis jetzt hat es noch niemand ergründet und recht begriffen, was und woher der Glanz der Sonne, und wie ihr dieser erteilt wurde, und das Leuchten des Mondes, und der Schimmer der Sterne und ihr Geflimmer und ihre mannigfaltigsten Stellungen, und all das Gebilde der Erde.
HG|1|5|28|0|Denn siehe, Meine Kinder müssen in alles eingeweiht werden, was ihr heiliger, liebevollster Vater alles für schöne Sachen hat zum Verschenken an Seine Kinder, die Ihn erkennen und über alles ganz allein lieben und sich untereinander aus Liebe ihres Vaters wegen.
HG|1|5|29|0|Nun siehe: Als alle die Sonnen mit ihren Erden durch die Macht der erbarmenden Liebe des ewigen und unendlichen Gottes wurden, da hatten sie noch keinen Glanz, kein Leuchten, keinen Schimmer und kein Geflimmer, denn es war noch große Nacht auf den gewordenen Sonnen und Erden und Monden; aber ins Zentrum der Sonnen senkte die ewige Liebe einen kleinen Funken Ihrer Gnade und dieser Funke durchglänzte schneller denn ein großer Blitz die finsteren Massen, und siehe, sie leuchteten den Erden, und mit großem Glanz, wie sie noch leuchten zur Stunde und leuchten werden, solange der Gnadenfunke ihnen nicht genommen wird.
HG|1|5|30|0|Und siehe, da erglänzten auch die Erden und Monde und wurden verteilt zu den Sonnen in gerechter Anzahl, und die Liebe hauchte sie an durch die Kraft und Macht der Gottheit, und siehe, das Licht zitterte auf den Sonnen, die Meere der Erden wogten und wirbelten in ihren Fluten, und die Lüfte und Winde schwammen und wehten über die Erden gleich dem Geist Gottes über den Gewässern der Erbarmung! Und die Monde erhoben sich mächtig über ihre Erden, denen sie gegeben waren wie eine Frucht dem Baum, und fingen an, um dieselben zu kreisen in weiten Kreisen als stete Begleiter ihrer Entstehungen; und wo deren viele waren, wurden sie in feste Kreise vereinigt zum Zeichen der Liebe der Kinder, die unverwandt das Angesicht ihres Vaters schauen sollen wie die Monde ihre Erden, damit sie ihrer lockeren Beschaffenheit wegen nicht aus ihren Kreisen gerissen und zerstört würden.
HG|1|5|31|0|Denn siehe, die Monde sind nicht fest, sondern sehr locker und sind gleich dem Schaum des Meeres, wenn er fester und gediegener wird, und sind kahl und ohne Wasser; und die Luft der Erde ist da wie das Wasser der Erden und die Luft gleich dem Äther zwischen Sonnen und Erden. Und sie sind bestimmt, die Weltsüchtigen aufzunehmen, und zu fassen die Geister der Materie, und zu prüfen ihre Beständigkeit und sie reif zu machen zum Empfang der Gnade.
HG|1|5|32|0|Und das Feste der Erden ist der durch die Erbarmung gesänftete Zornteil der Gottheit und umschließt mit festen Banden der Verirrten Geister bis zur bestimmten Zeit ihrer unbewussten Entbindung, wo sie dann in eine zartere, aber doch immer für sie genug feste Materie, und zwar einzeln gebunden, gegeben werden, aus welcher sie erst dann durch die ewige Liebe wieder erweckt hervorgehen können; und die Meere und Gewässer sind ihrer voll, damit sie gedemütigt würden, und die Luft ist ihrer voll, damit sie geläutert würden. Und die ewige Liebe ist in allem die Form; aber der Zorn der Gottheit ist nur gedämpft auf der Erde, aber deswegen nicht aufgehoben.
HG|1|5|33|0|Dieses aber merke dir ganz besonders: In der Mitte der Sonne ruht der Gnadenfunke und gibt durch das Zornfeuer der Gottheit das Licht der Welt. In der Mitte der Erden aber befindet sich ein Zornfunke des Grimmes Gottes gleich einem Feuerdrachen und hält die bösen Rotten gefestet wie Steine, welche erst durch das Wasser der Erbarmung müssen erweicht werden, so einer wieder zu einer zweiten Probe für Freiheit und ewiges Leben soll entbunden werden. Und nun begreife das Geheimnis deines Wesens und staune über die große Liebe der ewigen Macht, wie oft Sie dich schon hat von neuem geboren werden lassen, um dich, der verloren war, fürs ewige Leben, für die Freiheit, fürs Gesetz, fürs Wort, für die Liebe und fürs Licht und für die Anschauung Ihres Angesichtes zu gewinnen; und siehe, dieses alles will Ich dir und dadurch auch vielen anderen bekannt und zu erkennen geben, damit ihr doch endlich einmal einsehen möchtet, wie überaus gut die ewige Liebe sein muss, da Sie so unermüdet und so Vieles, so Großes und so Wunderbares für euch Ungehorsame tut und duldet.
HG|1|5|34|0|Siehe, so ist die Bewegung den Erden gegeben worden um ihre Sonnen und um ihre Mitte durch den Anhauch der Erbarmung der Liebe, zum Zeichen, dass die Kinder all ihr Tun sollten einrichten nach der Bewegung der Erden um die Sonnen und der Monde um die Erden, und sollen sein die Schwachen wie die Monde, und sollen sein die Starken wie die Erde, und sollen sein die Wiedergeborenen wie die Sonne. Und sollen schauen die Schwachen die Stärke der Liebe, die sie nie fallen lässt, wenn sie wie die Monde sich unverwandt nach dem Angesicht der Liebe richten und so dieselbe nach allen Seiten umkreisen in kleineren Kreisen, aber doch durch die Kraft derselben ebenfalls in den großen Kreis mit sich gezogen werden; und sollen sein die Starken gleich der Erde, selbsttätig sich wendend, um sich zum Empfang des Lichtes und der Wärme aus der Gnade der Liebe, welche erleuchtet und erwärmend belebt durch die Kraft, die in ihr ist, sich beständig bereitzuhalten, damit sie Früchte bringen möchten aller Art aus den Werken der Liebe, an welchen sich sättigen möchten die Schwachen und erquicken möchten die Eingeborenen und ergötzen möchten die Neugeborenen; und die Neugeborenen aus den Gewässern der erbarmenden Liebe, in denen die Gnade ist vollkommen, sollen sein gleich der Sonne, und ihr Licht soll leuchten allerorten, und ihre Wärme soll beleben die Schwachen und soll befruchten die Starken zur Nahrung der Schwachen, damit eine Gemeinschaft sei unter den Kindern eines und desselben Vaters.
HG|1|5|35|0|Und siehe, noch tiefer sollst du blicken, wie und warum Ich alles so bereitet habe. Siehe, der Mond hat Flecken und viel dunkle Stellen, und die Erde hat kalte aber feste Pole, und hat hohe Berge und hat niedere Täler, und hat Quellen, Bäche, Flüsse, Ströme, Seen und kleine und große Meere; und die Sonne hat Flecken, große und kleine. Nun siehe, dieses alles sind Wirkungen der Liebe und der Gnade, oder der entsprechenden Wärme und des Lichtes, welches alles die ewige Liebe und die Macht der Gottheit durch Sie ist. Daher siehe die Schwachen und den Mond, wie sie sich gleichen, und dir wird sein Wesen aufgeschlossen; betrachte die Starken nach allem ihrem Tun, und vor deinen Augen wird die Erde enthüllt liegen; und von einem Pol bis zum anderen Pol muss die starre Ruhe des Geistes in der Liebe zur Liebe da sein, damit sich alles, das den Geist umgibt, in einer steten Ordnung bewegen und dadurch für den gemeinsamen Zweck der ewigen Erhaltung tätig sein kann. Denn siehe, von der Ruhe hängt alles ab; ohne diese kann nichts erreicht werden, und wer nicht ist wie die Pole der Erde, der durchdringt nicht sein Innerstes, wie die Linie zwischen den Polen das Zentrum der Erde. Und eure Liebe muss sein kalt wie das Eis der Pole, damit ihr fähig seid, alle Wärme der göttlichen Liebe aufzunehmen. Denn siehe, was warm ist, ist nicht geschickt zur Aufnahme der Wärme; aber was kalt ist in seiner Ruhe, das ist fähig, die Wärme aufzunehmen in der Fülle und ausströmen zu lassen in alle Teile des Lebens. Denn siehe, wer die Wärme aufnimmt, welche die Liebe Gottes ist, behält sie in sich fest und lässt sie nicht weiterströmen, der ist ein Geiziger und wird aufgelöst in sich und wird sich zerstören wie das Eis am Feuer; wer aber sie empfängt wie die Pole und gibt sie alsogleich wieder an alle, die um ihn sind nahe und ferne, bei dem ist die göttliche Liebe am rechten Platze und entspricht ganz dem Willen des großen und heiligen Gebers.
HG|1|5|36|0|Diese Liebe wird viele Früchte bringen und wird sich aufschwingen zum Licht der Gnade und wird schauen unverwandten Blickes die unermesslichen Tiefen der Gottheit gleich den Polen, welche in die unendlichen Räume der Schöpfungen der Liebe Gottes hinausblicken, und mit weitgeöffneten Augen die sanften Strahlen aus der Unermesslichkeit aller unendlichen Räume, in welchen zahllos die Wesen der Erbarmung kreisen, jegliches nach seiner Art, in sich saugen und dadurch vor Entzückung und Wonne in ihrer Liebe zur Liebe und für die Liebe sich entzünden und gleich einer Sonne selbstleuchtend werden gleich dem Licht der Pole der Erde.
HG|1|5|37|0|Daher, wer beständig bleibt in der Mitte der Liebe der Erkenntnis, was die Gnade ist, dessen Lenden werden glühen vor Liebe aus Gott wie der Gürtel der Erde, und seine Augen werden leuchten vor Erkenntnis wie die Pole, und seine Arme werden sich bewegen wie die Flüsse, Bäche und Quellen, und die Handlungen werden zuströmen den Meeren der göttlichen Erbarmungen, die gesalzen sind mit der Gnade und mit den Erkenntnissen der ewigen Liebe und des ewigen Lebens.
HG|1|5|38|0|Nun, da habt ihr den Schlüssel, um zu eröffnen und zu durchschauen die Erde, die euch trägt.
HG|1|6|1|1|Entsprechung der Himmelskörper
HG|1|6|1|0|Nun aber erhebe deinen Blick von der Erde zur Sonne, welche ist ein getreues Bild der Wiedergeborenen! Sehe genau, und du wirst bald gewahr werden, dass sich manchmal Flecken an ihrem Gürtel befinden. Siehe, der Natur nach, wie ihr sagt, sind das Ausbrüche von innen heraus gleich den Feuerspeiern der Erde und sind entsprechende Ausbrüche des Grimmes der Gottheit und kleine Spuren dessen alles zerstörenden Macht, welche sich der Natur der Welt noch allzeit durch große oder kleine Ungewitter, je nach der Größe der Flecken, auf den Erden teilweise zu erkennen gibt; jedoch wird die Liebe da allzeit umso tätiger und sänftet alles wieder mit dem Wasser der Erbarmung und auf der Sonne mit großen Stromfluten aus dem uferlosen Meer Ihrer erbarmenden Gnade. Und siehe, so wird alles wieder in die größte Ordnung gebracht, und außer dieser Ordnung, in der Ich die ewige Liebe Selbst es bin von Ewigkeit der Ewigkeiten her, und aus welcher und in welcher alles, was ist, gemacht wurde, kann nichts bestehen noch entstehen; und wer aus dieser Ordnung seiner Freiheit nach tritt, der handelt wider die Liebe und wider das Leben und wird zugrunde gehen ewiglich.
HG|1|6|2|0|Nun hast du die Sonne geschaut und sie begriffen nach der Natur, die einfach ist und sein muss, damit sie bestehen kann für den Zweck, für den sie da ist und da sein muss aus der Ordnung der Liebe.
HG|1|6|3|0|So ziehe dann deine Augen ab zu der Wiedergeburt des Geistes, und zum Volk Gottes, und zum Gesetz der Liebe, und zum Leben der Freiheit im Licht der Gnade aus den Gewässern der Erbarmung, und die Sonne wird enthüllt vor deinen Augen schweben, und keine Falte in derselben soll dir verborgen bleiben.
HG|1|6|4|0|Aber siehe, auch die Sonne hat ebenfalls ihre Pole, aus denen all ihr Licht und ihre Wärme aus dem Zentrum der Ruhe der Gnade sich über ihren ganzen Umfang ergießt; und hätte sie die Polruhe nicht, so hätte sie auch kein Licht. Denn siehe, die Ruhe ist zur Aufnahme des Lichtes und der Wärme unumgänglich nötig und muss gleich sein der Ruhe der Liebe in Gott; nur aus Ruhe kommt die Empfänglichkeit fürs Leben und Licht.
HG|1|6|5|0|Und siehe, wenn die Luft ruhig ist, so ist es auch rein und heiter auf der Erde; wehen aber heftige Winde nach verschiedenen Richtungen, so kommen bald schwarze Wolken und verdunkeln das Licht.
HG|1|6|6|0|Eure Begierden sind gleich den Winden, durch welche ihr von Sorgen aller Art umgeben werdet, welche das Licht der Gnade in euch zu fließen verhindern gleich den Wolken, welche von Winden herbeigetrieben werden und die Strahlen der Sonne hindern, auf die Erde zu fallen.
HG|1|6|7|0|Daher sollt ihr euch gar nicht sorgen, sondern alle eure Begierden und daraus entstehenden Sorgen sollt ihr auf Mich richten und Mir übertragen, damit ihr Ruhe habt und Ich beständig in euch fließen kann.
HG|1|6|8|0|Und siehe, wie die Erde sich dreht um ihre Polruhe aus Meiner Ordnung regelmäßig, welche die Macht Meiner Liebe bewirkt, damit keine Seite unerleuchtet bleibe, so sollen auch alle eure Handlungen hervorgehen aus Meiner Liebe, die in euch ist ursprünglich und nachträglich nach eurer Fähigkeit durch das gegebene Wort der ewigen Liebe im Gesetz der Gnade und der Erbarmung; und wie die Nacht die Erde erquickt, wird euch die Liebe erquicken, und wie der Tag der Erde werdet ihr erleuchtet sein durch das Licht aus der Sonne der Gnade.
HG|1|6|9|0|Ihr sollt sein gleich dem Winter, der kalt ist in der Ruhe, dadurch aber auch am meisten fähig zur Aufnahme der Wärme bis in die tiefsten Tiefen der Erde. Und bei dem der Winter eingetroffen ist, bei dem wird auch der Frühling eintreffen, wie er ist gleich dem ersten Leben der Liebe in euch, und wird eintreffen der Sommer in vollster Tatkraft aus dem Leben der Liebe, die in euch ist stark geworden durch die Gnade, und wird eintreffen der ruhige Herbst mit den Früchten der Werke der Liebe und der Gnade, im welchen ihr dann ganz als neugeboren in das Leben der Sonne eingehen werdet, zu schauen das Angesicht eures heiligen Vaters und zu leuchten gleich ihr aller Welt durch die große Kraft der Gnade, der Liebe und der Erbarmung eures überaus guten, heiligen Vaters.
HG|1|6|10|0|Aber wer nicht ist gleich dem Mond und nicht wird gleich der Erde, kann auch nicht werden gleich der Sonne, – sondern er ist gleich einem Kometen, der keine Festigkeit hat, auch nicht im Geringsten, und all sein Wesen ist ein gestohlenes aus den Gnadenausflüssen der Sonnen, und seine Bahn ist eine unordentliche wie die Wege der Diebe und Räuber, und er wird getrieben von der Furcht des Lichtes von einer Weltentiefe in die andere und wird nie mehr finden eine Ruhe in Ewigkeit; und das Licht wird ihn verfolgen auf allen seinen Wegen und erleuchten seine Nichtigkeit.
HG|1|6|11|0|Und es wird ihm endlich noch ergehen wie den Sternschnuppen, die aus der Gnade geworfen und verstoßen werden ihrer Nichtigkeit wegen und verzehrt werden durch den Raub der Gnade; denn das gestohlene Licht wird sie vernichten ewiglich, und sie werden fürder nicht mehr sein, gleich den Früchten der Bäume, die zu früh ans Licht sprossen, bevor sie noch die Liebe gefestet hat; und da sie keine Festigkeit haben, weil zu wenig Verbindung der Liebe, so werden sie schwächer und schwächer, fallen dann vom Baum und werden zertreten und zugrunde gerichtet.
HG|1|6|12|0|Nun siehe, hier hast du die Sonnen, Erden, Monde, Kometen und die Sternschnuppen ihrem ganzen Wesen nach und ihrer ganzen Bedeutung nach und so auch alles und jedes einzelne der Teile vom größten bis zum kleinsten enthüllt vor dir.
HG|1|6|13|0|Der Geist der Liebe und der Gnade ist in euch und ist in aller Weisheit; der ihn hört, der wird alles ergründen in der Tiefe der Tiefen; und er wird erforschen die Toten, und sie werden ihm antworten, und er wird durchschauen die Lebendigen, und ihre Liebe wird ihn erquicken und ihr Licht ihn ergötzen; und er wird sein Ohr legen auf die Erde, und das Gras wird ihm erzählen die Geheimnisse der Liebe, und das Erdreich wird ihm enthüllen seine Tiefen, und die Berge werden horchen seiner Stimme, und der Ton seiner Rede wird durchdringen das Mark der Erde; und so er schauen wird das Meer, so werden seiner Augen Strahlen durchleuchten alle Tropfen desselben und durchdringen jegliches Sandkörnchen; und die Geister, so darinnen noch im Gericht harren, werden dem Licht seiner Augen zuströmen, gleich den Fischen und dem Gewürm des Meeres und der Gewässer zur Nachtzeit einer über die Oberfläche gehaltenen Fackel, und werden sich fangen lassen für die Erlösung aus den Kerkern der ewigen Nacht und werden erkennen die Liebe und ihren Durst stillen aus den Gewässern der Erbarmung und emporwachsen zur Schwäche, zur Stärke und zur Kraft aus der Liebe des Vaters und des Wortes, welches die Liebe ist im Vater, und des Geistes, welcher die Kraft ist in beiden.
HG|1|6|14|0|Und siehe, dieses alles und noch vieles andere mehr wird euch Mein Geist lehren, so ihr Seine Stimme hört. Aber Seine Stimme ist nicht laut, sondern sehr stille, aber eben darum alles durchdringend wie die Wärme der Liebe, und wie das Licht der Gnade, und wie die Kraft der erbarmenden Liebe eures heiligen Vaters.
HG|1|7|1|1|Die Erschaffung von Adam und Eva
HG|1|7|1|0|Nun siehe, Ich will euch zeigen die organische Schöpfung vom Ersten bis zum Letzten und vom Kleinsten bis zum Größten, wie Ich es gemacht habe aus Meiner Liebe und aus Meiner Weisheit und aus der ewigen Ordnung aus beiden heraus, welches ist das Wort der ewigen Macht und Kraft in der Tiefe der Gottheit. Und siehe, es ist nichts in allen Räumen der Unendlichkeit, weder Großes noch Kleines, was nicht durch dasselbe wäre gemacht worden.
HG|1|7|2|0|Und siehe und höre: So war nun die Erde da, und war da der Mond, und war da die Sonne, und waren da die Sterne; aber die Erde war noch nackt, und ihre Oberfläche war noch gleich der Oberfläche des Meeres. Und über dem Gewässer lagen dichte Wolken und reichten tief in die toten Räume der Welten hinein, und das Licht der Sonne konnte nicht erleuchten den Tropfen der Erbarmung. Und der Mond war bedeckt vom Dunst des Tropfens, und in diesem Dunst erst ward vollends ausgeboren die Erde und ward genährt der Mond. Und die Sonne lag über beiden mit den Strahlen ihres Lichtes aus der Wärme der Liebe in Gott, wie eine Henne über ihren Küchlein, und machte reif die Erde und trennte den Mond von der Brust seiner Mutter.
HG|1|7|3|0|Da trennte sich das große Gewölk und senkte sich zur Ruhe der Pole, und der Gürtel der Erde ward frei, und die Sonne sah sich in den Gewässern, und die Erde strahlte dankbar das empfangene Licht in den weiten Schoß der Sonne zurück und sah mit weitgeöffneten Augen den Mond sich baden in den Strahlenausflüssen der Gnade der ewigen Liebe aus der Sonne.
HG|1|7|4|0|Und siehe und höre weiter: Es war der Erde wohl, denn sie ward erfüllt mit der Liebe der Erbarmung und sah ihren Liebling, den Mond, munter um sich kreisen. Und die Liebe schwellte ihre weite Brust mit dem Odem der Erbarmung, als wollte sie noch einmal dem Kind ihre mit der Gnadenmilch vollgefüllte Brust reichen; aber siehe, die Milch gerann durch die Wärme der erbarmenden Liebe und wurde zum festen Land und ragte über die Meere. Und die Meere sanken zurück in die Tiefen und waren gleich dem Wasser, das sich absondert bei der Gerinnung der Milch, zur Besänftigung des innewohnenden Grimmes durch das Salz der Gnade durch die Erbarmung der Liebe aus Gott in aller Kraft und Macht.
HG|1|7|5|0|Und siehe, da ward es ruhig auf der Erde und in allen Räumen der Unendlichkeit Gottes, und die ewige Liebe senkte Sich zum ersten Male ganz zur Erde hinab und hauchte in Ihrer Allmacht und Kraft über die Fläche der Erde hin, und der Hauch war eine zahllose Fülle der Gedanken in lebendigen Formen aller Art zur künftigen Erlösung der Verlorenen.
HG|1|7|6|0|Und siehe, da keimten aus dem Festen der Erde Kräuter, Pflanzen, Gesträuche und Bäume aller Art, und die Meere, Seen, Ströme, Flüsse, Bäche und Quellen wimmelten von Gewürmen, Fischen und Tieren aller Art, und das Feste ward belebt von Tieren aller Art, und die Luft war belebt von den Vögeln aller Art. Und die Zahl jeglicher Art sowohl in den Gewässern als auch auf den festen Landen und in den Lüften ward gleich der Zahl des Menschen, der aus dieser Zahl gemacht wurde, und ward gleich der Zahl der Gnade der Liebe und war gleich der Zahl der künftigen Erlösung und der daraus entstehenden und hervorgehenden Wiedergeburt.
HG|1|7|7|0|Und nun siehe und begreife, was bis jetzt noch von niemandem gesehen und begriffen wurde: Die ewige Liebe nahm die Zahl aus Sich, und die Zahl war die Ordnung und das ewige Gesetz in Ihr, aus und in welcher Sie Selbst ewig bestand, besteht und bestehen wird in aller Macht und Kraft der Heiligkeit Gottes. Und Sie nahm denn Tonerde gleich dem Obers der geronnenen Milch und formte mit der Hand Ihrer Macht und mit der Hand Ihrer Kraft nach der Zahl Ihrer Ordnung den ersten Menschen und blies ihm durch die Nüstern den lebendigen Odem ein. Und der Odem ward in ihm zur lebendigen Seele, und die Seele erfüllte ganz den Menschen, der nun gemacht wurde nach der Zahl der Ordnung, aus welcher gemacht waren die Geister und gemacht wurden die Welten in den Räumen und die Erde und alles, was auf ihr ist, und der Mond und die Sonne.
HG|1|7|8|0|Und nun siehe, dieser erste Mensch auf der Erde, der hervorging aus den Händen der Macht und der Kraft der ewigen Liebe, wurde benannt aus dem Munde der erbarmenden Gnade ‚Adam‘ oder ‚Sohn der Erbarmung und der Gnade‘.
HG|1|7|9|0|Und nun merke wohl: Dieser Adam war an der Stelle des ersten der gefallenen Geister; es ward ihm nicht zu erkennen gegeben, wer er war, und siehe, da langweilte ihn, da er sich nicht erkannte und auch nichts finden konnte, was ihm ähnlich wäre.
HG|1|7|10|0|Und siehe, da wehte ihn, unsichtbar seinen noch blinden Augen der Seele, die ewige Liebe an, und er schlief zum ersten Male in der Anmut der erbarmenden Liebe ein. Und die Anmut der erbarmenden Liebe formte im Herzen des Adam, gleichsam wie in einem süßen Traum, eine ihm ähnliche Gestalt von großer Anmut und ebenso großer Schönheit.
HG|1|7|11|0|Und die ewige Liebe sah, dass der Adam große Freude fand in sich durch die innere Anschauung seines zweiten Ichs. Da rührte ihn die erbarmende Liebe an der Seite, da ihm gegeben ward ein Herz gleich dem Herzen der Gottheit zur Aufnahme der Liebe und des Lebens aus der Liebe in Gott, und nahm ihm dadurch die Eigenliebe, um für Sich Selbst eine Wohnstätte zu bereiten durch das künftige Gesetz der erbarmenden Gnade, und stellte die Eigenliebe, an der er großes Wohlgefallen fand in sich, außer seinem Leibe körperlich und hieß sie ‚Caiva‘ oder, wie ihr schon gewohnt zu sagen seid, ‚Eva‘, das ist soviel als die vorbildende Erlösung von der Selbstsucht und der daraus gehenden Wiedergeburt.
HG|1|7|12|0|Und siehe, da rührte ihn die erbarmende Liebe an und weckte ihn zur Anschauung seiner Eigenliebe außer ihm und sah, dass er ein großes Wohlgefallen an der Anschauung seiner Liebe außer ihm hatte und war fröhlich über die Maßen; und die Liebe außer ihm, die nun Eva hieß, ergötzte sich an dem Menschen Adam und neigte sich zu ihm und folgte jeder seiner Bewegung.
HG|1|7|13|0|Und siehe, da sprach die ewige Liebe zum ersten Male den Adam an: „Adam!“ – Und er sprach zum ersten Male: „Hier bin ich, Herr der Glorie, der Macht und der Kraft!“
HG|1|7|14|0|Und die ewige Liebe sprach abermals: „Siehe deine Gehilfin!“ – Und die Eva antwortete: „Siehe, Herr, die Magd gehorsam zu den Füßen Deines Sohnes liegen und harren seiner Befehle!“
HG|1|7|15|0|Und siehe, die erbarmende Liebe fand großes Wohlgefallen an den Werken Ihrer Macht und Kraft durch die Gnade Ihrer Erbarmung und sprach ferneres und unterrichtete sie in allem und lehrte sie alle Dinge kennen, benennen und gebrauchen. Und als sie alles verstanden, kannten und gebrauchen konnten, da sprach die erbarmende Liebe wieder zu ihnen: „Nun seht, ihr erlerntet nun alles, ihr kennt nun alles und könnt den Gebrauch machen von allem bis auf eines, und dieses Letzte will Ich euch jetzt lehren und die Kraft in euch legen zur Fortzeugung und Fortpflanzung euresgleichen; aber ihr dürft davon erst dann den Gebrauch machen, wenn Ich wiederkommen werde, euch bekleidet werde finden mit dem Kleid des Gehorsams, der Demut, der Treue und der gerechten Unschuld. Wehe aber euch, so Ich euch nackt finde; Ich werde euch verstoßen, und der Tod wird die Folge sein!“
HG|1|8|1|1|Der Sündenfall
HG|1|8|1|0|Und siehe, da verdeckte Sich die ewige Liebe das Angesicht und entfernte Sich nach der Zahl der Ordnung auf eine bestimmte Zeit und war blind aus Ihrer Tiefe der Erbarmung und wollte und konnte nicht wissen, was die Neugeschaffenen tun werden im Gericht der Gottheit für die Probe ihrer Freiheit in der Zeit der Kürze auf der Erde durch die Liebe der Erbarmung. Und der Ort, der ihnen gegeben ward zur Wohnung auf den Festen des Landes, war ein Tal und war ein Garten und ward benannt das Paradies; und das war das Land, das später von Milch und Honig überfloss, und war die Stelle, die in der großen Zeit der Zeiten der größten der Taten der ewigen Liebe ‚Bethlehem‘ hieß und so heißen wird fürder ewiglich, und ward der Punkt, da das ewige Wort im Fleische körperlich zum ersten Male erschaute das Licht Seiner Gnade dem Tropfen der Erbarmung leuchten von der weiten Sonne, dem Mond und allen den Sternen.
HG|1|8|2|0|Und siehe, ihre Begierde wuchs im Gericht der versuchenden Gottheit in Ihrem Grimm. Und es stand ein Baum im Garten, und dieser Baum trug Äpfel der schönsten Art, und der Eva gelüstete nach denselben, und sie sprach zu Adam: „Siehe, Adam, mich gelüstet stark nach dieser Frucht! So du willst, will ich eine pflücken und verkosten und es dir dann reichen als erste Gabe aus meiner Hand?“
HG|1|8|3|0|Und siehe, der Adam schwieg, nachdenkend über die Rede der Eva. Und eine innere Stimme, die heilig war, da sie aus der Gottheit in ihm kam, sagte ihm: „So ihr von der Frucht dieses Baumes essen werdet, so werdet ihr sterben!“ Und der Adam erschrak darüber sehr, dass er keine Antwort geben konnte der geliebten Eva.
HG|1|8|4|0|Und die Begierde stieg in der Eva empor und zog sie unter den Baum und hieß sie pflücken einen Apfel vom selben. Und es gewahrte nun der Adam, dass die Eva untreu wurde seinem Herzen, und er ward traurig und sprach:
HG|1|8|5|0|„Eva! Eva! Was tust du? Siehe, wir sind noch nicht gesegnet vom Herrn der Macht und der Kraft und des Lebens! Siehe, du hältst die Frucht des Todes in deiner Hand; wirf sie von dir, damit wir nicht sterben in der Nacktheit vor dem Herrn der Gerechtigkeit!“
HG|1|8|6|0|Und siehe, da erschrak die Eva in ihrer Begierde vor dem Ernst des Adam und ließ die Frucht des Todes fallen auf die Erde. Und ihre Begierde verließ sie, und sie ward frei von ihrer Begierde, und der Adam fand ein großes Wohlgefallen an der Befreiung aus den Schlingen der todbringenden Begierde Evas.
HG|1|8|7|0|Aber siehe, die von der Eva aus ihrem Herzen verbannte Begierde lag nun auf der Erde und formte sich durch die Macht des richtenden Grimmes der Gottheit zur Gestalt einer großen Schlange, nahm die Frucht des Todes in ihren Rachen, kroch auf den Baum und umschlang denselben in allen Ästen und Zweigen von der Wurzel bis zum Scheitel und richtete starre Blicke auf die Eva. Und die Eva gewahrte es und sah die Schlange an, und der Adam gewahrte es auch durch die Eva; aber er sah die Schlange noch nicht.
HG|1|8|8|0|Und siehe, die Eva näherte sich der Schlange und betrachtete mit großer Lust ihre verführerischen Windungen um den Baum und die schillernden Farben ihres kalten Schuppenpanzers.
HG|1|8|9|0|Die Schlange aber bewegte sich und legte den Apfel in den Schoß der nun sitzenden Eva, erhob dann ihren Kopf wieder und redete die Eva mit folgenden Worten an:
HG|1|8|10|0|„Eva, siehe deine Tochter, verstoßen von dir, umwinden den Baum deiner Lust! Verschmähe nicht die geringe Gabe, die ich dir in deinen Schoß legte, sondern genieße unbesorgt die Frucht deiner Liebe; du wirst nicht nur nicht sterben, sondern wirst dich sättigen für die Erkenntnis alles Lebens über Gott, den du fürchtest, da Er doch schwächer ist denn du!“ Und siehe, da teilte sich die Zunge der Schlange und wurde spitziger denn ein Pfeil, und die Schlange neigte ihren Kopf zu Evas Brust, als wollte sie dieselbe küssen nach kindlicher Art; aber sie schoss nun ihre zwei Giftpfeile in die Brüste Evas, und die Eva erblickte ihre eigene Gestalt in der Schlange.
HG|1|8|11|0|Und nun bemerkte auch der Adam, was da vorging unter dem Baum, und es gefiel ihm überaus die zweite Eva, und er bemerkte nicht, dass es nur eine Schlange war. Und siehe, da entbrannte auch er in seiner Begierde, in der Lust zur zweiten Eva, nahm die Frucht aus dem Schoße der Eva, wurde ungetreu seiner Liebe und genoss von der verbotenen Frucht aus dem Schoße Evas mit wollüstiger Begierde; und in dem Genuss erkannte er sich als den Ersten, der verlorenging durch die große Eitelkeit seiner blinden Selbstsucht im Reich des Lichtes der ewigen Liebe und gefallen ist ins Zornmeer der ewig unerbittlich tötenden Gottheit.
HG|1|8|12|0|Und nun siehe, wie er sich so erkannte und die verblendete Eva sich durch ihn, da stieg große Reue in ihm aus dem Grunde seines Herzens empor, und die Eva schämte sich ihrer gewahrten Nacktheit und der Nacktheit Adams und ward bestürzt vom Scheitel bis zur Sohle und bedeckte ihre Nacktheit mit Blättern von einem Feigenbaum. Und auch der Adam reckte seine Hände nach den Blättern zur Bedeckung seiner Blößen und verbarg sich in einer Höhle, weinte da Tränen großen Schmerzes; und die Eva verbarg sich hinter einem Dornstrauch und trauerte gewaltig über ihre verführende Schuld.
HG|1|9|1|1|Die Gerichte Gottes
HG|1|9|1|0|Und siehe, da zog die ewige Liebe durch die Macht und Kraft Ihrer Erbarmung die Hand der Macht und die Hand der Kraft von Ihren Augen der alles erleuchtenden Gnade, und das Licht der Gnade drang wesenhaft in die Höhle, da Adam weinte, und hinter den Dornbusch, da die Eva trauerte.
HG|1|9|2|0|Und es wurden Adams Tränen aufbewahrt in dem Schoß der Erde und hießen und heißen ‚Thummim‘ oder Steine, aus denen das Licht strahlt der sieben Geister Gottes sinnbildlich, und wurden fest durch das Licht der Gnade aus der Wärme der Liebe, gleich seiner gerechten Reue als bleibendes Denkmal der erleuchtenden Weisheit, und wurden zerstreut über die ganze Erde zu tröstenden Zeichen der künftigen Wiedergeburt, wie sie sein soll gleich diesen Tränen Adams fähig zur Aufnahme und geteilten schönsten Wiedergabe des großen Lichtes aus dem Gnadenmeer der Erbarmungen der ewigen Liebe und soll widerstehen jeglicher Härte der Versuchungen der Welt.
HG|1|9|3|0|Und es wurden aufbewahrt die Zähren der trauernden Eva hinter dem Dornbusch in der Erde und wurden gefärbt gleich ihrer gerechten Schamröte durch den Missbrauch der geheiligten Liebe Adams in ihr.
HG|1|9|4|0|Und die ewige Liebe sah, dass jegliche dieser Zähren Evas gerecht war vor Adam, dem Sohn der erbarmenden Liebe; und die Wärme der ewigen Liebe festete diese Zähren zu Steinchen, und ihr Name ward ‚Urim‘, zum sinnbildlichen Zeichen der gerechten Trauer Evas. Und siehe, eine Zähre fiel auf den sie schirmenden Dornbusch, und siehe, diese Zähre war eine der verlorenen Unschuld und färbte die sonst weiße Blume des Strauches; und die Blumen wurden gerötet zum Zeichen der verlorenen Unschuld Evas. Und nun siehe, wie die Menschen zwar jetzt schon alle Gewächse der Erde kennen, aber ihre wahre Bedeutung im Geiste und in der Wahrheit kennen sie nicht und werden sie nicht kennen und begreifen bis zur Wiedergeburt, wenn sie sich dieselbe werden erst zugeeignet haben, welches die Erbarmung der ewigen Liebe ist durch die Gnade der Erlösung in sich.
HG|1|9|5|0|Und nun siehe noch ein Geheimnis, das noch begriffen werden muss des frevelnden Hochmutes der Kinder der Welt wegen. Und siehe, zwei Blumen des Strauches wurden befruchtet von der unschuldgerechten Zähre Evas, und verwahrten durch alle Stürme der Zeiten während den großen Kriegen Jehovas mit den Völkern der Erde ihren Segen der ewigen Liebe treulich, und machten zur Zeit der Lösung der Gnade von oben das Weib Abrahams lebendig zum Vorbild des großen Werkes der erbarmenden Liebe, und machten lebendig das Weib des Zacharias zur wirklichen Vollbringung der größten aller Taten der erbarmenden Liebe des ewigen Gottes.
HG|1|9|6|0|Und nun kehre deine Augen wieder zurück zum Adam und zur Eva, und suche sie heim mit Mir, und sehe zu, wie Ich, die ewige Liebe, sie fand, nackt, verlassen, weinend und trauernd in gerechter Reue und gerechter Scham, und rief hervor den Adam und zog hervor die Eva.
HG|1|9|7|0|Und siehe, sie getrauten sich nicht anzuschauen das Angesicht ihres Vaters; denn sie waren erschreckt von einem großen Donner des todbringenden Gerichtes aus der Tiefe des Grimmes der Gottheit.
HG|1|9|8|0|Und die Zornflammen Gottes, des Unendlichen, wälzten sich furchtbar durch alle endlosen Räume zur Erde hinab, auf welcher die große Liebe nun weilte bei Ihren reuigen und trauernden gefallenen Kindern, geschaffen durch Ihre erbarmende Gnade.
HG|1|9|9|0|Und siehe, da gab es einen heißen Kampf zwischen der durch die Reue und Trauer der Geschaffenen Sich wieder erbarmenden ewigen Liebe und zwischen der alles zerstören wollenden, ergrimmten Gottheit zur Sühnung Ihrer unbestechbaren Heiligkeit.
HG|1|9|10|0|Denn siehe, die Zornflammen der ergrimmten Gottheit stürzten schneller denn Blitze zur Erde nieder, drangen bis in die Mitte derselben und entzündeten dieselbe in und an allen Orten und Enden, und es schlugen die verzehrenden Flammen bis an den Mond, bis an die Sonne, – ja sie ergriffen alle Sterne! Und siehe, da war die ganze, unermessliche Unendlichkeit ein Feuermeer, und furchtbare Donner rollten durch alle endlosen Räume, und es heulte die Erde, und es tobte das Meer, und der Mond weinte, und die Sonne wehklagte, und alle Sterne schrien lauter denn alle Donner, von zu großer Schmerzensangst der ewigen Vernichtung gedrückt, und ihre großen Stimmen widerhallten furchtbar dröhnend aus den endlosen Tiefen des Grimmes der Gottheit, und die Stimmen riefen:
HG|1|9|11|0|„Großer, erhabener Gott, besänftige Deinen großen Zorn, und lösche die vernichtenden Flammen Deines übergerechten Grimmes, und schone der Schuldlosen in Deiner Heiligkeit; denn Deines Zornes Feuergrimm wird zerstören die Gerechten und wird vernichten die ewige Liebe in Dir und wird Dich Selbst gefangen nehmen in Deiner übergroßen Macht und Kraft der Heiligkeit!“
HG|1|9|12|0|Und siehe und höre mit offenen Augen und offenen Ohren, was da die zornergrimmte Gottheit sprach; jedoch die Sprache verstand niemand denn die alleinige ewige Liebe, die in der Zeit des Zorngrimmausbruches der Gottheit das reuige neugeschaffene Paar schützte auf der heulenden Erde und wehrte ab der großen Zornflamme des Grimmes, zu ergreifen die Reuestätte Adams und die Trauerstätte Evas, durch die große Macht und Kraft Ihrer Barmherzigkeit.
HG|1|9|13|0|Und nun höre und verstehe wohl die Schauerworte des Zornes aus der Tiefe des Grimmes der Gottheit, und sie lauteten:
HG|1|9|14|0|„Was nützt Mir das Heulen und Toben der Erde, was das Weinen der Monde, was das Wehklagen der Sonnen, und was das Jammergeschrei der Sterne?! Denn Ich bin allein, verlassen von Meiner Liebe, die Mir untreu ist geworden und Sich von Mir entfernt hatte hinab zur Erde zum Auswurf der Bosheit zwiefältig! Was soll Ich ohne Sie? Daher will Ich zerstören alle Ihre Werke aus dem Fundament und vernichten alles, damit nichts da sei, was Meine Liebe von Mir in alle künftigen Ewigkeiten der Ewigkeiten vermögen sollte abzuziehen und zu entfernen! Und Ich will bleiben Gott, der Alleinige, in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten, wie Ich war von Ewigkeiten der Ewigkeiten her; und du, morsches Gebäude der Schöpfung Meiner schwach gewordenen Liebe, stürze zusammen in nichtige Trümmer, ins Nichts, damit Ich Meine Liebe wiederfinde und Sie wieder stark mache durch die Macht und durch die Kraft Meiner ewigen Heiligkeit. Amen!“
HG|1|9|15|0|Und siehe, da lösten sich die Bande der Schöpfungen in allen Räumen der Unendlichkeit Gottes, und es stürzten die Trümmer durch die weiten Räume unter großem Krachen, Donnern, Heulen, Toben, Brausen und Sausen in die Tiefen der Tiefen ihrer Vernichtung zu, und diese war die Erde selbst, die ebenfalls zertrümmert lag im weiten Schoße der erbarmenden Liebe.
HG|1|9|16|0|Und die Neugeschaffenen bebten vor Angst ob des fürchterlichen Anblicks dieser großen, vernichtenden Schauderszene, deren Größe kein geschaffener Geist je in ihrer ganzen Fülle ganz erfassen wird; denn sie war unendlich.
HG|1|9|17|0|Und nun siehe und höre weiter, was die erbarmende Liebe da sprach und tat. Vernehme die Worte der Liebe in Ihrer Macht, und schaue die großen Taten der Barmherzigkeit in ihrer Kraft, und höre und verstehe wohl die Worte, welche so lauteten:
HG|1|9|18|0|„Großer, allmächtiger Gott aller Macht, aller Kraft und aller Heiligkeit! Ziehe zurück Deinen großen Zorn, und lösche aus das Feuer Deines alles zerstörenden Grimmes, und höre in der Ruhe Deiner Heiligkeit die Worte Deiner ewigen Liebe, welche das alleinige Leben ist in Dir, ewig wie Du und mächtig und stark wie Du aus Ihr und Sie aus Dir, und wolle nicht vernichten das Leben in Ihr und Dich durch Sie, sondern lasse Gnade für Recht ergehen, und lasse genugtun die Liebe Dir, und fordere Sühnung für Deine verletzte und gekränkte Heiligkeit, und Deiner Liebe wird kein Opfer zu groß sein, das Du von Ihr fordern möchtest zur ewigen Sühnung Deiner Heiligkeit!“
HG|1|9|19|0|Und nun siehe und höre und verstehe wohl, was darauf geschah und was die Gottheit darauf erwiderte! Es dämpfte sich das Feuer, und aus allen Räumen wehte ein sanfterer Hauch, untermischt mit noch stark rollenden Donnern durch die fliegenden Trümmer der aufgelösten Welten, welche von einer Unermesslichkeit bis zur anderen gleich großen Blitzen noch brennend zuckten. Und die Liebe verstand den Donner Gottes, welcher heftig sprach:
HG|1|9|20|0|„Ich will alle Schuld auf Dich legen, gleich den Welttrümmern auf die Erde, und Du sollst tilgen die Schmach Meiner Heiligkeit, welche das ewige Band ist zwischen Mir und Dir! Und siehe, Ich verfluche die Erde, damit kein Fleck besudle Meine Heiligkeit und Ich werden würde gleich Dir ein unheiliger Gott; und dieser Fluch sei Deiner Schuld anheimgestellt, die Du auf Dich zu nehmen hast und zu tilgen für Meine Heiligkeit und zu waschen die Erde mit Deinem Blut vom Fluch der Schande durch die Sünde Adams!“
HG|1|9|21|0|Und siehe, höre und verstehe wohl, was darauf die Liebe entgegnete und sprach, wie folgt: „Großer, überheiliger Gott aller Macht und Kraft! Es geschehe nach Deinen Worten!“
HG|1|9|22|0|Und siehe, da erlosch auf einmal all das Feuer auf der Erde und in allen den Schöpfungsräumen! Und die Trümmer der zerstörten Sonnen, Erden und Monde wurden wieder zusammengefügt durch die Macht und Kraft der von der Gottheit erhörten Liebe und ordneten sich wieder, wie sie geordnet waren im Anfang ihrer Entstehung; und sie behielten aber zum ewigen Zeichen die unvertilgbaren Spuren ihrer damaligen gänzlichen Zerstörung gleich den Wundmalen der ewigen Liebe, die später in der großen Zeit der Zeiten für alle am Kreuz blutete.
HG|1|9|23|0|Und es blieben auch noch hier und da anderweltliche Trümmer liegen auf der Oberfläche, in den Tiefen und den Meeren der Erden zu Zeichen der Macht und Kraft Gottes und zugleich aber auch als sprechende Zeugen der übergroßen Taten der erbarmenden Liebe.
HG|1|9|24|0|Und siehe und höre weiter und verstehe es wohl, was nun ferner geschah: Als nun die ewige Liebe die Anforderungen annahm und dadurch schon im Voraus der großen Heiligkeit Gottes Genüge tat, da ließ die Gottheit in sanfterem Rauschen und Wehen, abermals nur der Liebe verständlich, Ihren heiligen Willen vernehmen und sprach in der Rede voll sanften Tones, wie folgt:
HG|1|9|25|0|„Siehe, Deine große Barmherzigkeit ist in Mir aufgestiegen und ist getreten vor Meine allsehenden Augen, und Ich habe erkannt in der Ruhe Meiner Heiligkeit Deine große Aufrichtigkeit und ewige Treue und habe gezählt die Reuetropfen Adams und die Trauertropfen Evas und bin mitleidig geworden durch Deine große Erbarmung durch und durch.
HG|1|9|26|0|Und siehe, daher will Ich Meine Gerichte zurückziehen in dieser Zeit und nach Deinem Verlangen Gnade für Recht ausströmen lassen in großer Fülle und will den Schaden, welchen Meine Gerichte angerichtet haben, wieder gutmachen. Und außer Mir kann niemand etwas gutmachen denn Ich allein, da niemand gut ist denn Ich, der heilige Vater; denn das sei Mein Name fürder ewiglich. Und Du, Meine Liebe, bist Mein Sohn; und die Heiligkeit als das mächtig allwirkende Band der Kraft zwischen Uns und zwischen allem, was von Uns ausgegangen ist, sei der heilige Geist, der erfüllen soll alle Räume der Räume und alle Unendlichkeiten der Unendlichkeiten in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten, amen. Und das sagt nun der gute, heilige Vater. Amen.
HG|1|9|27|0|Und nun sage Du, Mein geliebter Sohn, auch dem reuigen und trauernden Paar – und grabe ihnen das Gesagte tief in ihre Herzen –, dass sie die Gebote der Liebe und der Erbarmung bis an ihr Lebensende halten sollen unverbrüchlich, und Ich will ihnen dann einen Mittler zwischen Mir und ihnen zur Zeit, die Ich bestimmt habe, senden, zu tilgen die große Schuld und zu erleichtern die große, schwere Last ihres Ungehorsams.
HG|1|9|28|0|Bis dahin aber sollen sie verharren in aller Geduld und Sanftmut, und das Brot, das Ich ihnen derzeit nur kärglich geben will, sollen sie dankbar im Angesicht ihres Schweißes genießen und sollen nicht satt werden bis zur Zeit des Mittlers, den Ich erwecken werde aus ihrer Mitte vollkommen und gut, wie Wir vollkommen und gut und heilig sind ewig.
HG|1|9|29|0|Und sage ihnen noch hinzu, dass Ich Meine Gerichte nur eingestellt habe für jene, die Meine strengen Gebote halten werden pünktlich; den Übertretern aber seien sie für alle Ewigkeiten in aller Strenge der ewig heiligen Wahrheit angedroht in der genauesten Erfüllung bei der geringsten Übertretung!
HG|1|9|30|0|Das spricht der heilige und alleinig gute Vater durch Seinen Sohn, der die ewige Liebe in Ihm ist, und durch den heiligen Geist als der wirkenden Gnade aus Uns Beiden zur einstigen Vergebung der Sünde, welche nun ihre Leiber mühselig machen und dann aber allzeit töten soll zeitlich zur Erlangung des Lebens nach dem Tode des Leibes nach der Zeit des versprochenen Mittlers.
HG|1|9|31|0|Das sagt der alleinig heilige und der alleinig gute Vater. Amen, amen, amen.“
HG|1|10|1|1|Segnung durch die ewige Liebe
HG|1|10|1|0|Und siehe und höre und begreife und verstehe wohl, was da die ewige Liebe sprach und tat. Als der gute, heilige Vater vollendet hatte die Rede großen Ernstes, verkündend Gnade für Recht und androhend das Gericht den Übertretern des Gesetzes der übergroßen Gnade und den Tod der Sünde gebend, da ward gerührt die ewige Liebe bis in die innerste Tiefe Ihres erbarmenden Herzens und weinte zum zweiten Male Tränen des Mitleids und Tränen der innigsten Freude und seligsten Wonne über die große, schonende Gnade des so überguten und überheiligen Vaters und sprach in der tiefsten Ergriffenheit Ihres ganzen Wesens zu dem Adam und zur Eva:
HG|1|10|2|0|„Du, Adam, du hast jetzt gesehen die fürchterlichen Gerichte Gottes vor deinen Augen vorüberziehen, und die Eva sah und empfand sie durch dich; nun aber will Ich auch ihr die Augen und die Ohren öffnen, und sie soll in aller Zukunft, wie auch alle, die aus ihr hervorgehen werden nach der Zahl der Sterne am Himmel und nach der Zahl des Grases auf der Erde und nach der Zahl des Sandes im Meer, welche unendlich ist, mit eigenen Augen sehen und mit offenen Ohren hören, was die Gottheit tat in Ihrem richtenden Grimm und was darauf die ewige Liebe tat in Ihrer unbegrenzten Erbarmung.
HG|1|10|3|0|Und das Gesetz habe Ich dir in dein Herz gegraben, wie du es auch in das Herz der Eva graben sollst; und zum Zeichen, das euch mahnen soll und alle, die euch folgen werden, der Gerichte Gottes ob eurer Sünde, will Ich hie und da lassen Berge entstehen, die da brennen sollen abwechselnd bis ans Ende der Zeiten, und will euch hinterlassen den Blitz, der euch mahnen soll der einstigen Zerstörung, und den allzeit folgenden Donner, der euch allzeit stark verkünden soll den Namen des großen und starken Gottes, wenn ihr je Seiner vergessen solltet oder könntet.
HG|1|10|4|0|Und die Tränen des Mitleides und die der großen Gnadenfreude aus dem heiligen Vater habe Ich hingestellt zum ewigen Zeichen als eine neue Schöpfung um den weiten Raum des Himmels, und sie sollen euch leuchten in jeder Nacht der Erde und sollen euch erquicken in der Dämmerung des Lebens und sollen euch verkünden den werdenden Tag.
HG|1|10|5|0|Und nun seht empor zum Himmel; sie leuchten in mannigfaltiger Ordnung und in mannigfaltiger Pracht, die rötlichen Lichtes zum Zeichen Meines Mitleids, und die weißen Lichtes zum Zeichen der Freude ob der großen Gnade des überheiligen und überguten Vaters. Und derjenige weißschimmernde breite Streif über den Sternen des Mitleids und der Freude, bestehend ebenfalls aus Sternen der Vorzeit durch die Träne der Sich damals schon der gefallenen Geister erbarmenden Liebe, welcher mitten durch des Himmels weiten Raum gezogen ist, diene euch zum Zeichen des ewigen, heiligen Bandes zwischen der ewigen Liebe, die euch und alles, was da ist, werden hieß, und zwischen der alles nach Ihrer ewigen Heiligkeit richtenden Gottheit.
HG|1|10|6|0|Und nun siehe her, du Adam, und du auch, Eva, in Mein linkes Auge, das über Meinem Herzen eurem rechten Auge gegenüber mild und gnädig euch entgegenstrahlt, – seht, noch eine Träne hängt an der Wimper desselben, und seht, diese Träne ist größer denn alle, die schon aus diesen Augen für euch geflossen sind!
HG|1|10|7|0|Da, wo das große Band am weiten Himmel geteilt erscheint, dorthin blickt gerne und seid allzeit dankbar und tief gerührt, sooft ihr dorthin blicken werdet; denn diese Stelle soll euch und auch der ganzen Schöpfung zum ewig bleibenden Zeichen eures Treuebruches mit Mir und Meines damaligen Bruches mit der Heiligkeit Gottes aus Barmherzigkeit für euch dienen, und soll euch erinnern an der Stelle, da, wo es wieder wie angeknüpft erscheint, an die große Vermittlung der ewigen Liebe, die Ich es bin von Ewigkeit her, zwischen der unantastbaren Heiligkeit Gottes und zwischen euch, die ihr treulos gesündigt habt vor dem Angesicht dessen unbegrenzter Heiligkeit.
HG|1|10|8|0|Und nun seht, dorther ist diese Träne, und dort ist der Ort ihrer Entstehung!
HG|1|10|9|0|Und diese Träne wird euch und euren Nachkommen einst aufgehen als ein schöner Morgenstern, welcher erleuchten wird alle Völker der Erde, die euch in den Zeiten der Zeiten folgen werden in euren reuigen und trauernden Fußstapfen, und wird noch zuvor waschen die Erde vom stinkenden Schlamm der Sünde und wird reinigen eure Tränen und Zähren der Reue und der Trauer vom Unrat der Schlange.
HG|1|10|10|0|Und nun seht noch einmal her: Diese Träne will Ich fallen lassen auf eine noch weiße Blume dieses Strauches zwischen den zwei schon befruchteten Blumen Evas, und aus ihr soll einst emporblühen ein reines Weib, die der Schlange den Kopf zertreten soll. Und die Schlange wird sie zwar auch in die Ferse beißen, aber das Gift wird ihr nicht schaden; und aus ihr wird hervorgehen, das vor euch jetzt ist, ein schöner Morgenstern allen Völkern der Erde, die eines guten Willens sind, und das ewige Gericht allen widerspenstigen Kindern der Schlange!
HG|1|10|11|0|Und Geister aus dem Schoße der Heiligkeit des Vaters werden zur Erde herabkommen körperlich und werden euren Kindern verkündigen die große Zeit und die Art der Ankunft Dessen, der jetzt vor euch steht, und den ihr jetzt noch hört und seht und fürder nicht mehr hören und sehen werdet bis zur versprochenen Ankunft nach der Verheißung des heiligen Vaters durch Mich als die ewige Liebe in Ihm.
HG|1|10|12|0|Und nun habt ihr alles vernommen, was euch zu wissen nötig ist zum Empfang Meines Segens!
HG|1|10|13|0|Und so seid denn gesegnet von der Hand der Macht und von der Hand der Kraft der ewigen Liebe des heiligen Vaters und der Kraft des Geistes, die heilig ist aus Uns beiden, und befruchtet und mehret euch und erfüllet die Erde mit der lebendigen Frucht dieses Segens.
HG|1|10|14|0|Und allezeit, sooft ihr euch nahen werdet dieses Segens wegen, so opfert Mir zuvor eure Herzen! So ihr dieses unterlassen werdet, so wird die Schlange, die noch lebt und auch leben wird ewiglich im Grimm der Gottheit, die Frucht in euch verderben, und du, Eva, und alle deines Geschlechtes werden statt einer Frucht des Segens eine Frucht des Verderbens zur Welt bringen. Und diese werden zugrunde richten die Kinder des Segens und Lichtes in großer Anzahl, und ihres Tobens und Wütens wird kein Ende; und so werdet ihr die Sünde als Erbe an alle übergehen lassen, und eure Schuld wird sichtbar werden bis zur großen Zeit der Zeiten und auch nach derselben.
HG|1|10|15|0|Und dieses Meines Gnadensegens Opfer eurer Herzen sei euch gegeben als ein heiliger Dienst, den zu verrichten ihr mir schuldig allzeit seid, so oft ihr euch nähert dieses Meines Segens willen. Dieses neue und leichte Gebot, das ihr soeben empfangen habt aus Meinem Munde, sei die erste Kirche, die Ich gründe auf der Erde vor euch zu Meinem Gedächtnisse, und erinnere euch an die Taten der erbarmenden Liebe dankbar und führe euch zur heiligen Furcht Gottes zurück!
HG|1|10|16|0|Einen sündenlosen Geist als Boten will Ich euch senden von oben mit einem Flammenschwert in der Hand, damit er euch führe und zeige die ganze Erde von einem Ende derselben bis zum anderen; und er wird euch erleuchten die Irrsale der Welt und euch aber auch züchtigen, so ihr abweichen werdet von Meinen Wegen.
HG|1|10|17|0|Dieses alles sagt die ewige Liebe zu euch im Namen des heiligen Vaters, amen.“
HG|1|11|1|1|Die Geburt von Kahin und Ahbel
HG|1|11|1|0|Und siehe, da verschwand die Liebe vor den Augen der Geschaffenen, zurückkehrend in den heiligen Schoß des Vaters.
HG|1|11|2|0|Und nun siehe du Mein fauler und sehr schlechter Mietknecht, der du noch sehr harthörig bist; denn Ich muss dir ja wie einem Abcbuben jedes Wort einzeln in die Feder sagen, und noch verstehst du Mich nicht und fragst Mich oft zwei-, drei-, fünf-, oft bis zehnmal, und siehe, Ich wiederhole dir allzeit jedes Wort treulich! Daher sei aufmerksamer, damit es schneller vorwärtsgehe als bis jetzt; denn die Welt bedarf in aller Kürze der Zeit der Vollendung dieses Werkes Meiner großen Gnade! Dieses lasse dir gesagt sein von Mir, eurem heiligen Vater, der ganz Liebe ist in allem Seinem Wesen.
HG|1|11|3|0|Und nun schreibe weiter! – Und nun war das neugeschaffene Paar auf der weiten Erde ganz allein, und der versprochene Engel erschien mit dem flammenden Schwert in seiner Rechten; und da sie seiner ansichtig wurden, so erschraken sie sehr, dass sie flohen vor seinen Augen und erbebten vor großer Furcht in allen ihren Eingeweiden.
HG|1|11|4|0|Und nun siehe, die Furcht beschleunigte die Zeit Evas, und sie wurde mit Schmerzen der verbotenen Frucht entledigt, welche die Schlange in der Blindheit Adams in sie gelegt hatte.
HG|1|11|5|0|Und der Adam besah die nackte Frucht und bemerkte, dass die Frucht ihm ähnlich war, und erfreute sich sehr darüber; und die Eva erkannte die Freude Adams und drückte in aller Begierde diese Frucht ihrer Liebe an ihre volle Brust.
HG|1|11|6|0|Und siehe, da empfand sie einen ähnlichen Stich in ihrer Brust gleich dem Stich der Schlange und legte die Frucht zur Erde in der großen Angst und festen Meinung, sie habe schon wieder gesündigt.
HG|1|11|7|0|Aber siehe, da erschien der große Engel sanften Angesichtes vor dem sich ängstigenden und fürchtenden Paar und sprach sie mit fester Stimme an:
HG|1|11|8|0|„Ängstiget und fürchtet euch nicht vor dem Knecht Jehovas, der zu euch gesandt ist von oben, um euch zu zeigen die Erde und euch zu erleuchten die Irrsale der Welt – und auch zu züchtigen euch und eure Nachkommen, so ihr von den Wegen der ewigen Liebe und der unendlichen Heiligkeit Gottes je abweichen solltet.
HG|1|11|9|0|Seht, diese Frucht ist für euch keine Sünde mehr; wohl aber ist sie die Folge des dreifachen Ungehorsams gegen Gott und ist der Tod eures Fleisches, den ihr erzeugt habt in eurem Fleische durch eure Begierde in der Selbstsucht. Ihr dürft diese Frucht nicht wegschleudern von euch, sondern nach dem Willen von oben behaltet zum Zeugnis über euch selbst und eurer Demütigung, damit ihr derzeit erfahren mögt, wie durch euch die Sünde und durch die Sünde aber der Tod in die Welt gekommen ist; die Frucht selbst aber sollt ihr ‚Kahin‘, oder ‚Todbringer‘, benennen.“
HG|1|11|10|0|Da wurde beruhigt durch die Rede des Boten von oben das Paar in seinen aufgeschreckten Gemütern, und die Eva nahm die zur Erde niedergelegte Frucht wieder in ihre noch zitternden Hände und reichte auf Geheiß des Adam durch den Engel dem Säugling die volle Brust, zu saugen das Leben der Erde aus ihr.
HG|1|11|11|0|Und der Engel trat an die linke Seite des Adam, und die Eva mit der Frucht auf dem rechten Arm stellte sich hin zur rechten Seite Adams, damit ihr Herz frei bliebe von jeglicher Last und zugewendet bleiben möchte dem Menschen fürder auf allen Wegen und Stegen.
HG|1|11|12|0|Und so wandelten sie musterhaft über die ganze Erde, um zu beschauen alle Orte derselben und zu bestellen Wohnungen für ihre einstigen Nachkommen und zu säen das Brot denselben durch die Macht und die Kraft, die ihnen verliehen war von der Liebe durch die große Gnade der Erbarmung.
HG|1|11|13|0|Denn die Erde und alles, was auf ihr war, war untertan dem Willen Adams, und das Meer und all das Gewässer gehorchte treulich selbst dem leisesten Wink Adams und war ihm untertan von der Oberfläche bis in den tiefsten Grund und beute ehrfurchtsvoll dem Fuß seines Herrn den Rücken, fest zu wandeln auf demselben nach Belieben; und es waren ihm untertan all die Winde, und es gehorchten seiner Stimme alle Tiere der Gewässer, des festen Landes und der Lüfte.
HG|1|11|14|0|Und der Adam war erstaunt über die ihm innewohnende Kraft und sah und erkannte, über was alles ihm die ewige Liebe solche großen Kräfte verliehen hatte, und ward fröhlich über die Maßen ob so großer Gnade von oben und sagte zur Eva:
HG|1|11|15|0|„Eva, mein Weib, siehe, der Herr der Macht und Kraft hat uns gesegnet; lass Ihm unsere Herzen opfern, damit Sein Segen gedeihe auf der Erde nach Seiner großen Verheißung und durch dich erblicke das Licht der Gnade als neuer Bewohner dieser Stätte!“
HG|1|11|16|0|Und die Eva, voll Demut und innigster Freude, sprach: „Adam, siehe deine Magd zu deinen Füßen harren des Winkes ihres Herrn und des Herrn der Erde, und es geschehe mir nach deinem Willen; nehme hin mein schuldiges Herz und opfere es dem Herrn!“
HG|1|11|17|0|Und der Adam tat der Eva in aller Ergebung in den Herrn, wie es ihm der Herr befohlen hatte.
HG|1|11|18|0|Und siehe, der Segen wurde sichtbar an der Eva, und der Adam freute sich dessen, und auch die Eva empfand große Lust in sich. Und nun höre, was der Engel Jehovas sprach zum frohen Paar, und seine Worte waren wohlgemessen wie Worte von der Höhe und wie Worte aus der Tiefe, und es war die ewige Liebe Selbst, die durch den Mund des Engels sprach, und diese Worte lauteten aus dem Munde des Engels:
HG|1|11|19|0|„Adam! Du hast jetzt erfahren auf der weiten Reise über die Erde ihre Wesenheit, und ihre Festen und ihre Gewässer sahst du, und sahst auch, was auf und in denselben ist, wächst und sich bewegt; und sahst das große Mamelhud und vom selben abwärts alle Tiere bis zum kleinsten der kriechenden Würmchen; und sahst auch in den Meeren den Riesen Leviathan, den großen Waller; und den starken Hai und sahst all das Getier der Gewässer bis zu den kleinen Bewohnern des Tropfens; und sahst auch all das Gevögel der Lüfte, von dem riesigen Aar bis zum Blattvöglein, und von diesem bis zur kleinsten Mücke; und hast erprobt all ihre Kräfte, ihre Tauglichkeit und ihre Nützlichkeit; und ersahst auch daraus, wie reichlich die ewige Liebe für dich gesorgt hat und so durch dich auch für die Eva.
HG|1|11|20|0|Du redetest die Berge an, und sie gaben dir Antwort; und du fragtest das Meer, und es antwortete dir; und du richtetest deine Stimme in die Tiefe der Erde, und die Antwort ist nicht unterwegs geblieben, und richtetest den Ton deiner Rede an all die Bäume, Gesträuche, Pflanzen, Kräuter und an all das Gras, und sie gaben dir kund ihre Namen und erzählten dir ehrerbietig ihre Tauglichkeit und daraus hervorgehenden Gebrauch für euch nach deiner freien Willkür; und so auch all das Getier, das du angesprochen hast mit der Stimme deiner Brust, gab dir jegliches nach seiner Art eine vernehmbare und ebenso vollbestimmte Antwort zurück und zeigte dir an, inwieweit es zu deinem Dienst bestimmt ist und untertan ist deinem Willen blindlings; und die Winde lehrten dich, ihrer sich zu gebrauchen nach deinem Willen; und dieses alles sah und hörte und gewahrte auch die Eva.
HG|1|11|21|0|Siehe nun, Adam, und auch du, Eva, dieses alles ist dir von der ewigen Liebe nicht gegeben wie das Leben und die Eva dir, sondern Ihre große Gnade hat es dir zum Geschenk gegeben, und du wirst dies alles nur so lange behalten, als du nach dem Willen des heiligen Vaters einen weisen Gebrauch davon machen wirst; aber eines wird nach dem anderen sich entfernen aus dem Gebiet deiner großen Macht, so du dein Gemüt nicht stets ganz rein vor dem Angesichte Jehovas erhältst. Daher sei weise, wie der große, übergute und überheilige Vater dort oben über aller Schöpfung und dort in der Tiefe unter aller Schöpfung es ist.
HG|1|11|22|0|Und so wie du es bist und sein und bleiben sollst fürder nach dem Willen des heiligen Vaters und so nach deinem eigenen Willen, so sollen auch alle deine Nachkommen sein und sollen sein die Nachkommen Evas, wie sie ist vor und unter deinen Augen.
HG|1|11|23|0|Und so aber jemand nicht ist, wie du es jetzt bist, sein und bleiben sollst fürder, so wird er zwar die Gabe behalten auf die Länge einer bestimmten Zeit nach, aber das Geschenk der Gnade wird ihm genommen, alsobald er nicht mehr ist, wie du jetzt bist, sein und bleiben sollst. Und selbst die Nachkommen Evas werden sich erheben über ihre Häupter und werden ihnen untreu bis in das Mark ihrer Gebeine und werden nachrennen den Hunden und werden sich nähren vom Kot der Schlangen und ihre Kinder säugen mit den Brüsten der Ottern; und deine Nachkommen werden vergiftet werden durch sie und werden sterben eines bitteren Todes leiblich und geistlich in ewiger Schande und quälender Schmach.
HG|1|11|24|0|Und nun siehe, du Adam, und höre, du Eva! Noch seid ihr jetzt im Paradies, da, wohin euch die ewige Liebe gesetzt hat vor und nach eurer Sünde und vor und nach der Zerstörung; aber so ihr euch je vergessen solltet, nicht zu beachten treulich die Gesetze der Liebe und die Gebote der Weisheit des heiligen Vaters, so werdet ihr aus diesem schönen Garten vertrieben werden durch dieses flammende Schwert und werdet nimmer hineingelassen werden durch die ganze Zeit eures Leibeslebens fürder und auch keiner bis zur Zeit der Verheißung von allen euren Nachkommen – als erst nach derselben die Kinder der Erlösung und der daraus hervorgehenden Neuschöpfung der ewigen Liebe.
HG|1|11|25|0|Dies merke dir wohl, du Adam, und bedenke es du auch Eva! Die Frucht, die hervorgehen wird aus dir, du Eva, diese lebendige Frucht sollst du, Adam, ‚Ahbel‘ nennen und sollst ihn opfern dem Herrn der Herrlichkeit ewig; denn sein Name ist ‚Sohn des Segens‘ und soll sein zum ersten Vorbild Dessen, der einst in der großen Zeit der Zeiten kommen wird von oben aus dem Schoße der Macht und der Kraft der Heiligkeit Gottes vollkommen.
HG|1|11|26|0|Und nun, da ich euch geführt, und gezeigt und gesagt habe alles nach dem Willen der ewigen Liebe vollkommen, so ist meiner Sendung Werk der ewigen Liebe im Vater aller Heiligkeit und Güte vollbracht, und ich muss euch sichtbar verlassen; aber unsichtbar werde ich euch folgen von Tritt zu Tritt und werde zählen jeglichen eurer Schritte nach dem unwandelbaren Willen Jehovas.
HG|1|11|27|0|Und zu sehen werdet ihr mich bekommen allzeit wieder, sooft ihr dem Herrn der Herrlichkeit opfern werdet in aller Ergebung eurer Herzen; und ich werde euer Opfer nehmen in ein Gefäß und werde es tragen empor zu Gott und werde es ausschütten vor dem Angesichte des Sohnes, und da wird der große, heilige Vater Wohlgefallen haben an euren Werken.
HG|1|11|28|0|Aber ihr werdet mich auch zu sehen bekommen, so ihr abweichen solltet oder könntet von dem Gesetz der Liebe und von den Geboten des heiligen Vaters, so wie ihr mich jetzt noch seht mit dem Flammenschwert in meiner Rechten, um euch zu treiben aus dem Garten und dir, Adam, zu nehmen einen großen Teil der Geschenke der ewigen Liebe aus Ihrer großen Gnade und dich dann zu lassen schwach und furchtsam vor dem geringsten Geräusch des Grases.“
HG|1|11|29|0|Und nun siehe, du blinder Schreiber dieses Meines neuen lebendigen Wortes in dir wie auch in euch allen, und betrachte den Adam, wie er nun war im Paradies ein vollkommener Mensch bis auf eines, mit welchen Fähigkeiten er ausgerüstet war, vollkommen ein Herr der Erde; und alle diese seine Vollkommenheiten waren nur ein Geschenk von Mir, und er behielt sie bis zur Zeit, da er ein einziges Mal Meiner vergaß, nachdem der Engel unsichtbar wurde seinen Augen.
HG|1|11|30|0|Und nun siehe, dieses alles, was der Adam besaß als Geschenk, will Ich euch geben als bleibende Gabe und noch zahllos Mehreres und noch unendlich Größeres, das Ich Selber bin, und alles, was Mein ist, soll auch euer sein, so ihr Mich liebt, und sonst nichts als liebt!
HG|1|11|31|0|Aber wo ist eure Liebe, die Ich so teuer erkaufte und sie ewig Mein nennen möchte? Oh, dieser gibt es gar so wenig mehr auf der Erde! Sie ist so leicht und so sanft, und ihr wollt sie nicht und sucht sie auch nicht, wo sie nun eurer harrt, und verschmäht den hohen Preis in ihr!
HG|1|12|1|1|Verheißung des neuen Jerusalem
HG|1|12|1|0|O ihr Kinder Adams! Warum wollt ihr denn nicht lieber werden Meine Kinder? O welche Mühen und anstrengende Arbeiten kostet es euch, um sich zu erwerben das vom Schweiß eurer Hände triefende Brot Adams, das dazu noch besudelt ist vom Geifer der Schlangen und getränkt vom Gift der Nattern, und darum ihr euch in eurem Unmaß damit den Tod zeitlich und dann auch ewig eresset!
HG|1|12|2|0|Und Mein Brot, das bestrichen ist mit dem Honig Meiner Liebe und getränkt ist mit der Milch des ewig freien Lebens aus Mir, und ihr es genießen könntet in der höchsten Fülle alles Übermaßes, und es euch nimmer schaden würde ewig, sondern euch stärken würde und ausrüsten euch mit aller Macht und Kraft aus Mir ewig und auch schon zeitlich, so ihr es nur annehmen möchtet, – seht, bald nach Meiner allergrößten Tat, welche ist das große Werk der Erlösung für euch, da war dieses Mein Brot sehr teuer noch, und die Menschen konnten sich dasselbe nur in kleiner Gabe nicht anders als nur wieder durch ihr Mir dafür geopfertes Blut und Leibesleben erkaufen, und dieses Mein Brot schmeckte damals bitter im Munde der Käuflinge und war noch nicht bestrichen mit dem Honig der Liebe und getränkt mit der Milch des freien Lebens auch zeitlich schon, sondern sowohl der Honig als auch die Milch wurden den trauernden Käufern erst im Reich der Geister wohlgewogen hinzugegeben; und siehe, doch gab es der Käufer in die großen Mengen!
HG|1|12|3|0|Jetzt aber, wo Ich es gebe jedem, der es nur immer wünscht, ganz umsonst, bloß für das gewiss sehr kleine Entgelt eurer Liebe, mit Honig und Milch, und nun siehe, nun verachtet man es bitter und verschmäht den großen, freundlichen, gewiss und wahr für euch aller höchsten Liebe vollsten Geber!
HG|1|12|4|0|So merket es denn, die Pforten Meiner Himmel habe Ich jetzt weit öffnen lassen. Wer immer herein will, der komme und komme bald und komme alsogleich; denn es ist gekommen die große Zeit der Gnade, und das neue Jerusalem kommt zu euch allen hinab zur Erde, damit alle, die Mich lieben, darinnen Wohnung nehmen sollen und sollen darinnen gesättigt werden mit dem Honig- und Milchbrot und trinken in vollen Zügen das reine Wasser alles Lebens und sollen es schöpfen im Übermaße aus dem ewigen Brunnen Jakobs!
HG|1|12|5|0|Aber wie auch immer die Niederkunft dieser Meiner großen Stadt wird sein eine unermesslich große Gnade allen Meinen Kindern, so wird sie aber jedoch auch erdrücken durch ihre starken Mauern alle Blinden und wird zerquetschen alle Tauben; denn ihre Größe wird einnehmen die ganze Fläche der Erde! Und wer sie nicht sehen wird herniederkommen und nicht vernehmen wird ihr Rauschen durch die reinen Lüfte der Erde, der wird nie mehr einen Platz finden auf Erden, da er sich verbergen soll vor ihr und entweichen ihrer Last.
HG|1|12|6|0|Denn siehe, die Last ihrer Paläste wird zermalmen die Berge und sie gleichmachen den Tälern, und ihre Wohnhäuser will Ich stellen über die Pfützen und Moraste; und all das Geschmeiß, das darinnen haust, wird erdrückt werden in Grund und Boden durch die Grundfesten der Wohnhäuser der großen Stadt Gottes, eures heiligen Vaters im Himmel und auf der Erde.
HG|1|12|7|0|Und es wird rufen der wahre Hirt Seine Schafe, und sie werden Seine Stimme hören und wohl erkennen bis an alle Enden der Erde und werden hinzukommen und sich weiden in aller Lust auf den weiten Weideplätzen der ewigen Liebe des heiligen Vaters, welches sind die großen Gärten der neuen heiligen Stadt des großen Königs aller Völker, die waren, sind und sein werden ewig.
HG|1|12|8|0|Und diese Gärten werden sein das durch Adam verlorene Paradies, welches Ich zuerst wiedergefunden und getreulich aufbewahrt habe für sie zu einer ewigen Wohnung.
HG|1|12|9|0|Aus dem Grunde auch habe Ich euch schon ganz umständlich bis in die kleinsten Teile gezeigt Meine große Haushaltung von Ewigkeit her und habe euch gezeigt die Schöpfung vom Ersten bis zum Letzten und zeigte euch den ersten Menschen in seiner ersten Entstehung, will euch noch fürder ihn zeigen bis zu seinem Ende, und will euch zeigen alle meinen Führungen und Fügungen bis auf euch und fürbass, und will euch zeigen die große Hure und das zerstörte Babylon und dann führen euch in Meine große heilige Stadt und euch darinnen geben eine bleibende Wohnung ewiglich, so ihr Mich liebt, wie Ich euch liebe, über alles!
HG|1|12|10|0|Siehe an die Himmel und siehe an die Erde, diese werden einst vergehen körperlich und werden nur bestehen geistig; aber jegliches Meiner Worte, das gesprochen wird zu euch, wird bestehen, wie es aus Meinem Munde kommt, körperlich und geistig in aller Macht und aller Kraft der Heiligkeit, ewig, ewig, ewig, amen!
HG|1|13|1|1|Die Vertreibung aus dem Paradies
HG|1|13|1|0|Und nun kehre wieder zurück zum Adam und zur Eva, und siehe, wie ihr fernerer Wandel ihres Leibeslebens und der Wandel ihrer beiden Nachkommen beschaffen war vor den allsehenden Augen der Heiligkeit Jehovas! Und siehe, eine kurze Zeit, die nach eurer Rechnung dreißig Erdkreise um die Sonne betrug, was ihr ‚Jahre‘ nennt, lebte das Paar im Kreise seiner gesegneten Nachkommen, deren Zahl gleich war der Zahl der Jahre, mit Ausnahme des Kahin, welcher nicht gesegnet war.
HG|1|13|2|0|Und nun siehe weiter, was da geschehen ist. Adam ging am Tag des Herrn, der zu einem Ruhetag ihm geboten wurde in seinem Herzen schon von der ewigen Liebe Selbst und vom Engel hernach mehrfältig zum Gedächtnis der großen Taten der Sich erbarmenden Liebe und zur ehrfurchtsvollsten Betrachtung der unermesslichen Heiligkeit Gottes, des guten Vaters, allein über eine Strecke Landes, um zu betrachten die Schönheit der Gegend; und es gefiel ihm überaus gut die Welt, so dass er in seinen Gedanken ganz abkam von Gott.
HG|1|13|3|0|Und so in diesen Betrachtungen kam er an das Ufer eines großen Stromes, dessen Namen ‚Eheura‘ hieß oder ‚Gedenke der Zeit Jehovas‘, denn das rief der stark rauschende Strom; aber der Adam, vertieft in den Gedanken der Welt, merkte und verstand auch nicht den Sinn dieser Rede der rauschenden Fluten des Stromes.
HG|1|13|4|0|Und als er nun so geartet längs dem Ufer ging, blieb er auf einmal hängen mit dem linken Fuß an einem sich eine Zeit über die Erde und endlich um einen großen Baum schlängelnden Gewächs, und er fiel gewaltig zur Erde und empfand einen großen Schmerz an seinem Leib, und das war für ihn eine neue Empfindung; und er zürnte dem Gewächs und sah es ergrimmt an und stellte es zur Rede, fragend, ob es nicht kenne seinen Herrn.
HG|1|13|5|0|Und das Gewächs antwortete: „Nein, ich kenne dich nicht!“
HG|1|13|6|0|Da besah der Adam das Gewächs genauer und erkannte das Gewächs nicht. Da fragte er es abermals: „Wie ist dein Name, und welches ist deine Tauglichkeit?“
HG|1|13|7|0|Und siehe, ein Wind rauschte durch die Blätter, und das Rauschen ward ihm verständlich und lautete: „Lese die Beeren von meinen Zweigen, und presse den Saft aus, und trinke ihn, und mein Name und meine Tauglichkeit wird dir kundwerden.“
HG|1|13|8|0|Und siehe, der Adam tat in der Blindheit seiner Weltgedanken, was das schlängelnde Gewächs ihm anriet in seiner Vergessenheit am Tag des Herrn, und er nahm einige Beeren und verkostete sie, und sie schmeckten ihm sehr süß; und er freute sich dieser neuen Bekanntschaft und schmollte über den Engel, dass er ihm nicht auch gezeigt habe dieses gar so wohlschmeckende Gewächs.
HG|1|13|9|0|Und er las eine Menge Beeren ab und trug sie nach Hause und kam dahin, als die Sonne gerade unterging.
HG|1|13|10|0|Und die Eva, begleitet vom Kahin, kamen ihm entgegen als die einzigen, die sich den ganzen Tag über gesorgt hatten, da sie nicht wussten, wohin der Adam gegangen war – denn alle übrigen wussten es wohl und sorgten sich nicht am Tag des Herrn um Adam, den Vater ihres Leibes, da sie Kinder des Segens waren und an diesem Tag ihre Gedanken vertieft hatten in Gott und Seine ewige Liebe –, und nahmen ihm ab einen großen Teil seiner Bürde. Und er erzählte ihnen von dieser neuen Bekanntschaft; und die Eva war erfreut in hohem Grade dessen und tat mit der Hilfe Kahins mit den Beeren nach der Erzählung Adams.
HG|1|13|11|0|Da nahm der Adam den ausgepressten Saft und sprach: „Lasst uns erforschen dessen Namen und dessen Tauglichkeit!“
HG|1|13|12|0|Und siehe, da trank er in vollen Zügen vom Saft und gab ihn dann der Eva und dem Kahin und endlich zu verkosten allen bis auf den Ahbel, der noch nicht zugegen war, da das Feuer noch loderte am Altar, den er errichtet hatte, zu opfern der Heiligkeit und der Liebe Jehovas, was dem Herrn wohlgefällig war.
HG|1|13|13|0|Und da wurden berauscht der Adam und die Eva und alle, die vom Saft gekostet hatten; und in diesem Rausch entbrannten Adam und Eva und alle aus Adam und Eva wild in den Begierden des Fleisches und trieben samt Adam und Eva Unzucht und Hurerei, während Ahbel betete am Altar Jehovas.
HG|1|13|14|0|Und als sie da ausgehurt hatten im Rausch der Vergessenheit Gottes und des allzeit vorher anbefohlenen und schuldigen Opfers ihrer Herzen, da erschien der Engel mit dem Flammenschwert in seiner Rechten zuerst dem Ahbel freundlich und sagte zu ihm:
HG|1|13|15|0|„Jehova fand großes Wohlgefallen an deinem Opfer, so zwar, dass Er dich zum Retter deiner Eltern und Geschwister erwählt hat, ohne dessen sie jetzt zugrunde gegangen wären am Tag des Herrn, da sie Seiner vergaßen und ihre Gemüter gesenkt haben zur Erde und konnten nicht teilhaftig werden des Segens, der allzeit an diesem Tag nach der festgesetzten Ordnung ausgeht von oben in alle Räume der Unendlichkeiten!
HG|1|13|16|0|Daher bin ich wiedergekommen sichtbar, zuerst zu sammeln dein Opfer in dieses Gefäß der erbarmenden Gnade, welche ist der ewige Sohn im Vater, und es zu tragen vor dessen allerheiligstes Angesicht, dem Augapfel des ewigen Vaters, und zuvor aber noch zu züchtigen die Übertreter des Gesetzes der Liebe und des Gebotes der heiligen Gnade und ihnen zu nehmen einen großen Teil der Geschenke, sie zu schlagen mit Blindheit und sie zu treiben aus dem Paradies.
HG|1|13|17|0|Und nun verlasse deinen Opferaltar und stelle dich zu meiner Linken, damit die züchtigende Rechte frei bleibe den Übertretern, und folge mir in die Wohnung der Sünde! Und wenn ich die schlafenden Sünder werde geweckt haben aus dem Taumel der Hurerei und sie, von großer Furcht ergriffen, fliehen werden vor dem Schwert der Gerechtigkeit, so folge ihnen als ein Mitflüchtiger und trage nach den Eltern deines Leibes einen kleinen Teil des verlorenen Geschenkes und übergib es ihnen dann zur Stärkung da, wo sie ermattet und erschöpft weinend zur Erde niederfallen werden in einem Land weit von hier, welches ‚Euehip‘ oder ‚Land der Zuflucht‘ heißt. Und in diesem Land errichte du eben auch einen Opferaltar gleich diesem hier, der fortan brennen wird, auch unter den Gewässern, die einst über die ganze Erde kommen werden, und werden wird zu einem Berg, unersteiglich für jeden sterblichen Fuß bis zur großen Zeit der Zeiten, wo er sein Haupt neigen wird in die Niederung, die da heißen wird ‚Bethlehem‘ oder die kleine Stadt des großen Königs, die einst zur größten wird auf der Erde; denn ihr Licht wird leuchten mehr denn das Licht aller Sonnen Geister der Geister. Und auf diesem neuen Altar sollst du Dankopfer bringen dem Herrn aus allen Reichen der Erde in diesem Land der Flucht, damit es genießbar werde den Sündern und stärke die Reuigen und tröste die Trauernden.“
HG|1|13|18|0|Und als der Engel beendet hatte seine Rede zum Ahbel, da erhoben sie sich und gingen ernsten Schrittes zur Wohnung Adams, welche nach seiner Macht und Kraft in runder und sehr weiträumlicher Form aus dicht aneinander frei aus der Erde hoch gewachsenen Zedern – der Gestalt nach ähnlich dem Tempel Salomos – bestand, unfern von der Reuehöhle und dem Dornbusch der Trauer, und zwei Eingänge hatte, einen engen gegen Morgen und einen weiten gegen Abend.
HG|1|13|19|0|Und siehe, es war um die Mitte der Nachtzeit – und es durfte nicht früher sein wegen des Tages des Herrn –, da trat der Engel des Herrn mit dem Ahbel an die Schwelle von Morgen her.
HG|1|13|20|0|Als der Ahbel die Schwelle betrat, da fing er an zu weinen über das große Unglück, das jetzt die Seinen treffen solle und werde.
HG|1|13|21|0|Da sagte der Engel sanften Tones zu ihm: „Weine nicht, Ahbel, du segenerfüllter Sohn der Gnade, und tue, was ich dir befohlen aus der ewigen Liebe, die durch meinen Mund redet, und erschrecke nicht über die Donnerworte, die folgen werden über diese schlafenden Sünder.“
HG|1|13|22|0|Und Ahbel tat, wie ihm der Engel befohlen hatte; und als er vollends bei den Seinigen war, da donnerte der Engel furchtbar ernst Worte des Schreckens und großer Angst über die nun erwachten Sünder und rief mit großer Kraft und Stärke:
HG|1|13|23|0|„Adam, stehe auf, gedenke deiner Schuld und fliehe von hier; denn für dich ist hier keines Bleibens mehr fürder! Denn du hast verloren das Paradies für dich und alle deine Nachkommen bis zur großen Zeit der Zeiten und einen großen Teil der Geschenke durch deine Schuld, da du vergessen hast des Tages des Herrn und hast dich berauscht vom Saft eines Gewächses, das ein Meisterstück der Schlange war, ausgedacht, zu fangen deine Freiheit, zu umstricken deine Füße und zu verwirren deine Sinne, zu vergessen Gott und dich zu schlafen machen in der groben Sünde.
HG|1|13|24|0|Somit fliehe, wohin du willst, aus dem Angesicht der Liebe! Und überall, wo du hinfliehen wirst, wirst du den gerechten Zorn Gottes treffen in der Fülle; aber der Anteil der Liebe wird dir spärlich zugemessen werden!“
HG|1|13|25|0|Und siehe, da erhob sich der Adam von der Erde mit der Eva und allen den übrigen, die da geschlafen hatten aus dem Trank der Betäubung vom Gewächs der Schlange und dadurch verloren hatten ihre Geschenke sämtlich bis auf den Ahbel, welcher nüchtern geblieben war, da er nicht getrunken hatte vom Trank der Betäubung und eingedenk blieb des Tages des Herrn (NB. wie auch ihr als wahre Kinder eines so heiligen und guten Vaters, wie Ich es bin, beständig eingedenk sein sollt der heiligen Ruhe des Sabbats als des wahren Tages des Herrn, der Ich es bin, und sollt am Sonntag tun, was euch geboten).
HG|1|13|26|0|Und als der Adam ansichtig wurde des Engels, erschrak er über die Maßen samt seinen Angehörigen, dass er nicht reden konnte auch nur ein Wort zur Entschuldigung und war wie starr vor zu großem Entsetzen; denn nun fing er erst an zu gewahren, was er und alle die Seinen getan hatten vor dem Angesicht Jehovas.
HG|1|13|27|0|Da warf er sich auf sein Angesicht nieder vor dem Engel des Herrn und weinte und flehte überlaut um Erbarmen; denn das flammende Schwert hatte ihm die Augen geöffnet, und er sah in diesem Schauderlicht der strafenden Gerechtigkeit die ganze Schwere und Größe des namenlosen Unglücks, in welches er sich und all die Seinen durch seinen Leichtsinn gestürzt hatte.
HG|1|13|28|0|Aber der Engel stand mit verbundenen Augen und zugestopften Ohren, wie ihm die Liebe des Vaters befohlen hatte, und sprach lauter denn alle Donner aus der Macht und der Kraft Jehovas:
HG|1|13|29|0|„In der Gerechtigkeit ist keine Gnade und im Gericht keine Freiheit; darum fliehe, getrieben von der strafenden Gerechtigkeit, damit nicht ereilen deinen säumenden Fuß die Gerichte Jehovas! Denn die Strafe ist der Lohn der Gerechtigkeit. Wer ihn nimmt, wie er ihn verdient hat, der kann noch auf Erbarmung rechnen; wer aber widerstrebt der Gerechtigkeit und deren Folgen, der ist ein Verräter der unantastbaren Heiligkeit Gottes; der wird anheimfallen den Gerichten Dessen, da keine Freiheit mehr ist, sondern die ewige Gefangennehmung in dem Zorn der Gottheit.
HG|1|13|30|0|Darum fliehe und weine und flehe da, wohin dich deine Füße tragen werden; und wo sie dir ihren Dienst versagen werden, da bleibe, weine, flehe und bete, damit du nicht zugrunde gehst und die Eva und alle durch dich!“
HG|1|13|31|0|Und siehe, da erhob sich Adam wieder und wollte fliehen nach dem Befehl Gottes durch den Engel; aber siehe, er konnte nicht, denn seine Füße waren wie gelähmt. Und er fing an zu zittern und zu beben am ganzen Leib; denn es gemahnte ihn die große Furcht vor dem Gericht Gottes, das ihm angedroht hatte der Engel des Herrn.
HG|1|13|32|0|Da fiel Adam wieder nieder auf sein Angesicht und weinte und schrie überlaut: „Herr, Du allmächtiger, großer Gott in Deiner großen Glorie aller Heiligkeit, verschließe nicht ganz das Herz Deiner unbegrenzten Liebe und Barmherzigkeit mir Schwachem vor Dir, und schenke mir nur so viel Kraft, dass Ich Unwürdigster zu fliehen vermöchte vor Deinen Gerichten nach Deinem allerheiligsten Willen, dem untertan sind alle Deine Geschöpfe, wie ich vom Scheitel bis zur Sohle. Herr, erhöre mein Flehen!“
HG|1|13|33|0|Und siehe, da sprach die ewige Liebe durch den Mund des Engels – wie Ich jetzt durch deinen unreinen – zu Ahbel:
HG|1|13|34|0|„Ahbel, siehe den Vater deines Leibes; greife ihm unter die Arme! Und siehe sein Weib, die Eva schmachten auf der Erde, die Mutter deines Leibes, und richte sie auf, damit sie beide durch dich, und alle übrigen gestärkt werden zur Flucht und der gute, heilige Vater Freude an dir habe, da du Liebe erzeigst deines Leibes schwachem Vater, wie auch dessen hinfälliger Mutter, und so auch allen deinen Brüdern und Schwestern, ob sie gesegnet oder nicht gesegnet sind; denn deine Kraft wird sie stärken, und die Fülle des Segens in dir wird sie erquicken! Und so mit der Hand der kindlichen Liebe und mit der Hand der brüderlichen Treue führe sie ja mit aller Geduld und Liebe bis zur Stelle, die Ich dir dadurch anzeigen werde, da sie alle erschöpft niedersinken werden.
HG|1|13|35|0|Da bleibe und lasse ausruhen die Ermüdeten; und du sammle dich da vor Mir, damit Ich dir Kräfte verleihe in der großen Fülle zur Stärkung für deine Eltern nach dem Maße ihrer Benötigung und Annahmefähigkeit und zur Erquickung deiner Brüder und Schwestern nach ihrem Bedarf und nach ihrer Aufnahmefähigkeit. Und nun tue, was Ich dir befohlen habe, aus Liebe für sie und aus Gehorsam gegen Mich!“
HG|1|13|36|0|Und siehe, da wurde der fromme Ahbel von großer Barmliebe durchdrungen, kniete nieder und dankte Gott aus dem innersten Grunde seines Herzens, in Tränen zerfließend, und ergriff dann, gestärkt von oben, die Hände der schwachen Eltern und tat aus großer Liebe, was ihm der Herr hatte befohlen.
HG|1|13|37|0|Und als der Adam gewahrte seinen Sohn ihm helfen und der Mutter auch, wie allen übrigen, da sprach Adam gerührt: „O du mein lieber Sohn, da du kamst mir zu helfen in dieser unserer großen Not, so nehme denn auch all meinen Segen hin zum Dank und zum Trost deines schwachen Vaters und deiner schwachen Mutter!
HG|1|13|38|0|Und danke du dem Herrn, der du noch würdig bist der Liebe des heiligen Vaters, an meiner und unser aller statt, die wir uns unwürdig gemacht haben, auszusprechen Seinen allerheiligsten Namen!
HG|1|13|39|0|Und so lass uns denn fliehen nach dem Willen des Herrn!“
HG|1|13|40|0|Und siehe, da schwang der Engel das Schwert der Gerechtigkeit, und sie flohen sämtlich eilenden Schrittes Tage und Nächte fort und fort ohne Ruhe und ohne Rast.
HG|1|13|41|0|Und als sie so gelangten in das schon benannte Land, da die Sonne über ihrem Scheitel stand und heftig brannte; und kein Gras war zu sehen auf dem Boden ringsherum bis in die weiten Fernen, und auch kein Baum und kein Gesträuch. Und siehe, da sanken Adam und Eva mit den übrigen ermattet und ganz erschöpft in den heißen Staub zur Erde nieder und schlossen ihre Augen, von der Macht des betäubenden Schlafes gedrückt, und schliefen wie bewusstlos, gefesselt von den Schlingen der Schwäche in der Ungnade.
HG|1|13|42|0|Und siehe, da trat der Engel des Herrn, der sie bis hierher sichtbar verfolgt hatte, hin zum Ahbel, der da stand in vollster Frische der Macht und Kraft von oben, und sprach:
HG|1|13|43|0|„Ahbel, siehe, von allen Opfern, die du in aller Reinheit deines Gemütes dem Herrn der Heiligkeit dargebracht hast, war keines größer als dieses und keines ihm so wohlgefällig! Daher nehme nach dem Willen von oben dieses Schwert der Gerechtigkeit aus der Hand deines Bruders von oben denn siehe, so sind wir Kinder eines und desselben heiligen Vaters, und walte und schalte damit nach der Macht der Weisheit und nach der Kraft der Liebe zum Besten der Deinigen, und entzünde in ihnen die schwach gewordene Kraft des Lebens, und mache erbrennen die Liebe zur Liebe des heiligen Vaters von neuem, und fache an die Flamme der gerechten Furcht Gottes in ihren Herzen. Ich aber werde dich nicht verlassen, sondern unsichtbar und, wann du willst, auch sichtbar an deiner mir übergeliebten Bruderseite stehen, allzeit bereit, dir zu dienen in dem Willen des Herrn.
HG|1|13|44|0|Denn siehe, die Übergabe des Schwertes aber bedeutet deine vollste Freiheit gleich der meinigen, und so ist der Wille des Herrn der deinige geworden und hat dich gestellt über alles Gesetz und hat die Gebote gemacht zu deinem Eigentum, und nun bist du gleich mir ein unsterblicher Sohn der Liebe des heiligen Vaters im reinen Lichtreich der freien Geister!
HG|1|13|45|0|Und nun tue nach deiner Liebe und deiner Weisheit deinen Eltern und Geschwistern des Leibes!“
HG|1|14|1|1|Ahbel erfleht die Gnade des Herrn. Adams Reue
HG|1|14|1|0|Und siehe, da fiel Ahbel auf seine Knie nieder, durchdrungen von zu großer Freude über die so übergroße Gnade von oben, und sprach: „O Du großer, überheiliger und überguter lieber Vater, siehe hier Deinen kleinen Diener vor Dir im Staub und im Gefühl der allertiefsten Unwürdigkeit zu Dir Allmächtigem und Allerbarmendem aus der untersten Tiefe empor zu Deiner höchsten Höhe blicken und vernehme das Flehen eines Kindes um Gnade für seine schwachen Eltern und für alle seine Brüder und Schwestern, und nehme die Kraft mir nicht, die aus Dir mir ist ein übergroßes Geschenk, und lasse sie gnädig ausströmen über sie zur Vergebung der Sünde und zur Wiedergewinnung des Lebens aus Dir in erforderlicher Macht und Kraft!
HG|1|14|2|0|Und umgestalte barmherzig und gnädig diese Gegend nach Deinem allerhöchsten Wohlgefallen, damit sie fruchtbar werde und die Schwachen Nahrung fänden zur Stärkung ihrer Glieder und ihren brennenden Durst stillen möchten an einer frischen Wasserquelle und auch Tiere möchten kommen, tauglich, ihnen zu dienen, gehorchend ihrem Willen.
HG|1|14|3|0|O Du großer, überheiliger und überguter lieber Vater, erhöre mein schwaches Flehen, damit Dein heiliger Name verherrlicht werde in den Herzen Deiner Reuigen!“
HG|1|14|4|0|Und nun siehe und höre, was da geschah, als der fromme Ahbel vollendet hatte das Mir wohlgefällige Gebet: Und siehe, da fing ein kühlender Hauch an hinzuwehen über die starre Wüste, und lichte Wolken umhüllten den weiten Raum des Himmels, und es fing an zu regnen über die ganze Wüste, und mitten unter dem Regen fielen Samenkörner aller Art in die vom häufigen, starken Regen Jehovas gemachten kleinen Furchen des sonst wüsten Sandes. Und im Augenblick war die weite Wüste grün geworden von Gras, Pflanzen, Gesträuchen und Bäumen tausendartig, und an der Stelle, da der fromme Ahbel, betend im Geiste und in der Wahrheit zu Mir, kniete, stieg ein großer Baum fast bis zu den Wolken empor mit weiten Ästen und breiten Blättern, voll behangen mit Brotfrüchten lieben und süßlichen Geschmackes, und es ward ihm der Name ‚Bahahania‘ (oder ‚Stärkung und Labe den Schwachen‘, auch wohl bei euch jetzt noch als ‚Brotbaum‘ bekannt) gegeben.
HG|1|14|5|0|Und aus den segentriefenden lichten Wolken sprach eine sanfte Stimme zum frommen Ahbel: „Ahbel, du Mein lieber, freigewordener Sohn, schwinge mit der linken Hand das Schwert über die Schlafenden, und erwecke sie zur Reue und zur Besserung ihres Wandels vor Mir in aller Zukunft, und sei ihnen ein wahres Vorbild Dessen, der einst kommen wird in der großen Zeit der Zeiten, und sage ihnen, dass bis dorthin niemand mehr frei wird vom Gesetz, und dass die Gebote alle werden gefangen halten bis dahin und auch noch ferner, die sich nicht teilhaftig machen werden der Neugeburt durch den Sohn, welcher sein wird der Weg, das Licht, die Wahrheit und das ewige Leben als alleiniger Überwinder des Todes.
HG|1|14|6|0|Du aber bist frei als ein Engel des Lichtes und wirst aufgenommen werden, nachdem das Bild des großen Kommenden erst in kurzer Zeit ganz wird vollendet werden, dessen du dich aber erst durch deine steigende Demut, Liebe und große Frömmigkeit ganz fähig und tauglich machen musst trotz aller Verfolgungen und Misshandlungen, die dich noch treffen werden von deinen Brüdern und Schwestern zur Verherrlichung Meines Namens willen.“
HG|1|14|7|0|Und siehe, da erhob sich Ahbel abermals mächtig und durch und durch kräftig von der Erde und schwebte gleichsam zum Zeichen der wahren Freiheit über derselben in der Luft und tat, wie ihm befohlen ward.
HG|1|14|8|0|Und siehe, da strömten neue Kräfte des Lebens in die Schlafenden, und sie erwachten in der Schnelle und richteten sich auf und sahen, tief ergriffen von zu großer Verwunderung ob so großer, wohltuender Veränderung der Wüste, sich nach allen Seiten um und wollten jauchzen vor Freude. Aber da erhob sich Adam, und an seiner Seite auch Eva, und sprach zu seinen Kindern:
HG|1|14|9|0|„Kinder, jauchzt nicht und frohlockt nicht allzu früh, sondern weint und bereut mit mir und der Eva zuerst unsere große Schuld und bedenkt, was wir verloren haben! Es liegt nichts an dem irdischen Paradies und an allen seinen Gütern; denn wie ich und ihr es seht mit mir, hat uns der Herr in Seiner übergroßen, unbegrenzten Barmherzigkeit so vieles wiedergegeben, dass wir alle den Verlust der überschwänglichen Güter des irdischen Paradieses sehr leicht vergessen könnten über diesem neuen, großen, unübersehbaren Reichtum Seiner zu großen Liebe. Aber seht da die heraneilenden Tiere der Luft sowohl als auch der festen Erde, seht das Gras, die Pflanzen, die Gesträuche und all die Bäumchen und großen Bäume und die wehenden Lüfte, und fragt dieses alles, und horcht, ob euch irgendwoher eine Antwort zukommen wird!
HG|1|14|10|0|Ich tat es gleich beim Erwachen und überzeugte mich, dass all die Dinge stumm geworden sind gegen mich und verstanden den Ton meiner Rede nimmer. Das Gezwitscher der Vögel, das Geheul der Tiere, das Gesäusel dieses Quellenbächleins und all das Geräusche des Grases, der Pflanzen, der Gesträuche und all der Bäumchen und Bäume drang zwar alsobald an mein Ohr; aber wie erschrak ich und bin noch erschrocken durch und durch, da ich von allem dem nichts mehr verstand und verstehe!
HG|1|14|11|0|Aber seht, ich erschrak nicht deswegen, dass mir dieser Verstand benommen wurde, sondern ich erschrak vielmehr ob des unendlich größeren Verlustes der Gnade des heiligen Vaters über aller Kreatur und unter aller Kreatur!
HG|1|14|12|0|Alles, seht, was ich verloren habe, das habt auch ihr verloren durch mich, da ihr gesündigt habt durch mich und mit mir bis auf einen, den ich nicht mehr würdig bin meinen Sohn zu nennen, der geblieben ist in der Fülle der Gnade und in der Fülle des Segens in aller Macht und in aller Kraft rein und gerecht vor den allsehenden Augen des überheiligen und überguten Vaters, dessen Liebe und Geistes!
HG|1|14|13|0|Und das ist mein geliebter Ahbel, den uns aber der übergerechte Herr auch genommen hat, da meine Augen ihn nirgends mehr sehen, sicherlich, damit ich und ihr alle durch mich empfinden sollet, was das heißt, aus der Gnade der ewigen Liebe in die strenge Gerechtigkeit des Herrn durch die Sünde des leichtsinnvollen Ungehorsams gegen Seine so übermilden Gesetze der Liebe und gegen die so leichten Gebote der Gnade gefallen zu sein.
HG|1|14|14|0|O Kinder, beherzigt das alles wohl, was ich euch jetzt gesagt habe, und versucht und überzeugt euch selbst, ob ich die Wahrheit zu euch geredet habe; und dann kommt und urteilt selbst, um welche Zeit es ist, – ob wir aus übergroßer Reue weinen und trauern sollen, oder ob wir wohl noch irgendetwas finden mögen, was unsere Herzen erfreuen könnte!
HG|1|14|15|0|Ja, meine Kinder, nur eine einzige Freude als Geschenk Ihrer großen Gnade hat uns die ewige Liebe des heiligen Vaters gelassen – und dessen können und sollen wir uns freuen –, und das ist die große Gnade der Reue und der Trauer selbst!
HG|1|14|16|0|Seht, dies Einzige hat uns der Herr noch gelassen: die Tränen der Reue und die Zähren der Trauer! Danken wir Ihm dessen aus aller Tiefe unserer Herzen!
HG|1|14|17|0|O wie überglücklich sind wir noch, da uns der Herr noch so reichlich beschenkt hat! Was wären wir ohne diese Gnade?!
HG|1|14|18|0|Lasst daher uns im tiefsten Gefühl unserer gänzlichen Verworfenheit niederfallen zur Erde und weinen und trauern so lange, bis keine Träne und Zähre mehr fließen wird aus unseren Augen und wir dem Herrn zurückgegeben haben, was Sein ist, dessen wir gänzlich unwürdig sind, und Er dann mit uns machen möge nach Seiner allerheiligsten Gerechtigkeit, was Sein heiliger und allzeit guter Wille ist und war von Ewigkeit her!“
HG|1|14|19|0|Und siehe, da fiel der Adam mit all den Seinigen zur Erde nieder und tat, wie er es erkannt hatte durch den geringen noch zurückbehaltenen Teil der Gnade durch die stille und geheime Erbarmung der ewigen Liebe im Vater, und weinte und klagte bitterlich samt allen den Seinigen bis auf den Kahin, der zwar auch zur Erde niederfiel wie die anderen, aber sein Auge blieb trocken; und es ärgerte ihn, dass er nicht auch weinen konnte gleich den übrigen, und er stand auf und ging davon. Und als er so vor sich hinging und den grünen Boden anstarrte, siehe, da bemerkte er auf einmal eine Schlange auf dem Boden hinkriechen; da bückte er sich nieder und ergriff dieselbe, zerriss sie in Stücke und verzehrte, von Wut und Grimm ergriffen, ihr Fleisch und machte es zu dem seinigen.
HG|1|15|1|1|Das Bekenntnis des Kahin
HG|1|15|1|0|Und siehe, als der Kahin nun dieses getan hatte, da kam ihm der fromme Bruder Ahbel nach und redete ihn im Namen der ewigen Liebe folgendermaßen an:
HG|1|15|2|0|„O Bruder, warum isst du das Fleisch der Schlange, da doch der Früchte in großer Menge bereitet sind, zu stillen deinen Hunger?! Siehe, unser Vater Adam trank vom Gewächs, das er nicht kannte, wie es die Schlange schlau und listig in aller Meisterschaft ihrer grenzenlosen Bosheit zubereitet hat zu seinem und aller Nachkommen Verderben, und sündigte dadurch vor dem Herrn aller Gerechtigkeit und ihr alle durch ihn; und ich selbst ward belastet worden mit der Schwere der Schuld vor Gott und musste büßen gleich euch, die ihr alle getrunken habt vom Saft des Verderbens, und musste verlassen gleich euch das Paradies und musste auf mich nehmen eure Last körperlich und all euren Segen geistig und war belastet doppelt euretwegen.
HG|1|15|3|0|Und siehe, du isst gar das Fleisch der lebendigen Schlange samt ihrem Blut! Kahin, warum tatst du das?“
HG|1|15|4|0|Und siehe, da erholte sich Kahin von seinem Ärger, von seiner Wut und von seinem Grimm und sah den Ahbel an und sprach: „Siehe, was ich tat, das tat ich aus Rache, zu verderben der Schlange ihr Geschlecht und zu verderben mich, da ich nicht würdig ward befunden je des Segens vom Herrn, da ich doch wurde, wie ich bin, ohne meine Schuld, sondern durch die Schuld der Eltern, die vor mir waren, da ich noch nicht war, und da entstand, da sie gesündigt haben vor den Augen Jehovas.
HG|1|15|5|0|Warum muss und soll ich denn büßen eine Schuld, zu deren Entstehung ich nie etwas beitragen konnte, da ich nur die Frucht der Sünde, nicht aber die Ursache derselben bin und musste deswegen des Segens entbehren, der euch allen zuteil ward in der Fülle, und mich mühsam schleppen, da ihr sprangt wie Hirsche, belastet vom unverdienten Fluch Jehovas?!
HG|1|15|6|0|Und nun siehe die Ursache meiner Tat. Denn die Schlange im Gras redete mich an und sprach: ‚Verzehre mich, und sättige dich an meinem Fleisch, und stille deinen Durst mit meinem Blut, und du wirst werden ein Herr der Erde, und alle deine Nachkommen werden herrschen auf derselben, und ihre Kraft und Macht wird stärker sein denn die aller der Gesegneten; und ich gebe dir kein Gebot, sondern die Macht, zu herrschen, und die Kraft, dir zu unterjochen alles!‘
HG|1|15|7|0|Und siehe, so sprach die Schlange weiter: ‚Mein Fleisch wird dich vernichten in deiner ungerechten Schuld vor Gott, und mein Blut wird dir geben eine neue Wesenheit ohne Schuld, ausgerüstet mit aller Macht und Kraft!‘ Da verstummte die Schlange, und ich ergriff sie, zerriss sie und verzehrte sie, wie du es soeben sahst.“
HG|1|15|8|0|Und siehe, da wurde Ahbel ergriffen und schwang mit der rechten Hand das Schwert der Gerechtigkeit über das Haupt Kahins; und dem Kahin wurden die Augen geöffnet, und er sah sein großes Unrecht ein, da er beschuldigt hatte Gott und seine Eltern, und sah die ganze Schuld in sich und sah die unerforschlichen Wege der ewigen Liebe in Ihrer geheimen, unbegrenzten Weisheit und sah, wie er die eigentliche verführende Schlange selbst war, welche durch die unbegrenzte Erbarmung der ewigen Liebe zum Menschen wurde durch ihn, damit sie, freilich durch eine größere Prüfung, in ihrer einstweiligen segenlosen Schwäche sich dieser Schwäche bewusst werde und sich in dieser ihrer bewussten Schwäche dann endlich, selbst bestimmend in aller Freiheit ihres Wesens, zum Herrn aller Macht und Kraft wenden hätte können und sollen, woher ihr dann auch, gleich den schon Gesegneten, der Segen und dadurch die Wiederaufnahme in die große Gnade der allerbarmenden Liebe in allergrößter Fülle der Macht und der Kraft zugekommen wäre.
HG|1|15|9|0|Und er sah, dass diese Schlange, die er soeben verzehrte, er selbst war in seinem noch bösen Teil, und sah, dass er nur durch seinen Ärger dieselbe in ihrer wieder zurückgekehrten Wesenheit auf die Erde hingehaucht habe, und dass die Worte der Schlange seine eigenen waren aus dem noch innersten Fundament seines Urwesens vor aller Schöpfung der sichtbaren Welt der Materie.
HG|1|15|10|0|Und er sah noch, wie er dadurch die Schlange wieder in sich aufnahm, oder wie er sich eigentlich selbst von neuem bestärkt hatte in allem Bösen und dem daraus hervorgehenden Falschen, und sah, wie tief er nun neuerdings gefallen war in den Tod.
HG|1|15|11|0|Da fiel er, von großer Reue ergriffen, zur Erde nieder und weinte und schrie überlaut: „Großer, übermächtiger, überstarker und überheiliger Gott! Nun erkenne ich erst meine unendliche Schuld und Schwäche vor Dir, Deine Gerechtigkeit, aber auch Deine unbegrenzte Liebe!
HG|1|15|12|0|Siehe, ich bin nicht wert des Daseins; daher vernichte mich vom Grund aus ewig, damit ich fürder nicht mehr sei ewig und meine größte, alleinige Schuld damit ausgelöscht werde für alle einstigen gesegneten Nachkommen Adams und der Eva!“
HG|1|15|13|0|Und siehe, da nahm sein Bruder das Schwert wieder in die linke Hand und schwang es abermals, – aber über die Brust Kahins.
HG|1|15|14|0|Und siehe, da durchströmte neues Leben den Kahin, und der Todhunger verließ ihn; aber dafür wurde in ihm der Hunger nach Leben desto größer. Aber er konnte nicht finden, das ihn alsogleich hätte sättigen können. Und da er nichts fand, so wendete er sich abermals zum Ahbel und sprach:
HG|1|15|15|0|„Siehe, Bruder, mich hungert stark nach einer Speise des Lebens, die Leben hat in sich und nicht den Tod, so wie das Fleisch der Schlange und ihr kaltes Blut. Denn siehe, Bruder, da mir nun die Erkenntnis kam vom Grunde meines Seins, wie ich war ehedem, und wie ich jetzt bin, so empfinde ich starke Reue und einen großen Hunger und einen brennenden Durst nach der göttlichen Liebe und nach ihrer großen Barmherzigkeit! Denn siehe, ich weine ohne Stimme, und die Reue ist ohne Tränen bei mir; daher sättige mich mit der Stimme der Liebe, und lösche meinen großen Durst mit den Tränen der Reue!
HG|1|15|16|0|Denn höre und vernehme: Ich, der Größte, wurde kleiner denn der Staub; ich, der Stärkste, bin geworden schwächer denn eine Mücke; und ich, der Leuchtendste, wurde schwärzer denn der Mittelpunkt der Erde!
HG|1|15|17|0|Und so bin ich jetzt vor dir, der aus mir ward ein kleiner Geist und jetzt schon größer ist in allem, wie ich es war damals, als noch nicht war die Welt, da ich mich habe selbst gefangen in meiner allzu großen Stärke und wurde daher der Schwächste unter allen; denn da verloren, die viel hatten, vieles, die wenig hatten, weniges, und ich, der alles hatte, verlor auch alles, und alles durch meine Schuld, und die anderen ihr vieles und weniges auch nur durch meine brennende Schuld.
HG|1|15|18|0|O Bruder Ahbel, zaudre deshalb nicht, und reiche mir ein Gericht von einer Lebensspeise zur Erlangung der Stimme zum Weinen, und reiche mir Segenlosem einen Trank, damit ich nicht verschmachte in der Reue ohne Tränen!“
HG|1|15|19|0|Da betrat Ahbel wieder die Feste der Erde und ging vollends hin zum Kahin körperlich und sprach zu ihm: „Kahin, du schwacher Bruder meines Leibes und Sohn Adams und Evas, stehe auf und folge mir! Ich will dich wieder zurückführen zu den Eltern und allen den Geschwistern; da wirst du finden in der Fülle, woran dir so sehr gebricht, und sollst gesättigt werden und stillen allen deinen Durst.
HG|1|15|20|0|Aber so du satt wirst geworden sein und gelöscht wird dein brennender Durst, dann gedenke des Herrn in Seiner Liebe und Seiner erbarmenden Gnade, und bedenke, dass das Erste das Letzte und das Letzte das Erste ist!
HG|1|15|21|0|Und nun folge mir in aller Geduld und Sanftmut – und alle deine Stärke sei künftighin Geduld, und alle deine Kraft sei künftighin die Sanftmut; und so wirst auch du noch Gnade finden vor Dem, dessen Liebe unendlich ist und keine Grenzen hat in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten.“
HG|1|16|1|1|Der Auftrag des Herrn an Ahbel
HG|1|16|1|0|Und siehe, da erhoben sie sich und gingen hin, da der große Baum stand zwischen Morgen und Mittag von der Stelle aus, da sich Kahin befand, die zwischen Abend und Mitternacht war, und kamen zurück zu den Ihrigen, die noch sämtlich trauerten und weinten, auf der Erde liegend.
HG|1|16|2|0|Und als sie nun vollends bei ihnen waren, da sprach Ahbel zum Kahin: „Siehe hier der Früchte in Menge, welche sind die wahren Früchte der Reue und der Trauer; bücke dich daher nieder zu ihnen, und sättige dich, und lösche deinen Durst“
HG|1|16|3|0|Und als der Kahin nun willig tat, was ihm sein Bruder angeraten hatte durch Mich, siehe, da fing er an zu heulen mit großer Klagestimme, und aus seinen Augen stürzten Ströme von Tränen großer Reue.
HG|1|16|4|0|Und siehe, es gefiel der ewigen Liebe wohl die Reue und die Trauer; und Sie sprach durch den Mund des Engels zum frommen Ahbel, der ebenfalls zerfloss von Tränen des Mitleids, an welchen die Liebe Wohlgefallen hatte in vollem Maße, sagend:
HG|1|16|5|0|„Ahbel, du segenerfüllter Sohn der Liebe, trete hin zu Adam und zur Eva, den Eltern deines Leibes, und richte sie auf, und zeige ihnen den Baum des Lebens, den Ich gesegnet habe für euch alle zur Nahrung des Leibes einstweilen und auch zur Stärkung eurer Liebe derzeit!
HG|1|16|6|0|Und sage dem Adam, dass er neugestärkt aufrichten soll seine Kinder und soll geben seinen Kindern das Brot vom Baum des Lebens zu essen zur Stärkung ihres Leibes und ihrer Liebe; und sage zur Eva, dass sie hingehen soll zum Kahin und soll aufrichten ihn, und ihn hinführen zum Adam; und der Adam soll ihm reichen die linke Hand, erfassend dessen Rechte, und soll sodann seine Rechte auflegen auf das Haupt Kahins und soll ihn anhauchen dreimal und soll ihn aufheben siebenmal von der Erde; und so wird Kahin fähig gemacht zur allmählichen Aufnahme nach seiner Treue des Segens aus Mir.
HG|1|16|7|0|Und du, Ahbel, aber nehme das Schwert in deine Rechte, und folge Mir recht weit von hier gegen Morgen auf einen hohen Berg in einer großen Wüste! Da wirst du eine Öffnung finden; dahinein stecke das Schwert mit dem Heft, so dass seine Spitze wird zugekehrt sein dem Himmel, und dass seine beiden flammenden Schneiden zugekehrt werden die eine dem Mittag und die andere der Mitternacht.
HG|1|16|8|0|Nach dem aber knie nieder, danke Gott, bis die Flamme des Schwertes erlöschen wird, und aus dem Schwert wird ein Dornbusch werden und wird haben Beeren, rote und weiße; und lese sodann vom Busch drei weiße und sieben rote, und kehre dann wieder zu den Deinigen zurück! Und wenn du wieder da wirst heimgekommen sein nach vierzig Tagen, da errichte Mir dann, wie du es im Paradies unaufgefordert freiwillig getan hast, einen Opferaltar; da lege aber Garben und Früchte darauf, und zünde es an mit dem Feuer der Liebe, das Ich dir schicken werde von oben durch einen großen Blitz.
HG|1|16|9|0|Dann aber nehme einen Lehm von der Erde, knete ihn gut ab, mache daraus ein Gefäß, das oben weit ist und unten enge, gleich dem Herzen in dir. Dieses Gefäß fülle voll an mit reinem Wasser, und setze es dann auf den Herd Jehovas zu der Opferflamme der Liebe. Und wenn das Wasser heiß wird und zu sieden wird anfangen, so nehme zuerst die weißen Beeren und werfe sie in das siedende Wasser; dann aber nach einer kleinen Weile tue dasselbe auch mit den sieben roten. Und wenn du sehen wirst, dass die Beeren sämtlich weich werden, so nehme dann das Gefäß vom Feuer, nehme die weichen Beeren nach der Ordnung, da sie hineingetan wurden, wieder heraus mit der rechten Hand, und gebe sie in die linke, lasse sie da kühl werden, und verzehre sie dann nach der bekannten Ordnung; dann aber nehme das Gefäß mit dem Wasser, darinnen gekocht haben die Beeren des Schwertes, und schütte es auf den Herd Jehovas, und überreiche dann dieses leere Gefäß dem Vater deines Leibes.
HG|1|16|10|0|Und die Beeren werden dich stärken in der Weisheit und in der Liebe, und das Wasser wird sanft machen das Feuer der Liebe; und das Gefäß aber soll sein ein sicheres Zeichen dem Adam und allen seinen Nachkommen, wie ihre Herzen beschaffen sein sollen, ausgekocht vom Wasser der Erbarmung, in welchem Früchte der Gerechtigkeit weich geworden sind durch das Feuer der Liebe zur Nahrung den Kindern der Segenliebe und dann frei geworden sind zur Aufnahme des Geistes der Heiligkeit Gottes.
HG|1|16|11|0|Und nun gehe und erfülle genau, was Ich, die ewige Liebe, dir befohlen habe! Und nachdem dieses alles wird vollbracht sein, so werde Ich wieder zu dir und dann zu den Deinigen reden durch den Mund Meines Engels, der ein Cherub ist oder der Mund der Weisheit und Liebe des heiligen Vaters. Und nun gehe und handle!“
HG|1|16|12|0|Und nun siehe, da tat der Ahbel, was ihm geboten wurde, und entfernte sich von den Seinen, nachdem er zuvor den Segen dem Vater seines Leibes übergeben hatte nach Meinem geheimen Willen, der ihm kundwurde in seinem Herzen.
HG|1|16|13|0|Und der Adam umarmte ihn weinend, und die Eva drückte ihn an ihr Herz trauernd, und alle seine Geschwister reichten ihm gar freundlich ihre Hände zum kurzen Abschied im Geschäft Jehovas, und auch der Kahin kam hinzu und reichte ihm seine Rechte und verneigte sich vor ihm bis zur Erde; und so schied dann Ahbel unter beiderseitigen Segnungen und unter der großen Segnung von oben, begleitet von dem Engel des Herrn.
HG|1|17|1|1|Lebensregeln und Gottesdienst
HG|1|17|1|0|Und als er nun so verrichtet hatte das Werk Gottes genau und von da wieder zurückkam zu den Seinen, die ihn mit aller Sehnsucht ihrer Herzen erwartet hatten, und auch da verrichtet hatte das Opfer nach der Weisung der ewigen Liebe und dem Adam nun übergeben hatte das leere Gefäß in der Art und Bedeutung, wie es ihm anbefohlen war, da öffnete die ewige Liebe wieder den Mund des Engels und sprach:
HG|1|17|2|0|„Ahbel, du sehr gehorsamer Sohn Meiner segnenden Barmliebe, dich ernenne Ich jetzt zum Priester und Lehrer aller deiner Geschwister und zum Tröster deiner Eltern. Und so sollst du an jedem Sabbat morgens, so die Sonne aufgeht, ein Opfer bringen von den schönsten und reinsten Früchten, die Ich später noch genauer bezeichnen werde, und sollst sie des Abends, da die Sonne untergeht, anzünden mit dem Feuer der Liebe, das Ich dir zeigen werde, wie es verborgen ist natürlich in einem Stein, und wie man es bekommen kann allzeit aus demselben. Und dein Haupt sollst du nicht bedecken von der Mitternacht an bis wieder zur nächsten Mitternacht, damit dein Haupt frei sein möge zum Empfang Meiner großen Gnade; alle deine Brüder aber sollen erst ihr Haupt entblößen am Morgen und sollen es wieder bedecken am Abend. Die Schwestern deines Leibes aber sollen ihr Angesicht und ihren Kopf verhüllen den ganzen heiligen Tag über; nur die Eva darf blicken um die Mitte der Tageszeit dreimal nach dem Altar Gottes.
HG|1|17|3|0|Der Adam aber soll sein Haupt nimmer bedecken die ganze Zeit seines Seins zum Zeichen, dass er der Vater ist eures Fleisches, und ihr ihn allzeit erkennen sollt an seinem Haupt und sollt ihm Ehrerbietigkeit und Liebe bezeugen allenthalben.
HG|1|17|4|0|Wehe dem, der seinem Vater je in etwas in den Weg zu treten sich unterfangen würde! Den will Ich mit zornigen Augen anblicken; denn das Haupt des Vaters ist gleich der Heiligkeit Gottes. Jeder kann erhört werden, wenn er Reue tut im Herzen; aber wer antastet den geringsten Teil Meiner Heiligkeit, den wird das unauslöschbare Feuer derselben ergreifen und verzehren jeden Tropfen der Reuetränen in ihm, und er wird zerstört werden fürder ewiglich!
HG|1|17|5|0|Und wer aber antastet seine Mutter argen Herzens und ist entgegen ihrer Liebe, den will Ich nicht mehr ansehen in aller seiner Not. Denn die Mutter ist gleich der Liebe in Mir; wer diese verschmäht, wird hart wandeln auf den heißen Wegen Jehovas.
HG|1|17|6|0|Desgleichen auch, so ein Bruder wider den anderen ist, der wird verlieren Meine Gnade, und Meine Erbarmung wird ihm ferne sein; und so jemand missachtet seine Schwester, vor dem soll Mein Herz verschlossen werden.
HG|1|17|7|0|Denn eure Brüder sind auch Brüder Meiner Liebe, und eure Schwestern sind die Augenweide Meiner Liebe.
HG|1|17|8|0|Daher ehret den Vater, und liebet die Mutter, und seid einander gegenseitig untertan in aller Liebe, damit ihr fürchten könnt Meinen Namen Jehova, und damit ihr lieben könnt Meine Liebe und euch geleiten könnt lassen von der großen Heiligkeit Meines Geistes am Tage Meiner großen Heiligkeit dreifältig zur Erlangung der Weisheit siebenfältig für die sechs Tage der Liebe, zu handeln gerecht vor Meinen Augen.
HG|1|17|9|0|Und nun sollst du, Ahbel, auch lehren alle deine Brüder verschiedene Arbeiten, und jeglichen eine andere, damit sie einander dienen können in der Liebe und Rat geben in mannigfacher Weisheit.
HG|1|17|10|0|Und du sollst lehren deine Schwestern, zu bereiten Fäden aus dem Gras und den Pflanzen, und sollst sie auch lehren, zu flechten dieselben in breiten Streifen und zu bereiten daraus Kleider für ihre Brüder und dann auch für sich, damit die Liebe in ihrer Ordnung erhalten werde aufrecht.
HG|1|17|11|0|Dem Adam, der Eva und dir aber will Ich Kleider geben von oben, unterschieden in der Farbe, – dem Adam weiß, der Eva rot und dir blau mit gelben Enden. Diese Farben aber soll niemand nehmen für sein Kleid, sondern soll färben sein Kleid bunt; aber es soll kein schwarzer Fleck darunter sein und auch kein Riss, – außer, wer da gesündigt hätte, der soll in der Reue sein Kleid zerreißen und soll es bestreichen mit Kohlen und sein Haupt bestreuen mit Asche zum Zeichen, dass er ein Sünder ist vor Mir und zerrissen hat das Kleid der Gnade, da er sich beschmiert hat mit der Farbe des Ungehorsams und der Tod gekommen ist über ihn!
HG|1|17|12|0|Der Kahin aber soll begehren die schönste Schwester, die da heißt ‚Ahar‘ oder ‚die Schönheit Evas‘, und soll mit ihr ziehen hinaus auf die Felder und soll machen Furchen in die Erde mit dem Werkzeug, das er da schon bereitet finden wird; er soll da streuen Körner in dieselben, die er da finden wird in Menge, und soll die Frucht den ‚Weizen‘ nennen; und wenn dieser wird reif geworden sein, da der Kern wird fest geworden sein und braun die Ähren, so soll er die Körner sorgfältig auslösen von den Ähren und soll sie zerreiben zwischen Steinen, und das Mehl soll er befeuchten recht mit Wasser und soll daraus kneten einen Teig; und den Teig soll er legen hernach auf einen platten Stein, der da heiß geworden ist von der Sonne, und soll ihn darauf liegenlassen den dritten Teil des Tages, und dann soll er ihn von da nehmen und ihm den Namen ,Brot‘ geben; dann aber soll er dieses Brot nehmen, es brechen, Gott dafür danken und es dann genießen mit seinem Weibe Ahar.
HG|1|17|13|0|Und sooft er eine Ernte machen wird von seinen Äckern, so soll er auch Mir die ersten zehn Garben opfern.
HG|1|17|14|0|Wenn er Mir getreu bleiben wird, werde Ich allzeit wohlgefällig sein Opfer annehmen von der Erde; wenn er aber Meiner vergessen hat, so wird sein Opfer nicht angenommen werden und emporsteigen zum Himmel, sondern wird bleiben auf der Erde zu seinen Füßen.
HG|1|17|15|0|Und so soll er leben und mehren sein Geschlecht; jedoch soll er Mir sein Herz zuvor dreimal und das Herz Ahars siebenmal opfern. So er das unterlassen wird, dann wird seine Untreue am Tage sein, und er wird werden ein Böser, und die Schlange wird leben durch ihn und wird leben fort und fort hernach in allen seinen Töchtern, die dadurch schön werden von außen, aber desto hässlicher von innen, und werden verderben alle seine Söhne und werden anstecken mit ihrem Gift die Kinder Meiner Liebe und Mir abwendig machen Meine Söhne.
HG|1|17|16|0|Und Ich werde einst sein Geschlecht ganz vertilgen von der Erde! Das alles sage du ihm fest, und erinnere ihn dabei Meines heiligen Namens Jehova und Meines Tages des Sabbats!
HG|1|17|17|0|Dir, du Mein frommer Ahbel, aber will Ich eine Herde zeigen von sanften Tieren und sie dir geben zum Weiden. Und der Name, den du ihnen geben wirst, wird ihr rechter Name sein; und wenn du sie rufen wirst bei ihrem Namen, so werden sie dich als den Hirten erkennen und werden deiner Stimme folgen allenthalben.
HG|1|17|18|0|Und du sollst Mir also künftighin nicht mehr Früchte, wie nach der Rückkunft vom Berge Jehovas, sondern die Erstlinge deiner Herde opfern, welche sind die schönsten und reinsten Früchte, deren Ich dir schon vorher erwähnt habe.
HG|1|17|19|0|Und zwar sollst du zuvor legen dürres Holz quer über den Herd, dann das blutige Opfer darauflegen, sodann Mir danken und es dann anzünden mit dem Feuer, das Ich dir gezeigt habe, wie es im Stein ist und du es nehmen sollst aus demselben nach Meinem Rat.
HG|1|17|20|0|Und zum Zeichen, dass Mir dein Opfer wohlgefällig ist, wird der Rauch desselben allzeit gen Himmel steigen schnell, als wenn er große Eile hätte. Die Asche aber, welche du mit einem Stein zudecken sollst, sollst du auf dem Altar liegen lassen drei Tage lang; am dritten Tage aber sollst du hinzugehen und den Stein von der Asche tun, und siehe, ein schöner Vogel mit glänzendem Gefieder wird sich erheben aus der Asche und wird fliegen gen Himmel. Und dann wird kommen ein Wind und wird verwehen die Asche nach allen Gegenden der Erde zur einstigen Auferstehung alles Fleisches, welches sind die Werke der wahren Liebe durch die Weisheit des heiligen Geistes, welcher gegeben wird den Kindern in der großen Zeit der Zeiten und allen Fremden, die danach dürsten werden.
HG|1|17|21|0|Essen sollt ihr gemeinschaftlich am Morgen, um die Mitte des Tages und am Abend, – aber allzeit sehr mäßig und stets in großer Furcht des Herrn, nachdem ihr Ihm allzeit vorher und nachher gedankt habt, damit die Speise gesegnet und ihr dadurch der Tod genommen werde.
HG|1|17|22|0|So jemand dieses je unterlassen wird, der wird alsobald der üblen Folgen gewahr werden. Wer es vergessen wird dreimal, den will Ich strafen mit einem langen Schlaf; wer es aber unterlassen wird aus einer trägen Faulheit, der soll dick werden wie ein Ochse und fett wie ein Schwein und dumm wie ein Esel, und die Kinder sollen seiner spotten und lachen aus vollem Halse über das Ekelhafte seiner Gestalt. Und so er wird wieder werden wollen gleich den allzeit Gehorsamen, so wird er müssen viel fasten und essen trockenes Brot.
HG|1|17|23|0|Wer es aber unterlassen wird aus starrem Ungehorsam und aus Geringachtung dieses Meines leichten Gebotes aus Liebe zu euch, über den wird kommen die Begierde der Unzucht und aller Hurerei, da er leicht fallen wird in die Sünde und durch diese in den Tod und zu bestehen haben wird einen großen Kampf, zu bekämpfen die starke Schlange der Verführung Evas, und Ich werde ihn nicht ansehen früher, als bis er in großer Reue gesiegt hat über sein Fleisch.
HG|1|17|24|0|Am Morgen aber sollt ihr essen Früchte der Bäume; um die Mitte des Tages aber sollt ihr essen vom Baum des Lebens; und am Abend aber sollt ihr trinken Milch und Honig, den Ich für euch sammeln werde lassen auf den Ästen der Bäume von vielen Tierchen der Luft des Himmels, die ihr ‚Celie‘ benamsen sollt (was ihr heutzutage ‚Bienen‘ nennet). Der Name ‚Celie‘ aber heißt soviel als ‚die Sorge des Himmels‘. Und am dritten Tage vor dem Sabbat sollt ihr schlachten ein Schaf, es reinigen vom Blut, es dann braten am Tage beim Feuer aus dem Stein und es essen am Abend fröhlich.
HG|1|17|25|0|Und es soll auch der Kahin kommen zu euch und sein Weib Ahar und essen mit euch das Fleisch des sanften Tieres; aber sonst soll er bleiben auf dem Feld und essen sein Brot mit den Früchten alldort.
HG|1|17|26|0|Und nun wisst ihr alles, was euch dermalen nottut. Und wenn da kommen wird eine kalte Zeit über die Erde zur Stärkung derselben, dann werde ich euch schicken Kleider aus Schafsfellen von oben für Adam, Eva und dich; die Felle aber von den fürs Abendmahl geschlachteten Schafen sollen sammeln deine Brüder und sie trocken werden lassen an der Sonne und sie aufbewahren zur Bedeckung ihrer Leiber zur kalten Zeit nach dem Beispiel, das Ich dir geben werde von oben. Und wenn die Felle werden trocken, so sollen sie dieselben waschen im frischen Wasser siebenmal, worauf die Felle dann weich und rein werden, ganz tauglich zu ihrem guten Gebrauch.“
HG|1|18|1|1|Kahins und Ahbels Opfer
HG|1|18|1|0|Und nun siehe, da trat der Engel hin zum Ahbel und küsste ihn brüderlich und empfahl allen, besonders aber dem Kahin, nachdrücklich den strengsten Gehorsam zur einstigen Gewinnung der vollen Freiheit und der daraus hervorgehenden Kraft und Stärke, welche ist die große Macht der Gnade der Erbarmung der Liebe, um zu verwandeln in sich die Schlange zum Ebenbild der Liebe und daraus zu zeugen Früchte des Segens und ja nimmer des Zornes der Gottheit.
HG|1|18|2|0|Und nun siehe, du Mein dummer Schreiber und noch immer sehr alberner, träger und fauler Knecht, und höre mit beiden Ohren, was da ferner geschah. – Und siehe, da gingen alle an ihre Bestimmung und taten, wie ihnen in der allerhöchsten Liebe aus Mir geboten war, und lebten so in guter Ordnung zehn Erdkreise um die Sonne.
HG|1|18|3|0|Aber siehe, da war einmal ein sehr heißer Tag, und die Sonne brannte stärker denn sonst über den Häuptern der Kinder und über dem Körper Kahins so, dass dieser ärgerlich wurde über die große Hitze und fluchte der Sonne; aber die Kinder waren geduldig und wuschen sich mit frischem Wasser, welches sie stärkte und kräftete, und tranken auch dasselbe und löschten sich damit den brennenden Durst und lobten und priesen Gott für die so große Gnade, dass Er ihnen gelassen hatte das Bächlein für solche Zeiten der prüfenden Not aus Seiner ewigen Liebe.
HG|1|18|4|0|Und siehe, unweit der Hütte Kahins, die er errichtet hatte nach seiner Erkenntnis aus den Ästen der Bäume und sie bedeckt hatte mit dem Stroh des Weizens, floss ein gewaltiger Strom, den Ich hervorgerufen hatte aus den Tiefen der Berge, welche gleich sind den Bergen des Mondes, die da sind in der Mitte des großen Landes Ahalas (oder die Wiege der Kinder der Schwachen und der Nachkommen Adams – und ist das alte Land, das ihr noch heutzutage ‚Afrika‘ nennt).
HG|1|18|5|0|Und siehe, Kahin wollte nicht gebrauchen das Wasser und wurde faul und träge in der großen Hitze und wusste nicht, was er tun sollte, und wendete sich auch nicht zu Mir um Rat, und noch weniger an seinen Bruder Ahbel.
HG|1|18|6|0|Und siehe, da kam der Sabbat des Herrn, und somit auch die Zeit der Opferung. Da nahm Kahin zehn Garben, da keine Frucht mehr innen war, aus ärgerlicher Trägheit wegen der großen Hitze, weil ihm die vollen zu schwer waren zu tragen zu seinem Opferaltar und es ihm leid geworden war um die Frucht, dass sie umsonst verbrennen sollte, woraus er dreimal Brot bereiten konnte für sich. Und so ward er argen Sinnes und legte das leere Stroh auf den Altar und zündete es an; aber siehe, der Rauch stieg nicht zum Himmel, sondern fiel zur Erde nieder, worüber der Kahin noch ärgerlicher wurde in seinem Herzen.
HG|1|18|7|0|Zugleich aber zündete auch der fromme Ahbel sein Opfer vor den Augen des Herrn an und sprach, ganz durch und durch ergriffen: „O Du guter, heiliger Vater, der Du mich Schwachen mit aller Deiner Kraft Deiner heißen Liebe durch das große Auge Deiner Sonne so gnädig anschaust! Deine große Liebe brennt zwar meine Haut, aber mein Herz schlägt Dir in dieser großen Wärme Deiner unermesslichen Liebe zu uns Sündern desto heftiger entgegen.
HG|1|18|8|0|Ach, einst brannte die Erde Dein Zorn, o Jehova; aber jetzt brennt die Liebe aus Dir, o Du heiliger Vater!
HG|1|18|9|0|O wie süß ist dieses Brennen des reinen Feuers des Lebens aus Dir; es ist eine heilige Vorschule, die mich erst fähig machen soll zur einstigen Aufnahme des reinsten Lebens aus Dir! Oh, wie unermesslich gut musst Du, heiligster Vater, sein, da Du uns schon hier auf dieser Erde so stark empfinden lässt die unbegreifliche Größe Deiner großen Gnade!
HG|1|18|10|0|Ja, dieses Feuer, das ich Dir angezündet habe aus meiner schwachen Liebe, wie kalt ist es gegen das Deinige und wie klein und wie dunkel gegen das, das auf uns Unwürdige herabstrahlt aus Deiner weiten Sonne, die da ist ein kleiner Tropfen aus dem unermesslichen Meer Deiner unbegrenzten Erbarmung!
HG|1|18|11|0|Daher nehme aber doch gnädig auf auch dieses mein kleines Opfer von mir für uns alle als ein geringes Pfand unserer heißgemachten Liebe zu Dir, Du allerbester, allerheiligster Vater, und behalte uns beständig in dieser Deiner heißen Liebe, die Du uns jetzt alle so gnädig empfinden lässt aus Deiner Sonne, amen.
HG|1|18|12|0|Und Dein sei alle Macht und Kraft über alles, was da ist auf der Erde vor Dir; und nur Du allein bist würdig, allen Preis, alle Ehre und allen Ruhm zu nehmen von uns, die wir durch Deine große erbarmende Gnade uns nennen dürfen Deine gesegneten Kinder, amen.“
HG|1|19|1|1|Kahin erschlägt Ahbel
HG|1|19|1|0|Und siehe und höre weiter: Es standen aber die beiden Opferherde Ahbels und Kahins nicht ferne voneinander, und es war die ganze Entfernung siebenmal zehn Schritte, und war der Herd Ahbels gelegen gen Morgen und der des Kahins gen Abend.
HG|1|19|2|0|Und siehe, als nun der Kahin bemerkte, dass der Rauch des Ahbels emporstieg zum Himmel und der seine aber niederfiel zur Erde, da ergrimmte Kahin in seinem Herzen; aber sein Gesicht machte er glatt, dass man nicht merken sollte seinen Grimm, während Ahbel betete für Kahin, da er merkte dessen Schalkheit.
HG|1|19|3|0|Und der Herr vernahm das Flehen Ahbels und ließ nach dessen frommem Wunsch Seine Stimme hören den ergrimmten Kahin und sprach mit starker Stimme:
HG|1|19|4|0|„Kahin, warum bist du Mir ungetreu geworden und ließest einnehmen vom Grimm dein Herz, und warum verstellst du deine Gebärde und lügst mit deinen Augen? Du führst Böses im Sinne gegen Ahbel! Ist es nicht also? – Verneine es, wenn du es kannst!
HG|1|19|5|0|Ich habe vernommen, da du fluchtest Meiner Sonne, und sah die leeren Garben, mit denen du Mich abgespeist hast in deiner Trägheit und in deinem Geiz, und habe dich auch mehrere Male gesehen Hurerei treiben in deiner großen Faulheit, da du fast allzeit hast unterlassen, was dir geboten war zu tun, bevor du beschlafen möchtest dein Weib. Und sage, ist es nicht also?
HG|1|19|6|0|Und siehe, Ich habe dir geduldig zugesehen und ließ nicht auf dein Haupt fallen Meine strafende Rechte und ergrimmte nicht über dich in Meiner Heiligkeit. Daher erwäge Meine Worte, und werde fromm in deinem Herzen, und du sollst Mir angenehm sein, und dein Opfer wird wieder aufgenommen werden; wogegen du aber verharrst in der geheimen Bosheit deines Herzens, so hat die Sünde vor deiner Türe eine Ruhestätte sich bereitet und wird herrschen über dich, und du und alle deine Nachkommen werden Sklaven und Knechte werden derselben, und der Tod wird kommen über euch alle.
HG|1|19|7|0|Daher lasse ihr jetzt nicht ihren Willen, dass sie herrsche über dich, sondern breche kräftig denselben, und mache ihn dir untertan, damit du frei werdest, – ein Herr deines Willens, der böse ist vom Grunde aus, da er aus dir ist und nicht aus Mir!“
HG|1|19|8|0|Und siehe, da bückte sich Kahin nieder zur Erde, als wollte er bereuen seine Schuld. Aber siehe, da gewahrte er zu seinen Füßen eine Schlange und erschrak heftig vor derselben und erhob sich schnell wieder von der Erde und wollte hinfliehen zum Ahbel; aber siehe, da umschlang die Schlange seine Füße, dass er nicht konnte verlassen die Stelle.
HG|1|19|9|0|Und die Schlange erhob ihren Kopf und öffnete ihr Maul und bewegte ihre Doppelzunge und sagte zu Kahin: „Warum willst du fliehen vor mir? Was habe ich dir getan? Siehe, ich bin ein Wesen gleich dir und muss kriechen in dieser elenden Gestalt; erlöse mich, und ich werde sein gleich dir und schöner denn dein Weib Ahar, und du wirst werden gleich Gott, stark und mächtig über alles, was ist auf der Erde!“
HG|1|19|10|0|Und siehe, da sprach der Kahin zur Schlange: „Siehe, du lügst; denn als ich dich im Gras fand, zerriss und verzehrte, hast du mich betrogen! Und wie soll ich nun deinen Worten trauen?! Denn ich musste damals viel leiden deinetwegen; daher kenne ich deine Lüge und kann nimmer trauen deiner Stimme. Und hast du nicht auch vorher vernommen die Worte Jehovas von oben?
HG|1|19|11|0|Daher, so in dir irgendeine Erkenntnis der Wahrheit ist, so deute mit deiner Stimme mir das alles, und überzeuge mich vom Gegenteil, so will ich dir glauben und tun nach deinem Verlangen!“
HG|1|19|12|0|Und siehe, da sprach abermals die Schlange, sagend: „Siehe, an allem dem ist dein Bruder Ahbel schuld! Er will an sich reißen die Gewalt zu herrschen, um dich als den Erstgeborenen deines Rechtes zu berauben; und alles dieses stellt er so listig an, dass er sogar die Liebe der Gottheit blendet und fromm tut vor Deren Augen, damit Sie ihn ja möge herrschen lassen über alles, was da ist auf der Erde, und dich aber trete spottend mit seinen Füßen. Denn damals, als du mich im Gras fandest und getan hast, was ich dir anriet, wärest du ein Herr geworden über alles, wenn es die tückische Schlauheit deines feinen Bruders nicht zuvor entdeckt hätte, was mit dir hätte vorgehen sollen, – der dann gleich zu dir kam aus erheuchelter Bruderliebe, gleichsam als wollte er dir helfen; ja, er hat dir auch geholfen, aber nicht auf den Thron, der dir allein gebührt, sondern ins Elend und in eine gänzliche Nichtigkeit deines erhabenen Wesens, was du doch bei dir schon lange hättest verspüren sollen.
HG|1|19|13|0|Siehe, sogar um diese Kleinigkeit war er dir neidig, da der Herr dein Opfer aufgenommen hatte wie das seinige, und wusste durch seine schändlichen Schmeichelkünste dahin zu lenken den ohnehin schwachen Willen des Jehova, dass Er dein Opfer verstieß, und dir obendrauf noch eine recht derbe Zurechtweisung hat müssen über den Hals kommen lassen.
HG|1|19|14|0|Und siehe, es war ihm schon nicht recht, dass der Herr dich nicht alsogleich vernichtet hat. Daher siehe nur hin, wie er, noch arglistig betend, den Herrn bereden will, dass Er an dir das vollziehen soll, was Er jetzt gnädig noch unterlassen hat.
HG|1|19|15|0|Und nun siehe, das ist aber die große Tücke Ahbels, dass er durch seine allerschändlichste, gleisnerische Heuchelei den Herrn dahin zu bringen willens ist, dass Er ihm am Ende alle Seine Macht in Seiner Verblendung übergeben wird, worauf dann dieser Ahbel Ihn vom Thron stürzen wird. Und so wird dann Gott schmachten auf der Erde; er aber wird ein herrschender Gott sein auf dem Throne Jehovas ewig.
HG|1|19|16|0|Daher mache dich jetzt auf; es ist das letzte Mal, dass ich noch imstande bin, dich zu versehen mit der nötigen Kraft, zu retten Gott und dich! Daher gehe schnell hin zu ihm und rede ihn mit süßen Worten an, damit er dir folge hierher willig! Da aber will ich ihn festnehmen bei den Füßen und Händen; du aber nehme dann einen Stein, schlage ihn stark aufs Haupt, und so wirst du ihm den Tod geben, den er durch den Jehova dir hat androhen lassen. Und so wirst du befreien dich von dem sonst sicheren Tode und wirst die Augen öffnen der blinden Liebe des betrogenen Gottes, der dich dann machen wird zum Herrn auf der Erde und wird dir untertan machen den Tod der Sünde.“
HG|1|19|17|0|Und nun, so überredet in der Bosheit seines Herzens, verließ Kahin diese Stelle und ging hin zum Ahbel und sagte mit süßer Stimme zu ihm: „Bruder, komme doch her zu mir, und befreie mich von der Schlange, die mich abermals zugrunde richten will!“
HG|1|19|18|0|Und der Ahbel aber erwiderte ihm: „Das, was du glaubst, das erst geschehen möchte, ist schon geschehen. Was du aber verlangst in deiner Verdorbenheit von mir, will ich dir tun in meiner Liebe. Der Tod, den du mir zu geben gedenkst, wird kommen über dich; und mein Blut, mit dem du die Erde tränken wirst, wird schreien zu Gott und wird kommen über dein Haupt und über alle deine Kinder; und der Stein, mit dem du deinen Bruder erschlagen wirst, wird ein Stein des Anstoßes werden, und es werden zerschellen an ihm alle deine Kinder; und die Schlange aber wird verderben alles Blut der Erde, und die Kinder des Segens werden Rache schreien über dein Blut; und dann wird kommen über euch eine große Finsternis, und niemand wird verstehen die Stimme seines Bruders, wie du die meinige jetzt schon nicht mehr verstehst, da du dich hast blenden lassen von deiner eigenen großen Bosheit durch die Gestalt der Schlange in dir und außer dir, welche war, ist und sein wird ewig der wahre Fluch des gerechten Gerichtes Gottes!
HG|1|19|19|0|Und siehe, wie mir gezeigt hat der Herr den Plan aller deiner geheimen Bosheit und mich hat wissen lassen deinen großen Grimm, so weiß ich, was du machen willst und wirst mit mir und warum!
HG|1|19|20|0|O du, dessen Blindheit dauern wird bis ans Ende aller Zeiten der Zeiten, führe mich denn hin als schuldloses Opfer, und tue mir nach deiner Bosheit in und außer dir, damit deine Schlange zum ewigen Lügner gestraft werde und du erfahren mögest hernach an dir, wer von uns beiden der Betrogene ist!
HG|1|19|21|0|Und die Schande, die du angetan hast dem Herrn, wird dich gefangen nehmen, und nach der Tat werden dir deine Augen und deine Ohren aufgetan werden, damit du sehen mögest, wie mich der Herr aufnehmen wird zu Sich als das letzte Ihm wohlgefällige Opfer aus deiner Hand; denn fürder wird kein Opfer, sondern der Tod dir gegeben werden, durch den du deinen Bruder geopfert hast.
HG|1|19|22|0|Und siehe, ich habe alle Macht über dich, und es wäre mir ein Leichtes, dich zu vernichten so wie jenen Berg dort jenseits des Stromes gegen Mitternacht!
HG|1|19|23|0|Und siehe, ich werde den Berg anrufen und sagen: ‚Hier bin ich, Ahbel, der Gesegnete des Herrn, voll der Macht und der Kraft des heiligen Geistes; darum verschwinde und werde zunichte, damit Kahin erfahre, wie groß seine Lüge ist!‘
HG|1|19|24|0|Und nun siehst du, Kahin, wie der mächtige Berg verschwunden ist aus dem Dasein durch die mir innewohnende Kraft des Geistes der Liebe. Und siehe, ein ebenso Leichtes wäre es mir, zu vernichten dich! Aber damit du sehest, dass in Gott keine Schwäche und in deinem Bruder keine schändliche Herrschsucht ist, so folge ich dir wie ein Lamm willig zur Schlachtung.“
HG|1|19|25|0|Und siehe, da nahm Kahin den Ahbel gar freundlich beim Arm und sagte: „Ahbel, was denkst du von mir!? Ich suche deine Hilfe, und du willst mich schon im Voraus beschuldigen des Todes an dir; so komm, und folge mir hin zur Stelle, da die Schlange deiner harrt, und vernichte sie wie den Berg, und mache mich frei und dich los vom Vorwurf der Schlange!“
HG|1|19|26|0|Und der Ahbel erwiderte ihm kurz: „Welches ist der Unterschied zwischen dir und der Schlange? Meinst du Blinder, dass auch ich ein Brudermörder sei? Darum folge ich dir und sterbe fürs Leben und du leben bleibst für den Tod!“
HG|1|19|27|0|Und siehe, das waren Ahbels letzte Worte an den Kahin, und von den Lippen Ahbels kam kein Laut mehr zu den Ohren Kahins; und so folgte er willig, wohin ihn Kahin führte.
HG|1|19|28|0|Und als sie nun vollends an die Stelle gelangten, wo die Schlange des Kahin harrte, da war die Stelle, da Kahins Tücke offenbar wurde und umschlang die Füße Ahbels und dessen Hände und warf ihn zur Erde nieder, nahm einen großen Stein und zerschmetterte damit den Kopf Ahbels, dass sein Blut und sein Mark weit herum bespritzte die Erde.
HG|1|19|29|0|Und die Schlange löste sich von den Füßen Ahbels, nahm den Stein in ihren Rachen und trug ihn vor die Türe Kahins und verbarg sich in den Sand unter dem Dorngestrüpp, frei.
HG|1|20|1|1|Kahins Flucht
HG|1|20|1|0|Und siehe, da zogen von allen Seiten her schwarze Wolken über dem Haupt Kahins zusammen, und große Blitze zuckten nach allen Richtungen, begleitet von starken Donnern; und es fingen an zu toben von allen Seiten her heftige Windsbräute und schleuderten große Massen von Hagel über die fruchtbeladenen Felder und zerstörten sie bis in den Grund. Und das war der erste Hagel, der geworfen wurde herab von den Himmeln, und der Hagel war ein Zeichen der Liebe ohne Erbarmung, da die Gottheit in Ihr beleidigt wurde von neuem durch die Untat Kahins an seinem Bruder Ahbel.
HG|1|20|2|0|Und siehe, der böse Kahin floh in seine Hütte und fand sein Weib zitternd am Boden liegend und einige seiner meistens ungesegneten Kinder wie Tote neben ihr. Da schauderte er zusammen und fluchte der Schlange und ging aus der Hütte und fand den Stein, welchen die fliehende Schlange vor seine Türe gelegt hatte, daselbst, da er über denselben hinglitt und gewaltig zur Erde niederfiel und abermals fluchte der Bosheit der Schlange und dem todbringenden Stein.
HG|1|20|3|0|Und da er sich wieder aufgerichtet hatte mit seinem schmerzerfüllten Leib, so ging er an das Ufer des sehr nahen Stromes, um aufzusuchen die verfluchte Schlange und sie zu zerstören und zu vernichten.
HG|1|20|4|0|Aber siehe, als er nun vollends ans Ufer kam, da sah er ein grässlich Ungeheuer, sechshundert und sechsundsechzig Ellen lang, sieben Ellen breit und dick, versehen mit zehn Köpfen, ihm entgegen stromaufwärts schwimmen und sah noch, wie auf jedem Kopf zehn Hörner gleich einer Krone herauswuchsen.
HG|1|20|5|0|Und siehe, als diese ungeheure Schlange nun vollends in seiner Nähe war, da redete sie ihn aus allen ihren Köpfen zugleich an und sagte: „Nun, du starker Kahin, Mörder deines Bruders Ahbel, hast du Lust, mit mir es aufzunehmen, so beginne dein Zerstörungswerk!
HG|1|20|6|0|Einst im Gras, da ich noch schwach war, da konntest du mich wohl zerreißen und verzehren mein Fleisch und Blut; allein jetzt dürfte dir ein ähnliches Werk an mir wohl nicht gelingen, denn die gute Kost, die du mir bereitet hast vom Blut deines Bruders, hat mich groß und stark gemacht. Und nun, so du noch willens bist, mich zu zerstören, so fange an, deine Rache zu tränken mit meinem Blut. Da du aber nur zehn Finger und nicht zehn Hände hast und daher nicht ergreifen kannst jeglichen der Köpfe zugleich, so werden dich die übrigen acht zerstoßen mit ihren Hörnern und dich verzehren mit ihren acht Mäulern!“
HG|1|20|7|0|Da erschrak der Kahin heftig und floh aus dem Gesicht der Schlange und fluchte abermals der Schlange und sah, wie gewaltig er betrogen worden war von der Schlange. Da dachte er: ‚Wer wird mich jetzt versöhnen mit dem ewig gerechten Gott, da mein Bruder Ahbel nicht mehr ist?! O du dreimal verfluchte Schlange, – du bist der Mörder meines Bruders und wolltest nun der meine werden! Oh, wenn ich wüsste, dass du zugrunde gehen müsstest, wenn ich zugrunde ginge, siebenmal würde ich seinen Tod an mir selbst rächen!‘
HG|1|20|8|0|Und siehe, da stand die Schlange hinter ihm in der Gestalt eines überaus reizenden Fräuleins und sprach zu ihm: „Kahin, tue das, und ich werde dein Fleisch aufzehren und trinken dein Blut, und so werden wir dann wieder vollkommen eins sein und beherrschen alle Welt.“
HG|1|20|9|0|Und Kahin blickte das schmucke Fräulein an und sagte: „Ja, das ist deine wahre Gestalt; so bist du am fürchterlichsten! Wer dich sehen wird mit deinen zehn Köpfen, der wird dich fliehen wie ein Gericht der Gottheit; zu dem du aber kommen wirst in dieser Gestalt, der wird dir nachlaufen, dich fangen, dich lieben mehr denn Gott und sich für den Glücklichsten halten, so du ihn ergreifen wirst mit deinen allzeit todbringenden Händen, und die Menschen werden dir errichten Tempel und Altäre und lecken deinen Speichel und essen deinen Kot.
HG|1|20|10|0|Und hätte ich dich nicht gesehen mit den zehn Köpfen, so wäre auch ich dein Sklave geworden; aber nun kenne ich dich ganz und verabscheue dich in dieser Gestalt mehr denn in der früheren zehnköpfigen.“
HG|1|20|11|0|Da sprach das schöne Fräulein wieder: „Aber Kahin, wie magst du wohl fürchten diese zarten Glieder an mir und diese meine weiche Brust?“
HG|1|20|12|0|„O schweige“, sprach da Kahin, „deine zarten Glieder sind ebenso viele Schlangen voll bitteren Giftes, und unter deiner weichen, aufgedunsenen Brust ruht ein undurchdringlicher Panzer, mit welchem und an welchem deine Schlangenarme erdrücken werden mein armes und schwaches Geschlecht! Denn so gestaltet wirst du dir selbst den Riesen Leviathan zu deinem allergehorsamsten Diener machen!“
HG|1|20|13|0|Und nun siehe, da entzündete sich das Schlangenweib aus ihrem inneren Grimm, so dass ihr ganzes Wesen strahlte gleich der Sonne, und nahm an die Gestalt Ahbels gar freundlichen Gesichtes und sprach abermals zum Kahin:
HG|1|20|14|0|„Kahin, du blinder Tor, mein böser Bruder, siehe, den du hast erschlagen mit einem Stein, der steht nun verklärt vor dir und bietet dir seine Hand, dich auszusöhnen mit ihm, und fürchte nicht die Gestalt der Schlange, die du selber bist! Wer war’s denn, du oder die Schlange, der untreu wurde dem Herrn? Beschliefst du oder die Schlange dein Weib gleich den Hunden ohne die vorher allzeit gebotene Opferung? Warst du’s oder die Schlange, der da fluchte der Hitze und in der großen Trägheit dem Herrn leeres Stroh opferte? Sage, ergrimmte die Schlange oder du in deiner bösen Eifersucht wider deinen Bruder? Und war die Schlange nicht vielmehr eine äußere Erscheinlichkeit deines eigenen Bösen in dir, durch welches du dich selbst beredet hast in deinem großen Wahn, zu töten deinen Bruder?
HG|1|20|15|0|Und wie fluchst du da nun der Schlange, die du doch selber bist, und hältst noch am Ende in einem noch größeren Wahn deinen eigenen Bruder für die personifizierte Schlange?! Und sagte dir nicht dein eigener Bruder, da er noch lebte körperlich – als du hingingst ihn zu holen zum Tode, vorgeblich in deiner großen Schalkheit, dass er dich befreien möchte von der Schlange –, ob du meintest, dass auch er ein Brudermörder wäre?
HG|1|20|16|0|Sage und antworte, ob es nicht so ist; und ist es anders, so fluche erst der Schlange, und halte nicht mich, der daherkam von oben dir zu helfen als verklärter Bruder, für die Schlange, sondern dich selbst, und reiche mir deine noch vom Bruderblut befleckte Hand, damit sie von meiner Bruderliebe gereinigt werde von ihrer großen Schuld und du dann wieder Gnade finden könntest vor den Augen des Herrn!“
HG|1|20|17|0|Und siehe, da wurde Kahin gefangen in seiner Blindheit vom Satan und wollte schon reichen dem Verführer die Hand. Aber siehe, da schlug ein gewaltiger Blitz vom Himmel zwischen dem Lügner und dem Kahin, und der vorgebliche Ahbel lag als Schlange am Boden, und der Kahin zitterte am ganzen Leibe, erwartend das sichere Gericht von oben.
HG|1|20|18|0|Und siehe, da sprach Jehova aus den Wolken: „Kahin! Wo ist dein Bruder Ahbel, – wo hast du ihn hingetan?“
HG|1|20|19|0|Kahin aber ermannte sich bald durch den Anblick der Schlange am Boden und sagte: „Wie fragst Du mich darob? Bin ich denn ein Hüter dessen?“
HG|1|20|20|0|Und die Stimme Jehovas sprach heftiger denn früher: „Das Blut deines Bruders, damit du die Erde hast getränkt, schreit zu Mir! Ich habe deine Tat gesehen; wo ist Ahbel, dein Bruder?“
HG|1|20|21|0|Und Kahin aber sprach: „Herr, meine Sünde ist so groß, dass sie mir nie mehr vergeben werden kann!“
HG|1|20|22|0|„Ja“, sprach Jehova, „daher sei du verflucht auf der Erde, die Ahbels Blut verschlang; und wenn du auf derselben künftighin einen Acker machen wirst, so wird er dir kein Brot mehr geben, und du sollst fürder unstet und flüchtig herumirren auf derselben ohne Dach, wie ein reißendes Tier, und sollst dich ernähren von Dornen und Disteln!“
HG|1|20|23|0|Da erschrak der Kahin gewaltig und sagte mit bebender Stimme: „Herr, Du Allgerechter, siehe, Du treibst mich heute aus diesem Land, und ich muss fliehen vor Deinem Angesicht und unstet und flüchtig sein auf der Erde. Und mir Armem wird’s dann ergehen, dass mich totschlagen wird, wer mich findet; daher sei gnädig mir der Meinen wegen!“
HG|1|20|24|0|Und siehe, da sprach Jehova: „Nein, es soll niemand totschlagen den Kahin, – sondern wer den Kahin töten würde, der soll getötet werden siebenmal! Damit sich aber niemand an dir vergreife, so will Ich dich bezeichnen an der Stirne mit einem schwarzen Fleck, damit dich niemand mehr erkennen und erschlagen soll.“
HG|1|20|25|0|Und nun siehe, da floh Kahin mit den Seinen aus Meinem Angesicht weit jenseits Heden in ein tiefgelegenes Land Nhod. Heden aber war ein schönes Kleinhügelland, voll von den besten Früchten; da gefiel es Kahin, und er wollte sich niederlassen daselbst. Als er aber auf zu den Hügeln geblickt hatte, da sah er überall einen Mann stehen, grimmen Gesichtes, bewaffnet mit einem Stein in der Hand, als warteten sie auf den Kahin, zu rächen seine Untat; und diese Erscheinung war ein Werk der großen Furcht in ihm. Und er sah, dass hier kein Bleibens war für ihn.
HG|1|20|26|0|Da floh er weiter und weiter gen Morgen und gelangte in eine große Niederung; da fiel er ermattet nieder und schlief drei Tage und drei Nächte. Dann aber kam ein mächtiger Wind von den Bergen herab, erweckte die Schlafenden und sauste und brauste dann über die weiten Ebenen dahin und legte sich endlich in den Tiefen des Landes, das da hieß ‚Nhod‘ oder ‚trockener Grund des Meeres‘.
HG|1|20|27|0|Und der Kahin blickte wieder empor zu den hohen Zinnen der Berge, und er entdeckte keine Männer mehr; da wusste er nicht, was er da tun sollte. Nach einer kurzen Weile aber streckte er seine Arme aus und schrie überlaut: „Herr, Du Gerechtester, so an Dein Ohr aus dieser großen Ferne noch dringt mein Geschrei, so sehe her über diese Zinnen gnädig der Kinder und meines Weibes wegen auf den gezeichneten Flüchtling der Heiligkeit Deiner Augen, die da gezeichnet hat meine Stirn mit der Nacht der Sünde, damit ich nicht erkannt würde mit freier Stirne an der Untat, die da gezeichnet steht auf der Stirne, in den Händen und auf der Brust des großen Sünders, dessen Sünde zu groß ist, als dass sie ihm je vergeben werden könnte.“
HG|1|20|28|0|Und siehe, da kam eine Wolke über die hohen Berge herab, siebenundsiebzig Manneshöhen hoch über die Flüchtigen, und eine starke Stimme sprach aus derselben, und das war die Stimme Ahbels, die da sagte: „Kahin, kennst du diese Stimme?“
HG|1|20|29|0|Und Kahin entgegnete: „O Bruder Ahbel, kommst du daher, um dich billig zu rächen an mir, deinem Mörder, so tue mir nach der Gerechtigkeit; aber schone deiner gesegneten Schwester und ihrer Kinder!“
HG|1|20|30|0|Da sprach die Stimme abermals und sagte: „Kahin, wer da Böses tut, ist ein Sünder; wer da Böses vergilt mit Bösem, der ist ein Knecht der Sünde; wer Gutes tut fürs Gute, der hat die Schuld abgetragen, und es wird nichts übrigbleiben zu seinem Teil; wer das Gute erstattet mehrfach, der ist wert seiner Brüder; aber vor Gott zählt nur eines, und das ist: Gutes tun für Böses, und segnen, die da fluchen den Wohltätern, und das Leben geben für den Tod.
HG|1|20|31|0|Und siehe, als dieser Letzte komme ich zu dir; daher fürchte dich nicht vor mir, da ich gesandt bin von oben nun zu dir, um dir fürs Erste zu zeigen, dass der Herr wahrhaft und getreu ist in allen Seinen Verheißungen, und fürs Zweite dir aber anzudeuten, dass du in diesem Land zu verbleiben hast mit den Deinigen und dich und sie zu ernähren mit den Früchten, die du antreffen wirst in diesem Land, und dann dir auch anzuzeigen, dass dir dein Bruder vergeben hat deine Tat durch die große Liebe des Vaters in ihm.
HG|1|20|32|0|Mein Blut aber sollst du sühnen mit deinen Reuetränen, bis der Fleck gewaschen werde damit von deiner Stirne; und deine Kinder und dein Weib sollst du führen in aller Furcht vor dem Herrn. Und so du es tun wirst frei aus dir aus Furcht vor dem Herrn, so wirst du bleiben und leben, wie du bist, ein Geächteter; aber in der Liebe wirst du rühren das hartgemachte Herz der Gerechtigkeit.“
HG|1|21|1|1|Der Herr setzt Kahin einen Termin
HG|1|21|1|0|Und siehe, da wurde Kahin beruhigt in seiner großen Furcht. Die Wolke verschwand, und er weinte Tränen der Reue und ging und suchte Nahrung für die Seinen und dachte nach, wie weit er sich entfernt hatte vom Paradies, und wie er nun so gänzlich verloren hatte die Liebe des Herrn und nun hinausgestoßen war in die harte Gerechtigkeit, stehend an der Schwelle des Gerichtes aus Gott. Und da er so dachte, da vermehrten sich seine Reuetränen, und es wurde ihm immer einleuchtender, wie so gar sehr groß seine Schuld vor Gott doch sein müsse, und er dachte auch, ob es denn doch wohl noch irgend möglich wäre, je nur zu dem allergeringsten Teil der Liebe zu gelangen.
HG|1|21|2|0|Und so dachte er hin und her und auf und ab. Und siehe, da gelangte er so in diesen Gedanken an einen reichlich fruchtbeladenen Brombeerstrauch mit den Seinen; und da es alle gewaltig hungerte nach einer Speise, so wollten sie alsogleich herfallen über denselben und nach Hunger, Lust und Übermaß [davon genießen].
HG|1|21|3|0|Aber siehe, da fasste der Kahin einen rechten Gedanken und sagte zu den Seinen: „O mein Weib und meine Kinder, zieht schnell zurück eure Hände, die ihr schon vorschnell ausgestreckt habt nach dieser reichen Kost; denn noch wissen wir nicht, ob sie Leben oder Tod enthält! Und lasst uns daher vorher niederfallen auf die Erde und bekennen vor Gott unsere große Schuld, und lasst uns Ihn bitten im Staube unserer Ohnmacht, dass Er gnädig möchte segnen zuvor diese Frucht; und so Er das vielleicht doch tun wird aus Seiner übergroßen Erbarmung heraus, dann erst müssen wir Unwürdige ihm danken zuvor, und dann erst können wir mit Furcht und Zittern uns mäßig sättigen daran.“
HG|1|21|4|0|Und siehe, da traten alle einige Schritte zurück vom Strauch und taten nach dem Willen und nach der rechten Einsicht Kahins, der da laut allen vorbetete und weinend sagte: „O Du allergerechtester, großer, heiliger Gott, sehe gnädig auf uns Würmer im Staube der Ohnmacht vor Dir, Du Allmächtiger, die es nicht wagen, ihre Augen in ihrer allergrößten Schuld emporzurichten zu Deiner unaussprechlichen Heiligkeit! O gedenke unserer Schwachheit, und lasse nicht zugrunde gehen uns arme, reuige, große Sünder!
HG|1|21|5|0|Sieh, dieser Strauch vor uns scheint eine gute Frucht zu tragen als eine Speise für uns Sünder; aber wir getrauen uns nicht zu essen davon, da wir blind geworden sind durch unsere große Bosheit und daher nicht mehr sehen können, ob der Tod oder das Leben innen ist.
HG|1|21|6|0|Daher wolle gnädig anzeigen uns, wessen Geistes diese Frucht ist, damit wir Dich erst dann recht bitten können, dass Du, o Übergerechter, das Gift der Schlange ihr nehmen mögest und nur einen kleinen Tautropfen Deines Segens dann mögest fallen lassen, damit wir nicht verderben. O Herr, Du Gerechter, Du Heiliger, erhöre, erhöre, erhöre unsere schwache Bitte!“
HG|1|21|7|0|Und siehe, da kam geflogen eine glührote Wolke von den Bergen ins Tal über den Strauch; und aus derselben schlug ein heftiger Blitz mit starkem Gekrache in den Strauch. Und siehe, eine große Schlange floh zischend aus demselben hervor und nahm mit offenem Rachen die Richtung gegen Kahin; er aber erschrak über die Maßen vor derselben. Aber siehe, die Blitze ließen ihr keine Ruhe und trieben sie in aller Schnelle in den heißen Sand der weiten Wüste; und als sie vollends verschwand aus dem Gesichte Kahins, da wandte er sein Gesicht wieder zum Strauch und dankte Gott in der Stille für diese so gnädige Errettung aus der größten aller Gefahren.
HG|1|21|8|0|Und siehe, da sah er auch, wie aus dieser Feuerwolke anfingen große Tropfen zu fallen über den Strauch, so dass ringsumher weit und breit die Erde befeuchtet wurde.
HG|1|21|9|0|Und Kahin sah mit den Seinigen die große Freigebigkeit des Herrn und fiel abermals nieder mit all den Seinigen und dankte Gott in aller Inbrunst seines Herzens für so große Wohltaten und sagte, in Tränen zerfließend: „O Herr, Deine Gerechtigkeit ist groß und unbegreiflich, – aber wie groß muss erst Deine Liebe sein, da Du noch vermagst, des größten Sünders zu gedenken mit so großen Wohltaten aus Dir, o Du ewige Liebe! Wie groß muss doch die Bosheit sein, die Dich je verkennen mochte!“
HG|1|21|10|0|Und siehe, da ließ sich aus dieser noch segentriefenden Wolke eine Stimme hören und sprach vernehmliche Worte, die da lauteten: „Höre du, Kahin! Ich habe Meine Gerechtigkeit verwandelt in Liebe; jedoch aber wird die Liebe sein nur bei denen, die sie da werden suchen künftig nicht nur in der Not und Bedrängnis, sondern in ihrer Fröhlichkeit und in ihrer Freiheit.
HG|1|21|11|0|Siehe, Ich will dir einen Termin setzen auf zweitausend Jahre, und es soll in dieser Zeit keinen treffen je Meine Gerechtigkeit; und aus dieser Meiner Gerechtigkeit will Ich ein großes Gefäß bereiten und es setzen über die Sterne – und will aus Meiner Liebe ein zweites Gefäß bereiten und es setzen unter die Erde. Und so könnt ihr tun, wie ihr wollt: Werdet ihr Böses tun, so werden eure Taten füllen das Gefäß der Gerechtigkeit, und da es wird voll geworden sein, so wird es bersten an allen Orten und wird lassen herniederstürzen die ganze Schwere über alle Täter des Übels und wird sie töten allesamt; und das Gefäß der Liebe aber, so es leer bleiben wird unter der Erde, wird aufnehmen die Toten zur langen, reinigenden Qual. Und da werden, die da sich werden reinigen lassen, versetzt werden in die Gestirne zu langen Kämpfen; und die aber da werden sich erhärten aus ihrer inneren Bosheit heraus, die werden dereinst geworfen werden unter den Boden dieses Gefäßes, da sein wird ewiges Heulen und ewiges Geklaffe der Zähne im Zorn Gottes.
HG|1|21|12|0|Und nun tretet hinzu zum vom Segen befeuchteten Strauch, und esst davon zur Stillung eures Hungers, und bedenkt dabei allzeit, von wem diese Gabe ist.
HG|1|21|13|0|Und breitet euch aus im Land der Tiefe; aber auf die Berge wage keiner von euch je zu setzen seinen Fuß, denn ihre Zinnen sind heilig und sind bestimmt zur Wohnung für Meine Kinder. Wer von euch je dieses Gebot übertreten wird, der wird den allzeit da wohnenden Wächtertieren – als Bären, Wölfen, Hyänen, Löwen, Tigern und auch großen, lebenden Schlangen, die zuunterst hausen werden – zur Beute werden, desgleichen auch alle zahmen Tiere, die euch später werden untertan werden.
HG|1|21|14|0|Nur so jemand von euch würde ganz fromm werden und bestehen die Feuerprobe Meiner Liebe, dem solle gestattet werden, einzudringen in den Bauch der Berge und da zu sammeln Erz und Eisen und daraus zu bereiten Werkzeuge nach dem, wie euch lehren werden eure Bedürfnisse.
HG|1|21|15|0|Und nun esset, befruchtet und mehret euch männlich und weiblich, und wehret ab dem Samen der Schlange durch eure gerechte Furcht vor Mir, der Ich bin Gott, der Ewige, Gerechte und Heilige, amen!“
HG|1|22|1|1|Kahin wird zum Tyrannen
HG|1|22|1|0|Und nun siehe, da aßen sie und taten, wie ihnen geboten war, eine Zeit lang. Kahin erkannte nun wieder sein Weib und zeugte mit ihr einen Sohn und gab ihm den Namen ‚Hanoch‘, das heißt ‚die Ehre Kahins‘. Und Kahin berief alle seine Kinder zusammen und sagte: „Kinder, seht hier einen neuen Bruder, den mir gegeben hat der Herr zu einem Herrn über euch, wozu ich ihn machen werde, damit eine Ordnung sei unter euch und ein Ende werde eures Gezänkes und eures Haders. Und er wird euch geben Gebote und wird loben die Treuen und züchtigen die Übertreter, damit auch wir ein Volk werden, groß und voll Ruhmes gleich den Kindern Gottes, die der Gesetze nicht bedürfen, da sie die Liebe haben, die sie frei macht und uns aber gelegt hat meiner Sünde wegen unter ihre Füße, die uns zertreten werden, so wir Gesetz- und Ordnungslose nicht haben einen, der uns vertrete und rechtfertige vor ihrer großen Macht.
HG|1|22|2|0|Seht, ihr Gott ist auch der unsere; aber sie haben an Ihm einen guten Vater – und wir aber einen Richter. Der Vater kennt ihre Liebe, und Sein Auge und Ohr ist bei ihnen. Aber nicht so ist es bei uns. Wir sind uns selbst überlassen und können handeln, wie wir wollen; jedoch wenn wir bestehen wollen, so sind uns Gesetze und Ordnung notwendig. Denn sonst kann da nun erschlagen einer den anderen im Zank und Hader nach seiner Willkür, und so wird sich das Gefäß der Gerechtigkeit füllen vor der Zeit, und wir werden dann allesamt zugrunde gehen durch die auf uns niederstürzenden großen Lasten unserer Gräueltaten. Daher lasst uns alle kräftig zusammengreifen und zusammentragen Steine, große und kleine, und errichten eine hohe und feste Wohnung für ihn und, so viele unser sind, für jeglichen eine kleine in einem weiten Kreis um die seinige herum, damit er alle überschaue und beobachte ihr Tun und Treiben. Er aber soll frei sein von jeder Arbeit als ein Fürst in eurer Mitte und soll essen von euren Händen.
HG|1|22|3|0|Für jetzt aber bin ich im Namen der Gerechtigkeit Gottes als Vater euer aller Gesetzgeber, und wehe dem, der ungehorsam wird meinen Geboten! Mein Fluch wird ihn hart treffen; dann aber wird keines Erbarmens sein über den Verfluchten in meinem Herzen, da keine Liebe mehr, sondern nur Gerechtigkeit innewohnt.
HG|1|22|4|0|Seht, wo die Liebe wohnt, da ist auch Erbarmen, und es gilt Liebe für Recht; wo aber nur Gerechtigkeit wohnt, da kann nur gelten Recht für Recht und Gericht für Gericht, Lohn für Lohn, Treue für Treue, Gehorsam fürs Gesetz, Gericht für den Ungehorsam, Strafe für Vergehen, Fluch für Verräterei und Tod für Tod.
HG|1|22|5|0|Und das sei eine Heiligung dieses meines Ausspruches, dass ich euch jetzt allen schwöre beim Himmel und dessen unerbittlicher Gerechtigkeit und bei der Erde, der harten Wohnstätte des Fluches Gottes, dass jeden Übertreter treffen wird scharf und genau, was ich hier jetzt euch allen kundgetan habe durch meinen Mund als Vater und als Fürst.
HG|1|22|6|0|Dann aber kommt euer Bruder als euer wahrer Herr und Gesetzgeber nach seiner gerechten Einsicht und freien Willkür, – daher er auch sein wird frei vom Gesetz, da jede seiner freien Handlungen euch gesetzlich werden und bleiben muss, bis er es für gut erachten wird, es wieder aufzuheben.
HG|1|22|7|0|Jetzt ist euch bekannt mein Wille, und demnach handelt und tut, wollt ihr bestehen in der Strenge der Gerechtigkeit durch Gesetze für die Ordnung zur Vermeidung des Gerichtes, welches sonst alle treffen würde, wenn nicht gesetzt wäre in der Gerechtigkeit Gericht für Gericht.“
HG|1|22|8|0|Und siehe, da gingen alle von dannen und legten ihre Hände ans Werk, zu erbauen also eine Stadt, und arbeiteten daran sechzig Jahre. Da ihnen die Gebäude oft zusammenfielen, so brauchten sie viel Zeit für die Erbauung der Wohnung des neuen Fürsten und konnten dieselbe erst vollenden, als Ich dem Hanoch im Traum gezeigt hatte, wie sie bauen sollten, da es Mich gedauert hatte der armen Kinder, die bei diesem Bau vielen und großen Misshandlungen ausgesetzt waren von dem zwar bis dahin sehr geordnet streng gesetzlich rechtlichen Kahin, der nun die Seinen führte als ein Tyrann unter großer Furcht und unter großen Schrecken und Angst vor den Strafen ohne Gnade und Erbarmung, da in ihm keine Liebe war, gerecht im Gehorsam gegen alle Gesetze, – bedachte aber dabei nicht, dass ein Gehorsam, der eine bloße Folge großer Furcht ist, eigentlich doch nicht im Allergeringsten ein Gehorsam ist, sondern pure Eigenliebe. Denn wer sich selbst liebt, der hält das Gesetz aus reiner Furcht nur vor der allzeit sicher folgenden Strafe bei der Übertretung desselben, da er sich seiner selbst überaus erbarmt, so er empfindet der Strafe Schmerz in seiner unbehilflichen Schwäche; findet er aber auch nur die geringste Gelegenheit, unbemerkt zu sein in seinem Herzen, so wird er fluchen dem Gesetz und dessen Geber und wird dasselbe bald treten mit den Füßen.
HG|1|22|9|0|Und hat dann ein solcher sich irgendeine größere Kraft sammeln können, so wird er da doppelt grausam über all die Gesetze, möchten sie nun gut oder böse sein, herfallen und wird sie zerstören und vernichten samt dem liebelosen Gesetzgeber. (NB. Das sollen auch wohl bedenken alle Führer und Gesetzgeber dieser Zeit; denn auch ihrer harrt ein gleiches Los, so sie meinen, Furcht sei das einzige Mittel, zu erhalten die Ordnung und ihre Vorteile durch den darob stummen Gehorsam der Sklaven; sonst werden es bald alle hart empfinden, welche Früchte Gesetze, welche nicht ihren Ursprung in der reinsten, uneigennützigsten Liebe haben, dereinst früher oder später, oder entweder schon hier oder aber doch allzeit sicher jenseits bringen werden.)
HG|1|22|10|0|Denn siehe, der Kahin aber handelte deswegen so gewissermaßen rechtlich grausam, weil er nicht allzeit volle Gnade und Bereitwilligkeit fand bei Mir, sooft er nach einer bösen Tat Reuetränen vergoss. Dies konnte Ich jedoch nicht tun, da seine Reue nur auf den Verlust der Gnade, nie aber auf Meine Liebe gerichtet war.
HG|1|22|11|0|Und siehe, wer so trauert, der trauert nicht in der wahren Tiefe um den Verlust des Lebens, sondern nur vielmehr um den des Wohllebens; und so ist dessen Reue falsch, da ihm nicht gelegen ist an der vollkommenen Wiedervereinigung mit Mir. Und so Ich aber dann auch wollte ihm geben, was er nicht verlangt und will, so würde er dann nur den Tod durch solchen Austausch des Willens erhalten, da der freie Wille das eigentlichste Leben des Menschen ist.
HG|1|22|12|0|Und siehe, das war auch der Fall beim Kahin, da er verbannt hatte die Liebe und ergriff dafür die Gerechtigkeit, ohne zu bedenken, dass es ohne Liebe keine Gerechtigkeit gibt, und dass die Gerechtigkeit eigentlich die höchste Liebe selbst ist, ohne welche alles zugrunde gehen würde und notwendig müsste.
HG|1|23|1|1|Kahin ernennt seinen Sohn Hanoch zum Fürsten
HG|1|23|1|0|Und siehe, als nun vollends erbaut war die Stadt, da nahm Kahin den Hanoch und führte ihn in die hohe Wohnung, die da erbaut wurde für ihn, und übergab ihm daselbst in der Gegenwart aller seiner Kinder und auch schon Kindeskinder die ganze Vollmacht über sie und forderte ihn auf, ihnen allen zu geben Gesetze nach seiner rechten Erkenntnis und frei nach seiner Willkür, indem er sagte:
HG|1|23|2|0|„Siehe, Hanoch, hier in dieser nur für dich allein erbauten Wohnung übergebe ich dir alle meine väterlichen Rechte mit aller Macht und Gewalt zur freien Führung meiner, deiner und ihrer aller Kinder durch Gesetze nach deiner Willkür, welche heilig zu halten sind von ihnen; denn es liegt wenig am Gesetz selbst, ob es so oder so ist, sondern es liegt alles an der genauen Befolgung desselben, und demnach wird es heißen: ‚Dem gemäß handeln, recht handeln, – wider dasselbe aber, vollends unrecht!‘, und es muss dann allzeit gestraft werden nach dem Maße der Übertretung.
HG|1|23|3|0|Und so werden wir dann frei durch die Haltung und nicht durch das Gesetz, an dessen Beschaffenheit nichts gelegen ist, sondern nur an der Beobachtung desselben.
HG|1|23|4|0|Jedoch du als der Gesetzgeber bist frei von jeder Haltung, weil deine Freiheit heilig sein muss des Gesetzes wegen; denn so auch du gebunden wärest ans Gesetz, so würde es dich hemmen, in der notwendig freien Sphäre zu wirken, da du dann selbst gefangen wärest im selben. Daher musst du außer demselben stehen, frei als einer, der keine Gesetze kennt; aber jede deiner Handlungen muss ihnen als den dir ganz Übergebenen zum strengen Gesetz sein, und so du willst, so müssen sie handeln, wie du willst, – und so sollen alle ihre Regungen und Bewegungen nichts sein als nur die deines Willens.“
HG|1|23|5|0|Und da öffnete der neue Fürst seinen Mund und sprach in einem sehr gebieterischen Ton: „So hört, ihr meine Untertanen allesamt, männlich und weiblich! Keiner betrachte je etwas als sein Eigentum, sondern als das allein meinige, damit das Zanken und Hadern unter euch ein Ende nehme! Daher werdet ihr alle in der Zukunft nur mir dienen und arbeiten für meine Kammern; dafür sollt ihr zu essen bekommen je nach eurem Fleiß, und es sollen die Getreuesten näher zu mir kommen dürfen als die weniger Getreuen und da haben eine bessere Kost die Aufseher und die Vollstrecker der Rechte und Vollzieher der gerechten Strafen. Wehe dem Ungehorsamen! Diesen werde ich hinaustreiben lassen zu den Bergen, und die Tiere daselbst sollen ihn erwürgen und zerreißen. Die aber übertreten werden meine Gesetze aus Trägheit, Unaufmerksamkeit und aus Leichtsinn, die sollen gezüchtigt werden mit Ruten bis zum Blut. Die aber, welche sich getrauen würden, mir als dem Fürsten in irgendetwas zu widersprechen, die sollen gezüchtigt werden mit Schlangen bis in das Mark ihrer Gebeine, und es soll ihnen ausgerissen werden ihre Zunge und vorgeworfen werden den Schlangen zur Speise. Und wer mich je mit scheelen Augen anschauen wird, dem sollen die Augen ausgestochen werden, damit er fürder nicht mehr schauen wird können seinen Fürsten. Der Träge aber soll ein Lastträger werden und soll behandelt werden wie ein Lasttier mit Stöcken und Knitteln, damit geläufiger werden seine Füße und schneller seine Hände.
HG|1|23|6|0|Sonst gebe ich euch kein Gesetz als die strengste Folgsamkeit in allen meinen freien Wünschen und Befehlen, die ich an euch werde ergehen lassen zu jeder Zeit des Tages sowohl als auch der Nacht, amen.“
HG|1|23|7|0|Und siehe, da erschrak selbst der Kahin und alle übrigen über alle Maßen und gingen tief bestürzt aus der Wohnung Hanochs und verwünschten in ihren Herzen ihren grausamen Vater Kahin, der ihnen für ihre so großen Anstrengungen bereitet hatte ein so erbärmliches Los.
HG|1|23|8|0|Und als es nun Abend wurde, da hungerte es sie alle, und sie getrauten sich nicht zu essen und gingen traurig hin zum Hanoch und sprachen: „Herr, wir haben gearbeitet den ganzen Tag; nun, so gib uns auch zu essen, wie du versprochen hast!“
HG|1|23|9|0|Hanoch aber erhob sich und sprach: „Wo sind die Früchte eurer Arbeit? Bringt sie her, und zeigt sie mir, und legt sie in meine Kammern, und dann will ich geben lassen jedem nach Recht!“
HG|1|23|10|0|Und sie gingen und brachten, wie ihnen geboten war, die einen viel und die einen wenig, und legten dieselben zu seinen Füßen.
HG|1|23|11|0|Kahin aber und sein Weib brachten nichts in der Meinung, sie seien frei. Und siehe, da teilte Hanoch die Früchte und sprach: „Wer da gearbeitet hat, der solle auch essen; der aber nicht gearbeitet hat, der solle auch nicht essen!“
HG|1|23|12|0|Und so mussten Kahin und sein Weib für diesmal fasten. Und siehe, da verließ Kahin mit seinem Weib weinend die Wohnung Hanochs und fand auch kein mitleidiges Herz unter allen seinen Kindern und Enkeln. Da ging er hinaus auf die Felder und aß da von den übriggebliebenen Früchten; und da für ihn keine Wohnung errichtet war, so übernachtete er mit seinem Weib unter freiem Himmel.
HG|1|23|13|0|Und als des anderen Tages wieder daherkamen seine Kinder um zu arbeiten, fanden sie ihn schon Früchte sammelnd. „Seht“, sprachen sie, „er arbeitet das erste Mal in diesem Land; es geschieht ihm ja recht, da er es so hat haben wollen, statt Liebe das Recht!“
HG|1|23|14|0|Und siehe, als sie nun wieder gearbeitet hatten unausgesetzt bis um die Mitte des Tages, einige sammelnd Früchte, einige bauend noch mehrere Häuser und Wohnungen und Vorratskammern und einige dienend ihrem Fürsten zu dessen Bequemlichkeit und dessen Weib und dessen Kindern, da kamen wieder alle hin zu ihm in die hohe Wohnung und brachten ihm Früchte und sonstige Zeichen ihres ermüdenden Fleißes und begehrten zu essen nach Recht, desgleichen auch der Kahin mit seinem Weib.
HG|1|23|15|0|Und siehe, da erhob sich Hanoch grimmig ernst und sprach: „Wie oft wollt ihr denn essen des Tages? Meint ihr, ich lasse für euch die Früchte sammeln, dass ihr dann sorglos gefüttert werden könntet?! Wovon soll denn ich und meine Dienerschaft leben, deren Sache nicht ist, zu arbeiten gleich euch, sondern zu tragen ihren Herrn auf ihren Händen?! Daher entfernt euch von mir, und wage es von euch allen ja keiner mehr, je zu betreten die Schwelle dieser meiner hohen Wohnung! Ich werde von nun an täglich durch meine Diener lassen abnehmen von euch die Früchte für mein Haus; ihr aber könnt sparsam essen nur von den Früchten, die da frei von selbst von den Sträuchern und Bäumen gefallen sind, – so die Sammler, so auch die da bauen. Und das sei euch ein neues Gebot, das ihr heilig zu halten habt; wehe dem Übertreter!“
HG|1|23|16|0|Und siehe, da nahm der Kahin das Wort und fragte den Hanoch ganz traurig und tief bewegt: „O Hanoch, du großer Fürst, mein gewesener Sohn, sage nach deinem Herzen recht und gerecht, ist dein Vater und deine Mutter nicht ausgenommen von allem dem, so du geboten hast weise deinen Untertanen nach deiner freien Willkür? Und muss ich denn sein gleich meinen Kindern, so gebiete, dass sie auch ernähren sollen ihren Vater und ihre Mutter, die wir schon alt, mühselig und sehr schwach geworden sind. Oder erlaube mir gnädigst, zu ziehen von dannen bis ans Ende der Welt, damit ich nicht sehe die große Trübsal meiner Kinder fürder, da sie schmachten unter dem schweren Joch der freien Gerechtigkeit.“
HG|1|23|17|0|Und siehe, da sprach Hanoch: „Wie fragst du mich denn? Tue ich nicht recht, wenn ich tue, wie du mir die Lehre und die Macht gegeben hast? Hast du doch selbst niemanden als mich selbst nur gesetzlos erklärt und hast keine Ausnahme gemacht mit dir! Wie verlangst du denn nun solches von mir widerrechtlich und willst mich dadurch zwingen, an dir, dem ersten Gesetzgeber, die streng rechtlichen Folgen des Ungehorsams zum abschreckenden Beispiel für die anderen ohne Gnade ersichtlich zu machen? Und wenn ich so handle, sage, tue ich unrecht?   Denn da bei uns keine Liebe ist, sondern nur das blanke Recht, wie kannst du da ansprechen gegen die Gesetze meiner freien Willkür um irgendeine Ausnahme als einer Gnade, welche sich nie vertragen kann mit den Rechten der Gesetze deines Fürsten? Dass du mein Vater bist, was geht das mich an? Bin ich doch geworden durch dich, ohne dass ich es auch nur unter irgendeiner Bedingung habe werden wollen! Und so hast du mich ja gezeugt ohne meinen Willen und machtest mich zum Fürsten ohne denselben! So sage mir denn, da ich nun wurde und bin, was ich bin, und wie ich bin, so ganz ohne meinen Willen, da ich keinen hatte, und [nicht wurde] unter auch nur irgendeiner Bedingung, rein nur zufällig durch deine Wollust und Fürst durch deinen Ehrgeiz, welche Verbindlichkeit ich somit, rechtlich betrachtet, zu dir habe?
HG|1|23|18|0|So fliehe denn aus meinen Augen, wohin du willst, damit dich nicht ereilen die strengen Folgen der Gerechtigkeit! Dies sei die einzige Gnade, die ich dir frei aus mir, da ich tun kann, was ich will, gewähre; und nun gehe und fliehe!“
HG|1|24|1|1|Kahin flieht vor Hanoch und wird zu Atheope
HG|1|24|1|0|Und nun siehe, da fing Kahin an zu weinen und zog mit seinem Weib und vier Kindern, zwei Männlein und zwei Weiblein, von dannen und kam nach vierzig Tagen an die Ufer der Meere und erschrak da beim Anblick der großen Gewässer, da er glaubte in allem Ernst, das Ende der Welt erreicht zu haben. Und er dachte: Wenn mich nun Hanoch verfolgte, wohin werde ich da fliehen?
HG|1|24|2|0|Vor mir ist das Ende der Welt und links und rechts sind hohe Berge, die ich nicht betreten darf, und das gnädige Auge und das Ohr des Herrn ist verschlossen für mich. Auch sehe ich hier lauter fremde, ungesegnete Früchte; wer wird sich dieselben zu essen getrauen? Und unser Vorrat, den wir mitgenommen haben, ist nun auch verzehrt! Was soll ich nun tun?
HG|1|24|3|0|Ich will denn doch noch einmal versuchen, ein großes Geschrei an den Herrn zu richten; entweder wird Er mich erhören, oder Er wird uns zugrunde gehen lassen, und so wird es uns doch wenigstens am Ende ergehen nach Seinem Willen, den wir gewiss die ganze, lange Zeit hindurch in unserer großen Blindheit nicht erkannt haben.
HG|1|24|4|0|Und siehe, da fing Kahin nach einem Zeitlauf von siebenundsiebzig Jahren wieder an, zu Mir zu beten, drei Tage lang Tag und Nacht hindurch ohne aufzuhören, und schrie in einem fort: „Herr, Du Gerechter, Du Liebevollster, sehe gnädig herab auf Deinen größten Schuldner, und tue mir nach Deinem heiligen Willen!“ Und diese Worte wiederholte er zu tausend und tausend Malen.
HG|1|24|5|0|Und es dauerte Mich seiner, da er so gar gewaltig und unendlich elend schrie. Siehe, da sandte Ich den Ahbel zu ihm in einer Feuerflamme, welcher zu ihm die Worte aus Mir richtete und sagte: „Kahin, erhebe dich vom Boden, und sehe mir ins Angesicht, und sage mir dann, ob du mich noch erkennst!“
HG|1|24|6|0|Da richtete sich auf der Kahin und betrachtete furchtsam die Flamme und erkannte sie nicht, weder an der Stimme noch an der Gestalt, und fragte sie dann, bebend vor zu großer Angst: „Wer bist du sonderbares Wesen denn in dieser Flamme?“
HG|1|24|7|0|Und der Ahbel antwortete ihm: „Ich, dein Bruder Ahbel, bin es in der Flamme der göttlichen Liebe vor dir! Was willst du denn, dass dir geschehen solle?“ – „O Bruder“, sprach Kahin, „so du es bist, – sehe, ich habe keinen Willen mehr! Mein Sohn Hanoch hat mir alles genommen, auch meinen Willen; nun habe ich keinen Willen mehr, und sehe, wie wir jetzt da sind, sind wir alle gänzlich willenlos! Daher kann ich nichts anderes sagen als: Mir und uns allen geschehe nach dem heiligen Willen des Herrn!“
HG|1|24|8|0|Da sprach Ahbel: „Nun so höre denn! Das ist der Wille des Herrn, meines Vaters und deines Gottes, dass ihr essen sollt von all den Früchten, die ihr hier finden mögt, ohne Furcht und Scheu; denn die Schlange hat dich vertrieben hierher, und ist daheim geblieben bei deinen Kindern in der Stadt Hanoch mit all ihrem Gift und wird mit euch nichts mehr zu tun haben. Denn so der Mensch seinen Willen hingegeben hat, da gibt es für die böse Brut nichts mehr zu tun; wer aber da seinen Willen hat untertan gemacht der Schlange, der ist ein Gefangener von ihr, und das Ende seines Wirkens ist herbeigekommen.
HG|1|24|9|0|Wer aber geflohen ist aus ihren nun stark gewordenen Schlingen und so gerettet hat den letzten Tropfen seines Willens und hat denselben niedergelegt auf die Erde im Angesichte Jehovas, dem wird Er geben einen neuen Willen aus Sich, damit er dann ferner handeln möchte als ein Werkzeug des Herrn. Und so ist auch für dich der Wille des Herrn, fernerhin zu handeln nach Seinem Willen; und so dich und die Deinen auch dereinst möchten finden die Nachkommen Hanochs, so werden sie dich nicht erkennen und die Deinen, da euch die Liebe des Herrn ganz schwarz brennen wird bleibend.
HG|1|24|10|0|Und der Name ‚Kahin‘ wird dir genommen werden, und ein anderer Name wird dir gegeben werden, und dieser heißt ‚Atheope‘, das heißt ‚der Willenlose nach dem Willen Gottes‘. Und sogestaltet musst du mit den Deinen flechten aus Rohr und Schilf einen sehr großen Korb, sieben Mannslängen lang, drei Mannslängen breit und eine Mannslänge hoch, sehr fest, und ihn dann verpichen mit Harz und allerlei Pech. Und so du dieses verrichten wirst mit allem Fleiß, dann musst du ihn stellen ans große Wasser hin und sollst sammeln Früchte auf vierzig Tage lang; und so du das getan haben wirst, dann legt die Früchte in den Korb und steigt endlich allesamt in denselben!
HG|1|24|11|0|Und dann wird der Herr kommen lassen eine große Flut vom großen Gewässer her, welche den Korb heben wird mit euch, und wird euch tragen hin in ein fernes Land in der Mitte dieser großen Gewässer, da ihr vollkommen sicher sein werdet vor allen Nachstellungen Hanochs.
HG|1|24|12|0|Und da werden sein nahe, weit und breit, kleine Länder in diesem großen Gewässer, und so euer zu viele werden in einem Land, dann sucht die nächsten, und so fort und fort, und belebt so nach dem Willen des Herrn nach und nach alle Kleinlande in den großen Gewässern.
HG|1|24|13|0|Und so ihr nicht vergessen werdet des Herrn, so wird Er einst euch zu bewohnen geben ein großes, festes Land, da ihr bleiben werdet bis ans Ende der Welt, wenn es erst zuvor gereinigt wird vom Fluch durch die bald darniederstürzenden Fluten, die da ersticken und töten werden die Nachkommen Hanochs und auch sehr viele Kinder Gottes, die sich werden fangen lassen von den schönen Töchtern Hanochs.
HG|1|24|14|0|Jedoch sollen euch Willenlose nicht erreichen die Ströme dieser Fluten, da euch der Wille des Herrn gesetzt hat auf die Gewässer Seiner großen Erbarmungen. Und so ihr irgendetwas benötigen werdet, so wisst ihr ja ohnehin, wo der große Geber ist, der euch nicht verlassen wird, so ihr Ihn nicht verlassen werdet in euren Herzen.
HG|1|24|15|0|Und nun trete näher, du Kahin!“ – Und siehe, da trat Kahin hin zum Flammenbruder Ahbel, und Ahbel umarmte ihn, und so wurde er schwarz wie eine Kohle, und seine Haare wurden gekraust wie ein Pelz. Und so geschah auch allen noch fünf übrigen.
HG|1|24|16|0|Und da sprach Ahbel: „Nun, Bruder Atheope, bist du frei von jeder Schuld, die daheimgeblieben ist beim Hanoch, und so tue du denn nun nach dem Willen des Herrn! Amen.“
HG|1|25|1|1|Die Ausbreitung von Atheopes Stamm. Atheopes Schicksal
HG|1|25|1|0|Und siehe, da verschwand Ahbel, und Atheope aß von den Früchten, fröhlich zum ersten Male in seinem Leben vollkommen, und tat genau, wie ihm befohlen ward.
HG|1|25|2|0|Und so belebte dann sein letzter Stamm bis auf die heutige Zeit alle Kleinlande in den Gewässern und nach der großen Schlangenbrutvertilgung durch die Fluten von den Himmeln auch die großen Festlande, die ihr heutzutage ‚Afrika‘, ‚Amerika‘ und ‚Australien‘ nennt. Und sein Stamm ist nicht getötet worden durch die Fluten und ist noch derselbe bis zur Stunde dieser letzten Zeit zum Zeugnis der Gräueltaten der damaligen und der jetzigen Zeit Meiner und Hanochs Kinder.
HG|1|25|3|0|Und siehe, so lebt noch dieser Atheope natürlich und geistlich bis zur Stunde verborgen auf einem Kleinlande in der Mitte der großen Gewässer, das nie ein Sterblicher finden wird, als steter Beobachter eures Tuns und Treibens.
HG|1|25|4|0|Und siehe, er aß und trank Früchte aller Art und zeugte noch siebenhundert Kinder noch tausend Jahre lang. Dann aber wurde er erneut von Mir und aß und trank nicht mehr, da er gesättigt wurde mit Meiner Liebe für die Ewigkeit, die da ist die beste Speise. Denn wer damit gesättigt wird, der wird den Tod nicht sehen, schmecken und empfinden ewiglich, und es wird ihn dann nimmer hungern nach einer Speise, noch dürsten nach einem Trank. Und sein Sterben wird sein ein lebendiger Austritt vom Leben zum Leben ins Leben des Lebens der Lebendigen durch den Lebendigen, der Ich Selbst bin.
HG|1|25|5|0|Und so gesättigt lebt Atheope noch bis zur Stunde körperlich als der erste wahre Menschensohn im weiten Angesichte der Erde und kann schauen aller Menschen Tun und Treiben und ist demnach ein alter Zeuge aller Meiner Taten bis auf euch.
HG|1|25|6|0|Er kannte Noah, Abraham, Moses, all die Propheten und Melchisedek, den hohen Priester.
HG|1|25|7|0|Und er war Zeuge Meiner Geburt und Meiner Neuschöpfung durch das größte aller Meiner Werke, nämlich durch das Werk der Erlösung. Und so wird er auch aufbewahrt bleiben bis zur vollen Darniederkunft Meiner heiligen Stadt, was soeben zu geschehen anfängt, allda er dann auch vollends aufgenommen wird als ein treuer Torwächter; denn außer Mir kennt niemand die Schlange so durch und durch wie er, dem sie am meisten zu schaffen gemacht hatte.
HG|1|25|8|0|Und nun sehe, das ist die Geschichte Kahins, euch nun gegeben zum reiflichen Nachdenken über euch selbst, damit ihr euch dadurch desto eher und desto leichter selbst finden möget und erkennen euer Böses an der Wurzelfaser und zerstören dasselbe in den tiefsten Fundamenten, um sodann in Meiner Liebe wiederzufinden das so lange schon verlorene Paradies und endlich zu werden wahre, getreue Bürger Meiner neuen, großen, heiligen Stadt, wie Ich euer aller allergetreuester, heiligster und allerbester Vater bin von allen Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.
HG|1|26|1|1|Die zehn Fürsten Hanochs
HG|1|26|1|0|Und nun wende dich auf eine kurze Zeit gen Hanoch zurück, und Ich will euch da noch im Vorübergehen zeigen, wie es da ausgesehen hat nur erst nach einem Zeitlauf von dreißig Jahren.
HG|1|26|2|0|Und siehe, Hanoch hatte sich nun auch das allerschönste Weib ausgesucht und noch dazu zwei Kebsweiber und trieb mit ihnen Unzucht über die Maßen. Dadurch verfinsterte sich sein Verstand so sehr, dass er ganz und gar vergaß auf seine ganze Regierung; und die wenigen Gedanken, die zu denken er kaum noch fähig war, waren nur beschäftigt mit Wohlleben, Glanz, weichen Kleidern und Hurerei.
HG|1|26|3|0|Wenn ihm seine Untertanen nur recht viele und gute Gerichte von Früchten aller Art brachten und recht viel Geflimmer vor seine Wohnung und recht weiche Kleider, geflochten aus dem feinsten Gras, das da wuchs am Fuße der Berge, so war er damit auch schon vollends zufrieden und ließ dabei die Gesetze Gesetze und die Regierung Regierung sein.
HG|1|26|4|0|Und siehe, da merkten seine Untertanen, dass er lau geworden war, und machten sich zugute seine Blindheit. Da merkten es auch seine Diener, wie die Sachen standen, und waren sehr pfiffig und schlau, wie die Schlange selbst, und suchten daher ihren Herrn auf alle mögliche Weise beständig einzuschläfern und erlaubten auch lügnerischerweise – gleichsam im nachsichtigen Aufgebot vom Fürsten – den Untertanen alle nur möglichen Belustigungen, wenn sie ihnen nur recht fleißig ihre stets vermehrten Gaben lieferten.
HG|1|26|5|0|Und siehe, da diese Diener nun sahen, dass sie ungestraft tun könnten, was sie wollten, da fingen sie an zu regieren und gaben den Untertanen Gesetze, fürs Erste, dem Fürsten zu erweisen eine göttliche Verehrung durch allerlei Opferungen, und fürs Zweite zugunsten zu geben die schönste Tochter irgendeines Untertanen; und welcher Untertan dieser Glückliche geehrt sein werde, dem würden erlassen alle Abgaben, und er werde ein freier Besitzer seines Hauses werden und werde Eintritt haben in das Haus des Fürsten und werde sich da können unterhalten mit dessen Dienern und werde alle Jahre einmal anschauen können seinen Fürsten und ihm danken für eine so große, auszeichnende Gnade.
HG|1|26|6|0|Und siehe, da hatte die Schlange einen wahren Geniestreich, wie ihr sagt, ausgeführt. Denn nun fingen die Eltern an, ihre Töchter immer zu Hause zu behalten, und verwendeten alle Aufmerksamkeit darauf, dass diese nur recht zart und schön wurden, um sich dadurch einst vielleicht auch einen Freiheitsstand zu bereiten. Und eine solche Schöne sah dann keinen Gemeinen mehr an, da sie sich bestimmt fühlte für den Fürsten.
HG|1|26|7|0|Was geschah nun aber durch diese gegenseitigen Betrügereien? Nichts anderes als das Allerärgste, was ihr euch nur je durch eure tiefsten Gedanken vorzustellen vermögt, nämlich: Die Diener brachten endlich die ganze Regierung an sich unter dem schlauen Vorwand, dass sie nämlich dem Fürsten Hanoch sehr gut gezüngelt begreiflich machten, dass er nun nicht mehr Fürst, sondern ein Gott des Volkes sei, und dass es entwürdigend wäre für seine unendliche Hoheit und unaussprechliche Erhabenheit, als welche seine nun göttliche sei, den Würmern der Erde Gesetze zu geben, und wollten aus der unermesslichen Hochachtung für seine über alles erhabene Heiligkeit dieses entwürdigende Geschäft auf sich nehmen; und so solle er nichts tun, als nur bloß mit einem Wink entweder sein Wohl- oder Missfallen äußern und die Schätze, die sie sammeln würden in großen Mengen für ihn, allerhuldreichst und allergnädigst annehmen.
HG|1|26|8|0|Übrigens möchte er sich dem Volk nur einmal zeigen im Jahr, wo dann alles niederfallen werde vor ihm und werde ihn anbeten im Staub; und so er dann aber jemandem von den bestaubten Würmern eine besondere Gnade bezeigen wolle, so möchte das von ihm durch einen starken Tritt auf den Kopf eines Wurmes geschehen mit seinem heiligen Fuß.
HG|1|26|9|0|Und so jemandem diese hohe Gnade zuteil werden möchte etwa der Opferung einer schönen und reizenden Dirne halber, so solle dieser aufgehoben werden alsobald von der Erde und schauen die göttliche Erhabenheit des Herrn aller Macht und Kraft und soll dann werden ein freier Bürger der heiligen Stadt des erhabenen Gottes Hanoch.
HG|1|26|10|0|Und siehe, diese feinen Reden seiner Diener schmeichelten seiner eigenliebigen Eitelkeit so sehr, dass er in alles alsogleich vollends einwilligte. O des ungeheuren Narren!
HG|1|26|11|0|Und siehe, jetzt hatten die Diener erreicht, wonach sie schon lange gestrebt hatten, nämlich die Gesetzgebung, Bestrafung und somit die sämtliche Regierung, und so entstanden jetzt statt einem zehn Fürsten, die da zwischen Menschen, ihren Brüdern, und den sonstigen Tieren auch nicht den allergeringsten Unterschied machten und sie nur in vernünftige und unvernünftige Bestien teilten. Und nur, wenn irgendein solches vernünftiges Tier zu ihrem Vorteil irgendeinen schlau-bösen Streich in eine günstige Ausführung gebracht hatte, dann wurde ihm das Recht erteilt, sich auch Mensch nennen zu dürfen.
HG|1|26|12|0|Und als diese zehn Fürsten sahen, wie ihren Gesetzen blindlings gehorchten – natürlich aus zu großer Furcht vor den unendlichen Misshandlungen – die Tiermenschen, so wählte nach und nach jeder von ihnen ebenfalls zehn Diener aus den freien Bürgern der Stadt und erhob sie in einen gewissen Adelsstand samt ihren Weibern und Kindern. Dafür aber mussten freilich ihre Töchter, so sie ihnen schön und reizend genug waren, ihnen zu Huren gegeben werden, mit denen sie Kinder zu hundert und tausend zeugten, welche alle dann den Tiermenschen zur Ernährung übergeben wurden; und so sie erwachsen waren, so wurden die männlichen ebenfalls zu Tiermenschen, die weiblichen, so sie durch die List der Schlange meistens sehr schön und reizend wurden, aber wurden gemacht ebenfalls wieder zu Huren und oft schon beschlafen in ihrem zwölften Jahr und wurden dadurch unfruchtbar gemacht. Und so sie dann nach kurzer Zeit alle ihre Reize verloren hatten, so wurden sie hinausgestoßen zu den Tieren und mussten arbeiten für dieselben und wurden genannt ‚Huhorä‘, das heißt nach eurer Art ‚Menschen, die das Vieh warten‘.
HG|1|26|13|0|Und siehe, so ging dann diese Lebensweise mehr denn dreißig Jahre fort. Dann aber, da die Menschen auf diese unzüchtige Weise sich vermehrt hatten bis auf mehrere Hunderttausende und sich ausgebreitet hatten weit und breit im Land und somit nicht mehr übersehen werden konnten, so wurden mit der argwohnlosen Einwilligung Hanochs, ihres nun gänzlich kraft- und tatlosen Gottes, noch zehn Städte erbaut und wurden benannt nach den Namen der zehn Fürsten, die da hießen:
HG|1|26|14|0|Kad (der Dieb), Kahrak (der Hurenmeister), Nohad (der Betrüger), Huid (der Böse), Hlad (der Kalte), Uvrak (Same der Schlange), Farak (der Grausame), Molakim (der Lügner), Uvrahim (der feine Schmeichler) und Thahirak (der große Frevler).
HG|1|26|15|0|Und nun siehe, jede dieser Städte wurde erbaut genau nach dem Muster der Stadt Hanoch; und so ward auch in jeder Mitte errichtet eine hohe Burg gleich der hohen Wohnung Hanochs und ward umgeben mit einem Wall und Graben. Und denke, da die Menschen damals noch keine Werkzeuge, als: Krampen, Spaten, Hauen und Picken, hatten, so mussten sie daher ihre Hände gebrauchen und mit ihren Fingern die Erde gleich den Schermäusen aufwühlen.
HG|1|27|1|1|Farak entlarvt das Ränkespiel der übrigen Fürsten
HG|1|27|1|0|Ich will nicht gedenken der Misshandlungen, die bei einem solchen Bau stattfanden, sondern Ich will euch zur Hauptsache leiten. Als nun die Städte vollends erbaut waren, da traten die zehn Fürsten zum Hanoch und sprachen: „Hanoch, du großer, erhabener Gott aller Macht und Kraft (NB. obschon er schon schwächer war denn eine Mücke und gar keine Macht mehr besaß) und allergrößter Herr aller Gerechtigkeit (NB. welche nichts als Dieberei, Hurerei, Betrügerei, alles Böse, Gefühlskälte, Schlangenbrut, Grausamkeit, Lüge, Schmeichelei und Frevel allem zugrunde hatte). Siehe, dein Volk ist groß geworden unter der allerweisesten Führung deiner grenzenlosen, unbegreiflichen und unerforschlichen Gerechtigkeit (NB. Das war wahrhaft eine grenzenlose, für ihn ganz unbegreifliche und noch mehr aber noch gänzlich unerforschliche Gerechtigkeit) und hat sich ausgebreitet im ganzen, weiten Land deiner göttlichen Herrlichkeit und kann daher nicht mehr übersehen werden von dieser deiner hohen Wohnung, und wenn wir sie aus den Augen ließen, so würden sie dann tun, was sie wollten; ja, sie könnten sich sogar so weit verirren, dass sie statt dich, dem doch nun alleinig alle Anbetung gebührt, wieder den alten Gott Kahins anzurufen und anzubeten anfingen, und es könnte diesem alten Gott doch wieder einfallen, irgendjemanden von ihnen zu erhören und ihn mit einer unbesiegbaren Macht auszurüsten, da er dann ein großes Volk um sich sammeln, über uns herfallen und uns endlich sämtlich vernichten möchte. (NB. Solche Besorgnisse geziemen sich sehr wohl für einen so mächtigen Gott.)
HG|1|27|2|0|Und wir hätten endlich auch der gerechten Diener nicht genug, die da überall hingingen und die Früchte abnähmen und sie brächten hierher; und am Ende würden diese Diener uns überlisten auf dem Wege und würden verzehren am Ende selbst, was für dich nur, o großer Gott, die Erde gehorsamst hervorgebracht hatte.“ (NB. Also auch Furcht, zu verhungern, fing den großen Gott an zu quälen?)
HG|1|27|3|0|Und siehe, da wurde Hanoch sehr verlegen und wusste nicht, was da zu tun sein werde, da er von allem dem zuvor nichts erfahren hatte, wie sehr sich sein Volk vermehrt hatte. Endlich aber erhob er sich und sagte mit einer kreischenden Stimme voll Furcht: „Wie wär’s denn, wenn wir sie nach und nach, die Zuvielen, umbrächten und töteten und setzten sie auf die erste Zahl der Schwäche und Mutlosigkeit?! Was meint ihr, meine Getreuesten?“ (NB. Ein schöner Vorsatz für die göttliche Gerechtigkeit.)
HG|1|27|4|0|Und siehe, da sprachen die zehn: „O allergerechtester Gott, bedenke, was möglich und was unmöglich ist! (NB. Der allerweiseste, mächtigste und gerechteste Gott musste sich also auch von seinen Dienern über das Mögliche und Unmögliche belehren lassen.) Denn siehe, fürs Erste würden sie in großen Massen über dich und uns herfallen und uns allesamt vernichten, so wir nur einen erschlügen, und fürs Zweite bedenke des Gefäßes über den Sternen, davon uns der Kahin oft erzählt hatte, und so wir Gräuel zu üben werden anfangen, was da geschehen wird!“ (NB. Also hatte der große, mächtige Gott doch noch Furcht vor dem alten Gott?)
HG|1|27|5|0|Und siehe, da sprach der Hanoch zu ihnen: „So hört denn und vernehmt meinen Willen, der da lautet gewaltig: Jeder von euch, meinen zehn getreuesten Dienern, beziehe eine der zehn Städte und herrsche und regiere in meinem Namen und gebe Gesetze nach der rechten Einsicht und Erkenntnis und halte auf die genaueste Befolgung derselben genau und strenge! So jemand von euch je nachlassen wird im gerechten Eifer, über den werde ich setzen den, der der Getreueste und Eifrigste von euch war. An der Einbringung der Früchte werde ich euch erkennen! Der erste, der da bringen wird die Gaben als rechte Gebühr für meine heilige Majestät, der wird auch das Lob der Gerechtigkeit als erster ernten, und ich werde das wenige von ihm annehmen, als wäre es vieles; die späteren aber werden müssen bringen vieles, und ich werde es annehmen, als wäre es nur weniges, da ich daraus deren Trägheit bemessen und ihren Handlungen ein gerechtes Lob oder einen gerechten Tadel werde zukommen lassen; und der letzte aber wird übergeben werden dem ersten, damit er sich bessere im Eifer und in der Strenge aller gerechten Sachen. Denn die strenge Gerechtigkeit ist das einzige Fundament eines Reiches, welches wir haben und besitzen ganz zu eigen.
HG|1|27|6|0|Das ist mein gerechter und gestrenger Wille, der ich bin euer Gott und Herr, da ihr keinen anderen haben könnt und auch nicht sollt mit allen den freien und dienstbaren Untertanen. Es hat wohl einmal irgendeinen alten Gott gegeben, der auch sehr mächtig war, solange er gerecht war; aber er soll dann die Gerechtigkeit haben fallen lassen und tat den Übeltätern Gutes wie den Gerechten aus einer gewissen Liebe, ähnlich unserer Regung zu den schönen Weibern, und hat sich dadurch gänzlich zugrunde gerichtet und ist nun nicht mehr.
HG|1|27|7|0|Daher bin ich nun an dessen Stelle jetzt, wie ihr mich seht; daher wird auch das Anrufen dieses alten Gottes sehr wenig nützen, da er nirgends und nichts mehr ist. Daher habt ihr euch in allen Angelegenheiten an mich zu wenden, dem nun alle Macht und Gewalt innewohnt! Amen.“
HG|1|27|8|0|(NB. Solche und noch viel ärgere Schilderungen muss ich heutzutage von vielen Hunderttausenden über mich hören, die ihren baren Unverstand durch ihre allerfinsterste Vernunft – ein Vermögen aller Tiere durch ihre scharfen Sinne – auf Meinen Thron setzen und so sich selbst anbeten und sich derzeit nicht mehr ‚Götter‘ – da ihnen dieser Name zu gemein und läppisch niedrig klingt –, sondern ‚Philosophen‘ oder ‚Weltgelehrte‘ und noch ‚Gelehrte‘ oder ‚Doktoren‘ aller Art nennen. Diese, allerfinsterster Art, wollen Mich sogar zwingen, zu ihnen erst in die Schule zu gehen, so Ich wollte ein Gott dieser so gar sehr aufgehellten Zeit den Übergelehrten sein; Ich sage aber, dass ein Regenwurm vernünftiger ist denn sie, obschon er nur einen Sinn hat. Ich sage, diese werden bald die allergrößten Augen machen und doch nicht mehr sehen denn eine Wühlmaus in der Erde und mit gespitzten und sehr langen Ohren nicht mehr hören denn ein Fisch im Wasser, da er keine Stimme, so auch kein Gehör hat.)
HG|1|27|9|0|Und siehe, das war den zehn Fürsten gerade ein gutes, unversiegbares Wasser auf ihre Mühle; denn da war ihren innersten Wünschen der Hanoch zuvorgekommen und gab ihnen ein strenges Gebot, was ihnen gerade recht war. Denn jetzt erst waren sie wie gemacht, berechtigt, jeden nur erdenklichen Unfug zu treiben und zu betrügen das Volk und ihren dummen Gott.
HG|1|27|10|1|Am 15. Mai 1840
HG|1|27|10|0|(Und nun siehe: Als somit der Gott Hanoch seine Rede vollendet hatte, entließ er diese seine zehn Diener. Diese aber gingen, dem Anschein nach tief ergriffen von einer so gewaltigen Rede; in ihren Herzen aber waren sie über die Maßen fröhlich über die große Torheit Hanochs, da sie meinten, dass er aus allerlei Furcht und Besorgnissen ihnen ihren eigenen Willen zum strengen Gesetz gemacht hatte und am Ende selbst überzeugt zu werden anfing, dass er ein Gott sei. Allein über den letzten Punkt irrten sie sich gewaltig; denn der Hanoch wusste bei sich gar gut, dass er kein Gott war, da ihm seine Schwäche und gänzliche Erschöpftheit nur zu deutlich zeigten, welche Bewandtnis es mit seiner Gottheit hatte!
HG|1|27|11|0|Aber er wollte nur die anderen in der groben Blindheit erhalten und befestigen und Gott sein des Gewinnes wegen und dachte: „Den Blinden ist gut predigen; denn die unterscheiden nicht schwarz und weiß und halten den Tag für Nacht, und so umgekehrt.“ Allein hierinnen irrte auch er. Und so war zwischen ihnen ein wahres Narrenverhältnis, da immer einer den anderen für den Dümmeren und Größeren hält.
HG|1|27|12|0|Und als sie nun wieder in ihrem Gemach zusammenkamen, da fing der Kad an, eine Rede an alle zu richten, und sagte: „Nun, ihr meine Brüder, die wir noch den Kahin zu unserem Vater haben und haben gesehen den Erzvater Adam und die Erzmutter Eva, die nicht kennt und nicht gesehen hat der Hanoch, noch je sehen wird den Adam. Seht, Kahin, unser Vater, war ein Übeltäter, wie keiner je von uns es war und je sein wird, und da er sich an den Gott Adams gewendet hatte, so gab ihm Dieser, was er wollte.
HG|1|27|13|0|Nun, was brauchen wir denn mehr?! Wir wissen und sind Augen- und Ohrenzeugen dessen großen Taten; somit wissen wir, wo der große Machthaber wohnt! Tun wir, was der Kahin tat in der Not, auch im Überfluss, – und seid versichert, es wird sich bald weisen und zeigen, wer der eigentliche Herr im Land der Tiefe ist! Errichte daher ein jeder von uns diesem Gott einen Opferaltar und opfere Ihm da die Früchte des Landes, und die Macht darob wird nicht unterm Wege bleiben; und dann wird Hanoch, der Narr, lange gut warten können auf die Majestätsgebühr seiner eingebildeten Heiligkeit von uns, die wir Adam gesehen haben und die Eva.“
HG|1|27|14|0|Und siehe, als der Kad beendet hatte seine Rede, da erhob sich Kahrak und sprach: „Brüder, wenn es so ist, da haben wir ja eine gewonnene Sache! Seht, was mich anbelangt, so stimme ich vollkommen dem Kad bei; müssten wir denn nicht Narren sein, größer denn ganz Hanoch, so wir Mächtigeren ihn füttern sollen für nichts als zur Bestärkung seiner Narrheit und ihn mästen auch noch dazu, damit er noch geiler würde, zu beschlafen unsere schönsten Weiber, und so sie ihm nicht mehr schmeckten, wir uns, wie ihr alle wisst, erst noch eine außerordentliche Gnade daraus machen sollen, wenn er einem eine überlässt?! Da glaube ich, wir behalten die schönsten für uns! Die weniger schönen geben wir unseren Dienern; die übrigen sollen ein Eigentum sein unserer Untertanen, und der Hanoch kann dafür ein Blutlecker seiner eigenen Töchter werden und die Schande schmecken aus seiner eigenen Faust und mager werden wie das Bein eines Bockes und essen mit den Kälbern und trinken mit den Vögeln. Und wie er tat mit unserem Vater, warum sollen wir ihm nun nicht ein Gleiches tun? Hat er sich auch Dinge vorbehalten, was zu tun vergaß der Vater Kahin und musste fliehen, da er doch sein Vater war wie der unsrige – und seht, er ist uns nur ein dummer Bruder; was soll uns denn nun hindern, ihm zu entgelten die Flucht Kahins? Seht, das ist meine Meinung, vorteilhaft für jeden von uns, da ich von meiner Seite tun werde dem alten Gott, wie es Kad für recht und wirksam sehr weise fand.“
HG|1|27|15|0|Aus allen ertönte nur ein einstimmiges Einverständnis auf die Rede Kahraks, worauf sich Nohad erhob und zu reden anfing, sagend: „Ihr kennt mein Amt und Fach, dem ich nach dem Willen Hanochs vorgestanden habe mit aller Treue, allem Fleiß und Eifer! Doch frage ich euch alle, was ich davon durch die lange Zeit gewonnen habe, so wird mir gewiss jeder von euch die Antwort geben: Nichts weiter und mehr als nichts! Das heißt: Ich half dem größten Betrüger betrügen und war somit selbst ein betrogener Betrüger; ich musste seines Heucheltruges wegen vor der Menge schlecht leben, mir öffentlich – bloß einer dummen Scheinheiligkeitsmeinung halber – als allerstrengster Rechtlichkeitspfleger jeden heiteren Genuss versagen, um dafür geheim statt eines Lobes und einer unsichtbaren Entschädigung und Entgütung für öffentliche Unbilden von seiner unbegreiflichen Narrheit noch die allerderbsten Verweise und Drohungen aller Art zu empfangen. Ihr alle habt es leichter gehabt und konntet tun nach eurem Vergnügen vieles, was zu tun mir unmöglich war, da ich gerade an der Spitze seiner rechtlichen Narrheit stand und musste tun und in genaue Ausführung bringen jeden seiner tollsten und verabscheuungswürdigsten Wünsche, damit sie dann durch meine gezwungene Heuchelei, worauf ich mich wohl verstand – oder eigentlich verstehen musste –, irgendeinen rechtlichen Anstrich bekamen, wofür ich dann als rechtmäßiger Betrüger mich der Vollgültigkeit meines Betruges wegen wieder habe müssen betrügen lassen, und das dreifach: zuerst von Hanoch des Rechtes wegen, fürs Zweite von mir selbst des Volkes wegen, und fürs Dritte vom Volk und euch allen des Hanoch wegen. Ich glaube, euch einen hinreichenden Grund meiner vollsten Unzufriedenheit an den Tag gelegt zu haben und dadurch auch meine Truggestalt vor euch zu den Füßen. Und nun urteilt selbst, ob ich etwa unrecht habe, wenn ich aus Dankbarkeit für solche Anerkennungen den dreifachen Betrug von mir nehme und ihn so mit aller Gewalt auf Hanochs Haupt hinschleudere, da ich ihn enthüllen werde vor dem Volk. Und er möge dann hernach sehen, wohin seine Gottheit den Lauf richten wird, und soll ihr nachrennen wie ein Hinkender einem Hirsch. Und somit will ich auch tun, was der Kad für gut fand, und will den Rat Kahraks in die genaueste Ausführung bringen, und meine Abgaben sollen unschädlich sein seinen Augen, und das Getrabe meiner Kamele wird nicht belästigen sein Ohr. Und so nehme ich Besitz von der Stadt meines Namens.“
HG|1|27|16|0|Und siehe, da sagten die Übrigen: „Nohad hat vollkommen gut geredet, und so tue er auch rechtlich und gut.“
HG|1|27|17|0|Darauf erhob sich Huid und bog den Ton seiner Brust wie einen Blitz in die arge Versammlung und sprach heftiger denn alle übrigen, sagend: „Hört mich wohl an, Brüder und Söhne Kahins, des Geächteten, und versteht jedes meiner Worte von großer Bedeutung!
HG|1|27|18|0|Wer vermöchte alle die Blutstropfen zu zählen, welche durch meine starken Hände nach den Urteilssprüchen Nohads, des Betrogenen, aus den Rücken und Lenden des armen und schwachen Volkes, die so gut wie Hanoch und wir Nachkommen Kahins sind, geflossen sind nicht etwa der Übertretung irgendeines Gebotes wegen oder irgendeiner Faulheit oder auch nur der allergeringsten scheinbar strafbaren Ursache wegen, sondern bloß, wie ihr alle wisst, rein nur ihm zum Vergnügen und Zeitvertreib, nicht zu gedenken jener Misshandlungen beim Bau all der Städte, – so zwar, dass es mir gänzlich unbegreiflich ist, wie diese Armen noch das Leben haben erhalten durch diese schon so lange Marterzeit. Er wusste uns bei jeder Gegenvorstellung die Gebrechlichkeit des bewussten Gefäßes über den Sternen vorzuhalten und vergaß gänzlich dessen unter der Erde!
HG|1|27|19|0|Aber ich frage euch alle nach Recht und Billigkeit, ob es dem Volk nicht besser ginge unter den Trümmern des Gefäßes als unter unseren beständigen Hieben von zähen Ruten, harten Knitteln und festen Prügeln! Und sagt, was hat er denn fürs Gefäß der Liebe unter der Erde getan? Ich glaube, außer den zahllosen Blutstropfen unserer Brüder wird sich wenig darinnen befinden! Und hätten wir listigerweise die Regierung nicht an uns gebracht, hätte er nicht auch einen um den andern gewiss angefangen töten zu lassen als Gott des Gräuels?
HG|1|27|20|0|Wir selbst mussten grausam sein, dieweil wir noch seine Diener waren, um ihm jeden Verdacht zu ersparen. Allein die Städte sind nun erbaut, das Volk ist verteilt, die Macht ist unser wie die neue Anerkennung des alten Gottes und das Ihm gelobte Opfer; was brauchen wir noch mehr? Gehorchte uns das Volk, so wir es misshandelten, so wird es uns gewiss nicht untreu, so wir dessen geschlagenen Wunden heilen wollen und werden durch weisere und mildere Gesetze als durch diese der schwarzen Grausamkeit. Seht, ich bin böse genannt; aber ich möchte hier eine große Frage setzen: wer eigentlich böser ist, ob ich, ob Hanoch, oder die Schlange Kahins? Ich glaube, der Hanoch ist ein Meister aller Bosheit, und die Schlange muss all ihre Brut in sein Herz gelegt haben; sonst wäre nicht möglich, zu gedenken solcher Grausamkeiten von einem Bruder an seinen Brüdern durch seine und der Brüder Brüder!
HG|1|27|21|0|Daher glaube ich, wir machten ihn uns selbst untertänig und dienstpflichtig und ließen ihn nach und nach entgelten vom Volk seine Grausamkeit mehrfältig statt der Majestätsgebühr; und so kann er dann den rechtlichen Tribut auf seinen eigenen Rücken nehmen und tragen, wohin er will.“
HG|1|27|22|0|„Recht und weise ist deine Rede, Bruder Huid“, sprachen die Versammelten, „und dem Hanoch geschehe das nach deiner Rede, welche uns alle traf in die Mitte des Auges, das da oft geschaut hatte seine großen Frevel.“
HG|1|27|23|0|Und siehe, da erhob sich der Hlad und sprach in bündiger Kürze: „Brüder, ihr wisst, wie ich gefühllos gegen alles sein musste, um gewisserart das strenge Recht zu personifizieren oder die willkürliche Grausamkeit Hanochs als unerbittliches Recht darzustellen, und musste daher zu allen diesen seinen bösen Spielen gleiche billigende Miene machen. War ich auch nicht der Schläger selbst, so war ich doch der Aufseher dabei und musste zählen die Streiche Huids und aller Helfershelfer dessen und sie dankbar überbringen allzeit dem Hanoch. Seht, damals musste ich gefühllos scheinen, da ich es nicht im Geringsten war; nun will ich mich umkehren, wie ihr seht! Gegen Hanoch will ich sein, was ich so oft zu sein scheinen musste dem Volk, unseren Brüdern; und den Brüdern aber will ich sein warm, ein kalter Entgelter ihrer von Hanoch erlittenen Unbilden an Hanoch selbst. Meine Treue gegen ihn sei kalte Vergeltung, und mein Fleiß soll mich machen zum Ersten unter euch, und die Stimme seines Lobes soll ins Heulen und Brüllen verwandelt werden und soll werden zu einem Ohrenschmaus den so oft Misshandelten; und mit den Blutstropfen seines Rückens sollen sich die bleichen Gestalten ihre Wangen röten!
HG|1|27|24|0| Da ich sonst mit euch allen vollends einverstanden bin, so glaube ich, dass mein Urteil kein unrechtes ist, so ich handle nach meinem Gefühl, das lange genug wie starr zusehen musste all den Gräueln und Freveln Hanochs. Denn wer Gefühl und Empfänglichkeit hat für Schmerz und Qual, der hat es gewiss auch fürs Wohltun; das habe ich gesehen zahllos oft. Daher lasst uns in der Zukunft regieren durch Wohltun. Dem, der da täte Übles, dem geschehe nach Maßgabe seiner Tat mit Nachsicht, da er auch ein Bruder ist; dem Gehorsamen und Wohltäter aber geschehe Gutes zehnfach. Und dann erst werde dem alten Gott ein würdig Opfer dargebracht, das Ihm gewiss wohl gefallen wird, so wir Ihm das wiederbringen, was Kahin und Hanoch für uns alle so frevelnd leichtsinnig verloren haben.“
HG|1|27|25|0|Und siehe, da erhoben sich alle und verneigten sich gegen Hlad und sprachen: „O Bruder! Von uns allen ist dein Urteil das richtigste; du bist am nächsten den Kindern Adams. Daher sollst du uns ein Muster sein, nach dem wir alle unsere Verfügungen ordnen und richten werden und auch fest wollen.
HG|1|27|26|0|Das warme Blut der armen Brüder hat geschmolzen das Eis um dein Herz, und nun bricht eine Fülle der Wärme aus demselben hervor; darum handle in dieser Wärme, und erwärme uns alle mit deinem Überfluss!“
HG|1|27|27|0|Und siehe, es erhob sich auch der Uvrak und sprach: „Brüder, seht und hört! Alle eure Urteile sind richtig, recht und gerecht, aber das des Hlad ist nach meiner scharfen Erkenntnis das einleuchtend richtigste. Und somit bin ich bis auf eines ganz seiner Meinung, und dieses eine ist von großer Wichtigkeit, die da ist: Große, vorsichtige Schlauheit in allem, was wir nur immer unternehmen. Denn seht: Rechttun, wohltun, richtig und rechtlich urteilen, gerechte Vergeltung, eine sichere Ordnung, – das sind Dinge, die von großem, öffentlichen Nutzen sind fürs Volk sowohl, als auch für uns alle; und alle diese Dinge langen aus zwischen uns und dem Volk. Aber nun wissen auch alle freien Bürger der Stadt Hanoch, dass wir Fürsten und Hanoch für diese Dummköpfe ein wahrer Gott ist, was sich nun keiner von ihnen, um tausend Prügel nicht, wird nehmen lassen; und mehr als alle diese Freien ist all unser Volk in diesem Wahn gefestet.
HG|1|27|28|0|So wir nun aber alsogleich unsere Hände an Hanoch legen, so werden wir dadurch sie alle gerade auf uns hetzen; und so der Hanoch hinzutreten würde in ihre Mitte und ihnen erläutern würde, dass wir ihm die Hände gebunden haben, damit er nicht hätte abwehren können unsere Misshandlungen, die wir an ihnen verübt haben, – so dieses geschieht, fällt das Volk über uns her, und wir gehen zugrunde unter der Last der Massen.
HG|1|27|29|0|Daher ist List und große, vorsichtige Schlauheit unumgänglich nötig, wenn wir unsere Pläne durchsetzen wollen, damit die Sache uns kann nütze werden. Da ich nun sein geheimster Ratgeber war in allen Sachen, so weiß ich auch am besten, wie die Sachen stehen. Daher ist meine untrügliche Meinung diese: Dem Hanoch wenigstens drei Jahre lang den verlangten Tribut scheinhalber zu entrichten, unterdessen das Volk gut halten, damit es uns anhänglich werde, und dann öfter die Tüchtigeren an Verstand belehren über das nichtige Wesen Hanochs und über alle seine Betrügereien und allergröbsten Anmaßungen, ihnen zeigen Spuren des alten Gottes und ihnen dazu noch begreiflich machen, wie von uns alles, so hart es auch sein mochte, nur darauf angelegt war, sie endlich aus dem harten und schweren Joch Hanochs als Brüder zu retten, und dass dieses jetzt hatte geschehen müssen, denn sonst wären sie alle sämtlich umgebracht worden.
HG|1|27|30|0|Ich gebe euch meine vollste Versicherung, wenn wir das Volk so unterrichten und behandeln es nach Hlads Meinung, so sind wir im unberechenbaren Vorteil, und ich glaube, selbst der alte Gott wird uns da die Herrschaft nicht streitig machen, so wir Ihm auch noch dazu ein Opfer geben wollen. Dann erst bin ich auch sicher, dass der Hanoch vom Volk erfahren wird, dessen schon sehr weise erwähnt haben meine einsichtsvollen und übererfahrenen Vorredner Huid und Hlad.
HG|1|27|31|0|Beherzigt wohl meine Rede, ihr meine Brüder und hohen Söhne Kahins!“ – Und siehe, alle verneigten sich und sprachen: „Amen, so soll es geschehen, damit eines jeden Rede gültig werde gegen Hanoch, den verruchten Ächter unseres Vaters und schändlichen Frevler des alten, mächtigen Gottes.“
HG|1|27|32|0|Da ließen sich die anderen wieder auf ihre Sitze nieder, aber der Farak blieb stehen und blickte erst ernst um sich herum, als wollte er sehen, ob nicht hinter jedem Redner etwas noch verborgen geblieben wäre, womit sich keiner ans Tageslicht wagte; und was er suchte mit den Augen, fand auch bald und leicht sein Verstand. Nun fing er an gewaltig zu reden, und seine Rede schonte niemanden gleich einem Schwert auf dem Schlachtfeld, sagend:
HG|1|27|33|0|„Brüder, so ihr noch wert seid dieses Ehrennamens! Ich habe vernommen eure Reden, die ihr vor mir laut gemacht habt eure Gedanken und hieltet aber verborgen eure Begierden hinterlistig gegeneinander und habt einander angelogen mit euren Plänen und seid dadurch geworden zu gegenseitigen Meuterern, da ein jeder von euch im Sinne hat, sich heimlich davonzumachen und dem Hanoch anzuzeigen, dass er aus übergroßer Treue zu ihm vor dem wichtigen Antritt der Regierung seiner Weise eine Versammlung der Fürsten, wie sie soeben vor uns ist, zuwege gebracht habe und habe sie alle zu stimmen gesucht, dass sie ein Urteil von sich geben schändlich über Hanoch, damit dem Hanoch dann klar würde, welchen Händen er die zehn Regierungen anvertraut habe, – wodurch dann der Hanoch ihn ausrüsten würde mit aller Macht und ihn dann setzen möchte zum Alleinfürsten über uns alle; die Übrigen könnten dann leichtgläubiger Folge Hanochs das Los Kahins unter sich teilen.
HG|1|27|34|0|O ihr Schurken, ihr Auswürfe aller Bosheit! Fragt euch alle selbst, ob nur je ein ehrlicher Zug euch zu etwas gemacht hat? Denn alles, was ich bin und ihr seid, ist euch zu werden gelungen durch List, Schlauheit, Betrug, Schmeichelei und Heuchelei. Hat das arme Volk noch nicht gelitten genug? Ist es nicht schon ohnehin so elend geworden, dass es beinahe keinen Menschen mehr gleicht? Hat es nicht schon ohnedies beinahe den letzten Tropfen Blutes unter euren Hieben vergossen? Und was haben wir ihm je dafür Gutes getan, da es uns so lange willig ernährt hat für nichts als für Misshandlungen aller erdenklichen Art? Haben sie nicht, die ihr Tiermenschen nanntet, die nämlichen Rechte auf alles, was die Erde trägt? Und es war ihnen untersagt, zu essen von all den Früchten, die da reif geworden sind, sondern bloß von den faulen? Und ihr seid damit nicht zufrieden, sondern wollt sie noch tausendmal unglücklicher und elender machen, als sie es schon ohnehin sind?!
HG|1|27|35|0|Dadurch bewogen sage ich euch allen ohne Scheu, so ihr regieren wollt das arme Volk, dessen ihr nicht wert seid, dass es eure Brüder sind, so lasst alle Bosheit und Hinterlist, und leitet sie im Angesichte Gottes, des wahren und alten, und seid auch dem Hanoch wahre Brüder und nicht Betrüger eurer Köpfe und Gurgeln wegen, und macht euch dessen würdig durch wahre Treue, wozu ihr geworden seid durch Betrug und List, sonst wird der alte Gott euer Opfer nicht ansehen und wird zu Hilfe kommen den Schwachen wider euch und euch machen zu Sklaven der Bestien, denen ihr den Namen gabt, der auf eurem Grunde gewachsen ist! Bedenkt wohl die Rede des Grausamen, amen.“
HG|1|27|36|0|Siehe, als der Farak seine Rede beendet hatte, da blieben die anderen wie angemauert sitzen und wussten auch nicht ein Wort zu ihrer Entschuldigung über ihre Lippen zu bringen, und es dachten die meisten bei sich: „Der ist uns heimlich bei dem alten Gott zuvorgekommen; denn wie konnte er uns sonst so haarklein durch und durch schauen? Und da es nun einmal so ist, wer wird an seiner Seite bestehen? Wäre er zu vernichten, dann wäre es ein Leichtes! Aber nun – wer wird seiner Macht sich zu widersetzen vermögen? Ehe wir noch eine Hand heben, wird die seine uns schon vernichtend treffen; daher wollen wir ruhig abwarten, was die Sachen für Wendungen nehmen werden, und da wird sich dann wohl zeigen, was da ferner zu machen sein wird.“
HG|1|27|37|0|Und siehe, da nun niemand mehr zu reden wagte, da trat noch einmal der Farak hervor und fragte sie: „Nun, wie ist euch denn? Hat denn keiner mehr den Mut, als Redner aufzustehen und mir zu entgegnen? Wo ist nun eure List, euer Betrug, eure Schlauheit, eure Schmeichelei, eure Heuchelei, wo eure Lügen, wo eure Macht, wo euer Fürstentum und wo euer betrogener Gott Hanoch?
HG|1|27|38|0|Ja, ich sage euch, eure stumme Gedankensprache ist nicht entgangen meinem Ohr, und wie sich die Sachen auch wenden mögen, so werdet ihr auch ganz richtig machen, was da zu machen sein wird nach Recht und Billigkeit; und wer von euch nicht danach handeln wird genau, der wird geächtet werden gleich dem Kahin, von dem ihr sagt, dass er euer Vater ist, da er doch nach Recht handelte, – nur zu blind und streng, wodurch er sich gefangen nahm, und musste fliehen vor seinem eigenen Werk. Wohin, – das weiß niemand als der alte Gott; und so Er es jemandem wollte kundmachen, so würde der es wissen. Allein das ist nicht Sein Wille. Seht, er war gerecht aus Furcht vor dem Gericht des Alten, und er fehlte dadurch in aller Handlung, da er nichts aus Liebe tat, die ihm doch geboten war vom alten Gott vor allem.
HG|1|27|39|0|Ihr habt sogar alle Gerechtigkeit aus dem Felde geschlagen und an ihre Stelle List, Betrug, Schlauheit, Lüge und andere zahllose Schändlichkeiten mehr noch dazugesellt, die keine Namen haben ihrer Ruchlosigkeit halber, und glaubt, der alte Gott wird gleich bereitwilligst euch unterstützen in allen euren Niederträchtigkeiten, deren Zahl kein Ende hat, so ihr Ihm nur irgendein blindes Feuer als Opfer vormachen werdet. Oh, ihr irrt euch gewaltig; dieser Alte hat scharfe Augen und kennt genau euer ganzes Wesen, wie es beschaffen ist vom Ersten bis zum Letzten. Daher ist Sein Ohr ferne von euch und wird euch nie mehr erhören in eurer grenzenlosen Verruchtheit, so ihr auch die ganze Erde Ihm als Opfer anzünden würdet, so ihr nicht zuvor eure Herzen reinigt mit dem Feuer einer unbegrenzten Liebe zu euren durch euch schwachen Brüdern und unglücklichen Schwestern, und euch enthaltet von aller Hurerei, die Männern von zweihundert Jahren ganz unbegreiflich schlecht ansteht zu einem Fürstenamt.
HG|1|27|40|0|Nun beantwortet meine Fragen, so ihr könnt, oder sagt, was ihr nun noch entschlossen seid zu tun, mir so gerade ins Angesicht, wie ich es euch ohne Scheu gesagt habe, so ihr euch getraut; denn ich strebe nach keiner Herrschaft noch nach irgendeinem Fürstentum wie ihr, sondern nur nach der genauen Erfüllung der mir auferlegten Pflichten meines Amtes und nach dem Wohlgefallen des Alten, – daher ich auch nie ein Unrecht beging, noch geschändet habe ein Weib, noch eine Jungfrau, und noch weniger Fräulein von zwölf Jahren und darunter, wie ihr, weswegen ihr mich auch den Grausamen genannt habt, da ich nicht wollte sein gleich euch ein fauler Schurke.
HG|1|27|41|0|Dies sollen meine letzten Worte sein, damit ihr wisst, wen ihr vor euch seht, nämlich mich, den Grausamen, den ihr aber nie näher kennen sollt als nur so weit, als es nur die höchste Not erheischt, wie die gegenwärtige ist, damit nicht alles ewig – ja, ich sage ewig – zugrunde gehen möchte im wieder erweckten Zorn des alten, ewigen, heiligen Gottes! Daher frage mich keiner je näher, woher und wodurch! Amen.“
HG|1|28|1|1|Die Beratung der zehn Fürsten
HG|1|28|1|0|Und siehe, da von allen, die da schon geredet hatten, keiner wagte, eine Gegenrede zu halten an den Farak, so erhob sich endlich der Molakim und richtete seinen Mund gerade gegen Farak, ihn scharf ins Auge fassend und sagend: „Bruder, deine Rede war scharf und traf einen jeden in seine Mitte; allein siehe, was unsere Reden betrifft, so ist deren Sinn gut und recht bis auf die Verwerfung Hanochs; nur sind sie entwürdigt worden durch innere, falsche Begierden, die in uns erst sind wach geworden beim Anblick der uns anvertrauten Fürstenämter.
HG|1|28|2|0|So wir aber vertilgen in uns alle diese frechen Begierden und wollten auch werden wahre, treue Brüder, wie des Volkes, so auch des Hanoch nach Maßgabe des Rechtes und der Billigkeit, werden wir auch dann noch Schurken sein?“
HG|1|28|3|0|Und der Farak antwortete: „Die Begierde ist das Leben des Willens; so ihr also aber wollt vertilgen jegliche Begierde in euch, woraus wollt ihr dann handeln als Fürsten? Daher soll keiner erdrücken die Begierden in sich als den Funken der Liebe in Gott; aber nur keine falsche Richtung sollen dieselben nehmen.
HG|1|28|4|0|Die rechte Richtung derselben ist, Gott in seiner Liebe trachten zu gewinnen, und danach alle Handlungen richten nach der Erkenntnis des allerhöchsten Willens in uns, der in aller Demut erhalten wird die Eigenliebe in uns durch das Gefühl ihrer Nichtigkeit und unbegreiflichen Schwäche in ihr.
HG|1|28|5|0|Die falsche Richtung derselben aber ist die Selbstsucht oder die gänzliche Blind- und Taubheit des Willens in uns, und alle Handlungen aus demselben richten sich nach den eigenen Bedürfnissen und lassen die der ebenbürtigen Brüder unbeachtet.
HG|1|28|6|0|Siehe, die falschen Begierden blähen sich dann durch ihre stets wachsende Mehrheit in uns auf und erdrücken die Demut und erzeugen die Hoffart durch ihre Last, in welcher Lage sich dann der Mensch erleichtern möchte seine große Bürde; allein da er als Blinder nichts sieht und als Tauber nichts hört, was ihm helfen könnte, so hascht er in seiner falschen Begierde nach allen erdenklichen Mitteln, die seine Blind- oder Eigenliebe nur zu ersinnen vermag, und häuft dadurch nur neue Lasten auf Lasten, die in ihrer größten Überlast erdrücken das Leben aus Gott in uns und machen uns zu Tieren der Erdmaterie und zur Speise des Todes, der da zu Hause ist überall in der Materie, sowohl im Feuer als auch im Wasser, in der Luft und in der Erde, welche ist eine Mutter des Fleisches oder des Todes; denn wo ein Fleisch ist, da ist auch ein Tod. Somit werden wir auch alle sterben im Fleische.
HG|1|28|7|0|Wer demnach ist in der Eigenliebe, der ist in der Liebe seines Fleisches; wer aber sein Fleisch liebt, der hat die Begierde nach dem Tode, und der Tod wird in seine Begierde übergehen und ihn gefangen nehmen in allen Fasern des Lebens und somit ihn verzehren und töten. Und so wird er werden zum Unrat des Todes und wird düngen die Äcker, da gesät ist die Frucht des ewigen Verderbens. Jetzt wisst ihr alles; handelt und lebt, oder tut und sterbt, amen.“
HG|1|28|8|0|Und siehe, da nahm wieder der Molakim das Wort und sprach: „Brüder, ihr kennt mein Amt und Fach; ich war nicht vom Hanoch, noch vom Volk dazu gemacht, sondern von euch allen mit Ausnahme des Farak, dass ich anlöge den Hanoch und so auch das Volk; nur euch allein musste ich zeigen den Mittelpunkt meiner Wissenschaft. Nun aber werfe ich links und rechts die Blendungen zu den Füßen Faraks und sage offen und getreu: Wenn ein Gott vom Himmel kommen wird, so wird dessen Rede nicht weiser sein als die des Farak!
HG|1|28|9|0|Ich bekenne frei, wäre er nicht unser Bruder, so würde ich vor ihm niederfallen und ihn anbeten; aber er ist ein Mensch wie wir, – woher kommt ihm diese große Weisheit?!
HG|1|28|10|0|Seht, ich bin blind und taub wie ihr; aber ein inneres Rauschen sagt es mir: Siehe, Gott spricht durch den Mund Faraks unsichtbar! Diese Stimme sollen wir hören, sehr wohl beachten und danach handeln, so wir leben wollen; sonst werden die Tränen unserer Brüder sich ansammeln zu einer großen Flut und uns ersticken sämtlich in unserer großen Hurerei, Betrügerei und Frevellist.“
HG|1|28|11|1|Am 22. Mai 1840
HG|1|28|11|0|Und siehe, da wurde auch ermutigt der Uvrahim, trat vor und sagte: „Amen, – Dank sei dem alten Gott, dass Er gnädigst geöffnet hat den Mund Faraks, unseres Bruders, ohne den wir sämtlich wären zugrunde gegangen, da wir alle schon tief gefangen waren in unseren todbringenden Begierden und wollte einer sein dem anderen ein Verräter, damit der Tod über uns alle gekommen wäre, so oder so, als gerechtes Gericht aus der Höhe der Heiligkeit oder aus der Tiefe des Zornes des alten Gottes.
HG|1|28|12|0|Ich war ein feiner Schmeichler und wirkte dadurch mehr Böses als ihr und der Hanoch mit aller Gewalt; denn wäre ich nicht gewesen, er hätte lange schon seine Göttlichkeit, welche eigentlich ich auf das Eingeben Uvraks mit der Hilfe Nohads und Thahiraks ihm aufgeschmeichelt habe, fahren lassen, nachdem er mir öfter heimlich schon bemerkt hatte, dass ihm diese Gottheit innerlich sehr viel Angst bereitete und ihn nicht ruhen lasse bei Tag und bei Nacht, so er allein ist, und dass er dann öfter schon verwünscht habe diesen unglücklichen Gedanken Uvraks, den er nun des Volkes wegen nicht mehr loswerden könne, – und doch brenne er ihn mehr denn alles Feuer in seiner Brust.
HG|1|28|13|0|Und nun seht, hier lege ich alle meine Schmeichelei nieder mit der Überzeugung, dass die Weisheit Faraks auch leicht heilen wird nach und nach diese große Wunde unseres Bruders, so wie sie hoffentlich uns allen die Augen geöffnet hat, damit wir ersehen möchten den Abgrund, an dessen lockerem Rande wir uns alle neun behaglich befanden, nicht ahnend die große Gefahr, zu verlieren das Leben und somit auch alles, was nur durch dasselbe irgendeinen Wert hat.
HG|1|28|14|0|Und du, teurer Bruder Farak, sei mir und uns allen ein treuer Wegweiser zum Licht aus den Höhen des wahren Gottes, der uns fremd geworden ist gleich unserem Erzvater Adam, und leite uns alle nach dem dir wohlbekannten Willen des allein wahren Gottes, und so auch alles Volk als ebenfalls unsere armen, unschuldigen Brüder, an deren Vergehungen wir allein schuld sind durch unsere grenzenlose Bosheit; und was du, o Bruder, für gut finden wirst als den nun nur dir allein bekannten Willen von oben, das wollen wir mit vereinten Kräften mit der Gnade von oben gerne und allzeit bereitwilligst in die genaue Ausführung bringen.
HG|1|28|15|0|Daher lege ich auch hier mein Fürstentum nieder zu den Füßen des Freundes Gottes, des wahren, und werde mich nur glücklich preisen, mich einen getreuen Knecht nennen zu dürfen vor dem einzigen in diesem Land, der da Gnade gefunden hat aus so vielen Tausenden vor Gott, dem alleinig wahren und einzigen, der nicht mehr hat einen, der da wäre seinesgleichen.
HG|1|28|16|0|Daher vernehmt alle meinen wohlabgewogenen Willen: Die Stadt Farak sei uns allen eine heilige Stadt. Da wollen wir uns allzeit einen weisen Rat holen, um danach weise handeln zu können. Er selbst aber sei unser Fürst und Leiter nach der Weisheit Gottes in ihm und sei der alleinige Mittelpunkt zwischen uns, dem Hanoch und all dem Volk, damit wir würdig werden möchten, nicht etwa Fürsten zu werden, daran nichts gelegen ist, so wir gesehen haben Gottes Weisheit; sondern nur als willige, treue Knechte angesehen zu werden, die da Freude haben werden und sollen an dem Wohle der Völker und an der Weisheit Gottes in unserem Bruder Farak und an der vollen Wiedergenesung Hanochs und somit auch alles freien und dienstbaren Volkes.
HG|1|28|17|0|Amen, sage ich in aller Namen; und du, o Bruder Farak, sehe mich an in deiner Weisheit, und sei uns allen ein Bruder, ein Fürst, ein Leiter, ein Ratgeber und ein weiser Freund! Amen.“
HG|1|28|18|0|Und siehe, die Rede Uvrahims belebte neu den Thahirak, wie auch die übrigen, die gesprochen hatten vor dem Farak gleisnerische Worte voll Eigennutz; und so begann auch er noch zu reden als einer, der ein Träger und wahrer Sparkasten alles Übels ist, und auch als einer, der sich göttliche Rechte und Dinge anmaßte – als Gottes für alle Ewigkeiten unantastbare Heiligkeit, dessen Gerechtigkeit, dessen Liebe, dessen Allmacht, ja am Ende sogar die ganze Schöpfung, als könnte er sie mit einem Finger zerstören, da er, wie er oft sagte, hinter die Schliche des alten Gottes gekommen sei und er sich auch sogar getraute, es mit Meiner Kraft aufzunehmen und offene Fehde zu erklären Meiner Allmacht –; und da Ich aus Liebe nicht wollte das große Schwert Meines Grimmes ziehen gegen einen elenden Wurm des Staubes – als der Unendliche gegen ein Nichts, das kaum erschaut werden kann wegen dessen unaussprechlicher Kleinheit gegen Meine ewige Größe und unendliche Macht –, so sagte er jedermann: Meine Schwäche habe Furcht vor seiner Stärke.
HG|1|28|19|0|Was sagst du, Mein Knecht, zu solcher Aufforderung?
HG|1|28|20|0|Und siehe, diese war doch noch nicht so lächerlich als die, welche von euch Mir zur Stunde gemacht werden tausendfältig ärger, als diese da war.
HG|1|28|21|0|Denn sehe hin an die Wurzel eures Priestertums! Wenn er redet, der Weltheilige auf dem Thron, da muss Ich im Ernst schweigen und Mich auch hüten, mit jemand zu reden; so er’s erfahren würde, da wäre Mein Sprechling nicht sicher mit seinem Leibesleben.
HG|1|28|22|0|Ich brauche euch den Dorn in Meinem Auge nicht näher zu bestimmen, da ihr ihn ohnedies leicht finden werdet. Allein nur noch eine kurze Zeit! Und nun wieder zur Sache.
HG|1|28|23|0|Und siehe, dieser Thahirak fing nun auch, wie ein Blitz sich wendend, an, eine gewaltige Schlussrede an die Versammlung zu richten in aller Kürze, und sprach: „Brüder, die ihr weise und gewaltig geredet habt vor mir, dass ich erschüttert wurde bis in den innersten Grund aller meiner Bosheit und habe erschaut meine Nichtigkeit und meine grundlose Schwachheit und vernommen habe all mein großes Unrecht in all meinem Tun und Handeln, – ich brauche deiner Weisheit, Bruder Farak, nicht erst herzuerzählen all meine Schändlichkeiten, da selbst den Unweisen hinreichend bekannt ist mein bisheriges Amt und Fach in der allerruchlosesten Frevelei.
HG|1|28|24|0|Seht, ich bin zu schlecht für eure Versammlung, um irgendein Wort zu führen zu einer Entschuldigung, sondern nur so viel sage ich, dass ich ein Grundstein bin alles Übels unter euch und dem Volk und dem Hanoch; daher mache ich auf gar nichts irgendeinen Anspruch, weder auf ein Fürstentum, noch auf eine Knechtschaft, noch weniger auf eine Dienerschaft, sondern mir geschehe von euch wie dem Vater Kahin. Und so wird der Grundstein aller Bosheit ausgehoben werden von dem lockeren Gebäude alles Frevels, dass es dann zusammenfallen werde und ein besseres Gebäude der gerechten Weisheit Faraks aus Gott, dem Wahren und Mächtigen, an dessen verabscheuungswürdigsten Stelle möge für alle Zeiten dauernd errichtet werden.
HG|1|28|25|0|Seht, Brüder, das ist der einzige Lohn, den ich von euch allen am meisten wohl verdient habe, – wodurch ich keine unbillige Forderung an euch zu machen hoffe, da ich nun wohl weiß, dass der alte Gott keine Gnade und Erbarmung mehr haben kann und darf mit mir Seiner Heiligkeit wegen, die ich allein geschändet habe namenlos.
HG|1|28|26|0|Daher habe ich nun ausgeredet zur Genüge und erwarte daher in aller Zuversicht und Demut ein gerechtes und ganz billiges, wohlverdientes Urteil von der göttlichen, rechten und starken Weisheit Faraks!
HG|1|28|27|0|Und so ihr mich wollt mein Weib und meine Kinder lassen mitnehmen auf die Flucht dem Kahin nach, so möge das jedoch eurer Erbarmung anheimgestellt sein. Und so geschehe mir dann nach dem Willen Faraks, amen.“
HG|1|29|1|1|Faraks weise Anleitung zur Besserung des Reiches. Die Nachfolger Hanochs
HG|1|29|1|0|Und siehe, da erhob sich noch einmal der Farak und sprach: „Sieh, Bruder Thahirak, Gott und alle freien Geister können das Geschehene in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten nicht mehr ungeschehen machen; umso weniger können es wir schwache Menschen. Denke selbst, wenn es nur irgendeinen Funken göttlicher Weisheit bei einem Menschen gibt, ob diese nicht so urteilen und also reden müsste:
HG|1|29|2|0|Dieser Mensch hat gefehlt gewaltig aus seiner böswilligen Erkenntnis, da er nicht hatte Gnade von oben und war blind in seiner Selbstsucht zu seinem größten und aller ihn berührenden Schaden; nun aber kam durch die Barmliebe Gottes ein heller Blitz, begleitet von starkem Donner, von oben und machte ihn sehen seine ganze Verworfenheit und hören die Unzahl seiner Gräuel. Und nun finge dem Menschen an zu bangen, und er würde dann bereuen ernstlich all sein böses Tun aus dem Grunde seines Herzens und würfe somit alle seine Bosheit von sich und gäbe auch seinen Willen gefangen der Gnade Gottes, – sage mir, was würdest da selbst du tun einem solchen? (Antwort: Vergeben, und ihn ansehen, als hätte er nie gefehlt, und große Freude haben, dass ein so weit Verirrter sich wieder gefunden hat, und gefunden hat einen Ausweg aus den Kerkern des finsteren Wahnsinns zum Licht der göttlichen Gnade.) Du hast recht und richtig geantwortet, so du doch nur ein Mensch bist; und wie viel mehr aber wird der allerweiseste Gott als der Urgrund aller Wahrheit und Liebe diese Richtigkeit billigen, da Er am besten weiß, wie und wodurch und warum wir sooft gefehlt haben.
HG|1|29|3|0|Nun denn wisse: Wir lieblosen Menschen richten unsere verirrten Brüder nach der Anzahl der Verbrechen, ob da Reue oder keine Reue da war; Gott aber richtet aus Seiner Liebe und Weisheit keine begangenen und bereuten, sondern nur die begehenden und unbereuten Fehltritte. Obschon das Geschehene nie vergehen wird, sondern aufbewahrt bleibt in der unvergänglichen Erinnerung Gottes als ein dunkler Fleck auf der Linie unseres Lebens; aber gerichtet wird die Linie nicht im Anfang, noch in der Mitte, sondern am Ende, da dieselbe wächst und sich verlängert entweder gerade nach der Liebe und dem Recht aus ihr, oder ungerade und krumm nach der Bosheit und aller Ungerechtigkeit aus ihr.
HG|1|29|4|0|Und siehe, so hat die Kraft der Weisheit aus Gott auch nun geradegemacht deine Krummheit, und so sollst du dich nicht selbst richten, sondern von nun an in der geraden Richtung deine Lebenslinie verlängern hin zum wahren Gott in aller Treue und Gerechtigkeit und dich öfter umsehen nach der von Gott nun geradegemachten Linie, damit du fürder nicht abweichst von der geraden Richtung, da du dann leicht entdecken wirst irgendeinen Abbug, um alsogleich auszugleichen denselben mit der Gnade von oben, die dir dann erleuchten wird das große Ziel deines Lebens im Reich der ewigen Liebe und alles Lebens aus ihr.
HG|1|29|5|0|Und nun gehe, übernehme in aller Treue, was dir geboten ist vom Hanoch, und sei eingedenk dieser meiner Rede, so auch ihr alle übrigen samt mir, dem Grausamen, und seid Brüder Hanochs, Brüder unter euch und Brüder des zu leitenden Volkes nach dem Willen Gottes des Mächtigen, Kräftigen, Starken, Allerweisesten und Liebevollsten. Amen.“
HG|1|29|6|0|Und auf diese Schlussrede erhoben sich alle und verneigten sich gegen Farak und sprachen: „Farak, du Weiser aus der alten Weisheit Gottes! Wir erkennen alle nun deine große Macht und unbegreifliche Einsicht in allen Dingen; obschon wir nicht einsehen, wie du dazu gekommen bist, so wollen wir aber doch tun, wie du es für gut und recht findest, weil wir sehen, dass deine Weisheit auf Liebe beruht, die niemand den Kürzeren ziehen lässt, wenn man noch dazu wandeln will ihre sanften Wege, was wir nun alle tun werden und wollen aus deiner und nach deiner Weisheit.
HG|1|29|7|0|Und du aber sehe, dass du auch den Hanoch zurechtbringst wie uns, amen.“
HG|1|29|8|0|Und siehe, da verließen alle ihre Plätze und begaben sich in ihre Städte und taten da nach dem Rat Faraks weise und gut, und es frohlockte alles Volk unter ihrer Leitung.
HG|1|29|9|0|Und als Farak nun auf ähnliche Weise leicht auch bekehrt hatte den Hanoch, da stand der Hanoch auf und ergriff die starke Hand Faraks und sagte: „O Bruder, du hast wahr gesprochen und wohl getan; denn wo ein Geschöpf lebt, da ist auch noch Liebe und Gnade von oben zu erwarten wie bei mir; nur im Tode hat alles aufgehört. Nun lebt noch alles, – so lässt sich auch noch vieles wieder gutmachen; daher will ich alle Wunden wieder heilen, die meinen Völkern sind geschlagen worden, und das alles an deiner weisen Bruderseite, die da vermocht hatte ein so großes Unglück abzuhalten durch so große Einsicht von mir, dem arg Betrogenen, und so auch vom armen, betrogenen Volk.“
HG|1|29|10|0|Und siehe, so ging dann diese nun etwas bessere Regierung mehr denn fünfhundert Jahre  wellenförmig fort, auch selbst noch unter den Söhnen, das heißt Kindern und Kindeskindern Hanochs, als da waren, dessen jüngster Sohn Irad (der Heftige, als Schüler Faraks), regierend hundert Jahre, dessen jüngster Sohn Mahujel (der Fatalist oder Schicksalsprediger), auch regierend hundert Jahre, dann dessen jüngster Sohn Methusael (der Zielstecker und Erfinder der Natur und deren Kräfte), regierend hundertundzehn Jahre, und endlich dessen schon beinahe ganz Meiner vergessender Sohn Lamech (der Erfinder der Todesstrafen, die unter seiner Herrschaft vorzüglich gang und gäbe wurden), regierend zweihundert Jahre.
HG|1|29|11|0|Aber siehe, bei Lamech muss Ich ein wenig länger verweilen, da mit ihm alles Herrschertum aufhört und die Abgötterei und die Mammonie an seine Stelle treten, so auch die verfluchte Naturphilosophie als das größte Meisterstück der grenzenlosesten Schlangenbosheit.
HG|1|29|12|0|Und siehe, Lamech war eigentlich vermöge seiner Mittegeburt nicht berechtigt zu herrschen, da nach der urherkömmlichen, festgesetzten Sitte nur der jüngste Sohn, und nur im Sterbe- oder sonstigen Unfähigkeitsfall dann der Erstgeborene, und stürbe auch dieser, erst der Mittelbürtige berechtigt war zur Übernahme der Regierung.
HG|1|29|13|0|Nun aber lebte noch ganz wohl Methusaels ältester Sohn Johred (der geheime Weise nach der Art Faraks, des lange schon Verstorbenen), und dessen jüngster Bruder Hail (getreuer Schüler Johreds und rechtmäßiger Herrscher).
HG|1|29|14|0|Und siehe, Lamech aber, ein roher, finsterer, ehrsüchtiger, meineidiger Mensch, der sich ganz wohl für seinen Ehrgeiz herausphilosophiert hatte, dass er gleichermaßen berechtigt sei zu herrschen, ergrimmte in sich über die alte Sitte; und da er auch noch dazu umgeben war von einer gleichgestimmten, bösen Spießgesellenrotte, so hielt er einmal, als gerade durch den Tod Methusaels die Zeit des Regierungsantrittes Hails herbeigekommen war, in dieser herrschsüchtigen Hinsicht eine arge Ratsversammlung, um zu erforschen, was da zu tun sein möchte, um seinen bösen Zweck sicher zu erreichen.
HG|1|29|15|0|Und siehe, einer, der da hieß Tatahar (das ist ein Blutdurstiger, auch ein Bluthund), gab ihm den grausen Rat, sagend: „Wir sind unser siebenundsiebzig an der Zahl, stark wie die Bäume, verwegen wie ein Tiger, mutig wie ein Löwe und grausam wie eine Hyäne, und du aber bist ein Meister von uns allen; so glauben wir, es sollte dir nicht schwer werden, mit einer tüchtigen Keule in der Hand Johreds Weisheit ein Ende zu machen im Wald dort nächst den Bergen, da wir letzthin die Tiger jagten. Und hat dann irgendeine gefräßige Hyäne seine Knochen zermalmt mit ihren scharfen und starken Zähnen, so kannst du ihr hernach aus Dankbarkeit zum Konfekt auch noch den Buben Hail hinzuwerfen, was für diese hungrigen Waldbestien eine willkommene Mahlzeit sein wird. Dann sagen wir dem Volk, dass sie auf einer Hyänenjagd in zu großem Vertrauen auf ihre geheime Weisheit, alsomit tollkühn, im Gebirge von den Hyänen zerrissen und gefressen worden sind. Und da du dann der alleinige rechtmäßige Nachkomme Kahins, Hanochs, Irads, Mahujels und Sohn Methusaels bist, wer wird dir dann noch die Herrschaft und die Regierung streitig machen?!
HG|1|29|16|0|Nun, Lamech, was meinst du, – ist der Rat nicht, wie keiner, sicher zum Ziel führend? Gehe und handle, wir sind dir zur Seite, und der Erfolg ist außer Zweifel!“
HG|1|29|17|0|Und siehe, dieser Rat kam dem Lamech wie gemessen recht, und er suchte noch am nächsten Tag Gelegenheit dazu, – fand sie auch bald mit Hilfe der Schlange. Da er bemerkte, dass Johred mit Hail nach dem Forst frohwandelte, so ging er schnell anderseits mit seiner Spießgesellenrotte nach dem Forst und erwartete daselbst hinter den dichten Bäumen die beiden Brüder; und als diese vollends im Wald sich befanden, stürzte er plötzlich auf Johred, erschlug ihn auf einen Streich und tat mit dem Hail nach dem Rat Tatahars.
HG|1|29|18|0|Und siehe, den beiden aber geschah dieses deswegen, weil sie stolz auf ihre Weisheit geworden waren, da sie als Fürstensöhne vergessen hatten, dass die wahre Weisheit nur in der größten Demut besteht, und sobald diese hintangesetzt wird, auch die Weisheit entweicht; und da bei ihnen das der Fall war, so war ihnen auch nicht zu raten, noch zu helfen, ohne ihre Freiheit notwendig verletzen zu müssen, was Ich nicht tun kann auch nur im Allergeringsten, da der geringste Teil der Freiheit unendlich höher steht als alles Natur- und Leibesleben aller lebenden Wesen der Erde. Daher auch die zugelassene Macht in Kriegen, wenn auch nur eines einzigen Menschen Willens- und Tatenfreiheit wegen.
HG|1|29|19|0|Dieses sei auch dir, Mein ziemlich tüchtiges Rüstzeug, eine Warnung, so du dich übernehmen mögest – weder heimlich, noch weniger offenbar – vor deinen Brüdern, da Ich dir gegeben habe die Gabe der Weisheit. Denn siehe, so du unzüchteln würdest, oder stehlen in der Not, oder schwelgen und lumpen wie immer, so oder so, dann wird diese Gabe seltener Art bei den Menschen schwach werden in dir; würdest du aber darauf stolz werden, dann würde Ich dir sie alsogleich nehmen, dich nackt lassen und verlassen im Wald des Irrtums, und da würden dann die reißenden Bestien herbeikommen, dich verzehren, dass endlich nichts mehr von dir übrigbliebe als ein schlechter Name.
HG|1|29|20|0|Siehe, in der Demut hast du es erhalten, in der Demut musst du es behalten, und in aller Demut musst du es auch an alle Brüder wieder abgeben.
HG|1|30|1|1|Der Brudermörder Lamech wird König
HG|1|30|1|1|Am 3. Juni 1840
HG|1|30|1|0|Und siehe weiter, da nun Lamech solches verübt hatte in dem Wald an seinen Brüdern an Tatahars Rotten Spitze, so kehrte er froh zurück nach Hanoch und ließ sagen und bekanntmachen allem Volk in und um Hanoch und so auch den zehn Städten und deren Umgebungen, was da widerfahren ist den tollkühnen Brüdern Johred und dessen Züchtling Hail, worüber sich entsetzte ganz Hanoch samt den zehn Städten und außer denselben alles Volk. Da traten die Vernünftigen und auch etwas mehr Verständigen aus den Städten und all dem Volk, bei dreitausend an der Zahl ohne deren Weiber und Kinder, die da zu Hause blieben, zusammen.
HG|1|30|2|0|Und so verfügte sich dann dieses kleine Heer von Männern gen Hanoch zu Lamech, da einer für alle das Wort führte und sprach: „Wo ist der Wald, da solches geschehen ist dem jungen König und dessen weisen Bruder Johred, und lass uns aufsuchen die Stelle des Gräuels, um vielleicht auch noch zu finden einige traurige Überreste oder doch vielleicht noch sonstige Spuren, die uns überzeugen sollen von der Wahrheit solcher Botschaft, damit wir daselbst aufrichtig beweinen können ein so großes Unglück und hernach aufsuchen die Hyäne, die haben wird eine gewiss noch blutige Schnauze, damit wir sie erwürgen und erschlagen mit unseren Keulen und Steinschleudern ihr ganzes Geschlecht als schuldige Sühnung für Johred und Hail.“
HG|1|30|3|0|„Ja“, sprach der Lamech, „ihr habt einen rechten Entschluss gefasst; ich als nun euer rechtmäßiger König (eigentlich ‚Kann ich‘ oder veraltet ‚Könn ig‘) werde selbst in eurer Mitte ein Gleiches tun, und mein erster Diener Tatahar soll unser Wegweiser sein samt dessen wohlbewaffneten Gesellen!“
HG|1|30|4|0|Und siehe, es gefiel dem Volk der schnelle, wohlfällige Entschluss Lamechs, und sie sagten: „Seht, seht und hört! Huhuhorah (das heißt: Es lebt noch ein rechter König!); auch er ist weise und sei unser König!“
HG|1|30|5|0|Und darauf erhoben sich alle und gingen, geleitet vom Lamech, nach dem Tiger- und Hyänenwald und fanden daselbst auch bald die noch mit Blut befleckte Gräuelstätte und trauerten und weinten daselbst und klaubten die zerstreuten Kleiderreste zur traurigen Verehrung zusammen.
HG|1|30|6|0|Und als sie nun daselbst verrichtet hatten ihr eitles Trauerwerk und gesammelt hatten die wertlosen Reliquien Johreds und Hails, da verließen sie die Gräuelstätte und zogen voll bitteren Ingrimms waldeinwärts in Rotten, je eine zu hundert in kleinen Entfernungen von dreißig ausgestreckten Händen, zu suchen die verruchte Hyäne; und siehe, es wollte sich nicht auch nur ein einziges Tier, viel weniger irgendeine Hyäne zeigen. So sagten sie: „Die verruchte Bestie hat sich gewiss geflüchtet auf die Berge! – Mut! Hat auch noch nie ein Sterblicher gewagt seit Kahin, den Fuß zu setzen auf einen Berg, so wollen wir nun zum ersten Male die Bahn brechen; denn wir haben gute Ursache dazu, und kein Gott ist imstande, zu missbilligen diesen Schritt, da wir gerechte Sache haben gegen diese verruchten, gefräßigen Bestien. Daher noch einmal: Mut, – und sollen wir alle zugrunde gehen!“
HG|1|30|7|0|Und siehe, Lamech aber antwortete darauf: „Eure Stimme ist mein Wille und euch zum Gebot. Daher geht und tut, wie es euch gemahnt; ich aber will hier an Tatahars Spitze euer harren und ein aufmerksames Auge haben auf irgendeine euren starken Hieben entflohene Bestie aller Bestien!“
HG|1|30|8|0|Da waren damit zufrieden die dreitausend und gingen ungewohnten, zögernden Schrittes und getrauten sich kaum umzusehen aus Schwindel im Angesichte ihrer erstiegenen Höhen und zurückgelegten Tiefen. Und siehe, drei Tage lang suchten sie die Hyäne, und es wollte sich ihnen aber auch nicht eine zeigen; da wurden sie es überdrüssig und hieben mit ihren Keulen an eine ihnen das weitere Fortschreiten verhindernde, mehr denn zwölf Klafter hohe und ganz wandsteile Steinwand und fluchten den Wäldern und den Bergen, die da seien eine Wohnung alles Ungetüms, und forderten Rechenschaft von den Bäumen, Felsen und Steinwänden und spützten auf die Erde die Schande ihrer Blutleckerei und verfluchten sie bis in den Grund und fluchten der Sonne, dass sie geleuchtet habe zu solcher Gräueltat, und so auch allen Sternen und dem Mond, die da zugesehen haben können einer solchen unerhörten Verruchtheit. Und einer von ihnen aber war der Größte und Stärkste und hieß Meduhed (das heißt ‚der Stärkste‘). Dieser wandte sich um und richtete eine kurze, aber sehr passende Rede an die grimmentbrannte Menge und sagte:
HG|1|30|9|0|„Was soll da werden mit diesem Unsinn? Seht, eure Keulen zerschlagt und zersplittert ihr an dieser toten, harten, unbesiegbaren Wand und macht schlüpfrig den Rückweg mit eurem Geifer! So wir nun heimkehren werden, und es treten uns da Hyänen, Tiger, Löwen, Bären und große Schlangen in den Weg, denkt, wie ihr euch verteidigen werdet! Hat der alte Gott uns schon hier ein unbesiegbares Ziel unserer blinden, fruchtlosen Rache gestellt, wie leicht kann Er noch ein viel fürchterlicheres stellen auf dem Rückweg! Daher bedenkt, dass mit dem Alten nicht gut streiten ist, da Er sogar Bäume und Steine lebendig machen könnte, so Er der Tiere zu wenig hätte, dass sie uns erschlügen und töteten allesamt unserer Torheit und unseres Ungehorsams wegen, da wir betreten haben die Berge gegen das strengste Gebot Kahins, Hanochs und Faraks, des Weisesten und Gerechtesten. Und wer weiß es, ob nicht etwa über dieser Wand höhere Wesen wohnen, davon noch immer eine schwache Kunde ist im Volk; denn umsonst sind diese Berge nicht da! Und würde vielleicht nur ein solches Wesen unser ansichtig, was ist dann unsere Mückenzahl gegen einen solchen Riesen Gottes? Daher lasst uns bescheiden umkehren am Tag noch, damit wir nicht zugrunde gehen unter dem Fluch der Nacht, die uns schon von jeher war ein großer Feind – wie der Tag eine Plage, jedoch nicht gerade auch verbunden mit so großen Gefahren gleich der Nacht. Daher tun wir alle nach diesem wohlerwogenen Rat. Amen.“
HG|1|30|10|0|Und siehe, als nun diese Rede sie zur Besinnung gebracht hatte und sie sich darauf ermahnt hatten und den Rückweg antreten wollten, da wurde Meduhed ansichtig eines großen Mannes, stehend auf einem Vorsprung der Steinwand; und der Mann war Seth, ein Sohn Adams und Stellvertreter Ahbels, der später mit Adam und Eva ins gelobte Land zu ziehen von Mir durch den Bruderengel Ahbel die Weisung bekam und dort die Berge zu bewohnen im fernen Angesichte des einstigen Paradieses, wovon Ich später noch etwas ausführlicher sprechen werde.
HG|1|30|11|0|Und siehe, dieser Seth redete sie mit fester Stimme an, da er noch einer war, dem die Sprache aller Geschöpfe nicht fremd geworden ist, und sprach: „Ihr rauen und Gott gänzlich vergessenen Kinder Kahins, des Brudermörders! Welche gerechte Strafe Gottes, meines und Adams, der noch lebt, Vaters, wie aller seiner Kinder, die auf den Höhen wohnen, hat euch hierher, eurem Untergang in die starken Arme geführt? O ihr Schlangenbrut, wie seht ihr aus? O ihr Hyänenspeise, sagt, was ihr wollt, hier an dieser heiligen Stätte? Was sucht ihr hier an dem euch so streng verbotenen Ort? Weicht von hier und fallt allesamt in den Rachen der euch angedrohten Strafe, nämlich in den todbringenden Rachen, dem ihr nicht entgehen werdet, oder diese Steinwand wird euch begraben auf ewig!“
HG|1|30|12|0|Und siehe, da fiel Meduhed auf die Knie nieder und schrie überlaut um Erbarmung und Gnade. Seth aber, da er nur Worte redete aus Mir, so wurde er auch umso erfüllter von Meiner Liebe und ließ sich bald erweichen von Meduheds Klagestimme und sagte:
HG|1|30|13|0|„Meduhed, du allein darfst emporschauen zu mir, zu der großen Nähe Gottes, da du abhieltest deine Brüder von großer, mutwilliger Bosheit vor den allsehenden Augen Gottes; daher sollst du wissen allein, wo und wer diese gefräßige Hyäne ist: Siehe, diese tausendfache Hyäne ist in der Tiefe geblieben an der Schlangenzungenspitze der Rotte Tatahars und heißt Lamech!
HG|1|30|14|0|Dass von euch ja keiner es wage, Hand an ihn zu legen! Wehe dem siebenundsiebzigmal, der sich vergreifen würde an ihm, – da ein solcher dann vorgreifen würde der Zeit Gottes, welches aber wäre das Schrecklichste, da dann ein solcher zerstören würde das Band der göttlichen Liebe und lösen dadurch den breiten, unermesslichen Gürtel der schärfsten Gerichte der Gottheit, welche große Feuersäulen über die ganze Erde stürzen würde und so im Feuer zerstören würde die ganze Welt. Und erhebe dich mit deiner Rotte, und zieht im Frieden heim, und seht nicht dahin gen Hanoch, sondern auf euch und auf Gott, der da ist ein getreuer Retter derer, die auf Ihn schauen allezeit, – in der Lust sowohl, als auch in der Not! Amen.“
HG|1|30|15|0|Und siehe, da wurde Seth ganz Licht; sie aber erschraken und flohen aus seinem Angesicht über Stock und Steine und erreichten so noch die Ebene vor Untergang der Sonne, und um die Mitte der Nacht auch ihre Wohnungen, welche zehn Stunden Weges von den Bergen entfernt waren.
HG|1|31|1|1|Auswanderung unter Meduhed
HG|1|31|1|0|Und siehe, bevor sie sich alle trennten, da sie angekommen waren auf ihrem heimatlichen Boden, hielt noch Meduhed eine kurze Rede an sie, nämlich sagend: „Hört, Brüder, mich sehr wohl an; denn was ich euch nun sagen werde, ist von großer Wichtigkeit. Ihr habt gesehen den Mann auf dem Vorsprung der Steinwand im hohen Gebirge und habt vernommen den Donnerklang seiner großen Stimme und habt am Ende auch noch bemerkt, wie ihn ein großes Licht umhüllte, dass uns davor graute in aller Angst und wir, darob von großer Furcht gepeitscht an unseren Füßen, die da gesprungen sind über Stock und Steine, gelangt sind hierher an unseren wohlbekannten heimatlichen Ort.
HG|1|31|2|0|Ihr habt ihn erwähnen gehört die uns wohlbekannte, tausendfache Hyäne; ihr habt auch gehört seine Warnung mit siebenundsiebzigmaliger Rachevergeltung und habt auch endlich alle vernommen dessen unerhörte Strafrede von den Feuersäulen.
HG|1|31|3|0|Nun urteilt selbst, was nun bei solchen Umständen zu machen ist; – lassen wir ihn leben, so wird er mit uns allen bald machen, wie er es ohne Scheu mit seinen Brüdern getan hat; lassen wir aber gerechte Rache auf ihn kommen, so werden wir gerochen von oben mit Feuer siebenundsiebzigmal. Daher sind wir nun zwischen zwei Totschlägern; tun wir eines oder das andere, so erwartet uns allzeit der sichere Tod. Mein Rat wäre nun dieser:
HG|1|31|4|0|Das grause Geheimnis – als ein Geheimnis des Todes – begraben wir in unseren Tiefen, nehmen dann unsere Weiber und Kinder und verlassen sodann in aller Stille bei tiefer Nacht dieses Gräuelland und treiben uns dort gen Morgen, da wir schon öfter bemerkt hatten ein niederes Gebirge, und setzen dann über dasselbe; da wird sich dann wohl zeigen, ob es noch irgendein Land mehr gibt außer diesem des Frevels. Und sollte daselbst auch das Ende der Welt sein, so glaube ich, dass es besser ist, ruhig daselbst zu leben und im Alter einzuschlafen, als hier in steter Unruhe mit eigenem Blut entweder die Erde zu tränken oder verbrannt zu werden zu Asche.
HG|1|31|5|0|Denn so sprach auch der Riese auf dem Vorsprung: ‚Seht nicht dahin gen Hanoch, sondern auf euch und auf Gott, der da ist ein getreuer Retter derer, die auf Ihn schauen allzeit in der Lust sowohl, als auch in der Not!‘, – die bei uns nun gewiss den allerhöchsten Gipfel erreicht hat.
HG|1|31|6|0|Daher, Brüder, die euch alle wie mich brennt die Gerechtigkeit, vertraut auf den Gott, den uns scharf bekannt hat der Große am Berg, und tun wir das lieber heute noch als morgen, da es schon vielleicht zu spät sein könnte; daher Mut, auf Gott vertraut, und morgen wollen wir die Sonne schon dort am fernen Gebirge begrüßen! Eilt und holt die Eurigen und das Eurige, als da sind Früchte und Tiere, und in dreitausend Augenblicken treffen wir hier, mit Keulen wohlversehen, wieder ein. Amen!“
HG|1|31|7|0|Und siehe, amen sprach auch die Schar, und in zwei Stunden war alles reisefertig, da es war um die zweite Stunde der Mitternacht. Und als nun Meduhed gezählt hatte alle Väter und fand, dass ihre Zahl voll war, da dankte er Gott und floh an der Spitze der großen, ihm folgenden Schar von zehntausend männlich und zwanzigtausend weiblich auf ebenso viel Kamelen und großen Eseln.
HG|1|31|8|0|Und als die Sonne aufging, hatten sie schon lange das ferne, niedere Gebirge erreicht, was freilich ohne Meine besondere Hilfe nicht hätte geschehen können, da das Gebirge dreißig Stunden geraden Weges entfernt lag.
HG|1|31|9|0|Hier weideten sie zwei Stunden lang ihre Tiere und rasteten und aßen von ihren mitgenommenen Früchten und dankten auf Geheiß Meduheds Gott für eine so wunderbare Rettung. Meduhed aber ging, vom Geiste angeregt, von zehn Männern geleitet, ein wenig fürbass und fiel im Angesichte der zehn Geleitenden nieder zur Erde und entzündete sich zu Gott und erblickte im Lichte seiner Liebe viel Böses in seinem Herzen und fing darob an zu weinen und zu wehklagen vor Reue über seine großen Schulden.
HG|1|31|10|0|Und da Ich sah, dass es ihm ernst war um Mich, so schrieb Ich mit deutlich leserlicher Feuerschrift folgende Worte in sein Herz: „Meduhed, stehe auf im Angesichte Meiner großen Barmherzigkeit! Du bist gerettet mit allen denen, die, von deiner Liebsorge bewegt, dir gefolgt sind hierher. Allein hier könnt und dürft ihr nicht lange weilen, noch weniger verbleiben, – sondern wie du siehst dieses enge Tal sich ziehen hin gen Morgen und den kleinen Fluss fließen dahin, dem nach ziehe auch du mit der Schar siebzig Tage lang vorwärts, und wenn du dann kommen wirst an ein unübersehbares großes Gewässer, da raste eben siebzig Tage lang. Und dann aber komme wieder wie heute im Herzen zu Mir, dann will Ich dir den Weg zeigen, zu gehen auf den Wassern in ein fernes, großes Land, da ihr ohne Blutvergießen sicher werdet sein vor allen Nachstellungen der Grausamkeit Lamechs, des Brudermörders. Und so euch hungern wird, so esst von all den Früchten, die ihr antreffen werdet unterm Wege in großer Menge, und trinkt das gute Wasser des Flusses, der euer Wegweiser sein soll bis zum großen Gewässer, und gedenkt wie heute alle eures großen, über alle Wesenheit erhabenen Gottes, und denkt, dass Ich ein Volk auf der Erde habe, dem Ich ein heiliger, liebevollster Vater bin!
HG|1|31|11|0|Und denkt, als diese Erde rann wie ein Tautropfen aus Meinem großen Vaterherzen und die Sonne dort als Träne der Erbarmung aus Meinen allsehenden Augen, o da ward auch ihr noch Meine Kinder! So suche, du kleine Schar, zu werden durch Liebe, was du einst warst, ehe noch die Erde trug ein unzüchtiges Geschlecht und dort die große Sonne brannte aus Meiner Gnade! Nun aber macht euch auf den Weg und zieht in Meinem Namen! Amen.“
HG|1|31|12|0|Und siehe, da rief Meduhed der großen Schar diese Worte laut zu und war ergriffen durch und durch, und so auch die Schar durch ihn, und erhob sich behände und tat genau nach Meinem geoffenbarten Willen.
HG|1|31|13|1|Am 12. Juni 1840
HG|1|31|13|0|Und nun siehe, als nun Meduhed nach siebzigtägiger Reise angekommen war an das ihm vorbestimmte Ufer des großen Gewässers der Erde, das ihr heutzutage den ‚Stillen Ozean‘ nennt, und das an den Ufern gelblich, teils aber auch – an den tieferen Stellen – weite Strecken hin ganz blau leuchtet durch die Mischung der Farben des Grundes, des reichlichen Kupfersalzes und der sich darin brechenden Strahlen der Sonne, da lagerte er sich mit seinen Scharen längs den Ufern in einer sehr reich mit guten Früchten überladenen Gegend, welche gerade diejenige war, da Ich ihn hatte haben wollen.
HG|1|31|14|0|Und da nun Meduhed – und auch alle ihm Gefolgten – sah, dass ich ein guter Wegweiser bin, so fiel er dankbar vor den Scharen auf sein Angesicht nieder zur Erde und dankte Mir aus dem Grunde seines Herzens, und die Scharen folgten mehr oder weniger, jedoch alle seinem guten Beispiel, woran Ich ein Wohlgefallen hatte.
HG|1|31|15|0|Und siehe, als nun Meduhed vollendet hatte seinen Dank, voll gerührt in seinem Herzen durch Meine große Gnade, da richtete er sich auf, überblickte die noch liegenden, dankerfüllten Scharen, und so fing er an zu weinen vor Freude über Meine so große Erbarmung, die da gerettet hatte so vielen das Leben und wiedergegeben hatte den so lange schon in der großen, harten Knechtschaft Lebenden die goldene Freiheit und eine so reiche und unter Meinem hohen Schutz so sichere Ruhestätte.
HG|1|31|16|0|Und als bald darauf sich auch gestärkt und überfröhlich erhoben hatten die Scharen, da stieg Meduhed auf eine kleine Anhöhe, etwa sieben Klafter oder, bestimmter noch, sieben Mannshöhen hoch über die weite Ebene, und richtete daselbst eine breite und lange Rede an sie, und diese war ihm gegeben von oben in sein Herz, und er sprach nicht ein Wort mehr, noch ein Wort weniger und war somit ein gerechter Prediger in Meinem Namen an die licht- und liebebedürftigen Scharen. Die Worte seiner breiten und langen Rede aber lauteten, wie da folgt:
HG|1|31|17|0|„Brüder, seht auf zu mir, und hört mit offenen Ohren und Herzen die Worte, die ich auf das innere Geheiß Gottes nun an euch alle werde ergehen lassen; denn sie sind von größter Wichtigkeit!
HG|1|31|18|0|Hört: Gott, der Allerhöchste, hat uns befreit wunderbar aus den mörderischen Händen Lamechs und hat uns wohlbehalten treu geführt hierher bis ans Ende der Welt, da ihr alle seht das Ende der Erde und den Anfang der großen Wasser. Seht das Land so schön und herrlich, als wäre es aus den hohen Himmeln zur Erde herabgekommen, und es wäre gewiss jedem von uns eine große Lust, darinnen beständige Wohnung nehmen zu können oder zu dürfen. Allein nicht so lautet der Wille von oben aus der Höhe Gottes, sondern siebzig Tage nur dürfen wir hier verweilen; denn in dieser Zeit wird ein grausames Heer Lamechs, an der Spitze Tatahar, uns wohl auskundschaften. Und wehe jedem, der in seine grausamen Hände geriete, den würde er zerfleischen wie der Tiger ein Lamm!
HG|1|31|19|0|Daher hat mir der Herr in Seiner großen Gnade gezeigt hier einen Ort, da wir hingehen sollen und bereitet finden werden Werkzeuge gleich denen, die da schon gegeben sind Seinen großen Kindern, die da wohnen auf den großen Höhen der Erde; damit auch wir dadurch sollen erkennen, dass Er auch unser Vater sein will und werden wird, so wir uns willig unterziehen wollen Seiner übergroßen Liebe, die bisher so köstlich gesorgt hat für uns, wie noch nie auch das beste Vaterherz für dessen Kinder, so es auch hätte an allem den allergrößten Überfluss.
HG|1|31|20|0|Dann aber sollen wir die Werkzeuge nehmen und dieselben gebrauchen zum Umfällen der schlanken Bäume, dieselben befreien von der Rinde und all den Ästen, dann sie behauen auf vier Seiten, oben wie eine ruhige Wasserfläche, und es sollen wohl bereitet werden zehntausend Stämme von schönster und bester Art, die da haben ein kleines Laub. Ein jeder so wohl zubereitete Stamm soll haben zehn Mannslängen und soll sein breit einen Tritt eines Mannes; dann sollen erst je dreißig Stämme mittels der Nägel, die da auch in großer Menge unter den Werkzeugen angetroffen werden, fest aneinander geheftet werden. Und wenn so dieser Boden wird fertig sein, dann sollen an den Seiten drei Stämme der Länge nach übereinander befestigt werden und nach der Breite aber je zwei aufeinander; und dann aber soll das Innere mit Harz und Pech von den Bäumen wohl verpicht werden, welches unterdessen die Weiber und Kinder sammeln sollen in großer Menge.
HG|1|31|21|0|Und diese neuen Gebäude sollen wir längs den Ufern errichten, und am letzten Tag sollen wir noch überall einen großen, grün belaubten Ast in jeder Ecke dieser Gebäude befestigen, zum Zeichen des errungenen Sieges durch die große Gnade von oben. Was da ferner zu tun sein wird, das erwarten wir am letzten Tag nach der großen Verheißung, die mir geworden ist, da unsere Augen noch hingeblickt haben in großer Furcht und Angst gen Hanoch; und so tun wir alle vereint als Brüder, da wir keinen Fürsten haben, dem wir den himmelschreienden Tribut entrichten sollen, – außer unserem großen Gott, der da ein Herr aller Macht und Kraft, unendlich von Ewigkeit, und auch ein Herr ist, gar gewaltig und gerecht über alle Herren, wo sie auch unrechtmäßig sein möchten auf der ganzen Erde, jetzt und in allen künftigen Zeiten der Zeiten als Gräueltäter und Mörder ihrer Brüder. Unserem Gott, der uns will ein Vater sein, sind wir Liebe und unbedingten Gehorsam schuldig; wer sich da widersetzen würde, der wird nicht gezüchtigt werden von seinen Brüdern, weder mit Ruten noch mit Knitteln, sondern Gott Selbst wird ihn strafen durch die Entziehung Seiner Gnade.
HG|1|31|22|0|Nun wisst ihr vorderhand alles, was die Gegenwart benötigt; daher sammelt euch, erquickt euch mit Speise und Trank, dankt dem Herrn, und dann geht eilig ans gebotene große Werk. Amen.“
HG|1|32|1|1|Das Hohelied des Meduhed
HG|1|32|1|0|Und siehe, als nun Meduhed beendet hatte diese seine Rede, da fielen alle vor Gott nieder auf ihre Angesichter und dankten und priesen Gott aus der Tiefe ihres Herzens, der Zeit nach eine Stunde lang; dann erhoben sie sich fröhlich und gingen, vom Geiste der Gnade geleitet, etwas landeinwärts und fanden daselbst in einer weiten Grotte eine große Menge Werkzeuge aller Art, als Hacken, Äxte, Beile, Hobel, aller Art Messer, Sägen, Hämmer, Bohrer, Winkelmesser, Stemmesser und eine Million Doppelnägel – oder bei euch Klampfen. Und siehe, da wurden sie fröhlich über die Maßen, dass sie hüpften und jauchzten vor Freude über Meine für sie gar so unbegreiflich große Gnade. (NB. Seht, was Ich euch hier gebe, ist mehr denn diese Werkzeuge; aber es hat sich noch keiner so ganz recht eingefunden, der Mir in der größten Freudigkeit seines Herzens gebührend gedankt hätte. Merkt es euch, ihr stumpfsinnigen Verehrer Meines Namens und Feinschmecker Meines Wortes, und öffnet die Tore der Liebe weit, die da ist die neue, heilige Stadt in eurem Herzen, damit Ich dahin senden kann Meine Engel, dass sie reinigen werden zuvor die Plätze, Gassen und Schlupfwinkel, sowie all die Wohnungen darinnen, damit Ich dann Meinen Einzug halten werde können und ihr Mir dann entgegeneilt und in großer Freude ruft: ‚Hosianna in der Höhe, und Friede allen Völkern, die eines guten Willens sind; gelobet sei der Herr, der da kommt geritten auf einer Eselin; Halleluja dem Sohne Davids; Halleluja dem Fürsten des Friedens; Halleluja Dem, der da kommt im Namen des Herrn Gott Zebaoth; Er allein ist würdig, allen Preis, allen Ruhm und alle Ehre zu nehmen von uns; Er ist der einige große Gott, Er ist der heilige, alleinige Vater unserer Herzen. Amen.‘)
HG|1|32|2|0|Und nun weiter! – Und siehe, da nahmen sie all die Werkzeuge samt den Nägeln und trugen sie an die Ufer, stärkten sich da durch Ruhe, Speise und Trank und gingen schon des folgenden Tages an die Arbeit mit dankerfülltem Herzen und lobten Mich selbst unter den Fällhieben; daher aber auch ihre Arbeit so schnell und richtig vonstatten ging, dass sie mehr als ein Wunder denn als eine eigentliche Arbeit anzusehen war; und sogestalt standen zweihundertachtzig Kasten in vierzehn Tagen vollkommen fertig an den Ufern, mit Stricken befestigt, damit sie sicher waren vor dem Davon-geschwemmt-Werden durch die stets langsam anwachsenden Fluten des großen Meeres.
HG|1|32|3|0|Und siehe, so blieben ihnen nach getreu getaner Arbeit noch etliche fünfzig Tage zur vollkommenen Ruhe, während welcher Zeit ich ihnen durch den recht fromm und liebevoll gewordenen Meduhed auch nach und nach eine bessere Kenntnis von Mir gab, wie auch einen Sabbat, an dem sie sich, in Meiner Liebe ruhend, von jeglicher Arbeit gütlich tun sollten und sollten sich in dieser Ruhe ganz mir den ganzen Tag überlassen, und wenn sie das fort und fort täten, so würden endlich alle so weise werden, wie es Farak war und nun der Meduhed ist; ja, so sie sich auch nicht nur in der hohen Ehrfurcht und in der reinen Erkenntnis Meines Namens fromm zu werden bemühen würden, sondern noch viel mehr in aller Demut ihrer Herzen Mich würden recht zu lieben anfangen und wachsen in dieser Liebe, dann würde Ich auch ihnen ein guter Vater werden, und der Tod würde ihnen wieder genommen werden, da sie dann aufgenommen würden als Kinder in den weiten Schoß der göttlichen Liebe bis zu einer gewissen großen Zeit aller Zeiten der Erde, da sie dann allesamt zum großen Vater kommen und schauen würden ewig dessen Antlitz und sich sättigen an den unermesslich reichen Ausflüssen der Liebe in Mir.
HG|1|32|4|0|Und siehe, so und so hörten sie das alles durch den Mund Meduheds und frohlockten darob über die Maßen und drängten sich haufenweise hin zu Meduhed und waren sehr begierig, zu erfahren täglich etwas von Mir, worüber Ich Freude hatte im Himmel und alle Engel der Urschöpfung.
HG|1|32|5|0|So lehrte Ich sie auch durch Meduhed, die Worte in Zeichen aufzubewahren, und die Zeichen aber waren entsprechende Bilder, hinter deren naturmäßiger Hülle sich ein geistiger Sinn verborgen hielt; und so lernten sie in dieser kurzen Zeit auch schreiben und lesen.
HG|1|32|6|0|Und siehe, so habe Ich Mir in kurzer Zeit ein Volk aufgerichtet, das bis zur heutigen Stunde noch abstämmlich vorhanden ist, – wo aber, davon ein wenig später. Nun, als sie nun so wohl bereitet waren, da ließ Ich ein hohes Lied voll Weisheit und Liebe im Hintergrund durch den Meduhed an sie erschallen, welches da schon aufgezeichnet wurde und noch heutigentags vorhanden ist – wo aber, auch davon etwas später – und also lautete:
HG|1|32|7|0|Höret wohl, ihr alle späten Kinder Meiner Gnade, / Höret, wie Ich euch zum großen Mahle alle lade, / Kommet alle treuen Herzens her in Meine Mitte, / Lobet fröhlich alle Meinen Namen nach der Sitte, / Welche Meduhed gar fromm und treulich euch gelehret, / Da als erster er nach Mir im Herzen hat begehret.
HG|1|32|8|0|Sehet alle auf sein Beispiel reinen, guten Sinnes, / Sehet seine Augen, Mund und Ohren und des Kinnes / Sanften weißen Bart als frommer, weiser Reden Zeichen, / Seht, in allem diesem müsst ihr all ihm vollends gleichen, / Wollt ihr später Meine lieben, treuen Kinder werden, / Ganz befreit von allen Übeln böser Schlangenherden.
HG|1|32|9|0|Seht, Ich werde bald die Erde rein von Gräueln waschen, / Sünder werden da umsonst nach Meiner Liebe haschen! / So ihr aber fromm und treu im Herzen werdet bleiben, / Werd’ Ich schonend euch vorüber Meine Fluten treiben, / Euch verbergen wohl auf dieser Erde hohen Landen, / So Ich Meinen Zorn da lösen werd’ von schweren Banden.
HG|1|32|10|0|Seht, da werden heulen auf der Erde all’ Geschlechter! / Hört, da wird verstummen all der Großen Hohngelächter! / Und der Wässer hohe Fluten, rauschend über Berge, / Werden tragen wen’ge Kinder, Meiner Liebe Zwerge, / Die da sind geworden klein wie Kinder einer Mücke, / Weil die Liebe hinkend ward und ging auf einer Krücke.
HG|1|32|11|0|Seht empor zu Meiner Himmel lichterfüllten Räumen, / Seht zu Meinen Sternen, Meiner Gnade Strahlensäumen, / Seht die Sonne still erleuchten dieser Erde Fluren, / Seht den Mond die Erd’ geleiten ohne alles Murren; / Seht, wie all die Welten still gehorchen Meinem Willen; / Nun, so tut auch ihr all eure Werke stets im Stillen.
HG|1|32|12|0|Wollt ihr wissen, was wohl diese Sterne sind für Wesen? / Hört! Ich sag’: Die Lieb’ wird euch genau die Frage lösen! / Wenn die Liebe rein im Herzen sein wird ohne Makel, / Werd’ Ich geben euch zur Leuchte Meiner Gnade Fackel; / Dann wird jeder lesen leicht in heller Flammen Zügen / Eine große Schrift des Namens Gottes ohne Trügen!
HG|1|32|13|0|O du kleines Herz, in eine enge Brust geschlossen, / Kenntest du den Quell, aus dem du bist so groß entsprossen, / Oh, du würdest nimmer fragen nach den toten Massen, / Ja, du würdest sie ganz unbekümmert schweben lassen, / Da der Schöpfer aller dieser kleinen, nicht’gen Dinge / Gegen einem Herzen – liebend Selbst am selben hinge.
HG|1|32|14|0|Was ihr schwache Menschenkinder oft für Großes wähnet, / O wie klein doch wird von Meiner Liebe das benennet! / O wie gar nichts sind die Dinge in den weiten Räumen, / Wie auch Menschen, deren Herzen nicht aus Liebe keimen! / Haltet darum nichts für groß als Meiner Liebe Treue / Und, was ihr am nächsten kommt: des Sünders wahre Reue!
HG|1|32|15|0|Ich allein bin groß durch Meiner Liebe mächtig Walten, / Und ein freier Geist, der fest am Bande sich erhalten; / Aber Meiner Sonnen euch ganz unbekannte Bahnen, / Die euch so wie alles nur an eure Schwäche mahnen, / Was sind sie in Meiner Gottheit endlos großer Fülle? / Nichts als einer Milbe abgefall’ne, leichte Hülle!
HG|1|32|16|0|Wenn zu aller Welten Mitte ihr da mögt erklimmen / Und da hören aller Sphären raschen Fluges Stimmen, / Da ermessen aller Sonnen hellsten Lichtes Stärke / Und begreifen alle Meiner Allmacht größte Werke, / Würdet ihr dann wohl euch Meiner großen Liebe nahen? / Nein, sag Ich; in alle Zweifel würd’t ihr euch verjahen!
HG|1|32|17|0|Könntet ihr auch lenken dort des Himmels großen Wagen / Und als große Geister schnell nach allen Sternen jagen, / Könnt’t aus eurem Munde ihr euch helle Sonnen hauchen, / Ja, sie gleich der Meinen in des Meeres Fluten tauchen, / So wär’ alle eure Kraft, mit Meiner wohl verglichen, / Nichts als Sand und Staub an alten Lehm- und Steinebrüchen.
HG|1|32|18|0|Sehet hin gerade nach des Himmels blauem Bande, / Sehet über Wogen auch zum Meeres fernen Rande; / Glaubt es Mir, Ich sag’ es euch: Es gibt dort keine Grenzen, / Wo bei Tag die Sonne, nachts der Sterne Unzahl glänzen, / Und des großen Meeres Fülle ist nicht zu vergleichen / Einem Tropfen nur in jener Sterne kleinsten Reichen.
HG|1|32|19|0|Seht daher auf Mich, den Großen, kleine Menschenscharen, / Und des Wissens Gierde pflegt allein für Mich zu sparen! / Meine Liebe suchet kreuz und quer in allen Enden! / Wo ihr immer hin auch mögt die Augen forschend senden, / Meines Namens Zeichen werdet überall ihr finden; / Aber lasst euch ja von nichts als Meiner Lieb’ nur binden!
HG|1|32|20|0|Frohe Botschaft wird von Mir euch selbst das Gras verkünden, / So ihr euch enthalten werd’t von all den Hanochssünden; / Aber so ihr lieben werd’t euch treu als wahre Brüder / Und zu aller Wohl gebrauchen werdet eure Glieder, / Dann wird kommen eine große Gnad’ zu euch von oben / Und wird euch dann zeigen, wie ihr sollt den Vater loben!
HG|1|32|21|0|Und nun fallet hin zur Erde, eurer Sünden Mutter, / Schüttelt ab den Staub, der Schlange nichtig Todesfutter, / Dankt in eurem Herzen Mir, dem Retter, froh von neuem, / Lasst die Mir geweihte Zeit euch niemals je gereuen, / Lasset allzeit Meiner Liebe Macht im Herzen schalten, / So wird einst der Gnade Licht euch alle neu gestalten!
HG|1|32|22|0|Und nun siehe, als der Meduhed dieses vollwichtige Lied des Lebens aus Meiner Gnade, die da ist ein kleiner Funke Meiner unendlichen Liebe und aller Erbarmung daraus, vollends aufgezeichnet hatte und, als es vollends aufgezeichnet war, auch dasselbe dem Volk vorgelesen hatte, da war eine zügellose Freude unter ihnen entstanden, die nur durch ein Wunder vom Himmel hat gemildert werden können, und dieses Wunder war ein plötzlicher Regen, und dieser Regen war ein Regen der Liebe aus Mir, da ihre Freude gerecht war; denn sie freuten sich über die gemachte Bekanntschaft Meines Namens, noch mehr aber über die Meiner Liebe, und am allermeisten aber freuten sie sich dessen, dass der so übergroße, heilige Gott so herablassend als Vater zu den Kindern des Elends in allerunbegreiflichster Liebe mit ihnen durch den Meduhed so belehrend geredet hatte.
HG|1|32|23|0|Und siehe, so trieb sie der Regen auseinander in ihre Zelte, die da gemacht waren aus Zweigen, Gras und weißem Lehem (oder Lehm), und sie priesen daselbst Meinen Namen in kleinen Kreisen wonniglich bis in die Mitte der Nacht und hätten nicht aufgehört in ihrem Lob, wenn Ich sie nicht mit einem wohlverdienten, ruhigen, süßen Schlaf heimgesucht hätte. (NB. Ich habe euch schon Größeres gegeben, gereimt und ungereimt, als euer wahrer Vater; aber seit dem Obersten der Römer und dem kanaanitischen Weib im Evangelium, mit geringer Ausnahme der Apostel und einiger Blutzeugen, habe Ich noch nie eine so große Freude gefunden, namentlich aber bei euch schon gar nicht. Ich verlange es zwar auch nicht, sondern sage es euch nur, dass ihr Mich stets mehr und mehr sollt zu lieben anfangen; das ist Mein Wille an euch. Darum sollt ihr euch kein schweres Herz machen; denn was da noch nicht ist, wird dereinst wohl noch werden, so ihr Mich näher werdet kennenlernen und dadurch eure Herzen erweitern werdet, damit Ich dahin mit Meiner Gnadenfülle werde einziehen können, was ihr euch alle über alles wünschen, aber nicht fürchten sollt, wie es einige unter euch gibt, was nicht sein soll in der Liebe. Amen.)
HG|1|33|1|1|Abfahrt der Meduhediten
HG|1|33|1|1|Am 8. Juli 1840
HG|1|33|1|0|Und siehe, als nun die noch übrigen fünfzig Tage verflossen waren, da berief Meduhed, von Mir angeregt, sie alle zusammen und sprach eine gewaltige Rede an sie, welche also lautete: „Ihr Männer, Freunde und Brüder mit allen euren Weibern, Kindern, Knechten und Mägden, die nun ebenfalls nach dem Willen von oben unsere lieben Brüder und Schwestern sind, kommt alle her zu mir, und stellt euch nach der bekannten Ordnung um den kleinen Hügel, damit ihr wohl vernehmen mögt den mir neu geoffenbarten Willen des allerhöchsten Gottes!
HG|1|33|2|0|Denn so will es der Herr, dass ihr all die Werkzeuge sammeln sollt und sollt davon legen in einen jeden Kasten aufs Stroh, das euch bisher zum Lager gedient hatte, von jeglichem eine gleiche Anzahl; und habt ihr das getan und die gut belaubten Zweige in den Ecken mit den noch übrigen Nägeln befestigt, dann erst bringt dahin die gesammelten Früchte auf die sparsame Dauer von dreißig Tagen, und legt dieselben behutsam in die Ecken unter den Zweigen aufs Laub von Feigen! Die Kamele und Esel lasst hier zurück, den Lamechiten zum Zeichen, dass wir hier waren, und auch zum Zeichen, dass wir ihnen das Tierische zurückließen und nur das Menschliche und somit auch Göttliche gerettet haben; um die Werkzeuge aber legt einen Fuß hoch kleine Zweige, und bedeckt sie mit euren Decken und Strohmänteln, und die Tierfelle aber werft über die Werkzeuge. Und ist dieses alles genau nach dieser göttlichen Anordnung durch mich geschehen, dann kommt her noch einmal zu mir zum Hügel, damit ich euch allen nach dem Willen von oben noch weitere Verhaltungsregeln geben werde; dann werden wir Gott gemeinschaftlich danken und Ihn hochpreisen für Seine unermessliche und unbegrenzte Güte und Barmherzigkeit.
HG|1|33|3|0|Nun geht und tut eilends, was euch geraten wurde durch mich von oben, amen.“
HG|1|33|4|0|Und siehe, da verneigten sie sich alle gen Meduhed, dankten Gott für diese Lehre in ihrem Herzen und gingen sehr willig und schnell ans gebotene Werk; und in sieben Stunden nach eurer Rechnung war alles in der größten Ordnung.
HG|1|33|5|0|Und da sie nun alles auf die gebotene Art vollendet hatten, da kamen sie wieder nach dem frommen Verlangen Meduheds allesamt hin zum Hügel und dankten Mir daselbst in dessen Angesichte für die so schnell und so glücklich vollbrachte Arbeit.
HG|1|33|6|0|Und als nun Meduhed gesehen hatte ihre vollbrachte Arbeit und sah, dass sie alle nun wieder wie vorher um den Hügel versammelt waren voll frohen und frommen Herzens, da fing nun Meduhed wieder an, eine Rede an sie zu richten, sagend:
HG|1|33|7|0|„Männer, Freunde und Brüder, Weiber und Schwestern, hört! So will es der Herr, unser großer, allmächtiger Gott, dass ihr zu je hundertzwanzig in einem Kasten Platz nehmen sollt, und zwar vierzig männlich und achtzig weiblich, und es sollen die Kinder sitzen und liegen über den Häuten auf den Werkzeugen. Die Weiber aber sollen sitzen auf den Zweigen und Decken und Mänteln; ihr Männer aber sollt stehen um die Weiber und eure Gesichter wenden nach dem Zuge der Kästen und nach dem des Windes und sollt des Tages nur einmal essen, und zwar um die Mitte des Tages. Eure Not aber sollt ihr wie die Weiber und Kinder am hinteren Teil des Kastens ins Wasser verrichten; doch soll dabei immer einer den anderen halten, damit niemand ins Wasser falle. Die Männer aber sollen die Zeit hindurch nicht schlafen, noch sitzen, noch weniger sich niederlegen; denn der Herr wird eure Glieder stark und eure Augen wach halten durch die Zeit, die wir über den Fluten der großen Gewässer nach Seinem heiligen Willen zubringen werden. Die Weiber und Kinder sollen nicht selbst nach den Früchten greifen, sondern sollen sich die Kost von den Männern und Vätern demütig erbitten, damit wir ein Volk werden nach dem Willen und der ewigen, allmächtigen Ordnung Gottes, würdig dessen Wohlgefallens und endlich dessen unendlicher Liebe und Gnade, da wir auch nicht ein Haar auf unserem Haupt berühren wollen und werden ohne Seinen heiligen Willen!
HG|1|33|8|0|Und so wir uns im Namen des Herrn alle werden in den Kästen befinden, dann soll sich der Älteste in einem jeden Kasten auf ein vom Himmel durch einen starken Blitz gegebenes Zeichen bereithalten, mit einem scharfen Messer den Strick alsogleich abzuschneiden; alsdann wird ein Wind kommen und die Kästen hinaustreiben auf die hohen Fluten, und zwar schon im Angesichte Tatahars mit seinen mörderischen Rotten, welche in dem Augenblick, während wir schon bei tausend Mannslängen vom Ufer werden entfernt sein, ans Ufer gelangen werden.
HG|1|33|9|0|Dann werdet ihr sie sehen Steine ins Wasser schleudern; uns aber wird keiner je mehr erreichen. Denn die rechte Hand Gottes wird uns schnell führen aus ihrem Hyänenangesichte und wird uns leiten hin in ein großes, fernes Land, welches dreißig Tage und dreißig Nächte von allen festen Landen entfernt ist und sich fast in der Mitte des großen Gewässers befindet und ‚Ihypon‘ heißt (das ist: ‚ein sicherer Garten‘), und dieses Land wird uns bleiben, solange die Welt stehen wird, nach dem Willen von oben; daran aber werden wir es erkennen, dass wir schon in weiter Ferne daselbst einen hohen, brennenden Berg in vollen Flammen der Liebe Gottes werden erblicken. Da wird sein nur ein einziger Zugang, und selbst der noch wird sich zwischen zwei solchen brennenden, hohen Bergen großlandeinwärts ziehen; an den Wasserseiten aber wird es sein umflossen beständig von den höchsten Sturmfluten. Und dazu wird es noch umgeben sein von den höchsten Bergen, in denen weder Tiger, Hyänen, Löwen, Bären noch Wölfe und Schlangen wohnen, sondern diese werden vielmehr gleichen einer bis in den Himmel emporreichenden Mauer, welche wohl von niemandem leichtlich erstiegen wird werden können.
HG|1|33|10|0|Im Inneren des Landes aber werden große, unübersehbare Ebenen voll von den herrlichsten und süßesten Früchten sein und so auch von schönen, brauchbaren, zahmen Tieren, welche uns ihre Milch zur gesunden Kost geben werden; und die Erde wird schmecken wie Honig und Milch und wird sein ohne Sand und Gestein und zu essen sein wie ein gutes Brot. Und hört, so spricht der Herr: Auf der ganzen Erde gibt es nirgends ein Land mehr, das diesem gliche an Vortrefflichkeit; da ist es weder je zu warm noch zu kalt, sondern es herrscht dort ein ewiger Frühling.
HG|1|33|11|0|So werden dort die Menschen, die nach dem Willen Gottes leben werden, nie altern, und ihr Sterben wird ein sanfter Schlaf sein; dann aber werden unsichtbare Wesen kommen, einen solchen Menschen heimlich wieder lebend machen und ihn emportragen zu Gott. Da wird nicht zurückbleiben auch nur ein Stäubchen, das sich an die Füße eines solchen Wiederbelebten geklebt hatte.
HG|1|33|12|0|Wer aber überhören je wird den Willen Gottes in seinem Herzen, der wird auch sterben, aber ewig am Leibe nimmer auferstehen. Und da werden kommen Würmer der Erde über sein Fleisch und werden es aufzehren samt Haaren, Haut und Knochen, und dessen Seele und Geist aber werden dann wieder zur Unterlage der Berge Jahrtausende als gefestete Körper dienen müssen im finsteren Bewusstsein ihres Elends und ihrer totalen Nichtigkeit, bis sie endlich wieder nach dem gnädigen Willen von oben irgendein Tier aufnehmen wird, und wo sie dann von Stufe zu Stufe sich durch die ganze Tierwelt werden elend, stumm und sprachlos durcharbeiten müssen, um endlich wieder einmal zur Würde des Menschen gelangen zu können. Dies merkt euch wohl; denn da werdet ihr dann viele tausend Male sterben müssen, ehe ihr wieder zum Leben aus der Liebe und Gnade Gottes gelangen werdet! Bedenkt, was der Herr euch hier sagen lässt!
HG|1|33|13|0|Eure Weiber aber sollt ihr in der Zukunft nie eher als erst in eurem vierzigsten Jahr beschlafen, und dann ja nicht öfter, als es unter dem Segen Gottes nötig ist, zu zeugen einen Menschen. Und mehr als höchstens zwei bis drei Weiber soll keiner haben; denn alles, was darüber wäre, würde euch zur großen Sünde vor Gott angerechnet werden und euer Leben auf der Erde zur kurzen, mühseligen Dauer machen, eure Liebe zu Gott schwächen und euch somit endlich alle Weisheit rauben, welche nur eine freiwillige Zugabe Gottes ist an jene, die Seine Gebote halten genau.
HG|1|33|14|0|Und endlich: So wie hier, so sollt ihr auch dort nichts als Eigentum betrachten, sondern als ein Eigentum Gottes; und wer da behaupten würde und sagen: ‚Dieser Grashalm gehört mir!‘, der wird mit der Blindheit von Gott augenblicklich bestraft werden, damit er sich in Zukunft nie mehr wird können eine Frucht von der Erde aufklauben, sondern wird müssen zeit seines Lebens von der Liebe Gottes und seiner Brüder zu leben lernen.
HG|1|33|15|0|Die Sünder sollen nichts essen denn das Gras der Erde und der mageren Bäume bitteres Laub wie das Tier, zu dem sie sich durch die Sünde herabgewürdigt haben; und bis sie nicht für ihre Sünde werden genuggetan haben, sollen sie nichts anderes zu essen sich wagen, wenn sie das Leben erhalten wollen. Namentlich aber geht das Unzüchtler an, und vorzüglich aber jene jungen Weiber, die sich aus Wollust öfter würden beschlafen lassen; denn einer solchen Leib wird der Herr mit einer Pest erfüllen, und da soll sie hinausgestoßen werden an die äußersten Grenzen des großen Landes, da nichts als Gras und Blätter wachsen. Schließlich sagt der Herr, unser großer, allmächtigster Gott, dass ihr euch untereinander lieben sollt, und keiner soll je ein Richter des anderen werden, sondern da soll der Schwächere zum Starken gehen, damit dieser ihm unter die Arme greife und ihm helfe, zu wandeln über das Land; und der Weiseste aber soll allen dienen und ein Ratgeber sein seinen Brüdern.
HG|1|33|16|0|Nun denn, so ihr vernommen habt den Willen Gottes klar und deutlich, so dankt Gott mit mir in euren Herzen und sagt: Herr, Du allmächtiger, großer Gott, wir danken Dir mit Inbrunst unseres noch schwachen Herzens; mache es stark, Du großer, guter, starker, ewiger Gott, damit wir Dich dereinst, Deiner unendlichen Heiligkeit würdiger wie jetzt in unserer unendlichen Schwachheit, danken, loben und preisen könnten; und dass wir dadurch, wie Du uns so gnädig versprochen hast, dereinst auch würdig wären, Deinen Kindern nur in einem kleinsten Teil gleichen zu können. Nun aber, o großer Gott, geschehe Dein Wille, und lass uns besteigen die Kästen und führe uns alle nach Deinem alleinigen Wohlgefallen! Amen.“
HG|1|33|17|0|Und siehe, als sie nun dieses kurze Gebetlein verrichtet hatten, verließen sie mit Meduhed die Stelle und bestiegen fröhlichen Herzens die Kästen.
HG|1|33|18|0|Und siehe, alles, wie es Meduhed geweissagt hatte, ist genau und pünktlich eingetroffen. Mit einem großen Sturm jagten, von der Schlange angeführt, Lamechs Hyänen- und Tigerrotten ergrimmt den armen Meduhediten nach; aber ebenso schnell trieb Ich die Kästen mit Meinem Völklein von den Ufern, und so auch dann ruhig und doch schnell hin zu den Ufern des Großlandes, umflossen von den großen Gewässern.
HG|1|33|19|0|Und die Lamechiten aber ließ Ich verfolgen von den stets wachsenden Fluten des Meeres bis zu den Bergen, allwo sie zu Tausenden von den Hyänen, Tigern, Löwen, Bären und Wölfen und Schlangen zerrissen und verzehrt wurden; denn der Zug der Verfolger bestand aus siebentausend männlichen und aus siebentausend weiblichen Köpfen. Und davon kamen nicht mehr denn sieben Jünglinge und sieben Fräulein nach Hanoch zurück und sagten daselbst aus, was da geschehen war, und brachten die von den Meduhediten hinterlassenen Tiere unversehrt zurück, an der Zahl fünfunddreißigtausend Kamele und ebenso viele Esel, und übergaben dieselben dem Lamech und erzählten demselben alles, was sie gesehen hatten, – wie nämlich ein heller Blitz aus dem wolkenlosen Himmel zwischen sie und die Flüchtlinge gekommen ist und dieselben in großer Schnelle am Ende der Welt, da ein großes, unermessliches Gewässer ist, weit auf dasselbe wohl hinaustrug. Dann aber fingen an die Wasser zu wachsen und hätten sie getrieben hoch in die Gebirge dort, und es waren unübersehbare Scharen von den bekannten reißenden Tieren über sie gekommen und hätten sie bis auf sie allesamt zerrissen und gefressen; sie selbst wären nur dadurch gerettet worden, dass sie sich unter die große Menge der Kamele und Esel geflüchtet hätten. Und es möchte Lamech wohl bedenken, was da geschehen sei, und es komme ihnen vor, als wohne über den Sternen ein großer König, mit dem die Menschen nie einen Kampf wagen sollten, und sollten lieber Ihn anbeten und hoch verehren Seiner unbegreiflichen Macht wegen, da Ihm sogar das Meer, die Winde, Blitze und alle reißenden Tiere gehorsam wären, – was sie mit eigenen Augen gesehen hätten und gehört hätten eine große Stimme, welche den Tieren geboten hätte wie ein Donner und so auch geredet hätte mit den großen Elementen wie ein großer Sturm aus den Höhen der Sterne.
HG|1|33|20|0|Und siehe, als Lamech solches vernommen hatte, ergrimmte er in seinem Inneren und beschloss, sich an Mir zu rächen. Das aber war eine Folge, weil die Schlange sein Herz ganz hat in Beschlag genommen. Daher sprach er zu den Jungen, die da zurückgekommen waren: „Hört, ihr sieben Schuldlosen! Ich will Genugtuung haben von dem Sternenkönig und einen tausendfachen Schadenersatz; geht hinaus, da ihr wisst, da Er zu sprechen ist, und gebietet es ihm in meinem Namen, was ich verlange! Und soll Er sich weigern, so sagt Ihm, Er sei von mir aus verflucht, und sollte Er noch so groß und mächtig sein, so werde Er durch mich, wie mein Volk durch Seine Tiere, auf der Erde unter meinem Hohngelächter von Seinem Volk zerrissen und zerfleischt werden. Denn er ist nur mit aller Seiner windigen und wässrigen Macht ein schwaches Lamm gegen mich, dem König der Löwen. In die Wälder aber werft allenthalben Brände, und zündet an alle Berge, damit Seine Bestien allenthalben gebraten werden, damit Er Sich hernach zur wohlbereiteten Tafel setzen und da verzehren kann der verbrannten Bestien Fleisch und Knochen; und will Er sie da nicht verbrennen lassen, so soll Er nur Fluten darüberleiten, damit Seine Macht ersaufe!
HG|1|33|21|0|Oh, ich kenne diesen luftigen Übersternenkönig sehr wohl, denn alles, was Er tut, tut Er aus Furcht vor mir; denn Er kennt meine Größe, Macht und Stärke, die Ihm genug zu schaffen machen und Ihn endlich ganz verderben wird, so Er nicht willfahrt meiner gerechten Forderung und jedem meiner Wünsche.
HG|1|33|22|0|Nun geht und vollzieht, was ich euch geboten; nehmt Männer mit euch, wohlversehen mit Feuerbränden, um anzuzünden die Berge im Falle der etwaigen Weigerung!“
HG|1|33|23|0|Da entfernten sich die Jünglinge und berieten sich untereinander, was da zu tun sein möchte. „Denn“, sprachen sie untereinander, „wenn er denn gar so mächtig ist, warum geht er denn nicht selbst? Denn toll sein ist leichter denn kämpfen und drohen in der blinden Wut leichter denn die Ausführung. Denn das, was er geredet hat, das hätte ein jeder von uns auch reden können, aber zu was nütze? Wie weit seine und unsere Hände reichen, weiß und sieht jeder Mensch; aber wer hat je nur einen Finger des Übersternenkönigs gesehen, damit er ermessen könnte dessen ganze Macht und Kraft? Lamech ist eine Mücke nur gegen Tatahar und dessen Angang, und wo ist er und sein ganzer Anhang? Nun sind wir sieben noch seine ganze Zentralkraft und haben gesehen die unbegreifliche Macht des großen, unsichtbaren Königs über den Sternen, haben gehört Seine Rede, dass vor ihrer Stärke der ganze Erdkreis erbebt hatte wie jemand, den der Frost bis zu und in die Knochen und deren Mark eisig durchdrungen hat.
HG|1|33|24|0|Daher tun wir, was wir wollen, und gehen hinaus, und statt der Drohung wollen wir Ihm ein Lob bringen und preisen Seine große Macht und Stärke; vielleicht nimmt Er uns auf, wie Er den Meduhed aufgenommen hat, und sodann soll daheim Lamech seine Kraft messen und in die Steine beißen vor Wut!
HG|1|33|25|0|Wir aber wollen lieber einem so mächtigen, großen König dienen, der uns gewiss auch wie die Scharen Meduheds über den Fluten erhalten kann.“
HG|1|33|26|0|Und siehe, wie sie weise beschlossen, führten sie auch ihren Mir gefälligen Entschluss aus, nahmen ihre Weiber und Kamele und Esel, wohlbepackt mit Früchten, und eilten hinaus, da sie sahen die Gewässer, und ruhten an dem Ufer des großen Weltmeeres.
HG|1|33|27|0|Einer aber, der das Wort geführt hatte, sprach nun wieder: „Da sind wir jetzt! Wo wollen wir hin? Wir wissen nichts; daher lasst uns den großen König bitten, dass Er uns aufnehme in Seine Dienste und uns zeige einen Ort unserer wahren Bestimmung, da wir schon wahrscheinlich nur durch Seine geheime Eingebung uns den Klauen Lamechs entwunden und uns frei hierher begeben haben.
HG|1|33|28|0|Daher rufe ich in aller Sinne und Geiste, da wir noch keine Namen haben, Dich, o großer, unsichtbarer König aller Macht und Stärke, ehrfurchtsvoll an, nehme fürs Erste unser aller Dank für die Rettung aus den Zähnen der Hyänen und aus den Klauen Lamechs, und bitte Dich ebenso, dass Du nun auch uns führen möchtest nach Deinem Willen an irgendeinen sicheren Ort, da wir Dir dann ungestört dienen möchten; denn wir wissen, dass Du ein gar mächtiger Herr bist, und kennen die volle Nichtigkeit Lamechs, dessen Stütze wir sein sollten und nicht wollten, da wir die große Macht Deiner Herrlichkeit gesehen und durch und durch empfunden haben, wie wir auch gehört haben das wilde, nichtige, leere Geplärr des nun gänzlich ohnmächtigen Lamech.
HG|1|33|29|0|Daher erhöre unsere gemeinsame Bitte, und gebe uns Deinen Willen kund – oder vernichte uns; denn es ist besser, von Dir vernichtet zu werden als Lamech zu dienen!“
HG|1|33|30|0|Und siehe, als nun diese sieben mit ihren sieben Weibern so vollendet hatten ihr kurzes, aber sehr aufrichtiges Gebet, da fing ein kleiner Sturm an zu wehen von den Bergen her, und in dem Sturm kam im schnellen Laufe gesprengt eine sehr große Hyäne, grimmvollen und wutentbrannten Angesichtes, vor die kleine Gesellschaft und blieb vor ihnen stehen und musterte sie hin und her, auf und ab und durch und durch, gleichsam als wollte sie sich den besten Bissen aussuchen aus der von Todesangst bedrängten Gesellschaft. Und siehe, als nun alle ins Wasser die Flucht ergreifen wollten, da ermannte sich der Sprecher und sagte mit einer überlauten Stimme: „Hört mich an! Bleiben wir stehen, wo wir stehen, umgeben allenthalben von der unbesiegbaren Macht des großen Königs, und glaubt, wenn Er uns auch vernichtet, so wird Er uns auch in der Vernichtung wohl erhalten; und fürchtet nicht so sehr diese kleine Hyäne, da wir einer viel größeren aus ihren mörderischen Klauen so glücklich entronnen sind, und das umso mehr, da wir in der Ebene sind, wo keine Hyäne mehr die Macht hat, Menschen anzufallen und sie zu zerfleischen. Denn da uns der große, machtvolle König über den Sternen gerettet hat dort an den Bergen aus den Zähnen von so vielen Tausenden der reißendsten Bestien, da wir noch wider Ihn waren, nun aber wollen wir ja für Ihn sein, – wie sollte Er uns jetzt vernichten wollen?
HG|1|33|31|0|„Glaubt mir, Er wird uns alle sicher wohl erhalten! Seht alle auf mich; ich will im Vertrauen hingehen zur Hyäne und ihr meinen Kopf in den Rachen stecken, und so sie mir etwas zuleide tun wird, dann flieht ins Wasser, oder wo ihr hinwollt; werdet ihr mich aber wohlbehalten meinen Kopf wieder aus ihrem Rachen nehmen sehen, dann fallt nieder zur Erde und dankt dem großen König, – denn dann ist Er uns schon sehr nahegekommen!“
HG|1|33|32|0|Und siehe, was er sagte, das tat er auch alsogleich, – ging voll Vertrauens hin zur grimm- und wutschäumenden Hyäne, welche ihren Rachen weit aufsperrte, dass sein ganzer Kopf hinreichend Platz hatte in demselben.
HG|1|33|33|0|Und siehe, so wie er seinen Kopf hineingesteckt hatte, ebenso wohlbehalten – ohne die Krümmung auch nur eines Härchens – nahm er ihn wieder heraus! Da erstaunte die ganze Gesellschaft und fiel alsogleich zur Erde nieder und dankte Mir, freilich noch sehr unbekannter Weise, aus der ganzen erkannten Tiefe ihres Herzens.
HG|1|33|34|0|Als sie sich nun beinahe ganz erschöpft hatten in ihren Dank- und Lobesergießungen, da fing zum allergrößten Erstaunen die Hyäne an, eine wohlverständige Rede an sie zu richten, und sprach:
HG|1|33|35|0|„Ihr späten Nachkommen Kahins und Hanochs, steht auf und seht mich an, seht an meine Grimm- und Wutgestalt! Ich bin nur ein reißendes Tier, bestimmt, treu zu bewachen die Berge und die auf ihnen wohnenden großen Kinder Gottes, den ihr in eurer Blindheit einen großen König nennt; aber sagt mir, ob ich als Tier je den Willen Gottes übertreten habe! Mein Leben ist Staub und Erde; meine Zeit sind wenige Jahre, Tage und Herzschläge nur; ich habe nichts zu erwarten; was meine Blutgier mir gibt, ist alles, was von meinem Dasein ich zu gewinnen habe vom Schöpfer; und wer von euch mich je gesehen hat, über meine vorgeschriebenen Grenzen ohne den Willen Gottes schreiten, der nehme einen Stein und erschlage mich!
HG|1|33|36|0|Doch ihr zaudert, – nicht, als hättet ihr den Mut nicht dazu, sondern weil euch mein Gehorsam gegen den Willen Gottes zur Verwunderung hinreißt! Und seht, wie euch Menschen, die ein ewiges Leben erwartet, ein reißendes Tier über eure gänzliche Gottesvergessenheit und somit auch über eure Bestimmung nun belehren muss dem Willen Gottes gemäß! Seht, kein reißendes Tier ist so wild, dass es auch nur in der Hungersnot seinesgleichen anfallen möchte, es zu zerreißen und sich damit den Hunger zu stillen! Allein ihr ewig leben sollenden Menschen zieht aus in Horden, um eure Brüder nicht etwa aus Not, sondern nur aus reiner höllischer Herrschsucht zu töten, mit ihrem Blut die Erde zu beflecken und ihr Fleisch in dieselbe zu verscharren!
HG|1|33|37|0|O schämt euch, ihr Menschen, ihr sein sollenden Herren der Welt! Wo ist eure Herrlichkeit? Ihr seid euer vierzehn, und ich bin allein, und ihr habt euch vor meinem Anblick zu Tode geängstigt, – vor einem unglücklichen Tier, das ursprünglich nur zu eurem Dienst nach dem Willen des großen Gottes bestimmt war.
HG|1|33|38|0|Geht mit in die Wälder und überzeugt euch, ob nur ein Tier das andere dominiert; und wird es zänkisch und neidisch, so wird es alsobald aus der Gesellschaft gestoßen, da es nicht war nach dem in unserem Innern waltenden Willen Gottes. Und ihr werdet da nie sehen, dass ein Tier das andere nötigte, für es auf den Raub zu gehen, um dasselbe als einen baren Müßiggänger zu füttern, – außer es ist eines schwach geworden; dann schleppt ihm ein anderes Tier irgendeinen Raub vor den Rachen in die Wohnhöhle. Und es legt keines an dessen Nacken und dessen Eingeweide den scharfen und starken Zahn eher, als bis es kalt geworden ist und faul und morsch; das lehrt uns der göttliche Wille in unserem Inneren, und seid versichert, es hebt auch nicht ein Tier ohne den Willen Gottes seinen Kopf in die Höhe!
HG|1|33|39|0|Wir kennen gegen uns keine Eigentumsgrenzen als die unserer Natur und unseres Leibeswesens; ihr Gottes gänzlich vergessenen Menschen, ihr teilt die Erde ab, und da sagt dann ein König, ein Fürst oder ein Günstling derselben: ‚Das gebe ich dir gegen einen kleinen Tribut und das dem Günstling und dessen besseren Knechten ihrer gutgesinnten, tüchtigen Fäuste wegen! Alles übrige Volk könnt ihr als Lasttiere gebrauchen, denen ihr nur so viel zu geben braucht, dass sie mit genauer Not ein elendes bisschen Leben erhalten, um für die Müßiggänger die lästige, viele Arbeit verrichten zu können; und würden sie sich weigern, so steht ihnen fürs Erste eine große Misshandlung und fürs Zweite der Tod bevor!‘ Wollte sich dann ein solcher Sklave gar einbilden, dass er auch ein Bruder des Königs oder eines Fürsten oder eines sonstigen vom König gemachten Großen gleichen Rechtes sei oder sein wollte, – würde der nicht alsogleich ermordet werden? O sagt, wo auf der ganzen Erde gibt es noch etwas Grausameres, als ihr Menschen es seid?! Ist nicht eine Schlange, ich, ein Löwe, ein Tiger, ein reißender Wolf und ein grimmiger Bär ein lauterer, heiliger Engel gegen euch Menschen? Oh, wäre uns Liebe gegeben wie euch, wie würden wir Gott lieben! Aber ohne Liebe selbst lieben wir Ihn durch unseren genauen Gehorsam unendlichmal mehr als ihr, die ihr nicht nur Seiner Liebe, aus welcher heraus Er euch erschaffen hat, vergessen habt, sondern sogar Seiner Selbst, der euch erschaffen hat!
HG|1|33|40|0|Fragt die Steine, fragt das Gras, fragt die Luft, fragt das Wasser, ja fragt alles, was euch unterkommt, nur keinen Menschen, – und alles wird euch den großen Gott verkünden und die unendlichen Wunder Seiner Liebe erzählen; nur ihr freien, ewig glückseligst leben sollenden Menschen konntet eures Schöpfers, eures unendlichen Wohltäters gänzlich vergessen! Kein Wunder, dass ihr keinen Namen habt; mit welchen Namen könntet ihr auch benannt werden? Teufel kennen Gott und fliehen Ihn; Satane kennen Gott auch, hassen Ihn, dass Er Gott ist und ein Herr ihres Daseins; wer seid aber ihr, die ihr aus Teufeln, Satanen durch Seine unendliche Liebe zu freien Menschen geworden seid und habt Seiner ganz und gar vergessen und seht euch in eurer mückenhaften Schwäche selbst für Götter an, weil ihr mit Steinen und Knitteln aufeinander schlagen und hohle Steinhaufen errichten könnt, die ihr dann Städte nennt? Seht, ihr seid nichts, wie ihr seid; ein Grashalm ist mehr, und eine Hyänenklaue ist ein Heiligtum gegen eine ganze zahllose Brut von solchen Menschen, wie ihr sie in Hanoch verlassen habt, und wie ihr bis jetzt es selbst wart.
HG|1|33|41|0|Kurz, so will es der große Gott: Bevor euch eine andere Bestimmung zuteilwird, so sollt ihr zu uns Hyänen siebzig Tage lang in die Schule gehen, um bei uns fürs Erste Menschlichkeit und Nächstenliebe und dann dadurch auch wieder Gott kennen zu lernen; und so ihr wieder erkannt habt eure Gleichheit an uns reißenden, wilden Bestien und Gott durch unseren stummen und blinden Gehorsam, – dann erst wird der Herr aller Geschöpfe euch durch uns eine friedsame Stätte anzeigen lassen.
HG|1|33|42|0|Nun folgt mir willig nach dem Willen Gottes ohne Furcht – außer in der alleinigen Furcht Gottes. Dem Willigen wird nichts zuleide geschehen; der Unwillige und Ungehorsame ist auch nicht wert, von den Zähnen der Hyänen zerrissen zu werden, sondern der erwarte hier Lamechs, der Satane, der Satansfürsten Los!
HG|1|33|43|0| Und siehe, so folgten alle vierzehn Personen einer grimmigen Hyäne in eine finstere Gebirgshöhle und lernten dort durch Meine Zulassung von der Natur der Bestien gleiche Rechte der Menschheit, Nächstenliebe, Gehorsam und so auch wieder Mich erkennen und auf Mich ganz vertrauen, wodurch ihnen dann auch der große Unterschied zwischen der wahren Menschheit und den Tieren sichtbar wurde, und lernten aber auch zugleich erkennen, wie tief sie früher unter denselben gestanden sind, – und das alles durch Meine besondere Gnade, die sie Meinen Willen in den wilden Tieren sehen und in seiner ganzen Fülle empfinden ließ.
HG|1|33|44|0|(Notabene. Mehr als damals wäre euch jetzt eine solche Schule nötig! Denn damals waren die Menschen als Kinder der Welt schlecht der Finsternis wegen; jetzt aber sind sie böse im Licht, und der Fürst der Finsternis bekennt, dass er ein Pfuscher geworden ist in der Bosheit gegen die Feinheit der Weltkinder, und es geht ihm ja schon wie manchen schwachen Eltern, die von ihren Kindern übertroffen werden an Einsichten aller Art.)
HG|1|34|1|1|Landung der Meduhediten in Japan
HG|1|34|1|0|Nun lassen wir diese kleine Gesellschaft in der Schule der Geschöpfe und lassen sie essen wilde Beeren, Gras und Wurzeln bis zur bestimmten Zeit; wir aber wenden uns hin nach Ihypon (heutzutage ‚Japon‘, auch ‚Japan‘) und erwarten alldort die herankommenden Meduhediten und wollen uns noch eine kurze Zeit bei ihnen aufhalten.
HG|1|34|2|0|Nach dreißig Tagen und Nächten sind also unter Meinen günstigen Winden auf kleinen Umwegen der Ruhe des Meeres wegen die Meduhediten auf der besagten Großlandsinsel glücklich und wohlbehalten unter lautem Jubel, Frohlocken und Lobpreisungen Meines Namens angelangt, und zwar an der breiten Mündung eines ruhig fließenden Flusses aus dem Inneren des Landes, auf dessen ruhigem und ziemlich breitem Rücken sie in ihren Kästen bis ins Innere des Landes durch einen ziemlich starken, dienstbaren Wind geschoben wurden.
HG|1|34|3|0|Als sie nun vollends in der Mitte waren, da fiel Meduhed auf sein Angesicht nieder, ganz ergriffen von der wunderbaren Schönheit des Landes, und dankte Mir in der stillen Tiefe seines Herzens bei einer Stunde lang, und aller Augen und Ohren waren auf ihn gerichtet.
HG|1|34|4|0|Und als er nun beendet hatte sein Mir wohlgefälliges Gebet und in demselben auch erschaut hatte Meinen ferneren heilbringenden Willen für das gerettete Volk, da stand er wieder auf und wartete, bis die Kästen sich alle vollends aneinander angeschlossen hatten.
HG|1|34|5|0|Als nun dieses alles nach Meinem Willen längs des seichten Ufers geschehen war, da stieg er alle Kästen nach Meinem inneren Geheiße ab und ermahnte die Scharen in aller Liebe, ja nicht eher das Land zu betreten, als alle dem Herrn bei drei Stunden lang in ihrem Herzen für diese unendliche Gnade werden gedankt haben. Und so der Herr erst dann das geschenkte schöne Land in und vor ihrem Angesichte segnen werde unter einem sichtbaren Zeichen, so wolle er zuerst ans Land steigen. Dann sollen sie ihre Kinder zuerst ans Land setzen und endlich erst selbst mit den Weibern das Land betreten; und da sollen sie dann wieder auf ihre Angesichter zur Erde vor Gott niederfallen und anbeten Seine Heiligkeit und lobpreisen Seine unbegrenzte Güte und unendliche Liebe.
HG|1|34|6|0|Und siehe, als sie nun dieses verrichtet hatten in größter Freudigkeit ihres Herzens, da richteten sie auf den Ruf Meduheds ihre Augen in die Höhe, sahen eine lichte Wolke umhüllen das ganze Land und sahen große Tropfen fallen in der Fülle von der Wolke bei einer Stunde lang. Dann sahen sie diese Segenswolke sich wieder teilen und einen kleinen Regenbogen unter derselben brennend leuchten und vernahmen auch von Morgen her einen gar sanften Wind wehen, der ihnen durch den Mund Meduheds laut verkündete, dass Ich nun für sie das Land gesegnet habe, – worauf sie dann in schon besagter Ordnung ans Land stiegen und daselbst eben wieder in größter Freudigkeit ihres Herzens taten, wie es ihnen der frommweise Meduhed liebevoll angeraten hatte. Und als nun dieses alles geschehen war, da berief sie Meduhed wieder alle zu sich und hielt eine bündige Rede an sie, welche also lautete:
HG|1|34|7|0|„Männer, Brüder, Schwestern und auch ihr schon wortverständigen Kinder! Merkt es euch alle wohl, was ich euch nun durch die große Gnade Gottes kundgeben werde! Das sei der Grund alles unseres Denkens und Handelns, dass wir nie den heiligen Willen Gottes aus den Augen unseres Herzens lassen und allzeit mit Dank und Lobpreisung denselben erfüllen bis auf einen Punkt. Denn was immer von Ihm kommt, ist groß, heilig und daher auch von größter Wichtigkeit; und scheine es unseren kleinen Weltaugen auch noch so klein, so ist es aber doch von unendlichem Wert, da es von Gott ist, der nun unser aller Herr ist, und wir, so wir sehr willig gehorsam sind Seinem Willen, auch noch Seinen großen Kindern, die ihr habt kennengelernt unter der Felsenwand ob Hanoch, wie uns allen versprochen ist, gleich werden können.
HG|1|34|8|0|Seht, so will der Herr, unser großer Gott und seinwollender allerheiligster Vater, dass wir uns fürs Erste lieben sollen, und zwar jeder seinen Nächsten als Bruder und Schwester siebenmal mehr als sich selbst. Jeder sei strenge gegen sich selbst und milde und sanft und voll Liebe gegen seine Brüder und Schwestern. Nie denke einer, größer sich und mehr wert als der Schwächste von euren Brüdern zu sein; denn bei Gott gilt nichts als ein reines, demütiges Herz. Wem der Herr je, wie mir, Seine Gnade schenken wird, der denke sich als den Allergeringsten und sei bereit, gleich mir, allen zu dienen und nach dem Willen Gottes allen mit einem guten Beispiel voranzugehen. Nur allein Kinder sind gegen ihre Eltern vermöge ihrer ursprünglichen Schwäche und notwendigen Erziehung den unbedingtesten Gehorsam schuldig; und wenn sie zur Erkenntnis des Willens Gottes in sich werden gelangt sein, dann trete statt des Gehorsams, den ihr dann Gott allein nur schuldig seid, die kindliche Liebe und Achtung gegen die Eltern in hohem Maße an die Stelle. Doch sollt ihr nach dem Willen Gottes dem Weisesten von euch allzeit euer Ohr leihen und eure Augen auf ihn richten, um willig zu erfahren die Ratschlüsse Gottes fürs Allgemeine sowohl, als auch für jeden einzeln; doch hütet euch ja davor, je einem solchen Weisen irgend mehr Achtung, Liebe und Verehrung zu geben als einem anderen noch nicht weisen, aber doch sehr willigen, lieben Bruder.
HG|1|34|9|0|Und da sei und bestehe die Achtung des Weisen aus Gottes Gnade von euch in nichts anderem als bloß in der Liebe Gottes, Liebe des Nächsten und dem willigsten Gehorsam gegen die Anordnungen Gottes durch das demütige Herz eines weisen Bruders.
HG|1|34|10|0|Nie komme je eine Unwahrheit über eure Lippen; denn die Lüge ist ein Fundament alles Bösen. Fern sei von euch alle Schadenfreude über die Buße eines Sünders, sondern eure Liebe helfe einem gefallenen Bruder wieder auf die Beine.
HG|1|34|11|0|Das Land gehört allen ohne allen Unterschied gleich; was der Boden reichlich tragen wird, das nehme der Bedürftige zu seiner Sättigung, und der Starke sammle gerne für die Schwachen.
HG|1|34|12|0|Die Tiere macht euch freundlich, damit sie euch ihre warme Milch nicht versagen werden.
HG|1|34|13|1|Am 13. Juli 1840
HG|1|34|13|0|Ein jeder sei untertan seinem Bruder und bereit, ihm zu dienen; aber nie befehle einer dem anderen, sondern ihr sollt euch allenthalben mit der Liebe begegnen, damit ihr einst Kinder werden mögt eines Vaters in der Liebe.
HG|1|34|14|0|Da der Herr allzeit mehr gibt, als es dem Menschen nötig wäre, zu erhalten sein Leben, so sollt ihr aber deswegen doch nicht unmäßig sein in jeglichem Genuss, sondern nach dem Willen Gottes eurer Gesundheit wegen mäßig in allem, was ihr tut und genießt; denn so spricht der Herr: ‚Gesegnet sei ein gerechtes Maß und ein rechtes Ziel; das Unmaß doch sei verflucht und verdammt die ziellosen Wege, und auf ihnen wandle nur die Hurerei und Unzucht und finde da die Nacht des Verderbens und des ewigen Todes!‘ Darum sammelt den Überfluss des Segens, und errichtet überall Vorratshäuser, jedoch nicht nach der Art Hanochs aus Steinen, sondern aus Holz. Da steckt vier fein behauene Bäume in die Erde, so dass sie zwei Mannshöhen gut in einem Viereck über den Boden emporragen. Auf dieselben legt eben auch vier Querbäume nach euch schon bekannter baulicher Art. Macht dann ein Halbdach darüber, und deckt es mit Rohr und Gras. Zwischen den vier Holzpfeilern, aus der Erde ragend, macht eben auch aus Rohr geflochtene Wände, lasst aber in einer jeden Wand eine Öffnung, viermal so groß als ein Mannskopf, und von der Morgengegend her auch eine Türe, jedoch ohne ein Gitter, damit jeder nach Bedürfnis freien Eintritt habe. Innerlich aber schlagt bis zur Hälfte eines solchen Vorratshauses mehrere kleinere Pfähle in die Erde, etwa eine halbe Mannslänge über den Boden hervorstehend. Darüber befestigt dünne Bälkchen; legt dann darüber ebenfalls Rohrflechten, um so auf dieselben dann die Segensüberfülle für eure Brüder und auch für euch zu legen. In die andere Hälfte aber sammelt und legt dürrgewordenes, langes Gras kniehoch über die Erde als eine Ruhestätte, damit ihr auf derselben die Nacht hindurch schlaft und eure müde gewordenen Glieder ausrastet und erlabt die Eingeweide.
HG|1|34|15|0|Eure Werkzeuge und sonstigen Geräte aber legt unter die Vorratsflechten. Jedoch soll sich nie jemand ein solches Haus zueignen, sondern da arbeite einer für alle und alle für einen und somit alle für alle, dass da nie jemand Not leide unter euch und allen euren Nachkommen.
HG|1|34|16|0|Nahe an den Bergen, die nicht rauchen oder gar brennen, wie ihr sie von hier in weiter Ferne seht, macht mannstiefe Gruben; allda werdet ihr die euch schon bekanntgemachte Broterde finden, welche ihr jedoch sehr mäßig genießen sollt, und das nicht täglich, sondern nur dann und wann nach dem Willen Gottes zu eurer Gesundheit, so eure Not zu weich geworden ist.
HG|1|34|17|0|Ferner werdet ihr an den Bergen, die ihr nun auch besteigen dürft, wenn sie nicht brennen, schöne, sehr harte, glatte Steine finden; diese sammelt und bringt sie vor eure Wohnungen. Fürs Erste sollt ihr darauf Körner eines Grases zermalmen, und aus dem Mehl sollt ihr mittels des Wassers einen Teig machen in einem Gefäß, das ihr in großer Menge an den Ufern des Flusses antreffen werdet, und sollt euch dann dazu auch eine schon bekannte Backstätte bereiten und euch darauf ein gesundes Brot daraus backen. Und fürs Zweite aber sollt ihr auch solche Steinplatten nehmen, die etwas weicher sind, von denen es auch eine Menge gibt an den Füßen der feuerfreien Berge, und sollt darauf euch alles dieses aufzeichnen nach der euch bekannten Art, damit noch selbst unsere späteren Nachkommen erfahren sollen den euch jetzt geoffenbarten Willen Gottes.
HG|1|34|18|0|Denn hört! So spricht der Herr: ‚Solange ihr und eure Nachkommen bleiben werdet in dieser gebotenen Ordnung, so lange auch wird nie ein fremdes Volk sich nähern können diesem Land und euch stören in eurem Frieden, und Ich Selbst werde euch tausenderlei schöne und nützliche Dinge erkennen und bereiten lehren; doch aber wenn ihr je aus Meiner Ordnung treten solltet und auch verbleiben in Meiner Vergessenheit und nicht wieder zurücktreten würdet alsobald zu Meiner Ordnung, dann werde Ich ein anderes Volk erwecken, es führen hierher, und das wird euch unterjochen und zu Sklaven machen. Da wird dann sein ein Kaiser, der euer Heiligtum zerstören wird und wird euch schlagen und viele töten lassen und wird euch gleich Eseln vor den Pflug spannen lassen und euch züchtigen wie ein Kamel. Der wird sich alles zueignen und wird euch hungern lassen und euch verbieten, euern Durst zu löschen mit dem Saft der Früchte, sondern wird euch zum Wasser treiben wie ein zahmes Tier. Und ihr werdet für ihn müssen, wie zu Hanoch, Städte bauen und ihn gut füttern und seine Diener, damit er kräftig werde, euch zu schlagen und zu töten.
HG|1|34|19|0|Dann werdet ihr für eure Arbeit keine Früchte und kein Brot mehr bekommen, sondern tote Zeichen nach dem Grade der Arbeit, für welche Zeichen man euch etwas weniges zu essen geben wird; ja, so ihr dann noch nicht werdet zur Ordnung zurückkehren, so werdet ihr sogar müssen an den Kaiser von den Zeichen den fünften Teil als eine Arbeitssteuer von dem hart Erworbenen ohne Entgelt zurückgeben, welches wird sein ein Zeichen, dass ihr sogar bitten werdet müssen, um nur arbeiten zu dürfen, und da werdet ihr für eine solche Erlaubnis dann müssen die erwähnte Steuer entrichten.
HG|1|34|20|0|Und Ich sage, da wird im ganzen Land auch nicht ein Fleckchen sein, das sich nicht der Kaiser möchte zugeeignet haben. Und verteilen wird er dann das Land als ein Lehen an seine Günstlinge und Höflinge; euch aber wird er zum schmählichen Leibeigentum der Günstlinge und Höflinge machen, und diese werden Herren sein dann über euern Tod und euer Leben und euch zu essen geben gekochtes Gras und schlechte Wurzeln, denn sie werden sich die besten Früchte aneignen. Und wer sich dann an einer solchen Frucht vergreifen wird, der wird alsogleich mit dem Tode bestraft werden.
HG|1|34|21|0|Dann wird euch der Kaiser eure schönsten Weiber und Töchter nehmen für seine und seiner Günstlinge und Höflinge Geilheit, und ihr werdet aber eure Knaben in den Fluss werfen und dafür seine Kinder ernähren müssen, damit sie euch dann misshandeln werden. Ich aber werde dann Meine Ohren, um nicht zu hören euer Jammergeschrei, bis ans Ende der Zeiten verstopfen, und es wird euch dann tausendmal ärger gehen, als es euch gegangen ist in Hanoch.
HG|1|34|22|0|Auch dieses alles merkt euch wohl, und schreibt es in die anbefohlenen weichen Steine.
HG|1|34|23|0|So seht denn, meine lieben Brüder, was der Wille Gottes ist; darum tut, wie euch geraten, und ihr könnt eben so leicht, ja und noch um tausendmal leichter ein selbständiges Volk bleiben ohne auch nur irgendeines Verlustes eurer Rechte. Daher werdet voll Liebe und Gnade, und ferne sei von euch der böse Eigennutz, dann werdet ihr bleiben, wie ihr seid, ein Volk Gottes. – Und nun schließlich ist es der Wille Gottes, dass ihr nämlich diese Kästen über den Fluss einen nach dem anderen mittels Stangen über den Kästen miteinander verbinden sollt und da errichten eine Brücke über den Fluss, damit wir auch das Land jenseits des Flusses betreten und davon dann willkürlich Gebrauch machen möchten.
HG|1|34|24|0|Nun fallt nieder auf eure Angesichter, und dankt dem Herrn für diese hohe Gnade der Belehrung und Kundgebung Seines Willens zu unserem allergrößten Wohl und sagt mit mir:
HG|1|34|25|0|‚O Du großer, überguter, überheiliger, allmächtiger Gott, wir danken Dir im Staube unserer Nichtigkeit! Lass zu Deinen heiligen Ohren dringen unseres Dankes schwache Stimme aus der Tiefe unserer Bosheit, und sehe gnädig an unser demütiges und schüchternes Herz! O Herr, wir sehen nicht, wie groß die Leere unseres Gemütes ist; daher erfülle uns gnädig mit der Wärme Deiner Liebe, und ziehe nie Deine Gnade von uns armen Kindern der Sünde! Lasse uns, so wir uns je vergessen könnten, gegen Deinen heiligsten Willen zu handeln, ja nicht von Menschen züchtigen, sondern züchtige Du uns nach Deiner Gerechtigkeit und großen Milde, und schaffe uns um in unseren Herzen nach Deiner großen Barmherzigkeit, damit wir dereinst würdig werden möchten, Deinen Kindern nur im Geringsten zu gleichen! Und so bleibe Du unser aller großer, heiliger Gott und unser Herr, und werde dereinst auch unser lieber, heiligster, heiligster Vater! O Herr, erhöre unser Flehen und vernehme gnädigst unsere schwache Bitte! Amen.‘
HG|1|34|26|0|Nun denn geht und vollzieht alles nach Zeit und Rat, und überzeugt euch von allem, damit ihr sehen mögt, wie wahrhaftig und getreu der Herr ist; und habt ihr alles vollzogen und des Herrn nie vergessen vor und nach jeder Arbeit, und vor und nach jedem Mahl, vor und nach dem Schlaf, vor und nach dem Aufgang, und vor und nach dem Niedergang – und ganz besonders aber, so ihr euch beschlaft, sollt ihr vor und nach der Handlung über alles den Herrn um Seinen Segen bitten –, dann werdet ihr zeugen Kinder des Lebens und des Lichtes, im Gegenteil aber nur Kinder des Todes und der Finsternis.
HG|1|34|27|0|Ich aber werde mein ganzes Leben hindurch hier in der Gegend des Flusses verbleiben, da wir gelandet sind; und dort über dem Fluss in jener weiten Grotte auf dem schönen Berg wird meine und meiner Kinder Wohnung sein, damit ihr mich allzeit finden mögt, sooft jemand ein Anliegen hat. Diese Grotte und den Berg gibt mir der Herr zum Besitztum aus Liebe zu euch, damit ihr mich allzeit finden könnt.
HG|1|34|28|0|Euer aber ist das ganze, große, schöne Land. Ich werde nach dem Willen Gottes noch sehr alt werden und noch ein später Zeuge sein aller eurer guten oder schlechten Handlungen. Und von allen, die hier sind lebend, werde ich der Allerletzte sein und euch folgen vor das Angesicht des Herrn.
HG|1|34|29|0|Ihr, meine zehn Begleiter, die ihr auch schon weise geworden seid, nehmt das Volk und führt und verteilt es weise im Land und lehrt sie, was ihnen nottut; und kommt, sooft der Mond voll geworden ist, zu mir des Rates und der Lehre wegen. Amen.“
HG|1|34|30|0|Und siehe, als nun Meduhed beendet hatte seine Rede, da verneigte sich alles Volk vor ihm, fiel noch einmal ohne Geheiß des Meduhed zur Erde nieder und dankte Mir für eine solche heilsame Lehre, richtete sich dann wieder auf und nahm ehrfurchtsvoll die Nahrung zu sich, lagerte sich dann zur Erde und rastete und betete mitunter, drei Tage lang. Dann erhob es sich, nahm die Werkzeuge und stellte zuerst die Brücke her, dann aber ging es unter der Segnung Meduheds auf seine fernere Bestimmung nach allen Richtungen des Landes und pries und lobte Mich allenthalben. Und da wurden, wie leicht einzusehen, viele dann weise von ihnen nach der Art Meduheds und lebten so als ein glückliches Volk bei neunzehnhundert Jahre, beinahe bis in die Zeiten Abrahams, und wurden nicht mitgenommen von der Sündflut Noahs.
HG|1|34|31|0|Später aber fingen sie Meiner auch nach und nach an zu vergessen, da Ich sie zum gebildetsten und reichsten Volk der Erde gemacht hatte, und gefielen sich in allerlei Schnitzwerk und fielen dadurch völlig in die schwarze Abgötterei und Hurerei aller Art.
HG|1|34|32|0|Und nachdem Ich ihnen sechshundert Jahre lang durch die Finger zugesehen hatte und sah keines und abermals keines zur reuigen und sich bessernden Umkehr auch nur irgend die allergeringste Miene machen, so erweckte Ich, wie Ich es ihnen schon durch Meduhed hatte androhen lassen, in der Gegend der heutigen Mongolei ein Volk zur allgemeinen Geißel und ließ es durch einen Engel, der unsichtbar war, hinführen nach Ihypon, machte ihnen eine Inselbrücke vom heutigen Sina aus, wovon noch heute mehrere Inseln in einer etwas gebogenen Reihe zeugen, dass sie trockenen Fußes wie die Israeliten übers Rote Meer und auch fast gleichzeitig dahin gelangten, bei welcher Gelegenheit Ich dann auch durchs Feuer der Erde um Ihypon eine Menge großer und kleinerer Inseln emporheben und entstehen ließ als allfällige Zufluchtsorte für einige sehr wenige Weise, welche allda in Grotten wohnten und Mir im Stillen dienten, bis Ich sie abrief von der Welt.
HG|1|34|33|0|In solchen Grotten finden sich auch noch zum Zeugnisse Meiner Liebe solche bezeichneten Tafeln vor, welche freilich jetzt niemand lesen könnte, und zwar viel weniger noch als die Hieroglyphen Ägyptens, welche niemand außer nur ein vollends Wiedergeborener wird lesen können und nur hie und da einiges erraten irgendeine starke fleischkranke Seelenschläferin durch ihren auf ganz kurze Momente nur aufgewachten Kindgeist.
HG|1|34|34|0|Und so findet sich auch in der Höhle (die früher oder damals Meduhedsgrotte hieß) jetzt noch das euch schon bekannte hohe Lied, wie auch noch einige bekannte Werkzeuge; jedoch ist diese Höhle jetzt unzugänglich, da sie sich auf einem hohen Berg befindet, was Ich später durch Feuer und bis jetzt noch andauernde große Erdbeben bewirken ließ.
HG|1|34|35|0|Und so ist dieses Land noch heutzutage in der kaiserlichen, halbmongolischen und halb ur-ihyponischen Verfassung. Der Ungläubige reise hin und überzeuge sich; aber es wird ihm wenig nützen, so er nicht völlig die Wiedergeburt erreicht hat. Und hat jemand diese, der wird nicht nur die ganze Oberfläche der Erde, sondern auch die Tiefe derselben bis in den Grund mit hell verklärten Blicken schauen.
HG|1|34|36|0|(Denn alles, was Ich euch hier gebe, ist wahr und getreu für Meine Kinder; denn Ich gebe es nicht der Welt, sondern Meinen schwachen Kindern. Daher sollen dieselben Meine Liebe und Weisheit und Meine Worte und Meine Gnade nicht mit dem Maßstab der Welt bemessen. Denn Ich will nicht glänzen vor der Welt, sondern will von euch nur geliebt sein. Denn Ich habe der Sonnen genug, um der Welt etwas vorzuglänzen. So ihr aber Meine Schrift mit eurer Weltgelehrtheit bemängelt, was glaubt ihr, was Ich dereinst tun werde mit eurem Weltunsinn? Daher lernt es von Mir; wenn ihr erst werdet aus Mir gelehrt sein, dann erst werdet ihr sehen und erkennen, wessen Regeln höher stehen, – Meine oder die der Welt. Denn die Welt hat das Wort im Sinne, Ich aber habe den Sinn im Worte – daher derjenige gar gewaltig zerstreut, der nicht mit Mir sammelt!)
HG|1|34|37|0|Bevor Ich euch noch in dieser Meiner Haushaltung weiterführen werde, will Ich euch kurz etwas bezüglich Meines Engels sagen, – namentlich aber denjenigen, welche fast in jeder Zeile einen sogenannten Grammatikalanstand genommen haben der Welt wegen. Da ihr Herz dabei nicht schalkhaft ist, so sollen sie, wo Mein schwacher Geheimschreiber Meines neuen Wortes irgendein N-Strichel zu viel oder zu wenig gemacht hat zufolge einer in ihm schon alten, unaufmerksamen Gewohnheit, es nach ihrer Einsicht ergänzen, so auch das Unorthographische und die I-Tüpfel; aber wer es da wagen würde, auch nur ein Wort zu versetzen oder einen besseren Reim zu suchen oder irgendeinen abgängigen Fuß unnotwendig zu suchen, den werde Ich mit ärgerlichen Augen ansehen. Sucht nicht das Wort im Sinne, sondern den Sinn im Worte, wollt ihr zur Wahrheit gelangen; denn im Geiste ist die Wahrheit, aber nicht in der Wahrheit der Geist, was unmöglich sein könnte, da der Geist frei ist und jeder Regel vorausging, Wahrheit aus sich schöpfen lassend. Da ihr das schon sogar von euren Genies sagt, warum seht ihr hernach Meinen Geist mit gar kritischen Augen an, als wenn euch ein Schulknabe irgendein schlechtes Pensum gegeben hätte zur Korrektion?! – Daher, so jemand glaubt, Ich tauge mit dem Kleid nicht in die Welt, der behalte Mich daheim; es wird aber jedem verdienstlicher sein, Meiner Schrift eine aus ihr entnommene Regel hinzuzufügen als eine Weltkritik, – denn viel seliger ist Geben als Nehmen! Dieses versteht wohl! Amen.
HG|1|35|1|1|Die Sihiniten in der Schule der reißenden Tiere
HG|1|35|1|1|Am 27. Juli 1840
HG|1|35|1|0|Nun wenden wir uns in die Schule der Hyäne und suchen unsere vierzehn Studierenden heim und wollen auch da noch wirksam vernehmen, wie weit es eigentlich dieses Völklein in dieser außerordentlichen Lehranstalt die kurze schon bekannte Zeit hindurch in der Besserung des Gemütes gebracht hat.
HG|1|35|2|0|Sehet und merket wohl, und es soll da niemand haben ein verstopftes Ohr und ein geschlossenes Auge, um zu vernehmen noch ein kräftiges Wort aus dem Rachen der schon bekannten Hyäne, ebenso eines Tigers, eines Löwen, eines Wolfes und eines Bären. Denn die Menschen sind voll Lüge, und es kann da auch nicht einer etwas Wahres dem anderen sagen, da euch schon gar oft die Erfahrung gezeigt hatte, wie sehr die Gelehrten in der Irre sind, da alle ihre Irrlehren durch andere verdrängt werden, die oft noch schlechter sind als die verdrängten und gebrochenen. Somit ist es auch für euch nicht überflüssig, feste Worte aus der Sphäre der ungeheuchelten Natur voll Mark und Kraft zu vernehmen und daraus auch ein gutes Notabene euch ins Herz zu schreiben, um daraus zu ersehen, wie wahrhaftig, gerecht und getreu euer aller heiliger, ewiger Vater ist.
HG|1|35|3|0|Denn seht, als nun die Zeit in ihrer Bestimmtheit erfolgreich abgelaufen war, da trat nun wieder die Hyäne voll Grimmes vor die erschreckte Gesellschaft, um durch die Angst deren Gemüter desto aufmerksamer zu machen, und sprach mit von Mir zulassend gelöster, breiter Zunge aus weit geöffnetem Rachen, wie da folgt:
HG|1|35|4|0|„Auf vom Tode, so will es der große, allmächtige Gott und Herr aller Seiner zahllosen Geschöpfe! Die kurze Zeit ist schnell verronnen; schnell haben Tage und Nächte über eurem schwachen Dasein gewechselt. Damals, als ihr daher von mir Hyäne durch den mächtigen Willen des allerhöchsten Gottes geleitet ward, saht ihr den Mond in seiner Fülle euch erleuchten die schroffen Pfade der wirren Höhen bis zur Höhle, die ich und meine Kinder bewohnten, und die wir euch willig abgetreten haben, damit ihr euch allda habt erlaben können in der frischen Kühle der Erde. Nun seht ihr wieder an den Mond und seht, wie er neuerdings groß und voll geworden ist, da er früher sich verloren hatte bis zur Nichtigkeit seines Lichtes und geworden ist dann ein Kind, dann ein Jüngling und nun wieder geworden ist gleich einem Mann voll Kraft und Majestät.
HG|1|35|5|0|Was euch nun dieser unablässig in kurzen Zeiträumen vollsinnigst belehrend zeigt, das sollt ihr einmal in eurem Leben getreu nachahmen. Es soll und muss euer Weltlicht abnehmen gleich dem Licht des Mondes, damit ihr fähig werdet nach eurer gänzlichen Hingabe des früheren Weltlichtes – was euer hochmütiger Verstand ist –, ein neues Licht aus den hohen Himmeln aufzunehmen, welches da ist eine wahre Liebe ohne Eigennutz und daraus die Gnade des großen, heiligen Gottes.
HG|1|35|6|0|Seht, so wie ich jetzt mit euch rede, so kann auch jedes Ding für euch sprachfähig werden durch die gnädige Zulassung von oben. So ihr aber verstockten, herrschsüchtigen Herzens bleiben werdet, dann fallt nieder vor uns, euch gemahnend an diese Rede, und denkt, wie tief unter uns ihr steht – und wie hoch die Kinder Gottes über uns!
HG|1|35|7|0|Denn sagt, welches Tier habt ihr je das andere beherrschen gesehen? Welches Tier habt ihr gesehen sich etwas zueignen? Welches Tier habt ihr gesehen je etwas dem anderen wegnehmen? Oder habt ihr uns je untereinander morden gesehen oder lügen und betrügen oder treiben Hurerei bloß zur Befriedigung der Wollust?
HG|1|35|8|0|Sagt, wann habt ihr von uns eine Handlung begehen gesehen, welche nicht wäre unserer Natur gemäß gewesen vollends?
HG|1|35|9|0|Wäre es denn nicht billig, dass die Tiere von euch erlernt hätten den nützlichen Gebrauch ihrer Kräfte; und nun, wie ihr seht, müssen wir reißenden Bestien euch Sanftmut und des Lebens weisen Ernst erst zeigen und lehren! O schämt euch, ihr Herren der Welt, da eine Mücke, die um meine Ohren säuselt, mehr Weisheit besitzt, als ihr und ganz Hanoch mit den zehn Städten sie besitzen; denn ist auch die Dauer ihres Lebens nur kaum auf einige Tage beschränkt und ihres Wirkens keine sichtbare Spur vorhanden, so hat sie aber selbst in dieser sehr kurzen Lebensdauer unendlichmal mehr getan als ihr seit den Zeiten Kahins mit all eurer Städteerbauung und Brüdermarterung, denn sie erfüllte den in ihr waltenden Willen Gottes und hatte dankbare Freude dieses eitel kurzen Daseins. Allein ihr ewig leben sollenden Menschen konntet vergessen eures Wertes in euch und noch mehr des unendlichen Wertes der überheiligen Liebe des ewigen, heiligen Gottes in eurem Geist!
HG|1|35|10|0|Wir toten Wesen freuen uns dankbar des stummen, kurzen Lebens, und ihr Lebendigen könnt Freude haben, den Unrat des Todes mit gieriger Zunge zu lecken!
HG|1|35|11|0|O Du großer, heiliger Gott, warum hast denn Du nicht lieber lauter Hyänen, Tiger, Löwen, Wölfe und Bären erschaffen, die da allzeit tun Deinen heiligen Willen?! Und nie hättest Du gedenken sollen zu erschaffen auch nur einen Menschen, der da nicht nur Deines so überheiligen Willens, sondern sogar Deiner Selbst vergessen konnte!
HG|1|35|12|0|O seht her, ihr schönen, glatten Menschen, seht meine abschreckende, zottige, elende Gestalt; ist sie nicht, als wäre sie in des Gottesfluches Nacht gehüllt und die eure dagegen in den höchsten Segen der ewigen Liebe?
HG|1|35|13|0|Aber wie ist es denn, dass unter der Hülle des Todes Dank dem Schöpfer, – und unter eurer Haut des Segens Spott, Hohn, Verachtung und endlich sogar gänzliche Vergessenheit Ihm entgegeneilt?!
HG|1|35|14|0|Daher kommt es, dass ihr euch zum Auswurf der Hölle durch euren Ungehorsam gemacht habt, während mein Geschlecht in aller Knechtschaft der göttlichen Macht, um viele Jahrtausende vor euch über die Fluren der Erde wandelnd, in seiner Wildheit hartem Druck doch nie aus der ihm von Gott angewiesenen Ordnung undankbar trat!
HG|1|35|15|0|O bedenkt wohl diese Worte einer reißenden Bestie, und erhebt euch zur Würde, auch wahre Geschöpfe genannt zu werden, und seht, ob es euch einmal gelingen wird, Menschen genannt zu werden, und denkt dann, wie hoch noch dann die Kinder Gottes über euch stehen werden, und dass ihr ihnen wenigstens ähnlich, wennschon nicht gleich werden könntet und auch sollt. Meine Rede ist zu Ende; ihr aber bleibt und vernehmt noch ein anderes Geschlecht! Amen.“
HG|1|35|16|0|Und seht, als nun die Hyäne diese eindringliche Rede vollendet hatte, da sprang in grimmer Hast ein mächtig großer Tiger vor die eingeschüchterte Gesellschaft, blickte sie furchtbar ernst an und wandte, seine Rute behände schwingend, sich dann an den Redner und Anführer, sah ihn eine Weile starren Blickes an, sperrte endlich weit auf seinen tödlichen Rachen und begann dann wie folgt zu reden, sagend:
HG|1|35|17|0|„Sihin! Das sei dein Name, – das heißt, dieser Name sage dir, dass du ein Sohn des Erdenhimmels bist, der da ist ein Himmel der Tiere, die da haben eine Seele aus dem Feuer der Sonne, welche redend geworden ist zu eurer Seele, die da eine Seele ist aus Gott, gegeben euch zur großen Schande vor mir und allen Blutschmeckern der Wälder und Gebüsche, da sie vergessen hatte des großen Gebers, während unsere Seele sich noch nie ein Haar breit über dessen Ordnung gewagt hatte, obschon auch wir mit den nämlichen fünf Sinnen begabt sind wie ihr und haben ein Gedächtnis, eine Begierde und unterscheiden Erde und Wasser, Feuer und Luft, nass und trocken und unterscheiden Tag und Nacht, hoch und nieder, steil und eben, warm und kalt und haben auch eine sehr scharfe Sehe, vor der sich sogar ein verdorbener Geist nicht verbergen mag, sondern wie todfurchtsam vor ihr darniederschaudert, da er vor sich sieht einen unerbittlichen, starken, mutvollen Richter, der gekommen ist, die erste Enthüllung mit ihm vorzunehmen und zu zerreißen dessen Kotpallast, und zu trinken dessen unreines Blut, damit nicht die geheiligten Berge damit verunreinigt werden sollen.
HG|1|35|18|0|Ihr alle hattet es mit eigenen Augen gesehen, was dem Heer Tatahars nicht ferne von hier widerfahren ist; meint ihr, dass euch die Esel und Kamele geschützt haben vor unserem gerechten Grimm? – O nein, ihr würdet euch sehr irren, so ihr dieser grundfalschen Meinung wäret! Gott hat uns geboten, eurer zu schonen; und es gab auch nicht eines unter uns, welches nicht alsogleich gehorcht hätte dem Willen des allmächtigen Schöpfers!
HG|1|35|19|0|Und ihr Menschen, die nicht nur die edelsten Sinne, sondern noch dazu eine unsterbliche Seele und in derselben einen göttlichen Geist habt, ihr konntet Gott vergessen und gänzlich unbeachtet lassen dessen allerheiligsten Namen und Willen?
HG|1|35|20|0|O du elendes Geschlecht, du verruchtes Menschenwesen, du wahres Moderscheusal der weiten Erde! Sage, was bist du, oder was willst du sein, wenn dir Gott, der Heilige, dein liebevollster Schöpfer, durch den allein du, wie alles, nur bist und bestehst, zunichte geworden ist?! Er, der dir dazu noch die vollste Freiheit aus zu übergroßer Liebe schenkte, um dich Auswurf der Hölle einst näher und näher an Sein liebendes Vaterherz zu ziehen! Dafür, dafür muss Er, der liebevollste, heilige – O Du großer Gott, unterstütze meine Kraft, die mich beim Anblick dieser Scheusale verlassen will, damit ich vollziehen kann Deinen heiligen Willen! – Vater, verflucht und vergessen werden!
HG|1|35|21|0|Seht das Gras! Es lobt Gott, denn es kennt in seiner Stummheit Gott, und ihr wisst in eurer lebendigen Freiheit nichts von Ihm! Ja, seht diese Berge, seht die Steine, seht die Wasser, seht uns, ja alles, was nur euren Blicken, Ohren und anderen Sinnen begegnen kann, lobt, ehrt und preist Gott, – und alle Himmel sind voll Seiner großen Gnade, Seines Ruhmes und Seiner unendlichen Ehre! Und wovon seid denn ihr erfüllt, dass ihr Ihn aus den Augen und Herzen so ganz habt verlieren können?!
HG|1|35|22|0|Kurz – zu Ende sind meine Worte! Es wäre mir nicht möglich, euch länger anzuschauen und mich zu enthalten von der gerechten Wut! Daher verlasse ich euch nach dem Willen des Höchsten und sage euch nur noch zum Schluss, dass ihr – so euch die ewige Liebe aus unseren sanften Klauen gegen eure Hände, die noch vom Bruderblut dampfen, ins Freie geleiten wird und euch setzen wird zu einem Volk der Erde – gedenken sollt, was euch hier ein grausamer Tiger, aus dessen Augen Blutgierde grinsend und helllodernd brennt, doch gegen euch wie ein Lamm, nach dem Willen Gottes gesagt und gezeigt hatte!
HG|1|35|23|0|Lernt es von der Natur, so euer Herz stumm geworden ist gegen die so laute Stimme Gottes! Amen.“
HG|1|35|24|0|Und als sogestalt vollendet hatte der Tiger seine Rede, stark und wirksam, so kam nun die Reihe an den Löwen, der auch plötzlich, hinter einem Dickicht lauernd, aus demselben riesig hervorsprang und vor den schon etwas mutiger gewordenen Augen Sihins eine feste Stellung nahm, seinen Rachen weit aufsperrte und, wie erwähnt, ebenfalls zu reden begann, nämlich sagend: „Hört, ihr Tauben, und seht, ihr Blinden, sein wollende Machthaber der Erde, ihr starken Könige, Fürsten und Herren der Welt in eurer Mückenschwäche! Was meint ihr, was wohl die erste Pflicht wäre für ein freies Geschöpf, das da seine ihm von Gott verliehenen Kräfte willkürlich gebrauchen kann, das da durch nichts gehemmt ist und sein kann, zu denken aus der Liebe des großen, allmächtigen Schöpfers?
HG|1|35|25|0|Seht, ihr starrt mich an wie ein zerschellter Steinpflock, und wisst weniger als ein modernder Baumstamm! Wäre es nicht die erste Pflicht, zu trachten nach Dessen heiligstem Willen, der euch, wie mir, das Leben gab – und zwar euch ein unsterbliches, mir aber ein sterbliches –, und zu erfüllen denselben bereitwilligst und zu erreichen dadurch die verlorene Gnade, die da verzehrt hatte euer dickster Ungehorsam?!
HG|1|35|26|0|Tatet ihr je das, oder tut ihr’s vielleicht jetzt? – O nein, ihr habt Gott noch nie erkannt; und was man nicht kennt, gegen das ist man auch aller Pflicht enthoben, – das ist euer schnöder Trost. Ich aber muss es sagen und fragen, wie es denn eigentlich ist, zu vergessen Dessen, an den euch doch jeder Tag und jede Nacht hätte stark erinnern sollen, und laut verkünden Seine große Majestät die aufgehende Sonne, der Mond und die hellen Sterne.
HG|1|35|27|0|Seht, ich bin ein starker, grausamer Bewohner dieser unwirtbaren Gegend voll toter Steine und stechender, dorniger Gebüsche, muss mir mühsam und notgedrungen von meiner Natur auch grausam meine elende Nahrung suchen und nehmen dankbar, was mir Gottes Gerichte kärglich nur zukommen lassen, und darob oft tagelang den wütendsten Hunger dulden und leiden. Daher sage ich euch, so jemand mir in meiner großen Not auch nur mit einigen Tropfen Wassers zur Stillung meines brennenden Durstes entgegenkäme und labte damit meine dürr gewordene Zunge, – wie ein Schutzengel würde ich ihm dankbar folgen, teilen mit ihm meinen letzten Bissen und sterben aus Liebe zu meinem Wohltäter!
HG|1|35|28|0|Aber ihr Menschen – nicht nur, dass ihr eure für euch arbeitenden Brüder schlagt, martert und tötet – seid sogar Gott undankbar, flucht Seinem Segen und verdammt Seine Gnade und verkehrt dessen große Liebe in den giftigsten Unrat der Schlange!
HG|1|35|29|0|O Lamech, Lamech! Die Wälder wolltest du anzünden, um uns zu vernichten, da wir gehorsam waren dem Willen des großen Gottes. Was sollen denn aber wir tun dir, der du Gottes vergessen hast, und ermordet hast deine Brüder, und wolltest uns vor den Gerechten blutschuldig machen?!
HG|1|35|30|0|Seht, wir suchen keine Rache, obschon uns wohl bekannt sind dessen Pläne; aber nur ihr undankbaren Menschen wollt euch rächen an den Schuldlosen! Daher lernt es von mir, dankbar sein und Gott gehorsam; dann erst tretet hinaus und werdet, wozu euch Gottes höchste Liebe gemacht und berufen hat! Amen.“
HG|1|35|31|1|Am 31. Juli 1840
HG|1|35|31|0|Und siehe, als nun der Löwe vollendet hatte seine Rede, da kam auch der Wolf geschlichen, fing an, dieser nun schon wohl geweckten Gesellschaft eine gute Predigt zu halten, und ermahnte sie ernstlich zur Pflicht des Gehorsams und gegenseitiger Liebe in Gott und aller Seiner Kreatur, indem er sagte:
HG|1|35|32|0|„Seht her, vor euren Augen und Ohren und schüchternen Herzen stehe ich, ein gefürchteter, reißender Wolf, berufen und geweckt von der großen Barmliebe des allmächtigen, heiligen Gottes – der da ist eine ewige Kraft, voll des allerhöchsten, vollkommensten Lebens aus und in Sich, unsichtbar allen Wesen, die sich ungeheiligt in Seiner Gnade gemacht haben, da Er der Allerheiligste ist –, euch anzuzeigen Seinen heiligen Willen, dessen ihr auf eine so schmähliche Art brudermörderlich vergessen habt in aller Selbstsucht, Eigenliebe, Herrschsucht und daraus auch in aller Verachtung dessen, was euch nur irgend an das Dasein des großen Gottes und dessen unantastbarer Heiligkeit hätte erinnern sollen und können.
HG|1|35|33|0|Daher erweckte zu eurer großen Demütigung und unaussprechlichen Beschämung die ewige Liebe gerade uns, die allerverachtetsten und gefürchtetsten Bestien, euch zu predigen fürs Erste Gehorsam in aller Sanft- und Demut, und fürs Zweite euch Blinden zu zeigen durch unser Handeln und Wandeln, wie nun auch durch das Wort von unserer gelösten Zunge, kräftig und eindringlich den Willen Gottes an euch unsterblich sein und werden sollende Menschen.
HG|1|35|34|0|Und dieser heilige Wille, in welchem alle Kraft und Macht, alle Weisheit und Stärke, das ewige Leben und die allerseligste, wonnevollste Freiheit besteht und bestehen wird ewig, lautet also: Ihr alle seid vollkommen gleich vor Gott, somit Brüder und Schwestern; daher soll sich keiner auch nur je träumen irgendeinen Vorzug vor den übrigen. Denn da soll weder Stärke, Schönheit, Jugend, Alter, Tugend, Weisheit oder was immer euch je zu irgendeiner Vorzüglichkeit das Recht einräumen, sondern mit allen diesen Vorgaben sollt ihr nur in aller Liebe und Ergebung in den göttlichen Willen einander beispringen und aushelfen den geflissentlich minder Begabten, damit euch eine Gelegenheit würde, zu üben die göttliche Tugend der ewigen, euch eingepflanzten Liebe des so überguten Schöpfers. Denn nur aus reinster, größter Liebe hat sich Gottes allmächtige Heiligkeit bewegen lassen, zu erschaffen aus Sich euch schlechte, undankbare, Ehre, Liebe und Gottes vergessende Menschen und dann noch eine zahllose, unendliche Menge von Wesen aller unübersehbaren Arten euretwegen, die euch in jeder möglich denkbaren Art dienen sollten.
HG|1|35|35|0|Allein ihr dreimal Blinden und Übertauben seht und vernehmt nichts von allem dem, was euch nur hätte allzeit frommen sollen, sondern eure schändliche, unordentliche, geile Sinnlichkeit und Fleischliebe hat euch verfinstert in allem und so geworfen in die Klauen des gerechten, verdienten Todes!
HG|1|35|36|0|Daher bedenkt, was ihr sein solltet und könntet, und was ihr jetzt seid: nichts als elende Larven und Schlangenpuppen der Hölle!
HG|1|35|37|0|Ändert eure Sinne, ordnet eure Begierden, wascht euch mit der Liebe, werdet einander gleich in der Demut, im Gehorsam und in der wohlgeordneten Zucht eurer Kinder; lasst ab von der Hurerei und zeugt im Segen Gottes eure Kinder, und seid denselben wahre Väter und Mütter in der Liebe und Gnade Gottes; lehrt sie vorerst gehorchen eurer weisen Liebe und darinnen finden die große Liebe, den heiligen Willen und so auch die unschätzbare Gnade Gottes; dann werdet ihr erst erkennen, dass nicht wir bösen Tiere, sondern Gottes Liebe durch unsere gelösten Zungen solche heiligen Worte an eure Ohren gnädigst gerichtet hat!
HG|1|35|38|0|Und werdet ihr werden, wie euch gelehrt nun hat die Liebe des ewigen, heiligen Schöpfers, dann werdet ihr nicht nur Tiere, wie ihr eben erfahrt, sondern alle Kreatur für euch sprachfähig finden, und der Tod wird sich verlieren aus euren Herzen, und mit lebendigen Augen und weitgeöffneten Ohren werdet ihr die Tiefen der göttlichen Wunder in großer Klarheit vernehmen. Bedenkt wohl, was euch hier ein Wolf gewiss wunderbar gepredigt hat, und denkt daraus in euren gebrochenen Herzen, wie der ewigen Liebe und Heiligkeit Gottes alle Dinge gar leicht möglich sind, – und ihr werdet dann noch viel seltsamere Dinge in euch gewahr werden durch die Gnade Gottes! Amen.“
HG|1|36|1|1|Rekapitulation des Sündenfalls. Die Gründung von China
HG|1|36|1|0|Und seht, als nun der Wolf, wohlgemerkt: ein Wolf, sage Ich – vollendet hatte wunderbar diese Rede voll Weisheit aus Mir, da sprang er freudig ins Freie, und ein großer Bär stand auf einmal, wie ihr zu sagen pflegt, wie aus den Wolken gefallen vor der in sich gegangenen, zerknirschten Gesellschaft und blickte sie wirren, unsteten Blickes an, als wollte er dadurch anzeigen, dass ihr Gemüt noch gleich seinen Augen wirr und unstet ist. Wohlbezeichnend dadurch ihren Gemütszustand, öffnete endlich auch er seinen Rachen und fing nach Meinem Willen an, feste und dadurch sehr befestigende Worte voll Ernstes und Würde an sie zu richten, sagend nämlich:
HG|1|36|2|0|„Was ist Gott, was seid ihr, und wer bin ich? Nachdem Gott, der Ewige, Heilige, Allmächtige diese ganze sichtbare, unendliche Welt mit all den Sonnen, Erden, Monden, Meeren, Bergen, Tälern und großen Landebenen aus Sich durch Sein allmächtiges, wesenhaftes Wort gemacht hatte und dann darauf gesetzt hatte Gewächse aller Art, als da sind Gräser, Kräuter, Sträucher und Bäume, und zwar nach Seiner weisen Ordnung eines nach dem anderen, so auch dann etwas später in derselben Ordnung nach und nach Tiere aller erdenklichen Art, und gesehen hatte, dass alles dieses vollkommen Seiner Heiligkeit gemäß gut war, da sprach Seine Liebe in Sich Selbst zu Gott in der Mitte dessen unendlicher, allermachtvoller Heiligkeit:
HG|1|36|3|0|‚Nun ist alles wohl zubereitet; so lasst Uns denn auch den Menschen machen aus dem feinsten Lehm der Erde als ein vollkommenes Ebenbild aus Mir nach Meiner Liebe sowohl als auch Meiner Gnade, damit Wir erkannt und gelobt werden möchten von einem selbständigen Leben außer Uns, und damit auch dereinst alle Kreatur in und durch denselben möchte erlöst werden, um zu gelangen dadurch wieder zum freien Bewusstsein ihres zweckdienlichen Daseins aus Mir!‘
HG|1|36|4|0|Und seht, wie beschlossen, so ward es auch alsogleich vollends ausgeführt. Nun stand nach wenigen Augenblicken der freie, ewige Mensch da in aller seiner herrlichen Majestät, ausgerüstet mit allen unendlichen Vollkommenheiten, Vorzügen und noch größeren Fähigkeiten zur Erreichung von noch unendlicheren Vollkommenheiten der Ähnlichwerdung mit seinem urheiligsten Ursprung, nämlich zur Ähnlichwerdung seines großen Gottes aus und in aller geistigen Heiligungssphäre.
HG|1|36|5|0|Er hatte Macht, zu reden mit aller Schöpfung, und da war keine Sonne so hoch und weit gestellt, die da nicht vernehmen hätte können dessen starke, fragende Stimme; auch hätte sich da kein allergrößter Engelsgeist gewagt, dem großen Frager und Redner eine Antwort schuldig zu bleiben.
HG|1|36|6|0|Und Gott, Selbst sichtbar Seinem Liebling, redete und sprach mit ihm wie ein Bruder zum anderen, sagend nämlich: ‚Sieh Mich an, Mein geliebter Adam! (Denn so hieß und heißt noch lebend dieser erste Mensch.) Nicht um dich zu prüfen, sondern um dich ganz vollkommen frei und somit Mir dich gleich mächtig wie eins zu machen, gebe Ich dir ein leichtes, kurzes Gebot nur auf eine sehr kurze Zeit; dieses sollst du halten die Zeit hindurch, da Ich bald wieder zu dir kommen werde. Und hast du es gehalten treu, so will Ich bei dir bleiben, und so sollst du dann mit Mir alles wie eins haben.
HG|1|36|7|0|Siehe, alles muss sich fügen deiner Macht; aber siehe dort in geringer Ferne einen Baum mit schönen Früchten beladen; diesen habe Ich noch nicht gesegnet aus einem wohlweisen Grund. Daher sollst du nicht eher verkosten den süßen Saft des Apfels; denn an dem Tag, da du davon essen wirst vor Meiner segnenden Wiederkunft, wirst du sündigen, dich verderben und schwach, matt, blind, taub und sterblich machen! O Mein geliebter Adam, bedenke wohl die Worte deines liebevollsten Schöpfers, und verderbe Mir ja nicht Mein so weit schon gediehenes, größtes Werk Meiner Liebe und Weisheit!
HG|1|36|8|0|Denn nun hängt es nicht mehr ab von Mir und aller Meiner Allmacht, sondern einzig allein nur von dir vermöge deiner von Mir dir schwer verliehenen Freiheit deines Willens.
HG|1|36|9|0|Du kannst dich nun erhalten oder verderben! Daher halte dies leichte Gebot und werde dann ein zweiter Gott aus Mir und in Mir!‘
HG|1|36|10|0|Und seht, es wechselte der Tag kaum siebenmal mit seiner lichtlosen Begleiterin, als auch schon dieser erste, von Gott so überhoch und ganz frei gestellte Mensch durch den wollustvollen, verderblichen Anblick seines zweiten Ichs schwach, taub, blind und dennoch wissentlich zu seinem eigenen größten Schaden Gottes vergaß und böswillig dem so leichten und der allerhöchsten Liebe vollsten Gebot seines so überguten und heiligen Schöpfers ungehorsam wurde.
HG|1|36|11|0|Darob ergrimmte der Ewige, Heilige und zerstörte die ganze sichtbare Schöpfung vor dem Angesicht des reuigen Frevlers. Auch nicht ein Stein, der da die Größe eines Apfels hätte, blieb verschont, wie auch kein Tier, welches auch schon Jahrtausende vor dem undankbaren Menschen dankbar über die noch mageren Fluren der Erde wandelte. Da fand alles den völligen Untergang in dem unendlichen Meer des göttlichen Zornfeuers.
HG|1|36|12|0|Gott war nichts mehr heilig; schuldig oder unschuldig, – das war dem großen Zorn einerlei. Über und in allen unendlichen Räumen donnerte Seine Stimme furchtbar gewaltig aller Kreatur ewige Vernichtung. Die Welten erbebten, sich lösend in ihren Fundamenten, und die Trümmer flohen heulend und furchtbar wehklagend von einer Unendlichkeit zur anderen vor dem ergrimmten Angesicht Gottes.
HG|1|36|13|0|Allein hier geschieht etwas, was in alle Ewigkeit kein Engel begreifen wird: Während Er, der Heilige, mit Seiner Rechten alles vernichtet im Zorn, der Entheiligung durch die Sünde des großen Frevlers wegen, schützt Seine gleich heilige Linke den weinenden Sünder! Und nur eine kleine Träne des Sünders fiel in das so mächtig grausam zornglühende Auge Gottes, und seht, aller Zorn war verschwunden, und schon lächelte eine neue Schöpfung in und aus allen endlosen Räumen den ungehorsamen Menschen an, und die Erde und alle Welten wimmelten wieder fröhlich von zahllosen Geschöpfen zum Dienst des ungehorsamen Menschen.
HG|1|36|14|0|Wie er war vor der Sünde, so blieb er begnadigt nach derselben noch fast über dreißig Jahre in aller unbegreiflichen Macht und Kraft, – und fiel wieder, da er stolz vergaß im Taumel der Wollust seines so liebevollen Schöpfers. Der Schöpfer trieb ihn, das heißt (auf Seinen Händen tragend) aus dem Paradies, während an einem anderen Ort die Wüste erblühen musste unter dem Fußtritt des großen Sünders.
HG|1|36|15|0|Den Brudermörder Kahin strafte Er mit einem überfruchtbaren Land, weil er geweint hatte über seine Untat, und befreite ihn noch überdies aus den Klauen seines Sohnes Hanoch und schenkte ihm das Meer und alles Land in selbem; so ebenfalls den Meduhed mit seinem großen Volk; und nun bewährt sich dessen unendliche Liebe wieder neuerdings an euch, und Sein Herz ist nicht einmal verschlossen vor dem größten Frevler Lamech!
HG|1|36|16|0|O seht, seht, ihr unwürdigsten Menschen, welche unendliche Liebe Gott zu euch hatte und trotz aller eurer unaussprechlichen Sünden noch immer hat!
HG|1|36|17|0|Hört aus mir Seine Stimme euch verkünden Seine Gnade! Seht hin dort gegen Mittag ein großes Land schon wohl bereitet für euch; seht, wie euch unsichtbar Er schützte an Seinem großen, liebevollsten Herzen vor unserem gerechten Grimm!
HG|1|36|18|0|Und hört, soeben, wie ich meine gebotene Rede an euch werde vollendet haben und ihr weinend niederfallen werdet vor Seiner Liebe, wird Er durch einen Engel sichtbar euch ergreifen und sanft geleiten hin in jenes schöne, schon bezeichnete Land.
HG|1|36|19|0|O Menschen, bedenkt, was Gott ist, was ihr seid und sein könnt und sollt durch Seine unendliche Liebe; bedenkt aber auch in eurer Gnade von Gott, wer und was wir armen verachteten Tiere sind und umfasst gleich Ihm – der nicht nur euer Schöpfer wie der unsrige, sondern euch ein wahrer Vater sein will und eigentlich schon lange, lange ist und war, ehe noch die Welt und wir gemacht waren – mit Seiner Liebe alle Geschöpfe uneigennützig und bedenkt: Auch wir stummen und sprachlosen Wesen freuen uns des Lebens. Daher lasst in eurer Liebe aus Gott einst am großen kommenden Tag auch uns erschauen ein neues Licht des freien Lebens aus Gott, in dem alle Kreatur leben soll und wird ewig!
HG|1|36|20|0|Nun fallt nieder vor Gott, eurem heiligen Vater, und weint reuige Tränen der wahren Liebe, – dann aber lasst euch lobwillig erheben von der sanften Hand des allmächtigen Schöpfers, nun auch eures liebevollsten Vaters, und geleiten von Seiner segnenden Rechten ins bezeichnete Land, und werdet da ein Volk, wie zu sein euch noch mächtig lehren wird Sein eigener, heiliger Mund durch die Lippen eines großen Bruderengels! Amen.“
HG|1|36|21|1|Am 3. August 1840
HG|1|36|21|0|Und seht, als nun der Bär beendet hatte seine Rede, da entschwand er schnell aus ihrem Angesicht, und an dessen Stelle befand sich im Augenblick ein Engel, angetan mit einem weißen Lichtgewand, und dieser Engel war der fromme Ahbel, der eigentlich schon unsichtbar durch die Seele der Tiere sprach (was eigentlich allzeit der Fall ist, dass, sooft irgend Naturgegenstände redend werden durch den Mund eines Sehers und Propheten, da irgendein Engel aus den Dingen in die Seele des Sehers und Propheten und dieser erst dann mit entsprechenden naturmäßigen Worten es entweder selbst schreibt oder leichter jedoch alsogleich in bündiger Rede spricht, was freilich nur der Seher und Prophet begreift, warum das eine schwerer und das andere leichter ist, aus welchem Grunde schon selbst die Apostel mehr geredet als geschrieben haben, wie alle früheren Seher und Propheten).
HG|1|36|22|0|Als somit diese vierzehn Menschen beiderlei Geschlechtes des Engels erst vollends ansichtig wurden, da erst begann dieser aus Mir ein gar sanftes Wort an sie zu richten und sprach, wie da folgt, getreulich wahr, nämlich:
HG|1|36|23|0|„Kinder Kahins, meines arg gewesenen Bruders, der noch lebt und leben wird fürder durch aller Erdenzeiten Walten bis ans Ende aller Zeiten körperlich, unerreichbar allen Sterblichen bis ans baldige Ende aller Bosheit, allwo den späten Nachkommen nach der großen Zeit der Zeiten der Allmächtige durch einen kleinen Seher große Dinge kundgeben wird und wird erwähnen ausführlich eures argen Urvaters (was soeben geschieht und schon geschehen ist), bedenkt wohl, was ich euch hier sagen und kundgeben werde nach dem allerheiligsten Willen Gottes, des allmächtigen, ewigen Schöpfers, wie auch des liebevollsten Vaters aller Engel und Väter und Menschen! Ihr habt vernommen die gar köstlichen Worte aus den Mäulern der reißendsten Tiere, welche Gott gesänftet hat durch mich und sprachfähig gemacht hat für euch, die ihr verdorben wart mehr denn alle diese Tiere durch die große Bosheit der Schlange Hanochs und nun vorzüglich des Lamech, der da geworden ist ein großer Täter des Gräuels, vor dem nun alle Schöpfung einen furchtbaren Abscheu hat, und auf dessen Nacken schon weltenlastenschwere Gerichte Gottes rasten und haben ein aufmerksames Auge auf das schon beinahe ganz voll gewordene Gefäß von Untaten über den Sternen.
HG|1|36|24|0|Da ihr also die Jüngsten wart und noch seid, die da genötigterweise sich haben müssen mit dem Schlangenheer Tatahars vereinigen wider ihren etwas besseren Willen, so hat sich die unermessliche Liebe Gottes eurer erbarmt und ließ euch fürs Erste erkennen den unendlichen Frevel Lamechs, des Gottesleugners, in seiner überhoffärtigen Herrschwut. Dann führte sie euch hierher auf eine wundersame Weise in kurzer Zeit eine so lange Strecke, die ein gewöhnlicher Gang eines Menschen kaum in einhundertzwanzig Tagen würde zurückgelegt haben, nachdem sie euch vor allem dem gerettet hatte aus den tödlichen Klauen der Bestien, da der verruchte Tatahar sein gerechtes Gericht fand, und zeigte euch dann durch den Tod euren Tod selbst und sandte mich nun zu euch, der ich lange schon durch und durch lebendig, um euch zu erwecken aus dem Schlaf des Todes und euch zu zeigen das Leben in der Demut und im steten freiwilligen Gehorsam gegen den allerheiligsten Willen Gottes und euch zu führen in ein Land, das die ewige Liebe Gottes für euch wohl bereitet hat. Und so ihr euch ganz werdet in der Liebe zu Ihm in aller Demut erkannt haben, dann erst werdet ihr auch durch die hinzukommende Gnade erkennen des Lebens wahren, heiligen, größten Wert in euch und daraus erst den allerheiligsten und allergrößten in der ewigen Liebe des heiligen, allmächtigen Schöpfers aller Dinge und liebevollsten Vaters aller Engel und Menschen nicht nur dieser Erde, sondern von noch zahllosen anderen Welten, von denen ihr bis jetzt noch nie eine Ahnung gehabt habt; denn das zu wissen ist bloß gegeben den Kindern und den Engeln Gottes.
HG|1|36|25|0|Doch aber werden sich einst Welten vor dieser Erde neigen, da ihr Licht größer wird als das aller Himmel, denn da wird einst leuchten Gottes Heiligkeit allen Völkern, die eines guten Willens sein werden. Und so ihr getreu verbleiben werdet in der Demut und im freiwilligen Gehorsam gegen den allerheiligsten Willen des ewigen, großen Vaters, so wird dieses Licht auch zu euch dringen und euch lebendig machen durch und durch; jedoch, so ihr euch je erheben solltet oder könntet eines über das andere, dann wird dieses allerhellste und allerheiligste Licht, aus der innersten Tiefe Gottes ausgehend, zu euch nur kommen wie das Licht der entferntesten Sonne der Schöpfung in die finsterste Nacht der Erde.
HG|1|36|26|0|Seht, die Nachkommen Lamechs werden ihres Hochmutes wegen bald mit ihren Häuptern das Firmament erreichen, es durchstoßen mit ihrer verruchten, blinden und tauben Starrheit als finstere, böse Frevler an der Stelle gerade, da das große Gefäß, schon beinahe jetzt ganz voll von Gräueltaten aller Arten, sehr gebrechlich steht. Dieses große Gefäß wird dann zur Erde voll von Sünden und der schrecklichsten Gerichte Gottes stürzen; da werden dann in den Hurenschlammfluten des Frevels ersaufen und ersticken alle Täter des Übels und werden mit sich reißen eine übergroße Anzahl der Kinder Gottes, die da sich werden von den Töchtern der Schlange in ihren Herzen gefangen nehmen lassen und werden mit ihnen treiben die schändliche Hurerei und zeugen Kinder des Zornes und des Fluches Gottes, die da werden genannt Kinder der Hölle und Säuglinge des Drachen, und werden da nicht mehr denn acht Personen geschont werden.
HG|1|36|27|0|Jedoch bevor alles dieses geschehen wird, wird der Herr dreihundert Jahre hindurch lassen Lehrer und Propheten kommen, die sie warnen werden vor Seinen Gerichten und werden ihnen predigen die Buße zur Vergebung ihrer Sünden und zur völligen Änderung ihres todvollen Höllennachtscheinlebens und werden ihnen zeigen die Spur des wahren Lebens aus Gottes unendlicher Barmliebe und Gnade und werden ihnen wunderbar sogar im Kleinen zeigen die Art der bevorstehenden großen Gerichte Gottes.
HG|1|36|28|0|Dann wird es geschehen, dass die arge Brut die Lehrer und Propheten ergreifen wird und wird sie teils töten, teils umschlingen mit ihren Schlangenarmen und wird sie hinabziehen in den Pfuhl ihrer Hurerei und sie verderben und töten am Geiste und sie selbst noch dazu auch zu Mördern ihrer eigenen Kinder machen (NB. wie bei euch jetzt in euren Mir überaus wohlgefälligen Ressourcezeiten!).
HG|1|36|29|0|Dann wird Gott den letzten Lehrer – einen Bruder des einzigen gerechten Sohnes, der da heißen wird Noah, das heißt ‚der gerechte Sohn‘, namens Mahal –, auf dessen eigenwilliges Verlangen noch bereisen lassen die Städte des Gräuels und predigen daselbst. Dieser wird Übles erfahren und selbst übel werden, am Ende Gott verlassen und zugrunde gehen im Pfuhl.
HG|1|36|30|0|Dann erst wird das erwähnte Gefäß, der Sünde und des Gerichtes voll, zerbrochen und mit allem Fluch beladen zur Erde geschleudert werden und entzünden dieselbe an allen bösen Punkten aus ihrem Zentrum, und nur um der wenigen Gerechten willen wird dann die Barmliebe Gottes die gewaltigen Schleusen des Himmels öffnen und hohe Fluten selbst über die höchsten Berge wälzen zur Sänftung des Höllenfeuers und Erhaltung und Reinigung der Kinder, wie auch der Erde selbst zur Tragung eines besseren Geschlechtes nach dem Willen Gottes.
HG|1|36|31|0|Jedoch sollt ihr weder von dem Feuer noch von den Fluten heimgesucht werden, so ihr demütig gehorsam beobachten werdet den euch nun geoffenbarten Willen Gottes, der also liebevoll lautet:
HG|1|36|32|0|Euer erster Gedanke sei Gott, Sein Wille, Seine Liebe und Gnade; und so der Tag sich der Nacht in ihre sternschimmernden Arme begeben wird und der schönen Sonne Gottes letzter Strahl sanft verklingen wird über die weiten Fluren der Erde, sollt ihr euch in diesen prüfenden Lichtgedanken eures unsterblichen Geistes in die gesegnete Ruhe eures Leibes begeben.
HG|1|36|33|0|Ihr sollt euch nicht sorgen um die Nahrung für den Leib; denn wo der Herr irgendein Land der Erde gesegnet hat, da werden dessen Bewohner niemals Hunger leiden müssen, solange ihr Bestreben dahin gerichtet sein wird, nur den heiligsten, alles segnenden Willen des ewigen, großen Vaters stets vor Augen und Herzen zu haben; denn darum sind die Menschen erschaffen worden, dass sie Gott erkennen sollen und dessen heiligsten Willen, danach leben und in Wort und voller Tat loben und preisen den allerheiligsten Namen des großen, ewigen Gottes.
HG|1|36|34|0|Und so ihr das in aller Demut und freiwilligem Gehorsam aus reiner, uneigennütziger Liebe zu Gott tun werdet, so wird Er auch allzeit bereit sein, euch gnädigst Seinen heiligsten Willen kundzugeben, teils mittelbar durch die redende Natur, teils aber auch unmittelbar durch Sein eigenes, lebendiges Wort, laut redend in euren Herzen.
HG|1|36|35|0|Habt ihr aber auch nur einen Tag das zu tun unterlassen in einer euch prüfenden Scheingenüge, so wird dessen Herz, der da Gottes hätte vergessen können, beschwert werden zuerst mit wohlmahnender Traurigkeit und wird sieben Tage lang sein stumm wie ein fauler Baum. Und wie der Boden der Erde unter den Tritten des Folgsamen die edelsten Früchte bis zu seinem Mund treiben, tragen und reifen wird, ebenso auch wird die Erde unter dem Fußtritt des Ungehorsamen zur Wüste werden und nichts tragen denn Staub, Steine, Dornen und Disteln und giftige Beeren.
HG|1|36|36|0|Denn die unendliche Liebe und Weisheit Gottes gibt jedem das Seinige. Den frommen, folgsamen Kindern gibt sie Brot, Honig, Milch und süße Früchte leiblich und geistlich; der ungehorsamen, hochmütigen Brut der Schlange aber gibt sie Steine, Staub, Dornen und Disteln und giftige Beeren, geistig und leiblich, damit die böse Brut verderbe und womöglich der tote Geist erhalten und nach und nach wieder lebendig werde in der unendlichen Barmliebe des großen, ewigen, über alles allein allerheiligsten Vaters.
HG|1|36|37|0|Seht, ihr alle seid gleich, – gleich ihr Männlichen und gleich ihr Weiblichen. Jedoch sollt ihr Weiblichen wohl bedecken eure Schamteile wie auch euren ganzen Leib, und vorzüglich aber euer Haupt, damit durch euer geiles Wesen nicht der Mann zur Unzucht gereizt werde, gleichwie die Schlange lockt durch die große, geheime Lüsternheit ihrer verführerischen Augen das freie Geschlecht der Vögel in die tötende Gefangenschaft ihres giftvollen Rachens; denn ihr Weiber seid zuallernächst Kinder der Schlange und voll deren Giftes. Daher seid vor allem züchtig wie ein Bienenweibchen, das sich nicht getraut mit seinem Wesen ans Licht der Sonne, sondern Tag und Nacht sorglich kriecht über die Zellen seiner harmlosen Kinderchen; so auch sollt ihr sein und gehorsam in allem euren Männern, insoweit es der allerheiligste Wille Gottes erheischt. Jedoch, sollte ein Mann – was nicht zu gedenken sein sollte – euch wider den allerheiligsten Willen Gottes zu etwas zwingen wollen, so soll auch euch gestattet sein, euer Haupt vor dem Mann zu entblößen und selben lieblich zu mahnen an seine Pflichten, hervorgehend aus Gott. Und so ihr alles dieses so genau erfüllen werdet, dann wird der Herr euch mit großen Gnaden überhäufen, und ihr werdet werden zur süßen Augenweide in unendlicher Schönheit des ewigen, heiligen Vaters, ewig und unsterblich.
HG|1|36|38|0|Euch Männern aber sei kein anderes Gesetz gegeben als der allzeit sich euch kundgebende heiligste Wille des allerhöchsten Gottes; wer von euch jedoch diesen unbeachtet in seiner Brust je sollte lassen, vor dem wird sich nach und nach der heilige Mund Gottes, wie der der Natur, schließen. Dann wird ihm, da er sich von Gott nach außen gewendet, auch ein äußerliches Gesetz gegeben werden, welches ihn zum Sklaven der Sünde und Knecht der Hölle machen wird, wenn er nicht alsobald sein Herz brechen wird, es reinigen im demütigen Gehorsam und dann wieder bittend und lange betend dasselbe hintragen wird vor Gott in aller Furcht und Liebe, damit Er es wieder segnen und heiligen möchte mit Seinem allerheiligsten Willen. – (NB. Das sei auch euch ein gutes Zeichen, wie und warum ihr nach der Wiedergeburt trachten sollt!)
HG|1|36|39|0|Nun aber erbebt euch und zieht an diese von den Kindern Gottes für euch bereiteten Kleider – die da ihr Männlichen, und die da ihr Weiblichen –, damit ihr euch unterscheidet im Geschlecht, auch in der Tracht der Kleider sittlich, züchtig und manierlich. Ferne jedoch sei von euch alle Pracht und Hoffart; nur bedecken soll euch das Kleid und schützen vor Erkältung in kühlen Nächten leiblich und [bringen] geistlich zu Gott in der Wärme der ewigen Liebe, Sanftmut und Gehorsam.
HG|1|36|40|0|Und hier nehme auch ein jedes von euch eine Binde und verbinde sich damit seine Augen, damit da niemanden schwindle vor den Abgründen, über welche ich euch führen werde; und so wir uns am bestimmten Ort und Stelle befinden, dann sollt ihr wieder dem Licht eurer Augen freien Lauf lassen und hocherfreut schauen da eure Vorheimat, köstlich eingerichtet von der übergroßen Liebe des überguten und überheiligen Vaters. Da sollt ihr euch laben mit gesegneter Kost der Erde und essen aus den Händen zweier euch alldort schon erwartenden großen Kinder Gottes, einem Mann und einem Weib, zur ewigen Lebensstärkung eures Geistes. Nun folgt mir nach dem allerheiligsten Willen Gottes! Amen.“
HG|1|36|41|0|Und siehe, so führte sie Mein lieber Ahbel sieben Tage und Nächte lang bis zur bestimmten Stelle schnell eine noch über dreißig Tage lange Strecke, und zwar ohne Rast und ohne Nahrung; denn derzeit waren sie Meine Gäste, und es flogen ihnen – wie ihr zu sagen pflegt – die gebratenen Vögel in den Mund, das heißt: Ich speiste sie unterdessen geistig; der Geist aber stärkte die Seele, und die Seele kräftete den Leib; und so haben sie bei dieser Meiner wahren Himmelskost schon gar wohl ausdauern können.
HG|1|36|42|0|Und als sie nun so ganz wohlbehalten am bestimmten Ort und Stelle angelangt waren, da kamen alsobald die beiden sie hier erwartenden Kinder Gottes oder Kinder Meiner Liebe, Ahujel und dessen Weib Aza (‚Sohn des Himmels‘ und dessen Weib als ‚stumm gerechte Begierde‘), als Enkel der Kinder Adams vor Seth und nahmen ihnen die Binden von den Augen und bewillkommten sie auf das Freundlichste. Da erstaunten diese vierzehn Kleinen mächtig vor den zwei großen Kindern Meiner Liebe, die ein gerechtes Maß eines Menschen hatten, nämlich sechshundertsechsundsechzig Zoll der Mensch und sechsundsechzig Zoll weniger das Weib, während die Geretteten kaum euer Maß von sechzig Zoll hatten.
HG|1|36|43|0|Und als sie nun wieder im Vollgebrauch ihrer Augen und Ohren waren, da fing der Engel wieder an zu reden und sprach: „Kinder, hier ist der Ort eurer Bestimmung, und diese beiden großen Kinder Gottes betrachtet als eure von Gott euch neu gegebenen Eltern und folgt ihnen in allem; denn das ist der Wille Gottes, welchen ich bei meiner ersten Anrede an euch verschweigen musste.
HG|1|36|44|0|Diese werden euch allzeit bestätigend sagen, was Gott zu euren Herzen reden wird, und werden euch allzeit erwecken, so euern Geist der Schlaf ankommen wird, und werden euch lehren viele nützliche Dinge, die euch sehr frommen werden, sowohl leiblich und geistlich. Und ihr sollt euch geschlechtlich ja nicht eher erkennen, als bis diese nun eure Eltern euch nach dem heiligsten Willen Gottes segnen werden; und seid ihr dann auch gesegnet worden, so sei aber doch ferne von euch alle Hurerei, sondern die Keuschheit prange wie ein Immergrün auf eurer Stirne, und nie entheilige Zwietracht, Zorn, Neid, Geiz und Unzucht die geheiligte Zeugung eurer Kinder, sondern Mäßigkeit in allem und die Liebe Gottes über alles sei eure Regel. So ihr das tun werdet, wird euer Leben des Leibes lang und euer Abschied von der Erde in großem Licht der unendlichen Gnade des ewigen, heiligen Vaters sein, da euer erst der wahre Lohn erwartet als ewiges Leben im weiten Schoße des heiligsten, liebevollsten Vaters im hohen Himmel dort über den Sternen und einst, ach einst in Seinem liebevollsten Herzen selbst!
HG|1|36|45|0|Doch davon werden euch eure Eltern nähere Kunde geben, die da wohl unterrichtet sind von Gott und meines Unterrichtes vor euren Ohren nicht bedürfen! Gottes Liebe segne euch, und Seine Gnade erleuchte und heilige euch und führe euch zum Leben! Amen, amen, amen.“
HG|1|36|46|0|Und nun seht, das ist die Gründung Sinas oder Chinas, welches Land verschont blieb von der Flut und noch heutzutage im Ganzen vielfach besser ist als andere Länder der Erde bis auf einige närrische Verschlimmerungen, welche erst später durch Bekanntwerdung mit anderen Menschen der bösen Welt dahin verschleppt worden sind. Da soll nie ein Unwiedergeborener Mein Evangelium zu predigen sich wagen! Amen!
HG|1|37|1|1|Die Geschichte Chinas
HG|1|37|1|1|Am 10. August 1840
HG|1|37|1|0|Bevor wir nach Hanoch zurückwandern werden, muss Ich euch noch notwendigerweise etwas Näheres von den Bewohnern Chinas sagen. Nun merkt und seht, was fürs Erste die Größe der großen Kinder Meiner Liebe aus Adam betrifft, so ist eure Vorstellung irrig, wenn ihr euch darunter eine körperliche Größe vorstellt, sondern da sind sechshundertsechsundsechzig Zoll eine Vollzahl Meiner Liebe im Menschen. Zoll aber zeigen an das Maß des Guten aus der Liebe zu Mir; davon sind gerichtet sechshundert zu Mir, dann sechzig zum Nächsten und endlich sechs zu sich. Und das Maß des Weibes ist im göttlichen Maße gleich im Mann; doch die Nächstenliebe und die Eigenliebe des Weibes ist ein Unterschied von sechsundsechzig und hat darin das Weib dem Mann unbedingt in allem dieses Betreffenden zu gehorchen. Da sie aus dem Mann als Eigenliebe gebildet ist, so kann sie sich nur auch im Mann lieben, so ihre Liebe gerecht sein soll; und da sie zunächst dem Mann ist, so ist auch ihre Nächstenliebe zunächst im Mann, und daher der Unterschied.
HG|1|37|2|0|Übrigens waren diese beiden, wie auch alle Kinder Adams, wohl um ein Bedeutendes auch körperlich größer als die sehr geschwächten Kinder Kahins und viel mächtiger, kräftiger und stärker in allen ihren Muskeln, Adern und Eingeweiden.
HG|1|37|3|0|(NB. Die Ähnlichkeit der Zahl des Menschen mit der Zahl Meines Gegners aber rührt daher, dass bei diesem gerade der umgekehrte Fall ist, um das allerverabscheuungswürdigste Wesen vor Meinen Augen zu sein.)
HG|1|37|4|0|Nun seht, wie der Sihin der Erste war, der sein Gemüt Mir zugewandt hatte, so war er auch der folgsamste Sohn dieser Eltern und leitete auch die übrigen gar sorglich im Gehorsam; daher sagte, ihn zuerst segnend in Meinem Namen, Ahujel in Gegenwart der Aza und aller übrigen:
HG|1|37|5|0|„Sihin, ich segne dich im Namen meines und deines Gottes! Das Land soll heißen wie dein Name. Nimm deine schönste Schwester zum Weib, und zeuge mit ihr in aller gesegnetsten Zucht Kinder gleich den Kindern Gottes, und heiße sie ‚Söhne des Himmels‘ und ‚die Töchter der Erde‘; und so mein großes Geschlecht von der Erde wird von der Liebe Gottes weggenommen werden, dann seien deine Nachkommen liebevolle, weise Leiter der Nachkommen deiner Brüder!
HG|1|37|6|0|Liebe suche, und die Weisheit wird dir gegeben, und dein Stamm wird nicht sterben bis ans Ende aller Zeiten; denn der Herr wird deinem Stamm viele Linien machen, damit dein Name lebe bis ans Ende aller Zeiten.
HG|1|37|7|0|Dir ist nur ein Weib gegeben; jedoch in der Folge der Zeiten sollen in aller Zucht auch mehrere Weiber nehmen die Männer wegen der Zeugung der Geschlechter; jedoch sei von euch ferne alle Hurerei und eine ungesegnete Zeugung. Und so ihr das alles beobachten werdet, wird eures Volkes in tausend Jahren schon wie des Grases auf der Erde und wie der Sterne am Himmel werden.
HG|1|37|8|0|Ich mit meinen wenigen Nachkommen werde euch noch segnen und leiten fünfhundert Jahre lang; dann aber wird die Reihe an dich kommen bis ans Ende der Zeiten. Die Zeit aber sollt ihr messen nach der Reife einer Frucht, die da fünfmal reif wird in einem Erdkreis um die Sonne. Und sooft ihr ein Ding erkannt habt, dann seht in euch; da werdet ihr ein Zeichen finden, und mit diesem Zeichen sollt ihr allzeit das Ding vorstellend bezeichnen. Eure Handlungen aber sollen ausgedrückt werden durch verschiedene entsprechende Linien und die Vollbringung derselben durch Punkte. Damit sollt ihr aufzeichnen, was ihr in der Zukunft von uns noch alles hören, lernen und erfahren werdet, und was ihr auch schon von uns gehört, gelernt und erfahren habt, und das Notwendige davon auch euren Kindern zeigen bis ans Ende der Zeiten zum einstigen großen Zeugnis über die böse Schlangenbrut. Amen.“
HG|1|37|9|0|Jedoch der Freiheit des Geistes unbeschadet blieb auch dieses Volk nicht immer ganz dasselbe. Nach der Rechnung etwa einhundertzwanzig Jahre nach der Sündflut wuchsen die Nachkommen Sihins ebenfalls zu einem bedeutenden Volk an und gerieten oft in verschiedene Zwiste und bildeten solchergestalt Parteien, die sich in ihren Gebräuchen und Gottesdiensten unterschieden. Einige behaupteten, nur die Erstgeborenen seien leitungsfähig; andere sagten, die Erstgeburt sei nichts Vorzügliches, da öfter weibliche Erstgeburten zum Vorschein kämen, – daher die Leitungsfähigkeit dem allzeit verständigeren Herzen anheimgestellt werden müsse. Das griffen wieder andere aus dem Volk auf und sagten: „Wenn es sich nur ums Herz handelt, warum soll denn nicht auch das verständige Herz eines unteren Bruders fähig zur Leitung sein?“ Einige aber verwarfen wieder alles und sagten: „Wie es war im Anfang, so soll es bleiben bis ans Ende der Zeiten!“ Einige sagten, man solle überall und allzeit Gott um Rat fragen und nie eigenmächtig urteilen und handeln. Darauf erwiderten wieder andere: „Wenn dem so ist, so kann das ja ein jeder tun; wozu denn hernach ein oder auch noch mehrere Leiter?“ Andere wieder sagten, Gott offenbare Sich nicht jedem, damit die Menschen sich dadurch nicht entbehrlich werden möchten. Darauf entgegneten wieder andere: „So soll denn jeder Seher lehren, was er vernommen, und die Leitung Gott anheimstellen; wozu dann einer oder mehrere Leiter?“ Wieder andere bemerkten: „Wer aber bürgt uns dafür, dass ein solcher höher stehen wollender Seher und Lehrer auch wohl allzeit Gottes Wort redet?“ Andere wieder sagten darauf: „Ja, wenn man den Lehrern nicht mehr unbedingt glauben kann und darf, dann sind uns Leiter und Lehrer ja zunichte!“ Und dergleichen Witzeleien mehrere, wodurch denn auch geschah, dass da eine Menge Sekten gestiftet wurden und dadurch das Reich in sehr verschiedene Leitungs- und Lehrzweige zerfiel und so zersplittert fortdauerte bis in das Jahr 3700 nach der Erstehung Adams, allwann der sogar euren besseren Geschichtsschreibern schon etwas bekannte Hehu-Tsin’s-Linie (Schutzmauer)-Erbauer namens Tschi-Hoang-Ti (weiser Alleinleiter des Volkes) auftrat, dem Volk gar gewaltig zu predigen anfing und ihnen prophezeite, wie ein großes Volk unweit ihres Landes Grenze sie heimlich ausgekundschaftet hätte; und wenn sie nicht samt und sämtlich zusammengreifen würden, um längs dem ganzen Reich eine hohe und dicke Mauer aufzuführen, so würde dieses Volk in Massen voll Kraft hereinstürzen und sie allesamt übel umbringen.
HG|1|37|10|0|Er selbst habe die Macht von Mir, so lange diesem Einbruch Einhalt zu tun, bis die Mauer würde vollendet sein; jedoch nur auf zehn Jahre, daher sie ja allen Fleiß anwenden sollten, baldmöglichst dieses große, heilige Werk nach Meinem ihm geoffenbarten Willen zu vollbringen, denn sonst es um sie dann übel aussehen würde.
HG|1|37|11|0|Nun griff alles zusammen, was nur Hände hatte, und die Mauer stand in achtundeinhalb Jahren vollendet da in einer Länge von mehr denn achthundertsiebzigtausend Mannslängen und in der Breite neun Mannslängen und in der Höhe neunzehn Mannslängen und ward versehen von hundert zu hundert Längen mit einem noch um zehn Längen höheren Wachturm, in welchem stets abwechselnd hundert Mann Wache halten mussten, was freilich eben nicht gar zu lange gedauert hatte, da dieser falsche Prophet sich dadurch selbst bei dem Volk entdeckt hatte, da er alle ihre Religionsschriften sammeln und, was darinnen nicht für seinen echten Despotengeist taugte, verbrennen und vernichten ließ.
HG|1|37|12|0|Dadurch gelang es ihm, dieses vor ihm viel zerteilte, große Reich wieder, freilich nur durch Gewalt, zu vereinen und bei sechzig Jahre lang als ein wahrer Usurpator zu beherrschen. Sein Sohn gleichen Namens wurde lau und nachgiebig; dafür aber musste dessen Sohn, dieser beiden Usurpatoren dritter Nachfolger, bei einem allgemeinen Volksaufstand, da er die blutige Verfolgung der Frommen, mit welcher schon sein Großvater den Anfang machte, noch grausamer fortzusetzen begann, den großen Frevel mit seinem Leben bezahlen.
HG|1|37|13|0|Das Reich zerfiel dann wieder in viele Teile, bis dann endlich im Jahre der Welt 3786 Liehu-Pang (ein Straßenräuber) sich ein Heer Gleichgesinnter sammelte, als Feldherr alles unterjochte, sich endlich zum Alleinherrscher (Kaiser) und Himmelssohn aufwarf. Er sammelte, soviel es möglich war, alte, irgend noch verborgene Schriften und Sagen, ordnete die Religion, setzte Priester ein, die da wachen mussten über das Heiligtum, und sonderte das Volk in gewisse Klassen oder Kasten, welche damals bei Strafe des Todes niemand übertreten durfte.
HG|1|37|14|0|Dadurch gründete er das noch jetzt bestehende sogenannte himmlische Reich oder die große Dynastie (Han) und erweiterte dieselbe selbst über die Mauer westlich sehr bedeutend. Und so dauerte dieses Reich bis zum vierten Jahrhundert vor der großen Menschwerdung Meines Wortes, allwann es wieder eine ziemlich starke Trennung erlitt und verlor dabei einen großen Teil der Tatarei und Mongolei und geriet dadurch in drei streitende Reiche, Tschenkue genannt, und noch später, im vierten Jahrhundert nach der großen Menschwerdung Meines Wortes, erlosch dieser Stamm, und dieses Reich kam in gleicher himmlischer Gestalt des Volkes und der Priester wegen unter einen mongolisch-tatarischen Herrscher, welcher sich in der Gegend des Baikalsees erhob, in und unter dessen erträglicher Leitung es noch heutzutage sich befindet.
HG|1|37|15|0|Da habt ihr nun die ganze, gar kurze Geschichte Chinas. Wer hart im Glauben ist, der reise hin und überzeuge sich; aber es wird ihm nicht viel besser ergehen, als wenn er nach Japon reiste. Dem Blinden hilft eine Laterne auch am hellen Tag nicht; dem Sehenden aber genügt das Licht der Sonne!
HG|1|37|16|0|Nun, da wir nun unsere vierzehn Studierenden auf diese Art wohl versorgt haben, so kehren wir auf eine noch kurze Zeit nach Hanoch zurück und sehen ein wenig noch dem tollen Tun und Treiben Lamechs zu; und wenn wir uns da bis zu den Zeiten Noahs werden grimmsatt gemacht haben, dann werden wir noch dem Stammvater Adam einen kurzen Besuch machen und wollen dann alsobald die Schleusen der Himmel öffnen. Amen.
HG|1|38|1|1|Die Familie des Lamech. Jabal und Jubal. Thubalkain und Naemhe
HG|1|38|1|0|Ihr könnt euch sehr leicht vorstellen, dass durch solche gewaltigen Auswanderungen in einem Jahr Hanoch sowohl als auch die zehn übrigen Städte sehr menschenleer geworden waren, dass dazu Lamech noch seinen getreuen Anhang eingebüßt hatte und daher seine Macht, auf die er sich so viel zugutetat, so viel wie null und nichtig wurde.
HG|1|38|2|0|Wenn ihr nun diesen Umstand euch vor die Augen stellt, so werdet ihr ohne viele Mühe leicht bald einsehen, dass Lamech wenigstens eine Zeit von dreißig Jahren in seiner Regierung notgedrungen mildere Saiten aufziehen musste, damit das Volk ihm wieder untertänig wurde und für ihn zu arbeiten anfing, damit er wenigstens sorglos mit den Seinen hat fressen können wie ein Schwein und wie ein fauler Ochse.
HG|1|38|3|0|Die Seinen bestanden aber aus zwei Weibern, nämlich der Ada und Zilla (das heißt: ‚die wohlberatene Tugend im Frohsinn‘, dann ‚die stille Ergebung und Duldung‘). Da hatte die Ada zwei Söhne, nämlich den Jabal (Vater der Hüttenbewohner um die Füße der Berge) und Jubal (Musiker, als Erfinder der Hirtenpfeife und der Geige, eines Instrumentes, welches nicht unähnlich war dem euren, nur dass es aus einem Holzstück bestand, welches er mittels steinerner Wetz- und Schleifwerkzeuge mühevoll verfertigt hatte).
HG|1|38|4|0|Und die Zilla aber hatte einen Sohn, nämlich den Thubalkain und dessen Schwester Naëme. Er wurde durch Meine gnädige Zulassung ein Meister in der Bearbeitung der Metalle, und Naëme aber bändigte die wilden Tiere und verschaffte dadurch ihrem Bruder und dessen Gehilfen den Eingang in die erzvollen Berge und war überaus schön am ganzen Leib und hatte eine überaus demütige, aber auch eine desto mutigere Seele, und es ward ihren Augen eine große Kraft gemein, so dass vor ihrem Anblick feste Steine zu Wachs wurden und die harten Zähne der Bestien weich wurden wie der Flaum einer Taube.
HG|1|38|5|0|Seht, das war Lamechs Familie nebst einigen wenigen Dienern, die ihm geblieben waren, und einigen Zofen und wertlosen Kebsweibern, also in allem zusammen bei dreißig Personen, die allesamt recht fleißig arbeiten mussten, um etwas zu essen zu bekommen und des Leibes Blöße zu decken, wie schon gesagt, bei dreißig Jahre hindurch, allwann dann wieder das Volk, mehr der guten Erfindungen halber als Lamechs wegen, nach Hanoch zu wandeln anfing, um dort nützliche Metallsachen zu kaufen, was da gleichsam tauschweise geschah. Auch reisten von den anderen zehn Städten Menschen herbei, um Jubals Musik zu hören, welche ihre Herzen erweichte und wieder für Lamech gestimmt machte; auch lockte die große Schönheit der Naëme alle Herzen, – und da wurde unglücklich genannt der, welcher Naëme nicht zu Gesicht bekam, und er weinte und heulte darum tagelang.
HG|1|38|6|0|Damit ihr aber doch seht, wie dieses möglich war, so will Ich euch eine kleine Beschreibung ihrer Gestalt hinzufügen. Es ist diese Naëme dieselbe Gestalt, welche sich in das graualte, schwarze Heidentum als die Gemahlin eines Schmiedes und Götzin der Schönheit unter dem besonderen Namen ‚Venus‘ verlor. Seit Sahra und Rachael hatte körperlich nie eine so schöne Gestalt die Erde betreten als die der Naëme. Ihre Größe betrug fünf Schuh nach eurem Maß. Ihr Haar war schwärzer denn eine Kohle. Ihre Stirne war weiß wie ein frischgefallener Schnee, gegen die Augen ganz sanft gerötet. Die Augen waren groß und vollkommen himmelblau, der Stern feurig schwarz, die Augenlider frisch und sanft, so auch die dunklen Brauen. Die Nase war gerade und verlor sich in sanfte, weiche Enden, unter denen die zwei Mündungen durch ihre sanft gerundete Form einen lieblichen Anblick gewährten. Der Mund war gerade von Größe eines Auges, dessen sanft erhobenen Lippen jede Rose zum Schweigen brachten. Ihre Wangen, in der schönsten, heiter lächelnden, gerechten Form, waren mit aller Rosen zartestem und sanftestem Rot leise angehaucht, und ihre Farbe glich einer mit Schnee bedeckten Rose, da der Schnee gleichsam den letzten Liebesstrahl dieser Königsblume bis zu seiner glanzweißen Oberfläche schimmern lässt. So auch war ihr Kinn, wie keines mehr in irdischer Form. Ihr Hals war weder zu lang noch zu kurz, sondern ganz gerecht, glatt und rund, ohne auch nur des allergeringsten Makels. Der Anfang der Brust unterschied sich vom Hals nur durch eine sanft üppige, rasche Erhebung, so die Schultern und so der Nacken, jedes gerecht nach dem besten Verhältnis. Der Busen sah mehr einer ätherischen, weißweichen Lebenserhöhung ähnlich als irgendetwas Fleischlichem, an deren erhabenster üppig sanfter Rundung zwei heitere, junge Rosen zu knospen schienen. Ihre Arme waren so voll, weich und sanft, dass ihr euch davon auch nicht den allerleisesten Begriff machen könnt; denn solche Arme kommen nur im Himmel vor. Und in diesem schönsten Verhältnis war auch ihr ganzer Leib überzogen mit dem Glanzweiß des Schnees in ätherischer Sanftheit und Weiche.
HG|1|38|7|0|Diese Naëme wurde nun das Weib ihres Bruders, der mit ihr sieben Söhne erzeugte, welche sehr plump und unförmlich aussahen und hatten viel Ähnlichkeit mit euren sogenannten Trotteln. Die Ursache davon aber war, dass Naëme sich nach dem Willen des Vaters zu oft musste gebrauchen lassen zu rein unzüchtigen Zwecken der Herrschsucht wegen; denn dadurch wurde wieder alles Männervolk dem Lamech untertänig. Aller Augen waren nun auf Naëme und aller Ohren auf die habsüchtigen Befehle Lamechs gerichtet; denn Naëme blieb bis in ihr achtzigstes Jahr ein Gegenstand menschlicher Bewunderung, binnen welcher Zeit das Volk wieder sehr angewachsen war und allen Winken Lamechs folgte. Da nun Lamech sah, wie mächtig er nun wieder geworden war, so wurde er auch immer strenger und härter und führte da für die Widerspenstigen sogar die schon früher erwähnte Todesstrafe grausam ein.
HG|1|38|8|1|Am 28. August 1840
HG|1|38|8|0|Eben zu der Zeit der Naëme geschah durch Mein Geheiß von Seiten der Kinder Adams die erste Sendung eines guten Boten von den Bergen in die Tiefe Hanochs, um alldort zu verkünden Meinen Namen, und zwar gerade am Hofe Lamechs selbst. Und siehe, Lamech nahm den Boten gut auf; der Bote aber war ein Enkel Adams, abstammend von den Kindeskindern Adams vor Seth, und hieß Hored (‚der Furchtbare‘) und war groß, weise und hatte weder Weib noch Kinder. Und als Lamech nun nach Horeds Lehre in sich ging, da erwies er solchem Boten eine große Ehre, ließ zusammenkommen seinen ganzen weiblichen Hof und bat den Boten, sich das schönste Weib zu wählen. Und siehe, da sah Hored wider Meinen Willen an das Weib Thubalkains, und dieser musste auf Leben und Tod gehorchen dem Gebot Lamechs.
HG|1|38|9|0|Denn obschon damals die Naëme schon nahe achtzig Jahre alt war, so war sie aber dennoch so schön, dass sich jetzt vor ihr ein achtzehnjähriges, überüppiges, reizendes Fräulein in die Nacht verkriechen müsste. Thubalkain war ohnedies schon von jeher an Untreue gewöhnt; so ging ihm dieses Ereignis auch nicht so sehr zu Herzen, und das zwar umso weniger, da ihm Hored die Versicherung gab, dass ihm fürs Erste die wilden Tiere nichts mehr anhaben würden können vermöge der Waffen und dessen metallener Kleidung, und fürs Zweite würde er ihm von den Gebirgen mehrere starke Gehilfen verschaffen, die ihn vor allem schützen würden und würden ihm erst zeigen die wahre Art, Metalle zu bearbeiten zu allerlei nützlichen Dingen.
HG|1|38|10|0|Thubalkain war damit auch vollends zufrieden, und somit war die Sache schmählich abgetan. Hored verließ Hanoch und kehrte mit seinem Weib wieder in die Gebirge zurück.
HG|1|38|11|0|Allein, was die Hilfsmänner von oben betrifft, so blieb das beim Versprechen; denn Hored kam mit seinem Weib nicht mehr zu den Seinigen, sondern hatte sich eine einsame Stätte ausgesucht, um in seinem Glück von niemandem beneidet zu werden.
HG|1|38|12|0|Thubalkain aber war durch solche Betrügerei genötigt, seinen Bruder Jabal, Sohn aus der Ada, zu bereden, mit ihm Sache zu machen, sich an den Bergen Hütten zu erbauen, dieselben als Wache zu bewohnen und auf diese Art erst als bekannter Hüttenbewohner aufzutreten.
HG|1|38|13|0|Sie errichteten auf diese Art eine förmliche Metallfabrikation und machten hunderterlei teils nützliche, teils aber auch zierliche, galante, glänzende Sachen, die gegen Eintausch von Früchten reißend abgenommen wurden. Ja, fast aus allen Städten wie auch vom übrigen großen Land reisten Menschen zu den sicheren Hütten und kauften da nach Bedarf und Luxus und hingen sehr an dem Thubalkain und brachten ihre Söhne in die Lehre zum Thubalkain, auf welche Art das Hüttenvolk in kurzer Zeit so sehr anwuchs, dass es vor demselben dem Lamech zu bangen anfing.
HG|1|38|14|0|Da dachte er bei sich: ‚Was will, was soll ich nun tun? Die Tat, die ich verübt habe an meinen Brüdern, hängt lastenschwer an meiner Brust. Der große Furchtbare von den Bergen, der da mein Schwieger geworden ist, hat mir schwer meinen Frevel vorgehalten; er gebot mir, dem Volk anzuzeigen solchen Gräuel. Allein tue ich das, so bin ich meines Lebens nicht sicher; tue ich es aber nicht, so habe ich Gott und dessen große Kinder auf den Bergen wider mich, die mich Ungehorsamen vernichten werden.‘
HG|1|38|15|0|Und siehe, eine starke Stimme sprach aus seiner Brust: „Offenbare es deinen Weibern und sage ihnen: Ihr Weiber Lamechs, hört meine Rede, und merkt wohl, was ich euch sage: Ich habe einen Mann erschlagen mir zur Beule und einen Jüngling mir zur Wunde; – Kahin soll gerochen werden siebenmal, aber Lamech siebenundsiebzigmal!“
HG|1|38|16|0|Und siehe, so war es recht dem Lamech; und er tat alsobald, wie ihn die Stimme geheißen hatte. Als aber seine Weiber solches vernommen hatten, entsetzten sie sich so gewaltig, dass sie hinfort stumm blieben und daher auch niemandem davon etwas mitteilen konnten. Sie verließen nach einer Zeit ihn heimlich und gingen zu ihren Söhnen in die Hütten. Jedoch bevor sie noch diese erreicht hatten, wurden sie von zwei Gebirgsbewohnern angehalten, bekamen ihre Sprache wieder und wurden mitgenommen auf die geheiligten Höhen der Berge.
HG|1|38|17|0|Als sie kaum auf den Bergen angelangt waren, erkundigten sie sich bald nach Naëme. Jedoch die Führer beschieden sie, dass Hored aus ihrem Gesichtskreis verschwunden sei aus Untreue und Neid und es ihnen nicht zu sehen gegeben sei, wohin er sich, einem Wurm gleich, verkrochen habe; und so sie wollten sich von ihnen segnen lassen, so würden sie (die Führer) sie (die Weiber) zu ihren Weibern annehmen. Denn es war die Ada hundertzehn und die Zilla erst hundert Jahre und waren beide noch von ausgezeichneter Schönheit und sahen aus, als wären sie in jetziger Zeit erst im vierundzwanzigsten Lebensjahr bei guter Erhaltung.
HG|1|38|18|0|Darauf ließen sie sich segnen und wurden ihre Weiber, reisten dann mit ihren Männern zum Aufenthalt Adams, der da schon neunhundertzwanzig Jahre alt war, um auch von ihm gesegnet zu werden.
HG|1|38|19|0|Als Adam ihrer ansichtig wurde, sprach er mit bewegter Stimme: „Hört, ihr Söhne der Kinder meiner Kinder, ich kenne alle meine sämtlichen Nachkommen, die da sind in meinem Segen nach dem Segen Ahbels von der ewigen Liebe; doch diese zwei Weiber kenne ich nicht! Woher sind sie?“ Und die beiden antworteten: „Sie sind geächtete Weiber Lamechs, welche dessen Untat geächtet hat.“
HG|1|38|20|0|Und Adam sprach: „Was redet ihr? Ich kenne den Sohn Methusalems, und dieser ist erst einhundertsechsundzwanzig Jahre alt und hat noch nie ein Weib erkannt! Was redet ihr daher? Verflucht sei die Lüge und der Mund, der sie gesprochen, und die Zunge, die da die Unwahrheit rede im Angesichte Gottes! Daher, beim Fluch Kahins, des Mörders, redet, – woher sind die Weiber?“
HG|1|38|21|0|„Zürne nicht, Vater Adam! Auch aus dem Schoße Kahins ist in der verfluchten Tiefe ein Lamech entstanden; dieser hat ermordet zwei Brüder. Diese Weiber waren fromm im Fluche; daher hat uns der Herr erweckt, zu retten das Verlorene. Und so wir taten den Willen von oben, so zürne nicht, Vater, sondern segne, was der Herr gerettet hat!“
HG|1|38|22|0|Und siehe, Adam wurde bewegt und sprach: „Was der Herr gerettet hat, das ist schon gesegnet, und da wäre mein Segen nur ein Frevel, – sondern ziehet hin im Frieden! Was Gott gefällt, wie sollte es mir missfallen? Daher bewahrt die Schätze der ewigen Liebe und Erbarmung! Amen.“
HG|1|39|1|1|Die Kinder Adams nehmen sich Frauen aus Kahins Geschlecht
HG|1|39|1|0|Und siehe, darauf verließen sie den Stammvater und gingen und verwahrten diese Schätze nur beinahe zu stark in ihrem Herzen, so zwar, dass für Mich nur ein sehr kleiner Raum übrigblieb, was natürlich durchgehends nicht mehr nach Meiner Ordnung war. Und so verdunkelte sich allmählich ihr Herz, und sie wurden immer sinnlicher und sinnlicher. Und so wurden auch ihre Kinder, und es war da bald wenig Unterschiedes mehr zwischen ihnen und den Hanochiten.
HG|1|39|2|0|Als nun die Kinder Adams bemerkt hatten diese Weiber, dass sie außergewöhnlich schön waren, so fragten sie die beiden, woher diese Weiber wären.
HG|1|39|3|0|Diese aber antworteten: „Aus der Tiefe Hanochs; da sind noch viele Tausende, die aus dem Blute Kahins entsprungen sind! Geht hin und verkündigt alldort den Namen des Herrn, und es soll euch ein gleicher Lohn zuteilwerden. Hored ging hin und wurde belohnt; wir gingen hin, und der Lohn ist uns ans Herz gebunden!“ – Sie fragten nach Hored; die beiden aber antworteten: „Brüder, unsere Liebe hat uns blind gemacht in ihrer gesegneten Süßigkeit; daher wissen wir nicht, wohin sich dieser gewendet hat. Doch denken wir, dass er den Weg des Ahujel und der Aza eingeschlagen hat, und ihr wisst, dass man nicht eher dahin gelangt, als bis die Sonne achtzigmal auf- und untergegangen ist; doch es liegt wenig daran, ihn zu beneiden in seinem Glück, sondern es liegt alles daran, dass ihr tut den Willen Jehovas und geht und lasst in Hanoch erdröhnen dessen heiligen Namen, und es wird der Lohn euch nicht entzogen werden.“
HG|1|39|4|0|Und es waren derer, die das vernommen hatten, sieben an der Zahl, und sie begaben sich in die Tiefe. Jedoch zuvor wollen wir noch einen Blick in die Tiefe Hanochs werfen und sie daselbst erwarten, ehe wir sie noch dort vollends auftreten lassen und handeln daselbst als Unberufene in Meinem Namen aus zeitlichen Interessen.
HG|1|39|5|0|Nun seht, Lamech hatte jetzt niemanden mehr, der ihn tröstete. Es wollte ihn nichts ansprechen; die Musik machte beben sein Gewissen, und er vernahm in den sanften Schwingungen immer nur die letzten Seufzer seiner gemordeten Brüder, und der Ton der Pfeife durchschnitt ihm das steinerne Herz. Und so fluchte er dem Jubal, dass er solches elende Zeug zuwege brachte, das ihn beim Klang eines jeden Tones nicht nur siebenundsiebzigfach töte, sondern ihm allzeit einen tausendfachen Tod verursache. Aus der Ursache, welche allzeit gar so gewaltig sein Gewissen beunruhigte, musste Jubal auch verlassen den Hof und durfte sich nicht mehr sehen lassen, wenn ihm übrigens noch etwas an seinem Leben gelegen wäre.
HG|1|39|6|0|Auch seine schönsten Kebsweiber – und mochten sie sich noch so reizend gestalten – waren nicht mehr imstande, ihm auch nur irgendeinen Gefallen abgewinnen zu können, daher zerrissen sie ihre Kleider und weinten und trauerten. Als aber Lamech solches sah, ging er zu ihnen und sagte: „Meine Ada ist dahin, und meine Zilla ist nicht mehr; was soll ich mit euch? Geht hinaus auf die Felder und arbeitet, damit euch der Magen nicht leer wird in Hanoch und ihr verderben mögt an meinem Hof; denn ich brauche niemanden mehr denn mich selbst! Wäre ich noch in meiner Macht, so sollten sich Sonne, Mond und alle Sterne vor meinem Grimm beugen; allein ich bin schwach geworden seit Tatahar, und so vermag ich nicht mehr – selbst durch die vielen Hinrichtungen, welche nach meinem gerechten Gesetz erfolgt sind – zurechtzubringen wieder meine verlorene Macht. Daher will ich alles entfernen und allein sein mit meinen wenigen Knechten und Räten und sonstigen Dienern und will meine Regierung beschränken nur auf meine Stadt. Alles andere aber sei gesetzlos und vogelfrei, und wer da sich immer meinem Hof nähern wird, der soll mit dem Tode bestraft werden!
HG|1|39|7|0|Und nun hebt euch, damit ihr nicht die Ersten seid, welche dieses Urteil empfinden sollen; und da wage keine ein Wort zu entgegnen, wenn sie mich meinen Grimm nicht will in ihrem Blut kühlen sehen!“
HG|1|39|8|0|Und siehe, da entfernte er sich jählings, und die Mägde entfernten sich und waren an der Zahl dreißig von ausgezeichneter Schönheit in einem Alter von zwanzig bis vierzig Jahren. Als sie nun das Freie erreicht hatten, so ließen sie sich zur Erde nieder, beratschlagten unter sich, was da nun zu tun sein möchte, – und sie konnten zu keinem günstigen Entschluss gelangen. Und siehe, als sie nun so hin und her simulierten, da gewahrten sie auf einmal sieben große, vollkräftige Männer sie umstehen und erschraken sehr ob der unvermuteten Überraschung. Als aber die Männer deren Verlegenheit merkten, redeten sie dieselben folgendermaßen an und sagten:
HG|1|39|9|0|„Fürchtet euch nicht, ihr jungen, schönen Kinder, denn es wird euch nichts Arges begegnen! Wir kommen nicht aus Hanoch, um euch zum Tode heimzuführen, sondern wir kommen von oben her, von den Bergen, und wollen euch erretten; und so ihr euch wollt unter der Bekennung des göttlichen Namens Jehova von uns segnen lassen, wollen wir euch, mächtig durch die Liebe Gottes, unseres Vaters Adam übermächtigen Vaters, zu unseren lieben Weibern annehmen. Dann aber müsst ihr uns folgen auf die Höhen, dahin die Naëme dem großen Hored gefolgt ist, und dahin, in die schutzsicheren Arme Aholins und Jolliels, zweier Brüder, sich die Ada und Zilla, welche da waren ehedem Weiber Lamechs, des grausen Brudermörders, wohlbehaglich begeben haben.“
HG|1|39|10|0|Da standen die Mägde auf und sprachen: „Wir sind unser dreißig an der Zahl, und ihr seid nur sieben; so jeder von euch nur ein Weib, wie wir dereinst vernommen hatten, nehmen darf, so fragt sich, was sollen wir, die übrigen dreiundzwanzig, tun an eurer Seite?“
HG|1|39|11|0|Und die sieben sagten: „Es ist dem nicht also, wie ihr meint! Obschon im Anfang, wie uns unser noch lebender Stammvater Adam belehrt hat, nur ein Mann und ein Weib geschaffen wurden von Jehovas Allmacht voller Liebe, so ist aber doch uns Kindern von Gott gestattet, vier, auch fünf und noch mehrere Weiber zu nehmen der Zeugung wegen. Daher tragt ja kein Bedenken, lasst euch segnen und folgt uns!“
HG|1|39|12|0|Und siehe, als die Mägde solches vernommen hatten, so wurden sie über die Maßen freudig und folgten den Männern auf Schritt und Tritt. Und als sie nun vollends die Höhen erstiegen hatten, so wussten die sieben nicht, wie sie diese Schätze der Liebe unter sich teilen sollten. Da fielen sie auf ihre Angesichter nieder und flehten zu Mir um Rat. Und siehe, da kam Seth herbei und sprach: „Steht auf, und wollt nicht Gott versuchen mit meineidigen Herzen, und zu fragen den Heiligen, wie ihr möchtet teilen unter euch einen unlauteren Fang, sondern geht hin zum Adam, bereut alldort euren gewaltigen Fehltritt und teilt dann die Weiber an eure Brüder, wenn sie erst der Vater Adam gesegnet hat, damit ihr gerecht vor Gott erscheinen mögt; denn ihr wisst, dass Gott heilig ist, und dass Sein Land nicht soll entheiligt werden durch Ungehorsam und durch die Geilheit eures eitlen Herzens!“
HG|1|39|13|0|Und siehe, auf eine solche Zurechtweisung gingen die sieben mit den Fräulein, von Seth geleitet, hin vor die Wohnung Adams und fanden ihn mit der Eva beten und seufzen zu Mir an der Seite Enos (des Predigers Meines Namens), der da war ein Sohn Seths, und an der Seite Henochs (der Wille Jehovas), des überfrommen Sohnes Jareds. Es meldete Seth alsobald dem Vater Adam, was da vorgefallen war, und bat ihn, sich zu erbarmen des Blutes Kahins, um dadurch die Ordnung, welche die sieben gestört hatten, wieder herzustellen.
HG|1|39|14|0|Adam aber sprach: „O du mein lieber Sohn Ahbel-Seth, – ja, du bist ein getreues Bild meines frommen Ahbel; du bist, wie dieser es war, ganz nach meinem Sinne erfüllt von Liebe! Dieser segnete aus Liebe den Mörder, und du suchst Segen für das Blut meines Feindes!
HG|1|39|15|0|O so sei tausendfach gesegnet, du geweckter Same Gottes, und segne mit diesem Segen das so tief entweihte Blut, und teile aus das Blut an die Kinder! Und wie es dem Herrn wohlgefällt, so möge jeder eine von den Mägden nehmen, und nicht eine mehr, und aber nicht mehr hier im Land Jehovas verbleiben, sondern er soll ziehen nach dem Untergang bei dreißig Tage fern und da Wohnung machen in der Tiefe der Täler und soll nicht eher kommen zu den Vätern, die allhier wohnen, als bis die Sonne hundertmal den Kreis ihrer Reise vollendet hat; denn du, mein lieber Ahbel-Seth, weißt ja ohnehin, erfüllt von Jehovas Gnade, wie heilig dieser Ort ist, an welchem Sein heiliger Name so oft genannt wird aus eines jeglichen Munde, da dein Opferaltar steht, da auch gepredigt wird von Enos der heilige Wille des allerhöchsten, heiligen Vaters, und da der Henoch den heiligen Willen erfüllt bis zum letzten Punkt. Daher handle in dem allerheiligsten Namen Jehovas und in meinem Namen, der ein heiliger Name ist, da ich als erster ungeborener, von Gottes heiliger Hand erschaffener Mensch ihn von dessen allerheiligstem Munde erhielt!
HG|1|39|16|0|Die Liebe leite dich, und die Gnade führe dich ewig! Amen!“
HG|1|39|17|0|Und siehe, Enos und Henoch geleiteten den Vater Seth aus der Hütte Adams. Und Eva weinte vor Freuden, da sie Adam so glücklich sah, und sprach: „Adam, wie freue ich mich doch immer, wenn du so recht glücklich bist! Aber wenn ich auf mich zurücksehe, so werde ich wieder traurig, wenn ich erfahre, wie groß meine Schuld ist, und wie viel Böses aus ihr schon hervorgegangen ist; – wie muss es erst bei den Nachkommen Kahins aussehen! O Gott! Was bin ich für eine große Sünderin!“
HG|1|39|18|0|Adam aber erwiderte, sie tröstend: „Geliebtes Weib, du mein zweites Ich, deine Trauer ist allzeit gerecht und dem Herrn wohlgefällig. Daher sei ruhig in deinem Herzen und denke, dass wir nichts vermögen ohne Gott, und mit Gott, wie uns Henoch lehrte, vermögen wir alles. Daher können wir auch ohne Gott niemals völlig Ruhe finden; daher aber auch sollen wir alles dem Herrn zum Opfer bringen. Siehe, Er ist mächtig, weise und voll Liebe und wird auch die rechten Mittel finden, das wieder gerade zu machen, was durch uns krumm geworden ist. Daher sei unbesorgt; die Liebe des Herrn wird alles zu seiner Zeit wieder zurechtbringen! Amen.“
HG|1|39|19|0|Und siehe, da dankte die Erzmutter dem Adam, und er aber segnete sie zum letzten Mal mit Meinem Namen und lebte hernach noch zehn Jahre, – sie aber noch dreißig.
HG|1|39|20|0|Seth aber tat, wie ihm Adam geraten hatte. Die sieben aber fingen an zu weinen, dass sie sich entfernen sollten. Und es dauerte Seth in seinem Herzen, und er fiel nieder auf sein Angesicht und flehte zu Mir, sagend in seinem Herzen: „O Jehova! Sehe, die Tränen dieser Kinder brennen mich, und doch ist meine Liebe nur ein Hass, verglichen mit Deiner unendlichen Erbarmung! Zeige mir durch Deinen Mund Henoch an, was ich tun soll; oder lasse mich wie den Ahbel sterben, damit ich nicht sehe die Tränen der zu verweisenden Kinder! O Jehova! Erhöre, wie allzeit, auch diesmal mein Flehen! Amen.“
HG|1|39|21|0|Und siehe, Henoch blickte auf zum Himmel, und Ich öffnete ihm den Mund, und er fing an zu reden und sprach: „Ich habe Mein Ohr an die Erde gelegt und habe wohl vernommen die Liebe Seths. Es sei denn, dass die sieben geben die Mägde ihren dreißig weiberlosen Brüdern, und sie aber leben noch zehn Jahre keusch, so sollen sie bleiben; wo nicht, sollen sie fliehen aus Meinem Angesichte, wie Adam sie hat beschieden! Amen.“
HG|1|39|22|0|Und als die sieben solches vernommen hatten, wurden sie heiter und fröhlich in ihren Herzen und priesen und lobten Gott für eine so große Gnade und brachten die Mägde mit großer Freude ihren Brüdern, geleitet von Seth, Henoch und Enos.
HG|1|39|23|0|Als aber die Brüder ansichtig wurden dieser Mägde, so erschraken sie und wussten nicht, was daraus werden sollte, und weigerten sich, selbe anzunehmen. Da Ich aber merkte die Bereitwilligkeit der sieben, so sprach Ich durch den Mund Henochs:
HG|1|39|24|0|„Ich habe erfahren an den sieben ein uneigennütziges Herz, welches sich freute, Freude zu machen euren Brüdern; daher behaltet die Mägde, gesegnet für euer Herz, einer je vier und die zwei ältesten je fünf; aber die gebotene Keuschheit soll gehalten werden! Amen.“
HG|1|39|25|0|Und siehe, Seth, Enos und Henoch segneten sie und verließen sie, Meinen Namen lobpreisend, und gingen und erzählten es dem Adam.
HG|1|40|1|1|Adams Rede über seinen Fall
HG|1|40|1|1|Am 14. September 1840
HG|1|40|1|0|Und als Adam solches vernommen hatte von Seth, Enos und dem überfrommen Henoch, so war er hoch erfreut, da er sah, wie weit Meine Liebe über die Liebe aller Menschen erhaben ist, und wunderte sich nicht wenig, da er dadurch gewahr wurde, dass Meine Liebe sich sogar in die Tiefen des Fluches gesenkt hatte zu der glatten Schlangenbrut, und sprach, darüber durch und durch gerührt, folgende kurze Rede, welche Rede hernach noch lange berühmt war und sich erhielt bis zur Sündflut, wurde aber jedoch nicht aufgezeichnet, sondern pflanzte sich nur von Mund zu Mund fort. Diese Rede aber lautete also:
HG|1|40|2|0|„O meine Kinder! Öffnet weit eure Augen und fasset die weitgedehnten Fluren der Erde, die jetzt, soweit eure Blicke reichen, schon fast überall mit meinen gesegneten Kindern besäet ist! Blicket auch hinab in die Tiefe und übersehet all die dunklen, weitgedehnten Tiefen, und sehet hin gegen Morgen jenen überhohen, stets brennenden Berg! Fasset die ganze Erde, so ihr es vermöget, und sehet mich, den ersten Menschen dieser Erde, – ja, was sage ich, sehet mich als den sein sollenden Ersten, der aller Kreatur im Geiste als Kreatur voranging und war leuchtend mehr denn der Sonnen Mitte und wollte sein größer denn Gott! Und Gott zeigte mir die Macht Seiner Heiligkeit, und ich ward verdammt und wurde geworfen in die unendlichen Tiefen des göttlichen Zornmeeres und wurde da von einem Grimme in den anderen durch unendliche Tiefen geschleudert. Ja, es mochten da wohl Ewigkeiten um Ewigkeiten verronnen sein; allein es war dessen ungeachtet in der weiten Unermesslichkeit kein Plätzchen mehr zu finden, da ich in dieser großen Nichtigkeit hätte irgendeinen Ruhepunkt finden können.
HG|1|40|3|0|Und als ich so von einer Unendlichkeit zur anderen fiel und immer fort und fort fiel ewig, ewig und immer ewig, so fing ich an zu gewahren die Größe und unendlich und ewig fortdauernde Macht Gottes, und mir wurde klar mein eitles Bestreben.
HG|1|40|4|0|Doch aber dachte ich mir: ‚Was nützt dir diese Einsicht nun? Ich bin nun zu entfernt von Gott, und Er kann unmöglich irgendetwas mehr von mir wissen, denn in dieser endlosen Nichtigkeit herrscht nichts als ewige Vergessenheit Gottes. Ewig bin ich gefallen von Grimm zu Grimm, allwo endlose Feuerfluten beständig an meine Stirne schlugen und breite Flammenzungen an meinen Eingeweiden leckten und mich brannten mehr denn weißglühende Erzplatten; nun aber bin ich selbst unter diese Grimmströme ewigkeitentief gesunken. Wo ist nun der erzürnte Gott, und wo bin ich? Da ist alles taube, unendliche ewige Nacht!‘
HG|1|40|5|0|Und seht, als solche Reuegedanken in mir sich durchtauchten, da bemerkte ich denn auf einmal ein mir ähnlich Wesen aus den ewigen Höhen mir nachschweben. Das Wesen erreichte mich in Blitzesschnelle, erfasste mich mit gewaltiger Hand und blickte mich sanft lächelnd an und sprach: ‚Luzifer, du armer, gefallener Geist, kennst du Mich?‘
HG|1|40|6|0|Und ich sprach: ‚Wie sollte ich dich erkennen in dieser wesenleeren, finsteren Nichtigkeit?! Kannst du mich aber vernichten und machen gleich dem, das nie war, nicht ist und nie mehr sein wird, so tue es, und ich will dir im Voraus danken, damit du nach meiner Vernichtung nicht unbedankt von dieser wesenlosen Stelle zurückkehren mögest zu deinen mir unbekannten Höhen!‘
HG|1|40|7|0|Und hört, das Wesen sprach: ‚Höre! Nicht vernichten will Ich dich, sondern erhalten und zurückführen auf fremden Wegen dahin, da du voll sündiger Hoffart ausgegangen bist!‘
HG|1|40|8|0|Und ich sagte: ‚Tue, was du kannst; aber bedenke die Größe des Zornes Gottes! Denn ich war groß und bin zunichte geworden; daher bedenke – und wärest du irgend noch größer denn ich entstanden –, dass Gott ewig und unendlich und voll flammenden Zorngrimmes ist!‘
HG|1|40|9|0|Und das Wesen erwiderte: ‚Hast du denn nie auch die Liebe in Gott gemessen? Siehe, sind auch die Zornfluten groß, so reicht aber doch dessen Liebe noch dahin, wo die tiefen Ströme des Grimmes ewig versiegt sind unter den endlosen Rändern der Unendlichkeit, da eine zweite Unendlichkeit ihren Anfang nimmt!‘
HG|1|40|10|0|Und ich erwiderte darauf: ‚Siehe, als ich noch war ein Fürst alles Lichtes, da wurde mir gezeigt ein mattes Flämmchen. Dieses hätte ich sollen anbeten; denn es wäre die ewige Liebe Gottes. Dieses konnte ich nicht glauben in meinem Strahlenglanz und sah mich weit erhaben über das matte Flämmchen. Und siehe, da ergriff mich der Grimm meiner Lichthöhe. Ich entzündete mich noch mehr und wollte vernichten mit meinem Licht das Flämmchen gänzlich; allein da erfasste mich der göttliche Zorn, und ich wurde geschleudert hierher in diese ewige, finstere Leere, welche ich erst nach Ewigkeiten erreicht habe.‘
HG|1|40|11|0|Und seht, da sah ich auf einmal das Flämmchen über dem Haupte dieses Wesens schweben, und das Wesen aber sprach wieder zu mir: ‚Luzifer, erkennst du Mich jetzt?‘ – Und ich antwortete: ‚Ja, Herr, ich erkenne Dich; Du bist Gottes Liebe und reichst weiter als dessen unendliche Zornflut. Sieh mich an in Deiner Gnade, und schaffe mir ein festes Plätzchen, damit ich Ruhe finden möchte in dieser ewigen Leere!‘
HG|1|40|12|0|Und seht, da rollte eine Träne aus dem hellen Auge der ewigen Liebe hinab in die finsteren Räume der Ewigkeit und ward zum großen Gewässer. Und die Liebe hauchte über die großen Gewässer in der Tiefe, und die Wässer teilten sich, und da wurden der Tropfen zahllose aus den Gewässern. Und das Flämmchen über dem Haupte der ewigen Liebe dehnte sich aus im Augenblick und entzündete die Tröpfchen zu zahllosen großen Sonnen; die Sonnen aber sprühten in der Wärme der ewigen Liebe Erden, und diese ihre Monde.
HG|1|40|13|0|Und seht, aus der Mitte der Träne Gottes schwamm diese Erde zu mir herauf, und die Liebe segnete und hauchte sie an, und die Erde blühte wie ein Garten und war glatt, schön und eben; aber es war noch kein lebendes Wesen daselbst zu gewahren. Allein die Liebe blickte die Erde an, und es wimmelte auf derselben, wie in den Meeren und anderem Gewässer, auf den Festen, wie in der regen Luft von Leben aller Art.
HG|1|40|14|0|Seht, das sah ich alles und bin mir jetzt dessen vollbewusst durch die besondere Gnade des Herrn. Als aber nun die Erde so bestellt war nach dem Willen der Liebe Gottes nach und nach der ewigen Ordnung gemäß, da richtete die Liebe ihre Augen in die Höhe Gottes und sprach:
HG|1|40|15|0|‚Lasset, ihr heiligen Mächte des Vaters, Uns den Menschen machen und ihm geben eine lebendige Seele, damit das, was gefallen ist, einen Ruhepunkt fände und sich demütige vor Dir und Mir und aller Macht Unserer Heiligkeit!‘
HG|1|40|16|0|Da donnerte es aus den feuererfüllten ewigen Räumen, und der Donner war die Stimme Gottes, und diese Stimme verstand nur die Liebe, und sie formte darauf aus feinem Lehm – seht her – diese Füße, die mich schon über neunhundert Jahre tragen, die Hände und – kurz, so wie ich vor euch stehe, so formte mich die ewige Liebe!
HG|1|40|17|0|Und bald stand ich da. Aber noch war ich tot und war keine Regung noch Bewegung an mir zu gewahren. Da neigte Sich die ewige Liebe über diese tote Form und blies ihr durch die Nüstern mit dem lebendigen Odem eine lebendige Seele in die Eingeweide; und seht, da wurde lebendig, wie jetzt, ich, der erste Mensch der weiten Erde, und sah an die große Schöpfung und hatte keine Freude an ihr und ward müde meines wundervollen Daseins und konnte nicht begreifen, wie, wann und was und warum und woher ich gekommen bin; denn meine lebendig beseelte Form konnte nicht sehen die schaffende ewige Liebe.
HG|1|40|18|0|Und seht, da ließ die ewige Liebe die Form umsinken in den ersten Schlaf und sprach zu mir: ‚Siehe deine Ruhestätte! Ziehe ein ins Herz dieser lebendigen Wohnung; denn für dich habe Ich sie wohlbereitet. In ihr wirst du finden eine wohlbesetzte Tafel, auf welcher der Wille Gottes mit großen Feuerzügen gezeichnet sein wird; daran sollst du dich kehren und dir nehmen deinen Willen und dafür aufnehmen den Willen Gottes!
HG|1|40|19|0|Siehe, das ist der fremde Weg, auf dem Ich dich zurückführen will! Schaue nie nach dir, sondern stets nach der Tafel Gottes; dann wirst du leben mit Mir ewig und herrschen von einem Thron über die Unendlichkeit! Aber wehe dir, so du noch einmal fallest, dann wird die Liebe dir sogar zum Fluche werden, und Ich werde den Menschen einen anderen Geist geben, der zunächst von Mir ausgehen wird, – du aber wirst dann von neuem diesen Standpunkt verlassen müssen auf Ewigkeiten der Ewigkeiten, und es wird dir nimmer eine Zeit gegeben denn die des ewigen Feuers im Zorne Gottes und im Fluche der Liebe!
HG|1|40|20|0|Daher bedenke, was das heißt! Der Zorn Gottes kann gemildert werden, wenn die Liebe ins Mittel tritt; wenn aber die Liebe selbst wider dich fluchend wird, wer dann wird dich wohl schützen gegen den ewigen Grimm der Gottheit, und welches wird dann das Mittel zwischen dem Zorne Gottes und dir sein? Ich sage dir: kein anderes – als das Gericht und die Verdammnis! Denn du bist ein Werk Gottes aus Mir. Wo aber ist das Wesen, welches Gottes Herrlichkeit anrühren möchte? Denn entweder soll werden ein Werk nach dem Willen der freien Macht der ewigen Heiligkeit Gottes – denn darum ward dir ein freier Wille gegeben, dass du den Willen der ewigen Macht Gottes in dir erkennen möchtest –, willst du das aber nicht, so ist an dir nichts gelegen, und du sollst dann erkennen die unendliche Macht Gottes, wenn sie dich bannen wird in die ewige, brennende Nichtigkeit.
HG|1|40|21|0|Denn bei Gott ist kein Wesen in irgendeinem Betracht, und es liegt Ihm auch ewig nichts an Milliarden solcher Geister, wie du einer bist; denn Er mag in jedem Augenblick zahllose Milliarden noch größerer Geister denn du hervorrufen, um sie dann wieder zu vernichten auf ewig, wenn sie nicht entsprechen Seiner ewigen Herrlichkeit!
HG|1|40|22|0|Daher bedenke, was Gott ist, und was Er will, und was du bist, und was mit deinem dir verliehenen freien Willen du wollen sollst, damit die große Herrlichkeit Gottes in dir offenbar werden möchte, und so auch in allen, die aus dir geworden sind und in dir und mit dir gefallen sind!
HG|1|40|23|0|Siehe das weite Grab der Erde und auch das aller zahllosen Sternenwelten! Ich nehme dir die große Last der mit dir Gefallenen und lege sie nun in die Erde und in alle Sterne, und da soll kein Stäubchen nutzlos schweben und soll bergen bis zur Zeit ein lebend Wesen, dir gleich, in sich.‘
HG|1|40|24|0|Und seht, da nahm die Liebe den Geist und legte ihn in die schlafende Form; und es gefiel dem Geiste wohl in mir, da er sah, dass er wohlgeborgen war und ward befreit von einer so großen Last, die er so lange hatte tragen müssen, und jetzt aber wurde er getragen in der lebendigen Wohnung, welche da bereitet hatte die ewige Liebe.
HG|1|40|25|0|Und als ich auf diese Art eins geworden war mit dem Geiste, seht, da weckte mich die ewige Liebe. Ich erwachte und stand als ein einzelner Mensch im Angesichte der ganzen unermesslichen Schöpfung und sah niemanden denn mich, das Gras der Erde und deren Gesträuche und Bäume und auch die leuchtende Sonne am weiten, blauen Firmament. Da fing mich an zu bangen. Ich verließ die Stelle, suchte eine Gesellschaft und fand auch nicht ein Wesen, das mir gliche!
HG|1|40|26|0|Und als ich des Suchens müde ward, da fiel ich wieder zur Erde nieder, und ein süßer Schlaf bemächtigte sich meiner. Und seht, in diesem Schlaf hatte ich folgenden Traum: In der Mitte meines Herzens sah ich ein unendlich reizend Wesen, und dieses Wesen sprach in mir zu mir:
HG|1|40|27|0|‚Sehe mich an, wie ich bin schön und reizend und habe eine Form gleich der deinen und kann sie wohl überschauen! War meine Gestalt auch einst nur ein großes Licht, das da seine Strahlen sendete den endlosen Räumen entlang und verzehrte sich selbst in solcher Übergröße, so konnte ich doch nie meine Form schauen, sondern ich war selbst Licht, in dem sich zahllose Formen enthüllten. Die Formen sind mir genommen worden, in denen ich mich verunendlichfältigt sah und wohl empfand; aber dafür ist mir selbst Form gegeben, und diese Form ist schöner denn all mein einstiges Licht, und ich gefalle mir in dieser Form so sehr, dass ich eine große Lust an mir habe und liebe mich selbst und werde von dir geliebt und habe eine große Begierde in mir zu mir und kann dich zu mir ziehen, wann ich will, und du musst allzeit folgen dem Zuge meiner Begierde!‘
HG|1|40|28|0|Und seht, ich hatte wirklich ein großes Wohlgefallen an mir in mir. Und als ich so in diesem Wohlgefallen noch immer fest und fester schlief, da sah ich eine lichte Hand mich durch- und durchgreifen bis in die Mitte des Herzens und festhalten mein zweites Ich. Und dieses sträubte sich anfangs; aber es unterlag bald den mächtigen Fingern der Liebe Jehovas; denn die lichte Hand war die Hand der ewigen Liebe!
HG|1|40|29|0|Bald zerbrach der mächtige Finger Gottes eine Rippe meinem zweiten Ich, griff in dessen Innerstes und zog bald einen Wurm aus dessen Eingeweiden und schloss endlich wieder die Stelle, da der mächtige Finger des Herrn sich den Weg machte zur Wegnahme der eigenliebigen Begierde. Und danach aber sah dieses mein zweites Ich nicht mehr so reizend aus wie ehedem, und es war dessen Form gleich der meinigen, und ich hatte nicht mehr den Zug dahin, sondern wir beide wurden gezogen von der ewigen Liebe. Da sah ich den Geist verfallen in einen Schlummer, und in diesem Schlummer löste er sich auf und floss über in alle meine Teile, und wir wurden vollends eins.
HG|1|40|30|0|Da mir noch solches träumte, seht, da weckte mich auf einmal eine sanfte Stimme, und diese Stimme war eine Stimme des Herrn und sprach: ‚Adam, du Sohn der Erde, erwache, und sehe an deine Gehilfin!‘ – Und ich sah die Eva vor mir und war froh über die Maßen; denn ich sah mein zweites Ich aus mir getreten, und dieses hatte große Freude an mir, und diese Freude war die erste Liebe, die ich, der erste, ungeborene Mensch, empfand, und sah zum ersten Male mein geliebtes Weib – und liebte sie rein im reinsten Schoße der ewigen Liebe Gottes in aller Fülle des ersten Lebens!
HG|1|40|31|0|Und seht ferner, in solcher süßen Empfindung verlebte ich drei Tage und drei Nächte. Da aber empfand ich auf einmal eine gewisse Leere in mir, und ich wusste nicht, was ich daraus hätte machen sollen, oder was daraus werden sollte oder könnte!
HG|1|40|32|0|Wüste ward es um mein Herz und trocken in dem Munde, – und seht, da stand denn auf einmal die ewige Liebe vor mir, gar so mild und liebevoll aussehend, hauchte mich an und stärkte mich und sprach: ‚Adam, siehe, dich hungert und dürstet nach Speise und Trank, und deine Liebe, die da soll ‚Eva‘ heißen, nicht minder. Sehe an die Bäume, die Ich jetzt segnen werde; deren Frucht esset zur Stärkung eures Leibes sowohl, als auch eurer Seele. Aber von jenem Baume dort in der Mitte des Gartens sollet ihr nicht essen, bevor Ich wiederkommen werde, euch und den Baum zu segnen; denn an dem Tage, da du von dem Baume essen wirst, wird auch der Tod in dich treten. Du wirst zwar versucht werden; aber sei standhaft bis zum dritten Male, so wirst du den Wurm des Todes, der am selben Baume nagt, verderben, die Eva reinigen und dir und ihr und allen, die aus dir wurden und werden, ein überfreies, seliges, ewiges Leben in Gott bereiten.
HG|1|40|33|0|Siehe, darum machte Ich die Zeit, damit deine Prüfung nur kurz währen sollte – und das erkämpfte Leben aber ewig!
HG|1|40|34|0|Siehe, du hast mit keiner fremden Macht zu kämpfen, sondern mit dir selbst; denn Ich habe dir alles untertan gemacht, aber nur dich selbst konnte und durfte Ich nicht, damit das Leben dir eigen werde. Daher missachte nicht dieses leichte Gebot, und erhebe dich über dich selbst, damit du leben mögest ewig!
HG|1|40|35|0|Siehe, der Wurm ist dein Böses vom Grunde aus und trägt den Stachel des Todes in sich; daher beiße nicht in den Stachel des Wurmes, den Ich dir genommen habe vor Eva aus deinem Herzen im Schlafe und bildete daraus die Eva, die dir lieb ist, da sie aus deiner Liebe entstand und ihr Fleisch aus deiner Begierde und blieb in ihr die Wurzel des Todes, welchen du beleben sollst durch deinen Gehorsam!
HG|1|40|36|0|Geliebter Adam, siehe, Ich, die ewige Liebe Gottes, aus der alles Leben strömt, sage dir das bittend: Verderbe Mir nicht ein so großes Werk an Dir! Du weißt ja, welche lange Zeit der Zeiten verronnen ist seit dem, da Ich dich auffing im ewigen Falle vom Leben zum Tode! Siehe, es mochten wohl eine Milliarde von solchen Erdenjahren verflossen sein, wenn schon damals eine Zeit bestanden hätte, und Ich scheute nicht jegliche Sorge, dich lieben geschaffenen Bruder zu retten; aber da Ich so viel tat, so tue du noch das wenige und gebe in dir Mir Meinen geliebten Bruder wieder, damit wir in Gott, unserem heiligen Vater, wieder eine Liebe werden möchten ewig. Amen.‘
HG|1|40|37|0|Und seht, da verließ mich die Liebe. Ich aber aß und trank und stärkte mich – zum Ungehorsam! O Kinder, hört, ich wurde der ewigen Liebe ungehorsam!
HG|1|40|38|0|Die Erde vermag euch zu erzählen die Größe meiner Untat; denn da blieb kein Stein auf dem anderen, und die Unendlichkeit ward erfüllt von der großen Gewalt des Zornes Gottes!
HG|1|40|39|0|Ich verbarg mich und weinte bittere Tränen der Reue; und die ewige Liebe verschmähte nicht meine Tränen, und die Zähren der Eva waren Ihr angenehm. O Kinder, hört, die Liebe machte alles wieder gut! Ich fehlte wieder am Sabbat und weinte laut über meine Verworfenheit. Und seht, die Liebe sandte einen Engel und ließ mich geleiten aus dem Garten der Versuchung in ein Land, das der Seth noch gar wohl kennt, in ein Land der Besserung, aber auch in ein Land der Trauer, – und wieder in ein Land der Freude. Denn als ich den Fluch wegnahm von Kahins Haupte, der von meinem Todesstachel verderblich geworden war, da er entstanden ist vom Safte des Apfels, der vom Wurme des Todes begeifert war, so gab mir die Liebe des Herrn meinen lieben Ahbel-Seth, – und nun vor hundert Jahren führte uns alle der neue Engel der ewigen Liebe des Herrn hierher ins Land der Erkenntnis Gottes und der ewigen Wahrheit, da Ahbel das Schwert pflanzte und die roten und weißen Beeren vom Strauche las!
HG|1|40|40|0|Seht nun, Kinder, die unermessliche Liebe Gottes, was alles sie an mir und an euch allen getan hat, noch tut und ewig tun wird! Daher seid fröhlich, wenn die ewige Liebe auch die Kinder Kahins heimsucht; doch aber soll nie jemand dahin wandeln von uns ohne das ausdrückliche Gebot des Herrn, denn das Erdreich daselbst besteht aus dem Kot der Würmer! Daher, wenn der Herr jemanden zuvor nicht gesegnet hat, der wage es nicht dahin! Denn alles Übel liegt in den Weibern der Tiefe nun; daher verunreiniget euch nicht mit ihnen! Amen.“
HG|1|41|1|1|Henoch wird Prediger
HG|1|41|1|1|Am 21. September 1840
HG|1|41|1|0|Und als der Adam diese Rede durch Meine besondere Zulassung beendet hatte, da wurde sein Inneres wieder geschlossen seines Heils willen. Seth, Enos und Henoch aber wunderten sich über alle Maßen und konnten nicht begreifen den hohen Sinn dieser Rede und fragten den Adam, was er denn damit hätte sagen wollen.
HG|1|41|2|0|Er aber staunte sie an und wusste kaum, dass er etwas geredet hatte und fragte sie entgegen, was er denn eigentlich gesprochen habe.
HG|1|41|3|0|Seth aber sprach darauf: „O Vater, siehe, du hast uns enthüllt deine wundervolle Werdung vom Anbeginne aller Wesenheit und zeigtest uns die unbegreifliche Führung der ewigen Liebe. Wir verstanden es nicht und wollten dich um eine nähere Erläuterung bitten; daher vergebe uns den Fehltritt unserer Neugierde! Wen sollte auch nicht wundern solcher Dinge, die soeben von deinem Munde an unsere Ohren gedrungen sind?!“
HG|1|41|4|0|Adam aber stand auf, erregte sich und sagte: „So ihr aber wunderbare Dinge nun vernommen habt, so denket, dass sie vom Herrn und nicht aus mir herrühren, und so wisset ihr ja auch, wem zunächst Dank und Ehre gebührt!
HG|1|41|5|0|Lobet daher den Herrn, da Er die höchste Liebe und Weisheit Selbst in aller Heiligkeit ist, und denket, dass der Mensch dem Menschen nichts geben kann, außer er hat es zuvor empfangen von der Liebe des Herrn, der da der alleinige Geber aller guten Gaben ist! So ich euch irgendetwas Gutes gegeben habe, so habe nicht ich, sondern der Herr hat es euch gegeben. Mangelt euch Licht, so seht empor zum Licht der Himmel, und da werdet ihr ja dann doch sehr leicht erkennen, woher das Licht aller Lichter unablässig strömt; denn da eine Gabe jemandem gegeben wird, da ist auch der große, heilige Geber nicht ferne. Daher suchet Ihn, und ihr werdet Ihn auch wohl finden, und das Verständnis der Gnade wird nicht unterm Wege bleiben!
HG|1|41|6|0|Dieses beherziget wohl; denn Adam, euer aller Vater, sagt euch jetzt, wie zuvor, das Übergehende der Werdung aus der herab sich lassenden großen Gnade des ewigen, überheiligen, überguten Vaters! Da aber der Heilige, Liebevolle tat das Seinige, so tut ihr auch das eurige, und gehorchet in allen Dingen! Amen.“
HG|1|41|7|0|Und seht, da verneigten sie sich gen Adam und gingen ihren Weg und besprachen sich unterwegs, was da wohl zu tun sein dürfte. Und Henoch, der Jüngste von allen, der da ohnehin seiner besonderen Frömmigkeit wegen ein Lehrer von Meinem Namen war, nahm das Wort und sagte zu seinen Vätern:
HG|1|41|8|0|„Väter! Adam, unser aller Erdenvater hat Worte gesprochen voll Weisheit und tiefen Sinnes. Wir verstanden sie nicht; denn er redete, was er nicht wusste, dass er also geredet hat. Wenn dem so ist, da ist ja leicht das Verständnis, wie ergreifend er geredet hat. Denn hätte er geredet als Mensch, wie hätten wir als Menschen ihn nicht verstehen sollen? Da er aber redete – nach menschlicher Weise zwar – Dinge aus dem Namen Gottes mit der Zunge des Geistes, der da war ein Zeuge der Liebe in und aus Gott, so konnte unser fleischlich Wesen freilich nichts verstehen von allem dem, was Gottes und des Geistes der Liebe ist.
HG|1|41|9|0|So es aber nun gesagt wurde aus dem Geiste der Liebe nach dem ewigen Rat der Heiligkeit Jehovas, so musste es gesagt werden zur Verherrlichung des allerheiligsten Namens. Wir verstehen es ja nicht mit unserer Kurzsinnigkeit, aber es ist Einer, der es versteht, und dieser Eine ist die ewige Liebe des Herrn; aus Ihr ist alles hervorgegangen, was da ist, und so auch unsere Liebe zu Ihr. Und so empfinde ich, dass, so jemand da ließe seine Liebe über und über strömen in alle Teile seines Wesens zur ewigen Liebe aus Gott und in Gott, der würde verstehen solche Rede der Weisheit; denn die Liebe ist die Wurzel aller Weisheit und es ist nirgends Weisheit denn nur in der Liebe zur Liebe in Gott.
HG|1|41|10|0|Daher, o Väter, wir haben die Wurzel aus Gott; lassen wir sie schießen in alle Teile unseres Lebens, und meine Empfindung sagt es mir überlaut und klar, dass uns noch gar Vieles und Großes wird geboten werden aus dem Gnadenmeer der ewigen Liebe, das noch größer, tiefer und erhabener sein wird denn das uns Adam erzählte. Aus Adam und Eva sind wir geboren; daher haben wir viel Fleisch, aber wenig Verständnis des Herzens. Wenn aber einst Menschen aus der reinen Liebe Gottes werden können geboren werden, denen wird unser Verständnis zum Spielzeug werden.“
HG|1|41|11|0|Und seht, diese kurze Lehrrede gefiel dem Seth und dem Enos wohl, so zwar, dass Enos, sich zum Seth wendend, sagte: „Vater Seth, solch eine Rede voll geheimen Sinnes hat nun Henoch gesprochen, dass sie mir ging wie ein Feuerstrom durch Bein und Mark, und mein Herz erschauerte vor der geheimen Weisheit der göttlichen Liebe in ihr.
HG|1|41|12|0|Höre, Vater, seine Empfindung ist wahr, da sich sein ganzes Wesen in reinster Liebe und voll Demut ausspricht; daher soll er ferner ein allgemeiner Lehrer sein aller unserer Brüder und Kinder in der geheimen Weisheit der ewigen Liebe. Denn obschon der Herr jedem gab die Liebe und das Verständnis des Herzens als reine Gnade aus Sich Selbst, so aber ist anderseits doch auch empfindlich wahr, dass nicht jeder von uns eine gleiche Last haben kann, und es hat der eine mehr Gewalt in seinen Füßen, der andere in seinen Händen, ein anderer in seiner Brust, ein anderer in seinem Rücken, und wieder ein anderer in seinen Eingeweiden, und der in diesem, und der in jenem. Auch hat zwar ein jeglicher ein menschlich Gesicht, und es sieht doch nicht eines dem anderen vollends ähnlich. Und so meine ich denn auch, Henoch hat eine große Macht und Gewalt in seinem Herzen, und es wird ihm darinnen keiner gleichen; denn man kann nicht Liebe haben, wie man will, sondern so viel einem der Herr verliehen hat. Jedem hat er zwar gegeben Liebe, aber nicht alle sind sich gleich darinnen; daher muss auch das Verständnis verschieden sein, damit ein Bruder dem anderen notwendig werde, wodurch dann erst alles ausgeglichen wird, was der Herr so überweise uneben hat entstehen lassen.
HG|1|41|13|0|Und du, mein lieber Henoch, der du wohl vernommen hast nun diese meine Rede, sage mir, ist es nicht so, oder kann oder soll oder darf es anders sein? Dein Herz ist stark, und dein Verständnis macht das meine zunichte; daher rede, und lehre die rechten Wege des Herrn, und zeige uns allen dessen unbegreifliche Fußstapfen, und lehre uns den gerechten, allerheiligsten Namen des Herrn gebührend loben und preisen, wie es sich wohl gezieme für uns Kinder Seiner ewigen Liebe und dadurch Kinder unseres alten Vaters Adam!“
HG|1|41|14|0|Und seht, als der fromme Henoch solche Rede voll Würde und Erhabenheit aus dem Munde Enos’ vernommen, fragte er die beiden Väter: „Wird es sich aber wohl ziemen einem schwachen Kinde, denen zu predigen, von denen es noch gar vieles zu erlernen hat?“
HG|1|41|15|0|Seth und Enos aber entgegneten und sagten: „Lieber Henoch, weißt du denn nicht, wie uns Adam öfter belehrt hat? Die Väter haben nur mit dem Segen des Herrn in den Leibern ihrer Kinder Wohnungen für ihre jüngeren Brüder gezeugt; da wir aber Zeuger der Leiber sind und nicht auch der Liebe, die da ist ein lebender Geist aus der Liebe Gottes, so sind wir in der Liebe ja nichts als lauter Brüder und Schwestern untereinander und sind somit vielmehr Kinder eines und desselben überheiligen Vaters in den Himmeln der Höhe, die da ist eine ewige Wohnstätte der Heiligkeit Gottes, der da ein wahrer Vater unser aller ist. Daher predige du nur zu in deiner Liebe, und sei versichert: wir werden die Zunge des Bruders und des Kindes mit der Gnade Gottes wohl unterscheiden; denn so jemand die Liebe predigt, der redet als Bruder aus dem Herzen der ewigen Liebe, und sein Wort wird sein gleich einer aufgehenden Sonne, deren Licht erwärmend verscheucht die Nebel aus den dunklen Furchen der Erde. Wer aber nur predigen würde aus seiner ihm verliehenen Weisheit, dessen Lehre würde sein gleich dem Licht der Sonne am Mittag, welches Licht nicht mehr erwärmt, sondern nur gewaltig und unerträglich brennt, und man sich vor solchen übergrellen Strahlen gerne flüchtet unter die allerdichtesten Schatten aus Furcht vor solchen brennenden Strahlen!
HG|1|41|16|0|Du aber, lieber Henoch, hast nur einen großen Born der Liebe und nicht der nackten Weisheit in dir; daher lasse diese deine göttliche Morgensonne uns, deinen Brüdern in Gott, aufgehen!“
HG|1|41|17|0|Und Henoch antwortete: „Liebe Väter, wenn es so ist, da meine Empfindungen aus Gott es mir auch sagt, dass es so ist, so habt ihr ja vollends recht geredet; aber nur eines habt ihr vergessen, und dieses ist von größter Wichtigkeit und lautet also: Jedweder kann reden und handeln nach seinem Belieben zur Ehre Gottes, wie und wann er will; aber zu predigen in Seinem Namen vermag nur der, dem es gegeben wurde von oben. Mir ist es gegeben nur von euch, aber noch nicht von oben; daher predige ich nur vor euch. Wenn es mir aber auch gegeben wird von oben, dann erst kann und darf ich predigen allen Brüdern die große Kraft des Namens der ewigen Liebe. Was aber die Ziemlichkeit der Preisung des großen Namens betrifft, so wisst ihr lieben Väter ja ohnehin, welcher Preis und welches Lob dem Herrn am angenehmsten ist, und wisst auch, dass da weder Worte, noch Gebärden, noch Gedanken, noch zeremonielle Gebräuche so viel als nichts sind und nur allein Liebe und Gehorsam Ihm das wohlgefälligste Opfer sind, welches wir Menschen Ihm darzubringen vermögen! Er, der unser aller Gott und Vater ist, weiß genau, was Er mit uns will; daher geschehe ja allzeit Sein heiliger Wille! Amen.“
HG|1|41|18|0|„Ja“, sprach der Seth, „du lieber Henoch du, auch diese deine Rede war eine Rede voll Weisheit aus der unendlichen Liebe des Herrn und glich einem schönen Morgen, der in dir aufgeht und sanft erleuchtet unsere Furchen. Siehe, Henoch, alle Wahrheit ist ein Licht, das ausgeht von der sanften Flamme der ewigen Liebe, und dieses schönste, herrlichste Licht ist die wahre Morgensonne des Herzens; ja, es ist das einzige Licht, und außer diesem Licht gibt es kein Licht, und selbst der Sonne Licht ist nur ein matter Widerschein dieses herrlichen, einzigen Lichtes der ewigen Liebe. Siehe, dieses Licht leuchtet gar so mild in deinem Herzen; es erquickt uns allzeit und erwärmt unsere Herzen mit großen, des heiligen Vaters würdigen Gedanken. Ja, wenn du redest, so kommt es mir vor, als vernähme ich Klänge aus einer Welt, die einst unseren späten Nachkommen gleich einem großen Lichtstrom aus dem ewigen Morgen Gottes aufgehen wird; – siehe, so sehr erquickt uns die Rede deines Herzens. Daher schweige nicht, sondern rede, und lasse dem Herzen freien Lauf, und zeige uns, was ich und Enos wünschen!“
HG|1|41|19|0|Und als Henoch solches vernommen, sah er gen Himmel und sprach leise in seinem Herzen zu Mir wie folgt: „Heiliger Vater, sehe gnädig herab auf mich, Dein schwaches Kind! Siehe, ich soll geben und habe nichts denn meine Liebe zu Dir, – o Vater, mein Herz brennt vor Liebe zu Dir, ich kann nichts, als Dich nur lieben –, o Vater, zürne nicht, dass ich mich getraue Dich, o Du allerheiligster Vater zu lieben, der ich nichts als Staub und Erde bin, aber sehe, du bist ein gar so guter Vater, und Deine Größe verschmäht nicht den Wurm im Staube!  O Vater, siehe, wir alle sind bestaubte Würmer vor Dir, Du allmächtiger, ewiger, heiliger Vater! Es ist nichts Gutes an uns als allein unsere Liebe zu Dir, die zuvor aus Dir in uns kam. Mit dieser Deiner Liebe in uns lasse Dich, o Du guter, heiliger Vater, aus allen unseren Kräften über alle Maßen lieben! Denn was kann ich Schwacher reden, da meine Liebe zu Dir mir allzeit die Zunge hemmt, daher ich auch, wie Du es weißt, Dich weder loben noch preisen kann, da die Liebe zu Dir mir die Zunge lähmt.
HG|1|41|20|0|O Vater, siehe daher gnädig herab auf mich bestaubten Wurm und löse mir die Zunge, so Dein heiliger Wille es ist, dass ich zu reden vermöchte zur Verherrlichung Deines Namens im Angesichte meiner Väter, Brüder und Kinder! Du weißt, dass Enos, Kenan, Mahalaleel und mein Vater Jared allzeit gepredigt haben die große Herrlichkeit Deines allerheiligsten Namens; o so lasse auch mich nicht ein unwürdiger Sohn meiner frommen Väter sein!“
HG|1|41|21|0|Und seht, als nun der Henoch solches stilles Gebetlein in seinem liebenden Herzen gesprochen hatte, welches ein wahres Gebet war, und welches Mir auch nur einzig angenehm war und ewig angenehm bleiben wird, da es ein rechtes Gebet war, so ließ Ich alsobald einen Engel darniedersteigen zur Erde und stärken alldort seinen Bruder Henoch und ließ ihm vollends lösen die Zunge. Und als dieses geschehen war, sehet, da erkannte sich Henoch aus seiner Liebe und begann folgendermaßen zu reden:
HG|1|41|22|0|„O liebe Väter und Lieblinge Gottes, seht, die Liebe zu Gott hat mich auf eine kurze Zeit blind, taub und stumm gemacht; der Herr hat in meiner Liebe mich angeschaut, und Seine unermessliche Liebe hat mich gestärkt und gelöst meine matte Zunge. Seht, das alles hat nun soeben die ewige Liebe getan. Nun erst kann und darf ich reden; daher vernehmt das Lob des heiligen Vaters.
HG|1|41|23|0|Seht, so will es der Herr, der da voll Liebe ist, dass der Mensch Ihn liebe aus allen seinen Kräften; denn es besteht nirgends irgendeine Macht oder Kraft außer allein in Gott. Und so ist alle Kraft im Menschen nur eine Kraft der Liebe aus Gott, und diese Kraft ist gelegt in unser Herz, und diese Kraft ist keine andere als die Liebe selbst. Da wir nun aber Liebe haben, so sollen wir sie nicht behalten, sondern sie opfern Dem, der sie uns auf eine so wunderbare Art unserem Herzen aus Seiner Gnade überschwänglich eingelegt hat.
HG|1|41|24|0|Seht, nichts haben wir, was wir dem Herrn geben könnten, das wir nicht zuvor von Ihm erhalten hätten; und welche Freude könnten wir Ihm auch wohl machen, so wir Ihm auch die ganze Erde, ja die ganze Welt zu geben vermöchten?! Er würde uns sagen: ‚Kinder, Ich bedarf dessen ewig nicht; denn so Ich Freude an Welten hätte, so könnte Ich Mir ja in jedem Augenblick zahllose Milliarden erschaffen und hätte auf Ewigkeiten der Ewigkeiten auch den hinreichendsten Raum dazu. Allein Mich freuen nicht eure Opfer, die Mir bereitet werden aus der Materie, die da ist ein Haus des Todes, sondern Mich freut nur ein reumütiges, Mich liebend voll zerknirschtes Herz. Das ist es, das ganz euer ist als eine freie Gabe von Mir; dessen seid ihr im Vollbesitz. So ihr wollt, könnt ihr es Mir wiedergeben, und Ich werde da einziehen mit Meiner Gnade, und ihr werdet leben ewig dann mit der Gnade in Meiner ewigen Liebe, und alle Dinge sollen klar werden wie ein Tropfen Wasser. So ihr aber selbst einzieht in euer Herz und verriegelt dann die Türe vor Mir, dass Ich nicht hinein kann, wenn Ich will, so werdet ihr alsobald euer Lebensbrot in euch verzehren; und da Ich als der alleinige Geber des Lebensbrotes mit Meiner Lebensgabe nicht mehr hineingelassen werde, so wird also auch der ewige Tod alsobald die notwendige Folge der Eigenliebe und des Selbsttums in euch werden.‘
HG|1|41|25|0|Denn seht, spricht der Herr ferner, ‚Ich habe keine Freude am Nehmen, sondern Meine größte Seligkeit besteht nur ganz allein im immerwährenden Geben. Wer da empfangen will, der nehme es allzeit willig, so Ich ihm gebe, und lasse erfüllen sein Herz mit Meiner Gnade, damit dereinst Meine Liebe im Vollmaß wird einziehen können; denn dessen Herz nicht ganz erfüllt wird von Meiner Liebe, der wird nie schmecken das Leben in sich, sondern der Tod wird ihn gefangen nehmen durch und durch. Denn es ist jetzt die Zeit, dass Ich jedem zuvor gebe Gnade, dann erst die Liebe aus Mir bis zur großen Zeit aller Zeiten; alsdann aber wird die Liebe sein das Erste, und wer nicht haben wird die Liebe, dem wird nie zuteil werden das Licht der Gnade, sondern da wird zugrunde richten jeglichen das Licht der Welt.‘
HG|1|41|26|0|Und seht, liebe Väter, und vernehmt wohl meine Rede und hört wohl, wie der Herr noch ferner spricht, und es lauten Seine Worte: ‚Hört, ihr Kinder Meiner Erbarmung, Meine Gnade ist ein großer Schatz, und es hat die Erde nichts, was diesem gliche. Meine Gnade ist ein rechtes Licht aus der Höhe Meiner Heiligkeit, wie Meine Liebe ist eine rechte Speise des Lebens. Wer da nicht empfangen hat Meine Gnade, der kann nicht glauben, dass Ich es bin, aus dem alles Leben ewig strömt; wer aber nicht hat den Glauben, der ist gleich den Tieren und wird gerichtet, da er geht und steht. Doch aber so jemand wäre, der Mich da erkennen möchte in seiner Liebe, über den werden Ströme der Gnade ausgegossen werden, und da hat dann ein solcher schon im Voraus teil an dem, was dereinst werden wird den Menschen der Erde, in der großen Zeit der Zeiten, die eines guten Willens sind.
HG|1|41|27|0|Daher glaubt, damit ihr zur Liebe und dadurch zum Leben dereinst gelangen mögt, und liebt Mich in eurem Geiste, und es seien alle eure Werke eurer Hände und eures Willens Zeugen des Lebens in euch, und eure Zunge sage euch, dass ihr Kinder Gottes seid. Ich werde die Menschen richten nach dem Glauben; Meine Kinder aber will Ich führen in Meiner Liebe, und das Licht Meiner Weisheit soll ihnen zur ewigen Leuchte des allerseligsten Lebens in Mir, ihrem liebevollsten, heiligsten Vater werden, jetzt und in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten! Amen.‘
HG|1|41|28|0|O liebe Väter, habt ihr gehört, was der Herr geredet hat?“ – Und der Seth antwortete: „Ja, geliebter Henoch, wir haben es gar wohl vernommen; allein es geht uns dabei nicht viel besser als bei der Erzählung Adams; denn wir alle haben zwar Gnade, aber zu wenig Liebe.“
HG|1|42|1|1|Kenans Traumgesicht von den zehn Säulen
HG|1|42|1|1|Am 28. September 1840
HG|1|42|1|0|Und als der Seth eine solche kurze, liebarme Bemerkung ausgesprochen hatte, seht, da kamen diesen dreien noch der Kenan, Mahalaleel und Jared entgegen und grüßten sie in aller Liebe und dankten Mir für die Gnade des Wiedersehens, und Seth segnete sie alle in Meinem Namen, damit sie reden konnten und durften im Angesichte Meiner Liebe und im Angesichte Seths, des zweiten Stammvaters der hochgesegneten Linie nach Adam, welche endlich Ich Selbst in der großen Zeit der Zeiten körperlich beschloss.
HG|1|42|2|0|Und als diese drei den Segen empfangen hatten, da öffnete zuerst Kenan den Mund und sprach: „Liebe Väter und Kinder, höret und vernehmet wohl meine Rede; denn ich will sie euch so getreu, als ich sie empfangen habe durch nächtliches Gesicht, wiedergeben. Und dieses Gesicht stellte zehn Säulen vor, und diese Säulen ragten über ein großes Gewässer, das oft gewaltig an die Säulen schlug. Und da stand auf der ersten Säule Adam und sprach zu den Fluten: ‚Höret Kinder, Gott, der Herr Zebaoth, der mächtige, große, heilige Vater aller von mir gezeugten Kinder ist ein einziger Gott! Wie Er mich auch gemacht hat zum einzigen Menschen der Erde, so ist Er von Ewigkeiten her ein einziger Gott, und es gibt außer Ihm keinen Gott mehr; denn es ist die Unendlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit ganz erfüllt von Seiner Ehre, Heiligkeit und Liebe. Daher glaubet, ihr Fluten, dass der Herr ist ein einziger, einiger, großer, ewiger, allmächtiger, heiliger, gerechter, höchst weiser, liebevollster, gnadenreicher, barmherziger, überaus guter und über alles erhabener Gott und darum unser aller Vater. Daher seid ruhig, ihr muntern Wogen, und kläret euch, damit das Licht dieses einzigen Gottes euch durchleuchten möchte bis in den Grund eures Lebens! Amen.‘
HG|1|42|3|0|Und sehet, da wurden ruhig die Wogen um die Säule Adams, und es fiel ein gar gewaltiges Licht von der Höhe Gottes auf die glatte Spiegelfläche der Wässer; da erglänzte die Fläche gleich einer Sonne, und aus dem Grunde der Gewässer kam ein einstimmiger Lobgesang, entwand sich gleich einer lichten Wolke den Gewässern und stieg, heller und heller strahlend, hinauf zu den ewigen, heiligen Höhen des allmächtigen Vaters, der da ist der einzige, einige Gott.
HG|1|42|4|0|Und höret weiter, ihr lieben Väter und Kinder, was ich gesehen im nächtlichen Schauen, zwar nicht mit den Augen des Leibes, – mit geistigen Augen hab’ solches entzückt ich gesehen!
HG|1|42|5|0|Nicht weit von der Säule des Adam stand eine fast gleiche erhaben. Die munteren Wogen getrauten sich kaum zu erheben die blitzenden Häupter empor zur erhabenen Säule und kreisten im sanften Geschaukel voll Ehrfurcht um diese erhabene Säule herum, so, als wollten sie sagen: ‚Sieh, sterblicher Mensch, sieh den Namen des Höchsten, der, heilig und liebevoll, ‚Jehova‘ heißet! Nie soll dieser Name von frevelnden Zungen ganz eitel genennet je werden; der Name des heiligen Vaters ist heilig, wohl heilig, höchst heilig! O Menschen, o Kinder‘, so riefen die kreisenden Wogen, ‚bedenket, o bedenket, wem der Name ist eigen! Da denket in euren Herzen, dass Gott, ja ein Gott es ist, dem dieser Name ist eigen!‘
HG|1|42|6|0|Und seht, als vom kreisend sanft schaukelnden Wogengetümmel ich solches hab’ staunend vernommen, konnt’ ich erst erheben ganz furchtsam zur Höhe der Säule des Geistes hoch staunende Sehe und sah – o ich kann’s nicht beschreiben, wie heiß und doch wonnig mir da um das Herz ist geworden! – Ich sah auf der glänzenden Höhe der Säule ganz ernsten Antlitzes dich, teueren Vater, dich, Seth, sah ich stehen! Und du sprachst zu den sanft kreisenden Wogen, was eben zuvor ich geredet, da solches von ihnen ganz treu hab’ vernommen und war da im Glauben und Hören, als hätt’ ich’s vernommen von allen den kreisenden Wogen, was du nur geredet da hast auf der heiligen Höhe zu den die heilige Säule im sanften Geschaukel umflutenden Wogen; und wie ich geredet, so hab’ ich’s gesehen.
HG|1|42|7|0|Und höret nun ferner, ihr lieblichen Väter, und so auch ihr allzeit uns folgsamen Kinder! – So sah ich denn ferner unweit von der Säule des Seth ganz umflutet von leuchtenden Wogen die dritte der Säulen; die stand, wie vom rötlichen Lichte umflossen, erhabener denn alle die anderen, und alle die  Wogen, die rascher und rascher um andere Säulen sich trieben, die standen hier stille und dampften aus ihren sanft bebenden Furchen dem Herrn und ewigen, heiligen Vater, von Ehrfurcht und Liebe durchdrungen, ein feuriges Loblied entgegen.
HG|1|42|8|0|Ich wollte nachspähen, wohin die so feurigen Dämpfe den Weg möchten nehmen, – und seht, meine Augen, geblendet beinahe vom heiligen Glanze erhab’ner Gesänge, die so da entdampften der Ruhe der reinen Gewässer, erblickten in heiliger Höhe der dritten der Säulen, von blitzenden Wolken umzogen, den dritten von euch lieben Vätern, und dieser war Enos!
HG|1|42|9|0|Ja du, Vater Enos, du standst auf der dritten der Säulen und sprachst in gar feurigen Worten zu den still horchenden Wogen: ‚O höret, ihr alle Gewässer der Erde; vernehmet die Worte der Höhe und horchet den Tönen der heiligen Rede! Ihr könnet da fluten und wogen sechs Tage und Nächte in fröhlichen Reihen; doch wenn da der siebente Tag ist gekommen, gesegnet von heiliger Ruhe, der Sabbat des Herrn, ein heiliger Tag, hört, den sollet auch ihr allzeit feiern zum schuldigsten Lobe und Preise des heiligen Vaters! Denn das ist der ewigen Ordnung gemäß, dass da alles, das atmet lebendigen Odem aus Gott und im liebenden, dankenden Herzen empfindet die Liebe des ewigen, heiligen Vaters, das solle der Ruhe und Feier des heiligen Tages gedenken; denn dieses ist allzeit des heiligen Vaters hochheiliger Wille: Sechs Tage kann arbeiten all das Gewässer, kann fluten und wogen in rauschenden Zügen; doch heilige Ruhe soll wehen am heiligen Sabbat gleich feurigen Wolken, zur Feier einladend, hehr über den schweigenden, horchenden Fluten!‘
HG|1|42|10|0|Und höret, ihr lieblichen Väter und folgsamen Kinder, was ich euch allhier hab’ gemeldet, getreu und genau, also hab’ ich’s vernommen.
HG|1|42|11|0|Und höret geduldigen Willens noch ferner, geliebteste Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, was ich da noch ferner und weiter mit staunenden Augen des Geistes für Wunder der göttlichen Liebe und leuchtender Gnade hab’ treulich gesehen! O Väter und Kinder, wie ihr mich da sehet und höret im bebenden Eifer euch meine Gesichte erzählen, ja wahrlich, so stand ich denn dort im Gesichte als vierter, vom rötlichen Lichte umflossen, auf einer ein wenig nur minder erhabenen Säule, die so wie die ersten drei leuchtend umflutet von munteren, kreisenden Wogen nach allen erdenklichen Richtungen war. Voll des Staunens ob solcher so plötzlich erhabenen Stellung, die ich da den Vätern gleich hab’ eingenommen, bemerkte ich traurig, dass weiter und weiter der Säule entlang denn die Wogen stets finstrer und stürmischer wurden und hoben in brennendem Eifer an zahllosen Stellen unstet ihre schäumenden Häupter gleich rauchenden Bergen hoch über die Säule, auf welcher ich stand, voll Sorgen und Kummer, empor, so als wären sie Kinder, die ohne Gehorsam im Herzen sich böslich bemühen, die Säule des Vaters und so auch der Mutter zu stürzen und, selbe im Falle verhöhnend mit lästernden Zungen, zu treten mit stampfenden Füßen, an welchen da klebet in Massen des schwarzen Undankes ertötender Staub.
HG|1|42|12|0|Und als solches ich habe betrachtet die Zeit lang mit blutendem Herzen, erhob sich auf einmal, der Säule entströmend, ein heftiger Sturm und tobte Orkanen gleich über die schäumenden Häupter der bergenden Wogen. Und sehet, es währte der heftige Sturm, der Säule entströmend, nicht lange, als sich das Getümmel der tobenden Wogen, genötigt von strafender Macht der Orkane, zur segnenden Ruhe begab, so dass nur hie und da noch ein seltenes, leises Gemurmel der willig sich ebnenden Furchen der Fläche so großen Gewässers zur völligen Ruhe die leuchtenden Schichten dem göttlichen Munde entströmenden Hauches nicht unangenehm unterbrach. Und als völlig die mächtige Liebe des ewigen, heiligen Vaters mit solchen erstaunlichen Mitteln die segnende Ruhe hat treulich bewirket, so fing meinem Munde alsbald ein gar köstlicher Ton zu entquellen. Und hört, dieser Ton klang wie heilige Worte, entströmend dem liebenden Herzen des heiligen, ewigen Vaters aus Höhen der Höhen des ewigen Lichtes der Lichter unendlicher, leuchtender Sphären und goss sich in reichlichen Strömen gar weithin laut über die endlose, horchende Fläche der großen Gewässer, und wie ich vernommen, fand treu ich den Sinn solcher göttlichen Stimme gar herrlichen Klanges. Der Sinn aber sprach sich auf folgende Weise gar schön und gar wunderbar aus:
HG|1|42|13|0|‚Hört‘, sprach die heilige Stimme, ‚ihr stürmen nur wollenden Fluten, Gehorsam und Liebe der Säule des Kenan seid schuldig ihr bebenden Wogen, wollt lange ihr feuchten die toten und festen Geklüfte der trauernden Erde; doch wehe den bergen sich wollenden, schäumenden Wogen, die da sich erheben je über die leuchtende Säule des Kenan vermöchten!
HG|1|42|14|0|Zu klaffenden Bergen, so hoch sie auch immer erheben sich möchten, werd’ Ich durch die ewige Kraft Meines Zornes und brennenden Grimmes sie jählings erhärten und festen zur zeitlich sowohl, als auch geistigen, ewigen Qual in dem brennenden Pfuhl Meines ewigen Fluches!
HG|1|42|15|0|Doch den gar ruhig gehorchenden Fluten soll zeitlich und ewig das Wogen im Lichte der ewigen Liebe des heiligen Vaters der Väter gesegneter, munterer, fröhlicher Fluten, zuströmend den Meeren des ewigen Lebens, aus Meiner Erbarmung bald werden!
HG|1|42|16|0|Erhebet euch nimmer denn über die heilige, leuchtende Säule des Kenan. So will es der ewige, heilige Vater der Väter und Richter der tobenden Wogen der Meere des Lebens in endlosen Reihen und feurigen Strömen aus Gott!‘ – Seht, geliebteste Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, wie ich es erzählte, so treu und so wahr, ja geradeso hab’ ich’s gesehen mit innerer Sehe voll Wunder und höherem Walten der ewigen Liebe in Gott und aus Gott!
HG|1|42|17|0|Und so höret denn ferner, was ich all für Wunder der göttlichen Liebe im Geiste erstaunt hab’ gesehen so klar und so deutlich, als stünden so seltene Dinge ganz lieblich vor meinen hellschauenden offenen Augen des fleischigen Leibes!
HG|1|42|18|0|Ich stand noch auf leuchtender Säule und blickte nun fürder ein wenig zur fünften der Säulen; und höret, wie staunte ich da ob des neuen erstehenden Wunders der göttlichen Liebe des ewigen, heiligen Vaters!
HG|1|42|19|0|Die Säule war düster vom Fuß bis zum Scheitel, und die sie in heftigen Stößen umflutenden Wogen, die schienen gleich glühenden Erzen sich zornentbrannt zu vernichten; da brauste und sauste der Tod durch die glühenden Tiefen der zornigen Wässer, und Woge auf Woge erstarrte, vom glühenden Grimme ergriffen.
HG|1|42|20|0|Ich sah in die Nächte der brausenden Tiefen des Todes, erblickte da Dinge – o höret, die Zunge des Menschen könnt’ eher erstarren als wiederzugeben die Gräuel der wütenden, ganz von dem tötenden Zorne durchglüheten Wogen.
HG|1|42|21|0|Als solches ich sattlich gesehen durch meine geöffneten Augen des Geistes im Herzen der Seele des Fleisches, da hob ich beklommenen Herzens die Augen empor zu dem Scheitel der düsteren Säule und sah dort, o höret, dich, Jared, den Sohn meines Sohnes Mahalaleels ersten gesegneten Liebe, um Liebe empor zu dem ewigen, heiligen Vater für die grimmentbrannten und untereinander sich stoßenden, würgenden, mordenden Wogen gar ernstlich flehen!
HG|1|42|22|0|Und als du, mein Jared, so flehtest, da stürzte auf einmal den weithin geöffneten Himmeln entlang eine reichliche Flut voll erbarmender Liebe hernieder auf die von den Gluten des tötenden Grimmes gefesteten, gischenden Wogen. O höret, da brauste und sauste von neuem die starrende Fläche des todvollen Meeres, da fingen von neuem die hart in den Tod schon gefesteten Wogen sich wieder zu lösen in ihrer erbitterten Härte und flossen wie Brüder und Schwestern, einander sanft flutend und wogend und furchend, durchdringend und helfend, zufrieden in die von der ewigen Liebe von neuem durchwärmten Arme und Herzen.
HG|1|42|23|0|Und als da ich solches gesehen, da ward denn auf einmal von mächtigen Händen geschleudert ein flammendes Schwert in die bebenden Hände des flehenden Jared, und dieser ergriff es behände und schwang es nach göttlicher Fügung, soweit es zu schwingen nur Möglichkeit war; und als solches geschehen, da konnt’ ich mit deutlich bezeichneten Worten vernehmen:
HG|1|42|24|0|‚Du irdisches, treuloses Wogengetümmel, zu töten geschaffene Wesen als Kinder der ewigen Liebe sollst nimmer du wagen; denn Ich bin der Herr so des Lebens und so auch des Todes! Wer immer da töten wird zornigen Herzens die Brüder und Schwestern, der soll auch alsbald mit den Strafen des ewigen Todes am Geiste und Seele ganz sicher bestrafet bald werden. Daher solle niemand den anderen da stoßen, noch schlagen, noch fluchen, noch morden, noch töten; denn Ich bin der Herr und der mächtige Gott so des Lebens und so auch des zeitlich’ und ewigen Todes!‘
HG|1|42|25|0|Und höret und sehet, geliebteste Väter und ihr auch, uns liebende Kinder, wie ich nun erzählet hab’ treulich und wahr, so auch ist es geschehen von Zeichen zu Zeichen, von Wort bis zum Wort.
HG|1|42|26|0|Und als solches vernommen und helle gesehen ich hatte, da lenkte die Augen alsbald zu der sechsten der Säulen ich über und sah dort, o höret, geliebteste Väter und ihr auch, uns liebende Kinder, – es grauet zu sagen vor euren forschenden Augen der furchtsamen Zunge des Kenan die schrecklichen Gräuel, die ich, euer Kenan, geschehen musst’ sehen, und zwar bei der sechsten der Säulen.
HG|1|42|27|0|Ich sahe die Säule umflossen vom Blute und scheußlichen Schlamme, und statt der sonst munter die früheren Säulen umkreisenden Wogen, hört, krochen hier grauen- und ekelerregend ohn’ alle Vergleichung die grauslichsten, schändlichsten Würmer.
HG|1|42|28|0|Und hört, selbst die Säule, die herrliche Säule, die war, wie sonst keine, vom Fuß bis zum Scheitel beschmutzt und besudelt vom Blute der Schande der schändlichen, scheußlichen Würmer! Oft krochen die Würmer hinauf bis zum Scheitel sogar; auch erhoben sich Massen um Massen empor, so dass niemand gewahren da mochte die herrliche Marke des göttlichen Willens.
HG|1|42|29|0|So weit auch das Auge des Geistes nur immer zu reichen vermochte, so konnte es aber doch nichts als nur Haufen und Haufen erschauen und sehen, wie sich diese Haufen der Würmer zerquetschend im gräulichen Eifer nun wieder vereinend zu größeren Würmern wurden und krochen dann über die anderen, sich windend und krümmend gerade zur schlammüberdeckten Mahalaleelssäule, umwanden dieselbe bis unter den Scheitel und wollten ihr nehmen dadurch ganz die göttliche Form, durch welche der heilige Wille des ewigen, heiligen Vaters zur Kunde soll werden den friedlichen Wogen der großen Gewässer des Lebens im endlosen Meere der heiligen Liebe im Herzen des ewigen, heiligen Vaters.
HG|1|42|30|0|Doch hört, was da ferner ist treulich geschehen! Auf einmal erdröhnten die glühenden Himmel; die Sonne erlosch, und der Mond auch konnt’ nicht mehr sanft spenden den Schein seiner Treue, und so auch die Sterne; die fielen in Mengen und Mengen zahllos aus dem purpurdurchglüheten Himmel.
HG|1|42|31|0|Und höret, als solches geschehen, da fingen zu klagen und heulen unzählige Tote aus allen den Tiefen des stinkenden Schlammes und sprachen: ‚O decket uns, all ihr zerbrochenen Sterne, damit wir das Antlitz Mahalaleels ewig nicht sehen; denn der ist im Namen des ewigen, zornigen Gottes gekommen als feurige Geißel, zu schlagen uns elende Würmer, die wir denn da haben umschlungen die hohe, die herrliche Säule!‘
HG|1|42|32|0|Und hört, als den finsteren Tiefen des Todes ist solches entstiegen, da barsten die Himmel, aus deren geöffneten Ritzen gewaltige Ströme des göttlichen Feuers sich über Mahalaleels Säule ergossen.
HG|1|42|33|0|Mahalaleel aber, vom Geiste des Herrn durchleuchtet, sprach: ‚Höret, ihr stinkenden Wogen in Würmergestalten, die Liebe des Herrn ist ewig und heilig und rein; darum sollet auch ihr nicht Unlauterkeit treiben!
HG|1|42|34|0|Die Zeit ist gekommen, ein heiliges Feuer vom Himmel, zu waschen euch stinkende Würmer im ewigen Feuer des Zornes, so ihr euch nicht ehedem waschet zu friedlichen, liebe- und gnadedurchleuchteten, munteren Wogen.‘
HG|1|42|35|1|Am 2. Oktober 1840
HG|1|42|35|0|Und als nun dem feurigen Munde Mahalaleels unter beständigen Blitzen und heftig dieselben begleitendem Donner ist solches in kräftigen Worten entquollen, o höret, da fingen die Haufen und Massen der Würmer an zu sinken, und wie sie zu ebener Fläche sich hatten geglichen, da flossen die schändlichen, ekelnden Formen gleich Erzen am sprühenden Feuer der düsteren, ewigen Schmiede in anfangs noch trübe, doch nach und nach immer in mehr sich durchklärende Wogen und friedliche Fluten hier in-, da durch-, und dort auch hehr auseinander.
HG|1|42|36|0|Und höret, also war die Ordnung, die herrliche Ordnung alsbald wieder neu hergestellt, und nach dieser Herstellung der göttlichen Ordnung ließ gierig ich schießen mein Auge in endlose Fernen so über die weißliche Fläche der großen, gar rein nun gewordenen Wässer und sah, dass da nirgends mehr Haufen und Massen sich drängten, und sah, dass nur hie und da dunklere Wogen den lichteren nahten und dann in der Nähe derselben selbst heller und heller, am Ende gar leuchtend selbst wurden, und sah da noch ferner, da ich von den endlosen Fernen der wogenden Flächen der großen Gewässer mein forschendes Auge anheim hab’ gelenket dahin zur Mahalaleels Säule, dass sie gewaschen von aller der blutigen Schande gar lieblich in weißlichem Lichte erglänzte, umfurchet von niedlichen, schäkernden, leuchtenden Wogen.
HG|1|42|37|0|Mahalaleel, höre, dich sah ich dann knieen und danken dem Herrn, dem heiligen Vater der leuchtenden Wogen; und sieh, jedes Wort, das dir, dankend dem Vater der ewigen Liebe, den zitternden Lippen entstammte, floh gleich einer strahlenden Sonne hinauf zu den ewigen Höhen des ewigen, heiligen Vaters!
HG|1|42|38|0|Und hört, ihr geliebten Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, wie ich es gesehen und treu hab’ gehöret, so treu und so wahr geb’ ich hier es euch wieder.
HG|1|42|39|0|Und da ihr jetzt solches in eurem Herzen habt willig vernommen, so höret noch ferner erzählen mich, Kenan, die nächtlichen Wunder der göttlichen Liebe und überhell strahlenden Gnade des ewigen, heiligen Vaters!
HG|1|42|40|0|Nun höret, als solches ich sattsam gesehen im strahlenden Lichte der Gnade, entströmend den ewigen Höhen des heiligen Gottes und Vaters der Liebe und aller der friedsamen, leuchtenden Wogen, da stieß denn auf einmal mein Auge auf eine ganz glührote siebente Säule; und Henoch, der fromme, der ehrliche Henoch, stand schwebend beinahe auf dieser erglüheten Säule.
HG|1|42|41|0|Die Wogen umflossen im tückischen Treiben die hoch in die flammenden Lüfte aufsteigende Säule des Henoch. Ich staunte jedoch nicht gar lange dies sonderbar’ Bild mit den Augen des Geistes da an, als ich bald zu gewahren anfing, dass da unter den tückischen Fluten, zum Teile vom Schlamme des Grundes bedecket, sich fremde, geraubte, gestohlene Wässer gar gräulich gefesselt befanden.
HG|1|42|42|0|Es waren da Wässer der Liebe und Wässer der Gnade, und waren da Wässer des Lebens und Wässer des Lichtes, und so noch der Wässer erdenkliche andere Sorten; und alle die zahllosen Wässer – hört! – waren gefestet gleich denen durchsichtigen Steinen mit glühenden Banden der schändlichen, nur das Ich liebenden Liebe.
HG|1|42|43|0|Und sehet, ihr Väter und Kinder, wie dieses liebloseste Rauben und Stehlen geschah; hört, wie ich es gesehen, so will ich’s euch künden: Es hoben sich Massen, von diebischem Eifer getrieben, gleich niedlichen Wölkchen aus dieser so tückischen, wogenden Fläche der großen Gewässer, von denen die Säule des Henoch umflutet nach allen unübersehbaren, erdenklichen Richtungen war. Diese Wölkchen nun flohen weit über die Grenzen des ihnen gehörigen Säulengebietes hinaus; wenn sodann sie ersahen ganz ruhige Flächen in anderen Gebieten der großen Gewässer, da stürzten sie schneller denn Blitze darnieder, ergriffen mit gieriger Hast da die friedsamen Wogen, zerstäubten dieselben in dunstige Nebel und hoben und trieben dann selbe in eiligster Schnelle gleich stürmenden Winden in ihres tückfeuchten Gelichters unheimliche, schlammvolle Tiefen. In selbe versenkten sie diese so tückisch geraubten, gar friedlichen Wässer und drückten und pressten dann selbe mit ihrer gestohlenen Macht ganz zu härtesten Steinen zusammen und deckten dieselben auf schändliche Weise mit Schlamm und mit Kote der Lügen aus schändlichem Eigennutz zu.
HG|1|42|44|0|Doch es währte dies tückische, loseste Treiben nicht lange; denn bald sah ich Henoch erleuchten viel mehr als die Sonne, und brennende Strahlen, dem Haupte des Henoch entströmend, durchwühlten in mächtigen Strömen in einem Momente hell alle die schlammigen, diebischen Tiefen der großen, von Raubgier durchglühten Gewässer.
HG|1|42|45|0|Und hört, als da kaum noch die Fläche der Tücken Gewässer die brennenden Strahlen, dem Haupte des Henoch entströmend, berührten, so fingen die Wogen der tücken Gewässer an zu gischen, zu sausen und brausen. Da dampfte und qualmte die endlose Fläche und gab, von der Hitze der Strahlen genötigt, dann all die vorher gar so tückisch gestohlenen und durch die eigene Liebe und Habsucht im schlammigen Grunde gefesteten fremden Gewässer notwillig zurück. Und die fremden Gewässer, die stiegen gleich feurigen Wolken, in zahllosen Scharen den unteren, dunklen und trüberen Dämpfen der tückischen Fluten sich hurtig entwindend, empor in die reineren, leuchtenden Lüfte. Und seht, als nun da sie entstiegen den Tiefen des Todes, da kamen geschäftige Winde, der Säule des Henoch entströmend, und trugen in wirbelnder Freude die neuen entbundenen Kinder gar zärtlich denn wieder, den tobenden Dämpfen der tücken Gewässer entlang, in die liebenden, harrenden Arme der edel gewordenen Wässer durch göttliche Gnade gegeb’ner Gebote zurück. Und als solches geschehen durch Wunder der heiligen Liebe von oben, da streckte auf einmal der Henoch gar machtvoll die Hände und sprach, scharf gebietend mit heftiger, donnernder Stimme:
HG|1|42|46|0|‚Ihr tückischen, diebischen, raubenden Wogen, vernehmet hinab in die Tiefen der schlammigen, finsteren Gründe den heiligen Willen des ewigen, mächtigen Gottes, und höret mit ruhiger Fläche die mächtigen Worte des Heils, das da ruft: Jeder Tropfen ist vielfach gezählet im Herzen der ewigen Liebe, und jeder demnach ist sich selbst und der ewigen Liebe zu eigen; daher werde einer nie grausam dem anderen zum Raube. Denn wehe dem Diebe, dem tückischen Räuber und Mörder des Eigentums anderer reinerer Wässer und Wesen; ja wehe da allen den sich nur allein böse liebenden Wogen! Vernehmet: Die Tücke der Räuber und Diebe wird nimmerdar wogen in heiteren, furchenden Kreisen, wohl aber, hört, wird sie, im starrenden Tode zu glühenden Steinen des ewigen Fluches gefestet, in unterste Tiefen der Erde geworfen von tötender Macht des Gebotes sogleich oder einst sicher werden. ‚Ihr sollet nicht rauben und stehlen!‘, so lautet des ewigen, heiligen Gottes gar mächtiger Wille!
HG|1|42|47|0|‚Dies merket und achtet, ihr tückischen Wogen!‘ Und höret, geliebteste Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, das waren die letzten der donnernden Worte des Henoch von strahlender Säule als herrlichster, ewiger Marke des göttlichen Willens! Und als sie verklangen, die herrlichen Worte in ferne, dem Auge des Geistes selbst fremde Gefilde der finsteren Flächen der wogenden Gräuel, da konnt’ ich gar deutlich vernehmen den Tiefen entstiegene Worte. Die Worte, die sprachen gehorsamen Klanges hinauf zu der Säule: ‚So mache uns rein, lichter Herold des mächtigen Willens des heiligen, ewigen Gottes, damit wir, wie andere Wässer, gefällig dem leuchtenden, heiligen Auge der ewigen, heiligen Liebe auch werden!‘
HG|1|42|48|0|Und höret, da fingen, der leuchtenden Säule entströmend, gar heftige, feurige Winde zu wehen an und mischten in leuchtender Fülle das Feuer der ewigen Liebe den wogenden Fluten der horchenden, endlosen Fläche gar wundersam bei. Und die Wogen und Fluten, die wurden durchläutert von solch einer leuchtenden Milde, o höret, sie schienen so hell wie die Fläche der Sonne und lobten und priesen den Herrn der Gnade, die Säule mit strahlenden Wogen umkreisend. Da tönten die heiligen Echos harmonisch den endlosen Räumen der leuchtenden Fluten entlang. – Hört, so hab’ ich’s gar treulich gesehen und so es euch treulich auch wiedergegeben.
HG|1|42|49|0|Und da ihr, geliebteste Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, so lange schon habet geduldig die Ohren mir, Kenan, dem geistigen Redner, gar achtsam geliehen, so höret noch ferner, was alles für Wunder der göttlichen Liebe und Gnade ich habe gesehen und treulich vernommen: In einer nicht weiten Entfernung erblickte ich eine ganz glatte, wie schimmerndes Erz fast aussehende Säule; dieselbe umwogte, o höret, ein sandiges Meer.
HG|1|42|50|0|In der Ferne, so dachte und glaubte ich wirkliche Fluten der Wässer zu sehen; doch näher und näher als mir diese staubigen Fluten gekommen, je klarer wie auch desto reiner hab’ ich es gesehen, dass hier nimmer Wasser, die Säule umflutend, sich wogte, doch wohl aber trockener Sand, von den Winden gehoben sich wirbelnd, das Wogen der Wässer dem forschenden Auge des spähenden Kenan gar trüglich vorlog!
HG|1|42|51|0|Als ich solches mit ärgerndem Staunen betrachtet da habe und konnte auch nirgends ein Wasser, und wär’ es ein Tropfen nur, irgend nach längerem Schauen entdecken, da hob ich die Augen empor zu dem Himmel und flehte zum ewigen, heiligen Vater der Liebe um Gnade, um Hilfe und so auch um weisesten Rat; aber stumm blieb der Himmel, umflossen vom weißlichen, hie und da nur vom mattrötlichen Schimmer, und nimmer kam auch nur ein leisester Schall von der immer sich mehr und mehr trübenden heiligen, ewigen Höhe der sonst so willfährigen Liebe und Gnaden durchströmenden Wohnung des ewigen, heiligen Vaters.
HG|1|42|52|0|Und sehet, es stiegen beständig die trüglichen Wogen des Sandes stets höher und höher und wurden, wie leicht zu begreifen, je höher sie stiegen, je dichter und dichter, dass auch nicht der grellste Strahl durch die staubig sich wogenden Massen des trugvollen Sandes, das Auge erquickend, zu dringen vermochte.
HG|1|42|53|0|Doch höret, es währte zum größten Glücke die lose Verfinsterungsgeschichte nicht lange; denn bald sah ich fröhlichen Herzens Mathusalah stehen auf jener vom finsteren Sande umlagerten Säule, bewaffnet mit einem zweischneidigen, brennenden Schwerte. Er hatte die Augen verbunden mit einer vom glitzelnden Staube besudelten leinenen Binde und hatte die Ohren verstopfet mit klebrigem Harze. Doch sehet, auf einmal kam, blendend vom himmlischen Glanze, gar eiligen Fluges geflogen ein mächtiger Aar. Der umflog in stets engeren Kreisen das sinnstumme Haupt des Mathusalah, löste demselben die schützende Binde von’ Augen und leckte von dessen, dem Klange verschlossenen Ohren gar sorglich und reinlich das hart klebrige Harz. Und als so er Mathusalahs Sinne von schützenden Banden befreiet, da flohe der mächtige, leuchtende Aar als ein ferne noch leuchtender Stern hinauf zu den heiligen Höhen der Himmel, von dannen er hehr ist gekommen. Mathusalah aber, der Treue und Wahre, ergriff das zweischneidige, brennende Schwert, welches er mit der drohenden Rechten gleich zackenden Blitzen in Kreisen nach allen erdenklichen Richtungen schwang.
HG|1|42|54|0|Und es lösten sich während des eifrigen Schwingens vom brennenden Schwerte flammende, leuchtende Zungen gleich sprühenden Funken von einem vom heftigen Brande ergriffenen harzigen Stamme des Holzes, das unten an Füßen der Berge gar reichlich in dickesten Stämmen da wächset.
HG|1|42|55|0|Und höret, die zahllosen Zungen, die flohen in möglichster Schnelle nach allen erdenklichen Richtungen über die endlose, staubige Fläche und rührten den trüglichen Sand mit der Macht ihres Feuers zu einem chaotischen Dinge, daraus man nicht Klarheit erreichen konnt’, was denn aus solchem Gemenge wohl Nützes möcht’ werden.
HG|1|42|56|0|Ich sahe dem wunderbar’ Treiben der lange Zeit fort und fort währenden Mischung der flammenden Zungen mit solchen unendlichen Massen des trügerischen Sandes gar voll von den größten Erwartungen zu, und doch wollte nichts anderes als nur ganz weiß schon durchglühter Sand zu dem lange erwünschtesten Vorscheine kommen.
HG|1|42|57|0|Doch sehet, inmitten so sehnsuchtsvoll harrender Wünsche erhob sich Mathusalah furchtbaren Blickes und fing gar gewaltig den heiligsten Willen des ewigen, heiligsten Vaters dem durch und durch glühenden Sande zu predigen an. Und die mächtigen Worte, dem Munde Mathusalahs eifrig entströmend, ergossen sich, großen Gewässern hehr ähnlich, in breitesten Strömen gar fürchterlich brausend und rauschend und tobend, den Sand mit sich reißend, wie früher die Zungen nach allen erdenklichen Richtungen hin. Und das Brausen, das Rauschen und Toben sprach deutlich vernehmliche, mächtige Worte, ja Worte der Macht und der ewigen Größe der Heiligkeit Gottes!
HG|1|42|58|0|Die Worte, die lauteten – höret, ihr Väter und Kinder! –: ‚Du nichtiger Staub, wohl vernehme den Willen der Heiligkeit Gottes! Ein fälschliches, trügendes Wogen sei nimmer dir eigen; bekehr’ dich zum flüssigen, reinesten Wasser, und woge als solches in ewigen, leuchtenden Wogen; denn nichts als die Lüge nur wird einst zunichte ganz werden!‘
HG|1|42|59|0|Und sehet, als solches vernommen da ward von der endlosen Fläche, da löste sich Kernchen um Kernchen in lautere Tropfen; die rannen in leuchtender Wahrheit gar fröhlich zusammen und flossen zu einer unendlichen Fläche der reinsten Gewässer zusammen und wogten und furchten nun durch und durch, fröhlich den heiligsten Namen des ewigen Gottes lobpreisend, und wuschen den wider sie zeugenden, noch an Mathusalahs Säule festklebenden Sand von derselben und lobten dann selbe, in leuchtenden Reihen umkreisend, nachdem sie mit liebender Gierde vorher mit dem Lichte, das reichlich der Säule entströmte, sich schmückten die lockeren, glänzenden, schaukelnden Häupter.
HG|1|42|60|0|Und sehet und höret, ihr würdigen Väter und ihr auch, uns teuere Kinder, wie ich es hab’ wahrlich und treulich gesehen und auch mit den offensten Ohren gehöret, so treulich und wahrlich geb’ ich es euch wieder. Die Wahrheit, o Väter und Kinder, die Wahrheit alleinig ist wahrhaft das liebliche Wesen der Liebe. Darum wird die Lüge zunichte wie sonsten kein Laster; denn sie ist alleinig der ewigen Wahrheit der Liebe des Vaters gerade entgegen.
HG|1|42|61|0|Und höret nun ferner, geliebteste Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, was ich, euer Kenan, noch alles für Wunder da habe mit staunenden Augen gesehen. Es kam mir so vor, als wenn ich samt der Säule, auf welcher ich stand, immer weiter und weiter in ferne Gebiete der anderen Säulen geschoben wär’ worden; und, wie es mir früher geschah, so geschah es nun wieder, und ich sah von meinem erhabenen Stande die neunte der Säulen!
HG|1|42|62|0|O Väter und Kinder, da sah es gar sonderbar aus! Hört, aus einer unendlichen Tiefe der ewigen Nächte, von schmutzigen, allerlei schimmernden Farben bekleckset, stieg eine gar furchtbare Säule zu einer fürs Auge nicht mehr zu erreichenden Höhe empor. Um die Säule war weder ein Wogen der Wässer, noch irgendein Stauben des Sandes, noch sonsten ein Regen und Streben von nambaren Wesen zu sehen; nur ewig fortwährende Nächte umlagerten stumm diese neunte, buntscheckige, endlose Säule. Ich dachte in dieser entsetzlichen, endlosen, leblosen Wüste: ‚Was soll, ja was kann denn das heißen? Für wen wohl steht diese unendliche Säule dahier?‘
HG|1|42|63|0|Und so dachte ich lange und lange so hin und so her; doch es wollte trotz all meines nutzlosen Denkens auch nicht ein kleinwinzigstes Fünkchen erhellen die ewige, endlose Nacht um die endlose, scheckige Säule. O Väter und Kinder, da ward es mir bange; denn selbsten das Licht meiner Säule ward minder und minder, so zwar, dass ich kaum nur noch merken konnt’, dass meine Füße auf deren mattschimmernden Scheitel noch standen. Als solches ich musste gar traurig erfahren, da fiel ich denn nieder auf mein Angesicht und fing so recht von Herzen zum ewigen, heiligen Vater zu beten und bitten an, dass Er mich doch da nicht zugrunde so gehen möcht’ lassen.
HG|1|42|64|0|Und höret, als solches ich ernstlich wohl tat, da erklang denn auf einmal so eine wohlmahnende Stimme und sprach: ‚Kenan, senke dein Denken rein liebend in Mich, deinen Vater und Gott, und du werdest die Dinge alsbald mit ganz anderen Augen erschauen!‘ – Und wie mir die heilige Stimme befohlen, so tat ich’s auch alsogleich, ohne auch nur im Geringsten mich weilend so über den liebvollsten Klang zu besinnen.
HG|1|42|65|0|Und höret, als solches ich tat so mit liebeerfülltestem Herzen, da fing alsbald an die unendlich mir scheinende Säule zu sinken stets tiefer und tiefer hinab in den Abgrund der ewigen Nacht. Und es währte dies Sinken nicht lange, als mir ein entfernetes Rauschen sehr großer Gewässer an meine scharf lauschenden Ohren, dem donnernden Rollen der Sphären nicht unähnlich, drang. Eh’ noch ich mich recht konnte umsehen, da, höret, o Väter und Kinder, da sah ich schon weltgroße Massen der schäumenden Fluten hinab jählings stürzen, hinab in die finsteren, endlosen Räume der früheren ewigen Nacht um die scheckige Säule. Und höret, es währte dies Stürzen nicht lange, als ich schon die frühere Stelle der ewigen Nächte erfüllet ganz sah mit noch trübem, doch endlos hinwogendem Wasser. Auch sah ich das Ende der ewig mir scheinenden Säule den ewigen Höhen der Himmel entsteigen und nieder sich senken zu denen trübwogenden Fluten der neuen Gewässer des leuchtenden Scheitels, auf welchem in leuchtender Glorie der Lamech, Mathusalahs Söhnlein, gebührlich da stand als ein lieblicher Herold des göttlichen, heiligen Willens. Und als so auch er meiner ansichtig wurde, so fing er alsbald an die Fluten so lautende Worte zu richten:
HG|1|42|66|0|‚O höret, ihr großen Gewässer! Verzehret euch nimmer in euren Begierden; denn dass ihr euch habet in Liebe und Gnade von oben, ist Habe für ewige Zeiten für euch zur endlosen Genüge. Denn mehr als ein Ding kann nicht nehmen denselben und einigen Platz; daher suchet denn nimmer durch fremde Begierden euch selbst zu vernichten, und woget und kreiset in eurer ganz eigenen Sphäre zum Lobe und Ruhme des ewigen, heiligen Vaters!‘
HG|1|42|67|0|Und höret, als solches der Lamech hat weise gesprochen, da klärten und wogten die Fluten sich eiligst, vom ewigen Lichte des göttlichen Willens durchleuchtet. Und ich aber, Kenan, hab’ solches gar treulich gesehen; und wie ich’s gesehen, gehöret, so hab’ ich’s nun treulich und wahrlich auch wiedergegeben.
HG|1|42|68|1|Am 19. Oktober 1840
HG|1|42|68|0|Und höret, ihr lieblichen Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, o höret noch willig den Schluss meiner Rede, und schauet mit mir, eurem Kenan, hinab in die Tiefe des göttlichen Zornes und die durch die Flammen des Zornes mattschimmernde Gnade den treulosen Völkern der Erde!
HG|1|42|69|0|O höret und sehet, was da ich all’s hören und sehen hab’ müssen an finsterster Stelle der zehnten der Säulen! Hört, alle die früheren Säulen, die hatten doch mehr oder weniger ein eigenes Licht, – ja die neunte der Säulen sogar war umgeben von einem buntmatten Geflimmer; doch diese nach Ordnung die zehnte der Säulen, die hatte auch nicht einen noch so matt schimmernden Punkt, ja sie war doch so finster, dass ich sie nur fühlen, doch sehen dieselbe trotz aller der schärfesten Strenge der geistigen Sehe nicht konnt’, und ob Wasser, ob Sand oder finsterer, leerer und nichtiger Raum bloß dieselbe umwogte, umstaubte, umgab, – hört, das alles war gräulich verborgen dem forschenden Auge des träumenden Kenan ob solcher unglaublichen finsteren, schwärzesten Nacht um die zehnte der Säulen.
HG|1|42|70|0|Ich harrte und harrte von Weile zu Weile und schaute mit dreimal geschwängerter Kraft meiner Sehe, ob nirgends denn sich eine Helle erschauen wird lassen; doch alles mein Mühen war gänzlich vergebens, selbst meine am schärfsten gespanntesten Ohren, auch diese vermochten auch nicht nur ein leisestes Lispeln des zartesten Lüftchens vernehmen!
HG|1|42|71|0|O höret, da ward es mir bange in dieser vom ewigen Tode erfülltesten finstersten Öde! Ich konnte nicht beten, noch bitten den ewigen Vater der Liebe um eh’ste Befreiung aus dieser so schaurigen Nacht alles Todes; denn nun erst empfand ich, dass nicht nur die Augen und Ohren, ja sehet und höret, sogar meine Zunge zu reden gelähmet mir war.
HG|1|42|72|0|Und als solches an mir ich so herb musst’ erfahren, da zuckte auf einmal ein heftiger Blitz aus der grundlosen Tiefe der ewigen Nacht ganz hinauf zu den ehern mir scheinenden Höhen des gänzlich verschlossenen Himmels!
HG|1|42|73|0|Doch wie sonst dem Blitze stets pfleget ein Donner zu folgen, so war doch bei diesem so endlosen Blitze von einem nachrollenden Donner nicht eine all’leiseste Spur. Und so wie’s vor dem Blitze, so war es auch gleichfalls nach selbem: die dichteste Nacht ausgebreitet von einer Unendlichkeit hin bis zur andren, und mir, eurem Kenan, fing gar sehr gewaltig nach Licht und nach Leben wohl an zu verlangen; denn wahrlich, ich sag’ es euch, nun bin ich des Todes unendlicher Nacht wohl gar satt schon geworden. O Väter und Kinder, die Nacht, o die Nacht, die hat lange gedauert, bis endlich ein winziges Sternlein am ehernen Himmel sich zeigte als einzige spät erst erscheinende Folge des lange vorher schon der Tiefe gen Himmel enteilenden Blitzes.
HG|1|42|74|0|Ganz unverwandt waren nun meine so lange geblendeten Augen gerichtet nach diesem kleinwinzigen, schimmernden Pünktchen. Und als ich so staunte da über das schimmernde Pünktchen, da höret, da tönte auf einmal sehr helle in meine ganz taub schon gewordenen Ohren – es waren nicht Worte, noch menschliche Stimmen, auch war es kein Brausen, kein Sausen, kein Toben –, o höret, es glich dieses Tönen dem Pfeifen der Hirten, gerade als wenn sie die Schafe des Ahbel nach alt schon herkömmlicher Sitte um sich her versammeln oft wollen und diese dann kommen gar eiligen Schrittes und staunen den sorgsamen Hirten mit ihren zum Himmel gewendeten Häuptern wohl an.
HG|1|42|75|0|Doch das Pfeifen nur habe ich helle vernommen, gesehen doch habe ich nichts von den Schafen des Ahbel! Als solches ich habe erfahren an meinen ganz tot schon gewordenen Sinnen, da fuhr wie ein Blitz mir ganz hell durch die Seele ein Wort, hört, ein Wort, und dies Wort, ja dies süßeste Wort sprach: ‚Die Zunge, hör’, Kenan, ist dir nun gelöset; nun bete und bitte den Vater des Lichtes und der Liebe und des Lebens ums Licht und um Liebe und Leben für diese im Tode zerbrochene Säule!‘
HG|1|42|76|0|Da fiel ich denn nieder auf mein Angesicht und fing eilends zu beten und flehen denn an zu dem heiligen Vater der Liebe und alles sich regenden Lebens, Er möge in Seiner Erbarmung doch spenden von oben ein hell leuchtend Flämmchen der Gnade, damit meine Augen doch schauen da möchten die furchtbare Größe und weit’ste Ausdehnung des finsteren Todes. Und als ich nun lange genug habe treulich und wahrlich geflehet empor zu dem heiligen Vater, da rief mich auf einmal so eine gar kräftige Stimme beim Namen und sagte: ‚Erhebe dich eilends, und schaue die großen Abgründe des finsteren Todes! Es ist denn bezeichnet der Ehebruch hier an der Stelle der zehnten zerbrochenen Säule, von welcher zertrümmert die untere Hälfte der Liebe im tiefsten Abgrunde des Todes zerstreuet da lieget, – die obere Hälfte der Gnade jedoch hängt am ehernen, endlosen Bogen des Himmels und wird sich nicht eher hinab zu den Trümmern lassen, bevor nicht der Grund dieser Säule gewaschen rein wird von dem Kote der Schlange. Der Grund ist die Erde, ein sündiges Haus, und der Kot der Schlange ist aller der Weiber der Tiefe aus Hanoch gar reizendes Fleisch. Darum wehe der fett nun gewordenen Erde vom Blute der Brüder, die wegen des Fleisches der buhlischen Weiber sich haben gar grausam ermordet und haben getränket die Erde mit ihrem gesegneten Blute! Ich will große Fluten vom Himmel entströmen bald lassen und töten da alles Fleisch wegen dem reizenden Fleische der Weiber, durch welches verzehret ward all das Gewässer dahier um die zehnte der Säulen! O prange nur, prange, du herrliches, reizendes Fleisch aller Weiber als tückvollster Kinder des Drachen! O prange, du lockende Speise der Würmer des Pfuhls, du Ekelgeruch Meiner Ehre! Du badest und waschest dich täglich im feinesten Wasser, bereitet aus allerlei Kräutern und Würzen, und schmierest die Haut mit den feinesten Ölen, damit du noch reizender und noch anziehender wirst, zu verführen die Kinder des ewigen, heiligen Vaters!
HG|1|42|77|0|Es liege daher dir ein ewiger Fluch auf dem Nacken; das sage Ich, Jehova, Gott der Allmächtige, Ewige; dir werde Ich bald, o gar bald ein solch’ Bad zubereiten, in welchem dich ewig zu baden und schmieren du wohl zur Genüge wirst haben!
HG|1|42|78|0|Und wie das geschehen wird, höre zu, Kenan, will Ich eben jetzt zeigen dir ganz wohl erleuchtet vom Lichte der Gnade des ewigen, heiligen Vaters; darum sollst erheben dich auf deiner ganz auch erloschenen Säule und schauen hinab in die Tiefe, allwo du ersehen wirst, was da geschehen wird, hör’, in der Bälde.‘
HG|1|42|79|0|Und höret, ihr Väter und Kinder, ich habe alsbald mich erhoben und schaute hochstaunenden Blickes hinab in die Tiefe des Todes und sah da gar mächtige Scharen von unseren Kindern, die heiligen Berge verlassend, hinab zu den Töchtern der Menschen froh eilen und dort sich mit selben vereinen und zeugen gar Kinder, als kräftige Söhne und reizende Töchter, mit ihnen und sahe die Söhne zu Herrschern werden und grausam als solche dann töten und schlachten und morden die ärmlichen, hilflosen Kinder der Menschen! Da flossen denn Ströme vom Blute der Brüder und Kinder der Menschen; und höret, die Ströme des schuldlos vergossenen Blutes, die schrien gewaltig um Rache empor zu den ehernen Bögen des Himmels.
HG|1|42|80|0|Da riss denn der Himmel inmitten entzwei, und dem leuchtenden Risse entschwebte ein Engel gar eiligen Fluges hinab zu der Liebe des Lamech und sagte zur selben: ‚So richte denn, Noah, wie lang schon der Herr dir hat treulich befohlen, den Kasten der Gnade, und tue alsbald dich in selbem verwahren mit allem dem, was dir der Herr hat befohlen; denn siehe, schon brennet die fluchschwere Erde an zahllosen Punkten, entzündet vom richtenden Zorne des ewigen Gottes! Das klagende Blut hat jedoch, wie du siehst, nun gewaltig die Gnade des Himmels erschüttert; daher hat der heilige Vater beschlossen, die Erde vom Fluche zu waschen und düngen dieselbe dadurch für ein bess’res Geschlecht, das da eh’stens entsteigen wird dir, Seinem einzig noch treu wohl verbliebenen Noah!‘
HG|1|42|81|0|Und sehet, ihr lieblichen Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder, als solches geredet in eiliger Sprache zur Liebe des Lamech der leuchtende Engel nun hat, hört, da barsten auf einmal die ehernen Bögen des Himmels, und aus den weit gähnenden Klüften und feurigen Rissen desselben entstürzten gar bald die gewaltigsten Ströme von Fluten des dämpfenden Wassers als Gnade des ewigen, heiligen Vaters zur Löschung des Feuers und einstigen Tilgung der Schuld von der sündigen Erde.
HG|1|42|82|0|Und als nun die Fluten die Tiefen der Erde zu füllen anfingen, da sah ich zahllose Geschlechter den Tiefen entsteigen und wehklagend suchen die Höhen der Berge. Ich sahe die reizendsten Weiber als Töchter der Menschen von weißestem Fleische gar ängstlich erklimmen mit blutenden Fingern und Händen ermattet die schroffesten Spitzen der Felsen und ringen auf schwindelnden Höhen die blutenden Hände empor zu den klaffenden Spalten des feurigen Himmels und schreien mit lautesten, schmerzvollsten Stimmen um Trost und um Hilfe. Doch all dies Geschrei war vergebens, und mitten den Fluten, die stets nur gewaltiger stürzten den klaffenden, glühenden Spalten des ehernen Himmels entlang, stießen feurige, wirbelnde Winde die zartesten Kinder der Menschen, sie brennend und sengend, gewaltsam von denen so mühsam erklommenen, felsigen Spitzen der Berge hinab in die tobenden Fluten als klagende Speise des Todes!
HG|1|42|83|0|Und höret, die feurigen Winde, sobald sie entweset gar grauenhaft hatten bald hier und bald dort eine schützende Spitze der Berge vom zartesten, weißesten, reizendsten Fleische, die tobten und riefen, gar schauerlich höhnend: ‚Da bade und wasche und schmiere dich, schändliche, lockende Speise des Teufels und seiner Gehilfen, und schmücke dich wohl in den duftenden Armen des ewigen Todes, und nehme den Lohn deiner rastlosen Mühen, durch welche gefallen sind all die Geschlechter der Erde von Adam dem ersten hin bis zu dem letzten Bewohner der fluchschweren Erde, und gehe den tödlichen Weg alles reizenden Fleisches!‘
HG|1|42|84|0|Und höret, so riefen die tobenden feurigen Winde, sooft sie entweset da hatten bald eine, bald wieder die andere schützende Spitze der mühvoll erklommenen Höhen und Steilen der Berge.
HG|1|42|85|0|Doch nicht gar zu lange, hört, dauerte dieses so schaurige Würgen und Morden des sündigen Fleisches der üppigsten Weiber und aller durch ihre verführende List arg betrogenen und so gefallenen Söhne der Erde und Kinder des Himmels; denn bald sah ich fluten und wogen gar große Gewässer ganz über die höchsten Steinspitzen der Berge, und war außer mir kein lebendiges Wesen zu sehen und auch nichts zu hören als nur die an meine mattleuchtende Säule sich drängenden Wogen des neu nun entstandenen großen Gewässers.
HG|1|42|86|0|Ich war schon gewohnt durch die neun vorhergehenden Fälle, sobald die Gewässer erfüllet schon hatten die endlosen Tiefen des Todes, zu sehen alsbald eine glänzende Säule entweder schon stehend erhaben hell über der wogenden Fläche der Fluten, und wenn schon denn früher die Säule, so wie bei der neunten, nicht alsogleich vollends als solche zu schauen dem forschenden Auge des Kenan sich bot, doch es währte nicht lange, da war schon der Lamech auf selber, dem Himmel entstiegen, gebietend zu sehen; doch jetzt, höret, wollte sich keine der Säulen mehr zeigen!
HG|1|42|87|0|Ich harrte gar lange und staunte nicht wenig, als ich statt der Säule den Kasten der Gnade auf friedlichen Wogen daherschwimmen sah. Und als selber die Stelle erreichet wohl hatte, auf welcher denn früher die finstere Säule zu fühlen sich mir blindem Seher darbot, – hört, da wichen die stürmenden Wogen zurück, und der Kasten der Gnade blieb stehen auf einer gar großen, den Wässern entstiegenen, lieblich nun schimmernden Säule.
HG|1|42|88|0|Und als nun der glänzende Kasten der Gnade so gänzlich befreiet von allen den wogenden Fluten und Wassern nun war, hört, da wurde geöffnet am Dache desselben ein blitzendes Fenster, durch welches alsbald sanfte Tauben gar munteren Fluges enteilten und weit über Wogen und Fluten hinflogen.
HG|1|42|89|0|Doch nicht gar zu lange verweilten sie über den Fluten, so hin- und herfliegend, die munteren Tauben; denn außer der Säule des Kastens der Gnade war nichts als nur Woge an Woge sich drängend zu sehen. Und da sie nichts fanden, die munteren Segler der Lüfte, woselbst sie nach länger anhaltendem Fluge wohl könnten sich nieder zur nötigen Ruhe denn setzen, so flogen sie schnelle denn wieder dem Kasten der Gnade hinzu, suchten emsig das blitzende Fenster und flogen durch selbes gar eilig hinein in den Kasten der Gnade.
HG|1|42|90|0|Und als nun das blitzende Fenster denn wieder verschlossen da wurde, so fingen alsbald, hört, gar heftige, feurige Winde nach allen erdenklichen Richtungen endlos weit über die ewig mir scheinende Fläche der wogenden, großen Gewässer zu wehen. Der wogenden Fläche nun fingen durch dieses so heftige Wehen der feurigen Winde gar mächtige Massen von Wolken so schnell wie die Blitze gar hehr zu entsteigen. Es währte dies mächtige Toben der Winde nicht lange, als bald sich schon hie und da über dem Spiegel der Wässer hochragende Spitzen der Berge zu zeigen anfingen, – ja, mehr’re darunter sogar gleich zu grünen begannen und sahen bald niedlichen Gärtchen wohl ähnlich.
HG|1|42|91|0|Und höret, als solches sich zeigte dem forschenden, fröhlichen Auge des Kenan, da blitzte denn wieder das Fenster, sich öffnend am Dache des Kastens der Gnade, durch welches gar bald wieder Tauben sich eiligen Fluges erhoben und flogen gar munter alsbald zu den grün schon gewordenen Spitzen der Berge, umflogen dieselben in heiteren Kreisen nach lieblichen Weisen und weilten recht lange, auf frisch schon gewachsenen Zweigen sich wiegend und schaukelnd, daselbst; doch nach längerem Weilen verließen sie wieder dieselben und kehrten, nun reichlich beladen mit grünenden Zweiglein, denn wieder sogleich in den harrenden Kasten der Gnade zurück.
HG|1|42|92|0|Und nun höret und sehet, als solches geschehen denn eilends nun war, so begannen die Fluten gar schnelle zu sinken, und Berge und liebliche Felder mit fruchtbarer Erde entstiegen gar wundersam eiligst der sinkenden Fläche der Wässer und grünten alsbald, von den wärmenden Strahlen der Sonne belebet, zu lieblichen Wiesen und Fluren und fruchtvollen, üppigsten Gärten.
HG|1|42|93|0|Und da an der Stelle der Säule, o höret, da wuchs gar so wundersam Land um die Säule stets höher und höher, bis endlich der Kasten der Gnade selbst ganz auf hehr grünender Erde zu ruhen kam. Sehet, da blitzte nun wieder das Fenster am Dache des Kastens der Gnade, und eine gar reichliche Menge der muntersten Tauben enteilte in kreisender Schnelle demselben und kehrte nach längerem Harren wohl nimmer zum offengelassenen Fenster am Dache des Kastens der Gnade zurück.
HG|1|42|94|0|Da gewahrte der Noah als Liebe des Lamech im Kasten der Gnade das gänzliche Fallen der Fluten und fing an zu öffnen die Pforten desselben und ließ aus demselben frohwandeln denn all die verwahrten Geschlechter der Erde und nach und nach auch seine Kinder und Weiber. Und als nun erreichet sie hatten mit bebenden Herzen und zitternden Füßen die grünende Erde, da fielen sie nieder zur Erde und dankten und priesen dann im Angesichte des leuchtenden, offenen Kastens der Gnade den Herrn als den einzig erbarmenden Retter aus solchen verdienten Gerichten des Zornes des ewigen, heiligen Gottes.
HG|1|42|95|0|Als solches gar lange verrichtet sie hatten voll Dank und voll Liebe zum heiligen, ewigen Vater, da kam denn gar eilends geflogen ein leuchtender Engel und brachte dem Noah die fröhliche Botschaft vom über und über hehr leuchtenden Himmel, um welchen ein farbiger Bogen sich schlang. Und hört, – so sprach der leuchtende Engel:
HG|1|42|96|0|‚Hör’ Noah, du einziges Band Meiner Liebe, aus dir will Ich wecken den Samen des Lebens dereinst, der gar mächtig dem Tode die zahllos verschlungene Beute entreißen wohl wird! Denn Mich dauert des Fleisches da unter den hart nun gefesteten Fluten der Sünde; darum will Ich senden dereinst einen mächtigen Retter und nimmer die bebende Erde mit solchen Gerichten heimsuchen. Der farbige Bogen soll allzeit verkünden den Völkern, dass Ich solches nimmer der Erde will bringen ja bis an das Ende der Zeiten und Zeiten; was dann wird geschehen, das weiß Ich, der ewige Vater, alleine!‘
HG|1|42|97|0|Und höret, ihr lieblichen Väter, und ihr auch, uns liebende Kinder! So hab’ ich all dieses gesehen und treulich gehöret, und wie ich’s vernommen, so hab’ ich’s euch wahrlich nun wieder gegeben, und weiter war nichts mir zu schauen gegeben. Und was ich gesehen, das deutet ihr weisesten Väter und Kinder voll Liebe; denn mir ist verborgen der Sinn solcher seltenen Träume aus Gott.“
HG|1|43|1|1|Henoch erklärt die Rede Adams und Kenans Traumgesicht
HG|1|43|1|1|Am 12. November 1840
HG|1|43|1|0|Und sehet, als der Kenan vollendet hatte seine Traumrede in sehr fließender, wohlgefälliger Form, da blickten ihn alle an und verneigten sich vor ihm; denn es ergriff sie alle ein hoher Wunder, und sie wussten nicht, was sie daraus machen sollten.
HG|1|43|2|0|Endlich aber doch, nach langem Staunen, erholte sich der Vater Seth und fing an, gar wohlbedacht folgende Worte an die anwesenden Kinder zu richten, da er die Augen dankend gen Himmel erhob und zu sprechen begann, wie da folgt, sagend nämlich: „O Kenan, o Kinder, was ist das? Was soll das heißen, und was soll daraus werden?!
HG|1|43|3|0|Noch ist die geheimnisvolle Rede des Erzvaters Adam kaum von allen unseren Sinnen empfunden worden; noch haben wir noch keine Silbe davon in unseren liebeschwachen Herzen verständlich entwirrt; ja selbst Henochs letzte Feuerrede schwebt mir noch wie ein dunkler Knäul vor allen meinen Sinnen! Und nun kamst gar du, lieber Kenan, mit einer Überwelt voll Unheimlichkeiten, deren Sinn nur Gott allein bekannt sein kann; ja, ich möchte beinahe behaupten, dass es einem Menschen kaum möglich sein dürfte, noch zu erhalten das Leben, wenn der ewige, heilige Vater ihm so viel Weisheit zukommen ließe, zu begreifen solcher geheimnisvollen, hohen Dinge unbegreiflich tiefsten Sinn!
HG|1|43|4|0|O Kenan, Kenan, warum musstest du schauen und nun erzählen ein solches Gesicht uns armen, schwachen Vätern und Kindern und dadurch verwirren alle unsere Sinne – und hast uns dadurch ärmer gemacht, als wir zuvor waren, da uns noch nicht bekümmerten solcher Reden preisgegebene Wege und Ratschlüsse der ewigen Heiligkeit Jehovas, deren Sinn vor keinem Engel enthüllt liegen kann, solange der Engel nur Engel, aber doch ewig nie kann und wird sein gleich Dem, der da ist unser aller lieber, heiliger Vater, der da unerforschlich ist in jeglichem Seiner ewigen Worte?!
HG|1|43|5|0|O Kinder, schlagt es euch aus dem Sinne, die ihr solches vernommen habt aus dem Munde des lieben Kenan, und gesteht lieber mit mir ein in aller Zerknirschung und Demut unseres liebeschwachen Herzens, dass wir alle zusammen nichts vermögen! Auch trage keiner von euch allen je eine Begierde in sich, solches zu begreifen, sondern lassen wir solche unbegreiflichen Dinge nur allzeit wieder Gott über, der da wohl wissen wird, was Er damit will; uns aber hat Er es gewiss nur gegeben zu einem baren Stein des Anstoßes, um damit uns armen Schwachen fürs Erste zu erkennen zu geben, wie stark Er selbst in einem Sonnenstäubchen ist, und fürs Zweite, damit wir uns in unserer Demut selbst prüfen möchten, dass wir aus uns selbst zu gar nichts tüchtig sind, sondern dass nur allzeit Er, unser lieber, heiliger Vater, alles ist in allem!
HG|1|43|6|0|O Kinder, bedenkt wohl die Rede eures Vaters Seth, und bewahrt euch daher vor jeglicher Versuchung! Amen.“
HG|1|43|7|0|Und als da vollendet hatte der Seth wohlüberdacht seine Rede, da trat alsobald Henoch, der überaus Fromme, vor die Väter, verneigte sich vor ihnen und erbat sich die Erlaubnis, in deren Angesichte in dieser Hinsicht auch einige Worte sagen zu dürfen, und das zwar darob umso mehr, da er ganz besonders soeben deswegen eine innere Aufforderung erhielt.
HG|1|43|8|0|Seth blickte ihn an und sprach: „O rede, rede du nur, du heiterer, frommer Sohn des ewigen Frühlings! Auch deine Feuerreden sind ja nur ein kühlender Morgentau gegen solche unerhörten Sonnenbrände aus dem Munde Kenans. Es wird uns allen sehr wohl tun, so du sie ein wenig zu dämpfen vermöchtest; daher rede du nur zu – und hättest eigentlich schon lange reden sollen –, rede! Amen.“
HG|1|43|9|0|Und es stimmten alle dem Wunsch Seths bei, und Henoch aber begann zu reden, wie da folgt, sagend nämlich: „O liebe Väter und sämtliche Kinder Gottes, hört und vernehmt wohl diese meinem Munde entschwebenden Worte!
HG|1|43|10|0|So ihr wollt und könnt, erhebt eure Blicke hinauf zu den unermesslichen Höhen der Himmel Gottes, unseres allerheiligsten, besten Vaters, und lasst wieder eure Blicke hinab in die ebenso unermesslichen Tiefen desselben einen mächtigen Gottes fallen, dessen Herrschaft nimmer irgendein Ende ist! Denkt, wie viel mag da in den Höhen wie in den Tiefen verborgen liegen, wovon noch keines Menschen Sinn irgend noch sich etwas konnte träumen lassen!
HG|1|43|11|0|Kenan allein war so glücklich, soviel mir bis jetzt bekannt ist, ein kleines Sonnenstäubchen ein wenig nun zerlegt im Geiste zu erblicken, und unser Erzvater Adam hat uns ebenfalls nun ein etwas zerriebenes Sonnenstäubchen gezeigt – meiner sein sollenden Feuerrede nicht zu gedenken –, und das nimmt uns schon so hohen, unbegreiflichen Wunder! Wie ist es denn aber, dass wir vermögen, Welten und Sonnen vor unseren schwachen Augen vorüberziehen sehen und doch noch zu leben?! Wer hat je noch erschaut die Wunder in einem Grashalm, der sich bescheiden unter unserem Tritt beugt?! Welche Größe und Erhabenheit Gottes liegt darinnen, und doch treten wir ihn mit unseren unwürdigen Füßen und leben doch noch dabei!
HG|1|43|12|0|Geht es im Geiste denn uns nicht gerade fast also wie den Kindern, die auch ganz betrübt ein härteres Stück Brot ansehen, wenn es ihnen gereicht wird zur Zeit, allwann sie noch eine weiche Milchspeise erwarten? Sollte man aber ihnen daher nie ein Brot geben, weil sie der weichen Kost angewöhnt wurden? Wie werden sie damit aber zur Manneskraft gelangen?
HG|1|43|13|0|Sehet, geradeso geht es nun auch uns! Dieweil wir noch kaum milchzähnige Kinder waren, gab uns der heilige Vater Milch zu trinken und eine unseren Kräften wohl angemessene weiche Kost; nun aber sollen wir im Geiste Männer werden! Sehet, da taugt die weiche Kost wohl nicht mehr, sondern der Vater gibt uns nun Brot, damit wir zu kräftigen Männern in Seiner Gnade werden möchten, da wir dann die Dinge nicht bloß schauen, sondern auch wohl begreifen sollen und erkennen Seine große Liebe und Weisheit und aus diesen beiden Seinen allerheiligsten Willen darinnen!
HG|1|43|14|0|So uns nun der Erzvater Adam erzählt hat die Vorwege seines einst verirrten Geistes, in und durch welchen auch der unsrige verirrt und verwirrt worden war, da gibt es doch wahrhaft nicht so viel Unbegreifliches darinnen! Denn es musste ja doch der Geist früher da sein denn der Leib, wie Gott eher notwendig, bevor irgendeine Kreatur, die erst aus Ihm hervorging, da Er der Urgrund aller Dinge ist! Denn für wen hätte sonst wohl dieser Leib, dieses morsche Gebäude aus Lehm, erschaffen werden sollen, so der lange schon notwendig daseiende Geist nicht dagewesen wäre, für den doch nur ganz eigentlich diese seine Freiheit prüfende Wohnung von Gott, unserem heiligen Vater, errichtet wurde!
HG|1|43|15|0|Hat doch noch nie eine Henne ein leeres Ei gelegt; auch wissen wir alle nur zu genau, dass der Inhalt des Eies eher da sein muss denn die weiße, harte, wohlverschlossene Schale! Oder kann jemand weisermaßen wohl annehmen, dass der Geist sich erst im Leibe entstehend heran- und herausbilde? Ja, der solches imstande wäre, der müsste ja noch tausendmal ungescheiter sein und viel unklüger als jemand, der da möchte eine Hütte bauen für jemanden, der noch gar nicht da ist, in der tollen Meinung, die Hütte, wenn sie nur einmal dasteht, werde schon in und aus sich einen Einwohner erzeugen!
HG|1|43|16|0|Warum geht denn die Zeugung vor der Werdung, warum der Mann vor dem Weib? Wie hören wir den Wind von ferne rauschen, während unsere Bäume noch ruhig stehen? Wenn aber der Wind gekommen ist über unsere Bäume, dann bewegen sich alle Zweiglein. Nun, musste der Wind nicht früher schon dagewesen sein, um zu uns zu kommen und unsere Bäume in eine geschäftige Regsamkeit zu bringen? Die Bäume haben den Wind gewiss nicht erzeugt, sondern der Wind ist frei über sie gekommen und machte sie erst lebendig.
HG|1|43|17|0|Oder könnte wohl jemand behaupten, dass irgendeine Frucht des Baumes wegen sei erschaffen worden, oder der Baum müsse deswegen früher dagewesen sein, damit er erst eine Frucht aus sich erzeuge? Wie sagt ihr denn aber, Gott habe allerlei Samen gelegt in die Erde, daraus dann hervorgegangen seien allerlei Gräser, Pflanzen, Gesträuche und Bäume und brachten die Früchte des Samens zum Vorschein, in welchen sich der lebendige Same wieder neugeboren vorfindet!
HG|1|43|18|0|Wenn aber Gott uns, Seinen Kindern, in allen Seinen zahllosen Wunderwerken die ewige Ordnung zeigt, dass das Leben oder die Kraft allzeit weit dem vorangehen muss, was erst durch und endlich für dasselbe wird, wie sollte uns denn gar so wundernehmen, wenn uns Adam vermöge höherer Erleuchtung die lange Geschichte seines Geistes erzählte und uns dadurch zeigte, dass und wie auch wir darinnen verflochten sind und waren und alle unsere Nachkommen bis ans Ende aller Zeiten mehr oder weniger sein werden, und uns darüber noch zeigte, wie heilig und groß und doch so liebevoll und voll Gnade und Barmherzigkeit Gott, unser allmächtiger Vater, ist und wie unendlich langmütig und nachsichtig!
HG|1|43|19|0|Und so wir das erfahren, wie sollen wir da uns fürchten, da wir wohl wissen, wie unendlich gut Der ist, der uns solches erfahren lässt! Ja, wir sollen und müssen Gott fürchten, – aber nicht darum, dass Er uns Brot gibt, sondern wir sollen fürchten, Ihn nicht zu lieben; denn wer da einen Augenblick versäumt hat in der Liebe zu Gott, der war tot, solange er außer der Liebe zu Gott war. Daher soll unser vornehmstes Geschäft sein, Gott beständig zu lieben, da Er uns schon solange vorher nach dem Zeugnis des Erzvaters Adam, ehe wir noch waren, so mächtig geliebt hat, dass wir nun das, was wir sind als Seine Kinder, nur durch Seine unendliche Liebe geworden sind; und da sollen alle unsere Geschäfte sein zur beständigen Stärkung in der Liebe zu Gott!
HG|1|43|20|0|Sehet die zahllosen Geschöpfe um uns, sie bestehen und entstehen zwar auch aus dieser allmächtigen Liebe; aber sie können und dürfen diese Liebe nicht wiederlieben, da sie der Liebe nicht reif und fähig sind, – gleichwie wir unseren Jungen vorenthalten die gegenseitige Liebe, solange sie derselben noch nicht reif geworden sind.
HG|1|43|21|0|Wir aber sind allesamt der Liebe reif geworden; daher sei auch unser vornehmstes Geschäft, zu lieben unausgesetzt Den, der uns der Liebe so vollkommen reif gemacht hat!
HG|1|43|22|0|Wie sagt denn aber ein Gatte zu seinem Weib, dass sie ihn lieben solle in all ihrem Tun und Lassen, weil er sie liebt in allen seinen Eingeweiden; darf das auch ein tugendsamer Knabe zu einem unreifen Mägdlein sagen? Ihr sagt: ‚Bei der Heiligkeit Gottes, nein, bis der Baum nicht gesegnet ist! Wehe dem, der sich daran vergriffe; denn es muss zuerst die Reife sein, dann der Segen und nach dem erst die Liebe!‘
HG|1|43|23|0|O Väter, dass ihr so sagt, da habt ihr ja vollends recht nach dem Willen Gottes; aber sagt ihr es euch selbst und beantwortet euch die Frage, ob es nicht noch gröber gefehlt wäre, wenn die Reifen und Gesegneten dann auch täten gleich den Kindern und sich flöhen, als wenn die unreifen Kinder sich beschliefen!
HG|1|43|24|0|Durch Kenan zeigte Gott uns unsere volle Reife zur freien Liebe gegen Ihn, warum wundern aber wir uns dessen, als wären wir unreife Kinder, da wir uns doch vielmehr wundern sollen, dass wir allesamt lau und unbeständig gleich den Wasserwogen sind in der Liebe, wodurch die Gnade in uns zersplittert wird gleich der Sonne auf der unruhigen Fläche des Wassers?!
HG|1|43|25|0|Ich sage: Kenans Traum sagt uns nichts anderes, als dass wir Gott, unseren heiligen Vater, mehr und mehr aus allen unseren Kräften lieben sollen und sollen in der Liebe bereuen jeden lieblosen Augenblick, der uns tot gemacht hat so lange, als wir ohne Liebe dagestanden sind; denn es ist eines und dasselbe: Leben und Lieben. Wer da hat Leben, der lebt in der Freudigkeit seines sich wohlbewussten Daseins und ist somit ein Freund seines Lebens, das heißt, er liebt sich selbst in seinem eigenen Leben. Wenn aber jemand aus der Freude über sein eigenes Leben käme, der käme ja auch aus dem Leben alsobald, als er die Lust zum Leben verlieren möchte, und tötete sich selbst, da er dann ein Selbstmörder würde, wie Kahin ein Brudermörder ward, und sterbe demnach zwiefältig, zuerst aus der Liebe Gottes und dann aus seiner eigenen Liebe heraus.
HG|1|43|26|0|Sehet, unser Leben oder unsere Liebe aber ist in Gott, und Gott ist allein unsere Liebe und Leben; so wir aber schwach und lau werden in unserer Liebe zu Gott, so wird auch unser Leben schwächer und schwächer, so zwar, dass wir am Ende in dieser Lebensstummheit die Dinge in und um uns schauen, als wären wir blind und taub, und begriffen von allem dem nichts, was in und um uns vorgeht, und meinen dann, wenn uns Liebfaule und Träge der heilige Vater mit Seiner Gnade wecken kommt, es gezieme sich nicht, wach zu werden in der Liebe. O liebe Väter, das sei ferne von uns; denn unser Gott ist gar ein ernster Gott und überheilig als unser liebevollster Vater und hat keine Freude an Neckereien und an Versuchungen. Denn warum soll Der uns versuchen, der alle unsere Haare gezählt hat lange zuvor schon, als sie uns noch am Haupt gewachsen sind? Wird Er nicht wissen, was wir tun werden? – Oh, dessen bedarf Er nicht!
HG|1|43|27|0|Aber wir bedürfen um desto mehr Seiner Gnade; die Gnade aber ist keine Neckerei noch Versuchung, sondern sie ist die reinste Segensgabe des heiligen Vaters, um unser schwach gewordenes Leben mehr und mehr zu stärken in Seiner Liebe. O Väter, seht nun an in gerechter Liebe zu Gott, unserem heiligen Vater, die Gesichte Kenans, und ihr werdet leicht gewahr werden, dass uns Gott dadurch nichts anderes im Geiste vorgeführt hat als die tote Schwäche unserer Liebe zu Ihm! Daher werden wir wieder stark in der Liebe in und zu Ihm, so wird uns schon alles wieder klar werden, was uns bisher noch dunkel geblieben ist! Amen.“
HG|1|44|1|1|Henochs und Adams zeitliche Versorgung wird geregelt
HG|1|44|1|0|Und da der Seth solches vernommen hatte, fingen seine Augen an, sich zu öffnen, wie auch die Augen der übrigen; denn sie begriffen nun alle wohl, was der Henoch damit hatte sagen wollen, und waren damit zufrieden, da sie gewahrten, dass doch der Henoch solche Dinge begriff, die ihnen allen so ganz und gar unbegreiflich waren, und priesen und lobten darob Mich mit einfältigem Herzen inniglich, dass Ich einem Menschen zu ihrem Wohle so viel Weisheit verliehen habe und gezeigt habe Dinge aus der Höhe wie aus der Tiefe und ließ enthüllen ihren verborgenen Sinn zum geistlichen Wohle derer, die Mich suchten in der wahren Liebe.
HG|1|44|2|0|(NB. Euch ist nun auch schon so manches und bei weitem Größeres gegeben worden; allein es ist noch keiner so recht im Herzen zu Mir gekommen, dass er Mich lobe und preise in der wahren Liebe und wäre fröhlich über die Maßen ob solcher großen, nun so reichlich zu euch darniederströmenden Gnade und nicht heimlich seufze nach der Weihe des Knechtes, der da sein muss ein Werkzeug Meiner Gnade um wenig mehr Lohn, als um den jeder von euch Mir dienen soll in der wahren Liebe. Ich habe nur einen vor der Welt zum Narren erweckt für euch, damit ihr erhoben werden mögt zu großen Ehren vor den Engeln, und dieser eine ist Mein schwacher, armer Knecht, der da ist ein Narr, vom Land früh zu euch gekommen, und war lange unter euch, und niemand gewahrte, dass er ein Narr ist vor der Welt. Aber der Narr suchte Mich, und Ich habe Mich von ihm finden lassen und habe ihn geweckt vor euren Augen, damit er euch zu einem Lasttier werde und bringe euch ein neues Brot der Liebe aus den Himmeln, das da ist ein wahres Brot, da es Liebe gibt und Liebe fordert. So aber das Lasttier auf Sion sich befindet auf einem morastigen Weg, so geht ihr hinzu und nehmt gierig Brot aus seinem Korb; aber um seine Füße bekümmert ihr euch wenig und seht nicht, dass dieselben bis an die Knöchel meist euretwegen im zähen Lehm stehen! Ich sage aber, so euch das Brot und das Wasser des Lebens schmeckt, so lasst das gutmütige Lasttier nicht stecken! Der es tun kann, der tue es und befreie seine Füße insgeheim vor der Welt vom Kot; denn sonst werden mit der Zeit, so er bei euch verbleiben soll, seine Füße aus Angst schwach werden, dass er kaum fähig wird, für euch Brot zu tragen, außer Ich Selbst werde ihn davon befreien, ihn aber dann auch führen, wohin Ich ihn werde wollen. Jedoch bei euch lassen werde Ich ihn dann wohl nimmer; denn Ich habe noch der Kinder viele, aber wenige darunter, die zu Narren sich möchten gebrauchen lassen. Denn es ist besser und leichter, das Brot zu essen, wenn es schon bereitet ist; aber schwerer ist es, um geringen Lohn sich aus Liebe vor den Pflug spannen zu lassen als Lasttier. Das bedenkt wohl, und lobt und preist Mich in eurem Gehorsam! Wer von euch wird etwas tun darin, der wird nie einen Stater verlieren, und es wird ihm zu seiner Zeit rückerstattet werden zeitlich und ewig; der Knecht aber wird sagen dem, der es tun möchte, worin seine Füße stecken. Amen.)
HG|1|44|3|0|Nachdem da alle Mich gelobt und gepriesen hatten bei einer Stunde lang, da erhob sich nun wieder Seth und hieß die anderen sich erheben und sprach zu ihnen: „Kinder, unser lieber Henoch hat mit der sichtbaren Gnade von oben schwere Lasten von unseren bedrängten Herzen gehoben und hat selbe kräftig geschleudert in eine unabsehbare Tiefe der Wonne und Seligkeit; Gott, unser aller heiligster, bester Vater, sei ewig dafür gelobt und gepriesen! Aber da dem Henoch solches unseretwegen als Folge seiner ausgezeichneten Demut vor Gott und vor den Brüdern ward gegeben – und was er empfangen hat, das alles hat er uns ohne den geringsten Vorenthalt treulich wiedergegeben –, so wir aber nun fröhlichen Mutes loben und preisen Gott, unseren heiligsten Vater, so glaube ich, dass wir deshalb des Henoch in unserer Liebe und Freude nicht vergessen sollen! Denn da er ein Liebling Gottes geworden ist, wie soll er nicht auch der unsrige sein?
HG|1|44|4|0|Obschon wir wohl wissen, dass dieses alles, das er uns sagte, rein nur von oben kommt, so glaube ich aber doch, – dieweil wir Achtung haben müssen vor der Stelle, da unser aller Vater Adam nur hingetreten ist und die Mutter Eva –, dass es noch füglicher wäre, den Mund nicht unbeachtet zu lassen, durch welchen Gott Selbst zu unseren Herzen gesprochen hat.
HG|1|44|5|0|O Kinder, nehmen wir den lieben Henoch in unsere Mitte und lassen ihn nicht mehr bearbeiten die magere Erde, damit sie ihm reiche einen harten Bissen, – sondern, da ihn Gott, unser aller heiligster Vater, in Seiner unendlichen Liebe gnädig zum Bearbeiter unserer liebeschwachen Herzen gemacht hat, so lasst uns für ihn die Erde bearbeiten durch unsere vielen anderen Söhne und Töchter, die zwar alle kräftige Glieder, aber dafür desto schwächere Herzen haben.
HG|1|44|6|0|Du, lieber Henoch, aber wirst das auch willig und dankbar annehmen, was dir deine Väter aus großer Dankbarkeit, Lob und Preis zu Gott geben möchten, damit du volle Muße haben möchtest, unser aller Herzen nach dem heiligsten Willen Gottes regsam zu bearbeiten!
HG|1|44|7|0|Und nun, Kinder, folgt mir in meine Hütte, und lasst uns stärken unsere Glieder mit Speise und Trank in dem Namen unseres allerheiligsten Vaters, und dann möge uns unser lieber Henoch wieder etwas erzählen von der Liebe! Amen.“
HG|1|44|8|1|Am 26. November 1840
HG|1|44|8|0|Und als der Seth solches anbefohlen hatte seinen Kindern, da machten sie sich alsobald auf den Weg, hin zur Hütte Seths, welche nahe an der Hütte Adams errichtet war. Und als sie nun ankamen, so verneigten sie sich alle vor der Hütte Adams, und dann erst vor der Hütte Seths, und besuchten dann auf kurze Zeit den Erzvater und die Erzmutter und ließen sich vor dem Mahle segnen von Adam, was täglich bei den Gegenwärtigen zu geschehen pflegte, und für die Entfernten aber wurde ein allgemeiner freier Segen ausgesprochen. Nachdem sie aber solches verrichtet hatten und wollten sich ehrfurchtsvoll und heiß dankbar entfernen, siehe, da sprach Adam gerührt mit schon sehr schwebender, gemütsbrechender Stimme:
HG|1|44|9|0|„Liebe Kinder, und du mein geliebtester Ahbel-Seth! Ich, euer Vater Adam, habe euch nun gesegnet, und ihr geht nun hin, zu stärken mit Speise und Trank eure Glieder, – und dass ihr das tut, tut ihr ja recht und wohl; aber seht, ich bin schon sehr alt und schwach geworden, wie auch die Mutter Eva, und kann nicht mehr arbeiten. Es versagen mir schon alle Glieder den Dienst; ihr wisst, dass ich allzeit noch gearbeitet habe und habe nicht gewollt, dass jemand für mich hätte arbeiten sollen, um dadurch jedem mit einem guten Beispiel voranzugehen.
HG|1|44|10|0|Allein heute vermochte ich es nicht mehr. Als ihr alle arbeitsunfähig wart, arbeitete ich, euer Vater, mit der gnädigsten Hilfe unseres großen, heiligen Vaters für euch alle; nun aber vermag ich’s nicht mehr!
HG|1|44|11|0|Kinder, ich bin hungrig und durstig; so ihr euch werdet gesättigt haben, da denkt mit einer kleinen Stärkung auch an euren alten Vater und eure Mutter, und gebt auch uns etwas zu essen und zu trinken, und lasst uns hinfort nicht mehr aus eurer Sorge! Und was ihr uns, euren Eltern, tut, Kinder, das tut aus Liebe, damit der von euch mir dargereichte Bissen nicht hart und bitter, sondern wohlschmecke euren alt und schwach gewordenen Eltern; denn ihr werdet diese kleine Last nicht lange mehr über euch haben, da ich, euer schwacher Vater, sicher nicht lange mehr diese Hütte unter euch, euch allzeit segnend, bewohnen werde, sondern werde sie verlassen auf ewig und werde eine andere Hütte beziehen daselbst, wohin Ahbel gezogen ist. Darum sorgt gerne für mich, euren alten, schwachen Vater, und ebenso für die Mutter, dieweil wir noch unter euch sind; denn nach wenigen Jahren, die bald verronnen sein werden, werdet ihr trauernd suchen den, der euch jetzt in seiner unbehilflichen Schwäche um Speise und Trank bittet, – aber auf der weiten Erde wird nimmer seine Hütte zu finden sein. Nun, liebe Kinder, geht im Namen Gottes, begleitet von meinem Segen, und stärkt eure Glieder; aber vergesst nicht eures alten, schwachen, hungernden Vaters und ebenso der alten, schwachen Mutter! Amen.“
HG|1|44|12|0|Als aber diese braven Kinder solche Rede von Adam vernommen hatten, wurden sie so gerührt in ihren sanften Herzen, dass sie alle laut zu weinen anfingen und sich lange nicht zu erholen vermochten. Endlich aber erhob sich doch Seth und sprach, durch und durch gerührt:
HG|1|44|13|0|„Vater! Kinder! Solange die Erde steht und der Himmel mit seinen Sternen, dem Mond und der Sonne dieselbe umwölbt, ist noch nie ein so heiliges Wort aus dem Munde eines Menschen gesprochen worden als das, welches ich, nach Adam euer aller Vater, nun aussprechen werde. Ich sage: Eher sollen alle Sterne vom Himmel fallen und der Sonne und dem Mond auf ewig ihr Licht benommen werden; alle Meere, Seen und Flüsse sollen eher vertrocknen bis auf den letzten Tropfen, und die ganze Erde soll eher werden zum nackten Stein: ja, das alles soll eher geschehen, als es uns je zuvor gelüsten soll, eher einen Bissen in den Mund zu stecken, bis nicht unser Vater Adam und unsere Mutter Eva hinreichend gesättigt worden sind zu jeder Zeit des Tages!
HG|1|44|14|0|O Vater und Mutter, ihr wisst ja schon von jeher, wie sehr es mich allzeit erfreut hat, so ihr in den Tagen eurer Kraft von mir etwas habt annehmen wollen; um wie viel größer aber ist nun meine Freude, da ihr unserer Sorge nötig habt, damit mir doch einmal die gnädige Gelegenheit zuteil wird, nur im allergeringsten Teil ein wenig mit der allergrößten Liebe meine übergroße Schuld abzutragen und euch, o Vater und Mutter, abzustatten eurer großen Wohltaten kleinsten Teil! O Vater und Mutter, nehmt es gnädig auf und verweilt bis ans Ende der Zeiten segnend unter uns!
HG|1|44|15|0|Und du, Enos, und Kenan, eilt in meine Hütte, und holt alsobald die beste Speise und den frischen Trank, und sagt es meinem Weib Jeha, eurer Mutter, dass es ihren Vater Adam und ihre Mutter Eva danach hungert und dürstet, und bringt sie hierher, damit auch sie gelobe, was ich so heilig im Angesichte Gottes soeben nun geschworen habe! Nun geht, und kommt sogleich! Amen, amen, amen.“
HG|1|45|1|1|Adam segnet seine Kinder und ermutigt Henoch
HG|1|45|1|0|Und sehet, es verflossen kaum hundert Pulsschläge, als die beiden Abgesandten, versehen mit Speise und Trank, an der Seite der weinenden Jeha ehrfurchtsvoll in die Hütte Adams traten und reichten es ehrerbietig dem Seth, damit der es dann als Würdigster, niederknieend vor Adam und Eva, denselben in der größten kindlichen Liebe und in größter Freude reichen möchte, danach sie verlangten.
HG|1|45|2|0|Und sehet, da nun Adam sah die große Bereitwilligkeit seiner Kinder und ihre große Liebe, da erhob er seine Augen, ehe er noch einen Bissen in den Mund steckte, gen Himmel und sprach: „O Du großer, bester, überheiliger Vater, wie groß muss doch Deine Liebe zu uns schwachen, ungehorsamen Menschen sein, da der kleinste Funke dieser Deiner unendlichen Liebe in meinen Nachkommen und Deinen Kindern schon so mild und herrlich mir altem und schwachem ersten Menschen der Erde entgegenstrahlt! O Vater, siehe gnädig herab von Deiner heiligen Höhe auf Deinen schwachen, gefallenen Sohn, dessen Fall allen seinen Nachkommen zum Falle geworden ist, und segne auch Du in Deiner Milde die liebe Gabe meiner Nachkommen und Deiner lieben Kinder, damit sie mich und mein treues Weib stärken möchte in unserer steten Reue ob unseres Ungehorsams gegen Dich, o Du heiliger, bester, liebevollster Vater! Segne aber auch diese Deine lieben Kinder, und lasse es gnädig geschehen, dass Dein heiliger Name allzeit möchte gepriesen, gelobt und verherrlicht werden! Amen.“
HG|1|45|3|0|Als nun der Adam solches geredet hatte, so nahm er die dargebrachte Speise und aß und trank mit der Eva wohlgemut und voll Dankbarkeit gegen Mich und voll Freundlichkeit gegen seine Kinder. Die Kinder aber dankten Mir still in ihren Herzen für die große Gnade, dass Ich sie gewürdigt habe damit, dass sie nun in großer Freude sorgen durften für ihre Eltern. – Sehet, das waren Mir recht liebe Kinder, dergleichen es jetzt wenige gibt auf der gänzlich verdorbenen Welt; oh, das waren aber auch Kinder nach Meinem Herzen! Möchten doch viele solche Kinder sein, oh, dann wäre Ich ihnen kein so verborgener Vater, als Ich nun leider gar so vielen sein muss, damit sie doch nicht gänzlich zugrunde gehen in ihrer verstockten Blindheit!
HG|1|45|4|0|Und als der Adam und die Eva sich nun gesättigt hatten im Angesichte ihrer aus Liebe stets noch weinenden Kinder, da richtete sich Adam auf und dankte Mir mit tiefgerührtem Herzen und wandte sich nach vollendeter Danksagung zu seinen Kindern und sprach mit überaus freundlicher Stimme von schwebender, gerührter Bewegung: „Gottes Segen und mein Segen sei allezeit mit euch und bei allen euren Nachkommen. Und solange die Erde bleiben wird, soll eure nun so hoch gesegnete Linie fortbestehen bis ans Ende aller Zeiten; und die da je sein werden aus eurer geraden Linie, an denen soll auch wohl sichtbar sein in allem ihrem Tun und Lassen dieser mein Urstammvatersegen aus Gott als unserem aller heiligsten Vater; und es soll dereinst sichtbar werden dieser mein Segen über euch alle als eine neu aufgehende Sonne der Liebe und Gnade aus Gott, dem Vater, über alle Völker der Erde, welche dann schauen werden die große Herrlichkeit Gottes in allerhöchster Liebe und Sanftmut darniedersteigen als ein Leben alles Lebens! Amen. – Und nun geht, liebe Kinder, und stärkt und labt euch unter Gottes und meinem Segen! Amen.“
HG|1|45|5|0|Seth aber erhob sich und sprach: „O du, lieber Vater, und du, liebliche Mutter! Es wäre nicht fein, so dich gehungert hat auch nur einen halben Tag, dass wir aus großer Liebe zu dir nicht auch sollten teilen mit dir dein unverdientes Ungemach, daran wir schuld sind, da wir erst so spät zu dir gekommen sind; daher lass uns aus großer Liebe zu dir und durch dich und mit dir zu Gott den heutigen Tag keine Speise zu uns nehmen, damit wir Gott desto lauterer und würdiger zu loben und zu preisen vermöchten in unserer überglücklichen Nüchternheit! O Vater, nehme gnädig auf dieses unser kleines, gerechtes Opfer; erlaube aber dafür deinem Enkel Henoch zu reden vor dir und uns von der Liebe Gottes, damit sein Mund geheiligt werden möchte auch durch deinen Segen, wie er vor uns geheiligt wurde von Gott durch deinen heimgegangenen Sohn Ahbel! O Vater, willfahre gnädig meiner frommen Bitte! Amen.“
HG|1|45|6|0|Als aber Adam solches vernommen hatte, ward er gerührt bis zu Tränen und sprach: „O Kinder, ihr tut mehr, als was ich von euch verlangte! Es soll euch in allem Guten ja niemals eine Schranke gesetzt werden! Tut immerhin, was euch frommt; aber tut, was ihr tut, nicht zu meiner, sondern allzeit zur Ehre Gottes, und vergesst eures Vaters nicht in seiner großen Not, und gedenkt allzeit wohl der Schwäche eurer Mutter!
HG|1|45|7|0|Und du, lieber Henoch, der du von Gott durch meinen geliebtesten Ahbel zum Redner und Prediger der Liebe bist gesegnet worden, sei auch gesegnet von mir in allen deinen Nachkommen, und es möge dereinst von deiner Linie allen Völkern der Erde ein großer Prediger erstehen, der mit dem Wort des ewigen Lebens den Menschen das Reich Gottes verkünden wird. Amen. Und nun rede mit deiner gesegneten Zunge! Amen.“
HG|1|45|8|0|Als nun aber Henoch solche hohe Aufmunterung erhalten hatte, so ward er über die Maßen froh und heiter und dankte zuerst Mir in seinem Herzen; dann aber fiel er vor Adam nieder, küsste dessen Füße und das Kleid der Eva und bat darauf inbrünstig den Urstammvater, dass er ihm seine segnenden Vaterhände möchte aufs Haupt legen, damit dadurch dann erst seine schwache Zunge würdig werden möchte, zu reden Worte der Liebe vor und zu den Ohren, welche einst die Worte aus dem Munde der ewigen Liebe Selbst vernommen hatten, ja vor und zu den geheiligten Ohren, in die Gottes Stimme so vielfach drang.
HG|1|45|9|0|Adam aber, nachdem er dem Henoch tat, danach dieser verlangte, sprach zu ihm: „Lieber Henoch! Du hast deine Bitte recht gestellt, dass sie Gott und mir wohlgefällig ist, und es ist so, wie du gesagt hast; aber eines, das dir freilich nicht ziemlich gewesen wäre zu denken, noch viel weniger zu sagen, muss ich hinzusetzen, und das ist: vor und zu welchen Ohren Gottes heilige Stimme einst vergeblich in allerhöchster Liebe redete!
HG|1|45|10|0|Siehe, lieber Henoch, mir steht es zu, wie jedem von euch, die eigenen Fehler vor aller Augen zu bekennen und sich so zu demütigen vor Gott und der Erde; aber wehe dem, der da möchte verkleinern den Namen seines Bruders und ihm nehmen die Ehre, die ihm Gott Selbst gegeben hat! Es ist aber demnach solche Ehre eines jeglichen Eigentum von Gott aus, und es hat niemand das Recht, ein so geheiligtes Eigentum des anderen anzugreifen mit seiner Zunge oder mit seiner Hand; aber jeder hat das Recht, sich zu demütigen vor Gott und vor der Erde, das ist, vor seinen erwachsenen Brüdern, – nur nicht vor der Unmündigkeit, damit diese nicht hochmütig und anderartig geärgert werde.
HG|1|45|11|0|Dieses sei nun euch allen eine gute Lehre, mir aber eine große Beruhigung, vermöge welcher ich erst selbst im guten Stande sein werde, Gottes Worte aus Henochs gesegnetem Munde wohl zu vernehmen! Denn es ist ein anderes, so ein Bruder zum anderen spricht von der Erde, dem Mond, der Sonne und allen den Sternen – denn das sind Dinge der Welt, die alle erschaffen wurden meinet- und euretwegen –, und ein anderes ist es, so ein Bruder zum anderen redet Worte aus Gott von den Dingen, die Gottes sind; die kann und soll niemand eher vernehmen, bevor er sich nicht erniedrigt hat vor der alles richtenden Heiligkeit Gottes.
HG|1|45|12|0|Wer aber da meinen würde, der Bruder rede Dinge aus sich und nicht aus Gott, so dessen Zunge gesegnet wurde, der würde über sich selbst das Gericht aussprechen in seinem Eigendünkel, da er meine, dass auch er so gut wäre und Gott ja durch eines jeglichen Mund reden könne und müsse, und es müsse nicht gerade der des Henoch sein; aber da sage ich, euer aller Leibesvater und Zeuger eurer Seelen aus Gott: Es ist dem nicht so! Sehet an die Blumen auf dem Feld! Ist nicht eine jede anders in der Gestalt, Farbe, dem Geruch und in dem Gebrauch – und ist aus allen die edelste doch nur die Rose mit ihrem überherrlichsten Geruch und ihrem jegliches schwache Auge stärkenden Tau, so zuvor durch den Geruch erquickt wurde das Herz? Und so ihr betrachtet die zahllosen Sterne am Himmel, so werdet ihr finden, so ihr sie genau beachtet, dass auch nicht zwei ganz ein und dasselbe Licht haben; aber nur einer unter all den Sternen, welche nicht verlassen ihre Gemeinde, den ihr den ‚Stern Ahbels‘ nennt, ist, der da strahlt gleich einem hellen Tautropfen in der Morgensonne! Es ist zwar Gott einerlei Sorge um ein Sonnenstäubchen oder um eine Sonne, und es ist Ihm einerlei, zu ernähren eine Mücke oder ein Mamelhud; denn es ist, wie wenn jemand viel hat, so kann er davon geben Großes und Kleines mit demselben Willen und derselben Liebe: dem, der vieles bedarf, vieles und dem, der nur weniges bedarf, nur eine kleine Gabe, und er kann auch vielerlei Gaben austeilen, dem einen dieses und dem anderen jenes, und so jedem etwas anderes. Henoch aber wurde beteilt mit Liebe und erhielt eine gesegnete Zunge und ein wohlerleuchtetes Herz; daher soll er auch geben, was er erhielt. Und weil da die Liebe Gottes sein Anteil wurde, so soll er nun auch Liebe wiedergeben, gleichwie die Rose das gibt, was sie erhielt, und niemand zweifelt, dass sie es zuvor von Gott erhalten hatte, das sie gibt, da es eine gute Gabe ist, die unseren Sinnen frommt. Wer wird je zweifeln können, woher die Gabe Henochs kommt, wenn seine Zunge vor lauter Liebe Gottes bebt?!
HG|1|45|13|0|Daher rede, Henoch, und stärke uns, deine Väter, mit der Überfülle deiner Gabe aus Gott! Amen.“
HG|1|46|1|1|Das siebenmalige Kommen des Herrn
HG|1|46|1|0|Und sehet, als nun der Vater Adam solche Rede vollendet hatte, da erst erhob sich ehrfurchtsvoll Henoch und begann seine Rede an die Väter zu richten; jedoch bevor er noch förmlich zu sprechen begann, kehrte er im Stillen sein liebendes Herz zu Mir und bat Mich um die Gnade, dass es ihm nun gegönnt werden möchte, zu reden von Meiner Liebe und der Heiligkeit Meines Namens, der da unaussprechlich ist jeglicher Zunge ewig, weil er so heilig ist.
HG|1|46|2|0|Und Ich tat ihm auch alsobald, um was er Mich gebeten hatte, und seine Stimme machte Ich wohlklingend wie edles Erz, und so redete er eine Rede voll Würde und Süße, und es wurde vor und nach ihm von keiner menschlichen Zunge eine Rede gesprochen, die dieser gliche, bis Moses und all die Propheten, die ebenfalls geredet haben mit der Zunge Henochs und aus demselben Geiste. Diese Rede aber lautete also:
HG|1|46|3|0|„O Väter! Die große Gnade Gottes, unseres allerheiligsten Vaters, ist unter uns gekommen wie ein kühlender Hauch, dem fernen Morgen entschwebend. Ja, der heilige, ewige Vater ist unter uns! Du, Erzvater Adam, wirst vielleicht sagen: Henoch, höre, das kann nicht sein; denn der Herr hat zu mir geredet: ‚Sehen wirst und sollst du Mich nicht mehr, sondern Ich werde einen Engel setzen, dass er dich führe, leite und prüfe bis zur Zeit Meines Wohlgefallens!‘ Allein, Vater Adam, so aber jemand unter den Menschen hätte ein schwaches Weib, die da an einem heiteren Morgen getrübt hätte das liebefrohe Angesicht ihres sie tief liebenden Gatten, da sie ihm nicht folgen wollte ins Gemach, auf dass sie empfange den Segen von Gott, nachdem die Sonne aufgehe und segne die Erde aus Gott mit den hellen Strahlen der Barmliebe Gottes – wenn nun der Gatte solchen Ungehorsam in der Liebe gewahr wird, da wird er sagen: Weib, was soll ich mit dir, da du verabscheust die Gnade und Kraft Gottes in mir und überhebst dich wider den Segen Gottes?! Siehe, um der Heiligkeit Gottes in meiner Kraft zu genügen, sei du verlassen von mir, und dich soll nicht eher ein Segen berühren, als bis dich die Sonne siebentausendmal angesehen hatte und dich allzeit hatte waschend getroffen in den Tränen deiner Reue! Alsdann will ich an meiner statt jemanden senden, dass er dich segne in meinem Namen; und so du dich erst erneuern wirst, will ich wiederkommen und von ferne dich ansehen, ob du würdig bist geworden, dass ich dich anrühre mit meiner segnenden Kraft. Meine Erinnerung wird dich umgeben, und auf deinem Acker sollen wachsen Dornen und Disteln; aber der Same, aus dem da werden möchte ein Spross aus Gott, soll entrückt sein derzeit deinen Eingeweiden!
HG|1|46|4|0|Da aber der Gatte solches geredet hätte, verließe er das Weib. Und als das Weib aber solchen heiligen Ernst merkte, so fiele sie nieder zur Erde und finge an zu weinen und zu wehklagen über sich und ihren unverzeihlichen Ungehorsam gegen des Gatten heilige Kraft aus Gott und wälzte sich im Staub der Erde vor Traurigkeit. Da aber der Gatte nun wohl sah den großen Ernst in der Reue des Weibes, so wird er bei sich sagen: ‚Sie bereut ihre Sünde gewaltig und weiß sich nicht zu raten und zu helfen ob meiner Härte, die da ist ein Schutz der heiligen aus Gott mir innewohnenden Kraft, und ihr Jammergeschrei macht verstummen die Stimme meines Abgesandten. Daher will ich das Wort meiner Härte in meinem Herzen brechen und mich lediglich von meiner überaus nachsichtigen Liebe leiten lassen und vor der Zeit hingehen zu ihr und sie trösten und will sie anrühren und trocknen ihre Tränen und so sie wieder annehmen zum Weib!‘
HG|1|46|5|0|Das Weib aber, da sie sich fast blind geweint hatte, erkennt erst nach und nach die große Barmherzigkeit ihres Gatten und erhebt sich endlich von der Erde und schaut hochbeglückt und -erstaunt das Antlitz ihres Gatten. Der Gatte aber ermahnt sie, sagend: ‚Weib, du staunst, dass ich wortbrüchig geworden bin; allein siehe, meine Liebe hat mich wortbrüchig gemacht, und meine Härte erbarmte sich deiner, da du sie so gewaltig gesänftet hast mit deiner Reue, und so bin ich vor der angedrohten Zeit gekommen zu dir, um dich wieder aufzunehmen in mein Herz!‘
HG|1|46|6|0|O siehe, Vater, wie dieser Gatte aus großer Liebe wortbrüchig wurde und vergaß seine Härte ob der großen Reue seines Weibes, so wurde auch Gott, unser aller heiligster Vater, schon gar oft aus zu übergroßer Liebe wortbrüchig und hält nicht zu Seiner gerechten Härte, und Sein Zorn ist der Zorn einer Taube für die Reumütigen; aber Seine Liebe ist gleich einer starken Quelle, welche das Weltmeer unablässig nährt!
HG|1|46|7|0|O Väter, und du auch, Mutter Eva, hebt eure Augen empor und schaut den großen Heiligen unter uns, – ja schaut den liebevollsten, wortbrüchigen Vater unter uns, Seinen Kindern!
HG|1|46|8|0|O Vater, meine Rede ist zu Ende, und es möchte nun Der reden, der mir diese Rede gab; denn vor Dem verstummt meine Zunge!
HG|1|46|9|0|O Du heiliger Vater, sage in Deiner Liebe Du Selbst das große Amen!“
HG|1|46|10|0|Und seht, wie es der Henoch berichtete, so war es auch, und Ich sprach, allen sichtbar, das große Amen. Und als sie Meiner ansichtig wurden, so fielen sie alle nieder vor Mir und beteten in großer Zerknirschung ihres Herzens im Staube Mich, ihren heiligen Vater, an. Und es getraute sich keiner, sein Auge emporzurichten; allein Ich rief sie alle beim Namen und gebot ihnen, aufzurichten ihre Häupter, damit sie erkennen möchten ihren heiligen Vater. Und sie sahen empor, und Adam erkannte Mich und wollte reden; allein seine Zunge gehorchte nicht seiner zu großen Liebe, und Mich dauerte dieser schwachen Kinder, und so verweilte Ich eine Zeit in ihrer Mitte.
HG|1|46|11|1|Am 18. Dezember 1840
HG|1|46|11|0|Und siehe, da war es denn, dass sich niemand getraute und auch vor zu großer Furcht und Liebe ganz und gar nicht vermochte, auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen. Und es dauerte Mich solcher Armut und grenzenlosen Verzagtheit, dass Ich ihnen Mut und Kraft einhauchte, damit sie vermögend würden, zu ertragen Meiner Stimme Donnerklang, und wohl verstehen möchten den hohen Sinn solcher Rede aus dem Munde der ewigen Liebe, die sich da ergoss ähnlich einer großen Flut aus dem ewigen Urborne alles Werdens und Seins.
HG|1|46|12|0|Als dann nun alsobald gestärkt waren alle ihre Sinne und ihre Seele und ihr Geist dadurch, da erhob sich Adam, unterstützt von seinen Kindern, und sprach voll Liebe und demutsvollem Vertrauen: „O Du heiliger Vater, der Du die ewige Liebe Selbst es bist, Du hast uns, die wir alle voll der Sünde sind, gnädig milde und voll Liebe in Deiner großen Barmherzigkeit angeschaut; daher wage ich armer Knecht der Sünde in meiner unendlichen Vernichtung vor Dir, Dich mit bebendem Herzen zu bitten und zu fragen: O heiligster Vater! Wo ist an uns allen nur eine Lebensfaser, die noch würdig im Geringsten wäre, sich frohlockend sagen zu können: Weil ich noch unverdorben bin, darum seist oder möchtest Du zu uns gekommen sein?!
HG|1|46|13|0|Allein es sind alle unsere Haare schlecht geworden und kein nütze jegliche Faser unseres Lebens! O so möchtest Du uns gnädigst offenbaren, was da doch Deine Liebe bewogen hatte, Dich so gnädig in solche Niedrigkeit zu begeben!
HG|1|46|14|0|O heiligster Vater, nehme nicht ungnädig auf diese unsere zerknirschte Bitte und Frage; doch wie allzeit, geschehe auch diesmal Dein allerheiligster Wille!“
HG|1|46|15|0|Und sehet, als der Adam solches aus der Tiefe seines Herzens geredet in Meinem Angesichte, da fielen alle wieder auf ihre Knie nieder und beteten Mich in ihrer für den Menschen unaussprechlichen Liebe an; Ich aber trat ihnen näher und hieß sie, nachdem sie ihrer Liebe Genüge taten, aufzustehen und zu öffnen ihre Augen und ihre Ohren und wohl zu vernehmen Mein Wort.
HG|1|46|16|0|Und als solches geschehen war, da erst richtete Ich folgende Worte zu ihren Herzen, die sinnlich oder naturgemäß also lauteten:
HG|1|46|17|0|„Kinder, höret! So spricht Der, der euch gegeben hat eine unsterbliche Seele und einen lebendigen Geist aus Sich, dass ihr sollt erkennen Meine große Liebe zu euch, dass Ich euch dereinst geben will das ewige Leben aus eurer Liebe zu Mir und aus Meiner Liebe zu euch, so die große Schuld der Liebe dieselbe Schuld an der Heiligkeit getilgt haben wird zu einer Zeit, die Ich erst dazu machen werde aus Mir. Wie Ich euch alle gemacht habe aus Meiner Barmherzigkeit, so werde Ich auch diese Zeit bereiten aus Meiner Liebe.
HG|1|46|18|0|Wie Ich aber jetzt bin ein Geist der Gnade unter euch, so werde Ich dann sein ein Mensch voll der höchsten Liebe unter den Menschen. Wie aber ihr auch jetzt erkennt, dass Ich, euer Vater, zu euch gekommen bin als ein hoher, ewiger Geist aller Kraft und Macht, und wohl wisst, dass Ich es bin, der nun solches zu euch redet, so werden Mich jedoch dann eure späten Kinder nicht sogleich erkennen als schwachen, armen Bruder unter sich, und werden Mich verfolgen und grausam misshandeln und werden Mir tun, was Kahin dem Ahbel tat. Aber es wird schwer werden, den Herrn des Lebens zu töten; denn da wird Mein Scheintod gereichen allen zum ewigen Leben, die da glauben werden, dass Ich es bin, der als ein mächtiger Retter unter sie gekommen ist, mit aller Macht der Liebe angetan, um zu sühnen die Schuld, die euer Ungehorsam über euch verbreitet hat, wie über die ganze Erde und über alle Sterne – denn auch dort gibt es Kinder, die uranfänglich aus dir, Adam, gegangen sind –, die aber auch werden wird den Ungläubigen und Halsstarrigen in ihrer eigenliebigen Bosheit zum ewigen Gericht und so auch zum ewigen Tode.
HG|1|46|19|0|Und so werde Ich kommen sieben Mal; aber zum siebenten Mal werde Ich kommen im Feuer Meiner Heiligkeit. Wehe dann denen, die da unlauter werden gefunden werden! Diese werden fürder nicht mehr sein denn im ewigen Feuer Meines Zornes!
HG|1|46|20|0|Sehet, einmal war Ich schon da im Anfang der Welt, um zu erschaffen alle Dinge wegen euch und euch wegen Mir. Bald werde Ich wiederkommen in großen Wasserfluten, um zu waschen die Erde von der Pest; denn die Tiefen der Erde sind Mir ein Gräuel geworden voll schmutzigen Schlammes und voll Pest, die da geworden ist aus eurem Ungehorsam. Da werde Ich kommen euretwegen, damit nicht zugrunde gehe die ganze Welt und eine Linie bestehe, deren letzter Sprössling Ich sein werde.
HG|1|46|21|0|Und Ich werde zum dritten Mal vielfach kommen, wie jetzt ungezählt zu euch, bald sichtbar und bald wieder unsichtbar im Wort des Geistes, um vorzubereiten Meine Wege. Und Ich werde zum vierten Mal kommen in großer Not körperlich in der großen Zeit der Zeiten. Und Ich werde kommen gleich darauf zum fünften Mal im Geiste der Liebe und aller Heiligung. Und Ich werde zum sechsten Mal kommen innerlich zu jedem, der nach Mir in seinem Herzen ein wahres, ernstliches Verlangen tragen wird, und werde da sein ein Leiter dessen, der voll Liebe sich wird gläubig von Mir ziehen lassen zum ewigen Leben, und werde aber auch sodann ferne sein der Welt; wer aber da wird aufgenommen werden, der wird leben, und Mein Reich wird mit ihm sein ewig.
HG|1|46|22|0|Und endlich aber werde Ich noch einmal kommen, wie schon gesagt; doch dieses letzte Kommen wird allen sein ein bleibendes Kommen, entweder so oder so!
HG|1|46|23|0|Höret und verstehet wohl, verbleibt in der Liebe, denn diese wird euer Retter sein! Liebt Mich über alles, – das wird euer Leben sein ewig; liebt euch aber auch untereinander, damit euch erlassen wird das Gericht. Meine Gnade und Meine erste Liebe sei mit euch bis ans Ende aller Zeiten! Amen.“ – Und ihre Augen wurden geschlossen.
HG|1|47|1|1|Die Größe und Tiefe des Wort Gottes
HG|1|47|1|0|Als sie nun vollends zu sich gekommen waren, siehe, da erhob sich Adam und sprach zu der kleinen Versammlung: „Nun, Kinder, habt ihr es mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren vernommen? Ja, ihr habt gesehen den Herrn der Ewigkeit, den Gott der Unendlichkeit, ja unseren liebevollsten, heiligen Vater habt ihr gesehen und gehört Seine unaussprechlich süße Stimme! Ja, Er ist, wie Er war, da ich Ihn sah, ehe Er noch gesehen wurde von einem sterblichen Auge, das da nun umhüllt ist mit des Todes dreifacher Nacht, und Seine Stimme ist dieselbe unveränderte Stimme voll Macht und Kraft, deren unendlich süßem Klang gehorchend Sonnen und Welten ihr Nichts verließen und in unbegrenzter Ehrfurcht da und das wurden, wo und was sie sind, ja durch deren Klang sogar der mächtigste und größte Geist das wurde, was er jetzt ist –  ein ohnmächtiger Wurm im Staub der Erde hier vor euren Augen; denn ich selbst bin an dessen Stelle gesetzt worden als eine elende, schlechte, undankbare Kreatur voll Ungehorsam von und aus mir selbst!
HG|1|47|2|0|O Kinder, sehet, wie überaus gut doch unser Gott, ja unser liebevollster, heiligster Vater ist! Sehet, dieser große Geist, dessen Stelle nun ich armer und überaus schwacher Staubmensch einnehme, war berufen, zu sein ein Bruder der ewigen Liebe der Heiligkeit des Vaters; allein der eigenliebige Ungehorsam trieb diesen großen, mächtigen Geist hierher in diese namenlose Niedrigkeit. Da es nun nicht mehr möglich ist, dass wir in unserer sämtlichen Nichtigkeit je vermöchten, der Gottheit würdig näher nur um ein Sonnenstäubchen zu kommen, so will Er, wie ihr nun alle wohl vernommen habt, um uns näher an Sich zu ziehen, Sich Selbst in unsere Nichtigkeit begeben, und dadurch dieser unserer Nichtigkeit mehr geben, als es die größte Geistesgröße je zu fassen vermöchte, das heißt – wenn ich es richtig erfasst habe –: Er will uns Würmern des Staubes nicht nur ein Gott, ein heiliger Vater sein, was Er von Ewigkeit war, sondern Er will uns sogar ein starker Bruder werden, um uns Wertlose dadurch mit Sich zum ewigen Leben zu vereinen!
HG|1|47|3|0|O Kinder, wer vermag solche unendliche Liebe zu fassen? Wo ist das Herz, das in seiner höchsten Entzündung nur den unendlich kleinsten Teil solcher Liebe ertrüge, die da vermag den großen Gott, den heiligsten Vater zu uns herabzuziehen, Sich unserer Nichtigkeit zu erbarmen und endlich aus solcher Liebe selbst Sich mit unserer Nichtigkeit zu bekleiden, um uns alles, alles, alles werden zu können?
HG|1|47|4|0|O Kinder, mein Gefühl erlahmt mir die Zunge; daher rede du, Henoch, weiter, du gesegneter Redner Gottes, und lass uns vernehmen die Wunderkraft deiner Zunge! Aber höre: wo ich aufgehört habe zu reden, da beginne du zu reden von der großen Liebe des heiligsten Vaters! Amen.“
HG|1|47|5|0|Und als Henoch solchen Wunsch vernommen hatte, siehe, da gemahnte er sich, erhob sich vom Boden, dankte Mir in aller demütigen Vernichtung seines reinen Herzens, verneigte sich endlich gegen alle und ging endlich zu Adam und verneigte sich vor ihm und sprach:
HG|1|47|6|0|„O Vater meiner Väter! Siehe, es sind hier meine Väter und deine Kinder; wie sollte ich bei solch unerhörter Erscheinung es nur wagen, meine Zunge vor denen zu rühren anzufangen, die Gott vor mir werden hieß aus dir und sie durch die Natur mir gesetzt hat zu Vätern?! Daher möchten sie doch auch es mir liebeduldig zuerst gestatten, dass ich dann in vollster Ruhe meiner Eingeweide wohl könnte das Wort der großen Gnade Gottes aussprechen im Angesichte aller Väter und der hohen Mutter Eva.“
HG|1|47|7|0|Als aber die Väter solche demütige Bescheidenheit vernommen hatten, da standen sie auf, verneigten sich vor Adam und priesen Mich mit lauter Stimme und dankten Mir, dass Ich dem Henoch gegeben habe ein gar so bescheiden demütiges Herz. Und aus dem Angesichte aller strömte hohe Freude über den herrlichen Henoch. Und Adam selbst lobte überaus dessen Einsicht und Demut und bat ihn nun mit der fröhlichsten Beistimmung aller, ganz wohlgemut zu beginnen zu reden von der großen Liebe Gottes, des ewigen, heiligen Vaters.
HG|1|47|8|0|Und als nun Henoch solches vernommen hatte, siehe, da erst begann er nach einer inneren, stillen Anrufung Meiner Gnade und Erbarmung folgendes zu reden und sprach, wie da folgt:
HG|1|47|9|0|„O geliebteste Väter! Was soll, was kann die matte Zunge des schwachen, begrenzten, kleinen Menschen an der so hoch geheiligten Stelle hervorbringen und zitternd stammeln, wo kurz vorher die ewige Liebe und Weisheit des heiligsten Vaters so ewigen Inhalts schwere Worte wesenhaft zu unseren Herzen geredet hat!
HG|1|47|10|0|O Väter, was ist unser größtes Wort gegen dessen kleinstes, das da der ewigen Macht solcher heiligen Liebe aus Sich genügte, hervorzubringen eine Unzahl großer und kleiner Dinge, und damit auszufüllen den unendlichen, ewigen Raum Seines Willens, während unsere größten Reden nicht einmal ein kleinstes Sonnenstäubchen aus seiner ihm bestimmten Ordnung zu verwehen vermögen!
HG|1|47|11|0|O Väter, sehet, so wir das so recht bedenken, muss uns da nicht zumute werden, als stünden wir auf glühenden Kohlen und ich, der Sprecher, auf den brennenden Strahlen der hohen Mittagssonne, da ihre Strahlen über unserem Haupte fließen machen das harte Erz?!
HG|1|47|12|0|Denket, Gott war es, der da stand als ein mächtiger, ewiger Geist und redete große Worte aus Sich zu uns, und wir verstehen sie nicht und werden sie ewig nicht vollends verstehen; denn wie soll oder könnte das, so nichts ist aus sich, erfassen die ewige, unendliche Selbstheit Gottes und begreifen den ewigen Geist eines Wortes aus dem Munde Gottes, da wir alle ja ganz wohl wissen, wie viele Worte die ewige Liebe und Weisheit benötigte, um uns und das ganze, unendliche All für uns so vollkommen, als es unbegreiflich ist, hervorzurufen!
HG|1|47|13|0|O Väter, sehet, wenn man das bedenkt und möchte reden von dem unendlich großen Ruhm Gottes, wo sollte man da anfangen und wo enden?
HG|1|47|14|0|Sollten wir uns zum Sonnenstäubchen wenden, das, gar so unbedeutend unter den Strahlen der Sonne glitzelnd, in der Luft unserer kleinen Hütte schwimmt, ohne zu wissen, welches das erste ist, dass wir bei demselben anfangen möchten?! Oder wem wohl ist bekannt das letzte, damit er wohlgemessen möchte anstimmen ein billiges Lob dem Herrn, dem heiligsten Vater, dem unendlichen, ewigen Gott?
HG|1|47|15|0|O Väter, da wir aber schon in unserer Hütte die Unmöglichkeit einsehen, zu begrüßen das erste Sonnenstäubchen zierlich und wohlgefällig für Gott und zu danken Ihm für die Erkenntnis des letzten, – wo aber werden wir anfangen, so wir aus unserer Hütte treten möchten und schauen da über die weite Erde die endlose Vielheit des Staubes?!
HG|1|47|16|0|Und doch müssen wir gestehen, dass alles dieses uns unendlich Scheinende vor Gott soviel als nichts ausmacht, obschon uns die volle Enthüllung auch nur eines solchen Stäubchens eine Ewigkeit beschäftigen würde, so wir es erkennen sollten in der unendlichen Vollkommenheit Gottes.
HG|1|47|17|0|O Väter, sehet also, ein solch winziges Stäubchen, wie wir es nun erkennen, ist für uns schon so groß; wie groß muss die unendliche Vielheit in ihrer Ordnung vom Ersten bis zum Letzten sein! Wo ist außer Gott ein Wesen, das da möchte begreifen die ewige Weisheit des heiligsten Vaters darinnen?!
HG|1|47|18|0|Und da es so ist, was sagen wir zur Erde selbst und zu all den zahllosen Sternen und allem dem, was auf der Erde ist, und was alles sich erst in den großen Sternen vorfindet?! Und was möchten wir sagen über uns, jetzt und urwesentlich?! Und doch ist dieses alles nur ein einfaches Wort aus dem Munde Gottes!
HG|1|47|19|0|O Väter, jetzt erst bedenkt recht: Wie viele Worte hat vor unser aller Augen, Ohren und Herzen derselbe ewige, unendliche, heiligste Vater, durch dessen allmächtiges ‚Werde!‘ die Unendlichkeit erfüllt wurde mit Unendlichkeiten, nun gesprochen!
HG|1|47|20|0|O höret, die Ewigkeit wird es ewig nicht erfassen, und die Unendlichkeit ist zu klein, dass sie das aufzunehmen vermöchte, was wir aus dem allerheiligsten Munde soeben wonnemüde vernommen haben. Uns Menschen ist es unmöglich zu denken; aber wenn alles dieses wird nach solchem allerheiligsten, allerhöchsten Beschluss in Erfüllung gehen, dann werden Himmel und Erden müssen selbst endlos werden. Der Staub wird zur Erde und die Unendlichkeit selbst wird müssen endlos erweitert werden, bevor wir nur ein Sonnenstäubchen von dem begreifen werden, was unser aller heiligster Vater im Sinne hat, um uns ein heiliger Bruder zu werden!
HG|1|47|21|0|O Väter, sehet, welch eine Größe und Tiefe da ist in Gott, – und ich armes Würmchen im Staube sollte es wagen, nach einer solchen Rede sie deutend aufzutreten vor euch, da doch solches für einen neuen Himmel gesagt wurde zu unserem großen Trost – und nicht für diese beschränkte Erde?! Wir können nichts als nur lieben Ihn, der da allzeit heilig, heilig, heilig ist und sein wird ewig. Alles, was wir erkennen mögen, bestehe darin, dass wir Ihn, unseren heiligsten Vater, stets mehr und mehr zu lieben vermöchten, und unsere größte Weisheit bestehe darin, dass wir Den über alles zu lieben vermöchten, der die ewige Liebe Selbst ist durch und durch – und wir und alles durch Ihn ewig! Amen, amen, amen.“
HG|1|48|1|1|Henoch zieht in die Hütte Adams
HG|1|48|1|1|Am 23. Dezember 1840
HG|1|48|1|0|Und als nun der Henoch auf die Art vollendet hatte seine entschuldigende Rede, da dankte er im Stillen Mir, dass Ich ihm gegeben hatte solcher Rede trefflichen Sinn; dann aber verneigte er sich wieder vor Adam und vor allen seinen Vätern. Adam und die Väter aber richteten sich auf und sprachen sämtlich Amen und umarmten den sonst sehr schüchternen Henoch – der da wenig Mut hatte, vor jemandem sich als etwas geltend zu machen, aber desto mehr Mut hatte, Mich im Stillen überaus zu lieben aus der unbegrenzten Demut seines Herzens und so auch seinen Vätern zu gehorchen in aller kindlichen Liebe – und dankten Mir auch voll Liebe und starken Vertrauens für die Gnade, dass Ich unter ihnen geweckt habe einen solchen Liebesprecher der Liebe.
HG|1|48|2|0|Seth aber dankte noch ganz besonders dem Vater Adam für die Segnung der Zunge Henochs und bat Mich im Angesichte aller, dass da, bis ans Ende aller Zeiten fortwährend, diese gesegnete Zunge Henochs bei allen Nachkommen aus dieser Grundlinie der Menschheit bestehen möchte.
HG|1|48|3|0|Und alle sprachen Amen; Adam aber segnete den Wunsch Seths und sprach: „Der Herr wird getreu verbleiben in allen Seinen großen Verheißungen bis ans Ende der Zeiten; möchten doch Ihm alle unsere Nachkommen treuer und treuer werden bis ans Ende aller Zeiten! Amen.
HG|1|48|4|0|Nun aber, liebe Kinder, geht unter meinem vielfachen Segen und dadurch im allerheiligsten Namen unseres ewigen, überguten, liebevollsten Vaters in eure Wohnungen, und ruht aus eure Glieder und eure Seele und Geist in Gott! Und du, Ahbel-Seth, vergesse deines Vaters nicht, und bringe mir mein Gericht und meinen Trank, und tue dann unter meinem dreifachen Segen, was deinen Kindern geraten wurde! Henoch aber sollte die Zeit meines Lebens in meiner Hütte wohnen und speisen aus der Schüssel, daraus ich speisen werde, und soll aber dafür bereit sein, allzeit mir und allen seinen Vätern, Brüdern und Schwestern zu dienen in der Liebe des Geistes aus Gott! Und nun geht und tut, wie ihr es vernommen habt! Amen.“
HG|1|48|5|0|Und alsobald verneigten sich alle vor Adam und gingen in ihre nicht fernen Hütten. Seth aber tat mit der Hilfe seines Weibes seine Pflicht, und Henoch aber holte aus seiner unansehnlichen Hütte sein Lager und brachte es zur Hütte Adams und endlich nach verrichteter stiller Danksagung in die Hütte Adams selbst, allwo die alte Mutter Eva nach Kräften ihm behilflich war, das Lager so weich als möglich zu machen. Und als somit alles wohl bereitet war, so war auch schon Seth mit seinem Weib, wohlversehen mit Speise und Trank, zugegen und dankte Mir mit dem gerührtesten Herzen für die hohe Gnade, die ihm vor allen seinen älteren Brüdern zuteil geworden war, Speise und Trank reichen zu dürfen seinen Eltern und dem lieben Henoch, der ihm vorkam wie ein aufgehender Morgenstern.
HG|1|48|6|0|Und als das Abendmahl nun eingenommen war und das Dankgebet verrichtet, da sprach noch Adam zu Seth, sagend: „Ahbel-Seth, du weißt, dass morgen der sechste Tag der Woche ist und übermorgen der heilige Ruhetag des Herrn erscheint! Zur Zeit der Opferung möchten sich alle meine Kinder aus dir und deren Kinder und Kindeskinder allhier einfinden, wie auch soviel als möglich von jenen meinen Kindern, die mir der Herr nach dir gegeben hat!
HG|1|48|7|0|Das soll ihnen morgen angedeutet werden, wie auch denen, die da geholt haben aus der Tiefe ihre Weiber, dass sie sich sollen reinigen, um zu betreten diese heilige Stätte, darüber der ewige Geist aller Liebe und Weisheit geschwebt ist in aller Wahrheit, Macht und Kraft, und daselbst aus dem Munde Henochs zu vernehmen eine neue Lehre aus Gott, die wohltun wird ihren Herzen, wie sie wohltat dem unsrigen, da es angefüllt wurde mit so unendlichen Erwartungen aus der unermesslichen Liebe Gottes. Nun, lieber Seth, ist dir für heute und morgen alles bekannt aus mir; alles Übrige wird dir offenbaren dein Herz, – und so möge dich Gottes Gnade wie mein Segen geleiten! Amen.“
HG|1|48|8|0|Und bevor sich der Henoch zur Ruhe begeben hatte, so trat er schüchtern vor Adam hin und sprach: „O Vater der Väter, möchtest du mir wohl noch erlauben, dass ich dir mit einer kleinen Bitte dürfte zur Last fallen; aber verzeihe mir zuerst diese meine eigenmächtige Frage!“
HG|1|48|9|0|Adam, ganz gerührt von solch bescheidener, demütiger Herzlichkeit, zog den Henoch an seine Brust und küsste und herzte ihn und sagte endlich, vor Freude weinend: „O Du großer, überheiliger, überguter Vater! Welch eine herrliche Frucht hast Du mir durch Seth an die so viel beweinte Stelle Ahbels gegeben! Ahbel war ein Held vor Dir und mir, aber die Frucht Seths ist ein triefender Honig aus Deinem ewigen Morgen! O habe Dank, ja ewigen Dank für so viel Gnade und Erbarmung!
HG|1|48|10|0|Siehe, du meine Eva, wie gut unser Gott, unser Vater ist! Mit welchen Schätzen hat er uns bereichert!“ – Eva aber sprach: „O Adam, ich kann nichts als in zu großer Freude ob so viel Gnade und Liebe weinen! Wir sind es nicht im Geringsten würdig; denn neben dieser meiner übergroßen Freude aber empfinde ich auch die große Last, welche durch meine alleinige Schuld die Tiefen der Erde drückt. O Kahin, Kahin, warum musstest du werden der Erde zum Fluch?! O Adam, dieser Gedanke nimmt allzeit die Sprache meiner Zunge, und meine Freude wird mit den Dornen umwunden, die da aufgenommen haben meine erste Träne im Paradies noch! O Adam, lass mich weinen und beten!“
HG|1|48|11|0|Adam aber sprach: „O Weib, sei ruhig, lass Gott nun sorgen und tue, was deinem Herzen frommt! Und du, mein lieber Henoch, eröffne mir dein liebevolles Herz, und sage mir dein frommes Anliegen! Mein Herz, mein Auge und mein Ohr hängen an deinem gesegneten Munde; daher rede, wenn du willst, wann du willst, und wie du es willst, und mir wird es allzeit recht sein! Amen.“
HG|1|48|12|0|Henoch aber, da er solches vernommen hatte, öffnete sein Herz und ließ seiner Zunge gerechte Zügel schießen vor Adam und sprach: „O Vater meiner Väter, segne mein Lager in deiner Hütte, damit auch meine Seele vollkommen ruhen möchte daselbst, da die hohe Mutter gesorgt hat für die Ruhe meines Leibes!
HG|1|48|13|0|Denn so der Leib ruht, muss die Seele Frieden haben; sonst ruht der Leib schlecht, und der Geist kann sich unterdessen nicht üben in der Beschauung seiner selbst und in der Ähnlichwerdung seiner Urform in Gott. Wie aber ist der Schlaf als Ruhe des Leibes eine Wohltat Gottes durch die Natur, so ist der Friede der Seele jene innere, stille Wärme der ewigen Liebe, aus welcher erst dem Geiste jener Stoff bereitet wird, dass er sich damit voll bilde, um dadurch wieder dereinst zu werden ein wahres Gefäß zur Aufnahme der Liebe und so des Lebens aus Gott.
HG|1|48|14|0|O Vater der Väter, siehe, es nötigte mich keine geringe Sache, mich dir zu nähern und dich zu bitten um den Segen über mein Lager! Denn es gibt nichts in der Welt, das da nicht wäre aus dem Leben und wieder führend zum Leben und zeige die Wege des Heils durch die unendliche Erbarmung der ewigen Liebe und unermesslichen Gnade. Aber versäumen sollen es die Menschen nicht, alles aus der Liebe Gottes eher zu segnen: die Erscheinungen, die Nacht, das Lager, die Ruhe und alles in ihr und mit ihr. Alsdann werden dem reinen Menschen die Gesichte des Schlafes zeigen getreu die Werke der Liebe im Geiste, und es wird ihm ein Leichtes werden, sich selbst zu erforschen; wer aber da unbeachtet lässt die Erscheinungen und achtet nicht den Segen des Lagers und so der Ruhe, der gleicht einem Blinden und Tauben, und die Liebe und das Leben werden an ihm stumm vorüberziehen.
HG|1|48|15|0|So aber ich nicht vermöchte Großes im Kleinsten zu gewahren, wie vermöchte ich hernach zu gewahren im Großen Unendliches und im Unendlichen die ewige Liebe und unendliche Weisheit, Macht und Kraft Gottes selbst?!
HG|1|48|16|0|Daher, o Vater meiner Väter, versage mir den Segen meines Lagers nicht, und gebe meiner Seele den Frieden, auf dass sie fröhlich möchte ruhen in der Liebe Gottes, um zu zeugen kräftig dann von der großen Gnade im Geiste und aller Wahrheit aus der ewigen Erbarmung. Amen.“
HG|1|48|17|0|Als aber Adam solche fromme Bitte vernommen hatte, da ließ er sich hinleiten zum Lager des Henoch und segnete dasselbe dreimal. Und da er das Werk des Segens beendet hatte und wieder zurückkam an seine Stelle, da sagte er: „Henoch, es ist geschehen nach dem Wunsch deiner Gottestreue! Aber siehe, da dir ein solcher Segen nottut, so tut er ja allen not und wäre für mich gewiss auch nicht überflüssig; wer aber wird da segnen mein Lager?“
HG|1|48|18|0|Henoch aber erwiderte in aller Liebe und tiefer Ehrfurcht: „O Vater meiner Väter, es sind die Berge voll von deinem Segen, und dein Lager hat wohl angeschaut Der, der dich schon gesegnet hat eher, als noch geschaut hat ein menschliches Auge hinauf zu den lichten Wohnungen des heiligen, großen Vaters. So aber der heilige, große Vater dich und alles, was Er dir gegeben, gesegnet hat, wie solltest du etwa von mir einen Segen verlangen, da ich selbst nur kaum ein kleiner Teil deines Segens aus Gott bin?
HG|1|48|19|0|O sei in aller Ruhe aus Gott! Denn die Erde selbst ist nur dir unter die Füße gestellt worden aus dem großen Überfluss des Segens aus dir und für dich; daher ist auch dein Lager schon lange gar wohl gesegnet und dir dadurch gegönnt eine freie Ruhe und ein hoher Friede deiner Seele aus Gott, während meine Seele nur ist eine Seele aus dir und somit nur ein kleiner Teil des übergroßen Segens, der dir zuteil wurde unmittelbar aus der Hand der ewigen Liebe des heiligsten Vaters. Daher mögest du wohl ruhen im hohen Frieden an der Stelle, die da erleuchtet und über und über gesegnet wurde von der allerheiligsten Gegenwart Gottes unter uns allen! Siehe, daher möchtest du dich nicht sorgen um das, um was der Herr schon lange eher gesorgt hatte, bevor noch eine Sonne der Erde geleuchtet hatte!
HG|1|48|20|0|Ich aber darf dir nur danken für eine so hohe Gnade, dass du gesegnet hast mein Lager; aber dein Lager zu segnen mit meiner Hand, o Vater meiner Väter, wäre die größte Vermessenheit! Oder wie sollte der geben, der nichts hat, dem, der da lange vorher von Gott alles empfangen hat?!
HG|1|48|21|0|Siehe, ich habe nichts empfangen denn die Liebe und kann daher auch nur diese wieder geben, wie ich sie empfangen habe! Aber der Segen ist nur dir gegeben worden, und wir selbst sind dein Segen; daher ruhe du in allem Frieden deiner Seele aus Gott! Amen.“
HG|1|48|22|0|Adam aber wurde ganz gerührt von dieser Rede und küsste dreimal den Mund des Henoch und sprach folgende tiefe Worte, sagend nämlich: „O du lieber Henoch du! So sprach einst auch mein Sohn Ahbel, als er auf der Flucht aus dem Paradies mich und meinen Segen auf seinen Schultern trug und selben mir im Lande Euehip wieder treulich zurückgab.
HG|1|48|23|0|O Henoch, je länger ich dich anhöre, desto bekannter wird mir der Ton deiner Rede, und es ist, als vernähme ich die süße Stimme meines Ahbel! Ist schon dein Leib nicht der Leib des Ahbel, so ist aber doch deine Gestalt vollkommen die des Ahbel, und so die Rede, so die Liebe, so der Geist.
HG|1|48|24|0|O Du großer, heiligster Vater, es wird die Erde kaum zehnmal so lange von Menschen bewohnt werden, als ich sie bewohnt habe und sie nach Deinem heiligsten Willen noch leiblich bewohnen werde; doch so ich auch lebte bis ans Ende, was wäre wohl noch zu gedenken, das mein Herz auf dieser Erde mehr zu segnen vermöchte, als so Du, o Jehova, mir wiedergäbest meinen Ahbel?! Doch auch dieser mir unmöglich zu erfüllen scheinende Wunsch ist nun so herrlich erfüllt worden! O Jehova, ich kann Dir nicht [genug] danken für die unendliche Gnade, dass Du mir im Henoch meinen Ahbel und somit allen Segen wieder zurückgegeben hast, den Du für würdig hältst, dass aus seiner Linie einst ein Spross hervorgehen sollte als ein großer, heiliger Bruder allen meinen Kindern aus Dir! O Jehova, nehme gnädig auf meinen tiefsten Dank!
HG|1|48|25|0|Und du, Mutter Eva, siehe, nicht umsonst machtest du so freudig Henochs Lager sanft und weich; denn der, den du sechshundert Jahre lang beweintest, ist uns im Henoch nun wiedergegeben! Daher freue dich mit mir; denn siehe, er wird nimmer sterben, sondern so er bleiben wird über unsere Zeit auf der Erde, so wird er dann wieder, wie er gekommen ist, und wie er jetzt ist, dahin kehren, woher er gekommen! Darum freue dich mit mir, Eva! – Und du, Henoch, sage, ist es nicht also?“
HG|1|48|26|0|Henoch aber sagte: „Ja, Vater Adam, mein Fleisch ist aus der Eva und meine Seele aus dir und mein Geist aus Gott! Wie sollte ich nicht sein der, den du gesegnet hast, oder Ahbel oder dein gesegneter Same, da doch ist mein Geist und Ahbels Geist ein und derselbe Geist aus Gott! Daher ruhe sanft im Frieden deiner Seele, und du auch, liebe Mutter Eva, in Gott! Amen.“
HG|1|49|1|1|Die Morgengebete von Adam und Henoch
HG|1|49|1|0|Und als der Henoch solches geredet hatte, da frohlockte Adam, und die Eva hatte große Freude. Und es sprach zum Beschluss der Adam: „Amen, der Herr, unser aller heiligster Vater, sei mit uns allen, und so begeben wir uns zur Ruhe, und diese Ruhe sei mit allen unseren Kindern! Amen.“
HG|1|49|2|0|Und so legten sich diese drei Menschen zur Ruhe und schliefen wohl bis an den heiteren Morgen, da ein frischer Wind gar munter stärkend sie erweckte. Die Zeit des Niederlegens war nach eurer Rechnung die neunte Stunde und die Zeit des Aufstehens, ebenso gerechnet, die dritte Stunde morgens. Und als sie nun so gestärkt vollends auf ihren Beinen sich befanden, da verrichtete ein jeder ein stilles Herzensopfer, und nach solch heimlicher Verrichtung aber erhob sich alsbald Adam und sprach folgendes Gebetlein im Angesichte Henochs und der Eva:
HG|1|49|3|0|„O großer, liebevollster, heiligster Vater, in Deinem allerheiligsten Namen, der da ist voll Macht, Kraft und aller Herrlichkeit, habe ich in Deinem Angesichte wieder einen neuen Tag erlebt. O Herr, lasse diesen ganzen Tag über mich so denken und handeln, dass der späte Nachruf der Abendröte mir sanft tönend zuwehen wird: Adam, frohlocke; denn dein Auge hast du nicht abgewandt vom Angesichte Jehovas und deine Füße nicht aus dem Geleise der Wege der ewigen Liebe, und wie da ging die Sonne still erleuchtend und erwärmend durch das Firmament, so folgte dein Herz dem stillen Wehen des ewigen Geistes!
HG|1|49|4|0|O Vater, der Du nie noch Dein Aug’ und Ohr von mir abgewandt hast, wende es auch heute und in alle Ewigkeit nimmer weg von mir!
HG|1|49|5|0|O Herr, da ich heute wandeln werde, da zermalme Deine Liebe jeglichen Stein auf dem Wege meiner Wanderschaft, auf dass meine Füße nicht darüber gleiten möchten, mir zum Falle, oder mir ein Stein durch einen harten Anstoß gar meinen Tritt verletze und dann mich hindere, Deine Wege mit geraden Gliedern ferner zu verfolgen!
HG|1|49|6|0|O Herr, zähle am Morgen meine Haare, und lasse nicht zu, dass am Abend eines fehle, und so auch jeden Schweißtropfen, auf dass am Abend keiner unrein befunden werden möchte!
HG|1|49|7|0|O Herr, segne und stärke mich Schwachen, auf dass ich, kräftig aus Dir, da könnte heute und fortan, solange es Dir gefallen wird, meine Kinder, die Du mir gegeben hast, in Deinem allerheiligsten Namen segnen!
HG|1|49|8|0|O heiligster Vater, erhöre meine schwache Bitte im Namen aller Deiner Kinder und aller Kreatur! Amen.“
HG|1|49|9|0|Und als Adam solches aufrichtige Gebetlein vollendet hatte, siehe, da wandte er sich zu dem noch stille betenden Henoch, sagend: „Henoch, siehe, ich habe nun laut vor Gott und vor dir gebetet, und ich habe eine große Kraft erlangt, dass ich euch alle würdig und wirksam zu segnen vermöchte; somit falle auf dich mein erster Segen! Und da du nun gesegnet bist, so stehe auf und verrichte auch du dein Gebet vor Gott und vor mir laut, damit ich und deine Mutter uns würdigst und überaus fromm erbauen möchten an deinem sanften Morgenrot in deinem liebeerfüllten Herzen. Du hast vernommen mein Gebet, in welchem ich mein menschliches und väterliches Anliegen treulich dem Herrn vortrug aus der innersten Tiefe meines Herzens; da du aber nicht beten kannst als ein Vater, sondern als ein Sohn, so lasse laut werden die Stimme der kindlichen Liebe deines Herzens! Amen.“
HG|1|49|10|0|Und als der liebefromme Henoch solchen Wunsch Adams vernommen hatte, da stand er alsogleich auf, dankte inbrünstig Mir und dem Adam für den empfangenen Segen und begann endlich, dem Wunsch Adams zufolge, folgendes Gebetlein an Mich zu richten, sagend:
HG|1|49|11|0|„O großer Gott, o heiligster Vater, Du ewige Liebe voll der unermesslichsten Erbarmung und voll der heiligsten Gnade! Obschon ich wohl weiß, dass Du nur des Wortes im Herzen achtest und nicht hörst auf den Ton der Zunge und nicht ansiehst den Hauch der Lunge und missachtest jede Gebärde des Fleisches, so will ich aber dem frommen Wunsch Deines Sohnes Adam nach meine Zunge anstimmen zu Deinem Lob.
HG|1|49|12|0|O Du heiligster Vater, siehe, als ein schwaches Kind streckte ich gestern meine müden Glieder auf das gesegnete, weiche Lager und ruhte daselbst zur Kraft Deiner Milde bis an den heutigen heiligen Morgen Deiner unendlichen Gnade und stand so voll und überfüllt von Deinen Erbarmungen auf!
HG|1|49|13|0|Wer vermag zu ergründen die Größe Deiner unendlichen Liebestaten an mir? O dass ich nur den unendlich kleinsten Teil davon zu begreifen vermöchte!
HG|1|49|14|0|Was ist der Mensch gegen Dich, dass Du seiner gedenkst, o Du, vor dessen leisestem Hauch Ewigkeiten fliehen wie leichte Schneeflocken vor dem heftigsten Sturm!
HG|1|49|15|0|Wie groß, wie unendlich groß muss Deine Liebe sein, dass der schwache Mensch noch bestehen mag vor Dir, da er doch ist voll Undankbarkeit in aller seiner vermeintlichen Liebe und Demut vor Dir, da er doch ewig nie wissen kann und wird, ein wie großer Schuldner er gegen Dich ist, und ebenso auch nie ganz ermessen wird können seine endlose Niedrigkeit vor Dir!
HG|1|49|16|0|O heiligster Vater, siehe daher gnädig herab von Deiner unendlichen Höhe, Macht und Stärke auf mich ebenso unendlich Schwachen, und nimm gnädigst auf meine höchst unvollkommene Liebe zu Dir; denn siehe, hätte ich auch die vollste Liebe aller meiner Brüder und Väter in mir, was wäre selbst dann meine Liebe?
HG|1|49|17|0|Weltenalle sind ja nur ein Tautropfen vor Dir! Oh, so sei denn diese meine schwache, unvollkommene Liebe zu Dir alles, was ich dankbar gegen Dich vermag; o stärke mich darinnen mehr und mehr nach Deiner Barmherzigkeit! Amen, amen, amen.“
HG|1|50|1|1|Adam und Henoch loben Gott
HG|1|50|1|1|Am 9. Januar 1841
HG|1|50|1|0|Und als nun der Henoch solches Morgengebet laut vollendet hatte, siehe, so erhob sich Adam fröhlich und lobte und pries Meinen Namen und dankte Mir inbrünstig für die Gabe des Gehörs, das da tauglich ist, zu vernehmen solche Herrlichkeit, und für das Licht der Augen, die da wohl tauglich sind, zu erschauen die großen Wunderwerke Meiner Erbarmung, und für die Stimme, die da vermag wohlverständige Worte des Lobes und aller noch so über alles unbegreiflichen und unendlichen Erhabenheit des großen, heiligen Gottes dem kleinen menschlichen Herzen soviel als möglich begreiflich näher zu führen. Und so dankte er Mir für alle übrigen Sinne; denn er sah gar wohl ein, dass deren Gabe und beständige Erhaltung eine gar große Wohltat aus der freigebigen Hand Meiner Liebe sind.
HG|1|50|2|0|Und als er nun solche nochmaligen Lob-, Preis- und Dankbetrachtungen, wie auch sonst täglich, vollendet hatte, da wandte er sich abermals zum Henoch, der dabei auch dasselbe still in seinem Herzen getan hatte, und sagte:
HG|1|50|3|0|„Henoch, du auserwählte Zunge der ewigen Liebe Gottes, siehe, ich nannte dich ‚Ahbel‘; allein ich habe dir Unrecht getan und war undankbar gegen Gott! Denn siehe, Ahbel war zwar mein erster gesegneter Sohn, den mir Gott gegeben hat, und war daher ein Liebling meines Herzens und ein getreues Werkzeug in der Hand Gottes, gegeben mir zur Rettung; dich aber hat der Herr nun in meiner späten Zeit zu mir gesandt gleich einer stärkenden Salbe, damit die Wunde, die mir Kahin geschlagen, möge in meiner letzten Zeit in meinem Herzen geheilt werden. Denn wärest du nur Ahbels Seele und Geist in der Hülle Henochs, da wärest du, was der Ahbel war, und wärest gleich meinem lieben Seth, den mir der Herr an die Stelle Ahbels gesetzt hat; dich aber hat der Herr erweckt aus Seiner Liebe und hat diese Liebe in Jareds Samen gelegt, auf dass du eine reine Frucht der Liebe würdest, um dann allen deinen Vätern und Brüdern zu zeigen den sanften Weg der Liebe und auch zu zeigen, dass die Liebe mehr ist als alle unsere Weisheit, die fallen kann, während die Liebe aus dem Schlamm des Meeres Berge und Felsen schafft.
HG|1|50|4|0|O Henoch, du mein lieber Henoch, komme her an meine Vaterbrust, und lasse dich lieben und segnen im Überfluss, auf dass dein Segen reiche bis ans Ende aller Zeiten! Denn du hast nun ein Öl in mein schon sehr hart gewordenes Herz gegossen, dass es nun wieder so weich zu werden anfängt, wie es damals war, als mir der Herr zum ersten Mal meine liebe Gehilfin entgegenführte; und es entfaltet sich ein vielfältiger Rosenstrauch in meinen großen Gedanken, und da sehe ich zuoberst eine Knospe – o Henoch, eine Knospe –, und diese Knospe glänzt verschlossen stärker denn die Sonne am Mittag! Doch nichts weiter davon; siehe, das alles hast du nun bewirkt!
HG|1|50|5|0|Daher bist du weder Ahbel noch Seth, sondern bist ein reines Leben der Liebe aus Gott durch den Samen Jareds und hast ein eigenes Leben, das dem Tode nimmer unterliegen wird. Daher teile an alle von deinem Überfluss, auf dass sie auch erkennen möchten, dass nicht die Weisheit, sondern nur die Liebe das wahre ewige Leben aus Gott ist; denn jetzt erst sehe ich selbst, dass ich in der Liebe nur werde unzerstörbar sein ewig. Denn alle unsere Weisheit wird und muss zunichte werden vor Gott; aber die Liebe, die kleine Liebe, wird dereinst großgezogen werden von Gott, da Er Selbst lauter Liebe ist.
HG|1|50|6|0|O Henoch, wenn die Sonne aufgehen wird, so ermahne mich und rede, amen.“
HG|1|50|7|0|Und als der Adam solches ausgeredet hatte, da drückte er den Henoch noch einmal an seine Vaterbrust, segnete ihn noch einmal und hieß ihn dann nachzusehen, ob Seth noch schlafe und dessen Kinder in ihren Hütten, und auch zu sehen, wie die Sterne stehen, und ob die Sonne sich schon ihrem Aufgang nähere, und wie es in den Tiefen aussehe, ob neblig oder ob ohne Nebel, und welchen Zug die Winde haben, ob denn das Firmament ganz rein oder mit Wölkchen hie und da untermengt sei, und ob das Gras wohl betaut sei.
HG|1|50|8|0|Und so er das alles wohl beobachtet würde haben, so möge er dann wieder zurückkehren und ihm über alles getreue Nachricht gegen den gloriereichen Aufgang der Morgensonne geben.
HG|1|50|9|0|Und siehe, Henoch dankte dem Adam ehrfurchtsvoll und ging alsobald zu tun, was ihm Adam geboten hatte.
HG|1|50|10|0|Es war aber nach eurer Rechnung die vierte Stunde vorüber, als Henoch aus der geheiligten Hütte Adams trat. Und als er nun denn also ins Freie trat, siehe, da ermahnte er sich alsobald im Herzen und gedachte bei sich im Stillen:
HG|1|50|11|0|„O Du ewiger, großer, heiligster Vater, voll der unbegreiflichsten, allerreinsten, allerhöchsten Liebe! Wie klein doch ist diese geheiligte Hütte Adams, unseres Erdenvaters, gegen dieses Dein unermessliches Gebäude! Wie klein und vereinzelt schimmern die sonst weltengroßen Feuersterne in Deinem großen Haus, und doch hat deren Zahl kein Ende, wie das Haus keine Wände, sondern sie alle schweben in Deiner Gnade und hängen fest an Deiner Liebe, und es vermag keine Kraft denn die Deinige sie zu führen durch der endlosen Kreise ferne Bahnen.
HG|1|50|12|0|O Du heiliger Vater, wie groß, stark und gut bist Du, und wie herrlich musst Du sein in Deinem Licht, da Deine Nacht schon so groß, schön und herrlich ist!
HG|1|50|13|0|O Du mein guter, heiliger Vater, erweitere meine zu enge Brust, auf dass ich Dich in den vollsten Zügen zu lieben vermöchte; denn zu schön und zu groß ist alles, was jetzt mein Auge schaut! Wie herrlich ragen die Wipfel der hohen Zedern in die freie, lichtdurchschimmerte, sanftbewegte Luft empor und bewegen ihre Äste und Zweige, als ob sie den Sternen liebewinkten! Dann aber kommt alsobald irgendein Hauch von Dir, sie empfinden Deine heilige Nähe und senken alsobald ihre hohen Häupter zur Erde. Jedoch bald erheben sie sich wieder von neuem, gezogen von der großen, überheiligen Macht Deiner Liebe, und frohlocken rauschend in freier Höhe Dir ein unerforschliches, tiefsinniges Lob entgegen. Oh, wie groß und erhaben muss das Lob sein, dass ich nicht einmal zu ahnen vermag, was für ein heiliges Opfer Dir, dem erhabenen Schöpfer, dargebracht wird von Deiner geschaffenen Natur! Unablässig lobt Dich die Erde, das Gras, die Pflanzen, die Sträucher, die Bäume und all die schönen Sterne; nur der Mensch kann schlafen in der Mitte so heiliger Opfer!
HG|1|50|14|0|O Du überguter, heiliger Vater, ich will nimmer aufhören, Dich zu loben; und es soll mich dazu ermuntern jedes bewegte Stäubchen, dass ich nicht nachlassen soll, je Dich mehr und mehr zu loben!
HG|1|50|15|0|Denn Du gabst mir ja ein Herz, angefüllt mit Liebe und aller Fröhlichkeit, und so will ich denn allzeit fröhlich sein über Deine so unendlich große Güte und allzeit laut frohlocken in Dir, meinem Gott, dass Du so voll Liebe und Gnade bist gegen jedermann, der da Freude hat in Deinem heiligsten Namen.
HG|1|50|16|0|O Fröhlichkeit, Fröhlichkeit, du schönste Gefährtin der Liebe, wie süß schmeckst du dem Herzen, das da schlägt nach dem Willen des heiligen Vaters!
HG|1|50|17|0|Oh, es ist wohl gar gut und gar fröhlich zu sein, da der heiligste Vater ein großes Lob gnädigst annimmt von der Unendlichkeit wie von einem Tautropfen, den der leise Hauch der Morgensonne verweht!
HG|1|50|18|0|O Vater! Sieh gnädig auf mein schwaches Herz herab, und erkenne das nichtige Stäubchen meines Lobes, und überhöre nicht unter den stark schallenden Dankliedern Deiner Sonnen mein armseliges Gezwitscher, das da vielleicht noch schwächer ist denn das leise Gesumse einer von der Nacht betäubten unbedeutendsten Mücke!
HG|1|50|19|0|O Du mein großer, heiliger, liebevollster Vater, Herr und Gott, nehme gnädig auf dies mein verworrenes Stammeln, und lasse mich nun treu vollziehen den Willen des Erzvaters Adam! Amen.“
HG|1|51|1|1|Jareds Freude über seinen Sohn Henoch
HG|1|51|1|0|Und siehe, da ging der Henoch, wie ihm Adam geboten hatte, und beobachtete alles genau, was ihm Adam gewiesen hatte.
HG|1|51|2|0|Da er aber zur nahen Hütte Seths kam, fand er ihn noch schlafend und wagte nicht, ihn zu wecken, da der Seth ihm, zunächst Adam, ein hochgesegneter Vater war. Und da er dann ferner seine Augen forschend an den gestirnten Himmel heftete und seine Blicke richtete gegen den Aufgang, um zu ermessen nach der Stärke der Morgendämmerung die Zeit des Aufganges, siehe, da kam Jared herbei und segnete Henoch und sprach zu seinem Sohn:
HG|1|51|3|0|„Mein lieber Sohn, siehe, vor Freude konnte ich heute nicht schlafen darob, dass du so viel Gnade vor Gott gefunden hast! Denn wer hätte vor heiliger Scheu je gewagt, nach dem Untergang außer dem Seth die geheiligte Hütte Adams zu betreten, – und du darfst nun sogar darinnen wohnen! Und das jetzt noch umso mehr, da wir gestern alle der unermesslichen Gnade Augen- und Ohrenzeugen waren, die dieser Hütte von der allerhöchsten Höhe Gottes widerfahren ist!
HG|1|51|4|0|O du mein lieber Sohn, siehe, meine Freude ist zu groß, als dass ich es nur im Geringsten vermöchte, dir zu zeigen, wie sehr darob mein Herz, überfröhlich dankend, liebegebrochen wurde; ja, es kommt mir vor, ich sollte jeden Baum liebend umfangen, und dessen Rinde küssen, die Sterne selbst ja kommen mir heute ganz nahe vor und hauchen mir lauter Liebe entgegen!
HG|1|51|5|0|O Henoch, siehe, Freude und Liebe erdrücken mich, und meine Zunge bebt vor Wonne, dass ich nicht zu reden vermag mit dir! Nur sage mir, was denn dich schon so früh hergelockt hat aus der geheiligten Wohnung unseres Erzvaters!
HG|1|51|6|0|Denn dich kann nicht das, was mich nicht schlafen ließ, herausgetrieben haben! Denn das vor mir ist, ist meine Freude und Gnade, – du aber bist in der Freude und Gnade; siehe, daher muss dich ein höherer Wille geleiten! O Henoch, mein lieber Sohn, verschweige mir nicht das Heiligtum, das dir ins Herz gelegt wurde; denn nichts Geringes ist und kann das sein, das du, dich danach kehrend, im Herzen trägst! O verhehle es nicht vor mir, deinem Vater!“
HG|1|51|7|0|Als aber der fromme Henoch solches vernommen hatte, blieb er, seinem Vater dankend für den Segen und ihn liebkosend, stehen und sprach folgendes:
HG|1|51|8|0|„O lieber Vater Jared, du kennst ja deinen Sohn, dessen Alles auch das Deinige ist, wie ich nichts habe, dass ich es nicht zuvor von dir empfangen hätte, und es ist meine Liebe dein Grund und meine Freude dein Segen, und durch meine Augen schaut eine Seele aus dir, und dein Blut schwellt meine Adern, und alle meine Eingeweide sind aus dir, und so hast du auch mich nur Gott und Seine Liebe gelehrt und machtest mich aufmerksam auf Seine Gnade, und siehe, so sind alle meine Tritte und Schritte dein Werk durch die große Gnade von oben, und es kann dir nichts fremd sein, was ich tue; aber siehe, der mich nun herausgesandt hat, der ist mehr denn du und ich, und ist unser aller Erzvater Adam! Warum er mich hierher hat gesandt, darf nur er vor allen zuerst wissen, da er der Erste auf der Erde unter uns allen ist, und weil das, was er mir anvertraute, weder mein noch dein, sondern sein ist.
HG|1|51|9|0|Daher, lieber Vater, du auch nicht eher forschen möchtest, als bis du es erfahren wirst von dem, dessen es ist, damit er es dann gebe von oben herab an alle, die es vonnöten haben.
HG|1|51|10|0|Bald wird er heraustreten, und dann wirst du es schon gar wohl erfahren beim Aufgang der Sonne!“
HG|1|51|11|0|Und als der Henoch noch solches redete, siehe, da trat auch schon der Seth aus seiner Hütte und wurde alsobald der beiden ansichtig, ging hinzu und segnete alsobald beide. Diese aber verneigten sich gar ehrfurchtsvoll und dankbar gegen ihn. Seth aber fragte den Henoch alsbald eben auch, darum sich schon Jared erkundigt hatte, brachte aber ebenso wenig aus dem Henoch heraus wie zuvor der Jared. Seth aber wunderte sich darob, dass Henoch so verschwiegen war, und der Henoch entgegnete ihm:
HG|1|51|12|0|„Vater Seth, du bist an der Stelle Ahbels ein gesegneter Sohn und weißt, dass du Gott und Adam zum Vater hast näher denn ich und mein Vater Jared! Hat er dir nicht gegeben all das Seine, dass es nun ist das Deine?! So mich aber Adam aus sich gesandt hat, zu erforschen, was seines Herzens ist, siehe, wie verlangst du von mir, dass ich es dir früher geben möchte als dem, dessen Herz mich dazu nötigte, solches für ihn zu sammeln, damit er dann etwas hätte, um es als Vater am Morgen euch allen zu geben?!
HG|1|51|13|0|Siehe, alles, was mein ist, kannst du ja haben ohne Vorenthalt, denn es war zuvor lange schon dein, bevor es zum Meinigen ward; allein Adam hat vor uns allen etwas voraus, und so muss er auch zuerst empfangen, damit er es dir und allen wieder geben kann. Siehe, die Sonne naht ihrem Aufgang, der Mond eilt blass seinem Untergang zu, und die Sterne treten ab vom großen Schauplatz der Nacht, und der Vater Adam steht schon vor der Türe seiner geöffneten Wohnung, meiner harrend; daher nur noch eine kleine Geduld, und ihr werdet alsbald empfangen, das zu sammeln ich so früh ausgesandt wurde.“
HG|1|51|14|0|Nach solcher Rede empfahl sich Henoch seinen Vätern und ging eilends zur Hütte Adams, warf sich vor selbem auf sein Angesicht, dankte Mir im Staube, erhob sich endlich, da ihn Adam gerufen hatte, trat voll Ehrfurcht in die Hütte und berichtete ihm alles genau, was er treulich beobachtet hatte.
HG|1|51|15|0|Und als der Adam solches hatte treulich vernommen aus dem Munde Henochs, siehe, da erhob er sich alsobald und sagte zuerst zur Eva: „Eva, mein getreues Weib, ruhe sanft in Gottes Gnade, bis ich wiederkomme, von Henoch aus und ein begleitet; denn schon harren auf allen den Bergen die Kinder meines Segens. – Und du, mein geliebter Henoch, geleite mich auf den Hügel gegen Morgen, auf dass mein Segen nicht später komme denn die Strahlen der Morgensonne zu all den Kindern auf den Bergen, wie auch zu denen, die da bewohnen als Hirten die kleinen Ebenen zwischen den Bergen, und dass der Herr die in der Tiefe noch verschonen möchte eine Zeit lang mit Seinen strengen Gerichten! Nun lasse uns eilen! Amen.“
HG|1|52|1|1|Henoch besingt den Morgen
HG|1|52|1|0|Und alsobald verließen die beiden die Hütte und eilten der kleinen, runden Anhöhe zu und bestiegen alsobald dieselbe; denn sie war zehn Mannslängen höher denn der Platz, da die Hütte Adams stand, und war ringsumher frei von allen Bäumen, und die Wipfel der Zedern reichten nur bis zum Fuße dieses freien Hügels, auf welchen zwar ein schmaler, aber sonst recht bequemer Weg führte.
HG|1|52|2|0|Und so kamen sie auf die Höhe sieben Minuten nach eurer Rechnung vor dem Aufgang; da ließ sich Adam zur Erde nieder, dankte Mir für den wieder neu erlebten Tag und bat Mich um den Segen, auf dass er dann vermöchte wirksam in Meinem Namen alle seine Kinder zu segnen in Meiner Liebe und aus Meiner Gnade.
HG|1|52|3|0|(NB. Was ihr jetzt wenig mehr beachtet, und die Welt für eine Albernheit hält, – daher auch Ich und Mein Segen fernbleiben müssen, so nun alles dessen lange nicht mehr benötigt wird!)
HG|1|52|4|0|Und als er solches vollbrachte, siehe, da gewahrte er Mein Wehen und segnete alle seine Kinder vor dem Aufgang.
HG|1|52|5|1|Am 13. Jänner 1841
HG|1|52|5|0|Als nun der Adam seinen Segen aus Mir gespendet hatte allen seinen Kindern und dabei auch wohl gedachte derer in der Tiefe, siehe, da brachen die ersten Strahlen der Morgensonne über den weiten Horizont hervor, und Adam weinte vor Freude beim Anblick derselben, da seine Augen wieder erblickten Meine Gnade strahlen über die weiten Fluren der Erde und durch Meine Barmliebe aus der Sonne nun auch wieder erwärmt zu werden anfing der durch die Nacht kalt gewordene Boden der Berge, da es auch stets kälter war denn in der Tiefe, – wie es noch heutzutage der Fall ist.
HG|1|52|6|0|Da aber Adam gefrohlockt hatte und sah den Henoch voll Freude, so gedachte er desselben und ermahnte ihn zu reden bei der aufgehenden Sonne, wie er es sich schon früher am Morgen gleich nach dem Morgengebet bedungen hatte.
HG|1|52|7|0|Und als der Henoch solchen Wunsch vernommen hatte, siehe, da fing er alsobald an zu reden aus der Liebe, und es war seine Rede folgende:
HG|1|52|8|0|„O Vater, du verlangst eine Rede von mir, deren ich nicht fähig bin! Ich soll dir nun gleich dem Seth den Morgen besingen, der da ist ein hochbegabter Sprecher in derlei Dingen – und ich nur ein blinder Liebefühler!
HG|1|52|9|0|Siehe, daher möchtest du wohl Nachsicht haben, so ich es nicht vermag gleich dem hohen Seth; doch das in meinem Herzen sich regt, will ich ja geben, soweit die Fähigkeit meiner schwachen Zunge reicht.
HG|1|52|10|0|O Vater, was ist dieser matte, schwache, vergängliche Morgen gegen den ewigen Morgen des Geistes aus der unendlichen Liebe des ewigen, heiligen Vaters! Diese Sonne mit ihrem matten Geschimmer, was ist ihr Licht gegen die unendliche Glorie der Liebe in Gott? Nichts als ein schwarzer Punkt in den Strahlen der göttlichen Liebe! Ja, sie ist der letzte Ausgangspunkt eines winzigen Gnadenfünkchens aus der ewigen Liebe in Gott, und es nimmt uns wunder ihre Majestät! Was würden wir denn tun, so wir zu schauen vermöchten die ewige Urquelle alles Lichtes in der Liebe des Vaters in aller ihrer Heiligkeit?!
HG|1|52|11|0|Es sei aber ferne, als dass ich darob die Sonne tadeln möchte, sondern das sage ich, dass sie sein soll eine erste Lehrerin und uns sage: ‚O ihr schwachen Menschen, was schaut ihr mich mattleuchtende Erderleuchterin so verwundert an?  Das auf meiner Fläche euer Auge blendet, wie gering ist es gegen dem, was ihr in eurer Brust bergt! Wäre mir so viel gegeben wie dem Geringsten unter euch, wahrlich, mein Licht würde nahe an die fernen Pole der Unendlichkeit mit ungeschwächter Kraft dringen; allein, wo meine Strahlen zurückbleiben, da breitet das Auge eures Geistes noch mit der vollsten Kraft seine Strahlen aus und empfängt dafür wieder frischere und noch kräftigere aus dem ewigen Morgen der Liebe in Gott!‘
HG|1|52|12|0|O Vater, siehe, die Sonne hat recht, so sie uns eine solche Lehre gibt mit ihrem ersten Strahl! Denn so wir zu uns selbst zurückkehren und betrachten da den großen, endlosen Raum unserer Gedanken und den noch größeren unserer Gefühle und dann erst den allergrößten der Liebe zu Gott, der gewiss unendlich sein muss, da es uns dadurch erst möglich wird, den unendlichen, ewigen Gott zu erfassen und so zu lieben, wie können wir da das Licht des Staubes, es fast anbetend, für herrlich und groß halten, das hinreichend Platz hat im Fleischesauge, da der ewige, große, heilige Vater Sich von uns lieben und in der Liebe wohl zugänglich erfassen lässt?!
HG|1|52|13|0|Es erfreut unser Herz durchs Auge sich der Morgensonne sanften Strahles zwar, und all das Heer der Tiere jubelt lauten Getöses ihr, der holden Tagesmutter, entgegen, und der Blumen Kelche öffnen sich, um gierig einzusaugen die ersten milden Strahlenspenden des lichten Morgensegens der schönen Sonne, und die fernen Wellchen des Meeres hüpfen munter gleich jungen Kinderchen und zupfen gleich diesen ihre Strahlenmutter am weiten Gewand des Lichtes, – ja, das sind lauter schöne Bildformgedanken; aber wenn ich bedenke, dass, um all dies Schöne zu empfinden, doch immer ein Mensch dazu gehört, dessen Herz solcher Bildformgedanken wohl fähig ist, so dessen Gemüt seine Ruhe treu genommen hat in der Liebe Gottes, so ist da ja der tröstende Nachgedanke einer der wahren Ordnung, vermöge welchem alle diese Morgen- und andere Szenen so gut wie nichts wären, so sie weder gesehen, empfunden, noch gefühlt und sonach äußerlich begriffen werden möchten von einem Menschen, dem da innewohnt eine lebendige Seele und [in] ihr aber ein ewiger Geist der Liebe aus Gott.
HG|1|52|14|0|Da wir aber solches gar wohl wissen, wie ist es denn aber, dass wir regelmäßig frohlocken, so die Sonne dem Willen Gottes gemäß heraufgetrieben wird, auf dass sie erscheine zur bestimmten Zeit; und so wir aber unseren freien Geist betrachten, nimmt es uns fast gar nicht wunder, so wir in ihm ein Licht erschauen, das da, nie untergehend, in gar wunderbarer Freiheit hin und her strahlt mit stets gleicher Liebefähigkeit und Kraft in den endlosen Gebieten der Gnade und aller Liebe des ewigen, heiligen Vaters?!
HG|1|52|15|0|Ja, es verwundert uns ein hängender Tautropfen, wenn dessen schillernden Strahlenfarben und Zitterschimmer unser lüsternes Auge kitzeln, während wir den unermesslichen Lebenswundertropfen der göttlichen Liebe in uns fast unbeachtet lassen! So uns ein frisches Morgenlüftchen anweht, o dann frohlocken wir der holden Anmut lächelnd entgegen; aber dass wir unablässig von der frischesten Lebensluft aus dem ewigen Morgen Gottes über- und überwehet werden im Angesicht der Sonne des Geistes zum ewigen freieren und freieren Leben, o dessen frohlocken wir wenig! So auch spannen wir alle unsere Sehkraft hin zur weitgedehnten, wellenden Meeresfläche und ergötzen uns gewaltig am losen Geschaukel der blitzenden Flut; aber die großen Lichtwogen des endlosen Meeres der göttlichen Gnade gehen an uns gar oft spurlos vorüber, und unsere Freude darüber hat bald ihre Grenzen erreicht! So auch macht uns staunen ein rot, grün und blau glänzender Schmetterlingsflügel; aber ein hoher Gedanke in der Brust eines unsterblichen Bruders wird leichtlich als ein loses Machwerk der trügerisch verschrieenen Phantasie verworfen! Und so wird nicht selten das Nest eines Vogels bewundert und Gott dafür rechtlich gepriesen, während ein unschätzbar köstliches Werk des freien, unsterblichen Geistes mit großer Geringachtung hintangehalten wird!
HG|1|52|16|0|O wie erhaben stimmt unser Gemüt das Rauschen der Zedern, wenn ein dreister Wind schonungslos durch ihre zarten Äste mit Ungestüm rennt; aber das heilige Rauschen des Geistes der ewigen Liebe überhört das windbetäubte Ohr, das im Sturm Sprache sucht und nicht achtet des lauten Rufens der Stimme Gottes in der eigenen Brust!
HG|1|52|17|0|O Vater, da ich schon rede vor dir, so lasse mich noch ferner reden aus meinem Herzen, das da einsieht vor Gott, dass es wahrhaft unbillig ist und außer aller Ordnung, so da jemand hat ein großes und ein kleines Gefäß und tut in das große wenig und in das kleine aber vieles, das da nicht Platz hat darinnen und fällt außen herum, da es zertreten wird, während das große Gefäß fast leer steht, darinnen gar vieles wohlgehalten Platz hätte. Unser sinnlicher Leib ist das kleine Gefäß, das wir stets gewaltig überladen, und unseren Geist der Liebe aber, als das endlos große Gefäß, beachten wir fast gar nicht und tun daher auch ganz entsetzlich wenig hinein!
HG|1|52|18|0|Wir brennen unsere Opfer regelmäßig und glauben dem Herrn einen Gefallen zu erweisen, so wir uns vor dem Opferbrand auf unsere Gesichter in den Staub niederlegen; allein, das sind lauter Dinge, zu überlasten das kleine Gefäß, während dabei des großen, dem Herrn allein wohlgefälligen Opfergefäßes der reinen Liebe im Geiste und in der Wahrheit gar wenig bedacht wird!
HG|1|52|19|0|Ich aber bin der Meinung, da wir das eine tun zum sichtbaren Zeichen unserer geistigen Blindheit, so sollen wir von der Hauptsache umso weniger abstehen, da durch sie allein nur das wahre, ewige Leben des Geistes der Liebe in Gott bedingt ist! Denn des gemahnt uns jeder Morgen und jede aufgehende Sonne, da wir nicht wissen, von wannen sie kommt, und was sie ist, ob der Blindheit unseres Geistes. Des gemahnt uns auch die Rinde des Baumes, den sie umkleidet, so dass da niemand behaupten kann, der Baum sei da der Rinde wegen, wohl aber die Rinde des Baumes wegen, damit des Baumes schaffende Kräfte aus Gott geschützt und verborgen bleiben möchten vor unserer fleischlichen Neugierde, – dem Geiste aber als ein Wink gelte aus Gott, der da spräche:
HG|1|52|20|0|‚Siehe, Ich habe das Leben vor dem Fleische verborgen, damit der Tod seiner nicht ansichtig werde, und habe verhüllt Mein Eigentum in dir, damit du es in dir trügest bis zur Zeit der Enthüllung wohlverwahrt! Unter der Rinde da wallet ein mächtig Getriebe und handelt und ordnet des ewigen Gottes gar weise und liebevoll ernst die heilige Liebe; da rauschen gar mächtige Ströme des tätigen Lebens aus Gott!‘
HG|1|52|21|0|O Vater, so ist alles, alles, was wir nur immer mit unseren Fleischaugen ansehen, nichts als ein totes Kleid, innerhalb dessen ein stilles Leben wallt, das uns anziehen soll, und zwar zunächst das unsrige in uns; und haben wir das in der reinen Liebe zu Gott gefunden, so werden erst dann die Wunder um uns lebendig, von deren äußerlicher, toter Beschaulichkeit wir uns schon gar so oft, selbe fast anbetend, für nichts haben hinreißen lassen.
HG|1|52|22|0|Wer möchte denn wohl bewundern einen Tropfen Wasser darum, dass es ein Wasser ist? Was sollte man denn tun beim Anblick des Meeres, oder so ein fruchtbarer Regen von oben in zahllosen Tropfen zur Erde fällt und dieselbe befruchtet?
HG|1|52|23|0|Wenn aber der Geist sein eigen Bild im Tropfen erschauen wird, o Vater, da wird derselbe erst zu sammeln anfangen fürs Gefäß des Lebens und des Wunderns gut Rat haben, da er in sich nach der früheren Sonnenlehre wohl, wie in seinen Brüdern, der Wunder größtes entdecken wird, das da ist die ewige, unendliche Liebe Gottes voll der größten Demut in uns! O Vater, siehe, so habe ich denn vollendet; nehme es gnädig auf, und zeige mir gnädigst an deinen ferneren Willen! Amen.“
HG|1|53|1|1|Adams Zeugnis über Henoch
HG|1|53|1|0|Und als der Adam hoch überrascht solche Rede aus dem Munde Henochs vernommen hatte, da rieb er sich die Stirne und schlug sich auf die Brust bei sieben Male und sagte endlich:
HG|1|53|2|0|„O Liebe, was bist du, dass ich dir nicht zürnen kann? O Henoch, höre, du bist ein gewaltiger Redner; denn du hast mir stark meine Schuld vorgerückt und berührtest diejenigen Seiten stark in mir, die bis jetzt noch jedem ein unantastbares Heiligtum seit Ahbel geblieben sind. Aber wer kann dir gram werden, da du Worte redest, die nicht auf deinem Grunde gewachsen sind und reine Worte der ewigen Liebe sind?!
HG|1|53|3|0|Denn also du redest, kann kein Mensch reden, außer es ist ihm gegeben von oben; und auch hätte niemand die Kraft, etwas vor mir zu reden, so ihm nicht gegeben wäre solcher mächtige Sinn von der ewigen Macht der Liebe des heiligsten Vaters.
HG|1|53|4|0|Du aber redest ohne Scheu aus der Macht deiner großen Liebe zu Gott und teilst aus vom großen Gefäß, und so hast du keine Verantwortung; denn aus deiner Liebe wird jede Schuld verantwortet, und so auch die meinige. Und ich kann dir nichts erwidern, als dass du sicher ein Mann nach dem Herzen Gottes bist; denn so du redest, da bebt mein Herz wie das eines Kindes in der finsteren Sturmesnacht, und so du betest, da weint mein ganzer Leib.
HG|1|53|5|0|O Henoch, deine Rede gleicht allzeit einer aufgehenden Sonne, der man anfangs gar fröhlich ins Angesicht schauen kann; aber wenn sie sich dann stets höher und höher erhebt, so muss sich dann auch jeder Beobachter sein Gesicht verhüllen, denn solcher Strahlen Kraft vermag dann des Menschen finsteres Auge nimmer zu ertragen und lebend zu bleiben in seiner Sehkraft.
HG|1|53|6|0|O Henoch, du hast mir jetzt wohl sehr viel gesagt, so dass ich es wohl je kaum in diesem Erdenleben vollends fassen werde, und machtest mich fröhlich und betrübt, – fröhlich, weil dein Engelsgeist noch nie so hell wie jetzt aus dir geleuchtet hat, – betrübt aber machtest du mich darob, weil dein übersonnenstarkes Licht mir gar außerordentlich klar gezeigt hatte meine unnennbar großen Mängel vor Gott und dessen ewig heiliger Ordnung!
HG|1|53|7|0|Aber wenn ich wieder denke, dass du, mein lieber Henoch, es bist, der du uns gestern die unerwartete Ankunft der ewigen Liebe angezeigt hast, dann werde ich wieder fröhlich, so ich dich nur ansehe und bedenke, dass du ein Liebling des großen, heiligen Vaters bist, wodurch du auch der meinige für mein ganzes Leben geworden bist und auch bleiben wirst, solange ich auf dieser Erde noch wandeln werde, wie dein Name gleich dem meinigen bleiben wird bis ans Ende aller Zeiten.
HG|1|53|8|0|Nun aber, lieber Henoch, lasse uns wieder zurückkehren in die Hütte, daselbst uns der Seth schon sicher ein Frühstück bereitet hat; nach dem Frühstück aber wollen wir die arbeitenden Kinder hie und da besuchen und sie erfreuen mit unserer Gegenwart, und es soll dabei sein die Eva, der Seth und dessen erster Sohn Enos, und wieder noch des Enos erster Sohn Kenan, der Seher, und wieder noch auch des Kenans erster Sohn Mahalaleel, und wieder noch auch dazu dessen erster Sohn, dein Vater Jared, und du aber an meiner rechten Seite, – und so wollen wir nützlich den Vortag zubringen. In der Mitte des Tages aber wollen wir unsere Glieder stärken unter lautem Vor- und Nachlob des Herrn; den Nachtag aber wollen wir wieder, in uns kehrend, in meiner Hütte zubringen und wohl gedenken der gestrigen großen Heimsuchung.
HG|1|53|9|0|Dir aber sei nimmer dein Mund geschlossen, denn deine Rede tut allen not. Besonders aber sei eingedenk, mit deiner gesegneten Zunge vor deinen Vätern und Brüdern zu heiligen den morgigen freien Sabbat; und wie du jetzt geredet hast ohne Rücksicht, desgleichen tue auch heute, morgen und fortan!
HG|1|53|10|0|Und nun siehe den Seth uns schon entgegeneilen, und so lasse uns gehen! Amen.“
HG|1|54|1|1|Das rechte Danken und Loben
HG|1|54|1|1|Am 20. Januar 1841
HG|1|54|1|0|Und somit erhoben sie sich beide, dem Morgen den Rücken kehrend, und gingen vom Berg, an dessen Fuß sie schon der Seth sehnsüchtig erwartete. Und als sie nun zum Seth gelangten, so warf sich dieser vor Adam hin; dieser aber erteilte ihm den Morgensegen und hieß ihn hernach sich erheben vom Boden und dann sie geleiten zur Hütte.
HG|1|54|2|0|Nach kurzem daselbst anlangend begaben sich Adam und Henoch alsbald in die Hütte, wo die Mutter Eva schon sorglich ihrer harrte. Seth aber eilte alsogleich in seine Hütte und hieß sein Weib eilends das bereitete Frühmahl in die Hütte Adams tragen; er aber und der Enos, Kenan, Mahalaleel und der überfrohe Jared lobten zuvor Meinen Namen und begaben sich dann ehrfurchtsvoll in die Hütte Adams, um demselben den gebührenden Morgengruß und des Segens Dank abzustatten. Als sie darob voll Ehrfurcht in die Hütte Adams traten und beginnen wollten ihre Schuldigkeit, siehe, da gemahnte sie der Adam, eine kurze Zeit innezuhalten, bis erst der Henoch vollenden werde das soeben zu beginnende Gebet vor dem Frühstück. Und da sie solchen Wunsch vernommen hatten, siehe, da hielten sie inne, traten etwas zurück, ihre Augen und Ohren und Herzen an den Mund Henochs legend, und dieser aber begann folgendes Gebetlein an Mich in aller Treue zu richten, indem er also begann:
HG|1|54|3|0|„Übergroßer, liebevollster, heiligster Vater, neige gnädig Dein heilig Ohr an meinen schwachen Mund, und vernehme das armselige Gewimmer eines bestaubten Wurmes der Erde an dem Tag der ewigen Erbarmung Deiner unendlichen Liebe, da es Dir wohlgefiel, dem Staub der Erde unseren Erzvater Adam und aus ihm die Erzmutter zu entwinden und in beide nachher die zeugende Segenskraft zu legen, in deren Fülle wir alle und noch ein zahlloses Gefolge aus dem Samen der Liebe geworden sind und noch uns nachfolgen werden zahllose Geschlechter auf Geschlechter bis ans Ende aller Zeiten, – den Du, o bester, heiligster Vater, aus Deiner ewigen Liebe nahmst, auf dass unsere Seele Dir zu einem lebendigen Ebenbild durch die Liebe Deines Geistes in ihr zu werden vermöchte! Oh, habe Dank, Lob und Preis für solche Gnade und Erbarmung, deren Größe wir nicht zu ahnen vermögen, dass Du Dich so weit herablassen mochtest, zu gebieten dem, das ewig nicht war, dass es werde und bestehe, in aller Freiheit zu erkennen sich und Dich und zu schauen Deine Erhabenheit und zu staunen über die Werke Deiner großen Macht und Herrlichkeit!
HG|1|54|4|0|Siehe, wir sind hier im Angesichte Adams, Deines erhabenen Erstlings, und vor uns befindet sich schon eine gute, frische Labung des Leibes! O heiligster, bester Vater, segne uns, und segne diese frische Labung, auf dass sie uns zum Leben in Deiner Liebe und nie mehr zum Tode Deines Zornes gereichen möchte, und lasse uns alle durch Deine Gnade wohl eingedenk sein, was Deine unendliche Liebe an diesem Vorsabbat an uns allen und für uns alle unendlich Großes getan hat!
HG|1|54|5|0|O lasse uns wohl gedenken, dass nur Deine Liebe es war, die den Erzvater Adam dem Staub der Erde entsteigen hieß, und Deine große Hand Deiner Liebe ihn formte zu Deinem Ebenbild und uns alle wunderbar so vollkommen, wie ihn aus Dir, aus ihm hervorgehen ließ. Oh, des will ich Dich loben, Dir danken und Dich preisen mein Leben lang; nur möchtest Du gnädigst aufnehmen dieses mein ohnmächtiges Geschrei, obschon es nicht würdig ist, sich zu nahen Deinem Herzen, das alle Deine Schöpfung nicht anzublicken wagt! O Herr, segne uns und die Labung; denn all unser Sein ist ein Segen aus Dir ewig! Amen.“
HG|1|54|6|0|Und als nun der Henoch solches Gebet ausgesprochen, da verneigten sich alle Väter gen Adam und verrichteten ihre Pflicht, deren schon früher erwähnt wurde. Adam aber segnete sie dafür und sagte: „Liebe Kinder, verharrt ein wenig bei mir, bis ich, die Eva und der liebfromme Henoch uns werden mit der Gabe Gottes gestärkt haben! Dann werde ich euch alsobald meinen Willen und die Gesichte des Morgens deutend kundgeben; derzeit aber lasst euch nieder, und gedenkt der Andacht Henochs! Amen.“
HG|1|54|7|0|Und sie ließen sich nieder und taten im Geheimen, das ihnen Adam anbefohlen hatte. Als aber das Frühstück nun alsobald eingenommen ward, siehe, da erhob sich Adam, blickte gerührt zu Mir empor und dankte Mir im Herzen, desgleichen auch die Eva und an ihrer Seite der Henoch.
HG|1|54|8|0|Nachdem aber Adam vollendet hatte seinen Dank, da wandte er sich zum Henoch, sagend: „Lieber Henoch, was du begonnen hast vor der Labe, siehe, das vollende nun auch laut im Angesichte aller deiner Väter, damit dadurch dein Werk ein ganzes werde vor Gott und vor uns, deinen Vätern! Amen.“
HG|1|54|9|0|Und alsobald erhob sich Henoch gar fröhlich, dankte dem Adam für solche Erinnerung und begann wieder folgende kurze, aber desto inhaltschwerere Rede an alle zu richten, sagend:
HG|1|54|10|0|„O liebe Väter, was könnte wohl billiger sein, als Gott für jegliche Gabe ohne Unterlass den kindlichen Dank abzustatten, und mit so starker Stimme zwar, dass Sonne, Mond und alle Sterne davor beschämt erzittern möchten!? Allein, fragen wir uns selbst, ob es dem großen Herrn damit gedient wäre, so wir Ihm, von unserem Hochmut geblendet, gewisserart zeigen wollten, wie machtvoll großartig wirkend sich Seine Liebe in unserer Brust ausnimmt!
HG|1|54|11|0|O Väter, des bedarf der große, heilige Vater im Himmel nicht; denn was Er in uns gelegt hatte, kennt Er, vor dem alle Werke offen daliegen, am allerbesten! Denn wir sind nur in unserer demütigen Schwäche etwas vor Ihm, dass Er uns in Seiner Liebe ansieht; unsere Stärke aber ist eine blinde Torheit vor den Augen Seiner Heiligkeit.
HG|1|54|12|0|Ist Er denn nicht Selbst alle unsere Stärke? Wie sollen denn wir uns dann dessen rühmen, das nicht unser ist, sondern Dessen, der es uns aus Seiner großen Erbarmung gegeben hat, auf dass wir selbst werden sollen zu Seinem Eigentum!
HG|1|54|13|0|So wir aber allzeit wollten mit großer, kräftiger Stimme Ihm vorschreien unser Lob und Dank, würde das dann nicht also lauten, als lobten und dankten wir uns selbst im Angesichte Gottes, so wir da mit Seinem Eigentum in uns vor Ihm großtäten und uns am Ende überredeten, als vermöchten wir etwas aus uns vor Ihm?!
HG|1|54|14|0|Sehet, so aber jemand redet mit großer Stimme (d. h. erhabenen Worten) wie aus sich, so ist diese Stimme nicht sein, sondern sie ist dann eine Stimme des Herrn durch den Menschen; wie sollten da wir denn wollen in unserer Blindheit, dass Sich der Herr Selbst loben, preisen und danken solle an unserer statt, während Er uns nur gnädigst dadurch anzeigt, was wir in unserer Schwäche zu tun schuldig sind, auf dass wir fürder einer gerechten Stärkung von Ihm würdig zu werden vermöchten?!
HG|1|54|15|0|O sehet, dass wir aber den Herrn würdig loben, preisen und danken möchten, so tun wir das in unserer Schwäche demütigst; dann werden wir von Ihm angesehen werden in Seiner Erbarmung und werden allzeit von neuem gestärkt werden durch Seine unendliche Liebe! Amen.“
HG|1|54|16|0|Als aber der Adam samt den übrigen solche Rede vernommen hatte, siehe, da wandte er sich alsobald zum Henoch, ihn fragend: „Aber lieber Henoch, was ist denn das, was du soeben gesprochen hast? So ich es nicht verstehe, wie sollen das dann meine Kinder, derentwegen ich dich ganz eigentlich vorzugsweise zu reden aufgefordert habe? Denn es geht aus deiner Rede hervor nach meinem Verständnis, dass wir auf diese Art den Herrn weder loben, noch preisen und danken sollen; denn wir alle und alles an uns ist ja Gottes und ist aus Ihm hervorgegangen!
HG|1|54|17|0|So denn jemand den Herrn somit loben, preisen und danken wollte, so müsste er denn ja alsobald schweigen in und durch die Erinnerung, dass der Herr in uns, als Seinen Werken, Sich Selbst lobe, preise und danke!
HG|1|54|18|0|Siehe, es ist ja alles an uns Gottes Macht und Kraft, und wir sind durchaus Sein Werk und lebende Teile aus Ihm! Siehe, somit wäre dann ja all unser Tun nichts als eine eitle Vermessenheit gegen Gott, so wir dächten, dass wir es tun, während doch nur Gott es tut, da nichts an uns unser, sondern lediglich Gottes ist!
HG|1|54|19|0|O Henoch, was du sagtest, musst du unserem Verständnis näherführen, sonst gehen wir alle zugrunde in der Nacht unserer Zweifel!“
HG|1|54|20|0|Als aber Henoch solchen Missverstand gewahr wurde, so schlug er sich auf die Brust und sprach: „O liebe Väter, wie nimmt euch des so wunder?! Wer mag wohl das Holz des Baumes essen, da es zu hart ist, und doch kommt die süße Frucht vom Holz, das an und für sich ungenießbar ist! So wir aber die Frucht genießen, da danken wir denn doch für die Frucht und nicht für den Baum, auf dem die Frucht für uns bereitet wurde!
HG|1|54|21|0|Nun aber denkt, so wir aber wären das Holz des Baumes, und es würde uns diesem gleich gegeben eine Frucht; da aber der Baum gesetzt ist, dass er Früchte trage, – was soll nun dem Herrn danken, der Baum oder die Frucht?
HG|1|54|22|0|Ist denn nicht da die Frucht eine Liebesgabe des Herrn, die dem Herrn nicht danken kann und darf, sondern nur der Baum als ein freies Gesetz – obschon aus derselben Frucht entstanden – darum, dass ihm ferner gegeben ist in ununterbrochener Reihe die Kraft von oben, dass er hervorbringe eine lebendige Frucht und in dieser zahllos seinesgleichen!
HG|1|54|23|0|Was ist demnach aber für ein Unterschied in der Pflanzung, so wir dem Baum Reiser abnehmen und verpflanzen selbe in die Erde, und es wird wieder ein Baum daraus, – und so wir die Frucht nehmen und legen sie in die Erde, und es wird ebenfalls ein Baum?!
HG|1|54|24|0|Sehet, wir aber sind die Reiser, und der Same ist der Segen Gottes. So wir aber erkennen, dass wir nicht die Frucht und der Same, sondern nur Reiser und Bäume sind, dass wir mit der Frucht und dem Samen möchten gesegnet werden, da ist ja die große Stimme in uns die gegebene Frucht und der Same Gottes, die für sich nicht loben, preisen und danken sollen, da sie es sind, dafür gedankt werden sollte; wir aber sind gleich dem Baum und den Reisern und müssen daher loben, preisen und danken in dem, was wir sind, aber nicht in dem, was wir empfangen, und dann allzeit für das, das wir empfangen, damit wir vollends frei werden möchten vor Gott und entsprechen dadurch dessen heiliger Absicht. Amen.“
HG|1|55|1|1|Kenans Bekenntnis
HG|1|55|1|0|Als aber Adam und die übrigen Väter solche erklärende Rede vernommen hatten, siehe, da nahm sie alle hoch wunder, dass der Henoch so hohe Worte der Weisheit zu reden vermochte und bei allem dem ein so anspruchsloser, junger Mann war, dass ihm wohl niemand ansehen mochte solche hohe Weisheit, die selbst den Adam aus sich selbst zu schweigen nötigte!
HG|1|55|2|0|Und es nahm der Kenan das Wort und sagte: „O Vater Adam, siehe, bisher war ich ein Seher und musste dir an jedem Vorsabbat meine und deine Gesichte und frühnächtlichen Beobachtungen am Firmament sowohl als auch auf der Erde deutend erzählen, auf dass du sie dann segnetest und wiedergäbest deinen Kindern!
HG|1|55|3|0|Nun aber hat der Herr die Zunge Henochs mit eigener Hand gesegnet und gelöst! Siehe, daher wagt meine Zunge sich nicht mehr zu rühren vor dir, vor den übrigen Vätern und Kindern; es möchte daher auch dieses Geschäft der liebevolle, weise Henoch auf sich nehmen. Haben wir auch einst seinen Leib gewaschen mit dem Morgentau, so tut es aber uns nun selbst umso mehr not, von ihm gewaschen zu werden mit dem Morgentau seines Geistes, der da reichlich träufelt von seiner gesegneten Zunge!
HG|1|55|4|0|O Henoch, wasche mich nach deiner Gnade von oben; denn ich bekenne und erkenne: Wer da nicht gewaschen wird mit diesem Wasser, der wird zugrunde gehen, und es wird sein Leben verwelken wie das des Grases, da kein belebender Tropfen hingefallen ist.
HG|1|55|5|0|Der Herr hat es nur einem ganz gegeben, damit es die anderen von ihm nehmen möchten, sooft sie es gebrauchen wollen. Denn das Leben ist zwar wohl allen gegeben, aber nicht so die Unsterblichkeit; die trägt nur einer für alle in sich. Und wer sie von ihm nehmen will, der wird, wie er, unsterblich werden; wer sie aber übersehen wird, dessen Leben wird vom Tode genommen werden zu einer Zeit, da der große Herr Seine Sichel an das dürre Gras legen wird.
HG|1|55|6|0|So wir unsere Hand an unser Herz legen, so nehmen wir wohl wahr dessen Schlagen in wohlabgemessenen Räumen – desgleichen wird es auch der Henoch wahrnehmen –; aber so wir unser schlagendes Herz fragen: ‚Wohin schlägst du, unruhiges Herz?‘, so werden wir aus demselben eine dumpf verworrene Antwort bekommen, die da schauerlich genug lauten wird: ‚Ich schlage beständig an die eherne Pforte des ewigen Todes und erwarte unter großem Bangen, bis dieselbe, sich öffnend, mich auf ewig verschlingen wird!‘
HG|1|55|7|0|So wir aber das ebenso schlagende Herz des Henoch fragen: ‚Wohin schlägst denn du, liebetreues, frommes Herz?‘, so wird es uns in den klarsten Akzenten erwidern: ‚Höret Brüder, ich schlage beständig an die hellen Pforten des Lebens und bin voll der süßesten, überzeugenden Gewissheit, dass sich diese bald öffnen werden, um mich in die endlose Fülle des Lebens aus Gott aufzunehmen, davon jetzt nur ein kleiner Tautropfen mich beseelt und belebt!‘
HG|1|55|8|0|O Väter, Brüder und Kinder, dass es also ist, habe ich gar oft in meinen Gesichten gesehen; dass es aber nicht also bleiben soll, das lehrt jeden die eigene Liebe zum Leben: Wir können es uns gegenseitig nicht geben, da wir es nicht haben; aber wir können es nehmen von dem, der es hat. Der Henoch hat es empfangen von oben; so er es uns aber geben will und es auch darf, so ist es ja an uns, es zu nehmen.
HG|1|55|9|0|O Henoch, daher rühre du nur fleißig deine Zunge voll Lebens, damit wir alle von der Fußsohle bis zum Scheitel möchten gewaschen werden mit dem Lebenstau, der da reichlich kommt aus des Lebens geistigem, ewigem Morgen von Gott über deine gesegnete Zunge; daher, Vater Adam, lasse nun an meiner statt auftreten den Henoch und uns deuten und wohl zeigen die Zeichen des Lebens am Himmel wie auf der Erde! Amen.“
HG|1|55|10|0|Und als der Kenan solche gute Rede beendet hatte, siehe, da erhob sich Adam und sprach: „Kenan, du bist meinem Wunsch zuvorgekommen; daher möge Henoch in aller Kürze tun, danach euch alle verlangt und mich gewaltig dürstet! Amen.“
HG|1|55|11|0|Henoch aber erhob sich alsobald voll Ehrfurcht und sprach: „O Väter, so höret! Es gehen die Sterne ihren Gang und schimmern bald mehr, bald weniger, und es wehen auch die Winde bald von einem und bald wieder von einem anderen Ort her und ziehen rauschend ihre Wege ferne hin, und tragen oft leichte Wölkchen, oft ganze Massen auf ihren schwankenden Flügeln fort, und so fällt der Tau und der Regen, und es fächelt das Gras, und es schwingen sich die Bäume mit zitterndem Laub, und wir wissen nirgends den Grund davon und möchten uns darüber die Köpfe zerstoßen; wenn aber am Ende die Ernte kommt, da sagen wir: ‚Der Herr hat Seine Elemente weise geleitet, da die Ernte so gut ausgefallen ist!‘, und es kümmert uns dann wenig mehr, wohin die Winde die Wolken getragen haben.
HG|1|55|12|0|Sehet, das ist auch die beste Deutung! Denn was der Herr tut, ist weise getan; wir aber tun dabei am besten, so wir alles sorglos dem Herrn überlassen und nicht deuten wollen Seine Wege, sondern dafür lieber uns selbst suchen und das Leben in uns.
HG|1|55|13|0|Sehet, das ist die beste Deutung, in der alles Geheimnis verborgen ist. Doch auf dem Wege mehreres davon. Amen.“
HG|1|56|1|1|Die Adamsgrotte
HG|1|56|1|1|Am 21. Januar 1841
HG|1|56|1|0|Als aber der Henoch ausgeredet hatte seine kurzgefasste Deutung, siehe, da sprang Seth auf vor Freuden, umarmte den Henoch und sprach: „O Vater Adam, wie kurz doch ist das Wort der Liebe auf dem hellen Pfad ihrer Weisheit und wie doch so voll Klarheit, Leben, Kraft und Wirkung!
HG|1|56|2|0|So aber des Menschen schwerer Verstand mühsam all die Sterne zählt, dem Pfad der Winde zweifelnd schwer nachspürt, den Zug der Wolken angafft, die schlafenden Nebel in den Tälern aufschrecken will von ihrer segnenden Ruhe, die Tautropfen gewichtig prüft und das Gras, die Pflanzen, die Gesträuche und alle die Bäume beinahe närrisch und geistlos fragen sollte, wie sie allenfalls die Nacht hindurch geruht haben, um endlich nach allen diesen leeren Erkundigungen ein ebenso schwach gewichtiges Urteil zu schöpfen, aus dem man allenfalls mit einer erratenen Halbgewissheit dann auf die künftige Ernte schließen möchte, ob sie gut, mittel, oder schlecht ausfallen wird, und das noch dazu auf allzeit einer lange dauernden Beratung beruhend, – da ist ja eine solche Deutung Henochs rein vom Himmel, die uns enthebt aller ferneren solcher ganz sinn- und wertlosen Beobachtungen, an denen nun nach meiner Erkenntnis geradeso viel liegt wie an der Zeit, die vor hundert Jahren schon spurlos verflossen ist.
HG|1|56|3|0|O du lieber Henoch du, fahre du nur fort, die Zeichen des Lebens in uns zu deuten, und ich bin überzeugt, dass uns allen eine solche Zeichendeutung unendlichmal mehr nützen wird, als ob wir vermöchten mit all den Sternen, Sonnen und Monden Zwiesprache zu führen, verstünden aber nichts von dem, das doch der Grund aller unserer Regungen ist, und was alles uns unsere Gefühle und Empfindungen sagen, und auf welche Weise die ewige Liebe sich etwa kund- und wohl zu erkennen gibt in uns, und das ewige Leben durch sie!
HG|1|56|4|0|O Kinder, das steht unendlich höher als alle Erntefelder und Obstbäume, auf die wir doch trotz aller unserer Beobachtungen und Vorsabbatsdeutungen auch nicht einen Apfel oder eine sonstige Frucht zu bringen imstande sind, und trotz allen unseren unnötigen Sorgen der Herr doch nur tut, was Seiner Liebe, Weisheit und Heiligkeit gemäß ist!
HG|1|56|5|0|O Henoch, rede und deute du nur zu, damit auch unser starr gewordenes Holz und unsere Reiser nach Kenan bald segenvolle Früchte des ewigen, unvergänglichen Lebens bringen möchten! Amen.“
HG|1|56|6|0|Und darauf aber erhob sich Adam und sagte: „Amen, gesegnet sei du, mein geliebter Ahbel-Seth, und hochgesegnet die lebendige Zunge Henochs und gesegnet alle meine Kinder, die eines guten und frommen Herzens sind!
HG|1|56|7|0|Aber nun lasset uns gehen und treu besuchen alle unsere arbeitenden Kinder und ihnen verkünden den morgigen Sabbat und das, was sie zu erwarten haben am selben von der so hochgesegneten Zunge unseres lieben, weisen und frommen Henoch!
HG|1|56|8|0|Der Herr möge jeden unserer Schritte vor jeglichem Ungemach behüten! Amen.“
HG|1|56|9|0|Nach dem erhoben sie sich alle, und die Eva an der Seite Seths wie der Adam an der Seite Henochs traten wohlgemut aus der Hütte. Die Kinder verneigten sich alle vor der alten Wohnung ihres Vaters und ließen denselben dann voran an der Seite Henochs gehen; diesem folgte dann der Seth mit der Eva und dieser endlich die übrigen anwesenden Hauptstammkinder.
HG|1|56|10|0|Als sie also nun gegen Morgen ihre Richtung nahmen und schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt hatten, siehe, da kamen sie zu einer Grotte, aus welcher eine reinste Quelle floss, und es war diese Grotte bekannt unter dem Namen ‚Adamsruhe‘ und die Quelle aber unter dem Namen ‚Evas Tränenbächlein‘. Da pflegte Adam allzeit auszuruhen; und so wurde auch diesmal daselbst zu- und eingesprochen.
HG|1|56|11|0|Die Grotte war sehr geräumig, so zwar, dass darinnen leichtlich zwanzigtausend Menschen unterkommen mochten; die Hauptsache dieser Grotte aber war folgende Seltenheit, dass sie nämlich fürs Erste eine Höhe von hundert Mannslängen hatte und war viel mehr ein Tunnel durch einen Berg hindurch als eine eigentliche Grotte, welcher Tunnel aber darum gar so großartig berühmt war, da er durch einen grün und gelb kristallenen großen Gebirgskegel den Durchgang gegen Morgen bildete, in dessen Mitte eine hochspringende Quelle sich befand, über welcher sich durch verschieden gefärbte Kristallprismen das Licht der Sonne in tausendartigen Färbungen durcharbeitete.
HG|1|56|12|0|Wie auch das Licht matter sich an den verschiedensten Punkten durcharbeitete und diesen ziemlich langen Tunnel wunderbar beleuchtete, so war aber doch der schon bekannte Mittelpunkt mit der springenden Quelle der alles euch bis jetzt Bekannte himmelweit übertreffende, wunderbar reizend herrlichste Teil dieses Tunnels.
HG|1|56|13|0|Sehet, darum war auch diese Durchgangsgrotte ein Lieblingsort des Adam, und es war außer den Hauptstammkindern wohl selten den anderen gestattet, diese Grotte zu passieren, – jedoch aber etwa nicht aus Neid, sondern bloß aus Furcht nur, dass nicht etwa ein leicht erregbares Gemüt zur Anbetung eines solchen Wunderortes hingerissen werden möchte.
HG|1|56|14|0|Als sich nun diese Hauptgesellschaft in der Mitte der Grotte befand, allda um das weite, runde, goldene Wasserbecken eine Menge wohlgeformter, verschiedenfarbiger Edelkristallpflöcke lagen, unter denen einer ‚Der goldene Vaterstuhl‘ hieß, da ließ sich Adam ein wenig nieder, und also durften auch alle übrigen seinem Beispiel folgen; nur der Henoch blieb neben dem Adam stehen.
HG|1|56|15|0|Als aber Adam solches bemerkte, siehe, da sagte er zu ihm: „Lieber Henoch, warum tust du nicht, was ich und die übrigen tun? Siehe, hier zu meiner Rechten ruht ein recht bequemer, grüner Kristallpflock; setze dich hin und ruhe samt mir und den übrigen!“
HG|1|56|16|0|Und der Henoch tat alsobald, was der Adam wünschte, sagte aber: „O Vater Adam, siehe, da du es mir erlaubst, zu ruhen auf dem Steine Seths, so mag ich es ja wohl tun, da dein Wort höher steht denn das Wort aller übrigen Väter; so ich mich aber ohne deine Erlaubnis darauf gesetzt hätte, siehe, da hätte ich in eine große Vermessenheit mich gestürzt und hätte es wohl verdient, von Seth und allen anderen Vätern mit zornigen Augen angesehen zu werden! O liebe Väter, verzeiht, da ich solches zu tun mir getraue; denn ich will stets im Gehorsam handeln gegen alle Väter, und es soll nie etwas begangen werden von mir, das da je vermöchte, mich ihrer Liebe unwert zu machen! Amen.“
HG|1|56|17|0|Und es stand der Seth auf und sagte, zum Henoch sich kehrend: „O du mein geliebtester, überdemütig bescheidener Henoch, weißt du denn nicht, dass du der schöne Mittelpunkt unserer Liebe schon lange geworden bist?! Siehe, siehe, auf meinem Kopf würdest du dir sicher einen Sitz bereiten; denn in unseren Herzen hast solchen du lange schon dir zubereitet, – und der Kopf ist nicht vorzüglicher denn das Herz!
HG|1|56|18|0|Da wir dir schon lange unser Lieben und Leben zum Wohnsitz gaben, siehe, wie möchte uns dann eines kalten Steines kümmern, auf den du dich setzt? Darüber sei nur ganz vollends ruhig. Aber siehe, es kümmert mich, und sicher auch alle anderen, etwas anderes: Siehe diesen herrlichen Punkt! Lieber Henoch, lasse deiner gesegneten Zunge hier einen ganz ungehinderten, freien Lauf! Amen.“
HG|1|56|19|0|Da aber Adam und die übrigen solchen frommen Wunsch Seths vernommen hatten, siehe, da wurde Henoch alsobald von allen Seiten bestürmt, etwas Liebegutes und Erhabenes über diesen Tunnel zu sagen aus seinem Herzen.
HG|1|56|20|0|Und der so fromm gehorsame Henoch ließ sich, wie sonst, auch diesmal den Wunsch nicht zweimal erwidern, sondern stand alsobald auf, verneigte sich gegen die Väter und fing an, folgende sehr denkwürdige Rede an alle seine Väter zu richten, sagend nämlich:
HG|1|56|21|0|„O liebe Väter, an diesem Ort der Ruhe Adams werde ich aufgefordert zu reden, ohne zu wissen, was ich eigentlich reden und worüber ich sprechen soll?  O liebe Väter, bisher war es noch immer Sitte, dass, so einer von dem anderen irgendetwas erfahren wollte, er den Geheimnisträger doch wenigstens mit einer Frage belästigte, dadurch er selbem zu verstehen gab, dass er wieder irgendetwas noch nicht weiß.
HG|1|56|22|0|Allein ich aber soll nun reden, ohne dass ich um etwas gefragt wurde!
HG|1|56|23|0|So sei es denn auch; denn da ist meine Zunge frei und kann da aussprechen, was mein Auge mit glühenden Zeichen im Herzen aufrechtstehend in klarsten Zügen erschaut! Und diese Zeichen sind lebendige Züge der ewigen Liebe und der allerbarmenden Gnade des ewigen, heiligen Vaters in mir; und so will ich denn einmal aus diesen reden und führen ein unsterblich Gespräch aus meinem Gott und eurem Gott, aus meinem heiligen Vater, der voll Liebe ist, und aus eurem heiligen Vater, der voll Liebe, Gnade und aller Erbarmung ist!
HG|1|56|24|0|O liebe Väter, diese Grotte ist ein treues Bild des menschlichen Herzens, wie es sich verhält zu Gott! Wohin wir nur immer unsere Augen richten mögen, können wir durchaus keinen undurchschimmernden Punkt gewahren, außer den Boden, der uns trägt.
HG|1|56|25|0|Sehen wir hinauf in die hohe, von tausendfarbigen Lichtern hell erleuchtete Kuppe, und wie herrlich eben dieses schöne Licht diese lebendige, hochspringende Quelle wunderbar scheinend belebt!
HG|1|56|26|0|Wer vermöchte da die Pracht zu besprechen, die tausendfach verändert in einem Augenblick schon des Sehers Auge überrascht, und jeder herabfallende Tropfen einem Stern gleicht, der da kühn den Himmel anstrebte und dann aus Strafe für seine verwegene Tollkühnheit verglühend wieder vom selben geschleudert würde.
HG|1|56|27|0|Ja, wenn wir unsere Augen nach Morgen wenden, so leuchtet uns der weite Gang ein grünes Licht entgegen; sehen wir dahin, woher wir gekommen sind, so leuchtet der Gang uns ein gelbes und endlich gar ein blutrotes Licht entgegen; und so überrascht unser Auge, dahin wir es nur immer wenden mögen, doch stets ein anderes Licht!
HG|1|56|28|0|Wenn wir uns dann satt gestaunt haben, dann sagen wir, von der großen Herrlichkeit durch und durch ergriffen: ‚O großer Gott, wie erhaben schön und überaus herrlich ist alles, was Du gemacht hast, Herr! Deine Werke achten wir, und Du segnest uns mit eitel wonniger Lust dafür, – denn für uns hast Du sie ja gemacht, und des freuen wir uns über die Maßen und wollen Dich dafür allzeit loben, preisen und Dir danken, dass Du solche herrlichen Dinge gemacht hast für uns, die Du in Deiner großen Erbarmung für würdig befunden hast, Deine Kinder zu nennen.‘
HG|1|56|29|0|O liebe Väter, dass wir solches tun, ist ja recht und billig; aber wenn wir nur ein wenig in unser Herz blicken wollen und dasselbe fragen, ob der große Werkmeister dieser erhabenen Dinge aus Seiner unendlichen Liebe und Weisheit ebendiese erhabenen Wunderdinge bloß zu unserer sinnlichen Belustigung gemacht hat, oder ob Er uns vielleicht in solchen Dingen nicht andere Dinge verborgen hat, die wir zunächst suchen und finden sollen zur wahren Verherrlichung Seines allerheiligsten Namens, – o liebe Väter, das ist eine andere Frage!
HG|1|56|30|0|Sehet, nur eine Sonne lässt ihre weißen Strahlen fallen über den hohen Scheitel dieses Edelkristallberges; aber welche Wirkung des einen Lichtes der Sonne in dieser Grotte!
HG|1|56|31|0|O sehen wir hinauf! Wer vermöchte da die zahllosen Formen übersehen, die jeder unruhige Blick schon verunendlichfältigt, – und doch ist alles Wirkung eines und desselben Lichtes! Jedes Wellchen im goldenen Becken, wie tausendfärbig wird es, so ein zurückfallender Tropfen seine Regsamkeit stört, und doch ist alles Wirkung eines und desselben Lichtes!
HG|1|56|32|0|O liebe Väter, sehet, uns selbst hat der Herr eben hier ein gar großes Denkmal gesetzt!
HG|1|56|33|0|Wir sind diese Grotte in unserem irdischen Dasein mit einem Eingang vom Abend und einem Ausgang gegen den ewigen Morgen. In der Mitte sind wir, wie wir sind in des irdischen Lebens Fülle, und treten vom Abend her als Kinder in die Gnade und Erbarmung und sehen da nichts als nur den Mittelpunkt des Lebens vor uns, ohne zu bedenken, dass diese Lebensgrotte nicht geschlossen ist, sondern uns allen gar wohl einen entgegengesetzten Ausgang gen Morgen stets offenhält.
HG|1|56|34|0|O liebe Väter, ein einfach Licht ist auch das holdselige Flämmchen der ewigen Liebe! Unsere Sehe der Seele ist diese erhabene Kuppe. Diese Quelle ist gleich unserem Geiste, der beständig zum Licht emporstrebt, aber beständig zurückgewiesen wird mit der Lehre:
HG|1|56|35|0|‚Was strebst du, Ohnmächtiger, empor?! Da ist kein Weg für dich, sondern bleibe oder kehre in das goldene Becken deiner demütig gehorsamen Liebe zurück! Beschaue dich da in der prüfenden Täuschung deines Seelenlichtes, und sei allzeit bereit, dem Zuge des Bächleins gen Morgen zu folgen; da erst werden dich mächtige Strahlen der Gnadensonne ergreifen und werden dich aufziehen als Feuerwölkchen in vollster Freiheit deines Lebens dahin, woher du gekommen bist!‘
HG|1|56|36|0|O liebe Väter! Da wir schon früher in der Hütte der Zeichen gedachten, so möchte auch diese Deutung dazu gerechnet werden! Amen.“
HG|1|57|1|1|Adams Bekenntnis
HG|1|57|1|1|Am 27. Januar 1841
HG|1|57|1|0|Und als der Henoch solche fromme Rede vollendet hatte, siehe, da erhob sich abermals Seth und sprach: „Ja wahrlich, es ist also, wie du, lieber Henoch, aus einer hohen Quelle nun zu uns gar herrlich, treulich gesprochen hast!
HG|1|57|2|0|Denn ich merke es gar wohl an mir, da ich beständig in die Höhe hüpfe in meiner Weisheit; und wenn diese eitle Triebkraft in der begrenzten Höhe mich meiner eigenen Schwachheit überlassen hat, oh, dann falle ich allzeit gleich diesen Tropfen in das Becken meiner angeborenen Nichtigkeit zurück, wo ich dann alsogleich wieder von der Gewöhnlichkeit und Alltäglichkeit verschlungen und gedemütigt und endlich von dem natürlichen Zuge mitgerissen werde und erst dann ohnmächtig nach und nach wieder zu erkennen anfange das große Gesetz, das der Herr in meine ganze Natur niedergelegt gar überaus weise und liebevoll hat, dass nämlich der, dem der Herr durchaus keine Flügel zum Fliegen verliehen hatte, in der wohltätigen und zieldienlichen Ruhe ganz demütig daheim bleiben soll, und daselbst ruhig und dankbar abwarten, bis es der ewigen Erbarmung gefallen wird, auch das bescheidene Tröpfchen, das ich selbst allzeit sein sollte, von dem Bächlein aufnehmen zu lassen und es zu führen hinaus gegen den ewigen Morgen, da die Gnade des Herrn ewig strahlt, allwo die unendliche Liebe des ewigen, heiligen Vaters dann das bescheidene Tröpfchen sicher nicht zugrunde wird gehen lassen.
HG|1|57|3|0|O lieber Henoch, sage, ist es nicht also, und ob ich dich so recht verstanden habe! Denn ich glaube, dass es also ist, und glaube auch, dass es niemand anders kann verstanden haben.
HG|1|57|4|0|Daher zeige uns allen noch kurz, dass es so ist, oder ob es also ist!“
HG|1|57|5|0|Und siehe, der Henoch wurde entzückt über Seth, ging zu ihm hin, umarmte den Vater und sagte: „O lieber Vater Seth, sei doch getröstet, denn du hast wohl verstanden die Stimme der ewigen Liebe, wie sie über meine bebend schwache Zunge sich gleich den Strahlen einer aufgehenden Sonne ergossen hat.
HG|1|57|6|0|Denn das ich rede, ist nicht mein, sondern allein der ewigen Liebe des allerbesten, heiligsten Vaters, dafür Ihn auch ewig loben, preisen und danken soll mein ganzes Wesen in allen Teilen und Kräften; und es soll fürder nicht an mir, außer mir und in mir sich etwas vorfinden, das da nicht geweiht wäre der Liebe, dem Lobe, dem Preise und Danke zu unserem so überaus guten, heiligen und liebevollsten Vater, von dem wir und alle Dinge sind durch Seine große Erbarmung.
HG|1|57|7|0|Und daher ist es auch also, dass der Mensch aus sich nichts machen kann und auch nichts machen soll, wenn er sich auch geschmeichelt sieht und empfindet im wohltätigen Bewusstsein eines höheren Lebens in seiner engen Brust, – sondern gleich dem Tröpfchen soll er sich nur dem Herrn ganz überlassen, und Dieser wird ihn gewiss so ziehen und leiten, wie es Seiner ewigen Liebe und Ordnung am gemäßesten und für den Menschen aber gewiss am allerbesten sein wird ewig! Amen.“
HG|1|57|8|0|„Ja, also ist es!“, sprach der Adam und alle seine anwesenden Hauptstammkinder. Und der Adam fuhr fort zu reden, sagend: „Denn alles, was da wächst auf der Erde, gedeiht gar wohl, und es fügt sich alles gar sanft und bescheiden der ewigen Ordnung des über alles mächtigen Gottes. Da sehen wir ja täglich, wie der Sonne Strahl gar mächtig zieht das Gras aus dem dunklen Schoße der Erde und ebenso die Pflanzen, Gesträuche und alle die Bäume, wie eben der mächtig sanfte Strahl der Sonne aus den feuchten Tiefen und dem Meer gar freundlich die Wölkchen zu sich an das Firmament, mit sanftem Licht erfüllt, empor hebt, und diese Wölkchen endlich verherrlichend und verklärend macht, dass sie, dem Licht selbst ähnlich, von unseren groben Sinnen gar nicht mehr empfunden werden, obschon sie ewig unvergänglich sind dem Auge des Geistes. Und ist das auch nur ein entsprechendes irdisches Bild, so hat es aber doch die volle Gleichung mit der hohen Ordnung des Menschen, dem da gegeben ist ein besinnter und beseelter Leib, auf dass im selben die edle Frucht gedeihe nach der ewigen Ordnung zum ewigen Leben in Gott, wie die Zeugung gedeiht aus der Seele durch die Macht der Liebe aus Gott und Seiner Ordnung zu einer neuen, unsterblichen Frucht.
HG|1|57|9|0|O Kinder, sehet, der Herr hat uns einen Redner wohl zugerichtet und hat ihm die Augen geöffnet und durch ihn unsere Ohren freier gemacht, auf dass wir nun schon gar wohl zu verstehen anfangen die großen Absichten des heiligsten Vaters mit uns! Und da wir hier gar wohl und hocherfreulich vernommen haben den weisen Sinn dieses meines Lieblingsortes, so lasst uns weiterwandeln; denn die Erde trägt noch viele unerkannte Schätze in sich, und so lasst sie uns zur ferneren Geistesweide werden! Amen.“
HG|1|57|10|0|Und siehe, da dankte im Stillen Mir die Gesellschaft der ersten Menschen der Erde und erhob sich alsdann und wandelte gen Morgen dem Ausgang zu und daselbst durch eine kleine Beengung in das heiterste Freie, allda sie sich ein wenig aufhielt, und sah ganz erstaunt dem rieselnden, klaren Bächlein nach und sah weiter unten sanfte Nebelchen sich hurtig erheben aus dem Bächlein hinauf zu den freien Räumen des Lichtes und sah auch, wie diese, durch die Wärme verklärt, ihren Blicken entzogen wurden. Und sie verstanden nun alle wohl dieses Schauspiel der Natur und erkannten sich wohltuend darinnen und lobten Mich darob in der Tiefe ihres Herzens und frohlockten über die Maßen und begaben sich endlich weiter über eine ziemlich weite Gebirgsebene, daselbst viele Familien hausten; und als diese schon von weitem des überschneeweißen Erzvaters ansichtig wurden, da eilten sie scharenweise hin an den vielbetretenen Steinweg, und ließen sich segnen vom Adam und lobten dann Meinen Namen, dass ihrer reinen Stimmen Klang sich weithin verhallend über die fernen Gebirge ergoss und all die da wohnenden Kinder einlud zu dem folgenden Tag der Ruhe, dem Sabbat, an dem da Mir wieder ein schuldiges Opfer entzündet wird werden.
HG|1|57|11|0|Und siehe, so gingen mit jubelnden Herzen die Väter gar weit noch hinaus, wo ein himmelanragender, schneeweißer Fels ihnen den Weg kurz abschnitt, und allda sie sich dann wieder zur Erde niederließen, umringt von Tausenden der Kinder, welche alle emsig sich bemühten, ihren Hauptstammvätern allerlei Erfrischungen zu bringen, und sich dabei jeder glücklich schätzte, so seine herzlichen Gaben nur segnend angerührt wurden.
HG|1|57|12|0|Siehe, an dieser Ruhestätte blickte der Adam empor zu den hohen und weiten Zinnen dieses himmelanragenden Felsenberges und blieb die längste Zeit stumm und ganz in sich gekehrt, und es wagte ihn niemand zu fragen, was er da wohl sehen möge. Und so verstummte alsobald auf eine Zeit lang der laute Jubel der Kinder; denn alle bemerkten Tränen in den Augen des Vaters.
HG|1|57|13|0|Und es dachten alle hin und her, was er denn da wohl vorhaben mochte und außer dem Henoch gewahrte wohl auch niemand, was da in der Seele Adams vorging.
HG|1|57|14|0|Endlich verließ er mit seinen Augen die großen Steilen dieses Steinberges und überblickte stille die herbeigeeilten Scharen seiner Kinder und sprach endlich hochgerührt:
HG|1|57|15|0|„Oh, das ist alles meine eigene Schuld! O großer, heiliger, gerechter Gott, warum ließest Du meine Schuld zu einem solchen Berg anwachsen?! Noch lebe ich, und der Berg reicht schon fast an den Himmel; wie hoch erst wird er werden bis ans Ende aller Zeiten!
HG|1|57|16|0|So schaue ich nun am Vorsabbat, umringt von tausend Kindern, hier ruhend an der Feste meiner Schuld; und so wird auch einst der letzte Mensch hier einsam, entblößt von allen lebenden Geschöpfen und Kindern, meine Schuld büßend, trauernd hinaufblicken zu den ewigen Zinnen der glänzenden Welten in der Unendlichkeit Gottes und wird mit großer Sehnsucht erwarten, dass der Berg sich möchte stürzen über ihn, dass er ihn zerschmettere und unter seinem Schutt begrabe den letzten Tropfen meiner großen Schuld!
HG|1|57|17|0|O Kinder, sehet, da oben, wo es noch immer raucht und brennt, da bin ich entstanden und habe gesündigt im Angesichte Gottes und der Erde!
HG|1|57|18|0|Da war ich noch vollkommen, und es war alle Kreatur mir untertan und wohl verständlich vom Mittelpunkt der Erde bis hinauf zu jener hohen, letzten Welt der Welten, die keines Geistes höchster Gedanke je erreichen wird!
HG|1|57|19|0|Und was hat die Schuld aus mir gemacht? Was bin ich geworden in der Nacht meiner Sünde?! Nichts als ein elender Wurm im Staub der Erde, der kaum mehr imstande ist, das bisschen des elendesten Lebens in sich herumzuschleppen!
HG|1|57|20|0|O Kinder, wer von euch da fallen könnte vom letzten, fernsten Stern der Höhe bis zum letzten, fernsten Stern der Tiefe, sehet, der würde kaum den Sprung einer zirpenden Grille gemacht haben gegen den Fall meiner Höhe bis zu dieser namenlosen Tiefe!
HG|1|57|21|0|Ich wurde gesetzt da oben schon in meinem irdischen Anfang zur größten demütigenden Selbsterkenntnis und erkannte mich und fiel darob noch tiefer; bis hierher musste ich fallen und meine Füße noch tiefer durch Kahin!
HG|1|57|22|0|O des namenlosen Falles! Ich, der außer Gott seinesgleichen nicht hatte, muss nun meine Kinder um Unterricht und Brot bitten!
HG|1|57|23|0|Aber es ist nun einmal also; so sei es denn im Namen Dessen, dem es wohlgefiel, aus mir zu machen, was ich nun bin im Angesichte aller! Amen.“
HG|1|57|24|0|Und da Adam solches betrübende Gespräch vollendet hatte, siehe, da fing er an zu weinen, und sein betrübender Zustand betrübte bis auf Henoch alle, die da zugegen waren. Und die Eva aber empfand doppelt schwer die den Adam betrübende Bürde auf ihrer Brust; jedoch aber suchte sie ihre Tränen zu verbergen, um nicht, auch weinend, das Herz des Adam noch betrübender zu machen, – und so dauerte dieser betrübende Zustand eine Zeit von beinahe einer Stunde. Seth aber trat hinzu und trocknete dem Vater die Tränen vom Gesicht und sagte:
HG|1|57|25|0|„O Vater, weine nicht darob, dass dir der Herr solches tat; wärest du ein arger Vater, wie könnten wir dich denn als solchen lieben?
HG|1|57|26|0|Wir aber haben nie etwas Arges an dir gefunden, sondern alles, was wir an dir gefunden haben, und was wir von dir empfangen haben, war gut, ist gut und wird gut bleiben; darum wir dir auch samt und sämtlich alle Liebe und Hochachtung allzeit bereitwilligst als ein wahrhaft kindliches Dankopfer darbringen. Daher, lieber Vater, sei getrost und betrübe dich nicht ob der weisesten Führung des allmächtigen, liebevollsten, heiligsten Vaters!
HG|1|57|27|0|Denn du selbst lehrtest uns ja alle, dass, was der Herr tut, alles wohlgetan ist; so Er aber nun solches an uns allen getan hat, wie möchte, sollte und könnte es anders als wohlgetan sein?! Und so ist es ja unnötig, sich zu kümmern dessen, so des Herrn Wege anders sich gestalten durch ein liebweises, mächtiges Walten, als wie wir sie unserer unendlichen Beschränktheit vor Gott irgend anpassen möchten!
HG|1|57|28|0|O Vater, und wenn dir selbst irgendwann einstens eine Vollmacht verliehen war, dass dir selbst Sonne, Mond und alle die Sterne gehorchen mussten, so war dir solche denn doch noch immer nur verliehen vom Herrn aller Macht und Kraft und war somit nicht eine Vollmacht aus dir selbst, sondern sie war eine Vollmacht aus Gott.
HG|1|57|29|0|Was aber des Herrn ist, das kann Er ja auch wieder zurücknehmen nach Seiner liebweisen Ordnung; und so tut der Herr dann Seiner Liebe und Weisheit gemäß ja ohnehin nur das Allerbeste und Zweckmäßigste für uns, die wir alle vermöge Seiner großen Erbarmung uns Seine Kinder nennen dürfen.
HG|1|57|30|0|So Er aber unser aller Vater ist, wie wird Er wohl je Seiner Kinder vermöge Seiner unendlichen Liebe und daraus folgenden unbegrenzten Erbarmung vergessen können?!
HG|1|57|31|0|O Vater, daher erheitere wieder deine Stirne, und erlustige dein Herz, und gestatte dem lieben Henoch allhier, sobald sich die Kinder wieder werden entfernt haben, einige Blicke seiner Morgenröte über all die Dinge hier zu werfen, damit sie verklärt werden möchten und dann zu Weideplätzen gemacht für unseren Geist durch seine lebensprudelnde Zunge!
HG|1|57|32|0|O Vater, daher erheitere dich! Amen.“
HG|1|57|33|0|Und siehe, als der Seth solche wohlnützliche Trostrede beendet hatte, da blickte ihn Adam an mit erheitertem Gemüt und winkte dem Henoch, auf dass er willfahren möchte dem Wunsche Seths und der übrigen Hauptstammkinder, – jedoch erst dann, wenn sich die übrigen würden entfernt haben bis auf einen, der da schwarze Haare hatte und nicht zu ihrem Stamm gehörte, sondern zur Zeit erst der Tiefe entkommen war und hatte sich voll Wissbegierde gemengt zu Adams Kindern, da ihn die große Furcht vor Lamech noch dazu angetrieben hatte, zu fliehen als Sterblicher zu den Unsterblichen der Berge.
HG|1|57|34|0|Und als dem Henoch ein solcher Wink gegeben wurde, siehe, da erhoben sich, wie bei solchen Gelegenheiten schon von jeher üblich war, alsobald Enos, Kenan und Mahalaleel und bedeuteten den Kindern, dass sie sich am nächsten Sabbat vor dem Aufgang auf dem bekannten Platz vor der Hütte Adams wohl einfinden sollen, ihre Gaben bringen, und jetzt sich auf eine kurze Zeit entfernen möchten, da es also des Vaters Wunsch laute der kurzen Ruhe seines Herzens wegen; wenn aber ein Zeichen gegeben werde, so mögen sich alle wieder versammeln und den Vater geleiten bis zu den Kindern des Mittags, von dannen sie sich dann wieder in ihre Heimat begeben mögen.
HG|1|57|35|0|Nachdem diese drei ihr Geschäfte fruchtend beendet hatten, und zu ihren Plätzen zurückgekehrt waren, und nach dem Willen Adams den Schwarzhaarigen mitgenommen hatten, siehe, da erhob sich zuerst Adam und fragte den Fremden:
HG|1|57|36|0|„Was hat dich dem Tode entreißend hierhergeführt? Antworte – oder fliehe aus dem Angesichte des Vaters der Väter der Erde, denn in deinen Adern fließt ein tödlich Blut, und auf deiner Stirne ist Kahins Todesmal am Ahbel gar klar zu sehen noch. Daher rede, so du zu reden vermagst, oder so deine Zunge irgendeiner Sprache fähig ist! Amen.“
HG|1|57|37|0|Der Fremde aber warf sich alsobald vor Adam nieder und stammelte gar furchtsam einige gebrochene Laute, daraus niemand klug zu werden vermochte denn allein der Henoch.
HG|1|57|38|0|Seth aber sagte zum Adam: „O Vater, siehe, dein gerechter Eifer macht den Erdensohn sterben; daher ziehe gnädigst und voll Segens deine Gerechtigkeit zurück, und sprich, dass der lebendige Henoch ihn belebe, damit er dann vermöchte, deiner billigen Gerechtigkeit Genüge zu leisten! Amen.“
HG|1|57|39|0|Und Adam gewährte, dessen es dem Herzen des Seth verlangte, und sagte dem Henoch: „Siehe hier einen Toten aus der Tiefe; belebe ihn und löse ihm die Zunge, auf dass er uns allen kundgeben möchte den Drang seines Herzens! Amen.“
HG|1|57|40|0|Darauf sich dann der Henoch alsobald erhob und seiner Zunge folgende Wendungen gab, sagend: „O Väter, wie nennt ihr diesen Menschen einen toten Erdensohn, da er doch lebt gleich uns und ist nur ein armer Mensch aus der Tiefe! So sich aber ein krankes Tier begeben möchte vor unsere Wohnung, so möchten wir es nicht von dannen treiben, sondern es wohl pflegen, bis es genese; und so denn nun ein armer, verlorener Mensch aus der Tiefe seine Zuflucht unter großen Beschwerden zu uns genommen hat, den lassen wir im Staub vor unseren Angesichtern sich wälzen gleich einem Wurm!
HG|1|57|41|0|Da wir doch alle gesehen haben, dass er lebend zu uns gekommen ist, und wir alle wohl wissen, dass jedes Leben nirgends denn in und aus Gott nur seinen Ursprung nehmen kann, wie das Bestehen desselben.
HG|1|57|42|0|O liebe Väter, daher lasst diesen Menschen erstehen, auf dass er erkennen möchte den großen Gott auf diesen Höhen; denn die Liebe des großen, ewigen, heiligen Vaters reicht sicher weiter, als es unser größter Gedanke nur im Allergeringsten je wird zu erfassen imstande sein.
HG|1|57|43|0|Wie sollte diese unendliche Liebe denn nicht auch anrühren die Kinder der Tiefe?! Und hat sie eines zu uns heraufgezogen, dann ist es nicht an uns, solche Armut von uns zu weisen, sondern sie anzunehmen, als wäre sie gewachsen da oben, wo es noch raucht und brennt, dahin wir noch manchmal töricht unsere Blicke richten und meinen, der Stein sei unsere Schuld oder wir die des Steines!
HG|1|57|44|0|Oh, daran liegt unendlich wenig, wie weit und hoch ein solcher Stein emporgewachsen ist, darum er doch nur Stein ist, wie wir unsterbliche Kinder Gottes bleiben werden, und er vergänglich, wie wir ewig unvergänglich; aber es liegt alles an unserer Liebe, die da kein Geschöpf, am allerwenigsten einen armen Bruder aus der Tiefe, ausschließen soll. Denn wir sind nur Kinder der Liebe und darin Kinder Gottes. Daher tun wir denn auch danach, um wahr und würdig zu sein, was wir sein sollten! Amen.“
HG|1|58|1|1|Der fremde Flüchtling Asmahael
HG|1|58|1|1|Am 4. Februar 1841
HG|1|58|1|0|Und siehe, nach allem dem aber beugte sich Enos nach dem Begehren Adams zur Erde und richtete den Schwarzhaarigen auf und bat darauf Adam und Seth um die Erlaubnis, vor der Abreise von diesem Punkt ein paar Worte aus seinem Anliegen aussprechen zu dürfen.
HG|1|58|2|0|Und es wurde ihm von allen Seiten gewillfahrt, dass er nur reden möchte, wonach ihm verlange.
HG|1|58|3|0|Und siehe, da verneigte sich Enos, dankte für die Erlaubnis und begann folgende denkwürdige Rede an alle zu richten, welche also lautete:
HG|1|58|4|0|„Väter und Kinder! Mir kam soeben ein großer Gedanke in meinen Sinn und haftet nun, ein bleibender Strahl eines heftigen Blitzes, in meiner stark erregten Seele: Ich habe einst geträumt – es war damals, als ich einmal überschlief den Aufgang, dass mir darüber ein kleiner Vorwurf zuteilwurde –, dass wir uns, eben wie jetzt, dahier befanden und betrachteten diese wunderbare Gegend und hatten recht viele Freude über unsere vielen Kinder, die wir eben auch zu einem bevorstehenden Sabbatsopfer einluden. Und siehe da, als wir uns eben so freuten, da kam eine stark leuchtende Gestalt in unsere Mitte, so dass wir uns alle entsetzten ob ihres starken Lichtes! Allein die Gestalt ließ uns nicht zu lange in unserer entsetzten Lage, und enthüllte sich bald vor unseren lichtgeblendeten Augen.
HG|1|58|5|0|O Väter und Kinder, diese enthüllte Gestalt war Ahbel und führte einen ähnlichen Menschen vor das Angesicht des Erzvaters und sprach mit gar sanfter Rede:
HG|1|58|6|0|„Höre Vater! Außer mir ist vom Kahin niemandem irgendetwas Arges begegnet, außer dass mein Leib für dich verlorenging. Siehe, ich habe dem Kahin von Herzen alles verziehen und habe das umso leichter tun können, da ich nie einen Groll auf ihn hatte. Und da er sich flüchtete in späterer Zeit vor seinem Sohn Hanoch und kam gen Mittag an das Gestade eines allergrößten Gewässers der Erde und da verschmachtete vor Hitze, Hunger, Durst und Furcht mit den sehr wenigen geretteten Seinigen, siehe, da kam ich mit der Zulassung des ewigen, heiligen Vaters eigenwillig hinzu, offenbarte mich ihm, fand ihn in Tränen großer Reue, dass er mich bis ins Innerste dauerte, lehrte ihn dann einen wasserdichten Korb flechten und führte ihn und die Seinen dann über die Wogen in ein fernes, fruchtbares und sicheres Land.
HG|1|58|7|0|Und ich tat desgleichen noch mit mehreren seiner Nachkommen aus Hanoch, die eines besseren Sinnes waren.
HG|1|58|8|0|Doch nie getraute ich mich, auch nur einen aus Hanoch, der großen Stadt Kahins, zu dir, o Vater, zu führen; denn ich kannte wohl deinen gerechten Zorn über das Haupt Kahins. Doch aber wusste ich auch, was der Herr zum Kahin geredet hatte, da dieser über die weite Erde floh voll bitterer Reue, da Er ihn versicherte, sagend: Wer da Kahin totschlüge, soll siebenmal gerochen werden!
HG|1|58|9|0|Nun aber bringe ich dir auch nach dem Willen Jehovas einen Gott suchenden Flüchtling aus der Tiefe; daher gebe ihm, was er sucht, und nehme ihn in aller väterlichen Liebe auf; denn auch in seinen Adern kreist dein Blut!
HG|1|58|10|0|Erwecke ihn mit deinem Segen, und der Herr wird deine Kinder erwecken, auf dass sie dann predigen möchten Seinen Namen gar wunderbar zur möglichen Rettung der Erde den Kindern in der Tiefe.
HG|1|58|11|0|O Väter und Kinder! Und so sehe ich nun denselben Menschen unter uns, wie ich ihn damals sah, und sah auch soeben den leuchtenden Ahbel verlassen diese Stätte, und der Henoch sah es wahrlich auch, darum er schweigsam war. Und so ist mein Anliegen zu Ende. Denkt und tut, was euch wohlgefällt! Amen.“
HG|1|58|12|0|Und Henoch beteuerte alsogleich die Aussage des Enos mit einem: „Ja, es war und ist also!“
HG|1|58|13|0|Und siehe, da aber der Adam solches vernommen hatte, so ward er ganz erstaunt und fragte begierig: „Wo ist Ahbel gestanden?“
HG|1|58|14|0|Enos und Henoch aber zeigten gleichzeitig ein und dieselbe Stelle an, und so glaubte ihnen Adam fest, da sie sich nicht geirrt hatten in der gleichzeitigen Bezeichnung der Stelle, da Ahbel gestanden hatte seine Treue und Liebe vor Adam.
HG|1|58|15|0|Nach dem aber ließ er sich noch von jedem insgeheim bezeichnen die Gestalt Ahbels; und da die Bezeichnungen auch in diesem Punkte übereinstimmten und gar wohl beschrieben dessen Gestalt, da blieb dem Adam kein Zweifel übrig, die volle Echtheit dieses Gesichtes alsogleich anzunehmen.
HG|1|58|16|0|Und auf diese Art überzeugt, rief nun Adam freudig aus: „O Ahbel, was du mir bringst, nehme ich auf, und wäre es Kahin selbst!
HG|1|58|17|0|Daher bringt ihn her zu mir, den schwachen Schützling Ahbels, auf dass ich ihn segne und ihn aufnehme in unsere Mitte und ihm zeige in mir der Erde ersten nicht geborenen, sondern unmittelbar aus der allmächtigen Hand der ewigen Liebe hervorgegangenen Menschen und die Mutter aller Menschen, die aus mir hervorging, und endlich Den, von dessen Größe, Macht, Heiligkeit und Liebe alle Ewigkeiten und wesenvolle Unendlichkeiten treulich zeugen wie wir alle, da uns gegeben ward ein ewiger Geist aus und von Gott Selbst!“
HG|1|58|18|0|Nach dem brachten sie ihm den Schwarzhaarigen hin, und Adam rührte ihn an und segnete ihn dreimal und fragte ihn um seinen Namen. Dieser aber sprach: „O großer, erhabener Erstling Gottes, des großen Königs der Erde, du weiser Vater aller Väter der Erde, verzeihe mir armem Flüchtling aus der Tiefe, der ich an der Hand einer lichten Gestalt, den tötenden Händen Lamechs entrissen, hierher geführt wurde! Siehe, ich habe keinen Namen; denn ich war nur ein arbeitender Sklave, und diese haben in der Tiefe keinen Namen, sondern werden allda gerufen gleich den Tieren durch leeres, unartikuliertes Geschrei. Sie dürfen die Sprache nur verstehen, aber nicht reden; wer da je möchte einen verständigen Laut über seine Zunge bringen, der würde darum alsogleich seine Redelust mit dem grausamsten Tode bezahlen müssen!
HG|1|58|19|0|Daher zürne nicht, dass ich armer Sklave dir nicht geben kann, was du von mir verlangst; denn siehe, in der Tiefe geht es gar grausam zu, und es gibt wohl keinen mehr, der da seines Lebens sicher wäre. Denn wohin sich jemand nun fliehend wenden möchte, so wird er alsobald eingeholt von Lamechs Häschern und Kriegsknechten; und da er gefangen wird, wird er auch ohne alle Gnade und Erbarmen auf das Grausamste getötet!
HG|1|58|20|0|O du großer Vater der Väter der Erde! Da unten geht es also zu, dass die daselbst verübten Gräuel keine menschliche Zunge zu erzählen vermöchte. Die grausame Tötung der arbeitenden stummen Sklaven ist wohl das Allergeringste noch; denn es kann doch noch mit einem Namen bezeichnet werden. Aber es werden da auch namenlose Gräuel verübt, – doch solche dir zu erzählen, werde ich wohl niemals wagen, damit dadurch die Höhen nicht entheiligt werden möchten! Amen.“
HG|1|58|21|0|Als aber der Adam mit seinen Kindern solche Erzählung von dem Namenlosen vernommen hatte, da entsetzte er sich gewaltig und wollte schon einen Fluch über die Tiefe aussprechen, allein der Namenlose fiel ihm ins schwere Grimmwort, sagend:
HG|1|58|22|0|„O halte zurück dieses unheilschwere Wort, du guter Vater der Väter der Erde; denn höre! Die da unten stehen nicht an auf deinen Fluch; denn die haben des Fluches in großer Überfülle. Lamech genügt der ganzen Erde; denn so der große König über den Sternen Seinen bittersten Fluch über die Erde donnern möchte, so brauchte Er der Erde nur noch einen Lamech zu senden, und du, o Vater der Väter der Erde, kannst versichert sein, dass, ehe die Sonne hundertmal auf- und niedersteigen möchte, die Erde außer dem Lamech kein lebendes Wesen belästigen würde!
HG|1|58|23|0|Daher, o Vater der Väter der Erde, darüber du fluchen wohl möchtest, o höre, da segne die fluchschwer belasteten Tiefen der Gräuel du lieber; denn so du noch mehren da möchtest mit Flüchen den finsteren Boden der Gräuel, dann wehe, dann wehe den armen und stummen Arbeitern der Tiefe!
HG|1|58|24|0|Ihr reichlich vergossenes Blut schreit schon ohnehin gleich den brausenden Stürmen hinauf zu den Sternen um Rache; und wenn du dazu auch der Tiefe wohl fluchen noch möchtest, dann möchten bald blutige Wogen die heiligen Spitzen der Berge umspülen!
HG|1|58|25|0|O Vater der Väter der Erde, da segne, o segne, wo rechtlich fluchen du möchtest! Amen.“
HG|1|58|26|0|Und siehe, als der Adam solche Bitte vernommen hatte, ward er gerührt und lobte den namenlosen Jüngling und fragte ihn: „Höre, du armer Sohn aus dem Blute Kahins! Da du in der Tiefe nicht reden durftest, woher hat deine Zunge beinahe Kenans Beugsamkeit erlangt?
HG|1|58|27|0|Denn du sprichst, als wenn du schon von jeher unter uns ein geweihter Sänger Gottes gewesen wärest; und so sind deine Worte wohl gemessen und fassen allzeit den rechten Sinn. Sage mir getreu, woher dir solches geworden ist!“
HG|1|58|28|0|Und siehe, alsbald ermahnte sich der Namenlose und antwortete: „O Vater der Väter der Erde! Danach du fragst, dich staunend ob meiner gelösten Zunge, des freut sich mein jugendlich Herz, sich zu rühmen vor dir als dem Vater des weisesten Lehrers!
HG|1|58|29|0|O sehe und höre: Der Lehrer, der solches gar weise zu reden mich lehrte, war jener, der treu mich hierher vor dich, Vater der Väter, geleitet! Du kennst ihn und hast ihn schon eher denn die, so dich treulich hier horchend und wartend umgeben, gekannt: es war Ahbel, dein leuchtender Sohn, der, von höherer Liebe durchlebt, mir löste die stockende Zunge, damit ich zu reden vermöchte der Wahrheit gar seltene Formen vor dir wohlgefällig, wie auch vor all deinen von Gnade und Segen erfüllten Nachkommen.
HG|1|58|30|0|O Vater der Väter der Erde, nun weißt du alles, das ehedem fremd dir mocht’ klingen; o lasse daher mich, den armen und fremden Entflohenen der Tiefe, allhier auf den heiligen Höhen, zu suchen in eurer Mitte denjenigen mächtigen Herrscher voll Recht und voll Güte, von dem all die Sterne, der Mond und die Sonne so wunderbar zeugen!
HG|1|58|31|0|O Vater der Väter der Erde, sprich liebevoll Amen!“
HG|1|58|32|0|Da aber der Adam solche Rede vernommen hatte, ward er dermaßen gerührt, dass er kein Wort zu reden vermochte, und seine Augen schwammen in freudig mitleidigen Tränen.
HG|1|58|33|0|Endlich aber überwand sich Adam und sprach voll Rührung zum Namenlosen: „Höre, du lieber Fremdling aus der Tiefe der Gräuel, wenn es also mit dir steht, wie du mir durch deine Zunge bestätigend kundgegeben hast, dass ich es nimmer zu bezweifeln vermag, dass es nicht also wäre, wie du es aussagtest, und dir dadurch schon Gott wunderbar eine gar große Gnade erzeigt hatte, so ist es ja wohl füglich, dass wir, dessen Kinder, nicht anders handeln werden an dir, wie unser aller großer, heiliger Vater an dir in Seiner unendlichen Erbarmung gehandelt hatte; und so geschehe dir, wonach dein Herz dürstet.
HG|1|58|34|0|Und siehe hier an meiner rechten Seite den ebenfalls sehr jungen Henoch! Siehe, der ist nun ein gesegneter Redner Gottes; der soll nun dein fernerer Lehrer in Gott, unserem liebevollsten Vater und Herrn der Unendlichkeit, werden!
HG|1|58|35|0|Und da du ferner keinen Namen hast, so will ich dir einen Namen geben, danach du ‚Asmahael‘ heißen sollst, das ist ‚ein getreuer Fremdling, suchend Gott‘! Denn hier muss jedes Ding seinen Namen haben und jede Handlung ein Wort und wohl bezeichnet sein jede Beschaffenheit und innehaftende Eigenschaft, und wie, wann, wo, warum, wodurch etwas ist und geschieht, muss da bezeichnet sein genau; daher kann ein Mensch um desto weniger ohne Namen umhergehen.
HG|1|58|36|0|Es muss aber jeder Name genau entsprechen dem, der ihn empfing; wer aber einen Namen empfangen hatte, der soll treu demselben leben, sonst ist er ein Lügner, da er nicht handelt, danach sein Name lautet. Und so du nun einen Namen hast, so erkenne zuerst denselben, und handle getreu danach, sonst wirst du ein Lügner im Angesichte Gottes und aller Seiner Kinder werden und wirst zuschanden werden vor jeglichem Stäubchen, das da allzeit entspricht seinem Namen.
HG|1|58|37|0|Und so segne ich dich noch einmal und sage dir: Asmahael! Ich, Adam, der erste Mensch, der auf dieser Erde hervorging aus der Hand Gottes, des ewigen, heiligen, liebevollsten Vaters, segne dich gleich meinen Kindern, darum du ein treuer Träger sein sollst deines Namens!
HG|1|58|38|0|Und so reiche ich dir meine Hand und erhebe dich herauf zu meinen Kindern.
HG|1|58|39|0|Und nun, meine Kinder, folgt meinem Beispiel, und werdet dessen Väter, und du, lieber Henoch, werde sein Bruder und Lehrer!
HG|1|58|40|0|Du, Jared, aber sollst ihn beherbergen für immer anstatt des Henoch, der da ein Einwohner meiner Hütte geworden ist.
HG|1|58|41|0|Der Herr eröffne dir dein Herz und alle Sinne deiner Seele zum ewigen Leben deines Geistes in Gott! Amen.“
HG|1|58|42|0|Darauf fiel Asmahael alsogleich zu den Füßen Adams nieder, küsste dieselben und dankte überlaut für die so große Gnade, die ihm da zuteil geworden war in der Höhe Meiner Kinder; denn er fing auch alsobald in sich die Wirkung des Segens zu gewahren an, darum er denn auch also zu jubeln anfing, sprechend:
HG|1|58|43|0|„Asmahael, gar ein herrlicher Name, den ich wohl unwürdig zu tragen noch bin; doch der Meinung bin ich, dass ein Name, im Anfang gegeben, dem treuen Empfänger gesetzlich die Pflicht, diesen heiligen Richter (ein großes, lebendig Gebot) auferlegt, demselben zu folgen, soweit die Erkenntnis nur immer den Pfad mag eröffnen. Und müsste da jemand der Sonne und Sterne gar ferne gelegene Bahnen verfolgen als Träger des bindenden Namens, so müsste er’s freulich und treulich erfüllen, darum ihm die Gnade so groß ist geschehen, – und wäre selbst höher gestellt die gnädige Ford’rung des heiligen Namens! O Vater der Väter der Erde, für den, der gar oft mit dem Tode zu ringen genötigt wurde, o hört, für den ist dem Weg des ewigen Lebens zu folgen fürwahr nicht beschwerlich; und so man im finstersten Schlamm der Gräuel der Sünde stets kämpfend sich elend den Weg musste bahnen zum sparsamsten Licht und einem noch kargeren Leben, das öfter im zartesten Keim erdrückt vom finstersten Zweifel schon wurde, – o hört, wie leicht ist dagegen zu folgen dem leuchtenden Weg lebendig zum Leben!
HG|1|58|44|0|O herrlicher Name ‚Asmahael‘, schönster, mich leitender Stern da hinauf zu den ewigen, heiligen Höhen des Lichts und des Lebens; o hört, umsonst wird der Fremdling nicht tragen nun ein solcher Gnade so heiliges Geschenk, amen, amen, da sage ich amen!“
HG|1|59|1|1|Henoch weist die Erzväter an, sich selbst an Gott zu wenden
HG|1|59|1|1|Am 8. Februar 1841
HG|1|59|1|0|Und als der Asmahael ausgeredet hatte, da erhob sich abermals Adam ganz gerührt und sprach: „Henoch, siehe, nun kommt die Reihe wieder an dich! Nach allem dem ist es füglich, Worte aus der Höhe zu vernehmen, um danach alles Fernere vollkommen dem Willen des Herrn gemäß handeln zu können. Denn siehe, ich habe das Meinige bereits getan nach meinem Liebedünken; allein unsere Liebe ist nicht allzeit rein und daher auch nicht allzeit sicher und dadurch der Erfolg ihrer Handlung nicht heilig. Daher ist es jetzt ganz besonders an der Zeit, dass du, lieber Henoch, die lebendige Stimme aus dir uns alle wohl vernehmen lässt.
HG|1|59|2|0|Also rede, und zeige uns die gerechten Wege deines Schützlings! Amen.“
HG|1|59|3|0|Als aber Adam solches geredet hatte, siehe, da erhoben sich alle und verneigten sich gen Adam und dankten ihm, dass er solches anbefohlen hatte. Besonders aber hüpfte Seth beinahe vor Freuden; denn er war Henochs größter Anhänger und Verehrer dessen Wortes, und so konnte er nicht umhin, bevor noch Henoch zu reden anfing, selbem ein paar ermunternde Worte zuzurufen, sagend:
HG|1|59|4|0|„O lieber Henoch, siehe, danach mein Herz lange schon sich gewaltig sehnte, das hat die gute und gerechte Ordnung durch meinen Vater und durch euren Vater nun bewerkstelligt! Oh, ich freue mich über die Maßen, nun in dieser Sache den heiligen Willen zu vernehmen! Denn es ist wahr, wir mögen oft etwas tun, das uns gut dünkt; allein, ob es darum auch schon gut und recht ist, weil es uns also vorkommt, das ist eine ganz andere Frage!
HG|1|59|5|0|Und das ist eben auch, was du uns zeigen solltest! Und so fange du an, zu reden aus deinem Leben aus Gott in dir! Amen.“
HG|1|59|6|0|Und sonach erhob sich Henoch und begann folgende Rede an alle zu richten, nachdem er sich zuvor im Herzen an Mich gewendet hatte, sagend nämlich zuvor in sich:
HG|1|59|7|0|„O Du überheiliger, liebevollster, großer Vater, Herr und Gott, gebe mir Allerschwächstem Deine Gnade, auf dass ich in aller Liebe und Demut vermöchte, getreu zu offenbaren Deinen Willen den Vätern und ihnen aus Dir zu geben in der Fülle, danach ihr Herz dürstet.
HG|1|59|8|0|O überheiliger Vater, doch nur Dein heiligster Wille geschehe ewig! Amen.“
HG|1|59|9|0|Und siehe, darauf erweckte Ich den Henoch vollends, und er begann zu reden, wie da folgt, sagend: „O liebe Väter, dass ihr solches wünscht, ist ja recht und vollkommen billig – denn Gottes Liebe geht über alles, und Seinem Willen sind alle Dinge untertan –; allein, dass ihr mich zu dem beruft, euch zu offenbaren in meiner Schwäche das, was alle Ewigkeiten ewig nicht umfassen und begreifen werden, sehet, liebe Väter, das ist für eure Vaterwürde nicht gerecht und billig!
HG|1|59|10|0|Glaubt ihr denn, dass der Herr ein Zimpferling sei, dass Er einen Menschen minder achte als den anderen, so einer wie der andere tun möchte nach Seinem Willen?! O Väter, da irrt ihr euch gewaltig, und es ist nicht also!
HG|1|59|11|0|Blickt auf zu den lichten Räumen der Unendlichkeit! Wer unter uns kann sagen, dass er nicht vermöchte, zu erschauen die weiten Ströme des Lichtes und all die Dinge, die vom selben umflossen sind?! Wessen Ohr vernimmt nicht selbst ein leises Lüftchen wehen über ein dürres Laub?! Oder ist wohl einer unter uns, dem da nicht gegeben wären alle Sinne im brauchbarsten Zustand und ein lebendig fühlendes Herz?!
HG|1|59|12|0|So uns aber das alles ohne Unterschied eigen ist, was alles vom Herrn ist, wie sollte denn jemand mehr oder weniger des Herrn sein, so er von Ihm ausgegangen ist und wieder eingehen möchte zu Ihm?! O Väter, sehet, welches Kind möge da wohl zu euch kommen, sich heiligen Rates zu erholen, dass ihr es nicht anhören möchtet, um ihm zu geben, das ihm fromme?!
HG|1|59|13|0|Da ihr aber als gefallene Menschen schon barmherzig seid sogar gegen Fremde, um wie viel mehr wird der allerbeste, heiligste Vater euch tun, das euch frommt, und gerne geben, dafür Er jeden wohl befähigt hat!
HG|1|59|14|0|Daher glaubt nicht, dass ich ein auserwähltes Organ der lebendigen Stimme Gottes bin; o nein, das bin ich nicht, sondern ihr seid es vielmehr! Wendet euch nur zu Ihm, und es wird euch sicher werden, was des Herrn Wille ist! Amen.“
HG|1|59|15|0|Nach dem aber schwieg Henoch, in sich und dadurch auch zu Mir gekehrt. Und von Adam bis Jared und dem Asmahael wusste niemand, was er aus dieser kurzen Rede Henochs machen solle; und so fragte einer den anderen:
HG|1|59|16|0|„Was soll das heißen? Was wollte Henoch damit sagen? Wir vermöchten, gleich ihm, zu sprechen ein Wort des Lebens aus der Höhe Gottes?! Nein, das verstehe, wer es mag; wir verstehen es einmal nicht!“
HG|1|59|17|0|Und also auf diese Art ging das von Munde zu Munde, und es ergriff sie alle hohen Wunders über Henochs für diesmal trockene, gebundene Kürze; sogar dem Seth fiel es gewaltig auf, dass diesmal Henoch sie samt und sämtlich so kurz abgefertigt hatte.
HG|1|59|18|0|„Denn“, sagte der Seth, „was nützt es uns, so wir auf uns selbst angewiesen sind, indem wir ja ohne Henoch es wissen, was wir vermögen, und wissen es auch, inwieweit uns allen der Herr in Seiner Liebe zugänglich ist, und wie viel wir von jeher von Seiner Stimme vernommen haben! Denn diese ist ein Angehör der Liebe, wie die Weisheit ein Angehör der Gnade ist.
HG|1|59|19|0|Wie kann aber jemand den Herrn zuvor lieben und reden aus Ihm, bis er notwendig erst die Liebe und das Wort vom Herrn empfangen hat? Welcher von uns aber kann sich damit rühmen außer Henoch? Dass ich nicht wüsste, was mir eigen ist!
HG|1|59|20|0|Die Gnade haben wir alle zwar, Gottes Kinder zu sein, wie unleugbar auch unter allen Geschöpfen die ausgezeichnetste Fähigkeit, als Menschen Menschen zu sein, und haben als solche alle dieselben Sinne und gebrauchen dieselben auf eine und dieselbe Weise; aber es frage sich nur ein jeder selbst, ob bei aller dieser Sinn- und Gnadengemeinschaft wohl auch einen jeden eines und dasselbe gleich, oder auf eine und dieselbe Art vergnügt!
HG|1|59|21|0|Daraus aber wird es ja klar, dass nicht einmal einem jeden gleichviel Gnade, geschweige erst gleichviel Liebe zuteil wird; und das wird noch um so ersichtlicher, so man aus so langer Erfahrung weiß, wie unbeständig die Liebe mit jedem Gegenstand, den sie ergreift, zu Werke geht, und was dazu für Abgezogenheit und große Aufopferung erfordert wird, in was immer für einer Hinsicht liebefest zu werden!
HG|1|59|22|0|Obschon ich dadurch nicht sagen will und kann, dass wir darob durchaus in der Liebe gegen den Herrn nicht fester und fester zu werden vermöchten, – aber das ist einmal gewiss, dass uns nur die Gnade gegeben wird, statt der Liebe aber durch die Gnade allein die Fähigkeit nur, die Liebe uns zu erwerben und sie dann erst in uns aufzunehmen; aber auf ein bloßes Verlangen wird sie uns nimmer zuteil, und möchte dieses Verlangen noch so sehnsüchtig sein. Kurz und gut, so es dem Herrn gefällt, jemandem die Liebe zu geben in der Fülle wie dem Henoch, so ist das eine Barmsache des Herrn, und Er wird niemanden um Rat fragen, wenn Er jemanden damit erfüllen will. Aber hört alle, Regel ist es durchaus keine, und wir können mögen, was wir nur immer mögen, und der Herr ist aber dabei doch nur der alleinige Herr und tut und handelt nach Seiner unerforschlichen Weisheit, das Ihm wohlgefällt, – wir aber sind nur Zeugen dessen, das Er macht vor uns und für uns.
HG|1|59|23|0|Und du, mein lieber Henoch, fasse wohl diese meine Worte, und danach rede! Denn deine große Bescheidenheit ist mir wohlbekannt, und deine Demut hat dich mir so teuer gemacht; daher brauchst du künftig nicht mehr allzu bescheiden zu werden und uns stets zu zeigen deine große Demut, wenn es sich um einen Dienst handelt, den du Gott und uns, deinen Vätern, schuldig bist. Denn dass du solches alles bist, siehe, das wissen wir schon lange alle, der Herr aber noch unendlichmal besser denn wir, darum Er dir auch die Liebe dauerhaft verlieh; und du brauchst uns darob keine neuen Beweise mehr zu liefern, sondern dass wir dich zu einem Lehrer und Sprecher Gottes beriefen, ist ja nur geschehen zufolge solcher deiner Tugenden. Und so kannst du vor uns reden ohne alle Furcht, wie du schon gar oft in unser aller Angesicht getan hast.
HG|1|59|24|0|Außer, so solches, dass du früher redetest, dir vom Herzen zu reden geboten war, so konntest du wohl nicht anders reden und tatest wohl, dass du also geredet hast!
HG|1|59|25|0|Aber wenn ich bedenke, dass du gesprochen hast, uns ermahnend zur Eigenwende nach der Stimme des Lebens aus Gott, siehe, vermöchte da Gott nicht so viel denn du und könnte unsere Herzen gar wohl auf das anweisen, das du getan hast!
HG|1|59|26|0|Allein da du auf diese Art schon zu reden angefangen hast aus Gott, siehe, so genügt es nicht, uns bloß nur trocken anzuweisen an Den, von dem einem jeden von uns wohlwissend alle Dinge sind, – sondern, da einer zugunsten aller vom Herrn ganz besonders beteiligt wurde in diesem Überfluss, soll er auch nach Recht und Billigkeit den in dieser oder jener Hinsicht weniger Beteiligten beispringen; dadurch erst werden wir wahrhaft vor dem Herrn an den Tag legen, dass wir wahrhaft Seine Kinder sind!
HG|1|59|27|0|Siehe, daher haben und müssen auch die Bescheidenheit und die Demut ihre wohlweisen und nützlichen Grenzen haben!
HG|1|59|28|0|Nehme es nur einmal so recht natürlich; siehe, als uns der Vater kundgab die Schwäche seines Leibes, wir aber aus lauter übertriebener Demut uns gescheut hätten, ihm zu gewähren, danach ihn verlangte in seiner Natur, oh, was würde ihm da wohl unsere übertriebene Demut genützt haben, so sich keiner gewagt hätte, ihm Speise und Trank zu reichen?!
HG|1|59|29|0|O siehe, die wahre Demut muss daher nie aus dem Bereich der Liebtätigkeit treten, wenn sie dem Herrn wahrhaft wohlgefällig sein soll, und wir sind verpflichtet, darum einander so lange behilflich beizuspringen, solange wir einander nur immer kundgeben, dass wir in diesem oder jenem einander benötigen; was aber die Anweisung an den Herrn betrifft, so ist es ja recht und billig, dass der Stärkere den Schwächeren ermahnt, aber ihn so lange nicht auslässt, als bis der andere spricht: ‚Siehe, nun hat der Herr auch mich geweckt!‘
HG|1|59|30|0|Henoch, siehe, noch kann dir das keiner von uns sagen, denn wir alle sind nichts vor Gott; daher verbanne dein Unnötiges, und denke an das in der Fülle deiner Liebe, was uns vorderhand allen nottut in dieser Lage, damit wir vollends vermöchten, liebegerecht zu erscheinen vor Gott!
HG|1|59|31|0|O zaudere nicht, und tue Genüge unserer Liebe in Gott! Amen.“
HG|1|60|1|1|Henochs erklärt den Grund für sein hartes Wort
HG|1|60|1|0|Und siehe, nachdem Seth solches geredet hatte, erhob sich Adam und sprach: „Das Wort des Henoch war ein hartes Wort, und das Wort Seths aber war ein weiches Wort!
HG|1|60|2|0|Ist es aber, dass ihr beide gerecht gesprochen habt, nur der eine hoch, hart und unverständlich, der andere aber sanft und wohlverständlich, so ist von mir aus keiner beschuldigt; aber das ist es: Man gebe den Kindern keine Kost, wofür ihnen die Zähne noch nicht gewachsen sind! Und so ist, Henoch, für diesmal deine Kost zu hart; daher wird es wohl an dir sein, die gerechte Kost so zu erweichen, dass wir sie mit Nutzen werden verzehren können! Amen.“
HG|1|60|3|0|Nach dem aber erhob sich abermals der Henoch und fing an, folgende sehr denkwürdige Rede an alle zu richten, sagend nämlich:
HG|1|60|4|0|„O liebe, wohlachtbare Väter! Das der Vater Seth so wohlmeinend unter mein Angesicht sittlich und voll Würde gesprochen hatte, ist ja wahr, gerecht und billig und zeigt klar und deutlich, das des Menschen ist wieder zum Menschen; denn es ist also auch der Wille von oben, und es hat demnach jeder das Recht der Liebe, dem anderen in menschlichen Dingen beizuspringen, und das umso mehr zur Zeit der Not und des Verlangens, und da wäre der kaum wert, ein Mensch zu sein, so ihn nur irgendein eitler Grund davon abhielte, zu tun und zu reden, was der Pflicht und Liebe rechtens ist.
HG|1|60|5|0|Jedoch, o liebe und wohlachtbare Väter, sagt oder fragt euch selbst, was in dem Falle zu tun sein dürfte, so mir der Erzvater Adam gegen irgendeine Anfrage der Kinder, um nicht selbst reden zu müssen, eine kurze, harte und tiefbestimmte Antwort an selbe gegeben hätte, die Kinder aber hätten die Antwort nicht verstanden und ich als der Überbringer auch nicht von mir aus bis auf den Grund, sondern nur so viel, als es der Erzvater mir erläutert hätte, unter der Bedingung des Verbotes zwar, einstweilen von der Erläuterung nichts zu melden, damit die Herzen der Kinder in der Sphäre ihres Denkens nicht allzu träge, sondern geweckter und geweckter werden möchten. So dann aber die Kinder ob der etwas dunklen Antwort über mich herfielen und nötigten mich, verständlicher und klarer zu reden, – o Väter, urteilt selbst: Wessen Verlangen steht hier höher, das des Erzvaters, oder das der unzeitig wissbegierigen Kinder?
HG|1|60|6|0|O Väter, ihr könnt nicht umhin, mir hierin vollends beizustimmen, so ich durch meine gerechte Verschwiegenheit das Gebot des Erzvaters wohl verwahren würde bis zur Zeit seines Wohlgefallens, desgleichen ich heute vor dem Aufgang meinem Leibesvater Jared getan habe, da das Wort des Erzvaters höher steht denn all das lüsternste Verlangen aller seiner Kinder! Und so ich verschwiegen war, tat ich nicht der hohen Pflicht, das ihres rechtens war?!
HG|1|60|7|0|Wie ist’s denn aber, da ihr wohl wisst, dass, so ich rede, ich nicht aus mir, sondern aus dem Herrn rede, dass ihr mir dann Vorwürfe macht, als hätte ich geredet aus mir, da ihr doch noch von gestern her den sprechendsten Beweis haben möchtet, wie sichtbar nahe der Herr meine schwache Zunge begleitet hatte?!
HG|1|60|8|0|Da ihr aber nun nicht mich, sondern den Herrn durch mich gefragt habt und euch somit nicht an meiner, sondern an des Herrn Stimme gelegen war, so fragt euch selbst, wem der Vorwurf zukommt!
HG|1|60|9|0|Kann ich denn mehr tun, als es des Herrn Wille ist, oder kann ich mehr geben denn so viel nur, als ich selbst empfangen habe?
HG|1|60|10|0|Und hätte ich es auch empfangen in der Fülle, des Herrn Wille aber hätte mir bestimmte Grenzen angewiesen, euch vorderhand nur so viel zu sagen, als ich eben auch pünktlich getan habe, da eben der Herr solches weise absichtlich von mir verlangt hatte, – und so ich dem Herrn gehorche in aller Furcht und Liebe, o liebe Väter, sagt und urteilt selbst, ob ich nicht recht handle, so ich den Willen des Herrn höher halte denn alles nutzlose Verlangen der Menschen, die zusammen gegen Ihn nichts sind und ohne Ihn auch gar nichts vermögen, mit Ihm aber alles!
HG|1|60|11|0|O Väter, seht, für mich ist der Vorwurf überflüssig wie gegen einen Baum, der keine anderen Früchte bringen kann als welche der Herr in ihn gelegt hatte, mögen sie nun süß oder bitter schmecken; was aber den Herrn betrifft, sagt, wo ist das Wesen, das da nicht ewig gutheißen möchte jegliches Seiner Worte, an deren Verständnis wohl Ewigkeiten werden vollauf zu nagen haben!
HG|1|60|12|0|So ihr mich aber aus dem Herrn fragt, da glaubt es auch, dass ich aus dem Herrn rede; zweifelt aber jemand in seinem Herzen, da ist ja ohnehin Frage und Antwort unnütz, da er keinen Glauben hat und misstraut seinem eigenen Herzen.
HG|1|60|13|0|Wie kann aber jemand liebefest werden durch seinen Bruder, wenn sein Herz in dem Herrn wankt?! Daher vertraut dem Wort des Herrn, auf dass ihr liebefest werden möchtet!
HG|1|60|14|0|Es ist zwar der Sohn nicht über den Vater; wenn aber der Herr mit dem Sohn redet, dann ist der Sohn des Herrn, und es solle der Vater sich nicht grämen der Stimme des Herrn im Sohn.
HG|1|60|15|0|Ich, Asmahael und Ahbel haben euch ja ohnehin kundgetan des Herrn Willen, das da ist ein Wunder für uns alle; wozu da noch eine Frage?! Sondern zu handeln in der Liebe und im Glauben an den Herrn ist hier des rechtens; und was darüber, sei ewig des Herrn! Amen.“
HG|1|61|1|1|Wie das Wort Gottes angenommen werden soll
HG|1|61|1|1|Am 11. Februar 1841
HG|1|61|1|0|Und als der Henoch solche Rede vollendet hatte, siehe, da erhob sich alsbald Seth wieder und sprach: „Oh, was sind wir, und was vermögen wir? Nichts!
HG|1|61|2|0|So wir zwar reden menschlicherweise untereinander, so dünkt es uns weise; aber nun ist es mir klar geworden, dass alle unsere Weisheit vor Gott eine bare Torheit ist, daran Er sicher kein Wohlgefallen haben mag.
HG|1|61|3|0|Hört, war meine frühere Rede nicht eine, die nur dem edelsten Menschenherzen zu entstammen vermag?! Was ist sie jetzt? Nichts als eine eitle Torheit; und ich gleiche dadurch einem Verblüfften, der, mit seinen Gedanken in die ganze Welt zerstreut, in seiner Wohnung fragt nach seiner Hütte!
HG|1|61|4|0|Aber warum, warum konnten denn wir unsere vanne [eitle] Torheit nicht eher begreiflich einsehen und gaben uns gar so entsetzlich bloß vor dem Herrn? Es ist, dass wir allesamt blind seien, sonst wäre es ja unmöglich, dass wir den lieben Henoch darüber noch haben mit einer ganz unnötigen Frage zwecklos beunruhigen können, darüber wir ja wahrlich doch schon ohnehin die wunderbarste Bestimmung von oben her durch Ahbel, Henoch, Enos, Kenan und endlich wunderbar durch Asmahael selbst bestätigt erhalten haben – und wollten eher den Worten Henochs misstrauen als zu blicken in unsere eigene Blindheit! O der absurden Torheit! Wäre sie doch von uns nie begangen worden; denn wie unschicksam ist es jetzt, sich zu schämen als Vater vor den Kindern!
HG|1|61|5|0|Aber es ist nun einmal durchgehends nicht anders, und so sei es dem Herrn geopfert!
HG|1|61|6|0|Ich aber denke in meinem Herzen: Der liebevollste, heiligste Vater wird in Seiner großen Milde mir und uns allen unsere zu sorgliche Ängstlichkeit zuliebe halten und uns beraten in Seiner Liebe und nicht in Seiner Weisheit, gegen die wir gar zu außerordentlich nichts sind, und wird uns ansehen als schlafende Kinder, die da träumen, als wären sie wach, oder wenigstens mit geschlossenen Augen dafürhalten, dass, so sie nichts sehen, auch die Wachen nichts sehen müssen oder können!
HG|1|61|7|0|O du Henoch du, wecke du uns nur zu; es wird doch einst die Zeit kommen, dass wir auch sehen werden, was du siehst, und wir alle durch dich nun und einst!
HG|1|61|8|0|So wird es aber sein in der Zukunft, dass der Herr die Kinder zu Lehrern ihrer Eltern erwecken wird und wird geben den Eltern ein kindliches Herz. Und es werden dereinst noch Kinder kommen hinter uns, die in ihrer Ohnmacht Größeres tun werden denn wir in aller unserer Kraft. Und so wird allzeit des Herrn Wille geschehen!
HG|1|61|9|0|Und du, lieber Henoch, stehe auf und sage mir, ob ich also recht geredet habe, und erquicke dadurch unser aller Herzen! Amen.“
HG|1|61|10|0|Nach dem aber lächelte der Henoch all die Väter gar liebefreundlich an und sagte: „O liebe Väter, vergebt mir meine manchmalige scheinbare Härte; denn nicht ich, euer Sohn Henoch, wende da meine Zunge, Worte zeugend zu eurem Verständnis, sondern der Herr wendet sie nach Seinem Wohlgefallen. Dafür kann aber ja das Werkzeug nicht, so es der Herr gebraucht nach Seinem Wohlgefallen! Und so ich da rede Dinge, deren Sinn verborgen liegt gleich dem Keim im Samenkorn, so lehrt das Benehmen und hier ja schon die wohlgeordnete Natur, dass auch der Keim aus dem Samenkorn nicht alsobald in vollreifer Frucht hervorbricht, so er erst kaum in die Erde gelegt wurde, – sondern da muss das Korn erst zunichtewerden und verfaulen um den Keim; da wird erst das Leben frei und wächst nach und nach unter manchen Stürmen, Sonnenschein und Regen zur segensreichen, tausendfachen Frucht empor.
HG|1|61|11|0|Sehet, geradeso ist es auch mit jeglichem Wort des Herrn! Nicht also, wie es gegeben wurde, wird es fruchtbringend sein, – sondern so es gelegt wurde in das Erdreich unserer Herzen, so wird es gelegt in seiner wohlverwahrenden, harten Schale; wenn aber dann durch unsere Liebe diese harte Schale aufgelöst und verzehrt wird im Herzen, sehet, da wird dann der lebendige Keim oder das lebendige, werktätige Verständnis ans Licht der Sonne des Geistes hervorbrechen und unter manchen stürmenden Prüfungen, Lieberegen von oben und Gnadenlicht vom heiligsten, liebevollsten Vater wohlgedeihend reifen zur unschätzbaren Frucht alles Lebens und aller Liebe in der Weisheit Gottes, unseres Vaters!
HG|1|61|12|0|O Väter, sehet, so ist es der Wille des Herrn; und also sollen wir auch jegliches Seiner Worte ergreifen! Und so erst werden wir an den Tag legen vor dem Herrn, dass wir wahrhaft Seine Kinder sind, die das Wort des Vaters verstehen und wohl erkennen Seine Stimme allzeit. Amen.“
HG|1|62|1|1|Wie die Urväter die Rede Henochs verstanden haben
HG|1|62|1|0|Siehe, das war eine rechte Rede, und doch war sie den Vätern noch nicht ganz klar, und so fragte Adam all die umstehenden Kinder, sagend:
HG|1|62|2|0|„Kinder, habt ihr nun alle wohl verstanden die Rede Henochs?“
HG|1|62|3|0|Seth aber antwortete: „O Vater, so nun der Same erst gelegt wurde, wie könnte es wohl sein, dass wir es vollends verstünden?! Wir haben zwar die Schale mit dem Keim und den Stein [Keim] mit dem Leben empfangen; aber die Verwesung der Materie ist noch nicht erfolgt, auf dass das Leben frei geworden wäre. Aber ich vertraue fest, es wird die Zeit des Herrn das Ihrige sicher tun und wird unsere Herzen umgestalten zu einem neuen Paradies! Amen.“
HG|1|62|4|0|Und es fragte Adam also den Enos weiter um das Verständnis. Dieser aber entgegnete: „O Vater, ich sah einst einen Haufen unförmlicher, plumper Steine liegen; da war ihre Farbe ein und dieselbe. Es fiel aber bald darauf ein fruchtbarer Regen vom Himmel, und dieser Regen fiel auch über diesen Haufen Steine; diese Steine aber, da sie zuvor die Sonne gewaltig durchwärmt hatte, sogen begierig jeden Tropfen in sich und dampften, wonniglich scheinend ob solcher Erquickung, so zwar, dass ich sie nimmer zu sehen vermochte ob des gewaltigen Dampfens. Nun fing aber auch unter dem Regen ein kleiner Sturm an zu wehen; dieser trieb alsbald die Dämpfe von den Steinen, und ich konnte dieselben wieder schauen. Aber wie sah ich sie verändert!
HG|1|62|5|0|Die Einfarbe war zur Tausendfarbe geworden, und das eingedrungene Wasser hatte sie völlig durchsichtig gemacht, und einige davon zerfielen in einen weißen Brei; und ich vermochte dadurch, nur zu deutlich beinahe, zu erschauen ihren mannigfaltigsten Gehalt.
HG|1|62|6|0|So glaube ich auch jetzt einen solchen Haufen Steine vor mir und in mir zu erblicken, die durch die Gnadenstrahlen von oben schon gar gewaltig durchwärmt zu sein scheinen, und es ist noch gar wenig Unterschiedes zwischen ihnen; aber nun glaube auch ich fest, so der Regen, von Stürmen begleitet, kommen wird, da wird es mit meinen Steinen wohl werden wie mit den gesehenen, allda die durchleuchteten gleichen werden dem vollen Verständnis und die zerfallenen der Verwesung, aus der ein neues Leben aus der Erde meines Herzens keimen wird, gleich wie dort aus dem weißen Brei sich alsbald ein üppiges, junges Gras erhob. Amen.“
HG|1|62|7|0|Und sobald wurde desgleichen auch Kenan gefragt; da war seine Antwort folgende: „O Vater, ich sah jüngst an einem schwülen, heißen Tag, dass sich ferne Gegenden mehr und mehr zu verlieren anfingen, und es half da kein Anstrengen der Sehe; kurz, sie verschwanden endlich ganz und gar, und das Licht der Sonne vermochte nicht zu hindern solches Verderben, stets näher und näher zu rücken. Und so wurden von solchem dunstigen Unding auch nach und nach unsere nächsten steilen, hohen Nachbarn verschlungen; mich bangte der Erde, und so floh ich in meine Hütte.
HG|1|62|8|0|Es kam in der Nacht ein Ungewitter. Blitze und Donner wetteiferten in ihren Mächten. Ein Sturm drängte den anderen. Windsbräute tobten an meiner Hütte vorüber, und dem Himmel entstürzte ein Stromregen, dessen glühende Fluten an den Spitzen der Berge zerbarsten und dann donnernd und schaumbrausend in die tiefen Gräben und Täler dem Meer zu stürzten.
HG|1|62|9|0|O Väter, da schmachtete mein ganzes Haus in einer großen, betäubenden Angst und fürchtete sich vor Gott!
HG|1|62|10|0|Ich betete. Das Ungewitter verzog. Ruhig wurde es gegen den Morgen; da verließ ich eine Zeit vor dem Aufgang meine Hütte und blickte erstaunt und dankbar in die Ferne. Oh, es war der heiterste Morgen, und mein Auge entdeckte da in früher ungeahnten Fernen Dinge und sah sie in ein freundliches Dasein treten!
HG|1|62|11|0|Und so glaube ich nun auch fest, dass nach dieser meines Herzens Sturmesnacht ein gleich ruhiger und überaus heiter reiner Morgen in und durch die Liebe zu Gott, unser aller liebevollstem, heiligstem Vater, erstehen werde. Amen.“
HG|1|62|12|0|Und es galt die Frage nun dem Mahalaleel, ob und wie er die Rede Henochs wohl verstanden haben mochte.
HG|1|62|13|0|Und er antwortete in seiner Wortkargheit: „O Väter, unlängst an einem Morgen nahm ich mir vor, solange es ginge, die Sonne anzugaffen, um vielleicht in derselben gleichwie im Vollmond etwas zu entdecken. Allein ich empfand bald die Strafe für meine Tollheit; denn als bald mein Auge nicht mehr vermochte, ferner zu ertragen die große, brennende Heftigkeit des Lichtes, sehet, da wandte ich meine Augen ab von der Sonne und bemerkte mit großer Angst, dass meine Augen nichts mehr zu erschauen vermochten; ja sogar ich selbst bin mir verlorengegangen, so dass ich die Erde und mich nur zu fühlen, aber nicht mehr zu sehen vermochte.
HG|1|62|14|0|Und so blieb ich den ganzen Tag über und merkte am Abend kaum, wie die Nacht sich allmählich über die Erde zu lagern begann.
HG|1|62|15|0|Meine Kinder geleiteten mich in meine Hütte; daselbst betete ich zum guten, heiligen Vater, dass Er mir das Licht meiner Augen gnädigst wiedergeben möchte, das ich durch meine große Torheit eingebüßt hatte. Darauf schlief ich ein, und die Nacht spendete reichlichen Tau über meine Augenlider, und kühlende Lüfte wehten über die erhitzten Augen und kühlten den Sonnenbrand in meiner Sehe. Die Nacht verstrich, und – dem guten, heiligen Vater sei Dank und Ehre! – für mich erstand wieder ein ruhiger, heiterer, reiner und frischer Morgen. Meine Sehe ward gestärkt, aber nicht mehr zu einer neuen Torheit, sondern zu schauen die blumenreichen Fluren der Erde und zu achten darob, wie sich in zahllosen Formen und heitersten Gestalten das Leben aus den Verwesungen frei entwindet.
HG|1|62|16|0|Und so glaube auch ich fest: Ist nun auch mein geistiges Auge ob des zu großen Gnadenlichtes von der heiligen Höhe Gottes geblendet, so wird aber eine stille nächtliche Herzensruhe und der Liebe kühlender Tau, unterstützt durch ein stärkendes Liebewehen von der Höhe des guten, heiligen Vaters, auch bald am großen Morgen des Geistes über den Gefilden meines Herzens ein wunderbares Leben aus den Verwesungen meiner harten Gedanken und Gefühle erstehen lassen. Amen.“
HG|1|62|17|0|Und so kam nun auch die Reihe an den Jared, und dieser gab folgendes zur Antwort, sagend: „O Väter! Was soll ich da für eine Antwort geben? Henoch ist zwar aus mir zunächst hervorgegangen, wie die Sonne aus der Erde hinter den Bergen hervorzugehen scheint; aber gar bald entsteigt sie überhoch den Tiefen der Erde und überstrahlt dann mächtig den endlosen Raum, und die ganze Erde badet sich dann geblendet in den übermächtigen Strahlen ihres Lichtes; und alles Leben weckt sie zur heiteren Regsamkeit und zahllosen, wunderbaren Entfaltung aus den Verwesungen der Nacht!
HG|1|62|18|0|So glaube ich denn auch fest und beharrlich: Henoch wurde erhoben gleich einer Sonne zur unermesslichen Höhe über mir, und es wird nun mein ganzes Wesen von seinem großen Licht geblendet. Aber es soll das heilige Licht nur wirken gleich dem Licht der Sonne, und es soll meine Nacht mir zum Segen werden; denn so das Licht Leben wirkt und zieht den lebendigen Keim aus den Verwesungen hervor und formt und lenkt ihn dann wunderbar, da werde ich sicher, einer Pflanze nicht minder, in der stillen Ruhe meiner Demut vom Herrn bedacht werden. O Väter, dessen bin ich gewiss! Der Herr gebe jedem, das Ihm wohlgefällt! Amen.“
HG|1|63|1|1|Wie Asmahael die Rede Henochs verstanden hat
HG|1|63|1|0|„Und nun“, sagte der Adam weiter, „da mir bis auf Henoch alle geantwortet haben, Henoch aber ganz natürlich lange schon die lebendige Antwort selbst ist, so lasst uns am Ende noch sehen, wie alles dieses Asmahael aufgenommen hatte; und es soll seine Antwort der letzte, sichere Beweis sein, dass er nach dem Willen Jehovas würdigst möchte aufgenommen werden in unsere väterliche Mitte.
HG|1|63|2|0|Und so gebe nun auch du, Asmahael, dein mögliches Verständnis von dir und zeige uns, wie du deinen dir bestimmten Lehrer erfasst und begriffen hast; und so rede, was du vermagst! Amen.“
HG|1|63|3|0|Und siehe, alsbald begann Asmahael folgende, sehr denkwürdige Antwort von sich zu geben, und zwar so getreu, als sie ihm von Mir eingehaucht wurde, sagend nämlich:
HG|1|63|4|0|„Geliebteste Väter der Väter der Erde, zu schwer für euch Kinder des höchsten, des heiligsten Vaters war Henochs gar wunderbares Wort zu verstehen und voll zu erfassen dasselbe aus innerster Tiefe der Wurzel des Lebens! O Väter der Väter der Erde, das sollte ich nichtiger Wurm des Staubes auch deutend gar zeigen, – ja zeigen, wie weit das Unendliche sich mit dem Endlichen möglich mocht’ einen, der Tod mit dem Leben, die Nacht mit dem Licht, die Erd’ mit der Sonne, wie zeitlich mit ewig, und wie die Geschöpfe mit Gott!
HG|1|63|5|0|O ihr Väter der Väter der Erde, wenn solches ich könnte, o wahrlich, dann würde die Erde nicht sparsam von einer alleinigen Sonne am Tage erleuchtet nur werden; o höret, aus jeglichem Wort, aus jeglichem Laut der Zunge entstünden dann Heere der Sonnen, die alle die Erde gar munter umkreisten!
HG|1|63|6|0|O Väter der Väter der Erde, ich meine, die Macht solcher Worte und so auch ihr endlich’s Verständnis steht höher, unendlichmal höher, als dass ich, ein kaum noch dem Tod und der Nacht erst entrissener Sklave, schon möchte enthüllen das größte der Wunder, ein Wunder der Wunder im Wort!
HG|1|63|7|0|Ich habe gar oft schon gesehen gar weisliche Taten von Tieren verüben; es waren die Dinge fürwahr sehr erstaunlich, dass Menschen mit fleißiger Mühe desgleichen nicht möchten erzeugen; doch Worte, um das zu benennen, das da sie erzeugte, o höret, – die Worte, dies Wunder der Wunder, konnt’ nimmer mein lauschendes Ohr von den Zungen der weisesten Tiere vernehmen!
HG|1|63|8|0|Da dacht’ ich, zu künden das Leben dem Leben vom Leben kann nimmer die weiseste Tat! Denn ich sah oft Spinnen inmitten des kühnsten Gewebes ersterben, – ja selbst in den größten Palästen der mächtigen Städte der Tiefe hielt oft schon der Tod ein gar schauerliches Erntefest!
HG|1|63|9|0|Ja selbst Menschen gen Menschen, sie zeigten ohn’ Worte vom Leben wohl schwerlich sich mehr, als ein Stein es vermag zu dem Stein!
HG|1|63|10|0|Doch Worte, o höret, die Worte, entstammend dem Leben, die zeigen uns wieder das Leben! Und konnte das Leben ursprünglich sich anders als einzig allein nur im Wort sich finden?
HG|1|63|11|0|Im Wort ist Leben; das Wort ist das Leben, und Gott ist das Wort und das Leben. Es findet das Leben im Wort sich nur, und das Wort muss ja ewig in Gott sich selbst zeugend und findend als Leben vom Leben gar mächtig geredet und alles aus sich so gestaltet unendlich geschaffen auch haben!
HG|1|63|12|0|O Väter der Väter der Erde, wenn ich nun erfahre von Henoch des Wortes gar mächtiges Walten und alles durch dasselbe umstalten in mir, oh, da frage ich nicht mehr nach Leben! Fürwahr, solches habe ich treu ja im Wort schon gefunden; und wem nicht genügt dies Zeugnis vom Leben, o Väter, der dürfte ein anderes wohl schwerlich je finden! Amen.“
HG|1|64|1|1|Henochs Rede über das göttliche Wort
HG|1|64|1|1|Am 15. Februar 1841
HG|1|64|1|0|Als aber der Adam und die übrigen Väter solches aus dem Munde Asmahaels vernommen hatten, siehe, da ergriff sie alle, mit der Ausnahme Henochs, hohen Wunders, und sie wussten nicht, was sie daraus machen sollten.
HG|1|64|2|0|Da sah alsbald der Henoch solche Verlegenheit der Väter, dass sie ihn dauerten, und fing unaufgefordert an, folgende lichtvolle Rede an sie zu richten, dass sich alle überaus erfreuten, sagend nämlich:
HG|1|64|3|0|„Vergebt mir, liebe Väter, dass ich nun frei, unaufgefordert zu reden anfange, – aber nun muss ich’s tun; denn jetzt tut euch allen ein helleres Licht von oben not, und so vernehmt: Was euch meine Zunge nun künden wird, wird sein ein Wort des Lebens, ein Wort aus der Höhe und ein Wort aus der Tiefe, – aus der Höhe voll Licht und aus der Tiefe voll Leben; denn in der Höhe ist Gott das Licht alles Lichtes und in Seiner Tiefe das Leben alles Lebens.
HG|1|64|4|0|Sehet, so aber ist dieser Grund zu verstehen: Wenn wir da einen Blick werfen in die Höhe und wieder einen hinab zur Erde, und das zwar ganz natürlich, so werden wir in der Höhe alles voll Lichtes und in der Erde und auf der Erde alles voll von allerartiger Regsamkeit erschauen. Da liegen zahllose Leben in sich bergende Samenkörner in den Furchen der Erde begraben, ebenso zahllose Samen der Tierwelt in ihren erwärmten Nestern, wie auch in den Eingeweiden der Tiere, und harren darin der Wärme und der Erstehung zum Licht.
HG|1|64|5|0|Aber wahrlich, ehe nicht all die Furchen der Erde, all die Nester und all die Eingeweide der Tiere vollends durchwärmt werden, wird kein Leben erstehen in seinem Keim aus all diesen Kerkern und sich dann frei erheben hinauf zu den freien Räumen, die da sind voll Lichtes.
HG|1|64|6|0|Sehen wir aber nicht sommers und winters dasselbe Licht die Erde erleuchten – und doch nicht dieselbe Wärme die Furchen der Erde durchwärmen?! So aber das Licht die Wärme brächte, sehet, da müsste es ja allzeit warm sein unter denselben Strahlen der Sonne; dass es aber nicht also ist, lehrt uns der frostige, oft ganz starrkalte Winter.
HG|1|64|7|0|Nun fragt es sich dann freilich: Was und wo ist denn sodann die Wärme, da sie nicht am Licht hängt und das Licht somit kein Träger der Wärme ist?
HG|1|64|8|0|Sehet, es ist aber die Wärme das verborgene, schlafende Leben selbst in der Tiefe und kann sich selbst nicht frei machen; wenn aber das Licht lange genug geleuchtet hat über den Tiefen der Erde, sehet, da erweckt es die Wärme aus dem Schlaf. Diese zerreißt dann ihre frostigen Behälter und tritt dann freitätig heraus, verbindet sich dann mit dem Licht und bildet dann ein Wesen, das seine Wurzeln noch im Urschoße des Lebens ausbreitet und darin seine Nahrung sucht, aber den lichtverwandten Teil über die Erde frei erhebt, um sein einmal gewecktes Leben fortwährend wach zu erhalten; und was bei den Pflanzen das Erweckende ist, das ist auch bei den Tieren einer wie der anderen Gattung der Fall, und es wird alles vom Licht gezogen und getrieben von der Wärme.
HG|1|64|9|0|Aber alles dieses ist nur eine natürliche Erscheinung, und es gilt die verschieden geformte Regsamkeit als lebend nur für das Wesen, das ein Träger eines höheren Lebens ist.
HG|1|64|10|0|Wenn wir aber sehen, dass sich gleichartige Wesen anziehen und sich finden, und ungleichartige aber sich abstoßen und sich fliehen, da lernen wir, dass in ihnen nicht einerlei Wärme und einerlei Licht ist, das sie treibt und zieht, – sondern da gibt es ein geraubtes Licht und eine gestohlene Wärme, wodurch alles Unkraut und Ungeziefer getrieben und gezogen wird; jedoch vermag alles dieses ein höheres, freies Leben zu gewahren!
HG|1|64|11|0|Nun fragt es sich: Wie aber vermag ein höheres, freies Leben dieses und warum? O Väter, da liegt der Hauptknoten, der da zu entwirren ist!
HG|1|64|12|0|So höret denn: Wie aber die Form aller Dinge in ihrer größten Verschiedenheit ist ein Ausdruck der natürlichen Wärme in der Verbindung des Lichtes und unterscheidet sich nur nach der Fähigkeit der Aufnahme von mehr oder weniger Licht oder mehr oder weniger Wärme, so ist auch die Sprache des Menschen eine gebildete Form der geistigen Wärme, welche die göttliche Liebe im Herzen ist, und vom geistigen Licht, welches die göttliche Gnade im Menschen ist.
HG|1|64|13|0|Wie möchten wir verständige Worte sprechen, wenn sie nicht als ewige Formen des Geistes uns gegeben wären?! Da wir aber alle Dinge benennen können, sagt, wer lehrte uns das?
HG|1|64|14|0|Gott allein konnte das, da Er allein nur der ewige Inbegriff aller Formen ist, weil das Leben und Licht oder die Liebe und Weisheit Selbst und als die ewige, unzertrennliche Verbindung der beiden die Urform aller Formen oder das Urwesen aller Wesen oder demnach das ewige Wort Selbst!
HG|1|64|15|0|Wenn demnach jemand das Wort gefunden hat äußerlich und hat es verstanden und angenommen, so hat er ja kein Ding, sondern ein geistiges Leben im Vollbestand gefunden, da jegliches Wort eine Form ist, entstehend aus geistiger Wärme und geistigem Licht. Was wundert uns dann die Rede unseres Asmahaels?!
HG|1|64|16|0|Oder gleichen wir in solchen Fragen nicht den Fischen, die mitten im Wasser dasselbe nicht sehen, und wir, von der Luft umgeben, die Luft nicht, so wir in der Fülle des Lebens aus Gott uns erstaunen ganz betroffen über die wahre Empfindung Asmahaels?!
HG|1|64|17|0|O Väter, es hat aber alles seinen Grund! Seht, das Leben haben wir zwar unzerstörbar im eigenen Wort selbst; aber es gleicht noch dieses Leben dem im Samenkorn verschlossenen! Wenden wir unser Herz der Welt zu, dann ist es bei uns Winter, und das zu kurz dauernde Gnadenlicht vermag da die Geisteswärme in uns nicht zu lösen; so wir aber unsere Herzen beständig nach oben zum Herrn kehren, da wird das lange, ja fortwährende Gnadenlicht die geistige Lebenswärme in uns bald entbinden, und wir selbst werden dann als lebendige Form oder lebendiges Wort uns erheben zum ewigen Wachsein im Licht des Herrn.
HG|1|64|18|0|Wer aber desgleichen nicht tut, der ist ein Räuber und Dieb und wird sich gestalten zum Unkraut, Ungeziefer und zur gräulichen Unform des Lebens gleich denen in der Tiefe.
HG|1|64|19|0|Wer also das Wort hat, der hat auch das Leben ewig; aber je nach dem Wort, also wird auch das Leben sein!
HG|1|64|20|0|Das ist das Verständnis Asmahaels. Amen.“
HG|1|65|1|1|Adams Rede über sein Leben
HG|1|65|1|0|Nach dieser großen Lichtspende Henochs aber erhoben sich alle und dankten stille im Herzen Mir für diese Gabe durch Henoch. Und Adam verlangte nach einer kleinen Leibesstärkung, welche ihm auch alsbald gereicht wurde; und da er sich gestärkt hatte mit etwas Honig, Milch und Brot, so dankte er für diese Gabe Mir und sprach dann zu seinen Kindern:
HG|1|65|2|0|„Kinder! Dahier verlor ich einst alles durch mich selbst, – und wahrlich, tausendmal mehr, als ich damals verlor, hat mich der Herr, unser liebevollster, gnadenreichster, heiligster Vater, wieder nun dahier finden lassen!
HG|1|65|3|0|O Paradies, du schöner Garten, du lichter Ort, da ich noch in der Hand Gottes prangte gleich einer aufgehenden Sonne und in aller Fülle des Lebens mächtiger war denn der Zug aller Welten, da ich war dein übermütiger Einwohner und du mein schwacher Träger!
HG|1|65|4|0|Ich fiel einst, und du, schönes Augenblendwerk, vermochtest mir nicht aufzuhelfen! Des Mächtigen Fall hat dich gedrückt, und dein Flaumenboden wurde zusammengedrückt gleich einer frischen Wolle, die ein Wind dem Baum entreißt und sie dann fallen lässt zur Erde, auf dass sie zertreten werde von unseren Füßen.
HG|1|65|5|0|Durch meine genötigte Flucht bist ohne Last du zwar aufgeschossen zur eitlen Höhe deiner Schwachheit, es drückt dich zwar keines Mächtigen Fuß mehr; aber es ist auch nicht viel Rühmendes an dir außer der eitlen Erinnerung, dass du einst mein schwacher Träger warst.
HG|1|65|6|0|Allein der Herr sah in Seiner Erbarmung, dass für den fallsüchtigen Schweren dein Grund zu locker war; daher setzte Er Steine unter meine Füße, dass ihre Festigkeit mich bewahren sollte vor einem künftigen Fall.
HG|1|65|7|0|O des guten Bodens, auf dem jetzt meine Füße ruhen, der mich nun schon nahe neunhundert Jahre vor einem neuen Fall gesichert hat, was zu tun du nicht einmal dreißig Jahre vermochtest! Dieser gute Boden machte nun auch oder war die demütigende Ursache, dass ich nun dein festerer Träger geworden bin, denn du einst als der meinige warst. Denn nun habe ich dich unendlichmal herrlicher in mir selbst aufgerichtet durch die große Gnade von oben und bin versichert, dass du in mir ewig zu keinem Fall gelangen wirst; und sollte es auch möglich sein, dass du fielest in mir, so wirst du mich nicht beugen und niederdrücken, sondern ich werde dich mit der Gnade von oben wohl aufzurichten vermögen, auf dass du ein beständiger Einwohner bleiben mögest dessen, an dessen Haare dem Herrn mehr gelegen ist als an der ganzen Erde, die ehedem deine wankende Trägerin war!
HG|1|65|8|0|O Kinder, traurig kam ich hier an, denn ich musste meinen Verlust beweinen, wie ich ihn schon früher tausendmal beweint habe; aber es war diesmal der letzte Seufzer und die letzte Träne, die da deine kahle Wand befeuchtet hat. Von nun an werde ich dich nimmer betreten, du alte, hohle Nussschale eines ausgebrannten Lebens, sondern mein Fuß wird nun frohlockend wandeln auf eigenem Grund, da die Frucht des ewigen Lebens auf selbem zur Reife gediehen ist.
HG|1|65|9|0|O Kinder, mir ist überaus wohl zumute, und dir, mein Henoch, sei mein ewiger Segen dafür!
HG|1|65|10|0|Kinder, hat jemand noch einen Zweifel, so behalte er ihn für meine Hütte auf den Nachmittag; und so lasst nun die Kinder zusammentreten, auf dass ich sie segne und ihnen sage, dass sie sich morgen wie allzeit vor dem Aufgang einfinden möchten am geheiligten Ort des Opferbrandes! Amen.“
HG|1|65|11|0|Und siehe, als nun der Adam diese seine Lob-, Schmäh-, Dank-, Preis-, Abschieds- und Anordnungsrede vollendet hatte, da vollzogen seine Kinder alsobald seinen Willen. Da eilten alle Kinder jubelnd herbei, wurden dann gesegnet vom Adam und sodann feierlichst geladen, zu kommen am Sabbat zur rechten Zeit. Nach dem wurden die Kinder im Frieden und unter Meinem Lob wieder entlassen.
HG|1|65|12|0|Danach aber sagte Adam: „Nun denn, meine Kinder, lasst uns gen Mittag ziehen und tun alldort dasselbe, was wir hier taten!
HG|1|65|13|0|Der Herr sei mit dir, Henoch, und mit uns allen und Asmahael und mit allen unseren hier und überall wohnenden Kindern!
HG|1|65|14|0|Der Herr führe uns und bereite aller Kinder Herzen auf unsere segnende Ankunft und Seine große Erbarmung und Gnade, dass sie morgen mit wohlbereitetem und verständigem Herzen erscheinen möchten zur Verherrlichung Seines Namens und zur Belebung ihrer Seele und Erweckung ihres noch schlafenden Geistes!
HG|1|65|15|0|Und nun lasst uns wandeln frohen Mutes gen Mittag! Henoch und Asmahael seien meine Führer, und die übrigen folgen mir nach der vorigen Ordnung. Doch, da die Sonne ihre Strahlen schon stark angespannt hat, so lasst uns einen schattigen Waldweg ziehen, auf dass unsere Glieder nicht ermatten vor der Zeit der bestimmten Ruhe nach der treu getanen Pflicht; auf dem Weg aber soll jeder schweigsam wandeln und wohl achten, wohin er seine Füße setzt, auf dass er nicht Schaden leiden möchte in seiner Geradheit.
HG|1|65|16|0|O Herr, Du bester, heiligster Vater, ziehe Dein mildes Auge nicht weg von uns allen! Amen.“
HG|1|66|1|1|Asmahael und der Tiger
HG|1|66|1|0|Und nun gingen die Väter ruhig einen schattigen Weg unter Zedern und Palmen hin gen Mittag und waren auf dieser Reise, die bei einer Stunde Weges dauerte, voll guter Dinge und lobten und priesen Mich in ihren Herzen; denn sie hatten nun vollauf zu schauen, da die Natur völlig durchsichtig für ihre durch Mein Wort gestärkten Augen geworden war.
HG|1|66|2|0|(NB. Auf die euch im Bereich der Naturzeugnisse schon ein wenig versinnlichte Art!)
HG|1|66|3|0|Und als sie den halben Weg gegangen waren, siehe, da stutzte auf einmal Asmahael und getraute sich nicht, einen Schritt mehr weiter zu machen, und zitterte am ganzen Leibe.
HG|1|66|4|0|Henoch aber fragte ihn alsogleich: „Asmahael, was ist dir, dass dir deine jungen Glieder den Dienst versagen? Zeige uns getrost an, ob eine Gefahr du siehst, oder ob ein anderes Übel dich befallen hat; denn siehe, wir wandeln auf dem Weg des Herrn, und der Herr ist mit uns, wie wir mit Ihm! Daher teile uns getreu mit, was dich ganz hemmend kümmert! Amen.“
HG|1|66|5|0|Da erholte sich Asmahael und sprach, sehr beklommen noch: „O Väter der Väter der Erde und du auch, mein lieber Henoch! Da seht ein wenig nur fürbass und schaut den mächtigen, grimmigen Tiger! Schon bleckt er gar lüstern die Zähne und spannt die tödlichen Krallen zum kräftigen Sprung, um mich zu erfassen, zerreißen, zu trinken mein Blut und zu essen mein Fleisch! Denn der Wächter der heiligen Höhen ist nimmer zu sänften in seiner erschrecklichen Wut; ja des wachende, grausame Treue des Grimmes ist eine, dergleichen der Erde kein Ähnlich’s gegeben mocht’ werden!
HG|1|66|6|0|O Väter der Väter der Erde, damit ihr mit mir nicht zugrunde auch geht, so weicht zurück und lasst mich denn als rettendes Opfer von diesem gar mächtigen Tiger ergreifen, damit euer heiliges Leben in Gott so verschont möcht’ werden! O rettet, o rettet euch, würdigste, mächtige Väter!“
HG|1|66|7|0|Und siehe, da blickten die Väter ein wenig fürbass und sahen, das den Asmahael gar ängstlich machte.
HG|1|66|8|0|Adam aber sagte zum Henoch: „Höre, lieber Henoch! Gehe hin und bringe den grimmen Wächter hierher, auf dass sich der furchtsame Asmahael befreunde mit der Kraft Gottes im Menschen, darob er zum Herrn der Natur gesetzt wurde und ihm gehorche alle Kreatur! Amen.“
HG|1|66|9|0|Und alsogleich ging Henoch hin zum Tiger; der aber warf sich augenblicklich vor dem Henoch zur Erde und bebte in allen seinen Muskeln und Fibern.
HG|1|66|10|0|Henoch aber sprach mit starker Stimme zum Tiger: „Stehe auf, du grimm- und muskelstarkes Tier! Gehe hin zu Asmahael und beuge deinen kräftigen Nacken vor deinem Herrn, auf dass er behutsam getragen werde von dir an meiner und Adams Seite, und zwar gen Mittag, dann Ruhe, – dann gen Abend, dann Ruhe, – dann gen Mitternacht, dann Ruhe, – und dann endlich zur Wohnung Adams, und dann gänzliche Ruhe, dein Lohn und deine endliche Bestimmung! Amen.“
HG|1|66|11|0|Und siehe, alsobald erhob sich der mächtige Tiger in aller seiner kolossalen Größe, ging an der Seite Henochs gar demütig hin zum Asmahael und tat, wie ihm geboten war.
HG|1|66|12|0|(NB. Diese Riesengattung der Tiger findet sich jetzt nur noch in einigen Urwäldern, in des inneren Afrikas Hochgebirgen, wie auch äußerst selten in denen Asiens.)
HG|1|66|13|0|Da aber Asmahael solches sah, ward er völlig stumm vor Verwunderung und konnte nicht sprechen wie auch fast nicht stehen; denn nun ward es vor seinen Augen enthüllt, was ihm einst seine Mutter erzählte, was sie in einem Traum gesehen hatte. Denn dessen Mutter war fromm in ihrer Art und musste ihre Frömmigkeit samt ihrem Gatten gar schmählich mit dem Tode bezahlen, da sie sich geweigert hatte, den Lamech als den allerhöchsten Gott anzubeten, nachdem ihr zuvor die hohe Gnade widerfahren war, von dem geringsten Waffenknecht Lamechs gewaltig durch eine ganze Nacht hindurch auf die geilste und unnatürlichste Art beschlafen zu werden.
HG|1|66|14|0|Und da sich auch ihr Gatte solcher Danksagung ärgerlich weigerte, so wurden auch ihm bei lebendigem Leibe die Gedärme aus dem Bauch mit ehernen Haken gerissen.
HG|1|66|15|0|Woher aber Lamech solche Werkzeuge so bald erhielt, wird zur Zeit schon kundgegeben werden.
HG|1|66|16|0|Und siehe, da sich Asmahael nun ermannte, so sprach er voll Wärme: „O mächtige Väter der Väter der Erde, nicht eure leibliche Größe und Stärke vermöchte zu bändigen solch ein gar riesiges, reißendes Tier; wahrlich nein, nur ein Gott, ja ein mächtiger Gott ist’s, der solches durch eure geheiligten Herzen vermag! Dem sei Dank, Dem sei Lob, Dem sei Preis und die Ehre, ja heilige Ehre dem mächtigsten, heiligsten Vater so großer, erhabener, mächtiger Kinder! Amen.“
HG|1|66|17|0|Adam aber lobte ihn ob seiner rechten Erkenntnis der Liebe zu Gott, und dass er Mir allein die Ehre gab.
HG|1|66|18|0|Henoch aber hob ihn auf den Nacken des Tieres, und dieses trug sorglich und behutsam seinen Herrn an der Seite Henochs.
HG|1|66|19|0|Und so ging der Zug weiter den duftenden, schattigen Weg entlang, und kein Hindernis stellte sich hemmend dem Zug mehr entgegen. Da sangen gar munter die Vöglein, auf Ästen sich wiegend, und sangen wohltönend prophetisch dem Menschen ein Liedchen, – ein Liedchen vom Menschen der Menschen, das sangen die munteren Vögelein Ihm.
HG|1|67|1|1|Die Kinder des Mittags fürchten sich vor dem Tiger
HG|1|67|1|0|Und so kamen sie nun wohlbehalten bei den Kindern des Mittags an, welche, als sie solcher Ankunft ansichtig wurden, alsobald alles verließen und hinzueilten zum Empfang der Erzväter, um dieselben würdigst zu begrüßen.
HG|1|67|2|0|Jedoch als die zahlreichen Kinder des tragenden Tigers ansichtig wurden, ergriff sie eine große Furcht; denn sie kannten die grausame Beharrlichkeit dieses Tieres und hatten solche erfahren bei einer Gelegenheit, allwann sich einige Jünglinge zusammenmachten, um eine Reise nach Hanoch, wovon sie reden gehört hatten, zu unternehmen.
HG|1|67|3|0|Das Tier durfte ihnen zwar nichts zuleide tun, sondern sie nur durch seine grimmsprühende Gestalt und wutentbrannte Bewegung zurückschrecken und also abhalten von ihrer Torheit; aber es gab ihnen seine Muskelkraft doch dadurch zu erkennen, dass es einen Ochsen, das heißt einen aus dem Dickicht herbeigeeilten Riesenauerstier, vor ihren Augen mächtig anfiel und selben alsogleich in kleine Stücke zerriss, und alsogleich auch verzehrte samt Haut und Haaren,
HG|1|67|4|0|welche Szene die wenigen Reiselustigen auch alsobald zum Umkehren brachte, und ihnen die fernere Reiselust auch gänzlich benahm, und das umso mehr, da der Anführer der kleinen Schar sogar mit einem tüchtigen Schwanzhieb von Seiten des Tigers gar kräftig bedient wurde.
HG|1|67|5|0|Daher hatten vermöge solcher Lektion diese Kinder auch einen ganz besonderen Respekt vor diesem Tier und wunderten sich nicht wenig darüber, dass sie den Asmahael sahen auf dem Nacken dieses Tieres furchtlos sitzen und sich gar bequem tragen lassen.
HG|1|67|6|0|Da aber der Adam alsobald merkte ihre Furcht, so sprach er zum Henoch: „Siehe, die Kinder scheuen sich vor dem gewaltigen Träger Asmahaels; gehe hin und stärke sie im Namen des Herrn, auf dass ihnen benommen werde die Furcht und sie sich uns nahen möchten zum Empfang meines Segens! Amen.“
HG|1|67|7|0|Und alsobald trat Henoch hin zu den scheuen Kindern und redete sie mit folgenden Worten an, sagend: „Höret alle, ihr Kinder Adams, ihr Kinder voll Weisheit! Was ist’s, das euch zurückscheuen macht beim Anblick eines mächtigen, aber doch wohlgehorchenden Tieres?
HG|1|67|8|0|Wozu habt ihr Seths Weisheit überkommen – und habt Furcht vor dem, das euch gehorchen soll?!
HG|1|67|9|0|Es ist aber, dass ihr irgendwann selbst aus dem Gebiet des Gehorsams, welcher die Grundfeste aller Weisheit ist, getreten seid und sodann zurückgewiesen wurdet durch die Macht des starren Gehorsams solches Tieres, sonst ließe es sich kaum denken, woher eure Furcht stammen sollte!“
HG|1|67|10|0|Die Kinder aber antworteten: „Höre, Henoch, Großsohn Jareds, es ist so, wie du sagtest: Es versuchten sich fünf Junge im Ungehorsam gegen unseren Willen insgeheim, – denn ihr Auge hatte einen lüsternen Blick gen Hanoch gemacht; aber ihre Füße wurden alsobald von einem solchen Tier in das Gebiet der Grundfeste der Weisheit zurückgewiesen.
HG|1|67|11|0|Da sie uns hernach aber kundgaben, welche große Stärke und Grausamkeit sie an solchem Tier erfahren, so scheuen wir uns davor!“
HG|1|67|12|0|Henoch aber erwiderte ihnen: „Oh, dass ich nicht wüsste, was eure Herzen lange schon bedrängt hatte! Wohl euch von oben, dass nur eure Kinder es waren, in denen ein arger Same, von euch gelegt, Wurzeln fassen wollte, sonst wäre dieser Tiger ein übler Verräter an euch geworden, und der, den das Tier auf seinem Nacken trägt, hätte eure Weisheit zur großen Torheit gemacht.
HG|1|67|13|0|Nun aber geht unerschrocken hin zum Erzvater Adam, auf dass er euch gebe, woran euch nun vor allem nottut; und so fasst im Namen des Herrn Mut, und folgt mir ohne Furcht! Amen.“
HG|1|67|14|0|Und sogleich folgte eine Schar der anderen, sich hin zum Adam begebend, allda sie niederfielen auf ihre Angesichter und Adam sie segnete.
HG|1|67|15|0|Da aber alle den Segen empfangen hatten, wurde Enos beauftragt, ihnen anzuzeigen, dass sie sich erheben sollten.
HG|1|67|16|0|Als solches nach alter Sitte geschehen war, so brachten sie dann alsogleich Früchte, Brot, Milch und Honig und reichten es dem Adam und dessen Großsöhnen. Und sie rührten alles an und lobten Mich für solche Gaben an die Kinder, hießen dann dieselben bei dreißig Schritte zurücktreten, damit nun wieder Henoch über diese Mittagsgegend einige Worte aus der Tiefe des Lebens in Gott reden solle.
HG|1|67|17|0|Allein als diese Kinder des Mittags eben zurücktreten wollten, fing der Tiger so gewaltig zu brüllen an, dass die Erde unter ihren Füßen bebte und all die Mittagskinder vor Furcht zur Erde sanken und gar ängstlich um Hilfe zu rufen anfingen.
HG|1|67|18|0|Adam selbst wandte sich zum Henoch und fragte ihn, was das bedeuten solle.
HG|1|67|19|0|Auch Seth und die übrigen taten desgleichen, da außer dem Henoch und Asmahael niemand verstand solches Benehmen des Tigers; denn Henoch verstand es aus Mir, und sein Jünger aber aus Henoch, darum er auch ohne alle Furcht auf dem Nacken des gewaltig brüllenden Tigers ruhig saß.
HG|1|67|20|0|Henoch aber wandte sich ehrfurchtsvoll zum Adam und sprach: „O Vater, so du willst, so rühre an die Zunge des Tieres, und das Tier wird dir kundgeben, warum es also gewaltig brüllt!“
HG|1|67|21|0|Adam aber sagte: „Henoch, ist mein Finger denn mächtiger denn der deine?“
HG|1|67|22|0|Henoch aber erwiderte: „Vater, dein Finger ist aus Gott, meiner nur aus dir; darin liegt die Macht deines Fingers zur Verherrlichung des Namens Jehova!“
HG|1|67|23|0|Adam aber rührte die Zunge des Tieres an, und sogleich ließ das Tier folgende verständliche Worte gewaltig erschallen, welche also lauteten: „Adam, du großer Schluss und Anfang aller Schöpfung aus der Hand Gottes! Siehe, die du zurücktreten ließest, haben einen blinden Gehorsam; aber ihr Wille frevelt in dieser Blindheit! Daher erwecke zuvor ihre Treue im Herzen, und mache bescheiden ihren Willen; dann erst sehe, welche Früchte dir der Mittag bringen wird. So du aber Mahlzeit halten willst im Geiste, da bescheide deine Kinder nicht zurück; denn so ich ein Mahl halte, da treibe ich meine Kinder nicht hintan – und bin doch nur ein Tiger! Amen; höre: Amen.“
HG|1|68|1|1|Adams Rede über Gott und die Liebe Gottes
HG|1|68|1|1|Am 24. Februar 1841
HG|1|68|1|0|Als aber der Adam solches vernommen hatte, ward er über die Maßen froh und sprach: „O Kinder! Freut euch alle mit mir; denn ich habe wahrlich das Wahrhafte des Paradieses gefunden! Neunhundert Jahre sind bereits verflossen in meiner Stummheit, da ich nicht mehr verstanden habe das Geschlecht der Tiere; allein jetzt habe ich wohltuend wieder verstanden den scharfen Sinn des Tieres, und des freue ich mich über die Maßen!
HG|1|68|2|0|O Henoch, du Glücklicher, du Unsterblicher! Groß ist dein Licht und groß die Liebe in dir! Dem Herrn sei ewig Lob, Dank, Preis und Ruhm dafür, dass Er uns durch dich eine so große Barmherzigkeit erwiesen hat!
HG|1|68|3|0|Was wären wir alle ohne sie? Nichts als halbverständig bewegliche Maschinen, die am Ende ihr eigener Wahn verzehrt hätte, und der Herr der Natur wäre ein armseliger Mückensklave geworden, der beim Anblick eines Laubfrosches, von großer Furcht getrieben, geflohen wäre wie ein Lamm beim Anblick eines reißenden Wolfes, da er nicht wüsste, was diesem oder jenem innewohnt, und am allerwenigsten, dass seine eigene Seele eine letzte und voll gebildete, unsterbliche Seele ist, – ja eine Seele, in der alle Seelen aller Kreaturen vereinigt sind! Und da er das unmöglich erfahren könnte als Dreivierteltoter aus sich, wie hätte er erst dann begriffen sein inneres Leben, seine Liebe, seinen Geist und die rein göttliche Abkunft desselben?!
HG|1|68|4|0|O Henoch, o Kinder! Des Tigers wundersam vernehmlich starkes Wort wird euch voll erschüttert haben und noch mehr die beschuldeten Kinder dieser Mittagsgegend; allein mich hat es erfreut. Denn einst stand ich nicht nur diesem Geschlecht vor, sondern aller Kreatur vom Größten bis zum Kleinsten wie vom Stärksten bis zum Schwächsten; ja, es standen alle Elemente unter meinem Wort, und Sonne, Mond und Sterne waren nicht stumm für mein Wort und Begehren!
HG|1|68|5|0|Doch es liegt wenig daran, dass ich solches nicht mehr vermag, und ich möchte auch nie mehr darüber trauern oder den Herrn bitten darum, dass Er mir solches alles wieder geben möchte; aber es liegt alles daran, dass wir recht verstehen möchten, den Herrn über alles zu lieben. Denn darinnen ist alles Leben verborgen, – wie in der früheren Macht und Wunderfähigkeit alle Versuchung und mit ihr der Fall.
HG|1|68|6|0|Ein Herr sein, heißt groß, weise und mächtig sein; wenn es aber dem demütig sein sollenden Menschen [zuteil] wird, ein Herr zu sein, wahrlich, dem wird die Demut sauer zu stehen kommen! Hat aber der Mensch seine Herrschaft vor dem Herrn niedergelegt und hat dafür die Liebe erwählt und sich dadurch kleinst gemacht vor dem Herrn, hört, da wird dem Kleinen die Demut leicht werden!
HG|1|68|7|0|Oder was soll der noch geben dem Herrn, der durch seine Demut und Liebe sich zum Eigentum des Herrn gemacht hat?! Sind wir aber nur einmal dem Herrn in der Liebe zu eigen geworden, was bedarf es da noch mehr einer Herrschaft?!
HG|1|68|8|0|Geht denn nicht ohnehin die Stärke des Herrn über alles? Sind wir aber der Liebe des Herrn, so werden wir wohl auch der Macht und Stärke des Herrn sein! Und so wird der Schwächste im Herrn stärker sein in allem denn der Stärkste aus sich, und würden ihm auch alle Elemente untertan sein!
HG|1|68|9|0|Was half mir solche Macht von Gott dereinst? Ahbels Schwäche im Herrn hat alle meine Macht aufgewogen! O Herr! Siehe, nun bitte ich Dich nicht mehr um Macht und Stärke, sondern um Schwäche bitte ich Dich, auf dass ich Dich in der demütigsten Vernichtung meines Selbstes über alles zu lieben vermöchte; denn habe ich nur Dich erfasst im Herzen, o Herr, dann ist mir die ganze Welt und alle ihre Macht und Stärke gleich einem verdunsteten Tautropfen, der war und nun nicht mehr ist.
HG|1|68|10|0|O Kinder! Sehet, das ist es, darum mich heiter gemacht hat das Wort des Tieres; nicht darum, als dass ich dächte, der Herr hätte mir meine frühere Macht und Weltherrlichkeit wieder verliehen, o nein, sondern, dass ich in meiner demütigen Schwäche ein neues Eigentum der Liebe des Herrn geworden bin! Denn meine Schwäche zagte, zu berühren die Zunge des Tieres; aber das mächtige Wort des Herrn stärkte meines Fingers Spitze, und dieser löste dem Tier die Zunge, zu sprechen Worte der Weisheit. O Kinder, das ist unendlichmal mehr, als zu verstehen die Natur aller Schöpfung; menschlich nur ist das Erste, aber rein göttlich das Zweite, und es ist nichts damit zu vergleichen!
HG|1|68|11|0|Und nun höret, Kinder! Zum Schluss sei noch ein Wort an euch gerichtet. Damit der weisen Mahnung des Tieres Genüge werde, so lasst all die Kinder uns nähertreten und zuerst vernehmen ein Wort von mir, dann eines von Seth und endlich eines vom Henoch; dann aber sollen Enos und Kenan ihnen den morgigen Tag verkünden, und sobald heute die Sonne sich gen Abend neigen wird, sollen sie von aller Arbeit ruhen.
HG|1|68|12|0|Bevor wir aber diese Gegend verlassen werden, soll auch Asmahael über diese Gegend von seinem Träger [herab] einiges sagen im Vergleich zur Tiefe, damit den Kindern ein lebendiges Zeugnis ihrer Torheit gegeben wird; dann eine kleine Stärkung, darauf Segen und Abgang! Amen.“
HG|1|68|13|0|Und alsobald nahte sich Henoch der Schar, ermutigte sie, und sie, die Kinder des Mittags, traten hinzu und erwarteten unter großer Furcht und großem Zittern, was da über sie kommen möchte.
HG|1|68|14|0|Als nun allesamt eine ordentliche, altersrangmäßige Stellung eingenommen hatten, da erhob sich Adam vor ihrem Angesicht und begann folgende denkwürdige Rede an sie zu richten, sagend nämlich:
HG|1|68|15|0|„Kinder, die ihr bewohnt die Gegend, darüber, von meiner Wohnung besehen, die Sonne über die Mitte des Tages steht, sagt oder bezeugt es mir, dem Stammvater der Stammväter, ob ihr wohl verstanden habt das Wort, das da war ein ungeheucheltes Wort aus dem Munde der unverdorbenen Natur der sonst sprachlosen Tiere!“
HG|1|68|16|0|Und die Kinder bejahten es und bekannten ihre Schuld unter gewaltigen Tränen der Reue. Und Adam fuhr fort zu reden, sagend:
HG|1|68|17|0|„Wohl euch, dass ihr bereut euren Frevel; denn der Herr nimmt es ernst mit Seinem Volk! Und ihr möchtet füglich gerichtet worden sein, und eure Schultern wären mit Unheil belastet worden, so euch nicht gereut hätte, davon euch eben dieses Tier abgehalten hat.
HG|1|68|18|0|Meint ihr, euer Ungehorsam hat darob aufgehört, ein Ungehorsam zu sein und eure Sünde eine Sünde, dieweil ihr zurückgekehrt seid? Mitnichten, sage ich; denn nicht Furcht vor dem Herrn, noch weniger die Liebe zu Ihm hielt euch ab, zu vollziehen euer frevelhaftes Vorhaben, – nein, sondern die Furcht vor der Stärke dieses wider euch zeugenden Tieres!
HG|1|68|19|0|Und so wurdet ihr gerichtet vom Herrn durch dieses Tier zu eurer großen Schande; denn der Herr hat euch eure Herrlichkeit genommen und erfüllte dafür euer Herz mit großer Angst und Furcht vor dem, das euch fliehen sollte, des Herren ihr sein solltet!
HG|1|68|20|0|O seht, zu welchen Sklaven euch euer Ungehorsam gemacht hat!
HG|1|68|21|0|Wahrlich, hättet ihr eure Freveltat nicht wohl bereut, dieses Tier wäre euch ein grausamer Richter geworden!
HG|1|68|22|0|Aber es ist nicht hinreichend, dass ihr eure Tat bereut ob der großen Schande, mit welcher euch der Herr geschlagen hat, oder dass ihr eure Tat bereut, weil euch der Herr entzogen hat einen großen Teil Seiner Gnade und euch gestellt hat an die Grenzmarke Seiner Erbarmung, oder weil der Herr dieses Tier, euren Richter, euch gestellt hat zu einem Zeugen und es nun vollends wunderbar erweckt hat zu einem Redner wider euch, sondern: So ihr eure Tat oder euer Vorhaben wahrhaft bereuen wollt, so dankt mit freudigem Herzen dem Herrn, dass Er euch noch behalten hat im Gericht, und weint darüber, dass ihr nur einen Augenblick Seiner so unendlichen, überheiligen Vaterliebe habt vergessen können, da euch doch täglich die Sonne vom Himmel laut zuruft: ‚Kinder, euer guter, heiliger Vater hat mich für euch geschaffen; erkennt Seine große Liebe!‘ – und der Mond euch zuruft: ‚Kinder, hört, euretwegen schuf mich euer liebevollster, guter, heiliger Vater zum treuen Wächter und steten Begleiter der Erde, auf dass ich beständig euch ein Zeuge sei Seiner unendlichen Liebe!‘ Und all die Sterne rufen euch zu: ‚O Kinder, unsere Zahl ist groß und hat kein Ende; wir sind zumeist Sonnen ferner Welten, die alle da entsprechen eurem Wesen teilweise, für jedes Atom einzeln, wie in der Vervielfältigung derselben bis ins Unendliche! Seht, für euch sind wir gemacht, für euch die ganze Unendlichkeit! O seht und erkennt, wie mächtig, groß, liebevoll, gut und heilig euer Vater ist!‘
HG|1|68|23|0|Und die ganze Erde ruft euch zu: ‚O Kinder, hört, ich und alles, was ich trage, ist für euch! Wie eine zärtliche Mutter muss ich euch tragen durch endlose Räume, euch täglich an meinen stets offenen Brüsten saugen lassen, muss mich wenden und drehen, auf dass euch Tag und Nacht werde, damit ihr, wie Kinder spielend, nach eurer Beschäftigung eine Ruhe habt! O Kinder, wer vermöchte sie zu zählen, die zahllosen Arbeiten, die ich in und außer mir euretwegen verrichten muss! Seht, alles dieses hat euer guter, heiliger Vater aus übergroßer Liebe zu euch also angeordnet!‘
HG|1|68|24|0|O Kinder, fragt das Wasser, – es wird euch dasselbe sagen; fragt die Täler, die Berge, – sie werden euch dasselbe sagen; fragt all das Gras, die Pflanzen, die Gesträuche, die Bäume, fragt die Tiere alle, – ihr werdet von überall ein und dieselbe Rede vernehmen; ja, jeder Tautropfen wird es euch laut verkünden und jedes Sonnenstäubchen zulispeln, dass Gott Jehova und Herr unser aller guter, liebevollster, heiliger Vater ist und uns gesetzt hat zur völligen Ausbildung unter lauter liebevolle, wohltuende Wunder Seines Vaterherzens, damit wir uns in der Liebe zu Ihm so befähigen sollen, stets größere und größere Wohltaten und Seligkeiten zu empfangen und endlich die unaussprechlichste selbst: das ewige Leben in Seinem Schoße!
HG|1|68|25|0|O Kinder, sehet, sehet, wie gut unser heiliger Vater ist; und wie konntet ihr auch nur einen Augenblick Seiner vergessen, und das noch dazu einer so nichtigen Sache halber!
HG|1|68|26|0|Und nun, so ihr euren Ungehorsam wahrhaft bereuen wollt, da ist es, darin sucht und erkennt den wahren Grund eurer Reue; denn alles andere ist eitel und unnütz!
HG|1|68|27|0|Wir alle sind der ewigen Liebe entsprossen und sind darob Kinder ein und desselben heiligen Vaters, der da wohnt in Seiner ewigen Glorie und Heiligkeit unendlich und in Seiner Liebe bei uns und wir bei ihm. Daher muss uns auch alles an Seiner Liebe gelegen sein. Denn nur in und durch die Liebe sind wir Seine Kinder; nur durch die Liebe können wir Ihn als Gott und Herrn würdig preisen; durch die Liebe können wir Ihn erkennen; in der Liebe können wir uns Ihm nähern und so nur, durch und in der Liebe, leben und das ewige Leben finden und erhalten.
HG|1|68|28|0|Gott in Seiner Heiligkeit ist unzugänglich, in Seiner Weisheit unerforschlich, in Seiner Gnade unermesslich, in Seiner Macht über alles fürchterlich, in Seiner Stärke ewig unüberwindlich. Sein Licht ist ein Licht alles Lichtes und Sein Feuer ein Feuer alles Feuers. Und so ist Er in allem diesem ein unantastbarer, uns auch ganz fremder Gott, der uns nicht will und uns ewigdar von Sich stößt; aber eben dieser Gott ist auch die allerhöchste Liebe Selbst. Diese Liebe sänftet Sein Göttliches so sehr, dass Er uns will; und so wir Ihn lieben, so ergießt Er Sich dann aus allem Seinem Göttlichen durch die Liebe zu uns, macht uns zu Kindern und gibt Sich uns dann als der beste, allerliebevollste, heilige Vater in allem, was wir nur ansehen mögen, zu erkennen, mehr und mehr zu lieben, zu genießen und endlich im freien, ewigen Leben selbst als solcher vollends zu erschauen.
HG|1|68|29|0|Daher bedenkt wohl, Kinder, wer und was Gott ist, – und wer und was unser heiligster Vater ist, und handelt danach getreu! Amen.“
HG|1|69|1|1|Seths Trostrede an die Kinder des Mittags
HG|1|69|1|0|Und siehe, als die Kinder solche Rede aus dem Munde Adams vernommen hatten, da schlugen sie sich auf die Brust und weinten ernste Tränen der Reue, dass sie kaum besänftigt zu werden vermochten. Denn sie sahen nun wohl ein, was sie verloren hatten; aber das Verlorene wiederzuerhalten, sahen sie keinen Weg und glaubten sich als schon vollends gerichtet.
HG|1|69|2|0|Als aber Adam sah ihre ernste Reue, sprach er zum Seth: „Höre, mein geliebter Sohn, erhebe dich, öffne deinen Mund, und richte ihre Herzen auf voll Frieden und Liebe zu Jehova! Amen.“
HG|1|69|3|0|Und alsobald erhob sich Seth und fing an, folgende sehr denkwürdige Rede an sie zu halten, sagend nämlich: „Höret, Kinder, die ihr da vor unseren Augen und Ohren weint gerechter Reue Tränen! Unser Gott und guter heiliger Vater ist zwar ein allergerechtester Herr, aber auch ein aller Liebe vollster Vater voll Erbarmung. Denkt, dass wir keine Handlung begehen können, die Gott als Gott kümmern oder zuwider sein könnte; denn welcher Unterschied wäre im Grunde, ein Sonnenstäubchen oder eine Welt zu zerstören?!
HG|1|69|4|0|In Beziehung auf Gott ist sowohl eines wie das andere ein pures Nichts, – wie auch wir alle zusammen nichts sind gegen Ihn. Wie aber könnte oder möchte das Nichts etwas begehen an dem Nichts, das da etwas wäre im Anbetracht gegen Gott,
HG|1|69|5|0|ingleichen es auch uns nicht kümmert, was die fast gänzlich unsichtbaren Tierchen unter einem modernden kleinsten Blättchen, das ein leiser Hauch dem Moos entführte und mit einem daranhängenden Tautröpfchen ins Meer fallen ließ, machen! Jedoch ist dieser Vergleich fast eben gar kein Vergleich gegenüber dem, wie unendlichmal viel weniger eine ganze Welt samt uns gegen Gott ist. Und so sind wir und all unser Tun und Lassen soviel als gar nichts gegen Gott.
HG|1|69|6|0|Aber höret! Eben dieser Gott hat denn doch eines, das Ihn gar sehr kümmert, und dieses eine ist eben Seine eigene, ewige Liebe selbst, durch welche wir – und alle Dinge unseretwegen – entstanden sind. Durch und in dieser Liebe ist Gott unser Vater und wir Seine Kinder. In dieser Seiner Liebe kümmert Ihn das Unbedeutendste wie das Allergrößte in gleicher Sorgfalt; und so gibt sich auch mit dieser Liebsorge in allen Dingen Seine unverkennbare Göttlichkeit und väterliche Liebe kund.
HG|1|69|7|0|Der Liebe Gottes ist demnach auch nicht einerlei, wie wir handeln, ob so oder so. Wenn wir die Liebe zwar für selbständig betrachten, so ist auch diese so beschaffen, dass sie blind ist gegen alle Handlungen ihrer Kinder gleich einer zärtlichen Mutter gegen ihren Säugling; allein, es wäre aber Gott ohne Liebe kein Gott, und die Liebe ohne Gott wäre keine Liebe. Und so sind Gott und dessen Liebe ein Wesen und ist Gott mächtig in Seiner Liebe und die Liebe heilig durch Gott. Und dieser also einige Gott ist samt und sämtlich unser liebevollster, heiligster Vater, wie wir nach Seinem Ebenbild vollkommen Seine Kinder sind, da auch wir ein Herz und in ihm einen Geist der Liebe haben, wie in unserem ganzen Wesen eine lebendige Seele voll Verstand, dass da auch der Verstand ist gleich dem Wesen Gottes für sich und die Liebe des Geistes im Herzen mit ihrem freien Wollen gleich der Liebe in Gott. Und wenn aus der Seele und aus dem Geist ein Wesen wird durch das freie Wollen, so sind dann auch wir vollkommen Gott in allem ähnlich und somit erst Seine Kinder.
HG|1|69|8|0|Wie aber Gott für uns in der Liebe nur Gott ist und unser aller liebevollster, heiligster Vater, so können auch wir nur in der Liebe Seine Kinder werden. Die Vereinigung Gottes mit Seiner Liebe ist aber gleich dem Gehorsam. Wenn wir nun in unserem fürwitzigen Verstand gehorchen den empfundenen Anforderungen des Geistes und vereinigen somit das Licht mit der Liebe, so werden wir dadurch Kinder der Liebe voll Weisheit, voll Wohlgefallen Gottes und Kinder voll des ewigen Lebens.
HG|1|69|9|0|Nun sehet also, liebe Kinder: Da ihr im Fürwitz des Verstandes ungetreu geworden seid eurer innersten Liebe aus Gott in euch, so wurdet ihr ungehorsam in eurer Seele wie eurem Heiligtum, so auch der Liebe in Gott. Eure Liebe hat sich dann zurückgezogen; ihr lebtet nur in eurer Seele, nach äußerer Ausdehnung (wenn’s möglich wäre ins Unendliche) strebend. Nun urteilt selbst und sagt, was da fester sei: ein sich nach allen Seiten ausdehnender Nebel, wenn auch seine flüchtige Größe ganze Weltgegenden umhüllt, oder ein kleines, rundes, gleich einem Tautropfen durchsichtiges Steinchen? Seht, darin auch liegt der Grund eurer Furcht und der Grund eurer Blindheit!
HG|1|69|10|0|Ist das Steinchen nicht also fest, dass es niemand zu zermalmen vermag und widersteht jedem Sturm, jedem Druck, jedem Schlag?! Ja, ihr saht zwar den Tiger einen mächtigen Stier plötzlich zerreißen in kleine Stücke; aber wahrlich, hätte dieser Tiger in ein solches kaum eigroßes Steinchen gebissen, um seine ärgste Waffe wäre es geschehen gewesen! Und hätte er es als Ganzes verschlungen, so würde er seinen Tod verschlungen haben, und in seiner Verwesung wäre das Steinchen unversehrt geblieben!
HG|1|69|11|0|Sehet Kinder, diesem Steinchen gleicht der Mensch in seinem Gehorsam, – dem Nebel aber als purer, äußerer Verstandesmensch! Geschieht es aber nicht, dass, wenn Winde Nebel an Nebel drängen, daraus Wassertropfen werden und, wenn mehrere und viele solcher Tropfen zusammenfließen, am Ende einen See ausmachen?! So aber die große Schwere der Wassermasse in der Tiefe sich sehr drückt, so ergreifen sich unter solchem Druck endlich seine Teilchen und bilden einen durchsichtigen Stein, der dann ist ein fester Strahlenstein, einerlei mit Thummim, der da ein Sinnbild ist und ein großes Wahrzeichen des wiederkehrenden Gehorsams durch die wahre Reue.
HG|1|69|12|0|Sehet, ihr seid durch euren Ungehorsam zum Nebel geworden! Es kamen aber nun allerlei Winde und drängten und ängsteten euch von allen Seiten. Ihr empfandet den Druck und weintet Tränen des Schmerzes. Sehet, da ist der Regen! Aber es ist nicht genug, dass ihr zu Wasser wurdet gleich den einzelnen Tropfen, sondern ihr musstet zu einem See werden in eurer Reue. Ihr seid es nun geworden. Es drückt euch zwar jetzt mehr denn früher in der Tiefe eures Lebens; aber hört und seht und begreift wohl: Durch eben diesen jetzigen letzten Druck hat sich euer zweifaches Leben gleich den Wasserteilchen wieder ergriffen, und ein neuer Stein des Lebens und der wahren Weisheit hat sich in euch gestaltet. Darum seid froh und voll heiteren Mutes; denn nicht, um euch zu verderben, sind wir gekommen, sondern dass euch ein neues Leben werde in der wahren Liebe zu Gott, unser aller heiligstem Vater. Amen.“
HG|1|69|13|0|(NB. Höret, das ist der sogenannte Stein der Weisen, den die Welt nimmer zu finden vermag, noch je mehr finden wird.)
HG|1|70|1|1|Henochs Rede über den Samen des Lebens
HG|1|70|1|1|Am 1. März 1841
HG|1|70|1|0|Als nun die Kinder solche liebweise Rede aus dem Munde Seths vernommen hatten, da hoben sie ihre Häupter empor, blickten gen Himmel und dankten Mir und priesen Mich aus vollem Halse darob, dass Ich den Seth erweckte und ließ durch seinen Mund ihnen solchen wunderbar heilsamen Trost verkünden.
HG|1|70|2|0|Adam aber, mit gerührt, sagte: „Da ihr nun empfangen habt von mir ein Wort der Weisung und vom Seth ein rechtes Wort des Trostes, so bereitet euch denn vor und öffnet weit eure Herzen, zu empfangen auch ein Wort des Lebens aus dem Munde Henochs! Ihr seid durch mich ein gedüngter Acker geworden, welchen Seth aufgelockert hat mit seiner Zunge; aber es liegt noch der lebendige Same nicht in der Furche eures aufgelockerten Herzens. Henoch ist von oben zum Sämann bestellt; daher empfangt von ihm den Samen des Lebens! Amen.“
HG|1|70|3|0|Und alsobald richtete sich Henoch auf, richtete sein Herz zu Mir und flehte Mich in seiner Liebe, die unbeschreiblich groß war, um die Erbarmung und Gnade an, auf dass Ich ihn erfüllen möchte mit Worten des Lebens, damit durch sie belebt werden möchten, die da getrauert und geweint haben in Meinem Namen, dem sie durch ihr eitles Unternehmen ungetreu geworden sind.
HG|1|70|4|0|Und alsbald erweckte Ich vollends Henochs Herz; er aber erkannte alsobald ein helles Licht in seinem Herzen lodern und sah zum ersten Mal eine helle Feuerschrift in seiner Seele und erkannte wohl aus selber, dass es war ein lebendiges Wort aus Mir. Er dankte Mir inniglich, öffnete endlich seinen Mund und begann folgende, äußerst denkwürdige Rede an alle zu richten, sagend:
HG|1|70|5|0|„O Väter und ihr Kinder im Mittag! Höret alle, was der Herr, unser Gott und heiligster Vater, spricht!“
HG|1|70|6|0|Und siehe, als aber die Väter solchen doppelten Aufruf vernommen hatten, nahm es sie ein wenig wunder, wie denn auch sie nun zu diesen Mittagskindern sollten hinzugezogen werden.
HG|1|70|7|0|Henoch aber sprach: „O Väter, solltet ihr denn vom Leben ausgeschlossen werden, wenn diese Mittagskinder das Leben empfangen? Denn nun rede durchaus nicht ich, sondern der Leben hat und Leben gibt aus jeglichem Wort, das Seiner unendlichen Liebe entstammt, redet aus meinem Munde!“
HG|1|70|8|0|Seth aber richtete sich alsobald auf und sagte eilends: „O Henoch, das sei ferne von uns allen! Höre, wir wissen es gar wohl, woran es uns gar gewaltig gebricht; daher rede du nur zu und gebe uns, auf dass auch wir zum Leben gelangen möchten! Amen.“
HG|1|70|9|0|Und so fing Henoch nun an, die eigentliche Rede von sich zu geben, sagend: „Wahr ist es, gedüngt ist der Acker und gefurcht sein Grund; aber der Same mangelt noch in den Furchen. Woher aber sollen wir den Samen nehmen, um ihn zu leblegen in die Furchen, auf dass er in selben zur lebendigen Frucht gedeihe?
HG|1|70|10|0|O Väter und Kinder des Mittags! Der Same ist die Liebe; die Liebe ist das Leben, und das Leben ist das Wort. Das Wort aber hat von Ewigkeit in Gott gewohnt. Gott Selbst war im Wort, wie das Wort in Ihm. Alle Dinge und wir selbst sind entstanden aus diesem Wort, und dieses Wort vermag niemand auszusprechen denn allein Gott. Es ist aber dieses Wort der eigentliche Name Gottes, und niemand vermag diesen Namen auszusprechen, und es ist dieser Name die unendliche Liebe des heiligsten Vaters, und wir sollen diese Liebe erkennen in uns und mit dieser Liebe dann lieben aus allen Kräften und Mächten Den, dessen Liebe wir und alles das überfröhliche Dasein verdanken.
HG|1|70|11|0|Das aber ist das ewige Leben, dass wir es als solches erkennen in der Liebe zu Gott, das heißt: dass wir die Liebe mit unserer Liebe in Gott, unserem heiligsten Vater, erkennen und das ewige Leben in ihr.
HG|1|70|12|0|Wenn wir aber betrachten unser leiblich Auge und gewahren, welche großen Fernen wir mit ihm erreichen können, so ist es ja klar und wahr, dass uns solches Licht nicht zum Stehen, sondern zum Gehen und Tätigsein verliehen wurde. Wer aber vermöchte wohl zu zweifeln, dass jemand nicht möchte ein erschautes Ziel erreichen, da er dazu noch versehen ist mit zwei Füßen, die ihn ans erschaute Ziel zu bringen vermögen?!
HG|1|70|13|0|Wenn uns aber die innere Gefühlssehe ebenso gut wie die Augen und Füße verliehen ist und wir erschauen mittels dieser Sehe die Liebe in uns, so haben wir dann ja auch gleich den Füßen des Leibes den freien Willen, vermöge welchem wir dieses Ziel alles Lebens kräftig verfolgen können, und sogestaltet unser ganzes Wesen zur Liebe hinzubringen, um es dann von ihr ganz ergreifen zu lassen, auf dass dasselbe lebend werde durch und durch.
HG|1|70|14|0|Und haben wir solches vollführt, wie sollte da das ewige Leben nicht unser sein, wie es das Licht der Augen des Leibes ist?! Oder meint ihr, es sei dieses Leben ein Blendwerk? Da frage ich, sind wir uns denn gegenseitig ein solches, und all die Dinge, die wir schauen?!
HG|1|70|15|0|So wir aber die Rinde schon für kein Blendwerk halten mögen, wem könnte es hernach noch beifallen, das Holz und das innerste Mark des Lebens für ein Blendwerk zu halten?!
HG|1|70|16|0|Oder meint ihr, der Herr habe bloß nur lebende Maschinen zum Gras- und Fleischfressen erschaffen, um Sich etwa daran zu ergötzen?! O wahrlich, Seine allerhöchste Weisheit möchte wohl eines höheren Vergnügens fähig sein, als dass sie genötigt wäre, sich grasfressende Maschinen zu erschaffen, um dann vergnügt beobachten zu können, wie diese das Gras und noch anderes in den stinkenden Unrat verkehren! O der Schande des Unglaubens!
HG|1|70|17|0|Oder meint ihr in der großen Beschränktheit eurer Ideen, so ihr etwas macht und hervorbringt ein beschränktes Werk – so in der Zeit wie im Raum –, auch Gott, der Unendliche, sei gleich euch auch beschränkter Ideen fähig?! Oh, welch eine Unart gegen die Heiligkeit Gottes!
HG|1|70|18|0|O zeigt mir an das Geschöpf, das ihr gänzlich zu vernichten vermöchtet! Zeigt mir etwas, das da nicht in sich enthielte Unendliches! Teilt im Geiste das kleinste Stäubchen, und zeigt mir dann die letzten Teile, an denen keine weitere Teilung mehr möglich sein sollte, – oder zeigt mir ein Samenkorn, das da nicht einer unendlichen Vermehrung fähig wäre!
HG|1|70|19|0|Da uns aber schon diese nichtigen Dinge die Unendlichkeit der göttlichen Ideen zeigen, wie töricht und überaus blind wäre es, nur zu denken, dass Gott mit jenen Wesen, die Er mit dem lebendigen Gefühl des ewigen Lebens in der Liebe zu Sich gar wohl versehen hat, eine zeitlich beschränkte Idee sollte verbunden haben, – Er, der Unendliche, der über alles Erhabene, der Heilige, Ewige voll Liebe und alles Lebens!
HG|1|70|20|0|O Väter und ihr Kinder des Mittags, höret diese Worte; sie kommen aus der heiligen Höhe des liebevollsten Vaters!
HG|1|70|21|0|Wir haben kein Gebot außer das des ewigen Lebens, welches ist die Liebe und lautet: ‚Du sollst Mich, deinen Gott und heiligen Vater, lieben aus und mit aller der Liebe, die Ich dir gab von Ewigkeit her zum ewigen Leben und als ewiges Leben! So du Mich liebst, so verbindest du dich wieder [mit] Mir, und deines Lebens wird nimmer ein Ende sein; unterlässt du aber solches, so trennst du dich vom Leben. Dein Leben wird zwar darob nicht aufhören; auch werde Ich darum ewig nicht aufhören, dein richtender Gott zu sein; und wirst du auch, von Meinem Leben getrennt, fallen den ewigen Räumen Meiner Zorntiefen entlang, wahrlich, nicht außer Mir wird dein ewiger Fall sein! Mich, deinen Gott, wirst du nie verlieren; aber deinen liebevollsten, besten, heiligen Vater und mit Ihm ein ewiges, freies, wonnevollstes Leben, siehe, das wirst du verlieren.‘
HG|1|70|22|0|O Väter und ihr Kinder des Mittags! Dies einzige Gebot haben wir; dieses ist jedem Kind schon tief ins Herz geschrieben. Dieses Gebot ist der lebendige Same, den ihr alle in eure Herzen säen müsst, wollt ihr leben als Kinder eines heiligen Vaters, der da Gott ist heilig, heilig, heilig von Ewigkeit zu Ewigkeit.
HG|1|70|23|0|Ihr Väter habt zwar viel gesprochen vom Gehorsam und habt dadurch die Herzen dieser Kinder gar wohl aufgelockert; ich sage aber, wer da liebt, kann den Gehorsam wohl zu Rate halten. Ist denn der Gehorsam nicht der geistige Weg zur Liebe, welche das Ziel alles Lebens ist? Hat aber jemand auf diesem Weg das Ziel erreicht, sagt, wohin sollte er hernach auf diesem Weg noch wandeln?
HG|1|70|24|0|Daher, so jemand dem Ziel noch ferne ist, der tut wohl, dass er so lange geht, bis er es erreicht hat; hat er es aber erreicht, da ergreife er es mit allen seinen Kräften und halte es fest, das heißt: er liebe Gott über alles, so hat er alles empfangen. Er hat den Vater des Lebens für ewig gefunden, und seiner Freiheit wird fürder kein Ende sein.
HG|1|70|25|0|Und so nehmt denn hin diesen teuren Samen des Lebens, ihr Väter und ihr Kinder! Gott Selbst hat ihn mir für euch gegeben. O Liebe! Du bist dieser lebendige Same; so belebe denn die Herzen der Schwachen und Toten! Amen, amen, amen.“
HG|1|71|1|1|Das ewige Leben kann nicht erlernt werden
HG|1|71|1|0|Und höre, es hatte aber diese Rede beinahe alle stumm gemacht; denn sie verstanden nun gar wohl die Rede Henochs und dachten nur bei sich über all die Irrtümer nach, von denen sie bis jetzt sämtlich so hart befangen waren. Und auch ihren Kindern gingen die Augen weit auf; sie erkannten sich wieder und Mich mehr und mehr durch ihre aufwachende Liebe in sich. Und es begriffen nun erst auch vollends von Adam bis Jared die Hauptstammkinder die Grottenrede Henochs und verstanden vollends den Sinn der Grotte. Und Adam dachte viel über den Aufgang der Sonne nach und verstand selben. Seth aber richtete sich auf, blickte gen Himmel und dankte Mir für dieses große Geschenk; und seinem Beispiel folgten alle, die zugegen waren, und lobten und priesen Mich über die Maßen in ihren Herzen.
HG|1|71|2|0|Es trat aber eines der Mittagskinder, die da waren aus der Linie Seths und Enos’, hin zum Henoch, verneigte sich tief vor ihm und sagte: „Henoch, sehe, hier vor dir stehe ich im Namen aller; mein Name ist Sethlahem (das heißt: ‚Ein mit Weisheit hochbegabter Sohn Seths‘).
HG|1|71|3|0|Mein Erstes ist, durch dich abzustatten den allergebührendsten Dank an den heiligen Geber solcher hohen Gnade. Denn da du dem Herrn am nächsten bist und hast dessen lebendiges Wort, so ist es auch wohl am füglichsten, dass du das Mangelhafte unseres Dankes gegen den Herrn für eine so große Wohltat ergänzt. Denn da ich die Weisheit erhielt vom Herrn, so tat ich, was mich diese lehrte, und konnte auch nicht mehr tun, da meine Weisheit hinreichend fand, was ich tat. Allein das du hier lehrtest in deiner Lebenssprache, ist mehr denn alle Weisheit aller Menschen; es ist die Wurzel alles Lebens und der ewige Grund aller Weisheit, – ja, es ist Gott, den du hier verkündest! Und siehe, da reicht meine Weisheit nicht aus, um Diesem den gerechten Dank abzustatten; daher tue du an meiner Stelle, was des Rechtens ist! Das andere aber, das mich nach dir verlangte, ist, dass du mir gestatten möchtest, zu dir in die Schule zu kommen, damit du mich lehren möchtest den Weg, den du gegangen bist, dass dir geworden ist in einer solchen Tiefe das Leben aus Gott.
HG|1|71|4|0|O Henoch, verarge mir nicht diese Doppelbitte; denn meine Weisheit sagt es mir, dass du ein rechter Seher Gottes bist. Denn des Allerhöchsten Liebe hat voll gemacht dein Herz, und angerührt ward deine Zunge durch das Feuer, das da übermächtig dem Finger Gottes entströmt. Oh, so zeige dem Sethlahem, wie und wann dir solches geworden! Amen.“
HG|1|71|5|0|Henoch aber erhob sich alsobald und sagte: „Höre, Sethlahem, wozu des Rühmens? Hast du denn die Weisheit darum erhalten, dass du mit ihr ausgingest zu rühmen, was des Rühmens nicht wert ist, und weißt nicht zu rühmen Den, dem doch allein nur aller Ruhm gebührt?! Oder meinst du, das Leben lasse sich auch erlernen wie solche Weisheit, die du erlernt hast mit kaltem Herzen, auf dass du ein Meister in der Weisheit würdest?!
HG|1|71|6|0|O Sethlahem, Sethlahem! Sehe zu, dass du nicht erstickst in deiner eitlen Wissbegierde!
HG|1|71|7|0|Sehe hier einen Feigenbaum und da einen Baum voll schon halbreifer Pflaumen! Was meinst du, so der Pflaumenbaum in die Schule ginge zum Feigenbaum, um von ihm die Kunst zu erlernen, statt der Pflaumen auch Feigen zu tragen auf seinen Ästen gleich dem Feigenbaum, – wird solches wohl füglich je geschehen?
HG|1|71|8|0|Gewiss, so deine Weisheit zu irgendetwas nütze ist, muss sie dich augenblicklich überzeugend gemahnen, dass solches in alle Ewigkeit nicht angehen wird!
HG|1|71|9|0|Aber so jemand nimmt Reiser mit Samen vom Feigenbaum, beschneidet dann allseits den Pflaumenbaum, spaltet die Zweigrümpflein und steckt dann die Samenreiser hinein und verbindet sie sorgfältig mit Erde und Harz, so wird alsobald der Saft des Pflaumenbaumes in den Feigenreisern umgestaltet werden zum Leben des Feigenbaumes; und so werden dann nach nicht gar langer Zeit auf dem so umgewandelten Pflaumenbaum edle Feigen zum Vorschein kommen.
HG|1|71|10|0|Solches zu tun lehrte dich schon lange deine Weisheit; wie ist’s denn aber, dass sie dich nicht auch gelehrt hatte, den Herrn aus allen Kräften zu lieben, auf dass du statt Pflaumen auch Feigen des Lebens zur Frucht gebracht hättest?!
HG|1|71|11|0|Ich sage dir aber, Sethlahem, siehe, Adam hat dich beschnitten wie alle deine Kinder und Brüder, Seth hat euch gespalten, und der Herr hat durch mich nun die Reiser des ewigen Lebens in euch gesteckt; nun sucht durch eure gegenseitige Liebtätigkeit frische Erde und Harz, und verbindet das Leben wohl in euch durch den Glauben, so werdet ihr auch alsobald finden, was du nun fruchtlos bei mir zu erlernen suchtest!
HG|1|71|12|0|Und nun gehe und handle, so wirst du leben! Amen.“
HG|1|71|13|0|Als aber der Sethlahem solche Rede vernommen hatte, da schlug er sich auf die Brust und sagte: „O Henoch, ich erkenne die hohe Wahrheit deiner Rede, allein es ist dir leicht, solche zu reden, da du sie schon hast; denn der Herr hat sie dir gegeben frei aus Sich heraus, ohne dass du darob desgleichen tun mochtest, was zu tun du mich angewiesen hast! O siehe, im Trockenen lässt sich gut ruhen und ohne Pfand leicht nehmen; allein also ist es nicht bei mir! Gar lange schon arbeite ich und ringe unaufhörlich nach dem, das dir ohne Mühe geworden ist; allein es ist umsonst! Für mich ist der Himmel mit Steinen verlegt, und es wäre leichter, in die Erde ein Loch zu graben, das da reichen möchte bis dahin, da sie nicht mehr ist, als zu erlangen einfließend nur einen einzigen Tautropfen des Lebens der Liebe von oben.
HG|1|71|14|0|Dass es aber also ist, – so sehe nur hin auf die hohen Väter, auf dass sie dir zeugen für mich! Sind sie vermöge ihres Standes nicht alle höher denn du und somit dem Herrn auch natürlich näher denn du? Warum aber bleibt ihnen der Herr ferne und wandelt mit dir, Hand in Hand verschlungen?
HG|1|71|15|0|O Henoch, wäre all dieses in dir nicht als eine freie, keineswegs verdiente Sache von oben, vom heiligen Vater gegeben, wahrlich, du würdest bis auf diesen Augenblick reden gleich mir, klagend über den gewaltigen Seelendurst und -hunger!
HG|1|71|16|0|Oder meinst du, dass ich nicht wüsste, es vermöchte kein Baum von dem andern etwas zu erlernen? Siehe, dafür könnte ich deiner Rede Rat halten; denn so wir aber unseren Kindern lehren müssen, das ihnen nottut – als: Gehen, Sprechen, Arbeiten –, um ihnen dadurch die Spur des allerhöchsten Gottes begreiflich zeigen zu können, – sage mir, sind wir denn mehr gegen Gott, als da sind unsere Kinder gegen uns? Ich glaube, wir sind unendlichmal weniger gegen Ihn! Wie soll und könnte uns denn der Weg anders als auf dem Weg des Unterrichts, wie es bei allen Kindern der Fall ist, gezeigt werden?
HG|1|71|17|0|O Henoch, du glaubtest, mit mir leicht fertig zu werden, da du mich zur Bruder- und Gottesliebe verwiesen hast; allein, es soll dir nicht so leicht werden, wie du meinst, meiner los zu werden! Zuvor will ich alles dieses erst an dir wohl gewahren, bis ich es annehme!
HG|1|71|18|0|Aber in deiner kurzen Abspeisung scheint eben nicht der höchste Grad der Nächstenliebe vergraben zu sein; wenn aber die Nächstenliebe ein Seitenstrahl der Liebe zu Gott ist, wahrlich, da weiß ich nicht, was ich von deiner Gottesliebe halten soll!
HG|1|71|19|0|Sehe zu, dass du dir nicht etwa bald selbst der alleinig Allernächste werdest!
HG|1|71|20|0| Ist es recht, dass durch jemandes Rede ein anderer geärgert werde? Siehe, wie sehr mich auch deine erste Rede erbaute, so sehr aber hat mich auch dein jetziges Wort geärgert! Denn ich weiß wohl, dass du ein Seher Gottes bist und hast das lebendige Wort; wüsste ich es nicht, nie käme ich zu dir und möchte lobpreisen ein solches Heiligtum in dir! Dass du mich aber darob tadeltest, da frage ich: Wer hieß dich denn, solches über deinen Kopf zu nehmen und mich darob zu tadeln?!
HG|1|71|21|0|O siehe, es ist nicht fein, den hungrigen, durstigen und weinenden Bruder in Gott so kurz von sich zu weisen!
HG|1|71|22|0|Geduld ist das Erste, und die Demut ist die Seele der Liebe! Henoch, ich weiß, dass du beider Meister bist; warum aber zeigst du mir die Stirne und scheinst das Herz vor mir verschlossen zu haben? Habe ich dir doch nie etwas zuleide getan! Kehre dich daher um, und sei mir ein Bruder in Gott statt ein kalter, trockener Wegweiser! Amen.“
HG|1|71|23|0|Nachdem aber der Henoch solches vom Sethlahem mit der größten, lächelnden Gelassenheit vernommen hatte, richtete er sich wieder auf und begegnete ihm mit folgenden Worten, sagend:
HG|1|71|24|0|„Sethlahem, siehe, wenn es also wäre, wie du laut deiner Rede des Dafürhaltens bist, wahrlich, du hättest mich lange schon zu deinen Füßen weinend erblickt; allein, dem ist es nicht also.
HG|1|71|25|0|Damit du aber meiner nicht verstandenen Rede wegen nicht ungerecht dich ärgernd deine Hütte betreten möchtest, so besänftige dein Herz, und höre, was ich dir sagen werde: Sethlahem, sehe hin in die blaue Ferne, und sage mir an das Gras, die Pflanzen, Bäume und Gesträuche, welcher Art und Gattung sie sind, ob also wie hier, oder ob anders, –
HG|1|71|26|0|was für Gestein, was für Erde, und was für Quellen, ob also wie hier, oder ob anders! Von welchen lebenden Wesen ist es bewohnt? Gibt es vielleicht auch Menschen dort? Und was ist es, das sie jetzt verrichten?
HG|1|71|27|0|Höre, Sethlahem, dein Schweigen sagt es dir, dass du solches nicht weißt! Nun frage ich dich aber: Auf welchem Wege könntest du dir solche Kenntnis wohl am füglichsten verschaffen?
HG|1|71|28|0|Ich setze den Fall, ich selbst wäre schon dort gewesen und hätte daselbst alles beobachtet. Es möchte sich aber fügen, dass mich die Väter in deiner Gegenwart darüber fragten und ich ihnen enthüllte die blaue Ferne. So du aber solches vernähmest und nicht wüsstest, wie, woher und wodurch, sprächst du dann zu mir: ‚Höre, was du nun geredet hast, gefällt mir ganz besonders! Auch ich möchte also sprechen über die Ferne wie du; siehe, ich will darob zu dir in die Lehre gehen, auf dass ich es von dir erlerne, solches zu reden!‘ So ich dir dann erwidern würde: ‚Höre, solches lässt sich mit innerer Überzeugung nicht erlernen für den, der nach innerer Überzeugung trachtet, – und welch ein mühsamer Weg zur reinsten Erkenntnis wäre dieses und wie unfruchtbar!
HG|1|71|29|0|Aber sehe, da über diese Berge geht der nächste Weg dahin! Bemühe dich dahin, und sei versichert, in drei Tagen bist du wieder hier und wirst gleich mir darüber Reden voll Weisheit führen können, wie solche zu führen mit innerer Lebenskraft du sonst in Jahren nicht erlernen möchtest!‘
HG|1|71|30|0|Nun kämest du aber wieder zu mir und möchtest mich ob solches kurzen, aber wahrheitsvollen Rates des Mangels der Liebe beschuldigen! Sage dir selbst, wie verhält sich eine solche Beschuldigung als lieblos zu solchem Rat, nach welchem du sicher in drei Tagen das erreichen mögest, was dir sonst wohl kaum Tausende von Jahren geben möchten?!
HG|1|71|31|0|Siehe, da hast du mit deiner Weisheit einen scharfen Hieb in den Wind gemacht!
HG|1|71|32|0|Der Weg ist dir gezeigt. Hast du den Mut nicht, allein ihn zu wandeln, so komme und prüfe mich, ob als Bruder ich dich mit aller Liebe geleiten werde oder nicht; ich glaube aber, darin möchtest du schwerlich je einen Klagegrund finden!
HG|1|71|33|0|Aber so ich dir tun möchte nach deinem törichten Verlangen, siehe, da müsste ich dir wohl eher Feind werden, auf dass ich vermöchte, in meiner Verworfenheit dich, meinen lieben, armen Bruder in Gott und Adam, zu betrügen!
HG|1|71|34|0|Siehe, das Wissen wird dir ewig nichts nützen zum Leben; aber so du handeln wirst nach der Wahrheit, so wirst du das Zeugnis der Wahrheit finden, und es wird sein das Zeugnis der Liebe – und die Liebe das ewige Leben in Gott! Amen, amen, amen.“
HG|1|72|1|1|Asmahaels merkwürdige Rede
HG|1|72|1|1|Am 9. März 1841
HG|1|72|1|0|Und als der Sethlahem solche Rede vernommen hatte, fiel er vor dem Henoch nieder und sprach: „O Henoch, deine große Weisheit hat mich zunichte gemacht, dass es mir nun vorkommt, als wäre ich nimmer vorhanden; aber ich merke, dass ich dich in meiner Vernichtung nun mehr verstehe als zuvor in meiner Weisheit! Und so nehme hin meinen Dank für solche deine große Geduld, die du mit mir hattest und wurdest nicht ärgerlich über meine große Torheit, die mich frech genug werden ließ, dass ich mich darob unterfing, dir unter dein liebeerhelltes Antlitz zu treten und mit dir zu rechten, der du ein lebendiges Werkzeug in der Hand des allmächtigen, heiligen Vaters bist!
HG|1|72|2|0|Siehe, meine Augen hast du zwar blind gemacht, und ich sehe noch nicht, was des Rechtens ist; aber ich nehme nun ein anderes Licht in mir wahr, das mir zeigt eine neue Bahn, zwar matt erleuchtet noch, aber eine Bahn, die mich in einem Augenblick weiterbringen wird, als mich das fruchtlose Licht meiner Augen in vielen, ja schon in sehr vielen Jahren gebracht hat.
HG|1|72|3|0|O Henoch, sollte auf dieser neuen Bahn mein Fuß auf irgendeine sehr lockere Stelle treffen, dann lasse mich zu dir kommen, auf dass du mir zeigen möchtest, ob ich rechten Weges wandle.
HG|1|72|4|0|O Henoch, rufe mir zu, wenn du mich in meiner Blindheit wirst einen Irrtritt machen sehen! Amen.“
HG|1|72|5|0|Und Henoch erwiderte ihm, sagend: „O Sethlahem! Siehe, du hast einen redlichen Willen und bist voll guten Eifers, dass dir darob ein Lob gebührt; aber eines noch ist zu tadeln an dir, und das ist, dass du das, was nur allein Gott, unser aller heiligster Vater, Seinen Kindern geben kann, bei mir, ebenfalls nur einem schwachen Menschen, suchst und so auch das Werkzeug statt des Meisters lobst!
HG|1|72|6|0|Meinst du denn, ich sei erbittlicher denn die unendliche Liebe und Erbarmung des ewigen, heiligen Vaters?! O Sethlahem, lasse dich nimmer betören von der geheimen Torheit deines Herzens, und wende dich nie eher zu den Menschen, als bevor du dich im innersten Grunde gewendet hast voll Liebe und Reue zu Gott! Und solltest du unerhört bleiben längere Zeit, sodann denke erst, dass alle allerbesten Menschen gegen Gott eitel böse und lieblos sind, und dass Gott dir doch lange eher alles geben wird, bevor dich das mitleidigste Menschenauge auch nur eines Blickes würdigen wird.
HG|1|72|7|0|Was aber uns betrifft, so sind wir ja ohnehin auf Geheiß Gottes, unseres allerheiligsten, besten Vaters zu euch gekommen und werden zufolge Seiner Liebe in uns unsere Augen nimmer von euch wenden. Daher erhebe dein Herz nach oben und liebe den heiligen Vater aus allen deinen Kräften, so wirst du leben; denn solche Liebe wird dich in einem Augenblick mehr lehren als alle besten und weisesten Menschen in vielen hundert Jahren. Siehe, nun hast du alles, das dir vorderhand nottut; handle und wandle in der Liebe zu Gott! Amen.“
HG|1|72|8|0|Nach solcher Rede aber verneigte sich Sethlahem vor den Vätern und trat dankbar zurück und fing an, viel Freude in sich zu empfinden, und pries Mich darob im Herzen.
HG|1|72|9|0|Nach dem aber wendete sich Henoch zum Adam, sagend: „Lieber Vater, sei nicht ungehalten, dass ich dich länger hier aufhielt, als du für mich vorgesehen hast; allein, siehe, der Herr richtet Seine Liebegaben nicht nach unserem Zeitmaß, sondern, wann Er’s geben will, gibt Er es, und allzeit sei Ihm, dem großen, heiligsten Geber, unser vollster Dank, Preis, Lob und Ehre! Amen.“
HG|1|72|10|0|Adam aber erwiderte: „O lieber Henoch, des sei ohne Kummer; wir wissen ja alle, dass das, was der Herr tut, allzeit wohlgetan ist! Amen.“
HG|1|72|11|0|Und der Seth stimmte gleich laut ein und setzte endlich noch hinzu: „Und allzeit zu der allergerechtesten Zeit! Amen.“
HG|1|72|12|0|Adam aber erhob sich abermals und sagte, sich zum Henoch wendend: „Henoch, nun lassen wir alsbald den Asmahael beginnen, auf dass auch er fürs Erste seine Zahl erfülle und fürs Zweite uns daraus kundgebe seine Ansicht über dieser Gegend schöne Formen und endlich, wie er alles dieses aufgefasst hat. Nach dem aber wollen wir alsbald uns zur Weiterreise anschicken und noch eine kurze Einladung an die Kinder des Abends und die der Mitternacht ergehen lassen und uns endlich nach Hause verfügen. Amen.“
HG|1|72|13|0|Und Henoch hieß den Asmahael, zu beginnen seine Sache.
HG|1|72|14|0|Und siehe, alsobald trat das Tier mit seinem Reiter vor. Es sprachen aber die Kinder des Mittags verschiedenes etwas laut untereinander; das Tier aber brüllte sogleich dreimal so heftig hintereinander, dass darob alle ein gewaltiges Bangen ergriff und ihre Stimmen in das tiefste Schweigen versanken.
HG|1|72|15|0|Nachdem aber solche Ordnung hergestellt war, verstummte alsbald das Tier, und Asmahael begann, folgende überaus merkwürdige Rede gar fein klingend von sich zu geben, sagend nämlich:
HG|1|72|16|0|„O würdigste Väter der Väter der Erde! Was soll und was könnt’ ich, der finsteren Tiefe des Todes vor kürzlicher Frist kaum entronnen, nun reden auf diesen so heiligen Höhen, da alles – voll Wunder, voll Gnade, voll Lebens – das kräftigste Wort auf der bebenden Zunge erstarren mir macht?!
HG|1|72|17|0|Die herrliche Form dieser Gegend, o wahrlich, wer heilige Worte des Lebens aus sich nicht zu reden vermag, o wie sollte der Formen wie diese so wunderbar herrlich und schön, mit der stotternden Zunge zerlegend, darstellen?
HG|1|72|18|0|O Väter der Väter der Erde, ich habe noch kaum mich getraut, mein Auge erst vollends zu öffnen, dass mir zu erschauen die Fähigkeit würde zuteil die Wunder der heiligen Höhen; nun sollte dieselben darstellen ich Armer, ich Blinder, ich Toter vor euch, die voll Gnade, voll Lebens, voll Macht und voll Stärke die Dinge von seltsamsten Formen schon lange durchschaut vom innersten Grunde wohl haben?!
HG|1|72|19|0|Was sind diese grasreichen Flächen, umrungen von himmelanragenden felsigen Wänden und Spitzen, wenn ihre gar große Bedeutung verborgen dem Schein vom Leben muss bleiben?! Stünd’ nicht ein verwerfliches Steinchen unendlichmal höher im heiligen Range für mich und für jeden, der solches vom Grunde verstände, denn alle Gebirge und Höhen der Erde und diese mit ihnen?
HG|1|72|20|0|Wie leicht ist zu sagen: ‚Man darf’s ja nur sehen, dass dorten im Morgen ein dampfender, himmelanragender König der Berge, als müsst’ er die Erde beherrschen, gar kühn sich erhebt!‘ O wahrlich, das Auge der Tiere mag solches auch sehen! Doch wenn ich mich frage: ‚Verstehst du, Asmahael, solches gar mächtig Gebilde?‘, da spricht’s in der Nacht meines Herzens: ‚Wie sollte der Tote den Toten begreifen?! Dein Leben ist Schein nur und Trug deiner Sinne! Die beugsame Zunge ist alles, dass du unterscheiden dich magst von den Tieren!‘
HG|1|72|21|0|O Väter, wenn solches ich habe empfunden, da denkt, wie gar unerforschlich die Formen der heiligen Höhen mir sind!
HG|1|72|22|0|Seh’ ich dort zwischen Morgen und Mittnacht auch einen noch herrlicher strahlenden Berg denn die Sonne am Himmel gar selbsten, da sie uns einfärbig die Strahlen nur spendet und dieser das Licht aller Sterne und Blumen in mächtigen Strömen, die Sonne beschämend, ausbeutet, – doch wenn ich mich frage: ‚Wie das und woher und warum?‘, o dann ruft mir das Gras wie auch alle die Steine mit wohl zu verstehenden Zeichen ins Ohr: ‚O du Tor, warum sinnst du mühsam den Wundern des Lichtes wohl nach? Ist das Licht denn zu schauen, geflossen aus Gott!
HG|1|72|23|0|O du Tor, siehe, zum Leuchten nur schuf einst die Allmacht des Schöpfers die Sonne und nimmer, zu schauen dieselbe; und hast du empfangen die Fähigkeit, reiflich zu denken, so denke nicht über das Denken, was gleicht der Torheit, die Sonne zu schauen.
HG|1|72|24|0|Gedanken sind Lichter der Seele, erleuchtend das lose Gewirr des leiblichen Lebens, doch nimmer, als dass du sie einzig allein dazu nehmen und nützen nur sollst! Wie möchtest du die außen erstehenden Wunder begreifen, solang’ du dich selbst als das nächste der Wunder musst fliehen?!‘
HG|1|72|25|0|O sehet, ihr würdigsten Väter der Väter der Erde, o wenn man denn solches notwendig erfährt von der stummen Natur, o dann ruhet sich hart auf den Höhen des Lichtes!
HG|1|72|26|0|Ich ward nicht beschieden hierher, um zu leuchten, nein, nur um erleuchtet zu werden ward ich von dem glänzenden Ahbel zu euch hergeführt! Darum lasst nur hören mich eure Reden voll Licht und voll Leben; zu reden ist lang noch die Zeit nicht für mich! O wer könnte auch Worte noch finden, die heiliger klängen als jene voll Kraft und voll Leben von oben, der Zunge des Henoch enttriefend, da eines gewichtiger ist als der Erde schwer lastendes Wesen von Grunde zu Grunde! Denn wo das gesprochene Wort nicht nur einzig allein als wohltönender Schall zu vernehmen sich bietet gar üppiglich, sondern reichlich das Leben den tödlich verborgenen Tiefen im Menschen erfolglich und segnend entwindet, – o höret mich Armen: solch Wort ist wohl schwerer und größer denn alles, was möglich das Auge zu schauen vermag und zu wägen der leibliche Sinn!
HG|1|72|27|0|Und so lasst, ihr würdigsten Väter der Väter der Erde, mich Armen, mich Toten nun schweigen; denn es ist nicht füglich, als Toter zu reden zu denen, deren Brüste ein Leben aus Gott in dem hellsten Licht in sich bergen, von da jedes Wort mit gesegneter Zunge das Leben ausstreut also wie die Sonne ihr zitterndes Licht.
HG|1|72|28|0|Sonach lasst, o Väter der Väter der Erde, mich enden mein nichtig nur schallendes Wort; denn die Zeit ist für Bess’res gemacht denn für leeres Geplapper!
HG|1|72|29|0|Ist schön auch die Gegend als Rückstrahl des Lebens, – doch schöner ist, selbst nach dem Leben zu trachten! O wahrlich, wie ich es empfinde, ist schöner ein Tropfen des Lebens, im engsten Raum verschlossen, für den, der es treu hat gefunden, als wenn er mit schärfesten Blicken hinaus in die endlosen Räume voll Sonnen und Todes möcht’ starren!
HG|1|72|30|0|O Henoch, mein weisester Lehrer durch Gnade und Liebe von oben, entschuld’ge mein leeres Geplauder und halte dem Toten die Blindheit zugute! Der Tote und Blinde bin ich, höre! Amen.“
HG|1|73|1|1|Die Hauptstammväter werden getadelt
HG|1|73|1|0|Und als nun der Asmahael sein Wort vollendet hatte, siehe, da erhob sich Adam und belobte sehr den Asmahael, dass er so viel Demut an den Tag gelegt hatte, in welcher mehr Weisheit zugrunde liegt als in Sethlahem und allen seinen Kindern; darauf aber wendete er sich wieder zu Enos und Kenan und bedeutete ihnen, die Kinder des Mittags für den bevorstehenden Sabbat zu laden, „auf dass sie erscheinen möchten noch vor dem Aufgang der Sonne zum Morgenbrand des Opfers, das wir Jehova darbringen müssen, wollen und werden.“
HG|1|73|2|0|Und alsobald taten die zwei ihre Geschäfte. Nach dem aber brachten die Kinder Erfrischung und Stärkung den Hauptstammvätern; und diese nahmen, aßen und tranken und gaben auch dem Asmahael zu essen und zu trinken.
HG|1|73|3|0|Als aber das Tier [die Hauptstammväter] essen und trinken sah, ward es unruhig und fing mächtig an, den Rachen zu öffnen und mit dem Schweif um sich zu schlagen.
HG|1|73|4|0|Adam aber sagte zum Henoch: „Lieber Henoch, sehe an das Tier; was soll das zu bedeuten haben? Beruhige es, sonst wird es nicht gut sein, mit ihm weiter zu reisen! Amen!“
HG|1|73|5|0|Henoch aber erhob sich alsogleich und sprach: „Meint ihr denn, dass solche Tiere von der Luft leben oder Gras fressen?! O nein, das alles ist ihrer Ordnung zuwider! Es will aber eine Nahrung; daher bringt drei unreine Tiere lebendig, auf dass es sich sättige!“
HG|1|73|6|0|Es wurden aber alsobald drei Böcke herbeigeschafft. Henoch aber sagte zum Asmahael: „Siehe, ein Futter für dein Lasttier! Steige herab, und bringe es demselben zur Nahrung und zum Zeichen, dass du dem Wächter zum Verschlingen darbringst deine Unlauterkeit aus der Tiefe!“
HG|1|73|7|0|Und der Asmahael tat alsobald, wie ihm der Henoch geraten hatte im Angesichte der Väter.
HG|1|73|8|0|Als aber der Asmahael die drei Böcke dem Tier vorführte, rührte dieses keinen derselben an, sondern schlug sie mit dem Schweif von sich und fing an, gewaltig zu brüllen.
HG|1|73|9|0|Es wurde aber allen bis auf Henoch bange, welcher noch nichts genossen hatte von den dargereichten Erfrischungen, sondern sich dafür im Herzen mit Meiner Liebe labte und gar wohl stärkte.
HG|1|73|10|0|Adam aber redete noch einmal den Henoch an und sagte: „O Henoch, siehe, dass du uns nicht täuschest; denn das Tier schlägt die von dir bedungene Nahrung von sich! Rate, wenn du magst, was da zu tun; denn mir wird’s bange um den Asmahael! Wie schauerlich bäumt es sich, und wie donnernd brüllt es und stellt sich also grimmig an, als wollte es uns alle verschlingen! Daher schaffe Rat und Hilfe, so du magst und kannst!“
HG|1|73|11|0|Henoch aber trat alsbald hin zum Tier und redete es folgendermaßen an, sagend: „Beruhige dich, denn ich verstehe gar wohl deine Gebärde; doch damit es auch die verstehen möchten, so sei deine breite und lange Zunge gelöst! Und so gebe denn kund dein Anliegen, und was dich zu solchen abschreckenden Gebärden nötigt!“
HG|1|73|12|0|Und alsbald trat das Tier dreist in die Mitte der Väter und ließ aus seinem weitgeöffneten Rachen folgende Worte deutlich vernehmen, welche also lauteten:
HG|1|73|13|0|„Höret, ihr stumpfhörigen und blindsichtigen Menschen! Wahr ist, es hungert mich in jedem Haar schon, da ich drei Tage mir keine Nahrung habe erjagen können, und so werde ich auch das mir gebrachte unsaubere Futter in meiner Not wohl verzehren; aber es war mir solches bevor nicht möglich, bis es mir möglich gemacht wurde, euch allen, bis auf einen, anzuzeigen, wie es für euch im höchsten Grade unbillig und ungerecht ist, Gottes Gaben eher in den Mund zu stecken, als bis ihr dafür den heiligen Geber gebeten habt um den Segen und Ihm hernach gedankt habt in aller Demut und Liebe für solches große Doppelgeschenk.
HG|1|73|14|0|Wisst ihr Toren voll Blindheit denn nicht, dass auf der Erde kein reines Gras mehr wächst, das da tauge zur Nahrung der Unsterblichen, damit sie nicht verderben möchten?!
HG|1|73|15|0|Sollte es daher nicht euer sehnlichster Wunsch sein, dass der große, heilige Geber es allzeit reinige für euch und segne jegliche Kost zu eurer Lebenswohlfahrt?!
HG|1|73|16|0|O schämt euch, ihr nahen Zeugen der Allgegenwart des Allerhöchsten! Ihr seid berufen, von Ihm zu zeugen, und könnt Seiner vergessen, da ihr euch Seiner am allermeisten erinnern sollt!
HG|1|73|17|0|O wie undankbar ist eure Freiheit voll Leben und wie bloß in Worten eure Liebe zu Ihm, dass sogar ich als eine reißende Bestie mit dem gerechtesten Unwillen erfüllt werde, so ich ansehen muss solchen Frevel bei den Kindern Gottes! Ihr möchtet fluchen der Tiefe; aber es steckt in eurer eigenen Tiefe so viel Undank, dass sogar ihr das größte Unheil in die Tiefe bringen werdet körperlich, so ihr euch des Dankes und der wahren Liebe in euren Herzen nicht mehr kümmern werdet!
HG|1|73|18|0|Die Unlauterkeit Asmahaels sollte ich verschlingen; ich aber sage und rate euch: Legt vielmehr die eures undankbaren Herzens auf die Böcke, damit ich nicht nur ein Träger Asmahaels, sondern viel mehr eures großen Undankes werde.
HG|1|73|19|0|Nun, Asmahael, bringe mir die Böcke, und tue, wie dir geraten hatten die Väter, und belaste mit dem Fluche sie, damit die reuigen Väter gereinigt die Stelle verlassen möchten und du und ich mit ihnen; es sei!“
HG|1|74|1|1|Adams Klage über die schonungslose Wahrheit
HG|1|74|1|1|Am 17. März 1841
HG|1|74|1|0|Als aber die Väter solches Wortwunder aus dem Rachen des Tieres vernommen hatten, siehe, da entsetzten sie sich gewaltig und schlugen sich auf die Brust, bereuten ihren Fehler und gelobten Mir im Herzen, den ganzen Tag über nichts zu sich zu nehmen, weder Speise noch Trank. Bei einer halben Stunde baten sie Mich im Herzen um Vergebung, und außer dem Henoch getraute sich keiner, die Augen von der Erde zu erheben.
HG|1|74|2|0|Und eben diese Zeit benützte das Tier etwas seitwärts zu seiner Mahlzeit. Als das Tier nun fertig war mit den drei Böcken, kam es alsbald zurück, sprang zu einer nahen, frischen Quelle und kühlte sich alldort die Zähne und die Zunge, damit seine Wut gekühlt würde und gemildert seine Blutgierde.
HG|1|74|3|0|Nach dem aber begab es sich wieder zum Asmahael hin und bot selbem gleichsam fürs Fernere seine Dienste an.
HG|1|74|4|0|Henoch aber, die Väter anblickend, fragte leise den Adam, ob er noch etwas begehre, oder ob man sich zur Abreise anschicken sollte.
HG|1|74|5|0|Adam aber entgegnete mit noch zitternder Greisenstimme: „O Henoch, siehe, die Angst hat mir die Glieder gelähmt, dass ich mich nicht zu erheben vermag, und, wie du siehst, auch der Mutter Eva, – und wir müssen und sollen fort gen Abend! Wie aber werden wir es denn anstellen, dass wir weitergelangen mögen?
HG|1|74|6|0|Und siehe, lieber Henoch, auch den übrigen geht es nicht viel besser denn mir! Daher schaffe uns Rat aus deiner Liebe zu Gott, was da zu tun sein wird; denn wahrlich, ich empfinde tief den Frevel unserer Lauheit, aber auch ebenso tief die Schwäche meiner Glieder!
HG|1|74|7|0|O Wahrheit, o Wahrheit, wie furchtbar mächtig bist du! Dieses Tier ist ein treues Bild deiner Schonungslosigkeit. Du schonst keines Menschen, und mag er der erste oder der letzte Bewohner der Erde sein! Dir ist jedes Alter gleich. Du schlägst die Väter samt ihren Kindern und schonst ihrer schwachen Mütter nicht. Unsere Häupter drückst du zur Erde nieder, und die Gliedmaßen lähmst du zur Untätigkeit. Wo ist außer Gott noch ein Wesen, das da ertragen könnte die ganze Bürde deiner Schwere?!
HG|1|74|8|0|O sanfte, zarte, heilige Liebe! Wenn du mit der Wahrheit nicht Arm in Arm wandelst als heiligster Lebenssegen Jehovas, o dann ist die Erkenntnis der für sich allein stehenden Wahrheit wahrlich ein Tod den Menschen.
HG|1|74|9|0|O Kinder, sucht fürder ja keine Wahrheit für sich mehr, sondern einzig und allein nur die Liebe! Und soviel Wahrheit diese mit sich führen wird, soviel wird’s auch gerecht sein dem Menschen und frommend zum Leben.
HG|1|74|10|0|Wem aber der Herr mehr geben wird der Wahrheit denn der Liebe, den wird sie am Ende erdrücken, oder der Herr Selbst wird müssen sein Lastträger in der großen Wahrschwere werden.
HG|1|74|11|0|Daher lehrt auch ihr allen euren Kindern in der Zukunft in der Liebe die Wahrheit, und den Brüdern aber in der Wahrheit die Liebe!
HG|1|74|12|0|Und nun, Henoch, tue, was du vermagst, und denke, höre und sehe, was die Wahrheit für sich allein getan hat an uns allen! O Henoch, vereine deine Bitte mit der meinen, damit uns der Abend nicht hier antreffe! Amen.“
HG|1|74|13|0|Henoch aber kehrte sich in seinem Herzen zu Mir und ließ folgende stille Seufzer in seiner Brust auftauchen, welche also lauteten: „O Du großer, heiliger, liebevollster Vater aller Menschen und über alles mächtiger Schöpfer, Gott der Unendliche und Ewige und Allerheiligste! Sehe gnädig auf uns arme, schwache Würmer im Staub von Deiner unermesslichen Gnadenhöhe [herab], und schaue aus der unendlichen Fülle Deiner Liebe auf unsere grenzenlose Schwäche, die wir, geschlagen von der großen Macht Deiner Wahrheit, hier im Angesichte Deiner Vatermilde schmachten!
HG|1|74|14|0|O lasse uns erheben von dem harten Boden der Erde mit neugestärkten Gliedern und voll fröhlichen Mutes, und führe uns nach Deinem heiligen Willen, dahin es Deine Gnade und Dein Wohlgefallen gut Rat hält, und lasse nicht zu, dass den Vätern irgendein Wehe begegne, sondern gebe, dass wir alle beständig in Deiner Liebe und Gnade wandeln möchten!
HG|1|74|15|0|O heiligster Vater, erhöre mein stilles Flehen und Seufzen! Amen.“
HG|1|74|16|0|Nachdem er aber solches gesprochen hatte im Herzen voll Liebe und lebendigen Vertrauens, siehe, da vernahm er alsbald in sich ein mächtig süßes, heiliges Wort, welches zu ihm sagte:
HG|1|74|17|0|„Höre, Henoch! Ich habe dein Seufzen wohl vernommen und habe erhört deine Bitte! Trete hin zu deinen Vätern, tröste sie voll Segens aus Meiner großen Erbarmung und versichere sie Meiner Größe und Meiner Verheißung, greife ihnen dann unter die Arme, und sie werden alle, von einer großen Kraft gestärkt, sich Jünglingen gleich erheben und werden voll Munterkeit vollenden die noch bevorstehende Bahn nach Meinem Willen.
HG|1|74|18|0|Das Tier aber lasse nicht betreten die Wohnung Adams, noch den Grund und den Boden, sondern nach vollbrachter Reise lasse es wieder in Frieden ziehen an den Ort seiner Bestimmung.
HG|1|74|19|0|Und nun gehe und übe, was dir geboten wurde, und erziehe den Fremdling Asmahael zu Meiner Ehre, amen; höre in aller Liebe, amen.“
HG|1|75|1|1|Henoch ermutigt die Urväter
HG|1|75|1|0|Und alsbald dankte Mir Henoch im Herzen für ein so großes Stück Brot aus dem wahren väterlichen Hause, begab sich dann in die Mitte der schwachen Väter und fing an, folgende Trostworte aus Mir an sie zu richten, sagend nämlich:
HG|1|75|2|0|„O liebe Väter, ein kleines, etwas außergewöhnliches Wunder hat der heilige Vater und Herr aller Macht, um uns aus dem Schlafe angewohnter Lauheit zu erwecken, gnädigst zugelassen: Einem Tier löste Er die sonst ewig stumme Zunge und ließ ein geringes Fünkchen der ewigen Wahrheit über die sprachungewohnte Schnauze nur gleiten. Wir vernahmen das gehaltschwere Fünkchen und entsetzten uns sehr darob, als wenn wir der ewigen, qualvollen Vernichtung im unerbittlichsten Angesichte gestanden wären!
HG|1|75|3|0|O der eitlen Furcht und halben Verzweiflung! Sagt mir, liebe Väter, was darf der wahrhaft Liebende denn wohl fürchten?
HG|1|75|4|0|Ist denn nicht die wahre, uneigennützige Liebe zu Gott die schützende Hand des heiligen Vaters, an unsere Brust gelegt, vor deren Macht alle Unendlichkeit in ihren tiefsten Fundamenten ehrfurchtsvoll gehorchend erbebt?!
HG|1|75|5|0|Trägt nicht derselbe Finger Gottes, dessen ganze Hand uns wohlschirmend erhält, das ganze unermessliche Gewölbe der Unendlichkeit mit all den zahllosen Sternen, der Sonne und dem Mond, – und wir werden beinahe regungslos schwach über eine ungewohnte Kleinigkeit, während wir ein bei weitem größeres Recht hätten, schwach und gänzlich mutlos zu werden, so wir ein wenig über uns selbst nachdächten, wie dieses unerhörte Wunder der Sprachfähigkeit uns ununterbrochen also eigen ist, dass wir also reden können, dass es da beinahe kein sichtbares Ding mehr gibt, welchem wir nicht vermöchten mehr denn tausend Namen zu geben?!
HG|1|75|6|0|O sehet, das wundert uns nicht, und wir werden auch gar nicht schwach, so wir miteinander Worte wechseln!
HG|1|75|7|0|Wenn uns aber die unendlich größeren Wunder in Anbetracht unserer Fassungsfähigkeit nicht schwach machen, o wie töricht ist es hernach, vor dem Gezirpe einer Erdgrille ohnmächtig zu werden! Hört, da sieht noch viel mehr knechtische Furcht denn die eigentliche lebendige Liebe heraus!
HG|1|75|8|0|Kann aber wohl der Lebendige durch und durch selbst vor dem Tode erschauern oder, schwach werdend, zurückbeben vor ihm?
HG|1|75|9|0|Wahrlich, wenn der Lebendige vor dem Tode bebt, trägt er selbst noch gewaltige Spuren des Todes in sich!
HG|1|75|10|0|Wurde der Mensch denn nicht gesetzt zu einem Herrn aller Geschöpfe im großen Weltenraum?! Wie ist es mit ihm denn geworden, dass er vor dem Gesumse einer rauen Fliege zurückbebt, als hätte Gott schon ein halbes Gericht über ihn gehalten?
HG|1|75|11|0|O liebe Väter! Ich weiß, was daran schuldet; nicht etwa, wie ihr meint, des Vaters und der Mutter erster Grundfall – denn dieser war selbst nur eine Folge davon –, sondern das ist es, dass der Mensch in seiner Freiheit sich groß und mächtig zu dünken anfängt und verliert sich dann in diesem törichten Eigengroßdünkel so weit, dass er meint, an jedem Haar hingen Sonnen und Welten. Wenn aber dann der liebevollste, heilige Vater das töricht schlafende und träumende Kind durch irgendeinen kühlenden Tropfen voll Liebe, Erbarmung und Gnade erweckt, dann schlägt es plötzlich seine Augen auf, erkennt seine Schwäche und Nichtigkeit und weint, da es nur ein schwaches Kind ist.
HG|1|75|12|0|Wenn es aber dann den starken Vater erblickt, da freut es sich, läuft in aller Liebe zu ihm hin, liebkost den starken Vater und bittet ihn um Brot; und wo ist der Vater und die Mutter, die da von sich stoßen möchten ihren Liebling?!
HG|1|75|13|0|Wenn aber das Kind trotzig ist, so weiß es der Vater zu strafen, auf dass es sanft werde. Wenn sich aber das Kind nimmer möchte völlig erwecken lassen, wird da der Vater wohl auch nur ein Mittel unversucht lassen, um es wieder zu erwecken zum Leben?
HG|1|75|14|0|Und hat das Kind wieder seine Augen aufgemacht und angelächelt den bekümmerten Vater, wird sich der Vater darüber nicht mehr freuen als über hundert Wache?!
HG|1|75|15|0|O liebe Väter! O seht, wie eitel eure Furcht und Schwäche ist! Wacht auf in der Liebe, und seht, wie der große, liebe, heilige Vater euch sehnsuchtsvoll und liebebekümmert zur Seite steht und harrt, wann ihr eure Augen der Liebe zu Ihm emporschlagen möchtet!
HG|1|75|16|0|O wacht auf! Er ist uns kein ferner Vater, sondern ein naher Vater ist Er uns und voll Liebe, Sanftmut und Geduld!
HG|1|75|17|0|Seid ihr jetzt auch noch schlafmatt und traumerschöpft, – wacht vollends auf, und ihr werdet gestärkt werden, dass ihr wie junge Hirsche vor Freuden springen werdet! Oh, so erwacht in der Liebe zum Vater! Amen!“
HG|1|76|1|1|Seth findet das Leben aus Gott
HG|1|76|1|0|Nach der Vollendung solcher Rede dankte Mir Henoch wieder im Herzen und streckte dann seine Hände aus, griff den Vätern unter die Arme, und zwar nach der Stammordnung. Und siehe, alsbald erhoben sich die Väter fröhlich und munter und durch und durch neugekräftet von der Erde und dankten Mir über die Maßen für solche Gnade und priesen laut Meinen Namen. Ja, es nahm die große Freude sogar ihre Füße in Anspruch, dass sie samt dem Adam und der Eva zu hüpfen anfingen; und der Seth aber war ob der zu großen Freude beinahe ausgelassen und hüpfte so hoch, als er es nur immer zuwege bringen konnte.
HG|1|76|2|0|Es begab sich aber, dass er in seiner Hüpferei fiel und sich ein wenig wehe tat am rechten Knie und konnte sofort nicht mehr hüpfen; und sogleich ward er betrübt, denn er sah solches für eine Strafe an und wendete sich alsbald zu Mir und sagte in seinem Herzen:
HG|1|76|3|0|„O Herr und unser aller bester, heiligster Vater! Sehe gnädigst herab auf mich Armen und gebrechlich Schwachen; siehe, ich war überfröhlich in Deinem Namen und bin gefallen in dem Unmaß meiner Freude!
HG|1|76|4|0|O heiliger, allerliebevollster, bester Vater! Helfe mir wieder auf, – denn fürder will ich mich nimmer mit den Füßen, sondern desto mehr in dem Herzen mich freuen und Dich auch lieber desto mehr loben und preisen mit meiner Zunge und will die Füße gebrauchen nach Deinem Willen und die Hände nach Deinem Wohlgefallen; aber nur für diesmal, o heiliger, bester, liebevollster Vater, nehme den Schmerz von meinem Knie! Oh, erhöre meine Bitte! Amen.“
HG|1|76|5|0|Und sofort vernahm er eine große Stimme, die da sprach in seinem Herzen: „Höre Seth! Freue dich allzeit Meines Namens; freue dich deines Vaters, und freue dich über alles, das dich wie immer zu Mir erhebt! Aber lasse dabei leibliche Anstrengung, die zu nichts nütze ist, sondern freue dich in der Stille des Herzens! Freue dich im Leben über das gefundene Leben, und ziehe nicht, das dem Tode eigen ist, mit in die Freuden des Lebens, so wirst du nimmer einen Schaden leiden, weder am Leibe und noch viel weniger am Leben des Geistes aus deiner und Meiner Liebe zugleich!
HG|1|76|6|0|Merke dir das wohl, und fasse es so tief wie nur immer möglich ins Leben, so wird deiner Freude nimmer ein Ende werden; und nun stehe auf, und wandle froh in Meinem Namen! Amen.“
HG|1|76|7|0|Als aber der Seth solches in sich vernommen hatte klar und deutlich, da fing er an, vor Freude zu weinen, und dankte Mir laut für solche unerwartete Gnade.
HG|1|76|8|0|Es merkten aber nun die übrigen, dass mit dem Seth etwas Besonderes vorgegangen war, und sie wunderten sich bis auf den Henoch alle ob der augenblicklichen Ruhe Seths und dessen überfröhlichen Stimmung.
HG|1|76|9|0|Seth aber merkte solches und erbat sich, dass sie nun mit Fragen ihn in seiner Freude über das gefundene Leben aus Gott nicht stören möchten; am Abend würden sie es ohnehin erfahren in sich von oben.
HG|1|76|10|0|Nun wendete sich Adam zu den Kindern, dankte Mir, segnete sie alle, segnete die Kinder des Mittags und segnete die Gegenden und sagte dann:
HG|1|76|11|0|„Und nun, Kinder, dankt dem Herrn, und macht euch zur Reise gen Abend fertig, und zwar in der bekannten Ordnung: Asmahael in meiner und Henochs Mitte auf dem Tier der Wahrheit! Amen.“
HG|1|77|1|1|Die großartige Gegend auf dem Weg vom Mittag gen Abend
HG|1|77|1|1|Am 22. März 1841
HG|1|77|1|0|Und alsbald ordneten sie sich nach dem Willen Adams und machten sich auf die Reise zu den Kindern, die da im Abend wohnten.
HG|1|77|2|0|Es opferte Mir jeder sein Herz und lobte Mich in der Stille, so die Fortreisenden und so auch die noch dableibenden Kinder des Mittags.
HG|1|77|3|0|Und die dableibenden Kinder des Mittags verneigten sich vor den Hauptstammeltern und dankten ihnen für solche frohe Botschaft und priesen Meinen Namen und lobten Meine Liebe über die Maßen und wurden voll Freuden über Meine große Erbarmung.
HG|1|77|4|0|Und siehe, unter solchen guten Verhältnissen schieden hier die ersten Menschen der Erde von ihren Kindern.
HG|1|77|5|0|Der Weg war hier vom Mittag an bis gen Abend ein sehr großartiger – es versteht sich, nur von menschlichen Augen betrachtet –; er war das im höchsten Grad, was ihr unter dem Ausdruck ‚romantisch‘ versteht.
HG|1|77|6|0|Der großen, jetzt nirgends mehr anzutreffenden Seltenheit wegen will Ich ihn euch ein wenig näher vor die Augen rücken; und so merkt und malt es euch im Herzen aus!
HG|1|77|7|0|So aber hat die Gegend ausgesehen, durch welche der Weg gen Abend führte: Stellt euch vor sieben in einer Linie aufgestellte Kegel von graulichblauer Farbe, einen jeden siebentausend Fuß hoch, zuunterst ein Siebtel Meile im Durchmesser. Denkt, dass ein Kegel sich an den anderen schloss, wie wenn jemand solche Kegel so aneinanderstellen möchte, dass sich dieselben an den Füßen berühren möchten!
HG|1|77|8|0|Wie aber diese sieben Kegel in einer Front nebeneinanderstehen, so – bildet es euch ein – stehen hinter einem jeden Kegel noch zehn in stets abnehmenden Dimensionen und in den verschiedensten Färbungen. Aus der Spitze eines jeden Kegels springt eine reine Wasserquelle hervor. Vor der Hauptfront, ungefähr in einer Entfernung von hundert Klaftern, ist ein gerader Weg, der sich um tausend Fuß höher denn die Füße der Kegel über einen schnurgeraden Gebirgsrücken hinzieht, dessen nördliche Seite mit den schönsten Zedern und Palmen, Pappeln und Platanen bewachsen ist; aber auf der südlichen Seite ist außer den erwähnten Steinkegelgruppen mit ihren großen Winden gleich rauschenden Wasserfällen nichts zu sehen denn kahler, nur hie und da mit kleinem Gras und Moos überwachsener Steinboden.
HG|1|77|9|0|Nun, da ist eine kurze Beschreibung des Weges von Mittag gen Abend! Denkt euch noch die unbeschreibliche Wirkung, welche durch die Strahlen der Sonne hervorgebracht wird, so sich diese in den zahllosen Wasserbögen brechen und obendrauf noch durch die Kegelspalten die allerbunteste Farbenpracht der hinteren, kleineren Kegelreihen schimmert, so habt ihr in aller Kürze alles, daraus ihr euch ein ziemlich deutliches Bild dieser Wegpartie gen Abend machen könnt.
HG|1|77|10|0|Auch dieser Weg war ein Lieblingsweg des Adam. Er wandelte allhier besonders an sehr warmen Tagen gern, weil da stets kühle Lüfte wehten, und überdies diente ihm dieser Anblick auch stets zu großen Begeisterungen in den früheren Zeiten. Wenn er von da zurückkam, sprach er mit seinen Kindern in sehr erhabenen Worten über Meine Liebe, Gnade, Weisheit, Erbarmung, Heiligkeit, Größe und Macht; er nannte daher auch diesen Weg: ‚Die Beschauung der sieben Mächte aus der Ewigkeit des großen Gottes Jehova‘.
HG|1|77|11|0|Als nun die Väter zu diesem Weg gelangten und nach und nach bis zum mittleren Kegel vor gelangt waren, ließ der Adam den Marsch ein wenig innehalten, um sich ein wenig an der großartigen Naturszene weiden zu können.
HG|1|77|12|0|Und alsbald ließen sich alle Kinder nieder und ergötzten sich an dem stummen, mächtigen Walten der laut tobenden toten Natur.
HG|1|77|13|0|Nach einer kurzen Pause aber, in welcher Meiner wohl gedacht wurde, wandte sich Adam zum Asmahael und fragte ihn: „Asmahael, sage uns, was du an dieser Szene findest, und wie sie dir gefällt!“
HG|1|77|14|0|Asmahael aber wandte sich ehrfurchtsvoll zu Adam und sprach: „O Vater der Väter der Erde! Du fragst hier den Schwachen, allwo für den Stärksten zu groß und zu viel wird geboten; doch, wenn ich betrachte die hohen und steilen, bewässerten, spitzigen Säulen aus bläulichtem Stein, gestaltet vom mächtigen Finger des ewigen Gottes, da denk’ ich im Herzen: Für Große ist Großes nicht groß, und für Kleine ist Großes unnütze! Was soll denn die Mücke aus Bergen wohl machen?! Was nützen der Fliege die Finger von unseren Händen?!
HG|1|77|15|0|Und so ich betrachte allhier diese mächtige Szene, o Vater der Väter der Erde, da gewahr’ ich gar klärlich, dass Großen nur Großes mag frommen; der Fliege jedoch soll zufrieden genügen ein sumsendes Paar leichter Flügel!
HG|1|77|16|0|Ihr Väter, ihr großen und mächtigen Kinder des Höchsten! Für euch sind so große, so herrliche Dinge vom mächtigen Finger der Gottheit gestaltet, – ihr könnt sie nützen, begreifen und loben; für mich sind die Berge am Rücken der Fliege gelagert.
HG|1|77|17|0|O Väter der Väter der Erde, was nun ich gesagt, ist alles, was ich euch zu sagen vermochte; o lehrt mich anders, wo möglich, solch’ Größe der Dinge im Geiste begreifen! Amen.“
HG|1|77|18|0|Als aber der Adam solche demütige Bescheidenheit vernommen hatte, freute er sich überaus und sagte, zu den übrigen sich wendend:
HG|1|77|19|0|„O liebe Kinder, hört! Der Asmahael kommt mir vor wie ein durch längere Zeit brachgelegenes Feld, welches zwar während der Brachzeit keine Früchte getragen hat – denn es war nur ein brachliegendes Feld –, wenn aber ein guter Same auf dessen Erde gesät wird und dann eingefurcht in die Tiefe, so wird aus einem solchen Acker in kurzer Zeit hundertfältige Frucht zum erfreulichen Vorschein kommen.
HG|1|77|20|0|So auch kommt es mir mit Asmahael vor; denn er ist noch nicht zwei volle Schattenwenden in unserer Mitte, aber wahrlich, mit unserer alleinigen Ausnahme möchte er wohl alle anderen Kinder auf den Höhen beschämen!
HG|1|77|21|0|Hört, liebe Kinder! Wenn die Armen der Tiefe allesamt nur dem Asmahael irgend nahekommen in seiner Fruchtbarkeit, wahrlich, es wäre ewig jammer und schade, dass wir ihnen nicht zu Hilfe kämen!
HG|1|77|22|0|Daher wollen wir uns heute in meiner Hütte beraten unter dem mächtigen Beistand Gottes, was in dieser Hinsicht zu tun sein sollte.
HG|1|77|23|0|Der Herr aber möge uns bewahren vor jeglicher Eigenmächtigkeit! Amen.“
HG|1|78|1|1|Henoch erklärt die Entsprechung des Naturwunders
HG|1|78|1|0|Als aber der Asmahael solches aus dem Munde Adams vernommen hatte, ward er zu Tränen gerührt und sprach mit zum Himmel erhobenen Augen:
HG|1|78|2|0|„Oh, wenn es möglich doch wäre, zu retten die Armen, die armen getöteten Brüder, o wahrlich, dann möcht’ ich als nichtige Fliege zum mächtigsten Geier wohl werden und schießen im schnellsten Fluge hinab in die Tiefen, um alle die Brüder, die Armen, die Toten für Licht und für Leben daselbst zu erfassen und tragen so schnell nur und schneller, als jeder Gedanke zu eilen vermag, all’ daher, dass sie sehend mit mir staunen da sollen, wie bald und wie hehr auf den heiligen Höhen die mächtigen Kinder des Herrn all die wundererfülltesten Dinge den Schwachen und Toten gar weise belehrend enthüllen und zeigen in mächtigen Formen, aus heiligen Worten erbaut, die Wohnung des Lebens im Menschen – und, mächtiger noch als das alles, den mächtigsten, heiligsten Schöpfer der Welten und Sonnen als Vater der Menschen!
HG|1|78|3|0|Oh, wenn es doch möglich wohl wäre!
HG|1|78|4|0|O Väter der Väter der Erde, erschaut oft das Auge im staunenden Schauen hinaus in die endlosen Räume der glänzenden Schöpfung das nichtige Stäubchen auch nimmer, – doch wenn aber dieses so nichtige Stäubchen ins Auge des Sehers, vom Wind getragen, gefallen ist einmal, dann fängt sich der Große das schmerzliche Auge zu reiben und sucht zu entledigen sich, was da hemmend und brennend die Sehe ihm schloss! Und so ruft dann nicht selten der Bruder zum Bruder:
HG|1|78|5|0|‚O komme und such’ mir das nichtige, lästige Ding aus dem Auge!‘ Und hat es der Bruder ersehen, begraben im tränenden Auge des Bruders, dann ruft er: ‚O Bruder! Der nichtige Feind deiner Sehe ist schadlos geworden; er liegt in siegender Flut deiner Tränen begraben! Mitleidige Tränen dich werden zur heiteren Freude gar bäldlich von deinem gefürchteten, nichtigen Feind befreien; denn ist erst das Stäubchen zur Träne gar selbsten geworden, wird’s nimmer dir drücken die Sehe und hemmen dieselbe, zu schauen die leuchtenden Fernen der ewigen Schöpfung!‘
HG|1|78|6|0|O Väter der Väter der Erde, ihr schaut mit heiligen Augen hinaus in die endlosen Triften der ewigen Lichter; doch unten, dort unten in finsterer Tiefe des menschlichen Elends, da wirbelt ein tobender Orkan den feindlichen Staub, eurer Sehe zur Hemme, nicht selten zur heiligen Höhe herauf!
HG|1|78|7|0|Wenn er Schmerzen euch macht, o lasst dann denselben von einer bekümmerten Träne ergreifen, und duldet, bis selber zur dankbaren Träne selbst wird!
HG|1|78|8|0|O vergebt mir Armem und Schwachem! Und kann auch die Fliege nicht brüllen gleich Tigern und Löwen, doch zeigt auch ihr leises Gesumse und sagt: ‚O Väter der Väter der Erde, auch ich bin der mächtigen Hand eures heiligen Vaters entronnen; darum gönnt ihr Großen mir Schwachem auch einen mitleidigen Blick!‘ Höret! Amen, o amen.“
HG|1|78|9|0|Adam aber sagte, hocherfreut über die schönen Worte Asmahaels: „Ich habe dein gerechtes Seufzen wohl vernommen und kenne gar wohl den argen Staub der Tiefe, diesen großen Feind alles inneren Schauens; jedoch bevor wir zu irgendeinem Wohlwerke schreiten werden, muss erst der Wille des großen Herrn genau erforscht werden. Denn von uns soll nie etwas unternommen werden ohne den wohlerkannten Willen von oben; daher nur noch eine kurze Zeit, und es soll heute noch entschieden werden, was da der große Herr über allen Sternen beschlossen hat, zu tun in den Tiefen der Gräuel, und solches wird wohl das Beste sein. Und möge es ausfallen für oder gegen, so geschehe allzeit auf das Allerpünktlichste Sein allerheiligster Wille! Amen.“
HG|1|78|10|0|Es stand aber alsbald Seth auf und sagte zum Adam: „Lieber Vater! Sollte uns allhier nicht der Henoch eben auch wie in deiner Grotte eine kurze Deutung dieser Prachtgegend geben? Siehe, mich dürstet gar sehr danach! Wie oft schon habe ich darüber nachgedacht, konnte aber doch ein für allemal nichts anderes herausbringen, als was die Augen sahen und meine Ohren vernahmen, nämlich diese himmelanragenden, gleichförmigen Steinspitzen mit ihren merkwürdigen Wasserstrahlen, welche in zahllosen Wasserperlen rauschend über die steilen Wände herab zur Erde stürzen und durch dieses harmonische Rauschen das Ohr auf eine wunderbare Art entzücken.
HG|1|78|11|0|Daher möchtest du wohl gestatten, dass darüber der Henoch uns allen kundgeben möchte eine wahre Deutung. Amen.“
HG|1|78|12|0|Adam aber sagte, hoch- und wohlbilligend das Verlangen Seths: „O Seth, du bist mir zuvorgekommen! Denn solches war lange schon mein eigener Wunsch; daher geschehe, wie du es gewünscht hast! Und du, lieber Henoch, tue und reiche deinen dürstenden Vätern einen kühlen, stärkenden Trank aus deiner Liebe nach meinem und Seths Verlangen! Amen.“
HG|1|78|13|0|Und siehe, alsbald erhob sich Henoch und fing an, folgende sehr denkwürdige Worte an die Väter zu richten, sagend nämlich:
HG|1|78|14|0|„O Väter! Im Schoße der weiten Unendlichkeit Gottes werden wohl noch größere und wunderbarere Naturszenen sich vorfinden und unaussprechlichmal erhabener sein denn diese siebenmal zehn wasserspritzenden Steinspitzen, da alle kaum einige tausend Mannshöhen vom Grund aus betragen, was doch bei weitem nicht so viel ist wie das Verhältnis einer Blattklebmilbe gegen uns; und doch ist es also, dass ein solches Tierchen in seiner Art größer ist denn diese ganze wasserspritzende Steingruppe!
HG|1|78|15|0|Es ist denn aber, dass eine solche großartig scheinende Szene ein stummes Wort aus der Weisheit des allerliebevollsten, heiligsten Vaters predigt, so ist dann nur der Sinn erhaben, aber nicht das stumme, leblose Werkzeug, – gleichwie auch kein Mund darum erhabener ist denn ein anderer, wenn er Worte auch von größter Erhabenheit gesprochen hat; denn das Erhabene liegt nicht am Mund, sondern am Wort.
HG|1|78|16|0|Also ist es auch bei dieser Szene. Nicht weil sie solches darstellt, dass wir daran erkennen in der inneren Entsprechung des Geistes die sieben Geister oder die sieben Mächte Gottes, und dass jede davon voll ist des lebendigen Wassers der Gnade, welche beständig über unser mageres Erdreich unserer Seele herabregnet und dennoch nicht viel mehr Früchte zeugt denn das stets bewässerte Erdreich um die Füße dieser Steinkegel, – noch weil die dahinterstehenden zehn Kegel darstellen die heiligen Pflichten der Liebe, die stets dieselben sind, weil die sieben Geister eigentlich auch nur ein Geist sind, was da bezeugt dieselbe Höhe, dieselbe Farbe, dieselbe Gestalt, dieselbe Masse, dieselbe Richtung, dasselbe Wasser und dasselbe harmonische Rauschen, – sondern die alleinige Erkenntnis daraus in uns selbst ist erhaben und würdig! An der Szene selbst ist wenig gelegen!
HG|1|78|17|0|‚Löst die Wunder vorerst im Herzen; wahrlich, dann erst werdet ihr mit Mir stimmen‘, spricht der Herr, ‚und sagen: ‚O Herr, wer nur einen Tropfen Deiner Liebe verkostet hat, dem wird die Erde zum Ekel im lauten Jubel über Gott des eigenen Herzens!‘ Amen.“
HG|1|79|1|1|Adams Schwäche
HG|1|79|1|1|Am 26. April 1841
HG|1|79|1|0|Nachdem Henoch diese Rede beendet hatte, verneigte er sich ehrerbietigst gegen alle Väter und dankte Mir dann im Herzen für die hohe Gnade, durch die er nun wieder vermocht hatte, so viel rein Gutes und Wahres aus Mir den Vätern zu verkünden.
HG|1|79|2|0|Adam aber erhob sich und sagte „Amen!“ und fuhr dann zu reden fort, indem er sagte: „Mein vielgeliebter Henoch, diesmal sehe ich nun ganz klar, dass die Worte, die du nun gesprochen hast, nicht in deinem Leibe entstanden sind, sondern der Herr und unser aller allmächtiger Schöpfer und allerheiligster Vater hat sie dir zuvor getreu ins Herz gelegt!
HG|1|79|3|0|Denn wahrlich, liebe Kinder, welcher Mensch könnte das wohl aus sich schöpfen und diese Steingruppe in aller ihrer Wunderbarkeit also einleuchtend begreiflich enthüllen wie du durch die Macht und Allerbarmung des allerhöchsten Gottes?!
HG|1|79|4|0|Es ist wohl das allererste Mal, dass ich dich so vollends erfasst habe, und das noch sozusagen vom Grunde der tiefsten Wurzel!
HG|1|79|5|0|Aber nur eines ist mir noch nicht erschaulich gewiss und einleuchtend, und dieses eine ist, dass ich es mir noch immer nicht recht vorstellen kann, auf welche Art du das heilige Wort, das du dann aussprichst, in dir empfängst und es hörst und dann alsogleich aussprichst, dass es dann klingt, als wäre es von dir, da doch der endlos hohe Sinn erschaulich gerade das blankste Gegenteil bietet, ja ein so blankes Gegenteil wie eine ganz ruhige Wasserfläche, auf der da nicht die allergeringste Unebenheit zu entdecken ist.
HG|1|79|6|0|O lieber Henoch, nicht jetzt, sondern zu einer anderen, gelegeneren Stunde, wenn es dem Herrn wohlgefällig wäre, zeige und enthülle uns das allen, damit wir dadurch einen inneren Maßstab bekämen und danach zu beurteilen imstande wären, wie und wann jeder von uns in sich das heilige Wort vernehmen möchte, entweder für sich oder für alle.
HG|1|79|7|0|Ich sage dir aber noch einmal: nicht jetzt, sondern zu einer gelegeneren Stunde! Für jetzt aber danken wir alle dem Herrn, dass Er uns einer so hohen Lehre gewürdigt hat, und wollen uns danach zur Weiterreise anschicken, und zwar nach der schon bekannten Ordnung in dem Namen Jehova! Amen.“
HG|1|79|8|0|Und alle taten in der innersten Tiefe ihres Herzens, wie es Adam geboten hatte.
HG|1|79|9|0|Als sie Mir nun vollends ihren Dank dargebracht hatten, da erhoben sie sich und machten sich zur Reise fertig.
HG|1|79|10|0|Bevor sie aber noch ihre Beine in Bewegung setzten, sagte Adam zu Seth: „Höre, mein geliebter Ahbel-Seth, es hungert mich – meine matt werden wollenden Glieder sagen es mir –; doch du weißt das Gelübde des heutigen Tages, das ich mit euch allen dem Herrn gemacht habe, als der Rachen des Tieres uns fast samt und sämtlich erschauern machte.
HG|1|79|11|0|Was wird nun zu tun sein? Ich möchte den Henoch fragen; allein wahrlich, es ist das erste Mal im Leben auf dieser Stelle, dass mich der Mut verlässt, ein Kind zu fragen – das noch dazu ist ein Kind der Kinder! –, womit ich meiner Mattigkeit, ohne das Gelübde zu brechen, begegnen soll!
HG|1|79|12|0|Gehe hin zu ihm, und frage ihn leise um seinen Rat! Amen.“
HG|1|79|13|0|Sogleich machte sich Seth hin zum Henoch und sprach: „Höre, lieber Henoch, unseren Vater Adam hat eine starke Mattigkeit befallen in allen seinen Gliedern. Es verlangt ihn gar gewaltig nach Speise, – allein das Gelübde gebietet ihm, nichts zu essen den ganzen Tag hindurch. Sage, wenn es dir möglich ist: Auf welche andere Art wird der Erzvater seine Mattigkeit loswerden können?
HG|1|79|14|0|O lieber Henoch, tue, was du vermagst! Denn obschon auch ich zum Leben gekommen bin, so fühle ich aber doch erst ein Leben der Schwäche in mir und nicht eines der Kraft; darum möchte ich dem Erzvater eine sehr schwache Stütze werden!
HG|1|79|15|0|Du aber hast es in der großen Fülle; so rate oder helfe! Amen.“
HG|1|79|16|0|Henoch aber begab sich alsobald zu Adam und sagte: „O Vater, so lasse dich nicht von der Versuchung übermannen! Der Herr Selbst ist es, der dir solches zukommen lässt, um zu prüfen die Stärke deines Bundes in dir.
HG|1|79|17|0|Da du noch nicht warst, vermochte dich der Herr wohl ins Dasein zu rufen, dass du wurdest ein freier Mensch und Geist, vollkommen nach Seinem Ebenmaß.
HG|1|79|18|0|Nun bist du lange schon ein freier Beobachter und Empfänger von unnennbaren Ausflüssen von Seiner unendlichen Liebe, Erbarmung und Gnade; wie magst du dich denn von einem Kleinmut erfangen lassen und beben vor dem hinfälligen Staub des Fleisches, wenn dessen gegliederter Tod dich mahnt, dass nicht das Fleisch, diese stets mehr und mehr alternde Hülle des inneren Lebens, sondern der Geist der Liebe, welche das eigentlichste, innerste Leben ist, zum Leben bestimmt ist in Gott?!
HG|1|79|19|0|Lasse immerhin ermatten das Fleisch; und wenn es wird schwach werden hinein bis zur Wohnstätte des Lebens, so wird dasselbe um desto leichter und eher sich in aller Fülle ergießen in alle Seele und wird durch diese auch bestens nähren jede Faser des Fleisches zum einstigen ewigen Leben.
HG|1|79|20|0|Denn der Geist wird dann das Leben des Fleisches in sich aufnehmen, und so wird dann der Tod nichts haben, das er erwürge, denn sich selbst, was da ist das leere Fleisch selbst.
HG|1|79|21|0|O Vater, in deiner Schwäche baue auf die Kraft Jehovas, so wirst du in deiner wiedererlangten Kraft in der Macht des Lebens frohlocken und sagen:
HG|1|79|22|0|‚O Herr, du bester, heiligster Vater! Ich war nicht, und Du hast mich ins Dasein gerufen; und ich war da in aller mutigen Kraftfülle des frohen, heiteren Lebens aus Dir. Es gefiel Dir, mich mit mancher Schwachheit zu prüfen; ich erkannte mit Deiner Gnade die neue Prüfung und brachte Dir in meiner Ermattung ein Opfer der kindlichen Liebe. Du hast nun wieder meine Müdigkeit angesehen, und ich lebe nun hoch frohlockend ein neues, erstaunlich wonnevolles Leben in Dir, o Jehova! Dir sei ewig aller Ruhm, Preis, Lob und Dank!‘
HG|1|79|23|0|O lieber, aller Achtung würdigster Vater Adam! Glaube es mir, dem schwachen Henoch: Es wird keine Stunde der Schattenwende vorüber sein, so werden deine Glieder kräftiger sein denn die des starken Tigers; aber nur festhalten musst du den Bund! Denn der Herr verachtet allzeit den treulosen Wankelmut des Herzens.
HG|1|79|24|0|Vorderhand aber lasse dich bis gen Abend von mir geleiten und dir unter die Arme greifen, und du wirst des Herrn wunderbare Leitung gar bald vollends erkennen! Amen.“
HG|1|80|1|1|Die Prophetenschulen und ihre Regeln
HG|1|80|1|0|Und als der Adam diese Trostrede des Henoch vernommen hatte, so ward er alsobald fröhlichen Herzens und ertrug seine zunehmende Mattigkeit mit großer Ergebung und ließ sich vom Henoch weitergeleiten.
HG|1|80|2|0|Und so ging der Zug, obschon etwas mühsam, dessen ungeachtet mit noch ziemlicher Raschheit vor sich. Auf dem ganzen, beinahe halbstündigen Wege wurde keine Silbe gewechselt; aber ein jeder für sich bat Mich im Herzen inbrünstigst um die Stärkung und Erhaltung Adams. Vorzugsweise aber war Henoch voll unerschütterten Vertrauens und berechnete genau in seiner Liebe zu Mir, dass Ich sein unbeugsames Vertrauen auf Meine Erbarmung und Gnade gewiss und überaus sicher nicht werde zuschanden werden lassen.
HG|1|80|3|0|Denn sahen die übrigen auch ein, dass Mir kein Ding unmöglich ist, so zweifelten sie aber doch an Meinem Willen, da sie noch nicht die große Freikunst erlernt hatten im Herzen, auf dem unerschütterlichen Weg der reinen Liebe zu rechnen und wohl zu berechnen Meine ewige, über alles unaussprechliche Treue, – welche Kunst aber Meinem lieben Henoch schon zur größten Fertigkeit geworden war, und er darob auch allzeit höchst sicher war des unausbleiblichen Erfolges dessen, das er in seiner gerechten Liebe von Mir erwartete.
HG|1|80|4|0|Er war daher auch nie traurig und bedauerte niemanden, so ihm etwas Unangenehmes begegnet war. Denn sein Auge ruhte beständig auf Meinem Herzen, und so gewahrte er gar wohl die geheime Leitung Meiner Liebe, wie sie durch jedes noch so sonderbar scheinende Mittel allzeit am allerbesten versteht, die Kinder also zu führen, wie es für die Gewinnung des ewigen Lebens auch am allerbesten taugt. Ja, er ging in der Rechnung seiner Liebe zu Mir so weit, dass er sogar mit der größten Sicherheit bestimmte, wie, wann, wo und warum etwas zum Vorschein kommen würde, und zu welchem Ende. Und so war er gewisserart auch der erste Prophet der Erde und Urgründer der bis zu Meiner menschlichen Darniederkunft sich erhaltenden sogenannten Prophetenschulen, welche einzig und allein darin bestanden, dass ihre Schüler von beinahe der Geburt an schon in Meiner Liebe erzogen wurden. Die Welt ward ihnen dargestellt als eine gefestete Unterlage Meiner Liebe, als ein großes Schulhaus, in welchem alle Menschen durch eine kurze Abgeschiedenheit von Mir durch den eigenen Antrieb ihres inneren Lebens eine große Sehnsucht nach Mir bekommen sollen. Ihre äußeren Reize sind nur der Versuchung wegen da, damit sich die Menschen selbst richten sollen nach Meiner Liebe. Und sobald jemand dadurch an der Welt kein Wohlgefallen mehr finden wird, sondern nur an der stets wachsenden Sehnsucht nach Mir, dem wird dann alsobald das innere Auge und Ohr erschlossen werden, und er wird, wenn auch noch im sterblichen, ebenso verführerischen Leib, alsbald wieder den heiligen Vater hören und dann und wann zu sehen bekommen.
HG|1|80|5|0|Der Geist der ewigen Liebe wird ihn dann erfüllen; er wird schauen die Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit allörtlich, und des Leibes herbeigekommener Tod wird jeden mit einer unaussprechlichen Wonne erfüllen, da er da überklar erst zu schauen wird anfangen, dass der Tod des Leibes kein Tod, sondern nur ein gänzlich vollendetes Wachwerden zum ewigen Leben ist.
HG|1|80|6|0|Das und noch manches mit Meiner Liebe im engsten Bunde Stehende war das eigentliche Wesen der Prophetenschule, von welcher, wie schon bemerkt, Henoch nach Meinem Willen der Urgründer war.
HG|1|80|7|0|Die goldene Regel von ihm durch Mich war stets noch der Grund und das innere Fundament aller Prophetenschulen und lautete also:
HG|1|80|8|0|Du magst nicht glauben, dass es einen Gott gebe, wenn du Denselben nicht schon eher geliebt hast aus allen Kräften eines kindlichen Herzens. Wer da sagt: ‚Ich glaube an einen Gott!‘, kann aber Denselben nicht lieben, der ist ein toter Lügner und hat kein Leben; denn Gott ist das ewige Leben Selbst, – Seine Liebe ist dieses Leben. Wie kann aber jemand das Leben anders begreifen denn durch das Leben?! Da aber die Liebe nur das Leben ist, wie in Gott ewig aus Sich, so im Menschen durch die Erbarmung aus Gott, wie kann da der Mensch sagen, dass er glaube an einen Gott, da er doch Denselben verleugnet tausendfach in seinem liebelosen Zustand, welcher kein Leben, sondern nur eine gewisse Regsamkeit der von Gott erschaffenen Natur ist, tauglich zur Aufnahme des Lebens der Liebe aus Gott.
HG|1|80|9|0|Der regsame Leib ist noch nicht ein Mensch, sondern ist nur gemacht, dass er ein Träger sei eines Menschen vermöge der ihm eingehauchten lebendigen Seele; nimmt aber diese beleibte Seele das Leben der Liebe aus Gott nicht auf in sich, so ist sie trotz aller Regsamkeit und Brauchbarkeit ihrer Sinne tot. –
HG|1|80|10|0|Das war also die goldene Regel. Dass mit ihr und aus ihr mit der Zeit noch andere entstanden sind, ist wohl so natürlich, wie natürlich aus der ersten Liebe, welche sich nach und nach mehr und mehr in den alleinigen Glauben bei den Völkern verlor, die zehn Gebote und alle Propheten entstanden und aus diesen endlich wieder die reine Liebe durch Mich zu Mir und daraus zum Nächsten.
HG|1|80|11|0|So war auch die streng weltentsagende Lebensweise bis zur Zeit des empfangenen Lebensgeistes der Liebe eine aus dieser Regel hervorgegangene, von welcher Zeit sich dann freilich das fernere irdische Leben nach der inneren Freiheit modifizierte, demzufolge dann auch jeder Prophet lebte, wandelte und handelte.
HG|1|80|12|0|Also war es somit mit den Prophetenschulen, welche, wie schon bemerkt, im Henoch ihren Gründer hatten, welcher jetzt auch schon mit dem Vater Adam glücklich bei den Kindern des Abends angelangt war.
HG|1|80|13|0|Aber wie erstaunt waren nun alle, als der früher so matt gewordene Adam auf einmal zu vollster Kraft wieder gekommen war an der Seite Henochs!
HG|1|80|14|0|Adam selbst aber war außer sich vor Freude und dankte Mir unter vielen Freudentränen für solche plötzliche Stärkung und sagte endlich zum Henoch, wie auch zu all den übrigen:
HG|1|80|15|0|„O Henoch! O Kinder! Wie ein gar so überaus herrlicher Gott ist unser Gott! Wie gut, wie liebevoll und wie voll Erbarmung! Er, der kein Leid kennt wie keine Unvollkommenheit, Er, der heilige, unendliche, ewige, über alles mächtige Gott kann aus Seiner endlosen Vollkommenheit dennoch unvollkommene Wesen erschaffen, nicht etwa, als vermöchte Er nicht, sie vollkommen zu erschaffen – das sei ferne von uns je zu denken –, sondern um den vermöge Seiner endlosen Weisheit unvollkommen Erschaffenen so recht aus aller Seiner innersten Gnade- und Liebetiefe Seine väterliche Liebe von Ewigkeit zu Ewigkeit stets mehr und mehr angedeihen zu lassen, und um ihnen dadurch zu zeigen, dass Er nur der alleinige, allerwahrhafteste Vater aller Menschen und Geister ist.
HG|1|80|16|0|O Henoch, o Kinder, dieses sehe ich jetzt erst so ganz vollkommen ein! Wäre ich nicht matt geworden, wie hätte ich die unaussprechliche Wohltat der Stärkung je wahrzunehmen vermocht?!
HG|1|80|17|0|Der heilige Vater aber ließ mich recht schwach und matt werden, um mich dadurch desto empfänglicher für Seine unaussprechliche Liebe zu machen! Oh, der übergute Vater, wie gut erst muss Er sein gegen jene, die sich gegen Ihn nie versündigt haben, da er schon gegen mich, der ich doch der größte Sünder bin, da ich in Seinem Angesichte gesündigt habe, so überaus gut, gnädig und barmherzig ist!
HG|1|80|18|0|O frohlocket, ihr Armen; denn ihr seid arm, um desto mehr zu empfangen! Frohlocket, ihr Schwachen; denn ihr seid schwach, um desto mehr Kraft zu erlangen! Frohlocket, ihr Traurigen; ihr seid traurig, um desto mehr Freuden zu empfangen! Frohlocket, ihr Hungrigen und Durstigen; ihr seid hungrig und durstig, um desto mehr gesättigt zu werden! Frohlocket, selbst ihr blinden Geister; sehet, der Herr hat die Nacht gemacht, dass sie empfinde das Bedürfnis des Tages! Wer hätte je am Tage das Bedürfnis des Tages empfunden, wenn der Herr nicht vor dem Tage hätte die Nacht gesetzt?! O Tod, wärst du nicht der Tod, so müsstest auch du frohlocken; denn deiner selbst wegen bist du nicht aus der ewigen Ordnung hervorgegangen! Wer weiß es, ob dich der Herr nicht darum entstehen ließ, damit aus dir dereinst vielleicht das allerhöchste Leben erstehen wird!
HG|1|80|19|0|Wahrlich, wahrlich, wo der Herr gibt, da gibt Er als Vater Seiner unendlichen Liebe gemäß; aber überglücklich sei der, dem der Herr etwas nehmen wird, denn der wird’s unendlichmal wieder empfangen aus der Hand des ewigen Vaters!
HG|1|80|20|0|O Henoch, o Kinder! Ich, euer Vater Adam, bin überselig, da mich der Herr nun eine so große Gnade hat erfahren lassen, die größer ist denn mein ganzes Leben!
HG|1|80|21|0|Du, lieber Henoch, aber sei hochgesegnet; dein Same soll nicht aussterben bis ans Ende aller Zeiten, und dein Name soll am Ende aller Zeiten den Völkern so nahekommen, als wärest du mitten unter ihnen! Späte Sprecher des Herrn werden ihren Kindern deine Liebe zum Vater rühmen und sich selbst nach dir richten.
HG|1|80|22|0|So wie jetzt hast du noch nie gezeigt, wie sehr du an dem heiligen Vater hängst; denn dadurch bin ich gestärkt worden, weil du so überaus mächtig fest am Vater hängst!
HG|1|80|23|0|Dir aber, mein großer Gott, Herr und Vater, sei aller Preis, aller Ruhm, alle Ehre, aller Dank und alles Lob; denn Du allein bist würdig, solches von uns zu empfangen!
HG|1|80|24|0|Kinder, lobet alle den Herrn; denn Er ist gütig, liebevoll und überaus gnädig und barmherzig!
HG|1|80|25|0|Henoch, siehe, das unaussprechliche Dankgefühl in mir gegen Gott lähmt mir beinahe die Zunge, dass ich kaum mehr zu reden vermag! Daher, da wir schon zu den Kindern des Abends gelangt sind, so mache du mit dem Asmahael Anstalt, dass sie erfahren, dass wir hier ihrer harren, und dass sie sich darob hierher begeben sollen, um zu empfangen den Segen und die heilige Kunde des morgigen Sabbats; alles andere sollen sie hier erst erfahren und sehen! Amen.“
HG|1|81|1|1|Die nackte Gerechtigkeit aus der Höhe der Weisheit tötet das innere Leben
HG|1|81|1|1|Am 3. Mai 1841
HG|1|81|1|0|Als die Rede beendet und der letzte Wunsch vom Adam ausgesprochen, vom Adam gesegnet und von Mir dem Henoch nebenbei noch angezeigt war, da verneigte sich alsbald der Henoch vor den Vätern, desgleichen, dem Henoch nachfolgend, auch der Asmahael von seinem Träger aus.
HG|1|81|2|0|Alsdann eilten die beiden zu den Kindern des Abends und verkündigten dort mit lauter Stimme die Anwesenheit des ihrer harrenden Erzvaters Adam an der Grenze des abendlichen Gebietes. Als die Kinder solches vernommen hatten, da rafften sie sich alsbald zusammen, nahmen allerlei Früchte und andere Esswaren mit sich und eilten dann ehrfurchtsvoll mit Henoch und Asmahael hin zum Erzvater Adam. Als sie in starker Anzahl in die Nähe des Adam gelangten, fielen sie auf ihre Angesichter, getrauten sich nicht eher aufzustehen, als bis ihnen vom Adam durch Kenan zum wiederholten Male angedeutet wurde, dass sie sich endlich aus ihrer übertriebenen Ehrsucht vor den Vätern erheben sollten und empfangen den Segen vom Adam zur Rechtfertigung ihrer Gegenwart, um dann mit den geöffneten Ohren das heilige Wort der Einladung zum Opfer- und Brandfest am morgigen heiligen Sabbat zu vernehmen.
HG|1|81|3|0|Nun erst erhoben sie sich voll Furcht und Angst und gebärdeten sich, als wenn ihr Gewissen so manches Nagewürmchen in sich verschlösse, welches unter der Sonne freiem Licht nicht gar wohl fortkommen möchte.
HG|1|81|4|0|Adam nahm solche Erscheinung etwas wunder; auch Seth und die übrigen Kinder bis auf Henoch und Asmahael konnten sich diese rätselhafte Erscheinung nicht gar wohl auseinandersetzen und verstummten endlich selbst in ihren Mutmaßungen.
HG|1|81|5|0|Adam aber erhob sich alsbald und beschied den Henoch und Asmahael zu sich und fragte natürlich vorzugsweise den Henoch – aber auch der Asmahael hatte hier die gegebene Freiheit zu antworten –: „Henoch, was soll denn das mit diesen Kindern? Sie kommen mir vor, als wären ihre Herzen mitnichten frei, sondern gedrückt und gebunden mit allerlei Unding!
HG|1|81|6|0|O lieber Henoch, auch du, treufester Asmahael, sagt oder erforscht zum wenigsten in euch, was es mit dieser Erscheinung für eine Bewandtnis haben möchte!
HG|1|81|7|0|Ich meines Teiles behaupte, dass hier ein arger Same unter dem Weizen ist; und wenn es also ist, so dürfen wir nicht eher von der Stelle, als bis das reine Korn wieder aus der Spreu und dem Unkraut gefunden und dann wohl verwahrt in unserer väterlichen Liebestrenge wird.
HG|1|81|8|0|Mir kommt es auch gar so sonderbar vor, dass das Tier diesen Kindern beständig den Steiß zuwendet und sie auch nicht einmal eines Blickes würdigt, während es doch die Kinder des Mittags mit weitest geöffneten Augen fürchterlich lebhaft anglotzte!
HG|1|81|9|0|O lieber Henoch! Mache, dass wir sobald als möglich ins Klare und dadurch auch wieder in die erwünschte Ordnung kommen möchten! Amen.“
HG|1|81|10|0|Henoch aber erhob sich und sprach: „Höre, Adam, und höret alle, ihr Väter, diese Kinder sind durch eine zu große Demütigung von unserer Seite gänzlich mutlos geworden; diese Demütigung hat ihnen die Liebe zu uns geraubt und erfüllte dafür ihre Herzen mit knechtischer Furcht.
HG|1|81|11|0|Wir sind ihnen nun kein Gegenstand der Liebe und kindlichen Hochachtung, sondern ein Gegenstand des Schreckens und heimlicher Verachtung sind wir ihnen geworden. Wenn die große Furcht vor unserer inneren Geisteskraft und -macht aus der Liebe des Herrn sie nicht abhielte, wahrlich, sie vermöchten mit uns allen dasselbe zu tun, was Kahins Eigenliebe mit Ahbel tat!
HG|1|81|12|0|O Vater Adam, siehe, darin liegt sie begraben und wohl verborgen diese so sonderbare Erscheinung, an welcher niemand denn wir selbst die allermeiste Schuld vor ihnen und vor dem Herrn tragen; daher ist es nun freilich an uns, diesen Fehler wieder gutzumachen!
HG|1|81|13|0|Das Tier aber nahm deswegen eine solche Stellung ein, um uns dadurch anzudeuten, dass die Schuld in unserer Mitte wohnt, darum es auch uns ansieht und den Steiß gegen die Kinder hält; und es zeigt uns dadurch an, dass sie von uns verunreinigt worden sind.
HG|1|81|14|0|Ihr fragt mich im Herzen: ‚Wann und wie verunreinigten wir denn diese Kinder? Und sollte es geschehen sein ohne unser eigentliches Wollen, wie wird dieser Fehler wohl wieder gutzumachen sein?‘
HG|1|81|15|0|O Väter, die erste Fragehälfte, wie und wann sie verunreinigt worden sind, ist überleicht zu beantworten; aber desto schwerer die zweite!
HG|1|81|16|0|O Vater Adam! Siehe, darin liegt es, dass du durch deine frühere zu ängstlich strenge Gerechtigkeit aus viel mehr Furcht denn Liebe vor und zum Herrn hast solche Unterschiede zwischen den Kindern gemacht, und hast die einen verurteilt gen Morgen, die da überglücklich sind, und hast die anderen verurteilt gen Mittag, auf dass sie sich stets minder denken sollen denn die Lieblinge des Morgens, und diese verurteilt gen Abend, weil sie dir trägen Geistes vorgekommen sind, da sie sich öfter am Morgen vom Schlaf übermannen ließen, und hast endlich gar hart die letzten verurteilt gen Mitternacht darum, da sie in manchen äußeren Gebräuchen nicht wollten deiner Meinung sein.
HG|1|81|17|0|O siehe, lieber Vater Adam, wärest du damals schon von der Liebe des ewigen, heiligen Vaters also wie jetzt belebt gewesen, sicher wären deine Urteile ganz anders ausgefallen! Allein die nackte Gerechtigkeit, wenn auch von allen Strahlen der Weisheit umflossen, ist drückend und hart, wenn aus ihrem Hintergrund – sollte er auch etwas verborgen sein – nicht ein leiser Liebestrahl wohltuend durchweht all die siebenmal zehn aus der Höhe wasserspritzenden Steinspitzen der fruchtlosen Weisheit.
HG|1|81|18|0|Siehe, gleichwie das schwer fallende Wasser aus der Höhe das Gras nicht belebt, sondern nur zerstört und tötet und unter seiner harten Traufe nichts denn harte, ausgewaschene Steine finden lässt, also eben auch ist die nackte Gerechtigkeit, fallend aus der unermesslichen Höhe der Weisheit. Sie tötet und vernichtet das innere Leben. Und ist das Leben einmal ähnlich geworden einem toten, ausgewaschenen Stein unter der harten Wassertraufe, so wird es sehr schwer werden, aus einem solchen Stein irgendein lebendiges Pflänzchen zu ziehen!
HG|1|81|19|0|Denn der schwere, anhaltende Druck des Gerechtigkeits- und Weisheitswassers hat das früher sanfte und lockere Erdreich zum harten Stein gemacht und dann den totgemachten Stein hohlgewaschen. Was soll nun aus dem Stein werden?
HG|1|81|20|0|Wahrlich, bevor er nicht durch ein übermäßiges Liebefeuer wieder zur lockeren Erde umgewandelt wird, wird auf ihm jeder gesäte Same verdorren und endlich gänzlich ersterben.
HG|1|81|21|0|Es ist aber über Steine nicht gut wandeln und über Steine springen gefährlich. Wer auf einen Stein fällt, der fällt hart und zerschellt sich; auf wen aber ein Stein fällt, den zermalmt er. Daher auch ist die zweite Hälfte der Frage schwer zu beantworten.
HG|1|81|22|0|Ich für mich bin der Meinung: Wenn diese Steinkinder und Brüder und Schwestern auf dem Wege der alles mächtigen Liebe nicht zu sänften und zu lockern sind, so wird eine noch größere Wassermenge selbst der weisesten Gerechtigkeit gar wenig mehr vermögen.
HG|1|81|23|0|Lernen wir aber von unserem ewig heiligen, liebevollsten Vater Selbst, wie Er Seine lebenden Wesen lenkt: Die Vögel des Himmels, groß und klein, sind nicht gebannt weder in den Morgen noch den Abend, noch Mittag und Mitternacht; die Tiere der Wälder durchstreifen dieselben nach allen Richtungen; selbst die Fische im Wasser und all das Gewürm haben keine Wände gezogen zur Hemmung ihrer Bewegung und Wohnung.
HG|1|81|24|0|Der Herr hat uns sogar kein Gebot gegeben, den Kindern Kahins zu fluchen; warum tun wir dann solches an unseren Kindern, Brüdern und Schwestern und bannen sie in Gegenden, auf dass sie unfrei sind und zu Steinen werden?!
HG|1|81|25|0|O Vater, löse die nutzlosen Bande der Gerechtigkeit und Strenge und verbinde sie mit dem allmächtigen Band der heiligen Liebe, so wird dann die Weisheit aus der Liebe ihnen zu einem freien Wegweiser werden; und sie alle werden sich dann gar bald, von diesen neuen Strahlen erleuchtet, als Kinder eines und desselben heiligen Vaters erkennen und werden frohlockend sich selbst an dein Vaterherz schmiegen und dich mit von aller Liebe erglühten Armen umfassen und dich einen lieben Vater nennen!
HG|1|81|26|0|O Väter! In einem Tautropfen Liebe liegt mehr Kraft und heilige Macht denn in einer Welt voll weisester Gerechtigkeit, wenn diese nicht die Liebe zum Grunde hat! Daher lasst nun mächtige Winde der Liebe wehen, auf dass diese starren Eisklumpen auftauen möchten, um wieder zu befruchteten Tautröpfchen zu werden, und lasst die Steine selbst vom mächtigen Feuer der Liebe zerlockern, damit unser Same nicht vergebens in ihre Furche gelegt werden möchte! Amen.“
HG|1|82|1|1|Der sich im Irrtum befindliche Seth weist Henoch zurecht
HG|1|82|1|0|Als aber der Adam solches vernommen hatte aus dem Munde Henochs, da erschauerte er im Herzen, denn die Anspielung auf Kahins aus schwarzer Eigenliebe verübten Brudermord riss ihm die alte Wunde auf, dass er darob fast kein Wort leichtlich über seine fiebernden Lippen zu bringen vermochte und somit schwieg und bebte.
HG|1|82|2|0|Es trat aber alsbald Seth zum Henoch und sagte: „Lieber Henoch, das hättest du nicht tun sollen, dass du dem alten Vater Adam nun eine so gefährliche Angst und Trauer bereitet hast durch die etwas unbesonnene Anspielung auf Kahins Untat; gewiss, du hättest ihm dieses alles auf eine ganz andere, unmerkliche Art beibringen können! Siehe, es ist das erste Mal, dass ich mich genötigt fühle, dir etwas zu verweisen; für ein künftiges Mal aber lege bei solchen Gelegenheiten deine Worte auf die Waage der Billigkeit, damit sie den Vater trösten, aber nicht betrüben möchten! Du selbst bist es, der uns allzeit Liebe und Sanftmut lehrt; aber befolge erst selbst recht genau, was du uns lehrst, – dann erst wird deine Lehre voll Segen, Kraft und Macht über unsere Herzen gewinnen! Amen.“
HG|1|82|3|0|Henoch aber, der Mir still im Herzen dankte für das Wort, das er zu Adam geredet hatte, war hoch erstaunt über diese Zurechtweisung, – sagte kein Wort dagegen, sondern wendete sich alsogleich wieder zu Mir und bat Mich, dass Ich ihm anzeigen möchte, was da aus der kurzen Rede Seths werde zu machen sein.
HG|1|82|4|0|„O heiliger, liebevollster Vater, der Du schaust im hellsten Lichte alle Finsternisse der Welt“, fing Henoch an, im Herzen zu Mir zu beten und zu bitten, „Du weißt es, dass ich Dein heiliges Wort ohne Zusatz und ohne Wegnahme getreu dem Adam verkündigte! Wie ist es, dass es der so würdige Vater Seth so uneben aufgefasst hat?
HG|1|82|5|0|Konnte ich doch unmöglich anders sprechen, als Deine unendliche Liebe es mir gegeben hat!
HG|1|82|6|0|Auch war Seth eben erst Zeuge, wie Du, o Jehova, den Adam von seiner Mattigkeit befreit hast und hast ihn gestärkt in jeder Fiber seines Lebens!
HG|1|82|7|0|O heiliger Vater, der Du voll Liebe und Erbarmung bist, zeige meinem unbedingtesten Gehorsam gegen Deinen heiligsten Willen an, woher das rührt, und wie die Sache beim Seth wieder vollends gutgemacht werden möchte! Ich, Dein armer, schwacher Henoch, gelobe Dir in meinem Dich über alles hochliebenden Herzen, dass auch nicht ein Haar meines Hauptes sich rühren soll ohne Deinen heiligsten Willen! Amen.“
HG|1|82|8|0|Alsbald aber erblickte Henoch eine Flammenschrift im Herzen, und da stand es geschrieben: „O Henoch, warum sorgst du dich darum?! Das Herz ist nicht verständig noch in allem, wenn nicht das ganze Herz voll erfüllt ist von der ewigen Liebe; wenn aber diese kommen wird, dann wird auch der Seth die Steine und alles Gras, Pflanzen, Sträucher und Bäume wohlvernehmliche Worte miteinander wechseln hören.
HG|1|82|9|0|Du aber schweige vorderhand, und lasse deinen Schüler für dich das Wort führen! Amen.“
HG|1|82|10|0|Seth aber, da er auf diese seine Mahnrede den Henoch keine Miene zum Reden machen sah, fing sich selbst über Hals und Kopf im Herzen zu befragen an, was das doch sein möchte, dass nun alles wie verstummt geworden ist; aber auch sein eigenes Herz blieb stumm. Und so war der Seth genötigt, sich wieder an den Henoch zu wenden und ihn zu fragen, warum er ihm auf die frühere Einrede nichts erwidert hätte.
HG|1|82|11|0|Henoch aber sagte voll Hochachtung und Liebe: „O würdiger Vater Seth! Hat wohl das Kind ein Recht, sich gegen die Ermahnung eines Vaters aufzulehnen?! Du hast mir das Wort Gottes zwar verwiesen, das ich habe aussprechen müssen; allein, wenn du mit mir redest im Namen des Herrn, kann und darf ich dir Frage, Antwort und freie Rede bieten! So du aber als Vater im Ton eines Lehrers mit mir redest, siehe, dann ist es meine kindliche Pflicht, dir unbedingt zu gehorchen, zu schweigen und im eigenen Herzen mich aber alsbald mit der Liebe Jehovas zu vereinen. Siehe ahnungsvoll, aber furchtlos hin auf den Redner, den das Tier trägt; denn so will es nun der Herr, dass dieser euch vorderhand meine Stelle vertreten soll! Frage ihn, und er wird euch die geziemendste Antwort geben im Namen Dessen, der ihn dazu berufen hatte! Amen.“
HG|1|82|12|0|Diese sehr bescheidene Äußerung Henochs machte den biederen Seth ganz verstummen. Aber dafür löste sie dem Adam wieder die Zunge, und dieser sprach zu Seth: „Aber geliebter Sohn! Du, den mir Jehova an Ahbels Stelle gegeben zum Trost, sage mir, was mochte denn doch dein Herz also geblendet haben?
HG|1|82|13|0|Des Herrn heiliges Wort mochtest du dem Sprecher Gottes verweisen – und hast dich doch erst kaum zehn Augenblicke vorher überzeugt, wie wunderbar es mich gestärkt hat!
HG|1|82|14|0|Das Wort aus dem Munde Henochs, ausgehend vom Herrn bezüglich der Kinder, hat bei mir ein neues Wunder gewirkt, welches höher steht denn Kahin und Ahbel!
HG|1|82|15|0|Wahr ist es, die Eigenliebe Kahins und die gleiche Versteinerung dieser Kinder durch meine Schuld hat in der Rede Henochs mich stark verletzt; allein es war aber ja auch ebenso notwendig, dass es mich also verletzt hat, denn sonst wäre ich ja unmöglich je zur vollen Heilung der alten, stets brennenden Wunde gekommen wie eben jetzt! Denn wo der Herr verwundet, da heilt Er wunderbar; wo aber Menschen sich gegenseitig einen Schaden zufügen, – wahrlich, wenn der Herr Sich ihrer, wie jetzt meiner, nicht erbarmt, in Ewigkeit würden sie gegenseitig den Schaden nicht wieder gutmachen!
HG|1|82|16|0|Ich habe gesündigt an meinem treuen Weib im Paradies, und der Erstgeborene ward mir zur großen Wunde, – und bis jetzt mochte ich die Wunde nicht zu heilen! Vor dreihundert Jahren schon hatte ich die Kinder hart gesondert und sehe erst jetzt ein, dass ich dadurch Gift in meine alte Wunde gestreut habe.
HG|1|82|17|0|Der Herr nahm mir jetzt das Gift und heilte mir die alte Wunde durch Henochs Wunderworte. Warum hast du dich denn eher an der Liebe vergriffen, bevor du ihren Wundersinn in deinem Herzen erkannt und erschaut hast?
HG|1|82|18|0|O Seth, o Seth, sehe zu, dass dir der Herr nicht wieder nimmt aus dem Herzen, das Er dir schon so herrlich gegeben hat! Für ein nächstes Mal aber höre zuvor jeder auf meine Stimme, und wen ich da zu meiner Unterstützung bescheiden werde, der komme und helfe mir. Allein bei Gelegenheiten, wie diese ist, wo der Herr doch so augenscheinlich mit uns zieht, ist es wohl durchaus nicht nötig, dass wir uns unaufgefordert helfen wollen, da doch die allerbeste Menschenhilfe soviel wie nichts ist gegen die wahre, unaussprechliche Hilfe des Herrn durch Sein allmächtig Wort, welches nicht ist wie ein menschlich Wort, sondern welches da allzeit ist eine vollbrachte Tat für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten.
HG|1|82|19|0|Und somit, lieber Seth, erkenne deinen Irrtum vor dem Herrn; falle hin zur Erde und bitte den Herrn um die Gnade und Erbarmung, auf dass Er dich wieder ansehen möchte! Amen.“
HG|1|83|1|1|Henochs Rede über das wahrhafte Vermitteln des Wortes des Herrn
HG|1|83|1|1|Am 12. Mai 1841
HG|1|83|1|0|Seth aber verstand nun gar wohl die Rede Henochs über die Stummheit der Kinder des Abends und die entschuldigende des Adams und sagte endlich:
HG|1|83|2|0|„O Vater, o Henoch, nun ist mir alles klar! Ihr beide, du, geliebter Vater, und du, geliebter Sohn, werdet mir wohl vergeben meinen ängstlichen Irrtum; aber wird mir solches wohl auch der Herr tun, gegen dessen allerheiligstes Wort ich im eigentlichsten Sinne des Wortes geeifert habe? Wie werde ich da Vergebung erlangen?
HG|1|83|3|0|Es war schon licht geworden in meiner Seele, und ich gewahrte schon gar deutlich ein neues, wahres Leben erstehen in meinem Herzen; allein nun gewahre ich nur zu gewiss wieder Nacht und Tod in meinen Eingeweiden!
HG|1|83|4|0|Wahrlich, es werden die Kinder des Abends und der Mitternacht zu reden anfangen, als wären sie aus der Sonnenmitte hervorgegangen; ich aber werde stummer sein denn ein Stein in der Meerestiefe, da ich meine Zunge verwendete zum Widerspruch, wo ich sie hätte zum ewigen Dank verwenden sollen! Nicht einmal der liebe Henoch sollte an mich Worte des Lebens aus der Höhe richten, sondern alles nur der Asmahael! O großer Gott, wie ungeheuer groß muss meine Sünde vor Dir sein, da Du sogar um meiner Hartnäckigkeit willen als der Herr alles Lebens dem Henoch vor mir nichts zu reden gebotest, sondern allein dem Asmahael, dass dieser mich belehre über alle meine Irrtümer!
HG|1|83|5|0|O wehe mir, so mich der Herr nicht mehr ansehen möchte in Seiner Erbarmung! Wer wird mich dann erretten aus der Nacht des Todes?
HG|1|83|6|0|O Herr, lasse immerhin Deinen Asmahael Worte voll jugendlicher Kraft in aller Fülle des Lebens an uns, die wir voll Stumpfheit und toten Sinnes sind, richten, und das vorzugsweise an mich; aber nur lasse darob die so hoch gesegnete Zunge Henochs nicht verstummen vor uns, und ganz besonders vor mir, damit niemand meinetwegen etwas verlieren möchte.
HG|1|83|7|0|O Herr, Gott und Vater, sei mir armem Toren voll Blindheit barmherzig und gnädig! Amen.“
HG|1|83|8|0|Nach dem aber erhob sich auf Mein Geheiß alsobald der Henoch und fing an, aus Mir folgende Kraftworte an den Seth und auch an alle zu richten, sagend:
HG|1|83|9|0|„O lieber Vater Seth, siehe, wo ist der Mensch, so ihn ein Irrtum gefangen hat, dass er sich möchte helfen in der Mitte des Irrtums?! Da er spricht, spricht er wie im Traum; da er handelt, handelt er wie ein Blinder; da er geht, geht er, als hätte er keine Knochen in den Füßen; da er stehen möchte, da fällt er wie einer im Wirbelschwindel; will er wieder erstehen, da mag er seine Füße nicht zurechtbringen; und will er sehen und hören, da sieht und hört er den Schatten statt der Sache und den leeren Schall statt des lebendigen Wortes.
HG|1|83|10|0|Siehe, also war und ist es auch bei dir! Du hast des Lebens und der wahren Liebe Schatten nur in dir im Mittag wahrgenommen; damit zufrieden, mochtest du wohl entgegentreten der ewigen Liebe, da du in dir heimlich dachtest, nun müsse schon jedes deiner Worte aus der Höhe kommen. Allein darum aber ließ es der Herr zu, dass du fielst, auf dass du nun wohl begreifen sollst, dass es ein Schwereres ist, sich des allerhöchsten Gutes der ewigen Liebe Jehovas zu bemächtigen, als in dreimal sieben Tagen all die Erdfrüchte ins Trockene zu bringen!
HG|1|83|11|0|Siehe, du irrtest dich, da du mir das Wort des Herrn verwiesen hattest! Warum irrtest du aber? Darum, weil du meintest, auch die Anforderung deines Herzens sei schon ganz rein von oben und gebe dir das Recht unbestreitbar, dich zurechtweisend über die Weisheit Gottes Selbst herzumachen, weil sie deinem lebenbeschatteten Herzen nicht einleuchten wollte und daher unrechtlich und tötend vorkam.
HG|1|83|12|0|Nun fehltest du aber wieder, da du fürs Erste dem Adam und mir mehr Versöhnlichkeit zutrautest denn der ewigen Liebe Jehovas Selbst, dessen allereigentlichste Kinder wir doch alle ohne Ausnahme sind, ob gut oder voll Ungehorsams, und fürs Zweite dir nur an meinem Wort hauptsächlich zu liegen scheint, ohne zu bedenken, dass das Wort des Herrn, auch aus einem Stein gesprochen, dasselbe heilige, lebendige Wort ist.
HG|1|83|13|0|Daher bitte nicht um meine Zunge, sondern um das lebendige Wort; achte nicht des Werkzeuges, sondern der Gnade, die da kommt durch was immer für ein Werkzeug vom Herrn, ob vom Henoch oder Asmahael; dann wirst du wandeln vollkommen gerechtfertigt vor der ewigen Liebe Jehovas, der allzeit am allerbesten weiß und sieht, welches Werkzeug für diesen oder jenen am allertauglichsten ist. So es aber dem Herrn wohlgefällig ist, auch durch Asmahael zu reden, sagt, werden darum die Worte des Herrn weniger Worte des Herrn sein?!
HG|1|83|14|0|O Vater Seth, siehe, das aber ist des Herrn Wille, dass jeder sollte trachten nach dem ewigen Leben der Seele und des Geistes im eigenen Herzen unablässig; aber dabei soll sich ja niemand verleiten lassen und der Meinung sein, dass man von einer Schattenwende zur anderen auch schon alles erreicht habe!
HG|1|83|15|0|Hat aber jemand etwas erreicht schon vom Herrn, der tue damit den Kindern gleich, so sie einen verborgenen Schatz finden und denselben dann verbergen vor den Augen ihrer Alten sogar in der Furcht, er möchte ihnen wieder abgenommen werden.
HG|1|83|16|0|Es habe niemand eine zu große begierliche Freude daran, ein Werkzeug des Herrn zu werden, sondern jeder verharre in aller heiligen Stille und großen Demut und heimlichen Liebe! Denn es liegt keine Dankbarkeit und durchaus kein Verdienst darinnen, so jemand berufen wird vom Herrn, als ein Werkzeug zu dienen, denn der Herr vermag auch ohne Werkzeuge Seine großen Werke zu verrichten. Aber es liegt alles darinnen, dass wir nicht einen Herrn suchen, um ihm unsere eitlen Dinge aufzudrängen, um dadurch zu zeigen, als wenn wir auch etwas wären und vermöchten, sondern dass wir alle einen und denselben heiligen Vater suchen, auf dass Er uns gnädigst zu Kindern des ewigen Lebens aufnehmen möchte durch die gnädigste und liebevollste Erweckung unseres schlafenden Geistes und durch die Erleuchtung unserer weltfinsteren Seele.
HG|1|83|17|0|Wen der Herr aber berufen hat, vor den Brüdern von Seiner unendlichen Liebe zu zeugen, der zeuge immerhin, aber stets in der allerhöchsten Demut seines eigenen Herzens, stets eingedenk, dass man nur ein allernutzlosester Diener sei, den der Herr nur gar zu leicht rathalten kann!
HG|1|83|18|0|Wehe aber dem, der darob glauben würde, er sei mehr denn seine Brüder, oder der Herr habe seiner nötig; wahrlich, ein solcher Frevler wird seinem eigenen Gericht nicht entrinnen!
HG|1|83|19|0|Wenn wir aber dienen, so dienen wir in aller Liebe uns gegenseitig als Brüder und Kinder eines und desselben Vaters, und unsere allerhöchste Weisheit sei, den heiligen Vater über alles zu lieben. Keiner dränge dem anderen eine Lehre auf, als wäre er dazu berufen wie ein Hund zum Bellen und ein Hahn zum Krähen! Wenn aber jemanden der Vater dazu berufen hat, der tue es, – aber in der allergrößten Liebe und Demut; denn erst dadurch wird er zeugen, dass seine Lehre wahrhaft aus Gott als dem ewigen Urborne aller Liebe und alles Lebens ist.
HG|1|83|20|0|Wer da predigt, der sei geringer denn alle seine Brüder, so wird er zeugen, dass er wahrhaft ein Diener der Liebe sei!
HG|1|83|21|0|Wer das Wort des Herrn aus dem Munde eines Bruders vernimmt, der danke dem Herrn für die unaussprechliche Gnade; der Prediger aber bedenke bei sich, dass er der Allerunwürdigste ist, und halte jeden seiner Brüder für besser denn sich, so wird er sein Herz bewahren vor dem Hochmut, welcher ist des Todes Vater, und wird sein dem Herrn ein stilles Haus, das Ihm allein nur wohlgefällt!
HG|1|83|22|0|O Vater Seth, siehe, das ist es, was der Vater von uns will und verlangt! Daher trachten wir in aller Liebe und Demut, Ihm wohlzugefallen, so werden wir leben und uns nimmer von dem Schatten des Lebens trügen lassen! Amen.“
HG|1|84|1|1|Adams Rede über den Fluch des Gesetzes und die Freiheit der Liebe
HG|1|84|1|0|Als nun der Seth und all die anderen diese Rede Henochs vernommen hatten, richtete sich eben Seth wieder auf und begann folgende Rede von sich zu geben, sagend:
HG|1|84|2|0|„O wahr, ja nur zu wahr ist es, was der Herr durch dich, lieber Henoch, hat verkünden lassen vorzugsweise mir, der ich eines solchen Verweises am allernötigsten habe!
HG|1|84|3|0|O Vater Adam, o Kinder alle, dankt an meiner statt dem Herrn, denn ich bin nicht wert und bin zu schlecht, als dass ich es mir zu wagen getrauen könnte, mit der Zunge, die des Herrn heiliges Wort vor kurzem erst verunglimpfte, dem Herrn alles Lebens und aller Liebe ein unlauteres Lob darzubringen!
HG|1|84|4|0|Nun lasst den Asmahael mir predigen; denn nicht mehr wert bin ich, Henochs Wort zu vernehmen!
HG|1|84|5|0|Ja selbst Asmahaels Wort ist zu heilig für einen Toten! Lasst das Tier mir predigen, damit ich durch dessen Schauderstimme möchte erweckt werden vom Tode zum Leben!
HG|1|84|6|0|O Vater Adam, heiße mich nimmer deinen Sohn; denn du bist aus Gott, ich aber aus der Fülle aller Widerspenstigkeit! Siehe, ich will nur ein Knecht sein, ja euer aller Knecht will ich sein, euch dienen wie ein Sklave der Tiefe und stumm sein wie ein Stein, um dadurch dem Herrn genugzutun dafür, dass ich mich in die Finsternis gestürzt habe, während der Herr so viel Licht in Wort und Tat um mich her ausgegossen hat!
HG|1|84|7|0|Dankt, ihr Würdigen, dem Herrn für mich, den armen, schwachen und toten Seth! Amen.“
HG|1|84|8|0|Adam aber erhob sich und sagte ein kurzes, weises Wort zum Seth, und dieses Wort heilte den Kranken, dass er dann wieder ward voll Liebe und Vertrauen gegen Mich und pries über und über Meinen Namen.
HG|1|84|9|0|Die Worte Adams aber lauteten also: „Seth, Seth, du nimmst dir zu viel vor, was der Herr dir nicht gebeut! Siehe zu, wenn der Herr dich versucht und du dann noch schwächer wirst denn jetzt und fällst dann in deiner Schwäche, – sage, wer wird dir dann aufhelfen?
HG|1|84|10|0|Etwa Gott, dem du törichterweise genugtun wolltest, da Er doch unendlich und überheilig ist und du nur ein endlicher Staub der Erde vor Ihm?!
HG|1|84|11|0|Wer mag Gott genugtun?! Wer will rein und ohne Fehl zu Ihm beten und Ihm danken, Ihn loben und preisen ohne Sünde und zu Ihm ohne Makel der Seele als Kind den Vaterruf erheben?!
HG|1|84|12|0|Was haben wir denn, das wir nicht empfangen hätten zuvor von Ihm?! Was können wir Ihm geben, das Er nicht zuvor uns gegeben hätte, und was tun, das Er uns nicht schon lange früher getan hätte?!
HG|1|84|13|0|Darum mache dir kein unnötiges Gebot, sondern beobachte das eine nur, dass du Ihn mehr und mehr liebst in aller Demut deines Geistes und alle Brüder und mich zehnmal mehr denn dich! Alles andere lasse nur dem Herrn über; Er weiß es am allerbesten, welche Last du zu ertragen vermagst!
HG|1|84|14|0|Wenn es dir aber schon schwer wird, in der Tat das eine Gebot zu erfüllen, wie möchtest du dann wohl mit so vielen zurechtkommen?!
HG|1|84|15|0|Weißt du denn nicht, dass an jedem Gesetz der Fluch, die Sünde, das Gericht und der Tod hängen?!
HG|1|84|16|0|Fürchte dich daher vor jeglichem Gebot, – willst du leben! Leichter ist es, Gesetze zu geben, als denselben zu gehorchen.
HG|1|84|17|0|Was aber ist wohl mehr: Frei sein in der Liebe durch die Liebe, oder schmachten unter des Gehorsams hartem Joch nach der Freiheit der Liebe, welche da hart zu erringen ist und ewig sein wird, wo das vergeblich sich sehnende Herz unter den harten Schlägen der Versuchungen lange wird bluten müssen?
HG|1|84|18|0|Siehe, die Kinder des Abends, wie sind sie zugrunde gerichtet auch nur durch ein leichtes Gebot; wie schwer wird ihnen zu helfen sein, so etwa ihr Herz durch den zu langen Druck verhärtet ist!
HG|1|84|19|0|Wir aber wollen dem Herrn allzeit danken und Seinen Namen lobpreisen, dieweil Er uns ein freies Herz für freie Liebe gab, und wollen Ihn auch allzeit bitten, dass Er uns vor jeglichem Gebot bewahren möchte, auf dass wir allein Seiner ewigen Liebe leben möchten als freie Kinder.
HG|1|84|20|0|O Seth, es werden einst Zeiten kommen, da unsere späteren Kinder unter Bergen von Gesetzen leben werden und werden vergeblich schmachten nach der Freiheit gleich einem erhitzten Stein in der Tiefe der Erde! Und ihre Brüder werden die schwer Gehorchenden in steinerne Löcher stecken und sie aller Freiheit berauben. Da wird der Sünden sein wie des Sandes im Meer und des Grases auf der Erde!
HG|1|84|21|0|Daher stehe du ab von deiner Torheit und tue, was du kannst, und was dem Herrn wohlgefällig ist; alles andere lasse dem Herrn über, so wirst du leben! Amen.
HG|1|84|22|0|Nimm meinen Segen, und wandle wieder frei und gerecht vor Gott, vor mir und allen unseren Kindern! Amen.“
HG|1|85|1|1|Asmahaels berühmte Rede vom Gesetz
HG|1|85|1|0|Als der Seth solche Rede vernommen hatte, sah er alsbald die kleine Torheit seiner Vornahme vollends ein und ward wieder ein freier Mensch und lobte und pries Mich über die Maßen in seinem nun neu belebten Herzen und freute sich sehr auf Asmahaels Rede, welcher nun nach dem Geheiße Henochs auch alsobald zu reden begann, und zwar über die Stummheit der Kinder des Abends. Das er aber sprach, sprach er aus Mir durch den Geist Ahbels in einer bündigen und gleich einem Bächlein fließenden Rede, welches also ruhig forträuschelt und -sprudelt über kleine Kiesel und Sandbänkchen und sich dann lächelnd ergießt in einen Strom, der mit offenen Armen den Liebling aufnimmt und ihn dann auf seinen breiten Schultern trägt in das Meer der Ruhe.
HG|1|85|2|0|Das aber war die so sehr berühmt gewordene Rede Asmahaels und lautete also:
HG|1|85|3|0|„O Väter der Väter der Erde! Mein Auge schaut weinend die schmachtende Menge der herrlichen Kinder der Väter der Erde; sie liegen so stumm und so tot wie die Steine im Grund der Meere und anderer großer Gewässer.
HG|1|85|4|0|Gebote, – o harte und schwere Gebote! O Menschen, ihr harten und lieblosen Menschen, wohin werd’t die Brüder ihr bringen und machen zu was die unschuldigen Kinder durch all die nutzlosen Gebote,
HG|1|85|5|0|von denen ein jedes ein endloses Heer von ganz neuen Geboten notwendig nach sich ziehen muss!
HG|1|85|6|0|O fragt euch, ihr Väter der Väter der Erde, wie viele Gebote der ewige Herr allerbarmend euch allen zu halten hat weise beschieden!
HG|1|85|7|0|Ich weiß es und muss es euch sagen: Gar keines – als nur zu erkennen die ewige Freiheit in aller der endlosen Liebe des ewigen, heiligen Vaters!
HG|1|85|8|0|Sind wir denn erschaffen, um weltschwere Lasten von all den Geboten zu tragen?! Ist Gott denn ein schwächlicher Gott, dass darob Er den Menschen Gebote muss geben, um sie in der Ordnung gehärtetem Zaune zu halten?!
HG|1|85|9|0|O Väter, wie töricht wär’ solches zu denken von einem allmächtigen, ewigen, endlosen, heiligen Gott, dessen leisester Hauch all die zahllosen Welten und endlose Heere von mächtigen Geistern zunichte möcht’ machen!
HG|1|85|10|0|Ein so übermächtiger Gott sollte drücken die Menschen durch nicht zu ertragende Lasten von toten Geboten, von steinfesten Sätzen, die Er Selbst am Ende zu lindern durch all’ Seine Kräfte nicht möchte, wie auch nimmer dürfte; denn löst Er einen dieser geistigen Zwinger des Lebens, müsst’ da Er nicht fürchten, am Ende von Seinen Geschöpfen gefangen zu werden und dann an Sich Selbst zu erfahren, ein Sklave zu sein den Geschöpfen, die all’ doch gen Ihn nicht ein Stäubchen der Sonne ausmachen?!
HG|1|85|11|0|O Väter der Väter der Erde, ihr könnt euch nichts Tolleres denken! Der Vater, der ewige, heilige Vater voll Liebe, der mächtige, freie, unendliche Gott sollte Wesen erschaffen, um sie dann zu töten gar grausam im härtesten Druck der überweltschweren Gebote?!
HG|1|85|12|0|O wahrlich, mir wär’ es viel leichter zu fassen, dass ich und mein grausamer Träger ein einziges Wesen voll Nacht und voll Lichtes inmitten der Erde ausmachten, als dass unser Gott, unser mächtiger, ewiger, freier und heiliger Gott nur ein Wesen entstehen könnt’ lassen, um es durch Gebote zu drücken und zwingen, sich frei zu bewegen, was rein doch unmöglicher wäre, als wenn Sich der freieste heilige Vater und Schöpfer durch eherne Ketten gar Selbsten zum Sklaven der Sklaven der Lamechschen Tiefe möcht’ machen!
HG|1|85|13|0|O Väter der Väter der Erde, wie ist’s denn, dass ihr als die einzigsten Kinder des ewigen, heiligen Vaters voll Liebe von Seiner allweisesten, herrlichsten, freiesten Ordnung nichts wisst? Ihr predigt von Liebe zum Vater euch untereinander – und kennt dies ewige, heilige Grundelement, wie ich deutlich nun sehe, nicht weiter, nicht mehr, als dass selbes ihr mögt mit leer schallenden Worten zu nennen!
HG|1|85|14|0|O höret, die Liebe, die mächtige, heilige Liebe des ewigen Vaters ist ja nur die ewige, freieste Ordnung in Gott! Dieser ewigen, heiligen Ordnung gemäß und vollkommen gemäß sind ja alle die endlosen Heere der Geister, der Welten und ihr, Seine einzigsten Kinder, so frei wie Er Selbst von Ihm hervorgegangen.
HG|1|85|15|0|Doch um euch zu lehren, dass ihr so wie Er vollends frei euch sollt fühlen, gab Er aus der innersten Tiefe der Liebe als Vater euch Kindern – ich mag es Gebot nimmer nennen – nur einen höchst weisen, wohlwollenden Rat, euch an nichts anzulehnen und nichts zu berühren, das euerer Freiheit könnt’ hinderlich werden; ihr aber, im vollsten Bewusstsein der göttlichen Freiheit und Fülle der Kraft, wollt’t nicht achten des Rates des liebenden Vaters und griffet nach allem, was eurer noch ganz ungefesteten Freiheit und Leben musst’ hinderlich werden. Die Tat war der ewigen Ordnung der Liebe zuwider; nun musste der heilige Vater die endlose Schöpfung umgestalten, um euch in die Freiheit des Lebens von neuem zu setzen.
HG|1|85|16|0|Nun seid ihr in dieser so liebvollsten Stellung als Kinder des heiligen Vaters, seid frei und voll Lebens und Gnade von oben; wie könnt ihr so blind doch die Kinder desselbigen heiligen Vaters zu nichts und für nichts in verschiedene Gegenden bannen durch Zwang eines finsteren Gebotes, das sie nicht belebt noch erfreut, sondern tötet am Leibe und Geiste?!
HG|1|85|17|0|Daher löst die lange verrosteten Bande des toten Gesetzes von ihren gemarterten Füßen, und lasst sie bauen die Erde nach ihrem Gefallen – nur dass sie die finsteren Tiefen vermeiden –, so werden sie leben, Gott loben und preisen und lieben und euch anerkennen als redliche Väter und mächtige Kinder des Herrn, hört amen, hört amen, hört amen!“
HG|1|86|1|1|Die Gedanken der Urväter über Asmahaels Rede
HG|1|86|1|1|Am 15. Mai 1841
HG|1|86|1|0|Nach der Vollendung der Rede Asmahaels trat eine ziemlich lange stillschweigende Pause unter die Väter; selbst Henoch hatte sich in eine lange Rechnung der Liebe verloren und dachte bei sich nach, ob es denn noch irgend möglich sein könnte, sich in der Liebe zu irren.
HG|1|86|2|0|„Denn“, sagte er bei sich selbst, „Asmahael hat nur zu sehr recht in allem, was er ausgesprochen! Doch die ergreifende Liebe, die mächtige Liebe, die das Herz mit süßer, unüberwindbarer Gewalt nach aufwärts zum ewigen, heiligen Vater zieht, dass da kein Vollergriffener mehr umhin kann und mag, von ihr los zu werden, – sollte – nein, nein, mir ist es nicht möglich zu fühlen und zu denken! –, sollte diese allmächtige Liebe nicht etwa ein ewiges Gesetz im Herzen selbst sein, aus welchem, nach welchem und durch welches Er alles erschafft, ordnet und fortwährend erhält?!
HG|1|86|3|0|Und doch sagte gar so einleuchtend Asmahael, dass eben die Liebe die höchste Freiheit ist, wie in Gott, also auch in allen Seinen Kindern!
HG|1|86|4|0|Wahr und gewiss ist es übrigens auf jeden Fall, dass jedes Leben durch einen entsprechenden Grad der Freiheit bedingt ist, und dass diese Freiheit mit der Liebe stets gleichen Schritt hält; wo also die höchste Liebe waltet, ist auch das höchste Leben und somit auch die höchste Freiheit!
HG|1|86|5|0|Aber wie ist es hernach mit der Festsetzung der Ordnung, vermöge welcher jedes Wesen seine ihm gegebene Form beibehalten muss und kann sie nicht ändern nach freier Willkür? Der Schöpfer, unser heiliger Gott und Vater, hat es also eingerichtet – das ist und wird sein ewig wahr! –; aber sollte das, was bei den Wesen und Kindern die unabänderliche Form bedingt, bei dem Herrn nicht ein aus Sich Selbst gestelltes Gesetz sein, welches Er so lange bis auf den unendlich kleinsten Punkt beobachten muss, als Seiner unendlichen Liebe die Wesen das bleiben sollen, als was Er sie aus Seiner ewigen Ordnung gestellt hat?
HG|1|86|6|0|Hier ist Gesetz! Wer kann es nun wieder leugnen und dagegen behaupten, als wäre es kein Gesetz, sondern die entbundenste, loseste Freiheit?
HG|1|86|7|0|O Asmahael, Asmahael! Wer kann deine Rede fassen und leben?!
HG|1|86|8|0|O Väter, arme Väter, ihr habt mich zum Lehrer erwählt! Solange ich lieben konnte, konnte ich reden durch die unbegreifliche Gnade des Herrn; allein die Rede Asmahaels zeigte mir nun nur zu deutlich, dass ich meine Worte, die mir die ewige Liebe für mich und für die Väter einhauchte, noch nie auch nur im Geringsten verstanden habe. Die freie, süße Liebe ist nun ein Doppelding geworden; sie ist die höchste Freiheit und zugleich aber auch das unabänderlichste, festeste Gesetz aller Gesetze, durch welches allem das Leben bedingt ist. In der Freiheit kann ich lieben und leben, – im Gesetz muss ich lieben oder sterben des ewigen Todes! Wie aber ist Freiheit, die vollste, loseste Freiheit, und anderseits das unabänderlichste Gesetz unter ein Dach zu bringen?
HG|1|86|9|0|Wer kann mir nun überzeugend sagen, ob meine Liebe Freiheit oder Gesetz ist? Da ich liebe und lebe, ist sie Freiheit; da mich aber die Liebe zieht und mir unaussprechlich behagt, ist sie ein ewig richtendes Gesetz, durch welches ich, der lieben muss durch den unwiderstehlichen Reiz im Herzen zu Gott, tot, ja ewig tot bin und notwendig sein muss!
HG|1|86|10|0|O heiliger Vater, siehe, ich liege zugrunde gerichtet durch die Rede Asmahaels und kann mir nimmer helfen; so Du mir und den Vätern nicht hilfst und uns wieder aufrichtest, sind wir alle für ewig verloren!
HG|1|86|11|0|Nun sehe ich es erst ein, wie gar nichts der Mensch aus sich vermag; so Du, o heiliger Vater, ihn nicht beständig leitest, da hört er auf zu sein und ist, als wenn er nie gewesen wäre, voll ewiger Vernichtung. O Vater, lieber, heiliger Vater, errette uns von diesem Verderben, in welches uns alle die unmöglich zu fassende Rede Asmahaels gestürzt hat! Amen.“
HG|1|86|12|0|Seth aber, als sich sein größtes Erstaunen gelegt hatte über die Rede Asmahaels, erhob sich und fragte den Vater Adam, sagend: „Höre, geliebter Vater, Henochs Vorrede hat mir helle geleuchtet auf dem Wege so manchen Irrtums! Auf dem Wege schlief ich ein im Geiste. Du wecktest mich aus einem unnatürlichen Traum, und gar wohl bekam es mir, da du mich segnetest; aber was kann, was soll ich nun tun, o Vater! Was soll aus uns werden?
HG|1|86|13|0|Asmahael hat Worte ausgesprochen, deren Sinn ein natürlicher Mensch unmöglich je erfassen wird! Hat er ihn aber nicht vollends erfasst, so ist er gleich einem Stein, der in sich voll Tod und Finsternis ist.
HG|1|86|14|0|Henoch getraue ich mich kaum zu fragen! Wenn es dir nicht geht wie mir und hast du Licht in dieser Rede, so teile es mir treulich mit, auf dass nicht Himmel und Erde ob meines großen Unverstandes zugrunde gehen, ehe wir noch unsere Heimat werden betreten haben! Amen.“
HG|1|86|15|0|Adam aber blickte den Seth ganz verdutzt an und wusste nicht, was er als Vater, seine Ehre rettend, dem Sohn hätte sollen darüber sagen. Nach einigem Sinnen erst brachte er es dahin, dass er ihm bedeutete, zu harren bis zu einer schicklichen Zeit; denn für jetzt hätte er an anderes zu denken.
HG|1|86|16|0|Enos aber zupfte den Jared und sagte ihm ins Ohr, ohne dass sich darob beide erhoben hätten: „Höre, Jared, du bist ein weiser Lehrer deines Sohnes und hast ihm wohl gezeigt, Gott zu lieben im Herzen, dass die Liebe zu Gott gleichkommt der Liebe eines Menschen zu einem Menschen und heftiger, denn des Mannes Liebe gegen sein Weib und seine Kinder. Siehe, er sieht nun unser aller große Verlegenheit; warum lässt er uns denn nun stecken?
HG|1|86|17|0|Mir kommt es geradeso vor, als wenn ihm der Asmahael vollends den Mut benommen hätte! Gehe hin zu ihm, und sage ihm, dass er uns jetzt nicht möchte stecken lassen; denn nun ist es ja hauptsächlich nötig, uns, seine Väter, aus der größten aller Verlegenheiten zu heben durch seinen gesegneten Mund. Gehe, und bedeute ihm das, so du willst! Amen.“
HG|1|86|18|0|Jared aber kratzte sich hinter dem Ohr und bemerkte endlich: „Siehe, Vater Enos, wenn mich ein Strahl der Sonne sticht, da verlasse ich die Stelle und fliehe unter einen kühlenden Schatten! Mag nun der heftige Strahl ein Loch in die Erde brennen, wahrlich, es kümmert mich wenig; denn ich habe ja einen guten Schatten gefunden! Ich müsste aber von allen Sinnen sein, so ich meinen Schatten eher verlassen sollte, bevor die Sonne untergegangen ist!
HG|1|86|19|0|Daher auch lassen wir das die ausmachen und lassen sie über das ganze Firmament ein Zelt spannen, wenn sie die Sonne zu heiß dünkt; wird doch der Lehrer mit seinem Schüler zurechtkommen, so er ein rechter Lehrer ist! Und wird der Lehrling sein über seinen Meister?
HG|1|86|20|0|Wenn aber der Schüler Dinge spricht, welche das Herz des Lehrers nicht fasst, so ist es ja ungeschickt, dass man den zum Schüler macht, der den Meister und alle Väter an der inneren Weisheit so sehr übertrifft, dass diese darauf nicht einmal ein Wörtchen zu entgegnen wissen! Daher bleibe ich getrost unter meinem Schatten und begnüge mich mit den Lichtspritzern, welche durch die raschelnden Blätter blinzeln, und lasse den der Sonne ins Angesicht starren, der eine ganz besondere Lust hat, vollends blind zu werden!
HG|1|86|21|0|Siehe, Vater Enos, daher will ich nicht, was du willst; denn meine Augen sind mir lieber als alles Verständnis in Dingen, die man eigentlich doch nie ganz verstehen kann, und ich sage daher unverrichteter Dinge in aller Namen Amen.“
HG|1|86|22|0|Auch zwischen Kenan und Mahalaleel entspann sich ein leises Gespräch folgenden Inhalts:
HG|1|86|23|0|Mahalaleel: „Was meinst du, Kenan, werden wir heute wohl noch nach Hause kommen? Die Kinder des Abends liegen alle stumm wie die Steine auf der lieben Erde, und uns geht es nach der wirklich außerordentlichen Rede Asmahaels um kein Haar besser; selbst der liebe, gute Henoch kommt wenigstens mir vor, als wenn er sich in einer eben nicht gar zu geringen Verlegenheit befinden möchte!“
HG|1|86|24|0|Kenan: „Weißt du was, so rede; und weißt du nichts, so tue wie ich, der ich auch nichts weiß! So viel ist gewiss, dass der Asmahael mehr weiß als ich und du! Was nützt es aber auch, den Tauben zu predigen und Blinden zu zeigen?! Du kennst ja meinen Traum; der war gewiss wie nicht leichtlich einer! Ich habe ihn erzählt so gewissenhaft getreu, wie ich ihn geträumt habe. Seth und alle anderen wussten mir am Ende geradeso viel zu sagen wie ich mir selbst, nämlich nichts! Da dachte ich dann: Vorher wusste ich nichts, jetzt weiß ich auch nichts und werde auch fortan nichts wissen. Und siehe, ich bin damit zufrieden!“
HG|1|86|25|0|Mahalaleel: „Wenn du als feiner Redner das von dir sagst, da doch deine Sprache ganz der des Asmahael gleicht, was soll hernach erst ich sagen, der ich, wie du es am besten weißt, eine harte Zunge habe?! Aber meine Gleichgültigkeit fängt mich nun bei dieser allgemeinen Stummheit ein wenig zu verlassen an; denn wenn da nicht bald eine Lösung von oben kommt, Vater, ich sage dir, so werden wir hier im Abend sicher den Abend erleben und wahrscheinlich auch die Mitternacht, welche uns wenigstens geistig nicht gar zu ferne zu sein scheint!“
HG|1|86|26|0|Kenan: „Lassen wir die Sache gut sein! Sollte es hier wirklich zum Übernachten kommen, so wird deswegen die Erde nicht wurmstichig werden und der feste Boden nicht zu Wasser. Der Herr weiß es am besten, warum Er unseren geschäftigen Zungen einen kleinen Rasttag bereitet hat. Ich sage aber allzeit, es ist besser handeln, als immer reden und lehren. Ich höre zwar sehr gerne schöne Reden und Lehren, – aber wahrhaftig wahr: auf dieser Reise geschieht des Guten zu viel; man kann’s nicht mehr verdauen, und die Rede Asmahaels ist gar ein Stein, höre, der möchte noch einige Ruhe nötig haben bis zur Verdauung! Daher lassen wir es nur gut sein und schweigen! Amen.“
HG|1|87|1|1|Eva weist ihren Sohn Seth zurecht
HG|1|87|1|0|Der Seth bemerkte aber, dass die Kinder heimlich miteinander Worte wechselten und dachte bei sich nach: „Wahrlich, es hat sie alle ein Zweifel ergriffen, und sie können sich nicht raten und nicht helfen! O wie gerne möchte ich euch helfen, wenn es mir gegeben wäre! Dass aber der Henoch über diese Sache so lange stumm ist!
HG|1|87|2|0|Die arme Mutter Eva leidet im Stillen gewiss wieder gewaltig mit und muss vielleicht heimlich im Herzen unsere sämtliche Torheit beweinen!
HG|1|87|3|0|Wie wär’s denn, wenn auch ich mich ganz heimlich mit einer Frage um ihr Befinden an sie wendete?!
HG|1|87|4|0|Wer weiß es, ob die stille Dulderin etwa nicht ein helles Fünkchen im Herzen birgt, welches, wenn es in unsere Finsternis käme, einen entschieden herrlichen Dienst leisten möchte?!
HG|1|87|5|0|Daher nur frisch gewagt; denn gefehlter kann es gewiss nicht sein denn jetzt, wo wir meines Dafürhaltens alle in der Finsternis sitzen und schwitzen und auch nicht ein kühlendes Tautröpfchen weder aus der Erde noch vom glühenden Himmel auf unsere schmachtende Seele fällt!
HG|1|87|6|0|Und siehe, der Seth redete die Mutter Eva also an, sagend: „Geliebte Mutter, du scheinst traurig zu sein! O sage mir, ob nicht heimlicher Kummer nagt an deiner Seele!
HG|1|87|7|0|Siehe, Asmahaels Mund hat uns alle geschlagen mit dreifacher Finsternis, und wir können uns nicht helfen, wie du es siehst! Allein was der Herr krumm macht, das wird Er wohl wieder ausgleichen zur Ihm wohlgefälligen Zeit! Daher, sollte dich ein Kummer drücken, so beruhige in der Liebe des Herrn dein Herz! Hast du aber irgendein Lichtchen in der Sache, die uns alle drückt, so verschließe es nicht zu tief in deinem Herzen; denn in einer wolkendurchwirkten, schwarzfinsteren Nacht erquickt auch ein winzigstes Fünkchen das lichtdurstige Auge des irrenden Wanderers!
HG|1|87|8|0|O Mutter, ich, dein geliebter Sohn Seth, bin es, der mit dir spricht; öffne dein Auge und Herz, und lass ihn in Kürze vernehmen den Kummer und, wo möglich es wäre, vielleicht auch ein leuchtendes Fünkchen von oben! Amen.“
HG|1|87|9|0|Die Eva aber entgegnete etwas ernst alsogleich dem Seth: „Lieber Sohn, von Gott mir gegeben an der Stelle Ahbels, siehe, an der Stille meines Wesens magst du wohl immer merken, dass die in sich gekehrte Mutter aller lebenden Menschen der Erde eben nicht die meiste Ursache haben möchte, ihr Herz vor Freude hüpfen zu lassen, besonders wenn sie merken muss, dass selbst ihr Liebling sich mehr schlauen als aufrichtigen Herzens ihr naht!
HG|1|87|10|0|Seth, mein geliebter Sohn, warum fragtest du mich um mein Befinden, da dir doch nur das Fünkchen am Herzen lag?
HG|1|87|11|0|Meinst du denn, eine gutmütige Schlauheit ist eine Tugend der Weisheit?
HG|1|87|12|0|O Seth, da irrst du dich stark! Siehe, gerade Offenheit – das Herz im Munde, und die Zunge im Herzen –, das ist aller Weisheit Grund! Was du möchtest, das verlange; das dir zuwider ist, das fliehe, auf dass du aufrichtigen Herzens Gott lieben kannst heimlich wie vor aller Welt, so wird nie Abend und Mitternacht in deinem Herzen werden!
HG|1|87|13|0|Siehe, dir ist Weisheit gegeben worden; warum gingst du nicht stets geraden Weges?
HG|1|87|14|0|Künstliche Wendungen, hochklingende Worte sind allzeit starke Verkünder der eigenen Schwäche, wodurch man gerne dem anderen zeigen möchte, dass man noch außerordentlich stark ist, während es der Gerade schon von weitem sieht, dass der Starkseinwollende Krümmungen macht; daher, lieber Seth, weiche von deinen Krümmungen ab und wandle geraden Weges vor Gott und den Kindern, so wird dich nie ein Lichtmangel drücken!
HG|1|87|15|0|Denke, wenn du einen Kreis machst, dass der entfernteste Punkt der Kreislinie auch derjenige ist, der dem Ausgang und Anfang am allernächsten kommt; höre, aber ja keine Schnecke musst du dir zur Lehrerin des Kreises machen, – da würdest du nimmer dahin gelangen, da du ausgegangen bist!
HG|1|87|16|0|Verstehe deine alte Mutter wohl, und sei ruhig im Herzen und in Gott! Amen.“
HG|1|87|17|0|Als aber der Seth solches von der Eva vernommen hatte, ward es ihm angst und bange, da er dann bei sich dachte: „Wie sonderbar hier im Abend! Jedes Wort ist ein Irrtum, jedes Mitleid unzeitig und am uneigentlichsten Platz; jeder besser scheinende Gedanke, der sich im Herzen noch deutlich ausspricht, ist nichts als der ordnungslose Flug eines Nachtfalters, der so lange um die Flamme kreist, bis endlich die lichtvolle Flamme ihn seiner leichten Schwingen beraubt hat!
HG|1|87|18|0|Mein Wille ist ein totes Wollen und gleicht vollkommen dem im Traum, durch den auch gerade das nur bewirkt wird, dass man das unbedingt wollen muss, was einem eine fremde, unerforschliche Macht heimlich zu wollen und zu handeln zwingt. Meine Liebe zu Gott kommt mir vor, als liebte ich die Luft und das Wasser. Ich vernehme das Rauschen des Windes, aber es fächelt kein auch noch so leiser Hauch um meine Locken. Ich habe Hunger und Durst, mag aber weder essen noch trinken. Ich bin schläfrig – und kann nicht einschlafen. Ich bin müde, und meine Glieder scheuen jegliche Ruhe. Ich bete zu Gott, aber mein Herz liegt gleich einem Stein unbeweglich auf der Erde. Ich blicke auf zu den lichterfüllten Höhen, – sie sind überdeckt mit schwersten Wolkenmassen. Ja, es kommt mir nun in mir und außer mir alles so ganz sonderbar vor! Ich bin, als wäre ich nicht; und alles, was ich ansehe, scheint nur ein halbes Dasein zu haben, oder es ist, als wenn es nicht wäre, oder als wenn es alsbald vergehen wollte.
HG|1|87|19|0|O Herr und Vater, lasse uns nicht aus Deinen Händen, und erwecke uns wieder, und lasse nicht zu, dass wir einschlafen möchten auf dem Wege des Lebens unter der lichten Zeit des Tages! Treibe uns hinweg, aus dieser Gegend treibe uns, und hebe auf die törichten von uns gemachten Unterschiede der Gegenden! Wahr ist es, dass im natürlichen Abend ebenso gut wie im Morgen die besten Menschen wohnen können und auch sollen!
HG|1|87|20|0|Wir selbst haben mit Schmutz besudelt diese Gegend – und mehr noch die der Mitternacht. Nun haben wir selbst diese Gegend betreten, und der Schmutz fällt nun auf unsere eigene Brust und erstickt uns beinahe ganz und gar. O Gott, Herr und Vater, wir vermögen nun nichts mehr; helfe uns allen aus dieser großen Not, und lasse uns nicht zugrunde gehen ob unserer großen Torheit! Amen.“
HG|1|88|1|1|Henochs Wunderrede über das Gesetz und die Freiheit
HG|1|88|1|0|Bald darauf aber wurde wieder Henoch erweckt und begann folgende Wunderrede aus Mir an all die Väter zu richten, sagend nämlich:
HG|1|88|2|0|„Hört, liebe Väter! Der Herr, Gott Jehova, unser aller liebevollster, heiligster Vater hat in Seiner großen Erbarmung die Trübsal unserer gedemütigten Herzen angesehen und ist gnädig geworden unserer Torheit, in welcher wir schon bei dreihundert Jahre hartnäckig verharrten, und will uns wieder erheben aus dem Schlamm unserer Not; aber es ist zuvor nötig, dass ein jeder aus seinem Herzen den törichten Unterschied der Gegenden verbannt, hernach aber werktätig!
HG|1|88|3|0|Hört, dem Herrn, Gott Jehova, unserem allerliebevollsten, heiligsten Vater hat es gefallen, den Asmahael zu erwecken, auf dass er uns allen zeige die Torheit des Gesetzes, wenn dasselbe nicht mit der göttlichen Ordnung im engsten Zusammenhang steht! Wir waren sämtlich außer der Ordnung und konnten daher auch nichts von allem dem erfassen; denn auf der einen Seite haben wir uns umstrickt mit des Gesetzes eherner Notwendigkeit und waren tot in jeglichem Wort, Gedanken, Willen und somit auch in jeglicher Verrichtung, – auf der anderen Seite aber hatten wir das größte Bedürfnis stark fühlbar in unserem Herzen nach der wahren Freiheit des Lebens, ohne welche das Leben kein Leben wäre und auch ewig nie werden könnte.
HG|1|88|4|0|Wir waren ein Doppelding; wir waren tot und lebendig. Wir waren der Wahrheit auf der einen Seite unbegreiflich nahe, auf der anderen Seite wieder unbegreiflich ferne; denn das Gesetz und die Freiheit haben für das Verständnis unseres Herzens eine unübersteigliche Kluft gebildet, über welche wir weder vom Gesetz zur Freiheit noch umgekehrt springen konnten und waren daher durch die eigene Not genötigt, Gott Selbst entweder von eigenem Gesetz gebunden oder in eine zunichte machende, absoluteste Freiheit zerfließen zu sehen, und waren daher tot links und rechts!
HG|1|88|5|1|Am 21. Mai 1841
HG|1|88|5|0|Ich selbst habe es in mir empfunden und konnte trotz aller meiner stillen Herzensmühe Wasser und Feuer unmöglich in ein Gefäß bringen und vereinen! ‚Denn‘, dachte ich mir, ‚das Gesetz der Ordnung ist doch ein Gesetz, welches Gott so lange beobachten muss, solange Er beständige Wesen um und in Sich erschauen und haben will; wer aber Gesetze beobachten muss, wie ist er dann frei?‘
HG|1|88|6|0|Wieder dachte ich mir: ‚Wer aber mag Gott zu etwas nötigen? Tut Er es, so tut Er es ja nach Seinem höchst freien, heiligsten Willen und kann es alsogleich wieder zerstören und jegliches Werk vollkommen zunichte machen!‘
HG|1|88|7|0|Wieder dachte ich mir: ‚Woher rührt denn hernach die beständige Erhaltung?‘
HG|1|88|8|0|Da meldete sich die Liebe und sagte: ‚Ich bin der Grund aller Erhaltung!‘, und weiter sagte sie nichts!
HG|1|88|9|0|Da dachte ich wieder: ‚Wenn Du der Grund aller Erhaltung bist, für hochwahr, da bist Du Dir ja Selbst ein ewiges Gesetz, – wie hernach frei?‘
HG|1|88|10|0|Und wie ich dachte, so auch dachte der Vater Adam. Und der Vater Seth dachte also zwar nicht, aber er empfand die unübersteigliche leere Kluft tief in seiner Brust und suchte und fand; aber in Ermanglung der tauglichen Werkzeuge konnte er mit dem Gefundenen keine Brücke bauen über die große Kluft. Und es dachten auch die anderen Väter in mehr oder weniger großer Lauheit darüber nach unter sich und brachten nichts denn eine geduldige Abwartung der Dinge unter sich hervor und mochten leise die Schuld hin und her schieben; allein es wollte darob doch nicht lichter und wärmer werden in der verwirrten Brust.
HG|1|88|11|0|Die Mutter Eva zeigte dem Vater Seth wohl ein großes Licht, – allein der starke Schein in der Nacht erblindet das schwache Auge noch mehr denn vorher die Nacht selbst; und so ward eines jeden Unternehmung gerügt durch die darauffolgende dreifache Finsternis.
HG|1|88|12|0|Es ist aber kein weiser Lehrer denn die Not selbst. In der Not wendeten wir uns alle an den heiligen, liebevollsten Vater, und Er hat die Not der Kinder angesehen, kam zu ihnen herab mit Seiner Gnade. Wir sind die Kinder; Er aber ist unter uns und lehrt uns Selbst!
HG|1|88|13|0|Und Seine Worte sind ein lauter Ruf voll Liebe und Weisheit; denn also spricht der heilige, liebevollste Vater:
HG|1|88|14|0|‚Hört, Kinder Meiner Liebe, und begreift es wohl in euren Herzen! Ich bin ein einiger, ewiger Gott, Schöpfer aller Dinge aus Mir und Vater Meiner Liebe und aller derer, die aus ihr sind.
HG|1|88|15|0|Ich bin ewig frei und ungebunden, und Meine Liebe ist die Seligkeit Meiner ewigen Freiheit selbst.
HG|1|88|16|0|Alle Geschöpfe sind keine Notwendigkeit, sondern nur den Geschöpfen sichtbare Zeichen Meiner allerhöchsten, vollkommen freien Macht und der daraus hervorgehenden Seligkeit aller Seligkeiten. Was sollte oder könnte Mich nötigen, also oder anders zu handeln?
HG|1|88|17|0|Was ihr Gesetz nennt, ist bei Mir die höchste Freiheit in aller Seligkeit Meiner Liebe; was ihr aber Freiheit nennt, ist nur Meine freie Macht. Daher lebt der Liebe, lebt der ewigen Liebe in Mir, so lebt ihr wahrhaft frei! Und die Freiheit des Lebens wird euch erst vollständig belehren, dass das Gesetz der Liebe die allereigentlichste und allerhöchste Freiheit ist, und dass das Gesetz und die Freiheit gleicht einem Kreis, der überall sich selbst begegnet und sich frei macht durch die Ordnung, in welcher er sich ewig baut in der unendlichen Vollkommenheit!
HG|1|88|18|0|Daher liebt, so ist das Gesetz euch untertan und ihr seid vollkommen frei wie Ich, euer Vater! Amen.‘“
HG|1|89|1|1|Adams Rede über Werke der Weisheit und Werke der Liebe
HG|1|89|1|0|Und der Adam erhob sich, faltete die Hände, erhob die Augen gen Himmel, das Herz zu Mir und sagte in hoher Rührung und vollster Erhebung des Herzens zu Mir: „O Vater, großer, heiliger Vater, o Du ewige Liebe! Wie kann, wie soll ich Dir denn danken?
HG|1|89|2|0|Wir waren nicht, – Du ließest uns werden, auf dass wir uns hoch erfreuen über unser so überseliges Dasein in Deiner unendlichen Liebe, Erbarmung und Gnade! Du hast uns also erschaffen, dass wir gleich Dir schon leiblich fast jedes erdenklichen Genusses fähig sind, da wir hören, sehen, riechen, schmecken, empfinden, wahrnehmen und fühlen, ja sogar mit großer Kraft lieben können Dich über alles und unsere Kinder wie unser eigenes Leben.
HG|1|89|3|0|Wir können gehen, stehen, liegen, sitzen und können uns wenden nach Belieben und beugen alle unsere Glieder tausendfach und drehen nach allen Seiten den Kopf und die Augen; und unsere Zunge hast Du gesegnet, auf dass sie führe eine lebendige Sprache der Liebe aus Dir zum gegenseitigen Verständnis! Oh, wer könnte Dir danken nach Würde und Billigkeit; denn unermesslich sind die großen Liebetaten an uns unendlich kleinen Empfängern!
HG|1|89|4|0|Oh, wie gar nichts wären wir aus uns; dass wir aber etwas sind, sind wir ja nur aus Deinen Liebetaten, und unser Leben ist Deine Liebe und all unser Wissen Deine Gnade!
HG|1|89|5|0|O Vater, überguter, großer, heiliger Vater! Unser gedemütigtes Herz, nun voll kindlicher Liebe zu Dir, sehe gnädigst an und nehme es an als den besten Dank, den wir Dir darzubringen vermögen; denn unsere Zunge hängt zu sehr ab von Deinem Segen, wenn sie etwas vollkommen Deiner Würdiges hervorbringen soll. Und bringt sie dann etwas zum Vorschein, dann ist es nicht mehr unser, sondern allzeit nur Dein Werk; Dein Wort und Werk aber ist Dir ja ohnehin ewig das allergrößte Lob, ob an sich selbst, oder ob an unserer Zunge!
HG|1|89|6|0|Daher haben wir nichts, das Du uns vollkommen zu eigen ließest, als die Liebe und die Sünde.
HG|1|89|7|0|O Vater! Hätte ich die Liebe nicht, was hätte ich dann, denn die Sünde und den Tod? Könnte ich Dich auch in der Sünde loben und im Tode preisen?
HG|1|89|8|0|Darum gabst Du mir die Liebe, dass nicht die Sünde und der Tod mein Werk seien allein, sondern auch die Liebe und ihre lebendigen Werke, damit sie seien aus der Liebe pur mein und aus Deiner Gnade und Erbarmung aber ganz allein nur Dein!
HG|1|89|9|0|O heiliger Vater, da ich allein die Weisheit hatte, konnte ich kein Werk verrichten denn das der Sünde und war genötigt, Dich zu loben und zu preisen mit meinen Sünden! Du nahmst damals das unreine Lob auf, als wäre es ein reines aus Deiner und dadurch auch meiner Liebe, während es doch nur ein unreines Werk der Sünde war!
HG|1|89|10|0|Ich schied die Kinder durch das gerecht scheinende Urteil meiner von Dir mir eingehauchten Weisheit. Und da ich des Glaubens war, als wäre die Weisheit mir zu eigen, so war mein Werk eine Sünde; und so lobte ich Dich in meiner Sünde und wäre daran zugrunde gegangen. Nun aber gabst Du mir die Liebe und nicht mehr Weisheit, denn soviel derselben die Liebe fassen kann, auf dass ich nicht mehr zerstreuen, sondern sammeln soll. Da in der Zerstreuung der Tod, in der Sammlung aber nur das Leben wohnt, so lass mich nun alle wieder sammeln in und durch die Liebe, die ich zerstreut habe durch die übel angewandte Weisheit.
HG|1|89|11|0|Ich danke Dir, lobe und preise Dich, heiliger Vater, dass Du den Henoch und den Fremdling uns gegeben hast, auf dass sie uns zuvor blind machten in der Weisheit, damit wir dann erst in der versammelnden Finsternis fähig wurden, das Feuer der Liebe aus Dir, darinnen allein das Leben waltet in aller Sammlung – wie in der Weisheit der Tod der Sünde durch die Zerstreuung –, aufzunehmen! O lasse aber nun dieses Feuer zu einem gewaltigen Brand in uns werden, auf dass es verzehren möchte alle unsere Torheit und verschlingen alle unsere argen Werke!
HG|1|89|12|0|Lasse uns alle in Deiner Liebe und Erbarmung sich wiederfinden und versammeln in Deiner Erbarmung und Gnade, und lasse uns morgen an Deinem heiligen Sabbat eine neue Feier der Liebe begehen, in welcher wir Dir, o heiliger Vater, einen wohlgefälligen Dank-, Lob- und Preisdienst darzubringen glauben und in aller Liebe hoffen – denn früher in aller unserer vermeintlichen Weisheit und ungerechten Gerechtigkeit.
HG|1|89|13|0|O überguter, heiliger Vater, lasse unsere Einladung den ersten Schritt sein, der uns alle wieder zu Dir führen soll jetzt und ewig! Amen.
HG|1|89|14|0|Und ihr, Henoch, Asmahael, Seth und Kenan, geht hin zu den Kindern und erweckt sie in der Liebe und wahren Freiung und ladet sie zur Sammlung des Lebens für morgen und tut mit ihnen, was euch die Liebe gebeut; das ihr aber tut, das tut im Namen Jehovas jetzt und allzeit ewig! Amen.“
HG|1|90|1|1|Henochs Rede über die Freiheit in der Liebe zu Gott
HG|1|90|1|0|Und alsbald erhoben sich die Benannten und verfügten sich zu den noch immer auf den Angesichtern ruhenden Kindern und richteten an dieselben das liebreiche Gebot Adams aus, das da war ein Gebot der Freiheit oder eines, das das Gefangene wieder frei macht, weil es ein Gebot der Liebe ist.
HG|1|90|2|0|Nachdem sie ihren Auftrag beendet hatten, erhoben sich alsbald die Kinder, lobten und priesen Mich, da Ich Adams Herz erweicht hätte, ohne welche Erweichung sie Adam nicht mehr angesehen haben würden und sie offenbar hätten verschmachten müssen, wenn sie noch länger wären vom Abend gedrückt worden.
HG|1|90|3|0|Als aber Henoch wahrgenommen hatte ihre im Ernst und in aller Wahrheit frommen Herzens dankbare Stimmung gegen Mich wie auch gegen die Erzväter, sammelte er sich alsbald im Geiste Meiner getreuesten Liebe und richtete folgende Worte aus Mir an die nun erwachten Kinder des Abends, sagend nämlich:
HG|1|90|4|0|„Hört, liebe Brüder und Schwestern in Gott, unserem Gott, der da ist ein mächtiger Herr über alle Dinge und unser aller liebevollster, heiliger Vater, wie auch in Adam, der da ist ein geschaffener Erstling aus der allmächtigen, ewigen Liebe Gottes und ist unser aller Leibesvater!
HG|1|90|5|0|Das Gebot, das euch mit ehernen Banden hart geschieden hielt im lichtschwachen und liebekalten Abend, ist nun, als wäre es nie ein Gebot gewesen. Die große Wärme der ewigen Liebe Gottes hat die ehernen Bande zerfließen gemacht, wie der hohe Sommer das starre Eis auf den hohen Bergen, und gab euch nun ein anderes Gebot, ein Gesetz, dass ihr frei sein sollt, vollkommen frei, also wie ich und all die Väter vollkommen frei sind in der lebendigen Liebe zu Gott, der da Selbst die allerhöchste und allerreinste Liebe ist ewig, durchaus in und für Sich das Leben alles Lebens Selbst.
HG|1|90|6|0|So ihr Ihn mehr lieben werdet denn euch selbst, eure Alten und eure Kinder und alles, was die Erde trägt und gibt, da erst werdet ihr in euch erkennen, was das heißt: Frei sein in der Liebe zu Gott!
HG|1|90|7|0|Dann wird euch Gott erwecken. Und wie ihr bis jetzt wart voll Angst und Kummer unter des Gebotes der Weisheit hartschwerem Druck und seid nun geworden voll Freude ob der Freiheit, da wir euch erweckten aus der blinden Ehrfurcht langem Schlaf auf das Geheiß Adams, – also, und zwar in einem unaussprechlich höheren Verhältnis erst, werdet ihr jubeln, wenn Gott zufolge eurer großen Liebe zu Ihm euch selbst im Geiste und aller Anschauung der höchsten Wahrheit aus Sich zum ewigen Leben der Seele wie des Geistes vereint erwecken wird!
HG|1|90|8|0|Wahrlich, wer von euch heute beginnen wird, der soll morgen schon sich eines hochgesegneten Herzens erfreuen! Wer aber zögern wird in der Liebe und wird vielmehr beschäftigen seinen Verstand, bei dem wird auch Gott zögern und wird statt des Segens geben dem Verstand harte Steine zu kauen, die bei weitem eher Meister der schwachen Zähne werden als diese der unzerkaulichen, überharten Weisheitssteine!
HG|1|90|9|0|Frage sich aber ein jeder selbst, was da leichter sei: Gott zu lieben, wie Er ist unser aller liebevollster, heiliger Vater, oder Gott zu erkennen, wie Er ist Gott von Ewigkeit in Seines unendlichen Geistes ewiger Macht, Kraft, Herrlichkeit, Weisheit, Heiligkeit, Ordnung und Liebe!
HG|1|90|10|0|So du aber deinen Bruder zwingst, auf dass er dir enthülle seines Herzens Geheimnisse, siehe, da verbirgt dein Bruder vor dir Forschendem sein Herz, und du erfährst nichts von ihm denn eine Rüge, die dich zurechtweisend ermahnt, deine törichte Begierde im Zaume zu halten und dich nicht zu kümmern um die Geheimnisse deines Bruders Herzens, sondern um dessen Liebe nur, ob es dich liebt, wie du es liebst; wenn du dich aber nicht kümmerst um das, das allein deines Bruders ist, sondern liebst ihn dafür zehnfach mehr denn dich selbst, – siehe, wenn aber dein Bruder solches merken wird aus deinem Herzen, da wird er auftun seines Herzens Türe vor dir, und wird dich in selbem selbst herumführen in allen geheimen Schatzkammern, und wird dich über alles belehren, das dir entweder nützen und dich höchst erfreuen oder dich doch zuallermindest voll Vertrauen zu deinem Bruder machen kann!
HG|1|90|11|0|Sehet, liebe Brüder, eben also ist es auch bei Gott! Wer vermöchte je Gott zu zwingen, dass Er Sich einem zeigen und enthüllen solle?! Und täte Er’s, wer möchte es fassen und bleiben am Leben?! So ihr aber Gott liebt über alles, da wird Er euch nehmen in sein Herz, und wird euch führen und leiten in alle Weisheit und allerhöchste Erkenntnis von Ewigkeit zu Ewigkeit mehr und mehr – je nach der Fähigkeit und Größe der Liebe, die ihr zu Ihm in eurem Herzen hegt!
HG|1|90|12|0|O liebe Brüder, daher forscht nicht und sorgt nicht für den Verstand, sondern liebt Gott, unsern aller liebevollsten, heiligen Vater aus allen euren Kräften über alles, so werdet ihr in einem Augenblick mehr empfangen, als was euer Verstand in seiner größten Schärfe höchst unvollkommen in Jahrtausenden enträtseln möchte!
HG|1|90|13|0|Liebe ist die Wurzel aller Weisheit; daher liebt, wollt ihr wahrhaft weise werden! So ihr aber liebt, da liebt der Liebe und nie der Weisheit wegen, so werdet ihr wahrhaft weise sein!
HG|1|90|14|0|Ihr seid nun frei im Abend; aber die Liebe wird euch erst vollkommen frei machen im Herzen. Kommt morgen, kommt alle in der Liebe zur neuen Feier des Sabbats in der wahren, freien Liebe zu Gott! Amen!“
HG|1|91|1|1|Seth erkennt Asmahael
HG|1|91|1|0|Nachdem Henoch beendet hatte seine Rede, verneigte er sich gegen seine Begleiter und grüßte noch einmal die Kinder des Abends; Seth, Kenan und Asmahael aber sprachen ‚Amen‘. Und der Seth führte noch ein kleines Wort an die frei gemachten Kinder des Abends, welches also lautete:
HG|1|91|2|0|„Kinder, ihr wisst es, dass ich es war, der euch vor dreihundert Jahren das Gebot vom Adam überbrachte! Ihr seid darüber traurig geworden, und in eurer Traurigkeit habt ihr keinen Trost gefunden und habt daher den Schlaf gemacht zu eurem Freund.
HG|1|91|3|0|Das Gebot war drückend, und ihr ertrugt den Druck schlafend durch eine lange Nacht eures Herzens. Nun denn aber bin ich wieder zu euch gekommen in der Mitte solcher, die Gott geweckt im Geiste, auf dass sie empfangen können Seine höchste Gnade, welche ist die Liebe im Vollmaße, um zu reden Sein heiliges und lebendiges Wort voll Kraft und Macht. Daher haben weder der Adam, noch ich euch frei gemacht, sondern allein des großen Gottes heiliges Wort aus dem Munde Henochs und Asmahaels, den da trägt vor euch das starke Tier, und den Gott zu uns gesendet hat auf eine wunderbare Art dem eigenen Bekennen nach aus der Tiefe, davon ihr gehört habt, dass sie voll fluchbaren Argens ist. Ich aber halte dafür, dass er aus der Höhe ist; denn solche Rede wie er kann niemand führen, so er ist wahrhaftig aus der Tiefe.
HG|1|91|4|0|Weisheit ist in der stummen Tiefe sicher nicht zu Hause, und noch viel weniger die Liebe.
HG|1|91|5|0|Er aber erklärte uns das Gesetz und zeigte uns unsere große Torheit vor Gott, als wäre er ein Herr des Gesetzes. Er kam, um zu erlernen die Weisheit, und machte uns aber schon in einer Stunde alle zuschanden, dass darob sogar Henoch sich gewaltig betroffen fand.
HG|1|91|6|1|Am 27. Mai 1841
HG|1|91|6|0|Habt ihr nicht ehedem vernommen sein Wort oder doch zum wenigsten seine überstarke Stimme?  Sagt, kann jemand aus der Tiefe mit solcher Stimme reden, oder hat je jemand, solange die Erde trägt ein Menschengeschlecht, aus irgendeines Menschen Munde eine solche Rede vernommen?!
HG|1|91|7|0|Hört, nicht um auch etwas zu reden oder mir durch Plaudern zu verkürzen die Zeit, sondern um euch eure Freiheit in der Liebe Gottes voll zu zeigen, rede ich, wohin und wozu mir ein mächtiges Gefühl meine Zunge kehrt! Dieser anscheinende Fremdling, der da sitzt kleinlaut in seinem Benehmen und übergroßlaut im Wort, wird ein andermal sich von einem anderen Tier tragen lassen, und ein Volk der Erde wird dem auf dem Tier Sitzenden mit aller Zerknirschung des Herzens zurufen: ‚Hosianna Gott in der Höhe; gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, sitzend auf dem Rücken eines Füllens einer lastbaren Eselin!‘
HG|1|91|8|0|Kinder, und auch du, lieber Henoch, und du, Kenan, könnt ihr mir widersprechen, so tut es; seid ihr aber belebt vom selben Gefühl, so dürfte es sich der Mühe lohnen, auf den so überaus wortmächtigen Fremdling das alleraufmerksamste Auge und ein allerdemütigstes Herz zu richten! Denn der also erstaunlich wie er von Gott spricht, muss entweder aus der höchsten Höhe Gottes abstammen, oder aber er ist – – –
HG|1|91|9|0|Kurz, ich mag, kann und darf nicht weiter mich aussprechen!
HG|1|91|10|0|Ja, ja, wahrlich, wahrlich, das Heil ist uns näher gekommen in der Fülle alles Lebens, als wir es zu ahnen vermögen!
HG|1|91|11|0|So jemand will und glaubt, der wende sich zu dem Asmahael! Mein Gefühl sagt es mir: Der nicht durch Ihn frei wird, wie wir alle durch Sein mächtig Wort frei geworden sind nach einem kurzen Kampf mit unserer einheimischen Finsternis, der wird ewig nie zur Freiheit gelangen!
HG|1|91|12|0|O Asmahael, Du teurer, erhabener Fremdling, der Du so mutig auf dem Tier sitzt und in aller Sanftmut und Demut uns Würmer im Staub anhörst, als möchtest Du lernen von uns, während jedes bessere Wort unseres Mundes schon lange eher in Dir gewachsen ist in höchster Reinheit, bevor es erst von unseren Zungen verunreinigt wurde, mache uns frei und ewig lebendig in Dir!
HG|1|91|13|0|O verlasse uns nicht, und sei ewig unser Führer und wahrer Freimacher unserer Herzen! Amen, amen, amen.“
HG|1|91|14|0|Nachdem aber Seth seine Rede beendet hatte, so bewegte sich alsbald Asmahael in die Mitte der drei und sagte folgendes zu ihnen:
HG|1|91|15|0|„Höre, du, Seth, und du, Kenan, und du auch, Mein lieblicher, wertester Henoch! Das, was du, o Seth, hast empfunden und hast ausgegossen vor Kenan und Henoch und allen den Kindern des Abends, die es nicht erfasst noch haben, davon sollt ihr vor dem Adam und allen den übrigen Vätern noch schweigen; sie sollen nicht wissen und ahnen, wer unter der Hülle Asmahaels haust!
HG|1|91|16|0|Daher müsst ihr schweigen, wollt länger ihr Mich zum Begleiter noch haben; auch müsst ihr Mich äußerlich anders nie kennen und nennen, als nur aus der Tiefe den Fremdling, den Adam ‚Asmahael‘ nannte, nicht ahnend, dass Jehova Selbst es ist, der an der Stelle, die ‚Morgen‘ ihr nennt, zu euch ist unkenntlich gekommen, um euch auf den Wegen, die Mir nur bekannt, Selbst werktätig zur Liebe und ewigem Leben zu führen!
HG|1|91|17|0|Hätt’ Ich es gewollt, hätte Henoch schon lang’ Mich erkannt, und der Seth wär’ zuvor ihm wohl nimmer gekommen; doch wer, wie der Seth, eine schwerere Prob’ muss bestehen und denkt sich in seiner Liebsorge, Ich sei ihm gar fremd noch und ferne – fürwahr, dem steh’ Ich wohl am nächsten, und denen auch, die gleich dem Henoch Mich lieben.
HG|1|91|18|0|Ich bin –, wie der Seth es verkündet; doch jetzt müsst ihr schweigen von Mir! Insgeheim doch könnt ihr zu Mir kommen und nehmen den höchsten der Segen von Mir! So ihr zähmt der Zunge Begierde, will lang’ Ich als sichtbarer Führer noch unter euch weilen; verratet Mich aber nur durch ein kleinwinziges Wort, ja dann werd’ Ich gezwungen, euch alle sogleich zu verlassen! Hört amen, hört amen, hört amen, das sagt der Asmahael, amen, hört amen, hört amen!“
HG|1|92|1|1|Die Bedenken nach dem Zeugnis Asmahaels
HG|1|92|1|0|Als aber die drei aus Asmahaels Munde solches Zeugnis über Sich Selbst empfangen hatten, ward es ihnen angst und bange, und sie wussten nicht, was sie nun anfangen sollten. Sollten sie alsogleich vor Asmahael niederfallen und Ihn anbeten? Aber dann würde Er ja verraten sein, da die anderen Väter solches merken möchten!
HG|1|92|2|0|Oder sollten sie wohl glauben dem Zeugnis? Denn also dachten sie sich: „Glauben wir dem Zeugnis, da sind wir gefangen vor Adam und den übrigen; denn unsere Ehrfurcht und übermäßige Liebe zu Asmahael wird den Vätern sicher auch verraten, dass hinter dem Asmahael auch sicher etwas Ungewöhnliches stecken muss, da wir Ihm so überaus hochachtend und über alles liebend zugetan sind und notwendigerweise auch sein müssen. Glauben wir aber dem Zeugnis nicht, was sind wir dann im Angesichte Asmahaels? Nichts als öffentliche und offenbare Lügner und Betrüger unserer Väter, Brüder und Kinder, – oder wir sind unvermögend, auch nur ein Wort mehr über unsere Zunge zu bringen, so wir in der Wahrheit verharren wollen! Denn reden wir ein Wort nur über Gott, der unter uns ist, den wir aber ungläubig in unserem Herzen verleugnen, so sind wir – wie gesagt – Lügner und Betrüger, da wir den anderen möchten glauben machen ungezweifelt, es sei da etwas, wo unsere Augen auch nicht einen Schatten entdecken!
HG|1|92|3|0|Tun wir aber so ganz gewöhnlich, als wäre Asmahael noch ein Schüler Henochs, wie wird’s uns da gehen? Auf der einen Seite werden wir uns allzeit vorwerfen müssen und sagen: ‚Der Herr, unser großer Gott, unser liebevollster Vater, ist bei uns in der Schule!
HG|1|92|4|0|Was wird Er wohl lernen von uns Würmern des Staubes, da doch jedes bessere Wort unseres Mundes zuvor von Ihm in uns kommen muss, bis wir es erst dann auszusprechen vermögen?‘ Auf der anderen Seite aber, so wir solches unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit doch tun, sind unsere Eltern, Brüder und Kinder dreifach geprellt: einmal durch jegliches unserer Worte, da wir notwendig anders handeln und anders denken müssen im Herzen; zum zweiten Mal, dass wir einen anderen Gott, der nicht und nirgends ist, vor ihnen zum Schein predigen und anbeten müssen und sie auch nach ihrem Willen dazu ermuntern, den wahren, lebendigen Gott unter und mit uns aber offenbar verleugnen;
HG|1|92|5|0|und zum dritten Mal, dass sie durch eine falsche Liebe zu einem Gott, der nirgends ist, auch von allem dem Verheißenen unmöglich je etwas empfangen werden und können, weil der geistige Empfang ja doch allzeit abhängt von der Liebe im Geiste und in der Wahrheit.
HG|1|92|6|0|Oder wird unsere Verheißung nicht sein gleich also, als wenn wir zu einem in stockfinsterer Nacht sagten: ‚Höre, Bruder, so es dich hungert, gehe hundert Schritte nur vorwärts; da wirst du alsbald einen übervollen Feigenstrauch antreffen, der dich mit seiner Frucht sättigen wird zur Übergenüge!‘, da wir doch nur zu bestimmt wüssten, dass an der angeratenen Stelle nie ein Feigenstrauch gestanden ist, noch jetzt steht und je stehen wird, da die Stelle in nichts denn in einem weitgähnenden Abgrund von einer unermesslichen Tiefe besteht, während wir aber den wahren Feigenbaum in unaussprechlicher Fülle hinter unserm Rücken bürgen!“
HG|1|92|7|0|Nach solchen Gedanken wurden sie aus- und inwendig stumm und wussten nicht hin und nicht her, nicht aus und nicht ein und nicht auf und nicht ab.
HG|1|92|8|0|Alsbald aber tat Asmahael Seinen Mund auf und sagte zu den dreien: „Was zweifelt ihr in eurem Herzen? Soll es unrecht sein, zu tun Meinen Willen? Wie mögt ihr denken, Ich hätte euch solches zu tun befohlen? Warum fragt ihr aber nun euer Herz und nicht Mich, da Ich unter euch bin, so ihr einen Zweifel habt?! Oder meint ihr, nur derjenige Weg sei der rechte, den euer blödes Auge als solchen erkennt?
HG|1|92|9|0|Sagt ihr nicht selbst, Meine Wege seien unergründlich und Mein Rat unerforschlich; wie könnt ihr dann noch zweifeln und denken lauter Irres in eurem Herzen?
HG|1|92|10|0|Oder ist eure Liebe zu euren Vätern, Brüdern und Kindern denn größer denn die Meinige, die alle Dinge, sie und euch werden hieß zur ewigen Vollendung des Lebens in Mir und aus Mir?
HG|1|92|11|0|So ihr aber glaubt, dass Ich, euer aller Schöpfer und heiliger Vater, es bin in der Hülle Asmahaels, wie mögt ihr da noch fragen, ob das wohl gut und recht sein wird, was Ich euch zu tun rate?!
HG|1|92|12|0|Bin Ich denn nicht mehr denn Adam, den Ich gemacht habe, und alle seine Kinder, die Ich aus ihm erweckt habe?
HG|1|92|13|0|Daher seid unbesorgt, und folgt Meinem unerforschlichen Rat, so werdet ihr recht tun; denn eure Rede wird sein aus Mir, und eure Lehre an Mich wird sein eine Lehre für euch und eure Kinder, und eure Väter werden sich daran ergötzen und lauten Jubel schlagen.
HG|1|92|14|0|Nun aber muss auch Ich noch Adams Willen erfüllen! Amen.“
HG|1|93|1|1|Adams Neugierde und Ärger
HG|1|93|1|0|Nachdem der Asmahael ausgeredet hatte Sein zurechtweisendes Wort an die drei, da ermahnte Er den Seth, dass er die Kinder des Abends herbeirufen solle, und zwar besonders die Ältesten, damit sie nach dem Willen Adams auch von Ihm ein Wort der Freilassung empfangen und vernehmen sollen.
HG|1|93|2|0|Als solches der Seth kaum vernommen, so war er schon einem Winde gleich unter den Kindern und tat ihnen mit großer Lebhaftigkeit kund das überaus segnende Vorhaben Asmahaels und bedeutete ihnen, dass sie ja voll Aufmerksamkeit sein sollten, da sie solche Worte noch nie haben reden gehört, wie sie Der reden wird alsbald, der da sitzt auf dem Tier.
HG|1|93|3|0|„Denn Der ist – – – hört – Der ist – kurz, Kinder, – Er übertrifft an Liebe und Weisheit uns alle bei weitem, – und jedes Wort von Ihm – ist größer denn die gan – – – das heißt – denn alle Worte von uns!“
HG|1|93|4|0|Und alsbald kamen die Ältesten dem Asmahael näher und waren voll Aufmerksamkeit und sehnsüchtigsten Harrens auf Asmahaels Rede.
HG|1|93|5|0|Als aber die bei hundert Schritte im Hintergrund, das heißt hinter den Rücken dieser vier stehenden Hauptstammkinder mit dem Adam merkten, dass hier etwas Außerordentliches im Anzuge sein müsse, weil die Kinder des Abends sich also um die vier zu drängen anfingen, sagte Adam:
HG|1|93|6|0|„Hört, wie wäre es denn, so auch wir uns dahin begäben, um desto leichter zu sehen und zu vernehmen, was etwa der Asmahael alles zusammenreden wird; denn haben wir auch seine letzte Rede nicht so ganz aus der Wurzel erfasst, so war sie aber doch voll Weisheit.
HG|1|93|7|0|Es ist nur wahrhaftig zum Verwundern, wie weit dieser junge Mensch aus der Tiefe es in der kurzen Zeit von kaum drei Schattenwenden bloß durch das Anhören unserer liebweisen Reden gebracht hat; wie weit wird er es erst bringen, wenn er längere Zeit um Henoch und uns sein wird und auch Zeuge sein wird und Mitgenosse der heiligen Feier des Sabbats Jehovas!
HG|1|93|8|0|Und so wollen wir uns denn auch hinzumachen; lasst uns alsonach gehen! Amen.“
HG|1|93|9|0|Als aber die Kinder des Abends sahen, dass der Erzvater mit der Eva und den übrigen herbeigekommen war, machten sie ihm alsogleich Platz, dass er leicht zum Asmahael gelangen könnte und zum Seth, Kenan und Henoch.
HG|1|93|10|0|Als Adam nun vollends in der Mitte bei den Seinigen sich befand, fragte er alsogleich, was nun vor sich gehen werde, und ob der Asmahael auch schon etwas gesprochen habe.
HG|1|93|11|0|Seth aber grüßte ihn und sagte: „Höre, lieber Vater! Zu den Kindern hat Asmahael noch nicht gesprochen, sondern nur zu uns hat Er vorher geredet; jetzt aber tut Er deinem Willen gemäß auch ein Wort an die Kinder richten. Denn da Er mit uns [gehen] musste, so muss Er ja deinem Willen nach tun, das wir schon alle getan haben, – nicht wahr, lieber Vater?“
HG|1|93|12|0|Adam, voll frommer Neugierde, aber konnte nicht umhin, den Seth zu fragen, was denn der Asmahael vorher zu ihnen geredet hätte.
HG|1|93|13|0|Diese Frage setzte den armen Seth in eine gänzlich sprachlose Verlegenheit. „Denn“, dachte er, „sag’ ich es, so werde ich zum Verräter; sage ich etwas anderes, so werde ich zum Lügner; und sage ich nichts, so werde ich zu einem ungehorsamen Sohn und muss dastehen wie einer, der muckt oder den fragenden Vater einer Antwort nicht für würdig hält.
HG|1|93|14|0|Ich will aber Adam ein anderes Mal zur Anhörung der Antwort bescheiden, da die Zeit sehr kostbar ist, um den Asmahael nun nicht aufzuhalten in Seiner folgenden, gewiss unübertrefflichen Rede an die Kinder.“
HG|1|93|15|0|Solches sagte Seth auch in aller Sanftmut dem Adam; aber dieser wollte sich nicht damit begnügen und bemerkte dem Seth:
HG|1|93|16|0|„Höre, mein geliebter Ahbel-Seth, ich merke, dass du dich vor mir verbergen möchtest! In deinem Herzen steht es anders! Warum errötetest du auf meine fromme Frage und wurdest verlegen und bei zehn Zahlen lang stumm?
HG|1|93|17|0|Ich, Adam, dein Vater, aber sage dir: Nicht eher soll Asmahael den Mund öffnen, bis du mir eine getreue Antwort gegeben hast!
HG|1|93|18|0|Höre, Gott und mir bist du Treue schuldig; daher rede ohne Verschub und Entschuldigung! Amen.“
HG|1|93|19|0|Seth aber war außer sich vor Angst und konnte kein Wort hervorbringen.
HG|1|93|20|0|Es trat aber alsbald Henoch hinzu und sagte zu Adam: „Vater, lieber Vater, hast du uns nicht selbst gelehrt, dass der gerade Weg der kürzeste ist? Ist nicht Asmahael unter uns? Warum soll Seth für Ihn antworten, da er doch leichter vielleicht etwas vergessen hätte, was Asmahael zu uns geredet, – denn der hei – – – Redner, das heißt, denn Asmahael Selbst?! Wende dich daher an den Urheber all – – – das heißt an Asmahael Selbst, und sei überaus versichert, dass wir jedes Seiner Worte getreuest als vollkommen wahr bestätigen werden! Amen.“
HG|1|93|21|0|Adam aber fragte auch den Henoch, sagend: „Auch du gefällst mir nicht; denn deine Rede ist nicht frei wie sonst! Sage du mir, was dem Seth die Zunge lähmt! Sage mir, was Asmahael zu euch gesprochen hat; denn dein Gedächtnis ist offenbar stärker denn das des Seth. Rede also du an seiner statt, und ich bin damit zufrieden! Amen.“
HG|1|93|22|0|Henoch aber entgegnete: „Vater, höre und verstehe mich wohl! Jedes Recht auf dieser Erde hat seine Grenzen wie die Erde selbst, und somit auch das Vaterrecht über seine Kinder.
HG|1|93|23|0|So du aber vom Seth und mir eine Antwort verlangst, hast du wohl in der Tiefe bedacht, ob das Gebot, das Seths und meine Zunge für den Augenblick vor dir bindet, nicht höher steht denn die etwas unzeitige Forderung von dir?
HG|1|93|24|0|Und also auch verhält sich die Sache! Wir haben von Gott ein Gebot erhalten, darob zu schweigen vor dir bis zur Zeit Seines Wohlgefallens; daher wirst du uns nicht fernerhin zwingen, Gottes Gebot vor dir und Gott zu übertreten!
HG|1|93|25|0|Von allem aber genüge deiner frommen Neugierde so viel, dass du, o Vater, wissen mögest und auch sollst, dass uns Jehova näher ist, als du es nur zu ahnen vermagst! Daher zwinge uns nicht, in Gottes Angesichte zu sündigen, sondern höre selbst – das heißt: So du wissen willst, was Asmahael zu uns geredet hat, so wende dich, wie schon gesagt, nur an Ihn; denn Er hat – das heißt, Er hat von Gott meines Wissens kein Gebot erhalten, vor dir zu schweigen.
HG|1|93|26|0|Er ist ganz frei, – aber nicht also steht es mit uns; daher verschone uns vor der Zeit mit der Frage! Amen.“
HG|1|93|27|0|Adam aber wurde bei dieser Rede ganz sonderbar zumute, und es kam ihm vor wie zur Zeit seiner Nacktheit, da er sich nach der Sünde in der Höhle verbarg und Meine Stimme vernahm, die da fragte: „Adam! Wo bist du?“
HG|1|93|28|0|Er war auf eine solche Veränderung nicht gefasst; daher ward er auch ganz traurig und wusste sich nicht zu raten und zu helfen. Er ließ sich daher ganz stumm zur Erde nieder und weinte und trauerte bei sich im Herzen:
HG|1|93|29|0|„Mein großer Gott und Herr, Schöpfer aller Dinge und heiliger Vater aller Geister und Menschen! Hast Du mich denn erschaffen, um mich zu quälen vom Anfang bis zur Stunde?
HG|1|93|30|0|Oh, wie sehr müsste ich mich dann in Deiner Liebe irren! Warum musste ich selbstbewusst lebendig werden, um Dir zur ewigen Kühlung Deines großen Mutwillens zu werden? Wären tote Steine dazu denn nicht gut genug?!
HG|1|93|31|0|Du belebtest mich mit allen Sinnen und hauchtest mir allerlei Begierden ein und gabst mir gegen dieselben Gebote, auf dass sie mich vor Dir verderben möchten und Du mich dann mögest verdammen!
HG|1|93|32|0|O Herr, so Dir irgend Liebe und Erbarmung eigen ist, so tue mit mir nun, was Du tun wolltest nach meiner Sünde, und vernichte mich auf ewig! Mache mich, als wäre ich nie gewesen; denn es ist ja unnennbar besser, ewig nicht zu sein, denn zu sein als ein sich frei bewusstes Wesen unter dem ewigen Druck Deiner unbesiegbaren Macht und zu dienen Dir zum Spielzeug, ja zum schnöden Spielzeug Deines ewig unermesslichen, Dich allein nur vergnügenden Mutwillens.
HG|1|93|33|0|Ein Gott bist Du und ein übermächtiger Herr; aber ein Vater bist Du nimmer!
HG|1|93|34|0|Sage, so Du willst und magst, ob ich als Vater mit meinen Kindern je solchen Mutwillen getrieben habe! Habe ich sie je gelehrt, vor Dir stumm zu sein? Warum bindest Du ihre Zungen und Herzen vor mir?
HG|1|93|35|0|Wer oder was bin ich denn, dass Du mich quälst? Vernichte mich, und treibe Deine Lust mit Steinen und anderen Dingen!
HG|1|93|36|0|Bist Du ein heiliger Gott, wie magst Du mir unheilige Begierde gegen Deine Heiligkeit einhauchen?!
HG|1|93|37|0|Bin ich Dein Werk, so vernichte mich; und bin ich’s nicht, so lasse mich, wie ich bin! Amen, amen, amen.“
HG|1|94|1|1|Der sich irrende Adam richtet eine Bitte an Henoch
HG|1|94|1|1|Am 1. Juni 1841
HG|1|94|1|0|Nachdem Adam mit seinen ärgerlichen Gedanken zu Ende war und sich sein Neugiersturm mehr und mehr gelegt hatte, erhob er sich wieder von der Erde und hieß den Henoch zu sich treten und fragte ihn wie folgt:
HG|1|94|2|0|„Henoch, sage mir bis in die innerste Tiefe des Herzens gekränktem Vater doch wenigstens so viel, ob das an euch gerichtete Wort Asmahaels von großer Wichtigkeit war oder nicht! War es ein Wort des Lichtes und der Liebe, oder war es ein Wort aus der Tiefe aller Finsternis und alles Gräuels?
HG|1|94|3|0|Und so es euch wahrhaft der Herr verboten hatte, solches mir kund zu geben, so sage mir aus dem Herrn, warum solches vor mir der Herr verborgen und vor euch aber enthüllt hat!
HG|1|94|4|0|Lieber Henoch, enthalte mir solches nicht vor; sei aufrichtig gegen mich, der ich doch gegen euch alle nur zu offen, gut und gerecht war und habe euch nie etwas vorenthalten!
HG|1|94|5|0|Der Herr weiß es und muss es auch wissen, wie offen mein Benehmen allzeit gegen euch alle war! Alles, das euch nur immer frommen mochte, teilte ich euch mit, obschon ich als Vater vor euch eher das Recht hätte gehabt, Geheimnisse zu machen, denn ihr vor mir, eurem Vater!
HG|1|94|6|0|Ihr seid nun gegen mich verschlossenen Herzens geworden. Es kann immer sein, dass der Herr euch also gegen mich zu sein geboten hatte und auch, dass Er uns näher ist, als ich es zu ahnen vermag, – und dass der Asmahael vom Herrn kein Gebot hat, vor mir zu schweigen, will ich ja recht gerne zugeben; aber ist es wohl in der Ordnung, dass die Kinder den Vater von sich weisen hin zum Fremdling, wo er das erfahren soll, das zu sagen seinen Kindern vorenthalten sein soll?
HG|1|94|7|0|Siehe, lieber Henoch, und denke recht tief bei dir nach, so wirst du es finden, wie schwer sich auf den ersten Blick ein solches törichtes Gebot mit der Liebe und Weisheit Gottes vereinen lässt! Denn wenn ein und dasselbe Wort von einer Zunge verboten, von der Asmahaels aber gestattet sein soll, so kann ja an dem Wort ohnehin nichts oder doch nicht viel gelegen sein, und es liegt da weniger am Wort selbst, für welches eigentlich kein Verbot da ist, weil es Asmahael frei aussprechen darf, sondern alles liegt an der gebundenen Zunge.
HG|1|94|8|0|Warum ist für dasselbe Wort eure Zunge gebunden – und die des Asmahael frei?
HG|1|94|9|0|Wer kann solches vom Herrn denken, dass Er die Herzen der Kinder vor ihren Vätern verschließen sollte und öffnen die der Fremdlinge, damit dadurch zwischen Vater und Kind ein unheilbares Misstrauen geweckt und genährt werden sollte?!
HG|1|94|10|0|Siehe, so Gott solches täte, wäre Er ja ein Urheber der Bosheit, aber keineswegs ein Urheber aller Gerechtigkeit, Gnade, Liebe und aller Erbarmung.
HG|1|94|11|0|Daher sei auf deiner Hut, und erforsche wohl, ob dieses Gebot eines guten oder argen Geistes Sprössling ist!
HG|1|94|12|0|Ist es von Gott, dann wehe uns allen; denn dann sind wir allesamt nichts denn ein eitles Spielzeug einer irgend frei waltenden, unerforschlichen Macht, welche zum Zeitvertreib Wesen aus sich ruft, um sie eine Zeit lang ergötzlich zu quälen, die diese des Lebens Süßigkeit kosten lässt zwischen zwei Unendlichkeiten, nämlich von der Geburt bis zum uns alle noch erwartenden Tode, da dann wieder die endlose Linie der ewigen Vernichtung beginnt und wir dann alle gewaltig durchgequält wieder das werden, was wir waren vor der Geburt, nämlich ein unendliches Nichts!
HG|1|94|13|0|Ist solches Gebot aber von einem argen Geist, dann wehe uns zweifach; denn fürs Erste müssten wir schrecklich weit von Gott entfernt sein durch was immer für eine uns unbewusste Schuld, darum Er uns dann in Seinem Zorn überließe zum Preise eines ewigen Rachefeuers, – oder die arge Macht hätte dem Vater den Arm der Liebe gelähmt, so dass Er dann nicht mehr vermöchte, uns zu helfen und zu retten entweder vom Tode oder vielleicht von noch etwas Ärgerem!
HG|1|94|14|0|Lieber Henoch, bedenke wohl, was ich dir jetzt sagte, und gebe mir die verlangte Antwort! Ja, gebe mir den Frieden wieder, so es dir möglich ist; denn siehe, ich bin betrübt bis in den innersten Grund meines Lebens! Um meine Seele ist es Nacht geworden; auch nicht ein Sternchen ist irgend zu erschauen aus dem Dickicht des Todes!
HG|1|94|15|0|Henoch, da ich satt war, durftest du mir Speise reichen vom Himmel; so tue es jetzt umso mehr, da ich danach hungere und dürste über und über! Hör’ und tue! Amen.“
HG|1|95|1|1|Henoch weist Adam zurecht
HG|1|95|1|0|Als nun Henoch vernommen hatte die Frage und Rede Adams, erhob er sich alsbald und richtete folgende Worte aus Mir an den Adam, sagend:
HG|1|95|2|0|„Im Namen des großen Gottes, der da mit uns ist auf allen Wegen sichtbar und unsichtbar – sichtbar allen Ihn wahrhaft Liebenden und unsichtbar den Weisen und allen, welche mehr nach der Weisheit denn nach der wahren Liebe trachten –, also im Namen dieses unseres großen, allmächtigen Gottes und über alles liebevollsten Vaters von uns allen sage ich dir, geliebter und hochgeachteter Vater, dass du gar gewaltig von dem Wege des Herrn abgewichen bist!
HG|1|95|3|0|‚Siehe, ich will, kann und muss es dir nun sagen, dass du dich gewaltig in deiner erzväterlichen Weisheit geirrt hast, da du den Herrn beschuldigt hast in deinem Herzen, als triebe Er einen Mutwillen mit uns und erschaffe uns bloß zu einem Ihn allein vergnügenden Spielzeug!
HG|1|95|4|0|O Vater, könntest du ahnen, wie groß, ja wie unendlich groß dein Irrtum ist, dann möchtest du nicht im Ärger, sondern in deiner Reue den Herrn bitten um deine ewige Vernichtung; denn du würdest dich vermöge solcher gröblichen Anschuldigung selbst verdammen müssen und wünschen müssen, dass alle Berge über dich herfallen sollen, um dich zu verbergen vor dem Antlitze Dessen, der dir und uns allen noch nie so ernstlich nahe und überaus unaussprechlich liebetätig war denn gerade jetzt, da du Ihn dir am entferntesten denkst, und daher über Ihn losziehst, als wärest du ein Herr über Ihn.
HG|1|95|5|0|Meinst du denn, Vater, der Herr ist uns gleich unbeständig und wetterwendisch wie ein an einem Spinnfaden hängendes Wetterblatt, dass Er mit Seinen Werken täte, was die kleinsten Kinder mit ihren Spielereien zu tun pflegen, so sie ihrer satt geworden sind?! O Vater, welche Gedanken über Gott hast du in deinem Herzen aufsteigen lassen?!
HG|1|95|6|0|Siehe, wäre der Herr also, wie du Ihn zu sein beschuldigst, hätte Er deinetwegen nicht schon lange ein gar elendvolles Garaus mit uns allen gemacht?! Allein, weil Er aber durchaus nicht also ist, wie du in deinem Herzen argfälschlich über Ihn zeugtest, sondern ist dafür nur voll der unendlichsten Liebe, Langmut, Sanftmut, ja sogar von Seinem ganzen allerheiligsten Gottwesen überaus demütig und eben dadurch voll Gnade und Barmherzigkeit gegen uns, die Er gemacht hat aus Sich zu lebendigen Gefäßen, in denen durch Seine beständige Liebsorge sich ein Ihm vollkommen ähnliches, ewig unsterbliches, freies Wesen geistig ausbilden und reif machen soll, so sind wir noch alle am Leben, werden auf dieser Erde selbst noch eine längere Zeit fortleben und in Seiner Liebe und Erbarmung das Leben ewig erhalten und behalten!
HG|1|95|7|0|Siehe, lieber Vater, du hast es in deiner Weisheit fein angelegt, von mir die verbotene Frucht zu pflücken; aber glaube mir, es ist die feinste Weisheit gegen die bescheidene Liebe ein grober Strick, der zwar auch aus den feinen Fäden der Liebe zusammengedreht ist, aber die Fäden sind nicht mehr frei und daher nicht so innigst enge bindsam und auch nicht mehr so schmiegsam und fähig, sich auch in den kleinsten Räumchen zu bewegen.
HG|1|95|8|0|Der Strick der Weisheit ist nur tauglich, schwere, rohe Klumpen unordentlich für eine kurze Zeit aneinander zu festen; aber die zarten Fäden der Liebe umwinden das innerste, zarteste Leben und nehmen so dienend gar leichtlich der schauenden Seele allerleisesten Schwebungen wahr!
HG|1|95|9|0|Da sitzt Er auf dem grimmigen Tier; Der hat es geredet zu mir und zu Kenan und Seth! Ob an all dem Gesagten etwas Wichtiges haftet, nicht ich, sondern Er auf dem Tier wird’s treu dir künden, wie noch hinzu, aus welchem Grund die Zunge vor dir mir von Gott ist gebunden gar worden.
HG|1|95|10|0|Beruhige dich, und fasse Geduld und Ergebung des Herzens, so wirst du alsbald der Wunder Gottes größtes erschauen! Amen, hör’ amen.“
HG|1|95|11|0|Als der Adam die unerwartete Antwort aus Henochs Munde vernommen hatte, schrie er laut auf und sagte:
HG|1|95|12|0|„Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich erschaffen und nun so gänzlich verlassen?
HG|1|95|13|0|Damals, als ich, von Dir verworfen, Ewigkeiten hindurch gefallen bin, holtest Du, ewige Liebe, mich Armen ein, bautest für mich aus Deinem Wort die Erde und setztest mich, wie ich noch zum Teil bin, auf dieselbe; jetzt aber schreie ich in meinem Herzen zu Dir, dass Du mich vernichten oder retten möchtest, – allein Du willst meine Stimme nicht hören und lässt mich verschmachten vor Hunger und Durst und verbietest sogar meinen Kindern, zu reichen mir, danach mich so sehr hungert und dürstet!
HG|1|95|14|0|O mein Gott, mein Gott! Warum bist Du so hart geworden gegen mich?!
HG|1|95|15|0|Hört, Kinder, ich sage es euch: Tut, was euch gut dünkt, und der Asmahael möge seine Rede an die Kinder ergehen lassen, wie es ihm wohlgefällt; jedoch meinen von meinen Kindern ungestillten Hunger und Durst soll er mir nicht stillen! Denn von nun an soll der Magen meines Geistes Hunger und Durst leiden mein Leben lang; und ich will keinen Brosamen und keinen Tropfen aus fremder Hand mehr hinunterlassen, sondern was mir mein innerer, eigener Grund tragen wird, will ich zehren, aber niemanden mehr daran mitzehren lassen! Meine Neugier soll ersticken im Sumpfe meiner Schuld vor Gott, und späte Reuetränen sollen tränken das verdorrte Leben am Feuer meines blinden Eifers! Und wenn ich lange nicht mehr sein werde, möge Gott in der Nacht der Welt mein Kleid anziehen, um mich zu retten und mir zu heilen die gifttriefende Wunde, welche mir meines Herzens eigene Schlange zum Tode aller Menschen, die diese Erde betreten werden, in mein Fleisch gemacht hat mit ihren scharfen Zähnen!
HG|1|95|16|0|Kinder, behaltet dieses; denn fürder werdet ihr von mir wenig mehr zu behalten bekommen! Doch des Herrn Wille sei mit mir und mit euch ewig, amen; auch ich sage euch: Hört es! Amen.“
HG|1|96|1|1|Asmahaels Rede über das Wort Gottes
HG|1|96|1|0|Als der Adam solches ausgeredet hatte und nichts mehr hatte und auch nichts mehr fand, was er reden möchte oder könnte, da dankten ihm die Kinder für diese letzte Mitteilung; denn bis auf Henoch dachten alle, Adam werde nun nichts mehr reden. Nach dem aber machte Henoch alsbald aufmerksam die Kinder auf die Rede Asmahaels, und alle richteten alle ihre Sinne auf den Mund Asmahaels, und der Seth sagte:
HG|1|96|2|0|„O Herr, verleihe mir jetzt hundert Herzen und siebenhundert Ohren, auf dass nichts verlorengehe, was nun Dei – ja so! – dem Munde Asmahaels aus Dir wie ganz aus Deinem Munde entströmen wird! O Herr und Gott und Vater voll der höchsten Liebe und aller Erbarmung, blicke mich während Dei – ja so! – der Rede Asmahaels nur manchmal an, auf dass Deines Auges ernstmilder Blick erleuchte das Irrsal meines unreinen Herzens! Amen.“
HG|1|96|3|0|Bei dieser Anrufung Seths öffnete Adam doch wieder seinen Mund und sagte: „Lieber Seth, wie ich merke und aus deinem etwas verlegenen Ausruf gar wohl ersehe, ist dir an der folgenden Rede Asmahaels viel mehr gelegen als an allen Reden Henochs, die doch auch aus Gott waren, und an allen meinen Worten, durch die du doch zuerst das Wesen Gottes erkanntest, wie Er ist als Schöpfer aller Dinge und auch als Vater voll Liebe denen meiner Nachkommen, die Ihn über alles lieben; denn noch nie habe ich, wie jetzt, dich um hundert Herzen und um siebenhundert Ohren zur Aufnahme unserer Worte gehört den Herrn anrufen!
HG|1|96|4|0|Doch ich will dich nicht mehr fragen, worin der Grund liegt; daher möge der Asmahael beginnen und machen, dass wir bald zu denen in Mitternacht gelangen! Amen.“
HG|1|96|5|0|Und alsbald richtete sich Asmahael auf und begann Seine durch große Geduld und Langmut geprüfte Rede an alle zu richten, sagend nämlich:
HG|1|96|6|0|„Hört alle und versteht es wohl, ihr Kinder im Abend und ihr Väter und du, Adam, nicht minder: Wenn das Weizenkorn in die Erde gelegt wird, da verfault es, und aus dessen Verwesung wird ein neues Gewächs und bringt hundertfach das verfaulte Korn wieder. Also ist es auch mit jeglichem Wort aus dem Munde Gottes.
HG|1|96|7|0|Das Herz ist das Erdreich, die Liebe ist der Dünger, und die Liebe Gottes ist der fruchtbare Regen; das darauf folgende Licht der Gnade ist der warme Sonnenschein. Alle diese vier Dinge bewirken zuerst, dass das Korn verfault. Dieser Zustand ist gleich der Nacht oder dem fruchtlosen Winter. In dem Zustand weiß der Mensch nichts und versteht nichts und sieht nichts, und das Gefühl der Vernichtung ist sein Begleiter; wenn aber dann das Frühjahr oder der Morgen kommt, alsdann fangen aus der Verwesung Wurzeln ins Erdreich zu schlagen an, und da sie in der Liebe in einem Bündel zusammenlaufen, erhebt sich ein neuer Stamm voll Leben und baut sich kühn eine neue Wohnung zu künftiger Reife für ein hundertfaches Leben.
HG|1|96|8|0|Seht an den Halm, an dem die frucht- und lebensschwere Ähre sich jubelnd wiegt, aus wie viel tausend und tausend Röhrchen er besteht, durch die die Ähre lauter Nahrung aus dem Schoße der Erde saugt! Seht an die langen hängenden Blätter am Halm, wie schön und überaus zweckmäßig sie gebildet und versehen sind mit zahllosen kleinspitzigen Ausläufern, um durch dieselben aufzunehmen die Kost des Himmels, auf dass dadurch die aus der Erde selbst lebendig werden möchte! Seht an die bräunlichen Ringe am Halm, die da gemacht sind, dass, je nachdem das Leben der neuen Frucht sich mehr und mehr erhoben hatte und sich frei gemacht aus dem Schlamm des Todes der Erde, sich fürs Erste das reine Leben verwahre vor unreinen Nachstellungen aus der Schlammtiefe und fürs Zweite es sich die der Erde entnommene Nahrung verfeinere und veredle und vollkommen vermische zum Leben mit der allein belebenden Kost aus den Himmeln! Seht an die vielen langen, spitzenübersäten sogenannten Gräten, wie sie sich alle sorgsam dem Licht zuwenden, um die reine Gnadenkost von Gottes Sonne lüstern in sich zu saugen, auf dass die in neuen Hülschen eingeschlossene Frucht des Lebens von keiner anderen Kost mehr genährt werden möchte denn allein aus der der Gnade aus der Sonne! Seht an die bald darauf folgende fleißig sich schwingelnde Blüte, die da reichlich versehen ist mit der aus den höchsten Himmeln gereichten Mannakost, die da ist wie ein feiner Tau anzusehen und der Frucht das eigentlichste sich fortpflanzende ewige Leben gibt. Seht, wenn solches alles ist vor sich gegangen, wie alsdann alles der Erde Entnommene des Halmes zu welken anfängt und gewisserart stirbt; aber je mehr das Irdische abstirbt, desto mehr festet sich und freiet sich das Leben in der ebenfalls sterbenden Ähre und deren sterbenden Hülschen.
HG|1|96|9|0|So aber dann die Frucht reif geworden ist, da geht ihr hin oder schickt eure Kinder aus, auf dass sie sammeln und bringen sollen in eure Wohnungen und Vorratskammern die lebendige Frucht.
HG|1|96|10|0|Seht, also auch tut es der Herr! Ihr auch seid das Getreide; euer Leib ist der Halm, eure Seele ist die gereinigte Kost aus der Erde, euer Geist ist die Kost des Himmels, und Mein lebendiges Wort ist das Manna des allerhöchsten Himmels, das euch erst das wahre, ewige Leben bringt, so ihr es annehmt wie die Ähre und die Blüte derselben am welkenden Stamm der Welt. Doch, wie gesagt, es wird das Wort aber in euch zweimal gesät, und zwar zuerst lebendig ins Erdreich eures Herzens zur prüfenden und euch läuternden Verwesung. Dieses Wort findet schon ein jeder zum Teil in sich und zum Teil aber mündlich durch erweckte Lehrer und Sprecher. Wenn dieser Same aber verwest ist und die Verwesung neue Wurzeln getrieben hat zur Nahrung eines neuen Lebens, dann kommt das andere, lebendige Wort wie jetzt von oben über die Ähre eures neuen Lebens und macht dasselbe vollends reif und frei zum ewigen Leben. Daher werdet gleich dem Weizen, so werdet ihr gar bald erkennen, dass Der allein das hat und gibt, der unter euch wandelt! Hört Ihn zum Leben! Amen.“
HG|1|97|1|1|Adam erkennt Asmahael
HG|1|97|1|1|Am 4. Juni 1841
HG|1|97|1|0|Nach dieser Rede Asmahaels aber erhob sich alsbald wieder der Adam und konnte sich nicht halten an sein lebenslang ausgesprochenes Schweigegelübde, welches er ohnehin vorher schon mit Seth hinterging, sondern begann alsbald folgende Rede gleich einem Selbstbekenntnis von sich zu geben, sagend:
HG|1|97|2|0|„Höret ihr alle, Kinder der Linie wie der Seitenlinie: Ich habe schon neunhundertundzwanzig Steine niedergelegt, jährlich einen, sooft nach dem Winter die ersten Blümchen die nackte Erde zu schmücken angefangen hatten.
HG|1|97|3|0|Bis jetzt war es beständig mehr oder weniger Nacht in mir, und all mein vermeintliches Licht war kein Tageslicht, sondern nur des Mondes trüglicher, flüchtiger Schimmer, der kaum hinreicht, um durch ihn einen Gegenstand der äußeren Form nach zu erschauen; aber was die Farbe betrifft, die da ist ein erquickender Abglanz der göttlichen Wahrheiten und tiefsten Geheimnisse des inneren Lebens, so ist und bleibt nur eine getreu, nämlich die alleinige gelbe Farbe des Todes, – alle anderen sind vernichtet und umgewandelt, dass sie dann sind, als wären sie gar nicht.
HG|1|97|4|0|Wer möchte es zählen, was alles mir in meiner mit geringem Erfolg lange durchlebten Nacht aufgefallen ist, über wie vieles ich nachgedacht und oft auch fruchtlos geweint habe, wie oft ich zu meinem Gott und eurem Gott gebetet und geseufzt habe?! Euch gab ich Licht; ich selbst aber blieb beständig in dem betrüglichen Schimmer der unverweisbaren Nacht meines eigenen Herzens begraben. Nichts vermochte mich dauernd im Licht zu erhalten. Die Reden Henochs und aller anderen, von gutem und wahrem Geschmack, waren gleich den nächtlichen Blitzen, deren grelles Licht wohl auf Augenblicke die Fluren der Erde erleuchtet, aber gleich darauf das erstaunte Auge des Forschers mit der dicksten, undurchdringlichsten Finsternis straft. Und wahrlich, liebe Kinder, mir ging es nach jeder Rede um kein Haar besser! Denn ich verstand gerade das, was da gesagt wurde; so ich aber daraus vor- und rückwärts zu denken und zu forschen begann, so wollte der schwache Schimmer nicht mehr ausreichen, und mir ward der ferne Baum zu allem, was meine Einbildung aus ihm machen wollte, – nur zur bleibenden Wahrheit ward er mir nicht! Und um nichts besser war das Licht der nächtlichen Blitze. Ich glaubte oft, die Sache anfassen zu müssen; allein ehe ich mich noch selbst fassen konnte ob des plötzlich starken Glanzes, musste ich denn alsbald wieder gewahren, dass nicht nur der Gegenstand, nach dem meine Hand greifen wollte, sondern auch die fruchtlos ausgestreckte Hand meiner Sehe in der undurchdringlichsten Nacht entschwunden war.
HG|1|97|5|0|Wahrlich, selbst die gestrige höchst unerwartete, allergnädigste Erscheinung des Herrn war, obschon sie begleitet war von dem unerhörtesten Liebe- und Gnadenlicht, für mich nicht viel besser als ein überaus starker Blitz in der finsteren Nacht!
HG|1|97|6|0|Solange der Herr unter uns verweilt hatte, glaubte ich alles zu verstehen; allein als Er uns aber sichtbar verließ, war ich auch alsbald genötigt, mir vom Henoch eine Erläuterung der unergründlich tiefen Rede Jehovas zu erbitten.
HG|1|97|7|0|Henoch hat es getan, und zwar aus dem Herrn Selbst; allein für meine Nacht war sein Fünklein zu schwach, und ich verstand – in aller Wahrheit zu reden – nach- wie vorher nichts als nur die Worte, daraus die schöne, herrliche Rede bestand.
HG|1|97|8|0|O Kinder, hört und freut euch mit mir; diese lange Nacht hat bei mir nun ihr Ende erreicht!
HG|1|97|9|0|Kein Mondesschimmer, kein Blitzlicht mehr ist es, das mich nun für ewige Zeiten überhell durchleuchtet, nein, – sondern Jehovas Sonne, des ewigen Lebens ewiger Tag ist in mir aufgegangen!
HG|1|97|10|0|O Asmahael! Asmahael! Wer Worte redet wie Du, die lebendig sind wie Gott Selbst, wahrlich, der ist kein Fremdling, sondern ist gar wohl zu Hause in eines jeden Menschen Herzen!
HG|1|97|11|0|Asmahael, vergebe mir Schwachem vor Dir, dass ich es noch wagen mag, vor Dir meine Stimme ertönen zu lassen!
HG|1|97|12|0|Dein Wort ist kein eingegebenes Wort, sondern es ist Dein eigenes! Nun ist mir alles klar, warum die Kinder vor mir schweigen mussten!
HG|1|97|13|0|Mein Gott und mein Herr! Lasse auch mich schweigen, auf dass Du uns nicht verlassen möchtest! Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|1|98|1|1|Über das Schweigen der Liebe und das Reden der Weisheit
HG|1|98|1|0|Nach dieser Bekenntnisrede Adams aber erhob sich auch alsbald der Seth und wollte zu reden anfangen; aber der Asmahael gab ihm ein Zeichen, dass er schweige, und setzte hinzu:
HG|1|98|2|0|„Seth, weißt du denn nicht, dass die wahre Liebe stumm ist und die Weisheit nur dann das Wort führt, wenn sie zum Frommen anderer zu reden aufgefordert wird?
HG|1|98|3|0|Hast du Liebe, so schweige mit dem Mund und rede allein im Herzen; und hast du Weisheit, da lasse dich eher von jemandem begehren, und so solches geschehen, dann rede wenig Worte, und rede aus dem Herzen und nicht aus dem Verstand, das da frommt dem Begehrenden!
HG|1|98|4|0|Es ist aber unvergleichlich vielmal besser, zu schweigen und das Ohr zu verhalten wie auch das Auge zu schließen, als beständig zu mundwetzen und zu brodeln gleich einem Wasserfall und das Ohr zu legen an alle Straßenecken und das Auge einer Schwalbe gleich herumschießen zu lassen.
HG|1|98|5|0|‚Dem Mund drei Dinge, dem Ohr sieben und dem Auge zehn!‘ ist ja eure Regel der Weisheit; warum demnach überflüssige Reden, – statt sieben dem Ohr tausend, und dem Auge eine Unzahl?!
HG|1|98|6|0|Ich weiß aber, Seth, was du hast reden wollen; behalte es bei dir, und du wirst sehen, dass morgen die Sonne wie gewöhnlich um die bestimmte Zeit aufgehen wird!
HG|1|98|7|0|Und ihr alle übrigen tut desgleichen! Keiner dränge dem anderen ein Wort auf, sondern der etwas erfahren möchte, der wende sich an einen, der da ist wohlverständigen Herzens, das heißt eines Herzens, das da allzeit in sich vernimmt die Stimme der ewigen Liebe und wohl versteht das Wort des Lebens aus Gott zur Zeit der nötigen Mitteilung. Wenn aber dann ein solches Wort sparsam gleich dem Gold der Erde gesprochen wird, so ist es an der Zeit, Ohr und Auge vom Herzen aus zu öffnen; hört und versteht es wohl!
HG|1|98|8|0|Und nun, ihr Kinder, die ihr da wohnt, dahin der Adam von seiner Hütte schaut den Untergang der Sonne, erhebt euch, seid freien, treuen und aufrichtigen Herzens gegen Gott, gegen eure Väter, gegen alle eure Brüder! Empfangt vom Adam den Segen; tut heute und morgen, das euch geboten ist um Gottes Willen, und werdet Kinder des Aufganges und der Liebe, aber nicht Kinder des Unterganges und der Nacht des Todes!
HG|1|98|9|0|Die Gegend, die ihr bewohnt, sei künftighin gleich der im Morgen, Mittag und Mitternacht; denn in der Zukunft werden nur die Gegenden des Herzens angesehen werden, und es werden gänzlich außer Betracht sein die Gegenden der Erde! Amen.“
HG|1|98|10|0|Als aber der Adam solches vom Asmahael vernommen hatte, näherte er sich in der allerhöchsten inneren Ehrfurcht dem Asmahael und fragte Ihn:
HG|1|98|11|0|„O Asmahael, wird es nicht mir zum Frevel gerechnet werden, so ich über Dein übersegenvollstes Wort noch meinen nichtssagenden Segen aussprechen möchte über die Kinder, die Du mit Deinem lebendigen Wort heimgesucht hast?
HG|1|98|12|0|Wahrlich, jetzt kommt mir mein zu gebender Segen gerade so vor, als so ich möchte ins Meer Wasser tragen, um dadurch dasselbe zu vergrößern und zu vermehren!
HG|1|98|13|0|O Asmahael, sei mir gnädig und barmherzig! Amen.“
HG|1|98|14|0|Der Asmahael aber erwiderte dem Adam: „Höre, Adam, wenn es dir also vorkommt, so tue in Meinem Namen, wie es dir vorkommt, und sei dessen gewiss, dass darob dem Meer kein Leid zugefügt wird; aber wisse, dass jede Gabe mehr dem Geber frommt denn dem Empfänger!
HG|1|98|15|0|Hast du aus deinem Herzen das Meer vermehrt um einen Tropfen, so hast du dein Herz erquickend erleichtert, und das Meer wird dir dankbar sein auch für den einzigen Tropfen! Denn Ich sage dir, du kennst weder den Tropfen noch das Meer; aber so es der gute Gebrauch erheischt, da tue du in deinem Herzen, das dir obliegt, und kümmere dich nicht des Meeres! Der aber die Tropfen des Meeres gezählt hat, wird deinen Tropfen nicht außer Rechnung lassen!
HG|1|98|16|0|Daher segne du nur immerhin deine Kinder, und Ich werde darob Meinen Segen nicht zurücknehmen! Amen.“
HG|1|98|17|0|Und Adam vollzog alsbald den heiligen Willen Asmahaels und ward voll Freude.
HG|1|99|1|1|Asmahaels Rede wider die menschlichen Gelübde
HG|1|99|1|0|Nach dem aber brachten die Kinder alsbald Erfrischungen und körperliche Stärkungen, die da bestanden in allerlei Obst und altem und neuem Brot. Adam aber mochte nichts genießen, da das Gelübde vom Mittag her ihm noch seinen Gaumen band, und rührte daher alles das segnend bloß nur an; desgleichen taten auch alle übrigen.
HG|1|99|2|0|Da aber doch alle schon der Hunger ziemlich stark angefasst hatte, so zwar, dass sie alle – selbst Henoch nicht ausgeschlossen – mit sichtbarer Begierde und heimlicher Esslust die Früchte und Brote anblickten und es sie einige Überwindung kostete, sich zu verleugnen und das Gelübde nicht zu brechen. Asmahael aber fragte den Adam, sagend:
HG|1|99|3|0|„Höre, Adam! Wer hat dir und deinen Kindern die Fasten auferlegt? Warum isst du nichts von der Frucht, so es dich hungert, und deine Kinder nicht, so es sie hungert?
HG|1|99|4|0|Hat Jehova solches euch anbefohlen? Oder welchen Dienst glaubst du Gott dadurch zu erweisen, so du, dich selbst strafend, fastest und ankämpfst gegen deine eigene Natur? Sage Mir und frage dich selbst zuvor, ob es Gott wohlgefällig sein kann, so ein Mensch, der es noch nie so weit mit seiner Selbstverleugnung gebracht hatte, auch nur ein Gebot Gottes sicher und allzeit zu beobachten, sich endlich darum, da er zu schwach war, ein leichtes göttliches Gebot zu halten, noch dazu ein eigenes, viel schwereres Gebot auferlegt, welches zu halten ihm am Ende unmöglicher wird denn hundert göttliche, die aber doch allzeit mit der Natur des Geschöpfes im engsten Zusammenhang stehen, da Gott dem Geschöpf nie mehr zu tragen geben wird und auch je geben kann, als es seiner Natur nach zu tragen imstande ist, weil Er es am allerbesten einsieht, wozu Er ein Geschöpf aus Sich frei entstehen hieß und ließ! Höre, darum sicher nicht, dass es aus leichtsinniger Vernachlässigung der göttlichen Ordnung zur Wiedergutmachung derselben sich selbst Gesetze vorschreiben soll, die es schon lange eher bereut aus Eigenliebe, als bis noch die zur Übertretung nötige Versuchung hinzugekommen ist, – sondern dass es leben soll der göttlichen Ordnung gemäß und soll essen und trinken nach nötigem Bedarf des Leibes und soll Gott erkennen und Ihn über alles lieben und seine Nebenmenschen als Kinder und Brüder aber wie sich selbst und der Liebe wegen, sage Ich, die fremderen zehnfach mehr denn sich und die eigenen Fleischeskinder.
HG|1|99|5|0|Siehe, das ist alles, was Gott von dir und euch allen verlangt, und Er gibt euch kein anderes Gebot denn das der Liebe, in welcher alles Lob, aller Preis und alle Dankbarkeit zugrunde liegt, welcher Grund aber an und für sich ist die alleinig wahre Erkenntnis Gottes selbst, und ist somit auch das ewige Leben selbst.
HG|1|99|6|0|So du dich aber bindest, da Gott dich löst zur ewigen Freiheit, bist du nicht ein Tor, dass du dich bemühst, der ewigen Liebe Ihr Werk der Löse zu erschweren, und verkrüppelst dich durch deine eigene Torheit, statt dich wahrhaft frei zu machen in Meiner Liebe, Erbarmung und Gnade?! Daher löse dir selbst das Band deiner Torheit, und esse und trinke, auf dass Gott dir helfen kann in dem, was in dir ist wider Seine Ordnung!
HG|1|99|7|0|Darum sage Ich: Wehe in der Zukunft den Gelübdemachern! Sie sollen ein doppeltes Gericht erleiden: das eine aus Mir und das andere aus sich um Meines Gebotes willen, das sie nicht gehalten haben und wollten dann durch eine noch größere Torheit Mir wohlgefälligermaßen die frühere Torheit wieder gutmachen, da sie widerstrebten Meiner Ordnung. Höre, also spricht der Herr, und also spreche Ich mit des Herrn Mund und Zunge:
HG|1|99|8|0|So du Mir tun willst ein wohlgefälliges Gelübde, da mache ein Gelübde in deinem Herzen, dass du nicht sündigst und kein anderes Gelübde mehr machst denn das: fürder nicht mehr zu sündigen.
HG|1|99|9|0|Wer aber ist unter euch, dass er sagen möchte: ‚Höre, mein Gott und Herr, ich werde nicht mehr sündigen vor Dir!‘
HG|1|99|10|0|Siehe, solches magst du nicht von dir zu geben, da du frei bist; wie willst du es aber erst dann anfangen, so du dir wider Meinen Willen ein unerträgliches Joch auf den Nacken bindest, das dich erdrückt und stumm macht gegen das göttliche Gesetz der Liebe und aller Lebensfreiheit in ihr und aus ihr?!
HG|1|99|11|0|Höre, darum esse und trinke, und denke in deinem Herzen, dass Gott keine Freude hat an deiner törichten Knechtschaft, sondern nur an deiner Liebe und Freiheit! Höre, Adam, solches spricht der Herr aus Seinem Munde mit eigener Zunge; darum achte es, und sei frei! Amen.“
HG|1|99|12|0|Nach dieser Gnadenrede aber griff Adam alsbald unter lautem Dank, Lob und Preis nach den Früchten und Broten und aß und trank und hieß auch die anderen dasselbe tun. Und sie aßen und tranken alle und wurden gestärkt am Leibe, wie dann auch dankbar am Geiste.
HG|1|99|13|0|Und als sie sich nun gestärkt hatten unter Meinem Segen, erhoben sie sich und dankten Mir im Herzen und waren voll Freude. Und Adam sagte:
HG|1|99|14|0|„O mein großer Gott und Herr, und wenn ich Dich ‚Vater‘ nennen dürfte! Das einstige große, schöne Paradies war reich an allen Freuden des Lebens; allein sie wollten mir nicht frommen. Da ich reich war, habe ich mich von Dir entfernt; Du nahmst mir den Reichtum und belehntest mich dafür mit allerlei Armut. O Herr, jetzt erst danke ich Dir dafür und sage es laut:
HG|1|99|15|0|Wenn Du, mein Gott, mir tausend Paradiese gegeben hättest, wahrlich, ich wäre elender denn ein Wurm im Staub; denn jedes Wort von Dir ist ja mehr wert als tausend Erden und jede mit zehntausend Paradiesen!
HG|1|99|16|0|O Herr, Dein Wort und Dein heiliger Wille ist das wahre Paradies des Lebens! O Herr, lasse mich ewig in diesem Paradies sein! Amen.“
HG|1|99|17|0|Es fingen aber Enos, Mahalaleel, Jared und auch die Mutter Eva bei sich zu denken an nach der Danksagung Adams, wie es denn doch komme, dass Adam fürs Erste sein Gelübde brach und aß und trank. Und wenn er nun redet, da redet er, als stünde Gott leibhaftig vor ihm!
HG|1|99|18|0|Adam aber bekam Licht und sagte: „Wundert euch das, so fragt euch selbst: ‚Warum wundert uns denn das eigene Leben nicht?‘ Und die Antwort wird sein: ‚Weil uns nun Gott näher ist und allzeit sein soll als unser eigenes Leben; denn nun leben wir alle in Ihm!‘ Hört es! Amen, amen, amen.“
HG|1|100|1|1|Jared ersucht Henoch um Aufklärung über Asmahael
HG|1|100|1|1|Am 11. Juni 1841
HG|1|100|1|0|Nach dem nahte sich Seth dem Adam und fragte ihn, ob nun hier noch etwas zu geschehen habe, oder ob man sich zur Abreise anschicken solle.
HG|1|100|2|0|Adam aber erwiderte: „Seth, weißt du ja doch, wer unter uns ist! Wenn es Ihm wird gefällig sein, alsdann werden wir gehen; bis dahin harren wir in aller Liebe und Geduld! Amen.“
HG|1|100|3|0|Es kam aber auch der Jared hin zum Henoch und fragte ihn insgeheim: „Höre, du mein geliebter Sohn, mir kommt es nun so sonderbar vor! Dieser Asmahael, der dein Schüler sein soll, und soll wohnen in meiner Hütte, hat nach meinem Verständnis so viel Weisheit und Kenntnisse in allen Dingen, dass seine Rede die deinige ja bei weitem übertrifft! Ich will dir dessentwegen keinen Vorwurf machen – denn deine Reden sind ja Reden aus der Höhe, und da ist kein Wort umsonst, und jedes Wort bezeichnet den Sinn vollkommen gleich leiblich wie geistlich, und es finden sich von allem, was du sagtest, lebendig entsprechende Formen in eines jeden Menschen Herzen –; aber dessen alles Guten und Wahren ungeachtet, wie auch vollkommen unbeschadet, ist doch ein großer Unterschied zwischen deiner und Asmahaels Sprache!
HG|1|100|4|0|Also aber merkte ich den Unterschied gewaltig: Bei deiner Rede entdeckte ich allzeit deutlich in mir, dass dein Wort ein rechtes Licht ist. Wer danach tut, kann und muss zum Leben gelangen. Auch gleicht dein allzeit mildes Wort der Morgendämmerung, die doch auch die sicherste Verkünderin des werdenden Tages ist, wie dein Wort der Verkünder des sicher folgenden Lebens.
HG|1|100|5|0|Aber bei der Rede Asmahaels merkte ich, dass sie schon Leben in aller Fülle gibt; und so ist und wirkt seine Rede soviel wie eine vollbrachte Tat!
HG|1|100|6|0|Er spricht Dinge von höchster Weisheit; wer möchte sie auf dem gewöhnlichen Wege begreiflich auffassen? Aber aus seinem Munde werden sie einem, als wäre man schon von Ewigkeit her als Mitgespiele mit ihnen aufgewachsen.
HG|1|100|7|0|Es könnte einem aber auch gar nicht in den Sinn kommen, sich darüber noch um irgendeine Erklärung zu bewerben; kurz, man wird auf der Stelle mit dem Wort eins und somit ein Leben.
HG|1|100|8|0|Nur das einzige Seltene und Unbegreifliche ist dabei, und das zwar, dass gerade dieser dein Schüler aus der Tiefe solches vermag, da er doch noch von dir keinen eigentlichen Unterricht erhielt!
HG|1|100|9|0|Nach seiner Angabe ist er ein Sklavenkind und durfte nicht reden je ein Wort daselbst bei der schauderhaftesten Strafe des Todes.
HG|1|100|10|0|Seine Alten wurden ihm getötet auf die grausamste Weise von der Welt. Er flüchtete sich zu uns und betrat heute morgen vor unser aller Augen den gesegneten Boden der geheiligten Höhen namenlos und voll argen Verdachtes. Du richtetest ihn auf vor Adam, Adam erkannte ihn, segnete ihn und gab ihm einen Namen, übergab ihn mir und dir, dieweil er sagte aus der lebendigsten Sehnsucht seines Herzens, dass er möchte suchen und finden Gott.
HG|1|100|11|0|Aber kaum durfte er nur den Mund öffnen, so war schon jedes Wort also abgemessen gut und wahr, dass uns allen am Ende nichts übrigblieb, als nur zu staunen über jegliches seiner Worte!
HG|1|100|12|0|Dem Adam, Seth und fast allen mochtest du so manche Worte berichtigen; allein des Asmahael Worte waren noch allzeit über alle Berichtigung erhaben.
HG|1|100|13|0|Henoch, die Sache kommt mir nicht ganz richtig vor!
HG|1|100|14|0|Es ist in allem Ernst ganz merkwürdig mit dem Menschen, wie überzeugend schnell er nur mit unserem Gelübde fertig war!
HG|1|100|15|0|Wir aßen und tranken darauf, ohne dass sich unser Gewissen dabei auch nur im Geringsten, wie sonst, gerührt hätte; und nun hat er’s schon so weit gebracht, dass selbst Adam ganz von ihm abzuhängen scheint, wie auch du, der Seth und der Kenan!
HG|1|100|16|0|Das Merkwürdigste dabei aber ist, dass er fürs Erste – meines Wissens wenigstens – noch gar nichts gegessen hat, und fürs Zweite aber, dass er alle die früheren so unantastbaren Gesetze Adams gewisserart mit einem Hieb vernichtet hat, und das noch ohne die geringste Widerrede Adams!
HG|1|100|17|0|Hätte solches ich getan, fürwahr, ich hätte ein Jahr lang Adams Hütte nicht anschauen dürfen!
HG|1|100|18|0|Allein Asmahael darf nur den Mund auftun, so ist schon jedes Wort, wie gesagt, so viel als eine vollbrachte Tat!
HG|1|100|19|0|Henoch, ich sage dir, wer sich das zusammenreimen kann, der muss mehr verstehen als wir beide und auch sicher mehr als wir alle zusammen.
HG|1|100|20|0|Hast du aber irgendein verborgenes Licht in der Sache, so lasse deinen Vater nicht blind sein neben dir: Geht es dir aber nicht besser als mir in diesem Punkt, da wird es schier etwas schwerhalten, darüber je irgendwann ins Klare zu kommen!
HG|1|100|21|0|Jedoch, so du mir etwas zu sagen weißt, sage es mit drei Worten, also aber, dass es Asmahael und die anderen nicht merken! Amen.“
HG|1|101|1|1|Henoch und Jared besprechen sich über Asmahael
HG|1|101|1|0|Henoch aber entgegnete dem Vater Jared: „Höre, Vater! Deine Bemerkungen sind nicht ohne; du hast recht in allem! Als Asmahael heute morgen vor uns im Staube lag, hätte ich auch eher geahnt, dass die Mittagssonne alle Steine zu Wasser schmelzen werde, als dass dieser Mensch aus der Tiefe solche Wunder unter uns ausführen würde; aber es gefällt denn schon ein- und für allemal dem Herrn also, das Geringe auszuzeichnen, und das Große aber dafür untergehen zu lassen!
HG|1|101|2|0|Also lässt Er die Sonne untergehen und an ihrer Stelle den Himmel von tausend und abermal tausend Sternchen erglänzen; wie viel erhabener aber ist doch und unendlichmal herrlicher der gestirnte als der besonnte Himmel! Wie zucken die herrlichen Sterne ein heiteres Leben in ihrem bebenden Schimmer, und wie mannigfaltig ist ihr Licht!
HG|1|101|3|0|Siehe dagegen den Himmel am Tag! Ist da der heiterste Tag nicht zugleich auch der einförmigste? Wer mag ihn nach oben anschauen? Überall straft ihn der Sonne brennend grelles Licht.
HG|1|101|4|0|Wenn nicht flüchtige, wenigsagende Neugebilde aus den Wolken am Tag den Himmel belebten und so manche gefiederten Bewohner der Luft denselben munter durchkreuzten, – fürwahr, wir würden die Augen gar selten zum Himmel der Erde erheben!
HG|1|101|5|0|Siehe, also wirkt der Herr beständig! Das Große achtet Er nicht und erhebt das Kleine und Geringe zu Seiner Liebe. Das große Mamelhud hat ein fast ewig dauern wollendes Leben. Es wandelt träge herum, als wäre es selbst eine kleine, totscheinende Erdmasse. Aber sehe dafür einen Ameisenhaufen an, wie bunt wirbelt da das Leben nicht durcheinander!
HG|1|101|6|0|Und aus tausend solchen kleinlichen Erscheinungen lässt sich ja doch schon natürlich klar erschauen, wo der Herr am tätigsten ist und vorzüglich lebendig waltet. Gerade also ist es auch bei den Menschen. Die Geringsten und Unansehnlichsten richtet Er auf und zeigt durch die Schwachen den Großen und Starken der Erde Seine unendlich große Macht und ewig unbesiegbare Stärke.
HG|1|101|7|0|War es nicht also mit mir, dass ich jetzt schon fast zwei Tage lang den Vätern von Ihm nach Seiner Liebe predigen musste, da ich doch der Geringste und Schwächste aus allen bin?! Geringer und schwächer jedoch kam Asmahael aus der Tiefe zu uns, denn ich je war und auch je werde sein und werden können.
HG|1|101|8|0|Sein Eifer war übergroß, Seine Liebe unbegrenzt; das Er suchte bei uns, hat Er schon in Seinem unendlichen Eifer in der höchsten Fülle mit Sich gebracht, dass es nun füglich ist, dass wir von Seiner Überfülle eher etwas empfangen können, als dass wir vermöchten, Ihn mit unserer Eiferarmut zu bereichern.
HG|1|101|9|0|Daher sei nun, lieber Vater Jared, nur unbesorgt und vollkommen ruhig; die Folge wird uns noch so manches Rätsel am und durch Asmahael enthüllen, wenn Er zu Hause erst in unserer Hütte sein wird! Freue dich darauf, lieber Vater Jared; höre, das werden Tage des Lebens und der höchsten Wonne werden! Amen.“
HG|1|101|10|0|Jared aber entgegnete in aller Zufriedenheit: „Du hast recht in aller deiner Antwort; es muss ja also sein! Denn wenn es nicht also wäre, wie könnte der Asmahael solche Tatkraftworte von sich geben?
HG|1|101|11|0|Aber höre, wenn er bei mir einziehen wird und wohnen in meiner Hütte, und wahrscheinlich du auch wieder, da werden wir wohl so manches von ihm erfahren!
HG|1|101|12|0|Ich freue mich sehr darauf. Ich muss dir offenbar sagen, ist es recht oder nicht, aber mein Gefühl umfasst schon jetzt Asmahael offenbar stärker denn dich! Was aber erst mit der Zeit aus meiner Vorliebe zu Asmahael wird, kann ich dir jetzt noch nicht ganz bestimmt voraussagen; denn es hängt noch sehr viel davon ab, ob er sich fürder also getreu bleiben wird. Aber du darfst dir deswegen nichts daraus machen; denn deshalb wirst du bei mir, deinem Vater, dennoch nicht zu kurz kommen!
HG|1|101|13|0|Jedoch nun stille; denn er scheint unser Gewispel zu bemerken! Siehe, er bedeutet dem Tier, und es trägt ihn gerade auf uns zu; daher nun stille, mein lieber Henoch, stille! Amen.“
HG|1|102|1|1|Wenn sich Menschen größer vorkommen als Gott
HG|1|102|1|0|Kaum hatte Jared sein letztes Wörtlein ausgesprochen, so war Asmahael auch schon zwischen beide getreten; denn vorher unterhielt Er sich mit manchen Kindern des Abends, da Er sie über manches befragte und auch wieder belehrte.
HG|1|102|2|0|Die beiden waren nun anfangs ein wenig verblüfft, fassten sich jedoch bald, und der Henoch fragte den Asmahael: „Allergeliebtester Asmahael, was soll nun geschehen, sollen wir noch verweilen oder uns zur Weiterreise anschicken?“
HG|1|102|3|0|Asmahael aber sagte: „Darum kam Ich nicht zu euch, dass Ich dir nun diese deine Notfrage lösen soll, sondern darum kam Ich hierher, dieweil Ich unter euch beiden eine große Liebe zu Mir entdeckt habe!
HG|1|102|4|0|Jared, freue dich, dass Ich bei dir einziehe, und du, Henoch, auch, dass du Meine Liebe so hoch achtest! Denn da Ich einziehe, wird der Tod nie ein Erntefest halten; da ch aber nicht einziehe, wehe der Wohnung! Denn da wird des Jammers kein Ende werden, und der Tod wird hausen in all den Gemächern eines solchen Hauses, da Ich nicht einziehen möchte.
HG|1|102|5|0|Wahrlich, Ich sage dir, Jared, der Mich zum Gast hat, der hat alles; der Mich aber von sich gewiesen hat, der hat alles verloren.
HG|1|102|6|0|Wenn dir der am Morgen aus der Tiefe demütigst zu euch gekommene Mensch etwas sonderbar auch vorkommt und du dir sein Wesen auch nicht ganz klar zusammenreimen kannst, so denke, dass auch Gott Sich das nicht recht zusammenreimen kann und will, wie die Menschen als Seine Geschöpfe sich mögen größer dünken, denn Gott Selbst Sich von Ewigkeit her über und über lebendig empfindet!
HG|1|102|7|0|Siehe, die Menschen richten eins das andere, während Gott doch tagtäglich über alles Seine Sonne aufgehen und über die ganze Erde Seinen Regen fallen lässt!
HG|1|102|8|0|Die Menschen machen Unterschiede und halten nicht alle ihrer Weisheit würdig; Gott aber, der große Lehrer aller Sonnen, Geister, Erden und aller Menschen, verabscheut es nicht und hält es nicht unter Seiner Würde, dem Wurm im Staub und der Schmeißfliege wie allem anderen Getier, und möchte es noch so klein und unansehnlich sein, ein allerweisester Lehrer zu sein! Die Menschen halten ihre Wohnhütten für heilig und lassen ihre eigenen Kinder und Brüder auf ihre Angesichter vor denselben fallen, während Gott sogar das gemeinste Tier auf der Erde frei und ohne alles Aufs-Angesicht-Niederfallen herumwandeln lässt.
HG|1|102|9|0|Die Menschen fluchen denjenigen und strafen sie hart, die sich je gegen ihren Willen in etwas versündigt haben; Gott aber segnet sogar die Steine und hat die größte Erbarmung gegen jeden Irrenden und flucht nicht und ist von größter Geduld, Sanftmut und überaus zurückhaltend in Seinen Gerichten.
HG|1|102|10|0|Wenn Menschen sich zu Gott wenden, da tun sie, als wenn sie selbst Götter wären. Wehe dem, der sie da beirren möchte oder nicht die allerhöchste Achtung hätte vor ihnen, wenn sie Gottes sogenannte Dienste verrichten! Besonders wenn sie ihr Opfer verrichten, sind sie auch zugleich am allerbösesten, so zwar, dass, so da jemand käme und fiele nicht alsogleich auf sein Angesicht vor ihnen und dem Brandopfer nieder, er dann alsbald für alle Zeiten verbannt, wo nicht gar halb getötet werden möchte; verflucht würde er auf jeden Fall werden.
HG|1|102|11|0|So aber Gott zu den Menschen kommt, da kommt Er als ein Diener in aller demütigen Niedrigkeit und zeigt dann, dass Er an all solchen sogenannten Gottesdiensten kein Wohlgefallen hat!
HG|1|102|12|0|Siehe, wenn Menschen gewisser Art göttlich dienstliche Werke verrichten, da soll alles niederfallen und vor lauter Ehrfurcht zittern; aber wenn sie tagtäglich sehen, wie Gott vor ihnen und für sie die größten Wunderwerke verrichtet, da fällt vor dem wahren, großen Gottesdienst, den Gott Selbst verrichtet, kein Mensch auf sein Angesicht nieder, was Gott auch nicht verlangt und ewig nie verlangen wird!
HG|1|102|13|0|Siehe also, Jared, nicht allein dir kommt manches ungereimt vor, sondern auch für Gott gibt es eine Menge solcher Tatungereimtheiten von Seiten der Menschen. Daher kümmere dich nicht um Mich, sondern sei froh und guten Mutes; denn du hast das Leben bei dir aufgenommen! Amen.“
HG|1|103|1|1|Asmahael fordert Adam zur Weiterreise auf
HG|1|103|1|1|Am 14. Juni 1841
HG|1|103|1|0|Nachdem aber Asmahael ausgeredet hatte Worte des Lebens zu Jared und Henoch, entfernte Er Sich wieder und bewegte Sich hin zu Adam und sagte zu ihm:
HG|1|103|2|0|„Adam, so du nichts mehr als nötig erachtest für hier, so sind wir fertig; heiße die Kinder nach Hause ziehen, – wir aber mögen uns weiter gen Mitternacht bewegen! Amen.“
HG|1|103|3|0|Adam aber erschrak – denn der Anruf ‚Adam‘ klang wie damals, als sich Adam nach der Sünde vor Mir zu verbergen suchte – und konnte sich nicht fassen und getraute sich auch nichts zu entgegnen als nur nach einer kleinen Pause die wenigen Worte: „Herr, Dein heiliger Wille geschehe!“
HG|1|103|4|0|„Adam“, aber sagte Asmahael ferner, „warum bist du zaghaft? Warum fürchtest du Den, den du über alles lieben sollst? Hast du etwas verloren? Sollte es sich denn nicht wiederfinden lassen?!
HG|1|103|5|0|Oder glaubst du etwa, noch etwas zu verlieren? Was solltest denn du noch verlieren, was du nicht schon ohnehin gar lange verloren hättest?
HG|1|103|6|0|Siehe, Ich sage dir aber: So jemand aber alles verloren hat, da ist er fertig mit all dem, das er empfangen hatte, und kann nun nichts mehr verlieren; der aber nichts mehr hat, das er verlieren könnte, und lebt doch noch bei dem Verlust, der lebt ja doch offenbar, auf dass er wieder gewinne, da er kahl geworden ist an allem, was er ehedem hatte.
HG|1|103|7|0|Noch sage Ich dir: In der fernen Zukunft werden deine Nachkommen nicht nur alles der Welt, sondern auch das Leben verlieren müssen, die da werden wollen das ewige Leben gewinnen!
HG|1|103|8|0|Du lebst schon über neunhundert Jahre; es wird aber deinen Nachkommen kaum gestattet sein, den zwanzigsten Teil deines Lebens zu leben leiblich. Siehe, was alles die späten Menschen werden deinetwegen verlieren müssen, auf dass ihr ewiges Leben möchte gerettet werden, und sie werden nicht erschrecken dürfen vor ihrem Namen, so sie ihn werden von Mir aussprechen hören! Du aber hast dich erschreckt durch und durch, da du jetzt doch im beständigen Gewinn bist und nichts mehr zu verlieren hast, sondern nur zu gewinnen, und hast schon unendlich gewonnen; denn der höchste Gewinn steht nun vor dir!
HG|1|103|9|0|Erkenne Ihn, dann wirst du ewig ohne Furcht hier und einst ewig im Frieden der ewigen Liebe sein! Amen.“
HG|1|103|10|0|Adam aber ermannte sich nun und fasste dieser Rede Sinn und sagte: „Höre, o Du mein über alles nun geliebter Asmahael, Du siehst mein Herz und kennst meine Furcht! Es ist ja mein Schrecken ein Liebeschrecken! Deine Liebe hat mich schwach gemacht, dass ich Dir darob nicht zu antworten pflegte und mochte; Du weißt es ja ohnehin, wie es kommt, dass der Überglückliche seines Wortes nicht mehr mächtig ist!
HG|1|103|11|0|O Asmahael, daher allzeit nur Dein Wille! So Du willst, so können und wollen wir ja gerne gehen, und also geschehe es!“
HG|1|103|12|0|Asmahael aber sagte: „Also lasse Mich unerkannt sein und mache, dass jene, die Mich nicht kennen, sich alsbald zur Weiterreise anschicken sollen! Doch bei der Reise lasst Mich euch folgen allein, dann du mit der Eva, und voran Henoch mit Jared; und also soll der Zug gehen durch den dichten Wald bis hin zur niederen Gegend gen Mitternacht! Amen.“
HG|1|104|1|1|Asmahael beruft Abedam zum Gefährten
HG|1|104|1|0|Alsbald berief Adam den Henoch und Kenan zu sich und machte sie bekannt mit dem Willen Asmahaels. Und sie gingen und grüßten die Kinder und luden sie noch einmal, zu erscheinen am Sabbat, bedeuteten ihnen dann, dass sie sich nun wieder nach Hause begeben können und allda fröhlich nachgehen ihrer Beschäftigung.
HG|1|104|2|0|Und alsbald auch erhoben sich die Kinder und die Ältesten, die früher die Väter umgaben und vernommen hatten jegliches laute Wort.
HG|1|104|3|0|Einer aber aus der Mitte der Ältesten fragte den Henoch: „Lieber junger Sohn deines Vaters Jared, der da ist ein Enkel dessen, der mit dir ist, und dieser ein Sohn meines Bruders, sage mir, so du es magst und darfst, wer denn eigentlich der Jüngling, auf dem Tiger fest sitzend, ist, und woher er gekommen!
HG|1|104|4|0|Denn sonderbar ist sein Benehmen und übermächtig sein helles, wohlklingendes Wort, und überdies liegt im Ton jegliches seiner Worte eine solche zuversichtliche Bestimmtheit, dass man gerade nicht, ja unmöglich umhinkann und mag zu glauben, er müsste damit Berge zerbrechen können, und es müsste sein Hauch das Meer in eine Bewegung versetzen können wie tausend gleichzeitige allerheftigste Weltstürme.
HG|1|104|5|0|Siehe, darum möchte ich wohl erfahren dieses Jünglings Herkunft und wesentliche Beschaffenheit, – aber, wie gesagt, so du es magst und darfst, und also danach nur! Amen.“
HG|1|104|6|0|Henoch aber entgegnete: „Höre, lieber Vater Abedam, ich möchte es wohl, so ich es dürfte; aber verharre nur noch eine kleine Zeit, und dir wird in der stets zunehmenden Liebe zu Gott gar bald klar werden, was es mit dem Jüngling auf dem Tiger für eine Bewandtnis hat!
HG|1|104|7|0|Sein Name ist dir bekannt, und mehr forsche vorderhand nicht! In der allergerechtesten Zeit wird dir deine eigene Liebe zu Gott alles kundgeben; daher und nun und allzeit Gott mit euch allen! Amen.“
HG|1|104|8|0|Abedam aber dankte mit sehr gerührtem Herzen dem Henoch, sagend: „Lieber Henoch, ich danke dir! Ich bin vollkommen zufrieden; denn das ich wissen mochte, hast du mir nun zur Genüge kundgegeben; denn mehr zu wissen als nur, wo der Schatz liegt, und wo und wie er zu finden ist, wäre nur eine träge Lust. Das Suchen ist ja Sache des eigenen Lebens. Daher danke ich dir; denn du hast nun mein Herz also erquickt, wie es noch nie war! Daher dir noch einmal den herzlichsten Dank dafür und Gott all mein Leben! Amen.“
HG|1|104|9|0|Nach dem aber grüßten sie die Kinder und Ältesten noch einmal und kehrten zurück, da die Väter schon ihrer harrten.
HG|1|104|10|0|Als sie da anlangten, segnete Adam noch einmal die Kinder, und sie ordneten sich dann zur Reise. Als sie nun vollends geordnet waren, da trat noch einmal Asmahael hervor zu Adam und sagte:
HG|1|104|11|0|„Adam, ist es dir recht und lieb, so lasse Mich hier aus den Kindern einen Mir zur Gesellschaft mitnehmen! Amen.“
HG|1|104|12|0|Adam aber sprach gerührt: „O Asmahael, wie magst Du mich fragen?! Bin nicht ich und alles Deinem Willen freudig untertan?
HG|1|104|13|0|Daher geschehe allzeit Dein Wille zu unser aller allerhöchsten Freude! Daher auch nur Dein Wille! Amen.“
HG|1|104|14|0|Und Asmahael rief laut: „Abedam! Abedam! Abedam! So du willst, magst du uns folgen und dienen Mir zu einem Gefährten, denn Ich habe geprüft dein Herz und deine Nieren und habe gefunden, dass in dir kein Falsch ist. Daher sollst du uns folgen, aber ohne alle Sorge, und Ich will dir dann den Schatz suchen helfen und dir ihn auch sicher finden machen – und höre, bald, recht bald, recht sehr bald!
HG|1|104|15|0|Denn Ich will dich heute töten, auf dass Ich dich morgen erwecke zum ewigen Leben! Amen.“
HG|1|104|16|0|Als aber Abedam solchen Ruf vernommen hatte, kam er eilends herbei und sagte: „Wohin Du willst, will ich Dir folgen! Töte mich tausendmal; denn je öfter Du mich töten wirst, desto mehr Leben wirst Du mir auch sicher wiedergeben!
HG|1|104|17|0|O Du, der Du sitzt auf dem starken Tier, vergebe mir, so ich Dir sage, wie ich fühle! Ich glaube, an Deiner Seite wird sich der große Schatz nicht schwer finden lassen!
HG|1|104|18|0|Es kommt mir vor, als dass, wenn man Dich hat, man jedes anderen Schatzes leichtlich entbehren könnte! Und mir kommt es auch vor, dass, wer Dich gefunden hat, er leicht das fernere Suchen entbehren kann, da er den eigentlichen Schatz schon gefunden hat, und den Tod und die Erweckung zum ewigen Leben!
HG|1|104|19|0|O Asmahael, nicht nur jetzt, sondern allzeit lasse den armen Abedam bei dir sein; aber nicht, dass er Dein Gefährte wäre, sondern Du der seinige zum ewigen Leben! Amen.
HG|1|104|20|0|O lasse mich Dir stets folgen! Dein Wille, amen!“
HG|1|104|21|0|Und alsbald reihte Abedam sich überheiter an den Asmahael und folgte übergestärkt dem Zug der Väter an der mächtigen Seite Asmahaels.
HG|1|105|1|1|Jared befragt Henoch über Asmahael
HG|1|105|1|0|Der Zug ging nun waldeinwärts und alles war still; nur der Jared konnte nicht schweigen und fragte den Henoch: „Höre, mein Sohn, haben wir ein Gebot, auf dem Weg zu schweigen?“
HG|1|105|2|0|Henoch aber entgegnete: „Ich entsinne mich keines, als nur eines Rates, dass man allzeit still wandeln soll; allein ich nehme aber den Wandel als Leben, aber nicht das Gehen mit den Füßen!“
HG|1|105|3|0|Und Jared erwiderte: „Wenn es also ist, da hat auf dem Weg unsere Zunge, wie die Füße, kein hindernd Band, und wir können ja reden nach Lust; und so gestehe mir, deinem Vater, was an dem Asmahael ist! Ist er ein verkörperter Engel, ausgerüstet mit aller Macht, oder ist er – halt, nicht weiter! – kurz, was du nun meinst, das sage mir! Amen.“
HG|1|105|4|0|Henoch aber entgegnete kurz: „Lieber Vater, ich sage dir: Er ist – halt, nicht weiter! – und so ist Er vorderhand ein Mensch wie wir, aber voll göttlicher Kraft und Macht – halt, auch da nicht weiter! Amen; verstehe es! Amen.“
HG|1|105|5|0|Und wieder begann Jared: „Mein lieber Sohn Henoch, gut wäre es, wenn ich es verstünde! Aber das ist es ja eben, darum ich dich frage, weil ich es nicht verstehe und doch über alles gerne verstehen möchte, was denn so ganz eigentlich an dem Asmahael gelegen ist! Denn siehe, ich war nach deiner früheren Rede ganz beruhigt und war zufrieden mit allem; aber nachdem Asmahael zu uns kam und zu Ende seiner Rede gewisserart herausbrachte, dass, wenn jemand ihn in der eigenen Wohnung aufgenommen habe, oder so er in jemandes Wohnung einziehe, der Ursache habe, sich überglücklich zu fühlen – denn da er einziehe, da auch sei das ewige Leben eingezogen?!
HG|1|105|6|0|Siehe, also in diesem Sinne hat er Worte besonders – wie ich es gemerkt habe – an mich gerichtet! Nun sage mir aber, lieber Henoch, oder begreife es selbst, ob ein aufrecht stehender Mensch nicht mit dem Kopf auf der Erde herumhüpfen müsste, um solcher Worte Sinn nicht auf ein höher daseiendes Wesen auf der Stelle zu beziehen?!
HG|1|105|7|0|Welcher Mensch vermöchte solches auch nur gleichnisweise von sich, ja unabgesehen gerade von sich aussagen, gerade als wäre er unmittelbar Gott Selbst?
HG|1|105|8|0|Asmahael aber tut solches, ohne dass er es bezöge auf Gott, sondern gerade nur auf sich! Mag solches auch ein Mensch tun, ohne sich zu fürchten, die Erde müsste aus Zorn und höchster Verachtung den Frevler auf ewige Zeiten übel rächend verschlingen hinab in ihren großen Feuerbauch?!
HG|1|105|9|0|Siehe, du bist gewiss erleuchtet wie sonst keiner aus uns allen; aber getraust du dich, etwas solches gerade von dir auszusagen?
HG|1|105|10|0|Sicher, du würdest eher den Mund mit Kot dir verstopfen, als dass du mit deiner Zunge möchtest solchen Frevel treiben!
HG|1|105|11|0|Wer also ist der, der von sich aussagen kann: ‚Ich bin das Leben!‘, oder: ‚Wo Ich einziehe, da ist das Leben, ja das ewige Leben eingezogen!‘?
HG|1|105|12|0|Henoch, ich sage dir, wer solches von sich aussagt, und die Erde zürnt ihm nicht, und der mächtige Tiger wird unter ihm zum Lamme, der ist und muss ja so gut, wie ich in meiner Furchtsamkeit ein Mensch nur bin, in seiner sich selbst wohl bewussten Kraft und Macht Gott sein; sonst wäre die ganze Erde selbst nichts als eine zusammengesetzte Lüge, so sie einen Menschen tragen möchte, der sich also für Gott ausgäbe und wäre doch sonst nur ein schwacher Mensch gleich uns —  was des Gegenteils gleichwohl Asmahaels lebendig machendes Wort schon zur Übergenüge gezeigt hat.
HG|1|105|13|0|Nun, so du kannst und magst, widerlege mir meine Aussage; ich aber glaube, solches wirst du gar fein bleibenlassen! Aber um des Wortes willen möchte ich nun von dir eine kurze Meinung vernehmen, und somit rede! Amen.“
HG|1|105|14|0|Henoch aber entgegnete: „Lieber Vater, wenn es also ist, wie du es glaubst, und auch nicht anders sein kann vermöge deiner Erklärung, die auf bestem Grunde gebaut ist, alsdann ist ja jedes meiner Nachworte rein überflüssig! Oder soll ich aus Asmahael machen, das Er nicht ist, oder machen, dass Er sei, das Er ohnedem ist? Siehe, solches wäre rein unnütz!
HG|1|105|15|0|Ich meine aber, wer Gott liebt im Herzen geistig und wahr, wie mag der sich kümmern, ob Asmahael Gott oder Gott mit Ihm ist?!
HG|1|105|16|0|Aber jeder kümmere sich, dass Gott mit ihm selbst sei durch die wahre, reine Liebe zu Ihm!
HG|1|105|17|0|So du aber Gott liebst, – des sei versichert, dass dir Asmahael nicht gram wird! Und liebst du aber den Asmahael Gott gleich, so wird Gott darob in Seiner Liebe auf dich nicht vergessen; des sei auch vollends versichert, amen. Du verstehst es doch? Amen.“
HG|1|106|1|1|Das Verhältnis zwischen Mahalaleel und seinem Vater Kenan
HG|1|106|1|1|Am 15. Juni 1841
HG|1|106|1|0|Es hatten aber die beiden Folgenden, Kenan und Mahalaleel, vernommen von der Unterredung Jareds und Henochs; und also fing auch Mahalaleel den Kenan zu fragen an, sagend:
HG|1|106|2|0|„Hörend Großes, staunend über Wunderbares, also bin ich am Ohr und an dem Auge; aber woher das Große, woher das Wunderbare unter uns?
HG|1|106|3|0|Höre, Vater Kenan, was ist es denn, darum mir so wundersam zumute wird? Dieser einförmige, wenig betretene Waldweg ist es gewiss nicht! Wäre es noch eine Adamsgrotte oder der weiße, dampfende Berg im Morgen, oder die sieben Wasserspritzer von Mittag gen Abend, oder sonst etwas Naturaußerordentliches; allein, von allem dem ist hier keine Spur!
HG|1|106|4|0|Unsere verkehrte Ordnung ist es auch nicht; denn es ist doch einerlei, ob ich bei dir oder du bei mir gehst, ob der Henoch rückwärts oder vorne, ob mit Jared oder Adam, oder ob – nein, das scheint mir nicht alles eins zu sein! – ob Asmahael hinten oder vorne, und mit wem er geht!
HG|1|106|5|0|Denn hier scheint eine gewisse väterliche Rangordnung zugrunde zu liegen. Dass Adam und die Mutter Eva hinter uns allen einherwandeln, begreife ich wohl; aber was der Asmahael mit dem Abedam ganz rückwärts noch hinter dem Adam bedeutet, siehe, Vater Kenan, das bringe ich nicht so ganz recht heraus.
HG|1|106|6|0|Jared und Henoch vor uns haben Wunderbares über Asmahael miteinander gesprochen, soviel habe ich entnommen; was sie aber eigentlich miteinander geredet haben, habe ich fürs Erste nicht vernommen in klarer Deutlichkeit, und was ich noch vernommen habe, konnte ich nicht begreifen! Aber so viel ist gewiss, dass ich Großes vernommen und geschaut in mir selbst Wunderbares nach den sparsam vernommenen Worten aus dem Munde unserer behänden Vorschreiter!
HG|1|106|7|0|Ich bitte dich darum, mir, so es dir möglich ist, ein wenig aufzuhelfen in meiner Unkunde in dieser mir so ganz außerordentlich wunderbar scheinenden Sache; doch so du es gerne willst, lieber Vater Kenan. Amen.“
HG|1|106|8|0|Kenan aber erwiderte seinem Sohn Mahalaleel, sagend nämlich: „Höre, mein lieber Sohn, bei dem großartigen Beginn deiner Rede an mich habe ich geglaubt, weiß der Himmel, was da alles für lauter Unerhörtes herauskommen wird!
HG|1|106|9|0|Aber ich sehe, dass du immer noch der alte Mahalaleel bist, der da allzeit anfangs den Mund öffnet, als wollte er Sonnen gleich Erbsen ausspeien; allein am Ende kommen nicht einmal Erbsen zum Vorschein, sondern ein ganz gewöhnlicher Mundspeichel! Was soll’s da mit der verkehrten Ordnung, so sie dir eins ist? Warum darob Worte? Wenn Asmahael nun vorne wäre, was würde Er denn nachher sein? Nicht wahr, dann möchte es dir vielleicht großartig vorkommen, dieweil Er nicht rückwärts ist?!
HG|1|106|10|0|Nun begleitet Ihn Abedam; ist denn das mehr, denn dass du neben mir gehst?! Sagtest du doch selbst, dich hochschwingend, dass es dir einerlei ist, ob du neben mir oder ob ich neben dir einhergehe! Siehe, wie du etwas willst und weißt am Ende nicht, was es sei, das du willst!
HG|1|106|11|0|Was hat dir denn Adams Grotte getan und der weiße Berg und die sieben abendlichen Wasserspritzer, dass du dadurch nichtssagend deine Rede zieren mochtest?
HG|1|106|12|0|Du sagst, es komme dir so wunderbar vor, nachdem du die beiden Vorschreiter ungehört und somit auch unverstanden miteinander hast – sage – bloß nur reden sehen; was ist es denn, das dir so außerordentlich wundersam während der bloß nur angeschauten Rede der Vorschreiter vorkam?
HG|1|106|13|0|Siehe, mein lieber Sohn, wenn du etwas möchtest, so berate dich zuerst genau, was es sei, das du möchtest, und nach deinem klaren Bedürfnis erst frage dann danach, was du wissen möchtest!
HG|1|106|14|0|Wenn dir aber am Asmahael nun vielleicht etwas auffällt, so frage ich dich: Hast du denn zur Zeit Seiner Wunderreden aus Gott deine Ohren jemand anderem geliehen, dass du nun dem Anschein nach von der Hauptsache nichts zu wissen scheinst und mir nun dafür lauter Nichtssagendes von Ihm als Stoff deiner Hauptverwunderung anführst?
HG|1|106|15|0|O Sohn, du bist weit vom Ziel! Daher berate dich zuerst mit der Hauptsache, und werde mit dir eins, – dann komme und öffne vor mir dein Herz durch deinen Mund! Amen.“
HG|1|106|16|0|Mahalaleel aber merkte recht genau, dass der Rede Kenans der Kern mangelte, und dass diese gewisse Strafrede nichts als eine väterlich kluge Ausrede war, und sagte ganz ehrerbietig dawider zum Kenan:
HG|1|106|17|0|„Höre, lieber Vater! Mir scheint es, dass wir uns in unserer Rede aneinander um nichts überboten haben! Wer von uns beiden aber nun mehr ins Blaue gestochen hatte, ist eine bedeutungsvolle Frage!
HG|1|106|18|0|Siehe, ich habe kein Wort aus dem Munde Asmahaels verloren, mochte es dir aber darum nicht erwähnen, da ich es doch voraussetzte, dass solches eine unnütze Zeitzersplitterung wäre, und du solches bei mir doch auch, als dem Vater Jareds und Henochs sicher ungezweifelt voraussetzen wirst.
HG|1|106|19|0|Du sagtest nun, ich hätte meine Kinder bloß reden gesehen; siehe, da hast du vor mir nur etwas verbergen wollen, was du selbst so gut wie ich mit beiden unausgeliehenen Ohren Wort für Wort vernommen hast! Wie möchte ich dir sagen, solche Reden machten in mir Wunderbares erschauen, wenn es nicht also wäre, ansonst ich ja vor dir und Gott als ein schändlicher Lügner dastehen müsste?!
HG|1|106|20|0|Aber siehe, deine Rede sagte mir doch etwas, das du mir sicher nicht zu sagen gedachtest, und dieses ist, dass du vor mir eine gebundene Zunge hast und darfst mir nicht sagen vorderhand, was ich wissen möchte! Darum es auch unnötig war, dass du mir eine so lange Verneinung sagtest, die kernloser ist denn meine Frage; sondern hättest du mir kurz gezeigt das göttliche Band deiner Zunge, so hättest du dir ja bei weitem nicht so viele Mühe gemacht denn durch so viele vergebliche Worte. Siehe, ich war ja stets dir ein überaus gehorsamer Sohn; warum hast du mich denn jetzt verkannt?
HG|1|106|21|0|Lieber Vater, behalte es sorglos, was du behalten musst bis zur Zeit der Löse; aber nur halte mich für keinen Lügner und somit überblinden Forscher nach göttlichen Dingen! Denn nur meinen Leib hast du gezeugt; mein Geist aber ist dem deinen gleich aus Gott. Daher glaube ich, auch ein Vater soll sich an dem Göttlichen seiner Kinder nicht vergreifen. Denn es ist ja schon genug, dass der Geist ohnehin durch die Last des Leibes gezüchtigt ist und muss teilnehmen an dessen Gebrechen; so aber der Vater den Leib seiner Kinder züchtigt, so hat der Geist das Seine aus der Hand des Zeugers schon empfangen. Mehr bedarf es nicht. Wenn aber dann der göttliche Geist des Kindes sich da wendet an den göttlichen Geist des Zeugers, dann sollen sich die zwei göttlichen Brüder nicht mehr züchtigen, sondern sich nur in aller Liebe als Brüder in Gott wiedererkennen und einander, sich freundlichst unterstützend, Hand in Hand und Herz an Herz führen hin zur Pforte, durch welche das ewige Licht aller Gnade, Erbarmung und Liebe ewig unversiegbar strömt.
HG|1|106|22|0|O lieber Vater, glaube ja nicht, als habe ich dir jetzt dadurch eine dir noch unbekannte Lehre beibringen wollen! O nein, sondern ich musste mich nur insoweit rechtfertigen vor dir, auf dass wir nun wieder beide uns gegenüber und vor Gott [gerecht] fürder wandeln möchten; und also tat ich es mehr deinetwegen denn meinetwegen.
HG|1|106|23|0|Ich kenne dein Herz. Es ist rein wie die Sonne vor mir; aber deinen Mund und deine Zunge sah ich jetzt bestaubt und konnte unmöglich umhin, es zu unterlassen, als ein wahrer Sohn in aller Liebe dir einen Dienst zu erweisen und zu reinigen deinen Mund und deine Zunge von einem verderblichen Staub.
HG|1|106|24|0|Denn siehe, so dachte ich bei mir: ‚Vater, deine Zunge schmückt ein erhabenes Band aus der großen, ewigen Hand der Liebe Gottes! Was soll der Staub dabei? Weg damit, was des Todes ist!‘
HG|1|106|25|0|Nicht wahr, Vater, jetzt wirst du deinem Sohn nicht gram sein und seine Rede nicht ansehen, als wäre sie eine Halblüge, sondern du wirst erkennen, dass der Mahalaleel dir nicht törichterweise wird ein Band lösen wollen, höre, mit dem Gott deine Zunge geschmückt hat.
HG|1|106|26|0|Daher wirst du mir nicht zürnen, sondern mein lieber Vater sein in Gott fürder! Amen.“
HG|1|106|27|0|Kenan aber ward durch diese Rede zu Tränen gerührt und sagte endlich zum Sohn: „Mahalaleel, mein geliebter Sohn, ich habe dir unrecht getan, da ich dir deine erste Rede verstreute und äußerlich gar zunichte machen wollte, während ich innerlich nur zu sehr von ihrer wahren Tiefe überzeugt war.
HG|1|106|28|0|Du aber hast ein rechtes Licht, das größer ist denn das meinige. Was ich vor dir verbergen soll, wirst du noch eher finden, als ich es selbst ganz erfassen werde; daher sei mein lieber Sohn und mein geliebtester Bruder ewig, amen, höre als Bruder in Gott ewig! Amen.“
HG|1|107|1|1|Das Wesen der Schlauheit
HG|1|107|1|0|Es wurden aber nach dem Zwiegespräch zwischen Kenan und Mahalaleel, und wie vorher auch nach dem zwischen Jared und Henoch, nun auch Seth und Enos heimlich schon stark begierlich, miteinander ein paar Worte zu wechseln; und diese Begierde erwachte hier zuerst im Seth und machte erst dann die des Enos locker, und zwar also und darum:
HG|1|107|2|0|Seth hätte gar überaus gerne gewusst, was alles der Enos für Mutmaßungen über Asmahael hegt; aber auch einen anderen Grund noch hatte Seth, den Enos über Asmahael zu befragen anzufangen, und dieser Grund war kein anderer als eine Art Furcht, um nicht umgekehrt vor der Zeit vom Enos befragt zu werden.
HG|1|107|3|0|Denn also dachte er bei sich: „Lasse ich es darauf ankommen, dass mein Sohn mich zu fragen anfängt, was will ich ihm dann für eine Antwort geben?
HG|1|107|4|0|Frage ich ihn aber zuerst, so muss er mir ja antworten, da ich dann lange gut und sorglos zuhören mag all den sicher nicht bedeutungslosen Mutmaßungen meines Sohnes, und es wird ihm dann sicher nicht einfallen, mich darüber noch mit einer Frage zu belästigen, – und auf diese ganz unschuldige und einfachste Art von der Welt bin ich jeder verratenden Gelegenheit enthoben; und daher gerade also amen bei und aus mir selbst!“
HG|1|107|5|0|Und alsomit fragte nun der Seth den Enos, sagend nämlich: „Höre, mein lieber Sohn Enos, wenn unsere Vorgeher und gleichsam Führer miteinander über Asmahael Worte tauschen, warum sollen wir uns dessen enthalten, dagegen die anderen meines Wissens kein Gebot haben?! Und so möchte ich von dir gar überaus gerne über den Asmahael etwas vernehmen!
HG|1|107|6|0|Was hältst denn du von Ihm, und zwar schon seit Seinem ersten Auftreten unter uns? Denn so gering scheinend auch Sein erstes Auftreten in unserer Mitte war, so außerordentlich ist nun aber auch die Wirkung eines jeglichen Seiner Worte, – was deinem ruhigen Geist sicher nicht wird entgangen sein.
HG|1|107|7|0|Siehe, darum ich denn nun auch dein Urteil über Ihn von dir vernehmen möchte; und somit kannst du reden! Amen.“
HG|1|107|8|0|Siehe, Seths Schlauheit war zwar gerecht, da ihn nur die große Liebe zu Mir schlau gemacht hatte, – aber es ist die Schlauheit selbst an und für sich ein Ding, das nicht gut ist, dieweil es ist ein Doppelwesen und ist gegen die Ordnung der Liebe, wenn auch nicht geradezu gegen die Liebe selbst. Als Doppelwesen aber ist es in Leibeshinsicht gleich einer Doppelnatur in einem Menschen, den die Natur verschnitten hat, auf dass er ist zum Teil Mann und zum Teil Weib. Wer kann aber ein solches Mannweib ehelich pflegen, oder welche Jungfrau möchte empfangen von einem solchen Weibmann, dessen Organe weder zum Zeugen noch zum Empfangen taugen?!
HG|1|107|9|1|Am 16. Juni 1841
HG|1|107|9|0|Wie aber ein solcher Mensch doch auch liebt seine vollkommenen Nebenmenschen und diese ihn wieder, also ist er nicht gegen die Liebe; aber in der Ordnung der Liebe, die allein fruchtbringend ist, ist er nicht, – und so auch dessen geistige Schwester, die Schlauheit, nicht. Denn durch sie wird weder jemand zum Leben befruchtet, noch kann eben sie selbst etwas für sich Befruchtendes fürs Leben bewirken, indem sie immer, wenn auch gewisserart schadlos und unschuldig, doch nur ein Betrug ist, durch welchen dann der Enttäuschte doch stets mehr oder weniger geärgert wird, da er dann alsbald sich und den Schlauguten fragt: „Warum musste ich denn, wenn auch zum Guten, durch List gefangen werden, und warum ward mein Bruder listig gegen mich fürs Gute? Ist denn das Gute nicht gut, dass es nötig war, darum durch List gut zu werden? Oder bin oder war ich denn selbst böse, darum ich erst durch List musste fürs Gute gewonnen werden?“
HG|1|107|10|0|So aber die List dem Bösen zugänglich ist, so muss sie ja notwendig selbst böse sein; denn wäre sie gut, so wäre der Böse vor ihr geflohen!
HG|1|107|11|0|Siehe, also war auch die Art des Seth gegen den Enos, da er gedachte, die Sache recht gut zu machen, aber sich dadurch nur selbst also gefangen hatte, dass, so da Asmahael nicht ins Mittel getreten wäre, Seth vor seinem eigenen Sohn in einem ganz sonderbar verderblichen Licht hätte erscheinen müssen, – was aus der ganz unschuldigen Antwort des Enos sogleich ganz klar hervorgehen wird, welche also lautete:
HG|1|107|12|0|„Lieber Vater, wie fragst du mich, darum wohl ich füglicherweise dich hätte fragen mögen und sollen?! Wahrlich, lange schon hatte ich darum einen wässrigen Mund und eine kaum im Zaum zu haltende Zunge und war schon vollends bereit, dir mit einer Frage über Asmahael zur Last zu fallen; allein du kamst mir zuvor.
HG|1|107|13|0|Jedoch aber, da die Nacht in dieser Hinsicht auf meiner Seite nun ist, aus welcher ich nicht einem Stern gleich dir vorleuchten kann, der du doch meines Wissens und Empfindens über Asmahael im Tage oder doch wenigstens in der Morgendämmerung bist, so möchtest wohl du aus deinem Tage mir leuchten!
HG|1|107|14|0|Du sagst es ja selbst: Alles Licht kommt von oben. Wie soll denn ich nun von unten dir nach oben leuchten?
HG|1|107|15|0|Oder soll ich mit dir ein leeres, wertloses Geschwätz führen über etwas, das mir zum größten Teil nach noch völlig fremd und unerklärlich ist?
HG|1|107|16|0|Siehe, Vater, daher, da es der Mühe würdig ist, sich über Asmahael zu besprechen, bin ich so frei, die Frage umzukehren; und demnach sei du so gut, mir, deinem Sohn, der vor dir arm und bedürftig ist, dasselbe mitzuteilen, was du erwarten mochtest von mir!
HG|1|107|17|0|War es ja doch von jeher die Sitte, dass in außerordentlichen Dingen die Kinder von ihren Alten Belehrung erhielten, und so bin ich nun bei einer kleinen väterlichen Versuchung von dir gar nicht gesonnen, die heilige, alte Ordnung zu brechen, und bin darob in freudiger Erwartung, von dir, lieber Vater, in dieser Hinsicht die allergenügendste Aufhellung in aller kindlichen Dankbarkeit zu erhalten.
HG|1|107|18|0|O lieber Vater, enthalte sie mir nicht vor, und gebe mir ein sicheres Licht! Amen.“
HG|1|108|1|1|Sets Verlegenheit
HG|1|108|1|0|Als aber der Seth statt der sehnlichst erwarteten Antwort eine Gegenfrage erhielt, ward er über die Maßen verlegen und vermochte lange Zeit kein Wort über seine Lippen zu bringen.
HG|1|108|2|0|Es fiel aber dem Enos auf, dass er dann fragte: „Lieber Vater Seth, der du vollkommen bist ein Ebenbild Adams, wie Adam ein Ebenbild Gottes, sage mir doch wenigstens, dieweil du nun schweigst, darum ich dich gefragt habe! War es denn nicht recht, dass ich solches tat, da ich doch nichts wusste, das ich dir hätte mögen zu einer Antwort geben?
HG|1|108|3|0|Es war ja aber schon von allen Zeiten her gesagt worden, dass eine Frage an und für sich frei und die Antwort dann nur eine beliebige Erklärung der Frage ist!
HG|1|108|4|0|Wer aber sollte zu antworten gebunden sein oder der Frage ihr Verlangtes bieten, so er durchaus nichts hat, damit er erleuchten möchte der Frage Mitternacht?!
HG|1|108|5|0|Hast du mich gefragt um das, was mir noch lange nicht gegeben war, dir zu antworten, und ich musste dir darum ein Lichtschuldner werden; wenn ich dich aus meiner Nacht nun fragte, darüber ich dir hätte in einer guten Antwort dienen sollen, so habe ich dadurch ja dir, lieber Vater, auch keine Notwendigkeit auferlegt, dass du mir darum eine Antwort bringen sollst, sondern nur zu zeigen mir, ob es unrecht war, dass ich deinem Beispiel folgte!
HG|1|108|6|0|Es ist aber ja lange schon unter uns [Sitte], dass des Vaters Rechte übergehen sollen an seine Söhne und die der Mutter an ihre Töchter, dieweil der große, heilige Schöpfer solches schon in die Natur aller Dinge gelegt hatte; so ich demnach nun mich in diesem nötigen Falle solches gerechten Rechtes bedient habe, sage, lieber Vater, kannst du darob mir wohl gram sein?!
HG|1|108|7|0|Oder ist es wider die Ordnung, so dem Sohn gerade darin das Licht mangelt, worüber ihn der Vater fragt? Kann ich wohl etwas dafür, dass ich deiner Frage nicht leuchtend Folge leisten kann? Und fehle ich, so ich als Sohn mir von dir, meinem Vater, einen Rat erbitte?
HG|1|108|8|0|Siehe, ich glaube, dass hierin kein Fehler verborgen ist, wohl aber eine rechtmäßige Handlung vor dir, vor Adam und vor Gott, sage, nicht verborgen, sondern offenkundig; und daher kannst du mich, so du willst, wohl irgendeiner zurechtweisenden, wennschon nicht einer erklärenden Antwort für wert und gerecht halten! Amen.“
HG|1|108|9|0|Seth aber sagte: „Lieber Enos, so warte doch nur ein wenig; habe ich ja doch nicht Henochs oder Kenans Zunge, auf dass ich also schnell könnte mit einer guten Antwort fertig werden! Gedulde dich nur ein wenig, – es wird dann wohl etwas herauskommen; ob Nacht, ob Licht, wirst du’s wohl sehen.
HG|1|108|10|0|Brauchst darum mir ja nicht deine Rechte vorzusagen, die ich so gut kenne wie du, – auch nicht all die Sitten, die allzeit gerecht, gang und gäbe waren und bis ans Ende aller Zeiten bei den Vollkommenen also bleiben werden; denn alles dieses habe ja ich dich zuvor gelehrt! Aber was hier die Antwort auf deine meinem Munde entnommene Frage betrifft, so ist das nicht so leicht, als du es vielleicht meinst, sondern es gehört da wohl einiges Nachdenken dazu, bis man das Rechte kurz zusammengefasst hat. Daher gedulde dich nur noch eine kurze Zeit, und, wie gesagt, es wird dann wohl etwas herauskommen, ob Nacht, ob Licht, wirst du’s wohl sehen! Amen.“
HG|1|108|11|0|Bei sich aber dachte nun Seth: Oh, welche Torheit habe ich nun wieder begangen! Warum fragte ich denn, schlau sein wollend, meinen eigenen Sohn und weckte dadurch eine Begierde in ihm, die an und für sich überaus gut ist; aber was nützt das alles, wenn ich sie an ihm nicht befriedigen darf.
HG|1|108|12|0|Was kann, was werde ich ihm für eine Antwort geben nach kurz und nur zu bald abgelaufener Wartefrist?!
HG|1|108|13|0|Nichts zu sagen, ist nun rein unmöglich; denn solches wäre ja gegen alles göttliche Recht der sehnsüchtigen Erwartung auf eine Verheißung.
HG|1|108|14|0|Die Wahrheit darf ich nicht reden – und eine Unwahrheit noch viel weniger!
HG|1|108|15|0|O Asmahael, Asmahael, nun erst begreife ich es ganz, wie unheilbringend schon selbst ein so leichtes Gesetz ist, – wie erst dann ein größeres oder gar mehrere!
HG|1|108|16|0|O Asmahael, so du mir nun nicht wieder hilfst, so gehe ich abermals zugrunde! O lasse mich nicht sinken in die dickste Nacht alles Verderbens! Amen!
HG|1|109|1|1|Asmahael hilft Seth aus der Klemme
HG|1|109|1|0|Unter solchen Gesprächen hatten die Väter nun auch den halben Weg zurückgelegt, und der Adam wünschte hier ein wenig auszuruhen; denn es war nach eurer Rechnung elf Uhr geworden, um welche Zeit die Sonne schon heiße Strahlen zur Erde zu senden begann.
HG|1|109|2|0|Und so war unter dem sehr kühlenden Schatten eines großen, schon vielstämmigen Bahaniabaumes eine kleine Rast für den alten Adam in leiblicher Hinsicht gar wohl erwünscht und am rechten Platze, und das fürs Erste der Stärkung wegen und fürs Zweite der Kühle wegen und fürs Dritte wegen einer hier all den Vätern wohlbekannten, überaus frischen und reichlichen Wasserquelle, welcher Adam schon von jeher eine besonders stärkende Kraft zuschrieb.
HG|1|109|3|0|Hier also ließen sich die Väter nieder und lobten und priesen Mich aus ganzem Herzen, und es freuten sich, die Mich schon erkannt hatten, über all die Maßen, – nur den Seth etwas ausgenommen; denn sein Versprechen an den Enos ließ ihm keinen freien Pulsschlag zu und drückte ihm gewaltig das Herz zusammen!
HG|1|109|4|0|Es merkte aber bald der Adam, dass dem Seth etwas nicht gar fein zusammengehe, und fragte ihn: „Höre, mein geliebter Sohn, und sage mir, was dich beirrt.
HG|1|109|5|0|Denn siehe, du atmest wie einer, der da rechnet, wo es keine Zahlen gibt oder nichts, das er zählen möchte! Was ist es? Tue deinen Mund auf vor mir und dein Herz vor Dem, der unter uns wandelt! Amen.“
HG|1|109|6|0|Seth aber wurde noch verlegener, da Enos ihm zur Seite war, und konnte auch nicht ein Wort herausbringen.
HG|1|109|7|0|Und nun erst trat der Asmahael in die Mitte und half also dem armen Seth aus seiner harten Klemme durch folgende Rede, da Er sagte:
HG|1|109|8|0|„So jemand gefangen wird, entweder so oder so, durch Wort oder Tat, da er nicht also geläufig ist wie ein anderer, der ihn gefangen, da liegt die Schuld der Gefangennehmung nicht an dem Gefangenen, sondern an dem, der ihn gefangen.
HG|1|109|9|0|Denn so ein Wolf behände fängt einen saumseligen Esel, dessen Beine von Natur aus langsamer sind denn die des leicht springenden Wolfes, wer möchte es da dem Esel zur Schuld halten, dass er sich habe vom Wolf fangen und verletzen lassen, da doch offenbar allein der viel schneller laufende Wolf der allein Fangschuldige ist, dieweil er am unrechten Platze seine Fang- und Schnellläufigkeit ausgeübt hatte, während er sich nur mit Hirschen, Rehen und Gämsen messen sollte und anderen Schnellfüßlern der Wälder!
HG|1|109|10|0|Wenn aber ein Wolf sich eigenbelustigend fangen lässt von einem Esel und dieser dann in seiner Dummheit dem Wolf mit seinem harten Huf den Kopf zerschmettert, wahrlich, da ist der durch die sich selbst belustigen wollende Gefangengebung verletzte Wolf ja selbst schuld, dass ihn des Esels Dummheit zugrunde gerichtet hatte! Seth, kennst du dieses Bild?
HG|1|109|11|0|Wie gefällt dir der Wolf und wie der Esel? Hast du aber Weisheit vor dir und für dich, was hat denn deine Füße umstrickt, dass du nicht in deiner schlauen Vorlustberechnung nicht auch berechnen mochtest, was der Esel tun wird, so er den Wolf, der sich saumselig zeigt, erreicht?
HG|1|109|12|0|Siehe, nicht das Gesetz, wie du kläglich dachtest, sondern nur die Torheit straft sich also!
HG|1|109|13|0|Wer hieß dich den noch blinden Enos fragen danach, das zu sagen dir vorderhand von Gott verboten wurde?
HG|1|109|14|0|Siehe, in der List liegt kein Funke Weisheit; denn es ist etwas anderes an der bescheidenen Klugheit – und etwas ganz anderes an der Schlauheit. Die Klugheit geht ihren Weg sicher, während die List nicht selten sich der Dummheit ergeben muss.
HG|1|109|15|0|Für diesmal sei dir geholfen darum du solches tatest aus Liebe; aber fürs Künftige sehe zu, dass dir dein Esel nicht mit dem Huf zu nahe an den Kopf kommt, – sonst möchte es dir ergehen wie dem Wolf!
HG|1|109|16|0|Und du, Enos, harre auf die Antwort bis morgen, und du sollst zuletzt es erfahren, darum du dich rechtfertigtest vor deinem Vater und machtest bange seinem Herzen; darum harre bis morgen! Amen.“
HG|1|110|1|1|Asmahael demonstriert Seine Wundermacht
HG|1|110|1|1|Am 18. Juni 1841
HG|1|110|1|0|Nach dieser Rede aber stieg Asmahael vom Tier und sprach zum selben: „Hähära, entferne dich; denn dein Dienst ist zu Ende und du mit ihm!“ (Solches nämlich besagt das fremde Wort.) Und das Tier verschwand im Augenblick!
HG|1|110|2|0|Es entsetzten sich aber darob alle Väter; selbst Henoch blieb nicht gleichgültig, und Abedam wusste nicht, ob er wache oder träume, da sie das Tier nicht davonspringen, sondern rein nur zunichtewerden sahen.
HG|1|110|3|0|Asmahael aber trat nun zurück und überließ die Väter ihrer nachdenkenden Ruhe – und ganz besonders jene, die noch nicht wussten, wer eigentlich hinter dem Asmahael verborgen war.
HG|1|110|4|0|Alsbald aber zupfte Jared den Henoch und sagte leise zu ihm: „Henoch, was sagst du nun dazu?! Wohin ist das Tier?
HG|1|110|5|0|In die Erde ist es nicht, seitwärts auch nicht und in die Luft auch nicht! Es war schneller denn ein Augenblick unseren Augen entrückt und hat aber auch nicht eine allerleiseste Spur von seinem Dasein zurückgelassen, – und das alles durch ein Wort aus dem Munde Asmahaels!
HG|1|110|6|0|Nein, lieber Sohn, wer sich da nun noch auskennt, der – ja gewiss und dreimal wahr! – der kennt mehr denn du und ich!
HG|1|110|7|0|Siehe, so etwas solches dein Sohn Mathusalah und dessen kaum etwas über vierzig Jahre alter Sohn Lamech mit gesehen hätten, da wäre Mathusalah sicher aus seiner Gleichgültigkeit geweckt und dessen Lamech in seiner Überlebhaftigkeit gesänftet worden!
HG|1|110|8|0|Ich habe sie noch mitnehmen wollen! Freilich war mir Adams Wille dafür nicht wohl bekannt, auch hätte dein Weib ihren lieblichen Versorger vermisst, da du ohnehin zum Adam verlangt wurdest und mochtest darum nicht unserer allgemeinen Hütte vorstehen.
HG|1|110|9|0|Lamech hätte wohl mitgehen mögen; aber der Vater Adam mag ihn nicht wegen seiner beständigen Unruhe und allerlei albernen Geschwätzes, welches mir zwar nicht gar so sinnlos vorkommt.
HG|1|110|10|0|Kurz und gut, ich meine, es wäre gut, so sie hier nun auch zugegen wären!
HG|1|110|11|0|Ja, das ist etwas! Ich weiß gar nicht, wie es mir ist; auch rede ich nun, wie es mir vorkommt, schon alles durcheinander!
HG|1|110|12|0|Was meinst du denn, wird es recht sein, dass ich heimlich die zwei bestellt habe, uns zu Mitternacht entgegenzukommen?
HG|1|110|13|0|Oh, wenn ich sie doch lieber hierher bestellt hätte mit irgendeiner Erfrischung für Adam! O Henoch, mir kommt nun alles so sonderbar vor! Ich bitte dich, sage mir doch etwas zu meiner Beruhigung! Amen.“
HG|1|110|14|0|Henoch aber liebkoste seinen Vater darüber und sagte: „Mein lieber Vater, welch ein gutes Herz hast du! Glaube mir, solche Herzen lässt der große, heilige Vater nie lange hungern; und wie es mir vorkommt, hat Er uns schon eine Freude gemacht!
HG|1|110|15|0|Siehe, dahin der Weg sich zieht weiter gen Mitternacht, eilen schon unsere zwei Kinder daher, und sehe, sehe! Asmahael geht allein ihnen munter entgegen!
HG|1|110|16|0|O Vater Jared, nun ist alles erfüllt; meine Liebe zu Gott und dir ist aus ihren Schranken getreten, und so lasse mich nun lieben den Herrn und meine Zunge schweigen vor Ihm und dir! Amen.“
HG|1|111|1|1|Eltern sollen ihre Kinder nicht gemäß ihrer Eigenliebe richten
HG|1|111|1|0|Und also staunten auch alle anderen und wussten sich nicht zu raten und zu helfen. Als aber Adam sah die beiden Nachkommen Henochs, vom Asmahael geleitet, zur Gesellschaft kommen, fragte er den Henoch:
HG|1|111|2|0|„Wer hieß denn die zwei daher kommen, da ich nicht wollte, dass sie mit uns [gehen] sollen, dieweil der eine ist zu lau und der andere zu windig und kennt keinen Ernst?“
HG|1|111|3|0|Henoch aber antwortete: „Siehe, Vater Adam, das eine tat die Vaterliebe Jareds an meiner Stelle, und die Hauptsache aber Der, der, in ihrer Mitte wandelnd, sie gen uns geleitet!
HG|1|111|4|0|So du Ihn aber kennst, wie magst du fragen, was es sei, das der Herr tut?!
HG|1|111|5|0|O freue dich mit mir darum, dass der große Gott solche große Freude hat an dem, was niedrig ist vor der Welt, und wohlgefällig ansieht das Kleine und also behände zu Hilfe eilt dem, das schwach ist vor unseren Augen!
HG|1|111|6|0|O gelobt sei darum ewig unser großer, überheiliger Gott und Vater! Amen!“
HG|1|111|7|0|Adam aber wurde zu Tränen gerührt und dankte, lobte und pries Mich in der Tiefe seines nun sehr gesänfteten Herzens.
HG|1|111|8|0|Asmahael aber brachte unterdessen seine Schützlinge zu den Vätern und begann folgende Worte an alle zu richten, sagend:
HG|1|111|9|0|„Hört ihr alle, die ihr hier zugegen seid körperlich und geistig und in der Liebe und im Glauben, und ganz besonders aber hört es ihr, die ihr da Unterschiede macht zwischen diesen und jenen und sagt: ‚Das ist mir ein Liebling; denn er gehorcht allzeit meinem Herzen. Sein Leben ist wahrhaft aus mir, da es vollkommen sich verhält zu meinem Willen!‘ Aber wieder sagt ihr: ‚Dieses Kind oder diesen Menschen mag und kann ich nicht lieben, da es oder er sich nicht gemacht hat nach dem Verlangen meines Herzens und mein Wille ihm wie fremd ist und achtet nicht vollkommen auf das, was mir wohlgefällt! Will ich Ruhe, da springt er; will ich wandern, da läuft er mir über den Pfad; so er aber reden soll, da schreit [schweigt] er, und wo er schweigen soll, da redet er; wenn er aber wandeln soll, da legt er sich nieder; und da er wachen soll, da schläft er ein und bringt dann aus seinen Träumen lauter Faseleien zum Vorschein!‘ Und also nach diesem Maßstab richtet ihr diejenigen, die euch nicht zu Gesichte stehen, und verbannt sie darum aus eurem Herzen, dieweil sie nicht entsprechen eurer Eigenliebe. Seht doch, wie ungerecht eure Urteile sind!
HG|1|111|10|0|So aber Gott einen Menschen werden ließ, ließ Er ihn werden zum Fluch oder zum Segen?
HG|1|111|11|0|Hat Gott je einen Unterschied zwischen Menschen und Menschen außer dem natürlich geschlechtlichen geoffenbart? Oder hat Er euch je darüber irgendein Gebot verkündigen lassen, dadurch besagt worden wäre: Die Kinder und Menschen, die sich nicht also gestalten, wie es eurer Eigenliebe zusagt, müsst ihr verachten und nur diejenigen lieben und achten, denen kein anderer Wille denn nur der eures Herzens eigen ist?!
HG|1|111|12|0|O seht, da ihr also tut und habt doch kein Gebot dafür, wie mögt ihr denn fluchen der Sklaverei in der Tiefe, die da ist eine Unordnung der Nacht, entstanden aus euch, und macht aber zu Sklaven eure eigenen Kinder?!
HG|1|111|13|0|‚Bin Ich‘, also spricht der Herr, ‚denn nicht auch ein Vater eurer Kinder, so gut wie Ich bin der eurige?
HG|1|111|14|0|Habe Ich demnach denn gar kein eigen Recht, auch den Kindern einen eigenen freien Willen zu geben? Und habe Ich solches getan, darüber ihr euch ärgert, bin Ich schuldig, euch etwa gar noch Rechenschaft ablegen zu müssen?!
HG|1|111|15|0|So ihr Alten aber schon euren Kindern keine Rechnung eures Willens ablegt, wie mögt ihr solches in der Tat verlangen von Mir, der Ich euch doch alle mit gleicher Liebe umfasse, nicht aber also wie ihr einen mehr und den anderen weniger oder auch wohl gar nicht?!
HG|1|111|16|0|Zeigt Mir eine Stelle der Erde auf ihrer Fläche, dahin noch nie ein Tropfen des Regens oder ein Sonnenstrahl gefallen wäre, und da ein Tropfen weniger feucht gewesen wäre denn ein anderer!
HG|1|111|17|0|Wahrlich aber sage Ich euch: Es gibt keine härtere Knechtschaft als die des steifen Eigenwillens, wobei auf nichts als auf die Eigenliebe Rücksicht genommen wird, da alle also sein sollen, dass sie frönten dem Willen eines Einzigen!‘
HG|1|111|18|0|So aber der heilige, ewige, allerweiseste, liebevollste Vater jedem gegeben hat einen eigenen, freien Willen wie ein eigenes Herz, ist es demnach nicht unbillig, so der Alte nicht und nimmer ansehen will die freie Lebenstätigkeit seines erwachsenen Sohnes?
HG|1|111|19|0|Ich sage aber, obschon es dem Sohn besser ist, sein Leben lang zu gehorchen seinem Vater und demselben niemals in etwas zu widerstreben, so aber ist es doch dem Vater überaus angemessener, dem Sohn eine solche Richtung von der Geburt an zu geben, durch welche er fürder selbsttätig frei zu handeln vermag und als freier Mensch dann aus eigenem Liebestrieb zurückkehrt zum Vater und sagt zu ihm:
HG|1|111|20|0|‚O Vater, siehe, dein Sohn ist gekommen und möchte dich tragen auf seinen Händen!‘
HG|1|111|21|0|Sagt, ist solches nicht mehr wert, denn so ihr sagen müsst zu euren Kindern: ‚Komme her und führe mich!‘, und der Sohn kommt alsdann und tut deinen Willen, hätte sich aber nicht zu kommen getraut, so du ihn nicht geheißen hättest?!
HG|1|111|22|0|O seht, wie sehr ihr euch noch unterscheidet, und wie wenig ihr noch Dem ähnlich seid, der euch zu Seinen ewigen Kindern machen möchte!
HG|1|111|23|0|Seht die Blätter dieses großen Baumes an, die euch nun allesamt schützen vor den spitzigen Strahlen der Sonne, und beratet es in euch, welches Blatt das andere an Wert überbietet!
HG|1|111|24|0|Ihr werdet sagen: ‚Ob zuunterst oder zuoberst, das entscheidet nichts; so aber die Blätter wären eine wohlschmeckende Speise, da wären die größeren mehr wert denn die kleinen!‘
HG|1|111|25|0|Also habt ihr geschätzt; aber was in euch war der Schätzmeister? Könnt ihr es anders berichten, als dass ihr von euch selbst treu gesteht und sagt: ‚Unsere viel genießen wollende Eigenliebe!‘, ohne auch nur im Geringsten auf den Schöpfer Rücksicht zu nehmen, ob Dieser vielleicht in die kleinsten Blätter nicht eine noch größere Bestimmung gelegt hat als in die eurem Bauch mehr zusagenden?!
HG|1|111|26|0|So ihr aber eine Leiter macht, warum macht ihr da die unteren Sprossen stärker denn die oberen?
HG|1|111|27|0|Ich sage euch aber – das euch schon bekannt ist –, dass die unteren Sprossen darum nicht zweckdienlicher sind denn die oberen, obschon diese schwächer sind denn die untersten und sind weit entfernt von diesen nach oben; so ihr aber dann eure Leiter an den Baum lehnt, berühren da nicht gerade die schwächsten die Frucht?
HG|1|111|28|0|O wahrlich sage Ich euch, also werde auch Ich Mir eine Leiter bauen aus Menschen, und zwar eine Leiter, die Ich aufstellen werde zum Baum des Lebens, der da reicht bis in den Himmel alles Lebens vom Grunde der Erde aus! Glücklich werden die Sprossen sein, die Ich zuoberst nehmen werde; denn die nur werden das Leben erreichen, während die starken werden warten unter aller Last, was da des Lebens hinabgeworfen wird in die Tiefe!
HG|1|111|29|0|Versteht es wohl und richtet darum eure Kinder nimmer nach eurer Eigenliebe, sondern nach der göttlichen Freiheit und Liebe! Amen.“
HG|1|112|1|1|Lamech und Mathusala unterhalten sich über den Fremdling
HG|1|112|1|0|Als aber solche Rede der Adam vernommen hatte und neben ihm aber auch all die anderen Väter, ergriff sie fast alle ein Schauder, so zwar, dass sich dagegen niemand ein Wort zu reden getraute und darum unter ihnen eine länger anhaltende Stummheit eintrat.
HG|1|112|2|0|Es verstanden aber die zwei neu Angekommenen nichts von allem dem, was da der Asmahael zu den Vätern geredet hatte, und dachten bei sich selbst,
HG|1|112|3|0|die Väter seien gewiss ärgerlich geworden, und zwar fürs Erste ob ihres unzeitigen Erscheinens, und fürs Zweite ob ihres unbekannten Vorführers Rede, daraus ihnen ungefähr so viel klar ward, dass Er sie zu ihren Gunsten an die Väter gerichtet hatte.
HG|1|112|4|0|Und alsbald fragte Lamech ganz leise den Mathusalah: „Vater, was sollen wir nun machen? Sollen wir uns wieder heimlich davonmachen und verlassen die Väter, die da unseretwegen heimlich zu zürnen scheinen, oder sollen wir bleiben und geduldig die Vorwürfe ertragen?
HG|1|112|5|0|Und wer etwa doch der junge Mensch ist, der uns gar so liebevoll entgegenkam und uns dann gar so mutig hierher zu den Vätern geleitete?
HG|1|112|6|0|Sein Wort muss von großer Bedeutung sein, weil die Väter ihm mit einer gar so großen Aufmerksamkeit zugehört haben und sich jetzt nichts zu entgegnen getrauen, wie es mir vorkommt!
HG|1|112|7|0|O Vater, berate dich und teile es mir dann mit, so du es willst! Amen.“
HG|1|112|8|0|Mathusalah aber fertigte seinen Sohn ganz kurz ab, sagend nämlich: „Lieber Sohn, bedenke, ob wir nun durch was immer für eine neue Wendung die Sache besser machen können und mögen!
HG|1|112|9|0|Bleiben wir, da uns niemand fortschafft, so werden die Väter bleiben, was sie sind, nämlich unsere Väter – und wir beide ihre Kinder! Verlassen wir sie aber, ohne dass sie solches uns geböten, so werden wir dadurch das nicht aufheben, dass sie seien unsere Väter, und wir werden ihnen dadurch weder unseren Gehorsam, noch unsere Liebachtung an den Tag legen, da sie uns dann gram sein könnten so oder so, da sie unsere Väter sind, die uns bei dem allem doch mehr lieben denn verachten.
HG|1|112|10|0|Ich gehe stets von dem Grunde aus, der ein Grund meines Vaters Henoch ist, und also lautet: ‚Liebe den, der dir gram wird, so wirst du ihn bald zu deinem Freund haben!‘
HG|1|112|11|0|Siehe, desgleichen tun auch wir, und die Väter werden mit uns sicher nicht unzufrieden sein; des sei du versichert!
HG|1|112|12|0|Doch, was den jungen, überfreundlichen Menschen betrifft, so ist es mir selbst rätselhaft, woher er ist, wer er ist, wie er in die Gesellschaft der Väter aufgenommen wurde, und was er eigentlich bei ihnen macht!
HG|1|112|13|0|Dass er weiser ist als ich und du, das hat er nun schon durch seine Rede gezeigt; und dass in seinem Wort eine ganz sonderbare Kraft liegen muss, das zeigen uns ja zur Genüge die entweder scheinbar oder wirklich stumm gemachten Väter. Und mehr zu wissen brauchen wir auch vorderhand nicht; und also können wir schon ruhig sein und geduldig abwarten und sehen und hören, was da kommen wird! Amen.“
HG|1|112|14|0|Es trat aber alsbald Asmahael zu den beiden und sagte zu ihnen: „Hört, da Ich bin, ist gut sein, und es hat niemand etwas zu besorgen, noch zu fürchten; daher bleibt, dieweil Ich bleibe! Denn wer da bleibt, da Ich bleibe, der ist wohl geborgen und hat eine bleibende Stätte gefunden bei Dem, dem jeder recht ist, der da ist eines gerechten Herzens!
HG|1|112|15|0|Was ihr noch nicht fasst, das werdet ihr ins Leben fassen, wenn ihr Mich erkennen werdet!
HG|1|112|16|0|Doch freut euch, da ihr Mir nicht ferne seid; hört und versteht es! Amen.“
HG|1|113|1|1|Henochs rätselhafte Rede an Mathusalah und Lamech
HG|1|113|1|1|Am 25. Juni 1841
HG|1|113|1|0|Als die beiden ein solches Wort vom Asmahael vernommen hatten, fingen sie sich gar gewaltig zu wundern an. Und nachdem sich Asmahael von ihnen ein wenig entfernt hatte, sagte Lamech zum Mathusalah:
HG|1|113|2|0|„Vater, was hältst du von dieser kurzen Rede dieses Jünglings? Wie es mir vorkommt, so scheint er heimlich große Stücke auf sich zu halten; dass es also ist, zeigt ja zur Genüge, da er sagt: ‚Da ich bin, ist gut sein!‘ Warum sagte er denn nicht: ‚Da Adam und die Kinder Gottes sind, ist gut sein?‘
HG|1|113|3|0|Siehe, das, wie noch manches, ist mir rein unerklärlich! Sage mir daher doch, so du kannst und magst, wie dir dieses alles vorkommt, und was du von diesem jungen Menschen hältst, und wie er dir vorkommt! Amen.“
HG|1|113|4|0|Es kam aber alsbald Henoch herbei und berichtigte die beiden, sagend nämlich: „Hört, ihr meine Kinder, und seht: So ich hier einen Stein in die Hand nehme und ihn festhalte, einer aber kommt und fragt mich, sagend: ‚Freund, was hältst du hier in der Hand?‘, ich aber zeige ihm, dass es ein Stein ist, er aber fragt mich wieder: ‚Was soll es denn mit dem Stein?‘, und ich antwortete ihm: ‚Was fragst du mich? So ich den Stein halte über der Erde, wie mag er dir zu einem Stein des Anstoßes werden?
HG|1|113|5|0|Was kümmert dich aber dessen, das dir nicht zur Last ist?! So mir aber meine Bürde behagt, so hast du nichts, darum du ängstlich fragen möchtest!‘
HG|1|113|6|0|Kann aber jemand in der Hand einen harten Stein zu Staub machen? Gewiss, solches wird wohl jeder bleibenlassen!
HG|1|113|7|0|Ist es aber nicht füglicher, den Stein in der Hand zu tragen, als auf der Straße über denselben zu fallen und sich zu verletzen?! Wer aber ist der, der da fliehen möchte vor dem eigenen Leben?!
HG|1|113|8|0|So er aber das Leben hat, warum tut er denn, als hätte er es nie empfangen, und handelt dann blind in allen Dingen?!
HG|1|113|9|0|Was weiß denn der Mensch? Ist denn nicht, was er weiß, aus Gott? Wie denkt er denn hernach, als wollte er denken neben Gott als einer, der sich selbst genügt und nicht benötigt eines Rates aus Gott? Da er aber dann zu raten anfängt, da ratet er dann so lange, bis er sich zugrunde geraten hatte!
HG|1|113|10|0|Also fragt und ratet auch ihr! Wenn aber ich euch sagen möchte: ‚Ich, Henoch, bin euer Vater!‘, – was möchtet ihr von dieser Aussage halten?
HG|1|113|11|0|Könntet ihr mir vorwerfen, dass ich, da ich solches vor euch von mir bekenne, dann große Stücke auf mich halte? Bin ich denn nicht, was meine Zunge über mich aussagt?
HG|1|113|12|0|Was wird aber erst dann herauskommen, wenn Blinde zu urteilen anfangen? Wer am Tag nichts sieht, wie will der aber, dass ihm die Nacht zur Leuchte werden soll?
HG|1|113|13|0|So ihr aber schon Asmahaels Worte nicht fassen mögt, wohin erst soll denn euer Urteil über Asmahael den wankenden Fuß setzen?
HG|1|113|14|0|So ich euch aber fragen würde: ‚Was ist denn das Wachstum einer Rose, und was die Rose selbst?‘ Ihr würdet verstummen!
HG|1|113|15|0|Wie fragt ihr euch denn, was da mit Asmahael?! Ich aber sage euch: Verharrt bis morgen, und es soll alles erklärt werden. Jetzt aber hanget am Asmahael und achtet überaus hoch jegliches Seiner Worte! Amen. Versteht und hört es! Amen.“
HG|1|114|1|1|Mathusalah rät Lamech geduldig zu sein und selbst nachzudenken
HG|1|114|1|0|Und nachdem den beiden der Henoch noch obendrauf ganz besondere Aufmerksamkeit empfahl für jegliches Wort aus dem Munde Asmahaels, entfernte er sich wieder und ging hin zum Vater Jared und harrte dort bis zum Zeichen des Aufbruchs zur Weiterreise gen Mitternacht, welches aber jedoch noch nicht gar zu bald gegeben wurde; denn der Tag war heiß, und den alten Vätern schmeckte zu sehr die kühlende Ruhe unter den breiten und dichten Bahahania- (auch wohl Bahania-)blättern.
HG|1|114|2|0|Die beiden aber hatten unter sich doch keine Ruhe, – und ganz besonders war der Lamech ein Ruhestörer, der alsbald wieder zu reden begann, sagend nämlich:
HG|1|114|3|0|„Höre du, Vater Mathusalah, was war denn nun wieder das?! Was hat denn nun der Vater Henoch, den wir doch um keine Erklärung gebeten haben, mit dieser seiner Rede sagen wollen?
HG|1|114|4|0|Es geht nun alles so gespannt her; jedes Wort ist eine Predigt, und es redet der Vater mit dem Sohn, als wäre der Sohn seiner Rede nicht wert, und der Sohn scheint des Vaters Wort oft ganz zu überhören oder doch wenigstens nicht zu verstehen. Siehe, bei uns zweien ist’s jetzt schon der Fall: Der Vater Henoch hat gesprochen und wenigstens ich habe ganz entsetzlich wenig davon verstanden, außer dass wir uns recht fest an den Asmahael halten sollen, und dass uns morgen alles klar wird.
HG|1|114|5|0|Was er aber da vom Stein geredet hatte und vom Leben und vom Rat und Urteil, das alles, lieber Vater, ist für mich so gut, als hätte ich nichts vernommen.
HG|1|114|6|0|Hast du, lieber Vater, aber etwas verstanden, so teile es mir mit; jedoch, sollte es dir etwa gehen wie mir, da bleibt uns freilich wohl nichts anderes übrig, als schön ruhig dem Beispiel der Großväter zu folgen und im Namen des großen Gottes ganz geduldig zu harren bis zum morgigen Tag, allda sich dann wohl zeigen wird, was alles für Lichtfrüchte für uns zum Vorschein kommen werden. Also, so du etwas weißt, lieber Vater! Amen.“
HG|1|114|7|0|Und der Mathusalah erwiderte dem Sohn: „Mein geliebter Sohn, der dir auf jegliche deiner Fragen eine Antwort geben müsste, der müsste dazu mit zehn Zungen und ebenso viel Lungen versehen sein; denn dein Leben ist nichts als eine große, langgedehnte Frage, – und auf der Erde wächst nun noch kein Baum, der da groß und stark genug wäre, dass auf ihm zur Reife gelangen möchte eine solche Frucht, die für deine Frage eine hinreichend große Antwort enthielte!
HG|1|114|8|0|Was soll ich reden? Hast du denn nicht vernommen fürs Erste das Wort Asmahaels selbst und hernach an meiner statt das des Vaters Henoch?
HG|1|114|9|0|Denke nur im Stillen bei dir darüber nach, und so es des großen Herrn Wille ist, wird es dir schon nach und nach heller und stets heller darüber werden! Was ist alle unsere Hilfe, was unser Licht, wenn alles dieses nicht von oben gegeben wird?
HG|1|114|10|0|Es ist aber alle Menschenhilfe zu nichts nütze, und der Menschen Licht ist nichts denn die allerbarste Finsternis. Wenn sich daher Menschen helfen, da beschädigt einer den anderen nur; und wenn einer den anderen erleuchten will, da verfinstert er den anderen nur!
HG|1|114|11|0|Siehe, daher reinige nur im Stillen emsig das heilige Liebeflämmchen in deinem Herzen, sodann wirst du bald aller fremden Erleuchtung leicht rathalten können; denn ein göttlich Fünkchen ist mehr wert als ein ganzer Himmel voll Sonnen, Monde und Sterne von schönster, hellster Art!
HG|1|114|12|0|Daher sei ruhig und stille nun und geduldig bis auf den vielverheißenden Morgen! Amen; höre, amen.“
HG|1|115|1|1|Die Schlange auf dem Baum
HG|1|115|1|0|Nach dieser Rede aber verstummte jegliche Zunge, und jeder aber dachte mehr oder weniger über die Ereignisse dieses Tages nach und lobte und pries Gott im Herzen für solche großen Gnadenerzeigungen. Und die aber schon erkannt hatten den Asmahael, hatten ohne Unterbrechung Herz, Aug’ und Ohren auf Ihn gerichtet. Asmahael aber besprach sich im Stillen unterdessen mit Abedam; es konnte aber niemand etwas vernehmen, was da gesprochen worden ist.
HG|1|115|2|0|Nach einer ziemlichen Weile aber schrie die Eva laut auf und wollte fliehen; denn sie entdeckte bei längerer Betrachtung der schön verschlungenen Äste und Zweige des Baumes gerade über ihrem Haupt eine außerordentlich große Riesenschlange.
HG|1|115|3|0|Als die Väter alle solches auch alsbald ansichtig wurden, sprangen sie auch eilends auf und wollten fliehen mit der Eva vor dem Untier.
HG|1|115|4|0|Asmahael aber vertrat ihnen den Weg und gebot allen, zu bleiben und ihre Stellen ja nicht eher zu verlassen, als bis Er ihnen solches andeuten werde.
HG|1|115|5|0|Und alle begaben sich wieder auf ihre früheren Plätze und harrten ruhig und mit wenig Furcht mehr vor dem Untier auf das, was da folgen werde.
HG|1|115|6|0|Asmahael aber trat hinzu, da die Schlange sich hin und her und auf und ab wogte und ringte, und redete sie also an: „Tier des Zornes und der Nacht! Was suchst du Verfluchte hier?“
HG|1|115|7|0|Die Schlange aber zischte antwortend: „Den, der mich ewig verfolgt, auf dass ich Ihn verderbe!“
HG|1|115|8|0|Und Asmahael fragte weiter: „Wer ist Der, den du der ewigen Verfolgung anschuldest und verderben willst?“
HG|1|115|9|0|Und die Schlange: „Er ist Gott von Ewigkeit und Schöpfer aller Dinge, die Er mir gegeben hat, und wurde schwach, da Er sah meine Herrlichkeit, die größer war denn die Seinige, darob Er dann entbrannte in dem heftigsten Feuer Seines Zornes, mich verfluchte, mir die Herrlichkeit nahm und damit der Erde schändlich Gewürm schmückte, dass sie Ihm ähnliche Bilder wurden; mich aber belehnte Er dafür mit ewigem Fluch und gab mir diese allerschändlichste Wurmgestalt!“
HG|1|115|10|0|Und Asmahael wurde sichtbar ergrimmt und donnerte der Schlange folgende Worte zu: „O Satan! Wie unermesslich groß ist deine Lüge und unbegrenzt deine Bosheit?!
HG|1|115|11|0|Wann habe Ich dich verflucht und verfolgt? Da du eigenmächtig und eigenböswillig Mich flohst Ewigkeiten hindurch und kamst in das unantastbare Gebiet der unendlichen Heiligkeit Gottes, darinnen du für alle Ewigkeiten vernichtet worden wärest, wer streckte da Seinen langen und mächtigsten Arm aus, ergriff dich mit aller Liebe und setzte dich hierher und wollte dich Sich vollends gleichmachen?!
HG|1|115|12|0|Aber deine Hoffart konnte auch da verschmähen des ewigen, allmächtigen, unendlich heiligen, großen Gottes allerhöchste Liebe! Du verließt schändlich das von Mir dir geschaffene Haus und wolltest Mein Werk vernichten, du elender Lügner, und Mich, deinen Gott und Schöpfer, zuschanden machen, du böser Satan!
HG|1|115|13|0|Da sehe hin, Adam, ein Haus für dich, lebt noch ohne dich und wird ewig leben und alle seine Nachkommen; aber verflucht von nun an sei dein Same! Ich will von nun an zwischen deinem und des Weibes Samen eine unversöhnliche Feindschaft setzen, und diese soll dich verderben in den Abgrund; ein Weib wird dir deinen Kopf zertreten, und dein Biss in ihre Ferse wird sie nicht verderben!
HG|1|115|14|0|Und nun weiche und verschwinde! Amen.“
HG|1|115|15|0|Und alsbald verschwand das böse Untier.
HG|1|116|1|1|Asmahaels Rede über die Kraft Gottes im Menschen
HG|1|116|1|0|Jetzt aber war es aus bei all den Vätern, und sie wussten sich weder zu raten noch zu helfen. Die, welche da wussten, wer sich da hinter dem Asmahael verborgen hatte, waren voll Lob, Dank, Preis und wahrer Liebe und höchster Achtung Gebet in ihren Herzen; welchen es aber bisher vorenthalten wurde, denen gingen jetzt ganz gewaltig die Augen auf, und sie wussten nicht, was sie nun tun sollten. Sollten sie vor lauter Ehrfurcht vergehen, oder sollen sie beten oder ihren Augen trauen, die Sache für möglich halten oder zweifeln? Sollten sie die Väter darüber fragen oder den Asmahael selbst und sagen: ‚Wer bist du, dass du also mächtig in deinem Wort bist und sprichst aus dir, was da geschehen soll, – und so du es ausgesprochen hast, ist auch schon die Tat vollbracht?‘
HG|1|116|2|0|Oder was sollten sie tun? – Und als sie also dachten, ergriff sie alle heimlich eine bange Furcht; denn dies zweite Beispiel so plötzlicher Vernichtung hatte in ihnen ganz sonderbare Gedanken hervorgerufen.
HG|1|116|3|0|Als aber solches Hinundherdenken eine Zeit lang ohne Frucht dauerte, trat der Asmahael in die Mitte derer, welche noch nicht wussten, wie sie mit Asmahael daran wären, und sprach folgendes, sagend nämlich: „Hört, die ihr da seid wüsten Rates über Mich; was habt ihr für Gedanken?
HG|1|116|4|0|Haben euch nicht Adam, Seth und Henoch oft genug gezeigt durch kräftige Worte, was alles der Mensch im Namen Gottes zu wirken vermag? Ihr aber, allzeit taub am Geist, am Ohr und blind am Auge, mochtet nicht merken, was das heißen solle, und welche Kraft jedem Menschen im Namen des einigen Gottes Jehova zuteilwerden mag, wenn er ungezweifelt handelt und unerschütterlich ist in der Liebe und [voll] alles Vertrauens daraus.
HG|1|116|5|0|Statt solches zu beachten, fragt ihr euch untereinander: ‚Wer ist der Asmahael, und was ist mit ihm, dass er solches wirkt?‘
HG|1|116|6|0|O ihr Blinden und Tauben! Warum wurde euch denn gegeben ein Gehör und ein Gesicht geistig und leiblich? Etwa, dass ihr bloß schauen sollt das Gras und anderes Gedinge der Erde und des Firmamentes?! Und das Gehör, dass ihr nur hören möchtet den Gesang der Vögel und anderes Gesumse, Gebrülle, Getöse aus allen Weltgebieten? Oder wurde euch alles dieses nicht vielmehr gegeben, dass ihr es allzeit richten sollt nach innen, das heißt, dass ihr allzeit zuerst auf das merken sollt, was in euch vorgeht, und was ihr außerhalb seht und hört, zu führen in euch zurück bis zur Wurzel alles Seins?!
HG|1|116|7|0|Liegt nicht der Grund aller Dinge lebendig in euch? So aber jemand einem Ding auf den Grund oder an die Grundwurzel gekommen ist und erfasst da das Ding mit der in Gott durch Liebe und Glauben sich stützenden Kraft, wie oder was des Hindernisses sollte da noch eintreten, dass da etwas nicht also geschehen sollte, wie der rechte Mensch es sich in seiner Tiefe gedacht und in Gott fest gewollt hat?!
HG|1|116|8|0|Wer aber vermag etwas zu vollbringen? Wenn es er aber vermag, so vermag er es nur durch Gott; denn außer und ohne Gott ist keine Tat möglich!
HG|1|116|9|0|Tuet also, und fragt nicht zuvor, wer und was Asmahael ist, so werdet ihr den Asmahael, jeglicher für sich und für alle, in euch finden, da ihr wisst, was Asmahael entsprechend besagt! Amen.“
HG|1|117|1|1|Wirklichkeit, Wahrheit und Leben sind nur inwendig im Menschen
HG|1|117|1|1|Am 1. Juli 1841
HG|1|117|1|0|Nach dieser Rede erhob sich Adam und berief den Asmahael zu sich. Als der Asmahael alsbald Sich bei Adam einfand, fragte dieser Ihn:
HG|1|117|2|0|„O Du, dessen Name meine Zunge nicht wagt auszusprechen, o Asmahael, wirst Du mir Schwachem doch nicht zürnen, so ich Dir nun kommen möchte mit einer Frage, deren Beantwortung eines ganzen Berges Last von meinem Herzen hinwegwälzen würde?“
HG|1|117|3|0|Und Asmahael entgegnete: „Adam, so du kennst den Asmahael, warum willst du Ihn denn das fragen, was dich drückt? Weißt du denn nicht, dass Derjenige, welcher den Mittelpunkt der Erde gemacht hat und das große Gewölbe des unendlichen Himmels ausgespannt hat wie eine Spinne ihr Netz, auch der Schöpfer deines Herzens ist und allzeit gar wohl weiß, was im selben vorgeht?
HG|1|117|4|0|Darum frage nicht, so du Mich kennst; kennst du Mich aber noch nicht, wie magst du dann gedenken, Ich werde imstande sein, dir deinen Stein vom Herzen zu wälzen oder gar einen Berg, wo nicht die ganze Erde selbst?
HG|1|117|5|0|Was du aber hast, das bringe nur in deinem Herzen trauliebgläubig dem Asmahael in dir dar, und der Asmahael, der nun vor dir steht, wird dir durch den inneren die allergetreueste, lebendige Antwort geben, die dich wahrhaft beleben wird, während jede äußere Antwort dich töten statt beleben möchte. Denn was immer äußerlich gelangt in den Menschen von wo immer her, ist für ihn tödlicher Art und Natur; das Leben aber geht allzeit aus von innen, also gleichwie Gott Selbst alles da wirkt von Seiner eigenen Liebemitte aus ewig und unendlich!
HG|1|117|6|0|Und so tue, wie Ich dir nun angezeigt habe, und dir wird werden, danach dein Herz dürstet! Amen.“
HG|1|117|7|0|Und Adam tat, wie es ihm geraten wurde. Und alsbald erglänzte sein Antlitz in der höchsten Freude, denn nun ward ihm über Asmahael jeder Zweifel benommen; und also frohlockte und pries er Gott in seinem Herzen, dass um ihn darob alles verklärt wurde!
HG|1|117|8|0|Es merkten dies aber alle Kinder um ihn und kamen herbei und fragten den Erzvater, was da denn schon wieder geschehen sei, darum um ihn nun alles so verklärt sei.
HG|1|117|9|0|Adam aber zeigte auf den Asmahael und sagte: „O Kinder, fragt nicht mich; da steht der große Lehrer und unerforschliche Meister in allen Dingen! Sucht es nicht draußen, sondern in euch; denn also lehrt es Der, der das ewige Leben Selbst ist ewig!
HG|1|117|10|0|Wirklichkeit, Wahrheit und Leben sind inwendig im Menschen nur, allda sie auch nur allein zu suchen und also auch zu finden sind; alles aber, was von außen eingeht in den Menschen, ist Schein nur, aber kein Sein, und ist tödlicher Natur.
HG|1|117|11|0|So aber jemand empfängt eine Lehre von außen und will einen Nutzen fürs Leben daraus gewinnen, muss er sich da nicht vorher töten lassen in seinem Willen und dann erwarten stummen Willens, was da aus dem Samen der Lehre für eine Frucht herauswachsen wird?!
HG|1|117|12|0|Wer sich aber wendet an das Leben des Lebens in sich und dadurch an Den, der heilig, heilig, heilig ist, ewig wahrhaftig und getreu und voll Liebe, Erbarmung und Gnade, der wird es empfangen, wie ich es nun empfangen habe, und wird keinem Zweifel mehr unterliegen in irgendeiner Sache, deren frühere Ungewissheit ihm das Herz mit schweren Steinen belastete. Also fragt nicht, sondern tut, wie ich es getan habe, so werdet ihr alles finden lebendig in euch, das euch nottut! Amen.“
HG|1|117|13|0|Und nach dieser Rede aber wandten sich alle an den Asmahael, sahen Ihn an und redeten aber kein Wort, sondern jeder dachte sich seine Zweifelsfrage und den Asmahael hinzu mit Ausnahme Henochs, Abedams und des Mathusalah und dessen Sohnes Lamech. Denn die ersten zwei wussten nur zu gut, was Adams Rede besagte, da sie es aus Mir wussten; und die zwei Jüngsten aber wussten eigentlich noch gar nichts, sondern alles von ihrer Seite war Verwunderung über Verwunderung. Es wäre ihnen auch eben gar nicht unerwünscht gewesen, noch mehr dergleichen Spektakel zu schauen; ja, also war ihre lustige Verwunderung, dass sie darüber sich ferner nach Mir zu erkunden fast gänzlich vergaßen, was vorderhand auch für sie recht gut war.
HG|1|117|14|0|Aber der Seth, Enos, Kenan, Mahalaleel und Jared dachten sich noch immer mehr und mehr in ihre Frage neben dem Asmahael hinein; und siehe, es wollte ihnen keine belebende Antwort erscheinen, und da sie daraus die Unfruchtbarkeit ihrer Unternehmung gewahrten, kehrte sich einer nach dem anderen zum Adam wieder, sagend und fragend:
HG|1|117|15|0|„Vater! Sieh, es will in mir nicht werden nach deinem Rat! Wie steht es hernach um denselben und um uns?
HG|1|117|16|0|Ist entweder der Rat nicht voll, oder haben wir ihn unvollkommen aufgefasst?
HG|1|117|17|0|Denn früher hatten wir doch wenigstens eine Dämmerung, jetzt aber vollends stockfinstere Nacht! Was ist nun zu tun? Bescheide uns, lieber Vater! Amen.“
HG|1|117|18|0|Adam aber bedeutete ihnen liebeernst: „Sagte ich euch denn nicht, wie ihr es hättet anstellen sollen?! Wo war euer Geist während meiner Rede?
HG|1|117|19|0|Da vor euch steht Asmahael! Ist denn das alleinige Denken schon hinreichend? Was ist der Gedanke ohne die Vollliebe, ohne das Volltrauen und ohne den Vollglauben? Nichts als ein wesenleeres Scheinen, an dem ebenso viel Leben hängt wie an einer geträumten hundert Jahre alten Schneeflocke auf einem glühenden Stein!
HG|1|117|20|0|Darum tut, was ihr tut, ganz, wollt ihr zur Frucht gelangen! Da aber, wie gesagt, steht Asmahael; versteht es wohl, ihr Kinder, Asmahael ist in eurer Mitte! Amen.“
HG|1|117|21|0|Und die fünf wandten sich alsbald an den Asmahael. Dieser aber sagte: „Soll Ich euch anders lehren denn der Adam, der es von Mir empfangen hatte? Das sei ferne von Mir, sondern tut danach, so werdet auch ihr dahin gelangen, dahin der Adam gelangt ist; denn jeder von euch ist zum Leben berufen.
HG|1|117|22|0|Aber wenn ihr nicht tut des Rechtens, da ist alle Frage vergeblich zum Leben; denn der Lebendige antwortet nicht den Toten, sondern nur denen, die da sind lebendigen Herzens! Amen. Versteht es, amen.“
HG|1|118|1|1|Die Erweckung der ewig lebendigen Liebe
HG|1|118|1|0|Als die fünf aber solches aus dem Munde Asmahaels vernommen hatten, erhob sich Seth unter ihnen und sagte: „Kinder, das ist die Wurzel des Lebens wie das einzige sichere Kennzeichen desselben in uns, dass wir dasselbe wahrhaft in uns besitzen und somit nicht mehr dem Geiste nach tot sind, so wir nach dem heiligen Wort Asmahaels den Lebendigen in uns lehrend und tröstend gar deutlich vernehmen.
HG|1|118|2|0|Wahrlich, ein Stein oder ein anderer toter Klotz vermag solches ewig nicht! Oder kann der Tote sich dem Toten offenbaren?
HG|1|118|3|0|Wie wird da der eine lehren mit verständlichen Worten und der andere Tote dieselben vernehmen und verstehen und sich endlich danach kehren?
HG|1|118|4|0|So aber auch möchte der Lebendige Worte an einen Toten verschwenden, was werden sie ihm wohl nützen, da er sie unmöglich je vernehmen kann?
HG|1|118|5|0|Wir haben zwar ein leibliches Leben. Allein dieses Leben ist uns nur gegeben als ein Weckhahn, auf dass durch denselben die ewig lebendige Liebe in unserem Herzen zu Gott erweckt werden möchte; denn obschon uns allen solche Liebe gegeben ist, so ist sie uns aber doch nur gegeben gleich einer schlafenden Braut, die wir zuvor in uns durch die unschätzbare Gnade des äußeren Lebens erwecken müssen, damit sie dann als das eigentliche Leben in uns erst vom Leben alles Lebens lerne, zu leben in aller Freiheit, Macht und Kraft, unser äußeres Leben in sich aufnehme und wir somit dann mit und in ihr, wie sie in Gott, ein und dasselbe ewige Leben werden.
HG|1|118|6|0|Im äußeren Leben können wir nach den bestehenden Formen denken, und zwar von Bild zu Bild und von einer Sache und Handlung hin zur anderen. Aber all dieses Denken ist nicht unser Werk; denn also hat ja der Herr unser Wohnhaus eingerichtet, dass im selben allerlei anzutreffen ist. Was aber da ist, empfinden wir ja deutlich durch unsere Gedanken! Aber ist solches fürs Haus allein oder fürs Leben des Geistes uns gegeben?
HG|1|118|7|0|Seht, das ist eine ganz andere Frage! Ich halte aber die Gedanken gleich den Suchern, die da beständig suchen und gewöhnlich nichts finden, wenn sie sich zu weit entfernen von dem Ort, da das Leben verborgen ruht.
HG|1|118|8|0|Die rechten Gedanken sollen nicht auffliegen gleich einem Geier, sondern sollen einer Grasmücke gleich das leuchtende Würmchen suchen unter den grünen Blättern der Pflanzen; und wo des Grases grüner Schatten am dichtesten wird oder das Vertrauen am festesten, da wird das Würmchen sicher weilen und allda auch zu finden sein.
HG|1|118|9|0|O Asmahael, siehe, also habe ich es aufgefasst! Wenn ich also glaube, werde ich wohl das Leben finden und die Kinder mit mir? So es Dein Wille ist, magst Du es mir ja bescheiden! Amen.“
HG|1|118|10|0|Asmahael aber fragte darauf alsogleich den Seth, sagend: „Höre, Seth! So du aber nun recht gesprochen hast, sage Mir, woher dir solche Rede kam! Glaubst du dich dabei aber in der Irre, wozu quältest du deine Lunge und Zunge so lange vergebens?“
HG|1|118|11|0|Seth aber entgegnete: „O Asmahael! Wer mag wohl ohne Dich auch nur ein Wort über seine Lippen bringen?!
HG|1|118|12|0|Du magst auch aus Steinen und aus reißenden Tieren Worte des Lebens verkünden; wie solltest Du dann solches nicht durch meinen Mund, den Du dazu erschaffen hast?!
HG|1|118|13|0|Aber ich meine, es ist nicht eines und dasselbe, zu reden und, was man geredet hat, auch schon vollkommen zu verstehen, da Du auf dem Weg vom Mittag gen Abend uns doch allen hinreichend liebreichst zu verstehen gabst, wie wenig wir alle von dem verstanden haben, was wir uns gegenseitig schon die längste Zeit vorgepredigt haben.
HG|1|118|14|0|Daher glaube ich auch jetzt die vollste Wahrheit aus Dir ausgesprochen zu haben; ob ich sie aber auch also vollkommen verstehe, o Asmahael, das wirst Du sicher am allerbesten wissen! Daher sei gnädig und bescheide mich in Deiner Liebe und Erbarmung! Amen.“
HG|1|118|15|0|Und Asmahael beschied den Seth also: „Höre, Seth! Dein Wort ist ein wahres Wort; denn es ist ein Wort aus Mir. Jeder aber, der da ist demütigen Herzens und redet um Meines Namens Willen und tut solches nicht aus was immer für zeitlichem Beweggrund oder eigennützigem Interesse, sondern allein aus Liebe zu Mir und daraus zum Bruder, – wahrlich, nicht ein Laut wird da über seine Lippen fallen, der da nicht wäre von Mir! Wer aber zwar auch redet in Meinem Namen, aber sein Auge dabei erhebt über das des Bruders und sein Herz aber versenkt in die Furchen der Erde habsüchtig, – wahrlich, der ist gleich einer Giftstaude, da er dieser gleich das göttliche Liebelicht und dessen allbelebende Wärme in sich verkehrt in Verderbliches und Tödliches statt in Ersprießliches und ewig Belebendes!
HG|1|118|16|0|So du aber schon deine schlafende Braut geweckt hast, darum du solches reden mochtest, so geht dir ja ohnehin nichts mehr ab denn allein die Handlung danach. Tue also danach, so wirst du eins werden mit dir und so auch mit Mir, und so auch alle, die also wie du tun werden! Amen. Verstehe es, amen!“
HG|1|119|1|1|Jareds Fragen zu Asmahael
HG|1|119|1|1|Am 6. Juli 1841
HG|1|119|1|0|Als aber der Seth solche Rede vernommen hatte, fing er alsbald an, in sich zu gehen und sich dadurch auch mehr und mehr zu erkennen. Und alles, das er auf diese Rede entgegnete, war ein stiller Dank in seinem Herzen, den er aber nicht laut werden ließ, wohl wissend, dass Ich auch das stille Herz belauschen kann und keiner Fiber Regung im selben Mir unbekannt bleibt.
HG|1|119|2|0|Es wollten aber auch noch einige andere über so manches zu fragen anfangen; allein es erhob sich alsbald der Adam und sagte: „Kinder, hört es im Namen Jehovas! Der da noch irgendetwas anliegen hat in seinem Herzen, der behalte es bei sich und nehme es schweigend mit nach Hause; denn es wird zur rechten Zeit jeder von oben ein helles Licht fürs lichtlose Kämmerlein seines Herzens empfangen! Für jetzt aber bedenkt, dass wir noch nicht in der Mitternacht sind und noch viel weniger daheim, – daher es also auch nun vor allem nötig ist, dass wir uns wieder auf den Weg in der neubestimmten Ordnung machen, um die größte Anzahl der mitternächtlichen Kinder des morgigen Sabbat zu erinnern und sie auch einzuladen zu der höchsten, lebendigen Feier dieses geheiligten Tages, den Gott Selbst zu einem Ruhetag gemacht hat, und hat ihn gesetzt zu einem Gedächtnistag, auf dass wir uns am selben erinnern sollen, dass der Herr, unser großer, heiliger Gott Jehova, ist unser aller Schöpfer, Erhalter, Führer und allerliebevollster Vater und ist uns überaus gnädig und barmherzig!
HG|1|119|3|0|Daher, wie schon gesagt, lasst uns alle nun erheben durch den Namen Dessen, der da unter uns wandelt! Amen.“
HG|1|119|4|0|Und alle erhoben sich von der Erde, verließen den schattenreichen Baum und richteten in der vom Asmahael bestimmten Ordnung ihre Schritte durch einen dicht belaubten Waldweg gen Mitternacht.
HG|1|119|5|0|Auf dem Weg dahin aber konnte sich Jared an der Seite seines Sohnes Henoch nicht halten, selben um so manches zu fragen. Die ersten Fragen waren vorzugsweise dahin nur gerichtet, auf was für eine Art der Asmahael daheim aufs Allerbeste möchte bewirtet werden,
HG|1|119|6|0|welche Früchte Er etwa am liebsten esse und was für Brot und welches Getränk, – ob alleinige Milch oder ob Milch mit reinem Honig oder ob Saft, aus süßen Beeren gepresst; oder wie Er etwa am liebsten schlafe, auf was Er am liebsten liege, und wie früh Er etwa gerne aufstehe.
HG|1|119|7|0|Jedoch alle diese Fragen beantwortete der Henoch ganz kurz, sagend: „Lieber Vater, du sorgst dich vergeblich! Asmahael wird uns nicht verhehlen, was Er von uns will; gewiss aber kannst du dessen sein, dass wir alle schon, bis jetzt nur gerechnet, von Ihm mehr empfangen haben, als wir durch alle ewigen Zeiten von unserer Seite Ihm je auch nur ein Sonnenstäubchen groß werden zurückzuerstatten imstande sein!
HG|1|119|8|0|Daher, lieber Vater, sorge dich nicht um vergebliche Dinge; denn nur eines tut not, und das ist die wahre Liebe zu Gott, unser aller unaussprechlich liebevollstem Vater!
HG|1|119|9|0|Siehe, lieber Vater! Ich glaube, mit dieser Kost unter unseres Hauses Dache wird Asmahael vorderhand gewiss am allerzufriedensten sein, – sagte Er ja anfangs schon, bevor Ihm Adam noch einen Namen hat gegeben, was Ihn aus Seiner Tiefe zu unserer Höhe bewogen hatte!
HG|1|119|10|0|Der getreue Fremdling (für uns), suchend Gott (das heißt: unsere Liebe zu Gott)! Wenn solches besagt Sein Name, siehe, lieber Vater, da ist deine Kost-, Trank-, Schlaf- und Dachsorge wohl eine ganz außerordentlich vergebliche! Tun wir daher etwas Besseres und loben Gott in unserem Herzen und lassen Ihn da gnädigst einziehen; denn unser Herz bedarf des Asmahael mehr denn unsere Hütte! Amen.“
HG|1|119|11|0|Jared aber entgegnete dem Henoch, sagend: „Lieber Sohn, du hast recht in allem, und ich mag dir dagegen nichts einwenden; aber du sprichst nun vom Asmahael gerade also, wie sonst von Gott Selbst, so zwar, dass ich nun gar nicht mehr weiß, von wem du eigentlich sprichst, ob von Gott oder ob vom Asmahael. Daher bitte ich dich: Erkläre dich darüber doch ein wenig deutlicher und sage mir, warum du solches tust!
HG|1|119|12|0|Denn siehe, so du sagst, dass wir lieber sollen Gott in unsere Herzen einziehen lassen, so ist das wohl verständlich; aber so du hernach sagst: ‚Denn unser Herz bedarf des Asmahael mehr denn unsere Hütte!‘, siehe, das ist hernach unverständlich! Denn was soll denn Asmahael in unserem Herzen, so er kein Gott ist und auch begreiflicherweise unmöglich je sein kann, da er nur als Mensch und das vollkommen als Mensch unter uns wandelt?!
HG|1|119|13|0|Ist seine Lehre auch groß und alles übertreffend und überaus tatmächtig, so kann sie aber ja auch aus jegliches Menschen Munde also sein, der von Gott dazu berufen würde; daher, so du magst, kannst du mich wohl berichtigen, damit ich nicht an deiner Seite in der Irre wandle, anstoße, falle und dadurch gänzlich zugrunde gehe! Amen.“
HG|1|119|14|0|Henoch aber sagte dem Jared darauf bloß nur, was zuvor der Adam hatte befohlen, und der Jared verstummte zufrieden.
HG|1|120|1|1|Ist Asmahael ein Mensch oder Gott?
HG|1|120|1|0|Aber auch der Enos gab dem Seth keine Ruhe und fragte ihn, sagend: „Vater Seth! Ich habe es gar wohl bemerkt und auch so manches vernommen, dass und was du zuvor mit dem höchst merkwürdigen jungen Menschen Asmahael gesprochen hast; allein so außerordentlich hoch und überaus vielsagend seine Worte auch immer sind, so muss ich aber doch gestehen, dass er sich manchmal doch zu vergessen scheint und hält da große Stücke auf sich, und das zwar auf eine Art neben einer Tat, wie zum Beispiel neben der Vernichtung der großen Lügenschlange, dass er da alsbald zu sprechen anfängt, als wäre er durchaus kein Mensch, sondern unmittelbar Gott Selbst. Und nun spricht er schon allzeit von sich selbst aus und bezieht sein Wort nur höchst selten auf Gott; und wenn er es schon manchmal bezieht, da schmelzen und fließen aber dann er und Gott so eng zusammen, dass man am Ende nicht mehr wissen kann, von wem oder in welcher Beziehung da etwas gesprochen wird.
HG|1|120|2|0|Ob da spricht ein Mensch im Namen Gottes und ist darum überfüllt mit dem Geist Gottes und aller Macht und Kraft daraus, oder ob – sonst – fürwahr – ich wenigstens könnte mir es unmöglich anders denken – Gott und Asmahael müssten gerade eines und dasselbe sein!
HG|1|120|3|0|Siehe, von solchen gewiss keineswegs gleichgültigen Sachen finde ich mich sehr bewegt und daher aus obigem Grunde genötigt, durch diese Frage dich, lieber Vater, zu verständigen, woran ich leide, und woran es mir nun am allermeisten gebricht! Beantworte es mir, was da ist mit dem Asmahael, soweit du magst und kannst, und auch insoweit dir’s für mich nötig und ersprießlich und mit dem heiligsten Willen Gottes vereinbarlich dünkt! Amen.“
HG|1|120|4|0|Und der Seth entgegnete seinem Sohn: „Lieber Enos, gerecht bist du und deine Frage, und es kann auf der ganzen Erde keine gerechtere Frage und keine, die da nötiger wäre denn diese, geben wie auch keinen gerechteren Menschen als einen, der ernstlich nach Gott fragt, und vor dessen Augen Gottes Taten nicht unbemerkt vorüberziehen; aber jedoch größer als alles dieses ist: zu beachten jedes Gesetz aus reinster Liebe, das an jemanden aus der ewigen Ordnung Gottes ergangen ist!
HG|1|120|5|0|Siehe, ein solches Gesetz hindert meine Zunge über Asmahael vor dir; daher begnüge dich vorderhand mit dieser Entschuldigung, und glaube aber fest, dass du noch eher, als die Sonne den Morgen wieder besuchen wird, den Asmahael von Angesicht zu Angesicht wirst kennenlernen!
HG|1|120|6|0|Freue dich dessen; denn Asmahael ist groß! Amen.“
HG|1|120|7|0|Und also begnügte sich auch der Enos und schwieg in sich gekehrt.
HG|1|120|8|0|Aber auch der Mahalaleel konnte nicht ruhen, sondern wandte sich an den Kenan und fragte denselben: „Höre, Vater! Du weißt es, dass wir doch schon so manches erlebt und durchlebt haben durch unsere ziemlich lange schon andauernde Lebensbahn; aber kannst du dich wohl von irgendwann erinnern, dass aufs Wort eines Menschen ohne nur irgendeine Zutat mit Händen etwas alsogleich geschehen ist?
HG|1|120|9|0|Du wirst mir vielleicht sagen: ‚Sohn, siehe, du faselst! Hat nicht heute erst eben unser Henoch für Asmahael den Tiger gebändigt und Adam seinem Rachen durch die Anrührung des Zunge Worte entlockt?
HG|1|120|10|0|Oder seit wann sind all die Tiere nicht unserem festen Willen untertan gewesen, und alles Gras, alle Pflanzen, Gesträuche und Bäume, ja im Notfall sogar alle Elemente?‘ Und ich sage darauf: O Vater! Alles dieses ist wohl alles ganz gewiss und wahr, und es kann weder dem einen noch dem anderen Teil nach auch nur im Geringsten widersprochen werden, – aber nicht ohne die Zutat unserer Hände oder manchmal auch der Füße mochte je von uns etwas bewirkt worden sein; und wenn dann schon etwas bewirkt wurde, so brauchte es immer doch einige Zeit, bis von der stummen Natur unser Wille, nicht selten von uns mit Händen und Füßen unterstützt, vollzogen wurde. Ist es nicht also bis auf ein Sonnenstäubchen wahr?
HG|1|120|11|0|Nun aber, wie verhält sich dieses alles beim Asmahael! Was ist in einem Augenblick durch sein Wort aus dem mächtigen Tiger geworden, und wohin hat sein Wort in mehr denn in der Schnelle eines Gedankens die Schlange, sie ganz zunichte machend, geschleudert?
HG|1|120|12|0|Wer hatte je dem Adam gepredigt, dass er sich dann gerichtet hätte vollends nach der Predigt? Wer zu ihm nicht bittend kam, der mochte wohl allzeit unverrichteter Dinge wieder heimkehren; selbst Henochs Wort schien ihm mehr zu gefallen der Tiefe und Weiche wegen, aber dabei weniger als ein weiser Maßstab des wahren Lebens zu dienen. Wenn aber nun der Asmahael irgendetwas redet, anordnet und befiehlt, so weicht Adam auch nicht mehr um ein Haarbreit davon ab und gehorcht ihm in allem blindlings samt all den übrigen Kindern und der Mutter Eva!
HG|1|120|13|0|Nach allem dem sage mir doch, lieber Vater, was du denn bei dir selbst von diesem Asmahael hältst!
HG|1|120|14|0|Ich halte ihn unfehlbar für mehr denn bloß einen Menschen, da seine Leistung alle menschliche bei weitem übertrifft; es kommt jetzt nur darauf an, für wen und was du ihn hältst! Amen.“
HG|1|120|15|0|Und der Kenan erwiderte seinem Sohn kurz also: „Mein Sohn, du hast in allem recht! Dass es also ist, hat wohl ein jeder gesehen; doch bleibe nach dem Willen Adams bis längstens morgen bei deiner eigenen Meinung, da du doch sicher nicht wollen wirst, samt mir dem Adam ungehorsam zu sein!
HG|1|120|16|0|Beschäftige dich im Herzen nur stets mit Asmahael, und du wirst Ihn bald enthüllt vor dir erblicken; denn fürwahr, Er ist dir nähergekommen, als du’s glauben möchtest!
HG|1|120|17|0|Daher glaube, vertraue fest und liebe! Amen.“
HG|1|121|1|1|Die Gefahren unreifer Redner und Lehre
HG|1|121|1|1|Am 22. Juli 1841
HG|1|121|1|0|Es fragte aber auch der sehr gerne redende Lamech seinen Vater Mathusalah, sagend nämlich: „Höre, Vater, so unsere Väter gar wohl miteinander heimlich Worte tauschen, während der Erzvater Adam solches doch gewisserart allen untersagt hatte, was meinst du denn, – sollen allein wir dieses Gebot unverbrüchlich halten, oder auch die Väter?
HG|1|121|2|0|Wenn ich aber übrigens nur einigermaßen recht verstanden habe, so deucht es mich, dass der Adam darinnen keinen Unterschied gemacht hatte. So aber dessen ungeachtet die Väter dennoch miteinander reden und verstehen jegliches Gebot doch besser denn wir, so bin ich der Meinung, dass darob auch wir unbeschadetermaßen miteinander so ganz stille könnten ein paar Worte wechseln, und zwar namentlich wegen Asmahael.
HG|1|121|3|0|Denn siehe, es fängt mich nun gar gewaltig im Herzen zu jucken an, über diesen Asmahael sich zu besprechen; ja fürwahr, es kommt mir wohl gar vor, als müsste ich ohne Unterlass von ihm zu reden anfangen.
HG|1|121|4|0|Ich sage dir, lieber Vater, dieser junge Mensch fängt an, mich ganz außerordentlich zu herzdrängen! Ja, er kommt mir immer unerforschlicher vor! Man sieht ihm so vom Gesicht gar nichts an, als wäre er so etwas Außerordentliches; aber wenn er zu reden anfängt und sein Wort dann schneller denn ein Blitz tatkräftig zu wirken anfängt, alsdann muss gewiss jedem ganz sonderbar zumute werden!
HG|1|121|5|0|Ich muss dir sagen, dass ich ihn schon so liebgewonnen habe, dass es mir nun auch schon gerade also vorkommt, als wäre mein Herz geradezu an das seine angewachsen!
HG|1|121|6|0|Siehe, also möchte ich denn stets plaudern von diesem lieben, jungen Asmahael!
HG|1|121|7|0|Siehe, wie anspruchslos und wie überaus demütig bescheiden er doch hinter uns mit dem alten, aber doch noch sehr munter scheinenden Abedam daherschreitet! Und siehe, wie wunderbar leicht er nur geht; ja manchmal kommt es mir wahrhaftig vor, als berührte er den Boden mit Seinen Füssen oft gar nicht!
HG|1|121|8|0|O Asmahael, du überholder, lieber Fremdling, wie unaussprechlich lieb bist du mir geworden!
HG|1|121|9|0|Möchtest du doch auch an meiner wie an Abedams Seite wandeln; wie unaussprechlich glücklich wäre dann ich!
HG|1|121|10|0|O Vater, vergebe mir, so ich dir etwa schon lästig geworden bin mit meiner Zunge! Aber was kann da ich darum?! Sagst du doch allzeit selbst: ‚Wo’s im Herzen brennt, da siedet es im Gefäß der Liebe, und im Mund fängt es dann an überzulaufen!‘ Siehe, also auch ist es nun bei mir!
HG|1|121|11|0|So du aber auch etwas reden möchtest, da rede nur zu, ich will dir gar gerne mein Ohr leihen; aber nur von Asmahael musst du reden! Amen.“
HG|1|121|12|0|Und der Mathusalah ermannte sich und sagte seinem Sohn folgendes: „Mein geliebter Sohn Lamech, höre, obschon es zwar wohl in der Ordnung ist, dass ein Vater belehrt seinen Sohn, entweder so er sieht, dass der unerfahrene Sohn Unkluges und vollends Unbescheidenes tut, oder der Sohn kommt bittend zum Vater, um sich aus dessen Erfahrungsvorratskammer etwas ihm Dienliches zu holen, –
HG|1|121|13|0|aber sage und begreife es wohl selbst, was etwa dann zu machen sein möchte, so der Sohn kommt zum Vater und bittet ihn, dass er ihm etwas geben möchte aus der Erfahrungsvorratskammer, der Vater aber alsdann zum Sohn sagen muss: ‚Lieber Sohn, siehe, in diesem Punkt sind unsere Kammern gleich alt, und es hat keine vor der anderen auch nur irgendeinen allergeringsten Vorzug, da unsere Augen zugleich an diesem heutigen Tag einen und denselben Asmahael zum ersten Mal auch ganz zu gleicher Zeit erschaut haben!
HG|1|121|14|0|Siehe, was du über diesen höchst merkwürdigen jungen Menschen zu reden weißt, ebendasselbe weiß auch ich; nur ist meine Zunge nicht also beugsam wie die deinige, um die inneren Gefühle über Asmahael dir gleich in wohlverständliche Worte zu wandeln und sie dann stromweise über die Lippen fließen zu lassen.‘
HG|1|121|15|0|Damit du aber deinen Vater doch nicht ganz umsonst über Asmahael zu reden sollst aufgefordert haben, siehe, darum ist mir gerade jetzt ein guter Gedanke in den Sinn gekommen, und dieser lautet also:
HG|1|121|16|0|Gott hat dem Menschen zwar wohl zwei Augen gemacht und zum Schauen der Außendinge gestellt, aber dessen ungeachtet sieht er mit zwei Augen nicht mehr als mit einem; beide aber doch erleichtern sich gegenseitig den Schaudienst. Also hat Er ihm auch gemacht zwei Ohren, zu vernehmen die Stimme der Außenwelt, und doch mag niemand mit diesen zwei Ohren mehr zu vernehmen als mit dem einen; nur unterstützt da auch das eine das andere. Also auch steht es mit dem Geruchssinn. Eines hilft dem anderen. Aber nur einen Geschmackssinn und nur einen Gefühlssinn hat Gott dem Menschen gegeben, damit er jedes für sich wohl unterscheidend schmecke und empfinde. Siehe, von diesen zwei letzten Sinnen steht jeder für sich unabhängig da! Also steht es auch mit dem Menschen. Das Schauen haben wir gemein wie das Hören und also auch die feinere Wahrnehmung oder den beschaffenheitlichen Eindruck, welchen die Dinge auf uns machen; aber was dann die Beurteilung eines Dinges anbelangt und die Empfindung, da hat ein jeder sein eigenes Feld, danach sich dann auch die Beurteilung und die daraus entstehende Empfindung bildet und artet.
HG|1|121|17|0|Siehe, gerade also auch steht es mit uns zweien! Wir haben beide dasselbe gesehen, beide dasselbe gehört und auch sicher beide ganz dasselbe am Asmahael wahrgenommen und gleichen in dem Punkt den Pflanzen und dem Gras, den Gesträuchen und den Bäumen, da alle auch dasselbe Licht, dieselbe Wärme und denselben Regen einsaugen. Aber wie sieht es hernach mit der inneren Verarbeitung und mit dem Produkt aus?
HG|1|121|18|0|Siehe, lieber Sohn, da waltet hernach ein gewaltiger Unterschied! Desgleichen auch steht es mit unserer inneren Auffassung, Beurteilung und Empfindung; sie kann gerecht, aber auch ungerecht sein, oder zeitig, oder aber auch zum Öftesten unzeitig. Warum aber sollen wir uns vor der Zeit verderben, so wir uns anstopfen möchten mit unseren unzeitigen Urteilen und unähnlichen Gefühlen daraus?
HG|1|121|19|0|Daher ist es vorderhand ja allzeit besser, dass wir diese neuen Pflanzungen in uns eher lassen zur vollen Reife gelangen und dann erst sehen, so wir in uns eine Vollreife gewahren, ob die Früchte den anderen auch werden wohlschmeckend und dann gedeihlich werden!
HG|1|121|20|0|Wer da redet über ein Ding, das in ihm noch zu keiner Reife gekommen ist, ist ein Tor; denn jede Rede ist eine Lehre, bald über dies und bald wieder über jenes. Welchen Nutzen aber wird ein unreifer Lehrer oder Redner stiften, oder wen wird er nähren wohl mit seinen unreifsten Früchten?! Oder welchen Segen wird er verbreiten mit seinen unzeitigen Pflanzen, von denen er noch selbst durchaus nicht weiß und auch nicht wissen kann, ob es reine oder unreine sind, vielleicht gar voll tödlichen Giftes?!
HG|1|121|21|0|Siehe, wieder also steht es mit uns! Der Same Asmahael hat in uns erst kaum einige schwache Würzlein getrieben; noch kennen wir weder das Blatt noch die Blüte und am allerwenigsten die Frucht – und doch möchten wir uns schon gegenseitig belehren!
HG|1|121|22|0|O Sohn, bedenke, was da für eine Lehre herauskommen möchte! Daher lehre ein jeder, das er sieht und hört und irgend wahrnimmt, dass da oder dort etwas ist oder nicht ist, und er hat da genug getan; alles andere lasse er stehen bis zur Reifezeit, da Gott ihn dann schon berufen wird, so in seinem Herzen eine edle Frucht zur Reife gediehen ist, dieselbe auszuteilen an die Brüder. Und ist die Frucht unedel, so wird es auch Gott am besten wissen, wozu sie tauglich ist; denn von Gott aus sind alle Dinge gut. Und darum wollen auch wir eher die Reife abwarten und dann erst reden! Amen.“
HG|1|122|1|1|Die Wurzel aller Weisheit ist Liebe und Demut
HG|1|122|1|0|Nach solcher Rede Mathusalahs an seinen Sohn Lamech aber befand sich alsbald Asmahael in ihrer Mitte und begann folgende Worte an sie zu richten, sagend nämlich:
HG|1|122|2|0|„Liebe Freunde, hört und versteht es wohl, was Ich euch nun mitteilen werde über eure Tauschreden: Seht und nehmt es an, es wäre irgendein Mensch, der sich da wohl verstünde in mancherlei Weisheit und vielfacher Wirkung daraus. In seiner Umgebung aber wären Menschen, die zwar alle beständig nach der Weisheit trachteten und dadurch nach all den Wirkungen aus derselben, könnten oder möchten aber zu nichts Tüchtigem gelangen, dieweil ihnen noch ganz fremd ist die Wurzel aller Weisheit darum, da sie sich verhängen lassen mit allerlei Weltbäumeästen die Augen und verstopfen ihre Ohren mit glatten Steinen, auf dass sie dann weder sehen noch hören möchten.
HG|1|122|3|0|Wenn denn nun dieser Mensch unter ihnen wirkte wunderliche Dinge aus seiner wahren Weisheit heraus, werden da die, die den Weisen umgeben, sich nicht alsbald untereinander zu fragen anfangen: ‚Aber wie mag er solches leisten, was uns Menschen rein unmöglich ist auch nur im Geringsten zu begreifen – von etwas Gleichem tun kann ohnehin nie eine Rede sein! – ? Wer ist dieser Mensch? Ist er von unten oder von oben? Woher hat er solche Macht? Kein Wort ist leer, sondern jedes eine vollbrachte Tat. Er redet wie aus eigener Macht und scheint bei alledem große Stücke auf sich zu halten. Was ist also an dem Menschen, da er zwar nur ist wie ein jeder aus uns, aber so er handelt, da handelt er ja rein, als wäre ihm vollkommen untertan alle Kraft und Macht Gottes?!‘
HG|1|122|4|0|Und nach solchen Fragen weiß dann keiner, was er aus sich und was er aus dem Weisen machen soll; soll er ihn fürchten oder lieben, oder soll er ihn fliehen oder ihm nachfolgen?
HG|1|122|5|0|Darunter sind dann einige voll Furcht, andere voll Liebe, andere wieder voll Neugierde und noch andere bei sich voll Zweifel und wieder andere voll Wunsch und Begierde, ähnliches zu tun, – aber ja nicht, ihm ähnlich zu werden in der Liebe und wahren Demut, was allein die wahre Wurzel aller Weisheit ist.
HG|1|122|6|0|Was meint ihr denn aber wohl? So dieser Weise sich dann aus seiner unweisen Umgebung welche auswählen möchte, welche werden es wohl sein, die da sein mächtig Wahlwort für seine Schule begehren möchte?
HG|1|122|7|0|Ich sage es euch, die sicher nicht, denen es an Mut gebricht; die Spektakelfreunde auch nicht; und auch nicht, die da fragen: ‚Was, wer und woher ist der, dem solche Dinge aufs Wort gelingen?‘; und nicht auch, die da sind voll Zweifel und haben nirgends eine Festigkeit, weder in den Füßen, noch in den Händen, noch im Kopf, noch im Herzen und noch in all den Eingeweiden und Gelenken; und wieder noch die Blinden und Tauben im Geiste; sondern lediglich jene nur, die da sind voll Liebe und Demut gegen Gott und sogar gegen ihre Brüder!
HG|1|122|8|0|Sehet, das alles ist vor euren Augen, und ihr erkennt es nicht!
HG|1|122|9|0|Ich aber sage euch, der Ich bin, der vor euch steht – glücklich seid ihr, da Ich unter euch wandle als allein Weiser vor aller Welt!
HG|1|122|10|0|Du, Mathusalah, ziehe an die Liebe deines Sohnes, und du, Lamech, ziehe an die Geduld deines Vaters, so werdet ihr den Fremdling bald mit ganz anderen Augen erschauen! Amen. Versteht es wohl, amen.“
HG|1|123|1|1|Die ‚Verdorrte Hand der Erde‘ wird zum Pfad
HG|1|123|1|1|Am 28. Juli 1841
HG|1|123|1|0|Während der Rede Asmahaels gelangten die Väter an eine große steinerne Wand, welche durch die verschiedenartigsten Einriffungen die wunderlichsten Formen darstellte, also, dass darob die Väter ihr schon seit langen Zeiten her den Namen ‚Verdorrte Hand der Erde‘ beilegten. Diese Wand schied die Kinder der Mitternacht von den Vätern, und man konnte von dieser Wandseite auf natürlichem Weg unmöglich in die mittnächtliche Gegend gelangen. Wer hernach dahin gelangen wollte, musste sich einen großen Umweg gefallen lassen; denn da musste er die ganze abendliche Gegend durchwandern und von da einen kreisförmigen, langen Gebirgsrücken durchziehen, der sich dann nach einem weitbeschriebenen Bogen mit der mitternächtlichen Gegend von Nordosten her verband.
HG|1|123|2|0|Allein dieser Weg war für die Väter fürs Erste zu weit, und da sie jetzt schon an die Wand gelangt waren, war solches für diesen Moment so gut wie unmöglich; denn da hätten sie sich wieder zuerst müssen gen Abend begeben und von da erst über den weitgedehnten Gebirgsrücken.
HG|1|123|3|0|Allein die Väter waren nun einmal an die Wand gelangt und konnten nun keinen Schritt mehr weitermachen; daher fing nun, von Adam angefangen, einer den anderen zu fragen an, was da wohl zu machen sein werde, um die Kinder der Mitternacht fürs Erste über den nächst bevorstehenden Sabbat zu benachrichtigen, und fürs Zweite ihnen die schon im Abend bewirkte Freiheit wieder zurückzugeben und sie auf diese Art wieder loszumachen vom harten Joch eines sie überstark drückenden Gesetzes.
HG|1|123|4|0|Hier war nun ein guter Rat unter den Vätern etwas teuer; denn für diesmal half auch das Hinabschreien und Steinewerfen nichts. Denn es fing soeben ein heftiger Wind an zu toben, wie es gewöhnlich auf hohen Bergen um die nahe Mitte des Tages zu geschehen pflegt zufolge der Sonnenstrahlenwende und der dadurch bewirkten Erdüberatmung, und da half also kein Schreien etwas. Und das Steinewerfen musste als Signal der Gegenwart der Väter aus demselben Grunde unterbleiben; denn wozu wäre solches gut gewesen, wenn darauf an die dadurch aufmerksam gemachten Kinder kein vernehmbares Wort gerichtet werden konnte?
HG|1|123|5|0|Und also standen die Väter da, nicht viel besser wie die sogenannte ‚Verdorrte Hand der Erde‘ selbst, und keiner wusste dem anderen weder zu raten noch zu helfen, und keiner konnte sich in dieser Verlegenheit auch leichtlich erinnern, wie nahe ihnen Der war, dem alle Dinge gar überaus leicht möglich sind; nicht einmal der Henoch konnte sich zeitlich genug finden.
HG|1|123|6|0|Abedam aber fragte nach einer kleinen Weile den Asmahael in der Stille, sagend: „Herr, der Du über jeden Namen, von einer menschlichen Zunge gebildet und ausgesprochen, zu unendlich erhaben bist und heilig, über alles heilig, kann ich allerschwächster Wurm vor Dir im Staube des Staubes nach Deiner allergnädigsten Zulassung etwas tun, o so gebiete es mir gnädigst; denn ich bin vollkommen bereit, auf Dein Wort über diese bei fünfhundert Mannshöhen hohe Wand zu den Kindern der Mitternacht hinabzuspringen und ihnen dann alles mündlich zu sagen, was immer die Väter an sie zu benachrichtigen und ihnen zu verkündigen haben.
HG|1|123|7|0|Denn siehe, Du unaussprechliche, ewige Liebe, Du mein Gott und Du mein Alles, Dein Wort trägt die ganze unendliche Schöpfung in all ihrer Größe und unendlichen Schwere; wie soll es mich zugrunde gehen lassen können, der ich doch nur ein allerwinzigstes Stäubchen gegen die Erde selbst bin?!
HG|1|123|8|0|Daher nur ein Wort von Dir, und ich bin vollkommen bereit, es zu erfüllen! Und sollte es mich auch des Leibes Leben kosten, so bin ich in meinem Herzen zu sehr überzeugt, dass es unendlichmal besser ist, in Deinem Wort am Leibe zu sterben, ja einen tausendfachen Tod zu erleiden, als ohne dasselbe eben tausendfältig zu leben!
HG|1|123|9|0|Doch, Herr, nicht mein, sondern allzeit und ewig geschehe nur Dein allerheiligster Wille! Amen.“
HG|1|123|10|0|Nachdem aber Asmahael solchen hohen Liebesantrag von Seiten Abedams vernommen hatte, sah Er ihn gar liebevoll an und richtete laut folgende Worte an ihn, sagend nämlich:
HG|1|123|11|0|„Abedam, wahrlich, wahrlich sage Ich dir, auf der Erde gibt es keinen zweiten mehr, der dir gliche im Glauben und in der Liebe! Henoch ist groß in der Liebe und Demut und hat darin gefunden schon hier die Unsterblichkeit; doch größer ist der, der durch den Tod das Leben erwirbt, als wer dasselbe gewinnt durch das Leben selbst, – größer der, der sein Leben lässt zum Wohle seiner Brüder und Väter, als wer dieselben nur durch lebendige Worte aus Mir zu beleben strebt. Denn es ist leichter, andere zu unterweisen, als für andere sein Leben zu lassen!
HG|1|123|12|0|Wahrlich, wahrlich aber sage Ich dir, Abedam: Wer da je des Leibes Tod finden wird in Meinem Namen und in Meinem Wort, der hat das ewige Leben mit großer Heldengewalt an sich gerissen und ist vollkommen eins mit Mir geworden!
HG|1|123|13|0|Allein du, Mein lieber, starker Abedam, siehe, die Zeit, in Meinem Namen oder Wort des Leibes Leben zu lassen, ist noch nicht herbeigekommen, und so sei dir dein unerschütterlicher Wille als ein vollkommen vollbrachtes Werk angerechnet; denn du selbst hast es in deinem Herzen wie aus dir selbst im Glauben, Vertrauen und in aller Liebe zu Mir so gut wie vollends vollbracht. Und darum hast du Mich auch schon ganz gefunden und wirst von nun an ewig nimmerdar von Meiner Seite weichen!
HG|1|123|14|0|Aber nun siehe auch, lieber Abedam, Ich habe ja noch andere Mittel, um die schwachen Väter aus dieser Not zu befreien, und kann daher deines Opfers in der Tat leichtlich entbehren! Wohl aber dir, Abedam, dass du Mir treu in deinem Herzen ein solches Opfer gebracht hast! Ich sage dir, du hast Ahbel übertroffen, der nur einmal ist getötet worden, während du den tausendfachen Tod in Meinem Namen nicht verschmähen wolltest; daher sei dir ein tausendfaches Leben in Mir!
HG|1|123|15|0|Damit du aber auch ein Wort von Mir empfängst, nach deinem Willen etwas zu tun in Meinem Namen, so gehe hin zum Henoch und heiße ihn zu Mir kommen; denn Ich habe ihm etwas Notwendiges vor all den Vätern zu sagen. Denn so er Mich liebt, muss er ja doch eher zu Mir kommen, auf dass Ich ihn erst dann vollends aufnehmen kann und er dann eins werde in der Liebe zu Mir und allem Leben daraus, da er dadurch erst werde ein Held gleich dir und vollziehe dann im Angesichte der Väter Meinen Willen. Amen.“
HG|1|123|16|0|Und der Abedam ging hin zum Henoch und verkündigte ihm Asmahaels Willen.
HG|1|123|17|0|Henoch aber begab sich alsogleich hin zum Asmahael und sagte: „O Herr! Sehe mich Schwächsten gnädigst an, und jede Fiber meines ohnmächtigen Wesens sei Dir, mein Gott und mein Herr und mein überheiliger, ewiger Vater, ewig willensuntertan! Amen.“
HG|1|123|18|0|Und der Asmahael ergriff die rechte Hand Henochs und sagte dann laut zu ihm: „Henoch! Der dir diese Hand geschaffen hat aus nichts, der stärke sie jetzt dir im Angesichte der Väter. Gehe nun hin an die ‚Verdorrte Hand‘ und belebe die tote, auf dass sie uns zur weichen Brücke werde und zu einem ebenen Pfad zu denen, die da unserer Hilfe am meisten bedürfen; denn nicht der Gesunden, sondern der Kranken willen bin Ich unter euch! Amen.“
HG|1|123|19|0|Und der Henoch ging alsbald hin an die Wand und gebot ihr, zu weichen und zu werden zu einem ebenen Pfad zu denen, die da unten schmachten und der Hilfe am meisten bedürfen.
HG|1|123|20|0|Und siehe, alsbald stürzte die Wand zusammen, und der ebene Pfad war fertig!
HG|1|123|21|0|Es ergriff aber all die Väter ein tiefer Schauer vor des Asmahael unendlicher Macht. Jedoch Asmahael belebte sie von neuem, und alsbald fingen sie in ihrem Herzen an, Gott zu preisen, und lobten dessen Namen ob solcher großen Wundertat, und reisten dann getrost weiter.
HG|1|124|1|1|Adam fragt nach den Kindern der Mitternacht
HG|1|124|1|1|Am 29. Juli 1841
HG|1|124|1|0|Die Väter gelangten nun gar bald zur mitternächtlichen weit ausgedehnten Wohngegend. Adam segnete nach der Sitte dieselbe und dann all die Hauptstammkinder, worauf sich dann alle zu einer kurzen Ruhe niederließen.
HG|1|124|2|0|Als sie aber darauf schon bei einer halben Stunde gerastet hatten, siehe, da fing es sie alle überaus hoch zu wundern an, dass sich während dieser Zeit auch nicht eines der Mitternachtkinder irgend erschauen ließ. Und alsbald beschied Adam den Henoch zu sich und fragte ihn um den Grund, sagend nämlich:
HG|1|124|3|0|„Henoch, indem dich der Asmahael also gekräftigt hat in unser aller Angesicht, dass sich die ‚Verdorrte Erdhand‘ vor deines Wortes Hauch beugen musste, siehe, es sind keine Kinder hier! Wo sind sie hin?
HG|1|124|4|0|Hat sie vielleicht die zusammenstürzende Wand begraben und also alle samt und sämtlich getötet? Oder sage, so es dir möglich ist, wohin sind sie gezogen, oder was da mag geschehen sein mit ihnen allen?
HG|1|124|5|0|Denn siehe, die Gegend sieht wahrlich aus, als hätte erst vor kurzem der schmähliche Tod unter ihnen ein allgemeines Erntefest gehalten!
HG|1|124|6|0|Ich möchte darüber wohl den Asmahael (Herrn) fragen; allein wahrlich, dazu fehlt mit manchen anderen mir der Mut ganz und gar. Denn wenn ich bedenke, wer hinter dem Asmahael verborgen ist, und wieder, was und wer ich bin, da versagen mir alsbald die Zunge und Lunge ihren Dienst, und ich vermag dann beinahe kein Wort mehr herauszubringen. Überdies sagt mir aber auch noch mein Herz: ‚Was willst du denn den allwissenden Gott fragen, als wenn Ihm etwa irgendetwas fremd sein sollte, das da insgeheim vorgeht in dir?! Hat Er nicht von Ewigkeit her deine Gedanken geordnet, lange zuvor schon, als Er dich noch zu einem gedankenfähigen Wesen aus Seiner unendlichen Liebe und Erbarmung bildete?!‘
HG|1|124|7|0|Siehe, lieber Henoch, darum vermag ich nicht, was ich nun gar überaus gerne möchte! Tue daher du, was ich nicht mehr kann! Weißt du aus dir vom Asmahael aus etwas, so beruhige mich und all die übrigen damit; sieht es aber auch in deinem Herzen aus wie in meinem, da wende dich nur alsbald an den Asmahael, – Der wird uns alle sicher auch aus dieser großen Verlegenheit und Angst allergnädigst und überbarmherzig erlösen! Amen.“
HG|1|124|8|0|Und als der Henoch solches vom Adam vernommen hatte, verneigte er sich vor ihm und wollte hineilen zum Asmahael und Selben von des Adam Anliegen benachrichtigen, da ihn die menschenlose Gegend selbst ganz gewaltig wundernahm. Allein er hatte noch kaum den ersten Fuß gehoben, so war den beiden auch schon der Asmahael zuvorgekommen und stand schon ganz wortfertig in ihrer Mitte und begann folgende Worte an sie zu richten, sagend:
HG|1|124|9|0|„O Adam! Meinst du denn in deinem Herzen, darin dein sehr geschwächter Geist wohnt, der Herr sei wie ein König der Tiefe oder sei dir gleich, darum es dann viel Wesens bedürfe, um zu Ihm zu gelangen?! Siehe, Ich habe keine Wachen vonnöten und keine Türwärter und auch nicht rangmäßig geordnete, erstgeborene Hauptstammkinder, durch welche erst jemand bei Mir sollte eingeführt werden; auch verlange Ich nicht, dass jemand vorher bei einer Stunde lang vor Mir auf seinem Angesicht liegen soll, auf dass er dadurch würdig werden möchte, sich alsdann aufzurichten vor Mir, seinem Gott und Schöpfer, sondern alles, was Ich liebend verlange, ist ein treues, zu Mir gewendetes, liebevolles und demütiges, durch Reue geläutertes Herz, und mit einem solchen hat vor Mir kein Mensch einen Umweg vonnöten, da Ich ihm doch sicher allzeit noch dazu der ohnehin Allernächste bin und sein muss! Und wäre es nicht also, wer möchte da wohl auch nur einen allerschnellsten Augenblick lang sein Leben zu erhalten, dieweil ja doch alles Leben zuallermeist und am allerknappsten aus Mir ist und auch ewig nimmer von irgendwo anders her sein kann!
HG|1|124|10|0|So du dich aber fürchtest, den allwissenden Gott um etwas zu fragen, wie ist’s denn hernach, dass der Allwissende Sich nicht scheut, euch um so manches zu fragen eurer selbst wegen, auf dass ihr erwachen möchtet?
HG|1|124|11|0|Ich meine aber, dass im Falle einer Unkunde der Unwissende mehr Ursache hat, sich fragend an den Allwissenden zu wenden, als der Allwissende an den Unwissenden.
HG|1|124|12|0|Wenn also Ich euch frage, die ihr Antwortlose seid, so wird es wohl auch nicht gefehlt sein, so ihr Mich fragt um das, was ihr nicht wisst, aber doch überaus gerne wissen möchtet!
HG|1|124|13|0|Siehe, Adam, Mir ist gar wohl bekannt deine Not! Du fragst nach den Kindern der Mitternacht und möchtest gar wohl gerne erfahren, wohin diese gekommen; allein für diesen Augenblick sage Ich es dir nicht, sondern du musst sie suchen und suchen lassen. Und hast du dann niemanden gefunden, sodann erst komme zu Mir und frage Mich, und Ich werde dich dann zu den Kindern führen; denn das Verlorene muss zuvor gesucht werden! Amen.“
HG|1|125|1|1|Adam lässt die Kinder der Mitternacht suchen
HG|1|125|1|0|Adam aber erwog diese mächtigen Worte gar wohl in seinem Herzen, dankte Mir dann voll Reue und Inbrunst in seinem Herzen und berief dann alsbald mit Ausnahme des Seth, des Henoch und natürlicherweise des Asmahael alle anderen Anwesenden zusammen und sagte zu ihnen:
HG|1|125|2|0|„Hört ihr alle, meine Kinder, mir gegeben von Gott dem Leibe und der Seele nach, doch jegliches mit einem freien Geist aus Gott! Wir sind hierher gelangt sehnsüchtig, um ein neues, freies Leben zu bringen diesen Kindern, die da durch die hohe, tiefe und schauderhaft zerklüftete, weithin ausgedehnte ‚Verdorrte Erdhand‘ von uns schroff geschieden waren, so dass wir darüber nicht zu ihnen und sie aber auch nicht zu uns gelangen konnten. Wenn wir dann und wann durch die Felsenriffe hinabblickten in die tiefen Ebenen, so entdeckten wir dieselben nicht selten wimmelnd von Kindern und Kindern; und so es windstille war, konnte Kenans starke Stimme ihnen meinen Willen sogar bekanntmachen, dass dann die Ältesten den weiten Umweg nicht scheuten und kamen mit ihren Opferfrüchten noch vor dem Sabbat und seufzten dann vor meiner Hütte, dass sie mich nur einen Augenblick möchten zu Gesicht bekommen.
HG|1|125|3|0|Allein jetzt bin ich und noch Jemand Anderer selbst auf eine wunderbare Art zu ihnen herabgekommen, und seht, – auch nicht eine menschlich allerleiseste Spur ist irgendwo zu entdecken!
HG|1|125|4|0|Daher ist es nun an euch alle von Gott aus mein Wille, dass ihr alsogleich nach allen Richtungen von hier wegeilt und sie sucht bei einer Stunde lang. Und habt ihr da jemanden gefunden, so bringt ihn alsbald hierher, damit er uns Kundschaft gebe von all den übrigen! Und habt ihr niemanden gefunden, alsdann kehrt eben nach der zum Suchen bestimmten Stunde alsbald zurück hierher, auf dass wir alle dann eine höhere Weisung erhalten möchten von dem Einen, was da zu tun und fernerhin zu unternehmen sein wird!
HG|1|125|5|0|Und nun eilt und vollzieht, das euch nun bedeutet ward! Jehovas und mein Segen mit euch allen! Amen.“
HG|1|125|6|0|Und alsbald eilten die Beorderten flugs hinweg nach allen Richtungen und fanden überall eine Menge leerer Wohnstätten mit allerlei hinterlassenen Gerätschaften, auch eine Menge freier Haustiere und allerlei schon geerntete und gesammelte Früchte, – aber neben allem dem auch nicht ein menschliches Auge, geschweige erst irgendeinen Menschen! Und als die Suchenden nach einem gut halbstündigen Suchen niemanden zu finden vermochten, fingen sie an, nach allen Richtungen überlaut zu schreien und zu rufen einen und den anderen Namensbekannten bei dessen Namen. Allein es war alles eine vergebliche Mühe; denn sie vernahmen nichts als den fernen, sich an den Felswänden brechenden Widerhall ihres eigenen Rufes, und das Hinabrauschen und -sausen desselben in die tiefen, finsteren Gebirgsgräben.
HG|1|125|7|0|Einige von ihnen bestiegen sogar einige näher liegende Hügel, um von da vielleicht irgendwo einen säumenden Flüchtling zu erspähen. Allein auch da war ihre Mühe rein vergeblich; denn an ihr emsig spähendes Auge gelangte kein Strahl irgendeines säumend flüchtigen Bruders, und auch ihre Ohren konnten bei allergespanntester Aufmerksamkeit nichts anderes erlauschen als nur das einförmige, dumpfe Getöse der durch die tiefen Gräben stürzenden Gebirgsbäche.
HG|1|125|8|0|Und also verfloss die kurze Suchstunde, und die Kinder kehrten traurig unverrichteter Dinge nach Hause oder vielmehr dahin zurück, da Adam sehnsüchtigst ihrer harrte.
HG|1|125|9|0|Als sie sich der Ruhestelle näherten, musterte Adam sorgfältig die Nahenden, um etwa in ihrer Mitte jemand Gefundenen zu erschauen; allein die immer näher und näher Kommenden konnten nur auch deutlicher und deutlicher also erkannt werden, dass sie die allein Zurückkehrenden waren.
HG|1|125|10|0|Da wurde Adam traurig und fing an, laut zu weinen und zu klagen.
HG|1|126|1|1|Asmahael sendet Henoch aus
HG|1|126|1|1|Am 5. August 1841
HG|1|126|1|0|Und als die ausgesandten Suchenden unverrichteter Dinge nun vollends wieder zurückgekehrt waren und allda erzählten, wie sie überall nichts als nur leere Hütten mit einigem Hausgerät, Haustieren und fast allen Fruchtvorräten angetroffen hätten, aber nirgends eine Spur von einem Menschen, da schlug Adam über dem Haupt seine Hände zusammen und sprach mit lauter Stimme:
HG|1|126|2|0|„Gerechter, großer, erhabener Gott! Wohin hast Du sie geführt? Oder hat sie die Erde verschlungen, oder was ist mit diesen meinen Kindern geschehen?
HG|1|126|3|0|Sind sie noch irgendwo? Oder sind sie gänzlich vernichtet? O Gott, Du Gott voll Liebe und Erbarmen, habe Mitleid mit mir, dem schwachen Urgeist der Erde!
HG|1|126|4|0|Hast Du sie getötet, da kannst Du ja auch wohl mein Herz töten, damit es nicht verschmachtend diese unerträgliche Trauerlast tragen müsse, unter welcher es ohnehin erliegen muss, wenn da nicht Licht mir gegeben wird über die, welche meine große Torheit geschieden hat, und hat sie getrieben hierher in diese mitternächtliche Gegend, in der sie offenbar zugrunde gegangen sind!
HG|1|126|5|0|O Asmahael, Asmahael! Wo bist Du, Mächtiger? Komme, o komme; denn noch nie, wie jetzt, hat sich mein Geist, der ich selbst es bin von Dir aus, nach Dir, Du Heiliger, gesehnt!
HG|1|126|6|0|O säume nicht, sondern komme alsbald zu mir schwachem Urgeist dieser Deiner weiten Erde und helfe mir in meiner großen Angst und übergroßen Traurigkeit! Amen.“
HG|1|126|7|0|Und siehe, alsbald stand Asmahael vor Adam und fragte ihn ernst: „Adam, du Blinder, was willst du, dass Ich dir tun soll?“
HG|1|126|8|0|Und der Adam erwiderte: „O Herr, so ich blind bin, dass ich sehen möchte und sehen die, welche da verlorengegangen sind entweder auf die eine oder auf die andere Art und Weise!“
HG|1|126|9|0|Und der Asmahael erwiderte dem Adam: „Siehe, du hast ausgesandt deine Kinder, zu suchen ihre Brüder, und sie fanden niemanden! Nun will Ich den Henoch aussenden, und wir wollen sehen, ob auch er leer zurückkehren wird; und sollte er das, alsdann will Ich Selbst als der letzte Bote ausgehen und rufen alle die Schaffe zusammen, und du kannst versichert sein, dass die Schafe des rechten Hirten Stimme erkennen werden, zu Ihm eilen und dann freudig um Ihn einherhüpfen!
HG|1|126|10|0|Und du, Henoch, eile nun hinaus mit starker Stimme, und rufe: ‚Brüder, hört! Euer Vater Adam ist zu euch herabgekommen, auf dass er euch mir gleich frei mache von jeglichem Joch und euch auch zeige eine neue, mächtige Brücke, über die ihr auf dem kürzesten Weg zu dessen geheiligten Vaterheimat gelangen könnt, um da schon morgen mitzufeiern den heiligen, freien Sabbat des Herrn!‘
HG|1|126|11|0|Solchen Ruf lasse dreimal ergehen! Wer darauf erscheinen wird, den führe hierher, und wer da nicht erscheinen wird, an dem werde erst dann Ich Meine Stimme versuchen, und wir werden dann zählen und sehen, ob noch jemand fehlen wird; und es wird dann sein dieses zu einem Zeichen, durch wen die Verspäteten sollten eingeladen werden in der letzten Zeit der da kommenden großen Trübsal ins heimatliche, große Vaterhaus!
HG|1|126|12|0|Und jetzt eile und tue, wie Ich dir geraten habe! Amen.“
HG|1|127|1|1|Drei alte Söhne Adams folgen dem Ruf des Henoch
HG|1|127|1|0|Und der Henoch eilte hinaus und tat, wie es ihm geraten ward vom Asmahael.
HG|1|127|2|0|Als er zum ersten Mal rief, da erschien alsbald ein alter Sohn Adams, aus irgendeinem Erdwinkel hervorkriechend, und fragte: „Henoch, du Sohn Jareds, habe ich dich recht verstanden, so will ich dir auch folgen!“
HG|1|127|3|0|Und der Henoch entgegnete ihm: „Also will es, der deiner und aller deiner Kinder harrt, und so ist dein Verständnis ohne Irre!
HG|1|127|4|0|Ich muss aber noch zweimal rufen, und du wirst dich dabei gar wohl von des ersten Rufes Klarheit überzeugen!“
HG|1|127|5|0|Und also rief der Henoch zum zweiten Mal. Auch auf diesen Ruf erschien nur ein alter Sohn Adams und fragte den Henoch gleich dem ersten und bekam aber auch gleich diesem eine gleichlautende Antwort.
HG|1|127|6|0|Und bald darauf tat Henoch den dritten Ruf. Aber auch auf diesen letzten, stärksten erschien eben auch nur ein alter Sohn Adams und fragte den Henoch gleich den beiden ersten.
HG|1|127|7|0|Henoch aber entgegnete ihm: „Folge meinem Ruf, und du wirst dich bald überzeugen, woher der Ruf und woher die Stimme zu deinen Ohren gedrungen ist!
HG|1|127|8|0|Die Stimme zwar ist die Stimme des Henoch; aber der Ruf ist von oben!
HG|1|127|9|0|Und nun forscht nicht weiter, sondern folgt mir behände und sagt es mir auch nicht, wo eure Kinder und Weiber sind; denn es wird sogleich nach mir ein anderer Rufer folgen, dessen Stimme alle eure Kinder und Weiber als die alleinig rechte erkennen werden.
HG|1|127|10|0|War auch mein Ruf ein rechter Ruf von oben, so war es aber doch eine fremde Stimme, die ihn rief; daher haben auch nur wenige sich danach gerichtet. Wenn aber da erschallen wird ein Ruf und eine und dieselbe Stimme des großen Rufenden, dieses rechten Rufes Stimme wird dringen in die Tiefen der Erde; und da wird es keinen Toten oder Lebendigen irgend mehr geben, der da nicht alsbald die wahre Stimme des alleinig wahren Rufers als vollends wahr erkennen möchte, und es wird Ihn auch keiner fragen, wie ihr mich, sondern jeder wird folgen Seiner Stimme entweder so oder so.
HG|1|127|11|0|Und nun lasst uns eilen, da euer der Vater harrt! Amen.“
HG|1|128|1|1|Adams Freude über seine drei ältesten Kinder
HG|1|128|1|0|Und also eilten die vier behände zur bekannten Stelle. Und als der Adam den Henoch mit den drei alten Kindern herannahen sah, da fing sich sein Angesicht an etwas aufzuheitern; und also fing er auch an, Mich zu lobpreisen und Mir überaus zu danken darum sein Auge doch noch einmal von Mir gewürdigt worden war, zu schauen seine nach Kahin und Ahbel ältesten Kinder: den Jura, den Bhusin und Ohorion.
HG|1|128|2|0|Und während der Adam also dankbar seufzte in seinem Herzen, waren die vier auch schon vollends bei Adam angelangt. Und der Henoch verneigte sich vor Adam, und die anderen drei aber fielen auf ihre Angesichter vor Adam, wie sie es schon von uralters her gewohnt waren. Allein der Adam beschied alsbald den Seth, sagend nämlich:
HG|1|128|3|0|„Seth, mein Sohn, siehe deine ältesten Brüder und nun meine ältesten Kinder! Helfe ihnen von der Erde, und führe sie her an mein Herz, und sage ihnen auch zugleich: ‚Der alte Vater Adam ist kein Gebieter mehr, sondern er ist nunmehr ein Vater, dessen Arme sogar imstande wären, liebend den Kahin ans Herz zu ziehen, geschweige erst seine alten Kinder und Mitgenossen arger Zeiten!‘
HG|1|128|4|0|Sage ihnen auch, dass nicht nur das verlorene Paradies wiedergefunden ist, sondern unendlichmal mehreres, Größeres und unaussprechlich erhabener Herrlicheres! Und nun gehe und handle! Amen.“
HG|1|128|5|0|Und der Seth begab sich alsogleich hin und richtete sie liebend auf und richtete ihnen das Wort Adams aus, darüber die drei alten Kinder vor Freude zu weinen anfingen. Und der Jura sagte zu Seth: „O du mein geliebter Bruder! Wie unaussprechlich glücklich bin ich, und also auch wir alle drei, dass wir dich noch einmal sehen dürfen, und unseren so hoch geliebtesten Vater!
HG|1|128|6|0|Siehe, lieber Bruder, wie alt und mühselig wir geworden sind seit der langen Zeit unserer schuldigen Verbannung!
HG|1|128|7|0|O Du großer Jehova, Dank, ja ewiger Dank sei Dir allein; denn Du allein hast es sicher also gemacht und unseres hochgeliebten Vaters Herz erweicht, auf dass wir wieder zu dessen Gnade aufgenommen nun allhier werden.
HG|1|128|8|0|Daher ewiger Dank und Preis Dir, o Jehova! Und so auch Dank dir, du lieber Bruder! Führe uns nun hin zum alten Vater!“
HG|1|128|9|0|Und der Seth führte sie hin, und der Adam segnete sie und drückte sie dann an sein Herz und sagte ganz gerührt: „O meine Kinder, wie glücklich ist nun euer Vater Adam!
HG|1|128|10|0|O Asmahael! Wo ist der, der Dich zu preisen vermöchte; denn Deine Güte ist unendlich, und Deine große Liebe währt ewiglich!“
HG|1|128|11|0|Als aber der Adam sich ein wenig von seiner Liebe erholt hatte, da trat alsbald Asmahael zu ihm, sagend: „Adam! Gewahrst du es nun, was mehr wert ist: das Gesetz oder die Liebe?“
HG|1|128|12|0|Adam aber konnte vor Rührung nichts sagen als: „O Du, dessen Namen meine Zunge nicht mehr wagt auszusprechen, Du bist mehr, ja unendlichmal mehr, als alle Ewigkeiten erfassen mögen! Dir allein sei Dank, Lob, Ruhm, Preis, und alle meine Dich ewig anbetende Liebe dafür! Amen.“
HG|1|129|1|1|Asmahaels Rede über die Liebe Gottes
HG|1|129|1|1|Am 7. August 1841
HG|1|129|1|0|Nach diesen Worten Adams aber trat alsbald der Asmahael vor die drei neu Angekommenen hin und redete folgendes mit ihnen: „Hört, ihr drei, – du, Jura, du, Bhusin, und du, Ohorion!
HG|1|129|2|0|Wer ist wie eine Fliege voll Kleinmut und voll Furcht wie eine Taube und ängstlich wie eine Erdmaus, darum er dann bei der leisesten Annäherung auf- und davonfliegt und bei dem geringsten Geräusch ins Dickicht der Wälder flieht und, so irgend ein paar Steinsplitter herabfallen ins Tal, sich ängstlich verkriecht in die Löcher der Erde?!
HG|1|129|3|0|Meint ihr denn, Jehova sei so schnell mit dem Tode Seiner Kinder zur Hand, so Er irgend ein paar Steine übereinander fallen lässt?
HG|1|129|4|0|Hätte Er Freude am Töten, so hätte Er schon von Ewigkeit her solche gehabt; und wäre Er auf diese Art ein Freund des Todes, wahrlich, ihr könnt versichert sein, da hätte Er auch ganz sicher nicht nur keine Erde, keinen Mond, keine Sonne und keine Sterne mit all ihren großen Schöpfungswundern, sondern auch nicht einmal ein Sonnenstäubchen erschaffen!
HG|1|129|5|0|Da aber Jehova, wie ihr seht aus all dem, das euch umgibt, das nicht ist, sondern gerade nur das allerblankste Gegenteil, somit der größte Freund des Lebens – ja das also zwar, dass Er ganz allein das ewigste und allereigentlichste Leben Selbst ist, alles aber, was da lebt durch Seinen Odem, lebt aus Ihm –, darum auch ist die ewige Liebe Selbst und zieht daher ewig alle Seine Werke nur zu Sich, und alle Geschöpfe haben ihre weise gerichtete Ordnung, die Kinder aber sind frei in ihrem Wollen und Tun und sind in nichts gebunden, außer dass sie leben müssen, und das darum, dieweil Jehova ein Freund des Lebens, aber nicht des Todes ist, so ist es auch besonders von der Seite Seiner Kinder hinsichtlich der schnellen Tötung nicht eben gar zu viel zu besorgen, besonders für jene, die den überaus guten, großen, heiligen Jehova treu lieben wie ihr und alle ihre Hoffnung auf Ihn gelenkt haben!
HG|1|129|6|0|Seid daher nun guten Mutes und habt keine törichte Furcht mehr; denn hätte euch Jehova töten wollen, wie wärt ihr so alt geworden, als ihr schon seid?!
HG|1|129|7|0|Allein es wird dereinst noch eine Zeit kommen auf der Erde, da eure Nachkommen auf der Erde nimmerdar so viele Jahre zählen werden wie ihr, bis zum Ende ihres Probeleibeslebens, und es werden doch viele sein aus ihnen, die den Jehova noch viel mehr lieben werden denn ihr jetzt. Ja, in jenen Zeiten werden den Eltern sogar Kindlein von der Mutterbrust genommen vom Jehova, und der Eltern werden darob viele trauern und in ihrer Traurigkeit doch dem Jehova lobsingen und Ihm alles aufopfern und dabei nicht denken gleich euch, Jehova sei einer, der da Freude hat am Töten!
HG|1|129|8|0|Seht, solches war ein grober Fehler von euch; für die Zukunft aber schärft euer Vertrauen und lasst wachsen eure Liebe zu Jehova, dann werdet ihr über brennende Weltentrümmer sicheren Fußes wandeln! Denn mächtig ist der Arm Jehovas, und die Er ergreift und führt, denen werden zugrunde gehende Welten nichts zuleide zu tun vermögen wie auch keine Macht, die Er preisgab bis zur bestimmten Zeit ihrer eigenen prüfenden Freiheit, welche ist die wohlbekannte Macht der Schlange.
HG|1|129|9|0|Nun aber verharrt über ein Kurzes hier im Frieden, bis Ich wiederkomme; denn nun gehe Ich als letzter Bote, zu holen eure Kinder, um sie zu bringen hierher allesamt, damit auch sie erfahren und erkennen sollen, wie überaus gut und voll Liebe der von euch töricht gefürchtete Jehova ist!
HG|1|129|10|0|Ja, es ist fürchterlich der Zorngrimm Gottes! Dieser ist ein ewiges Feuer, das nimmer erlöscht; aber Gott hatte dessen ungeachtet doch alle Seine Macht gelegt in die Liebe, aber keineswegs in Seinen Zorngrimm, der da ewig untertan ist der ewigen Liebe, welche allein auch ist das ewige, freieste Leben in Ihm!
HG|1|129|11|0|Solches überdenkt derzeit, bis Ich wiederkomme! Amen.“
HG|1|130|1|1|Asmahael führt eine große Menschenmenge zu Adam
HG|1|130|1|0|Und alsbald verließ Asmahael die ganze Gesellschaft und eilte wie ein feuriger Blitz davon.
HG|1|130|2|0|Und als er entschwunden war ihren Augen, da fing ein jeder bei sich an, den großen Gott zu preisen. Die drei aber richteten ein Wort fragend an den Adam und sagten:
HG|1|130|3|0|„O lieber, hoher Vater! Siehe, die Rede dieses soeben weggeeilten jungen Menschen hat uns einerseits überaus wohlgetan; andererseits aber war doch wieder deren unbegreifliche Erhabenheit gleich einem Feuerbrand, welcher imstande wäre, die ganze Erde in Brand zu stecken! O sage uns, wer und woher ist dieser Mensch; denn solche Worte sind noch nie zu unseren Ohren gedrungen! Wahrlich wahr, dieser Mensch kann unmöglich von dieser Erde sein!
HG|1|130|4|0|Kann es sein, o Vater, lasse uns nicht in der Ungewissheit! Dein Wille! Amen.“
HG|1|130|5|0|Und der Adam entgegnete: „O Kinder, denkt nach; Er hat es euch schon soviel wie Selbst gesagt! Auf weiteres harrt Seiner! Amen.“
HG|1|130|6|0|Und die drei dankten dem Adam und fingen nachher an, bei sich nachzudenken, konnten aber nichts Schickliches finden, damit sie ihr Herz befriedigen könnten. Der eine riet auf den Engel, der da dem Ahbel im Lande Euehip nach der Flucht das flammende Schwert übergab, der andere auf den Geist Ahbels selbst, und der dritte war unschlüssig, welcher Meinung er selbst beispringen solle. Und so war unter der Zeit eine große Stille unter allen hier Versammelten eingetreten, – teils, weil ein jeder in sich hinreichende Beschäftigung fand, teils aber im Erwarten, vielleicht etwa sehr aufmerksamen Ohres den Ruf Asmahaels zu vernehmen. Allein es war ein solches Erwarten eitel und vollends vergebens; denn der Asmahael wusste wohl, was Er tat und wie, und hatte nicht nötig, zu schreien gleich einem Plärresel, sondern Sein mächtiges Wort nur erschallen zu lassen in den Herzen der furchtsam Verborgenen. Und die Verborgenen vernahmen gar wohl diesen herrlichen Ruf in sich, dass da nicht einer zurückblieb, sondern alles, Groß und Klein, Alt und Jung, eilte hin zum großen inneren Rufer, und jeder erkannte Ihn für Den, der da zuvor heimlich gerufen hatte in ihren Herzen.
HG|1|130|7|0|Asmahael war in drei Minuten umringt von siebenmal hunderttausend Menschen, die Er da alsbald mit Seiner Hand sichtbar segnete und sie dann alle alsbald hinführte vor Adam.
HG|1|130|8|0|Als aber der Adam samt den übrigen Kindern sah herannahen die großen unübersehbaren Völkerschaaren, und an ihrer Spitze den Asmahael, da ward er völlig stumm und konnte kein Wort mehr über seine Lippen bringen.
HG|1|130|9|1|Am 9. August 1841
HG|1|130|9|0|Sogar dem Henoch erschien diese außerordentliche Expedition also zurückschlagend wunderbar, dass er sich gar nicht fassen konnte. Dann sagte er bei sich selbst: „Aber so viele Kinder in der Mitternacht?!
HG|1|130|10|0|Wenn da nicht mehr denn der dreivierte Teil darunter neu erschaffen worden ist, so weiß ich am Ende doch in allem Ernst nicht, wie ich daran bin; denn entweder träume ich, oder ich muss hundert für eins sehen! Denn wie des Sandes im Meer und des Grases auf der Oberfläche der Erde gibt es hier Menschen!
HG|1|130|11|0|O Asmahael, wer kann Dich ewig je begreifen? Du bist unendlich in jeglichem Deiner Worte, und Dein Hauch bewegt die Welten wie der meinige eine unaussprechlich kleine Menge Sonnenstaubes über die Fläche meiner ohnmächtigen Hand. Du blickst die Sonne und all die leuchtenden Sterne an, und sie zittern vor zu unbegreiflich erhabener Ehrfurcht, dankbar leuchtend den hehren, obschon nur matten Abglanz Deiner unendlichen Augenmilde zur kleinen Erde herab. Und Deine Ohren vernehmen – wie die meinen einen nahen Donner – schon jener Hauchwesen Begierden und allerleiseste Wünsche, welche vielleicht erst unter künftigen neuen Schöpfungen aus Dir hervorgehen werden. Und der Hauch eines allerunsichtbarst kleinsten Strahlentierchens in einem allerentferntesten Weltenraum wird von Dir also wahrgenommen, wie mein Ohr kaum vernimmt das Toben eines Orkans. Doch welch ein Unterschied in dem Vernehmen selbst! Dir ist alles die reinste Harmonie, – mir alles ein verwirrtes Chaos!
HG|1|130|12|0|Für Dich ist jeder plätschernde Laut irgendeiner hervorrieselnden Quelle ein tiefverständliches Wort. Du verstehst das Fächeln des Grases, und die Klage eines fallenden Blattes geht nicht unverstanden an Deinem Ohr vorüber.
HG|1|130|13|0|Das große Loblied der rauschenden Winde vernimmst Du, und das des tobenden Meeres bleibt Dir nicht fremd; und doch achtest Du des Würmchens im Staube, als vernähmst Du nichts denn allein das schwächste Gewimmer des bestaubten Würmchens!
HG|1|130|14|0|O Asmahael, Du großer, Du erhabener, Du heiliger, Du liebevollster, über alles mächtigster Gott und Herr! Dich begreifen wird nimmerdar ein endlicher Geist, und es wird sich jeder verlieren in die ewige Nacht Deiner Macht, der Dich wird erforschen wollen! Ja, schon ein Tautropfen Wassers wird ihn verschlingen in seine zahllosen, bodenlosen Tiefen, und der Verschlungene wird sich ewig aus sich nimmerdar finden im endlosen Ozean eines Tautröpfchens und dessen zahllosen Wundern!
HG|1|130|15|0|Daher will ich mein Leben lang nach nichts mehr forschen, sondern Dich, o mein Gott, allein nur lieben und bei jedem Weisheitstritt in aller Liebe und Demut bekennen meine Nichtigkeit und sagen: ‚Bis daher, und um nichts mehr weiter!‘ Denn jeder Herzschlag soll untertan sein Deinem Willen; denn wer ist lebendig gegen Dich, da Du allein das Leben bist?!
HG|1|130|16|0|Ich lebe nur, insoweit ich Dich liebend lebe; daher ist für mich auch nichts lebendig denn allein Du! Oder sind nicht alle Dinge für mich wie tot?! Oder lebt für Dich der toteste Stein nicht mehr denn für mich der regsamste Vogel?! Denn der Stein ist nicht sprachlos für Dich; doch was ist für mich das Gezirpe der munteren Grille?
HG|1|130|17|0|Daher ist dem Lebendigen alles lebendig und dem Toten alles tot! Und nun auch bis daher, und um nichts mehr weiter! Amen.“
HG|1|131|1|1|Asmahael speist mit Adam und seinen Kindern
HG|1|131|1|0|Und nachdem der Henoch solches beachtenswerte Selbstgespräch in sich beendet hatte, war Asmahael mit Seinem gewaltigen Fang auch bei der allgemein bis zur Stummheit verwunderten Gesellschaft angelangt.
HG|1|131|2|0|Als Er nun vollends, bei dreißig Schritte noch entfernt vom Adam, vor die Harrenden gekommen war, so hieß Er die große Schar sich niederlassen und ging dann hin zu Adam, der sich von seiner Stummheit noch nicht erholt hatte, und sagte ihm:
HG|1|131|3|0|„Adam, erwache und sehe, was die Stimme des wahren Rufers vermag, und dann zähle und beurteile, ob da keines abgehe, – und zuvor aber segne sie alle, amen!“
HG|1|131|4|0|Adam aber erhob sich und sagte ganz zerknirscht im Herzen: „Asmahael, lasse mich nur das Letzte in Deinem Namen tun! Denn was Du, o Herr, gezählt hast, da ist die Zahl sicher allzeit übervoll; denn Du bist ja allzeit ewig und unendlich, und was Du tust, ist ja auch allzeit am besten getan!
HG|1|131|5|0|Ich und alle meine von Dir mir geschenkten Kinder aber können nun nichts tun, als Dich loben und preisen! O Herr nehme unsere Herzen als warme Worte voll Dank und Liebe zu Dir allergnädigst auf, und tue alles mit uns allen nach Deinem Wohlgefallen! Amen.“
HG|1|131|6|0|Und der Asmahael rief zu sich den Jura, den Bhusin und den Ohorion und sagte zu ihnen: „Hört! Euer Vater ist schon nahezu zwei Stunden bei euch in der Gegend, und es hat ihm noch niemand eine Stärkung gebracht; daher sendet Boten nach Hause und lasst holen allerlei Früchte, Brot, Milch und Honig in hinreichender Menge, damit das alles wohl auslange für alle, die wir hier zugegen sind! Und nun gehet und tuet! Amen.“
HG|1|131|7|0|Der Jura ließ sogleich die zwei Brüder gehen; er aber verweilte noch eine kurze Zeit beim Asmahael und fragte Ihn, sagend:
HG|1|131|8|0|„Mächtiger Jüngling! Möchtest du mir denn nicht gestehen, wer und woher du bist? Ist Adam auch dein Vater? Oder gibt es auf dieser weiten Erde vielleicht noch irgendeinen mächtigeren Hauptstammvater, denn da ist unser Vater Adam, dessen Worten dereinst auch die Sonne und der Mond gehorchten?
HG|1|131|9|0|Dieweil er aber einmal fiel vor Jehova, so ist auch gefallen seine Macht, und wir alle sind nun Diener der Schwäche und mögen uns nimmer erheben aus unserer Ohnmacht.
HG|1|131|10|0|Du bist aber einer in der Macht gleich dem Adam vor dem Fall vor Jehova; daher könntest du mir wohl sagen, was ich dich fragte, – doch, so du es willst! Amen.“
HG|1|131|11|0|Und der Asmahael erwiderte: „Jura, gerecht bist du und gerecht deine Frage; aber denke bei dir selbst nach, welcher Nutzen für dich daraus erwachsen wird, ob du solches weißt, oder ob du es vorderhand nicht weißt!
HG|1|131|12|0|Eine Unwahrheit ist Meinem Munde unmöglich, und für die Wahrheit bist du in deinem Herzen noch nicht reif, – vor der Reife aber würde sie dich töten; daher gedulde dich bis zur Reife, und liebe und fürchte Gott, so wird dir im Herzen eine Antwort kommen über Den, der dir nun solches rät!
HG|1|131|13|0|So viel aber wisse, dass Ich in keiner deiner Fragen Platz habe, und es ist daher jede deiner Vermutungen irrig; aber werde reif, so wirst du ein großes Licht erschauen, welches ist ein Licht alles Lichtes!
HG|1|131|14|0|Und jetzt aber gehe auch du, und tue gleich deinen Brüdern! Amen.“
HG|1|131|15|0|Und der Jura ging und ließ mit den übrigen reichlich bringen [Speise und Trank] nach dem Geheiß Asmahaels.
HG|1|131|16|0|Als nun die Kinder der Mitternacht mit all dem reichlich beladen daherkamen und solches niederlegten vor Adam und den übrigen Kindern, da trat Asmahael hinzu und segnete alles und gebot allen, davon zu essen, und setzte Sich Selbst zuunterst an die Körbe und aß zum ersten Mal mit ihnen.
HG|1|131|17|0|Adam aber bemerkte: „O Asmahael! Wie magst Du zuunterst an den Körben sitzen, gebührt Dir doch der erste Platz vor allen!“
HG|1|131|18|0|Asmahael aber entgegnete: „Adam! Wo ist oben, und wo ist unten?! Der erste Platz aber ist der der Demut! Doch weißt du denn nicht, dass, wo der Erste Sich hat gesetzt, auch Sein Platz ist gleich Ihm?! Daher sorge dich nicht um Meinen Platz, sondern genieße nun ohne Sorge! Amen.“
HG|1|132|1|1|Henochs Liebe zu Asmahael. Das wahre Gebet
HG|1|132|1|1|Am 27. Oktober 1841
HG|1|132|1|0|Und der Adam stellte sich zufrieden mit diesem Bescheid, und alle Kinder mit ihm. Und also fing nach gemachter innerer, geistig wahrer Danksagung ein jeder nach Bedarf und Geschmack an zu essen und zu trinken.
HG|1|132|2|0|Es war aber der Fall, dass der Abedam, der Jura, der Bhusin und der Ohorion sich nicht getrauten, an der Mahlzeit teilzunehmen, also auch der Mathusalah mit seinem Sohn Lamech, und sie auch weder der Adam noch irgendjemand anderer von den Hauptstammkindern dazu einlud. Da wendete Sich Asmahael alsbald zu ihnen und fragte sie:
HG|1|132|3|0|„Warum esst und trinkt denn ihr nicht mit uns?“
HG|1|132|4|0|Sie aber erwiderten: „O mächtigster Asmahael, wie sollten wir uns getrauen, daran teilzunehmen?! Siehe, da der Erzstammvater speist, welche Vermessenheit wäre das für uns, mit ihm in den Korb zu greifen und mitzuessen und aus dem Gefäß zu trinken, das da berührt hatte des hohen Vaters erhabener Mund!
HG|1|132|5|0|Es ist ja aber schon ohnehin die größte Wonne, Freude und Sättigung für uns, dass wir nur zusehen dürfen, da die erhabenen Väter sich fröhlich stärken. Daher, o Asmahael, sei nicht bekümmert für uns; denn wir haben ja in großer Menge nun, das uns über alle Maßen stärkt! Doch aber sei dir für deine wohltuende Sorge für uns alle Liebe und Dank! Amen.“
HG|1|132|6|0|Abedam aber setzte endlich noch hinzu: „Und, o großer, übermächtiger Asmahael, unter uns in meiner ahnungsvollen und allerhöchsten Achtung und Liebe vor Dir gesagt: In Deiner Nähe und nun in Deiner unbegreiflichen Gegenwart, wen sollte, wen könnte da hungern?! Bist Du doch die ewige Sättigung aller Dinge Selbst!
HG|1|132|7|0|O Asmahael, Du hast mich schon gesättigt für die ganze Ewigkeit; und der sich an Dir fürder sättigen wird, den wird’s wohl in alle Ewigkeit nimmerdar hungern und dürsten! Daher Dir allein Dank und Liebe! Amen.“
HG|1|132|8|0|Als nun der Asmahael solche Entschuldigung vernommen hatte, sprach Er zu den vieren: „Ihr habt also wohl geredet und eurer Rede Sinn hat wohlgeschmeckt Meinem Herzen; gerecht war jegliches eurer Worte, und deine Rede, du Abedam, für die ganze Ewigkeit wahr. Allein, Meine lieben Freunde, jetzt seid ihr noch auf der Erde und habt einen Leib, der der Erde angehört; also ist es auch nötig, denselben zu stärken nach Maß und Ziel mit Speise und Trank!
HG|1|132|9|0|Ob Adam auch hier speist und trinkt, welch ein Unterschied ist denn zwischen Adam und Mir?!
HG|1|132|10|0|So Ich euch aber nun sage: ‚Kommt her und esst!‘, wer wird euch da ausschließen von der Mahlzeit, so Ich euch dazu lade?
HG|1|132|11|0|Daher kommt her und setzt euch zu Mir, und esst und trinkt ohne Scheu; denn sofort werden die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein! Amen.“
HG|1|132|12|0|Und als die vier diese Rede vernommen hatten, verneigten sie sich vor den Vätern, priesen Gott und ließen sich endlich voll Freude und Wonne zur Erde an Asmahaels Seite nieder und aßen und tranken.
HG|1|132|13|0|Es freuten sich aber auch alle die Väter samt Adam; nur der Jared, Mahalaleel und Enos, diese waren zu ergriffen von der Großtat Asmahaels, als dass sie vermögend wären, sich annun zu freuen. Ob sie etwas aßen und tranken, wussten sie nicht; wer da geredet hatte und was, vernahmen sie auch nicht; und dass die vier mitaßen, sahen sie nicht; denn sie hatte die große Tat Asmahaels, wie noch keine frühere, sozusagen wunderstumm gemacht, – in welcher Stummheit sie lange verharrten.
HG|1|132|14|0|Der Henoch aber weinte vor Freude und übergroßer Liebe zum Asmahael und konnte sich endlich nicht mehr enthalten, aufzustehen und hinzueilen an Asmahaels Seite, um da seine vollste Herzladung über Asmahael auszuschütten.
HG|1|132|15|0|Als aber der Asmahael merkte, was für Ihn gerade eben nichts Schweres war, was den lieben Henoch trieb, stand Er auf und ging dem Liebeerfüllten entgegen, sagend folgendes:
HG|1|132|16|0|Wahrlich, Mein geliebter Henoch, wer wie du zu Mir kommen wird, der auch wird es erleben, dass Ich Mich sogleich aufrichten werde und werde ihm entgegenkommen mehr denn auf dem halben Weg.
HG|1|132|17|0|Wahrlich sage Ich dir, jetzt hast du das Leben gefunden, und aller Tod ist aus dir gewichen! Deine Augen werden nie schauen den Tag des Todes; ja deine Liebe hat sogar dein Fleisch besiegt und hat es mit Unsterblichkeit erfüllt, und wie du jetzt bist und lebst, wirst du auch sein und leben ewig!
HG|1|132|18|0|Siehe, die von dir ausgehen werden, diese werden es sein, die Ich erhalten will bis ans Ende aller Zeiten, und an deinem Stamm soll einst dafür die große Verheißung in die vollste Erfüllung gehen! Amen.“
HG|1|132|19|0|Und als nun der Henoch diese Worte vernommen hatte, da ward sein Herz also gebrochen, dass er nicht vermögend war, auch nur einen Laut über seine Lippen zu bringen.
HG|1|132|20|0|Asmahael aber stärkte ihn und sprach: „Geliebter Henoch, sei ruhig, und aller Friede sei mit deinem Geiste! Ich weiß, was du Mir nun sagen möchtest.
HG|1|132|21|0|Wahrlich aber sage Ich dir, wer so betet und dankt wie du nun in gänzlicher Zerknirschung deines Herzens, der ist es, der da betet im Geiste und in aller Wahrheit.
HG|1|132|22|0|Wer da noch beten und danken kann mit dem Mund, in dessen Leib schlägt noch ein Herz, dessen Fasern noch vielseitig an den Ästen der Weltbäume hängen, und wenn da ein Wind kommt und zerrt an den Ästen der Bäume der Welt, da wird auch das Herz mitgezerrt.
HG|1|132|23|0|Ein Herz aber wie das deine ist gänzlich daheim, und wenn die Winde kommen, ist es ruhig und unbekümmert der Welt; aber es ist eben darum auch frei, um den Herrn über alles zu lieben und alles andere nur aus dem Herrn!
HG|1|132|24|0|Wer also liebt, der liebt recht, und der Herr wird mit ihm sein ewig! Amen.“
HG|1|133|1|1|Errichtung eines Altars für Asmahael
HG|1|133|1|0|Nach diesen Worten wurde die Zunge Henochs locker, dass er da gar wohl also an alle folgende Worte zu richten begann, sagend nämlich:
HG|1|133|2|0|„O liebe Väter und ihr auch, meine geliebten Kinder, seht mich an, und erstaunt überhoch über mich Schwachen, der ich nun stark geworden bin in dem Herrn, der da ist mein Gott und euer Gott, mein allerliebevollster Vater und euer liebevollster Vater, mein Alles und euer Alles, ja mein freies, ewiges Leben wie das eurige! Seht mich an und erstaunt über mich; denn also habe ich Gnade vor Gott, der da ist meine alleinige, höchste Liebe, gefunden, dass Er gesegnet hat meinen Stamm für die große Verheißung bis ans Ende aller Zeiten! Ja noch einmal rufe ich, seht mich an, und erstaunt über alles hoch über mich, der ich gemacht nun wurde dauerhaft und angetan mit einem unsterblichen Leib, dass selbst mein Fleisch nimmerdar verwesen soll ewiglich!
HG|1|133|3|0|O Väter und Kinder! Solches hat der Herr nun an mir getan in euer aller Angesicht. Ihr wisst alle, dass wir den Tagen Steine legten wie den Vollmonden; und so ein Jahr verflossen war, da trugen wir die Tages- und Mondessteine auf einen Haufen zusammen und errichteten dadurch jedem Jahr ein bleibendes Denkmal. Seht, hier ist mehr denn ein Tag, ein Mond, ein Jahr; daher erlaubt mir, dahier an dieser Stelle, an der ich jetzt stehe, am allerwürdigsten ein großes Denkmal zu errichten dem Herrn, der uns im Asmahael so herrlich, wunderbar und liebevollst heimgesucht hat, der nun unter uns ist und unter uns bleiben will bis ans Ende aller Zeiten, ja in alle Ewigkeit! Schon nahe des Tages dritten Teil wandelt Er, uns so überaus liebevollst führend, mit und unter uns, und noch ist keinem eingefallen, Ihm ein größeres Lob darzubringen als sich selbst gegenseitig. O Väter und Kinder, wir laden auf den morgigen Sabbat all die Kinder zum Opfer, das wir dem Herrn darbringen wollen! Seht, seht, der Herr ließ uns auf Sich nicht warten und kam heute zu uns und war gestern bei uns und ist jetzt unter uns! Was aber ist denn mehr, der Herr oder der Sabbat?
HG|1|133|4|0|Wo der Herr ist, da ist auch der Sabbat mit Ihm! O Väter und Kinder, daher will ich hier jetzt Dem, der unter uns ist, einen Altar aufbauen und Ihm ein Opfer anzünden auf demselben; denn Ihm allein gebührt alle Liebe, aller Dank, aller Preis, alles Lob, alles Opfer und alle unsere Anbetung!
HG|1|133|5|0|Kinder, geht und bringt mir flache und reine Steine, und helft mir hier einen Altar erbauen, und dann holt mir Brandopfer; es sei ein sieben Monde altes Lamm und reines Zedernholz zum Brand! Gehet und tuet alles eilends!
HG|1|133|6|0|Du aber, mein über alles geliebter, heiliger Asmahael, wirst dieses Opfer ja gnädig als ein Dir wohlgefälliges annehmen und es mir in Deiner unendlichen Liebe nachsehen, dass ich, von meiner Liebe zu Dir getrieben, solches nun tue!
HG|1|133|7|0|Was sind Himmel und Erde gegen Dich und was der armselige Sabbat? Da Du wohnst und gegenwärtig bist, da ist ja die ganze Ewigkeit und die ganze Unendlichkeit, ja die unendlichste Herrlichkeit, Heiligkeit aller Himmel, Sonnen und Welten gegenwärtig!
HG|1|133|8|0|Du hast uns zwar untersagt, Dich eher offenbarlich zu bekennen, als es Dir wohlgefällig sein möchte, allein meine zu große, mächtige Liebe zu Dir, die aus Dir in mein Herz kam, hieß mich nun unaussprechlich [unausbleiblich] solches tun. Denn es lautete:
HG|1|133|9|0|‚Siehe, Henoch, der Herr prüfte durch dieses leichte Gebot nur die Stärke deiner Liebe! Solange die Liebe sich noch in gemäßigten Kreisen dreht, magst du ein solches Gebot wohl halten; ist sie aber einmal im höchsten Grade entbrannt, da reißt sie alle Schranken nieder, bekennt und läuft mit aller Hast dem geliebten Gegenstand in die Arme.‘ Und der so hoch und nun von mir und uns allen über alles Geliebte, der Du Selbst es bist, wirst mir ja einen Fehler vergeben, nämlich den, für den ich nicht kann, dass mich nun die Liebe so mächtig ergriff, dass ich nicht umhin konnte, Dir meine Liebe vor dem Volk laut zu bekennen.
HG|1|133|10|0|O Asmahael! Nehme es von mir und uns allen gnädig auf, was wir Dir darbringen wollen, und weihe und segne Du den Altar, so wird er gesegnet und geweiht sein für alle Zeiten der Zeiten! Amen.“
HG|1|133|11|0|Nach dieser Rede erhob sich abermals der Asmahael und sagte folgende Worte an alle die Väter und Kinder:
HG|1|133|12|0|„Hört, also ist es; der Henoch wandelt rechten Weges! Wer also wandelt, der sucht sich den kürzesten Weg, um zu gelangen zu dem geliebten Gegenstand. Wahrlich, wer nicht also wandelt, der wird schwerlich zu Mir gelangen, und Ich werde ihm nicht entgegenkommen! Wenn aber jemand die Liebe hat, dass sie mächtig ist in seinem Herzen, wird der wohl die Tage zählen, um zu gelangen zum geliebten Gegenstand, oder wird er nicht jeden Augenblick für den geheiligten halten, um im selben zu ereilen, was seine Liebe erfasst hat?
HG|1|133|13|0|Seht, wo ist der Sabbat der Bäche und Flüsse? Ist er nicht im Meer selbst? Und zuvor ist keine Ruhe und kein Sabbat! Hat ein Bach aber das Meer erreicht, oder hat sich das Meer bis zu ihm ausgedehnt, wird da der Bach nicht sobald Ruhe halten, als er erreicht hat das Meer?! Oder wird er da auf morgen warten, so ihm das Meer entgegenkam?!
HG|1|133|14|0|Also sage Ich hier: Ich kam zu euch; niemand kam Mir entgegen denn allein der Henoch. Ich gab euch ein Gebot; ihr habt es gehalten aus Furcht, Mich zu verlieren, ohne zu bedenken, dass die wahre, reine Liebe nie etwas zu verlieren hat, und am allerwenigsten bei Mir.
HG|1|133|15|0|Ihr habt den Unterschied zwischen Mir und euch nur matt erkannt; Henoch aber hat Mich erkannt. Darum segne Ich das Opfer deines Herzens und weihe den Altar, den du Mir errichtest, geliebter Henoch. Siehe, auf dieser Stelle wird dein Geschlecht einst errettet werden von den Fluten der Sünde, und ein Enkel aus dir wird diesen Altar wieder aufrichten und Mir darauf ein Dankopfer bringen! Und so sei du gesegnet für alle Zeiten! Amen.“
HG|1|134|1|1|Das ewige Leben wird durch dir reine Liebe zu Gott erlangt
HG|1|134|1|1|Am 29. Oktober 1841
HG|1|134|1|0|Nach diesen Worten Asmahaels, welche auch Enos, Mahalaleel und Jared gar wohl vernommen hatten, erhob sich auch der Adam und mit ihm alle übrigen und wollten hineilen zum Asmahael, teils von großer Ehrfurcht, welche vorherrschend war, teils aber von der mit der Ehrfurcht stets vereinten Liebe, welche besonders in Gegenwart des zu Achtenden selten abwesend ist, ergriffen. Allein der Asmahael hieß sie bleiben an Ort und Stelle und sagte folgendes zu ihnen:
HG|1|134|2|0|„Hört, Ich will euch ein Gleichnis sagen; dieses sollt ihr beurteilen! Also aber lautet es:
HG|1|134|3|0|So die Sonne scheint auf ein gutes Erdreich, dann springt das Erdreich in tiefe und weite Spalten auseinander, um den Strahl der Sonne tiefer und inniger in sich aufzunehmen, und um erwärmt zu werden vom selben durch und durch; der Sand aber springt niemals auseinander und lässt sich nur an der Oberfläche erwärmen. Und ist der Strahl von seiner Fläche gewichen, so ist auch die sparsam eingesogene Wärme dahin. Also ist es auch mit dem Stein: er lässt sich zwar sehr heftig erwärmen; allein kommen dann kalte Winde, so lässt er alsbald alle Wärme und wird kälter denn die Winde selbst.
HG|1|134|4|0|Also auch ist es, wenn da der Regen fällt vom Himmel: Solange es regnet, solange auch ist alles voll Feuchtigkeit; hat aber der Regen aufgehört und kommen wieder die reinigenden und trocknenden Winde, so werden Sand und Steine alsbald wieder trocken, und nur das gute Erdreich behält die belebende Feuchtigkeit des Regens und tränkt damit seine Pflanzenwelt.
HG|1|134|5|0|O seht in euch, ob es nicht etwa auch also steht mit euren Herzen, wie mit dem Sand und mit den Steinen!
HG|1|134|6|0|Dieweil ihr Mich nun an Meinen Taten und Worten und aus Henochs Zeugnis erkannt habt, so seid ihr auch erwärmt und darum voll Achtung und Liebe zu Mir; allein wenn Ich euch wieder unsichtbar werde, sagt, wird es da mit euch wohl sein wie mit der guten Erde?
HG|1|134|7|0|Ich bin nun schon so viele Stunden unter euch; wer aber aus euch hat Mir das getan, was Mir der Henoch tat?
HG|1|134|8|0|Ja, ihr achtet Mich hoch, aber auch der Berge steinige Spitzen saugen zwar der Sonne ersten und letzten Strahl in sich, da sie lichtdurstig sind; kommt dann aber auch die Wärme hinzu, so hüllen sie sich alsbald in dichte und düstere Nebel und Wolken, damit ihr ewiger Schnee und ihr ewiges Eis ja nicht schmelze und vergehe. Also auch ist eure Liebe gleich der Liebe der Kälber zum vollen Euter der Mutterkuh, da sie hinzuspringen und stoßen mit dem Kopf so lange darauf herum, das ist auf dem Euter, solange eine Milch im selben gewahrt wird; wollen aber die Zitzen durchaus keine Milch mehr geben, so verlässt das Kalb alsbald die Kuh, und dann ist nichts mehr zu erblicken am Kalb, das der Liebe gliche.
HG|1|134|9|0|Ihr habt nun gesehen, wie von Mir der Henoch aufgenommen wurde; desgleichen möchtet auch ihr aufgenommen sein. Ich frage aber euch, habt ihr Mich also aufgenommen wie der Henoch? Seht, der Henoch hat Mich aufgenommen aus reiner Liebe schon im Anfang; habt solches auch ihr getan?
HG|1|134|10|0|Ja, als ihr gesehen habt Meine Werke, da erst habt ihr Mich aufgenommen! Meint ihr etwa aus Liebe?! O seht, das tut die wahre Liebe nicht, wohl aber der inwendig verborgene Eigennutz! Weil Ich unter euch bin, so seht ihr den großen Vorteil, was durch Mich sich alles bewerkstelligen ließe, und also flößt euch Meine unendliche Macht die hohe Achtung und der damit verbundene Vorteil die Liebe zu Mir ein.
HG|1|134|11|0|Als Ich aber aus der Tiefe und der Niedrigkeit als Mensch zu euch kam, da ließet ihr Mich im Staub vor euch liegen!
HG|1|134|12|0|Sagt, wer hat Mich da in aller Liebe aufgenommen und hatte keinen Vorteil vor den Augen?
HG|1|134|13|0|Ihr habt zwar in Jehovas Namen die Vorladung der Kinder zur morgigen Sabbatfeier vorgenommen; meint ihr etwa, solches getan zu haben aus Liebe zum Jehova? Oh, da irrt ihr euch gewaltig; solches habt ihr nur getan aus sklavischer Furcht und daraus aus Hochachtung vor der unendlichen Macht Jehovas, und dann auch noch dazu aus furchtlicher und daher auch aus pflichtgenötigter Dankbarkeit, welche zumeist die Größe Gottes euch abzwang!
HG|1|134|14|0|Wo aber ist da die reine Liebe, die über alles dieses hinaus frei, durch nichts als durch die Liebe selbst genötigt, Gott über alles in sich selbst und so auch in jedem Gotteswerk treulich und unbestochen liebt?!
HG|1|134|15|0|Ihr möchtet Mir zwar sagen: ‚Herr, wir glauben ja, dass Du es bist, der alleinig wahre, heilige, große, ewige, mächtige Gott voll Liebe und Erbarmung und Liebe und Gnade!‘
HG|1|134|16|0|Ich aber sage euch, wer da nicht glaubt in der reinen Liebe seines Herzens, dessen Glaube ist soviel als nichts und hat vor Mir keinen Wert! Ihr mögt zahllose Male ‚Jehova!‘ rufen und sagen: ‚Großer, erhabener, mächtiger, heiliger, barmherziger usw. Gott, Herr, Schöpfer aller Dinge, lieber Vater!‘ und so weiter, – allein wahrlich, sage Ich euch, es ist euch viel besser, in dieser Hinsicht zu schonen eure Lippen, Zähne, Zunge, Gaumen, Kehle und Lungen; denn alles solche leere Glaubensgeplärr wird nie zu Meinem Ohr gelangen!
HG|1|134|17|0|Wer nicht dem Henoch gleich zu Mir kommt und spricht, da ist alles umsonst; Ich werde ihn nicht ansehen ewig! Und so er beten wird, da wird sein Gebet an eherne Ohren gelangen, und alle Himmel werden vor ihm mit metallenen Riegeln verschlossen bleiben so lange, bis nicht der letzte eigennützige Tropfen in was immer für einer Hinsicht aus seinem Herzen entschwunden sein wird.
HG|1|134|18|0|Wer Mich also liebt, der muss Mich lieben wie eine reine Braut ihren reinen Bräutigam, da sich nichts denn allein die Herzen anziehen; alles, was darunter oder darüber, ist eine Last der freien Liebe, darum sie sich dann auch nimmer erheben kann bis zu Meinem Herzen hinan. Denn was da ist unter der Liebe, das zieht das Herz in die schlammige Tiefe hinab; was aber da ist über der Liebe, das drückt sie zum Boden und beschwert das Herz so sehr, dass es dann zu schwach und kraftlos wird, um sich je wieder zu erheben.
HG|1|134|19|0|Also muss die Liebe aber rein sein, dass sie, durch nichts genötigt, sich frei erhebt und mit vereinter Kraft aus sich den frei gewählten Gegenstand erwählt, ihn umschlingt und ewig nimmer auslässt.
HG|1|134|20|0|Gott erkennen ist Wachwerden der Liebe, aber nicht Gott lieben selbst; Gott lieben aber heißt vollends leben in Ihm.
HG|1|134|21|0|Die Erkenntnis aber wird niemanden je beleben und ihm öffnen die heiligen Pforten der ewigen Liebe und somit des ewigen Lebens, sondern – wohlgemerkt und -begriffen! – allein die reine Liebe zu Gott und in Gott ohne oben und unten und somit ohne den allergeringsten Eigennutz als allein den der reinen Liebe selbst.
HG|1|134|22|0|Prüft nach dem nun eure Herzen, und dann erst erhebt euch und kommt zu Mir! Amen.“
HG|1|135|1|1|Adams verzweifelte und Gott anklagende Rede
HG|1|135|1|0|Als der Asmahael solche Rede mit großem Eifer an die Anwesenden gerichtet hatte, siehe, da ergriff sie alle eine große Angst, und keiner vermochte dem anderen mit irgendeinem Trostwort erheiternd beizukommen; denn die nur zu ersichtliche Wahrheit an jedem machte hier jeden tröstenden Ausflug so gut wie ganz rein unmöglich, daher dann auch eine große Stille eintrat, in welcher ein jeder mit seinem Herzen rechtete und mitunter emsig einen entschuldigenden Trostgrund suchte. Allein das verarmte Herz konnte da kein Vermögen schaffen, woran es selbst an der größten Armut litt.
HG|1|135|2|0|Nach einer ziemlich langen Weile erhob sich endlich Adam und sagte in einem zwar sanft klingenden, aber dabei doch höchst ernstlichen Sinne:
HG|1|135|3|0|„Asmahael! Wer Du auch immer sein magst – sei es ein Mensch oder der allerhöchste, heilige Gott, siehe, wahrlich wahr, das gilt mir nun wie allzeit gleich! – siehe, ich bin einmal gefallen auf der schweren Bahn des göttlichen Willens und kann mich nun nicht mehr erheben! Ich wollte doch stets den rechten Weg wandeln, und soviel es mir nur immer möglich war, suchte ich auch jeden Stein des Anstoßes zu vermeiden; allein nicht ich habe die unebene, besteinte Erde gemacht, sondern sie ist ein Werk Gottes. Wenn ich nun bei aller Aufmerksamkeit hie und da als Erstling angestoßen bin, sage mir, wird oder kann jeder Anstoß mir allein zur tötenden Last gelegt werden?! Und so mein Herz entweder zum Sand oder Stein geworden ist, gibt es denn kein bleibendes Mittel, dasselbe wieder in gutes Erdreich umzugestalten?
HG|1|135|4|0|Und bin ich denn schon ein so ausgemachter Verbrecher, – sage, gibt’s für solche im Gottesherzen keine Erbarmung mehr?
HG|1|135|5|0|Denn nach Deiner Mahnrede ist es außer Henoch wohl niemandem mehr möglich, mit dem Leben vor Gott davonzukommen!
HG|1|135|6|0|Wie soll man denn Gott lieben und keine Idee fassen zuvor von Ihm, wie Er allzeit überaus groß, ja unendlich groß unterschieden auch von Seinen vollkommensten Geschöpfen ist?!
HG|1|135|7|0|Siehe, Du verlangst Unmögliches von uns! Siehst Du in Deiner Vollkommenheit auch diese Unmöglichkeit nicht ein, so kannst Du ja aber doch nicht umhin, um mir das zu widersprechen, was ich an mir selbst nur zu klar und überdeutlich wahrnehme!
HG|1|135|8|0|Wenn Du denn jetzt eine so große Forderung entweder im Namen Gottes oder als Gott der Allerhöchste Selbst an mich und alle meine Nachkommen machst, sage, ist es unbillig, Dich zu bitten, uns mit der Forderung auch die Mittel in die Hand und ins Herz zu legen, durch welche uns allen ersichtlich möglich wird, Deinen Anforderungen unumstößliche Gewähr zu leisten?!
HG|1|135|9|0|Dass es uns allen nicht an dem guten Willen fehlt, wirst Du hoffentlich aus diesen meinen Worten wie aus meinem Herzen deutlich abnehmen können! Nehme, o mächtiger Asmahael, mir diesen notgedrungenen Ausbruch meines Herzens nicht ungnädig auf; der allzeit Mächtige kann sich helfen, so ihn etwas drückt, – doch dem ohnmächtigen Wurm im Staub bleibt nichts übrig, als sich sterbend zu krümmen, wenn er vom Huf des mächtigen Pferdes getreten und halb zerquetscht wird!
HG|1|135|10|0|O erwäge diese Worte und bedenke wohl, was das heißt: ein ohnmächtiges Geschöpf sein, sich selbst fühlend an der unsichtbaren Seite eines unendlich und ewig über alles mächtigen Schöpfers!
HG|1|135|11|0|Siehe, ein undenkbares, ein unaussprechliches Verhältnis: eine frei sein sollende Ohnmacht unter einer freien, unendlich ewigen Macht!
HG|1|135|12|0|Daher helfe uns, wenn uns überhaupt je möglich zu helfen ist, anstatt uns ohnehin überstark Getretene noch mehr zu treten! Besser wäre es, uns gänzlich zu vernichten, als stets mehr und mehr zu quälen! Amen.“
HG|1|136|1|1|Asmahael weist Adam zurecht
HG|1|136|1|0|Nach diesen Worten erregte Sich ein wenig der Asmahael und richtete folgende ernsten und doch auch über alles liebevollen Worte an den Adam, wie auch zugleich an alle, sagend nämlich:
HG|1|136|2|0|„O Adam, Adam! Deine Torheit ist groß und mächtig geworden! Vor allem frage Ich dein Herz, da du Vater bist aller dieser Kinder und vieler anderer, die diese Erde bewohnen, – sage es Mir in deinem Herzen, was würdest denn du mit einem deiner Kinder tun, das dir bei einer großen und allerwichtigsten Belehrung über begangene gewaltige, freiwillige Fehltritte gegen deine weisen Anordnungen entgegnen möchte – wenn auch in einer an Wahrscheinlichkeit grenzenden, kühn gebauten Rede –:
HG|1|136|3|0|‚Was forderst du von mir, was ich nicht tun kann! Ist es unrecht, das ich tue? Was kann ich dafür?! Bin ich nicht aus dir, und hast nicht du mir ein elendes, fehlervolles Leben gegeben?!
HG|1|136|4|0|Wenn ich nun fehle, so ist das ja nur dein Fehler, weil ich so und nicht anders und vollkommener aus dir hervorgegangen bin! Daher stelle dich zufrieden mit mir also, wie ich bin, und fordere nicht von mir, das nicht sein kann! Willst du mich aber durchaus anders, als ich bin, so magst du mich ja vernichten und dann anders und besser zeugen – oder aber eine zweite Zeugung, wenn eine solche dir etwa unmöglich sein sollte, auch ganz stehen lassen; denn ich werde dir für ein so elendes gegebenes Dasein ewig nie danken!
HG|1|136|5|0|Lasse das nichts war, ewig nichts sein; denn es ist besser, ewig nie zu sein, als neben dir ein elendes, beschränktes Dasein zu fristen. Was willst du mich nun bessern, da ich schon einmal bin, wie ich bin?! Hättest du mich besser gezeugt, so wäre ich auch besser! Da ich aber nun einmal also bin, – ist es nicht deine Schuld, dass ich also bin? Darum bessere dich zuvor und dann sehe zu, wie du mit meiner Besserung zurechtkommen magst und kannst!‘
HG|1|136|6|0|Adam, sage Mir nun, wie es dir ums liebende Vaterherz sein möchte bei einer solchen Einrede eines deiner Kinder, und das dazu noch eines deiner allerersten Hauptkinder!
HG|1|136|7|0|Du hast verflucht den reumütigen Kahin. Sage, was würdest denn du mit einem solchen [Kind] tun, das da nicht nur eines Bruders Fleisch tötet, sondern dich selbst verflucht und dir ertöten will deinen Geist?! Sage, sage Adam, was du tun möchtest mit einem solchen unverbesserlichen Kind?
HG|1|136|8|0|Siehe, nun bist du still wie eine Maus, wenn sie eine Katze wittert, und mochtest Mir vorher als erstes Hauptstammkind doch auf ein Haar dieselbe Einrede tun!
HG|1|136|9|0|Gleich ist dir Gott und Mensch! Was soll dich auch das kümmern, wer nun mit dir spricht, ob ein Gott, dein Vater, oder ob ein Mensch deinesgleichen; denn du hast dich ja nicht selbst erschaffen, sondern ein dir unsichtbarer, völlig unbekannter Gott! Hat Er dich so elend und sündefähig zuwege gebracht, so soll Er Sich mit dir nun auch begnügen, wie du bist, weil Er dich nicht vollkommener gemacht hat, und soll von dem verpfuschten Werk nicht verlangen, vollkommener zu sein, als es sündhaft genug aus der Hand des übelgelaunten Schöpfers hervorgegangen ist!
HG|1|136|10|0|Siehe und gebe Acht auf dein Herz, ob es nicht also hadert!
HG|1|136|11|0|Du rücktest Mir die schwer zu wandelnde Bahn des göttlichen Willens auf uneben gemachter Erde vor und stelltest deinen guten Willen auf, treu zu wandeln, so es nur möglich wäre. Du hast damit alle Schuld auf Meine Schulter geladen, dass du fielst, und Ich muss gefehlt haben, und gewisserart nicht im Geringsten auch du, da Ich dich also und nicht anders geschaffen habe! Solltest du nun anders werden, so sollte es ein Mittel geben, durch welches es dir möglich wird, dem göttlichen Willen gemäß zu handeln!
HG|1|136|12|0|Siehe, wieder eine Äußerung, über die der überaus liebbesorgte, heilige Vater sicher keine Freude haben kann!
HG|1|136|13|0|Um Erbarmung rufst du. Was könnte Ich denn noch tun, als dass Ich als Mensch und Vater zu euch komme und euch mit eigenem Munde lehre die wahre Liebe und die wahre Weisheit und führe euch mit eigener Hand über die euch zur und für die einstige höchste Vollendung unterlegte prüfende Erde? Bin denn nicht Ich Selbst die größte Erbarmung, die größte Liebe und das alleruntrüglichste Mittel?
HG|1|136|14|0|Oder soll Ich deinem Verlangen nach aus euch etwa belebte, das heißt bewegliche Maschinen machen?
HG|1|136|15|0|O du blinder Tor! So du nur einigermaßen sehen wolltest, so müsste dir ja schon auffallen die große Vollkommenheit an dir, durch welche du so hoch über allen anderen Wesen stehst, dass du freiwillig fehlen kannst, aber auch freiwillig fehllos wandeln und handeln gleich dem Henoch! Und du wirfst Mir vor, als Pfuschwerk aus Mir hervorgegangen zu sein!
HG|1|136|16|0|Siehe, siehe, Adam, wie weit du dich wieder verstiegen hast!
HG|1|136|17|0|Unmögliches, sagst du, fordere Ich von euch. Siehe hierher denn, siehe den Henoch, siehe die sechs an Meiner Seite, ja siehe diese ganze große Volksmasse, und frage sie alle, ob es sich so verhalte!
HG|1|136|18|0|Ich sage aber dir, du selbst bist es, der nach eigenem Sinne irgendeinen unendlichen Gott sucht, ehrt und erfassen will, und will das gänzlich Unmögliche bei sich möglich machen, die ganze Ewigkeit auf den eigenen Nacken bürden, einen Gott suchen, der für dich so gut wie nirgends ist; den Vater aber, der nun voll der allerhöchsten Liebe mit dir redet, [willst du] verkennen, verachten und fliehen!
HG|1|136|19|0|Wahrlich, neben einem Gott, wie du dir Ihn vorstellst und sabbatlich anbetend verehrst, wäre allerdings eine geschöpfliche Bestehung nicht nur das elendste Sein, elender unendlich als das eines zertretenen Wurmes im Glühsande, – sondern, Ich sage dir, sie wäre auch von deinem geträumten Gott aus rein unmöglich; denn ein so unvollkommener Gott wäre nicht nur nicht imstande, ein Pfuschwerk hervorzubringen, sondern es ginge ihm wahrlich noch schlechter denn dir, der du aus dir auch nicht einmal ein Atom zu erschaffen imstande bist!
HG|1|136|20|0|Wenn Ich in euch rügte euer törichtes Forschen und unsinniges Streben nach einem Gott, der nirgends ist, und auf die alleinige Liebe des Vaters, der Ich Selbst von Ewigkeit zu Ewigkeit es war, bin und ewig sein werde, euch hinwies, sage, habe Ich da eine unbillige und unmögliche Forderung an euch Kinder als Vater gestellt?
HG|1|136|21|0|Siehe, die kleinsten Kinder schon erfüllen auf das Genaueste diese unaussprechlich leichte Forderung, da sie ihren Vater über alles lieben, ohne eine Rechnung von des Vaters Herzen scharfsinnig zu verlangen, warum sie ihn lieben, sondern sie lieben ihn, weil er ihr Vater ist! Sage Mir, Adam, Mein Sohn, hast du je mehr für dich von deinen Kindern verlangt?!
HG|1|136|22|0|Wenn Ich nun nichts mehr von dir und von euch allen als einzig wahrer, liebevollster Vater verlange und euch abhalte von allem, was euch nur im Geringsten das Leben erschwert und nach und nach den unvermeidlichen Tod – der da ist eine stets auf eigenem Willen beruhende zunehmende Blindheit, die, weil sie unmöglich bei allen unendlichen Ideen je zu einem Ziel gelangen kann, sich endlich zornmütig entzündet und den Schöpfer einen gemeinen, launischen Pfuscher schilt und so sich noch stets mehr verfinstert und ertötet – nach sich zieht, bin Ich dann wohl also, wie du Mich in dir gefunden hast?
HG|1|136|23|0|Daher lerne den Vater besser kennen und erkenne, wie Weniges und Überleichtes Er von dir verlangt; alsdann stehe auf und komme zu Mir und sage Mir, ob Ich ein unbilliger Gott und Vater bin! Für jetzt aber ordne dein Herz, und besinne dich eines Besseren; denn Ich bin kein Vater, der da dem Kahin flucht! Verstehe es wohl! Amen.“
HG|1|137|1|1|Adams Bekenntnis zu Emanuel
HG|1|137|1|1|Am 2. November 1841
HG|1|137|1|0|Nach dieser Rede, die da nicht anders war für den Adam, als hätte man die Erde in das unermessliche Feuermeer der Sonne getaucht, ward nicht nur – wie ihr zu sagen pflegt – zu Wachs geworden der Adam, sondern zum feinen, wohlgeläuterten Öl, das da ist ein köstlicher Balsam für Wunden jeglicher Art, daher er sich auch alsbald beim Asmahael die Erlaubnis erbat, nun vor all den Kindern ein neues Bekenntnis ablegen zu dürfen, – was alles ihm als leiblichem Urstammvater auch ohne alles Verziehen alsogleich vom Asmahael wie von all den Kindern von ganzem Herzen aus gerne bewilligt wurde. Und also stand er auch alsbald auf und fing an, folgendes Bekenntnis in einer wohlgeordneten Rede von sich zu geben, sagend nämlich:
HG|1|137|2|0|„O hoher, erhabener, über alles mächtigster, heiliger, liebevollster Herr, Vater, Gott Jehova, der Du im Menschen Asmahael uns nun sichtbar gegenwärtig bist, siehe, ich war es, der Dir den Namen ‚Asmahael‘ gab, und Du warst fröhlich darob als weise vorgeblich Namenloser, dass Dir ward zuteil ein Name aus meinem Munde, ein Name der Kinder Gottes, die zu sein allein wir uns lange törichterweise träumten! Damals warst Du uns mehr oder weniger ein Fremdling, da uns an Dir fast nichts auffiel als allein Deine allzeit unbegreiflich wohlgeordnete Rede, welche zu erlernen Du freilich uns Blinden vom Geiste Ahbels, meines Sohnes, vorgabst; allein also sehe ich es jetzt:
HG|1|137|3|0|Aus der Nacht wird der Tag, und die Nacht sehnt sich nach dem Tag wie der Tag nach der Nacht. Wer aber vermag in der Nacht am Tag zu wandeln?! Wohl aber vermag jedweder am hellsten Tag seine Augen zu schließen, und dann ist die Nacht am Tag für ihn größer denn die wirkliche Nacht in ihrer dichtesten Mitte selbst!
HG|1|137|4|0|Solches war bei mir und nahe bei uns allen der Fall, darum wir auch nichts sahen, nichts hörten, nichts merkten und also auch von allem nichts verstanden. In solcher unserer allgemeinen Blindheit gaben wir Dir fürs Erste einen Namen, der wohl für uns alle am allerbesten getaugt hätte, wenn wir nicht blind und taub gewesen wären; denn wie möchtest Du für Dich Den suchen, der Du doch Selbst von Ewigkeit es warst, bist und ewig sein wirst?!
HG|1|137|5|0|Da Du von Dir aussagtest, dass Du aus der Tiefe kamst, siehe, wir alle verstanden es nicht, was da gesagt ward mit der Tiefe Lamechs!
HG|1|137|6|0|Jetzt erst habe ich und hoffentlich wir alle die schauerliche Nacht und Schlammtiefe in uns durch Deine Gnade – Dir ewig Dank dafür! – gar wohl erkannt! Da Du von Dir aussagtest, Ahbel habe Dich zu uns geführt und habe Dir gelöst die Zunge, – wie hätten die Tauben solche Weissagung verstehen sollen?
HG|1|137|7|0|Jetzt erst, da Du in uns auch das Ohr unseres Herzens aufgetan hast, verstehen wir und sehen es ein, wie entsetzlich blind und taub wir damals, das heißt am heutigen schönen Morgen noch waren, darum das Wort Deiner so unermesslichen Vaterliebe unverstanden an unsere Herzen schlug und klang als eines Fremdlings Wort, während es von Dir aus an uns doch mehr denn sonnenhell gerichtet war.
HG|1|137|8|0|Aber was ist dem Blinden des Tages hellstes Morgenlicht und dem Tauben der allerstärkste Donner?! Wahrlich, jetzt erst erkenne ich – und, wie gesagt, auch hoffentlich wir alle –, dass der zugleich Blinde und Taube so gut wie ganz arg tot ist! Hätte er das Gefühl der Haut nicht, da gliche er vollends einem Stein, an dessen harte Stirne die Winde unempfunden stoßen, und der, so er fällt entweder wieder auf seinesgleichen oder auf weiche Erde oder ins Wasser, nicht empfindet und unterscheidet, darauf er gefallen ist, und es vermag auch nichts ihn umzugestalten, denn allein des Feuers unerbittliche, unermessliche Gewalt!
HG|1|137|9|0|Also waren auch wir nichts denn tote Steine, gefallen auf allerlei Grund und Ungrund. Du hast nun aus all den unempfundenen Truggründen uns gesammelt und hast uns gelegt ins große Feuer Deiner unermesslichen Vaterliebe. Und siehe, wir Steine wurden auf diesem heiligen Grunde umgewandelt, wurden wieder voll Lebens, wurden sehend und hörend und wohlverstehend! Und also erkennen wir nun, dass der Ahbel, das heißt die geringe Gottesfurcht und Liebe bei uns nach der Art Ahbels zu Dir, Dich geführt hat aus unserer eigenen sprachlosen Tiefe zu uns Toten und dem in uns die Zunge gelöst, das da nicht mehr vermochte, Dich im Geiste der Wahrheit und ewiger Liebe ‚Vater‘ zu nennen!
HG|1|137|10|0|O wie unendlich blind, taub, gefühllos und tot mussten wir doch alle sein, dass keiner auch nur ahnend zu gewahren imstande war, dass da die Sonne aller Sonnen, das Feuer alles Feuers, die Liebe aller Liebe, ja das Leben alles Lebens und die Macht und Kraft aller Mächte und Kräfte zu uns in unsere Mitte kam!
HG|1|137|11|0|O Kinder, hört nun, Der, den wir noch immer blinderweise ‚Asmahael‘ nannten, ist und heißt ‚Jehova, Gott der Ewige von Ewigkeit‘, und für uns aber von jetzt angefangen ‚Emanuel‘ und für jene, deren Herzen voll Liebe sind, ‚Abba, lieber heiliger Vater‘!
HG|1|137|12|0|O Du Emanuel, siehe, ich bin nicht wert, dass da mir geschehe gleich dem Henoch, der da ist erfüllt vom Grunde aus mit aller Liebe zu Dir! Jedoch eines gewähre mir gnädigst, und dieses eine ist: dass auch ich und wir alle Dich bis an das Ende unseres irdischen Lebens aus allen unseren Kräften stets mehr und unendlich mehr zu lieben vermöchten und Dir dann ewig allesamt, lebendig durch solche Deine Liebe in uns zu Dir, zurufen dürften und könnten: Abba, Abba, Abba!
HG|1|137|13|0|O Emanuel! Nehme gnädig auf dieses mein Bekenntnis und sei uns und bleibe Abba uns jetzt und in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten! Amen.“
HG|1|138|1|1|Die Offenbarung des Emanuel. Eine Erklärung der Zeichen
HG|1|138|1|0|Und der Emanuel entgegnete dem Adam und somit auch allen seinen Kindern, sagend nämlich: „Siehe, Adam, jetzt hast du wohl geredet, und das, was du geredet hast, ist lebendig wahr! Denke, da ich heute am Morgen zu euch kam und Mich, wie du es weißt und ihr alle an der Seite Adams, ausgab für einen stummen Sklaven aus der Tiefe Lamechs, der da entflohen ist mit der Hilfe Ahbels; verhielte sich die Sache nicht anders im Geiste der Wahrheit und aller Liebe, wäre Ich anjetzt nicht ein barer Lügner gleich dem Wurm der Erde, der da ist ein Vater und Fürst alles Lugs und Trugs?
HG|1|138|2|0|Doch du warst, wie du nun treulich selbst bekanntest, blind, taub und gefühlsstumm; daher auch gewahrst du nichts von den Dingen der ewigen göttlichen Ordnung. Siehe, wäre Ich gekommen als Emanuel zu euch, wo wäre nun euer Leben?!
HG|1|138|3|0|Darum aber kam Ich in der Gestalt zu euch, in der ihr innerlich selbst es wart, damit ihr als kalte Asmahaele, an Mir erwärmt, den Abba Emanuel habt finden können!
HG|1|138|4|0|Zwar war Ich gestern am Abend bei dir und habe dir eine große Verheißung gegeben. Du erkanntest Mich aber nur wie im Traum; denn Sand und trockenes Gestein war um dein Herz gelagert. Und am Morgen schon blieb von Mir in dir nichts mehr zurück als kaum die nackte, kalte Erinnerung. Ich bereitete euch zum Dolmetsch den Henoch. Doch seine Worte bewundertet ihr nur, aber euer totes Herz verstand sie nicht. Ihr suchtet zwar alle, und doch wollte ein jeder dem anderen ein weiser Führer sein, um ihm zeigen zu können, welche hohe Weisheit in jegliches eigenem Herzen wohne.
HG|1|138|5|0|Als ihr nun am Morgen alles zu vollenden wähntet, kam Ich als ein heller Stern zu euch, um euch anzuzeigen, im Staub vor euch kriechend, dass euer Herz auch also war im Sand tief begraben; allein der helle Stern wandelte von Morgen gen Mittag, vom Mittag bis gen Abend und vom Abend bis hierher, – und euer Herz hielt Mich heimlich noch stets für einen Lügner, und es mochten wenige nur des Sternes hellsten Strahl vollends erschauen.
HG|1|138|6|0|Ein Tiger musste Mich vor euch hertragen und euch dadurch sich selbst eurem Herzen entreißen!
HG|1|138|7|0|Seht, wie hell der Stern leuchtete, und ihr mochtet nicht bemerken sein sanfthelles Strahlen!
HG|1|138|8|0|In der Gegend der sieben Steine, deren Spitzen Wasserbäche herab zur Erde gießen, lehrte euch der Sanfte die Demut. Ihr wart noch taub und blind, und das Leuchten des Sternes war ein vergebliches.
HG|1|138|9|0|Im Abend ließ der Stern hellere Strahlen von sich schießen. Es blitzte und donnerte gewaltig, und nur wenige Tote erstanden und lösten sich von den faulen Knoten los. Allein die vermisste faule Modergärungswärme tat den übrigen wehe, darum da ein hartes Gezänk entstand. Und ein Weisheitsvorrecht kämpfte dann gegen das andere, darum noch viele nicht mochten erschauen das hellste Licht des Sternes.
HG|1|138|10|0|Der Stern führte euch weiter. Seine Macht trieb euren Tiger von euch und machte verstummen euren Hochmutswurm, die alte Schlange!
HG|1|138|11|0|Da riebt ihr euch die Augen; denn das Licht des Sternes war euch zu stark und zu mächtig die Wärme seines Feuers, darum ihr Mathusalah und Lamech, die der Stern aufnahm, scheel ansaht.
HG|1|138|12|0|Wir kamen endlich an die steinerne Wand eures Herzens. Des Sternes Blitz und Donner machte sie einstürzen, und ihr kamt und saht die große Verlassenheit eures inneren Lebens. Ihr rieft das Leben; es wollte sich nur wenig desselben wieder einfinden. Ich sah eure große Not, ging, rief und brachte euch des Lebens in großer Menge!
HG|1|138|13|0|Adam! Und noch war dir der Stern fremd; ‚Asmahael‘ nanntest du noch immer Mich – und hast doch solche Zeichen gesehen!
HG|1|138|14|0|Siehe nun und merke wohl, da du Mir nun einen anderen Namen gabst: Dieses letzte Zeichen wird das erste werden, und das erste das letzte; und es soll in der Zukunft deinen Nachkommen nicht gehen wie dir, wenn Ich wiederkommen werde.
HG|1|138|15|0|Wahrlich, die Blitz- und Donnergewohnten werden im Ärger den Tod finden, wenn Ich dann zuletzt kommen werde, wie Ich jetzt kam am Morgen! Versteht es! Und nun tut alle, was da gebührt dem Emanuel Abba, amen; in euch aber, amen!“
HG|1|139|1|1|Die reine Liebe Lamechs zu Emanuel
HG|1|139|1|1|Am 3. November 1841
HG|1|139|1|0|Nach dieser Erklärung Emanuels dankten, von der höchsten Liebe ergriffen, alle die Kinder samt dem überzerknirschten Adam dem Abba im Emanuel, und alle richteten ihre Blicke auf den Emanuel nun und konnten sich an Ihm nicht satt sehen, obschon Er Seine vorige Asmahaelsgestalt nicht um ein Haar geändert hatte. Und ein jeder sagte bei sich selbst in größter Freude, selbst Henoch nicht ausgenommen: „Da ist also nun Der, über den so oft schon geredet wurde, dass Er ist Gott der Ewige, der unendlich Mächtige, der Schöpfer Himmels und der Erde und aller Dinge auf ihr, und dass Er allein der wahre Vater aller Menschen und voll der höchsten Liebe und Erbarmung zu ihnen und übervoll der höchsten, unendlichen Weisheit ist!
HG|1|139|2|0|Wenn Er nur wollte, vergingen da nicht augenblicklich wir und alle Dinge, als wenn sie nie gewesen wären?!
HG|1|139|3|0|Und dieser Gott, allmächtig, ist jetzt unter uns, der unendliche, der ewige Gott! Also wahrhaft nun Emanuel!“
HG|1|139|4|0|„Ja, ja,“ sagte laut der junge Lamech zum Mathusalah: „Er ist es ganz bestimmt; ich möchte grad vergehen vor Liebe! Wie doch so überaus unbegreiflich lieb, mild, sanft, gut und dabei doch so voll hohen Ernstes Er aussieht!
HG|1|139|5|0|O Vater! Wenn ich mich getraute, so möchte ich nur hinfallen zu Ihm und Ihn dann vor lauter Liebe so drücken an mich und Ihn aber auch nie mehr auslassen mein ganzes Leben lang, dass ich darob sterben könnte und möchte!
HG|1|139|6|0|Meinst du, Vater, so ich solches täte, wäre das eine Sünde oder doch wenigstens eine grobe Unart?
HG|1|139|7|0|Ach siehe, wie Er Sich nun bald mit dem einen, bald mit dem anderen so mächtig liebevoll bespricht! O wie unendlich lieb Er doch ist!
HG|1|139|8|0|Nein, Vater Mathusalah, jetzt halte ich es nicht mehr aus; ich muss, muss zu Ihm!
HG|1|139|9|0|Siehe, sogar die Steine, die wir jetzt hierhergebracht haben, hilft Er dem Henoch auf das Herrlichste ordnen.
HG|1|139|10|0|O Vater, sehe, sehe, Der, der einst Himmel und Erde und alle Dinge auf ihr durch Sein mächtiges Wort erschaffen hatte, Der – o welch ein Anblick! – Der hilft nun dem Henoch diesen kleinen Opferaltar erbauen!
HG|1|139|11|0|O Gott, mein Gott, mein lieber Vater, wie überaus gut bist Du; was für ein guter Vater bist Du!
HG|1|139|12|0|O wenn ich mich doch getraute! Aber Er kommt mir doch zu heilig vor! Ja, heilig ist Er, überheilig! Aber meine Liebe ist zu mächtig, als dass mich Seine Heiligkeit von Ihm nun mehr abhalten könnte!
HG|1|139|13|0|Wer weiß es, wie lange Er noch bei uns verweilen wird; darum nur mutig darauf los!“
HG|1|139|14|0|Bei diesen Worten wollte der Lamech auch davonspringen hin zum Emanuel; allein der Mathusalah hielt ihn, ihn beim Kleide fassend, zurück und sagte zu ihm in einer halblauten Sprache:
HG|1|139|15|0|„Was tust du, unbändiger Junge! Bedenke doch nur, wer der Emanuel ist! Mein Herz ist ja eben auch brennvoll von Liebe zu Ihm! Aber man muss Gott nicht so lieben, wie man seinesgleichen liebt, sondern mit der allerhöchsten Hochachtung, allein stille im Herzen anbetend, muss man Gott lieben, – aber nicht auf eine so unbändige Weise!
HG|1|139|16|0|Hast du denn nicht vorhin gehört, wie Er Selbst es gesagt hatte, dass Er auf nichts denn allein auf das Herz sehe und auf nichts anderes?! Daher tue das, was da recht ist nach Seinem eigenen Willen und vergesse nicht der hohen, heiligen Achtung, die wir alle nebst der höchsten, innersten Liebe Gott schuldig, ja ewig schuldig sind! Amen!“
HG|1|139|17|0|Und Lamech entgegnete dem Mathusalah: „Vater, du magst das Amen noch tausend Male hintereinander aussprechen, so nützt es zur Liebestillung in mir zum Emanuel für diesmal soviel wie gar nichts! Lamech, dein Sohn, ist dir noch nie ungehorsam gewesen, aber diesmal wird er den Gehorsam brechen und wird seine Liebe nimmer mäßigen, sondern tun nach seinem Herzen; denn wahrlich, tausend Väter wie du sind mir nun um einen Liebesblick Emanuels feil.
HG|1|139|18|0|Daher lasse mich tun, und halte mich nicht auf auf dem Weg zu meinem Gott und deinem Gott und zu meinem Vater und deinem Vater! Und nun sage ich Amen!“
HG|1|139|19|0|Und alsbald riss sich Lamech los und sprang mit großer Hast davon und hin zum Emanuel.
HG|1|139|20|0|Als er aber vollends an den Emanuel kam, da stellte sich Emanuel, als wenn Er den Lamech nicht bemerkte. Und den Lamech ergriff ein Bangen, von der höchsten Liebe untermengt, so dass er sich doch nicht getraute, den Emanuel anzurühren, und fing bei sich an zu denken, ob es etwa doch gefehlt war, dass er nicht gehorchte dem Vater Mathusalah.
HG|1|139|21|0|Doch aber wieder dachte er: „Die Liebe, die reine, unbestochene, ohne allen Eigennutz im Herzen zu Gott emporgewachsene und gewaltig erstarkte Liebe, ist sie nicht frei und höher und heiliger und mehr, viel mehr, als alle menschlichen Ansichten und danach gestellten Forderungen?
HG|1|139|22|0|Ja, sie muss mehr sein, ja unendlich mehr, weil der Gegenstand, den sie erfasst hat, auch unendlichmal mehr ist als alle Menschen und menschlichen Väter auf dieser ganzen Erde! Daher –“
HG|1|139|23|0|Bei diesen Worten sah Sich Emanuel um, und der Lamech verstummte, vor Liebe weinend.
HG|1|139|24|0|Emanuel aber fragte den Lamech mit der höchsten Sanftmut: „Mein geliebter Lamech, was fehlt dir, dass du nun dastehst und weinst?“
HG|1|139|25|0|Und der Lamech entgegnete überrascht: „O Emanuel Abba, wie magst Du mich fragen? Du, dem der verborgenste Gedanke schon um eine Ewigkeit früher bekannt ist, als er noch von jemand Erschaffenem gedacht wurde!
HG|1|139|26|0|O Emanuel Abba! Der Du die Not jedes Grases, jedes Sonnenstäubchens kennst, wirst ja auch die große, süße Not meines Herzens sicher nicht übersehen! O Emanuel Abba! Vergebe mir, wenn Dir etwa meine unbändige Liebe zu Dir missfallen sollte!“
HG|1|139|27|0|Und der Emanuel bemerkte darauf dem Lamech: „Mein geliebter Lamech, siehe, dein Vater aber ist traurig deines Ungehorsams willen! Sage Mir, ist es recht, den Vater zu kränken?“
HG|1|139|28|0|Und der Lamech entgegnete: „O Emanuel, ich möchte sagen: Fluch dem Kind, das da zuleide tut seinem Vater! Und wie Du es weißt, habe ich diesen Fluch niemals verdient; jedoch jetzt, da Du, unser wahrer, ewiger, heiliger Vater, unter uns bist, ließ sich mein Herz aus zu mächtiger freier Liebe zu Dir nicht mehr bändigen, und so wurde ich aus dieser mir über alles heiligen Liebe zu Dir, meinem Vater, zum ersten Mal ungehorsam, und das zwar in der sichersten Hoffnung, dass Du mir diesen Fehler ja nicht zu hoch anrechnen und ihn bei meinem Vater schon wieder gutmachen wirst.“
HG|1|139|29|0| Und der Emanuel sagte wieder zum Lamech: „Lamech! Was würdest denn du nun tun, wenn Ich dir diesen Fehler denn doch sehr hoch anrechnen möchte, also zwar, dass Ich dich darum von Mir und Meiner Liebe und Gnade weisen möchte?“
HG|1|139|30|0|Und der Lamech, darauf etwas traurig gemacht, erwiderte in einem wehmütigen Ton, sagend: „O Emanuel! Du allein nur siehst und kannst gerecht und richtig beurteilen, wie da beschaffen ist unser Herz! Ich kann gefehlt haben; allein ich bin blind und sehe den Fehler nicht, denn nur, dass ich aus Liebe zu Dir, wie ich’s nun überklar empfinde, nicht nur meinen irdischen Vater Mathusalah, sondern, wie gesagt, tausend Väter mit der ganzen Welt verlassen möchte!
HG|1|139|31|0|Du kannst mich auch strafen, so wird meine Liebe zu Dir doch in ihrer Stärke von mir aus nicht eher vergehen, als bis ich selbst vergehen werde vor Dir, Du heiliger Vater!
HG|1|139|32|0|O Emanuel, siehe, ich verlange ja nichts von Dir als nur, dass Du Dich von mir möchtest lieben lassen! Du hast den Henoch für seine Liebe unsterblich gemacht. Siehe, ich verlange solche Gnade nicht von Dir und bin derselben auch nicht wert; so lasse mich sterben, aber doch also, dass ich noch sterbend Dich lieben dürfte.
HG|1|139|33|0|O Emanuel, vergebe mir meine Worte, darum ich nichts dafürkann, dass mein noch lebendes Herz solches zu sagen meine Zunge nötigt! Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|1|139|34|0|Hier bewegte Sich Emanuel, und Sein Antlitz wurde strahlend gleich der Sonne, dass alle darob zur Erde niederfielen; und also blickte Er auf zum Himmel und sagte:
HG|1|139|35|0|„O Liebe, du reine, heilige, ewige Liebe, du hast gesiegt und wirst Siegerin bleiben ewig! Du Himmel, du Sonne, du Erde, ihr werdet vergehen, und es wird von euch keine Spur mehr übrigbleiben, ja es wird vergehen alle Majestät, Pracht und Herrlichkeit; allein du, heilige Liebe, du wirst bestehen und nimmer vergehen!
HG|1|139|36|0|Stehe auf, Lamech! Du hast gesiegt; ja Ich sage dir, du hast einen großen Sieg erfochten! Siehe, Mich, deinen Gott und Vater, hast du überwunden! Jetzt erst hast du Mich, jetzt darfst und kannst du Mich lieben aus allen deinen Kräften; denn du hast mit deinem Vater und mit Mir um Mich gerungen und wolltest sterben und vergehen um Meine Liebe. Siehe, jetzt bin Ich dein Siegespfand; nun erfasse Mich nach deiner Lust!“
HG|1|139|37|0|Hier umklammerte Lamech Emanuels Füße und sprach: „O Emanuel Abba! Jetzt lasse mich sterben, denn meine Liebe ist belohnt; denn nichts denn das verlangte mein Herz. Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|1|139|38|0|Und der Emanuel hob den Lamech empor und drückte ihn an das heilige Vaterherz, sagend: „Lamech, meinst du, du könntest sterben in solcher Liebe zu Mir? Wahrlich, Himmel und Erde werden vergehen, aber solche Liebe ewig nimmer; denn das ist das ewige, unvergängliche Leben, so jemand Mich liebt wie du!
HG|1|139|39|0|Dich aber segne Ich nun, auf dass der Henoch und alle sehen mögen, wie getreu Ich in allen Meinen Verheißungen bin.
HG|1|139|40|0|Einen Sohn werde Ich dir geben dereinst; dieser wird ein Retter des Volkes werden, und Tiere sollen verschont werden von Meinem Zorn, die er ansehen wird; und er wird Mir diesen Altar wieder errichten, den Mir jetzt der Henoch erbaut hat.
HG|1|139|41|0|Dafür, dass du aber nun für Mich aus Liebe sterben wolltest, siehe, solches werde Ich aus Liebe dereinst tun für dein Geschlecht und für alles Fleisch, damit sie alle gewonnen werden fürs ewige Leben!
HG|1|139|42|0|O du Mein Lamech du, du bleibst nun bei Mir und Ich bei dir ewig! Amen.“
HG|1|140|1|1|Mathusalahs Läuterung und die Vorbereitung des Opferaltars
HG|1|140|1|1|Am 4. November 1841
HG|1|140|1|0|Es sah aber Mathusalah, wie sein Sohn Lamech aufgenommen wurde, und freute sich dessen ungemein und ging darob hin zum Emanuel und dankte Ihm für eine so große Gnade, die da widerfahren ist seinem Sohn.
HG|1|140|2|0|Emanuel aber entgegnete ihm: „Warum bedankst du dich, daran du keinen Anteil hast? Warte, bis an dich die Reihe kommen wird; dann erst komme und danke!
HG|1|140|3|0|Hieltest du nicht am Rock deinen Sohn zurück, da er zu Mir wollte?! Und es hätte dir Freude gemacht, so Ich ihn von Mir gewiesen hätte! Allein da Ich solches nicht tat, sondern behielt den Lamech, so kommst du nun und dankst Mir wider dein Herz!
HG|1|140|4|0|Siehe, ein solcher Dank ist nicht frei, sondern notgedrungen! Der aber Mir ein Dankopfer bringen will, des Herz muss frei sein also wie die Liebe, da er eine Blüte und Frucht der Liebe ist.
HG|1|140|5|0|Wer sonst aber andersartig dankt, als er liebt, dessen Dank ist gleich einer hohlen Frucht, darinnen kein Kern des Lebens wohnt!
HG|1|140|6|0|Daher gehe zuvor hin, ordne dein Herz, dann erst komme und opfere deine Gabe, dass Ich sie ansehen und, wenn sie ohne Makel sein wird, auch annehmen werde! Amen.“
HG|1|140|7|0|Es wurde aber darüber der Mathusalah traurig und sagte bei sich: „O Emanuel, mit Dir ist hart und überschwer auskommen; denn Du verlangst eine Reinheit des Herzens von mir, die da übersteigt alles, was je die höchste menschliche Weisheit ersinnen möchte!“
HG|1|140|8|0|Und der Emanuel sprach zu ihm: „Mathusalah, jetzt hat dein Herz wahr gesprochen, und solches ist mehr wert denn deine unzeitige und wurmstichige Dankesfrucht!
HG|1|140|9|0|Wahrlich, die Weisen und Verständigen der Welt werden an Mir allzeit die größte Not finden und werden sich gewaltig stoßen an Mir! Aber die Kinder werden mit ihrem Vater spielen, und es wird das Spielzeug dem Vater angenehmer sein allzeit und ewig denn alle wenn auch noch so abgemessene Weisheit der sonst überaus trockenen Weisen der Welt!
HG|1|140|10|0|Verstehe es wohl, und gehe und tue, wie dir geraten! Amen.“
HG|1|140|11|0|Und der Mathusalah ging und fing an, sein Herz zu durchsuchen, und fand es voll Unrat, dass er sich darob entsetzte, und wollte davonfliehen und sich verbergen in irgendeinem Winkel der weiten Erde.
HG|1|140|12|0|Da trat ihm aber alsbald der Emanuel in den Weg und sagte: „Mathusalah, du willst fliehen vor Mir und dich verbergen vor Meinem Angesicht; Ich sage dir aber, du wirst keinen Ort finden in der ganzen Unendlichkeit, der da fremd wäre Meinem Auge! Gehst du ans Ende aller Welt, – wahrlich, du wirst Mich finden!
HG|1|140|13|0|Möchtest du dich versenken in die Tiefe des Meeres, meinst du etwa, dass Ich da nicht sein werde? Oh, du irrst dich gewaltig; siehe, auch die Kreatur des Meeres empfängt die Kost aus Meiner Hand!
HG|1|140|14|0|Oder wohin möchtest du fliehen, dass Ich auf deiner Flucht dich nicht verfolgen möchte auf Schritt und Tritt?
HG|1|140|15|0|Siehe, daher ist alles umsonst; und also bleibe, wo du bist, und läutere dein Herz, damit Ich dir dann helfen kann! Amen.“
HG|1|140|16|0|Und der Mathusalah blieb und beweinte seine Torheit.
HG|1|140|17|0|Im Verlaufe dieser Reden, welche bei all den Kindern eine große Änderung in ihren Herzen bewirkt hatten, wurde auch der Opferaltar fertig errichtet; und das Holz war auch schon übers Kreuz daraufgelegt, und ein Lamm als Brandopfer war bereitet.
HG|1|140|18|0|Und so näherte sich voll der inbrünstigsten Liebe der Henoch dem Emanuel und sagte: „Herr, unser aller liebevollster Vater, siehe, es ist alles bereitet! Wie willst Du, dass zum sichtbaren Zeichen fürs sündige Fleisch Dir dies Opfer soll dargebracht werden?“
HG|1|140|19|0|Und der Emanuel sagte: „Das Holz ist gelegt, wie es sich geziemt, und das Opferlamm, wie es sich geziemt; aber Ich sehe, noch etwas geht ab! Daher, lieber Henoch, gehe hin und hole Mir das Abgängige; denn daran liegt es am meisten! Ich sage dir, ohne dem hätte das Opfer keinen Wert; darum gehe, und hole es behände! Amen.“
HG|1|141|1|1|Henoch ermuntert die Väter zur Liebe zu Emanuel
HG|1|141|1|0|Und der Henoch verstand gar wohl, was da noch abging. Und so ging er auch alsogleich hin zu den Vätern und richtete folgende Worte im Namen Emanuels an sie, sagend nämlich:
HG|1|141|2|0|„O Väter, vernehmt ein Wort aus meinem Munde im Namen Emanuels! Es ist nun bereitet der Altar, der da ist heilig und rein vor Gott, da ihn Gott Selbst erbauen half meinen schwachen Händen.
HG|1|141|3|0|Es liegt auf ihm wohlbereitet und in gerechter Ordnung des Zederbaumes fettes Holz, und das Opferlamm ist bereitet und wartet auf die erhabene Bestimmung; und somit ist alles bereitet bis auf eines, und dieses eine seid ihr, Väter!
HG|1|141|4|0|Adam, du bist bereitet, und die Mutter Eva ist es mit dir, denn ihr seid ein Fleisch. Aber wo sind der Seth, Enos, Kenan, Mahalaleel, Jared und du, mein Sohn Mathusalah?
HG|1|141|5|0|Zwar seid ihr wohl gegenwärtig dem Fleische nach; aber es schlägt im selben noch ein abwesendes Herz. Dieses Herz sollte in der wahren, reinsten Liebe gegenwärtig sein, da die höchste Liebe des Vaters Selbst sichtbar gegenwärtig ist.
HG|1|141|6|0|O Seth, siehe, so ich je meinen Mund geöffnet habe, so warst du der Erste, der da jegliches meiner Worte wie erwärmende Sonnenstrahlen im Winter überaus freudig aufnahm und auch jegliches derselben gar wohl und fest im Herzen behielt und dann sogleich auch sein Leben danach einrichtete; jetzt aber, wo der Herr Selbst unter uns wandelt und Worte lehrt und mit solcher Liebe redet, dass darob die härtesten Steine zum Öl werden könnten und jedes Gräschen, jedes Gesträuch und jeder Baum zittert vor übergroßer Wonne und Seligkeit vor Dem, der da nun unter uns wandelt und solche erhabenen Dinge lehrt, siehe, jetzt bist du also stille, als ginge dich die ganze Sache mitnichten auch nur im Geringsten etwas an, sondern gaffst nur voll Neugierde nach stets neuen, größeren Wundern, um dich dabei zu unterhalten! Dass du aber dem Herrn in deinem Herzen ein reines Liebeopfer darbrächtest, siehe, dazu bist du zu träge geworden; aber dessen wird Sich der Herr nicht rühmen mit dir. Daher stehe auf, bereite dein Herz, und dann eile hin zum Herrn, auf dass Er dich wieder aufnehme, also wie Er aufgenommen hat den Adam, den Lamech, den Abedam, den Jura, den Bhusin und den Ohorion und gar viele andere und – Ihm ewig Dank dafür! – zuletzt auch mich!
HG|1|141|7|0|Stehe auf, eile und versäume das Leben nicht; denn siehe, du bist tot! Darum eile, eile dem Leben der Liebe nach, solange es wandelt unter uns sichtbar! Wer es jetzt nicht ergreifen wird mit aller Hast gleich dem Lamech, wahrlich, der wird es verlieren auf ewig!
HG|1|141|8|0|Also des Herrn Wille, amen; Amen für dich, Vater Seth!“
HG|1|141|9|0|Und der Seth erschrak gewaltig, dass er aufsprang und hineilte zum Emanuel und leerte sein Herz vor Ihm aus, und bat Ihn um Erbarmung und Gnade.
HG|1|141|10|0|Und der Emanuel sagte zu ihm: „Seth, da Ich dich rufen ließ, so kamst du und magst auch bleiben. In der Zukunft aber werden nur diejenigen bleiben, die da ungerufen kommen werden und werden im Geiste und in der Wahrheit und Liebe zu Mir rufen: ‚Abba, Abba, Abba! Dein heiliger Wille, amen!‘ Verstehe es wohl, und sei rein! Amen.“
HG|1|141|11|0|Und als der Henoch noch seinen Ruf an die übrigen richten wollte, siehe, da sprangen diese eilends auf und sprachen einstimmig: „O Henoch, rufe uns nicht, denn dein Rufen ist schrecklicher denn aller Tod!
HG|1|141|12|0|Siehe, wir sehen die ganze Masse unserer Schuld vor uns und sind unwürdig deines Rufes; aber gehe hin zum Heiligen, dessen Namen wir nicht wert sind auszusprechen, und bitte Ihn für uns, deine armen, toten Väter und deinen toten Sohn Mathusalah, dass Er uns möchte gnädig und barmherzig sein! Amen.“
HG|1|141|13|0|Und der Henoch entgegnete ihnen: „Was des Unsinns redet euer Mund! Glaubt ihr denn, so bei mir etwas zu vergeben wäre, dass ich euch eher denn der Emanuel erhören möchte?!
HG|1|141|14|0|O wie blind und taub ihr doch seid! Ich, die Unvollkommenheit selbst, ich, der nichts hat, nichts vermag, – ich, der erst kaum durch die unendliche Erbarmung des Herrn in der Liebe erstanden bin, und an dem alles Gute selbst noch dazu rein des Herrn, also ein freies, im höchsten Grad unverdientes Geschenk ist, – also ich, meint ihr, ich werde barmherziger sein denn der Emanuel, Er, die allerhöchste Liebe, die allerhöchste Erbarmung Selbst, der da ist voll Sanftmut, Langmut und voll der höchsten Geduld mit jeglicher Schwäche?!
HG|1|141|15|0|O bedenkt euch eines Besseren, und macht mich nicht zu einem neuen Sünder vor Ihm!
HG|1|141|16|0|Wahrlich, so es auf mich ankäme, so würde ich euch nur fluchen mit meiner größten Wohltat gegen dem, so euch der Emanuel nur mit einem Auge ansieht!
HG|1|141|17|0|Daher eröffnet euer Herz, und eilt hin zum Vater! Denn nicht ich, sondern Er, der endlos besorgte, heilige Vater, Er, die höchste Liebe, lässt euch durch meine schlechte und matte Zunge rufen!
HG|1|141|18|0|Also geht dorthin, wo Liebe, Leben und Erbarmung zu finden ist und ewig zu finden sein wird, und wendet euch nimmerdar an meine Vorbitte, sondern an Den, dessen unendliche Liebe euch rufen ließ! Amen.“
HG|1|141|19|0|Und alle gingen voll Reue über ihre Torheit hin vor den Emanuel und bekannten ihre Schuld vor Ihm und schütteten ihr Herz vor Seinem Angesicht aus.
HG|1|141|20|0|Emanuel aber sah sie an und sprach: „Kinder! Warum fürchtet ihr denn den allerbesten, liebevollsten Vater und habt doch keine Furcht vor Menschen, an denen alles Gute doch nur von Mir ist, und deren Eigenes eitel verderblich Böses und Falsches ist?
HG|1|141|21|0|Glaubt ihr denn, Ich werde Mich von Menschen zu etwas bewegen lassen und dadurch zeigen, dass die Menschen barmherziger sind denn Ich?!
HG|1|141|22|0|Oder meint ihr, dass der Henoch mehr Liebe hat denn Ich, durch die er Mich erst bewegen hätte sollen, euch zu erlassen eure Schuld?! O ihr Toren, die ihr doch selbst Väter seid und liebt eure Kinder, da ihr voll Arges seid! Sagt, wann hat ein Fremder je mehr geliebt eure Kinder denn ihr selbst, oder wessen Stimme möchtet ihr eher erhören – die des Kindes selbst, oder die eines unberufenen und unvollkommenen Vorbitters?!
HG|1|141|23|0|So aber ihr also handelt als Menschen voll Arges vor Mir, wie denkt ihr denn also ungeraten von Mir?!
HG|1|141|24|0|Daher ändert eure Gesinnungen und denkt in euch, dass nur Ich euer aller Vater bin, und ihr aber alle Kinder eines Vaters seid und habt alle ein Recht durch die Liebe auf Ihn. Amen.“
HG|1|142|1|1|Die Bitte des Adam und die Lehre von der Freiheit der Liebe
HG|1|142|1|1|Am 5. November 1841
HG|1|142|1|0|Nach dieser kurzen Mahnrede Emanuels erhob sich der Seth und brachte, durch und durch mächtig von der Liebe ergriffen, folgendes hervor, sagend nämlich:
HG|1|142|2|0|„O Emanuel Abba, vergebe uns allen unsere entsetzliche Lauheit! Denn siehe, ich und also wir alle sind durch Deine außerordentlichen Großwundertaten ganz gefühlsstumm geworden, und die Reden Adams, Henochs, dessen Begünstigung, Deine schnell aufeinanderfolgenden Feuerreden und liebeglühenden Lehren haben unseren von Natur aus etwas langsamen Geist überladen, und wir konnten nimmer folgen all den unaussprechlichen Herrlichkeiten aus Deinem heiligen Munde; daher erlagen wir unserer großen Ohnmacht und verließen uns heimlich auf den Henoch, dass er uns solches nachträglich schon wieder beibringen werde und wir es dann nach Zeit und Muße ganz bequem und leicht begreifen werden können.
HG|1|142|3|0|Doch ein ganz anderes heiliges Licht aus Dir zeigte uns allen nun, dass all diese eben angeführten Gründe nicht also wirkten, sondern unser eigener träger Wille war es, der da alles solches ärgerlich Laues in uns bewirkte; daher, o Emanuel, erwecke unseren noch immer toten Willen und stärke mit Deiner Gnade unsere schwachen Herzen, auf dass wir das Gesagte aus Deinem heiligen Munde lebendig erfassen und danach unser Leben Dir wohlgefällig einrichten möchten! Amen.“
HG|1|142|4|0|Und der Emanuel erwiderte dem Seth und also auch allen folgendes: „Seth, siehe, Ich reinige euch der Wahrheit deines Bekenntnisses willen! Allein eure Wahrheit ist nackt wie ihr selbst vor Mir; darum bekleidet euer Herz mit freier Liebe zu Mir, damit ihr lebendig werdet! Denn alles kann Ich euch geben, nur alleinig die freie Liebe eures Herzens zu Mir, diese kann Ich niemandem geben! Und so Ich solches täte, was wäre da eure Liebe?
HG|1|142|5|0|Ich sage euch, sie wäre nichts als ein fremder Trieb in euch, der euch nötigen möchte, wider euren Willen Mich zu lieben und somit auch anzubeten!
HG|1|142|6|0|Ich aber habe euch zu freien Menschen und Kindern erschaffen und habe einem jeden gegeben einen eigenen guten Anteil der Liebe, die da bewirkt das Leben in euch. Mit dieser freien eigenen Liebe müsst ihr Mich erfassen, so werdet ihr das Leben in euch erfassen!
HG|1|142|7|0|Ich habe jedem so viel gegeben, dass da sein Anteil ein ganz gerecht wohlgemessener ist, also wie da gelegt ist in jegliches Samenkorn ein der Liebe entstammender lebendiger Keim. Wenn der Same in die Erde gelegt wird, so sammelt sich der Liebe Tau um ihn. Dieser Tau zerstört das den lebendigen Keim einschließende Fleisch und macht frei den lebendigen Keim. Ist er nun frei, so fängt er an, begierig den ihn umgebenden Liebes- und Lebenstau in sich aufzunehmen und wächst allmählich größer und größer heran, bricht bald dann selbstkräftig über das Erdreich empor und erhebt sich frei, hinauf zum Licht der Sonne strebend. In solcher Freiheit erstarkt er, und so wird endlich aus dem fast unsichtbar kleinen Keim ein mächtig starker Baum, über und über voll Lebens und somit voll von tausendfacher Frucht; und alles Leben ist da ein dem Baume eigentümliches Leben, aus welchem es seinesgleichen tausendfach hervorbringt.
HG|1|142|8|0|Seht nun, und fragt euch selbst, ob es nicht also auch sich verhalte mit der eigenen freien Liebe in euch, die da ist ein wahrer Keim des ewigen Lebens in eurem Fleische, welches da gleich ist der Materie des Samenkornes.
HG|1|142|9|0|Mein Wort und Meine Liebe zu euch ist der Liebestau und tut mit euch wie mit dem Samenkorn in der Erde. Also nehmt auf Mein Wort in euch, damit es zerstöre euer Weltliches und dann wahrhaft frei mache eure Liebe, welche da ist das wahre ewige Leben! Erst in diesem freien Leben werdet ihr dann nützliche Fruchtbäume werden und tun können, das des Lebens fürs Leben ist; jetzt aber ist eure Aufgabe keine andere, als euch lebendig und frei zu machen in der wahren Liebe zu Mir, damit ihr dadurch dann erst wahrhaft lebendig werdet in Mir und durch Mich, euren wahren, ewigen, heiligen Vater! Amen.
HG|1|142|10|0|Und nun geht an die rechte Seite des Altars, und beachtet in euch das Opfer Henochs, und lasst an der geheiligten Opferflamme erwärmen eure noch liebeschwachen Herzen! Amen.“
HG|1|142|11|0|Und alle taten nach dem Wort Emanuels und stellten sich an des Altars rechte Seite, die da war gewendet nach Mittag. An der Seite von Morgen her standen Emanuel, der opfernde Henoch, Lamech und die anderen Erweckten. Und die abendliche und mitternächtliche Seite aber war frei für alles Volk.
HG|1|142|12|0|Und als nun also alles wohl bereitet und geordnet war fürs Opfer, da trat noch einmal der Adam hin zum Emanuel und fragte Ihn voll der innersten, reinsten Liebe und allerhöchsten Achtung:
HG|1|142|13|0|„Emanuel, Du wirst uns etwa nach diesem Opfer doch nicht alsbald verlassen, sondern noch gnädigst auch am morgigen Sabbat das Opfer auf der Höhe heiligen und es auch allergnädigst annehmen?! Denn siehe, die im Morgen, Mittag und Abend wohnenden Kinder haben Dich noch nicht erkannt! Oh, wie glücklich würden sie sein, so sie Dich in unserer Mitte auch ansehen und ein Wort des Lebens aus Deinem heiligen Munde vernehmen könnten!
HG|1|142|14|0|Allein, o Emanuel, nicht mein oder unser Wille, sondern nur allzeit Dein allerheiligster Wille geschehe jetzt und ewig! Amen.“
HG|1|142|15|0|Und der Emanuel sagte darauf dem Adam: „Siehe, du bist besorgt, und deine Sorge ist nicht eitel, da du ein Vater bist alles freien Blutes der Erde; aber eines bei deiner Sorge ist, das da grenzt an des äußeren Lebens Eitelkeit, und das ist das Sichtbare Meines Wesens in einer euch ähnlichen Person! Meinst du denn, Ich bin euch als unsichtbar weniger gegenwärtig und also ein weniger hilfreicher Vater denn in Meiner Sichtbarkeit?
HG|1|142|16|0|Siehe, das ist noch eitel; dir sage Ich aber, es ist jedem besser, Mich wesentlich nicht zu schauen, als nur durch die Liebe im eigenen Herzen! Denn Meine Sichtbarkeit ist euch eine Nötigung, Meine Unsichtbarkeit aber eures Lebens Freiheit; es kann aber durch die Nötigung niemand zum ewigen Leben gelangen, sondern allein durch die Freiheit, welche da ist die reine Liebe zu Mir!
HG|1|142|17|0|Zu dem Ich käme und bliebe bei ihm, der würde von Mir verschlungen; denn das Feuer Meiner Liebe ist zu unendlich, als dass es zu ertragen imstande wäre ein sterbliches, nur für die Unsterblichkeit erschaffenes Wesen. So aber jemand zu Mir kommt frei, nachdem er Mich zuvor gesucht in seinem Herzen, siehe, der hat sich gefestet und ist auch stark geworden, darum Ich ihn nicht mehr verschlingen werde, sondern aufnehmen zur ewigen Anschauung Meiner Unendlichkeit und zum ewigen freien Genuss der Ausflüsse Meiner unendlichen Liebe und Gnade.
HG|1|142|18|0|Jedoch aber werde Ich deiner Bitte zufolge auch morgen auf einen Augenblick allen deinen Kindern sichtbar und vernehmbar werden; verstehe es wohl! Amen.“
HG|1|143|1|1|Die Opferung des Lammes am Altar
HG|1|143|1|0|Und der Adam dankte mit vollster Inbrunst seines Herzens dem Emanuel für die verheißene große Gnade und stellte sich wieder rückwärts auf den schon früher eingenommenen Platz.
HG|1|143|2|0|Und nach dem aber trat der Henoch vor und sagte zum Emanuel: „Siehe, Emanuel Abba, der Du bist heilig, überheilig! Also wäre alles bereitet; so es Dir wohlgefällig wäre, möchte ich Feuer legen nun auf den Altar und für uns alle Dir opfern das Lamm und die Früchte.“
HG|1|143|3|0|Emanuel aber entgegnete: „Henoch! Siehe, Ich bin weder hungrig, noch durstig, und du magst Mir mit dem Opfer keine Sättigung bereiten; das Mir angenehmste Opfer aber ist ein reumütiges, zerknirschtes, Mich suchendes und über alles liebendes Herz!
HG|1|143|4|0|Allein, da du schon den Altar erbaut, auf ihn das Holz gelegt und das Opfer bereitet hast, so kannst du ja legen dasselbe darauf und es Mir opfern! Amen.“
HG|1|143|5|0|Und der Henoch tat alles nach den Worten Emanuels und legte zuerst das Lamm lebendig über das Holz, welches noch nicht brannte, und schlachtete es auf dem Altar.
HG|1|143|6|0|Es bemerkte aber der Adam, dass sich solches nicht gezieme, am Altar das Blut des Lammes zu vergießen.
HG|1|143|7|0|Und der Emanuel entgegnete dem Adam, sagend: „Adam! Kümmere dich dessen nicht, was der Henoch tut; denn nicht dir, sondern Mir bringt er das Opfer! Und siehe, Mir ist es recht! Warum sollte es dann dich ärgern?
HG|1|143|8|0|Ich sage dir aber zum Zeichen Meines Wohlgefallens an der Opferungsweise Henochs, dass eben also der Allerhöchste dereinst dem Allerhöchsten das allerhöchste Opfer darbringen wird! Verstehe es wohl! Amen.“
HG|1|143|9|0|Und der Adam entgegnete etwas verblüfft gewisserart fragend: „O Emanuel! Gibt es denn außer Dir Allerhöchstem noch einen Allerhöchsten, oder wie ist das zu verstehen?“
HG|1|143|10|0|Und der Emanuel sagte: „Ich sagte, und nun sage Ich dir: Jenseits des Fleisches gibt es noch vieles Verborgene; doch in deinem Fleische wirst du solches nimmer erschauen! Denn des Fleisches Lehrerin ist die Zeit; der Geist aber wird es erkennen, wenn er wieder dahin gelangen wird, da er hervorgegangen ist. Amen.“
HG|1|143|11|1|Am 6. November 1841
HG|1|143|11|0|Nun war das Lamm geschlachtet, und der Henoch nahm Steine und rieb sie gewaltig aneinander über untergelegtem, mit trockenem Harz bestäubtem, dürrem Stroh; allein ihm, dem sonst besonders geschickten Feuermacher, wollte diesmal seine Kunst nicht gelingen, darum er alsbald hinging zu Emanuel und sagte:
HG|1|143|12|0|„Herr, Abba Emanuel! Siehe, ich bringe diesmal kein Feuer zuwege; o lasse mich doch ein Feuer machen!“
HG|1|143|13|0|Und der Emanuel erwiderte dem Henoch: „Siehe, Mein geliebter Henoch, so dir das Feuer nicht gehorcht, magst du ja zufrieden sein; denn es ist besser, ein Herr seines Herzens zu sein denn ein geschickter Feuerwerker! Also ist Mir auch angenehmer einer, der sein eigenes Herz zu Mir erhebt, als einer, der durch sein Wort und durch seine Feuerreden Tausende zu Mir gewendet hätte, bei sich selbst aber bliebe er ein kaltes Opfer, darunter kein Feuer der Liebe lodert, sondern allein kalte Weisheit.
HG|1|143|14|0|So du aber kein Feuer zuwege bringst, siehe, dem soll bald abgeholfen sein! Gebe das Feuerzeug dem jungen, kräftigen Lamech! Unter seinen kräftigeren Händen werden die Steine schon geben, was sie dir versagten; du aber bleibe bei Mir, und lasse das Handwerk dem Lamech! Amen.“
HG|1|143|15|0|Und alsbald übergab Henoch überfreudig dem Lamech die Feuersteine, und dieser rieb sie also gewaltig aneinander, dass daraus alsbald eine so große Menge Feuers entstand, dass sich nicht nur davon alsogleich das Feuerstroh entzündete, sondern das Feuer ergriff auch alsbald das Holz und das Opfer, das da plötzlich in hellen Flammen aufloderte.
HG|1|143|16|0|Es wunderten sich aber alle über die Geschicklichkeit des Lamech. Da aber der Lamech sah solches Wunderlob der Väter und des Volkes, wandte er sich hastig zu ihnen und sprach mit großem Eifer:
HG|1|143|17|0|„O Väter und Brüder, seid ihr schon wieder von Sinnen und bringt mir ein Lob?! Wer ist denn der Emanuel? Wer hat und wer gibt da das Feuer?
HG|1|143|18|0|Wäret ihr nicht meine Väter und Brüder, wahrlich, ich möchte euch blinde Toren schelten! Gebt Dem Lob und Ehre, dem solches gebührt! Wem aber gebührt alles Lob und alle Ehre? So ihr es noch nicht wissen solltet, so sage ich es euch, dass solches nur Gott allein gebührt, da allein Er heilig ist und war und sein wird ewig! Amen. Versteht es wohl, amen!“
HG|1|143|19|0|Und alsbald wendete sich Emanuel zum Lamech und sagte zu ihm: „Höre, Lamech, fast zu viel des Feuers hast du gerieben!
HG|1|143|20|0|Dir wäre nicht gut Blitz und Donner anzuvertrauen, denn unter deinem Regiment möchte die Erde bald ganz verglast aussehen oder also, allda der Sonne hellster Strahl der tieferen Bäche Sand zerschmilzt und dann ihre Ufer überzieht mit einem zwar äußerlich durchsichtigen Glas, – aber eben darum, dieweil es äußerlich dann das Licht aufnimmt und durchlässt, wird es unter dem Glas dann finsterer und kälter denn da, wo noch der blanke Sand seine trockene Stirne den Strahlen der Sonne darbietet. Und höre: Auf dem Glas wächst ewig keine Frucht mehr!
HG|1|143|21|0|Daher nur sanft und gelassen und geduldig in allen Dingen und jeglichem Wort und in jeglicher Tat; denn Sanftmut, Gelassenheit und Geduld sind der beste Dünger des Erdreichs! So dann jemand säht einen guten Samen darein, da wird er dann aufgehen und dir und Mir eine reichliche Ernte geben!
HG|1|143|22|0|Wer aber mit Schwert und Knitteln dreinschlägt, und blitzt und donnert, der verwundet und tötet nicht selten, und es wird auf seinem Acker wenig Frucht zum Vorschein kommen.
HG|1|143|23|0|Wer aber da ist allzeit voll Sanftmut, Gelassenheit und Geduld, der begießt die Pflanzen seines Ackers, so der Sonne mächtige Strahlen das Erdreich trocken machen.
HG|1|143|24|0|Nun, lieber Lamech, urteile selbst, auf welchem Acker da des Segens Fülle sichtbar wird schon in kurzer Zeit!
HG|1|143|25|0|Daher sei auch du allzeit sanftmütig, gelassen und geduldig gegen jedermann, so wirst du die Herzen um dich versammeln und des Lebens Segen streuen über sie! Verstehe es wohl! Amen.“
HG|1|144|1|1|Emanuels Rede über die Freiheit der Liebe und das Opfer am Altar
HG|1|144|1|0|Und der Lamech erkannte seinen Fehler und ging hin zum Emanuel und danach auch zu den übrigen Vätern und bat sie alle mit dem gerührtesten Herzen um Vergebung. Und all die Väter freuten sich dessen und ließen bei sich nicht unbeachtet die frühere feurige Mahnung.
HG|1|144|2|0|Nach diesem aber sah Emanuel Henochs Opfer an und segnete es, sagend: „Ich, Emanuel Abba, habe zwar kein Wohlgefallen an diesem Brandopfer, sondern nur an dem, der es reinen Herzens Mir bereitete, – so segne Ich es aber doch zum frühen Gedächtnis an ein Opfer, das dereinst zur Belebung aller Toten und Lebendigen dargebracht wird. Und so soll es denn auch fürder bis ans Ende aller Zeiten der Zeiten beim Lamm und Brot verbleiben! Amen.
HG|1|144|3|0|Wehe aber denen, die daran eine Abänderung treffen werden; wahrlich, Ich sage euch, sie werden nicht Mir, sondern dem Unrat der Welt ihr Opfer bringen und werden durch ihr Opfer werden gleich dem, dem sie ihr Opfer dargebracht haben!
HG|1|144|4|0|Und du, Henoch, siehe, also habe Ich dein Opfer gesegnet, dass es geworden ist zu einem lebendigen Opfer, darum dereinst erstehen wird aus diesem verbrannten Lamm ein großes, lebendiges, starkes Lamm der Welt, welches auf seine Schulter nehmen wird alle Schwäche der Erde und wird allem Fleisch eröffnen des ewigen Lebens nimmerdar sich schließende Pforten! Amen.
HG|1|144|5|0|Ich gebe euch nun kein Gebot mehr, sondern frei mache Ich euch von jeglichem Gebot. Gebote taugen nur für faule Knechte, und wer da nach den Geboten lebt, ist ein toter Sklave, der da gerichtet sein will in all seinem Tun, und hat keine Freiheit im Herzen. Da er arbeitet, da arbeitet er, weil ihm die Arbeit geboten war, denn ohne Gebot hätte er nie eine Tätigkeit für nötig befunden. Da er liebt, da liebt er, weil ihm die Liebe geboten ward, aber sein Herz empfindet nicht die Notwendigkeit und Heiligkeit der Liebe und das ewige Leben aus ihr, sondern nur ihren, das heißt der Liebe Druck. Warum denn also? Dieweil er ist ein Sklave aus der Schlammtiefe in allen Dingen.
HG|1|144|6|0|Des freien Menschen Herz aber schlägt frei, und seine Lunge atmet frei, und kein lebenshemmendes Gesetz stört den munteren Kreislauf seines Blutes; denn die freie Liebe zu Gott macht ihn zum Kind des Allerhöchsten.
HG|1|144|7|0|Wer aber da ist ein Kind des allerhöchsten Gottes, ist der noch ein Kind der Menschen?
HG|1|144|8|0|Da er aber ist ein Kind Gottes, hat er da nicht in sich, was da ist allzeit heilig und ähnlich vollends Dem, der sein Vater ist, – also Göttliches und vollends Freies?
HG|1|144|9|0|Darum sage Ich nun euch allen, die ihr ein freies Herz habt und liebt Mich mit euren freien Herzen, dass auch ihr Götter seid, wie euer heiliger Vater es ist von Ewigkeit frei aus Sich, aus eigener, ewiger, heiliger Kraft heraus!
HG|1|144|10|0|Seht, darum also gebe Ich auch kein Gebot, sondern zeigte und zeige euch nur noch die wahre, freie, lebendige und allein lebendig machende Liebe zu Mir als die Urquelle alles Lebens und Seins, damit ihr sie im Geiste und aller Wahrheit zu eurer vollkommenen Belebung als das einzige Bindungsmittel gebrauchen möchtet zwischen Mir und euch.
HG|1|144|11|0|Ich sage nicht einmal, dass ihr solches tun sollt, sondern frei mögt ihr es tun, so es euch gefällt! Ja nicht einmal aus Liebe zum Leben sollt ihr solche Lehre befolgen, sondern lediglich aus freier Liebe zu Mir, alleinig der Liebe allein wegen und somit Meinetwegen, der Ich allein euer liebevollster Vater bin!
HG|1|144|12|0|Seht, darum Ich euch liebe, da ihr Meine Kinder seid, so sollt auch ihr Mich lieben, da Ich euer Vater bin!
HG|1|144|13|0|Wie ihr aber Mich liebt, eben also sollt ihr euch auch lieben als lauter Brüder und Schwestern untereinander! Es soll euch ja nie ein Mittel was immer für einer Art bestechen, sondern Bruder, Schwester, Vater, Mutter sei alles zur Erweckung der freien Liebe in euch!
HG|1|144|14|0|Was ihr Mir geben könnt für Meine ewige Vaterliebe zu euch, der Ich von niemandem etwas benötige, also auch sollt ihr sein in euren Herzen gegen Mich und gegen alle; dann werdet ihr sein gleich Mir lebendig aus euch durch den freien, gerechten Gebrauch Meiner freien Liebe in euch und werdet dadurch leben gleich Mir ewig und unvergänglich.
HG|1|144|15|0|So ihr also bleiben werdet, da wird fern bleiben der Schlange Macht, und kein Makel wird je bekleben und verunreinigen eure Herzen. Wer aber da will ein Sklave der Welt sein, der sei es immerhin, Ich habe kein Gebot für ihn!
HG|1|144|16|0|Aber nur das soll er wenigstens als Mensch wissen, dass Ich seinetwegen Meine ewige Ordnung nicht umstoßen werde! Das Leben allein nur ist in der freien Liebe zu Mir, sonst aber überall der ewige Tod.
HG|1|144|17|0|Und du, Mein geliebter Henoch, du sei nun Mein erster Priester, und deine Liebe sei die Gründung der ersten und reinsten Kirche dieser Erde!
HG|1|144|18|0|So du morgen also opfern wirst, werde Ich zu dir kommen und dir Worte auf die Zunge legen, die du sprechen wirst vor all den Kindern. Meine Liebe, Meine Gnade und Mein Segen mit euch! Amen.“ – Und Emanuel verschwand vor aller Augen.
HG|1|145|1|1|Abschied von Emanuel und die weiteren Wege der Väter und Kinder
HG|1|145|1|1|Am 8. November 1841
HG|1|145|1|0|Als nun bereits alle die Väter und alles umstehende Volk bemerkt hatten, dass der Emanuel nicht mehr unter ihnen war, sondern dass Er also ganz verschwand dem Wesen nach, als so von Ihm nie etwas dagewesen wäre, da wurden bis auf den Henoch alle traurig und wechselten wenige Worte untereinander. Erst als sich die Sonne schon stark geneigt hatte, besann sich Adam und sagte:
HG|1|145|2|0|„Kinder, da Der nicht mehr sichtbar unter uns wandelt, der da ist Jehova Emanuel Abba heilig, überheilig, was sollen wir nun noch hier machen?
HG|1|145|3|0|Darum geht hin zu den Kindern, und ladet sie auf den morgigen Sabbat, und kommt alsbald wieder zurück, auf dass wir dann behände aufbrechen und eilen dann auf die Höhe, unserer Heimat zu.
HG|1|145|4|0|Ihr aber, du Jura, Bhusin und Ohorion, und du auch, Abedam, sollt fürderhin bleiben in unserer Mitte, so es euch gefällt bei uns! Allein, wie nun ihr selber es aus dem Munde des Allerhöchsten deutlich vernommen habt, wie da jeder vollends frei ist, also seid es ihr auch von mir aus, der ich bin euer aller irdischer Vater. Wie es also euch gefällt, also mögt ihr es auch tun und dürft nicht etwa fürchten, entweder durch eines oder durch anderes etwas zu gewinnen oder zu verlieren, sondern allein euer freier Wille leite euch in allen Dingen, und des Herrn Wort und dessen ewige Liebe aber sei auf allen Wegen und Stegen euer aller Führerin und sei alles eures Lebens! Amen.“
HG|1|145|5|0|Und alsbald gingen Enos, Kenan, Mahalaleel und Jared und luden für den morgigen Sabbat die Kinder der Mitternacht, auf der Höhe zum Opfer zu erscheinen.
HG|1|145|6|0|Der Jura aber entgegnete dem Adam, sagend: „Vater, siehe, eine unaussprechlich große Freude ist es uns allen, dass du uns geladen hast, wieder bei dir auf der Höhe bleiben zu dürfen; nur ist hier eine Frage nötig, und zwar diese: zu was nütze wir auf der geheiligten Höhe nun wären, und was da geschehen soll mit unseren Kindern.
HG|1|145|7|0|Es ist unter euch der Henoch ein lebendiger Priester nun des Herrn. Siehe, unsere Kinder haben niemanden, der da geweckt worden wäre, denn allein uns; also wollen wir auch ihnen sein – wenn auch nicht in einem so vollkommenen Sinne –, was vom Emanuel aus euch und auch nach euch uns allen nun ist der Henoch.
HG|1|145|8|0|Solches aber werden wir benützen die Zeit unseres Lebens hindurch, darum wir nicht selten auf die Höhe kommen werden und allda fassen für uns und unsere Kinder aus eurer Mitte neue Wärme und neues Licht. Und sonach werden wir hier verbleiben; aber morgen noch viel vor dem Aufgang wollen wir vor deiner Hütte dem Herrn einen Lobgesang anstimmen! Amen.“
HG|1|145|9|0|Und der Adam erwiderte ihnen: „Also ist es, und wie des Herrn so auch begleite euch und stärke euch mein und unser aller Segen! Amen.“
HG|1|145|10|0|Nach dem aber wandte er sich zu Abedam und fragte ihn, was denn er zu tun gesonnen sei.
HG|1|145|11|0|Und der Abedam gab ihm überaus sanftmütig ganz denselben Bescheid. Und der Adam und alle lobten ihn seiner Treue wegen, und der Henoch trat zu ihm und sagte zu ihm folgende Worte:
HG|1|145|12|0|„Höre, Abedam, der Weg ist dir bekannt! Des Herrn Wille ist dein, Seine Liebe dir untertan. Deine Kinder sind noch alle blind. Siehe, nicht umsonst hat dich der Herr geweckt; daher eile zu den Deinen und bringe ihnen allen die frohe Botschaft und verschweige nichts, und allen sage laut und liebekräftig, was alles der Herr an uns allen getan hat!
HG|1|145|13|0|Sei gegrüßt, lieber Bruder im Herrn und in Adam, jetzt und ewig! Amen.“
HG|1|146|1|1|Abedams Begegnung mit dem merkwürdigen Fremdling
HG|1|146|1|0|Und alsbald verließ Abedam unter vielen Segnungen die heilige Stätte und eilte zu den Seinen, voll beladen mit den herrlichsten Schätzen aus den Himmeln. Und als er ging voll hoher Gedanken und voll Liebe zum Herrn denselben Weg zurück, den sie früher alle vom Abend her so überaus wunderbar gezogen waren, siehe, da kam ihm auf einmal gerade an der Stelle, da sie alle gerastet hatten und er als alleiniger Gefährte dem Asmahael zur Seite sich befand, ein junger, rüstiger Mann unter und fragte ihn:
HG|1|146|2|0|„Wohin ziehst du so späten Tages? Siehe, schon berührt die Sonne des Berges Saum, und der Mond ist ferne noch mit seinem Licht; holperig ist der Weg und voll Steine der Pfad. Höre, [Abedam,] ich habe gehört, dass sich bei den Kindern der Mitternacht große Dinge sollen zugetragen haben im Angesicht aller Väter! Ich möchte nun hin, um da auch etwas davon zu sehen, und besonders aber die gestärkten Väter; möchtest du darum denn nicht umkehren und mich geleiten dahin?
HG|1|146|3|0|Und der Abedam besann sich nicht lange und fragte den Fremdling: „Ja, was du verlangst, will ich mit aller Freude gerne tun; aber so du irgendeinen Namen hast, damit ich dich dann bei den Vätern aufführen könnte, möchtest du mir ihn nicht kundgeben?
HG|1|146|4|0|Und der Fremdling fragte entgegen um dasselbe und sagte zu ihm: „So du mir sagst deinen Namen, will ich dir auch sagen den meinigen und will dir noch sagen etwas ganz anderes; aber deinen Namen sage mir zuvor!“
HG|1|146|5|0|Und der Abedam fing an zu stutzen und sagte zum Fremdling: „Wie kannst du mich denn um meinen Namen fragen? Hast ihn doch eben zuvor genannt, da du mich aufhieltest und mich ersuchtest, dich nun wieder zurück dahin zu geleiten, da soeben unerhörte große Dinge geschehen sind! Siehe, wie soll ich das verstehen?“
HG|1|146|6|0|Und der Fremdling entgegnete ihm: „Siehe, Abedam, du kommst soeben von dem Ort, von der heiligen Stätte, da so große Dinge geschehen sind und du sicher auch geweckt wurdest! Wie magst du als Geweckter diese leichte Frage denn nicht verstehen?“
HG|1|146|7|0|Und der Abedam wurde ganz verblüfft und wusste nicht, was er dem Fremdling hierauf erwidern sollte.
HG|1|146|8|0|Und der Fremdling fragte ihn wieder, wie sein Name sei. Und der Abedam, ganz außer sich vor Verwunderung, dass der Fremde ihn doch stets beim Namen rufe und nun darauf bestehe, zu erfahren Abedams Namen, entgegnete endlich dem Fremdling:
HG|1|146|9|0|„Höre, also, wie du mich nanntest, also heiße ich und habe keinen anderen Namen denn gerade den, welchen du mir gabst, und den da mir gab Adam und Emanuel!“
HG|1|146|10|0|Und der Fremdling sagte zu ihm, ihn scharf anschauend: „Siehe, Abedam, jetzt bin ich zufrieden, da du es mir sagtest, wie dein Name ist! Denn siehe, ich habe dir zuvor gleich anfangs den Namen gegeben; allein, als ein von mir dir gegebener Name war das ja nicht dein Name, sondern der meine in dir, ob du also auch heißen mochtest oder nicht. Nun ist der Name dein und mein, und somit hast du deinen und meinen Namen zugleich erfahren und kannst mich nun ruhig geleiten, dahin mein Verlangen.“
HG|1|146|11|0|Es verwunderte sich aber Abedam nicht wenig, dass der Fremdling gerade auch seinen Namen hatte, und fing sogleich an, mit dem Fremdling den Rückweg anzutreten.
HG|1|146|12|0|Unterwegs aber fragte Abedam den anderen Abedam: „Sage mir, so du willst, aus welcher Gegend bist du nun hierher gekommen, und durch wen hast du erfahren, was sich zutrug in der Mitternachtgegend?“
HG|1|146|13|0|Und der Fremdling erwiderte: „Deiner ersten Frage zufolge komme ich schnurgerade vom Morgen her; was aber deine zweite Frage betrifft, da will ich dir eine ganz kurze Geschichte erzählen:
HG|1|146|14|0|Siehe, ein Vater in der Morgengegend – wohl der reichste an Kindern und an der Liebe zu ihnen – hatte lange zugesehen, wie sich seine Kinder mit allerlei nützlichen und mehr noch schädlichen Dingen unterhielten. Also aber hatte der weise Vater sich gestellt, dass ihn keines der Kinder bemerken konnte. Allein nach nicht gar langer Spielzeit fingen an die Kinder auszuarten, so zwar, dass da kaum einer übrigblieb, der sein Herz aus Liebe zum unbemerkten Vater rein erhielt. Dieser ermahnte zwar sorgsam all die älteren Brüder beständig; sie hörten zwar recht gerne sein Wort, aber danach kehren mochte sich keiner so ganz von Herzen.
HG|1|146|15|0|Da beschloss der Vater, sich unkenntlich zu gestalten und also sich den Kindern zu nahen, also zwar, als käme er als ein Fremdling aus der Tiefe.
HG|1|146|16|0|Die Kinder nahmen ihn zwar auf, aber nicht mit Liebe, sondern auf die Vermittlung des einen nur wie einen Fremdling; denn da ihr Herz sich verkehrt hatte in Törichtes und Weltliches, so waren auch ihre Augen blind geworden und taub ihre Ohren, dass sie darob nicht mochten erkennen den Vater.
HG|1|146|17|0|Als aber nach und nach sich der Vater mehr und mehr zu erkennen gab durch Taten und Worte, da ward es den Kindern angst und bange, und wenige ertrugen seine Nähe.
HG|1|146|18|0|Da der Vater aber sah, wie unreif noch seine Kinder waren, erwärmte er sie alle mit seiner Liebe, dass sie sich zu ihm wendeten und ihn lobten und priesen. Und der Vater stärkte sie alle und segnete sie und verließ sie dann zur Probe auf eine kurze Zeit.
HG|1|146|19|0|Dieser Vater kam auf dem Rückweg von seinen Kindern zu mir und gab mir alles kund, darum ich nun hier bin, um nachzusehen, wie die Kinder aussehen, und was sie machen in der Abwesenheit ihres Vaters.
HG|1|146|20|0|Darum also führe mich zur heiligen Stätte! Amen.“
HG|1|147|1|1|Abedams Gespräch mit dem fremden Abedam
HG|1|147|1|1|Am 9. November 1841
HG|1|147|1|0|Als aber der Abedam solches aus dem Munde des Fremden vernommen hatte, fing er an, sich ganz gewaltig zu verwundern, und sagte:
HG|1|147|2|0|„Aber mein hochschätzbarer Abedam, das ist ja eben die Geschichte der Kinder der Höhe, die da sind unsere Hauptstammväter!
HG|1|147|3|0|Der Vater heißt Emanuel Abba und Jehova Gott der Allerhöchste, heilig, überheilig!
HG|1|147|4|0|Sage mir doch, so du willst: Wo ist dir dieser heilige Vater begegnet, und wie sah Er aus, und wohin zog Er von dir weg?
HG|1|147|5|0|O sage es, ich bitte dich darum! Denn siehe, ich war vom Abend her Augen- und Ohrenzeuge von allem, was da geschehen ist, und hatte noch dazu die unaussprechliche, höchste Gnade, als der Allerunwürdigste beständig an Seiner heiligen Seite zu wandeln.
HG|1|147|6|0|O Freund Abedam, welche Seligkeit ich armer Sünder da empfunden habe, könnte dir der höchste Engel auch mit der allerglühendsten Zunge nicht im Geringsten beschreiben!
HG|1|147|7|0|Ja, ich kann dir nur so viel sagen, dass ich in dieser kurzen Zeitperiode vielleicht mehr der allererhabensten Seligkeit empfand als der höchste Engelsgeist in einer Ewigkeit!“
HG|1|147|8|0|Und der Fremde fragte ihn: „Was machte dich denn eigentlich gar so selig, dass du darob die Seligkeit der hohen, freien Engel als fast gar nichts dagegen betrachtest?“
HG|1|147|9|0|Und der Abedam entgegnete: „O mein geliebter Namensgefährte, siehe, da bin ich ein ganz eigener Mensch schon von jeher gewesen, und dieser Sonderbarkeit wegen macht mich gerade das am allerseligsten, was vielleicht viele Tausende betrüben möchte! Und diese sonderbare Eigenschaft besteht darin, dass ich mich dann am allerseligsten fühle, so ich neben jemandem bin, bei dem ich stets mehr und mehr mein vollkommenes Nichts und sein Alles so recht vom Grunde meines Herzens aus empfinde, daher ich auch keinen Menschen unter mir, sondern allzeit so viel nur möglich über mir erblicken will. Und so ist mein Wahlspruch: ‚Selig ist die Niedrigkeit des Herzens, und die ohnmächtige Schwäche ist des Wurmes größter Reichtum!‘
HG|1|147|10|0|Denn wäre der Wurm stark in voller Lebensfülle, wie müsste es ihn schmerzen, so er getreten wird! Aber seine Schwäche und beständige Ohnmacht seines Lebens macht ihm das uns schmerzlich vorkommt, vielleicht zur höchsten Wonne seines Lebens.
HG|1|147|11|0|Zwar bin ich keiner, der die Natur der Würmer kennt gleich Dem, der sie erschuf; allein mir kommt es also vor, dieweil ich gerade im Druck von allen Seiten am allerglücklichsten bin.
HG|1|147|12|0|Aber nun, mein geliebter Namensgefährte, bitte ich dich um gefällige Beantwortung meiner vorigen drei Fragen, so du es willst! Amen.“
HG|1|147|13|0|Und der fremde Abedam entgegnete ihm: „Siehe, mein geliebter Abedam, die Sache so recht beim Licht betrachtet, sage mir, was können dir nun die drei gelösten Fragen mehr nützen?
HG|1|147|14|0|Siehe, mein Grundsatz und Wahlspruch aber ist der: ‚Kannst du mit einem Wort deinem Bruder keinen Nutzen schaffen, da lasse bleiben die Zunge in ihrer Ruhe, und rühre sie erst dann, wenn du dadurch nützlich werden kannst deinem Bruder!‘
HG|1|147|15|0|Siehe, zufolge dieses meines Grundsatzes möchte ich dir die Antwort wohl schuldig bleiben! Bist du damit zufrieden?“
HG|1|147|16|0|Und der Abedam entgegnete Ihm: „Ja, mein geliebter Freund Abedam, einerseits bin ich es, dieweil ich daraus erkenne, dass dein Wille den meinigen unterjocht, und solches tut mir wohl; aber auf der anderen Seite, da ich diesen also dir und mir wohlbekannten heiligen Vater nun über alles liebe, so ist mein Herz mit größter Sehnsucht erfüllt, beständig bei Ihm zu sein oder doch wenigstens beständig von Ihm zu sprechen, Ihn zu lieben, zu loben und über alles zu preisen und als den Allerheiligsten anzubeten und also auch, wie bei der jetzigen Gelegenheit, sich von jemand allerlei von Ihm berichten zu lassen. Und siehe, dieser meiner höchsten und allerlebendigsten Herzenssehnsucht zufolge bin ich wieder nicht zufrieden, dass du mir keine Antwort geben willst über das, was ich dich fragte! Deinem Grundsatz zufolge kannst du solches schon ohn’ alles Bedenken tun; denn unmöglich wirst du dadurch schaden meinem Herzen, sondern nur unendlich nützen. Oder ist nicht jede Handlung und jedes Wort an unsere Brüder dann nur von größtem Nutzen, so wir gearbeitet haben für ihre Herzen und geredet zu ihren Herzen?
HG|1|147|17|0|Siehe, ist solches nicht auch richtig und ist gleichlautend mit deinem wahrhaft erhaben schönsten Grundsatz?
HG|1|147|18|0|Daher, so du es willst, kannst du mir ja wohl lösen meine Fragen!“
HG|1|147|19|0|Und Abedam, der fremde, sagte darauf zum Abedam, dem bekannten: „Höre, Abedam, deiner Rede Sinn gefällt mir also wohl, dass ich nun nicht umhin kann, fürs Erste dir zu lösen deine Frage und dann dir noch etwas und noch wieder etwas kundzugeben. Und so höre denn:
HG|1|147|20|0|Dieser also dir wohlbekannte Vater ist mir gerade dort begegnet, wo wir beide früher uns begegneten. Dann, was Sein Aussehen betrifft, kannst du mir glauben, sah Er mir fast so, wie unsere Namen gegenseitig sich gleichen, auf ein Haar ähnlich; und aus dem Grunde hatte Er auch mit dir große Ähnlichkeit.
HG|1|147|21|0|Wohin Er aber ging, kann ich dir jetzt nicht genau sagen; nur so viel ist gewiss, dass Er nicht von Seinen Kindern, sondern auf einem kleinen Umweg nur wieder zu Seinen Kindern ging.
HG|1|147|22|0|Siehe, jetzt hast du alles zur Löse deiner Frage; aber jetzt kommt das ‚Noch etwas‘, und dieses ‚Noch etwas‘ liegt wieder in meiner Gegenfrage.
HG|1|147|23|0|Siehe, da du ein Geweckter bist und hast den Vater so lange geschaut, so wundert es mich, wie du diese Ähnlichkeit zwischen mir, dir und Ihm nicht auf den ersten Blick ersehen mochtest!
HG|1|147|24|0|Und jetzt aber kommt das ‚Noch wieder etwas‘, – und dieses wieder in einer Frage. Siehe, dein Grundsatz ist auch sonderbarerweise der meinige, und der Vergleich mit dem Wurm ist schon lange auf meinem Grunde gewachsen! Sage mir nun, ob wir füreinander taugen?
HG|1|147|25|0|Aber eines bedenke! Ist es, so jemand will der eigenen Seligkeit zuliebe der Geringste sein, nicht eben dasselbe im Geheimen, als wenn jemand aus demselben Grunde sein möchte der Höchste unter allen seinen Brüdern?
HG|1|147|26|0|Siehe, diese Sache kümmert mich bei dir! So du also willst, kannst du mir ja wohl lösen diesen Knoten!“
HG|1|147|27|0|Und der bekannte Abedam wusste nicht, was er da seinem Namensgefährten für eine Antwort geben sollte, und bat Ihn, sagend:
HG|1|147|28|0|„Geliebter Freund Abedam, dass du ein Sohn bist des Morgens, siehe, das verrät deine wahrhaft unbegreiflich hohe Weisheit! Gerne möchte ich dir deine Fragen lösen, wenn es mir möglich wäre; aber ich kann nicht einmal deine sonderbaren Antworten auf meine Fragen begreifen und sie so recht in mein Herz bringen.
HG|1|147|29|0|Was nun vollends deine Fragen betrifft, da wirst du schon müssen auf die Antwort Verzicht leisten; denn ich sehe jetzt erst so ganz recht ein, wie ganz abscheulich dumm ich noch bin.
HG|1|147|30|0|Ja, lieber Freund, du hast wohlgetan, dass du mich aufhieltest und nötigtest zum Rückzug; denn wäre ich mit dieser meiner jetzt erst erkannten Dummheit zu den Meinen gelangt, – oh, wie hätte da eine Dummheit die andere geweckt und endlich ganz niedergeschlagen!
HG|1|147|31|0|Daher nenne mich ja keinen Geweckten mehr, sondern einen schlafenden Toren nenne mich; denn je mehr ich jetzt über mich nachdenke, desto dümmer komme ich mir vor.
HG|1|147|32|0|Wahrlich wahr, weil es mir vermöge meines Grundsatzes selig erging bei diesem heiligen Vater, hielt ich mich auch schon für geweckt – und sehe es erst jetzt so ganz recht ein, wie wenig mein Herz all die herrlichen Worte aus des Vaters Munde verstand und lebendig in sich begrub als eine herrliche Aussaat der ewigen Liebe und so des ewigen Lebens!
HG|1|147|33|0|O Freund Abedam, vergebe mir, dass ich dir darum nicht zu antworten vermag! Amen.“
HG|1|147|34|0|Und der unbekannte Abedam entgegnete ihm: „Höre, mein getreuer Namensgefährte, ich bin mit deiner Antwort ja ganz vollkommen zufrieden; denn du hast mir jeden Punkt meiner Frage vollkommen erörtert, und also passen wir nun vollkommen füreinander.
HG|1|147|35|0|Du siehst nun ein, was dir noch abgeht, und hast dich gerecht gedemütigt in deinem Herzen. Siehe deinen Grundsatz im gerechten Licht, – ich aber will jedermann nützlich sein mit Wort und Tat!
HG|1|147|36|0|Sage, urteile: Sind wir nicht wie füreinander gemacht, – nicht, als wäre ich schon von Ewigkeit her für dich und hätte dich geschaffen nur für mich?“
HG|1|147|37|0|Und der Abedam voll Freude: „Ja, ja, also kommt es mir jetzt schon fast sonnenklar selber vor, wie ein Vater für den Sohn, und der Sohn für den Vater.
HG|1|147|38|0|Mein geliebtester Freund Abedam, es kommt mir auch noch also vor, als könnten wir uns in Ewigkeit nimmer trennen, und als wenn ich deiner Hilfe nimmerdar entbehren könnte! Und so will ich auch, dass wir beisammenbleiben nicht nur zeitlich, sondern auch ewig!“
HG|1|147|39|0|Und der fremde Abedam: „Siehe, du bist mir zuvorgekommen! Seit ich dich kenne, ist das auch mein einziger Wunsch und Wille!
HG|1|147|40|0|Doch siehe, ich höre Lobstimmen! Wir sind nahe am Ziel; daher fasse dich und führe mich auf beim Adam und den übrigen! Amen.“
HG|1|148|1|1|Der fremde Abedam bei den Vätern
HG|1|148|1|1|Am 10. November 1841
HG|1|148|1|0|„Ja wahrhaft“, sagte Abedam, der bekannte, „da ist schon die eingestürzte Wand! Und siehe, wie es mir vorkommt, dort sind sie noch alle versammelt! Und wie es mir noch vorkommt, so hält eben der Henoch eine Abschiedsrede an die Mitternachtskinder; ja, ja, an den Jura, Ohorion und Bhusin hält er sie!
HG|1|148|2|0|Gehen wir nur recht hurtig darauf los! Vielleicht vernehmen wir auch noch ein paar Wörtlein, die auf uns passen können; daher nur hurtig!“
HG|1|148|3|0|Und der fremde Abedam entgegnete dem bekannten: „Hörst du, mein geliebter Freund, sage mir, wozu die Eile nötig ist, wenn man sich schon an Ort und Stelle befindet?
HG|1|148|4|0|Was des Henochs Worte betrifft, so werden uns die letzten nicht viel mehr nützen, so wir die ersten versäumt haben; oder was nützen einem Altar die Obersteine, wenn nicht zuvor die unteren Grundsteine gelegt wurden?
HG|1|148|5|0|Oder hast du je gesehen, dass der Tag im Abend beginnt, oder dass ein Baum zu wachsen anfängt bei den Wipfeln in der Luft und diese dann abwärts treiben möchten den Stamm und aus demselben erst dann die Wurzeln in die Erde?!
HG|1|148|6|0|Oder was wird es jemandem nützen, sich das Haupt zu bedecken mit einem Lappen, hat aber nichts, damit er auch bedecken möchte den übrigen Leib?!
HG|1|148|7|0|Siehe, daher meine ich, lassen wir den Henoch seine Rede zu Ende bringen und warten hier ein wenig, damit wir niemanden stören in der Aufmerksamkeit seines Herzens.“
HG|1|148|8|0|Und der Abedam, der bekannte, stellte sich vollkommen zufrieden und sagte zum Abedam, dem fremden: „Mein geliebtester Freund, ich glaube, mit deiner Weisheitsrede Macht, die dazu noch ist voll des lieblichsten Klanges, könntest du mich ins Feuer führen, und ich würde dir folgen in alle Tiefen der Meere und all der Gewässer der Erde!
HG|1|148|9|0|Wahrlich, mein geliebtester Freund, nicht nur allein deine Gestalt, sondern auch deine Rede hat eine außerordentlich starke Ähnlichkeit mit der des Vaters – du weißt schon, wen ich meine –; nur kommst du mir bedeutend stärker im Leibe vor, als da war der Vater. Denn die Gestalt des Vaters war doch bedeutend schwächer und kleiner aussehend, das heißt – du musst mich recht verstehen – der Person nach; aber natürlich kann hier nicht die Rede sein von der geistigen Gestalt des Vaters, welche da ist von unendlicher Macht und Stärke ewig.“
HG|1|148|10|0|Und der fremde Abedam erwiderte ihm: „Also solche Ähnlichkeit und Unähnlichkeit merkst du nun zwischen mir und dem Vater?!
HG|1|148|11|0|Ja, ja, du hast recht; also war es auch! Aber was meinst du, mein geliebter Freund, was die kleinere und schwächere Gestalt betrifft? Siehe, ich meinesteils bin der Meinung: Wenn, wie du es auch wissen wirst, dieser Vater Seinen Kindern etwas fremdgestaltig erschien, um ihnen dadurch anzuzeigen, wie ihr Herz beschaffen war, da könnte ja sehr leicht auch Seine damalige schwächlichere Gestalt mitbedeutend in Anspruch genommen werden?
HG|1|148|12|0|Und so Er etwa wiederkäme unerwartet zu Seinen Kindern, und ihre Herzen wären freier und liebestärker, was meinst du, möchte Sich etwa da der Vater nicht auch stärker zeigen denn jüngst, und könnte sich’s ja dann treffen, dass Er mir dann auf ein Haar gliche?
HG|1|148|13|0|Denn ich meine, dass des Vaters Gestalt hinsichtlich der Kinder sich allzeit richtet nach ihrer Herzen weniger oder mehr freien Liebe zu Ihm! Was meinst denn du in dieser Hinsicht?“
HG|1|148|14|0|Und der bekannte Abedam erwiderte, ganz außer sich vor lauter Verwunderung, dem Abedam, sagend: „O Freund! Ich muss dir offen gestehen, so geheimnisvoll auch früher deine Worte immer klangen, ebenso klar tönen sie jetzt!
HG|1|148|15|0|Siehe, um wie vieles weiser du schon wieder bist denn ich! Wahrlich dieser von dir höchst wichtig berührte Umstand wäre meinem Herzen so gut wie ganz rein durchgegangen!
HG|1|148|16|0|Ich muss dir schon im Voraus sagen, wie ich es so bei mir jetzt erwäge, so glaube ich, wenn dich der Adam, der Henoch und alle übrigen werden über irgendetwas reden hören, wahrlich, sie werden alle große Augen machen und ihre Ohren sehr stark spitzen! Denn nach meiner Beurteilung, wahrhaftig, wenn man dich reden hört, sollte man gerade glauben, dass du entweder von dem dir begegneten Vater durch und durch lebendig geweckt worden bist oder aber – du musst mich verstehen! – der Vater Selbst bist; verstehe, lieber Freund, dass ich solches nur vergleichsweise sage.
HG|1|148|17|0|Ja, wahrhaft, mit dir werde ich bei den Vätern sicher keine Schande aufheben!
HG|1|148|18|0|Ich für meinen Teil bin überglücklich und muss dir nun offen gestehen, wenn ich nun meine Liebe frage: ‚Wen liebst du mehr, – den Vater oder diesen Freund?‘, so antwortet sie mir: ‚Ich habe alles, was ich habe, vom Vater zwar, – aber das, was ich gebe dem Vater und diesem Freund, ist vollends gleich, und es ist dazwischen kein Unterschied!‘
HG|1|148|19|0|O Adam, o Henoch, o ihr alle übrigen Lebendigen, ihr werdet euch gar sonderbar wundern über diese Weisheit!
HG|1|148|20|0|Nun, mein allergeliebtester Freund, siehe, der Henoch hat sich gegen den Altar und gegen die Väter geneigt; seine Rede ist zu Ende! So du willst, möchte ich dich wohl aufführen!“
HG|1|148|21|0|Und Abedam, der fremde, entgegnete: „Höre, Abedam, gehe zuvor hin und sage mich an; dann erst komme zurück, bringe mir gute Botschaft, und dann führe mich auf bei all den Vätern! Amen.“
HG|1|148|22|0|Und der Abedam ging sogleich hin zu den Vätern und berichtete ihnen alles, was ihm in dieser kurzen Zeit, seit er die Stätte verließ, begegnet war, worüber alle sehr überrascht waren, selbst der Henoch nicht ausgenommen, so zwar, dass er ihn sogleich fragte: „Geliebter Abedam, Bruder in Gott Emanuel Abba! Sage mir kurz nur, wie wirkten seine Worte auf dein Herz?“
HG|1|148|23|0|Und der Abedam erwiderte ihm: „Bruder Henoch, wahrlich wahr, wie ich schon bekannt hatte, ich für mich fand nicht den allergeringsten Unterschied zwischen ihm und Emanuel!
HG|1|148|24|0|Kurz, ich sage dir, der du mich doch vorher bei meinem Abschied von hier als einen Geweckten begrüßtest, meine Gewecktheit war gegen seine unbegreiflich klare und hohe, ja höchste Weisheit die barste Blindheit, Dummheit und alles Nichtige, was du nur immer nutzloses Törichtes aus ihr hervorbringen könntest!
HG|1|148|25|0|Darum sage ich dir, geliebter Bruder Henoch, freue dich von ganzem Herzen auf ihn; denn sicher wird er auch dir sehr viel Freude machen!
HG|1|148|26|0|Jetzt aber ist es Zeit, ihn zu holen und ihn euch aufzuführen!“ Der Henoch aber fragte den Abedam noch, ob er nicht auch dem Fremden entgegengehen dürfe.
HG|1|148|27|0|Und der Abedam gestattete ihm solches von ganzem Herzen gerne. Und so waren beide bald bei dem fremden Abedam willkommen angelangt.
HG|1|148|28|0|Und Abedam, der fremde, fragte alsbald den Henoch: „Geliebtester Henoch, siehe es ist Abend geworden! Ihr seid von der so überaus geheiligten Stätte auf dem Rückweg begriffen; dürfte ich und mein Namensgefährte denn nicht mit euch auf die Höhe ziehen, bei euch übernachten und dann morgen mit euch den Sabbat des Herrn feiern? Denn siehe, wie ich erfahren habe, was alles sich hier zugetragen hat, so ist in mir eine große Sehnsucht erwacht, die geweckten, lebendigen Kinder des großen, heiligen Vaters zu sehen und dann aus ihren lebendigen Herzen auch zu vernehmen lebendige Worte!“
HG|1|148|29|0|Und der Henoch erwiderte: „O Freund und mein neuer, noch unbekannter Bruder! Für Gäste deiner Art haben wir in der Höhe Wohnungen in großer Menge. Nicht nur für heute und morgen, sondern für alle Zeiten der Zeiten und Ewigkeiten der Ewigkeiten sollst du in unserer Mitte wohnen!
HG|1|148|30|0|Freunde des Vaters sind auch die unsrigen; und die Er zu uns beschieden, sollen bei uns wohnen ewig. So es euch aber wohlgefällig wäre – es ist an der Zeit! – da folgt mir! Euer Wille! Amen.“
HG|1|148|31|0|Und sie gingen von dannen. Als sie nun vollends zu den übrigen Vätern gelangten, so bewillkommten sie diese, und alle drängten sich um die zwei Abedame. Der Adam aber kehrte sich um, da der Abedam hinter ihm herging, und fragte den fremden Abedam:
HG|1|148|32|0|„Lieber, willkommener Freund und Gast unserer Liebe! Da du, wie uns dein Namensgefährte früher kundgab, gerade vom Morgen herkommst, sage mir doch, so es dir gefällt, was dort die Kinder machen, und, so du es willst, wer dein gewiss würdiger Vater ist und in welcher Linie von mir abstammend!“
HG|1|148|33|0|Bei dieser Frage Adams winkte der bekannte Abedam alsbald dem Henoch, sagend: „Geliebtester Bruder Henoch, jetzt spitze dein Ohr und Herz!“
HG|1|148|34|0|Und der Henoch dankte ihm für diese Erinnerung. Der Fremde aber entgegnete dem Adam: „Höre, Adam, was deine erste Frage betrifft, so hast du sie schon in deiner Frage selbst beantwortet; und so du auch zu den Geweckten gehörst, muss es dir ja mehr denn sonnenhell sein, darum du Mich fragtest! Oder sollte dir etwa nicht klar sein, welche Kinder da Kinder des Morgens genannt werden?
HG|1|148|35|0|Wenn das der Fall ist, dann freilich entschuldigt das deine – erlaube mir, Vater Adam, – deine außerordentlich seicht gefasste Frage, und es kann dir darauf nur eine gleich seichte Antwort gegeben werden, und zwar die, dass deine Morgenkinder allesamt frisch sind und gesund und viele freuen sich auf den morgigen Tag.
HG|1|148|36|0|Was aber deine zweite Frage betrifft, so gleicht sie einem Fangstrick. Aber siehe, mich wirst du nicht so leichtlich fangen; ich sage dir, eher fängst du einen fliegenden Aar in hoher Luft denn mich! Wohl aber dir, dieweil die Liebe solche Frage gab; ohne die hätte dich nun eine harte Antwort getroffen!
HG|1|148|37|0|So ich dich aber um solches fragen möchte, was würdest du mir darauf für eine Antwort geben?
HG|1|148|38|0|Siehe aber, als Geweckter sollte dir ja doch klar sein, ob ich einen Vater habe oder nicht; oder schläfst du noch?“
HG|1|148|39|0|Und der Adam verwunderte sich überhoch über diese Antwort bei sich und getraute sich den Fremden nicht mehr zu fragen um irgendetwas.
HG|1|148|40|0|Der Henoch aber sagte zum bekannten Abedam: „Aber lieber Bruder! Hast du denn wirklich deinen Namensträger noch nicht erkannt?“
HG|1|148|41|0|Und der Abedam antwortete mit einem verblüfften Nein. – Der Henoch aber sagte: „Wahrlich, nichts im Menschen bleibt so lange unverständig wie das Herz. O Herr, habe Geduld mit uns Schwachen! Amen. Abedam, ich meine, die Geweckten schlafen noch alle! Verstehst du es?“
HG|1|149|1|1|Die Unterschiede zwischen Vornacht, Mitternacht und Frühnacht
HG|1|149|1|1|Am 11. November 1841
HG|1|149|1|0|Und Abedam, der bekannte, erwiderte dem Henoch: „Geliebtester Bruder im Abba Emanuel! Dass ich noch keineswegs zu den Geweckten zu zählen bin, solches verspüre ich nur zu deutlich in mir, – und, so ganz offen gesprochen, diese Deutlichkeit scheint und ist vielmehr das Deutlichste an meinem ganzen Leben.
HG|1|149|2|0|Wie es mit den übrigen steht, Bruder Henoch, das wird einer mit meiner selbstverschuldeten Lebensdeutlichkeit eben nicht gar zu geschwind merken!
HG|1|149|3|0|Aber, wie es vorkommt der großen Dummheit meines Lebens – unter uns stille gesagt –, so hat er auch unseren geliebten Vater Adam schon?“
HG|1|149|4|0|Und der Henoch erwiderte ihm: „Höre, deine Rede klingt zwar etwas albern, – aber sei versichert, so du die Nacht in dir merkst, da bist du schon wach! Denn schliefst du, so würdest du wenig merken von der Nacht in dir, sondern würdest dir vielmehr einen blindesten Tag träumen; der Träumer aber weiß es nicht, dass er schläft und träumt.
HG|1|149|5|0|Siehe, dieser Meinung aber bin ich: Vor der Erscheinung des heiligen, allerliebevollsten Vaters im Emanuel Abba schliefen und träumten wir alle; da Er aber kam, hat Er uns alle geweckt. Und siehe, wir wurden wach, – aber am Tag nicht, sondern in der Nacht unserer Herzen; und hätte der Emanuel solches nicht getan an uns, wir schliefen noch in des Traumes totem Tage!
HG|1|149|6|0|Es ist aber ja bei uns schon eine alte Regel, zu wecken die Kinder wenigstens eine gute Stunde vor dem Aufgang, damit ihre schwachen Augen sich an den nach und nach werdenden Tag gewöhnen und leicht und ohne Nachteil dann ertragen des Tages starkes Licht. Meinst du denn, dass wir darum etwa weiser handeln denn Emanuel?
HG|1|149|7|0|O siehe, solches auch lehrte Er uns der Natur des Fleisches wegen! Ist das Auge des Geistes nicht mehr wert denn das des Fleisches?
HG|1|149|8|0|So aber wir solches tun für die Wohlfahrt der Augen des Fleisches, meinst du, der Herr wird weniger barmherzig mit des Geistes Augen umgehen?
HG|1|149|9|0|O mein geliebter Bruder Abedam, siehe, was der Herr tut, ist allzeit weise und wohlgetan!
HG|1|149|10|0|Wir sind geweckt, und es wäre ein großer Undank gegen den so überaus heilig-guten Vater, solches nicht zu erkennen, was Er an uns getan hat! Aber wir alle sind erweckt in der Mitternacht, und das aus der allerhöchsten Liebe Abbas; aber einschlafen dürfen wir nimmer! Des Geistes Tag ist heller denn der des Fleisches. Darum auch ist zur Wohlfahrt des geistigen Auges nötig, um die Mitternacht geweckt zu werden; denn die da bis in den Tag schlafen werden, diese wird das starke Licht des Tages dann sicher töten! Verstehst du mich, lieber Bruder?“
HG|1|149|11|0|Nach dieser Rede Henochs an den Abedam kehrte sich der fremde Abedam zu den zweien zurück und richtete folgende Worte an sie, welche sehr zu beachten sind und also lauteten:
HG|1|149|12|0|„Meine geliebtesten Freunde! Wahrlich, nicht ein Wort eurer Unterredung ist meinem Ohr entgangen! Und du, Abedam, bist wach, dieweil du die Nacht in dir merktest und noch merkst; und du, Henoch, bist lebendig wach, darum du gewahrest die Zeit, in der euch der Vater geweckt hat und warum, – und ahnst mit großer Gewissheit den großen werdenden Tag!
HG|1|149|13|0|Wohl hast du geredet zu deinem Bruder, und jegliches deiner Worte ist schon mit der Sterne flammender Schrift eingetragen in das Buch des ewigen Lebens. Aber nun gebe ich euch eine Frage, die ihr mir gefälligst beantworten mögt; denn ohne die Lösung dieser Frage bleibt jeder Mensch, wenn auch noch in der Nacht so stark aufgerüttelt, mehr oder weniger schlaftrunken, und dieser Zustand des Geweckten ist ärgerlicher denn der Schlaf selbst!
HG|1|149|14|0|Diese wichtige Frage selbst aber lautet also: Was für ein sichtbarer Unterschied ist wohl zwischen der Vornacht, Mitternacht und Frühnacht?
HG|1|149|15|0|Seht, solches ist in der ewigen Ordnung Gottes begründet! Der Schlafende aber erkennt keinen Unterschied der Nacht, dieweil er schläft; und wenn der große Wecker kommt, ein brausender Wind der Mitternacht, da tut er zwar die Augen auf, kehrt sich aber um und schläft wieder ein, um zu träumen bis zur aufgehenden Sonne. Steht er da auf, so ist er lichtscheu und sucht sich bald unter einem dichten Schatten zu verbergen.
HG|1|149|16|0|Ein anderer aber steht zwar auf, reibt sich die Augen und streckt alle seine Glieder; aber er bleibt schlaftrunken bis zum Aufgang und wankt darum ständig hin und her und ist voll Ärger und weiß nicht, um welche Zeit es sei, und denkt nur stets an den süßen Schlaf, – aber an den kommenden Tag denkt er nicht. Und wenn er schon gemahnt wird, sich anzukleiden, so bleibt er aber doch träge und ohne Kleid bis zum Aufgang, und es wäre ihm die zurückkehrende Vornacht lieber um vieles denn der kommende Lebensmorgen.
HG|1|149|17|0|Wahrlich, für ihn wird der Tag nicht Erfreuliches bieten!
HG|1|149|18|0|Der vollends Wachgewordene aber freut sich schon beim ersten Wachwerden des wachen Lebens und preist in der Mitternacht seinen großen, heiligen Wecker; der ist es, der da alsbald erkennt, um welche Zeit es ist, und erkennt den Unterschied der Vornacht, Mitternacht und Frühnacht!
HG|1|149|19|0|Mit jedem Atemzug erwartet er den kommenden Tag, und des Tages erstes Grauen schon füllt seinen Geist mit einer Freude, die größer ist denn alle sichtbaren Himmel!
HG|1|149|20|0|Seht also, meine geliebten Freunde, wie wichtig die Beantwortung der gegebenen Frage ist! Darum auch gab ich euch diese Erklärung hinzu, auf dass ihr desto leichter eine passende Antwort auf diese so überaus wichtige Frage finden sollt; und so antwortet mir, einer nach dem anderen, doch, so ihr wollt! Amen.“
HG|1|149|21|0|Und der bekannte Abedam sagte sogleich zum Henoch: „Bruder, deine früher an meine Dummheit gerichteten Worte haben mir die Augen geläutert, dass ich jetzt recht gut zwar sehe, um welche Zeit in der Nacht ich vom Schlaf – ewig Dank dem heiligen, großen Wecker! – geweckt worden bin, und weiß nun, dass ich wahrhaft wach bin, und warum ich es bin; aber, Bruder, diese Frage! – O mein allergeliebtester Namensgefährte, deine Frage ist nicht auf unserer mageren Erde gewachsen! Ich für mich empfinde nun schon wieder sehr deutlich, dass nicht ich ihr Löser werde!
HG|1|149|22|0|Wach bin ich wohl – dem Herrn alles Lob, allen Dank und alle Ehre und alle Liebe dafür! –, doch inwieweit sich bei meinem nachtwachen Zustand auch eine lästige Schlaftrunkenheit befindet, siehe, solches mag ich kaum zu erschauen! Darum wirst schon du, lieber Bruder Henoch, dich müssen an die Beantwortung dieser Hauptfrage machen, so du willst! Amen.“
HG|1|149|23|0|Und der Henoch sagte zum Abedam, dem bekannten: „Höre, lieber Bruder, mir kommt es aber vor, unser allergeliebtester Freund hat die Frage schon als beantwortet gegeben, und es liegt also nur an uns, nicht so sehr die Frage zu beantworten, sondern vielmehr die in der Frage gelegene Antwort zu erkennen und sie dann in unser Leben aufzunehmen!
HG|1|149|24|0|Denn siehe, also meine ich, aus dessen Munde solche Frage, aus dessen Herzen auch strömt mit der Frage ein unaussprechliches Wohlwollen! Und sei versichert, der Fragesteller hat nicht not, uns entweder zu prüfen oder zu Gefallen der eigenen unergründlichen Weisheit unser glimmendes Sonnenstäubchen zu erforschen, sondern seine Freude ist nur, im Verborgenen verhüllte, unerhört große Gaben zu spenden! Verstehst du mich, Abedam?“
HG|1|149|25|0|Und Abedam, der fremde, griff beiden unter die Arme und hob sie ein wenig von der Erde und stellte sie dann wieder sanft nieder und begann folgendes ihnen zu erklären:
HG|1|149|26|0|„Meine vollst Geliebten, in euren Herzen herrscht eine große Treue; in dir, Henoch, Licht aus Liebe – und in dir, Abedam, Liebe aus Licht! Beides ist gut und erfasst der göttlichen Ordnung Sinn, und des Lebens Born strömt unaufhaltsam freudig zum großen, ewigen Tag hinan.
HG|1|149|27|0|Aber die Vornacht, die Mitternacht und die Frühnacht fließen nicht mit in den Tag hinüber, sondern bleiben zurück und vergehen eine nach der anderen.
HG|1|149|28|0|Aber doch sind sie nötig aus derselben Ordnung heraus, wie das Erdreich dem Samenkorn, also auch sie dem Leben! Und so ist die Vornacht die Zeit des Säens und des Erdliegens, die Mitternacht die Zeit des Keimauf- und –durchbruchs und die Frühnacht aber die Zeit des Abfalls der Materie und des Emporwachsens durch das Einsaugen des Morgentaues.
HG|1|149|29|0|Es fällt aber der Tau schon oft sehr früh vor dem Aufgang; und solches ist auch eben der Fall jetzt bei uns.
HG|1|149|30|0|Seht, der Tag des Herrn ist nicht ein Tag gleich einem Tag der Erde, sondern wenn er kommt, dann kommt er allein und ihm folgt ewig keine Nacht mehr; darum ist ja die vorhergehende Nachtzeit gerecht in der göttlichen Ordnung, da sie eine notwendige Vorläuferin des großen Tages ist!
HG|1|149|31|0|Aber welcher Lebendige wird in der Nacht verbleiben wollen? So er sich nicht wird wecken lassen, wird er nicht vergehen mit ihr, wenn der Tag kommen wird?!
HG|1|149|32|0|Seht, das sind die großen Unterschiede; darum aber hob Ich euch beide empor, auf dass ihr solches fassen mögt ins Leben! Versteht es wohl, und bleibt bei Mir wie Ich bei euch; aber schweigt bis morgen! Amen.“
HG|1|150|1|1|Es tötet jede Liebe, auch die Liebe zu Gott
HG|1|150|1|1|Am 12. November 1841
HG|1|150|1|0|Und der Henoch erwiderte darauf noch folgendes: „Ja, also ist es! Also empfand es tief mein Geist; nur hätte es meine Zunge nicht gewagt auszusprechen. Denn auch sagte mir hier mein Geist: ‚Lasse ruhen deine matte Zunge, denn solches auszusprechen, auf dass es segenwirkend werde, hatte sich eines Mächtigeren Zunge vorbehalten!‘
HG|1|150|2|0|O großer Abedam, höre mich in der Stille meines Herzens; denn hier ruft es: ‚Jehova, wie groß und heilig muss Deine Liebe sein! So Du jemandem bescheidest eine Gnade auf den morgigen Tag, dann gibst Du, guter, heiliger Vater, ohne dass es der blinde Beschiedene merkt, die beschiedene Gnade schon mit dem Bescheid selbst!
HG|1|150|3|0|Daher auch, o bester, heiliger Vater, je mehr ich in meinem Herzen Deiner unendlichen Güte nachforsche, findet mein Herz fast keine Worte mehr, Dich, o Vater, gebührend zu loben, zu preisen und anzubeten; und mein Herz wird für die mächtige Liebe zu Dir zu eng, und so muss Dich endlich die im Herzen nicht mehr Platz habende Liebe in allen Teilen und Gliedern, in welche sie übergeströmt ist, heiß erfassen und über alles lieben!‘
HG|1|150|4|0|Aber wenn ich wieder meinen Geist frage: ‚Kann ich denn nicht heftiger noch, nicht unendlich mehr noch lieben den guten, heiligen Vater?‘, da tönt’s im Geiste mir wieder: ‚Wer, dessen Herz mit Liebe erfüllt ist, kann lieben, wie er möchte?! Siehe, die Liebe ist ein Nimmersatt und kann daher auch nimmer irgend Sättigung finden denn allein in der unendlichen Liebe des heiligen Vaters!‘
HG|1|150|5|0|Und so, o Vater, liebe ich Dich mit der Liebe stets größerem Heißhunger; und wäre es möglich, o wie sehnsüchtigst möchte ich mich an Dir, o Vater, zu Tode lieben!
HG|1|150|6|0|O Vater, mein heiliger, lieber Vater, nehme den Tautropfen meiner Liebe also an, als wäre er etwas vor Dir! Amen.
HG|1|150|7|0|Und du, mein geliebter Bruder Abedam, sage mir, wie ist dir jetzt ums Herz, ja ums liebende Herz, nachdem du jetzt doch sicher erkannt haben wirst, um welche Stunde der Nacht es ist?“
HG|1|150|8|0|Und der bekannte Abedam entgegnete dem Henoch: „Geliebtester Bruder, siehe, du bist in deiner Liebe eher noch glücklicher denn ich, da du doch noch reden kannst im Feuer deines Herzens! Siehe, da bin ich schon wieder ganz entsetzlich dumm! Wenn mich, wie jetzt, die Liebe so recht fest packt, da bringe ich nur mit der genauesten Not von der Welt so viel Worte zuwege, als du sie eben jetzt von mir vernimmst, darf aber den Gegenstand meiner Liebe nicht nennen, sonst ist’s plötzlich gar mit der spottschlechten Kunst meiner Zunge!
HG|1|150|9|0|Doch so viel kann ich dir jetzt noch sagen, dass meine unendliche Dummheit endlich doch erkannt hat, dass sie früher nicht erkannt hat, wie spät oder um welche Zeit der Nacht es sei, wenn sie es auch zu erkennen wähnte. Jetzt aber erkenne ich es wohl auf ein Haar, sage ich dir, um die wievielte Stunde es nun ist! Aber nun weißt du’s auch, dass wir schweigen müssen bis morgen! Siehe, ich bin schon still.“
HG|1|150|10|0|Abedam, der andere, aber gab beiden Sein Wohlgefallen zu erkennen und sagte darauf: „Hört, also ist es: Die rechte Liebe muss sich auch zu Tode lieben, entweder im Geiste oder in der Tat des Fleisches, und dieser Tod ist erst die wahre Auferstehung zum wahren ewigen Leben, in welchem dann diese Liebe ganz allein leben wird in der allerhöchsten, sich stets und ewig steigernden Wonne und in wahrer, allermächtigster Wollust des eigenen Lebens. Es harrt aber einer jeden Liebe ein gleiches Lösungslos. Wer da liebt die Welt, der wird sterben in der stets wachsenden Weltliebe; weil aber die Welt kein Leben hat, sondern nur den Tod, so wird der in der Weltliebe Gestorbene auch nimmerdar erstehen zu einem neuen Leben, sondern zum neuen Tode nur.
HG|1|150|11|0|Wer da liebt das Fleisch, der wird durch diese Liebe auch dem Fleische sterben; da aber auch das Fleisch tot ist, so wird er auch nimmerdar erstehen zum neuen Leben, sondern gleich den Weltliebenden zum neuen Tode des Fleisches.
HG|1|150|12|0|Wer da liebt sich selbst, der wird auch sterben in seiner eigenen Liebe; und da jeder Mensch bei und für sich tot ist, so wird der sich selbst Sterbende auch nimmerdar erstehen zum neuen Leben, sondern eben auch in sich zum neuen Tode. Wer aber da ist ohne alle Liebe und ist erfüllt mit Hass aller Dinge, bei dem hat schon der zweite Tod seine Wohnung aufgerichtet; wer aber da hat ein zornmütiges Herz, an dessen Herz pocht schon der zweite Tod; und wer da ist geizig und voll Neides, den hat der zweite Tod schon mit beiden Armen umfangen.
HG|1|150|13|0|Und wer endlich sich wird Schätze und Reichtümer der Welt sammeln, der ist es, der da dem zweiten Tod erbaut eine bleibende Stätte; und wer da liebt dieser Erde Leben, welches da ist ein vorübergehender Tod oder ein teilweises fortwährendes Sterben, der wird zu sterben nimmerdar aufhören.
HG|1|150|14|0|Es tötet zwar jede Liebe, auch die Liebe zu Gott; aber in keiner getöteten Liebe wird sich das Leben je wiederfinden denn allein in der Liebe zu Gott, weil Er allein das ewige Leben Selbst ist.
HG|1|150|15|0|Es wird sich zwar jede Liebe wiederfinden ihrer selbst bewusst; allein, Freunde, es wird in dem Wiederfinden ein unendlicher Unterschied sein, nämlich: ob im Leben, oder ob im Tode!
HG|1|150|16|0|Also aber, Henoch, ist deine Liebe schon gestorben allem und hat sich wiedergefunden in Gott; daher auch bist du schon neu lebend für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten. Doch wie du das zweite Leben gefunden, werden fürder es nur wenige finden; denn nur der inneren Liebe zu Gott mächtiges Feuer mag solche Gnade bewirken. Versteht dieses Gesagte wohl, und schweigt bis morgen!“
HG|1|150|17|0|Nach dieser Rede aber waren auch alle glücklich bei der Hütte Adams angelangt, allwo sie sich ein wenig zur Erde niederließen und alle vom Adam den altgebräuchlichen guten Vatersegen empfingen.
HG|1|150|18|0|Nach dem aber erhoben sie sich alle, verneigten sich ehrerbietigst gen Adam und dankten ihm für den Segen und wurden nach dem entlassen zur Ruhe. Den Henoch, die beiden Abedame und den Lamech aber bat der Adam, bei ihm einzukehren und dazubleiben; und den Seth aber erinnerte er, zu sorgen für ein Abendmahl. Und alsbald ging der Seth in seine Hütte, allwo ihn sein Weib und viele seiner Kinder sehnsüchtigst erwarteten, welche er alle sogleich zur Hütte Adams beschied, um da den Segen zu empfangen also wie all die vielen anderen Weiber und Kinder, die schon lange auf die Ankunft Adams und der anderen Väter mit großer Sehnsucht harrten.
HG|1|150|19|0|Und nachdem sie alle den Segen vom Adam empfangen hatten und wieder ehrerbietig und dankbar verließen die Hütte Adams, kam auch schon der Seth und bald nach ihm sein Weib, reichlich mit Speise und Trank beladen, in die Hütte.
HG|1|150|20|0|Es war aber schon sehr dunkel geworden, und zugleich auch kam ein starkes Ungewitter herangezogen, darum der Abend noch finsterer wurde.
HG|1|150|21|0|Und der Adam erbat sich denn darum auch einen tüchtigen Pechstock beim Seth, dessen Fabrikant der Henoch war, um damit die finstere Hütte zu erleuchten.
HG|1|150|22|0|Abedam, der fremde, aber sprach zum Adam und Seth: „Hört, Freunde, lasst das gut sein! Seht, wozu zu viele überflüssige Mühe für den müden Seth, der auch kein Jüngling mehr ist?
HG|1|150|23|0|Was die Erleuchtung der Hütte betrifft, da überlasst nur Mir die Sorge, es soll sogleich Licht werden herinnen, denn Ich verstehe Mich aufs Lichtmachen noch besser denn Henoch mit seinen Pechstöcken!
HG|1|150|24|0|Und Ich brauche nur zu sagen: ‚Es werde Licht!‘, und wie ihr alle seht, wir alle haben des Lichtes in gerechter Menge in der Hütte!“
HG|1|150|25|0|Und es ward auch augenblicklich – niemand wusste woher, denn es war nirgends ein leuchtender Körper zu erspähen – tageshell in der Hütte.
HG|1|150|26|0|Henoch und der Abedam wussten zwar wohl, woher das Licht kam, und kannten den Urheber des Lichtes; aber wie, das wurde ihnen verborgen. Und so dankten alle dem Herrn nach der langen Verwunderung und ließen sich endlich nieder und aßen und tranken alle wohlgemut. Und selbst der andere Abedam ließ nichts merken von Sich und aß und trank mit allen heiter mit.
HG|1|151|1|1|Seths Suche nach dem Licht im Lichte
HG|1|151|1|1|Am 13. November 1841
HG|1|151|1|0|Dem Seth aber ging dieses sonderbare Lichtmachen Abedams nicht aus dem Kopf. Er getraute sich zwar niemanden darüber zu befragen, aber er spähte doch hin und her. Seine Augen durchsuchten alle Winkel der Hütte, und seine Gedanken ließen keine deutliche Art des Lichtmachens vom Grunde aus unbeachtet.
HG|1|151|2|0|Allein Licht bloß durch ein ‚Es werde Licht!‘ hervorzubringen, und das noch ein Licht, welches alle Winkel gleich stark erleuchtet und nirgends einen Schatten macht, solches war dem Seth noch nie vorgekommen; doch zu fragen getraute er sich niemanden.
HG|1|151|3|0|Es merkte aber bald solches Suchen Seths der Adam und fragte den Seth: „Mein Sohn Ahbel-Seth, was suchst du, oder was bemerkst du? Oder findest du etwas hier in der Hütte, das dich befremdet?“
HG|1|151|4|0|Und der Seth entgegnete voll Ehrerbietung: „Geliebter Vater, siehe, es ist zwar etwas sonderbar zu sagen, aber es ist bei mir nun einmal also: Ich suche Licht im Lichte und kann es nicht finden! Es blitzt zwar draußen ein starkes Ungewitter, sich aus der Morgengegend erhebend und gegen uns herziehend; aber fürs Erste ist es noch etwas zu ferne, als dass seiner beständigen Blitze Leuchten also erhellen möchte die Hütte, und fürs Zweite ist das Dach der Hütte so gut, dass, so das Gewitter auch schon über uns stünde, doch nicht zu leicht eines hellen Blitzes Strahl durch dasselbe zu dringen vermöchte.
HG|1|151|5|0|Und vermöchte er auch solches, müsste aber damit seinem Leuchten nicht auch zugleich der Schatten der erleuchteten Gegenstände mit entstehen?
HG|1|151|6|0|Siehe, geliebter Vater, das ist alles, was ich suche; sonderbar zwar, aber wahr, Licht im Lichte!“
HG|1|151|7|0|Und der Adam erwiderte dem Seth: „Ja, wahrlich sonderbar! Aber siehe, sonderbarer noch kommt es mir vor, dass du vergeblich suchst, und siehst doch den Künstler unter uns! Suche den, und du wirst das Licht im Lichte bald haben!
HG|1|151|8|0|Wenn du siehst einen leuchtenden Stein, so simulierst du und fragst dich: ‚Woher sein Licht?‘ Aber du kannst da niemanden fragen, woher dessen Leuchten, und wie es bewirkt wird; denn der große, mächtige Künstler ist heilig und antwortet dem nicht, das unrein ist vor Ihm, und es ist da schwer, über des Steines Leuchten ins Klare zu kommen.
HG|1|151|9|0|Du siehst in der Nacht wie am Tag der Lichter mannigfachste Arten; wen aber kannst du über ihr Wesen fragen, so sie dich wundernehmen sollten?
HG|1|151|10|0|Hier aber ist Licht und Künstler zugleich gegenwärtig, und du suchst, was uns allen so nahe ist, das Licht im Lichte?! Möchtest du nicht auch einmal versuchen, den Tag im Tage zu suchen?“
HG|1|151|11|0|Die Worte Adams an den Seth waren hier voll der glänzendsten Wahrheit; allein wie der Seth suchte, was sein Herz nicht verstand, also auch redete hier Adam Worte, die er auch nicht im Geringsten verstand.
HG|1|151|12|0|Nach der Rede Adams aber trieb es den Seth doch zum Abedam hin, um sich bei Ihm zu erkundigen, wie Er denn dieses herrliche Licht zuwege gebracht habe.
HG|1|151|13|0|Der Abedam aber hieß den Seth willkommen und antwortete ihm eher noch, als der nun etwas furchtsame Seth mit einer passenden Frage herauskam, wie da folgt:
HG|1|151|14|0|„Seth, möchtest du nicht auch also Licht machen können? Ja, ja, solches möchtest du wohl, und Ich sage dir, es ist solches nicht einmal so schwer, als du es dir vorstellst, und das Mittel dazu ist ein ganz einfaches! Und wie du es an Mir bemerkt haben wirst, besteht es in lediglich nichts anderem als allein in einem ernstgläubigen ‚Es werde Licht‘, und es wird Licht werden, da sonst die Finsternis waltete!
HG|1|151|15|0|Siehe, nun hast du alles, das ganze Geheimnis, und damit dein Licht im Lichte, und die Folge wird dich lehren, dass du jetzt ganz gewiss das Licht, ja das wahrste Licht im wahrsten Lichte ganz sicher gefunden hast!
HG|1|151|16|0|Aber du hast noch immer ein fragendes Gesicht! Ist es denn nicht genug, so Ich dir das Ganze Meiner Kunst mitgeteilt habe?
HG|1|151|17|0|Gehe hin in deine finstere Hütte, und tue ernstgläubig, desgleichen du Mich tun sahst, und du wirst dich dann ja wohl überzeugen, ob es sich nicht also verhalte mit dieser Kunst!“
HG|1|151|18|0|Und der Seth ging alsbald aus der Hütte Adams in die seinige, allwo die Seinigen in der Finsternis versammelt waren und sich vor dem stets näher heranziehenden Ungewitter, das da überaus furchtbar drohend aussah, fürchteten. Als er hineintrat, sprach er alsbald: „Es werde Licht!“ – und siehe, es ward augenblicklich Licht!
HG|1|151|19|0|Aber jetzt erst nach diesem wunderbaren Gelingen, worüber auch alle seine Kinder sich entsetzten und vor Verwunderung fast ganz starr wurden, war es aus bei Seth!
HG|1|151|20|0|Er wurde nun beherzter, beruhigte zuerst die Seinigen und ging aber dann alsogleich wieder zurück in die Hütte Adams, dankend zuerst dem fremden Abedam für die Mitteilung solcher wunderbaren Kunst, und fing dann an, nach und nach alles auszukramen, was ihn beim wunderbaren Gelingen dieses sonderbaren Lichtmachens alles von neuem gefangen nahm.
HG|1|151|21|0|Und der Abedam erwiderte, ihn sanft belehrend, folgendes: „Seth, siehe, siehe, wie sehr du noch bloß ein äußerer Mensch bist, nachdem du doch auch im Abend unter denen warst, deren inneres Licht den Asmahael zuerst erkannt hat, und warst hernach Zeuge von all dessen Wundertaten!
HG|1|151|22|0|Wahrlich, damals stiegen in dir nicht so viele Zweifelfragen auf als jetzt! Hast du denn die an Adam gerichteten Worte Emanuels überhört, die Er zum Adam gesprochen, als dieser Ihn bat, Er möchte Sich nach der Opferung Henochs doch nicht so bald entfernen von euch allen?
HG|1|151|23|0|Meinst du denn, Emanuels Kraft ist in Seiner Sichtbarkeit mehr gegenwärtig denn in dessen Unsichtbarkeit?
HG|1|151|24|0|Siehe, darinnen liegt alles, das dich noch gefangen hält! Kannst du irgendeine wirkende Kraft je mit dem Auge der Materie erschauen, oder hast du je gesehen, was da bewegen macht nach deiner Willkür deine Glieder und treibt ohne dein Hinzutun dein Blut durch all die Adern und macht dein Haar wachsen und deine Nägel und deine Haut und verteilt die Speisen im Magen und tut noch zahllos anderes mehr?
HG|1|151|25|0|Oder hast du je gesehen den Wind, und wie da ist seine Gestalt, oder die den Keim treibende Kraft, oder die, welche die Sonne führt vom Aufgang bis zum Untergang, und so die Sterne und den Mond? Oder mit welchem Auge hast du je gesehen die Kraft, welche all die Bäche, Flüsse und Ströme dem Meer zutreibt?
HG|1|151|26|0|Siehe also, wie töricht du noch geblieben bist! Höre denn und merke dir’s wohl: Jede Kraft, die da in was immer oder wo immer oder wie immer wirkt, ist aus Gott als dem Urquell aller Mächte und Kräfte. Gott aber als Gott kann in Seinem Urwesen ewig nie von einem von Ihm geschaffenen Wesen geschaut und begriffen werden; denn wer da Gott sehen möchte, der könnte nicht leben, da Gott unendlich, jedes Wesen aber endlich ist. Wie aber könnte je das Endliche schauen und begreifen das Unendliche?
HG|1|151|27|0|Oder meinst du wohl, es wäre dir möglich, ausgedehnt zu werden bis ins Unendliche und dabei zu erhalten dein Fünklein Lebens?
HG|1|151|28|0|Siehe, so du Mir aber im Herzen auch fragend erwiderst: ‚Was und wer war denn hernach der gesehene Emanuel?‘
HG|1|151|29|0|so sage Ich aber dir, Gott kann Sich überall als liebender Vater einen scheinbaren Leib erschaffen und wirken durch denselben; aber dann ist das, was du siehst, nicht der Vater, sondern das da wirkt durch das von dir Gesehene!
HG|1|151|30|0|Solches aber sollst du verstehen, damit deine Liebe nicht an etwas hängenbleibt, das da nicht ist das eigentlich Wahre!
HG|1|151|31|0|Und so wisse denn auch vom Licht im Lichte: Wäre nicht licht und sonnenhaft dein Auge, möchte es wohl je gewahren die Sonne und ihr Licht? Also auch, wenn in dir nicht wäre Gotteskraft, möchtest du je etwas Göttliches begreifen? Da du aber solches kannst, so ist ja Gotteskraft auch in dir; kann diese Kraft aber nur sich begreifen, oder kann sie nicht etwa noch mehr?
HG|1|151|32|0|Siehe, wie finster es in dir noch ist; darum heiße auch einmal bei dir Licht werden! Amen.“
HG|1|152|1|1|Das Wunder der Liebe Gottes
HG|1|152|1|1|Am 15. November 1841
HG|1|152|1|0|Und der Seth, an den diese Rede Abedams so ganz eigens gerichtet war, machte überaus große Augen, wie fast auch alle übrigen, obschon diese Rede nur im Vorübergehen auch sie berührte. Aber weder der Seth, noch irgendjemand anderer getraute sich, den Abedam um etwas Ferneres zu fragen, denn sie alle hatte die hohe Weisheit Abedams sozusagen fast zugrunde gerichtet. Nur allein dem Abedam, dem bekannten, dem allein noch blieb die Zunge am rechten Fleck und in Ruhe sein Herz, darum seine redselige Zunge auch alsbald sich bei den Vätern und beim Abedam, dem anderen, die Erlaubnis ausbat, hier, nachdem alles da schweige, etwas reden zu dürfen aus seinen freien Stücken; denn bis jetzt hätte er ohnedies nur entweder gefragt oder geantwortet auf die Fragen anderer.
HG|1|152|2|0|Und sein Verlangen wurde ihm gerne gestattet; und so fing er denn auch sogleich an, wie da folgt, seiner Zunge Luft zu machen, sagend nämlich:
HG|1|152|3|0|„Meine geliebten Väter und Brüder, und Du auch, mein über alles hoch geachteter und innigst geliebter Namensgefährte! Es ist schon ein altes Sprichwort unter uns, dass recht dumme Menschen und Kinder zumeist die Wahrheit reden; da ich aber gewiss mit allem Recht zu den ersten vorzugsweise gehöre und von jeher schon gehört habe, so bin ich ja gemacht für einen Prediger! Aus diesem Grunde sage ich euch allen und gestehe es ganz offenherzig, dass ich unter euch allen der Glücklichste bin, das heißt den lieben Namensgefährten ausgenommen.
HG|1|152|4|0|Ihr wundert euch über das Lichtmachen, – ich wieder gar nicht; denn wollte man sich über alles wundern, was des Herrn unendliche Macht, Kraft und höchste Weisheit alles hervorzubringen und überaus leicht zu bewirken vermag, wahrlich, da dürfte man das Leben mit nichts denn mit lauter Verwundern und Überverwundern zubringen!
HG|1|152|5|0|Ist denn nicht jeder Schlag unseres Herzens ein gleich großes Wunder, – wer aber wird sich beständig darüber wundern?
HG|1|152|6|0|Oder dass wir sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, uns willkürlich bewegen, stehen, gehen, laufen, springen, dann wieder liegen, schlafen, träumen, denken, lieben, verständig reden, essen, trinken, scheißen, brunzen, ja unseresgleichen in der Liebe zeugen können, und kurz und gut, alles, was wir dann mit all unseren Sinnen wahrnehmen, – sagt, sind das nicht lauter unbegreifliche Wunder über Wunder?
HG|1|152|7|0|Wo aber lebt wohl ein Mensch, der sich über alles dieses beständig wundern möchte und, wenn er nur eine Spanne weit über die Erde hinaus zu denken vermag, auch könnte?
HG|1|152|8|0|Wer sieht es nicht ein, dass ein Starker eine größere Last zu heben vermag denn ein Schwacher? Wen soll es wundernehmen, dass der Starke stärker ist als der Schwache?
HG|1|152|9|0|So ich einen Stein in die Hand nehme und ihn dreißig Mannslängen weit von mir schleudere, ein Stärkerer und Geschickterer aber schleudert ihn hundert Mannslängen von sich – sagt, wer wird sich dessen wundern? Und doch ist solches ein ebenso großes Wunder, als so der Abedam eine zweite Sonne statt dieses einfachen Lichtes durch ein mächtiges ‚Es werde!‘ zur Erleuchtung der Nacht erschaffen hätte.
HG|1|152|10|0|Wahrlich, wenn man die Sache so recht beim Licht betrachtet, so soll sich der Mensch entweder immer wundern, oder er soll sich ganz und gar nicht wundern! Denn wenn ich mich über eine Tat des Herrn wundere und über eine andere wieder gar nicht, bin ich dann nicht entweder ein Klassenschätzer der Werke Gottes, da keines ist minder als das andere in seiner Art, oder ich müsste wenigstens noch um hundertmal dümmer sein, als ich es von Natur aus bin, so ich das nicht auf den ersten Blick einsehen möchte, dass Gott in jedem Seiner Werke unergründlich, unerfassbar und unendlich ist! Erkenne ich aber solches, wie sollte es mich hernach wundernehmen, wenn der allmächtige, höchstweiseste Gott solche Werke hervorbringt, die Seiner unendlichen Vollkommenheit in jeder auch nur möglich denkbaren Hinsicht entsprechen müssen?!
HG|1|152|11|0|Ja, vermöchte jemand mit der bloß menschlichen Schwäche einen gestirnten Himmel auf ein Wort zuwege zu bringen, wahrlich, darüber könnte ich mich hoch verwundern; aber da solches nur die Kraft Gottes vermag, seht, das nimmt mich wieder gar nicht wunder!
HG|1|152|12|0|Oder sollte das wohl ein Wunder sein, wenn der allmächtige Gott aus Seiner ewigen, höchst weisen Ordnung alles solches gar leicht und wohl vermag?
HG|1|152|13|0|Seht, solches wundert mich nicht und wird mich auch ewig nie wundern; wohl aber nimmt es mich hoch wunder, dass nach dem, was wir jetzt wissen, dieser allmächtige Gott auch zugleich unser aller liebevollster, heiliger Vater ist! Und so erkenne ich nur ein Wunder der Wunder an, und dieses ist die Liebe, und zwar die unendliche Liebe in Gott zu uns Nichtigen vor Ihm, und dann die Liebe auch in uns zu Ihm, welche ist ein endliches Erfassen des Unendlichen!
HG|1|152|14|0|Seht, das ist das Einzige, worüber ich mich stets mehr und mehr wundere, weil hier zwei undenkliche Verhältnisse – ein unaussprechliches Nichts und ein unaussprechliches Alles – sich ergreifen und sich gewisserart auszugleichen auf das Tätigste bemühen!
HG|1|152|15|0|Seht, das wundert mich, und das nenne ich ein Wunder. Alles andere aber – da Gott Seiner ewigen Macht und Stärke zufolge tut, was alles Ihm nur immer möglich ist, und wir auch tun, was uns möglich ist –, wie sollte oder wie könnte mich das wundern?!
HG|1|152|16|0|So ich mich aber schon nicht wundern kann, der ich mich da gerade nicht beklagen kann, als hätte ich zu viel der Weisheit; ihr aber habt alle Weisheit in großer Menge, und seid stumm ob der Beleuchtung der Hütte, und könnt aber doch sonst den ganzen Tag unter dem oft brennenden Wunder der Sonne ungehindert plaudern, – ist denn das Licht der Sonne schwächer denn dieses, oder ist ihr Licht weniger durch die Macht des göttlichen Wortes entstanden denn dieses?!
HG|1|152|17|0|Seht, solches fällt einem Narren vor euch auf; und wahrlich, das ist auch ein Wunder, dass solches nicht schon lange euch Weisen aufgefallen ist!
HG|1|152|18|0|Dankbar freuen können wir uns ja jeglicher Tat Gottes, weil Er sie sicher aus rein und allein wunderbarer Liebe zu uns Nichtsen tut; aber vor einem Werk der göttlichen Kraft wunderstumm werden, über ein anderes aber wieder ganz gleichgültigen Schrittes hinwegtraben, – wahrlich, das heißt doch nichts anderes, beim Licht betrachtet, als die Werke und Taten Gottes mit unserer Dummheit taxieren!
HG|1|152|19|0|Haltet es zugute, liebe Väter und Brüder; aber ich konnte wahrlich nun nicht mehr umhin, euch mit einer Rüge darüber zu belästigen, was einem Blinden schon auch nur bei einem geringen Nachdenken als töricht und vollends Gottes unwürdig hätte auffallen müssen!
HG|1|152|20|0|Daher sei nur das eine Wunder der Liebe uns allen ewig ein erstaunliches, nämlich, dass der allmächtige Gott unser Vater ist, uns liebt und macht, dass wir Ihn wiederlieben können und dürfen! Für alles andere aber danken wir Ihm mit über alles gleich freudigem Herzen, so werden wir darum schon gewiss uns würdiger Seine Kinder nennen dürfen, als so wir Tag und Nacht wunderstumm die Sonnenstäubchen angaffen möchten und vergäßen aber darüber der Liebe, der Dankbarkeit und alles dessen, was allein nur wahren Kindern geziemt.
HG|1|152|21|0|Freuen wir uns all der Werke Gottes und achten ihrer, darum sie Werke des Vaters sind, die Er gemacht hat aus Liebe zu uns; aber das Taxieren derselben überlassen wir bescheiden Dem allein, der sie gemacht hat! Amen.“
HG|1|153|1|1|Brüderliche Liebe und Demut
HG|1|153|1|1|Am 16. November 1841
HG|1|153|1|0|Nach dieser Rede Abedams, des bekannten, aber machten alle noch größere Augen, und keiner wusste ihm etwas zu erwidern.
HG|1|153|2|0|Nach einer Zeit erst stand der Henoch auf und reichte die Hand dem Abedam und sagte:
HG|1|153|3|0|„Wahrlich, geliebtester Bruder Abedam, es wäre sicher nicht wider die göttliche Ordnung, so manchmal die Kinder vor den Weisen als wahre Weisheitsprediger aufstehen möchten und berichtigen die mannigfachen Torheiten der sich so oft hochweise dünkenden Lehrer! Du hast mir jetzt eine große Last vom Herzen gewälzt!
HG|1|153|4|0|Wie froh und heiter in Gott hätte ich schon gar oft sein können, wenn deine Worte früher an meine Ohren geschlagen hätten!
HG|1|153|5|0|Daher wird es ewig wahr bleiben: Was der Herr, unser aller liebevollster Vater den Weisen vorenthalten hat, das gibt Er den Schwachen und Kindern im reichsten Maße!
HG|1|153|6|0|Ja wahrlich wahr, der Gottesforscher ist ein eitler Frevler, ein großer Tor und kümmert sich zu Tode, während die Kindlein fröhlich aus der Hand des heiligen Vaters das köstliche Brot des wahren, ewigen Lebens sorglos, freudig, dankbar empfangen!
HG|1|153|7|0|O wie groß ist doch die Torheit der Menschen!“
HG|1|153|8|0|Und der bekannte Abedam, dazu setzend: „Und, lieber Bruder Henoch, meine Dummheit nicht aus der Rechnung gelassen; denn du weißt es ja, wie es mit mir vor noch nicht gar langer Zeit gestanden ist!
HG|1|153|9|0|Jedoch, solches von mir jetzt Gesagte ist zu auffallend, Bruder, als dass es selbst ein Blinder nicht hätte alsogleich merken sollen!
HG|1|153|10|0|Jedoch darum nach bin ich dir lange noch kein Lehrer, sondern nur du im Herrn der meinige! Amen.“
HG|1|153|11|1|Am 16. November 1841
HG|1|153|11|0|Und der Henoch entgegnete dem Abedam: „Bruder Abedam, was möchtest denn du noch von mir lernen? Vielleicht ein wenig Torheit zu deiner Freiheit hinzu?
HG|1|153|12|0|Siehe, ich für mich bin zwar wie du und möchte darum auch um eine ganze Erde voll Weisheit nicht ein kleines Steinchen schwer Liebe hergeben, und ich habe darum auch noch nie ein Wort aus meinem eigenen eitlen Antrieb zu jemandem gesprochen, sondern, wenn ich geredet habe, da redete ich nur gezwungen vom inneren, göttlichen Geist und wusste oft nach vollendeter Rede nicht, was ich geredet hatte, dieweil nicht ich, sondern nur der göttliche Geist aus meinem spottschlechten Mund sprach.
HG|1|153|13|0|Siehe, Bruder, in dieser Hinsicht hätten wir also voreinander nichts voraus; aber jetzt kommt etwas, das mich vor dir zum Toren macht, und das ist, dass ich denn doch nicht selten bei mir selbst über die Werke Gottes nachdachte und sie gehörig – nach deiner Aussage – taxierte!
HG|1|153|14|0|Sage nun und urteile unter uns selbst, wer von uns beiden mehr oder weniger vor dem anderen hat, und wer somit eher berechtigt ist, dem anderen ein Lehrer und ein wahres Vorbild zu sein!
HG|1|153|15|0|Ich habe dir zwar auf dem Weg hierher früher eine Lehre gegeben, allein damals habe ich dich noch nicht also gekannt wie jetzt, und es war meine Lehre somit auch ein kleiner Vorgriff in das Recht der göttlichen Liebe; allein, was ich dir damals sagte, sagte ich dir ja nicht, um dir etwa dadurch anzuzeigen zu wollen, als sei ich ein mehr Geweckter denn du, sondern was ich tat, tat ich rein nur aus Liebe zu dir. Aber nun reut es mich doch, dass ich den lehrte, der mir ein großer Meister der Demut ist.“
HG|1|153|16|0|Und der bekannte Abedam erwiderte dem Henoch: „Bruder, mache mich nicht traurig; ich bin nur heiter auf der untersten Stufe! Wenn du mich nur ein wenig zu erheben anfängst, so ist’s auf einmal mit meiner Seligkeit gar; denn siehe, ich bin schon von der Natur aus so, dass mir nur die größte Niedrigkeit beseligend zusagt!
HG|1|153|17|0|Warum aber soll ein Bruder den anderen über sich für nichts und wieder nichts erheben?
HG|1|153|18|0|Sondern Brüder sollen sich Brüder bleiben! Fehlt dem einen etwas, so soll der andere mit seinem Vorrat ihm zu Hilfe eilen, und also auch umgekehrt, damit da keiner etwas vor dem anderen habe. Was soll aber hernach das, so einem Bruder – sicher aus Zulassung des Herrn zum Wohle des Bruders – aus gutem Herzen ein vielleicht etwas besseres Wort entfällt, dass darum der andere ihn hernach zur Hälfte zu vergöttern anfängt?!
HG|1|153|19|0|Daher bleibe du mein lieber Bruder Henoch, und gebe mir von deinem Überfluss allzeit als Bruder gerne, so du siehst, da mir irgendetwas fehlt, und habe dann aber ja keine Reue darüber, was du deinem Bruder gegeben, – und ich werde desgleichen tun! Und wenn es dann alle so machen werden, wahrlich, Bruder, da wird es wohl schwerlich je zu einem Zank zwischen den Brüdern kommen; und ich glaube auch fest, dass solche Lebensweise der Brüder untereinander tief in der göttlichen Ordnung schon von Ewigkeit her gegründet ist. Und also wollen wir auch fürder bleiben ewig! Amen.“
HG|1|153|20|0|Der Henoch wurde bis zu Tränen gerührt, umarmte den Abedam und gab ihm einen wahren Bruderkuss und entgegnete:
HG|1|153|21|0|„Ja, Bruder im Herrn und aller Liebe aus Ihm, du hast mit einem Hieb einen Baum zu Fall gebracht! Wie einfach und doch so göttlich wahr sind deine Worte und werden wahr bleiben in Ewigkeit!
HG|1|153|22|0|Und also wollen wir auch alle verbleiben nicht nur zeitlich, sondern ewig! Amen.“
HG|1|154|1|1|Die Lehre von brüderlicher Liebe und Großzügigkeit
HG|1|154|1|0|Abedam, der andere, aber, der die ganze Zeit ruhig und wohlgefällig zugehöhrt hatte dem Zwiegespräch Henochs und Abedams, stand nun auf einmal hastig auf und sprang völlig hin unter die zwei Brüder, umfasste sie mit Seinen Händen und sprach dann:
HG|1|154|2|0|„Ja, also ist es wahr und recht und billig der göttlichen Ordnung gemäß; und so Brüder untereinander also leben, da wird der Vater, wie jetzt, auch in alle Zukunft nicht ferne sein als Vater jenen Kindern, die über Gott in ihren liebeerfüllten Herzen also denken und als Brüder also untereinander handeln!
HG|1|154|3|0|Wahrlich, Ich sage euch: Wer da sagt: ‚Ich liebe Gott und meine Brüder!‘, hat aber etwas vor seinen Brüdern und teilt es nicht mit ihnen also, dass nur der kleinste Teil für ihn zurückbleibt, der ist noch voll Eigenliebe und ist des Vaters nicht wert! So jemand hätte zehn Brüder und wäre aber im Besitz von zwölf Äpfeln, der soll geben die elf Äpfel den Brüdern und soll für sich nur die Hälfte des zwölften behalten, die andere Hälfte aber soll er noch aufheben für die Brüder, dann wird er sein ein wahres Kind des heiligen Vaters im Himmel und Seiner würdig!
HG|1|154|4|0|So ein Vater seine Kinder mehr liebt denn die seiner Brüder, der ist auch in der Eigenliebe und ist des Vaters nicht wert. Da sage Ich: Wahrhaft selig wird der sein, dessen wahres Bruderherz über der Not des Bruders die eigene vergaß und also auch zur Stillung der Not des Bruders Kinder die der eigenen Gott, seinem wahren Vater, in aller dankbaren und liebevollen Ergebung aufopferte!
HG|1|154|5|0|Es ist dir besser, so du aus Liebe zu deinen Brüdern der Ärmste bist unter ihnen als der reichste; denn so du geteilt hast mit ihnen deine Gaben, und es ist dir noch geblieben ein Teil, so hast du noch gesorgt für dich und achtetest nicht der Sorge deines Vaters im Himmel. Hast du aber aus wahrer Brudernächstenliebe alles hergegeben deinen Brüdern und behieltest nichts für dich zurück, so hast du dich ganz frei gemacht und hast für dich alle Sorge dem Vater im Himmel überlassen; wird aber dieser mächtige, übergute, heilige Vater ein solches Kind wohl darben lassen?!
HG|1|154|6|0|Ich sage euch aber: Wahrlich, wahrlich, der soll für eins hundert und hundertmal hundert für zehn und Unendliches haben für alles.
HG|1|154|7|0|Urteilt aber selbst: Wird wohl je Not und Elend unter Brüdern herrschen, so da alle sind voll Liebe gegeneinander und ist einer wie alle und alle wie einer?
HG|1|154|8|0|O wahrlich, da wird ein jeder haben in der Fülle des Segens aus der heiligen Sorge des heiligen Vaters!
HG|1|154|9|0|Wollt ihr also würdige, wohlversorgte Kinder des einen heiligen Vaters sein im Himmel, so lebt also als Brüder und Schwestern untereinander! So ihr also leben werdet untereinander, da wird auch leben und wohnen der heilige Vater unter euch und wird sorgen für euch alle, – wo aber nicht, da wird bald ein jeder in den alten Fluch zurückfallen und sein sehr hartes Stück Brotes im Schweiße seines Angesichtes unter Dornen und Disteln suchen müssen!
HG|1|154|10|0|Also aber verhaltet euch gegenseitig: So dir dein Bruder etwas getan hat, da entlasse ihn ja nicht ohne guten Lohn; hast du aber deinem Bruder einen Dienst erwiesen, so soll es dir auch nicht einmal träumen, als wäre dir dein Bruder etwas schuldig, sondern deine eigene Bruderliebe sei dein größter Lohn. Dieser wird deinem Vater im Himmel wohlgefällig sein. So aber die Liebe deines Bruders ihn nötigt, dir zu geben einen Sold, da nehme ihn ja nicht als solchen an, sondern als einen der Liebe deines Bruders, und danke ihm und küsse ihn dafür; denn als ein reines Geschenk musst du jede Gabe betrachten, so wirst du ein rechter Bruder sein deinen Brüdern, und der heilige Vater wird ein großes Wohlgefallen haben an solchen Kindern ewig! Amen.“
HG|1|155|1|1|Lamech erkundigt sich nach dem rätselhaften Licht
HG|1|155|1|1|Am 17. November 1841
HG|1|155|1|0|Nach dieser Rede Abedams, des anderen, trat auch Lamech, der getreue Liebhaber Emanuels an die Seite Abedams und betrachtete Ihn vom Kopf bis zum Fuß; denn diese letzte Rede hatte auch ihn aus seinem Trauerliebestaumel geweckt und machte sein Herz stutzen. Da er von den früheren Worten, in seine Trauerliebe um den entschwundenen Emanuel begraben, soviel als fast nichts vernahm, so war es nun ganz gewiss, dass diese plötzlich nun vernommenen Licht- und Liebesworte aus dem göttlichen Munde Abedams auf sein neu wachgewordenes Herz eine erstaunliche Wirkung hervorbringen mussten, und somit auch umso mehr noch auf die kranke Liebe Lamechs, da Der, aus dessen Munde und Herzen sie kamen, der neu verborgene Emanuel Selbst war!
HG|1|155|2|0|Und nachdem er sich am Abedam sozusagen satt gesehen hatte und mit seinem Schauen dessen ungeachtet nichts vom Abedam heraustüpfeln konnte, so nahm er sich endlich die Freiheit und fragte Ihn, sagend nämlich:
HG|1|155|3|0|„Höre, Abedam, du mir noch ganz fremder Mann, der du aus einem menschlichen Mund rein göttliche Worte sprichst, also zwar, dass, so mein allergeliebtester Emanuel Abba hier stünde und möchte reden über diesen Hauptpunkt alles menschlichen Lebens, Er unmöglich anders sprechen könnte, wie du nun gesprochen hast! Sei doch so gut und sage mir, woher dir solche unbegreiflich hohe Liebeweisheit geworden ist!
HG|1|155|4|0|Denn siehe, Emanuels Verschwinden hat mich bis jetzt für alles taub und blind gemacht, und so sehe ich nun mit meinen Augen dich jetzt sicher zum ersten Mal unter uns und kann nun nicht genug staunen über dich! Sage mir daher etwas über dich; denn mein Herz sehnt sich sehr nach deiner näheren Bekanntschaft!“
HG|1|155|5|0|Und der Abedam entgegnete dem Lamech: „Mein geliebter Lamech! Nun höre du: Weißt du Mir zu sagen, um welche Zeit es nun ist, und wo wir uns nun, wie wir hier sind, befinden?“
HG|1|155|6|0|Und der Lamech antwortete: „Soviel ich nun merke und mich auch von früher ganz dumpf erinnere, so ist das die Hütte Adams, in die er uns alle, wie wir nun hier sind, nachdem wir die heimatliche Höhe erreicht hatten, aufnahm; doch solches weiß ich nur wie aus einem Traum heraus! Aber um welche Zeit es nun ist, könnte ich dir nicht genau sagen; jedoch nach dem noch ziemlich starken Licht in der Hütte zu urteilen, dürfte es noch nicht gar zu spät des Abends sein.“
HG|1|155|7|0|Und der Abedam sagte wieder zum Lamech: „Siehe, Mein geliebter Lamech, es liegt aber nun ganz besonders für dich sehr viel daran, dass du genauer weißt, um welche Zeit des Abends es nun ist; daher begebe dich ein wenig aus der Hütte und beurteile die abendliche Frühe oder Späte nach der Stärke der Abendröte!“
HG|1|155|8|0|Und der Lamech befolgte sogleich den Rat; aber wie erschrak er, als er statt der gehofften Abendröte schon überall die dichteste Finsternis über die ganze Erde gelagert sah, die nur durch die beständigen Blitze des schon sehr nahe stehenden großen Ungewitters schauerlich auf Augenblicke zerrissen wurde!
HG|1|155|9|0|Nicht lange säumte er vor der Hütte draußen, sondern eilenden Fußes kam er wieder zurück, fast zurückfallend; denn er hatte eine große Nacht- und Wetterscheu in sich. Und also nahte er sich nun furchtsam dem Abedam und sagte zu Ihm:
HG|1|155|10|0|„O lieber, guter Mann, da du sicher gewusst haben wirst, wie spät der Nachtzeit es nun schon ist, warum hast du mich denn hinausbeschieden, zu schauen diese schreckliche, grauenerregende Nacht, in der schon lange alle Abenddämmerung untergegangen ist und statt derselben nur gewaltige Blitze und dumpf rollende Donner mit der dichtesten, hartnäckigsten Nacht einen fürchterlichen Kampf zu beginnen scheinen?
HG|1|155|11|0|Siehe, ich bebe noch am ganzen Leibe vor großer Angst! O Emanuel, wärst Du jetzt hier! Mit Dir möchte ich mir‘s wohl recht gerne getrauen, diese fürchterliche Nacht anzuschauen; denn Dir hätte auch dieses hart und schrecklich drohende, verheerenden Kampfes gierige Feuerwetter weichend gehorchen müssen!
HG|1|155|12|0|Es ist nur gut, dass doch noch der Henoch bei uns ist; sonst wäre es sicher aus mit uns! Du scheinst dir freilich auch nicht gar viel aus dem heranziehenden Wetter zu machen?! Aber solches ist dir auch zu verzeihen, da du hier ein Fremdling noch bist und hast wahrscheinlich das Schreckliche eines solchen Wetters in der Nacht auf der Höhe noch nie erlebt; aber wirst du nur einmal eines erleben, wie es heute Nacht sicher der schreckliche Fall sein wird, so wirst du bei einem nächsten heranziehenden Wetter, o glaube es mir, sicher noch ängstlicher sein, als ich es jetzt schon überaus stark bin!
HG|1|155|13|0|O Du mein Emanuel Abba, wenn Du doch nur noch diese Nacht sichtbar unter uns geblieben wärest!“
HG|1|155|14|0|Und der Abedam sah den Lamech überaus freundlich an, ergriff seine Hand und fragte ihn: „Lieber Lamech, siehe, da du draußen eine so überaus dichte Nacht angetroffen hast, möchtest du Mir denn nicht kundgeben, woher denn das Licht in dieser Hütte rührt?“
HG|1|155|15|0|Auf diese Frage erst fiel dem Lamech das Licht auf; und da er nirgends etwas Leuchtendes entdecken konnte, so wandte er sich sogleich wieder an den Abedam zurück und sagte:
HG|1|155|16|0|„Siehe, lieber, guter Mann, ich finde es wunderbar! Es ist Licht ohne Licht, ja vollends Tageshelle ist es herinnen, und doch mag ich nirgends ein Licht entdecken! Wie ist das? Woher rührt das? Und wie ist solches möglich?
HG|1|155|17|0|Hast etwa du es also gemacht, oder soll etwa das große Ungewitter daran schuld sein?! Denn solches habe ich bei sehr starken Feuerwettern wohl schon auch gesehen, dass da in der dichtesten Nacht oft die Bäume, das Gras und die Steine von einer bläulich leuchtenden Materie umgeben waren; aber ihr Leuchten war doch nur höchst schwach an und für sich, – im Vergleich aber mit dieser Helle wäre es doch nur eine bare Finsternis!
HG|1|155|18|0|Daher könntest wohl du mir sagen, darum du mich fragtest?!“
HG|1|155|19|0|Der Abedam aber beschied ihn mit den Worten an den Seth: „Lamech, gehe hin zum Seth, und er wird es dir sagen, wie dieses Licht entstand; dann wirst du bald im Lichte ein Licht finden, wie du bis jetzt im Lichte kein Licht fandest.“
HG|1|155|20|0|Und der Lamech trat sogleich hin zum Seth und bat ihn: „Lieber Vater Seth, möchtest du mir nicht tun, darum mich dein Bruder oder Sohn – oder was er zu dir auch sein mag – zu dir beschied?!“
HG|1|155|21|0|Und der Seth entgegnete ihm: „Warum schliefst im Herzen du denn früher?! Wärest du wach gewesen, so wäre dir zum Überfluss nun solche Frage; jedoch da dich deine große Liebe zum Emanuel Abba blind und taub für alles andere machte, so hast du schon den gültigsten Entschuldigungsgrund in dir und magst darum wohl erfahren, dass der unbegreiflich mächtige Urheber dieser wunderbaren Erleuchtung derjenige selbst ist, der dich zu mir beschied, und hat es durch nichts als bloß nur durch sein Wort ‚Es werde Licht!‘ hervorgebracht, und das zwar aus der göttlichen Kraft in ihm. Gehe nun hin, jetzt weißt du schon alles, was ich weiß; ein Weiteres aber erwarte vom Urheber selbst! Amen.“
HG|1|155|22|0|Und der Lamech begab sich sogleich wieder zum Abedam in der Absicht, welche ihm der Seth kundgab.
HG|1|155|23|0|Und der Abedam sagte darauf zu ihm: „Geliebter Lamech, suche ein wenig in der Liebe deines Herzens, und du wirst den Urheber des Lichtes bald haben; denn siehe, Der, den du so überaus liebhast, ist dir nicht so ferne, als du meinst! Hast du Ihn aber gefunden, dann schweige bis morgen!
HG|1|155|24|0|Diese Nacht aber sollst du große Dinge sehen! Amen.“
HG|1|156|1|1|Das Gleichnis von dem das Herz seiner Gewählten erforschenden Bräutigam
HG|1|156|1|1|Am 19. November 1841
HG|1|156|1|0|Der Lamech aber, da er solches vom Abedam vernommen hatte, fing an, in sich zu gehen; und es brauchte gar nicht lange Zeit, da Lamech zu gewahren anfing, wie er dran ist, und was da verborgen ist hinter dem Abedam!
HG|1|156|2|0|Und da der Abedam alsogleich sah, dass Lamech Ihn gefunden und erkannt hatte, fragte Er den Lamech: „Höre, Mein geliebter, getreuer Lamech! Wie ist’s nun mit dir? Hast du noch eine Furcht vor dem großen, gar bald über uns ausbrechenden Ungewitter?
HG|1|156|3|0|Oder soll Ich Mich im Ernst noch mit dir vor demselben zu fürchten anfangen?“
HG|1|156|4|0|Und der Lamech aber fing vor lauter Freude zu weinen an und konnte nicht antworten. Erst nach einer ziemlich langen Pause, da sich sein Herz durch die reichlichen Liebefreudentränen Luft gemacht hatte und dadurch sich für einen so plötzlich übergroßen Anblick gehörig erweiterte, fing er an, folgende Worte an den Abedam in der allerhöchsten Entzückung zu richten, sagend nämlich:
HG|1|156|5|0|„O Abedam! – O Emanuel! – O Abba! – Ich habe Dich wiedergefunden, – Dich, Dich, o mein Abba, – wiedergefunden!
HG|1|156|6|0|Wie könnte es, wie sollte es mir nun bangen vor dem, das nichts ist vor Gott?!
HG|1|156|7|0|So Du willst, lasse von zahllosen Blitzen die Erde zu Staub zerschlagen und das Meer wie einen Tautropfen auf glühenden Erzen verdampfen; ja lasse flammende Orkane mit solcher Gewalt wehen, dass ihre Kraft mit Bergen spielen möchte wie sonst ein brausender Sturm mit dem Laub der Bäume; und Schloßen [Hagelkörner], wie Welten so groß, lasse sie zur Erde stürzen, – und Du wirst nimmer in mir eine Furcht entdecken! Denn wo Du bist, da ist überall gut sein; ohne Dich ist’s aber auch beim allerschönsten und ruhigsten Wetter fürchterlich auf der Erde wie überall, und es ist alles öde und leer, – und alles, was man nur immer ansieht, grinst einen schauderhaft drohend und todbringend an. Der Wind schreit und heult: Tod! Das Gras stirbt. Das Wasser rauscht: Tod! Und die Ufer beben und vergehen. Und das Wasser verdampft in den Tod, in das finstere Nichts. Der Strahl der Sonne, der sonst belebende, tötet des Grabes Gewürm.
HG|1|156|8|0|Des sterblichen Leibes fleischliche Kräfte, sie sterben ab, und die todträge Masse sinkt erschöpft zur sparsam belebten Erde nieder, und der Dahingesunkene sinkt dann vom Tode zum Tode. Und die sonst munteren Sterne werden düster, blass, und kein freundliches Zittern stört mehr ihre tote, düster schauerliche Ruhe. Und kurz und gut, wo Du bist, da werden selbst Steine lebendig und überaus freundlich, dass es eine große Lust ist, sie anzuschauen! Ja, ich glaube, wenn man mit Dir also auch im Feuer stünde, dass einem die sonst alles verzehrenden Flammen hoch über dem Haupt zusammenschlügen, so würde, ja so müsste man statt des schmerzlichsten Brennens nur eine lieblich sanfte Kühlung empfinden; denn Du bist überall und allzeit Liebe!
HG|1|156|9|0|Siehe, also bin ich jetzt ganz ohne Furcht, da ich nur Dich wieder habe! Aber also verschwinden darfst Du mir ja nicht mehr, dass ich dann nicht mehr wüsste, wohin Du Dich verborgen hättest!“
HG|1|156|10|0|Und der Abedam entgegnete kurz dem Lamech: „Ja, ja, du sollst Mich nimmerdar verlieren, jetzt wie auch in alle Ewigkeiten! Amen.
HG|1|156|11|0|Für jetzt aber schweige davon vor Adam und Seth und der Eva und dem Weib Seths, wie auch vor all den übrigen Kindern; denn Ich will, dass Mich ein jeder also finden soll, wie du Mich gefunden hast. Und es soll Mich niemand eher finden, als bis er Mich gefunden hat, wie du Mich gefunden und erkannt hast in deinem Herzen!
HG|1|156|12|0|Ich sage dir aber, diese Nacht wird sie noch alle vor unser Angesicht führen! Wenn sie aber kommen, so soll Mich von euch dreien keiner offenbaren, sondern, wenn sie die große Angst treiben wird in ihr Innerstes und dadurch vor ihren Augen ihr eigenes Herz offenbar wird und wird ihnen selbst kundgeben, wie viel Liebe darinnen waltet und was für eine Liebe, dann erst wird sich auch zeigen, wie viel Liebe zu Mir in ihren Herzen haust, danach sie Mich dann auch entweder erkennen oder nicht erkennen werden.
HG|1|156|13|0|Siehe, Ich mache es wie ein Bräutigam, der da erforscht das Herz derjenigen, die er gesonnen ist zum Weib zu nehmen! Dieser geht zur Nachtzeit, ja in stürmischer Nacht um die Hütte, darinnen da haust seines Herzens Gewählte. Da horcht er dann beklommenen Herzens und spitzt gewaltig seine Ohren, darum er vernehmen möchte geheime Seufzer der Liebe aus dem Munde seiner Gewählten. Wohl ihr, so ihr Herz voll ist ihres Bräutigams; denn wovon das Herz voll ist, geht der Mund über! Sie wird ihn rufen und nennen ihn beim Namen. Ich sage dir, ihr Seufzen und ihr Rufen wird des Bräutigams Herz brechen, und er wird eintreten in ihr Gemach und wird sie bei der Nacht noch führen in seine Hütte und machen, dass sie werde sein Weib!
HG|1|156|14|0|Glaubst du aber, so der Bräutigam also seine Gewählte zur Nachtzeit belauschen wird, wird sie aber treffen entweder schlafend oder im Seufzen eines anderen Namen nennend, wird er auch dann in ihr Gemach treten und sie führen in sein Haus?
HG|1|156|15|0|O siehe, das wird er nimmer tun, sondern er wird von nun an fliehen ihre Nähe und verachten ihr Angesicht!
HG|1|156|16|0|Siehe, also bin Ich jetzt auch in stürmischer Nacht vor der Türe aller Meiner Gewählten! Da Ich im Herzen nach Mir werde seufzen hören, da auch werde Ich alsbald eintreten und tun gleich dem erwähnten Bräutigam; wo Ich aber die Gewählten entweder werde schlafend antreffen oder seufzend nach fremden Namen, da werde Ich auch tun, was da tun würde seiner Gewählten der Mir ähnlich erwähnte Bräutigam.
HG|1|156|17|0|Doch aber ist ein Unterschied zwischen Mir und dem Bräutigam: Ich komme mit Liebe, bringe Liebe, gebe Liebe, suche Liebe und verlange Liebe, und wen Ich schlafend antreffe, der wird erweckt zum siebenundsiebzigmal siebenundsiebzigtausendsten Male! Erst wenn er nicht erwacht, dann erst ziehe Ich Mich zurück! Wehe aber dem, von dem Ich Mich zurückgezogen habe, wahrlich, der wird fürder lange, lange, lange vergeblich seufzen und rufen Meinen Namen; aber Ich werde ihm nicht antworten!“
HG|1|157|1|1|Der Gewittersturm
HG|1|157|1|1|Am 20. November 1841
HG|1|157|1|0|Kaum aber hatte Abedam diese wohl zu beachtende Rede an den Lamech beendet, so kamen auch schon, von großer Angst getrieben, Enos, Kenan, Mahalaleel, Jared, Mathusalah; und um die Hütte aber lagen voll Verzweiflung Hunderte und Hunderte von Kindern und Kindeskindern und schrien zum Jehova um Hilfe und gnädigst barmherzige Abwendung solcher schrecklich werdenden Verheerungen und solch unerhörter Schrecknisse der Nacht.
HG|1|157|2|0|Von den fünf in die Hütte Getretenen aber nahm der Redner Kenan das Wort und fing an, vor Adam also zu sprechen:
HG|1|157|3|0|„O Vater Adam, höre, wenn uns der entschwundene Emanuel und durch Seiner Liebe Macht dein Vatersegen nicht sogleich tätigst zu Hilfe kommt, da sind wir alle ohne Rettung, ohne Gnade und ohne Erbarmung verloren!
HG|1|157|4|0|Siehe und höre, wie es nun aussieht draußen: Der ganze Morgen ist ein Feuermeer! Nicht nur zahllose flammende Donnerkeile entstürzen einer unabsehbar dichten, feurigen, so glühenden Wolkenmasse, sondern auch aus der Erde brechen allenthalben Blitze und Flammen hervor!
HG|1|157|5|0|Deine herrliche Grotte ist schon von tausend und abermals tausend mächtigen Blitzen also zertrümmert, dass da von ihr keine Spur mehr zu entdecken ist!
HG|1|157|6|0|Wie ich dir sage, schrecklicher und schauerlicher hat Jehova Seine Kinder noch nie heimgesucht als diesmal! Doch dieses bis jetzt dir Mitgeteilte und Beschriebene ist nur das Unbedeutendste; aber höre, was da noch geschieht:
HG|1|157|7|0|Unter großem Sausen, Brausen, Toben und Krachen steigt das Meer aus der Tiefe! Alles Ungetüm flüchtet sich zu uns: Tiger, Löwen, Hyänen, Wölfe, Bären, Schlangen dringen zu Hunderten in unsere verlassenen Hütten, anderen Geschmeißes und Getieres nicht zu gedenken!
HG|1|157|8|0|Ich sage, in welches Elend uns wenige Minuten gesetzt haben, wäre keines Menschen Zunge imstande zu schildern! Wir fünf sind noch die Einzigen, welche von der Verzweiflung noch nicht ergriffen worden sind. Außer uns liegt alles, den sicheren Untergang aller Dinge erwartend, wie zur Hälfte tot mit den Gesichtern auf der Erde. Einige klagen; einige heulen; einige beben am ganzen Leibe; einige schreien und weinen überlaut; andere sind stumm und starr, von zu großer Furcht und Angst ergriffen!
HG|1|157|9|0|O Vater, es ist ein grauenhafter Anblick! Und siehe, die Schreckensszenen vermehren sich stets von allen Seiten! Fürwahr, anders kann es nicht ausgesehen haben, als du noch im Paradies sahst in dem Zorn Gottes die brennenden Weltentrümmer durcheinanderfliegen und die Erde zerstört unter deinen Füßen!
HG|1|157|10|0|Daher, o Vater, säume nicht und eile uns allen zu Hilfe, wenn noch irgend Hilfe denkbar möglich ist!
HG|1|157|11|0|Höre, höre nur das beständige Gekrache! Höre den alles erschütternden Donner! Vernimm das beständige Beben der Erde, und höre das schon nahe Toben des Meeres! Höre, wie aus tausend Bestienrachen ein grauenhaftes Geheul sich, schrecklich widerhallend, mischt unter der flammenden Orkane Toben, Sausen und Brausen!
HG|1|157|12|0|O Vater, so dir noch Hilfe denkbar möglich ist, da säume nicht, sondern komme uns eilends mit deinem Segen zu Hilfe!
HG|1|157|13|0|Da, da, o Vater, o ihr alle, seht zur Türe: O des Unglücks unerhörte Größe! Da seht alle hin zur Türe! Zur Türe seht hin! Auch hier wandern schon fremde, schreckliche Gäste ein! Gäste, vor denen wir flohen aus unseren Hütten!
HG|1|157|14|0|Adam, Vater, Henoch, Lamech, ihr beiden Abedame, ihr Lieblinge Emanuels, helft uns und euch!
HG|1|157|15|0|Seht, auch eine mächtige Schlange züngelt und schielt schon zur Türe herein!“
HG|1|157|16|0|Und der Adam, voll Entsetzens, und der Seth, halbtot vor Furcht, und so auch die Eva und das Weib Seths entgegneten gemeinschaftlich: „Dass es also schrecklich aussieht, hören und sehen wir jetzt alle nur zu klar und deutlich!“
HG|1|157|17|0|Und der Adam allein sagte weiter: „Kinder, da reicht mein Segen nicht mehr aus; wenn uns nun Gott nicht hilft, so sind wir alle verloren!
HG|1|157|18|0|Mein Gott und mein Herr! Warum musste ich denn das erleben? Und heute in der Sabbatnacht noch dazu!
HG|1|157|19|0|O Herr und Vater und Schöpfer aller Dinge, ist Dir etwa die morgige Opferung im Voraus schon zuwider, dass Du selbe durch diese Schrecken vielleicht hintertreiben willst? O dann nehme diese Schrecken von uns und gebe uns im Herzen zu erkennen Deinen heiligen Willen, und wir alle werden es ja gerne liebwillig tun, wie es Dir wohlgefällig ist; aber nur nehme diese schreckliche Versuchung von uns, und lasse uns alle wieder dankbar und freudigen Herzens zu Dir emporblicken!
HG|1|157|20|0|O Vater, heiliger Vater, richte uns nicht samt und sämtlich in dieser Nacht zugrunde! Amen.“
HG|1|157|21|0|Als aber der Lamech sah ein Ungetüm um das andere in die Hütte kommen und hörte das alles übertäubende Gekrache der zahllosen Blitze und die erschütternden Donner, das Geheul des Meeres, der Winde, dass darob nun auch die in die Hütte Adams sogar sich flüchtenden Bestien gewaltig zu heulen und zu brüllen anfingen, so fing auch ihm an, gewaltig unheimlich zu werden, dass er sich darum immer fester und fester anfing an den Abedam festhaltend anzuschließen; und also fing es auch an dem Henoch und dem bekannten Abedam zu gehen.
HG|1|157|22|0|Und der Abedam fragte sie: „Wie Ich sehe, so überkommt auch euch die Furcht?“
HG|1|157|23|0|Und der bekannte Abedam entgegnete ihm: „Herr und Vater, bei derlei Spektakel, glaube ich, ist die Furcht sogar einem Engel verzeihlich; denn der Anblick, diese heulenden und stark brüllenden fremden Gäste in einer so schauerlichen Nacht bei uns zu sehen, möchte sicher jeden noch so unerschreckbaren Geist stutzen machen!
HG|1|157|24|0|Ich aber will lieber sehen Werke Deiner Liebe denn die Deiner Macht; darum bin ich nun mit Furcht erfüllt, weil ich nun schauen muss Werke Deiner Macht! O gestalte sie um in Werke Deiner Liebe! Amen.“
HG|1|158|1|1|Gottesfurcht und Gottesliebe
HG|1|158|1|1|Am 22. November 1841
HG|1|158|1|0|Und der hohe Abedam entgegnete dem bekannten Abedam auf dessen kurze Furchtentschuldigung:
HG|1|158|2|0|„Du hast zwar wahr gesprochen, allein unter uns muss Ich dir denn doch eine kleine Einwendung machen. Siehe, wäre dieses leichte Ungewitter ein Werk Meiner Macht, wo wäre nun schon die Erde? Ja, Ich sage dir und auch euch, wie wäre die ganze Schöpfung?
HG|1|158|3|0|Willst du aber ein Werk Meiner Macht sehen, da siehe die ganze, unendliche Schöpfung, wie da alles ist gefestet und bestehend als ein Ganzes in seiner Art und als Ganzes doch nur wieder ein Teil des unendlichen Ganzen, – und wie sich nichts von der Erde, nichts von der Sonne, nichts vom Mond, ja nichts von allen den Sternen entfernen kann als allein das Allerunwägbarste, nämlich ein gerecht sparsames Licht. Siehe, das sind Werke Meiner Macht.
HG|1|158|4|0|Meinst du aber etwa, Meine Macht ist eine Macht des Verderbens oder eine Macht der Vernichtung?
HG|1|158|5|0|Wahrlich, bei solcher Meinung von Meiner Macht wäre eben durch solche Meine Macht sogar nie etwas erschaffen worden!
HG|1|158|6|0|Da aber Meine Macht nicht ist eine Macht der Vernichtung und des Verderbens, sondern eine Macht des beständigen Hervorbringens und Erhaltens des Hervorgebrachten, so ist sie ja darum auch eine Macht der Liebe, und also auch eine Macht der ewigen Ordnung.
HG|1|158|7|0|Sage Mir nun aber, da es sich mit Meiner Macht also nur und unmöglich anders verhält, wo dann das von dir so Gefürchtete in ihr steckt?
HG|1|158|8|0|Oder meinst du etwa, dieses Ungewitter sei weniger ein Werk Meiner Liebe denn ein ruhiger, heiterer Tag?
HG|1|158|9|0|Ich sage euch aber: Ein ruhiger, heiterer Tag gleicht einem Liebhaber, der mit seinem Weib ruhig in der Hütte sitzt. Er liebt zwar sein Weib in einer gewissen geraden Linie fort, ja er liebt sie getreu; aber welch ein Unterschied ist zwischen seiner Liebe und der Liebe eines jungen Werbers!
HG|1|158|10|0|So das Weib zu seinem Mann sagt: ‚Möchtest du nicht hinausgehen und mir vom nächsten Baum holen einige Birnen, oder irgendein sonstiges reifes Obst? Denn siehe, es hungert mich ein wenig und gelüstet mich auch recht danach!‘
HG|1|158|11|0|Der Mann wird sich hinter dem Ohr kratzen und endlich etwas unwillig sagen: ‚Aber mein liebes Weib, siehe, es sind nur drei Schritte hinaus; lass mich doch ein wenig ruhen! Wenn es dich also gelüstet, magst du dir ja doch selbst hohlen, danach dich gelüstet!‘ – Siehe, und sage Mir, ist es nicht also?
HG|1|158|12|0|Wenn aber eine zarte Jungfrau zu ihrem glühenden Werber sagen möchte: ‚Dir soll meine Hand und mein Herz werden; aber zum wahren Zeichen deiner Liebe sollst du von hier hundert Tage weit reisen und mir bringen von dorther ein teures, hochschätzbares, seltenes Angebinde!‘
HG|1|158|13|0|wird der Werber nach solchem Verlangen seiner glühend heiß geliebten Jungfrau tun, was der Ehemann in der Hütte tat seinem Weib?!
HG|1|158|14|0|O nein, sage Ich euch, – sondern er wird ihr entgegnen: ‚O Jungfrau, nicht nur hundert Tage weit, sondern so du es willst, möchte ich dir zu Gefallen wohl bis ans Ende der Welt ziehen und da sammeln alle Schätze der Welt und sie dann legen in deinen zarten Schoß!‘ – Sagt, ist es nicht also?
HG|1|158|15|0|Seht den ruhigen, heiteren Tag in der Hütte und dann diesem entgegen die liebestürmische Nacht in der Brust des jungen Werbers! Welch ein Unterschied zwischen diesen zwei Liebesarten!
HG|1|158|16|0|Wenn nun diese stürmische Nacht von Mir aus zu euch Kindern gliche der Liebe des jungen Werbers, – möchtest du, Abedam, hernach noch behaupten, solches sei ein furchtbares Werk Meiner dir so schrecklich vorkommenden Macht?“
HG|1|158|17|0|Und der bekannte Abedam erwiderte: „O Herr, mein hoher, überaus liebevollster Namensgefährte, siehe, nun ist wieder ein großer Teil meiner Dummheit zunichte geworden! Dir ewig Dank dafür!
HG|1|158|18|0|Ich glaube aber, es muss dessen ungeachtet doch noch bei mir etwas Bedeutendes von der Narrheit im Hinterhalt verborgen sein, da ich mich noch immer der Furcht nicht ganz erwehren kann.
HG|1|158|19|0|Da Du, hoher Namensgefährte, schon so vieles eingesteckt hast, was Du mir gnädigst abgenommen, so nehme auch noch diese meine Dummheit von mir, und stecke sie irgendwohin, wohin es Dir nur immer wohlgefällig ist!“
HG|1|158|20|0|Und der Abedam, der hohe, entgegnete ihm: „Siehe, jetzt hast du den rechten Ausdruck getroffen! Ja wahrlich, einstecken muss Ich von euch gar vieles, und der Sack, wohin eure zahllosen Torheiten eingesteckt werden, heißt Meine Langmut und große Geduld!
HG|1|158|21|0|Doch sage Ich euch, es soll diesem Sack niemand zu viel trauen, denn es könnte sonst doch geschehen, dass er einmal reißen möchte! Und so solches geschähe, dann wehe der Erde und ihren Bewohnern!
HG|1|158|22|0|Fürchtet auch ihr beiden euch noch, du, Henoch, und du, Lamech?“ Und der Henoch entgegnete: „O Abba, leider muss ich Deine Frage für mich bejahen; aber ich denke: Wie alle Kinder voll Furcht und Angst sind, also bin es auch ich! Doch ich finde es gerecht; denn hätte Deine Vatergüte der Schwäche des Kindes nicht den liebweisegerechten Anteil von Furcht und Angst hinzugesellt, was möchte da wohl werden aus dem schwachen, aber doch fälschlich stark sich wähnenden Kind?! Wer könnte es leiten und wer erziehen?!
HG|1|158|23|0|So aber ist die Furcht schon des Kindes größte Lehrerin! Sie war anfänglich bei mir und soll auch bleiben fürder; denn ich weiß es nur zu gut, dass eben in der Furcht der Schwachen Deine höchste Liebe waltet.
HG|1|158|24|0|Sie ist der getreueste Wächter der Kleinen, daher soll sie auch der meinige verbleiben also, wie sie war als die große Liebesgabe von Dir, dem guten, heiligen Vater, gleich anfangs bei mir, fürder ewig!
HG|1|158|25|0|Ich weiß und fühle es durch Deine Erbarmung gar lebendig in mir, dass mir durch Deine hilfreiche Fürsorge und Liebegnade nichts zuleide geschehen kann und geschehen darf; aber doch fürchte ich derlei außerordentliche Begebnisse, und zwar darum, weil ich Dich über alles liebe.
HG|1|158|26|0|Siehe, da Liebe ist, da ist auch Furcht; wo aber keine Furcht, da auch keine Liebe.“
HG|1|158|27|0|Und der Abedam entgegnete ihm: „Henoch, du hast wahr gesprochen! Wer aber lehrte dich also sprechen?
HG|1|158|28|0|Ja, wahr ist es, in der Furcht der Schwachen bin Ich zugegen! Wer den Vater liebt, der fürchtet Gott; es kann aber ohne die Gottesfurcht niemand den Vater lieben.
HG|1|158|29|0|Daher ist auch Gottesfurcht und Liebe gleich, und es kann nicht eine sein ohne die andere; aber doch ist solches zu merken, dass die Liebe höher stehe denn die Furcht. Und also ist nur in der Liebe Leben, aber nicht in der Furcht. In der Furcht liegt der Tod, aber kein Leben. Daher soll da jeder endlich seine Furcht von der Liebe gefangen nehmen lassen, so wird er leben im Vater, der allein ist ein Herr alles Leben. Verstehe es wohl!“
HG|1|158|30|1|Am 23. November 1841
HG|1|158|30|0|Der Lamech aber fragte den Abedam: „Möchtest Du mir denn in der Geschwindigkeit nicht sagen, ob ich mich denn wohl im Ernst fürchte?
HG|1|158|31|0|Siehe, es sieht sonst wohl alles ganz entsetzlich fürchterlich aus, und all das beständig zunehmende Heulen und Krachen und Donnern, das unheimliche Sausen, Brausen und Toben erfüllt einem das Herz so ganz unwillkürlich mit großer, ja mit steigender Angst, – und obschon solches alles in mir vorgeht, so weiß ich aber doch nicht bestimmt, ob das wohl die läppische Furcht oder vielleicht einen anderen mir bis jetzt noch ganz fremden Gemütszustand bezeichnet! O Abba, erkläre mir solches, so Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|1|158|32|0|Und der Abedam, ihn höchst freundlich ansehend, erwiderte ihm: „Lamech, Ich meine, du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht! Wie aber kann man jemanden fragen, ob Furcht sich des eigenen Herzens bemächtigt hat, wenn man vor lauter Angst bebt am ganzen Leib?!
HG|1|158|33|0|Siehe, welche furchtlosen Worte sind erst vor kurzem deinem Munde entfallen! Wo ist nun dein großer Mut und dein unerschütterliches Vertrauen? Und doch ist noch keines von allen deinen ausgesprochenen Schrecknissen eingetroffen! Wir stehen noch alle auf der noch hinreichend festen Erde. Sie ist noch nicht zerstört; das Meer noch nicht verdampft; es ist noch kein weltengroßer Hagel auf die Erde gefallen; auch keinen einzigen Berg noch haben flammende Orkane davongetragen, und über unseren Häuptern sind noch keine Flammen zusammengeschlagen. Und doch zitterst du neben mir, als hätten dich alle Fieber auf einmal ergriffen!
HG|1|158|34|0|Was möchte dann erst aus dir werden, so Ich solches, dich zu prüfen, geschehen ließe, was du Mir vorher so unerschrocken mutig bezeigtest?
HG|1|158|35|0|Also merke dir auch das: Es ist, dem Henoch gleich, besser, in der Furcht zu verbleiben, als zu viel im Brand der Liebe zu versprechen. Es ist einerlei, was jemand da verheißt entweder im alleinigen Brand der Liebe oder in der von Taub- und Blindheit erfüllten alleinigen Furcht; denn all solches Versprechen wird nicht gehalten, da ein solcher überspannter Zustand eben auch nie ein bleibender sein kann.
HG|1|158|36|0|Wie der Liebe Brand sich ändert für sich, kannst du ja sehen an der Gattenliebe, die da ist ein abgekühltes Feuer, das nimmerdar kochen macht das Blut im Herzen, sondern nur sanft und leise erwärmt und eben also belebt!
HG|1|158|37|0|Und wie lange die Furcht anhält und das Versprechen in ihr, kannst du ja auch sehen an den schwachen Kindern schon, welche in der Furcht auch ihre versprochene Besserung so lange halten, solange der Vater mit finsterer Miene um sie herumdonnert; hat sich aber seine Miene wieder aufgeheitert, dann ist auch die Furcht hinweg, aber mit der Furcht all die Versprechungen aus ihr!
HG|1|158|38|0|Willst du nun vollkommen sein, so müssen in dir stets drei Teile Furcht und sieben Teile Liebe sein; und dann wirst du zu all deinen Bitten auch endlich diese hinzufügen: ‚Vater, lasse nicht Versuchungen über meine Schwäche kommen, sondern befreie mich von allem Übel sowohl geistig, als auch leiblich!‘ Und also wirst du rechtlich bitten; denn die Versuchung ist dem freien Menschen nicht gut, da sie fürs Erste den Leib tötet und den Geist erlahmt.
HG|1|158|39|0|Glücklich zwar bist du, da du die Furcht mit der Liebe besiegtest, wenn auch nur bis zur Zeit der Versuchung, und ließest dann aber die Liebe nicht fahren, als die Versuchung kam, sondern ließest durch deine Furcht treiben deine mächtigere Liebe zu Mir, – aber in der Zukunft werden nur diejenigen glücklich sein, welche mit stets gerechter Furcht vor Gott in der Liebe zum Vater erwachen werden! Und so wird sein der Menschen erste Pflicht gegen Gott ein freiwilliger Gehorsam, welcher aber ist eine Frucht der gerechten Gottesfurcht. Erst in diesem Gehorsam werden dann die Menschen von neuem ausgeboren werden zu Kindern Gottes und werden in Ihm erkennen und dann erschauen den liebevollsten, heiligen Vater.
HG|1|158|40|0|Die Furcht ist der Same der Liebe; wie aber ohne Samen keine Frucht zum Vorschein kommen wird, so wenig wird auch ohne die gerechte Gottesfurcht je eine wahre Liebe zum Vorschein kommen.
HG|1|158|41|0|Wie aber der Same in der Erde verfault und der lebendige Keim der Liebe hervorbricht und dann großwächst und lebendige Früchte bringt, also wird auch die Liebe, dieser heilige Keim des ewigen Lebens, aus der Frucht hervorbrechen. Die Frucht, die alte, wird verwesen; aber eben aus dieser Verwesung in der guten Erde Meiner Liebe zu euch wird sich eine erstaunliche Frucht erheben, ein Baum des Lebens, unter dessen Ästen dann selbst des Himmels Bewohner ihre Wohnungen errichten werden. Das merkt euch wohl!
HG|1|158|42|0|Doch jetzt nichts mehr weiter! Denn seht, der Adam hat sich erhoben und fängt an, seine Schritte furchtsam genug zu uns zu richten; denn auch er fängt an, Hilfe bei Mir zu wittern. Darum schweigt nun vor ihm! Amen.“
HG|1|159|1|1|Adam und Seth inmitten von Prüfungen und Gefahren
HG|1|159|1|0|Und der Adam, vom Seth geleitet, während die anderen fünf die Eva umgaben und sie schützten vor der Annäherung der wildfremden Gäste – und ganz besonders vor den Schlangen, vor welchen die Eva sich gewöhnlich am meisten entsetzte –, kam endlich, ziemlich mühsam sich durch die schon zahlreich gewordenen allerlei fremden Gäste windend, auf den alleinig noch freien Platz, allwo sich die vier befanden.
HG|1|159|2|0|Als er nun beim Abedam anlangte, wollte er reden, brachte aber fast kein Wort vor lauter Angst über seine Lippen. Der hohe Abedam aber kam ihm zuvor, sah ihn überaus freundlich an und sagte: „Adam, du suchst unsichere Hilfe! Siehe in dein Herz, und du wirst statt der unsicheren wohl gar bald die sichere finden!
HG|1|159|3|0|Hat denn Emanuel euch nicht alle gesegnet und hat euch allen den sicheren Ort angezeigt, wo Er allzeit zu finden sein wird?
HG|1|159|4|0|Siehe, hättest du Ihn da gesucht, so hättest du Ihn auch schon lange gefunden, und Er hätte dir schon lange Seine hilfreiche, mächtige Hand gereicht und hätte also durch dich auch schon allen geholfen; allein du hast Ihn als Erstling aller Menschheit noch nicht gesucht am bestimmten Ort. Daher tue jetzt, was du versäumt hast, in aller Liebe und vollstem Vertrauen, und auch du wirst dich dann gar bald überzeugen, wie euch allen Emanuel und mit Ihm alle Hilfe überaus nahe ist!“
HG|1|159|5|0|Und der Adam tat, wie ihm der hohe Abedam geraten hatte, und fand aber auch alsbald, was er schon lange hätte finden können.
HG|1|159|6|0|Er blickte voll Reue- und Freudentränen empor zum Abedam und wollte zu reden und zu bitten anfangen. Allein der Abedam sagte zu ihm: „Schweige bis morgen! Sei heiter und habe keine Furcht; denn es wird niemandem auch nur ein Haar gekrümmt werden, – denn Ich bin ja darum mitten unter euch! Verstehe es! Amen.“
HG|1|159|7|1|Am 24. November 1841
HG|1|159|7|0|Nach solchen Worten Abedams, des hohen, wurde der Adam vollends ruhig in seinem Herzen, dankte inbrünstig in sich dem Neuerkannten und kehrte dann wieder, vom Seth geleitet, alsbald auf seinen vorigen Platz zurück.
HG|1|159|8|0|Dieser Rücktritt auf seinen vorigen Platz war aber jedoch nicht also unbeschwerlich, als sich’s etwa jemand vorstellen möchte, sondern da wurde Adams Beharrlichkeit, dessen Mut und Vertrauen, wie man zu sagen pflegt, auf eine wahrhafte Feuerprobe gestellt, und seine Liebe und sein Glaube mussten hier eine ganz sonderbare Versuchung bestehen, welches alles in folgendem bestand:
HG|1|159|9|0|Als er kaum drei Schritte auf dem Rückweg vom Abedam sich befand, siehe, da brachen auf einmal lichterlohe Flammen aus der Erde hervor, also zwar, dass sie ihm den Rückweg gänzlich absperrten. Er erschrak darob zwar heftig, dachte aber auch sogleich an die letzten Worte Abedams, der da sprach: ‚Ich bin darum unter euch!‘
HG|1|159|10|0|Und so sprach er zu der Flamme: „Im Namen Dessen, der unter uns ist, sage ich dir, dass du erlöschst und mir nicht den Weg versperren sollst dahin, wohin ich zu gehen habe!“
HG|1|159|11|0|Und die Flamme war ungehorsam und schlug nur noch desto heftiger empor. Da entsetzte sich Adam und ergrimmte über den Ungehorsam der Flamme vor dem Namen des Herrn und sprach alsbald in einem sehr heftigen Ton zur Flamme:
HG|1|159|12|0|„Hört, Wässer der ganzen Erde und ihr auch aller Himmel! Stürzt jählings über dieses Scheusal, das da ist stumm und voll Ungehorsam gegen des Herrn Namen, und vernichtet es wohl erstickend auf ewig!“
HG|1|159|13|0|Aber es wollten auch keine Wässer kommen, auf dass sie erfüllten den Willen Adams.
HG|1|159|14|0|Da nun der Adam sah, dass da mit der ungehorsamen Flamme nichts zu machen war, so sagte er zum Seth: „Versuchen wir einen anderen Weg, und die Flamme soll brennen, solange es dem Herrn gefällt.“
HG|1|159|15|0|Und sie wendeten sich rechts, da keine Flamme noch aus dem Boden loderte und auch keine zu lodern begann. Dafür aber züngelten dem wandernden Adam wenigstens dreißig vollkommen ausgewachsene, riesige Schlangen entgegen, und er musste nun schon wieder Halt machen und konnte unter gar keiner Bedingung weiterschreiten. Er wendete zwar auch hier die Kraftworte an; allein sie blieben, wie beim Feuer, also auch hier ohne Erfolg. Und als er heftig ergrimmte über dieses Geschmeiß, siehe, da fing eine Schlange ihren Rachen weit aufzusperren an und tat eine Bewegung gegen ihn, aus der der Adam alsobald die schlimme Absicht des Ungeheuers merkte, sich darob abermals entsetzte und eilends zurückwich.
HG|1|159|16|0|Darauf aber sagte er zum Seth: „Siehe, auch hier ist uns der Weg auf das Scheußlichste versperrt; aber den Mut, das Vertrauen und den Glauben nur nicht aufgeben, und in der Liebe zu dem Herrn recht festhalten Sein heiliges Wort!
HG|1|159|17|0|Und also muss es doch wenigstens auf der linken Seite gehen, denn dort bemerke ich noch kein Hindernis. Und darum in des Herrn Namen nur frisch darauf los, ehe noch ein Hindernis uns auch dieses Pförtchen stopfen möchte!“
HG|1|159|18|0|Als sie nach wenigen Schritten auch da angelangt waren, siehe, da fanden sie den Weg von allerlei Ungeheuern verrammelt, und also zwar, dass da an die Möglichkeit eines Durchganges ganz und gar nicht mehr zu denken war!
HG|1|159|19|0|Da blieb der Adam stehen und fragte den Seth: „Was tun wir jetzt? Aufs Wort gehorcht uns kein Ding mehr, und also mit Gewalt durchzubrechen, ist eine reinste Unmöglichkeit; und doch hat der Abedam mir befohlen, mich wieder zurückzubegeben auf meinen Platz!
HG|1|159|20|0|O du meine alte Hütte du, zu was für einem Wohnplatz für das verschiedenartigste Allerlei bist du in einer so kurzen Zeit geworden!
HG|1|159|21|0|Seth, was meinst denn du, da wir unmöglich irgend durchbrechen können, wie wär’s denn, so wir uns wieder zurückmachten zum großen und heilig-mächtigen Abedam, dessen wunderliches Licht noch immer diese Hütte erleuchtet? Ich glaube, Er wird uns nicht von Sich weisen.“
HG|1|159|22|0|Der Seth aber entgegnete dem Adam, sagend: „Ich glaube, da wir schon einmal bei Ihm waren, so hätten wir uns nicht alsogleich abspeisen lassen sollen, sondern bleiben bei Ihm oder Ihn doch wenigstens bitten, dass Er mit uns gegangen wäre, so hätten wir uns alle diese Mühe erspart! Darum ist’s jetzt auch freilich wohl die höchste Zeit, zu Ihm zurückzukehren; denn sonst könnte etwa gar leicht uns der Weg zu Ihm zurück auch abgeschnitten werden, – und dann wäre das zweite Übel größer denn das erste!“
HG|1|159|23|0|Und der Adam sagte wieder dem Seth entgegen: „Ja, ja, lieber Ahbel-Seth, du hast schon ganz vollkommen recht, solches könnte wohl sehr leicht geschehen! Daher ist eine schnelle Umkehr das Beste!“
HG|1|159|24|0|Und also gesagt und getan; sie kehrten um. Aber was dem Seth ahnte, das war auch schon vorhanden, und sie konnten nun weder einen Schritt vorwärts noch rückwärts machen. Zu rufen war nun auch unmöglich mehr; denn das Getöse der Flammen, das beständige Geheul der Tiere, das Toben, Sausen und Brausen der Orkane, die mächtigen Donner und dergleichen tausenderlei mehr machten endlich, dass da niemand mehr sein eigenes Wort verstand.
HG|1|159|25|0|Und so waren Adam und Seth nun ganz umringt vom doppelten Feuer und links und rechts von Bestien aller Art. Sie sahen sich für einige Augenblicke für verloren an; jedoch ermannte sich Adam und sprach im Herzen:
HG|1|159|26|0|„O Emanuel, o Abba, o Abedam, sehe gnädigst an unsere große Not! Führe uns nicht in größere Versuchungen mehr, sondern erlöse und befreie uns von diesen und allen anderen Übeln, welche uns auf was immer für eine Art durch Deine gnädigste Zulassung jetzt schon heimgesucht haben und jetzt über unseren Häuptern stehen und uns auch noch fürder heimsuchen möchten und verwirren unsere Herzen!
HG|1|159|27|0|O Jehova, Du heiliger, liebevollster Vater, erhöre mich und lasse mich dann in Frieden ziehen, leben und sterben, wie es immer Dir wohlgefällig ist! Amen.“
HG|1|160|1|1|Der Schutz Gottes und die Hingabe des Herzens
HG|1|160|1|0|Und siehe, alsbald erloschen all die Flammen, und all die Tiere wichen zurück. Und der Adam mit dem Seth ward befreit von der starken Versuchung und hatte einen freien Weg nunmehr schon durch die ganze Hütte, dass er hinwandeln konnte, wohin er wollte.
HG|1|160|2|0|Er sprach aber bei sich selbst: „Die Eva bedarf nun meines ohnehin ohnmächtigen Schutzes nicht mehr; denn wie sollte ich jemand anderem helfen können, der ich mir doch selbst zu helfen so ganz unvermögend war?! Da nun also jetzt dieser meiner alten Hütte Raum von allen Schrecknissen frei geworden ist durch die große Erbarmung des Herrn, so will ich auch frei mich dahin wenden und nun meine freien Füße gehen lassen, woher uns diese heilige Rettung kam!“
HG|1|160|3|0|Und sogleich setzten beide, sowohl der Adam wie mit ihm auch der Seth, ihre nun frei gewordenen Füße gegen den Abedam in Bewegung.
HG|1|160|4|0|Dieser aber kam ihnen entgegen. Und da beider Herzen vor großer Dankbarkeit übergingen und darum auch keiner vermochte, nur ein Wort über seine Lippen zu bringen, so kam ihnen auch hier der Abedam zuvor und sagte zu ihnen:
HG|1|160|5|0|„So du dich aber dem Herrn in deiner Not genähert hast und der Herr hat erhört dein Flehen, so sollst du Ihm dann nicht mehr deinen Rücken zuwenden, sondern bleiben mit dem Angesicht und dem ganzen Herzen bei Ihm; denn so Er dich beschützen kann, wird Er nicht auch die beschützen können, welche deine Sorge töricht erfasst hat?
HG|1|160|6|0|Siehe, die Eva und alle leben noch ganz unversehrt! Was hat ihnen deine albern-törichte Sorge genützt? Hätte Ich sie nicht beschützt und vollkommen sicher erhalten, was wäre nun aus ihnen geworden? Oder hättest du ihnen helfen können, so sie entweder von der Wut der starken, blutdurstigen Tiere zerrissen oder von des Feuers vernichtender Macht ergriffen wären worden?
HG|1|160|7|0|Siehe, darum tut dem Menschen nur eine Sorge not, und diese besteht darinnen, Gott, den heiligen Vater, zu suchen allzeit, nicht nur in der Not, auf den liebegerechten Wegen! Und wer da Ihn als das allerhöchste Gut gefunden hat, der soll Ihm nicht sobald wieder den Rücken zukehren, sondern bei Ihm verbleiben, – sonst wird er allzeit seiner Ohnmacht gewahr werden schon auf dem halben Rückweg und erst durch bittere Erfahrungen erkennen müssen, wie gar nichts er ohne Mich vermag.
HG|1|160|8|0|Denn so da jemand ruft Meinen Namen, hat aber seinen Rücken zu Mir gewendet, wahrlich, der wird nicht erhört so lange, bis er nicht gewendet hat Herz und Angesicht zu Mir!
HG|1|160|9|0|Doch merkt euch, es wird aber eine solche zweite Umkehr allzeit auf eine heiße Probe gestellt werden, und es wird sich dann erst zeigen, wie viel des Ernstes im Herzen waltet; denn da wird die Welt gewaltig toben um ihn, und es wird kein anderes Wort erhört denn allein das des Herzens!
HG|1|160|10|0|Verstehe es wohl, und kehre Mir nimmer den Rücken, sondern lasse dich überallhin von Mir geleiten und führen! Amen.“
HG|1|161|1|1|Sets Dankrede
HG|1|161|1|1|Am 25. November 1841
HG|1|161|1|0|Als nun beide solche Rede vom Abedam vernommen hatten, so dankten sie Ihm von Herzen, und der Boden ihres Herzens sprang und fing an, helle Flammen der wahren Liebe auflodern zu lassen. Und also erkannte auch der Seth den Abedam und sagte darauf voll der innigsten Rührung:
HG|1|161|2|0|„O heiliger Vater! Jetzt erst bin ich von einem nahe über achthundert Jahre langen Schlaf erwacht und sehe nun in den allerklarsten Abrissen, was alles Deine unendliche Vaterliebe tut, um wahrhaft zu beleben und als selbständig frei zu machen Deine Geschöpfe und sie dann zu erziehen und zu erheben zu Deinen wahren Kindern, damit sie dann als solche auch neben Dir, Du guter Vater, etwas sein möchten und sollen!
HG|1|161|3|0|Aus Liebe zerstörtest Du Welten vor ihren Augen, damit sie ihre Nichtigkeit und Deiner heiligen Liebe Alles erkennen sollen!
HG|1|161|4|0|Du verbargst Dich wieder vor ihnen, damit sie Dich suchen und über diesem heiligen Suchen der Welt und ihrer vergänglichen Reize vergessen möchten!
HG|1|161|5|0|Wer je unreif sich Dir näherte, den wiesest Du sanft zurück und setztest ihn auf ein gutes Erdreich, damit er desto schneller reif würde und dann mit vielfacher Frucht beladen zu Dir heimkehren könnte und Du ihn dazu noch belohntest darum, dass er sich von Dir unendlich lieben und mit des Lebens zahllosen Liebetaten nur geduldig überhäufen ließ!
HG|1|161|6|0|Du gewahrtest und sahst schon lange die große Lauigkeit unseres Herzens. Statt uns alle wohlverdientermaßen aber zu strafen, suchtest Du uns Selbst sichtbar heim und lehrtest uns und lehrst uns noch durch heilige Worte und heilige Taten Dich Selbst und also auch das ewige Leben in uns erkennen!
HG|1|161|7|0|Himmel und Erde und also auch alle Elemente setzt Du unsertwegen sichtbar in die erstaunlichste Bewegung und lässt selbst durch den erschütternden Donner unseren tauben Ohren predigen Deine große Liebe und Erbarmung; und durch die hellsten, krachenden Blitze weckst Du unsere in des Todes tiefsten Schlaf versunkenen Augen, damit sie schauen sollen die Werke Deiner unendlichen Vaterliebe, ja damit sie erschauen sollen Dich, Dich Selbst, Du heiliger Vater!
HG|1|161|8|0|O Vater! Wer kann Dich je genug lieben, wer Dir auch im tausendsten Teil kaum halbwegs danken nach einem unendlich kleinsten Teil der kindlichen Gebühr, der kindlichen Pflicht?!
HG|1|161|9|0|O Du guter Vater Du! Mein Herz, nun dehne dich weit aus, ja über alle sichtbaren Himmel hinaus dehne dich aus! Und du, der wahren Liebe neuerwachte, heilige Flamme, fülle mein weitgedehntes Herz von unterst bis oberst aus, damit ich doch einmal Dich, o heiliger Vater, aus allen meinen Kräften, ja über alle meine Kräfte zu lieben vermöchte!
HG|1|161|10|0|Jetzt erst tauchen alle die Worte, die du, Henoch, im Namen des Vaters oft zu mir geredet hast, wie hellst glänzende Sterne auf; ja, jetzt erst wird mir alles klar! Vom ersten Kindermorgen her fühle ich jetzt, dass in jedem Lüftchen, das mit meinen Haaren spielte, in jedem Tautröpfchen, das je meine Füße benetzte, ja in allem, was immer mich je berührte, ja sogar jeder Traum ein Werk Deiner unendlichen Liebe, o Du heiliger Vater, war!
HG|1|161|11|0|Nehme nun für alles den Dank, den aufrichtigen Dank, den ich Dir nur immer und von jetzt an ewig beständig in aller Liebe meines Herzens darzubringen vermag und mit Deiner Gnade wohl auch sicher stets mehr und mehr vermögen werde!
HG|1|161|12|0|Oh, wenn ich jetzt schreien dürfte, wenn ich Dich nun offenbaren dürfte! Wahrlich, wie erst vor kurzer Zeit die lärmenden Elemente meine Stimme übertäubten, so möchte, o Vater, ich sie jetzt mit Deinem Lob übertäuben!
HG|1|161|13|0|Doch, o Vater, vergebe mir, wenn ich vielleicht schon zu viel rede! Aber wer kann sich mäßigen in der Liebe, der Dich, o Vater, erkannt hat, und wer kann hier zu viel tun? Wer Dir zu viel Lobes geben, wer zu viel des Dankes?
HG|1|161|14|0|Wessen Herz kann sich zu viel erweitern, um aufzunehmen die unaussprechliche Größe Deiner Erbarmung, Deiner Geduld, Deiner Langmut, ja die unendliche Größe Deiner Vaterliebe?!
HG|1|161|15|0|O Vater, heiliger, guter, bester Vater! Ganz, ganz sei Dir ewig mein Herz zum Dank aufgeopfert; nehme es gnädigst auf, Du unser aller lieber, heiliger Vater Du! O nehme es auf von uns allen! Dein Wille, amen!“
HG|1|162|1|1|Der hohe Abedam bei Seinen seligen Kindern. Ende des Unwetters
HG|1|162|1|0|Nach dieser warmen Dankrede aber wendete sich gar liebefreundlichen Angesichts der hohe Abedam zum Seth und sprach zu ihm: „Seth, Mein Sohn, hierher komme, da her, an diese Brust, die dich schon eher geliebt hat, als noch irgendeine Sonne einer Erde ihre Bahn erleuchtete!
HG|1|162|2|0|Liebe Mich, liebe aus vollem Herzen den Vater, der aus ewiger Liebe zu dir den weiten Himmel über die Erde, Sonne, Mond und alle Sterne ausspannte, um dir zeigen zu können, ein wie überaus guter, heiliger Vater Er dir ist, ewig war und ewig bleiben will und wird!
HG|1|162|3|0|Nicht wahr, Mein geliebter Seth, an des ewigen, heiligen Vaters Herzen ruht sich’s sanft und wohl?!
HG|1|162|4|0|Auch du, Adam, komme her, und ihr alle drei, und empfindet es und verkostet es, wie süß die Liebe des heiligen Vaters schmeckt, und wie wohl sie tut dem müden Herzen der Kinder!“
HG|1|162|5|0|Sie fielen aber alle vor Ihm nieder und riefen in der höchsten Entzückung: „O Du überguter, heiliger Vater!!!“ – und mehr vermochte keiner zu sprechen.
HG|1|162|6|0|Der Abedam aber richtete sie auf und sagte ferner zu ihnen: „Meine geliebten Kinder! Ihr habt Mich oft gesucht, habt Mich lange mühsam gesucht, ja über allen Sternen habt ihr Mich gesucht, während Ich doch beständig unter euch wandelte; allein ihr habt Mich nicht finden und nicht erkennen können, weil eure Augen und so auch eure Herzen stets weithin gerichtet waren, um Den zu suchen und zu lieben, der euch allen doch stets so nahe war, ja näher als jeder sich selbst!
HG|1|162|7|0|Doch ihr habt Mich jetzt gefunden und seid überglücklich, dass ihr Mich gefunden habt; so lasst uns denn nun auch aus der Hütte treten und sehen, wer alles unserer Hilfe harrt!
HG|1|162|8|0|Dir, Seth, aber gebe Ich nun die Macht, zu stillen den noch stark tobenden Sturm, – und es wird sich dann bald zeigen, wer alles noch den nahen Vater erkennen wird! Amen.“
HG|1|162|9|1|Am 26. November 1841
HG|1|162|9|0|Und also gingen sie nun aus der Hütte ins Freie, allwo das Wetter, obschon scheinbar ein wenig nachlassend, mit noch großer Kraft wütete. Im Vorübergehen aber bei der Eva sagte Abedam, der hohe, den fünfen, welche die Eva umgaben und sie trösteten:
HG|1|162|10|0|„Da ihr seid, da bleibt auch derzeit solange, bis wir wiederkommen! Wer da übt Nächstenliebe, der wird wieder Nächstenliebe finden; wer aber wartet der schwachen Mutter, der wird auf der Erde mit Liebe belohnt sein; wer aber Liebe hat zum Lohn, der hat ein teures Pfand in seiner Hand, mit welchem er sich leicht das Allerkostbarste wird verschaffen können.
HG|1|162|11|0|Ich sage euch aber, wenn der Mensch wüsste, wie nahe er oft dem höchsten Glück ist, so würde er alles verlassen und diesem nachgehen! Allein auch solches ist gut, dass er es nicht weiß; denn wüsste er es, so würde er dann träge und ließe unbearbeitet den eigenen Grund und Boden.
HG|1|162|12|0|Darum bleibt auch ihr dahier und bearbeitet euer Erdreich; denn es hängt da nicht ab von einer langen Zeit, sondern manchmal kommt es auch auf eine Minute an. Wenn in derselben der Same fällt ins Erdreich, so geht er alsbald auf, und der schnell getriebene Keim wird dann bald seine neuen Zweiglein im Licht des Tages ausbreiten!
HG|1|162|13|0|Ich aber bin ein wohlerfahrener Sämann und kenne die rechte Zeit des Samenstreuens in das Erdreich. Lasst daher diesen Samen frühzeitig aufgehen, und treibt ihn mit der Wärme eures Herzens! Wahrlich, es soll auf seinen schnell wachsenden Ästen keine gewöhnliche Alltagsfrucht zum Vorschein kommen!
HG|1|162|14|0|Daher bleibt, und beachtet wohl diese Worte!“
HG|1|162|15|0|Nach diesen Worten aber traten sie alsbald aus der Hütte. Die fünf aber, nachdem die sechs aus der Hütte getreten waren, fingen an, sich untereinander zu befragen: „Wer ist denn dieser Fremdling? Woher ist er?
HG|1|162|16|0|Ist das nicht derjenige, der am Abend mit dem Abedam, der da zurückkam, sich uns anschloss?
HG|1|162|17|0|Er sieht doch sonst einem ganz gewöhnlichen Menschen gleich! Woher ist ihm denn solche Weisheit gekommen, da wir ihn doch früher nie unter uns gesehen haben?
HG|1|162|18|0|Seine Rede war ja eine der merkwürdigsten, die wir je vernommen haben! Er sagte von sich aus, dass er ein wohlerfahrener Sämann sei. Er habe jetzt einen Samen in uns gestreut; der solle alsbald aufgehen und, wie wir es verstehen, schon am nächsten, das ist somit am morgigen Sabbat Zweige, Blätter und gar ungewöhnliche vollreife Früchte tragen!? Was sollen denn das für Früchte sein?
HG|1|162|19|0|Das verstehe, wer es kann und mag; allein wir, die wir doch alle den Emanuel Abba gesehen und gehört haben und waren Zeugen von all Seinen Wundertaten und sind von ihm geweckt und gesegnet worden, können dieser Worte Sinn nicht fassen!
HG|1|162|20|0|Es ist zwar sonderbar, dass wir als Gesegnete solches nicht vermögen, – aber es ist denn schon einmal so!“
HG|1|162|21|0|Dem Enos aber fiel endlich das Licht in der Hütte auf, dass er alsbald solches auch den übrigen zu erkennen gab.
HG|1|162|22|0|Und der Kenan sagte dann zu dem Enos und auch zu den anderen: „Hört, das ist wahrhaft sonderbar, – erst jetzt fällt es auch mir auf! Es ist nirgends etwas Leuchtendes zu ersehen, und doch herrscht volle Tageshelle hierinnen?!
HG|1|162|23|0|Wie ist das möglich? Wer von uns allen begreift dieses?“
HG|1|162|24|0|Die Eva aber richtete sich auf und bemerkte den fünfen, sagend: „Kinder, wie fragt ihr euch untereinander um Dinge, die keiner von euch versteht!
HG|1|162|25|0|Hört, aller Sturm ist verstummt. Ruhe haucht nun wieder sanft über die hart geprüften Fluren der Erde, den Blättern der Bäume entfallen die letzten Tropfen großer ausgestandener Angst, und ein kühlender Tau heilt schon so manche Wunde, welche die Blitze den gesunden Stämmen sicher geschlagen haben; und über die Augen der kleinen, furchtsamen Kinderchen möchte sich schon vielleicht ein erquickender Schlaf ergossen haben; und alle, welche diese lange Schreckensstunde vielleicht zur Verzweiflung trieb, werden auf ihren Angesichtern, zerknirschten Herzens und in Reuetränen zerfließend, Gott für die Rettung danken.
HG|1|162|26|0|Wie könnt ihr denn euch die Köpfe zerbrechen über eine gefundene Schafwolllocke, – dabei aber unbeachtet lassen das lebendige Schaf?!
HG|1|162|27|0|Der wohlerfahrene Sämann hat einen herrlichen Samen in euch gestreut; wenn ihr ihn aber zertretet, da werden wenige Zweige das Tageslicht erblicken!
HG|1|162|28|0|Solches aber wisst ihr ja alle, dass der Same in der Erde Ruhe haben muss, so er fruchtbringend erkeimen und also gesegnet gedeihen soll! Warum wollt ihr denn eurem Samenkorn keine Ruhe gönnen und zerstampft es dafür mit eures Verstandes matter Schärfe?
HG|1|162|29|0|Nicht nur allein für diejenigen, die da draußen sind, hat der Sturm aufgehört, sondern auch für euch! Ja wir alle sind gerettet! Denkt daher statt eures Kopfzerbrechens lieber in euren Herzen, wer uns gerettet hat, und dankt Ihm für solche große Erbarmung, so wird sicher eher Licht werden in euch denn durch euer Kopfsinnen!
HG|1|162|30|0|Fragt euch nicht, wer der Fremde ist, da Ihn von euch keiner noch kennt, sondern beachtet dafür lieber dessen herrliches Wort im Herzen, damit es bald keime und aufgehe! Und so ihr dann am Tag die Frucht ersehen werdet, wird es euch sicher leichter sein, den fremden herrlichen Sämann zu erkennen aus der Frucht, als also, da ihr mit der Finsternis eurer Köpfe schon des Tages Licht schauen wollt oder vielleicht gar schon zu schauen wähnt!
HG|1|162|31|0|Wenn auch das Weib nicht lehren soll, so steht aber doch der Mutter zu, ihre törichten Kinder zurechtzuweisen, wenn sie Torheiten sieht bei ihren Kindern. Versteht solches wohl! Geht in eure Herzen, und sucht da Licht für eure Finsternis, und schweigt! Amen.“
HG|1|162|32|0|Diese Worte Evas gingen den fünfen gewaltig zu Herzen, dass sie darum auch dankbar alsogleich taten, was hochrechtens Eva von ihnen mutterliebweise verlangte.
HG|1|162|33|0|Was machten aber derzeit die sechs draußen? Wie fanden sie die Erde bei ihrem Austritt aus der Hütte und die Kinder auf der Erde?
HG|1|162|34|0|Noch zerkreuzten tausend Blitze die glühenden Wolken, hundert Berge ringsherum standen noch in vollster vulkanischer Tätigkeit, das Meer war meilen- und meilenweit zurückgewichen, hie und da brannten noch von den Blitzen entzündete Wälder, dumpf noch rollten die Donner, nicht selten schlug noch ein Blitz gewaltig krachend in die noch stark bebende Erde, und der schon fernen Waldbewohner Geheul widerhallte noch schaurig aus den Tiefen.
HG|1|162|35|0|So also war es noch draußen. Und tausend und abermals tausend Kinder lagen dabei in weiten Kreisen um die Hütte Adams und priesen Gott für die Errettung; und bebende Mütter lockten weinend ihre Kindlein, die nicht selten mitweinten, einige aber auch schon schreckensmüde auf den Schößen der schluchzenden Mütter einschliefen.
HG|1|162|36|0|Und die sechs gingen herum und besichtigten alles und trösteten die niedergedrückten Herzen der Väter und Mütter.
HG|1|163|1|1|Die Rückkehr des Friedens. Kaeams Forschen und seine Liebe zum hohen Abedam
HG|1|163|1|1|Am 29. November 1841
HG|1|163|1|0|Nachdem die sechs Wandelnden außerhalb der Hütte die Herzen vieler Betrübten aufgerichtet hatten, sprach Abedam, der hohe, zum Seth:
HG|1|163|2|0|„Lieber Seth! Die Zeit der Versuchung ist abgelaufen. Zur ordnungsmäßigen Befestung der Erde hat dieser Feuersturm ausgetobt, und so kannst du jetzt durch die dir verliehene Macht demselben gebieten, dass er sich ganz lege und schweige und sich also auch sobald aufheitere der Himmel. Nur die fernen umliegenden Berge, die da noch brennen, diese lasse in ihrer notwendigen und ganz unschädlichen Tätigkeit! Amen.“
HG|1|163|3|0|Und der Seth fiel vor Abedam nieder und pries Ihn und dankte Ihm; dann aber erhob er sich wieder und sagte mit dem gerührtesten Herzen, die Hände weit ausstreckend:
HG|1|163|4|0|„O heiliger Vater, Herr und Schöpfer aller Dinge, wie es war von Ewigkeit her und es sein wird ewig, also auch jetzt geschehe Dein heiliger Wille; und so geschehe auch hier alles in Deinem Namen jetzt, wie allzeit! Amen.“
HG|1|163|5|0|Und als der Seth noch kaum das Amen ausgesprochen hatte, so war schon am ganzen Himmel kein Wölkchen mehr zu entdecken, außer nur an des fernen Horizontes weitem Rande noch fortbrennender Berge kaum erschauliche Rauchsäulen. Der Himmel sah wie neu erschaffen und wohl geziert mit den schönsten Sterngruppen aus, und alles, was da Leben hatte und atmete, freute sich der wiederhergestellten Ruhe und Ordnung.
HG|1|163|6|0|Und als solches alles nun also bestellt ward und schon ein kühlender und jegliche Naturwunde heilender Tau dem Himmel entfiel und sanft fächelnde Winde das zerknickte Gras aufrichteten, sagte Abedam zu den Gefährten:
HG|1|163|7|0|„Die Ruhe ist hergestellt, die Erde hat wieder ihren Frieden. So lasst uns denn all das Volk bescheiden in seine Hütten, damit es dort der erforderlichen natürlichen Ruhe pflegen kann; und sodann lasst auch uns wieder zurückkehren in unsere Wohnung und erheben dieselben, die dort unserer harren.“
HG|1|163|8|0|Darauf begaben sie sich zu den verschiedenen Orts und Stelle um die Hütte Adams gelagerten Kindern und gaben ihnen kund, dass es nun an der guten Zeit sei, nach Hause zurückzukehren und sich nicht zu fürchten, da alles Ungetüm schon lange wieder seinen Waldtiefen zugeeilt sei. Und zudem werde jeder in seiner Hütte so viel Licht antreffen, durch dessen Hilfe es jedem leicht werde, zu durchsuchen jeden Winkel der Hütte und sich dadurch auch zu überzeugen, dass der mächtige, große Vater Seinen Kindern niemals so ferne ist, als sie törichterweise nicht selten der Meinung und des überaus blinden Glaubens sind.
HG|1|163|9|0|Und so sie sich von aller Ruhe und Befreiung würden überzeugt haben, mögen sie dann Gott den gebührenden Dank abstatten und sich unbekümmert zur Ruhe der Natur begeben.
HG|1|163|10|0|Als solches überall verkündet wurde, so erhob sich auch alsbald alles Volk und eilte seinen Hütten zu. Einige Älteste aber gingen hin zu den sechsen, fielen zuerst auf ihr Angesicht und dankten den Vätern und durch diese auch Gott mit zerknirschtem Herzen. Nachdem sie sich aber wieder erhoben hatten, ermutigte sich einer, der da war ein zehnter Sohn des Seth, und fragte den Seth:
HG|1|163|11|0|„O Vater, wie vermochtest du solches, darum alle die Elemente deinem Wort so schnell gehorchen mussten? Solche Macht habe ich noch nie an dir wahrgenommen!
HG|1|163|12|0|Wahrlich, da muss mehr denn du allein vorhanden sein! So sage mir, auf dass auch wir es erkennen, wie solches einem Menschen möglich ist!“
HG|1|163|13|0|Und der Seth sagte zum Fragenden: „Lieber Sohn Kaeam, solches siehst du wohl ein, was einem Menschen möglich oder unmöglich ist; aber wie alles dessen ungeachtet einem Menschen in Gott und durch Gott doch viele Dinge möglich sind, solches wirst du heute noch nicht begreifen. Aber freut euch auf den morgigen Tag, da wird sich euch allen ein großes Licht zeigen! In diesem Licht werden alle Winkel eures Herzens voll erleuchtet werden, und ihr werdet dann die Möglichkeit solcher Begebnisse überklar und deutlich erschauen.
HG|1|163|14|0|Für heute aber kehrt ruhigen und dankbaren Herzens zurück in eure gereinigten und gut erleuchteten Hütten und pflegt zur Wohlfahrt eures Naturlebens im Namen des Herrn eurer gesunden, sorglosen Ruhe! Amen.“
HG|1|163|15|0|Und der hohe Abedam, auch Amen dazu sagend, setzte aber noch folgendes hinzu: „So ihr die Schwellen eurer Hütten betreten werdet, und werdet sie, die Hütten nämlich, finden wohl erleuchtet und gereinigt von aller Ungemächlichkeit, so denkt euch den Unterschied, was Gott und was dem Menschen möglich ist!
HG|1|163|16|0|Und habt ihr solches ersehen, sodann vergleicht euer Herz mit der Hütte, wie sie noch vor kurzem war, und wie sie jetzt ist, so wird euch eine große Blende von den Augen fallen, und daraus werdet ihr bald erkennen und gewahren, wer alles heute bei diesem Ungewitterstillen mitgewirkt hat! Amen.“
HG|1|163|17|0|Der Kaeam dankte für diese hohe Lehre und sagte darauf: „O du, dessen Worte nun wie ein lebensvoller Hauch mein ganzes Wesen erfüllten, möchtest du mir denn nicht gestatten, so ich die Meinigen zur Hütte, die mir dient schon lange zu einer Ruhestätte, geleitet haben werde, wieder alsbald hierher zurückzukehren und nur in deiner mir so überaus wohltuenden Nähe, wenn auch außerhalb der Hütte Adams, die Nacht zuzubringen?“
HG|1|163|18|0|Und der hohe Abedam entgegnete ihm, sagend: „Kaeam, tue, wie es verlangt die Liebe deines Herzens! Hast du aber ein volles Vertrauen und erkennst in dir, dass hier mehr ist, als was deine Hütte fasst, so lege alle deine Sorge zur Erde und folge uns sogleich in die Hütte Adams; es ist genug des Raumes in ihr!“
HG|1|163|19|0|Und der Kaeam entgegnete hoch erfreut: „O du Herrlicher! Wie süß ist dein Wort! Wer kann ihm widerstreben, so er es vernimmt?!
HG|1|163|20|0|Siehe, alle meine Sorge ist schon unter meinen Füßen am Boden der Erde! Wahrlich, so ich hundert Hütten und tausend Kinder mit eben hundert Weibern besäße, so würde ich sie aus Liebe zu euch, und besonders zu dir, du herrlicher Lehrer, ebensoleicht und -sobald verlassen und dir folgen wie jetzt zumal die eine!
HG|1|163|21|0|Denn siehe, ich glaube, Der, dem die Elemente gehorchen, und der da sorgt für die ganze Erde, dessen heilige Sorge wird wohl meiner armen Hütte nicht vergessen! Und so folge ich, so du’s willst, dir unbesorgt bis ans Ende der Welt. Amen.“
HG|1|164|1|1|Kaeams Lied. Kuramechs humorvolle Rede
HG|1|164|1|1|Am 1. Dezember 1841
HG|1|164|1|0|Als aber die noch übrigen vier es nicht recht erfassen konnten – dieweil sie in einiger Entfernung zufolge des Geräusches des nach Hause ziehenden Volkes von der gegenseitigen Unterredung nicht viel verstanden hatten –, was da der Kaeam zu tun im Sinne haben möchte, so traten sie näher und fragten ihn darum.
HG|1|164|2|0|Kaeam aber entgegnete ihnen, sagend: „Darum ihr mich fragt, da antworte ich euch, dass ich bleibe bei dem, der uns errettet hat; desgleichen auch ihr es tun könnt, so ihr es wollt!“
HG|1|164|3|0|Die anderen aber fragten den Kaeam wieder, was da aber geschehen solle mit Weib und Kindern und noch anderen Dingen.
HG|1|164|4|0|Und der Kaeam entgegnete ihnen abermals: „Darum ich bleibe, hab‘ ich schon alles getan! / Der da heut’ die Erde nicht zerfallen ließ / und des Himmels Bande nicht zerriss, / sicher wird Er auch bis morgen / für mein armes Hüttchen sorgen!
HG|1|164|5|0|Sollt auch ihr euch nicht so kümmern, / liegt die Erd’ doch nicht in Trümmern; / besser folgen Schritt zu Schritte / Einem aus der heil’gen Mitte, / als zu ruh’n in seiner Hütte / nach gewohnter Trägheitssitte!
HG|1|164|6|0|Meine Hütte möcht’ mir wenig nützen, / würd’ sie Einer nicht beschützen! / Was Er tut, wird unterlassen, / Der uns liebt ohn’ alle Maßen, / so ich Ihm aus bess’rem Triebe / folge, – folgt auch ihr der Liebe!“
HG|1|164|7|0|Die anderen aber verstanden nicht, was der Kaeam ihnen entdeckte und fragten ihn nochmals, was er denn sagen wolle mit solchen Worten.
HG|1|164|8|0|Er aber entgegnete ihnen: „Wer im Herzen nicht entbrennet, / so den Vater er gefunden, / der auch schwerlich da erkennet, / wer das Leben ihm gebunden! / Darum mögt nach Haus ihr ziehen, / um zu ruh’n in euren Hütten, / und für heute euch nicht mühen, / zu erforschen unsre Mitten! / Amen.“
HG|1|164|9|0|Bald aber wandte sich Abedam, der hohe, zu den vieren und sagte zu ihnen: „Wer fasst, was er nicht sieht, und wer versteht, was er nicht hört?
HG|1|164|10|0|So der Blinde oder einer mit verschlossenen Augen schon am hellen Tag nichts sieht, wie wird es ihm ergehen in der Nacht? Und dessen Ohr taub ist für den Donner, wie möchte er verstehen wohl der Liebe sanftes Wehen?
HG|1|164|11|0|Ich sage euch, wer die aufgehende Sonne auf den ersten Blick nicht erkennt, der hat einen gewaltigen Fehler im Auge! Und wen der laute Donner nicht weckt, der hat sicher einen festen Schlaf!
HG|1|164|12|0|Darum zieht auch ihr nur ruhig und wohlgemut in eure Hütten und schlaft euch allda so recht fest aus; nur vergesst morgen nicht, zu rechter Zeit zu erwachen! Amen.“
HG|1|164|13|0|Als aber die vier die Worte Abedams vernommen hatten, da ward es ihnen bange, und einer aus ihnen fragte den Abedam entgegen: „Wer bist du denn, da unser Herz also gewaltig erbebte bei der Stimme deiner Worte? Was haben wir denn mit dir zu tun?“
HG|1|164|14|0|„Wer Ich bin? – Ich bin, wer Ich bin; ihr aber habt mit Mir noch sehr wenig zu tun gehabt!
HG|1|164|15|0|Hätte Ich von jeher mit euch so wenig zu tun gehabt, als ihr es gehabt habt mit Mir, wahrlich, ihr hättet da noch wenig Brot verzehrt!
HG|1|164|16|0|Versteht es, und geht zu eurer Ruhe! Amen.“
HG|1|164|17|0|Da sie damit Abedam so kurz abgespeist hatte, so wendeten sie sich noch an den Seth und fragten ihn, was es da mit dem Fremden für eine Bewandtnis habe; denn Seine Worte klängen gar so sonderbar und machten eine ihnen bis jetzt ganz fremde Wirkung in der Brust.
HG|1|164|18|0|Der Seth aber entgegnete ihnen: „Habt ihr vorhin nicht vernommen, was der Fremde zu euch gesagt hat: So der Blinde oder einer mit verschlossenen Augen schon am hellen Tag nichts sieht, wie wird es ihm ergehen in der Nacht?
HG|1|164|19|0|Das innere Auge eures Herzens aber ist noch überaus blind, darum ihr nicht gewahrt der hellsten Sonne am Horizont alles Lebens; daher geht nach Hause, schlaft dort eure Torheit aus, und kommt morgen nüchternen Geistes zu uns! Amen.“
HG|1|164|20|0|Da diese vier nun sahen, dass sie mit allen ihren Fragen auch nicht um ein Haar weiterkamen, dankten sie den Vätern und gingen, in allerlei Gedanken vertieft, ihren Hütten zu, welche nach jetziger Messung bei einer halben Stunde Weges gen Mittag von hier entfernt waren.
HG|1|164|21|0|Unterwegs aber fragte einer den anderen, was er hielte von dem Fremden unter den Hauptstammvätern.
HG|1|164|22|0|Einer unter ihnen, namens Kuramech, aber antwortete ihnen, sagend: „Möcht ihr’s hören, könnt ihr’s hören und wollt ihr’s hören?! – Aber dumm, weil dumm; wir sind, wie wir nicht sein sollen, denken ohne Gedanken, schauen ohne Licht. Fragen ohne Mund, haben keinen Grund!
HG|1|164|23|0|Ich fand einmal einen hohlen Baum und kroch in seine weite Höhlung. Da war es öde. Ich sah nichts denn faulen, übelriechenden Moder; aber des Baumes Leben fand ich nicht, und doch war er von außen wie lebend! Er war voll Blätter; ob er Frucht auch hatte, solches weiß ich nicht, denn dergleichen konnte ich seiner Höhe wegen nicht wohl merken.
HG|1|164|24|0|So sah ich einst einen großen Vogel durch die Lüfte ziehen. Es war ein Aar. Er ahmte Stimmen kleiner Vöglein nach. Die Vöglein flogen auf, sie wähnten ihresgleichen zu erblicken; doch wie schossen sie erschreckt zurück, als sie angesichts wurden des mächtigen Aars! Der Gesang glich zwar dem der Vöglein, doch klang er mächtiger und weiter hallend der schaurigen Höh’ entlang. Mir ward es angst und bang, als des Stimm’ zu meinen Ohren drang!
HG|1|164|25|0|Einmal in der Nacht hab’ ich’s vernommen wie ein mächtiges Sturmesrauschen; doch der Bäume Blätter blieben ungerührt, und ich dachte: ‚Was ist’s, das da rauscht, ein Getös’ in vollster Ruhe?!
HG|1|164|26|0|Bald verstummte es, und es kam kein Wind. Ein mächtig’s Rauschen – und kein Wind; was das doch für sonderbare Dinge sind!
HG|1|164|27|0|Und also sah ich einstens auch von einer hohen Felswand, wie grau dem Meer sich ein gar schwer’s Gewölk entwand. Es stieg und stieg herauf zum hohen Felsenrand. Ich wollt’ nun schauen, was darinnen; bald doch fing mir an zu grauen. Denn je näher sich’s da düster wälzte, desto finstrer ward die Tiefe. Darum floh ich, euch bekannt, so schnell als möglich von der Wand gerade meiner Hütte zu, und fand in ihr die alte Ruh’.
HG|1|164|28|0|Soll’s weiter etwas geben, wird die Zeit den Nebel heben; und so lasst die Köpf’ uns nicht zerbrechen, nicht in Wespennester ärg’lich stechen! Berg’ sind krumm, wir sind dumm; was kann eines dem anderen sagen auf die Dummheit dummer Fragen? Höchstens ihm die eigne Not beklagen, solch’s die Narrheit muss ertragen! Darum will ich nunmehr schweigen, still in meine Hütte steigen, dort in stiller Hoffnung Freuden mich der süßen Ruh’ bescheiden!
HG|1|164|29|0|Wollt ihr weiter euch noch fragen, bis der Morgen euch wird sagen: ‚Meine Strahlen euch verkünden, ihr seid alle noch voll Sünden! Warum wolltet ihr nicht ruhen, sondern unnütz’ Zeug nur tuen?‘ Sehet nun, ob eure Augen werden für die Sonne taugen?
HG|1|164|30|0|Doch ihr tuet, was ihr wollet, meine Zunge euch nicht grollet; morgen wird sich’s wohl finden, was der Nacht ihr mocht entwinden!
HG|1|164|31|0|Sonnen werd’t ihr kein’ erschaffen, mögt die Nacht ihr auch begaffen; morgen wird sich’s ja wohl finden, was der Nacht ihr mocht entwinden! Amen.“
HG|1|164|32|0|Und nach diesen Worten verließ sie Kuramech und eilte in seine Hütte zur Ruhe, während die anderen drei sich zur Erde niederließen und sich mit allerlei Fragen den Schlaf vertrieben.
HG|1|164|33|0|Als der Kuramech aber in seine Hütte trat und fand sein Weib und seine Kinder voll Verwunderung, da ihrer Hütte Inneres so hehr erleuchtet war, da fielen ihm des Fremden Worte ein, und er fing an, in sich zu gehen, und erkannte nach und nach stets mehr und mehr, dass der Fremde kein Fremder ist, sondern Einer, der da überall zu Haus ist!
HG|1|164|34|0|Und so fing er an, Ihn zu loben, und lobte Ihn, bis der nötige Schlaf ihm die lobdürstige Zunge lähmte.
HG|1|165|1|1|Die Lichtsucher. Forschen allein führt nicht zum Leben
HG|1|165|1|1|Am 2. Dezember 1841
HG|1|165|1|0|Gleichzeitig mit den vier Besprochenen gelangten die nunmaligen sieben zur und in die Hütte Adams und fanden dort wohlgemut die fünf bei der Mutter Eva.
HG|1|165|2|0|In der Hütte also angelangt, trat alsbald Abedam zu den fünfen hin und sagte zu den fünfen: „Sagt Mir nun, was ihr gefunden habt in der Zeit, während wir abwesend waren! Und wie hat euch Mein Wort gestaltet? Hat es euch erneut oder veraltet? Solches gebt aus euren Herzen nun Mir kund!“
HG|1|165|3|0|Und der Enos als der Erste sagte also von sich aus: „Ich habe in mir ein Licht erschaut, das war stark und leuchtete gewaltig. Ich wollte wissen, woher es kam, und siehe, das Licht erlosch, und ich sah nicht mehr das Eingeweide in meinem Leib!
HG|1|165|4|0|Darauf fragte ich mein Herz, wohin das Licht sich barg. Und das Herz blieb stumm, und ich fragte es zum zweiten und zum dritten Mal, und wieder blieb es stumm und ist stumm geblieben bis jetzt!
HG|1|165|5|0|Siehe, das ist alles, was ich gefunden habe! Eine stumme Gestaltung meines Herzens ist alles – und das verlosch’ne Licht mit ihm!“
HG|1|165|6|0|Und der Abedam entgegnete ihm: „Hättest du statt des Forschens geliebt Den, der dich ewig schon geliebt hat, so wäre dein Herz nicht stumm geworden, sondern du hättest Licht und Wort in ihm! Allein du wolltest wissen nur, – und siehe, das Wissen ist fürs Leben das, was da ist der Moderdampf fürs Licht! Mit diesem Dampf erlöschtest du das Leben, und mit ihm auch dessen Licht im Herzen, darum’s dann finster ward in dir und stumm dein Herz!
HG|1|165|7|0|Also wird’s noch gar vielen ergehen auf der Erde! Wer da aber sein wird dir gleich, bei dem wird es schwer sein, wieder das Leben und dessen Licht zu gewinnen!
HG|1|165|8|0|Willst du aber leben, da lasse dein wissliches Forschen, und erfülle dafür dein Herz mit Liebe, so wirst du mit der Wiedergewinnung des Lebens auch des Lichtes im gerechten Maße hinzubekommen!
HG|1|165|9|0|So aber alle Menschen ihr Wissen zusammentrügen, möchten sie dadurch Gott auch nur um ein Haar näher erkennen?
HG|1|165|10|0|Welch ein Unterschied aber ist zwischen einem, der die Gesetze studiert, und einem, der dieselben beobachtet?
HG|1|165|11|0|Ist da nicht der Studierende totgeschlagen durch der Gesetze Wust, und der Gesetzesbeobachtende durch eben die Gesetze lebendig?
HG|1|165|12|0|Du möchtest Mir sagen: ‚Muss man aber das Gesetz nicht zuvor in seine Wissenschaft aufnehmen, bevor es möglich wird, selbes zu beobachten?‘
HG|1|165|13|0|Ich sage dir, du hast einesteils recht; jedoch, um dich aufs wahre Licht zu führen, will Ich dir ein Gleichnis kundgeben, und du selbst sollst als solches dir dienen und dann beurteilen dasselbe.
HG|1|165|14|0|Siehe, so du zwei Diener hättest, die dir dienten: Der eine, so du ihm zur Arbeit eine Heißung tätest, würde sich über dein ausgesprochenes Gebot wissenschaftlich den Kopf zerbrechen und würde den ganzen Tag nichts als studieren, was alles dein Gebot besagt, und was Verborgenes es enthält.
HG|1|165|15|0|Der andere aber möchte nicht viel darüber nachdenken, sondern gehen und aus Liebe zu dir alsbald in der Tat erfüllen deinen Willen.
HG|1|165|16|0|Sage Mir, welchen von den beiden Dienern wirst du behalten und ihn einweihen in viele deiner Geheimnisse und Wünsche deines Herzens?
HG|1|165|17|0|Den wissenschaftlichen Erörterer deines Willens sicher nicht, sondern den, der da allzeit täte deinen Willen!
HG|1|165|18|0|Meinst du, bei Gott ist es anders? O nein, sage Ich dir, sondern gerade also ist es auch bei Gott, der da auch nicht achtet einen forschenden, sondern nur allzeit einen liebetätigen Geist.
HG|1|165|19|0|Also tue desgleichen auch du, so wirst du leben und wirst in einer Minute mehr erfahren vom großen Herrn und Vater als mit deiner Wissbegierde in Jahrtausenden!
HG|1|165|20|0|Dieses lasse in dein Herz und tue danach! Amen.“
HG|1|165|21|0|Weiters sagte Abedam zum Kenan: „Zeige auch du Mir dein Herz! Was hast du gefunden?“
HG|1|165|22|0|Und der Kenan erwiderte: „Wahrlich, auch mir ging es um nichts besser als dem Vater Enos! Auch vor meinen Augen flohen Dinge vorüber, die da aussahen wie gewaltig leuchtende Blitze; allein ich konnte ihnen nicht folgen. Zu schnell sanken sie hinter den fernen Horizont, und bald deckte die dichteste Finsternis den Erdball. Ich musste darauf mit großem Bangen gewahr werden, wie unzulänglich menschliche Kräfte sind und wie entsetzlich langsam, um einzuholen ein vorüberziehendes Licht!
HG|1|165|23|0|Mein Herz fragen aber heißt, einen Stein fragen! Was etwa darinnen verborgen, wer kann es wissen? Mir gibt es keine Antwort!
HG|1|165|24|0|Ich war ja wohl zugegen, da Emanuel Abba uns gesegnet hatte; allein Des Segen muss bei mir wie mein früher geschautes Licht vorübergezogen sein, ohne von mir mehr denn allein die Augen berührt zu haben.“
HG|1|165|25|0|Und der Abedam erwiderte ihm: „Wie es dir geht, also wird es einst gar vielen und diesen vielen gar lange also ergehen, da auch sie in der Weltweisheit den Tod erleiden werden. Ihre Herzen werden zum Stein werden. Habsucht wird die Folge sein. Diese aber wird mit sich bringen Neid, Geiz, Totschlägerei, und den Kargen wird man einen Helden der Tugend in der stets eigennützigen Sparsamkeit nennen. Dann wird große Armut vieler Los sein und der Tod noch mehrerer.
HG|1|165|26|0|Willst du aber leben, da tue, wie Ich dem Enos geraten! Amen.“
HG|1|165|27|0|Und ferner fragte Abedam den Mahalaleel: „Was hast du denn gefunden in dir? Gebe es Mir kund!“
HG|1|165|28|0|Und der Mahalaleel erwiderte: „Wahrlich, mir erging es noch schlechter denn meinen Vätern! Sie hatten doch wenigstens ein Licht erblickt, ich aber nichts als überall Nacht, ja nichts als eine kalte Nacht!
HG|1|165|29|0|Ich bin durch und durch öde und wüste. Wo ich mich auch immer beklopfte, da klang es hohl und leer. Und als ich aufblickte zum Himmel, da gewahrte ich, dass er von Erz ist und keinen Strahl auch nur der allergeringsten Hoffnung für ein helleres Leben durchließ.
HG|1|165|30|0|Ich weinte in der großen Armut meines eigenen Herzens; allein auch die Tränen verschlang der heiße Sand meiner Wüste, und nun kann ich auch nicht mehr weinen und gleiche nun vollends einem Stein.
HG|1|165|31|0|Siehe, solches hab’ ich gefunden und finde es gegenwärtig noch bis auf eine kleine Erleichterung, die ich jetzt in deiner Nähe verspüre!“
HG|1|165|32|0|Und der Abedam entgegnete ihm: „Wie es dir nun ergeht, also wird es einst in der allerletzten Zeit gar überaus vielen ergehen!
HG|1|165|33|0|Du aber bist glücklich, da du die große Not in dir erkennst; denn solche Erkenntnis ist auch ein großes Licht. Jene aber werden ihren Tod nicht erkennen. Wie einen toten Baumstamm, der da abgestanden ist im Wald, wird sie ihr innerer Wurm zernagen, und sie werden nicht gewahr werden dessen, der sie zum ewig vernichteten Staub zernagt!
HG|1|165|34|0|Erze werden sie aus den Bergen graben so viel, dass sie metallene Wege machen werden; aber über diese festen und geraden Wege werden wenige, ja überaus wenige wandeln, welche da sein möchten wie du jetzt. So aber auch noch irgendein Lebendiger aus vielen Tausenden erstehen wird, der wird selbst die kurze Zeit hart zu stehen haben unter den Toten!
HG|1|165|35|0|Die aber sein werden wie du jetzt, diese werden die Lebendigen nur insoweit erkennen, insoweit Mich du jetzt erkennst. Und es werden dann viele Worte des Lebens nicht so viel vermögen über sie als jetzt eines über dich.
HG|1|165|36|0|Aus den dreien aber bist der Glücklichere du in deiner Lichtarmut; denn dir soll bald eine gute Botschaft werden.
HG|1|165|37|0|Handle aber auch du, wie Ich es geraten habe dem Enos, so wirst du leben und Licht haben in der Fülle! Amen.“
HG|1|166|1|1|Die Beschaffenheit der wahren Liebe. Die Nähe des Herrn zu Jared und seinen Nachkommen
HG|1|166|1|1|Am 3. Dezember 1841
HG|1|166|1|0|Und weiteres fragte Abedam den Jared: „Jared, möchtest auch du Mir kundgeben, was du derzeit gefunden hast in dir gleich den Vätern, während wir abwesend waren?“
HG|1|166|2|0|Und der Jared antwortete: „Sieh, ich wusste, dass da wenig oder nichts zu finden sein wird; daher suchte ich auch nichts, sondern tat mir vor und nach dieser ausgestandenen Wetterangst allerlei träumend gütlich. So träumte ich den höchst angenehmen Zustand, so der Asmahael geblieben wäre und hätte bei mir gewohnt. Oh, wie selig wär’ ich da gewesen!
HG|1|166|3|0|Wieder träumte ich: Wenn Er hernach als Emanuel Abba nur wenigstens bis zu diesem Sturm bei uns geblieben wäre, wie hätten wir alle dann demselben entgegengejubelt!
HG|1|166|4|0|Wieder träumte es mir, als hätte Emanuel Abba diesen Sturm uns geflissentlich zukommen lassen, um unsere Liebe und unser Vertrauen zu Ihm unseretwegen selbst zu prüfen. Und wieder träumte ich: Wer weiß es, vielleicht ist eben in diesem Sturm unter uns der Emanuel und gar im Sturm selbst?!
HG|1|166|5|0|Und also baute und baute ich Träume auf Träume. Licht wollte mir zwar nirgends werden; allein mir war es leichter und traulicher ums Herz.
HG|1|166|6|0|Denn ich dachte mir: Wenn ich von Dem, den mein Herz so heiß liebend erfasst hat, nur träumen kann, wie ein junger Werber von seiner neuerwählten Braut träumt, so ist das ja schon ohnehin eine große Gnade, der ich nicht im Geringsten würdig bin!
HG|1|166|7|0|Und siehe, also schuf ich mir eine Seligkeit um die andere und träumte mich von einem überglücklichen Zustand in den anderen! Und das auch ist alles, was ich gefunden habe! Was hätte ich auch anderes suchen und finden sollen als nur das, was meiner Liebe Geliebter mir gab, und ich setze noch hinzu, dass ich auch wahrlich nichts anderes suchen und finden möchte. Und ich glaube aber auch fest, dass mich der Emanuel mit diesem mich allzeit überaus beseligenden Fund, so nach Seiner Lehre ich diese Erde werde verlassen müssen, einst nicht ungnädig ansehen wird!
HG|1|166|8|0|Also will ich mich aber stets freuen meines Gottes, meines Emanuels, meines liebevollsten Abbas!
HG|1|166|9|0|Siehe also, du lieber, fremder Mann, wie schon gesagt, solches ist mein unvergänglicher Fund!“
HG|1|166|10|0|Der Abedam aber hielt bei diesem Bekenntnis Jareds Sich die Hand vor die Augen und barg eine Träne vor ihm. Erst nach einer längeren Pause tat er die Hand von Seinen Augen und sagte endlich zum Jared:
HG|1|166|11|0|„Jared, stehe auf und komme zu Mir! Denn von nun an sollst du nicht mehr nötig haben, zu träumen vom Emanuel, den du so liebhast, und hast Ihn allzeit geliebt, darum sich auch schon Asmahael in deiner Hütte zu wohnen durch der Väter Mund bestimmte. Ja, nicht mehr träumen sollst du von Ihm, sondern du sollst Ihn allzeit haben lebendig unter dem Dach deines Hauses!
HG|1|166|12|0|Jared, hierher komme, und scheue dich nicht; denn siehe, dein Emanuel, dein Abba, dein Vater streckt hier Seine Arme nach dir aus!
HG|1|166|13|0|Siehe, Ich will einen Himmel bauen, – er soll der höchste sein unter allen Himmeln; aber darein wird niemand gelassen werden, der da nicht kommen wird mit dem Fund Mir entgegen, mit dem du Mir im Stillen allzeit entgegenkamst wie jetzt!
HG|1|166|14|0|O du Mein Jared du! Siehe den Henoch, den Mathusalah und den Lamech, ihr alle wohnt unter einem Dach! Die Liebe ließ euch nicht trennen und also Mich auch nicht von euch. Und also will Ich auch bei euch und allen euren Nachkommen verbleiben. Darum aber werden bis ans Ende aller Zeiten deine Stammesnachkommen wohl erkennbar sein, dass Ich bei ihnen allzeit einkehren werde!
HG|1|166|15|0|Seht ihr alle, also ist die rechte Liebe beschaffen: Stille duldend und nichts suchend denn allein den Gegenstand, den das Herz liebt. Und hat das Herz den gefunden, dann ist es glücklich und überglücklich, – wenn es den Geliebten auch nicht vor den Augen hat, aber desto mehr im Herzen!
HG|1|166|16|0|Wenn aber der Geliebte sieht die stille, duldende Sehnsucht des Liebenden, da er ist voll Demut und getraut sich kaum, aufzublicken zu dem Geliebten, – wahrlich, der ist es, dessen Liebe gleichkommt der Liebe Dessen, den er liebt, und der ihn schon liebte, ehe er noch war!
HG|1|166|17|0|Wer also tun wird, wie Ich dem Enos geraten, der wird leben; aber wohnen werde Ich nur in Jareds Häusern! Amen.“
HG|1|166|18|0|Und endlich wandte sich Abedam noch zum Mathusalah und fragte auch ihn, sagend: „Mathusalah, du weißt es nun, wer mit dir spricht; aber darum sollst du dich nicht scheuen, Mir auch deinen Fund zu weisen. Und also tue, so du es willst!“
HG|1|166|19|0|Und der Mathusalah, von zu hoher Ehrfurcht ergriffen, sagte endlich mit zitternder Stimme: „O Herr und Vater, der Du alle Herzen durchschaust und prüfst alle unsere Eingeweide, wie magst Du mich fragen, mich Nichts vor Dir?
HG|1|166|20|0|Siehe, ich kenne mich nicht; Du aber kennst mich durch und durch! So ich nun reden möchte vor Dir, wie leicht könnte es geschehen, dass mir Unkundigem eine Unwahrheit über die Lippen käme!
HG|1|166|21|0|Wie stünde ich dann vor Dir, Du heiliger Vater?! Daher richte mich, wie Du mich gefunden; aber gnädig und barmherzig bleibe mir!“
HG|1|166|22|0|Und der Abedam erwiderte ihm: „Mathusalah, was du gesprochen, hast du auch gefunden; dein Fund steht vor dir! Ich sage dir, du wohnst auch in der Hütte Jareds, und in derselben wohnst du mit Mir also unter einem Dach!
HG|1|166|23|0|Also sollen alle suchen; unter dem Dach sollen alle wohnen! Die also suchen werden, werden auch finden dir gleich!
HG|1|166|24|0|Dass du Mich aber auch einen Richter nanntest, dafür sollst du am längsten auf der Erde leben; denn siehe, Ich bin zwar ein Richter den Geschöpfen allen, – allein die Kinder sollen den Vater nicht Richter heißen! Fürder aber sollen alle die gerichtet werden, die den Vater als Richter rufen werden. Das lange Erdenleben sei dir somit eine kleine Gabe des Richters, damit du hinreichend Zeit haben möchtest, deinen Richter wieder als Vater anzuerkennen! Amen.
HG|1|166|25|0|Und nun, ihr Kinder, die Mitternacht ist nicht mehr ferne; euer Leib bedarf der Ruhe, und so lasst uns zur Ruhe gehen.
HG|1|166|26|0|Dir, Mein geliebter Jared, aber steht die Wahl frei, ob du hier bei Mir verbleiben willst, oder dass Ich mit dir in deine Hütte ziehe und bei dir verbleibe!“
HG|1|166|27|0|Und der Jared erwiderte: „O Vater, Du lieber Vater, jetzt wie allzeit geschehe Dein heiliger Wille!
HG|1|166|28|0|Bei Dir ist überall gut sein, und meine Hütte ist überall, wo Du bist; doch soll durch mich niemand verkürzt werden. Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|1|166|29|0|Und der Abedam erwiderte ihm: „Ja, du hast recht gesprochen; und so bleibe du bei Mir! Amen.“
HG|1|166|30|0|Und also begaben sie sich alle zur Ruhe mit dank- und liebeerfüllten Herzen.
HG|1|167|1|1|Die vernichtende Gottheit und der beschützende Vater
HG|1|167|1|1|Am 4. Dezember 1841
HG|1|167|1|0|Und also ruhten sie alle bis eine Stunde vor dem Aufgang. Nur der Eine ruhte nicht, da Er keiner Ruhe bedarf, indem Er Selbst die höchste Ruhe wie die höchste Tätigkeit selbst ist.
HG|1|167|2|0|Dieser Eine – hier Abedam, der hohe, benamst – war somit auch der Erste auf den Füßen und weckte hier auch körperlich alle die Kinder vom Schlaf. Es genügte ein einziger Ruf: „Erwacht und richtet euch auf!“, und alle erwachten mit einem Mal und richteten sich auf, gingen dann alsbald alle aus der Hütte und wuschen sich die Füße, die Hände, dann die Geschlechtsteile, dann die Brust und dann endlich erst das Gesicht; denn solche Waschung war täglich Sitte schon von jeher bei den Kindern.
HG|1|167|3|0|Als sie sich nun gewaschen hatten mit Ausnahme der Eva – denn die Weiber wuschen sich erst nach den Männern und bei einer anderen Quelle –, da nahmen sie Öl und salbten sich damit das Haupt. Und nach der Salbung erst stimmten sie den Morgendank an den nun gegenwärtigen hohen Abedam an, welcher also lautete:
HG|1|167|4|0|„O liebevollster, heiliger Vater, Dir danken wir, Dich lieben wir, Dich loben wir! Wie unaussprechlich gut bist Du, o heiliger Vater! Dir sei alle Ehre, alles Lob, aller Preis, aller Dank, alle Liebe, aller Ruhm und alle Anbetung!
HG|1|167|5|0|Entziehe uns, die wir uns Deine Kinder nennen, aber eigentlich nur lauter Sünder sind, Deine Erbarmung, Deine heilige Liebe und Deine heilige Gnade nicht! Segne uns, rühre uns und führe uns, schärfe unsere Sinne, und unsere harten Herzen erweiche, dass sie lieblich sein möchten wie Honig und Wachs, und erweitere unsere enge Brust, dass sie stets mehr und mehr aufnehmen könnte der wahren Liebe aus Dir, o heiliger Vater!
HG|1|167|6|0|Gebe uns auch den Segen, dass wir dadurch vermöchten, Dir allein wohlgefällig Deinen heutigen heiligen Sabbat zu feiern! Und so Du, heiliger Vater, in uns noch sehr viele und große Makel entdecken wirst und schon sicher jetzt entdeckst, wie Du es schon entdeckt hast von Ewigkeit her, dann züchtige in Deiner Liebe, Erbarmung und Gnade uns und mache, dass wir Dich würdiger möchten ‚Vater‘ heißen und Dich dann auch mit reinerem Herzen lieben und mit reinerer Zunge preisen!
HG|1|167|7|0|O Du guter, lieber Vater, sei und bleibe uns ewig derselbe heilige, liebe, gute Vater, der Du es uns warst schon von Ewigkeit her; aber nicht nur uns, die wir hier zugegen sind, sondern allen unseren Kindern und auch spätesten Nachkommen sei und bleibe es ewig! Amen. Dein heiliger Wille, amen; Deine Liebe, Erbarmung und Gnade, amen!“
HG|1|167|8|0|Und der hohe Abedam fügte bei: „Amen sage auch Ich; amen nach der Liebe eurer Herzen, – amen nach aller Tat daraus! Und Ich sage ewig nirgends amen denn allein in der reinen Liebe!
HG|1|167|9|0|Ihr aber sollt nicht beten zu Gott, der da heilig, heilig, heilig ist, denn allein in des Vaters Liebe; denn Gott sind alle Menschen ein Gräuel, – nur dem Vater sind sie Kinder.
HG|1|167|10|0|Gottes Heiligkeit ist unantastbar; aber des Vaters Liebe steigt zu den Kindern herab.
HG|1|167|11|0|Gottes Zorn richtet alle Dinge der ewigen Vernichtung zu; aber des Vaters Erbarmung lässt auch sogar jeglichen Traum nimmerdar zugrunde gehen.
HG|1|167|12|0|Von Gott aus muss alles sterben; aber dann kommt das Leben des Vaters über die Toten. Wer da sucht Gott, der wird Ihn verlieren, sich und sein Leben; denn Gott lässt Sich nicht anrühren. Und der Menschen Weisheit, die Ihn sucht, ist Ihm eine gräulich anekelnde Torheit und den Suchenden aber unvermeidlich tötend. Denn mit der Weisheit rührt er Gott an; diesen aber kann kein geschaffenes Wesen mit was immer für einem Sinn anrühren und behalten das Leben.
HG|1|167|13|0|Denn Gott ist ein ewiges, allerreinstes, aber auch allerunendlichst heftigstes Feuer, welches nimmerdar erlischt; und wo es der Vater nicht mildern möchte, da würde es alsbald alles auf ewig zerstören. Daher soll jeder Gott fürchten über alles und den Vater aber lieben über alles; denn der Vater ist das allerblankste Gegenteil von Gott.
HG|1|167|14|0|Und doch wäre Gott nicht Gott ohne den Vater, welcher ist die ewige Liebe in Gott; und der Vater aber wäre nicht Vater ohne Gott.
HG|1|167|15|0|Wie aber der Vater ist alles Leben in Gott, so auch ist Gott alle Kraft und Macht im Vater. Ohne den Vater wäre Gott Sich Selbst unaussprechlich; denn alles Wort in Ihm ist der Vater. Der Vater aber wäre nie Vater ohne Gott; und so sind Gott und der Vater eins!
HG|1|167|16|0|Wer also den Vater rührt mit der Liebe, der rührt auch Gott. Wer aber des Vaters vergisst und will mit seiner Weisheit nur die Gottheit rühren, den wird der Vater nicht ansehen; der Gottheit Feuer aber wird ihn ergreifen und ihn zerreißen und vernichten ins Unendliche, dass er sich dann ewig nimmerdar finden wird. Und es wird dann auch nicht leicht mehr geschehen, dass ihn der Vater wieder aus aller Unendlichkeit zusammensuchen und sodann wieder von neuem bilden wird.
HG|1|167|17|0|Wo aber der Vater ist, da ist Gott auch. Aber allein der Vater offenbart Sich den Kindern; Gott aber kann Sich niemandem offenbaren, außer allein durch den Vater, und da offenbart, wie jetzt, der Vater die Gottheit. Wer also Mich hört, sieht und liebt, der hört, sieht und liebt auch Gott. Wer aufgenommen wird vom Vater, der wird auch aufgenommen werden von Gott.
HG|1|167|18|0|Wenn jemand Unwürdigen der Vater nicht annehmen wird, der wird fallen in die Hände der richtenden und vernichtenden Gottheit allein, und da wird kein Erbarmen sein, noch irgendeine Liebe und Gnade!
HG|1|167|19|0|Daher fürchtet die Gottheit; denn es ist schrecklich, in Ihre Hände zu fallen!
HG|1|167|20|0|Aber den Vater liebt! Haltet fest an Seiner Liebe und lasst euch allzeit rühren und führen von der Liebe des Vaters, so werdet ihr den Tod nimmerdar schmecken ewig, außer die Trennung vom Leib, der da ist ein Fluch der Gottheit, in welchem das Leben aus dem Vater vor dem Zorn der Gottheit verschützt wird durch die schirmende Liebe des Vaters.
HG|1|167|21|0|Aus der Hand Gottes empfängst du den Fluch, aus der Hand des Vaters aber den Segen der Liebe und alles Lebens aus ihr. Daher halte an die Liebe dich ewig, so wirst du bestehen in der Liebe! Wo du dich aber hältst an die Weisheit, da wirst du vergehen und wirst zunichte verweht werden auf ewig vom Geist der Gottheit!
HG|1|167|22|0|Dieses Gesagte sei euch als eine große Sabbatmorgengabe vom Vater, dessen Kinder ihr seid, und der euch darum liebt mehr als alles in der reichen Unendlichkeit! Bedenkt es in eurem Herzen, und tuet danach, so werdet ihr leben und nie in der Gottheit Hände fallen.
HG|1|167|23|0|Und nun, du Seth, gehe hinaus, da die Sonne schon aufgegangen ist, und lasse ein reichliches Morgenmahl bereiten; denn siehe, so der Geist das Seine empfing, dann soll er auch gerecht sorgen für den Leib! Rufe aber auch die schon lange draußen singenden drei herein, die da sind aus der Mitternacht und heißen Jura, Bhusin und Ohorion. Gehe, und mache gut deine Sache! Amen.“
HG|1|168|1|1|Ein Bericht über die Sturmnacht. Liebe, Vertrauen und Furcht
HG|1|168|1|1|Am 6. Dezember 1841
HG|1|168|1|0|Und der Seth dankte in höchster Liebesfreude seines Herzens dem hohen Abedam für solchen Auftrag und ging eilends, um zu vollziehen des Herrn Willen.
HG|1|168|2|0|Kaum aus der Hütte getreten, sah er alsbald unfern die drei aus der Mitternachtgegend stehen. Er rief sie beim Namen, und sie folgten sogleich dem Ruf.
HG|1|168|3|0|Als sie zu ihm gelangten, da sagte er zu ihnen: „Hört, Einer in der Hütte will es, dass auch ihr eintreten möchtet; denn Er hat schon lange von ferne her, wie vor meinem Austritt auch schon nahe an der Hütte, euer Loblied vernommen.
HG|1|168|4|0|Daher tretet in die Hütte, denn auch euer harrt ein hoher, unberechenbarer Segen!“
HG|1|168|5|0|Und der Jura fragte entgegen den Seth: „Bruder Seth, wie sollen wir das verstehen? Ist etwa gar in dieser Schreckensnacht der erhabenste, über alles mächtigste Emanuel zu euch gekommen? Denn siehe, also dachten wir es alle, als der unerhörteste – man kann es sagen – Weltenfeuersturm plötzlich ein Ende nahm!
HG|1|168|6|0|Wir alle baten und riefen zum Emanuel um die Erlösung. Und als sie kam, und das so wunderplötzlich, so war auch unser Erstes, dem Emanuel dafür zu danken.
HG|1|168|7|0|Sage uns daher, ob es nicht also ist und war!“ – Und der Seth antwortete ihnen: „Wie und ob also, liebe Brüder, ihr werdet es alsbald in der Hütte erfahren! Ich aber habe Eile, zu sorgen für ein gutes Morgenmahl, darum ich mich jetzt nicht länger mit euch abgeben kann und darf.“
HG|1|168|8|0|Und die drei waren zufrieden mit diesem Bescheid und traten dann voll der höchsten Ehrfurcht in die Hütte, allwo sie sich alsbald auf ihre Angesichter vor Adam und all denen übrigen warfen.
HG|1|168|9|0|Der Adam aber hieß sie alsbald aufstehen und sagte zu ihnen: „Meine geliebten Kinder, ich bin hoch erfreut, euch so wohlbehalten bei mir zu sehen!
HG|1|168|10|0|Groß war in dieser Nacht meine Sorge um euch alle; denn solches bewirkten die schrecklich kämpfenden Elemente. Aber viel größer noch war mein Vertrauen auf des Herrn, unser aller geliebtesten Vaters, der da allzeit heilig, heilig, heilig ist, voll der höchsten Macht und Kraft, Hilfe und Errettung; denn wir alle waren nicht minder der höchsten Versuchung preisgegeben und mussten eine wahre Feuerprobe aushalten. Diese meine alte Hütte ist zur Wohnung der wildesten Tiere geworden. Schlangen, Hyänen, Tiger, Löwen, Wölfe, Bären und noch allerlei anderes Getier füllten diese Wohnung, und helle Flammen brachen blank aus dem Boden hervor. Und doch durfte unser Vertrauen nicht wanken, und wir alle empfanden dann gar bald die herrliche Wirkung des schützenden Segens Emanuels!
HG|1|168|11|0|Geht aber hin zu jenem euch noch fremden Mann, der da auch Abedam heißt; der wird euch über alles den gehörigen Aufschluss geben! Amen.“
HG|1|168|12|0|Und die drei verneigten sich vor Adam und gingen dann hin zu dem ihnen noch fremden Mann.
HG|1|168|13|0|Der Jura als der älteste führte das Wort und redete Ihn also an: „Sei von unseren Herzen vielmals gegrüßt, Abedam! Der Erzvater Adam hat uns zu dir beschieden, dass du uns näheren Aufschluss geben möchtest über diese – dem Herrn Emanuel alles Lob und allen Dank! – vergangene unerhörte Sturmnacht. Denn siehe, wir drei sind Söhne Adams und wandeln schon über achthundert Jahre auf dem Boden der Erde herum, waren zugegen bei der Flucht aus dem Paradies, haben nach der Zeit viel Trauriges und Schreckliches erlebt, – doch etwas dieser Nacht Ähnliches ist uns noch nicht vorgekommen! Solche Schrecknisse sind noch nie über die Erde gekommen, solange wenigstens wir sie betreten, wahrlich nicht!
HG|1|168|14|0|Ich will von all den Feuerszenen nichts reden, nichts von den ringsum noch in vollsten Flammen und Rauch stehenden Bergen, nichts von dem beständigen Beben der Erde, nichts von den zahllosen Blitzen, nichts von den brennenden und dampfenden Wäldern, feurigen Winden und dergleichen mehreren Dingen; denn der Donner bleibt sich gleich von Jahr zu Jahr und so auch andere Erscheinungen, welche im Kampf der Elemente uns zu Gesicht kommen und nicht minder furchterregend auch die anderen Sinne berühren. Aber höre, guter Mann, wenn das Meer, das endlos große Meer unerhört furchtbar tobend aus seinen Schranken tritt, höher und stets schrecklich höher herauf schäumend und sausend steigt und in diesem fürchterlichen Steigen anfängt, einen Berg um den anderen zu verschlingen und endlich sogar uns Mitternachtbewohner zwingt, eilends zu verlassen alle unsere Hütten durch die zahllosen vor den Wogen sich flüchtenden Tiere, ja sogar die Wogen am Ende so weit zu treiben beginnt, dass dieselben unsere Hütten verschlangen, die Tiere der Wälder uns nachtrieben und dazu noch nie gesehene furchtbar große Ungeheuer, welche wahrscheinlich gleich vielen anderen Tieren im Wasser leben, uns furchtbar untereinander kämpfend und sich hin und her wälzend schauderhaften Anblickes zuführte, – siehe, das ist etwas, was uns allen nicht aus dem Sinne vielleicht je kommen wird!
HG|1|168|15|0|Wobei dann als im Gegensatz freilich wohl ganz hauptsächlich das zu beachten ist, dass eben diese Schauderszenen, als sie sicher ihren höchsten Punkt erreicht hatten, dann auf einmal also verstummten, als wären sie nie dagewesen, und also auch das Meer plötzlich und so stark zurückwich, dass es nicht nur alsbald in seine vorigen Grenzen trat, sondern es verlor sich also ganz und gar, dass nun von ihm nirgends mehr eine Spur zu entdecken ist außer der unabsehbar weit sich nach allen Seiten ausbreitende Schlammboden, der vorher dem Meer zum Bett gedient hatte.
HG|1|168|16|0|So du es nun willst und kannst, da gebe uns den Aufschluss über all diese unerhörten Dinge!“
HG|1|168|17|0|Und der Abedam entgegnete ihnen: „Meine lieben Freunde, bei derlei Ereignissen geht es den im Geiste Schlafenden freilich wohl schlecht, – aber desto besser den Geisteswachen!
HG|1|168|18|0|Sagt Mir, welcher wahrhaft wache, mit der Liebe des ewigen, heiligen Vaters vereinte Geist wird oder kann noch mit Angst befangen werden, wenn selbst die ganze Erde unter seinen Füßen zertrümmert werden möchte und ein glühendes Meer verschlänge all die Staubtrümmer der Erde?
HG|1|168|19|0|Wird der mächtige Vater, dessen Wille Milliarden und zahllos viele Milliarden von noch unvergleichbar größeren Weltkörpern und Geistern trägt und wohlsorglich ordnet, nicht auch imstande sein, ein Ihn über alles liebendes und darum auch von Ihm [über] alles geliebtes Kind bei einem zerplatzenden Atom, das ihr ‚Erde‘ und ‚Welt‘ nennet, in den allersichersten Schutz zu nehmen?
HG|1|168|20|0|Seht, solches müsst ihr Mir ja doch zugeben! Es fragt sich demnach nur, wessen Frucht eure verzweifelte Angst und Furcht war! Oder warum fürchten die Kinder die Nacht?
HG|1|168|21|0|Seht, solcher Grund liegt in der Schwäche der Liebe zum heiligen Vater! Wie aber die Liebe beschaffen ist, also auch das Vertrauen; das schwache Vertrauen aber ist der Vater aller Angst!
HG|1|168|22|0|Es liegt wenig an all dem von euch Erzählten; aber es liegt alles daran, wie euer Herz beschaffen ist.
HG|1|168|23|0|So Ich euch auch alles aufschließen möchte, so würden höchstens eure Ohren befriedigt werden; aber zur Erkenntnis des Herzens möchte es euch nimmer bringen. Und also wird es besser sein, ihr geht so recht fest in euer eigenes Herz, wendet euch da an die Liebe desselben zu Gott, und Ich sage euch, ihr werdet da in einer Minute mehr erfahren, als was euch sonst erzählende Jahrtausende geben könnten!
HG|1|168|24|0|Bleibt aber hier, und nehmt mit uns das Morgenmahl, welches soeben der Seth mit den Seinen hereinbringt!
HG|1|168|25|0|Seid ruhig in eurer Wissbegierde, aber desto nach oben bewegter im Herzen, so wird sich eure Sturmnacht bald in den hellsten, ruhigen Sabbat umwandeln! Versteht es wohl! Amen.“
HG|1|169|1|1|Das Sabbatmorgenmahl. Gründunge der ersten ordnungsmäßigen Kirche
HG|1|169|1|1|Am 9. Dezember 1841
HG|1|169|1|0|Und als der hohe Abedam solches zu den dreien gesprochen hatte, hieß Er sie Ihm folgen. Er aber ging voraus und ließ neben Sich hergehen den Henoch und den Lamech. Ihm auf dem Fuße folgte der bekannte Abedam, an dessen rechter Seite der Jared und an dessen linker Seite der Mathusalah. Hinter diesen dreien folgten Enos, Kenan und Mahalaleel, und diesen dreien schlossen sich dann erst der Kaeam und der Jura, Bhusin und Ohorion an.
HG|1|169|2|0|Und nach wenigen Schritten beim Adam angelangt, lagerten sich alle um den Abedam also, dass sie einen bis zum Adam hin geöffneten Kreis bildeten, welcher sich mit Adam und Eva schloss.
HG|1|169|3|0|Da aber der Seth nicht im Kreis war, da beschied der Abedam die Ihn Umgebenden, Platz zu machen für den Seth.
HG|1|169|4|0|Und alsbald wurde auch an der Seite Adams Platz gemacht für ihn. Und also nahmen nun sechzehn Personen, den hohen Abedam mitgerechnet, teil an dem Morgenmahl, welches in Brot, Honig und Milch bestand, davon man zuerst von alters her stets das Brot nahm mit Honig und, nachdem solches verzehrt war, dann erst Milch von frischer Melke darauf trank.
HG|1|169|5|0|Und also auch nach dieser Sitte wurde diesmal gefrühmahlt.
HG|1|169|6|0|Doch warum wird hier dieses Sabbatmorgenmahles erwähnt? Die Ursache liegt nicht ferne, so jemand bedenkt, dass an diesem Morgenmahl der höchste, heilige Vater Selbst sichtbar teilnahm unter den ersten Menschen dieser Erde und dabei den Grund gelegt hat für die erste ordnungsmäßige Kirche der Erde. Und wie vorher Adam und Eva nur als das erste Menschenpaar haben angesehen werden können, so kann es nun auch als die erste Gründung der Kirche Jehovas angesehen werden; denn knapp dann an diese Kirche ist das Judentum fest angeschlossen und besteht in vielen Stücken noch daraus. Und in der Mitte von Asien, in einer hohen Gebirgsgegend unfern des Himalaya, lebt noch ein kleines, abgeschlossenes Völkchen ganz streng nach dieser später von den Kindern Noahs auf steinerne Platten mittels gewisser entsprechender Sachbilder eingegrabenen Schrift, wovon die späteren ägyptischen Hieroglyphen nur eine verfälschte Abart sind.
HG|1|169|7|0|Doch soll das sogenannte Sanskrit der Gebern, Parsen und Hindus nicht als eine und dieselbe Schrift angesehen werden; denn auch diese ist fürs Erste viel jünger und gleich den ägyptischen Hieroglyphen eine ganz finstere Abart, voll von großen Irrtümern, darum auch ihr Gottesdienst danach ein gräuelhaftes Heidentum ist.
HG|1|169|8|0|Seht, darum also wird hier auch dieses Morgenmahl erwähnt, welches fast also für die Gründung der Urkirche damals gehalten wurde wie nach der Vollendung des großen Völkertages, welcher nahe viertausend Jahre angedauert hatte, das letzte große Abendmahl zur Gründung eines neuen Testamentes, welches da ist eine neue Gnaden- und Erbarmungskirche, erfüllt mit dem ewigen Leben und somit erfüllt durch Gott und mit Gott!
HG|1|169|9|0|Doch nun genug von dieser historischen Beleuchtung; und sonach gehen wir wieder in die Hütte Adams und sehen und hören da zu, was da alles geschah nach dem Morgenmahl!
HG|1|169|10|0|Nachdem das Morgenmahl verzehrt war und alle in ihren liebeerfülltesten Herzen dem Abedam Emanuel Abba gedankt hatten, da erhob sich alsbald der Hohe und richtete folgende Rede an alle, sagend nämlich:
HG|1|169|11|0|„Hört alle, die ihr hier zugegen seid und wart Zeugen dieser Nacht und, mit Ausnahme des alleinigen Kaeam, auch fast des ganzen gestrigen Tages! Damit sollt ihr euch allzeit erinnern, wer Der war, ist und sein wird ewig, der zu euch kam und hat euch Selbst gelehrt den gerechten Weg der Liebe und also auch die wahre, unendliche Weisheit aus ihr, – nicht eine Weisheit der Welt zur großen Beschwerde des Hauptes und noch größerer des Herzens, sondern eine wahre Weisheit im Geiste der Liebe und aller Wahrheit aus ihr, welches alles ist das wahre, freie, ewige Leben.
HG|1|169|12|0|Dieses Mahl sollt ihr also auch fürder begehen, bevor ihr dem Vater wollt ein Sabbatopfer darbringen; denn wahrlich sage Ich euch, nicht eher soll das Opfer angesehen werden, als bis ihr euch beim Morgenmahl als wahre Brüder und Schwestern in Meiner Liebe und also auch als Kinder eines und desselben Vaters wohl im Herzen erkannt habt!
HG|1|169|13|0|Sooft ihr in der wahren, lebendigen Liebe eures Herzens zu Mir solches unter euch begehen werdet, werde Ich auch sein unter euch, – entweder manchen, die da zu Mir werden sein brennenden Herzens, sichtbar, oder den Laueren stets unsichtbar.
HG|1|169|14|0|Ja, in Meiner Liebe werdet ihr alles vermögen, ohne Meine Liebe aber nichts! Denn Meine Liebe ist ein fetter, guter Acker, auf welchen ihr gesät seid. Wer sich da nicht wird ausreißen lassen vom Feind, der wird üppig emporwachsen und wird viele herrliche Früchte bringen. Wer aber da die Wurzeln seines Liebelebens nicht tief und fest genug in den Grund dieses besagten Ackerbodens wird getrieben haben, wahrlich, es wird ihm übel ergehen zur Zeit der wiederkehrenden Versuchung, da der Feind der Liebe kommen wird und wird versuchen, aus dem Boden des Ackers zu ziehen die Bäumchen! Er wird nicht eines unversucht lassen; da er aber ein schwaches antreffen wird, wird er es wohl verschonen?
HG|1|169|15|0|O nein, er wird es samt den schwachen Wurzeln aus dem Boden des guten Ackers reißen und es dann verderben lassen, darum die Wurzeln keine Feuchtigkeit des Lebens mehr haben werden und so das Bäumchen dann verdorren und endlich bald ganz und gar in den Tod übergehen wird! Denn wer von euch hat noch je gesehen in der Luft allein Pflanzen entstehen und gedeihen?
HG|1|169|16|0|‚Aber jedes Pflänzchen bedarf auch der Luft zum Leben!‘, also würdet ihr sagen. Ich auch sage solches mit euch; aber das Erdreich ist das erste Notwendige, ohne das ist die Luft zu nichts nütze!
HG|1|169|17|0|Es ist aber die Luft gleich dem göttlichen Wort und die Liebe eures Herzens das Erdreich, in welches gesät ist ein lebendiger Geist, umgeben mit einer lebendigen Seele.
HG|1|169|18|0|Dieser Same des ewigen Lebens in euch kann nur dann sich die heilige Luft der göttlichen Lehre fruchtbringend zunutze machen, so er aufgegangen ist und feste und tiefe Wurzeln getrieben hat im Erdreich der Liebe eures Herzens zu Mir. Wenn solches nicht geschehen ist zuvor, sagt es und urteilt selbst, wird da ihm das, nämlich die Luft, was ihn sonst hätte fruchtbringend gestalten sollen, nicht zum Tode gereichen?
HG|1|169|19|0|Seht, sonach nützt euch Mein Wort wenig, so eure Herzen nicht voll Liebe sind zu Mir und daraus zu euren Brüdern, und die bodenlose, luftige Weisheit eures Verstandes ist dann der Tod eurer Liebe!
HG|1|169|20|0|So aber eure Liebe, die dem Geist zur Nahrung dienen soll, tot ist gleich dem aus dem Erdreich Meiner Liebe zu euch ausgerissenen Bäumchen, dessen Wurzeln nur noch mit dem vertrockneten Erdreich eurer Liebe zu Mir beklebt sind, woher soll da euer Same oder als noch schwaches ausgerissenes Bäumchen des Lebens Nahrung noch bekommen?
HG|1|169|21|0|Darum also sei euch dieses Morgenmahl ein sichtbares Mahnzeichen, dass ihr euch allzeit an die Liebe halten sollt! Und so ihr und solange ihr solches tun werdet, werdet ihr auch das Leben haben bei und in euch und also auch Mich als den Urborn aller Liebe, alles Lebens und aller Weisheit aus Mir!
HG|1|169|22|0|Diese Worte grabt euch tief ins Herz und tut alle unabänderlich danach, so werdet ihr leben durch und durch und nicht fragen: ‚Wo ist der Vater?‘ und auch zu Ihm nicht rufen: ‚Komme!‘; denn da wird Er sein bei euch und in euch wie jetzt, also auch ewig! Amen.
HG|1|169|23|0|Und du, Henoch, gehe nun, und bereite dein Opfer; denn die Zeit desselben ist da! Amen.“
HG|1|170|1|1|Ein Opferevangelium
HG|1|170|1|1|Am 10. Dezember 1841
HG|1|170|1|0|Nach dieser Rede erhob sich alsbald der Henoch mit der innersten Liebe und dankerfülltestem Herzen und fragte den hohen Abedam:
HG|1|170|2|0|„Herr und unser aller liebevollster Vater, der Du heilig, überheilig bist, wäre es Dein heiligster Wille, so auch hier auf der Höhe am Sabbat Dir ein solches Opfer dargebracht werden möchte, wiegestaltet wir es Dir gestern in der Niederung dargebracht haben? Oder soll es Dir zum Wohlgefallen verbleiben bei der Art Ahbels, Seths und Enos’? O Abba, gebe mir kund Deinen heiligen Willen!“
HG|1|170|3|0|Abedam aber erwiderte dem Henoch: „Henoch, wie aber magst du Mich um solches fragen, da du es doch am allerbesten weißt, worin das Mir allein wohlgefällige Opfer besteht!
HG|1|170|4|0|Wo Mir zuerst das innere Opfer eines reumütigen, zerknirschten, liebeerfüllten Herzens dargebracht wird, da wird ja auch dadurch jedes Opfer geheiligt, ob es entweder ist nach der Art Ahbels, Seths und Enos’, oder ob es ist wie gestern in der Tiefe gestaltet!
HG|1|170|5|0|Doch, Ich sehe in euer aller Herzen einen leeren Ort! Diesen Ort habt ihr geweiht dem Opfer zu Gott, seht aber wegen der Leere nicht ein, wem ihr ein Opfer darbringt, und warum ihr es darbringt! So fasst es denn: Der Vater will kein Opfer denn allein das des Herzens. Der Vater aber ist auch der alleinige, ewige, überheilige, mächtige Gott; Dem aber allein gebührt ein Opfer, wie dem Vater die reine Liebe.
HG|1|170|6|0|Das Opfer verzehrt, zerstört und tötet jegliche Gabe im Feuer, welches da lodert auf dem Altar. Seht, solches ist ein Zeugnis des Menschen vor Gott, welches besagt, dass er Gott erkannt hat, entweder offenbar oder allein dunkel ahnend im Herzen, wie Gott ist und tut gleich dem Opfer!
HG|1|170|7|0|Doch wer da hinge allein am Opfer und wäre nicht gebunden von der Liebe zum Vater, den würde endlich das Gott ähnliche Opfer selbst ergreifen, ihn verzehren, zerstören und töten, darum er sich nicht befeuchtet hat zuvor mit dem Wasser des Lebens, welches da ist die reine Liebe zum Vater!
HG|1|170|8|0|Ich sage euch aber, wer dem Vater opfert im Herzen, der hat auch Gott ein wohlgefälliges Opfer dargebracht. Wer aber auf dem Altar nur Gott ein Opfer darbringt und glaubt dadurch auch dem Vater wohlzugefallen, der ist in einer großen Irre; denn wahrlich, der Vater hat kein Wohlgefallen an dem Brandopfer, sondern allein am lebendigen Opfer des Herzens!
HG|1|170|9|0|Oder sollte der lebendige Vater, von dem alles Leben stammt, wohl ein Wohlgefallen haben am toten Brandopfer oder an einem Opfer, das jede Gabe verzehrt, zerstört und endlich gar tötet?
HG|1|170|10|0|Ja, wie schon bemerkt wurde, wenn zuvor ein lebendiges Opfer der Liebe im Herzen zum Vater dargebracht wird, so soll dann auch das Brandopfer angesehen werden, wodurch der Mensch zu erkennen gibt, was er im Herzen gefunden hat, nämlich, dass der Vater heilig, heilig, heilig ist und Gott der Allmächtige von Ewigkeit. Ohne dieses Vor-, Mit- und Nachopfer ist jegliches Brandopfer ein Gräuel vor Mir!
HG|1|170|11|0|Seht zurück auf Kahin und Ahbel! Kahin opferte ohne Liebe, Ahbel aber mit Liebe. Wessen Opfer stieg empor, und wessen wurde zurückgeschlagen zur Erde?
HG|1|170|12|0|Da aber Kahins Opfer dem Vater ein Gräuel war, was war darum die Folge solcher Opferung? Das Opfer ergriff den Kahin selbst und machte aus ihm einen Brudermörder!
HG|1|170|13|0|Also wird dereinst das alleinige blinde Opfer noch gar viele ergreifen, darum sie dann tun werden gleich dem Kahin und werden darum zahllose Brüder umbringen geistlich und leiblich.
HG|1|170|14|0|So ihr aber schon ein Opfer darbringen wollt, da bringt Mir ein gerechtes Opfer dar, wie Ich es euch zur Genüge bezeichnet habe!
HG|1|170|15|0|Wie es aber verrichtet ward gestern in der Niederung, also soll es auch verrichtet werden heute; doch nicht mehr am Abend sollt ihr das Opfer am Altar anzünden, sondern am Vormittag, damit darum die ferne wohnenden Kinder bis zum Abend hin ihre Heimat erreichen können.
HG|1|170|16|0|Bei der Opferung sollen dann auch fürder nicht alle kleinen Kinder mitgenommen werden, sondern es ist genug, so von jeglicher Hütte zwei Männer und ein Weib erscheinen. Doch es soll niemandem zu einer Lebenspflicht gemacht werden, als müsse er zum Opfer erscheinen; denn das Opfer wird niemanden heiligen, sondern allein die Liebe zum Vater!
HG|1|170|17|0|Wen die Liebe zum Vater herbeiführen wird, durch den wird das Opfer geheiligt, und er wird dann durch dasselbe erbaut im Geiste. Den aber nicht die Liebe, sondern ein nötigender Zuchtmeister von irgendeinem Gesetz hertreiben wird, dass er darob haben wird ein widerwärtiges Herz, durch den wird das Opfer entheiligt werden, und es wird ihn zerstören, und er wird vertrocknen im Herzen. Und was er dann Mir darbringen wird, das wird gleich sein seinem vertrockneten Herzen, ein Werk ohne Leben, eine tote Gabe.
HG|1|170|18|0|Also bei dem nun Ausgesprochenen soll es verbleiben.
HG|1|170|19|0|Und nun, geliebter Henoch, kannst du dich schon an dein Werk machen; ihr übrigen aber geht auch hinaus und berichtet den von allen Gegenden vielen Opferharrenden, welch eine Bewandtnis es mit dem Opfer habe, – doch von Mir schweigend, wie Ich wesentlich gegenwärtig bin.
HG|1|170|20|0|Nur allein du, Jared, du, Abedam, und du auch, Adam, folgt Mir bis zur Zeit der Opferung in die Hütte Jareds; Seths Kinder aber sollen die Eva uns nachgeleiten!
HG|1|170|21|0|Und also geschehe nun alles gerecht in und durch die alleinige Liebe! Amen.“
HG|1|171|1|1|Henoch bereitet das Opfer
HG|1|171|1|0|Und alsbald ging der Henoch an sein Werk, legte das reinste Zedernholz quer übereinander auf den Altar und betete beständig bei dieser Arbeit.
HG|1|171|2|0|Da er aber also arbeitete, siehe, da traten bald einige vom Mittag her Anwesende zu ihm hin und fragten ihn, was denn das bedeuten solle, dass jetzt schon das Holz auf den Altar gelegt werde, während solches doch nur abends gebräuchlich war.
HG|1|171|3|0|Und der Henoch aber entgegnete, ebenfalls fragend: „Was beirrt euch das? Tue ich, was ich tue, denn eigenmächtig?
HG|1|171|4|0|Oder ist darum meine Handlung euch eine Lüge geworden, dieweil ihr sie nicht begreift?
HG|1|171|5|0|Ja, ja, es ist für Blinde gar vieles eine Lüge; denn alles, was man ihnen sagt, ist wenigstens für sie so gut wie eine Lüge, darum sie blind sind.
HG|1|171|6|0|Was nützt dem Blinden der Sonne strahlend Licht? Wozu dem das Licht der Sonne begreiflich machen wollen, wozu ihn anlügen? Denn des Blinden Sonne ist ja schwarz; an diese hält er sich. Aus dem Grunde ist für ihn eine strahlende Sonne ja eine Lüge; denn so Fremdes zu jemandes Schatz hinzugelegt wird, was ist dieses Fremde dem eigenen Schatz? Nichts als eine Lüge, da es nicht ist gleich dem eigenen Schatz, obschon beim selben liegend, sondern Fremdes oder als etwas, was für den so gut wie gar nicht vorhanden ist, für den es nicht die sichtbaren Zeichen der ihm eigenen Eigentümlichkeit in sich trägt.
HG|1|171|7|0|Daher auch fragt ihr mich vergeblich, denn heute bin ich am wenigsten geneigt, euch anzulügen! Denn wer der Wahrheit voll ist, für den ist alle Lüge ins ewige Nichts gesunken. Wer aber noch der Lüge voll ist in seinem Herzen und hält sie für wahr, was sollte dem die eigentliche heilige Wahrheit sein? Nichts als eine Lüge!
HG|1|171|8|0|Wer der Welt Licht sucht, was ist dem das innere Licht des Geistes? Nichts als Lüge, eine barste Finsternis! Denn wie sollte jemandem das ein Licht sein, bei dem er weiter greift als sieht?
HG|1|171|9|0|Daher auch lasst ihr mich in Ruhe! Denn des Herrn Wege könnt ihr noch nicht fassen; denn diese Nacht hat eure Herzen mit Finsternis geschlagen, darum ihr auch nicht mehr wisst, dass die wahre Liebe zu Gott an keine Regel gebunden ist, sondern ganz vollkommen frei ist, und also auch das Opfer, das Ihm die Liebe darbringt. Liebt aber ihr schon eure Weiber frei und bindet euch nicht an Zeit und Stunde, – warum sollte denn die Liebe zu Gott gemessen sein?!
HG|1|171|10|0|Daher geht, und bedenkt euch eines Besseren! Amen.“
HG|1|171|11|1|Am 11. Dezember 1841
HG|1|171|11|0|Als die neugierigen Mittägler vom Henoch auf diese ganz für sie passende Art abgefertigt wurden, fingen sie unter sich an zu murren; denn es verdross sie gewaltig, dass ihnen der Henoch auf ihre Frage eine so sonderbare Antwort gab, nachdem, wie sie sich im Herzen gestanden, sie ja mit der Frage es nicht so übel gemeint hätten.
HG|1|171|12|0|Einer aus ihnen sagte zu den übrigen: „Hört, ihr Brüder, ich kenne den Henoch gar wohl, und soviel ich gestern von ferne bemerkt habe, so glaube ich, die Väter haben ihm das Opfergeschäft übertragen; und wie er aber schon allzeit ein Sonderling war in allen seinen Reden und Handlungen, also wird er es auch sein bei diesem Geschäft!
HG|1|171|13|0|Ich bin aber der Meinung, man sollte die altsittliche fromme Opferungsweise nach der Art Ahbels, die Gott wohlgefällig war, nicht so leicht der Willkür eines einzigen überlassen, sondern, wenn da irgendeine Abänderung hätte getroffen werden sollen, so hätte solche beim versammelten Rat aller Kinder geschehen sollen. Oder wenn es nicht also ist, was sind dann wir als Menschen gleichen Ranges?!
HG|1|171|14|0|So das Opfer auch für uns und von uns aus als ein gültiges soll angesehen werden, so soll es ja auch von unserem Rat etwas an sich und in sich bergend tragen; so aber trägt es nichts in sich denn allein unseren Widerwillen und hat somit für uns auch keine Wirkung.
HG|1|171|15|0|Wie können, wie sollen wir das billigen, zudem noch, da wir doch vorher allzeit in rein göttlichen Dingen sind zu Rate gezogen worden?!
HG|1|171|16|0|Daher glaube ich, der Sethlahem als der Älteste und Erfahrenste aus uns sollte noch einmal hingehen zum Henoch und sollte ihn ganz strenge ernstlich fragen, was es da mit dem frühen Holzauflegen für eine Bewandtnis hat!“
HG|1|171|17|0|Der Sethlahem, der auch unter diesen Fragenden sich befand, aber entgegnete dem Geärgerten: „Höre, dazu habe ich keine große Lust; denn ich habe den Henoch gestern kennengelernt auf eine Art, – ich sage euch, auf eine ganz außerordentlich sonderbare Art!
HG|1|171|18|0|Ich sah ihn mit einer Macht ausgerüstet, vor der es mich noch heute, so ich daran denke, noch durch und durch erschauert!
HG|1|171|19|0|Die heutige Nacht war grauenvoll! Schrecklich wüteten die Elemente, wie ihr es alle wisst, dass wir uns darob flüchteten auf die Höhe und lagen da in großer Angst auf der Erde bebendem Boden, solange der Sturm angedauert hatte; allein so groß auch diese Angst war, so mochte sie aber doch nicht den Anblick und das Gehörte aus meinem Herzen verdrängen, was ich gestern am Henoch entdeckt habe!
HG|1|171|20|0|Ihr wisst es alle, als da einige von uns sich gelüsten ließen, hinab in die Tiefe zu gehen, wie da ihnen ein mächtiger Tiger den Weg vertrat und sie durch seine Kraftäußerung an einem zerrissenen Riesenstier zum eiligen Rückzug zwang.
HG|1|171|21|0|Hört, derselbe Tiger, den ich gar wohl erkannte, war gestern dem Henoch gleich einem Lamme untertänig und gehorchte jeglichem seiner Winke! Aber nicht genug, dass dieses Ungetüm dem Henoch den größten Gehorsam bewies, sondern – was zu den allerunerhörtesten Dingen gehört – es musste sogar reden und reden jedem von uns wohlverständliche Worte voll weisen Sinnes!
HG|1|171|22|0|Solches habt ihr freilich wohl nicht bemerken können, da ihr im tiefen Hintergrund bei euren Hütten auf der Erde lagt; aber ich, der da ganz vorne war, habe solches unvergesslich gesehen und gehört.
HG|1|171|23|0|Dass mich dadurch der Henoch sehr anzog, könnt ihr euch wohl vorstellen, darum ich dann auch, sobald sich nur die erste Gelegenheit darbot, vor allem trachtete, mit ihm wortgemein zu werden.
HG|1|171|24|0|Als ich aber mit ihm zu reden anfing und wollte ihm sogar ein Jünger werden, seht, da gab er mir ein Gleichnis über die Anschauung eines fernen Gebirges und machte mir den Unterschied zwischen der erzählten und eigenen Anschauung also erschaulich, dass ich mir bei seiner Erklärung mit aller meiner Weisheit nicht anders gegen ihn vorkam, als wäre ich erst kaum dem Mutterleib entstiegen!
HG|1|171|25|0|Und wie es mir vorkam, so waren alle Väter – sogar der Adam nicht ausgenommen – ihm im Wort untertan und er ganz allein wortleitig für sie alle.
HG|1|171|26|0|Darum sage ich euch, wer von euch da noch Lust hat, nach dieser seiner Abfertigung unserer unzeitigen Neugierde ihm noch mit einer neuen und noch unzeitigeren Frage zu kommen, der mag ja immerhin den Versuch machen; allein mich lasst dabei ungeschoren!
HG|1|171|27|0|Ich glaube aber auch für euch, es wird sich ganz entsetzlich lächerlich ausnehmen euer Kampf mit ihm, – nicht viel anders als der zwischen einer Maus und einem Löwen! Wer bei derart Kämpfen den Sieg davontragen wird, – ich glaube, um das im Voraus zu bestimmen, gehört gerade nicht ein großer Prophet dazu!
HG|1|171|28|0|Habt ihr aber noch dessen ungeachtet Lust, eure ernst-strenge Frage an ihn zu richten, so wünsche ich euch viel Glück und eine heitere Sonne obendrauf! Nur so viel bemerke ich euch noch zu allem dem schon Gesagten hinzu, dass mit jenen, die mit Gott in irgendeiner sicheren Verbindung stehen, nie zu spaßen ist. Was sie tun, sollen wir lieber ernstlich beachten, als ernst darum fragen; denn des großen Gottes Wege sind unergründlich und Seine Ratschlüsse unerforschlich!
HG|1|171|29|0|Solches führt euch eher wohl zu Gemüte, bevor ihr einen Schritt wagt!“
HG|1|171|30|0|Als die Ärgerlichen aber solches vom Sethlahem vernommen hatten, standen sie von ihrem Vorhaben alsbald ab und ergaben sich in den weisen Rat Sethlahems.
HG|1|171|31|0|Der Henoch aber rief seiner inneren Aufforderung gemäß den Sethlahem zurück zu sich und sagte folgendes zu ihm:
HG|1|171|32|0|„Sethlahem, ich lobe dich! Siehe, nun hast du wahrhaft weise gehandelt, da du diesen Schwachen aufgeholfen hast, die ohne deine Hilfe unfehlbar in einen tiefen Abgrund gestürzt wären, da sie blind sind und darum nicht sehen, wie der Boden unter ihren Füßen beschaffen ist!
HG|1|171|33|0|Du aber sollst von nun an nicht von meiner Seite weichen, bis auch du sehen wirst, was deine sterblichen Augen noch nicht gesehen haben, und hören, was deine sterblichen Ohren noch nicht gehört haben!
HG|1|171|34|0|Ist dir denn der heutige so überaus heitere und angenehme Tag mitnichten aufgefallen, der da gefolgt ist dieser Nacht des Schreckens?
HG|1|171|35|0|Und so du den Gang des Sturmes und dessen plötzlichen Verlauf beachtet hast, sage mir, ist dir dabei nichts aufgefallen?“
HG|1|171|36|0|Und der Sethlahem erwiderte ihm: „O Henoch, wem sollte das nicht auffallen? Aber was nützt unsereinem auch all das Auffallen? Denn ich verstehe mit und ohne Auffallen nichts von allem dem und denke mir bloß dabei zu meiner Beruhigung:
HG|1|171|37|0|Der Herr Jehova wird es schon gar wohl und überaus sicher wissen, warum dieses und warum jenes! Mehr herauszubringen werden wohl jene verstehen, denen Jehova näher ist denn mir; doch Ihm allen Dank dafür, da Er mir nur den Frieden beschied! Ich bin ja auch damit hinreichend zufrieden!
HG|1|171|38|0|Was meinst denn du, lieber Henoch, ist es nicht recht also?“
HG|1|171|39|0|Und der Henoch entgegnete ihm: „O Sethlahem, du hast einen guten Boden! So der Same in dein Erdreich fallen wird, wird er dir tausendfältige Früchte bringen!
HG|1|171|40|0|Höre, heute wirst du einen Fremden in unserer Mitte erschauen; zu diesem Fremden gehe hin, Der wird dir mit einem Wort mehr sagen als ich in Jahrtausenden! Ja ich sage dir, Er wird dich lebendig machen durch und durch!
HG|1|171|41|0|Doch nun nichts mehr weiter; denn ich sehe Ihn schon kommen!“
HG|1|172|1|1|Des hohen Abedams Lehre über die Fürbitte
HG|1|172|1|1|Am 13. Dezember 1841
HG|1|172|1|0|Und also schwieg Henoch und ihm gleich auch der Sethlahem, stille erwartend den großen Kommenden.
HG|1|172|2|0|Doch sie durften gar nicht lange warten; denn ehe sie sich’s versahen, war Er an der Seite Jareds und Abedams auch schon da. Der Adam aber musste mit der Eva und den Kindern Seths unterdessen sich auf die schon bekannte Morgenhöhe begeben und dort Seiner wie all der übrigen, welche uns sämtlich von der Hütte Adams aus bekannt sind, fröhlich harren.
HG|1|172|3|0|Beim Henoch am Opferaltar kaum angelangt, fragte der hohe Abedam ihn sogleich: „Lieber Henoch, höre, Ich habe ein Gemurre vernommen aus dem Herzen einiger, die vom Mittag sind! Der Sethlahem hat ihnen zwar wohl den Mund gestopft, aber nun schreit desto erbärmlicher ihr Herz und ist voll Argens!
HG|1|172|4|0|Was meinst du, das wir ihnen tun sollen?“
HG|1|172|5|0|Und der Henoch erwiderte dem hohen Fragenden: „O Abba, Du sagst es in meinem Herzen! Ihnen geschehe nach Deinem Willen, und es wird alsdann am besten geschehen mit ihnen!“
HG|1|172|6|0|Und der Abedam sagte darauf wieder zum Henoch: „Siehe Henoch, dieser alleinig willen war der nächtliche Sturm zugelassen, damit er ihre hochmütigen Herzen hätte demütigen sollen; allein welche geringe Wirkung er bei ihnen machte, hast du mit eigenen Augen nun gesehen und gehört mit eigenen Ohren!
HG|1|172|7|0|Wäre es denn nicht besser, dass solche Ärgerer nicht wären, als dass sie sind?!
HG|1|172|8|0|Darum sollte man sie ja wohl von der Erde verschlingen lassen, damit ihr Odem nicht ferner verpeste diese heilige Stätte.
HG|1|172|9|0|Nun, was meinst du, wird es wohl recht sein, so ihnen geschieht nach dem Wert ihrer Herzen?“
HG|1|172|10|0|Und der Henoch entgegnete dem Abedam: „Herr, der Du voll Liebe und Erbarmung bist, Dein Wille ist allzeit heilig und Deine Erbarmung unendlich, und Du bedarfst es nicht, dass Dich jemand um Erbarmung anflehen soll; aber doch verschaffst Du uns Gelegenheiten, in denen wir unsere eigenen Herzen prüfen sollen, wie viel der Nächsten- und Bruderliebe darinnen wohnt, und inwieweit Dir ähnlich wir in der Barmherzigkeit es gebracht haben.
HG|1|172|11|0|Siehe, da ich durch Deine unendliche Gnade und Erbarmung solches erkenne, dass in mir die Erbarmung und Liebe gegen meine Brüder nichts als nur pur Deine Erbarmung und Liebe ist, ein Fünklein von Deinem endlosen, überheiligen Liebesfeuer, so komme auch ich hier in meiner nur scheinbaren Erbarmung zu Dir und bekenne, dass nichts mein, sondern alles Dein ist, – meine Liebe Deine Liebe in mir, meine Erbarmung Deine Erbarmung in mir! Darum Dir, o Abba, ewig Dank, Lob und Preis dafür!
HG|1|172|12|0|O Abba, so ich über jemanden Erbarmung in mir empfinde, da empfinde ich aber auch zugleich, wie unendlich spät gegen Dich ich mit meiner Erbarmung herauskomme!
HG|1|172|13|0|Wo wäre ein armer, schwacher Blinder schon in der Zeit, wann ich zufolge meiner Erbarmung ihm zu Hilfe kommen möchte, so Du Dich seiner nicht schon unendlich früher erbarmt hättest?!
HG|1|172|14|0|Doch kann ich Dich bitten, dass Du Dich der Schwachen und Blinden erbarmen möchtest! So ich Dich aber darum bitte, o Abba, da bitte ich nicht, um Dich zu etwas zu bewegen, sondern dass Du gnädigst mein Herz ansehen möchtest, wenn es Dir [aus] Deinem Schatz für die Brüder ein kleines Opfer bringt.
HG|1|172|15|0|Darum denn sage ich auch hier wie überall und allzeit: O Abba, Dein heiliger Wille geschehe! Und was Dir mein Herz an Liebe und Erbarmung für die Brüder darbringt – ein geringes Opfer gegen Deine unendliche Liebe und Erbarmung –, nehme es gnädigst auf, als wäre es vor Dir etwas, damit dann auch ich, so Du Dich jemandes vollends erbarmt hast in schon für uns Blinde sichtbarer Tat, mich mit denen freuen könnte und dürfte, an die Deine sichtbare Erbarmung erging!
HG|1|172|16|0|O Abba, nehme dieses mein Bekenntnis gnädigst auf, und habe Geduld mit meiner Torheit; Dein heiliger Wille jetzt und ewig! Amen.“
HG|1|172|17|0|Und der Abedam sah den Henoch überfreundlich an und erwiderte ihm folgendes:
HG|1|172|18|0|„Lieber Henoch, vollkommen war deine Rede, da sie zeigte, wie dein Herz beschaffen ist, und wie viel Weisheit aus der Liebe im selben waltet! Damit du aber ganz vollkommen auch innewerden möchtest, wie alle Fürbitte geartet sein soll aus der ewigen Ordnung heraus, so höre:
HG|1|172|19|0|Wenn du siehst, dass da irgendein wie immer geartet armer Bruder oder auch Schwester wandelt, das heißt, da er ist entweder arm am Leib durch die Schwäche oder gar gänzliche Unbrauchbarkeit eines und des anderen Sinnes, oder er ist arm im Herzen, arm an der Liebe, arm in der Kraft zur Tat, arm am Willen, arm in der Einsicht, arm am Verstand oder ganz verarmt am Geist und an allem, was des Geistes ist, und du erbarmst dich seiner aus der Liebe deines Herzens zu Mir und daraus erst zum Bruder oder zur Schwester, siehe, dann ist dein Erbarmen ein vollkommenes, da es dann schon eine Aufnahme Meiner großen Erbarmung auf gleiche Art ist, als so der Wind zieht durch den Wald und bewegt da die Bäume und rührt jegliches Blättchen am Baum, darum dann jegliches Blättchen fächelt und durch das Fächeln auch einen eigenen kleinen Wind zuwege bringt, welcher vom allgemeinen großen Wind aufgenommen wird also, als wäre er im Verhältnis zu ihm wirklich etwas.
HG|1|172|20|0|Du wirst aber auch schon öfter bemerkt haben, wenn der Wind geht, dass er da auch die dürren Blätter rührt; allein, da sie dürre sind und darum steif und tot, so halten sie den Zug des Windes nicht aus, brechen bald vom Zweig und flattern dann tot zur toten Erde nieder. Und führt sie der große Wind auch eine Zeit lang mit, nach und nach aber senken sie sich doch dahin, wo die Vernichtung ihrer harrt!
HG|1|172|21|0|Das Blatt des Baumes hat solche Bestimmung, aber nicht also der Mensch! Wehe ihm aber, so er am Baum des Lebens ist dürre geworden; wahrlich, er wird seiner Vernichtung nicht entgehen!
HG|1|172|22|0|Solches aber ist zu entnehmen dem Gleichnis, dass nur der Lebendige zur lebendigen Erbarmung gerührt werden kann durch Meine große Erbarmung; seine Erbarmung wird somit von Meiner aufgenommen, als wäre sie etwas. Gleichwie aber der Wind aufnimmt das gefächelte Lüftchen des Blattes und, es alsdann mit sich führend, seine Mitblätter bespielen lässt, also auch verhält es sich mit der Erbarmung des Menschen gegen seine Mitmenschen, darum da ein Bruder dem anderen so viel tun soll, als er kann aus der lebendigen, ja von Mir aus und durch Mich lebendigen Liebe heraus, und Ich werde dann seine Tat und seine Fürbitte also ansehen, als wäre sie etwas vor Mir!
HG|1|172|23|0|Siehe, wenn also der Wind geht, so nimmt er deinen Hauch mit, als wäre er etwas! Aber meinst du wohl, dein Hauch wird entweder den Wind verstärken oder ihm wohl gar eine andere Richtung geben?
HG|1|172|24|0|O siehe, solches vermag wohl der Hauch aller lebenden Menschen zusammengenommen nicht! Denn der mächtige Wind kommt, niemand der Menschen weiß es, woher; und dahin er zieht, weiß auch niemand, sondern allein seine ordnungsmäßige Richtung lässt er aus seinem Zuge dich gewahren. So du hauchst mit der Richtung, da wird dein Hauch aufgenommen und mitgeführt werden; hauchst du aber eigenmächtig dem Zuge entgegen, da wird dein Hauch zurückgestoßen werden und wird sich brechen an deinem eigenen Mund und also ersticken helfen dein eigenes Leben!
HG|1|172|25|0|So du an einem Strom weinst und Tränen des Mitleids entfallen deinem Auge, wahrlich, sie werden auch dem Meer der Erbarmung zugeführt werden, hast du deine Tränen fallen lassen ins Wasser des Stromes, dass sie darum eins geworden sind mit des Stromes Wasser! Wenn aber jemand auch weinen möchte am Strom, hätte aber nicht beachtet des Stromes Wasser und ließe seine Tränen fallen auf des Stromes Ufersand, werden solche Tränen wohl auch gelangen in das Meer?
HG|1|172|26|0|Siehe, wer da Mich zu einer Miterbarmung durch seine Fürbitte zu bewegen wähnt, ist der nicht noch dümmer als einer, der da der Meinung wäre, wo er immer eine Träne geweint hat, müsse das Meer hinkommen und da seine Träne aufnehmen, ohne nur im Geringsten zu beachten, was das Meer ist, und wohin ohnedies sogar jegliches Bächlein seine Richtung nimmt?
HG|1|172|27|0|Wer aber sich durch Mich bewegen lässt, der ist mit seiner Erbarmung in der Ordnung, und seine Tränen fallen schon sogleich ins Meer.
HG|1|172|28|0|Wer hat denn dann bei Mir vorgebeten oder Mich bewogen, euch zu erschaffen, da außer Mir noch nichts war? Oder bin Ich etwa seitdem härter geworden und liebloser, darum Ich Mich durch Meine Geschöpfe sollte zu etwas bewegen lassen?
HG|1|172|29|0|O siehe, dessen hat es wahrlich nicht vonnöten, wohl aber, dass Meine Kinder sich von Mir bewegen lassen in ihren Herzen und Mich aufnehmen in der reinen Liebe, dann des Zuges Meiner großen Erbarmung achten und sodann lebendig mitbarmherzig werden! Siehe, das ist Mein Wille!
HG|1|172|30|0|Da Ich dich also früher fragte, was da geschehen solle mit den Widerspenstigen, da war deine Antwort ja recht, da du dich von Mir hast ergreifen und rühren lassen, und es soll also auch in der Zukunft bei jeglichen sein gerechtes Mitleid mit jeglichem Armen, denn ein jeder ist dem anderen ein Bruder in Meiner Liebe; doch wenn Ich Tote erwecken will, wer wird Mich da wohl bitten, dass Ich solches nicht tun möchte?!
HG|1|172|31|0|Und siehe, Henoch, der du Meine frühere Frage nicht voll begriffen hast, auch diese Murrer müssen zuvor von der Erde der wahren Demut verschlungen werden, bis sie mögen lebend werden!
HG|1|172|32|0|Darum also auch gab Ich dir nun solche Lehre. Jetzt aber lasse Mir die Murrer näher kommen! Amen.“
HG|1|173|1|1|Sethlahem wird verspottet und gedemütigt
HG|1|173|1|1|Am 15. Dezember 1841
HG|1|173|1|0|Als aber der Sethlahem solches vernommen hatte von dem hohen Abedam als natürlicher Augen- und Ohrenzeuge, da fing er an, Großes zu ahnen. Sein Herz brannte, und ein inneres Urteil sagte ihm: „Also, wie dieser Fremde spricht, wahrlich, also kann ja doch wohl kein Mensch sprechen! Hinter diesem Fremden muss etwas Außerordentliches stecken!“
HG|1|173|2|0|Nach diesem inneren Urteil und von diesem inneren Urteil geleitet und stark bestochen, trat der Sethlahem in der allerhöchsten Demut zum hohen Abedam hin und fragte Ihn:
HG|1|173|3|0|„Hoher Fremdling, der du voll bist von aller göttlichen Weisheit und scheinst auch nicht minder voll zu sein von göttlicher Kraft, so ich dich bitte, möchtest du von mir den kleinen Dienst annehmen, dass ich hinginge und zöge die hierher vor dein Angesicht, die da murren über die Einrichtungen Jehovas, ohne zu bedenken oder sich doch wenigstens aus dem Grunde belehren zu lassen, dass Jehova, der ewige, heilige Gott, solches alles, was da schon geschehen ist, jetzt geschieht und noch für ewig geschehen wird, schon sicher von Ewigkeit her vorgesehen und in einer Hinsicht, wenn es auch den freien Menschen betrifft, auch also bestimmt hatte?!
HG|1|173|4|0|Nach dem zu urteilen, was fürs Erste schon der Henoch mit treuem Wort mir von dir berichtet hatte, und was fürs Zweite ich jetzt selbst im Gespräch mit dem Henoch von dir vernommen habe, so wird ein Wort von dir bei diesen Murrern sicher mehr zu ihrer Besserung beitragen als tausend von mir.
HG|1|173|5|0|Denn eben diese sieben sind in allem genommen auch die Unbeugsamsten von der ganzen mittägigen Gegend.
HG|1|173|6|0|Wahrlich, Arges soll ihnen ja nicht geschehen; aber gebessert sollen sie vollends werden, ja gebessert müssen sie werden!
HG|1|173|7|0|So du also willst, will ich sogleich gehen.“ – Und der hohe Abedam erwiderte ihm:
HG|1|173|8|0|„Sethlahem, Ich sage dir, verstündest du Mein Wort, so würdest du auch verstehen, dass Ich deines Dienstes entbehren kann!
HG|1|173|9|0|Allein, da Ich dir ein Fremdling bin noch durch und durch, so magst du ja hingehen und tun, danach es dich gelüstet!
HG|1|173|10|0|Sollten dir aber etwa deine sieben Murrer nicht folgen wollen, dann magst du alsbald wieder allein umkehren und dich unverrichteter Dinge hierher begeben! Amen.“
HG|1|173|11|0|Und sogleich begab sich der Sethlahem zu den Murrern hin, die einige fünfzig Schritte von hier entfernt standen. Als er bei ihnen angelangt war, fragte ihn alsbald einer aus ihnen, etwas sich lustig machend:
HG|1|173|12|0|„Nu, um wie viel Hand Steine schwer bist du nun weiser geworden?
HG|1|173|13|0|Hat der Henoch dir etwa gar die gestrige versäuerte Parabel von den fernen Bergen gelichtet? Oder hat er dir vielleicht gar wieder einen neuen redenden Tiger vorgeführt?
HG|1|173|14|0|Ja, ja, bei Menschen deiner Art muss schon immer ein redendes Vieh zum Weisheitsprediger werden, denn Worte von unsereinem werden ohnedies für nichts mehr geachtet.
HG|1|173|15|0|Sethlahem, siehe, es ist wahrhaft jammerschade, dass diese Sturmnacht hindurch der große Sonderling Henoch nicht um dich war, da uns wenigstens einige Hunderte von den schönsten Tigern und noch viele andere Bestien die Ehre des Besuches gaben! Was hättest du von diesen langgeschweiften Waldweisen nicht alles lernen können, so sie der Henoch alle redend gemacht hätte!
HG|1|173|16|0|Wahrlich, das heißt in der Narrheit doch ein bisschen zu weit getrieben! Ein redender Tiger!
HG|1|173|17|0|Wenn das Ding so fortgeht, so werden längstens im nächsten Jahr auch Bäume und das Gras zu reden anfangen, wo nicht gar die Steine selbst und die Bäche, endlich gar das Meer!
HG|1|173|18|0|Und im dritten Jahr – glaube es nur fest, denn das ist dein Wahlspruch! – wird ein jeder vom Himmel fallende Regentropfen zu dir sagen: ‚Guten Morgen, weiser Sethlahem! Wie hast du geschlafen?!‘ Und solcher großer Weisheitsbrocken mehreres.
HG|1|173|19|0|Da erst wirst du schauen und deine Ohren stark in die Länge ziehen und deinen Mund noch weiter aufreißen als ein Tiger seinen Rachen, so er ganz sanft auf einen Biss einen Stier in seinen Magen spazieren lässt, und mit einer unendlichen Weisheitswundermiene sagen: ‚Was – ist – das?‘
HG|1|173|20|0|Sethlahem, siehst du denn die Torheit deiner Weisheitsträumereien noch nicht ein?
HG|1|173|21|0|Siehe, so von alters her nach der Aussage Adams, der noch lebt und allen Glauben als unser aller Vater verdient – vorausgesetzt, dass er der Erde erster Mensch ist; denn die Erde scheint größer zu sein, als dass sie anfänglich nur für einen Menschen hätte bestimmt sein sollen! –, alte, fromme Gebräuche üblich waren, warum soll daran etwas geändert werden, da noch dazu ohnehin für die wahrhaft verständig Weisen an dieser alten Zeremonie nichts gelegen ist als allein das Altersehrwürdiggeschichtliche? Wenn nun das wegfällt, sage, welchen anderen Wert kann wohl dieses wahre Kinderspiel für denkende Menschen haben?
HG|1|173|22|0|Oder möchtest oder könntest du wohl etwa als Weiser gar behaupten, Gott der Unendliche wird etwa gar eine Lust und Freude daran haben, so wir Ihm zu Ehren ein paar Holzprügel anzünden und dann die matte Flamme, welche ein geschlachtetes Schaf verzehrt, angaffen – dümmer noch vielleicht als das geschlachtete Schaf selbst?
HG|1|173|23|0|Wahrhaft, solche überdummen Begriffe von der Gottheit, von der zu zeugen zahllose Sterne und Sonnen als ein ewiges Opfer brennen, machen dem menschlichen Geist eine spottschlechte Ehre!
HG|1|173|24|0|Sage nun, Sethlahem, wenn du übrigens ein kleines Fünklein gesunden Verstandes besitzt, ob es nicht also ist, und ob du es nicht auch notwendig also findest, – vorausgesetzt, dass du etwa von irgendeinem gestreiften Waldweisen nicht eines Besseren belehrt worden bist! Denn was ein so auf einen Druck einen ganzen Stier fressender Beweis alles vermag, begreifen wir alle!
HG|1|173|25|0|Rede, rede nun, so du magst und kannst! Oder hast du vielleicht die blaufernen Berge nicht hinreichend verdaut? Oder kannst du etwa den Mund nicht weit genug öffnen?
HG|1|173|26|0|Siehe, wir haben ja keine solchen Ohren, die erst durch ein tigerartiges Gebrüll müssten gekitzelt werden, um deine neue henochische feine Weisheit zu vernehmen, sondern unseren menschlichen Ohren genügt noch eine gewöhnliche, menschliche Stimme; daher öffne nur wohlgemut deinen weisen Mund! Amen.“
HG|1|173|27|0|Wie es dem armen Sethlahem bei dieser spitzfindigen Rede zumute war, wird nicht schwer zu erraten sein, wenn man dazu noch bedenkt, dass er sich hier, ein wenig großtuend, etwas zugute hat wollen geschehen lassen; auf der anderen Seite er aber von der Rede des Fremden und auch der vom Henoch also durchdrungen war, dass er darob schon immer seine Blicke auf die Erde richtete, ob diese nicht etwa sich schon irgend zu öffnen beginne, um die so gewaltigen Lästerer zu verschlingen.
HG|1|173|28|0|Daher er aber auch kein Wort über seine Lippen zu bringen vermochte, sondern sich alsbald, wieder stark gedemütigt, umwandte und zum Henoch und dem Fremden eilte.
HG|1|174|1|1|Des hohen Abedams Lehre über Liebe, Vergebung und wahre Weisheit
HG|1|174|1|1|Am 16. Dezember 1841
HG|1|174|1|0|Und als der Sethlahem sich nun wieder beim Opferaltar befand in der Mitte des Abedam, Henoch, Jared und Abedam, des bekannten, da holte er einen tiefen Atemzug und wollte sich über die angetanen Beleidigungen von Seiten der sieben durch eine auseinandergesetzte Anklage gehörig Luft machen.
HG|1|174|2|0|Der hohe Abedam aber kam ihm zuvor und sagte ihm, ihn gleichsam fragend: „Sethlahem, wo sind denn die sieben?
HG|1|174|3|0|Ich sehe nur dich allein. Wie hast du denn deinen dir vorgenommenen Dienst gar so unvollbracht geschehen lassen mögen?
HG|1|174|4|0|Und statt die sieben hierherzuführen, kommst du nun ganz allein und noch dazu mit einem beleidigten Herzen voll bitterer Klage!
HG|1|174|5|0|Was soll Ich nun aus dir machen? Ich sage dir aber, so du dich an deinen sieben Brüdern rächen willst, da zeichne ihre Schuld in den Sand! So dir aber jemand Arges will im Herzen, den segne, als wäre er dein erstgeborener Sohn, so wirst du sein ein wahres unsterbliches Kind der ewigen Liebe, sein voll der Gnade und sein voll der Liebe und aller Weisheit aus ihr!
HG|1|174|6|0|Siehe, was nützt dir ein denkender Geist, so du die Liebe nicht hast? Ich sage dir, du wirst ewig im Finstern herumtappen! Denn so du auch tausend Jahre hindurch angaffen möchtest jenes ferne Gebirge und darüber nachdenken so viel, dass du mit deinen Gedanken ein Loch in einen Stein wetzen möchtest, – sage, wird dir dadurch wohl klarer werden die Beschaffenheit der blauen Ferne?
HG|1|174|7|0|Ich meine, mitnichten! So du aber statt des langen, kalten Denkens dein Herz erbrennen lässt für die blaue Ferne, wirst du da dich nicht sobald als möglich auf die Füße machen, dir wählen einige gleich sehnsüchtig gestimmte Begleiter und sodann eine Reise hinmachen nach der dir unbekannten Ferne? Und so du dort anlangen wirst, wirst du sie wohl also finden, wie sie dir hunderttausende deiner blinden Gedanken ehedem vorgelogen haben?
HG|1|174|8|0|Wird dir dort nicht jeder noch so gedankenlose Blick mehr enthüllen als hier in tausend Jahren zahllose sogenannte allerschärfste Gedanken?
HG|1|174|9|0|Also sehe nun, einen wie großen Vorzug die Liebe vor aller Gedankenweisheit hat!
HG|1|174|10|0|Wer die Liebe hat, das heißt die reine Liebe zu Gott dem Vater aller Menschen und dem Schöpfer aller Dinge und aus dieser Liebe heraus zu allen seinen Brüdern und im gerechten, reinen Maße auch zu den Schwestern, der hat alles; ja er hat das ewige Leben und alle anschaulich klare, heilige Weisheit, – nicht eine finstere Gedankenweisheit der Welt, die zu gar nichts taugt denn allein, den lebendigen Menschen nach und nach zum Tode zu reifen und endlich gar zu ertöten!
HG|1|174|11|0|So du aber eben durch die Liebe zur wahren, lebendigen Weisheit gelangen willst, wahrlich, da muss zuvor alle Anklage aus deinem Herzen über deine Brüder weichen, und mit ihr alle Gedankenweisheit! So das nicht erfolgen wird, wirst du immer also im Finstern herumtraben, dass du nicht einmal wirst zu unterscheiden vermögen, wen du vor dir hast, ob einen Menschen oder einen ewigen, allmächtigen Gott, was schon jetzt bei dir sehr stark der Fall ist.
HG|1|174|12|0|Daher berate dich zuvor in deinem Herzen! Vergebe deinen Brüdern, wenn sie auch noch so arg an dir gehandelt hätten, so werde auch Ich dir deine Torheit vergeben und dich heilen zum ewigen Leben.
HG|1|174|13|0|So dich aber ärgert, dass deine Brüder anders denken und reden denn du, warum berücksichtigst du denn dabei nicht auch zugleich, dass deine anderen Gedanken dort sieben Herzen erbittern, während die sieben mit dir alleinigen zu tun haben?!
HG|1|174|14|0|Siehe, ein Schlag her und ein Schlag hin, wann wird draus je ein Gewinn? [Habt] ihr aber einen Sinn, wo die Liebe ist darin, dann habt ihr schon den Gewinn! Ist auch Wahres nicht viel drin, Ich euch dennoch näher bin; so Ich aber näher bin, ist denn das nicht ein Gewinn?
HG|1|174|15|0|Darum gehe denn nun noch einmal hin zu deinen Brüdern, bitte sie um Vergebung und gewinne sie im Herzen, so werden sie dann auch leicht hierher zu bewegen sein und zu gewinnen fürs wahre, ewige Leben.
HG|1|174|16|0|Den Trotzigen wirst du nimmer mit Gegentrotz gewinnen, nicht einmal dein eigenes Kind! Denn du sagst in deiner Weisheit ja selbst und hast gefunden, dass zwei Kräfte gleicher Art nimmer können eines werden, sondern eine strebt der anderen entgegen und sucht sie zu vernichten; darum können zwei Steine nicht den Platz des alleinig einen Steines einnehmen.
HG|1|174|17|0|Siehe, ist das nicht deine Lehre? Und Ich sage dir noch hinzu, dass die Lehre richtig ist und vollkommen wahr.
HG|1|174|18|0|Hast du aber nie beobachtet, wenn der schwächere Stein dem stärkeren nachgibt? Welcher folgt nun dem anderen, und wer wird des anderen Führer hernach und endlich der Grund selbst?
HG|1|174|19|0|Wahrlich, der Stärkere sicher nicht, der den Schwächeren aus seiner Lage schob, sondern der Schwächere, der dem Stärkeren wich! Siehe, solches ist auch Weisheit.
HG|1|174|20|0|Darum gehe nun hin zu deinen Brüdern und tue desgleichen, so wirst du auch ihr Führer und Meister werden nach der besseren Lust deines Herzens! Amen.“
HG|1|175|1|1|Sethlahems Rede über das Alte und das Neue
HG|1|175|1|0|Und der Sethlahem machte Miene zu einer neuen Frage; aber auch da kam ihm Abedam zuvor und sagte zu ihm:
HG|1|175|2|0|„Sethlahem, du bist noch nicht rein, denn eine große Zweifelsfrage drückt dein Herz und macht dich blind, darum du nicht verstehen magst und kannst Meine Worte.
HG|1|175|3|0|Was liegt denn daran, ob das, was deine Brüder wähnen, wahr oder falsch ist? Denn du hast ja auch noch nichts, wodurch du die Echtheit deines Schatzes der Weisheit verbürgen könntest!
HG|1|175|4|0|Was aber ist nun besser: ein Falsches mit dem anderen Falschen schlagen wollen, oder die Wertlosigkeit des eigenen Falschen in sich anerkennen und dann sich dem Falschen des Bruders der Eintracht und Liebe wegen nicht widersetzen, dadurch dann der Bruder, der dich liebt, so du ein wahres Licht erhalten wirst, dir gerne folgen wird, dieweil er dich liebt?
HG|1|175|5|0|So du aber als Bruder mit dem eigenen Falschen hartnäckig der Falschheit des anderen widerstrebst, darum er dann erbost wird, wie wird er dir dann auch folgen, so dir ein wahres Licht geworden ist?
HG|1|175|6|0|Siehe, die Liebe ist der Anfang aller Weisheit; die Demut aber ist ein mächtiger Hebel der Liebe sowohl als auch der Weisheit. So du demütig bist, wahrlich, es wird dir kein Mensch etwas hinaufreden wollen; denn da der Kampflustige keine Gegenwehr sieht, da legt er bald selbst seine Streitkeule zur Seite, – und was du hast in dir, wird dir niemand streitig machen. Und also ist die Demut die größte Beschützerin aller Weisheit und dazu auch die beste Schule zu aller Weisheit, deren Same die Liebe ist.
HG|1|175|7|0|Der Hochmut aber ist in allem schnurgerade das allerblankste Gegenteil, wie dich schon lange die eigene Erfahrung hinreichend belehrt hat.
HG|1|175|8|0|Daher gehe nun hin, und versöhne dich zuerst mit deinen Brüdern, und führe sie sodann erst zu Mir, und wir werden dann ja sehen, deswelchen Teiles Falsches am allergewichtigsten ist! Verstehe es! Amen.“
HG|1|175|9|0|Nach dieser Rede fing dem Sethlahem ein gewaltiges Licht an aufzugehen, darum er sich auch nicht mehr getraute, um etwas Weiteres zu fragen, sondern er verneigte sich vor dem Abedam bis zur Erde und ging dann sogleich zu den sieben Brüdern.
HG|1|175|10|0|Er war überaus bewegt, als er bei ihnen anlangte. Er hätte überaus gerne sogleich zu reden angefangen; allein er war es völlig außerstande. Denn die nahe Erkenntnis Dessen, der ihm solche Lehren gab, hatte ihn so sehr ergriffen, dass er darob lange zu tun hatte, um wieder etwas über seine Lippen bringen zu können.
HG|1|175|11|0|Da er fast stumm eine Zeit lang unter den sieben zubrachte, so fing diesen für ihn an zu bangen; denn sie schätzten ihn sonst seiner Weisheit wegen alle hoch. Nur Neues durfte er nichts vorbringen, sondern mit ihnen steinfest beim Alten bleiben und darüber weissagen, soviel er wollte; so durfte er darauf rechnen, an ihnen die aufmerksamsten Zuhörer zu haben. Aber sowie er ihnen auch etwas Neues auftischen wollte, da wandten sie alsbald ihre Ohren von seinem Munde ab oder hießen ihn am Ende gar zu schweigen, so er nichts Besseres wissen sollte.
HG|1|175|12|0|Doch diesmal nach seinem längeren Schweigen gestatteten sie ihm zum ersten Mal, auch etwas Neues hervorzubringen, so er sich schon durchaus nicht mehr mit dem ehrbaren Alten abgeben wolle; auch gestand ihm der frühere Spitzredner, dass es ihn gereut habe, darum er ihm, dem Sethlahem nämlich, also sper [bitter] zugeredet hatte.
HG|1|175|13|0|Und des Sethlahem Herz erleichterte sich. Seine Lungen fingen an, freier den Atem zu schöpfen, er fühlte sich wortfähig und fing also an, zu ihnen zu reden:
HG|1|175|14|0|„Liebe Brüder, nur dies einzige Mal lasst mich reden! Ich will euch nichts aufdringen, es kann jeder über meine Rede bei dem Seinigen verbleiben; allein diesmal bitte ich euch, mit mir Geduld zu haben und mich von Anfang bis zu Ende anzuhören. Habt ihr es einmal vernommen, dann mögt ihr immer urteilen, wie ihr wollt! Und so hört:
HG|1|175|15|0|Wir hängen am Alten zwar, darum es Altes ist, bedenken aber nicht, dass es im Grunde doch nichts Altes gibt. Ja, wenn wir eine Sache betrachten, wie sie neben uns her bestanden und gealtert ist, dann freilich können wir sagen: Die Sache ist alt, da sie mit uns alt geworden ist!
HG|1|175|16|0|Aber selbst, wenn wir also urteilen, sind wir in einer gewaltigen Irre; denn wären wir wirklich alt, so müssten wir ja noch eben also aussehen, wie wir ausgesehen haben vor fünfhundert Jahren!
HG|1|175|17|0|Aber wie hat sich unsere Gestalt seit der Zeit verändert! Wie kann man aber das alt nennen, was von dem wahrhaft Alten keine Spur mehr in sich trägt?!
HG|1|175|18|0|Ja, wir haben uns ganz in allem verändert! Wo sind unsere Haare? Wo die meisten unserer Zähne? Wie oft hat sich unsere Haut schon abgeschält? Ja, ich möchte fragen: Wo ist unser ganzer rüstiger, so kräftig voller Leib denn hingekommen?
HG|1|175|19|0|Wo sind die Bäume nun, von denen wir als Kinder die Früchte aßen? Wo die Schafe und Ziegen und die Kühe, die unsere Kindheit mit Milch versahen?
HG|1|175|20|0|Wir essen nun die Früchte von ganz neuen Bäumen und trinken die Milch von neuen Tieren, und uns ist es also alles recht, da es Gottes Ordnung also eingerichtet hat.
HG|1|175|21|0|Stellen wir uns zu einer Quelle hin, – und wer von uns allen kann behaupten, dass da nicht jeder hervorquellende Tropfen ein neuer oder wenigstens erneuter ist? Und doch schmeckt uns gar überaus wohl diese stete Erneuerung!
HG|1|175|22|0|Hat schon jemand von uns einmal einen alten Regentropfen entdeckt?
HG|1|175|23|0|Und wenn der stets neue Regen kommt, so sind wir froh unserer Äcker wegen!
HG|1|175|24|0|Das neue Korn ist uns lieber denn das alte schon schal gewordene. Wir sehnen uns nach neuen Früchten. Neuere und jüngere Menschen, sowohl männlich als weiblich, sind uns noch allzeit angenehmer gewesen als die alten.
HG|1|175|25|0|Wen erfreut die neu aufgehende Sonne nicht mehr denn die tagalte untergehende, da sie doch stets dieselbe ist?! Wem ist das neue Frühjahr nicht angenehmer denn der alte kalte Winter?!
HG|1|175|26|0|Seht, liebe Brüder, da uns also in allem, was wir nur immer ansehen, das Neue oder wenigstens Verjüngte mehr anspricht und uns auch mehr nützt denn das alte lange schon Vergangene, und wir alle eine unleugbare Sehnsucht nach dem Neuen haben, und zudem noch der Herr Jehova Zebaoth oder Gott, der ewige Neuerschaffer, vor unseren Augen stets alles erneut, – wie können wir unbilligend murren, so am Sabbatopfer nach dem Willen Jehova Zebaoths eine kleine Änderung geschieht?!
HG|1|175|27|0|Ich will dadurch aber eurer Ansicht gar nicht zu nahetreten, sondern euch nur beruhigen; denn auch ihr könnt ganz löbliche Ansichten entgegengesetzter Art haben, was ich euch nie in eine Abrede stellen möchte, da ihr mir schon oft bewiesen habt, wie scharf euer Geist in manchen Urteilen ist!
HG|1|175|28|0|Aber nur eine Bitte füge ich noch schließlich hinzu, dass ihr nämlich noch einmal mit mir hin zum Altar geht und mir dort den euer harrenden Fremden scharf beurteilen und ebenso erkennen helft. Denn seht, also gewaltig ist seine Rede und also überaus durchdringend, dass ich schnurgerade auf dem Sprunge bin, ihn für den Jehova Selbst zu halten!
HG|1|175|29|0|Ich sehe, diese meine Aussage will euch zwar zu einer Lache zwingen, – allein ich sage euch, lacht nicht zu früh, sondern prüft zuvor, darüber ihr lachen möchtet, und mein altes Sprichwort wird euch dann sicher einleuchtender noch werden, dass der am Ende Lachende den besten Teil lacht!
HG|1|175|30|0|Was möchtet ihr von einem Menschen denken, der euch eure verborgensten Gedanken vorhalten möchte und reden möchte von göttlichen Dingen also wie von sich aus?!
HG|1|175|31|0|Ihr habt es euren Kindern und allen deren Nachkommen auf ein Haar wie oft schon bewiesen, dass des Menschen innerste Gedanken nur allein Gott kennt; jedem Menschen aber sei solches ganz rein unmöglich.
HG|1|175|32|0|Ich habe euch in diesem Punkt nie widersprochen; denn ich sah die vollste Richtigkeit eures Beweises allzeit ein.
HG|1|175|33|0|Geht aber nun mit mir und überzeugt euch! Und so ihr ihn nicht mir gleich finden werdet, dann könnt ihr mich vor allem Volk weidlichst auslachen, und ich werde euch nicht gram werden darum!
HG|1|175|34|0|So ihr also wollt, da gehen wir hin! Amen.“
HG|1|175|35|0|Die sieben sahen sich untereinander groß an und wussten nicht, was sie aus dieser Rede machen sollten.
HG|1|175|36|0|Der frühere Spitzredner aber bemerkte allen, sagend: „Was ist’s denn?! Der Sethlahem hat uns ja schon öfter zu allerlei angeführt! Darunter war oft viel Dummes, aber auch oft nicht minder recht viel Weises! Da wir solches von ihm schon gewohnt sind, so können wir ihm ja auch diesmal die Freude machen!
HG|1|175|37|0|Aber, Sethlahem, freue dich, so du uns etwa wieder eine neue Torheit zeigst! O wie schön wirst du dann wieder von mir verarbeitet werden!“
HG|1|175|38|0|Und der Sethlahem erwiderte ihm: „Bruder Kisehel, siehe, das tut nichts zur Sache; aber ich glaube, du wirst noch größer werden in dem Glauben denn ich und alle anderen!
HG|1|175|39|0|Daher gehen wir nur frisch darauf los! Amen.“
HG|1|176|1|1|Kisehels Zweifel und Abedams Offenbarung
HG|1|176|1|1|Am 20. Dezember 1841
HG|1|176|1|0|Und also gingen die sieben und kamen natürlicherweise auch alsbald beim Altar an. Als sie dort nun anlangten, so trat alsogleich der sehr beherzte Kisehel vor den hohen Abedam hin und betrachtete Ihn zuerst vom Kopf bis zur Fußsohle haarklein und fand nichts an Ihm, das ihm hätte auffallen können, außer einem ernstfreundlichen Charakter, darum er dann auch alsbald Mut genug besaß, um fürs Zweite sich mit dem für ihn noch Fremden in ein prüfend-fragendes Gespräch einzulassen, welches also lautete:
HG|1|176|2|0|„Lieber Fremdling, siehe, wir alle haben unseren Bruder Sethlahem lieb; denn es liegt viel Weisheit in ihm, und schon gar oft hat er uns allen genützt mit seines Herzens Güte, und seine Weisheit – abgerechnet mancher gar zu feinen Wahrnehmungen – hat uns zu allen Zeiten zu einem Vorlicht gedient. Nur diesmal scheint er zu unser aller Bedauern auf einem gewaltigen Sprung zu stehen, wobei es zu besorgen ist, dass er bei seiner angestammten Leichtgläubigkeit, welche ein Fehler seiner zu lebhaften Einbildung zu sein scheint, dich selbst, da er an dir, was ich ihm auch in gar keine Abrede stellen möchte und könnte, hohe Weisheit bemerkt hatte, für Jehova hält!
HG|1|176|3|0|Siehe, so du wahrhaft weise bist, so etwas ist denn doch ein wenig zu viel!
HG|1|176|4|0|So du bei deiner unbezweifelten Weisheit auch nur ein wenig Liebe besitzt, so rede dem armen Sethlahem solche Torheit seines Herzens und Verstandes doch wieder aus!
HG|1|176|5|0|Denn Jehova und du werden doch etwa so ziemlich voneinander unterscheidbar sein, also ungefähr wie ein Punkt sich unterscheiden dürfte von der ewigen Unendlichkeit?
HG|1|176|6|0|Ich bitte dich somit im Namen aller meiner Brüder, tue uns allen aus Bruderliebe, daran zufolge deines Aussehens dein Herz sicher keinen Mangel haben wird, den guten Gefallen und setze unserem Bruder Sethlahem den Kopf und das Herz wieder zurecht! Amen.“
HG|1|176|7|0|Und der hohe Abedam, dem Kisehel erwidernd, sagte: „Kisehel, Ich habe dein Herz haarklein durchschaut und habe gefunden, dass dasselbe nur zur Hälfte mit Bruderliebe, zur anderen Hälfte aber mit sich selbst liebender Schadenfreude angefüllt ist!
HG|1|176|8|0|Du hast neben deiner halbfertigen guten Meinung für den Bruder dir anderseits aber ja auch vorgenommen, falls sich seine Aussage nicht bestätigen sollte, ihn mit deiner spitzigen Zunge so recht durchzuarbeiten und ihn allerweidlichst auszulachen!
HG|1|176|9|0|Da du nun Meine Bruderliebe in Anspruch nahmst, so möchte Ich denn von dir aus doch erfahren, vor welchem Nachteil – für sein Herz oder für seinen Kopf – Ich ihn zuerst verwahren soll!
HG|1|176|10|0|Ich Meines Teils bin mehr fürs Herz eingenommen, – du deines Teiles wieder mehr für den Kopf! So Ich ihn aber retten soll, da möchte Ich ihn lieber ganz retten, nicht nur bis zur Hälfte; daher gebe Mir kund, wie solches anzustellen sein wird!“
HG|1|176|11|0|Und der Kisehel besann sich nicht lange und antwortete dem Abedam: „O Freund, deine Weisheit ist wahrhaft groß und übersteigt alle meine Begriffe von ihr! Aber dass du mich bei aller deiner Weisheit noch fragen kannst, siehe, das ist mir neu; denn Weise deiner Art, vor denen sogar die Herzen der Brüder nicht sicher sind, pflegen gewöhnlich nicht mehr zu fragen, sondern allein zu lehren!
HG|1|176|12|0|Und so wirst du dich für diesmal schon auch begnügen müssen, so ich dir die Antwort schuldig bleibe!
HG|1|176|13|0|Was wird’s denn sein, so du ihm den Kopf wieder zurechtgebracht hast? Die Welt wird darum etwa doch nicht zugrunde gehen, so ich mit meiner leichten, ihm nur gutgemeinten Drohung zurückbleibe?
HG|1|176|14|0|Es liegt ja ohnehin nicht mehr daran als nur ein leichter Scherz!
HG|1|176|15|0|Ich habe es dir aber ja im Voraus doch deutlich genug zu verstehen gegeben, dass wir alle den Bruder Sethlahem liebhaben; wie fragst du denn hernach um solches, das deiner die Herzen selbst durchschauenden Weisheit keine große Ehre macht? Oder muss sich der Weise nicht folgerecht bleiben?
HG|1|176|16|0|Eine Weisheit mit Blößen ist von der wahren, folgerechten Weisheit noch ferne!
HG|1|176|17|0|Daher wetze dir zuvor diese Scharte aus, und ich werde dir antworten!
HG|1|176|18|0|(Sich zum Sethlahem kehrend:) „Bruder Sethlahem, siehe, da schaut noch lange kein Jehova heraus! Ich hoffe, wir werden bald ins Klare kommen.“
HG|1|176|19|0|Und der hohe Abedam blickte den Kisehel ernst an und sagte zu ihm: „Wahrlich, wenn du so fortfährst, so wird wohl Jehova müssen zu dir in die Schule gehen und ungeblößte Weisheit von dir lernen!
HG|1|176|20|0|Damit du aber siehst – und im Geiste auf lange stirbst –, dass Jehovas Weisheit keine Blößen hat, so sehe dahin gegen Morgen! Siehst du genau den großen, zerstreuten Steinhaufen daselbst, den diese Nacht dir zum Zeugnis der blößenlosen Weisheit Jehovas durch die Zerstörung der Grotte Adams bereitet hat?
HG|1|176|21|0|Begreifst du solche Weisheit? Kannst du mit deiner folgerechten Weisheit diese Grotte wieder aufbauen auf ein Haar also, wie sie ehedem war?
HG|1|176|22|0|Siehe, du verneinst solches von dir und fragst im Herzen Mich darum, ob Ich solches imstande wäre!
HG|1|176|23|0|Aber auch Ich bleibe dir die Antwort schuldig und sage allein zur Grotte: ‚Erstehe!‘
HG|1|176|24|0|Siehe, die Grotte steht schon fertig da!
HG|1|176|25|0|Willst du hingehen, so dein Glaube etwa zu schwach ist, um dich handgreiflich von außen und von innen zu überzeugen, dass die Grotte ganz vollkommen in allem bis auf das kleinste Sandkörnchen in ihrem vorigen, alten Zustand sich befindet?
HG|1|176|26|0|Allein du antwortest Mir gläubig im Herzen, solches sei unnötig; wem das Äußere möglich, wird das Innere doch auch gleich leicht möglich sein.
HG|1|176|27|0|Da du folgerechterweise solches bestätigst, so sage Mir nun, wie viel Blößen deine Weisheit an der Meinigen nun noch entdeckt!“
HG|1|176|28|0|Und der Kisehel samt all den übrigen mit der Ausnahme Henochs, der wohl die Macht des Herrn kannte und Ihn lobte und preiste, standen da, als wenn sie zu Stein geworden wären. Eine große Furcht ergriff sie alle, und keiner wagte sich, auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen.
HG|1|176|29|0|Und der Abedam fragte nun wieder den Kisehel: „Kisehel, warum bleibst denn du Mir jetzt die Antwort schuldig?
HG|1|176|30|0|Siehe, Ich habe dich schon wieder gefragt und dir vielleicht eine neue Blöße Meiner Weisheit enthüllt! So Ich Mich aber dir zum Schüler verdingte, was schweigst du nun und verweist Mir Meine Blöße nicht?“
HG|1|176|31|0|Und der Kisehel fiel vor dem Abedam auf sein Angesicht nieder und sagte weinend: „O Herr Himmels und der Erde, strafe den Wurm im Staube vor Dir nicht zu hart! Ich erkenne nun meine ewige Schuld vor Dir. Der Du aber die zerstörte Grotte Adams so leicht wieder zu erbauen vermochtest, wirst ja auch dereinst des Wurmes im Staube Dich erbarmen und wirst nicht zu gewaltig zürnen meiner Blindheit, die die Sonne verkannte! Dein ewig heiliger Wille! Amen.“
HG|1|176|32|0|Und der Abedam sprach zu ihnen: „Steht auf und geht auf euren vorigen Platz, und sucht Mich in euren Herzen zu erkennen! Denn diese Erkenntnis ist euch nur ein Gericht zum Tode; wenn ihr Mich aber werdet in der Liebe eures Herzens erkannt haben, dann erst wird euch Meine Erkenntnis zum Leben gereichen!
HG|1|176|33|0|Wenn euch aber euer Herz Meinen Namen nennen wird, dann kommt wieder zu Mir, damit Ich euch dann vollends erstehen mache aus der Erde, die euch mit Ausnahme des Sethlahem nun verschlungen hat!
HG|1|176|34|0|Und nun geht und tut, wie euch geboten! Du, Sethlahem, aber bleibe hier! Amen.“
HG|1|177|1|1|Kisehel erbrennt in Liebe zu Gott
HG|1|177|1|1|Am 21. Dezember 1841
HG|1|177|1|0|Als solches die sieben vom Abedam vernommen hatten, dankten sie Ihm voll Reue und Ergebung in Seinen Willen und begaben sich dann auf ihren angewiesenen Platz.
HG|1|177|2|0|Als sie nach kurzem dort anlangten, kamen ihre Weiber und Kinder zu ihnen, das heißt ihre Söhne, welche keine Jünglinge mehr waren, sondern ebenfalls Greise von etlichen hundert Jahren, und deren Mütter.
HG|1|177|3|0|Da diese bemerkten, dass ihre sonst heiteren Väter trauerten, so fragten sie dieselben, was ihnen doch fehlen möchte, darum sie also trauerten.
HG|1|177|4|0|Und der Kisehel antwortete ihnen mit folgenden Worten, sagend nämlich: „Kinder, fragt nicht, darum wir das erste Mal gerecht trauern, sondern seht hin gen Morgen und betrachtet, wie herrlich dort nun wieder die Grotte Adams strahlt! Und doch wisst ihr alle und habt alle euer erstaunliches Leid bezeigt darum, dass ihr heute früh bei unserem Herzug an ihrer Stelle einen zerstreuten, großen Steinhaufen bemerkt habt!
HG|1|177|5|0|Wie kommt euch nun die Sache vor? Denkt in euch darüber nach!
HG|1|177|6|0|Ich sage euch, es ist Einer am Altar beim Henoch dort! Kehrt in eure Herzen, ja in Gott Jehova Zebaoth kehrt, und sucht in der Liebe eurer Herzen den heiligen Vater! Und also bereitet, zieht ehrfurchtsvoll hin zum Altar, und ihr werdet dort finden – hört! –, was ihr suchtet!
HG|1|177|7|0|Und nun verlasst uns wieder, und befolgt meinen Rat, so werdet ihr glücklich sein, ja glücklich, glücklich, unaussprechlich überglücklich!“
HG|1|177|8|0|Und alle Kinder und Weiber, als sie solches vernommen hatten, kehrten zurück auf ihren vorigen Platz und getrauten sich die so herrlich strahlende Grotte vor übergroßer Ehrfurcht nicht anzublicken, sondern alle warfen sich auf ihr Angesicht nieder und lobten und priesen die große Güte, Macht und Herrlichkeit Gottes. Und ihre Herzen wurden voller und voller von der Liebe zu Jehova.
HG|1|177|9|0|Der Kisehel aber wandte sich zu seinen Brüdern, sagend folgendes zu ihnen: „Brüder, wie ist euch denn ums Herz, was fühlt ihr?
HG|1|177|10|0|Seht, ich möchte schier zerspringen vor Liebe! Es zieht mich übermächtig hin zum Altar! Wahrlich, wäre ich nicht gar so vermessentlich tief gefallen, so könnte mich kein Feuer abhalten! Mitten durch himmelan lodernde Flammen möchte ich dringen zu Ihm, ach zu Ihm, zu Ihm!
HG|1|177|11|0|Aber meine Schuld, meine größte Schuld vor Ihm, dem Allerheiligsten, hält lahm meine Füße! Meine Seele bebt, und da ich stehe, wankt die Erde, und ich vermag noch nicht zu Ihm, zu Ihm!
HG|1|177|12|0|Den ich nun über alles liebe, Den fürchte ich nun auch über alles! Ich fürchte nicht Seine unendliche Macht, die mich ewig verderben kann, auch nicht Seinen Zorn, der mich auf ewig vernichten kann, und nicht Seinen Grimm, der mich auf ewig verfluchen und töten kann, sondern ich fürchte, Ihn zu wenig zu lieben!
HG|1|177|13|0|O warum bin ich denn nicht ganz Liebe? Warum sind meine Knochen nicht Liebe? Warum nicht mein ganzer Leib?
HG|1|177|14|0|Ja, Brüder, das Feuer des Herzens soll mir eher alle Knochen durchdringen, verzehren in Liebe den ganzen Leib, eher kann ich mich Ihm nicht nähern und ihr alle nicht! Der Gerechte ist rein, da er die Sünde nicht kennt, darum, da er sie schon geflohen hatte von der Mutterbrust her; wir aber taten uns so lange gütlich in der Sünde, dass sie uns am Ende schon vorkam, als wäre sie ein blankes Recht vor Gott!
HG|1|177|15|0|Die Sünde aber hat uns dadurch auch durch und durch verhärtet, dass wir darum nicht fähig sind, uns ganz in Liebe umzugestalten; aber dennoch muss es geschehen, und das neu vom Herzen aus!
HG|1|177|16|0|Die Flamme der Liebe in unserem Herzen muss so heftig werden, dass sie unseren sündhaften Leib verzehren wird und aus der Asche des verzehrten Leibes ein neuer Leib, ganz durchaus liebefähig, erstehen wird, mit welchem Leib angetan wir uns erst Ihm nähern können!
HG|1|177|17|0|Ja, Brüder, eher könnte ich mich Ihm unmöglich nahen; denn aus allen Sündenfreveln halte ich nun den für den größten, Ihn – den heiligsten, liebevollsten Vater, den ewigen, unendlichen Gott! – zu wenig zu lieben und in einer so unvollkommensten Liebe sich Ihm nahen!
HG|1|177|18|0|O Brüder, versteht es wohl; denn ihr habt es mit mir empfunden, was das sagen will: sich unwürdig Ihm nahen!
HG|1|177|19|0|Darum beachtet wohl diese Worte! Wahrlich, Ewigkeiten werden diesen schrecklichen Eindruck nie aus meinem Geist verwischen, als ich dastand, ein Sünder vor Gott!
HG|1|177|20|0|O Brüder, bedenkt es! Bedenke es, du ganze Erde! Denn Gott ist es, den du nun trägst!
HG|1|177|21|0|Meine matte Zunge stammelt, die Erde bebt, die Sonnen donnern, nie erfassend ganz den Gott! Ein Gott ist es, ein heiliger Vater, den ihr preist!
HG|1|177|22|0|O wie heilig bist du nun, o Erde, da deines allmächtigen Schöpfers Fuß dich berührt!
HG|1|177|23|0|Wie heilig nun auch du, schöner Glanz der Sonne! O Sonne, achte, achte samt meiner Nichtigkeit darauf, wer Der ist, der Sich heute von dir bescheinen lässt!
HG|1|177|24|0|O Vater, Du heiliger Vater! Du kamst zu uns, zu uns unwürdigen Sündern, nicht Kindern, wie wir uns oft genug frevelnd Deine Kinder nannten!
HG|1|177|25|0|Wer kann Deine unendliche Erbarmung fassen, wer die Größe Deiner Liebe?!
HG|1|177|26|0|O helft mir Ihn loben und preisen, Ihn, der zu uns Sündern kam, ihr alle meine Brüder, ihr Kinder alle, du Erde, du Sonne, und du, mein ganzer sündiger, harter Leib! Helft mir Ihn loben, ihr Geschöpfe alle und ihr Engel alle; denn Er allein ist gut, Er allein ist heilig und Er allein voll der allerhöchsten Liebe, Macht und Kraft!
HG|1|177|27|0|Ihm allein gebührt alle Ehre, alles Lob, alle unsere Liebe jetzt und ewig! Amen.“
HG|1|177|28|0|Nach diesen Worten verstummte er und fiel weinend zur Erde nieder, – desgleichen auch alle seine Brüder.
HG|1|177|29|0|Abedam aber sagte zum Henoch: „Siehe, so wie der hat Mich noch keiner gefunden! Er hat zwar gesündigt in seiner Blindheit; da er Mich aber erkannt hatte, ist er größer geworden denn alle, die hier sind! Denn siehe, er hält sich für den Allergeringsten und Allerunwürdigsten! Darum lasst uns zu ihm und seinen Brüdern ziehen und ihnen aufhelfen! Wahrlich, Kisehel hat Mir heute das herrlichste Opferfeuer angezündet; denn er hat sich selbst ganz vom Feuer seiner Liebe verzehren lassen, darum er wollte ganz zu Liebe werden. Und Ich sage euch, er ist es geworden!
HG|1|177|30|0|Darum gehen wir hin zu ihm und richten ihn auf! Was ihr da sehen und hören werdet, ist euch noch in keinen Sinn gekommen. Und so lasst uns gehen! Amen.“
HG|1|178|1|1|Kisehels Reuegebet
HG|1|178|1|1|Am 22. Dezember 1841
HG|1|178|1|0|Und also gingen sie hin, da die sieben auf ihren Angesichtern lagen. Als sie nun gar bald dort ankamen, da harrten sie nach dem Willen Abedams eine Zeit lang und behorchten den Kisehel, der da, auf der Erde liegend, folgendes betendes Selbstgespräch hielt, welches also lautete:
HG|1|178|2|0|„O ich überarmer, allerniedrigster Sünder! Was habe ich getan? Vor Gott habe ich mich gebrüstet mit meiner unendlich großen Torheit, die ich als eine folgerechte Weisheit anerkannte und förmlich an mir selbst anbetete!
HG|1|178|3|0|Seine Erbarmung zeigte mir nur ein Fünklein Seiner unendlichen Weisheit, welche einst Himmel und Erde geordnet hatte und mir elendestem Wurm voll Undankes und voll Ungehorsams selbst das so wunderbare Dasein gab, – und ich liege schon ohnmächtig im Staube!
HG|1|178|4|0|Was wäre aus mir wohl geworden, so Er mir noch mehr als ein Fünklein Seiner unendlichen, ewigen, unerforschlichen Weisheit gezeigt hätte?!
HG|1|178|5|0|Oh, wie wäre ich da so plötzlich zunichte geworden, als wäre von mir nie etwas dagewesen!
HG|1|178|6|0|Aber Seine unermessliche Güte, Seine unendliche Liebe, Seine unbegrenzte Erbarmung schonte meiner unaussprechlichen Frechheit. Statt mich nur zu würdigermaßen alsogleich mit der ewigen Vernichtung zu strafen, welche ich durch mein ganzes Leben für jeden Augenblick meines unwürdigsten Daseins hundertfach verdient habe, vergab Er mir meine unaussprechliche Schuld und beschied mich hierher, dass ich Ihn in mir suchen und erkennen soll und sodann wieder zu Ihm zurückkehren!
HG|1|178|7|0|Ich, der größte, unwürdigste Sünder soll zu Ihm zurückkehren?! O Erde, öffne dich lieber, und verschlinge mich ganz und gar! Denn wenn ich schon meinem Gefühl nach auch ganz zu Liebe für und zu Ihm geworden bin, – können aber Ewigkeiten meinen Frevel also vertilgen, als hätte ich nie gesündigt vor Ihm?
HG|1|178|8|0|O Du heiliger Vater besserer Kinder! Nein, nein, – solches kann, ja solches darf nicht geschehen; denn Du, guter Vater Du, Du bist ja heilig, überheilig! Wie sollte ich da noch einmal und noch gröber mich versündigen vor Dir?
HG|1|178|9|0|Es ist genug, ja für ewig genug, dass einmal ich vor Dir gesündigt habe, da ich blind war und Dich nicht erkennen vermochte! Welches Namens aber wäre diese Sünde, da ich Dich, o heiliger Vater, als ein bestaubter Wurm vor Dir nun erkannt habe, und ginge als wissentlicher Sünder vor Dein heiliges Angesicht hin?
HG|1|178|10|0|O des entsetzlichen Gedankens! Ich, ein Sünder vor Gott, – nein, nein, o heiliger Vater, Du bist ja zu übergut und wirst mich ärmsten Sünder doch nicht so überhart strafen wollen?
HG|1|178|11|0|Verdient zwar hätte ich die härteste Strafe wohl, – allein, wenn ich wieder bedenke, wie unaussprechlich ich Ihn nun liebe, dass ich sogar in jeglichem Haar Liebe empfinde, als wären tausend Herzen in ihm, die da wären voll Liebebrandes, so höbe das die von mir verdiente Strafe ja auf, da ich nur dadurch folgen möchte dem endlos mächtigen Zuge meines Herzens! Darum will ich hier beweinen meine große Torheit! Und habe ich schon meines Wissens nun der Erde nie genützt, so sollen doch nun meine Tränen befeuchten ihren Boden! Wer weiß, ob nicht irgendein dürstendes Graswürzlein sich daran erquicken möchte, – vielleicht aber auch sterben an der harten Träne eines großen Sünders?
HG|1|178|12|0|Ja, ja, du edleres Würzelchen, meine sündeheiße Reueträne hat nichts Segnendes in sich; denn sie entfließt dem Meer meines Frevels nur, darum sie dich wohl tötend ersticken möchte! Und so will ich denn auf den Sand, auf den dürren, heißen Sand will ich meine Tränen fließen lassen und nicht eher aufstehen, bis ich entweder keine Träne mehr habe oder der gerechte, heilige Gott und Vater möchte einen Boten zu mir senden, der mir überbrächte ein wohlverdientes Strafurteil!
HG|1|178|13|0|Ja, in der Strafe ewiger Verbannung werde ich mich besser befinden, in der Erde äußerstem Winkel zufriedener als hier an dieser heiligen Stätte, da zu sein ich mich zu unwürdig fühle!
HG|1|178|14|0|O du stille Einsamkeit, wo bist du zu treffen, dass ich dich finde und in dir, von keinem Zeugen meines großen Elends beobachtet und betrauert, meiner Sünde sterbe, ja für ewig ganz und gar sterbe!
HG|1|178|15|0|Ja, ja, jetzt erst habe ich das Rechte getroffen; meine Sünde kann vor Gott nichts sühnen als nur allein der Tod, das ewige Aufhören zu sein! Denn wenn der Täter zunichte geworden ist, da ist ja auch mit ihm zunichte geworden die Sünde. Und so hat für den, der nicht mehr ist, ja auch mit ihm alles aufgehört!
HG|1|178|16|0|Doch wenn es aber keine Vernichtung vor Gott möglicherweise gäbe, – was dann? Kann Gott je etwas vergessen?
HG|1|178|17|0|Was aber in der unzerstörbaren, ewigen Erinnerung Gottes fortbesteht, kann das je vergehen?
HG|1|178|18|0|Sind wir denn etwas anderes nun – als freie Darstellungen aus der immerwährenden Erinnerung Gottes vor Gott Selbst?!
HG|1|178|19|0|Wer aber wird sich selbst je können aus dieser ewig-mächtigen Erinnerung Gottes tilgen?!
HG|1|178|20|0|O Gott, Du großer, heiliger Vater! Jetzt erst sehe ich, wie gar nichts alle Menschen und alle Wesen vor Dir sind; nur Du allein bist alles in allem!
HG|1|178|21|0|Auch sehe ich jetzt ein, dass wir alle Menschen, Sünder und Gerechte, vor Dir nichts vermögen; Du allein bist alles in allem!
HG|1|178|22|0|Wer gerecht ist vor Dir, o heiliger Vater, was ist sein Verdienst dabei? Nichts, – sondern alles ist ja nur Deine große Erbarmung!
HG|1|178|23|0|Wer da ein Sünder ist vor Dir, was ist er? Ein erbärmliches Nichts vor Dir, darum er etwas sein wollte und nicht bedachte zuvor in sich, dass er nichts ist vor Dir!
HG|1|178|24|0|Was ist somit denn nun für ein Unterschied zwischen einem Sünder und einem Gerechten? Ja, jetzt sehe ich ihn klar vor mir: Der Sünder ist ein großer Tor, darum er wähnt und tut, als wäre er etwas vor Gott aus sich; der Gerechte aber erkennt sein Nichts, und das an ihm ist, ist pure Erbarmung Gottes, des heiligen Vaters.
HG|1|178|25|0|Solches ist das Licht des Gerechten; des Sünders Nacht aber ist sein großer Wahn!
HG|1|178|26|0|O großer, heiliger Vater, ich sehe nun nur zu klar, dass ich mich vor Dir ewig nirgends verbergen kann; denn Du bist ja überall alles in allem. Aber ich sehe auch, dass Deine Barmherzigkeit auch unendlich ist! O so zürne meiner nicht in Deiner Heiligkeit, sondern sei in Deiner unendlichen Vatermilde mir armem, blindem Sünder barmherzig und gnädig, und lasse, wann es Dir wohlgefällig sein wird, Deinen heiligen Willen über mich ergehen und mich, so es möglich wäre, nur als einen Allergeringsten sein unter denen, an die Deine Erbarmung erging! O Du heiliger Vater, Dein heiliger Wille geschehe! Amen.“
HG|1|178|27|0|Darauf verstummte er und weinte laut in die Erde, und seine Brüder weinten mit ihm.
HG|1|178|28|0|Es wurden aber auch der Sethlahem und alle übrigen samt dem Henoch also gerührt, dass sie alle mitzuweinen anfingen; denn die Rede Kisehels hatte allen ein ungeahntes großes Licht angezündet.
HG|1|178|29|0|Abedam aber gab ihnen zu verstehen, dass hier mehr sei denn zehntausend Opferaltäre im vollsten Brand.
HG|1|178|30|0|Der Sethlahem aber sagte im Herzen zu sich selbst: „O du armer Bruder! Ich allein bin schuldig an deiner großen Not! Hätte ich doch das voraus gewusst, da hätte ich mich von dir eher in Stücke zerreißen lassen wollen, als dir so etwas zu bereiten!
HG|1|178|31|0|O Abedam, Du herrlicher, liebevollster Vater! Erbarme Dich doch seiner!“
HG|1|178|32|0|Der Abedam aber entgegnete ihm: „Kümmere dich nicht deines Bruders, sondern, dass du wirst wie dein Bruder! Denn wahrlich sage Ich dir: So jemand nicht wird wie er, der wird gering bleiben vor ihm im Reich des ewigen Lebens dereinst!
HG|1|178|33|0|Verstehe es und kümmere dich des Lebendigen nicht mehr! Amen.“
HG|1|179|1|1|Über die Sünde und ihre Überwindung
HG|1|179|1|1|Am 23. Dezember 1841
HG|1|179|1|0|Nach dieser kurzen Erinnerung an die Mitanwesenden wartete der hohe Abedam noch eine kurze Zeit, dann aber trat Er hin zum noch auf der Erde Angesichts liegenden Kisehel, rührte ihn an und sprach folgendes zu ihm:
HG|1|179|2|0|„Kisehel, erstehe zum ewigen Leben; denn du hast es wahrhaft gefunden!
HG|1|179|3|0|Ich, Abedam Jehova der Ewige, Ich, dein guter, heiliger Vater, bin Selbst zu dir gekommen, um dir aufzuhelfen! Darum erstehe ohne Furcht; denn siehe, Ich habe deine Sünde vertilgt auf ewig, darum du Mich mit der Liebe deines Herzens ergriffen hast, wie Mich bis jetzt noch keiner aus allen Meinen Kindern auf dieser Erde ergriffen hat! Darum also auch erstehe, wie noch keiner erstanden ist! Erstehe, ausgerüstet mit großer Weisheit, die dir geworden ist aus deiner Liebe, und ausgerüstet mit großer Macht, die dir geworden aus deiner Liebe, darum ihr sollen untertan sein sogar alle leblosen und lebenden Dinge, und endlich noch ausgerüstet mit dem ewigen Leben; denn wahrlich, du wirst fürder ewig den Tod nicht schmecken, da du durch die Liebe zu Mir dein Fleisch in allem wahrhaft getötet hast!
HG|1|179|4|0|Wer aber also stirbt, wie du nun gestorben bist in der Liebe zu Mir, und Ich zu ihm dann komme und ihn erwecke, wahrlich, der ist nicht erweckt für diese Zeit, sondern zum Leben für die Ewigkeit!
HG|1|179|5|0|Ich sage dir aber, welcher nicht dir gleich das ewige Leben gewinnen wird, der wird wohl jenseits gar lange warten müssen, bis der große Tag der Löse über die Toten kommen wird!
HG|1|179|6|0|Und also richte dich auf, und richte auch deine Brüder auf und alle deine Kinder, und folge Mir dann! Amen.“
HG|1|179|7|0|Als der Kisehel die Stimme und die Worte des Herrn vernommen hatte, da seufzte er tief auf, erhob sich und war völlig betäubt vor überdankbarer Freude, so dass er am ganzen Leib bebte und nicht vermögend war, ein Wort über seine Lippen zu bringen.
HG|1|179|8|0|Der Abedam aber trat vollends hin zu ihm und rührte ihn noch einmal an und sagte zu ihm:
HG|1|179|9|0|„Ich sage dir, sei und bleibe fest, und alle Furcht sei auf ewig aus dir verbannt und jegliche Sünde mit der Furcht, ja sogar die Möglichkeit, von neuem zu fallen! Denn was du nun tun wirst, das wirst du tun in Meinem Namen und in Meiner Liebe. Wer aber, was er tut und was er spricht, in Meinem Namen und in Meiner Liebe tut und spricht, wie möglich wohl wäre da an eine Sünde zu denken?
HG|1|179|10|0|Ich sage euch aber nun, was die Sünde ist und wie jemand sündigen kann, und wie er auch nicht mehr sündigen kann.
HG|1|179|11|0|Das aber ist die Sünde, so jemand in sich einen Trieb gewahrt und ersieht den Vorteil dessen, hascht dann nach dem Trieb und ergreift ihn mit seiner Begierde, verkehrt ihn dann in sein Eigenes und handelt dann, sich selbst nützen wollend. Aus dem Raub eines solchen Triebes, welchen die Eigenliebe in sich begrub, entsteht ein böser Geist, welcher den ganzen Menschen dann durchdringt und verfinstert, dass er dann nicht mehr vermag zu unterscheiden das Wahre vom Falschen und das Gute vom Bösen.
HG|1|179|12|0|So aber auch jemand irgendeinen Trieb in sich verspürt, aber alsbald denkt und bei sich sagt: ‚O Herr, ich erkenne, dass Du mich angerührt hast! Der Trieb kommt von Dir, o Vater! Deine unendliche Güte hat sich meiner erbarmt und will mich Unwürdigen festen in der wahren Demut und also in der wahren Liebe zu Dir. O Vater, ich bin nicht würdig, solches zu tun, als Du es mir durch den versuchenden Trieb zu erkennen gabst! Dein ist alle Macht, Dein alle Kraft, Du allein bist der Herr Himmels und aller Erde. So lasse mich nur solches tun, was mir vor Dir, o heiliger Vater, geziemt, nämlich allein kindlich zu lieben Dich! Diesen höheren Handlungstrieb aber nehme gnädig wieder von mir, wie Du mir ihn gegeben hast; denn er ist eine göttliche Kraft! Würde ich armes und noch schwaches Geschöpf und Kind danach handeln, so wäre ich ja ein Wesen, das sich Dir in diesem Punkt gleich fühlen müsste, da ich wirken möchte sogleich mit solcher allein Deiner Kraft, aus welcher zu wirken Dir allein zukommt. Darum nehme Dein Heiligtum von mir Unwürdigem, und lasse mich bleiben allein in der kindlichen Liebe zu Dir, o heiliger Vater!‘
HG|1|179|13|0|Seht, wenn Ich aber solche Demut finden werde bei einem Menschen, meint ihr, dass Ich dann den Trieb Meiner Kraft von ihm nehmen werde?
HG|1|179|14|0|O nein, sage Ich euch, sondern Ich werde in ihm den Trieb segnen und ihn, den Menschen nämlich, mit demselben Trieb selbst erwecken zum ewigen Leben! Und so wird denn dann der Mensch durch eben dasselbe Mittel, durch welches er eigenmächtigerseits hätte ein grober Sünder werden können, für ewig lebendig vereint mit Mir und wird dann dasselbe tun können tausendfältig aus Mir heraus, und er wird dadurch nimmer sündigen können; denn was er nun tut, tut er nicht mehr aus sich, sondern aus Mir heraus!
HG|1|179|15|0|Meint ihr, dass der Sünder was anderes tut als alleinig Meinen Willen? O Ich sage euch: mitnichten! Nicht ein Haar auf seinem Haupt kann jemand ohne Meinen Willen berühren!
HG|1|179|16|0|Ihr denkt euch nun: ‚Wie aber kann der sündigen, der da tut nach Meinem Willen?‘
HG|1|179|17|0|Ich habe es euch schon gezeigt, wie die Sünde geartet ist, und setze nun nur noch ein Beispiel zu eurem näheren Verständnis hinzu:
HG|1|179|18|0|Jemand möchte ergriffen werden bei einer Handlung seines Bruders von einem gewaltigen Ärger, so zwar, dass er darum seinen Bruder gleich dem Kahin töten möchte; doch er besinnt sich schnell, erkennt diesen Trieb, woher er gekommen ist. Aber, dass er solches erkennt, ist noch nicht hinreichend, sondern dieses fremden mächtigen Triebes demütige Erkenntnis wird ihn auch alsbald erkennen lassen, dass nur allein Ich der Herr über Leben und Tod bin. In dieser Erkenntnis wird der also von Meiner Kraft Berührte niedersinken vor Meiner ihm so nahe gekommenen Heiligkeit und wird Mir das Meinige redlichen und überdankbaren Herzens zurückstellen.
HG|1|179|19|0|Ich aber werde dann Meine ihn ergriffene Kraft nicht mehr zurücknehmen, sondern ihn mit dieser Kraft segnen und ihn erwecken zum ewigen Leben.
HG|1|179|20|0|Er wird dann hingehen eben auch zu seinem Bruder und wird ihn bekehren, das heißt, er wird seinen Bruder dann für die Welt töten und mit der Fülle Meiner Kraft in ihm ihn wieder beleben zum ewigen Leben.
HG|1|179|21|0|Wer wird da noch behaupten können, dass er da gesündigt habe an seinen Bruder?!
HG|1|179|22|0|Wer aber alsbald nach dem Gewahrwerden des fremden Triebes in sich möchte wie eigenmächtig handeln, obschon er täte nach Meiner Kraft, wäre der nicht ein grober Sünder gleich dem Kahin, der Meine Kraft in sich verkehrt hatte, darum er böse ward und erschlug darum seinen Bruder?!
HG|1|179|23|0|Also wird aber auch sein jeglicher Sünder, wenn er zeitig genug seine Torheit erkannt hat, zu Mir dann voll Reue und Liebe zurückkehrt, wie ein von der Geburt aus Gerechter; so er dadurch alles unrechtmäßig Geraubte vor Mir wieder niederlegt und sich dann demütigst wieder zu Mir kehrt. Wahrlich sage Ich euch, es werden ihm alle Sünden nachgelassen werden, so ihre Zahl auch gleich wäre der des Sandes im Meer! Es soll ihm nichts genommen werden, und er soll groß werden nach der Größe seiner Reue und Demut und Liebe.
HG|1|179|24|0|Aber dafür auch desto mehr wehe dem Hartnäckigen! Und so auch, Kisehel, ist alle deine Sünde zunichte geworden, und du bist nun, als hättest du ewig nie gesündigt, da du erkannt hast das Meinige in dir!
HG|1|179|25|0|Darum auch werde nun fest, und folge Mir samt deinen Brüdern zu deinen Kindern! Amen.“
HG|1|180|1|1|Die fünf überaus schönen Töchter des Zuriel
HG|1|180|1|1|Am 28. Dezember 1841
HG|1|180|1|0|Und alsbald begaben sie sich zu den Kindern des Kisehel, welche ebenfalls noch auf der Erde, von übergroßer Ehrfurcht ergriffen, lagen und im Herzen wahrhaft beteten und Mich lobten über und über.
HG|1|180|2|0|Als sie ebenfalls gar bald dort ankamen, da ging der hohe Abedam vollends zu ihnen hin und sprach über sie:
HG|1|180|3|0|„Erhebt euch alle ihr Kisehels Kinder und dessen Brüder Kinder samt den Müttern! Denn Ich, vor dem ihr auf euren Angesichtern liegt, bin Selbst zu euch gekommen, verhüllt in euresgleichen, und will nun, dass ihr erstehen sollt zum Leben der Liebe aus Mir!
HG|1|180|4|0|Wahrlich, die da sich erheben, so Ich ihnen zurufe, die werden im Leben erstehen und werden den Tod nimmer, ja ewig nimmer schmecken!
HG|1|180|5|0|Welche aber nicht folgen werden Meinem Ruf, die werden liegenbleiben fürder und fürder! Darum erhebt euch nun freudig und frei! Amen.“
HG|1|180|6|0|Und alsbald erhoben sie sich alle und weinten vor übergroßer Freude; denn sie erkannten Den sogleich, der sie erstehen hieß, und lobten und priesen Ihn aus ihren liebevollsten Herzen.
HG|1|180|7|0|Es waren aber darunter auch fünf Mägde, die da Urenkelinnen waren zum Kisehel. Sie waren von ausnehmender Schönheit, und es hatte in einem Alter von dreißig bis vierzig Jahren noch keine einen Mann, obschon eine große Menge Bewerber. Denn ihr schlichter, frommer Vater lehrte sie Mich suchen und allein Mich lieben. So sie solches täten, sagte er gar oft zu ihnen, so werde Jehova ihnen schon zur rechten Zeit auserwählte Männer geben, mit welchen sie eine große Freude haben würden, vielleicht gar Söhne vom Hauptstamm Adams.
HG|1|180|8|0|(Denn das war für die Auswärtigen bei weitem mehr denn jetzt ein kaiserlicher Kronprinz.)
HG|1|180|9|0|Durch solche gute Lehre geleitet, liebten diese fünf Mägde den Jehova stets mehr und mehr trotz ihrer für die Urzeit noch sehr zarten Jugend.
HG|1|180|10|0|Ich ließ sie darum von Zeit zu Zeit Meine Liebe recht tief schmecken, und so waren sie auch unsichtbarerweise in Mich, ihren Jehova, ganz förmlich verliebt und mochten nimmerdar ihre Herzen von Mir abwenden, sondern ihre große Sehnsucht nach Mir stieg von Tag zu Tag, ja oft von Stunde zu Stunde.
HG|1|180|11|0|Sie liebten sich aber auch gegenseitig fast unzertrennbar, so zwar, dass eine tat, was die übrigen taten, und die übrigen, was die eine tat.
HG|1|180|12|0|Alles, was sie nur immer ansahen, entzückte sie; denn sie erkannten in allem ein teures Angedenken ihres alleinigen Geliebten.
HG|1|180|13|0|Besonders aber, so sie irgendein frisches, ungewöhnliches Blümchen fanden, das musste schon gar gewiss von Mir für sie bestimmt worden sein! Da war’s aber dann auch wieder völlig aus mit ihnen; denn alsbald nahmen sie mit großer, liebezitternder Ehrfurcht das Blümchen und eilten damit überfreudig zum Vater und zeigten ihm, was gar so überaus Schönes ihnen ihr heiliger Geliebter schon wieder beschert habe – darüber sich dann auch ihr Vater über die Maßen freute und Mir auch allzeit tief im Herzen dankte, dass Ich seine lieben Kinder behütet habe vor so manchen unkeuschen Nachstellungen der männlichen Lüsternheit. Und nach vollbrachtem Dank opferte er sie Mir wieder auf und bat Mich inbrünstigst, mit Meiner Liebe noch ferner gnädigst und barmherzig die Herzen seiner Töchter zu ziehen, welche Bitte Ich bei diesen Umständen sicher nicht unerfüllt habe dahingehen lassen.
HG|1|180|14|0|Und so wuchsen diese fünf Mägde pur in Meiner Liebe auf und wurden auch dadurch stets schöner und reizender und zarter, geistig und leiblich. Ja, ihre Schönheit war so groß, dass alle gegenwärtigen Erdschönheiten gegen sie nicht einmal einen kleinen Tautropfen ausmachen möchten, so sie auch in eins vereinigt werden könnten; denn für ihre große Liebe zu Mir ließ Ich sie auch, soviel es nur immer leiblich möglich ist, so recht vollends himmlisch schön werden, darum sie auch von jedermann ‚Die schönen Kinder der Liebe‘ (Allurahelli) benamst wurden.
HG|1|180|15|0|Nach diesem Vorausgeschickten kann sich ein jeder einen kleinen Begriff machen, wie es diesen fünf Mägden zumute wurde, als sie im Abedam ihren so heißgeliebten Jehova erblickten.
HG|1|180|16|0|Hätte sie ihr Vater nicht abgehalten, sie wären brennend über Ihn hergefallen.
HG|1|180|17|0|Da aber Abedam ihre länger erprobte Liebe sicher klärlichst sah, so sagte Er zum Vater der Mägde:
HG|1|180|18|0|„Höre, Zuriel, die zu Mir wollen, sollst du nicht aufhalten, – oder bin Ich nicht Der, den du deine Töchter allein lieben lehrtest?! So lasse sie zu Mir, und halte sie nicht zurück!“
HG|1|180|19|0|Und der fromme Zuriel führte alsbald voll der höchsten Ehrfurcht seine Töchter hin zum Abedam, kniete vor Ihm nieder (denn das Knien war seine ehrfurchtsvollste Sitte, so er zu Mir betete) und sagte:
HG|1|180|20|0|„O Jehova, Du überheiliger Vater aller Menschen und Schöpfer aller Dinge, sehe mich gnädigst an, und vernehme das Stammeln meines Mundes!
HG|1|180|21|0|Siehe, die ich Dir von der Kindheit schon stündlich aufgeopfert habe, und habe mit Deiner Gnade ihre Herzen zu Dir geleitet, diese Deine Geschenke an mich Unwürdigsten bringe ich Dir, o Jehova, nun wieder als ein meines Wissens möglichst reines Opfer zurück mit dem inbrünstigsten Dank meines Herzens, darum Du mich Unwürdigsten gewürdigt hast, mir eine so herrliche Gabe anzuvertrauen!
HG|1|180|22|0|Möchte ich Dir doch ein wohlgefälliges Opfer dargebracht haben!
HG|1|180|23|0|O Jehova, sei mir armem Sünder vor Dir gnädig und barmherzig! O Jehova, Dein heiliger Wille ewig! Amen.“
HG|1|180|24|0|Und der hohe Abedam erwiderte dem Zuriel: „Höre, Zuriel, blind und stumm war die Gabe, als sie von Meiner Hand in deines Weibes Schoß gelegt wurde, und unrein und voll Schmutzes erblickte sie das Licht der Erde! Du hast sie nach Meinem Willen gereinigt mit allem Fleiß deines Herzens und hast Mir fünf schmucke Bäumchen des Lebens gezogen, die gar bald in Meinem Garten die herrlichsten Früchte tragen werden, – des sei versichert!
HG|1|180|25|0|Die Jüngste werde Ich segnen für die ganze Erde, und ihre Nachkommen sollen das große Ende aller Dinge schauen. Durch die anderen aber soll gesegnet sein des Geistes künstliches Wirken; denn es werden Zeiten kommen, da ihr der Künste bedürfen werdet, und sie werden ein Segen sein denen, die sie weise benützen werden, – aber auch ein Gericht für jene, die sich eigennützig derselben bedienen werden.
HG|1|180|26|0|Du, Zuriel, aber sollst den Tod ewig nimmer schmecken! Siehe, jetzt habe Ich deinen Geist frei gemacht vom Fleische, damit er ein Herr sei in seinem fleischigen Haus und im selben nach Gefallen aus- und eingehen kann; ganz jedoch sollst du nicht eher dein Haus verlassen, als bis Ich dich werde rufen lassen.
HG|1|180|27|0|Ich sage es dir, im Reich des Liebelichtes sollst du dereinst mit allen Deinen die schönste Wohnung haben, wahrlich, schöner denn alle sichtbaren Himmel und größer denn sie; für jetzt aber bleibe bei Mir mit den Deinen! Amen.“
HG|1|180|28|0|Und weiter redete der Abedam zu den fünf Liebhaberinnen ein Wort, sie gleichsam fragend: „Allurahelli! Wie gefalle Ich euch? Wie seid ihr denn zufrieden mit Mir? Habt ihr euch Mich wohl also vorgestellt, als ihr in eurer Liebe zu Mir Meine Gedenkzeichen auf den Feldern suchtet?“
HG|1|180|29|0|Und die fünf, sich kaum zu schauen getrauend, erwiderten mit lieblich zitternder Stimme: „O Du ewig einziger Gegenstand unserer Liebe, Du siehst ja unsere Herzen; solcher Gnade von Dir sind wir ja viel zu unwürdig!
HG|1|180|30|0|O Jehova, Du allein, Du ganz allein bist ja unsere Hoffnung, Du allein der Geliebte unserer Herzen!
HG|1|180|31|0|Was haben denn wir verdient, darum Du Dich von uns so allergnädigst lieben ließest? Das allein erkennen wir ja schon demütigst für den allerhöchsten Segen!
HG|1|180|32|0|O Jehova, so wir Dich nur anrühren dürften und nur wenigstens Deine Hand an unser Herz drücken!
HG|1|180|33|0|Und der Abedam hieß sie Sich an den Leib kommen und ließ Sich von ihnen ganz ergreifen und sagte zu ihnen:
HG|1|180|34|0|„Nach der Eva seid ihr die Ersten, die Mich anrühren durften! Da ihr Mich aber schon ergriffen, so will auch Ich euch ergreifen mit der Hand, die einst Himmel und Erde bildete, und euch küssen zum ewigen Leben mit dem Mund, der einst, wie jetzt, alle Dinge werden hieß!
HG|1|180|35|0|Daher bleibt auch ihr bei Mir, und folgt Mir nun auf die Morgenhöhe hin zum Adam! Amen.“
HG|1|181|1|1|Die unermessliche Macht des Göttlichen
HG|1|181|1|1|Am 29. Dezember 1841
HG|1|181|1|0|Und die fünf Mägde schmiegten und drückten sich um ihren Geliebten also stark, dass Er natürlicherweise nicht weiter zu gehen vermochte, außer Er hätte nur müssen Seiner Kraft einen kleinen Raum lassen, oder Er hätte sie schleppen müssen.
HG|1|181|2|0|Der Zuriel aber meinte, es möchte dem Abedam Jehova solches Benehmen seiner Töchter etwa doch ein wenig unangenehm sein, und fragte daher allerehrerbietigst auf Knien noch den Abedam:
HG|1|181|3|0|„Meine Töchter werden Dir vielleicht schon lästig; soll ich sie Dir wohlgefälligst etwa nicht zurückrufen?! Denn Du möchtest ja auf die Morgenhöhe Adams gehen, und sie hindern Deine heiligen Füße!“
HG|1|181|4|0|Der Abedam aber entgegnete ihm: „Höre, Zuriel, du denkst weltlich von Mir! Wer kann Meinen Füßen hinderlich werden? Welche Erde könnte Meine Schritte aufhalten?
HG|1|181|5|0|Meinst du denn, so Mir das Verhalten deiner Töchter zuwider wäre, Ich könnte Mich ihrer nicht los machen? Du bist noch stark blind auf dem rechten Auge!
HG|1|181|6|0|Siehe hier, jedes Sandkörnchen, das an deinen Füßen klebt, muss Ich mit Meiner Liebekraft also umklammern, ja bei weitem inniger noch als die Mägde nun Meine Füße, damit es als solches bestehe, – und du kannst es doch frei herumtragen, der du doch nur ein Mitgeschöpf aus Mir bist, und Ich dich dazu noch selbst unendlichmal inniger beklammert halten muss, damit du bist und lebst, denkst, fühlst und dir selbst klar bewusst bist und also auch von Mir nicht aufgehalten bist, dich selbst frei zu bewegen!
HG|1|181|7|0|Siehe, die Erde bewegt sich frei, der Mond, die Sonne, ebenso auch die zahllosen Sterne, welche alle nichts als lauter für dich unbegreiflich verschieden gestaltete Welten wie diese Erde und Sonnen wie diese Sonne sind, – manche noch unvergleichbar größer, hie und da aber manche auch kleiner mit verschiedenem Licht!
HG|1|181|8|0|Ich muss sie endlos alle beständig in allen ihren unendlich verschiedenartigen Teilen fest umklammert halten, vom Atom angefangen bis zur allergrößten Mittelsonne, zu deren körperlicher Größe – verstehe es wohl! – diese Erde samt der Sonne, die doch selbst um viele tausend Male größer ist als die Erde selbst, sich kaum also verhalten wie ein Atom zur Erde, – sonst würden sie sicher urplötzlich aufhören zu sein; und siehe, doch kann sich alles frei bewegen!
HG|1|181|9|0|Verstehst du nun deine Blindheit? Wie konnte es dir einfallen, deine Töchterlein könnten Meinen Füßen hinderlich sein?
HG|1|181|10|0|O siehe, solcher törichter Meinungen gibt es noch gar viele unter euch!
HG|1|181|11|0|Da Ich aber an dem, was die Mägde tun mit Mir, kein Missfallen, sondern ein großes Wohlgefallen nur habe, kannst du aber ja doch daraus ersehen, dass Ich sie also gerne dulde. Oder soll Ich Liebende um Mich nicht dulden? Wer dann sollte sich Mir nahen dürfen?
HG|1|181|12|0|Ich sage aber euch allen, so Mich ein Weib nicht also erfassen und fest umklammern wird wie diese Meine lieben Töchter hier, die wird ewig nimmer Mein Angesicht sehen!
HG|1|181|13|0|Verstehst du, Zuriel, dieser Rede Sinn?“
HG|1|181|14|0|Und der Zuriel erwiderte: „O Jehova! Vergebe mir armem, blindem Toren – das ist alles, was ich hier Dir zu sagen vermag –, und habe Geduld und Nachsicht mit mir! Oh, ich möchte nun vergehen vor Dir; nein, das kann ich mir nimmer verzeihen!
HG|1|181|15|0|Je mehr ich jetzt nachdenke, desto klarer deckt sich die unaussprechliche Torheit meiner Frage vor mir auf! O Jehova, rette mich, sonst verzehrt mich die zu große Schande meiner Torheit vor Dir! Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|1|181|16|0|Der Abedam aber streckte Seine Hand gen Zuriel aus und sagte zu ihm: „Zuriel, Ich sage dir: Sei ruhig in deinem Herzen; denn dein Fehler kam aus deiner blinden Liebe zu Mir! Darum aber gab Ich dir jetzt ein Licht, damit du Mich künftig nicht mehr also blind wie bisher, sondern sehend mit beiden Augen lieben sollst. Doch aber sage Ich auch dir: Wer Mich nicht in seiner Blindheit wird zu lieben anfangen und wird nicht dir gleich um Mich vor allem besorgt sein, dem wird schwerlich je ein höheres Licht aus Meiner Liebe werden!
HG|1|181|17|0|Da du jetzt aber vollends sehend geworden bist, so sollst du aber nun auch dir unschädlichermaßen sehen, wie wenig oder gar nicht diese Meine Füße umklammernden Mägde Meine Schritte zu hemmen imstande sind.
HG|1|181|18|0|Sehe dich nur ein wenig um, wo wir uns gegenwärtig befinden, und du wirst deine frühere leere Besorgnis noch genauer einsehen!
HG|1|181|19|0|Wie kommt es dir hier vor? Oder befinden wir uns noch an der Stelle, an der Ich zu euch kam? Oder geht von euch auch [nur] einer ab?“
HG|1|181|20|0|Hier wurde Zuriel vor Verwunderung stumm; denn er gewahrte erst jetzt, dass sie sich schon alle vollkommen auf der vom früheren Standpunkt nahe bei einer kleinen halben Stunde entfernten Morgenhöhe Adams und also auch bei Adam selbst befanden.
HG|1|181|21|0|Und der Abedam fragte alsbald den Zuriel: „Höre, Zuriel, warum bist du nun stumm? Ist es nicht recht also, dass wir uns schon am Ort befinden, dahin wir noch lange mühsam hätten zu gehen gehabt?“
HG|1|181|22|0|Und der Zuriel, sich zur Not fassend, erwiderte: „O Jehova, ob es recht ist also?! Was Du tust, ist ja allzeit und ewig wohlgetan; aber nur – nein – ich weiß es nicht – es ist ja doch kein Traum – sind wir denn wirklich da?
HG|1|181|23|0|Ja – aber nur – wie ist das denn doch geschehen? In solcher unbegreiflichen Schnelle, – dass ich doch keine Bewegung verspürte; – ich kniete und knie noch!
HG|1|181|24|0|O Jehova, wie wunderbar doch ist Deine Macht und wie heilig Deine unendliche Gewalt! Ja, wer sollte Dich nicht über alles lieben, so er Dich nur stumm erkannt hat, da Du ja doch Selbst die allerhöchste Liebe bist!
HG|1|181|25|0|Es wäre doch sicher wieder gar zu töricht, so ich Dich, o Jehova, wieder fragen möchte, wie solches möglich! Nein, nein, – ich frage nicht! Was sollte denn Dir unmöglich sein?!
HG|1|181|26|0|O Jehova, siehe, ich rede ja, dass es eine barste Schande ist, durcheinander wie ein altes Weib im Traum!
HG|1|181|27|0|Habe Geduld mit mir, und lasse mich eher fassen und sammeln mich; denn es ist zu viel auf einmal für mich Unreinen vor Dir!
HG|1|181|28|0|Ich danke Dir, Du heiliger, ja Du überheiliger Vater für so unendlich viel Gnade und Erbarmung; ich bin ja nicht des allergeringsten Teiles derselben würdig!
HG|1|181|29|0|Allein Du, heiliger Vater, hast uns alle Deiner gewürdigt; darum Dir alle Zerknirschung unserer Herzen ewig! Amen.“
HG|1|181|30|0|Und der Abedam entgegnete ihm, sagend: „Zuriel, dieses nimmt dich also wunder, dass du jetzt mit all den übrigen dich plötzlich hier befindest, – und doch sage Ich dir, dass jeder Atemzug, jeder Herzschlag in dir, ja alles an dir ein größeres Wunder ist denn das Geschehene, welches Ich darum nur bewirkte, auf dass du desto deutlicher ersehen sollst, wie ganz unnötig deine Sorge für die Freiheit Meiner Füße war!
HG|1|181|31|0|Du aber bist gerecht und lebendig, darum du ein überaufrichtiges Herz hast; daher bleibe auch ein freier Bewohner deines Hauses! Amen.“
HG|1|181|32|0|Es kam aber nun auch der Adam hinzu und lobte und pries den Abedam, darum Er Sich sogar gegen das weibliche Geschlecht so herablassend gnädigst und barmherzigst bezeige.
HG|1|181|33|0|Und der Abedam erwiderte ihm: „Adam, ist denn die Eva nicht aus Meiner Hand hervorgegangen? Warum soll denn das Weib in Meiner Liebe zurückstehen?
HG|1|181|34|0|Ich sage dir aber, dass, so Ich dereinst einen neuen Himmel bauen werde, Ich denselben in einem Weib werde zu bauen anfangen, und nimmer in einem Mann!
HG|1|181|35|0|Doch darob soll Mich niemand weiter fragen; es werden noch zuvor große Dinge geschehen! Amen.“
HG|1|182|1|1|Der hohe Abedam und Ghemela
HG|1|182|1|1|Am 30. Dezember 1841
HG|1|182|1|0|Es waren aber die fünf den hohen Abedam umklammernden Mägde noch alsosehr in die Liebe ihrer Herzen versunken, dass sie darob von all dem Vorgegangenen nichts merkten.
HG|1|182|2|0|Da aber dem Abedam wohlgefällig war solche gänzliche Ergebung ihrer ganz reinen Herzen, so rührte Er sie nun wieder an und rief sie mit der sanftesten Stimme und richtete dann folgende Worte an sie:
HG|1|182|3|0|„Allurahelli, ihr Meine geliebten Töchter und Bräute Meiner Liebe zu euch, erwacht nun auch aus eurer reinen Liebe zum so reinen Gnadenlicht aus Mir und beachtet nun ein wenig, wo ihr euch befindet, und sagt Mir sodann, wie es euch vorkommt, und was ihr davon haltet!“
HG|1|182|4|0|Und alsbald erhoben sich die Mägde und fingen an, schüchtern um sich zu schauen. Nach längerem Schauen erkannten sie erst, dass sie sich auf der Morgenhöhe Adams befanden.
HG|1|182|5|0|Nun war’s aber auch völlig aus mit ihnen. Eine jede hätte gerne zu reden und um allerlei den hohen Abedam zu fragen angefangen; allein keine konnte einen schicklichen Anfang finden. Da aber der Abedam ihre natürliche Verlegenheit sah, so kam Er ihnen alsbald zu Hilfe und sagte zu der Jüngsten:
HG|1|182|6|0|„Dich wundert, wie deine vier Schwestern, dass du hierher kamst, ohne zu wissen, wie?
HG|1|182|7|0|Allein denkt an den Sturm der vergangenen Nacht, der so plötzlich verstummte, und alles wieder zurücktrat in seine vorige Ordnung bis auf das Meer, welches zurücktreten musste, um für euch ein fruchtbares Land zu hinterlassen, dessen ihr gar bald bedürfen werdet, so sich eure Zahl vervielfachen wird, und bis auf die noch ringsumher in jenen weiten Fernen brennenden Berge, damit die Erde im Innern erweitert wird und hohl gemacht zur Aufnahme des zurückgetretenen Meeres und zur Aufnahme derjenigen Wesen, die Mich hassen und fliehen, damit sie da mit dem versunkenen Meer heulen und mit des Meeres stärkstem Ungeheuer, welches mit hinabgesunken ist in die Zorntiefe der Erde und ‚Leviathan‘ heißt, zähneknirschen können!
HG|1|182|8|0|Seht, sonst ist ja alles wieder also unbeschädigt da, wie es von Zeiten und Zeiten her war!
HG|1|182|9|0|Da aber solchen Sturm, durch Meinen Willen gestärkt, sogar der Seth zu stillen vermochte, wie viel mehr muss Mir Selbst erst noch alles möglich sein!
HG|1|182|10|0|Nicht aber euretwegen ließ Ich hier solches geschehen, sondern eures frommen, Mir ergebenen Vaters wegen nur, darum er in der leeren Furcht war, ihr könntet durch eure Liebe zu Mir dem Gang Meiner Füße hinderlich werden.
HG|1|182|11|0|Ich aber streckte da Meine Hand aus und hob euch alle hierher. Als euer Vater ersah, dass wir uns schon an Ort und Stelle befanden, da erst begriff er vollends, wie Mir nichts hinderlich werden kann auf Meinen Wegen.
HG|1|182|12|0|Euch, Meine geliebten Bräute und Töchter, sage Ich die Ursache dieser Begebenheit darum, damit ihr aus dieser sicheren und nötigen Kunde Licht schöpfen mögt und, vollends aus eurem Schlaf erwachend, auch erkennen möchtet, dass auch das Weib für Liebe und Licht, nicht aber für stumme Liebe nur und daneben für die Finsternis von Mir erschaffen wurde! Verstehst du Meine Worte?“
HG|1|182|13|0|Und die jüngste Gefragte antwortete: „O Jehova, wie soll ich Dir danken?! Siehe, nun ist in mir alles Licht geworden! Ich verstehe Dein heiliges Wort; ja ich selbst sehe mich wie durch und durch und komme mir auch gar so leicht nun vor!
HG|1|182|14|0|Ach, wie unendlich wohl ist mir jetzt! Wie übergut bist Du doch, o Jehova!
HG|1|182|15|0|Aber Du mein über und über ganz allein geliebtester Jehova, sage mir doch, ist meinen Schwestern auch so wohl und gut wie mir? Und sehen sie sich auch also durch und durch hell erleuchtet wie ich von und durch Deine Gnade?“
HG|1|182|16|0|Und der Abedam entgegnete ihr: „O sehe sie nur an, und du wirst bald gewahr werden, dass ihnen bei Mir nichts abgeht!
HG|1|182|17|0|Wer bei Mir ist also wie ihr jetzt, der ist schon mit allem versorgt!
HG|1|182|18|0|Siehe, Meine liebe Ghemela, Ich liebe dich also, als wenn Ich außer dir in der weiten Unendlichkeit niemanden mehr hätte, den Ich lieben könnte! Aber siehe, also ist es nicht, denn es enthält die Unendlichkeit zahllose Wesen, die Mich lieben wie du und also auch sodann von Mir wieder geliebt werden wie du, – und jeder, der von Mir empfängt, der hat an dem, was er von Mir empfangen hatte, im Übermaße Genüge für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten!
HG|1|182|19|0|Wie aber du nun zufrieden und selig bist in deiner reinen Liebe zu Mir, also werden es alle sein in ihrer Art vollkommen, die Mich allein lieben und dann durch Mich auch alle ihre Brüder und Schwestern gleich Mir vollkommen!
HG|1|182|20|0|Damit du aber, liebe Ghemela, einen kleinsten Teil von dem, was sich alles Meiner Liebe erfreut, erschauen mögest, so breche dir ein Blümchen ab, das da eben zu deinen Füßen deiner harrt!“
HG|1|182|21|0|Und sie brach das Blümchen alsbald von dem Stängel ab und zeigte es dem Abedam. Er aber rührte es an und hauchte der Ghemela in die Augen und sagte dann zu ihr:
HG|1|182|22|0|„Was du jetzt siehst, das gebe durch einfache Worte allen um uns her kund!
HG|1|182|23|0|Nun, was siehst du auf deinem Blümchen alles? Fürchte dich ja nicht zu erzählen; denn du gehörst ja ewig Mir an und wirst ewig nie Meine große Liebe zu dir verlieren! Also, was siehst du alles?“
HG|1|182|24|0|Und die Ghemela fing liebeschüchtern zu reden an, wie da folgt, sagend nämlich: „O Du großer, überheiliger, überherrlicher Jehova! Was ist das? O Wunder, Wunder über Wunder! Das ist ja keine Blume! Welten, unübersehbare große Welten sind es!
HG|1|182|25|0|Wer könnte ihre unendliche Vielheit zählen?! Eine übertrifft die andere an nie geahnter Herrlichkeit! Welch ein unbeschreiblicher Glanz umgibt sie!
HG|1|182|26|0|Und – o Jehova, Du unaussprechlich heiliger Vater! – ich sehe ja auch lebende Wesen aller Art! Ihre Zahl ist unendlich! Ich sehe große Gewässer in und auf der Oberfläche dieser zahllosen Wunderwelten; auch sie sind erfüllt von zahllosen Leben! Und siehe, zahllose entsteigen fortwährend diesen Welten, und zahllose kehren wieder zu diesen Welten voll Glanzes zurück!
HG|1|182|27|0|O Jehova, Jehova! Ich kann nicht mehr reden; die Wunder werden immer mehr, größer und neuer! O Jehova, wie heilig und gut doch musst Du sein! O mein – Jehova!“
HG|1|182|28|0|Hier mochte sie nicht mehr weitersprechen; denn die zu groß werdenden Wunder erstickten ihre Sprache, und sie fiel wie ohnmächtig dem Abedam an die Brust.
HG|1|182|29|0|Er aber empfing sie in Seine Arme und erweckte sie alsbald wieder und fragte sie dann: „Ghemela, das hättest du an diesem Blümchen sicher nicht gesucht?
HG|1|182|30|0|Und siehe, doch ist es also, und von Mir aus noch ganz unendlich anders! Einmal bei Mir in Meinem Reich wirst du es schon noch viel besser schauen und genießen können!
HG|1|182|31|0|Siehe, für wie vieles Ich schon zu sorgen habe bei einem solchen Blümchen; jetzt denke dir aber erst die unendliche Körper- und Geisterwelt!
HG|1|182|32|0|Und doch habe Ich dich also lieb, als hätte Ich nichts als nur allein dich!
HG|1|182|33|0|Jetzt verstehst du Mich schon besser? Oh, Ich sage dir, du wirst deinen Geliebten ewig mehr und mehr verstehen und kennenlernen! Amen.“
HG|1|183|1|1|Die überwältigende Vision der Schöpfung
HG|1|183|1|1|Am 31. Dezember 1841
HG|1|183|1|0|Da die fünf Mägde aber nun sahen und in sich nun durch und durch gewahrten, wie überaus gut und liebevoll ihr Jehova ist, und wie Ihm vollends zu trauen ist, so wurden sie auch desto beherzter und ganz besonders die Ghemela.
HG|1|183|2|0|Demzufolge fing diese auch an, Ihn um allerlei ganz artige und rare Dinge zu fragen. Einige der seltensten Fragen waren folgende, welche von dem Munde und Herzen Ghemelas also lauteten:
HG|1|183|3|0|„Mein allein über und über geliebtester Jehova, da Deine unaussprechliche Gnade und Deine unaussprechliche Liebe mir das unendliche Wunder eines Blümchens – ja dieses meines Blümchens, welches mir ewig eines der teuersten Gedenkzeichen an diese Zeit bleiben soll! – hatte schauen lassen, siehe, ich habe schon oft auch die lieben, schönen Sternchen zur Nachtzeit am Himmel mit großer, sehnsüchtiger Herzenslust betrachtet und dachte mir allerlei dabei, was sie doch sein möchten oder sein könnten! Es blieb aber jedoch stets nur bei meinen Gedanken, aber Gewissheit konnte ich doch keine herausbringen.
HG|1|183|4|0|Ich dachte mir oft, sie müssen in der Nähe wohl gar wunderschön sein, viel schöner als die Blümchen, da sie sich schon in der Entfernung so wunderherrlich ausnehmen.
HG|1|183|5|0|Einmal gingen wir mit unserem Vater, siehe, gar weit dorthin, wo die Sternchen wir immer aufgehen sahen, in der guten Hoffnung, sie dort recht in der Nähe zu betrachten; aber siehe, Du mein allein geliebter, allerbester, heiliger Jehova, die lieben Sternchen sind vor uns weit, weit zurückgewichen und sind an einem ganz fremden Ort aufgegangen, welcher jedoch zu weit von uns entfernt zu sein schien, als dass wir zur Nachtzeit, da wir ohnehin schon sehr müde waren, uns noch einmal eine noch weitere Reise hätten zu machen getraut!
HG|1|183|6|0|Und zudem hat uns auch der Vater beruhigt, indem er zu uns gesagt hatte, wir sollten uns daraus ja nichts machen. Diese Sterne würden sicher zu heilig sein Deinetwegen; daher mochten sie denn auch stets zurückweichen vor den unheiligen Augen des Menschen, und man müsse Dir schon darum überaus dankbar sein, so man ein solches Heiligtum auch von weiter Ferne ungestraft betrachten dürfe.
HG|1|183|7|0|Und siehe, wir alle waren dadurch auch vollkommen beruhigt und konnten nichts anderes tun, als Dich für eine so große Gnade nur in aller Liebe unserer Herzen loben und preisen!
HG|1|183|8|0|Aber – jetzt – Du mein über alles geliebter Jehova –, nachdem ich das Blümchen gesehen, – jetzt – ich getraue mir doch nicht so ganz recht – o guter, liebevollster Jehova! Du wirst etwa doch nicht böse werden auf mich?“
HG|1|183|9|0|Der Abedam aber ermutigte sie, zu ihr sagend: „O Meine Ghemela! Frage du nur mutig darauf los, und sei in deiner und Meiner Liebe versichert, dass Ich fürs Erste gar nie böse oder gram werde, – und fürs Zweite werde Ich dir keine Antwort schuldig bleiben und dir alles gewähren, was deine reine Liebe von Mir erbittet!
HG|1|183|10|0|Doch Ich sehe schon, dass Ich dir wieder aus der Verlegenheit helfen muss! Nicht wahr, du möchtest die Sterne, diese dir scheinbaren Glanzblümchen des Himmels, schauen in einer dir begreiflichen Nähe?“
HG|1|183|11|0|Und die Ghemela bejahte ganz wonnelächelnd mit einem heitersten Kopfnicker die Frage Abedams.
HG|1|183|12|0|Und der Abedam sagte darauf zu ihr: „Nun denn, so reiche Mir deine rechte Hand; die linke aber gebe deinem Vater und deinen Schwestern, damit auch sie sehen mögen, was du jetzt sehen wirst!“
HG|1|183|13|0|Nach diesen Worten aber hauchte Er sie alle an, und sie sahen in die Tiefen der Schöpfung.
HG|1|183|14|0|Aber die Ghemela schrie bald laut auf und bat um Hilfe – mit ihr auch die übrigen Schauenden – mit folgenden Worten:
HG|1|183|15|0|„O Jehova, Jehova, Jehova, rette uns Arme, die wir nichts sind vor Dir; denn Deiner Schöpfung endlose Größe verschlingt uns, – ja, wir sind schon zunichte! Solches kann ja niemand schauen und am Leben bleiben zugleich; daher, o Jehova, Du heiliger, großer Gott und Vater, rette uns!“
HG|1|183|16|0|Und der Abedam rief sie wieder zurück, und ihr Gesicht verschwand. Da sie wieder wach wurden, fielen sie vor Ihm nieder und fingen an, Ihn anzubeten; denn es hatte sie eine große Furcht ergriffen, dass sie darob bebten am ganzen Leib.
HG|1|183|17|0|Abedam aber rührte sie an, hieß sie sanft, sich nur getrost wieder aufzurichten, und fragte endlich übersanft die Ghemela:
HG|1|183|18|0|„Ghemela, Mir scheint, die Sterne haben dir nicht also gefallen wie zuvor das Blümchen?
HG|1|183|19|0|Was war’s denn, darum du jetzt noch so zitterst? Fasse nur wieder Mut, und erzähle uns allen etwas davon! Siehe, du bist ja schon wieder bei Mir, wo du nichts mehr zu fürchten hast; darum rede nur hurtig darauf los, was alles dir in diesen drei Augenblicken begegnet ist!
HG|1|183|20|0|Komme her, und lehne dich ein wenig an Meine Brust, dann wird dir der Mut schon wiederkommen!“
HG|1|183|21|0|Und sie fiel mit einer heißen Hast hin auf den Abedam, und erst, als sie eine Zeit lang geruht hatte an dieser so überheiligen Brust, kam sie wieder zu sich und richtete sich auf und fing an, mit noch immer etwas zart-scheuer Stimme folgendes zu reden:
HG|1|183|22|0|„O Jehova, Du allmächtiger, Du überheiliger, Du unendlicher Jehova! Wessen Mund könnte sich da würdig öffnen und etwas reden von Deiner unendlichen Größe, Höhe, Tiefe und Macht?!
HG|1|183|23|0|Ich sah nichts denn unzählige, unendlich große, unbeschreiblich hell flammende Welten in der Unendlichkeit sich Blitzen gleich bewegen; die eine übertraf an Größe, Licht und Herrlichkeit ins Unendliche die andere!
HG|1|183|24|0|Ja, als ich tiefer noch mein erschrecktes Auge richtete, da sah ich nur mehr eine unendliche Flammenwelt; und mitten in den endlos ausgedehnten Flammen, die da waren voll des allerunerträglichsten Sonnenlichtglanzes, sah ich noch zu meinem größten Schrecken fast unübersehbar große, furchtbar aussehende Menschengestalten mit großer Schnelligkeit wandeln!
HG|1|183|25|0|Ich dachte mir ihren Schmerz, und es kam mir vor, als hätte sich eine unendliche Tiefe geöffnet, welche da verschlang diese Flammenwelt und die wahrscheinlich überaus viel leidenden Menschengestalten mit ihr.
HG|1|183|26|0|Und diese schreckliche Tiefe schien auch mich verschlingen zu wollen, darum ich dann zu Dir um Hilfe laut aufschrie und Du mir Armen auch alsbald halfst, darum ich Dir ewig danken und Dich preisen möchte!
HG|1|183|27|0|Siehe, mehr zu reden vermag ich nicht; o habe Geduld mit mir, die Dich allein über alles liebt! O Jehova, das also sind die Sterne, die mich so oft entzückt haben!
HG|1|183|28|0|Du musst mir nicht darum gram werden, so ich Dir offen gestehe, dass mir die Blümchen lieber sind als die Sterne; denn diese sehen ja doch ganz entsetzlich fürchterlich aus!
HG|1|183|29|0|So Du mir erlaubst, möchte ich Dich schon um etwas anderes fragen.
HG|1|183|30|0|Und der Abedam erwiderte ihr: „Ghemela, du hast ja Meine Versicherung schon empfangen! Frage, um was du willst, Ich werde dir keine Antwort schuldig bleiben; aber nur um Sterne musst du nicht mehr fragen, denn diese sind zu groß für dich, sonst aber um alles!“
HG|1|184|1|1|Der hohe Abedam erläutert das Wesen von Zeit und Ewigkeit
HG|1|184|1|1|Am 3. Januar 1842
HG|1|184|1|0|Nach dieser endlos liebreichsten Versicherung von Seiten Abedams an die Ghemela, wodurch auch ein großer Mut in sie zurückkehrte, wurde sie vollends beruhigt in ihrem Herzen. Ihre Brust atmete wieder ganz frei, und sie machte nun alsbald von ihrem Wunsch Gebrauch und gab aus ihrem Herzen folgende Frage, welche auch in die Reihe ihrer seltenen, artig raren Fragen gehört. Diese zweite rare Frage aber lautete also:
HG|1|184|2|0|„Allerliebevollster, mein alleinig geliebtester, über alles heiliger, allmächtiger Jehova! Da Du Dich schon so unaussprechlich tief zu uns armen Sündern und Sünderinnen also gnädig herabgelassen hast und mir zu fragen erlaubt hast, wäre es Dir wohlgefällig, meiner Torheit darin aufzuhelfen?
HG|1|184|3|0|Siehe, hundert und tausend Male habe ich das Wort ‚ewig‘ und ‚Ewigkeit‘ gehört und selbst nicht minder oft ausgesprochen; aber, gewiss und wahr, noch nie habe ich es verstanden!
HG|1|184|4|0|O Jehova, so Dein heiliger Wille es wäre, – ich möchte solches wohl gar gerne erfahren!“
HG|1|184|5|0|Und der Abedam aber erwiderte ihr alsbald, ihrer Frage genügend und für alle fasslich, indem Er sagte:
HG|1|184|6|0|„Höre, Meine geliebte Ghemela, was eigentlich von Mir aus die Ewigkeit ist, solches könntest du wohl nie begreifen und bleiben zugleich am Leben. Daher wäre es unmöglich, dir die Ewigkeit von Mir aus vollends erschaulich zu machen; aber was du und alle zu fassen vermögen, da ist die Ewigkeit für den Geist das, was die Zeit ist für den Leib, nur mit dem alleinigen Unterschied, dass die Zeit um sich her alles verzehrt und vergehen macht, während die Ewigkeit auch nicht ein Atom vergehen lässt.
HG|1|184|7|0|Diese Zeit besteht und entsteht aus der beständigen Bewegung aller körperlich geschaffenen Dinge; denn würden sich diese nicht bewegen, so möchten sie mit der Zeit alle übereinander her zusammenfallen, Sonnen und Erden und Monde und alle lebenden Wesen durcheinander zu einem endlos chaotischen Klumpen, welcher sich endlich durch den endlos starken Aufeinanderdruck gar bald durch und durch entzünden und so auch dann sich selbst verzehren und am Ende gänzlich vernichten möchte.
HG|1|184|8|0|Da sich aber der Erhaltung wegen vom Größten bis zum Kleinsten alles in wohl abgemessenen, gerechten Entfernungen bewegen muss und selbst jene Teile an einem zusammenhängenden Körper wenigstens einen beständigen Bewegungstrieb in sich haben müssen, vermöge welchem sie sich bei einem aufgehobenen Hindernis alsbald zu bewegen anfangen können, so bewirken die beständigen, unter denselben Gesetzen stets zurückkehrenden Bewegungen und gegenseitig ordnungsmäßigen Begegnungen die Zeitläufe, die sich zählen lassen. Und was diese Beständigkeit in der Bewegung bewirkt, nämlich die Abnützung der sich auf dem Wege der Bewegung berührenden Teile und dadurch das entweder langsame oder schnellere Vergehen der Dinge, ist die alles verzehrende Zeit. Darum denn alles Zeitliche auch vergänglich ist, da die Dinge vergehen, und wieder andere an ihre Stelle treten, und es ist sodann das Maß der Zeit nach dem Verschwinden und Wiederkehren der Dinge bestimmt.
HG|1|184|9|0|Allein bei der Ewigkeit ist schnurgerade das Gegenteil [der Fall]! Da ist jede Bewegung nur scheinbar; im Grunde aber herrscht die vollkommenste Ruhe in allen Dingen.
HG|1|184|10|0|In der Zeit scheinen die Dinge zu ruhen, und doch bewegt sich sogar der härteste Stein in allen seinen zahllosen Teilen, und es ist nichts, das da irgend hätte eine Ruhe.
HG|1|184|11|0|In der Ewigkeit ist wieder der ganz umgekehrte Fall! Dort scheint sich alles beständig zu bewegen; aber dessen ungeachtet ist doch alles in der allerungestörtesten Ruhe von Mir aus.
HG|1|184|12|0|Damit du aber solches recht anschaulich verstehst, so will Ich dir ein sicheres und treues Beispiel geben:
HG|1|184|13|0|Siehe, so du von hier zu jenem fernen Feuerberg hinziehen möchtest, da müsstest du dich alsbald auf die Füße machen und mühsam Schritt um Schritt vorwärtsschreiten, um vielleicht in zwei bis drei Tagen dahin zu gelangen.
HG|1|184|14|0|In der Ewigkeit aber kann sich ein jeder den Weg ersparen, kann beständig auf einem und demselben Punkt verharren und kann allein mit seinen Gefühlsgedanken die unglaublichst weitesten Reisen machen und alles genau beim allervollsten Bewusstsein beschauen, während sich seine eigentümliche Person auch nicht um ein Haar von seiner bestimmten Stelle bewegt und sich somit in der beständigen, allersüßesten Ruhe befindet, – das heißt von Mir aus betrachtet.
HG|1|184|15|0|Siehe, also stelle dir die Sache vor, als schliefst du auf einem sanften, weichen Lager und hättest in deinem süßen Schlaf die schönsten Träume, dass du hin und her liefest und möchtest springen und tanzen vor Freude und möchtest auch noch dazu machen eine weite und schnelle Lustreise.
HG|1|184|16|0|Siehe und verstehe, bei aller dieser Bewegung im Traum aber könnte doch auch nicht die allergeringste ortsveränderliche Bewegung verspürt werden an deiner Person.
HG|1|184|17|0|Also ist auch nun im für dich noch jetzt unbegreiflich vollkommeneren Zustand auch die Ewigkeit geartet. Denn siehe, wie aber in und durch die Bewegung bewirkt wird die Zeit, die Zerstörung, die Vergänglichkeit und endlich der Tod aller Dinge, also wird durch die Ruhe bewirkt die ewige Erhaltung, Unvergänglichkeit und das unaufhörliche, ewige, allervollkommenste, Mir vollends ähnliche Leben aller Mir in der Liebe und ihrem lebendigen Geist vollends ähnlichen Wesen.
HG|1|184|18|0|Wie aber Ich auch keine Reise zu machen brauche, um von einer Unendlichkeit zur anderen zu gelangen, also werden auch Meine Geliebten es mit Mir nicht nötig haben, um alle endlosen Wunder beschauen zu können, darum persönlich sich überall hinzubegeben; sondern sie werden alle Mir gleich in aller ewigen Ruhe das wahre, ewige Leben genießen, obschon sie dieser Ruhe sich nie bewusst werden, sondern dafür nur einer ewigen, allerseligsten Regsamkeit, welche aber eben durch diese eigentliche geistig-persönliche Ruhe unzerstörbar, also ewig dauernd unterhalten wird.
HG|1|184|19|0|Siehe also, Meine geliebte Ghemela, das ist die Ewigkeit, und solches ist der Unterschied zwischen ihr und der tötenden Zeit!
HG|1|184|20|0|Was die Dauer betrifft, so ist dies mit der Dauer der Zeit gleichlaufend. Daher kann es ebenso gut Ewigkeiten wie Zeiten geben; nur wird die Dauer der Ewigkeit nicht empfunden wie die der Zeit, weil die Zeit das Vergangene nie mehr wiederbringt, die Ewigkeit aber selbst die für dich undenkbarste Vergangenheit als eine allerhellste Gegenwart beständig während erhält und hat nicht minder die Zukunft als schon gegenwärtig vor sich. Verstehst du solches?“
HG|1|184|21|0|Und die Ghemela entgegnete freundlichst lächelnd: „O Jehova, so Du es willst, und inwieweit Du es willst, verstehe ich es ja durch Deine Gnade; aber nur ganz vollends klar ist es mir noch nicht, wie man sich in der beständigen Ruhe dennoch bewegen kann. Siehe, solches möchte ich wohl noch recht gerne ganz verstehen, – so Dein heiliger Wille es wäre!“
HG|1|184|22|0|Und der Abedam sagte zu ihr: „Solches, liebe Ghemela, wirst du hier nie ganz vollkommen fassen, solange du noch einen Leib trägst, – aber einst im Geist vollkommen.
HG|1|184|23|0|Darum frage lieber nach was anderem, und Ich werde dir über alles antworten aus Meiner Liebe zu dir! Amen.“
HG|1|185|1|1|Das Wesen des Lebens. Die Verheißung des Herrn an Ghemela
HG|1|185|1|1|Am 4. Januar 1842
HG|1|185|1|0|Und die Ghemela war mit dem Bescheid Abedams über ihre letzte kurze Frage ganz vollkommen beruhigt, ermutigte sich bald wieder und fragte den Abedam:
HG|1|185|2|0|„O du allersüßester Jehova, der Du voll der allerhöchsten Erbarmung, Liebe und Gnade bist, – da wir schon so unendlich viel Gnade vor Dir gefunden haben, so wage ich aus der innersten Liebe meines Herzens zu Dir Dich noch mit einer Frage zu belästigen! Ich weiß zwar wohl, dass Du, o Allerheiligster, mit jeglichem meiner unlauteren Worte verunheiligt wirst, darum ich auch allzeit also zaghaft werde, meinen unreinsten Mund vor Dir zu öffnen, dass mir dann die vollste Ersichtlichkeit meiner gänzlichen Unwürdigkeit und Verworfenheit vor Dir die Lunge erstarren macht und mir dann dadurch auch auf eine Zeit lang die Kehle also beengt, dass ich kaum ein Wort über meine Lippen zu bringen vermag; aber so ich dann wieder bedenke, wie unendlich und unaussprechlich gut, liebevollst und barmherzig Du bist, da freilich kommt mir wieder der Mut, von Deiner so übermilden Erlaubnis Gebrauch zu machen.
HG|1|185|3|0|Und so bin ich denn nun wieder also erdreistet und bitte Dich, dass Du mir und auch allen übrigen, so sie solches etwa samt mir noch nicht wissen sollten, besagen und unsere große Torheit erleuchten möchtest, was denn so ganz eigentlich das Leben ist, und wie es denn geschieht, dass wir uns desselben vollends bewusst werden, dass wir wissen und es durch und durch empfinden, dass wir sind, und können frei tun, was wir nur immer auch frei wollen!
HG|1|185|4|0|Doch ich bin ja voll der Torheiten aller Art; sicher habe ich auch jetzt durch diese meine Frage ihre große Summe vor Deinen heiligsten Augen sehr bedeutend bereichert!
HG|1|185|5|0|Ja, ja, ich merke es Dir schon von Deinem Angesicht ab, dass ich eine übertörichte Frage gestellt habe! Wenn ich doch nur geschwinde um was anderes fragen könnte!
HG|1|185|6|0|O Jehova, zürnst Du etwa meiner Torheit? Dann möchte ich mich vor zu großer Schande in den tiefsten Abgrund der Erde verkriechen und meine Torheit beweinen mein Leben lang in der allerdichtesten Finsternis!
HG|1|185|7|0|Doch, o mein allein über alles geliebtester Jehova, ich fordere ja nicht das Licht von Dir, sondern nehme Du diese Frage nur als eine allerdemütigste Bitte von mir an, und Dein über alles allerheiligster Wille tue, was ihm allein wohlgefällt, und ich werde ja alles für Deine übergroße Erbarmung und unaussprechliche, allerhöchste und -größte Vaterliebe in der Tiefe der Tiefen meines Herzens dankbarst anerkennen!
HG|1|185|8|0|O vergebe mir Du, dessen Namen mein Herz, in aller Liebe zu Dir entzündet, nicht mehr wagt auszusprechen!“
HG|1|185|9|0|Und der Abedam aber erregte Sich und sprach zu ihr und zu allen:
HG|1|185|10|0|„Wahrlich, Ich sage dir wie auch euch allen, so viel Demut habe Ich noch in keinem von euch allen gefunden!
HG|1|185|11|0|Ghemela, liebst du Mich denn wirklich und wahrhaft also über alles, und auch ganz allein?“
HG|1|185|12|0|Und die Ghemela fing an zu weinen und erwiderte schluchzend dem Abedam: „O Du, Du heiß Geliebter, Du ewige Liebe Selbst! Wie magst Du mich fragen, Du, der mich erschuf und mir gab ein solches Herz, das da nichts denn nur Dich allein zu lieben vermag!
HG|1|185|13|0|O wäre es möglich, ich möchte ja wohl tausendmal den Tod selbst erleiden aus Liebe zu Dir, sollte es nicht anders möglich sein, Dir zu zeigen, wie allein über alles, alles, alles ich Dich liebe! Allein, was rede ich, Du siehst ja mein Herz!“
HG|1|185|14|0|Und der Abedam beugte Sich zur Erde nieder, erhob die auf der Erde vor Ihm liegende Ghemela, ja Er hob sie ganz auf Seinen rechten Arm und drückte sie sichtbar heftig an Seine heilige Brust und sagte dann zu ihr:
HG|1|185|15|0|„O du holdeste, liebste, herrliche Perle Meiner Liebe und Erbarmung, wahrlich, dein jugendlich Herz hat mehr Liebe und Lebens in sich denn die ganze Erde! Was dir nun widerfahren, solches hat noch kein allerreinster und weisester Engel erfahren!
HG|1|185|16|0|Ich will dich segnen für alle Zeit! Siehe, du herrliche Ghemela, wie Ich, dein Schöpfer, dein ewiger, heiliger Vater, dich jetzt trage auf Meinem Herzen, welches ist das ewige Fundament alles Lebens und alles Seins der ganzen Unendlichkeit, also soll dereinst eine dir vollends ähnliche Tochter aus deinem Blut – höre! – Mich Selbst, Mich, den ewigen, unendlichen Gott, das ewige Leben, den allmächtigen Schöpfer aller Kreatur vom Atom bis zum allerhöchsten Engelsgeist, Mich, den alleinigen Herrn aller Macht und Kraft, unter ihrem Herzen tragen!
HG|1|185|17|0|Dir aber werde Ich gar bald einen Sohn geben durch Meinen Lamech; diesen wirst du Noah nennen, und er wird ein Retter deines Volkes werden.
HG|1|185|18|0|Wie aber solches geschehen wird und wann, das wird dein künftiger Sohn zur rechten Zeit unmittelbar, wie du jetzt diese Verheißung Meiner Erbarmung, von Mir empfangen. Beachte dieses wohl, und du wirst dann auch bald erfassen und hinreichend begreifen, was das Leben ist, und wie sich jeder Mensch desselben bewusst wird und dann im Leben frei tun kann, was er will!
HG|1|185|19|0|Damit du aber vorderhand mit deiner Frage nicht antwortleer wieder mit den Füßen den Erdboden betrittst, so merke: Was das Leben an und in Mir Selbst ist, solches wäre dir unmöglich zu begreifen; denn wie Ich Selbst bin das allereigentlichste Leben ewig und unendlich, wird nie imstande sein auch der höchste, tiefsinnigste Cherub zu begreifen und zu erschauen. Was aber eigentlich das Leben in dir ist, so ist es nichts anderes als Mein Odem in dir oder Mein vollkommenes Ebenbild in jeglichem Menschen. Wie aber Ich Mich befinde ewig und unendlich im stets allerklarsten Bewusstsein des höchst eigenen allervollkommensten Lebens, also hat auch jedes Geschöpf einen, wenn auch für dich überunbegreiflichst kleinsten Teil dieses Meines Lebens in sich und ist vollends lebendig für seinen Bedarf aus demselben.
HG|1|185|20|0|Es ist aber alles Leben also beschaffen, dass es sich beständig vermehren kann und wachsen durch Mein unablässiges Einfließen; je ausgewachsener aber das Leben wird, desto vollkommener stellt es sich dann auch immer dar.
HG|1|185|21|0|Aber selbstbewusst wird sich das Leben erst dann, wenn es mit dem Fünkchen der Liebe auch ein Fünkchen des Gnadenlichtes aus Gott hinzubekommt; mit diesem Licht erkennt das gegebene Leben sein Selbstiges und wird frei sich selber bewusst.
HG|1|185|22|0|So dann aber dieses sich selbst bewusste Leben auch nicht nur seiner selbst, sondern in sich seines ewigen, heiligen Ursprungs sich bewusst wird und gibt Ihm Dank und Ehre, Liebe und Anbetung und erkennt Dessen Willen, der es erschaffen hatte, dann erst wird es vollkommen frei und wird da durch diese Erkenntnis durch die Liebe ein Kind der ewigen Liebe und des ewigen Lebens, durch welches Leben es erst dann zum allerklarsten Bewusstsein seiner selbst und zum lebendigen Bewusstsein Dessen, der dich jetzt auf Seinen Händen trägt, gelangen wird.
HG|1|185|23|0|Hast du wohl alles verstanden, Meine Ghemela?“
HG|1|185|24|1|Am 5. Januar 1842
HG|1|185|24|0|Und die Ghemela, übervoll von wahrhaft überhimmlischer Entzückung, erwiderte dem Abedam:
HG|1|185|25|0|„O Du mein heiliger Vater, Du allerhöchste Liebe, wer sollte oder möchte da Dein Wort nicht verstehen und begreifen, besonders wenn man noch dazu die unaussprechliche Gnade besitzt, die Du mir nun noch erzeigst, von Dir, o Du überheiliger Vater, auf den Händen getragen zu werden!
HG|1|185|26|0|Siehe, also muss ja Deine Ghemela auch verstehen, was Deine unendliche Vaterliebe ihr erleuchtete! Ich kann Dir darum nicht mit dem Mund danken, aber desto mehr stets erbrennt mein Herz zu Dir!
HG|1|185|27|0|Aber höre, Du mein allein allergeliebtester Jehova, jetzt ist mir eine ganz entsetzlich traurige Frage eingefallen!“
HG|1|185|28|0|Und der Abedam fragte sie schnell und wie überrascht: „No, was denn, was denn? Was kann dir, du Meine geliebte, herrliche Ghemela denn so plötzlich und so Trauriges auf Meinen Händen noch eingefallen sein?
HG|1|185|29|0|Sage Mir es nur recht geschwinde; wer weiß, vielleicht finde Ich noch einen Trost für dein geistig zartes Herzchen?“
HG|1|185|30|0|Und die Ghemela schmunzelte etwas verlegen, spielte mit den reichen Locken des Abedam und getraute sich mit der Frage nicht recht ans Tageslicht.
HG|1|185|31|0|Nach etwas längerem Innehalten, da sie der Abedam noch einmal ermuntert hatte, brachte sie endlich mit liebezitternder Stimme ihre traurige Frage heraus und sagte:
HG|1|185|32|0|„O Jehova, siehe, aus manchen Deinen heiligen Worten habe ich jetzt herausgefunden, dass Du uns bald wieder verlassen wirst; und siehe, da ich Dich schon unendlich, für mein Herz genommen, liebe, wie wird’s mir Armen dann gehen, wenn ich Dich nicht mehr sehen und also wie jetzt Dich, Du meine ewige Liebe, um mich haben werde?“
HG|1|185|33|0|Und der Abedam erwiderte ihr: „Höre, du Meine herrliche, liebste Ghemela, deine Besorgnis ist zwar einerseits nicht unbegründet; denn also kann Ich nicht stets bei euch verbleiben, und es wäre solches auch für niemanden gut. Denn bliebe Ich stets also bei euch, so könnte nie jemand zum wahren, selbständigen, freiesten Leben gelangen, darum schon einmal die Sünde die Welt in ihre harte Knechtschaft nahm und eben darum auch schon des Zwanges und der Nötigung auf der Erde ohnehin in großer Menge vorhanden ist. Würde nun Ich als die allerhöchste Urkraft und Urmacht beständig also sichtbar unter euch verweilen, so hättet ihr auch eine zweite Nötigung auf der Erde, auf dass sich da niemand auch nur im Geringsten frei bewegen könnte, entweder hin oder her, oder auf und ab.
HG|1|185|34|0|So Ich aber fremd bleibe euren Augen, aber – so es jemand ernstlich will, wie du jetzt es willst und es treulich allzeit also gewollt hast – desto bekannter und vertrauter seinem Herzen, da ist dennoch jeder trotz der harten Knechtschaft der Sünde vollkommen frei. Er kann diese Knechtschaft mit verachtenden Füßen treten und kann sich zu Mir, Mich in der Liebe seines Herzens suchend und frei selbst erfassend, wenden, wo er dann sogleich nach dem Maße seiner Liebe von Mir aufgenommen und nach seinem Liebewillen behalten und erhalten wird, welches alles erst dann ist die Gewinnung des ewigen Lebens.
HG|1|185|35|0|Denke aber, wer sich da etwas zu tun getrauen würde, so er Mich sähe und bestimmt wüsste an seiner Seite allzeit durch sein ganzes Leben?
HG|1|185|36|0|Siehe nur hin, und beachte die Menschen, die Mich sichtbar hier wissen! Was tun sie jetzt?
HG|1|185|37|0|Keiner aus ihnen getraut sich einen freien Atemzug zu machen, geschweige erst was anderes zu tun, ob Rechtes oder Unrechtes! Und siehe aber dagegen die vielen uns umgebenden Scharen, die Mich hier sichtbar unter euch nicht einmal lebendig ahnen, wie sie sich munter bewegen und drehen!
HG|1|185|38|0|Viele unter ihnen glauben Mich über allen Sternen, andere wieder gegenwärtig in einem ziehenden Lüftchen, und noch andere haben tausenderlei Mich ferne haltende Meinungen.
HG|1|185|39|0|Siehe, diese alle erleiden von Mir aus nun keine Nötigung und sind darum vollends frei, was aber bei euch allen nun nicht der Fall ist, obschon ihr neben Mir zwar ferne seid von der Knechtschaft der Sünde, aber desto mehr seid ihr gezogen von Meiner Liebe, darum ihr nun nicht anders könnt, als Mich über alles zu lieben, welches aber trotz des heiligen Rechtes solcher Liebe doch eine Nötigung ist, da ihr in Meinem Angesichte nicht anders könnt, als Mich also zu lieben!
HG|1|185|40|0|Solange aber Ich sichtbar unter euch bin, kann niemandes gegenwärtige Liebe ihm fürs Leben angerechnet werden, sondern erst dann, so Ich nicht mehr sichtbar unter euch wandeln werde, und das auch, wie Mich jemand geliebt hat vor Meiner Sichtbarkeit!
HG|1|185|41|0|Siehe, du Meine herrlichste, liebste Ghemela, auch deine gegenwärtige Liebe zu Mir hätte gar keinen Wert, so du Mich früher nicht ebenso und manchmal sogar noch inbrünstiger geliebt hättest denn jetzt, da du eigentlich nicht liebst, sondern nur von Mir aus gesättigt wirst mit Meiner Liebe zum ewigen Leben!
HG|1|185|42|0|Aber alles dessen unbeachtet oder wohlbeachtet kannst du dennoch deine traurige Frage gänzlich in den losen Wind fahren lassen; denn deine Liebe hat das ihrige schon von jeher frei getan, da du viel zu kämpfen hattest mit der Welt Meinetwegen, darum du so überaus schön gestaltet bist, wie es vor dir noch keine deines Geschlechtes war.
HG|1|185|43|0|Dieses deines beharrlichen Kampfes zufolge hast du dir auch Meine Sichtbarkeit und sogar Meine Berührung unschädlich gemacht, so zwar, dass Ich darum nur auch dir zeigen konnte Dinge, deren Anblick gar viele, die nicht dir gleich schon vorher sich der Liebe Sieg errungen hätten, getötet hätte.
HG|1|185|44|0|Und es wird dir auch Meine sehr oftmalige Sichtbarkeit ewig unschädlich bleiben; denn du bist schon gebunden an Mich. Und wie Ich dich jetzt sichtbar trage auf Meinen Händen, also werde Ich dich auch unsichtbar auf Meiner Liebe Händen tragen, und wann immer Ich Mich dir zeigen werde, so wirst du Mich stets dich also tragend ersehen. Darum sei also nur heiter und froh in deinem Herzen; denn von nun an wirst du Mich ewig nimmer missen!
HG|1|185|45|0|Siehe, Meine herrlichste, zarteste und geliebteste Ghemela, meinst du denn, Ich könnte dich etwa missen?
HG|1|185|46|0|O siehe, du bist nun Meinem Herzen eben also unentbehrlich geworden wie Ich dem deinigen; daher magst du dich ja wohl vertrösten, dass Ich dich nicht, wie es dir vorkommt, verlassen werde.
HG|1|185|47|0|Daher also auch, Meine herrlichste, allerliebste Ghemela, wie Ich dir schon bemerkt habe, lasse deine traurige Frage nur unbekümmert und sorglos in den Wind fahren! Amen.“
HG|1|186|1|1|Die Freude der Ghemela und die Bitte der Gläubigen an Abedam
HG|1|186|1|0|Und als die Ghemela solche herrlichen Tröstungen vom Abedam vernommen hatte, wurde sie also über die Maßen fröhlich, dass sie noch auf der Hand des Abedam förmlich zu hüpfen und zu springen anfing, so zwar, dass sie in diesem Freudentaumel sogar ihrer Scham vergaß, und darum ihr Vater Zuriel ihr zurief, sich nicht so sehr zu entblößen und doch zu bedenken, wer Der ist, der sie trägt.
HG|1|186|2|0|Der Abedam aber verwies dem Zuriel solche unzeitige Zurechtweisung und sagte zu ihm:
HG|1|186|3|0|„So du Mich kennst, wozu ist deine Sorge? Und solltest du Mich noch nicht erkannt haben, dann lasse du dich lieber von deinen Töchtern zurechtweisen, damit auch du Mich erkennst, wie sie Mich erkannt haben!
HG|1|186|4|0|Möchtest du nicht etwa deinen unschuldvollsten Kindern die Schlange der Unzucht zeigen und für ihre gänzliche Unschuld ihnen ein kümmerndes Gewissen der Welt geben?
HG|1|186|5|0|O siehe, ein wie großer Tor du bist! Wer kann sich wohl in Meinen Händen Mir missfällig ungebührlich betragen?
HG|1|186|6|0|Sei daher für die Zukunft klüger! – Und du, Ghemela, aber lasse dich ja nicht stören in deiner Fröhlichkeit; denn solches ist die Fülle des ewigen Lebens aus Mir in dir, und es hat solches auch noch nie ein allerreinster Engel empfunden wie du jetzt. Daher hüpfe und springe du nur zu; denn auf meinen Händen ist gut hüpfen und springen!“
HG|1|186|7|1|Am 7. Januar 1842
HG|1|186|7|0|Und der Abedam herzte und koste die Ghemela noch ein kurz Weilchen und sagte dann zu ihr: „Siehe, Meine ganz reine Geliebte, damit wir nicht etwa den eifersüchtigen Neid derjenigen, die sich uns soeben von allen Seiten zu nahen anfangen, darum Ich heute am Morgen zu ihnen erleuchtete Boten ausgesandt habe, erwecken und ihnen keinen Anlass geben zum geheimen Ärger, darum sie Mich noch nicht kennen, wie du und alle hier Anwesenden Mich kennen, so setze Ich dich zwar sichtbar wieder auf die Erde, aber unsichtbar für fleischliche Augen, also im Geiste und in aller Wahrheit, bleibst du auf Meiner ewigen Liebe Händen! Amen.“
HG|1|186|8|0|Bei diesen Worten drückte sie der Abedam noch einmal ans Herz und setzte sie dann ganz sanft zur Erde nieder, und zwar neben Seinen Füßen. Und kurz darauf kamen schon die ausgesandten Opferverkünder und Erleuchter nach dem Worte Abedams herbei und fielen vor dem Abedam auf ihre Angesichter nieder und beteten Ihn an in der Tiefe ihrer Herzen; und hinter ihnen folgten unabsehbare Scharen ihrem guten Beispiel.
HG|1|186|9|0|Nach einer kurzen Weile aber hieß sie der Abedam aufstehen und sprach zu ihnen: „Ihr habt redlich und treu gearbeitet, denn die Früchte eurer Taten folgen euch nach, darum Ich auch eine große Freude an euch habe und es euch dafür nun ganz freilasse, euch von Mir einen Lohn zu erbitten. Und wie geartet euer Wunsch nun immer ausfallen möchte, so soll er alsbald in Erfüllung gehen; und sonach lasst laut werden eure Herzen!“
HG|1|186|10|0|Es fingen aber alle zu schreien an: „Herr, Du heiliger Gott, Du unser aller liebevollster Vater, unser Emanuel Abedam! Was sollen wir von Dir uns noch erbitten, da wir Dich haben, Dich, Du ewige Liebe, Dich, unseren heiligen Schöpfer und Vater?!
HG|1|186|11|0|Was könnte die heißeste Eigenliebe sogar noch erdenken, das da mehr wäre denn Du?!
HG|1|186|12|0|Siehe, wir haben an Dir ja schon den allerhöchsten Lohn für unsere, Dich allein über alles liebenden Herzen in solcher unermesslichen Fülle empfangen, dass wir diesen überheiligen Lohn, so wir Ewigkeiten hintereinander Dir täglich noch unaussprechlich mehr dienen könnten denn diesen Morgen, doch nicht im Allergeringsten verdienten! Ja, es wäre selbst aller ewigkeitenlanger, allereifrigster Dienst doch nur als ein pures eitles Nichts anzusehen gegen die unendliche Größe dieses unaussprechlichen, allerheiligsten Vorlohnes, dass Du, Du liebevollster, heiligster Vater Selbst, Dich zu uns Würmern des Erdenstaubes herabzukommen entschlossen hast und hast uns alle erfüllt mit Deiner Liebe und Deinem allerheiligsten Gnadenlicht, dessen alles wir alle vollends unwürdigst waren und noch sind!
HG|1|186|13|0|Oh, die Erde soll uns alle in weite und tiefe flammende Klüfte verschlingen, so uns nur neben Dir auch nur ein allerleisester Wunsch übrigbliebe, obschon wir Dir, o Emanuel, auch für diese Bitterlaubnis ewig nie genug werden danken können!
HG|1|186|14|0|Um was auch könnten wir Dich bitten? Wissen wir denn, was uns gut wäre und nützlich?
HG|1|186|15|0|Solches wissen wir aber alle durch Deine Gnade, dass Du allein nur uns allen notwendig bist. Dich aber haben wir ja alle!
HG|1|186|16|0|Um was könnten wir da noch bitten? Ja, darum können wir Dich bitten, dass Du uns ja nie verlassen möchtest! Ist uns diese Bitte gewährt, dann haben wir unendlichmal mehr als alles, was in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten unsere glühendst wünschenden Herzen erfinden möchten und könnten! Darum allein also bitten wir Dich; aber ja nicht etwa als Lohn unseres nichtigsten Verdienstes wegen, sondern allein Deiner Erbarmung und Deiner Vaterliebe wegen!
HG|1|186|17|0|O Emanuel! Vergebe uns aber auch selbst diese Bitte, da wir vor Dir alle blind sind und nicht wissen, was wir tun! Was allein nur Dir wohlgefällig sein kann, das ist Dein heiliger Wille; und so geschehe jetzt, wie allzeit und ewig, Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|2|1|1|1|Der Herr verspricht den Urvätern ewige Liebe und Schutz in Abwesenheit
HG|2|1|1|1|Am 7. Januar 1842
HG|2|1|1|0|Und der Abedam fragte sie: „So hört denn, Ich habe mit großem Wohlgefallen die Entäußerung eurer Herzen vernommen; also seid ihr alle wahrlich am allerbesten daran, – aber also, wie Ich jetzt unter euch bin, ihr wisst, kann Ich eures freien Lebens wegen nicht verbleiben und muss euch als sichtbarer Vater bald wieder verlassen!
HG|2|1|2|0|Wie dann, so Ich nicht mehr unter euch fußwandeln werde, und ihr bedürft höherer Kräfte und Mächte? Wer wird da wirkend unter euch in Meinem Namen auftreten?
HG|2|1|3|0|Wer wird euch da sogleich beschützen vor jeglichem Übel, und wer wird alsbald abwenden alle grausamlich argen Nachstellungen der Welt von euren Herzen, so da niemandem von euch allen innewohnen möchte eine höhere Kraft und Macht als ein teurer Nachlass von Mir an euch alle, als ein mächtiger Schutz gegen alle Nachstellungen und Versuchungen der Schlange?
HG|2|1|4|0|Bedenkt euch, und antwortet Mir! Amen.“
HG|2|1|5|0|Und alle die also prüfend Gefragten antworteten einstimmig: „O Emanuel, Deine Worte sind mehr denn nur die allerreinste Wahrheit allein; o Abba, sie sind Liebe!
HG|2|1|6|0|Daher, wenn unsere fleischlichen Augen auch nicht mehr Dich, o heiliger Vater, Selbst zu sehen werden von Dir die unaussprechliche Gnade haben, wie wir sie jetzt allerunwürdigstermaßen haben, so wirst Du, o Abba, aber ja doch Deine Liebe nicht von uns mit Deiner zurückgekehrten heiligen Sichtbarkeit nehmen, sondern uns verlassenen Kindern gestatten, unsere Herzen an Deiner unendlichen und über alles heiligen Vaterliebe zu wärmen und neu zu beleben.
HG|2|1|7|0|O Abba! Dieses allein bitten wir von Dir, dass Du uns allen ewig Vater verbleiben möchtest und uns mit Deiner segnenden Hand nie verlassen möchtest, so haben wir alle der Kraft und Macht genug, allen Versuchungen zu widerstehen und alle Gefahren der Welt anzukämpfen und vollends zu besiegen!
HG|2|1|8|0|Dein heiliger Wille geschehe jetzt, wie allzeit und ewig! Amen.“
HG|2|1|9|0|Und der Abedam rief mit starker, bewegter Stimme aus: „Wahrlich, wahrlich, sage Ich euch, so ihr Meine Liebe habt, da habt ihr alles; ja mehr, als es alle Himmel der Himmel ewig je erfassen möchten!
HG|2|1|10|0|Ihr habt euch den höchsten Lohn auserkoren, welcher euch ewig bleiben wird, und niemand wird ihn euch nehmen!
HG|2|1|11|0|Wahrlich, der in Meiner Liebe treu verbleiben wird, von dem wird der Tod fliehen und weichen wie der Schnee vor den heißen Strahlen der Mittagssonne des Sommers!
HG|2|1|12|0|Und so denn bleibe Ich in der Liebe bei euch jetzt, wie in alle Ewigkeit der Ewigkeiten! Amen.“
HG|2|2|1|1|Die Warnung des Herrn vor der Verführung und Abwendung
HG|2|2|1|1|Am 8. Januar 1842
HG|2|2|1|0|Und alle waren außer sich vor Freuden und dankten in ihren Herzen inbrünstigst dem Abedam für solche Verheißung, die da wahrlich ist eine Verheißung aller Verheißungen, da in ihr das nur allein wahre Leben und also auch alle lebendige Kraft und Macht zur Bezwingung und Besiegung aller Dinge wohnt.
HG|2|2|2|0|Da solches diese Urväter wohl wussten, darum bewarben sie sich auch alle auf das Emsigste und allein Sorgsamste darum, ja, das alleinige Bewerben um Meine Liebe und ihr verbundene Gnade war ihre alleinige Sorge, und das lebendige Streben danach die einzige Schule und Selbstaufgabe ihres irdischen Lebens; darum aber auch schon ihre Kinder in einem Alter von sechs bis zehn Jahren weiser und unvergleichbar verständiger waren denn jetzt in dieser nota bene allerfinstersten, wahrhaft allerscheußlichsten Zeit aller Zeiten die allergrößten Gelehrten, die nun nicht viel mehr wissen, als damals die Kinderchen an den Brüsten der Mütter wussten.
HG|2|2|3|0|Denn diese Muttermilch enthielt damals, selbst materiell genommen, nicht selten mehr, denn jetzt in dieser sogenannten aufgeklärten Zeit die größten von Staub und Motten der Gelehrten zernagten Bibliotheken.
HG|2|2|4|0|Was aber enthält jetzt die Muttermilch?! Ich mag es nicht aussprechen! Oh, was war das Weib damals, und was ist es jetzt!
HG|2|2|5|0|Ich sage euch, unter sieben Tausenden gibt es kaum eine, die da nicht durch ihre überverteufelte Putz- und Gefallsucht nicht selten in einer Sekunde – wohlverstanden in einer Sekunde! – bei hundert Todsünden begeht!
HG|2|2|6|0|Denn wie sehen jetzt ihre verfluchten Kleider aus, besonders an den öffentlichen Orten!
HG|2|2|7|0|Ich mag sie nicht näher bestimmen; nur so viel sage Ich euch, dass zu Hanoch selbst in den letzten allerverworfensten Zeiten die offenbarsten Tageshuren viel züchtiger und ehrsamer sich kleideten und die Hauptschamteile ihres Leibes bei weitem mehr verborgen hielten denn jetzt ein Frauenzimmer von der züchtigsten Art!
HG|2|2|8|0|Hatte damals eine solche Tageshure eine Sache mit dem Mann, so war sie selbst in diesem sich ganz hingebenden Moment also verschleiert und bedeckt, dass der lüsterne Mann von ihr lediglich nichts zu sehen bekam denn allein, darum er zu ihr kam.
HG|2|2|9|0|Aber jetzt fängt schon ein zehnjähriges Kind von einem Frauenzimmer an, ihre hervorstechenden Reize zu erkennen, besieht sich zu wiederholten Malen in einem verteufelten Spiegel, – und wird sie dann erwachsener und erwachsener und gewahrt an sich einen nur einigermaßen üppigen Leib, da möchte sie sich aber auch schon beinahe ganz halbnackt tragen, wenn es nur halbwegs Mode wäre und die Stadtwachen solches duldeten!
HG|2|2|10|0|Doch, was sie sich offenbar zu tun nicht getraut, das tut sie doch vollkommen in ihrem Herzen und studiert und sinnt nur darauf, alle Männer zu verbrennen und zu vergeilen.
HG|2|2|11|0|Wahrlich, wahrlich, sage Ich, eine Frauensperson in der Zeit ist ärger denn ein Hunderttausend der ärgsten Teufel aus der untersten Hölle! Die fliehen doch vor Meinem Namen; eine solche Weibsfigur aber lacht nur über Mich und Meinen Namen und beugt sich nicht im Allergeringsten vor Mir, und also auch noch viel weniger vor Meinem Namen, vor dem sich doch alle Himmel, alle Welten und alle Höllen vor Ehrfurcht beugen müssen!
HG|2|2|12|0|Wahrlich, wahrlich, sage Ich euch – wie Ich es vielen in der Zeit schon gesagt habe, entweder offenbar durch wohlvernehmliche Worte oder durch ein heimliches Gefühl im Herzen –, es wäre den Frauenzimmern dieser Zeit unaussprechlich viel besser, so da wäre jede von zehn Millionen Teufeln besessen! Da wäre sie doch noch davon zu befreien; denn für alle diese zehn Millionen Teufel langte die Kraft Meines Namens hinreichend aus, sie alle auszutreiben.
HG|2|2|13|0|Rufe aber auch Meinen Namen zehn Jahre lang über eine jetztzeitige Putzfigur aus, und sie wird von ihrer grenzenlosen Schamlosigkeit und Putz-, Hoffart-, Gefall- und Fang- und Verlocksucht auch nicht einen Faden fahrenlassen!
HG|2|2|14|0|Meinst du, derlei Geschöpfe werden dereinst in die Hölle kommen, etwa in die unterste? Da irrst du dich! So arg und böse und überschrecklich es da auch immer aussehen mag und wirklich aussieht und ist, so wäre aber dieser Ort doch noch viel zu gut für derlei Wesen; denn alle Satane und Teufel allda fliehen doch vor Meinem Namen, müssen sich auf den Boden werfen sogar schon vor jeglichem dahin gesandten Strafengel. Tun solches auch diese Weltfiguren?!
HG|2|2|15|0|Daher ist für sie auch schon gehörig gesorgt auf eine selbst für die höchsten Engel unerhörte Weise!
HG|2|2|16|0|Wenn sie dieses ihr scheußliches Erdenleben gar bald elendst genug beenden werden müssen und sich nicht vom Grunde aus bessern werden und werden Mir Früchte der wahren innersten Buße bringen, wahrlich, wahrlich, wahrlich, diese Brut soll dereinst die ganze unendliche Fülle Meines Zornes ewig, ewig, ewig auf das Allerfühlbarste empfinden!
HG|2|2|17|0|O du, Meine reine Ghemela, siehe, welch ein endloser Unterschied da nun waltet zwischen dir und zwischen den Weibern und Mägden dieser Zeit! Welch eine Kluft, – die zwei Unendlichkeiten scheidet.
HG|2|2|18|0|Du, o Ghemela, ruhst auf Meinem Herzen; diese aber haben sich so weit, Mich verachtend, von Mir entfernt, dass sie Meine sonst endlos weit langende Hand doch nimmerdar zu erreichen vermag. Siehe, sie sind in eine zweite Unendlichkeit von Mir abgewichen, ja, in die Unendlichkeit Meines allerbittersten Zornes sind sie gewichen!
HG|2|2|19|0|Doch nichts mehr davon, – sonst könnte Ich vor der Zeit ergrimmen!
HG|2|2|20|0|Daher gehen wir wieder in unsere schöne Urzeit zurück!
HG|2|2|21|0|Und da der hohe Abedam ihre tief dankbarsten Herzen ansah, da erregte Er Sich abermals und sagte laut zu allen:
HG|2|2|22|0|„Wahrlich sage Ich euch, die ihr seid von nun an Meine auserwählten Kinder, Ich werde euch nie verlassen!
HG|2|2|23|0|Solange ihr eure Herzen werdet zu Mir gekehrt haben, da werde Ich sein mit Meiner Liebe segnend bei euch allen und jeglichem besonders nach dem Maße seiner Liebe zu Mir und daraus zu seinem Bruder; und die flammenden Herzens sollen Mich sogar nicht selten zu Gesicht bekommen, besonders wenn sie ihre Herzen vom Anbeginn ihres Seins rein erhalten haben und sich nicht so leicht haben von der Welt berennen lassen!
HG|2|2|24|0|Behaltet in euren Herzen diese Verheißung; denn also sollt ihr sein und bleiben in aller Kraft, Macht und unbesiegbaren Stärke aus dieser Verheißung heraus, darum euch alle Naturwelt untertan sein soll.
HG|2|2|25|0|Wenn ihr aber von der Verheißung in euren Herzen abweichen werdet, so werdet ihr nach dem Verhältnis eurer Abweichung auch eure Stärke nach und nach verlieren, und Ich werde euch dann stets fremder und fremder werden, und Meine Ohren werden eurem Mund verschlossen werden!
HG|2|2|26|0|Beachtet dieses wohl, und bedenkt es tief in euren Herzen, wer Der ist, der dieses jetzt zu euch geredet hatte! Amen.“
HG|2|3|1|1|Lamech und Ghemela werden von Abedam zusammengeführt
HG|2|3|1|1|Am 10. Januar 1842
HG|2|3|1|0|Nach dieser Rede aber berief der hohe Abedam den Lamech zu Sich und stellte ihn der Ghemela vor und fragte sie:
HG|2|3|2|0|„Meine geliebteste Ghemela, sehe diesen Mann an; sein Name ist Lamech, der da ist dir gleich voll der lebendig flammenden Liebe zu Mir. Siehe, diesen Mann will Ich dir geben; denn Ich weiß, er wird dich eher nicht anrühren, als bis Ich ihn zu dir führen werde.
HG|2|3|3|0|Daher hast du nichts zu fürchten; denn also rein du bist in deinem Herzen und bist voll Keuschheit, siehe, desgleichen ist es auch er! Wie du nach ihm kein Verlangen in deinem Herzen trägst, sondern allein nach Mir, also ist auch er beschaffen; wie du vor ihm fliehen möchtest, siehe, desgleichen möchte auch er!
HG|2|3|4|0|Siehe, er ist in allem dir vollends ähnlich; wie du, so hat auch er an Meiner Brust der heißesten Liebe Tränen geweint!
HG|2|3|5|0|Und siehe, so jung er auch noch ist, so ist er aber doch voll der höchsten Weisheit, deren nur je ein freier Mensch fähig ist, und besitzt eine große Macht und Stärke nun, die ihm geworden ist aus seiner ebenso mächtigen Liebe zu Mir!
HG|2|3|6|0|So du dich aber von seiner wahren Liebeweisheit aus Mir in ihm überzeugen magst, so gestatte Ich dir, ihm was immer für eine Frage zu geben, darauf er dir dann antworten mag aus seinem eigenen Herzen.
HG|2|3|7|0|Und also frage du ihn, als so du Mich fragen möchtest!“
HG|2|3|8|0|Die Ghemela aber scheute sich sehr vor dem Lamech und getraute sich ihn nicht anzusehen und sagte zum Abedam:
HG|2|3|9|0|„O Du mein allein allergeliebtester Jehova, siehe, ich kann nichts herausbringen; denn ich fürchte mich ganz gewaltig vor ihm!
HG|2|3|10|0|Wenn ich Dir gehorchen soll, da befreie Du, mein allein geliebtester Jehova, mein Herz von dieser großen Angst!
HG|2|3|11|0|Ich, Deine Dich allein liebende Ghemela, bitte Dich darum; aber nur, so Du es willst!“
HG|2|3|12|0|Und der Abedam rührte sie an und sprach zu ihr: „Ghemela, du Reine, dir geschehe nach deiner Liebe zu Mir! Amen.“
HG|2|3|13|0|Und alsbald durchströmte die Brust der Ghemela ein sanftes Wehen; sie ward von ihrer Angst befreit, richtete sich auf, bekam Mut und fragte sogleich den Lamech:
HG|2|3|14|0|„Lamech! Könntest du mich, eine arme Magd vor deiner Urstammgröße, neben deiner Liebe zu Jehova wohl auch noch lieben?
HG|2|3|15|0|Wäre dir solches möglich? Denn siehe, ich mag nichts denn nur meinen Jehova lieben, und von Ihm aus erst dann alles andere, insoweit es Seine Liebe und Erbarmung in sich birgt und trägt und mir dienen kann zu einem Wegweiser zu Ihm! Möchtest du mir nun antworten auf diese meine Herzensfrage?“
HG|2|3|16|0|Und der Lamech fiel hin auf die Brust des Abedam und sagte weinend: „O Du mein allerheiligster, von mir über alles geliebtester Abba Emanuel Abedam!
HG|2|3|17|0|Vergib mir; siehe, mein Herz ist von der Liebe zu Dir also heiß erfüllt, dass es keiner anderen Liebe mehr fähig ist denn allein der süßesten, reinsten, heiligen Liebe zu Dir!
HG|2|3|18|0|O Du mein heiliger, guter, liebevollster Vater, solches weißt Du ja; habe ich denn gesündigt vor Dir, darum Du mich jetzt strafen willst?
HG|2|3|19|0|Wer auch diese Ghemela sein mag, siehe, ich habe ja nie nach ihr verlangt, wie nach keinem Wesen ihres Geschlechtes! Mein Herz war ja allzeit nur nach Dir gerichtet; solches weiß ja jeder meiner Väter vom Seth abwärts bis zu meines Leibes Vater Mathusalah!
HG|2|3|20|0|O Abba Emanuel! Sei mir barmherzig und gnädig, so ich etwa, mir unbewusstermaßen, vor Deinen allsehendsten, allerheiligsten Augen einen Fehltritt gemacht habe, und erlasse mir diese mir so schrecklich groß scheinende, ja in aller Wahrheit übel groß vorkommende Strafe, – und gestatte mir, zu schweigen auf die Frage, obschon sie ist voll des reinsten Verlangens, aber dennoch kam aus einem Munde einer solchen ich noch nie erkannt habe! O Abba, Emanuel, Abedam! Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|2|3|21|0|Und der Abedam aber griff dem Lamech unter den Arm und hob ihn ein wenig von der Erde, stellte ihn dann wieder sanft auf den Boden und sagte darauf zu ihm:
HG|2|3|22|0|„Höre, Lamech, du bist ein eigener Mensch; deine Liebe zu Mir ist größer denn dein Vertrauen! Du liebst Mich aus allen deinen Kräften, – ja, mit aller dir ertragbar möglichen Glut deines Herzens liebst du Mich; aber was dein Vertrauen betrifft, so steht dieses in gar keinem Verhältnis mit deiner so glühenden Liebe.
HG|2|3|23|0|Wie kann es dir aber bei Meiner Liebe gegen dich und bei deiner Liebe gegen Mich auch nur selbst um die Mitte [der] Nacht beifallen, Ich möchte oder könnte dir, da Ich dir aus dem Himmel einen Lohn in aller Reinheit bestimmte, eine Strafe bescheiden?!
HG|2|3|24|0|Könntest du solches gegen einen weltfremden Menschen, der dich über alles lieben würde, verhängen?
HG|2|3|25|0|Wie magst du denn so etwas dir von Mir beifallen lassen? Und das aus purer Schwäche deines fest sein sollenden Vertrauens zu Mir?
HG|2|3|26|0|Siehe, was sich Mir nähern kann wie diese Ghemela, eine allerreinste Tochter des Zuriel, und daher sicher Meiner Liebe vollends würdig ist; was Ich auf Meinen Händen getragen habe, – wie sollte dir so etwas je zu einer Strafe gereichen?!
HG|2|3|27|0|Daher aber sagte Ich dir jetzt dieses, auf dass du dir solches wohl zu Gemüte führen solltest und sollst wohl bedenken, welchen Wert eine Gabe hat, die du aus Meiner Hand empfängst!
HG|2|3|28|0|Siehe, sie hat außer ihrem Vater nie noch einen Mann in ihrem Herzen erkannt, darum sie eine große Angst ergriff bei der Nennung deines Namens schon, geschweige erst beim Anblick deiner Person!
HG|2|3|29|0|Ich forderte sie auf, dich um etwas zu befragen, da bebte sie vor großer Scheu vor dir am ganzen Leibe; allein sie gedachte bei ihrer großen Furcht, dass sie Mir Gehorsam schuldig ist, darum sie Mich um Stärkung bat, um Mir gehorchen zu können.
HG|2|3|30|0|Hast du denn solches an ihr nicht bemerkt? Wie kannst du denn hernach Meinen Willen, durch sie an dich gerichtet, für eine Strafe halten?
HG|2|3|31|0|Kennte Ich dich nicht in deiner Reinheit und größten Liebe zu Mir, so wärest du jetzt dieses Lohnes verlustig geworden! Allein für dich spricht die reine Flamme deines Herzens; daher hast du keine Schuld vor Mir, sondern allein eine kleine vor der reinsten Ghemela.
HG|2|3|32|0|Gebe ihr darum, was sie, durch Meinen Willen getrieben, von dir verlangte, damit du auch diese Schuld tilgst! Amen.“
HG|2|3|33|0|Und der Lamech erkannte seinen Irrtum, bat die zitternde Ghemela um Vergebung und gab ihr dann eine wahrhaft Meiner würdige Versicherung seiner reinen Liebe zu ihr, darob er, sie und alle Umstehenden zu den freudigsten Tränen gerührt wurden.
HG|2|3|34|0|Und also wurde sie sein alleiniges geliebtes Weib; es blieben aber beide keusch bis in die späteste Zeit, da der Lamech hundertzweiundachtzig Jahre alt wurde und sodann erst auf Mein Geheiß den Noah zeugte.
HG|2|3|35|0|Seht, das war eine Ehe, wahrhaft im Himmel geschlossen! Also sollen alle Ehen geschlossen sein – und werden!
HG|2|4|1|1|Der wahre Gottesdank. Lamech und Ghemela, das reinste Ehepaar der Urzeit
HG|2|4|1|1|Am 11. Januar 1842
HG|2|4|1|0|Du wünschst des Lamech Rede an die Ghemela zu vernehmen; so mag sie hier ja auch folgen.
HG|2|4|2|0|Also lautete aber die Abbitte und die Liebeversicherung von Seiten des Lamech an die Ghemela, nachdem er zuvor noch Mir tiefst im Herzen für die Ermahnung dankte, wie da nun folgt:
HG|2|4|3|0|„O Abba Abedam! Du siehst und sahst ja schon von Ewigkeit her mein Herz, – dass es schon von der frühesten Kindheit sich mit nichts als nur mit Dir beschäftigte, von nichts als nur von Dir und Deinen endlosen Wunderwerken nicht selten sogar manchmal zum Überdruss der Väter unermüdet gerne plauderte, – ja dass ich selbst oft aus allen meinen Stimm- und Leibeskräften in meiner übergroßen Freude, so ich nur den Namen Jehovas nennen hörte, sang und sprang.
HG|2|4|4|0|Solches hast Du, o Abba Abedam, allzeit an mir gesehen, und all die Väter waren nicht selten zeitweise Zeugen meines lauten Frohsinns in Deinem Namen.
HG|2|4|5|0|Siehe, weil ich nie etwas anderes denn allein nur Dich in meinem Herzen liebend erfasst habe, darum auch kam es mir nun ganz entsetzlich vor, meine Liebe zu Dir teilen zu müssen; denn ich wusste nicht, wie innigst die Liebe der Ghemela mit Deinem Herzen verbunden ist! Allein Dir, o Abba, alle Liebe, allen Preis, alles Lob, allen Dank, dass Du mir nun erleuchtet hast mein Herz, darum ich jetzt ersehe, dass durch den Besitz Ghemelas meine Liebe zu Dir nicht nur nicht geteilt, sondern nur mit ihrer Liebe um vieles verstärkt und vermehrt wird!
HG|2|4|6|0|Du hast ihr ein ewiges Zeugnis gegeben, wie rein sie ist, und wie vollends Deiner Liebe würdig.
HG|2|4|7|0|Ja, ich erkenne nun, wie sie Dich erwählt hat zum alleinigen Gegenstand ihrer reinsten und heißesten Liebe; so hast auch Du sie Dir erwählt für Dein der allerunendlichst höchsten Liebe vollstes, über alles heiligstes Vaterherz!
HG|2|4|8|0|Ja, ich erkenne nun auch, dass Du mich allergnädigst ausersehen hast, dieses herrliche Kleinod Deiner Liebe mir anzuvertrauen, auf dass ich es mit Deiner Liebe und Gnade in mir Dir getreu beschützen und so rein, wie es jetzt, Dir wohlgefällig, ist, fortwährend erhalten solle!
HG|2|4|9|0|Siehe, o Abba Abedam, solches erkenne ich nun durch Deine heilige Vatermilde und durch Deine Gnade; es ist alles herrlich und recht! Aber nun kommt eine andere Frage, welche da ist eine Frage von der höchsten Wichtigkeit für mich, und diese Frage lautet:
HG|2|4|10|0|‚O du allerliebevollster, heiliger, guter Vater! Wie aber soll ich Dir danken für solche Gnade, Liebe und Erbarmung, dass Du mich Nichts – vor Dir – gewürdigt hast eines solchen heiligen Amtes, da ich beschützen und bewahren soll diejenige, die Du auf Deinen heiligen Händen getragen hast und hast sie gesegnet für Dich und hast ihr Herz erfüllt mit Deiner Liebe?‘
HG|2|4|11|0|O Abba, sage mir doch gnädigst, was ich nun tun soll, um Dir für diese so endlose Gnade doch nur einigermaßen gebührendst danken zu können!“
HG|2|4|12|0|Und der Abedam entgegnete ihm: „Höre du, Mein geliebter Lamech, so jemand die Größe Meiner Erbarmung und Gnade an sich und in sich lebendigst erkennt, dass er dann in seinem Herzen zu Mir für immer erbrennt, so zwar, dass er sich Dankes ohnmächtig fühlt ob der Größe Meiner Wohltat an ihm, und findet auch keine Worte, mit denen er das seines Dankes ausdrücken möchte, wovon sein ganzes Inneres in den höchsten und reinsten Flammen der Liebe seines Herzens zu Mir steht, – siehe, das ist der Mir wohlgefälligste Dank!
HG|2|4|13|0|Denn, wer noch mit Worten Mir danken und Mich loben und preisen kann, der hat die Größe Meiner Wohltat, die Ich ihm angedeihen ließ, noch nicht in ihrer endlosen Größe zu beachten angefangen, und hat auch Mich, den großen, heiligen Geber, noch nicht erkannt, darum dann er auch noch die innerste Tiefe der wahren Demut in sich nicht ergriffen hat und seine Zunge mag auf weltliche Weise in Bewegung zu setzen!
HG|2|4|14|0|Siehe, an einem solchen Zungendanke habe Ich kein Wohlgefallen, und wenn er selbst aus den Worten der allerhöchsten Engel bestünde!
HG|2|4|15|0|Wie es aber mit dem Wortdanke sich verhält, so verhält es sich auch mit dem Tatdanke. Wer da dächte, er könne sich durch seine Handlungen Mir dankbar bezeigen, so sie entsprechen möchten vollends Meinem Willen, siehe, der auch ist in einer großen Irre; denn was kann jemand denn tun, dass Ich seines Dienstes benötigte, als könnte Ich solches ohne ihn nicht zuwege bringen?
HG|2|4|16|0|Wer da Meinen Willen mag vollziehen, durch wen mag er denn solches?
HG|2|4|17|0|Ist es nicht Meine Kraft in ihm, die solches ihn vollbringen macht, dafür er Mir ja doch wieder nur den höchsten Dank schuldig ist?!
HG|2|4|18|0|Wie möchte aber jemand Mir damit danken, dafür er Mir nur den Dank alles Dankes schuldet?!
HG|2|4|19|0|Wer Mir alsonach aber allein gültig und wohlgefällig danken will, der danke Mir durch die Liebe wortlos in der tiefsten Demut seines Herzens, und Ich werde seinen Dank ansehen und ihn also annehmen, als wäre er etwas vor Mir!
HG|2|4|20|0|Und siehe, du Mein geliebter Lamech, also ist auch dein Dank ein rechter Dank, darum du nicht weißt, wo du anfangen und wo du enden sollst, da dich die Erkenntnis der Größe Meiner Liebe und Erbarmung zu dir verschlungen hatte und du nichts mehr und weiter kannst als Mich nur über alles zu lieben!
HG|2|4|21|0|Damit du aber vollkommen bist versichert Meines Wohlgefallens, so wende dich nun zu der Ghemela, und gebe ihr die verlangte Antwort! Amen.“
HG|2|4|22|0|Und der Lamech trat alsbald hin zu der Ghemela und sagte zu ihr: „Ghemela, du reinste Geliebte Jehovas, du wirst mir ja wohl vergeben in deinem reinen, von heiliger Liebe erfüllten Herzen, darum ich aus eben dem Grunde mich gegen dich unartig benommen habe; denn siehe, da ich vor dir nie ein Wesen deiner Art angesehen habe und alle meine Sinne nur zu deinem und meinem Jehova gerichtet waren, so war es ja wohl auch natürlich, dass ich dich für ein paar Augenblicke übersehen mochte, da ich fürchtete, meine Liebe zwischen dir und Jehova teilen zu müssen, zu welcher unklugen Idee mich – glaube es mir – so ganz eigentlich deine Frage selbst verleitete. Allein, wie du es selbst sicher verständlich genug vernommen haben wirst, da mir hier mein, dein und unser aller allein geliebtester Abba Abedam Emanuel allergnädigst die Augen geöffnet hatte und gezeigt hat Seine heilige Absicht und mir nun vollends klar geworden ist, dass ich meine Liebe zu Ihm allein nicht zu teilen nötig habe zwischen Ihm und dir, sondern dass ich dadurch meine Liebe zu Ihm nur erhöhen kann, und das stets mehr und mehr, und dazu noch vollends erkannt habe deine Reinheit – darum glaube ich auch fest, du wirst mir aus demselben heiligen Grunde meine Unart nachsehen, aus welchem Grunde ich mich gegen dich ein wenig versündigt habe!“
HG|2|4|23|0|Und die Ghemela schob ein wenig ihr überreiches Goldhaar von ihrem Angesicht und sah den Lamech freundlichst an.
HG|2|4|24|0|Als der Lamech nun ihr himmlisch schönes Antlitz gesehen hatte, da verlor er beinahe den Atem und wandte sich alsbald wieder an den Abedam und sagte in der tiefsten Rührung seines Herzens:
HG|2|4|25|0|„Nein, nein, o Du heiliger Vater! Solch eines überhimmlischen Lohnes bin ich mitnichten würdig! Wahrlich, wahrlich, vor diesem überhimmlischen Engel bin ich ja nur ein finsterer, sündiger Wurm im Staub der Erde!
HG|2|4|26|0|Nein, nein, Du heiliger Vater! Jetzt erst erkenne ich meine vollste Unwürdigkeit! O wie gar nichts muss vor Dir meine Liebe zu Dir gegen die Liebe dieses reinsten Engels sein!
HG|2|4|27|0|Wahrlich, es wäre mir leichter, mit den offensten Augen schnurgerade in die Mittagssonne zu schauen, als nur drei Augenblicke lang das Antlitz dieses überhimmlisch reinen und unaussprechlich schönen Engels Deiner Liebe, o Du heiliger Vater, anzublicken!
HG|2|4|28|0|Wenn Zuriel ihr Vater ist, wenn es überhaupt möglich ist, dass ein Mensch je Vater eines solchen Engels sein oder werden kann, so gebe, o Du heiliger Vater, ihm sie wieder zurück, auf dass er sie fürder noch, wie bis jetzt, beschütze und getreulichst bewahre! Doch Dein heiliger Wille geschehe!“
HG|2|4|29|0|Es fing aber der Zuriel an zu weinen und trat hin zum Lamech und sagte zu ihm: „O Lamech, warum schlägst du meine Tochter aus, da sie dir doch Jehova Selbst zuerkannt hat? Sei nicht so hart, und siehe hin, wie sie weint!“
HG|2|4|30|0|Der Abedam aber sagte zum Zuriel: „Zuriel, sei ruhig und kümmere dich nicht der Tränen Ghemelas, und denke dir: Was Ich zusammengefügt habe, wird keine weltliche Macht mehr trennen!
HG|2|4|31|0|Siehe, der Lamech ist nicht hart, sondern nur zu weich ist er, darum Ich ihn nun feste, auf dass er wird der Mann deiner, aber mehr noch – verstehe es! – Meiner Tochter!
HG|2|4|32|0|Und du, Lamech, beuge dich zur Ghemela, reiche ihr deine rechte Hand, und erhebe sie dir zum Weibe, und stelle sie an deiner Liebe Seite vor Mir her, damit Ich euch segne für alle Zeiten der Zeiten! Amen.“
HG|2|4|33|0|Und der Lamech ließ sich nun zu diesem Geschäft nicht mehr zwei Gebote geben, sondern er gehorchte reinen Geistes, bückte sich zur Ghemela nieder und redete sie mit folgenden Worten an:
HG|2|4|34|0|„O Ghemela, du meine schutzbefohlene Liebe Abba Emanuels, so lasse dich denn erheben von mir, der ich deiner vollends unwürdig bin, aber doch der heilige Vater mich deiner gewürdigt hat, – ja, lasse dich erheben zu meinem reinsten in Jehova geliebtesten Weib! Amen.“
HG|2|4|35|0|Und die Ghemela erhob sich behände und ging mit ihm vor Jehova hin; und Er segnete sie und befahl ihnen vorzugsweise, die Reinheit der Herzen beständig zu bewahren und zu behalten die Keuschheit ihr Leben lang. Und sie gelobten und wurden das reinste Ehepaar der Urzeit.
HG|2|5|1|1|Einsegnung des Ehepaares. Stiftung weiterer vier Ehen durch Abedam
HG|2|5|1|1|Am 12. Januar 1842
HG|2|5|1|0|Nach dieser Handlung aber berief der Abedam den Jared, Henoch und Mathusalah zu sich und sagte zu ihnen:
HG|2|5|2|0|„Hört, eure freundschaftliche, brüderliche und väterliche Hütte ist hinreichend geräumig, um neben dem Lamech auch sein Weib zu beherbergen!
HG|2|5|3|0|So lange ihr miteinander in Frieden und Eintracht untereinander unter einem Dach, Mich allein liebend, wohnen werdet, werde auch Ich Wohnung nehmen mitten unter euch; ob sichtbar oder unsichtbar, das sei eurer Liebe einerlei!
HG|2|5|4|0|Ich werde Mich euch öfter zeigen und segnen euer Haus!
HG|2|5|5|0|Und so denn nehmt das junge Ehepaar auf in Meinem Namen! Amen.“
HG|2|5|6|0|Und die drei fielen vor dem Abedam nieder und dankten in der allertiefsten Demut dem Abedam für diese hohe Gnade und übergroße Erbarmung.
HG|2|5|7|0|Der Abedam aber hieß sie wieder aufstehen, und zu empfangen nach Sitte der Liebe von alters her das junge Ehepaar.
HG|2|5|8|0|Und alsbald erhoben sie sich und nahmen das Ehepaar in ihre Mitte und segneten es. Und nachdem sie es gesegnet hatten, küssten sie zuerst die Ghemela und dann den Lamech auf die Stirne und gelobten, ihnen allzeit ihren väterlichen Segen im Namen des Herrn angedeihen zu lassen; nach dem aber führten sie das Ehepaar nach dem Willen Abedams auch hin zum Adam und zur Eva, damit der Adam den Lamech und die Eva aber die Ghemela segnete.
HG|2|5|9|0|Es waren aber diese ersten Menschen der Erde also gerührt, dass sie kaum die Segensworte über die Lippen zu bringen vermochten, und die Eva sagte weinend zum Adam: „Siehe, du Haupt meines Lebens, dieses Paar sagt mir stillschweigend, wie wir uns vor dem Herrn hätten verhalten sollen!
HG|2|5|10|0|Oh, da wäre unter unseren Füßen keine finstere Schlammtiefe entstanden!
HG|2|5|11|0|O dass doch je der Fluch von der Erde wieder genommen werden könnte!“
HG|2|5|12|0|Und der Abedam sagte zur Eva: „Du hast einen gerechten Kummer; doch siehe, hier schon vor Deinen Augen ist von Mir der Grund gelegt zu derjenigen Quelle, aus welcher seiner Zeit ein lebendiges Wasser quellen wird über die ganze Erde und wird sie waschen vom alten Fluch.
HG|2|5|13|0|Aus der Ghemela aber wird die reine Linie ihren Anfang nehmen, und wenn die Erde wird getauft werden mit dem lebendigen Wasser über und über, alsdann auch wird sie bald geläutert werden durch Lamechs Feuer aus den Himmeln, dadurch sie ganz gereinigt wird von ihrem Fluch und wird wieder werden zu einem Mir wohlgefälligen Stern am Himmel, da ihr Licht weite Strahlen spenden wird durch all die ewigen Räume der Unendlichkeit!
HG|2|5|14|0|Wie die Erde soll kein anderer Stern der Ewigkeit erzählen die höchsten Wunder Meiner Erbarmung!
HG|2|5|15|0|Doch nirgends auch wehe der Schlange so sehr als auf diesem Schauplatz Meiner Erbarmungen!
HG|2|5|16|0|Ich sage dir, Eva: Wo Ich Meine größten Erbarmungen ausgegossen habe, da auch soll Mein höchster Grimm ausgegossen werden!
HG|2|5|17|0|Alle zahllosen Sterne sollen gerichtet werden nach ihrer Art von den Engeln; aber der Erde Schlangenbrut und Natterngezücht werde Ich Selbst richten und werde ihr geben den verdienten Lohn im ewigen Feuer Meines allerhärtesten Grimmes und allerbittersten Zornes.
HG|2|5|18|0|Wahrlich, wahrlich, in dem allerdichtesten Zornfeuer Meines Grimmes wird der Drache Kahins mit allen seinen Gefangenen seine große Bosheit ewig büßen müssen, und es wird da ihrer endlos großen Schmerzen ewig nimmer ein Ende sein; und des großes Angst-, Jammer- und Schmerzgeschrei wird von niemandem mehr gehört werden; sie werden in die vollste Vergessenheit übergehen, dass da von niemandem mehr je ihrer gedacht werden soll.
HG|2|5|19|0|Ich aber werde ewig gegen sie Meine Ohren verstopfen, Meine Augen gänzlich abwenden von ihnen und sie gänzlich aus Meinem Herzen vertilgen.
HG|2|5|20|0|Damit auch Ich ihrer gänzlich vergessen werde können, so sollen ihre Namen auch ganz aus Meiner Liebe Erinnerung vertilgt werden und sollen allein aus Meinem höchsten lebendigen Feuerzorn ein ewig allerschrecklichstes Leben haben, das ohne Ende sein wird wie das Meiner Liebe und aller Meiner Kinder in der allerhöchsten Wonne und Überseligkeit!
HG|2|5|21|0|Darum Eva, lebe Mir und sei unbekümmert! Du magst ja die Erde doch nicht reinigen mit all deiner Sorge; darum habe Ich dir jetzt dieses enthüllt, dass du ruhig sein sollst der Erde wegen.
HG|2|5|22|0|Siehe, es wird bald kommen, dass der Sünde Flut ihre Wogen über die Berge selbst zusammenschlagen wird und wird sie treiben bis zu den Wolken; aber siehe, dieses Ehepaares Früchte werde Ich tragen auf Meinen Händen über alle die tötenden Wogen und werde ihnen dann zubereiten ein neues, reines und überfruchtbares Land! Darum freue dich dieser Meiner großen Verheißung in der Ruhe und Liebe deines Herzens; denn Ich habe dich verjüngt und gereinigt in dieser Ghemela! Verstehe es wohl in deinem Herzen! Amen.“
HG|2|5|23|0|Darauf aber berief Er den Mathusalah zu sich und den Zuriel samt dessen anderen vier Töchtern und sprach:
HG|2|5|24|0|„Mathusalah, siehe, du hast noch vier wohlgeratene Söhne, die Mir lieb sind und wert und teuer; siehe hier ihre Weiber!
HG|2|5|25|0|Und du, Zuriel, siehe da hinter dem Lamech die vier Brüder, die Ich deinen Töchtern geben will!“
HG|2|5|26|0|Und der Zuriel weinte vor Freude und sagte: „O Jehova, wie bin ich solcher Gnade von Dir würdig geworden?“
HG|2|5|27|0|Und der Abedam entgegnete ihm: „Dieweil du tapfer gekämpft hast mit aller Welt und hast diese deine einzigen fünf Kinder Mir so rein wieder sehender gegeben, wie rein Ich sie dir als Blinde gegeben habe!
HG|2|5|28|0|Doch aber sollen diese vier Paare nicht im Hause Jareds wohnen, sondern sie werden schon in gerechter Entfernung um die Hütte Jareds ihre neuen, reinen Wohnungen mit allem versehen antreffen, da sie wohnen sollen in aller Reinheit ihrer Herzen und aller Keuschheit ihrer Gemüter; so werde Ich zur gerechten Zeit auch ihnen Kinder des Lichtes geben in gerechter Zahl!
HG|2|5|29|0|Und nun kommt auch ihr vier neuen Paare zu Mir, damit Ich auch euch segne und euch annehme zu Meinen Kindern! Amen.“
HG|2|5|30|0|Und die vier Paare fielen hin zu den Füßen Abedams und dankten Ihm in der Tiefe ihrer Herzen.
HG|2|5|31|0|Er aber richtete sie auf und segnete sie und übergab sie endlich den Segnungen der Väter und sagte endlich zu dem vor übergroßen Freuden weinenden Zuriel:
HG|2|5|32|0|„Zuriel, jetzt komme aber auch du her zu Mir und empfange für deine Treue den größten Lohn!
HG|2|5|33|0|Siehe, jetzt mache Ich dich zu einem großen Engel und setze dich zu einem treuen Wächter und unsichtbaren Beschützer aller Meiner Kinder, – und du wirst von nun an allzeit Mein Angesicht schauen und dich freuen in Meinem Licht! Amen!“
HG|2|5|34|0|Und Er rührte den Zuriel an, – und der Zuriel ward leuchtend mehr denn die Sonne und verschwand bald aus aller Angesichte.
HG|2|6|1|1|Zuriel als Schutzengel und Leiter. Die Liebesprobe von Ghemela und Lamech
HG|2|6|1|1|Am 13. Januar 1842
HG|2|6|1|0|Als aber alle, die da anwesend waren, sahen, was da geschehen war, ergriff sie eine große Angst, und sie fürchteten sich sehr ob dieser Tat, und keiner getraute sich, den hohen Abedam um etwas zu fragen. Allein die Ghemela sammelte sich nach kurzer Zeit und ging hin zum Abedam, fiel vor Ihm nieder, bat Ihn in der Tiefe ihres Herzens um die gnädigste Erlaubnis, Ihn um etwas fragen zu dürfen.
HG|2|6|2|0|Und der Abedam aber erwiderte, ihr zuvorkommend: „Meine überaus geliebte Ghemela, ist dir nicht ein wenig bange um deinen Zuriel, der da war der Vater deines Leibes?“
HG|2|6|3|0|Und die Ghemela bejahte diese Frage im Herzen und gab äußerlich mit ihrem unschuldigen Kopfnicker das wohl geratene Anliegen ihres Herzens zu verstehen.
HG|2|6|4|0|Und der Abedam aber sagte zu ihr, sie tröstend: „Meine überaus geliebte Ghemela, meinst du etwa, der Zuriel ist darum aus dem Dasein verschwunden, dieweil du ihn nicht mehr mit deinen Augen sehen kannst?
HG|2|6|5|0|O sei darüber vollends getröstet, du wirst ihn noch öfter zu sehen bekommen und mit ihm von noch viel herrlicheren Dingen reden können, als du bis jetzt je gesprochen hast mit ihm!
HG|2|6|6|0|Dass er aber hier im Angesichte aller solche große Gnade empfing, geschah vorerst deinetwegen, damit er dir und deinem Mann ein treuer Wächter und Beschützer werden solle gegen alle Versuchungen der Welt; und so Ich zu euch je und je kommen werde, soll er Mich euch allzeit vorher getreulichst ankündigen.
HG|2|6|7|0|Und zum Zweiten aber soll er nun auch aller der Kinder aus dem Mittag ein allgemeiner geheimer Leiter sein, darum er durchschauen wird alle ihre Herzen inwendig und wird sie nach Meinem Willen auch gewaltigst erschüttern können, so er in ihnen irgendeine Untreue entdecken oder gewahren wird; und sie werden dann leichtlicher wieder zu Mir kehren und hören dann in ihrem eigenen Herzen Meinen Vaterruf, wie auch gar wohl verstehen den inneren Donner Gottes.
HG|2|6|8|0|Und endlich werden heute noch mehrere vom Mittag her zugerichtet werden, um hinabzusteigen in die Tiefe zu der großen Weltstadt Hanoch, um auch dort den Kindern der Welt, deren ein Teil ist voll der höchsten Gräuel, ein Teil aber unter der härtesten Knechtschaft und niedrigsten Sklaverei blutet, Meinen Namen zu verkünden und ihnen zu predigen ernste Buße und wahre Besserung und unverzügliche Rückkehr zu Dem, der schon so lange langmütigst, geduldigst und barmherzigst ihrer Rückkehr harrt!
HG|2|6|9|0|Doch diese Erbarmung wird die letzte sein den Kindern der Schlange!
HG|2|6|10|0|Siehe nun, du Meine allerliebste Ghemela, solches Geschäft wird nun die große Treue Zuriels in Anspruch nehmen; und also habe Ich seiner vonnöten, damit an ihm der Drache merke, dass ein Kleiner von Mir aus größer und stärker ist denn er mit all seinen zahllosen argen bösen Rotten!“
HG|2|6|11|0|Und die Ghemela ward voll Freuden in ihrem liebevollsten und dankbarsten Herzen und fiel dem Abedam wieder zu Füßen.
HG|2|6|12|0|Aber der Abedam hob sie alsbald wieder auf und setzte sie wieder auf Seinen Arm und fragte sie, ob sie nun noch ein Anliegen habe.
HG|2|6|13|0|Sie aber konnte nicht reden vor zu großer Freude, weil sie jetzt sah, dass sie ihr Jehova in der Ehe mit dem Lamech ebenso liebhat wie zuvor, da sie noch keinen Mann an ihrer Seite hatte.
HG|2|6|14|0|Der Abedam aber drückte sie ans Herz und rief den Lamech herbei und fragte ihn: „Lamech, wie bist du zufrieden mit der Ghemela? Siehe, sie vergisst deiner auf Meiner Hand! Was sagt dir dazu dein Herz?“
HG|2|6|15|0|Und der Lamech antwortete, sich an die Brust Abedams werfend: „O Vater, Du heiliger, lieber Vater! So Du mein Herz jetzt nicht zusammenhältst, so vernichtet es eine nie empfundene endlos große Liebe zu Dir.
HG|2|6|16|0|(Weinend) O Vater, als Du mir diese überhimmlisch reine Ghemela zuerkanntest und gegeben hast aus Deiner heiligen Hand, da dachte ich, wie werde ich Dich lieben können wie zuvor, so ich meine Liebsorge allein zu Dir werde teilen müssen mit der Ghemela?
HG|2|6|17|0|Und als ich sie dann erhob, da fürchtete ich mich, dass sie meine Hand verunreinigt haben möchte, darum sie dann nimmer so rein und Dir so lieb sein möchte, wie sie ehedem war.
HG|2|6|18|0|Allein, da ich sie, die Du mir zur Verwahrung und Beschützung übergabst, nun wieder auf Deiner Hand sitzend erschaue, – o Vater, Du lieber, heiliger Vater! – siehe, so ist’s nun völlig aus mit meinem Herzen!
HG|2|6|19|0|So Du mich nicht erhältst, so sterbe und vergehe ich vor zu großer, über alles dankbarster Liebe zu Dir, o Du mein, mein, mein überheiliger, überguter Vater!“
HG|2|6|20|0|Und der Abedam beugte sich nieder zum Lamech und sagte zu ihm: „Geliebter Lamech! Siehe, der Vater hat noch eine freie Hand; setze auch du dich darauf und erfahre, wie sehr Ich euer aller Vater bin!“
HG|2|6|21|0|Und der Lamech getraute sich nicht, denn er hielt sich für viel zu unwürdig; aber der Abedam ermutigte ihn, – und alsbald erhob der Abedam auch ihn und drückte ihn an die heiligste Brust und sagte dann zu beiden:
HG|2|6|22|0|„Wie ihr jetzt seid, also bleibt fortan, so werdet ihr dieses heiligen Platzes nie, ja ewig nie verlustig werden!
HG|2|6|23|0|Ihr seid das erste Kindleinpaar, die Ewigkeiten her Ich auf Meinen Händen trage erschaulich; solches aber soll ein ewiges Gedenkzeichen für alle nachfolgenden Kinder bleiben, dass nur diejenigen wahrhaft Meine Kinder sein und werden werden, welche sich von Mir werden ergreifen, ziehen und also wie ihr auf Meinen Händen tragen lassen.
HG|2|6|24|0|Welche aber nicht eurem Beispiel nachfolgen werden, diese werden auch wenig Liebe und noch viel weniger Lebens von Mir empfangen.
HG|2|6|25|0|Nun aber sehe du, Mein Lamech, die Seele Meiner und deiner Ghemela an!“
HG|2|6|26|0|Hier blies Abedam dem Lamech in die Augen; und der Lamech ersah die Ghemela in einer also glänzendst lichten Gestalt, deren Glanz unvergleichlich heller war als das Zentrallicht aller Sonnen.
HG|2|6|27|0|Er fuhr bei diesem Anblick zusammen; als er aus dieser Betäubung sich nach und nach erholte, da erst fing er an zu weinen und wusste sich vor Liebe zu Mir nicht zu helfen.
HG|2|6|28|0|Der Abedam aber sagte zur Ghemela: „Ghemela, siehe, der reine Lamech weint vor Liebe zu Mir! Trockne mit deinen Haaren ihm die herrlichen Tränen aus den Augen; und solche Tat soll allzeit dir und allen deinen Nachfolgerinnen zukommen!“
HG|2|6|29|0|Und die Ghemela umarmte zum ersten Mal mit ihren zartesten, weichsten und wahrhaft himmlisch schönsten Armen den Lamech; mit ihrer Stirne und mit ihren überzarten Wangen aber trocknete sie Lamechs herrliche Tränen aus seinen Augen, da beide der heilige Vater in diesem Moment noch auf Seinen Händen trug.
HG|2|6|30|0|Darauf aber trug Er sie hin zu den Vätern, küsste sie beide und gab sie dann segnend wieder den Vätern mit der Bemerkung:
HG|2|6|31|0|„So rein, wie diese hier sind, sollen Mir alle geborenen Kinder wiedergegeben werden! Ich bin ihr Ursprung, zu diesem Ursprung sollen sie also wiederkommen für ewig. Amen.“
HG|2|7|1|1|Abedams Lehre über das Strahlengestein und die Sorgen um die Zukunft
HG|2|7|1|1|Am 14. Januar 1842
HG|2|7|1|0|Und als der Abedam die Ghemela und den Lamech den Vätern übergeben hatte, da trat Er alsbald hin zu den vier anderen Ehepaaren und sagte zu ihnen:
HG|2|7|2|0|„Hört! Was Ich euch jetzt sagen werde, das sollt ihr dann auch alsbald ins Werk setzen, das heißt heute noch nicht, aber wohl schon an den nächsten Werktagen.
HG|2|7|3|0|Solches aber ist, das Ich euch sage: Im Innern der Erde gibt es eine Art Gestein, das da ein rötliches Aussehen hat und ist nicht also hart als ein anderes Gestein; so man es aber hebt, da hat es ein Gewicht, das da merklicher ist denn das Gewicht eines anderen gleich großen Steines. Dieses Gestein entsteht aus den von der Erde verschlungenen Strahlen der Sonne und ist fast allenthalben in den Bergen vorhanden, weil eben nur die Berge in sich zumeist hohle Gänge haben, in deren steter Feuchtigkeit die von der Erde verschlungene Kraft der Strahlen aus der Sonne sich sammelt, für sich selbst mit Hilfe der Einwirkung des anderen nächtlichen Gestirns am Firmament eine eigene Aus- und Gegenkräftigung (Polarität) bekommt, endlich nach und nach fester und gediegener wird. Und sooft das Gewässer der Erde von 13.555 Jahren zu 13.555 Jahren mit der halben Rückkehr der Sonne seine Aus- und Gegenkräftung wechselt und bei dem jeweiligen nahe 7.000 Jahre langen Vollüberstand dieses in den hohlen Gängen der Gebirge angesammelte Strahlengestein gehörig durchsalzt, so ist dieses Gestein dann beim abermaligen Rücktritt der Gewässer schon also reichlich und solid vorhanden, dass es die nächsten 13.555 Jahre nicht leichtlich verbrauchen werden. Das Zurückgebliebene, Unverbrauchte dieses Strahlengesteines, wenn es auch schon mehrere tausend Gewässerstandswechslungen durch bestanden hat, so wird es darum doch nicht schlechter, sondern gerade nur besser.
HG|2|7|4|0|Seht, bis jetzt ist dieses Strahlengestein noch von niemandem benützt worden, außer seit einiger Zeit von einem Königssohn aus Hanoch. Jedoch wurde diesem nur der Unrat des Gesteins gezeigt; und doch hat die Erde schon seit ihrer Entstehung mehr als tausend Erhöhungen mit derselben Zahl solche Gewässerstandsveränderungen erlitten!
HG|2|7|5|0|Und es ist ein großer Nutzen in Bergen für die Weisen aus der Liebe verborgen; solches offenbare aber Ich euch darum, dass ihr es weise benützen sollt.
HG|2|7|6|0|Sammelt es, und läutert es im Feuer, und Ich werde euch durch euren Geist zur rechten Zeit eingeben, wie und wozu ihr es verwenden sollt!
HG|2|7|7|0|Seid ihr aber einmal Meister der Kunst geworden, dann lehrt es auch euren Brüdern, und lehrt aber ihnen allen auch den weisen, uneigennützigen Gebrauch davon.
HG|2|7|8|0|Darum aber habe Ich euch neue Wohnungen zubereitet und sie dazu gehörig mit allem versehen, dessen ihr euch bei dieser neuen Kunst werdet allerzweckmäßigst bedienen können. Den Gebrauch aller der schon vorrätigen Werkzeuge wird euch alle der Geist lehren. Obschon einige von euch schon seit den ersten Zeiten Versuche gemacht haben, die euch von Mir geschenkten Werkzeuge nachzumachen, so wollte die Sache aber doch niemandem so ganz gelingen, da ihr nicht das rechte Metall gefunden habt; doch da Ich Selbst euch nun das rechte angezeigt habe, also werdet ihr euch nun selbst dieselben Werkzeuge verfertigen können, wie ihr sie sonst immer schon verfertigt heimlich von Mir erhieltet.
HG|2|7|9|0|Jedoch, wie sonst allzeit Ich euch allen alles dieses gab ganz umsonst, also müsst es auch ihr tun; da ihr euch aber damit beschäftigen werdet, um zu nützen euren Brüdern, da mögen dann wohl auch eure Brüder darauf sehen, dass sie euch versehen mit Speise und Trank.
HG|2|7|10|0|Doch niemals für eure Arbeit sollt ihr solches verlangen; sondern das man euch bringen wird, das esst und genießt dankbar! Aber auch keiner solle darum etwas von euch verlangen, darum er euch etwas gegeben hatte; sondern allein die Liebe sei euer gegenseitiger Verkehr!
HG|2|7|11|0|Das also zubereitete Gestein aber möget ihr Sideleheise benamsen.
HG|2|7|12|0|Seid vollkommen in allen Dingen und mächtig in der lebendigen Liebe, so werde auch Ich beständig mit Meiner segnenden Hand unter euch sein und werde euch ziehen, lehren und zurichten in allen Vollkommenheiten! Amen.“
HG|2|7|13|0|Es trat aber nach dieser Lehrrede Abedams alsbald der Adam zu Ihm und fragte Ihn: „Heiliger, liebevollster Vater, Du hast vorher des Erdgewässerwechselstandes erwähnt. Siehe, so vielleicht gar bald demnach das Meer unsere gegenwärtig bewohnten Ländereien verschlingen wird, was wird da mit uns denn geschehen?
HG|2|7|14|0|Möchtest Du uns darüber nicht auch einen Wink geben, so Dein heiliger Wille es wäre?!“
HG|2|7|15|0|Und der Abedam lächelte über diese Frage und sagte dann zum Adam: „Adam, sorge dich lieber um etwas Besseres, so du dich schon durchaus sorgen willst; denn diese Sorge ist zu eitel töricht.
HG|2|7|16|0|Denke dir von jetzt an noch eine Zeitdauer von dreizehntausend Jahren! Wahrlich, in dieser Zeit wird dich in einem ganz anderen Zustand deines Seins das Wesen der Erde wohl gar wenig mehr kümmern, – und Menschen, die in der Zeit die Erde bewohnen werden, werden Zeit genug haben, der rückkehrenden Flut zu weichen, nachdem ihr Steigen und Fallen also langsam vor sich geht, dass dasselbe nur von tausend zu tausend Jahren erst einen bemerkbaren Unterschied gibt, und zudem all das Gewässer erst von dieser nördlichen Erdhälfte seinen Rücktritt begonnen hatte.
HG|2|7|17|0|Siehe daher, wie eitel und leer deine törichte Furcht ist!
HG|2|7|18|0|Ich sage dir aber, wie auch euch allen, sorgt euch allein um die Reinheit eurer Herzen und um die wahre innerste Liebe zu Mir! Was aber die Leitung der Weltkörper betrifft, da seid mit eurer Sorge ferne; denn solche zu leiten und ordentlich zu erhalten verstehe nur Ich allein, und Meine Macht, Kraft und Gewalt und Meine Weisheit genügt ewig der ganzen Unendlichkeit!
HG|2|7|19|0|Ich sage euch, ihr seht noch matte Sternengruppen aus den endlosen Fernen der weiten Unendlichkeit zur Nachtzeit zu euch herabschimmern, und der Erde späteste Bewohner werden sie auch noch sehen; und doch war die alte Erde noch nicht gegründet, als sie aus ihrem nahe Ewigkeiten langem Sein zunichte geworden sind!
HG|2|7|20|0|Also wird es auch dieser Erde und diesem sichtbaren Himmel ergehen; doch Meine Worte und Meine Kinder werden nimmerdar vergehen!
HG|2|7|21|0|Möchtest du, Adam, dich nicht etwa auch darum zu sorgen anfangen?
HG|2|7|22|0|Darum aber sage Ich euch, sorgt euch um alles der Welt gar nicht, sondern lasst in allem Mich sorgen; denn ihr könnt mit allen euren Sorgen auch nicht ein Stäubchen zuwege bringen.
HG|2|7|23|0|Darum ihr aber schon sorgen wollt, da sorgt ihr allein, sorglos zu werden, und dass eure Herzen rein und stets voller und voller von der wahren inneren Liebe zu Mir werden möchten; denn darin besteht allein das ewige, unzerstörbare Leben, dass ihr Mich allzeit erkennt und über alles liebt! Amen.“
HG|2|8|1|1|Die Sendung der zehn Boten: Auftrag zur Befreiung und Bekehrung der sündigen Stadt Hanoch
HG|2|8|1|1|Am 15. Januar 1842
HG|2|8|1|0|Nach dem aber berief der Abedam den Sethlahem, den Kisehel, dessen sechs Brüder und noch zwei Söhne des Kisehel, die da nicht minder ihrem Vater waren voll Eifer, Feuergeistes und voll von allerlei nützlichen Erkenntnissen in allerlei Dingen, so dass da nun in allem zehn Männer vor dem Abedam standen.
HG|2|8|2|0|Da sie aber vor Ihn hinkamen, fielen sie alsbald auf ihre Angesichter nieder vor Ihm und lobten und priesen überlaut Seinen allerheiligsten Namen Jehova.
HG|2|8|3|0|Als aber der Abedam sah, dass sie ihrem Herzen genug getan hatten, da hieß Er sie alsbald erstehen und sagte zu ihnen: „Hört, ihr Männer aus dem Mittag! Was Ich euch nun enthüllen werde, das tut unverzüglich an dem von Mir euch in eurem Geist angezeigten Tag!
HG|2|8|4|0|Solches aber verlangt von eurem freien Willen Meine Liebe und Erbarmung, dass ihr euch bedünken sollt, hinabzugehen in die Tiefe zur Stadt Hanoch, allda ihr Menschen antreffen werdet, die von Mir lediglich nichts mehr wissen und leben mit und untereinander, ärger, ärger – denn Hunde, Katzen, Wölfe, Bären, Löwen, Tiger, Hyänen und Schlangen auf einem Haufen beisammen!
HG|2|8|5|0|Sie stinken schon bis in den obersten Himmel vor Unzucht und der allerscheußlichsten Hurerei und ermorden sich gegenseitig, und vergießen das Blut ihrer Brüder und Schwestern und schonen sogar ihrer Alten nicht.
HG|2|8|6|0|Ja, Ich sage euch, ihr Frevel geht so weit, dass ihr König, der da auch Lamech heißt, Mir sogar vor noch gar nicht langer Zeit einen Krieg angekündigt hat und wollte aus großem Grimm gegen Mich, darum Ich sein arges, grausames Kriegsheer unter der Anführung Tatahars des Bösen von den reißenden Tieren vernichten ließ, die Erde sogar mit Feuer vernichten.
HG|2|8|7|0|Allein das ist nicht das ärgste der vielen Laster, die er gegen Mich begeht; sondern hört und vernehmt:
HG|2|8|8|0|Da Ich es zuließ, dass ihm alle seine Beischläferinnen untreu wurden aus Furcht um ihr Leben und entflohen sind hierher, und zwar unter die Mittnächtler, und ihm auch noch entflohen sind seine beiden Weiber und seine Tochter Naëme, – seht, darum hat er nun einen solchen Hass gegen Mich, dass er nichts anderes tut, als allein fast Tag und Nacht nur nachsinnt, wie er Mich so recht auf die allerschändlichste Weise verunheiligen möchte und könnte. Er hat allenthalben Wächter und Spione aufgestellt, die da die Menschen beobachten und behorchen müssen, was sie tun und reden. Er hat ein Loch in die Erde machen lassen, füllte es zur Hälfte mit Unrat, zeichnete Meinen Namen auf eine mit Unflat beschmierte Tafel aus Stein, verfluchte hernach die Tafel und warf sie dann vor vieler Augen unter den scheußlichsten Lästerungen in das besagte Loch und gebot darauf den niedrigsten Sklaven zu scheißen und endlich mit von ihm verfluchter Erde das Loch wieder zuzuwerfen.
HG|2|8|9|0|Gleich darauf kündigte er sich ihnen selbst als den allein allerhöchsten Gott an und gebot dann jedem bei Strafe des martervollsten Todes, ihn anzubeten.
HG|2|8|10|0|Und die Wächter und Spione müssen streng nun darauf achten und hören, dass ja von niemandem Mein Name mehr genannt wird; wer solches täte, dem stehen die entsetzlichsten Todesstrafen bevor!
HG|2|8|11|0|Den Sklaven verbot er das Reden so ganz und gar, dass, so von einem was immer für ein Wort vernommen möchte werden, ihm sogleich die Zunge aus dem Mund gerissen werden solle; so sie sich aber verständigen wollten untereinander, da sollen sie solches mit tierartigem Gebrüll tun.
HG|2|8|12|0|Auch sollen sie nicht also wie er auf zwei Füßen gehen, sondern auf allen Vieren gleich den Tieren, das heißt auf den Händen und Füßen; gerade stehen dürften sie nur bei der Arbeit.
HG|2|8|13|0|Auch darf sich dieses Sklavenvolk nicht paaren. Wehe dem, der nun mit einem Weib etwas hätte; dem stehen die schändlichsten Verstümmelungen bevor.
HG|2|8|14|0|Aus dem Grunde er nun auch schon Tausende von den Sklavenweibern und ihren Töchtern hinrichten ließ.
HG|2|8|15|0|Seht, also geht es nun in der Tiefe zu! Es gibt aber außer Hanoch noch zehn große Städte, welche diesem Meinem größten Feind alle dienstbar sind, und es geht in keiner um ein Haar nun besser zu denn in Hanoch.
HG|2|8|16|0|Seht nun ferner, und hört: Das Blut der Armen schreit zu Mir um Rache; darum habe Ich Mich ihrer erbarmt und will euch als Rächer und Befreier dieses Volkes hinabsenden; doch sollt ihr niemanden töten, auch den Lamech nicht; sondern ihnen allen verkündiget frei und offen Meinen Namen und Meinen Zorn und das nahe bevorstehende Gericht Meines Grimms, so sie sich nicht möchten alsbald in der strengsten Buße und Reue über alle ihre Frevel zu Meinem Namen wenden!
HG|2|8|17|0|Den Lamech selbst aber lasst mit eigenen Händen das besagte Loch aufgraben, die mit Meinem Namen bezeichnete Tafel wieder herausnehmen, sie reinigen mit reinem Wasser und sie dann erst waschen mit den Tränen seiner Reue!
HG|2|8|18|0|So er sich aber solches zu tun weigern wird, dann macht Gebrauch von eurer Macht und lasst eine Plage um die andere über ihn kommen, und das so lange fort, bis er sich in euren Willen fügen wird!
HG|2|8|19|0|Hebt nicht nur seine, sondern jede Herrlichkeit auf, so dass sie sich alle als Brüder und Schwestern vollends gleich sein sollen, und nur die Weisesten aus dem gemeinsten Volk setzt ein zu ferneren Leitern des Volkes; aber lasst sie nicht beziehen je die Paläste der Könige, sondern in den einfachsten und niedrigsten Hütten sollen sie wohnen.
HG|2|8|20|0|Wenn sie von euch als fähig erkannt werden und als tüchtig zur Leitung und Aufsicht, dann legt auch ihnen eure Hände auf die Stirne und auf die Achsel, und erteilt ihnen dadurch die nötige Kraft.
HG|2|8|21|0|Fürchtet allda niemanden, und lasst euch selbst nicht blenden von der großen Pracht und Üppigkeit dieser Städte; denn all die Städte sind jetzt da unten und werden allzeit sein Werke der Schlange. Daher lasst euch von keinem Glanz bestechen, sondern seid als Meine Propheten diesen Völkern äußerlich überstreng ernstlich und unerbittlich, aber innerlich desto voller von der wahren Nächsten- und Bruderliebe.
HG|2|8|22|0|Für euch aber sei dort keines Bleibens; sondern so ihr werdet alles geordnet haben, dann kehrt wieder zurück in eure Heimat, und kehrt ohne wichtige Ursachen nicht mehr zu leicht wieder zurück in die Tiefe.
HG|2|8|23|0|So ihr aber von der Tiefe heimziehen werdet, da wascht euch zuvor am ganzen Leibe, damit ihr nicht den Tod auch hierher verschleppt; denn die Tiefe ist nun voll Pestilenz und voll Todes geworden.
HG|2|8|24|0|Und nun empfangt Meinen Segen, und seid standhaft, stark, mächtig und gewaltig in allen Dingen, solange ihr nach Meinen Worten handeln werdet!
HG|2|8|25|0|Die ganze Natur gehorche eurem Wink, und die Vögel der Luft sollen untertan sein eurem Wort; so das Feuer, so die Luft, so das Wasser, also auch alles Getier, und alle bösen und finsteren Mächte.
HG|2|8|26|0|Aber hütet euch ja, niemandem etwas zuleide zu tun, – sondern nur jemandem zu helfen!
HG|2|8|27|0|Den Hartnäckigen könnt ihr strafen, aber nicht, dass er nur leide, sondern, dass er besser werde!
HG|2|8|28|0|Solches alles beachtet wohl in Meinem Namen! Amen.
HG|2|8|29|0|Mein Segen mit und in euch. Amen, Amen, Amen.“
HG|2|9|1|1|Sethlahems Rede über Demut und Liebe
HG|2|9|1|1|Am 17. Januar 1842
HG|2|9|1|0|Nach dieser Bestimmungsrede Abedams dankten die Zehn allerinbrünstigst Ihm, darum sie fürs Erste erkannt haben Jehovas unendliche Barmherzigkeit, Liebe, Geduld, Langmut und Sanftmut, und fürs Zweite, darum Er ihnen eine so große Gnade erwies, dass Er gerade sie, die sich nun für die Allerunwürdigsten hielten, erwählt hat zu Werkzeugen Seiner großen Erbarmungen.
HG|2|9|2|0|Und der Sethlahem öffnete endlich seinen Mund und sagte zu allen seinen Miterwählten: „Brüder, jetzt ist meine Weissagung in die herrlichste Erfüllung übergegangen!
HG|2|9|3|0|Ich habe euch allen ja zu öfteren Malen gesagt, so ihr manchmal behauptet habt, dass der erhabenste, heiligste, große Jehova nur an den erhabenen, großen und glänzenden Dingen Sein Wohlgefallen haben könne, dass solches sicher nicht der Fall sein wird, sondern auf uns bezogen gerade nur im Gegenteil.
HG|2|9|4|0|Je geringer jemand ist, je ärmer, je demütiger, je furchtsamer vor Ihm und sich zurückziehender von der Welt, je einfältiger in aller seiner Rede und Handlung, je sich geringschätzender denn alle seine Brüder, je dienstfertiger gegen alle, und je weniger um sich selbst besorgt, desto wohlgefälliger wird man ganz sicher Ihm werden; denn also schloss ich:
HG|2|9|5|0|‚Hätte Jehova Sein größtes Wohlgefallen an den großen und glänzenden Dingen, so würde Er auch sicher ihnen Zungen und eine bei weitem größere Sprachvollkommenheit gegeben haben, als wir sie je zu fassen vermöchten; uns aber hätte Er dann stumm gelassen.
HG|2|9|6|0|Allein, wer hat noch je einen Baum reden gehört, wer je einen Berg, wer einen Strom, wer das Meer, wer je die Erde, die Sonne, den Mond und die Sterne?‘
HG|2|9|7|0|Und ich redete weiter, weiter durch die Gnade des Herrn, als ihr mir das Gras und andere kleine sprachlose Dinge entgegenhieltet: ‚Das bescheidene Gras, wenn es auch nicht sprechen kann, ist sicher um tausend Male gesegneter denn ein stolzer, hochmütiger Baum; man darf nur die unschätzbare Nützlichkeit desselben betrachten.
HG|2|9|8|0|Es gibt uns das Brot, es ernährt unsere Kühe, Schafe und Ziegen; wie viele Tiere und Tierchen, die wir gar nicht kennen, leben vom Segen des bescheidenen Grases, während von einer stolzen und hohen Zeder nicht einmal ein hungriger Bär etwas herabreißen kann zur Stillung seines Hungers!‘
HG|2|9|9|0|Und wieder weiter sprach ich zu euch: ‚Seht an die Bäume! Je kleiner sie sind, desto gesegneter und lieblicher und süßer ist auch ihre Frucht, und wir genießen sie mit großer Freude, dankbar dem heiligen Geber.
HG|2|9|10|0|Wer aber möchte seine Zähne an die harte, ungenießbare Frucht der großen, hohen und überaus majestätischen Eiche setzen und ihren Segen mit den Schweinen teilen? Oder wer mit den Raben um die taube Frucht der Zedern einen eigennützigen Streit eingehen? Und die Zapfen der hohen Tannen, – wessen Gaumen möchte diese Kost wohl behagen?‘
HG|2|9|11|0|Und noch weiter redete ich zu euch: ‚Seht die Gewässer, die Flüsse und die Bäche! Solange sie bescheiden bleiben und recht klein in ihren Betten, so lange auch bleiben sie rein bis auf den Grund, dass es eine wahre Lust ist, sie anzusehen; fangen sie aber an zu wachsen und werden größer und mächtiger, wie werden sie da auch alsbald trüber! Und was früher das bescheidene reine Bächlein gesegnet hatte, das und noch viel mehreres zerstört und verheert hernach der mächtig angeschwollene Bach, Fluss und Strom!
HG|2|9|12|0|Der segenvolle Regen fällt nur in kleinen Tröpfchen; ist er aber angeschwollen zu großen Tropfen, da kommt er mit großem Sturm und schlägt, was er sonst in seiner Bescheidenheit hätte aufrichten und beleben mögen, nur verderbend zu Boden.‘
HG|2|9|13|0|Und ich hätte euch noch manches gesagt über die stete Armut und Geringfügigkeit; allein damals schwebte in euren Herzen noch ein ganz anderer Geist, und alle eure Gottwohlgefälligkeitsbegriffe prangten entweder auf den höchsten Gebirgsspitzen, wo nicht gar manchmal über allen Sternen!
HG|2|9|14|0|Allein, was ich selbst damals nur mühsam für mich, für euch und alle meine Kinder der Schöpfung abgelauscht habe, seht, dasselbe zeigt mir und uns allen jetzt in übergroßer Klarheit der große Abedam Jehova Emanuel Selbst, dass Er nicht ansieht das Ansehen, die Größe, den Glanz und die Pracht der Dinge dieser Welt, und ist Ihm eine Mücke lieber denn ein Mamelhud; denn der Mücke gab Er sogar ein Flügelpaar zum Fliegen, aber das Mamelhud muss sich schwerfällig und mühsam fortschleppen auf der Erde Boden und suchen für seinen großen Bauch die nötige Nahrung.
HG|2|9|15|0|Also seht nun die Erfüllung meiner Weissagung, o Brüder! Wie herrlich hat es sich nun vor unseren Augen enthüllt!
HG|2|9|16|0|Der Herr, unser aller allmächtiger Schöpfer, unser heiliger Vater, Jehova der Ewige, der Unendliche in Seiner Liebe und Weisheit, Er, das Licht alles Lichtes, die Kraft aller Kräfte, die ewige Macht aller Mächte, Er – Er Selbst hat es uns allen nun gezeigt, dass vor Ihm nur die Niedrigkeit der wahren Demut im Verband mit der reinen Liebe zu Ihm etwas gilt, und alles andere aber gänzlich ohne Wert ist.
HG|2|9|17|0|O Brüder, wer fasst da die unendliche Größe Seiner Erbarmung, Liebe und Gnade?!
HG|2|9|18|0|Er hätte uns ja ebenso leicht können zur Gewinnung Seiner Vaterliebe und somit des ewigen Lebens das Hochstreben, den Glanz und alle Prachtsucht zur Bedingung geben! Allein nur äußerlich betrachtet, abgerechnet Seine ewige Ordnung, wie entsetzlich teuer wäre uns dann Seine Gnade zu stehen gekommen?!
HG|2|9|19|0|Aber wie leicht nun ist das ewige Leben zu gewinnen! Denn in meiner größten Niedrigkeit kann ich es und jeder erhalten als ein freies Geschenk von Ihm, dem so überguten, heiligen Vater!
HG|2|9|20|0|O Du lieber Vater Du, wie überaus freue ich mich nun, darum Dir nur die demütige Niedrigkeit wohlgefällt, und nicht der Glanz, den ich und wir alle uns nie hätten zu eigen machen können!
HG|2|9|21|0|O nehme dafür den ewigen Dank unserer Herzen gnädigst an; Dir allein sei daher alle Ehre, aller Ruhm und aller Preis von uns allen, dass Du uns angesehen hast in unserer Niedrigkeit und hast uns erwählt zur Dämpfung und Löschung der Hoffart der Welt in Deinem Namen!
HG|2|9|22|0|Erhalte uns alle aber auch in der beständigen Demut und Liebe zu Dir und allen Brüdern ewig! Amen.“
HG|2|10|1|1|Die Demut des Kisehel und die Erkenntnis des Sethlahem
HG|2|10|1|1|Am 18. Januar 1842
HG|2|10|1|0|Und nachdem der Sethlahem diese seine wohl zu beachtende Rede beendet hatte, ermutigte sich auch der Kisehel und trat hin zum Sethlahem und richtete folgende recht sehr zu beherzigende Worte an ihn, sagend nämlich:
HG|2|10|2|0|„Bruder Sethlahem, du weißt ja, worin unser Unterricht oder vielmehr unser Erkennen, das wir noch hier empfingen, bestand!
HG|2|10|3|0|Jehova ward uns verkündigt worden auf eine Art, die selbst unsere größten Gedanken von Ihm rein vernichtete.
HG|2|10|4|0|Wir wussten wohl von Seiner unendlichen Größe, Macht und Kraft, wir plauderten gar vieles manchmal von Seiner möglichen Wesenheit, – aber welcher aus uns allen hätte sich damals auch nur unterstanden zu denken, Jehova, der ewige, heilige Vater wäre gleich uns ein Mensch, wenn auch der allerunendlichst vollkommenste?!
HG|2|10|5|0|Da wir uns aber eben durch unsere schiefe Erkenntnis den Jehova nicht als einen Menschen, sondern als etwas dem Wesen nach also Ungeheures, davon wir uns alle auch nicht den leisesten Begriff mehr machen konnten, vorstellten, so war dann ja auch einerseits natürlich, dass unsere freilich überläppischen Gottwohlgefälligkeitsbegriffe nicht viel anders ausfallen konnten, als unsere Vorstellung von Ihm Selbst beschaffen war.
HG|2|10|6|0|Siehe also, lieber Bruder, es waren wohl unsere Herzen beständig mit Gott beschäftigt, allein du hattest zwar die Gnade, Jehova von einer richtigeren Seite erfasst zu haben denn ich; wer aber hätte zwischen uns den Schätzrichter [Schiedsrichter] machen sollen oder können?
HG|2|10|7|0|Welchen tastbaren Beweis hättest du für deine Ansicht und deinen Glauben aufstellen können, dadurch uns deine richtigeren Ideen wären einleuchtend geworden?
HG|2|10|8|0|Siehe, auch du hattest nichts denn allein für dich deinen Glauben, also wie ich für meine Ansicht nichts hatte als leider freilich wohl nur meinen irrigen Glauben.
HG|2|10|9|0|Und so lebtest du zwar im Licht, aber du warst blind und ahntest das Licht nur, weil der zugleich erwärmende Strahl dasselbe gewisserart dich in der Nähe gewahren ließ.
HG|2|10|10|0|Ich aber hatte zwar offene Augen, stand aber in der dichtesten Finsternis und sah darum fürs Erste nichts und konnte dazu fürs Zweite auch kein Licht ahnen, weil durch die große Nacht meiner Gedanken sich auch nicht ein besserer Strahl ziehen und verbreiten wollte.
HG|2|10|11|0|Und so glaube ich nun, lieber Bruder, wir sollten uns jetzt dessen nicht mehr rühmen, das vergangen ist, ob es der Wahrheit auch entweder näher oder ferner war; denn das eigentlich Rechte hatte doch keiner, und hätte er es auch gehabt, womit aber mochte er es verbürgen?
HG|2|10|12|0|Dass unser aller heiliger Vater ist gleich uns ein Mensch, und ist ein einiger Gott; siehe, das fehlte uns allen! Der Irrtum lag nicht in unserem Willen, sondern nur in unserer Vorstellung. Wir waren samt und sämtlich arme Toren und ich der größte wohl darunter; doch jetzt hat Der da, der nun unter uns ist heilig, überheilig, gut, übergut, unser aller liebevollster Vater uns allen aus unserer großen Not, Blindheit und Armut geholfen. Er steht sichtbar vor uns, und wir alle erkennen in Ihm den ewigen, heiligen Vater und den allmächtigen, ewigen Schöpfer aller Dinge; darum auch sei aller Dank, alles Lob, aller Preis, alle Ehre, aller Ruhm, alle Liebe und alle Anbetung Ihm von uns und allen unseren Kindern dargebracht!
HG|2|10|13|0|Es ist zwar, lieber Bruder, deine Weissagung in vielen Stücken eingetroffen, besonders was die Erörterung dessen betrifft, was die dem Vater und Herrn allein wohlgefällige Demut, Niedrigkeit und Unansehnlichkeit betrifft; aber von dem, dass der Jehova auch ist ein Mensch, von Seiner so endlosen Liebe, Gnade und unbegreiflich allerhöchsten Erbarmung, – Bruder, davon hat wohl uns allen nie etwas geträumt. Und wennschon aus uns jemand von Ihm eine solche Vorstellung gehabt hatte, so war es der stets stille und verschlossene Zuriel mit seinen Töchtern; allein, er zog sich ja stets also in die verborgensten Winkel zurück, und es war schwer, auch nur ein Wort aus ihm zu locken.
HG|2|10|14|0|Wir alle Übrigen wussten aber ja zusammen nichts! Solches ist dir selbst ja erst gestern durch den lieben Henoch klar geworden, wie weit wir es mit unserer Weisheit und Weissagung gebracht haben!
HG|2|10|15|0|Ich meinesteils – abgesehen von dem, dass du der Wahrheit stets unbestimmbar näher warst denn ich – aber denke nun also:
HG|2|10|16|0|Wir sollten uns unseres früheren Zustandes wie immer auf gar keine Art mehr rühmen, sondern dafür lieber allein Dem, der da unter uns ist, alle Ehre und allen Ruhm darbringen.
HG|2|10|17|0|Dein Gutes bleibt gut, insofern es von Ihm aus gut ist; für sich allein und von dir aus allein aber ist es um kein Haar besser denn mein ehedem Grundfalsches.
HG|2|10|18|0|Doch ich sage dir jetzt, mein Bruder, ich danke dem Herrn für meine damalige Finsternis; denn sie war ja der Grund meiner jetzigen Demut und war dadurch ja auch eine große, wennschon verhüllte Gnade von Ihm.
HG|2|10|19|0|Dass sie aber eine Gnade war, siehe, das erkenne ich daraus, dass ich mich ihrer nie werde rühmen können.
HG|2|10|20|0|Du aber hattest Licht, und es zieht dein Herz der Ruhm dieser Gnade! Wahrlich, Bruder, du bist zwar mir gleich erwählt, aber so du mir nun dein früheres Licht für meine frühere Nacht geben möchtest, so möchte ich mich sehr lange bedenken, zu tauschen mit dir.
HG|2|10|21|0|Darum rate ich dir um deiner selbst willen, für die Zukunft nicht mehr viel Erwähnens davon zu machen, sondern bleibe lieber ganz mein lieber, demütiger Bruder! Denn siehe, vor Dem, der Sich jetzt uns naht, stehen wir beide ja gleich blank und nackt; darum bleibe du mein lieber Bruder jetzt, wie ewig! Amen.“
HG|2|10|22|0|Nach diesem letzten Wort war auch schon der hohe Abedam bei ihnen eingetroffen, legte Seine Hände auf beider Achseln und sagte: „Zu diesem Amen spreche auch Ich Mein mächtiges Amen.
HG|2|10|23|0|Wahrlich, Kisehel, du bist stark geworden und bist aus allen der mächtigste; darum sollst du auch ein Führer sein der übrigen! Dir, Sethlahem, aber solle die Weissagung verbleiben; doch so wahr auch deine Rede war und so wohl getroffen jedes Bild, ist Mir die Rede Kisehels lieber, darum er mehr, denn du für dich, die rechte Demut predigte.
HG|2|10|24|0|Siehe, dich hat deine Rede erhöht, den Kisehel aber die seine erniedrigt! Was meinst du nun, derwelche Mir näher kam?
HG|2|10|25|0|Siehe, es ist gut also zu reden, wie du früher geredet hast; aber es ist nicht gut, von sich zu reden! Denn wer immer da etwas Wahres spricht, woher kommt ihm denn solches?
HG|2|10|26|0|Darum sollst du dich dessen nicht einmal sichtbar freuen, darum Ich dir mehr gab denn deinem Bruder, da dich sonst dein Bruder an Meiner statt rühmen möchte, der du doch nur ein schwaches Werkzeug Dessen warst, der dich berufen hatte, und dem allein aller Ruhm gebührt!
HG|2|10|27|0|Euer allergrößter Ruhm aber sei eure Demut und wahre, innere Liebe zu Mir; dann werdet ihr leben!
HG|2|10|28|0|Siehe, solches ist Mein Wille! Dein Wort ist wahr und gut, da es ist aus Mir; aber lebe du vorerst ganz danach, so wirst du leben ewig! Amen.“
HG|2|11|1|1|Abedams Lehre über wahre Demut. Berufung des Kisehel als Führer der Boten
HG|2|11|1|1|Am 19. Januar 1842
HG|2|11|1|0|Der Kisehel aber, als er solche Erhöhung vom Abedam vernommen hatte, sah den Abedam wehmütig an und wollte zu reden anfangen; allein der Abedam kam ihm zuvor und sagte zu ihm:
HG|2|11|2|0|„Kisehel, Ich habe es schon in deinem Herzen gelesen, was du Mir sagen und um was du Mich bitten möchtest!
HG|2|11|3|0|Du möchtest gerne der Geringste verbleiben; du möchtest nicht ein Führer der anderen sein, sondern möchtest dich lieber von den anderen führen lassen.
HG|2|11|4|0|Solches ist das Bestreben in dir, dass du lieber möchtest von den anderen bestimmt werden, als dass du die anderen bestimmen sollst; du möchtest viel lieber gehorchen, als den anderen Verhaltungsregeln vorschreiben.
HG|2|11|5|0|Du möchtest lieber der Letzte als der Erste Meiner Knechte sein und möchtest gerne der Stärkste sein, um allen zu dienen, und möchtest aber doch auch wieder der Schwächste sein, um vor niemandem etwas voraus zu haben!
HG|2|11|6|0|Siehe, also erst lobe Ich dich ganz vollkommen; du bist Mir ein überwerter Mann geworden. Das ist das Größte: Wer wahrhaft sein will der Letzte und der Geringste, der ist bei Mir der Größte; denn nichts als die wahre Demut macht euch wahrhaft groß vor Mir!
HG|2|11|7|0|Weil du aber also wahrhaft vom Grunde aus demütig bist, darum du in allem vor deinen Brüdern und Kindern sogar möchtest aus großer Liebe zu Mir sein der Allergeringste und hast dadurch das herrlichste Wort Sethlahems nicht verschmäht in deinem Herzen und hast es lebendig gemacht in dir durch die Tat vor Mir in deiner Liebe zu Mir; siehe, darum auch bist du wahrhaft der Erste aus allen den Erwählten!
HG|2|11|8|0|Denn sie brauchen keinen Führer in der Weisheit, da sie damit alle hinreichend ausgestattet sind; sie brauchen keinen Führer in der Liebe, – denn sie alle kennen Mich und haben Herz genug, um Mich über alles zu lieben; sie brauchen keinen Führer in der Kraft, – denn solche haben sie empfangen dir gleich; sie brauchen keinen Führer in der Macht, – denn Ich habe keinem einen geringeren Teil gegeben.
HG|2|11|9|0|Auch brauchen sie keinen Führer in der Gewalt, – denn jeder von euch hat den gerechten Anteil von Mir erhalten; und sie brauchen keinen Führer in Meiner Gnade, – denn ihr seid alle von Mir ja für einen und denselben Zweck erwählt worden.
HG|2|11|10|0|Aber sie brauchen einen Führer in der beständigen Demut! Denn alles kann jeder von Mir empfangen und kann sich nehmen aus Meinem unendlichen Vorrat, so viel er nur immer will: er kann lieben, so viel er mag und will; er kann sich nach seinem Wunsch also stärken durch den Glauben, dass es ihm ein Leichtes wird, mit seinem Willen Berge zu versetzen; er kann seinen Willen selbst also mächtig machen, dass seinem Wort Tausende und abermals Tausende werden folgen müssen; er kann sich in der Bestimmtheit seiner Rede eine solche Gewalt zu eigen machen, dass ihm alles wird blindlings gehorchen müssen. Allein nicht also auch verhält es sich mit der Demut; diese ist jedes Menschen Eigentum.
HG|2|11|11|0|Diese kann und darf Ich niemandem geben, sondern – wie du es jetzt soeben von Mir Selbst erfährst – nur lehren und begehren. Das ist der Acker, da Ich ernten will, da Ich nicht säe und den eigentlichen Samen streue in das Erdreich, und doch ernten will!
HG|2|11|12|0|Die Demut ist das Einzige, das ihr Mir geben könnt, ohne es eigentlich vorher von Mir empfangen zu haben.
HG|2|11|13|0|In der wahren Demut besteht die eigentliche, allerhöchste Freiheit des Lebens, daher auch die größte Vollkommenheit desselben. Durch die Demut könnt ihr sogar euch in Mir der unantastbaren Heiligkeit Meiner Gottheit nahen; ja die wahre Demut ist des Menschen höchste Weisheit, die höchste Liebe, die höchste Kraft alles Lebens, die Macht und die höchste Gewalt, vor der die ganze Unendlichkeit ehrfurchtvollst erbebt!
HG|2|11|14|0|Die Demut ist die innerste, allerhöchste Kraft, Macht und Gewalt in Mir Selbst. Alles, was da füllt die ganze Unendlichkeit, ist durch die Demut entstanden und ist aus ihr hervorgegangen.
HG|2|11|15|0|Begreifst du nun, Mein geliebter Kisehel, warum Ich dich zum Führer der übrigen berufen habe?
HG|2|11|16|0|Siehe, dieweil du wahrhaft von ganzem Herzen aus vollkommen demütig bist!
HG|2|11|17|0|Dieses aber ist auch dasjenige, was allen deinen Miterwählten mehr oder weniger mangelt.
HG|2|11|18|0|Es kann aber alles heilige, von Mir Selbst euch Gegebene bei Ermangelung der gerechten Demut in Verderbliches statt Segnendes verkehrt werden, so diese höchste Kraft in euch nicht bei weitem vorherrschend ist vor allem anderen.
HG|2|11|19|0|Bei dir aber ist sie der bedeutendst vorherrschende Zug nun deines Lebens; darum auch sollst du – und bei dieser Gelegenheit sage Ich dir sogar: – musst du ihnen allen ein leitendes Vorbild sein und eine lebendige Regel, nach welcher sie sich zu richten haben, wollen sie Segen bringen der Erde alldort, da so übermächtig sie drückt der alte Fluch der hochmütigen und lügenhaften Schlange.
HG|2|11|20|0|Euch allen aber rate Ich, ja unverzüglich in die Fußstapfen des Kisehel zu treten, sonst möchtet ihr wohl statt des Segens, dahin ihr berufen seid, nur noch größeres Verderben bringen!
HG|2|11|21|0|Bedenkt wohl diese Meine Worte, und tut danach, sonst werdet ihr fallen und das von euch gesegnet werden Sollende mit euch!
HG|2|11|22|0|Hört, und versteht es wohl! Amen.“
HG|2|12|1|1|Der Herr ist der Erste der Führer. Demut als Grundfundament des Lebens
HG|2|12|1|1|Am 20. Januar 1842
HG|2|12|1|0|Auf diese Rede dankten alle dem Abedam für die so hohe Gnade, dass Er ihnen in der Demut des Kisehel einen Führer bestimmt hatte, und sagten dann einstimmig:
HG|2|12|2|0|„O Abedam, auf dem Dein Vertrauen beruht, dem dürfen wir alle sicher wohl auch trauen! Daher Dir ewig Dank, Lob und Preis für den, welchen Du also gnädigst über uns gestellt hast; er wird uns allen sicher ein weiser Führer sein in Deinem allerheiligsten Namen und Deinem göttlichen Willen und Wohlgefallen! Amen.“
HG|2|12|3|0|Und der Abedam setzte hinzu: „Ja, Amen sage auch Ich; aber solches merkt euch alle noch hinzu:
HG|2|12|4|0|Ich bin der Erste und stehe noch jedem näher denn der von Mir euch gegebene Führer.
HG|2|12|5|0|Daher sollt ihr auch allzeit in eurem Herzen früher zu Mir denn zum Führer gehen, wann ihr eines Rates benötigt, und Ich werde dann eure Herzen empfänglich machen zur Aufnahme des Rates aus dem Munde des Führers und werde euch schon zuvor mit dem erfüllen, was euch hernach erst der Mund des Führers bestätigen wird; darum ihr dann das Wort des Führers nicht als sein Wort, sondern als Mein Wort in euch allen erkennen werdet.
HG|2|12|6|0|Und so diene euch der Führer nicht etwa, als solle er euch Gesetze und Regeln vorschreiben, sondern nur, dass er euch bestätige Meinen Willen in euch.
HG|2|12|7|0|Wenn aber jemand nicht eher selbst zu Mir kommen wird, der wird vom Führer dann harte Stöße gar oft empfangen, da ihm dieser Worte künden wird und Pflichten auferlegen, von denen ihm nie etwas geträumt hatte, und ihm dann auch die Ausübung derselben schwerer fallen wird, als wäre ihm ein ganzer Berg zum Tragen auferlegt worden.
HG|2|12|8|0|Also – Ich bin der Erste; dann erst kommt der, der äußerlich Mein Wort in euch bestätigt! Amen.“
HG|2|12|9|0|Nach dem aber entließ sie der Abedam und hieß sie Ihm zu folgen und bei Ihm zu verweilen, solange Er sichtbar unter den Kindern verweilen werde.
HG|2|12|10|0|Nach dem aber berief Er den Jura, den Bhusin und den Ohorion zu Sich.
HG|2|12|11|0|Und als sich diese eiligst zu Ihm begaben und vor Ihm auf ihre Angesichter niederfielen, hieß Er sie alsbald wieder erstehen und sagte zu ihnen:
HG|2|12|12|0|„Ihr werdet jetzt sicher alles vernommen haben, was alles schon hier erörtert worden ist, somit Meinen Willen vollkommen und klar, insoweit es jedem von euch zu handeln danach leicht möglich zusteht.
HG|2|12|13|0|Doch euch habe ich nicht für die Tiefe bestimmt, – daher habt ihr da, wie alle anderen, auch keine Pflicht; aber nun bestimme Ich euch alle gleichermaßen für die Demut, wollt ihr wahrhaft Meine Kinder sein und haben ein vollkommen freies, ewiges Leben aus Mir.
HG|2|12|14|0|Ich brauche euch nicht mehr über die Demut zu sagen, als Ich von ihr schon zu den Erwählten gesagt habe, sondern nur zu ermahnen habe Ich euch noch, dass auch ihr euch vor allem der Demut eurer Herzen befleißigen sollt; denn ohne die wahre, innere Demut seines Herzens kann Mich niemand wahrhaft liebend in seinem Herzen erfassen und dadurch dann leben ein vollkommenes, ewiges Liebeleben aus Mir.
HG|2|12|15|0|Wann immer ihr Mich werdet lieben wollen, euer Herz aber wird nicht stark genug sein, Mich mit flammender Liebe zu erfassen, sondern wird sich müssen allein mit den trockenen Gedanken von Mir beschäftigend begnügen, welcher Zustand gleich ist dem, da jemand möchte recht mit Geisteswärme etwas ergreifen, hatte aber schon zuvor ein paar Nächte nicht geschlafen, darum sich ein Stumpfsinn gerade dann seiner bemächtigen wird und eine große Schlaflust, wann er sich’s gerade vorgenommen hatte, im Feuer seines Geistes zu wirken, – so denkt, es fehlt euch an der wahren Demut; denn sie ist das eigentlichste Grundfundament alles Lebens.
HG|2|12|16|0|Habt ihr aber das nicht, was ist da eure Liebe? – Ein nächtlicher Traum! – Was Meine Erbarmung an euch? – Das Berühren eines Steines mit einem Stock! – Was Meine Gnade? – Ein Licht einem faulen Baumstock! – Mein Wort? – Ein unvernommener Schall einem toten Erdklotz! – Was Meine Liebe in euch? – Das Wehen eines sanften Windes über ein unempfindliches Steingeröll! – Ja, was am Ende Ich Selbst? – Nichts als ein schales Denkbild ohne Sein, oder was da ist einem Tier, das in der Meerestiefe und in dem Erdinnern schläft, der Strahl der Sonne!
HG|2|12|17|0|Darum also befleißigt auch ihr euch vor allem der Demut! Wenn ihr derselben innerste Wurzel werdet gefunden haben, dann habt ihr auch vollends Mich gefunden in aller Macht, Kraft und Gewalt und Meine Liebe, Gnade und Erbarmung und das ewige Leben und dessen Herrlichkeit in allem dem!
HG|2|12|18|0|Nehmt somit auch ihr Meinen Segen, und seid weise Führer und Lehrer aller eurer Kinder! Lehrt aber auch ihr sie alle, zuvor Mich zu suchen; und haben sie Mich gefunden in der wahren Liebedemut ihrer Herzen, dann erst sollen sie auch zu euch kommen und euch zeigen den großen Fund, den sie überkommen haben.
HG|2|12|19|0|Ich aber erteile auch euch alle nötige Macht und Kraft; diese sollt ihr weise benützen, wann ihr irgend solltet einen Starrsinn merken.
HG|2|12|20|0|Wie aber Ich euch zu leiten eure Kinder nun erwähle, also sollt auch ihr aus eurer Mitte erwählen jene, welcher Herzen ihr voll der wahren Demut finden werdet; aber ja etwa keinen, der danach strebte und möchte mehr sein und größer denn alle seine Brüder, anstatt der Geringste unter ihnen!
HG|2|12|21|0|Auch den nicht, so er sich zu allergeringst stellte, um erwählt zu werden; denn einen Kriecher sollt ihr sogar so lange eures Landes verweisen, bis er, versehen mit Meinem Zeugnis im Herzen, zu euch zurückkehren wird, und wird euch bitten um die Aufnahme für den geringsten Knecht in eurem Land.
HG|2|12|22|0|Solches alles beachtet wohl, und seid voll Freundlichkeit gegen alle Fremden, die Ich bald zu euch führen werde; dann werde Ich auch bei euch sein zu allen Zeiten! Amen. Mein Segen mit euch! Amen.“
HG|2|13|1|1|Ansehen und Führeramt
HG|2|13|1|1|Am 21. Januar 1842
HG|2|13|1|0|Und nachdem diese drei auch entlassen worden sind, wendete sich Abedam der Hohe zum Abedam, dem bekannten, und fragte ihn:
HG|2|13|2|0|„Abedam, sage Mir, was soll Ich denn aus dir machen? Siehe, die Kinder im Abend haben noch keinen Führer; wie wär’s denn, so Ich dich ihnen gäbe?“
HG|2|13|3|0|Und der andere Abedam entgegnete: „O du bester Vater! Fürs Erste kann ich Dir auf diese Deine lebenvollste Frage nichts anderes zur Antwort geben als: Es geschehe Dein heiliger Wille! Denn Du weißt es ja ohnehin, dass ich allzeit bereit bin, für Dich ins Feuer zu gehen und mich in alles aus endloser Liebe zu Dir umgestalten zu lassen, was nur immer Dein heiliger Wille aus mir machen möchte!
HG|2|13|4|0|Jedoch, weil dieses Führeramt denn doch immer mit einem gewissen Grad von Ansehen notwendig verbunden ist (vergebe mir, wenn ich gewohntermaßen von der Leber geradeheraus sage), welches, ich glaube es fest, auch Du Selbst nicht so ganz und gar vom Amt trennen kannst, solange der Führer das sein und bleiben soll, wozu Du ihn allergnädigst erwählt hast, so möchte ich Dich bloß darum bitten, zuliebe meiner schon alten Demut, die mich eigentlich zu Dir geführt hat, mich samt meiner großen Dummheit mit diesem heiligen Amt zu verschonen. Siehe, es sind ja der Kinder in der großen Menge da; es werden sich sicher noch mehrere Kisehels darunter finden lassen!
HG|2|13|5|0|Du weißt es ja, dass ich schon von jeher nur meine größte Freude an der möglichst geringsten Stellung hatte, dass ich allzeit um ganze tausend Male lieber gehorchte, als irgendeinem anderen ein Geschäft gab; darum also verschone mich mit diesem Amt!
HG|2|13|6|0|Ja, so es Dir recht wäre, – so ganz im unbemerkten Stillen möchte ich wohl Deinen heiligen Namen verkünden, aber nur möchte ich dabei von niemandem als etwas beachtet werden!
HG|2|13|7|0|Ich weiß zwar wohl von Dir aus, dass dann selbst die Demut aufhört, eine eigentliche Tugend zu sein, so man sie nur darum beachtet, weil man sich gewisserart eigenliebig in ihr am wohlsten befindet, – allein, o Du bester Vater, Du siehst ja mein Herz, dass solches bei mir ganz und gar nicht der Fall ist, sondern dass ich nur aus Liebe und allerhöchster Achtung zu Dir demütig und aus diesem Grunde aber auch gegen alle meine Brüder überaus gerne dienstfertig bin, was da solches alles ist meine alleinig große Freude! Darum also verschone mich mit diesem Amt; jedoch Dein heiliger Wille jetzt, wie allzeit! Amen.“
HG|2|13|8|0|Und der hohe Abedam fragte ihn abermals, sagend nämlich: „Also möchtest du wahrhaft kein Führer sein darum, da an diesem Amt irgendein Ansehen haftet, welches du mit dem Amt unzertrennlich glaubst, ohne so recht zu bedenken, dass Ich vielleicht das dir lästige Ansehen vom Amt doch zu trennen vermöchte?“
HG|2|13|9|0|Und der bekannte Abedam erwiderte: „Ja, Herr und Vater Abedam, wenn solches möglich ist, dann magst Du mich zum Führer der Tiger, Hyänen, Löwen, Bären, Wölfe, Luchse, Füchse erwählen, so will ich Dir folgen bis ans Ende der Welt! Wenn Du mich senden möchtest in die Tiefen der Meere, so will ich gehen und dort vollziehen Deinen heiligen Willen; aber nur das Ansehen hinweg!
HG|2|13|10|0|Ich für mich kann weder die Kraft, noch die Macht und noch die Gewalt gebrauchen, sondern allein Deine Liebe in meinem Herzen; denn so ich gleich den übrigen die Kraft, Macht und Gewalt hätte, wer möchte mich da beschützen vor des Amtes Ansehen?
HG|2|13|11|0|So ich aber nur Deine Liebe habe in meiner untersten Geringheit, da kann ich jedermann dienen nach der Kraft Deiner Liebe in mir in der allerseligsten Demut meines Lebens!
HG|2|13|12|0|So demnach Dein heiliger Wille es wäre, möchte ich ja wohl ein unbeachteter Führer in Deinem heiligen Namen sein. Amen.“
HG|2|13|13|0|Und der hohe Abedam sagte darauf zu ihm: „Höre, Abedam, dein Sinn ist gerecht und ganz würdig, sich Meines großen Wohlgefallens zu erfreuen; allein dein Erkennen in Meiner Ordnung der Dinge steht deinem reinen Sinn noch recht weit nach. Denn siehe, es kann ja doch in der Ordnung aller Dinge kein Amt irgend geben, das da nicht mit einem erforderlichen Grad von Ansehen verbunden sein sollte; denn ohne solches Ansehen wäre ja das Amt kein Amt, sondern es wäre bloß eine lose Freistätte des Widerspruches, darin jedweder möchte lieber für seine eigene Torheit streiten, denn der Weisheit seines Bruders folgen.
HG|2|13|14|0|Wenn aber das Amt versehen ist mit dem gehörigen Grad von Ansehen, welches da besteht in der erforderlichen Kraft, Macht und Gewalt, so wird der Frevler ja dadurch abgehalten, zu spotten dem Amt und Meiner Ordnung, und wird endlich genötigt, des Amtes Regel zu ergreifen, diese Regel dann wenigstens so lange gezwungen zu beobachten, bis er sich dieser Regel nicht also vollends bemächtigt hat, dass sie ihm zur Richtschnur des eigenen Lebens, wie aus ihm selbst hervorgegangen, eigen, fertig und geläufig wird.
HG|2|13|15|0|Siehe nun du, Mein geliebter Abedam, solches kann das Amt ohne einen gerechten Grad des Ansehens nimmer bewirken.
HG|2|13|16|0|Willst du daher Mir ein Diener sein, da musst du Meinen Willen ganz erfassen und danach dich verhalten und getreu handeln, und es darf nichts von deinem Willen dabei sein als nur allein der willige Gehorsam, welcher da ist der Same der wahren, inneren Demut.
HG|2|13|17|0|Das Ansehen aber haftet ja ohnehin nicht an der amtshandelnden Person, sondern nur am Amt selbst, welches aber nichts anderes darstellt als Mich Selbst in Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung, so es von Mir aus angeordnet und bestimmt wird samt denen, welche da das Amt zu führen haben. Möchtest du Mir daher das Ansehen Meiner Heiligkeit streitig machen?
HG|2|13|18|0|Es wird zwar in der Zeit der Dinge der Welt wohl noch gar verschiedene Ämter geben, und die Menschen werden sich bis zum Tode abmühen, um ein solches Amt irgend zu erhaschen; diese Ämter werden dann freilich wohl schwerlich von Mir sein, und alle ihre Kraft, Macht und Gewalt wird sein eine euch allen noch fremde Weltmacht!
HG|2|13|19|0|Doch also verhält es sich nicht mit dem Amt, das Ich dir hier auferlege! Dieses Amt erhältst du ja nur zufolge deiner großen Demut; daher nehme es an also, wie es alle [anderen] auch angenommen haben, und handle danach, so wirst du wahrhaft leben ein vollkommenes Leben aus und in Mir!
HG|2|13|20|0|Und so empfange denn auch du Meinen Segen, und sei darum ein wahrer, getreuer und lebendiger Führer aller der Kinder des Abends.
HG|2|13|21|0|Dem du aber die Hände auflegen wirst in Meinem Namen, der soll dir gleich ein Führer den Brüdern werden in aller Liebeweisheit aus Mir.
HG|2|13|22|0|Und also nehme hin Meinen Segen, und wie du führst Meinen Namen, also sollst du auch fürder führen Mein Wort, Meine Liebe, Meine Gnade und Meine Erbarmung in aller Kraft, Macht und Gewalt! Amen.“
HG|2|14|1|1|Des bekannten Abedams Hingabe. Der törichte Wunsch, vom Herrn geprüft zu werden
HG|2|14|1|1|Am 22. Januar 1842
HG|2|14|1|0|Und der bekannte Abedam ward also durch und durch ergriffen von der großen Gnade des Herrn, dass er sich gar nicht finden konnte, um Ihm einen Dank darbringen zu können; er war im eigentlichsten Sinne des Wortes und der Bedeutung sozusagen ganz weg und konnte weder reden noch deuten, noch stehen oder gehen.
HG|2|14|2|0|Da aber der hohe Abedam dessen große Verlegenheit gar wohl gemerkt hatte, so trat Er zu ihm hin und rührte ihn an und sprach zu ihm:
HG|2|14|3|0|„Abedam, tue dich auf; denn es ziemt sich nicht, dass ein Mann wie du in eine gar so große Verlegenheit gerät, dass er darob beinahe unsinnig wird. Siehe, solches taten nicht einmal die Mägde, als Ich ihnen gar große Dinge gezeigt hatte und sie auch nicht minder denn dich großer Gnaden teilhaftig werden ließ; und dazu noch kennst du Mich schon länger denn diese!
HG|2|14|4|0|Daher sei ein Mann und nicht ein Hase im Angesichte eines Wolfes!
HG|2|14|5|0|Auch darfst du dich jetzt ja noch nicht von Mir begeben, sondern [sollst] an Meiner Seite verbleiben wie ehedem; darum du jetzt aber eine wahre und nützliche Bestimmung deines Lebens von Mir erhalten hast, musst du denn darum unsinnig werden?
HG|2|14|6|0|Ich sage dir aber, wenn du erst dein Amt ausübend antreten wirst, dann wird dir erst das größte Licht aufgehen; da wird es dir klar werden, dass Meine Ämter auf dieser Welt nichts weniger als etwa mit Honig überladen sind, sondern desto mehr mit Bitterkeiten aller Art.
HG|2|14|7|0|Da erst wirst du Mir recht danken für die Mitgabe der Kraft, Macht und Gewalt, darum du erst einsehen wirst, wie arm du wärest in deinem Amt ohne diese Mitgabe.
HG|2|14|8|0|Daher erhebe dich, und danke Mir erst, wenn du alle Süßigkeiten Meines dir nun gegebenen Amtes gekostet haben wirst! Amen.“
HG|2|14|9|0|Und nach diesen Worten erhob sich der Abedam, der bekannte, aus seiner Betäubung und fragte den hohen Abedam, ob er nun nicht etwas reden dürfte.
HG|2|14|10|0|Und der hohe Abedam fragte ihn entgegen: „Untersuche zuvor deine Zunge, ob Ich sie mit irgendeinem Strick an den Gaumen oder an die Zähne angebunden habe!“
HG|2|14|11|0|Und der bekannte Abedam erwiderte: „O Herr und Vater, solches ist mitnichten der Fall!“
HG|2|14|12|0|Und der hohe Abedam sagte zu ihm: „Wenn solches nicht der Fall ist, so magst du ja immerhin reden, wie dir die Zunge gewachsen ist, – aber verstehe, nur nicht gar zu stark von der Leber weg, da die Galle ihr Haus hat, sondern dafür lieber etwas mehr vom Herzen weg, da das Leben sein Haus hat; verstehe es wohl! Amen.“
HG|2|14|13|0|Und der bekannte Abedam entwand folgende Worte seinem Herzen und sagte: „Abedam, Du großer, heiliger, allmächtiger, liebevollster, gnädigster, sanftmütigster, allerbester Vater! Jetzt erst kann ich Dir danken; jedoch nicht mit Worten, nicht mit Gebärden, nicht mit den Händen, nicht mit den Füßen, nicht mit dem Bauch, nicht mit dem Rücken und nicht mit dem Kopf will ich Dir danken, sondern allein in der stets größeren Demut, Geduld und Liebe meines Herzens will ich Dir danken, und in der Tat will ich Dir ein Opfer darbringen, ein Opfer der Ergebung in Deinen heiligen Willen, ein Opfer der Geduld, ein Opfer der Sanftmut, der Liebe, der Erbarmung und ein Opfer der Beharrlichkeit. Und möchtest Du auch Feuerbrände und glühende Steine auf mich herniederregnen lassen, wahrlich, sage ich Dir, Abedam wird nicht weichen, sondern in Deiner Treue beharren bis ans Ende seiner Tage, und möchten deren noch so viele folgen, als da ist des Sandes im Meer; denn Du wirst mir doch sicher nicht über meine Kraft Lasten auferlegen?
HG|2|14|14|0|Was aber mit meinen Kräften übereinkommt, das mag ja schon aussehen, wie es nur immer will; es wird alsbald auf meine Schulter genommen werden und dann allergeduldigst getragen bis ans Ende meiner von Dir bestimmten Zeit!
HG|2|14|15|0|Versuche nur eine Probe mit mir zu machen! Stelle mich ins Feuer, oder schicke mich ins Wasser, oder lasse mich den Blitzen nachjagen, oder lasse, was Du, o Vater, nur immer willst und magst, über mich kommen, und ich werde es aus Liebe zu Dir geduldigst ertragen!
HG|2|14|16|0|Doch nicht darum verlange ich solches von Dir, als wollte ich Dich von meiner Beharrlichkeit gewisserart überweisen, – denn Du weißt es ja schon von Ewigkeit her, wie viel ich standhaft werde zu ertragen imstande sein; sondern nur darum bitte ich Dich, mir eine solche Probe zuzulassen, damit ich daraus für mich selbst ersehen möchte, inwieweit sich meine Stärke der Beharrlichkeit erstreckt, und wie viel der Schwäche noch in mir verborgen ist, und ob ich bei der vielen Bitterkeit Deines Amtes an mir dasselbe vollends zu ertragen werde imstande sein. Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|2|14|17|0|Und der hohe Abedam blickte ihn liebernstlich an und sagte dann zu ihm, ihn am Arm fassend:
HG|2|14|18|0|„Abedam, Abedam, du nimmst dir viel vor! Aber bedenke auch dabei, wer Der ist, dem du solche Verheißungen machst!
HG|2|14|19|0|Kennst du alle die unendlichen Versuchsmittel, die alle ewig Meinem Willen zu Gebote stehen? Meinst du, es hängt von dir ab, ob du stehen bleibst, oder ob du dich derfallst zu Tode?
HG|2|14|20|0|Daher bleibe du nur getreu bei dem, was Ich dir anvertraut habe, und bitte dir nicht Lasten von Mir aus, die du in der Wirklichkeit nicht einmal mit halbgeöffneten Augen dir anzublicken getrauen möchtest, und Ich werde mit dir zufrieden sein! Und wenn du Mich schon um etwas bittest, so bitte Mich lieber darum, dass Ich alle Versuchungen von dir abwenden möchte, statt dich in Versuchungen zu führen! Dann wirst leichter du bestehen und wirst Mir wohlgefälliger sein, wenn du Mir in dem getreu verbleibst, über was Ich dich gestellt habe, als wenn du, von neuen Lasten zu Tode gedrückt, dann in aller Verzweiflung zu Mir rufen würdest: ‚Herr, errette mich, oder ich gehe zugrunde!‘
HG|2|14|21|0|Damit du aber die Torheit deiner Bitte so recht einsiehst, so will Ich dir nur eine Stechfliege auf eine Minute lang auf dein Angesicht setzen, und dir wird diese Minute lang genug werden! Und also geschehe deinem Wunsch nach! Amen.“
HG|2|14|22|0|Und im Augenblick saß eine große Stechfliege dem bekannten Abedam im Gesicht und fing ihn an gewaltig zu stechen. Der Abedam erschrak darüber also heftig, dass er beinahe in die Verzweiflung übergegangen wäre, da er der unaufhörlich stechenden Fliege nicht loswerden konnte, hätte ihn der hohe Abedam nicht vor der Zeit davon befreit.
HG|2|14|23|0|Als er von der kleinen Last los war, fiel er dem Abedam alsbald zu den Füßen und dankte Ihm wie ein Neugeborener für diese Errettung vom nahen Untergang.
HG|2|14|24|0|Und der hohe Abedam fragte ihn darauf: „No, – möchtest du nun auch noch eine kleine Feuerprobe machen?“
HG|2|14|25|0|Und der bekannte Abedam erwiderte, am ganzen Leibe zitternd: „O Herr, verschone mich in alle ewige Zukunft nicht nur mit der jetzt versprochenen Feuerprobe, sondern lasse auch nimmer eine solche hartnäckige Fliege über mein Gesicht kommen; denn Deine Versuchungen sind erschrecklich!“
HG|2|14|26|0|Und der hohe Abedam sagte ihm darauf: „Du sollst verschont bleiben ewig; aber verschone auch du Mich mit jeder noch viel erschrecklicheren Torheit vor Mir und bleibe Mir getreu, Amen.“
HG|2|15|1|1|Ungehorsam aus Liebe
HG|2|15|1|1|Am 24. Januar 1842
HG|2|15|1|0|Nachdem der hohe Abedam den bekannten Abedam somit geordnet hatte, und dieser dadurch in sich erkannt hatte, dass er mit aller seiner Demut noch bei weitem nicht im rechten Grunde war, und dass eben der Herr ihn erst in den wahren Grund zurück in des Liebelebens Tiefe der Tiefen geführt hatte, da fing er erst auch wahrhaft dem Abedam zu danken an. Und der Abedam stärkte ihn und wandte Sich dann an den Henoch und sagte folgendes zu ihm:
HG|2|15|2|0|„Henoch, wie du es selbst siehst, dass da noch eine und eine halbe Schattenwende abgehen von der geraden Mitte des Tages – es solle aber um eine Schattenwende vor der Mitte des Tages das Opfer des Volkes wegen angezündet werden –, so bliebe uns noch eine halbe Schattenwende übrig!
HG|2|15|3|0|Was deucht dich, das da nützlich wäre, womit wir diesen Rest der Zeit zubrächten?“
HG|2|15|4|0|Und der Henoch, ganz entflammt von der reinen Liebe zu Mir, sagte:
HG|2|15|5|0|„O Abba, Du hast es schon bestimmt und hast zuvor geredet zu meinem Geist: ‚Henoch, siehe, die Kinder aus dem Morgen haben ihren Vater noch nicht zu Gesichte bekommen!
HG|2|15|6|0|Gehe daher hin zu ihrer mäßigen Schar, und berufe alle zu Mir, damit sie Mich sehen und Ich sie segne!‘
HG|2|15|7|0|Da ich solches von Dir, o Du Abba, erfuhr, was könnte ich wohl noch denken, das da nötiger wäre, als was Dein heiliger Wille erheischt?“
HG|2|15|8|0|Und der Abedam sprach weiter zum lieben, frommen Henoch: „Lieber Henoch, da du aber solches schon vorher vernommen hast in deinem Herzen, warum gingst du denn nicht sogleich und vollzogst Meinen Willen, sobald du solchen in dir gewahrtest?“
HG|2|15|9|0|Und der Henoch erwiderte: „O Abba, wer kann sich von Dir trennen, solange er Dich wesenhaft lebendig vor Augen, Ohren und allen seinen Sinnen und vorzüglich aber vor und in seinem Herzen über alles liebend hat?!
HG|2|15|10|0|Heilig, ja überheilig ist jegliches Wort, das Du, o Abba, zu unseren Herzen heimlich sprichst, – aber noch überheiliger bist Du Selbst!
HG|2|15|11|0|Denn so Dein überheiliges Wort sich hören lässt in meinem Herzen, da hast Du, o Abba, es also gegeben, dass unsere unlauteren Herzen das Feuer Deiner unendlichen Heiligkeit ertragen können, welches da aus jeglichem Deiner Worte gleich einem großen Licht- und Feuerstrom sich in unsere vor unaussprechlicher Liebe und Ehrfurcht bebenden Herzen ergießt.
HG|2|15|12|0|So Du, o Abba, aber wesentlich vor uns handelst und sprichst, da ist jedes Deiner über-, überheiligsten und allerlebendigsten Worte ein unendliches Lichtfeuermeer!
HG|2|15|13|0|Wenn Du nur ein Fünkchen dieser Deiner Worte, welche nur Dein heiligster Mund auszusprechen vermag, in mein Herz so ganz unverhüllt kommen ließest, was möchte da wohl aus mir werden?
HG|2|15|14|0|Und so siehe, wie Du schon von Ewigkeiten her gesehen hast, die Ursache dieses meines Ungehorsams gegen Dein überheiliges Wort in mir bist Du, allerheiligster Vater, ja Selbst und meine Liebe zu Dir, die mich gefesselt und überinnigst an Dich, o Abba, gebunden hat.
HG|2|15|15|0|Ich lebe ja nicht mehr ein Leben der mir von Dir gegebenen Natur, der ich durch Deine große Erbarmung schon lange gestorben bin, sondern Du allein bist nun alles Leben und alle Liebe in mir, so, dass ich nicht mehr ich, sondern nur Du alles in allem in mir bist.
HG|2|15|16|0|Und so war auch das Dein Wille, dass ich bleibe, solange Du mich äußerlich nicht mahntest, werktätig zu vollziehen Deinen allerheiligsten Willen.
HG|2|15|17|0|Jetzt aber hast Du mich gemahnt, und solches ist das heilige Zeichen zum Tataufbruch, und siehe, o Abba, meine Füße harren Deines Winkes, obschon ich ganz helle in mir erschaue, dass Du, o heiligster, liebevollster Vater, meines armseligen Dienstes nimmer bedarfst, sondern durch Deine endlose Vaterliebe mir nur etwas zu tun gibst und siehst dann meine nichtige Tat also gnädigst an, als wäre sie etwas vor Dir, während doch nur Du, o liebevollster Vater, es bist, der in Seiner unendlichen Liebe und Erbarmung Sich also unbegreiflich tiefst herablässt und handelt also verborgen mächtig durch das schwache Werkzeug gleich also, als handelte das Werkzeug für und von sich aus.
HG|2|15|18|0|Darum Dir alle meine möglichst endloseste Liebe jetzt, wie in alle Ewigkeit der Ewigkeiten! Amen.“
HG|2|15|19|0|Und der Abedam sagte darauf zum Henoch: „Henoch, du hast Mir wahrlich eine vollgültigste Antwort gegeben, welcher durchaus mitnichten etwas auszustellen übrigbleibt; ja, es möchte wohl der Himmel erster, tiefsinnigster Cherub nicht mehr da gesagt haben, als was du Mir jetzt erwidert hast. Aber dessen ungeachtet dürfte doch noch etwas darinnen sein, was um der anderen willen eine stärkere Beleuchtung erfordern möchte, – und dieses ist, dass du als die Ursache deines Ungehorsams Mich vorher genannt hast.
HG|2|15|20|0|Du magst die vollste Wahrheit geredet haben; dass sie aber an dir nicht zum Fehler werde und den anderen zum Ärgernis, so magst du sie wohl leuchtender werden lassen vor den Vätern, Brüdern und Kindern! Amen.“
HG|2|15|21|0|Und der Henoch sagte in der freudigsten Ehrfurcht vor dem Abedam, wie in der allerinnersten Liebe zu Ihm: „O Abba, also verstehe ich dieses, und also auch möchten es alle verstehen:
HG|2|15|22|0|So da jemand hätte eine geliebte Braut, die da wäre voll der innigsten Liebe zu ihm, der Bräutigam aber käme einmal zu ihr in den Garten; als sie ihn nun erkennt und sich über so manches der rein himmlischen Liebe mit ihm bespräche und sie daraus ersähe, wie sehr sie auch der Bräutigam liebt; wenn ihr dann aber der Bräutigam sagte so ganz stille und unvermerkt: ‚Höre, du meine geliebte Braut, dort gen Morgen des Gartens wächst eine wunderbar schöne Blume! Möchtest du nicht alsbald hingehen und sie hierherbringen mir zu einem Gedenkzeichen deiner Liebe?‘
HG|2|15|23|0|Da aber die Braut den Bräutigam dabei ansieht, da vermag sie sich nicht zu trennen vor zu übermächtiger Liebe zu ihm und gedenkt nicht eher der unschuldigen reinen Blume, als bis sie der Bräutigam abermals lieblichst gemahnt der Blume.
HG|2|15|24|0|Und also war ja der Bräutigam der süßen Schuld Träger durch seine Liebe, darum die Braut nahe des Blümchens vergessen hätte!“
HG|2|15|25|0|Und der Abedam fragte darauf noch den Henoch: „Henoch, weißt du aber auch, wer dir nun dies Bild gab? Oder ist es auf deinem Grund gewachsen?“
HG|2|15|26|0|Und der Henoch antwortete: „Ja, o Abba, es ist wahrhaft auf meinem Grund gewachsen; denn Du, o mein liebevollster, heiliger Vater, bist ja alleinig mein ewiger Grund!“
HG|2|15|27|0|Und der Abedam sagte laut: „Hört ihr alle, also reden die Lebendigen allzeit aus dem wahren Grunde; denn Ich Selbst bin der ewige Grund aller ihrer Worte!
HG|2|15|28|0|Darum trachtet alle nach dem, wonach der Henoch allzeit getrachtet hatte, so werdet auch ihr des Henoch festen Grund finden!
HG|2|15|29|0|Du, Henoch, aber gehe nun und bringe Mir sieben Blümchen vom Morgen her, und lasse alle die übrigen den sieben folgen! Amen.“
HG|2|16|1|1|Henoch bringt die Kinder des Morgens zum Herrn
HG|2|16|1|1|Am 25. Januar 1842
HG|2|16|1|0|Und alsbald nach den Worten Henochs und nach der Vollbilligung derselben vom Abedam begab sich der Henoch hin zu den Kindern des Morgens, welche sich nahe an der Grotte Adams gelagert hatten.
HG|2|16|2|0|Als er nun vollends bei ihnen ankam und sie seiner ansichtig wurden, da schrien sie vor Freude und sagten: „Sehet, sehet, der Henoch, der liebevolle, weise Lehrer Henoch, dessen Worten sogar der Erzvater Adam sich willigst unterwarf, kommt zu uns! Ja er ist schon zu uns gekommen und ist schon bei uns, unter uns und in uns!“
HG|2|16|3|0|Und ein Vater des Morgens, namens Uranion, trat vor den Henoch hin und fragte ihn mit der größten und liebevollsten Ehrfurcht:
HG|2|16|4|0|„Vater Henoch, du weisester Lehrer des großen Gottes, der da ist die ewige Liebe und Weisheit Selbst, welche heilige Absicht hat denn uns der hohen Gnade teilhaftig werden lassen, dass du selbst zu uns kamst?
HG|2|16|5|0|Wahrlich, nichts Geringes magst du für uns im Hinterhalte haben!
HG|2|16|6|0|So dein Wille es wäre, möchtest du uns es ja kundgeben; denn solches ist ja unser alleiniges Glück, und wir alle haben noch nie ein anderes gesucht, als nur etwas zu vernehmen von Dem, dessen Name zu heilig ist, als dass unsere Zungen würdig wären, ihn auszusprechen!
HG|2|16|7|0|Daher, du allerehrwürdigster Vater Henoch, gebe uns kund, was dich zu unserer großen Armseligkeit hergeleitet hatte!“
HG|2|16|8|0|Und der Henoch aber richtete darauf folgende Worte an sie und sagte: „So hört denn, ihr alle meine geliebten Väter, Brüder und Kinder! Fürs Erste danke ich euch für eure Liebe gegen mich und alle meine und eure Väter, Brüder und Kinder und lobe eure allzeit rechte Gottesfurcht und allerseligste Liebe des großen, heiligsten, liebevollsten und allersanft- und langmütigsten Vaters in aller großen Demut eurer Herzen; setze aber fürs Zweite hinzu, dass eure große Liebe mich in alle Zukunft mit den nahe vergötternden Ausdrücken eurer liebwärmsten Gefühle verschonen möchte; denn seht, niemand als nur allein Gott, unser aller liebevollster, heiligster Vater ist es, dem allein alle Ehre, alles Lob, aller Ruhm, alle Liebe und alle Anbetung gebührt!
HG|2|16|9|0|Wir aber sind alle gemeinschaftlich Brüder untereinander, da keiner dem anderen ein Herr sein solle, sondern, wie gesagt, nur ein Bruder und eine liebe Schwester und ein liebweiser Vater den Kindern und ein reiner, liebevoller Mann dem Weib, und so es dem heiligen Vater wohlgefällt, dass ein Bruder den anderen führe in aller Liebe, so dieser das Licht des Lebens verlor; was darüber ist, das alles sind wir nur dem heiligsten Vater schuldig.
HG|2|16|10|0|Solches fasst in euer Herz, und hört nun weiter: Du, Uranion, hast mich schon gleich anfangs um die heilige Absicht gefragt, die mich zu euch hierher geführt hatte; so vernehme denn, was ich dir nun kundgeben werde:
HG|2|16|11|0|Was möchtest du wohl von einem Menschen halten, dessen Wort also mächtig ist, dass es mit dem leisesten Wink schon einen Sturm, wie der gestrige es war, also zunichte macht, als wäre er nie dagewesen?
HG|2|16|12|0|Der mit einem Wort diese ungeheure Prachtgrotte Adams, welche, wie es mehrere von euch heute früh werden bemerkt haben, vom Sturm bis zu Staubtrümmern zerstört ward, wieder also herzustellen vermochte, als wäre sie schon als ein Gebäude von Ewigkeit da gestanden!
HG|2|16|13|0|Ja, ich sage dir, ein Mensch, vor dessen Hauch das Meer flieht, und vor dessen Stimme die ganze Unendlichkeit ehrfurchtsvollst erbebt, vor dessen Blick die Sonne erlischt, unter dessen Tritt alle Welt zunichte wird, und zu dem er sein Herz wendet, der wird erfüllt mit aller Macht, Kraft und Gewalt über alle Dinge der Welt, und sein Herz wird zu einem allerlebendigsten Feuerbrand der reinsten Liebe, der innersten Demut und des ewigen Lebens aus ihr!
HG|2|16|14|0|Sage mir, was du wohl halten möchtest von ihm! Doch mich halte ferne jedem deiner Gedanken!“
HG|2|16|15|0|Und der Uranion besann sich einige Augenblicke lang und gab endlich zur Antwort: „O Henoch, deine Worte klingen geheimnisvollst! Wenn es in aller Wahrheit irgendeinen solchen Menschen gäbe, welch ein Unterschied wäre da wohl zwischen ihm und zwischen Gott?!
HG|2|16|16|0|Denn das du von ihm aussagst, ist ja alles, was möglicherweise wir uns von Gott denken können, und also müsste dieser Mensch entweder von aller Gottheit selbst durchdrungen und erfüllt sein, oder der Mensch ist Gott Selbst!
HG|2|16|17|0|Denn sonst wäre solches unmöglich zu fassen, wenn da nicht angenommen werden könnte, wie ich es vorher dir kundgab! Denn obschon der Mensch von Gott aus großer, erstaunlicher Gnaden fähig ist, gleich wie ein kleines Gefäß, in welches wir sieben Handvoll Wasser tun können, da jeder Tropfen desselben ist ein Sammelplatz von sicher ungeahnten, zahllosen Wundern, aber wie es undenkbar ist, in dieses Gefäß das ganze ungeheure Meer zu bringen, so auch ist es undenkbar, dass es einen uns gleichen natürlichen Menschen geben soll, der für den Besitz rein göttlicher Größe, Kraft, Macht, Gewalt, Liebe, Gnade und Erbarmung also fähig sein möchte, dass er bestünde und nicht alsbald vergehe unter der endlosen Schwere solcher rein göttlichen Fülle!
HG|2|16|18|0|Daher also, geliebter Henoch, drücke dich für uns nicht also geheimnisvoll aus, sondern zeige uns allen klar, was hinter deinem also übermächtigen Menschen steckt!“
HG|2|16|19|0|Und der Henoch erwiderte ihm: „Ich sage dir, Uranion, rufe deine sechs Brüder zu dir, und folge mir dann mit allen deinen tausend Kindern, und siehe dorthin, auf der Morgenhöhe Adams sollt ihr alle diesen mächtigsten Menschen wesentlich näher kennenlernen!“
HG|2|16|20|0|Und der Uranion tat alles nach den Worten Henochs und stand mit seinen sechs Brüdern alsbald wieder ganz fertig da.
HG|2|16|21|0|Und der Henoch besah die Ordnung und erbat sie dann, ihm zu folgen.
HG|2|16|22|0|Fröhlich und voll der größten Erwartung gingen sie der herrlichen Morgenhöhe zu. Als sie derselben aber schon ganz nahe waren, da ergriff sie alle eine große Angst und Bangigkeit, so zwar, dass sie sich kaum weiter getrauten.
HG|2|16|23|0|Der Henoch aber flößte ihnen Mut ein, ihm nur beherzt zu folgen; allein es wollte sein Wort nicht durchdringen. Und der Henoch ward verlegen, einen so schlechten Boten gemacht zu haben.
HG|2|16|24|0|Als er sich aber umsah, siehe, da stand schon Abedam ihm zur Seite!
HG|2|16|25|0|Der Henoch, darüber höchst erfreut, wollte Ihm sogleich seine Not kundgeben.
HG|2|16|26|0|Aber der Abedam sagte zu ihm: „Lass jetzt nur alles gut sein! Soweit deine Kraft zu wirken bestimmt war, hat sie auch treulichst gewirkt; jetzt aber, da Ich dir zu Hilfe kam, hast du keine Sorge mehr, sondern lasse nun Mich sorgen!“
HG|2|16|27|0|Darauf aber Sich zu den sieben wendend: „Warum fürchtet ihr euch denn weiterzugehen? Sagt es Mir! Vielleicht weiß Ich ein Mittel, das euch sicher alle Furcht benehmen wird!“
HG|2|16|28|0|Und der Uranion sagte darauf: „Edelster Bruder und Freund! Es soll hier auf der vollen Höhe sich ein Mensch befinden, der da so mächtig sein soll, als wäre er Gott Selbst! Und dieser Gedanke hemmt unsere Glieder!“
HG|2|16|29|0|Und der Abedam erwiderte ihm: „Wenn ihr sonst nichts fürchtet, dann ist eure Furcht nun schon zu Ende; denn seht, dieser fürchterliche Mensch bin Ich Selbst! Wahrlich ein Mensch, dem die ganze Ewigkeit und Unendlichkeit, alle Himmel und alle Erden, alle Engel, alle Menschen und alle Kreatur ewig untertan sind und auch ewig bleiben werden!
HG|2|16|30|0|Allein, warum sollt ihr euch darum vor Mir fürchten? Folgt Mir nur mutig, und fürchtet nichts; denn ihr werdet Mich gar bald von einer ganz anderen Seite kennenlernen! Amen.“ Und sie alle folgten Ihm.
HG|2|17|1|1|Uranion und Purista bei Adam und Eva. Das Früchtewunder und das vom Blitz entzündete Opfer
HG|2|17|1|1|Am 26. Januar 1842
HG|2|17|1|0|Da aber der Weg nur mehr einige hundert Schritte lang war, so versteht es sich auch schon von selbst, dass die noch übrige Reise nicht mehr gar lange angedauert hatte, besonders, wenn man noch den allmächtigen Führer mit in Anschlag nimmt, bis sie die Vollhöhe erreicht haben.
HG|2|17|2|0|Nun also da anlangend, verneigten sich alle die Kinder vor Adam und der Eva und sodann auch vor allen übrigen Hauptstammkindern. Als sie durch diese übliche Art nun allen die gebührliche Achtung und Liebe bezeigten, da ging alsbald der Uranion hin zum Adam und grüßte und dankte ihm im Namen aller und ließ dann hervortreten eine Urenkelin von ihm, namens Purista, welche da in einem aus einer Art Gebirgsgras mit eigener Hand geflochtenen Körbchen dem Adam auserlesene Früchte des Morgens zu überreichen hatte; und sie trat hervor und tat mit großer, zartester Freude, wie es ihr geboten war.
HG|2|17|3|0|Als aber der Adam die überherrlichen Früchte besah, da fing er an, sich ganz gewaltig zu erstaunen, darum er noch nie ähnliche Früchte, und von solchem Wohlgeruch! – gesehen und empfunden hatte, und fragte darum die Purista: „Purista, du allerliebstes Töchterchen deines Vaters Gabiel, der da mir ist ein großer Liebling, komme her zu mir, und sage es mir, wo du denn diese gar so überherrlichsten Früchte für mich gesammelt hast!
HG|2|17|4|0|Denn das sind ja Früchte, dergleichen meine Augen vom Uranbeginn meines Seins nie, nie noch gesehen haben! Das sind ja wahrhaft überparadiesische Früchte; ja ich möchte sie im Ernst himmlisch nennen!
HG|2|17|5|0|Sage mir daher, wo du sie gesammelt hast!“
HG|2|17|6|0|Als aber die Purista selbst die Früchte näher besah, da erschrak sie und wusste nicht, was sie darauf sagen sollte, denn die Früchte kamen ihr selbst nun ganz fremd vor.
HG|2|17|7|0|Und sie rief ihren frommen Vater Gabiel herbei und fragte ihn heimlich: „Lieber Vater, hast du mir denn die Früchte heimlich ausgetauscht?
HG|2|17|8|0|Denn siehe nur hin, das sind doch wahrlich die Früchte nicht, die unser kleines Gärtchen trägt?! Denn solche herrlichen Früchte haben wir ja selbst noch nie gesehen!“
HG|2|17|9|0|Und der Gabiel sagte zu ihr: „Du meine einzige, geliebte Tochter, da ist ein Wunder geschehen! Wie sich die Sache verhält, also erzähle sie auch dem erhabenen Erzvater!“
HG|2|17|10|0|Und die Purista trat nun schüchtern hin vor den Adam und erzählte ihm, wie sich die Sache verhielte.
HG|2|17|11|0|Und der Adam erwiderte darauf: „Ja, ja, es ist, wie ich mir’s heimlich sogleich gedacht habe; wir alle sind schon wieder um eine Gnade reicher!
HG|2|17|12|0|Wo der heilige Vater, der allerbarmungs- und allerliebevollste, schon also im Voraus Sich wunderbar benimmt, was wird da erst Seine Enthüllung bieten?!
HG|2|17|13|0|O du mein armseliges Herz! Wirst du wohl ertragen solche große Milde des Herrn, unseres allerheiligsten Vaters?
HG|2|17|14|0|O Abedam, wer kann Dich loben, wer Dir danken, wer Dich preisen, wer Dich genug lieben und Dich anbeten nach Würde und Gebühr?!
HG|2|17|15|0|Das Gefühl meiner Nichtigkeit und Deiner unendlichen und ewigen Allheit ist alles, was ich Dir zum Opfer darzubringen vermag!
HG|2|17|16|0|Du meine geliebteste Purista aber kehre dich um! Sehe Den an, der gerade hinter dir steht, und danke Ihm aus allen deinen Kräften; denn Der ist es, der dein Körbchen mit diesen himmlischen Früchten angefüllt hat, ohne dass du es merken konntest, wann!“
HG|2|17|17|0|Und die Purista aber sagte darauf zum Adam: „O erhabener Vater der Väter, wenn er das getan hätte, so wäre das ja recht schlimm von ihm; denn er muss ja doch wohl auch wissen, dass ich niemanden mag und liebe denn allein meinen himmlischen Vater, und meinen Vater Gabiel und meine Mutter Aora!
HG|2|17|18|0|Bis jetzt floh ich vor jedem Mann, und meine Sehnsucht war stets nur gerichtet nach oben zu dem allein Einen; wie konnte denn dieser Mensch mir solches getan haben?
HG|2|17|19|0|Der muss ja gar nicht wissen, dass es eine Sünde ist, wenn er sich ohne den Willen Gottes einem Mädchen naht, so zwar, dass nicht einmal meine Eltern etwas davon wissen!
HG|2|17|20|0|Siehe, das war ja schlimm von ihm – denn also weiß ich es von meinen Eltern aus –, und darum auch mag, darf und kann ich ihm nicht danken, und wären die Früchte noch vielmal herrlicher, als sie sind!
HG|2|17|21|0|Sage du ihm nur, dass das recht schlimm von ihm war, und er solle das künftighin ja nicht mehr tun, – sonst möchte er sich wohl eine tüchtige Strafe vom himmlischen Vater zuziehen!
HG|2|17|22|0|Für diesmal aber will ich den himmlischen Vater für ihn bitten, dass Er ihn gnädigst verschonen möchte!“
HG|2|17|23|0|Nach diesen Worten bat sie auch inbrünstigst den himmlischen Vater um die Vergebung der Schuld an dem Menschen, der ihr dieses getan hatte.
HG|2|17|24|0|Der Adam aber sagte zu ihr: „Du überschöne, herrlichste, zarteste Blume des erhabenen Morgens, – wahrlich sage ich dir, wenn der himmlische Vater nie noch eine Bitte von dir erhört hätte, da glaube es mir, diese wird Er sicher nicht unerhört lassen!
HG|2|17|25|0|Ich kann und darf dir’s jetzt noch nicht sagen, wie und warum; aber sei nur getröstet, du wirst es sicher gar bald erfahren!“
HG|2|17|26|0|Und die Purista begnügte sich damit und wurde ruhig.
HG|2|17|27|0|Es berief aber alsbald der Abedam den Henoch zu sich und sagte zu ihm: „Henoch, gehe nun hin und lege das Opferlamm geschlachtet auf den Altar und komme dann alsbald wieder hierher, und sehe dann zu, wie Ich ein Feuer aus dem Himmel auf den Altar werde herniederkommen lassen, welches das Opfer verzehren wird!“
HG|2|17|28|0|Und der Henoch ging alsbald hin zum Altar und erfüllte des Herrn Willen.
HG|2|17|29|0|Und als er zurückkam, da stürzte alsbald ein allerhellster Blitz herab, begleitet von einem weltenerschütternden Donner, so zwar, dass selbst der Henoch darob erschrak; und alsbald auch erbrannte mit sonnenhellen Flammen das Opfer am Altar, und blendend weiße Rauchwolken stiegen vom Altar zum Himmel empor.
HG|2|17|30|0|Da fing’s der armen Purista an schlecht zu gehen, und nicht minder allen Morgenkindern; denn sie merkten nun die vom Henoch verkündete Größe und Macht dieses ihnen noch unbekannten Menschen.
HG|2|18|1|1|Uranions und Puristas Begegnung mit dem erhabenen Abedam
HG|2|18|1|1|Am 27. Januar 1842
HG|2|18|1|0|Nach dieser außerordentlichen Wundertat, während das Opfer noch im vollen Brand stand, begab sich der Uranion alsbald, am ganzen Leibe bebend, hin zum Henoch und bat ihn, dass er ihm den Namen dieses so überaus wunderbar außerordentlichen Menschen sagen möchte.
HG|2|18|2|0|Und der Henoch sagte zu ihm: „Lieber Uranion, so ich dir auch dessen Namen sage, wird er dir wohl zu irgendetwas nütze sein?
HG|2|18|3|0|Siehe, also wie Er Sich hier heißen lässt, also gerade auch heißt ein anderer!
HG|2|18|4|0|Du siehst daraus, dass die Namensbekanntschaft dir zur näheren Erkenntnis dieses Menschen der Menschen gar wenig dienen wird; daher erkundige dich nicht vorher um den Namen, sondern wende dich nur schnurgerade an Ihn, und sei versichert, dass Er dir in drei Augenblicken mehr sagen und dich über mehreres belehren wird, als ich es vermöchte in langen Ewigkeiten!
HG|2|18|5|0|Daher wende dich nur an Ihn Selbst, und zwar ohne Furcht und irgendeine Scheu; denn so endlos mächtig Er auch ist, so ist Er aber doch auch ebenso endlos gut, liebevoll, barmherzig, gnädig, milde, sanft, zart, herablassend und die unbegreiflichste Demut Selbst.
HG|2|18|6|0|Daher also scheue dich nicht, und wende dich nur an Ihn!“
HG|2|18|7|0|Diese Worte ermutigten den Uranion; er ging sogleich hin vor den hohen Abedam und richtete folgende Worte an Ihn:
HG|2|18|8|0|„Hoher, erhabenster, mächtigster Bruder – wenn ich dich also nennen darf –, möchtest du mir denn nicht kundgeben, wer und woher du bist? Denn wie ich jetzt gesehen habe, so sind dir ja Himmel und Erde in einem so hohen Grade untertan, dass, so ich nicht mit der größten mir denkbar möglichen Liebe an dem heiligen Vater der Himmel aller Erden hinge, ich sehr leicht glauben könnte, du wärest entweder dieser heilige Vater Selbst – oder aber doch wenigstens ein aller Himmel größter und mächtigster Geist aus der endlosen Reihe der vollkommensten Engel Gottes.
HG|2|18|9|0|So es dein Wille wäre, möchtest du mir ja wohl einiges Licht über dich zukommen lassen.“
HG|2|18|10|0|Und der Abedam ergriff seine Hand und sagte zu ihm: „Uranion, sei über und über frohen Mutes; denn jetzt hat dich das ewige Leben ergriffen!
HG|2|18|11|0|Gehe aber hin zum Gabiel und bringe ihn samt seiner kleinen Familie hierher, nämlich mit dessen Weib Aora und dessen einziger Tochter Purista, – und du wirst Mich dann an deren Seite in die volle Genüge deines Herzens kennenlernen! Amen.“
HG|2|18|12|0|Und der Uranion eilte sogleich hin zum Gabiel, richtete ihm den Wunsch Abedams aus und brachte ihn mit dem Weib und der Tochter sogleich vor den Abedam hin.
HG|2|18|13|0|Als sie nun beim Abedam angelangt waren, da fragte alsbald der Gabiel den Abedam: „Mächtigster der Menschen, was verlangst du von mir?
HG|2|18|14|0|Siehe hier mein geliebtes Weib, und da meine mir vom überheiligen, liebevollsten himmlischen Vater geschenkte Tochter! Du bist mächtig genug, um sie mir zu nehmen, – das Teuerste, was ich habe auf der Erde!
HG|2|18|15|0|So du solches willst, wer wird dich zurückhalten können?!
HG|2|18|16|0|Aber siehe, ich habe aber noch etwas viel Köstlicheres, als da sind mein Weib und meine Tochter; siehe, dahier im Herzen ist es tief verborgen!
HG|2|18|17|0|Es ist meine Liebe und mein vollstes Vertrauen auf den heiligen, großen, liebevollsten Vater und allmächtigsten Schöpfer Himmels und aller Erde.
HG|2|18|18|0|Kannst und magst du mir auch diese nehmen?!“
HG|2|18|19|0|Und die Purista klammerte sich an den Vater und sagte dann auch zum Abedam: „Guter, lieber, über alles mächtiger Mann, du wirst uns ja doch nicht trennen wollen?!
HG|2|18|20|0|Denn der gute, weise Henoch hat uns ja allen gesagt, dass du auch sehr barmherzig wärest und gnädig!
HG|2|18|21|0|Es gelte ja; – du wirst uns nicht trennen, sondern uns beisammen lassen in der allerseligsten Liebe zu unserem himmlischen Vater!
HG|2|18|22|0|Du wirst ja doch auch diesen so heiligen und über alles guten Vater kennen und Ihn auch lieben, wie wir Ihn lieben!“
HG|2|18|23|0|Und der Abedam fragte darauf die Purista: „Höre, du Meine allerzarteste Purista! Hast du denn den himmlischen Vater einmal gesehen?“
HG|2|18|24|0|Und die Purista erwiderte: „Du musst nicht bloß ‚himmlischen Vater‘ sagen, sondern: ‚den überheiligen, liebevollsten himmlischen Vater‘ musst du sagen, nicht aber also glattweg ‚Vater‘, sonst getraue ich mir dir nicht zu antworten!“
HG|2|18|25|0|Und der hohe Abedam korrigierte Sich nach ihrem frommsten Willen, – darauf sie Ihm dann erst die verlangte Antwort gab, indem sie sagte:
HG|2|18|26|0|„Wo wäre denn irgendein Mensch auf der ganzen Erde, der sich für so würdig halten möchte, darob er sich dann rühmen könnte, den überheiligen, liebevollsten, himmlischen Vater gesehen zu haben?!
HG|2|18|27|0|Solches können vielleicht wohl die Engel, aber wir unwürdigen Menschen können ja doch solches nimmer!“
HG|2|18|28|0|Und der Abedam fragte sie wieder: „Aber höre, du rein-zart-schönste Purista, – Adam ist doch auch nur ein Mensch, und er soll doch den überheiligen, liebevollsten, himmlischen Vater gesehen und gesprochen haben, nachdem er ist erschaffen worden.
HG|2|18|29|0|Was sagst denn du darauf? Er ist doch auch nicht mehr als ein sündiger, unwürdiger Mensch vor Gott?!“
HG|2|18|30|0|Und die Purista entgegnete darauf: „Aber was dir doch nicht alles einfällt! Ist denn der Erzvater auch also ein Mensch, wie wir alle sind?
HG|2|18|31|0|Weißt du denn das nicht, dass Adam der erste Mensch dieser Erde ist und unmittelbar aus der allmächtigen Hand des überheiligen, himmlischen Vaters, der da ist voll der höchsten Liebe, Gnade und Erbarmung, hervorgegangen ist? Darum kann er Ihn ja wohl gesehen und gesprochen haben; ist aber solches auch bei uns Menschen der Fall? Denke doch nur ein bisschen nach!“
HG|2|18|32|0|Und der Abedam: „Ja, da hast du freilich wieder recht, wenn sich die Sache also verhält; aber jetzt gib Acht, was Ich dir jetzt sagen werde!
HG|2|18|33|0|Hättest denn du keine Sehnsucht, den überheiligen, liebevollsten himmlischen Vater zu sehen? Was sagst du Mir nun auf diese Meine sonderbare Frage?“
HG|2|18|34|0|Und die Purista: „Ja, wohl wahr, eine höchst sonderbare Frage! Wer möchte Den nicht gerne sehen, besonders wenn man Ihn also über alles, alles, alles liebt wie ich?!
HG|2|18|35|0|Aber verstehe, da müsste man aber auch ganz unbegreiflich noch viel, viel, viel frommer sein als ich!
HG|2|18|36|0|Ich bin aber schon zufrieden, dass Sich der übergute, überheilige und liebevollste himmlische Vater von einem armseligen Geschöpf, wie ich es bin, nur lieben lässt und Sich mir und uns allen durch Seine Wunderwerke und durch den Mund gar frommster Männer zu erkennen gibt.
HG|2|18|37|0|Sage, dürften wir unreinen Menschen etwa mehr von Ihm verlangen?
HG|2|18|38|0|Oder ist das nicht schon so viel, das wir von Ihm empfangen, dass wir Ihm in alle Ewigkeit nicht genug werden dafür danken können?!“
HG|2|18|39|0|Und der Abedam: „Ja, da hast du schon freilich wohl wieder recht und hast Mich wieder recht schön belehrt; aber siehe, Ich habe dessen ungeachtet denn doch schon wieder eine andere Frage:
HG|2|18|40|0|Hast du dir denn noch nie vorgestellt, wie etwa der überheilige, liebevollste himmlische Vater aussehen möchte? Geh’, geh’, und sage es Mir!“
HG|2|18|41|0|Und die Purista: „Aber, – ist das wieder eine Frage! Wer dürfte oder könnte das wohl? Gott ist ja überheilig und ist unendlich! Nein, ist aber doch das ein Gedanke!
HG|2|18|42|0|Mir ist einmal nur ganz heimlich beigefallen, als könnte Er also aussehen wie vielleicht der Erzvater Adam, nur unendlichmal größer als er! Und wie lange habe ich mich hernach gefürchtet und habe geglaubt, eine solche Sünde wird mir gar nicht mehr verziehen werden!
HG|2|18|43|0|Wie viele Nächte habe ich hernach gebetet und geweint, bis mir ein frommer alter Mann die Nachricht gebracht hatte, dass mir diese Schuld wieder nachgesehen ist! Siehe, das hat mich dann schon klug gemacht, und jetzt, wo ich schon siebenundzwanzig Jahre alt bin, lasse ich mich schon gar nicht mehr fangen!“
HG|2|18|44|0|Und der Abedam: „Ja, du hast Mir nun schon wieder eine gescheite Antwort gegeben; aber gebe nun Acht, Ich werde dich denn doch noch fangen! Aber dann wirst du eine große Freude haben!“
HG|2|19|1|1|Puristas weise Antworten. Die Suche nach Erkenntnis und Glaube
HG|2|19|1|1|Am 28. Januar 1842
HG|2|19|1|0|Und also sprach der Abedam weiter zu der Purista: „Du hast Mir zuvor gesagt: Der Adam ist aus der Hand des überheiligen himmlischen Vaters, der da ist voll der höchsten Liebe und aller Erbarmung, hervorgegangen; was möchtest denn du nun dazu sagen, so Ich vor euch allen behaupten möchte: Der Adam, wie er leibt und lebt, ist aus Meiner Hand hervorgegangen!
HG|2|19|2|0|Und wenn du ihn der Überzeugung wegen recht ernstlich dann befragen möchtest, er es dir vollends bejahen möchte?!“
HG|2|19|3|0|Und die Purista: „Mächtig bist du zwar wohl außerordentlich, aber ob du auch einen Menschen, und das noch unseren Erzvater Adam, frei erschaffen hast, das möchte ich wohl bezweifeln, – außer es müsste nur der überheilige, liebevollste himmlische Vater Selbst es also gewollt haben!
HG|2|19|4|0|Und ist das der Fall, so bist ja doch wieder nicht du, sondern nur Er der erhabene, heilige Schöpfer des Adam, und du nur Sein starkes Werkzeug!
HG|2|19|5|0|Was magst du dich hernach dessen rühmen, als wärest du selbst ein Schöpfer? Siehe, solches ist nicht fein von dir!“
HG|2|19|6|0|Und der Abedam: „Aber siehe, du Meine zarteste Purista, Ich liebe ja den überheiligen, liebevollsten himmlischen Vater ebenso sehr und noch viel mehr, als alle Menschen zusammengenommen Ihn lieben! Und so das nicht der Fall wäre, und wäre Ich nicht demütig vom Grunde aus, könntest du da wohl behaupten und glauben, dass Mir solche Macht verliehen werden würde, dass Mir darum die ganze Unendlichkeit auf den leisesten Wink gehorchen muss?!
HG|2|19|7|0|Was sagst du denn nun zu dem? Da Ich der nötigen Demut wegen [Mich] schon eigentlich gar nie rühmen kann, mag und darf?“
HG|2|19|8|0|Und die Purista und ihre Eltern und der Uranion fingen hier ganz gewaltig an zu stutzen, und die herrliche Morgenperle ward nun verlegen und wusste nicht, was sie darauf sagen sollte.
HG|2|19|9|0|Endlich aber ermahnte sie sich doch wieder und fragte ganz schüchtern, noch immer an ihrem Vater festhaltend, den Abedam: „Bist denn aber du auch wirklich also mächtig, dass da deiner Macht kein Ende ist?“
HG|2|19|10|0|Und der Abedam: „Willst du ein Zeichen Meiner Macht, Meiner Stärke und Meiner Allgewalt sehen?“
HG|2|19|11|0|Und die Purista: „Mir war der mächtige Blitz mit dem erschrecklichen Donner ja schon ein hinreichendes Zeichen deiner unbegreiflichen Macht; wer aber also mächtig ist wie du, der ist doch sicher auch stark und gewaltig.
HG|2|19|12|0|Ob du aber auch wirklich endlos mächtig bist, – durch welches Tatzeichen könntest du mich schwaches Würmchen im Staube wohl überzeugen, da ich ewig nie werde Gott gleich die Unendlichkeit überschauen können?
HG|2|19|13|0|Was möchte mir somit ein Zeichen nützen, welches du in irgendeinem endlos fernen Winkel der Unendlichkeit verrichten möchtest? Werde ich es sehen können und mich davon überzeugen?
HG|2|19|14|0|Siehe, solches ist ja unmöglich! Was sollte mir hernach ein solches Zeichen nützen? Daher lasse es lieber gut sein, und verwende deine große Macht zu etwas Besserem als zur nichts fruchtenden Sättigung menschlicher Neugierde!“
HG|2|19|15|0|Und der Abedam: „Gut gesagt, du Meine liebe Purista; so rein, wie du bist, wahrlich, ist die Sonne nicht!
HG|2|19|16|0|Ich sehe schon, es wird hart werden, dich zu überreden; denn alles, was du Mir nur immer sagst, ist rein und vollends helle wahr! Du willst kein Zeichen, Meine Fragen beantwortest du, als redete der weiseste Engelsgeist aus dir, und also komme Ich durchaus zu kurz bei dir!
HG|2|19|17|0|Aber Ich sehe schon die Ursache; du fürchtest dich noch immer, als möchte Ich dich trennen von deinen Eltern! Doch solches fürchte mitnichten; denn siehe, Ich will deinen Eltern lieber noch tausend solche lieben Töchterchen geben, wie du es bist, als nur ein Haar von deren Haupt trennen! Darum sollt ihr nicht eine solche Furcht vor Mir haben, sondern euch dafür lieber recht traulich zu Mir wenden, und ihr würdet da in einem Augenblick von Mir mehr empfangen denn also in vielen Jahren.
HG|2|19|18|0|Wahr ist es, ihr hängt zwar metallfest an dem überheiligen, liebevollsten himmlischen Vater, – aber ihr kennt Ihn nicht! Darum also aber bin Ich ja zu euch gekommen, um euch diesen Vater, den ihr über alles zwar liebt, aber nicht im Geringsten richtig erkennt, vollends kennen zu lehren.
HG|2|19|19|0|Siehe, du liebe, allerfrömmste Purista, wie hast du denn diese Meine Absicht in allen Meinen Fragen an dich so ganz und gar verkennen mögen? Siehe, das war eben nicht weise von dir!
HG|2|19|20|0|Denn solches musstest du ja doch einsehen, dass Gott, dein heiliger Vater, solche Machtboten, wie Ich es bin, nicht ohne eine sicher liebevollste Absicht herab zu euch armen, schwachen Menschen kommen lässt, die dann aber auch sicher nicht böse sind und schlimm, wie du es heimlich gemeint hast, sondern allzeit nur übergut und voll der höchsten Liebe und Erbarmung zu euch.
HG|2|19|21|0|Siehe, solches überdenke nun in dir, und verlange dann ein Zeichen von Mir, damit ihr alle daraus den heiligen, liebevollsten himmlischen Vater auch erkennen sollt, wie Er ist; denn solches ist Sein Wille an euch alle! Amen.“
HG|2|20|1|1|Purista und die Ihrigen erkennen den heiligen Vater in Abedam
HG|2|20|1|0|Und die Purista ward darob sehr betroffen und fragte ihren Vater Gabiel: „Höre, Vater, das ist sicher ein mächtigster Bote vom Himmel herab! Wenn wir uns etwa jetzt versündigt hätten vor ihm, was wird dann aus uns werden?“
HG|2|20|2|0|Und der Gabiel sagte zu ihr: „Siehe, meine Tochter, er ist ja noch da und sieht uns sehr mitleidig an; er wird es uns ja wieder vergeben!
HG|2|20|3|0|So wir gefehlt haben, da haben wir in unserer großen Blindheit gefehlt; gehe hin zu ihm in unser aller Namen und bitte ihn um Vergebung!
HG|2|20|4|0|O siehe, siehe, wie gut und mild er auf uns herabsieht! Gehe nur geschwind hin und bitte ihn um Vergebung; er wird es dir und uns allen sicher verzeihen!
HG|2|20|5|0|Aber falle ja ehe nieder vor ihm; denn er scheint sehr heilig zu sein! Gehe also, gehe, ehe es zu spät sein möchte! Amen.“
HG|2|20|6|0|Und die Purista stürzte schnell hin zu den Füßen des Abedam und fing an zu weinen und zu schluchzen.
HG|2|20|7|0|Der Abedam aber beugte Sich schnell nieder und hob sie empor und fragte sie: „Purista, was fehlt dir, darum du nun also weinst?“
HG|2|20|8|0|Und die Purista antwortete noch weinend: „O du lieber Freund, mir ging aus deinen letzten Worten ein Licht auf, und es ward mir klar, dass du kein Erdenbewohner bist, sondern ein mächtiger Bote aus den Himmeln vom überheiligen Vater Selbst, der da ist voll der höchsten Liebe und Erbarmung! Siehe, ich muss dich ja doch gewiss beleidigt haben!
HG|2|20|9|0|Möchtest du mir und uns allen denn nicht vergeben?!
HG|2|20|10|0|Siehe, du hast mir ja noch ein Zeichen von dir zu verlangen übriggelassen; o du hoher Freund der armen Menschheit und des heiligen Gottes, so erlaube mir, dich nun darum zu bitten!“
HG|2|20|11|0|Und der Abedam beugte Sich abermals nieder und nahm die Purista auf Seinen Arm, drückte sie an Seine Brust und fragte sie dann mit der höchsten Milde:
HG|2|20|12|0|„Purista, du reinste Perle des lichtvollen Morgens, welch Zeichen verlangst du somit von Mir?“
HG|2|20|13|0|Und die Purista, vor Freude beinahe zerfließend, sagte mit liebezitternder Stimme: „O du herrlicher, mächtiger Freund! Jetzt kann ich kein Zeichen mehr von dir verlangen; denn – das ich – verlangen – wollte, – das hast du ja schon, meinem Wunsch zuvorkommend, – jetzt schon über alle meine mir je möglich denkbare Weise übergnädigst an mir und also sicher auch an uns allen vollzogen!“
HG|2|20|14|0|Bei diesen Worten konnte sie vor lauterstem Dankgefühl nicht mehr weitersprechen.
HG|2|20|15|0|Der Abedam aber drückte sie noch einmal an Sein Herz und trug sie dann ihren Eltern wieder in die Arme, welche auch vor Dankesfreuden über und über weinten.
HG|2|20|16|0|Und der Gabiel sagte endlich: „Nein, so gut kann kein Engel sein! Weib – und du, meine Tochter, hier ist mehr, als der höchste Engel je fassen wird!“
HG|2|20|17|0|Darauf konnte er nicht mehr reden. Darauf blickte die Purista den Abedam an. Er aber sagte zu ihr:
HG|2|20|18|0|„Purista, Meine Tochter! Erkennst du Mich, deinen himmlischen Vater, denn noch nicht! Siehe, – Ich – Ich bin es ja Selbst!“
HG|2|20|19|0|Bei diesen Worten erkannten sie alle den Vater; die Purista aber schrie laut auf und stürzte hin und umklammerte die Füße Abedams also krampfhaft, von ihrer allerheißesten Liebe gedrungen, und alles, was sie zu sagen vermochte, war:
HG|2|20|20|0|„Vater! – Vater! – Vater! – Du mein Vater, – mein lieber Vater! Du heiliger, liebevollster himmlischer Vater; mein, mein, mein lieber Vater!“
HG|2|21|1|1|Uranions Lobpreisung des heiligen Vaters. Das höchste Lob ist die Sprachlosigkeit aus Liebe zum Herrn
HG|2|21|1|1|Am 29. Januar 1842
HG|2|21|1|0|Als nun auch der Uranion sah, wer der mächtige Mensch ist, fiel er alsbald auf sein Angesicht nieder und schrie laut: „O der unaussprechlichen Gnade, – o der unaussprechlichen, höchsten Gnade! O der unaussprechlichen, allerhöchsten, überheiligen Gnade! Wer aus uns allen hätte sich so etwas je zu denken getraut?!
HG|2|21|2|0|Der Herr Gott Jehova Zebaoth, der Himmel und Erde und alles, was da ist in, auf und über den Himmeln, und in, auf und über der Erde, ja alles, was da lebt, strebt und sich bewegt in der Erde, auf der Erde und über der Erde und in allen den Gewässern und eben also, was da alles erfüllt die ewig unendlichen Räume, erschaffen hat! – Er – der überheilige, liebevollste himmlische Vater – ist als ein Mensch unseresgleichen zu uns armseligen Menschenkindern von Seiner unendlichen Höhe herab zur tiefst untersten, finsteren Erde gekommen!
HG|2|21|3|0|Sonne, – wie magst, wie getraust du dich, nun deine Strahlen noch herabzusenden zur Erde, da sie dein Schöpfer, unser aller Vater, heilig, überheilig betritt?! Weiche mit deinem uns gleich unwürdigsten Glanz zurück; denn hier erglänzt ein Sandstäubchen, das Er mit Seinen allerheiligsten Füßen berührt, mehr nun in einem Augenblick als all dein Glanz von langen Ewigkeiten her zusammengenommen! Darum schäme dich, so du jetzt noch zu glänzen vermagst!
HG|2|21|4|0|Und du, unwirtliche Erde, du kalte Mutter des Todes, wie magst du noch bestehen?! Löse dich auf in den feierlichsten Lobgesang; treibe hervor die schönsten Blumen mit den herrlichsten Wohlgerüchen!
HG|2|21|5|0|Ihr Berge alle, umwandelt euch zu leuchtenden Opferaltären; und ihr Bäume, und du auch, alles Gras helft, helft mir loben und preisen den heiligen Vater!
HG|2|21|6|0|Denn Er nur alleinig ist würdig, zu nehmen alles Lob, allen Preis, alle Ehre, allen Ruhm, alle Liebe, allen Dank, alle Anbetung!
HG|2|21|7|0|Fallt herab von den hohen Himmeln, ihr Sterne alle, und du, Mond, werde finster und stürze dich zur Erde herab, und betet alle an, hier betet an; denn Gott, Gott, – ein ewiger, heiliger Gott ist es, – der Vater, der überheilige, liebevollste himmlische Vater aller Engel und Menschen ist es! Hier vor uns allen ist Er! Ja mitten unter uns ist Er! Auf der Erde steht und redet Er mit uns, und lehrt aufrecht gehen uns Würmer im Staube!
HG|2|21|8|0|Darum betet an, betet Ihn an, ihr, alle Ewigkeiten! Und du, Unendlichkeit, werde zu einem würdigeren großen Lobgesang des überheiligen Vaters, als das matte Lallen meiner wurmstichigen Zunge es ist!
HG|2|21|9|0|Wo seid denn ihr Donner und Blitze nun, und ihr Winde alle, wo weilt ihr?
HG|2|21|10|0|Hat euch nicht, wie mich, dieser überheilige, liebevollste, allmächtige Vater erschaffen? Wo seid ihr denn nun zu Seinem Lob? Oder hält euch die gebührende, höchste Ehrfurcht endlos bescheiden zurück?
HG|2|21|11|0|Dann ist es würdig und recht, dass ihr stumm seid geworden wie eine Maus in der Erde, so sie über sich die Katze wittert!
HG|2|21|12|0|O mein Herz, du armseliges Herz, möchtest nun loben und preisen Ihn, Ihn, – den Heiligen, – den Erhabensten, – und hast nicht einmal Raum, um aufzunehmen auch nur ein kleinstes Fünklein Seiner endlosen, allmächtigen Vaterliebe! Daher schweige lieber davon, was auszusprechen dir unmöglich ist!
HG|2|21|13|0|Und du auch, matteste, wurmstichige Zunge, – verstumme; denn heilig, heilig, heilig ist nun selbst die Luft, welche dies mein unwürdiges und unlauteres Geplärr erfüllt!
HG|2|21|14|0|O Du heiliger, Du überheiliger, Du dreimal über-, über-, überheiliger Vater! Sei mir endlos nichtigem Wurm im Staube vor Dir gnädig und barmherzig!“
HG|2|21|15|0|Und alsbald trat der hohe Abedam hin zum Uranion, der noch zitternd mit dem Angesicht auf der Erde lag, beugte Sich zu ihm zur Erde nieder, erhob ihn, richtete ihn auf, und sagte dann zu ihm:
HG|2|21|16|0|„O höre nun du, Mein geliebter Uranion, du hast Mir zwar das größte Lob dargebracht und hast mutig die Sonne geputzt, die Sterne herabgearbeitet von all den Himmeln, hast auch nicht verschont die Erde und hast gebührend gelobt und ausgezeichnet das winzige Sandkörnchen unter Meinen Füßen, hast nicht vergessen der Berge, der Bäume und des Grases, und den Blitzen, dem Donner und den Winden hast du ein rechtes Wort gegeben und hast nicht minder redlich besehen dein Herz!
HG|2|21|17|0|Siehe, gerecht war darum dein großes Lob; aber eines sage Ich dir, – mehr als dein Lob enthielt das Lob, welches Mir die Purista und ihre Alten dargebracht haben in gänzlicher, sprachloser, zerknirschter Stille ihrer Herzen!
HG|2|21|18|0|Siehe, wer noch reden kann in Meiner Gegenwart, der ist noch ein Herr seines Herzens; wer aber in Meiner Liebe Gegenwart nicht mehr reden kann, dessen Herzens bin Ich ein Herr geworden und erfülle es dann mit Meiner Liebe und mit dem ewigen Leben aus ihr!
HG|2|21|19|0|Du aber lebst nun auch, da du mit deinem Lob alles von dir warfst, was dir unnütze war vor Mir:
HG|2|21|20|0|Deine eigene Weltsonne, welche da ist deine alte Liebeweisheit; deine Sterne, welche sind deine Erkenntnisse; deinen Mond, welcher ist der Menschheit oft wachsende, oft wieder abnehmende Eigenliebe.
HG|2|21|21|0|Du bezwangst deine Berge; deine Erde löstest du auf in dir zu Meinem Lob, und all die Bäume deiner Wünsche und all das Gras deiner Begierden brachtest du Mir zum Opfer; die Winde deiner redlichen Bestrebungen riefst du herbei, und alle Blitze deines Weltlichtes und den Donner deines Ernstes brachtest du Mir zum Lob und hast nicht verschont deines ewigen Geistes aus Mir und deiner Seele, die da ist ein lebendiges Gefäß für ein unendliches Leben aus Mir, und hast dadurch frei gemacht dein Herz, damit Ich ein Herr des Lebens in selbem würde.
HG|2|21|22|0|Siehe nun, da du darum stumm wurdest in deinem Herzen, ward Ich erst ein Herr im selben, und also hast du wahrhaft das ewige, unvergängliche Leben überkommen, und Ich werde dir fürder und fürder und fürder kein fremder und unbekannter Vater mehr sein, sondern stets ein wohlbekannter, dir stets gegenwärtiger, in dir allzeit ein stets wohlvernehmbarer, starker, mächtiger und allgewaltiger Vater werde Ich sein und leiten durch dich all deine Kinder; wie aber Ich dir sein werde und nun schon bin, also will Ich auch sein deinen sechs Brüdern und nach ihnen aber allen, die da wie du aller Welt den gerechten Abschied geben werden!
HG|2|21|23|0|Doch beim Gabiel will Ich Mir eine neue Hütte erbauen, da Ich nicht selten einsprechen werde; denn einen reineren und festeren Platz hat die Erde nicht für Mich!
HG|2|21|24|0|Gabiel, – siehe, Ich segne nun auch dich und dein Kind! Sie wird von Mir dereinst einen rechten Mann bekommen; dieser wird ihr geben eine Tochter, diese aber soll werden die Mutter eines neuen Volkes dieser Erde. Und der Lamech wird ihr einen Mann geben, der da wird wohnen allzeit bei Mir in Meinem großen Haus!
HG|2|21|25|0|Und also empfangt alle Meinen Segen, und seid fröhlich und voll guten Mutes! Amen.“
HG|2|22|1|1|Das Heiligtum im Morgen – die Hütte der Purista
HG|2|22|1|1|Am 31. Januar 1842
HG|2|22|1|0|Und die drei fielen dem Abedam zu den heiligen Füßen und priesen und lobten Ihn in der sprachlosesten Zerknirschung ihrer Herzen, und es war die Stätte befeuchtet von Tränen ihrer Freude und ihres Dankes. Und der Abedam beugte sich zur Erde nieder und erhob sie alle alsbald wieder, richtete sie auf und flößte ihnen Mut und Beharrlichkeit in ihre Herzen.
HG|2|22|2|0|Als die drei nun wieder wortaufnahmefähig wurden, da der Abedam Selbst zu dem Behuf das Feuer ihrer Herzen ein wenig dämpfte, sagte Er in liebreichster Stimme zu ihnen:
HG|2|22|3|0|„Wie ihr nun seid vor Mir und Ich durch die Liebe in euch und ihr also auch in Mir, also auch bleibt fortan, so werdet ihr Mich nie missen; denn wie ihr sein werdet bei Mir und in Mir, also werde auch Ich sein und bleiben bei euch und in euch fürder und fürder, und eures Friedens und eurer Ruhe wird nimmerdar ein Ende sein!
HG|2|22|4|0|Ich sagte aber zu dir, Gabiel, du sollst Mir neben deiner Hütte eine neue Hütte errichten, darinnen Ich zu öfteren Malen Herberge nehmen würde; siehe, nun ist die Hütte schon erbaut! In eurem Herzen habt ihr Mir diese Wohnstätte bereitet, – das ist eine wahrhaft neue Hütte für Mich, in der allein es Mir nur wohlgefällt, Herberge zu nehmen.
HG|2|22|5|0|Welche andere Hütte hättet ihr Mir auch errichten können?
HG|2|22|6|0|Zum Zeichen aber sollt in eurer Heimat ihr auch wirklich schon eine Hütte treffen, welche Ich jetzt errichtet habe. In diese soll niemand aus den Männern mit bedecktem Haupt treten, und die Weiber aber sollen ihr Angesicht verhüllen, so sie in diese Hütte treten möchten; denn sie ist rein und heilig, und ist überfest. In der Mitte dieser Hütte werdet ihr einen Altar finden, über welchem ein unauslöschliches Feuer lodern wird und wird geben von sich einen großen Schein bei Tag und bei der Nacht, und es werden allzeit lichte Wolken entsteigen himmelwärts dieser hellen Flamme entlang.
HG|2|22|7|0|Du, Meine allerreinste Purista, aber sollst Mir, sooft Ich zu euch kommen werde, auf diesem Herd der Liebe ein köstlich duftend Mahl bereiten; und es ist dir allein gestattet, offenen Antlitzes daselbst dein Geschäft der reinen Liebe zu Mir zu verrichten!
HG|2|22|8|0|Wann du aber für Mich eine Köchin machen wirst, da sammelt ihr zuvor frisches, reines Holz; und so Ich kommen werde zu den verschiedensten Zeiten – meistens unerwartet –, müsst ihr schon mit allem versehen sein, um Mich gehörig zu bewirten.
HG|2|22|9|0|Darin aber soll das Zeichen bestehen, dass ihr an der Flamme allzeit merken werdet, wie euer Herz vor Mir bestellt ist!
HG|2|22|10|0|Das reine, frische Holz soll die stets erneute und vermehrte Liebe eures Herzens bezeichnen und das zu bereitende Mahl eure gänzliche Hingebung und vollste Ergebung in Meinen Willen.
HG|2|22|11|0|Wahrlich, so ihr solches halten werdet, werde Ich als froher Gast nicht ermangeln, oft, oft, oft bei euch eine gute Mahlzeit zu nehmen; würde oder könnte aber das Feuer in eurem Herzen erlöschen, so wird auch am Herd der reinen Liebe die Flamme matter und matter werden, und Ich ein seltener Gast bei euch!
HG|2|22|12|0|Glücklich seid ihr alle, da ihr esst das Brot aus Meiner Hand als Kinder dankbar; aber unaussprechlich glücklich ist der, zu dem Ich komme als Gast, darum er hält für Mich einen schon beständig wohlbereiteten Tisch und ein wohlschmeckendes Gericht auf demselben und lässt darum nie ausgehen die Flamme an Meinem Herd, sondern unterhält sie nur lebhafter und lebhafter, – und so Ich auch verzöge und käme nicht sobald, er aber nur um desto eifriger wird um den Herd in der Hütte alles Lebens.
HG|2|22|13|0|Wahrlich, so Ich dann unverhofft kommen werde und werde treffen Meinen Gastwirt in der vollsten Tätigkeit um Meinen Herd in Meiner Hütte, – Ich sage, wahrlich, wahrlich, seines Lohnes und seiner Freude wird nimmerdar ein Ende werden!
HG|2|22|14|0|Und also mache Ich euch drei nun zu einem solchen Gastwirt und gebe euch dazu eine Hütte, gemacht aus der Hütte eurer Herzen, und einen fertigen, allzeit feuerreichen Herd, der da ist gleich der unerschütterlich festen Treue, wie die Flamme auf demselben gleich der Flamme der reinen Liebe in euren Herzen zu Mir.
HG|2|22|15|0|Bleibt Mir aber alsofort getreue Verwalter dieses euch anvertrauten Heiligtums im Morgen, so werdet ihr euch gar bald überzeugen, welche Fülle des Segens aus dieser Hütte hervorgehen wird über den ganzen Morgen und über alle Nachbarn des Morgens!
HG|2|22|16|0|Und du, Meine liebe, reine Purista, du bleibst Meine Köchin in der Küche der Liebe und am Herd des ewigen Lebens; Ich aber werde dein Gast sein!
HG|2|22|17|0|Wem ihr aber immer Speise und Trank reichen werdet in Meinem Namen, dem werdet ihr es also geben, als wenn ihr Mir Selbst ein Mahl bereitet hättet.
HG|2|22|18|0|Ich aber werde es also ansehen und euch dafür segnen, als hätte Ich Selbst das Mahl verzehrt; wer aber aus dieser Hütte eine Kost nehmen will, der soll, mit frischem Holz beladen und wohlversehen, dahin kehren.
HG|2|22|19|0|Wer da leer kommen wird aus- wie inwendig, der soll auch leer wieder heimkehren!
HG|2|22|20|0|In der Hütte aber wirst du, Meine liebe, reine Purista, in gerechter Menge der reinsten Gefäße antreffen. In diesen sollst du die in eurem erweiterten Garten reichlich vorhandenen Früchte in der Art, als die da waren, welche du erstaunt dem Adam als eine Morgengabe überreichtest, zu drei und drei in reinem Wasser sieden und sollst hinzusetzen einen großen Topf für Mich Tag für Tag, Morgen für Morgen, Mittag für Mittag, und Abend für Abend, und also auch einen nicht minder großen Topf für jeden, der da Kost nehmen will in gerechter und wohlwürdiger Weise; und für dich und deine Alten sollst du aber nehmen den kleinsten Topf und sollst legen hinein die kleinsten Früchte.
HG|2|22|21|0|Wenn aber dann die Früchte werden weich und süß genug verkocht sein, da nehme den fremden Topf und stelle ihn zuerst vom Feuer! Dann tue desgleichen mit dem deinen; den Meinen jedoch sollst du nicht eher vom Feuer rücken, als bis Ich entweder Selbst kommen werde oder jemanden senden werde in Meinem Namen, der da Meine Kost entweder selbst verzehren wird, oder er wird sie verteilen an euch alle in Meinem Namen!
HG|2|22|22|0|Und also segne Ich euch nun neu in diesem neuen Geschäft; verwaltet es getreu, so werde Ich euer euch allzeit segnender Gast verbleiben hier, wie einst jenseits ewig in Meinem großen Vaterhaus! Amen.“
HG|2|23|1|1|Die Schönheit der Ghemela und Purista
HG|2|23|1|1|Am 1. Februar 1842
HG|2|23|1|0|Es waren aber einige der Väter in ihren Herzen begierig zu erfahren, welche von den beiden weiblichen Lieblingen Abedams wohl die Schönere wäre. Daher trat der Sänger Kenan hin zum Abedam und wollte Ihn fragen darum im Namen mehrerer.
HG|2|23|2|0|Der Abedam aber kam ihm zuvor, und fragte ihn: „Kenan, bist du in deinem Herzen zufrieden, so Ich dir’s bloß nur sage?“
HG|2|23|3|0|Und der Kenan erwiderte Ihm: „Herr und Vater, was soll ich Dir nun für eine Antwort geben? Du siehst ja mein Herz! So viel weiß ich, dass mein und unser Verlangen von zweifacher Art ist: wir möchten das Angesicht der Purista auch sehen, wie wir – wennschon von ferne nur – das der Ghemela sahen, daneben aber auch ein Wort Deines Wohlgefallens vernehmen; denn sonst wissen wir nicht, wie wir daran sind, – welche von den beiden doch wohl größer ist vor Dir?
HG|2|23|4|0|Siehe, wir haben uns schon darüber die Köpfe nahe zerbrochen und die Herzen zerstoßen und mögen darin zu keinem richtigen Urteil gelangen!
HG|2|23|5|0|Es liegt freilich wohl nicht das Heil der Menschheit daran, aber das Dir Wohlgefälligere zu erkennen, dürfte ja doch auch kein geringer Nebenzweck dieses Erdenlebens sein! So also Dein heiliger Wille es wäre, möchtest Du uns ja gnädigst gewähren diese Bitte!“
HG|2|23|6|0|Und der Abedam sagte darauf zum Kenan: „So lasse denn alle die Neugierigen hierherkommen, und wir wollen sehen, wo hinaus sich ihr Urteil erstrecken wird! Amen.“
HG|2|23|7|0|Und der Kenan berief alsbald diejenigen, die da seines Wunsches waren, dass sie alsbald herbeikämen; und der Abedam aber berief die Ghemala und die Purista zu Sich und nahm die Ghemela auf Seinen linken Arm und die Purista auf Seinen rechten und hieß ihnen mit sanfter Stimme sich zu enthüllen vor den Vätern.
HG|2|23|8|0|Beide taten sogleich ihr reiches Haar aus dem Gesicht und blickten all die Väter ehrfurchtsvoll und liebfreundlichst an.
HG|2|23|9|0|Als die neugierigen Väter aber diese zwei überirdischen Schönheiten erschauten, wurden sie, wie von einem Blitz getroffen, zur Erde geworfen, und keiner getraute sich mehr, seine Augen zu erheben, um die beiden Schönheiten noch einmal anzusehen und zu urteilen über sie!
HG|2|23|10|0|Der Abedam aber fragte den Kenan: „Nun, du alter Sänger Meiner Ehre, was deucht dir nun: diewelche von diesen beiden ist denn schöner und diewelche Mir näher? Da du sie nun beide gesehen, da wirst du doch ein Urteil Mir geben nun können?!“
HG|2|23|11|0|Und der Kenan sagte ganz zitternd: „O heiligster Vater, Du mächtiger Gott! O jetzt lass in die Haut eines Esels mich kriechen, mich größten Toren, mich Narren! Was hab’ ich getan, und was hab’ ich begangen?!
HG|2|23|12|0|Ich wollte unsinnigerweise als Blinder den Richter gar machen, ja einen schandelenden Richter hier zwischen zwei leuchtendsten, himmlischen Sonnen, von denen die eine so nah und hehr als die andere vom heiligsten himmlischen Vater auf Händen getragen nun werden!
HG|2|23|13|0|Ob links oder rechts, oder Sonne am Morgen und Sonne am Mittag und Abend, – diewelche ist schöner, diewelche mehr Sonne?
HG|2|23|14|0|O Unsinn, o Unsinn! Wer hat dich genährt so lange verborgen in meiner doch sonstig durchleuchteten Brust?!
HG|2|23|15|0|O Du heiliger Vater, Du ewige Liebe, vergebe mir elendem Tropf, mir Toren, mir Narren, mir Ochsen, mir Esel, mir Wurm im Staube, mir blindem Maulwurf, – und wolle nicht künden uns Schweinen vorher von mir Schwein so törichst von Dir uns erbetenes heiliges Wort; denn wir sind es nicht würdig, zu hören die Stimme vom heiligsten Munde, nicht würdig zu hören ein Urteil, ein heiliges über die Engel der Engel der reinsten Himmel!
HG|2|23|16|0|O welch eine Glorie, und was für ein Glanz! O Du ewige Milde, Du Demut, Du Treue, Du Liebe der Liebe, Du heilige, – was schaffst Du aus Dir doch für Wesen, für herrliche Kinder?!
HG|2|23|17|0|Verstumme, du läppische Zunge, du finstere, du kalte; denn heilig, zu heilig ist Der, vor dem schales Geschwätz du entbindest, als möchtest oder könntest du im Ernst was Weises bezeichnen. Drum schweige nur, schweige, du schmutziges Werkzeug des Unsinns, der Narrheit, der größten Torheit!
HG|2|23|18|0|O heiliger Vater, vergebe, vergebe uns blinden, uns elenden Toren, Dein heiliger Wille geschehe, Dein Amen, Dein Amen, Dein Amen!“
HG|2|23|19|0|Und der Abedam ließ wieder verhüllen den beiden das Antlitz vor den Vätern und sagte zu ihnen: „Ihr seid Mir beide gleich teuer, und es ist keine minder denn die andere und keine mehr denn die andere; daher bleibt auch also, wie ihr nun seid, so werdet ihr Mir auch stets also nahe sein, wie ihr Mir jetzt seid! Amen.“
HG|2|23|20|0|Nach diesen Worten setzte sie der Abedam wieder übersanft auf die Erde. Die beiden aber ließen sich sogleich zu den Füßen Abedams nieder und fingen an, einstimmigen Herzens den Abedam mit folgenden kurzen, inneren Worten, welche sie nicht auszusprechen vermochten, zu danken, zu loben und zu preisen:
HG|2|23|21|0|„Heiliger, liebevollster Vater, voll der höchsten Milde, Sanftmut, Geduld und Erbarmung, wie sind wir, wie können wir solcher Gnaden von Dir aus, Du überheiliger Vater, denn würdig sein?!
HG|2|23|22|0|Du würdigst uns freilich; aber sind wir dieser Würdigung würdig?!
HG|2|23|23|0|Die erhabenen Väter sind unsertwegen zuschanden geworden vor Dir und vor allen Kindern; wir haben und tragen allein die Schuld auf unseren Angesichtern, darum Deine heilige Gnade uns wahrscheinlich schöner gestaltet hat als vielleicht irgendein anderes, uns gleich schwächliches Weib!
HG|2|23|24|0|Doch Dir, o Du überheiliger, allerbester, allerweisester, liebevollster Vater, sei ewiger Dank und alle unsere Liebe, Lob und Preis für alles, wie und warum Du uns also gestaltet hast; denn jegliche Gabe von Dir ist ja allzeit eine höchst weise und übergute Gabe!
HG|2|23|25|0|Nur dauert uns hier der erhabenen Väter, darum sie unsertwegen hier also auf der Erde nun schmachten, trauern – und gar weinen!
HG|2|23|26|0|O Du liebster, Du von uns aus allein allergeliebtester Vater, erbarme Dich ihrer und stärke sie wieder mit Deiner allein über alles heiligen Liebe, und vergebe aber auch uns, so wir doch sicher schuld daran sind, darum es den erhabenen Vätern nun also kläglich vor Dir geht! Dein heiliger Wille geschehe jetzt, wie in alle Ewigkeit der Ewigkeiten!“
HG|2|23|27|0|Und der Abedam sagte zu ihnen: „Meine lieben Töchterchen, sorgt euch nicht ohne Not! Seht, die vor Mir sich also gerechtermaßen demütigen, denen geht es durchaus nicht also kläglich, wie ihr es meint, sondern gerade im Gegenteil nur; denn näher ist Mir niemand und Ich nie jemandem näher irgendwann als gerade im Zustand seiner größten Demütigung vor Mir. Solches ist aber nun auch der Fall bei diesen Vätern, die ihr in euren zartesten Herzen bedauert vor Mir und euch selbst beschuldigt ohne Not und die allergeringste Schuld.
HG|2|23|28|0|Oder möchtet ihr wohl glauben, dass der auch einer Sünde fähig ist trotz seines freiesten Willens, den Ich auf Meinen Armen trage?
HG|2|23|29|0|O seid darum nur frohen und heiteren Mutes; denn solches habe Ich schon von Ewigkeit her vorgesehen! Darum habt ihr keine Schuld; geht aber hin zu den Vätern und heißt sie von Mir aus erstehen! Amen.“
HG|2|23|30|0|Und die beiden sprangen alsbald hin zu den Vätern und richteten an sie des Herrn Willen.
HG|2|23|31|0|Und alsbald erhoben sich die Väter und priesen und lobten Gott mit lauter Stimme.
HG|2|23|32|0|Der Abedam aber beschied zuerst die beiden zu den Ihrigen zurück und fragte darauf den Kenan:
HG|2|23|33|0|„Nun, – welcher erkennst du nun den Preis zu?“
HG|2|23|34|0|Der Kenan aber legte die Hand auf seinen Mund.
HG|2|23|35|0|Und der Abedam sagte zu ihm: „So du quitt bist mit deinem Urteil, so bin es auch Ich; denn aus zwei Liebsten wird wohl keine die liebere sein!
HG|2|23|36|0|Doch aber ist ein Unterschied zwischen ihnen; aber die Erde hat kein Auge für derlei Unterschiede!
HG|2|23|37|0|Und also kehrt wieder auf eure vorige Stätte zurück! Amen.“
HG|2|24|1|1|Henochs Furcht vor der Sabbatsrede. Der Herr kann nicht als Gott, sondern nur als Mensch geliebt werden
HG|2|24|1|1|Am 3. Februar 1842
HG|2|24|1|0|Nachdem somit die etwas zu viel Neugierigen zufriedengestellt wurden und auch die Ghemala sich wieder befand an der Seite Lamechs, wie die Purista in der Mitte ihrer vor großer Freude zitternden Alten, da berief der hohe Abedam alsbald den Henoch zu Sich und sagte zu ihm:
HG|2|24|2|0|„Höre, du, Mein geliebter, frommster Henoch! Ich sehe eine Furcht in deinem Herzen, und ein dich ängstigender Schatten steigt schon längere Zeit um dein ewig unsterbliches Herz herum, gleichwie da bekriecht eine lose, brutzeitige Fliege einen gesunden, frischen Apfel am Baum und untersucht mit ihrem Stechrüssel, da es ihr gelingen dürfte, die Schale der gesunden Frucht zu durchbohren, um einen argen Abkömmling ihres losen Geschlechtes in das Fleisch der Frucht zu schieben, damit er da zernage und möglichst zerstöre das Leben der Frucht.
HG|2|24|3|0|Siehe, zu was nütze sonach eine solche Frucht? Zu welchem Ende dem freien Herzen eine Angst?
HG|2|24|4|0|Du sollst von Mir eine Rede halten dem Volk als ein wahrer Hoherpriester Meiner Liebe, Erbarmung und Gnade.
HG|2|24|5|0|Siehe, solches war ja schon lange eher der fromme Wunsch Adams, als Ich Selbst wesentlich noch zu euch kam!
HG|2|24|6|0|Ich habe dich nun, wie vorher, lebendig bestätigt und habe dir gestern und heute davon gesagt, darum du ja keine Sorge tragen sollst, was du reden sollst, was du reden möchtest; denn Ich werde es dir im Augenblick des Bedarfes treu geben, was du reden sollst, von Wort zu Wort. Und siehe, dessen ungeachtet fürchtest du dich!
HG|2|24|7|0|Siehst du aber nicht ein, wie läppisch eine solche Furcht ist? Mich kannst du ja doch unmöglich mehr fürchten; denn du weißt es ja und hast es vorher aus Mir allzeit gewusst, dass Ich die allerhöchste Liebe Selbst bin.
HG|2|24|8|0|Nun weißt du aber auch, dass Ich vom Grunde des Grundes aus demütig, überaus sanftmütig, milde, langmütig und überaus geduldig bin!
HG|2|24|9|0|Was fürchtest du dann? Etwa deine Väter, deine Brüder oder deine Kinder? Siehe, das ist eitel von dir! Du lässt dich heimlich bedünken und sprichst bei dir: ‚Wie werde ich bestehen, so ich etwa doch noch werde müssen die bedungene Volkssabbatsrede halten, und höre, das noch dazu in der allerknappsten Gegenwart des Herrn der Ewigkeit und allmächtigsten Schöpfers der Unendlichkeit, – in der allerleuchtendsten Gegenwart der allerhöchsten Weisheit des heiligsten, liebe-, gnade- und erbarmungsvollsten Vaters?!
HG|2|24|10|0|Wie wird sich mein armseliges Wort nun ausnehmen nach den heiligsten, allerwesenhaftesten, lebendigsten Worten, welche alle nun schon aus dem allerheiligsten Munde gleich einem endlosen Lichtstrom zu uns armseligsten Würmchen im Staube des Staubes geflossen sind!?‘
HG|2|24|11|0|Siehe, sind nicht das deine eigenen Träumereien? Wozu aber taugen sie? Etwa zum Leben? Siehe und verstehe, um das Leben hast du dich doch sicher nicht mehr zu kümmern! Glaubst du etwa, solches sei Mir angenehm, so du schweigst und Ich rede an deiner statt?
HG|2|24|12|0|Ich sage dir aber, solche Demut behagt Mir nicht, so du vor Mir mutlos wirst und fürchtest dich vor Meinen Ohren und hast Angst vor Meinen Augen.
HG|2|24|13|0|Wohl aber habe Ich das größte Wohlgefallen an einem solchen Benehmen, das vollends gleicht der Verhaltungsweise der kleinen Kindlein, die da keine Angst und Furcht vor ihren Eltern haben, sondern sind allzeit voll guten Mutes und reden und schreien vor ihren Eltern darauf los, als wären sie die Herren im Hause; wenn es sie aber hungert und dürstet, da laufen sie doch in aller kindlichen Liebe und Ergebung zu den Eltern und bitten sie ums Brot, und so sie das Brot empfangen aus den Händen der Eltern, danken sie den Eltern mehr durch den frohen, heiteren Genuss desselben als durch eine zu übertriebene Ehrfurcht und Angst vor ihnen und daneben mit einem viele Amen langen, wenigsagenden Wortdanke!
HG|2|24|14|0|Oder ist es nicht jedem Vater lieber und jeder Mutter ums Unaussprechliche angenehmer, so die Kinderherzen vor ihnen fröhlichen und heiteren Mutes genießen die dargereichte Gabe und sehen dabei gesund aus und frisch wie die Blümchen nach einem erquickenden Regen, als so die armen Kinderchen vor lauter Furcht, Angst und unermesslicher Hochachtung zittern vor dem Angesichte ihrer Alten und, so ihnen diese auch liebevollst das Brot reichen, sie sich aber dennoch nicht getrauen, das Brot zu nehmen und noch weniger zu genießen aus lauter übertriebener Ehrfurcht vor den Eltern, und sehen dabei aus wie ein verwelktes Gras, das mit schwachen Wurzeln aus einer mageren Steinspalte hervorwuchs?!
HG|2|24|15|0|Siehe, ist solches nicht eine Torheit? Darin aber besteht die Regel der Liebe und aller Weisheit aus ihr: Für den Begrenzten muss alles in den gerechten Schranken gehalten werden; denn das Unbegrenzte ist für den Begrenzten der Tod.
HG|2|24|16|0|Du kannst Mich nicht lieben als Gott, sondern nur als Mensch; denn welche endliche Brust möchte wohl ertragen den unendlichen Gott, welche das endlose Feuer der göttlichen Liebe, welcher endlich geschaffene Geist die endlose Fülle der göttlichen Weisheit?!
HG|2|24|17|0|Welches Kindlein kann wohl seine Mutter, wie es die Mutter liebt, wieder lieben? Und könnte es das mit seiner geringen Kraft, was würde aber da wohl gar bald aus dem Kindlein werden?
HG|2|24|18|0|Und doch hätte da nur eine Beschränktheit mit der anderen zu tun; was soll aber erst daraus werden, wenn die Beschränktheit das Unendliche in jeder Hinsicht in sich aufnehmen möchte?
HG|2|24|19|0|Siehe, Henoch, darum ist eitel deine Furcht, und leer deine Angst! Wer Mich aus allen seinen ihm verliehenen Kräften liebt, der tut genug, denn er hat erfüllt das ihm zugeteilte Maß; dazu aber bedarf es weder der Furcht, noch der Angst.
HG|2|24|20|0|Ein Baum ist ein guter Baum, so er jährlich seine Äste füllt mit süßem Obst; welche Torheit aber wäre es, von diesem Baum zu verlangen, er solle die ganze Erde reichlichst mit seinen Früchten versehen!
HG|2|24|21|0|Daher sei du nur heiteren Mutes, und erfülle Meinen Willen, so werde Ich ganz vollkommen zufrieden mit dir sein.
HG|2|24|22|0|Trachte nicht, Mich endlos zufriedenstellen zu wollen, was selbst dem höchsten geschaffenen Geist unmöglich ist; sondern nach deinen Kräften endlich nur, damit das dir verliehene Maß voll werde. Für das Unendliche aber lasse nur Mich, deinen guten Vater, sorgen!
HG|2|24|23|0|Die bedungene Rede aber gehört mit in dein Maß; daher richte dich nur mutig auf, und öffne vor all den Anwesenden deinen Mund in Meinem Namen. Amen.“
HG|2|25|1|1|Die große Macht des demütig Kleinsten. Henochs Sabbatsrede
HG|2|25|1|1|Am 4. Februar 1842
HG|2|25|1|0|Nach dieser Rede Abedams besah sich der Henoch von innen und fand in sich bestätigt, was ihm der hohe Abedam bezeugt hatte.
HG|2|25|2|0|Er dachte aber weiter nach über die brutzeitige Fliege und über den gesunden Apfel und fragte darauf den Abedam:
HG|2|25|3|0|„Heiliger, liebevollster Vater, darf denn der Satan sich auch Deinem Heiligtum nahen gleich der losen Fliege dem gesunden Apfel?
HG|2|25|4|0|Siehe, wahrhaft, solches kommt mir seltsam vor, zu erfahren im Reich des Lebens und im Reich des Lichtes; – was hat da der Geist aller Finsternis zu schaffen?“
HG|2|25|5|0|Und der Abedam erwiderte ihm: „Henoch, was kümmert dich das, so Meine Liebe und Erbarmung größer ist, als dass du sie ewig je fassen und begreifen wirst können?
HG|2|25|6|0|So sich aber Meine Liebe und Erbarmung sogar bis zum endlos finstersten Geist erstrecken mag, wie magst du darum fragen, als könntest du in Meiner großen Nähe etwa zu kurz kommen?
HG|2|25|7|0|Siehe, die Sonne der Welt ist ein großes Licht und spendet ihre Strahlen, und zwar den größten Teil derselben, in die endlos fernsten Weltenräume! Sollen sich aber darum die Erde und ihre Nachbarn aufhalten, dass ihre lichte Mutter also verschwenderisch umgeht mit ihren Strahlen? Und könnten sie solches tun, würde sie da die lichte Mutter nicht alsbald fragen können:
HG|2|25|8|0|‚Kinder, was kümmert euch das; halte ich euch darum zu kurz, und hat von euch nicht ein jedes des Lichtes und der Wärme in gerechter, überflüssiger Menge?!‘
HG|2|25|9|0|Siehe, gerade also verhält es sich auch bei Mir! Darum kümmere dich nicht um Meine großen, unerforschlichen Wege, sondern bleibe unbesorgt auf den kleinen Meiner Liebe zu euch, und lasse unbesprochen die großen Reiche der Finsternis, so kannst du vollends versichert sein, der noch sehr starke Fürst des Todes wird mit dir und mit allen Brüdern deiner Liebe gar wenig zu tun und zu richten haben.
HG|2|25|10|0|Ich sage dir zwar, es würden für dich Ewigkeiten nicht auslangen, um zu erforschen die Größe seiner Macht und Stärke; aber dessen ungeachtet ist er ein endlich erschaffener Geist, und da alle seine Macht für ewig aufhört, fängt erst Meine unendliche an.
HG|2|25|11|0|Darum sei unbesorgt; denn so du in Meinen Händen bist, ist doch schon dein leisester Hauch mächtiger denn alle Stärke, Macht und Gewalt des Satans.
HG|2|25|12|0|Er ist gleich einem hungrigen, brüllenden Löwen, dem es an der Nahrung gebricht. Wehe dem Tier, das ihm unterkommt, oder das seine schärfste Nase irgend aufgewittert hat; Ich sage dir, es möchte sogar dem Mamelhud schlecht ergehen bei diesem Kampf!
HG|2|25|13|0|Aber so der Löwe auch ergrimmt hungrig brüllt, so beachtet er aber doch die nicht selten vielen Fliegen nicht, die um seine Ohren summen!
HG|2|25|14|0|Siehe, darin liegt die große Macht des demütigst Kleinen. Eine Fliege wird oft einer ganzen Herde von Löwen zur Last, während eben diese Löwenherde der Fliege etwas ganz Unkümmerliches ist.
HG|2|25|15|0|Du aber bist lange schon eine Mücke der Demut geworden; daher lasse den Löwen sein, dass er dir unschädlich ist, und mache dich sonach ganz unbekümmert an dein frommes Werk! Amen.“
HG|2|25|16|0|Und der Henoch dankte dem hohen Abedam für diese große Befreiung und Stärkung im Herzen auf das Inbrünstigste und sprach endlich: „Amen, dein heiliger Wille geschehe!
HG|2|25|17|0|Und so vernehmt denn, alle ihr Väter, Brüder und Kinder, die ihr schon habt ein geöffnetes Ohr:
HG|2|25|18|0|Wir sind hier in der Mitte des Tages des Herrn versammelt in der allerhöchsten Gegenwart des allerhöchsten, allerheiligsten, liebevollsten Vaters, welcher da ist Gott, Gott der Gewaltige, der Starke, der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde.
HG|2|25|19|0|Was sollen wir tun, um diese unendliche Gnade, welcher die ganze Erde unwürdig ist, wenigstens im Anbetracht unserer Beschränktheit soviel als möglich zu würdigen?
HG|2|25|20|0|So wir uns gegenseitig einen Dienst erweisen, da kann der Bediente dem, der ihm einen guten Dienst verrichtet hatte, einen bevorteilten Dienst entgegen erweisen.
HG|2|25|21|0|Hat mich jemand hundert Schritte geführt, so führe ich ihn dafür zweihundert Schritte weiter – hundert Schritte, darum er mit mir den Weg gemacht hatte, und hundert Schritte, darum er mich geführt hatte –, und wir sind dann quitt, und niemand ist dem Bruder für einen erwiesenen Dienst mehr als höchstens den dreifachen Gegendienst schuldig. Will er mehr tun, so steht solches in seiner freien guten Willkür; aber dann ist ihm auch der Bruder zu einem Gegenschuldner geworden.
HG|2|25|22|0|Wer mir ein Stück Brot gibt, dem gebe ich drei Stücke zurück: ein Stück für das Stück, ein Stück für seinen guten Willen und ein Stück für die Mühe seiner Hand; sagt, kann er da mehr von mir verlangen?
HG|2|25|23|0|Ja, wie ich gesagt habe, ein Leichtes ist, zu erwidern tausendfach – wenn es darauf ankäme –, nicht nur zwei- oder dreifach, des Bruders Dienst, des Bruders Wohltat, selbst wenn mir jemand mein Leben gerettet hätte, da er mich behände von einer Felsenwand losrisse, da sie sich schon zu rühren anfinge, um im nächsten Augenblick zusammenzustürzen über meinem Haupt, da ich erschlagen würde und zermalmt unter der großen Last der Felsentrümmer; ich kann ja doch noch sterben für ihn und ihn auf meinen Händen tragen mein Leben lang!
HG|2|25|24|0|Aber was können wir denn hier tun? Was unserem Vater, unserem Schöpfer, Ihm, dem heiligen Geber aller guten Gaben, Ihm, der zuerst uns selbst uns gegeben hat, der uns die herrliche große Erde gab wie zu eigen für diese Zeit, – die Sonne, dies herrliche, wohltätige Licht, – die Sterne als zahllose Leuchten der Nacht und so den Mond! Und wer könnte die Schätze alle zählen, die Er uns gab?!
HG|2|25|25|0|Zu allem dem aber kam Er nun auch Selbst zu uns, um uns alle noch mit unendlicheren Schätzen des ewigen Lebens für ewig zu bereichern!
HG|2|25|26|0|Zu bereichern durch Seine Liebe, Erbarmung und Gnade, zu bereichern durch Sein lebendiges Wort, und mehr noch uns zu bereichern durch die unaussprechlichsten Verheißungen!
HG|2|25|27|0|Hört, hört ihr Väter, Brüder und ihr Kinder alle! Was können wir denn diesem Wohltäter dafür tun? Was Ihm geben, das wir nicht zahllosfältig früher von Ihm empfangen hätten?!
HG|2|25|28|1|Am 5. Februar 1842
HG|2|25|28|0|O Väter, Brüder und Kinder, das ist wahrhaft eine der allergrößten und allerwichtigsten Fragen, – ja, das ist eine Frage und ein also endlos zu beantwortender Sinn in ihr, dass dazu wohl die ganze Ewigkeit zu kurz sein dürfte, um nur einen geringsten Teil dieser Frage aller Fragen zu beantworten!
HG|2|25|29|0|So jemand fragen möchte: ‚Wie viel Sandkörner groß ist die Erde, und wie viel Tautröpfchen enthält das ganze, fast endlos große Meer, und endlich, wie viele Sternsonnen brennen in der ganzen weiten Unendlichkeit?‘, – seht, diese Fragen, so endlos groß sie auch zu klingen scheinen, möchte wohl schon ein nur einigermaßen tiefsinniger Cherub vielleicht zur Genüge beantworten! Ja, er möchte uns höchstwahrscheinlich den Sand der Erde auf eine Art vorzählen, dass uns allen dabei das Hören und Sehen verginge, und möchte uns die Tautröpfchen des Meeres auf eine Art vorführen, dass wir gar bald gerne alle ausrufen würden: ‚Verschone uns mit deiner großen Antwort; denn wir haben schon mit einem Tröpfchen in die große Genüge!‘
HG|2|25|30|0|Und also auch würde er höchstwahrscheinlich nicht ermangeln, uns die Zahl der Sternsonnen auf eine Art zu künden, dass darüber die ganze Erde also erbeben möchte, als wenn ihr unser überheiligster Abedam – wenn auch ganz leise – ankündigen möchte: ‚Höre, du Treulose! Morgen will Ich dich waschen im Feuer Meines Grimmes!‘
HG|2|25|31|0|O Väter, Brüder und Kinder, groß zwar, ja unerträglich groß wären diese Antworten, – aber doch nicht unmöglich zu geben, wennschon für uns Würmer im Staub ungenießbar!
HG|2|25|32|0|Sagt und urteilt aber dagegen, welcher allergrößte und allerweiseste der Urerzengel möchte sich denn an die gültige, ja – vor Gott gültige Beantwortung der in dieser meiner Rede vorliegenden allerhöchsten Hauptfrage wagen?
HG|2|25|33|0|Seht, das ist jener erhabenste Grund, ja – in dieser Frage liegt er, über welchen die ganze Ewigkeit und die ganze Unendlichkeit ein ununterbrochenes allerehrfurchtsvollstes Stillschweigen beobachtet!
HG|2|25|34|0|Ja, – hier schweigt der hohe, erhabene Engel und sinkt zerknirscht hin vor Dem, der ihn für ewig erschuf; denn auch ihm bleibt nichts anderes zu tun übrig, als nur aus allen Kräften zu lieben und anzubeten den überheiligen Vater, der ihn schon Ewigkeiten lang vorher geliebt hatte, ehe er noch wesenhaft ward!
HG|2|25|35|0|Und alle die noch von keinem geschaffenen Engelsgeist gezählten Sonnen mit allen ihren großen Feuerbewohnern, was tun sie denn, oder was können sie tun? Hört! Unmöglich etwas anderes, als was der größte Urerzengel tut, – sie erfüllen in ihrer erhabenen ehrfurchtsvollsten Stille den heiligen Willen des großen überguten Vaters; und das ist alles, was sie zu tun vermögen. Ihr großes Lob kündet jede Sonne noch den endlos fernen Schöpfungen, und also verkünden sie sich gegenseitig stille durch ihre weiten Strahlen, dass nur ein Gott es ist und dieser Gott ein und derselbe heilige, liebevollste Vater, der sie liebend schuf für Liebe, um zu lieben die fernen dunklen Räume auch und sie zu beleben mit der Liebe des heiligen Vaters.
HG|2|25|36|0|O Väter, Brüder und Kinder, glaubt es mir, es ist die ganze Erde voll der Liebe des heiligen Vaters; denn wäre sie es nicht, wahrlich, wir hätten keinen Grund, darauf wir unsere Füße stellen möchten, und lange schon hätte selbst unsere Leiber der schreckliche Abgrund der ewigen Unendlichkeit verschlungen!
HG|2|25|37|0|Seht also die lieberfüllte Erde, seht die Sonnen, die da sind voll der mächtigen Liebe des heiligen Vaters, darum sie tragen in weitgedehnten Kreisen ihre Erden, wie diese uns, und den steten Säugling, den ernstlieblichen Lehrer der Zeiten, den nächtlich uns leuchtenden Mond!
HG|2|25|38|0|Was ist die belebende Wärme der Sonne denn anderes als Liebe?! Ja, Liebe des heiligen Vaters, in ihr ist sie! Und ihr Licht, ihr herrliches Licht! Was ist es denn sonst – als nur der so hehr scheinende Flammenglanz der heiligen Liebe des überguten, überheiligen Vaters in ihr?!
HG|2|25|39|0|O Väter, Brüder und Kinder, betrachtet, betrachtet doch nur ein wenig die große Schöpfung um uns her; sie ist überall voll Liebe! Ja, ich sage mit dem allertüchtigsten Grunde alles Lebens, was ihr nur immer ansehen mögt – Kleines oder Großes, Nahes oder Fernes –, es strotzt alles zum Aufspringen vor Liebe des heiligen Vaters.
HG|2|25|40|0|Alles, alles lobt, liebt und betet Ihn unablässig an. Keines fragt wie wir: ‚Was sollen wir tun? Wo sollen wir anfangen und wo enden das große Lob des heiligen Vaters?‘, sondern in stiller, innerer Wonne erfüllen sie den Willen des heiligen Vaters, und ferner Welten weite Räume sind noch reichlich zeugend erfüllt von dem so mild, herrlich stillen Wirken einer ehrfurchtsvoll still liebend ergebenen Sonne und anderer lieberfüllter Dinge!
HG|2|25|41|0|Nur wir Kinder, – hört! – wir Kinder eben dieses heiligen Vaters, wir lebendigen Kinder können noch – im wesenhaften Angesichte des Vaters fragen: ‚Was sollen wir tun?‘ Eine Frage, die kein Engel ewig je beantworten wird!
HG|2|25|42|0|Und doch fragen wir in der Mitte der Wunder der Liebe, darum sie zerspringen möchten vor lauter Liebe: ‚Was sollen denn wir tun?‘
HG|2|25|43|0|Nichts, – nichts können wir tun, als nur zu lieben Ihn aus allen den von Ihm uns gegebenen Kräften und dankbar fröhlich genießen jegliche Gabe der ewigen Liebe aus Ihm!
HG|2|25|44|1|Am 7. Februar 1842
HG|2|25|44|0|Sonach, geliebteste Väter, Brüder und Kinder, da uns allen diese Frage ganz vollends unmöglich zu beantworten ist und alle unsere größtmöglichsten Gedanken zu klein sich verhalten zu der Größe unserer Schuld vor und zum allerheiligsten Vater, bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Herzen soviel als nur immer möglich zu erweitern, um diesen unseren überguten, überliebevollsten, überheiligsten Vater zu lieben über alles und, wenn unsere Liebe den allerhöchsten Brennpunkt erklimmen wird, vor Ihm im Staube unserer vollsten Nichtigkeit niederzufallen, vor Ihm uns zu demütigen bis auf das letzte Atom unseres Seins und Ihn dann in dieser unserer völligsten Zerknirschung mit nahe stummer Zunge im Geiste der reinsten Liebe und aller Wahrheit aus ihr anzubeten!
HG|2|25|45|0|Nicht Brandopfer, nicht das Blut der Tiere, nicht der Rauch von den verbrannten Weizen- und Kornähren, sondern allein die im Geiste und in der Wahrheit reinen Vollbrandopfer unserer Herzen sind es, daran der überheilige Vater ein Wohlgefallen hat.
HG|2|25|46|0|Darum wollen wir Ihm auch da, wo es Ihm am allermeisten wohlgefällt, nicht tote, sondern lebendige Opferaltäre errichten, auf welchen gleich wie in der neuen Hütte der herrlichsten Purista die reine Flamme unserer Liebe nimmerdar erlöschen soll, sondern nur stets gewaltiger und gewaltiger auflodern zur alleinigen Ehre Dessen, der nun überheilig unter uns weilt!
HG|2|25|47|0|Ein jeder tue nach seinen Kräften und nach seinem Vermögen; denn wie es nicht gibt Blumen einer und derselben Art, sondern ihre Geschlechter ins also Endlose gehen, dass der Erde letzte Bewohner nicht einmal alle kennen werden, und es also auch gibt des Grases, der Bäume, der Tiere und also auch der Sterne am Himmel, – also gibt es auch nach der allerhöchstweisesten Ordnung Jehovas, unseres allerheiligsten Vaters, in jedem anderen Menschen undenkbar verschiedene Grade von geistigen Kräften aller guten Arten und also auch verschiedene Vermögen der Seele im Menschen.
HG|2|25|48|0|So jemand da hat ein starkes Herz, der sei auch stark in der Liebe, auf dass durch die Liebe auch alle seine anderen Kräfte zum Leben gestärkt werden!
HG|2|25|49|0|Wer da hat ein starkes Gesicht, der leite die Brennpunkte seiner Sehe in sein Herz, auf dass dadurch sein Dankopfer in ihm die lebendige Flamme fange, vollauf erbrenne und also sein Geist lebendig erstarke in der wahren Liebe zu Gott, der da ist unser liebevollster, überheiliger Vater nun unter uns allen, sichtbar uns allen!
HG|2|25|50|0|Wer da hat ein starkes Gehör, der kann seine Schalltrichter hinwenden zu den Ohren seines Herzens, damit dadurch alles vernommene Getöne sich eine im Herzen zu einem wahren, kräftigen, dem Vater wohlgefälligen Lobgesang vor dem lebendigen Opferaltar der Liebe und alles wahren Lebens aus ihr in uns!
HG|2|25|51|0|Wer da ist gar stark in seinen Gedanken über allerlei Dinge, der leite alle diese seine Gedanken zurück ins Herz; ja, in die Tiefe seines Herzens versenke er alle seine Gedanken, allda der lebendige Opferaltar der reinen Liebe aufgerichtet ist, lege sie da auf diesen geheiligten Altar und entzünde sie alle da mit der sonst vielleicht schwächeren Flamme seiner Liebe, damit dadurch lebhafter und lebhafter diese Flamme werde und Gott wohlgefälliger und er desto lebendiger durch und durch!
HG|2|25|52|0|Wer da stark ist im Empfinden, der auch leite diese reiche Ölquelle hin auf den Altar der reinen Liebe im Herzen, damit die Flamme eine beständige Nahrung habe zur allerschuldigsten Verherrlichung des größten und allerheiligsten Namens Jehova in uns!
HG|2|25|53|0|Wer da ist stark in Wahrnehmungen aller Art, diese Wahrnehmungen sind das frische Holz, das da jeder Hungrige und Durstige nach der Kost des Lebens zur Hütte der Purista als eine Mitopferung bringen soll.
HG|2|25|54|0|Dieses Holz also legt reichlich auf den Altar des lebendigen Heiligtums in uns, damit dadurch die Flammen reicher und reicher werden zum wahren Preis und Lob Dessen, dem es also wohlgefiel, Sich in unserem Herzen eine heilige, lebendige Wohnung zu errichten!
HG|2|25|55|0|Wer da stark ist in der Nächstenliebe, der führe seine Brüder und Schwestern in diese reine Hütte des Herrn, und versehe sie da reichlichst mit der Kost des Lebens! Wahrlich, das ist dem liebevollsten, heiligsten Vater der allerangenehmste Lobgesang, so sich ärmere Brüder und Schwestern reichlich an der Zahl in unserem Herzen an der heiligen Flamme der reinen Liebe in uns wärmen und zehren mit dankbarem Gemüt voll Freuden von der gastlichen Küche der herrlichen Purista in uns!
HG|2|25|56|0|O Väter, Brüder und Kinder, wahrlich, wahrlich, wahrlich, wir können nichts Größeres und dem heiligen Vater nichts Wohlgefälligeres tun, als so wir mit großer Liebe, Dienstfertigkeit und aller Freigebigkeit unsere ärmeren Brüder und Schwestern, wenn sie selbst aus der Tiefe zu uns kämen, mit großer Freudigkeit und Freigebigkeit aufnehmen und ihnen den bei weitem größeren Topf, als der für uns bestimmte es ist, aufsetzen und sie früher sättigen und tränken denn uns selbst!
HG|2|25|57|0|Überaus wohlgemerkt: ja früher – denn uns selbst! Denn sonst wird sich der hohe, heilige Gast, der nun auch in uns allen die heilige Küche der Purista errichtet hat, wohl schwerlich je einfinden, da Speise der Liebe nehmen und uns segnen mit dem ewigen Leben!
HG|2|25|58|1|Am 8. Februar 1842
HG|2|25|58|0|Väter, Brüder und Kinder, in was immer alsonach sich sicher jemand stark fühlt, der denke und glaube es lebendig, dass da jegliche Stärke in uns ist eine Gnadengabe des überheiligen Vaters!
HG|2|25|59|0|Was wäre demnach ein Mensch, der da hätte irgendeine Stärke und möchte dieselbe also benützen, als wäre sie pur sein eigen?
HG|2|25|60|0|Ich sage euch, eine größere Eigenliebe könnte es gar nicht geben!
HG|2|25|61|0|Denn so sich jemand da irgendein Werk seines Bruders zueignen möchte, der wäre doch sicher auch voll der Eigenliebe; aber da hätte er es doch nur mit seinem Bruder zu tun und wäre ein arger Dieb gegen seinen Bruder.
HG|2|25|62|0|Bei der Zueignung einer Gabe Jehovas aber hat er es mit Gott zu tun, der da ist unser aller liebevollster, heiligster Vater, und dem allein alle Dinge, wie alle Mächte und Kräfte und Gewalten vollends zu eigen sind.
HG|2|25|63|0|Seht und hört und versteht es, da wird ein solcher Eigenliebler ein Dieb gegen Gott, – welches da ist der Eigenliebe höchster Grad!
HG|2|25|64|0|Wahrlich, in diesem Falle hört der Mensch auf, ein Kind des heiligsten Vaters zu sein, so zwar, dass er sich dadurch selbst dem Gericht überliefert und wird bloß ein Geschöpf nur, und bessert er sich nicht, ein Kind der Schlange sogar, ein Kind des Todes, und also auch ein Kind des Zorns und Grimms, ein Kind der Hölle, die da ist ein ewiges Grab voll des Fluches, voll der Verdammnis und voll des Zorngrimmfeuers aller ewigen Verworfenheit!
HG|2|25|65|0|Daher – wie es schon gesagt wurde, liebe Väter, Brüder und Kinder, wer da von euch was immer für eine überwiegend fühlbare Stärke hat, der betrachte sie ja nicht als irgendein Eigentum, sondern als ein immerwährend neues Geschenk vom heiligen Vater, und gehe mit diesem alsbald in die Hütte der Purista im eigenen Herzen, lege diese heilige Gabe auf den Opferaltar im eigenen Heiligtum, trage dann selbst frisches Holz der wahren inneren Demut zu diesem heiligen Herd, lege es auf die vielleicht schon matte Flamme der reinen Liebe, damit diese wieder hell auflodere und die geopferte Gabe ergreife und sie verzehre zum alleinigen Lob, Ruhm und Preis Dessen, der da ist der alleinige heilige Geber aller solcher guten Gaben und da heißt Jehova, Gott von Ewigkeit, unendlich und über alles heilig und allmächtig, unser überheiliger Vater, voll der höchsten Liebe, Gnade und aller Erbarmung!
HG|2|25|66|0|Denn nur Ihm allein gebührt alle Liebe, alles Lob, alle Ehre, aller Ruhm, aller Preis und alle Anbetung.
HG|2|25|67|0|Was aber ist die wahre, reine Liebe in uns zu Gott? Sie ist die innigste Vereinigung unseres gesamten Lebens mit dem Leben alles Lebens in Gott, aus welchem Leben alles Leben, alles Sein und alle Dinge hervorgegangen sind!
HG|2|25|68|0|‚Gott allein lieben‘ heißt demnach nichts anderes, als in Gott Selbst ein neues, ewig unsterbliches, unvergängliches Leben beginnen, und zwar dadurch, dass wir alle unsere Kräfte als lauter Gaben des heiligsten Vaters auf den Altar in unserer eigenen von Gott errichteten Speisehütte des Geistes legen, dann hernach das heilige Flämmchen mit dem frischen Holz unserer Demut unterstützen, auf dass da ein Vollbrand wird, der alsonach alle unsere geopferten Kräfte ergreift, sie verzehrt und uns weltlichermaßen vernichtet.
HG|2|25|69|0|Aber eben aus dieser Verrichtung geht erst dann ein neues Leben hervor, ja ein Leben in Gott, unser aller liebevollstem heiligem Vater!
HG|2|25|70|0|Das ist der verordnete größte Speisetopf in der heiligen Hütte der herrlichen Purista. So darin die Früchte vollends weich gekocht werden, wird der hohe heilige Gast dann auch kommen und wird daselbst am heiligen Kindertisch mit Seinen Kindern eine neue Mahlzeit halten, eine Mahlzeit der ewigen Liebe, Gnade und Erbarmung, ja eine Mahlzeit zum ewigen Leben!
HG|2|25|71|0|Sehet, so wir solches tun, so ist das ein rechtes Lob, eine rechte Ehre, ein wahrer Ruhm, ein für uns höchster Preis und in unserer endlichen Vernichtung im heiligen Feuer der reinen Liebe in uns die alleinig wahre Anbetung, da wir da wahrhaft im Staube unserer vollkommenen Nichtigkeit vor Gott darniederliegen und uns einen in und durch das uns verzehrende Feuer der Liebe am neuen Opferaltare in unseren Herzen mit Gott, mit unser aller liebevollstem, allerheiligstem Vater!
HG|2|25|72|0|Wahrlich, wahrlich, liebe Väter, Brüder und Kinder, so jemand nicht sich selbst ganz opfern wird auf diesem uns allen nun zur Genüge bekannten Altar in der Hütte der herrlichen Purista in uns und wird sich nicht verzehren lassen zu Staub, Rauch und Asche; wer sonach nicht diese wahre Feuerprobe wird bestehen wollen, der wird den sicheren Tod nicht aus sich bringen, und nie wird ihm eine Ghemela zum Lohn des ewigen Lebens werden!
HG|2|25|73|0|Wer da lebt und atmet und empfindet die endlose Wohltat des Lebens und fühlt die unaussprechliche Süßigkeit desselben, der bedenke wohl, dass dies irdische Leben nur ein Probeleben ist und ist in allem eine Gabe des heiligen Vaters.
HG|2|25|74|0|Wer es sich törichterweise wird aneignen wollen, wird es verlieren auf ewig, wer es aber in allem dem großen, heiligen Geber wieder also, wie es nun zur Genüge gezeigt wurde, wieder anheimstellen wird, sich selbst opfernd, der wird es behalten im reinsten Vollbestand für ewig, ewig, ewig in Gott, unser aller heiligstem, liebevollstem Vater!
HG|2|25|75|1|Am 9. Februar 1842
HG|2|25|75|0|Da wir aber nun alle vernommen haben, was da jedem von uns allen nottut vor Gott, so lassen wir es bei dem alleinigen Vernehmen nicht verbleiben, sondern machen das Vernommene durch Worte im eigenen Herzen stets vernehmbar, damit es von da übergehe in das Blut und vom Blut in alle Glieder unseres Wesens zur lebendigen Tat; denn so jemand das wahre, lebendige Wort aus Gott Selbst vernommen hat und ist ihm dadurch der Weg gezeigt worden, ja gezeigt der kürzeste und sicherste Weg, und er wandelt nicht sogleich vollkommen diesen Weg, der ist doch sicher ein allergrößter Tor, ein allerträgster Ochse und ein allerdümmster Esel darum, da ihn die Kraft des lebendigen Wortes ohnehin schon während des alleinigen Vernehmens gestärkt und wenigstens schon zur Hälfte lebendig erweckt hat, und er es dann überleicht hätte, durch seines eigenen freien Willens Tätigkeit sich vollends zu beleben.
HG|2|25|76|0|Also, nicht beim alleinigen Vernehmen lasst es bewendet sein, sondern zur Tat, zur lebendigen Tat trage ein jeder tief in seinem Herzen diese Worte, so wird er sein ein wahrhaft Weiser in der Ordnung Jehovas, darum ihm lieber sein wird ein lebendiges Haus von tausend im schönsten Kreis stehenden schlanksten Zedern denn ein totes von behauenen Tannen, die da zwar auch in die Erde gesteckt sind, aber da sie selbst tot sind, so verfaulen sie auch bald in der Erde, und weht dann irgendein Sturm über diese toten Häuser, da stürzen sie alsbald ein und ertöten ihre Einwohner.
HG|2|25|77|0|Das Haus aus den lebendigen Zedern ist ein sicheres Haus, indem wir allzeit den rechten Schutz finden darinnen.
HG|2|25|78|0|So wir aber den Samen legen in die Erde, damit wir aus ihm mit der ehestmöglichsten Zeit zu einem lebendigen Haus kommen möchten, und zwar in dem Kreis wir den Samen gelegt haben, in dem möchten wir auch schon unser lebendiges Haus erschauen, – müssen wir da aber trotz unserer großen Begierde zum lebendigen Haus nicht zur nötigen Geduld übergehen und unterdessen ruhig wohnen in den behauenen toten Hütten, bis das lebendige Haus vollends dicht und reif dasteht und wir es dann beziehen können?! Und haben wir es einmal bezogen, wie voll Freuden sind wir da darum, dass wir ein also festes lebendiges Haus nun haben, das uns wohl decken kann vor jeglichem Sturm!
HG|2|25|79|0|Aber wie oft läuft der Mensch durch mehrere Jahre mit dem Wasserschlauch um den Bäumchenkreis herum und begießt jegliches sorgsam, damit sie sich ja recht bald hoch über den Erdboden erheben sollen, und er die Stämme bald möchte mit den duftenden Zweigen des Myrten-, Lorbeer- und Balsampalmbaumes einzuflechten anfangen, und die Klüfte auszustopfen mit dem reichlichen Speick der Schafherdenhöhen, und mit wohlduftendem Moos, und also auch sonach vom Hauptmittelbaum ein wohlgeflochtenes Dach aus dem unzerstörbaren Goldstroh zu spannen bis zu den Seitenwandbäumen!
HG|2|25|80|0|Seht, solches nennen wir weise; ja, solches ist auch wahrhaft weise getan! Übertragen wir aber diese weise Handlungsweise auch auf uns selbst!
HG|2|25|81|0|Der allergesündeste Same ist nun im Übermaß ausgestreut. Des lebendigsten Wassers haben wir nun auch in der größten Menge. Der große, heilige, allmächtige Baumeister aller Dinge ist sichtbar unter uns. Wir sind alle erweckt. Wir sind in der heiligen Mitte des hellsten Tages. Die Herdealpen spenden schon überherrlich von den wohlduftendsten Kräutern reiche Wohlgerüche zu uns herab. Das Goldstroh ist allenthalben in großer Überfülle schön geraten vorhanden.
HG|2|25|82|0|Wie wenig alsonach geht uns noch ab, zum Besitz der lebendigen Häuser im Geiste zu gelangen; o denkt, denkt doch, wie sehr wenig!
HG|2|25|83|0|Und so denn ergreifen wir alle lebendigst tätig das lebendige, heilige Wort, das da ist ein Wort alles Lebens, aller Macht und aller Kraft unmittelbar aus Gott Selbst, und des Lamechs Lohn, die himmlische Ghemela oder die sich über alle Begriffe mild und sanft herablassende Liebe des überheiligen Vaters wird uns nicht entgehen! Ja sie ist schon bei uns, aber nur ergreifen müssen wir sie lebendigst, so werden wir das Ziel erreichen, das uns die endlose Güte und Liebe des überheiligen Vaters selbst vorgesteckt hat! Ein herrliches Ziel, ja ein überherrliches Ziel! Ein Ziel des allervollkommensten, ewigen Lebens!
HG|2|25|84|0|Wahrlich, wenn das nicht aller unserer geringen Anstrengungen würdigst ist, so soll bei aller meiner mir nun gediegenst inwohnenden Kraft, Macht und Gewalt aus Gott, – ja ihr zur sicheren Folge soll die ganze Schöpfung in ihr altes Nichts zurückkehren und wir als Kinder mit ihr!
HG|2|25|85|0|Einen Eid schwöre ich euch, ein großes Wahrzeichen gebe ich euch allen in der nun sichtbaren Gegenwart Jehovas, der da war, ist und ewig sein wird mein steter, mächtiger Zeuge, und sage nun, wie ich bisher jegliches Wort gesprochen habe, in Seinem Namen:
HG|2|25|86|0|Wahrlich, wahrlich, wahrlich, – die ganze sichtbare Schöpfung drückt zu Tode ein alter zwiefach harter Fall! Mit alter Sünde ist alle Welt befleckt; auf uns alle hat sich der Tod vererbt, einmal im Geiste, und einmal im Fleische.
HG|2|25|87|0|Kann Gott vermöge Seiner allerhöchsten Heiligkeit uns aber auch das Fleischleben nicht wiedergeben, so aber hat Er Sich doch in Seiner unendlichen Liebe unseres Geistes erbarmt und hat uns sonach im Geiste wieder zu Kindern Seiner Gnade, Erbarmung und endlosen Liebe aufgenommen, damit wir wieder des ewigen Lebens möchten teilhaftig werden.
HG|2|25|88|0|Väter, Brüder und Kinder, jetzt ist es vor uns, das Leben und der Weg zu Ihm: Liebe das Leben, Demut der Weg! Ergreifen wir es mutig und tun danach, so werden wir in dieser großen Nähe des großen Urhebers und Urborns alles Lebens sicher nicht in den Tod übergehen, sondern nur in das ewige Leben selbst, welches nun zu uns gekommen ist und sicher auch ewig bei und in uns verbleiben wird! Amen, Amen, Amen.“
HG|2|26|1|1|Anweisungen des Herrn an Henoch für die Sabbatsaufgaben und die Behandlung von Gefallenen
HG|2|26|1|1|Am 10. Februar 1842
HG|2|26|1|0|Nach der Beendung dieser Rede aus Mir begab sich der Henoch alsbald zu dem hohen Abedam und dankte Ihm aus der Tiefe seines Herzens wahrhaft der großen Sabbatsrede gemäß.
HG|2|26|2|0|Und der hohe Abedam sagte darauf zu ihm: „Nun hast du denn doch gesehen und dich lebendigst überzeugt, wie sehr eitel deine frühere Furcht war!
HG|2|26|3|0|Also, wie du jetzt rein aus Mir geredet hast, gerade also wirst du auch künftig in Meinem Namen reden zum Volk, das da sind deine Väter, Mütter, Brüder, Schwestern und Kinder jedes Geschlechtes.
HG|2|26|4|0|Siehe, solches ist dein Hauptgeschäft von nun an an jedem Sabbat! Und so Ich dir irgend zeigen werde, dass da jemand ist, der sich abgewendet hatte von Mir und hat sein Auge gerichtet hinaus zur Welt, da gehe aber an jedem Tag hin, rufe den Verirrten in Meinem Namen und stelle seine Füße wieder auf den rechten Weg der Reue, Demut und Liebe zu Mir.
HG|2|26|5|0|So sich aber derlei Fälle etwa mehren sollten, dass du nicht auslangen möchtest mit der Zeit, da erwähle du in Meinem Namen einen Tauglichen aus deiner Schule, und sende ihn gehörig ausgerüstet hin, und sei dabei unbesorgt; denn Ich werde so gut mit ihm sein wie mit dir!
HG|2|26|6|0|Über den du in Meinem Namen deine Hände legen wirst, den auch will Ich alsbald erfüllen mit Meinem Geist, und er wird wahrsagen dir gleich und wird erbrennen im Eifer der Liebe zu Mir, darum sich alles Gras, alles Gesträuch, alle Bäume, Berge, Wässer, Winde, Luft, Feuer, Erde und alles Getier beugen wird vor ihm wie vor dir nun als Oberpriester selbst.
HG|2|26|7|0|Wer da alsbald umkehren wird, dem soll Meine Gnade, Liebe und Erbarmung mehr als auf dem halben Weg entgegenkommen.
HG|2|26|8|0|Wer aber da verstopfen wird sein Herz und Ohr und verschließen sein Auge vor euch, über den schwinge sieben Male Meine Zuchtrute in deiner Hand!
HG|2|26|9|0|Kehrt er aber da noch nicht um, da treibe ihn hinaus von der Gemeinde; und so er heulend und wehklagend wieder zurückkehren möchte voll Reue im Herzen, da sehe ihn an, ergreife seine Hand, erhebe ihn zu dir, führe ihn hierher, errichte ein Gastmahl, und lade viele dazu ein, auf dass da unter euch in Meiner Vaterliebe eine große Freude sei, darum ein Verlorener wieder also sich gefunden hat und ist zurückgekehrt zu seinem Vater in seinem Herzen.
HG|2|26|10|0|Wahrlich, sage Ich dir, so ein Tiefgefallener wieder vollends zurückkehrt, da sollt ihr mehr Freude haben über ihn als über neunundneunzig Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen!
HG|2|26|11|0|Denn so jemand lebendig ist und bleibt lebendig, das ist nichts mehr als billig; wer da im Licht ist, dem ist eine Irrung wohl nicht leicht möglich.
HG|2|26|12|0|Der Schwachen Los aber ist ja, nur Geringes zu tragen auf wohlerleuchteten Wegen.
HG|2|26|13|0|So Ich aber einem Starken eine größere Last zu tragen gebe in der Nacht, er verfehlt aber den Weg und hört nicht euren Ruf, und so er lange irrt und gelangt an kein Ziel, außer dass er gewahrt die Nähe des Unterganges und des Todes, und dann doch von selbst zurückkehrt den beschwerlichen Weg und gelangt weinend zu euch, und ihr habt dadurch nun wieder einen für ewig verlorengeglaubten und tief betrauerten Bruder gefunden, wie Ich einen verlorenen Sohn, – sagt, ist das nicht mehr denn neunundneunzig, die da ihre Füße freilich wohl gerechterweise niemals über die Türschwelle ihres Hauses gesetzt haben?
HG|2|26|14|0|Darum soll groß sein eure Freude über einen, der verloren war, ja der tot war, und ist wieder lebendig geworden.
HG|2|26|15|0|Der Gerechte hat nicht Ursache zu weinen, darum ihn nur eine leichte Bürde drückt; wer aber eine große Bürde hat auf seinem Nacken und fällt mit der Bürde und weint dann unter der Bürde, wer möchte da wohl ein also steinernes Herz haben und nicht betrauern den hart Gefallenen und alles aufbieten, um ihm wieder aufzuhelfen, so es nur möglich wäre?!
HG|2|26|16|0|Und kann er das nicht und muss zu seinem größten Leidwesen den gefallenen Bruder unter der Last verschmachten sehen, wie wird es ihm sein ums Herz?!
HG|2|26|17|0|Wenn sich aber dann doch wieder unvermutetermaßen der gefallene Bruder aufrichten wird, wer wird da nicht sogleich vor großer Freude hinzuspringen, den totgeglaubten Bruder an sein Herz drücken, ihn führen alsbald in sein Haus und ihm bereiten ein großes stärkendes Mahl?
HG|2|26|18|0|Darum aber sage Ich euch allen hier dieses, dass ihr die Irrenden kräftig ermahnen sollt; und wer da euren Augen entschwand, den sollt ihr suchen kraft aller Meiner Liebe in euch.
HG|2|26|19|0|Doch die Zuchtrute soll niemand schwingen eher über seinen Bruder, als bis Ich ihm zurufen werde: ‚Nun züchtige ihn mit dem Feuer deiner Liebe, lasse ihn gehen aus der Gemeinde zwar, damit sich an ihm niemand ärgern solle, aber dein Herz begleite ihn bis ans Ende der Welt!‘
HG|2|26|20|0|Dein letzter Abschiedsblick, wie jeder frühere, lasse den irrenden Bruder allzeit erfahren, dass er dein armer, gedrückter und gefallener Bruder ist, und dass er dir gleich, obschon ein darniederliegender Sohn Meiner Liebe ist!
HG|2|26|21|0|Zorn sei euch vollends fremd, und aller Fluch sei ferne eurem Munde und doppelt ferne eurem Herzen!
HG|2|26|22|0|Wie ihr euch aber verhalten werdet gegenseitig, also werde auch Ich Mich verhalten zu euch; wer da sündigen wird vor euch, der wird auch sündigen vor Mir.
HG|2|26|23|0|So ihr ihn aber richten werdet, da werde zwar Ich ihn auch richten; aber wie, das weiß Ich.
HG|2|26|24|0|Ihr aber werdet darum eurem Gericht nicht entgehen; wie aber das Gericht? Das weiß Ich auch!
HG|2|26|25|0|Und nun sage Ich dir, geliebter Henoch, rüste sogleich einen Boten aus, und sende ihn hin in die Gegend, die da liegt zwischen Mitternacht und Morgen; denn es schwelgt dort ein Bruder mit einem Weib aus der Tiefe. Sein Name ist Hored und der des Weibes Naëme. Er weiß nicht, was hier ist; darum lasse ihm sagen, dass Ich ihn rufen lasse, darum er auch alsbald hierherkommen solle! Amen.“
HG|2|27|1|1|Lamel rettet Hored und Naëme
HG|2|27|1|1|Am 11. Februar 1842
HG|2|27|1|0|Und der Henoch dankte dem hohen Abedam für diesen Auftrag und ging dann alsbald hin zum Gabiel und sagte zu ihm:
HG|2|27|2|0|„Gabiel, rufe herbei deinen Bruder Lamel; es bedarf seiner der Herr!“
HG|2|27|3|0|Und der Gabiel vollzog sogleich, das ihm aufgetragen wurde durch den Henoch vom Herrn aus.
HG|2|27|4|0|Als nun der Lamel herzueilenden Schrittes gekommen war, verneigte er sich voll der größten Ehrfurcht vor dem Henoch und fragte ihn:
HG|2|27|5|0|„Ehrwürdigster Vater und Lehrer Henoch, du weiser Liebling des Herrn, des heiligen, liebevollsten Vaters, was verlangst du, sicher im Namen des Herrn, von mir, das ich tun soll? Siehe, ich bin bereit, bis ans Ende der Welt den Winden nachzujagen, so es des Herrn heiliger Wille wäre!“
HG|2|27|6|0|Und der Henoch sagte darauf zu ihm: „Du bist vom guten Willen erfüllt, das wusste ich schon früher, ehe ich dich rufen ließ; darum aber bist du erwählt, dass du alsbald hingehen sollst, da dein Bruder Hored sich verborgen aufhält mit seinem Weib Naëme aus der Tiefe, da sie ist eine Tochter des Königs Lamech aus Hanoch und ward nicht gesegnet zuvor vom Adam und von all den anderen Vätern!
HG|2|27|7|0|Sage ihm: Der Herr lasse ihm melden, er solle sogleich mit seinem Weib hierherkommen. Sollte er sich aber sträuben, sodann zeige ihm die Feinde, welche wohlbewaffnet ihn von Hanoch aus schon aufgespürt haben und nun lauern auf einen günstigen Augenblick, um ihn samt dem Weib der grausamsten Rache Lamechs zu überliefern!
HG|2|27|8|0|Sage ihm, bis jetzt habe ihn noch des Herrn Hand beschützt! So er dir nicht alsbald folge, da werde der Herr Seinen Arm zurückziehen, und er werde dann zusehen können, wie er mit den tausend racheentflammtesten Feinden zurechtkommen wird, so sie gleich wütenden Löwen, Tigern und Hyänen über ihn herfallen werden!
HG|2|27|9|0|So er aber einwilligen wird, da greife ihm und seinem Weib alsbald unter die Arme, und die Kraft des Herrn, mit der du jetzt, während ich meine Hände im Namen des Herrn über dich hielt, erfüllt wurdest, wird euch mit großer Schnelligkeit den auf euch losstürzenden Feinden entreißen.
HG|2|27|10|0|Und so denn erhebe dich und eile, zu vollziehen des Herrn, unser aller heiligsten und liebevollsten Vaters heiligsten Willen!
HG|2|27|11|0|Die Gnade, Liebe und Erbarmung des Herrn sei mit dir jetzt, wie allzeit und ewig! Amen.“
HG|2|27|12|0|Kaum hatte der Henoch seine letzten Worte ausgesprochen, so sprang auch schon der Lamel gleich einem jungen Hirsch von dannen und kam, durch die ihm nun innewohnende Kraft geleitet, auch schon in wenigen Minuten vor einer höchst ärmlichen, von der Morgengegend nach der Mitternacht nahe eine Tagesreise entfernte Hütte an und fand daselbst, was er suchte.
HG|2|27|13|0|Als der Hored seiner ansichtig wurde, sprang er hastig und grimmentbrannt aus seiner Hütte, packte sogleich den Lamel gewaltigst bei der Hand und schrie aus vollster Brust:
HG|2|27|14|0|„Unglücklicher! Was führte dich hierher? Muss denn dich mein erster Fluch treffen, dich, Lamel, meinen sonst geliebtesten Bruder?!
HG|2|27|15|0|Siehe, ich habe meinem Weib einen heiligen Schwur getan, den ersten Menschen, der hierherkäme und uns störe in unserer glücklichen einsamen Ruhe, zu erwürgen, und wenn das auch selbst der Adam wäre!
HG|2|27|16|0|Ich verkroch mich darum in einen äußersten Winkel der Erde und wollte da leben, von keines Menschen Auge belauscht, darum ich das gefunden habe, was keiner noch fand, und bin endlos glücklich mit diesem meinem Fund!
HG|2|27|17|0|Elender! Wer zeigte dir den Weg in diesen äußersten Winkel der Erde? Rede, oder ich zerreiße dich im Augenblick in tausend Stücke und gebe sie dann den Raben zur Speise!“
HG|2|27|18|0|Der Lamel aber sah den wütenden Hored fest an und sagte dann zu ihm, ihn gleichsam fragend: „Hored! Also empfängst du deinen Retter, den der allmächtige Gott Selbst, der nun sichtbar unter uns wandelt und lehrt und wirkt auf der heiligen Höhe, zu dir als solchen gesandt hat?
HG|2|27|19|0|Bevor jedoch, als du mich zu würgen und in Stücke zu zerreißen wirst anfangen, muss ich dir doch zeigen, dass fürs Erste sich jene, die mit der göttlichen Kraft ausgerüstet sind, nicht sogleich erwürgen und dann in Stücke zerreißen lassen, – und wenn es auch hundert Eidschwüre deinem Weib gelten sollte!
HG|2|27|20|0|Damit du aber siehst, dass ich nicht dir gleich ein mächtig klingender Wortestoßer bin, sondern willens des Herrn wirklich vollmächtig bin, so komme her, da her zu dieser alten, männlich starken Zeder, und entwurzle sie, und schleudere sie dann über diesen Berg ins Angesicht deiner tausend auf dich lauernden Feinde aus Hanoch!
HG|2|27|21|0|Kannst du das, dann fasse und erwürge mich, so du kannst und magst! Und fürs Zweite aber sehe dich bei dieser Gelegenheit auch ein wenig um, so dahier hinab ein wenig in die blanke Talebene, und sehe, wer alles sich noch heute gerade am Sabbat deiner Hütte naht, um dich zu ergreifen und dich dann samt deinem Weib der blutigsten Rache Lamechs für die Entführung seiner Tochter Naëme zu überantworten!“
HG|2|27|22|0|Und der Hored sprang hin zu der Zeder und bäumte sich dabei sehr; aber die Zeder wollte sich nicht rühren.
HG|2|27|23|0|Da er aber nichts richten konnte mit dem Baum, so schrie er den Lamel gewaltigst an, sagend: „Schurke! So entwurzle du sie!“
HG|2|27|24|0|Und der Lamel rührte die Zeder bloß nur an, und der mächtige Baum stürzte zersplittert zusammen, als wäre er nie da gestanden.
HG|2|27|25|0|Darauf zeigte der Lamel mit dem Finger ins Tal und zeigte dem Hored ein wohlausgerüstetes Heer aus Hanoch und fragte darauf den Hored: „Nun, warum zögerst du nun mit deiner Drohung? Willst du mich denn nicht zerreißen und –?“
HG|2|27|26|0|Der Hored aber schrie überlaut auf: „Großer Gott! Ich bin nun verloren!
HG|2|27|27|0|Ich habe es mir wohl immer gedacht, dass es also kommen wird!“
HG|2|27|28|1|Am 12. Februar 1842
HG|2|27|28|0|Und der Lamel sagte darauf zum Hored: „So du dir aber schon lange dachtest, dass es also kommen werde, warum kehrtest du denn nicht auch schon lange nach Hause in die Heimat deiner Väter, damit sie dich wie alle anderen gesegnet hätten, und dich sicher umso eher, darum du ein wirklicher Gesandter warst und konntest nicht dafür, dass dich der Lamech beschenkte mit der Naëme; sondern das dir der Lamech gab, war ja ohnehin eine gerechte Gabe, dir allein zugute kommend, die dir sicher niemand streitig gemacht hätte, und wenn du ihre große Schönheit uns allen auch hundert Male vor die Augen gestellt hättest!
HG|2|27|29|0|Siehe Bruder, du hattest keine Ursache zur Flucht vor uns, und doch bist du geflohen! Warum aber bist du dennoch geflohen?
HG|2|27|30|0|Siehe, ich will es dir sagen: Da du in die Tiefe gingst nach Hanoch, warst du ausgerüstet von all den Vätern durch ihre großen Segnungen mit großer Macht und Kraft, darum dann auch, als du nach Hanoch kamst, der feine Lamech, wohl merkend, dass er dir nichts anhaben und auch nichts Gewaltiges antun kann, dafür den schlauen Weg ergriff und beschenkte dich mit der Naëme, um deiner los zu werden, und um dich auch mit der Schlange ärgsten Stricken zu binden.
HG|2|27|31|0|Denn er dachte bei sich: ‚Ist er (nämlich du, Hored) wirklich von irgendeinem höchsten Wesen zu mir gesandt, etwa von dem alten Gott, dessen gewaltige Stimme ich schon einmal selbst vernommen hatte, bald nachher, als ich meine beiden Brüder erschlug, so wirst du nimmerdar von mir etwas annehmen, und am allerwenigsten das schon an einen Mann gebundene Weib!‘
HG|2|27|32|0|Allein gerade, da der Lamech sich’s am wenigsten gedachte, ließest du dich von seiner Schlauheit berücken, nahmst an das ärgste Gift aus der Hand des schändlichsten Verräters gegen Gott! Und was war die Folge dieses Giftes? Ich sage dir: Nichts mehr und nichts weniger, als dass du sogleich hierher, schon von mehreren bewaffneten Spionen aus Hanoch verfolgt, flohst, ohne mehr darauf zu denken oder gedacht zu haben, ob dir die von den Vätern der reinen Höhen mitgeteilte Kraft wohl noch geblieben ist, oder nicht.
HG|2|27|33|0|Lamech und deine Verfolger waren bis jetzt freilich noch in der Meinung, du seiest noch also mächtig, wie du es damals freilich vor kurzer Zeit noch warst; allein nun, da er der Schlange ein großes Opfer gebracht hat dadurch, dass er den Namen Jehovas auf das Allerschändlichste entehrt und am Ende gar verflucht hat, hat ihm diese auch deine gänzliche Ohnmacht gezeigt, und er sandte daher nun auch ein Heer von tausend der allerstärksten Männer aus Hanoch wohlbewaffnet hierher, darum sie dich fangen sollen und dich überliefern seiner größten Rachgier und die Naëme aber als Zusammenhälterin des ganzen Reiches, was sie schon früher sein musste, nämlich eine allgemeine Hure allen den Großen seines Reiches, die ohne sie nun sämtlich abfallen von ihm.
HG|2|27|34|0|Siehe, du glaubtest in deinem Freude-Neid gegen uns, deine Brüder, dich in der Erde äußersten Winkel verkriechen zu müssen, um von uns aus eine ungestörte Wonne genießen zu können! Wir glaubten es auch, es werde dir sicher nichts abgehen, und segneten dich dazu noch, so gut wir es nur immer konnten und mochten.
HG|2|27|35|0|Allein der große, überheilige Lehrer und unser aller liebevollster Vater, der nun unter uns noch weilt, hat uns erst die Augen geöffnet und klärlich gezeigt, wie es mit dir und deinem Weib steht, hat eben darum mich zu dir gesandt, um dich und dein Weib zu retten, euch zu führen vor Ihn hin, damit auch ihr Seines Segens, Seiner Liebe und Gnade nicht ledig verbleiben sollt!
HG|2|27|36|0|Hored, Bruder, – erkenne des Herrn Willen, rufe dein Weib aus der Hütte, und lasse dir und ihr von mir schnell unter die Arme greifen, damit ich im Namen des Herrn euch noch eher dem Untergang entreißen kann, bevor die schon sehr herangerückten Häscher Lamechs euch unrettbar ergreifen werden!“
HG|2|27|37|0|Und der Hored rief dabei aus: „O Bruder Lamel, jetzt erst erkenne ich dich wieder! Kannst du uns retten, siehe, da ist mein Arm! Und siehe, da kommt sie schon atemlos aus der Hütte, die Naëme, und beut dir ihren Arm, wie du es verlangtest; und also geschehe des Herrn Wille! Amen.“
HG|2|27|38|0|Und alsbald auch ergriff der Lamel die Naëme; und als er kaum die beiden so recht fest angefasst hatte, so stürzten auch schon von allen Seiten die Feinde unter dem wildesten Geschrei auf die Hütte des Hored zu.
HG|2|27|39|0|Als die Naëme solches vernahm und sah, da stieß sie einen heftigen Angstlaut aus, sagend: „Um des allmächtigen Gottes, wir sind verloren! Mein armer Hored!“
HG|2|27|40|0|Und also schrie auch der Hored. Der Lamel aber sprach zu beiden: „Seht euch zuvor ein wenig um, und seht, wo ihr euch nun befindet; dann erst schreit, wenn es mehr nottut!“
HG|2|27|41|0|Darauf schlugen beide ihre Augen auf und konnten sich nicht genug verwundern, da sie sich so ganz wohlbehalten auf der Höhe schon bei der Adamsgrotte befanden, an deren Ausgang gegen Morgen schon der Henoch und noch jemand mit ihm ihrer mit ausgestreckten offenen Armen harrten.
HG|2|28|1|1|Der von Lamech gelegte Waldbrand
HG|2|28|1|1|Am 14. Februar 1842
HG|2|28|1|0|Da der Lamel aber alsbald sah den Henoch rasch auf sich zugehen und nicht minder rasch neben ihm den hohen Abedam, so ließ er alsbald die beiden los und fiel vor den zwei Entgegenkommenden zur Erde nieder und lobte, pries und dankte dem hohen Abedam für diese große Erbarmung und Liebe, die Er seinem Bruder Hored und dessen Weib Naëme zukommen ließ, und dann aber auch für die große Gnade, die Er ihm dadurch erwies, dass Er ihn als einen wohlbemächtigten Retter für die beiden erkoren hat.
HG|2|28|2|0|Als aber der hohe Abedam mit dem Henoch vollends zu den dreien gekommen war, da hieß Er alsbald den Lamel erstehen vom Boden und sagte darauf zu ihm:
HG|2|28|3|0|„Lamel, du kennst Mich und den Henoch, – dein geretteter Bruder kennt Mich nicht, sondern allein den Henoch nur, und dessen Weib weder dich, den Henoch und am allerwenigsten Mich; daher lasse uns vorher schweigen von uns, wer alles und lauter wir sind, und auf einem anderen Weg die Morgenhöhe Adams erreichen und dann daselbst erst zu einer inneren Erkenntnis schreiten! Amen.“
HG|2|28|4|0|Als der hohe Abedam aber kaum noch diese Rede beendet hatte, siehe, da stieg alsbald hinter dem Morgen und Mittag ein gewaltiger Rauch auf, als wäre nahe ein ganzer Vierteil der Erde in Brand geraten.
HG|2|28|5|0|Der Henoch aber wandte sich alsbald heimlich an den Abedam und sagte zu Ihm: „Heiliger Vater! Siehe dort, ein gewaltiger Qualm entsteigt der Tiefe! Was soll dies?“
HG|2|28|6|0|Und der Abedam entgegnete ihm: „Gedulde dich nur über ein kurzes, und du wirst dich von der großen verwegenen Bosheit des Lamech gar bald überzeugen!
HG|2|28|7|0|Siehe, darum der gestrige Sturm ganz besonders große Verheerungen in den Gärten Lamechs und unter seinen reichen Herden großen Schaden angerichtet hatte, also schickte er nun bewaffnete Knechte aus und versah sie mit brennenden Fackeln, damit sie all die Wälder anzünden sollen und somit in die Asche legen die Berge samt ihren Urbewohnern! Siehe, das steckt hinter dem Qualm!
HG|2|28|8|0|Geht aber mit Mir dahin zum großen weißen Fels, und wir wollen die Brandleger noch auf frischer Tat einholen! Amen.“
HG|2|28|9|0|Und alsbald begaben sich die sämtlichen mit dem Abedam hier anwesenden fünf Personen dahin zum großen weißen Felsen.
HG|2|28|10|0|Als sie da nach kurzem anlangten, so zeigte auch alsbald der hohe Abedam dem Henoch über einen großen und hohen Steinwandvorsprung hinab in die Tiefe die Brandleger.
HG|2|28|11|0|Als der Henoch solches ersah, da ergriff ihn ein großer Eifer, so zwar, dass er alsbald zu dem Abedam mit starker Stimme rief:
HG|2|28|12|0|„O Du, den nur mein Herz nennt! Hast Du gestern denn all die Blitze verbraucht? Siehe, hier wären nun einige Tausende ja überaus gut zu gebrauchen gegen diesen Frevel!
HG|2|28|13|0|Der Wurm will sich gegen Gott auflehnen! O Herr! Jetzt möchte ich wahrhaft einen kleinen Gebrauch von Deiner mir verliehenen Kraft, Macht und Gewalt machen!
HG|2|28|14|0|O Sonne, du leuchtende große Werkstätte der strafenden Blitze des Herrn, – jetzt, jetzt lasse schnell einige Tausende herab zur Erde sehr stark krachend zacken, und ein unerhörter Donner solle jeden begleiten, so dass darob die Erde erbeben solle bis zu ihrer inneren Grundfeste!“
HG|2|28|15|0|Und der hohe Abedam ergriff des Henoch Hand und sagte zu ihm: „Halt, halt, Mein geliebter Henoch! So hitzig, wie die da unten angefangen haben, wollen wir die Sache durchaus nicht angehen!
HG|2|28|16|0|Lassen wir die Blitze für diesmal nur ruhen; denn siehe, wir feiern ja heute den Sabbat, und dieser ist kein Tag des Gerichtes, sondern ein Tag der Ruhe, des Friedens und der Liebe, der Gnade, der Erbarmung aus ihr und alles Segens aus Gott dem Herrn und Schöpfer aller Dinge und Vater aller Engel und Menschen!
HG|2|28|17|0|Wehe aber aller Kreatur, so der Sabbat je sollte zu einem Tag des Fluches werden!
HG|2|28|18|0|Daher erlassen wir auch heute diesen stockblinden Frevlern das Feuergericht und lassen dafür einen recht reichlichen Regen über das Werk der blindesten Tor- und Bosheit aus den Wolken entstürzen, – und du kannst versichert sein, dass da ein jeder Tropfen einem brennenden Baum besser zustattenkommen wird als tausend Blitze an der Stelle eines jeden einzelnen Tropfens.
HG|2|28|19|0|Siehe, für jetzt wollen wir das Feuer noch mit Wasser dämpfen, denn die Zeit des Feuers fürs Feuer ist noch ferne; wann sie aber kommen wird, wehe dann den Bergen, Bäumen, Sträuchern und dem Gras der Erde.
HG|2|28|20|0|Doch nun nichts mehr weiter vom Feuer. Du, Henoch, aber strecke nun in Meinem Namen deine Hände aus, und gebiete den Wolken, dass sie sich ansammeln sollen zu einem reichlichen Regen über diesen schon recht weit ausgedehnten Wälderbrand! Doch die Höhen sollen frei bleiben für heute, morgen und übermorgen; denn das ist die bestimmte Zeit Meiner sichtbaren Gegenwart für alle. Und somit erfülle Meinen Willen in dir! Amen.“
HG|2|29|1|1|Die Löschung des Waldbrandes. Abedam schlägt den Satan in die Flucht
HG|2|29|1|0|Und alsbald dankte der Henoch in seiner Tiefe dem Abedam und streckte die Hände aus und sprach während des Ausgestrecktseins seiner Hände:
HG|2|29|2|0|„Höre du, heitere Luft! Lasse von deinen Geistern und deinen Winden hierher versammeln ein regenschweres Gewölk, auf dass durch einen reichen Niedersturz in starken Tropfen gedämpft und gelöscht werde der Brand; und bis nicht der letzte Funke erloschen sein wird, sei deines Wirkens kein Ende im Namen Jehovas! Amen.“
HG|2|29|3|0|Und als der Henoch das Amen ausgesprochen hatte, so zogen auch schon Massen und Massen von den schwersten Wolken daher und ergossen sich sogleich in einem allermächtigsten Platzregen über die ganze, weite Gegend des Brandes.
HG|2|29|4|0|Aber über den Wolken war es helle, und man sah ungehindert über dieselben hinaus und bemerkte gar bald auf der Oberfläche des Gewölkes einen starken Wirbel gleich den Ringen einer großen Schlange.
HG|2|29|5|0|Und der Wirbel kam näher und näher, und dieser Wirbel war der Satan, nahm sogleich eine leuchtende Gestalt an und stellte sich vor dem Abedam hin und fragte Ihn:
HG|2|29|6|0|„Was hast Du in meinem Eigentum zu tun? Weißt Du denn nicht mehr, welche Frist Du mir gegeben hast?
HG|2|29|7|0|Daher ziehe von hier, und lasse mich ungestört in diesem meinem Eigentum schwelgen; denn ich, nicht Du, ich bin der Herr und Meister dieser Schöpfung!“
HG|2|29|8|0|Der Abedam aber sagte zu ihm: „Satan, bis hierher und nicht weiter! Wenn du diese heilige Scheidewand zwischen Mir und dir übertreten wirst, dann auch sollst du gerichtet werden und gewaltig erkennen, wer der Herr und wer da Gott ist von Ewigkeiten der Ewigkeiten her!
HG|2|29|9|0|Nun aber hebe dich von dannen, und erkenne, wozu dir diese Zeit gegeben ist! Amen.“
HG|2|29|10|0|Und der Satan stieß ein furchtbares Geheul aus und stürzte ganz entzündet hinab in die Tiefe.
HG|2|29|11|0|Darauf aber sagte der Abedam: „Siehe, das Feuer ist gelöscht, die Frevler in die Flucht geschlagen; so lasst uns denn im Frieden von dannen ziehen!
HG|2|29|12|0|Dem Adam aber soll das vorderhand verschwiegen bleiben! Amen.“
HG|2|30|1|1|Auf dem Fußsteig der Demut zur Höhe. Horeds törichte Lamentation
HG|2|30|1|1|Am 16. Februar 1842
HG|2|30|1|0|Und alsbald zog diese kleine Gesellschaft einen schmalen Fußsteig unter der Grotte fort, welchen sonst die Kinder des Morgens benützten, um auf die Höhe zu den Hauptstammvätern zu gelangen und die Grotte aus Ehrfurcht vor dem Adam zu vermeiden und sie gewisserart nicht durch den täglichen Gebrauch zu verunheiligen, da sie dieselbe als etwas Heiliges ansahen.
HG|2|30|2|0|Dieser Fußsteig war demnach ein Weg der Demut, darum ihn auch der hohe Abedam dazu ausersehen hatte, um fürs Erste den zwei Neuangekommenen zu zeigen, welchen Weg sie einzuschlagen haben, um auf die Höhe des Lebens zu gelangen, und fürs Zweite ihnen auch schon im Voraus gewisserart durch dieses Zeichen zu sagen, auf welchem Weg allein sie Ihn lebendig erkennen können.
HG|2|30|3|0|Und also wandelten sie diesen beschwerlicheren zwar, aber sonst viel näheren Weg fort. Die Naëme blieb öfter hängen mit ihrem schönen königlichen Gewand an den häufigen Dornhecken und hatte daher stets vollauf zu tun, um sich überall loszuwinden.
HG|2|30|4|0|Da aber gegen die Vollhöhe der Weg immer gestrüppiger wurde, so fing’s da auch an, der Naëme stets schlechter und schlechter mit dem Sichlosmachen zu gehen, so zwar, dass sie am Ende gar nicht mehr weiter konnte und fing darum an, zu weinen und um Hilfe zu rufen.
HG|2|30|5|0|Allein, da sie vermöge ihrer steten Bandlerei ziemlich zurückblieb und die vier Männer somit schon eine ziemliche Strecke voraus waren, so vernahm man ihr Geschrei, wenigstens natürlich möglich, scheinbarerweise nicht und setzte fröhlich den Weg fort.
HG|2|30|6|0|Als sie, die Männer, aber nun auf die freie Höhe gelangten, da blieb der Abedam stehen und wandte Sich zurück zu den Ihm schnell Folgenden und tat, als wollte Er sehen, ob mit Ihm alle wohlbehalten auf der Höhe angelangt sind, und fragte sie dann nach einer kurzen Rast dem Äußeren nach auch wirklich: „Also, Kinder Gottes, sind wir alle beisammen?“
HG|2|30|7|0|Und Hored, erst jetzt sich von seinem Erstaunen über die Erscheinungen am weißen Felsen erholend, gewahrte bald, dass da sein geliebtes Weib abgeht, und erschrak darüber sehr. Da aber der Abedam dessen große Verlegenheit merkte, so berief Er ihn zu Sich und sagte zu ihm:
HG|2|30|8|0|„Was sorgst du dich denn umsonst jetzt erst, und mochtest dich eher nicht umsehen nach deinem Weib, da sie sich verhängt hatte mit ihren königlichen Kleidern an den Dörnern dieses schmalen Pfades und rief dabei um Hilfe dich, du aber warst taub für ihre Stimme?!
HG|2|30|9|0|Kehre statt deiner törichten Sorge lieber um, und helfe ihr aus ihrer Not; denn es ist nicht weit dahin, da sie sich verhängt hatte an einer starken Dornenhecke!
HG|2|30|10|0|Darum gehe und helfe ihr, und bringe sie alsbald wohlbehalten hierher; wir alle wollen dich erwarten! Amen.“
HG|2|30|11|0|Der Hored aber wurde nun noch trauriger, fiel zur Erde nieder und fing an, also zu flehen: „Hört mich, o Brüder in Gott, hört mich, oder so jemand ist ein Vater zu mir, der erhöre mich!
HG|2|30|12|0|Gott, unser aller überheiliger Vater, soll nach der Verkündung meines Bruders Lamel nun wesenhaft sichtbar unter den Vätern der Höhe Sich liebevollst und barmherzigst befinden!
HG|2|30|13|0|Wenn solches der Fall ist, dann ist mir ja alles klar!
HG|2|30|14|0|Seine endlose Heiligkeit kann es ja nimmer zugeben, dass sich mein sicher unreines Weib nähern dürfte dieser so heiligen Höhe.
HG|2|30|15|0|Was wird da wohl nützen mein Umkehren, so nicht einer aus euch mitgeht und mir hilft, mein Weib aus all den tausend Dörnerklauen loszumachen?
HG|2|30|16|0|O Henoch, oder du, Bruder Lamel, oder du, fremder, sicher auch mächtiger Freund, verlasst mich nicht, und lasst nicht verschmachten mein armes Weib!
HG|2|30|17|0|O ich sehe jetzt schon, dass ich euch bis hierher nicht hätte folgen sollen, darum ich ein großer Sünder geworden bin vor Gott, und auch vor euch, ihr Männer und Kinder nach dem Herzen Gottes!
HG|2|30|18|0|Ja, ja, hier habe ich groß gefehlt! Ich will, ja ich muss zurück; aber nur einer kehre wieder mit mir zurück und helfe mir, mein armes Weib befreien!
HG|2|30|19|0|Dann aber zeige er mir irgend nahe dort am weißen Felsen einen Ort an; da will ich meine große Schuld mit meinem Weib beweinen mein Leben lang! Aber nur diesmal erhört mich, amen; euer Wille, amen!“
HG|2|30|20|0|Während der Zeit aber, als der Hored seine Trauerbitte, auf der Erde liegend, hervorgebracht hatte, beschickte der Abedam alsbald den Lamel, die Naëme nachzubringen, und das ganz geordneterweise vollkommen unverletzt.
HG|2|30|21|0|Es war aber der Hored noch nicht zu Ende mit seinem Jammerlied, als die Naëme schon ganz wohlbehalten sich unter ihnen befand.
HG|2|30|22|0|Als er aber dann, wie oben kundgegeben wurde, mit seiner Lamentation fertig ward, so fragte ihn der Abedam:
HG|2|30|23|0|„Hored, dieweil du dahier klagst, möchte die Naëme ja wohl zugrunde gehen! Was würde es dann ihr nützen, so wir sie nicht mehr treffen, da sie zurückgeblieben ist?
HG|2|30|24|0|Und da du bemerktest, sie und du werdet euch der Heiligkeit des nun auf der Höhe Adams sichtbar gegenwärtigen Jehova nicht nahen dürfen, sage Mir darauf, wer da den Lamel bemächtigt hatte, dich samt deinem Weib zu retten vom Untergang in der Tiefe deiner törichten wollüstigen Verborgenheit?
HG|2|30|25|0|Siehe, da solches derselbe heilige Jehova tat, was sollte Ihn denn nun hindern, euch vor Sich kommen zu lassen und euch auch zu segnen, so ihr des Segens würdig seid?
HG|2|30|26|0|Stehe nun auf, du Tor, und lerne den heiligen Jehova besser kennen! Amen.“
HG|2|30|27|0|Und der Hored sagte darauf zum Abedam: „Mächtiger Freund, oder Bruder, oder Vater! Solange von euch mir hier einer die erbetene Hilfe für mein armes Weib und mich nicht zusagt, stehe ich von dieser Stelle nicht auf, und möchtet ihr mich darob mit Schlangen züchtigen! Wenn mein Weib meiner Torheit wegen zugrunde gehen musste, so will auch ich ihr zuliebe hier meine fahrlässige Torheit büßen vor Gott und all den Vätern!“
HG|2|30|28|0|Da rief der Abedam alsbald die Naëme herbei und winkte ihr, den törichten Hored aufzurichten.
HG|2|30|29|0|Und die Naëme eilte sogleich herbei und ergriff des Hored Hand, zu ihm folgende Worte sprechend:
HG|2|30|30|0|„Aber Hored, warum klagst du hier meinetwegen? Siehe, ich bin ja schon lange wohlbehalten hier auf dieser himmlischen Höhe, gerettet auf dieses herrlichen fremden Freundes Wort durch deinen Bruder!
HG|2|30|31|0|Darum erhebe dich doch nach dem Willen dieses edelsten Freundes!“
HG|2|30|32|0|Und alsbald sprang der Hored auf vor Freuden und dankte mit tränenden Augen dem Fremden für die so schnelle und von ihm so ganz unvermutete Rettung seines Weibes.
HG|2|30|33|0|Der Abedam aber sagte darauf zu ihm: „Hored, Hored, du bist noch sehr dumm; sage Mir, wie stellst du dir denn den Jehova vor?
HG|2|30|34|0|Etwa als einen starken Wind, oder als eine hell lodernde Flamme, oder als eine Sonne, oder als einen großen zackenden Blitz?
HG|2|30|35|0|Sage Mir, wie Er dir vorkommt! Amen.“
HG|2|30|36|0|Der Hored erwiderte bald darauf: „O Freund, um solches frage mich ja nicht; denn wer dürfte sich da je getrauen, Gott in eine immerhin endlich plumpe Form zu schieben?!
HG|2|30|37|0|Gott ist ja ewig und unendlich! Für welche Form möchte Er da wohl taugen, Er, der unendliche Gott?!“
HG|2|30|38|0|Und der Abedam entgegnete ihm: „Ja wahrlich, für deine noch sehr dumme Form sicher nicht!
HG|2|30|39|0|Aber die Naëme, das Kind der Welt, soll Mir sagen, wie sie sich den heiligen Jehova vorstellt!“
HG|2|30|40|0|Die Naëme aber lächelte hier und sagte endlich: „Du himmlisch guter, herrlicher Freund, vergebe mir, so ich mir darob auch keine rechte Vorstellung machen kann, die da Seiner würdig wäre; aber dabei kann ich dir doch nicht verhehlen, dass Er mir am allerliebsten in Deiner Form wäre!
HG|2|30|41|0|Vergebe mir, so ich nun etwas auch noch recht Dummes gesagt habe!“
HG|2|30|42|0|Der Abedam aber sagte zu ihr: „Sei getröstet, du schönes Weib; wahrlich sage Ich dir, in dieser Meiner Form wirst du gar bald den Jehova, den ewigen, unendlich mächtigen Gott, und in Ihm den heiligen, liebevollsten Vater erkennen! Amen.“
HG|2|31|1|1|Hored und Naëme auf der heiligen Höhe. Naëmes Sehnsucht nach Jehova und Horeds Strafe für seine Eifersucht auf Abedam
HG|2|31|1|1|Am 17. Februar 1842
HG|2|31|1|0|Nach diesen Worten begab sich die Gesellschaft wieder fürbass an den Ort und an die Stelle, welche schon bekannt ist.
HG|2|31|2|0|Als Sich der hohe Abedam aber den Vätern nahte, so fielen diese alsbald, von der tiefsten Liebe und Ehrfurcht ergriffen, vor Ihm nieder, und es lobten und priesen Ihn einige laut, andere wieder mehr stille seufzend in ihren Herzen.
HG|2|31|3|0|Diese ehrfurchtsvollste Niederlage auf der Höhe sowohl, als um den ziemlich weit im Umkreis gedehnten Berg war diesmal also allgemein, dass da außer den fünf Angekommenen sich niemand aufrecht stehend vorfand.
HG|2|31|4|0|Es wären da auch der Henoch und der Lamel dem Beispiel der Allgemeinheit gefolgt, so es ihnen der Abedam insgeheim nicht ausdrücklich untersagt hätte der zwei Neuangekommenen wegen.
HG|2|31|5|0|Das aber kam dem Hored auch höchst sonderbar vor, und nicht minder der erstaunten Naëme, dass sich nun alles auf die Angesichter zur Erde legte aus der höchsten Ehrfurcht, und sie sahen doch ringsum niemanden außer ihrer eigenen Gesellschaft, dem diese große Ehrfurchtsbezeigung zukommen sollte.
HG|2|31|6|0|Darum auch nahte sich alsbald die Naëme dem Abedam und fragte ihn ganz zutraulich, sagend nämlich: „Höre, du vielgeachteter, mächtiger, guter Freund! Möchtest du mir denn nicht angeben und sagen, was dieses allgemeine Niederliegen und dieses Seufzen zu bedeuten hat? Wen geht denn das an?
HG|2|31|7|0|Naht sich nun etwa gar mir unsichtbar von irgendwoher der heilige, große Jehova? Oder was soll das?
HG|2|31|8|0|Warum solche allgemeine Demütigung? Ja, ja, es wird sicher der heilige, große, erhabene Jehova sein!
HG|2|31|9|0|O lieber Freund, siehe, von meiner Kindheit an habe ich in mir den stets verborgenen Wunsch getragen, den erhabenen, heiligen Jehova nur in meinem Leben einmal zu erblicken, da meine Mutter mich ganz heimlich von Ihm unterrichtet hatte nach der Lehre eines gewissen Farak, der da ein Bruder Hanochs soll gewesen sein und hatte mit Jehova, wie es mir gesagt wurde, viel Umgang gepflogen.
HG|2|31|10|0|Siehe, lieber Freund, ich hatte das Unglück, die schönste Tochter der Tiefe zu sein, und wurde darum von meinem unglücklichen Vater gar oftmals an Wollüstlinge verkauft.
HG|2|31|11|0|Vermöge meiner großen, mir vom Jehova verliehenen Üppigkeit aber konnte es doch wieder zu meinem Glück niemand länger denn höchstens zwei bis drei Augenblicke in meiner leiblichen Berührung vertragen; ja, es ging selbst meinem Bruder Thubalkain aus der Mutter Zilla nicht besser, darum er als ein Gemahl zu mir nicht vermögend war, in mir eine rechte Frucht zu zeugen.
HG|2|31|12|0|Kurz, ich brauche dir nichts mehr davon zu sagen, als dass da alle möglichen Misshandlungen von Seiten meines unglücklichen Vaters Lamech nicht vermögend waren, mich von meinem Jehova zu trennen.
HG|2|31|13|0|Der Hored, mein erster redlicher Retter, muss mir bezeugen, dass ich mich mit ihm die ganze Zeit unseres Alleinbeisammenseins von nichts als nur immer vom Jehova unterhalten wollte und ihn mir auch noch nicht einmal darob habe beiwohnen lassen, darum wir von niemandem gesegnet waren, obschon er mich deshalb zu öfteren Malen angegangen ist, was er als mein redlicher Retter auch nie leugnen wird, und was ihm aber in meiner unglücklichen Nähe auch ganz vollkommen zu verzeihen ist!
HG|2|31|14|0|Siehe sonach, du guter, edler, mächtiger Freund, es ist gewiss doch möglichst viel von mir, einem Kind der Welt und der Schlange, dass ich das wenige vom Jehova Vernommene mochte in meiner gewiss unglücklichsten Lage in meinem Herzen verwahrt haben, dass ich trotz allen den weltlichen Stürmen, die sich alle um mich her stets mehr und mehr drängten und mich zu begraben drohten, dennoch so viel Kraft hatte und mein Herz stets für den mir geoffenbarten Jehova (das heißt von meiner Mutter Zilla aus ganz heimlich) möglichst rein erhielt!
HG|2|31|15|0|Du kannst es mir sicher glauben: trotz dem, dass ich eine wahrhaft armselige, unglückliche Tochter des unglücklichsten Vaters bin, dessen Irrsinn größer ist, als dass selben je ein Mensch begreifen möchte, so habe ich aber doch in meinem Herzen nie etwas anderes geliebt als den mir bekannt gemachten Jehova, den heiligen Schöpfer aller Dinge, aller Tiere und aller Menschen!
HG|2|31|16|0|O lieber, herrlicher Freund, du kannst es mir sicher glauben: jetzt, wo ich zum ersten Mal auf dieser heiligen Höhe eine so herrliche, große und weitgedehnte Anschauung der unbeschreiblichen Wunderwerke dieses Jehova genieße – und das noch dazu in meiner allerniedrigsten Unwürdigkeit –, jetzt ist’s völlig aus mit meinem Herzen!
HG|2|31|17|0|Ja, – ich möchte nun gerade sterben aus Liebe zu diesem meinem unaussprechlich wunderbar himmlisch heiligen Jehova!
HG|2|31|18|0|O du lieber, herrlicher Freund, siehe, ich möchte dir so etwas recht Gescheites sagen über das, wie sehr ich den Jehova liebe; aber wo soll ich das hernehmen? Ich habe ja nie etwas lernen dürfen, damit ja meine unglückliche Schönheit des Leibes darunter etwa nicht verkümmert wäre!
HG|2|31|19|0|Hätte ich die Mutter Zilla nicht an meiner Seite gehabt, ich glaube, mein harter Vater hätte mich nicht einmal reden lernen lassen!
HG|2|31|20|0|Daher habe nur Geduld mit mir; bin ich auch nicht eben so jung mehr, als jung zu sein ich noch aussehe, so ist aber doch mein Herz noch also empfänglich, als wäre ich noch kaum einige dreißig Jahre Alters!
HG|2|31|21|0|O lieber, herrlicher Freund! So nun von irgendwoher der heilige Jehova erscheinen wird, lasse mir – so es dir möglich ist – Ihn nur auf einen Augenblick ansehen!
HG|2|31|22|0|O wenn ich solcher Gnade doch auch im Geringsten würdig wäre!“
HG|2|31|23|0|Hier konnte sie nicht mehr reden, und große Tränen rollten über ihre schönsten Wangen, und aus ihren Augen strahlte die heißeste Liebe, die lebendigste Sehnsucht; Freude und Furcht kämpften gewaltig in ihrer Brust, dass sie darob am ganzen Leibe bebte.
HG|2|31|24|0|Der Abedam aber berief alsbald den Hored zu Sich und sagte zu ihm: „Hored, du Sohn des lichten Morgens, siehe, hier ist ein verlassenes Weltkind aus der Tiefe! Dieses zittert vor großer Liebe und Sehnsucht, Furcht und Freude nach Jehova, – du aber hast dich noch nicht einmal gerührt als Sohn des Morgens und warfst dafür nur einige eifersüchtige Blicke auf Mich her!
HG|2|31|25|0|Ich sage dir aber darum, dass Ich ein Herr bin und werde diese edle weibliche Pflanze dir jetzt nehmen und sie verpflanzen in einen anderen Garten, und du wirst sie fürder nicht mehr zu Gesicht bekommen, da du zufolge deiner eigenliebigen Eifersucht dich gegen Mich vergessen mochtest, darum Ich dich erretten ließ vom Untergang durch deine große wollüstige Torheit.
HG|2|31|26|0|Du kennst das alte Gesetz der Väter, warst selbst zu einem Lehrer gemacht von den Vätern, – sage Mir: Ist das die Frucht deines Amtes? Welch giftiges Insekt hat dich also verletzt, dass sich dein Herz zu einem Tigerherzen umgewandelt hatte?
HG|2|31|27|0|Kennst du Mich, kennst du Gott?! Siehe, die Naëme, sie ahnt hier vor Mir, in wessen Nähe sie sich befindet!
HG|2|31|28|0|Du aber stehst hier vor deinem Gott und Schöpfer – und bist stummer denn ein Baumklotz!
HG|2|31|29|0|Gehe hin zur Grotte dort, und suche, ob dein Herz einer Reue fähig. Denn Ich, – der Ich jetzt Selbst mit dir solches rede, bin der sichtbare Jehova, Gott von Ewigkeit Selbst.“
HG|2|31|30|0|Hier fiel der Hored, wie von einem Blitz getroffen, zusammen.
HG|2|31|31|0|Die Naëme aber fiel alsbald auf ihre Knie nieder, zitterte und weinte und sprach endlich mit bangender Stimme:
HG|2|31|32|0|„O Jehova, sei mir armen Sünderin gnädig und barmherzig!“
HG|2|32|1|1|Naämes große Liebe zu Jehova
HG|2|32|1|1|Am 18. Februar 1842
HG|2|32|1|0|Und alsbald wandte Sich der Abedam zu der Naëme und sagte zu ihr, sie gleichsam fragend: „Naëme, da du Mich batest, Ich möchte dir den heiligen Jehova zeigen, so Er von irgendwoher Sich den Vätern nahen möchte, bist du nun aber auch vollkommen zufrieden, dass Ich dir den Jehova in Mir Selbst gezeigt habe, und kannst du wohl glauben, dass Ich als Mensch auch zugleich Jehova, der ewige, große Gott bin?“
HG|2|32|2|0|Diese Fragen fielen zwar anfangs der Naëme ein wenig auf, aber sie ermannte sich bald und erwiderte dem Abedam mit der allersanftesten Stimme, einer Stimme, die nur den wahrhaft edelst zartesten Weibern in ihren liebeandächtigsten Momenten eigen ist:
HG|2|32|3|0|„Höchster, erhabenster, heiligster Gott! Ich arme Sünderin hätte es Dir ja geglaubt, so Du zu mir gesagt hättest: ‚Siehe, in diesem eben gegenwärtigen Mittagswind zieht Jehova, nur wenigen Vätern sichtbar, vorüber!‘
HG|2|32|4|0|Wahrhaft, mein Herz hätte des herrlichen Trostes in die große Genüge empfangen!
HG|2|32|5|0|Um wie viel mehr kann ich Dir es nun glauben, da Du Dich mir unwürdigstem Weib Selbst wesenhaft in der mir – wie ich schon einmal früher bemerkte – allerangenehmsten, allerliebsten, allerherrlichsten menschlichen Gestalt und Form so übermilde, sanft und herablassend zeigst und Dich auf das Allerbarmherzigste mir offenbarst.
HG|2|32|6|0|O Du Heiligster, ich weiß es wohl noch von meiner Mutter Zilla aus, dass Du in jeder Form von was immer Geschaffenem vollkommen allein wirkst und hast niemanden, der Dir da helfen könnte, oder dass Du benötigtest irgend jemandes Hilfe, sondern Du bist überall allein vollkommenst genug.
HG|2|32|7|0|Aber ich weiß es auch eben von meiner Mutter aus, dass Du, was Deine Wesenheit betrifft, sicher nur als ein allervollkommenster Mensch anzusehen bist; und da wir, Deine Geschöpfe, selbst uns unmöglich je eine vollkommenere Vorstellung machen können als die wunderherrliche von einem Menschen nur, so wäre ja doch jede andere Vorstellung von Dir in mir wenigstens Deiner umso unwürdiger, je entfernter von der menschlichen Form ich sie halten möchte!
HG|2|32|8|0|O Du Überheiliger, ich könnte Dir noch so manches sagen, woraus alles ich Dich noch erkenne und überfest glaube, dass da niemand anderer als nur allein Du der heilige Jehova bist!
HG|2|32|9|0|Aber siehe, ich möchte mich ja ungebührlicherweise verplauschen, und das könnte Dich – ja vielleicht heimlicherweise – doch ein wenig verdrießen! Und alles möchte sich wohl auch nicht schicken vor Dir, wie auch nicht vor diesen sicher allerwürdigsten Vätern, so ich es sagen möchte, was alles nun von Dir in meinem Herzen feurigst zeugt!
HG|2|32|10|0|Doch Du siehst ja auch in mein Herz noch sicher vollkommener denn ich selbst; das wird Dir alles sagen, was mein ohnehin schwacher Mund zu sagen so gar gänzlich unvermögend wäre.
HG|2|32|11|0|Nur diese Bitte lasse mich nicht unerhört Dir noch sagen: Dass Du den redlichen Hored nicht zu hart strafen möchtest, so er sich vor Deiner Heiligkeit etwas hatte zuschulden kommen lassen, – und sei seinet- und meinetwegen gnädig und barmherzig, und verstoße uns nicht von Dir ganz und gar!
HG|2|32|12|0|Denn, so er gefehlt hat, da war ich ja die Schuldursache seines Vergehens, und daher magst Du auch strafen mich für ihn; ich aber bin ja ohnehin eine traurige Frucht der Nacht und der Sünde und trage als der Sünde allzeit sichere Strafe schon in mir den ewigen Tod!
HG|2|32|13|0|Wie aber wäre es da dem Hored wohl möglich gewesen, an meiner armselig finsteren Seite sich Dir wohlgefällig gleich den anderen Vätern, die nie die Versuchungen Horeds verkostet hatten, zu erhalten?!
HG|2|32|14|0|Siehe darum, Du guter, heiliger Jehova, bin ich nicht die alleinige Schuldträgerin an dem Fall Horeds vor Dir?
HG|2|32|15|0|O darum sei auch ihm und mir armen Sünderin gnädig und barmherzig! Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|2|32|16|0|Und der Abedam erwiderte ihr: „Meine Mir recht sehr lieb gewordene Naëme! Was da deine Bitte betrifft, so ist diese schon lange eher erhört worden, als du sie Mir noch vorgetragen hast; also darüber kann dein Herz vollkommen ruhig sein!
HG|2|32|17|0|Aber du hast Mir vorhin gesagt, dass Du Mir noch so manches kundgeben könntest, woraus alles du Mich noch erkennst und darum nun auch fest an Mich glaubst und bist überzeugt, dass es da außer Mir nirgends mehr irgendeinen Jehova gibt.
HG|2|32|18|0|Sorge dich nicht wegen des Verplauschens, – und möchtest du einen ganzen Tag oder ein ganzes Jahr oder dein Leben lang, ja ob du Mir eine Ewigkeit lang vorplauschen möchtest, so wird es Mich doch nie verdrießen; und was du zu Mir redest in deiner Liebe, das ist alles gar wohl schicksam vor Mir, wie vor allen den Vätern. Daher sage Mir es nur offen, was du ohnehin hart verschweigst!
HG|2|32|19|0|Dass Ich dein Herz durch und durch schaue so wie die ganze Unendlichkeit auf einen Blick vom Kleinsten bis zum Größten, daran wird wohl niemand zweifeln, der Mich erkannt hat, besonders im eigenen Herzen; aber eben darum weiß Ich auch, was alles da noch hinter dir steckt, und möchte es der Väter wegen gerne haben, dass du es Mir hier ohne Scheu kundgeben sollst durch deinen Mund.
HG|2|32|20|0|Liebe Naëme, so du Mich wahrhaft liebhast, da gehe, und schütte dein Herz aus vor Mir, deinem lieben, heiligen Jehova! Amen.“
HG|2|32|21|0|Und die Naëme fing hier an, ganz zu glänzen vor Schönheit, Anmut und der allerfeurigsten Liebe und fragte den Abedam mit einer alles besiegenden, liebezitternden, furchtsam wohlklingendsten, wahrhaft jungfräulichst keuschen Stimme:
HG|2|32|22|0|„O Du – überheiliger, mildester, lieblichster, sanftester, allersüßester Jehova! Darf ich, eine arme Sünderin, denn Dich auch lieben also, wie Dich hier Deine Kinder und Deine Töchter lieben dürfen? O darf ich das?! Ich, – ein Kind der Welt, eine Tochter Deines – o ich kann es nicht aussprechen! Also – ich auch – Dich lieben – dürfte?! O Du mein Jehova!“
HG|2|32|23|0|Hier sank sie zusammen und weinte über und über, darum sie sich für zu unwürdig fühlte für Meine Liebe.
HG|2|32|24|0|Der Abedam aber trat alsbald zu ihr hinzu, ergriff ihren Arm und hob sie behände auf und drückte sie dann schon im Angesichte aller Väter sichtbar heftig an Seine Brust und hielt sie eine Zeit lang also fest umfangen; und nachdem Er sie wieder etwas leichter gehalten vor Sich ließ, fragte Er sie wieder: „Nun, Meine geliebteste Naëme, wirst du Mich noch einmal fragen, ob du Mich lieben dürftest?“
HG|2|32|25|0|Und die Naëme fiel bei dieser Frage dem Abedam zu den Füßen und benetzte dieselben mit ihren Tränen; ja mit den heißesten Liebetränen benetzte sie die allerheiligsten Füße Jehovas.
HG|2|32|26|0|Der Abedam aber erregte Sich und sagte mit starker Stimme: „Kinder, da seht her! Hier zu Meinen Füßen liegt jetzt mehr, als was Sonne, Mond und alle Sterne bieten können! Es liegt hier eine neue Tochter der Buße, der Reue und – der allerhöchsten Liebe!
HG|2|32|27|0|Leichter ist, Mich zu finden und zu lieben im Reich des Lebens – als im Reich des Todes; diese aber hat Mich schon im Tode gesucht und geliebt.
HG|2|32|28|0|Daher aber soll sie auch mit einer Gegenliebe von Mir nun belohnt werden, dergleichen noch kein menschlicher Sinn auf der Erde je empfunden hat!
HG|2|32|29|0|Ja, geliebteste Naëme, deine Hand behalte Ich für Mich, da du dein Herz schon so lange getreulichst Mir geweiht hast! Naëme, du gehörst nun Mir allein! Siehe, also räche Ich Meine Feinde, – nämlich mit der Vaterliebe!
HG|2|33|1|1|Horeds Bekenntnis der eigenen Schwäche
HG|2|33|1|1|Am 19. Februar 1842
HG|2|33|1|0|Da aber der Hored nun erkannt hatte den Herrn, da fing es auch bei ihm an zu dämmern, dass er darob bei sich also zu denken anfing:
HG|2|33|2|0|„Was will ich nun machen? Ich – ein armselig schwacher, ohnmächtiger Wurm im Staube, der nun nicht einmal mehr imstande ist, mit einem kaum armdicken Bäumchen es aufzunehmen; Er – ein Gott, ein ewiger Gott, die unendliche Urmacht, Kraft und Gewalt Selbst! Ich – ein abscheulicher Sünder; Er – die allerhöchste Heiligkeit!
HG|2|33|3|0|Ich bin zusammengesetzt aus lauter Eigennutz, Eigenliebe, Eigenwohltat; Er – voll der allerhöchsten Liebe, Gnade, Erbarmung!
HG|2|33|4|0|Ich bin voll Eifersucht, Zorn, Scheelsucht, Neid und Rachgier; Er – voll Milde, voll Sanftmut, voll Nachsicht, voll Geduld, voll Freigebigkeit!
HG|2|33|5|0|Kurz, ich kann mich besehen, wo und wie immer ich mich nur will und mag, so finde ich mich in dem allerblanksten Widerspruch gegen Ihn!
HG|2|33|6|0|Was soll ich, was will ich nun tun, was machen, was anfangen, was beginnen?
HG|2|33|7|0|Er beschied mich zwar zur Grotte hin, da ich sehen solle, ob mein Herz noch irgendeiner Reue fähig ist; aber was wird mir das wohl nützen?
HG|2|33|8|0|Kenne ich etwa nicht mein arges Herz, das da zur Reue gerade also aufgelegt ist wie ein Stein zur Aufnahme eines Druckes, dem er so lange widerstrebt, als er ist ein harter, unempfindlicher Stein?!
HG|2|33|9|0|O Naëme, Naëme, du schuldlose Schuldnerin an mein hartes, eigennütziges Herz, jetzt erst wird mir klar, dass sich dir niemand als nur allein der Herr, dein Gott und Schöpfer, ungestraft nähern kann!
HG|2|33|10|0|Ja, jetzt wird mir alles auf einmal klar, helle und vollends licht, – sie ward mir ja nur als Strafe beschert, darum ich in der armen Tiefe Aufsehens machte mit der mir verliehenen Macht, Kraft und Gewalt!
HG|2|33|11|0|Ja, ja, also ist es; und ich war blind genug, die ziemlich lange Zeit her, in welcher ich im alleinigen, ungestörten Besitz dieser Strafe war, nicht zu sehen und zu gewahren, dass dieses mein süß scheinendes Verhältnis eigentlich nur ein ganz entsetzlich bitteres Strafverhältnis war!
HG|2|33|12|0|Geil war ich ja von jeher schon, gleich wie da ist ein stinkender Bock und ein brünstiger Hirsch, und tat mir dabei auf meine große und starke Gestalt gar vieles zugute; was war nun natürlicher, als dass der Herr, dem meiner unverbesserlichen Torheit zu viel wurde, mich endlich wohlverdienter- und gerechtermaßen also strafen musste?!
HG|2|33|13|0|Musste ich nicht schmachten vor der Naëme, und sie wollte mich nimmer erhören, so ich vor ihr brannte wie ein reifer, vollsaftiger Ölzweig?!
HG|2|33|14|0|Und doch musste ich ihre unaussprechlichen Reize ansehen, also, dass mir nicht selten ganz finster vor den Augen wurde!
HG|2|33|15|0|Ihr Antlitz, gleich der schönsten Morgenröte; ihre Augen, gleich zwei aufgehenden Sonnen; ihren Mund, gleich einer frisch aufblühenden Rose, wenn sie gerade mächtigst schön aus der vollen Knospe bricht; ihr herrliches Haar, das da spielt so prächtig wie ein herrlichster Strahlenstein; ihren Arm, der da so weiß ist wie der Schnee und so zart, sanft und weich wie junge Wolle; ihren Busen, dessen erhabenste Reize mit nichts zu vergleichen sind! Ja, ihr gesamtes Wesen, das da vor meinen Augen nichts Ähnliches findet auf der ganzen Erde, musste ich anschauen und durfte nichts genießen! Ja, nicht einmal umarmen durfte ich sie; und wenn ich mich vor ihr weinend gewälzt habe, so erhörte sie mich nicht, sondern gab mir dabei nur Lehren und Ermahnungen, die dem Munde Kenans oder Henochs sicher keine Schande gemacht hätten, darum ich sie auch nicht einmal verlassen konnte, um mich an ihr zu rächen, sondern sie nur stets mehr und mehr zu lieben genötigt war!
HG|2|33|16|0|O du Strafe der Strafen! Du harte Strafe! O Vater Adam, jetzt erst sehe ich es klar vor mir; – darum du dich entzweit hast mit Gott, darum auch entzweite dich selbst Gott, nahm die Hälfte deines Ich aus dir, bildete daraus die Eva und gab sie dann dir zu einer dich stets gar gewaltig strafenden Gehilfin, die da alle deine frühere Weltenstärke zu einer Staubwurmschwäche machte und dich sogar am Gängelband ohne das geringste Sträuben von deiner Seite aus dem hohen Paradies führte, – und du hast die Strafe nicht gemerkt, wie ich sie jetzt merke!
HG|2|33|17|0|O Gott, o Du großer, mächtiger, heiliger Gott! Wer kann Deinen Rutenstreichen entgehen?
HG|2|33|18|0|Du hast mich hart gezüchtigt, und ich gewahrte nicht die Härte Deiner Rute; Du warst mir barmherzig, nahmst mir ab der harten Strafe große Bürde, und ich als der größte Tor und Esel grämte mich dessen!
HG|2|33|19|0|Doch jetzt erst erschaue ich die ganze Tiefe meiner Tollheit und danke Dir in mir, wie Dir noch kein Sterblicher gedankt hat, für diese Deine große Erbarmung an mir ärmstem Tropf!
HG|2|33|20|0|Dank, Dank, Dank Dir, Du allein hast mich frei gemacht, und ich bin nun wahrhaft frei und gehöre Dir und mir nun wieder ganz vollends allein an.
HG|2|33|21|0|Aber lasse mir am Ende dieses meines Dankes auch die Bitte hinzufügen, nämlich: dass Du mich in alle Zukunft mit derlei Strafen ewig verschonen möchtest! Willst und musst Du mich schon strafen, oder muss der Mensch überhaupt Deiner Ordnung gemäß gestraft werden, so strafe uns doch lieber mit Feuer, mit Gift und Skorpionen; aber mit Naëmen strafe uns nimmerdar, sonst geht die Erde unter unseren Füßen zugrunde!
HG|2|33|22|0|Daher überlade uns Würmer nicht, und habe einmal doch satt des ewigen Strafens! Amen.“
HG|2|34|1|1|Abedam lehrt Hored die wahre Bedeutung von Liebe und Leben
HG|2|34|1|1|Am 21. Februar 1842
HG|2|34|1|0|Nach dieser inneren Selbstrede richtete sich der Hored auf und ging mutigen Schrittes hin zum Abedam und wollte da seinen Dank vor allen Vätern laut kundgeben; allein der Abedam kam ihm zuvor und sagte zu ihm:
HG|2|34|2|0|„Hored, meinst du denn, dass Ich die stille Rede deines Herzens überhört habe? Das sei ferne deinem Gemüt!
HG|2|34|3|0|Siehe, da du sahst, dass die Naëme für dich so gut als ganz rein verloren sei, da auch erst kehrtest du in dich zurück und konntest dich wenden zu Mir!
HG|2|34|4|0|Du hast dich zwar gerecht zu Mir gewendet und hast dich gewendet in aller Wahrheit, – aber dein Umwenden war eine trockene Umkehr, darum du am Ende deiner Gemütssprache Mich mit aufgeregtem Herzen bitten mochtest, dass Ich, so da jemand ja schon gestraft werden solle, ihn lieber solle mit Feuer, Gift und Skorpionen strafen denn mit Naëmen, – und dass Ich ferner doch einmal des Strafens satthaben solle!
HG|2|34|5|0|Siehe, aus derlei Bitten sieht noch gar wenig Liebe zu Mir und Liebe zum Nächsten heraus.
HG|2|34|6|0|Dachtest du in dir auch die volle Wahrheit, so taugt aber diese dessen ungeachtet doch mitnichten ledig fürs Leben, wenn die Liebe ihr nicht vermählt ist!
HG|2|34|7|0|Ich sage dir aber, so du geweint hättest um die Naëme, da wärest du Mir lieber gewesen denn also; denn da hättest du Mir gezeigt, dass dein Herz voll ist der Liebe, – nur hätte sie eine schiefe Richtung, der aber leichtlich abzuhelfen wäre.
HG|2|34|8|0|So aber hast du Mir gezeigt zwar offene Augen, aber ein verschlossenes Herz; die Augen aber taugen nicht zur Aufnahme des Lebens, sondern allein das Herz. Und siehe, gerade das da lebendig sein soll, ist tot in dir!
HG|2|34|9|0|Dein Gedanke ist nur wahr bis zur Hälfte, darum in ihm keine Liebe ist; wäre aber Liebe in ihm, so hätte er sicher einen anderen Ausgang genommen als den unrichtigen; als hätte Ich als Vater nur gewisserart ein Wohlgefallen an dem Strafen! Wie töricht!
HG|2|34|10|0|Meine ewige Ordnung der allerhöchsten und allerreinsten Liebe erkennst du als Strafe und bittest Mich, sagend: Habe einmal satt des Strafens!
HG|2|34|11|0|Siehe, so Ich nun deine törichte Bitte erhören möchte, was würde da alsbald aus den Geschöpfen werden?
HG|2|34|12|0|Damit du aber deine Torheit vollends einsiehst, so will Ich zu dem Behuf an jener alten, mächtig großen und starken Zeder deine Bitte erhören!
HG|2|34|13|0|Nun, was sagst du dazu? Wo ist nun der mächtige Baum? Siehe, es ist auch nicht die leiseste Spur von ihm mehr übriggeblieben!
HG|2|34|14|0|Merkst du nun, wohin die Erhörung deiner Bitte die Wesen führen möchte, und merkst du auch deine große Torheit, und wie viel des Lebens in dir waltet?
HG|2|34|15|0|Ich solle euch lieber mit Feuer, Gift und Skorpionen strafen denn mit Naëmen! Siehe, es ist wahr, Ich gab das Weib dem Mann zu seiner Demütigung, darum Ich schon von Ewigkeit her wusste, wie es mit dem vereinzelten Herzen des Mannes stand.
HG|2|34|16|0|In dieser alleinigen Hinsicht könnte – zur Hälfte nur – das Weib als eine kleine Strafe, an das hochmütige Herz des Mannes gerichtet, angesehen werden; wenn aber jemand dabei nur ein wenig weiter denkt, muss er da nicht alsbald gewahr werden, dass eben dieses scheinbare Strafmittel ein gar großes Mittel, ja eines der allerwichtigsten Mittel zur Erreichung des wahren vollkommen allerseligsten ewigen Lebens in Mir ist?!
HG|2|34|17|0|Siehe, Ich sage es nun schon zum mehr denn zum tausendsten Mal, dass nur allein die Liebe zu Mir und also auch zum Bruder und zur Schwester das ewige Leben bedingt darum, da eben in Mir Selbst das urewige Grundleben alles Lebens in seiner ganzen heilig endlosen Ausdehnung nichts als pur Liebe ist!
HG|2|34|18|0|So du alsonach die Liebe nicht hast, woher soll dir denn hernach das Leben kommen?
HG|2|34|19|0|Denn wer Mich nicht aufnimmt in seinem Herzen, Der Ich nur ganz allein das Leben bin, wie und wodurch sollte der dann leben?
HG|2|34|20|0|Ich aber bin die ewige Liebe Selbst; wessen Herz sonach liebeleer dasteht, steht das nicht gleichermaßen auch lebensleer und bar vor Mir?
HG|2|34|21|0|Jetzt aber gehe zurück und mache eine kleine Betrachtung, und sehe, wer da zuerst dem Herzen des Kindes die Liebe durch die Liebe lehrt, wer das Herz zuerst für Liebe und Leben erweckt!
HG|2|34|22|0|Wer nährt das ohnmächtige Kind aus eigener Brust? Wer gab dir denn die erste Kost und trug dich auf zarten, weichgepolsterten Händen vom Tode herüber ins erste Leben? Siehe an deine Mutter, du Tor!
HG|2|34|23|0|Da du aber als Jüngling dann in der gefühlten werdenden männlichen Kraft dich stolz erheben wolltest, als wärest du berufen, Sonne, Mond und all die Sterne mit großer Verachtung zu zermalmen und also dich zu zerstreuen ins ewige Nichts, wer kam dir da entgegen, – wer fesselte da dein Herz für Liebe und Leben in dir, – wer führte dich da zuerst wieder in die eigene Wohnstätte des Lebens zurück, – wer lehrte dich da von neuem wieder die von deiner Mutter gelehrte, aber vergessene Liebe?
HG|2|34|24|0|Wer, sage Mir, wer war der Engel, der dir mit dem ganzen Leibe stark zurief: ‚Hored, liebe, liebe, liebe – und lebe; aber liebe rein, liebe in Gott, und lebe in Gott, und lebe mir, und klopfe nicht an die Pforten des Todes!‘?
HG|2|34|25|0|Siehe, dahier zu Meinen Füßen ruht und liebt dieser Engel, den du mit Feuer, Gift und Skorpionen vertauschen möchtest; siehe, es ist die Naëme!
HG|2|34|26|0|Gehe nun hin, bereue deine Torheit; und wenn du Liebe empfinden wirst in deinem Herzen, ja, Ich sage dir, mächtig starke Liebe zu Mir, deinem heiligen, guten, liebevollsten Vater, dann erstehe, und komme wieder, damit Ich dich segne mit dem ewigen Leben! Amen.“
HG|2|35|1|1|Horeds stille Einkehr in der Adamsgrotte
HG|2|35|1|1|Am 22. Februar 1842
HG|2|35|1|0|Nach dieser Rede Abedams aber fiel der Hored alsbald nieder auf sein Angesicht und bat inbrünstigst den Abedam, dass Er ihm sein Herz umgestalten möchte, da er sich nun zu ohnmächtig fühle und wohl einsehe, dass er aus sich gar nichts vermöge; daher möchte ihm der Abedam gnädig und barmherzig sein!
HG|2|35|2|0|Und der Abedam aber sagte zu ihm: „Tue, was Ich dir geboten habe, so wird dir geholfen; denn an der bezeichneten Stelle habe Ich für dich ein Heilmittel bereitet! Und also gehe und ergreife es behände, so da dir am Leben etwas gelegen ist und an Meiner Gnade, Liebe und Erbarmung! Amen.“
HG|2|35|3|0|Und alsbald erhob sich der Hored, dankte bebenden Herzens und begab sich darauf sogleich hin zu der von hier bei zweitausend gute Schritte abstehenden Grotte.
HG|2|35|4|0|Als er nun dort angekommen war, da betrachtete er eine Zeit lang die große Farbenpracht des Gesteins und fing an, darüber bei sich nachzudenken über die Ursache solcher Herrlichkeit; aber es wollte ihm nichts Befriedigendes einfallen.
HG|2|35|5|0|Endlich aber kam er doch auf einen guten Gedanken und sagte demzufolge bei sich selbst: „Wenn der Sonne starker Strahl sich bricht in dieses edlen Gesteins wohlgeformten, glatten und allenthalben endlos verschiedenfarbig durchsichtigen Flächen, so erbrennen freilich diese Farben wie lebendig in unaussprechlicher Pracht und Majestät aus ihm.
HG|2|35|6|0|Aber sind sie darum sein Eigentum? O nimmer, nimmer! Wenn die Sonne sich senkt hinter das Gebirge, dann auch sinkt all deine große Pracht hinab in die tiefe Nacht!
HG|2|35|7|0|Welch ein Unterschied ist dann zwischen dir und dem allergemeinsten Sandstein, über welchen sogar die Ameise hurtig hinwegtrippelt, um nicht von seiner großen Unfruchtbarkeit ausgesogen und endlich gar tot gemacht zu werden?
HG|2|35|8|0|Wird sonach nicht alles nur durch das Licht verherrlicht? Ja, ja, durch das Licht; aber, was ist dessen ungeachtet die Pracht aller Dinge im Licht? Eine Lüge, eine allerbarste Lüge?
HG|2|35|9|0|Abedam, wie Er genannt wird von den Vätern, sagte mir zuvor ja etwas von einer halben Wahrheit; – siehe, siehe, – mir fängt an, nun daraus ein sonderbares Licht aufzugehen! Ja, ja, es kann fürwahr im Ernst gar wohl eine halbe Wahrheit geben!
HG|2|35|10|0|Wer kann die Formenherrlichkeit der Dinge, wie zum Beispiel der Blumen, der edlen Steine, der Früchte, der Tiere und so auch der Menschen und von noch zahllos anderem hinwegstreiten? Aber ihre Herrlichkeit ist nur eine halbe Herrlichkeit ohne das Licht!
HG|2|35|11|0|Was aber ist das herrliche Licht für sich, wenn seine Strahlen in die leere Unendlichkeit sich hinaus zerstreuen sollten, ohne irgend zu treffen eine Form und zu verherrlichen dieselbe?
HG|2|35|12|0|Oder ist die sichtbare Form des Lichtes an oder für sich etwas wahrhaft charakteristisch Schönes?
HG|2|35|13|0|Wer könnte die Sonne, den Mond, oder all die Sterne, oder ein Fackellicht für sich förmlich schön nennen? Das sind sie wahrlich nicht, und es hat schon ein einfachstes Blümchen mehr für sich denn die ganze höchst einförmig runde scheinbare Scheibe der Sonne, des Mondes und die gar wenig sagenden Punkte der Sterne!
HG|2|35|14|0|Ja, ja, also überall nur eine halbe Wahrheit; die Form hat nur den halben Wert ohne Licht und das Licht den halben ohne Form!
HG|2|35|15|0|Also, also verhielte es sich demnach auch mit dem Menschen, so sein Herz liebe- oder formleer dahin und daher sich wendet und wendet.
HG|2|35|16|0|Der Verstand lässt zwar gleich der Sonne seine Strahlen auslaufen; aber was nützt es der Leerheit? Da nichts ist, welche Wirkung des Strahls, wenn er auffällt auf die schale Fläche des Nichts?
HG|2|35|17|0|Ja wahrlich, in meinem Herzen ist nichts; gar nichts ist darinnen, keine Liebe, keine Reue, keine Trauer, keine Freude, keine Lust, auch sogar keine Begierde regt sich mehr in ihm.
HG|2|35|18|0|Habe ich etwa eine Lust zum Leben? O nein, mir ist das Leben wie dem Stein sein buntes Strahlen! Habe ich etwa einen Hunger oder einen Durst? Auch da fühle ich keines von beiden!
HG|2|35|19|0|Ich soll meine Torheit bereuen; ja, welche denn? Darum mein Herz leer ist und das Licht des Verstandes kein nütze ist, darum es von keiner Form aufgenommen wird in mir.
HG|2|35|20|0|Die Reue ist ja eine kümmerliche Tochter der Liebe; so aber die Mutter irgendwo noch im weiten Felde ist, woher soll ich die Tochter nehmen?
HG|2|35|21|0|Ich bin ein Tor; so sagte zu mir der Abedam Jehova. Ich glaube es auch fest, dass ich einer bin; denn Er, die ewige Wahrheit, hat mir solches bezeugt, – also muss ich ja ein Tor sein!
HG|2|35|22|0|Aber warum bin ich denn ein Tor? Weil mein Herz form- oder liebeleer ist! Wenn es aber leer ist, woher soll es gefüllt werden?
HG|2|35|23|0|Vom Licht sicher nicht; denn wo der Strahl nichts findet, da läuft er die Unendlichkeit durch und kehrt ewig nimmer zurück!
HG|2|35|24|0|Also, woher nehmen und sättigen das Nichts? Doch – stille, stille! Was ist das? Was tönt da so übermächtig herrlich? O Gott, Du großer, heiliger Jehova, jetzt lasse mich vergehen! Nein, nein, jetzt erst lasse mich leben!
HG|2|35|25|0|Ich vernehme Töne, Töne, ach heilige Töne! Sie sind keine Worte, – ich verstehe sie nicht; aber sie sind ohne Verstand herrlicher, ja unendlichmal herrlicher denn ein allerverständliches Wort!
HG|2|35|26|0|O Gott, nun wird mir schon etwas klar! Nämlich, dass ich ein großer Tor bin!
HG|2|35|27|0|Ist das Wort nicht des Schalles Form? Und doch ist hier der Schall allein herrlicher denn seine Form!
HG|2|35|28|0|Meine Weisheit ist nun zu Ende; diese Erscheinung hat alle meine Grundsätze zunichte gemacht.
HG|2|35|29|0|Herr, hier liegt der Sünder blank vor Dir im Staube und hat nichts mehr zu sagen als: O lieber Vater, sei auch mir armem Sünder gnädig und barmherzig! Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|2|36|1|1|Das Tonwunder in der Grotte und seine transformative Wirkung auf Hored
HG|2|36|1|1|Am 23. Februar 1842
HG|2|36|1|0|Es hatte aber diese Grotte das Eigentümliche – besonders um die dritte Stunde des Nachmittags, um welche Zeit es auch gerade schon diesmal war, wann sich alle Winde legten und eine vollkommene Windstille eintrat –, dass sich dann ein Getöne vernehmen ließ, das da große Ähnlichkeit hatte mit dem Tönen einer äußerst rein gestimmten Windharfe; nur war dies Tönen bei weitem großartiger und erhabener sowohl im Steigern als im Fallen und in dem, das ihr die Modulation oder das Übergehen nennt.
HG|2|36|2|0|Dieses Wunder war freilich wohl schon ein älteres, aber bis auf den Hored hat es noch niemand entdeckt; allein, das Alter hebt das Wunder nicht auf, und noch weniger seine Tauglichkeit.
HG|2|36|3|0|Dass die Sonne und die ganze Schöpfung schon ein gar altes Wunder sind, das wird wohl niemand bestreiten; hört aber etwa mit dem Alter dieser Wunder ihre gar wohlgeordnet bestimmte Tauglichkeit auf?
HG|2|36|4|0|Gewiss nicht, denn die überalte Sonne leuchtet heutzutage noch gerade also, wie sie geleuchtet hatte zu den Zeiten Adams.
HG|2|36|5|0|Und gerade also verhielt es sich mit diesem Tonwunder, da es schon vorhergesehen war von Ewigkeit für den Zweck, der jetzt im Hored vorliegt.
HG|2|36|6|0|Solches aber wird hier aus diesem Grunde berührt, damit da nicht sogleich jemand sagen möchte: „Das war demnach ja nur eine ganz natürliche Erscheinung!“
HG|2|36|7|0|Aus welcher Behauptung dann gewisserart entnommen werden solle, dass die natürlichen Erscheinungen weniger Wunder seien, als so ein leuchtender Berg plötzlich vom Firmament herabfiele.
HG|2|36|8|0|Also dieses Tonwunder hatte auf den Hored also wohltätig gewirkt, dass er darüber vollkommen angefangen hat, in sich zu gehen, und ward ein Mensch vollkommen durch und durch voll Reue, Liebe und Leben.
HG|2|36|9|0|Wie aber brachte dieses Wunder das zweite Wunder zuwege? Davon soll sogleich die Rede sein; und also hört denn:
HG|2|36|10|0|Dieser Hored war von seiner Geburt an voll Liebe und voll des besten Geistes, darum er als Knabe schon Steine zur Hand nahm, so er nichts anderes im Ausbruchsmoment der Liebe erreichen konnte, und sie mit großer Heftigkeit an sein Herz drückte.
HG|2|36|11|0|Aus dieser Liebe aber entwickelte sich mit der Zeit eine gewisse Art von Naturliebe, die am Ende ein stärkeres Gewicht bekam als die Liebe zu Mir und die Liebe zu den Vätern, Brüdern und Schwestern. Was musste also vorderhand die natürliche Folge der Abirrung dieser Liebe sein?
HG|2|36|12|0|Seht den Hored an, fragt seinen Zustand, und es wird jedermann alles klar werden, auf welche Art er endlich zu einem ganz puren, kalten Weltweisen geworden war.
HG|2|36|13|0|Er fing da an, die Naturdinge mit schärferen Augen anzusehen. Er prüfte die Kräuter, – sie hatten für ihn kein Leben, das ihn fürder mehr noch erwärmen hätte können; er zerlegte die Bäume, – aber auch in ihnen fand er keine Lebenswärme; er stieg ins Wasser – und fand es kalt; wieder nahm er den Lehm – und fand ihn weich und sehr schmiegsam, dass er daraus allerlei bilden konnte. Aber er gewahrte alsbald zwei große Übel, nämlich: Solange ein solches Gebilde vermöge der innehaftenden Feuchtigkeit weich blieb, da war es auch durchaus kalt, dass sich davor die Haut schreckte; wärmte er es aber an der Sonne, so wurde es zwar fester und fester, aber drückte er es dann an seine Brust, so verursachte es ihm bedeutende Schmerzen, dass er darob von sich stieß sein hart gewordenes Werk.
HG|2|36|14|0|Wieder nahm er Steine, schlug sie aneinander, dass darum aus ihnen nicht selten die reichlichsten flammenartigen Funken sprühten. Das nahm ihn wunder, darob er dann auch fast all die ihm vorkommenden Steine zerklopfte und in ihnen das Feuer suchte, aber auch ganz natürlicherweise nie eines fand und daraus dann also schloss: Die ganze Welt ist ein hungriger Tiger, der allzeit zum Fressen aufgelegt ist, aber dem Nachbarn etwas zu überlassen nimmerdar mag, außer einigen ungenießbaren toten Knochen!
HG|2|36|15|0|Dergleichen Weisheitssätze, die ihm sehr wohl gefielen, hatte er mit der Zeit eine große Menge aus der Natur herausgezogen, so, dass er dadurch am Ende für einen großen Weisen des Morgens zu gelten anfing, welcher Weihrauch ihm auch am allermeisten wohlschmeckte, – darum er dann aber auch mit seiner Weisheit es also ins Große zu treiben anfing, dass sich vor ihm nicht einmal die Hauptstammväter zu reden getrauten, sondern alle lobten ihn und erteilten ihm den allgemeinen Segen, darum er dann auch stark genug wurde für einen Apostel in die Tiefe, dahin sich vor ihm niemand zu wandeln getraute.
HG|2|36|16|0|Er wusste sich in Hanoch auf Meinen Namen einen großen Respekt durch Wort und Tat zu verschaffen und bekam darum das Beste zum Lohn für seine Weisheit und nicht wenig gefürchtete Macht. In diesem Lohn fand er den vollen Ersatz für alle seine an die stumme Natur verschwendete Liebe; da er aber diese Liebe fand, so liebte er unmäßig und verabschiedete aber dafür die Weisheit ganz und gar, darum er dann auch in alle Sinnlichkeit überging, dafür er nun an der Naëme Meine Strafe ersah, und das im geretteten Zustand, als seine Liebe wieder anfing, sich in die Weisheit zu verlieren.
HG|2|36|17|0|Er wurde vor Mir sogar wieder zu seinem früheren Weisen voll Kälte.
HG|2|36|18|0|Was war nun mit ihm zu tun? Ein zu sprechendes und knallendes Wunder hätte ihn töten müssen. Daher also auch war dieser harmonische Balsam für ihn in den Stein gelegt, damit er daraus erfahren solle, dass Meine Liebe nicht nur das Herz im Menschen, sondern auch den allerhärtesten Stein erfüllt!
HG|2|36|19|0|Wie aber diese Arznei dem Hored anschlug, – das zu erfahren, wollen wir ihm selbst einen sehr wohltuenden Besuch machen und das alles aus seinem Munde vernehmen und daselbst noch so manches lernen und erkennen! Amen.
HG|2|37|1|1|Horeds stilles Gespräch mit der göttlichen Präsenz
HG|2|37|1|1|Am 24. Februar 1842
HG|2|37|1|0|Bei einer guten Stunde lang seufzte nun der Hored in einem etwas beschwerlich zugänglichen Winkel der Grotte, als da vom Morgen her ein leichter Wind zu wehen begann und dem herrlichen Tönen ein Ende machte.
HG|2|37|2|0|Als sich aber die dem Hored so heilig vorkommenden Klänge verloren, da richtete er sich auch alsbald auf und fing an, mit sich folgendes Gespräch zu führen, sagend:
HG|2|37|3|0|„O du herrliche, wunderbare Schöpfung Gottes, wie erhaben und heilig bist du, mit den Augen der Liebe betrachtet und tief gefühlt im liebenden Herzen, ja mit einem vor Gott nur einigermaßen liebegereinigten Herzen!
HG|2|37|4|0|Welch ein Unterschied nun in mir! Vorher, vor einer Schattenwende kaum, war alles noch kalt um mich her und tot alles, – ja, mein Herz selbst war kalt und keiner Träne fähig mein Auge; jetzt lebt alles, – der harte Stein redet, das Gras sendet duftende Lobgesänge zu den heiligen Höhen Gottes empor!
HG|2|37|5|0|Durch die regen Äste der herrlichen Bäume rauscht eine heilige, reine Sprache, ein großes Wort über alle die Wälder der Erde; es tönte: ‚Gott ist die reinste Liebe! Und alles ist Liebe um Ihn, aus Ihm und durch Ihn!‘
HG|2|37|6|0|Oh, wie herrlich, wie schön, wie heilig, wie lebendig ist doch jetzt alles um mich her! Wie erhaben nun diese heiligen Berge und wie unaussprechlich erhaben heilig nun jene Morgenhöhe Adams, wo – wo – o die Größe, die Größe! Ich kann es nicht aussprechen!
HG|2|37|7|0|O mein Herz, mein Herz! Jetzt eröffne dich überweit; ja über alle endlosen Schöpfungen hinaus erweitere dich, und erfasse, was dort auf jener heiligen Höhe sich nun befindet!
HG|2|37|8|0|Erfasse es, erfasse es; denn Gott, der große, ewige, überheilige Schöpfer der Unendlichkeit – o Herz, erfasse es! – der liebevollste, allerheiligste Vater ist es! Ja, unser aller Vater ist es, der Sich dort befindet, sichtbar unter Seinen Kindern!
HG|2|37|9|0|O Natur, o ihr Winde alle, du plätschernde Quelle, schweigt, schweigt nun; und ihr zwitschernden Bewohner der Äste der Zedern, und du auch, zirpende Grille, hemmt nicht das heilige Gefühl in meiner Brust!
HG|2|37|10|0|Der heilige Vater, voll der allerhöchsten Liebe, unter Seinen Kindern dort auf jener heiligen Höhe! Er – der allmächtige Schöpfer, der ewige, alleinige Gott und Herr aller Dinge und Wesen als Vater unter Seinen Kindern! O Gedanke, o du lichteste, heiligste Wahrheit, welche Unendlichkeit kann dich fassen, welche Ewigkeit dich begreifen?!
HG|2|37|11|0|Ja, heilig bist du, sonst armselige Brust, so dich dieser Gedanke nur anrührt! Der Vater – unter Seinen Kindern! O du zu endlos großer Gedanke, wer kann leben und dich denken in deiner Größe, in deiner unendlichen Unendlichkeit?!
HG|2|37|12|0|Der Vater unter Seinen Kindern – und lehrt sie Selbst, lehrt sie erkennen Ihn, den heiligen Vater!
HG|2|37|13|0|Auch an mein totes Ohr drang Seine heilige Vaterstimme, und ich verstand sie nicht; und meine Augen sahen Ihn, und ich erkannte Ihn nicht!? Hierher führte mich Sein Wort; des Vaters Wort führte mich hierher!
HG|2|37|14|0|O du heilige Stelle, du Ort der lebendigen Verklärung meines Herzens, meines Geistes, – mit welchem ewigen Denkmal soll ich dich verzieren, mit welchem heiligen Wort dich nennen, dich, du heilige Stätte, dahin mich des Vaters Wort beschied?!
HG|2|37|15|0|Ach, was ist doch der Mensch, der schwache Bewohner dieser Erde, dass Sich der ewige Gott seiner erbarmt und ihn aufnimmt zu einem Kind!
HG|2|37|16|0|Ist der Mensch denn gut? Nein, das ist er durchaus nicht! Ist er denn etwa gar so überaus schön, darum Gott zu ihm kommt? Nein, nein, das ist er noch mehr durchaus nicht; denn wo die wahre Güte mangelt, da mangelt auch die wahre Schönheit.
HG|2|37|17|0|Ist er etwa also liebenswürdig, darum der Herr herabkam zu ihm? O mitnichten; denn um liebenswürdig zu sein, muss man doch vorher notwendig gut und schön sein!
HG|2|37|18|0|Ist der Mensch denn etwa reich an verschiedenen Gott fremden und seltsamen Dingen? O der unaussprechlichen Torheit, o des finstersten Gedankens, der sich immer noch möglicherweise der Zunge je bemächtigen kann!
HG|2|37|19|0|Was hat der Mensch denn, das er nicht zuvor empfangen hätte?
HG|2|37|20|0|Also – was ist – oder was hat denn hernach der armselige Mensch dieser mageren Erde, darum Gott zu ihm kam, ihn nun lehrt, führt und tröstet?
HG|2|37|21|0|O du großes, undurchdringliches Geheimnis! Darum wir uns Kinder nennen dürfen, ist ja eben nur Seine endlose Erbarmung, ohne die wir jedem Stein gleich gutweg nichts als nur pure Geschöpfe sind, und das noch dazu voll Ungehorsam, während ein Stein viele tausend und abermals tausend Jahre sich ohne des Herrn Willen nicht von der Stelle rührt, dahin er gesetzt wurde von des heiligen Vaters allmächtiger Hand.
HG|2|37|22|0|Oder war der heilige Gedanke in Gott, aus dem der Mensch, der undankbare Mensch hervorging, vielleicht noch göttlicher als der, aus dem mit der früheren, gleichen oder späteren Zeit ein Stein aus einem und demselben Gott hervorgehend ward?
HG|2|37|23|0|Ja, ja, nichts, gar nichts ist und hat der Mensch vor Gott, sondern alles nur als pure Gnade von Ihm!
HG|2|37|24|0|O du unaussprechliche Liebe, du unendliche Barmherzigkeit des Vaters, der da ist allzeit heilig, überheilig, wie soll dir denn das Herz danken, wie dich loben und preisen, mit welchen Worten der ganzen Erde würdig verkündigen solche endlose Milde von dir an uns arme Menschen, die wir uns unwürdigstermaßen deine Kinder nennen?!
HG|2|37|25|0|O Vater, jetzt lasse in den Staub mich sinken; denn meine Augen sind nicht einmal würdig, dahin einen Blick zu tun, da Du noch weilst unter Deinen Kindern!
HG|2|37|26|0|Du heiliger Vater – unter Deinen Kindern! Dieser Gedanke ist zu heilig, um noch einmal von mir Erdwurm gedacht zu werden!
HG|2|37|27|0|Daher stille, stille, alles werde stille um mich her, damit auch ich vor der zu großen Heiligkeit des Vaters verstummen kann!
HG|2|37|28|0|Denn was sollte da ein bestaubter Schlammwurm sprechen, worüber die ganze Unendlichkeit das erhabenst ehrfurchtsvollste Stillschweigen beobachtet! Also stille, stille, mein Herz und meine Zunge; denn alles um mich her ist nun stille geworden. Stille in Gott, stille; denn – der Vater ist in der Nähe!“
HG|2|38|1|1|Bekehrung und Segnung des Hored durch Abedam
HG|2|38|1|1|Am 25. Februar 1842
HG|2|38|1|0|Nach diesen Worten verstummte die Zunge Horeds zwar, aber desto lauter wurde es in seinem Herzen; denn dieses suchte und suchte nun schickliche und wohltaugliche heilige Worte des Dankes und der würdigen Darstellung der dem Menschen nur immer höchst möglichen Liebe gegen Gott. Allein es war vergebens; je tiefer sich der Hored in sein Herz verkroch, und je emsiger er alle seine verborgensten Winkel durchsuchte, desto weniger auch konnte er finden, was er nun so gerne gefunden hätte.
HG|2|38|2|0|Es berief aber ebenzeitig der Abedam zu Sich den Henoch, den Lamel, den Gabiel mit der Purista und den Lamech mit der Ghemela.
HG|2|38|3|0|Als aber die Naëme den Namen ihres Vaters aussprechen hörte, da erschrak sie gewaltigst; denn sie glaubte, er sei sicher durch die kecke Nebelgestalt beim weißen Berg herauf an diese so heilige Stelle geführt worden.
HG|2|38|4|0|Aber der Abedam beruhigte sie bald, indem Er zu ihr sagte: „Naëme, – wie magst du dich fürchten an Meiner Seite? Bin denn nicht Ich der Herr aller Dinge, Wesen, aller Unendlichkeit, aller Ewigkeit?!
HG|2|38|5|0|Siehe, darum ist ja eitel deine Furcht; und zudem hat der von Mir berufene Lamech mit deinem Vater wohl nichts als allein nur den Namen gemein!
HG|2|38|6|0|Denn dieser Lamech hat den Namen von Mir aus, der da sagt: Dieser ist Meiner Liebe, dieser ist für Mich, dieser hat Meinen Schatz in sich!
HG|2|38|7|0|Was aber den gleichen Namen deines Vaters betrifft, so ward er ihm gegeben in gleicher Bedeutung vom Satan, der da ist Mein größter Feind.
HG|2|38|8|0|Doch aber sollst du dir keine Sorge machen deines Vaters wegen; denn Ich bin auch ein gar über alles mächtiger Herr dessen, dem dein Vater ein getreuer, aber höchst unglücklicher Diener ist, und werde zu seiner Zeit auch ihm die Augen öffnen lassen.
HG|2|38|9|0|Daher sei nun ganz vollkommen ruhig, du Meine neue Tochter der wahren Reue, Buße und Liebe, und folge Mir, fest an Mich angeschlossen, mit den übrigen Berufenen hin zur Stelle, da der Hored nun aus übergroßer Demut und Liebe zu Mir die Regsamkeit der Zunge verlor!
HG|2|38|10|0|Und du, Seth, du Enos, du Kenan, du Mahalaleel, du Jared, und du auch, Mathusalah, aber geht nach Hause mit euren Weibern und anderen Kindern, und sorgt für Speise und Trank in gerechter Menge; denn heute, morgen und übermorgen sollen alle Kinder am Tisch des Vaters speisen!
HG|2|38|11|0|In euren Hütten aber sollt ihr alles in der gerechten Menge finden; nur tragt es unterdessen hierher!
HG|2|38|12|0|Wir aber wollen uns nun begeben dahin, wo ein neuer, großer, treuer Bruder unserer harrt! Amen.“
HG|2|38|13|0|Der Hored aber merkte es bald, dass sich eine ganze Gesellschaft von der Morgenhöhe Adams gegen die Grotte bewegte; nur konnte er der ziemlichen Ferne wegen nicht entnehmen, wer da alles von der Gesellschaft ist.
HG|2|38|14|0|Als aber die Gesellschaft seiner Stelle stets näher und näher kam, da erst erkannte er, um welche Zeit des Tages es nun sei, – nämlich er erkannte unter der Gesellschaft gar bald den hohen Abedam!
HG|2|38|15|0|Jetzt aber war es auch aus bei ihm, dass er darob mit großer Liebeheftigkeit ausrief: „Nein, nein, das kann nicht sein, nimmer, nein!
HG|2|38|16|0|Ich – ein Sünder, ja nahe ein Brudermörder, – ich, der da war über alle Böcke und Hunde voll der allerdicksten Geilheit und voll der allerunreinsten Gedanken, – ich, der größte Tor, sollte nun bestehen im Angesichte Dessen, der mich erschuf, im Angesichte Gottes, im Angesichte des allerheiligsten Vaters?
HG|2|38|17|0|Erde, hast du nun keine weite Spalte irgendwo, die mich wohlbergend für alle Ewigkeiten aufnehmen möchte hinab in deinen tiefsten Grund?!
HG|2|38|18|0|Oder du, hohe Grotte, kannst du nicht einen schwersten Stein auf mein Haupt fallen lassen, damit er mich zerschmettere bis zum nichtigen Staub?!
HG|2|38|19|0|Wie werde ich bestehen nun vor Ihm? Ich in der größten, verworfensten, menschenlarvenmäßigen Niedrigkeit meines Herzens und Geistes?
HG|2|38|20|0|Er, die allerhöchste Heiligkeit! O Zunge, – o Herz, was werdet ihr tun, wenn Er kommen wird, – bald kommen wird?
HG|2|38|21|0|Wie wirst du, sündiges Auge, Gott schauen, – Gott, den Vater, die reinste, heiligste Liebe?!
HG|2|38|22|0|Wie hören du, mein schlechtes Ohr, die heilige Stimme des Vaters, – ja, die Stimme, die du früher verkennen mochtest?!
HG|2|38|23|0|Doch jetzt, mein Herz, es gilt den letzten Kampf, entweder zum Leben – oder zum Tode!
HG|2|38|24|0|Ich habe nichts als ein weites Herz voll der heißesten Liebe nun nur allein zu Ihm, zu Ihm, dem allerheiligsten Vater! Ob sie rein ist, – Vater, das weiß ich nicht! Doch was Du auch immer mit mir machen wirst – ob mich wieder annehmen, oder verwerfen –, es wird ja doch nur Dein heiliger Wille geschehen, und dieser ist ja ewig allzeit über alles gut! Daher – geschehe Dein heiliger Wille!“
HG|2|38|25|0|Bei diesem letzten Wort aber ergriff ihn schon der Abedam an der Hand und sagte darauf: „Hored, du Starker, du Heißer, du Fels der Liebe nun, jetzt komme her an die Brust deines ewigen, heiligen Vaters, und schmecke da zum ersten Mal, wie sich’s da ruhen lässt, – ruhen im hellsten Bewusstsein des ewigen Lebens, – ruhen an der Brust des liebevollsten, heiligsten Vaters!
HG|2|38|26|0|Mein Hored, wenn Ich komme, da gilt es allzeit dem Leben, aber nicht dem Tode!
HG|2|38|27|0|Und also bist du nun auch für ewig lebendig. Siehe, hier ist auch die treue Naëme! Jetzt erst bist du für sie und sie für dich von Mir gesegnet; denn Ich habe sie erwählt für Meine Hand. Darum aber gebe Ich sie jetzt dir, weil du eben jetzt zu Meiner Hand geworden bist!
HG|2|38|28|0|Jetzt aber folge Mir an Meiner Hand mit den übrigen zum großen Sabbatsmahl daheim auf der Höhe! Amen.“
HG|2|39|1|1|Das Sabbatmahl auf der Morgenhöhe
HG|2|39|1|1|Am 26. Februar 1842
HG|2|39|1|0|Und der Hored folgte anfangs wonnestumm, denn diese Begegnung von Seiten des Abedam war für den Hored etwas zu unaussprechlich heiligst Großes, als dass er darüber hätte können seinem Herzen gehörig Luft machen. Er war förmlich wonnetot; nur der allerwilligste Gehorsam belebte seine Glieder.
HG|2|39|2|0|Als sie aber ungefähr den halben Weg zurückgelegt hatten, da auch erst fing der Hored an, ein wenig aufzutauen von seiner übermäßigen Liebwonnestummheit und einen tiefen Odem zu schöpfen für ein erstes großes Wort in diesem neuen Zustand. Allein der Abedam sagte alsbald zu ihm: „Mein geliebter Hored, lasse nun in der Ruhe deine Zunge; so sehr auch immer du deine Zunge mit deinem Herzen in die volle Übereinstimmung zu bringen vermagst, so kannst du aber doch von Mir aus vollkommenst versichert sein, dass Mir dessen ungeachtet die alleinige Sprache deines Herzens viel lieber und angenehmer ist, als wenn sie durch der Zunge natürliche Rauheit vieles verliert an ihrer lebendigen Anmut, wenn auch der Wahrheit unbeschadet. Siehe, alles, was du nur immer ansiehst, predigt dir beständig die ewige Wahrheit, – aber nur die Liebe ist das allerinwendigste, unsichtbarste Leben der Wesen!
HG|2|39|3|0|Darum auch bleibe in dir, und zerstreue nicht fruchtlos, was dein Herz gesammelt hat; es wird aber schon für dich eine Zeit kommen, da du wirst Meine Äcker bestellen müssen! Darum spare deinen herrlichen Samen des Lebens aus Mir für die Zeit, wann Ich dich berufen werde!
HG|2|39|4|0|Und so lasst uns im Frieden ziehen der Heimat zu, allda du noch so manches erfahren sollst! Amen.“
HG|2|39|5|0|Und also zog diese Gesellschaft an der Seite des Vaters der Morgenhöhe zu. Und als sie die Vollhöhe erreicht hatten, da war auch schon in hundert und hundert großen Körben ein überreiches Mahl wohl bereitet, bestehend aus lauter allerherrlichsten, edelsten, frischesten und wohlschmeckendsten Speisen, als: Früchten, Honig, Brot und in den Krügen reinster und köstlichster Beerensaft.
HG|2|39|6|0|Als nun der Abedam sah, dass da alles in der Ordnung war, so segnete Er die Speise und den Trank und sagte dann zu den Vätern, welche die Speisen herbeigeschafft hatten: „Ruft herbei alle eure Kinder, und lasst sie behände austragen und verteilen die Speisen und den Trank an alles Kindervolk, und sie sollen alle davon essen und trinken und sollen fröhlich sein in Meinem Namen und sollen nun auch alle erfahren also von Munde zu Munde, dass Ich, ihrer aller Vater, sichtbar unter ihnen bin!
HG|2|39|7|0|Drei Körbe aber sollen für uns hier auf der Vollhöhe verbleiben; und nun gehet und tuet!
HG|2|39|8|0|Du, Lamel, aber sehe dorthin gen Abend! Siehe, gerade da, wo drei hohe Zedern den Scheitel eines Hügels schmücken, wirst du einen armen Vater mit seinem Weib und seinen sieben Kindern, davon drei Knaben und vier Mägde sind, antreffen! Diese Familie ist noch von der alten, allerdrückendsten knechtlichen Ehrfurcht befangen, also zwar, dass sie sich nicht einmal ihre Füße von da weiter zu setzen getraut, woselbst sie der Hütte Adams ansichtig wird.
HG|2|39|9|0|Darum hebe dich behände dahin, und bringe sie samt und sämtlich hierher zu Mir; und also gehe und tue!
HG|2|39|10|0|Du, Lamech, aber nehme diesen mittleren Hauptkorb, und trage ihn hin zum Adam; und du, Gabiel, nehme den zweiten für dein Haus; und der dritte aber bleibe hier für Mich, für den Henoch, für den Jared, für Lamech und dessen Weib, für Meinen Namensgefährten, für Kisehel und Sethlahem und dessen anderen Brüder, für das Weib Zuriels, für dich, Meinen Hored, und die Naëme, für den Jura, Bhusin und Ohorion und für die Familie, die der Lamel sogleich hierherbringen wird!
HG|2|39|11|0|Alle anderen sollen sich entweder um den Korb Adams setzen – und die da von Morgen her sind, um den Korb Gabiels!“
HG|2|39|12|0|Es bedünkte aber dem Adam heimlich schmerzlich, darum der Abedam nicht an seinem Korb wollte teilnehmen.
HG|2|39|13|0|Der Abedam aber sagte sogleich zu ihm: „Adam, ist denn ein Unterschied in den Körben? Du sollst aber darum nicht liebehrgeizig traurig sein, darum Ich die Schwachen um Mich her versammle!
HG|2|39|14|0|Es stehen aber die drei Körbe ja hier ohnehin also aneinandergereiht, dass sie nur von geringen Zwischenräumen getrennt werden; wozu also des Rangkummers?
HG|2|39|15|0|Bin Ich nicht der Vater, und bin Ich nicht hier in euer aller Mitte? Sei daher nun guten Mutes, und denke nicht nach der Rangzahl der Körbe, sondern lieber an Meine allgemeine Vaterliebe, so wird da sicher keines Unterschiedes sein, in welchen Korb Ich oder du greifst!
HG|2|39|16|0|Meinst du aber etwa, dein Korb ist darum weniger gesegnet? Dieser Irre sei ledig! Amen.“
HG|2|39|17|0|Darauf wurde es alsbald wieder wärmer und heller in der Brust Adams, und er bat den Abedam um Vergebung. Der Abedam aber erwiderte ihm:
HG|2|39|18|0|„Adam, wie sollte Ich dir denn deine Liebe zu Mir vergeben, als wäre sie eine Sünde? Daher sei nur vollkommen ruhig, denn diesen deinen Schmerz erzeugte ja deine Liebe zu Mir. Daher also sei ganz vollends ruhig, und genieße die Speise heiter! Amen.“
HG|2|39|19|0|Nach diesen Worten aber brachte auch schon der fertige Lamel seine überfromme Beute.
HG|2|39|20|0|Der Abedam aber ging ihnen entgegen, dieweil sie sich sehr fürchteten, und sagte zu ihnen: „Kommt her, ihr Meine lieben Kindlein, und fürchtet euch nicht vor Mir, eurem ewigen, heiligen, überguten Vater!“
HG|2|39|21|0|Und sie erkannten Ihn gar bald, fielen vor Ihm nieder und priesen und lobten Ihn überaus laut.
HG|2|40|1|1|Die unbändigen Lobschreier. Adams Tischgebet und Abedams Segen
HG|2|40|1|1|Am 3. März 1842
HG|2|40|1|0|Und der Abedam ließ sie vollends zu Sich kommen und bedeutete dann ihnen, aufzuhören mit ihrem zu lauten Lob; sie aber schrien nur noch ärger: „Gelobt seist Du, heiliger Vater, gelobt Dein heiligster Name! Gepriesen seist Du, allmächtiger, großer Gott, Der Du ewig bist und unendlich! Dir allein gebührt alle Liebe, alle Anbetung, alle Ehre, aller Dank, alles Lob, aller Ruhm und alle unsere allergrößte Demut vor Dir! Nur Du allein bist würdig, solches alles von uns zu nehmen!“
HG|2|40|2|0|Und also schrien sie fort und waren auf natürlichem Wege durchaus nicht zum Schweigen zu bewegen.
HG|2|40|3|0|Da dem Abedam aber sattsam wurde des Lobes und auch die Väter nicht mehr auswussten, was da werden und geschehen solle, damit diese Lobschreier zum Schweigen gebracht werden möchten, da erhob alsbald der hohe Abedam Seine Hand und zog den Zeigefinger vom Aufgang bis zum Niedergang; und alsbald durchzuckte das ganze weite Firmament ein unerhört starker Blitz, dem sogleich ein so starker Donner folgte, dass darüber nahe die ganze Erde bis in ihren Grund erbebte.
HG|2|40|4|0|Diese Erscheinung brachte unsere Lobschreier zum demütigsten Schweigen, und alle die Väter schlugen sich auf die Brust und glaubten, der hohe Abedam müsse diesmal äußerst zornig geworden sein.
HG|2|40|5|0|Darum auch der Adam alsbald anfing, den neun Lobschreiern ihren Ungehorsam gegen des Herrn Wort heftig zu verweisen.
HG|2|40|6|0|Allein, es trat alsbald der Abedam ins Mittel und sagte zum Adam: „Adam, warum ereiferst du dich denn, solange Ich hier unter euch bin?
HG|2|40|7|0|Lasse die Sache nur Mir über, da Ich allein nur weiß, wozu alles dieses; du aber setze dich an deinen Korb, und genieße das Mahl mit den Kindern!
HG|2|40|8|0|Also aber, wie diese neun, hast du Mich noch nie gelobt, obschon du Mich länger kennst; warum sollte es dich nun ärgern, so Ich ihr großes Lob mittels Meines Fingers mit starken Feuerzeichen über die ganze Unendlichkeit hinzeichnete und euch allen dadurch anzeigte, wie groß ihr Lob war?!
HG|2|40|9|0|Ich sage dir aber, der du Mich nun als höchst erzürnt betrachtetest: Wohl dem, welchen da treffen wird solch ein Zorn von Mir; denn er wird ihn alsbald erwecken zum ewigen Leben!
HG|2|40|10|0|Verstehst du solchen Zorn Meiner Vaterliebe an jene Kindlein, die sich aus lauter Liebe zu Mir, ihrem Vater, nicht zu helfen wissen, darum ihre Freude unbändig wird und taub ihr Ohr, da die zu große Liebe sie gefangen hält in aller heiligen Unmäßigkeit?!
HG|2|40|11|0|Wahrlich, wahrlich sage Ich euch allen: Wer da nicht unmäßig und unbändig wird in der Liebe zu Mir, dessen Name wird nicht also geschrieben unter und über den Sternen wie die Namen dieser neun Armen der Erde, aber Überreichen der Liebe!
HG|2|40|12|0|Adam, begreifst du nun dieses Zeichen und diesen Meinen Zorn?
HG|2|40|13|0|Daher sei ruhig und verzehre heiter dein Mahl mit deinen Kindern! Amen.“
HG|2|40|14|0|Diese Worte aber gingen dem Adam gewaltig zu Herzen, darum er dann alsbald tief seufzend ausrief:
HG|2|40|15|0|„O Vater, wenn es also ist, wer wird da das ewige Leben erreichen?!“
HG|2|40|16|0|Der Abedam aber erwiderte darauf dem Adam: „Was seufzt du umsonst, so du nicht verstehst Meine Wege?
HG|2|40|17|0|Sind denn die Sterne des Himmels alle gleich und alle Pflanzen der Erde? So ein Stern aber leuchtet – ob groß oder klein –, regt er nicht das Licht deiner Augen an, auf dass es in dir lebendig widerstrahlt? Und welche Pflanze hast du je tot dem Boden der Erde entwachsen sehen?
HG|2|40|18|0|Darum wird auch der geringeren Herzens Liebende leben; aber nur wird sein Leben sein gleich seiner Liebe, und es wird darum auch sein ein großer Unterschied zwischen Leben und Leben unendlichfach.
HG|2|40|19|0|Siehe, es lebt auch eine Sandmilbe; aber welch ein Unterschied zwischen ihrem und deinem Leben!
HG|2|40|20|0|Daher kümmere dich nicht um die Frucht der Liebe, sondern um die Liebe selbst; denn die Frucht wird sein wie die Liebe! Verstehe solches wohl! Amen.“
HG|2|40|21|0|Und der Adam ward beruhigt und rief unter vielem Dank und Lob die Kinder zum Mahl und bedeutete auch dem Gabiel, solches im Namen des Herrn zu tun.
HG|2|40|22|0|Und als sich darauf um die zwei Körbe reichlich die gehörigen Gäste versammelt hatten, da sagte der Adam mit aufgehobenen Händen:
HG|2|40|23|0|„Kinder, nun lasst uns zuvor loben und preisen den heiligen Geber dieser herrlichen Speisen und dieses herrlichen Trankes, und lasst uns erbitten Seinen Segen!
HG|2|40|24|0|O heiliger Vater Jehova Abedam, Dir danken wir, Dich loben und preisen wir, Dir sei aller Ruhm, alle Ehre, alle unsere Liebe, alle unsere Demut und vollste Anbetung im innersten Geiste der Liebe und aller Wahrheit aus ihr!
HG|2|40|25|0|O heiliger Vater, segne uns und die Mahlzeit für uns nach Deinem heiligsten Willen! Amen.“
HG|2|40|26|0|Und der Abedam trat hinzu zum Korb Adams und segnete ihn und also auch den des Gabiel. Dann aber trat Er alsbald wieder zurück an Seinen Korb, berief die Erwählten zu Sich und ließ Sich mit ihnen zum Korb nieder; doch diesen Korb segnete Er nicht und sagte:
HG|2|40|27|0|„Wo Ich bin, da ist auch der allerhöchste Segen vorhanden!
HG|2|40|28|0|Daher esst und trinkt ohne Sorge, denn Ich, euer Vater, speise ja mit und unter euch, und in euch! Amen.“
HG|2|41|1|1|Die Mahlzeit. Der Herr rügt den sich per Vorfeuerung verehren lassen wollenden Adam
HG|2|41|1|1|Am 4. März 1842
HG|2|41|1|0|Und alle, die sich am Korb Abedams niedergelassen haben, dankten noch einmal dem Herrn, darum Er sie erwählt hatte für Seinen Korb und ihnen dadurch die unschätzbare Gnade zukommen ließ, mit Ihm aus einem Korb zu essen solche Früchte der Herrlichkeit der Liebe des Vaters, und aus einem und demselben Gefäß zu trinken des ewigen Lebens süßesten Saft.
HG|2|41|2|0|Also lobten sie alle eine gute Zeit lang den Abedam für die hohe Gnade; und während die nachbarlichen Körbe schon nahe über den dritten Teil geleert waren, hatte am Korb Abedams noch niemand eine Frucht angerührt.
HG|2|41|3|0|Da aber das Loben und Preisen gar kein Ende nehmen wollte, so sah Seine Gäste der Abedam an und bedeutete ihnen, dass sie äßen die Früchte, gleichwie der anderen Körbe Gäste es tun; sie aber baten Ihn darauf, dass Er zuerst in den Korb greifen möchte, – das da auch alsbald geschah, worauf dann auch bald alles die Hände in den Korb steckte und mit großer, freudiger Ehrerbietung die Früchte verzehrte und die mit dem Saft gefüllten Gefäße leerte.
HG|2|41|4|0|Und also dauerte die Mahlzeit bei einer guten Stunde lang, aber dessen ungeachtet wollten die Körbe samt den Gefäßen dennoch sich nicht erschöpfen lassen, und die letzteren Früchte waren auch stets wohlschmeckender und wohlschmeckender, so wie auch der Saft in den Gefäßen stets feiner und süßer, darum das Ende der Mahlzeit vollends glich dem Anfang, allda niemand der Erste sein wollte, um seine Hand in den Korb zu tragen, – also auch da keiner der Erste, der da zuletzt seine Hand trüge in den Korb. Und da sie den Abedam Selbst noch öfter sahen in den Korb greifen, so dachte da schon gar niemand an ein Aufhören; nur der Adam bemerkte, dass sich die Sonne ihrem Untergang nahe, und fragte den hohen Abedam, was nun zu tun sein solle und was geschehen, da die Zeit der gewöhnlichen Vorfeuerung herangekommen sei.
HG|2|41|5|0|Der hohe Abedam aber fragte dagegen den Adam, sagend nämlich: „Adam, sage Mir doch einmal wohlverständlich, wem denn so ganz eigentlich diese Feuerung gelten soll, ob Mir, oder ob dem blauen Himmel und dessen später sichtbar werdenden Gestirnen und der noch sichtbaren Sonne und dem Mond, oder ob vielleicht gar dem Volk, oder allein dir?
HG|2|41|6|0|Siehe, Ich weiß es kaum, was du damit je verbunden hast, noch was du jetzt verbinden möchtest oder auch schon wirklich verbindest; daher möchte Ich von dir darüber etwas Näheres vernehmen.
HG|2|41|7|0|Für Mich wird oder kann diese törichte Sorge kaum gerichtet sein, denn möchte Ich so etwas wollen, da hätte Ich es auch schon lange von euch verlangt. Da aber Ich demnach so etwas ganz und gar nicht mag und will und es daher Mich auch durchaus nicht angehen kann, so sage Mir aus dem Grunde, wem da diese Beehrung mit der sogenannten Vorfeuerung gelten soll!“
HG|2|41|8|0|Hier verstummte die Zunge des Adam, also zwar, dass er darob kein Wort über seine Lippen zu bringen vermochte.
HG|2|41|9|0|Der Abedam aber bemerkte dem Adam darum und sagte: „Adam, ist es nicht also, dass du an dieser Vorfeuerung die meiste Freude fandest, darum du sie eigentlich ganz heimlicherweise auf dich selbst bezogst und wolltest dadurch anzeigen, dass nur durch dich der Weg zur Pforte des Lebens führt, – darum dir dann auch vor Mir gefeuert werden musste und du mehr hieltest auf die Pünktlichkeit der Vorfeuerung denn auf die Nachfeuerung, die da zu Meiner Verehrung bestimmt war?!
HG|2|41|10|0|Siehe, aus diesem ganz heimlichen Grunde ließ Ich auch das Mir bestimmte Opferfeuer noch am Vormittag abbrennen, damit es flott würde von deiner großen Torheit; aber dessen ungeachtet scheinst du eben nicht die meiste Lust zu haben, deine alte Dummheit fahren zu lassen!
HG|2|41|11|0|Ist denn das Mahl bei Mir nicht mehr wert denn das auf dich bezogene Vorfeuer?! Darum bleibt an den Körben und genießt, solange ihr mögt, und solange es euch schmeckt! Solches kannst auch du, Adam, tun! Sollte dir aber die Feuerung noch lieber sein denn diese lebendige Mahlzeit, so kannst du dir ja auch sogar diese Freude machen; aber nur müsstest du dabei dich sehr in Acht nehmen, dass das Feuer nicht allzu stark werden möchte, dich dann leicht ergriffe und verzehrte! Verstehst du diese Worte?
HG|2|41|12|0|Ich aber sage dir: Verstehe sie wohl und bedenke, dass die Erde inwendig hohl ist und voll des allerbittersten Feuers, – und tue dann, wie es dich gelüstet, entweder zum Tode – oder zum Leben! Amen.“
HG|2|41|13|0|Da aber der Adam solche Worte vernommen hatte vom Abedam, da entsetzte er sich ganz gewaltigst und richtete folgende Worte voll Furcht und Zittern an ihn:
HG|2|41|14|0|„O Abedam, Du bist heilig, gut und voll Liebe, Gnade und Erbarmung; aber wehe dem, der nur um ein Haarbreit über die Schranken Deines Willens seinen Fuß setzen möchte, – denn dann ist er auch schon zeitig für den Tod, da es bei Dir keinen Mittelweg gibt, sondern nur zwei äußerste Pole, nämlich den Pol des Lebens und den des Todes.
HG|2|41|15|0|Und also ist auch Dein lebendiges Wort beschaffen, das da keine sanfte Rüge kennt, sondern entweder durch die alles übertreffende Sanftmut Welten erbaut oder aber auch im Gegenteil dieselben ebensobald wieder zerstört.
HG|2|41|16|0|Darum bitte ich Dich, sei mir Schwachem gnädig und barmherzig; denn was da einmal geschehen ist, kann so leicht nicht wieder als ungeschehen angesehen werden. Daher sei nur ruhig mit mir, und treibe mich nicht noch tiefer, als ich es ohnehin schon bin! Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|2|41|17|0|Und der Abedam entgegnete ganz kurz dem Adam: „Adam, Adam, du sprichst viel für dich, aber auf Mich hast du vollends vergessen!
HG|2|41|18|0|Fasst du, was das heißt, dass Ich hier bin, auf dem schlechtesten Platz Meiner unendlichen Schöpfung?
HG|2|41|19|0|Was weißt du denn von der ewig unendlichen Heiligkeit Gottes?
HG|2|41|20|0|Daher kehre behände zurück, und vertiefe dich nicht noch mehr in das Reich des Todes, sondern lieber dafür in Meine Liebe und nun gar große Gnade und Erbarmung!
HG|2|41|21|0|Wenn du aber bis jetzt nur zwei Pole an Mir entdeckt hast, so ist das nur deine Schuld; frage aber diese neun Angekommenen, sie werden dir vom dritten Mittelpol große Wunder erzählen! Amen.“
HG|2|42|1|1|Pariholi ermahnt Adam im Auftrag des Herrn
HG|2|42|1|1|Am 5. März 1842
HG|2|42|1|0|Nach dieser kurzen Rede aber wandte sich der Abedam alsbald zu dem Vater der neun Armen vom Abend her, der da Pariholi hieß und seine Familie Pariholi Garthilli (das heißt so recht zu deutsch: die armen Schlucker, welche nichts haben und sich auch um nichts bewerben, sondern im gutglücklichen Vertrauen gleichsam gleich den Vögeln von der Luft Gottes leben), und sagte zu ihm:
HG|2|42|2|0|„Höre du, Mein noch durchaus sehr armer Pariholi, getraust du dich, so Ich es wollte, dem Vater Adam mit den allersanftesten Worten zu sagen, dass gerade jener Mittelweg, den er bei Mir noch nicht gefunden hat, die ebenste Bahn Meines ewigen Liebewillens ist?“
HG|2|42|3|0|Und der Pariholi erwiderte, von der allerhöchsten Ehrfurcht durch und durch ergriffen: „O – Du – über-über-überheiliger Jehova, Gott und Schöpfer aller Dinge und Vater aller der mit Dir heiligen Engel und mancher Dir wohlgefälligen Menschen!
HG|2|42|4|0|Was sollte der Wurm vor Dir im Staube denn noch für einen anderen eigenen Willen haben als allein nur den, welcher allzeit ausgeht von Dir! Daher werde ich ja gar wohl tun, was und wie es da Dein heiligster Wille für gut und sicher überaus zweckdienlich erachtet!
HG|2|42|5|0|Es ist aber ja das schon eine unbegreifliche Herablassung von Dir und ein Mittelweg aller Mittelwege, da Du milde fragst, wo Du nur gebieten könntest aus Deiner Macht!
HG|2|42|6|0|Und dass Du uns allen – ob wir würdig oder auch zumeist sicher vollends unwürdig sind – dennoch also väterlich sichtbar werden mochtest, um uns allen zu zeigen aus Dir heraus den einzig wahren lichtvollsten Mittelweg alles Lebens, der da führt jeden, der nur eines guten Willens ist, o heiligster Vater, zu Deinem Herzen, welches nach meiner noch freilich schwachen Erkenntnis alleinig ist und ewig bleiben wird das ewige Leben!
HG|2|42|7|0|Darum, o Du über-über-überheiligster Vater, aber wolle mich doch nicht fernerhin fragen, ob ich irgendwo und -wann erfüllen möchte Deinen allerheiligsten Willen, da ich zu sehr ein allerpurstes Nichts vor Dir bin, sondern gebe mir nach meiner Fähigkeit ein Gebot nur, und mein Nacken wird sich ja allzeit beugen nach Deinem allerheiligsten Willen!“
HG|2|42|8|0|Und der Abedam sagte darauf zum Pariholi: „Höre, da du solches aus dir schon erkennst, da bist du ja schon auch ganz vollends tauglich zu einem Boten der Liebe und des Lebens aus Mir! Darum gehe nur hin zum Adam in Meinem Namen; und so dich der Adam fragen wird, warum du zu ihm gekommen bist, dann sage ihm, was du weißt aus dir von Mir!
HG|2|42|9|0|Und also magst du ja gehen; Ich aber werde unterdessen deine Familie erwecken – höre! – zum ewigen Leben!
HG|2|42|10|0|Und so du wieder hierher kehren wirst, da werden dich deine Kinder schon mit den lebendigsten Armen aufnehmen! Und also gehe und tue! Amen!“
HG|2|42|11|0|Und alsbald erhob sich der Pariholi und machte die dreißig Schritte Weges hin zum Adam und blieb da vor ihm stehen gleich einer Säule, zumeist aus der hohen Ehrfurcht vor Adam, dann aber auch zufolge seiner großen Wortscheu, da er eine ungeschickte Zunge besaß.
HG|2|42|12|0|Mit großer Furcht wartete er darum auf die bekannte Frage Adams. Und als ihn der Adam endlich ansah und ihm die bewusste Frage gab (denn das war eine alte Gewohnheitsfrage Adams), da wurde auf eine Zeit lang die frühere Säule nahe zu einer Schilfstaude und fing an, gewaltig zu wackeln und zu beben, und konnte für diesen ersten Augenblick keinen Laut von sich bringen; nur erst, als er vom Adam zum zweiten Mal mit derselben Frage ein wenig unsanft angedonnert wurde, da erst wurde er im Geiste erweckt, verlor all seine frühere Furcht und begann folgende sehr bemerkenswerte Worte an den Erdvater Adam zu richten, welche also lauteten:
HG|2|42|13|0|„Höre, Vater Adam, du ungeborener erster Mensch der Erde, der du uns alle gelehrt hast durch deine dir näheren Kinder, denn unsereins es ist, dass da Jehova, der Heiligste, ist Gott und unser aller liebevollster Vater, dem allein alles Lob, aller Ruhm, alle Ehre, alle Liebe und alle Anbetung, wie alles Opfer zukommt und einzig allein nur gebührt! Wie konntest du nun im Angesichte aller deiner Kinder, die von dir aus samt und sämtlich also belehrt wurden, dich also umkehren und uns allen zeigen ein ganz anderes Gesicht, als das wir von dir notwendigerweise zu sehen berechtigt wären vermöge deiner Lehre an uns alle zur Zeit, da Jehova noch keines Sterblichen Auge gesehen hatte?!
HG|2|42|14|0|Jetzt aber, da Er, o Wunder über Wunder, Gnade über Gnade, Güte über Güte, Liebe über Liebe, Erbarmung über Erbarmung, sichtbar unter uns wandelt, uns lehrt, führt, speist und tränkt mit den Ausflüssen Seiner unendlichen Vaterliebe, – jetzt, da Er im Zentrum Seiner Übermilde zu uns armseligsten Kindern kam und brachte uns Toten so große Verheißungen und, so wir nur wollen, das ewige Leben selbst, – jetzt also erst magst du uns zeigen, wie gar leer deine an uns gerichtete Lehre war und wie gering deine Achtung gegen Gott, darum du jetzt gerade an Ihm das verkennen magst, was Ihn zu uns allen geleitet hat durch Ihn Selbst!
HG|2|42|15|0|O Vater, kehre um, denn du hast dein Angesicht abgewandt von Ihm, der zu uns kam aus höchster Liebe und Erbarmung, um uns zu erretten von der ewigen Nacht des Todes!
HG|2|42|16|0|Siehe, Vater, da wir schwach waren, da hast du uns alle unterstützt mit deiner Kraft; darum aber verschmähe in dieser Zeit deiner Schwäche auch unsere Hände nicht, da wir dir unter deine Arme nun greifen wollen, um dir nach des Vaters heiligem Willen wieder auf deine Füße zu helfen!
HG|2|42|17|0|Darum auch kehre dich alsbald hin zu Dem, der da ist in unser aller Mitte, aber nicht irgendwo überferne außer uns!
HG|2|42|18|0|O Vater, siehe, Er ist unter uns! Daher kehre dich zu Ihm hin allereiligst, amen; ja, ja, allereiligst, amen, amen, amen!“
HG|2|43|1|1|Adams Reue
HG|2|43|1|1|Am 7. März 1842
HG|2|43|1|0|Als der Adam aber die Worte aus dem Munde des Pariholi vernommen hatte, da fing er erst an, über sich nachzudenken, und ersah dann auch vollends die Größe der noch in ihm versteckten Sünde vor Gott, darum Sich der hohe Abedam auch zum Korb Adams nicht setzen mochte, und ersah auch die große Ungnade, in welche er sich dadurch gestürzt hatte, da er neben Gott auch selbst als ungeborener Mensch verehrt sein wollte!
HG|2|43|2|0|Solches sah er nun ein, aber nebst dieser Einsicht fragte er auch sein Herz: Wie werde ich nun diesen meinen allerunsinnigsten Fleck vor des Herrn Augen vertilgen aus meinem Leben?
HG|2|43|3|0|Wer wird mich nun erretten und wer mich bewahren vor dem Ersticken in dem tiefsten Schlamm der allerunerhörtesten Schande – nun im Angesichte meines Gottes und aller meiner Kinder?!
HG|2|43|4|0|Nach diesen Gedanken wandte er sich zu dem Boten Pariholi und sagte zu ihm: „Pariholi, du sagtest zuvor gar wohl von der schnellen Umkehr; aber so ich dich fragen möchte: Wie ist solches für den, der sich unaussprechlich weit abgewendet hatte von Gott, so leicht möglich, wie du es dir unerfahrenermaßen vorstellst?
HG|2|43|5|0|Welche befriedigende Antwort wirst du mir da geben? Aber bedenke wohl die unermessliche Tiefe meines jetzigen allererbärmlichsten Falles!
HG|2|43|6|0|O du allerunglückseligster Gedanke und allerschändlichster Gedanke und meines Gottes allerunwürdigster Gedanke!
HG|2|43|7|0|O du allerelendeste Vorfeuerung, wer hat dich je in mein Herz gesteckt, darum ich dich dann verordnen musste zu meinem jetzigen Untergang?!
HG|2|43|8|0|O Sonne, beschleunige deinen Gang, damit deine Strahlen nicht zu lange mehr meine zu große Schande vor aller Erde erleuchten sollen!
HG|2|43|9|0|O Pariholi, wo hast du nun ein tröstend Wort? Was kannst du mir sagen, das mich je wieder aufrichten könnte vor Gott? Wo ist nun die von dir besprochene mögliche schnelle Umkehr? Was kannst du mir nun sagen und was geben, damit ich nicht vollends vergehe vor der allerübermäßigsten Schande, die mich nun gefangen hält bis in die allerinnerste Wurzel dieses meines nun überelendesten Lebens?
HG|2|43|10|0|Pariholi, o rede, rede, jetzt rede, so du kannst, darfst und magst!
HG|2|43|11|0|Decke zu mit der Stimme deiner Brust mein Angesicht, damit es nicht allzu sehr dem Auge Dessen ausgesetzt ist, der da nun unter uns weilt!“
HG|2|43|12|0|Und der Pariholi erwiderte darauf dem Adam: „O Vater Adam, so höre denn im Namen deines und meines Gottes Jehova, der da ist heilig, überheilig unter uns nun sichtbar dem Auge eines jeden wenn auch noch so ungewaschenen Kindes:
HG|2|43|13|0|Wie kannst denn du noch fragen nach der Möglichkeit der schnellen Umkehr, der du doch der erste frei atmende Zeuge Seiner endlosen Erbarmung warst und kennst da somit die endlose Liebe Jehovas um mehrere Hunderte von Jahren länger denn ich, – und doch noch kannst du darüber fragen?
HG|2|43|14|0|Siehe, die von dir seit dreihundert Jahren her verordnete, beständig übliche Vorfeuerung zu deiner Beehrung von unserer kindlichen Seite war ja eben eine noch versteckte Torheit deines Herzens vor Gott! Er sah dich schmachten unter dem schweren Druck solcher Bürde und hat Sich darum nun deiner gewaltig erbarmt und nahm dir diese drückende Last aus dem Herzen und hat dich nun vollends frei gemacht.
HG|2|43|15|0|Wie kannst du, alter Vater, der du unser aller Urlehrer warst, denn nun noch fragen nach der Möglichkeit einer schnellen Umkehr, so Er dich schon lange vorher umgekehrt hat, als du noch dessen gedachtest, was alles Arges hinter dieser deiner Vorfeuerung stecken möchte?!
HG|2|43|16|0|Warum wirst du denn darum ärgerlich in deinem Herzen, so der Herr, der heilige Vater, dir ein gewaltiges verborgenes Übel auch gewaltsam auszieht aus deinem Herzen?
HG|2|43|17|0|Oder meinst du etwa, dass Er dich verderben will, so Er dich eben also gnädigst aufrichtet?
HG|2|43|18|0|O Vater, sehe hin in jene heiligste Stelle, sehe an Sein Auge, Seinen Mund, sehe an Seine so väterlich liebefreundlichst weit ausgestreckten Arme! Welche allerhöchste Liebe strahlt aus Seinem allerheiligsten Angesicht zu dir herüber, Vater Adam! Und dennoch kannst du fragen nach der Möglichkeit der schnellen Umkehr!
HG|2|43|19|0|O Vater, es wäre mir nicht möglich, dir noch mehreres darüber zu sagen in der allerheiligsten Gegenwart Dessen, der dir aus jeglichem Haar Seines Hauptes überlaut zuruft:
HG|2|43|20|0|‚Adam, Mein Sohn, warum zögerst du so lange und eilst nicht in die offenen Arme deines ewigen, allerheiligsten Vaters, dessen endlose Liebe sich schon Ewigkeiten mit dir beschäftigte?!‘
HG|2|43|21|0|O Vater Adam, verstehst du diese Worte denn etwa noch nicht?“
HG|2|43|22|0|Der Adam aber sprang nach diesen Worten freudeglühend auf und umarmte den Pariholi; nach dem aber sagte er zu ihm: „O Pariholi, wer gab dir solche Worte zu reden?
HG|2|43|23|0|Wahrlich, der tiefe Abend hat in dir diese himmlische Frucht nicht zur Reife gebracht!
HG|2|43|24|0|Daher eilen wir beide hin zu Ihm und umfangen Ihn mit den hellsten Flammen unserer Liebe; denn wahrlich wahr, jetzt hat Er in meinem Herzen das Vor- und Nachfeuer angezündet! Noch nie habe ich solchen Liebedrang empfunden denn eben jetzt; daher lasse uns schnell hineilen zu Ihm, – Ihm, dem liebevollsten, heiligsten Vater! Amen.“
HG|2|44|1|1|Die rechte Vorfeuerung: Hinwendung zum liebevollsten Vater und Trennung vom richterlichen Aspekt im Herzen
HG|2|44|1|1|Am 8. März 1842
HG|2|44|1|0|Und also geleitete der Pariholi den Adam hin zum Abedam. Der Abedam aber nahm den Adam, den äußerst Reuigen nun, überfreundlichst auf und sagte zu ihm: „Adam, wann wird denn einmal die Zeit kommen, da du Mich erkennen wirst von der väterlichen, nicht aber stets nur mehr und mehr von der richterlichen Seite?
HG|2|44|2|0|Gestern hast du Mich gesehen von der demütigsten Seite, und Ich ließ Mich erst nach und nach erkennen von dir, wie von all deinen Kindern, damit da niemand durch Meine sichtbare Gegenwart verstört werden möchte in der Freiheit seines Herzens.
HG|2|44|3|0|Da Ich Mich aber dann nach und nach erkennen ließ, also zwar, dass da niemand solle beeinträchtigt werden in der freien Sphäre seines Lebens vor Mir, so erkanntest du Mich zwar und bekanntest Mich mit dem Mund als den heiligen, liebevollsten Vater; aber dein Herz ließ diesem Vater nie vollen Raum, sondern da der Vater eingezogen ist, da zog auch der Richter mit Ihm, der da dein Herz dann zwang, Mich zu lieben, aber dabei doch stets dreimal mehr zu fürchten, als zu lieben.
HG|2|44|4|0|Und in diesem Doppelverhältnis bist du geblieben bis auf diese Minute und konntest Mich nie so ganz liebend erfassen, dieweil du dich fürchtetest und konntest in dieser Furcht nimmer den Vater, sondern stets nur den Richter erschauen.
HG|2|44|5|0|Jetzt weckte Ich dich zwar gewaltig, und du kommst als liebender Sohn nun zu Mir, doch die Liebe in deinem nun brennenden Herzen, die ist nicht dir eigen; denn Ich habe sie, um dich voll zu erwecken, ganz frei nun in dir angezündet. Ich sag’s dir, der Vater und Richter sind noch nicht geschieden in dir! Jetzt erst suche mit eigener Kraft deines Lebens zu fassen den Vater in dir; ja erfasse Ihn vollends, und scheide den kläglichen Richter von Ihm, der dir allzeit noch hinderlich war, zu erschauen die endlose Liebe des Vaters im hellsten Licht vor dir und vor allen den Kindern aus dir!
HG|2|44|6|0|Jetzt erkenne, dass Ich nicht als Richter zu euch bin gekommen, wohl aber als liebevollster heiliger Vater, um allen den Kindern aus eigener Hand schon auf Erden zu geben den herrlichsten, heiligsten Samen fürs ewige Leben; dann wirst du ja endlich doch klärlich erschauen im eigenen flammenden Herzen, dass Richter und Vater sich ewig nicht einen im liebenden Herzen der Kinder, dass allzeit nur einzig der Vater allein oder Richter allein sich des Lebens bemeistern müssen, der Vater zum ewigen Leben, und Richter zum ewigen Tode des Geistes der Liebe.
HG|2|44|7|0|Darum also scheide mit ruhiger Freude doch einmal den liebevollsten heiligen Vater vom lieblosen, zornigen, strengsten Richter in dir, dann wirst nimmer du beben und zittern vor Mir, sondern jauchzen und springen vor Freude und furchtloser kindlicher Liebe zu Mir, deinem ewigen liebevollsten, heiligsten Vater!
HG|2|44|8|0|Des sei du versichert, dass alle, die Mich als den Vater anrufen, nie werden in Mir einen Richter erblicken; doch jene, die allzeit und leichter und lieber als strengsten, furchtbarsten Richter im schauernden Herzen den liebevollsten Vater bekennen, die werden auch das an Mir leider dann finden, ja unglücklichst finden den tötenden Richter, allda sie sonst liebenden Weges den liebevollsten Vater unfehlbar treu hätten gefunden.
HG|2|44|9|0|Dies merke dir wohl, du Mein Adam, Mein Sohn: Was du suchst, das wirst du auch finden, entweder den liebenden Vater, den heiligen, guten, die ewige Liebe und’s ewige Leben durch sie und in ihr, oder, wie schon bezeigt genugsam hier wurde, den Richter, den ewigen, ganz unerbittlichen, tötenden Richter der Toten, die nimmer sich wollten auf dieser sie prüfenden Erde in furchtloser, treuester und reiner Liebe zu Mir, ihrem liebevollsten Vater, hinwenden, damit Ich sie vollends belebend hätt’ können ins ewige Leben des Geistes aufnehmen.
HG|2|44|10|0|Dies merke dir wohl, ja lebendig im liebenden Herzen behalte es du, und behalte es jeder, dann wird sich der Richter bald vollends verlieren, und an seiner statt wird sich in eurem liebenden Herzen alleinig der liebevollste, heilige Vater die freundlichste und allerseligste Wohnung bestellen!
HG|2|44|11|0|Verstehst du die Worte, die Ich jetzt gesprochen gar treulichst da habe?
HG|2|44|12|0|Ja, Adam, verstehe sie tiefst in dem Herzen der Liebe und innersten Lebens aus Mir und in Mir; hör’ und sehe und fühle es ewiglich! Amen.“
HG|2|44|13|0|Nach dieser Rede fiel der Adam alsbald dem Abedam an die Brust hin und weinte vor übermäßiger Wonne der heißesten Liebe; denn jetzt erst erkannte er vollends ungetrübt den heiligen Vater, darum er auch nicht zu reden vermochte, von der zu großen Seligkeit gefangen gehalten.
HG|2|44|14|0|Der Abedam aber drückte ihn auch also fest an die Brust, dass da aus dieser Stellung ein jeder sehen und erkennen musste: Jehova ist ein wahrhaftester Vater aller Menschen. Und alles fing sich darauf an, traulichst zu Ihm hin zu drängen, und die ganze Höhe ward bald eingehüllt in helle, sanft wärmende Flammen der Liebe hin zum heiligsten Vater.
HG|2|44|15|0|Und der Abedam bemerkte bei dieser wunderbarst heilig feierlichen Gelegenheit: „Adam, siehe, das ist die rechte Vorfeuerung auf der Erde zu jener großen Nach- oder vielmehr Hauptfeuerung, welche dereinst nach diesem Leben in Meinem unendlichen Reich des ewigen Lebens folgen wird!
HG|2|44|16|0|Daher bleibt auch stets bei der; diese ist die wahre und Mir, dem Vater, allein wohlgefällige. Versteht sie alle! Amen.“
HG|2|45|1|1|Pariholi erlangt den höchsten Lohn des Menschen: den Herrn über alles lieben zu dürfen
HG|2|45|1|1|Am 9. März 1842
HG|2|45|1|0|Nach dem aber wandte sich der Abedam zum Pariholi und sagte zu ihm: „Pariholi, siehe, ein jeder redliche und fleißige Arbeiter ist auch vollends seines Lohnes wert!
HG|2|45|2|0|Ich habe für dich zwar unterdessen deine Familie belebt, wie du dich soeben selbst überzeugt haben wirst, da dich dein Weib und deine sieben Kinder mit offenen, schon unsterblichen Armen aufnahmen, als du mit diesem Meinem Sohn (dem Adam nämlich) hierher kehrtest. Allein dieses Lohnes Wohltat ist wohl groß für das Gefühl der Liebe eines Vaters, aber so der Vater dann auf sich selbst eine tiefere Frage macht, welche also lauten mag: ‚Was habe denn eigentlich ich selbst davon, so meine Familie ist unsterblich geworden und hat mich umfangen mit unsterblichen Armen, so ich selbst von mir aus daran doch keinen anderen Teil als nur die alleinige hohe Vaterfreude habe, meine Familie unsterblich zu wissen, gleich darauf aber meine eigene Sterblichkeit durch und durch nur zu klar und deutlich in allen meinen Eingeweiden und Gliedern empfinde?‘
HG|2|45|3|0|Siehe, das ist doch eine ganz billige Frage, gestellt an das eigene Gefühl; und dieser Frage zufolge, die zwar nicht du, sondern nur Ich in dir gestellt habe, soll dir auch geschehen, was da geschehen ist deiner Familie, und ist dir schon widerfahren, da dich die Deinen in ihre Arme aufnahmen, und bist schon unsterblich dadurch gemacht worden, da Ich dich berufen habe, Mein Wort in dir zu tragen, dahin dich Meine Liebe beschied; allein dessen alles ungeachtet bist du als getreuester Überbringer Meines Willens an den Adam noch eines Lohnes wert.
HG|2|45|4|0|Siehe, Ich überlasse es deinem ganz vollkommenst freien Willen. Frage dein Herz; was dieses nur immer wünscht, das soll dir auch alsbald werden!
HG|2|45|5|0|Möchtest du die Sonne zu deinen Füßen haben, Ich sage dir: Wahrlich, sie wird sich Meinem Willen allerschnellst fügen müssen!
HG|2|45|6|0|Oder willst du den Mond? Er wird sich fügen dem leisesten Meiner Winke!
HG|2|45|7|0|Oder willst du all die Sterne? Ich versichere dir, sie werden wie Schneeflocken zu deinen Füßen fallen!
HG|2|45|8|0|Oder willst du der Erde Eingeweide? Du kannst es Mir glauben, wie ein mächtig großer Schlangenknäuel wird es sich alsbald herauf zu deinen Füßen winden!
HG|2|45|9|0|Also, was du nur immer wünschst, das soll dir – wie Ich es schon vorher gesagt habe – auch alsobald werden! Amen.“
HG|2|45|10|0|Der Pariholi aber fiel alsbald zu den Füßen des Abedam nieder und flehte weinend: „O Du liebevollster, heiligster Vater, Gott, Jehova! So Du mir Wurm im Staube vor Dir schon die Unsterblichkeit allergnädigst gegeben hast, um was soll da die große Torheit meines Herzens Dich noch bitten?!
HG|2|45|11|0|O Du überheiliger, allerbester Vater, ich werde Dir wohl für den kleinsten Teil Deiner heiligen Gaben an mich Unwürdigen ewig nie genug danken können; denn es liegt ja schon in einem jeglichen Atemzug eine so endlose Wohltat, von Dir an uns Menschen gespendet, dass sie alle Engel nie genug werden beloben können, anderer Dinge gar nicht zu gedenken!
HG|2|45|12|0|Und ich abscheulicher Wurm des schmutzigsten Staubes vor Dir sollte mich erdreisten, etwa zu all dem noch gar im Ernst um Dinge als förmlich mir Taugenichts gebührenden Lohn zu bitten, die Deine allerheiligste Zunge vor mir ausgesprochen hat, oder etwa noch um andere Unerhörtheiten?!
HG|2|45|13|0|Nein, nein, Vater, heiligster Vater! Eher lasse mich Scheusal vor Dir von allen Schlangen und Nattern der Erde zerreißen, bevor da mein Herz sollte nur den allerleisesten Gedanken hegen, von Dir mehr noch zu erbitten, als Du mir schon ohnehin also ewig unermesslichermaßen hast durch Deine endlose Vatergüte zukommen lassen, von all dem Unaussprechlichen ich auch nicht des Allerkleinsten im Allergeringsten würdig bin!
HG|2|45|14|0|O heiligster Vater, dass Du meinen schwachen Dank für Deine so endlosen Wohltaten allergnädigst als etwas ansehen möchtest, und dass Du auch mir gestatten möchtest, Dich über alles zu lieben! Siehe, o heiligster Vater, das ist alles, um was sich mein Herz sehnt! Dein heiliger Wille geschehe!“
HG|2|45|15|0|Bei diesen Worten Pariholis hielt sich der Abedam die Hand vor die Augen und barg Seine Tränen vor den anderen Vätern; aber bald zog Er Seine Hand weg von den Augen, erregte Sich gewaltig, und bog Sich nieder zum noch weinenden Pariholi, erhob ihn schnell und sagte dann zu ihm folgende Worte:
HG|2|45|16|0|„Pariholi, du hast dir zwar das Geringste dem Anschein nach erbeten; aber wahrlich, sage Ich dir, es ist das Allerhöchste!
HG|2|45|17|0|Und also sollst du aber im allervollsten Maße haben Meine Liebe, und deine ganze kleine Familie mit dir, nicht nur zeitlich, sondern ewig!
HG|2|45|18|0|Deine Töchter sollen schön sein wie Morgensterne, und deine Söhne will Ich zieren mit einer Kraft in ihren Augen, dass sie die Schrift der Sterne dadurch sehen werden und lesen ihren Sinn!
HG|2|45|19|0|Dein Weib soll teil an Meinem Herzen haben, wie du den vollsten an Meiner Liebe; Ich aber werde dich ewig nicht mehr verlassen!
HG|2|45|20|0|Und also kommt alle her an Meine Vaterbrust! Amen.“
HG|2|46|1|1|Gott ist nicht das Leben, sondern nur das Licht des heiligen Vaters. Das alleinig wahre, sich selbst vollkommen frei bewusste Leben ist nur im Vater
HG|2|46|1|1|Am 10. März 1842
HG|2|46|1|0|Und alsbald stürzten alle, von der höchsten Liebe entflammt, hin zum Abedam; Er aber umfing sie alle, segnete sie und drückte sie dann an Seine Brust und sagte dann zu all den Umstehenden: „Kinder, seht hierher alle, die ihr hier seid: Also, wie der Adam und diese Familie Garthilli nun an Meiner Brust schon ein ewiges Leben im Geiste ihrer großen Liebe und allergrößten Demut atmen, und wie es der Henoch, Jared, Lamech, Seth, Mathusalah, Enos, Kenan, Mahalaleel, Abedam der bekannte, Sethlahem, Kisehel und dessen Brüder, Jura, Bhusin, Ohorion, Zuriel, Uranion, Gabiel und dessen Brüder Lamel und Hored, und mit ihnen auch ihre Weiber und Kindlein und Kinder atmen, also auch sollen alle atmen im Geiste der Liebe zu Mir und aller Wahrheit aus ihr ein ewiges Leben!
HG|2|46|2|0|Denn wahrlich sage Ich euch allen, da ist keiner, der da nicht wäre berufen von Mir! Aber doch sage Ich euch allen wieder: Es wird von all den Berufenen fürder keiner eher zu Meiner Brust gelangen, als bis er von selbst kommen wird in aller Liebe und Demut und wird dann im Herzen vor Mir bekennen, dass Ich sein Vater bin!
HG|2|46|3|0|Wahrlich sage Ich zu euch allen, wer durch das Herz Mich nicht als Vater bekennen wird – und zwar als den alleinigen, wahren Vater –, der wird nicht gelangen zu Meiner Brust!
HG|2|46|4|0|Wenn ihr aber ruft: ‚Abba!‘, da ruft es im Herzen, in der Demut, in der Liebe und aller Wahrheit aus ihr, so werde Ich euch erhören!
HG|2|46|5|0|Wer von euch Kindern aber immerdar rufen wird: ‚Herr, Herr, Gott aller Gerechtigkeit, Gott der Gnade, Gott der Liebe und aller Erbarmung!‘, den werde Ich zwar nicht verwerfen und ihm lassen das Leben, – aber es wird sehr schwer halten, ob er je gelangen wird hierher an den Ort des allerseligst freiesten Lebens.
HG|2|46|6|0|Denn Gott lässt Sich nicht umfassen, und der Herr aller Gerechtigkeit kann zufolge Seiner endlosen offenen Heiligkeit eine solche Annäherung nimmer zugeben, sondern allein der Vater, der alles in Seiner endlosen Liebe zu Seinen Kindern in Sich birgt, damit sie alle sich Ihm also vollkommen und im Geiste noch unaussprechlich inniger, als ihr es hier seht, nähern könnten und nähern sollten, um daselbst an Seiner Vaterbrust ewig zu genießen alles, was nur immer des Vaters ist.
HG|2|46|7|0|Solches also merkt euch für alle Zeiten der Zeiten, dass nur allein der Vater das Leben hat und das Leben gibt; und der Vater allein ist das ewige Leben in Gott.
HG|2|46|8|0|Gott Selbst ist nicht das Leben, sondern Er ist nur das Licht des Vaters, wie der Vater allein das Leben in Seinem Licht. Der Herr hat auch kein Leben, sondern das Leben ist allein des Vaters, denn der Herr ist nur des Vaters unendliche Macht, die Ihm allein ewig zu eigen ist!
HG|2|46|9|0|Wer alsonach sich nicht an den Vater wendet vollkommen, wahrlich, der wird auch nicht zum Vater kommen; wer aber nicht zum Vater kommen wird, der wird wenig des Lebens in sich empfinden! Denn es ist zwischen Leben und Leben ein endloser Unterschied!
HG|2|46|10|0|Auch der Stein lebt, darum er da ist; denn Dasein und Leben ist eins und dasselbe, darum alles gegebene Leben ist ein immerwährender Kampf zweier Gewalten, davon die eine strebt der Vernichtung, die andere aber dem Bestehen entgegen, davon aber keine irgend anders je kann den erwünschten Stand der Ruhe finden – denn allein in Mir, dem Vater.
HG|2|46|11|0|Und also lebt auch der Stein; aber welch ein für euch undenkbarer Unterschied ist da zwischen dem Steinleben und dem Leben nur einer Milbe, – und welch einer dann erst im Vergleich mit dem Leben eines liebevollkommensten, allerseligsten, freiesten Engelsgeistes!
HG|2|46|12|0|Daher werden zwar alle ein Leben haben auch in Gott und im Herrn; aber das alleinig wahre, sich selbst vollkommenst frei bewusste Leben ist nur im Vater, dem gegenüber alles andere Leben ein barer Tod ist!
HG|2|46|13|0|Dies merkt euch alle wohl, und kehrt euch darum an den Vater, so ihr wahrhaft leben wollt!
HG|2|46|14|0|Ihr alle seid berufen zu diesem Meinem Leben, und so kommt auch alle her, und nehmt es von Mir, und lasst euch erwählen von Mir, damit es dereinst nicht etwa heißen solle: ‚Von den Berufenen sind nur wenige erwählt worden!‘
HG|2|46|15|0|Dies fasset alle tiefst in euren noch sehr kalten Herzen! Amen.“
HG|2|47|1|1|Die Verlegenheit der zu Adam gesendeten Frageboten
HG|2|47|1|1|Am 11. März 1842
HG|2|47|1|0|Nach diesen Worten aber hatte sich auch die Sonne bereits hinter den Bergen vollends versteckt, und sonach war der Sabbat auch vergangen. Da all die Völkerschaften aber schon aus der Verkündigung, die am Morgen geschah, wohl wussten, dass diesmal, wie auch in alle Zukunft, am Abend keine Opferfeuer mehr abgebrannt werden, und daher aber auch nicht wussten, was sie nun tun sollten, ob bleiben, oder ob der Heimat zukehren, – so sandten sie von allen Seiten her Frageboten, die sich da erkundigen sollten auf der Höhe, was da nun zu tun sein dürfte.
HG|2|47|2|0|Als sonach die besagten Boten auf der Höhe angelangt waren und sich in ihrer Absicht zum Adam, der nun noch dem Abedam auf der Brust lag, hinbegaben, da fragte sie alsbald der Abedam:
HG|2|47|3|0|„Kinder, was ist der Sinn eurer Absicht? Warum seid ihr hierhergekommen?“
HG|2|47|4|0|Die Boten aber kannten den Abedam noch nicht; denn die großen Zeichen konnten sie darum nicht erwecken, weil sie vorbereitungsweise auch schon den Henoch, Jared, Kenan, Enos und Seth ähnliche Wunder hatten verrichten sehen. Und so fiel demzufolge ihre Antwort auch natürlicherweise sehr schiefrig und etwas spitzig aus und lautete also:
HG|2|47|5|0|„Was fragst du uns? Bist du doch weder Adam, noch Seth, noch Enos, noch einer aus der heiligen Reihe der Väter, noch haben wir dich zuvor gefragt, da doch an uns hierher Gesandten die Reihe des Fragens weilt!
HG|2|47|6|0|Wo aber bist du geboren und wo erzogen worden, dass dir die Art noch also ganz und gar unbekannt ist, da es sehr hoch gefehlt und äußerst unschicksam ist, in der sicheren Gegenwart des erhabenen Erzvaters ihm mit einer sehr unzeitigen Zunge vorzugreifen?!
HG|2|47|7|0|Wie magst du uns denn ‚Kinder‘ nennen, da wir deinem Aussehen nach ganz gut deine Urgroßväter sein könnten?
HG|2|47|8|0|Und dann, welch eine läppische Frage: Was ist der Sinn unserer Absicht, und warum sind wir hierhergekommen? Wird etwa doch der Sinn unserer Absicht auf ein Haar derselbe sein, als warum wir hierhergekommen sind! Sieh, wie albern!
HG|2|47|9|0|Das haben aber jetzt schon fast die meisten jungen Menschen, dass sie ganz entsetzlich vorlaut sind und merken nicht, dass da ihrem Mund eine Dummheit um die andere entfällt; darum sei auch du für die Zukunft klüger, und halte deine Zunge hübsch im Zaum! Merke dir das für die Zukunft!“
HG|2|47|10|0|Nach diesen Worten aber gingen sie weiter und suchten den Adam und fanden ihn nicht.
HG|2|47|11|0|Es hatten aber im Augenblick innerlich vom Abedam alle, die da auf der Höhe waren, das Gebot erhalten, von Ihm zu schweigen, aber den Suchern dennoch zu zeigen, allwo sich der Adam befindet.
HG|2|47|12|0|Und alsbald gelangten sie zum Seth und fragten ihn, wo sich der Erzvater befinde. Und der Seth zeigte ihnen den Adam sogleich mit dem Finger.
HG|2|47|13|0|Da erstaunten sie sich gewaltig, wie sie da hatten können vorüberziehen, ohne den doch sehr kennbaren Adam bemerkt zu haben.
HG|2|47|14|0|Der Seth aber sagte darauf ganz kurz zu ihnen: „Ja wahrlich, Kinder, es gehört ganz abscheulich viel Blindheit dazu, um das zu übersehen, und ganz entsetzlich viel Taubheit, um dieses Tages erweckendstes, großes, heiliges Geräusch zu überhören! Geht also dahin, und ihr werdet daselbst den Erzvater aller Väter wohl antreffen! Amen.“
HG|2|47|15|0|Dieser Bescheid hat die zwölf Boten also sehr ins Bockshorn gezwängt, dass sie nun dastanden wie versteinert und wussten nicht, was sie daraus machen sollten.
HG|2|47|16|0|Der Seth aber ließ noch einen kleinen Donner los und sagte zu ihnen: „Was steht ihr Sabbats-Taugenichtse nun hier? Habe ich euch denn nicht gezeigt, wo der Adam ist?
HG|2|47|17|0|Also wartet doch nicht so lange hier, bis euch etwa gar der Erdboden von selbst weitertragen wird, sondern geht wenigstens mir aus dem Angesicht!“
HG|2|47|18|0|Als die Boten solchen Nachstoß erhielten, da sprangen sie von dannen, als wenn sie jemand gebrannt hätte, und wussten nicht, wohin sie sich nun flüchten sollten, denn es hatte sie eine große Angst und übergroße Scheu ergriffen, dass sie darob allen Mut verloren, sich noch dem strengen Adam zu nähern, da sie der sanfte Vater Seth schon also unsanft aufgenommen hatte.
HG|2|47|19|0|Und zurück getrauten sie sich ohne die bescheidende Antwort auch nicht.
HG|2|47|20|0|Was ist nun zu tun? Einer aus ihnen aber sagte: „Ja, was nützt uns, allhier in dieser kaum hundert Schritte weiten Ferne von den Vätern zu harren für nichts und nichts?
HG|2|47|21|0|Gehen wir entweder ganz aus dem Angesichte der Väter, oder gehe einer von uns dahin, wo uns der Mensch mit den blonden, langen Haaren zuerst angeredet hatte, und frage ihn, da er unsere Absicht ohnehin zuerst hat wissen wollen, was da zu tun sein solle, und überbringe uns hernach die Nachricht.
HG|2|47|22|0|Es wäre überhaupt gut, den etwas vorlauten Menschen etwas näher kennenzulernen; denn hinter dem muss sicher etwas Besonderes stecken, darum ihm der Adam, dem sich doch sonst sehr schwer zu nähern ist, also zugetan ist, dass er ihn sogar mit seinen Händen umfangen hält!
HG|2|47|23|0|Welcher aus uns aber wird sonach dieses saure Amt über sich nehmen?“
HG|2|47|24|1|Am 12. März 1842
HG|2|47|24|0|Einer aus der Schar stimmte alsbald dem Vorwortführer bei und sagte dann zu den Umstehenden: „Ja, wahrlich ein saures Geschäft! Ich weiß nicht, was es sein dürfte, das ich lieber täte nun denn gerade das!
HG|2|47|25|0|Wahrhaftig, ihr könnt mich abfäusten, dass ich darob blau werde wie der Mittelpunkt des Himmels bald nach dem Untergang der Sonne, – und mir wird es lieber sein, als so ich nun noch einmal zu den erhabenen Vätern mich begeben sollte!
HG|2|47|26|0|Brüder, es ist doch sonderbar, wie ich mir jetzt vorkomme; wahrhaft, es ist mir gerade also zumute, als wäre ich mit einer allerdümmsten Bubenschandstrafe irgendeines närrischen Vergehens wegen belegt worden!
HG|2|47|27|0|Und in dieser Gemütsverfassung soll ich nun etwa gar den am Sabbat schon allzeit ganz entsetzlich erhabenen Vätern mich nahen?!
HG|2|47|28|0|Nein, das soll doch sicher der allerletzte Gedanke meines ganzen Lebens sein, und sollte ich schon eine ganze Ewigkeit auf der Erde zu verleben und da nichts als lauter saure Äpfel auf ihr zu essen haben!
HG|2|47|29|0|Ich somit für meinen Teil werde hier eine etwas größere Dunkelheit abwarten, um dann ganz sachte mich aus diesem lästigen Staub und nach meiner Heimat unvermerkt zu machen.
HG|2|47|30|0|Das ist nun mein sehr zweckmäßiger Plan. Ich aber will dadurch dennoch keinem von euch eine Vorschrift machen, sondern jeder von euch tue, wie es ihm am allerbesten dünkt; ich bleibe aber vorderhand bei meinem ausgesprochenen Plan, – ja, ja, ich bleibe fest dabei!“
HG|2|47|31|0|Und ein dritter richtete auch alsbald ein Wort an den Redner und sagte: „Wahrhaft, Freund und Bruder, dein Gedanke kann mir gefallen, darum auch ich dir gleich tun möchte; aber eines macht mich dabei bedenken, und das sind die Väter, Brüder und Kinder, die uns hierher gesandt haben und nun fruchtlos harren auf eine Antwort!
HG|2|47|32|0|Ich glaube aber, da sich aus uns schwerlich einer mehr getrauen wird, hinauf zum Adam in dieser Hinsicht zu gehen, so wird es denn doch noch besser sein, der lieben Ehrlichkeit getreu zu bleiben und geraden Weges unverrichteter Dinge wieder zu den Unsrigen zurückzukehren und ihnen da ohne Umstände zu melden, was uns allhier widerfahren ist. Da allen die überaus wunderliche Sabbatserhabenheit der Erzväter bekannt ist, so wird es auch sicher niemanden ärgerlich wundernehmen, dass wir unverrichteter Dinge wieder zu ihnen zurückgekehrt sind!
HG|2|47|33|0|Aber auch ich, wie du, Bruder, will damit niemandem etwas vorschreiben, sondern belasse jeden gerne bei seiner besseren Meinung.“
HG|2|47|34|0|Und alsbald auch meldete sich ein vierter und sagte, wie mit sich selbst redend: „Die Ideen sind nicht übel, aber die erste scheint mir dennoch die bessere zu sein, obschon am allersauersten.
HG|2|47|35|0|Was könnte denn einem auch geschehen, so man in aller Demut noch einmal hinginge zum Adam? Das Leben wird er einem darob ja doch nicht nehmen?
HG|2|47|36|0|Hat man dann von ihm etwas erfahren, so ist es dann auch wohl und gut, – und hat man nichts ausgerichtet, so ist man doch wenigstens vollkommen schuldlos vor denen, die unsereinen hierher beschieden haben; denn das muss ja schon sogar ein Kind von sieben Jahren einsehen, dass man vom Adam nicht also, wie von einem Baum ein Stückchen lockerer Rinde, eine erwünschte Antwort herauszwicken kann.
HG|2|47|37|0|Antwortet er einem auf eine Frage, so ist das wohl und gut; und antwortet er nicht, nun, so wird darum die große Mutter Erde ja auch noch keinen Sprung vom Aufgang bis zum Niedergang hin bekommen!
HG|2|47|38|0|Man verneigt sich dann allerehrerbietigst und geht seines Weges wieder weiter.
HG|2|47|39|0|Und was aber endlich den jungen fremden Mann betrifft, den der Adam umfasst hielt, so scheint er ja eben auch nicht vollends ein Tiger zu sein, obschon er sehr viel Ähnlichkeit hat mit dem Fremdling, den ich gestern sonderbar genug auf einem Tiger habe reiten sehen.
HG|2|47|40|0|Kurz und gut, das Leben wird’s nicht kosten! Dass ich sicher etwas angedonnert werde, das setze ich schon voraus, und weiteres, – was sollte mir oder was könnte mir noch Übleres begegnen?
HG|2|47|41|0|Wer kennt den Adam nicht schon so lange, als er lebt? Er ist ein Mann stets voll donnernden Ernstes; und was da besonders an einem Sabbat herauskommt, wenn man ihm um etwas zu einer ungelegenen Zeit kommt, das weiß auch fast ein jeder aus uns.
HG|2|47|42|0|Somit – wisst ihr, was – Brüder und Freunde, ich bin vollkommen bereit, hinaufzugehen und unser aller Glück zu versuchen! Wer es mit mir halten will, dem sei von mir sicher kein Hindernis in den Weg gelegt!
HG|2|47|43|0|Ich glaube aber, es werden zwei oder drei einen Seth-artigen Stoß leichter vertragen denn allein einer; und so lasst uns noch einmal das Glück versuchen! Wer weiß, wozu die Sache noch alles gut sein wird?
HG|2|47|44|0|Es ist aber ja schon eine alte Lehre bei uns, dass da alles Gute sein Schlechtes und alles Schlechte sein Gutes hat, gleichwie der Tag ohne die Nacht kein Tag und die Nacht ohne den Tag keine Nacht wäre.
HG|2|47|45|0|Also auch lasst uns daher nicht zu lange bedenken; und wer da Mut hat, der mache sich mit mir auf den Weg!“
HG|2|47|46|0|Es fingen aber fast alle an, sich hinter den Ohren ganz gewaltig zu kratzen, und einer um den anderen bemerkte: „Du hast freilich wohl ganz vollkommen recht; aber wenn – setzen wir den Fall – wir, ja wir alle, etwa dessen alles von dir Gesagten ungeachtet sollten den alten Adam über uns einen Fluch aussprechen hören – und wir wissen, dass Adams Stimme so gut wie Jehovas Stimme Selbst ist! –, wie dann? Was dann?“
HG|2|47|47|0|Und alsbald ermannte sich der frühere Selbstredner und sagte in einem sehr unschlüssigen Ton: „Ja, – ja, – das habe ich freilich ganz vergessen!
HG|2|47|48|0|Ja, jetzt bekommt die Sache ganz ein anderes Gesicht! Wahrlich, so hier guter Rat nicht teuer wird, so wird er es ewig nimmer!
HG|2|47|49|0|Aber seht, seht, da kommen ja soeben zwei Männer den Hügel herab – und, wie es mir scheint, gerade auf uns zu!
HG|2|47|50|0|Lasst uns sehen, ob sich mit ihnen nicht ein kleines unterhandelndes Geschäft machen lässt! Lasst nur mich voraustreten, so ihr euch etwa fürchtet!“
HG|2|48|1|1|Die furchterfüllten Frageboten werden von Adam und Abedam aufgerichtet
HG|2|48|1|1|Am 15. März 1842
HG|2|48|1|0|Nach einer ganz kurzen Weile von kaum einigen Augenblicken sagte unser Hauptredner wieder zu den anderen mit etwas verlegener Stimme:
HG|2|48|2|0|„Brüder und Freunde! So wahr wir alle vom Adam abstammen, – wenn mich meine Augen nicht also täuschen, dass ich eine Katze für einen Berg ansehe, – wahrlich, ich will keinen Zahn im Mund haben, wenn – ja, jetzt ist es klar, – erkennet ihr’s nicht? Ja, ganz vollkommen klar ist es jetzt, diese zwei sind Adam und der fremde Mann!
HG|2|48|3|0|Jetzt helfe uns, wer uns kann und mag! Zum Davonlaufen ist nun keine Zeit mehr, und es kommt mir auch vor, als wäre mir solches kaum möglich.
HG|2|48|4|0|Nein, das wird jetzt eine ganz sonderbare Begebenheit werden! Brüder, wisst ihr was? Werfen wir uns nur sogleich nieder auf unsere Angesichter, sonst wird’s hoch gefehlt sein!
HG|2|48|5|0|Denn der Adam versteht durchaus keinen Scherz. Wenn schon sonst nichts herauskommt, so doch ganz sicher eine vollkommene, wenigstens zehn Jahre andauernde Verbannung!
HG|2|48|6|0|Und ein jeder aus uns sehe nur zu, zu bitten, was nur immer seine Brust vermag, sonst – ich sage es euch – ist’s vollkommen aus mit uns!
HG|2|48|7|0|Richtig, seht, gerade auf uns los! Sie sind schon sehr nahe; jetzt nur niedergefallen!“
HG|2|48|8|0|Und alsbald fielen alle zur Erde nieder und fingen an zu schreien: „O erhabenster Vater Adam, sei uns Frevlern gnädig und barmherzig! O erhabenster Erzvater, verschone uns mit deinem Grimm! O du übermächtiger, ungeborener, erster Mensch der Erde, lasse nicht deinen großen Zorn über uns!
HG|2|48|9|0|O du Ebenmaß Gottes, du Sohn Jehovas, habe Nachsicht mit unserer unendlich großen Torheit!“
HG|2|48|10|0|Und also schrien sie fort, als der hohe Abedam und der Adam schon lange bei ihnen standen.
HG|2|48|11|0|Es fragte aber in der Stille der Abedam den Adam: „Höre, wie gefällt dir dieses Geschrei?“
HG|2|48|12|0|Und der Adam entgegnete: „O Vater! Das ist ein großes Jammergeschrei; diesen Jammer habe ich in sie gelegt!
HG|2|48|13|0|Gestern Vormittag hätte ich noch ein Wohlgefallen daran gehabt; jetzt aber möchte ich weinen vor Mitleid!
HG|2|48|14|0|Die Armen fürchten sich vor mir, und ich weiß nicht, was alles aus Liebe ich für sie tun möchte!
HG|2|48|15|0|O Du heiliger, liebevollster Vater, sei auch hier wieder gnädig und voll der Erbarmung, und mache wieder eine Torheit meines Herzens gut!“
HG|2|48|16|0|Und der Abedam sagte zu ihm: „Siehe und glaube es Mir, das ist nicht die letzte Torheit, die du vor Mir begingst, und die Ich wieder gutzumachen habe; denn so viel Arbeit hast du Mir gemacht mit deiner eigen verschuldeten Blindheit, dass Ich bis ans Ende der Zeiten vollauf werde zu tun haben, um alles wieder in die ursprüngliche Ordnung zu bringen!
HG|2|48|17|0|Siehe, also, wie diese dahier schmachten, schmachten noch gar viele hier, die da um uns her gelagert sind.
HG|2|48|18|0|Die Familie Garthilli diene dir zu einem starken Beweis. Der Uranion und seine Nachkommen, wie kamen sie auf die Höhe? Und doch ist sein Haus des Morgens allerleuchtendstes.
HG|2|48|19|0|Doch, was du getan hast, sei für dich in keiner Rechnung mehr; denn siehe, Ich habe es in Meine eigene Rechnung aufgenommen und weiß gar wohl, was Ich darum für alle Zeiten der Zeiten tun werde.
HG|2|48|20|0|Allein jetzt ist noch eine kleine Reihe an dir. Rufe den, der da uns am nächsten auf der Erde liegt, beim Namen und heiße ihn mit guter Stimme erstehen, und wir wollen dann zusehen, was alles sich da machen wird lassen! Amen.“
HG|2|48|21|0|Und alsbald beugte sich der Adam zu unserem Hauptredner und Anführer nieder, ergriff seine Hand und rief ihm dann ins Ohr:
HG|2|48|22|0|„Garbiel! Erstehe, – und mache ein Ende deinem leeren Geschrei!“
HG|2|48|23|0|Der Garbiel aber sagte alsbald, noch auf der Erde liegend, zu den übrigen: „Brüder, hört nun auf zu schreien – es nützt nichts mehr, – sondern steht auf mit mir, und jeder sei auf das strengste Strafurteil gefasst! Denn ihr wisst es ja alle, dass, so irgendeinen Bittenden der erhabenste Vater an der linken Hand fasst und ihn aufzustehen heißt, solches soviel sagen will als: ‚Gehe nur eilends auf zwanzig Jahre lang weit über die Mitternacht hinaus vollends aus meinen Augen!‘
HG|2|48|24|0|O wehe uns, wehe uns! Also ist uns nicht einmal gestattet, unser Weib und unsere lieben Kinder mitzunehmen! O wehe, wehe uns allen, denn nun sind wir verloren!“
HG|2|48|25|0|Und der Adam sagte darauf zum Garbiel: „Garbiel! Du bist ein großer Tor; solches hat nun für alle Zeiten der Zeiten ein Ende!
HG|2|48|26|0|Fürchte dich nicht, es kommt von euch allen niemand je in eine Verbannung mehr; denn der euch noch fremde Mann und ich sind nun nicht hergekommen zu euch, um euch zu erdrücken, sondern um euch alle vollends aufzurichten und, so es möglich sein möchte, euch auch vollkommen zu beleben. Darum ersteht alle! Amen.“
HG|2|48|27|0|Als aber der Garbiel solche Worte aus dem sonst so überstrengen Munde Adams vernommen hatte, da sprang er alsbald auf wie ein junger Hirsch und wusste aus übergroßer Freude nicht, was er tun solle. Er umarmte sogleich den Adam und küsste sieben Mal seine Brust; dann aber umarmte er auch alsbald den ihm noch fremden Mann und sagte:
HG|2|48|28|0|„Wer du auch immer sonst sein magst, – kurz, meiner nun aus ihren Schranken getretenen Liebe bist du doch wert! Liebt Jehova doch die Fliegen sogar; warum sollst du, wenn auch noch mir unbekannter Bruder, von meiner nun allgemein brennenden Liebe ausgeschlossen sein?!“
HG|2|48|29|0|Und der Abedam bekam somit auch sieben feste Küsse auf die Brust.
HG|2|48|30|0|Als er aber also beide abgeküsst hatte, da rief er zu den sich eben Erhebenden: „Brüder, daher kommt! Ach, was habe ich jetzt an der Brust dieses Fremden empfunden!
HG|2|48|31|0|Da gibt es keine Worte dafür! Kommt, kommt, Brüder, und versucht es alle, wie überaus wohl es einem in seiner Nähe wird!
HG|2|48|32|0|Nein, Brüder, Freunde, ich will mich in mein Herz beißen und mir die Haut abziehen lassen, wenn dieser herrliche Fremde je auf Erden irgend ist geboren worden!
HG|2|48|33|0|Und diesem himmlischen Mann konnten wir früher eine solche Antwort geben!
HG|2|48|34|0|Gibt es denn nun keinen hungrigen Tiger irgendwo, dass er uns alle dafür auffräße?!
HG|2|48|35|0|O kommt, kommt und empfindet, was hier ist!“
HG|2|49|1|1|Abedam enthüllt die wahre Absicht der Frageboten
HG|2|49|1|1|Am 16. März 1842
HG|2|49|1|0|Und die anderen elf begaben sich alsbald hin zum Adam und dann zum Fremden und taten – obschon etwas furchtsam noch –, was vorher der Garbiel getan hatte, und fanden beim Fremden wunderbar bestätigt, auf was sie der Garbiel aufmerksam gemacht hatte.
HG|2|49|2|0|Da sie sich insgeheim aber also hoch verwunderten in ihren Herzen, da berief alsbald der Abedam den Garbiel zu Sich und fragte ihn, sagend nämlich:
HG|2|49|3|0|„Garbiel, kannst du dich noch entsinnen der Frage, die Ich euch gab, als ihr auf der Vollhöhe angelangt seid?“
HG|2|49|4|0|Und der Garbiel, etwas verblüfft, entgegnete darauf nach kurzem Sinnen: „Ja richtig, richtig, du hast uns auf der Höhe eine etwas sonderbare Frage gegeben, worauf wir dann auch dir eine sonderbar genug dumme Antwort gaben.
HG|2|49|5|0|Ja, ja, richtig; mir fällt es nur nicht sogleich bei, wie die Frage gestellt war. Von der Absicht und vom Sinn ist darin etwas vorgekommen, – nur weiß ich nun nicht mehr recht, ob die Absicht in dem Sinn, oder der Sinn in der Absicht sich befand.
HG|2|49|6|0|Der Frage zweiten Teil weiß ich wohl recht genau, nämlich: ‚Warum seid ihr hierhergekommen?‘ Aber den ersten Teil bringe ich nicht mehr ganz zurecht.
HG|2|49|7|0|Sinn und Absicht stecken sicher beisammen; aber wie? Das ist nun für meine Armseligkeit eine ganz andere Frage!
HG|2|49|8|0|Es ist aber doch wahrhaft sonderbar. Gerade früher war noch sogar die Rede davon unter uns, – und jetzt brächt’ ich’s nicht heraus und wenn jemand darum mich auch allergewaltigst ins Genick beißen möchte!
HG|2|49|9|0|Nein, aber so dumm war ich denn doch in meinem ganzen Leben nicht! Das nun nicht mehr füreinander zu bringen!
HG|2|49|10|0|Lieber, mir noch unbekannter Freund! Siehe, ich bin sonst nicht gar so dumm; aber die frühere große Angst hatte mir beinahe meinen eigenen Namen verschleppt! Und so ist es wohl verzeihlich, so ich dir notgedrungen den ersten Teil deiner Frage schuldig bleiben muss!
HG|2|49|11|0|Du wirst die Frage sicher noch wissen? Möchtest du sie uns denn nicht einmal noch kundgeben?
HG|2|49|12|0|Vielleicht finden wir jetzt eine bescheidenere Antwort darauf, als unsere grenzenlose, aufgeblähte Torheit sie gefunden hatte auf der Höhe.
HG|2|49|13|0|So dein Wille es wäre; aber sei deshalb ja nicht ungehalten oder ärgerlich!“
HG|2|49|14|0|Und der Abedam willfahrte sogleich dem Verlangen Garbiels und gab ihm somit die volle Frage von neuem.
HG|2|49|15|0|Jetzt aber sprang der Garbiel auch vor Freuden, darum er nur die Frage wieder hatte, und sagte sogleich wieder, zu reden anfangend, darauf: „Ja, ja, also war es: ‚Was ist der Sinn eurer Absicht; und warum seid ihr hierhergekommen?‘
HG|2|49|16|0|Nun, lieber Freund, da du mich darum fragtest, – die Frage wäre durch deine gütige Hilfe nun wieder da. Was soll denn nun damit geschehen?“
HG|2|49|17|0|Und der Abedam beschied darauf, sagend: „Nun, so du die Frage wieder hast, da gebe Mir die Antwort darauf! Siehe, das ist alles, darum Ich aus dir wissen wollte, ob die Frage noch unter euch sich befindet!“
HG|2|49|18|0|Und der Garbiel fing an nachzusinnen und sagte darauf: „Ja, was der Frage zweiten Teil betrifft, da sind wir auf die Höhe gesandt worden, um da für alles Volk uns Rat zu holen, ob wir die Nacht hindurch hier – wie es sonst gewöhnlich war – verbleiben sollen oder nicht, darum heute alles ungewöhnlich vor sich ging und am Abend kein Opfer mehr abgebrannt wird.
HG|2|49|19|0|Siehe, das ist die ganze Ursache unserer Hierherkunft, oder das ist das Ganze, darum wir auf die Höhe gekommen sind, und wird vielleicht sicher auch der Sinn unserer Absicht sein!
HG|2|49|20|0|Was aber jedoch etwa mit dem Sinn in der Absicht es für eine andere Bewandtnis noch haben dürfte, siehe, lieber Freund, solches könnte ich dir wohl unmöglich erörtern. Daher wirst schon du so gut sein wollen und uns allen freundlichst kundgeben, welchen Sinn in deiner Absicht du birgst!“
HG|2|49|21|0|Und der Abedam aber erwiderte ihm darauf: „So höre denn: Darum ihr gekommen seid auf die Höhe, hast du richtig beantwortet; aber darinnen lag nicht der Sinn eurer Absicht, – sondern in dem lag er, dass euer Herz da war mit heimlichem Ärger erfüllt und ihr unter der Hülle der zweiten Frage habt erforschen wollen, warum heute ohne euer Wissen und Wollen des Sabbats Feierlichkeit also verkehrt wurde. Siehe, ist es nicht also?
HG|2|49|22|0|Da Ich euch dann alsbald erkannte und euch zuvorkommend darum fragte, so ließet ihr den Sinn eurer Absicht Mir sogleich merken dadurch, dass ihr Mir mit sehr unsanften Worten begegnet habt. Ist es nicht also?
HG|2|49|23|0|Ihr wolltet zwar nur darum laut fragen, ob ihr bleiben oder heimziehen sollt; aber was da den Sinn eurer Absicht betrifft, darum wolltet ihr euch nur ganz heimlich spähend erkundigen und damit dann sättigen euren geheimen Ärger und bei günstiger Gelegenheit dann denselben ausschütten vor den Vätern, und das zwar schon am nächst bestimmten Streittag (am Dienstag), an dem die Väter euren Klagen allzeit ein williges Ohr schenken! Ist es nicht also?“
HG|2|49|24|0|Und der Garbiel, ganz außer sich samt den übrigen und ganz betroffen, wurde ganz stumm und konnte kein Wort herausbringen.
HG|2|49|25|0|Der Abedam aber sagte darauf zu allen: „Folgt Mir und dem Adam nun alle auf die Höhe; allda sollt ihr euch zuerst stärken mit Speise und Trank, da ihr heute noch nichts genossen habt, und sodann wollen wir von Meinem Sinn in Meiner Absicht einige gute Worte miteinander bei gutem Mut tauschen! Amen.“
HG|2|50|1|1|Garbiels Erkenntnis
HG|2|50|1|1|Am 17. März 1842
HG|2|50|1|0|Nach dieser Einladung ermannte sich erst der sehr darüber erstaunte Garbiel, darum er nicht begreifen konnte, wie dieser fremde Mann solches also bis auf ein Haar wissen mochte, und begann darum folgende Worte an den Fremden zu richten, sagend nämlich:
HG|2|50|2|0|„Höre, du über alles schätzbarster Freund, – du bist mir ein überaus rätselhafter Mann! Wie magst du also Verborgenstes in unserem Herzen lesen, wie schauen bis auf ein Haar, was darinnen vorgeht?
HG|2|50|3|0|Nein, sage ich, nein, das ist zu viel für einen Menschen von meinem Schlag!
HG|2|50|4|0|Siehe, du mein über alles nun schätzbarster Freund, ich glaube nun schon fest, dass es da mit dir nicht ganz natürlich zugeht!
HG|2|50|5|0|Denn fürs Erste ist das außergewöhnliche Gefühl, das ich zuvor an deiner Brust empfand, und fürs Zweite aber nun noch mehr dein durchdringendster Blick, vor dem nicht einmal irgendein allerverborgenster Winkel unseres Herzens sicher ist, ein allersprechendster Beweis dafür.
HG|2|50|6|0|Ich will es zwar nicht in Abrede stellen, dass es durch die Zulassung von oben sehr scharfsehende Menschen geben kann, wie also zum Beispiel den Henoch, Kenan, Jared, Enos und Seth, welche wirklich auch schon so manches Wunderbare bewirkt haben, als wie den heutigen Blitz – vorausgesetzt, dass etwa nicht du solches bewirkt hast! – und die schnelle Wiederherstellung der Grotte Adams – das heißt, wenn etwa auch nicht du da deine Hände ans Werk gelegt hast! – und die plötzliche Stillung des gestrigen Sturmes – wo nicht etwa auch du dich desselben angenommen hast!
HG|2|50|7|0|Ja, wie ich sage, es ist durchaus nicht zu leugnen, dass sehr gottergebene Menschen durch Seine gnädige Zulassung so manches vermögen.
HG|2|50|8|0|Aber so viel ist auch gewiss und vollends wahr, mein Herz ist bis zu diesem Zeitpunkt dennoch ganz verschont geblieben, und es hat nicht einmal der erhabenste Erzvater vermocht, je in diese innerste Falte des Lebens zu blicken!
HG|2|50|9|0|Wie demnach du solches vermagst, weiß ich mir wahrlich nicht zu entziffern!
HG|2|50|10|0|Da du aber solches vermagst, wer kann da neben dir bestehen?
HG|2|50|11|0|Ich bin durch und durch nun mit einer großen Furcht erfüllt vor dir und bitte dich darum, uns allen deine allergütigste Einladung zu erlassen, dass wir dir folgen möchten auf die Höhe und sicher da unwürdigst genießen die im höchsten Grad unverdiente Kost aus der Schüssel Adams.
HG|2|50|12|0|Denn was den ärgerlichen Sinn unserer geheimen Absicht betrifft, so sind wir darüber ja schon im Reinen; was aber deiner Absicht Sinn betrifft, so glaube ich, du hast ihn uns schon gegeben dadurch, da du uns allen gezeigt hast, inwieweit wir alle wahrhafte arge Schurken waren, aber in aller Zukunft nicht mehr sein und noch weniger je wieder werden werden, – des kannst du vollends versichert sein! Da du aber schon der Mächtigste der Höhe nun zu sein scheinst, darum der erhabenste Erzvater Adam dir selbst über die Maßen zugetan zu sein scheint, so gebe du uns den gütigen Bescheid darüber, darum wir hierhergekommen sind, damit wir noch, ehe denn sich die Strahlen der Abenddämmerung gänzlich verlieren, den Unsrigen die erwünschte Nachricht zu bringen vermöchten!
HG|2|50|13|0|Allerliebster Freund, nur nehme diese meine Äußerung etwa nicht als eine unbedingte Forderung unseres Willens an den deinen und also auch an den des erhabensten Erzvaters Adam, sondern allein nur als eine ganz vom Herzen aus demütigste und also pflichtmäßigst bescheidene Bitte; denn so mein Verlangen etwa dir zuwider sein sollte, da wollen wir dir alle eher bis ans Ende der Welt folgen, als dir nur im Allergeringsten in irgendetwas je mehr zu widerstreben! Daher werde von uns allen dein sicher äußerst mächtiger Wille ganz vollkommen respektiert!“
HG|2|50|14|0|Und der Abedam sagte darauf zu dem sehr gesprächigen Garbiel: „Höre, Ich sage dir, deine Zunge ist ein wahrhaftes Meisterstück; denn du redest dich damit selbst blind und überhörst die lauten Forderungen deines Herzens, das da im Ernst keinen schlechten Grund hat! Siehe, alles, was du jetzt geredet hast, hat weder einen Kopf, noch einen Fuß, noch eine Hand, und noch auch irgendeinen Leib!
HG|2|50|15|0|Denn das du nun geredet hast, ist lediglich nichts anderes als ein leerer Wind, mit welchem du dir deine Furcht hast aus deinem Leibe reden wollen.
HG|2|50|16|0|Du sagtest: Wer kann da neben Mir bestehen, da Ich die Kunst verstehe, in des Lebens innerste Falten zu blicken!
HG|2|50|17|0|Darum dich dann eine große Furcht anwandelt; siehe, das allein kam aus dem Herzen! Ich sage dir aber: Stecke du deine Zunge zwischen die Zähne und halte sie fest, auf dass sie nicht noch einmal dir dein eigenes Herz betrüge und dir glauben mache, als hättest du schon den Sinn Meiner Absicht mit euch allen erkannt!
HG|2|50|18|0|Siehe, solches ist gar sehr eitel; denn gar bald wirst es du samt deinen Brüdern erkennen, dass den vollen Sinn Meiner Absicht mit euch allen auch der allerhöchste und vollkommenste Engelsgeist des obersten Himmels ewig nie erfassen und begreifen wird!
HG|2|50|19|0|Was aber deine Botenfrage betrifft, so wissen alle nun schon ganz vollkommen, dass sie heute, morgen und übermorgen, also bis zum Streittag, allhier zu verweilen haben.
HG|2|50|20|0|Und so hast du damit keinen entschuldigenden Grund mehr, auszubleiben und nicht zu folgen Meiner Einladung!
HG|2|50|21|0|Da nun deine Furcht ersichtlich eitel ist und all die Deinen schon lange gehörig versorgt sind, so wirst du Mir ja doch folgen können?“
HG|2|50|22|0|Und der Garbiel erwiderte unter Freudentränen: „Ja, wahrlich ja, jetzt folge ich Dir, wohin Du willst!
HG|2|50|23|0|Denn mir geht nun eine große Ahnung auf, darum Du sagtest, wie unerforschlich der Sinn Deiner Absicht ist!
HG|2|50|24|0|Ich wage es mit der Zunge zwar noch nicht auszusprechen, – aber dafür spricht es sich in meinem Herzen desto lauter aus durch eine vorher noch nie empfundene Liebe, dass Du ein Vater bist!
HG|2|50|25|0|Und darum will ich Dir folgen ewig, wohin Du willst, ja ewig! Amen.“
HG|2|51|1|1|Abedams Lehre über das Licht, den rechten Weg und das ewige Liebeziel
HG|2|51|1|1|Am 18. März 1842
HG|2|51|1|0|Und der Abedam machte Sich zum Gehen und sagte, zum Garbiel Sich wendend: „Also folgt Mir! Wahrlich sage Ich euch, wer Mir folgt, der wandelt einen rechten Weg und wird nicht irre werden am Pfad des Lebens hin zum Leben!
HG|2|51|2|0|Wer aber mag da ohne Licht wandeln durch einen gedehnten Waldweg in der dichten Nacht?
HG|2|51|3|0|Die Welt aber ist der Wald, und des Menschen irdisches Leben der Weg, und die Zeit der Körper ist die dichte Nacht.
HG|2|51|4|0|Wer da kein Licht hat, wird der wohl den gerechten schmalen Mittelweg treffen, der da allein nur führt wahrhaft den Wanderer hin zum heiligen Liebeziel, welches da ist das ewige Leben?
HG|2|51|5|0|Ich aber bin ein wahrhaftes, untrügliches Licht Selbst und bin der Weg und das ewige Leben Selbst.
HG|2|51|6|0|So ihr demnach Mir nachfolgt, da habt ihr des Lichtes in großer Menge, und es wird euch ewig nimmer möglich sein, den rechten Weg zu verfehlen, da das Licht der Weg selbst ist, und ihr werdet auch nimmer können verfehlen das heilige Liebeziel, welches ist das ewige Leben, da der Weg und das Licht das heilige Liebeziel selbst sind, welches da ist das wahrhafte ewige Leben.
HG|2|51|7|0|Daher auch folgt Mir alle, und fragt nicht, wohin! Denn da Ich bin, ist überall der rechte Ort und überall das ewige Leben.
HG|2|51|8|0|So aber da jemand ein Licht nähme zur Nachtzeit und möchte es stellen bald auf einen Weg, bald in ein Tal und bald an verschiedene Orte, – wird sich da das Licht irgend ausnehmen, als wäre es nicht am rechten Platz?
HG|2|51|9|0|Ich sage euch aber, das Licht passt überall hin! Denn wer kann da behaupten und sagen: Diese oder jene Stelle taugt nicht für das Licht des Tages, nicht, dahin die Sonne spendet ihre Strahlen?
HG|2|51|10|0|Also auch ist es mit dem Licht des Geistes. Darum da auch niemand fragen soll, so das Licht kommt über ihn, ob es tauge oder nicht tauge für ihn, oder ob er würdig ist des Lichtes oder nicht!
HG|2|51|11|0|Sondern, wenn das Licht kommt, dann ergreife es jeder behände und lasse sich dienen das Licht! Denn so das Licht da ist, da ist es da, um allen zu dienen; ist es aber einmal hinweggestellt worden oder untergegangen, da wird der Würdige nicht minder dem Unwürdigen den Mangel des Lichtes gar trauernd empfinden.
HG|2|51|12|0|Und er wird den Aufgang herbeirufen, aber der Aufgang wird dann sehr verzögert werden; und diese Zögerung wird jedem werden zu allen Zeiten zu einem großen und sehr harten Stein des Anstoßes.
HG|2|51|13|0|Wehe aber denen, die am Tag fallen und wollen sich nicht aufrichten lassen vom Licht, solange dasselbe unter ihnen wandelt!
HG|2|51|14|0|Wahrlich, sage Ich euch, sie werden hart aufstehen, wenn die Nacht sie ereilen wird!
HG|2|51|15|0|So aber da jemand fällt in der Nacht, ist es dem nicht zu verzeihen?
HG|2|51|16|0|Ja, Ich sage es euch, die in der Nacht Gefallenen werden sich ehedem und leichter aufrichten, wenn des Tages Licht kommen wird, als diejenigen, die da fallen am hellen Tag und sind zu träge, auf dass sie sich alsbald wieder aufrichten möchten, damit das Licht sie bringen könnte zum heiligen Liebeziel.
HG|2|51|17|0|Ich sage euch daher noch einmal, ergreift das Licht mit euren Herzen, solange es unter euch ist; denn die Zeit des Lichtes ist kurz, – aber überlang die Zeit der Nacht!
HG|2|51|18|0|Welcher es aber jetzt ergreifen wird, der wird daran dann aber auch ewig nimmer einen Mangel leiden.
HG|2|51|19|0|Erkennt es aber endlich auch vollkommen, dass Ich Selbst es bin: das Licht alles Lebens und das urewigste alleinige Leben Selbst!
HG|2|51|20|0|So ihr solches erkennt in eurem Herzen, so habt ihr das Licht und das Leben schon in euch vollends aufgenommen.
HG|2|51|21|0|Was aber ist das Licht und das Leben, das heilige, das ewige?
HG|2|51|22|0|Gott Selbst ist das Licht, und die ewige Liebe in diesem Licht ist das ewige Leben, und ist der Vater, von dem du, Garbiel, vorher aussagtest, als du Mir dein letztes Wort aus deiner großen Ahnung gabst, und wohl bekanntest, dass Ich ein Vater sei!
HG|2|51|23|0|Ja wahrlich, sage Ich euch, Ich bin der alleinig wahre Vater, und ihr alle seid Meine Kinder, so ihr Mich als Vater anerkennt!
HG|2|51|24|0|Wer Mich aber nicht als Vater wird anerkennen wollen – und das vollends im Herzen –, dem werde Ich sein, was Ich bin dem Stein, nämlich ein ewig richtender Gott und Schöpfer!
HG|2|51|25|0|Meine Kraft, Macht und Gewalt ist ohne Ende – also spricht Gott für Sich –, wer wird und will Mir widerstreben?
HG|2|51|26|0|Aber der Vater schmiegt Sich zu den Kindern und verbirgt vor ihren furchtsamen Augen den allmächtigen Gott, damit sie Ihn alle in ihren Herzen ergreifen möchten und folgen Seinem wahren Vaterrufe.
HG|2|51|27|0|Seht, Ich Selbst bin der Vater und rufe euch, Mir zu folgen!
HG|2|51|28|0|Daher zaudert nicht, ihr Meine Kindlein, und folgt Mir; denn Ich bin ja euer aller heiliger und liebevollster Vater!
HG|2|51|29|0|Hört, und folgt Mir! Amen, Amen, Amen.“
HG|2|52|1|1|Garbiels beeindruckende Rede über die Offenbarung des Abedam
HG|2|52|1|1|Am 21. März 1842
HG|2|52|1|0|Als der Abedam aber diese Rede beendet hatte, da fielen alsbald der Garbiel und all die übrigen auf ihre Angesichter nieder, und zwar nahe an den Füßen Abedams.
HG|2|52|2|0|Garbiel aber, als er sich ein wenig erholt hatte, begann alsbald eine sehr beachtenswerte Rede an die Brüder und Freunde zu richten, so zwar, dass der Adam selbst sagend dieser Rede ein großes Zeugnis gab und belobte den Redner also:
HG|2|52|3|0|„Garbiel, ich habe schon viele Reden von menschlichen Zungen gehört, aber solche Worte sind von einem Ungeweckten noch kaum je zu meinen Ohren gedrungen!
HG|2|52|4|0|Sei froh, denn Abedam hat schon Übergroßes an dir getan! Was erwartet dich noch alles, wenn dein Herz erst vollends eins wird mit Ihm in der reinen Liebe!“
HG|2|52|5|0|Solches sprach der Adam zum Garbiel, als dieser seine Rede beendet hatte; die Rede des Garbiel aber lautete also:
HG|2|52|6|0|„Freunde, Brüder! Habt ihr’s gehört, habt ihr’s vernommen, habt ihr’s begriffen?!
HG|2|52|7|0|Wer vermag solche Worte an unsere Ohren und Herzen zu richten?
HG|2|52|8|0|Oder hat je, vom Erzvater angefangen bis auf unsere noch sprachunfähigen Kindlein, jemand solche Worte gehört?
HG|2|52|9|0|‚Nein, nein, nein!‘ müsst ihr alle sagen; denn das sind nicht Worte menschlicher Weisheit entstammend, auch nicht die eines allervollkommensten Engelsgeistes.
HG|2|52|10|0|Denn wo ist da in der ganzen Unendlichkeit durch alle Ewigkeiten der Ewigkeiten ein Wesen erschaffen worden, das da vermöchte solches aus sich hervorzubringen?!
HG|2|52|11|0|Freunde und Brüder, denkt, denkt! Wer kann das sein, ja wer muss das sein, muss notwendigst ewig sein, der da von Sich, ja ganz vollends von Sich, aussagen mag: ‚Ich bin das Licht, der Weg, das heilige Ziel!‘? – Ja, das urewige alleinige Grundleben Selbst!
HG|2|52|12|0|Freunde, Brüder! Solltet ihr etwa noch nicht merken, wer der Fremdling ist?
HG|2|52|13|0|O dann müsstet ihr blinder sein denn der Mittelpunkt der Erde um die allerstockfinsterste Mitternacht und tauber denn ein allerhärtester Stein im allertiefsten Grund des Meeres!
HG|2|52|14|0|Wahrlich wahr, so jemand aus uns solche Worte fest wie von sich aussprechen möchte, ich bin nun überklarst überzeugt, seine Zunge würde noch nicht das zweite Wort berühren, so wäre auch schon von solch einem Frevler nicht die allerleiseste Spur mehr vorhanden.
HG|2|52|15|0|Ja, so die große Erde solches vermöchte, wenn sie hätte eine Zunge irgendwo in einem weitesten Mund, – wahrlich, schon der erste Gedanke, solches von sich auszusagen, müsste sie auf ewig vernichten!
HG|2|52|16|0|Ja, der großen Sonne ginge es nicht um ein Haar besser!
HG|2|52|17|0|Oder vermögt ihr solches nicht zu erfassen? So ihr es nicht vermögen solltet, da wage es nur einer oder der andere, solches von sich aus in aller Stille zu denken, ja zu denken sich als das heiligste, ja als das allerheiligste, urewige Leben alles Lebens, das Licht alles Lichtes, den Weg alles Weges und das heilige Endziel aller Dinge; ja denke einer sich als die allerhöchste Kraft aller Kräfte, als die allerhöchste Macht aller Mächte und als die allerhöchste Gewalt aller Gewalten – und bestehe aber dabei, ob er mag und kann!
HG|2|52|18|0|Ich war noch nie ein Prophet; aber jetzt bin ich einer und sage mit der allerhöchstmöglichsten Sicherheit und allervollsten Überzeugung voraus, dass, so er sagen würde: ‚Ich bin die allerhöchste Gewalt aller Gewalten!‘, er auch alsbald nimmerdar vermögen würde, das allerfeinste Gewebe einer Spinne zu zerreißen.
HG|2|52|19|0|Und so er sagen möchte: ‚Ich bin die allerhöchste Macht aller Mächte!‘, ihn alsbald ein Sonnenstäubchen zu Boden drücken auf ewig möchte.
HG|2|52|20|0|Und so er sagen möchte: ‚Ich bin die allerhöchste Kraft aller Kräfte!‘, ihm alsbald ein Mücklein zerbräche alle seine Gebeine und verzehrte seine Muskeln.
HG|2|52|21|0|Und so er sagen möchte: ‚Ich bin das heilige Endziel aller Dinge!‘, ihn dann auch alsbald verschlingen möchte aller Ewigkeiten endlosester Abgrund ins Feuer der ewigen Vernichtung.
HG|2|52|22|0|Und so er sagen möchte: ‚Ich bin der Weg alles Weges!‘, ihn die Erde alsbald verzehren möchte im Feuer ihres Zornes.
HG|2|52|23|0|Und so er sagen möchte: ‚Ich bin das Licht alles Lichtes!‘, ihn alsbald die allerdichteste Finsternis umgeben möchte.
HG|2|52|24|0|Und so er endlich sagen möchte: ‚Ich bin das heiligste, urewigste Leben alles Lebens selbst!‘, – wer möchte da die allerhöchste Geschwindigkeit des allerflüchtigsten Augenblickes bemessen, in welchem ihn solches Wort selbst von seinem innersten Leben aus zerstören würde und auf ewig vernichten also gänzlich, als wäre er nie dagewesen?!
HG|2|52|25|0|O Freunde und Brüder, da wir nun solches verstehen und nun sicher mit allen Händen und Füßen sogar wohl begreifen und sehen den Fremdling, der da alles solches vor unseren Augen und Ohren von Sich aussagte, noch ganz wohl erhalten mächtig und kräftig vor uns stehen und hören Ihn uns alle zu Sich rufen, wie ein wahrer, ja alleinig wahrer Vater seine Kinder zu sich ruft, und unser Herz in uns laut schreit und sagt: ‚Ja, Du allein bist ein wahrer Vater, und wehe dem, der an sich mit diesem allerheiligsten Namen den schändlichsten Frevel treiben möchte und sich noch ließe ‚Vater‘ rufen!‘, – Wer und was und woher ist demnach dieser Fremdling?
HG|2|52|26|0|Seht, die unendlichen Himmel voll leuchtender Wunder, und die Erde voll Wunder, und unser Herz das größte Wunder, rufen und sagen es uns nun überlaut: ‚Jehova, Gott, der ewige Schöpfer aller Dinge, der heilige Vater, weilt bei Seinen Kindern auf der Erde!‘
HG|2|52|27|0|Brüder, versteht ihr nun das?!“
HG|2|52|28|1|Am 22. März 1842
HG|2|52|28|0|Nach dieser Rede Garbiels aber hieß der Abedam sie alle wieder erstehen von der Erde und sagte zu ihnen: „Kinder, nun ist es an der Zeit, dass ihr Mir folgt auf die Höhe, damit Ich euch da in der Gegenwart aller Väter innerlich zeige einen anderen Sinn in Meiner Absicht mit euch!
HG|2|52|29|0|Denn seht, die Erde ist ein großes Feld, auf dem da wächst viel des Grases aller Art, viel der Gesträuche aller Art und viel der Bäume aller Art, und es bekriecht den Boden ein zahlloses Gewürm, und all die Wälder sind voll des Getieres aller Art, und die Wässer sind voll, und die Luft ist voll.
HG|2|52|30|0|Wer achtet alles dessen, in wessen Herzen ist eine Ordnung alles dessen? Und doch ist das Herz aus dieser Ordnung!
HG|2|52|31|0|Daher folgt Mir, damit euch da offenkundig dargetan werde ein anderer Sinn Meiner Absicht mit euch! Amen.“
HG|2|53|1|1|Besediels ehrfürchtige Betrachtung des Überheiligen
HG|2|53|1|0|Und alsbald erhoben sich alle, voll der allerhöchsten Ehrfurcht, und folgten dem Abedam und dem Adam, am ganzen Leibe zitternd, teils aus zu großer Wonne, teils wieder aus großer Furcht vor der Heiligkeit, Macht, Kraft und Gewalt Gottes, und teils aber auch von der sich stets mehr meldenden Liebe in ihren Herzen zum heiligen Vater genötigt, auf die schon bekannte Höhe.
HG|2|53|2|0|Ein Bruder des Garbiel aber ging hinter ihm her und sagte ganz leise zum Garbiel: „Höre, Bruder! Wenn ich jetzt diesen mit also überzahllosen Sternen übersäten Himmel anblicke, und wir wissen nun bereits alle vom Seth, Enos und auch gar helle vom Henoch aus, dass diese Sterne lauter unbegreiflich größte leuchtende Weltkörper sind, – Bruder, und wenn mir der Gedanke vorleuchtend sagt: ‚Besediel, siehe, da vorne geht aller dieser Wunder ohne Zahl und groß ohne Maß der Schöpfer, der allmächtig Überheilige! Ein heiliger Gedanke von Ihm, und der endloseste Raum wird leer alsbald dastehen, begraben in seine eigene ewige, unendliche Nacht; und wieder ein heiliger Gedanke von Ihm, der da vorne geht, und neue überherrliche Schöpfungen werden erglänzen durch die große Unendlichkeit!‘, – o Bruder, welch ein unaussprechliches Gefühl bemächtigt sich da meines Herzens!
HG|2|53|3|0|Du hast zwar früher gesagt, ob wir noch nicht merkten, wer der Fremdling ist.
HG|2|53|4|0|O ich sage dir, dass ich es schon bei Seiner ersten Ankunft gemerkt habe, und es ward mir klar, dass hinter Ihm etwas Unaussprechliches müsse verborgen sein; denn solches verkündigten mir Seine Augen und Sein Mund, bevor Er noch ein überheiliges Wort an uns gerichtet hatte.
HG|2|53|5|0|Oder hast du je solche Augen gesehen und einen solchen Mund?!
HG|2|53|6|0|Welche Würde, welche Heiligkeit, welche Stärke, welche Macht, Kraft und Gewalt spricht sich da nicht auf das Allerklarste aus! Und wer möchte da nicht alsbald vor Wonne vergehen, so Er einen in der Nähe ansieht! Und wie höchst liebevollst einladend ist Sein Antlitz in einer geringen Entfernung!
HG|2|53|7|0|Und entfernt man sich aber mehr und mehr von Ihm, so wird aber Sein Antlitz auch stets heilig ernster und gewinnt stets mehr an etwas, das da unbeschreiblich ist.
HG|2|53|8|0|Ich weiß es kaum, ob es in einem Herzen mehr eine heilige, allerhöchste Ehrfurcht erregt oder ob mehr die tiefste Reue und die stärkste Sehnsucht, sich Ihm wieder stets mehr und mehr zu nahen, ja so es möglich wäre, sich mit Ihm gänzlich zu vereinen!
HG|2|53|9|0|Und kommt man Ihm dann näher und näher, wie schleunig verschwindet da alles Ferngefühl, und eine früher nie empfundene heilige Liebe fängt da das Herz an dessen Stelle an anzuwehen, dass in ihr das Leben und die Vernichtung sich gleich endlos wonnig aussprechen!
HG|2|53|10|0|O Bruder, nun frage ich dich, der du um vieles weiser bist denn ich, hast du solches nicht auch gefunden?
HG|2|53|11|0|Da du mir schon so vieles gesagt hast, möchtest du mir denn nun nicht auch kundgeben, inwiefern ich meinem Gefühl trauen soll, oder inwiefern es vielleicht doch mit Irrtümlichem untermengt sein dürfte? So du etwas weißt, da gebe es mir alsbald kund!“
HG|2|53|12|0|Und der Garbiel sagte zu seinem Bruder Besediel: „O Bruder! Glaube deinem Gefühl, glaube aber auch, dass solches nicht aus dir, sondern heilig aus Dem in dein Herz strömt, der da vorne uns alle führt der heiligen Höhe zu, – ja, Bruder Besediel, zu einer Höhe, die da nicht ist eine Höhe der Erde nur, sondern endlos viel mehr – eine Höhe des inneren ewigen Lebens aus Ihm! Solches ahne ich!
HG|2|53|13|0|O Bruder und ihr Brüder alle, erweitert alsbald eure Herzen, und werft alles unnütze irdische Zeug hinaus, damit es in selben desto räumlicher und freier wird, um aufzunehmen all die großen Schätze, die da schon über uns reichlichst ausgeschüttet worden sind, und die noch ganz sicher über uns ausgeschüttet werden!
HG|2|53|14|0|Lasse aber, liebster Bruder, vorderhand deine zu großen Gedanken; denn wahrlich wahr, mir kommt es vor, als wäre das zu endlos Große auch zu endlos heilig für unsere noch ungesegneten Herzen.
HG|2|53|15|0|So aber jemand aus uns allen in seinem Herzen mit etwas beschäftigt ist oder sein will, der reinige es auf das Tätigste durch wahre Reue und Liebe zu Dem, der uns da führt!
HG|2|53|16|0|Denn seht, wir alle sind dem Ziel nahe; die Väter fallen schon alle auf ihre Angesichter nieder beim Anblick Dessen, der uns führt!
HG|2|53|17|0|O seht, seht, wie werden sie nun alle von einem heiligen Licht umflossen; wie erglänzt nun die Höhe!
HG|2|53|18|0|O Brüder, weint und betet; denn heilig, heilig, heilig ist es hier!
HG|2|53|19|0|O du mein armes, sündiges Herz, – wirst du wohl ertragen die bevorstehende Enthüllung, das Licht des ewigen Gottes, des heiligen Vaters?!“
HG|2|54|1|1|Empfang der zwölf von den Vätern
HG|2|54|1|1|Am 23. März 1842
HG|2|54|1|0|Wie aber der Garbiel und der Besediel unterwegs sich miteinander besprachen, also besprachen sich auch all die anderen und kamen somit, allesamt und sämtlich von Mir geführt, eines wohlbereiteten und tieferbauten andächtigen Herzens auf der Vollhöhe an.
HG|2|54|2|0|Als sie aber da anlangten, so hieß der Abedam all die Väter alsbald sich wieder aufrichten und empfangen die zwölf von Ihm und dem Adam selbst auf die Höhe Gebrachten.
HG|2|54|3|0|Als aber die Väter solchen Wunsch vom Abedam vernommen, da streckten aber auch alsbald all die Väter, Weiber und Kinder ihre Arme aus nach den zwölfen, und so wurden diese auf das Allerliebreichste aufgenommen.
HG|2|54|4|0|Nur der Seth getraute sich nicht hinzu; denn er fürchtete sich nun vor denen, die er früher also etwas unsanft angedonnert hatte.
HG|2|54|5|0|Adam aber berief alsbald den Seth zu sich und fragte ihn, sagend nämlich: „Ahbel-Seth, warum bleibst du ferne, da alles, was da nur atmet auf dieser Höhe, der Stimme des überheiligen Vaters folgt?
HG|2|54|6|0|Oder sind dir denn die Arme steif geworden, dass du sie nicht mochtest ausstrecken nach denen, die der heilige Vater Abedam Selbst hierhergebracht hatte? Oder hast du etwa gar Seinen Aufruf überhört?!“
HG|2|54|7|0|Der Seth aber fiel alsbald nieder vor Adam und Abedam und sagte flehend: „O vergebt mir unbesonnenem Toren! Was ich getan habe, – –“
HG|2|54|8|0|Hier fiel ihm alsbald Abedam ins Wort und sagte: „Das habe Ich getan, und darum war es recht und wohl getan!
HG|2|54|9|0|Aber deine Furcht ist nun eitel, der zufolge du dich nun nicht getrautest, aufzunehmen diese, die doch Ich Selbst hierher geführt habe, und habe dann euch alle herbeigerufen und allen angezeigt, was ihr tun solltet!
HG|2|54|10|0|Lege alsonach deine törichte Furcht beiseite, und folge dem Beispiel aller anderen, so wirst du dein Herz ledig machen und es ferne halten jeglichem Vorwurf deines eigenen Gewissens, – und das umso mehr, indem du vor Mir als ein Mann frei von aller Sünde dastehst! Verstehe es, und handle danach! Amen.“
HG|2|54|11|0|Und der Seth erhob sich alsbald und streckte auch alsbald seine Arme überfreundlichst zur Aufnahme nach den zwölfen aus.
HG|2|54|12|0|Als diese aber bemerkten, dass auch der früher erzürnte Vater Seth die Arme nach ihnen ausstreckte, da fielen sie nahe alle hin zu seinen Füßen und baten ihn um Vergebung, darum sie früher ihm sicher durch ihre unüberlegte Torheit die Gelegenheit gegeben zu haben glaubten, dass er sich darob habe ärgern müssen.
HG|2|54|13|0|Der Seth aber konnte vor lauter Liebeergriffensein auch nicht ein Wort über seine Lippen bringen; doch was seine Zunge für eine kurze Zeit zu tun unvermögend war, das zeigten desto werktätiger seine Hände und seine Brust, indem er allerfleißigst einen um den anderen vom Boden mit eigenen Händen aufhob, ihn mit Zeichen aufrichtete im Herzen und dann an seine Brust drückte.
HG|2|54|14|0|Als er nun auf diese Art werktätig gezeigt hatte, wie er eigentlich gar nicht und nie erzürnt war, sondern dass er das, was er früher an ihnen getan hatte, sicher nur aus einem inneren höheren Antrieb getan hatte ihrer ewigen Lebenswohlfahrt wegen, aber dabei doch gewahrte, dass die zwölfe seine Zeichen nicht vollends verstehen mochten, so wandte er sich alsbald an den Abedam und deutete Ihm auf die Zunge und auf seine Brust.
HG|2|54|15|0|Denn Seth hatte von der Geburt aus den Fehler, dass er da längere Zeit oft nicht ein Wort über seine Lippen zu bringen vermochte, wenn sich große Affekte seiner Seele bemächtigt hatten.
HG|2|54|16|0|Und alsbald berührte Abedam des Seths Mund und Brust und sagte zu ihm: „Seth, Ich sage dir, tue auf deinen Mund, und ewig nimmer soll deine Zunge dir ihren Dienst versagen; und also mache nun Luft deinem Herzen! Amen.“
HG|2|54|17|0|Und alsbald ergoss sich aus Seth ein ganzer Strom von den allerherrlichsten Worten, welche also lauteten:
HG|2|54|18|0|„O Kinder, o Kinder der Liebe des heiligen Vaters, hätt’ ehedem ich nicht aus einem gar rechtlichen, heiligen inneren Trieb mit lauteren stärker erschallenden Worten euch müssen abweisen von meinem euch über die Maßen stark liebenden Herzen, – fürwahr, meine Freunde, mein Herz hätt’ euch alle verschlungen vor heißester Liebe!
HG|2|54|19|0|Ihr Kinder, ihr Freunde, doch wie ihr geflohen vor meinem an Adam, den Vater, euch weisenden Wort so schnell und so hart alle seid da hinab von der heiligen Höhe, da tat es mir wehe um euch, meine Kinder und Freunde, darum ihr, dahin euch mein Wort hat ganz ernstlich beschieden, nicht wolltet euch kehren und fragen daselbst den Adam, darum ihr herauf seid schon mühsam und furchtsam den Hügel gestiegen!
HG|2|54|20|0|Und seht, solange der liebe, heilige Vater, von Adam geleitet, noch nicht eure Schar hat erreicht, so lange auch war es mir bange, ja überaus bange im liebenden Herzen um euch, meine Freunde und Kinder.
HG|2|54|21|0|Doch als ich nach kurzem ersah den heiligen Vater so liebvollst euch alle an Seine Brust ziehen und drücken, da fiel mir ein drückender Stein, wie die Erde so schwer, denn auf einmal von meinem noch schmerzvollen Herzen, darum ich euch Kinder vor mir, eurem liebenden Vater, gar traurig da fliehen musst’ sehen!
HG|2|54|22|0|Doch nun lasst uns alles vergessen! Der heilige Vater hat also ja haben es wollen, darum sei auch ewig Ihm Dank und die reinste Liebe, der’ unsere Herzen nur fähig je sind!
HG|2|54|23|0|Und nun, Kinder und Freunde, wie ich es nun merke, so habt ihr heute noch nicht euch gestärkt mit Speise und Trank; darum kommt hierher an die Körbe, und esst und trinkt, was alles ihr darinnen nur findet, – denn alles ist gesegnet vom heiligen Vater!
HG|2|54|24|0|O kommt, o kommt und nehmt zu euch diese Speise zum ewigen Leben!“
HG|2|54|25|0|Und alsbald auch hieß der Abedam sie folgen dem Seth und tun, was ihnen der Seth angetragen hatte.
HG|2|54|26|0|Und sie folgten dem Seth hin zum Korb Adams und aßen und tranken alle wohlgemut daraus.
HG|2|55|1|1|Abedams Rede vom gerechten Dank
HG|2|55|1|1|Am 29. März 1842
HG|2|55|1|0|Als die zwölfe aber nun aufgestanden sind von den Körben, nachdem sie sich hinreichend gesättigt und gestärkt hatten, gingen sie alsogleich hin zum Abedam, zum Adam und zum Seth und dankten allerinbrünstigst für die so große Gnade, wie sie es sagten, darum sie sich sogar an dem Speisekorb Adams hatten also mit den allerwohlschmeckendsten Speisen sättigen dürfen.
HG|2|55|2|0|Und der Garbiel sagte darauf zu den übrigen laut: „Brüder! Ich glaube, dass wir fast alle einen Gaumen haben; so ihr es aber empfunden habt, wie ich es mit meinem Gaumen empfunden habe, so müsst ihr alle samt und sämtlich mit mir stimmen und sagen:
HG|2|55|3|0|Soweit wir der sonst nur mageren Erde Boden kennen, so bringt er keine solchen Früchte zum Vorschein, deren herrliche Form fürs Erste schon alles bisher Gesehene also weit übertrifft, wie das Licht der Sonne jenes sparsame des Mondes, wann er entweder zu leuchten beginnt oder endlich wieder zu leuchten aufhört.
HG|2|55|4|0|Was aber den Wohlgeruch und den Wohlgeschmack betrifft, dafür hat die ganze Erde meines Erachtens kein vergleichbar treffendes Bild mehr, – außer so ich den Sinn der Worte Dessen, der da nun unter uns ist (der allerheiligste liebevollste Vater!), mit dem Sinn meiner leeren Zungenwetzerei vergleichen dürfte, welcher Unterschied endlos ist und ist für jede geschaffene Zunge ewig unaussprechlich!
HG|2|55|5|0|Demnach also, liebe Brüder und Freunde, zu urteilen, haben diese Früchte sicher einen ganz unbegreiflich höheren Ursprung, als den wir alle nur schon zu gut für den gewöhnlichen kennen.
HG|2|55|6|0|Da aber solches nimmer zu verneinen ist, was folgt dann als ewiger Pflichtanteil für uns?
HG|2|55|7|0|Seht hierher auf mich, dieses Herz, das da schlägt in meiner Brust, will ich dafür dem allerhöchsten Geber solcher Gaben zu einem ewigen Dankopfer von der höchstmöglichen Liebe erbrennen lassen und, soviel es mir nur immer möglich tunlich sein wird, den heiligen Vater loben und preisen Tag für Tag, Stunde für Stunde, und alle Augenblicke für Augenblicke.
HG|2|55|8|0|Denn übersüß waren diese Früchte und überherrlich ihr Wohlgeschmack! Darum wollen wir loben und preisen den heiligen Vater unser Leben lang; denn Er ist ja über und über gut und ist voll der allerhöchsten Liebe, Gnade und Erbarmung. Und solches alles währt bei Ihm ewiglich; darum sei auch ewig hochgelobt und gepriesen Sein heiliger Name! Amen.“
HG|2|55|9|0|Und alle korrespondierten, sagend: „Ja, ewig überhoch gelobt und über alles gepriesen sei unseres großen heiligen Vaters überheiliger Name! Amen.“
HG|2|55|10|0|Darauf erst fielen sie vor Abedam nieder und lobten und preisten Ihn über alle die Maßen aus dem allerinnersten Grund ihres Herzens.
HG|2|55|11|0|Der hohe Abedam aber hieß sie alsbald wieder erstehen, und als sie sich alle wieder nach und nach aufgerichtet hatten, sagte Er zu ihnen:
HG|2|55|12|0|„Kinder, es hat ein Vater wohl recht viele und große Freude an dankbaren Kindern, und an Kindern, die ihre Herzen füllen stets mehr und mehr mit wahrer kindlicher Liebe zum Vater.
HG|2|55|13|0|Aber was bedünkt euch in dem Fall, so da irgendein Vater gäbe einem Kind einen kleinen reifen Apfel, das Kind aber dann über diese Gabe sofort also ergriffen würde und bliebe, dass es darob den Vater nimmerdar aufhören möchte zu loben Tag und Nacht; und so es der gute Vater auch beruhigen wollte, das Kind aber dessen ungeachtet den Vater in einem Atem doch fort und fort loben möchte, solange es nur noch irgendeiner Stimme fähig wäre, und täte dem Lob erst durch die gänzliche Unfähigkeit einen Einhalt. Also, was bedünkt euch in dem Fall?
HG|2|55|14|0|Wie wird es dem guten Vater bei einer nächsten Gabe schwer werden ums Herz, so er schon im Voraus ersehen wird, welcher Dankmarter er dadurch sein liebes Kind wieder preisgeben wird!
HG|2|55|15|0|Und was Schmerzhaftes aber wird ihm sein Herz erst sagen, wann er daran gedenken wird, seinem Kind eine höhere Gabe zukommen zu lassen, da es schon eine also geringe Gabe vor lauter Dankbarkeit beinahe um das Leben bringt!
HG|2|55|16|0|Und wird das Kind mit der Zeit wirklich mit einer höheren Gabe belehnt werden, wie wird es aber für dieselbe gebührend zu danken imstande sein, so es sich schon erschöpft hatte in der Dankbarkeit für die frühere, kaum beachtenswerte Kleinigkeit?
HG|2|55|17|0|So ihr nun Mir für einen euch dargereichten Flügel einer Mücke und für ein Härchen an eurem Leibe mit der euch nur immer möglich allerhöchsten Liebe danken, ja ewig danken wollt, da möchte Ich denn hernach doch auch von euch erfahren, wie und wie lange ihr Mir danken werdet, so Ich euch allen bescheren werde das allerhöchste Gut, welches ist das allerseligste und allerwonnevollste ewige Leben?
HG|2|55|18|0|Oder, so ihr Mir für eine Nuss schon wollt die ganze Erde, den Mond, die Sonne und alle die Sterne zum Dankopfer bringen, was aber werdet ihr Mir dann erst hernach für die Gabe, die da besteht in einer ganzen Erde, bieten?
HG|2|55|19|0|Seht daher, Meine überaus geliebten Kinder, also muss auch der Dank ein gerechter Dank sein, indem er ist eine liebevolle Bestätigung dessen, was jemand empfängt!
HG|2|55|20|0|So aber jemand dankt für einen Strohhalm wie für eine Zeder, der ist dann ja entweder ein Tor, oder er stellt aus seinem Herzen eine lügenhafte Bestätigung über etwas aus, das er noch nie empfangen hatte.
HG|2|55|21|0|Daher macht auch ihr ein Ende eures Lobens, und bereitet eure Herzen dafür lieber zum Empfang dessen aus Meiner Hand vor, was da endlos hoch über alle diese Früchte erhaben ist!
HG|2|55|22|0|Geht aber zuvor in eure Herzen, und seht euch da ein wenig um; was ihr aber da finden werdet, das gebt Mir dann alle einstimmig kund! Amen.“
HG|2|56|1|1|Henochs Lehre über die Erweckung des Geistes
HG|2|56|1|1|Am 30. März 1842
HG|2|56|1|0|Nach dieser Rede Abedams aber traten die zwölfe nach der Weisung des Henoch einige Schritte zurück, der sie auch begleitete, bei ihnen bleibend, geistig in ihre Herzen, und zeigte durch eine kurze Rede, was das heißt, sich im eigenen Herzen umsehen und dann dessen gewahr werden, was entweder im Herzen ist oder vorgeht. Die Rede aber lautete also:
HG|2|56|2|0|„Hört, liebe Brüder, der allerheiligste, liebevollste Vater Abedam Jehova Emanuel Abba hat zu euch geredet, nachdem Er sattsam angehört hatte euer kindliches Lob:
HG|2|56|3|0|‚Seht euch in eurem Herzen um, und was ihr darinnen werdet finden, das gebt treulich Mir kund!‘ Also war der Sinn der überheiligen Rede.
HG|2|56|4|0|Es hat aber auch der allerheiligste Vater gar wohl gesehen, dass ihr diesen Sinn nicht fassen werdet; darum gab Er mir heimlich im Herzen die Weisung, dass ich euch geleiten soll in euer Herz und also auch in den verborgenen Sinn dieser Seiner letzten Worte, die Er da am Schluss an euch alle gerichtet hatte.
HG|2|56|5|0|Solches nimmt euch zwar ein wenig wunder, aber ihr werdet es alle gar bald ersehen, wie es eben nicht zu leicht ist, alsogleich seine Augen in sein eigenes Herz zu richten und vollkommen dasselbe zu beschauen dann.
HG|2|56|6|0|Denn seht, bis jetzt war bei euch allen nur vorzugsweise der Verstand eures Kopfes die Leuchte eurer Seele, aber der ewig lebendige Geist, der da wohnt im Herzen der Seele, und der da ist das alleinig wahre, innerste, lebendige Licht des Lebens, der ist bei euch noch nie geweckt worden!
HG|2|56|7|0|Ist aber dieser nicht geweckt, dann ist es auch umsonst, in sein Herz zu schauen; denn wo kein Licht ist, was sollte da wohl gesehen werden? Oder kann da jemand bei einer allerstockfinstersten Nacht nur eine Spanne weit vor sich hin sehen?
HG|2|56|8|0|Also aber ist es auch umso mehr mit dem Geistesschauen im eigenen Herzen, daselbst niemand etwas zu erschauen vermag, so da nicht eher lebendig geweckt wurde sein Geist.
HG|2|56|9|0|Aber, werdet ihr nun fragen, wie und wodurch kann denn der Geist geweckt werden?
HG|2|56|10|0|Seht, eben darum erhielt ich die Weisung, euch alle zu geleiten hierher; da wir aber schon bis hierher glücklich gelangt sind, da werden wir mit der Hilfe Dessen, der uns allen diese heilige Weisung gab, auch dahin gelangen, wohin wir alle nach dem allerhöchst besten und allervollkommensten heiligsten Willen Dessen gelangen müssen, der uns allen diese Weisung gab!
HG|2|56|11|0|Also aber ist der Weg, und das ist das alleinige Weckmittel des Geistes, dass ihr alle euch im Herzen, das heißt in der allervollkommensten Liebe, an den allerheiligsten Vater wendet voll Vertrauen und voll gerechter, uneigennütziger Treue.
HG|2|56|12|0|Wenn ihr aber gewahren werdet, dass es da in euren Herzen heißer und heißer wird, dann achtet auf euer Herz; denn dann ist die Entzündungs- und Lichtzeit auch schon da. Und so dann eure Herzen alle erbrennen werden zu Gott, dem allerheiligsten, liebevollsten Vater, da schaut in euch, und ihr werdet die Wunder des ewigen Lebens in euch erschauen!
HG|2|56|13|0|Aber solches merkt euch gar wohl noch hinzu, dass ihr etwa ja nicht darum allein den allerheiligsten Vater zu lieben beginnt; denn der allerheiligste Vater will Seiner Selbst willen geliebt sein. Und dass eure Liebe nicht also sich gestalte, als möchte sie nur dauern von heute bis morgen; denn mit einer sich nur zeitlich gestalteten Liebe ist ja nicht einmal das schwache Weib zufrieden, geschweige erst der ewige Gott!
HG|2|56|14|0|Es wird aber das Leben beschaffen sein, wie da beschaffen ist die Liebe. Ist die Liebe zeitlich, so wird auch das Leben ein vergängliches sein gleich der Liebe, welche da ist die alleinige Bedingung des Lebens; in solcher Liebe aber ist kein Licht.
HG|2|56|15|0|Ist aber die Liebe für ewig gestaltet, so ist auch das Leben gleich ihr; und seht, solche ewige Liebe ist erst das lichte Wachwerden des ewigen Geistes, der da selbst nichts als pur Liebe ist.
HG|2|56|16|0|Nun wisst ihr alles; tut danach, so werdet ihr euch gar wohl und bald innerlich zu beschauen vermögen! Amen.“
HG|2|56|17|0|Und der Besediel ergriff alsbald die Hand des Henoch und sagte zu ihm: „Mein mir über alles teurer Bruder! Mit welchen Ergießungen meines Herzens soll ich dir nun danken für diesen so überherrlichen Dienst, den du unseren allerbedürftigsten Herzen erwiesen hast?!
HG|2|56|18|0|Siehe, in diesem Punkt war ich, wenigstens für mich genommen, noch bis auf diesen gegenwärtigen Augenblick blind; denn, wie du es wenigstens an mir sehr genau erraten hast, bis jetzt habe ich nur den alleinigen Verstand zu bilden gesucht und suchte daher alles zu zergliedern, was mir nur immer untergekommen ist, da ich mir dachte:
HG|2|56|19|0|Gottes Vollkommenheit unterscheidet sich von unserer Unvollkommenheit bloß nur im allein allervollkommensten Verstand, – daher wir uns dann nur auch durch die alleinige Ausbildung unseres Verstandes Gott nähern können.
HG|2|56|20|0|Dass ich dann zufolge dieses höchst irrigen Grundes das Herz nie beachtet habe, brauche ich dir hier nicht noch mit leeren Worten zu bekräftigen, indem du schon ohnehin zuvor gar trefflich gesehen hast, wie es mit unserem Herzen steht.
HG|2|56|21|0|Aber wie ganz töricht und rein umsonst diese oft schauerliche Mühe war, sehe ich erst jetzt ein; denn was sollte dem Toten doch alle endlose Wissenschaft nützen?
HG|2|56|22|0|Für tausend hohle Atemzüge wäre die Nacht ja ums Unaussprechliche besser; der Lebendige aber bedarf der Wissenschaft nicht.
HG|2|56|23|0|Oder wozu sollte dem Todblinden wohl das Licht dienen, und wozu dem Lebendigen, dessen Geist selbst ein allerhellstes Licht ist?
HG|2|56|24|0|Siehe, Bruder, solches war mir früher fremd; da du aber jetzt durch die Gnade des allerheiligsten Vaters nun an meine Brust gepocht hast, so hat sich in mir auch alsbald das Herz gemeldet und sagte:
HG|2|56|25|0|‚Liebe, Liebe, Liebe ist das große Wort alles Seins; hast du diese für ewig in Gott, so hast du auch alles Leben in und aus Gott und alles, was desselben ist.
HG|2|56|26|0|Hast du aber diese nicht, dann hast du nichts als den puren Tod in dir.‘
HG|2|56|27|0|O Bruder, siehe, nun ist aber der Tod aus mir gewichen; was Großes hast du daher mir und sicher uns allen dadurch getan, dass du uns die Hauptquelle unseres Todes enthüllt hast!
HG|2|56|28|0|Welches Dankes bist du daher auch von uns allen würdig?
HG|2|56|29|0|Doch ich weiß nun schon, wem aller Dank gebührt; daher lasse mich nun hineilen zum allerheiligsten Vater!“
HG|2|56|30|0|Der Henoch aber erwiderte ihm: „Gedulde dich nur noch ein weniges der Zeit, bis die anderen auch werden wie du, und du aber vollends leuchtend in deinem Herzen! Amen.“
HG|2|57|1|1|Henochs Lehre über das Reden. Garbiels innere Beschauung
HG|2|57|1|1|Am 31. März 1842
HG|2|57|1|0|Es trat aber auch alsbald der Garbiel zum Henoch hin und wollte mehr aus Zungenlust denn aus einem wahren, inneren Bedürfnis mit dem Henoch einige Worte zu tauschen anfangen.
HG|2|57|2|0|Der Henoch aber kam ihm zuvor und sagte zu ihm: „Garbiel, höre, der Herr und unser aller liebevollster Vater lässt dir sagen, dass du nun schweigen sollst, so auch du geweckt werden willst!
HG|2|57|3|0|Oder habe ich wohl früher durch die heilige Weisung Dessen, der da wandelt unter uns, auch die lustige Beweglichkeit der Zunge als ein Weckmittel euch anempfohlen?
HG|2|57|4|0|Ich sage dir, achte dessen, was da ist gesagt worden, so wirst du den Weg in dein eigenes Herz finden, – aber nimmer durch die Fertigkeit deiner Zunge, welche dir eher den Weg ins ewige Leben zu versperren, als ihn zu eröffnen vermöchte!
HG|2|57|5|0|Siehe, bis jetzt warst du der Erste oder dünktest dir vielmehr, ein Hauptmann unter deinen Brüdern zu sein; allein solches hat vor dem Herrn aller Heiligkeit, Liebe, Sanftmut und Geduld nicht den allergeringsten Wert, sondern allein ein liebevolles, reumütiges, zerknirschtes Herz.
HG|2|57|6|0|Denn alles, was sich da hervortut auf der Welt, das steht bei Gott im Hintergrund; so aber jemand hier ein ganz unbeachteter, letzter Bewohner dieser Erde ist, der aber ist dafür der Allerangesehenste bei Gott.
HG|2|57|7|0|Es hüte sich aber dennoch ein jeder, etwa des Eigennutzes wegen der Letzte zu sein, sondern allein darum, dass er darob den liebevollsten Vater desto mehr in solch stiller Abgezogenheit lieben könnte und desto mehr sehnsüchtigsten Herzens werden möchte, zurückzukehren in die ewige Heimat, allda der überheilige Vater beständig wohnt als Gott aller Macht, Kraft, Gewalt und Stärke!
HG|2|57|8|0|Falls du, lieber Bruder Garbiel, solches nicht solltest gewusst haben, so merke es dir jetzt, damit auch du an der baldigen Erweckung werdest einen Teil haben können!
HG|2|57|9|0|Denn du wirst dich dem allerheiligsten und allerliebevollsten Vater nicht eher nähern können, als bis du dich werdest vollends beschaut haben in deinem Herzen.
HG|2|57|10|0|Du weißt es aber so gut wie ich, welcher Unterschied da ist zwischen einer wohlreifen und einer notgezeitigten Frucht; seht aber alle zu, dass ihr etwa nicht zu den notzeitigen Früchten gerechnet werdet!
HG|2|57|11|0|Es ist zwar heilig wahr, dass der große, heilige Zeitigmacher unter uns wohnt, lehrt und führt, – aber der da zu Ihm kommt mit einem unreifen Herzen, den wird Er belassen bis zur Vollreife des Herzens; ist aber diese einmal erfolgt, dann wird auch die Zeitigung des Geistes nicht ferne mehr sein.
HG|2|57|12|0|Es ist aber nicht genug, dass da jemand geweckt würde nur für ein Jahr, Tag und Stunde; sondern der da geweckt wird, der wird geweckt für die ganze Ewigkeit.
HG|2|57|13|0|Doch in der Zunge wohnt der Geist nicht, sondern allein im Herzen. Wer aber da hat eine geweckte Zunge, der hat darum noch nicht einen geweckten Geist im Herzen; denn die Zunge ist ein Teil des Kopfes und ist dessen Fuß und Arm.
HG|2|57|14|0|Wenn aber der Geist erweckt ist, dann hat die Zunge des Kopfes lieber Ruhe denn eine zwecklose Bewegung; denn dann erst erschaut nach Innen der Verstand des Kopfes als das naturmäßige Licht der Seele, welch ein endloser Unterschied es ist zwischen der Zunge des Geistes und der des Fleisches.
HG|2|57|15|0|Darum also tue auch du, lieber Bruder Garbiel, nach der Weisung des allerheiligsten Vaters, und schweige mit der Zunge, aber werde dafür desto liebgesprächiger in deinem Herzen zur Erweckung deines Geistes und zur sicheren Gewinnung des ewigen Lebens dafür und dadurch! Verstehe und beachte es wohl! Amen.“
HG|2|57|16|0|Als der Garbiel aber diese Rede vernommen hatte, da ward es ihm bange ums Herz, und er wusste nicht, was er nun tun solle, und fing darum an, bei sich nachzudenken. Da er aber nachdachte mehr und mehr, so wurde es immer lichter und heller in seinem Herzen, dass er darob verstummte, und schaute und schaute, wie da ein Licht ums andere anfing, emporzusteigen aus der Tiefe des Herzens, und wie da sein Herz sich anfing auszubreiten zu einer Weltengröße, und sah in der Mitte dieser ihm nun schon endlos groß scheinenden Welt einen hohen Altar aufgerichtet und auf diesem Altar stehen einen kräftigen Jüngling, mit weißen Kleidern angetan.
HG|2|57|17|0|Und dieser Jüngling sah empor gen Himmel, aus welchem ein endlos starkes Licht sich über ihn ergoss; und aus diesem Licht klang es wie laut vernehmliche Worte:
HG|2|57|18|0|„Garbiel, Garbiel, beschaue die Zeichen deiner Hand, die da ist an der Seite des Herzens, und schreibe mit diesen Zeichen das Wort auf steinerne Tafeln, und lehre solches auch deine Brüder tun!“
HG|2|57|19|0|Und der Jüngling ward zu einem Mann und besah die Hand und fand fünfundzwanzig Zeichen auf derselben und fand auch ihre Namen und ihren Ursprung und ihre innere Bedeutung.
HG|2|57|20|0|Und alle die anderen merkten ähnliche Zeichen in sich.
HG|2|57|21|0|Der Henoch aber bekam die Weisung, sie zu erwecken, nachdem sie alle in dieser inneren Beschauung bei anderthalb Stunden zugebracht hatten.
HG|2|57|22|0|Und alsobald auch erweckte sie der Henoch und geleitete sie in großer Freundlichkeit hin zum Abedam.
HG|2|58|1|1|Vratahs Gesicht von der Schrift
HG|2|58|1|1|Am 1. April 1842
HG|2|58|1|0|Als sie denn nun vollends wieder beim Abedam angelangt sind und Ihm ihr Lob und ihren innersten Dank dargebracht haben, da befragte alsbald der Abedam einen aus den zwölfen, der da hieß Vratah, sagend nämlich:
HG|2|58|2|0|„Nun denn, Mein geliebter Vratah, sage Mir kurz, was du gesehen hast in deinem Herzen und was alles entnommen!“
HG|2|58|3|0|Und der Vratah, vor lauter übergroßer Demut am ganzen Leibes- und Seelenwesen bebend, sagte nach einer Weile, die er zu seiner Erholung benützen hatte müssen:
HG|2|58|4|0|„O Du ewiger, heiliger, endlos mächtiger, starker, kräftiger, gewaltiger, milder, sanfter, geduldigster, erhabenster, allerweisester, gnädigster, aller Erbarmung und Liebe vollster Vater und Gott und Schöpfer aller Dinge, wird es denn wohl nötig sein, Dir das zu sagen mit der Zunge, was Dir schon sicher von Ewigkeiten her klarer und ersichtlicher war als mir die Sonne am hellsten und allerreinsten Tag?“
HG|2|58|5|0|Und der Abedam entgegnete ihm: „Wie aber magst du Mich um solches fragen?
HG|2|58|6|0|Habe Ich denn nicht solches von dir verlangt? So du es aber weißt, dass Ich dein Geschautes und Vernommenes schon von Ewigkeit her klärlichst vorgesehen habe, wie kann es dir aber denn nun entgangen sein, dass Ich auch solches muss von Ewigkeit her vorgesehen haben, darum Ich dich jetzt fragte, obschon es Mir nur zu überhelle klar ist ins Unendliche, was du in dir geschaut und vernommen hast?!
HG|2|58|7|0|Da du aber solches wenigstens jetzt einsehen musst, so frage nicht weiter, sondern antworte auf die Frage also, als wüsste Ich nicht, darum Ich dich frage; denn warum Ich dich frage, weiß Ich gar wohl, des kannst du vollends versichert sein, – und warum du Mir die Antwort geben wirst, die Mir schon von Ewigkeiten her wohlbekannt war, das weiß Ich auch.
HG|2|58|8|0|Aber dessen ungeachtet will Ich, dass du Mir antwortest, so Ich dich frage, gerade also, als wüsste Ich es durchaus nicht, was du Mir für eine Antwort bringen wirst.
HG|2|58|9|0|Solches aber merkt ihr alle euch; und wer da von euch immer gefragt wird, der antworte also!
HG|2|58|10|0|Ich will aber mit euch nicht reden wie mit den Steinen, sondern wie ein Vater mit seinen lebendigen und wortfähigen Kindern.
HG|2|58|11|0|Und also antworte du, Vratah, nur immerhin auf Meine frühere Frage! Amen.“
HG|2|58|12|0|Und alsbald ermannte sich der Vratah und fing da an, voll Dankgefühl in seinem Herzen kundzugeben, was er geschaut hatte in seinem Herzen.
HG|2|58|13|0|Also aber lauteten die Worte, in welchen dargetan wurde das Gesicht Vratahs, nämlich:
HG|2|58|14|0|„O Du, dessen Namen meine Zunge kaum mehr wagt auszusprechen, – so Du es willst, da muss jeder Wille weichen, und zuallererst der meinige!
HG|2|58|15|0|Ich sah ein starkes Licht entstehen im Herzen, das glänzte mehr denn die Sonne in ihrer glanzvollsten Mitte; und da ich ein solches Licht in mir gewahrte, da wurde es finster außer mir auf der Erde, so zwar, dass ich da nichts mehr unterscheiden konnte.
HG|2|58|16|0|Dieses Licht aber vermehrte sich stets mehr und mehr und wurde endlich also gewaltig, dass es mich selbst in allen meinen Teilen also mächtig zu durchleuchten anfing, dass ich mir an meiner äußeren Haut vorkam, als hätte mich das Licht der Sonne umflossen und würde durch dieses Licht meiner Haut dann erleuchtet ein großer Teil der Erde.
HG|2|58|17|0|Und als das Licht aber auf die Erde fiel, da sahen alle Dinge anders aus als sonst mit den Augen des Fleisches.
HG|2|58|18|0|So zum Beispiel sah ich ein Blättchen eines Baumes, das mir ein leichter, herrlich tönender Luftzug gerade in die rechte Hand trug, mit den allerseltsamsten Zeichen bezeichnet; und die schönen Zeichen fielen mir auf, also zwar, dass ich das Blättchen auf meine linke Hand legte, um es da länger betrachten zu können.
HG|2|58|19|0|Doch als ich es also betrachtete, da fiel es mir denn auf einmal auf, dass das Blättchen auf ein Haar, möchte ich sagen, dieselben Zeichen hatte, welche ich da zu gleicher Zeit an meiner Hand entdeckt habe; nur standen in meiner Hand gerade fünfundzwanzig solcher Zeichen einzeln für sich da, während dieselben Zeichen sich in mannigfachster Vergesellschaftung am Blättchen zu öfteren Malen wiederholten.
HG|2|58|20|0|Und das Blättchen aber ward dann größer und größer, und es kam mir vor, als dehne es sich schon nahe über die ganze Erde aus.
HG|2|58|21|0|Und wie sich aber das Blättchen stets mehr und mehr ausdehnte, so vermehrten sich aber auch die Zeichengruppierungen so sehr, dass es eine allerreinste Unmöglichkeit gewesen wäre, nur mehr einen allergeringsten Teil der endlosen Reihen und Gruppen zu überschauen.
HG|2|58|22|0|Als ich aber mich stets mehr und mehr vertiefte in mein so überherrliches, wunderbarstes Bild, siehe, da erlosch auf einmal dieses Himmelslicht in mir; das Blättchen verschwand mit dem Licht und dem herrlichen Tönen der Luft, und des Henoch Stimme lud dann alsbald uns zu Dir, o Du überheiliger Vater, hierher!
HG|2|58|23|0|Das ist alles, was ich gesehen habe nach Deinem allerheiligsten Willen und durch deine übergnädigste Zulassung. Dir allein alles Lob, alle Ehre, allen Dank, allen Ruhm, allen Preis, alle Liebe und alle Anbetung dafür ewig! Amen.“
HG|2|58|24|0|Und der Abedam belobte darauf seine Treue, und sagte darauf: „Siehe, geliebter Vratah, was du geschaut hast, ist das Reich Meiner Gnade auf der Erde!
HG|2|58|25|0|Ich kann nicht stets also bei euch verbleiben, wie ihr Mich jetzt seht, und es wäre auch für niemanden zum Frommen des ewigen Lebens, so Ich auch bliebe und bleiben könnte.
HG|2|58|26|0|Aber Zeichen, wie du sie und alle deine Brüder gesehen haben, will Ich euch hinterlassen, mittels welcher ihr jegliches Wort durch die Hilfe Meines Geistes, das aus Meinem Munde nun an euch alle erging, werdet selbst für die spätesten Nachkommen aufzeichnen können; und Ich werde da in solchem gezeichneten Wort allzeit unter euch sein heilig, gnädig, kräftig und mächtig!
HG|2|58|27|0|Wie aber diese Zeichen werden zu führen sein, das wird euch Mein Geist durch Garbiel lehren! Amen.“
HG|2|59|1|1|Sehels Gesicht von Noah, der Arche und dem Bund
HG|2|59|1|1|Am 5. April 1842
HG|2|59|1|0|Und nachdem somit der Vratah den Willen des Abedam erfüllt hatte, und der Abedam ihm darüber die höchst tröstende Erhellung des inneren Schaubildes gab und der Vratah dem Abedam aus dem allertiefsten Grunde seines Herzens darob gedankt hatte, da rief der Abedam sobald einen anderen aus den zwölfen, der da Sehel hieß, beim Namen und fragte ihn mit abermals gleichlautenden Worten, sagend nämlich:
HG|2|59|2|0|„Sehel, sage auch du Mir, was du geschaut und vernommen hast in deinem Herzen!“
HG|2|59|3|0|Der Sehel aber ward wie vom Blitz getroffen, da er vernommen hatte, dass die Frage ihm zur Beantwortung gegeben ward, und konnte aus dem Grunde kein Wort über seine Lippen bringen, und das umso mehr, da er von Natur aus schon eine etwas hart beugsame Zunge hatte, aber nicht etwa zufällig, wie es jetzt der Zeit gesagt und geglaubt wird auf eine allerüberblindeste, törichte Weise, sondern darum, da durch seine harte Zunge Meinem Namen eine große Verherrlichung geschehen solle.
HG|2|59|4|0|Da somit der arme Sehel trotz alles Wollens und trotz aller Anstrengung nichts von sich zu bringen vermochte und darum in ein gewaltiges Furcht- und Angstfieber verfiel, da trat der Abedam hin zu ihm und sagte, ihn gleichsam fragend:
HG|2|59|5|0|„Sehel, wie kommt es denn, dass du doch mit deinen Brüdern ohne Furcht und solche Angst zu reden vermagst, die dich doch im Vergleich mit Mir gar nicht lieben?
HG|2|59|6|0|Siehe, Meine Liebe zu dir und euch allen ist so groß, dass aus ihrem Feuer die endlosen Schöpfungsräume, erfüllt mit zahllosesten Sonnen und Sonnengebieten, erbrennen; und doch sind alle diese Sonnen nur die allerkleinsten Fünkchen Meiner Liebe zu euch, und du getraust dich aus lauter Furcht und übergroßer Angst Mir nicht die verlangte Antwort zu geben! Wie kommt denn das?
HG|2|59|7|0|Sage Mir im Herzen, ob dich schon je ein Bruder auf den Mund geschlagen hat, so du ihm auf eine Frage eine Antwort gabst!
HG|2|59|8|0|Siehe, du verneinst Mir solches in deinem Herzen!
HG|2|59|9|0|Da dich aber schon dein Bruder niemals schlug, der doch dir gleich ein schwacher Mensch ist, um wie viel weniger werde erst Ich dich schlagen, der Ich der allmächtige ewige Gott und dein wahrer, heiliger, liebevollster Vater Selbst bin!
HG|2|59|10|0|Daher bezähme deine eitel törichte Furcht und gänzlich leere Angst, und rede offenen Herzens vor Mir und all den Vätern!
HG|2|59|11|0|Aber sinne nicht zu lange nach den schicklichsten Worten, mit welchen du Mich anreden möchtest – denn daran habe Ich durchaus kein Wohlgefallen –, sondern wie es dir das Herz geben wird, also auch gebe du es Mir wieder, und Ich werde ein rechtes Wohlgefallen haben an der reinen, wahren Rede deines Herzens! Amen.“
HG|2|59|12|0|Diese Worte aus dem allerheiligsten Munde Abedams ermutigten unseren Sehel so sehr, dass ihn nicht nur alsbald alle Angst und Furcht gänzlich verließ, sondern auch die sonstige beständige Schwere seiner Zunge; und also begann er von sich zu geben, was alles Wunderbares er in dieser bestimmten Zeit in sich erschaut hatte.
HG|2|59|13|0|Solches aber hat er geschaut in seinem Herzen, und also gab er es von sich, sagend nämlich: „O Du ewiger, lieber, heiliger Vater! Ja wahrhaft, wahrhaft, ich war ein übergroßer Tor; so klar und hell ist es noch vor meinen Augen und vor allen meinen Sinnen!
HG|2|59|14|0|O Vater, Deine unendliche Liebe, Güte, Erbarmung und Gnade – und meine übertörichte Furcht und Angst vor Dir! O vergebe mir, Du lieber, heiliger Vater!
HG|2|59|15|0|Siehe, es war bei mir nicht nur Deine heilige, sichtbare Gegenwart, darum ich nicht zu reden vermochte, sondern auch das außerordentlich Wunderbare, das ich in mir geschaut habe, eine stark wirkende Ursache auf meine ohnehin schwere Zunge.
HG|2|59|16|0|Allein jetzt hat Dein allmächtiges Wort mich also vollends gestärkt, dass ich nun ganz ohne alle Furcht bin, darum ich nun zum ersten Mal aus dem allertiefsten Grunde, wie nur ganz allein Du unser aller heiliger Vater bist, erfahren habe. Und so will ich denn nun übergerne erzählen, was noch so wunderbar herrlich und fürchterlich vor meinen Sinnen schwebt und tönt! Also ist es aber:
HG|2|59|17|0|Anfangs gleich fing zu glühen an mein Herz so rot wie eine schöne Frühlingsrose, wenn des Morgenrots erste Strahlen sie begrüßen; aber dabei blieb es nicht, sondern die Röte wurde stärker und stärker, gerade also wie an einem schönsten Frühjahrsmorgen gegen den vollen Aufgang der herrlichen Sonne.
HG|2|59|18|0|Und wie ich es unmöglich mir je hätte denken können, ging auch alsbald eine allerherrlichste Sonne in meinem eigenen Herzen auf und leuchtete über alle Maßen stark.
HG|2|59|19|0|Mein Herz selbst aber wurde so groß, dass ich im selben einen wie ganz neuen Himmel, geschmückt mit zahllosen neuen Sternen, die in den allerherrlichsten Gruppen am Tage leuchteten, erschaute, und wie dann eine neue herrliche Erde auftauchte, wie aus großen Wasserfluten herauf, und brachte ein friedliches Geschlecht in einem langen Haus, das da auf den Wogen stand, mit sich.
HG|2|59|20|0|Ja, solches alles sah ich in meinem eigenen Herzen, und sah noch mehr, wie da folgt.
HG|2|59|21|0|Und dieses friedliche Geschlecht stieg aus dem langen Haus und brachte Dir alsbald ein wohlduftend Opfer dar. Der Rauch aber, der dem Opfer entstieg, sammelte sich in der Höhe und bildete bald einen überherrlichen großen Bogen über die weite, herrlich nun schimmernde Erde.
HG|2|59|22|0|Und vom Bogen her kam eine Stimme, vollends gleich der Deinigen, und die Stimme war gerichtet an den Vater dieses Geschlechtes und verhieß ihm den Frieden und zeigte ihm an, dass der Bogen besage als sichtbares Zeichen, darum da die Erde nimmer solle von einer solchen Flut heimgesucht werden.
HG|2|59|23|0|Und die Stimme sprach noch manches mit dem Vater dieses Geschlechtes; allein mir waren die ferneren Worte ganz unverständlich.
HG|2|59|24|0|Auf dem Haus aber waren zu sehen seltene Zeichen, und der alte Mann ging hinzu und machte diese Zeichen nach auf eine rote steinerne Tafel; als er damit aber zu Ende war, da trat er zu seinen Kindern hin, zeigte ihnen die Tafel und sagte dann zu ihnen:
HG|2|59|25|0|‚Kinder, hier steht gezeichnet, wie es Gott gezeichnet hat auf dies schützende Haus: Sofort will Ich mit dem Menschen nicht mehr Krieg führen; dies war der letzte.
HG|2|59|26|0|Wer aber aus euch Mir untreu wird, über den will Ich ein Gericht ergehen lassen bis zur großen Zeit aller Zeiten; darum sei Friede der Erde und ihren Bewohnern, die da sind und sein werden eines guten Herzens und im selben voll Treue zu Mir! Amen.‘
HG|2|59|27|0|Siehe, solches habe ich gesehen und wohl vernommen; und weiter habe ich nichts gesehen und vernommen.
HG|2|59|28|0|O heiliger Vater, nehme es gnädig auf; Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|2|59|29|0|Und der Abedam sagte darauf: „Sehel, du hast redlich gegeben, was du gefunden; jedoch die nähere Bedeutung dieses deines Gesichtes soll erst die Zeit, die arge, enthüllen!
HG|2|59|30|0|Ich möchte aber, dass dieser Krieg unterbliebe! Aber nicht, wie Ich es möchte, sondern wie die Menschen es werden wollen, also auch wird es geschehen!
HG|2|59|31|0|Die Zeichen aber sollst auch du bald näher kennenlernen! Amen.“
HG|2|60|1|1|Über die Wissbegierde
HG|2|60|1|1|Am 6. April 1842
HG|2|60|1|0|Und da der Sehel solches vernommen hatte vom Abedam, was die Zeichen betrifft, ward er froh, darum auch er sie gar bald näher wird kennenlernen. Aber was da den durch die arge Zeit zu enthüllenden Krieg betrifft, das ging ihm durchaus nicht ein, darum er es nicht begreifen konnte, warum er denn eigentlich mit der Enthüllung der Zeichen nicht auch die des Gesichtes vom bezeichneten Krieg haben solle.
HG|2|60|2|0|Dieser Forschgedanke beschäftigte ihn so sehr, dass er darüber sich ganz vergaß und verblüffte, so zwar, dass er sogar des gebührenden Dankes vergaß.
HG|2|60|3|0|Der hohe Abedam aber fragte ihn nach einigen solchen stummen Augenblicken: „Sehel, was alles für unnützes Zeug lässt du durch dein Herz ziehen? Wozu soll es dir denn dienen?
HG|2|60|4|0|Wirst du dann lebendiger werden, so da deine unersättliche Wissbegierde würde befriedigt werden?
HG|2|60|5|0|So du dich aber schon also kümmerst um das wenige von dem, was da kommen möchte über die Erde, nachdem du etwas gesehen hast, – was würdest du denn aber erst hernach tun, so du Kenans Gesichte gehabt hättest und hättest geschaut in dir die zehn Säulen!
HG|2|60|6|0|Ich sage dir aber: Gehe hin zum Kenan, und lasse dir die zehn Säulen erzählen von ihm, gebe aber besonders bei der letzten wohl Acht! Solches wird dir viel Licht geben; aber das Licht wird dich traurig machen. Denn da wird sich der Vater, der dir jetzt solches sagt, umgestalten zu einem unerbittlichen Richter, und dein Auge wird da vergeblich umherschweifen in der großen Finsternis; aber Mein Antlitz wirst du gar sehr vergeblich suchen.
HG|2|60|7|0|Denn dahin du auch immerdar deine Augen und Ohren kehren wirst, so wirst du aber dennoch nichts finden denn allein Meinen großen Zorn.
HG|2|60|8|0|So du also solches näher erfahren willst, da gehe nur alsbald hin zum Kenan, und lasse dir von ihm kundgeben, was er gesehen; jedoch, verstehe es wohl, so du es willst! Amen.“
HG|2|60|9|0|Nach diesen Mahnworten fiel der Sehel alsbald nieder vor dem Abedam und fing an zu schreien, zu weinen und zu flehen, dass Ich ihn ja doch nur für allzeit verschonen möchte mit solchen Enthüllungen; denn er möchte lieber für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten gänzlich zunichtewerden, als nur einen Augenblick lang Mich, den allerheiligsten, liebevollsten Vater missen.
HG|2|60|10|0|Und Ich als der Abedam sagte darauf zu ihm: „Nun siehe, Mein lieber Sehel, also ist es ja gut! Da Ich dir lieber bin denn die arge Enthüllung, so bleibe auch bei Mir; und wahrlich, sage Ich dir, du sollst nicht vonnöten haben, je Mich, deinen und euer aller liebevollsten, heiligen Vater zu suchen oder Mich je zu missen!
HG|2|60|11|0|Was aber deine Wissbegierde betrifft, so will Ich sie nicht für unbillig und ungerecht ansehen; denn durch sie kündigt sich bei jedem Menschen zuerst ein höheres geistiges Leben an.
HG|2|60|12|0|Wer da ist ohne Wissbegierde, der gleicht noch einem Baumklotz, darinnen gar kein anderes Leben mehr ist denn allein ein Moderleben, das da verzehrt und endlich alles vernichtet, was es umgibt, gleich einem ungestalteten Vielmaule (Polyp), der sich an irgendeinem schlammigen Grund des Meeres befindet und allda alles um sich her verzehrt mit seinen vielen ungestalteten Armen, von denen jeder hat ein eigenes Maul, bis es sich zu Tode gefressen hat und sonach selbst wieder zum Schlamm wird, der da höchstens einem solchen ähnlichen neuen Viel- und Allfraß zur schnöden Unterlage dient.
HG|2|60|13|0|Ja, Ich sage nun euch allen, ein Mensch ohne höhere Wissbegierde ist im eigentlichsten Sinne noch gar kein Mensch, sondern nur ein Tier in menschlicher Form, das da keinen anderen Sinn hat denn alleinig den Fresssinn, und, wenn es sich vollgefressen hat und es übrigens gesund ist, entweder den Schlaf- oder Begattungssinn, und dass alle die natürlichen Verrichtungen gut vonstatten gehen möchten, dass es gut und weich liege, und im Schlaf träume, entweder vom Fressen oder vom Begatten.
HG|2|60|14|0|Ja, bei einem solchen Menschen ist nicht gut sein; denn in ihm lebt nur noch eine ganz tierische Seele, die sich ihrer Vorstände [Vor-Seinszustände] nicht entschlagen mag, darum es ihr beim Fressen allzeit besser ergangen ist denn bei einer Arbeit zur einstigen Erweckung des unsterblichen Geistes in ihr.
HG|2|60|15|0|Seht, ein solcher Mensch ist ein reiner Weltmensch, dem nichts heilig ist denn allein sein Bauch!
HG|2|60|16|0|Obschon aber dieses alles zugunsten der Wissbegierde spricht, so habe Ich aber in einer anderen Beziehung dennoch etwas ganz Gewaltiges wider sie, und das zwar aus dem allerbesten Grunde von der Welt und von allen Sternen, Sonnen, Monden und allen den endlosen Himmeln.
HG|2|60|17|0|Solcher aber ist dieser beste Grund: Siehe, so jemand da wissbegierig ist, bei dem hat sich der Geist schon also erweckt, wie sich da erweckt ein noch die Brüste der Mutter saugendes Kind! Was aber will das wach gewordene Kind? Was bedeutet des Weinen und Schreien?
HG|2|60|18|0|Siehe, es will Nahrung, es will gesättigt sein!
HG|2|60|19|0|Das auch will der vom langen Schlaf erwachte Geist; sein Hunger kündigt sich durch die Wissbegierde an.
HG|2|60|20|0|Sage Mir aber in deinem Herzen und beantworte Mir die Frage: Wird das Kind wohl dadurch gesättigt werden, so die Mutter ihm statt der milchgefüllten Brust entweder einen Finger in den Mund stecken möchte, dass es daran sauge, oder sonstige Dinge, darinnen sich kein Nahrungsstoff befindet?
HG|2|60|21|0|Ja, Ich sage dir, sie kann dem Kind tausende und abermals tausende der allerweichsten Finger statt der Brust in den Mund stecken, das Kind aber wird dennoch bei all der vergeblichen Fingersaugerei unfehlbar zugrunde gehen, da es unmöglich sich je daraus wird sättigen können, wo nichts drinnen ist, und wird bei solcher Trugkost das Leben verlieren!
HG|2|60|22|0|Verstehst du solche Wahrheit? Du zuckst mit den Achseln; o siehe, du sollst der Sache sogleich auf den Grund kommen!
HG|2|60|23|0|Ist die Milch fürs Kind nicht eine wahrhafte Nährkost, also eine volle Wahrheit für des Kindes hungrigen und begehrenden und kostbegierigen Magen? Ich meine, solches wird niemand bezweifeln!
HG|2|60|24|0|Hält aber die Mutter das Kind nicht an dieselbe Brust, in welcher Brust ihre unbegrenzte Liebe zum Kind in den hellsten Flammen lodert, an welchem Feuer eigentlich diese süße Kost bereitet wird?
HG|2|60|25|0|Siehe, jetzt haben wir schon alles; der Geist also will auch Wahrheit, getreueste, vollste Wahrheit will er zur Nahrung!
HG|2|60|26|0|So du aber durch leere Wissenschaften deinen Geist sättigen willst, an denen oft nicht ein wahrer Tautropfen hängt, sage Mir nun, wie weit da der Geist kommen wird!
HG|2|60|27|0|Wie aber bei der Mutter die Liebe der Grund der wahren Nahrung fürs Kind ist, also ist auch die Liebe für den Geist der Grund aller endlosen Wahrheiten, welche da alle sind eine gar wahre, gute, ewige Kost dem Geist.
HG|2|60|28|0|Wer und wo aber ist diese Liebe? Daher sehe auf Mich, auf diese Brust sehe; siehe, da gibt es Milch in endlos großer Menge!
HG|2|60|29|0|Daher bleibe du hier; denn es ist besser, da zu saugen, als den Gesichtsdeutungen nachjagen und dabei aber im Geiste verhungern und endlich mit den enthüllten Gesichtern zugrunde zu gehen.
HG|2|60|30|0|Verstehst du nun den Unterschied zwischen wahrer und falscher Kost, und was die Wissbegierde ist?
HG|2|60|31|0|So du es nun verstehst, da handle danach, so wirst du leben ewig! Amen.“
HG|2|61|1|1|Sehels Fehltritt. Abedams großes Zeugnis über Sehel
HG|2|61|1|1|Am 7. April 1842
HG|2|61|1|0|Mit diesen Worten ward der Sehel erfüllt, und die Worte waren Kraft, Geist und Leben aus Gott, und Gott war jedes Wort aus dem Munde des heiligen Vaters darum, da Gott die Kraft ist in der Liebe, die da heißt der Vater, also wie die Liebe ist die endlose Stärke, Macht und Gewalt in aller Kraft Gottes.
HG|2|61|2|0|Also mit diesen Worten erfüllt, welche da sind die Kraft des Geistes Gottes, blieb der Sehel beim Abedam und machte nicht Platz einem anderen, der da auch gerufen wurde.
HG|2|61|3|0|Es war aber beim Sehel nicht etwa Ranglust die Ursache seines Bleibens, noch irgendeine Ehrliebe, sondern allein die kindliche Liebe hielt ihn also unausweichbar fest an Mich gebunden. Und so sagte Ich als der Abedam auch nur allein des äußeren Platzes wegen noch zu ihm:
HG|2|61|4|0|„Sehel, siehe, es müssen die anderen ja auch noch zu Mir kommen, also, wie du zu Mir kamst, als Ich dich zu Mir gerufen habe. Daher magst und kannst du schon hier ein wenig zur Seite gehen; denn du kannst nun ohne Sorge sein, Mich je wieder verlieren zu können.
HG|2|61|5|0|Da du bis hierher kamst – des sei überfroh! –, kamst du aus eigener Kraft oder nach deinem Willen; so weit somit du gehen konntest, gingst du auch allein.
HG|2|61|6|0|Als du aber in Meine Nähe kamst, da eilte Ich dir und euch allen entgegen.
HG|2|61|7|0|Nun aber bist du schon vollends bei Mir und magst fürder jedes eigenen Schrittes rathalten, sondern dafür in aller Ruhe bei Mir verbleiben oder Mir tätig nachfolgen, dahin Ich ziehe.
HG|2|61|8|0|Aber alles dieses Gesagte betrifft nur allein das Herz und den Geist im selben und dessen Beziehungen, aber durchaus nicht den Leib. Daher kannst du dich wo immer leiblicherweise befinden; ist aber dein Herz in aller Liebe deines Geistes bei Mir, so bist du Mir überall gleich nahe.
HG|2|61|9|0|Möchtest du Mir dem Leibe nach aber auf dem Rücken sitzen, dein Herz aber wäre entweder in der Tiefe des Meeres beschäftigt, oder dein Geist wühlte unter den Sternen herum oder irgendwo in einer fernen Gegend der Erde, wahrlich, da wärest du Mir auch geradeso ferne, wie ferne Mir dein Herz sonst wäre und die Liebe deines Geistes.
HG|2|61|10|0|Daher also, du Mein geliebter Sehel, kannst du dich nun schon auch dem Leibe nach von Mir etwas ferner halten, also, dass auch deine Brüder Mir fürs Erste dem Leibe nach sich werden aus dem Grunde nahen können, aus welchem Grunde du fürs Erste dich Mir also dem Leibe nach genaht hast! Verstehst du solches, geliebter Sehel?“
HG|2|61|11|0|Und der Sehel bejahte die Frage in seinem Herzen, und der Abedam erwiderte ihm darauf: „Also tue danach! Amen.“
HG|2|61|12|0|Und der Sehel ward überfröhlich in seinem Herzen, lobte und preiste den Vater im Abedam, gab Gott alle Ehre seines Geistes und trat beiseits.
HG|2|61|13|0|Bei diesem Rücktreten aber wandte er kein Auge ab vom Abedam und ging daher rücklings; da er aber demnach nicht sah, wohin er trat, so geschah es, dass er dem Garbiel mit der Ferse auf den Fuß trat.
HG|2|61|14|0|Der Garbiel aber wurde darüber etwas ungehalten und gab dem Sehel einen Verweis, sagend nämlich:
HG|2|61|15|0|„Aber sage mir doch einmal: Warum wandelst denn du nicht, wie dir die Füße zum Wandeln gegeben wurden?
HG|2|61|16|0|Wozu denn rücklings – und die Füße der Brüder nicht achtend, als wären sie Gassen- und Straßensteine, so deine Knie doch vorwärts, aber nicht rückwärts sich beugen?
HG|2|61|17|0|Und überhaupt kommst du, dahin du dich nur immer kehrst, schon nimmerdar vom Fleck! Glaubst denn du, vor dem Herrn kann man auch so langweilig stehen bleiben wie oft ärgerlichermaßen genug vor unsereinem?!
HG|2|61|18|0|Siehe, Sehel, wie dumm du schon wieder warst! Ich habe es dem Abedam, der da ist heilig, heilig, überheilig und unser aller liebevollster Vater ist, von weitem angesehen, dass du Ihm mit deiner Dummheit schon lästig warst, was Er dir durch Seine letzten Worte doch deutlich genug zu verstehen hat gegeben!
HG|2|61|19|0|Aber du merktest es nicht und gebärdest dich jetzt auch noch, als wären deine Sinne nicht ganz in der Ordnung, darum du auch so recht tölpelhaft rückwärts gingst, ohne nur im Geringsten zu bedenken, wer da vor uns ist, und auf was du mit deinen ziemlich plumpen Füßen trittst!
HG|2|61|20|0|Ich bitte dich, Bruder Sehel, nimm dich doch einmal zusammen, und werde wenigstens vor Gott ein anderer Mensch, so du es schon vor uns, deinen Brüdern, nicht der Mühe wert finden solltest, also zu sein, dass wir an dir ein Wohlgefallen haben könnten! Wahrhaft, ich schäme mich an deiner Stelle!“
HG|2|61|21|0|Und der arme Sehel wusste sich nun aus lauter Verlegenheit nicht zu helfen; denn er wusste in diesem Augenblick nicht, wen er zuerst um Vergebung bitten sollte.
HG|2|61|22|0|Und so er auch reden wollte, da versagte ihm die Zunge ihren Dienst. Als er sich nach einigen Augenblicken doch wieder gesammelt hatte, soviel es ihm nur immer möglich war, da stürzte er alsbald hin zum Abedam und bat Ihn flehentlichst um Vergebung, darum er früher so wenig beachtet habe, vor wem er war, und wem er durch seine Langweiligkeit sicher zur Last gefallen ist – und bat den Abedam noch, dass Er ja doch wieder dem Bruder Garbiel den Fuß heilen möchte, so er durch seinen ungeschickten Tritt sollte in einen schmerzlichen Zustand versetzt worden sein.
HG|2|61|23|0|Der Abedam aber beugte Sich nieder zur Erde und erhob alsbald den armen Sehel von der Erde, drückte ihn dann an Seine Brust und sagte zu ihm, wie zu allen:
HG|2|61|24|0|„Sehel, Ich sage dir, du bist kein Mensch mehr, sondern ein reiner und großer Engel des allererhabensten Himmels!
HG|2|61|25|0|Ja, Ich sage dir, was du jetzt bist, das warst du schon im Mutterleib: ein unsterblicher Urabstämmling aus dem allerhöchsten der Himmel, allda niemand wohnt denn allein die allerunschuldigste Liebe der kleinsten Geister, welche aber eben darum die allermächtigsten sind und die allerweisesten, da sie in der allerinnersten, heiligsten Tiefe Meines Herzens wohnen!
HG|2|61|26|0|O Sehel, du Mein großer Liebling, erkennst du Mich jetzt, wie du Mich schon vor Ewigkeiten erkannt hast, dass Ich dein lieber, heiliger Vater bin?!
HG|2|61|27|0|Erinnerst du dich, wie du an Meiner Seite schwebtest den endlosen, noch gänzlich leeren Raum entlang, und Ich zu dir sagte: ‚Getreuer Bruder Meiner Liebe! Siehe, also ist uns ein Bruder gefallen hinab in die endlose Tiefe, die da endlos und ewig erfüllt ist mit dem Feuer Meiner allerunendlichsten und ewigsten Gottheit!
HG|2|61|28|0|Hier lasse uns aus dieser Träne in Meinem Auge eine erste Sonne gründen!‘ – und du darauf sagtest: ‚Heiliger Vater! Dein heiliger Wille geschehe!‘
HG|2|61|29|0|Und da du Mir solches sagtest, erinnerst du dich nun wieder, wie da auch deinen Augen eine Träne entfiel und Ich dann diese deine Träne segnete und sagte: ‚Lieber Bruder Meiner ewigen, unendlichen Liebe, siehe, durch diese deine Träne soll diese Sonne, diese erste und größte, befruchtet sein, damit da aus ihr erfüllt werden soll dereinst der ganze endlose Raum mit zahllosen Kindern ihresgleichen bis dahin, daselbst das ewige Feuer Meiner Gottheit den ewigen Anfang nimmt!‘?!
HG|2|61|30|0|Doch, lieber Bruder Sehel, nun nichts mehr weiter! Daher aber sei nun auch ohne Sorge; denn unsere Bekanntschaft und Liebe ist schon eine gar alte! Jetzt wird dir auch sicher klar sein, warum du ehedem rücklings gingst und konntest deine Augen nicht abwenden von Mir?!
HG|2|61|31|0|Sehel, das war aber deine letzte Prüfung bis auf eine noch dereinst auf kurze Zeit, und dann noch eine, die allerletzte, da Ich dich vor Mir her senden werde! Für jetzt aber behalte den Leib, so lange du ihn willst, aber Mein Antlitz sollst du nimmerdar missen!
HG|2|61|32|0|Also sollst auch du dein Gesicht verstehen, wie jedes andere; aber behalte es bei dir!
HG|2|61|33|0|Darum du aber dem Garbiel auf den Fuß tratst, soll er ein Lehrer der Zeichen werden, und du sein Meister; das aber soll ihm eine große Demütigung sein, wie allen, dass er jetzt erfahren hatte, dass der, den er für einen Tölpel hielt, ein gar alter Bruder ist Meiner ewigen Liebe und eher war denn alle Sterne, Sonne, Mond und Erde. Doch, lieber Bruder, jetzt lasse uns noch die anderen Brüder vernehmen, was alles sie gesehen haben in ihren Herzen! Amen.“
HG|2|62|1|1|Sehels Rede über die Demut und Bruderliebe
HG|2|62|1|1|Am 8. April 1842
HG|2|62|1|0|Auf diese Rede ward der Sehel wie verklärt, und die Väter alle, samt dem Adam, eilten hin, um zu begrüßen einen neben dem Abedam so hohen Gast.
HG|2|62|2|0|Der Seth auch eilte hin als der Vater des Sehel, der da war sein jüngster und letzter Sohn, und ergriff die Hand des Sehel und sagte zu ihm:
HG|2|62|3|0|„Mein Sohn Sehel, der du noch bis auf diese Stunde ein lediger Mann geblieben bist und hast nie noch beigewohnt einem Weib und wolltest nicht legen und geben uns allen einen lebendigen Samen aus dir, darum ich dann auf dich ärgerlich wurde und dich dann darum verbannt habe gen Mittag, – wie wirst du mir nun vergeben solchen Frevel, den ich armer, blinder Vater an dir begangen habe?!
HG|2|62|4|0|Was ist nun der Enos und die ganze Stammlinie gegen dich allein?
HG|2|62|5|0|O Jehova, o du überheiliger Abedam, warum mussten aber mir armem Vater die Augen erst so spät geöffnet werden?!
HG|2|62|6|0|Ja wahrlich, ich möchte nun von Sinnen kommen, darum ich dich, Sehel, nicht ehedem erkannt habe!
HG|2|62|7|0|O vergebe, vergebe mir, und kehre wieder zu mir zurück, und lasse dem Leibe nach doch noch dich von mir einen Sohn nennen; doch nicht mein Wille, sondern des allerhöchsten Abedams, wie auch dein Wille geschehe! Amen.“
HG|2|62|8|0|Als der Sehel aber den Vater Seth also vor sich jammern hörte, da kehrte er alsbald aus seinen großen Erinnerungen zurück, ermannte sich und sagte zum Vater Seth:
HG|2|62|9|0|„O lieber Vater Seth, darum sei du ganz unbekümmert! Ich werde wohl ewig nie des allerheiligsten Vaters Ordnung umstoßen; Seine überheilige Ordnung aber gab es ja zu, dass dieser mein Leib, den ich jetzt schon mehrere hundert Jahre auf der Erde herumtrage, von dir gezeugt ward!
HG|2|62|10|0|Aus welchem Grunde solltest du demnach denn nun nicht mehr sein Vater sein dürfen?
HG|2|62|11|0|O bleibe du nur immerhin, was du mir allzeit warst, mein lieber Vater im Namen Dessen, der uns alle schon von Ewigkeit her gezeugt hatte, und wir schon seine Kinder waren, ehe noch alle die sichtbaren Dinge gemacht waren!
HG|2|62|12|0|Denn siehe, wir alle fangen hier ein neues Leben an des einen willen, der da eigenwillig gefallen ist, und also hat ja das ohnehin für die Verhältnisse dieses Erdlebens keine Beziehung, was wir dem Geiste nach sind, oder vielmehr waren; also bist du mein Vater Seth, wie ich dein Sohn!
HG|2|62|13|0|Und also sei meinetwegen auch jeder vollkommen unbekümmert!
HG|2|62|14|0|So aber der ewige, überheilige Vater Sich uns und allen schon als ein Mensch und Bruder zeigt, mit uns isst und trinkt, mit uns redet wie ein weiser Bruder zum anderen und uns alle lehrt die große geheime Kunst, von Ihm das ewige Leben zu nehmen, da doch wir alle und die ganze endlose Schöpfung gegen Ihn pur nichts sind, – was sollen dann erst wir unter uns für einen Unterschied machen, die wir doch alle auf eine gleiche Weise durch Seinen allmächtigen Willen aus Seiner Liebe hervorgegangen sind?
HG|2|62|15|0|Ob ich nun ein erschaffener Urerzengelsgeist bin oder einer eben aus derselben Liebe später Hervorgegangener, welchen Unterschied gibt uns denn das vor Gott?
HG|2|62|16|0|Da aber Gott aus Seiner ewigen Ordnung und allerendlosesten Weisheit also gewollt hat, dass nicht ich der deine, sondern du der meine Vater wurdest, sollte ich mich nun darob über dich erheben, darum mir der liebevollste, heilige Vater gezeigt hat so mild und überfreundlich meinen freilich wohl erhabenen geistigen Urzustand?
HG|2|62|17|0|O mein lieber Vater Seth, das sei wohl überferne von mir und von uns allen!
HG|2|62|18|0|Heilig ist nur Er allein; wir aber sind alle Seine Kinder, die Er endlos liebt, so sie sind, wie sie sein sollen.
HG|2|62|19|0|Weichen sie aber ab von Seinen heiligen Wegen, so kommt Er ihnen entgegen mit Seiner endlosen und unbegrenzten Erbarmung.
HG|2|62|20|0|Und den Hartnäckigen wird Sein Gericht zuteil, ob zum Leben, oder ob zu – wer weiß was für einem Tode; das weiß nur Er allein!
HG|2|62|21|0|Da wir aber alle Seine Kinder sind, so bleiben wir in Seinem allerheiligsten Namen auch nur den Verhältnissen getreu, in welche Er uns auf die drei Augenblicke lang auf diese Erde gesetzt hatte.
HG|2|62|22|0|Wenn aber dieses Erdenlebens ohnehin gar bald ein Ende sein wird, da wird Er schon lange fürgesorgt haben, in was für neue Verhältnisse wir da treten werden.
HG|2|62|23|0|Was aber jedoch mit dem Wiederzurückkehren in dein Haus es für eine Bewandtnis hat oder haben kann, das, wie alles andere, lassen wir auch Dem über, der heilig, überheilig nun unter uns weilt!
HG|2|62|24|0|Eines nur steht mir frei, nun von euch allen streng zu verlangen, und dieses Eine ist, dass sich von euch allen ja nie jemand seines eigenen, ewigen Heiles und Lebens wegen unterfange, mir irgendeine, wenn auch noch so geringe Verehrung zu erweisen, darum mich der überheilige Vater einen Bruder genannt hat!
HG|2|62|25|0|Denn ihr alle wisst es ja ohnehin, wem allein da ewig alle Ehre, alles Lob, alle Verherrlichung und alle Anbetung gebührt.
HG|2|62|26|0|Uns allen aber sei darinnen die größte Verherrlichung, dass wir den über alles heiligen Vater verherrlichen durch die allergetreueste Befolgung Seines allerheiligsten Willens!
HG|2|62|27|0|Also solches verlange ich von euch, dass ihr mich für nicht mehr anseht als für den alten Sehel! Amen.
HG|2|62|28|0|Und du auch, lieber Bruder Garbiel, ich sage dir im Namen Dessen, der da knapp neben mir steht, dass du sogleich dich erhebst von der Erde; denn ich bin nur ein Mensch, dir gleich. Wir beide haben den Seth zum Vater; warum denn tust du mir das, was allein Gott gebührt?
HG|2|62|29|0|Höre, ein Mensch soll nie vor dem Menschen sich im Staube wälzen, und des ärgsten Frevels soll in der Zukunft der sich schuldig vor Gott machen, dessen eigenliebiges Herz es wird auch nur einen Augenblick lang ertragen, einen Bruder vor sich im Staube liegend zu erschauen!
HG|2|62|30|0|Siehe, lieber Bruder, mich hast du ja nie beleidigt; darum habe ich dir ja auch nichts zu vergeben, sondern dir nur zu geben mein liebeoffenes Bruderherz!
HG|2|62|31|0|Hast du aber etwas an deinem Herzen, das dich drückt, – siehe, da – neben uns steht Der, dem wir alle schulden!
HG|2|62|32|0|Daher wende dich nur an Ihn; Er wird dich deiner Last schon entledigen und dir frei machen dein bekümmertes Herz! Amen.“
HG|2|63|1|1|Abedams Rede über die gerechte Ehrung und die Ranglust
HG|2|63|1|1|Am 9. April 1842
HG|2|63|1|0|Und der Abedam sprach auch Amen zum Amen des Sehel hinzu und sagte darauf:
HG|2|63|2|0|„Ja, also hat wahr und wahr geredet Mein geliebter Sehel! Unter allen Freveln ist die Selbstsucht der größte; des Menschen größte und allererhabenste Verherrlichung aber ist die Demut und die aus ihr hervorgehende Verherrlichung Meines Namens vor der Welt!
HG|2|63|3|0|Wer aber da hat eine Last am Herzen, der komme zu Mir; denn wahrlich, sage Ich nun, wie es zuvor Mein geliebter Sehel gesagt hatte, er wird nirgends Erleichterung finden denn allein bei Mir!
HG|2|63|4|0|Und also hast du, Garbiel, zwar nicht gefehlt, darum du deinen großen Bruder um Vergebung batest, und der Seth auch hatte nicht gefehlt, darum er eingesehen hatte seinen alten Irrtum, demzufolge er dem Sohn Sehel gram wurde, da dieser aus einem höheren, inneren Antrieb nicht wollte in die Fußstapfen Adams treten, sondern zeitlebens beibehalten seine himmlische Urreinheit seines Herzens aus geheimer großer Liebe zu Mir.
HG|2|63|5|0|Aber, wie der Sehel früher gesagt hatte, so ist es zu viel, so ein Bruder vor dem anderen sich im Staub wälzt.
HG|2|63|6|0|Denn solches verlange nicht einmal Ich; wie viel weniger sollt ihr erst gegenseitig euch also ehren, als wäre da ein Bruder dem anderen ein Gott!
HG|2|63|7|0|Ich will aber damit gar nicht sagen, als sollt ihr euch darum gegenseitig gar nicht ehren, sondern Ich sage nur, dass ihr nicht den Würmern gleich voreinander kriechen sollt.
HG|2|63|8|0|So ihr euch aber schon ehrt, da ehrt euch durch die alleinige Liebe, und dass sich keiner erhebe über den anderen, sondern ein jeder sei dem anderen ein wahrer Bruder in Meiner Liebe!
HG|2|63|9|0|Solche Ehrung ist eine gerechte Ehrung, diese seid ihr euch gegenseitig schuldig; was aber darüber ist, das ist auch wider Meine Ordnung, und ihr sollt es darum unterlassen!
HG|2|63|10|0|Die Ehrung aber durch die Liebe genügt für jegliches Verhältnis unter euch, sei es ein Bruder zum Bruder, oder ein Sohn zum Vater, oder ein Vater zum Sohn, oder das Weib zum Mann, oder der Mann zum Weib, oder die Schwester zur Schwester, oder der Bruder zur Schwester, oder die Schwester zum Bruder, oder die Tochter zur Mutter, oder die Mutter zur Tochter, oder der Sohn zur Mutter, und die Tochter zum Vater, oder die Mutter zum Sohn, und der Vater zur Tochter, – kurz, es genügt in allem die alleinige wahre Liebe, und zwar aus dem Hauptgrund, darum Ich Selbst von euch allen ja nichts mehr verlange denn allein eure Liebe im Geiste und aller Wahrheit aus ihr.
HG|2|63|11|0|Ja wahrlich, sage Ich euch allen, ihr mögt beten Tag und Nacht, und euch wälzen den Schweinen gleich im Kot und im schmutzigsten Staub, – Ich aber werde euch dennoch nicht eher anhören, als bis ihr allein in eurem Herzen ernstlich und liebewahr euch an Mich, den heiligen, liebevollsten Vater gewendet habt!
HG|2|63|12|0|So Ich aber schon eure wahre, ernste Kinderliebe als die Mir allein wohlgefällige, allerbeste und wahrste Verehrung annehme, der Ich doch heilig, überheilig bin, – was sollte da unter euch denn für Unterschiedes sein, darum ihr voreinander im Staub herumkriechen wollt?!
HG|2|63|13|0|Also noch einmal für alle Male gesagt: Die Liebe genügt und genüge euch allen!
HG|2|63|14|0|Du, Mein geliebter Sehel, aber wirst das alleinige Gebot der Liebe auf Steinflächen einzeichnen, damit dann jedweder sehen wird, um was sich alles dreht, und was da der gemeinschaftliche Mittelpunkt aller Dinge ist!
HG|2|63|15|0|Und nun auch gehe du, eifersüchtiger Garbiel, und kümmere dich nicht mehr, darum Ich dich nicht als den Ersten habe gerufen, damit du Mir kund gäbest dein Gesicht!
HG|2|63|16|0|Meinst du etwa, solches tue Ich geflissentlich, um jemanden damit zu necken und ihn fühlen zu lassen seine Nichtigkeit vor Mir, da er auch etwas sein will, das er eigentlich nicht sein soll?! O Garbiel, da bist du in einer gar großen Irre!
HG|2|63|17|0|Ich sage dir aber, dass da Meine ewige Ordnung, Meine Liebe und Meine endlose Weisheit doch wohl sicher andere Wege wandeln wird als jene, welche deiner Torheit nur einleuchtend sind!
HG|2|63|18|0|Darum sollst du ein demütiges und freies Herz haben und nicht ein ranglustiges; denn so du demütig bist, da wirst du auf keine Ordnungszahlen merken und lauschen, wer da möchte als Erster, Zweiter, Dritter und so weiter gerufen werden, sondern wann du gerufen wirst, wird es dir ganz vollkommen recht sein.
HG|2|63|19|0|Siehe, du aber hattest eine Ranglust in dir, darum tat dir der Tritt deines Bruders weh, den du sonst kaum wahrgenommen hast!
HG|2|63|20|0|Nun aber reinige dein Herz vollkommen, und komme dann zu Mir, so du gerufen wirst; und so denn gehe nun wieder hin zum Henoch und lasse dir von ihm den rechten Weg zu Mir zeigen! Amen.
HG|2|63|21|0|Und nun komme du, Horidael, zu Mir hierher, und sage Mir, den anderen gleich, was du denn alles in dir gesehen und treulichst vernommen hast! Amen.“
HG|2|64|1|1|Horidaels Gesicht. Die innere Welt Gottes
HG|2|64|1|1|Am 11. April 1842
HG|2|64|1|0|Und alsbald nach dem Ruf Abedams trat der Horidael hervor und fing wie ein mutiger Löwe an zu reden; aber sein Mut war keineswegs etwa irgendeine Anmaßung, sondern allein die Liebe zu Mir gab ihm diesen Mut, also wie die Liebe einer Mutter ihre Brust also mit Mut erfüllt, dass sie ins Feuer ginge, so daselbst ihrem Kind eine Lebensgefahr bevorstünde oder nahe unvermeidlich wäre, – nur mit dem Unterschied, dass solcher Mut der Mutter ein Trauer-, Wehe-, Angst- und Schreckmut ist, was da beim Horidael nicht der Fall war, da sein Mut nur von seiner innersten Freude herrührte, nahe also, wie der Mut beschaffen ist eines vor lauter Siegesfreude taumelnden Feldherrn.
HG|2|64|2|0|Also von solchem Liebfreudemut belebt, fing der Horidael an zu reden, wie da nun folgt:
HG|2|64|3|0|„O Du heiliger, liebevollster Vater! Du hast auch mich armen Sünder gnädigst gerufen, darum ich hier kundgeben soll, was ich gesehen habe und was vernommen?
HG|2|64|4|0|Ich weiß es aber gar wohl, dass da alles, was ich gesehen und vernommen habe, nur einzig und allein von Dir herrührt; soll ich es Dir erzählen, Dir das kundgeben, was Dir schon vor zahllosen Ewigkeiten unbegreiflich heller war denn die Sonne in der Mitte des reinsten Tages?
HG|2|64|5|0|Nein, nein, das hieße mit anderen Worten ja doch nichts anderes, als entweder einen Tropfen Wasser ins Meer tragen, um dasselbe zu vergrößern, oder am hellsten Tage eine Pech- und Wachsfackel anzünden, um der Sonne Licht zu unterstützen!
HG|2|64|6|0|Also Deinetwegen allein mein Gesicht zu erzählen, wäre – wenigstens, insoweit ich es erschaue – der größte Unsinn, den je ein Mensch begehen könnte, so er vor Dir sein Herz ausschütten möchte, als wüsstest Du kaum, was im selben verborgen ist.
HG|2|64|7|0|Denn da ist nur eins nötig im Geiste und aller Wahrheit, so man vor Dir steht, wie ich jetzt, und dieses eine ist, dass man sich auf die Brust schlage und sage:
HG|2|64|8|0|O Du mein großer Gott, Du mein heiliger, liebevollster Vater, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig!
HG|2|64|9|0|Denn alle Sünde, alle Flecken und Makel meines Herzens sind vor Dir wie der hellste Tag offenbar, und meine Gedanken kennst Du wohl, und alle meine Begierden hast Du gezählt vor Dir!
HG|2|64|10|0|Aber neben dem weiß ich auch, dass Du es willst, dass vor Dir jeder also wortleitig werden soll, als wüsstest Du im Ernst nichts von allem dem, was in jemandes Herzen entweder vorgeht oder vorgegangen ist, und soll überhaupt reden vor Dir als ein wahres Kind vor dem allein wahren, heiligen, liebevollsten Vater.
HG|2|64|11|0|So will denn auch ich in aller Liebfreude meines Herzens das ahnungsvolle und sicher nicht wenig wunderbare Gesicht losgeben, wie auch, was ich inmitten des Gesichtes vernommen habe; und also bitte ich denn allseitig um ein geneigtes Ohr!
HG|2|64|12|0|Ich vernahm anfangs wie harte Schläge an meine Brust, und so ich mich nicht irre, da dürften derselben wohl bei sieben gewesen sein. Diese Schläge taten mir zwar kein Wehe, aber dennoch wurde ich durch jeden bis in den innersten Grund meines Lebens erschüttert und war darum ängstlich gar sehr; denn ich wusste nicht, was da aus solchen Schlägen werden solle.
HG|2|64|13|0|Aber als mich beim letzten Schlag die Angst übermannte und mir darob für die Außenwelt alle meine Sinne den sonst gewöhnlichen Dienst versagten, da fing es an, lebendiger und lebendiger zu werden in meinem Herzen.
HG|2|64|14|0|Es kam mir anfangs vor, als hätten da angefangen zahllos viele Sterne gleich donnerstummen Blitzen durcheinanderzuzucken, und das stets heftiger und vervielfältigter, so zwar, dass am Ende mein ganzes Herz in die blitzleuchtende Materie überging und dann also leuchtete in mir, als wenn man einen Blitz nötigen könnte, dass er bleibe und nicht wieder erlösche so schnell, als da ein Augenblick dauert.
HG|2|64|15|0|Dieses Licht fing danach aber an, mein Herz also gewaltigst auseinander zu treiben, dass es beinahe über alle sichtbaren Himmel hinaus seine Grenzen zu treiben anfing.
HG|2|64|16|0|Da es aber seine Grenzen also stets mehr und mehr unaufhaltsam fort und fort erweiterte, da fing nach und nach dieser nun unermessliche Sternenblitzlichtknäul sich allmählich in einzelne Blitze und endlich in einzeln ruhig stehende Sterne aufzulösen, von denen jeder bei weitem heller leuchtete denn der Morgenstern, wenn er ist im schönsten Licht an einem heitersten Frühjahrsmorgen.
HG|2|64|17|0|Da nun alles ruhig wurde und ich nicht mehr zu gewahren imstande war, ob sich mein Herz noch mehr erweitere, stille stehe oder sich wieder beenge, – da fand ich mich endlich selbst; und als ich mich aber fand, da fand ich mich als einen vollkommenen Menschen und dachte bei mir, mich selbst fragend: Wo bin ich denn jetzt?
HG|2|64|18|0|Und siehe, da zuckten alsbald drei der schönsten Sterne herab vom hohen Himmel meines Herzens, das sich ehedem also erweitert hatte, und diese drei Sterne waren drei vollkommen runde Kugeln und hatten gleich der Sonne ein überstarkes Licht!
HG|2|64|19|0|Da fragte ich mich wieder: Was soll denn das? Wo bin ich, und was bin ich?
HG|2|64|20|0|Als ich aber solches noch kaum ausgedacht hatte, da erweiterte sich plötzlich jede dieser drei Kugeln so sehr und trat zurück in eine unermessliche Tiefe, dass ich am Ende nichts sah denn diese drei endlos großen Kugeln vor mir.
HG|2|64|21|0|Die mittlere aber öffnete sich, nahm die zwei äußeren in sich auf und kam mir dann näher; in ihrer Nähe aber vernahm ich einen starken Donner, und dieser klang wie verständliche Worte, welche also lauteten:
HG|2|64|22|0|‚Du bist jetzt in dir geistig. Was du siehst, ist alles in dir, und es ist nichts da, das sich da befände außer dir.
HG|2|64|23|0|Solches aber besagt das, dass du fürder die Zeichen des inneren Menschen sollst erforschen und dich nicht kümmern des äußeren Unrates der Dinge der Welt.
HG|2|64|24|0|Denn was in der Außenwelt tot ist gestaltet, das alles hast du zahllosfach lebendig in dir. Daher strebe nach dem inneren Leben, da wirst du alles enthüllt finden, was je äußerlich dich berührte oder zuallermeist auch nicht berührte!
HG|2|64|25|0|Siehe, das ist die innere Welt Gottes, des ewigen, heiligen Vaters; in dieser kannst, sollst und wirst du ewig leben! Amen.‘
HG|2|64|26|0|Nach diesen Worten wurde die nun so große Leuchtkugel wieder möglichst klein und verschwand bald mit all dem anderen, und ich fand mich allhier auf der Erde wieder; und von all dem Geschauten blieb mir nichts denn allein eine lebendige Erinnerung zurück.
HG|2|64|27|0|O lieber, heiliger Vater, nimm diese sicher überaus unvollkommene Erzählung gnädigst auf, und wie ich es schon anfangs bemerkt habe, sei mir armem Sünder barmherzig; denn ich bin sicher kein reiner Sehel, sondern ein unreinster Horidael!
HG|2|64|28|0|O Vater, Dein heiliger Wille geschehe! Amen.“
HG|2|65|1|1|Abedam erläutert Horidaels Gesicht. Horidaels Berufung als Schreiber der freien Zeichen der Entsprechungen
HG|2|65|1|1|Am 12. April 1842
HG|2|65|1|0|Und der Abedam reichte dem Horidael Seine Hand hin und hieß ihn sie ergreifen, und der Horidael ergriff sie mit beiden Händen und drückte sie mit aller ihm nur immer möglichen Liebegewalt an seine Brust.
HG|2|65|2|0|Darauf aber richtete der Abedam alsbald folgende Worte an ihn und sagte: „Horidael, du hast Mir getreu gegeben, was du in dir gefunden hast; so will Ich dich denn zu einem Sucher der verborgenen Schätze des inneren Lebens machen.
HG|2|65|3|0|Und also sollst du die Zeichen der Entsprechungen haben und durch sie bezeugen jedes Dinges inneren und auch innersten lebendig geistigen Sinn!
HG|2|65|4|0|Das aber besagt dein Gesicht, dass die Liebe zu Mir soll das Herz stets mehr und mehr erfüllen und es auch also noch ausdehnen durch die geistige Wärme, und zwar also, wie du es gesehen hast, da du eine Unzahl zuckender Sterne erblicktest, die sich nach und nach zu einem allgemeinen Licht verbanden und erweiterten dein Herz erst vollkommen dann, da sie in dir eins geworden sind.
HG|2|65|5|0|Und da in dir ein solch großes Werk vollbracht wurde, siehe, da ward es ruhig in dir, und du sahst die Sterne wieder, und die Sterne erleuchteten deine innere Welt, dass du dich selbst finden mochtest in dir als einen vollkommenen Menschen; und als aber du dich gefunden hast, da wusstest du nicht, wo du warst, dass du darum fragtest.
HG|2|65|6|0|Und drei Sterne deines eigenen Himmels lösten sich und schwebten vor dein Angesicht hin überhelle leuchtend; aber du verstandest dies Zeichen noch nicht und fragtest wieder.
HG|2|65|7|0|Da traten tief zurück die drei Sterne, und der mittlere öffnete sich und verschlang die beiden äußeren; dann vernahmst du erst eine große, donnerähnliche Stimme in dir, welche dir die erste Grundlehre gab über dich selbst und über das, was du werden sollst, und was du tun sollst.
HG|2|65|8|0|Nun aber fragst du wieder in dir: ‚Aber die Sterne, Sterne, was sind denn die Sterne in mir? Warum zuckten sie anfangs also gewaltigst? Warum und wie wurden sie eins, und wie und warum hernach wieder in einzelne gesondert und zur Ruhe gebracht?‘
HG|2|65|9|0|Siehe, die Sterne sind anfangs nichts als die in die Seele von der Außenwelt aufgenommenen Wisstümlichkeiten oder der Verstand im engeren Sinne des Wortes und der Bedeutung.
HG|2|65|10|0|Das Hinundherzucken der Sterne aber bezeichnet das Suchen der Seele in sich, die Wege der Wahrheit und des Lebens [zu finden].
HG|2|65|11|0|Das Einswerden des Lichtes der Sterne bezeichnet, dass die Seele aus allen ihren Kräften Mich ergriffen hat.
HG|2|65|12|0|Das darauf denn wieder erfolgte Einzeln- und Ruhigwerden der Sterne aber besagt, dass sich durch die alleinige Liebe zu Mir das sich selbst suchende Leben in seinem Urgrund gefunden hat, der da unendlich ist wie das sich in Ihm wiedergefundene Leben in Ihm und durch Ihn.
HG|2|65|13|0|Darum hast du dich daselbst erkannt und fragtest aus dem Grunde deines Seins: ‚Wo bin ich?‘
HG|2|65|14|0|Und die drei gelösten Sterne gaben dir die Antwort, aber du verstandest sie noch nicht. Die Antwort der Sterne vor dir aber besagte, und zwar vom Mittelstern aus, dass du nun inmitten deiner eigenen Liebe bist selbst Liebe und Leben, zur Aufnahme bereitet alles Lichtes aus Mir, was du daraus ersehen konntest, als da bei deiner zweiten Frage die Sterne endlos erweitert vor dir zurückwichen, darum du ihren endlosen Umfang bemessen konntest, und darauf der mittlere Stern, der da bezeichnete die reinste Liebe, die beiden äußeren in sich aufnahm, die da waren gleich deinem Glauben und gleich deiner früheren Weisheit.
HG|2|65|15|0|Da aber diese eins wurden, da auch vernahmst du das erste große, lebendige Wort in dir; und das Wort erst lehrte dich erkennen das große Gesicht deines eigenen Lebens in dir selbst.
HG|2|65|16|0|Dieses Wort aber war Mein Wort in dir oder dasjenige wesenhafte Wort, durch welches du, wie alle Dinge, dereinst geworden bist; und dieses Wort lehrte dich, dass du verstehen sollst die großen, inneren Entsprechungen der Außenwelt zur inneren, lebendigen, ewigen.
HG|2|65|17|0|Demnach also sollst auch du ein Schreiber werden, aber nicht gleich den übrigen, sondern ein Schreiber der entsprechenden Zeichen des Lebens im Menschen aus all den sichtbaren und unsichtbaren Dingen, welche vom kleinsten bis zum größten die ganze Unendlichkeit erfüllen.
HG|2|65|18|0|Daher aber werde Ich dir auch andere Zeichen geben; ja ganz freie Zeichen sollst du haben, durch welche an den übrigen Zeichen der anderen soll angedeutet werden, was darinnen des Geistes ist und somit des inneren, ewigen Lebens; oder was da die anderen aufzeichnen werden für das Auge des Fleisches, und hie und da auch für das der Seele, aber nicht also auch für das des Geistes, da soll von dir der Geist der inneren Wahrheit bezeugt werden.
HG|2|65|19|0|Also du hast die freien Zeichen der Entsprechungen überkommen! Nun weißt du sie zwar noch nicht zu gebrauchen und kennst nicht einmal die Zeichen selbst; aber des alles sei unbesorgt!
HG|2|65|20|0|Siehe, in der Schule deines eigenen Herzens, welche du heute zum ersten Mal gesehen hast, wirst du alles finden! Der Geist der Liebe in dir wird dich in alle Geheimnisse leiten und dir offenbaren, was bis jetzt vor allen Augen verschlossen war; des sei vollends gewiss! Amen.“
HG|2|66|1|1|Die wahre Verehrung Gottes besteht nicht aus Leibesgesten
HG|2|66|1|1|Am 13. April 1842
HG|2|66|1|0|Nach dieser Rede und heiligen Lehre Abedams fiel der Horidael, vom übergroßen Dankgefühl ergriffen, vor dem Abedam nieder und weinte da aus großer Liebe und Freude aus ihr; und da war niemand auf der Höhe, der da in diesem Moment trockenen Herzens und trockener Augen geblieben wäre.
HG|2|66|2|0|Der Abedam aber hieß dessen ungeachtet den Horidael doch alsbald wieder erstehen, und zwar unter folgenden Worten:
HG|2|66|3|0|„Horidael, erstehe! So du im Herzen voll Liebe und demütig bist, so ist das der Dankbarkeit über und über genug, und das Auf-der-Erde-Liegen kann da ganz ratgehalten werden.
HG|2|66|4|0|Denn was da betrifft die Gebärdung des Leibes, so ist sie eher ein Gräuel vor Mir als eine wohlgefällige Tugend, besonders, so da jemand glauben möchte, dass da Mir schon genügen möchten des Auges Tränen, welche ein etwas schmerzlicher Augenblick hervorgerufen hat, da doch zuvor das Herz sich ganz wenig mit Mir beschäftigt hatte, oder andere frömmlich aussehenden Gestionen des Leibes, von denen das Herz der Seele und der lebendige Geist in ihm oft nicht die allerleiseste Kenntnis haben und somit auch nicht die geringste Notiz nehmen, geschweige dann erst die wahrhaft lebendige demütige Ursache solcher frömmlicher Leibesgestionen sind.
HG|2|66|5|0|Ich sage dir aber und sage es allen, dass Ich ein allervollkommenster Geist bin.
HG|2|66|6|0|Wer demnach nicht im Geiste seiner Liebe zu Mir kommt und Mich bittet und dankt im selben Geiste der Liebe, wahrlich, den werde Ich eher nicht ansehen und erhören, als bis er sich vollends gebrochen hat und eingegangen ist in seine innere Welt und Mir da gebracht hat ein neues, lebendiges Opfer der reinen Liebe im Herzen seiner Seele, in welchem da wohnt der lebendige Geist, ein alter Abstämmling Meiner ewigen Liebe!
HG|2|66|7|0|Da aber bei dir der Fall nicht ist, als wäre dein Geist ein Laie von allem dem, was da nun vorging und nun noch vorgeht, sondern gerade das Gegenteil, wodurch du als Geist nun ganz vollkommen ein Herr in deinem Hause (Leibe) bist und somit auch Liebe zu Mir in allen deinen Teilen hast, was soll da demnach das Erdliegen für eine Bedeutung haben?
HG|2|66|8|0|Ich sage dir, Mein geliebter Horidael, lasse solche alten, nichtssagenden Gewohnheiten, welche nur in die Tiefe hinab gehören, und erhebe dich zu einem freien Menschen!
HG|2|66|9|0|Wer da aber seine Knie beugt vor Mir, der beuge sie im Geiste und aller Wahrheit, was da bezeichnet die allzeit gerechte Demut des Herzens, – aber nicht die Knie seines Leibes, an denen wenig gelegen ist, ob sie gerade oder krumm gehalten werden!
HG|2|66|10|0|Denn dass jeder sein fleischliches Knie beugen kann, wann er will, das zeigt er ja beim Gehen; wenn es sonach Mir gedient wäre mit dem Beugen der fleischlichen Knie, da wäre ja des Gebetes in großer Genüge, so jemand hin und her ginge, ohne sich dabei um etwas Weiteres bekümmern zu dürfen.
HG|2|66|11|0|Aber was soll das Kniebeugen und das Erdliegen denn Mir sein von euch Kindern, denen allen Ich gegeben habe einen lebendigen Geist?
HG|2|66|12|0|Seht, auch die Tiere können die Gelenke ihrer Füße gar wohl beugen und können sich auch auf die Erde niederlegen!
HG|2|66|13|0|So ihr Mich aber damit ehren wollt, darinnen keines Unterschiedes ist zwischen euch und den Tieren, welch Unterschied ist dann wohl zwischen euch und den Tieren selbst?
HG|2|66|14|0|Siehe somit, du Mein lieber Horidael, und seht ihr alle, wie eitel töricht ist da nicht solch ein äußerer Dienst Mir, dem lebendigen, ewigen Gott; eine tote Verehrung, Liebe und Anbetung Mir, eurem heiligen, liebevollsten Vater, der Ich Selbst euch gab eine lebendige Seele und in die Seele einen ewigen Geist aller Liebe und Wahrheit aus ihr!
HG|2|66|15|0|Daher also unterlasst das in alle Zukunft, das zu nichts taugt, gebraucht weise euren Leib und all dessen Glieder zu eurer Notdurft; aber wenn es sich um Mich handelt, da lasst ihr eure Glieder ruhen, als hättet ihr keine!
HG|2|66|16|0|Mir könnt ihr mit eurem Leib nichts Wohlgefälliges tun; denn Ich bin ein Geist.
HG|2|66|17|0|So ihr aber schon auch euren Leib samt eurem Geist zu Mir erheben wollt, da gebraucht eure Glieder aus Meiner Liebe in euch zum Mir allein wohlgefälligen Bruderdienst, und Ich werde da die Werke eures Leibes ansehen als Werke der Liebe eures Geistes und werde euch dafür geben den verdienten Lohn!
HG|2|66|18|0|Aber des seid vollkommen versichert, mit euren Gliedern allein mögt ihr alle nichts tun, das Mir wohlgefällig wäre, sondern nur allein mit eurem Herzen und dem lebendigen Geist im selben!
HG|2|66|19|0|Wahrlich, sage Ich nun euch allen, wer aber gibt seinem Bruder ein Stück Brot, oder einen Apfel, eine Birne, eine Nuss, eine Traube, oder ein Schaf, oder eine Kuh, oder einen Stier, oder einen Esel, oder ein Kleid, oder ein Haus, gibt ihm aber dieses nicht aus dem Herzen, sondern aus einer gewissen notwendigen Pflicht, der hat vor Meinen Augen seinem Bruder nichts gegeben, und Ich werde seiner nimmer achten, noch seiner Gabe, – und wäre diese größer denn ein Berg!
HG|2|66|20|0|So aber jemand wenig hat, gibt aber das aus der Fülle seiner Liebe übergerne dem Bruder, – Ich sage euch, und wäre es nur eine halbe Nuss, so will Ich sie ansehen, als wäre sie eine Erde!
HG|2|66|21|0|Jetzt wisst ihr alle zur Genüge, was da zu tun ist in dieser Mich ehrenden Hinsicht; kehrt euch danach, so werdet ihr ewig nimmer euch zu beklagen haben, als ließe Ich jemandes Bitte unerhört!
HG|2|66|22|0|Und so lasst uns denn den Purhal rufen und vernehmen, was alles er in der Zeit gesehen und treulich vernommen hatte! Amen.“
HG|2|67|1|1|Purhals inneres Gesicht
HG|2|67|1|1|Am 14. April 1842
HG|2|67|1|0|Und sogleich nach diesen Worten berief der Abedam den Purhal zu Sich und fragte ihn den früheren gleich, sagend nämlich:
HG|2|67|2|0|„Purhal, siehe, nun ist die Reihe der großen Ordnung an dich gekommen! So gebe denn auch du uns kund, was du in dir gesehen, empfunden und vernommen hast, – aber ohne Furcht und Scheu; denn wir sind ja nicht da versammelt, dass wir uns gegenseitig voreinander fürchten sollen, sondern allein nur lieben!
HG|2|67|3|0|Darum also sei ohne Furcht, und erzähle munter darauf los, was dir alles widerfahren ist in dieser kurzen Zeit deines Inneseins! Amen.“
HG|2|67|4|0|Also aber wurde der sonst etwas furchtsame Purhal ermutigt, dass ihn darob alsbald alle Furcht verließ und er in seinem Innern sich einer Kraft bewusst wurde, mittels welcher er mit allen Löwen, Tigern und Hyänen und Leviathanen es aufgenommen hätte, so man ihn dazu beheißen hätte.
HG|2|67|5|0|Allein er wusste gar wohl, was er mit dieser neuen Kraft zu tun hatte, und so fing er denn auch alsbald an, alles getreu von sich zu geben, was er in sich gefunden, gesehen, empfunden und gar wohl vernommen hatte. Also aber lauteten seine Worte:
HG|2|67|6|0|„O Du mein über alles, alles erhaben heiliger und der allerhöchst unendlichen Liebe vollster Vater! Du allmächtiger, ewiger, großer Gott; Du allgewaltigster Herr und allerweisester Meister in allen Dingen der großen Unendlichkeit!
HG|2|67|7|0|Siehe, bis her auf mich hat fast noch ein jeder meiner Vorgänger irgendeine demütige Entschuldigung hervorgebracht, der zufolge er sich nicht mochte zu reden getrauen von dem, was er in sich gesehen hatte, darum er wohl wusste – so gut wie ich und sicher jeder aus uns –, dass vor Dir auch unsere geheimsten Gedanken also offenbar sind wie vor mir am hellsten Tage nicht einmal die Sonne selbst!
HG|2|67|8|0|Siehe sonach, Du heiligster, liebevollster Vater, ich will in dieser Hinsicht eine Ausnahme machen, will mir kein Blatt vor dem Munde halten und also reden, wie Du mir die Zunge hast wachsen lassen!
HG|2|67|9|0|Denn ich weiß es ja auch wie alle anderen, dass alles, was ich gesehen und gehört habe, lediglich nur ursächlich von Dir herrührt, und weiß es darum ja auch, dass Du ganz sicher Dein Werk durch und durch kennen wirst.
HG|2|67|10|0|Sollte aber darum ein Apfelbaum keine Früchte bringen, da Du ganz sicher, aber auch schon ich es bestimmt weiß, wie da seine Früchte aussehen werden?
HG|2|67|11|0|Ich denke, solches wäre doch eine Torheit zu verlangen oder gar zu glauben!
HG|2|67|12|0|Darum also will ich auch ohne Scheu und Furcht sogleich die Früchte von mir geben, welche Du, o heiligster, allerliebevollster Vater, so lebendig in mein sonst überarmseligstes Herz gelegt hast!
HG|2|67|13|0|Solches aber habe ich demnach gesehen, empfunden und gar wohl vernommen:
HG|2|67|14|0|Anfangs kletterte ich von einem Gedanken hin zum anderen und dachte also hin und her und auf und ab: ‚In dein Herz also sollst du schauen und wohl beachten, was alles sich darinnen vorfinden und zeigen wird?
HG|2|67|15|0|Gut wäre es, wenn es möglich wäre; aber wie, – das ist nun eine ganz andere Frage!‘
HG|2|67|16|0|Doch dachte ich mir wieder: ‚Geduld, nur Geduld, denn Der solches von dir verlangt, wird dir ja wohl auch den Weg entweder offenbar oder heimlich im Geiste zeigen, wenn es Sein heiliger Wille ist!
HG|2|67|17|0|Ist es aber Sein Wille nicht, so wird es aber doch sicher Sein Wille sein, dass du bleibst, wie du bist und schon von jeher warst: ein armer, blinder Tropf!‘
HG|2|67|18|0|Aber mitten unter diesen meinen wenigsagenden Gedanken geschah auf einmal ein unaussprechlich starker Knall; und alsbald verging die Erde unter meinen Füßen, und ich schwebte im Zentrum einer ewigen Nacht, und sah nichts, auch nicht einmal den allerleisesten Gedanken von mir selbst, und hatte kaum so viel Fähigkeit, mir selbst zu sagen: ‚Also sieht es sonach in meinem Herzen aus?
HG|2|67|19|0|O Du heiliger Vater, siehe barmherzig auf mich herab, und rufe mich wieder zurück; denn in dieser Nacht muss ich des Todes werden!‘
HG|2|67|20|0|Aber ich hatte noch kaum diesen Gedanken beendet, so geschah ein zweiter mächtiger Knall, – und im Augenblick sah ich nach allen Seiten hin aus allen unendlichen Tiefen große Flammen emporschlagen; und im hellen Licht dieser Flammen gewahrte ich erst, dass diese frühere Nacht eine Nacht meines eigenen Herzens war, und dass die auf den zweiten Knall erwachten Flammen nichts als meine eigene, bis dahin fest schlafende Liebe selbst waren.
HG|2|67|21|0|Aber jetzt knallte es noch einmal – und noch entsetzlicher denn die zwei früheren Male!
HG|2|67|22|0|Da erloschen die Flammen in ihrem Leuchten alsbald durch den Aufgang einer Sonne, ach einer Sonne, die sicher ewig nimmer ihresgleichen hat in der ganzen Unendlichkeit!
HG|2|67|23|0|Im Licht dieser Sonne wurde alles wesenhaft. Die Flammen meiner Liebe wurden Wesen und sahen aus wie ich selbst, und ihrer Zahl schien kein Ende zu sein. Und alle diese Wesen bewegten sich zu mir hin und wurden völlig eins mit mir; in diesem Einen aber empfand ich eine solche Wonnelust, dass ich sie nun mit nichts zu vergleichen imstande wäre.
HG|2|67|24|0|Aber nicht lange dauerte dies Einen; denn gar bald war von allen den Wesen nur ich als ein alleiniger Mensch da. Aber dafür vernahm ich nun viele Stimmen wie in mir, und diese Stimmen klangen so herrlich wie Morgengesänge froher Hirten; und diese Stimmen klangen auch wie ein Wort, das aber also lautete:
HG|2|67|25|0|‚Siehe, Ich bin alles in allem, und alles ist in Mir und alles aus Mir! Du aber bist Mein Ebenmaß; daher erkenne dich, wer du bist, und wer dein Vater, Gott und Schöpfer ist!‘
HG|2|67|26|0|Nacht ward nach diesen Worten wieder in mir, und aus dieser Nacht kam ich bald wieder zur Erde hierher herauf oder herab.
HG|2|67|27|0|Das ist alles, was ich gesehen, empfunden und vernommen habe. Heiliger Vater, hier bringe ich es Dir zum Opfer dar; nehme es gnädigst auf, – Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|2|68|1|1|Abedam macht Purhal auf einen Fehler aufmerksam und erläutert dessen Gesicht
HG|2|68|1|1|Am 15. April 1842
HG|2|68|1|0|Nach der Beendigung dieser Erzählung von Seiten des Purhal blickte der hohe Abedam überaus freundlich um Sich herum, tat dann Seinen Mund auf und richtete dann an alle wie an den Purhal folgende Worte, sagend nämlich:
HG|2|68|2|0|„Wahrlich, ohne Furcht und Scheu hast du uns allen deine Früchte aufgetischt und ließest auch nicht einen Apfel zurück, hängenbleibend am Baum deiner inneren Erkenntnis, und hast dabei auch deiner altgewohnten Sitte zufolge nicht unbeachtet gelassen deine Weisheit, darum du uns allen zuerst gereicht hast die unreifen und weniger genießbaren und zuletzt erst die wohlreifen und gut genießbaren Früchte vom schon bestimmten Baum deiner inneren Erkenntnis!
HG|2|68|3|0|Siehe, darum also lobe Ich dich auch; denn, wie gesagt, du warst übertreu in deiner Erzählung! Aber auf eines will Ich dich dabei doch aufmerksam machen, und also sehe: Es war zwar von dir aus, wie von jedem anderen aus, das eben keine Sünde, so er es dir gleich begangen hätte, nämlich eine Worthandlung, die nichts als ein leeres Gewäsch ist von ganz übergleichgültiger Art, darinnen weder etwas Gutes noch auch gerade etwas Schlechtes steckt, gleich wie in einem faulen Apfel, – aber siehe, wer mag das Faule eines Apfels genießen, obschon es gerade nicht Schlechtes ist?!
HG|2|68|4|0|Also aber stand es auch mit dir, da du uns alle mit der Darstellung deines großen Mutes beinahe etwas zu lange aufgehalten hättest!
HG|2|68|5|0|Verstehst du, Purhal, Mich, und was Ich dir nun damit habe sagen wollen?
HG|2|68|6|0|Antworte Mir nur in deinem Herzen! – Also, du verstehst es nicht ganz! Siehe, darum will Ich dich darauf hinleiten, dass du es verstehen sollst, und so gebe denn wohl Acht!
HG|2|68|7|0|Du sagtest, nachdem du der demütigen Entschuldigungen deiner Vorgänger erwähnt hast, dass du in dieser Hinsicht eine Ausnahme machst oder vielmehr machen willst.
HG|2|68|8|0|Siehe, es ist wahr, es solle da sogar eine Ausnahme sein; denn Ich verlange nicht mehr und habe noch nie mehr verlangt, als dass ihr tun sollt nach Meinem Willen, wollt ihr das ewige Leben finden.
HG|2|68|9|0|Dessen ungeachtet aber wussten einige vor zu großer Liebe und Ehrfurcht ihrer Herzen sich nicht zu helfen und konnten somit auch den Mund nicht alsbald öffnen und das Verlangte von sich geben.
HG|2|68|10|0|Diese Haltung deiner Vorgänger hast demnach du aufgenommen, hast sie als etwas Läppisches angesehen und hast dir heimlich auch schon vorgesteckt, dessen zu erwähnen, wenn oder so Ich dich gleich den anderen berufen würde, auf dass auch du gleich den anderen Mir kundgeben sollst, was du in dir gefunden hast.
HG|2|68|11|0|Siehe, du warst alsbald berufen; aber beinahe dein erstes war, dass du eine Ausnahme machtest deiner Brüder wegen, um sie gewisserart ein wenig zu beschämen.
HG|2|68|12|0|Und – verstehe! – stelltest dich in deiner Erzählung dann mutiger, als du im Grund’ es wirklich warst.
HG|2|68|13|0|Siehe nun, auf der einen Seite sagtest du von dir aus, du wissest es so gut wie die anderen, dass Mir alle Dinge gar wohl bekannt sind, darum es dann nicht nötig sei, so Ich es verlange von jemandem, von sich zu geben, was Ich jemandem gab, sich darob zu fürchten, darum Ich es lange vorher schon gar überklar weiß, was jemand von Mir empfing, – und bekräftigtest solches mit einem recht würdigen Gleichnis!
HG|2|68|14|0|Wie kommt es denn aber hernach, dass, nachdem du solches zu wissen vorgabst, du anderseits doch nicht wusstest, dass Mir solches auch sicher nicht unbekannt bleiben wird, inwiefern du Mir eben nicht wohlgefälliges Verkehrtes in deinem Herzen bärgest?
HG|2|68|15|0|Siehe, da warst du wohl in einer gar überaus großen Irre!
HG|2|68|16|0|Doch, wie Ich es oben schon anfangs bemerkte, aber soll dir für diesmal dieser Fehler zu keiner Sünde gerechnet werden; jedoch sei für die Zukunft wohl auf deiner Hut, dass dein Herz ja nicht mehr von einer solch zweideutigen Stimmung befangen wird, sonst wird die große Nacht deines Herzens noch lange nicht durch die hereinbrechenden Liebesflammen erleuchtet werden, und noch länger wird die herrliche Morgensonne, welche du in dir hast aufgehen gesehen, unterm Wege bleiben [auf sich warten lassen]!
HG|2|68|17|0|Siehe also du, Mein lieber Purhal, Mir ist nichts verborgen; darum ist’s bei Mir schon durchaus nicht ratsam, hinter dem Rücken zu spielen!
HG|2|68|18|0|Solches nehme dir für künftig zur steten Richtschnur deines Lebens, so wird dein noch fernerer Gang über diese Erde ein leichter sein!
HG|2|68|19|0|Solches aber besagt dein Gesicht und soll dir vom Anfang bis zum Ende ein stark und allzeit mahnendes Zeichen sein, dass fürs Erste deine Liebe zu Mir, wie zu deinen Brüdern, noch keine reine und somit auch keine ganze ist.
HG|2|68|20|0|Denn die an den zahllos verschiedenen Seiten aus der Nacht deines Herzens hervorbrechenden Flammen bezeugen solches und sagen dir, dich wie durch einen heftigen Knall erschütternd: ‚Siehe, wie zertragen noch deine Liebe und somit auch dein Leben ist!‘
HG|2|68|21|0|Und als Ich dir dann die Sonne aufgehen ließ, das heißt Meine heilige Gnadensonne, so merktest du, dass diese Flammen ohne Licht nichts als dein zahllosfach zertragenes ganz eigenes Ich waren, welches du selbst also zerworfen hast durch deine früheren allerverschiedenartigsten Begierden, Sorgen und Leidenschaften!
HG|2|68|22|0|Wie aber kann dieses also zertragene Wesen denn wieder zu einem Wesen werden?
HG|2|68|23|0|Solches auch hast du gesehen, als du sahst, wie in Meinem Liebegnadenlicht sich alle diese dir ähnlichen Wesen zu dir hindrängten und bald vollends eins mit dir wurden, und du dann erst in dieser Wiedervereinigung fähig warst, als ein solchergestalt vollendeter Mensch wieder Meines Geistes Vaterstimme in dir zu vernehmen, welche dir kundgab, wer Ich bin, und wo Ich bin, und wo und woher alle Dinge sind, und was endlich du selbst bist oder sein und werden sollst.
HG|2|68|24|0|Da du aber nun solches alles lebendig erfahren hast, also versammle dich demnach auch in der wahren, reinen, uneigennützigen Liebe zu Mir, so wirst du leben und wirst in der Tat selbst entsprechen dem geschauten großen Zeichen in dir, wodurch du Mir dann selbst ein lebendiger Zeichenforscher und -deuter werden sollst aus Liebe in der Brüder Herzen allzeit! Amen.“
HG|2|69|1|1|Vertrauen in den himmlischen Vater trotz menschlicher Zweifel
HG|2|69|1|1|Am 16. April 1842
HG|2|69|1|0|Als aber der Purhal und all die anderen solche Worte vom Abedam vernommen hatten, da wurden sie nahe stumm, also zwar, dass es außer dem Henoch und dem Adam nahe niemanden gab, der sich da gewagt hätte, dem Abedam auch nur mit einem Wörtchen zu begegnen, obschon der Abedam all die Kinder überfreundlichst als der allein wahre, gute und liebevollste Vater ansah.
HG|2|69|2|0|Denn fast jeder dachte bei sich: ‚Er sieht freilich wohl unaussprechlich gut aus, aber zu trauen ist Ihm darum doch nicht; denn ehe man sich’s versieht, und nur eine Hand umkehrt, so hat Er einen schon bei und an der innersten Falte des Lebens gepackt! Und solches alles ist zwar durchaus wahr, – aber was nützt uns alles das? Wer kann Ihm ausweichen?
HG|2|69|3|0|Er meint es freilich wohl gar überaus gut mit jedem, – wenn Er aber nur nicht gar also auf das Allerreinste hinausginge, da wäre es mit Ihm schon noch zu bestehen. Aber die Reinheit, die Reinheit, die ist etwas Entsetzliches!
HG|2|69|4|0|Und hat man diese nicht, das heißt im vollkommensten Sinne des Wortes und der Bedeutung nach, so kann man sich Ihm schon nicht ehrlichermaßen nähern; denn Er sieht einem ja nicht auch nur den allerkleinsten Fehler im Herzen nach!
HG|2|69|5|0|Aber was ist da zu machen? Ihn kann niemand ändern, – ewig wird Er Sich gleichbleiben also rein und heilig, wie Er jetzt ist; also heißt es sich denn fügen!‘
HG|2|69|6|0|Der Abedam aber, der da solche Gedanken gar überaus wohl bei den Kindern gemerkt hatte, wandte sich zum Purhal und fragte ihn:
HG|2|69|7|0|„Purhal, sage Mir, ob Ich dir wohl den Kopf heruntergerissen habe, da Ich dich mit den sanftesten Worten belehrt habe und habe dich allersorgfältigst gereinigt, damit du, wie alle, alsbald aufnahmefähig würdest für das ewige allerfreieste Liebeleben aus Mir!
HG|2|69|8|0|Sage Mir, ist je deines Leibes Vater also nachsichtig mit dir umgegangen wie Ich jetzt?
HG|2|69|9|0|Zeige Mir den Vater unter euch, der sich bei seinen Kindern nicht eifrigst der manchmal sehr scharfen Zuchtrute bedient hätte!
HG|2|69|10|0|Siehe, du kennst keinen, denn du selbst bist gar lange schon ein Vater und weißt gar wohl, wie du deine Kinder erzogen hast.
HG|2|69|11|0|Nun aber sage Mir, mit welcher Zuchtrute Ich nun zu euch gekommen bin! Wer ist schon erlegen unter Meinen Hieben?
HG|2|69|12|0|Siehe, mit nichts denn mit Meiner allerhöchsten, überwahrhaften Vaterliebe ziehe und lehre und befreie Ich euch, und ihr sagt bei euch in eurem Herzen aber, Mir sei nicht zu trauen!
HG|2|69|13|0|O ihr noch Überblinden! Wenn demnach Mir nicht zu trauen ist, der Ich doch euer aller wahrhaftester, getreuester, liebevollster, sanftester und geduldigster Vater bin, – wem denn könnt und wollt ihr hernach trauen?
HG|2|69|14|0|Wenn euch bei Mir, dem allerreinsten und heiligsten Vater unheimlich und ängstlich zumute wird, der Ich doch mit den allerbesten und allervollkommenst wahrsten und allerväterlichst redlichsten Absichten aus Meiner ewigen alleruneigennützigsten Liebe zu euch erfüllt bin, wie muss es euch denn einander gegenüber zumute sein, die ihr doch gegen Mich allesamt voll Arges und voll Tücken in euren Herzen seid, so ihr Mir gegenüber bei einer kleinen Berichtigung eines Fehlers im Herzen Purhals also entmutigt werdet?!
HG|2|69|15|0|O ihr Blinden! Vor Mir, dem ewig allein lebendigen Vater, bebt ihr und werdet voll Angst, so Ich euch zu Mir und somit vom Tode ins ewige Leben erhebe.
HG|2|69|16|0|Aber vor der Welt kommt euch keine Angst ins Herz, die doch an und für sich nichts ist denn ein allerbarster Tod?!
HG|2|69|17|0|O seht, wie voll verkehrten Sinnes ihr noch seid!
HG|2|69|18|0|Wer hat euch denn also gezeugt, dass ihr euch vor Dem fürchtet, den ihr nur über alles lieben sollt? Und was ihr aber aus allen Kräften fürchten und fliehen sollt, damit stopft ihr euch ganz behaglich eure Herzen voll!
HG|2|69|19|0|Purhal, sage Mir, was Arges habe Ich dir denn dadurch zugefügt, so Ich dich gereinigt habe aus Meiner großen Liebe zu dir?
HG|2|69|20|0|Weißt du denn, was das Leben ist, und wie es beschaffen sein muss, um zu taugen für die ewige und unendliche Dauer?
HG|2|69|21|0|Siehe, solches weiß wohl kein geschaffener Geist, sondern allein nur Ich, der unendliche, ewige Meister alles Lebens! So Ich euch aber als euer heiliger, liebevollster Vater nun Selbst für dieses für euch ewig unergründliche Leben in Mir vollende und treibe und nehme alles, was des Todes ist, aus euch, – Purhal, wie kann es da dir und allen anderen nur von ferne irgend in den Sinn kommen, als wäre Mir nicht zu trauen?!
HG|2|69|22|0|Sage Mir, so Ich euch nicht helfen möchte, wer dann könnte euch wohl helfen vom Tode zum Leben?
HG|2|69|23|0|Damit Ich euch aber helfen kann und mag, ist es da nicht recht, dass Mir sogar eure geheimsten Gedanken und Begierden überklar und helle offenbar sind, und somit auch unumgänglich notwendig offenbar sein müssen, damit Ich euch allzeit zu Hilfe kommen kann, wann nur immer sich euch eine tödliche Gefahr naht?
HG|2|69|24|0|Sage Mir, Purhal, soll Mir also darum nicht zu trauen sein?“
HG|2|69|25|0|Bei dieser Frage fing alles an zu schluchzen und zu weinen, und der Adam selbst weinte laut wie ein Kind und sagte dann, durch und durch ergriffen von Meiner großen Vaterliebe:
HG|2|69|26|0|„O Du heiliger, lieber Vater Du, jetzt erst sehe ich es ganz, wie unendlich gut Du bist!
HG|2|69|27|0|Wo ist der, der Dich nicht über alles, alles, alles lieben sollte können?
HG|2|69|28|0|O vergebe uns Blinden diese große Unbill, die Dir jetzt von uns allen angetan wurde!“
HG|2|69|29|0|Der Abedam sagte darauf: „O Kindlein, seid ruhig und ganz ohne Sorge, denn die ihr da seid in Meinem Schoße nun, [von euch] wird keiner verlorengehen; denn Ich, das ewige Leben Selbst, bin ja mitten unter euch und wende nun alle Gefahr des Todes von euch ab.
HG|2|69|30|0|So Ich aber wieder jemanden erbauen werde gleich dem Purhal, da verliert nimmer euer Vertrauen zu Mir, sondern denkt dafür in euren Herzen, dass Ich, euer aller guter, heiliger Vater, es ja bin, der Ich solches tue!
HG|2|69|31|0|Kindlein, solches versteht wohl für alle Zukunft und Ewigkeit! Amen.“
HG|2|70|1|1|Juribaels Gesicht und ehrfürchtiges Bekenntnis zur unendlichen Vaterliebe
HG|2|70|1|1|Am 18. April 1842
HG|2|70|1|0|Nach diesen Worten aber berief der Abedam alsbald den Juribael zu Sich und fragte ihn gleich den anderen, sagend nämlich:
HG|2|70|2|0|„Juribael! Wie die anderen es taten, also tue es auch du, und sage uns allen, was alles denn du in dir vernommen hast und gesehen und empfunden!“
HG|2|70|3|0|Und der Juribael trat ehrfurchtvoll aus der Mitte seiner Brüder hin vor den Abedam und fing im Vollerguss seiner rechten Liebe zu Mir alsbald zu reden an:
HG|2|70|4|0|„O Du heiliger, liebevollster, unaussprechlich allerhöchst bester Vater! Siehe, ich, ein nichtiger Wurm vor Dir, liege hier in der größten Ehrfurcht und innersten allerzerknirschtesten Demut meines Herzens vor Dir, Du heiliger Vater!
HG|2|70|5|0|Du hast mich gerufen nun aus meinem Schlaf ins Leben, ja ins wahre, wache, freie Leben Deiner unendlichen Vaterliebe hast Du mich gerufen und hast gemacht aus dem matten, blinden Wurm der todbestaubten Erde einen freien Menschen, der mit seinen Augen hinausblickt in ferne Ewigkeiten wie in eine endlose Reihe von Kreisen über Kreisen von Unsterblichkeit und sieht sich in jedem dieser ewigen Kreise verherrlichter und Dir, o Du heiliger Vater, ähnlicher und näher!
HG|2|70|6|0|Aber nicht nur zu einem unsterblichen Menschen, sondern zu noch mehr, ja zu noch unendlichmal mehr denn nur zu einem unsterblichen Menschen hast Du den bestaubten Wurm der Erde, der Staubmutter, gemacht!
HG|2|70|7|0|Ach, wer kann die endlose Größe Deiner Vaterliebe fassen?
HG|2|70|8|0|Denn der bestaubte Wurm, der schwache, sündige Mensch darf Dich, Du ewiger, heiliger Gott, ‚lieber Vater‘ rufen!
HG|2|70|9|0|O Vater, – zu Deinen Kindern hast Du uns gemacht!
HG|2|70|10|0|Heiliger Vater, ich kann Dich anbeten, kann Dich loben und preisen, ich kann Dich rühmen mein Leben lang aus allen meinen von Dir mir verliehenen Kräften, ich kann Dir Opfer anzünden, dahin sich immer mein Auge wenden möchte, ich kann Dich also hochachten, dass sich aus der mir nur immer möglich allerhöchsten Ehrfurcht mein Geist unter die allerletzten, untersten und geringfügigsten Schöpfungen verbergen könnte, ja, ich kann Dich lieben nach aller Liebegewalt in mir; ja, solches alles kann ich tun Dir, meinem allmächtigen Schöpfer, Dir, meinem heiligen, großen Gott!
HG|2|70|11|0|Denn solange Du mir nur bist ein Schöpfer, ein ewiger, unendlicher Gott, so lange auch findet zwischen mir und Dir kein anderes Verhältnis statt als allein nur das der vollsten Nichtigkeit von meiner Seite gegen Dich und Deine unendliche Allheit in aller Macht Deines göttlichen Wesens gegen – wie schon gesagt – mein allervollstes Nichts!
HG|2|70|12|0|Aber, wenn ich Dich ‚Vater‘ nenne, o Du heiliger Vater, dann hört all das frühere Verhältniswesen auf, eine Wonne umstrahlt da mein Herz, und mein Geist bebt, von einer unaussprechlich großen Ahnung ergriffen, und mir bleibt dann nur ein mächtiges Gefühl, und das ist die Liebe, die alleinige reine in Dir, o Vater, geheiligte Liebe, – ja, eine heilige Liebe, da sie nichts denn nur Dich allein, Du heiliger Vater, zu lieben vermag!
HG|2|70|13|0|Das ist aber dann auch alles, was ich Dir darzubringen vermag. In dieser Liebe vergesse ich sogar aller Anbetung, alles Dankes, alles Lobes, aller opferlichen Verehrung, die Dir doch als dem ewigen Gott gebührt, und alles Rühmens und Preisens Deiner unendlichen Herrlichkeiten; nun wahrlich, da habe ich dann nichts vor mir denn allein Dich, o Du heiliger Vater, rufe nichts als ‚Vater‘, denke an nichts denn nur an Dich, Du heiliger Vater!
HG|2|70|14|0|Daher vergebe mir nun auch, Du lieber, heiliger Vater, dass ich Dir nicht zu danken, Dich nicht zu loben und zu preisen vermag, denn mein Herz ist zu erfüllt von der mächtigsten Liebe zu Dir; daher kann ich auch nun nichts als Dich allein nur über alles zu lieben!
HG|2|70|15|0|O Vater, da aber meine Zunge aus zu großer Liebe meines Herzens zu Dir gar nicht fähig ist, entweder zum Gebet oder zum Ruhm Deines Namens sich zu bewegen, darum sich alle meine Kraft in der Liebe zu Dir im Herzen vereinigt hat, so vergebe mir schon im Voraus; denn sicher wird da meine Erzählung ganz entsetzlich holpericht ausfallen!
HG|2|70|16|0|Zum größten Glück für meine nun ganz unbehilfliche Zunge habe ich das meiste schon in diesem meinem matten Bekenntnis kundgegeben, was ich empfunden und gefühlt habe und noch fühle und wahrlich ewig fühlen werde, und setze nun nur noch das Gesicht bei, welches also beschaffen war:
HG|2|70|17|0|Als ich über das nachdachte, dass Du unser aller heiliger Vater bist und hast uns gemacht durch Deine unendliche Liebe zu Deinen Kindern, – siehe, da wurde es plötzlich überhelle in mir, so zwar, dass ich mich innerlich also beschauen konnte, als wie man beschaut den Grund einer ruhigen allerreinsten Wasserstelle.
HG|2|70|18|0|Aber bei dieser Beschauung blieb es nicht lange. Denn gar bald fand ich mein Herz und in der Mitte des Herzens einen überaus stark leuchtenden Ring, und dieser Ring oder Kreis drehte sich beständig. Hier dachte ich: ‚Was soll es da mit dem Ring?‘
HG|2|70|19|0|Als ich aber solches noch kaum gedacht hatte, da ging der Ring denn plötzlich, also wie Kreise im Wasser, auseinander und dehnte sich überweit über mein Wesen hinaus zu einem endlos großen Kreis aus, in dessen Mitte ich mich ganz allein befand.
HG|2|70|20|0|Aber auch dieses Gesicht dauerte nicht lange. Denn gar bald löste sich der Kreis in endlos viele Kreise, die sich hintereinander fort und fort reihten und stets größer und größer wurden und heller leuchtender stets. Und ich sah in der Mitte eines jeden Kreises mich selbst stets herrlicher, leuchtender und größer und stärker, und in einer endlos tiefen Tiefe, da die stets größer, ja endlos größer werdenden Kreise sich nimmer enden wollten, sah ich ein unermesslich großes starkes Licht; und als ich stärker und schärfer nach dem Licht hinstarrte, da wurde ich auf einmal gewahr, dass Du, o heiliger Vater, im Licht das Licht Selbst warst!
HG|2|70|21|0|Und durch all diese endlos vielen Kreise vernahm ich dann ein sanftes Wehen, und das Wehen ging von Dir aus.
HG|2|70|22|0|Ich aber verstand das Wehen. Das Wehen aber offenbarte sich als ein wohlvernehmbares Wort in mir; und darum verstand ich das Wehen.
HG|2|70|23|0|Das Wehen aber sprach: ‚Siehe, das ist der Weg der Liebe ins ewige Leben und durch dieses zu Mir, deinem ewigen, heiligen Gott und liebevollsten Vater!‘
HG|2|70|24|0|Darauf aber verstummte dann plötzlich alles, und mit meinem Gesicht hatte es ein Ende.
HG|2|70|25|0|Und so ende denn auch ich; denn das ist alles, was ich gesehen, gefühlt und vernommen habe.
HG|2|70|26|0|O Vater, Du lieber, heiliger Vater, nehme es gnädig auf, und verstoße mein Dich sicher nur höchst unvollkommen liebendes Herz nicht, sondern gebe mir die Kraft, dass ich Dich stets inniger und vollkommener lieben könnte ewig, ewig, ewig! Amen.“
HG|2|71|1|1|Abedam erklärt Juribaels Gesicht. Der rechte Weg zum heiligen Vater
HG|2|71|1|1|Am 20. April 1842
HG|2|71|1|0|Nach diesen Worten aber fiel der Juribael, von seiner mächtigen Liebe gedrungen, hin zu den Füßen des Abedam und machte auf diese Art seiner mächtigen Liebe gewissermaßen Luft.
HG|2|71|2|0|Und so lag der Heißliebende in der vollsten Demut und tiefsten Dankbarkeit seines Herzens zu den Füßen seines Gottes, seines Schöpfers und seines Vaters.
HG|2|71|3|0|Aber der Vater beugte sich gar bald zu ihm nieder und erhob ihn hinauf zur heiligen Brust, damit er da einatme das wahre, ewige Leben aus derselben Urquelle alles Lebens, aus welcher alle endlosen Ewigkeiten ihr Sein und ihr Leben gesogen haben und auch ewig saugen werden.
HG|2|71|4|0|An diese heilige Brust also drückte nun der heilige, liebevollste Vater den Juribael, darum sogar dessen Fleisch erfüllt mit der Liebe zum heiligen, liebevollsten Vater ward.
HG|2|71|5|0|Da ihn aber der ewige, heilige Vater also umfangen hielt mit den Armen der ewigen und unendlichen Vaterliebe, da auch richtete Er folgende Worte an ihn, sagend nämlich:
HG|2|71|6|0|„Juribael, siehe, nun lebst du erst wahrhaft, und dieses Leben wird nimmer können von dir genommen werden; denn jetzt habe Ich es dir gegeben, und du hast es jetzt wahrhaft genommen aus Mir, deinem ewigen, heiligen, liebevollsten Vater.
HG|2|71|7|0|Siehe, das ist aber der ewig lichte Ring in deinem Herzen, dass du nun lebst aus Meiner Liebe in dir! Denn Meine Liebe im Herzen Meiner Kinder ist ein Kreis, der sich stets vervielfältigt und vergrößert ins Endlose; und diese Kreise, die da geworden sind durch diese ewige Vervielfachung des einen Kreises, hängen aneinander wie die Glieder einer Kette oder wie das Gewinde einer Schnecke, da jedes Gewinde größer wird und geräumiger und freier, und jedes näher und näher, und stets näher der großen Ausmündung in den ewigen, unendlichen Raum, welcher im Geiste ist der allerhöchste Vollgenuss Meiner ewigen unendlichen Vaterliebe und aller Gnade und Weisheit aus ihr.
HG|2|71|8|0|Und dieser Vollgenuss ist das allereigentlichste ewige Leben in aller Freiheit des Gnadengebrauchs nach der urewigen Weisheit aus Mir, welche da wird jedem zu eigen, der Mir ward ein gerechtes Kind Meiner Liebe durch seine Liebe, welche da ist vom Grunde aus Meine Liebe in ihm und macht ihn zum Kind Meiner Liebe durch diese Meine Liebe in ihm.
HG|2|71|9|0|Siehe nun, Mein geliebter Juribael, das ist alles dein Gesicht, welches dir gezeigt hat den rechten Weg zu Mir, deinem und euer aller heiligstem Vater! Diesen Weg sollen alle wandeln, und der hohe Sinn Meiner Absicht mit und in euch würde da bald gar hell leuchtend vor euch enthüllt werden, und ihr würdet da nicht fragen: ‚Wo, woher und von wannen?‘, sondern in sich würde es jeder finden, wie die Liebe, so den Geist, welcher ist ein Träger der Liebe, und so das ewige Leben, welches ist die Liebe, und also auch den hohen Sinn Meiner Absicht, welches alles da ist die ewige, allervollkommenste Freiheit zufolge Meiner ewigen und unendlichen Weisheit, welche da ist die urewige Ordnung aller Dinge und alles Seins.
HG|2|71|10|0|So aber da jemand nicht wandelt diesen Weg, wahrlich, sage da Ich euch, er wird sich zu Tode suchen und wird aber doch nimmer den rechten und kürzesten Weg finden, darum dieser ist ein Weg der Liebe und alles Lebens aus ihr, aber nicht ein Weg des finstersten Eigensinns, in dem auch nicht ein allerleisester Funke Meiner Liebe waltet.
HG|2|71|11|0|Und wenn darin schon irgendeine Liebe waltet, so ist sie aber doch nur eine geraubte Liebe, welche sich da irgendein Dieb zu eigen gemacht hat und lebt dann aus dieser geraubten Liebe, welche da ist eine barste Eigenliebe.
HG|2|71|12|0|Aber das Leben einer solchen Liebe dauert nicht ewig, sondern nur sehr kurz diese Zeit hindurch, in der sich solche Liebe bald verzehren wird, da sie von Meiner Vaterliebe abgetrennt wurde und somit keinen Zufluss mehr hat.
HG|2|71|13|0|Ja, es verhält sich mit solcher Eigenliebe also wie mit einem Öllicht, wenn da jemand nimmt in ein Gefäß einiges Öl, das da an den verschiedenen Punkten der Berge aus kleinen Quellchen des fetten Gesteins aufsteigt zur heilenden Düngung des mageren Erdreichs, und zündet es an! Es wird zwar wohl alsbald zu brennen anfangen, wenn es sich aber verzehren wird durch das Brennen, wird da das leergewordene Gefäß wohl auch noch fortbrennen, wenn kein neues Öl hinzugetan wird?
HG|2|71|14|0|O mitnichten, sondern da wird mit dem Öl auch die Flamme ausgehen, und es wird finster werden das Gefäß und kalt und tot.
HG|2|71|15|0|Wenn du aber an der Quelle das Öl anzündest und verwahrst den Ort, da das Ölquellchen in lichter Flamme lodert, vor argen Winden und einer Wasserüberflutung, so wird die Flamme ewig nimmer erlöschen, sondern nur stets herrlicher fortlodern, dieweil solche Flamme nach und nach die Stelle weit um sich mehr und mehr erwärmen und daher auch stets mehr Öl dem inneren Urborne entlocken wird!
HG|2|71|16|0|Siehe nun, Mein geliebter Juribael, wer demnach seine Liebe im Herzen zu Mir wendet und Mich für ewig in dieser Liebe ergreift, der hat das Öl seines Lebens an der Quelle entzündet, und diese Flamme wird nimmerdar erlöschen, sondern ihm sein ein ewiges lebendiges Licht!
HG|2|71|17|0|Du hast aber jetzt das Öl deines Lebens an der Quelle angezündet; darum sei froh, denn in diesem Licht hast du den Vater als das urewige Licht gefunden!
HG|2|71|18|0|Und so lasse uns denn nun auch den Oalim befragen und dann vernehmen sein Gesicht! Amen.“
HG|2|72|1|1|Oalims Gesicht von den drei ineinandersteckenden Herzen
HG|2|72|1|1|Am 22. April 1842
HG|2|72|1|0|Und alsbald berief der Abedam den Oalim zu Sich, und zwar mit folgenden Worten: „Oalim, der du dir vor lauter Dankgefühl gegen und für Meine Vaterliebe nicht zu helfen weißt, komm her zu Mir, und gebe da gleich deinen Vorgängern uns allen kund, was denn du alles in dir gesehen, empfunden und gehört hast! Aber rede ohne Furcht und Scheu, auf dass da nichts im Hintergrund bleibe; denn da ist alles von großer Bedeutung für dich, wie für alle deine Brüder. Und also öffne denn deinen Mund! Amen.“
HG|2|72|2|0|Und alsbald trat der Oalim hinzu, dankte aus dem tiefsten Grunde seines Herzens für die große Gnade, darum auch er berufen wurde gleich seinen Brüdern, und begann dann folgendes für jeden Menschen gewiss äußerst beachtenswerte Gesicht laut kund zu geben; also aber lautete die Erzählung:
HG|2|72|3|0|„Heiliger, liebevollster, allein wahrer und guter Vater, und ihr auch, alle meine lieben Brüder, Schwestern, Leibesväter, Mütter und Kinder! Seht, der Allerhöchste hat mich allergnädigst berufen, zu reden vor Ihm und euch allen; aber wahrlich wahr, es ist schwer zu geben das mit materiellen Zungenworten, wofür die ganze Erde wenigstens meines beschränkten Wissens zufolge nichts Ähnliches aufzuweisen hat.
HG|2|72|4|0|Doch ich bin getrost dabei; denn Der mir solches gab zu schauen, zu fühlen und zu hören in mir, Der wird wohl auch meiner sonst matten Zunge jene gerechte Beugsamkeit geben, durch welche ich imstande sein werde, das Unaussprechliche dennoch soviel als nur immer möglich für euch alle verständlich auszusprechen.
HG|2|72|5|0|Ja, wahrlich wahr, nimmer sei ein Ende meines Dankes gegen Dich, Du überheiliger, liebevollster Vater; denn nun hat meine Zunge die Volllöse von Dir erhalten!
HG|2|72|6|0|O hört es ihr alle, meine lieben Brüder und Schwestern, Leibesväter, Mütter und Kinder, und freut euch mit mir; denn der Herr, unser großer Gott und allerheiligster und liebevollster Vater ist über alle unsere Vorstellungsfähigkeit gut, sanftmütig und voll der größten Geduld, darum Er mir die Zunge gelöst hatte und will aus meinem Munde das nun wieder vernehmen, was zuvor ohnehin nur Er in meinem Herzen erweckt hatte!
HG|2|72|7|0|Da alsonach Dein heiliger Wille es ist, dass ich reden soll, da will ja auch ich mit der größten Freudigkeit meines Herzens es tun, was Dir, Du heiliger, liebevollster Vater nur immer wohlgefällig ist!
HG|2|72|8|0|Und sonach vernehmt denn alle, was ich überwunderbar in mir geschaut, empfunden und gar treu und wohl vernommen habe!
HG|2|72|9|0|Es klang mir anfangs sehr sonderbar, darum ich da hätte in mein Herz schauen sollen, und es war mir doch allermeist unmöglich, meinen Kopf, in dem doch die Augen stecken, in meinen Leib selbst irgendwo zu stecken und im selben dann das Herz zu beschauen!
HG|2|72|10|0|Allein, als ich also nachdachte über diese Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Augen in den Leib zu bringen, da verlor ich aber denn auch auf einmal plötzlich das Licht meiner Augen; doch fast im selben Augenblick ward denn auch plötzlich alles hell in mir, darum ich mich da innerlich sah also, wie ich mich sonst äußerlich sehe beim Licht der Sonne.
HG|2|72|11|0|Ich konnte aber da wieder nicht begreifen, wie solches möglich sein könnte, da ich solches ehedem noch nie erfahren hatte. Aber da ich also dachte, da auch fing alsbald mein Herz an, vollkommen durchsichtig zu werden, und ich sah gar bald drei Herzen also ineinanderstecken, wie da stecken hinter oder vielmehr innerhalb der stachlicht rauen Kastanienfrucht drei Kerne, und zwar zuerst der braune Schalkern, in diesem Schalkern das eigentliche Fleisch oder der Fleischkern, und in diesem Fleischkern erst hernach der kleine Keimkern, in welchem erst das Leben eingeschlossen ist, und in diesem die unendliche Mannigfaltigkeit und endlose Vielheit seiner selbst.
HG|2|72|12|0|Das äußere Herz aber zersprang bald und fiel alsbald abgelöst hinab in eine endlose Tiefe, da es vollends vernichtet wurde; und das war das äußere Fleischherz des Leibes.
HG|2|72|13|0|Das inwendigere, substantielle Herz aber blieb und erweiterte sich beständig, darum es das innerste, überstark leuchtende Keimherz also nötigte, dieweil es selbst fort und fort wuchs und also auch stets größer wurde, wie da der Keim eines in die Erde gelegten Samens sich stets erweitert und zwar so lange fort, bis aus ihm dasteht ein mächtiger Baum.
HG|2|72|14|0|Also auch war es auch mit diesem meinem innersten Keimherzen der Fall. Anfangs nur sah es aus, als wäre es ein Herz; als es aber dann stets größer und größer wurde, da bekam es auch immer mehr und mehr eine menschliche Gestaltung, und nur gar bald erkannte ich mich selbst in diesem neuen Menschen, der da geworden ist aus diesem meinem ehemals inwendigsten lichten Keimherzen.
HG|2|72|15|0|Beim Anblick dieses Menschen aber dachte ich mir: ‚Hat etwa dieser neue Herzmensch in mir denn auch noch ein Herz in sich?‘
HG|2|72|16|0|Und siehe da, alsbald wurde ich in diesem neuen Menschen gewahr, dass auch er noch ein Herz in sich barg!
HG|2|72|17|0|Dieses Herz aber sah aus wie eine Sonne, und deren Licht war stärker denn das Licht der Tagessonne tausendfach genommen.
HG|2|72|18|0|Als ich aber dieses Sonnenherz stets mehr und mehr betrachtete, da entdeckte ich auf einmal in der Mitte dieses Sonnenherzens ein kleines, Dir, o heiliger Vater, vollkommen ähnliches, lebendiges Abbild, – wusste aber nicht, wie solches möglich.
HG|2|72|19|0|Da ich aber darüber nachdachte, da ergriff mich auf einmal eine unaussprechliche Wonne, und Dein lebendiges Bild öffnete alsbald den Mund und redete zu mir aus dem Sonnenherzen des neuen Menschen in mir folgendes:
HG|2|72|20|0|‚Richte empor nun deine Augen, und du wirst bald gewahr werden, woher und wie Ich in dir nun lebendig wohne!‘
HG|2|72|21|0|Und ich richtete alsbald meine Augen aufwärts und erschaute sogleich in einer endlosen Tiefe der Tiefen der Unendlichkeit ebenfalls eine unermesslich große Sonne und in der Mitte dieser Sonne aber dann bald Dich Selbst, o heiliger Vater!
HG|2|72|22|0|Von Dir aus aber gingen endlos viele überlichte Strahlen, und einer dieser Strahlen fiel in das Sonnenherz im neuen Menschen in mir und bildete also Dich Selbst lebendig in mir.
HG|2|72|23|0|Bald darauf aber streckte der neue Keimherzmensch seine Arme aus und wollte mich äußeren Menschen gefangen nehmen.
HG|2|72|24|0|Ich aber erschrak darüber, und dieser Schreck warf mich wieder in mein altes Haus zurück.
HG|2|72|25|0|Das früher entwichene Fleischherz kam wieder aus der Tiefe gestiegen und umlagerte sogleich wieder die zwei inneren Herzen; als solches geschehen, ward mir wieder die Außenwelt sichtbar und alles Innere verschwand.
HG|2|72|26|0|Und somit ist das auch alles, was ich in mir gesehen, empfunden und gehört habe.
HG|2|72|27|0|O heiliger Vater, nimm diese meine sicher unvollkommenste Erzählung gnädigst auf, und ergänze nach Deinem heiligen Willen das Unvollkommene daran; Dein Wille! Amen.“
HG|2|73|1|1|Die Vielfalt des geistigen Lebens
HG|2|73|1|1|Am 23. April 1842
HG|2|73|1|0|Als damit der Oalim seine Gesichtserzählung beendet hatte, da fingen alle die Väter an, sich hoch zu erstaunen, und einer sagte zum anderen: „Nein, man kann es beinahe kaum mehr ertragen! Das hohe, geistig Wunderbare übersteigt hier alle unsere denkbaren Begriffe!
HG|2|73|2|0|Man sollte es glauben, dass da jeder Mensch in sich doch notwendig eines und dasselbe finden sollte; aber welche endlose Verschiedenheit in der Erscheinung!“
HG|2|73|3|0|Abedam, der andere, aber schlich sich heimlich zum Henoch hin und sagte zu ihm, ihn gleichsam fragend:
HG|2|73|4|0|„Höre du, mein lieber Bruder Henoch, mir wird nun schon trotz aller meiner Geweckt- und Berufenheit ganz finster vor allen meinen Sinnen!
HG|2|73|5|0|Sage mir doch, ob du dich dabei auskennest! Ich möchte gerade in die Erde sinken, jetzt haben sechs von diesen Kundschaftern, die da alle vom Seth abstammen, ihre inneren Gesichte kundgegeben; aber was ganz anderes hat ein jeder in sich gefunden!
HG|2|73|6|0|Wie ist’s demnach mit dem geistigen Leben in der geistigen Welt?
HG|2|73|7|0|Werden denn da die Geistermenschen nimmer also gemeinschaftlich mit- und untereinander leben wie wir hier auf der Erde?
HG|2|73|8|0|Denn so ein jeder in sich seine eigene und ganz eigentümliche Welt trägt und birgt, so fragt sich da: ‚Werden auf dieser jedes Menschen eigenen Welt auch zum Beispiel seine Brüder Platz haben, oder werden sie sich mit ihrer endlosen Welt wohl einander nahen können?
HG|2|73|9|0|Oder werden sie diese ihre nur für sich selbst bewohnbare eigene Welt allzeit, wenn sie sich werden jemandem nahen wollen, also in sich einziehen, wie ungefähr die Schnecke ihre Hörner einzieht, so sie von irgendeinem fremden Gegenstand berührt werden?‘
HG|2|73|10|0|Siehe, lieber Bruder Henoch, das sind Dinge und Verhältnisse, die in mir sich noch viel weniger ordnen wollen als ein Brennberg in vollen Flammen, Blitzen, Krachen, und ein Gefäß voll sauer gewordener Kuhmilch!
HG|2|73|11|0|Ich muss dir gestehen, je mehr ich nun darüber nachdenke, desto verwirrter werde ich und, wie bei mir schon von alters her gewöhnlich, auch desto dümmer!
HG|2|73|12|0|Wenn du irgendein Licht hast in solchen rein geistigen Dingen, da lasse mir auch nur ein Fünklein zukommen; denn zu Ihm getraue ich mich jetzt nicht hinzugehen, darum Er also eifrigst Sich mit den zwölfen beschäftigt.
HG|2|73|13|0|Es zieht mich zwar sehr zu Ihm hin; aber weißt du, es ist denn doch so eine etwas gewagte Sache! Ohne einen tüchtigen Putzer dürfte es bei meiner noch sehr stark vorwaltenden Dummheit nicht ablaufen; und glaube es mir, es wird einem denn doch allzeit ganz sonderbar zumute, wenn man so von Ihm geputzt wird!
HG|2|73|14|0|Daher sage mir wenigstens nur drei Worte, damit ich nicht gar so dumm dastehe und blind anhöre, was alles da verkündet wird; doch, wie du es willst! Amen!“
HG|2|73|15|0|Als aber der bekannte Abedam noch kaum das letzte Wort ausgesprochen hatte, da war auch schon der hohe Abedam in der Mitte zwischen Abedam, dem bekannten, und dem Henoch und fragte den Henoch:
HG|2|73|16|0|„Geliebter Henoch, was willst du auf dieses Unkraut von einer Frage von Seiten Meines Namensgefährten für eine Antwort geben?“
HG|2|73|17|0|Und der Henoch erwiderte: „Heiliger Vater, ich glaube, wo kein Baum steht, wird der Wind auch wenig zu entwurzeln haben!
HG|2|73|18|0|Abedams Fragen sind meines Erachtens zu sehr luftig und also gestaltet, dass außer Dir, Du heiliger, lieber Vater, wohl schwerlich jemand je eine Antwort darauf finden wird!“
HG|2|73|19|0|Der bekannte Abedam aber fiel alsbald vor dem hohen Abedam nieder und sagte flehentlich:
HG|2|73|20|0|„O Du, unser aller lieber, heiliger Vater! Vergebe mir armem, dummem Tropf nicht nur vor Dir, sondern vor allen Vätern, Müttern, Brüdern und Kindern beiderlei Geschlechtes; denn sicher habe ich nun durch diese meine extra ungewöhnlich unzeitigen Fragen eine unermesslich große Dummheit begangen!
HG|2|73|21|0|Aber was kann ich denn anderes tun bei solch unbegreiflich, unerhört wunderbaren Erscheinungen durch Deine unendliche Güte, Liebe und Gnade?!“
HG|2|73|22|0|Der hohe Abedam aber sagte zu ihm, ihn beruhigend: „Abedam, stehe auf, und sei ruhig! Deine Fragen sind zwar ein bares Unkraut der materiellen Welt; aber auch die Dornen und die Disteln sind von Mir erschaffen worden, damit sie euch durch ihre Stacheln wecken sollen, wenn ihr so irgendwann in den Tag hinein blind über den Erdboden dahinrennt und nicht wisst, wohin ihr geht, warum ihr geht, und was ihr wollt.
HG|2|73|23|0|Siehe, also sind auch deine Fragen! Glaube ja nicht, dass sie eigentlich auf deinem Grund und Boden gewachsen sind, sondern Ich Selbst habe sie in dir darum aufschießen lassen, damit du dadurch geweckt werden sollst aus deinem alten, stets wiederkehrenden Schlaf und wenigstens ein Bedürfnis in dir selbst gewahren, dass dein innerer Mensch erwache und mit seinem Urlicht endlich einmal gefangen nehme dich samt deiner Nacht.
HG|2|73|24|0|Damit du aber die große Dummheit deiner Frage vollends ersiehst, und zwar mit einem Schlag, so sage Mir aus dir selbst: Was sind denn all die geschaffenen Dinge vom Grunde aus?“
HG|2|73|25|0|Hier stutzte der bekannte Abedam und sagte endlich: „Ja, soviel ich es durch Dich weiß, Du lieber, heiliger Vater, da sind sie ja lediglich nichts anderes als nur allein festgehaltene Gedanken aus Dir!“
HG|2|73|26|0|Und der hohe Abedam erwiderte darauf: „Du hast gut geantwortet; sage Mir aber darum auch noch hinzu, ob Ich selbe, gleich wie die Schnecke ihre Hörner, einziehen muss, so Ich Mich euch Kindern wie jetzt nahen und euch allen vors Gesicht treten will!“
HG|2|73|27|0|Hier stutzte der bekannte Abedam noch ärger – und blieb still.
HG|2|73|28|0|Der hohe Abedam fragte ihn noch einmal: „Und so du Gedanken hast oben und unten und allerlei Begierden aus diesen deinen Gedanken, sage Mir, wann waren diese dir noch ein Hindernis, dass du dich denen zufolge niemandem nahen konntest?! Und doch sind eben diese deine inneren Gedanken deine innere Geistwelt selbst; und wenn du jemandes gedenkst, so ist der schon im Geiste bei dir!“
HG|2|73|29|0|Und der Abedam, der bekannte, erwiderte flehentlich: „O heiliger Vater, vergebe, vergebe mir armem Tropf; denn meine Dummheit ist wahrlich groß!
HG|2|73|30|0|Jetzt wird mir schon alles klar!“ – Der hohe Abedam aber sagte darauf zu ihm:
HG|2|73|31|0|„So gehe denn auf deinen früheren Platz, und habe Acht auf das, was da noch kommen wird, so wird hinfort kein Unkraut von den allertörichsten Fragen in dir aufkeimen!
HG|2|73|32|0|Denn darum lasse Ich ja eben die zwölf ihre Gesichte kundgeben, damit ihr in alle Zukunft vor jeglichem Zweifel verwahrt sein und bleiben sollt, jetzt wie ewig! Amen.
HG|2|73|33|0|Verstehe dieses wohl! Amen.“
HG|2|74|1|1|Die Gotteslehre muss durch das lebendige Zeugnis des Herrn im Herzen bestätigt werden
HG|2|74|1|1|Am 25. April 1842
HG|2|74|1|0|Nachdem aber Abedam, der bekannte, solche Lektion empfangen hatte, da ward er vollkommen zufrieden, fiel dem hohen Abedam zu den Füßen, dankte Ihm mit aller Inbrunst seines Herzens, richtete sich dann wieder auf und ging auf seinen früheren Platz hin.
HG|2|74|2|0|Der hohe Abedam aber richtete alsbald Seine Augen hin auf den Oalim wieder und sagte zu ihm und somit auch zu allen den Vätern:
HG|2|74|3|0|„Höre nun du, Mein geliebter Oalim, und beachte es wohl ein jeder in sich, was Ich euch hier sagen werde!
HG|2|74|4|0|Denn das ist ein allerwichtigstes Ding; dass ihr das wohl erfasst im Herzen!
HG|2|74|5|0|Obschon ihr, die ihr Mich mit euren Augen seht, und mit euren Ohren hört, dessen nun nicht mehr bedürft, so werden aber gar viele euch noch nachkommen, die es dann allernötigst werden haben müssen, so sie Mich werden kennen und in ihrem Herzen lebendig gläubig behalten wollen.
HG|2|74|6|0|Bei denen aber diese Lehre vernachlässigt wird, die werden Mich verlieren aus allen ihren inneren Sinnen und werden sich darüber aus der groben Materie Götter machen und werden sie an Meiner statt anbeten; einige aber werden tun, wie nun schon tut der Lamech in der Tiefe.
HG|2|74|7|0|Daher also beachtet und behaltet wohl die folgende große, heilige Lehre!
HG|2|74|8|0|Solches aber will Ich euch jetzt lehren über das Gesicht Oalims:
HG|2|74|9|0|Siehe und sehet; höre und höret! Der Mensch, der Mich nicht sah und hörte, wie ihr jetzt, kann von Mir lediglich nichts wissen, außer was er gehört hatte von seinen nächsten Vormenschen.
HG|2|74|10|0|Also war es auch bei euch bis jetzt der Fall, da außer dem Adam und der Eva niemand Mich je gesehen und gehört hatte – außer durch den Mund Adams und der Eva, die da Mich gesehen und gehört haben, und einigen wenigen Zeitgenossen Ahbels, die da Meine Stimme durch Meinen Engel vernommen haben.
HG|2|74|11|0|Wie es aber euch ergangen ist bis auf diese Zeit, also wird es wieder euren Nachkommen ergehen, die Mich da nur durch euren Mund werden, aber eigentlich besonders nur durch eure Herzen sollen tätig kennenlernen.
HG|2|74|12|0|Was aber könnt ihr euren Kindern von Meinem Dasein denn für Beweise geben, so Ich Mich ihnen nicht auch zeige und zeigen kann und darf, wie nun euch?
HG|2|74|13|0|Ihr könnt ihnen nichts anderes tun, als nur oft genug sagen, dass Ich zwar allenthalben da bin unsichtbar, wohne aber eigentlich dennoch irgendwo über allen Sternen in einer endlosen Höhe der Höhen, oder Tiefe der Tiefen, und dass ihr Mich wesenhaft gesehen habt.
HG|2|74|14|0|Werden eure Kinder aber auch ihren Kindern eine solche Lehre von Mir geben können, da sie keine Zeugen waren Meiner Sichtbarkeit?
HG|2|74|15|0|Seht, so sie lehrten als Zeugen, da müssten sie ja vor Scham rot werden, und ihre Kinder würden es ihnen ja doch gar bald ankennen, dass ihnen ihre Eltern eine Unwahrheit gesagt haben!
HG|2|74|16|0|Daher müssen sie ihnen sicher doch nur euch als Zeugen Meines Daseins aufstellen, – und so fort auf Kinder und Kinder, und Kinder und Kinder.
HG|2|74|17|0|Wenn aber dadurch die Zeugen stets mehr und mehr veralten werden und lange, lange, lange nicht mehr da sein werden und von den späteren Nachkommen sogar das Dasein der einstmaligen Zeugen selbst bezweifelt wird, sagt, wie wird es da mit der Lehre von Mir aussehen?
HG|2|74|18|0|Wird am Ende nicht auch deren Echtheit samt eurem Dasein bezweifelt werden?
HG|2|74|19|0|Und was werden diese Menschen dann tun, wenn für die Echtheit dieser Meiner gegenwärtigen Lehre niemand mehr einen gültigen und haltbaren Beweis wird aufzustellen imstande sein?
HG|2|74|20|0|Ich sage euch, da wird sich dann bald ein jeder nur etwas mächtigere Mensch einen naturmäßigen Gott machen und wird ihn mit seinen Hauptleidenschaften ehren und wird endlich seine Brüder mit Gewalt zwingen, diesem seinem Gott zu huldigen und zu opfern.
HG|2|74|21|0|Wenn aber solches zustande gebracht wird, so wird durch solche Abgötterei auch alles hinabsinken in die allertiefste Nacht des Verderbens und des ewigen Todes, und Ich werde dann gezwungen werden, mit feurigen Schwertern und flammenden Ruten zu richten die in den Tod gesunkene Welt, um sie wieder so weit zu beleben, dass sie fähig werde eines anderen Gerichtes; und da wird aus Tausenden kaum einer zur Freiheit gelangen, oder – was ebenso viel heißt – Tausende werden da kaum das freie Leben eines einzelnen haben, und ihr Wohnort wird heißen Materie.
HG|2|74|22|0|Ich meine aber nun, ihr werdet in die Genüge haben, um einzusehen, dass alle Lehre vom Munde zu Munde kein nütze ist und also auch die vom Herzen zu Herzen, wenn sie nicht durch eine innere heilige Zeugenschaft auf das Lebendigste bestätigt wird.
HG|2|74|23|0|Ja wahrlich, sage Ich euch, die Lehre mag an und für sich noch so wahr, gut und schön sein, wenn sie aber auf den alleinigen Glauben angewiesen wird, der da nichts als die alleinige schale Überlieferung zum Grunde und die Blindheit des Herzens zum zeugenden Beweis für die Echtheit der Lehre hat, so ist die Lehre alles dessen ungeachtet zu nichts nütze!
HG|2|74|24|0|Ihr aber seid schon überschwach geworden, da doch alle eure Urlehrer noch am Leben sind; wie wird es denn hernach erst jenen ergehen, die über eure jetzige Existenz selbst in den blindesten Kampf geraten?!
HG|2|74|25|0|Daher sage Ich euch noch einmal, dass da keine Lehre zu etwas nütze ist, wenn ihre Satzungen nicht durch Mein lebendiges Zeugnis in jedes Menschen Herzen können bestätigt werden!
HG|2|74|26|0|Im Oalim habt ihr dieses lebendige Zeugnis ganz vollkommen dargestellt gefunden. Also ist es hernach auch zu nehmen, dass ihr zwar Meinen Namen und Meine urewige Gnade, Heiligkeit und liebevollste Wesenheit lehrt den Kindern schon aus eurem Munde auf die Art, wie Ich es euch nun bis zur Genüge schon gezeigt habe; aber nur lasst es nicht bei der alleinigen Lehre bewendet sein, sondern sorgt eifrigst dafür, dass diese Lehre bei ihnen alsbald übergehe zur vollen, lebendigen Tat, und seid versichert, dass da jeder, der in und an sich diese Lehre ernstlich tätig aufnehmen wird, alsbald das große, lebendige, heilige Zeugnis Oalims in sich finden wird, welches da überstark leuchtend zeugen wird von der lebendigen Echtheit dieses Meines nun an euch alle gerichteten Wortes!
HG|2|74|27|0|Seht, Oalim fand im dritten Keimherzen, nachdem es sich gestaltet hatte zu einem Menschen, noch ein Sonnenherz und in diesem Herzen endlich Mich Selbst, wie ihr das erwärmende Bild der Sonne in jeglichem Tautropfen findet; und dieses Mein Bild in ihm redete gleich Mir in ihm, und dessen Wort zeugte ihm Mich als den ewigen, heiligen Vater in der Höhe Meiner unendlich heiligen Göttlichkeit!
HG|2|74|28|0|Dieser innere Mensch Oalims wollte schon eins werden mit dessen äußerem substanziellen und zu einem Teil auch mit dessen gar äußerem materiellen Menschen; allein dazu war der Oalim noch nicht reif.
HG|2|74|29|0|Ihr aber sollt alles dieses erfahren erst in eurer Vollreife, aber dann bleibend ewig.
HG|2|74|30|0|Eben also auch tuet und lehret danach eure Nachkommen, so werdet ihr ihnen ein bleibendes Zeugnis von der Echtheit dieser Meiner Lehre überliefern, und dieses Zeugnis wird ihnen sein zum Lohn, darum sie diese Worte tätig beherzigt haben, für alle Zeiten der Zeiten.
HG|2|74|31|0|Wer aber dieses Zeugnis in sich wird finden, der hat auch das ewige Leben schon empfangen aus Mir, das ihm da ewig nimmer wird genommen werden.
HG|2|74|32|0|Seht, solches alles besagt das wahre Gesicht Oalims; doch was da noch ferner zu verstehen ist und auch wohl zu beachten, solches sollen euch die Gesichte der noch Folgenden kundgeben, und so lasst uns zu dem Behufe auch den Thuarim vernehmen! Amen.“
HG|2|75|1|1|Thuarims Gesicht. Die entsetzliche Feuerqual
HG|2|75|1|1|Am 26. April 1842
HG|2|75|1|0|Und alsbald berief der hohe Abedam den Thuarim zu Sich und sagte zu ihm: „Thuarim, du bist berufen, – mehr brauche Ich dir nicht zu sagen; daher tue ohne Furcht und Scheu Meinen Willen! Amen.“
HG|2|75|2|0|Und der Thuarim ging zagenden Mutes hin zum hohen Abedam, dankte Ihm in aller Inbrunst seines Herzens und begann aber dann sogleich sein Gesicht kundzugeben vor Mir und all den Vätern.
HG|2|75|3|0|Also aber war das Gesicht beschaffen, und also lautete es aus dem Munde Thuarims:
HG|2|75|4|0|„O Du unser aller heiliger Vater, der Du bist voll Liebe und Erbarmung, das war eine harte Prüfung für mich armen, blinden Sünder vor Dir, o Jehova!
HG|2|75|5|0|Du weißt es, wie es mir ergangen ist in diesen wenigen Augenblicken; aber die Väter wissen es nicht, und so will ich es denn nach Deinem heiligen Willen getreu kundgeben, was mich durch diese wenigen Augenblicke gepeinigt hat also unerträglich lange scheinend, als hätten mich schon alle Ewigkeiten mit ihren unendlichen Armen umschlossen.
HG|2|75|6|0|Also aber war dieser mein schauderhafter Zustand beschaffen: Als ich heimlich etwas ärgerlich darüber nachdachte, gleichsam mir selbst sagend: ‚Was soll das heißen: in mich selbst schauen? Klingt das nicht wie ein barster Unsinn? So Du unser Schöpfer bist, da musst Du ja doch wohl wissen, wozu Du einem die Augen gegeben hast?!
HG|2|75|7|0|Bis jetzt hat noch jedermann sich derselben nach außen hin bedient; wie soll ich jetzt denn auf einmal dieselben gänzlich umkehren, was mir rein unmöglich ist, und in mich hineinschauen und daselbst erfahren, wie es da aussieht in meinem Leib?!‘
HG|2|75|8|0|Ich versuchte darauf wirklich eine Zeit lang die Augen soviel nur immer möglich zu verdrehen, dass mir darob förmliche Feuerflammen aus den Augen brachen gleich feurigen Kreisen und ich gar gewaltig davor erschrak. Aber alles das war dennoch ein ganz vergebliches Abmühen; denn so ich meine Augen wieder zur gewöhnlichen Ruhe brachte, da sah ich dennoch nichts anderes als nur das, was da außen um mich her sich befindet.
HG|2|75|9|0|Ich sah auch bald den einen und bald den anderen von meinen Brüdern an, konnte aber an keinem etwas entdecken, das mir als etwas ganz Besonderes hätte auffallen können.
HG|2|75|10|0|Da ich somit durchaus nichts habe finden können, da ward ich dann doppelt ärgerlich und dachte mir wieder dabei: ‚Das ist sicher nichts anderes als eine pure Versuchung an meinem Verstand!
HG|2|75|11|0|Aber so dumm bin ich ja dennoch nicht, als man vielleicht der guten Meinung ist!
HG|2|75|12|0|Daher gebe ich nach als der offenbar Verständigere und lasse die anderen ungestört ihrer Narrheit über, so sie eine Freude daran haben; ich aber bleibe bei meiner guten, alten Ordnung!
HG|2|75|13|0|Es soll in sich schauen, wer da will, mag und kann; ich aber gebrauche mein Augenpaar lieber zu dem Zweck, für welchen sie mir vom Schöpfer aus verliehen wurden!‘
HG|2|75|14|0|Und also kam ich wieder aus meinem Ärger heraus und ward ruhig.
HG|2|75|15|0|Aber meine vermeintliche Ruhe dauerte nicht lange; denn die Erde unter meinen Füßen wurde bald so locker wie ein leichter, trockener Sand oder wie frisch gefallener Schnee, und ehe ich mich versehen konnte, war ich schon begraben im tiefsten Abgrund der Erde!
HG|2|75|16|0|Da ward es denn überfinster um mich her, und ich konnte mir mit den Händen kaum so viel Raum vor dem Mund machen, dass ich allersparsamst atmen konnte.
HG|2|75|17|0|In dieser allergrößten Not dachte ich dennoch an Dich, Du heiliger Vater, und flehte um Hilfe und Rettung Dich an.
HG|2|75|18|0|Allein mein Flehen verlor sich in den endlos nach allen Seiten mich umgebenden Sand, und anstatt, dass mir da eine Rettung wurde, sank ich nur stets tiefer und tiefer hinab in den grundlosen Sand der Erde; und als ich ganz verzweifelt also sank und sank, da kam mir denn auf einmal ein gar ekliger Geruch entgegen, und der war ärger, ja der war unaussprechlich ärger denn jeder Gestank auf der Erde, den je meine Nüstern empfunden haben!
HG|2|75|19|0|Und siehe, da auch hatte bald der Sand ein Ende! Ich war des froh, denn ich dachte mir da: ‚Es ist sicher die Errettung über mich gekommen!‘
HG|2|75|20|0|Aber wie unaussprechlich entsetzlich wurde ich in dieser meiner frohen Erwartung getäuscht!
HG|2|75|21|0|Denn jetzt fing erst ein Elend an, für das ich wahrlich keine Worte finde, um es genügend darzustellen.
HG|2|75|22|0|Nur so viel kann ich sagen, dass ich da, wo der Sand aufhörte, alsbald in einen heißen Schlamm sank, der da stets heißer und stinkender wurde, je tiefer ich sank.
HG|2|75|23|0|O Du heiliger Vater! Welche entsetzliche Not und Angst ich da ausgestanden habe, als ich merkte, dass das Sinken nimmer ein Ende nehmen wollte und der Schlamm selbst anfing, sich in eine glührote Asche umzuwandeln und diese endlich selbst wieder in ein ganz weißglühendes Chaos gleich dem, das da öfter den brennenden Bergen entströmt, – wäre mir unmöglich mit der Zunge zu schildern!
HG|2|75|24|0|Diese glühflüssige Materie verursachte mir den allerunausstehlichsten, brennendsten Schmerz und vermehrte dadurch meine unaussprechlichste Qual ums Unendlichste, da mich diese ewige Glut dennoch unverzehrt ließ und nicht ein einziges Haar auf meinem Haupt zerstören wollte oder konnte!
HG|2|75|25|0|Hier konnte ich nicht mehr bitten und beten, sondern mein ganzes Wesen war da ein Fluch über alles, was mir zu einem so elendsten Dasein verhalf!
HG|2|75|26|0|Aber je mehr ich ergrimmte, desto tiefer in das stets heißer und heißer werdende Glühmeer sank ich hinab!
HG|2|75|27|0|Als es also denn stets schrecklicher und schrecklicher ward, da rief ich in der allerfurchtbarst erschrecklichsten Verzweiflung aus:
HG|2|75|28|0|‚Gott, Du schrecklich grausamstes Unding! So Du irgendwo bist, da vernichte mich; denn für dieses Dasein kann ich Dir nicht einmal fluchen, geschweige erst danken!
HG|2|75|29|0|O Du elender, allererbärmlichster Gott! Welchen Reiz kann Dir denn das gewähren, darum Du mich erschufst für solche Qual?!‘
HG|2|75|30|0|Und siehe, als ich also erschrecklich rief und schrie, da vernahm ich denn plötzlich einen starken Donner, und der Donner rief und redete zu mir:
HG|2|75|31|0|‚Elender, Ohnmächtiger! Warum fluchst du Mir, deinem Vater?!
HG|2|75|32|0|Siehe, Ich zeuge dich nun im Feuer Meiner unendlichen Liebe zu einem ewig unsterblichen Wesen, das da Mir vollends ähnlich sein soll, und führe dich an Meiner Vaterhand, auf dass auch nicht ein Härchen deines Hauptes zugrunde gehen soll, und habe die ganze Dauer dieser deiner Liebefeuerprobe nur auf drei Augenblicke lang nach irdischer Rechnung bestimmt, und schon hast du darum den schrecklichsten aller Flüche über Mich ausgesprochen! Was soll Ich nun mit dir tun?‘
HG|2|75|33|0|Und ich erwiderte darauf: ‚O Du überheiliger Vater! Vernichte mich, denn nun bin ich des Daseins nicht mehr wert, da ich Dir geflucht habe!‘
HG|2|75|34|0|Da umwandelte sich das Glutmeer plötzlich in ein sanftes Licht, und aus diesem Licht vernahm ich wieder Worte, die also lauteten:
HG|2|75|35|0|‚Siehe, Ich, dein Vater, fluche nicht und will vergessen, was du Mir angetan hast; denn was du jetzt gesehen, war dein stetes Verhältnis auf der Erde zu Mir. Aber erkenne jetzt doch, dass Ich, dein Vater, es bin und ziehe dich zum ewigen Sein durch all deinen Lebenstrugsand, durch deinen Weisheitsschlamm und durch deine arge Glut in das reinigende Feuer Meiner Vaterliebe, und endlich durch dieses zum reinsten Licht des ewigen Liebeslebens in Mir!
HG|2|75|36|0|Und so kehre denn mit diesem Bewusstsein wieder zurück auf die Erde, allda Ich deiner harre! Amen.‘
HG|2|75|37|0|Und ich ward wieder plötzlich hier.
HG|2|75|38|0|O Du heiliger Vater, hier bin ich wohl, – aber wie bin ich nun vor Dir?
HG|2|75|39|0|O wenn es doch möglich wäre, dass Du mir vergäbst die größte Unbill, die ich Dir angetan habe, dann möchte ich ja darum tausend Jahre die höchste Feuerqual ausstehen!
HG|2|75|40|0|O vergebe, vergebe mir größtem Sünder! Doch, was bitte ich? Ich bin ja Deiner ewig nicht mehr wert!“
HG|2|76|1|1|Abedam erklärt Thuarims Gesicht. Der Kampf zwischen dem Weltverstand und dem Herzen
HG|2|76|1|1|Am 28. April 1842
HG|2|76|1|0|Nach vollendeter Erzählung aber, da der Thuarim zu weinen anfing aus großer Reue wegen der vermeintlichen großen Unbill, die er Mir angetan habe, ergriff Ich als der hohe Abedam alsbald seine Hand und sagte dann zu ihm:
HG|2|76|2|0|„Höre und verstehe, du, Mein lieber Thuarim, was du getan hast in deinem Gesicht, gereicht dir so wenig zu einer Sünde, als es einem von irgendeiner Berghöhe herabstürzenden Stein zur strafbaren Schuld gerechnet werden kann, so durch seinen mächtigen Fall irgendein Unheil angerichtet worden wäre.
HG|2|76|3|0|Daher magst und kannst du wohl ruhig sein; denn solchen Sinn hat dein Gesicht nicht, und die Worte, die du in dir vernommen hast, gehen nicht etwa wesentlich nur dich an, sondern da hat alles einen allgemeinen Sinn, und die Worte gelten jedermann.
HG|2|76|4|0|Du aber warst von Mir ja nur berufen, solches zu erschauen im Geiste in dir, aber nicht, als hättest du darob müssen ein Fehl begehen gegen Mich.
HG|2|76|5|0|Damit du aber solches Gesicht nicht ohne Nutzen für alle die Nachwelt geschaut hast, so höre und verstehe denn, und also auch ihr alle, was dieses Gesicht besagt! Solches aber ist dessen Sinn:
HG|2|76|6|0|Dein äußerer Versuch, mit den Leibesaugen in dich zu schauen, stellt das törichte Abmühen des Weltverstandes vor, da er in geistige Verhältnisse eindringen will, während er doch von nichts als nur von lauter materiellen Begriffen sich selbst bildend zusammengestellt ist, das heißt, er ist nichts als bloß nur ein Aufnahmeorgan der Seele, durch welches diese zur Anschauung der Außenwelt gelangt.
HG|2|76|7|0|So er aber nur das ist, wie sollte er hernach können Geistiges erschauen und, wie gestaltet dasselbe ist, in sich erfassen?
HG|2|76|8|0|Die feurigen Kreise aber, die deine Augenverdrehung hervorgebracht hatte, bedeuten die sogenannten Witzfunken des Weltverstandes, welche ihm aber fürs geistige Schauen ebenso viel nützen wie die Feuerkreise den naturmäßigen Augen, – das heißt, er wird dadurch geradeso wenig schärfer und gesünder wie das naturmäßige Auge durch derlei Anstrengungen und Quetschungen.
HG|2|76|9|0|Siehe, das ist der Anfang deines Gesichtes, und das geht nicht dich an in diesem deinem inneren Zustand, sondern die ganze Welt, darum Ich dich nun ihr zu einem Propheten gebe auf diese Art, wie du es an und in dir erfahren hast.
HG|2|76|10|0|Du warst aber dabei ärgerlich, und zwar einmal sogleich, als Ich euch beheißen habe, dass ihr alle in euer Inneres schauen sollt, und dann, als du deine Versuche gemacht hast und dennoch nichts auszurichten vermochtest.
HG|2|76|11|0|Siehe, auch dieser Ärger war kein natürlicher Ärger mehr, sondern er kam darum über dich, auf dass da angedeutet würde der Hochmut des Weltverstandes, der da nie ein Gefangener sein will in der Wahrheit, sondern frei und ein Herrscher bei allem Mangel des Lichtes und sich nur dann glücklich wähnend, so von allen Seiten seiner Dummheit gehuldigt wird, und ruhig nur dann, wenn er mit Spott und Hohn seinen Brüdern auf den Köpfen, sich herablassend, herumsteigt!
HG|2|76|12|0|Siehe, solches geht dich auch nun nicht mehr an; denn darum habe Ich dich zu einem Propheten gemacht, dieweil du keine Schuld in deinem Herzen hattest!
HG|2|76|13|0|Solches alles bedeutet sonach dein Gesicht bis dahin, als du in den Sand zu sinken anfingst. Was aber besagt hernach der Zustand, da dich die Nacht des Sandes in sich begrub und du dann stets tiefer sankst und hattest Not mit dem Atem und batest um Errettung; es wurde dir aber keine zuteil?
HG|2|76|14|0|Siehe, hier fängt schon deine innere Erklärung an zu wirken und zu leuchten!
HG|2|76|15|0|Der Sand aber bedeutet alle die Weltwisstümlichkeiten, wenn sie anfangen, vollends das Herz der Seele gefangen zu nehmen, wodurch dann dieses in große Angst und Verwirrung gerät ob des Druckes und der Nacht, was alles der Verstand über das arme Herz verhängt.
HG|2|76|16|0|Da auch wehrt sich das Herz nach aller Möglichkeit und schiebt den Sand vom Mund weg und macht sich einen sparsamen Luftraum und sehnt sich flehentlich nach der Errettung.
HG|2|76|17|0|Aber der überreiche, nie zu wenig habende Weltverstand lässt sich da sein Recht nicht mehr nehmen, versandet das Herz nur noch mehr und mehr.
HG|2|76|18|0|Da aber dann das Herz ungeduldig wird und anfängt zu verzweifeln, und der Verstand sieht, dass es ihm unmöglich wird, über dasselbe zu siegen, da lässt er es endlich sinken in den Schlamm derjenigen Begierden, welche er selbst lange eher schon irgendwann in dasselbe geschoben hatte.
HG|2|76|19|0|Hier erfährt dann erst das Herz die vollste Unzulänglichkeit desjenigen und die barste Schändlichkeit dessen, womit es der Weltverstand bereichert hat.
HG|2|76|20|0|Das Herz fängt da an, sich zu empören gegen den also trüglichen Verstand, und ergrimmt in sich selbst. Siehe den glühenden Chaos-Pfuhl!
HG|2|76|21|0|Da aber dieser scheidende Moment ein allerbitterster – sowohl von Seiten des Herzens, wie nicht minder von Seiten des Weltverstandes – ist, so gerät das Herz darüber in die größte Raserei, da es jetzt gänzlich alles Lichtes bar wird wie der Verstand ohne das Herz alles Wärme- und Zündstoffes für sein Truglicht.
HG|2|76|22|0|Siehe, hier fingst du an, gegen Mich loszuziehen im Herzen und zu fluchen im Verstand!
HG|2|76|23|0|Ich sage dir aber, dass Ich niemals sehe auf die Werke des Verstandes, so ihn das Herz verabschiedet hat.
HG|2|76|24|0|Über das Herz aber gieße Ich dann alsbald Mein heilendes Liebelicht aus, damit da alsbald heile zum ewigen Leben das wunde, zu Mir heimkehrende Herz, wie du solches durch die innere Stimme deutlich vernommen hast.
HG|2|76|25|0|Aber auch solches alles geht dich nichts an, denn dich mache Ich dadurch zu einem Propheten, damit du dadurch zeugen sollst fürder wider alle Welt und ihre Weisheit. Daher sei ruhig, und fürchte dich nimmer; denn Ich habe solches in dir hervorgerufen, damit du allzeit zeugen sollst aus Mir gegen alle Torheiten der Welt! Amen.“
HG|2|77|1|1|Wie die wahre, lebendige Liebe beschaffen sein muss. Das Gleichnis von der Maid und ihrem Liebhaber
HG|2|77|1|1|Am 30. April 1842
HG|2|77|1|0|Nach dieser Lehre Abedams aber wurde der Thuarim überfröhlichen Herzens und wusste sich vor lauter Liebe nicht zu helfen, so zwar, dass er darob die Hand Abedams nimmer auslassen wollte.
HG|2|77|2|0|Der Abedam aber sagte zu ihm bei dieser liebeunzertrennbaren Gelegenheit: „Thuarim, du hast Mich wahrhaft mächtig ergriffen mit deinem Herzen wie mit deinen Händen und bist dadurch schon wieder zu einem neuen Propheten erhoben worden!
HG|2|77|3|0|Denn wahrlich, wahrlich, sage Ich dir und euch allen hier, wer Mich fürder nicht dir gleich ergreifen wird, der wird den Ton Meiner Stimme wohl schwerlich je vernehmen im eigenen Herzen!
HG|2|77|4|0|Wer aber den nicht wenigstens einmal in diesem Erdtraumleben wird vernommen haben, bei dem hat sich das Leben noch nicht eingefunden, und er schwankt noch sehr zwischen Leben und Tod.
HG|2|77|5|0|Und also bedeutet diese deine gegenwärtige Liebe zu Mir die wahre, werktätige, lebendige Liebe. Wer Mich demnach nicht mit dem Herzen und also auch mit den Händen durch gute, Mir wohlgefällige Liebeswerke an seinen Brüdern und Schwestern ergriffen hat, dessen Liebe gleicht noch einer unreifen Frucht, die noch gar leicht eher vom Baum des Lebens durch irgendeinen Stoßwind geworfen werden kann, bevor sie reif wird und zeitig in ihr der Keim des Lebens.
HG|2|77|6|0|Wer aber dann hat die werktätige Liebe, der ist schon reif und wohl zeitig zum ewigen Leben; denn der hat wahrhaft den lebendigen Sinn Meiner Absicht in sich gefunden, welcher da ist Mein ewig lebendiges Wort. Dieses Wort aber ist ja der Keim des ewigen Lebens in ihm!
HG|2|77|7|0|So aber da jemand sich hätte eine Maid erkoren, auf dass sie da möchte werden sein Weib, und liebte sie darob zwar heimlich im Herzen und möchte sie darum auch dann und wann anlächeln, aber ihr die Hand zu reichen, möchte er stets verzögern, – sagt Mir, wird ihm die Maid wohl glauben, dass es ihm ernst sei mit seiner Liebe?
HG|2|77|8|0|Oh, Ich sage euch allen, das wird sie gar fein bleibenlassen; denn sie wird sich sagen: ‚Läge dir im Ernst etwas an mir, so würdest du deine Hände sicher nicht auf dem Rücken tragen, wenn du zu mir kommst, sondern mit offenen Armen würdest du zu mir eilen!
HG|2|77|9|0|Ich aber kenne deine Lau- und verborgene Schalkheit, dass du mehreren meinesgleichen schmeichelst und willst aus uns dir eine ausklauben nach deinem Behagen und nach deiner Liebe Trägheit; daher bleibe mir ferne, denn mein Herz hat dich noch nie erkannt!‘
HG|2|77|10|0|Seht, diese Maid hat ein ganz vollkommen gerechtes Urteil gegen den lauen Liebhaber gefällt! Ich sage euch aber, dass Ich dereinst, nachdem ihr wieder werdet von dieser Erde heimkehren durch den Tod des Leibes in das große Reich des Geistes, nicht um ein Haar anders über euch und eure Liebe zu Mir urteilen werde, als wie da geurteilt hat diese Maid über ihren lauen Liebhaber! Des seid völlig versichert!
HG|2|77|11|0|Wahrlich aber, sage Ich euch, wenn aber dann kommen wird zu dieser Maid ein anderer Liebhaber – wenn sie schon seiner auch eher noch nie gedachte –, sie aber sehen wird, wie er mit offenen Armen zu ihr hineilt, sie grüßt und sie ergreift mit großer lebendiger Hast und sie drückt an seine Brust und küsst sie heiß auf ihre Stirne und sagt dann zu ihr liebebeklommenen Herzens:
HG|2|77|12|0|‚Heißgeliebteste! Was verlangst du von mir, das ich tun soll, auf dass du sähest, wie überaus mächtig groß meine Liebe zu dir ist?!‘
HG|2|77|13|0|Was meint ihr, wird die Maid diesen Liebewerber auch also abspeisen wie den früheren Lauen?
HG|2|77|14|0|O mitnichten, sage Ich euch, sie wird ihn behalten in aller Liebwärme ihres Herzens!
HG|2|77|15|0|Seht, gerade also werde auch Ich es wahrlich machen!
HG|2|77|16|0|Wer Mich ergreifen wird mit Herz und Hand, den werde auch Ich ergreifen mit aller Kraft Meiner Liebe und werde ihn sicher ewig nimmerdar auslassen.
HG|2|77|17|0|Wer es aber mit Mir machen wird gleich dem lauen Brautwerber, wahrlich, es wird ihm von Mir aus nicht um ein Haar besser ergehen, als es da ergangen ist dem lauen Brautwerber!
HG|2|77|18|0|Und also bist du, Mein lieber Thuarim, ein neuer Prophet in der Liebe und zeugst dadurch von Mir aus, wie die wahre, lebendige Liebe muss beschaffen sein, so da jemand durch sie zu Mir gelangen will.
HG|2|77|19|0|Wann aber jemand tun wird diesem deinen sichtbaren Zeichen zufolge im Geiste und aller Wahrheit aus ihm, der wird auch alsbald gelangen im Geiste und aller Wahrheit dahin, da du dich jetzt, solches zeugend prophetisch, befindest.
HG|2|77|20|0|Wer sich aber da befinden wird, der hat den Sinn Meiner Absicht lebendig in sich selbst gefunden.
HG|2|77|21|0|Dieser Sinn aber ist das allereigentlichste ewige Leben aus Mir und in Mir!
HG|2|77|22|0|Du aber bist für dich nun schon in dem Sinne, von dem du nun auch äußerlich zeugst, und also ist die große Bestimmung getroffen und vollbracht.
HG|2|77|23|0|Es sind aber noch große Dinge verborgen; daher lasst uns auch den Rudomin vernehmen und wohl beachten, was denn er alles gesehen und vernommen hatte in sich! Amen.“
HG|2|78|1|1|Rudomins Gesicht. Die gewaltige Größe der Kinder Gottes
HG|2|78|1|1|Am 2. Mai 1842
HG|2|78|1|0|Nach diesen Worten entließ der Abedam den Thuarim äußerlich, aber nicht also etwa auch innerlich; und der Thuarim, fast ganz in Liebe und Dank aufgelöst, ließ somit zwar wohl auch äußerlich die Hand des Abedam aus, klammerte sich aber eben darum desto krampfhaft fester im Herzen an dieselbe an und ging dann in solcher lebendiger Verfassung einige Schritte zurück, und zwar auch gleich dem Sehel rücklings, damit er ja kein Auge abwendete von Dem, den sein Herz nun erkannt hat, dass Er heilig, heilig, heilig ist und voll der allerhöchsten Vaterliebe.
HG|2|78|2|0|Als er nun wieder seine vorige Stelle erreicht hatte unter seinen Brüdern, da berief der Abedam alsbald den Rudomin, sagend nämlich: „Rudomin, komme und rede und zeuge aus dir! Amen!“
HG|2|78|3|0|Und alsbald trat der sehr große Rudomin hervor aus seiner Brüder Mitte und stand da gleich einer Himmelssäule, ganz starr vor lauter Demut, Liebe und Ehrfurcht vor dem hohen Abedam.
HG|2|78|4|0|Trotz dieser seiner Befangenheit aber sprach sich aus allen seinen Teilen dennoch eine wahrhaft männliche Ruhe und bescheidene Erhabenheit aus, welche da bei keinem anderen also gewaltig, das heißt also ersichtlich ausnehmend sich äußerte wie eben beim Rudomin, darum er an Körpergröße alle Kinder samt dem Adam bei weitem übertraf, da er ein Riese war von sechzehn Handspannen Höhe und sonst überkräftig in allen seinen Muskeln und Nerven.
HG|2|78|5|0|Als aber dieser Riese lange zauderte mit seiner Sprache und sich stets mehr und mehr ängstlich bedünkte und ehrfurchtvollst in sich überlegte, wer Der ist, vor dem er jetzt stehe und reden solle, da sah ihn alsbald der Abedam liebfreundlichst an und fragte ihn:
HG|2|78|6|0|„Rudomin, warum zauderst du vor Mir, deinem Vater und Gott?
HG|2|78|7|0|Was hält da denn noch gefangen dein Herz und gebunden deine Zunge?
HG|2|78|8|0|Lasse das, was für jetzt nicht taugt; ermanne dich im Herzen und rede! Amen.“
HG|2|78|9|0|Diese ermunternden Worte drangen wie ein ätherischer Lebensbalsam durch das ganze Wesen Rudomins, sein Herz ward frei von aller Beklommenheit und seine Zunge leicht gleich einer Federflaume; und also begann er auch mit einer mächtigen Riesenstimme alsbald zu reden, so laut zwar, dass sich seine Worte an den Wänden der nächsten Berge brachen und also verhallten.
HG|2|78|10|0|Also aber lauteten sie: „Gott, Du ewige, allerreinste Liebe, der Du heilig, heilig, heilig bist! Wer kann Dich lieben, loben und preisen nach Würde und rechter Gebühr?! Denn zu wunderbar groß und heilig ist alles, was Du, o heiliger Vater, uns gibst!
HG|2|78|11|0|Was doch ist der Mensch in aller seiner Niedrigkeit und voller Nichtigkeit, dass Du, o großer, ewiger, allmächtiger Gott, seiner gedenkst und ihn also mächtig fühlen lässt die Ausflüsse Deiner unendlichen Gnade, Liebe und Erbarmung?!
HG|2|78|12|0|Ja, jetzt erst erkenne ich es klar und deutlich, dass Du, o Gott, ein wahrhafter Vater bist und wir Deine Kinder; denn was solltest Du anderes sein und was wir, da uns doch nur Dein heiliger Wille durch Deine endlose Liebe gezeugt hat?
HG|2|78|13|0|Ja, ja, Du bist wahrhaft unser aller heiliger Vater und wir wahrhaft Deine Kinder und sind endlos groß von Dir aus und erhaben und mächtig, aber klein und nichtig, ja gar nichts von uns selbst aus, da nicht wir, sondern nur Du uns gezeugt hast aus Deiner ewigen, unendlichen Liebe!
HG|2|78|14|0|Uns selbst überlassen, sind wir wahrhaft nichts; aber an Deinem Vaterherzen sind wir groß, ja unnennbar groß, stark und überaus mächtig, so, dass Welten und Sonnen und Monde zu Milliarden vor unserem leisesten Hauch fliehen wie der leichteste Staub, den des Strahles leichtestes Wehen schon aus seiner Ruhe scheucht.
HG|2|78|15|0|Wahrlich, solches würde ich nicht sagen, so ich es nicht gesehen und empfunden hätte in meinem Gesicht!
HG|2|78|16|0|Ich aber habe es gesehen und gar mächtig empfunden, und so rede ich auch dieser meiner in mir durch die Gnade unseres heiligen Vaters gefundenen und überklar und mächtigst empfundenen und tiefst geschauten Wahrheit zufolge.
HG|2|78|17|0|Denn gar bald nach der heiligen Beheißung, dass wir in unser Inneres schauen sollten, verschwand die Erde und der ganze sichtbare Himmel, und ich schwebte allein in der Mitte eines unendlichen, ewigen Raumes. Meine Augen starrten lange in die unendlichen Tiefen der Ewigkeiten; aber vergeblich war dieses eitle Mühen, denn da war sogar jedes Stäublein hinabgesunken in irgendeinen Abgrund der Unendlichkeit.
HG|2|78|18|0|Nur ich allein schwebte hier ohne Unterlage irgendeines Weltkörpers im heiligen Dunkel des unendlichen, ewigen Raumes!
HG|2|78|19|0|Aber plötzlich kam ein großer Gedanke aus meiner Tiefe, und dieser Gedanke war ein heiliges Wort; das Wort aber lautete:
HG|2|78|20|0|‚Wische ab mit deinem kleinsten Handfinger die kleinste Zehe eines deiner Füße! Da wird ein Stäublein kleben; dieses Stäublein betrachte!‘
HG|2|78|21|0|Und ich tat alsbald nach dem Wort. Da ich aber solches tat, seht, da fing das Stäubchen alsbald an, sich auszudehnen über meinen kleinsten Finger, löste sich auf in zahllose Staubatome; die Atome aber wuchsen alsbald an zu Sonnen, Welten und Monden und zuckten von meiner Hand hinaus in die endlosen Tiefen der Tiefen und füllten mit Licht und Wesen die unendlichen, früher leeren Räume!
HG|2|78|22|0|Hier erschauerte ich bis in die Tiefe meines Lebens vor meiner eigenen Größe und dachte: ‚Was, das alles klebte an meiner Zehe, mir nicht einmal fühlbar?!‘
HG|2|78|23|0|Aber ein anderes Wort stieg in mir auf und sagte: ‚Meinst du denn, die Kinder Gottes seien Mücken, die den Staub bekriechen?!
HG|2|78|24|0|Sehe auf dein Wachstum, und vergleiche dich mit all dem, was aus dem Stäubchen vor dir da ward, und du wirst gewahren, was du bist, und was die Dinge sind, die an deiner Zehe klebten!‘
HG|2|78|25|0|Und ich ward erhoben. All die Dinge schwebten wie glitzelnder Sand vor meinen Augen; aus mir aber drang alsbald ein mächtiges Licht hervor, und der unendliche Raum ward vom selben erfüllt.
HG|2|78|26|0|Und erst in diesem Licht ersah ich die Größe der Kinder Gottes, all der anderen Dinge Nichtigkeit gegen sie, – und warum der heilige Vater zu uns kam und uns Selbst lehrt die Wege der Unendlichkeit.
HG|2|78|27|0|Also redete ich aber, weil ich es also gesehen und empfunden habe.
HG|2|78|28|0|Anderes aber sah ich nichts denn das; darum Dir, Gott, unserem Vater, alles Lob, alle Ehre, alle Liebe und allen Dank ewig! Amen.“
HG|2|79|1|1|Abedam erläutert die geheime Erziehung Rudomins und das Wesen des Menschen
HG|2|79|1|1|Am 3. Mai 1842
HG|2|79|1|0|Nach dieser wohlgeordneten Erzählung Rudomins aber trat alsbald der Henoch, von innen aus angetrieben, hin zum Abedam und fragte ganz insgeheim denselben:
HG|2|79|2|0|„O Du lieber Vater Abedam, siehe, der Rudomin hat zwar mit einer überaus starken Stimme die in sich geschaute Größe des Menschen ausgesprochen, – aber hat er nicht etwa bei dieser Gelegenheit einige Steine über die Schnur gelegt?
HG|2|79|3|0|Nur um das handelt sich’s, dass er getreu geblieben ist; die Eigenschaft hatte er früher nie ganz vollkommen und übertrieb darum alles, was er nur immer erzählte.
HG|2|79|4|0|Aus einem Sandkörnchen machte er wie oft eine ganze Welt und aus der Mücke einen Elefanten oder gar ein Mamelhud, darum sich denn auch dessen Brüder und Schwestern kaum mit ihm vertrugen, da er sie allzeit durch sein riesenhaftes Geschrei zum sicheren Schweigen zwang, was dann auch mit der Zeit die Ursache ward, dass ich ihn als Vater bat, er möchte von mir sein Erbe nehmen und ziehen nach dem Mittag hin.
HG|2|79|5|0|Solches tat er denn auch alsbald, da er sah, dass mir daran gar sehr gelegen war wegen des Friedens und der ruhigen Hausordnung, nahm sich ein Weib zwar, aber was dessen Nachkommen betrifft, so hat er in achtzig Jahren nicht mehr denn drei Kinder gezeugt.
HG|2|79|6|0|Also ist er durchaus ein etwas sonderbarer Mensch, ungeachtet er aus mir gezeugt ist; darum also auch befremdete mich nun seine sehr hoch gehaltene Erzählung und nötigte mich, ungewöhnlichermaßen im Voraus zu Dir, o lieber Vater, zu kommen und Dich um Vergebung zu bitten, so nun etwa dieser mein Sohn vor Dir eine solche Unart begangen haben möchte.“
HG|2|79|7|0|Als der Abedam aber diese Worte Henochs vernommen hatte, da wandte Er Sich alsbald zu ihm und sagte darauf: „Mein geliebter Henoch, siehe, du hattest für die Welt keine Sorge mehr denn allein diese, und du sorgtest dich billig, da du dich allzeit aus Liebe zu Mir sorgtest; aber hier sage Ich dir, dass da deine Sorge eine gar lange schon vergebliche war, da du dich sorgtest der manchmaligen Untreue deines Sohnes wegen.
HG|2|79|8|0|Denn siehe, Ich war ja sein Erzieher vom Mutterleibe aus schon und habe ihn gerade zu dem vollkommen herangebildet, als was er jetzt dasteht vor uns!
HG|2|79|9|0|Freilich wohl hast du ihm auch eine Erziehung für Mich gegeben, aber Ich sage dir, Mein überaus lieber Henoch: sie war denn doch nicht so gut wie die Meinige, die er ganz im Geheimen von Mir erhielt, ohne dass da du und er etwas davon ahntet.
HG|2|79|10|0|Vermöge dieser Erziehung ist er denn jetzt auch hier und hat nun vor euch allen die sehr getreue Probe abgelegt, dass er durchaus nicht leer aus dieser Meiner Schule gegangen ist.
HG|2|79|11|0|Daher sei nur vollends unbesorgt; denn siehe, Lügner mache Ich nie, sie rufend mit Meiner ewigen Liebe- und Weisheitsstimme, zu Wahrheitspredigern vor dem Volk, sondern nur diejenigen, welche da sind dir gleich, Mein geliebter Henoch, reinsten Herzens!
HG|2|79|12|0|Da ich aber deinen Sohn berufen habe, so kannst du schon ganz unbesorgt sein wegen seiner allfälligen Unart; denn das alles war ja nur Mein Werk! Verstehst du Mich, Mein geliebter Henoch?
HG|2|79|13|0|Siehe du, und seht es ihr alle! Ich ließ den Rudomin groß werden sogar am Leibe; aus dieser Meiner Schule hatte er euch schon allzeit gesagt und gelehrt, dass der Mensch mehr ist denn ein Wurm im Staub der Erde.
HG|2|79|14|0|Seine starke Stimme, aus derselben Schule ihm gegeben, zeigte euch, dass fürs Erste in der Brust mehr Kraft und Stärke waltet denn im Kopf; und fürs Zweite gab sie euch das genaue Maß kund, um wie vieles die Liebe mächtiger ist oder doch wenigstens sein soll als der Verstand; und fürs Dritte zeigte er euch aus dieser Meiner Schule durch die Macht seiner Stimme, da derselben seine Brüder und Schwestern schweigend gehorchen mussten, dass da der Kopf mit allen seinen Sinnen und Berechnungen nachgeben soll, wenn das Herz als offenbar besserer Lehrer auftritt! Verstehst du solches, Mein geliebter Henoch?
HG|2|79|15|0|Ferner machte er zufolge Meiner Schule aus einem Sandkörnchen eine ganze Welt, wie jetzt in seinem Gesicht die ganze Schöpfung aus einem allerwinzigsten Stäubchen. Siehe, dadurch lehrte er, wessen Geistes Kinder die Menschen sind, und dass die Gottähnlichkeit des Menschen im Herzen rastet, vermöge welcher der Mensch Größeres zu leisten fähig ist, als nur die Dinge anzugaffen und, wenn er sich dann sattsam an denselben angegafft hatte, endlich herauszubringen und zu sagen: ‚Aber das ist doch schön und wunderlich!‘ – und damit aber dann auch schon zu Ende zu sein mit der Größe seiner Empfindung.
HG|2|79|16|0|Ja wahrlich, sage Ich hier euch allen, ihr sollt alle aus der Mücke Elefanten und Mamelhude machen in euren Herzen, – ja, eure nicht selten kaum mückengroßen Seelenherzen sollt ihr in lauter Elefanten und Mamelhude umgestalten, den wie Berge oft großen Verstand aber dafür in lauter Mücken verwandeln, so würde es euch ein Leichtes sein, Dinge aus Meiner Schule im Rudomin getreulich zu erfassen!
HG|2|79|17|0|Da aber bei euch vielen noch der ganz umgekehrte Fall ist, so ist euch auch noch das meiste dunkel, wozu und warum Ich den Rudomin berufen habe.
HG|2|79|18|0|Ihr aber fragt nun: ‚Was ist diese innere Schule denn schon wieder? Wie sollen wir dieses fassen?‘
HG|2|79|19|0|Ich sage euch aber, so ihr Erscheinungen seht am Himmel, da steckt ihr eure Köpfe zusammen und brütet jahrelang darüber, und sagt endlich: ‚Das hat das Ding nach sich gezogen, folglich muss es solches angedeutet haben!‘
HG|2|79|20|0|Ihr habt das Flimmern der Sterne beobachtet, den Zug der Winde, das Geschrei der Vögel und anderer Tiere, das Murren und Sausen des Meeres, und habt überall groß zu erwartende Dinge herausgetüpfelt.
HG|2|79|21|0|Sagt Mir, warum habt ihr denn nicht auch die unsterblichen Zeichen am Menschen selbst eurer Astrologie unterzogen, warum nicht die Gestirne dieses lebendigen Himmels eurer näheren Prüfung?!
HG|2|79|22|0|Das Gezirpe einer Grille war euch wunderbarer denn die Sprache des unsterblichen Bruders, des Menschen, des erhabenen Ebenbildes Meiner ewigen Vaterliebe!
HG|2|79|23|0|O ihr noch stark Blinden, was ist denn mehr: die Tat und Gebärde eines Kindes, oder der Sturz eines Berges, durch eine Million Blitze bewirkt?
HG|2|79|24|0|Seht, das ist die Schule des ewigen Lebens; das ist mehr denn das Weltenstäubchen an der Zehe Rudomins, – endlos mehr als alle Raumgröße der unendlichen Sichtbarkeit der Schöpfungen!
HG|2|79|25|0|Im Menschen lernt den Menschen erkennen und an dessen Zeichen; diese deutet im Geiste der Liebe und aller Wahrheit aus ihr, so werdet ihr erst weise erfahren, was das Größte ist, und was da in Meiner Schule gelehrt wird, und wie diese zu erkennen ist am Menschen aus seinen lebendigen Zeichen!
HG|2|79|26|0|Wahrlich sage Ich euch, Größeres denn eine Zentralsonne für sich, birgt schon die Träne eines erst kaum geborenen Kindes!
HG|2|79|27|0|In dem aber auch liegt der ganze Sinn des Gesichtes Rudomins. Solches versteht und tuet, so werdet ihr alle leicht das ewige Leben finden! Amen.“
HG|2|80|1|1|Die Größe und Vollkommenheit der Kinder Gottes
HG|2|80|1|1|Am 6. Mai 1842
HG|2|80|1|0|Nach diesen Worten dankte der Henoch dem Abedam in aller Liebe und großer Demut seines Herzens für solche wichtige, große, heilige Lehre, und alle die anderen Väter und Kinder folgten seinem Beispiel.
HG|2|80|2|0|Nach solchem innersten Dankgebet aber begab sich der Henoch alsbald wieder an seinen vorigen Platz zum Garbiel hin.
HG|2|80|3|0|Der Abedam aber wandte Sich darauf alsbald an den Rudomin und richtete folgende Worte an ihn, sagend nämlich:
HG|2|80|4|0|„Also siehe auch du, Mein geliebter Rudomin, und höre und verstehe es wohl, was da von euch allen zeugt und besagt dein Gesicht ganz sonderlich!
HG|2|80|5|0|Ihr wisst nun bereits alle, die ihr euch hier auf der Höhe Mich umgebend befindet, dass Ich Gott ja bin, der Alleinige, Einzige und Ewige, während dem Ich als Vater vor euren Augen sichtbar mit euch rede und euch lehre.
HG|2|80|6|0|Wenn der Vater aber ein Gott ist, so werden ja doch seine Kinder keine Hunde, Katzen, Ochsen, Kühe, Kälber, Esel und dergleichen mehreres sein, sondern das, was ihr Vater ist, und werden auch dort sein und wirken, wo er ist und wirkt!
HG|2|80|7|0|Seht, solches ist Meine ewige Ordnung, dass da überall und bei jeder Sache, bei jedem Ding, bei jedem Geschöpf die Kinder also vollkommen sein müssen, wie da ihr Vater vollkommen ist!
HG|2|80|8|0|Aus dem Grunde ist in jeder Frucht ja schon ein Keim vorhanden, in dem da zugrunde liegt alle Vollkommenheit des Vaters.
HG|2|80|9|0|Und so muss da ein Samenkorn, so es in die Erde gelegt wird, wieder zum selben Gras, zur selben Pflanze, zum selben Strauch, oder zum selben Baum werden, aus welchem und auf welchem es selbst zum Samenkorn wurde.
HG|2|80|10|0|Oder ist der Fall etwa unterschiedlich bei den Tieren? Ich meine aber, dass da auch des Löwen Vater oder Zeuger allzeit selbst ein Löwe war, wie der des Vogels auch nur ein Vogel, und so fort bis zum Menschen herauf, da des Vaters Sohn auch wird dem Vater gleich ein Mensch voll hoher Fähigkeiten und Anlagen und die Tochter gleich der Mutter und dem Vater ein geheiligter Acker zur Ansaat für Früchte des ewigen Lebens, ja für Früchte zur Aussaat aus Mir.
HG|2|80|11|0|Wenn aber schon solches sich vollends bewährt in dieser Natur- und Körperwelt, so wird das ja doch im Geiste noch müssen ums Unendlichmalige mehr der Fall sein!
HG|2|80|12|0|Wenn Ich somit zu euch sage und lehre und also rufe, dass ihr Meine Kinder seid, – sagt Mir, ihr Meine lieben Kindlein: Was besagt das?
HG|2|80|13|0|Wozu und warum denn heißt ihr Mich euren Vater, und wozu und warum heiße Ich euch Meine Kinder?
HG|2|80|14|0|Wozu und warum will Ich gerechter- und wohlbilligermaßen, dass ihr niemanden denn allein nur Mich als den alleinig wahren Vater erkennen, lieben, Mir allein folgen, Mich allein ehren, loben und preisen und Mir in allem allein vollends gehorchen sollt? Versteht ihr noch nichts?
HG|2|80|15|0|Was und wer bin Ich als euer alleinig wahrer Vater aber denn noch?
HG|2|80|16|0|Also – Ich bin auch der alleinige, ewige, unendliche, über alles mächtige, wahre Gott!
HG|2|80|17|0|So Ich aber als euer alleinig wahrer Vater ein Gott alleigenschaftlich bin von Ewigkeiten der Ewigkeiten, was seid denn hernach ihr als Meine Kinder?
HG|2|80|18|0|Ja wahrlich, sage Ich euch, ihr seid auch Götter, also wie Ich, euer Vater, ein Gott bin, nur mit dem Unterschied, welcher auch schon auf der Erde, wenigstens dem Leibe nach genommen ein unwandelbarer bleibt, dass der Vater dem Sohn stets ein Vater bleiben wird ewig nach dem Maße der Erscheinung und der Sohn darum nie dem Vater ein Vorvater, oder dass er zum Vater sagen könnte: ‚Ich habe dich gezeugt!‘
HG|2|80|19|0|So wenig, als ihr da annehmen könnt, aus einem Samenkorn werde derselbe Baum wieder zum Vorschein kommen, welcher eher den Samen selbst abgelegt hatte!
HG|2|80|20|0|Daher bleibt der Vater stets Vater, und der Sohn stets Sohn; solches ist ein unwandelbares Verhältnis.
HG|2|80|21|0|Das auch ist demnach zwischen Mir und euch der große Abstand und Unterschied, dass Ich allein bin der Vater, ihr aber ewig unmöglich etwas anderes als Meine lieben Kinder, auf die da ein großes Erbe wartet im großen Haus des Vaters!
HG|2|80|22|0|Und nun siehe, du, Mein geliebter Rudomin, solches alles besagt dein erhaben großes Gesicht, indem es dir und durch dich auch all den anderen ein hellstes Zeugnis abwirft über das eigentliche Wesen Meiner Kinder und sagt ihnen:
HG|2|80|23|0|Mensch, bedenke es wohl, und erwäge es tiefst im Herzen, zu Wem du ‚Heiliger Vater!‘ rufst, und warum!
HG|2|80|24|0|Mache dich aber auch dessen würdig durch das, das da eben dieser dein heiliger Vater auf der Erde darum von dir verlangt, damit du Ihm ein rechtes und vollends wahres liebes Kind würdest, – vollkommen wie Er Selbst!
HG|2|80|25|0|Ja wahrlich, ihr müsst vollkommen sein, wie Ich Selbst es bin, wollt ihr für ewig die Kindschaft erlangen!
HG|2|80|26|0|Denn das ist ja das Allerhöchste, dass ihr Meine Kinder seid und Ich euer Vater!
HG|2|80|27|0|Damit ihr aber diese größte und heiligste aller Wahrheiten noch vollendet tiefer erschauen mögt, so wollen wir zu dem Behufe alsogleich noch den Horedon vernehmen und da wohl hören und sehen, was denn er geschaut und vernommen hatte in sich! Amen.“
HG|2|81|1|1|Abedam beruft Horedon zur Kundgabe seines Gesichtes
HG|2|81|1|1|Am 7. Mai 1842
HG|2|81|1|0|Als der Rudomin nun alles dieses vernommen hatte und jedes Wort seinem Herzen tief eingeprägt, da dankte er in vollster Inbrunst seines Herzens dem hohen Abedam, beugte dann seinen großen Leib bis zur Erde und ging darauf nach dem Liebewink Abedams sogleich an seine vorige Stelle zurück, aber auch nur rücklings, um den heiligen Vater ja nicht aus den Augen zu verlieren; denn es war während seiner Gesichtsdarstellung schon überaus finster geworden fürs Erste durch die Späte des Abends und fürs Zweite aber noch mehr durch eine plötzliche Umwölkung des Himmels, was auf solchen Bergen etwas sehr Gewöhnliches war, daher es auch niemand also sehr beachtet hatte.
HG|2|81|2|0|Denn wenn da ringsum die Berge fleißig Feuer auswarfen, da war schon gar äußerst selten von einer heiteren Nacht die Rede.
HG|2|81|3|0|Und so war nun kein anderes natürliches Licht mehr vorhanden denn allein der matte Widerschein einiger in starker Ferne brennenden Berge.
HG|2|81|4|0|Als aber da dessen ungeachtet der Abedam den Horedon zu Sich berief, und zwar mit diesen Worten: „Horedon, so deine Augen dir nun nicht viel mehr dienen mögen, so folge allein Meiner Stimme, und enthülle dich uns; denn in der Zukunft wirst du müssen der Stimme allzeit allein folgen, da du Mich noch gar oft in dir hören, aber auf der Erde nimmerdar sehen wirst fürder nach abgelaufener Zeit dieser Meiner jetzigen Gegenwart!“, so verließ zwar der Horedon sogleich seinen Platz und begab sich hin zum Abedam, allein da dessen Stimme sich nicht fortwährend hören ließ, so irrte er eine Zeit lang unter den Vätern herum und konnte nicht an die Stelle gelangen, allwo sich der Abedam befand.
HG|2|81|5|0|Doch gar bald wieder ließ der Abedam, den Horedon rufend, Sich hören, und der eine ganz andere Richtung verfolgende Horedon wandte sich sogleich wieder um und erschrak nicht wenig darüber, dass er den Weg verfehlt hatte.
HG|2|81|6|0|Er ging nun hurtig darauf los, von wannen her er die Stimme vernommen hatte; allein da er bald hier, bald dort auf jemanden stieß und ihm offenbar ausweichen musste, um vorwärts zu gelangen, so geschah es denn in solcher stockfinsteren Nacht ja wieder gar leicht, dass er da wieder die gerade Richtung verlor und gelangte somit wieder auf einen ganz anderen Ort, als wo der hohe Abedam Sich befand. Und sonach rief ihn bald wieder der Abedam.
HG|2|81|7|0|Der Horedon aber meldete sich sogleich aus einem ganz entgegengesetzten Punkt und sagte nahe weinend:
HG|2|81|8|0|„O Du heiliger, lieber Vater! Wenn Du nicht zu mir kommst in solch grober Nacht, da bin ich so gut als ganz rein verloren; denn ich verliere ja stets die Richtung durch das Ausweichen und kann darum nicht zu Dir gelangen!“
HG|2|81|9|0|Und wieder rief der Abedam: „Horedon, hierher, hierher, da du doch hinter Mir siehst in jener Ferne dort einen feurigen Berg!“
HG|2|81|10|0|Und der Horedon ging sogleich wieder der Stimme nach; da er aber wieder nicht geradeaus gehen konnte, sondern wieder auswich bald dieser, bald einer anderen Gruppe, so nützte ihm das Hinschauen nach dem brennenden Berg auch nichts, und er kam somit wieder nicht zum Ziel.
HG|2|81|11|0|Als Sich aber der Abedam nun wieder meldete, sagend: „Horedon! Wie lange werde Ich noch deiner harren müssen?“, hier ward der Horedon traurig und verwünschte die Nacht, sagend:
HG|2|81|12|0|„Verflucht sei diese Finsternis, darum sie mir hinderlich ist auf dem Weg zum heiligen Ziel und mir verhüllt Den, den mein Herz über alles liebend sucht, auf dass ich nur nicht zu Ihm gelangen kann!
HG|2|81|13|0|O Vater, lasse Licht werden, und lasse gnädigst entweichen diese Nacht, auf dass ich Dich erschaue und dann zu Dir eile, o Du heiliger, lieber Vater!
HG|2|81|14|0|Oder komme zu mir hierher, da ich Deiner sehnsuchtsvollst und trauernd ob solcher bösen Nacht nun ruhig harre; wie Dein heiliger Wille, also geschehe es auch!“
HG|2|81|15|0|Der Abedam aber sprach darauf zum Horedon: „Da du Mich schon durchaus nicht finden kannst, so spreche im Herzen in Meinem Namen: ‚Du Berg dort an der Grenze, da des Morgens Kinder wohnen, erbrenne und erleuchte diesen Platz!‘
HG|2|81|16|0|Und so du vertraust und glaubst deinem Wort aus Mir, so wird da auch alsbald geschehen, wie du es wirst laut ausgesprochen haben in Meinem Namen! Amen.“
HG|2|81|17|0|Hier dankte der Horedon voll Liebefeuer in seinem Herzen dem Abedam und sprach dann alsbald mit großer Glaubensfestigkeit die vorgesagten Worte aus.
HG|2|81|18|0|Da erbebte alsbald gewaltigst der Erdboden, und unter einem unerhört allerheftigsten Knall brachen sogleich die hellsten Flammen aus des Berges hohem Scheitel, und die Gegend weit umher ward mit Tageshelle übergossen.
HG|2|81|19|0|Der Horedon aber ersah sogleich den Abedam neben sich stehen, dankte Ihm in aller Liebe seines Herzens und sagte dann:
HG|2|81|20|0|„O Du heiliger, lieber Vater, wie endlos mächtig doch bist Du – und wie gut! Denn jetzt sehe ich es erst ein, dass Du durch dieses mein Herumirren mir die Mühe des Redens hast ersparen wollen!
HG|2|81|21|0|Denn wie es mir nun ergangen ist von Deinem ersten Ruf an mich bis jetzt, gerade also ging’s zuvor ja in mir selbst zu!
HG|2|81|22|0|Und so ist ja alles auf das Herrlichste kundgetan, was ich in mir geschaut, gehört, empfunden und getan habe!
HG|2|81|23|0|Dir, o heiliger Vater, alles Lob, alle Liebe, allen Dank und Preis dafür ewig! Amen.“
HG|2|82|1|1|Über die Vaterschaft Gottes und die Größe der Gotteskindschaft
HG|2|82|1|1|Am 9. Mai 1842
HG|2|82|1|0|Nach dieser Darstellung des Gesichtes Horedons durch die Tat und nach dessen wenigen Worten darüber aber fragte der Abedam alsbald den Horedon, sagend nämlich:
HG|2|82|2|0|„Horedon, nachdem somit wahrlich dein inneres Gesicht vollkommen kundgegeben ist, so frage Ich dich, wie auch alle, was denn nun besagt dieses Gesicht; was ist dessen Sinn?
HG|2|82|3|0|Einen großen Teil hat schon die Enthüllung Rudomins klärlichst kundgetan; sonach dürfte es euch ja doch wohl nicht so schwer mehr sein, diesen erläuternden Nachtrag aus eurem innerlich erhaltenen Licht kundzutun. Wer sonach Mut und Weisheit besitzt, der trete hierher und rede!“
HG|2|82|4|0|Alle aber, als sie solche Aufforderung vom Abedam vernommen hatten, fingen an, den hohen Abedam zu bitten, dass da doch nur Er allerbarmend tun möchte, was Er verlange von ihnen; denn obschon sie wohl wüssten, dass da niemand, der in Seinem Namen täte auf den Mund, vermögend wäre, eine Unwahrheit zu sagen, so wäre aber doch ein solches Wort durch einen zweiten unwürdigen Mund nicht mehr also kräftig und mächtig und lebendig, als so da ebendasselbe Wort dem heiligen Vatermunde selbst also überaus liebevollst entstammt.
HG|2|82|5|0|Auf diese Bitte nahm alsbald wieder der Abedam das Wort und begann also zu reden: „O Kinder, wie viel Törichtes ist noch in eurem Herzen verborgen! Was hat denn der Horedon soeben vorher getan durch Mein in ihn gelegtes Wort, da er zufolge der Nacht und deren eigens derber Finsternis Mich nicht finden konnte?
HG|2|82|6|0|Seht, das Wort, das Ich zu ihm geredet habe, hat er, Mir volltrauend, ausgesprochen, und des weißen Berges hohe Zinnen wurden zerrissen, und die im Inneren des Berges lange schon waltende Glut erbrannte augenblicklich doch durch die weit gemachten Spalten und Risse in lichterlohe Flammen.
HG|2|82|7|0|Da ihr sonst ja doch den augenscheinlichsten Beweis von der Kraft und Macht Meines Wortes nun vor Augen habt, so es auch von eines Kindes Munde ausgesprochen wird, sagt, aus welchem Grunde könnt ihr da behaupten, Mein Wort möchte da ohnmächtiger sein, sobald es von euch ausgesprochen wird?!
HG|2|82|8|0|Wann aber ist der Vater mehr ein Vater, so er sich selbst als solcher zu sein ausspricht, oder so er also gerufen wird von seinen Kindern?
HG|2|82|9|0|Oder so da jemand von sich aussagte: ‚Ich bin ein Vater!‘, hätte aber dabei keine Kinder, die ihn als solchen anerkennen möchten und rufen, oder jemand, der da nach Hause käme und die Kindlein ihm entgegen liefen und riefen ihn und sagten: ‚Ach Vater, Vater, Vater, o du lieber Vater!‘
HG|2|82|10|0|Sagt Mir, wer von diesen beiden Vätern ist hier mehr Vater?
HG|2|82|11|0|Ihr sagt es in euren Herzen: ‚Der, den seine Kindlein also rufen!‘
HG|2|82|12|0|Seht sonach, ihr noch sehr Törichten, wenn denn der von seinen Kindern ausgesprochene Vater mehr Vater ist als der sich selbst also nur bei sich aussprechende, so ist ja doch auch sicher das Wort ‚Vater‘ aus dem Munde der Kinder mehr wert und kräftiger und mächtiger denn aus dem Munde des Vaters selbst!
HG|2|82|13|0|Oder wann erbaut und erfreut euch das Wort denn mehr: so ihr euch selbst vor euren Kindern Vater nennt, oder so euch eure Kinder fröhlich und voll der zartesten Liebe und voll alles Zutrauens also nennen?
HG|2|82|14|0|Wenn aber schon ihr darinnen einen übergroßen Unterschied findet, – was meint ihr denn, bin Ich etwa weniger Vater, denn ihr selbst es seid?
HG|2|82|15|0|O ihr noch stark Törichten, seht ihr denn das noch nicht ein, dass Ich nur allzeit das Allerkräftigste und allervollkommenste Beste will und wünsche es zufolge der euch für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten gegebenen Freiheit?
HG|2|82|16|0|So ihr aber solches in eurem Herzen unmöglich je werdet in Abrede stellen können, wozu sollte sonach eure Entschuldigung wohl dienlich sein?
HG|2|82|17|0|Daher tue du, Horedon, zum wenigsten mit kurzen Worten kund, wozu Ich ehedem alle berufen habe; ihr alle anderen aber grabt euch die folgenden Worte tiefst in eure Herzen! Amen.“
HG|2|82|18|0|Und sogleich begann der Horedon folgende sehr zu beachtende Rede an alle in Meinem Namen zu richten, welche also lautete:
HG|2|82|19|0|„Liebe Väter, Brüder und Kinder, es ist somit darzutun, was endlos Großes dahinter verborgen liegt, ein Kind des großen, allmächtigen, ewigen Gottes zu sein, und das zwar aus dem Gesicht Rudomins und meines eigenen, und daneben aber auch klar zu erschauen die eigene aus sich selbst hervorgehende Nichtigkeit; solches also ist die kurz zu lösende Aufgabe.
HG|2|82|20|0|Ich meine aber, sie ist schon aufgelöst vor uns allen, und also habe ich schon wieder nichts anderes zu tun, als mich und euch bloß nur darauf aufmerksam zu machen, was soeben zuvor der überheilige Vater Selbst ausgesprochen hat, nämlich, dass der Vater im Munde der Kinder mehr Vater ist denn im eigenen!
HG|2|82|21|0|Seht, darin, darin liegt die endlos allerhöchste Würde und Größe unserer Kindschaft, dass der unendliche, ewige Gott Sich Selbst erst in uns einen Vater nennt und erst dann unser wahrhafter Vater in der allerhöchsten Liebe wird, so wir Ihn als solchen in unseren Herzen erkennen und Ihn in aller Liebe auch also rufen!
HG|2|82|22|0|So Sich aber der unendliche Gott erst in uns will als Vater vollkommen manifestieren, sagt, was Höheres könnte da wohl noch gedacht werden?
HG|2|82|23|0|Was liegt daran, ob wir auch mit dem leisesten Hauch die ganze Schöpfung verwehen möchten und mit einem Gedanken alle Berge entzünden?! Wahrlich nichts gegen dem, so wir zu Ihm in aller Liebe und Wahrheit sagen können: ‚Lieber, heiliger Vater!‘
HG|2|82|24|0|Denn Er, der in Sich ist Gott, der Unendliche von Ewigkeit, ist vermöge Seiner unendlichen Liebe Vater in uns, wie wir Kinder in Ihm.
HG|2|82|25|0|Er zwar ist, was Er ist, durch Sich, – wir aber sind ewig nichts aus uns, aber alles aus und durch Ihn.
HG|2|82|26|0|Das ist also unsere Größe endlos, dass wir Seine Kinder sind und Er unser aller Vater!
HG|2|82|27|0|Und das auch ist vollendet der Sinn meines Gesichtes in Seinem Namen! Amen.“
HG|2|83|1|1|Gotteskindschaft, Gottesbrüderschaft und Gottesknechtschaft
HG|2|83|1|1|Am 11. Mai 1842
HG|2|83|1|0|Nach der Beendigung der allerbeachtenswertesten Worte Horedons, die er da geredet hatte aus Mir, aber belobte Ich als der hohe Abedam den wackeren Horedon, zu ihm sagend:
HG|2|83|2|0|„Horedon, wahrlich, Ich sage es dir, du bist Mir ein tüchtiges Werkzeug geworden! Siehe, was gar viele schon gesucht, aber dennoch nicht finden mochten, das hast du nun aus Mir vor allen laut verkündet also treu und vollkommen wahr, wie Ich, die Urquelle aller Treue und aller Wahrheit, es dir treu und wahr gegeben habe!
HG|2|83|3|0|Darum lobe Ich dich und sage dir, dass du diese wahre Kindschaft, welche du aus Mir wiedergegeben hast allen, die sie in dieser ihrer Wurzel schon gar lange Zeit nicht mehr kannten und aus sich auch nimmerdar erkennen und finden konnten, für dich selbst nun für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten erworben hast, und keine irdische Macht wird sie dir mehr entreißen können; denn die Macht, welche da innewohnt den wahren Kindern, ist größer denn alle Mächte der Welt und der Welten und aller ihrer Körper und Wesen.
HG|2|83|4|0|Wie aber der Horedon nun die Kindschaft überkommen hat, also gebe Ich sie auch euch allen; denn wahrlich, es gibt im Himmel, wie auf der Erde nichts Größeres, Mächtigeres und Erhabeneres als Meine Kinder. Wer somit die Kindschaft hat, der hat mehr, als was alle Himmel umfassen; ja wahrlich, er hat unendlichmal mehr!
HG|2|83|5|0|Denn er hat Mich, Gott, den ewigen, unendlichen, ja den über alles erhabenen Gott voll Macht, Kraft und Heiligkeit, als den liebevollsten, allein nur wahren Gott in sich und ist also vollends in Mir, das heißt in aller Meiner Vollkommenheit, welche da ist Meine unendliche Liebe, Gnade, Weisheit und Stärke.
HG|2|83|6|0|Seht, das ist sonach die Kindschaft, und diese Kindschaft gebe Ich nun euch!
HG|2|83|7|0|O Kinder, wäret ihr nun fähig, noch Größeres von Mir zu nehmen?
HG|2|83|8|0|O wahrlich, Ich sage es euch, ihr könnt es nimmer; denn Meine Kinder sind mehr denn die Engel des Himmels!
HG|2|83|9|0|O Kinder, wenn ihr Meine Brüder wäret, da wäret ihr viel geringer, als ihr da seid als Meine lieben Kinder; denn welcher Vater hat wohl seinen Bruder lieber um sich als seinen Sohn?
HG|2|83|10|0|Oder überkommt auch der Bruder vom Bruder ein Erbteil, so er sich nimmt ein Weib?
HG|2|83|11|0|Da ihr aber schon eure Kinder höher schätzt als eure Brüder, so werde ja doch auch Ich als der allerwahrste und vollkommenste Vater wissen, wie viel Meine Kinder wert sind!
HG|2|83|12|0|Ihr gebt euren Kindern nur eurer Hände Mühe zur Aussteuer; Ich aber gebe euch Mein Alles, welches da ist Meine Liebe oder Mein allereigentlichstes, urewiges Leben selbst vollkommen.
HG|2|83|13|0|Nun wisst ihr zwar schon lebendig in euch, was da sind Meine Kinder; aber eines geht euch dabei denn doch noch ab, und dieses eine ist, dass ihr noch erfahrt, wer da diejenigen sind, welche die Kindschaft überkommen von Mir und aus Mir.
HG|2|83|14|0|Seht, solches auch ist von größter Wichtigkeit zu erfahren; denn es sind wahrlich noch nicht alle jene Meine Kinder, die zu Mir rufen und sagen: ‚Lieber, heiliger Vater, erhöre uns, Deine Kinder!‘, ihre Herzen aber bleiben dabei kalt, als hätten sie da den gleichgültigsten Gegenstand benannt, und ihr Vertrauen ist da auch also wie ihre Herzen beschaffen.
HG|2|83|15|0|Diese Art von sein sollenden, aber nicht sein wollenden und wirklich seienden Kindern möchte nur Meine Macht und Stärke, um sich damit durch allerlei Großmachtsspielereien die Zeit zu vertreiben, ob ihr loses Tun da Schaden oder Nutzen bringen möchte.
HG|2|83|16|0|Ich aber sage euch, solche Kinder sind also ferne der wahren Kindschaft noch, also weit und ferne ein Ende des Himmels vom anderen absteht; ja zwischen ihnen und Meinen wahren Kindern ist noch eine unendliche Kluft!
HG|2|83|17|0|Noch andere dehnen den großen Begriff der Kindschaft also weit aus, dass sie sich und alle Geschöpfe für Meine Kinder ansehen.
HG|2|83|18|0|Dass diese einen noch gröberen Irrtum begehen denn die früher Erwähnten, wäre überflüssig euch näher auseinanderzusetzen, da ihr nun schon wisst, was da Meine Kinder sind im Geiste der Liebe und aller Wahrheit aus ihr.
HG|2|83|19|0|Ihr sollt aber als wahre Kinder nun das erkennen, dass da ein großer Unterschied waltet zwischen jenen, die da erkennen einen Gott und Schöpfer, und jenen, deren Herz Gott alsbald heißliebend erfasst und Ihn nimmerdar auslässt und sich auch dann um nichts mehr kümmert als nur, wie es könnte Gott liebender erfassen.
HG|2|83|20|0|Die ersten werden bei der Erkenntnis Gottes sagen: ‚Gott, Du allmächtiger, Du großer, Du heiliger, Du erhabener Schöpfer, wie groß und herrlich sind Deine Werke; darum wollen wir Dich allzeit loben, rühmen und über alles hochpreisen!‘
HG|2|83|21|0|Die zweiten aber sagen: ‚O Gott, wie liebevoll musst Du sein, da wir nicht umhinkönnen, Dich trotz Deiner unendlichen Erhabenheit und Heiligkeit dennoch über alles zu lieben!
HG|2|83|22|0|O wie gut musst Du sein, da uns die Liebe also mächtig zieht zu Dir!‘
HG|2|83|23|0|Seht hier die ersten staunend über ihren erkannten Gott, die zweiten aber vor Liebe in Tränen zerfließend, so sie an Mich nur irgend etwas erinnert, indem sie hinter ihrem guten Gott schon einen liebevollsten Vater ahnen!
HG|2|83|24|0|Merkt ihr hier den mächtigen Unterschied?!
HG|2|83|25|0|Seht, die erste Art sind nur Knechte, die für den Lohn arbeiten, die zweite Art aber Kinder, welche da nichts wollen denn nur allein den Vater!
HG|2|83|26|0|Seht, das ist der große Unterschied und zeigt euch, wie sich die wahren Kinder auszeichnen müssen, und worin also die wahre Kindschaft besteht, und wer sie überkommt!
HG|2|83|27|0|Damit ihr aber dieses noch gründlicher erfassen mögt, so wollen wir zu eben dem Zweck noch den Jorias vernehmen, was da er in dieser Hinsicht denn alles in sich geschaut hatte, und dann erst in dieser allerwichtigsten Sache ein helleres Licht anzünden in euren Herzen.
HG|2|83|28|0|Und also komme denn her zu Mir, Jorias, und erfülle den Willen deines heiligen und liebevollsten Vaters! Amen.“
HG|2|84|1|1|Jorias Gesicht. Was nützt einem Gott und der ganze Himmel ohne die Liebe?
HG|2|84|1|1|Am 12. Mai 1842
HG|2|84|1|0|Und alsbald trat der Jorias hinzu, das heißt zum hohen Abedam, und fragte Ihn, sagend nämlich:
HG|2|84|2|0|„Lieber, heiliger Vater, siehe, so ich mich also stellen könnte, dass da mein Inneres nach außen gekehrt werden möchte und da ein jeder mitschauen könnte, so ich erzählen möchte mein Gesicht, da dürfte es vielleicht wohl noch irgendein gläubiges Herz treffen, das da aufnehmen möchte solche grundlosen [unergründlichen] Geheimnisse!
HG|2|84|3|0|Aber so all diese Zuhörer während der Erzählung nicht das Erzählte mit anschauen können, werden sie es wohl annehmen, und werden sie es glauben?
HG|2|84|4|0|Und so sie es dann nicht annehmen und begreifen mögen, wird da meine Erzählung nicht gleichen einer Lüge, die auch niemand glaubt, der da Weisheit besitzt, darum sie ist eine Lüge und in ihr keine Wahrheit zugrunde [liegt]?!
HG|2|84|5|0|Da aber demnach meinem Gesicht also Unglaubliches zugrunde liegt und sich die Väter etwa gar darüber zu ärgern vermöchten, so ich solches erzählte, – siehe, daher, lieber, heiliger Vater, könnte es ja geschehen, dass es mir wenigstens also ginge, wie es da ergangen ist meinem Vorgänger Horedon, der durch Deine Güte doch sicher alles zu Erzählende von sich gab!
HG|2|84|6|0|Denn mit der Rede geht es mir ohnehin schlecht, und wenn man erst solche unglaublichen Dinge erzählen soll, überaus schlecht! Daher –“
HG|2|84|7|0|Hier fiel ihm sogleich der Abedam ins Wort und sagte etwas ernst: „Ja, gerade daher wirst du dich jetzt sogleich an die Erzählung machen, oder sterben in deinem Geist für ewig! Verstehst du diese Worte?
HG|2|84|8|0|Siehe, des Vaters Worte möchtest du nicht achten; daher dürftest du achten die deines Herrn, so dir des Vaters Worte etwa nicht genügen sollen! Sollte dir aber der Herr auch noch zu wenig sein, so wird da der Gott Seinen Arm über deinen Nacken ausstrecken!
HG|2|84|9|0|Ich sage dir aber, für jetzt hast du noch des Vaters Wort; wenn aber des Herrn Wort kommt über die trägen Knechte, so ist das ein schreckliches Wort!
HG|2|84|10|0|Gottes Worte aber sind ein Donner des Gerichtes! Daher gehorche dem Wort des Vaters, damit du nicht der Knechtschaft und dem Gericht anheimfällst.
HG|2|84|11|0|Erzähle und gebe allen alles kund, was du gesehen hast in dir! Solches ist Mein Wille; verstehe es wohl! Amen.“
HG|2|84|12|0|Hier erst erwachte der Jorias wie aus einem Traum wieder, bat den Abedam weinend um Vergebung solcher seiner Torheit, darum er sich je so weit habe vergessen können, im eigenen berufenen Herzen nicht sogleich zu erwägen, wer da Der ist, der ihn dazu also gnädigst berufen.
HG|2|84|13|0|Und da er vom Abedam darauf alsbald die übertröstliche Versicherung erhielt, dass der Vater eigentlich nichts zu vergeben hat, da Er dem Kind nichts anrechnet, sondern dem Gefallenen nur allzeit aufhilft und das Verlorene emsig sucht so lange, bis Er es findet, es dann liebend auf Seine heilige Schulter ladet, und dann voll Freuden nach Hause trägt, so fing er auch an sogleich zu reden, wie da folgt:
HG|2|84|14|0|„Ich stand auf einer lichten Wolke; also fand ich mich, als das Licht meines fleisch’gen Auges für die Erde mir entschwunden war und ein anderes, helleres Auge sich in mir erschloss.
HG|2|84|15|0|Das war aber auch alles, was ich da um mich her sah in der weiten Unendlichkeit; ober mir war nichts, unter mir und der Wolke, auf der ich stand, war auch nichts, und zu allen meinen Seiten war auch nichts.
HG|2|84|16|0|Ob mich die Wolke etwa behände trug durch endlose Fernen, oder ob sie ruhte, solches auch konnte ich nicht bemessen; denn da war ja nirgends etwas, wonach ich entweder meine Bewegung oder Ruhe hätte bemessen können.
HG|2|84|17|0|Ich stand lange schon, also kam es mir vor, ja so lange, als hätte ich in diesem Zustand schon nahe eine Ewigkeit zugebracht!
HG|2|84|18|0|Diese unerträgliche Einförmigkeit brachte mich endlich auf den Gedanken, dass ich darob zu mir selbst zu reden begann und sagte somit zu mir selbst:
HG|2|84|19|0|‚Was soll das, warum stehe ich denn hier auf dieser dunstigen Unterlage? Mich hungert und dürstet schon ganz entsetzlich stark!
HG|2|84|20|0|Was kann ich da wohl herabbeißen von dieser meiner mageren Unterlage? Zum völlig Tothungern bin ich auch nicht geeignet; denn solches beweist mir ja die schon endlos lange Dauer dieses meines sonderbaren und kläglichen Zustandes!
HG|2|84|21|0|Was soll ich hier, was will ich nun denn tun?‘
HG|2|84|22|0|Und also redete ich weiter mit mir selbst, wie da folgt: ‚Wie wäre es denn, so ich da einen Versuch machen möchte, wegzuspringen von dieser langweiligen und hunger- und durstvollen Wolke?
HG|2|84|23|0|Ja, da hinab in diese unendliche Tiefe! Es wird doch einerlei sein, ob ich mit der Länge der Ewigkeiten dahier zugrunde gehe auf dieser Wolke, oder ob ich während meines Fallens in die Tiefen der Tiefen der Unendlichkeit aufhöre zu sein!‘
HG|2|84|24|0|Nach diesen Worten fasste ich alle meine Kräfte zusammen, schleppte mich zum Rand der Wolke, schloss die Augen und sprang von der Wolke.
HG|2|84|25|0|Nach ziemlich langer Zeit meines vermeintlichen Fallens öffnete ich wieder langsam ein Auge um das andere, – und wo war ich? Hungrig und durstig wie zuvor auf meiner Wolke!
HG|2|84|26|0|Denn von dieser konnte ich mich ebenso wenig mehr entfernen, als sich jemand von der Erde hinaus in den unendlichen Welten- und Sonnenraum entfernen könnte.
HG|2|84|27|0|Da ich aber mich also gefangen sah, da kam mir ein großer Gedanke, und dieser Gedanke war Gott; und Gott war in diesem Gedanken, – ja, Gott, Du bist es Selbst!
HG|2|84|28|0|Also sprach ich: ‚Wer kann Dich, Unendlicher, denken, da Du nicht wärest? Ich aber denke Dich nun, so bist Du auch da, wo ich Dich denke, für mich – und bist nirgends für mich als nur da, allwo ich Dich denke! Denn dieser Gedanke ist ja Dein Wort in mir; wo aber Dein Wort ist, da bist ja auch Du!
HG|2|84|29|0|Ehedem dachte ich nicht an Dich. Wo warst Du da? Ja, Du warst auch hier, aber Du wolltest Dich nur nicht aussprechen! Da Du Dich aber nun ausgesprochen hast durch den Gedanken an Dich in mir, so bist Du nun auch wesenhaft hier bei mir und in mir.‘
HG|2|84|30|0|Als ich aber mich in solche hohe Gedanken verlor, da kam mir auf einmal ein Schlaf; im Schlaf aber träumte mir, dass ich aus Hunger die zu meinen Füßen erschaute Erde wie eine Erdbeere verschlang und also auch den Mond und die Sonne und endlich den ganzen gestirnten Himmel mit allen seinen freien Gewässern. Aber dennoch wurde ich nicht satt!
HG|2|84|31|0|Hier fragte ich mich wieder: ‚Wie kann mich noch hungern? Hab’ ich nicht Gott in mir und nun die ganze Schöpfung Gottes in meinem Magen?‘
HG|2|84|32|0|Hier vernahm ich aus der lichten Wolke, die mich trug, denn auf einmal folgende Worte:
HG|2|84|33|0|‚Ob du auch die Unendlichkeit und Ewigkeit verschlängest zu dem, was du schon verschlungen hast, hast aber die Liebe nicht, so wird es dich dennoch hungern und dürsten ewig; denn die Liebe allein ist das wahre, sättigende Brot und das erquickend lebendige Wasser für die ganze Ewigkeit und Unendlichkeit.
HG|2|84|34|0|Was nützt dir Gott ohne Liebe und was der ganze Himmel ohne dieselbe?
HG|2|84|35|0|Siehe, daher ist ein Kind in der Wiege größer denn du, obschon du den ganzen Himmel verschlangst; denn das Kind hat die Liebe!
HG|2|84|36|0|Daher kehre dein Herz zur Liebe, und du wirst in einem Atom der Liebe schon endlosmal mehr finden, als was dir hier deine alte Weisheit gab!‘
HG|2|84|37|0|Nach diesen Worten erwachte ich alsbald wieder und befand mich wieder hier in der Mitte der Väter, Brüder und Kinder und – vor Dir auch, Du heiliger, liebevollster Vater! Das ist aber alles auch, was ich gesehen, empfunden und vernommen habe! Bis jetzt verstehe ich noch gar wenig davon, aber ich denke mir: Wer mir das Gesicht gab, der wird für alle auch das Licht hinzufügen!
HG|2|84|38|0|Dir darum ewig Dank und alle Liebe dafür; Dein Wille! Amen.“
HG|2|85|1|1|Von der usurpatorischen zur wahren Gotteskindschaft. Der Bund zwischen dem göttlichen Vater und Seinen Kindern
HG|2|85|1|1|Am 13. Mai 1842
HG|2|85|1|0|Nach dieser treuen Kundgabe des Gesichtes von Seiten des Jorias nahm sogleich wieder der hohe Abedam das Wort und fing alsbald an, eine überaus leuchtende Rede darüber an alle zu richten.
HG|2|85|2|0|Die Rede aber lautete also, wie da folgt: „Seht und hört, Meine geliebten Kindlein! Ihr seid wahrhaft Meine Kinder, wie Ich wahrhaft euer Vater bin, da Ich Selbst euch nun zu Meinen wahren Kindern im Geiste der Liebe gezeugt habe!
HG|2|85|3|0|Ehedem, nämlich vor dieser Meiner Herabkunft zu euch, nanntet ihr euch zwar wohl auch Meine Kinder, wie Mich euren Vater, und ihr tatet wohl daran; denn solches hat Mich zu euch herabgezogen, um euch alle nun neu zu zeugen im Geiste der Liebe zu Meinen wahren Kindern, – ein überseltenes Beispiel in der Unendlichkeit! (O Erde, du hast Mich bezwungen!)
HG|2|85|4|0|Aber darum ihr euch gewisserart usurpatorisch dieses Namens bedientet und Mich Selbst eben also ‚Vater‘ rieft, wart ihr noch nicht Meine wahren Kinder; da wart ihr nur noch pure Weltkinder, wie Ich nur ein Vater in eurem Munde.
HG|2|85|5|0|Da Ich aber darum dennoch zu euch kam, ob ihr schon gesündigt habt, da ihr Mich also rieft, so zeuge Ich euch jetzt zu Meinen wahren Kindern im Geiste und in eurem Herzen; und so sollt ihr Mich von nun an nicht mehr ‚Vater‘ nur mit dem Mund rufen, sondern mit heiligem, lebendigem Recht in euren Herzen voll Liebe zu Mir sagen: ‚Lieber Vater, unser alleinig wahrer Vater!‘
HG|2|85|6|0|Ehedem habt ihr euch selbst zu Meinen Kindern und somit auch zu Göttern gemacht – und wart es nicht; denn da war es ein Hochmut nur, Mich als Bewohner der Berge also zu nennen, damit ihr euch groß unterscheiden konntet von jenen Nachkommen Kahins.
HG|2|85|7|0|Da sich aber einige unter euch gefunden haben, die da erkannt haben den Weg der Demut und der allein wahren Liebe zu Mir, da kam Ich zu euch als ein Kahinite.
HG|2|85|8|0|Da sich aber die Liebe nicht scheute, den Kahiniten aufzunehmen und zu behalten in eurer Hauptstammmitte, also blieb auch der Kahinite bei euch, ist noch bei euch, und so ihr wollt, wird Er auch ewig nimmerdar weichen von eurem Platz, welcher da ist ein lebendiger Platz in eurem Herzen.
HG|2|85|9|0|Und dieser Kahinite bin Ich, nun lebendig sichtbar unter euch! Ich bin Der, den ihr vorher unberechtigt Vater nanntet, und Ich, der Kahinite, gebe euch nun das Recht lebendig, dass ihr Meine wahren Kinder seid und Ich euer allein wahrer Vater.
HG|2|85|10|0|Nun könnt ihr Mich mit allem Recht in der Demut und Liebe eures Herzens Vater nennen, wie Ich zu euch sagte: ‚Meine geliebten Kindlein‘; denn jetzt bin Ich wahrhaft euer Vater und ihr wahrhaft Meine Kindlein.
HG|2|85|11|0|Das ist somit ein Bund, den Ich nun mit euch mache auf ewig.
HG|2|85|12|0|Wer in dem Bund verbleiben wird, dem werde Ich sein ein Vater und er Mir ein Kind; und wer immer zu diesem Bund treten wird, der auch wird alsbald die wahre Kindschaft überkommen.
HG|2|85|13|0|Wer aber sich von dem Bund trennen wird, der wird sich auch trennen von Mir und wird auf so lange die Kindschaft verlieren, als wie lange er getrennt bleiben wird von diesem heiligen Bund.
HG|2|85|14|0|Doch wahrlich, sage Ich, wer in diesen Bund wird von neuem treten wollen, wird müssen viele Gewalt anwenden!
HG|2|85|15|0|Aber es wird ihm dennoch um vieles leichter sein, in den Bund zu treten, als, so er schon im selben ist aufgenommen worden, wieder sich von selbem loszumachen; denn wer da durch diesen Bund von Mir ergriffen wird, der wird so leichtlich nimmerdar ausgelassen werden!
HG|2|85|16|0|Des Jorias Gesicht aber deutet euch solches ja, da er auch von der Wolke, die da war die Demut seiner Liebe, sich entfernen wollte, als er, sich selbst blind machend, von derselben sprang. Da er aber wieder erwachte, wo war er da?
HG|2|85|17|0|Seht, also hält die Liebe stärker, denn ihr es meint; und die Liebe aber ist das Band dieses jetzt gemachten Bundes zwischen Mir und euch! Meint ihr wohl, dies Band ist etwa so leicht zerreißbar?
HG|2|85|18|0|O mitnichten, sage Ich euch; es lässt sich wohl dehnen, so weit ihr wollt, aber nicht so leicht wieder zerreißen, wenn es einmal jemanden der Liebe angebunden hatte, welche da ist die wahre Kindschaft.
HG|2|85|19|0|Wer aber die Liebe überkommen hat, der hat auch die Kindschaft überkommen, da die Liebe und die Kindschaft eines und dasselbe sind.
HG|2|85|20|0|Seht, ehedem habt ihr euch beflissen samt und sämtlich der Weisheit; die Liebe aber hattet ihr mit den Füßen getreten! In dieser Weisheit wart ihr hungrig und durstig. Eure Wiss- und Weisheitsgier verschlang schon die ganze sichtbare Schöpfung; und wie es euch eure Weisheit gab, so auch war Gott für euch ein Gott und durfte und konnte nichts anderes sein als das nur und so nur, wie Er gerade eurer Weisheit zuträglich war. Und so opfertet ihr Ihm auch, wie es euch wohlgefiel; denn der Gott eurer Weisheit musste Sich ja wohl damit begnügen, da Er sein musste, wozu ihr Ihn gemacht habt, und wie Er euch am bequemsten und am einträglichsten war.
HG|2|85|21|0|Unter diesem Gott, der euch kein Vater war, wart ihr voll Hungers, und eure Kinder schmachteten unter dem gewaltigen Druck eures Weisheitsgottes.
HG|2|85|22|0|Was tatet ihr in solcher eurer Hoheit, in die euch euer Weisheitsgott versetzt hatte und euch dabei aber über alle Maßen hungern und dürsten ließ?
HG|2|85|23|0|Seht, da erst neigtet ihr dem Liebemunde Henochs das Ohr und dann auch das Herz! Und er war die Stimme der Liebe aus Mir, die euch aus der alten Wolke des Jorias zurief, dass da euer Gott ohne Liebe zu nichts nütze ist; die Liebe allein aber ist das Leben selbst.
HG|2|85|24|0|Merkt ihr jetzt, wohin das Gesicht des Jorias zielt?
HG|2|85|25|0|Seht, jetzt erst kennt ihr durch eure Liebe Mich, den alleinig wahren Gott, der da ist euer wahrer Vater, da Er euch alle nun gezeugt hat zu Seinen Kindern!
HG|2|85|26|0|Jetzt erst habt ihr das wahre Licht überkommen, durch das ihr seht, dass zwischen Mir und eurem früheren Weisheitsgott ein unendlicher Unterschied ist, indem Ich allein es nur bin, Er aber ewig nichts ist ohne Mich!
HG|2|85|27|0|Und in dem auch liegt die endlose Größe dessen, dass ihr nun die wahre Kindschaft überkommen habt; und so behaltet denn auch, was ihr nun erhieltet, und bleibt in Mir als Kinder, wie Ich in euch als Vater ewig! Amen.“
HG|2|86|1|1|Jorias wird durch seine Liebefeuer weißglühend. Wie die Liebe zu Gott, so auch das Licht und die Weisheit. Die unermesslichen Schätze in uns
HG|2|86|1|1|Am 19. Mai 1842
HG|2|86|1|0|Nach dieser überstark leuchtenden Rede fiel der Jorias sogleich vor dem Abedam nieder und lobte Ihn im großen Feuer seiner Liebe und dankte Ihm im Vollbrand seines Herzens; und seine Liebe ward stets mächtiger und mächtiger, also zwar, dass er sogar dem Leibe nach aussah, als wäre er aus weißglühendem Erz gestaltet.
HG|2|86|2|0|Als aber die Väter solches bemerkten, so erstaunten sie sich sehr darüber und wussten nicht, was sie bei sich daraus machen sollten und wie und als was nehmen diese Erscheinung.
HG|2|86|3|0|Da aber der hohe Abedam sah solche allgemeine Verlegenheit bei den Vätern, so öffnete Er alsbald Seinen Mund und sagte zu ihnen: „Was staunt ihr der großen Liebe des Jorias?
HG|2|86|4|0|Wer also liebt wie er, der wird auch das erfahren, was nur er erfährt! Wenn aber bei jemandem die Liebe stets mächtiger und mächtiger wird, so durchglüht sie sein ganzes Wesen, da sie ist das eigentlichste, wahrhafteste Feuer. Wer aber also durchglüht wird, der ist auch nach dem Maße seiner Liebeglut durchleuchtet; denn es gibt nirgends ein anderes Licht als nur das dem Feuer entstammende. Darum ist die wahre Liebe ein rechtes Licht, da sie ist ein rechtes lebendiges Feuer.
HG|2|86|5|0|Ich sage euch aber allen: Also, wie da bei jemandem sein wird die Liebe zu Mir, wird auch sein dessen Licht und demnach auch seine Weisheit! Ihr seid aber alle wohl ausgestattet von Mir ausgegangen; jeder trägt in sich dasselbe, was da ist in Mir, darum Ich ihm bin ein vollkommener Vater, wie er Mir sein soll ein vollkommen ebenmäßiges Kind.
HG|2|86|6|0|Da es aber also ist, ein wie großer Tor ist denn hernach derjenige, der solches vernimmt aus Meinem Munde und dennoch nicht alsbald eingeht in sich und richtet da in seinem Herzen alsbald an ein großes Liebefeuer, auf dass es sodann eiligst durchglühe sein ganzes Wesen und erleuchte es durch und durch, damit er dann in sich finden möchte, welche unendlichen Schätze Ich da in ihn gelegt habe.
HG|2|86|7|0|Seht hierher, Jorias ist durchglüht bis zur äußersten Haut! Er schaut und genießt nun schon die unermesslichen Schätze aus Mir, – ja Schätze, die unvergänglich sind ewig und unverbrauchbar, da sie sich also mehren und mehren ins Unendliche, wie sich da mehrt das Weizenkorn auf der Erde, nur des Unterschiedes, dass die verzehrten Schätze der Liebe sich stets verherrlichter und ins Unendliche vermehrter erneuern, während das Weizenkorn der Erde, wenn es in die Erde gesät worden ist, nur sich selbst höchstens hundertfach wiederbringt.
HG|2|86|8|0|Wahrlich, wahrlich, sage Ich euch, diese Erde und alles, was auf ihr, in ihr und über ihr ist, und die Sonne und alles, was da ist in ihr, auf ihr und über ihr, und alle die großen Sterne mit ihren zahllosen Weltenheeren und mit ihrem Licht und mit allem, was da ist in ihnen, auf ihnen und über ihnen, und was da war und sein wird nach undenklichen Zeitläufen, und den ganzen Himmel in aller seiner Unendlichkeit, alle zahllosen Myriaden der Engelscharen mit aller ihrer Herrlichkeit, ja Mich Selbst habt ihr in euch!
HG|2|86|9|0|Wie ist demnach der doch ein Tor, der hier um ein Stückchen Erde streitet, wie es schon zu öfteren Malen unter euch der Fall war, der er doch eine ganze, wahrhaft lebendige Erde, die für ihn ewig nimmer vergehen wird und auch ewig nimmer vergehen kann, sondern sich nur nach seiner Lust und seinem freien Willen stets vergrößern, stets mehr verherrlichen und stets mehr vervielfachen wird, in sich birgt und trägt, und also auch alles früher Bezeigte!
HG|2|86|10|0|Denn wenn es nicht also wäre, da wäre niemand eines Gedankens fähig; alles aber, was da jemand denken kann und mag, und wie vielfach und wie gestaltet, muss ja doch wohl also in ihm vorhanden sein wesenhaft, wie da in dem Samenkorn schon vorhanden ist eine endlose Vielheit seiner selbst nebst allen dasselbe produzierenden Pflanzenbestandteilen, ohne welche Beschaffenheit keine Fortpflanzung ins Unendliche denkbar wäre.
HG|2|86|11|0|Wenn also gestaltet euch aber eure Gedanken lehren, was ihr alles unendlichfältig in euch bergt und tragt wesenhaft und Ich als der Schöpfer alles dessen und euer wahrer Vater euch nun auch noch dasselbe enthüllend sage und ihr nichts als nur der wahren Liebe bedürft, um euch in den Vollbesitz aller dieser unendlichen Schätze zu setzen, – sagt, ein wie großer Tor ist demnach der, so er sich kümmert und sorgt um eine Faust voll Staubes der nichtigen Erde, die da nur ist ein prüfendes Trugbild oder eine barste Scheinwelt, während er doch zahllose Sonnenheere in sich birgt, die da echt sind und unvergänglich!
HG|2|86|12|0|Darum seht an den Jorias; der zeigt euch nun, was die Liebe vermag, und wozu alles sie allein euch verhelfen kann.
HG|2|86|13|0|Daher seid künftighin keine Toren mehr, und flieht die Welt, und sucht euch selbst und Mich in euch!
HG|2|86|14|0|Habt ihr mit eurem Liebelicht da alles gefunden, so werdet ihr wohl einsehen, wie viel die ganze Erde wert ist gegen den geringsten inneren Schatz des Lebens aus Mir.
HG|2|86|15|0|Wer aber da erglühen wird in der Liebe gleich dem Jorias, der wird auch finden, was er nun gefunden hat!
HG|2|86|16|0|Du, Mein geliebter Jorias, aber stehe nun auf, und zeige den anderen den kleinsten Teil dessen, was du nun in dir aus Mir gefunden hast durch deine Liebeglut! Amen.“
HG|2|87|1|1|Jorias Rede über die Liebe
HG|2|87|1|1|Am 20. Mai 1842
HG|2|87|1|0|Und alsbald erhob sich der glühende Jorias und begann folgende Worte nach dem Willen Abedams an alle die anwesenden Väter zu richten und stellte ihnen getreu den kleinsten Teil des nun in sich gefundenen Schatzes, der unendlich ist, dar. Die Worte aber, die er zu ihnen sprach, lauteten also:
HG|2|87|2|0|„Väter, Brüder, Kinder, Mütter, Weiber und Töchter, hört! Wahrlich, wahrlich, wahrlich, kein äußerer Sinn unserer Seele kann es je erfassen, was Gott, unser heiliger, liebevollster Vater, denen vorbereitet hat, die Ihn allein über alles lieben und ihre Herzen nimmerdar abwenden von Ihm, und auch keines Menschen Zunge wird solches je wiedergeben können!
HG|2|87|3|0|Oh, wie wäre solches auch da möglich, wo uns die Worte verlassen und sicher niemand mehr in sich ein Wort finden wird und kann, durch welches er imstande wäre, nie geahnte, viel weniger noch geschaute Dinge vernehmlich zu bezeichnen! Und so er auch alsbald bilden möchte neue Worte, wer wird sie aber verstehen, und wer die endlos vielen sich dann erst merken?!
HG|2|87|4|0|Daher kann nur ein kleinster Teil eines kleinsten Teiles allhier zum schwachen Verständnis kundgegeben werden. Ich sage, liebe Väter, Brüder und Kinder, nicht umsonst ‚zum schwachen Verständnis‘, denn ein irdisches Wort ist ja kaum nur die äußerste Rinde eines mehrere Hunderte von Jahren alten Baumes.
HG|2|87|5|0|Wer aber kann aus derselben das innerste, wunderbarste Leben des Baumes erkennen, wer im Baum selbst den mächtig gewordenen Keim und in diesem die endlose Vielheit dessen, was da noch verborgen liegt und erst mit der Zeit zum Vorschein kommt sichtbar unseren Augen?!
HG|2|87|6|0|Und wer möchte endlich erst erkennen aus dem Äußersten der Rinde die geistigen Wunder alle, welche eine allerkleinste Faser des Holzes in sich birgt?!
HG|2|87|7|0|Wie daselbst das Laub, die Blüte, die Frucht mit allen ihren sie umgebenden und sie durchdringenden Teilen von vielen tausenden Geisterhänden vorbereitet wird, von ihnen dann zur rechten Zeit durch alle die zahllos vielen Kanälchen zu den Ausmündungen an den Zweiglein geführt und dort erst endlos wunderbarer ausgebildet wird nach der bestimmten Form und nach allen uns wie nur immer möglich fühl- und wahrnehmbaren Eigenschaften?!
HG|2|87|8|0|So wenig wir aber alles dieses und noch zahllos mehreres von der Außenrinde des Baumes entnehmen können, – um noch viel weniger kann jemand das allerkleinste Teilchen dessen durch Zungenworte wiedergeben, was dieser unser aller heiligste, liebevollste Vater in den Herzen derer vorbereitet hatte, die Ihn über alles lieben!
HG|2|87|9|0|O Liebe, Liebe, Liebe, du große, heilige Liebe, welche Fülle, welche Tiefe des Lebens und des Lichtes fasst du in dir?!
HG|2|87|10|0|Gott, Gott Selbst ist die reinste Liebe, und diese Liebe ist vor uns allen; sie ist unser aller heiliger, liebevollster Vater, hier – in unserer Mitte, – da – in unseren Herzen!
HG|2|87|11|0|Vor den Augen des Fleisches und der Seele auch liegt es verborgen, aber nicht also vor denen des Geistes, in dem die Liebe wohnt, ja der selbst Liebe ist aus der endlosen Liebe unseres heiligen Vaters.
HG|2|87|12|0|Dem Geist ist ein Sandkörnchen mehr denn dem fleischlichen Auge die ganze Erde und der ganze gestirnte Himmel, so er auch geschaut werden könnte in aller seiner Außenpracht, gleich wie der Fleck der Erde, auf dem wir wandeln, also nahe!
HG|2|87|13|0|O Sandkörnchen, du großes Wunderwerk, was bist du, – wie groß und herrlich! Wer ahnt die unaussprechliche Majestät dessen, das da unbeachtet an seiner Fußsohle kleben bleibt? Es ist ja nur ein winziges Stäubchen!
HG|2|87|14|0|O Väter! Glaubt es nicht! Es ist kein Stäubchen! Eine Welt, eine unermesslich große Welt ist es! In ihren weiten Räumen wallt Licht und Leben!
HG|2|87|15|0|Große Ströme durchziehen ihre weiten Kristalltäler; auf ihren sehr hohen Bergen brennen tausend und tausend Sonnen, voll des herrlichsten Lichtes aller Farben, und zahllose Wesen in den nie geahnten, wunderbarsten Formen beleben diese große Welt! Licht und Wärme ist ihre Nahrung; ihre Bewegung gleicht einem Wanderer, dem ein hohes Reiseziel vorgesteckt ist.
HG|2|87|16|0|O du Körnchen, du Körnchen, du allein ja wärst mir genug für die ganze Ewigkeit!
HG|2|87|17|0|O Väter, Brüder und Kinder, – ich vermag nun nichts mehr zu reden, denn größer und herrlicher stets wird ja schon dies Stäubchen!
HG|2|87|18|0|Was soll da erst sein eine ganze Erde und ihre stets herrlichere Vervielfachung im Ganzen, wie in allen ihren unzähligen Teilen!
HG|2|87|19|0|Was dann erst eine Sonne, was der ganze sichtbare Sternenhimmel, was dann erst der Geister- und Engelshimmel, was sie, was wir, was erst die Liebe Gottes in uns?!
HG|2|87|20|0|Daher liebt, liebt, liebt Ihn; in der Liebe werdet ihr erst erfahren, was die Liebe ist, und wie unaussprechlich gut da ist unser heiliger Vater!
HG|2|87|21|0|O Liebe, du heilige Liebe! Du allein bist alles in allem! O Vater, Du heiliger Vater, Du bist ja diese heilige, große Liebe Selbst!
HG|2|87|22|0|Daher liebt, liebt, Väter, Brüder und Kinder, liebt die Liebe; liebt über alles den heiligen Vater!
HG|2|87|23|0|Denn Er allein ist die Liebe, die ewige, die unendliche! Daher auch Ihm allein alle unsere Liebe ewig! Amen.“
HG|2|88|1|1|Jorias wird mit Besela, der Tochter Pariholis, durch Abedam vermählt
HG|2|88|1|1|Am 21. Mai 1842
HG|2|88|1|0|Als der Jorias aber diese Glührede beendet hatte, da ergriff ihn alsbald der Abedam, zog ihn völlig an Seine heilige Brust, segnete ihn und sprach dann zu ihm:
HG|2|88|2|0|„Mein geliebter Jorias, du hast wahr und gut gegeben, ja vollkommen gut nach Meinem Willen, das Ich verlangte von dir, darum du warst und noch bist vollkommen durch und durch glühend vor Liebe zu Mir, und aus Mir erst zu all deinen Vätern, Brüdern, Kindern, Müttern, Weibern und Töchtern!
HG|2|88|3|0|Aber noch bist du dem Gefühle nach nicht reif genug, dass du verbleiben könntest in dieser Glut schon als für beständig; denn siehe, darum Ich nun unter euch wandle, seid ihr dem Geiste nach nur notgezeitigte Früchte am Baum des Lebens, darum auch ihr noch alle eine starke Nachzeitigung werdet bestehen müssen, – sonst würde sich ein jeder bald verzehren und auslieben, und dann sterben für immer!
HG|2|88|4|0|Damit aber diese deine Glut etwas gesänftet wird, will Ich dir ein Weib geben, da du noch ledig bist und kaum etwas über hundert Jahre zählst. An dem Weib wirst du dich erst erproben und festen nach und nach für solche bleibende Glut der nächsten Liebe zu Mir. Denn für jetzt ist die Zeit noch nicht da, in der die Menschen mit Mir werden können auch ohne ein Weib in die vollkommenste Ehe treten; und also ist es für jetzt aus dem Grunde noch für jeden nötig, sich ein Weib zu nehmen, damit er durch das Weib, durch das er von sich selbst und also auch von Mir getrennt wurde, wieder völlig eins wird vor Mir.
HG|2|88|5|0|Denn wie die Eva aus dem Adam hervorging, muss in jedes Mannes Weib sie wieder vollends eins werden mit ihm, und er in sich eins durch die Wiedervereinigung mit dem Weib.
HG|2|88|6|0|Steht er nun also wieder da als ein Mensch vor Mir, dann erst kann er mit Mir wieder vollends eins werden; aber solange er noch getrennt ist, ist er auch für bleibend der höchsten Liebe aus Mir und wieder zu Mir nicht fähig.
HG|2|88|7|0|Es hat aber ja schon eure Weisheit gelehrt, dass da ohne den Gegensatz kein Ding möglich ist; siehe, solches ist richtig!
HG|2|88|8|0|Das Weib aber ist dem Mann gegeben worden zum Gegensatz; wenn demnach der Mann zuvor nicht eins wird mit seinem Gegensatz, da kann er ja auch in sich selbst Mir gegenüber nicht zum Gegensatz werden.
HG|2|88|9|0|Solange er aber das nicht wird, so lange auch ist er Mir völlig gleichsätzig; ist er aber das, so ist er nicht aufnahmefähig, sondern, Mir gleich, sich stets nur mitteilend.
HG|2|88|10|0|Darin aber liegt ja der große Unterschied zwischen Vater und Kind, dass der Vater austeilt, die Kinder aber empfangen und sind eben dadurch eins mit dem Vater, da sie Ihm sind zum Gegensatz.
HG|2|88|11|0|Wenn aber die Kinder nichts annehmen wollten, sondern sich nur stellten mit dem Vater in eine Linie, um gleich Ihm nur auszuteilen, sage Mir: Wer wird denn da den aufnehmenden Gegensatz bilden?
HG|2|88|12|0|Wenn aber dieser mangelt, was wird da mit der Zeit aus den Kindern werden? Ich sage dir, sie würden sich vergeben bis auf den letzten Tropfen ihres Seins, und der Vater müsste da Seine Mitteilung für immer aufheben und dadurch in Sich Selbst den Gegensatz bilden, damit Er bleibe, was Er war in Sich von Ewigkeit her; ein Sich Selbst vollkommen genügender, ewiger, mächtiger Gott!
HG|2|88|13|0|Du stehst aber jetzt mit Mir auf einer und derselben Linie und bist Mir noch kein Gegensatz, sondern ein Gleichsatz; daher ist dir ein Weib nötig, damit du Mir ein vollkommener Gegensatz wirst und Ich dir dadurch vollkommen ein Vater.
HG|2|88|14|0|Du fragst Mich nun in deinem Herzen: Wo ist denn hernach das Weib, das du dir nehmen sollst?
HG|2|88|15|0|Sehe hierher, da ist sie schon! Ihr Name ist Besela, und der arme Pariholi ist ihr Vater; siehe, diese habe Ich dir zum Weib bestimmt!
HG|2|88|16|0|Und du, Besela, trete näher hierher zu Mir und fürchte den Mann nicht, den Ich dir jetzt geben werde; denn er wird dich auf seinen Händen tragen, und deine ewig bleibende Wohnung wird sein Herz dir sein, und wie du eins wirst mit ihm, also wirst du auch eins sein mit Mir in ihm und durch ihn! Amen.“
HG|2|88|17|0|Bei diesen Worten bog Sich der Abedam hin zur Besela und nahm sie auf Seinen linken Arm, drückte sie an Seine Brust, segnete sie, und sagte dann zu ihr:
HG|2|88|18|0|„Nun, du überschöne Besela, im Geiste sowohl wie am Leibe, enthülle dich vor dem, dem du von nun an angehörst, damit er sehe, welch ein Weib Ich ihm für seine mächtige Liebe zu Mir beschieden habe!“
HG|2|88|19|0|Und alsbald schob die kaum etwas über dreißig Jahre alte Besela ihr etwas dunkelblondes Haar auf die Seite, und des Jorias Augen ersahen hier etwas also Schönes, dass er dabei ausrief:
HG|2|88|20|0|„O Erde, o ihr alle Himmel, wie arm seid ihr nun vor mir! Denn etwas Herrlicheres außer Gott fasst ihr nicht zum zweiten Mal!
HG|2|88|21|0|O du arme Sonne, wie wird es dir morgen ergehen, oder dann, wenn sich diese Sonne vor dir enthüllen wird?!
HG|2|88|22|0|Nein, nein, du lieber, heiliger Vater, solcher Gabe bin ich ja dennoch nicht wert!“
HG|2|88|23|0|Der Abedam aber erwiderte ihm darauf: „Wenn Ich dich für würdig halte, so bist du es auch; daher empfange diese Gabe aus Meiner Hand, und gehe mit ihr hin zum Adam und zur Eva, und lasse dich segnen auch von ihnen, und dann auch von deinem Vater Jared wie auch von der Besela Vater, und komme dann wieder zu Mir, auf dass Ich dich weihe im Geiste zu einem Propheten der Sterne aller Himmel! Amen.“
HG|2|89|1|1|Die Segnung von Jorias und Besela. Abedams Lehre über die Bezähmung der Begierden und den Willen Gottes
HG|2|89|1|1|Am 23. Mai 1842
HG|2|89|1|0|Nachdem aber dieses alles geschehen war und die Väter mit den Müttern gesegnet hatten das neue Ehepaar, kam der Jorias mit seinem jungen und schönsten Weib wieder zum Abedam hin, wie Er ihn vorher beheißen hatte.
HG|2|89|2|0|Da er nun wieder vor dem hohen Abedam sich befand, legte alsbald der Heilige Seine Hände zuerst auf den Jorias, dann aber auch auf die Besela, berührend das Haupt und das Herz, das heißt die linke Seite der Brust, und sprach dabei folgende Worte:
HG|2|89|3|0|„Nehmt hin Meinen Segen zum ewigen Leben! Zeugt aus euch wahre, lebendige Früchte der reinsten Liebe! Ferne sei eurem Leib die stumme Befriedigung dessen, daran das Fleisch und somit auch die Sünde hängt, – so werdet ihr stets wandeln wahrhaft und getreu vor Mir. Wer aber da wohltut seinem Fleische, es über das gerechte Maß nährt und sucht es dann durch alle Wollust zu ergötzen, der nährt seine eigene Sünde und räumt durch die Wollust des Fleisches dem ewigen Tode alle Gewalt über sich ein.
HG|2|89|4|0|Daher bezähmt allzeit eure Begierden, so es nicht Zeit ist, dass ihr Mir zeugtet eine lebendige Frucht; wenn es aber Zeit ist, dann ruft zu Mir, damit Ich euch halte, wenn ihr der Sünde ein Opfer bringt, und ihr darum nicht fallt, sondern bleibt in Meiner Gnade.
HG|2|89|5|0|Denn wer da fällt, der steht schwer auf, und bei jedem Fall wird der Geist mit einem neuen Totengefängnis umgeben.
HG|2|89|6|0|Wenn er dann erstehen möchte aus der Gefangenschaft des Fleisches, welches ist die alte Sünde und der alte Tod des Geistes, – wie wird es ihm dann ergehen, wenn er statt einer Rinde mehrere hunderte wird zu durchbrechen haben, da immer eine um die andere hartnäckiger wird?
HG|2|89|7|0|Daher sorgt euch nur um das, was des Geistes ist; das Fleisch aber übergebt Mir und tuet im selben Meinen Willen, auf dass es kraftlos werde, so werdet ihr im Geiste allzeit in dem Grade wachsen und zunehmen, in welchem euer Tod abnimmt, welcher da ist die Sünde oder das Fleisch.
HG|2|89|8|0|Daher sage Ich es euch noch einmal: Nährt, stärkt und ergötzt euer Fleisch nicht; denn dadurch nährt, stärkt und ergötzt ihr euren eigenen Tod, welcher nun den Geist umgibt als letzter Kerker vor seiner Wiederbefreiung oder Wiedererstehung zum vollsten ewigen Leben aus Mir und in Mir!
HG|2|89|9|0|Du, Mein geliebter Jorias, hast geschaut die Größe und Erhabenheit dessen, was da ist ein Kind Meiner Liebe! Du hast die Fülle der Glut Meiner Vaterliebe empfunden! Also bleibe getreu Meinem Willen, bleibe getreu Mir, deinem Gott, ja bleibe getreu Mir, deinem heiligen, liebevollsten Vater!
HG|2|89|10|0|Siehe, sooft das Fleisch eine ungebührliche Forderung an dein Herz legen wird, allzeit die Sterne des Himmels an, und Ich werde aus den Sternen zu dir reden und werde dir sagen, was du zu tun hast!
HG|2|89|11|0|Wenn du aber abweichen möchtest von diesem Meinem Weg, den Ich dir jetzt vorgezeichnet habe, dann wird sich auch der Himmel vor deinen Augen in dichte Wolken verhüllen, und du wirst so lange die sprechenden Sterne hinfort nicht zu Gesicht bekommen, als bis du voll Reue auf diesen Meinen Weg zurückkehren wirst!
HG|2|89|12|0|So du aber verbleiben wirst freimütig getreu Meinem Willen, da wirst du bald die große Macht desselben in dir zu gewahren anfangen; denn eben dadurch, dass du befolgst Meinen Willen, nimmst du denselben auf in dir und machst ihn zu dem deinigen.
HG|2|89|13|0|Wenn aber Mein allmächtiger Wille deine Ordnung wird, wie er ewig ist die Meinige, sage Mir, welche Macht des Todes wird dich dann wohl mehr überwältigen können?
HG|2|89|14|0|Darum aber gebe Ich dir ein solches Gebot, wie allen, damit durch dessen Befolgung jeder sich eigen machen möchte die Macht Meines Willens, durch welchen alle Dinge sind gemacht worden, und vor dem alle Dinge erbeben.
HG|2|89|15|0|Solange aber jemand sich Meinen Willen nicht zu eigen gemacht hat, so lange auch bleibt er ein Gefangener des Todes und ein Knecht der Sünde, welche ist der alte Tod.
HG|2|89|16|0|Wer aber sich zu eigen gemacht hatte Meinen Willen, der ist vollkommen geworden, wie Ich, sein Vater, es bin, und er wird die Werke des Lebens verrichten, die Ich verrichte.
HG|2|89|17|0|Wer aber also geworden ist ein Besitzer Meines Willens, der hat auch die wahre Kindschaft überkommen.
HG|2|89|18|0|Wer ist aber derjenige, dem Mein Wille zu eigen wird vollkommen? Ich sage dir und euch allen: Derjenige ist es, der Mich liebt!
HG|2|89|19|0|Wer aber liebt Mich? Derjenige, der da tut Meinen Willen; wer aber tut nach Meinem Willen, der hat sich Meinen Willen zu eigen gemacht.
HG|2|89|20|0|Das aber ist ja die wahre Kindschaft, dass jeder ist in Meinem Willen und Mein Wille in ihm; und das ist die wahre, lebendige Frucht der reinen Liebe und das ewige Leben.
HG|2|89|21|0|Diese Frucht sollst du Mir vor allem zeugen mit deinem Weib; hast du solche gezeugt, so wirst du auch dann Kinder zeugen, welche aus Meinem Willen hervorgehen werden und werden sein vollkommen gleich dem, der sie gezeugt hatte.
HG|2|89|22|0|Das aber ist dieser Mein Segen, dass sonach Mein Wille der deine werde und du lebst aus und in demselben ewig! Amen.
HG|2|89|23|0|Nun gehe hin zu Meinem lieben Jared, und der Garbiel und Besediel sollen sich nun an diese Stelle begeben! Amen.“
HG|2|90|1|1|Die Demütigung Garbiels. Das Ende des segensreichen Sabbats
HG|2|90|1|1|Am 24. Mai 1842
HG|2|90|1|0|Und der Garbiel und der Besediel begaben sich, nachdem sie alsbald vom Jorias benachrichtigt wurden, dass sie der hohe Abedam berufen hatte, alsogleich voll Mutes und Beharrlichkeit hin zum hohen Abedam.
HG|2|90|2|0|Als sie aber (natürlich nach wenigen Schritten schon) bei Ihm angelangt sind, da tat sich sogleich der Garbiel hervor und sagte (freilich wohl außerordentlich stark vorwärts gebeugt, als säße ihm eine zentnerschwere Demut am Hals) zum hohen Abedam:
HG|2|90|3|0|„Lieber, heiliger Vater! Soll ich oder der Besediel zuerst mit der Kundgebung unseres Gesichtes beginnen?
HG|2|90|4|0|Ich meinesteils wäre dafür, dass der Besediel zuerst und also ganz zuletzt erst ich dann erzählte mein Gesicht!“
HG|2|90|5|0|Solches aber sagte er darum, weil er nicht als Erster gerufen ward und bei den Gerufenen eine Steigerung bemerkte; so verhoffte er sich, wenn er als vollkommen zuletzt kundgeben würde sein Gesicht, da stehe er dennoch oben an und ist erhaben über alle.
HG|2|90|6|0|Der Abedam aber sagte auf diesen vorlauten Antrag zum Garbiel: „Garbiel, siehe, Ich Meines Teils bin wieder ganz und gar nicht dafür, sondern bin vielmehr dafür, dass da weder du, noch der Besediel werdet kundgeben eure Gesichte, da sie keinen allgemeinen Wert haben, sondern nur einen sich unterdessen auf euch allein beziehenden, über dessen tatsächliche Anwendung Ich euch erst morgen die volle Weisung geben werde!
HG|2|90|7|0|Das wäre somit ein Teil, wofür Ich Meines Teils unabänderlich bin; dann bin Ich aber wieder eines anderen, aber dennoch Meines Teiles wieder dafür, dass, so Ich jemanden rufe, er doch warten soll, was Ich von ihm verlangen werde, und dann erst reden, so Ich es von ihm verlange, aber nicht vorlaut gewisserart Mir vorzeichnen, was Ich tun soll.
HG|2|90|8|0|Siehe, für solche nach dem Vorrang dürstenden Zuvorkommenheiten bin Ich Meines Teils wieder gar nicht, aber desto mehr wieder eines anderen Meines Teils dafür, dass sich jemand also demütige, dass er lieber sein will der Letzte als der Erste, lieber Diener als Herr, lieber der Kleinste als der Größte, lieber sein verkannt als zu hoch anerkannt, und lieber sein ein letzter Knecht denn ein erster Gebieter. Siehe, dafür bin Ich Meines Teils wieder sehr!
HG|2|90|9|0|Und noch bin Ich eines anderen Meines Teils wieder dafür, dass ein jeder dem anderen in aller wahren Liebe soll sein ein wahrer Bruder. Denn solange er das nicht ist, kann Ich Meines Teils ihm ja auch nicht ein Vater sein; bin Ich aber der allein wahre Vater, da sehe Ich als die allerhöchste Weisheit Meines Teils wahrhaft wieder nicht ein, welches Unterschiedes da Meine Kinder untereinander sein sollten!
HG|2|90|10|0|Oder hat die reine Liebe wohl Unterschiede, wenn sie ist vollkommen aus Mir?!
HG|2|90|11|0|Ja, es gibt wohl einen Unterschied zwischen Liebe und Liebe, wie sie mächtiger ist und mächtiger; aber diese Unterschiede sind also beschaffen, dass die Brüder diesen Unterschieden zufolge einander achten, und je mehr Liebe einer hat, desto demütiger ist er auch, und desto mehr will er auch allen ein Diener sein.
HG|2|90|12|0|Siehe, sonach wäre Ich Meines Teils für dich auch der Meinung, du solltest dich demütigen, deinen Irrtum einsehen, ihn bereuen in dir und dein Herz zuvor erfüllen mit wahrer Liebe zu Mir, dem Vater, und also auch zu allen den Brüdern, Vätern, Kindern und Weibern; denn sonst wirst du deines Teils nicht viel des ewigen Lebens überkommen.
HG|2|90|13|0|Auch du, Besediel, magst dergleichen tun! Du, Mein lieber Sehel, aber zeige ihnen den rechten Weg! Amen.
HG|2|90|14|0|Morgen aber will Ich jedermann seine Weisung geben; solches sollen demnach auch die beiden von Mir erwarten! Amen.“
HG|2|90|15|0|Nach diesen Worten aber wandte sich der hohe Abedam zum Adam und sagte zu ihm:
HG|2|90|16|0|„Adam, siehe, also hätten wir den Sabbat gebührlich beschlossen, denn der Nacht Mitte ist herangekommen. Sage es demnach allen, dass allen die Ruhe nun gar nötig geworden ist, darum sie sich zur Ruhe begeben sollen, um morgen gestärkt wieder erwachen zu können!“
HG|2|90|17|0|Und der Adam vollzog alsbald des Herrn Willen und ließ allen durch die Kinder Seths die Ruhe ankündigen.
HG|2|90|18|0|Als aber solches geschehen, da entstand alsbald ein allgemeiner Lobgesang von vielen Tausenden; nach dessen Beendigung aber segnete Abedam alle zur Ruhe und sagte dann zum Adam:
HG|2|90|19|0|„Da nun alles sich zur Ruhe begeben hat, so wollen auch wir keine Ausnahme machen, sondern wollen tun, was alle anderen tun!“
HG|2|90|20|0|Der Adam aber fragte den Herrn, sagend: „Heiliger Vater, wo willst Du denn, dass wir mit Dir ruhen sollen, – entweder hier, – oder sollen wir uns in meine Hütte begeben?“
HG|2|90|21|0|Der Abedam aber sagte darauf zum Adam: „Adam, siehe, Ich habe schon gar viele Ewigkeiten unter Meinen freien Himmeln zugebracht, so lasse uns denn auch heute hier unter dem freien Himmel zubringen; denn das Firmament hat sich ausgeheitert, und also harrt unser kein Sturm mehr. Daher bleiben wir, wo wir sind, und wie wir sind; und also begebt euch alle zur Ruhe! Amen.“
HG|2|90|22|0|Und also ward der segensreiche Sabbat beschlossen, und eine feierliche, heilige Ruhe ergoss sich über alle die heiligen Höhen der Kinder Gottes.
HG|2|91|1|1|Die Spuksonne. Adams Fluch
HG|2|91|1|1|Am 28. Mai 1842
HG|2|91|1|0|Eine gute Stunde vor dem Aufgang der Sonne war aber noch niemand außer dem alten Vater Adam auf den Füßen.
HG|2|91|2|0|Ja, der Adam hätte sogar gerne hier und da jemanden geputzt – wenn er sich getraut hätte, und wenn er schon jemanden wach gefunden hätte –, darum man diesmal gerade bei dieser allerhöchsten Gelegenheit also verschlafen konnte, dass er nicht einmal mehr einen Stern zu sehen bekam, als er erwachte.
HG|2|91|3|0|Allein, da er auch noch sogar den hohen Abedam zwischen Abedam, dem anderen, und dem Henoch auf der Erde ruhen sah, so getraute er sich nichts zu sagen und ergab sich in aller Geduld und Nachgiebigkeit.
HG|2|91|4|0|Es ertönten aber schon von allen Seiten her Morgenlieder und war zu hören ein großes Preisen und Loben von allen Seiten her, aber auf der eigentlichen Höhe ließ sich noch nichts vernehmen.
HG|2|91|5|0|Das war schon wieder ein neuer Stein des Anstoßes für den Adam. Er hätte gerne über die Lauigkeit der Ausgewählten sogar recht heftig gezürnt, wenn nur von Seiten des hohen Abedam der leiseste Wink dazu erfolgt wäre.
HG|2|91|6|0|Allein der Abedam ruhte denn noch immer zwischen den vorerwähnten Lieblingen und machte noch keine Miene, als wollte Er noch sobald aufstehen.
HG|2|91|7|0|Der Adam kratzte sich zwar ganz gewaltig hinter den Ohren, aber er schwieg demungeachtet.
HG|2|91|8|0|Bei sich sagte er freilich: „Es ist eine barste Schande für uns Erwählte, dass uns alle umliegenden Kinder in allem zuvorkommen und gehen uns mit einem guten Beispiel vor, da solches zu tun doch nur an uns wäre! Aber was lässt sich hier machen? Er ruht Selbst noch!
HG|2|91|9|0|Wenn nur die liebe Sonne nicht etwa eher auftaucht, bis wir zum Morgengesang kommen werden?!
HG|2|91|10|0|Zu anderen Zeiten haben wir schon das Morgenmahl eingenommen lange vor dem Aufgang; heute aber droht uns die Sonne noch liegend oder zum wenigsten auf der Erde ruhend anzutreffen!
HG|2|91|11|0|Aber was ist da zu machen? Aufwecken kann ich Ihn doch nicht!
HG|2|91|12|0|Denn es galt ja allzeit nur Ihm alle unsere Morgenverherrlichung.
HG|2|91|13|0|Er aber ruht noch, und es wäre doch gewiss sehr unschicksam, jetzt etwas zu tun und Ihn zu stören in der Ruhe.
HG|2|91|14|0|Aber ärgerlich ist es denn doch, dass da außer mir und meiner Eva noch niemand sich von der Erde erheben will!
HG|2|91|15|0|Wenn nur die Sonne noch verzöge, da wäre es noch zu ertragen; aber wenn sie uns also antrifft, was werden da alle die anderen Kinder sich von uns zu denken anfangen?!
HG|2|91|16|0|Nein, solch ein Anblick wäre etwas Schauderhaftes für mich; daher verziehe, verziehe, du fleißige Sonne!“
HG|2|91|17|0|Als der Adam aber noch eine Zeit lang solchen schauderhaften Ideen nachhinkte, siehe, da guckte auf einmal die Sonne hinter dem Horizont herauf!
HG|2|91|18|0|Jetzt zerriss dem Adam die Geduld, dass er darob dem neben ihm liegenden Seth einen Stoß versetzte und dieser alsbald etwas erschreckt aufsprang und in der Stille auch sogleich den Adam fragte, sagend:
HG|2|91|19|0|„Lieber Vater, fehlt dir etwas? Wenn solches, da gebiete mir, damit ich es alsbald vollziehe nach deinem Willen und nach deinem Bedürfnis!“
HG|2|91|20|0|Der Adam aber zeigte dem Seth alsbald mit dem Finger die Sonne und sagte: „Da siehe einmal hin und betrachte die Sonne, wie hoch sie schon steht, und höre, wie von allen Seiten her schon die Morgenlieder erschallen und der Sonnengruß!
HG|2|91|21|0|Wir aber schlafen noch mehr denn zur Hälfte; ist das aber eine unerhörte Schande für uns, die wir dazu noch auserwählt sind!
HG|2|91|22|0|Nein, nein, ich weiß mir gar nicht zu helfen und zu raten!“
HG|2|91|23|0|Hier blickte der Seth nach der schon ziemlich hochstehenden Sonne und bemerkte gar bald, dass sie fürs Erste nur einen sehr matten Glanz hatte und fürs Zweite nur einen unförmlichen Klumpen statt einer schönen Rundscheibe darstellte.
HG|2|91|24|0|Dieser etwas stark verdächtigen Erscheinung zufolge sagte der Seth alsbald zum Adam:
HG|2|91|25|0|„Höre, lieber Vater, wenn ich mich nicht irre, so ist es jetzt wohl vielleicht eben nicht zu ferne mehr vom Aufgang der rechten Sonne!
HG|2|91|26|0|Was aber die Spuksonne betrifft, so sehe nur genauer hin, und du wirst dich gar bald überzeugen, um welche Zeit es mit dieser Sonne stehe, und welch eine Bewandtnis es mit dem etwas unheimlich klingenden Morgengesang hat!“
HG|2|91|27|0|Hier erst fing der Adam an, die Sonne etwas genauer zu betrachten, und ersah gar bald seinen Irrtum.
HG|2|91|28|0|Und als er dem noch forthallenden Morgengesang ein aufmerksameres Ohr lieh, da vernahm er auch gar bald folgende kurze Gesangsstrophe:
HG|2|91|29|0|„Gepriesen sei, du großer Gott, da unten in der Tiefe; / wir loben, großer Lamech, dich und deine Weisheitskniffe!
HG|2|91|30|0|Du hast die rechte Sonne uns erweckt durch deine Stärke, / und dein und ihr sind demnach alle diese großen Werke!
HG|2|91|31|0|O Lamech, großer Gott, du füllest nun die Himmel alle, / da du gebracht nun hast den alten schwachen Gott zum Falle!
HG|2|91|32|0|Nun schläft Er müd und matt auf Erden gleich den Seinen, / und lässt sich ihnen gleich gemach von deiner Sonn’ bescheinen!“
HG|2|91|33|0|Bei diesen Worten erschrak der Adam also heftig, dass er also aufschrie: „Um des allmächtigen Gottes willen, was ist das denn für ein verfluchter Tag, was für eine verfluchte Sonne und was für ein verfluchter Gesang?!“
HG|2|91|34|0|Bei diesen Worten Adams erhob sich ein wenig von der Erde der hohe Abedam und fragte den Adam: „Adam, was fehlt dir, darum du fluchst?“
HG|2|91|35|0|Adam aber erwiderte ganz bebend: „O Abedam! Siehe an diesen falschen Tag, wie er ist ein Werk des Satans!“
HG|2|91|36|0|Der Abedam aber sagte darauf: „Adam, warum hast du ihn nun gerichtet? Siehe, darum wird er nicht der Erde letzter sein; dieser Tag wird sich vermehren auf der Erde wie ein Unkraut, und dieses Unkraut wird nicht auszurotten sein bis ans Ende aller Zeiten!“
HG|2|91|37|0|Der Adam aber schrie: „O heiliger Vater, so vernichte ihn auf ewig!“
HG|2|91|38|0|Der Abedam aber erwiderte ihm darauf: „Siehe, auch der Urheber dieses Tages ist frei wie du und lebt aus Mir! Daher lassen wir ihm seine Zeit; er soll sie nur dehnen, so lang er will!
HG|2|91|39|0|Wenn aber dann Meine Ewigkeit über ihn kommen wird, da wird seine große Torheit schon an das Licht des wahren Tages treten!
HG|2|91|40|0|Daher sei ruhig bis zur Zeit, wann Ich euch erwecken werde am Morgen des rechten Sonnetages!
HG|2|91|41|0|Und daher auch lege dich nun zur Erde wieder! Wann aber Ich erstehen werde, dann ersteht alle; denn Ich werde erstehen am rechten Sonnetage und werde euch erwecken durch Meinen Geist.
HG|2|91|42|0|Bis dahin aber lassen wir nun spielen den Satan aus der wahren Schlammtiefe Lamechs! Amen.“
HG|2|91|43|0|Diese Worte beruhigten den Adam; der Abedam aber legte sich sogleich wieder zur Erde nieder, und der Adam und der Seth und die Eva folgten Seinem Beispiel und achteten nicht mehr der Sonne des Lamech aus der Tiefe.
HG|2|92|1|1|Der heftige Sturm am Morgen. Hored ermahnt die Schwachherzigen und vertreibt den Sturm
HG|2|92|1|1|Am 1. Juni 1842
HG|2|92|1|0|Ungefähr eine halbe Stunde ruhten die Väter noch, und der Adam schloss seine Augen, so fest er nur immer konnte, um ja keinen Strahl des falschen Tages mehr in sich aufzunehmen.
HG|2|92|2|0|Als nun diese halbe Stunde vergangen war, da erhob sich auf einmal ein außerordentlich heftiger Sturm. Windhosen entwurzelten die dicksten und kräftigsten Bäume. Die Luft durchzuckten tausend und tausend Blitze, und auf den benachbarten Gebirgen lösten die mächtigsten Feuersäulen große Felsstücke von ihren Fundamenten und zerstoben sie in der Luft wie eine leichte Spreu.
HG|2|92|3|0|Das beständige Krachen der Blitze trieb dem Adam eine übermäßige Furcht ein, und er gedachte darob bei sich in der Stille höchst beängstet: „Mein Gott und mein Herr und mein geliebter heiliger Vater! Wenn es vielleicht denn Deinem großen Feind, dem Leviathan, dieser mächtigen Schlange alles Verderbens, dennoch gelungen wäre, Dich zu überlisten und, während Du nun segnend hier unter uns weilst, sich auf den Thron Deiner ewigen Heiligkeit zu schwingen, was werden wir da anfangen?
HG|2|92|4|0|Was wird da aus Deinen heiligen Verheißungen werden?
HG|2|92|5|0|Bist Du, o heiliger, lieber Vater, entmächtigt vom Satan, was soll da aus uns denn werden?!
HG|2|92|6|0|Dieses Toben der Elemente gegen uns ist sicher ein Zeichen, dass dem Satan gelungen ist seine übergroße Bosheit!
HG|2|92|7|0|O Vater, Vater! Was wird da aus uns werden?!“
HG|2|92|8|0|Siehe, in solchen Gedanken war Adam begraben, und da Ich Mich noch nicht rührte, so schien es ihm auch schon nun ganz wahrscheinlich, dass Ich sicher samt ihm und allen den Kindern ein Gefangener des Satans geworden sei, darum er endlich seine Augen wieder auftat und schaute ganz entsetzlich ängstig nach Mir hin, ob Ich noch da sei, und ob die Kinder noch unbeschädigt da seien.
HG|2|92|9|0|Als er aber also die Augen auftat, da erschrak er alsbald noch überheftiger vor der verheerenden Feuer- und Sturmszene; denn es kam ihm vor, als sähe er zerstörte brennende Berge durch die Lüfte fliegen und hie und da ein Stück unter großem Gekrache zur Erde noch brennend niederstürzen.
HG|2|92|10|0|Solcher Erscheinung zufolge schrie er bald überlaut Mich rufend aus: „Abedam, Abedam, Du heiliger Vater, wenn Dir noch irgendeine Macht eigen ist, so erhebe Dich über diesen Deinen und unseren ärgsten Feind, und treibe ihn zur Ruhe und zur Einsicht seiner Schwäche vor Dir, sonst gehen wir ja alle zugrunde!“
HG|2|92|11|0|Bei diesem Geschrei Adams richteten sich auch alle Kinder auf und gerieten ob der Schauderszene und ob der unheimlichen Worte Adams – mit Ausnahme Henochs, Jareds, Lamechs und dessen Weibes Ghemela, des Hored und der Naëme, des Uranion, des Gabiel und dessen Weibes Aora und der Tochter Purista, des Lamel, des Pariholi und dessen Familie, des Sehel und des Jorias und dessen Weibes Besela, – alle in eine übergroße Furcht und Angst und waren, durch den Adam gewisserart angesteckt, alle auch von seinen Gedanken gefangen genommen und äußerten sich in ihrer Angst auch gleich dem Adam also durch dieselben Worte.
HG|2|92|12|0|Als aber der Hored von allen Seiten her solche Äußerungen vernommen hatte, da erregte er sich, sprang von der Erde auf und sagte laut zu allen, die von der Furcht Adams befallen waren:
HG|2|92|13|0|„Väter, Brüder, Mütter und Schwestern! Welche übertörichte Furcht hält eure Herzen gefangen, und welche noch viel törichteren, ja welche wahrhaft lästerlichen Worte entstammen eurer Zunge!
HG|2|92|14|0|Nie noch war von euch allen je einer also sehr wie ich in der Gefahr, vom Satan verschlungen zu werden!
HG|2|92|15|0|Wer aber hatte mich denn so gewaltigst schnell entrissen dem Rachen des Ungeheuers?!
HG|2|92|16|0|War es nicht Der, der jetzt noch also liebevollst und segnend unter uns sichtbar weilt? War es nicht Er, der allmächtige, große Gott, der uns allen nun in Seiner unendlichen Liebe überbracht hat und gegeben hat die wahre Kindschaft, wie solches doch sicher ein jeder aus den Wundergesichten der Boten hat vollends ersehen können?
HG|2|92|17|0|Er, der allmächtige, ewige, unendliche, heilige Gott wird Sich von einer elenden Kreatur besiegen und am Ende gar verderben und vernichten lassen?!
HG|2|92|18|0|O Erde, wo hast denn du noch einen Winkel, da etwas Unsinnigeres keimen möchte, als da sind solche Gedanken?
HG|2|92|19|0|Hört, ich bin nur ein schwacher Mensch gleich euch; da ich aber gleich euch von Ihm Selbst den mächtigen Segen empfangen habe, so gestehe ich und sage:
HG|2|92|20|0|Wahrlich, wahrlich, Er ist mir ein Zeuge: Mit dieser Seiner Segenskraft in mir, welche gegen Seinen leisesten Hauch im Vergleich soviel als rein nichts ist, nehme ich – hört, ich ganz allein! – es mit hundertmal hunderttausenden solcher wettermachenden Satane auf, und wenn jeder noch um so vieles mächtiger wäre, um wie vieles die von mir ausgesprochene Zahl die Einheit überbietet!
HG|2|92|21|0|Wenn aber ich, der einzige Sünder unter euch, schon solches mich getraue und gar wohl vermag, sagt euch selbst: Was ist’s denn hernach, das eure Herzen mit solch unsinniger Furcht erfüllt? O ihr Schwachherzigen!
HG|2|92|22|0|Damit ihr aber seht, wie entsetzlich eitel und übertöricht eure Furcht ist, so gebiete ich diesem fürchterlichen Feind, dass er weiche und sich verkrieche in irgendeine Schlammpfütze der Tiefe!
HG|2|92|23|0|Seht, schon weht überall segnende Ruhe! Wo sind nun die Blitze, wo die fliegenden Berge, wo die Wind- und Feuerwirbel, wo das schwarze Gewölk?
HG|2|92|24|0|Aber dort seht hin, wie herrlich die rechte Sonne sich schon dem heitersten Aufgang nähert!“
HG|2|92|25|0|Bei diesen Worten erhob Sich auch der Abedam, und der Hored fiel aus übergroßer Liebe alsbald zu Seinen Füßen nieder und dankte Ihm für solchen mächtigen Segen.
HG|2|92|26|0|Alle die Väter aber starrten bald den Hored und bald wieder den Abedam wie versteinert an, und keiner wusste sich hier zu raten und zu helfen.
HG|2|92|27|0|Der Abedam aber lobte den Hored und sagte darauf zu allen: „Der Friede sei mit euch, und Meine Liebe sei Mein Segen in euch und über euch!
HG|2|92|28|0|Erhebt euch alle in der Liebe zu Mir, und du, Seth, gehe und sorge für ein reichliches Morgenmahl; ihr alle aber bedenkt unterdessen, wer durch Mich unter euch ist, und entfernt alle eure törichte Furcht! Nach dem Mahl aber will Ich euch erst zeigen, wie eitel eure Furcht war. Amen.“
HG|2|93|1|1|Verheißung der Menschwerdung des Herrn im Stamme Seths
HG|2|93|1|1|Am 2. Juni 1842
HG|2|93|1|0|Der Seth aber berief alsbald die Seinigen zusammen und ging mit ihnen hinab in seine Wohnung und lud da fünf Körbe voll Früchte der besten Art und legte dazu Brot in gerechter Menge und Honig in gerechter Menge und der Milch in gerechter Menge.
HG|2|93|2|0|Als er mit seinen Trägern mit Speise und Trank nun also wohl ausgerüstet war, da dankte er Mir für die Gnade, dass er gewürdigt ward, allen auf der Höhe damit dienen zu dürfen, und gebot aber auch einem Teil seines Gesindes, dass sie sorgfältig bei all den anwesenden Völkern nachsehen und nachforschen sollten, ob sie etwas zu essen und zu trinken hätten; und wer immer da kommen würde, dem solle gereicht werden alsogleich Speise und Trank.
HG|2|93|3|0|Nach dieser lieben Beheißung aber hieß er dann sogleich die gefüllten Speisekörbe heben und sie tragen auf die Höhe; auch er selbst trug ein großes Gefäß voll des reinsten Honigs.
HG|2|93|4|0|Er aber ging kaum noch einige Schritte, da kam ihm schon der hohe Abedam entgegen und sagte darauf zum vor Liebe und der allerhöchsten Achtung und Rührung nahe zusammensinkenden Seth:
HG|2|93|5|0|„Seth, du großer Liebling Meines Vaterherzens, sei gesegnet von Mir und dein ganzes Haus, darum du bedacht hast so vieler Hungriger und Durstiger aus allen den Völkerschaften!
HG|2|93|6|0|Wahrlich, sage Ich dir, das ist das Größte, was jemand tun kann, dass er versorgt den armen Bruder und die arme Schwester, und unterstützt das Alter, und nimmt sich liebevollst an der Kleinen!
HG|2|93|7|0|Wer solches tut aus der reinen Liebe zu Mir und aus dieser Liebe heraus dir gleich zu den Brüdern und Schwestern, – Ich sage dir, Mein geliebtester Bruder Seth, und hätte er Sünden, soviel da ist des Sandes im Meer und des Grases auf der Erde, wahrlich, sie sollen ihm alle erlassen werden!
HG|2|93|8|0|Im Augenblick aber, als da jemand also tun möchte und öffnen sein Herz seinen Brüdern und Schwestern, werde Ich sein bei ihm und werde ihm geben das ewige Leben, und alles, was Mein ist, das soll auch ihm also zu Diensten stehen, wie es Mir zu Diensten steht!
HG|2|93|9|0|Seth, Mein Bruder, jetzt gebe Ich dir das ewige Leben; denn nun hast du die größte Tat verübt, da du mehr getan hast, als Ich dir geboten; ja, Ich sage dir, das ist die größte und vollkommenste Tat, die noch je auf dieser Höhe verübt worden ist!
HG|2|93|10|0|Wer da tut dasjenige, was Ich ihm auferlege, der ist ein treuer Knecht; wer mit seinem Herzen stets zu Mir gewendet ist, der ist Mir ein rechtes Kind, ein rechter Sohn und eine rechte Tochter; wer aus dem Geiste Handlungen begeht, und hat einen Abscheu vor der Welt, und hat stets alle Sinne nach Mir gerichtet, der ist ein Engel und ist Mir ein Bruder im Geiste aller Wahrheit gleich deinem Sehel.
HG|2|93|11|0|Wer aber tut, wie du nun getan hast, wahrlich, wahrlich, der ist mehr denn alle; denn er ist Mir ein Bruder in der Liebe, – und das ist das Allerhöchste!
HG|2|93|12|0|Daher sei du, Mein liebster Bruder Seth, denn Mir nun auch gesegnet über alle und dein ganzer Stamm!
HG|2|93|13|0|Und diese Stätte soll bleiben bis ans Ende aller Zeiten und soll nimmerdar entweiht werden durch die Füße eines unwürdigen Volkes.
HG|2|93|14|0|Und die Stelle, wo du deine Füße hinsetzen wirst, soll triefen in Überfülle vom Segen; dein Odem soll zu Manna des Himmels werden und jedes deiner Worte zum süßesten Honig des ewigen Lebens!
HG|2|93|15|0|Auf dieser Stelle soll Lamechs Weib gesegnet werden einst mit einem Retter, welcher deinen Stamm erhalten wird bis ans Ende der Zeiten!
HG|2|93|16|0|Ja, Ich sage dir, geliebtester Bruder, also gefällst du Mir, dass Ich Meine große Verheißung sicher zuhalten [halten] werde und werde aus dir und aus deinem Stamm Fleisch und Blut annehmen und werde dadurch werden dir gleich ein Mensch, obschon ein allmächtiger Mensch! Kannst du aber auch schon die göttlich volle Allmacht nicht tragen, aber die Macht der Liebe sollst du stets mit Mir, stets in Mir, und stets aus Mir haben als ein wahrer Bruder zu vollkommen gleichen Teilen!
HG|2|93|17|0|O du Mein lieber Bruder du, komme her an Meine Brust, und lasse dich ergreifen mit aller Macht und Kraft Meines Lebens!
HG|2|93|18|0|O wie lange schon habe Ich Mich gesehnt nach einem Bruder; allein es wollte Mir keiner werden in Meiner Liebe aus sich freiwillig heraus.
HG|2|93|19|0|Du aber bist Mir nun geworden, wonach sich Mein Herz so viele Ewigkeiten vergeblich gesehnt hat.
HG|2|93|20|0|Darum lasse Mich jetzt freuen an deiner Brust; denn nun bin Ich nicht mehr allein in der weiten Unendlichkeit! Ich habe nicht umsonst den unendlichen Raum eines Bruders wegen erfüllt mit zahllosen Welten aller Art, habe nicht zahllose Geisterheere umsonst aus Mir gerufen!
HG|2|93|21|0|Denn an dir, du Mein geliebter Seth, habe Ich ja nun einen Bruder gefunden; ja, du hast Mir nun den Bruder wiedergegeben, der, Mich verachtend, Mir einst als ein Geist aller Geister verloren ging!
HG|2|93|22|0|O Erde, wie reich bist du jetzt, da du Mir einen Bruder gabst! Darum auch sollst du von Mir erfahren, was die ganze Unendlichkeit ewig nimmer erfahren wird!
HG|2|93|23|0|Deine Kinder will Ich aufnehmen zu Meinen Kindern, und deine Väter sollen Mir zu Brüdern werden!
HG|2|93|24|0|Jetzt, geliebtester Bruder, lasse uns ziehen auf die Höhe und dort mit unseren Kindern halten das Morgenmahl, und Ich will allen laut verkünden, dass Ich einen rechten Bruder gefunden habe; und es sollen Himmel und Erde in lauten Jubel ausbrechen, darum Ich einen rechten Bruder gefunden habe! Amen.
HG|2|93|25|0|O du, Mein geliebtester Bruder du!“
HG|2|94|1|1|Seth als Bruder des Herrn
HG|2|94|1|1|Am 3. Juni 1842
HG|2|94|1|0|Als aber der Seth solche große Freundlichkeit vom Abedam vernommen hatte, da mochte er alsbald nicht weiter gehen, sondern fiel sogleich vor Ihm nieder und sagte:
HG|2|94|2|0|„O Du über alles guter, heiliger, liebevollster Vater! Ich, ein schwacher Mensch, bin ja nicht würdig, dass Du betreten möchtest meine Hütte, und bin unwürdig, dass Du mich nur ansähest!
HG|2|94|3|0|Und Du machst mich armen Sünder vor Dir zu einem Bruder, ja zu einem Bruder Deiner Liebe!
HG|2|94|4|0|O Du guter, heiliger, liebevollster Vater, nimm diesen Gedanken wieder aus meiner armseligen Brust, denn er ist zu erhaben, zu heilig, zu unendlich groß! Ich kann ihn gar nicht denken, ohne durch und durch zu erschaudern.
HG|2|94|5|0|Ich – Dir – ein Bruder! O Du großer, heiliger Gott, Vater und Schöpfer durch alle Ewigkeiten und alleiniger Erfüller der Unendlichkeit!
HG|2|94|6|0|Ich, eine Milbe, den Sand der Erde bekriechend, Dir – ein Bruder in der Liebe! Nein, nein, es ist unmöglich, dass ich solches zu denken vermöchte!
HG|2|94|7|0|Vater, lieber heiliger Vater, nehme den Bruder wieder zurück, und lasse mich sein einen Allergeringsten aus denen, die sich da dürfen Deine Kinder nennen!
HG|2|94|8|0|O Du lieber heiliger Vater, siehe, ich bebe ja noch am ganzen Leib!
HG|2|94|9|0|Es kommt mir solche Schwäche von der Übergröße des Gedankens, darum Du mich genannt hast einen Bruder Deiner Liebe.
HG|2|94|10|0|Daher nehme gnädigst diese übergroße und überheilige Last, deren ich wohl ewig nicht würdig sein werde, wieder von mir, damit ich wieder frei wandeln könnte vor Dir, vor Adam und der Eva, vor meinen Brüdern und Schwestern und vor allen meinen Kindern, die Du nun so gnädigst hast wollen durch Deine unendliche Erbarmung und Liebe zu Deinen Kindern aufnehmen!
HG|2|94|11|0|O Du lieber heiliger Vater, erhöre, erhöre gnädigst diese meine ängstliche Bitte; doch jetzt, wie allzeit, geschehe nur Dein heiliger Wille! Amen!“
HG|2|94|12|0|Der hohe Abedam aber bog Sich sogleich zum Seth nieder, hob ihn äußerst behände vom Boden der Erde, drückte ihn an Seine heilige Brust, und küsste ihn auf die Stirne, und sagte dann allerliebevollst zu ihm:
HG|2|94|13|0|„Seth, Mein geliebtester Bruder, siehe, jetzt bist du erst ganz vollkommen Mein Bruder, da du ihn Mir wieder zurückgabst!
HG|2|94|14|0|Siehe, ehedem habe Ich wohl in dir den lieben Bruder wiedergefunden zufolge der großen, alleruneigennützigsten Liebe deines Herzens, welche du deinen Brüdern und Schwestern und deinen und ihren Kindern aus Mir dadurch bezeugtest, dass du ihnen eröffnet hast alle die Kammern, in denen du durch deinen Fleiß aufbewahrt hast des Brotes und der haltbaren Früchte in gerechter Menge und hast den Eingang in deine Milch- und Honigkammer nicht verschlossen, sondern ludest alle Bedürftigen dahin, auf dass sie sich sättigen sollten.
HG|2|94|15|0|Jetzt aber, da deine Liebe sich auch mit der dir möglich größten Demut vereinigt hatte, bist du in aller Wahrheit und Wirklichkeit ein vollkommen rechter lieber Bruder Meiner Liebe!
HG|2|94|16|0|Damit du aber siehst, wie solches gar wohl möglich ist, so höre, – Ich will dich erleuchten:
HG|2|94|17|0|Siehe, die Liebe ist Mein eigenst innerstes Urgrundwesen. Aus diesem Wesen geht erst die eigentliche Gottheit oder die durch alle Unendlichkeit ewig wirkende Kraft [hervor], welche da ist Mein unendlicher Geist aller Heiligkeit.
HG|2|94|18|0|Dieses Urgrundwesen bin Ich aber Selbst, also wie Ich jetzt vor dir stehe, und da, aus dieser Brust ist die ganze Unendlichkeit erfüllt von Meinem Geist, der da ist Mein langer mächtigster Arm und allzeit also wirkt ins Allerunendlichste, wie Ich es in dieser Meiner Brust will.
HG|2|94|19|0|Siehe, demnach bin Ich auch überall durch diesen Meinen Geist vollkommen gegenwärtig und kann da bilden, schaffen und ordnen.
HG|2|94|20|0|Denn Meine Gedanken erfüllen stets den unendlichen Raum, welcher da ist ewig aus Mir; aber zur Erscheinung kommen sie erst da und dann, wo und wann Ich sie mit Meinem Willen ergreife und sie dann festhalte.
HG|2|94|21|0|Siehe nun, aus eben diesem Meinem Urgrundwesen aber habe Ich auch dich gestaltet, eine zweite sich selbst bewusste frei tätige Liebe aus Mir; nicht nur ein alleiniger Gedanke, sondern eine freie Liebe aus Mir!
HG|2|94|22|0|So du nun mit Mir eine und dieselbe Liebe bist, wie solltest du demnach nicht Mein Bruder sein, wenn deine Liebe ist gleich der Meinigen?
HG|2|94|23|0|Daher also sei ohne Furcht, und sei Mir stets ein rechter Bruder, und Ich sage dir, auch du wirst wirken frei im Geiste, wie Ich wirke frei erfüllend die Unendlichkeit.
HG|2|94|24|0|Wenn du aber einen Stein wirfst, da siehst du ja schon, dass der Arm deiner Leibeskraft länger ist als der fleischliche selbst; um wie vieles länger wird erst der Arm deines Geistes sein?!
HG|2|94|25|0|Daher: Bist du Mir in der Liebe ein rechter Bruder, so bist du es Mir auch im Geiste der Kraft! Die Folge, lieber Liebebruder Seth, aber wird dir erst zeigen, dass Meine Liebe in dir gar wohl würdig ist, Mir ein Bruder zu sein; denn Ich Selbst bin ja diese freie Liebe in dir.
HG|2|94|26|0|Daher folge Mir als Bruder nur mutig auf die Höhe; denn Ich sage es ja dir, dass du nun Mein wahrer Bruder bist und bleiben wirst ewig! Amen.“
HG|2|95|1|1|Adams törichtes Verlangen nach dem Sonnengruß. Das Sonnenwunder
HG|2|95|1|1|Am 4. Juni 1842
HG|2|95|1|0|Nach dieser sehr tröstend lehrenden Rede Abedams ward der Seth überaus gestärkt und dankte dem Abedam aus jeder Faser seines Lebens für solche unaussprechliche Gnade.
HG|2|95|2|0|In solch löblichem Dankgefühl erstieg er an der Seite des Abedam auch die Vollhöhe.
HG|2|95|3|0|Als die Vollhöhe aber nun erreicht ward, da spendete auch schon die aufgehende Sonne ihre ersten Strahlen den Häuptern der Berge und somit auch unserer geheiligten Höhe.
HG|2|95|4|0|Es war aber der Adam alsbald fertig und fragte sogleich den hohen Abedam: „Heiliger Vater, siehe, sollen wir nicht den sonst üblichen Sonnengruß singen, der mich so lange schon an jedem heiteren Morgen so sehr erbauend erquickt hatte?“
HG|2|95|5|0|Der Abedam aber fragte darauf sogleich den Adam, sagend nämlich: „Adam, kennst du Mich denn noch nicht? Sage Mir, wen willst du denn ehren durch deinen Sonnengruß?
HG|2|95|6|0|Mich sicher nicht; denn beabsichtigtest du solches, wozu sollte da der törichte Sonnengruß sein, so Ich noch sichtbar unter euch wandle und von niemandem verlange, dass er Mir einen Sonnengruß vorplärren soll?! Was aber Ich verlange, das wisst ihr alle bereits!
HG|2|95|7|0|Willst du aber mit der Sonne in Meiner sichtbaren Gegenwart schon eine Abgötterei treiben, so kannst du es ja auch tun, wenn sie dir mehr zu sein dünkt denn Ich; nur frage Ich dich hier wieder:
HG|2|95|8|0|Wenn aber du schon in dieser Meiner sichtbaren Gegenwart solches tun möchtest oder gar zu tun willens bist, welch ein Geist wird sich da auf alle die späteren Nachkommen vererben aus dir?
HG|2|95|9|0|Ist es denn nicht genug, dass sie alle durch dich den Tod des Leibes überkommen haben für bleibend? Möchtest du zu diesem auch noch den bleibenden Tod des Geistes hinzufügen?
HG|2|95|10|0|Siehe, du alter Tor, bin denn Ich nicht mehr denn die Sonne, die Ich mit dem leisesten Hauch vernichten kann, wann Ich will, und an ihrer Stelle tausend andere im Augenblick erschaffen?!
HG|2|95|11|0|Was willst du denn hernach mit deiner alten Narrheit?!
HG|2|95|12|0|Damit du aber dennoch trotz deiner verhärteten Torheit einmal einsehen möchtest, wie weit deine Narrheit geht, so sehe jetzt empor, du alter Tor, und suche Mir aus den vielen tausend Sonnen, welche jetzt am Himmel stehen, diejenige hervor, der du willens warst etwas vorplärren zu lassen!“
HG|2|95|13|0|Hier entsetzten sich der Adam und alle die Kinder; denn im Augenblick ward der Himmel übersät von tausendmal tausend Sonnen, von denen eine der anderen vollends glich.
HG|2|95|14|0|Alle Kinder aber fielen sogleich, von dem überheftigen Licht ganz betäubt, zur Erde nieder und baten den Abedam, dass Er gnädigst wieder möchte hinwegtun so viele Sonnen, indem unter solcher Masse Lichtes niemand zu leben vermöchte.
HG|2|95|15|0|Auch der Adam sah nun seine große Torheit ein und fiel ebenfalls ganz betäubt und halbblind zur Erde nieder und bat Mich reuigst um Vergebung seiner großen Torheit.
HG|2|95|16|0|Der Abedam aber behieß sie alle, sich wieder aufzurichten, und sagte darauf zum Adam: „Erstehe, und büße deine Torheit mit einem bleibenden schwachen Gesicht, welches dir zu eigen bleiben soll dein Leben lang!
HG|2|95|17|0|Du, Mein lieber Liebebruder Seth, aber heiße vergehen die Sonnen bis auf eine, die da bleiben soll in ihrer alten Ordnung! Amen.“
HG|2|95|18|0|Und alsbald hob, Mich lobend, der Seth die Hände empor und sprach im Angesichte aller: „Im Namen Dessen, der da wandelt unter uns und ist ein Herr über alle Dinge und über alle Kreatur, sage ich euch: Er, der Herr Gott Zebaoth, will es, dass ihr vergeht bis auf eine, welche da ist die alte und hat allzeit geleuchtet der Erde!“
HG|2|95|19|0|Als der Seth solches ausgesprochen hatte, erloschen sogleich alle die vielen Sonnen bis auf die alte, und alles pries den Herrn ob solcher Gnade und Erbarmung.
HG|2|95|20|0|Der Adam aber, als er merkte, dass er in der Ferne nichts mehr deutlich ausnehmen konnte, sondern allein in der Nähe, ward darüber sehr traurig und fing an zu weinen, da er nicht mehr konnte alle seine Kinder überschauen.
HG|2|95|21|0|Der Abedam aber sagte zu ihm: „Hänge nicht zu sehr am Licht des Fleisches und am Licht der Welt; denn zu viel Fleisch- und Weltlicht macht blind den Geist.
HG|2|95|22|0|Es ist aber besser zu haben ein blindes Fleisch denn einen blinden Geist.
HG|2|95|23|0|Sehe aber zu in deinem Herzen, dass dein Geist sehend wird durch die wahre Liebe und Demut, dann wirst du des Fleischlichtes leicht rathalten können!
HG|2|95|24|0|Denn solches tat Ich dir aus großer Liebe jetzt, damit du dich üben sollst in der Geduld, um nicht zu werden eine Beute dessen, der dich heute zuerst erweckt hat durch seine arge Sonne.
HG|2|95|25|0|Es ist aber auch besser, die Kinder in der Nähe zu betrachten als in der Ferne; dafür aber leuchtet dir des Fleisches Auge noch hinreichend, und so kannst du schon zufrieden sein! Amen.
HG|2|95|26|0|Und nun, ihr Kinder alle, stärkt euch mit Speise und Trank; sie ist schon gesegnet von Mir.
HG|2|95|27|0|Du, mein geliebtester Bruder Seth, aber versorge deinen alten Zeuger!
HG|2|95|28|0|In der Ordnung aber wir gestern das Abendmahl eingenommen haben, in der Ordnung auch wollen wir dies Morgenmahl einnehmen! Amen.“
HG|2|96|1|1|Adams leere Furcht vor einer erschreckenden Erscheinung beim Morgenmahl
HG|2|96|1|1|Am 6. Juni 1842
HG|2|96|1|0|Nachdem sich auf die Beheißung Abedams nun alles zur Erde niedergelassen hatte und aß und trank, selbst der Adam nicht ausgenommen, obschon er sich mit seiner Kurzsichtigkeit noch nicht ganz zurechtfinden konnte, und der hohe Abedam Selbst mitaß und -trank, vernahm man auf einmal ein starkes Geheul von vielen Menschen von der Morgengegend her, und eine Rauchsäule um die andere begann aus der Tiefe sich zu erheben.
HG|2|96|2|0|Diese so plötzlich eingetretene Erscheinung machte fast alle die Kinder der Höhen stutzen, und niemand wusste so ganz recht – selbst der Seth und der Henoch nicht –, was er daraus machen sollte.
HG|2|96|3|0|Adam aber, voll Entsetzen, eilte hin zum Abedam und fragte Ihn, sagend nämlich: „Liebevollster, heiliger Vater, was ist denn das schon wieder?!
HG|2|96|4|0|Kaum habe ich mein Gemüt etwas beruhigt darüber, was alles mir schon heute widerfahren ist, so kommt aber auch wieder etwas anderes zum Vorschein, was noch drohender ist als alles Frühere!
HG|2|96|5|0|O heiliger, lieber Vater, beruhige mich, ja beruhige uns alle, und zeige uns gnädigst an, was das ist, und woher es rührt! Wer ist der Urheber dieses Geheuls? Was wird daraus werden? Welche Folgen wird es haben?
HG|2|96|6|0|O Du lieber, heiliger Vater, beruhige, beruhige unsere Gemüter, so Dein heiliger Wille es ist!“
HG|2|96|7|0|Der Abedam aber sagte darauf, noch am Speisekorb sitzend: „Höre, und sage es Mir: Was wirst denn du hernach tun, so Ich es dir auch auf ein Haar alles sagte, was das Geheul ist, woher es kommt, warum es daher kommt, und was die Folge sein wird, und auch warum Ich solches zulasse? Sage Mir, was wirst du hernach tun?
HG|2|96|8|0|Ich sage es dir: Nichts anderes, als was du jetzt tust!
HG|2|96|9|0|Wenn du aber hättest irgendeine Einsicht, so würdest du ohne alle Angst tun, was Ich Selbst bei dieser Gelegenheit tue, nämlich du würdest ruhig sein, und essen und trinken, und Mich lieben in deinem Herzen.
HG|2|96|10|0|Wer aber sich an Meiner Seite kümmert und sorgt, dem geschieht es ja recht, wenn in ihm verheerende Stürme zu toben anfangen und einen Berg des Vertrauens auf Meine unendliche Macht und Liebe um den anderen in seinem Herzen zu zerstäuben anfangen!
HG|2|96|11|0|Also geschieht es auch dir recht, dass dein Gemüt beunruhigt wird, darum du nicht glaubest vollkommen, dass Mir allein alle Dinge untertan sind.
HG|2|96|12|0|Was ist dir oder jemand anderem denn schon Übles begegnet bei all den großen Erscheinungen, die sich während dieses Meines sichtbaren Unter-euch-Seins allhier auf der Höhe seit dem Vorsabbat zugetragen haben?
HG|2|96|13|0|So ihr aber noch allzeit an Meiner Seite mit der vollkommen heilen Haut davongekommen seid, warum fürchtest du dich denn jetzt?
HG|2|96|14|0|Gehe daher unbesorgt auf deinen früheren Platz, und esse und trinke; wenn du Mich aber wirst sehen, dass Ich Mich erhebe von der Erde, dann magst du auch dasselbe tun! Amen.“
HG|2|96|15|0|Darauf begab sich der Adam alsbald wieder auf seinen früheren Platz, aß und trank zwar, aber also wie einer, dem es nicht recht schmeckt; in seinem Herzen aber führte er folgendes Gespräch mit sich:
HG|2|96|16|0|„Mein Gott und mein Herr, Du hast ja in allem ganz vollkommen recht! Es liegt freilich wohl an mir selbst die Schuld meines Kummers, und ich weiß es auch bestimmt, es möge da kommen, was nur immer wolle, – Er hat uns allzeit errettet und wird uns auch diesmal ganz sicher nicht zugrunde gehen lassen – das ist gewiss und sicher.
HG|2|96|17|0|Aber alles dessen ungeachtet haben ich und viele andere dennoch eine allzeit überstarke Angst zu bestehen! Wozu ist denn diese gut?
HG|2|96|18|0|Warum muss ich mich denn fürchten für nichts und nichts?
HG|2|96|19|0|Ist denn solch eine allzeit leere Furcht für etwas gut?
HG|2|96|20|0|Für was denn eigentlich, wenn darauf nichts folgt, was da einer Furcht und Angst würdig wäre?
HG|2|96|21|0|Aber trotzdem muss ich mich dennoch fürchten, und fürchte mich jetzt ebenfalls, obschon ich wohl weiß, dass uns allen sicher kein Haar gekrümmt wird!
HG|2|96|22|0|Oder fürchte ich mich darum, weil ich eine Furcht vor der Furcht meines Herzens habe? Wie aber kann man sich aus Furcht vor der Furcht fürchten?
HG|2|96|23|0|Denn, wenn ich mich fürchte, so ist die Furcht ja schon da und ist dann ein einfaches, aber kein zweifaches Übel!
HG|2|96|24|0|Wenn der Herr uns schon aber allzeit errettet, davor wir uns fürchten, warum denn lässt Er uns in die Furcht geraten, die doch auch ein großes Übel ist?
HG|2|96|25|0|Oder wäre das wirklich zu folgen habende Übel ohne die vorhergehende Furcht an und für sich denn nicht besser als die arge Furcht selbst vor demselben?
HG|2|96|26|0|Kurz, ich sehe es da trotz alles Hinundherdenkens nicht ein, wozu die irgendeinem Übel vorangehende Furcht gut sein soll.
HG|2|96|27|0|Daher könnte uns der große Retter von allem Übel ja wohl auch von dem der leeren Furcht befreien oder uns wenigstens zeigen, was die Furcht ist, und wozu sie taugt!“
HG|2|96|28|0|Als der Adam solches kaum ausgedacht hatte, siehe, da erhob Sich auch schon der Abedam, berief den Seth und den Henoch zu Sich und redete mit ihnen geheime Worte.
HG|2|96|29|0|Das juckte den Adam noch mehr; als aber darauf gar bald sich der Seth und der Henoch gegen Morgen hin begaben, da war es völlig aus beim Adam.
HG|2|96|30|0|Er getraute sich zwar nicht laut zu werden, aber desto bunter von Furcht und Neugierde wurde es in seinem Herzen.
HG|2|96|31|0|Der Abedam aber tat, als merke Er solches nicht, und beschied sogleich den Garbiel und den Besediel zu Sich.
HG|2|97|1|1|Garbiel wird als Verfasser des Buches „Jehovas Streit, Zorn und Krieg“ und Besediel als Verfasser des Buches „Jehovas, des großen Gottes, Liebe und Weisheit“ berufen
HG|2|97|1|1|Am 8. Juni 1842
HG|2|97|1|0|Als aber die beiden Gerufenen vernommen hatten den Ruf Abedams, so begaben sie sich auch sogleich freudig hin zu Dem, der sie gerufen hatte.
HG|2|97|2|0|Obschon es aber auch sie vor dem stets zunehmenden Geheule der Menschen aus der Morgengegend her bangte, so war aber nun an der Seite Abedams dennoch alle Furcht und Angst aus ihren Herzen entschwunden; und also waren sie auch vollkommen fähig, entweder zu reden auf das Verlangen des Abedam oder allein zu hören.
HG|2|97|3|0|Da aber der Abedam sah, dass ihre Herzen gar wohl vorbereitet waren, und ihres Geistes Ohren in wohlgerechtem Maße offen standen, so fing Er auch alsbald an, folgende Worte voll hohen Sinnes und voll des inneren Lebens an sie zu richten, sagend nämlich:
HG|2|97|4|0|„So hört denn ihr beide: Das mit den vielen Zeichen bezeichnete Blatt und der mit eben den Zeichen versehene, auf dem Wasser schwimmende große Kasten besagen, dass ihr beide und noch einige Vorbestimmte mit euch sollten ähnliche Zeichen, die den Worten und Dingen und Handlungen entsprechen, auf steinerne Tafeln oder auf jene großen Blätter der Piar-Staude mittels eines spitzigen Werkzeuges, welches Lamechs Brüder aus den Metallen bereiten werden, zeichnen, dann die Zeichen auch allen Kindern, Brüdern und Vätern erklären, und das also Aufgezeichnete den Kindern, Brüdern und Vätern vorlesen und, so da alle werden gar bald und leicht die Zeichen begreifen und wohl verstehen, auch das Gezeichnete allen lesen lassen und dabei mit den minder Verständigen die größte Geduld haben.
HG|2|97|5|0|Euer Geist aber wird es euch lehren, wie ihr aus den Zeichen ein Wort bilden sollt; denn es muss ein jedes Wort aus mehreren nötigen Zeichen bestehen, welche also von der rechten zur linken Seite gestellt sein müssen, nach der Ordnung des Wortes selbst.
HG|2|97|6|0|Wenn aber ein Wort einmal gestellt ist, dann soll es aber auch nimmerdar verändert werden, damit die späteren Nachkommen es auch also wie ihr werden lesen, aussprechen und verstehen können.
HG|2|97|7|0|Ich aber gebe euch damit ein Gebot, dem zufolge die Zeichen eines Wortes sollten wie heilig betrachtet werden.
HG|2|97|8|0|Wer da etwas abändern möchte an den Zeichen selbst und wie ihr aus ihnen werdet Worte gebildet haben, den will Ich mit zornigen Augen ansehen!
HG|2|97|9|0|Nun aber kommt die in dieser Hinsicht allerwichtigste Frage, und diese lautet also:
HG|2|97|10|0|‚Was sollen wir hernach eigentlich aufzeichnen für uns sowohl, als ganz besonders für die späteren Nachkommen?‘
HG|2|97|11|0|Seht, das ist eigentlich das Allerwichtigste, und dieses muss auch umso [mehr] gewissenhaftest genau gehandhabt und treulichst befolgt werden!
HG|2|97|12|0|Nebstdem aber fragt es sich auch, wann ihr etwas aufzeichnen sollt! Auch dieser Punkt ist von großer, unerlässlicher Wichtigkeit!
HG|2|97|13|0|Was demnach die erste Hauptfrage betrifft, so sollst du, Garbiel, aufzeichnen die ganze Geschichte von der Urerschaffung der Geister, dann die Erschaffung der sichtbaren Dinge und alle Meine Liebefügungen und großen Erbarmungen dabei, bis auf den letzten Zeitpunkt Meines gegenwärtigen Unter-euch-Seins.
HG|2|97|14|0|Und solches sollst du allzeit schreiben und zeichnen, wenn Ich dich in deinem Geiste dazu berufen werde.
HG|2|97|15|0|Dabei aber sollst du dich nicht etwa ängstlich kümmern und sagen: ‚Woher werde ich denn alles dieses nehmen?‘
HG|2|97|16|0|Denn siehe, Ich, der Ich jetzt dir eben diesen Auftrag erteile, werde es dir vom Grunde aus sagen und werde dir die Hand führen, damit du auch nicht eine Linie, nicht ein Häkchen und nicht einen Punkt zu viel oder zu wenig machen sollst!
HG|2|97|17|0|So Ich dich aber immer, dir laut vernehmlich, rufen werde, musst du dich alsogleich bereithalten, zu zeichnen nach Meinem Willen und nach Meiner Angabe; und da soll ja nichts anderes gezeichnet werden als nur was Ich dir angeben werde!
HG|2|97|18|0|Wenn du aber nicht gerufen wirst von Mir aus deinem Herzen, da sollst du auch nicht zeichnen, sondern in solcher freien Zeit die Kinder und Brüder und Väter, wie auch im Gleichen das weibliche Geschlecht unterweisen, jedoch mehr im Lesen als im Zeichnen, und dann aber auch die Nachzeichner beobachten, ob sie das von dir aus Mir Aufgezeichnete wahr, treu, gut und richtig nachzeichnen!
HG|2|97|19|0|Denn das Ich dir kundgeben werde einfach, soll von deinen Mitzeichnern vertausendfacht werden, damit da jedes Stammhaus eine und dieselbe Zeichnung vollständig in und bei sich haben soll für sich, für seine Kinder und für alle seine späteren Nachkommen!
HG|2|97|20|0|Was Ich aber nun dem Garbiel enthüllt habe, das alles hast auch du, Besediel, vollkommen bis auf den Punkt zu beobachten, was du schreiben sollst!
HG|2|97|21|0|Wie aber der Garbiel beschreiben wird die große Vergangenheit, also wirst du unter der Leitung Henochs beschreiben die große Zukunft!
HG|2|97|22|0|Der Garbiel wird es empfangen unmittelbar aus Mir; denn das Vergangene soll vor jemandes Augen offen dastehen.
HG|2|97|23|0|Du aber wirst es empfangen mittelbar vom Henoch, zum Zeichen, dass da die Zukunft stets verhüllter bleiben soll denn die Vergangenheit!
HG|2|97|24|0|Und so soll da errichtet sein ein Buch der Vergangenheit unter dem Namen ‚Jehovas Streit, Zorn und Krieg‘ und ein Buch der Zukunft unter dem Namen ‚Jehovas, des großen Gottes, Liebe und Weisheit‘!
HG|2|97|25|0|Nehmt aber nun hin Meinen Segen, und werdet fähig, dazu Ich euch nun berufen habe! Amen.“
HG|2|97|26|0|Nach diesen Worten aber fielen die beiden alsbald vor dem Abedam nieder und dankten Ihm für solche hohe Gnade.
HG|2|97|27|0|Der Abedam aber hieß sie alsbald wieder erstehen.
HG|2|97|28|0|Als sie sich aber erst kaum, in aller Liebe zerfließend, vom Boden erhoben hatten, da auch eilten schon der Seth und der Henoch daher, um dem neugierdevollen Adam die Kunde zu bringen, was da nun geschieht in der Morgengegend von der Tiefe aus.
HG|2|97|29|0|Denn darum hatte sie der Abedam dahin beordert, damit der Adam einen neuen Stoß bekommen solle zum Leben, und also auch dessen Kinder.
HG|2|98|1|1|Henoch und Seth berichten über die Gräuelszene in der Morgengegend
HG|2|98|1|1|Am 9. Juni 1842
HG|2|98|1|0|Es dauerte nicht lange, so erreichten die zwei Gesandten auch schon die Vollhöhe wieder und traten nach der früheren geheimen Beheißung Abedams alsbald mit ziemlich verstörten Gesichtern vor den schon über alle Maßen ängstlich neugierigen Adam hin.
HG|2|98|2|0|Er aber fragte sie auch alsogleich, was sie entdeckt hätten.
HG|2|98|3|0|Und der Henoch, voll Liebe, aber fragte auch statt einer Antwort sogleich den Adam entgegen, sagend nämlich:
HG|2|98|4|0|„Vielgeliebter Vater Adam, siehe, nachdem ich und der Seth auf ein Haar dasselbe gehört und gesehen haben, so kann dir jeder nur dasselbe kundgeben!
HG|2|98|5|0|Da wir aber nicht zugleich reden können, so muss hier ja die Frage gestellt werden, welcher aus uns soll dir denn die geschaute Gräuelszene und dann alle die vernommenen grässlichen Lästerungen gegen dich und gegen Gott erzählen?“
HG|2|98|6|0|Bei dieser Gegenfrage prallte der Adam zurück und konnte eine ziemliche Weile lang vor lauter Entsetzen kein Wort aus seinem Munde flott machen, bis ihn der Henoch noch einmal fragte, ob sie reden dürften oder nicht.
HG|2|98|7|0|Hier sagte der Adam mit großer Heftigkeit: „Ja! – Nein! – Ja, ja! Du, du Henoch, – Seth, – nein, nicht der Seth, sondern du, du Henoch, erzähle!“
HG|2|98|8|0|Und alsbald fing der Henoch folgendes an zu erzählen, sagend nämlich:
HG|2|98|9|0|„So vernehme denn, vielgeliebter Vater Adam, was die Schlammtiefen gegen dich, gegen uns, und also auch gegen Gott unternommen haben!
HG|2|98|10|0|Du weißt es, dass der Lamech schon am gestrigen Sabbat einen feurigen Angriff versucht hatte, um zu erstürmen und zu erklimmen unsere Höhen.
HG|2|98|11|0|Doch hier weißt du auch, wie er vom hohen, überheiligen Vater zurückgeschlagen worden ist.
HG|2|98|12|0|Da die arge Schlange aber keine Ruhe und keine Rast hat, so benützte sie die ganze, durch die Flammen des Weißberges helle und weit und breit wohlerleuchtete Nacht, ließ allenthalben Feuerbrände in den Wäldern legen. Dadurch wurden alle die wilden Tiere als unsere getreuen Höhenwächter verscheucht, und eine unzählbare Schar wohlbewaffneter kleiner Menschen mit schwarzen Haaren und fast ganz nackten Leibes erklimmen die Morgenhöhen und lagern sich nun dort und nehmen alles in Beschlag, was sie nur immer dort finden – als: Früchte, Tiere und allerlei Hausgeräte – und gehen als volle Eigentümer in den Wohnungen der Morgenkinder aus und ein.
HG|2|98|13|0|Auch eine große Menge Weiber und Kinder haben sie bei sich.
HG|2|98|14|0|Soeben aber, wie wir beide von der Zwischenhöhe hinabblickten in die Morgengegend, sandte ihr Anführer Kundschafter aus, nachdem er ihnen zuvor folgenden lauten Befehl gab:
HG|2|98|15|0|‚Geht und durchsucht haarklein, wo sich irgend des Scheusals, der da soll Adam heißen, verruchte Brut befindet, und ob er, das Scheusal selbst, sich etwa noch irgendwo unter seiner Tiger- und Hyänenbrut lebend befindet!
HG|2|98|16|0|Hört, wen ihr immer trefft, den ermordet alsogleich, schneidet ihm dann die Ohren vom Kopf und bringt sie mir hierher zum Zeugnis eurer getreuen Tat.
HG|2|98|17|0|Solltet ihr aber irgend das noch leben sollende alte Scheusal von einem Adam treffen, das tötet nicht, sondern schleppt es hierher zu mir, damit ich eigenhändig in dessen Eingeweiden meine Rache kühlen kann für den Fluch, den er über den Kahin, unseren Stammvater, tat!
HG|2|98|18|0|Also soll sich auch der vorige Gott Jehova soeben jetzt unter seiner scheußlichen Brut, vom Geiste Lamechs vollends besiegt, befinden.
HG|2|98|19|0|Wer von euch Den mir gefangen bringt, der soll ein Vizekönig von Farak werden und obendrauf noch tausend der allerschönsten Weiber zur Mitgabe erhalten!
HG|2|98|20|0|Denn diesen Jehova will ich selbst knebeln und ihn dann dem großen Lamech überliefern, damit er mit ihm tue nach seiner Gerechtigkeit, wie er schon getan hat mit seinem Namen.
HG|2|98|21|0|Solltet ihr irgendwo die Naëme, unseres großen Gottes Lamech Tochter und dessen zwei Weiber finden, so bringt sie alle unversehrt hierher; ihre Männer aber erwürgt sogleich auf das Grausamste, schneidet ihnen dann die Köpfe ab und bringt sie mir zum Zeugnis!
HG|2|98|22|0|Solltet ihr irgend die entführten dreißig Beischläferinnen des großen Gottes Lamech treffen, die erst vor wenigen Tagen ihm geraubt worden sind, so bringt sie als gute Beute ebenfalls hierher; euer Lohn dafür soll nicht gering ausgemessen werden!
HG|2|98|23|0|Wehe aber euch, wenn ihr leer zurückkehrt!
HG|2|98|24|0|Ihr habt heute gesehen, wie Lamech im Augenblick den ganzen Himmel mit Sonnen angefüllt hatte und sie dann wieder vergehen hieß.
HG|2|98|25|0|Daher bedenkt wohl, wessen Diener ihr seid! In seinem Namen müssen ja Berge vor euch weichen!
HG|2|98|26|0|Und also geht und vollzieht diesen Befehl! Amen.‘
HG|2|98|27|0|Siehe, du vielgeliebter Vater Adam, solches haben wir gesehen und gehört, und also stehen die Dinge da unten!
HG|2|98|28|0|Unter uns aber ist ja der heilige, liebevollste Vater im Abedam; daher sei ferne alle Furcht und Angst unseren Herzen! Amen.“
HG|2|98|29|0|Bei dieser lauten Erzählung befiel den alten Adam ein solches Fieber, dass er darob weder sitzen noch stehen konnte.
HG|2|98|30|0|Endlich ergrimmte er aber also stark in seinem Herzen über die Tiefe, dass er aufsprang und wollte schon den grässlichsten Fluch über dieselbe aussprechen; aber der Abedam trat ihm in den Weg und sagte gar sanft ernst zu ihm:
HG|2|98|31|0|„Adam, Adam, warum willst du schon wieder fluchen?!
HG|2|98|32|0|Siehe, Ich bin ja der Herr! So Ich aber solches nicht tue, warum solltest du es tun?
HG|2|98|33|0|So aber die Flut gestiegen bis hierher, da lasse uns Fischer sein und sehen, ob wir diese Armen nicht fangen mögen in unsere Netze des Lebens!
HG|2|98|34|0|Solches wird dem Lamech übler bekommen als tausend deiner Flüche, vor denen nicht einmal ein Sperling vom Dach fliegen wird.
HG|2|98|35|0|Wahrlich, sage Ich dir, heute wirst du sie noch alle segnen, die du jetzt verfluchen wolltest!
HG|2|98|36|0|Daher gehe du jetzt nur wieder auf deinen Platz.
HG|2|98|37|0|Du, Kisehel, und du Sethlahem, aber geht sogleich, mit aller Macht ausgerüstet, zum Befehlshaber Lamechs hin und richtet an ihn die Worte Meines Willens! Amen.“
HG|2|99|1|1|Kisehel und Sethlahem konfrontieren den Befehlshaber Lamechs
HG|2|99|1|1|Am 11. Juni 1842
HG|2|99|1|0|Die beiden Beheißenen aber dankten dem Abedam mit dem liebeerfülltesten Herzen für solchen hohen Auftrag und begaben sich dann alsogleich an den Ort ihrer Bestimmung.
HG|2|99|2|0|Sie nahmen den Weg durch die Grotte Adams, um desto schneller dahin zu gelangen, wohin sie beheißen waren.
HG|2|99|3|0|Als sie aber alsonach über die Grotte hinaus schon auf halbem Wege standen, da ersahen sie die von Lamechs Befehlshaber aufgestellten Späher, und diese riefen sogleich zu den ihnen nächsten Vorposten:
HG|2|99|4|0|„Gebt schnelle Nachricht dem Willensträger unseres großen Gottes Lamech, dass soeben sich zwei ungewöhnlich große Männer der Höhe entlang unserem Lager nahen!
HG|2|99|5|0|Wir wissen nicht, was wir hier tun sollen. Sollten wir es wagen, es mit ihnen aufzunehmen, oder sollten wir sie ungehindert vordringen lassen?
HG|2|99|6|0|Sie scheinen überaus stark zu sein; denn bei jedem Tritt erbebt die Erde bis dahin, da wir stehen, und je näher sie kommen, desto ärger empfinden wir jeden ihrer Tritte!“
HG|2|99|7|0|Wie aber die Nachricht zu dem Befehlshaber gelangt ist, da erschrak er gewaltig und wusste nicht, was er im Augenblick tun solle.
HG|2|99|8|0|Nach einer allernötigsten Fassung aber ließ er den Spähern kundtun und den Vorposten, dass sie die beiden sollten ungehindert vordringen lassen, sie dann schnell umringen und dann also gefangen zu ihm bringen.
HG|2|99|9|0|Schnell wurde dieser Notbefehl bis zu den Spähern verbreitet, und bevor die beiden Gesandten noch die Morgengrenze betraten, waren sie schon umringt von tausend mit langen Spießen bewaffneten Männern aus der Tiefe, welche, da sie sahen, dass sich diese zwei großen Menschen, obschon unter jedem ihrer Tritte die Erde gewaltigst erbebte, gar nicht sträubten, in ihrer Waffenmitte wie Gefangene fortzugehen, eben darum diese beiden Gesandten zu necken anfingen, und das zwar durch allerlei Schmähreden und in der Tiefe übliche Entmutigungströstungen, welche ungefähr also lauteten:
HG|2|99|10|0|„Hört, ihr zwei großen feigen Fleischsäcke! Was macht denn euer Scheusal von einem Adam, und was euer wurmstichiger Jehova?
HG|2|99|11|0|Wie viele solche Fleischsäcke gibt es auf dieser lichten Höhe?
HG|2|99|12|0|Warum fürchtet ihr euch denn also stark vor uns viel kleineren, aber dafür wahren Menschen, dass darob euer fiebernder Fleischsack seine Furcht sogar der Erde mitteilt?
HG|2|99|13|0|O fürchtet euch nicht, ihr zwei großen Fleischsäcke! Denn es wird euch ja nichts Ärgeres begegnen, als bloß nur, dass euch zuerst ein Finger um den anderen vom Leibe geschlagen wird, sodann die Hände, dann die Füße; darauf erst wird euch die Zunge ausgerissen werden, dann die Nase, dann die Ohren, dann die Augen, und endlich wird euch erst der Kopf vom übrigen Fleischsack langsam abgesägt werden.
HG|2|99|14|0|Seht, das ist alles, was euch überaus sicher geschehen wird, darum ihr ja doch keine so große Furcht haben sollt!
HG|2|99|15|0|Denn solches wird an euch ja ohnehin aus purer Schonung sehr langsam vollzogen werden, damit ihr doch zwischen einem und dem anderen Schmerz werdet gehörig ausschnaufen können und euch vorbereiten auf einen folgenden größeren Schmerz.
HG|2|99|16|0|Seht, wie wir es mit euch gut meinen, und noch scheint ihr euch sehr gewaltig zu fürchten vor uns!
HG|2|99|17|0|Denkt nur, dass eure Qual kaum etwas über drei Tage andauern wird, so wird euch die Furcht sogleich vergehen!“
HG|2|99|18|0|Bei diesem Wort machte einer der Haupttröster mit seinem Spieß einen Versuch gegen Kisehel, um ihn durch einen tüchtigen Stich etwa in den Arm zufolge des darauffolgenden Schmerzes desto mehr Furcht vor seiner Trostrede einzuflößen.
HG|2|99|19|0|Als aber dieser Tröster noch kaum mit seinem Spieß den Arm Kisehels berührt hatte, da fuhr plötzlich Feuer aus dem Arm Kisehels, verzehrte augenblicklich den ganzen Spieß und ergriff endlich auch den Tröster selbst und machte ihn zu Asche.
HG|2|99|20|0|Diese Erscheinung machte auf unsere Waffenmannschaft einen solchen Eindruck, dass darob alsogleich alle, welche unsere zwei Gesandten zum Befehlshaber als Gefangene führen sollten, eiligst nach allen Seiten die Flucht ergriffen und wären alsogleich sogar in die Tiefe hinab geflohen, wenn ihnen nicht einige wohlmeinende Riesentiger den Rückweg vertreten hätten.
HG|2|99|21|0|Drei der ersten Rottenführer aber liefen schnell hin zum Befehlshaber und erzählten ihm bebenden Leibes, was sich da zugetragen habe, und rieten demselben, dass er ja keinen Gewaltstreich gegen sie ausführen und sie mit nichts berühren solle; denn sie seien voll des verheerendsten Feuers, welches unerlöschbar sei – wo es etwas berühre, da zerstöre es auch alsogleich bis auf den Grund.
HG|2|99|22|0|Diese Erzählung flößte auch dem Befehlshaber einen solchen Respekt vor den zwei nicht mehr ferne abstehenden Gesandten ein, dass er bei ihrer Annäherung alsogleich zur Erde niederfiel, und mit folgenden Worten anfing, sie schon von der Ferne zu begrüßen und zu bewillkommnen, sagend nämlich:
HG|2|99|23|0|„O ihr großen, feuervollen, heiligen Boten irgendeines sicher noch größeren Gottes, als da ist unser armseliger Gott Lamech in der Tiefe, seid mir so oftmal willkommen, als da ist des Grases auf der Erde – und des Sandes in allen großen und kleinen Gewässern der Erdoberfläche!
HG|2|99|24|0|Wäre es euch nicht gefällig, mir kundzutun, von einiger Entfernung jedoch – wenn es meiner wurmartigen Geringheit gegönnt ist, eure feurige Majestät darum anzuflehen –, welcher hohe, heilige Wille euch veranlasst hatte, dass ihr euch auf euren heiligen Füßen zu meiner Scheußlichkeit habt hertragen lassen?“
HG|2|99|25|0|Der Kisehel aber rief, statt eine Antwort auf die dumme Frage zu geben, alsogleich den Befehlshaber beim Namen, sagend: „Horadal! Der Herr will es, dass du erstehst, uns geleitest und uns folgst samt deinem ganzen Heer hinauf auf die heilige Höhe, um da zu bekennen deinen Frevel vor dem lebendigen, ewigen, sichtbaren Gott, dem alleinigen Schöpfer und Erhalter aller Dinge, und vor Adam, der da ist der Erde erster Mensch aus der Hand des allmächtigen Gottes!“
HG|2|99|26|0|Diese Einladung brachte den Horadal nahe zur Verzweiflung, dass er ganz wie besinnungslos dastand und konnte kein Wort über seine Lippen bringen.
HG|2|99|27|0|Der Sethlahem aber trat zu ihm hin, ergriff dessen Hand und sagte etwas sanfter zu ihm: „Horadal, warum fürchtest du dich denn, lebendig zu werden, während du schon so lange mitten im Tode ohne Furcht gewandelt bist?
HG|2|99|28|0|Ich sage dir aber im Namen Dessen, der uns hierher gesendet hat, dass Seine Liebe größer ist denn Lamechs Zorn; daher tue, was mein Bruder von dir verlangt!“
HG|2|99|29|0|Nach diesen Worten erst kam der Horadal wieder zu sich und befolgte sogleich, was der Kisehel von ihm verlangte, und folgte mit Sack, Pack und Waffen alsbald dem Kisehel und Sethlahem.
HG|2|100|1|1|Horadal, der Befehlshaber Lamechs, unterwirft sich Abedam
HG|2|100|1|1|Am 13. Juni 1842
HG|2|100|1|0|Als die zwei Gesandten mit dem Horadal in ihrer Mitte auf der Höhe angelangt waren, da berief der hohe Abedam auch sogleich den Adam, den Seth und Henoch zu sich und sagte sodann zu ihnen:
HG|2|100|2|0|„Hört, der Kisehel und der Sethlahem haben schon ihr ausgeworfenes Netz gefüllt mit allerlei essbaren Fischen und haben auch sogar diejenigen nicht zurückgelassen, an die der Befehlshaber den von euch vernommenen argen Auftrag ergehen hatte lassen.
HG|2|100|3|0|Denn als sie den argen Weg angetreten hatten und wollten gegen die Mittagsgegend ziehen, da sandte Ich ihnen sogleich einige euch schon bekannte Höhenwächter entgegen, welche unsere arg Beorderten alsogleich zum Rückzug nötigten, und diese schlossen sich gerade dann wieder dem Hauptzug im Morgen unvermerkt voll Furcht an, als die zwei Gesandten schon den Befehlshaber in ihre Mitte nahmen.
HG|2|100|4|0|Da somit darum der Fang ein vollkommener ist, so lasst uns demselben entgegeneilen und ihn in unseren lebendigen Empfang nehmen! Amen.“
HG|2|100|5|0|Und alsogleich erhoben sich der Adam, der Seth und der Henoch und eilten an der Seite des Abedam dem anrückenden Heer aus der Tiefe entgegen.
HG|2|100|6|0|Da der Horadal aber bemerkte, dass sich ihnen eilig vier große Männer nahten, so fragte er furchtsam den Sethlahem:
HG|2|100|7|0|„Hoher, mächtiger Gesandter irgendeines großen Gottes oder eines übermächtigen Königs! Wer sind denn diese, die uns da so eiligst entgegenkommen?
HG|2|100|8|0|Sie müssen sicher etwas sehr Hohes sein, denn ihr Aussehen ist ganz vollkommen danach!
HG|2|100|9|0|Mir wird’s bei ihrer Annäherung ganz sonderbar zumute!“
HG|2|100|10|0|Der Sethlahem aber sagte darauf zum Fragesteller: „Gedulde dich nur, bis wir sie und sie uns erreicht werden haben, dann wird dir schon alsbald eine neu aufgehende Sonne enthüllen, wer diese auf uns zueilenden vier in jeder Hinsicht allergrößten Menschen sind!
HG|2|100|11|0|Daher gedulde dich nur; denn siehe, etwa hundert Tritte noch, und wir sind beisammen!“
HG|2|100|12|0|Und also war es auch; und auf ein einmaliges Umsehen standen die vier schon vor dem Befehlshaber, und der Abedam zeigte sogleich dem ganzen Heer mit Seiner allmächtigen Hand, dass sie bleiben sollen und stille halten mit ihrem Vordrang.
HG|2|100|13|0|Und alsbald machte alles halt. Der Kisehel und der Sethlahem aber fielen alsobald vor dem hohen Abedam nieder und dankten Ihm für die hohe Gnade, die Er ihnen dadurch erteilt hatte, dass sie ihr zufolge haben also glücklich ausführen können die hohe und überheilige Absicht nach Seinem Willen.
HG|2|100|14|0|Der hohe Abedam aber behieß sie alsbald sich zu erheben von der Erde und sagte darauf zu ihnen:
HG|2|100|15|0|„Also sollt ihr allzeit siegen in Meinem Namen; denn dem sind Himmel und Erde und alle Dinge in ihm und auf ihr ewig untertan.
HG|2|100|16|0|Wer in diesem Meinem Namen wandelt, der wandelt in aller Macht und Kraft; und wie es außer Mir keinen mehr gibt, der da Mir gliche, so gibt es außer der Kraft und Macht Meines Namens auch keine mehr, die da wäre ihr gleich.
HG|2|100|17|0|Bleibt daher in diesem Meinem Namen, so werdet ihr bleiben lebendig ewig in dieser Kraft und Macht! Amen.“
HG|2|100|18|0|Nach diesen Worten aber fiel auch der Befehlshaber Horadal vor den vieren nieder, und zwar von der höchsten Ehrfurcht ergriffen; denn die wenigen Worte Abedams machten einen so übermächtigen Eindruck auf ihn, dass er darob sich dachte:
HG|2|100|19|0|„Die Macht der zwei Abgesandten habe ich erfahren, da unter ihren Tritten die Erde bebte und aus des einen Hand verzehrendes Feuer sprühte; diese aber fallen vor Dem nieder und dankten Ihm für solche Macht!
HG|2|100|20|0|Wie kräftig und mächtig muss demnach erst Er sein, indem schon allein Seinem Namen Himmel und Erde untertan sein sollen mit allem!
HG|2|100|21|0|Vor dem aber also Mächtige niederfallen, wahrlich, vor Dem wird es auch einem Siechen und Schwachen, wie ich es bin, nicht ratsam sein, stehenzubleiben; und so will denn auch ich mich demütigen bis zur äußersten Spitze meines kleinsten Fußzehens!“
HG|2|100|22|0|Es trat aber alsbald der Abedam zu ihm hin und sagte zu ihm: „Horadal! Erhebe dich, und sehe an das alte Scheusal von einem Adam, der da ist der Erde alleinig erster Mensch und somit der Vater Kahins und des von ihm erschlagenen Bruders, der da heißt Ahbel, und ging hervor unmittelbar aus Meiner Hand!
HG|2|100|23|0|Und dann sehe auch Mich an, der Ich Selbst es bin, dein alter, schwacher, mutloser, nun vollends besiegter und wurmstichiger Gott!“
HG|2|100|24|0|Solche Worte aber drangen dem Horadal durch Mark und Beine, und er schrie, noch auf der Erde liegend, zu seinem Heer:
HG|2|100|25|0|„Fallt alle nieder auf eure Angesichter, denn wir alle stehen vor dem alleinig wahren Gott, der bis auf den herrschsüchtigen Lamech durch den weisen Farak auf uns gekommen ist, und den wir noch als Kinder anriefen und anrufen durften!
HG|2|100|26|0|Oh, daher fallt alle nieder vor Ihm; denn Ihm allein ja gebührt alle Achtung, alles Lob, aller Preis und aller Ruhm jetzt, wie ewig! O du elender Lamech!
HG|2|100|27|0|Und ich selbst, sein elender Handlanger, sein Ratgeber, sein erster Machthaber, ich, sein erster Heerführer, ich, derjenige, der ihn aus lauter Schurkerei also vergöttlicht hatte, – ich, der ihm zu allen seinen Schand- und Gräueltaten riet und die tätigste Hilfe leistete und nun eben im Begriff war, ihn vom Thron zu stürzen und alle Herrschaft an mich zu reißen, – ich – ich – Scheusal aller Scheusale stehe nun vor dem wahren Gott!
HG|2|100|28|0|O Gott, Du Allmächtiger, vertilge dieses Scheusal von der Erde ganz und gar; denn sie, die Dich Selbst nun trägt, ist zu heilig, um ein solches Scheusal, wie ich es nun bin, noch länger zu tragen. Daher vernichte auf ewig mich! Amen.“
HG|2|101|1|1|Henoch verkündet Horadal den Willen des Herrn. Wer gottlos ist
HG|2|101|1|1|Am 14. Juni 1842
HG|2|101|1|0|Es berief aber der hohe Abedam alsbald den Henoch zu Sich und sagte zu ihm: „Henoch, siehe, diese Verblendeten sind für Worte aus Meinem Munde nicht fähig, dieselben anzuhören und sie aufzunehmen in ihr Leben, da bereits all ihr Geist ein Geist der Schlange ist!
HG|2|101|2|0|Meine Worte, die da kommen aus Meinem Munde, sind tötend für solche, die nur mehr aus dem Geist der Schlange leben.
HG|2|101|3|0|Daher öffne du nun in Meinem Namen deinen Mund, und gebe ihnen kund Meinen Willen also, wie du ihn finden wirst in Dir!
HG|2|101|4|0|Sodann erst will Ich diesem Geschlecht drei Worte sagen, entweder zum Leben oder zum Tode! Amen.“
HG|2|101|5|0|Wie aber der Henoch solchen Auftrag von Mir vernommen hatte, da dankte er Mir in aller Fülle seiner Liebe zu Mir, lobte und pries Mich laut vor all den Ohren der Tiefe und begann dann folgende Worte an den Horadal zu richten, sagend nämlich:
HG|2|101|6|0|„Horadal, höre und verstehe es wohl, und beachte es allertiefst in deinem Herzen, was du jetzt aus meinem Munde vernehmen wirst; denn das ich nun zu dir reden werde, ist nicht mein, sondern allein Dessen heiliges Wort, der da unter uns ist und hat mich vor deinen Ohren dazu berufen, dass ich dir kundtun solle Seinen allerheiligsten Willen, darum du lebend nicht ertragen möchtest die Stimme Seines Mundes.
HG|2|101|7|0|Denn dein gegenwärtiges Leben ist ein Leben der Lüge und aller Bosheit aus ihr, welche da ist der alte, hoffärtige, widerspenstige, abgefallene Geist, der sich nimmerdar umkehren will zu Dem, der ihn werden hieß, sondern lügt sich dafür lieber selbst also an, als sei er ein allmächtigster Geist aller Geister, während er doch schwächer ist denn eine Fliege und hat keine Kraft denn allein in der Lüge, darin er ist ein großer Meister.
HG|2|101|8|0|Ein solches Leben aber ist kein Leben, sondern ein barer Tod; dieser aber kann nicht bestehen, so da über ihn kommt die lebendige Stimme Gottes, sondern geht zugrunde vollkommen gleich wie die Lüge im Lichte der Wahrheit.
HG|2|101|9|0|Solange aber die Lüge nicht ans Licht gebracht wird, da bleibt sie in ihrer Trugerscheinlichkeit also, als wäre sie etwas; aber im Lichte der Wahrheit hört sie plötzlich auf zu sein also, als wäre sie nie dagewesen.
HG|2|101|10|0|Gottes Wort aus Seinem Munde aber ist ja das allerhöchste Licht! So es in der Fülle an dich ergehen möchte, der du pur Lüge bist, was würde da wohl aus dir werden?!
HG|2|101|11|0|Damit du aber dennoch erschauen sollst, wie groß da ist die Liebe Jehovas, so hat Er mich berufen, dass ich mit dir reden soll in Seinem Namen.
HG|2|101|12|0|So groß aber ist Seine Liebe, dass Er Selbst der Lüge schont und zieht zurück Sein allmächtiges Licht, lässt es nur spärlich wiederkehren, damit selbst die Lüge, so sie frei aufnehmen möchte die Fünklein Seines Lichtes, übergehen könnte in ein wirkliches Leben, welches nach und nach fähiger und fähiger werden möchte, um am Ende sogar in der Fülle des göttlichen Lichtes zu bestehen und in und aus diesem Licht dann auch zu übergehen in Seine unendliche Liebe und in dieser zu werden ein neues Geschöpf, ja ein Geschöpf der Liebe, um in ihr zu überkommen die Kindschaft der Himmel und aus der endlich sogar die Kindschaft Gottes.
HG|2|101|13|0|Siehe, diese Worte aus meinem Munde sind eben solche wiederkehrenden Fünklein; so du sie in dir aufnehmen willst, da kann es mit dir ja werden, wie ich es soeben ausgesprochen habe!
HG|2|101|14|0|Verharrst du aber in deiner Lüge, da sage ich dir im Namen Dessen, der da nun ist ein wahrer, liebevollster, heiliger Vater unter uns:
HG|2|101|15|0|Siehe, Er, der Herr Himmels und der Erde, Er, der allmächtige Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, kommt und wird kommen mit vielen Seiner Heiligen, um mit Seinem Licht Gericht zu halten über alle Lüge und zu strafen alle ihre Gottlosen um ihrer gottlosen Werke willen und ihres gottlosen Wandels willen, durch den sie gottlos gewesen sind, und um alles des Harten willen und der vielen Lästerungen wegen, die solche gottlosen Sünder wider Ihn geredet haben!
HG|2|101|16|0|Wer aber ist gottlos? Siehe, der da ist dir gleich ein Leben der Lüge, in dem keine Wahrheit mehr haftet!
HG|2|101|17|0|Die Wahrheit aber ist das göttliche Licht, welches in der Lüge nicht ist zu Hause; der aber besteht aus der Lüge, für die jede Wahrheit ist ein Gericht zum Tode, der ist ja doch sicher gottlos dir gleich und allen deinen Helfershelfern gleich!
HG|2|101|18|0|Diesen aber ist nun von Gott aus angedroht das unausbleibliche Gericht; denn nicht immer wird Er Sein unendliches Licht innehalten aus Schonung der Sünder.
HG|2|101|19|0|Wann Er aber kommen wird mit Seinem Licht, sage mir, wie wird sich dann der Sünder halten vor Ihm, dessen ganzes Wesen nichts ist denn pur Lüge über Lüge?!
HG|2|101|20|0|Erstehe nun und sammle dich und dein Lügenvolk, und sammle aber auch in dir und in dem Volk diese Fünklein!
HG|2|101|21|0|Werft weg eure Waffen der Lüge, und zieht an das Kleid der Reue und der wahren Demut, damit ihr erfahren mögt, was alles zuvor des großen Gottes Liebe tut, bevor Er ausgehen lässt aus Sich das unendliche Licht, in dem alle Gedanken werden offenbar werden!
HG|2|101|22|0|Zieht euch aber dahin gen Mitternacht, und verlange keiner mehr, Hanoch zu sehen! Denn der Herr hat für euch alle schon ein Land zubereitet; in dem sollt ihr fürder leben ein Leben der wahren Umkehr zu Gott.
HG|2|101|23|0|Gehe aber nun und erfülle zum ersten Mal des wahren Gottes Willen, dann wird der Adam euch segnen, auf dass ihr dann frei ziehen mögt in das euch nun angezeigte Land!
HG|2|101|24|0|Des Herrn Wille mit dir! Amen.“
HG|2|102|1|1|Die Bekehrung des Horadal und seines Volkes. Adams Segen
HG|2|102|1|1|Am 16. Juni 1842
HG|2|102|1|0|Nach dieser Rede Henochs erhob sich erst der Horadal, verneigte sich, von der höchsten Ehrfurcht ergriffen, fast bis zur Erde und ging dann hin zu seinem Heer, sagte ihnen laut, wer Der ist, vor dem er und auch die meisten aus ihnen sich auf die Erde gelegt hatten, und was Sein Wille ist.
HG|2|102|2|0|Als all das Volk oder die Waffenmänner samt ihren Weibern und Kindern aber solches aus dem Munde ihres sonst also tyrannisch unerbittlichen Befehlshabers vernommen hatten, da fingen sie alsobald an zu jauchzen und zu weinen vor übergroßer Freude und lobten und priesen aus allen ihren Kräften Den, der da den Horadal also gesänftet habe und habe ihm gegeben ein so gutes, sanftes und mildes Gebot.
HG|2|102|3|0|Nur einige wenige, die da zurückgelassen hatten in der Tiefe ihre Weiber und Kinder, wussten nicht, was sie nun machen sollten.
HG|2|102|4|0|Sie wendeten sich darum an den Horadal und fragten ihn, was da zu tun sein werde.
HG|2|102|5|0|Der Horadal aber entgegnete ihnen mit großem Ernst: „Wir stehen nun in der Hand des allmächtigen Gottes, dem es ein Leichtes ist, uns alle mit dem allerleisesten Hauch Seines Mundes zu verwehen wie eine leichte Spreu; daher haben wir nun für nichts zu sorgen denn allein, wie wir erfüllen werden Seinen allmächtigen, allein göttlich wahren, heiligen Willen! Um alles andere aber haben wir uns nun nicht im Geringsten mehr zu sorgen; denn Er, der allein wahre, ewige, unendliche, mächtige Gott, steht auch unendlich höher denn alle unsere Weiber und Kinder.
HG|2|102|6|0|Da euch aber schon Lamechs Wille zu nötigen vermochte, alles zu verlassen und dem unsicheren und höchst gefährlichen Kampf mit den mächtigen Bewohnern der Höhen euch zu unterziehen, so werdet ihr auch, wie sich’s hoffen lässt, umso mehr euch hier einem allmächtigen Willen fügen müssen, ich sage dem Willen, durch den wir und alle Dinge erschaffen worden sind!
HG|2|102|7|0|Fasst dieses, legt alle die Waffen, die wir nimmer brauchen werden, nieder, und folgt meinem Beispiel!
HG|2|102|8|0|Wer aber durchaus hinab will, dem steht es ja auch frei; aber da mag er zusehen, wie er da mit der heilen Haut davonkommen wird!
HG|2|102|9|0|Haben ihn die Gebirgswächter unversehrt durchgehen lassen, so darf er vom ergrimmten Lamech mit großer Sicherheit hoffen, dass dieser gewiss ums Tausendfache ärger mit ihm verfahren wird denn jeder noch so wütende Tiger!
HG|2|102|10|0|Wer somit umkehren will, der tue solches sogleich; die anders Gesinnten aber sollen mir folgen hin zu den vier Großen, hinter denen nun diejenigen zwei stehen, die uns hierher gezogen und geführt haben mit großer Gewalt.
HG|2|102|11|0|Also geschehe es nach dem heiligsten Willen Dessen, der uns allen dies Gebot gab! Amen.“
HG|2|102|12|0|Als dieser Aufruf von Mund zu Mund von allen war vernommen worden, da gab es auch keinen Menschen mehr unter dem ganzen Volk, der da noch eines anderen Willens gewesen wäre denn allein desselben, den der Horadal vor allen laut ausgesprochen hatte.
HG|2|102|13|0|In der Zeit aber, in welcher der Horadal seinem Volk kundgab Meinen Willen, sagte Ich als der hohe Abedam zum Henoch: „Henoch, siehe, das Volk der Nacht hat das Wort deines Mundes erfasst, und ein derber Knecht der Schlange predigt nun ihrer Brut Meinen Willen!
HG|2|102|14|0|Siehe, dies Wunder ist größer denn alle, die wir verrichtet haben auf der Höhe, wie unter dieser herum! Daher will Ich nun auch ein Wunder hinzufügen, und dieses Wunder soll ein dreifaches sein also, dass Ich fürs Erste der Brut Kinder auch also annehmen will, als wären sie Meine, ja ganz vollkommen Meine Kinder; dann sollen denen, die da noch ihre Weiber und Kinder in der Tiefe zurückgelassen haben, dieselben schon in dem Land entgegenkommen, dahin sie zu ziehen haben – der Lamel aber hat es schon erfahren und legt bereits schon seine Hände ans Werk.
HG|2|102|15|0|Dein Wort aber, von da angefangen, wo du vom künftigen Gericht sprachst, bis dahin, da du fragtest bei dir selbst, wer da gottlos sei, soll übergehen von Wort und Wort an alle Völker bis ans Ende aller Zeiten der Zeiten, und deinen Namen werden der Erde letzte Kinder noch also nennen, wie er jetzt genannt wird von deinen Vätern, Brüdern und Kindern.
HG|2|102|16|0|Denn siehe, nun hast du Mir eine große Freude bereitet; wahrlich, diese Freude soll dir zahllosfältig von Mir durch alle Zeiten und Ewigkeiten wieder erstattet werden! Amen.“
HG|2|102|17|0|Hier wandte Sich der Abedam zu Adam und sagte zu ihm: „Adam, siehe, Kahins Kinder haben sich vor uns schon vollends bereitet zum Empfang deines Segens, daher lasse uns hingehen zu ihnen und geben, das sie erwarten! Amen.“
HG|2|102|18|0|Und der Adam trat nach dem Willen Abedams alsbald vor und ging vor den dreien hin, da der Horadal in der allertiefsten Ehrfurcht seiner harrte.
HG|2|102|19|0|Als er nun da anlangte, da erteilte er auch sogleich allen seinen Vatersegen und dankte darauf inbrünstigst dem Abedam für solche ihm verliehene Kraft.
HG|2|102|20|0|Der Abedam aber sagte darauf: „Adam, nun hast du recht gehandelt; denn Ich sage es dir und euch allen, segnet allzeit, da ihr fluchen möchtet, so werdet ihr allzeit Sieger sein über die, welche euch verfolgen oder vernichten wollen!
HG|2|102|21|0|Vergeltet nie Arges mit Argem, so werdet ihr wahrhaft Meine Kinder sein; denn Ich lasse Meine Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte!
HG|2|102|22|0|Du, Horadal, aber sollst hier verweilen bis über den Mittag und, wenn alle sich werden gestärkt haben, erst ziehen ins bestimmte Land, nachdem Ich dir drei Worte zuvor für dich und dein Volk mitgeben werde zum Tode und zum Leben! Amen.“
HG|2|103|1|1|Die wunderbare Speisung der Armen durch Abedam und Seth
HG|2|103|1|1|Am 17. Juni 1842
HG|2|103|1|0|Nach dieser Rede aber wandte sich der Abedam an den Seth und sagte zu ihm: „Bruder, lasse durch deine Kinder Speise und Trank holen für diese dreifach Armen und ebenso vielfach Hungrigen und Durstigen, damit sie zum Weiterziehen in das für sie bestimmte Land gestärkt werden in gerechtem Maße!
HG|2|103|2|0|Denn siehe, bis auf die Helfershelfer des Befehlshabers samt ihren Weibern und Kindern und bis auf den Anführer selbst mit eben auch seinen Weibern und Kindern haben alle anderen, einige Tausende an der Zahl, seit drei Tagen nichts gegessen außer etwas sauren Grases und einige bittere, wilde Waldwurzeln!
HG|2|103|3|0|Mich dauert daher dieses Volkes; darum wollen wir sie sättigen.
HG|2|103|4|0|Du besorgst die Speise und den Trank, und mache davon zehn Körbe voll; für den gerechten Segen aber werde dann schon Ich Sorge tragen. Also geschehe es!“
HG|2|103|5|0|Mit dem allergerührtesten Herzen dankte der Seth dem Abedam für diesen Auftrag und ging dann alsobald, zu vollziehen den Willen des Abedam.
HG|2|103|6|0|Wie aber erstaunte er, als er kaum einige Schritte über die Höhe hinab tat, ihm schon seine Kinder mit zehn voll beladenen Körben entgegeneilten!
HG|2|103|7|0|Hier blieb er stehen und legte vor übergroßen Freuden weinend seine Hände kreuzweise auf seine Brust; in dieser Stellung erwartete er seine Kinder.
HG|2|103|8|0|Als diese aber vollends zu ihm gelangten, da fragte er sie voll Liebe und Freude in seinem Herzen:
HG|2|103|9|0|„Meine lieben Kinder! Wahrlich, meine Freude hat vor lauter himmlischer Fülle keine Grenzen mehr, darum ihr mir zuvorgekommen seid in dem, weshalb Ich vom überheiligen Vater hierher beschickt wurde.
HG|2|103|10|0|Aber nur das sagt mir, welcher Engel des Himmels euch solches zu tun beheißen hatte, darob ich euch erst kundgeben wollte den Willen des Allerheiligsten?“
HG|2|103|11|0|Und die Tragenden antworteten: „Höre, Vater, wie ist solche Frage möglich von dir an uns nun, während doch du selbst es warst und hast uns die Weisung gegeben, solches zu tun?
HG|2|103|12|0|Nachdem du aber solches uns anbefohlen hast, da gingst du ja vor uns hierher, da du uns erwartet hast, wie du es genau gesagt hast?!“
HG|2|103|13|0|Bei dieser Antwort schlug der fromme Seth die Hände aus übergroßen Freuden über dem Haupt zusammen und sagte mit lauter, gerührtester Stimme:
HG|2|103|14|0|„O Du heiliger Vater Abedam Jehova der Allerhöchste! Welche Dinge und Erscheinungen sind Dir doch alles mit der allergrößten Leichtigkeit möglich?!
HG|2|103|15|0|Du kannst den Menschen teilen sogar, also, dass da kein auch vollends ganzer Teil von dem anderen etwas weiß, und dennoch handeln die also getrennten Teile in einem und demselben Geiste?!
HG|2|103|16|0|Kinder, seht, das ist schon wieder eine neue Wundertat des allerhöchsten, allerheiligsten und liebevollsten Vaters!
HG|2|103|17|0|Daher lobt, liebt und preist Ihn aus allen euren Kräften; denn Seine Güte hat keine Grenzen, und Seiner Erbarmungen ist kein Ende!
HG|2|103|18|0|Himmel und Erde sind voll Seines Segens und Seiner Gnade; daher sei hochgelobt Sein allerheiligster Name!
HG|2|103|19|0|O Vater, Vater, wie unendlich gut bist Du!“
HG|2|103|20|0|Als der Seth diesen Ruf tat, da auch war schon der Abedam bei ihm und sagte zu ihm mit einer ergreifendst sanften Stimme:
HG|2|103|21|0|„Geliebter Bruder Seth, siehe, die Armen harren schon unserer Gabe; daher lasse uns eilen dahin!
HG|2|103|22|0|Dass du Mich nun vollkommen recht liebst, des sei versichert; denn Ich ja gebe dir dieses Zeugnis!
HG|2|103|23|0|Und so bist du ja vollkommen ein Mann nach Meinem Herzen; daher lasse uns jetzt vorderhand unser Liebesgeschäft verrichten!
HG|2|103|24|0|Ist das alles geschlichtet, sodann erst wollen wir uns gegenseitig eine ganz vollkommene, lebendigste Liebeerklärung machen! Amen.“
HG|2|103|25|0|Und sofort begaben sie sich mit den Trägern hin zu den Kindern aus der Tiefe.
HG|2|103|26|0|Daselbst angelangt, ließ der Abedam die Körbe vor dem Horadal niederstellen und segnete sie.
HG|2|103|27|0|Nach dieser Handlung aber übergab Er ihm die Körbe und sagte zu ihm, dem Horadal nämlich:
HG|2|103|28|0|„Nehmt hin diese Speise und diesen Trank, und esset und trinket alle davon; was ihr nicht werdet aufzuzehren imstande sein, das mögt ihr mit euch nehmen, damit ihr für heute versorgt seid!
HG|2|103|29|0|Für morgen und für alle Zukunft aber wird euch die Erde versorgen aus Meinem großen Vorrat in ihr, solange ihr verbleiben werdet in Meinem Gebot, das Ich euch in das neue Land mitgeben werde; und also esset und trinket nun! Amen!“
HG|2|103|30|0|Der Horadal aber, als er solche große Freundlichkeit an dem Jehova entdeckte, fiel alsobald hin zu den Füßen Jehovas und schrie:
HG|2|103|31|0|„O Gott, Du großer Gott, wie ganz anders bist Du, als ich Dich durch so viele harte und grauenhafte Lehren habe müssen kennenlernen!
HG|2|103|32|0|Als einen unerbittlichsten Tyrannen aller Tyrannen musste ich Dich erschauen also, dass sich das Gefühl jeder einzelnen Fiber dagegen empörte und ich solch einem Gott fluchte in mir, statt Ihn zu lieben; darum auch wurde ich selbst ein Tyrann!
HG|2|103|33|0|Aber wie so ganz anders bist Du! Anstatt mich, der Dich so oftmals verlästert hatte, samt meinem Heer zu vernichten, reichst Du uns gesegnete Speise und Trank!
HG|2|103|34|0|O wie ganz anders bist Du, als ich Dich habe müssen kennenlernen!
HG|2|103|35|0|O Gott, Du ewige Liebe, welch ein sanftes Gericht hältst Du über unsere gänzliche Verworfenheit!“
HG|2|103|36|0|Der Abedam aber sagte darauf zu ihm: „Horadal, jetzt esse und trinke; nach der Mahlzeit aber wollen wir erst zu einer Rede übergehen! Amen.“
HG|2|104|1|1|Die wunderbare Vermehrung der Speisen. Horadals Gottesliebe
HG|2|104|1|1|Am 18. Juni 1842
HG|2|104|1|0|Darauf erhob sich alsbald der Horadal, dankte dem Herrn noch einmal für solche große Gnade und Erbarmung und wandte sich endlich zu seinem Volk und sagte:
HG|2|104|2|0|„Brüder, nehmt hier mit dem dank- und freudeerfülltesten Herzen die Speise und den Trank, und esst und trinkt, nachdem ihr alles gehörig und gerecht werdet untereinander verteilt haben!
HG|2|104|3|0|Ich selbst aber will erst dann um irgendeinen Rest in den Korb greifen, wenn ihr euch alle hinreichend werdet gesättigt haben.
HG|2|104|4|0|Und sonach erfüllt mit größter Dankbarkeit eurer Herzen den allerheiligsten Willen des großen, alleinig wahren Gottes, der da nun sichtbar vor unser aller Augen für uns diese Speise gesegnet hatte! Amen.“
HG|2|104|5|0|Nach dieser Beheißung nahmen die zehn oberen Anführer die Körbe und, nachdem sich das Volk zeilenförmig auf die Erde gelagert hatte, und zwar in gerade zehn Zeilen, teilten da die Speise aus, und zwar also, dass da jeder mit seinem Korb versah eine Zeile, übergebend zugleich auch dem Ersten der Zeile das Gefäß mit dem Getränk und ein Gefäß mit dem allerfeinsten Honig, damit, wenn der Erste davon nach Bedarf genossen hatte, er es gebe seinem Nachbarn, und das also fort bis ans Ende der Zeile.
HG|2|104|6|0|Nachdem aber alles gehörig mit Speise und Trank versehen war, da erst besahen die zehn Verteiler ihre Körbe; wie sehr aber erstaunten sie, als sie die Körbe nicht einmal bis zur Hälfte geleert erschauten!
HG|2|104|7|0|Sie wollten daher noch einmal die Zeile, nach rückwärts verteilend, durchgehen; allein da sie bemerkten, dass da noch ein jeder vollauf mit allem versehen war, so dankten sie mit dem gerührtesten Herzen dem Herrn und trugen die noch inhaltreichen Körbe wieder zurück zum Horadal, der unterdessen jeden Verteiler mit seinen Augen verfolgte, um zu sehen, ob da wohl jeder redlich sein Amt verwalte.
HG|2|104|8|0|Als nun die Körbe wieder hier standen und der Horadal ersah, dass dieselben noch über die Hälfte voll waren, da fragte er alsbald ziemlich ernst die Austeiler:
HG|2|104|9|0|„Wie habt ihr denn da ausgeteilt?! Die Körbe sind zwar wohl von größerer Art, aber es ist des Volkes über zehntausend Köpfe an der Zahl.
HG|2|104|10|0|Wie viel habt ihr da einem zukommen lassen? Kann er nach dem Willen des allerhöchsten Herrn wohl gesättigt werden?“
HG|2|104|11|0|Einer aus den zehn aber erwiderte ehrfurchtsvoll: „So du das Wunder aller Wunder erschauen willst, da sehe nach, wie da jede Zeile vollauf versorgt ist mit allem, und du wirst sicher mit uns ausrufen: ‚Solche Dinge sind nur Gott möglich; Ihm sei darum allein alle Ehre, alles Lob, aller Preis, alle Anbetung, aller Dank und alle Liebe ewig! Amen.‘“
HG|2|104|12|0|Darauf durchflog der Horadal alle die Zeilen mit seinen Augen, und da er ersah, dass da auch nicht eines darunter war, dem etwas abginge, so wandte er sich zum Herrn und sagte: „O Du, dessen Name meine Zunge nimmerdar wert ist auszusprechen, wie soll ich Dir denn danken, wie Dich preisen, wie Dich loben, dass es Dir wohlgefiele?!
HG|2|104|13|0|O Herr, Du endlos Heiliger, siehe, mein Teuerstes, was ich habe, ist dies mein wennschon auch vor Dir gänzlich wertloses Leben! Ich habe aber dennoch nichts anderes, durch das ich mir selbst bewusst etwas wäre und tun könnte; wenn es Dir aber wohlgefiele, so möchte ich es Dir zum Opfer bringen, zum Dank für dies arme Volk!“
HG|2|104|14|0|Nach diesen Worten aber fiel er alsbald wieder vor übergroßem Dankgefühl weinend vor dem Abedam nieder.
HG|2|104|15|0|Bei diesen Worten Horadals aber hielt sich der Abedam eine Hand vor die Augen und barg Tränen großer Erbarmung; erst nach einer kleinen Weile bog Er Sich zur Erde nieder, berührte den noch weinenden Horadal und sagte zu ihm: „Horadal, erstehe; denn jetzt habe Ich dir alle Schuld nachgelassen!“
HG|2|104|16|0|Und der Horadal stand auf und war lange unfähig vor lauter Rührung, auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen.
HG|2|104|17|0|Nach einer Weile aber fasste er sich doch wieder, und nach einem tiefen Atemzug fragte er endlich den Herrn, sagend nämlich:
HG|2|104|18|0|„Herr, sieh mich armen Sünder gnädig an, und zürne mir nicht, wenn ich nun meinem gedrängten Herzen ein wenig Luft mache durch eine Frage, deren ich freilich wohl nicht im Allergeringsten wert bin!“
HG|2|104|19|0|Und der Abedam sagte zu ihm: „Also eröffne Mir dein Herz!“
HG|2|104|20|0|Hier legte der Horadal seine Hände über seine Brust und sagte: „O Herr, Du Allerheiligster! Dürfte auch ich armer Sünder und mein armes Volk Dich lieben aus allen Kräften unseres Lebens?!
HG|2|104|21|0|Vergebe mir diese für mich zu heilige Frage! Mein Verstand sagt mir zwar: Gott können und dürfen nur reine Herzen lieben; mein Herz aber sträubt sich nun gar gewaltig gegen diese Verstandeseinrede.
HG|2|104|22|0|O so sage mir, ob ich tun kann und darf, wonach sich nun mein Herz also mächtig sehnt!“
HG|2|104|23|0|Und der Abedam aber erwiderte ihm darauf: „Horadal, darum du fragst, das tust du ja schon, und sei Mir darum gesegnet!
HG|2|104|24|0|Ich sage dir aber dafür die drei verheißenen Worte, und diese heißen:
HG|2|104|25|0|Liebe, liebe, liebe, so wirst du leben ewig im Geiste, aber sterben der Welt! Nun aber bist du der Welt schon gestorben; daher liebe, liebe, liebe Mich, deinen heiligen Vater, ewig! Amen.“
HG|2|105|1|1|Adam warnt Horadal vor dem Satan und der Polygamie
HG|2|105|1|1|Am 20. Juni 1842
HG|2|105|1|0|Es trat aber nach der Rede Abedams nach Seinem geheimen Willen auch der Adam zum Horadal und sagte zu ihm: „Horadal, erstehe nach dem Willen Jehovas, und höre mich an!“
HG|2|105|2|0|Und der Horadal richtet sich auf; der Adam aber fuhr fort zu reden, sagend nämlich:
HG|2|105|3|0|„Siehe, es wallt in allen deinen Adern und in den Adern des dir untergebenen Volkes, also wie in den Adern aller dieser meiner Kinder auf den Höhen kein anderes denn nur mein Blut, darum ich von Gott aus gestellt ward zum ersten Menschen der Erde – wie mein Weib, aus mir hervorgehend, zur ersten Mutter aller nun lebenden Menschheit.
HG|2|105|4|0|Nur einen Vater und nur eine Mutter sollen in leiblicher Hinsicht die Menschen also haben, wie da nur ein Gott, ein Schöpfer und ein unendlicher, ewiger, heiliger Vater es ist dem Geist.
HG|2|105|5|0|Da ich aber also gesetzt wurde zum ersten Menschen und somit auch zum Vater der gesamten Menschheit in leiblicher Hinsicht, so kannst du ja wohl bedenken, wie groß deine Lästerung war, da du mich ein Scheusal nanntest –
HG|2|105|6|0|und Gott, unser aller heiligsten und liebevollsten Vater, den allmächtigen Schöpfer aller Dinge, einen alten, schwachen, wurmstichigen Gott!
HG|2|105|7|0|Wie aber kommt es, dass da die Nachkommen Kahins also in alle solche Blindheit und endlich in alle Bosheit geraten sind?
HG|2|105|8|0|Siehe, höre und verstehe! Als Kahin, mein allererstgeborener Sohn, aus großem Neid seinen Bruder Ahbel erschlug – zu welcher Tat ihn die arge Schlange, welche da ist der Satan oder Gefallene, in jegliches Menschen Fleisch wohnend wie in aller Materie, verleitete –, da ward er von Gott gerichtet und hatte keine Ruhe bei Tag und Nacht. Die Erde wurde ihm zu klein und das weite Gewölbe des Firmaments zu nieder, also zwar, dass er kaum mehr mochte einen freien Atemzug machen.
HG|2|105|9|0|Er seufzte und weinte gewaltig und ergrimmte über die Schlange so sehr, dass er ihr die ewige Feindschaft schwor.
HG|2|105|10|0|Die Schlange aber suchte ihn darauf heim und war eifrigst bemüht, ihn wieder für sich zu gewinnen.
HG|2|105|11|0|Kahin aber sah, dass er ein Meister der Schlange geworden war, darum sie ihm selbst in des Bruders Gestalt nicht zu konnte.
HG|2|105|12|0|Da aber die Schlange dem Kahin schon lange abgelauert hatte, dass er ein großer Schwächling ist im Fleische, da nahm sie sofort die Gestalt eines überreizenden Weibes an und näherte sich also mit jungfräulicher Schüchternheit dem Schwachen, dass er unvermögend war, seinen Augen zu gebieten, dass sie sich nicht weideten an den lockendsten Formen ihres trüglichen Wesens.
HG|2|105|13|0|Zu spät erst erkannte er es, welche Falle ihm da die Schlange bereitet hatte, dass er darob ihr mit eigenem Munde das noch jetzt allen seinen Nachkommen sich forterhaltene Zeugnis gab, dem zufolge sie über alle seine Kinder, wie auch über die Kinder Gottes, mit der Zeit siegen werde.
HG|2|105|14|0|Verstehst du nun schon, wo du dich nun im Geiste befindest?
HG|2|105|15|0|Siehe, das ist die furchtbare Klippe, über der ihr alle gescheitert seid!
HG|2|105|16|0|Ihr alle seid dem Zeugnis zufolge Diener des Fleisches geworden, und wie das Fleisch den Kahin aus mir selbst berückt hatte, also hat es auch euch alle berückt.
HG|2|105|17|0|Die Schlange hatte eure Töchter geschmückt mit dem schönsten Fleisch, und keiner kann diesem widerstehen; ihr habt daher die Vielweiberei eingeführt wider alle göttliche Ordnung, nach der doch nur ich als ein Mann und die Eva als ein Weib geworden sind durch die unendliche Liebekraft Dessen, der da noch unter uns weilt und dir soeben dreimal die Liebe anbefohlen hatte darum, dass da soll alle Fleischliebe übergehen in das Leben der Seele, dann alles Leben der Seele in den Geist, und sonach endlich alles vereinte Liebeleben aus dem Fleisch sowohl als auch aus der Seele im Geist – vom Geist aus in Gott!
HG|2|105|18|0|Wie könnet ihr aber solches tun an der Seite eurer Vielweiberei?
HG|2|105|19|0|So ihr aber in dieser Macht des Fleisches verbleibt, werdet ihr da nicht auch verbleiben in aller Lästerung tatsächlich, also, wie ihr wörtlich gekommen seid herauf auf diese geheiligten, reinen Höhen?
HG|2|105|20|0|Denn so die göttliche Ordnung dem Mann nur ein Weib gibt, damit sein Kampf ein einfacher sei und er desto leichter besiege den durch die Lüsternheit Kahins bedungenen Feind, – wie wollt ihr da je vollkommen siegen über diesen ärgsten Feind, so ihr euch also weidlichst in seine feisten Arme werft?!
HG|2|105|21|0|Daher entschlagt euch der Vielweiberei, und tretet zurück in die alte Ordnung Gottes, so werdet ihr erst vollkommen siegen können über den Tod, welcher da haust als eine allergiftigste Schlange in eurem Fleisch als der alte Satan, der da nicht wollte zurückkehren in mir, sondern hat sich im Fleisch getrennt von mir und lebt nun sich selbst in allem Fleisch ein alter Fürst aller Lüge!
HG|2|105|22|0|Horadal, beachte dieses wohl, willst du als ein Sieger zum wahren Leben gelangen!
HG|2|105|23|0|Nehme daher auch diese Enthüllung mit meinem Segen mit dir in das Land, das dir der Herr einberäumt hatte, so werden dir die drei heiligsten Worte gereichen zum Leben, sonst aber zum ewigen Tode! Verstehe es wohl! Amen.“
HG|2|106|1|1|Über die Zulassung der an sich gotteswidrigen Polygamie
HG|2|106|1|1|Am 21. Juni 1842
HG|2|106|1|0|Es trat aber nach dieser Rede sogleich der Henoch auf eine innere Beheißung hin zum Horadal und sagte zu ihm:
HG|2|106|2|0|„Horadal, es will der Herr, dass du mit deinen zehn Helfern nun auch Speise nehmen sollst, also tue solches nach dem Willen Dessen, der mich darum zu dir beschieden hatte!
HG|2|106|3|0|Wenn ihr euch aber werdet gestärkt haben, sodann ersteht, und macht euch alle auf den Weg!
HG|2|106|4|0|Dahin euch aber die zwei starken Führer geleiten werden, dahin auch folgt ihnen; wo sie euch aber anzeigen werden zu bleiben, da auch bleibt sofort!
HG|2|106|5|0|Daraus aber werdet ihr es am allerleichtesten erkennen, allwo da sein wird die bleibende Stelle, wenn ihr sehen werdet, dass da schon euer harren eure in Hanoch zurückgelassenen Weiber und Kinder, welches namentlich bei euch Anführern der Fall ist, da ihr zumeist dieselben habt zum Zeugnis eurer Treue dem Lamech als Geiseln hinterlassen müssen.
HG|2|106|6|0|Solches gebe ich euch nun kund aus dem Willen des Herrn, darum ihr heiteren Mutes euch stärken könnt und dann fröhlich und sorglos ziehen dahin, allwo der Herr für euch bereitet hat ein bleibendes Land.
HG|2|106|7|0|Da ihr nun solches wisst, also esst und trinkt im Namen des Herrn jetzt, wie allzeit! Amen.“
HG|2|106|8|0|Und alsobald dankte der Horadal für solche Beheißung und für solche ihn über alles ermunternde Nachricht, wie auch alle zehn, und nahm dann mit ihnen Speise und Trank zu sich.
HG|2|106|9|0|Während aber diese nun ihre Mahlzeit hielten, wandte Sich der hohe Abedam zum Adam hin und sagte zu ihm:
HG|2|106|10|0|„Deine recht väterliche Lehre an diese Armen war zwar an und für sich gut, aber eines muss in ihr doch noch berichtigt werden, und zwar das, was da betrifft die Vielweiberei.
HG|2|106|11|0|Siehe, du hast ganz recht, so du die Vielweiberei als vollkommen Meiner Ordnung zuwider aufgestellt hast und hast ihnen auch eben also richtig gezeigt die allzeit gültige Wohnung der Schlange und des Todes.
HG|2|106|12|0|Aber nun denke dir einmal, was da für diese besser ist, nachdem sie schon – namentlich die Anführer –, durchaus jeder für sich genommen, mit wenigstens zehn Weibern versehen sind: entweder sie zu trennen und ihnen zu lassen nur ein Weib, oder sie belassen also, wie sie sind?
HG|2|106|13|0|So da einer aus seinen zehn Weibern neun verlässt und nur eines behält, was sollen dann die neun mit ihren Kindern tun, und wie wird es aussehen in ihren Herzen?
HG|2|106|14|0|Oder, so er aber alle behält und sorgt für die Herzen aller der Kinder seiner zehn Weiber, und die Weiber und Kinder aber, so sie durch ihren Mann werden uns kennenlernen, wie wir sie trotz der alleinig wahren Ordnung dennoch belassen haben in dem Stand, in welchen sie gekommen sind durch die eisernen Bande ihres Gesetzes, uns dann loben und preisen werden in ihren Herzen –
HG|2|106|15|0|und werden daraus ersehen unsere große Erbarmung und Liebe auch alle ihre Kinder, die uns im Gegenteil verwünschen würden in ihren Herzen,
HG|2|106|16|0|was sonach meinst du, was da besser sein dürfte wenigstens für diese, welche sich schon einmal in diesem, freilich wohl an und für sich kläglichen und unordentlichen Zustand befinden?
HG|2|106|17|0|Ich sage dir aber, für Kinder der Welt, wenn sie zu sehr gezogen werden von ihrem Fleisch, ist die Vielweiberei besser als eine unordentliche Hurerei und Notzucht oder gar Knabenschänderei!
HG|2|106|18|0|Ja, Ich sage dir, es ist auch sogar die Vielweiberei besser denn ein unordentliches Beschlafen eines Weibes, da auf keine Zeugung abgesehen wird, sondern allein auf eine stumme Befriedigung des Triebes, und das besonders dann, wenn das Weib sich schon ohnehin im sichtbaren Zustand der Schwangerschaft befindet.
HG|2|106|19|0|Denn wer da hat zehn oder mehrere Weiber, der zeugt nahe allzeit, sooft er eine beschläft; wenn aber jemand nur ein Weib unordentlich beschläft zu öfteren Malen, so zeugt er fürs Erste nicht nur mit jeder Beiwohnung keine Frucht, sondern er verdirbt oft noch die schon gezeugte und macht am Ende sein Weib gänzlich unfruchtbar noch obendrauf.
HG|2|106|20|0|Wenn solches aber, wie du es sicher weißt, sich schon sogar bei den Kindern der Höhen vorgefunden hat, die doch aus Meiner Gnade und Meinem Segen hervorgegangen sind, um wie viel mehr aber wird solches erst der Fall sein bei denen, die da hervorgegangen sind aus Meinem Gericht!
HG|2|106|21|0|Daher urteile da nun selbst, was da für den gegenwärtigen Augenblick namentlich für die Kinder der Tiefe besser sein dürfte!
HG|2|106|22|0|Obschon Ich aber dadurch durchaus nicht einführen will die Vielweiberei, namentlich bei euch schon gar nicht, so aber gehe dennoch hin, und berichtige solches an diesen Kindern aus der Tiefe; nur kannst du hinzusetzen, dass sie darum ihre Kinder aber dennoch nicht für die Vielweiberei erziehen sollen, sondern wie es Meine wahre Ordnung deiner Rede zufolge erheischt! Amen.“
HG|2|107|1|1|Horadal enthüllt Adam sein geheimes Wirken
HG|2|107|1|1|Am 22. Juni 1842
HG|2|107|1|0|Sobald aber sich der Horadal mit seinen zehn Gefährten an der ihm überaus wohlschmeckenden Speise gesättigt hatte und sich auch gelöscht den Durst mit dem Saft süßer Beeren und hatte auch nach solcher Sättigung dargebracht den gebührenden Dank dem Herrn als dem alleinigen Geber aller guten Gaben, da trat auch alsbald der Adam hin zum Horadal und machte ihm bekannt den Willen des Herrn, wie ihm der Herr solchen bekannt gab zuvor bezüglich der Vielweiberei.
HG|2|107|2|0|Nachdem aber der Horadal solches vernommen hatte aus dem Munde Adams, ward er überfröhlichen Herzens, dankte wieder dem Herrn für solche Gestattung aus allen seinen Kräften, richtete sich endlich auf und bat dann den hohen Abedam um die Erlaubnis, ein Bekenntnis vor dem Adam ablegen zu dürfen.
HG|2|107|3|0|Und der hohe Abedam gestattete ihm solches mit folgenden Worten: „Horadal, Ich sage dir, hier ist der Ort, wo ein jeder reden kann und darf, wie ihm die Zunge gewachsen ist.
HG|2|107|4|0|Daher, so du reden willst, da rede offen, und halte dir dabei keinen Finger über den Mund! Amen.“
HG|2|107|5|0|Der Horadal aber dankte inbrünstigst für diese Gestattung dem hohen Abedam und begann dann folgende Worte an den Adam zu richten, sagend nämlich:
HG|2|107|6|0|„Überaus ehrwürdig alter Vater, achtbarster erster Mensch der Erde und hoch zu ehrender Zeuger des gesamten jetzt lebenden Menschengeschlechtes! Schenke einem Nachsohne deines Sohnes Kahin ein geneigtes Ohr, und vernehme, was ich dir jetzt kundgeben werde!
HG|2|107|7|0|Denn so wahr Gott, der unendliche, ewige, heilige, allmächtige Schöpfer nun unter uns weilt, also wahr auch war das, was ich dir jetzt kundgeben werde, ein allertiefstes Geheimnis in meinem Herzen; und wäre es nicht also, – Vater Adam, du kannst es mir glauben, ich hätte Gott und dich nicht so bald erkannt, und Er, die ewige, unendliche Liebe und Erbarmung Selbst, hätte es sicher nie zugelassen, dass da meine Füße je betreten hätten dürfen diesen heiligen Boden der Berge, – wenn es nicht also wäre, wie ich es dir jetzt in aller Kürze kundgeben will!
HG|2|107|8|0|Daher vernehme dieses aus meinem Munde nun, was in mir also tief verborgen lag, dass selbst die dir wohlbekannte listige Schlange nimmerdar vermögend war, dieses tiefste Geheimnis in mir auch nur zu ahnen, geschweige erst zu erschauen!
HG|2|107|9|0|Jetzt aber ist der Zeitpunkt gekommen, und so will ich es auch offen kundgeben. Darin aber besteht es, und also lautet es:
HG|2|107|10|0|Siehe, es hatte dereinst noch zu den Zeiten Hanochs der unendlichen Liebe des allmächtigen Gottes wohlgefallen, einen Mann, ja einen Bruder Hanochs im Geiste zu erwecken, damit er bekanntgebe allem Volk den alleinig wahren Gott.
HG|2|107|11|0|Seine erhabene Lehre erhielt sich bis auf Lamech stets unversehrt.
HG|2|107|12|0|Ich ward von dessen erhabenen Brüdern in dieser Lehre wohl unterrichtet, wie noch einige.
HG|2|107|13|0|Als aber der Lamech mit der Schlange einen Bund geschlossen hatte und darum erschlagen hatte durch die starke Hand Tatahars seine beiden gotteserleuchteten Brüder, da ward auch alsbald erschlagen die erhabene Lehre des von Gott erweckten Farak!
HG|2|107|14|0|Da ich aber stets ein Freund des Lamech war von seiner frühen Jugend her, so geschah es denn auch, dass er mich, sobald er seine übergrausame Regierung antrat, zu seinem Ratgeber machte, aber also doch, dass da von mir niemand etwas wissen durfte. Ich war somit nur sein geheimster Ratsmann.
HG|2|107|15|0|Anfangs versuchte ich Faraks Lehre in ihm zu erwecken; allein es war rein vergebens, mit ihm darin etwas zu bewirken.
HG|2|107|16|0|Denn er hatte von der Schlange sich so sehr gefangen nehmen lassen, dass selbst die großen Worte Gottes, die er bald nachher vernommen hatte, als er seine Brüder erschlug, auf ihn keinen Eindruck machten.
HG|2|107|17|0|Als er mir aber im Geheimen dennoch solches kundgab, ließ ich die Gelegenheit nicht unbenützt und ermahnte ihn ernstlich, dass er sich darum doch zu Gott wieder schnellst umkehren möchte, darum Er ihm noch also gnädig ist.
HG|2|107|18|0|Statt mich aber anzuhören, erklärte er mir ganz erbittert ernstlich: ‚Horadal! Bis jetzt noch bist du mein Freund; ich ermahne dich aber als König und Gott nun zum letzten Mal vollkommen ernstlichst, dass du für alle Zukunft schweigst von deinem Gott.
HG|2|107|19|0|Wenn du dieses Gebot brechen wirst, dann soll dir geschehen, was da geschehen ist meinen Brüdern, die da auch deinen Gott predigten und wollten nicht beachten, dass ich selbst der allmächtige Gott bin!
HG|2|107|20|0|Gehe aber hinaus, und verleugne zu meiner und deiner Rechtfertigung vor allem Volk den alten, lächerlichen Gott Faraks, und lehre es ihm mich, den alleinig wahren, gerechten, überstrengen, unerbittlichen und allmächtig starken Gott kennen!
HG|2|107|21|0|Ich schwöre es dir bei meiner Gottheit, so du solches nicht tust, so sollst du mir vor allem Volk in die kleinsten Stücke zerrissen werden!
HG|2|107|22|0|Solches fasse; gehe und vollziehe meinen Willen!‘
HG|2|107|23|0|Ich ging, verbarg in meinem Innersten die Lehre Faraks und nahm alsbald die Truggestalt überlamechischer Grausamkeit an und lehrte das Volk den Willen Lamechs kennen.
HG|2|107|24|0|Da aber Lamech sah, dass er an mir einen getreuen Diener habe, so übertrug er mir auch alsbald alle königliche Gewalt; er aber blieb ein Gott mir und dem Volk.
HG|2|107|25|0|Da aber auch die Schlange sah, welch ein treuer Diener ich dem Lamech bin, und nimmerdar merken konnte, was ich verborgen halte im Herzen, so schloss sie auch mit mir einen Bund in der Gestalt eines allerreizendsten Weibes, und ich schwor ihr von der Oberfläche meines Herzens beim Gott Lamech, alles zu tun, was da ihr und ihm wohlgefallen solle.
HG|2|107|26|0|Die Schlange war damit vollkommen zufrieden und machte mir große Verheißungen darob.
HG|2|107|27|0|Als sie mich aber verließ, da schwor ich aber in meiner Tiefe und sagte: ‚O Schlange, du überlistiger Satan, so schlau du auch immer zu Werke gehst, so sollst du aber dennoch erfahren gar bald, was Der vermag, den ich nun verborgen halten muss!
HG|2|107|28|0|Solches schwöre ich dir bei meinem allein wahren Gott!‘
HG|2|107|29|0|Nachdem aber bat ich meinen verborgenen Gott, dass Er allergnädigst solches mein geheimstes Vorhaben auch nicht einmal dem allererhabensten Engel kundgeben möchte; und Gott erhörte meine Bitte und gab mir dann stets allergeheimst ein, was ich zu tun habe in jeder Lage meines königlichen Amtes.
HG|2|107|30|0|Also ward ich dann ein grausam richterliches Werkzeug in der Hand Gottes und habe dann alle erdenklichen Grausamkeiten zum Schein ausgeübt durch die angebliche Macht Lamechs, – aber nicht also in der Wahrheit!
HG|2|107|31|0|So war ich es, der dem Lamech den erbitterten Rat gab, als Meduhed, ein wahrer Bruder zu mir, ein großes Volk entführte, dass er da soll dem alten Gott einen förmlichen Krieg ankündigen und unter der Anführung des argen Tatahar alle die Wälder mit Feuer vernichten, so ihm der alte Gott etwa doch entführt hätte das Volk Meduheds. Warum aber tat ich solches?
HG|2|107|32|0|Ich wusste es ja aus meiner verborgenen Tiefe, welches Los da des argen Tatahar harrt!
HG|2|107|33|0|Wieder war ich es, der darauf die wenigen Zurückgekehrten abermals aus dem Munde Lamechs selbst beschied, an dem wahren alten Gott die zweite Rache zu nehmen. Denn ich wusste es ja, was der Herr mit diesen vorhatte!
HG|2|107|34|0|Ich gab dem Lamech den Rat, dass da allem gemeinen Volk die Sprache bei der Strafe des Todes verboten sein solle, und dass sich ja keiner unterstehen solle, in seinem ganzen Leben den überheiligen Namen des Gottes Lamech auszusprechen, ja nicht einmal denselben zu denken!
HG|2|107|35|0|Warum aber tat ich solches? Damit die noch reineren Herzen der Unschuldigen nicht sollten durch den größten Frevel Lamechs entheiligt werden; denn dem Sprachlosen kann nichts gepredigt werden!
HG|2|107|36|0|Ich ließ viele hinrichten. Warum aber? Weil mein verborgener Ratgeber es mir anzeigte, allzeit sagend: ‚Siehe, über diese hatte die Schlange ihren Rachen geöffnet! Ich habe sie unempfindlich gemacht; darum zerfleische ihre Leiber, damit die Schlange über dich keinen Verdacht hege!‘
HG|2|107|37|0|Ich lästerte Gott zehnmal ärger denn der Lamech selbst und gab ihm den Rat, Jehovas Namen zu begraben unter dem Unrat des geringsten Volkes!
HG|2|107|38|0|Warum aber tat ich solches? Um zu retten diesen Namen; denn es war ja besser, den allerheiligsten Namen gänzlich zu begraben unter dem Unrat der Armut, welcher allein noch das Reinste in der Tiefe ist, als ihn noch länger den schändlichsten Lästerungen preisgegeben zu sehen!
HG|2|107|39|0|Und so tat ich eines um das andere aus diesem Grunde.
HG|2|107|40|0|Und als die Zeit da war, so nahm ich die Macht, wie du sie hier siehst, zu mir und führte somit nahe die gesamte Armut als ein unerbittlicher Machthaber Lamechs hierher, – und bis zu diesem Augenblick wusste außer Gott niemand, welche Absicht mich überallhin und so auch hierher geführt hatte.
HG|2|107|41|0|Jetzt aber hat es dem Herrn wohlgefallen, dass ich ablege meine harte Maske, und so stehe ich auch in aller innersten Treue enthüllt vor dir also, wie ich es allzeit war, in mir tiefst verborgen.
HG|2|107|42|0|Also habe ich auch vor meinem noch blinden Volk dich und Gott gelästert; da du aber nun weißt, wie und warum ich solches tat, also wirst du mir ja wohl auch vergeben können, so ich nichts tat als nur den geheimen Willen Dessen, der hier ist!
HG|2|107|43|0|Sei daher auch ohne Sorge der Vielweiberei halber; denn von uns soll Gottes Wille allzeit vollkommen beachtet werden! Amen.“
HG|2|108|1|1|Über das verderbliche Fluchen und Richten
HG|2|108|1|1|Am 24. Juni 1842
HG|2|108|1|0|Als aber der Adam solches vom Horadal vernommen hatte, ward er also ergriffen und weinte aus übergroßen Freuden so sehr, dass er darob am ganzen Leibe bebte und nicht vermochte – was er gerade jetzt so gerne hätte wollen –, auch nur ein allerkürzestes und einfachstes Wort über seine Lippen zu bringen.
HG|2|108|2|0|Der Abedam aber sah, wie es da stand mit dem Herzen des Adam; darum auch trat Er alsbald hin zu ihm und sagte: „Adam, möchtest du wohl nun noch fluchen diesen Lästerern?
HG|2|108|3|0|Siehe, daher soll der Mensch mit nichts also sparsam sein als mit dem richterlichen, ganz besonders aber mit dem väterlichen Fluch!
HG|2|108|4|0|Denn wer kann da schauen in Meine Wege und wer erforschen Meine Ratschlüsse?!
HG|2|108|5|0|So aber da jemand über Erscheinungen flucht, deren Grund er nicht kennt, kann da wohl etwas leichter geschehen als das, dass er flucht Meiner großen Liebe, Erbarmung, Geduld, Langmut, Güte, Gnade, Sanftmut und also aller Meiner göttlichen Ordnung aus allem dem?
HG|2|108|6|0|So aber da jemand diese Ordnung verflucht hat, was des Segens wird da dereinst für seinen Geist daraus erwachsen?!
HG|2|108|7|0|Wenn jemand durch einen Fluch also gerichtet hat Meine Liebe, Erbarmung, Geduld, Langmut, Güte, Gnade und Sanftmut, hat der sich nicht das Gericht über den eigenen Hals geworfen, darum er selbst zuvor gerichtet dasjenige, wodurch er allein nur kann das ewige Leben aus Mir nehmen?
HG|2|108|8|0|Was hat denn der Mensch, das er nicht empfangen hätte zuvor von Meiner Liebe und Erbarmung, und woher will er etwas nehmen, wenn er es nicht nehmen möchte aus Meiner Liebe, Erbarmung und Gnade?
HG|2|108|9|0|So er aber gerichtet hat Meine Liebe und hat sie für immer gebannt durch einen Fluch von sich, wie – sage Mir, Adam! –, wie soll er da ferner aus dem Brunnen Wasser schöpfen, den er zuvor also gewaltig zugeworfen hatte mit Erde, Steinen, Sand und allerlei Geschotter?!
HG|2|108|10|0|Daher soll nie ein Bruder den anderen richten, außer Ich Selbst habe ihm dazu den ausdrücklichen Befehl erteilt!
HG|2|108|11|0|Wer aber da richtet aus eigener Macht, der hat sich dann ja selbst das Todesurteil gefällt, da er das Leben alles Lebens verbannt hatte aus sich!
HG|2|108|12|0|Wenn aber da jemand sich erzürnt hätte also gewaltig über seinen Bruder, dass er ihm darob zur Nachtzeit anzünden möchte sein Haus, – da er aber anginge das arge Werk, und es geschähe, dass da von seiner Brandfackel möchte ein Funke fallen auf sein eigenes Haus und steckte dasselbe eher in Brand, ehe der Erzürnte noch mit seiner Brandfackel erreichen möchte des armen Bruders Wohnung, – wem wird da der Übeltunwollende hernach wohl die Schuld geben können, darum er nun durch das arge Feuer aller seiner eigenen Habe, aller seiner Lebensmittel und seiner Wohnung beraubt worden ist?!
HG|2|108|13|0|O siehe, was Ich dir hier gezeigt habe in diesem Bild, das geschieht jedem Zornigen in seinem eigenen Haus geistig; denn ehe er noch über seinen Bruder den verderblichen Brand des richterlichen Fluches verhängen will, hat er schon lange zuvor im eigenen Haus den alles verheerenden Brand gelegt, welcher in ihm da alles verzehrt und zerstört, damit er von Mir aus gar wohl eingerichtet war fürs ewige Leben!
HG|2|108|14|0|Daher fluche da ja keiner dem anderen einer Sünde wegen, die allenfalls ein Bruder an dem anderen begangen hatte.
HG|2|108|15|0|Sondern, da er fluchen möchte, da segne er allzeit, so wird er seinen Bruder und sich selbst auch allzeit wahrhaft richten, nicht zum Verderben, sondern zum ewigen Leben!
HG|2|108|16|0|So Ich aber all die Dinge fürs Verderben und fürs Zugrundegehen und für die endliche Vernichtung erschaffen hätte, hätte Ich da als der ewig heilige und endlos weise Gott wohl weise gehandelt, so Ich je etwas erschaffen hätte?
HG|2|108|17|0|Ich meine aber, einer solchen Tat wäre nur kaum selbst die allerdichteste und bösartigste Torheit fähig, geschweige erst Ich, der Ich da bin ein heiliger, ewiger, unendlich weiser und allerliebevollster Gott und Vater aller Meiner Kinder!
HG|2|108|18|0|Da Ich aber somit alles nur für die ewige Dauer erschaffen habe, so zwar, dass auch nicht einmal der allerleiseste Gedanke, den der allergeringste Mensch am allerflüchtigsten gedacht hatte, nicht zugrunde gehen soll, aus welchem Grunde dann sollt ihr euch gegenseitig verderben wollend richten?
HG|2|108|19|0|Darum merke dir, du, Adam, dieses, dass Ich allein der wahre Richter bin. Du aber sei Mir ein rechter Sohn, der allzeit also richtet, wie Ich all die Dinge richte, nämlich:
HG|2|108|20|0|Nicht durch Fluch, sondern durch Meine Liebe, Erbarmung, Geduld, Langmut, Güte, Gnade und Sanftmut.
HG|2|108|21|0|Tue du und jeder desgleichen, so wirst du das ewige Leben haben allzeit aus Mir! Amen.“
HG|2|109|1|1|Abedam ernennt Horadal zum Führer seines Volkes
HG|2|109|1|1|Am 25. Juni 1842
HG|2|109|1|0|Nach dieser Rede aber sagte der hohe Abedam, Sich zum Horadal wendend: „Du, Horadal, aber, der du das heilige Fünklein Faraks also treulich durch alle Stürme der Versuchungen der Schlange und aller Welt aus ihr in deinem Herzen bewahrt hast, siehe, hier vor dir ist mehr denn das Fünklein Faraks, eine unendliche Sonne, – Ich Selbst, von dem Farak zeugte, – Ich, der ewige, unendliche, allmächtige Gott, der große Schöpfer aller Dinge, welche da erfüllen alle Himmel und alle endlosen Weltenräume vom Kleinsten bis zum Größten, – Ich, die allerheiligste, allergrößte, die allerreinste, ewige Liebe, – Ich, dein und aller Kinder Adams allein wahrer Vater, der Ich allein das Leben habe und dasselbe gebe aus Mir, – Ich, – Ich bin nun vor dir!
HG|2|109|2|0|Da du aber das Fünklein Faraks also getreu bewahrt hast in deinem Herzen und hast geglaubt an Den, den du nicht gesehen hast, und hast geglaubt dem heimlichen Ruf in dir und mochtest nicht zweifeln, dass Ich in diesem heimlichen stillen Ruf dir habe zu erkennen gegeben Meinen Willen, und so du solchen vernehmend in dir erkannt hast, auch sogleich streng danach handeltest, – kurz und gut, sage Ich dir, da du im Kleinen Mir wahrhaft treu geblieben bist, so wirst du Mir sicher auch von nun an umso treuer verbleiben, da du nun Den Selbst siehst und hörst, von dem Farak dem Volk in Hanoch gepredigt und geweissagt hatte, – und wirst somit auch bei deinem Volk mehr denn die Stelle Faraks in Hanoch vertreten!
HG|2|109|3|0|Horadal, mit diesen Worten setze Ich dich nun über Großes, darum du Mir im Kleinen treu geblieben bist, und mache dich somit zu einem wahren Lehrer und Führer deines Volkes!
HG|2|109|4|0|Siehe, es gibt noch viele Blinde unter ihnen; mit diesem Meinem lebendigen Wort aber wirst du sie allesamt wohl sehend und lebend machen!
HG|2|109|5|0|Von nun an aber sollst du nicht mehr Meinen allmaligen Willen in dir also leise vernehmen, wie du selben vernommen hast in der Tiefe, sondern also wie du Mich nun vernimmst, also auch sollst du ihn, das heißt Meinen Willen, allzeit vernehmen in dir, außer dir und ober dir! Wirst du Mich auch nicht schauen also wie jetzt, so wirst du Mich aber dennoch allzeit hören wie jetzt!
HG|2|109|6|0|Horadal, Ich sage dir, dein Glaube ist groß; denn ohne ein Zeichen – außer dem Meiner zwei Boten an dich – glaubst du, dass Ich wahrhaftig es bin, der dir da solches sagt!
HG|2|109|7|0|Wahrlich, für dich wäre das zweite kleine Zeichen in der Segnung der Speise und des Trankes für dein Volk nicht vonnöten gewesen, da du schon lange eher in deinem Herzen also fest an Mir gehangen bist, bevor deine Augen noch Meine Wesenheit geschaut und deine Ohren Meines Mundes Vaterstimme vernommen haben!
HG|2|109|8|0|Da du nun aber Mich, deinen Gott und Vater, gesehen und gehört hast und glaubst fest, dass Ich es bin, der da zu dir solches redet, und hast Mich gebeten darum, dass du Mich lieben dürftest, darob Ich dir schon gegeben habe die drei großen Worte zuvor, so will Ich dir denn nun auch drei große Zeichen geben zum Lohn, darum du also fest geglaubt hast, dass Ich es wahrhaft bin, der allein wahre, ewige, unendliche, allmächtige Gott und Schöpfer und Erhalter und Lenker aller Dinge und der alleinig wahre, liebevollste Vater aller Menschen und Engel.
HG|2|109|9|0|Diese drei großen Zeichen aber sollen darin bestehen, dass du fürs Erste wunderbar alsbald in dem von Mir für dich und dein Volk neu bereiteten Land alles das überaus wohlbehalten antreffen wirst, was Ich dir zuvor verheißen habe.
HG|2|109|10|0|Fürs Zweite aber wirst du in der künftigen Kraft deines Willens nach Meinem Wort allzeit erfahren, was alles Der vermag, der nun solches dir offenbart, verheißt und wahrhaft gibt.
HG|2|109|11|0|Und als drittes Zeichen aber wird dir bleiben Mein allzeit lebendiges Wort und das ewige Leben aus demselben!
HG|2|109|12|0|Aus diesen drei großen Zeichen wirst du für dich sowohl, wie für dein Volk, Meine endlose Liebe erst vollends erkennen, und wie überaus gut Ich, dein heiliger Vater, allzeit bin!
HG|2|109|13|0|Nun aber empfange Meinen vollen Segen, und mache dich dann auf die Reise!
HG|2|109|14|0|Die zwei Boten aber werden dich geleiten in das nicht ferne von hier gelegene Land zwischen Morgen und Mitternacht.
HG|2|109|15|0|Deine Waffen aber überlasse hier dem Adam zum Zeichen, dass Meine Vaterliebe stärker ist denn alle Macht der Schlange!
HG|2|109|16|0|Und also zieht [gesegnet] von Mir von dannen in Meinem Namen! Amen!“
HG|2|110|1|1|Horadals Abschied. Das lebendige Erinnerungszeichen an den Herrn
HG|2|110|1|0|Nach dieser Rede Abedams erhob sich endlich alles Volk nach der Beheißung Horadals. Horadal selbst aber gelobte dem Herrn in allem die unverbrüchlichste Treue und dankte Ihm mit seinen zehn Anführern aus dem tiefsten Grunde des Herzens.
HG|2|110|2|0|Nachdem er aber gedankt hatte dem Herrn für so viel Gnade, Liebe und Erbarmung, da bat er aber auch alsbald den heiligen Geber aller guten Gaben fragend, ob er auch dem Volk solle ein sichtbares Zeichen der Erinnerung an diesen so großen Tag der Gnade und Erbarmung errichten, damit sich dasselbe allzeit beim Anblick desselben dankbarst erinnern möchte, was Großes Er an ihm und an allem seiner Leitung folgenden Volk großherrlichst und väterlichst getan hatte.
HG|2|110|3|0|Und der Abedam gab ihm darauf folgende Lehre zur Antwort, sagend nämlich: „Horadal, höre! Ich lobe dich darum, da du ein rechtes Verlangen hast, das da geeignet ist zur Verherrlichung Meines Namens bleibend bei deinem Volk; dennoch aber sage Ich dir, wenn das Volk recht unterrichtet ist, so hat es in Meiner großen Schöpfung der herrlichsten und von selbst bleibendsten Erinnerungszeichen in der größten Menge.
HG|2|110|4|0|Ist aber das Volk dumm, dass es nimmerdar merkt auf die Zeichen, die Ich Tag für Tag wunderbar verrichte vor seinen Augen – wahrlich, du kannst es glauben, denn Ich sage es dir –, da wird es auch nicht merken auf irgendein totes von Menschenhänden bewerkstelligtes Zeichen.
HG|2|110|5|0|Merkt es aber der lebendigen Zeichen, sage Mir, wozu sollen ihm die toten Zeichen dann dienlich sein?
HG|2|110|6|0|Ich gebe dir aber ja ohnehin ein großes Erinnerungszeichen dadurch und darin für dich und für dein ganzes Volk, dass du hast Mein lebendiges Wort in dir in aller Macht und Kraft in Meinem Namen und kannst desselben auch jeden teilhaftig machen, dem es ein ganz vollkommener Ernst ist um die Erweckung seines Geistes und um das ewige, unvergängliche Leben aus dem Geist heraus.
HG|2|110|7|0|Was Größeres könnte Ich dir wohl geben, als Ich dir gegeben habe in den drei Worten, – und was Höheres, Herrlicheres und Besseres könntest du Mir als allerbestes Erinnerungszeichen errichten, als da ist das heilige, lebendige Zeichen der wahren Liebe in jedes Menschen Herzen?
HG|2|110|8|0|Alsonach bleibe auch allzeit bei diesem Zeichen; solange aber du bleiben wirst bei diesem Zeichen, in diesem Zeichen und dieses Zeichen in dir, so lange auch werde Ich allzeit mächtig und kräftig sein unter euch als das allervollkommenste Erinnerungszeichen an Mich Selbst und somit auch an jegliche Meiner Liebetaten an dir und deinem Volk.
HG|2|110|9|0|Wenn ihr aber das große, vor Mir alleine gültige Zeichen der wahren und lebendigen Liebe zu Mir in euren Herzen würdet zugrunde gehen lassen, dann wird auch das große Erinnerungszeichen verschwinden aus eurer Mitte.
HG|2|110|10|0|Wenn aber solches geschähe, dann auch würden euch alle anderen nichtssagenden Zeichen zu ebenso viel nütze sein wie diejenigen Winde der Erde, welche auf den anderen Weltkörpern wohltätig wehen; die Erde aber verspürt jedoch nichts davon!
HG|2|110|11|0|Daher verbleibt beim alleinigen Zeichen der Liebe! Denn diese ist die beste und allzeit sicherste Ermahnerin an den Gegenstand, den man wahrhaft liebt; ist aber diese erkaltet, dann mag der vormals geliebte, aber in der alles vergessenden Kälte des Herzens nicht mehr geliebte Gegenstand Sonnen als Erinnerungszeichen an den Erkalteten übermachen, so wird aber das dennoch eine vergebliche Arbeit sein, – denn ehe sich das Eis erwärmen lässt, eher geht es zugrunde!
HG|2|110|12|0|Wie aber das Feuer aller Materie gibt den Tod, also gibt auch das Feuer der Liebe den Tod denen, die von ihr abgefallen sind, wenn es wieder kommt über sie; darum sie erkaltet und erstarrt sind zum Eis!
HG|2|110|13|0|Wer aber das heilige große Zeichen der Liebe in seinem Herzen wohl aufbewahrt hatte für alle Zeiten der Zeiten, der auch wird verbleiben in dem Lebensfeuer also ewig unvergänglich wie das Feuer selbst im Feuer, darum das Feuer dem Feuer ist ein Leben!
HG|2|110|14|0|Solches also beachte wohl in dir, und bei all deinem Volk erwecke du solches, so wirst du leben und all dein Volk in und mit dir – und dadurch auch vollends in Mir und Ich in ihm!
HG|2|110|15|0|Denke ja nicht, als wäre da zu diesem Geschäft ein Tag tauglicher denn ein anderer, oder es müsste Mir an einem bestimmten Tag zuvor irgendein Opfer dargebracht werden, bevor sich jemand in seinem Herzen Mir nahen dürfte!
HG|2|110|16|0|O Horadal, solches denke ja nicht! Denn wie der liebende Mensch schon bei euch einer Braut oder seinem Weib nicht Tag und Stunde bestimmt, wann er sie und sie ihn lieben soll, also ist es auch bei Mir; wann immer jemand das Herz zu Mir erhebt, ist es Mir ganz vollkommen recht!
HG|2|110|17|0|Daher auch soll der Sabbat nur ein Tag der allgemeinen Unterweisung, nicht aber etwa ein ausschließlicher Tag Meiner Liebe sein; dieser aber ist demnach jeder Tag gleich.
HG|2|110|18|0|Daher liebt Mich allzeit; den Sabbat aber behaltet für einen Tag der Unterweisung in Meiner Liebe, so werdet ihr leben ewig!
HG|2|110|19|0|Und also könnt ihr euch ja auf die Reise machen in Meinem Namen! Amen.“
HG|2|111|1|1|Ein von Lamel gerettetes Mädchen berichtet über die Gräueltaten in Hanoch
HG|2|111|1|1|Am 1. Juli 1842
HG|2|111|1|0|Nach diesen Worten dankte abermals der Horadal dem hohen Abedam und wandte sich, nachdem er gedankt hatte, zu den zehn Anführern, zu ihnen sagend:
HG|2|111|2|0|„Geht denn hin im Namen des Herrn und heißt das Volk danken dem Herrn und sich dann reisefertig halten, damit wir noch vor dem Untergang von der Stelle kommen im Namen unseres Herrn und großen Gottes, der da ist ein wahrer, heiliger, liebevollster Vater! Amen.“
HG|2|111|3|0|Und alsogleich gingen die zehn Anführer hin zum Volk und taten daselbst, wie es ihnen der Horadal geboten hatte nach dem Willen des Herrn.
HG|2|111|4|0|In der Zeit von einer Minute war schon alles reisefertig; als aber der Abedam den Kisehel und den Sethlahem berief, dass sie nun führen möchten das Volk in das besagte Land, siehe, da eilte auch schon gleich einem schnell fliegenden Vogel der Lamel mit einem Mädchen, dasselbe auf seinen starken Armen tragend, daher.
HG|2|111|5|0|Als er aber beim Abedam anlangte, da fiel er vor Ihm alsbald auf seine Knie nieder, stellte das Mädchen auf die Erde nieder und begann dann in aller Liebe und Demut zu reden, nachdem er zuvor dem Abedam für die glückliche Ausführung des überschweren Werkes mit dem zerknirschtesten Herzen gedankt hatte.
HG|2|111|6|0|Also lauteten aber seine Worte: „Überheiliger, allerliebevollster Vater! Mit Deiner allmächtigen, heiligen Hilfe habe ich glücklich das von Dir mir in meinem Herzen aufgetragene Werk vollbracht.
HG|2|111|7|0|Auch nicht ein Haupt blieb zurück von allen denen, die Du mir im Herzen angezeigt hast, auf dass ich sie erretten solle in Deinem allerheiligsten Namen.
HG|2|111|8|0|Aber, o heiliger, liebevollster Vater, siehe, dieses Mädchen fand ich zwar in meinem Herzen nicht, sondern habe sie nur einsam weinend an einem breiten Bach angetroffen!
HG|2|111|9|0|Als ich sie in solcher ihrer traurigen Lage aber fragte: ‚Armes Kind, was fehlt dir, darum du also bitterlich weinst und dir wie verzweifelnd die Haare ausraufst?‘
HG|2|111|10|0|Hier seufzte dies arme Wesen tief auf und begann, mir nach einer kurzen Zeit, die sie zu ihrer Fassung bedurfte, folgendes zu erzählen:
HG|2|111|11|0|‚Großer Mann, ich, das allerärmste Kind der Erde, bitte dich um des großen Gottes willen, den noch die hohen erschlagenen Brüder des allergrausamsten Lamech meinen Eltern verkündeten, dass du mich anhörst!
HG|2|111|12|0|Hast du meine allerentsetzlichste Not aber einmal vollends in aller Kürze vernommen, dann erbarme dich meines noch jungen Lebens, und töte mich!
HG|2|111|13|0|Höre nun, solches ist die Geschichte meines traurigsten Lebens: Meine Eltern waren trotz des schrecklichsten Verbotes des größten aller Tyrannen heimlich dennoch stets getreue Anhänger des großen Farak und glaubten an den von ihm verkündeten großen, allmächtigen Gott.
HG|2|111|14|0|Ein böser Geist aber muss solches dem Lamech entdeckt haben! Dieser ließ alsbald meine lieben Eltern durch grausame Schergen holen; nur mich als das einzige Kind ließ er im Haus.
HG|2|111|15|0|Es dauerte nicht lange, da brachten diese Schergen meine armen Eltern wieder ins Haus. Hier mussten sie sich sogleich entkleiden. Als nun beide ganz nackt dastanden, blass und zitternd am ganzen Leibe, da nahmen die Schergen zuerst die arme Mutter her, legten sie auf den Boden nieder; sodann ergriffen sie ihre zarten Hände, streckten dieselben straff am Boden aus und trieben starke spitzige Nägel durch die Flächen der Hände.
HG|2|111|16|0|Desgleichen taten sie auch mit den Füßen. Das große Schmerzgeschrei glitt an den Ohren der Unmenschen unerhört vorüber!
HG|2|111|17|0|Was sie aber taten der armen, armen Mutter, dasselbe auch taten sie alsogleich dem Vater, wie sie mit der Mutter fertig waren.
HG|2|111|18|0|Nach dieser schaudervollsten Handlung stillte sich dann noch ein jeder der Schergen, nachdem sie ihr, der Mutter nämlich, zuvor einen groben Stein unter den Rücken schoben, dass sie darob ausgespannt ward wie eine Saite über ein Tonbrett, seine wahrhaft satanisch sinnliche Lust!
HG|2|111|19|0|Nach solch verübtem Gräuel schlitzten sie erst beiden die Bäuche auf, nahmen mich dann in ihre Mitte, zwangen mich, dass ich den Eltern die Augen ausstechen solle unter beständigem Lob des Gottes Lamech.
HG|2|111|20|0|Hier sank ich unbewusst zusammen und wurde hierher gebracht und, wie du siehst, an diesen Pfahl angebunden, um zugrunde zu gehen vor Hunger.
HG|2|111|21|0|Was ferner aber noch mit meinen armen, allerunglücklichsten Eltern geschehen ist, weiß ich nicht mehr; aber so viel ist gewiss, dass sie noch ferners sind gemartert worden und am Ende samt ihrem Haus verbrannt!
HG|2|111|22|0|Jetzt weißt du alles, und so kannst du mit mir nun machen, was du willst; aber nur hier lasse mich nicht am Leben!‘
HG|2|111|23|0|Siehe, Du heiliger Vater, diese Erzählung war die Ursache, warum ich ein Kind mehr, als sie da gezählt waren in meinem Herzen, hierher gebracht habe!
HG|2|111|24|0|Denn noch nie habe ich in mir ein so großes Mitleid gegen jemanden empfunden denn gegen dieses arme Kind!
HG|2|111|25|0|Daher wirst Du mir ja wohl vergeben, so ich dadurch über deine Gebote hinaus gehandelt habe; denn was ich dadurch dem sicheren Untergang entrissen habe, habe ich ja auch getreust hier Dir zum Opfer gebracht.
HG|2|111|26|0|O Vater, nehme es gnädigst an!“ – Der Abedam aber bog sich sogleich zum Lamel nieder, hob ihn von der Erde und sagte zu ihm:
HG|2|111|27|0|„Lamel, Ich sage dir, dass du solches tatest, siehe, da hast du mehr getan, als du je getan hast durch dein ganzes Leben!
HG|2|111|28|0|Doch lassen wir zuvor das gesamte Volk abziehen in sein bestimmtes Land, dann erst will Ich Mich an dies arme Kind wenden! Daher soll sie sich nur zuvor ein wenig sammeln; Ich aber werde sodann schon das Beste tun für sie und für dich! Amen.“
HG|2|112|1|1|Abedams Mahnung an Adam: Die Kraft des Segens und die Verheerung des Fluches
HG|2|112|1|1|Am 2. Juli 1842
HG|2|112|1|0|Nach dieser kurzen Vertröstung an den Lamel wandte Sich der hohe Abedam alsogleich an den Kisehel und an den Sethlahem und sagte zu ihnen:
HG|2|112|2|0|„Hört! Wie ihr das Volk Horadals hierher geführt habt, also geht nun hin und führt es in das Land, das Ich schon seit allen Zeiten der Erde für dieses Volk in der Bereitschaft gehalten; denn Ich wusste es ja schon lange, ja seit Ewigkeiten wusste Ich und weiß es allzeit, was Ich tun will, und was Ich tun werde, und niemand außer Mir weiß es, was Ich von Ewigkeiten her in Meinem Sinne führe.
HG|2|112|3|0|Daher geht hin und führt dieses Volk, dahin Ich es bestimmt habe!
HG|2|112|4|0|Mein Geist in euch aber wird euch gar wohl bezeichnen die Stelle, bis zu welcher ihr das Volk zu geleiten habt.
HG|2|112|5|0|Wenn ihr aber gar bald werdet diese Stelle erreicht haben, sodann segnet in Meinem Namen das Volk, und segnet ihnen auch das Land und ihre neuen Wohnungen, welche da bestehen auf die Art, wie sie hier bestehen auf der Höhe!
HG|2|112|6|0|Habt ihr alles dieses verrichtet, sodann kehrt behände wieder hierher, also zwar, dass ihr das Abendmahl nicht versäumen mögt; und also geht nun! Amen.“
HG|2|112|7|0|Nach dieser Beheißung dankten die beiden dem Abedam für solchen gnädigsten Auftrag und gingen dann alsogleich an ihr Werk.
HG|2|112|8|0|Der Horadal aber, vom allergrößten Dankgefühl nahe zerfließend, war schon mit seinem Volk zum Aufbruch bereitet.
HG|2|112|9|0|Als sonach die beiden natürlicherweise mit wenigen Schritten schon ihn erreicht hatten, so wurde da keine Rast mehr gehalten, sondern alles bewegte sich, fröhlich den Führern folgend.
HG|2|112|10|0|Beim Abzug dieses Volkes weinte der Adam und sandte einen Segen um den anderen fast jedem ihrer Schritte nach.
HG|2|112|11|0|Da aber der Abedam solches bemerkte, da belobte er ihn und sagte darauf: „Adam, wenn du statt so manches Fluches über die Tiefe stets also gehandelt hättest, wie du jetzt handelst im Geiste Meiner Liebe und Erbarmung, wahrlich, die Ebenen und die tiefen Talgründe der Erde wären nicht zur Hölle geworden!
HG|2|112|12|0|Da du aber stets mehr Rechtfertigung im Fluch denn in der Liebe fandest, darum ist es also weit gekommen, dass die Menschen in der Tiefe handeln, wie du zuvor eben wieder ein neues Zeugnis davon aus dem Munde Lamels vernommen hast, welches zur innigeren Bestätigung dessen auch lebendig sich hier zu Meinen Füßen befindet.
HG|2|112|13|0|O Adam, was alles hättest du Mir und der ganzen Schöpfung ersparen können!
HG|2|112|14|0|Da du aber am Fluch stets mehr Behagen fandest als am Segen, siehe, also sind die Folgen vor dir und Mir und werden an der Erde klebenbleiben bis ans Ende ihres Daseins!
HG|2|112|15|0|Wahrlich, sage Ich dir, wie groß und hart auch immer dein erster Hauptfehler war, darum du Meines Gebotes vergessen hast und hast dich berauschen lassen und allerderbst betrügen von deiner eigenen Schlange, dass darob Himmel und Erde aus allen ihren Angeln gehoben wurden, so hätte dennoch solches alles eher und leichter können ausgeglichen werden denn das, dass du gar so oft wegen der Untat Kahins geflucht hast der armseligen Tiefe!
HG|2|112|16|0|Ich sage dir aber: Kahins Tat war zwar sehr arg, dennoch aber war sie kaum ein Tautropfen, gegen das ganze Meer betrachtet, gegen das, was du sogleich im Anfang gegen Mich unternommen hast, da du Mir als ein Herr dich hast wollen über das Haupt erheben!
HG|2|112|17|0|Kannst du Mir aber je den Vorwurf machen, dass Ich dir darob geflucht habe?!
HG|2|112|18|0|Wohl verfluchte Meine unantastbare Heiligkeit, die du also gröblich angetastet hast, den Boden der Erde, darum er dir Disteln und Dornen tragen solle.
HG|2|112|19|0|Meine große Liebe zu dir aber löschte bald wieder den Fluch am Boden der Erde, darob sie dir – wie du allenthalben nun schon lange gemerkt hast – wieder zu einem neuen Garten erblühte!
HG|2|112|20|0|Da Ich aber den Fluch von der Erde tilgte, siehe, da warst du eben am emsigsten bemüht, zu fluchen allen den Ebenen und Talgründen und auch allen ihren Bewohnern, und hast es so weit gebracht, dass jetzt schon zu deinen Lebzeiten solche Früchte dem von dir verfluchten Boden entsprossen, über welche du hier zu Meinen Füßen ein neues Zeugnis erschaust!
HG|2|112|21|0|Ich habe der Tiefe im Farak einen von Mir wohlgesegneten Engel zum Führer gesandt. Hättest du statt deines Fluches nicht dasselbe in Meinem Namen tun können?
HG|2|112|22|0|Und die Tiefe blühte jetzt herrlicher denn alle diese Höhen!
HG|2|112|23|0|O Adam, Adam! Sehe dieses Mädchen genau an, die da nun liegt zu Meinen Füßen und reiner ist in ihrem Herzen denn die Sonne des Mittags!
HG|2|112|24|0|Was da nun geschehen ist ihren Alten zufolge deines Fluches, siehe, das wird aus eben der Folge dereinst geschehen dem Sohn einer Jungfrau, die Ich beleben werde mit dem Geiste dieser hier zu Meinen Füßen Liegenden!
HG|2|112|25|0|O bedenke, was du errichtet hast mit deinem Fluch! Doch nun ist es einmal also; daher lasst uns sorgen für die Zukunft – und womöglich vergessen der Gräuel der Vergangenheit.
HG|2|112|26|0|Adam, rufe alle deine Flüche zurück, und spende dafür den Segen! Meinen Segen spende dafür; denn jedes arge Werk ist ja dein Werk von Anbeginn gewesen! Daher fluche hinfort nicht mehr, sondern segne alles! Amen.“
HG|2|113|1|1|Adams Weg zur Läuterung. Die unendliche Geduld Gottes
HG|2|113|1|1|Am 5. Juli 1842
HG|2|113|1|0|Da der Adam aber solche Rede vom Abedam vernommen hatte, da ward er traurig und wusste nun nicht mehr, was er darauf sagen oder tun solle.
HG|2|113|2|0|Er dachte bei sich hin und her, suchte das große entscheidende, am Ende alles ausgleichende Warum. Aber alle seine Mühe war vergebens, er fand das große Warum nicht; und so war er bei sich auch schon auf dem Sprunge wieder, alles aus und von sich zu werfen und sich zu verwünschen und zu verfluchen anzufangen, darum er sich nun für den alleinigen Grund alles Bösen, Argen und Falschen ansah.
HG|2|113|3|0|Der Abedam aber ergriff dessen Hand, sah ihm fest ins Auge und sagte nach einer Weile zu ihm:
HG|2|113|4|0|„Adam! Welch ein Mensch bist du! Willst du denn zu einem Stein werden? Ist dir das Leben denn wirklich also etwas Verächtliches, dass du es in dir selbst verfluchen willst und willst dich dadurch töten durch und durch am Geiste wie am Leibe, wie auch in allen den Kindern, die Ich aus dir habe hervorgehen lassen?!
HG|2|113|5|0|Adam, bis nahe auf diesen Augenblick hast du dein schon viele Jahre langes Erdenleben mit Fluchen nach deiner scharfen Gerechtigkeit zugebracht und warst zufrieden dabei, darum du stets meintest, Ich habe ein Wohlgefallen an deiner richterlich unerbittlichen Strenge und an deinem väterlichen Fluch gegen jene deiner Kinder, die da schwach genug waren, sich irgend unvorsichtigerweise zu verstoßen gegen deinen Willen.
HG|2|113|6|0|Jetzt aber, da Ich dich reinigen will, darum Ich dir auch nur einzig und allein zeige alle deine Mängel, und tue das alles sichtbar vor dir und allen deinen Kindern, um dich vollends fähig zu machen zur völligen Aufnahme des Lebens aus Mir, – jetzt also, da du erfährst, dass Ich am Fluchen durchaus kein Wohlgefallen habe und auch keines am Gericht, sondern allein nur an der allein lebendigen Liebe, bist du überärgerlich in deinem Herzen und überdrüssig des Lebens!
HG|2|113|7|0|Jetzt erst, nachdem du zuvor aus lauter Gerechtigkeit nahe jedes Erdstäubchen gerichtet hast, willst du dich fluchend über dich selbst hermachen, um dich dadurch gewisserart an Mir zu rächen, darum Ich deiner alten Richterordnung zuwider bin durch Meine große Liebe, Erbarmung und Geduld!
HG|2|113|8|0|Adam, Adam, Ich sage dir, du stellst Meine Liebe und Geduld auf harte Proben!
HG|2|113|9|0|Bedenke, wie lange Ich schon alle Geduld mit dir habe. Bedenke, da noch in der ganzen Unendlichkeit keine Sonne brannte und die Erde von Mir Selbst noch kaum gedacht wurde, da machte Mir dein Geist, den Ich für die allerreinste Liebe erschuf, und ihn frei machen wollte zu einem selbständigen Wesen vor Mir und zu Meinem größten Wohlgefallen, durch seine Unbeugsamkeit schon harte Sorgen und fing an, auszudehnen ins Lange und Überlange Meine Geduld.
HG|2|113|10|0|Welche ewig langen Zeitenreihen sind seitdem verflossen, da Ich dich werden hieß!
HG|2|113|11|0|Und wie sehr ist durch diese Reihe von Ewigkeiten nahe Meine Geduld ins endlos Lange gedehnt worden deinetwegen!
HG|2|113|12|0|Sehe an alle die zahllosen Sterne; zähle sie, diese endlos vielen, großen und harten Weltenmassen, welche da erfüllen nahe die ganze sichtbare äußere Unendlichkeit! Was sind sie?
HG|2|113|13|0|Adam, weißt du, was sie sind?! O Adam, Adam, siehe und höre:
HG|2|113|14|0|Jedes Sandkörnchen, woraus irgendein Weltkörper besteht, ist von dir aus eine harte Probe für Meine Geduld von mehr denn tausend Jahren, gemessen nach dem Fluge der Zeiten, schon an und für sich.
HG|2|113|15|0|Nun zähle die endlos vielen Welten in all den endlosen Raumgebieten; dann zähle alle die Sandkörnchen, aus deren endloser Vielheit sie bestehen, wie aus hart aneinandergereihten Atomen; denke dann für jedes einzelne Atom tausend Jahre Meiner Liebe göttlichen Geduld mit dir!
HG|2|113|16|0|Hast du solches erwogen reiflich in dir, sodann sage Mir, wie lange Ich dich noch gedulden solle, bis du vollends wirst ein Wesen nach dem Sinne Meiner ewigen Liebe zu dir, und Ich will jede Frist von dir annehmen!
HG|2|113|17|0|Wehe aber dir, so du dir würdest zu einem Selbstmörder; Ich sage dir, es gibt keinen so schnellen Augenblick, als wie schnell Ich da dich samt aller Schöpfungen preisgeben würde Meinem Zornfeuer mit Ausnahme der wenigen Treuen!
HG|2|113|18|0|Wahrlich, Ich will mit jedem Sünder haben eher eine ewige Geduld, als nur einen Augenblick mit einem Selbstmörder!
HG|2|113|19|0|Daher kehre dich doch einmal vollends um und erkenne, was Ich an dir getan habe, jetzt tue, und was Ich noch tun werde an allen deinen Kindern, so will Ich Mich zu dir wenden und dich erheben zu Mir aus dem Sumpf deiner so langen Blindheit und dir geben das Leben!
HG|2|113|20|0|Aber hinfort fluche nicht mehr; denn die Erde ist von dir aus jetzt schon auf hunderttausend Jahre versorgt gar reichlichst mit deinem Gericht!
HG|2|113|21|0|Solches verstehe nun einmal, und wende dich vollends zu Mir. Amen.“
HG|2|114|1|1|Adams Gesicht: Das Weib auf der Sonne, den Kopf der Schlange zertretend
HG|2|114|1|1|Am 6. Juli 1842
HG|2|114|1|0|Als der Adam nun diese zweiten Worte vom Abedam vernommen hatte, da ward er alsbald wieder voll Reue in seinem Herzen und ersah erst jetzt, wie es da stehe mit ihm und mit seiner Ordnung, und wie es da so ganz eigentlich und so ganz anders stehe mit der Ordnung Jehovas, der da nun sichtbar ihm im Abedam kundgab Seine ewige Ordnung.
HG|2|114|2|0|Da er aber solches ersah, so fiel er auch alsobald auf sein Angesicht nieder vor dem Abedam und begann folgende Worte flehentlich aus seinem innersten Grunde herauszugeben, sagend nämlich:
HG|2|114|3|0|„O Jehova, Du überheiliger Vater, im Abedam sichtbar hier vor mir, siehe, zwei Adame liegen hier vor Dir im Staube ihrer gänzlichen Nichtigkeit; der eine ist ein allgemeiner und der andere aber nur ein sonderheitlicher, für sich allein abgeschlossener Adam.
HG|2|114|4|0|O Jehova, Du überheiliger Vater! Nehme gnädigst den allgemeinen von mir, und lasse mich die noch übrige Zeit mir selbst leben also, dass es Dir wohlgefallen möchte!
HG|2|114|5|0|Denn nun sehe ich es erst klar ein, dass es mir die allerpurste Unmöglichkeit wäre, den allgemeinen Adam wieder zurückzuführen auf den Weg Deiner ewig heiligen Ordnung, obschon ich ihn allein nur abgewendet habe auf den Weg des Verderbens und des Unterganges.
HG|2|114|6|0|Siehe mich daher allergnädigst an in der einfachen Person, die da vor Dir liegt im Staube aller Nichtigkeit, und erhebe diese zum Licht und somit zur Einheit mit Dir!
HG|2|114|7|0|Was aber da betrifft meine ehemalige Allgemeinheit, so nehme diese endlose Last gnädigst von mir, und wie es Dir wohlgefällig sein möchte, also tue mit dieser meiner Allgemeinheit!
HG|2|114|8|0|O Jehova, so Du sie nähmst auf Deine Schulter!
HG|2|114|9|0|Dein heiliger Wille geschehe allzeit und ewig! Amen.“
HG|2|114|10|0|Bei diesen Worten Adams ging zwar die Natursonne unter, aber der Abedam ließ den Adam in seinem Inneren eine andere Sonne aufgehend erschauen, und ließ ihn sehen ein glänzend Weib, welche da stand auf der Sonne, zertretend den Kopf einer unter ihren Füßen die ganze Sonne umwindend befindlichen Schlange.
HG|2|114|11|0|Der Abedam aber bog sich alsbald zum Adam nieder, rührte ihn an und hieß ihn erstehen; und als der Adam sich endlich aufgerichtet hatte, da nahm ihn der Abedam wieder bei der Hand und sagte zu ihm:
HG|2|114|12|0|„Adam, was sahst du jetzt?“ – Und der Adam erwiderte:
HG|2|114|13|0|„O Jehova, eine neue Sonne sah ich in mir aufgehen, – diese trotz ihrer himmlischen Schönheit aber dennoch um und um mit einer kräftigen Schlange fast allenthalben umwunden!
HG|2|114|14|0|Bald aber sah ich ein großes lichtes Weib kommen auf diese Sonne; dieses Weib aber hatte keine Furcht vor der Schlange und trat daher derselben alsbald gewaltigst auf den Kopf.
HG|2|114|15|0|Da sich aber die Schlange bemühte, das starke Weib zu überwältigen und zu beißen demselben in die Ferse, siehe, da schleuderte das Weib alsbald einen Apfel auf den Kopf der Schlange; die Schlange aber haschte nach dem Apfel und verbiss sich in denselben!“
HG|2|114|16|0|Hier schwieg der Adam und schlug sich dreimal stark auf die eigene Brust und sagte darauf noch:
HG|2|114|17|0|„O Jehova, das war meine große Schuld vor Dir!“
HG|2|114|18|0|Der Abedam aber entgegnete ihm, sagend: „Adam, um was du ehedem gebeten hast, das auch habe Ich schon getan, also zwar, wie du es gesehen hast in dir!
HG|2|114|19|0|Siehe, nun ist dir genommen vollends der allgemeine Adam, und du bist nun gleich einem jeden Kind aus dir!
HG|2|114|20|0|Daher sorge nun für diesen letzten Rest deines Seins, und lebe ein kleines Leben in Meiner Ordnung und Vaterliebe!
HG|2|114|21|0|Was aber den allgemeinen Adam betrifft, siehe, den habe Ich als die Sonne aller Himmel und Weltensonnen und Welten auf Mich genommen, wie du es gesehen hast, da die Schlange Meine Sonne umwand!
HG|2|114|22|0|Dieses Mädchen hier aus der Tiefe aber ist das Weib, das du sahst auf der Sonne stehen und zertreten der Schlange den Kopf!
HG|2|114|23|0|Aber nicht ihren Leib, sondern ihre Seele und ihren Geist musst du ansehen!
HG|2|114|24|0|Dieses Mädchen hat gelitten in der Tiefe mehr, denn da je gelitten hat ein Mensch; daher aber soll dereinst an ihr ewig eine Entgeltung vor sich gehen, vor deren Größe die ganze Unendlichkeit ehrfurchtsvollst zurückschaudern wird!
HG|2|114|25|0|Solches fasse wohl, Adam, du einfacher nun; denn solches wird geschehen wahrlich, wahrlich, wahrlich! Verstehe es! Amen.“
HG|2|115|1|1|Adams Lobgeschrei über die unendliche Erbarmung Gottes und Seine Menschwerdung
HG|2|115|1|1|Am 9. Juli 1842
HG|2|115|1|0|Nach dieser Rede Abedams ward der Adam und alle, die da zugegen waren, also ergriffen, dass sie, voll der inbrünstigen Liebe und der allerinnersten wahren Dankbarkeit, zu weinen anfingen und der Adam endlich laut ausrief:
HG|2|115|2|0|„O Mensch, o Mensch! Was könntest du sein der Liebe des ewig heiligen Vaters, wenn dich dein eigener freier Wille nicht unheilig gemacht hätte vor Ihm?!
HG|2|115|3|0|Wie unendlich gut bist Du, o heiliger Vater, – und wie tief müssen wir gefallen sein vor Dir, da Deine ewige Liebe nur durch eine unendlich große Erbarmung uns zu retten genötigt ist und zu retten vermag!
HG|2|115|4|0|Ja, – jetzt erst, jetzt, jetzt erst sehe ich es ein, was Du, o überheiliger Vater für uns getan hast, jetzt tust, und ewig tun wirst!
HG|2|115|5|0|Lasst mich jetzt schreien, dass meine Stimme alle Weltenpole vernehmen möchten; lasst mich verkünden wie alle Weltendonner – so stark lasst es mich verkünden aller Kreatur, allen Welten und allen Himmeln, was unendlich Großes der Herr, der endlos heilige Gott an uns endlos groß gefallenen Sündern vor Ihm getan hat!
HG|2|115|6|0|Hört es, ihr Himmel alle, du Sonne, du Mond und Erde, vernimm es aus meinem Munde!
HG|2|115|7|0|Gott, der Ewige, der Unendliche, der Heilige, der allmächtige Gott! – O Herz, du mein Herz, nur jetzt breche mir nicht die Stimme der Zunge; jetzt lasse, dass ich schreie aus allen meinen Kräften! – Er, Er, vor dem tausendmal tausend Jahre sind wie ein allerflüchtigster Augenblick, – Er, vor dessen Hauch alle endlosen Räume erbeben und die Ewigkeiten vor übergroßer Ehrfurcht ins Nichts zurücksinken, – Er, der mit einem Blick tausendmal tausend Sonnen werden und wieder vergehen machen kann, – Er, Er unmittelbar Selbst hat uns, die allein allerunwürdigsten Geschöpfe, Seiner endlosen Heiligkeit vergessend, aus Seiner allerheiligsten Tiefe angeschaut, hat, darum wir durch unsere allergrößte freiwillige Bosheit also allertiefst von und vor Ihm gefallen sind, um uns Seine große Erbarmung angedeihen zu lassen, die ganze Unendlichkeit erfüllt mit zahllosen Stufen, damit wir wieder zu Ihm emporklimmen möchten!
HG|2|115|8|0|Seiner endlosen Liebe und Erbarmung aber kam dieser Weg für die Gefallenen zu endlos schwer vor; Er vergaß daher noch mehr Seiner endlosen Heiligkeit, stieg auf den weiten Flügeln Seiner Allmacht Selbst durch alle die endlosesten Stufen zu uns herab also, wie Er hier ist vor uns, gleich uns an Farbe und Gestalt ein Mensch, um uns fürs Erste den ewig nie ganz ersteigbaren Weg zu ersparen und dann uns, den allerletzten aus allen Seinen Kreaturen, die wir uns freiwillig allerboshaftesterweise von Ihm abgewendet haben, uns allein allertiefst Gefallenen zu werden das Allerhöchste, das Undenkbarste!
HG|2|115|9|0|Hört, hört es, ihr alle Äonen des ausgegossenen Lebens aus Ihm! –, um uns zu werden – o Gott, o Gott, o Gott! Du großer, heiliger Gott, Meine matte, sterbliche Zunge wagt es kaum auszusprechen! –, um uns Sündern der Sünder zu werden ein allein wahrer, liebevollster, allerbarmender, heiliger Vater!
HG|2|115|10|0|Noch nicht genug, wie Er jetzt ist vor uns ein Vater, sondern – wie es mein Geist erfasst hatte – einst aus übergrößter Liebe zu uns Allerniedrigsten Selbst anzuziehen die dann ewig bleibende sündige Form unseres Fleisches, darinnen wir gefallen sind vor Ihm, dem ewig Heiligen, um uns noch näher an Sich zu ziehen, – um uns zu werden ein Retter, ein Führer, ein allweisester Bruder!
HG|2|115|11|0|Nein, nein, nein, das ist zu viel! Abedam! Abedam! Abedam! Du endlos heiliger, liebevollster Vater! Wer und was sind wir denn, dass Du uns, die wir doch am wertlosesten sind vor Dir durch und in Deiner ganzen Unendlichkeit, also unbegreiflich gnädig bist?! –“
HG|2|115|12|0|Hier unterbrach der hohe Abedam den Adam und sagte zu ihm: „Höre, Adam, endlich siehst du es ein, wer Ich bin, und was Ich tue!
HG|2|115|13|0|Ich sage dir aber, wie du bist, also bleibe auch fürder, so hast du das ewige Leben schon in dir!
HG|2|115|14|0|Du warst zwar in deiner Größe dereinst berufen, Meinem Herzen zu werden ein lieblicher Bruder, ein Mitgespiele und innigster Mitgenosse Meiner ewigen, unendlichen Vollkommenheiten.
HG|2|115|15|0|Da du aber als der geistige Adam Mir das nicht werden wolltest in der großen Einfachheit deines aus Mir hervorgegangenen Wesens, so sollst du Mir aber dennoch das werden in allen deinen Kindern, darum dich dereinst Mein Herz so sehnsüchtigst überherrlichst aus sich werden hieß!
HG|2|115|16|0|Verstehst du solches! Siehe, das ist es, darum Ich alles das tue und habe nun für ewig, wie einst dem Größten, Mein Herz zugewandt dem Kleinsten, um es zu erheben über alles! Nun nichts mehr weiter!
HG|2|115|17|0|Da der Abend herbeigekommen, darum sorgen wir, dass wir nach Hause kommen zu denen, die unser schon sehnsüchtigst harren!
HG|2|115|18|0|Du, Lamel, aber nimm das Mädchen und trage sie vor Mir als ein großes Siegeszeichen einher! Amen.“
HG|2|116|1|1|Pura, das Mädchen aus der Tiefe, erkundigt sich über Abedam
HG|2|116|1|1|Am 11. Juli 1842
HG|2|116|1|0|Da aber der Adam und alle hier Anwesenden vernommen hatten, dass der hohe Abedam geredet hatte von dem Mädchen, fingen sie Ihn an zu loben und zu preisen über alles.
HG|2|116|2|0|Der Lamel aber lud dasselbe alsobald auf seinen Arm und stellte sich nach der Beheißung vor Abedam hin.
HG|2|116|3|0|Da aber das Mädchen aus allen den ihr wohlverständlichen Worten Abedams selbst heimlich abgenommen hatte, wie von den Reden Adams und von dem lauten Lob, das nun alle Anwesenden Ihm dargebracht hatten, dass da hinter dem Abedam etwas ganz Außerordentliches stecken müsse, da ließ ihr ihre angeborene Neugierde keine Ruhe mehr.
HG|2|116|4|0|Damit sie aber vollends erfahren möchte, was denn da so ganz eigentlich mit diesem sonderbaren Mann es für eine Bewandtnis habe, brachte sie ihren Mund etwas furchtsam an das Ohr des Lamel und sagte mit leise bebender Stimme zu ihm:
HG|2|116|5|0|„Lieber, großer und sehr starker Freund! Möchtest du mir denn nicht zur Kunde tun, wer denn so ganz eigentlich dieser Mann ist, der da, wie ich es abgenommen und verstanden, ‚Abedam‘ genannt wird?
HG|2|116|6|0|Denn siehe, ich frage dich darum, dieweil es mich sehr befremdet, da er nur aussieht wie ein jeder aus euch, jedoch seine Worte scheinen, ja sie sind himmelweit unterschieden von allen noch so erhaben klingenden Worten, welche aus einem anderen Munde kommen; ja sie kommen mir vor, als wenn sie alle Himmel und alle Erde durchdringen möchten!
HG|2|116|7|0|Was mich aber noch am allermeisten befremdet, ist das, dass mich alsbald alle Angst und Traurigkeit so ganz und gar vollends verließ, als ich seiner ansichtig wurde, dass es mir nun eine allerblankste Unmöglichkeit wäre, zu trauern und zu weinen nach meinen also erbärmlichst hingerichteten Eltern!
HG|2|116|8|0|Daher, lieber, großer und sehr starker Freund, bitte ich dich, dass du mir etwas Näheres kundgeben möchtest über diesen überaus merkwürdigen Mann, in dessen Blicke schon eine viel größere Macht verborgen waltet als in den Armen aller noch so kräftigen Menschen!“
HG|2|116|9|0|Der Lamel aber wusste nicht, was er da nun tun solle, und machte daher eine Miene, als wenn er sich so recht aus der Tiefe fassen wollte.
HG|2|116|10|0|Da er es aber mit dieser seiner Blindfassung etwas ins zu Lange trieb, so überstieg solche Ausflucht gar bald die Geduld des Mädchens, und sie fragte ihn darum auch alsbald, etwas befremdet wieder:
HG|2|116|11|0|„Höre, lieber, großer und sehr starker Freund, der du mich nun auf deinem starken Arm trägst nach dem Willen dessen, um den ich dich fragte, warum tust du denn, als wolltest du mir wohl eine Antwort geben, bleibst dessen ungeachtet aber dennoch stumm, als wäre dir die Zunge im Munde versteint geworden?
HG|2|116|12|0|Oder habe ich etwa einen Fehler dadurch begangen, darum ich dich fragte, das sich etwa nicht geziemen dürfte für ein Geschöpf aus der Tiefe?
HG|2|116|13|0|O ich bitte dich, sage mir doch nun entweder das eine oder das andere!“
HG|2|116|14|0|Hier sagte der Abedam zum Lamel: „Lamel, hast du denn ein Gebot von Mir, darum du stumm sein sollst?
HG|2|116|15|0|Dergleichen weiß Ich nicht, dass Ich oder jemand in Meinem Namen es dir gegeben habe; darum kannst du ja wohl reden, was da ist des Rechtens!
HG|2|116|16|0|Ich sehe aber schon, dass du dazu aus dir nicht hast den Mut; so gebe denn das Kindlein her, damit es unterwegs auf Meinem Arm erfahre, wonach es dürstet, – du aber gehe nun hinter Mir einher! Amen.“
HG|2|116|17|0|Hier nahm alsogleich der hohe Abedam das Mädchen auf Seinen Arm, das darob über die Maßen fröhlich wurde und sich alsbald mit derselben Frage an Ihn Selbst wendete und zur Frage noch gar lustig hinzusetzte:
HG|2|116|18|0|„O du lieber, mir heilig zu sein scheinender Mann, du wirst sicher doch nicht auch also spröde sein wie der Mann hinter uns, der mich armes Mädchen nahe keiner Antwort für wert zu halten schien, darob er stumm blieb über das, darum ich ihn gefragt habe, – und wirst mir eine Antwort geben auf meine Frage?!“
HG|2|116|19|0|Hier drückte der Abedam das Mädchen an Seine überheilige Brust und sagte zu ihm: „Meine liebe Pura, du sollst ja alles erfahren, wonach du nur immer dürstest!“
HG|2|116|20|0|Hier verwunderte sich das Mädchen außerordentlich, darum es der ihm noch fremde Mann beim eigenen Namen angeredet hatte.
HG|2|116|21|0|Der Abedam aber fuhr fort also mit ihr zu reden von Sich Selbst: „Du wunderst dich, dass Mir bekannt ist dein Name; allein, wenn du Mich erst mehr und mehr wirst kennenlernen, da wird dich solches mitnichten mehr wundernehmen, sondern dann wirst du staunen über ganz andere Dinge!
HG|2|116|22|0|So du aber nun hast ein bereitetes Ohr, da höre: Siehe, du selbst sagtest ja, es seien Meine Worte viel erhabener als die eines jeden anderen Mundes und scheinen Himmel und alle Erde zu durchdringen, und in Meinem Blick liege für dich mehr Kraft denn in allen noch so starken Menschenarmen! Auch hat dich alle Angst und Traurigkeit verlassen, als du Meiner ansichtig wurdest!
HG|2|116|23|0|Nun siehe du, Meine liebe Pura, so du schon solches alles an Mir vorgefunden hast, was geht dir da denn noch ab zu Meiner innigeren Erkenntnis?
HG|2|116|24|0|Ich könnte es dir wohl augenblicklich sagen und dir zeigen durch Wort und Tat, wer Ich so ganz eigentlich bin, – aber du würdest es nicht ertragen; es würde dich töten und gänzlich zugrunde richten!
HG|2|116|25|0|Daher gebe Ich dir nun statt der vollen Antwort den Rat und sage dir: Liebe Mich in deinem Herzen über alles, sodann wirst du es alsbald im selben vollkommen erfahren, wer eigentlich Ich bin!
HG|2|116|26|0|Frage aber ja nicht, ob du solches etwa wohl dürftest; denn Ich ja sage dir solches! Darum liebe Mich unverhohlen nur über alles! Amen.“
HG|2|117|1|1|Pura sucht den Allerhöchsten
HG|2|117|1|1|Am 12. Juli 1842
HG|2|117|1|0|Als die Pura solches vernommen hatte vom Abedam, da wurde sie nahe bis zur kindlichen Ausgelassenheit froh, heiter und lustig, warf ihre zarten Hände sogleich um den Hals ihres erhabensten Trägers und legte ihren Kopf ganz liebetrunken an dessen heilige Brust.
HG|2|117|2|0|In solcher Liebestellung verharrte sie so lange, bis alle samt und sämtlich die Vollhöhe erreicht; dahier bei all den sehnsüchtigst harrenden Kindern angelangt, erwachte unsere Pura erst aus ihrem Liebestaumel, durch die allgemeine laute Freudeäußerung der Kinder erweckt.
HG|2|117|3|0|Als sie nun hier in der Dämmerung der vielen Menschen ansichtig wurde, die beim Anblick des hohen Abedam, tief lobend und preisend Seinen Namen, zur Erde niederfielen vor Ihm, da fragte sie ganz leise den Abedam, sagend nämlich:
HG|2|117|4|0|„Du unbeschreiblich lieber Mann, an dem nun mein ganzes Leben hängt, möchtest du mir denn nicht anzeigen, was da diese allerhöchste Ehrfurcht, welche nun von diesen sehr gut zu sein scheinenden Menschen ausgeübt wird, zu bedeuten hat, und auf wen sie so ganz eigentlich gerichtet ist? Geht sie allein Dich an, oder gibt es vielleicht hier noch einen, der da wäre über dich? O sag’ es mir!“
HG|2|117|5|0|Und der Abedam sagte zu ihr: „Sieh dich nur ein wenig um; wer da nun aufrecht steht, der ist der Allerhöchste nicht nur unter diesen Menschen, sondern auch in allen den Himmeln!
HG|2|117|6|0|Also sehe dich nur recht emsig um, und du wirst den allein aufrecht Stehenden gar bald und gar leicht finden!“
HG|2|117|7|0|Hier fing die arme, nun aber überreiche Pura an, mit ihren großen, schwarzen Augen herumzublitzen, und suchte die ganze Menge hindurch kreuz und quer; aber da sich selbst der Adam, Seth, Lamel, Henoch und die zehn Träger Seths, sobald sie die Höhe erreicht hatten, auf ihre Angesichter ehrfurchtsvollst und dankbarst zur Erde legten, so war all ihre Mühe vergeblich, denn sie fand niemanden aufrecht stehend.
HG|2|117|8|0|Darüber etwas ängstlich gemacht, fing sie sich allgemach gegen ihren Träger zu entäußern an, und sagte in einem etwas verwundert fragenden Ton:
HG|2|117|9|0|„Höre, du mein überaus lieber und auch sehr starker Mann, ich suche vergebens! Es steht ja doch nirgends auch nur eine menschliche Seele aufrecht! Wie soll ich demnach denn das verstehen, das du ehedem zu mir gesagt hast?“
HG|2|117|10|0|Und der hohe Abedam drückte sie auf Seine heilige Brust, stellte sie dann zur Erde gar sanft nieder und sagte dann wieder zu ihr: „Meine Mir überaus teure Pura, sehe dich nun ein wenig um, und du wirst doch sicher gar bald einen aufrecht stehenden Mann irgendwo entdecken!“
HG|2|117|11|0|Und wieder fing die Pura an, die große Menge zu mustern; allein auch diesmal fiel ihr noch nichts Aufrechtstehendes in die Augen.
HG|2|117|12|0|Da der hohe Abedam aber sah ihre große Verlegenheit, so bog Er Sich alsbald wieder zur Erde nieder, nahm sie, die Pura nämlich, auf Seinen überheiligen Arm, drückte sie auf Seine Brust und sagte dann zu ihr:
HG|2|117|13|0|„Siehe, du Meine allerliebste Pura, wer da sucht mit seinen Augen in der Ferne herum und blickt das nicht an, was ihm am allernächsten ist, der wird schwerlich je etwas finden, und am allerwenigsten das, was er finden möchte und auch finden sollte.
HG|2|117|14|0|Dass du bisher noch nichts gefunden hast, was du doch so überaus gerne finden möchtest, liegt auch lediglich schuldend darinnen, weil du deine Nähe hast unbeachtet gelassen, und zwar deine nun allergrößte dich tragende Nähe.
HG|2|117|15|0|Pura, sieh Mich einmal an, und sage Mir dann, ob Ich liege oder aufrecht stehe!
HG|2|117|16|0|Hast du das gefunden, dann wirst du auch gar bald innewerden, wer da ist der Allerhöchste, und wen da diese Verherrlichung nun angeht!“
HG|2|117|17|0|Hier schlug die nun allerreichste Pura ihre schneeweißen, vollen, zartesten Arme über dem Kopf zusammen und schrie laut auf: „Um des allein ewig wahren Gottes willen, was habe ich Blinde getan?
HG|2|117|18|0|O du, der du sicher der König dieses Volkes bist, überaus mächtig am Wort und an jeglicher Tat, wirst du mir armen, blinden Törin wohl vergeben können diesen mir nun unbegreiflich allergrößten Irrtum?!
HG|2|117|19|0|Nein, nein, ich könnte mir nun gerade selbst die abscheulichen Augen auskratzen, darum sie dich, den alleinig aufrecht Stehenden nicht bemerkt haben!“
HG|2|117|20|0|Der Abedam aber tröstete sie und sagte zu ihr: „Sei nur ruhig, du Meine geliebteste Pura, denn nun hast du Mich ja schon zur Hälfte gefunden; die andere Hälfte aber ahnt dein Herz in dir ja ohnehin schon auch, und so wird es nicht mehr lange währen, bis du Mich vollends wirst kennenlernen!
HG|2|117|21|0|Doch da das Volk sich schon wieder erhebt von der Erde, so lasse uns jetzt unterdessen davon schweigen bis zur rechten Zeit, da du alles wirst kennenlernen! Hättest du aber in der Ebene merken können, was Ich tat den Völkern aus der Tiefe, so wüsstest du schon, wer Ich so ganz eigentlich bin; allein für deine Schwäche war es noch nicht an der Zeit, darum lagst du nahe taub zu Meinen Füßen.
HG|2|117|22|0|Jetzt aber bist du reich geworden; daher wirst du Mich auch gar bald näher kennenlernen!
HG|2|117|23|0|Siehe, hier kommt schon der Seth zu Mir; daher schweigen wir und vernehmen, was dieser möchte! Amen.“
HG|2|118|1|1|Die leeren Speisekammern des Seth
HG|2|118|1|1|Am 13. Juli 1842
HG|2|118|1|0|Als aber der Seth beim Abedam anlangte, fiel er alsbald vor Ihm nieder und fragte Ihn: „O Abba Emanuel Jehova, darf Dich der Mensch Seth darum bitten, dass Du ihm gestatten möchtest, also wie gestern zu versehen die Höhe wieder mit Speise und Trank?!
HG|2|118|2|0|Ich weiß zwar wohl, dass solches da ist von meiner Seite eine eitel törichte Frage – denn wen sollte, wen könnte es hungern in Deiner Gegenwart?!
HG|2|118|3|0|Allein, da Du gestern nahe gerade um diese Zeit allergnädigst Selbst Speise und Trank verlangt hast, so habe ich in mir gedacht, ob solches eine Regel bleiben solle auch fürder, oder sollen wir bleiben bei der alten – oder allein bei der Regel des Magens?
HG|2|118|4|0|O Abedam Jehova, zürne nicht über diese meine vielleicht eitel törichte Frage! Dein allzeit überheiliger Wille jetzt wie ewig! Amen.“
HG|2|118|5|0|Als der Seth aber somit zu Ende war mit dieser Frage, da bog sich der Abedam schnell zur Erde und hob alsbald den Seth vom Boden, griff ihn bei der Hand und sagte dann zu ihm:
HG|2|118|6|0|„Höre, lieber Bruder Seth, deine Frage, die da deinem Mir allzeit wohlgefälligen, edlen Vorhaben entstammte, wäre ganz vollkommen gut und recht, und es ist allzeit besser, zur ordentlichen Zeit Speise und Trank zu nehmen, als unordentlich nach dem Verlangen des Magens.
HG|2|118|7|0|Aber nun höre und siehe: Da du heute deiner Dienerschaft die liebevollste Order gabst, dass sie alle die Hungrigen einladen sollten in deine Vorratskammern, so haben sie das auch vollkommen also redlichst getan.
HG|2|118|8|0|Da aber nach solcher Einladung sich auch alsogleich sehr viel Hungrige und Durstige eingefunden haben, so geschah es denn auch, dass all dein Vorrat in wenigen Augenblicken aufgezehrt worden ist.
HG|2|118|9|0|Also fragt sich’s nun: Woher wirst du, Mein lieber Bruder Seth, nun Speise und Trank hernehmen, nachdem alle deine Vorratskammern vollkommen ausgeleert worden sind und wurden selbst die Früchte in deinem Garten nicht verschont?!“
HG|2|118|10|0|Anfangs machte diese Bekanntmachung den Seth ein wenig stutzen, nicht aber etwa aus Neid gegen diejenigen, die da geleert hatten seine Kammern, oder darum aus einem kleinen Ärger, darum die geladenen Gäste gerade bei dieser Gelegenheit so wenig beachteten, wer da der Seth ist, und wie sich jeder in seiner Wohnung zu benehmen habe, der in diese eingelassen wird, sondern nur darum stutzte er ein wenig, da er nun nicht augenblicklich wusste, wo er nun Speise und Trank hernehmen solle.
HG|2|118|11|0|Es dauerte jedoch nicht lange, und der Seth besann sich alsbald, ward überheiter und sagte darauf: „O Jehova, Du über alles heiliger und allerliebevollster Vater, wessen Liebe ist so groß wie die Deinige?!
HG|2|118|12|0|Siehe, meine Kammern waren voll von dem, was Du mir gabst für mich und für jeden Bruder! Deine, nicht etwa meine Liebe öffnete den Dürftigen die gefüllten Kammern; diese haben sie geleert nach Deinem allzeit allerheiligsten Willen.
HG|2|118|13|0|Wie Du aber stets füllst die Sonne mit neuem unvergänglichem Licht und die ganze Erde allenthalben mit stets neuer zeugender Kraft Deiner Barmliebe, und lässt das Meer nicht minder werden auch nur um einen Tropfen, und solches alles ist Dir leichter um endlos vieles denn mir, zu heben eine Mücke, also bin ich auch überaus fest überzeugt, dass Du, o liebster Vater, meine geleerten Kammern schon lange eher wieder auf das Allerreichste gefüllt hast mit allem dem, was uns allen liebgerechterweise nottut!
HG|2|118|14|0|Daher geht, ihr zehn Träger, nur eilends hinab in meine Kammern, füllt die Körbe und bringt sie sogleich wieder hierher; und wer aber dort kommt und verlangt zu essen und zu trinken, dem soll alsbald gereicht werden, wonach er hungert und dürstet!
HG|2|118|15|0|Aber es soll dabei ein jeder erinnert werden an Den, der hier ist und ist der alleinige Geber aller guten Gaben. Solches geschehe!“
HG|2|118|16|0|Hier umarmte der Abedam den Seth und sagte zu ihm: „Seth, jetzt erst hast du alles vollkommen gemacht! Siehe, früher hast du zwar auch die Kammern dem Volk geöffnet, aber da hast du vergessen, dass es erinnert werde zur Dankbarkeit an den alleinigen Geber; darum auch konnten die Kammern geleert werden. Jetzt aber hast du auch fürs Volk des Gebers bedacht, daher geschehe dir nach jeglichem deiner Worte!
HG|2|118|17|0|Hinfort sollst du deine Kammern nimmerdar leer antreffen! Amen.“
HG|2|119|1|1|Die wunderbare Füllung der Speisekammern Seths. Abedam gibt sich zehn Trägern zu erkennen
HG|2|119|1|1|Am 15. Juli 1842
HG|2|119|1|0|Darauf nahmen die zehn ihre Körbe und gingen eilends hinab in das Haus Seths und füllten da die Körbe mit den allerherrlichsten Früchten, welche nahe die Speicher in den Vorratskammern erdrückten.
HG|2|119|2|0|Des nahm die Träger wunder, und sie lobten den Jehova.
HG|2|119|3|0|Da aber die Haushüter zu ihnen kamen, so fragten die Träger dieselben, ob schon viele Gebrauch gemacht hätten von der Beheißung des Hausvaters Seth.
HG|2|119|4|0|Und die Hüter aber antworteten ihnen: „Wahrlich, ihr könnt es glauben, die Menge derjenigen ist unzählbar, welche sich schon heute gesättigt haben von den Fruchtspeichern Seths; aber dessen ungeachtet wollen diese nicht leerer werden! Ehedem sei zwar von einer großen Menschenmenge aller Vorrat aufgezehrt worden, wie solches schon zweimal früher geschehen ist, darum sich dann die Hungrigen über die Fruchtgärten selbst hermachten, – allein die Leerheit der Speicher dauerte nicht lange; wunderbar wurden bald alle Speicher in den Vorratskammern wieder gefüllt, wie ihr sie soeben jetzt seht!
HG|2|119|5|0|Wisst ihr uns denn nicht irgendeine Auskunft zu geben, wie das zuging?!“
HG|2|119|6|0|Einer der zehn Träger aber, der den hohen Abedam in allem Tun, Lassen und Reden beobachtet hatte, sagte darauf zu den Hütern ganz kurz:
HG|2|119|7|0|„Brüder, glaubt es fest, ihr habt den fremden Mann gesehen, der da schon vorgestern von Mitternacht kam mit Adam und den übrigen, die da mit ihm waren, einladend die Kinder aller vier Regionen, und war gestern unter ihnen den ganzen Sabbat über und verrichtete die größten Wundertaten, und ist heute noch unter ihnen und tut desgleichen!
HG|2|119|8|0|Seht, da ist es dann nicht schwer raten, woher die Kammern stets wieder ihre Füllung nehmen!“
HG|2|119|9|0|„Wisst ihr aber, wer so ganz eigentlich dieser fremde Mann ist?“, fragten die Hüter den Träger, der da geredet hatte.
HG|2|119|10|0|Und dieser antwortete ihnen kurz: „Dass er auf der Erde nicht geboren worden ist, das ist mehr denn gewiss, und solches erkennen wir auch daraus, darum sich die sonst hart zugänglichen Väter gar so außerordentlich stark beugen vor ihm!
HG|2|119|11|0|Woher, wer und was er aber eigentlich an und für sich ist, solches wissen wir mitnichten; denn ihr wisst es ja nur zu gut, wenn es unter den erhabenen Großvätern geheime Dinge gibt, so müssen wir unsere sehr neugierigen Ohren hübsch ferne halten.
HG|2|119|12|0|Und also ist es für jetzt und allzeit etwas schwer, bei derlei Erscheinungen ins Klare zu kommen.
HG|2|119|13|0|Ich möchte zwar den Fremden unendlich gerne näher kennenlernen, – aber ihr wisst es ja, wie es geht!
HG|2|119|14|0|Daher bleiben wir nur darauf los, wie wir sind, so hübsch dumm, in Jehovas Namen; ewig wird’s ja nicht dauern!
HG|2|119|15|0|Und nun lasst uns erfüllen, wie allzeit, unseren Auftrag!
HG|2|119|16|0|Solches aber hat der Großvater Seth uns aufgetragen euch zu sagen, dass ihr jene, welche hier gesättigt werden, allzeit zur Dankbarkeit an Gott erinnern sollt nach Seinem Willen! Amen.“
HG|2|119|17|0|Nach dem verließen die Träger die Hüter und eilten aus den Kammern hinaus.
HG|2|119|18|0|Als sie aber kaum noch die Türe erreicht hatten, kam ihnen auch schon der Abedam, noch mit dem Mädchen auf dem Arm, entgegen und fragte die etwas erschreckten Träger: „Wo bleibt ihr denn mit den Früchten diesmal so lange?“
HG|2|119|19|0|Die Träger aber wussten keine Antwort auf diese Frage.
HG|2|119|20|0|Und der Abedam fragte sie abermals und sagte: „Habt ihr denn nicht Früchte in gerechter Menge angetroffen?“
HG|2|119|21|0|Und wieder fanden die Gefragten keine Antwort.
HG|2|119|22|0|Als aber der Abedam sie zum dritten Mal fragte: „So sagt es Mir doch, warum ihr diesmal die Zeit nicht zugehalten habt!“
HG|2|119|23|0|Hier erst besann sich der, der da schon früher mit den Hütern das Wort geführt hatte, und sagte:
HG|2|119|24|0|„Höre du lieber, guter, fremder Mann! Wir haben nichts Ungerechtes getan, außer dass wir dadurch ein wenig der bestimmten Zeit abhold geworden sind; denn die Hüter fragten uns, wer da beständig wieder voll mache die geleerten Kammern Seths.
HG|2|119|25|0|Und wir rieten auf dich, darum wir Zeugen sind von so mancher Großwundertat deines Willens, darin du nahe Gott gleich mächtig zu sein scheinst.
HG|2|119|26|0|Siehe, das ist aber auch alles, was da allein schuldet an unserem etwas längeren Ausbleiben; solches wirst du und der Großvater uns ja wohl vergeben!?“
HG|2|119|27|0|Der Abedam aber erwiderte ihm darauf: „Höre, nicht nur vergeben, sondern Ich will euch jetzt machen zu Trägern höherer und lebendigerer Früchte, denn die da sind, für die ganze Ewigkeit!
HG|2|119|28|0|Damit ihr aber alsbald wisst, dass Ich solches zu tun Macht und Recht habe, so wisst denn, dass Ich Jehova, Gott der Allerhöchste, Selbst es bin, also wie ihr Mich nun seht; darum seid ruhig und folgt Mir! Amen.“
HG|2|120|1|1|Die Furcht der Träger und die Verlegenheit Puras. Der Herr als Gott und Vater
HG|2|120|1|1|Am 16. Juli 1842
HG|2|120|1|0|Als aber die Träger solches Zeugnis aus dem Munde Abedams Selbst vernommen hatten, und desgleichen auch ganz klar die Pura, da fielen die Träger alsbald zur Erde nieder, und das zwar also erschreckt, als wenn sie schon der ewige Tod und ein alles vernichtendes Gericht am Kragen gepackt hätte.
HG|2|120|2|0|Denn sie waren sich so mancher kleiner Vergehungen bewusst, und da sie aus so manchen strengen Lehren Adams, Seths und Enos’ wussten, dass der allmächtige, heiligste Jehova irgendwann sicher einmal kommen werde und werde da ein überstrenges Gericht halten und zugrunde und zunichte machen alle Ungehorsamen in dem allerheftigsten und allerbrennendsten Feuer Seines unendlichen Zorns, so war es nun völlig aus mit ihnen.
HG|2|120|3|0|Denn diese Meine schnell gefasste Offenbarung Meiner Selbst ließ in ihnen nun keinem anderen Gedanken Platz, als dass Ich nun gekommen sei, dieses schreckliche Gericht zu halten.
HG|2|120|4|0|Und weil sie sich, wie gesagt, einiger kleiner Fehler bewusst waren, so dachten sie auch nichts anderes als nur, am ganzen Leibe bebend, wie sie sicher schon gar bald das überaus entsetzlich heiße Gerichtszornfeuer ergreifen werde und werde sie auch bald überschmerzlichst für ewig zu verzehren anfangen.
HG|2|120|5|0|Es dauerte nicht lange, so fingen sie auch förmlich an, zu heulen und überaus zu wehklagen, und nur der frühere Redner allein war noch imstande, sehr stotternd herauszubringen:
HG|2|120|6|0|„O wie – gut – und um wie – vieles – besser – wären wir nun – daran, so wir nie wären geboren worden!“
HG|2|120|7|0|Darauf ward auch er stumm und erwartete das richterliche Donnerwort samt den übrigen.
HG|2|120|8|0|Das Benehmen dieser zehn Träger brachte aber auch die sonst standhafte und vor Liebe zu Mir nahe verschmachtende Pura in eine bedeutende Verlegenheit, darum sie sich schüchtern an Mich wandte und sagte, Mich gleichsam fragend:
HG|2|120|9|0|„O Du, so Du bist, wie Dich schon Seth auf der Höhe begrüßt hatte in der allerhöchsten Ehrfurcht, und wie Du Dich jetzt vor den zehn Trägern Selbst laut und überklar geoffenbart hast, dass ich darob nun auch kein Bedenken mehr in mir trage, Dich als das vollends anzuerkennen, als was Du Dich veroffenbart hast nun vor mir Armen, wie vor diesen zehn Trägern, – so bitte ich Dich Deiner unendlichen Heiligkeit willen, dass Du mich von Dir lassen möchtest; denn ich bin ja zu unheilig, um zu ruhen auf Deinen überheiligen Händen!
HG|2|120|10|0|Denn nun glaube ich es ja fest in mir, dass Du derjenige bist, dessen Name keine Menschenzunge wert ist auszusprechen, obschon meine früheren Begriffe von Dir nach der Lehre Faraks ganz anders gestaltet waren, durch welche ich mir Dich als ein unsichtbares, endloses Feuer vorstellte.
HG|2|120|11|0|Daher sei mir nun gnädig und barmherzig, und lasse es doch nicht länger zu, dass ich hinfort noch entheiligen soll Deine Hände!
HG|2|120|12|0|Doch Dein überheiliger Wille geschehe jetzt, wie ewig!“
HG|2|120|13|0|Nach diesen Worten aber sagte der Abedam zur Pura: „Nun, du Meine Erwählte, willst du Mich denn eben jetzt weniger lieben, da du Mich erkannt hast, als ehedem, da du Mich noch nicht erkannt hast?
HG|2|120|14|0|Habe Ich Mich denn darum gegen dich verändert, weil Ich Mich dir zu erkennen gab?
HG|2|120|15|0|Hast du noch nie bemerkt bei einem Ungewitter, dass so manche Wetterwolke in der Entfernung ganz entsetzlich schrecklich drohend aussieht? Wenn sie aber herbeikommt, so bringt sie mit ihrem von ferne her so überstark drohenden Gesicht nichts denn einen segenvollen Regen, der da befruchtet und erquickt das von den Weisheitsstrahlen der Sonne ausgedorrte Erdreich und das nahe ganz verbrannte Gras!
HG|2|120|16|0|Siehe, also ist es auch hier derselbe Fall: Du hast Mich bis jetzt nur immer von weiter Ferne ahnend gesehen, und das im Feuer des verderblichsten Gerichtes, – aber als den allerliebevollsten Vater hast du Mich noch nie geahnt und noch viel weniger gedacht; darum auch bist du jetzt samt den zehn Trägern also voll von aller Furcht und Angst!
HG|2|120|17|0|Wenn Ich aber also wäre, wie du Mich bis jetzt gekannt hast aus der schon stark verunglimpften Lehre Faraks in dieser Zeit in der Tiefe, möchte Ich dich da wohl auch aus aller Meiner Vaterliebe auf Meinen Händen tragen?
HG|2|120|18|0|Daher aber wisse nun auch in deinem Herzen, dass Ich nicht nur allein Jehova, der allmächtige Gott und Schöpfer aller Dinge bin, sondern im Verhältnis zu euch vielmehr der allein wahre, heilige, liebevollste Vater, der da niemanden richten will ewig je zum Verderben, sondern als der allein wahre Vater nur jedermann aufrichten zum ewigen Leben!
HG|2|120|19|0|Siehe, so Ich richten wollte, darum bedürfte Ich nicht, sichtbar mit Meinen Füßen zu berühren der Erde Boden, sondern dazu wäre ein allergeringster Gedanke von Mir ja hinreichend, um im Augenblick zunichte zu machen alle Werke in der ganzen Unendlichkeit!
HG|2|120|20|0|Da Ich aber sichtbar zu euch gekommen bin, so kam Ich ja nur, zu suchen das Verlorene und zu beleben das Tote!
HG|2|120|21|0|Daher liebe du Mich jetzt nur noch mehr statt weniger, darum du Mich jetzt erkannt hast und weißt nun, dass da Ich allein der liebevollste Vater bin!
HG|2|120|22|0|Darum also sei darob keines Unterschiedes zwischen uns, sondern in der Liebe wollen wir eins sein ewig!
HG|2|120|23|0|Und also ersteht auch ihr von eurer alten Torheit, und folgt Mir! Amen.“
HG|2|120|24|0|Darauf richteten sich die zehn alsbald wieder auf, nahmen ihre Körbe und folgten Ihm auf die Höhe und schämten sich ihrer groben Torheit und baten darob den Abedam um Vergebung ihrer so großen Torheit.
HG|2|120|25|0|Die Pura aber schmiegte sich nun umso liebender an die heiligste Brust des nun erkannten überguten Vaters.
HG|2|121|1|1|Abedams Rede über Hindernisse und Beschränktheiten als Bedingungen des Daseins und Lebens
HG|2|121|1|1|Am 18. Juli 1842
HG|2|121|1|0|Als sie sogestaltet auf der Höhe anlangten, allda segnete der hohe Abedam die gefüllten Körbe. Sieben Körbe ließ Er sodann sogleich verteilen an alles Volk; drei aber behielt Er für die Höhe, und zwar den ersten für Sich und Seine nächsten schon bekannten Freunde, wie nun auch für die Pura, und zog auch den Seth zu Seinem Korb, den zweiten gab Er dem Adam, dessen Kindern und behieß auch die zwölf schon bekannten Boten teilnehmen am selben, und den dritten übergab Er allen den schon bekannten Kindern des Morgens.
HG|2|121|2|0|Nachdem somit alles ordentlich verteilt war, dankten alle dem hohen Geber für solche herrlichen Gaben, ließen sich zu den Körben nieder und aßen und tranken; und als da alles vollauf gesättigt ward und alle auch dem Herrn ihren Dank dargebracht hatten in ihren Herzen, da sagte der hohe Abedam zu allen den Anwesenden:
HG|2|121|3|0|„Kinder, wer da aus euch müde ist, der pflege der Ruhe; wer aber mit Mir wachen kann und will, der tue das! Der etwas noch wissen will, der frage, ob männlich oder weiblich, es soll ihm Antwort werden!“
HG|2|121|4|0|Nach diesen Worten drängte sich alles um den Abedam her und nur eine Stimme war zu hören, und diese lautete:
HG|2|121|5|0|„O Vater, wer könnte da wohl schlafen, solange Du wachst und Deinem heiligsten Munde entströmen Worte des ewigen Lebens? Daher erlaube uns nur allen, wach zu verbleiben, und führe uns nicht in die Versuchung des Schlafes! Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|2|121|6|0|Und der Abedam erwiderte darauf: „Also wachet denn in Meinem Namen! Amen.“
HG|2|121|7|0|Die Pura aber, die nun noch fest beim Abedam saß und ruhte, fragte Ihn liebfurchtsam: „O Jehova, dürfte auch ich Dich um etwas fragen und bitten, dass Du mir und somit auch allen darüber möchtest allergnädigst einen Aufschluss geben, worüber ich Dich fragen möchte?“
HG|2|121|8|0|Und der Abedam sagte darauf zu ihr: „Siehe, du Meine auserwählte Pura, es besteht schon eine alte Regel, sogar in der Tiefe noch heutigentags gang und gäbe, die da spricht: ‚Dem König und dem Fremden gebührt der Vorzug!‘
HG|2|121|9|0|Du bist nun auch noch eine Fremde allhier; so geziemt es auch dir, dass du zuerst fragst, darüber du die lichte Antwort haben möchtest, und so frage denn nur darauf los, und Ich will dir nun alles enthüllen mit kurzen Worten, worüber du Licht haben möchtest! Amen.“
HG|2|121|10|0|Und sogleich war die Pura mit folgender Frage fertig, welche also lautete: „Jehova, Du überheiliger Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge, Du weißt es ja, wie arg es sicher wider Deinen allerheiligsten Willen dort unten zugeht!
HG|2|121|11|0|Du bist ja jetzt auch noch gerade also allmächtig, wie Du es damals warst, als Du hast Himmel und Erde werden lassen; wäre es denn Dir nicht möglich, die Tiefe augenblicklich zu bessern und vollkommen Deinem Willen gemäß umzugestalten? Denn in der Tiefe weiß man von Dir ja soviel wie nichts und will anderseits auch nichts mehr wissen, wie es Dir ganz sicher gar wohl bekannt sein wird! O Jehova, wäre solches denn nicht tunlich?“
HG|2|121|12|0|Und der Abedam sagte darauf zur Pura: „Höre du, Meine erwählte Pura, die Frage hast nicht du erfunden, sondern sie ist der ganzen sich selbst bewussten Unendlichkeit eigen!
HG|2|121|13|0|Ich sage dir aber auch, nur dir und den anwesenden Kindern, Freunden und Brüdern will Ich darüber etwas näher Bestimmtes kundgeben, sonst aber wohl der ganzen Unendlichkeit nicht – und wenn sie Mich darum fragte eine Ewigkeit um die andere!
HG|2|121|14|0|Und so höre denn du, und hört ihr alle: Hindernisse sind der Grund alles Seins und Fortbestehens! So ein Ding da ist, so ist es nur da durch seine ihm eigentümliche Beschränktheit, welche da ist für dasselbe ein offenbares Hindernis.
HG|2|121|15|0|Siehe an die Sonne! Wäre sie nicht beschränkt durch Meinen Willen also, und wäre ihr dieser nicht zum bleibenden, ewigen Hindernis, wahrlich, es stünde nicht eine Sonne am Himmel und also auch keine Erde im großen All!
HG|2|121|16|0|Siehe an einen Stein, wie beschränkt er ist von allen Seiten, und wie viele Hindernisse er in sich fasst; ja, je beschränkter und je hindernisreicher er ist, desto beständiger, solider, gediegener und edler ist er auch!
HG|2|121|17|0|Also wächst auch alles Gras, alle Kräuter und Bäume nach dem Gesetz der Beschränktheit und zufolge der vielfachen, inneren Hindernisse, welche da sind ein beständiges Kämpfen aller seiner Teile gegenseitig.
HG|2|121|18|0|Also sind die Hindernisse und die Beschränktheiten das eigentliche Wesen der Dinge selbst, ohne welche sie alsogleich zu sein aufhören würden, und die ganze unendliche Schöpfung ist demnach aus lauter Hindernissen und Beschränktheiten zusammengesetzt.
HG|2|121|19|0|Nur Ich allein bin – und muss es sein – vollkommen frei und unbeschränkt, damit durch Mich alles sein gerechtes Hindernis und die volle Beschränktheit erhält zu seinem Dasein.
HG|2|121|20|0|Wie es sich aber verhält mit den Dingen, also muss es sich auch verhalten mit allem dem, was da ist des Geistes.
HG|2|121|21|0|Fände der lebendige Geist nichts, daran er sich stoßen möchte, so hätte er auch kein Bewusstsein und somit auch kein Leben.
HG|2|121|22|0|Da Ich aber zulasse, dass da sind für den Geist selbst eine Menge Gegensätze überall und allzeit, gute und schlechte, – die schlechten für die guten und die guten für die schlechten, – so stoßen sich die Geister gegenseitig an einander und erwecken sich gegenseitig zum Leben.
HG|2|121|23|0|Die Guten werden dadurch stets lebendiger, und die Schlechten werden endlich durch die Guten auch geweckt und nehmen dann eine andere Richtung und gehen über ins wahre Leben und werden dann stets freier von einem Hindernis, darum sie übergehen in das andere des wahren Lebens.
HG|2|121|24|0|Siehe, du Meine erwählte Pura, also beginnt Meine Ordnung und hat nimmerdar ein Ende; daher kümmere dich nicht mehr der Tiefe, sondern glaube es Mir, dass Ich das alles schon von Ewigkeiten her vorgesehen habe, und dass alles, was da ist und geschieht, nach Meinem ewigen Rat geschieht!
HG|2|121|25|0|Die Tiefe wird umgeändert werden, je nachdem die Höhe sich umändern wird; am Ende aber wird es dennoch geschehen, dass da sein wird ein Hirt und eine Herde!
HG|2|121|26|0|In der Liebe aber ist alle diese Ordnung; daher sei ruhig, denn Ich weiß es am besten, was da ist, und warum es also geschieht!
HG|2|121|27|0|Der Reine aber wird das alles in der Reinheit erschauen! Amen.“
HG|2|122|1|1|Puras flammende Liebeserklärung an Gott
HG|2|122|1|1|Am 19. Juli 1842
HG|2|122|1|0|Als die Pura nun solche Worte vernommen hatte, hob sie ihre zarten Hände übers Haupt, faltete sie da durch die ineinandergeklammerten Finger und sagte endlich ganz entzückt:
HG|2|122|2|0|„O Du ewige, unendliche Liebe und Weisheit, welch ein endlos tiefer Sinn liegt doch in jeglichem dieser Worte!
HG|2|122|3|0|O Du heiliges Leben alles Lebens, Du endlos heiliger Urgrund alles Seins, wer kann fassen Deiner Weisheit Tiefe und wer erforschen den Rat Deiner Liebe?!
HG|2|122|4|0|O mein Gott, mein Gott, wie groß und erhaben bist Du doch!
HG|2|122|5|0|Jehova! Du, der Sich vom schwachen Menschen sogar ‚Vater‘ nennen lässt, ja – nicht nur nennen, sondern will, dass Er im Herzen eines jeden Menschen im vollsten kindlichen Liebeernst als solcher treulichst und wahrhaftigst bekannt werde, – wie soll ich, ein allerpurstes Nichts vor Dir, Dich denn nun loben und preisen, wie Dir danken für diese Deine übergroße Erbarmung und Gnade?
HG|2|122|6|0|Denn einen solchen Trost hast Du jetzt in mein Herz gleich einem übergroßen Lichtstrom gegossen, dass ich mir nun so vor lauter überhimmlischer Entzückung nicht zu helfen weiß!
HG|2|122|7|0|O ihr größeren Freunde dieses überheilig guten Vaters, helft doch, helft mir Schwachen tragen die übergroße Wonnebürde, und lobt mit einer Stimme Den, der da hier unter uns weilt, so heilig, so gut und so liebevollst gnädig und barmherzig!
HG|2|122|8|0|O Du mein Jehova, welche Seligkeit ist es, bei Dir zu sein; welche lebendige Nahrung fürs schwache, liebhungrige Herz, so es gesättigt wird von Deiner unendlichen Vatermilde!
HG|2|122|9|0|O lasse Dich lieben von mir, lasse mich sterben vor Liebe zu Dir!
HG|2|122|10|0|O wie süß müsste der Tod sein, Dir zu sterben aus Liebe!
HG|2|122|11|0|Jehova, Gott, Vater! Bis jetzt habe ich mein Herz zurückgehalten vor zu großer heiliger Scheu vor Dir; allein nun vermag ich’s nicht mehr!
HG|2|122|12|0|So lasse Dich denn von mir umfassen und Dich also stark lieben, dass mich das Feuer meiner Liebe zu Dir auflösen und verzehren soll wie einen dürren Strohhalm! Denn siehe, nun ist alle Scheu von mir entwichen, auch habe ich keine Angst und Furcht mehr vor Dir; denn ich will ja sterben aus Liebe zu Dir! O Du, mein unaussprechlich liebesüßester Jehova!“
HG|2|122|13|0|Hier warf sie ihre Hände mit großer Hast um den Abedam, presste Ihn förmlich an ihr ganzes Wesen mit aller ihrer Kraft und machte mit einer Hand oft eine Bewegung an die Seite ihres Herzens, als wollte sie sich’s aus dem Leibe reißen und dann hindrücken an die Brust des Allerhöchsten.
HG|2|122|14|0|In solcher Liebe aber wurde auch bald ihr ganzes Wesen also lieblich leuchtend wie da der Sonne Licht, wenn es gesänftet ein allerherrlichstes Rosenblättchen durchleuchtet.
HG|2|122|15|0|Da aber die Väter und alle anderen solches merkten, fingen sie an, sich auf ihre Brust zu schlagen, und der Henoch sagte seufzend: „O Du heiliger Vater! Wir sind Kinder der Höhe, diese aber ein Säugling des Schlammes der Tiefe; doch welch ein Unterschied ist da zwischen ihr und uns!
HG|2|122|16|0|Sie allein liebt Dich mehr denn die ganze Höhe zusammengenommen und versteht in ihrem Herzen Dich auch schon klarer denn wir alle, die wir doch von unserer Kindheit an geforscht und gehandelt haben in Deiner Liebe und Gnade!
HG|2|122|17|0|O seht, seht, ihr Väter alle, welch eine überhimmlische Schönheit, welch eine Glorie strahlt aus diesem Kind der Tiefe!
HG|2|122|18|0|O Adam, o Seth, o ihr alle, Väter, Brüder und Kinder, wo ist das Auge, das da je geschaut hatte etwas Schöneres, etwas Erhabeneres, etwas unnennbar Entzückenderes als da ist dies kaum zwanzig Sommer zählende Mägdlein aus der Tiefe in der Kraft ihrer für uns alle überunbegreiflichst mächtigen Liebe!
HG|2|122|19|0|Welch eine überhimmlische Anmut und allererhabenste Schönheit strahlt aus allen ihren Formen, welche Milde, welche Sanftheit in allen ihren Gliedern! Wie endlos zart in allen ihren Teilen – und dennoch – welche Macht der Liebe in ihrer mehr denn ätherisch zartesten Brust!
HG|2|122|20|0|Ja, ja wahrlich, die ist uns gesetzt zu einem großen Lehrer; denn jetzt erst ist uns allen ein Maßstab der Liebe gegeben, nach dem wir die hinfällige Schwäche unseres Herzens gar wohl bemessen können!
HG|2|122|21|0|O Jehova Abedam, Du allein sei ewig, ewig, ewig hochgepriesen, gelobt und geliebt, darum Du uns allen aus der Tiefe ein Kind gesetzt hast zum heiligen Maßstab Deiner Liebe!
HG|2|122|22|0|O Vater, Du heiliger Vater, wie unendlich gut und voll Liebe und Erbarmung bist Du!“
HG|2|122|23|0|Hier verstummte auch der Henoch. Und der Abedam sagte darauf zu ihm: „Henoch, glaube es, dass es also ist und sein wird ewig: Ein Kind der Welt und der Sünde soll neunundneunzig Gerechte von der Geburt aus überwiegen, wenn es Mich also ergreifen wird wie dieses Mägdlein hier!
HG|2|122|24|0|Du, Mein Kindlein, aber sollst fürder nimmerdar weichen von Meiner Brust; du allein wirst Mich allzeit durch dein ganzes Erdenleben schauen und haben wie jetzt!
HG|2|122|25|0|Du sollst keines Mannes Weib werden eher, als bis in der Zeit der Zeiten, da du erfüllt wirst mit aller Fülle der Macht der Liebe Meines unendlichen Geistes! Amen.“
HG|2|123|1|1|Über die Menschwerdung Gottes. Maria als Pura dem Geiste nach
HG|2|123|1|1|Am 20. Juli 1842
HG|2|123|1|0|Nach diesen Worten aber wandte Sich der hohe Abedam zum Seth und sagte zu ihm: „Bruder der Liebe, du weißt es, wie lieb und teuer du Mir bist; darum sollst du auch durchaus kein Bedenken tragen, dich mit der Frage an Mich zu richten, welche du birgst in deinem Herzen!
HG|2|123|2|0|Denn wenn Ich der Welt Kinder aufnehme zu Meinen Kindern und ihnen tue, das sie von Mir sich entbitten, um wie viel mehr werde Ich solches dir dann erst tun, da du ein wahrer Bruder Meiner Liebe bist; daher lasse nur laut werden, das da dein Herz nicht ruhen lässt!“
HG|2|123|3|0|Auf diese gnädigste Beheißung rückte der Seth alsbald näher und sagte: „O Du überguter, überheiliger Vater, aus allen meinen Kräften danke ich Dir, darum Du nun Luft gemacht hast meinem Herzen; denn wahrlich, ich war in einem großen Herumirren und wusste nicht, wie ich aus diesem Dickicht hätte den Ausweg finden sollen!
HG|2|123|4|0|Allein jetzt ist schon alles gelichtet, und ein allerherrlichster Ausweg strahlst Du vor mir!
HG|2|123|5|0|Und so denn öffne ich freudig mein Herz und gebe kund durch den Mund in dieser Stunde, was ich nahe seit Deiner ersten Besprechung mit der herrlichsten Pura in mir mich drückend habe herumzutragen angefangen!
HG|2|123|6|0|Das aber ist die dunkle Bürde meines Herzens: Du hast diesem Kind eine Verheißung gemacht, der zufolge ich mir nichts anderes denken kann, trotz der allermöglichsten Hin- und Herwendung, als:
HG|2|123|7|0|Dass Du Dich dereinst, Deiner unendlichen Heiligkeit gewisserart entziehend, durch die Allmacht Deiner Liebe in dem Leib eben dieses Mägdleins Selbst zu einem Kind – und somit zu einem Menschen, angetan mit Fleisch und Blut, zeugen willst!
HG|2|123|8|0|Darum aber trübt mich das, da ich auf der einen Seite Deinen heiligsten Worten keinen anderen Sinn abgewinnen kann, – auf der anderen Seite aber erschaudere ich wieder vor dem Gedanken, da ich keine größere Unmöglichkeit mir zu denken vermag, denn gerade diese da ist!
HG|2|123|9|0|Denn es ist – natürlich zu denken – ja doch eine barste Torheit, so man sich’s als möglich dächte, eine Zeder zu stecken in einen Strohhalm, oder einen Berg zu schieben in das Ei einer Grasmücke, oder gar das ganze Meer zu fassen in eine hohle Haselnussschale, und dergleichen mehr!
HG|2|123|10|0|Deinen Worten zufolge aber soll dereinst Dich, den unendlichen Gott, dies Mägdlein in sich aufnehmen, damit Du Dich in ihr dann umkleiden möchtest mit Fleisch und Blut!
HG|2|123|11|0|Du, der Du trägst und leitest die ganze Unendlichkeit durch Deinen unendlichsten Geist, sollst mit diesem Geist Platz haben im Leib eines solchen Kindes?!
HG|2|123|12|0|Nein, nein, wahrlich, es ist nur eine Faselei; ich will eher begreifen, so mir jemand sagen möchte: ‚Ein Atom kann in sich die ganze Erde fassen!‘, denn das, dass Dich der Leib eines solchen Mägdleins umfassen solle in aller Fülle Deines unendlichen Geistes!
HG|2|123|13|0|Wie demnach solches zu nehmen ist, bitte ich Dich inbrünstigst, dass Du mir es wie allen kundgeben möchtest; Dein heiliger Wille allzeit und ewig! Amen.“
HG|2|123|14|0|Da ergriff der hohe Abedam alsbald die Hand des Seth und gab ihm diese Antwort:
HG|2|123|15|0|„Seth, wie großkleinlich denkst du doch von Mir! Siehe, wenn es also wäre, wie du dir denkst, wie wäre es da Meinem unendlichen Geist je möglich gewesen, etwas Endliches zu erschaffen – und dennoch in dem Endlichen zu verbergen die ganze Unendlichkeit?!
HG|2|123|16|0|Erinnere dich der Gesichte der zwölf Boten, und bedenke, was diese alles in sich gefunden und geschaut haben!
HG|2|123|17|0|Bedenke, wie in einem kleinsten Samenkorn einer Zeder nicht nur der Baum, den du vor dir ausgebreitet siehst, sondern eine unendliche Zahl solcher Bäume verborgen liegt, – in einer Haselnuss so viele Haselnüsse, dass, so sie nicht wieder aufgelöst würden, sie in zweitausend Jahren schon einen größeren Raum erfordern würden denn die ganze Erde selbst!
HG|2|123|18|0|Siehe, wenn Mir aber solches möglich ist und noch zahllos anderes mehr, das dir noch ums Unaussprechliche unbegreiflicher wäre denn das, so du es wüsstest, da wird Mir wohl auch möglich, das dir nun gar so unmöglich vorkommt!
HG|2|123|19|0|Solches aber sollst du, wie alle, wissen, dass da unter der Verheißung nicht verstanden werden soll, als solle dereinst eben dieses Mädchen wieder zur Erde kommen aus den Himmeln, um Mich da zu empfangen im Fleische und Blute, sondern dazu wird sich schon gar wohl eine andere Jungfrau vorfinden; aber diese wird dann haben denselben gleichen Geist der Liebe und des Glaubens, wie ihn da hat dies Mägdlein nun!
HG|2|123|20|0|Und so wird dies Mägdlein nicht nötig haben, wieder in die Welt zu gehen, sondern eine andere Jungfrau wird darum mit einem ganz gleichen Geist belebt werden.
HG|2|123|21|0|Solches sollst du und alle also verstehen!
HG|2|123|22|0|Denn siehe, bei Mir sind gar viele Dinge möglich, die bei euch Menschen sogar unmöglich zu denken sind!
HG|2|123|23|0|Daher glaube fest Meinen Worten; denn wie Ich es dir sage, also auch wird es geschehen unausweichlich! Amen.“
HG|2|124|1|1|Abedams Lehre über das Gotteslob und das beständig wiederkäuende Ungeheuer der Natur
HG|2|124|1|1|Am 23. Juli 1842
HG|2|124|1|0|Da der Seth solches vernommen hatte, ward er froh über die Maßen und dankte, lobte und pries den hohen Abedam aus allen seinen Kräften.
HG|2|124|2|0|Der Abedam aber sagte zu ihm: „Seth, du lieber Bruder der Liebe Meines Herzens, Ich sehe nur auf dein Herz, – und das genügt Mir vollends; des kannst du versichert und überfroh sein!
HG|2|124|3|0|Doch was dein nun auch lautes Wortlob betrifft, so magst du mit ihm wohl daheim verbleiben; denn du kannst es Mir glauben, so Ich es dir sage: Mir ist das Lob des Herzens verständiger als das des Mundes.
HG|2|124|4|0|Wenn aber das Herz betet, da soll sich der Mund nicht dareinmischen, damit durch ihn nicht getrübt wird, das einer reinen Quelle gleich kommt aus dem Herzen!
HG|2|124|5|0|Das Lob des Mundes ertönt vor der Welt, aber das Lob des Herzens dringt zu den Ohren Meines Herzens.
HG|2|124|6|0|Daher kannst du für jetzt deinem Mund die leere Arbeit füglich ersparen; denn Ich höre ja jeden Laut deines Herzens.
HG|2|124|7|0|Wer den Mund braucht, der brauche ihn immerhin vor der Welt und vor seinen Brüdern; vor Mir aber brauche niemand etwas anderes denn nur einzig und allein das Herz! Amen.“
HG|2|124|8|0|Nach dem aber wandte Er Sich zum Henoch und sagte zu ihm, ihn gleichsam fragend: „Henoch! Weißt du schon alles, und findest du in dir denn nichts mehr, darüber du einen Aufschluss von Mir benötigtest?
HG|2|124|9|0|Ich sehe aber dein Herz etwas für dich noch Unverdauliches wiederkäuen; was ist es denn, warum getraust du es Mir nicht der Brüder wegen kundzugeben durch den Mund?
HG|2|124|10|0|Ich sage dir aber, behalte nichts in dir zurück, sondern gebe heraus, gebe zurück, was da noch nicht reif ist zur Speise für deinen Geist, und Ich will es am großen Feuerherd Meiner Vaterliebe vollends reif kochen zur überaus stärkenden Nahrung für deinen wie für jeden anderen hungernden Geist. Amen.“
HG|2|124|11|0|Hier rückte auch der Henoch näher und sagte ganz gerührt: „O Du überguter, überheiliger, liebevollster Vater! Wahr ist es, mein Geist sucht in sich Licht über die von Dir ausgesprochenen Hindernisse, betrachtend das beständig wiederkäuende Ungeheuer der Natur; aber ich kann da nirgends ins Klare kommen.
HG|2|124|12|0|Denn obschon ich nun ganz deutlich erschaue, dass da alles sein Dasein lediglich nur durch lauter Hindernisse und Beschränktheiten durch sie fristet, so sehe ich aber dennoch nicht ein, warum da des Daseins willen sich nahe alles tödlich begegnen muss.
HG|2|124|13|0|Warum das beständige sich Reiben, Zerstören und Zugrunderichten?
HG|2|124|14|0|Wird dadurch auch etwas anderes hervorgebracht, so muss es dennoch wieder zerstört werden für die Nachfolge seinesgleichen.
HG|2|124|15|0|Siehe, da ist die Lücke in meinem Herzen, und diese ist noch vollends ohne Licht!
HG|2|124|16|0|O Vater, erleuchte sie mit Deiner Gnade, Liebe und Erbarmung; Dein heiliger Wille! Amen.“
HG|2|124|17|0|Und der hohe Abedam öffnete den Mund und sagte zum Henoch: „Ja, du sagst es, also ist es, da alles vorübergeht, da alles mit der Sturmwindschnelle vorüberweht, nur selten etwas die Vollkraft seines Daseins ausdauert, sondern allzumeist, in den verderblichen Strom fortgerissen, da untertaucht, an den Felsen zerschmettert und endlich vom großen Strudel in den bodenlosen Abgrund der Vernichtung verschlungen wird!
HG|2|124|18|0|Du sagst ferner in dir: ‚Da ist kein Augenblick, der dich selbst nicht beständig verzehrte und all das Deinige um dich herum, – kein Augenblick, in dem du selbst kein Zerstörer wärest, ja es offenbar sein müsstest!
HG|2|124|19|0|Der harmloseste, unschuldigste, frohwandelnde Fußtritt kostet vielleicht schon mehr denn tausend armen Würmchen das Leben!
HG|2|124|20|0|Wie oft schon hat meine Ferse eine mühsam errichtete Wohnung der Ameisen zerrüttet und stampfte somit eine kleine Welt in ein schmähliches Grab!
HG|2|124|21|0|Wie oft schon sind die schönsten Früchte, die da prangten wie ein Lichtbogen am Himmel, im Licht der Sonne hängend am majestätischen Baum, von meinen Zähnen zermalmt worden! Wie viele der herrlichsten Blümchen sind schon von meinen Füßen zertreten worden, – sie kommen wieder! Auch andere Ameisen bauen sich ein anderes mühsames Haus, – doch dieselben nimmer, nimmer, denen mein Tritt ein ewiges Grab bereitet hatte! Wohin, wohin sind denn diese?!
HG|2|124|22|0|Ein sanfter Wind zieht durch die Blätter des Baumes. Sie regen sich, als wären sie munter und fröhlich; aber mitten unter dieser Freude entfallen hunderte den Zweigen!
HG|2|124|23|0|Wohin, wohin? frage ich. Keine Antwort wird mir mehr von den Entfallenen; denn schon hat sie ein Strudel der Vernichtung verschlungen!‘
HG|2|124|24|0|Weiter sagst du dann: ‚Nicht doch diese große Not der Dinge, nicht die Felsen untergrabenden Fluten, nicht die großen Erdbeben, durch welche Berge zu Staub zerrüttelt werden, rühren mich, sondern mein eigenes Herz untergräbt mich mit einer alles verzehrenden Macht, die da überall verborgen ist im All der Dinge und nichts ins Dasein ruft, das da nicht wieder zerstören möchte seine Nachbarschaft oder sich selbst!‘
HG|2|124|25|0|Und bei solchen Gedanken taumelst du dann beängstigt, und Himmel und Erde um dich her, und rufst dann aus deiner Angst heraus:
HG|2|124|26|0|‚Ich mag schauen, wie ich will, nirgends erblicke ich nun etwas anderes als ein sich und alles Verschlingendes, und dann ein und dasselbe ewig wiederkäuendes Ungeheuer in der Natur der Dinge!‘
HG|2|124|27|0|Es ist wahr, Ich kann dir darum nicht sagen: ‚Henoch, du tust Mir unrecht mit deinen Gedanken!‘, denn es ist also fürs Auge und also für den Verstand; aber siehe, fürs Herz ist es anders!
HG|2|124|28|0|Was sind die Dinge? Sie sind Ruhepunkte Meiner großen Gedanken! Mein eigener lebendiger Wille ist es, der ihnen hinderlich in den Weg tritt; durch dieses Hindernis treten sie erst ins erscheinliche Dasein.
HG|2|124|29|0|So aber dann Meine Liebe sich paart mit Meinem Willen, so heißt es: ‚O setze nicht Schranken dem großen Flug Deiner freiesten Gedanken, sondern lasse sie wieder frei schweben in den großen Kreisen Deines ewigen Lebens im vollkommenen Bewusstsein ihrer lebendigen Kraft aus Mir!‘
HG|2|124|30|0|Siehe, dann lasse Ich Meinen Gedanken wieder die Freischwebe, nachdem Ich das Hindernis Meines Willens lindere, und du siehst dann die Dinge vergehen, aber nicht treten aus dem Dasein, sondern nur zurückkehren ins Grundsein, ins wahre Sein, ins freie, unzerstörbare Sein.
HG|2|124|31|0|Ich lasse dann aus vielen kleinen Gedanken wieder einen großen werden, einen lebendigen, einen freien, der dann Mir Selbst gleichen muss, darum er wieder wird, wie er war ursprünglichst in und aus Mir.
HG|2|124|32|0|Daher kümmere dich fürder nicht der äußeren Vergänglichkeit, sondern denke: Alles, was da tritt aus dem Dasein, kehrt allzeit in ein vollkommeneres Dasein wieder zurück, hinauf bis zum Menschen und von da wieder zu Mir Selbst zurück.
HG|2|124|33|0|Und so wird ewig nichts verlorengehen, auch deine leisesten Gedanken nicht!
HG|2|124|34|0|Solches also begreift alle wohl, und seid in Mir allzeit heiteren Mutes! Amen.“
HG|2|125|1|1|Henochs Rede über Freude und Dankbarkeit im Angesicht Gottes
HG|2|125|1|1|Am 26. Juli 1842
HG|2|125|1|0|Nach diesen Worten Abedams richtete sich der Henoch alsbald auf und rief mit lauter Stimme: „Hört, hört, ihr Toten alle, alle, die ihr noch irgend steckt in den Klüften, Abgründen und Tiefen der Erde, – ja, der ganzen Schöpfung Tote, kommt hierher!
HG|2|125|2|0|Und ihr alle, in deren Adern nur mehr ein schwaches, laues Leben kreist, – ihr auch, die ihr da seid schwer beladen und sehr mühselig geworden unter so manchem Druck eures matten Lebens schwerer Bürde, – hierher, hierher mit euch allen! Hier werdet ihr des allerhöchsten Lebens in der allerunendlichsten Überfülle antreffen!
HG|2|125|3|0|O Worte, Worte! Was sind, was waren das für Worte?!
HG|2|125|4|0|O Abedam, Du überheiliger Gott und Vater! Jetzt hast Du auch dem Mittelpunkt der Erde und den Bergen, dem Meer und allem, was da nur irgend leblos dastand, ein nimmer erlöschbares Leben gegeben!
HG|2|125|5|0|Was kann, was sollte da noch im Tode verweilen können, wo das urewigste, heiligste Leben alles Lebens solche Worte eben dieses Lebens ausspricht?!
HG|2|125|6|0|Vater, Du überheiliger Vater, Dir allein sei ewig aller Dank, alle Ehre, alle Anbetung, alles Lob, alle Liebe, aller Preis, aller Ruhm und von der ganzen Unendlichkeit ein allerpünktlichster Gehorsam in aller Treue der Liebe; denn Du ganz allein bist ja nur ewig würdig, solches alles von uns zu empfangen, wie von der ganzen Unendlichkeit!
HG|2|125|7|0|O wie doch gar so lebendig helle ist’s nun geworden in allen Teilen meines Herzens und wie ätherisch leicht und wohl in allen meinen Eingeweiden!
HG|2|125|8|0|O du Leben des Lebens, wie süß bist du, welche Seligkeit ist es, dich zu empfinden in der Fülle aller deiner Macht und Kraft!
HG|2|125|9|0|O Brüder, o Väter, o Kinder! Die Wonne des Lebens ist groß, so der Heilige in uns lebt ein freies Leben; wer aber da möchte leben ein eigenes Leben, das da finster ist in allen Fasern und Fibern, dem ist es eine große, unerträgliche Bürde.
HG|2|125|10|0|Daher lebe ein jeder ein vollkommen liebegerechtes Leben, damit er schmecke die endlose Fülle des wahren Lebens aus Gott.
HG|2|125|11|0|Denn Größeres gibt es nicht als das Leben – und nichts, das da wunderbarer wäre und göttlich erhabener denn allein das Leben.
HG|2|125|12|0|Daher freuen wir uns alle allerdankbarst des Lebens, wir, die wir nicht waren und jetzt doch da sind im Angesichte Dessen, der ewig war, jetzt da ist und ewig sein wird, und uns hat werden lassen, und hat uns nun gegeben das wahre Leben, ja das Leben, welches Er Selbst gelebt hatte von Ewigkeit zu Ewigkeit in und aus Sich in Seiner göttlichen Heiligkeit und endlosen Fülle und Vollkommenheit!
HG|2|125|13|0|Darum freut euch dieses Lebens, das Er uns allen nun gegeben hatte!
HG|2|125|14|0|Wozu wäre die Sonne, wenn es außer Ihm kein Leben mehr gäbe, das sie zu schauen, zu empfinden und die herrlichen Ausflüsse ihrer Strahlen zu genießen vermöchte?!
HG|2|125|15|0|Wozu wäre die Erde mit allem dem, was da ist auf ihr und in ihr; zu was der ganze Himmel mit seinen lichten Sternenwelten; ja zu was die Unendlichkeit selbst, so es da außer Ihm kein Leben mehr gäbe, das da erkennen möchte Den, der es frei dargestellt hatte aus Sich, und genießen alles, was Er erschaffen für dasselbe?!
HG|2|125|16|0|Daher freue dich, du ganze Unendlichkeit des Lebens, wie ich mich nun freue desselben; denn von Ihm, von Ihm haben wir es ja alle empfangen, nicht als eine Bürde, sondern als eine wunderbare Seligkeit aller Seligkeit! Denn was wären alle Seligkeiten ohne diese; wer möchte sich sättigen an ihnen ohne diese?!
HG|2|125|17|0|Diese allerhöchste aber hat Er uns gegeben; daher sei unsere große Freude am Leben Ihm, dem Geber, als ein allergültigster Dank dargebracht jetzt, wie allzeit und ewig! Amen.“
HG|2|126|1|1|Abedams Weckruf an den trägen Enos. Der Sinn des menschlichen Lebens
HG|2|126|1|1|Am 27. Juli 1842
HG|2|126|1|0|Nach dieser Dank- und Preisrede Henochs aber berief der hohe Abedam den Enos zu Sich und sagte zu ihm: „Enos, so du Meines lieben Henoch Preisworte vernommen hast, die da vollkommen gut und wahr sind von der ersten Silbe bis zur letzten, sage Mir, haben diese in dir denn kein höheres Lebensbedürfnis geweckt denn das nur, dass du schweigst in einem fort wie ein Gebirgsscheitelstein im ruhigen Licht des Mondes?
HG|2|126|2|0|Siehe, da gibt es nahe keinen, der da in seines Lebens Sphäre also unbekümmerlich fortlebte gleich dir und fände in dieser Meiner sichtbaren Gegenwart nichts, darüber ihm ein höheres Licht nötig wäre!
HG|2|126|3|0|Ich sage dir aber nun: Siehe, jetzt gründe Ich Mir eine Wohnung auf der Erde; aus Steinen und Mörtel soll sie errichtet sein auf der Höhe für alle Zeiten der Zeiten.
HG|2|126|4|0|Wer da jetzt empfängt ein Amt, dem wird es bleiben fürder hier und dort; der aber nun so ganz unbekümmert daneben einhergeht, da das Leben weht, vor dem auch wird das Leben vorüberwehen, und dann wird’s matt um seine Lebensgeister stehen!
HG|2|126|5|0|Darum erheb dich jetzt und frage / aus dieser deiner lauen Lage, / damit auch dir die Antwort werde, / die not dir tut auf dieser Erde! / Doch nimm dies Wort nicht also auf, / als zwäng’ es dich zum Lebenslauf; / in deinem Herzen musst du’s finden, / und Mir’s dann frei und treu verkünden! / Willst aber lieber stumm du bleiben, / dir mit dem Schlaf die Zeit vertreiben, / so tue, wie’s dir mag behagen / und brauchst um nichts Mich dann befragen!“
HG|2|126|6|0|Auf diese etwas sonderbare Aufforderung fing der Enos an, gewaltig zu stutzen, und wusste nicht, was er sobald darauf sagen sollte.
HG|2|126|7|0|Er trat zwar wohl alsbald dem Abedam näher, aber je mehr er sich abmühte, desto mehr auch wurde er in sich verwirrter und konnte darum keinen Gegenstand finden, darüber er eine würdige Frage hätte aufstellen können.
HG|2|126|8|0|Da er aber eine Weile also stumm dastand und nichts über seine Lippen zu bringen vermochte, da erhob Sich alsbald der hohe Abedam wieder, ging zum Enos hin und fragte ihn:
HG|2|126|9|0|„Enos, siehst denn du wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht? Soll Ich dir denn eine Frage in das Herz und endlich sogar in den Mund schieben?
HG|2|126|10|0|Höre, Ich will es tun – und sage dir: Frage Mich, warum du nun da bist, – und Ich will dir gehörig antworten! Amen.“
HG|2|126|11|0|Hier erst fasste sich der Enos und fragte, im vollen Ernst dann sagend: „O Du Allerhöchster, welch eine bessere Frage hätte ich armseliger Mensch auch je finden sollen und können, als gerade diese da ist, welche Du mir soeben kundgabst; und so frage ich Dich denn auch Deinem Willen gemäß, nämlich: Warum bin ich denn da?
HG|2|126|12|0|O Du Allerhöchster, Du heiliger Vater, wenn es Dein allerheiligster Wille wäre, könntest Du mir solches ja wohl kundgeben!“
HG|2|126|13|0|Und der Abedam sagte darauf zu ihm: „Ja, wahrlich wahr, eine wichtigere Frage hättest du nimmerdar ausfindig machen können! Denn also, wie du jetzt gefragt hast, werden einst Millionen blindester Menschen fragen; aber da wird’s mit der Antwort eine große Not haben, die da die deinige bei der Auffindung einer passenden Frage ums Himmelhohe übertreffen wird!
HG|2|126|14|0|Denn sie alle werden fragen kreuz und quer: ‚Warum sind wir denn da? Was soll aus uns werden? Wohin sollen wir gehen, was machen, warum? Wer und was sind wir denn?‘ und dergleichen mehreres.
HG|2|126|15|0|Aber es wird ihnen sodann keine Antwort werden wie dir jetzt! Die Antwort aber, die du jetzt empfängst von Mir, wird alsbald auf eine gar lange Zeit verlorengehen.
HG|2|126|16|0|Erst zum Ende der argen Herrschaft der Welt will Ich sie wieder kundgeben der Armut und Dürftigkeit, der Einfalt und der Unmündigkeit der harmlosen Kinder!
HG|2|126|17|0|Also aber lautet ganz kurz die Antwort: Der Mensch ist da des Lebens wegen, nicht aber etwa das Leben seinetwegen.
HG|2|126|18|0|Also ist der Mensch auch von Mir erschaffen worden, auf dass er aufnehme das Leben, aber nicht, auf dass ihn das Leben aufnehmen solle!
HG|2|126|19|0|Er ist nicht erschaffen worden in der Fülle des Lebens, sondern fähig nur, um diese nach und nach in sich aufzunehmen.
HG|2|126|20|0|Darum kann auch kein Mensch eher vollkommen wissen, was das Leben ist, als bis er dasselbe erst ganz vollkommen in sich aufgenommen hat.
HG|2|126|21|0|Niemand kann daher dem anderen das Leben durch alle Redekünste erweisen; wer aber das Leben hat, bei dem erweist es sich von selbst in aller Fülle, darum er dann ewig keines anderen Beweises bedarf, dieweil er in sich trägt die Fülle des Lebens selbst, welche da ist fürs Leben der allein fassliche und gültige Beweis.
HG|2|126|22|0|So aber da jemand das Leben nicht hat, womit soll er dann fassen das Leben?
HG|2|126|23|0|Also kann das Leben nur das Leben fassen, nicht aber auch der Tote! Dieser kann wohl durch seine notbelebte Seele nach und nach ins Leben übergehen, so er will in seiner Seele; fassen aber wird er das Leben doch nicht eher, als bis er es in der Fülle aufgenommen hat in sich.
HG|2|126|24|0|Siehe nun, darum auch bist du da! Nehme in dir auf das Leben, dessen wegen du da bist, so wirst du das Leben begreifen, wie es nun begreift der Henoch und ist darum erfüllt sein ganzes Wesen mit großer Freudigkeit!
HG|2|126|25|0|Gehe aber nun hin, öffne dein Herz, damit du des Lebens gewärtig wirst; dann aber komme wieder, um zu erfassen die Fülle des Lebens aus Mir! Amen.“
HG|2|127|1|1|Enos preist das Nichtsein
HG|2|127|1|1|Am 28. Juli 1842
HG|2|127|1|0|Diese Worte drangen dem Enos und auch so manchen anderen wie glühende Pfeile ins Herz, und er und ein jeder fing an, darüber in sich ganz ernstliche Betrachtungen zu machen.
HG|2|127|2|0|Er ging zwar auf seinen früheren Platz zurück, aber in seinem Herzen fing sich’s an ganz gewaltigst zu regen. Tausend Gedanken und Ideen tauchten gleich Feuermeteoren aus der Tiefe seiner Seele auf und durchzuckten gleich Blitzen dieselbe kreuz und quer und brachten in ihm gerade die Wirkung hervor, als wenn sie auf Augenblicke zur Nachtzeit die Gegenden der Erde erleuchten, die da auch durch die kurze Dauer des Blitzlichtes recht deutlich zu sehen sind, – wenn aber der Blitz erloschen ist, so wird aber dann auch sogleich die Nacht zehnfach ärger denn vor dem Blitz.
HG|2|127|3|0|Aber trotz solcher Lichtmeteore wollte sich in ihm doch kein bleibend Licht gestalten, darum dann unser Enos auch auf lauter Widersprüche kam, weil solch kurzes Leuchten bald da und bald wieder dort, also stets eine andere Gegend des Herzens erleuchtete und er dadurch auch stets anderer Ideen in sich selbst ansichtig wurde.
HG|2|127|4|0|Als er aber bei einer guten Stunde lang samt vielen anderen so recht wacker von all den tausend Gedanken und Ideen durchgehetzt wurde, da rief er endlich bei sich aus:
HG|2|127|5|0|„O Ruhe, du herrliche Ruhe, wie glücklich war ich stets in deinen Armen! Wie glücklich muss ich gewesen sein, da ich nicht war, und um wie vieles glücklicher noch würde ich nun erst werden, wenn es möglich wäre, wieder ins vollkommene Nichtsein zu übergehen!
HG|2|127|6|0|Ist der Mensch denn nicht schon glücklicher innerhalb der Wände seines Hauses, wenn es draußen so recht stürmt, tobt und braust, als wenn er sich draußen befindet mitten unter dem Stürmen und Kämpfen der Elemente, – und noch glücklicher dann, so er fest schläft, während draußen die Elemente die Erde zu vernichten drohen?!
HG|2|127|7|0|Welch ein endloser Unterschied ist da nicht zwischen mir und einem Stein!?
HG|2|127|8|0|Ich muss denken oder wenigstens träumen; mir ist die Empfindung unvertilgbar eigen und ihr zufolge Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Nacht, Tag, Schmerz und Leid; trete ich nur ein wenig aus der vorgezeichneten Ordnung, so werde ich alsbald zurechtgewiesen, und das allzeit mit mehr oder weniger klingenden Drohworten, durch welche dann allzeit wieder Reue meinem Herzen erpresst wird.
HG|2|127|9|0|Irre ich öfter, so werde ich allzeit dafür gezüchtigt, und das darum, weil ich das unglückselige Leben und mit ihm die Empfindung haben muss; o ihr elenden Vorzüge des Lebens vor dem Tode!
HG|2|127|10|0|Du glücklicher Stein, du bist da fest und stark, bist ohne Leben und Empfindung und bestehst doch gar wohl ohne Speise und Trank!
HG|2|127|11|0|Dich zerhetzen keine Gedanken und Ideen, du kennst kein Gesetz denn allein stumm das der allerglückseligsten ungestörten Ruhe, dir ist ewig fremd Hunger, Durst, Hitze und Kälte, dein aller Empfindung loses Sein verspürt keine Schläge und keinen Schmerz.
HG|2|127|12|0|Leid und Trauer kennst du nicht, du alterst nicht, die Liebe zerreißt dir kein Herz, da du Glücklichster keines hast!
HG|2|127|13|0|O du überaus beneidenswertester Stein, könnte ich sein dir gleich, wahrlich – und hätte ich tausend der vollkommensten Leben in mir –, so gäbe ich sie alle um ein Atom deines allerglücklichsten Wesens, vorausgesetzt, dass du wirklich also leblos und unempfindlich bist, wie du es zu sein scheinst!
HG|2|127|14|0|O großer, erhabener Schöpfer aller Dinge, jetzt hätte ich eine ganz andere Frage; die Beantwortung dieser Frage dürfte Dich sicher mehr kosten denn die frühere!
HG|2|127|15|0|Die Fülle des Lebens willst Du mir geben, um mich glücklich zu machen!? O des unglücklichsten Glückes!
HG|2|127|16|0|Gebe mir lieber ein vollkommenes Nichtsein, so wirst Du mich wahrhaft glücklich machen!
HG|2|127|17|0|Wie blind muss der sein und wie ein großer Tor, der da mag das stets gehetzte Leben glücklich preisen, welches, je vollkommener es ist, auch stets gehetzter und somit unglücklicher sein muss!
HG|2|127|18|0|Ich werde Dich, Du Leben alles Lebens, daher nicht ums Leben, sondern nur stets um den allervollkommensten Tod bitten!
HG|2|127|19|0|Denn da ich nicht war, war ich glücklich; und wenn ich wieder nicht mehr sein werde, werde ich auch wieder glücklich sein!
HG|2|127|20|0|O Herr, behalte, behalte Deine Lebensfülle, dies größte Unglück für jedes Wesen; mir aber gebe die Fülle des Todes, des Nichtseins Fülle gebe mir, so wirst Du mich wahrhaft glücklich, ja ewig glücklich machen!
HG|2|127|21|0|Zu einem Stein mache mich ohne Leben und Empfindung, so werde ich durch mein stummes Sein Dich loben und preisen dafür ewig! Amen.“
HG|2|128|1|1|Des anderen Abedams Beunruhigung über die unsinnige Lamentation des Enos
HG|2|128|1|1|Am 29. Juli 1842
HG|2|128|1|0|Es hatten aber mehrere vernommen die unsinnige Lamentation des Enos und wussten nicht, was sie daraus machen sollten.
HG|2|128|2|0|Selbst der Adam fing an, sich überaus hoch zu verwundern über solchen Sinn in seinem Enkel.
HG|2|128|3|0|Abedam, der andere, der sich noch stets in des Herrn Nähe aufhielt, aber trat nun schnell wie erschreckt zu Ihm und fragte:
HG|2|128|4|0|„O Du überheiliger und überliebevollster Vater! Was ist denn das für eine Erscheinung? Nein – fürwahr, – alle Gedanken hätte ich wenigstens – in einem Menschen eher gesucht denn diesen:
HG|2|128|5|0|Ein Mensch könnte das Leben in sich und in allen Brüdern in Deinem Angesichte verdammen und sich dafür von Dir den vollkommen ewigen Tod erbitten!
HG|2|128|6|0|Nein, das wäre sogar für einen Traum zu viel, – und der mag es offenbar aussprechen?!
HG|2|128|7|0|Anstatt Dir endlos ewig dankbar zu sein für das Leben, für dieses unendliche Wundergut Deiner Gnade und Erbarmung, verachtet er es auf eine Art, die bis jetzt nichts Ähnliches aufzuweisen hat!
HG|2|128|8|0|Er ist nicht blind, denn wäre er das, wie hätte er in diesem Zustand die Lebenshetzereien so erschaulich klar darstellen können?
HG|2|128|9|0|Er ist auch kein Tor, denn ein Tor wird wohl nie vermögend sein, die Vorteile des Nichtseins also erschaulich nachteilig allem Leben entgegenzustellen!
HG|2|128|10|0|Er ist auch durchaus nicht böse; denn er flucht niemandem, auch seinem größten Feind, nämlich dem Leben, nicht, – sondern nur los möchte er davon sein, wenn es möglich wäre!
HG|2|128|11|0|Ist sein Herz etwa über etwas ärgerlich gemacht worden?
HG|2|128|12|0|Auch das scheint eben nicht der Fall zu sein; denn er wünscht allen ja das nur, was er für sich als das Beste und Glücklichste erkennt, und nennt nur den blind und töricht, der sich das Leben wünscht, darin er für sich das größte Unglück erschaut!
HG|2|128|13|0|Das begreife nun, wer es will; ich aber würde eher begreifen, so mir jemand sagen würde, die ganze Erde bestehe aus lauter Schnecken und die Sonne aus Leuchtwürmern und faulem Holz, als das, was ehedem der Enos von sich gegeben hatte!
HG|2|128|14|0|Wahrlich wahr, Herr und Vater überheilig! Wenn ich so an Deiner Stelle wäre – vergebe mir meine mir altanklebende Dummheit! –, mit solch einem Menschen wüsste ich ganz rein nichts anzufangen! Denn möchte ich ihn belassen in seinem Verlangen und ihm geben nach seinem Wunsch, sodann ist mir ja meine ganze Liebe, Gnade und Erbarmung rein zu nichts; denn für den, der nicht ist, ist ja doch auch alle Liebe, Gnade und Erbarmung soviel als nichts!
HG|2|128|15|0|Erhalte ich ihn aber, so kann das ja doch unmöglich anders als allein auf dem Weg des Gerichtes geschehen; was ist aber dann ein gerichteter Geist, was sein Leben?
HG|2|128|16|0|Eine notbelebte substantielle Maschine ohne alle Freiheit, mit sich selbst im beständigen Widerspruch, – ein Sein ohne Sein, ein Leben ohne Leben!
HG|2|128|17|0|Wahrlich, wenn hier ein guter Rat nicht teuer wird, so wird er es in alle Ewigkeit nimmer!
HG|2|128|18|0|Wie ist es aber nur möglich, dass der Mensch eines solchen Gedankens fähig wird!
HG|2|128|19|0|Nein, das Leben fürs größte Unglück, den vollkommenen Tod aber fürs größte Glück ansehen, das ist zu viel auf einmal für meine arme Seele!
HG|2|128|20|0|Herr, Vater, Abedam, nur zwei Wörtlein gebe mir zur Beruhigung!
HG|2|128|21|0|Denn so hat mich noch nie etwas gehetzt und gedrückt wie dieses unsinnig sinnige Bekenntnis des Enos; daher helfe mir doch nach Deinem heiligen Willen aus diesem Dickicht heraus!“
HG|2|128|22|0|Und Abedam, der hohe, sagte darauf zum Abedam, dem anderen: „Ich sage dir, lasse die Sache vorderhand nur gut sein; es wird sich schon noch alles machen, und du wirst samt allen anderen schon auch zur rechten Zeit das wahre Licht empfangen!
HG|2|128|23|0|Nur solches muss Ich dir sogleich kundgeben, und das ist: Wenn du so an Meiner Stelle – wenn es möglich wäre – wärest, da sähe es mit solchen Todsüchtigen bei deiner sehr eminenten Weisheit wohl sehr bedenklich und überaus gefährlich aus!
HG|2|128|24|0|Aber Meine Weisheit ist da wieder viel gleichgültiger und nimmt sich die Sache nicht so schwer und genau wie die deinige.
HG|2|128|25|0|Daher werde Ich auch um viel leichteres ein passendes Gegenmittel finden, was da den Enos zurechtbringen wird, denn du.
HG|2|128|26|0|Daher sei du darob nur ganz unbesorgt und ruhig; denn es liegt ja nicht gar so was Großes daran, so der Schläfrige lieber schlafen möchte denn wachen.
HG|2|128|27|0|Hat er sich aber vollends ausgeschlafen und ist erwacht, dann frage ihn, was ihm da lieber ist, der Schlaf oder das heiterste Wachsein!
HG|2|128|28|0|Daher sei du nur ruhig; sollte etwa aber hier Meine Weisheit nicht auslangen, sodann werde Ich schon zu dir kommen, um Mir Rats zu erholen!
HG|2|128|29|0|Bis dahin aber sei, wie gesagt, nur ruhig! Amen.“
HG|2|129|1|1|Kenans Lied über das Leben
HG|2|129|1|1|Am 30. Juli 1842
HG|2|129|1|0|Diese kurze Vertröstung genügte vollkommen, nicht nur den anderen Abedam, sondern auch alle anderen aufgeregten Gemüter wieder zur vorigen Ruhe und Ordnung zu bringen.
HG|2|129|2|0|Nachdem sich somit wieder alles gegeben hatte, berief der hohe Abedam alsbald den Kenan zu Sich und sagte zu ihm:
HG|2|129|3|0|„Kenan, du wohlgeordneter Sänger Meiner Tage, Ich erblicke schon seit längerer Zeit ein gutes Lied in deiner Seele, und sehe, wie es dich drängt, darob du es von dir geben möchtest Mir zum feinen Preise; siehe, jetzt ist die Zeit da, und also gebe es von dir! Amen.“
HG|2|129|4|0|Diese Aufforderung war für den Kenan mehr, als so er alsogleich wäre von Mir zum ersten Lichtengel aller Himmel erhoben worden, und so fing er denn auch alsbald an, folgendes in ihm schon lange ruhende Preislied von sich zu geben, welches also lautete:
HG|2|129|5|0|„Heiliger Vater, Du ewige Liebe, Du endloser Gott, Du, ein Herr aller Stärke und Macht und der Kraft, welche endlose Fülle des Lebens in reinster Liebe bist Du!
HG|2|129|6|0|O Du heiliges Leben, Du reinste Wonne der Wesen, der Menschen und Engel, Du bist zu erhaben, zu herrlich, zu selig, als dass Du mit menschlicher Zunge gepriesen und würdig mit unseren kreischenden Worten gelobt könntest werden!
HG|2|129|7|0|Daher nimm auch dieses mein Loblied so auf, wie es ist gleich dem, der es hier, nichtig vor Dir, Dir zum Lobe und Preise darbringet!
HG|2|129|8|0|Das Leben, das Leben, wie süß ist das Leben, wie wundervollst herrlich für den, der es würdig und dankbarst genießet also, wie es Deine endlose Liebe, o heiliger Vater, ihm treu’st hat gegeben!
HG|2|129|9|0|Welch endlose Freiheit, und welche von jeglichem Zwange und Drucke befreite Fülle in jedem Gedanken und jeder Empfindung und Wendung des Geistes!
HG|2|129|10|0|Wo ist wohl der Ort, ja wo irgendein Punkt im unendlichen Raume, der fremd meinem Geiste soll bleiben, der nicht zu erschauen da wäre und nicht zu begreifen und fassen in all seinen Teilen?!
HG|2|129|11|0|Wo leuchtet die Sonne, wie schimmert aus endlosen Fernen ein leisester Strahl ihres leuchtenden Seins, das mein Geist erst in lange gemessenen Räumen der Zeit möcht’ erreichen?!
HG|2|129|12|0|O Menschen, o Brüder und Väter und Kinder! Versucht es einmal, – seht dort hinten gar tiefst an des Firmaments Ende, da schimmert ganz leise ein winzigstes Sternchen!
HG|2|129|13|0|Versucht es mit eurem Geist’ zu erreichen, und prüft dann die Zeit eurer geistigen Mühe, – ich sage: Mit eins werd’t ihr’s haben und innerlich schauen die herrlichsten Wunder des lieblichsten Lichtes!
HG|2|129|14|0|Dies Pünktlein dem fleischlichen Auge, wie groß ist’s dem Geiste, dem Leben aus Gott! Eine mächtige Sonne, voll Wunder des Lebens der Liebe des heiligen Vaters!
HG|2|129|15|0|O sehet, wie frei und wie leicht hat der ewige Geist unserer Herzen, dies wunderbar’ Leben in uns, all die endlosen Räume besieget; da stand er, in furchtbarer Tiefe ein mächtiger Held, und erschaute mit heiliger Scheue das schimmernde Pünktchen zu einer unnennbar erhabenen Sonne voll Wunder des Lebens der Liebe des heiligen Vaters erwachsen!
HG|2|129|16|0|O was ist das Leben?! – Du göttliches Leben, du schauest und denkst und empfindest die Wunder der göttlichen Milde und bist hier in aller der endlosen Fülle der Wunder gar selbsten der Wunder allgrößtes und schauest und fühlest und liebest den Vater, den ewig unendlich allmächtigen Schöpfer vor dir und in dir!
HG|2|129|17|0|O du herrliches Leben, welch heilig’s Geschenk bist du dem, das nicht war und nun ist und sich wonnevollst freuet im Angesicht Dessen des Seins, ja des ewigen Seins, der es unnennbar liebend für ewige Dauer aus Sich hat gestaltet!
HG|2|129|18|0|O Väter und Brüder und Kinder, hier ist Er, der Vater, der heilige Geber des Lebens; hier fallen wir nieder vor Ihm, vor dem Schöpfer, dem heiligen Vater, und danken und preisen in reinster Liebe der Herzen wir Ihn, da so liebvollst gegeben Er hat uns das herrliche, heilige Leben der Liebe aus Ihm!
HG|2|129|19|0|Sprechet Amen mit mir all ihr Väter und Brüder und Kinder!
HG|2|129|20|0|Und Du, o mein heiliger Vater, nimm gnädig dies kärgliche Liedchen so auf, als wär’s etwas vor Dir, und lass allzeit mich loben und preisen das herrliche Leben der Liebe aus Dir!
HG|2|129|21|0|O Du heiliger Vater! Dir Ehre und Lob ewig! Amen.“
HG|2|130|1|1|Kenan erlangt das ewige Leben und die Herrschaft über seinen Leib. Das Leben ist Herr über den Tod
HG|2|130|1|1|Am 1. August 1842
HG|2|130|1|0|Als somit der Kenan sein Lied nun ausgesungen hatte, bot ihm der Abedam die Hand und sagte zu ihm:
HG|2|130|2|0|„Kenan, siehe Meiner Treue Pfand – hier diese Hand, sie ist ein ewig unendlicher Zweig, ja ein starker Ast der Liebe in Mir oder die großwerktätige Liebe Selbst!
HG|2|130|3|0|Ich reiche sie dir und mit ihr das Leben alles Lebens; nehme es hin und lebe ewig!
HG|2|130|4|0|Jetzt erst bist du ein Herr deines Leibes geworden und kannst nun in diesem deinem irdischen Haus aus- und eingehen nach deinem Wohlgefallen.
HG|2|130|5|0|Willst du noch länger darinnen verweilen aus Liebe zu Mir und den Deinen, Ich sage es dir, solches steht dir frei.
HG|2|130|6|0|Willst du aber lieber aus dem Leib treten entweder auf immer oder unterdessen nur auf zeitweise, – siehe, auch solches steht dir vollkommen frei!
HG|2|130|7|0|Denn wahrlich, sage Ich dir, von nun an wirst du den Tod nicht mehr sehen, noch fühlen, noch schmecken; denn das Leben ist ein Herr des Todes, nicht aber umgekehrt.
HG|2|130|8|0|Wie sollte je der Tod ein Meister des Lebens werden, da ihm alle Freiheit mangelt und er somit selbst nur ist ein durch ein freies Leben gefangenes Leben, allerengst gefesselt in allen Teilen seines Wesens?!
HG|2|130|9|0|Des Leibes Leben aber ist ja der Tod oder das gefesselte und aller wahren Freiheit beraubte Leben!
HG|2|130|10|0|Wer sonach aber, wie du jetzt, in seinem Fleische gesiegt hat über dasselbe und sich dasselbe zinsbar gemacht in allen Teilen, ist der nicht ein Herr geworden vollkommen über allen Tod?
HG|2|130|11|0|Wenn er aber ein Herr geworden ist also über den Tod, und das vollkommen von der kleinen Zehe an bis zum Scheitel des Hauptes, wie sollte der je mehr den Tod schmecken, fühlen und sehen?!
HG|2|130|12|0|Ich sage dir und euch allen: Dessen Augen also gestärkt worden sind, dass sie enthüllt schauen können all die Dinge, welche dem Tode endlos ferne abstehen, und sein mattes Auge keine Ahnung hat von dem, was und wie sie sind an und in sich, der schaut alles das schon vollkommen aus seinem Leben heraus und schaut es eigentlich in seinem Leben selbst.
HG|2|130|13|0|Wer aber solches vermag in und aus sich, der vermag es doch sicher nicht aus seinem Tode, sondern aus seinem Leben nur!
HG|2|130|14|0|Wie sicher und gewiss ist der dann auch des Lebens, so er damit zum Leben selbst geworden!
HG|2|130|15|0|Also sei auch du, Mein geliebter Kenan, nun vollkommen sicher des Lebens, welches du nun durch deine Liebe zu Mir und somit zum alleinig wahren Leben selbst geworden!
HG|2|130|16|0|Denn von nun an wird dir keine Ewigkeit mehr dasselbe zu nehmen imstande sein, darum du selbst, wie gesagt, nun ein Leben aus Mir in dir geworden bist.
HG|2|130|17|0|Wie aber Ich ein Herr bin über alles Leben und also umso mehr noch über allen Tod, also bist auch du und ein jeder deinesgleichen aus Mir in sich ein vollkommener Herr seines Lebens und sogleich auch umso mehr noch über den Tod selbst.
HG|2|130|18|0|Wer aus euch aber hat es je gesehen, dass der auf dem Weg und auf den Feldern rastende Staub irgendeinen Wind erregt hat?
HG|2|130|19|0|Vermöchte er solches, so würdet ihr auch schon oft in euren wohlverschlossenen Gemächern das beobachtet haben, da es doch nicht selten recht viel Staub gibt!
HG|2|130|20|0|Wenn aber der freie Wind kommt, da hebt er den Staub auf von den Wegen und Feldern und trägt und führt denselben wirbelnd, wohin er zieht und will, darum er ist eine freie Kraft, und der Staub kann ihm nicht den Weg verrammen oder ihn gar zum Stillstand bringen.
HG|2|130|21|0|Wohl aber kann der Wind den Staub fallen lassen, wo und wann er will!
HG|2|130|22|0|Siehe, gerade also ist es auch mit dem Leben; dieses zieht frei einher, und da es zieht, übt es allenthalben und in allen seinen Teilen die vollkommenste Herrschaft über den Tod aus!
HG|2|130|23|0|Es kann den Tod erregen zum Mitleben; will es ihn aber fallen lassen, so kann es solches ebenfalls so frei tun, als denselben aufregen zum Mitleben.
HG|2|130|24|0|Und also bist du auch auf diese Weise ein Herr über dein Fleisch.
HG|2|130|25|0|Solange du dasselbe zum Mitleben erregen willst, so lange auch wird es mit dir leben.
HG|2|130|26|0|Willst du es aber fallen lassen auf zeitweise oder auf immer, so steht dir solches auch frei, darum du nun geworden bist vollends ein Leben und wirst als solches verbleiben vollkommener stets ewig! Amen.“
HG|2|131|1|1|Die Todesfurcht der Lebensverneiner enthüllt ihre Torheit. Das Gleichnis von der reifen und der unreifen Frucht
HG|2|131|1|1|Am 2. August 1842
HG|2|131|1|0|Nach dieser das wahre Leben erläuternden und gebenden Lehre ward der Kenan überfroh, und viele andere mit ihm, und alle dankten aus dem Grunde ihrer Herzen für diese große Enthüllung, aus der sie nun sattsam ersahen und erkannten, was das wahre Leben ist, wie es sich gestaltet, und wie es gar so deutlich unterschieden ist von dem Scheinleben des Fleisches oder vielmehr des Todes.
HG|2|131|2|0|Nachdem sie aber alle also dankten und lobten und priesen den hohen Abedam, da ward auch der Enos zu Tränen gerührt, kehrte sich um, und ging zerknirschten Herzens hin zum Vater.
HG|2|131|3|0|Als er aber allda langsamen und scheuen Schrittes anlangte, da bot ihm der Abedam alsbald Seine Hand und sagte zu ihm:
HG|2|131|4|0|„Nun, Enos, sage Mir, für was hast du dich entschlossen, – fürs Leben oder für die gänzliche Vernichtung?
HG|2|131|5|0|Glaube es Mir, es ist kein Ding, das da Mir unmöglich wäre; denn siehe, Ich sage deinetwegen nun zu diesem Berg dort, der da im Morgen noch gewaltig dampft, brennt und Feuer auswirft: Werde zunichte!
HG|2|131|6|0|Nun sehe hin! Siehst du noch eine Spur von dem Berg, der schon so vielen Jahrtausenden getrotzt hatte?
HG|2|131|7|0|Morgen wirst du auf der Stelle, die da vorher der große, hohe Berg eingenommen hatte, und welche nun einen ebenen Platz zehntausend Mannslängen in der Länge und siebentausend in der Breite ausmacht, schon den üppigsten Graswuchs und eine Menge edler Fruchtbäumchen dem neuen Boden entsprossend erschauen!
HG|2|131|8|0|Daraus kannst du nun schon entnehmen, dass Mir kein Ding unmöglich ist; und so denn gebe Mir kund, worüber Ich dich soeben fragte!“
HG|2|131|9|0|Der Enos aber, samt allen anderen fast ganz außer sich vor Schreck und dem odemhemmenden Erstaunen über diese so plötzliche, ganz unerwartete Erscheinung, welche zufolge der bedeutenden wunderbaren Nachthelle von allen gar wohl beobachtet werden konnte, war kaum imstande, auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen, sondern er fiel nur alsbald vor dem Herrn aller Macht nieder und flehte in seinem Herzen zu Ihm, dass Er ihn erhalten möchte und ihm vergebe seine großfrevelnde Torheit!
HG|2|131|10|0|Der Abedam aber stärkte ihn alsbald und hob ihn vom Boden und sagte dann zu ihm:
HG|2|131|11|0|„Enos, siehe, also, wie du, ist jeder Tote beschaffen! Wenn er auch nicht also spricht, wie da du ehedem gesprochen hast, so handelt er aber dennoch also, als wäre ihm der Tod offenbar lieber denn das allervollkommenste Leben.
HG|2|131|12|0|Sieht aber der also Handelnde den Tod des Leibes herannahen, da erschrickt er dann und fängt an, zu zagen und zu verzweifeln.
HG|2|131|13|0|Ich aber frage hier: Warum bleibt denn solch ein Tor sich dann nicht beständig?
HG|2|131|14|0|Warum fürchtet er dann die Vernichtung, für die er doch durchs ganze Leben so entschieden gearbeitet hatte?
HG|2|131|15|0|Ich antworte hier aber an deiner Stelle und sage:
HG|2|131|16|0|Solange der Tote noch die Kraft des Lebens in sich gewahrte, war er wie ein Herr über den Tod und hatte keine so grobe Furcht vor ihm, da er als der also Lebende nicht wissen kann in der freien Anschauung der Dinge um sich, wie er im Tode und der Vernichtung für sie keine Sinne mehr haben wird.
HG|2|131|17|0|Wenn er aber merkt, dass die Kraft seines Scheinlebens schwindet, seine Sinne schwächer werden und somit auch die Dinge um ihn zu verschwinden anfangen, und er somit auch anfängt, die Macht des Todes und das Schreckliche des Nichtseins zu empfinden und den Druck der Vernichtung, dann auch erst gewahrt er den großen Unterschied zwischen Tod und Leben!
HG|2|131|18|0|Da wird er alles versuchen und aufbieten, was ihm das Leben wiederbringen möchte!
HG|2|131|19|0|Doch hier sage auch Ich: Es wird am Ende für gar viele zu spät werden!
HG|2|131|20|0|Denn das wahre, unvergängliche, herrschende, freie Leben gleicht einer vollreifen Frucht, das Natur- oder Fleischleben aber einer unreifen.
HG|2|131|21|0|Bei der reifen Frucht ist der Kern frei und fest geworden, und so kann die äußere, den Kern früher ernährende Fleischhülle ohne den geringsten Nachteil für den vollends lebendigen Kern selbst vom selben getrennt werden; denn da hat der Kern schon alles Leben in sich aufgenommen, empfindet keinen Tod mehr, sondern nur ein abgeschlossenes, volles Leben in sich selbst, welches nirgends mehr mit der äußeren Fleischmasse in irgendeiner notwendigen Verbindung steht, darum diese auch, wie gesagt, ohne den allergeringsten Nachteil für die Frucht des Kerns abfallen kann.
HG|2|131|22|0|Aber wie ganz anders verhält sich die Sache bei einer unreifen Frucht, allda die äußere Masse mit dem Kern noch ein mattes Leben lebt, da der Kern stirbt, wenn die äußere Masse zu sehr verletzt wird!
HG|2|131|23|0|Daher sorge ein jeder für die Vollreife seines Geistes, welche dann erfolgen wird, wenn sich der Geist von allen Begierdefäden und Fasern des Fleisches losgemacht haben wird!
HG|2|131|24|0|Hat jemand das erreicht, so ist er auch ein Herr des Lebens geworden.
HG|2|131|25|0|Wie aber alle Früchte nur an der Sonnenwärme reifen, also werdet auch ihr an, in und durch die Wärme Meiner Liebe in euch zu Mir lebensreif.
HG|2|131|26|0|Und so denn werde auch du, Enos, einmal vollends lebensreif hier an der Brust, die so endlos übervoll ist des alleinig wahren, allerewigsten und allerfreiesten, mächtigsten und allerseligsten Lebens!
HG|2|131|27|0|Verstehe es wohl, und lebe sonach wahrhaft allzeit und ewig! Amen.“
HG|2|132|1|1|Über die Vergänglichkeit der Dinge
HG|2|132|1|1|Am 3. August 1842
HG|2|132|1|0|Diese heiligen Worte Abedams brachten den Enos zwar vollkommen zu sich, aber wenn er hinblickte gen Morgen und nicht mehr sah den altgewohnten Berg, so erschauerte er noch durch und durch, und er konnte sich in dieser nun ganz veränderten Gegend nicht finden und so sich recht verstehen.
HG|2|132|2|0|Aber dieses ungewohnte Aussehen der Gegend war es nicht allein, was ihn so ganz heimlich in sich erschauern machte, sondern der durch diese Erscheinung stets lebendiger werdende alte Gedanke an die Vergänglichkeit aller Dinge.
HG|2|132|3|0|Das war sonach für unseren Enos noch eine starke Klippe im Meer des sturmbewegten Lebens.
HG|2|132|4|0|Da aber natürlicherweise solches doch vor dem hohen Abedam nicht verborgen sein konnte, so sagte dieser alsogleich zu ihm:
HG|2|132|5|0|„Enos, was nagt an deiner Seele? Siehe, Ich bin noch hier und habe Meinen Mund nicht geschlossen! Weißt du denn noch nicht, dass nur Ich allein auf jegliche Frage eine lebendig wahre Antwort zu geben vermag und will demjenigen, der Mich darum fragt?
HG|2|132|6|0|Doch Ich kenne dein Gemüt, so will Ich dir denn auch die Frage erlassen und dir eine gute Antwort geben auf das, darob du dich zeitweise schon von jeher gekümmert hast in deinem Herzen und dich jetzt umso mehr kümmerst, da du von der vor deinen Augen stehenden Erscheinung zu dem Ende noch mehr und lebendiger überzeugend bestärkt worden bist.
HG|2|132|7|0|Siehe, dich drückt die Vergänglichkeit der geschaffenen Dinge, darum du dich beständig grübelnd fragst: ‚Was wird denn aus dem Leib werden, so ich Geist und Seele ihn werde dereinst ablegen müssen?
HG|2|132|8|0|Warum darf und kann denn der Leib nicht mit dem Geist verschönert, verherrlicht und durch und durch lebendig dauerhaft für ewig vereint bleiben?‘
HG|2|132|9|0|Und da dich jetzt das plötzliche Zunichtewerden des Berges, die sichere Vergänglichkeit noch mehr vor die Augen gestellt, eben in dieser deiner alten Grübelfrage bestärkt hatte, so erschauerst du nun auch umso mehr, je öfter du hinblickst an den Ort, da erst vorgestern Morgen Adam in der prophetischen Meinung war, dass vor eben dem Berg, vor dem er als erster Mensch der Erde nun tiefseufzend trauert und weint, auch dereinst der Erde letzter trauern und vergehen werde.
HG|2|132|10|0|Da Ich aber jedoch ein besserer Prophet in der höchsten Fülle aller Meiner unendlichen Weisheit bin denn der damals ganz umsonst und ganz töricht trauernde Adam, so sage Ich dir fürs Erste, dass die damalige Vorsage Adams so gut wie ganz vollkommen leer war, aus dem Grunde hauptsächlich Ich auch bei dieser Gelegenheit diesem verhängnisvollen Berg ein Ende machte und somit auch der noch verhängnisvolleren Vorsage Adams!
HG|2|132|11|0|Was aber deine Gemütsfragen betrifft, so sage Ich dir fürs Zweite, dass sie noch um sehr vieles leerer sind denn die Vorsage Adams.
HG|2|132|12|0|Wie kannst du dir denn aber auch nur im Traume von einer Vergänglichkeit der Dinge etwas beifallen lassen?
HG|2|132|13|0|Glaubst denn du, ein Ding vergehe darum, so es aus deiner fleischlichen Augen trugvollster Sichtbarkeit tritt?!
HG|2|132|14|0|O du schwachsinniger Denker und Seher! Sind denn nicht alle Dinge nichts anderes als allein nur Meine durch die Liebe festgehaltenen Gedanken?
HG|2|132|15|0|Und die Geister aber freigestellte Ideen Meiner Liebe, darum sie alle haben einen freien Willen und ein freies für sich selbst abgeschlossenes Leben?
HG|2|132|16|0|Wenn Ich nun einen festgehaltenen Gedanken von Mir wieder freilasse, sage: ist er darum denn wirklich vergangen, wenn Ich ihn von den festhaltenden Banden der Liebe befreit habe und er nun wieder aufsteigt in den großen Kreis Meiner Geister, welche da gleich geformten Feuerflammen alle Unendlichkeit erfüllen?!
HG|2|132|17|0|Oh, Ich sage es dir, auch das erste Moospflänzchen, das der ersten Meeresklippe dieser Erde entspross, besteht und lebt sogar in diesem Meinem großen Kreis gar wohl noch fort, – und der Erde letztes wird dereinst dieses sein Vorurgroßväterchen brüderlich lebendig treffen!
HG|2|132|18|0|Also ist auch dieser Berg nur gelöst, aber nicht vernichtet worden, –
HG|2|132|19|0|und umso weniger wird das dereinst dieser dein Leib des Geistes!
HG|2|132|20|0|Wie er aber ist, kann er nicht bestehen in die Länge; wohl aber wird er nach und nach dem vollendeten Geist gereinigt wiedergegeben werden, wenn auch nicht in dieser Form mehr, so aber doch als ein ewig unzerstörbares geistiges Kleid.
HG|2|132|21|0|Darum soll auch niemand Frevel und Sünde treiben mit seinem Leib; denn der solches täte, der wird dereinst auch mit zerrissenen Kleidern im Geiste einhergehen müssen!
HG|2|132|22|0|Und so denn gibt es keine Vergänglichkeit der Dinge, wohl aber eine Löse derselben.
HG|2|132|23|0|Solches also verstehe wohl, und sei vollends ruhig! Amen.“
HG|2|133|1|1|Das Wesen der geistigen, seelischen und fleischlichen Zeugung
HG|2|133|1|1|Am 4. August 1842
HG|2|133|1|0|Als nach dieser Enthüllung alle die Väter – selbst der Adam nicht ausgenommen – vollends zufriedengestellt wurden und nach der inneren Beheißung Abedams zurückwichen auf ihren vorigen Platz, und das natürlicherweise mit dem dankbarsten Herzen, da berief der hohe Abedam den Mahalaleel zu Sich und sagte zu ihm:
HG|2|133|2|0|„Mahalaleel, weißt du jetzt schon alles, was da dir und der ganzen Nachwelt aus dir frommen möchte?
HG|2|133|3|0|Ist dir nichts mehr fremd, so magst du ja wohl mit einer neuen Frage daheim verbleiben; hast du aber noch irgend etwas Dunkles im Hinterhalt, da trete nun damit ans Licht, – denn es soll keine finstere Kluft in eurem Herzen übriggelassen werden!
HG|2|133|4|0|So du also etwas weißt und findest, das dich drückt, da gebe es von dir, wie schon gesagt! Amen.“
HG|2|133|5|0|Der Mahalaleel besann sich eine Zeit lang; denn er hatte wohl eine gute Frage, aber nur ans Licht getraute er sich nicht damit.
HG|2|133|6|0|Da aber der Abedam sah seine Aufrichtigkeit darinnen, der zufolge er – der Mahalaleel nämlich – niemandem, besonders aber der holden, jungen Pura, welche sich noch immer knapp am Abedam befand, ärgerlich werden wollte, so sagte Er zu ihm:
HG|2|133|7|0|„Mahalaleel, Ich kenne den redlichen Sinn deines Herzens, darum auch will Ich dir deine aufzustellende Frage erlassen und dir alsogleich eine gute Antwort geben auf die stille Frage deines Gemütes. Und so höre denn du und ihr alle:
HG|2|133|8|0|Was da die naturmäßige Zeugung betrifft, die der Mensch zumeist mit den Tieren gemein hat, so kann diese nicht umgeändert werden im Allgemeinen, wohl aber in ganz besonderen, geistig ausgezeichneten Fällen. Denn durch die fleischliche Zeugung, wie sie besteht, wird weder der Geist, noch die Seele gezeugt, sondern allein ein fleischlicher Leib, welcher im Mutterleib vorerst vollends ausgebildet werden muss, bevor er zur Aufnahme der Seele und diese dann zur Aufnahme des Geistes befähigt wird; und so hat alles seinen guten Grund und besteht aus seiner guten Ordnung.
HG|2|133|9|0|Das Fleisch zeugt das Fleisch, die Seele die Seele und der Geist den Geist!
HG|2|133|10|0|Wie aber und warum also, solches verstehe, und höre es darum:
HG|2|133|11|0|Ihr wisst es, dass da alles aus dem Bereich des Geistigen, welches das allein Kräftige und eigentlich Substantial-Wesenhafte ist, nur auf dem Wege des entsprechenden Gegensatzes in die Erscheinlichkeit treten kann. Dieser Gegensatz ist ein Bemühen der eigentlichen Hauptkraft, sich selbst aufzuhalten und zu nötigen, damit sie sich dadurch selbst manifest werde.
HG|2|133|12|0|Nun denke dir deinen Geist! Wodurch manifestiert er sich?
HG|2|133|13|0|Siehe, durch die Sichselbstergreifung, welches da ist die Liebe im reinsten Sinne oder die Liebe zu Mir! Ohne diese Ergreifung wird sich der Geist nie als selbständig erkennen, sondern wird stets nur ein sich selbst unbewusster Teil Meines unendlichen allgemeinen Geistes verbleiben.
HG|2|133|14|0|Dasselbe ist auch der Fall mit der Seele, welche da ist im allgemeinen Sinne das gesamte vegetative Leben der gesamten Naturwelt. In ihrer Allgemeinheit ergreift sie sich oder kann sich in zahllosen Punkten ergreifen, allda dann auch die Dinge sichtbar zu werden anfangen nach der Ordnung, die Ich in die allgemeine Seele gelegt habe.
HG|2|133|15|0|Das aber ist dennoch nur eine stumme, sich unbewusste Nötigung oder Zeugung der Seele durch die in ihr bestehende Ordnung aus Mir.
HG|2|133|16|0|Sich selbst bewusst wird die Zeugung nur dann, wenn irgend sämtliche Teile der allgemeinen Seele sich ergreifen und sich nötigen, darum sie sich dann näherkommen, sich endlich drängen und erbrennen.
HG|2|133|17|0|Da es dann licht wird in ihrer Mitte, so erkennen sie sich und ergreifen sich zu einem vollends abgesonderten Ganzen.
HG|2|133|18|0|Dieser Seelenzeugungsakt geschieht durch das, was da verstanden wird unter der Nächstenliebe. Also erkennt der Mensch den Menschen dann fortwährend durch die Nächstenliebe; wem diese fremd ist, dem bleibt auch fremd sein Bruder.
HG|2|133|19|0|Nun siehe, nach diesen zwei inneren Vorzeugungen kann sich dann auch das Fleisch ergreifen in seinem Gegensatz, kann sich da nötigen und zwängen.
HG|2|133|20|0|Durch diese Nötigung geht dann ein Gegensatz in den anderen über, ergreift sich da, und so wird zwischen zwei äußeren Gegensätzen ein für sich bestehendes Medium gebildet, welches, je nachdem es sich bei dem Akt dem einen oder dem anderen Gegensatz genähert hatte, auch entweder dem einen oder dem anderen beschaffenheitlich entsprechen muss zufolge Meiner Ordnung auch im Fleische, welche da heißt eine gerechte Selbst- oder Fleischliebe.
HG|2|133|21|0|Siehe, darum ist somit die Fleischliebe und die ihr entsprechende Zeugung ja ebenso gerecht wie die des Geistes und die der Seele, wenn sie geschieht in Meiner gesetzten ewig bestehenden Ordnung.
HG|2|133|22|0|Ist sie aber der entgegen, dann ist sie eine Zeugung des Todes statt des Lebens und ist daher eine grobe Sünde, weil durch sie das Leben der Seele und des Geistes sogar untergraben und verstört wird.
HG|2|133|23|0|Solches also versteht auch alle wohl, und tuet danach, so werden alle eure Zeugungen gerecht sein und Mir wohlgefällig! Amen.“
HG|2|134|1|1|Abedam warnt Mahalaleel vor der Geschwätzigkeit
HG|2|134|1|1|Am 5. August 1842
HG|2|134|1|0|Hierauf erst konnte der Mahalaleel seinen Mund öffnen und folgendes sagen:
HG|2|134|2|0|„O Du heilige, große Wahrheit, Du ewiges Licht alles Lichtes, welch eine Tiefe, welch eine Fülle der heiligen Ordnung in Dir, Du allerliebevollster Vater!
HG|2|134|3|0|O wenn ich dieses alles auch so recht fassen könnte!
HG|2|134|4|0|Aber, o liebevollster heiliger Vater, da sieht es sehr locker aus in meiner Seele!
HG|2|134|5|0|Der Geist zeugt den Geist, die Seele die Seele, und das Fleisch wieder das Fleisch!
HG|2|134|6|0|Und alles also, dass da eines besteht im anderen und also auch durcheinander, so zwar, dass da auch eines aus dem anderen hervorgeht und eines das andere bedingt; eines ist da fürs andere.
HG|2|134|7|0|Aus dem All der Dinge ist der Mensch in seiner Vollendung, und diese ist das Endziel alles Geschaffenen!
HG|2|134|8|0|O Vater, wie unendlich groß ist Deine Weisheit! Du redest nie ein Wort umsonst, und jedes Wort aus Deinem Munde ist in der allerhöchsten Fülle wesenhaft wahr.
HG|2|134|9|0|Solches alles weiß ich lebendig in mir und sehe auch so manches ein; aber alles dessen ungeachtet muss ich mir leider doch wieder das traurige Zeugnis geben, dass mir von Deiner früheren Gnade so manches, ich will gerade nicht sagen, gänzlich, aber doch nahe – zum größten Teil – eben nicht unverständlich, aber dennoch so gewisserart dunkel war! Das heißt, was das Wort betrifft allein für sich, so habe ich wohl jedes sehr genau verstanden; nur hinter dem Wort, – ich will hier eigentlich sagen, dasjenige, was Du sicher so ganz eigentlich hast damit bezeichnen wollen, oder vielleicht den inneren Sinn betreffend, – siehe, o liebevollster, heiliger Vater, das ist es, wo ich mich nicht so ganz vollends zurechtfinden kann!
HG|2|134|10|0|Ich weiß es nur zu außerordentlich gut, dass einzig und allein nur ganz vollkommen ich selbst daran schulde; aber es ist mir mit dieser etwas traurigen Wissenschaft dennoch nicht geholfen, da ich deshalb dennoch nicht des Wortes innere Gemächer beschauen kann!
HG|2|134|11|0|Darum habe ich Dich, o liebevollster Vater, bitten wollen, so es Dir gefiele, dass Du mir auch im Hintergrund dieser Deiner überheiligen Worte möchtest nur ein kleinwinzigstes Lichtchen anzünden; sonst schaue ich die Sache wie in einer nächtlichen Dunkelheit an!
HG|2|134|12|0|Aber nur, wenn es Dir wohlgefiele, – wie schon gesagt! Amen.“
HG|2|134|13|0|Der Abedam aber sagte alsogleich darauf zu ihm: „Mahalaleel, warum brauchst denn du so viele Worte dazu, was du sehr leicht mit einem sagen könntest und zwar also:
HG|2|134|14|0|‚Ich bin blind, Vater; mache, dass ich sehe!‘
HG|2|134|15|0|Siehe, das wäre ja genug; wozu denn so viel leeres, die eigene Blindheit mehr entschuldigendes als beschuldigendes Geschwätz?!
HG|2|134|16|0|Ich sage dir aber, dass da eben diese deine feine Geschwätzigkeit daran schuldet, dass du im Hintergrund Meiner Worte kein Licht zu erschauen vermagst.
HG|2|134|17|0|Tue sie von dir, und werde ein gerader, offener Mensch – und kein Bückling, so wirst du alsbald ganze Sonnenheere hinter Meinem Wort erschauen, welche dir alle die inneren Gemächer Meines Wortes zur Übergenüge erleuchten werden!
HG|2|134|18|0|Denn jede feine Rede ist ein duftender Opferrauch fürs eigene Herz; wenn aber das Herz also umnebelt ist, wessen Schuld ist’s dann, wenn selbst des hellsten Lichtes Strahlen nur matt schimmernd zum Herzen gelangen und da kaum des Herzens Äußeres ein wenig beschimmern, das Innere aber vollends unerleuchtet lassen?
HG|2|134|19|0|Also, wie gesagt, weg mit der Feinrederei, so wird das Herz des Lichtes alsbald in der gerechten Menge haben!
HG|2|134|20|0|Gehe aber hin zu einem oder dem anderen, und du wirst keinen finden, der sich da beklagen möchte über irgendeine Dunkelheit in Meinem Wort; ja selbst dieses arme Mädchen aus der Tiefe kannst du fragen, und sie wird dir mit wenigen Worten zeigen, ob sie im Hintergrund Meiner Worte kein Licht angetroffen hatte!
HG|2|134|21|0|Ich meine aber, es wird hinreichend sein Mein Zeugnis und wird nicht nötig sein, sich eigens darum zu erkundigen, ob diejenigen Mein Wort verstanden haben, von denen Ich Selbst aussage, dass sie es verstanden haben!
HG|2|134|22|0|So du aber ablegen wirst deine Feinrederei, da wirst du auch aller derjenigen im Geiste ansichtig werden, welche da im Hintergrund Meines Wortes recht sehr viel Lichtes haben!
HG|2|134|23|0|So du aber nach deinem Wort verstehst, dass da eine Zeugung durch die andere bedingt wird, und dass alles in- und durcheinander entsteht und besteht, und endlich, dass der vollkommene Mensch der lebendige Endzweck aller Dinge ist – welches alles ganz richtig ist –, da setze nur eine gerechte Portion reiner Liebe hinzu, so wirst du gar bald und leicht erschauen, was alles da in den inneren Gemächern Meines Wortes noch verborgen ist.
HG|2|134|24|0|Denn die Liebe ist der Schlüssel, mit dem jeder alle die verschlossenen Gemächer Meines Wortes eröffnen kann.
HG|2|134|25|0|Tue also das, so wirst du sofort nicht mehr nötig haben, dich über die nächtliche Dunkelheit in den Gemächern Meines Wortes so feinredig zu beklagen!
HG|2|134|26|0|Solches fasse, – und handle danach! Amen.“
HG|2|135|1|1|Die ordnungsgemäße Zeugung
HG|2|135|1|1|Am 9. August 1842
HG|2|135|1|0|Als der Mahalaleel diese Lektion vom hohen Abedam vernommen hatte, war er auch vollends zufriedengestellt, dankte mit dem gerührtesten Herzen und wollte sich entfernen; aber der Abedam sagte zu ihm:
HG|2|135|2|0|„Mahalaleel, Ich sage dir, bleibe noch, denn dein Herz ist noch nicht völlig erleuchtet, darüber du hast gestellt deine Frage! Also aber, wie du bist, möchtest du aus dir noch in so manche Irrtümer geraten; darum soll dir noch mehr Lichtes werden!
HG|2|135|3|0|Siehe, du bist zwar mit allem einverstanden, was Ich dir kundgab über deine Frage; aber nur in dir selbst erschaust du noch den rechten Grund dessen nicht, darum Ich dir die blinde oder ungeordnete Zeugung als sündhaft dargetan habe, und so will Ich dir denn auch diesen Grund zeigen.
HG|2|135|4|0|Also aber lautet dieser: Alles, was da Seele heißt und im freien Zustand die ganze unendliche Räumlichkeit erfüllt und im Geisterreich eine zu bewohnende Unterlage ist für alle zahllosen Heere der Engel und Geister aller Arten, sind Meine freien, noch ungefesteten Gedanken; diese Meine stets lebendigen Gedanken erfüllen aber nicht alles das bereits Gesagte, sondern sie sind auch die lebendigen Gefäße oder Träger des Lebens aller Wesen aus Mir.
HG|2|135|5|0|Nun achte wohl: Wenn Ich da will einen Meiner Gedanken fangen und dann festhalten, so umfasse Ich ihn mit Liebe! Wenn solches geschehen ist, dann auch kann der von Meiner Liebe ergriffene Gedanke sich nicht mehr gleich den zahllos anderen nicht ergriffenen aufschwingen in die unendlichen Kreise Meines eigentlichen göttlichen Seins und Wirkens, sondern er bleibt dann schon als eine beständige Form lebendig wie vor Mir; soll dann aber diese Form sich selbst vor Mir bewusst werden, so wird diese also gestellte Form nicht nur von Meiner Liebe umfangen, sondern auch allenthalben durchdrungen.
HG|2|135|6|0|Dadurch geschieht dann ein Drängen und ein Reiben zwischen der Form und der Liebe. Was aber ist die natürlichste Folge solchen Drängens?
HG|2|135|7|0|Nichts anderes, als dass die durch die Liebe von allen und in allen Teilen bedrängte Form anfängt, einen Widerstand zu leisten, wenn sie von der Liebe zu sehr in Beschlag genommen.
HG|2|135|8|0|Da aber ferners bei jeder Nötigung und Drängung hauptsächlich der Mittelpunkt doch sicher die zumeist bedrängte Stelle jeder vollkommenen Form ist, so leistet sie auch allda in der ganzen Form sicher den größtmöglichsten Widerstand.
HG|2|135|9|0|Wo aber der größte Widerstand ist, da ist auch die Tätigkeit am größten.
HG|2|135|10|0|Ihr wisst aber alle schon aus eigener Erfahrung doppelt, dass da bei allen übermäßig starken Drängungen Entzündungen bewirkt werden, wie zum Beispiel wenn jemand zwei Stücke Holz sehr fest aneinander reiben möchte, da sie sich dann bald entzünden würden, oder zwei Steine.
HG|2|135|11|0|Oder wenn jemand von euch da wird von etwas befangen, entweder von der Widerspenstigkeit eines anderen oder von irgendeinem Anblick, der ihm äußerst angenehm ist, und so auch noch entweder von etwas arg Gehörtem oder von vorteilhaftest Vernommenem, wodurch doch sicher ein jeder bei solcher Gelegenheit ein gewisses Erbrennen seines Herzens notwendig gewahren muss!
HG|2|135|12|0|Siehe, jetzt haben wir die Sache schon! Da eben solches Erbrennen allzeit mit einer leuchtenden Flamme verbunden ist, welche da gleich ist dem Leben Meiner ewigen Liebe Selbst, da wird ja die von der Liebe gefangene und gedrängte Form doch notwendig durchleuchtet, geht endlich selbst in allen ihren Teilen in die Bewegung der vom Mittelpunkt aus emporlodernden Flamme über, wird dadurch lebendig und im eigenen Licht sich selbst frei bewusst.
HG|2|135|13|0|Will Ich dann auch, dass ein solcher auf diese Art gehaltener Gedanke fortbestehe, so wird er alsbald solid und bleibt immerdar dann wie vor Mir.
HG|2|135|14|0|Will Ich aber nicht, so ziehe Ich Meine Liebe wieder hinweg aus und von der Form; diese wird dann wieder frei und flott und steigt wieder, freilich dann nur allein Mir sichtbar bewusst wie dir dein eigener Gedanke, empor in die unendlichen Kreise Meiner Göttlichkeit!
HG|2|135|15|0|Siehe, das ist Meine Ordnung, aus welcher alle Dinge hervorgegangen sind! Wenn du nun zeugst deinesgleichen aus dieser Ordnung heraus, aus der du von Mir Selbst bist geschaffen und gewisserart gezeugt worden, so ist deine Zeugung ja gerecht, da sie ist in der Ordnung, in welcher Ich Selbst bin.
HG|2|135|16|0|Zeugst du aber nur blind und taub, dann zeugst du nicht, sondern zerstörst nur, was Ich Selbst fürs ewig freie Sein geschaffen und gezeugt hatte, und das ist dann doch natürlich wider Meinen Willen, welcher – wie Ich ehedem gezeigt – ja nur allein ist das eigentliche fest bestimmte Sein jedes von Mir gezeugten und geschaffenen Wesens.
HG|2|135|17|0|Solchem Meinem Willen entgegenhandeln aber ist ja die Sünde oder der Tod des von Mir gezeugten Wesens!
HG|2|135|18|0|Daher muss die Zeugung in aller Ordnung geschehen!
HG|2|135|19|0|Nun erst hast du Licht und kannst dich begeben auf deinen Platz! Amen.“
HG|2|136|1|1|Mahalaleels Freude. Freudentränen sind dem Herrn angenehmer als Tränen der Reue
HG|2|136|1|1|Am 10. August 1842
HG|2|136|1|0|Das hatte dem Mahalaleel erst die Augen geöffnet, und er ward voll Dankes in seinem Geist darob und freute sich sehr, dass er deshalb förmlich in die Höhe zu hüpfen anfing, darum er nun begriffen hatte des göttlichen Wortes Gnadensinn.
HG|2|136|2|0|Es standen aber einige und fragten sich gegenseitig: „Was ist es denn, darüber sich der Vater Mahalaleel gar so freut?
HG|2|136|3|0|Die Worte Abedams sind wohl erhaben und heilig wie allzeit und ewig; ob sie aber jemanden gerade zu einer solchen nahe ausgelassenen Fröhlichkeit stimmen sollen, das lassen wir dahingestellt sein!
HG|2|136|4|0|Wir sind schon zufrieden, so wir nur kümmerlich verstanden haben den sehr geheimnisvollen Sinn dieser erhabenen Worte aus dem Munde des Allerhöchsten.
HG|2|136|5|0|Aber wie jemand da, wo man von der allertiefsten Ehrfurcht nur in den Staub seiner Nichtigkeit hinabsinken sollte, also über alle Maßen fröhlich und jubelheiter werden kann, das begreife, wer es mag, kann und will; wir aber bleiben so recht hübsch bei unserer erhabenen Ehrfurcht daheim!
HG|2|136|6|0|Mahalaleel aber war ja stets ein zeitweiliger Sonderling; warum sollte er das gerade jetzt nicht sein?! Nein, aber nein! Da seht nur einmal hin, wie der alte Vater noch gleich einem Hirsch springen kann!“
HG|2|136|7|0|Es ließ aber der Abedam zu, dass das Angesicht des so über die Maßen fröhlichen Mahalaleels alsbald leuchtend ward gleich den lichten, roten Morgenwölkchen, wenn sie zuerst von den Strahlen der aufgehenden Sonne berührt werden.
HG|2|136|8|0|Da aber solches die Krittler und Verwunderer bemerkten, erschraken sie gewaltig und gerieten in eine große Verwirrung; denn sie meinten nun, dass sie durch ihre Bemerkungen gesündigt hätten!
HG|2|136|9|0|Aber alsbald richtete der hohe Abedam Sich auf und richtete folgende Worte an sie, sagend nämlich:
HG|2|136|10|0|„Kinder des Mittags! Was bebt ihr nun allhier vor dem Angesichte eines Fröhlichen, dessen Herz voll Freuden geworden ist, darum er verstanden hatte und aufgenommen Meine Gnade?
HG|2|136|11|0|Hat euch euer schalkhaftes Wort denn keine Interessen getragen für euer Gemüt, darum es nun also wankt und bebt, als wäre es begraben in aller Sünden Nacht und Schlamm?
HG|2|136|12|0|O ihr noch starken Toren! Was ist denn besser: Angst oder Freude vor Mir?
HG|2|136|13|0|Wahrlich, wahrlich, wer da noch in aller ängstlichen Ehrfurcht steht vor Mir, der ist auch noch nicht rein; denn nur ein wankendes, unlauteres und darum schwaches Herz, welches noch nicht eins geworden ist mit Meinem Willen, fürchtet sich vor Mir, dem allmächtig Starken, ewigen Gott.
HG|2|136|14|0|Aber ein Herz, das da in dem allmächtig starken ewigen Gott in aller Liebwärme den liebevollsten Vater treulichst erkannt hatte und Seine große Gnade, das verlernt die Angst und die große Furcht vor Dem, den es nur über alles lieben soll, und tut dafür, was da nun getan hatte der Mahalaleel.
HG|2|136|15|0|Sagt nun selbst, was da wohl höher steht bei Mir: entweder ein ängstliches oder ein in Meinem Namen überfröhliches Herz?
HG|2|136|16|0|Ich sage euch aber: Wenn schon die Tränen der Reue gerecht und Mir wohlgefällig sind, so stehen aber doch die Tränen der Freude in Meinem Vatersnamen um so vieles höher, als da die Sonne steht über der Erde am hellen Mittag.
HG|2|136|17|0|Denn die Tränen der Reue besagen, dass da jemand gewahr worden ist seines großen Liebe- und Treueabstandes von Mir und wird dann wieder von der Sehnsucht beseelt, wieder zu Mir, dem Vater, zurückzukehren.
HG|2|136|18|0|Die Freudentränen aber sind dagegen doch sicher ein Zeichen des vollen Wiederfindens, wo sich der Sohn freut, darum er den Vater gefunden, der Vater aber, darum Er den Sohn wiedergefunden hatte!
HG|2|136|19|0|Darum eröffnet auch ihr nun eure Herzen, und freut euch, darum der Vater zu euch gekommen ist und ihr Ihn gefunden habt, und verwundert euch in der Zukunft nicht zu sehr darüber, so ihr wieder irgendeinen Fröhlichen in Meinem Namen treffen werdet; denn ihr wisst es nun aus Meinem Munde, dass Mir der Fröhliche aus gutem Grunde um vieles angenehmer ist denn einer, der da ängstlich trauert, wenn auch aus einem guten Grunde.
HG|2|136|20|0|Daher auch sollt ihr allzeit einen Betrübten trösten; aber mit dem Fröhlichen sollt auch ihr fröhlich sein von ganzem Herzen, Amen.“
HG|2|137|1|1|Verheißung des großen Lösetages. Vom Weg der Liebe zur Herrschaft über das eigene Leben
HG|2|137|1|1|Am 11. August 1842
HG|2|137|1|0|Auf diese Rede sehr bewegt, fielen die einigen Rechtler und Krittler alsbald nieder vor dem Abedam und baten Ihn, dass Er ihnen solches vergeben möchte.
HG|2|137|2|0|Der Abedam aber behieß sie, dass sie sofort aufstünden und sich auch vollends erheben möchten in ihrem Geist.
HG|2|137|3|0|Und alle erhoben sich alsbald vom Boden und lobten und priesen Ihn Seiner großen Güte und Gnade wegen, die Er nun abermals an ihnen bezeigt hatte.
HG|2|137|4|0|Der Abedam aber wandte Sich zu ihnen und sagte: „Meine Liebe sei mit euch und in euch! Liebt euch in dieser Meiner Liebe, und seid fröhlich und voll heiteren Mutes untereinander, und seid gegeneinander gefällig und dienstfertig, so werdet ihr dadurch allzeit an den Tag legen, dass ihr wahrhaft Meine lieben Kindlein seid, an denen der heilige Vater Freude hat und allzeit haben kann; denn der Tag der großen Löse ist nahe gekommen!
HG|2|137|5|0|Wenn der Adam auf der Erde leben möchte noch siebenmal so lange, als er schon gelebt hat und noch leben wird, so würde es vor seines Fleisches Augen geschehen.
HG|2|137|6|0|Daher tut nach Meinem Willen, damit euch der Tag nicht verkehrt antreffe, wenn er kommen wird!
HG|2|137|7|0|Zuvor jedoch wird kommen die große Zeit der Zeiten. Wer in dieser wird aufgenommen werden, für den wird auch der große Lösetag in seiner Zeit begriffen sein; wer aber da nicht wird aufgenommen werden, für den wird der Lösetag ein Tag des Gerichtes sein, und zwar eines Gerichtes, welches dann mit Feuer und im Feuer Meines Grimms gehalten wird!
HG|2|137|8|0|Solches jedoch werden jene verstehen in der Tiefe ihres Lebens, die da sein werden vollkommen aus und im Geist Meiner Liebe und sonach auch in aller Weisheit aus ihr.
HG|2|137|9|0|Darum also seid ihr auch fröhlich, denn nun wisst ihr es ja, dass dereinst alle harten Bande sollen gelöst werden!
HG|2|137|10|0|Was möchte aber der Mensch darum geben, auf dass er würde ein Herr seines Lebens?
HG|2|137|11|0|Ich aber habe euch allen nun gezeigt, wie ihr es werden und dann sein könnt im vollsten Maße. Daher sollt ihr auch fröhlich sein, denn darum zeigte Ich euch nun ja den Weg der reinen Liebe, der da jedermann führt zu dieser Herrlichkeit des Lebens ein!
HG|2|137|12|0|So aber da noch jemand sagen möchte: ‚Wie bin ich denn ein Herr meines Lebens, so ich nur stets leben soll wie ein gehorsamer Knecht?‘
HG|2|137|13|0|Da sage Ich euch, solange ihr da seid Diener der Welt und eures Fleisches, so lange auch seid ihr ans Joch des knechtlichen Gehorsams gespannt! Wenn ihr aber werdet Diener Meiner Liebe sein, dann auch werdet ihr befreit sein von jeglichem Joch und werdet eben dadurch sein vollkommene Herren eures Lebens; denn die Liebe wird und kann euch allein nur vollends frei machen.
HG|2|137|14|0|Wie auch sollte die Liebe das nicht können, da sie ist eine lebendige und allerköstlichste Würze des eigenen Willens?!
HG|2|137|15|0|Wozu aber sollte dem dann noch irgendein Gebot dienen, dem er gehorchen solle, da er die Liebe hat, welche alle Gebote in sich fasst und ein Meister ist alles Gesetzes?!
HG|2|137|16|0|Oder ist es nötig, jemanden zu einer Tat zu nötigen, die er aus sich heraus von ganzem Herzen übergerne tut?!
HG|2|137|17|0|Also ist ja die Liebe somit, da sie erhaben ist über alle Gebote und Gesetze, als das Leben selbst auch ein vollkommener Herr des eigenen Lebens! Sagt, ob es nicht also ist!
HG|2|137|18|0|Da es aber also ist, so seid überfröhlich; denn Ich, euer heiliger Vater, habe euch ja nun die Liebe, ja Meine Liebe selbst, und alle Lebensherrlichkeiten mit ihr vollends übergeben!
HG|2|137|19|0|Darum aber auch sollt ihr nicht der Welt und dem Fleisch anhangen und somit das dienstbare und knechtische Mittel für den Zweck erwählen!
HG|2|137|20|0|Denn alles das ist nicht aus Meiner Liebe hervorgegangen, sondern alles das ist gezeugt aus Meiner Weisheit, welche da ist und besteht in den unendlichen Lichtkreisen Meiner Göttlichkeit, nun gestaltet zu einer eure Liebe zu Mir prüfenden Unterlage.
HG|2|137|21|0|Sagt daher nicht untereinander: ‚Dieser Fleck Erde gehört mir, und dieser Baum ist mein Eigentum, und mit meiner Liebe kann ich tun nach meinem Behagen!‘; denn das wird euch von Meiner Liebe stets mehr und mehr abziehen, und ihr werdet dadurch Knechte der Welt werden, und somit auch des Todes, und werdet euch schwer, langwierig und äußerst mühsam wieder von der Welt losreißen können, und wird dereinst viel Feuer müssen über euch kommen, um euch loszuschmelzen von den ehernen Banden des Todes.
HG|2|137|22|0|Daher aber seid auch überfröhlich, da ihr erkannt habt, dass da nur ist ein Gott, ein Herr, ein Eigentümer aller Dinge und ein heiliger Vater von euch allen und ihr alle Seine Kinder und untereinander lauter Brüder und Schwestern, denen Ich dieses alles zu gleichen Teilen gegeben habe; denn dadurch wisst ihr nun, dass ihr nicht der Welt, sondern Mir, dem Vater, angehört in aller Fülle Meiner Liebe und großen Gnade.
HG|2|137|23|0|Solches also beobachtet vor allem und seid wie zu Mir also auch gegenseitig voll Liebe, so wird auch alsogleich des Lebens Herrlichkeit euer Anteil sein, in welchem ihr fröhlichst sein und verbleiben werdet ewig!
HG|2|137|24|0|Und nun lasst Meinen Jared zu Mir kommen; denn Ich habe etwas Wichtiges mit ihm zu verhandeln! – Jared, Ich sage dir, komme zu Mir! Amen.“
HG|2|138|1|1|Über die Annäherung an Gott. Wie kann Gott gleichzeitig unendlich und endlich sein?
HG|2|138|1|1|Am 12. August 1842
HG|2|138|1|0|Als der Jared den lebendigen Ruf Abedams vernommen hatte, kam er eiligst herbei, – das heißt vielmehr vollends geistig denn körperlich. Denn dem Körper nach war er ohnehin nicht gar zu ferne abstehend vom Abedam; aber was da den Geist betrifft, so ist da ewig fort eine stets größere Annäherung zu Mir wohl gar sehr möglich, so zwar, dass selbst der allervollkommenste Geist also hinreichend weit von Mir absteht, dass er darob selbst sich Mir wird ewig fort und fort mehr und mehr nähern können, ohne Mir darum auch nur ein Haar wirklich näher zu kommen.
HG|2|138|2|0|Körperlich genommen wäre solche Behauptung freilich wohl nicht anzunehmen; geistig aber kann das gar füglich der Fall sein, und das zwar auf die Art, als wenn sich jemand wollte naturmäßig einer nirgends seienden Grenze der Unendlichkeit nähern. Wenn er auch in der höchsten Gedankenschnelligkeit durchfliegen möchte endlose Raumweiten in einem Augenblick schon und täte solches fort viele Ewigkeiten, – um wie vieles würde er da wohl dem nirgends seienden Grenzgebiet der Endlosheit näher gekommen sein?
HG|2|138|3|0|Also ist auch die geistige Annäherung zu Mir; da zwar ein jeder Geist stets vollkommener werden kann und Mir ähnlicher; aber Meine Vollkommenheit völlig erreichen, welche unendlich ist in allem, wer wird der je näher kommen in der Wahrheit und vollsten Wirklichkeit?!
HG|2|138|4|0|Wohl aber kann Ich Mich jedermann nahen und Mich auch also stellen, dass sich Mir jedermann nahen kann.
HG|2|138|5|0|Darum auch kam der Jared eiligst herbei, als er Meinen Ruf vernommen hatte im Geiste; darum aber erklärte Ich euch hier dieses, damit ihr ein wenig durchzublicken sollt anfangen, wie da die Dinge stehen.
HG|2|138|6|0|Warum ward der Jared berufen, und worin bestand das Großwichtige seiner Berufung?
HG|2|138|7|0|Nun habt wohl Acht, denn ohne diese Berufung mögt ihr nicht und könnt ihr nicht in den Tempel des Lichtes gelangen!
HG|2|138|8|0|Als somit der Jared vollends beim Abedam stand, da ergriff dieser seine Hand und sagte zu ihm: „Höre du, Mein geliebter Jared, Ich kenne deine Lehre von Mir und sage dir, dass du alle deine Kinder recht gelehrt hast; ja vollkommen nach Meinem Willen hast du sie gelehrt!
HG|2|138|9|0|Aber da du sagtest: ‚Gott ist durchaus unendlich in Seinem Wesen, in Seiner Liebe, in Seiner Heiligkeit, in Seiner Gnade, in Seiner Erbarmung, in Seiner Macht, Kraft, Stärke, in der Dauer Seines Seins und also auch Seiner Güte, Gerechtigkeit und Weisheit!‘, so möchte Ich denn doch nun erfahren aus deinem Herzen, wie du dir jetzt Meine dir ähnlich wesenhafte Sichtbarkeit mit deinem Begriff von Meiner unendlichen Wesenheit zusammenreimst!
HG|2|138|10|0|Denn Ich bin der Meinung: Wie das Endliche, räumlich Begrenzte nie die unendliche Räumlichkeit erfüllen wird – und wenn es sich auch ewig fort nach allen Seiten hinaus ausbreiten möchte –, also ist es ja wohl auch umgekehrt der Fall.
HG|2|138|11|0|Denn wo und wie sollte sich denn das endlos Räumliche zusammenzuziehen anfangen zu einem endlichen Wesen? Wo sollte es anfangen, wenn es keine Grenzen hat, und wie – ohne Grenzen?
HG|2|138|12|0|Da es aber also ist nach deiner Lehre, so sage Mir, wie bin Ich, der unendliche Gott, denn dir jetzt, wie auch allen anderen, ein sichtbarer, leiblich formell abgegrenzter Gott geworden?
HG|2|138|13|0|Und sage Mir auch ganz gewissenhaft getreu, ob Ich es wohl bin, oder nicht!
HG|2|138|14|0|Nach deiner Lehre kann Ich es unmöglich sein; nach deiner Liebe und nach deinem Glauben aber bin Ich es dennoch wieder!
HG|2|138|15|0|Also tue uns allen solches kund; denn die Klarheit in diesem Punkt ist von der allergrößten Wichtigkeit aus dem Grunde, da ein unendliches Wesen Gottes für alle endlichen Wesen so gut wie vollends undenkbar ist, somit so gut wie gar keines und sonach auch so gut wie gar kein Gott ist.
HG|2|138|16|0|Ein endlicher Gott aber schließt ja schon mit dem Begriff ‚endlich‘ alle Göttlichkeit aus!
HG|2|138|17|0|Also tue dein Herz auf, und erläutere uns diesen Widerspruch und zugleich auch, ob Ich denn wohl Gott bin, oder nicht!“
HG|2|138|18|0|Als der Jared und auch alle die anderen solche Frage vernommen hatten, da schlugen sie sich auf die Brust, und ein Zweifel um den anderen fing an, ihr Herz gefangen zu nehmen. Und der Jared sagte nach einigem Nachdenken: „Herr und Vater in aller Deiner Liebe und Heiligkeit! Diese Frage wird zwar der größte und tiefsinnigste Cherub so wenig zu beantworten imstande sein wie ich, aber solches kann ich ja gerade jetzt sagen, da Du die Frage gestellt hast: Wärest Du nicht Gott, der Wahrhaftige, so hättest Du auch diese Frage unmöglich geben können, indem sie eben Dir gleich unendlich ist in allen ihren Punkten, wie in ihrer Gesamtheit!
HG|2|138|19|0|Doch mein Maßstab für Deine Gottheit ist mein eigenes Herz, wie auch das Herz aller anderen, darum es niemanden so sehr wie Dich zu lieben vermag!
HG|2|138|20|0|Alles andere ist für mich von keinem Belang! Wie Du Dich als ein unendlicher Gott auch uns endlichen Würmern vor Dir im Staube aller Nichtigkeit als ein endlicher Gott der Form nach in der Gestalt eines Menschen zeigen kannst, das mag begreifen, wer es kann und mag; allein ich und alle Himmel und Sonnen und Welten und Menschen begreifen es nicht und werden es auch ganz sicher ewig mitnichten begreifen!
HG|2|138|21|0|Doch aber gestehe ich hier auch ganz offen, dass ich Dich nur unter dieser Gestalt wahrhaft zu lieben imstande bin; denn wo sollte ein begrenztes Herz die Liebe hernehmen, um Gott in Seiner Unbegrenztheit zu lieben?
HG|2|138|22|0|Daher bist Du mir also auch ums Unendliche lieber denn in Deiner für mich undenkbaren göttlichen Unendlichkeit.
HG|2|138|23|0|Wenn ich Gott fürchte und liebe, so fürchte und liebe ich Ihn nur unter dieser Deiner Form; denn für einen unendlichen Gott dem Wesen nach bin ich ja so gut wie gar nicht da, und Er ist dann ja auch für das, was gegen Ihn vollends nichtig ist, unmöglich ein Gott!
HG|2|138|24|0|Siehe, das ist alles, was ich darüber zu sagen vermag; möge es Dir wohlgefällig sein!“
HG|2|138|25|0|Und der Abedam drückte darauf den Jared an Seine Brust und sagte: „Jared, du hast Mir eine vollkommene Antwort gegeben, und es ist genau also wie du es nun ausgesprochen hast!
HG|2|138|26|0|Die Liebe allein ist der Maßstab für Meine Göttlichkeit, und mit keinem anderen Maßstab bin Ich ermesslich; denn Ich bin wahrhaft ein unendlicher Gott. Was aber jedoch Meine räumliche Unendlichkeit betrifft, so ist diese nur eine für die Zeit bedingte Erscheinlichkeit, – im Geiste aber ist das nur die Machtvollkommenheit Meines Willens und Meiner Liebe und Weisheit; die gestaltliche Wesenheit aber ist eine und dieselbe, nach der ihr alle seid gemacht worden zu Meinen wesenhaften Ebenbildern!
HG|2|138|27|0|Also bleibe du, Mein lieber Jared, wie du warst, und glaube es Mir: Niemand wird Mich je in einer anderen Form sehen denn in der ihr Mich jetzt alle seht im Geiste! Amen.“
HG|2|139|1|1|Die Verwirrung der Grübler über die Wesenheit Gottes wird von Abedam aufgelöst
HG|2|139|1|1|Am 13. August 1842
HG|2|139|1|0|Nach solchen Erklärungen waren viele samt dem Jared sehr froh geworden, aber einige wussten sich dessen ungeachtet noch nicht so recht zu helfen und kauten daher noch ganz gewaltig an den zwei Wesenheiten Gottes, nämlich zum Teil an der unendlichen und zum Teil an der gestaltlich vor ihnen stehenden.
HG|2|139|2|0|Der eine bewies es dem anderen sagend: „Ja, ja, das Unendliche kann ebenso wenig irgendwo in die Schranken der Endlichkeit treten, als wie wenig das Endliche je die Unendlichkeit ausfüllen wird!“
HG|2|139|3|0|„Also“, sagte ein anderer, „müssten wir auf diese Art etwa gar zwei Götter annehmen, einen endlichen, das heißt soviel als einen wesenhaft gestaltlichen, und dann einen unendlichen, oder wesenhaft ungestaltlichen?!“
HG|2|139|4|0|Ein dritter bemerkte wieder und sagte: „Ich denke aber also: Da wir Gott doch notwendig uns in jeder Hinsicht als unendlich vollkommen vorstellen müssen, so kann Er nur Einer sein, nämlich ein in jeder Hinsicht unendlicher; denn eine beschränkte gestaltliche Wesenheit muss ja doch auch notwendig andere Beschränktheiten nach sich ziehen! Wie aber lassen sich diese mit den unendlichen Vollkommenheiten vereinbaren?“
HG|2|139|5|0|Ein vierter aber bemerkte wieder: „Ich kann meine Gedanken wenden und dehnen, wie ich nur immer mag und will, so ist es mir aber doch platterdings unmöglich, dass ich mir das Unendliche des Raumes hinwegdenken könnte, und also auch das Ewige!
HG|2|139|6|0|Denn lasse ich auch irgendwo in endloser Ferne den Raum durch eine endlos weit ausgedehnte Rundwand begrenzen, so dringt aber mein Geist dennoch alsbald wieder durch diese Scheide- oder Grenzwand und erblickt vor sich nichts anderes als die Fortsetzung des weiter fortgehenden Raumes nach allen Seiten hin in unendliche Tiefen.
HG|2|139|7|0|Ich verfolge dann diese wieder endlos weit hinaus und ziehe mir wieder in endloser Fernen Tiefe eine noch endlosere Rundwand; hat dann etwa hier der Raum dann sein Ende? O mitnichten!
HG|2|139|8|0|Mein Geist dringt auch durch diese Wand – und wenn er sie auch früher nahe endlos dick gestaltet hatte –, und was erschaut er dann hinter dieser Wand?
HG|2|139|9|0|Nichts als die abermalige weitere Fortsetzung des unendlichen Raumes in noch unendlichere Tiefen!
HG|2|139|10|0|Bei diesen Betrachtungen aber wirft sich einem ja doch notwendig die Frage auf, und man sagt: Ist dieser unendliche und ewige Raum die Wesenheit Gottes, oder ist er erfüllt von ihr?
HG|2|139|11|0|Ist aber solches doch notwendig der Fall, da frage sich dann jeder nach Jareds gutem Wink, was Er ist in Seiner bildlichen Form? Ein reinstes Nichts!
HG|2|139|12|0|Denn zwischen dem Endlichen und Unendlichen kann durchgehends ewig nie ein anderes Verhältnis stattfinden als das des vollkommenen Untergangs des Endlichen im Unendlichen.
HG|2|139|13|0|Und so haben wir in dem Falle wirklich keinen Gott, indem wir wahrhaft pur nichts gegen Ihn sind!
HG|2|139|14|0|Ist aber Gott ein gestaltlicher in der Art wie wir und dabei aber doch von ewiger Dauer und wirkt sonach in den endlosen Raum durch Seine überstarke Willensmacht hinein, so lässt sich denn doch auch wieder fragen: Hat Er mit diesem Seinem Willen, wenn auch von Ewigkeiten her von Ihm ausgehend, bis jetzt wohl schon die volle Unendlichkeit des ewigen Raumes erfüllt?
HG|2|139|15|0|Mir kommt solches undenkbar vor, weil das Unendliche doch notwendig ewig unausfüllbar ist!
HG|2|139|16|0|Ist aber Gott dessen ungeachtet gestaltlich wesenhaft, da lässt sich ja auch sogar wieder die neue Frage aufstellen, ob in irgendeiner unendlichsten Ferntiefe der Tiefen des ewig unendlichen Raumes sich nicht eine zweite, ähnlich mächtige Gottheit gestaltlich wesenhaft vorfindet, und also auch eine zweite, dritte und so fort ins Unendliche, welche Gottheiten uns aber dann freilich wohl nichts mehr angehen?
HG|2|139|17|0|Nach diesen Grübeleien fingen sich einige wieder an auf die Brust zu schlagen und dann jammernd zu schreien: „Tribihal, Tribihal, was hast du geredet?!“
HG|2|139|18|0|Wenn so, – welch ein Kampf steht dereinst solchen Göttern bevor, wenn sie sich mit ihren großen Willensmächtigkeiten begegnen werden, wenn auch in den endlosen Tiefen des unendlichen Raumes!“
HG|2|139|19|0|Hier erhob Sich der Abedam wieder, berief alle die Grübler zu Sich und sagte dann zu ihnen: „O ihr großen Narren, was habt ihr denn für Unsinn ausgeheckt?! Wahrlich, Ich möchte ihn nicht wiederholen – und möchte ihn auch von niemandem mehr wiederholen hören!
HG|2|139|20|0|Damit ihr aber dennoch aus euren endlos dummen Träumereien kommt, so habe Ich Mich eurer Torheit erbarmt und will euch ein wahres Licht geben für euer finsteres Herz, und so hört denn: Das ihr des Raumes Unendlichkeit benennt, ist der Geist Meines Willens, der von Ewigkeiten her eben diese endlose Räumlichkeit gestellt hatte und hat sie erfüllt allenthalben mit Wesen aller Art. Dieser Geist aber hat einen Mittelpunkt wesenhaft gestaltlich, in dem alle Macht dieses unendlichen Geistes vereinigt ist zu einem Wirken, und dieses Machtzentrum des unendlichen Gottgeisteswesens ist die Liebe als das Leben eben dieses Geistes; und diese Liebe bin Ich von Ewigkeit.
HG|2|139|21|0|Obschon Sich aber der Geist Gottes überall wirkend äußern kann, so kann Er Sich aber dennoch nicht wesenhaft gestaltlich äußern ohne die Liebe; wo aber Gott Sich dann gestaltlich äußert, da auch äußert Er Sich möglicherweise für endliche Wesen, wie ihr es seid, durch Seine Liebe, welche da ist das eigentliche Grundwesen Gottes und der Sammelpunkt aller Macht, Kraft und Herrlichkeit des unendlichen Geistes.
HG|2|139|22|0|Seht, das ist das Wesen Gottes in aller Wahrheit und kann nur mit dem Herzen, aber nie mit dem Verstand begriffen werden!
HG|2|139|23|0|Solches aber fasst in euer Herz, so wird euch der unendliche Raum nimmerdar beirren, und die bevorstehenden Götterkriege werden aus eurem Gehirn verschwinden! Amen.“
HG|2|140|1|1|Das rechte Gebet und der rechte Vater. Pura wird Jared übergeben
HG|2|140|1|1|Am 20. August 1842
HG|2|140|1|0|Nun erst fingen allen die Augen so recht aufzugehen an, und sie begriffen das, wie Gott unendlich und dabei aber dennoch ihnen auch ein sichtbarer Vater sein kann.
HG|2|140|2|0|Der Jared aber wollte nun vor lauter Dankgefühl aus dem tiefsten Lebensgrunde niederfallen vor Abedam und Ihn anbeten nach der möglichsten Kraft seines Geistes; allein der Abedam sagte zu ihm:
HG|2|140|3|0|„Jared, Ich sage dir, es hat dessen, was du nun tun möchtest, zwischen uns zweien durchaus nicht vonnöten! Denn du weißt ja, dass bei Mir das Mund- und Gebärdengebet nichts gilt, sondern allein das Gebet der Liebe im Herzen; daher unterlasse das, was Mir zuwider ist!
HG|2|140|4|0|Denn wer Mich in seinem Herzen über alles liebt, und liebt aus dieser Liebe heraus auch seine Brüder und Schwestern mehr denn sich, der ist es ja auch, der Mich allzeit, beständig und ohne Unterlass wahrhaft im Geiste und in aller Wahrheit anbetet. Siehe, solches ist aber bei dir ja schon gar lange der Fall; wie möchtest du Mich denn nun auch noch mit Mund und Gebärde anbeten?!
HG|2|140|5|0|Würde das nicht eben also heißen, als so du jemandem gäbest tausend Körbe der schönsten und edelsten Früchte, damit aber nach deiner Meinung die Gabe vollkommen wäre, du dann nach einer zeremoniellen Sitte auch noch hinzulegen möchtest ein dürres Baumblatt?
HG|2|140|6|0|Sage Mir aber, wozu hier dies dürre Blatt hinzu? Wahrlich, es wird der Empfänger darum nicht reicher und wird diese Hinzugabe nur als läppisch betrachten und wird sie auch bei der Verzehrung der Früchte sicher nicht mitspeisen, sondern wegwerfen als ein vollends unnützes Ding; denn was da an und für sich keinen Wert hat, welchen Wert sollte das haben dann mit der wahrhaftigen Gabe?
HG|2|140|7|0|Daher sei du auch vollkommen versichert, dass Ich bei dir durchaus nicht darauf anstehe, dass du Mir hier zu deinem beständigen Gebet im Geiste und aller Wahrheit noch hinzufügen möchtest ein dürres Blatt, sondern Ich sage dir, wie auch allen, bleibe allzeit bei dem Gebet, und Ich werde für dieses stets Meine Ohren und Mein Herz offen halten!
HG|2|140|8|0|Nun aber vernehme du, Mein lieber Jared, etwas ganz anderes!
HG|2|140|9|0|Siehe, dies Mädchen hier, wie du es bereits vernommen hast, ist irdischerweise vater- und mutterlos und hat nun auf der ganzen Erde keine näheren Anverwandten, außer nach Mir und dem Adam Brüder, Schwestern, Väter und Mütter. Nun aber habe Ich sie vollends zu einer Tochter angenommen und will sie somit auch in Mein Haus aufnehmen!
HG|2|140|10|0|Siehe, es ist aber dein Haus eben auch das Meinige; daher wollen wir sie eben auch in dieses Haus aufnehmen und wollen da ihr Herz also ausschmücken, dass es ein vollkommenes Ebenbild sein soll des höchsten und des reinsten aller Himmel, allda Ich mit Meinen vollkommensten Engeln beständig zu wohnen pflege!
HG|2|140|11|0|Und so denn übergebe Ich sie dir; nehme sie auch du an zu einer Tochter deines Herzens, und wie Ich es dir verheißen habe wahrhaftig und getreu, so auch werde Ich Wohnung nehmen in deinem und also auch allzeit in Meinem Haus. Amen.“
HG|2|140|12|0|Nach diesen Worten aber ergriff Er die Hand der Pura und sagte zu ihr: „Mein Töchterchen! Sehe an den Mann hier; siehe, er ist ein Mann vollkommen nach Meinem Herzen! Sein ganzes Wesen ist Meine Liebe in ihm. Dieser ist auf der Erde dein wahrer Vater, wie Ich dein lieber und allein rechter es bin; daher folge ihm, und er wird sorgen für dein ganzes Leben auf Erden, wie Ich für dein ewiges! Amen.“
HG|2|140|13|0|Mit diesen Worten segnete Er das Mädchen und übergab es dem vor Freuden weinenden Jared.
HG|2|140|14|0|Der Jared aber empfing dies Kind mit der größten Zärtlichkeit, Dankbarkeit und Liebe und sagte zu ihm: „Komme, komme, du reinstes Töchterchen des allerliebevollsten und über alles heiligen Vaters; bei mir sollst du ja alles, alles wiederfinden, was du je auf der Erde trauernd verloren hast!
HG|2|140|15|0|Siehe, wie du es selbst vernommen hast, so ist mein Haus eigentlich nur ein Haus des allerheiligsten Vaters, der da hier nun sichtbar vor uns steht!
HG|2|140|16|0|Wo aber Sein Haus ist, da ist auch Er ein allzeit liebevollster Hausvater und alles, was Er erschaffen hatte, wunderbarster Weise mit Ihm; daher sei frohen und dankbar heiteren Mutes, und komme zu mir! Wahrlich, du kannst es glauben, so wie du ist noch nie ein Mensch auf dieser Erde versorgt worden!“
HG|2|140|17|0|Da die Pura aber solches vernommen hatte, da wandte sie sich schnell zum Abedam und fragte Ihn: „O heiliger, liebevollster Vater! Habe ich Arme denn etwa gesündigt vor Dir, dass Du mich nun von Dir entfernen willst?
HG|2|140|18|0|Nein, nein, Jared kann ja ein Mann sein nach Deinem Herzen und ist wahrhaft auch ein guter Vater, was ich soeben vernommen hatte aus seinem Munde, – denn solche Worte könnte ja niemand führen vor Deinem Angesicht, wenn sie nicht wahrhaftig und getreu wären! –, aber Du ist er denn doch nicht, und wird es ewig nicht sein! Daher weiche ich auch nicht von Dir; denn mein Herz sagt es mir, dass Du nur der allein wahre Vater bist, und es gibt außer Dir keinen wahren Vater mehr, und ein Sünder soll der sein, der sich diesen Deinen allerheiligsten Namen zueignet und sich auch ‚Vater‘ nennt!
HG|2|140|19|0|Nein, nein, mich trennt nichts mehr, ewig nichts mehr von Dir, Du mein lieber, heiliger Vater!“
HG|2|140|20|0|Hier ward der Jared verlegen und wusste nicht, was er nun reden und tun solle.
HG|2|140|21|0|Der Abedam aber sagte zu ihm: „Mein Jared, siehe, also soll alle rechte Liebe beschaffen sein! Jetzt erst soll dies Mein wahrhaftiges Töchterchen zwischen Mir und dir verbleiben und morgen auch also in Mein und dein Haus ziehen!
HG|2|140|22|0|Denn Ich tat solches nun zu einer Probe für sie und für euch alle! Daher sei du, Mein lieber Jared, nur ganz vollkommen ruhig; denn es geht nichts außer Meiner vorbestimmten Ordnung.
HG|2|140|23|0|Das Wort der Pura über den rechten Vater aber soll jedermann zur tüchtigen Lehre dienen, damit er vollends wisse, wer da allein dieses Namens vollwürdig ist. Und so denn verbleibe auch du hier bis zum morgigen Tag bei Mir, und dann aber auch ewig! Amen.“
HG|2|141|1|1|Pura und Jared. Puras Ergebenheit und Demut
HG|2|141|1|1|Am 22. August 1842
HG|2|141|1|0|Darauf wandte Sich der hohe Abedam zur Pura und fragte sie: „Nun, Mein liebes Töchterchen, bist du jetzt zufrieden mit Meiner Anordnung?“
HG|2|141|2|0|Und die Pura erwiderte voll der allergrößten Freude: „O Du überheiliger Vater, wie sollte ich jetzt nicht zufrieden sein?!
HG|2|141|3|0|Ich darf ja bei Dir verbleiben, bei Dir, dem alleinig wahren und allerbesten Vater! Wie sollte ich da unzufrieden sein?!
HG|2|141|4|0|Dass der liebe Jared auch hier verbleibt, das freut mich auch überaus; denn er muss ja auch ein recht guter Mann sein, da Du, lieber, heiliger Vater, ihn so liebhast und von ihm aussagst, dass er ein Mann vollkommen nach Deinem Herzen ist!
HG|2|141|5|0|O Jared, o Jared, wie ungemein, ja wie unaussprechlich glücklich musst du nun in dir sein, da du aus dem allerheiligsten Munde des allmächtigen großen Gottes, unseres allerliebevollsten Vaters solche Kunde erhieltest, dass du ein Mann vollkommen nach Seinem Herzen bist?!
HG|2|141|6|0|O Zeugnis, o du lebendigstes Zeugnis! Aus dem Munde Gottes kommst du über einen Menschen, die Fülle des ewigen, allerseligsten Lebens im Schoße des allerheiligsten Vaters!
HG|2|141|7|0|O ja, du mein Jared, ich habe dich nun auch sehr lieb, weil dich der heilige Vater so liebhat; komm nur her, daher komme, und setze dich zu mir, und freue dich mit mir!
HG|2|141|8|0|Glücklicher und seliger war doch sicher wohl noch nie ein erschaffenes Wesen, als wir es jetzt sind, darum wir den allerheiligsten Vater in unserer Mitte haben und Ihn lieben können und dürfen nach unserer Herzenslust!
HG|2|141|9|0|So komme, so komme, du lieber, guter Mann nach dem Herzen des allerheiligsten Vaters; denn ich habe dich ja auch lieb!“
HG|2|141|10|0|Es konnte sich aber der Jared vor zu großer Wonne nicht bewegen, ja nicht einmal seine Lippen. Darum wandte sich die Pura an den Abedam und sagte zu Ihm: „Aber sieh doch, o lieber, heiliger Vater, der fromme Jared will nicht folgen meiner Bitte!
HG|2|141|11|0|Ist er denn zuweilen harten Herzens, darum er nicht vernehmen mag eine Bitte?“
HG|2|141|12|0|Und der Abedam entgegnete ihr: „O nein, Meine geliebte Tochter, er ist für den ersten Augenblick nur zu wonnemüde und kann aus zu großer Liebeseligkeit sich kaum bewegen; daher gehe du zu ihm hin, und führe ihn dahin, da du ihn haben möchtest!“
HG|2|141|13|0|Und die Pura, etwas betroffen, aber erwiderte dem Abedam: „O Du liebevollster, heiligster Vater, es hatte Dir ja schon wieder gefallen, mich auf eine kleine Probe zu stellen!
HG|2|141|14|0|O sieh, das weiß ich wohl recht gut, dass es sich auf keinen Fall schicken würde, so ich, ein schwaches Mädchen nur, da wollte einen Mann, und gar den Jared, einen Mann nach Deinem Herzen, führen; denn das käme ja gerade so heraus, als wollte ich ihn beherrschen!
HG|2|141|15|0|O das sei ja ferne von mir! Denn ein Weib muss ja allzeit den als Herrn aus dem Grunde ihres Herzens erkennen, den Du ihr doch offenbar und ausdrücklich zu einem Herrn gesetzt hast; und so kann er wohl mich, so er will, führen und leiten, nicht aber ich ihn!
HG|2|141|16|0|Ist es nicht recht also? Wenn aber Du ihm so einen kleinen Wink geben möchtest, da würde er sicher gehen daher an meine Seite!“
HG|2|141|17|0|Und der Abedam sagte darauf zur Pura: „Jetzt erst bist du ein ganz vollkommenes Mädchen, da du mit deiner großen Liebe auch die wahre weibliche Ergebenheit und Demut vereinigt hast; rufe aber nur noch einmal den Jared, und er wird sogleich vernehmen deine Bitte!“
HG|2|141|18|0|Und die Pura folgte nun sogleich dem Wort Abedams und sagte zum Jared: „Jared, magst du denn meine Bitte noch nicht vernehmen?
HG|2|141|19|0|Siehe, ich habe dir hier ja schon den schönsten Platz bereitet; so komme doch einmal hierher, damit ich bin zwischen dir und dem allerheiligsten Vater also, wie Er es mir ehedem verheißen hatte! Denn ich habe dich auch sehr lieb, das kannst du mir sicher glauben!“
HG|2|141|20|0|Hier erst folgte überselig der Jared dem Ruf der Pura, ließ sich neben ihr nieder und pries Mich in seinem Herzen für eine so große Gnade.
HG|2|141|21|0|Auch die Pura ward nun vollends zufrieden und dankte Mir laut, darum Ich erhört habe den Wunsch ihres Herzens.
HG|2|141|22|0|Der Abedam aber sagte zu allen: „Kindlein, eure Glieder sind müde geworden! Also genießt die Ruhe, und schlaft; aber im Geiste bleibt stets wach!
HG|2|141|23|0|Und du, Mein Töchterchen, lege dich nun auch zur Erde nieder, und schlafe wachen Geistes!
HG|2|141|24|0|Ich aber werde wachen über euch allen und werde euch am Morgen erwecken zur rechten Zeit.
HG|2|141|25|0|Und so geschehe es denn jetzt, wie allzeit! Amen. Mein Segen mit euch allen! Amen.“
HG|2|142|1|1|Der Herr unterweist die zwölf Boten im Schreiben und Lesen und die Brüder Lamechs in der Metallerzeugung. Henochs Berufung zum Oberpriester. Abschied des Herrn
HG|2|142|1|1|Am 24. August 1842
HG|2|142|1|0|Also wie am Sonnetag und am Sabbat wurde auch am Mondtag ein vom Abedam wohlgesegnetes Morgenmahl eingenommen, welches ebenfalls wieder der Seth zu bestellen hatte.
HG|2|142|2|0|Nach eingenommenem Morgenmahl aber berief der Abedam die bekannten zwölf Boten zu Sich, lehrte sie die Worte durch entsprechende Schriftzeichen mit gespitzten Griffeln auf steinerne Tafeln zeichnen und dieselben sodann auch alsogleich lesen, und gebot ihnen, solches auch alle anderen Brüder zu lehren, wenn auch nicht das Zeichnen, so aber doch wenigstens das Lesen.
HG|2|142|3|0|Nach dem gebot Er ihnen auch, nach der Eingabe des Geistes jegliches Wort also niederzuschreiben, das da gegangen ist aus Seinem Munde, wie auch alles, was da einer oder der andere in Seiner Gegenwart geredet hatte, und es solle dann solches alles aufbewahrt werden bis auf die späten Zeiten bei den Hauptstammhältern.
HG|2|142|4|0|Die Sammlung aber solle dann den Namen haben ‚Das heilige Buch oder die Kriege Jehovas‘; doch sollten die Kriege den letzten Teil ausmachen.
HG|2|142|5|0|Also wurden in kurzer Zeit die zwölfe abgefertigt; sodann aber behieß Er den Jared, sich zu erheben mit Ihm und mit Ihm zu geleiten das Mädchen in sein Haus, und behieß nebenher auch alle die anderen Väter, dass sie Ihm folgen sollten in das Haus und teils zum Hause Jareds.
HG|2|142|6|0|Und alles erhob sich und folgte Ihm.
HG|2|142|7|0|Im Hause Jareds aber sagte Er zur Pura: „Siehe, Mein Töchterchen, hier ist gut sein; denn das ist Mein Haus, darum es ist ein Haus der reinsten Liebe, welche darinnen wohnt im Jared, Henoch, Mathusalah und Meinem Lamech, der da eben eine Meiner lieben Töchter hat zum Weib aus Meiner Hand wie dessen Brüder, die da Männer sind ihrer Schwestern voll keuschen Sinnes.
HG|2|142|8|0|Also wirst du auch hier verbleiben bis zur völligen Reife deines Geistes, da Ich dich dann rufen werde von der Erde und du eingehen werdest in das Reich des wahren, ewigen Lebens!“
HG|2|142|9|0|Darauf wandte Er Sich zu Jared und sagte zu ihm: „Wie du bist ein weiser Vater Henochs, Mathusalahs und Lamechs, also sei es auch diesem Kind, das du ganz unmittelbar aus Meiner Hand erhieltest! Was du sonach in Meinem Namen tun wirst mit dieser Meiner Tochter, das wird auch vollkommen sein; doch soll sie keinem Mann nähertreten, bevor Ich es dir nicht ausdrücklich anzeigen werde! Amen.“
HG|2|142|10|0|Darauf berief Er die fünf Brüder Lamechs zu Sich, führte sie dann in ihre Werkstätten, die errichtet wurden wunderbar durch Seinen allmächtigsten Willen, und zeigte ihnen das rechte Erz der Berge, lehrte sie dann mit kurzen Worten dasselbe zu reinigen im Feuer der Kohle und dann schmieden zu allerlei notwendigen Gerätschaften, und segnete die Berge und das Werk ihrer Hände.
HG|2|142|11|0|Nach dem begab Er Sich wieder in das Hause Jareds und empfing allda die zwei zurückgekommenen Boten, welche da hießen Sethlahem und Kisehel und begleitet hatten am Sonnetag den Horadal in das für ihn und sein Volk bestimmte Land zwischen Morgen und Mitternacht, und berief auch deren Brüder, rüstete sie aus mit Seiner Liebekraft und beschied sie sodann alsogleich in die Tiefe hinab gen Hanoch.
HG|2|142|12|0|Nach dem aber berief Er alle die Hauptpatriarchen der vier Gegenden zu Sich und legte jedem teuerst aus Seiner allerhöchsten Vaterliebe ans Herz, dass sie alle die nun vernommenen Lehren fürs Erste treulichst im eigenen Herzen wahren sollten und sollten auch alle ihre Kinder werktätig in solcher Lehre unterweisen.
HG|2|142|13|0|Dann aber berief Er auch den Henoch und machte ihn zum wahren Oberpriester Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung, und zeigte dann solches auch allen an, dass sie sich in allem an den Henoch zu wenden hätten, wo sie nicht auslangen sollten mit ihrem Geist und ihrer ihnen verliehenen Kraft.
HG|2|142|14|0|Endlich warnte Er alle vor der Tiefe und vor ferneren Verbindungen mit deren Töchtern; doch aber gab Er ihnen in diesen Warnungen kein Gebot, sondern überließ solches alles ihrem freien Willen.
HG|2|142|15|0|Darauf gegen den Abend führte Er sie alle wieder auf die bekannte Höhe, schärfte ihnen da noch das Gesetz der Liebe in ihre Herzen, segnete sie dann alle und entließ endlich alles Volk, dass es wieder ziehe in seine Heimat, empfahl der Purista die Treue in ihrem Dienst und entließ sie sodann auch.
HG|2|142|16|0|Endlich aber berief Er noch zu Sich die Hauptstammväter und Abedam den anderen und sagte zu den Vätern: „Kinder und Brüder Meiner Liebe! Meine Liebe bleibe unter euch; das ist der bleibende Segen des Vaters – und Er bei euch!
HG|2|142|17|0|Du, Abedam, aber gehe nun mit Mir dahin, da Ich dich um die Zeit traf am Vorsabbat abends; ihr alle aber begebt euch in eure Wohnungen! Amen.“
HG|2|142|18|0|Und alles fing an zu weinen; der hohe Abedam aber verließ sie plötzlich und ward an der vorbenannten Stelle auch dem bekannten Abedam unsichtbar.
HG|2|142|19|0|Dieser aber kehrte schnell zurück und berichtete es den Vätern, wie der Allerhöchste seinen Blicken entschwand.
HG|2|142|20|0|Und der Adam lud diesen Abedam in seine Wohnung ein, und dieser blieb nachher noch drei Tage im Hause Adams, Seths und Jareds und zog dann nachdenkend in seine Heimat.
HG|2|143|1|1|Des anderen Abedams Rede über die Last des Lehr- und Prophetenamtes
HG|2|143|1|1|Am 25. August 1842
HG|2|143|1|0|Schon recht früh begaben sich die Väter auf die Höhe und lobten und priesen Gott, den überheiligen Vater, der sie durch diese kurze Zeit so endlos bereichert hatte; selbst der Adam fehlte nicht, sondern war vielmehr in der Gesellschaft Abedams, des bekannten, und der Eva einer der ersten auf der Höhe und segnete rings herum alle seine Nachkommen.
HG|2|143|2|0|Nach beendigtem Lob und Preise aber fragte der Adam all die Kinder und sagte zu ihnen: „Was meint ihr wohl? Es ist heute der Streittag, werden sich heute keine Weisheitszänker vom Mittag her, keine Grübler vom Abend her und keine Zweifler von der Mitternacht her hier einfinden?
HG|2|143|3|0|Bis jetzt sehe ich wenigstens von keiner Seite her irgendjemanden sich unseren Wohnungen nahen!
HG|2|143|4|0|Wahrlich, wenn heute niemand kommt, so wird solches von mir aus für eines der größten Wunder angesehen werden, welches uns bleibend geworden ist durch die allerheiligste sichtbare Gegenwart Jehovas!“
HG|2|143|5|0|Abedam, der bekannte, aber antwortete alsogleich auf die Frage Adams also: „Höre, ehrwürdigster Vater, noch hat der Tag erst kaum sein Dasein begonnen, daher frohlocke nicht zu früh!
HG|2|143|6|0|Siehe, unsere Gedanken und unsere Worte wie unsere Werke sind nicht unbelauscht, denn mein großer Namensgefährte kann ja ebenso gut unsichtbar sich unter uns nun befinden, als wie Er gestern noch sichtbar unter uns gewandelt hatte.
HG|2|143|7|0|So ihr euch aber etwa freut eines zeitlichen Vorteils wegen, siehe, da ist Er bei der Hand und vernichtet für euch alsbald alles, worüber ihr euch weltlich freuen möchtet!
HG|2|143|8|0|Daher bin ich der Meinung, nicht zu früh zu jubeln, denn sonst schickt Er euch gerade heute so viel Streiter über den Hals, dass ihr eben heute mit ihnen gar nicht fertig werdet, und dazu noch Streiter von der spitzfindigsten Art, die nichts begreifen, nichts einsehen, und daher in allen ihren Aussprüchen ein vollstes Recht haben wollen!
HG|2|143|9|0|Wie angenehm aber mit solchen Vettern zu reden ist, die da haben einen steinernen Kopf und eine eherne Brust, – Väter, das habe ich leider nur schon zu oft empfunden!
HG|2|143|10|0|Daher meine ich, ihr solltet nicht zu früh jubeln, sondern dafür Ihn, den Herrn alles Streites, bitten, dass Er da möchte allen nichtigen Streit für alle Zukunft in weitester Ferne halten und dafür allen angedeihen lassen ein gerechtes Licht, damit da aller Streit einmal ein Ende hätte!
HG|2|143|11|0|Seht, liebe Väter, das ist meine Meinung, die ich freilich wohl niemandem aufdringen möchte, und schon am allerwenigsten euch Vätern der hohen Mitte!
HG|2|143|12|0|Doch sage ich aber, da ich schon einmal in der Rede bin: Es rühme sich auch niemand eines Lehramtes und juble bei sich ja nicht, dass ihn der Herr zu einem Lehrer gemacht hatte und zu einem Propheten; denn die Lehrer und der Prophet werden nicht geliebt, sondern nur höchstens geachtet und gefürchtet.
HG|2|143|13|0|Ich aber sage da: Der Abedam bedankt sich für solche Auszeichnung, wenn er durch sie die Liebe entbehren muss! Daher will ich zwar wohl recht gerne ein Lehrer der Liebe sein werktätig; aber nur bei einem Weisheitsstreit lasst mich so ferne als nur immer möglich! Und wenn ich auch wüsste durch den Geist, dass der Herr morgen machen möchte mit der ganzen Erde, wie Er da vorgestern gemacht hatte dort mit jenem Berg im Morgenland, wahrlich, ich möchte Ihn so lange darum bitten, auf dass Er mir’s erlassen möchte, solches zu künden den Menschen, wodurch ich wohl ihre Furcht, aber sicher nicht ihre Liebe erwecken möchte! Ich meine aber, solches ist auch eine Weisheit?
HG|2|143|14|0|Bruder Henoch, ich sage es dir, du hast wohl das schwerste Amt überkommen!
HG|2|143|15|0|Wahrlich, so ich an deiner Stelle gewesen wäre, so hätte ich es eher drei-, ja sieben Mal dem Herrn zu den Füßen niedergelegt, bevor ich es angenommen hätte!
HG|2|143|16|0|Glaube es mir, lieber Bruder Henoch, das Amt wird dir viel zu schaffen machen! Du bist ganz aus lauter Liebe zusammengesetzt und wirst auch lauter Liebe predigen, aber dadurch eben am allerwenigsten die Liebe genießen zeit deines Lebens!
HG|2|143|17|0|Denn es ist kein Unterschied darinnen, zu sein ein Lehrer der Weisheit oder der Liebe, da in der Liebe eben die allerhöchste Weisheit steckt.
HG|2|143|18|0|Also wirst du wohl die größte Achtung genießen, aber es werden dich gar wenig Brüder und Schwestern umarmen!
HG|2|143|19|0|Mir aber ist eine Umarmung eines Bruders mehr und die auch einer Schwester denn die höchste Achtung aller Welt!“
HG|2|143|20|0|Hier schwieg der Abedam. Es verwunderten sich aber alle über seine Weisheit, und der Henoch eilte zu ihm hin und sagte:
HG|2|143|21|0|„Bruder, du hast vollkommen gesprochen! Ich empfinde nun das alles lebendig in mir, was du geredet hast, aber wie ist dem jetzt mehr abzuhelfen?“
HG|2|143|22|0|Und der Abedam sagte zu ihm: „Bruder, glaube mir, Er ist unter uns, und da ist ja allem leicht zu helfen! Siehe, wir haben ja ein lebendiges, offenes Auge für Ihn; es ist unser Herz!
HG|2|143|23|0|Daher tragen wir Ihm das, was uns irgend drückt, nur lebendig vor im Herzen, und Er wird da sein und lindern, das uns drückt!
HG|2|143|24|0|Also meine ich es und glaube, dass solches richtig ist!
HG|2|143|25|0|Meinst du doch nicht anders?“
HG|2|144|1|1|Henoch rechtfertigt das Lehr- und Prophetenamt
HG|2|144|1|1|Am 26. August 1842
HG|2|144|1|0|Darauf besann sich der Henoch eine kurze Zeit und sagte dann zum Abedam: „Bruder, du hast durchaus nicht unrecht, doch aber meine ich meinesteils, es kommt eigentlich hier auf der Welt nicht auf die Behaglichkeit an, mit welcher ein oder das andere Amt verbunden sein sollte oder möchte, sondern allein auf den Willen des Herrn und unserer Herzen wahre Demut!
HG|2|144|2|0|Denn obschon es wahr ist, dass ein Lehrer und ein Prophet mehr geachtet denn eigentlich geliebt wird, so ist aber anderseits doch auch wieder wahr, dass sie eben dadurch mehr denn jemand anderer in den Schranken der Demut gehalten werden.
HG|2|144|3|0|Denn das ist einmal gewiss, dass im Grunde die Liebe ein allerhöchster Grad der Hochachtung dessen ist, was man liebt, von der die sogenannte Amtsachtung dann nur ein Funke ist.
HG|2|144|4|0|Denn was man wahrhaft liebt, für das auch geht man ins Feuer; was man aber nur amtsachtet, hinter dem pflegt man sich dann zu schützen, so zum Beispiel kommen möchte eine Gefahr.
HG|2|144|5|0|Daher meine ich meinesteils: Wenn uns der heilige, liebevollste Vater allein nur für die Behaglichkeit hätte stellen wollen, so hätte es von Seiner allmächtigen Seite nichts mehr bedurft, als uns alle samt und sämtlich in Tiere zu verwandeln, und der Zweck der vollkommensten Behaglichkeit für uns wäre dadurch auf einen Hieb erreicht gewesen; allein Er, die allerhöchste und allervollkommenste Liebe und Weisheit, hat mit uns – wie Er es Selbst uns allen gezeigt hatte – einen höheren Plan als allein den der stummen Behaglichkeit.
HG|2|144|6|0|Daher hatte Er uns auch Seinen Willen kundgemacht und jeglichem gegeben das Amt der Liebe, den Geringeren aber auch noch hinzu ein Ämtchen der Weisheit.
HG|2|144|7|0|Wenn wir demnach als solche eben auch nicht so viel Liebe von unseren Brüdern und Schwestern zu erwarten hätten als diese unter sich, so macht das ja eben unser Unglück nicht aus, denn in dem Falle haben wir ja dann die allerschönste Gelegenheit, sie mehr zu lieben und somit zu achten, denn sie uns, – und das ist ja aber auch des Herrn Wille.
HG|2|144|8|0|Was ist denn besser: glücklich zu machen oder glücklich gemacht zu werden, – zu geben oder zu nehmen?
HG|2|144|9|0|Daher meine ich wieder, es kommt da nur auf uns an, wie wir die Sache in unserem Herzen aufnehmen – entweder aus wahrer Liebe zu unseren Brüdern vor Gott, oder aus einer richterämtlichen Nötigung, welche ehedem unser aller Anteil war –, und wir alle können dann vollends versichert sein, dass Er, der übergute Vater, uns Kindlein kein ehernes Joch auf den Nacken gebunden hatte.
HG|2|144|10|0|Bleiben wir demnach überdankbaren und demütigen Herzens nur, wozu Er uns berufen hatte! Denn des können wir alle versichert sein, dass Er, die allerreinste Liebe und die allerhöchste Weisheit, uns nicht fürs Verderben, sondern nur für unsere und für aller unserer Väter, Mütter, Brüder und Schwestern ewige Wohlfahrt also beamtet hatte; darum Ihm allein alle Liebe, alles Lob und aller Preis von uns allen!
HG|2|144|11|0|Siehe, Bruder, das ist meine Meinung! Da aber heute schon der Streittag ist und bis jetzt noch kein Zänker erschienen ist, so magst du ja wohl streiten mit mir; denn ich will nicht ein unfehlbarer Oberpriester sein, sondern, dass auch ich jedes Wort eines Bruders ansehe gegen das meinige, außer es spräche des Herrn Geist aus mir, gegen den dann unsere Worte freilich wohl nichts denn ein leeres Geplärr sind! Daher magst du mir nun wohl einwenden, so du etwas hast, denn das waren nur meine Worte!“
HG|2|144|12|0|Und der Abedam aber ward bei dieser Rede Henochs ganz verdutzt, fiel ihm um den Hals und sagte endlich: „Ja, ja, lieber Bruder, du allein hast ganz vollkommen recht! Mit dir ist der Herr vollkommen; ich aber bin allzeit dumm vom Grunde aus! Oh, wie schön könnte ich mich jetzt zerreißen aus lauter Ärger über meine hartnäckige Dummheit!
HG|2|144|13|0|Wird’s denn in meinem Herzen nie vollends Tag werden? Nur das sage mir nun, lieber Bruder!
HG|2|144|14|0|Nein, nein, es ist unbegreiflich, mit welcher Ruhe ich ehedem meine Dummheiten losgelegt habe – und wollte dich gewisserart in meine Torheit herabziehen und dich unterweisen!
HG|2|144|15|0|O – o – ich großer Dummkopf! Ich dem Henoch eine Lehre geben! Bruder, vergib mir armem, dummem Tropf!
HG|2|144|16|0|Denke dir dabei, dass ich gerade also geredet habe, wie ich es verstanden habe!“
HG|2|144|17|0|Und der Henoch entgegnete ihm: „O Bruder, sei ruhig! Auch dein Wort hat einen guten Grund, und das meinige ist aus ihm gewachsen; darum wird es auch verbleiben, gleich dem meinen bis ans Ende der Zeiten aufbewahrt. Daher sei ruhig, denn es werden auch Lehrer und Propheten geliebt, wenn sie sind nach dem Willen Gottes, des Vaters! Verstehst du das?“
HG|2|145|1|1|Die Ankunft zweier Fremden
HG|2|145|1|1|Am 27. August 1842
HG|2|145|1|0|Und der Abedam entgegnete darauf: „O ja, lieber Bruder Henoch, und ob ich’s jetzt verstehe!
HG|2|145|2|0|Nur was da die Aufbewahrung meiner früheren Rede bis ans Ende der Zeiten betrifft, so magst du wohl recht haben insoweit, dass da in Gott sogar alle unsere Gedanken aufbewahrt werden und somit sicher auch meine frühere Rede, und wenn sie noch einmal so leer gewesen wäre, als sie es ohnehin war; aber dass sie etwa gar solle aufgezeichnet werden auf Steintafeln, – das wäre denn doch ein wenig zu viel verlangt!
HG|2|145|3|0|Da weiß ich noch nicht so ganz recht, was du damit hast sagen wollen; daher möchte es mir durchaus nicht im Geringsten schädlich sein, so du mir darüber ein paar Wörtchen zukommen ließest!“
HG|2|145|4|0|Und der Henoch erwiderte ihm und sagte: „Ich sage dir im Namen des Herrn, nicht nur deine frühere Rede, sondern auch jedes Wort, das du jetzt geredet hast, wird auf steinerne Tafeln gezeichnet werden! Verstehest du’s jetzt?“
HG|2|145|5|0|Und der Abedam erwiderte: „Ja, jetzt ist es mir ganz klar; aber jetzt will ich auch alsogleich nichts mehr reden, damit des leersten Zeugs meines Mundes nicht noch mehr auf die steinernen Tafeln zu stehen komme!
HG|2|145|6|0|Doch siehe, da vom Abend her sehe ich soeben zwei Männer eiligen Schrittes sich uns nahen; dadurch wird meine Zunge sicher eine Rast bekommen, aber desto mehr Tätigkeit meine Ohren!
HG|2|145|7|0|Über das aber habe ich heimlich eine kleine Freude, dass da meine Vorhersage doch etwas Treffendes gehabt hatte, nämlich, dass man ob des Nichterscheinens der Streiter am frühsten Morgen nicht zu vorlaut jubeln solle! Denn das sind schon einmal sicher ein paar so recht hitzige, nach dem sie ihre Füße gar so eiligst wechseln!
HG|2|145|8|0|Doch nun kein Wort mehr weiter, denn sie sind schon so gut wie hier!“
HG|2|145|9|0|Und die zwei Männer näherten sich eiligen Schrittes den Vätern auf der Höhe und grüßten sie überaus ehrfurchtsvoll.
HG|2|145|10|0|Der Adam aber trat sogleich mit der angewohnten patriarchalisch-richterlichen Amtsmiene hervor und fragte sie auch auf die gewöhnliche Art: „Welcher Zwist hat euch hierher getrieben?“
HG|2|145|11|0|Und einer der zwei Männer erwiderte: „Vater Adam, diesmal wirst du von uns auf diese Frage wohl schwerlich eine Antwort aus unseren Herzen erhalten! Daher wirst du dich für diesmal schon müssen zu einer anderen Frage bequemen; denn uns trieb heute durchaus kein Zwist hierher!“
HG|2|145|12|0|Bei dieser Gelegenheit bemerkte für sich selbst auch der Abedam, sagend nämlich: „Mir scheint, auch ich habe meiner Vorhersage etwas zu früh ein Preiswort gesprochen! O Herr, vergebe mir meine allzeit große Torheit!“
HG|2|145|13|0|Der Adam aber fiel auf die Äußerung des Fremden alsogleich aus seiner Rolle und wusste nun nicht mehr, was er die beiden fragen oder was er sonst mit ihnen reden oder machen solle und berief daher den Henoch zu sich und fragte ihn, was hier zu tun sein solle.
HG|2|145|14|0|Der Henoch aber sagte: „Nichts – als warten! Denn haben die beiden irgendeinen Grund, warum sie zu uns gekommen sind, so werden sie ihn uns schon ohnehin noch früh genug kundgeben; und haben sie keinen anderen als allein den, uns zu sehen, so werden sie wohl wieder umkehren, wenn sie sich an uns werden satt gesehen haben.
HG|2|145|15|0|Daher sollen wir allzeit unbekümmert sein, warum dies und warum jenes, sondern alle unsere Sorge sei gerichtet auf Den, der da noch gestern überheilig unter uns gewandelt hatte!
HG|2|145|16|0|Siehe, solches allein tut uns allen not; für alles andere aber wird schon der liebevollste, heilige Vater sorgen!
HG|2|145|17|0|Darum magst du, Vater Adam, auch nun vollends ruhig sein und somit belassen alle die alten, nichtssagenden Amtsformen! Denn Er hat uns allen ja eine neue Form gegeben, nämlich die allerherrlichste Form der Liebe; bei der und in der aber sollen und wollen wir auch jetzt, wie ewig, verbleiben! Amen.“
HG|2|146|1|1|Die weise Rede des Fremden
HG|2|146|1|0|Diese Worte Henochs führten den Adam wieder ganz zur Ruhe; der Fremde aber, der da schon früher geredet hatte, trat nun zum Henoch hin und sagte zu ihm:
HG|2|146|2|0|„Henoch, deine Worte gefallen mir! Du bist ein wahrhafter Lehrer und Prophet, denn du predigst die Liebe.
HG|2|146|3|0|Die Liebe auch ist der Grund, der mich und, wie du es siehst, noch einen Bruder hierher geführt hatte.
HG|2|146|4|0|Denn nicht streiten wollen wir vor euch, die ihr mit dem Geist der Liebe seid erfüllt worden, sondern eben den Geist der Liebe wollen wir in euch erforschen also, als wäre er uns ein fremder; und haben wir ihn erforscht, da wollen wir ihn euch nicht nehmen, sondern in aller Fülle, wie er in euch ist, belassen.
HG|2|146|5|0|Siehe, das ist der Grund, darum wir hierher kamen! Es geht aber die Sonne ja auch auf und unter, wodurch da entsteht Tag und Nacht auf der Erde; aber in der Sonne selbst, die eine bei weitem größere Welt ist denn die Erde, gibt es keine Nacht, da die Sonne durchaus Licht ist.
HG|2|146|6|0|Also scheint es auch der Fall zu sein mit dem Menschen, so er nicht durch und durchforscht ist in seiner Liebe, dass er ist gleich einem Planeten, auf dem es bald Tag und bald wieder Nacht wird.
HG|2|146|7|0|Wenn er aber durchforscht wird in seinem Herzen, alsdann wird das Herz zur Sonne, und so wird fürder keine Nacht mehr in seiner Seele!
HG|2|146|8|0|Also erforscht ja auch ein Bräutigam seine Braut und diese dann den Bräutigam; dadurch wird ihre Liebe stets leuchtender, darum sie sich auch stets mehr und mehr erkennen und dann auch umso inniger lieben.
HG|2|146|9|0|Und wenn ihre Liebe dann vollbrändig wird, so ergreifen sie sich, für ewig durch und durch erleuchtet, da sie sich erkennen und in dieser Erkenntnis sich erst vollends gegenseitig wohlgefallen.
HG|2|146|10|0|Daher lasst uns gegenseitig auch also erforschen, damit unsere Liebe eine vollkommene werde!“
HG|2|146|11|0|Hier zupfte Abedam den Henoch und sagte: „Bruder, wie werde ich mich denn in meiner Heimat als Lehrer ausnehmen, wenn es dort also überaus weise Männer gibt?!
HG|2|146|12|0|Denn, erlaube mir, gegen den sind wir beide ja schon wieder im Staube! Nein, es ist mir unbegreiflich, woher diese denn solche Weisheit genommen haben!“
HG|2|146|13|0|Der Henoch aber sagte: „Abedam, sei nur ruhig; denn da wird schon noch etwas Unbegreiflicheres herauskommen! Denn die Männer gefallen mir überaus gut! Verstehst du das?“
HG|2|147|1|1|Die Streitfrage über das Leben des gerichteten und des freien Menschen
HG|2|147|1|1|Am 30. August 1842
HG|2|147|1|0|Nach diesen gegenseitigen Bemerkungen Abedams und Henochs wandte sich der fremde Redner wieder an den Henoch und fragte ihn:
HG|2|147|2|0|„Höre, lieber Henoch, der du eingesetzt wardst zum Oberdiener des Herrn, ich und dieser Bruder da neben mir sind in einer Sache uneins – das heißt, wir sind nicht uneins etwa im Herzen, sondern ein wenig im Licht nur –; da du aber zuallermeist bist als ein Oberdiener vom Herrn mit dem Licht begabt worden zufolge deiner Liebe zu Ihm und aus der zu allen Brüdern, so gebe uns erleuchtend kund dasjenige, darüber wir uneins sind!
HG|2|147|3|0|Das aber ist der Punkt, der uns im Licht trennt: Ich sage es in mir, dass auch der gerichtete Mensch lebt; aber er lebt ein gezwungenes Leben, während der freie, ungerichtete Mensch ein absolutes, ungezwungenes Leben lebt.
HG|2|147|4|0|Und so ist ein gerichtetes Leben ein Leben der Sünde, und ein ungerichtetes Leben aber ein Leben der Liebe; und somit gibt es dann ja keinen Tod, sondern nur einen Lebensunterschied!
HG|2|147|5|0|Siehe, solches sage ich mir. Der Bruder da aber sagt:
HG|2|147|6|0|‚Ein gerichtetes Leben ist durchaus kein Leben, sondern nur ein allerbarster Tod! Denn ein gerichtetes Leben gleicht vollends einem geworfenen Stein, der zwar auch fliegt durch die Luft gleich einem Vogel, aber nur so lange, als ihn die Wurfkraft trägt; hört aber diese auf, so fällt er sogleich wieder vollkommen tot zur Erde, während der Vogel sich frei nach allen Richtungen bewegen kann!‘
HG|2|147|7|0|Ja, er setzt noch hinzu: ‚Nehmen wir an, der Stein wäre also mächtig geworfen worden, dass er darob im unendlichen Raum sich ewig fortbewegen müsste, so fragt es sich, ob der Stein zufolge dieses ewigen Fortfluges lebe, oder an und für sich dennoch vollkommen tot sei!‘
HG|2|147|8|0|Siehe, lieber Henoch, das ist demnach unsere Lichtspalte, welche du uns berichtigen möchtest, aber also, dass es für jeden aus uns vollends ersichtlich klar wird, was du uns darüber sagen wirst!“
HG|2|147|9|0|Hier dachte der Henoch in seinem Herzen, und er fand bei längerem Suchen keine Antwort. Denn prüfte er den einen Satz, so fand er ihn vollkommen richtig, – und tat er das mit dem zweiten Satz, so war auch wieder dieser uneinwendbar richtig; und so konnte er trotz alles Hinundherdenkens und Vergleichens keine Antwort finden.
HG|2|147|10|0|Und wandte er sich – wie allzeit bei solchen Gelegenheiten – an den Jehova in der Liebe seines Herzens, so klang es da eben also, dass da ein Satz also richtig ist wie der andere.
HG|2|147|11|0|Daher kam der Henoch noch in eine große Verlegenheit und konnte mit keinem Bescheide zurechtkommen.
HG|2|147|12|0|Der Fremde harrte ruhig auf die Antwort, welche nicht erscheinen wollte. Der Abedam aber zog den Henoch zu sich und sagte zu ihm ganz heimlich: „Bruder Henoch, wenn uns der hohe Abedam durch die Zeit Seines Unter-uns-Seins nicht ein wenig mit den zugeteilten Ämtern hatte anrennen lassen, so will ich nicht Abedam der Dumme heißen!
HG|2|147|13|0|Nimm nur einmal jetzt diese zwei – vom Abend her noch dazu! – und mich als einen allergewecktest sein sollenden Führer unter ihnen!
HG|2|147|14|0|Eine halbe solche Frage ist für mich ja schon bei aller meiner sein sollenden Gewecktheit mehr denn überaus hinreichend, um meiner ganz verzweifelten Weisheit den Mund für alle ewige Zeiten zu stopfen!
HG|2|147|15|0|Ich setze den Fall, sie hätten sich mit diesen zwei Entscheidungsfragen an mich gewendet, – o Herr, was wäre da auf einen Schlag aus mir geworden?! Wahrlich, ich wäre da ja eingegangen wie ein schmutziger Wassertropfen, wenn er ins Feuer der Sonne fiele!
HG|2|147|16|0|Und mich, wie du es selbst vernommen hast, hat Er zum Hauptführer gesetzt für dieses mein Abendbrüdervolk!
HG|2|147|17|0|Bruder, wenn das nicht Anrennenlassen heißt, so weiß ich doch bei meiner armen Seele nicht, wie man es machen und anstellen müsste, um jemanden aus allen Kräften noch mehr anrennen zu lassen!
HG|2|147|18|0|Er hatte uns ja allen zu öfteren Malen gesagt: Es kommt alles auf die Liebe an, aus der Liebe mögen wir alles schöpfen!
HG|2|147|19|0|Bruder, ich liebe und liebte Gott allzeit aus allen meinen Kräften, und alle Menschen möchte ich vor Liebe ordentlich anbeißen, und doch bin ich dabei so dumm, wie nur immer jemand dumm sein kann!
HG|2|147|20|0|Was sagst denn du dazu? Ich glaube heimlich bei mir, Jehova hat uns allen im Abedam einen neuen Prüfungsstein gegeben, an dem wir etwa unsere Festigkeit erforschen sollen; denn sonst wäre meine bleibende Dummheit bei meinem Beruf ja noch unerträglicher als ein Stern, der noch nie aufgegangen ist! Was meinst denn du, lieber Bruder, in dieser Hinsicht?“
HG|2|147|21|0|Hier ward der Henoch noch in eine größere Klemme gesteckt und wusste am Ende nichts zu sagen als bloß nur die wenigen Worte:
HG|2|147|22|0|„Bruder, glaube es mir, du bist in deiner Einfalt glücklicher denn ich bei aller meiner vermuteten Weisheit!
HG|2|147|23|0|Darum will ich auch nur allein die Liebe verkünden, derlei Weisheitskniffe aber allzeit unbeachtet vorüberstreichen lassen!
HG|2|147|24|0|Denn hier in diesen zwei Sätzen hätte im Grunde jeder recht, und doch ist zwischen ihnen ein bedeutender Unterschied; wie aber diesen ersichtlich machen, das ist eine andere Frage!
HG|2|147|25|0|Was ist ein gezwungenes Leben, und was dagegen der Tod?
HG|2|147|26|0|Diese Entscheidung wollen wir auf bessere Zeiten verschieben! Daher wollen wir die zwei auch damit abfertigen. Denn was ich nicht verstehe, davon kann ich auch nicht reden. Du verstehst mich doch?“
HG|2|148|1|1|Die hartnäckigen Fragen des Fremden bringen Henoch in Verlegenheit
HG|2|148|1|1|Am 31. August 1842
HG|2|148|1|0|Als der Fremde aber schon eine geraume Zeit gewartet hatte und noch immer keine Antwort erhielt, da wandte er sich wieder zum Henoch und fragte ihn: „Henoch, hältst du mich denn einer Antwort unwert, darum du also schweigst, und magst zu mir nicht sagen ja oder nein? Oder solltest du noch immer keine Löse in dir gefunden haben?
HG|2|148|2|0|Ich ersuche dich darum, mir entweder eine Antwort zu geben, oder mich irgendwo andershin zu bescheiden, denn ich stehe darauf an, dass da zwischen Mir und diesem Bruder vollends Licht werde!“
HG|2|148|3|0|Hier besann sich dann der Henoch nicht mehr lange, sondern sagte alsobald zum Fremden: „Höre, lieber Bruder, dein und deines Bruders Anliegen ist von einer solchen Art, dass sich so ganz eigentlich darauf nicht viel sagen lässt! Denn es ist im Grunde dein Satz so wahr und richtig wie der des Bruders, und sagt im Grunde einer dasselbe wie der andere; nur die Worte sind verschieden. Siehe, also erfasse ich es; da du aber darinnen einen bedeutenden Unterschied findest, so ist es mir unmöglich, aus diesem Unterschied eine lichte Mitte herauszubringen, indem ich hier durchaus keinen Unterschied finde! Denn ein gezwungenes Leben ist ja nur ein scheinbares; was aber ist ein scheinbares Leben? Doch unmöglich etwas anderes als eine scheinbare Bewegung, welche so gut wie gar keine Bewegung ist!
HG|2|148|4|0|Wenn zum Beispiel zur Nachtzeit durchbrochene Wolken unter dem Mond hinwegziehen, da kommt es dem Auge zur Erscheinung, als zöge der Mond über ihnen hinweg; ist aber diese scheinbare Bewegung nun auch eine wirkliche?
HG|2|148|5|0|O mitnichten! In dieser Hinsicht ist der Mond tot; denn nicht er, sondern nur die Wolken bewegen sich.
HG|2|148|6|0|Wie aber eine solche Bewegung keine Bewegung ist, sondern nur ein barster Stillstand, also ist auch ein gezwungenes oder gerichtetes Leben kein Leben, sondern bezüglich auf das eigentliche Leben ein allerbarster Tod.
HG|2|148|7|0|Denn wenn etwas Nichtlebendes durch ein anderes Leben nur wie lebendig mit fortgerissen wird, wie zum Beispiel ich ein Kleid mit mir auf meinem lebendigen Leibe herumschleppe, so lebt es darum nicht, sondern es ist bar tot in Hinsicht auf mein Leben, wenn es auch eine eigentümliche Kraft insoweit innehaben muss, auf dass es nicht zerfällt oder auch gänzlich vergeht und mir darum zu einem Kleid nicht dienlich sein könnte!
HG|2|148|8|0|Siehe, das ist aber auch alles, was ich dir auf deine Frage zur Antwort zu geben vermag!
HG|2|148|9|0|Doch willst du aber durchaus irgendeinen leuchtenden Unterschied erfahren, so wird dir nichts anderes übrigbleiben, als dich entweder an jemand anderen zu wenden, oder eine bessere Zeit abzuwarten, allwann ich in dieser Sache vielleicht mehr Licht haben dürfte denn gerade jetzt!
HG|2|148|10|0|Übrigens aber muss ich dir bemerken, dass es um vieles besser ist, Gott aus allen Kräften und die Brüder mehr denn sich zu lieben, als sich mit derlei Weisheitskniffen zu befassen.
HG|2|148|11|0|Tuet das, so wird euch der Unterschied zwischen dem, was da ist ein genötigtes Leben der Sünde, oder was da ist der Tod, gar wenig kümmern; denn nur dadurch werdet ihr wahrhaft lebendig werden!
HG|2|148|12|0|Wer aber das Leben hat, der tut ja dann doch sehr unklug, wenn er sich kümmert um das, was da ist des Todes!
HG|2|148|13|0|Tuet ihr nun, was ihr wollt, aber solches lasst nicht unbeachtet!“
HG|2|148|14|0|Und der Fremde entgegnete darauf dem Henoch: „Mein lieber Henoch, du hast zwar in einer Hinsicht eben nicht unrecht; aber so du sagst, es solle sich der Lebendige um den Tod nicht kümmern, da möchte ich denn doch wohl von dir erfahren, was du da meinst!
HG|2|148|15|0|Siehe, Gott ist doch sicher vollends lebendig; alle Menschen aber sind tot gegen Ihn! Wenn Er Sich nun als der allein Lebendige nicht kümmern würde in Seiner großen Liebe, Erbarmung und Weisheit um die in sich toten Menschen, also um den allgemeinen Tod, wie würde es da dann mit dem Lebendigwerden der Menschen wohl aussehen?
HG|2|148|16|0|So wir aber Ebenmaße Gottes sind, so weiß ich in diesem Falle zufolge deiner recht guten Lehre im Ernst nicht, wie ich mich als solch ein göttliches Ebenmaß betrachten soll; denn das Leben braucht keinen Erlöser, wohl aber der Tod!
HG|2|148|17|0|Siehe, dahier steckt es jetzt schon wieder zwischen uns!
HG|2|148|18|0|Erweise Mir das, und ich will mich in allem zufriedenstellen!“
HG|2|148|19|0|Hier fing der Henoch ganz gewaltig an zu stutzen. Der Abedam aber sagte:
HG|2|148|20|0|„Es wird immer klarer: wir sind angerannt – und nichts anderes! Ich wollte schon frohlocken über deine weise Lehre; aber wie stehen wir wieder jetzt da?!
HG|2|148|21|0|Nein, ist aber das ein Einwurf! Wie ein Berg auf einen Ameisenhaufen, der alle hinrichtet!
HG|2|148|22|0|Nein, über den Einwurf müsste selbst ein Erzengel krank werden!
HG|2|148|23|0|Bruder, weißt du was? Legen wir vor Gott und der Welt schön sauber unsere Ämter nieder, und wir werden uns sogleich besser befinden; denn noch ein solcher Einwurf kostet uns allen das bisschen Leben! Ja, ja, das tun wir!“
HG|2|149|1|1|Henochs Rede über göttliche Ämter und den Unterschied zwischen dem Leben in Gott und dem Leben im Menschen. Des Fremden Frage nach dem Unterschied zwischen Geschöpfen und Kindern Gottes
HG|2|149|1|1|Am 1. September 1842
HG|2|149|1|0|Und der Henoch sagte darauf zum Abedam: „Lieber Bruder, ich merke nun immer mehr und mehr, dass du in deiner ersten heutigen, an den Vater Adam und an mich gerichteten Rede eben nicht unrecht hattest!
HG|2|149|2|0|Aber mit dem Ablegen unserer Ämter geht es denn doch nicht so leicht, wie du es glaubst! Denn so uns da unsere Väter berufen hätten, da könnten wir solches ja ohne weitere Umstände tun.
HG|2|149|3|0|Aber siehe, da uns der allmächtige, heilige Wille Selbst berufen hatte wesenhaft durch Den, dem es wohlgefiel, deinen Namen zu tragen, so geht es mit dem Ablegen unserer Ämter nicht so leicht, wie du es glaubst! Denn solange wir das anerkennen müssen, dass der hohe Abedam der Herr Gott Zebaoth Selbst es war, müssen wir auch in allen Umständen die Bürde liebewillig tragen, welche Er uns auferlegt hatte.
HG|2|149|4|0|Denn sicher hatte Er uns das Amt nicht zu unserer weltlichen Verherrlichung gegeben, sondern zu unserer allzeitigen Demütigung vor Ihm und auch vor der Welt!
HG|2|149|5|0|Erkennen wir aber oder könnten wir vielmehr erkennen, dass der hohe Abedam Der nicht war, als der Er Sich uns durch Worte und Taten zu erkennen gab, da werde ich auch der Erste sein, der da deinem Rat folgen wird!
HG|2|149|6|0|Ich glaube aber, solches wird eben nicht zu leicht mehr tunlich sein. Denn wer kann also reden, wie da Er geredet hatte, und wer solche Taten verrichten, die Er vor unser aller Augen verrichtet hatte? Wer hat je solche Liebe in einem Menschen entdeckt, und wer je in eines Menschen Nähe solche Wonne empfunden, wie wir sie alle in der Seinigen empfunden haben?
HG|2|149|7|0|Siehe, aus solchen nur gar zu gewaltigen Gründen können wir denn auch unmöglich umhin, zu glauben, dass Er es war, als der Er Sich uns allen treulichst hatte zu erkennen gegeben.
HG|2|149|8|0|Da wir aber solches somit glauben müssen, so müssen wir schon auch in aller Liebe, Dankbarkeit, Geduld und Sanftmut und großer Demut die Bürde tragen, die Er Selbst uns auferlegt hatte!
HG|2|149|9|0|Des aber können wir beide versichert sein; zu unserem Verderben hatte Er solches sicher nicht getan!
HG|2|149|10|0|Daher glaube du auch nicht, dass wir darum angerannt sind, sondern Er will es also haben, und so wird es auch recht sein, weil Er es also haben will! Zu unserem Nachteil wird es nicht sein, sondern sicher nur zu unserem Vorteil; und so bleiben wir denn auch in Seinem allerheiligsten Namen, wozu Er uns berufen hatte! Amen.“
HG|2|149|11|0|Und der Abedam nahm diese Rede Henochs überaus beifällig auf und sagte: „Ja, ja, lieber Bruder, ich kann schauen, denken und reden, wie ich nur immer will, so bleibt mir am Ende doch nichts übrig, als mich eben also zu verhalten, wie du eben jetzt geredet hast; denn etwas Klügeres brächte ich ja schon in meinem ganzen Leben nicht über meine Lippen!
HG|2|149|12|0|Ich glaube jetzt auch fest, dass Er dem auch sicher den Verstand nicht versagen oder vorenthalten wird, dem Er gegeben hatte ein Amt!
HG|2|149|13|0|Doch siehe, die Fremden harren auf eine Antwort von dir; fertige sie doch einmal ab, und rede, was dir nur immer in den Sinn kommt! Rede sie ordentlich nieder, damit sie dann wortsättig uns sobald als möglich wieder verlassen möchten; denn das sind schon so ein paar recht ausgesuchte Beißer!
HG|2|149|14|0|Daher siehe, dass wir ihrer ehestens loswerden!“
HG|2|149|15|0|Und der Henoch wandte sich darauf alsogleich zum Fremden und sagte zu Ihm: „Höre, lieber Bruder, dein Einwurf ist also richtig und gut und wahr, dass sich ihm nichts entgegenstellen lässt, – nur scheint er hierher nicht so ganz zu passen; denn es ist doch wohl sicher ein unendlich großer Unterschied zwischen unserem Leben und dem Leben in Gott!
HG|2|149|16|0|Unser Leben wird selbst im allervollkommensten Zustand ein bedingtes bleiben, während das allerheiligst vollkommenste Leben in Gott ein ewig freiestes und allerunbedingtestes ist. Für Gott gibt es keinen Tod, sondern vor Ihm ist alles durch Seinen Willen bedingt, wie das Leben, also auch das Gericht oder der Tod, für unseren Gesichtskreis genommen.
HG|2|149|17|0|Vor Gott lebt alles; vor Gott kann kein Gericht bestehen, sondern nur Seine ewige Ordnung, die Er Selbst ist aus Ihm frei heraus.
HG|2|149|18|0|Alle Geschöpfe aber bestehen vermöge dieser Seiner freien Ordnung in Ihm, bedingt durch die Verhältnisse eben dieser freien Ordnung.
HG|2|149|19|0|Sonach können wir als Seine Geschöpfe unsere bedingten Verhältnisse ja doch nicht auf Ihn übertragen und uns dadurch mit Ihm auf eine gleiche Stufe stellen.
HG|2|149|20|0|Und so kann Sich wohl der Schöpfer um alle die Verhältnisse Seiner Geschöpfe kümmern, wir aber tun hinreichend, wenn wir nur Seinen allerheiligsten Willen erfüllen.
HG|2|149|21|0|Die Sonne geht auf und unter und bringt uns den Tag; können wir es anders machen? Ob die Sonne solches tut durchs Gericht oder durch ein freies, lebendiges Wollen, was soll uns das kümmern; denn wir wissen es ja dessen ungeachtet, dass sie nur den Weg wandeln kann, den ihr Seine Ordnung vorgezeichnet hatte!
HG|2|149|22|0|Und also steht es auch mehr oder weniger mit uns Menschen. Wir können zwar auf dem Boden der Erde frei hin und her wandeln, aber niemand kann den Erdboden verlassen und sich frei erheben hinauf zu den Wolken des Himmels!
HG|2|149|23|0|Also meine ich, ihr solltet es bei meinem früheren Ausspruch bewendet sein lassen und nicht wieder etwa mit einem neuen Einwurf kommen! Solches solltet ihr wohl beachten!“
HG|2|149|24|0|Und der Fremde erwiderte: „Lieber Henoch, du hast wohl gesprochen, und ich will es dir gelten lassen; aber nur möchte ich dazu noch den Unterschied zwischen Geschöpfen und den Kindern Gottes kennenlernen!
HG|2|149|25|0|Gibt es da keinen, so hast du vollkommen recht; gibt es aber einen, so wirst du dir schon müssen gefallen lassen, deine Worte entweder zurückzunehmen oder doch sehr gewaltig handeln zu lassen!
HG|2|149|26|0|Daher berichte mir solches, sonst gebe ich dir keine Ruhe!“
HG|2|149|27|0|Hier fing der Henoch noch mehr zu stutzen an. Der Abedam aber sagte: „O Geduld, nur jetzt verlasse mich nicht!
HG|2|149|28|0|Wenn er aber noch mit einem solchen Einwurfe kommt, dann soll er es mit mir zu tun bekommen! Wahrlich, ich will ihn über alle Berge hinausreden! Der soll denken an eine solche Rede aus meinem Munde!
HG|2|149|29|0|Bruder Henoch, nur jetzt fasse dich noch! Dann aber lasse den Streiter mir über, so er etwa noch mit einem solchen Einwurfe kommen sollte!
HG|2|149|30|0|Mein Beweis wird ihn sicher über alle Berge treiben! Bruder, du wirst mich doch verstehen?!“
HG|2|150|1|1|Die Demütigung des vorwitzigen Abedams durch den Fremden
HG|2|150|1|1|Am 2. September 1842
HG|2|150|1|0|Es wandte sich aber hier der Fremde an den Abedam und sagte zu ihm: „Bruder und Freund Abedam, so dich meine sicher wichtigen Einwürfe so stark beirren und du mich bei einem nächsten sogar über alle Berge hinausreden willst, siehe, solches kannst du ja alsogleich tun; und ist dir dein vermeintlicher Sieg gelungen, da hast du den Henoch und dich dann ja vor allen künftigen Einwürfen des Lebens und der Liebe verwahrt!
HG|2|150|2|0|Ich meine aber, wenn das Leben keine Kinderspielerei, sondern eine Sache großen Ernstes ist, da dürften denn derlei Einwürfe doch wohl von größerer Wichtigkeit sein denn deine Behaglichkeit.
HG|2|150|3|0|Übrigens bin ich ja dir noch mit keiner Frage zur Last gefallen; warum willst du denn hernach blasen, wo es dich doch nicht im Allergeringsten brennt?!
HG|2|150|4|0|Wie aber gesagt, so du Lust hast, mich ordentlich niederzureden, da fange nur alsogleich an, und es soll sich am Ende doch zeigen, wer diesen Kampfplatz als Sieger behaupten wird!
HG|2|150|5|0|Ich meine aber ganz zuversichtlich, dass bei diesem Kampf du den bei weitem Kürzeren ziehen dürftest!
HG|2|150|6|0|Daher fasse dich wohl, so du etwa noch Lust haben sollst, dich mit mir in einen Wortkampf einzulassen!
HG|2|150|7|0|Dich beirrt meine Weisheit, darum sie die deinige überragt, und besonders jetzt, da du der Meinung bist, von der Gegenwart Jehovas, an dessen Seite du beständig warst, die Weisheit ordentlich mit dem Löffel gespeist zu haben, und alle deine Brüder im Abend sollen darum dümmer sein denn du, damit du ihnen dein großes Weisheitsübergewicht so recht derb könntest fühlen lassen.
HG|2|150|8|0|Weißt du’s aber nicht, und hast du solches nicht vernommen, dass nur allein die Liebe, Geduld, Demut und Sanftmut die einzigen Grundpfeiler aller Weisheit sind?
HG|2|150|9|0|Kannst du aber nun sagen, dass solches in dir ist, so du dich ärgerst über mich, und das aus keinem anderen Grunde, als nur indem du mich für tiefsinniger und weiser wähnst denn dich?!
HG|2|150|10|0|Ja, aus eben dem Grunde magst du sogar Gott, die ewige Treue und Wahrheit, einer Anrennerei beschuldigen!
HG|2|150|11|0|Abedam, siehe, siehe einmal in dein Herz! Wie muss dieses denn beschaffen sein, dass es schon heute Den verleugnen kann, von dem es gestern noch die größten, wunderbarsten Wohltaten empfing?
HG|2|150|12|0|Hat denn der hohe Abedam nicht mehr um dich verdient, als dass du Ihn nun verleugnen willst und willst mich lieblos aus purem Weisheitsneid über alle Berge hinausreden?
HG|2|150|13|0|O wie schlecht musst du die Worte Abedams erfasst haben!
HG|2|150|14|0|Wann wohl hatte Er jemandem den Weisheitsneid anbefohlen?
HG|2|150|15|0|Wie kannst du aber je auf die wahre Weisheit einen Anspruch machen, so dein Herz voll Ärger ist?
HG|2|150|16|0|Daher reinige zuvor dein Herz, und es soll sich dann zeigen, wie viel Weisheit im selben Platz haben wird!
HG|2|150|17|0|Verstehst du solches? Ich sage dir aber: Verstehe es, oder streite mit mir! Denn deiner Kraft bin ich vollends gewachsen; denn ich kenne dich und den hohen Abedam besser denn du!“
HG|2|150|18|0|Diese Worte gingen dem Abedam so vollends zu Herzen, dass er vor großer Reue zu weinen anfing, und er bat den fremden Bruder um Vergebung und sagte zum Schluss seiner Bitte:
HG|2|150|19|0|„Bruder, da du mich in aller Weisheit ums Tausendfache übertriffst – was ich jetzt aus dieser deiner wahrhaft himmlisch rein wahren Mahnrede gar überaus klar entnommen habe – und ebenfalls vom Abend her bist, so werde mein Helfer und Stellvertreter! Denn was soll ich machen aus meiner großen Torheit?
HG|2|150|20|0|Der hohe Abedam hatte mir solch ein Amt sicher nur zur Selbstprobe meiner Demut auferlegt, was ich jetzt umso deutlicher ersehe; daher wird es wohl recht sein, dass du mein Stellvertreter werdest!“
HG|2|150|21|0|Aber der Fremde erwiderte ihm: „Meinst du denn, der hohe Abedam hatte Sich mit dir einen sogenannten Spaß machen wollen? Oh, da hast du Ihn schlecht erkannt und begriffen!
HG|2|150|22|0|Siehe, den Er berufen hatte, da hatte Er auch sicher vorgesehen, warum Er ihn berufen hatte! Aber Er wirft darum dennoch keinem Berufenen die Weisheit auf den Rücken nach, sondern diese soll sich jeder Berufene erst auf den Wegen zu eigen machen, die Er ihm zu dem Behuf durch viele tausend Worte gezeigt und somit treulichst vorgezeichnet hatte.
HG|2|150|23|0|Daher bleibe du, wozu du berufen warst, und wandle auf den vorgezeichneten Wegen, so wirst du des dir verliehenen Amtes schon auch vollends mächtig werden! Solches sollst du wohl verstehen und danach handeln!“
HG|2|150|24|0|Diese Worte rollten wie starke Donner durch die Seele Abedams, und der Henoch und alle Väter staunten über die große Weisheit des Fremden.
HG|2|150|25|0|Der Adam sagte darauf zum Seth und auch zu den übrigen: „Wahrlich, ich muss es gestehen, dieses Fremden Weisheit ist groß!
HG|2|150|26|0|So er vom Morgen her gekommen wäre, so dächte ich, hinter ihm steckte etwa gar schon Puristas Flamme; aber vom Abend her ist solches wohl nicht zu gedenken!“
HG|2|150|27|0|Und der Fremde erwiderte darauf dem Adam: „Was redest du denn? Ist denn nicht am Vorsabbat sogar der Asmahael aus der Tiefe zu euch gekommen? Warum sollte sich denn hernach im Abend nicht auch ein weiser Bruder vorfinden?
HG|2|150|28|0|Siehe, das ist ein falsches Urteil von dir!“ Und der Adam wusste darauf nichts zu sagen.
HG|2|150|29|0|Der Fremde aber wandte sich darauf zum Henoch und erbat sich die Löse seines Einwurfs. Der Henoch aber bat den Fremden, ihm zuerst seine Meinung darüber kundzugeben, darauf er dann erst ein Ja, und sicher nicht ein Nein von sich geben werde.
HG|2|151|1|1|Der Unterschied zwischen freiem und genötigtem Leben. Die Gefahr des Blindglaubens
HG|2|151|1|1|Am 5. September 1842
HG|2|151|1|0|Da der Fremde aber solchen Wunsch vom Henoch vernommen hatte, so machte er eine verwunderte Miene und sagte darauf zu ihm:
HG|2|151|2|0|„Lieber Henoch, das ist auch weise von dir; denn hast du einmal mein Urteil, so wirst du desto leichter mit einem eigenen Urteil fertig werden, besonders wenn es am Ende bloß nur auf ein Ja oder Nein ankommen möchte!
HG|2|151|3|0|Aber es fragt sich dann, ob dadurch jemand einen Nutzen ziehen wird!
HG|2|151|4|0|Denn in keiner Sache kann ein Mensch leichter überredet werden als gerade in derjenigen, die er selber nicht versteht.
HG|2|151|5|0|Denn da lässt er das Urteil entweder aus Unkunde gelten, oder er glaubt es der Autorität des Redners, begründet sich dann darinnen und mag dann nimmer zu einem [eigenen] Urteil gelangen.
HG|2|151|6|0|Solches aber heißt doch nichts anderes, als die Selbständigkeit seines Geistes vernageln und ein Maschinengeist eines anderen werden, oder das eigene Leben hintangeben für ein fremdes Scheinleben!
HG|2|151|7|0|Ich aber sagte dir aus meiner Erfahrung das, damit du dich von mir etwa nicht sollst überreden lassen, sondern nur davon das annehmen, was dir einleuchtend ist; und so sollst du keine Silbe annehmen, die du allein glauben müsstest, ohne sie im Geist zuvor bestimmt erfasst zu haben!
HG|2|151|8|0|Es gibt keinen schlimmeren Zustand für einen freien Menschen, als der da ist des Blindglaubens; denn ein solcher Glaube gebiert den wahrhaften Tod des Geistes.
HG|2|151|9|0|Wer da ist ein Blindgläubiger, der ist auch zugleich ein von irgendeinem ruhmsüchtigen Bruder gerichteter Geist.
HG|2|151|10|0|Wenn aber schon ein Gericht des lebendigen Gottes tötend ist, um wie viel mehr muss dann erst das eines toten Menschen sein, oder dessen, der da selbst nur ein Scheinleben hat?
HG|2|151|11|0|Siehe, aus dem Grunde ist dann ja ein eigenes Urteil um vieles besser – und sei es noch so kümmerlich – als ein angenommenes durch den alleinigen Glauben, für dessen Richtigkeit der frei sein sollende Geist keine andere Bürgschaft hat denn allein die Autorität des Predigers und die laue Genügsamkeit seiner eigenen Torheit.
HG|2|151|12|0|Welches alles aber vor Gott sicher ein Gräuel ist; denn Gott hat den Menschen erschaffen zu einem freien Leben, nicht aber, dass er sei ein träger Maulknecht irgendeines ruhmsüchtigen Predigers und dadurch eigennützigen Richters der Herzen frei sein sollender Menschen.
HG|2|151|13|0|So ich dir daher auch tue, was du dir von mir erbatst, darum ich dir einen Gefallen erweisen will, so nehme aber davon nichts an als nur das, was du nach tiefster Prüfung also befunden hast, als wäre es dein eigenes Urteil!
HG|2|151|14|0|Denn wenn dir jemand sagen möchte: ‚Tue dies oder jenes!‘, und du tust es, ohne dich nur im Geringsten zu bekümmern, warum und zu welchem Endzweck, so bist du schon zur Willensmaschine eines anderen geworden, darum du dich hast richten lassen; wenn du aber zuvor prüfst das Verlangen deines Bruders und hast den Endzweck frei in dir gefunden und hast auch gefunden, dass dieser ein würdiger ist, daher er Liebe zum Grunde hat, und dann tust, was dein Bruder von dir verlangt, so hast du gehandelt als ein freier Mensch und als ein wahrhaftes Gotteskind, nicht aber als ein gerichtetes Geschöpf.
HG|2|151|15|0|Denn das ist ja eben nach meiner Beurteilung der mächtige Unterschied zwischen den wahren Kindern Gottes und den Geschöpfen, dass die Kinder also frei tätig sein sollen, wie Gott, ihr Vater, Selbst frei tätig ist, und sollen eben darin vollkommen sein, wie Er Selbst vollkommen ist, darum sie sind Seine vollkommenen Ebenmaße!
HG|2|151|16|0|Können solches wohl etwa auch die Tiere? O nein, diese müssen allzeit des Schöpfers Willen vollziehen, denn ihre Natur selbst ist ja schon eine Trägerin des Willens des Schöpfers! Aber nicht also ist es mit den Menschen, die da gestellt sind zu wahrhaften Kindern Gottes.
HG|2|151|17|0|Ihnen wird erst der Wille Gottes geoffenbart, damit sie solchen zuerst mit dem eigenen freien Geist als den allein gerechten und wahren beurteilen, erkennen und dann erst wie zu ihrem Eigentum machen und danach handeln sollen!
HG|2|151|18|0|Wer die Offenbarung annimmt und handelt danach, indem er meint, er müsse danach handeln, der ist schon ein Gerichteter; denn er handelt nicht mit der Übereinstimmung des eigenen Willens mit dem göttlichen, sondern er handelt wie eine Maschine und ist und bleibt dabei dennoch tot, darum er sich nicht kümmert um die volle Erkenntnis dessen, was da ist der göttliche Wille und was dessen Ordnung, sondern so er etwas als den göttlichen Willen durch die Ohren erkennt – zumeist aus dem Munde eines Eigenrühmlers –, so tut er es, ohne zu beurteilen, wozu und warum.
HG|2|151|19|0|Siehe, solches aber ist ja an und für sich eine allerbarste Abgötterei; denn der Mensch richtet sich dadurch selbst oder lässt sich vielmehr richten – und somit auch töten!
HG|2|151|20|0|Und siehe, das ist demnach ja auch der Unterschied zwischen dem freien und genötigten Leben! Doch solches Leben ist noch nicht ein Tod der Sünde; denn die Sünde ist, die Wege der göttlichen Ordnung, insoweit sie geoffenbart sind, erkennen – und dann dem guten Urteil in sich freiwillig zuwiderhandeln.
HG|2|151|21|0|Siehe, solches ist dann auch der wirkliche Tod! Warum? Weil die Sünde ist eine barste Störung der göttlichen Ordnung, während kein Gericht dieselbe stört, sondern nur die Freiheit des Geistes hemmt!
HG|2|151|22|0|Siehe, lieber Henoch, das ist meine Ansicht; jetzt aber gebe du mir auch die deinige kund, damit wir dadurch zu einem Gemeinurteil gelangen mögen, durch das wir allein zur rechten Tat belebt werden können! Doch so du es willst! Amen.“
HG|2|152|1|1|Die Weisheitsrede des Fremden soll durch das Urteil vieler bestätigt werden
HG|2|152|1|1|Am 6. September 1842
HG|2|152|1|0|Als der Henoch aber solches vernommen hatte von dem Fremden, da fing es ihn an überaus hoch wunderzunehmen, und er fragte ihn darob:
HG|2|152|2|0|„Höre, lieber Freund, wenn deine große Weisheit eine menschliche ist, so bin ich mir ein unauflösliches Rätsel; denn wahrlich, deine Worte machen meinen Geist verstummen!
HG|2|152|3|0|Du willst, dass ich dir etwas einwenden soll, damit wir dadurch zu einem gemeinsamen Urteil gelangen möchten; wie aber kann oder soll ich das?
HG|2|152|4|0|Denn deine Worte haben mein ganzes Wesen ja also überzeugend klar durchdrungen, dass es mir platterdings eher möglich wäre, jemandem zu beweisen, dass ich nicht der Henoch bin, als dir in dieser deiner überaus weisen und bis auf den innersten Punkt wahren Rede eine allerleiseste Einwendung zu tun.
HG|2|152|5|0|Und so sage ich dir denn auch nichts anderes – und kann dir auch nichts anderes sagen – als nur: dass dein Urteil auch schon ganz und völlig das meinige ist!
HG|2|152|6|0|Sollte aber dennoch über meine Ansicht irgendeine Einwendung denkbar sein oder etwa irgendeine Frage, da müsstest du, liebster Bruder und Freund, solches schon selbst tun!
HG|2|152|7|0|Denn, wie gesagt, ich finde in gar keinem Punkt dieser deiner Rede irgendetwas, darüber mir entweder eine leichte Einwendung nur oder doch wenigstens eine Frage möglich wäre!
HG|2|152|8|0|Wenn es aber allein auf mich ankäme, da möchte ich sagen: Bruder, rede lieber von etwas anderem, denn diese Rede ist zu erhaben ganz und wahr, darum es ewig ein Schade wäre, wenn man sie durch was immer für Nebenbemerkungen gewisserart zerkratzen und zertragen würde! Bist du nicht auch dieser Meinung?“
HG|2|152|9|0|Und der Fremde erwiderte: „Henoch, du siehst es wohl ein, dass es also ist, darum dein Urteil mit dem meinigen übereinstimmt im Geiste und aller Wahrheit, aber zur vollen nutzwirkenden Gewissheit wird die Sache dennoch erst dann erhoben sein, wenn sie zu einem allgemeinen Urteil wird!
HG|2|152|10|0|Daher ist es nach meiner Ansicht nicht genug, wenn eine Wahrheit nur zu einem einstimmigen Urteil zwischen zweien wird, sondern sie muss durch ein vielseitig einstimmiges Urteil das werden, was sie eigentlich werden sollte.
HG|2|152|11|0|Denn nehmen wir an, in einer Gegend wären eine Menge Hungrige und wüssten sich nicht zu helfen, zwei aber wären unter ihnen und hätten Brot genug für den eigenen Bedarf und wären auch hinreichend gesättigt!
HG|2|152|12|0|Wenn aber dann die Hungernden zu ihnen träten und fragten sie: ‚Brüder, wie macht ihr es denn, dass ihr also vergnügt und gesättigt ausseht, während wir vor Hunger vergehen möchten?‘
HG|2|152|13|0|Und die zwei antworteten ihnen dann: ‚Hört, wir essen Brot, und also sind wir gesättigt!‘
HG|2|152|14|0|Sage mir, lieber Henoch, wird eine solche Antwort, wenn sie auch an und für sich die allerschönste Wahrheit ist, die Hungernden wohl sättigen?
HG|2|152|15|0|O nein, das muss doch ein jeder einsehen, dass durch die Alleinsättigung der zwei niemand anderer gesättigt wird!
HG|2|152|16|0|Es werden aber die Hungernden dann alsobald sagen zu den Gesättigten: ‚Was nützt uns das, so ihr euer Brot nicht zu einem Gemeingut macht?
HG|2|152|17|0|Lasst uns auch in euer Brot beißen, und wir werden dann erst erfahren, ob und wie es uns sättigen wird!‘
HG|2|152|18|0|Siehe also, lieber Henoch, ist das nicht ein sehr gültiger Einwurf? Wie aber kann er gelöst werden?
HG|2|152|19|0|Siehe, hier gibt es schon mehrere Hungrige; diese sollen auch in unser Brot beißen und sollen ihre Urteile von sich geben, ob es sie sättige oder nicht! Genügt es also für alle, so ist da kein Nachtrag mehr nötig; genügt es aber nicht, so bleibt uns nichts anderes übrig, als entweder mehr Brot nachzuschaffen, oder ihnen zu zeigen und zu enthüllen die große allgemeine Brotkammer! Was meinst du nun, ist solches nicht richtig?“
HG|2|152|20|0|Und der Henoch, ganz erstaunt über die hohe Weisheit des Abendländers, bejahte alles aus dem tiefsten Grunde seines Herzens und fragte darauf den Fremdweisen:
HG|2|152|21|0|„Aber lieber Bruder, ich bitte dich um alles im Geiste, sage mir doch zuvor, ehe wir noch die anderen wollen in unser Brot beißen lassen, woher du denn solche Weisheit empfangen hast, nachdem du mir doch wirklich ganz fremd bist und warst meines Wissens auch nie zugegen, als der Allerhöchste unter uns wandelte; und wann hast du sie empfangen?“
HG|2|152|22|0|Der Fremde aber entgegnete dem Henoch und sagte: „Liebster Henoch, siehe, hier tut nur eines not; daher lassen wir das Wie und Wann und lassen dafür lieber sogleich die Brüder ins Brot beißen!
HG|2|152|23|0|Es werden aber noch gar viele vom Aufgang und Niedergang kommen und werden viele Kinder des Lichtes der derbsten Finsternis zeihen, so dass diese darob ach und wehe schreien werden!
HG|2|152|24|0|Doch solches lassen wir jetzt gut sein, denn eure Weisheit wird sich erst bei euren Kindern rechtfertigen! Daher sehen wir jetzt auf die Väter, damit die Kinder nicht zugrunde gehen mögen!
HG|2|152|25|0|Henoch, fasst du auch das? Also reiche das Brot den Vätern und Brüdern!“
HG|2|153|1|1|Henochs Überlegungen und Abedams Erwachen
HG|2|153|1|1|Am 7. September 1842
HG|2|153|1|0|Da der Henoch aber solchen Bescheid vom Fremden vernommen hatte, ward es ihm sonderbar zumute, und er wusste nun nicht, wie er daran war.
HG|2|153|2|0|Er dachte bei sich nach und sagte zu sich selbst in sich: „Je mehr ich seine Worte erwäge, desto mehr erschaue ich auch deren unwidersprechliche Richtigkeit; und doch kann ich mich doch wieder nicht entsinnen, dass uns der hohe Abedam je etwas davon gemeldet hatte!
HG|2|153|3|0|Es ist doch wahrhaftig sonderbar, man könnte sich nichts vorstellen, was da noch reiner wäre als eben diese Worte, – und, wie gesagt, Abedam hatte solches nicht verkündet! Seine Lehre ging ja nur hauptsächlich auf die Liebe hinaus und auf die Demut, und mir befahl Er, zu verkündigen eben nur die Liebe und alle Demut aus ihr!
HG|2|153|4|0|Wenn ich aber nun dieses Fremden Worte so recht erwäge, so scheint es doch wieder trotz der Richtigkeit etwas sonderbar, darum eine von einem berufenen Lehrer ausgesprochene Lehre soll dem Urteil eines jeden einzelnen Menschen unterworfen sein und kann dann erst als vollgültig angenommen werden, wenn sie jedem Urteil vollends entspricht!
HG|2|153|5|0|Anderseits ist es aber dennoch wieder richtig, ja überaus richtig, dass nämlich eine Lehre bloß für den Wind taugt, wann sie nicht von den Herzen, an die sie gerichtet war, als vollends eigentümlich ist aufgenommen worden! Was ist also hier zu tun?
HG|2|153|6|0|Kurz und gut, eine Regel muss ja sein, und diese Regel soll also lauten: Was du als vollends richtig, gut und wahr erkennst – ob es jetzt aus was immer für einem Munde kommt –, sollst du deinen Brüdern nicht vorenthalten; denn auch sie haben einen so gut unsterblichen Geist wie ich!
HG|2|153|7|0|Dieser Regel kann auch Jehova Selbst sicher nichts einwenden!
HG|2|153|8|0|Daher will ich auch tun nach den Worten des fremden Mannes!
HG|2|153|9|0|Da wäre zum Beispiel ja sogleich mein lieber Bruder Abedam; wir wollen sehen und hören, was da er dazu sagen wird!“
HG|2|153|10|0|Hier wandte sich der Henoch an den Abedam und sagte zu ihm: „Bruder Abedam, du hast so gut wie ich und alle vernommen des fremden Bruders überaus köstliche Worte! Siehe, dir wird ein großes Stück Brot dargereicht; beiße hinein, und sage uns sodann dein Urteil, ob und wie es sättige das Verständnis deines Herzens!“
HG|2|153|11|0|Hier erschrak ganz ordentlich der Abedam und wusste nicht, was er darauf sagen sollte; denn er war während der Hauptrede des Fremden beständig mit sich selbst beschäftigt und wusste darum nicht, von was da so ganz eigentlich die Rede war. Und so fragte er nach einiger Fassung ganz leise und vertraut den Henoch, worüber er denn so ganz eigentlich ein Urteil von sich geben solle.
HG|2|153|12|0|Der Henoch aber sagte darauf zu ihm: „Ja, mein lieber Bruder, wenn es dir an der gerechten Aufmerksamkeit des Geistes gebricht, da bist du freilich wohl noch bei weitem nicht wach, sondern noch schlafend; ein Schlafender aber kann ja doch kein Urteil von sich geben!
HG|2|153|13|0|Hast denn du das so ganz überhört, wie der Fremde mir den Unterschied zwischen den Geschöpfen und den Kindern Gottes überaus weise gezeigt hat und hat mir gezeigt den Unterschied zwischen dem gerichteten Leben und dem Tod der Sünde?!
HG|2|153|14|0|O du stummer und tauber Geist! Wie konnte dir denn des Lebens allerwichtigste Enthüllung entgehen?!“
HG|2|153|15|0|Durch diesen Rüttler erwachte erst der Abedam und fand in sich die ganze Rede des Fremden leuchtend gleich einer Sonne im Aufgang und sagte darauf:
HG|2|153|16|0|„Sei dessen nicht ungehalten, was da betrifft meine nicht eigenwillige Schläfrigkeit, lieber Bruder Henoch; denn jetzt habe ich es ja schon vollends in mir gefunden und sage dir, dass alles das von dem Fremden Gesagte auch nach meinem Urteil so rein und richtig ist wie die Sonne am reinsten Morgen!
HG|2|153|17|0|Des kannst du vollends versichert sein, mehr brauche ich dir nicht zu sagen!
HG|2|153|18|0|Nur mache ich dir hier eine Bemerkung bezüglich dieses Fremden, und diese lautet von mir aus also:
HG|2|153|19|0|Bruder Henoch, sei stets eingedenk der großen Liebe Jehovas, unseres allerheiligsten Vaters; denn Er geht stets auf solchen Wegen einher, die nie ein allerscharfsichtigster und tiefsinnigster Engel erschauen und ergründen wird!
HG|2|153|20|0|Siehe, ich bin zwar ein Schläfer, aber wie es mir vorkommt, so sehe ich diesmal in meinem Schlaf mehr, denn du in deinem Wachsein!
HG|2|153|21|0|Doch, was ich sehe, das sage ich dir nicht, und das so lange nicht, bis du es selbst nicht ebenso gut sehen wirst, wie ich es sehe!“
HG|2|153|22|0|Hier begab sich der Fremde zum Abedam und sagte zu ihm: „Wahrlich, du kannst es glauben, die Augen deines Geistes täuschen dich nicht! Doch ist es aber für so manchen Geist besser zu gewissen Zeiten, dass er nicht so bald sieht in die Mitte dessen, was da ist vor ihm; solches auch weiß ich aus gar alter Erfahrung schon. Daher hast du wohl recht, das nicht zu sagen, was du siehst, sondern erst dann, wenn es auch ein anderer sehen wird!“
HG|2|153|23|0|Hier fragte der Henoch den Fremden: „Bruder, was soll damit gesagt sein? Wahrlich, es ist das erste Mal, dass mir der Abedam unverständlich wird!
HG|2|153|24|0|Sage mir es doch, was es sei, das ich nicht sehe; denn solches musst du ja als ein weisester Mensch doch auch wissen, dass die Ungewissheit des Geistes höchste Qual ist und ist ärger denn der Tod selbst! Daher sage es mir, darum bitte ich dich!“
HG|2|153|25|0|Der Fremde aber sagte zu ihm: „Henoch, ich sage dir, frage dein Herz! Sagt dir dieses nichts, so wird dir das wenig nützen, was ich dir sagen würde; es kommt auch hier auf das eigene Urteil an! Du kennst doch die Bäume aus den Früchten; wenn ein Baum aber lebendige Früchte bringt, wie ist demnach der Baum selbst?
HG|2|153|26|0|Oder hast du je gesehen, dass da einem dürren Stock auch entwachsen möchten lebendige Früchte?
HG|2|153|27|0|Zerstörendes Moos wohl, aber keine lebendige Frucht!
HG|2|153|28|0|So du aber an einem Bruder entdeckst lebendige Wortfrüchte, so ist es dann ja rätselhaft, dass du den Bruder nicht näher erkennen magst.“
HG|2|153|29|0|Hier staunte der Henoch noch mehr, und fing an, den Abedam zu mustern.
HG|2|153|30|0|Dieser aber sagte: „Bruder, mich musterst du vergeblich; mustere lieber jemand anderen, und du wirst an ihm sicher mehr entdecken denn an mir! Siehe, Er ist uns nicht ferne; solches wirst du doch verstehen, lieber Bruder?!“
HG|2|154|1|1|Henoch bespricht sich mit dem anderen Fremden und mit Adam
HG|2|154|1|1|Am 13. September 1842
HG|2|154|1|0|Dem Henoch aber bohrten diese Worte tief ins Herz, und er überlegte in seinem Herzen jegliches Wort vom Abedam sowohl, wie ganz vorzüglich die des Fremden.
HG|2|154|2|0|Es war aber alles Überlegen für diesmal vergebens; denn er, den Ich zum Oberpriester bestellt hatte, musste auch eine größere Probe an sich vollziehen lassen denn ein jeder andere.
HG|2|154|3|0|Während sich der Fremde ganz heimlich mit dem Abedam besprach, benützte aber der Henoch die Gelegenheit und ging zum anderen Fremden hin, um sich bei ihm Rats zu erholen, wer etwa doch der fremde Redner sei, und woher ihm solche rein göttliche Weisheit gekommen ist, und was er für einen Namen habe.
HG|2|154|4|0|Der andere Fremde aber erwiderte dem Henoch und sagte: „Wie magst du mich darum denn fragen?
HG|2|154|5|0|Ich bin ja nur ein Gegner zu ihm, und solches weißt du ja, dass der Gegner nach alter Sitte so lange zu schweigen hat, als wie lange der andere die Rede führt; und hat der andere ihn überwiesen, dass da seine, das heißt des Gegners, Sätze unrichtig sind, so hat er ihm dadurch ja auch die Zunge gebunden und alles fernere Recht zum Reden benommen!
HG|2|154|6|0|Siehe, solches aber hat mir mein Gegner getan; daher habe ich zufolge alter Sitte ohne seiner Einwilligung ja auch durchaus kein Recht mehr, was nur immer ihn Betreffendes hier kundzutun – und am allerwenigsten vor dir, dem nunmaligen Oberpriester des Herrn!
HG|2|154|7|0|Es war aber ja noch nie gebräuchlich, dass es den Streitenden zur Pflicht wäre, ihre Namen kundzugeben, damit aus ihnen keine Parteilichkeit vor sich gehen möchte.
HG|2|154|8|0|Ja, noch allzeit haben sich die Streitenden sogar darum das Angesicht verhüllen müssen und haben sogar müssen mit gebrochener einförmiger Stimme ihre Sache vorbringen!
HG|2|154|9|0|Ja, in der letzteren Zeit durften nicht einmal mehr beide reden, sondern nur einer musste auch die Sache seines Gegners vortragen, damit die Streitenden desto unbekannter verbleiben möchten und über sie ein desto vorurteilsfreieres Urteil möchte geschöpft werden!
HG|2|154|10|0|Wie ist demnach aber diese Ordnung denn nun bestellt, da du mich als einen zu schweigen habenden Gegner selbst zu reden aufforderst, während du als Oberrichter mich nur strafen solltest, so ich dich nur darum ersucht hätte, auf dass du mir erlaubt hättest, mit dir zu reden auch nur ein Wort?
HG|2|154|11|0|Siehe, aus diesem alten Grunde kann und darf ich dir ja doch nicht antworten!
HG|2|154|12|0|Denn obschon mein Gegner bei weitem weiser ist denn ich, so bin ich aber dennoch auch so klug, dass ich mich in keine Falle treiben lasse!
HG|2|154|13|0|Das ich aber jetzt geredet habe, musste ich ja reden; denn solches ist auch eine alte Sitte, der zufolge auch einem jeden das Entschuldigungsrecht zukommt!
HG|2|154|14|0|Daher nehme sie nicht ungütig auf! Wenn du aber etwa eine neue Ordnung einzuführen hast, so tue solches zuvor allem Volk kund, damit es sich dann für einen kommenden Streittag wird zu richten wissen!“
HG|2|154|15|0|Nach dieser Entschuldigungsrede wusste der Henoch durchaus nicht mehr, was er da machen sollte, ging darum zum Adam hin und fragte ihn um Rat.
HG|2|154|16|0|Dieser aber entgegnete ihm: „Warum bist denn du also vorwitzig? Siehe, solches geziemt sich ja nicht für einen wahren Richter!
HG|2|154|17|0|Schlichte du nur den Streit, – und ist dieser zu Ende, was kümmert dich dann noch mehreres?
HG|2|154|18|0|Es ist wohl zum Verwundern groß des einen Weisheit, wie nicht minder die streng gesetzliche Standhaftigkeit des anderen, durch das er wenigstens vor mir ist ein Mann von altem Schrot und Korn.
HG|2|154|19|0|Aber was beirrt dich denn das? Hat dich doch der Herr Selbst zum Grundlehrer und Priester alles Volkes gemacht! Daher bleibe bei dem, und lasse das andere, das dich am heutigen Tage nichts angeht!
HG|2|154|20|0|Der Streit ist entschieden; was willst du denn noch?
HG|2|154|21|0|Wenn der Abendländer Abedam seinen Landsmann eher erkannt hat denn du, was soll dich das wohl kümmern? Ruhe jetzt, und gebe Gott die Ehre; das ist alles, was ich dir raten kann.“
HG|2|154|22|0|Diese Worte Adams beruhigten zum Teil wohl den Henoch, aber dessen ungeachtet gingen ihm des Fremden Worte dennoch nicht aus dem Herzen, wie auch die des Abedam nicht. Und so sprach er denn wieder den Adam an und sagte:
HG|2|154|23|0|„Vater, du hast freilich recht in einer Hinsicht; aber der Fremde hat mich ausdrücklich aufgefordert, dass ich seine Speise allen Hungrigen vorsetzen solle! Was soll ich denn da tun? Denn wäre der Fremde bloß nur ein gewöhnlicher Streiter, wie könnte er solches von mir wohl verlangen?
HG|2|154|24|0|Daher ist hier wahrlich ein guter Rat etwas teuer! Denn für einen Übermut ist er zu weise; aus welcher Macht tut er hernach denn solches?!“
HG|2|154|25|0|Hier fing wieder der Adam an zu stutzen und sagte endlich zum Henoch: „Ja, da hast du freilich wieder recht!
HG|2|154|26|0|Doch meine ich, die Ruhe wird solches alles wieder zurechtbringen! Will er von dir und uns allen erkannt werden, so wird er sich auch zu erkennen geben – ist ihm daran gelegen –; wo aber nicht, da geben wir Gott die Ehre, alles andere aber soll gehen nach der Ordnung Gottes!
HG|2|154|27|0|Siehe, also bleiben wir auch dabei; des Herrn Wille! Amen.“
HG|2|155|1|1|Adams Verbannungsspruch an den Fremden. Der Fremde gibt sich zu erkennen
HG|2|155|1|1|Am 14. September 1842
HG|2|155|1|0|Es trat aber nach dieser Unterredung alsbald der Fremde, den Abedam verlassend, zwischen Henoch und Adam und sagte, gewisserart beide fragend:
HG|2|155|2|0|„Ihr verhandelt allda ja etwas im Geheimen! Ist denn solches auch eine Regel am Streittag?
HG|2|155|3|0|Ehedem hat sich der Richter so lange ganz wie stumm verhalten müssen und durfte sich sogar niemandem nahen und niemanden ansehen, damit da sein solle sein Urteil ohne Makel.
HG|2|155|4|0|Nun aber ist der Henoch, der von Gott Selbst erwählte Lieberichter, schon im ersten Richttag ein Plauderer geworden! Wie sollen wir demnach solches nehmen?
HG|2|155|5|0|Henoch, du bist doch beständig allhier zugegen gewesen und musst daher ja doch die Ordnung des Richters am Streittag dir wohl schon gemerkt haben!
HG|2|155|6|0|So du aber solches nicht in Abrede zu stellen vermagst, was hast du denn für einen Grund, dieselbe nicht zu beobachten?
HG|2|155|7|0|Oder hat dich etwa gar der hohe Abedam davon losgemacht und hatte da eine andere Ordnung eingeführt? Solches aber müsste ich ja doch auch wissen.
HG|2|155|8|0|Soviel es mir aber bekannt ist, da weiß ich nichts davon – außer bloß nur, dass Er aus dem früheren trockenen Rechtsamt ein Lehr- und Liebeamt gemacht hatte.
HG|2|155|9|0|Aber von den sonstigen Regeln dieses Tages, ob sie bestehen oder nicht bestehen sollen, kann ich mich durchaus nicht entsinnen, ob Er darüber etwas angeordnet hatte.
HG|2|155|10|0|Daher möchte Ich wohl auch wissen, aus welchem Grunde du das alte Gesetz Adams nicht hältst?“
HG|2|155|11|0|Hier wurde der Henoch sehr verlegen und wusste durchaus nichts, was er dem Fremden auf solch eine schroffe Bemerkung hätte erwidern sollen.
HG|2|155|12|0|Aber desto prompter war bei dieser Gelegenheit der Adam. Dieser erhob sich alsogleich, nahm seine alte Amtsmiene an, wandte sich zum Fremden und sagte zu ihm:
HG|2|155|13|0|„Höre du, mein Kind! Deine Weisheit scheint vergessen zu haben, auf welchem Punkt du dich jetzt befindest?!
HG|2|155|14|0|So du die alten Regeln des Streittages also wohl innehast, dass du darob jede Wendung des neuen Richters vom Grunde zu bemängeln vermagst, sage mir daher, ob du denn von dem alten Gesetz Adams nichts gehört hast, zufolge dessen derjenige, der sich am Streittag durch was immer am Richter vergreifen möchte – sei’s mit der Zunge oder mit dem Finger oder einem scheelen Blick –, alsogleich auf dreißig Jahre verbannt werden soll!
HG|2|155|15|0|Was sagst du nun zu diesem Gesetz? Solches Gesetz hat noch allzeit gegolten, und der hohe Abedam hat es meines Wissens ebenso wenig aufgehoben als irgendein anderes, dessen du erwähnt hast! Verstehst du solches?
HG|2|155|16|0|Der alte Gesetzgeber dieser Erde aber bin ich und kann ein Gesetz aufheben, wie und wann ich will! Verstehst du solches?
HG|2|155|17|0|Und also hebe ich denn auch somit alle Gesetze auf, durch welche der Richter in was immer für einer Sphäre gebunden war bisher; aber die Gesetze für Streitende bleiben! Verstehst du, weiser Abendländer, solches?!
HG|2|155|18|0|Daher bringe nun eine gültige Entschuldigung vor, und vermagst du das nicht, so harrt deiner die unwiderruflichste dreißigjährige Alleinverbannung! Verstehst Du solches?
HG|2|155|19|0|Also rede, und entschuldige dich, sonst sollst du gar bald mein Urteil vernehmen! Verstehe solches, du weise Nase von einem Streiter!“
HG|2|155|20|0|Der Fremde sah den ganz grimmzornigen Adam wie überaus verwundert an, schwieg eine kurze Zeit, öffnete endlich seinen Mund und sagte:
HG|2|155|21|0|„Adam! Was würdest denn du dann dazu sagen, so ich es dir dartun möchte, dass ich hinreichend Macht und Recht habe, auch den zweiten Teil deiner Gesetze ganz rein aufzuheben?“
HG|2|155|22|0|Der Adam aber erwiderte dem Fremden heftigst: „Noch eine solche Frage, und du hast sogar das Entschuldigungsrecht verwirkt! Verstehe es, bedenke und rede!“
HG|2|155|23|0|Der Fremde aber erwiderte wieder dem Adam:
HG|2|155|24|0|„Adam! Drei Tage hatte der hohe Abedam, Jehova, Gott, der Ewige Selbst, nichts als die Liebe gepredigt! Sind das die Früchte Seiner Herablassung?!
HG|2|155|25|0|Habe ich mich denn irgend an dem Henoch vergriffen, so ich ihn bloß fragte, aus welchem Grunde er nicht in allen Punkten dein altes Gesetz beobachte?
HG|2|155|26|0|Adam, du hast des Abedam Lehre schlecht aufgefasst!
HG|2|155|27|0|Hatte der Abedam denn nicht alles Gericht verbannt und hat an dessen Stelle die alleinige Liebe eingesetzt?! Hat Er dir darum nicht den allgemeinen Adam abgenommen und hat dich dadurch jeder Rechenschaft für deine Nachkommen enthoben?!
HG|2|155|28|0|Warum willst du dir denn nun wieder die alte Last auf deinen Nacken bürden?!
HG|2|155|29|0|O du undankbarer Mensch! Was hätte denn der Abedam noch tun sollen, das Er nicht getan hatte?! Voll Grimm ist dein Wesen, und du möchtest mich vernichten, wenn es dir möglich wäre! O wie schlecht hast du die tausend und tausend Worte Abedams aufgefasst!
HG|2|155|30|0|Es wird mich zwar dieses dein gegenwärtiges Urteil treffen – ich werde die dreißig Jahre Verbannung wohl ertragen –, aber für jetzt ist es noch nicht an der Zeit!
HG|2|155|31|0|Darum aber hebe ich jetzt auch dieses Gesetz auf, darum da niemand mehr solle verbannt werden; auf dieser Höhe niemand mehr!
HG|2|155|32|0|Denn Brüder sollen einander nicht richten – außer mit der Liebe, Geduld, Sanftmut und Erbarmung!
HG|2|155|33|0|Wenn aber die Brüder werden einander zu verurteilen anfangen, alsdann werde auch ich als Richter aufstehen und werde sie richten zum ewigen Tode!
HG|2|155|34|0|Adam, verstehst nun du solches?!“ – Hier fiel es allen wie eine Decke von den Augen, und sie erkannten den Fremden.
HG|2|156|1|1|Die wahre Anrufung des göttlichen Vaters. Nur ein Gott und ein Vater
HG|2|156|1|1|Am 15. September 1842
HG|2|156|1|0|Alsobald fielen alle vor dem erkannten Fremden nieder und lobten und priesen in Ihm den heiligsten Vater, darum Er ihnen so viel Gnade und Erbarmung erwies, dass Er auch diesmal gewollt hatte – also, wie Er es verheißen hatte – auch am Streittag noch unter ihnen zu verweilen.
HG|2|156|2|0|Und der Fremde aber hieß sie alsbald alle wieder erstehen und sagte darauf zu ihnen: „Kindlein, Abba ist Mein Name, also sollt ihr Mich allzeit in eurem Herzen rufen!
HG|2|156|3|0|Wenn ihr Mich im Geiste und aller Wahrheit also rufen werdet, so werde Ich euren Ruf allzeit erhören; so ihr Mich aber mit was immer für einem anderen Namen rufen werdet, da werde Ich euren Ruf nicht anhören, sondern werde hinwegwenden Mein Ohr von eurem Munde, und mit Meinen Augen werde Ich nicht ansehen eure Werke!
HG|2|156|4|0|Der Sklave hat einen Herrn, die Natur hat einen unerbittlichen Gott zum Schöpfer und zum Richter; vor Jehova muss alles vergehen, denn der Ewige und Unendliche duldet nichts in und außer Sich – denn Seine Heiligkeit ist unantastbar –, nur allein der Vater kennt Seine Kindlein, und diese sollen allein Ihn erkennen und rufen: ‚Abba, lieber Vater!‘, so wird Er sie allzeit hören und wird ihnen geben alles, was Er Selbst hat, nämlich das vollkommene, ewige Leben und alle endlosen Schätze desselben.
HG|2|156|5|0|Ihr sagt zwar in eurem Herzen und fragt: ‚Wie werden wir denn das wohl tun können? Denn der Vater ist ja auch der alleinige ewige Gott und ist unendlich und überheilig! So wir den Vater rufen, da rufen wir ja auch verborgenermaßen das, was wir nicht rufen sollen!
HG|2|156|6|0|Wie können wir ‚Vater‘ rufen, ohne uns dabei doch allzeit zu erinnern, wer der Vater ist?!‘
HG|2|156|7|0|Ich aber sage euch allen und gebiete euch sogar, dass ihr allzeit wohl bedenken sollt, wer da ist euer Vater; denn Er hat auch euch, wie die ganze Unendlichkeit, erschaffen. Aber alle Geschöpfe hat Er belassen also, wie sie sind erschaffen worden; euch aber hat Er aus Seiner ewigen Liebe umgewandelt zu Seinen Kindern!
HG|2|156|8|0|Daher sollt ihr Ihn denn auch allzeit ‚Vater‘ rufen, aber dabei auch allzeit wohl bedenken, wer der Vater ist, so wird Er euch allzeit hören!
HG|2|156|9|0|Als Gott bin Ich ein ewiger Richter nach Meiner unendlichen Weisheit und Heiligkeit – denn Gott kann sich nichts nahen und leben –; aber in Meiner eben also unendlichen Liebe bin Ich ein Vater und will alle Meine Kinder um Mich versammeln!
HG|2|156|10|0|Fragt nicht, wer da der Mächtigere ist, ob Gott oder der Vater; denn es ist nur ein Gott und ein Vater, und dieses alles bin Ich nun ersichtlich vor euch.
HG|2|156|11|0|Haltet euch aber alle an den Vater, so werdet ihr nimmerdar gerichtet werden und zugrunde gehen; denn der Vater richtet niemanden – und am allerwenigsten Seine Kinder, die Ihn da allzeit wahrhaftig und getreu als den allein wahren, guten Vater in ihren Herzen bekennen und also auch lebendig anrufen!
HG|2|156|12|0|Wie aber ihr eure Kinder nicht richtet, sondern nur zieht, lehrt und führt, desgleichen tue auch Ich.
HG|2|156|13|0|Dass Ich aber also tue, dessen könnt ihr euch eben jetzt überweisen, indem Ich zu euch gekommen bin und lehre euch Selbst, zu wandeln auf den Wegen des Lebens!
HG|2|156|14|0|Würde Ich wohl solches tun, wenn ihr nicht Meine Kinder wäret und Ich euer guter Vater?!
HG|2|156|15|0|O sicher nicht! Denn es wäre Mir ja ein viel Leichteres, euch zu halten in einer gerichteten Ordnung gleich allen anderen Geschöpfen; allein, da Ich aber solches nicht tue, so ist es ja klar, dass ihr Meine Kinder und Ich euer aller guter Vater bin!
HG|2|156|16|0|Ich kam heute wieder als ein Fremdling zu euch, und ihr habt Mich nicht erkannt, – darum ihr ‚Jehova‘, aber nicht wahrhaftig ‚Vater‘ gerufen habt.
HG|2|156|17|0|Bleibt daher beim Vater vollkommen, so werde Ich euch hinfort kein Fremdling mehr sein!
HG|2|156|18|0|Da Ich aber nun bei euch bin, so freut euch, und kommt alle zu Mir! Amen.“
HG|2|157|1|1|Adam erkennt den zweiten Fremden. Der Feind des Lebens versucht mit dem Herrn zu rechten
HG|2|157|1|1|Am 16. September 1842
HG|2|157|1|0|Nach solchem Ruf eilte alles hin zum Abba und schmiegte sich um Ihn herum, wie es sich nur immer tun ließ, und der Abba lobte den Eifer ihres Herzens.
HG|2|157|2|0|Da der Adam aber nicht also behände war zu Fuß wie die anderen, so geschah es denn, dass die anderen eher den Abba ganz umschlossen hatten, bevor erst der Adam nachzukommen imstande war.
HG|2|157|3|0|Solches aber verdross den Alten ein wenig, dass man diesmal so wenig Rücksicht auf ihn genommen hatte, und er fing darum auch an, im Ernst zu schmollen.
HG|2|157|4|0|Aber der Abba sagte zu ihm: „Adam, warum schmollst denn du jetzt? Sind wir denn nicht unser zwei gekommen? Hast du hier zu wenig Platz, siehe, dort steht ja noch einer! Schmiege dich an ihn! Erkenne ihn aber zuvor, und frage dann dein Herz, wer von uns beiden wohl tiefer im selben steckt! Ich sage dir aber, es wird dir dein eigenes Herz laut sagen, warum du diesmal zu spät an Meine Seite kamst!
HG|2|157|5|0|Ich sage dir aber auch, dass vorderhand der Fremde, den du bald erkennen wirst, besser daran ist, denn du es jetzt bist. Denn er ist schon unsterblich, du aber wirst noch eher völlig sterben müssen, bevor du zur Unsterblichkeit gelangen wirst.
HG|2|157|6|0|Und so denn sehe diesen Meinen Begleiter näher an, und so du ihn wirst erkannt haben, da sage es uns allen, für wen du ihn erkannt hast!“
HG|2|157|7|0|Hier fing der Adam an zu stutzen und wandte sich langsam nach dem Fremden, fing ihn an vom Fuß bis zum Kopf zu mustern; und da er ihn dennoch nicht zu erkennen vermochte, so wandte er sich wieder zum Abba und fragte Ihn:
HG|2|157|8|0|„Abba, ich mag Deinen Begleiter nicht erkennen! Wer ist er denn, und welchen Namen führt er? Abba, sage es mir, damit mich nicht zu lange die Erwartung martere!
HG|2|157|9|0|Dass ich und meine Nachkommen in unserem Fleisch eher vor der Erde werden sterben müssen, bis unser Geist wieder in seine Heimat gelangen wird, solches ist mir ja schon seit den Zeiten Ahbels bekannt; denn er ist uns allen ja zum traurigen Beispiel geworden!
HG|2|157|10|0|Aber trotzdem bebe ich doch nicht; denn ich weiß es ja auch, dass ich in Deinen Armen sterben werde, also wie ich aus denselben zur Erde kam!
HG|2|157|11|0|Aber alles dessen ungeachtet bleibt mir der Fremde dennoch fremd, und ich mag ihn nicht erkennen; daher gebe, o Abba, es mir kund durch Deinen heiligen Mund, wer da doch der Fremde ist!“
HG|2|157|12|0|Und der Abba sagte darauf zum Adam: „So trete ihm näher, und es wird sich ja wohl zeigen dann, ob du ihn erkennen wirst oder nicht!“
HG|2|157|13|0|Und der Adam trat dem Fremden näher. Als er sich diesem aber kaum noch einige Schritte genähert hatte, siehe, da schrie er plötzlich auf, – denn er erkannte in dem Fremden seinen Sohn Ahbel und wollte auch sogleich auf ihn losstürzen.
HG|2|157|14|0|Aber dieser sagte zum Adam: „Halte ein, und höre! Deine Kinder haben den rechten Vater umfangen; warum willst du dich denn von Ihm ferne halten und an Seiner statt mich umfassen, der ich nichts bin gegen Ihn?
HG|2|157|15|0|Daher kehre dich schnell um, auf dass du zu Dem gelangst, der da allein ist der ewige Urgrund aller Wesen; denn sonst stirbst du heute noch!
HG|2|157|16|0|Siehe, eben heute ist der großen Schlange ein freier Spielraum gegönnt, heute darf sie sogar diese Höhe bekriechen! Daher beeile dich, damit sie dich nicht eher einholt, bis du in den Kreis des Lebens treten wirst!
HG|2|157|17|0|Siehe zu deiner Grotte hin, da steht er schon, der große Feind des Lebens!
HG|2|157|18|0|Daher eile, eile Vater, denn er ist behände wie ein Blitz und grimmig wie ein gereizter Löwe!“
HG|2|157|19|0|Hier sprang der Adam hastig hin zum Abba, und dieser nahm ihn auf.
HG|2|157|20|0|Aber mit eins stand auch schon der Fürst der Welt in menschlicher Leibesgestalt grimmsprühend zwischen dem Ahbel und zwischen der Gruppe, welche sich da angeklammert hatte an den Abba, und schrie also:
HG|2|157|21|0|„Allmächtiger, warum verfolgst Du mich hier in meinem Eigentum?! Was hast Du zu tun mit meinen Geschöpfen? Warum willst Du mir entreißen, die nicht aus Dir, sondern aus mir hervorgegangen sind, und willst mich machen zu einem kinderlosen Vater?! Hast Du nicht zahllose Legionen nach Dir reiner Geister?
HG|2|157|22|0|Daher weiche von der Erde, und weiche aus all meinem großen Weltenreich; denn das ist mein Eigentum, da es aus mir, aber nicht aus Dir hervorgegangen ist! Du zertrittst mit Deinen Füßen mein Eigentum und bist ein Dieb in meinem Reich, daher weiche von hier!“
HG|2|157|23|0|Und der Abba sagte zu ihm: „Frevler, welcher Lüge voll ist dein Mund?! So das dein Eigentum ist, wessen Eigentum bist denn hernach du selbst? Wer hieß denn dich werden gleich anderen zahllosen Legionen?!
HG|2|157|24|0|Was redest du denn von einem Eigentum?! Zeige mir die Pflanze, welche du erschaffen hast auf der Erde Boden, und Ich will dir die ganze Erde und den ganzen sichtbaren Himmel zu eigen geben!
HG|2|157|25|0|Elender Lügner, jetzt bebst du vor Mir, da Ich deine Schande aufgedeckt habe; warum bebst du dann nicht vor dir selbst, da du dich in jeder Sekunde um eine Ewigkeit tiefer verdammst durch deine große Bosheit?!
HG|2|157|26|0|Wisse, Ich bin der Herr Himmels und der Erde! Daher weiche, denn diese Stätte ist zu heilig für deine Füße!“
HG|2|157|27|0|Und der Feind entschwand brüllend und fluchend der Höhe.
HG|2|158|1|1|Die Bosheit und List des Feind des Lebens. Wie man sich vor dem Lebensfeind schützt
HG|2|158|1|1|Am 17. September 1842
HG|2|158|1|0|Als der große Feind des Lebens entschwunden war, da sagte der Abba zu den Ihn umfassenden Kindern:
HG|2|158|2|0|„Kindlein, habt ihr vernommen, was da in Meinem Angesicht der Erzlügner zu reden sich unterfangen hatte?!
HG|2|158|3|0|Nehmt euch daher wohl in Acht vor ihm, dass er euch nicht überrede und euch bringe zum Fall; denn groß ist seine Bosheit!
HG|2|158|4|0|Und wie groß da ist seine Bosheit, also groß ist auch seine Schlauheit und List; daher nehmt euch dreimal sorglichst in Acht vor ihm!
HG|2|158|5|0|Er ist ein verworfener Geist, der sich nimmerdar bekehren mag, und will Mich nimmer anerkennen als den alleinigen Gott aller Heiligkeit, Macht und Kraft, sondern ihm ist um die Alleinherrschaft zu tun, darum er stets im Sinne führt, Mich zu schwächen und endlich ganz zu vernichten und sodann alle Gewalt über Himmel und alle Welten an sich zu reißen.
HG|2|158|6|0|Wenn ihm solches gelingen möchte, dann erst möchte er alles jetzt Bestehende aus übergroßem Hass gegen Mich vernichten.
HG|2|158|7|0|Und wäre ihm solches gelungen, sodann auch erst eine neue Schöpfung nach seinem Wohlgefallen bewerkstelligen.
HG|2|158|8|0|In dieser neuen Schöpfung aber solle nichts etwa für ewig Bestehendes vorkommen, sondern alles solle nur ein von seiner höchst freiesten Willkür abhängendes Dasein haben und nur so lange bestehen, solange es ihm ein sinnliches Vergnügen gewähren würde.
HG|2|158|9|0|Hätte er sich daran vollends gesättigt, dann solle alsogleich wieder eine ganze Schöpfung ins Nichts zurücksinken und wieder eine andere bloß nur zu seinem Vergnügen entstehen!
HG|2|158|10|0|Wesen, die ihm vollends ähnlich wären, würde er nie erschaffen, als zum Beispiel den Mann, wohl aber das Weib zu seinem sinnlichen Bedürfnis; dieses solle aber überaus empfindlich sein, damit es für allerlei für ihn lustige Martern sehr empfänglich wäre!
HG|2|158|11|0|Kurz und gut, seine Ideen sind von einer solchen Scheußlichkeit, dass sie selbst ein oberster Engel nicht in ihrer Fülle zu erfassen vermag; daher nehmt euch wohl in Acht vor ihm!
HG|2|158|12|0|Ihr ratet nun freilich in eurem Herzen und sagt: ‚Warum denn ein solches Wesen nicht vernichten, welches also voll ist der tödlichsten Arglust?!‘
HG|2|158|13|0|Ich aber frage da einen jeden aus euch: ‚Wer von euch würde wohl hinabziehen in die Tiefe und töten den Lamech, der da um nichts besser ist denn dieser Feind des Lebens?‘
HG|2|158|14|0|Oder so Ich euch den Feind des Lebens noch einmal vorstellen möchte und möchte ihn also zubereiten, dass ihr ihn im Ernst töten könnt, – würdet ihr solches wohl tun, wenn er auch noch so grimmig vor euch stünde?
HG|2|158|15|0|Wahrlich, ihr würdet alle gewaltigst zaudern!
HG|2|158|16|0|Seht, wenn aber ihr schon zaudern würdet und euch möglichst zurückziehen, da eure Liebe doch nur noch überklein ist gegen die Meinige, um wie viel weniger mag solches erst Ich tun, der Ich die unendliche ewige Liebe Selbst bin und bin dazu so gut sein Schöpfer, wie Ich es der eurige bin, und bin sein Gott, wie Ich der eurige es bin, und sein Herr, wie der eurige, und sein noch immer väterlicher Richter, wie Ich euer guter Vater Selbst bin!
HG|2|158|17|0|Soviel es aber nur immer möglich war, wurde ihm die Macht des Willens ja ohnehin benommen. Darum habt ihr ihn auch nicht im Geringsten mehr zu fürchten, sondern euch allein in Acht zu nehmen vor seiner List; diese aber hat keine Gewalt, sondern ist an und für sich also ohnmächtig, dass ihr sie allzeit leichter denn eine Fliege mit eurem Hauch verwehen könnt, so ihr es nur wollt!
HG|2|158|18|0|Daher kann er ja auch bestehen und in Ewigkeit blinde Versuche machen, uns zu vernichten; denn solches wird ihm ebenso wenig je gelingen als einer Mücke ein Sieg im Kampf mit dem Mamelhud!
HG|2|158|19|0|Aber ihr fragt schon wieder in eurem Herzen: ‚Worin besteht denn hernach die List des Lebensfeindes, damit wir sie erkennen und uns in Acht nehmen können vor ihr?
HG|2|158|20|0|Denn wer kann sich vor etwas in Acht und Hut nehmen, was er nicht kennt?!‘
HG|2|158|21|0|Kindlein, ihr habt recht, dass ihr also fragt in eurem Herzen; aber dennoch ist eure Frage im Grunde eitel! Denn der Lebensfeind kann sich und darf sich ja niemandem nahen; also kann er ja auch mit seiner Arglist niemanden berücken!
HG|2|158|22|0|Wenn aber ein Mensch von seinem eigenen Herzen sich berücken lässt und wird hochmütig, herrschsüchtig, fleischsinnig, weltsüchtig und eigenliebig, sodann nähert sich ja der Mensch selbst eigenwillig dem Feind des Lebens, wird selbst ein Feind alles Lebens und nicht selten ärger noch denn der eigentliche in Person, vor dessen List ihr euch verwahren sollt.
HG|2|158|23|0|Wenn dann der eigentliche Feind des Lebens einen solchen ihm ähnlichen Nachbar neben sich gewahrt, da spart er dann freilich wohl keine Mühe mehr, um den an sich zu fesseln, der ihn also überwiegend ähnlich freiwillig aufgesucht hatte!
HG|2|158|24|0|Seht, da fängt dann erst die List des Feindes, einen solchen Freund für ewig für sich zu gewinnen, wirkend an!
HG|2|158|25|0|Wer daher der List des Feindes entgehen will, der sei ein getreuer und wohlachtsamer Hirte seines eigenen Herzens, und kehre es sorgfältigst zu Mir! Der solches beachten wird allzeit, wahrlich, ihr könnt es glauben, es wäre euch leichter möglich, die Sonne vom Firmament herabzureißen, als dem Lebensfeind, sich einem solchen Menschen mit seiner List zu nahen!
HG|2|158|26|0|Daher sollt ihr auch nicht ängstlich sein, denn ohne Meine Zulassung kann nichts geschehen; wenn Ich aber irgendetwas zulasse, so habe Ich allzeit Meinen besten Grund dazu!
HG|2|158|27|0|Nehmt euch aber vorzüglich in Acht vor euch selbst; denn wahrlich, es gibt nirgends außer Mir etwas Freieres denn eure eigenen Herzen!
HG|2|158|28|0|Daher sorgt für diese nach Meinem Willen, so werdet ihr ewig sicher sein vor der List des Feindes!
HG|2|158|29|0|Solches versteht wohl; denn das ist die Hut vor seiner List, dass ihr eure Herzen zu Mir kehrt, aber nicht eigenwillig zu ihm! Versteht ihr solches?“
HG|2|159|1|1|Ahbels Sendung zu den der Fleischeslust verfallenen Bußpredigern. Die Macht und Gefahr des Fleisches
HG|2|159|1|1|Am 20. September 1842
HG|2|159|1|0|Nach dieser Rede Abbas erst traten alle auf Sein Geheiß wieder in eine kleine Entfernung von etwa sieben Schritten zurück und bildeten sogestaltet einen Kreis um den Vater und dankten, lobten und priesen Ihn ob Seiner unendlichen Liebe, Gnade und Erbarmung. Er aber berief zu Sich den Ahbel und sagte zu ihm:
HG|2|159|2|0|„Mein getreuer Bote, Ich sende dich nun gen Hanoch! Allda wirst du treffen sieben von hier abgesandte Bußprediger. Darunter sind drei standhaft, vier aber wanken; denn sie haben das Fleisch der Weiber in der Tiefe angesehen und sind davon berückt worden. Siehe, diese sollst du Mir wieder zurechtbringen!
HG|2|159|3|0|Von ihrer Macht sollen sie nichts verlieren; da sie aber noch nie von einem Leibesschmerz etwas empfunden haben, so magst du zuerst eine glatte Rute nehmen und sie mit sieben Hieben über die Schultern züchtigen, aber nur zur Zeit, wenn du sehen wirst, dass in ihrem Herzen eine unlautere Flamme aufsteigt und aus der Flamme sich endlich ein Fleisch der Weiber gestalten wird!
HG|2|159|4|0|Wenn du solches merken wirst, dann erhebe sogleich deinen Arm, und tue einen kräftigen Hieb! Wird auf diesen Hieb alle Flamme sogleich erlöschen, dann führe sanfter die folgenden Hiebe, deren Zahl unter jedem Umstand nach Meinem Ausspruch voll zu verbleiben hat!
HG|2|159|5|0|Wird aber die Flamme beim ersten Hieb nicht alsogleich ersticken und vergehen die Gestalt des Fleisches, sodann sollst du den nächsten Hieb kräftiger führen, als du geführt hast den ersten; und sollte sich auch hier noch keine Änderung zeigen, so führe den nächsten Hieb noch kräftiger!
HG|2|159|6|0|Wird hier die Änderung erfolgen, da lasse alsbald nach mit der Kraft; erfolgt sie aber auch noch hier nicht, so verdopple deine Kraft, und fahre dann stets erhöht mit derselben fort bis ans Ende der gegebenen Zahl!
HG|2|159|7|0|Wird bei einem oder dem anderen Hieb die Änderung erfolgen, so führe die noch übrigen Hiebe mit gleicher Kraft fort, damit die Hartnäckigkeit des Herzens gehörig gezüchtigt und gesänftet werde.
HG|2|159|8|0|Nach der Züchtigung aber tue einen starken Ruf ins Herz, und tue dem Berückten Meinen Willen und Meinen vollsten Ernst kund!
HG|2|159|9|0|Sodann aber beobachte sein Herz in aller Stille, und wirst du sieben Tage lang keine Rückkehr der argen Flammen entdecken, sodann kannst du ihn wieder frei lassen auf sieben Tage. Dann aber besuche ihn wieder; hast du ihn ledig gefunden, so gebe ihn auf sieben Monate frei!
HG|2|159|10|0|Hast du aber entdeckt, dass sein Herz unter der Zeit gelitten hat, so stärke es mit dem Öl Meiner Gnade! So du da bemerkt hättest, dass er mit Wohlgefallen wieder die alte, arge Flamme hatte in seinem Herzen lodern lassen, sodann züchtige ihn abermals!
HG|2|159|11|0|Sollten aber die ersten sieben Hiebe mit aller ihrer Kraft die Flamme noch nicht vollends erstickt haben, sodann nehme eine stärkere, aber nicht mehr glatte, sondern dornig raue Rute und führe mit derselben die Hiebe über den ganzen Rücken mit voller Kraft!
HG|2|159|12|0|Diese Hiebe aber sollst du nicht schwächen, wenn auch nach einem oder dem anderen die Flamme ersticken würde; denn hier hast du es schon mit der Hartnäckigkeit eines ziemlich verdorbenen Herzens zu tun.
HG|2|159|13|0|Sollten auch noch diese Hiebe keine Besserung bewirken, sodann nehme eine feurige Rute, und gebe ihm mit erzürnter Hand siebenundsiebzig harte Streiche über den ganzen Leib, so dass er voll Geschwüre und Eiter wird!
HG|2|159|14|0|Bessert er sich da, und ändert sich sein Herz, so heile ihm die Wunden, und stärke ihn mit Meiner Erbarmung. Bessert er sich aber nicht, da streue Würmer über seinen Leib, damit sie ihn verzehren bei lebendiger Seele, denn es ist besser, von den Würmern denn vom Zorn Gottes verzehrt zu werden!
HG|2|159|15|0|Die drei ersten aber stärke mit Meiner Liebe, und zeige dich ihnen, wann du sie stärken wirst in Meinem Namen!
HG|2|159|16|0|Ich aber werde allzeit mit dir sein wie mit allen Meinen Kindern! Amen!“
HG|2|159|17|0|Hier neigte der Engel Ahbel sich vor Abba bis zur Erde und entschwand sodann wie ein leuchtender Blitz, wenn er von einer Wolke mit größter Hast zur Erde zuckt.
HG|2|159|18|0|Es erstaunten sich aber alle die Väter, wie solches doch möglich sein konnte, dass sogar vier aus den Boten schon in so kurzer Zeit Dessen haben vergessen können, der sie erst am vorhergehenden Tag mit Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung so überreichlich ausgerüstet hatte.
HG|2|159|19|0|Der Abba aber sagte darauf zu ihnen: „O Kindlein, wundert euch dessen nicht! Ich habe ja erst früher zu euch allen gesagt, dass da in der ganzen Unendlichkeit außer Mir es nichts Freieres gibt denn allein das menschliche Herz! Und so kann dasselbe ja gar bald berückt werden, wenn es Mich nur einen Augenblick aus den Augen lässt!
HG|2|159|20|0|Oh, die Macht des Fleisches ist groß, und von euch allen hat noch keiner über dieselbe gesiegt; daher wundert euch dessen nicht, so da vier vom überüppigen Fleische der Weiber aus der Tiefe sobald konnten berückt werden!
HG|2|159|21|0|Kahin, da er floh, hatte vor der Schlange geweissagt, als sie vor ihm im Fleische erschien, wie gefährlich dieses allen seinen Brüdern werden wird!
HG|2|159|22|0|Daher wundert euch dessen nicht, so da gar bald die vier berückt worden sind; denn euch und euren Kindern wird’s um kein Haar besser gehen, so sie sich nur auf Augenblicke von Mir abwenden werden!
HG|2|159|23|0|Daher bleibt in Mir, wie Ich in euch, so werdet ihr nicht Knechte des Fleisches werden! Amen. Versteht solches! Amen, Amen, Amen.“
HG|2|160|1|1|Henochs Scheinrede als Gottesleugner
HG|2|160|1|1|Am 21. September 1842
HG|2|160|1|0|Nach dieser Rede behieß der Abba den Henoch zu Sich und hieß auch alle anderen wohl achten auf das, was Er nun dem Henoch in aller Kürze anvertrauen werde.
HG|2|160|2|0|Und der Henoch begab sich eiligst dahin zum Abba, und alle anderen spitzten ihre Ohren und erweiterten gewaltig ihre Herzen.
HG|2|160|3|0|Und der Abba fing an, folgende Geschäftsworte an den Henoch zu richten, und sagte: „Henoch, höre du, und vernehmt es ihr alle; aber niemand von euch stoße sich daran!
HG|2|160|4|0|Es werden soeben vier vom Mittag her hier eintreffen; diese sind uneins über den Abedam. Zwei halten Ihn wohl schwachweg für den Jehova; zwei aber behaupten gerade das Gegenteil und halten Ihn für den Geist Ahbels.
HG|2|160|5|0|Sie wollen sich darum Rates erholen bei dir.
HG|2|160|6|0|Du aber schlage dich zur Partei der Leugner, und rede ihnen den Abedam samt dem Jehova heraus, damit sie vollends gottlos werden und wir dann in ihnen ein neues Gebäude aufführen können; denn auf einem also sandigen Grund lässt sich wohl nicht einmal eine Totenhütte, geschweige dann erst eine Wohnung für Mich errichten!
HG|2|160|7|0|Siehe, sie kommen schon; daher fasse dich, und rede, wie Ich es dir angeraten habe!
HG|2|160|8|0|Sei ernst, aber nicht trocken, und denke dabei, dass es arme Brüder sind, denen wir helfen wollen aus dem Grunde!
HG|2|160|9|0|Denn wahrlich, sage Ich euch allen, der Mich leugnet in seiner Blindheit, ist Mir um tausend Male lieber denn derjenige, der Mich in der Lauheit seines Herzens halbwegs bekennt, aber es kaum der Mühe wert hält, sich etwa mit seinem Bruder von Mir zu besprechen!
HG|2|160|10|0|Doch, sie nahen sich schon unserem Kreis; daher rüste dich, und keiner mache Mich vorderhand kennbar! Amen.“
HG|2|160|11|0|Und der Henoch dankte mit dem lieberbranntesten Herzen dem heiligen Abba und ging dann sogleich den vieren ein wenig entgegen und empfing sie da mit freundlichem Ernst.
HG|2|160|12|0|Als sie aber die Vollhöhe erreichten, da verneigten sich die Streiter vor den Vätern, und der Henoch fragte sie sogleich und sagte also:
HG|2|160|13|0|„Brüder, was hat euch denn hierhergeführt? Gebt in aller Kürze kund euren trüben Grund!“ – Und alsogleich fing einer aus ihnen an zu reden und sagte:
HG|2|160|14|0|„Unser Grund ist der Abedam; wir können darüber nicht ins Klare kommen! Ist Er Jehova oder nicht, oder ist Er nur der Geist Ahbels?
HG|2|160|15|0|Denn auch Ahbel soll bei seinen Lebzeiten eine große Wundermacht besessen haben und hatte – wie wir es von Mund zu Mund wissen – vor Kahin einen Berg zertrümmert, vor seinem Bruder Kahin, um ihn von seinem argen Vorhaben abzuhalten!
HG|2|160|16|0|Siehe, das ist unser Zwist! Gebe uns ein rechtes Licht in dieser Sache; denn wir alle halten sie für die allerwichtigste und allergrößte Hauptsache!“
HG|2|160|17|0|Und der Henoch öffnete darauf in Meinem Namen seinen Mund und sprach: „Brüder, was zwistet ihr euch um eine Wolllocke eines Lammes?!
HG|2|160|18|0|Was ist Abedam, was ist Jehova, so wir Ihn nicht aussprächen in unserem Gemüt und Gefühl?! Wie mögt ihr streiten um das, was nicht ist, weder so oder so?
HG|2|160|19|0|So du siehst in einiger Ferne ein Häufchen auf dem Weg und meinst, solches sei ein Stein, dein Bruder aber behauptet, das Häufchen sei nur ein Maulwurfshügel, siehe, da ist doch etwas, darüber sich so lange streiten lässt, bis ihr nicht das Häufchen selbst zum Schiedsrichter macht! Wen wollt ihr denn da zum Schiedsrichter machen, wo nichts als eure leeren Gefühle und Gedanken es sind, die sich so oder so aussprechen und haben keinen anderen Grund als die eigene Leerheit, entweder so oder so?!
HG|2|160|20|0|Ihr streitet, ob der Abedam, der uns durch drei Tage lang mit Seiner Wissenschaft ergötzte, Jehova sei oder nicht.
HG|2|160|21|0|Ich aber sage euch, fragt zuerst, ob es überhaupt irgendeinen Jehova gibt!
HG|2|160|22|0|Was wollt ihr aber tun, so ich euch sage: Es gibt nirgends einen Jehova, sondern nur einen unendlichen Raum und eine ewige Zeitendauer!?
HG|2|160|23|0|Dass sich in diesem Raum nach den Zeiten die verschiedenen, für sich stummen Kräfte ergreifen mussten und dadurch hervorbringen erstlich unförmliche Klumpen, welche dann den blind wirkenden Kräften zur notwendigen Unterlage wurden, und endlich nach und nach verschiedene andere Produkte durch ihren gegenseitigen Zwang, das lehrt uns die ganze Natur; wo aber hat sie je sich im Jehova ausgesprochen?
HG|2|160|24|0|Ist es denn daher nicht offenbar klüger, den Grund, der da vor uns allen offen liegt, tiefer zu untersuchen und zu prüfen als einen, der sich bloß durch in uns waltende Naturkräfte mit der Zeit also entwickelt hatte wie etwa ein eitel leerer Traum?!
HG|2|160|25|0|Wenn es überhaupt irgend je eine sich ergreifende und sich selbst bewusste Kraft unter dem Begriff Gott geben kann, so kann sie ja erst aus uns hervorgehen, da wir die ersten Wesen auf dem langen Wirkungskreis der Naturkräfte sind, in denen sich sicher zum ersten Mal eben diese Kräfte anfangen, ihrer selbst mächtig und mehr und mehr bewusst zu werden!
HG|2|160|26|0|Oder habt ihr je gesehen, dass da ein Stein sich zum Wassertropfen bilden möchte? Wohl aber ist solches umgekehrt der Fall, und ein kleiner Stein besteht schon aus einer Unzahl Wassertropfen, die da aufgelöst ein halbes Meer ausmachen dürften!
HG|2|160|27|0|Also kann ja erst auch ein Gott aus uns hervorgehen als eine Zentralkraft des Sichselbstbewusstseins, wie da aus den vielen Wassertropfen ein Stein hervorgeht, nicht aber umgekehrt!
HG|2|160|28|0|Seht demnach die entsetzliche Leerheit eures Zwistes, und besinnt euch eines Besseren; werdet aber zuvor Schüler der tiefen Weisheit, dann erst sucht das, worüber ihr jetzt streitet! Versteht meine Worte wohl! Amen.“
HG|2|160|29|0|Hier fingen die vier zu beben an und wurden ganz blass, und nur der eine sagte zum Henoch: „Bruder, warum hast du uns nun getötet? Was sind wir jetzt, und was haben wir zu erwarten? Nichts als die endliche ewige Vernichtung?!
HG|2|160|30|0|O hättest du uns doch in unserem Wahn gelassen! Wie glücklich waren wir darinnen!
HG|2|160|31|0|Denn unsere Herzen hatten doch irgendeinen Grund; jetzt aber hast du uns hingestellt auf den Abgrund des ewigen Verderbens! Was sollen wir jetzt beginnen?
HG|2|160|32|0|O Jehova, o Abedam, wärest Du noch hier! Um wie vieles lieber wären wir betrogen von Dir, als jetzt also furchtbar aufgeklärt vom Henoch!
HG|2|160|33|0|Henoch, betrüge uns wieder, damit wir doch ruhig sein können, dieweil wir leben! Amen.“
HG|2|161|1|1|Henoch mahnt vier Laue zur Wahrheitssuche und Gotteserkenntnis
HG|2|161|1|1|Am 22. September 1842
HG|2|161|1|0|Der Henoch aber sah die große Verlegenheit der viere und fragte sie und sagte: „Also, an der Wahrheit ist euch wenig gelegen, sondern daran nur, dass ihr in aller Ruhe und vollster Behaglichkeit dahinleben könnt, ohne euch im innersten Ernst weiter zu bekümmern und zu forschen, wie sich alle die Sachen verhalten!
HG|2|161|2|0|O ihr Schlaftoren! Was habt ihr denn durch alle eure Lauheit bisher gewonnen?
HG|2|161|3|0|Die enthüllende Zeit kommt für jedermann einmal sicher mit allen ihren Schrecken des Todes; der da schon lange sich vorbereitet hatte, den wird sie nicht überraschen und dann in die finsterste Enge aller Verzweiflung treiben!
HG|2|161|4|0|So aber da jemand sich darum will auf was immer für eine Art betrügen, damit er dann in solches Truges Nacht nur recht behaglich schlafen kann, wie schrecklich wird da dereinst der Ruf in seinen Ohren ertönen, welchen ihm seine eigenen schwindenden Kräfte zuraunen werden und werden gar wohl vernehmlich sagen: ‚Träger Schläfer, – erwache zum Tode!‘
HG|2|161|5|0|Seht, wäre euch von jeher am Jehova etwas gelegen gewesen, so hättet ihr euch lange schon darum ernstlich bekümmert und hättet gefragt: ‚Wer, was und wo ist Jehova?‘
HG|2|161|6|0|Allein, um euch solcher Mühe zu überheben, glaubtet ihr lieber blind, was ihr von Mund zu Mund gehört habt; aber dass ihr je selbst darüber etwas nachgedacht hättet, – solches wäre ja viel zu beschwerlich für euch gewesen! Es musste also ein Abedam euch vom tiefsten Schlaf rütteln, sonst wäret ihr noch bis zur Zeit ganz süß dahingeschlummert, und es würde euch sicher nie beigefallen sein, sich um den Jehova näher zu erkundigen!
HG|2|161|7|0|O ihr Lauen, nun kümmert euch des Lebens! Was habt ihr denn hundert und abermals hundert Jahre getan, da ihr von Jehova ebenso wenig wie jetzt gewusst habt, ja – um vieles weniger? Denn jetzt wisst ihr doch, welch eine Bewandtnis es mit dem Jehova hat; damals aber wusstet ihr gar nichts und scheutet euch auch allzeit, etwas Näheres zu erfahren von Ihm, indem euch der Trug lieber war allzeit denn die Wahrheit! Warum seid ihr denn heute, wie sonst noch nie, hierher gekommen?
HG|2|161|8|0|Weil euch der Abedam ein wenig aus dem Schlaf gerüttelt hatte, indem Er euren Traumgott so ziemlich getrübt hatte!
HG|2|161|9|0|Ihr möchtet nun wieder diesen alten Traumgott hergestellt haben, um dann wieder euren alten Schlaf ruhig fortsetzen zu können; allein solches hat jetzt ein Ende.
HG|2|161|10|0|Denn ihr wolltet ja nur Licht haben in der Sache! Ich gab euch dafür und darum das Licht in der ausgesprochenen Wahrheit; warum wollt ihr denn nun wieder an des Lichtes statt den alten Trug eurer Sinne haben?
HG|2|161|11|0|Weil ihr nicht der Wahrheit, sondern nur des Truges willen hierher gekommen seid, darum er ist gerüttelt worden von dem weisesten Morgenländer, und möchtet nun eurer süßen Behaglichkeit willen wieder den alten Jehova hergestellt haben, unter dessen Lebensschutz ihr also übersüß habt schlafen können, während wir wachten und im beständigen Kampf mit dem Tode standen!
HG|2|161|12|0|O wacht nun nur mit uns, und helft uns allen die überaus beschwerliche Bürde des Todes tragen; eure Nacken sind ja breit und stark genug dazu!
HG|2|161|13|0|Wahrlich, der alte Jehova wird euch ewig nichts mehr nützen, so nicht ein neuer Jehova Sich in euch wird zu gestalten anfangen!
HG|2|161|14|0|Darum sagte ich ja in meiner ersten Rede an euch: Aus uns muss Jehova hervorgehen, so Er irgend für uns da sein soll; ist solches nicht der Fall, so nützen uns allen tausend für sich irgend bestehende Jehovas nichts!
HG|2|161|15|0|Was nützt einem Stein mein sich selbst bewusstes Dasein?
HG|2|161|16|0|So es aber dem Stein möglich wäre, in sich selbst ins Bewusstsein zu übergehen und zu werden ein sich frei bewegendes Wesen, sodann möchte ich für ihn auch etwas sein, also wie ich es bin für euch! Was aber bin ich dem toten Stein? Nichts, ein pures und allerreinstes Nichts!
HG|2|161|17|0|In dem Verhältnis aber ich und der Stein uns gegenseitig befinden, im selben Verhältnis steht auch ihr zu eurem alten Jehova!
HG|2|161|18|0|Dieser Jehova muss zuvor erst in euch zum höchsten vollständigen Selbstbewusstsein gelangen durch euer lebendiges Wollen, bevor Er euch ein wirkender Jehova wird! Und solches müsste durch eure Werke geschehen; geschieht aber solches nicht, so gibt es für euer Leben für alle Zeiten der Zeiten nirgends einen Jehova, so wenig es für Steine irgend Menschen gibt!
HG|2|161|19|0|Bittet daher nicht um noch mehr Betrug und Lüge, sondern schlagt euch zur Wahrheit; lernt solche aus dem großen Buch und den Zeichen der Natur, so wird es sich dann ja wohl zeigen, ob eure Herzen für den Samen Jehovas befähigt sind!
HG|2|161|20|0|Entfernt euch jetzt aber auf eine Schattenwende Zeit; denkt über das Gesagte nach, und kommt dann wieder hierher, und wir wollen eure Herzen prüfen, welche Liebe dieselben beherrscht! Und also geht! Amen.“
HG|2|162|1|1|Die Beratung der vier Lauen über die Widersinnigkeit der Gottesleugnung
HG|2|162|1|1|Am 23. September 1842
HG|2|162|1|0|Und die vier verneigten sich vor den Vätern und begaben sich sodann alsogleich von unserer Morgenhöhe hinab auf einen kleinen Vorsprung, ließen sich da nieder und fingen an, sich untereinander also zu beraten:
HG|2|162|2|0|„Brüder“, begann der erste, „was dünkt euch nun, – sollen wir den Worten Henochs trauen oder sollen wir ihnen nicht trauen?
HG|2|162|3|0|Ich meinesteils bin der Meinung, dass diesmal der Henoch sich allergewaltigst geirrt hat!
HG|2|162|4|0|Ein Mensch ist er ja, wie wir es sind, – und das ist genug zur vollkommenen Befähigung für allerlei Verirrungen; mehr brauchen wir nicht.
HG|2|162|5|0|Denn hat ihm der Allmächtige auch größere Vollkommenheiten verliehen und hat ihn gesetzt zu einem Oberpriester, so hat Er ihm aber dennoch alles Menschliche rein belassen, dass er noch immer derselbe Henoch ist, wie er es zuvor war, und kann somit auch irren.
HG|2|162|6|0|Dass er sich aber diesmal allergewaltigst geirrt hatte, das könnte ich ihm ja alsogleich auf den Fingern nachweisen!
HG|2|162|7|0|Ich begreife jetzt nur nicht, wie ich in seiner Gegenwart gar so vernagelt habe sein können!
HG|2|162|8|0|Zum Beispiel: Was hätte er mir darauf sagen können, wenn ich ihm bei seiner Gottesleugnung gesagt hätte: ‚Bruder, wenn es also wäre, wie du nun weislich behauptet hast, so brauchen wir uns fürder ja keine Häuser mehr zu erbauen!
HG|2|162|9|0|Denn haben wir können ohne einen Schöpfer von höchster Weisheit entstehen und sind doch sicher in allem vollkommener denn unsere Häuser, indem wir denken, reden und weislich handeln können, warum sollen da nicht auch unsere ums Unaussprechliche viel dümmeren Häuser ebenfalls aus nichts und von sich selbst ohne unser Hinzutun entstehen?!‘
HG|2|162|10|0|Ich will aber den guten Henoch eine ganze Ewigkeit warten lassen und gebe ihm mein Leben noch obendrauf zum Pfand, dass er sicher nie das Glück haben wird, ein wohlgeordnetes Wohnhaus dem stummen Boden der Erde entwachsen zu sehen!
HG|2|162|11|0|Wir sollen Werke blinder Kräfte sein, die da vor uns sich nicht einmal ihrer selbst bewusst sind!?
HG|2|162|12|0|Nein, Brüder, ehe mir der Henoch das glauben macht, eher glaube und beweise ich ihm, dass er als Oberpriester samt aller seiner Weisheit ein vollkommener Narr ist! Was sagt ihr dazu? Habe ich recht oder nicht?!“
HG|2|162|13|0|Und ein zweiter nahm das Wort und sagte: „Und ob du recht hast?! Ich muss dir sagen, Bruder, mich hat es schon im Innersten ganz sonderbar gewurmt! Wenn ich nicht die hohen Väter geschont hätte, wahrlich, es hätte mich nur ein Wort gekostet, und des Henoch Zunge wäre gelähmt geworden wie ein Tautropfen im strengsten Winter!
HG|2|162|14|0|Ich hätte gerne die Antwort vernommen, so ich ihn nur, weißt du, so ganz leichtweg gefragt hätte: ‚Henoch, wenn es also ist, wie du uns jetzt weise berichtet hast, da möchte ich denn doch von dir erfahren, wie da zu erklären ist die Liebe zu Gott?!‘
HG|2|162|15|0|Brüder, wenn mir auf diese Frage, ohne sich zu widersprechen, der Henoch nur eine Silbe sagen hätte können, so verschlucke ich vor euch und ihm jeden Berg, den ihr nur immer wollt!
HG|2|162|16|0|Denn so da der Jehova ein Trug und gewisserart eine Salbe für die Trägheit unseres Geistes ist, so ist auch alle unsere Liebe ein barster Trug; und ist diese ein Trug, so sind wir uns selbst ein Trug – und der Henoch nicht im Geringsten ausgenommen!
HG|2|162|17|0|Sind wir aber uns selbst ein Trug, da frage ich dann: ‚Bruder, welches Vorrecht hat dann deine Weisheit vor unserer Torheit?!
HG|2|162|18|0|Daher magst du so gut schweigen wie wir!‘ Sagt ihr mir frei heraus: Was hätte mir darauf der ganze Henoch erwidern können?
HG|2|162|19|0|Nichts, denn da wäre er ja wie in einer Tausendfalle und könnte mit seiner Zunge nicht einmal stumm über seine Zähne fahren!“
HG|2|162|20|0|„Er hat vielleicht geglaubt“, sagte ein dritter, „wir sind so einige recht gemütliche Hausnarren, die sich da sogleich mit allerlei Dreck anstreichen lassen!
HG|2|162|21|0|Aber unser nächster Zusammentritt soll vor ihm die vier Toren auf eine Art beleuchten, dass ihm darob sein Oberpriestertum gerade also vorkommen wird, als stecke er in einem unreifen Wildapfel; denn ich bin geladen wie eine wetterschwere Wolke!
HG|2|162|22|0|Nur ein wenig Wind, und der gute Henoch soll für seine Gottesleugnung noch ums Zehnfache ärger bedient werden, als wir alle am Vorsabbat bedient wurden! Er soll so recht derb empfinden und bezahlt werden für den offenbaren Spaß, den er sich mit uns erlaubt hatte!
HG|2|162|23|0|Dass der Henoch nicht an einen Gott glauben solle, glaube ich so wenig, als so mit mir da jemand streiten möchte und behaupten, dass ich nicht sei!
HG|2|162|24|0|Aber zum Besten hat er uns gehabt und hatte uns allesamt anrennen lassen; das ist es und nichts anderes!
HG|2|162|25|0|Aber ich will ihn dafür auch anlehnen, dass er allda soll picken bleiben wie ein Stein, so er gefallen ist in des Meeres tiefsten Grund!
HG|2|162|26|0|Was wird er mir wohl für eine Antwort geben, so ich vor ihm geradeheraus sagen werde: ‚Henoch, du schnöder Oberpriester, du hast jetzt doppelt gelogen aus deiner großen Blindheit heraus! Denn gibt es von Ewigkeit her zum Voraus keinen Jehova, so hast du ja ohnehin in den Wind gesprochen.
HG|2|162|27|0|Denn der blinde Zufall hatte dich sicher nicht weiser gestaltet denn uns; und warum solltest gerade du mehr sehen denn wir, die wir ja doch nicht minder uns selbst eine barste Torheit sind, wie du es dir bist und auch uns allen notwendig darum!
HG|2|162|28|0|Gibt es aber einen alten Jehova, so bist du ohnehin ein Lügner vor uns allen offenbar und handgreiflich!‘
HG|2|162|29|0|Brüder, was kann er mir darauf erwidern?!“
HG|2|162|30|0|Und ein vierter sagte mit den zwei ersten: „Nichts – als höchstens: ‚Also stehe ich als ein Esel vor euch, und meine Oberpriesterschaft ist ein leerer Wind!‘
HG|2|162|31|0|Was aber da den Abedam betrifft, da denke ich, wir sollten uns in dem Punkte vereinen und dem weisen Oberpriester ins Gesicht beweisen, dass Er unfehlbar Jehova Selbst war, welches ja klar aus Seinen Worten und Taten hervorgeht, so wir sie nur einigermaßen beachten wollen!
HG|2|162|32|0|Und leugnet er hernach solches, so werde ich ihn ganz einfach fragen: ‚Bruder, wer hat dich denn hernach zum Oberpriester gemacht?
HG|2|162|33|0|Ist Er nichts, so bist es auch du, – und tue daher das Beste, und lege die Oberpriesterschaft weg; denn solch ein Amt gebührt keinem Gottesleugner!‘
HG|2|162|34|0|Was kann er oder jemand anderer uns da entgegnen?!“
HG|2|162|35|0|Auf diesen Vorschlag wurden alle viere einer Stimme, und der erste erhob sich und sagte: „Brüder, so wir einig sind auch in dem Punkt, so gehen wir und schlichten unsere Sache!
HG|2|162|36|0|Wahrlich, ich brenne vor Neugierde, was da am Ende herauskommen wird! Mit dem Henoch sind wir so gut wie vollends fertig! Also gehen wir! Amen.“
HG|2|163|1|1|Die Erweckung der vier Lauen durch Henoch
HG|2|163|1|1|Am 26. September 1842
HG|2|163|1|0|Und alle die vier erhoben sich und gingen also gerüstet wieder auf die Höhe. Als sie aber da anlangten, fingen sie sogleich an, sich zu beraten, wer da wohl als der erste sich an den Henoch machen solle.
HG|2|163|2|0|Nach längerem Hin- und Herraten sagte der erste zu den anderen dreien: „Wisst ihr was, ich habe eine gute Meinung: Lassen wir ab von dieser Wahl, sondern tun es also, dass wir da abwarten, bis sich uns der Henoch oder jemand anderer nahen wird und wird da einen oder den anderen selbst anreden!
HG|2|163|3|0|Wer demnach angeredet wird, der gebe auch sogleich eine rechte Antwort von sich, und das also zwar, dass es ein jeder auf den ersten Augenblick merken soll, wie es so ganz eigentlich mit ihm und mit uns stehe! Und sollte uns niemand mehr in die Nähe kommen, da wissen wir dann ja ohnehin, wie wir daran sind; und wissen wir solches, da braucht es dann ja nichts mehr, als umzukehren und dem ärgerlichen Oberpriester für allzeit den Rücken zu zeigen!
HG|2|163|4|0|Warum, das seht ihr sicher noch besser ein denn ich selbst! Sagt, ob ihr damit einverstanden seid!“ Und alle bejahten den Vorschlag einstimmig.
HG|2|163|5|0|Als aber der Henoch ihrer ansichtig ward, so begab er sich alsobald zu ihnen hin – das heißt auf das Geheiß des heiligsten Abba – und fragte alsbald den ersten aus ihnen: „Nun, Brüder, welche Löse habt ihr denn in euch gefunden? Gebt mir sie kund aus eurem Herzensgrund!“
HG|2|163|6|0|Und der erste sammelte sich so viel, als es ihm nur immer seine starke Verlegenheit gestattete, und gab dem Henoch mit ziemlich wankender Stimme folgende Antwort, indem er sagte: „Lieber Bruder Henoch! Ich und auch meine Brüder können dir auf diese deine Frage für jetzt keine andere Antwort geben als nur sagen, dass wir dich, so du deine früheren Sätze im Ernst noch fürder behaupten solltest, zufolge etwa einer unverschuldeten Blindheit, von Herzen bedauern, so wir dir schon nicht helfen können!
HG|2|163|7|0|Bist du aber in dir einer anderen Meinung, als welche du uns ehedem kundgabst, so steckt entweder Bosheit und Hochmut in dir, oder du hast mit unserer Armseligkeit dir wollen einen törichten Scherz machen, ohne zu bedenken, wie tief solches deine armen Brüder betrüben dürfte!
HG|2|163|8|0|In dem Falle aber bist du samt deiner Oberpriesterschaft von uns aus auch nicht der schlechtesten Antwort wert!
HG|2|163|9|0|Dass aber eines oder das andere bei dir der Fall ist, solches erkannten wir alsbald aus der Nichtigkeit deiner aufgestellten Beweise für die Leerheit deiner Sätze, – darum du uns auch Toren nanntest, indem wir nicht dir gleich Toren sind und den Jehova also geschickt wie du zu leugnen verstehen!
HG|2|163|10|0|Das ist die ganze Löse, die wir für dich vorderhand in uns gefunden haben!
HG|2|163|11|0|Nach der Beschaffenheit des Grundes deiner Torheit magst du demnach auch entweder unser Bedauern oder aber auch unser vollstes Missfallen als eine solche Löse annehmen!
HG|2|163|12|0|Wir hoffen aber, dass du uns diesmal besser denn ehedem verstanden haben wirst!“
HG|2|163|13|0|Und der Henoch erwiderte den vieren, sagend nämlich: „O Brüder, ihr habt eben diejenige Löse gefunden, welche ich gewünscht habe, dass ihr sie hättet finden mögen!
HG|2|163|14|0|Nur was da betrifft an und für sich den Grund, aus dem ihr behauptet, dass meine Sätze an euch dürften geflossen sein, so hat es damit durchaus keine Richtigkeit! Denn wäre es also, wie ihr der Meinung wart, so hätte ich sicher nie ein Wort an euch gerichtet; da es sich aber ganz anders damit verhält, so habe ich solches zu euch geredet, auf dass euer lange schon schlafender Geist geweckt würde! Euer Geist aber ist nun geweckt worden, und so habt ihr mir auch die erwünschte Löse dadurch gebracht, und dessen freut sich meine Seele!
HG|2|163|15|0|Dass ich aber euch durchaus kein Lügner, sondern ein wahrer Bruder sein wollte nach der göttlichen Ordnung, mögt ihr aus folgendem erschauen:
HG|2|163|16|0|Gott ist darum doch sicher kein Lügner, so Er zwar überall vollends gegenwärtig ist, aber dennoch nirgends von jemandem erblickt werden kann, außer Er will Sich, Seiner ewigen Ordnung gemäß, als Vater Seinen Kindern zeigen und sie dann lehren und ziehen fürs ewige Leben!
HG|2|163|17|0|Dass ich aber vor euch den Jehova verbarg, geschah aus dem Grunde, weil ihr in eurem Herzen soviel als nichts vom Jehova hattet, sondern nur Seinen Namen führtet ihr in dem Mund, aber mitnichten auch im Herzen!
HG|2|163|18|0|Was nützt einem aber der alleinige tote Name, so er nicht dem lebendigen im Herzen entspricht? Ja, ich sage euch, solches ist eine barste Gottesleugnung!
HG|2|163|19|0|Da ich aber solches in euch ersah, so nahm ich es auf mich und stellte es euch vor, als hätte ich es aus mir genommen, und weckte euch dadurch.
HG|2|163|20|0|Seht, also stehen die Sachen! Ihr habt nun den Jehova sogar im Abedam gefunden und seid darüber eins geworden; also ist ja der Sieg eurer Herzen erfochten!
HG|2|163|21|0|Und so folgt mir denn nun auch zur höheren Weihe, damit ihr dann klar erschauen mögt, ob ich ein würdiger Oberpriester bin oder nicht!
HG|2|163|22|0|Denn es ist noch Einer unter uns, und Dieser wird euch allen die rechte Weihe über Gott und mich geben! Amen.“
HG|2|164|1|1|Die bloße Gottesvorstellung und die lebendige Gotteserkenntnis
HG|2|164|1|1|Am 27. September 1842
HG|2|164|1|0|Darauf führte die vier alsbald der Henoch selbst hin zum heiligsten Abba und sagte allda zu ihnen: „Brüder, seht, dieser euch noch stark Fremde ist es, von dem ich euch ehedem gemeldet habe, dass Er euch erst die höhere Weihe über Jehova und dann auch über mich erteilen wird! Also hört Ihn, und folgt Ihm! Amen.“
HG|2|164|2|0|Und alsogleich trat der Abba zu ihnen hin und fragte sie: „Indem euch Jehovas Verlust durch die Rede Henochs also sehr beirrt hatte, dass darob eure Herzen sogar feindlich gegen den Oberpriester aufgeschwollen wurden, sagt Mir demnach, welche Vorstellung denn ihr in euch vom Jehova habt!“
HG|2|164|3|0|Und der erste aus den vieren nahm alsogleich das Wort und sagte so ziemlich beherzt:
HG|2|164|4|0|„Guter Mann, Freund und Bruder, darum du fragst, ist wohl überaus schwer, eine gültige Antwort zu finden, – doch nicht so schwer, dir unsere allgemeinen Begriffe über Jehova kundzugeben, das heißt also, wie sie bei uns und unter uns allgemein gang und gäbe sind. Wolle sie denn vernehmen!
HG|2|164|5|0|Unter Gott verstehen wir die die ganze Unendlichkeit erfüllende ewige, über alles vollkommene, sich ihrer selbst allenthalben allerklarst bewusste Urkraft.
HG|2|164|6|0|Diese Kraft kann sich überall äußern, indem sie an und für sich im Grunde der vollkommenste, allerfreieste Wille ist, welcher da wirkt nach den eigenen, in ihm selbst zum Grunde liegenden Ideen, welche sich in eben diesem Willen und seinem eigenen, aus seiner beständigen Tätigkeit entspringenden Licht in der endlosesten Fülle und in größter Klarheit entwickeln.
HG|2|164|7|0|Siehe, das wäre unser allgemeiner Begriff über Gott; was übrigens die substantielle Wesenheit dieser endlosen, ewigen Urwillenskraft betrifft, so steht sie zu sehr außer dem Bereich unserer Begriffsfähigkeit, als dass sich darüber irgendein gültiger Satz aufstellen ließe!
HG|2|164|8|0|Mutmaßungen aber können und sollen nie als Lehrsätze aufgestellt werden!
HG|2|164|9|0|Anderseits aber scheint es wenigstens mir und einigen anderen, dass diese endlose Willenskraft sich nahe wie unsere Liebe aussprechen muss, indem alles, was wir nur immer betrachten mögen, dieses unleugbare Zeugnis in sich trägt.
HG|2|164|10|0|Selbst der Stein, der leblose, schweigt in diesem Punkt nicht, sondern spricht gewisserart durch sein Wesen: ‚Weil mir meine Teile lieb sind, so halte ich sie fest an mein mächtiges Zentrum!‘
HG|2|164|11|0|So aber solches schon ein Stein unleugbar dartut, da sind ja danach alle anderen Dinge noch sprechendere Zeugen davon – und wir unser selbst wohlbewusste Menschen am allermeisten, indem wir alle in der gegenseitigen Liebe gezeugt worden sind!
HG|2|164|12|0|Nach dieser großen Mutmaßung getrauen wir uns dann auch zu behaupten, dass Gott in Sich Selbst die reinste und allerheiligste Liebe ist und kann Sich aus dieser Liebe heraus als Jehova oder als der gute, weise und allmächtige Schöpfer aller Dinge im Menschen, wie auch außer demselben als ebenfalls ein Mensch – freilich wohl nur allzeit im allervollkommensten Sinne – äußern, und zwar im Menschen als die reinste Liebe zu Seiner Göttlichkeit Selbst, und außer dem Menschen entweder als eine mächtig wirkende Kraft oder aber wohl sichtbar in einer ebenmäßig menschlichen Form, an welche Er aber freilich wohl nicht als etwa gebunden anzunehmen ist.
HG|2|164|13|0|Siehe, lieber, guter Mann, Freund und Bruder, das ist im Allgemeinen aber auch alles, was wir über das Wesen Gottes wissen! Nun steht es bei dir, diese unsere Meinung entweder gutzuheißen oder zu tadeln!“
HG|2|164|14|0|Und der Abba sagte darauf zu den vieren: „Deine Antwort war vollkommen, denn es ist im Ernst also, wie du es hier kundgegeben hast!
HG|2|164|15|0|Aber es ist euch dennoch völlig unnütze alle solche Weisheit, so sie ist entweder ein Werk des eigenen Nachdenkens oder auch ein Werk des mündlichen Unterrichtes!
HG|2|164|16|0|Soll euch aber solche Weisheit zum lebendigen Nutzen sein, so muss sie entweder zu einem lebendigen, klaren Gefühl im Herzen werden, oder – was freilich wohl das Vorzüglichste ist – sie muss aus der Lebendigkeit des Herzens hervorgehen.
HG|2|164|17|0|Ist eines oder das andere der Fall, so wird dann erst die dadurch geweckte eigene Lebenskraft als ein stetiger Zeuge auftreten und wird jedermann laut verkündigen, dass Gott die reinste und heiligste Liebe Selbst ist, in welcher kein Wesen und am allerwenigsten aber die wahren Kinder dieser Liebe je zugrunde gehen werden!
HG|2|164|18|0|Wer demnach Gott nicht auf diese Weise gefunden hat, für den ist Gott so gut wie kein Gott, da Er kein Gott des Lebens, sondern nur ein Gott einer menschlichen Vernunftspekulation ist, welche so lange steht, bis sie nicht von einer anderen verdrängt wird.
HG|2|164|19|0|Wer aber Gott in und aus seinem Lebensgrund gefunden hatte, der hat Ihn gefunden wesenhaft, und keine Macht wird Ihn je mehr zu verdrängen imstande sein!
HG|2|164|20|0|Seht, also verhält sich die Sache wahrhaftig. Nun aber gebt Mir eure Meinung über Abedam und über den Oberpriester Henoch kund, damit Ich euch auch darinnen berichtigen kann! Amen.“
HG|2|165|1|1|Das zweifache und dreifache Wesen Abedams. Das Wesen Henochs
HG|2|165|1|1|Am 28. September 1842
HG|2|165|1|0|Und der erste der vier sagte zu den dreien: „Ist es euch recht, so will ich das Wort führen; will aber jemand von euch reden, so ist mir solches ebenfalls genehm!“
HG|2|165|2|0|Und die anderen drei sagten: „Bruder, rede du, da du schon in der Rede bist; denn wir sind ja ohnehin eines Sinnes und einer Ansicht!“
HG|2|165|3|0|Und so begann der erste alsogleich, nun noch beherzter denn ehedem das Wort zu führen und sagte:
HG|2|165|4|0|„Guter Mann, Freund und Bruder, da ich aus deiner früheren Rede entnommen habe, dass auch dir ein hoher Grad Weisheit innewohnt, so will denn nun auch ich in der Art hoher Weisheit vor dir den Mund auftun, um dir dadurch meine vollste Achtung und Billigung deiner hohen Weisheit an den Tag zu legen; und so wolle denn geneigten Ohres vernehmen!
HG|2|165|5|0|Was da betrifft den Abedam, der Sich drei volle Tage so überaus wundertätig unter uns aufgehalten hatte, so ist da unsere Meinung über Ihn also bestellt, wie ich dir es jetzt genau kundgeben will.
HG|2|165|6|0|Der Abedam ist ein Doppelwesen, ja ich möchte sagen, Er ist ein dreifaches Wesen!
HG|2|165|7|0|Ein Doppelwesen ist Er, indem sich in Ihm offenbar eine menschliche und eine göttliche Natur ausgesprochen hatte: eine menschliche in Seiner Erscheinlichkeit, welche unsere Form hatte und entsprach derselben in allem vollkommen, dann eine göttliche in Seinen Worten und Taten, da bei Ihm ein Wort so gut als eine vollbrachte Tat zu betrachten war.
HG|2|165|8|0|Der einfache Mensch kann zwar auch Verschiedenes denken und wollen, aber seine Gedanken und sein Wollen sind nur ganz subtile Schöpfungen in sich selbst, welche aber jedoch in ihrer Primität nie in die Erscheinlichkeit zu treten vermögen, sondern erst als ein mühsamer Nachtrag durch Beihilfe mechanischer und organischer Kräfte, durch welche dann unsere innere Schöpfung erst freilich wohl höchst unvollkommen nachgebildet wird.
HG|2|165|9|0|Also können wir uns auch ein vollkommenes Gras zum Beispiel denken und es dann auch aussprechen. Es ist dadurch in uns auch wie erschaffen; aber dasselbe außer uns zu stellen so vollkommen, wie wir uns es denken, können wir unmöglich, indem unsere Wesenheit nur eine bedingte und notwendig beschränkte ist, und wir können darum nicht in die unendliche Wesenheit Gottes hinein erschaffen, sondern nur in dem Raum unseres eigenen Wesens im kleinsten Maßstab, wie es die Gottheit tut im Raum Ihrer unendlichen Wesenheit.
HG|2|165|10|0|Aber ganz anders verhält sich da die Sache mit dem Abedam, der da nichts anderes war als der Sich in jeglicher Form zu äußern imstande seiende Jehova! Denn durch die menschliche Form im Abedam wirkte die Gottheit aus Ihrer Unendlichkeit heraus, und was demnach der Mund Abedams sprach, musste ja ein vollbrachtes Werk sein, indem doch alle Dinge, welche wir beschauen, nichts anderes sein können als Gedanken und Worte, welche in der unendlichen Gottheit auch selbst unendlich vorhanden sein müssen und, so sie von der Gottheit Selbst ausgesprochen werden, auch darum notwendig also evident vorhanden sein müssen, wie in uns selbst jene Gedanken und Worte, welche wir für und in uns bestimmter ausgesprochen haben.
HG|2|165|11|0|Siehe nun, lieber, guter Mann, Freund und Bruder, also verhält sich die Sache! Es könnte mir freilich wohl eingewendet werden und könnte jemand sagen:
HG|2|165|12|0|‚Wenn es denn also ist, wie verhält es sich demnach mit der schon öfter vorkommenden Wunderkraft im gewöhnlichen Menschen, so ihm die Gedanken Gottes gehorchen?'
HG|2|165|13|0|Da sage ich aber: Dann ist der Mensch selbst zur Äußerung der Gottheit geworden, welche durch ihn – wennschon im kleineren Maßstabe – wirkt, wie Sie im für uns möglich größten Maßstabe durch Abedam gewirkt hatte.
HG|2|165|14|0|Und so liegt dann die göttliche Wirkung nicht in der Wesenheit des Menschen, sondern allein nur in der Wesenheit Gottes, der Sich da durch einen Menschen so oder so hat äußern wollen!
HG|2|165|15|0|Also steht es hernach auch mit dem Henoch, der da an und für sich nichts mehr und nichts weniger ist, als wir alle es sind, nämlich ein ganz gewöhnlicher Mensch; so ihn aber Gott durch Abedam berufen und bestimmt hatte zu einem Oberpriester oder für ein Organ, durch das Er Sich beständig zu den Menschen in menschlicher Form äußern will, so ist Henoch, wenn Sich Gott durch ihn äußert entweder durch Wort oder Tat, nahe das, was der Abedam Selbst war, nämlich ein geheiligtes oder befähigtes Mittel, durch welches sich die unendliche Wesenheit Gottes örtlich und zeitlich äußern will.
HG|2|165|16|0|Der Henoch als Mensch aber vermag aus sich so wenig wie ich; wenn er aber etwas vermag, da vermag solches nur Gott durch Henoch, was der Henoch sicher noch besser einsieht denn ich, indem er ein Grundweiser ist!
HG|2|165|17|0|Ich habe aber früher gesagt, dass der Abedam auch ist wie ein dreifaches Wesen; solches liegt darinnen, weil eben dieser Abedam – wie ich es wenigstens gefunden zu haben glaube – die Fülle der göttlichen Kraft in sich fasst, indem er vollkommen als die reinste Liebe in Gott wie selbständig auftrat und redete und handelte aus dieser Selbständigkeit also heraus, als wäre nicht er der Gottheit, sondern die Gottheit in aller Ihrer Fülle ihm untertan.
HG|2|165|18|0|Wenn es aber unleugbar also ist, da ist Abedam ja dreifach, nämlich: die Gottheit Selbst, weil die Liebe; weiters die wirkende Allkraft Gottes Selbst, weil das Wort pur Liebe; und endlich die Liebe Selbst, weil die Gottheit mit aller Ihrer endlosen Machtfülle Selbst!
HG|2|165|19|0|Siehe, das wäre nun unsere Meinung über Abedam und Henoch! Ich habe sie dir gegeben also, wie wir sie gefunden haben. Es liegt nun wieder an dir, sie gutzuheißen oder zu tadeln; denn die Weisheit nur kann die Weisheit prüfen und beleuchten! Gott aber sei alle Ehre ewig! Amen.“
HG|2|166|1|1|Das Gleichnis von der abgepflückten Lilie. Verstandeserkenntnis und Liebesweisheit
HG|2|166|1|1|Am 30. September 1842
HG|2|166|1|0|Und der Abba sagte darauf zum Redner und also auch zu dessen Brüdern: „Ich sage dir, du hast Mir eine ganz richtige Antwort gegeben, und es ist also, wie du es nun beleuchtet hast!
HG|2|166|2|0|Aber alles dieses ist aus deinem Denken durch den Verstand und durch deine Weltklugheit hervorgegangen, demzufolge du auch bist ein vollkommen rechtlicher Mann.
HG|2|166|3|0|Da du aber alles das auf dem Wege reifen Denkens und Klügelns gefunden, so hast du dadurch auf eine Zeit lang wohl belebt die Sinne deiner Seele; aber dein Geist ist dennoch völlig ungeweckt, ja nahe wie tot dabei geblieben! Dass solches sich aber also verhält, sollt ihr alle aus einigen kleinen Gleichnissen klärlichst erschauen!
HG|2|166|4|0|Die Seele und ihre Sinne sind des Geistes Blüte. Wenn du aber eine Lilie, die noch nicht völlig sich entfaltet hatte, vom Stock brichst, steckst sie dann ins Wasser, so wird sie sich da wohl auch entfalten, und ihre äußere Gestalt und ihr Geruch wird dann völlig gleichen derjenigen, welche sich entfaltet hatte am Stock. Wenn es sich aber hernach ums Reifwerden des lebendigen Samens handelt, siehe, da wird derselbe zugrunde gehen samt der abgedorrten und zum Teil verfaulten Blüte; denn des Samens Leben entstammt nicht der Blüte, welche nur die Bestimmung hat, desselben Form zu entwickeln oder was da ist des Samens Leib, sondern der Wurzel nur, welche da steckt in der mit dem Leben gesättigten Erde!
HG|2|166|5|0|Nun siehe, gerade also auch verhält es sich mit dem Menschen, wenn er nur nach der puren Weisheit hascht; denn die Weisheit für sich ist dann nichts als eine leere Entfaltung der Blüte irgendeiner Pflanze, welche vom Wurzelstock genommen oder getrennt wurde, und kann kein Leben bewirken, weil sie keine Wurzel hat und keine Erde, sondern nur ein pures Wasser, welches für sich kein Leben hat, sondern nur das Vermögen, das Leben der Erde zu entbinden und die Wurzel aufnahmefähig fürs Leben aus der Erde zu erhalten.
HG|2|166|6|0|Die Liebe aber ist die Wurzel des Lebensbaumes, und das Herz oder das Gemüt, welches sich im Gefühl ausspricht, das Erdreich. Wer demnach Früchte des Lebens ernten will, der muss das Erdreich düngen und der Wurzel Nahrung verschaffen; sodann wird am Stock, der da an der gesunden Wurzel lebt, schon ohnehin die Blüte und mit derselben auch zugleich der lebendige Same gar überaus gut gedeihen.
HG|2|166|7|0|Du hast den Abedam und den Henoch der Wahrheit also vollkommen getreu aufgefasst, wie vollends ähnlich da ist die vom Stock getrennte und dann im Wasser entfaltete Lilienblume derjenigen, die sich am Stock entfaltet; so du aber wirst den Samen zu suchen anfangen, wahrlich, da wirst du keinen finden, weil keine Wurzel und kein Erdreich! Verstehst du solches?
HG|2|166|8|0|Höre aber noch ein kleines Gleichnis! Siehe, im warmen Sommer prangen gar viele Pflanzen über dem Boden der Erde; wenn aber dann der Winter als der starke Lebensprüfer kommt, so richtet er alle Schöpfungen des Lichtes zugrunde, – nur die Wurzel und den vollends reif gewordenen Samen vermag er nicht zu töten!
HG|2|166|9|0|Siehe, also ist auch die Sache der Erkenntnisse über Abedam und Henoch! Der Verstand wird den Abedam und den Henoch so lange halten, solange diese für ihn tastbar da sind und wird über sie auch so lange nachdenken, bis er nicht zu einem ihm genügenden Endresultat gekommen ist; hat er aber solches gefunden, dann ist für ihn auch die Sonne untergegangen, und der Winter hat seinen Anfang genommen.
HG|2|166|10|0|Die Erkenntnisse werden abzusterben anfangen und überzugehen in den Tod, der da ist pur Falsches und Arges und gleicht den Schimmelgewächsen und den Schwämmen, die da keine Wurzeln und keinen Samen haben.
HG|2|166|11|0|Ist aber Abedam und der Henoch aufgenommen von der Liebe im Herzen, so wird er zu einem Baum werden, unter dessen Zweigen sich selbst die Geister der Himmel bergen werden.
HG|2|166|12|0|Denn da wird der Abedam sein die Wurzel, und Sein Wort das Erdreich, aus dem dann allenthalben ein Henoch voll des lebendig reifen Samens hervorgehen wird; und die Blüte dieses Stammes wird gerecht sein und wird geben dem Samen selbst die rechte Gestalt und ein rechtes, festes Kleid, in dem sich das Leben wird ewig halten können! Verstehst du solches?
HG|2|166|13|0|Ja, du verstehst es jetzt also, als da die Wasserblume gleicht einer vollkommenen Blüte; aber so du nur bleiben wirst im Wasser deines Verstandes, so wird dir aus diesem Verständnis auch kein lebendiger Same erwachsen, wie da aus der Wasserblume keiner erwächst!
HG|2|166|14|0|Ich sage dir aber: Umfasse deinen von der Wurzel getrennten Blütestamm mit guter, lebendiger Erde deines Herzens, und begieße dann denselben unablässig mit diesem lebendigen Wasser, das da nun geflossen ist aus Meinem Munde, so kannst du noch wenigstens den Samen zur Reife bringen, denselben dann neu säen in dein Erdreich, damit dir dann auch eine neue Wurzel des Lebens werde, der kein Winter mehr wird zu schaden vermögen; denn ohne Wurzel ist kein Leben möglich!
HG|2|166|15|0|Du wunderst dich jetzt wohl über Meine Weisheit; Ich sage dir aber: Suche, dass dich ehestens Meiner Liebe wundernehmen wird, sodann wirst du dich der Weisheit nicht mehr so sehr wundern, sondern des ewigen Lebens, welches ist die Liebe und der Urgrund aller Weisheit!
HG|2|166|16|0|So dir jemand eine schöne Blume spendet, die du noch nie gesehen hast, dann hast du eine große Freude; Ich aber gebe dir das ganze Gewächs! Setze es ins Erdreich, und du wirst da die Wurzel, die Blüten und endlich sogar den Samen des Lebens ernten!
HG|2|166|17|0|Verstehe solches! Ist dir aber etwas fremd, – siehe, hier bin Ich und dort der Henoch; frage, und wir wollen dir und jedem antworten aus der Wurzel! Amen.“
HG|2|167|1|1|Das Wort Gottes als das lebendige Wasser. Das Gleichnis vom Quell- und Regenwasser
HG|2|167|1|1|Am 3. Oktober 1842
HG|2|167|1|0|Und der erste der vier sagte darauf hoch verwundert über die große Weisheit des Fremden: „Höre, guter Mann, Freund und Bruder, von deinen Worten ist mir nichts unverständlich; denn du hast dich klar ausgedrückt, und das Bild mit der abgepflückten Lilie, deren Blüte sich dann samenlos in einem Wasserbecken entfalten würde, war überaus treffend, und wir haben es genau erfasst, was du uns damit hast sagen wollen.
HG|2|167|2|0|Und ich sehe es auch vollends ein, dass solches alles ganz vollkommen in aller Natur, somit auch umso mehr in der des Menschen unfehlbar begründet ist; aber gegen das Ende deiner Rede hast du etwas fallen lassen, da du etwas in einen Affekt gerietest, – und da muss ich dir schon bemerken, lieber, guter Mann, Freund und Bruder, solches kann ich nicht so recht unters Dach bringen!
HG|2|167|3|0|Denn da sagtest du von deinen Worten, als seien sie ein lebendiges Wasser, mit dem ich den abgebrochenen Blütenstamm emsigst begießen solle, wodurch dann mir wenigstens ein Same – wenn gewisserart schon nicht alsogleich die Wurzel – werde, welchen ich dann erst in mein Erdreich streuen könnte zur neuen Erlangung der Wurzel, des Stammes mit der Blüte und dadurch dann auch eines neuen Samens zum ewigen Leben!
HG|2|167|4|0|Es ist alles richtig, überweise und klar; nur wie du dein Wort zu einem lebendigen Wasser machst, oder wie es vielmehr ich machen soll, – siehe, guter Mann, Freund und Bruder, das ist etwas gewagt gesprochen, das heißt vorderhand gemeint, insoweit ich es noch nicht fasse!
HG|2|167|5|0|Willst du aber die brüderliche Gefälligkeit haben und dich darüber etwas bestimmter aussprechen, dann kannst du aber auch vollends versichert sein, dass ich und wir alle jegliches deiner Worte in der Tat ehren werden, und werden suchen, es zur lebendigen Wurzel und zum lebendigen Samen in unseren Herzen zu erheben!
HG|2|167|6|0|Wenn du solches demnach tun willst, da bitten wir dich darum!“
HG|2|167|7|0|Und der allerheiligste Abba öffnete darauf Seinen Mund und sprach: „Du hast wahrlich die beste Frage gestellt; denn Ich sage dir, gerade davon hängt alles ab, dass ihr dieses richtig auffasst!
HG|2|167|8|0|Wer da nicht versteht, wie Mein Wort ein lebendiges Wasser ist, der versteht auch nicht im Geringsten, was Gott ist, was der Abedam, und was der Henoch; denn nur das lebendige Wasser erst kann ihm solches vollends enthüllen!
HG|2|167|9|0|Da aber somit die wahre, innerste Bekanntschaft mit dem lebendigsten Wasser solches bedingt, so fragt sich’s: Wie ist demnach das Wort aus Meinem Munde ein lebendiges Wasser?
HG|2|167|10|0|Dieses sollt ihr auch in einem getreuen Bild erschauen; und so hört es denn:
HG|2|167|11|0|Du hast zu Hause einen Garten. Im selben hast du mannigfaltige gute Pflanzen gesetzt. Wenn es aber durch den Sommer hindurch dann und wann sehr trocken geworden ist, so begießt du die Pflanzen mit gutem Wasser, damit dieselben nicht vertrocknen und absterben möchten in dem saftlosen Erdreich deines Gartens. Aber trotz deines emsigen Begießens kommen die Pflanzen nur sehr kümmerlich fort, und deine Ernte ist dann ebenso dürftig, wie armselig da ist der Boden an der lebendigen Nahrung, welche da einzig nur besteht in einem wohlgesegneten Regen aus den Wolken des Himmels.
HG|2|167|12|0|Du sagst es selbst aus deiner Weisheit heraus: ‚Ein trockenes Jahr ist eine Geißel sowohl für die Pflanzen, als auch für unsere Mägen und für unsere Haut!‘
HG|2|167|13|0|Warum hältst denn du hernach das Regenwasser für besser und für nährender denn dasjenige, das du aus deinem Krug schüttest über die Pflanzen? Antworte Mir darauf aus deiner Weisheit!“
HG|2|167|14|0|Und der Redner erwiderte: „Das ist ganz natürlich; weil das Erdquellwasser schon seine belebende Kraft der Erde mitgeteilt hat, bevor es dann kraftlos auf die Oberfläche der Erde gelangt. Das Regenwasser aber fällt mit noch ungeschwächter Fülle der belebenden Kraft auf den Boden der Erde, wo dann ein einziger Regentropfen für die Pflanzenwelt köstlicher ist denn ein ganzer Krug voll des reinsten Quellwassers! Ich meine, die Antwort ist richtig!“
HG|2|167|15|0|Und der heiligste Abba erwiderte ihm: „Ganz richtig, – betrachte demnach auch Mein Wort als einen Regen aus den Himmeln alles Lebens, und es wird dir die Lebendigkeit dieses Meines lebendigsten Wortwassers durchaus kein Rätsel mehr sein, und der Abedam samt dem Henoch wird in großer Klarheit vor dir dastehen in aller Fülle Seiner Göttlichkeit! Verstehe es! Amen!“
HG|2|168|1|1|Die vier Lauen erkennen den Herrn
HG|2|168|1|1|Am 4. Oktober 1842
HG|2|168|1|0|Nach dieser Rede Abbas fingen die vier an, ganz gewaltig zu stutzen, und einer wie der andere dachte bei sich selbst: „Es ist doch wahrhaftig sonderbar um den Menschen!
HG|2|168|2|0|Wer und was ist er denn, und woher muss er gekommen sein? Wahrhaftig, der Mensch spricht gerade also, als wäre er Jehova Selbst!“
HG|2|168|3|0|Hier traten die vier ein wenig zurück, nachdem der erste zuvor den ihm noch fremden Abba um eine kleine Entschuldigung bat, und berieten sich da über den überweisen Fremdling.
HG|2|168|4|0|Der erste fragte sogleich die anderen drei, sagend nämlich: „Brüder! So gut wie ich habt auch ihr dieses fremden Mannes Rede vernommen und sicher auch mir gleich verstanden! Was bedünkt euch ob seiner? Wer ist er? Wer kann er sein?“
HG|2|168|5|0|Und der zweite sagte darauf: „Bruder, du weißt es, dass ich in gewissen Sachen noch nie um ein ganzes Haus mich geirrt habe, und bin darum jetzt der Meinung, dass ich nicht zu ferne vom Kopf des Keils meinen Schlägelhieb führen werde!
HG|2|168|6|0|Das Bild vom Garten, von der Bewässerung desselben, der Vergleich des Quellwassers mit dem des Regens und endlich das Vergleichen unserer Worte mit dem schon kraftlosen Quellwasser, Seines Wortes aber mit dem lebendigen Regen aus den Wolken des Himmels, und dann zum Schluss gar noch die klare Andeutung auf die Anwesenheit Abedams lassen mir wenigstens keinen Zweifel mehr übrig, dass da hinter Ihm der Abedam Jehova steckt!
HG|2|168|7|0|Seht Brüder, das ist meine Meinung, welche sich mir in mir selbst unwiderruflich aufdrängt und erfüllt aber auch zugleich mein ganzes Wesen mit solch einer freudseligen Wonne, die ich ehedem noch nie empfunden habe!
HG|2|168|8|0|Jedoch will ich dadurch niemandem meine Meinung aufgedrungen haben, – und es wird mir überaus angenehm sein, auch eure Meinung darüber zu vernehmen!“
HG|2|168|9|0|Und der dritte erwiderte alsogleich darauf und sagte: „Brüder, wie es wenigstens mir vorkommt, so scheint der Bruder eben nicht ganz unrecht zu haben! Ich will zwar noch nicht mein volles Ja hinzufügen; so ihr aber alle einer Meinung seid in dem Punkt, da werde ich sicher nicht das Nein aussprechen!
HG|2|168|10|0|Dass dieser Mann mehr sein muss als bloß nur ein gewöhnlicher Mensch, solches leuchtet ja aus jeglichem seiner Worte allerklarst hervor; ob er aber unmittelbar der Abedam Jehova Selbst es ist, oder ob dessen Geist nur durch ihn, den Fremdling nämlich, spricht, das wäre noch zu entscheiden.
HG|2|168|11|0|Wenn es aber auf mich nur ankäme, so stimme ich eher für die Unmittelbarkeit denn für die Mittelbarkeit, ohne dadurch jemanden nur im Geringsten in seinem Dafürhalten zu beeinträchtigen!“
HG|2|168|12|0|Und der vierte öffnete seinen Mund und sagte: „Bruder, ich meine, wenn ich deiner Ansicht vollends beipflichte, so werde auch ich keinen großen Fehlhieb tun! Nun sollte nur noch unser Verstand [Vorstand?] seine Äußerung von sich geben, und es wird sich dann gar bald zeigen, wohin die Mehrheit der Stimmen sich neigt!“
HG|2|168|13|0|Und der erste Hauptredner sagte darauf: „Brüder, wir sind vollkommen eins! Denn das war heimlich schon gleich nach Seiner ersten Rede meine Meinung, und ich habe nun eine große Freude, dass wir also ganz und gar eines Herzens und eines Sinnes sind! Nur fragt es sich jetzt: Wie werden wir es nun anfangen, – wie uns Ihm wieder nahen, welch ein Opfer werden wir Ihm darbringen? Wie werden wir uns vor Ihm jetzt ausnehmen? Was werden wir Ihm nun sagen können, Ihm, dem unsere geheimsten Gedanken schon nun gar viele Ewigkeiten eher bekannt waren, als wir noch geworden sind zu denkenden und fühlenden Menschen durch Sein allmächtiges Wort?
HG|2|168|14|0|Er, der durch ein Wort einst Himmel und Erde und alle zahllosen Geschöpfe darauf erschaffen hatte, hat nun so viele Worte zu uns geredet! Sagt, denkt, was kann, was wird daraus werden?!“
HG|2|168|15|0|Hier trat plötzlich der Abba unter sie und sagte: „Kinder, Freunde und Brüder! Mein Herz hat eine große Freude an euch; denn ihr habt Mich wahrhaft also, wie es einem freien Menschen geziemt, gefunden.
HG|2|168|16|0|Aber euer Weg zu Mir, eurem ewigen, heiligen Vater, war ein mühsamer; denn die Weisheit macht kleine und beschwerliche Schritte, während die Liebe wie mit der Türe ins Haus fällt. Da ihr Mich aber also gefunden habt, so freut euch aber jetzt auch über die Maßen; denn Ich, Gott der Allmächtige, als euer liebevollster Vater, bin nun ja sichtbar unter euch!
HG|2|168|17|0|Kommt alle her an Meine Brust, und empfindet, dass Ich wahrhaft euer ewiger, heiliger, liebevollster Vater bin! Kommt, kommt! Amen.“
HG|2|169|1|1|Über die Ehrung und Segnung des Herrn. Wahrhaftiger Gottesdienst und wahrhaftiges Opfer
HG|2|169|1|1|Am 6. Oktober 1842
HG|2|169|1|0|Und alsbald stürzten alle hin, nicht nur die vier, sondern alle, die sich in dieser Zeit auf der Höhe befanden, und umfingen den Abba, Freuden-Liebe-Tränen weinend; alle priesen, lobten Ihn und gaben Ihm die Ehre in ihren Herzen.
HG|2|169|2|0|Er aber segnete sie alle, und sprach endlich zu ihnen: „Kindlein, ihr habt nun den wahren Vater und habt alle in Mir Gott geschaut; ihr habt Mich mit Liebe umfasst, da Ich mit Liebe zu euch kam. Glaubt nun alle fest in euren Herzen, dass Ich allein der wahre, gute, heilige Vater es bin und der alleinige Herr Himmels und der Erde, Gott aller Macht, Kraft und Gewalt, Schöpfer, Lenker und Erhalter aller Dinge und das ewige, alleinig vollkommenste Leben Selbst, weil die ewige und endlose Liebe und Weisheit Selbst!
HG|2|169|3|0|Solches also glaubt fest in euren Herzen, und fühlt es lebendig, dass das ewige Leben durch Meine Liebe vollkommen in euch ist, so werdet ihr allzeit glücklich hier und jenseits in der ewigen Wohnung Meiner Liebe und Weisheit sein! Hier werdet ihr glücklich sein, da ihr keinen Tod je sehen und erleiden werdet, und jenseits durch die stets größere innere Entfaltung der endlosen Fülle der Wunder Meines Lebens in euch geistlich!
HG|2|169|4|0|Ich habe euch jetzt gesegnet als wahrer Vater; segnet aber auch ihr Mich in euren Herzen durch die treueste stetige Liebe, so werdet ihr in der Lebendigkeit eurer Werke zeigen, dass ihr glaubt, dass Ich der alleinig gute Vater es bin, der euch Ewigkeiten lange vorher geliebt hatte, bevor noch eine Sonne am Firmament brannte!
HG|2|169|5|0|Wer Mich ehren wird mit der Hand, dessen Hand soll gesegnet sein für jegliches Werk; wer Mich ehren wird mit den Füßen, der soll keine Steine am Boden finden, da er seine Wege tun wird; wer Mich ehren wird mit dem Leib, der soll auch einen gesegneten Leib haben, und kein Schmerz soll je eine Faser seines Fleisches anrühren; wer Mich ehren wird mit dem Mund, dessen Mund soll gesegnet sein, dass ihn alle Völker loben sollen; wer Mich ehren wird mit den Augen, der soll nie den Tod sehen; wer Mich ehren wird mit den Ohren, in dessen Ohr soll nie eine arge Stimme dringen, sondern harmonische Töne sollen dasselbe entzücken; wer Mich ehren wird mit dem ganzen Kopf und mit dem Mark desselben, den will Ich segnen mit großer Weisheit; wer Mich aber ehrt in seinem Herzen als den alleinigen guten Vater, der ist es, der Mich ehrt mit seinem ganzen Leben, da er Mich ehrt mit seiner Liebe, welche da ist sein ganzes Leben; wer Mich aber ehrt mit seinem ganzen Leben, der soll auch ganz gesegnet sein mit dem ewigen Leben aus Mir, dem heiligen, liebevollsten, guten Vater!
HG|2|169|6|0|Ehrt Mich daher allesamt mit dem Herzen allzeit, so wird das ewige Leben sein in euch, weil eure Herzen erfüllt sind mit dem, was da ist des ewigen Lebens, nämlich mit Meiner heiligen, allmächtigen Liebe!
HG|2|169|7|0|Niemand kann Mich segnen, weder mit der Hand, noch mit den Füßen, noch mit dem Leib, noch mit dem Mund, noch mit den Augen und noch mit den Ohren, sondern allein mit einem reinen, von Meiner heiligen Liebe erfüllten Herzen.
HG|2|169|8|0|Wer mich aber segnet mit solch einem Herzen, der segnet Mich auch mit den Händen, Füßen, mit dem Mund, mit den Augen, Ohren und mit dem ganzen Kopf und mit dem ganzen Leib, ja mit allen seinen Kräften, und Ich will darum aber auch vollkommen segnen den ganzen Menschen zum ewigen Leben.
HG|2|169|9|0|Den teilweise Mich segnen Wollenden aber werde auch Ich, wie gesagt, nur teilweise segnen!
HG|2|169|10|0|Bleibt daher bei der alleinigen Liebe, so wird euch stets die Fülle Meiner Segnungen werden; werdet ihr aber nicht allein nur an die Liebe euch halten, so werden dann Meine Segnungen auch sein gleich eurer Liebe!
HG|2|169|11|0|Wahrlich, Ich sage euch, Meine Kindlein: Ich, euer Vater, brauche keine Opfer und benötige keines Mich extra ehrenden sogenannten Gottesdienstes; denn Ich bin allmächtig genug, um jeglichen Dienst zu versehen ewig, also wie Ich ihn versehen habe schon von Ewigkeiten her ohne eure Opfer und ohne euren Gottesdienst.
HG|2|169|12|0|Wollt ihr aber Mir schon dienen, da dient euch gegenseitig in Meiner Vaterliebe, so werdet ihr wahrhaftige Gottesdiener sein!
HG|2|169|13|0|Wer da opfern will, der opfere in seinem Herzen! Meine Vaterliebe in seinem Herzen bringe er Mir zum Opfer; solch ein Opfer werde Ich allzeit wohlgefälligst ansehen!
HG|2|169|14|0|Nun wisst ihr alles lebendig in euch; beachtet es allzeit lebendig und tuet danach, so wird des ewigen Lebens Fülle gleich einem Strom aus euren Lenden hervorbrechen und wird allda zerstören die Wohnung des Todes für ewig, ewig, ewig! Amen.
HG|2|169|15|0|Henoch ist Mein Mund bei euch; den hört, und sein Wort wird euch segnen oder richten nach der Beschaffenheit eurer Herzen! Amen, Amen, Amen.“
HG|2|169|16|0|Hier ward der Abba wieder unsichtbar und entschwand denn vor den weinenden Augen der Kinder zum letzten Mal, das heißt für so lange, als noch der Adam lebte, und wurde nachher allgemein nicht mehr gesehen bis zur großen Zeit der Zeiten im Fleische als Sohn der Menschen.
HG|2|170|1|1|Adam verlangt von Henoch eine unmögliche Rede. Henochs Gleichnis von der Sonne und dem Mond
HG|2|170|1|1|Am 7. Oktober 1842
HG|2|170|1|0|Nach einer ziemlichen Weile fingen sich die Väter erst an zu erholen und um sich her zu schauen, ob nicht irgend Jehova zu erschauen wäre.
HG|2|170|2|0|Aber solch ein Bemühen war vergeblich; denn Jehova verbarg Sich wieder in Sein Heiligtum und war mit keinem anderen Auge mehr zu erspähen denn allein mit den Augen der reinen Liebe im Herzen.
HG|2|170|3|0|Es trat aber nach einer Weile der Adam hin zum Henoch und sagte zu ihm: „Henoch, rede etwas von Ihm, den unsere Augen nicht wert waren anzuschauen, damit wir uns nicht gar so verwaist vorkommen!
HG|2|170|4|0|Denn nichts ist schmerzlicher fürs Herz, als das zu missen, was man einmal mit Liebe erfasst hat; umso schmerzlicher aber ist’s, nun Den zu missen, der das alleinige Leben unserer Herzen ist und daher der alleinige Gegenstand unserer allermächtigsten Liebe!
HG|2|170|5|0|Daher rede, Henoch, rede! Rede von Ihm, ja von nichts anderem rede denn nur von Ihm; denn Er allein ist nun unserer Herzen größtes Bedürfnis geworden!
HG|2|170|6|0|Rede auch nicht von dem, was auf Ihn irgendeine Beziehung hat, sondern ganz rein von Ihm nur rede; auch nicht, wie Er ist also voll Liebe, Erbarmung und Herablassung unter uns gewesen und hat uns alle geführt und gelehrt und mit der größten Sanftmut gezeigt die liebeerfülltesten heiligsten Wege zu Ihm, zu Ihm, dem besten, heiligsten, liebevollsten Vater!
HG|2|170|7|0|Also nur rede von Ihm allein, lieber Henoch! Amen.“
HG|2|170|8|0|Und der Henoch öffnete alsbald den Mund und sprach: „Würdigster Vater, dein Wunsch ist rein wie das Wasser dort, das da am weißen Sand, unter dem weißen Stein einer reinsten Quelle entstammend, spielt; aber denke einmal nach, was das heißt: von Ihm reden, von Ihm allein reden!
HG|2|170|9|0|Siehe an Seine großen Worte um uns herum; wir selbst sind nichts anderes, und was wir nur immer ansehen mögen, ist nichts anderes, denn Gottes Wort!
HG|2|170|10|0|Nun aber wünschst du, ich möchte von Ihm sprechen, ohne etwas zu berühren, was da mit Ihm in irgendeiner Beziehung stünde!
HG|2|170|11|0|Sage mir, würdigster Vater, wie solches wohl möglich sein möchte?! Denn pur von Ihm reden ohne Berührung anderer auf Ihn Bezug habender Bilder und Sachen und Dinge, ist eine gänzliche Unmöglichkeit!
HG|2|170|12|0|Man müsste nur ununterbrochen Seinen Namen in einem fort aussprechen; wie aber würde dir das nur bei einer kurzen Zeitdauer vorkommen?
HG|2|170|13|0|Oder wäre eine solche höchst einförmige Wortreihe eines und desselben Namens, wenn durch ihn auch der allerhöchste und allerwürdigste Gegenstand unserer Liebe bezeichnet wird, wohl eine Rede zu nennen?
HG|2|170|14|0|Daher musst du, würdigster Vater, deines Herzens zwar an und für sich allerreinsten, aber dessen ungeachtet dennoch nicht ausführbaren Wunsch ein wenig ändern, und ich werde dann demselben unverzüglich Gewähr leisten!“
HG|2|170|15|0|Und der Adam sah das Törichte seines Verlangens ein und sagte endlich zum Henoch: „Ja, ja, mein Sohn, du hast recht, mein Verlangen ist im Ernst rein unausführbar; daher tue nach deinem mit der Liebe des allerheiligsten Vaters wohlverwandten Herzen, und mir wird alles endlos willkommen sein, was du nur immer über Ihn hervorbringen wirst! Amen.“
HG|2|170|16|0|Und alsbald begann der Henoch folgende kurze Rede an alle Anwesenden zu richten, sagend nämlich: „Väter und Brüder! Habt ihr noch nie die Beobachtung gemacht, wie sich der Mond am Tag neben der Sonne ausnimmt, welcher Unterschied da ist zwischen seinem und der Sonne Licht?
HG|2|170|17|0|Ihr seht mich alle groß und verwundert an, und wisst nicht, was ich damit sagen will!
HG|2|170|18|0|O hört nur, wir wollen dies Bild schon deutlicher auseinanderklauben!
HG|2|170|19|0|Seht, wenn der Sonne mächtiges Licht vom überhohen Firmament zu uns herabstrahlt, da steht der Mond beschämt neben der großen Leuchte des Tages, und ein Wölkchen schimmert in den Strahlen der Sonne ums Vielfache mehr denn der Mond mit all seinem nächtlich prunkenden Schein! Erst wenn die große Tagesleuchte völlig untergegangen ist, fängt sich an des Mondes kaltes Licht hervorzutun, neben dem auch die kleinen Sterne zu leuchten vermögen!
HG|2|170|20|0|Seht, gerade also steht es nun mit mir! Jede Rede nun über den Vater aus meinem Munde würde sich jetzt gerade also ausnehmen wie das Licht des Mondes neben der Sonne; wenn es aber Abend und Nacht wird, sodann wird auch mein Mond leuchten, als hätte er ein eigenes Licht, und wird auch andere Sterne um sich her leuchten lassen.
HG|2|170|21|0|Solange aber noch die große Leuchte des Wortes Gottes in uns leuchtet, so lange ist mein Mondlicht eine eitle Torheit; daher erlasst mir jetzt die verlangte Rede, und erquickt euch alle noch an den Strahlen des großen Lichtes in uns!
HG|2|170|22|0|Denn jetzt gliche meine Rede einer barsten Verfinsterung der Sonne in uns; daher bleiben wir am Tag, solange dieser währt!
HG|2|170|23|0|So aber irgendwann dieser Tag sollte zu Ende werden, dann, Väter und Brüder, seht euch erst um nach dem Mond! Und jetzt aber lasst uns nach Hause gehen, denn die Sonne nähert dem Untergang sich schon! Tun wir das! Amen.“
HG|2|171|1|1|Die wunderbare Füllung der Speisekammern Seths
HG|2|171|1|1|Am 11. Oktober 1842
HG|2|171|1|0|Und alle die Väter samt den vieren vom Mittag her erhoben sich auf diese Rede Henochs vom Boden und gingen hinab in die Wohnungen. Als sie da anlangten, lud der Adam den Henoch, den bekannten Abedam und die vier vom Mittag, bei ihm zu verbleiben über die Nacht und das Mahl zu nehmen in seiner Hütte.
HG|2|171|2|0|Die Gäste begrüßten darauf den Adam mit kindlicher Liebe und gewährten dem Adam gerne seinen Wunsch und gingen ein in die Hütte Adams.
HG|2|171|3|0|Der Adam aber bestellte alsogleich beim Seth das Mahl, und der Seth sorgte auch alsbald dafür.
HG|2|171|4|0|Er ging darum eiligen Schrittes in seine Wohnung und behieß seine Kinder, dass sie brächten drei mittlere Körbe voll der besten Früchte, Milch, Beersaft, Wasser, Brot und Honig.
HG|2|171|5|0|Schnell eilten die Kinder Seths in dessen große Speisekammern, um zu erfüllen den Willen ihres Vaters. Aber wie erstaunt und traurig kamen sie alsbald aus den Speisekammern zurück, als sie dieselben vollends geleert fanden!
HG|2|171|6|0|Als sie solches dem Seth kundgaben, begab sich derselbe alsogleich selbst in die Speisekammern und fand da zu seinem nicht geringen Betrübnis die Aussagen seiner Kinder bestätigt.
HG|2|171|7|0|„Was soll ich nun tun?“ fragte er sein eigenes Herz. Aber dieses blieb nun stumm, und kein guter Rat wollte sich im selben künden.
HG|2|171|8|0|Er verließ darum alsbald seine Wohnung und begab sich wieder in die Wohnung Adams.
HG|2|171|9|0|Da angelangt, erzählte er alsbald mit der bedauernswürdigsten Miene den überaus kläglichen Zustand seiner Speisekammern.
HG|2|171|10|0|Als aber der schon ziemlich hungrige Adam solches vernommen hatte, ward er selbst betrübt, wandte sich aber endlich an den Henoch und fragte ihn, ob etwa seine Speisekammern besser bestellt sein möchten denn die des Seth.
HG|2|171|11|0|Und der Henoch erwiderte darauf: „Hört, wenn es mit den Kammern des Vaters Seth sich wirklich also verhalten sollte, wie er solches uns allen hier kundgegeben hatte, so bin ich im Voraus überzeugt, dass da meine Speisekammern nicht also armseligst bestellt sind denn die seinigen!
HG|2|171|12|0|Ich meine aber, diesmal hat sich der Vater Seth in seinem großen Eifer zu wenig umgesehen in seinem Haus; daher lasst mich noch einmal, dass ich sage: Seths Kammern sind überfüllt; und der Vater Seth möchte noch einmal in dieselben gehen, damit er sie vollgefüllt antreffe!
HG|2|171|13|0|Denn der Abba Jehova ist nicht nur voll Liebe und Erbarmung, so Er sichtbar unter uns wandelt, sondern Er ist auch vor unseren Augen verborgen ganz derselbe; daher Ihm alle unsere Liebe, alles Lob und alle Ehre ewig! Amen.“
HG|2|171|14|0|Und der Seth sagte: „Henoch, du hast wahr gesprochen; dem guten, liebevollsten Vater alle unsere Liebe und Anbetung! Denn Er hat Sich mir nun groß bezeigt und überaus barmherzig; denn wahrlich: geleert waren meine Speisekammern bis auf den letzten Tropfen, und nun ersehe ich sie wieder vollauf angefüllt in meinem Herzen!“
HG|2|171|15|0|Und alsobald ging der Seth wieder in seine Wohnung, und alle seine Kinder und sein Weib eilten ihm entgegen und riefen: „Vater, Vater! Unsere Kammern sind überfüllt von den herrlichsten und wohlduftendsten Speisen aller Art!“
HG|2|171|16|0|Der Seth aber fiel alsobald auf sein Angesicht nieder und wollte danken und beten; aber eine Stimme rief wie aus den Himmeln: „Mein lieber Bruder Seth, Ich kenne dich ja, und du kennst auch Mich! Daher erhebe dich, und sorge für den Adam und seine Mir lieben Gäste! Amen.“
HG|2|171|17|0|Hier sprang der Seth auf, blickte um sich, um etwa irgend zu erblicken den heiligen Abba.
HG|2|171|18|0|Die Stimme aber sprach wieder: „Seth, was suchst du mit den Augen um dich herum? Ist denn nicht das Herz Mein Haus in dir? Daher gehe, und bediene die Gäste! Amen.“
HG|2|171|19|0|Und der Seth ging alsobald und versah reichlichst die bekannten Gäste und erzählte, was ihm begegnet ist.
HG|2|171|20|0|Und der Henoch erwiderte darauf: „Also ist und wird es bleiben, dass das Ohr dem Leben näher ist denn das Auge; doch das Herz allein nur ist die ewige Wohnstätte des Lebens! Daher Ihm, dem Vater des Lebens, die vollste Weihe unserer Herzen ewig! Amen.“
HG|2|171|21|0|Darauf segnete der Adam die Gäste, pries Gott mit ihnen, und begab sich dann mit ihnen zur Ruhe.
HG|2|172|1|1|Gründung der ersten Kirche auf der Erde. Kisehel, Sethlahem und Joram im Palast Lamechs
HG|2|172|1|1|Am 12. Oktober 1842
HG|2|172|1|0|Nachdem wir uns jetzt in allem bei sieben Tage lang auf der Höhe bei den Kindern Gottes aufgehalten haben und haben da die erste Gründung der Kirche auf der Erde durch Jehovas sichtbare Gegenwart umständlich von Tat zu Tat und von Wort zu Wort mit angesehen und mit angehört und haben dadurch die vollste Erklärung der in der Bibel von Moses bezeichneten sechs Schöpfungstage erhalten, durch die nichts anderes verstanden werden soll als eben die Gründung der ersten Kirche auf dem Erdkörper, so können wir die Höhe auf eine kurze Zeit wieder verlassen und uns nach Hanoch begeben, um allda zu sehen und zu hören, wie es da zuging, und welche Veränderungen allda in einer Woche vor sich gegangen sind.
HG|2|172|2|0|Und so denn begeben wir uns hinab! Was geschieht hier? Was gibt’s hier?
HG|2|172|3|0|Seht, soeben begeben sich der Kisehel, der Sethlahem und noch ein Bruder, der nun Joram heißen soll, in den Palast Lamechs!
HG|2|172|4|0|Was haben sie wohl vor, was werden sie da machen, und was alles wird sich ihren Augen zur schauerhaften Gräuelanschauung darstellen? So hört und seht denn!
HG|2|172|5|0|Die sieben Boten haben sich seit ihrer schnellen Ankunft in Hanoch wohl schon einige Male zum Lamech hinbegeben. Es wurde ihnen alles gezeigt, und es fehlten nicht zierlich geschmückte Zofen, die sich durch allerlei üppige Stellungen und anziehende Reden und Gebärden um sie herumtummelten und auch schon im Ernst vier vollends berückt haben, darum am Streittag von Mir auch der Engel Ahbel zu ihnen hinab beschickt wurde, und darum diese vier diesmal auch nicht zugegen sind; aber nur zum Lamech selbst war ihnen noch keine Türe geöffnet worden!
HG|2|172|6|0|Für diesmal aber haben die drei fest beschlossen, ins Gemach des Lamech zu dringen, und koste es, was es nur immer wolle! Darum also gehen sie soeben in den Palast.
HG|2|172|7|0|Was wollen sie denn beim Lamech, der sie nicht vorlassen, sondern sie nur durch seine neu geworbenen Zofen und Buhlerinnen berücken und fangen will?
HG|2|172|8|0|Ihr wisst, was er mit dem Namen Jehova getan hatte? Seht, dahinaus also geht es; er muss das Loch eigenhändig ausgraben und die Tafel reinigen auf die vorbeschriebene Art!
HG|2|172|9|0|Was alles sie aber bei dieser Gelegenheit sehen werden, werdet ihr an ihrer Seite recht klar mit ansehen können.
HG|2|172|10|0|Als sie zur ersten Treppe gelangten, da fanden sie dieselbe zu beiden Seiten angefüllt mit den schönsten und allerüppigst reizendsten Weibern in ganz nacktem Zustand, und die Weiber jammerten mit kläglicher Stimme und baten die drei Boten um Errettung; denn sonst müssten sie in der nächsten Stunde den grausamsten Tod sterben, darum es ihnen am Tag vorher nicht gelungen ist, sie als die ärgsten Feinde Lamechs zu fangen und sie dann seiner glühendsten Rache zu überliefern.
HG|2|172|11|0|Doch dieses ist bloß nur eine List Lamechs. Die drei aber erkannten alsogleich solche List, und der Kisehel sagte zu den nackten Weibern: „Hört, ihr arges Natterngezücht! Nicht der Lamech wird euch grausam vertilgen, sondern die scharfe Rute Jehovas wird euch solches tun!
HG|2|172|12|0|Eiter und Geschwüre werden euch bei lebendigem Leibe verzehren draußen vor der Stadt in den Pfützen, Sümpfen und Morasten! Jehovas allmächtiger Wille geschehe ewig! Amen.“
HG|2|172|13|0|Im Augenblick wurden bei sechzig Weiber, die da nackt standen, von einem fürchterlichst brennenden Aussatz befallen und liefen rasend, wütend und heulend durch die Gassen der Stadt hinaus zu den vorbesagten Pfützen, Sümpfen und Morasten und stürzten sich allda jählings in dieselben.
HG|2|172|14|0|Ihre Leiber wurden darauf sogleich voll Eiter und Geschwüre, und das Fleisch fing an, sich bei noch lebendigen Sinnen vereitert und gar sehr stinkend von den Knochen zu lösen.
HG|2|172|15|0|Nun ward dadurch die erste Treppe gereinigt. Als sie aber zur zweiten gelangten, so entstand allda alsbald ein noch fürchterlicheres Jammergeschrei; denn auch diese Treppe war angefüllt mit nackten Weibern, welche von den Leibschergen Lamechs mit den schärfsten Ruten wahrhaft zerfleischt wurden.
HG|2|172|16|0|Als die blutenden Weiber die drei Mächtigen ersahen, da fingen sie an, noch gewaltiger zu schreien, auf dass die drei sie erretten möchten aus den Händen der Leibschergen Lamechs.
HG|2|172|17|0|Und der Kisehel gebot den Schergen, sagend: „Haltet ein den Schwung eurer Ruten, und führt die Heldinnen Lamechs hinaus zu den Pfützen, Sümpfen und Morasten; allda werden sie treffen ihre Lastergenossinnen und werden mit ihnen ihren Lohn teilen!
HG|2|172|18|0|Eure Hand aber soll fürder nimmer eine Rute anrühren, sonst sterbt ihr gleich diesen Lasterheldinnen! Jehovas Wille geschehe jetzt wie ewig! Amen.“
HG|2|172|19|0|Und alsbald warfen die Schergen die Ruten weg, banden den zerfleischten Weibern die Hände auf dem Rücken und schleppten sie dann hinaus zu den Pfützen, Sümpfen und Morasten; hier erst fingen die Weiber an, fürchterlichst zu heulen, als sie das Los ihrer Gefährtinnen ersahen.
HG|2|172|20|0|Die Schergen lösten ihnen die Hände und verließen sie dann; die Weiber aber warfen sich aus Verzweiflung in die Sümpfe und gingen allda zugrunde gleich den anderen.
HG|2|172|21|0|Als die Schergen aber wieder im Palast anlangten, da wurde ihnen von den dreien bedeutet, dass sie sich an den Jehova wenden sollen, und sollen nimmerdar betreten den Palast, sondern sollen sich begeben mit ihren Weibern nach Farak, allda ihrer eine andere Bestimmung harrt.
HG|2|172|22|0|Die hundert Schergen verließen alsbald den Palast, und die drei begaben sich zur dritten Treppe.
HG|2|173|1|1|Die gegen die drei Boten gerichteten Vorwürfe der Frauen auf der dritten Treppe im Palast Lamechs
HG|2|173|1|1|Am 14. Oktober 1842
HG|2|173|1|0|Als die drei aber vollends zur dritten Treppe gelangten, da fingen sie bei sich zu staunen an über die große List Lamechs; denn auf so etwas waren sie nicht vorbereitet.
HG|2|173|2|0|Und Ich Selbst sagte ihnen in ihrem Gemüt auch nichts davon, darum, dass sie bei solch einer außerordentlichen Gelegenheit ihre ihnen von Mir verliehene Kraft der Weisheit desto mehr bekräftigen sollten. Wie verrammelte aber demnach der Lamech diese dritte Treppe?
HG|2|173|3|0|Jede Stufe war mit kleinen Kindlein belegt, und zwischen den Kindern waren nackte Mütter mit geritzten Brüsten und verzweifelt zerrauften Haaren gestellt; die Kinder waren mit Stricken an die Staffeln niedergebunden und die Mütter mit ehernen Banden um die Lenden an die Stufen mittels starker Ketten gehängt.
HG|2|173|4|0|Als die Mütter die drei Mächtigen erblickten, da fingen sie sich und die drei also an zu verwünschen und zu verfluchen, wie da folgt:
HG|2|173|5|0|„Welcher Hölle des ärgsten aller Satane seid ihr entstiegen, darum wir euretwegen hier also auf das Schauerlichste gequält werden müssen, um durch unsere entsetzliche Qual und größte betrübende Not euch den Zutritt zu dem verruchten Lamech zu verwehren?!
HG|2|173|6|0|Ihr heißt euch Boten Jehovas! O ihr entsetzlichen Frevler! Ist Jehova gleich wie ihr, ist da unser Scheusal von einem Lamech nicht ein leiser Abendhauch dagegen in aller seiner unmenschlichsten Bosheit?!
HG|2|173|7|0|Was haben die armen Mägde, die da Lamechs endlose Grausamkeit und teuflische List verführt und verlockt hatte zu seinen niedrigsten Zwecken, denn euch je Arges zuleide getan, darum ihr sie ohne Gnade und Erbarmen habt hinausgetrieben in die schändlichsten Kloaken und Pfützen, auf dass sie allesamt zugrunde gehen am Leib, wie an der Seele?!
HG|2|173|8|0|O ihr elenden Boten der untersten Hölle, wie sie einst der große Farak gelehrt hatte, – ihr getraut euch noch, bei solchen Taten, deren alle Teufel zusammengenommen nicht fähig sind, Boten Jehovas zu nennen?!
HG|2|173|9|0|Lamech hatte seine beiden Brüder erschlagen und hätte somit den zweifachen Tod verdient!
HG|2|173|10|0|Jehova aber sagte zu Lamech: ‚Wer den Lamech töten möchte, der soll siebenundsiebzigmal gerächt werden!‘
HG|2|173|11|0|Diese armen Mägde haben samt unser noch nie eine Fliege totgeschlagen, und ihr als vorgebliche Boten der ewigen Liebe Jehovas habt sie auf die grausamste, elendeste und schändlichste Weise darum zugrunde gerichtet und marterlichst getötet, weil die ohnehin dreifach Unglücklichsten von der schändlichsten Gewalt Lamechs für seine niedrigsten Zwecke bei den Haaren von den Schergen, die ihr für ihre Grausamkeit noch oben darauf frei und glücklich gemacht habt, in dieses Gräuelhaus hereingeschleppt wurden!
HG|2|173|12|0|O ihr elenden, übergrausamsten Boten Jehovas, wenn ihr im Sinne habt, das Scheusal von einem Lamech zu bekehren und wieder zu Jehova zu wenden, warum habt ihr denn nicht an den unglücklichsten Mägden zuvor die Bekehrungsversuche gemacht, bevor ihr sie habt also grausamst töten lassen?!
HG|2|173|13|0|O seht, euch ist nicht um den Jehova zu tun, dessen Boten ihr sein wollt, sondern nur um die Herrschaft der armen Völker in den Tiefen alles Schlammes!
HG|2|173|14|0|Seht uns an, wie elend und auf das Schändlichste gemisshandelt wir euretwegen unter dem grässlichsten Druck Lamechs schmachten müssen! Möchtet ihr uns nicht auch Lügnerinnen schelten und uns dann verderben darum und töten draußen in den Pfützen und Kloaken?!
HG|2|173|15|0|Wenn ihr Elenden solches wollt, so löst unsere Bande; denn schmerzlicher kann für liebende Mütter kein Tod und martervoller keine Hölle sein als dieser Zustand, in dem wir uns vor euch nun befinden müssen!
HG|2|173|16|0|Wollt ihr aber dieses nicht, so lasst uns hier zugrunde gehen und steigt über uns und unsere unschuldigsten armen Kinder hinauf in die schändlichste Gräuelwohnung Lamechs und macht aus ihm einen noch ärgeren Teufel, als er es ohnehin schon ist!
HG|2|173|17|0|Verflucht sei der Tag, der uns dies elende Leben gab! Fluch unseren Zeugern, und Fluch dem Schöpfer, der uns für ein solches Elend erschaffen hatte, und ewig Fluch euch, die ihr gekommen seid, unser Elend zu vermehren!
HG|2|173|18|0|Vernichtet uns, so ihr es könnt, auf ewig; aber quält uns nicht mehr, als wir ohnehin schon gequält sind!“
HG|2|173|19|0|Hier stutzten die drei und wussten nicht, was sie da tun sollten; denn die Rede der angeschmiedeten Weiber und das Weinen und Schreien der Kinder fing an, ihnen gewaltig zu Herzen zu gehen.
HG|2|174|1|1|Sethlahem enthüllt die Arglist der Frauen auf der dritten Treppe
HG|2|174|1|1|Am 15. Oktober 1842
HG|2|174|1|0|Die drei staunten wohl anfangs über die List Lamechs, durch die er ihnen den Weg über die dritte Treppe so wirksam verrammt hatte.
HG|2|174|2|0|Solches Staunen aber war bloß nur eine Frucht des Anblickes hinsichtlich der gräuelhaft gelungenen Verrammung. Als sie aber die Klage der Weiber vernommen hatten, da ward schwerer und schwerer und immer schreiender ihr Gewissen, darum sie die Mägde der ersten zwei Treppen also grausam verdammt hätten.
HG|2|174|3|0|Und sie begaben sich darob hinaus zu den Pfützen im Geiste mit der Fülle der ihnen innewohnenden Kraft, hoben all die Mägde gereinigt und wiederbelebt aus den Morasten und Kloaken, ließen sie dann wieder hereinkommen vor die klagenden Weiber und begannen dann erst folgende Rede an eben die klagenden Weiber zu richten, als Ich ihnen dazu auch wieder ihre Herzen völlig erschlossen habe; die Rede aber führte diesmal der Sethlahem, und seine Worte lauteten also:
HG|2|174|4|0|„O ihr argen Weiber, da seht her, hier sind alle eure Lastergenossinnen; sie stehen bebend wohlbehalten vor euch! Sie waren tot in den Pfützen; wer hat sie denn nun aus den unzugänglichen Sümpfen, Pfützen und Morasten gereinigt, geheilt und wiederbelebt gehoben und also überaus wohlbehalten hierher geführt?
HG|2|174|5|0|Ihr geretteten Mägde! Redet zu diesen allerärgsten Weibern und sagt, wer euch gereinigt hat und wer aus des Todes Abgrund gezogen und euch neu wiederbelebt!“
HG|2|174|6|0|Und alle die über hundertundsechzig Mägde sprachen einstimmig: „O so hört uns, ihr unglücklichsten Buhlerinnen Lamechs und seiner Knechte, deren er noch eine große Menge hat, obschon vor drei Tagen sein Hauptknecht mit der auserlesensten Macht, die da Horadal hieß also wie der Hauptknecht, auf den Höhen entweder von den Kindern Jehovas vernichtet wurde oder ihm untreu ward!
HG|2|174|7|0|Wir waren allesamt schon vollends tot in den Kloaken; nur unsere armen Seelen wandelten überaus elend über den Sümpfen, Pfützen und Morasten. Aber auf einmal ersahen wir drei große leuchtende Gestalten sich nahen unserem Jammeraufenthalt, und wir erkannten alsbald in den drei großen lichten Gestalten, dass sie die drei Boten Jehovas waren.
HG|2|174|8|0|Und diese Boten riefen bald mit mächtigster Stimme: ‚Erwacht zum Zeugnis der Göttlichkeit unserer Sendung!‘ Alsbald stiegen unsere gereinigten Leiber aus dem Abgrund, und wir wurden wieder eins mit ihnen, wurden dann von einer unsichtbaren Macht hierher geführt und zeugen nun vor euch und wollen es allzeit zeugen, dass diese drei großen Männer wahrhaftige Boten Jehovas sein müssen!“
HG|2|174|9|0|Und der Sethlahem sagte weiter: „Nun denn, ihr allerärgsten Weiber und wahrhaftigen Kinder des Drachen, – redet, wie es euch bedünkt! Wie steht es nun mit eurer früheren Klage? Sagt uns, wer gab dem Lamech den Rat, diese Treppe also zu verrammen? Habt nicht ihr solches getan?!
HG|2|174|10|0|Habt nicht ihr die Kinder gemietet und manche den armen Müttern gewaltigst entrissen zu diesem schändlichsten Zweck?! Habt nicht ihr mit euren Händen die Kinder hier also angebunden, euch selbst mit den Ketten an die offenen Staffeln angemacht zum Schein und habt euch selbst, ohne vom Lamech nur im Geringsten dazu aufgefordert worden zu sein, die Brüste wollüstig geritzt und zum meisten Teil beschmiert mit rotem Saft?!
HG|2|174|11|0|Jehova hat es uns eine kurze Zeit vorenthalten, zu sehen eure gräuelhafteste Gestalt; jetzt aber hat Er sie uns gezeigt, wie sie ist, und wir sehen euch nun durch und durch in der ganzen Fülle eurer Arglist! Welche Klage wollt ihr denn jetzt führen?!
HG|2|174|12|0|Ihr habt uns ehedem gefragt, welcher Hölle wir entstiegen wären? Nun aber frage ich euch: Welcher Hölle seid denn ihr entkommen, indem ihr vor uns Gott und den Lamech gelästert habt?
HG|2|174|13|0|Wessen Kinder seid ihr, die ihr dem Jehova und dem Satan zugleich flucht?!
HG|2|174|14|0|Was soll mit euch denn geschehen, indem das Haus des Drachen für euch doch noch viel zu gut ist?! Sagt, fällt euch selbst das Urteil!“
HG|2|174|15|0|Und die Weiber fingen an zu schreien: „Freunde Dessen, dessen Name nimmerdar von unserer Gräuelzunge entheiligt werden soll! Vernichtet uns, vernichtet uns gänzlich, denn für uns ist jedes noch so elendeste Sein eine noch viel zu große Gnade!“
HG|2|174|16|0|Sethlahem aber sagte darauf: „Erhebt euch, nehmt die Kinder, und stellt sie zurück; dann aber geht hinaus zu den Kloaken, wascht euch mit dem Unflat, und tuet dann Buße, bis wir zu euch kommen werden und werden euch geben den gerechten Lohn für die Werke eurer Bosheit!
HG|2|174|17|0|Denn also seid ihr für jegliche Strafe und für jede Hölle zu schlecht! Und so denn erhebt euch und geht! Ihr geretteten Mägde aber geht in eure Gemächer, kleidet euch an; kommt dann wieder, und führt uns zum Lamech! Amen.“
HG|2|175|1|1|Die drei Boten dringen zu dem wütenden Lamech vor
HG|2|175|1|1|Am 17. Oktober 1842
HG|2|175|1|0|Die Weiber räumten alsobald die Treppe und eilten mit den Kindern heulend hinaus. Die Mägde aber gingen, um sich anzukleiden, in ihre Gemächer, kamen dann alsbald festlich und züchtig gekleidet zu den dreien, fielen da vor ihnen nieder, baten sie um Vergebung ihrer vorigen Bosheit, in der sie wohl mehr gezwungen denn frei tätig waren, dankten ihnen für die Gnade der Rettung und baten sie dann um einen allzeit stärkenden Segen; und die drei trösteten, segneten und stärkten sie in Meinem Namen. Nach dieser Handlung aber sagte dann der Sethlahem zu den Mägden:
HG|2|175|2|0|„Hört nun, ihr Mägde, die ihr schon bei fünf Tage lang dem Lamech gedient habt, – das heißt nicht dem Lamech in der Person, sondern vielmehr seinen Dienern, indem der Lamech seit dem dreifachen Verlust seines Weibertums mit keinem weiblichen Wesen mehr etwas zu tun hatte, da es ihm zu einem Fluch in seinem Munde ward!
HG|2|175|3|0|Ihr seid jetzt gereinigt und frei gemacht worden und habt empfangen den Segen Jehovas von uns, Seinen Dienern und Boten; dadurch ist euch die Kindschaft der Hölle benommen und die des Himmels erteilt worden.
HG|2|175|4|0|Da ihr aber nun Kinder des Himmels geworden seid, so betragt euch aber auch allzeit danach, damit ihr stets dieses Segens werdet teilhaftig verbleiben können!
HG|2|175|5|0|Gehorsam ist die erste Stufe in des ewigen Lebens Wohnung. Wollt ihr sonach auch das ewige Leben erreichen, so seid jeglichem Wort gehorsam, das ihr aus unserem Munde vernehmen werdet, und tut alles aus stets wachsender Liebe zu Jehova, das wir euch zu tun werden auferlegen! Werdet ihr solches alles tun treulichen Herzens aus Liebe zu Jehova, da wird sich dann auch eure Kraft zu mehren anfangen, und ihr werdet dadurch wahre Heldinnen – nicht mehr des Lasters, sondern des göttlich-ewigen Lebens und dadurch auch des ewigen Wohlgefallens Gottes werden!
HG|2|175|6|0|Das Erste, was wir nun von euch verlangen, ist, dass ihr uns zu dem Gemach Lamechs bringt!
HG|2|175|7|0|Nach dem aber geht hinaus, und sammelt dürres Holz, und tragt es zu den Pfützen, und leget es daselbst an trockene Orte; tragt solches aber so lange zusammen, bis wir zu euch kommen werden!
HG|2|175|8|0|Wenn euch aber die draußen sich mit der Kloake schmierenden und waschenden Weiber fragen werden oder auch jemand anderer, warum ihr solches wohl tuet, da sagt nichts als bloß nur:
HG|2|175|9|0|Wir Boten Jehovas haben euch solches zu tun geboten; und wehe dem, der wagen sollte, seine Hand entweder an euch oder an das von euch zusammengetragene Holz zu legen!
HG|2|175|10|0|Nun wisst ihr vorderhand alles, was ihr zu tun habt, und so denn führt uns zum Gemach Lamechs! Amen.“
HG|2|175|11|0|Und alsogleich ging ein Teil der Mägde voran, und ein Teil folgte den dreien. Als sie gar bald zur Türe des Gemachs Lamechs gelangten, da zeigten sie solches an, dass dies die Türe ist zum Leibgemach Lamechs, und sagten: „Dies ist das Gemach; ob er sich darinnen befindet oder nicht, solches können wir bei verschlossener Türe unmöglich wissen! Jehova mit euch und mit uns!“
HG|2|175|12|0|Und der Sethlahem belobte ihre Treue und ließ sie sodann hinausgehen, Holz zu sammeln.
HG|2|175|13|0|Der Kisehel aber berührte die Türe, welche überfest verriegelt und verrammt war, und sie sprang jählings auf; und im tiefen Hintergrund des Gemachs saß Lamech grimmsprühend und zornglühend auf einem großen Thron, umgeben von tausend mit langen Spießen bewaffneten Knechten, Schergen und Dienern.
HG|2|175|14|0|Sein erster Gruß war: „Knechte, ergreift die drei Freveltiere aus den Bergen! Bindet sie fest, damit ich sie dann mit höchsteigener Hand zerfleische; ihr Blut soll mir das Blut meiner Weiber Ada und Zilla und das Blut meiner schönsten Tochter Naëme sühnen! Geht und vollzieht meinen allmächtigen Willen!“
HG|2|175|15|0|Der Kisehel aber hob alsbald seine Hand auf und sprach mit einer Donnerstimme: „Halt! Bis hierher, und nicht um ein Haar weiter!
HG|2|175|16|0|Wer aus euch Knechten nur eine Hand oder einen Fuß rühren wird, soll augenblicklich des Todes sein!“
HG|2|175|17|0|Der Lamech aber, da sich niemand rühren wollte, sprang selbst vom Thron, riss einem Knecht die Lanze aus der Hand und wollte damit die drei durchstoßen. Aber die Lanze war alsbald glühend, und der Lamech schleuderte sie fluchend von sich, ergriff alsbald eine andere – und verbrannte sich damit die Handfläche.
HG|2|175|18|0|Da er nun sah, dass er so gut wie verloren war, so fragte er die drei, bebend vor Grimm und glühender Wut:
HG|2|175|19|0|„Was wollt ihr Gebirgsbestien denn hier? Redet, damit euch der Lamech den verlangten Tribut zolle! Redet, redet, redet!“
HG|2|176|1|1|Kisehel maßregelt den widerstrebenden Lamech
HG|2|176|1|1|Am 18. Oktober 1842
HG|2|176|1|0|Und der Kisehel hob abermals seine Hand empor und fing mit mächtiger Stimme folgende Worte an den grimm- und wutentbrannten Lamech zu richten, sagend nämlich:
HG|2|176|2|0|„Lamech, du nichtiger König alles Lasters, alles Gräuels und aller blindesten und schwärzesten Bosheit! Ich sage dir im Namen des großen, über alles mächtigen Gottes: Nicht ein am Boden zertretenes Steinchen der schmutzigsten Straße deiner Stadt verlangen wir von dir als irgendeinen Tribut! Wenn wir diese Tiefe wieder verlassen werden, wird sogar zuvor aller Staub von unseren Füßen abgekehrt werden!
HG|2|176|3|0|Also haben wir auch die Zeit unseres Hierseins außer der freien Luft und des reinen Wassers nichts in unsere Eingeweide aufgenommen, was nur immer die Tiefe an Früchten und Esswaren hervorbringt; denn wir sind mit allem von oben aufs Reichlichste versorgt. Aus dem magst du wohl entnehmen, dass wir nicht irgendeines Tributs halber dahier sind!
HG|2|176|4|0|Aber dennoch verlangen wir einen starken Tribut von dir, aber keinen Sach-Tribut, sondern einen Tat-Tribut verlangen wir von dir – und somit den Tribut deines Gehorsams!
HG|2|176|5|0|Sieh, du bist ein König, verlangst von jedermann den allerpünktlichsten Gehorsam auf Leben und den grauenvollsten Tod – und hast doch selbst noch nie gehorcht!
HG|2|176|6|0|Daher wirst du jetzt zum ersten Mal in deinem ganzen Leben ebenfalls deinen wohlgenährten Nacken unter das schwere Joch des Gehorsams beugen müssen und tun, was dir von uns zu tun, und tragen, was dir von uns zu tragen auferlegt wird im Namen Jehovas!
HG|2|176|7|0|Wohl dir, so du dich in alles willig fügen wirst; im Widerstrebungsfalle aber sollst du die scharfe Zuchtrute Gottes so lange auf das Allerheftigste empfinden, bis sich dein königssteifer Nacken willig unter das Joch unseres Willens im Namen Jehovas fügen und allergeschmeidigst beugen wird! Kennst du nun den Tribut?“
HG|2|176|8|0|Hier sprang der Lamech vor Grimmwut in die Höhe und stürzte wütendst auf den Kisehel los, als wollte er ihn in Stücke zerreißen. Der Kisehel aber fasste den hinstürzenden Lamech behände an seinen langen Haaren, hob ihn etwas schüttelnd vom Boden, und fragte ihn ernstlich: „Lamech, du elender Wurm des Staubes und aller Ohnmacht und gänzlicher Kraftlosigkeit, sage mir jetzt, wie lange du uns zu widerstreben gedenkst!
HG|2|176|9|0|Du, den wir durch die Kraft Gottes in uns durch einen leisesten Mundhauch verwehen können, du willst dich sträuben vor dem allmächtigen Willen Gottes?!
HG|2|176|10|0|Sage mir, was willst du tun, so ich dich wieder freigebe? Denn nicht eher sollst du mir mit deinen Füßen den Boden berühren, als bis du dich nicht, hier in der Luft hängend, klärlichst ausgesprochen haben wirst, was du zu tun gedenkst, so ich dich wieder freilasse!
HG|2|176|11|0|Was dir vor uns deine Knechte nützen, magst du jetzt wohl sehen; daher rede!“
HG|2|176|12|0|Und der Lamech knirschte mit den Zähnen und sagte endlich: „So gebt mir wenigstens drei Tage Bedenkzeit, damit ich mich zu sammeln und zu fassen vermag! Denn ich sehe nun, dass ich gegen Feinde, wie ihr es seid, keine Waffen habe; daher will ich mich bedenken und fassen, wie ich euch gehorchen werde können!
HG|2|176|13|0|Und sodann setze mich wieder auf den Boden, und sage mir dann, was ich tun soll!“ Und der Kisehel setzte den Lamech wieder auf den Boden und ließ ihn frei.
HG|2|176|14|0|Als der Lamech aber frei war, da lief er sogleich seinem Thron zu, setzte sich allda in seine königliche Positur und fragte dann mit großem Ernst: „Was soll sonach denn der große König und Herrscher Himmels und der Erde tun?!“
HG|2|176|15|0|Und der Kisehel sagte auf diese überaus dumme Frage: „Fürs Erste soll dieser große König und Herrscher Himmels und der Erde alsogleich von seinem Thron herabsteigen, will er nicht auf dem ehernen Thron zu Asche verbrannt werden!“
HG|2|176|16|0|Hier fing der Thron an, sogleich heißer und heißer zu werden, und der Lamech sprang alsbald vom selben herab und fluchte zum ersten Mal dem Thron.
HG|2|176|17|0|Und der Kisehel sprach weiter: „Und dann wird der entthronte große König sich alsogleich mit uns hinaus zu den Pfützen, Sümpfen und Morasten begeben; seine Leibwache wird ihm folgen! Wird er mit uns draußen vollends angelangt sein, allda wird er dann schon eine weitere Order bekommen, was alles er zu tun bekommen wird!
HG|2|176|18|0|Und also folge uns im Namen Jehovas, des großen, allmächtigen Gottes! Amen.“
HG|2|177|1|1|Konfrontation zwischen Lamech und Kisehel. Lamechs letzte Gelegenheit, dem Gericht Gottes zu entrinnen. Der Zug zu den Morasten
HG|2|177|1|1|Am 19. Oktober 1842
HG|2|177|1|0|Der Lamech aber sagte zum Kisehel: „Warum heißest du mich alsbald folgen samt meinen Knechten und Dienern? Habe ich nicht zuvor mir eine dreitägige Bedenkzeit bedungen? Wo ist diese?
HG|2|177|2|0|Warum willst du sie mir nicht einräumen? Gebe mir Rede und Antwort!“
HG|2|177|3|0|Und der Kisehel erwiderte darauf: „Weil der Wille Gottes also lautet! Wir tun nichts aus uns, sondern was wir tun, das tun wir aus dem Willen Gottes, dessen Namen du auf das Gräuelhafteste entheiligt und entehrt hast!
HG|2|177|4|0|Daher kann dir auch darum durchaus keine Bedenkzeit gegeben werden! Denn Gott hatte dir schon eine gar lange Bedenk- und Umkehrzeit gegeben; du aber hast sie benützt zu den größten Schand- und Gräueltaten. Also soll dir nun keine Bedenkzeit mehr eingeräumt werden, in der du noch mehrere Gräuel ersinnen möchtest, als du schon bis jetzt ersonnen hast!
HG|2|177|5|0|Daher bequeme dich nur alsogleich, uns zu folgen, und versuche Gottes Langmut, wie du es bisher noch allzeit getan hast, durch deinen Starrsinn nicht länger mehr, – sonst könnte es geschehen, dass wir an dir Gewalttaten auszuüben anfangen müssten!
HG|2|177|6|0|Was hast du je gegen Jehova mit deinem Starrsinn ausgerichtet?
HG|2|177|7|0|Wie lange ist es, dass dich Meduhed mit vielen Tausenden verließ und der ihm nachfolgende Tatahar mit seinem ganzen Heer vernichtet wurde?
HG|2|177|8|0|Wie lange ist es, dass dich sogar der mutige Sihin für alle Zeiten mit seinem kleinen, aber überaus mutig schlauen Anhang im Stich ließ?
HG|2|177|9|0|Wie lange ist es seit dem Verlust deines Weibertums?
HG|2|177|10|0|Was hast du gegen Hored ausgerichtet, dem du trüglich deine Tochter hast gegeben?
HG|2|177|11|0|Vor wenigen Tagen wolltest du die ganze Erde anzünden; frage dich selbst, wie dir diese Unternehmung gelungen ist!
HG|2|177|12|0|Was ist mit dem Horadal, den du zur Vernichtung der Kinder Gottes abgesandt hast mit vielen Waffen, geschehen? Was hast du dadurch gewonnen?
HG|2|177|13|0|Was haben dir alle deine Grausamkeiten genützt? Bist du dadurch reicher und mächtiger geworden?
HG|2|177|14|0|Denke, was alles du gegen Gott schon unternommen hast, und welche Früchte dir daraus erwachsen sind!
HG|2|177|15|0|Ich sage dir: Keine anderen als die nur, durch welche du stets tiefer und tiefer in die hartnäckigste Sklaverei des Satans gefallen bist, aus der du dich endlos schwer wieder erheben wirst!
HG|2|177|16|0|Du hast dich berücken lassen, zu glauben, als seiest du Gott, der Allmächtige. O du Tor, warum versuchtest du denn nie, einen Menschen zu erschaffen oder wenigstens diejenigen wieder zu beleben, welche du getötet hast, damit du dich überzeugt hättest, welch ein töricht elendes Bewandtnis es mit deiner Gottheit habe?!
HG|2|177|17|0|Also sträube dich jetzt nicht, uns zu folgen; denn wir sind der letzte Gnadenstrahl Jehovas an dich!
HG|2|177|18|0|Willst du ihn willig in dir aufnehmen, so kannst du dem Gericht Gottes entrinnen; sonst aber wird dir dieser letzte Gnadenstrahl zum unerbittlichsten Richter für den ewigen Tod werden! Also folge uns!“
HG|2|177|19|0|Und der Lamech fragte, vor Grimm nahe ganz zerknirscht: „Und was soll ich denn draußen bei den Pfützen tun?“
HG|2|177|20|0|Und der Kisehel sagte: „Gottes Macht sollst du erkennen – und auch erkennen und sehen, dass Gott mit Wesen deiner Art keinen Scherz zu treiben pflegt; denn Gott ist ein ernster Gott, – aber kein Gott, der da die Menschheit als ein Spielwerk Seiner Macht betrachten möchte!“
HG|2|177|21|0|Diese sehr nachdrücklich ausgesprochenen Worte brachten endlich den Lamech zum Gehen, und er folgte mit den Waffenknechten den dreien.
HG|2|177|22|0|Als aber die Menschen auf den Gassen das sahen, wie da die drei vor dem Lamech einhergingen, so waren sie der Meinung, Lamech habe sie überwunden und führe sie nun aus zum Tode.
HG|2|177|23|0|Daher schrien sie: „Wehe uns, wehe uns; denn Lamech hat sich über die Mächtigen der Berge geschwungen! Heute fallen sie, und morgen wird uns sein Beil erschlagen!“
HG|2|177|24|0|Der Kisehel aber sagte mit lauter Stimme zu den Klagenden: „Folgt uns, und seht, was da geschehen wird, dann erst klagt über uns – und dann über euch!
HG|2|177|25|0|Wer uns zu Falle brächte, der hätte auch Gott zu Falle gebracht; wäre aber Gott gefangen, da wäre keine Erde mehr unter euren Füssen. Denn die Erde ist ja Gottes, also wie der Himmel; die Erde ist aber noch, also ist auch Gott – und wir aus Ihm!
HG|2|177|26|0|Darum folgt uns alle, damit ihr ersehen mögt die große Torheit eurer leeren Angst!“
HG|2|177|27|0|Und eine große Menge Volkes folgte ihnen nach hinaus zu den Pfützen.
HG|2|178|1|1|Das Feuergericht über die Zofen des Lamech
HG|2|178|1|1|Am 20. Oktober 1842
HG|2|178|1|0|Als sie nun bei den Pfützen, Sümpfen und Morasten anlangten und der Lamech seiner Zofen ansichtig wurde und sah, wie ein Teil allda nackt sich mit dem Schlamm bekleisterte, rieb und wusch, und ein Teil aber noch mit dem Holzherbeischleppen beschäftigt war, da stürzte er hastigst zum Kisehel hin und fragte ihn mit dem erbittertsten Ton:
HG|2|178|2|0|„Sage mir, dem großen König der Ebene Hanochs, du langbeinige Gebirgsbestie, welchen Frevel willst du hier an mir und an meinem ganzen Haus anrichten?!“
HG|2|178|3|0|Und der Kisehel erwiderte ihm mit fester Stimme: „Höre, du lebendige Wohnstätte des Satans, du scheußlichster Inbegriff der ganzen Hölle, du lebendiges Arschloch des Teufels, des Wesen uns bekannt ist von Tat zu Tat, – die Handlung selbst wird dir die Antwort geben! Und so schweige denn, und frage uns um nichts mehr; wenn ich dich aber fragen werde, dann rede mit dem Munde eines Menschen, aber nimmerdar mit dem Rachen eines Drachen! Es geschehe!“
HG|2|178|4|0|Auf diese Antwort war der Lamech still und sprach nichts mehr; denn es bedünkte ihm hier rätlicher zu sein, dass er schweige, denn dass er rede, indem sich die drei durchaus nicht von seiner Stimme wollten einschüchtern lassen und mit seinen Waffen auch nichts zu richten war.
HG|2|178|5|0|Da sonach aber der Kisehel gar wohl merkte, wie es mit dem Mut Lamechs stand, da wandte er sich alsogleich zu den Mägden, welche das Holz herbeigetragen hatten, und sagte zu ihnen:
HG|2|178|6|0|„Hört, ihr gereinigten Mägde, ihr habt unser Wort erfüllt, da ihr eine gerechte Menge dürres Holz herbeigeschafft habt in der kurzen Zeit; wollt ihr aber vollends frei werden, so schafft ihr nun auch in der möglichsten Geschwindigkeit Feuer herbei!“
HG|2|178|7|0|Und die Mägde liefen und kamen alsbald wieder mit brennenden Fackeln, aus Pech und Erdharz bereitet, herbei.
HG|2|178|8|0|Als die Mägde also mit Brandzeug ausgerüstet dastanden, da wandte sich der Kisehel zu den sich noch mit Unflat emsig bestreichenden Weibern und sagte zu ihnen:
HG|2|178|9|0|„Hört ihr nun! Euer Leib ist nun tauglich wie die Seele für die Hölle, nachdem er durch Hilfe dieser stinkenden Kloake das Aussehen hat wie eure Seele; sonach erhebt euch aus den Kloaken, und besteigt diese Holzhaufen, damit eurem elendesten Dasein die Wut der Flammen ein Ende mache und ihr auf den lodernden Scheiterhaufen euren lange schon bestverdienten Lohn finden mögt! Es geschehe!“
HG|2|178|10|0|Hier fingen die Weiber an zu heulen, zu bitten und zu flehen, und schrien: „Ihr mächtigen Gesandten des alleinig wahren, großen Gottes, schreibt uns Buße vor, die ihr nur immer wollt, und wir wollen sie also getreu unser ganzes Leben hindurch vollziehen, wie wir euren Willen in diesen Kloaken vollzogen haben; aber nur das Bisschen des ohnehin kläglichsten Lebens lasst uns, damit wir doch nicht ewig verlorengehen!
HG|2|178|11|0|Wollt oder müsst ihr uns aber schon töten, so tötet uns doch nicht auf diese allerqualvollste Weise!
HG|2|178|12|0|Darum bitten wir euch um der Erbarmung eures lebendigen, allmächtigen, großen Gottes willen!“
HG|2|178|13|0|Und der Kisehel sagte zu ihnen: „Hört, nicht auf uns kommt es hier an, denn wir können euch weder richten, noch erlösen, da wir nichts als nur Vollzieher des göttlichen Willens sind!
HG|2|178|14|0|Werft euch aber lieber vor Gott nieder, und tragt Ihm eure Not vor, und bittet Ihn allein um die Erlösung, und seid versichert, dass wir dann tun werden, wie Er es uns durch unsere Herzen wird zu erkennen geben!“
HG|2|178|15|0|Und die Weiber fingen an, zu Gott zu schreien, dass Er sie erlösen möchte von der schrecklichen bevorstehenden Qual.
HG|2|178|16|0|Aber eine Donnerstimme rollte wie zornglühend zu aller Ohren, also lautend: „Nach dem Feuer erst soll euch die Löse werden!“
HG|2|178|17|0|Und der Kisehel sagte darauf zu den vor Angst schon halbtoten Weibern: „Nun habt ihr es mit den eigenen Ohren vernommen, was hier mit euch zu tun ist, – und so denn zaudert nicht länger mehr, und besteigt das Holz in dem Namen des allmächtigen Gottes, der da nun allein ist euer Richter!“
HG|2|178|18|0|Und die Weiber erhoben sich langsam vom Boden und fingen an, heulend die Holzstöße zu besteigen.
HG|2|178|19|0|Als sie allesamt sich schon auf den Holzstößen befanden, da befahl der Kisehel den Mägden, dieselben mit den Fackeln anzuzünden.
HG|2|178|20|0|Mit bebenden Händen und abgewandten Gesichtern taten die Mägde solches.
HG|2|178|21|0|Schnell ergriff das Feuer die Haufen; die Weiber schrien noch halb verbrannt und bäumten sich, wütend vor Schmerz, in der Mitte der hellen Flammen, bis endlich der Tod all dem ein Ende machte.
HG|2|178|22|0|Hier wurde der Lamech rasend und fragte den Kisehel voll Wut: „Was habt ihr und was hat euer Gott nun dadurch gewonnen, darum die Weiber also elend sind hingerichtet worden?“
HG|2|178|23|0|Und der Kisehel erwiderte ihm: „Es ist dir gesagt worden, dass du nicht reden sollest ehedem, bis du gefragt würdest!
HG|2|178|24|0|Du aber befolgst nicht unseren Willen; also soll dir aber auch keine andere Antwort werden denn die der Tat!“
HG|2|178|25|0|Und alsbald rief der Kisehel mit starker Stimme: „Ihr durchs Feuer gereinigten Weiber! Erhebt euch wieder aus der Asche eures vormals sündigen Leibes, und zeugt dem Lamech unsere Botschaft!“
HG|2|178|26|0|Und alsbald erstanden wie verklärt die Weiber aus der Asche, lobten und priesen Gott, und zeugten, dass die drei wahrhaftige Boten des ewigen Gottes sind, und zeugten aber auch und sagten es aus, wie klein die Qual gegen dem war, was sie jetzt in diesem ganz neuen Leben empfinden.
HG|2|178|27|0|Hier fing der Lamech an, in sich zu gehen und nachzudenken über solch ein unerhörtes Wunder.
HG|2|179|1|1|Kisehel prüft und demütigt den sich für göttlich haltenden Lamech
HG|2|179|1|1|Am 25. Oktober 1842
HG|2|179|1|0|Nach dieser Wunderhandlung erst wandte sich der Kisehel an den Lamech und fragte ihn: „Lamech, der du dir nicht nur ein großer König zu sein einbildest, sondern in dem Wahn bist, ein Gott zu sein, du hast schon viele Tausende hinrichten lassen, und das noch allzeit auf die möglich grausamste Art; sage uns, ob du vermöge deiner Gottschaft auch nur einen wieder ins Leben zurückgerufen hast?!
HG|2|179|2|0|Denn wir wissen es gar gut, dass dich so manche Tat gereut hatte.
HG|2|179|3|0|Gerne hättest du deine Brüder, die du erschlagen hast, wieder ins Leben zurückgerufen, wie auch noch manch andere, wenn es dir möglich gewesen wäre zur Zeit, da du dich noch nicht als Gott wähntest.
HG|2|179|4|0|Darum sage uns, warum du solches denn jetzt nicht getan hast, da du ganz fest geglaubt hast, ein allmächtiger Gott zu sein?!
HG|2|179|5|0|Wolltest du es nicht, oder konntest es nicht, oder hieltest du etwa solches unter deiner göttlichen Würde?“
HG|2|179|6|0|Und der Lamech erwiderte ganz erhaben und stolz: „Ich hielt solches allzeit unter meiner Würde; darum wollte ich so etwas auch nie tun!“
HG|2|179|7|0|Und der Kisehel fragte ihn wieder: „So gestehe mir denn, welche Taten du der Gottheit für würdig erkennst!“
HG|2|179|8|0|Und der Lamech fragte alsogleich den Kisehel: „Bin ich denn verpflichtet, dir auf jede Frage zu antworten?“
HG|2|179|9|0|Und der Kisehel erwiderte ihm: „Ja, solches musst du nun tun, sonst könnte dich ein scharfer Rutenstreich von oben herab treffen; daher antworte nur fleißig, darum du gefragt wirst!“
HG|2|179|10|0|Und der Lamech erkannte in dem überernstlichen Angesicht des Kisehel, dass da mit ihm durchaus nicht zu scherzen ist, und beantwortete darum auch alsogleich die obige Frage auf folgende Weise:
HG|2|179|11|0|„Da ich alsonach schon antworten muss, so sage ich dir, dass ich nur Welten erschaffen und dieselben wieder zerstören für Gottes eigentlich würdig halte!
HG|2|179|12|0|Alles andere ist nichts als pure Mückenfängerei und kann als Werk kleiner, dienstbarer Geister angesehen werden!
HG|2|179|13|0|Also ist auch Rache und Gericht Gottes würdig; Erbarmung, Liebe, Geduld, Schonung und dergleichen können nur als Eigenschaften gemeiner Kreaturen betrachtet werden!“
HG|2|179|14|0|Und der Kisehel fragte ihn wieder, sagend nämlich: „Gut, ich will es dir einstweilen gelten lassen, aber nur musst du mir auch noch dazu erweisen, dass du wirklich ein allmächtiger Gott bist!
HG|2|179|15|0|Denn es geht nicht darum hervor, so du es nicht willst, dass du es deshalb auch nicht vermöchtest; die Allmacht kennt ja doch sicher nichts Unmögliches!
HG|2|179|16|0|Du könntest demnach doch Tote wieder erwecken zum Leben, wenn du es nur wolltest?
HG|2|179|17|0|Ich sage dir darum jetzt aber, dass du das gerade jetzt, um uns deine Gottheit zu beweisen, tun musst; denn aus dem Zerstören und Töten erkennen wir deine Gottheit noch nicht, darum solches auch die wilden, reißenden Waldtiere zu tun imstande sind.
HG|2|179|18|0|Siehe, da stehen Mägde, Weiber und deine Knechte! Töte eines, und belebe es dann alsbald vollends wieder, und du kannst versichert sein, dass darum dich auch wir als den alleinig wahren Gott Himmels und der Erde anerkennen und demütigst anbeten werden!
HG|2|179|19|0|Bedenke dich aber nicht zu lange, sondern zeige uns alsogleich, was alles als Gott du vermagst!“
HG|2|179|20|0|Hier fing der Lamech sehr gewaltig zu stutzen an, und wusste nicht, was er nun tun oder doch wenigstens reden sollte.
HG|2|179|21|0|Und der Kisehel sagte darauf ganz ernstlich zu ihm: „Höre, Lamech, so du uns nicht sogleich einen Beweis also von deiner Göttlichkeit gibst, wie ich ihn von dir verlangt habe, so werde ich dich zwingen mit brennenden Fackeln über deinem Rücken, dass du mit deinen eigenen königlichen Händen wirst müssen die dir wohlbewusste steinerne Tafel – auf welche du den Namen ‚Jehova‘ schriebst, diese Tafel dann mit Unflat beschmiertest, den Namen verfluchtest und ihn dann in ein unratvolles Loch warfst und dasselbe wieder mit Unrat verscharren ließest – wieder ausgraben, reinigen und dann erst als ein strenger Büßer dein Leben lang dasselbe Täfelchen allerhöchst verehren und den Namen anbeten müssen!“
HG|2|179|22|0|Hier zerplatzte der Lamech beinahe vor Wut, denn er wusste nun gar wohl, wie es mit seiner Allmacht stand, und was er vermochte.
HG|2|179|23|0|Daher sah er aber auch schon voraus, was er werde tun müssen, und gestand endlich voll Grimm, dass seine Gottschaft bloß nur ein königlicher Ehrentitel ist, aber keine Wirklichkeit.
HG|2|179|24|0|Und der Kisehel entgegnete: „Wenn es also ist, warum hast denn du demnach den Namen des alleinig wahren Gottes also entheiligt? Rede, oder du begibst dich alsogleich an das von mir ehedem ausgesprochene Werk!“
HG|2|179|25|0|Hier verzehrte der Grimm beinahe den Lamech, und er blieb ganz stumm.
HG|2|180|1|1|Lamech trotzt hochmütig Kisehels scharfer Rede
HG|2|180|1|1|Am 26. Oktober 1842
HG|2|180|1|0|Eine kurze Zeit lang wartete der Kisehel darauf, was da der Lamech tun werde, das heißt, was er dazu sagen werde. Allein das Warten war hier rein vergeblich. Solches wussten zwar alle die drei schon im Voraus; dennoch aber musste ihm um seiner selbst willen eine Zeit zum Bedenken gegeben werden, damit er dann, so er aufs Neue angegriffen werden sollte und auch musste, nicht sagen könne: „Warum habt ihr mich nicht fassen und gehörig sammeln lassen?!“
HG|2|180|2|0|Da sonach aber trotz des Harrens der drei der Lamech durchaus keine Miene machen wollte, als möchte er sich rechtfertigen, sondern nur sich mehr und mehr in lauter gräuelhafteste Rachegedanken verlor und ganz förmlich nachzusinnen begann, wie er die drei Boten samt den noch anderen vieren, von denen er auch wohl wusste von Seiten der Weiber, verderben möchte, so wandte sich der Kisehel alsobald wieder an ihn und sagte:
HG|2|180|3|0|„Lamech, du arger Knecht des Satans, du bist stumm geworden, weil dich mein Wort gefangen hatte in ein dreifaches Netz, und füllst nun dein Herz mit Rachegedanken so, dass darob dein ganzes Wesen ist des gräuelhaftesten Fluches gegen uns, und somit auch gegen Gott!
HG|2|180|4|0|Sage mir, was bist du denn für ein Wesen? Du wurdest von deiner Ohnmacht gegen uns überwiesen, wir zeigten dir die unüberwindliche Kraft Gottes in uns, du siehst es ein, dass du gegen uns ewig nie in dieser deiner Gestalt etwas ausrichten wirst, – und dennoch widerstrebst du hartnäckigst dem Geist der ewigen Liebe Gottes in uns!
HG|2|180|5|0|Sage, sage, welch ein Wesen du denn bist?! Siehe an die Mägde, die du gestellt hast auf die erste und zweite Treppe, auf dass sie uns hindern möchten, zu dir zu kommen! Siehe, sie waren tot; denn unsere Willenskraft aus Gott trieb sie allesamt jählings heraus zu diesen und in diese Pfützen, allda sie jämmerlich umkamen, und sie leben alle wieder!
HG|2|180|6|0|Und deine Weiber sahst du mit den eigenen Augen verbrennen bis zur Asche – und sahst sie dann alsbald neu erstehen aus der Asche mit verklärten Leibern.
HG|2|180|7|0|Ist dir das nicht des stärksten Beweises für unsere göttliche Sendung in größter Genüge?!
HG|2|180|8|0|Sage, sage nun, was du mit deinem Trotz und dann mit deinen Rachegedanken gegen uns ausrichten willst und kannst!
HG|2|180|9|0|Du elender, ohnmächtiger Wurm im Staube der größten Nichtigkeit! Du willst dich gegen Gott stemmen, während wir dich schon mit dem leisesten Hauch unseres Mundes verwehen könnten, so wir es nur wollten?
HG|2|180|10|0|O du Scheusal der Hölle! Mit Gott willst du kämpfen, während dein Leben in jeglichem Augenblick lediglich von Seiner großen Erbarmung nur abhängt?!
HG|2|180|11|0|Wie willst du denn Gott angreifen, – Ihn, der dich im Augenblick deines Angriffs vernichten kann und verdammen in die Hölle Seines ewigen Zornfeuers?!
HG|2|180|12|0|Versuche einen Kampf mit uns, du elender Wurm des Schlammes und allerstinkendsten Staubes, und du wirst dich gar bald überzeugen, was du gegen uns ausrichten wirst!
HG|2|180|13|0|Erbrenne in der allerscheußlichst tödlichsten Grimmfeuerrache gegen mich, du elendes Arschloch des Teufels, und vernichte mich, deine große Rache kühlend, so du magst und kannst, und überzeuge dich noch mehr von deiner allergrößten Ohnmacht und Blindheit!
HG|2|180|14|0|Du siehst, wie ganz vollkommen nichts alle deine Macht nur gegen den Hauch meines Mundes ist; sage, warum willst du uns denn den härtesten Trotz anstatt des bedungenen Gehorsams bieten, durch den allein du wieder zur Gnade Gottes gelangen könntest und könntest uns werden ein zwar reuiger, aber sonst ein über alles lieber Bruder?
HG|2|180|15|0|Rede, rede, ich gebiete es dir im Namen Dessen, der uns aus übergroßer Erbarmung von den heiligen Höhen herab zu dir in diese deine fluchbelastetste Schlammtiefe gesandt hat, auf dass wir dich für Ihn gewinnen sollen!“
HG|2|180|16|0|Und der Lamech, sich gewaltigst aufblähend, entgegnete endlich: „Was du da geredet hast, verstehe ich nicht und will es auch nicht verstehen; denn also spricht man mit keinem König, der so gut, wie du, mit Gott geredet hatte und ebenfalls von Ihm das Wort hat, dass derjenige solle siebenundsiebzigmal gerochen werden, der sich einmal an ihm vergreifen würde!
HG|2|180|17|0|Ich werde mich nicht an dir und noch weniger je an Gott rächen; denn nur zu gut kenne ich meine Ohnmacht!
HG|2|180|18|0|Du aber hast dich schon an mir, dem König Lamech, vergriffen; also siehe nur du zu, wie du mit deinem Gott auskommen wirst!
HG|2|180|19|0|Gottes Ordnung und Weisheit reichen weiter als deine Augen; so ich aber bin, wie ich bin, und tue, wie ich tue sicher nicht außer, sondern wie du in Gott, warum machst du mich denn hernach zu einem Scheusal, das da nimmer seinesgleichen irgend hat?
HG|2|180|20|0|Bin ich ein König der Tiefe, und bist du an mich gesandt worden, so rede mit dem König als Gesandter nach Gebühr, aber nicht, als wolltest du mich richten!
HG|2|180|21|0|Meine Macht kannst du also brechen, aber meinen Willen auf diese Art ewig nie! Verstehe es, du machtstolzer Herzloser an mir, dem König dieses unglücklichen Fluchlandes!“
HG|2|181|1|1|Der prahlerische Lamech bringt die göttliche Zuchtrute über sich
HG|2|181|1|1|Am 27. Oktober 1842
HG|2|181|1|0|Und der Kisehel erwiderte dem Lamech auf diese seine königliche Rede, sagend: „Höre, Lamech, du hast recht, dass du als König solches von mir und uns allen verlangst; nur sage mir, was denn hernach wir als wahrhaftige Boten des allerhöchsten und allerheiligsten Gottes von dir verlangen sollen, indem wir dir doch hinreichend bewiesen haben durch Taten und Worte, dass wir das wahrhaftig sind, als was zu sein wir von uns aussagten!
HG|2|181|2|0|Wie lässt sich von deiner königlichen Seite der erste Anruf unter dem Ausdruck ‚Gebirgsbestie‘ mit unserer göttlichen Gesandtschaft vereinbaren? Wie die erste Verrammung der Treppen vor uns, wie überhaupt jede Begegnung von deiner Seite gegen uns, nachdem du es lange schon gar wohl erkannt hattest, was es da mit uns für eine Bewandtnis habe? Darüber gebe uns einen königlichen Aufschluss!
HG|2|181|3|0|Kannst du das rechtfertigen, so will ich jegliches meiner Worte zurücknehmen und alles dir zugefügte Leid wieder reichlichst gutmachen; des sei du vollends versichert!
HG|2|181|4|0|Wehe dir aber, wenn du solches nicht vermagst! Denn du hast dich auf Gott berufen, – auf Gott, sage ich dir, den du mit Wort und Tat verflucht hast und hast dich als der größte Frevler in die Ordnung Seiner ewigen, unantastbaren Heiligkeit gestellt, um uns, die wir in der Ordnung Seiner Heiligkeit gestellt sind, darum in deinem argen Herzen aus irgendeinem Scheingrund verdammen zu können!
HG|2|181|5|0|Daher fasse dich wohl in dieser deiner Rechtfertigung, – sonst, wie gesagt, wehe dir!
HG|2|181|6|0|Ich sage dir, dafür sollst du den ersten Hieb der göttlichen Zuchtrute überkommen! Also rede! Amen.“
HG|2|181|7|0|Und der Lamech trat ganz barsch dem Kisehel unters Gesicht und fing an, folgende Worte an ihn zu richten, sagend nämlich: „Meinst du etwa, der Lamech wird sich vor deinem ausgesprochenen Wehe beugen? Nimmermehr!
HG|2|181|8|0|Daher wird dir der König Lamech für seine Worte auch durchaus keine Rechtfertigung bieten; denn der Lamech fürchtet keinen Tod, und somit auch keinen Gott – und dich umso weniger, und wärest du noch mit tausendfach größerer Macht ausgerüstet, als du es ohnehin als Gesandter Jehovas bist!
HG|2|181|9|0|Willst du mich schlagen mit Feuerruten, tue es immerhin bis zum Tode! Mein Leben kannst du mir nehmen, aber meinen Sinn und meinen Willen, solange ich lebe, nimmermehr; das schwöre ich dir bei meiner Königsehre!
HG|2|181|10|0|Willst du mich mit den größten Schmerzen plagen zeitlich oder ewig, dadurch wirst du meinen Grimm nur nähren, aber nimmerdar schwächen, und mein Wille wird bleiben, wie er jetzt ist, ein fester und durch Weltenlasten selbst unbeugsamer, und du sollst dich überzeugen, dass wohl der Wille eines Gottes sich beugen lässt, aber der Wille Lamechs nicht!
HG|2|181|11|0|Ziehe mir glühende Schlangen durch den Leib, und werfe mich in weißglühendes Erz, so werde ich dir und deinem Gott darum umso mehr fluchen! Willst du mich aber beugen, da vernichte mich; denn bin ich gar nicht mehr, so wird’s wohl auch mit der Unbeugsamkeit meines Willens ein Ende haben!
HG|2|181|12|0|Schließlich aber muss ich dir noch bemerken, dass auch dem Lamech noch andere Kräfte zu Gebote stehen, die er bis jetzt noch nicht der Mühe wert hielt, so, wie ihr die eurigen, in Anwendung zu bringen; wenn ihr ihm aber zu nahe treten werdet, so ist er sehr aufgelegt, euch zu zeigen, was es für eine Bewandtnis mit seiner Gottschaft hat!
HG|2|181|13|0|Ich rate euch daher, längstens binnen drei Tagen diese meine Königsstadt zu verlassen, sonst dürfte es euch gar übel ergehen!
HG|2|181|14|0|Du hast zwar über mich schon ein ‚Wehe dir!‘ ausgerufen; ich als König habe aus purer Rücksicht solches noch nicht getan, indem ich mir fürs Erste dachte: ‚In meine Gesetze seid ihr nicht eingeweiht und somit auch keiner anderen Strafe noch untertan als nur der der Abschreckung!‘, – fürs Zweite aber dachte ich auch: ‚Es sind ja auch samt mir und meinem Volk Adams Kinder und zum ersten Mal roh noch, und ungebildet in dieser meiner Stadt; daher will ich ihrer auch solange als möglich schonen!‘
HG|2|181|15|0|Da ich aber nun ersehe, dass ihr hartnäckig darauf besteht, mich, den König, zu einem Sklaven eurer Laune zu machen, da rufe nun aber auch ich ein starkes Wehe über euch, so ihr nicht, wie gesagt, binnen drei Tagen diese meine Königsstadt für allzeit räumt!
HG|2|181|16|0|Und so denn entfernt euch von hier; denn von nun an wird euch der Lamech keine Frage und keine Antwort mehr geben, und wird im Falle eures Ungehorsams das rechte Mittel zu ergreifen wissen, um Frevler euresgleichen auf das Allerempfindlichste zu züchtigen.
HG|2|181|17|0|Versteht es wohl, und entfernt euch!“
HG|2|181|18|0|Und der Kisehel sagte darauf: „Gut, es geschehe, wie du gesagt! Hört, ihr Weiber und ihr Mägde, und auch ihr Waffenknechte und alles Volk! Verlasst mit uns diese Stätte; der Lamech allein bleibe, und empfinde die drei Tage hindurch hier die Kost der göttlichen Zuchtrute!
HG|2|181|19|0|Vielleicht werden wir ihm nach dieser Zeit willkommener sein denn heute! Es geschehe!“
HG|2|181|20|0|Und alsbald verließ alles den Platz, ging mit den dreien fröhlich in die Stadt zurück; nur der Lamech blieb schmerzlichst gebannt und konnte seine Stelle nicht verlassen, und von den dreien ward jedem Menschen in der ganzen Stadt untersagt, binnen den drei bestimmten Tagen ja nicht dieser Stelle sich zu nahen.
HG|2|182|1|1|Die vier erkrankten Brüder der drei Boten. Über die Wichtigkeit der Geduld
HG|2|182|1|1|Am 28. Oktober 1842
HG|2|182|1|0|In den drei Tagen aber besuchten die drei die vier anderen Brüder, welche in einer Herberge noch krank darniederlagen, indem sie der Geist Ahbels ein wenig gezüchtigt hatte, darum sie sich hatten von den Zofen Lamechs berücken lassen.
HG|2|182|2|0|Die drei hatten es wohl gewusst, dass Ich die vier werde ein wenig züchtigen lassen; aber durch wen, solches wussten sie noch nicht.
HG|2|182|3|0|Da der Kisehel sich in dieser Angelegenheit alsbald an Mich wandte, so öffnete Ich ihm auch alsbald die innerste Sehe, und er ersah alsobald den Geist Ahbels, verneigte sich vor ihm und fragte ihn: „Bruder aus den Himmeln, wie lange musst du die vier armen Brüder noch also halten?“
HG|2|182|4|0|Und der Ahbel erwiderte dem Kisehel: „Bis das Schauspiel des Fleisches aus ihren Herzen verschwinden wird!
HG|2|182|5|0|Siehe einmal her, da sind eröffnet ihre Herzen! Siehst du, wie da noch eine Menge fetter, nackter Dirnen die der Liebe zu Gott nur allein geweiht sein sollenden Gemächer bewohnen, und wie sich der Brüder Geist an ihrem Anblick weidet, in ihrem Fleische herumwühlt?!
HG|2|182|6|0|Siehe, das muss hinaus; eher wird meine Rute keine Rast bekommen!
HG|2|182|7|0|Daher magst du sie wohl auch recht ernstlich ermahnen und ihnen auch zeigen, wie es mit ihnen steht, aber von meinem Namen musst du schweigen!“
HG|2|182|8|0|Und der Kisehel fragte darauf den Geist Ahbels: „Höre, du geliebter Bruder aus den Himmeln! Was hegst denn du für eine Hoffnung um den Lamech? Denn ich glaube, vom Grunde aus wird er sich nie bekehren; so er sich aber bekehren wird, wird solches nicht eher eine Scheinbekehrung sein denn nur im Geringsten die rechte und ganz vollends innerlich wahre?!“
HG|2|182|9|0|Und der Ahbel aber sagte zum Kisehel: „Lieber Bruder! Sorge dich nicht um den Ausgang der Sache, sondern handle geduldigst nach dem dir überaus wohlbekannten Willen Gottes, so wird sich am Ende alles dem rechten Ziel zuwenden und dasselbe auch sicher unfehlbar erreichen!
HG|2|182|10|0|Dir aber ist vor allem die Geduld vonnöten; hast du diese im gerechten Maße, so wirst du alles leicht tun und erwarten!
HG|2|182|11|0|Sehe daher nicht, wie sich der Lamech wendet und dreht, sondern achte allzeit genauest auf den Zug des göttlichen Willens in dir, und handle, wie bis jetzt, strenge danach, so gehst du ja ohnehin den allergeradesten und somit auch allerkürzesten und den allerliebegerechtesten Weg!
HG|2|182|12|0|Ob sich der verstockte Lamech heute oder morgen oder erst in einem oder mehreren Jahren umkehrt, das sei dir einerlei, denn solches behält Sich allzeit der Herr allein vor; denn Seine Wege sind unergründlich und Seine Ratschlüsse unerforschlich!
HG|2|182|13|0|Wir aber tun alles recht, so wir nur Seinen Willen erfüllen und Ihn, den allerliebevollsten, heiligsten Vater über alles lieben!
HG|2|182|14|0|Daher sei du ganz unbesorgt um die endliche Wirkung deiner Sendung an den Lamech; tue den Willen Gottes, alles andere aber lege in die allmächtigen Hände Dessen, der dir zu diesem Amt stets Seinen heiligsten Willen zu erkennen gibt, und es wird alles zu seinem rechten Ende kommen!
HG|2|182|15|0|Siehe mich an! Meinst du, es kümmert mich, wann diese deine Brüder genesen werden? O mitnichten! Denn meine Liebe zu ihnen ist ja nur zu sehr überzeugt, dass der allerhöchst und endlos weise, heilige Vater kein unwirksames Heilmittel gewählt hatte!
HG|2|182|16|0|Meine Sache dabei ist daher, dasselbe nur allergenauest zu überbringen und es dann dem Bedürftigen genauest zu verabfolgen; alles andere liegt in der Hand des Vaters!
HG|2|182|17|0|Geduld ist somit aber dann unsere Hauptsache; wer diese hat in seinem Herzen, der wird die Kronen seiner Arbeiten erschauen, während der Ungeduldige nicht selten in einem Augenblick mehr zerstört, als er ehedem in zehn Jahren aufgerichtet hatte!
HG|2|182|18|0|Wenn eine Mutter sieht, dass ihre Kinder Lust haben zu einem und dem anderen Nützlichen, Erhabenen und Schönen, ist aber dabei ungeduldigen und ärgerlichen Herzens, dieweil die Kinder das nicht augenblicklich erfassen können, wozu sie eine Freude haben und eine edle Sehnsucht im Herzen, – sage mir, wie wird es da mit der inneren Bildung der Kinder mit der Zeit wohl aussehen? Wie mit ihrem Geist?
HG|2|182|19|0|Die Kinder werden ärglichen Herzens werden und werden heimlich ihre ungeduldige Mutter zu verachten anfangen und werden sie allzeit als einen Stein des Anstoßes ansehen, dem sie in ihren Herzen ausweichen werden, da es sich nur immer wird tun lassen!
HG|2|182|20|0|Siehe, so also einer Mutter bei der Herzensbildung ihrer Kinder vor allem Geduld vonnöten ist, ohne die sie Sklaven und Knechte nur anstatt liebevoller und edler Menschen erziehen wird, um wie viel mehr der heiligen Geduld muss uns erst aus dem Vater eigen sein, so wir als von Ihm gestellte Wegweiser denen, die wir führen sollen, nicht den Weg verrammen wollen, sondern sie leiten zum ewig lebendigen Ziel!
HG|2|182|21|0|Daher also habe auch du, mein lieber Bruder, alle Geduld in diesem deinem wichtigen Amt, und gleiche nicht einer törichten Mutter, die ihre Kinder lieber Steine zerklopfen sieht, als dass sie sich beschäftigen möchten mit dem, was da ihrem Herzen taugen möchte, – so wirst du deine Arbeit nicht ungekrönt erschauen!
HG|2|182|22|0|Nehme hin den Segen meines Herzens im Namen unseres heiligen Vaters! Amen.“
HG|2|182|23|0|Hier ward der Ahbel dem Kisehel wieder unsichtbar, und er begrub diese Worte tief in sein Herz und teilte sie auch den anderen Brüdern mit, nur nicht, woher sie so ganz eigentlich kamen.
HG|2|182|24|0|Und alle hatten eine große Freude daran und gaben Mir die Ehre aus dem Grunde ihres Herzens, und gar bald darauf wurde es auch mit den vieren besser; denn als sie aus Kisehels Munde so manches und diese Worte vernommen hatten, reinigten sie gar bald ihre Herzen vom Fleische und genasen somit wieder in Meiner Gnade und Erbarmung, standen auf und begaben sich mit den anderen von der schlechten Herberge.
HG|2|183|1|1|Lamechs Reue und die Erbarmung des Herrn
HG|2|183|1|1|Am 31. Oktober 1842
HG|2|183|1|0|Als der vorbestimmte dritte Tag herbeigekommen war, da berief der Kisehel die uns schon bekannten Mägde und Weiber zu sich und sagte zu ihnen: „Hört, ihr neu erstandenen Mägde und Weiber! Der vorbestimmte dritte Tag ist herangekommen; also wollen wir hinausziehen an die Stelle, an der sich Lamech befindet!
HG|2|183|2|0|Darum aber geht hin in die Burg Lamechs, sagt solches allen seinen Knechten, und sagt ihnen aber auch, dass sie sollen statt der Waffen Schaufeln und Krampen mitnehmen; ihr aber zieht euch festlich an, und eine jede von euch nehme Esswaren mit, soviel sie leicht tragen kann! Und also geht, und verrichtet genau dieses euch auferlegte Geschäft!“
HG|2|183|3|0|Und die Weiber gingen jubelnd und Gott lobend und preisend an das Geschäft, und baten Ihn aber auch, dass Er möchte dem halsstarrigen Lamech gnädig sein und beugen sein Herz für Seinen heiligen Willen.
HG|2|183|4|0|Nach einer kleinen Stunde kamen alle die Mägde und Weiber wieder herbei und zeigten es den nun sieben an, dass da alles in der von ihnen gewünschten Ordnung sich befindet.
HG|2|183|5|0|Und der Kisehel sagte darauf: „Ja, also ist es gut, o Mägde und Weiber! Wenn ihr wüsstet, welche Freude ihr uns dadurch bereitet habt, dass ihr für den armen Lamech zu Gott gebetet habt, wahrlich, es würde euch das Freudenfeuer unserer Herzen ergreifen und zum zweiten Mal auflösen, und das ärger und stärker noch denn das Feuer alles Holzes der Erde!
HG|2|183|6|0|Darum aber sei unserem heiligen Vater im Himmel auch alle unsere Liebe, Ehre und Anbetung! Bleibt in dieser Bitte, und wir werden noch heute Wunderdinge am Lamech erleben! Nun aber lasst uns ziehen zu ihm hinaus! Amen.“
HG|2|183|7|0|Und alsbald erhoben sie sich in ihrer freien Herberge, die da war ein breiter, schattiger Feigenbaum, und zogen hinaus zu den Pfützen, allda der Lamech sich vor Hunger und Durst gleich einem Wurm bäumte und krümmte.
HG|2|183|8|0|Als sie alle, wie sie bestellt waren, samt den Mägden, Weibern und den Knechten beim Lamech angelangt waren, da hob alsbald der Lamech seine Hände auf und sagte mit bebender Stimme zum Kisehel:
HG|2|183|9|0|„Mächtiger Gesandter Dessen, des Namen meine Zunge ewig nimmer wert sein wird auszusprechen! Fürchte dich nicht mehr vor meinem Willen, denn diesen hast du schon auf ewig gebrochen. Reiche mir aber etwas zur Stärkung, denn siehe, mich hungert und dürstet gewaltig!“
HG|2|183|10|0|Und der Kisehel sagte zu den Mägden und den Weibern: „Tragt hierher Speise und Trank, und gebt dem Lamech, soviel er verlangt!“
HG|2|183|11|0|Und die Weiber taten solches. Der Lamech aber schlug sich auf die Brust und sagte:
HG|2|183|12|0|„O göttliche Erbarmung! Ist denn der große Sünder Lamech wohl noch wert, Speise und Trank zu nehmen aus den Händen derer, die Du gerettet und gereinigt hast?!“
HG|2|183|13|0|Und der Kisehel sagte: „Ja, Bruder Lamech! Denn des Vaters Güte ist größer und reicht weiter, als alle Himmel reichen; daher esse und trinke nach deinem Bedürfnis!“
HG|2|183|14|0|Hier fing der Lamech an zu weinen, denn er überblickte die Masse seiner Gräueltaten, und sagte darauf: „O ihr großmächtigen Gesandten der ewigen Erbarmung! Mir kann es nimmerdar vergeben werden; denn zu schauderhaft groß ist die Masse meiner Gräuel!
HG|2|183|15|0|Ich sehe jetzt in mein Herz, und das ist angefüllt mit lauter Schlangen und aller Art giftigstem Geschmeiß, und um mich stehen unabsehbare Scharen, ringen vor Verzweiflung die Hände, fluchen mir, und schreien mit blutendem Mund zu Gott um ewige Rache für mich!
HG|2|183|16|0|Ja, es hungert und dürstet mich gewaltig, – aber nun kann ich nichts mehr zu mir nehmen; denn dieser Anblick macht mich zu scheußlich vor euch und noch ums Endlosfache mehr vor Dem, dessen mächtige Boten ihr seid!
HG|2|183|17|0|Lasst mich daher des Hungers sterben, indem ich so viele eben durch Hunger habe also zugrunde gehen lassen!
HG|2|183|18|0|Lasst mich vor Hunger sterben, lasst mich verschmachten vor Durst, und lasst mich verzweifeln vor Schmerz; denn ich habe ja nichts Besseres verdient!
HG|2|183|19|0|Ich habe Gott und euch gelästert und habe euch gestrebt nach dem Leben, so es mir nur möglich gewesen wäre, euch zu vernichten!
HG|2|183|20|0|O so lasst mich in diesem meinem endlosen Reueschmerz verzweifelnd zugrunde gehen; denn ich bin ja nichts Besseres wert!“
HG|2|183|21|0|Nach einer kurzen Pause aber rief er stark zu den unsichtbaren Scharen: „O ihr Unglücklichen durch mich! Ruft nur, ruft mächtig zum ewigen Richter um Rache für mich, bis sie kommen wird – die schrecklichste, die furchtbarste!
HG|2|183|22|0|Denn keine wird zu groß sein für mich, ich bin ja der größten, ja der endlos größten wert!“
HG|2|183|23|0|Hier sank er zusammen und weinte gewaltig. Auch alle Umstehenden waren gerührt von der großen Reue Lamechs und weinten mit ihm.
HG|2|183|24|0|Der Kisehel aber trat hin zum Lamech, rührte ihn an, und sprach: „Bruder Lamech, nun richte dich auf, und sehe hierher in unsere Mitte, damit es dir klar wird, wie die ewige Liebe Gottes Sich an jenen Sündern rächt, welche in ihrem Herzen die Größe ihrer Schuld vor Gott und den Menschen also reuig wie du erkannt haben und haben sich darob gedemütigt unter alle Kreatur!“
HG|2|183|25|0|Und der weinende Lamech erhob sich alsbald bebend vom Boden und erblickte gleich allen übrigen in der Mitte der sieben Boten eine lichte Wolke.
HG|2|183|26|0|Ob solchem Anblick fast starr, sammelte er sich erst nach einer kurzen Weile und fragte den Kisehel, der ihn überaus bruderliebfreundlich ansah: „O du mächtiger Bote des Allmächtigen! Was ist das, was soll daraus werden?!“
HG|2|183|27|0|Und eine Stimme sprach aus der lichten Wolke: „Lamech, lange hast du Meine Ordnung mit Füßen getreten; da du dich aber in der Reue gedemütigt hast vor Mir und deinen Brüdern, so habe Ich alle deine Missetaten von dir hinweggenommen und habe dir vergeben alle deine Schuld!
HG|2|183|28|0|Darum erhebe dich nun vollends; mache durch die fernere Liebe zu Mir und deinen Brüdern das gut, was du in deiner Abtrünnigkeit verargt hast!
HG|2|183|29|0|Nun aber esse und trinke; denn Ich, dein Gott, Schöpfer und Herr, habe die Speise und den Trank gesegnet für dich!
HG|2|183|30|0|Meine Boten aber werden dir alles kundgeben, wie und was du künftig wirst zu tun haben!
HG|2|183|31|0|Ich bin Der, der dir dieses sagt, der zu dir geredet hat, als du erschlagen hattest deine Brüder!“
HG|2|183|32|0|Hier verschwand die Wolke, und der Lamech ward gelöst von seinen Banden.
HG|2|183|33|0|Da aber seine Füße frei wurden, so begab er sich sogleich hin zum Kisehel und sagte zu ihm: „Mächtiger Bote Gottes, der da nun so mild geredet hatte aus der Wolke und hat mir nachgelassen meine größte Schuld, vergebe mir auch du meine Schuld gegen dich und deine Brüder, und nehme die Versicherung hin, dass ich von nun an nicht mehr König, sondern nur dein geringster Diener sein will; du aber sei König im Namen des Allerheiligsten!“
HG|2|183|34|0|Und der Kisehel entgegnete ihm: „Bruder Lamech, siehe, du bist schwach, stärke dich nun mit Speise und Trank; danach erst wollen wir das Weitere besprechen und tun, wie es der göttliche Wille erheischt!“
HG|2|183|35|0|Und der Lamech nahm darauf sogleich Speise und Trank zu sich.
HG|2|184|1|1|Kisehels Lehre vom Wortdank und Herzensdank
HG|2|184|1|1|Am 2. November 1842
HG|2|184|1|0|Als der Lamech sich nun vollends gesättigt hatte, da stand er auf und sagte zum Kisehel: „Mächtiger Bote des allmächtigen, großen Gottes! Siehe, ich habe mich gesättigt von der gesegneten Speise; mein ganzes Wesen ist nun aufgeregt zu einer großen Dankbarkeit gegen Den, der mir die Speise gesegnet hatte und hat mir nachgelassen meine endlos große Schuld vor Ihm und vor euch, und vor allem Volk, und der ganzen Erde.
HG|2|184|2|0|Aber ich habe keine Worte, mit denen ich diesen für mich zwar großen, aber für Gott und Seine Erbarmung sicher nur nichtigsten Dank auszudrücken vermöchte!
HG|2|184|3|0|Daher lehre mich würdige Worte, mit denen ich ausdrücken werde können, was ich nun in mir empfinde und sicher allzeit noch mächtiger in mir empfinden werde!
HG|2|184|4|0|O du lieber Freund des Allerhöchsten, siehe mich an im Schlamm meiner Untaten, und gewähre mir diesen meinen Wunsch!“
HG|2|184|5|0|Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „O Bruder Lamech, du sorgst dich um etwas, das vor Gott nur einen sehr geringen Wert hat! Glaube es mir, der Herr, der heilige, liebevollste Vater, sieht nicht auf die Worte, sondern alleine nur auf das Herz!
HG|2|184|6|0|Der Dank, den du wie eine große, das Herz verzehren wollende Flamme in dir empfindest, höre, dieser Dank ist dem Vater am wohlgefälligsten; bei dem bleibe allzeit und ewig, so wird Er dein Dankopfer sicher auch allzeit, wie ewig, Ihm wohlgefällig aufnehmen!
HG|2|184|7|0|Siehe, wenn ein Mensch eine große Gnade vom Vater empfängt, so dankt er wie ein großer Schuldner alsobald in seinem Herzen durch den heftiger und stets heftiger werdenden Liebebrand in seinem Herzen und verbleibt in dieser reinsten und vollends wahren Dankbarkeit so lange, bis er sich derselben nicht durch den Mund entledigt hat, welche Entledigung aber an und für sich doch sicher nichts ist als eine scheinbare Genugtuung für die empfangene Wohltat.
HG|2|184|8|0|Es wird einem nach einer solchen pflichtschuldigst scheinenden Dankentledigung wohl um vieles leichter und ruhiger im Herzen, aber es fragt sich hier: Wird das Herz nach einer solchen Entledigung nicht liebefeuerloser, kühler und somit auch für die Zukunft weniger dankbar für diejenige empfangene Gnade, für die es sich durch Mundworte gewisserart der bleiben sollenden Dankbarkeit entledigt hatte?
HG|2|184|9|0|O sicher, lieber neuer Bruder Lamech! Siehe, ich, wie du, haben Kinder gezeugt und sind somit ihre Väter geworden, wie sie unsere Kinder geworden sind!
HG|2|184|10|0|Ich habe es aber an meinen Kindern noch allzeit erfahren, dass gerade diejenigen meiner Kinder, die mir nahe für jedes Wort gedankt haben mit dem Munde, im Herzen die am wenigsten dankbaren geblieben sind; diejenigen Kinder aber, die fast ob jeder Gabe stumm geblieben sind, waren also beschaffen, dass sie für mich allzeit ins Feuer gegangen wären, wenn ich solches von ihnen verlangt hätte!
HG|2|184|11|0|Ich vernahm zwar nie oder nur höchst selten Worte des Dankes aus ihrem Munde, sah aber desto öfter Dank-, Freude- und Lobtränen in ihren Augen, – und, Bruder Lamech, wahrlich, es war mir eine solche stille Träne im Auge eines meiner Kinder mehr als alle die wunderschönsten Worte eines anderen geschmeidigen Kindes; ja mehr als die ganze Welt galt mir eine solche Träne!
HG|2|184|12|0|Denn das geschmeidige Kind hat sich seines Dankes gegen mich entledigt; das andere stumm dankende aber behielt den ewigen im Herzen!
HG|2|184|13|0|Also gilt auch bei Gott, der allein nur auf das Herz sieht, der bleibende Dank im Herzen sicher ums Endlose mehr denn ein ausgesprochener und daher vergänglicher, dessen sich das dankbedrängte Herz durch Worte entledigt hatte.
HG|2|184|14|0|Danke daher auch du stets dem Herrn also wie jetzt, so wird dein Dank gegen Gott ein rechter sein, und Er wird ein stetes Wohlgefallen haben an deinem stets gleich mächtigen Dankes erfüllten Herzen!
HG|2|184|15|0|Solches beachte sonach auch stets zu deinem großen Trost in dir, so wirst du dem heiligen Vater auch stets angenehm sein, und Er wird dir um solchen Dank eher tausend Gnaden verleihen, denn für den Munddank eine!
HG|2|184|16|0|Da du solches nun weißt und hast dich vollends gewendet zum Herrn, so denn magst du nun auch bestimmen, was da nun geschehen soll; denn siehe, darum sind wir nun da, dass wir dir in allem Guten sollen behilflich sein mit allen unseren Kräften! Und so denn gebe uns einen deiner Wünsche zu erkennen! Amen.“
HG|2|184|17|0|Und der Lamech sprang völlig auf vor Freuden und sagte zu Kisehel mit größter Bewegung: „O Freunde Gottes, des allmächtigen Schöpfers Himmels und der Erde! O du geheiligter Bruder aus den Höhen, die da sind wie eine bleibende Wohnung des Allmächtigen, fürs Erste nehme diese meine Tränen als das Zeichen meines innigsten, ewig bleibenden Dankes für deine herrliche, weiseste Lehre hin, die du mir soeben gegeben hast; denn sie ist nicht nur wahr in jeder Silbe, sondern sie ist heilig! Ja, es gibt nur einen Dank und nur ein Lob in der Wahrheitsfülle, und das ist ewig! Bei dem will ich auch von nun an ewig verbleiben!
HG|2|184|18|0|Was aber da betrifft meinen Wunsch, so habe ich nur einen; ja nur eines drückt mich noch, und das ist die steinerne Tafel, die von mir also gräuelhaft ist entheiligt worden! Lasst mich sie eigenhändig wieder an das Tageslicht fördern und allda reinigen und dann überaus hoch verehren, wenn ich überhaupt nur noch dieser Tat würdig bin!“
HG|2|184|19|0|Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Siehe, da stehen schon zu dem Behuf deine Knechte mit Grabwerkzeugen versehen!
HG|2|184|20|0|Es ist genug, dass du solches getan hast lebendig in deinem Herzen, das andere werden schon diese da tun, und so lasse uns denn an dieses wichtige Werk schreiten! Amen.“
HG|2|185|1|1|Lamech erkennt und preist die unendliche Liebe Gottes
HG|2|185|1|1|Am 3. November 1842
HG|2|185|1|0|Als der Lamech solches vernommen hatte vom Kisehel, da warf er sich auf seine Knie nieder und sprach mit aufgehobenen Händen: „O Gott, o Gott, wie groß muss Deine Liebe sein, dass Du einem Sünder also gnädig und barmherzig sein kannst!
HG|2|185|2|0|Dies bevorstehende Werk, dessen ich mich nun in meinem ganzen Wesen für unwürdig fühle, dass ich es eigenhändig verrichtete, hast Du mir abnehmen lassen und hast anderen Händen geboten, dass sie es verrichten mögen an meiner statt, und hast mich Unwürdigsten dadurch überwürdigt!
HG|2|185|3|0|O Gott, o Gott, wie gut musst Du sein, dass Du den verworfensten Sünder in seiner größtmöglichsten Gräueltatenniedrigkeit also ansiehst, als hätte er nahe nie gesündigt vor Dir!
HG|2|185|4|0|O ihr allerglücklichsten Freunde meines ganzen Wesens und meines wahrhaft armen Volkes, dessen Armut mir erst leider jetzt einzuleuchten anfängt in aller ihrer Wurzeltiefe, deren Grund ich nur bin, welch für ein Gefühl muss in euren Herzen lodern, so ihr denkt und in euch sicher überklar erschaut, dass Gott – der allmächtige Gott! – die allerhöchste Liebe, euer Vater ist!
HG|2|185|5|0|O ihr großen und mächtigen Kinder des allmächtigen Gottes, sagt es mir, wenn es euch möglich ist, sagt es, was empfindet ihr dann, oder stets, so euch euer Herz sagt: ‚Gott ist mein Vater!‘
HG|2|185|6|0|O der unendlichen Kluft zwischen mir und euch! Ihr, geboren aus dem ewigen Licht Gottes und für ewig belebt durch Seine unendliche Liebe, ja durch Seine unendliche Vaterliebe, – ich, ein Kind der Schlammesbrut der Erde, ein Sohn der Schlange, wie es war der Vater Kahin!
HG|2|185|7|0|O Freunde, jetzt sehe ich es erst vollends ein, warum sich die Schlangen so gerne sonnen! Es tut ihnen das Wärmlicht der Sonne sicher auch also wohl, wie wohl es mir nun tut, vor euch Kindern des ewigen Lichtes in Gott, eurem überheiligsten Vater, zu sein!
HG|2|185|8|0|Ja, ja, auch die Kinder der Erde freuen sich in den schönen Strahlen der Sonne; also freut sich auch nun der große Sünder Lamech in eurem heiligen, ewigen Licht, das da euch lebendig umstrahlt aus dem Herzen Dessen, dessen Name – heilig, heilig, heilig! – allhier, da ich nun knie und weine, von mir auf das Schändlichste verunheiligt worden ist!
HG|2|185|9|0|O ihr Kinder des ewigen Gottes, hier, hier, da ich knie, hier habe ich alle meine Gräueltaten mit der größten gekrönt; hier ist von mir der allerheiligste Name auf der steinernen Tafel begraben worden!“
HG|2|185|10|0|Hier fing der Lamech an, gewaltig zu weinen, und der Kisehel aber trat sogleich zu ihm hin, griff ihm unter die Arme, hob ihn auf, und sagte dann zu ihm: „Geliebter Bruder, Bruder Lamech! Siehe, ich und wir alle nennen dich einen Bruder nun; wie magst du nun denn von der großen Kluft zwischen uns und dir sprechen?!
HG|2|185|11|0|Sage mir, geliebter Bruder Lamech, empfindest du eine große und übermächtige Liebe zu Gott in deinem Herzen?!“
HG|2|185|12|0|Und der Lamech erwiderte ganz ergriffen: „O Freund aus lichter Höhe! Wäre mein Herz und mein ganzes Wesen nicht also durchdrungen von solcher Liebe, deren mein Herz freilich wohl im höchsten Grade unwert ist, wie wäre es mir wohl möglich, zu ahnen, was ihr als wahrhaftige Kinder empfinden müsst, so ihr bedenkt, dass Gott euer Vater ist!“
HG|2|185|13|0|Und der Kisehel ergriff freudeglühend die Hand des Lamech und sagte mit lauter Stimme: „O Bruder, unserem heiligen Vater sei ewig aller Dank, alles Lob, alle Ehre, alle meine Liebe und aller Preis, darum Er mir hat lassen das große Glück zuteilwerden, einen lieben Bruder, der verloren war, wiederzufinden!
HG|2|185|14|0|Bruder Lamech, freue dich hoch mit mir; denn glaube es mir, wir sind nun Kinder eines und desselben Vaters im Himmel, und es gibt nun keine solche Kluft mehr zwischen uns und dir, wie du es meintest, sondern, wie gesagt, wir sind Kinder eines und desselben Vaters!
HG|2|185|15|0|Denn wäre es nicht also, da wären wir nicht zu dir gekommen, und Gott hätte nie mit dir geredet!
HG|2|185|16|0|Da wir aber zu dir gekommen sind, um dich und all dein Volk zu retten vom Untergang, so liegt es ja doch offen am Tage, dass du, wie dein Volk, unsere Brüder seid von Ewigkeit und allen Zeiten her!
HG|2|185|17|0|Darum aber freue dich; denn du warst verloren und bist nun wiedergefunden!
HG|2|185|18|0|Es ist aber ja allzeit noch eine größere Freude über das gewesen, was man verloren und dann wiedergefunden hatte, denn über das, was man allzeit besessen hatte.
HG|2|185|19|0|Also freuen wir uns nun auch deiner ums Hundertfache mehr denn aller derer auf der Höhe, die da allzeit vor unseren Augen gewandelt haben!
HG|2|185|20|0|Die Tafel aber hast du schon ausgegraben und mit deinen Liebe- und Reuetränen gereinigt und hast somit den Unrat, in den du die Tafel bargst, verwandelt in lauteres Gold und kostbarstes Edelgestein!
HG|2|185|21|0|Und so lasse die Arbeiter hier diese Stelle öffnen, und du wirst dich überzeugen, in was dein reuig liebendes Herz den Unrat verwandelt hatte!“
HG|2|185|22|0|Und der Lamech sagte darauf zu den Knechten: „Da es des großen Gottes heiligster Wille also ist, so kommt denn her, und öffnet diese Stelle!“ Und sogleich traten die Knechte herbei und fingen an, in die Erde zu graben.
HG|2|185|23|0|Wie erstaunten aber nun alle Umstehenden samt dem Lamech, als sie nach der Öffnung des Erdreiches auf lauter Gold und Edelgesteine kamen, die da waren von unschätzbarem Wert!
HG|2|185|24|0|Und als sie erst nach einstündigem Graben zur Tafel selbst kamen und fanden sie als einen leuchtendsten Karfunkel mit den strahlenden Zeichen Jehovas, da fielen alsbald alle zur Erde nieder und beteten an den allerheiligsten Namen.
HG|2|185|25|0|Und der Lamech schlug sich auf die Brust und schrie: „O Gott, sei mir gnädig und barmherzig!“
HG|2|186|1|1|Kisehel beauftragt Lamech, einen Tempel für den heiligen Namen erbauen zu lassen
HG|2|186|1|1|Am 7. November 1842
HG|2|186|1|0|Als demnach die Tafel ausgegraben war und dem auf ihr gezeichneten allerheiligsten Namen von all den Anwesenden die allertiefste Verehrung und Verherrlichung dargebracht worden war, da nahm der Kisehel die Tafel in seine Hände, drückte sie auf seine Brust und sagte dann, wie zur Tafel redend:
HG|2|186|2|0|„O du Name, du heiliger Name, du erstes Wort aus dem Munde Gottes, das ehedem war, ehe noch außer Gott ein sich selbst bewusstes, denkendes Wesen da war, – ja, du allerewigstes Wort, du Urgrund aller Wesen und Dinge, welche da erfüllen die ganze Unendlichkeit, wie mild und sanft strahlst du mich an!
HG|2|186|3|0|Einfach sind zwar deiner Zeichnung Züge, aber sie haben keinen Anfang und kein Ende.
HG|2|186|4|0|Ja, also ist auch gerecht die Zeichnung; denn Gott hat auch keinen Anfang und kein Ende.
HG|2|186|5|0|Er ist und wird ewig sein ein unendlicher Gott; also ist diese Zeichnung für uns auch darum ein gerechtes Bild des allerheiligsten Namens und soll darum im Hinblick auf Den, den es bezeichnet, stets in der größten Verehrung und Verherrlichung gehalten werden!“
HG|2|186|6|0|Hier wandte sich der Kisehel zum Lamech und sagte ganz gerührt zu ihm: „Lamech, sehe an dies heilige Kleinod, es soll dir von nun an alles daran gelegen sein, dieses als ein heiligstes Panier deines Herzens, deines Landes und alles deines Volkes zu betrachten!
HG|2|186|7|0|Ein Haus sollst du erbauen auf dieser Stelle, das soll mit fünf, dann sieben und dann zehn Fenstern und drei Eingangspforten versehen sein; die eine soll gehen vom Abend, die eine vom Mittag und die eine von der Mitternacht.
HG|2|186|8|0|Der Teil gegen Morgen aber soll in drei Reihen haben die angegebenen Zahlen der Fenster; davon sollen zuoberst sein die fünf, in der Mitte die sieben, und zuunterst die zehn. Das Haus aber soll haben eine vollends runde Form und soll sein zwölf Mannslängen hoch, und sein Durchmesser soll auch soviel haben wie seine Höhe.
HG|2|186|9|0|Die Wände von innen sollst du überziehen mit Gold und allerlei Edelsteinen. Das Dach soll sein gleich einer halben Kugel und soll von innen wie von außen überzogen sein mit poliertem Gold; über dem Dach aber sollen noch drei Kugeln, eine jede von drei Mannslängen, übereinander, ebenfalls aus Gold angefertigt, sich befinden.
HG|2|186|10|0|In der Mitte dieses Hauses, das keine Stockwerke haben darf, sollst du aus lauter Rubinen und Diamanten einen Altar errichten, und auf diesem Altar erst soll dann diese Tafel aufrecht stehend angebracht werden.
HG|2|186|11|0|Wenn du aber alles das wirst nach dieser meiner Vorschrift angefertigt haben, danach sollst du den Platz um dieses Haus weit und breit reinigen, und es soll dann kein anderes Haus mehr in der Nähe dieses heiligen Hauses erbaut werden; denn das Haus soll für geheiligt gehalten werden.
HG|2|186|12|0|Die goldenen Tore dieses Hauses sollen an den Sabbaten den ganzen Tag hindurch offen stehen, an all den Arbeitstagen aber sollen sie verschlossen sein.
HG|2|186|13|0|Niemand soll mit bedecktem Haupt in dies Haus treten, und kein Weib unverhüllten Angesichtes.
HG|2|186|14|0|Wer also reinen Herzens in dieses Haus treten wird und wird Gott die Ehre geben, dem wird in diesem Haus eine große Stärkung werden.
HG|2|186|15|0|Der Frevler an diesem reinsten Haus aber wird im selben, wie auf seinem Platz, allzeit sein unvermeidliches plötzliches Gericht finden; darum soll auch der Platz mit einer drei Manneslängen hohen Mauer umfangen sein, durch welche nur eine Pforte aus Erz führen soll.
HG|2|186|16|0|Die äußere Wand des Hauses aber soll in gleichen Höhen von vier Mannslängen, und zwar zuunterst mit roter, in der Mitte mit grüner und zuoberst mit weißer Farbe übertüncht sein.
HG|2|186|17|0|Durch den Anblick dieser drei Farben soll ein jeder, der sich dem Haus nahen wird, erinnert werden, dass er sich Gott nur zuerst durch die Liebe seines Herzens nahen kann. Hat er sich Gott also genaht, so wird das Vertrauen und des Herzens Treue, welches ist der lebendige Lohn der reinen Liebe, sein Anteil sein; wem aber solches zuteilwird, dem wird auch die dritte, oberste Farbe zuteil, die da bezeichnet die Lebendigkeit des Glaubens, der da ist ein Licht des Geistes, welches der lebendigen Flamme der Liebe zu Gott im Herzen entstammt!
HG|2|186|18|0|Nun weißt du, lieber Bruder Lamech, alles, was da zu tun ist; nur das hast du bei dem Bau noch zu beachten, dass da ja niemand zu selbem genötigt werden soll, – sondern der es mit Liebe tun will, der auch soll zur Bauarbeit zugelassen werden! Denn nur liebende Bauleute werden den Segen ihrer Arbeit finden, gezwungene aber den Tod! Darum musst du solches ja gar wohl beachten!
HG|2|186|19|0|Es sollen aber darum noch heute nach allen Seiten Boten gesendet werden, damit da schon morgen an diesem Werk begonnen wird.
HG|2|186|20|0|Die Nacht hindurch aber sollen alle diese Sümpfe, Pfützen und Moraste vollends zum trockenen Land werden; denn also ist es ja der Wille Gottes.
HG|2|186|21|0|Und so denn, lieber Bruder Lamech, lass uns die Boten bestellen und sie dann aussenden nach allen Seiten! Amen.“
HG|2|187|1|1|Lamechs Botschaft an sein Volk. Die ungehorsamen Knechte des Lamech werden durch ein wunderbares Mahl gestärkt
HG|2|187|1|1|Am 8. November 1842
HG|2|187|1|0|Als der Lamech solchen Vortrag von Seiten des Kisehel vernommen hatte, da ward er überfroh und lobte und pries Meinen Namen und dankte Mir für diese große Gnade, durch welche er sich gewürdigt fand, Meinem Namen ein solches Haus erbauen zu dürfen.
HG|2|187|2|0|Nachdem er diese Andacht zu Mir verrichtet hatte aus der reuigsten Liebefülle seines Herzens, wandte er sich alsbald zu den Knechten und Hofdienern und sagte zu ihnen:
HG|2|187|3|0|„Ihr habt alle hier gleich mir das große Wunder gesehen und habt in der Hinsicht des bevorstehenden heiligen Baues vernommen die Worte aus dem Munde der großen Boten des allmächtigen Gottes, was da alsogleich zu tun ist.
HG|2|187|4|0|Also geht denn im Namen der großen Boten und im Namen des allerhöchsten Gottes nach allen Seiten hin, und ladet für den morgigen Tag alle aus Liebe zu Gott Freiwilligen zum hehren Beginn dieses Werkes!
HG|2|187|5|0|Sagt es aber allen auch, was da vorgegangen ist mit dem Lamech, damit sich vor ihm niemand mehr fürchten solle, und solle darum jedermann wieder die Zunge gelöst sein, damit er reden mag nach seinem Sinne und auch kundgeben seinen Willen!
HG|2|187|6|0|Sagt es allen auch noch hinzu, dass aus Lamech, dem Grausamen, aus der Hyäne in menschlicher Larve, ein Lamm geworden ist, das da tiefst bereut jeglichen Tropfen Blutes und jegliche Träne, die er je den Untertanen durch was immer für Bedrückungen verursacht hatte!
HG|2|187|7|0|Und verkündet es allen laut, dass der Lamech, darum ihm der allbarmherzige große Gott, den der Vater Farak gepredigt hatte, seine große Schuld nachgesehen hat, sein ganzes Leben hindurch auf das Allereifrigste bemüht sein und solches zu seiner Hauptsorge machen wird, jede noch zu lindern mögliche Unbill, die ihnen durch ihn zugefügt worden ist, wieder gutzumachen und wird sie alle in alle Zukunft betrachten als seine Brüder und Schwestern!
HG|2|187|8|0|Darum solle niemand mehr den Lamech fürchten! Da ihr nun alles wisst, so geht denn nun zu berichten nicht meinen, sondern des allmächtigen großen Gottes Willen! Es geschehe!“
HG|2|187|9|0|Die Knechte aber zauderten und machten Miene, als wäre ihnen nicht gelegen, alsogleich das zu tun, was zu tun ihnen der Lamech aufgetragen und anbefohlen hatte.
HG|2|187|10|0|Da aber der Lamech solches sah, wurde er traurig, und seine Traurigkeit ging bald in einen starken Eifer über; in diesem Eifer sagte er dann zu den zaudernden Knechten:
HG|2|187|11|0|„Hört, ihr trägen Knechte und Diener meines Hofes: Solange euch der Lamech mit ehernen Ruten bezwang, da mochtet ihr wohl gehorchen dem leisesten Wink desselben!
HG|2|187|12|0|Jetzt aber, da er euch als Bruder bittet, habt ihr kein Gehör für seine Stimme!
HG|2|187|13|0|Doch ihr seid ja nicht mir ungehorsam, sondern Gott dem Allerhöchsten; darum mögt ihr auch zusehen, wie Er euch ansehen wird für euren Ungehorsam!
HG|2|187|14|0|Ich habe euch nicht befohlen, sondern nur den Willen Gottes habe ich euch kundgetan; darum tuet sonach, was ihr wollt, aber seht zu, dass euch kein Gericht ereilt!“
HG|2|187|15|0|Darauf wandte sich der Lamech zum Kisehel und sagte: „O du lieber Gesandter des Herrn, sage mir, deinem armseligsten Knecht, habe ich denn Unrecht getan, dass ich deinen Willen aus Gott diesen Brüdern kundgetan habe, auf dass sie ihn vollzögen?“
HG|2|187|16|0|Und der Kisehel erwiderte darauf dem Lamech, sagend: „O Bruder Lamech, jegliches Wort war recht und vollkommen; aber die Knechte und Diener sind schwach und hungrigen Leibes! Daher lassen wir sie vorher ein Mahl halten, sodann werden sie schon tun, was des Rechtens ist!“ Und der Lamech verneigte sich vor dem Kisehel und fragte ihn wieder, sagend:
HG|2|187|17|0|„O du großer Freund, so rate mir, was ich nun denn tun soll, denn hier gibt es ja nichts, damit diese Hungrigen könnten gesättigt werden!
HG|2|187|18|0|Soll ich etwa hin zu Hofe sie bescheiden, damit sie da aus meinen Speisekammern von den besten Früchten sich sättigen möchten, oder soll ich etwa durch die Mägde Speise und Trank hierherbringen lassen?
HG|2|187|19|0|O Freund, spreche es nur aus, und ich will ja alles tun, wie es dir gefällig ist!“
HG|2|187|20|0|Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Höre, Bruder, weder das eine noch das andere ist hier vonnöten! Denn siehe, die Mägde und Weiber haben ja noch so manchen Rest in ihren Körben; lasse uns das segnen, und sei versichert, es wird für alle hinreichen!“ Und der Lamech fiel vor dem Kisehel nieder und bat ihn um den Segen.
HG|2|187|21|0|Und der Kisehel sagte sogleich zu den Weibern und Mägden: „Stellt eure Reste in den Körben hierher!“ Und nachdem die Weiber und Mägde solches getan hatten, blickte Kisehel samt seinen Brüdern empor zum Himmel und segnete die Reste in den Körben.
HG|2|187|22|0|Als diese plötzlich sich gefüllt hatten, da behieß der Kisehel die Knechte und sagte zu ihnen: „Nun denn, ihr trägen und faulen Knechte, kommt her und sättigt euch, damit ihr dann tun mögt, was euch der Lamech befohlen hatte! Amen.“
HG|2|187|23|0|Und die Knechte langten alsbald nach den Körben und nach deren Inhalt; als sie sich aber gesättigt hatten, da erst fingen auch sie an, vollkommen Mich anzuerkennen und darum auch zu loben und zu preisen.
HG|2|187|24|0|Nach ihrem Loben und Preisen aber richteten sie sich behände auf und vollzogen den Willen des Lamech und dingten eine große Menge Arbeiter für den kommenden Tag.
HG|2|188|1|1|Thubalkain soll Golderz reinigen, nachdem er selbst geläutert worden ist
HG|2|188|1|1|Am 9. November 1842
HG|2|188|1|0|Nachdem aber die Boten nach allen Seiten ausgegangen waren, um Arbeiter zu dingen, und es bereits um die fünfte Stunde nach jetziger Zeitrechnung des Nachmittages geworden war, da wandte sich der Kisehel zum Lamech, und sagte zu ihm:
HG|2|188|2|0|„Lamech, siehe, hier auf dieser Stelle liegen in der Erde viele tausend Tonnen reinsten Goldes! Dies Metall ist das edelste aller Metalle der Erde; aber also, wie es da ist mit einigem Sand vermengt, lässt es sich zu nichts verwenden.
HG|2|188|3|0|Es soll darum zuvor durch einen Erzmeister gereinigt werden, und das durch ein tüchtiges Feuer; wenn es dann zusammenfließen wird zu schweren Floßen, sodann wird es sich durch die Hämmer auf den breiten Ambossen auch mit leichter Mühe zu großen Blechtafeln austreiben lassen, so zwar, dass dann eine faustgroße Knolle dieses Metalls eine Blechtafel geben wird, auf welcher hundert Menschen zu stehen hinreichend Platz haben dürften.
HG|2|188|4|0|Daher wird es nötig sein, auch alsogleich einen tüchtigen Erzmeister herbeizuschaffen!
HG|2|188|5|0|Hast du einen solchen, so lasse ihn herbeikommen, und wir wollen ihm die Anleitung geben, wie er dieses Metall bearbeiten soll!“
HG|2|188|6|0|Und der Lamech, überhoch erfreut über solche Bekanntmachung, erwiderte darauf alsogleich dem Kisehel: „Höre, du großer Freund, da ist ja überaus leicht geholfen!
HG|2|188|7|0|Mein Sohn, der Thubalkain, der sich mit seiner Schwester Naëme auf eine Zeit lang wie ehelich verband, ist ja ein Haupterzmeister und versteht die Kunst, der Erde solches Metall zu entlocken durch das Feuer und dann durch seiner schweren Hämmer Gewalt, wie du es siehst in all diesen Grabwerkzeugen, die da alle von ihm angefertigt sind! Wäre das nicht der rechte Mann mit seinen Gehilfen zu diesem Geschäft? So ich ihn rufen lasse, da wird er auch alsogleich da sein!
HG|2|188|8|0|Wenn euch dieser mein Sohn recht ist, so gebt mir darob euren Willen kund, und ich will ja alles aufbieten, um ja nirgends mehr im Geringsten nur gegen euren Willen zu handeln!“
HG|2|188|9|0|Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Ja, Thubalkain ist ein rechter Mann! Lasse ihn daher kommen; aber ehe er dies Metall reinigen wird mit seinen Gehilfen, muss er noch selbst gereinigt werden.
HG|2|188|10|0|Denn unter seinem Gefüge gibt es noch um ein Bedeutendes mehr des unreinen Sandes, denn zwischen dem Gefüge dieses edlen, aber nun noch rohen Metalls!
HG|2|188|11|0|Wie aber dieses Metall durchs Feuer und Salz gereinigt wird, also wird auch der Thubalkain zuvor durch unser Feuer und Salz gehen müssen, bevor er im vollen Stande sein wird, dieses edelste Metall zu reinigen!
HG|2|188|12|0|So du aber einen Boten nach ihm sendest, da sage ihm, dass er vor Thubalkain schweigen solle von allem dem, was hier vorgefallen ist! Und also magst du solches tun! Amen.“
HG|2|188|13|0|Der Lamech aber, da er kein männliches Wesen mehr hier anwesend gewahrte, fragte etwas verlegen den Kisehel: „Großer Freund, es ist alles gut, so du mir erlaubst, dass ich zur Stadt hineingehen mag! Da wird sich alsbald ein Bote finden, dem ich dies Geschäft auferlegen will; aber hier ist außer dem weiblichen Wesen und außer uns ja niemand männlichen Geschlechtes mehr zugegen, dem sich so etwas Großwichtiges auferlegen ließe!
HG|2|188|14|0|Daher gebe mir auch in diesem Falle einen Rat, den ich alsogleich zu befolgen willens bin!“
HG|2|188|15|0|Und der Kisehel sagte darauf alsogleich zum Lamech: „Siehe, Bruder Lamech, auch die Weiber haben Füße! Erwähle dir aber drei aus ihnen, denn eines wäre nicht passend als Bote an den Sohn eines Königs!“
HG|2|188|16|0|Und der Lamech berief sogleich drei der Beredesten zu sich, stellte sie dem Kisehel vor und fragte ihn, ob diese wohl dienlich seien.
HG|2|188|17|0|Und der Kisehel bejahte solches, und sogleich wurden die drei Weiber an den Thubalkain abgesandt. Nachdem aber die Weiber fort waren, da sagte der Kisehel zum Lamech:
HG|2|188|18|0|„Bruder Lamech, so es dich hungert und dürstet, da lasse die Weiber und die Mägde mit den geleerten Körben in deine Speisekammern ziehen und bringen hierher Speise und Trank!“
HG|2|188|19|0|Und der Lamech erwiderte: „Ja, große, liebe Freunde, so ich der Gnade würdig wäre, dass ihr euch gefallen ließet, mit mir armem Sünder zu speisen, so will ich in dieser Hinsicht auch sogleich das tun, was ihr mir geraten habt!
HG|2|188|20|0|Bin ich aber dessen noch sicher vollends unwürdig, da will ich lieber so lange fasten, bis ich dieser Gnade von euch für würdiger befunden werde als eben jetzt!“
HG|2|188|21|0|Und der Kisehel erwiderte dem Lamech: „Bruder, siehe, es sind noch nicht drei Tage verronnen, als Jehova auf den Höhen sichtbar leiblich in vollkommener Menschengestalt unter uns gewandelt hatte und hat mit uns gegessen und getrunken, und doch sind wir unnennbar weniger gegen Ihn, als du nun bist gegen uns!
HG|2|188|22|0|Hat aber Jehova mit uns gegessen, warum sollen denn wir, deine Brüder, als sämtlich Nachkommen des noch lebenden Vaters Adam, nicht mit dir ein Mahl halten?! Daher lasse nur holen Speise und Trank, und du wirst nicht allein aus den Körben speisen, sondern wir samt den Weibern und Mägden werden daran guten Teil nehmen!“
HG|2|188|23|0|Hier sprang der Lamech, nahe vor Freude voll, in die Höhe, lobte und pries Gott für diese für ihn nun unaussprechlich große Gnade und schickte alsobald die Weiber und Mägde, dass sie brächten das Allerbeste aus seinen Speisekammern.
HG|2|188|24|0|Und die Weiber liefen alsbald jubelnd zur Stadt, zu holen Speise und Trank.
HG|2|189|1|1|Kisehels Rede über die Bestimmung des Weibes. Sethlahem erklärt die Reinigung der Weiber und Mägde als geistige Erscheinlichkeiten
HG|2|189|1|1|Am 10. November 1842
HG|2|189|1|0|Nach kurzem Verweilen kamen die Weiber und Mägde mit wohlgefüllten Körben wieder und stellten dieselben vor den sieben Gesandten nieder.
HG|2|189|2|0|Nachdem solches geschehen war, verneigten sie sich vor ihnen und traten wieder ehrfurchtsvollst zurück. Alsbald aber auch segneten die sieben die Speise in den Körben, und der Kisehel sagte dann zum Lamech:
HG|2|189|3|0|„Bruder Lamech, siehe, die Speisen sind nun hier, und sind gesegnet; also komme hierher an meine rechte Seite, und wir acht Personen werden an einem der Körbe ja zur Genüge haben! Alle die anderen aber lassen wir den Weibern und Mägden über; denn sie haben seit mehreren Tagen schon nichts mehr zu sich genommen und wurden bisher nur wunderbar erhalten durch die göttliche Gnade und Erbarmung, mit welcher ausgerüstet wir diese Tiefe auch allein nur sicher betreten konnten!
HG|2|189|4|0|Nun aber sollen sie auch wieder essen und trinken und sich sättigen nach der natürlichen Art des Menschen, damit sie wieder für die Menschen (tüchtig) werden.
HG|2|189|5|0|Denn das ist ja des Weibes Bestimmung, dass sie sei dem Mann, was der Mann Gott, dem allmächtigen Schöpfer, ist! Ist ein Weib das dem Mann, so ist sie eins mit ihm, wie der Mann – der gerechte nämlich – eins ist mit Gott, also im Geiste völlig ein Wesen!
HG|2|189|6|0|Diese Weiber und Mägde aber haben sich zu sehr verunlautert und hätten nimmerdar einem Mann dienen können; darum wurden sie aber gereinigt, dass sie wieder tüchtig werden sollten für den Mann.
HG|2|189|7|0|Um aber das wieder vollends werden zu können, ist es nötig, dass da ihre Leiber wieder von den Früchten der Erde genährt werden, auf dass dadurch ihr Fruchtboden zur Aufnahme des Menschensamens tauglich wird; und also sollen sie nun wieder zu essen anfangen! Amen.“
HG|2|189|8|0|Da der Kisehel solches sehr laut gesprochen hatte, so vernahmen es auch die Weiber und Mägde und hatten innerlich eine große Freude an den sie betreffenden Worten aus dem Munde Kisehels; sichtlich aber beugten sie sich zur Erde und sprachen:
HG|2|189|9|0|„O ihr von Gott geheiligten Männer aus den heiligen Höhen, solcher Gnade sind wir ja nimmerdar würdig; denn wir haben uns ja freiwillig weggeworfen!
HG|2|189|10|0|Dass wir aber durch euch gereinigt worden sind, daran haben wir ja keinen verdienstlichen Teil, sondern allein nur ihr; wie sollen demnach wir solcher Gnade wert sein vor euch und vor dem allmächtigen Gott?!“
HG|2|189|11|0|Und der Kisehel beschied den Sethlahem zu sich, sagend: „Bruder, gehe an dein Werk, und bescheide den gerechten Trost den armen Wesen, deren Herz nun von freudiger Demut erfüllt ist!“ Und der Sethlahem erhob sich alsbald und ging zu den Weibern und Mägden hin, hob seine Hände über sie und sagte dann zu ihnen:
HG|2|189|12|0|„So hört denn, ihr Weiber und Mägde! Die an euch bewerkstelligte Reinigung betraf nicht eure Leiber, sondern euren Geist nur; demnach sind eure Leiber noch vollends dieselben, wie sie waren vor der Reinigung eures Geistes.
HG|2|189|13|0|Denn alles, was da mit euch geschah, war nur eine gute Erscheinlichkeit für den Geist, aber nicht für den Leib.
HG|2|189|14|0|Denn als ihr uns die Treppen zum Lamech verrammt habt, da ließ alsbald die göttliche Kraft in uns zu, euch zu versetzen in euren unreinsten Geist; und im Geiste ist demnach ein Teil von euch zu den Pfützen, als eures inneren Lebens tauglichstem Element, gezogen und hat sich in dieselben gestürzt und ging daselbst der Erscheinlichkeit nach wie zugrunde und wurde nach einer kurzen Zeit zufolge seiner Reue und seines Gehorsams wieder in die unbeschädigten Leiber geführt.
HG|2|189|15|0|Ein Teil aber wurde ebenso der Erscheinlichkeit nach endlich wie verbrannt. Das Holz selbst trugen die Mägde nur im Geiste verzückt zusammen, und alle Zuseher wurden für die Dauer der Feuerreinigung samt dem Lamech für den Geist in sich versetzt und konnten daher nichts anderes sehen als nur, was da geistig geschah.
HG|2|189|16|0|Ihr wart zwar wohl auch leiblich da; aber eure Leiber wurden, da sie verwundet waren durch eure Torheit, mit Öl gesalbt, welches euch die Wunden alsbald heilte, und lagen ruhig, in tiefen Schlaf versunken, hier herum auf dem weichen Rasen.
HG|2|189|17|0|Und erst, wie schon erwähnt, nach der nötigsten Reinigung des Geistes wurdet ihr samt dem Geist wieder erweckt und sodann wieder vor die leiblichen Augen der Menschen gestellt.
HG|2|189|18|0|Dass ihr aber noch eure ersten Leiber habt, mögt ihr ja daraus ersehen, dass dieselben noch die Narben haben, die euch eure Torheit geschlagen hatte!
HG|2|189|19|0|Daher könnt ihr auch noch vollends euch mit einem Mann verbinden und fähig sein, aufzunehmen seinen Samen also, wie ehedem vor der wunderbaren Reinigung eures Geistes!
HG|2|189|20|0|Daher fragt nicht mehr, ob ihr der Gnade wert seid, sondern esst nun und trinkt mit uns, damit ihr wieder stark werdet! Das aber nun mit euch geschehen ist, wird fürder mit keinem Weib mehr geschehen; denn solches war nur jetzt nötig des Lamech wegen. Fürder aber wird kommen das Gericht über jene, die so leben werden, wie ihr da gelebt habt!
HG|2|189|21|0|Vor den drei zum Thubalkain Gesandten aber schweigt davon vorderhand! Und so denn esst und trinkt im Namen des großen Gottes! Amen.“
HG|2|189|22|0|Und die Weiber fingen an, darob Gott zu loben und zu preisen, und setzten sich dann zu den Speisekörben. Und der Sethlahem ging nach dieser Vertröstung der Weiber auch wieder zurück zu seiner Gesellschaft und aß und trank daselbst.
HG|2|190|1|1|Die polternde Ankunft des Thubalkains
HG|2|190|1|1|Am 11. November 1842
HG|2|190|1|0|Als sich nun alle hinreichend gesättigt hatten, da standen sie auf, dankten Mir für die Gnade, und der Sethlahem sagte zu den Weibern und Mägden:
HG|2|190|2|0|„Ihr Weiber und Mägde, sammelt die Reste, und tuet sie in einen Korb zusammen, damit die bald zurückkehrenden Weiber auch ihren gerechten Teil zu ihrer Sättigung finden mögen!
HG|2|190|3|0|Die Körbe aber nehmt ihr zur Hand, und geht damit zur Stadt! Ordnet im Hause Lamechs alles, und fegt alle die Gemächer, damit sie rein werden zum Empfang des neuen Königs, der da nun geworden ist ein lieber Bruder zu uns! Also geht, und tuet das euch Anbefohlene! Amen.“
HG|2|190|4|0|Und alsobald legten die Weiber und Mägde ihre Hände an das anbefohlene Werk und lobten und priesen dabei Mich, darum sie für würdig befunden wurden, von Meinen Boten beschäftigt zu werden.
HG|2|190|5|0|Als diese Weiber und Mägde sich aber zur Stadt hinein begeben hatten, siehe, da kamen auch schon die anderen drei und hinter ihnen der raue Thubalkain mit einer tüchtigen Schar Bergleute, die schon mit allerlei für den Bergbau nötigen Werkzeugen versehen waren.
HG|2|190|6|0|Als sie nun vollends beim Lamech angelangt waren, da übernahm zuerst der Sethlahem die Weiber, führte sie an den Korb und behieß sie, dass sie sich durch Speise und Trank laben und stärken sollen. Als die Weiber solches vernommen hatten, da fing alsbald eine nahe überirdische Freude aus ihren Angesichtern an zu strahlen.
HG|2|190|7|0|Laut fingen sie an, Mich zu loben und zu preisen, und sagten nach dem zum Sethlahem:
HG|2|190|8|0|„O du großer Bote Dessen, den da unsere Zungen nie wert sein werden auszusprechen, sind wir denn wohl noch dieser Gnade wert, dass wir zu uns nehmen möchten diese sicher von euch gesegnete Speise, und sind wir wohl noch fähig, dieselbe zu uns zu nehmen?“
HG|2|190|9|0|Und der Sethlahem erwiderte den drei Weibern: „So ich es euch sage, warum fragt ihr da noch? Daher fragt nicht mehr, sondern seid heiteren Mutes, und esst und trinkt in aller Freudigkeit eures Herzens!
HG|2|190|10|0|Wenn ihr euch werdet gestärkt haben, sodann lobt Gott den Herrn, nehmt dann den Korb, und geht zur Stadt, und tuet im Hause Lamechs, was da schon tun eure Gefährtinnen! Amen.“
HG|2|190|11|0|Mit dem Bescheid waren die drei Weiber auch vollends zufrieden und begaben sich alsbald zum Korb, aßen und tranken; und nachdem sie Gott in ihren Herzen durch ihre große Freude gelobt hatten, erhoben sie sich und eilten zur Stadt in das Haus Lamechs.
HG|2|190|12|0|Gleichzeitig aber, während nämlich der Sethlahem mit den drei Weibern seine Sache abmachte, begannen auch die etwas schroffen Unterhandlungen mit dem Thubalkain von Seiten des Kisehel und Lamech, welche sogestaltig waren:
HG|2|190|13|0|Als der Thubalkain vor dem Lamech und vor den Boten mit seiner Schar Halt machte, da hob er alsbald einen schweren Hammer von seiner Achsel und schlug mit demselben so gewaltig auf den Boden, dass darob derselbe auf hundert Klafter im Umfang erbebte, und fragte dann mit einer höchst rauen Stimme:
HG|2|190|14|0|„Vater Lamech, was willst du von mir, das ich tun soll? Soll ich etwa diese sieben großen Gebirgslümmel mit meinem Hammer breitschlagen? Oder brauchst du neue Waffen?
HG|2|190|15|0|Oder soll ich etwa die Köpfe der Berge etwas mehr herabtreiben zur Tiefe? Rede, was du willst, das ich tun soll!“
HG|2|190|16|0|Lamech aber sah den Thubalkain sehr bedeutungsvoll an und sagte zu ihm, auf den Kisehel zeigend: „Nicht ich, sondern dieser da wird es dir sagen, was du zu tun hast!
HG|2|190|17|0|Poche aber nicht zu viel auf deinen schweren Hammer, sonst könnte er dir wohl zu schwer werden!“
HG|2|190|18|0|Hier wandte sich der Thubalkain alsogleich an den Kisehel und fragte ihn: „Also, wenn du mich hast rufen lassen, warum meldest du dich denn nicht?! Fürchtest du dich denn gar so sehr vor mir, oder ist dir fremd meine Zunge? Also rede, wenn du übrigens reden kannst!
HG|2|190|19|0|Die Weiber haben etwas von einem vorgefundenen edlen Metall gesprochen; sage, was hat’s damit für eine Bewandtnis?!“
HG|2|190|20|0|Und der Kisehel richtete sich auf und sagte zum Thubalkain, ihn gleichsam fragend: „Sage mir zuvor, aus welchem Grunde hast du soeben mit deinem Hammer also gewaltig auf das Erdreich geschlagen, und aus welchem Grunde hast du uns mit dem Namen ‚Gebirgslümmel‘ belegt, – sodann erst will ich dir meinen Willen kundtun! Also rede! Amen.“
HG|2|190|21|0|Und der Thubalkain verzog alsbald sein Gesicht in tausend grimmige Muskelfalten und sagte, wie aus einer Feueresse Zornfeuer sprühend: „Was sagst du, elende Kreatur?! Du Raubvogel der schönen Weiber aus der Stadt meines Vaters!?
HG|2|190|22|0|Soll ich dir sogleich deinen Schädel breitschlagen, oder erst nach einer Weile?!
HG|2|190|23|0|Da seht nur einmal her, das Schmarotzergeschmeiß von den Steinwänden herab will etwa gar noch eine Ehrung von uns?!
HG|2|190|24|0|Es wäre wirklich schade um meinen Hammer, dass er einen so dummen Kopf zermalmen solle!“
HG|2|190|25|0|Hier wandte er sich zu seiner Schar und sagte zu ihr: „Kehrt wieder zurück mit mir, denn für solche Lümmel ist unsere Bergkunst nicht geschaffen worden!
HG|2|190|26|0|Damit du großer Dummkopf aber wissest, warum ich dich einen ‚Lümmel‘ nenne, so sage ich dir: Weil du einer bist! Und das ist auch dein großes Glück; denn wärst du etwas weniger dumm, als du es von Natur aus bist oder wenigstens zu sein scheinst, so hättest du statt dieser Antwort wohl diesen Hammer gekostet und hättest dann sagen können, wie er dir geschmeckt hat! Verstehst du solches?!“
HG|2|190|27|0|Darauf hob der Thubalkain wieder seinen Hammer auf die Achsel und wollte gehen.
HG|2|190|28|0|Aber der Kisehel hob seine Hand empor, und donnerte: „Thubalkain! Ich sage dir, du bleibst! Amen.“
HG|2|191|1|1|Der grobe Thubalkain wird gelähmt
HG|2|191|1|1|Am 14. November 1842
HG|2|191|1|0|Als der Thubalkain solche festen Worte vom Kisehel vernommen hatte, da ward es ihm anfangs ein wenig bange, denn er hatte dem ersten Anschein nach dem Fremden bei weitem nicht so viel Mut zugetraut. Er hielt darum mit seinem Rückgang auch eine kurze Zeit inne, aber er ermannte sich wieder und sagte dann etwas hohnlächelnd:
HG|2|191|2|0|„Du willst mich etwa gar mit deinem Bärengebrüll in meinem Willen ändern und dir zu einem gehorsamsten Knecht machen?!
HG|2|191|3|0|Siehe, das kostet mich nur eine Lache, du armseliger Gebirgstropf! Wenn ich es nur der Mühe wert fände, so würde ich dir alsogleich dafür die Festigkeit unserer Hämmer zum Verkosten geben, aber da der mächtige Löwe sich nicht mit dem Mückenfangen abgibt – was ich tagtäglich an meinen zwei gefangenen lebendigen Tieren zu öfteren Malen schon beobachtet habe –, so will auch ich mich mit solchem Geschmeiß nicht abgeben! Verstehe, Lümmel, und mache nun, was du willst; ich aber gehe!“
HG|2|191|4|0|Hier wollte sich der Thubalkain wieder ans Gehen machen, aber es war vergebens seine Mühe, denn des Kisehel Wort und Wille aus Mir hatte des Erzmeisters Füße also gelähmt, dass derselbe gänzlich außerstande war, auch nur ein Glied an denselben in Bewegung zu bringen.
HG|2|191|5|0|Als der Thubalkain solches merkte, berief er seinen Vater Lamech zu sich und sagte ganz heimlich und ziemlich stark verlegen zu ihm: „Höre, wie ist mir denn, da ich keinen Fuß bewegen kann? Rate und helfe mir, sonst mache ich ja nun die allererbärmlichste lächerliche Figur vor diesen rohen Gebirgsdummköpfen noch obendrauf!“
HG|2|191|6|0|Und der Lamech sagte darauf zum Thubalkain: „Habe ich dir nicht zuvor gesagt und habe geredet: ‚Nehme dich in Acht, dass dir der Hammer nicht zu schwer wird!‘?! Siehe, die Vorsage deines Vaters ist eingetroffen; daher sehe zu, wie du mit diesen Gesandten des großen Gottes zurechtkommen wirst!
HG|2|191|7|0|Ich darf dir nun nicht mehr sagen, aber solches magst du wohl erfahren, dass mit jenen nicht gut streiten ist, denen die Elemente auf einen Wink gehorchen!
HG|2|191|8|0|Jetzt wisst ihr genug, und du für dich beinahe zu viel; sehe daher nun zu, wie du gleich wirst mit dem, dem du das Gewicht deines Hammers gezeigt hast!“
HG|2|191|9|0|Hier fing der Thubalkain gewaltigst an zu stutzen und dachte hin und her, was er tun solle.
HG|2|191|10|0|Endlich aber dachte er sich: „Wäre mit diesen also seienden Gottesboten etwas mit Gewalt auszurichten, so hätte solche mein Vater Lamech, gegen den ich nur ein sanftes Lamm war und noch bin, sicher in die vollste Anwendung gebracht!
HG|2|191|11|0|Er aber redet nun also, dass daraus erhellt, dass auch er gegen sie nichts vermag!
HG|2|191|12|0|O Vater Lamech! Jetzt verstehe ich dich erst; du bist selbst ein Besiegter!
HG|2|191|13|0|Ja, von dem Standpunkt aus betrachtet, dürfte mir mein Hammer freilich wohl etwas zu schwer werden, und es wird darum hier freilich wohl rätlicher und besser sein, zur Politik seine Zuflucht zu nehmen und sich unterdessen zu fügen, bis nicht ein anderer Wind gehen wird!
HG|2|191|14|0|Also will ich es denn auch machen, und sollte es kosten, was es wolle!“
HG|2|191|15|0|Hier wandte er sich an den Kisehel und richtete folgende Worte an ihn: „Mann von den Bergen! Lässt sich denn mit dir kein vernünftiges Wort reden, keines, was dir wohlverständigermaßen genehm wäre zur Beschlichtung meines und deines Willens?“
HG|2|191|16|0|Und der Kisehel erwiderte ihm: „Oh, nicht nur eines, sondern eine ganze Menge; aber nicht aus dem Grunde, als du mit mir reden möchtest! Bei mir ist alles voller Ernst und volle Wahrheit, aus Gottes ewiger Ordnung gehen meine Worte und meine Handlungen hervor!
HG|2|191|17|0|Willst du sonach mit mir fruchtend reden, so musst du auch aus vollstem, innerstem Ernst reden, aber nicht aus Politik, sonst ist jedes deiner Worte vergeblich!
HG|2|191|18|0|Menschen deinesgleichen magst du durch deine Politik wohl berücken; aber Menschen, wie wir da sind, denen ist derlei fremd. Denn sie sehen mittels der Gnade Gottes in die Herzen und wissen bis auf ein Atom, was in selbem vorgeht, daher es dann auch unmöglich ist, sie zu berücken auf dem Wege weltlicher Politik!
HG|2|191|19|0|Verstehst du solches? Ich sage dir, verstehe es, und bedenke es genau, denn du wirst diese Stelle nicht eher verlassen, als bis du alle Politik aus deinem Herzen wirst verbannt haben! Solches beachte und verstehe wohl! Amen.“
HG|2|192|1|1|Thubalkain plant, sich durch Schlauheit zu befreien. Kisehels Ermahnung
HG|2|192|1|1|Am 15. November 1842
HG|2|192|1|0|Als nach diesen Worten des Kisehel der Thubalkain merkte, dass allda auf dem Wege der Politik auch nichts zu machen ist, da fing er ganz ernstlich bei sich nachzudenken an und sprach folgendermaßen bei sich:
HG|2|192|2|0|„Diese Sache scheint in allem Ernst einen ernsthaften Charakter zu bekommen! Was ist da zu machen? Die Füße sind mir gelähmt, um davonzulaufen, tut sich’s somit auf keinen Fall!
HG|2|192|3|0|Verstellen, Politik, ist hier auf dem allerschlechtesten Platze; denn wo man wie ein Wassertropfen kleinst durchschaut wird, da möchte ich denn doch den kennen, der bei solchen Umständen weiterkäme mit der elenden Politik!
HG|2|192|4|0|Das ist nun zwar alles richtig; aber was bleibt dabei mir, dem gerade jetzt Übelbeteiligten, übrig?
HG|2|192|5|0|Das ist eine ganz andere Frage! Soll ich etwa gar diese sonderbare Gebirgsmannschaft um Vergebung wegen meines etwas rauen Benehmens gegen sie bitten?
HG|2|192|6|0|Ich, ein Königssohn, ein Erzmeister, von dem nun alles Wohl und Wehe des ganzen Volkes und Staates allein abhängt?
HG|2|192|7|0|Nein, nein, das wäre denn doch ein wenig zu viel und hieße diese Sache zu weit treiben!
HG|2|192|8|0|Ein mächtigster Königssohn – und abbitten?! Das wäre doch etwas zu stark!
HG|2|192|9|0|Aber was will ich denn machen? Er sagte zuvor, ich soll alles im vollsten Ernst nehmen, da kann ich mit ihm reden, soviel ich will; aber endlich sagte er auch, ich werde diese Stelle nicht verlassen, bevor nicht das letzte Stäubchen Politik aus mir verschwinden wird! Da hab’ ich’s ja schon! Mir ist es vollkommen ernst, diese Stelle zu verlassen und mich in mein Berg- und Erzwesen zurückzubegeben!
HG|2|192|10|0|Dahinter steckt doch sicher keine Politik? Ich kann ihn ja sonach auf die leichteste Weise beim Wort nehmen; lässt er mich aber dann etwa noch nicht los, so kann ich ihn ja auf der Stelle einer Lüge zeihen und als einen Lästerer seines Gottes bezeichnen, indem er doch offenkundig von sich ausgesagt hatte, bei ihm sei alles vollster Ernst und vollste Wahrheit in jeglichem seiner Worte und Handlungen aus der ewigen Ordnung Gottes!
HG|2|192|11|0|Oh, jetzt habe ich den lustigen Vogel schon! Bin ich nur einmal wieder auf freiem Fuße, dann mag er sechstausend Weiber nach mir senden, und der Thubalkain wird sich nicht rühren mehr aus seinen großen Werkgebäuden!“
HG|2|192|12|0|Hier fiel ihm der Kisehel in sein Gedankenwort und sagte zu ihm: „Thubalkain, sage mir, was du für ärger hältst: die Politik der Menschen oder die Schlauheit der Schlangen?“
HG|2|192|13|0|Hier stutzte der Thubalkain gewaltigst und wusste nicht, was er auf diese Frage für eine Antwort geben sollte, und schwieg somit überaus verlegen.
HG|2|192|14|0|Der Kisehel aber sprach also weiter und sagte: „Weil du gesehen hast, dass da mit mir und allen diesen meinen Brüdern auf dem Wege der Politik nichts auszurichten ist, so hast du dich darum der verschmitztesten Schlauheit der Schlangen in die Arme geworfen!
HG|2|192|15|0|Dass dir an dem Flottwerden deiner Füße sicher ernstlich gelegen ist, das unterliegt keinem Zweifel; so du mich aber durch diese deine alleinige eigennützige Wahrheit fangen willst, da irrst du dich allgewaltigst! Denn so du schon mit der Bosheit erstem Grad gegen mich nichts auszurichten vermagst, was wird dir hernach wohl der zweite, tiefere Grad nützen?
HG|2|192|16|0|Meinst du denn, ich werde darum ein Gotteslästerer, so ich deine Füße dir nicht flott mache deiner Schlauheit wegen?
HG|2|192|17|0|O mitnichten, denn ich kenne Gott und tue nichts als nur, was Sein heiliger Geist zu tun mich nötigt, nach meinem Ihm allein ganz ergebenen Willen.
HG|2|192|18|0|Darum werde ich zur listigen Folge deiner Schlauheit noch kein Gotteslästerer; wohl aber bist es du, indem du nicht mich, sondern nur den Geist Gottes berücken möchtest, so es dir nur irgend auf eine Art möglich wäre!
HG|2|192|19|0|Ich sage dir, wärest du nicht ein Heide und ein Diener des Drachen, so möchte dir gar übel zu stehen kommen solch ein Plan!
HG|2|192|20|0|Du aber kennst den alleinig wahren Gott nicht; darum kann dir auch ein solcher Gedanke, so du ihn ernstlich bereust, nachgesehen werden!
HG|2|192|21|0|Willst du aber erlöst sein, so kehre dich an den alleinig wahren ewigen Gott, den dir noch deine Mutter aus dem Munde Faraks verkündet hatte, und nicht zu mir; denn nicht ich, sondern Gottes Gnade hat dir gelähmt die Füße.
HG|2|192|22|0|Ich bin nur ein Mensch wie du, aber ein Mensch nach dem Willen Gottes, und erkenne meine vollste Nichtigkeit vor Ihm.
HG|2|192|23|0|Werde du desgleichen, und tue, das ich tue; erkenne deine große Torheit, erkenne deine Schuld, erkenne Gott, so wirst du frei werden!
HG|2|192|24|0|Verstehe solches, und tue danach! Amen.“
HG|2|193|1|1|Der ruhiger gewordene Thubalkain wird von seinem Bann befreit
HG|2|193|1|1|Am 17. November 1842
HG|2|193|1|0|Nach diesen Worten Kisehels fing der Thubalkain überaus gewaltigst zu stutzen an. Denn dass der Kisehel wohl in sein Inneres Blicke tun mochte, solches war ihm nicht mehr fremd; dass aber der Kisehel auch für jeden einzelnen Gedanken, der da aufstieg in seiner Seele, ganz genau wissen konnte, das war für unseren Thubalkain doch ein wenig zu viel, und er wusste sich nun nicht mehr zu helfen.
HG|2|193|2|0|Also brütete er eine Zeit lang wie stumm dahin; nach einer Zeit erst wandte er sich wieder zum Kisehel und richtete folgende Worte an ihn, sagend nämlich:
HG|2|193|3|0|„Höre, du alsonach großer und mächtiger Bote des Gottes Faraks an uns Bewohner der Tiefen, mir ist diese meine Lage sehr unangenehm! Mache, dass ich wieder frei werde, und ich will dann offen reden mit dir; denn siehe, dieses Gebanntsein ist mir gewaltig lästig, und ich vermag in diesem Zustand kein freies Wort mit dir zu reden!
HG|2|193|4|0|Soll ich mit meiner Kunst dir etwas nützen, da muss ich frei sein; sonst hast du mich so oder so vergebens hierherkommen lassen.
HG|2|193|5|0|Wenn ich etwas roh mich gegen dich benommen habe, so wird dir der Grund sicher auch aus der Ursache nicht fremd sein, aus welcher du wissen kannst, was ich in mir denke!
HG|2|193|6|0|Siehe, es ist sicher nichts Kleines daran, sein über alles schönstes und auch geliebtes Weib zu verlieren! Und durch wen? Du weißt es sicher besser als ich!
HG|2|193|7|0|Doch will ich alles vergessen, so du mich wieder frei lässt und ich mit dir offen reden kann!
HG|2|193|8|0|Hier ging der Kisehel hin zum Thubalkain, ergriff seine Hand und sagte dann zu ihm:
HG|2|193|9|0|„Thubalkain, im Namen Jehovas, des alleinig wahren allmächtigen großen Gottes, sage ich dir: Sei frei, und wandle und handle gerecht! Es geschehe!“
HG|2|193|10|0|Alsogleich ward der Thubalkain frei und konnte gehen wie zuvor, und der Kisehel sagte darauf zu ihm: „Siehe, nun bist du frei; was willst du nun tun?“
HG|2|193|11|0|Und der Thubalkain erwiderte: „So höre denn: Das Erste sei, dass du an meiner statt deinen allmächtigen Gott lobst und preist, darum Er dir und mir also gnädig war und hat mich frei gemacht durch dein Wort; dann aber vertraue mir endlich dein Anliegen, damit ich tun kann, darum du mich hast rufen lassen; und habe ich dir gedient zu deiner Zufriedenheit, sodann wirst du dem Arbeiter auch einen kleinen Lohn nicht versagen!
HG|2|193|12|0|Siehe, das ist alles, was ich nun tun will, und was ich verlange!
HG|2|193|13|0|Doch möchte ich dir darum nichts vorgezeichnet haben; denn du bist mächtig und weise.
HG|2|193|14|0|Bemesse demnach diese meine Worte, und gebiete dann nach deiner Weisheit, und ich werde dir dienen darin!“
HG|2|193|15|0|Und der Kisehel fragte den Thubalkain weiter und sagte zu ihm: „Und worin soll denn der kleine Lohn bestehen? Sage es uns allen; denn siehe, solches wissen wir gar wohl, dass da ein jeder Arbeiter seines Lohnes wert ist! Darum spreche dich näher aus!“
HG|2|193|16|0|Und der Thubalkain sagte zu ihm: „Was soll ich viel reden, du liest es ja ohnehin in meinem Herzen, was eben demselben abgeht! Ich bin allein seit dem Verlusttag meines süßen Weibes Naëme!
HG|2|193|17|0|Ich verlange nicht die Naëme – denn diese ist für mich verloren –, aber ein anderes Weib beschere mir, und ich bin belohnt zur größten Genüge meines Herzens!“
HG|2|193|18|0|Und der Kisehel sagte darauf zum Thubalkain: „Gut, es soll dir werden nach deinem Wunsch, und das heute noch im Haus deines Vaters!
HG|2|193|19|0|Wenn du aber diesen Lohn haben wirst, wirst du dann wohl schon vollends zufrieden sein?“
HG|2|193|20|0|Da stutzte der Thubalkain eine Zeit lang, fasste sich aber endlich und antwortete: „Oh! Es gäbe wohl noch etwas! Aber das ist nicht für uns Bewohner der Tiefe!“
HG|2|193|21|0|Und der Kisehel sagte darauf: „Ja, mache deine Sache gut; wahrlich, so du deine Arbeit aus Liebe zu Gott verrichten wirst, da sollst du auch die Höhen betreten und sollst sehen und sprechen den Erzvater Adam, die Erzmutter Eva und alle die Erzväter, den alleinigen Hohepriester Henoch, und sollst dann gesättigt werden in der Küche der Purista!
HG|2|193|22|0|Aber hier zu unseren Füßen liegt das rohe Erz, betrachte es; dieses sollst du mir schmelzen, dann hämmern zu Blech, damit wir damit den Tempel Jehovas decken mögen!
HG|2|193|23|0|Siehe, das ist alles, was ich von dir verlange; also mache dich ans Werk! Amen.“
HG|2|194|1|1|Nach Thubalkains Gebet und auf Kisehels Bitte erscheint eine lichte Wolke, aus welcher der Herr spricht
HG|2|194|1|1|Am 18. November 1842
HG|2|194|1|0|Hier fiel der Thubalkain auf sein Angesicht nieder vor dem Kisehel und fing Gott also zu loben an: „Großer, mir noch unbekannter, allmächtiger Gott! Mein Herz regt sich mächtig, erfüllt von heißem Dank und Lob! Ich möchte Dich ja loben und preisen über alle Maßen meines ganzen Lebens, allein ich bin ja wie ein vollends Blinder und Tauber; denn ich weiß ja nicht, wo Du bist, und habe außer den Flüsterworten meiner bedrängten und furchtsamen Mutter nie etwas von Dir vernommen.
HG|2|194|2|0|Sei daher mir Armem und Schwachem vor Dir und Deinem Volk gnädig, und lasse Dich erkennen, erschauen und vernehmen von mir und in mir also, wie Du bist, und wo Du bist für den Menschen der Erde!
HG|2|194|3|0|Lasse Dich vernehmen, erschauen und erkennen, damit ich Dich geziemend loben, danken, anbeten und rühmen könnte! Siehe, ich sehe wohl Deine Werke und betrachte sie mit großer Lust und nicht selten wieder mit großer Furcht; Deine mächtigen Kinder stehen vor mir; also sehe ich wohl die Werke, aber der große Werkmeister ist mir fremd, und sehe die zahllosen Geschöpfe; wo aber bist Du, o Schöpfer, damit ich Dir darbrächte mein Lob?!
HG|2|194|4|0|Deine mächtigen Kinder hast Du als heilbringende Boten zu uns herab in die Tiefen gesandt; ja sie sind leibhaftig hier, reden von Dir, zeugen von Dir und handeln in Deinem allerheiligsten Namen; wo aber bist Du, o allerheiligster Vater solcher Kinder?!
HG|2|194|5|0|Dich, Dich möchte ich nun näher kennen! Komme herab, komme auch zu uns armen Sündern! Sind wir auch aus Kahin, dem Vater der Sünde und des Gerichtes, hervorgegangen, so aber ist ja doch auch dieser aus Deinem Sohn Adam hervorgegangen!
HG|2|194|6|0|Mag er vielleicht Deiner Erbarmung unwert gewesen sein, da Du zu heilig bist; wir aber können ja alle nichts darum, darum wir zu seinen Nachkommen geworden sind!
HG|2|194|7|0|Daher sei uns gnädig und barmherzig, und lasse uns auch nur einen Gnadenstrahl, aber aus Dir, vollkommen allein aus Dir lasse uns einen Strahl zukommen, damit wir erfahren möchten vollends in uns, wie und wo Du bist, darum wir Dich dann auch allein loben und preisen möchten!
HG|2|194|8|0|Werden wir Dich dann auch als Sünder loben und preisen, o Herr, so wirst Du uns darum nicht verstoßen, da wir aus der Sünde in die Sünde sind geboren worden!
HG|2|194|9|0|Siehe, die Nacht ist Nacht, und alle ihre zahllosen Leuchten sind ganz entsetzlich schwach auch nur gegen einen schwächsten Strahl aus der Sonne!
HG|2|194|10|0|Also, Vater dieser Deiner Kinder, die nun als Sterne unsere dicke Nacht erhellen, lasse uns auch nur einen schwächsten Strahl aus Dir zukommen, und unsere sündige Nacht wird sich sicher in einen hellen Tag verwandeln!
HG|2|194|11|0|Ja, unsere Nacht ist und bleibt Nacht trotz dieser herrlichen Sterne; aber ein Strahl nur aus Dir, und unsere Nacht wird endlich aufhören, Nacht zu sein, und wir werden Dich am Tage Deiner großen Herrlichkeit loben und preisen, und alle unsere nachtsteifen Knie und Herzen werden sich allertiefst beugen vor Deinem allerheiligsten Namen!
HG|2|194|12|0|Siehe, ich Thubalkain, ein Sohn der Nacht liegt hier vor Dir im Staube seiner Nichtigkeit! Ein Sünder fleht zu Dir um Gnade und Erbarmung! Er möchte Dich loben und preisen, aber er kennt Dich nicht; daher lasse Dich erkennen von ihm!“
HG|2|194|13|0|Nach diesen Worten verstummte er und weinte in den Staub der Erde.
HG|2|194|14|0|Der Kisehel aber bog sich zur Erde, hob den Thubalkain auf und sagte dann zu ihm: „Thubalkain! Also bist uns auch du ein Bruder geworden?!“
HG|2|194|15|0|Hier richtete der Kisehel seine Augen nach oben und sprach, wie folgt:
HG|2|194|16|0|„O Vater, ich lobe und preise Dich in diesem neuen Bruder; denn Du allein ja hast das Werk vollbracht und hast uns auch im Thubalkain geschenkt einen neuen herrlichen Bruder! Nicht umsonst hast Du ihn schon lange als Erzmeister vorbereitet, nicht umsonst hast Du ihn schon von Ewigkeit ausersehen, damit er reinige das Gold der Erde und mache es beugsam und schmiegsam!
HG|2|194|17|0|Denn Du hattest es vorgesehen, dass uns durch ihn ein neuer herrlicher Bruder werden solle, der da nicht nur das edle Erz der Erde im Feuer geschmeidig und lieblich anzusehen machen soll, sondern vielmehr das Erz im Herzen der Menschen erwecken und im großen Feuereifer seiner Liebe zu Dir geschmeidig, beugsam, und gar lieblich anzusehen machen wird.
HG|2|194|18|0|Darum Dir alles Lob, allen Preis und alle unsere Liebe!
HG|2|194|19|0|O Vater, siehe, dieser neue Bruder ist noch blind und kann Dich noch nicht erschauen; daher möchtest Du ihm ja wohl seine Bitte allgnädigst gewähren!
HG|2|194|20|0|So es Dein heiliger Wille wäre, möchtest Du denn diese meine Bitte erhören und ihm spenden einen Strahl Deiner Gnade in sein Herz, das da zu Dir gewendet ist voll glühender Liebe und Sehnsucht zu Dir, Du heiliger Vater!
HG|2|194|21|0|O erhöre uns, erhöre uns! Dein heiliger Name werde geheiligt, und Dein Wille geschehe allzeit, wie ewig! Amen.“
HG|2|194|22|0|Diese Worte Kisehels brachen dem Thubalkain, wie auch dem Lamech, vollends das Herz, so dass da beide laut zu weinen anfingen; nach einer kurzen Zeit aber senkte sich eine lichte Wolke vor diese Gesellschaft nieder, und der Lamech und der Thubalkain wussten nicht, was daraus da werden solle, darum sie sich denn auch gewaltigst zu fürchten anfingen.
HG|2|194|23|0|Aber bald sprach eine väterliche Stimme aus der Wolke: „Thubalkain, siehe, Den du nicht kennst, ist nun vor dir, der Vater der Menschen und der allmächtige Schöpfer aller Dinge!
HG|2|194|24|0|Höre, Ich habe dein Herz angesehen und habe es gereinigt befunden! Darum sollst du auch erweckt werden für ewig aus deiner Nacht; und einen Geist aus Mir will Ich in dein Herz legen, dieser wird dich in alle Weisheit leiten.
HG|2|194|25|0|Da aber Meine Boten noch hier sind, so höre sie, denn sie sollen diesen Geist in dir erwecken! Verherrliche Meinen Namen, und Ich will dir und allem Volk gnädig sein; denn Ich bin heilig, heilig, heilig, ewig und unendlich! Amen.“
HG|2|194|26|0|Darauf verschwand die Wolke, und alle fielen auf ihre Angesichter und gaben Gott die Ehre in aller Demut und Zerknirschung ihrer Herzen.
HG|2|195|1|1|Thubalkains Anordnungen zur Goldgewinnung
HG|2|195|1|1|Am 21. November 1842
HG|2|195|1|0|Nachdem sie alsogestalt Gott bei einer Stunde lang gelobt und gepriesen hatten, erhob sich endlich auf ein inneres Geheiß der Kisehel und sagte zu den anderen:
HG|2|195|2|0|„Im Namen des alleinigen, einigen, allmächtigen Gottes sage ich euch, ersteht samt mir; denn also ist es der heilige Wille Dessen, der vor uns war und hat geredet Worte des Lebens, der Gnade und der Erbarmung!“
HG|2|195|3|0|Und alle erstanden auf diesen Anruf des Kisehel. Als sie aber alle sich gestärkt und überaus getrost erhoben hatten vom Boden, da auch wandte sich der Kisehel alsbald an den Thubalkain und sagte zu ihm:
HG|2|195|4|0|„Bruder Thubalkain, höre! Da es des Herrn Wille ist, also magst du deine Arbeiter wohl herbeirufen und ihnen zeigen die Arbeit; und sie sollen sogleich beginnen und arbeiten die ganze Nacht hindurch.
HG|2|195|5|0|Also aber, wie sie das Erz der Berge geschmolzen haben mittels des Bergsalzes und des starken Feuers, sollen sie auch dieses Erz schmelzen; und wenn sie der Klumpen reinen Erzes in großer Menge haben werden, dann erst soll dem Schmelzen Einhalt getan werden.
HG|2|195|6|0|Eine gerecht große Menge aber soll bestehen aus siebzehnhundert Klumpen. Alsonach verordne die Sache! Amen.“
HG|2|195|7|0|Und der Thubalkain berief alsbald die große Schar seiner Arbeiter zu sich, zeigte ihnen das rohe Erz an und belehrte sie dann, wie sie es anschicken sollten, um dasselbe zu schmelzen und in runde Klumpen zu formen.
HG|2|195|8|0|Als die Arbeiter solches nun vollends begriffen, da fragte ihn sein oberster Werkmeister:
HG|2|195|9|0|„O Herr und gestrenger Gebieter, es ist alles gut und wohl dargetan; nur erlaube, dass ich dich frage, und zürne nicht darob, so ich dir die Frage stelle und ehrerbietigst sage: Wir haben der Arbeiter in gerechter Menge, und des Erzes ist in großer Fülle vorhanden; woher sollen wir aber das Holz und das Salz nehmen? Denn ohne dem geht das Schmelzen nicht!
HG|2|195|10|0|Sollen wir unser Holz hierher schaffen und unser Salz gebrauchen, oder haben wir solches alles aus der Stadt zu nehmen?“
HG|2|195|11|0|Und der Thubalkain sagte zum Werkmeister: „Höre, so ich die Arbeit übernommen habe, da habe ich sie ganz übernommen, und dazu gehört dann ja auch das Holz und das Salz!
HG|2|195|12|0|Ich sage dir aber, nicht nur das Holz und das Salz, sondern auch die ganze Verpflegung wird von mir aus bestritten und so auch der Arbeitslohn!
HG|2|195|13|0|Daher schafft alsbald alles herbei, was zu dem Werk nottut, und trachtet, dass dasselbe längstens in einer Stunde begonnen wird; das heißt, sobald die Sonne unter die Berge sich senken wird, muss hier das Feuer schon tätig sein!
HG|2|195|14|0|Macht aber wenigstens hundert drei Spannen tiefe Gruben für die Erzfeuerung, und lasst dazu alle die zweitausend Arbeiter treten, so wird unter dem neuen Segen des alleinig wahren allmächtigen Gottes das Werk gut vonstattengehen!
HG|2|195|15|0|Lasse daher hundert Arbeiter sogleich die Gruben machen, zweihundert sollen das Holz herbeischaffen, zweihundert das Salz, hundert sollen Nahrung herbeischaffen, zweihundert sollen das rohe Erz graben, und zweihundert sollen dasselbe braten und schmelzen. Und wenn eine Grube voll sein wird, dann lasse es dreißig Handschwingungen lang abkühlen, schaffe sonach den Klumpen aus der Grube, und beginne alsbald mit einer neuen Feuerung!
HG|2|195|16|0|Wenn ihr also emsig die Nacht hindurch arbeitet, so dürften wir bis morgen dieses Metalles in der völlig hinreichenden Menge haben.
HG|2|195|17|0|Morgen lassen wir dann die schweren Fußhebelhämmer herbeischaffen, und ehe die Sonne untergehen wird, sollen die Klumpen in zierliche Platten ausgetrieben sein.
HG|2|195|18|0|Jetzt weißt du alles, gehe nun und handle! Es geschehe!“
HG|2|195|19|0|Alsbald begab sich der Werkmeister ans Werk, und der Kisehel sagte darauf zum Thubalkain: „Bruder, du hast die Sache gut geordnet, gesegnet sei darum das Werk! Wahrlich, sage ich dir, morgen sollst du Wunder schauen; denn deine Arbeiter werden so viel dieses Metalles gewinnen, dass es dich erschauern wird beim Anblick desselben!
HG|2|195|20|0|Doch lassen wir dieses nun gut sein, denn es ist nun alles geordnet!
HG|2|195|21|0|Du, Bruder Lamech, nehme die Tafel und gehe voran, wir aber werden dir folgen in dein Haus. Alldort wollen wir dieses Heiligtum bis zur Vollendung des Tempels verwahren; nach dem aber wollen wir alle deine Gäste sein, und du wirst unser Bruder und Wirt sein!
HG|2|195|22|0|An deinem Tisch werden wir speisen und in deinem Haus loben den heiligsten Namen des liebevollsten Vaters aller Menschen!
HG|2|195|23|0|Und du, Bruder Thubalkain, sollst an meiner Seite gehen und heute noch in deines Vaters Hause empfangen den bedungenen Lohn; denn du weißt, dass in deines Vaters Hause der Weiber und der Mägde es in großer Menge gibt. Siehe, diese sind ganz gereinigt nun, und dir soll aus der großen Zahl die rechte werden! Und also begeben wir uns dahin! Amen.“
HG|2|195|24|0|Und alsogleich erfasste mit der größten Ehrfurcht und Liebe der Lamech das Heiligtum, ging voran, und der Thubalkain an der Seite des Kisehel und die anderen Boten folgten ihm.
HG|2|195|25|0|Als sie sich aber der Stadt nahten, da kam ihnen eine große Volksmenge entgegen und schrie: „Ehre Gott in der Höhe, darum Er den Lamech gemacht hatte zu einem rechten König!“ Und also rief das Volk noch lange in die Nacht hinein.
HG|2|195|26|0|Der Lamech war gerührt, dass er laut weinte.
HG|2|196|1|1|Vorbereitungen zum Festmahl im Thronsaal. Kisehels Rede über die Reinigung des Herzens
HG|2|196|1|1|Am 22. November 1842
HG|2|196|1|0|Als sie bereits in der Residenz Lamechs angelangt waren, da kamen ihnen alle die Weiber und Mägde entgegen, fielen vor ihnen nieder auf die Knie und lobten mit verhüllten Angesichtern den Namen, der da gezeichnet war auf der steinernen Tafel, welche der Lamech trug.
HG|2|196|2|0|Der Kisehel aber sagte zum Sethlahem: „Bruder, siehe die Weiber! Nach deinem Wort in dir behandle sie!“
HG|2|196|3|0|Und der Sethlahem hieß alsbald die Weiber und Mägde erstehen und sagte dann noch weiteres zu ihnen:
HG|2|196|4|0|„Geht und bestellt ein gutes Mahl, lasst heute ein Lamm schlachten und es wohl zurichten für den neuen König, und ein gemästetes Kalb soll zubereitet werden für den neuen Bräutigam und für dessen Braut!
HG|2|196|5|0|Also auch sorgt für Brot und für edle Früchte, und es sollen nicht mangeln gute, reine Getränke!
HG|2|196|6|0|Also geht zum Speisemeister, und bestellt solches alles auf das Zierlichste! Amen.“
HG|2|196|7|0|Und die Weiber und die Mägde eilten und besorgten alles Anbefohlene genau.
HG|2|196|8|0|Als aber nach dem die ganze Gesellschaft in den großen Königssaal trat, da blieb der Lamech stehen und sagte zum Kisehel: „Großer, mächtigster Freund und vollends wahrster und gerechtester Gesandter des allmächtigen großen Gottes, siehe, mich erschaudert nun durch und durch der Anblick meines vorigen Gräuelherrscherthrones, und es tauchen wieder alle meine Gräuel in meiner Seele auf, wie da schwere Wetterwolken aus den großen Gewässern auftauchen in der schwülen Nacht.
HG|2|196|9|0|Wäre es denn dir nicht genehm, dass wir diesen vermeiden möchten und beziehen ein anderes großes Gemach, welches mir freundlicher vorkäme denn gerade dieses, allda ich mich als ein Gott habe förmlich anbeten lassen.
HG|2|196|10|0|Und habe von eben dem Thron, der von der armen Menschheit blutigen Tränen ist errichtet worden, auch noch dazu die allergrausamsten heimlichen und offenbaren Gebote gegeben!
HG|2|196|11|0|O Freund, wenn es dir darum genehm wäre, da möchte ich dich wohl aus allen meinen Kräften bitten, wie ich schon gesagt habe, ein anderes Gemach zu beziehen!“
HG|2|196|12|0|Und der Kisehel aber erwiderte dem Lamech und sagte: „Bruder, gerade das ist das allerpassendste Gemach dieses deines ganzen großen Palastes!
HG|2|196|13|0|Denn willst du ganz vollkommen genesen in deinem Herzen und deinem Geist, so musst du dein Herz auch vollends reinigen von allem alten Unrat; solches aber kann nur dadurch bewerkstelligt werden, dass dein Geist sich mehr und mehr entzündet und in seinem Feuer all den Unrat in deinem Herzen verzehrt.
HG|2|196|14|0|Wie aber kann wohl der Geist füglicher zur Entzündung gebracht werden als eben durch den Druck von allen Seiten, welcher durch die erwachte Gefühlslast deiner verübten Gräueltaten bewirkt wird?
HG|2|196|15|0|Nun aber merkst du eben in diesem Gemach diesen lästigen Druck, und das ist ja auch, was du dir am sehnlichsten wünschen sollst! Die argen Erinnerungen drücken dich, und das ist gut, denn eben dieser Druck wird dich frei machen.
HG|2|196|16|0|Siehe, was willst du denn tun? Kannst du das Geschehene ungeschehen machen? Kannst du dich je frei machen von deinen Taten? Ich sage dir, lieber Bruder, solches ist dir ewig unmöglich, solange du die Erinnerung deines Gefühls an dieselben fliehst!
HG|2|196|17|0|Nur eines kann dein Herz und sodann auch deinen Geist frei machen, und dieses Eine ist die Wahrheit!
HG|2|196|18|0|Diese musst du suchen in allem, so wird ihr Feuer den Unflat in dir verzehren, und du wirst dann freien Geistes einhergehen und in diesem freien Geiste erst dann vollends erkennen, was eigentlich die Sünde ist, und wie es dem Herrn ein Leichtes ist, dich endlich aller deiner Sünden zu entheben, und wäre ihre Zahl größer denn die des Grases auf der Erde und des Sandes im Meer!
HG|2|196|19|0|Also werden wir in diesem Gemach verbleiben und diese Tafel einstweilen auf dem festlich geschmückten Thron aufstellen zum Zeugnis, wessen in der Zukunft der eigentliche Herrscherthron sein soll.
HG|2|196|20|0|Und so denn trage die Tafel hin auf den Thron, und stelle sie dort auf; allda soll sie bis zur Vollendung des Tempels bleiben! Amen.“
HG|2|196|21|0|Und der Lamech stellte sich zufrieden und tat alsogleich, was ihm der Kisehel beheißen hatte, und lobte und pries darauf den heiligen Namen auf der Tafel.
HG|2|197|1|1|Lamechs liebeerfüllte Verehrung des heiligen Namens. Vom Reinigungsfeuer der Gottesliebe
HG|2|197|1|1|Am 23. November 1842
HG|2|197|1|0|Der Lamech aber fand großes Wohlbehagen an der Verehrung des heiligsten Namens also, dass er nicht erstehen wollte; denn je mehr er stets tiefer und tiefer den Namen fasste, desto mehr ward er auch ergriffen im Herzen und im Geiste, und konnte sich darob nicht trennen von dem Ort, allda ihn die Liebe zu Gott so mächtig zu fesseln anfing.
HG|2|197|2|0|Der Kisehel aber beließ ihm die hehre Lust seines Geistes, damit er sich mehr und mehr feste in der mächtigen lebendigen Liebe zu Gott.
HG|2|197|3|0|Da aber der Thubalkain solches sah, verwunderte er sich über seinen Vater Lamech und sagte zum Kisehel:
HG|2|197|4|0|„Höre, großer mächtiger Freund und Bruder nach deinem Wort, wahrlich, so mir jemand gesagt hätte: ‚Morgen wird aus der Erde ein Baum erwachsen, der mit seinen Ästen bis zur Abendzeit das Firmament erreichen wird!‘, so hätte ich solches eher für möglich gehalten als eine solche plötzliche Umkehr meines Vaters!
HG|2|197|5|0|Es sind ja noch kaum etwa bei acht Tage verflossen, als Lamech den Himmel und die ganze Erde zu vernichten geschworen hatte, – und jetzt liegt er im Staub zerknirscht vor dem, das er so gräuelhaft bitter verflucht hatte!
HG|2|197|6|0|Wahrlich, das ist das größte Wunder, das die ganze Erde samt ihrer Werdung mit allem dem, was in ihr, auf ihr und über ihr ist, aufzuweisen hat!
HG|2|197|7|0|Ja, ich sage dir, mächtiger Freund und Bruder, wenn du mit deiner Kraft Berge versetzt hättest, so hättest du mich dadurch von deiner rein göttlichen Sendung nicht so mächtigst überzeugt, als eben durch dieses unerhörte Wunder!
HG|2|197|8|0|Ja, jetzt glaube ich erst vollends, dass ihr rein von Gott hierher gesandt seid! Denn die Wunder draußen haben mich wohl gefangen, aber überzeugt haben sie mich weniger; denn sie sind zu rasch aufeinandergefolgt, dass ich mir nicht helfen konnte, sondern ward nur genötigt wie ein vollends Besiegter und musste mich fügen, von meiner Ohnmacht und auch beiseitiger Überzeugung getrieben.
HG|2|197|9|0|Jetzt aber erwacht mein freier Wille, und so bin ich kein genötigter Bekenner mehr alles dessen, was ihr uns schon gelehrt habt und sicher noch ferner lehren werdet, sondern jetzt will ich frei aus mir heraus, was ihr wollt aus dem allerheiligsten Willen des allmächtigen Gottes heraus!
HG|2|197|10|0|Daher lasst auch nun mich hingehen zum Thron und allda tun, was also erbaulichst nun tut mein Vater Lamech! Euer Wille in Gott geschehe!“
HG|2|197|11|0|Und der Kisehel erwiderte dem Thubalkain: „Bruder, solches ist recht und billig von dir! Gehe hin und stärke dich für die kommende Versuchung; denn wem der heilige Vater durch ein Wunder hilft, den prüft Er dann auch stärker denn einen, der da allein durch das Wort zu Ihm ist bekehrt worden.
HG|2|197|12|0|Ich sage dir, es muss zuvor alles durchs Feuer gehen, bis es sich Gott nahen kann im Herzen und im Geiste! Du bist zwar bekehrt, und der Lamech ist es auch, und das auf eine wunderbarste Art; aber in diesem Bekehrungszustand gleicht ihr noch dem Erz, das da in der Erde gefunden wird und gewisserart als ein Unrat derselben zu betrachten ist. Soll das Erz fest und brauchbar werden, so muss es durchs Feuer wandern.
HG|2|197|13|0|Siehe, also wirst auch du und der Lamech noch eher müssen durchs Feuer wandern und vom selben ganz geschmolzen werden, bevor ihr die wahre Festigkeit im Glauben, in der Liebe und Treue zu Gott erlangen werdet!
HG|2|197|14|0|Darum also magst du wohl auch hingehen und dich gleich deinem Vater stärken für jede möglicherweise kommende und sicher zu erwartende Prüfung von oben!“
HG|2|197|15|0|Diese Worte erschreckten den Thubalkain also sehr, dass er darob zu beben anfing und am Ende kaum die Frage stotternd herausbrachte:
HG|2|197|16|0|„O Freund! – Werde – ich – und der – Vater Lamech – denn – müssen – im – Feuer verbrannt – werden?“
HG|2|197|17|0|Und der Kisehel erwiderte: „Oh, was Törichtes gedenkst du?!
HG|2|197|18|0|Nicht ein Funke wird euren Leib berühren; aber das Feuer eurer Liebe zu Gott wird euch müssen zuvor in allem eurem noch in euch verborgen haftenden Welttum verzehren! Alsdann erst werdet ihr euch, wie schon gesagt, Gott nahen können, und alle eure Sünde wird dadurch von euch genommen werden also, wie sie von mir genommen ward, da auch ich ein Sünder war vor Gott.
HG|2|197|19|0|Auch ich ward durch ein Wunder bekehrt und musste darauf ein starkes Feuer bestehen und bestehe es jetzt noch! Also wird es auch euch ergehen; daher gehe nur wohlgemut hin zu deinem Vater, und tue desgleichen, das er nun tut, so wirst du viel stärkende Gnade finden und wirst dadurch die kommenden Prüfungen leicht und fröhlichen Mutes bestehen! Amen.“
HG|2|198|1|1|Lamechs Siegesrede und zerknirschtes Bekenntnis
HG|2|198|1|1|Am 24. November 1842
HG|2|198|1|0|Und der Thubalkain ging alsbald fröhlicheren Mutes hin zu seinem Vater Lamech, fiel alldort auf sein Angesicht nieder, überdachte all sein früheres Tun und Treiben und bat nachher in der Fülle der Reue seines Herzens den nun erkannten einig wahren Gott um Vergebung aller jener Handlungen, die er verübt hatte entgegen den wohlvernehmbaren Mahnungen seines Herzens.
HG|2|198|2|0|Bei einer guten Stunde lang dauerte die Verherrlichung des allerheiligsten Namens, als endlich der sehr erbaute Lamech sich wieder erhob und vor dem Thron ausrief: „Es ist errungen; der große Sieg ist mein!
HG|2|198|3|0|O hört es, ihr Völker alle! Der Herr, der unendlich allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde, der ewige große Gott, gegen den wir alle gräuelhaftigst gefrevelt haben, hat uns angesehen und hat unserer großen Blindheit willen aufgehoben das gerechte Gericht, das uns alle auf ewig in den Tod verschlungen hätte!
HG|2|198|4|0|Darum will ich frohlocken mein Leben lang, da der Herr also gnädig ist und voll der größten Geduld, Langmut, Liebe und Erbarmung!
HG|2|198|5|0|Mächtig groß war meine Bosheit, und ich wollte mit derselben in die Himmel des Lebens dringen; aber aus meiner Bosheit hat der Herr erkannt meine Armut und hat Sich meiner erbarmt!
HG|2|198|6|0|Darum sei Ihm allein ewig nun und fortan all mein Lob!
HG|2|198|7|0|O Herr, ich will Dich fortan loben mit tausend Zungen, darum Du also gnädig, mild und barmherzig bist!
HG|2|198|8|0|O du mein armseliger Thron! Du ehemaliger Machtsitz der Gesetze zu Gräueltaten, du mein getreuestes Ebenmaß, – was warst du?! Und was bist du jetzt?! Von dir aus verdammte ich das, das du jetzt trägst!
HG|2|198|9|0|O Herr, wie groß muss denn doch Deine Güte sein, wie groß Deine Liebe, auf dass Du es geduldest und ertragest, Deinen allerheiligsten Namen vom selben Stuhl tragen zu sehen, welcher Stuhl ein Träger von so vielen, ja zahllosen Gräueln war!
HG|2|198|10|0|Oh, so lobe denn du, mein Geist, den Herrn, da Er von solcher unaussprechlichen Güte ist ewig!
HG|2|198|11|0|Herr, Du Liebegerechter! Was soll ich denn tun, damit ich dereinst doch nicht gar so gräuelhaft vor Dir erscheinen möchte?
HG|2|198|12|0|O lasse es mir gnädigst durch Deine getreuen Diener kundtun; aber nur, so Dein Wille es wäre. Nach meinem Willen soll von nun an ja nichts mehr geschehen; denn ich habe erkannt die Ohnmacht meines Willens und all seine Bosheit. Daher ekelt es mich nun vor ihm.
HG|2|198|13|0|Darum habe ich nun keinen Willen mehr; also geschehe allzeit nur Dein allmächtiger und allerheiligster Wille!“
HG|2|198|14|0|Nach diesen Worten bewegte sich der Kisehel rasch hin zum Lamech, umarmte ihn und sagte dann zu ihm:
HG|2|198|15|0|„Bruder, lieber Bruder! Wüsstest du, welche innigste Freude wir alle über dich haben, wahrlich, dir würde das Leben schwer werden!
HG|2|198|16|0|Aber des sei vollends versichert, wenn du also verharrst, wie du nun angefangen hast, da werden schier die lange andauernden Schranken zwischen der Höhe und der Tiefe verschwinden, und es kann geschehen, dass es dem allerheiligsten Vater wohlgefallen wird, auch euch den von Ihm Selbst bestellten Hohepriester Henoch zuzusenden, damit er euch lehre den Weg der Liebe gehen!
HG|2|198|17|0|Bruder, ich sage dir im Namen Dessen, der uns zu dir beschieden hatte, wenn der Tempel wird vollendet sein, so wirst du und dein Sohn Thubalkain in unserer Mitte die heiligen Höhen betreten, allwo du erst das wahre Leben für dich und all dein Volk sollst in aller Fülle erkennen und es dir völlig zu eigen machen! Daher beharre in dem, dass des Herrn Wille der allein deinige verbleibe, so hast du somit auch auf deine Frage durch mich des Herrn Willen erfahren, der dir damit antwortet:
HG|2|198|18|0|‚Also handle, und Ich will dich heiligen auf den Höhen Meiner Kinder!‘“
HG|2|198|19|0|Auf diesen Bescheid ward der Lamech samt dem sich soeben erhebenden Thubalkain außer sich vor Freuden geworden. Lange konnte er nicht reden, denn die zu hehre Verheißung hatte ihm nahe die Zunge gelähmt.
HG|2|198|20|0|Nach einiger Zeit erst sammelte er sich wieder und sprach: „O Freund, o Bruder! Was hast du ausgesprochen?! Die Füße eines allergrößten Sünders werden auch einmal die geheiligtesten Höhen betreten dürfen?! Meine von Gräueltaten nahe blind gewordenen Augen sollen noch einmal schauen die große Herrlichkeit der Kinder des allmächtigen Gottes?!
HG|2|198|21|0|Und mit meinen vom Blut meiner Brüder und meines armen Volkes triefenden Händen soll ich den Saum des Kleides derer anrühren dürfen, die da gezeugt sind aus Gott?! Nein, nein, – nimmermehr, Bruder!
HG|2|198|22|0|Solcher Gnade kann der Lamech ja ewig nimmer würdig werden auch nur im geringsten Teil! Daher, o Freunde und Brüder, erteilt mir eine andere Antwort; denn wahrlich, überwahrlich, diese taugt nicht für einen Sünder, wie ich einer bin!“
HG|2|198|23|0|Und der Kisehel erwiderte darauf dem Lamech: „O Bruder, – siehe, auch ich war ein großer und grober Sünder vor Gott, in meiner angestammten Lichtsphäre sicher nicht minder denn du in deiner angestammten großen Blindheit!
HG|2|198|24|0|Als ich aber meine große Schuld vor Ihm, dem liebevollsten Vater, bekannt hatte, nachdem Er mir mit Seiner endlosen Gnade und Erbarmung zuvorgekommen war, da ergriff mich der allerheiligste Vater mit Seinen allmächtigen Händen, richtete den Wurm im Staube vor Sich auf, vergab ihm seine große Schuld gänzlich und erfüllte ihn dafür mit der Kraft des ewigen Lebens!
HG|2|198|25|0|Siehe, Bruder, also handelt der liebevollste Vater mit dem Sünder, der sich reuigst zu Ihm wendet!
HG|2|198|26|0|Daher bleibe bei der Antwort, und sei voll des höchsten Trostes; denn es wird daran nicht ein Häkchen verändert werden. Was Gott geredet hat, das wird ewig also verbleiben, wie Er geredet hatte!
HG|2|198|27|0|Ihm sei darum alle Ehre, alles Lob und alle unsere Liebe ewig; denn Er allein ist würdig, von uns alles Lob, allen Preis, alle Anbetung und alle Liebe zu nehmen, und Sein heiliger Wille geschehe ewig! Amen.“
HG|2|199|1|1|Wie selbst Tugendhelden von ihrer schwachen Seite besiegt werden. Die erste Versuchung von Lamech und Thubalkain
HG|2|199|1|1|Am 25. November 1842
HG|2|199|1|0|Es braucht hier kaum näher erwähnt zu werden, in welche Seligkeit die beiden durch die letzten Worte Kisehels versetzt worden sind; denn solches lässt sich leicht aus dem Vorhergehenden erkennen. Darum wollen wir auch sogleich zu einer anderen Erscheinung uns wenden. Diese Erscheinung wird sich hier zwar nicht viel anders ausnehmen, als der Pontius Pilatus im sogenannten Glaubensbekenntnis; allein das tut nichts zur Sache, denn auch sie gehört zur Ordnung der Dinge. Was war denn hernach das für eine Erscheinung? Nur Geduld, sie wird noch früh genug kommen!
HG|2|199|2|0|Ihr wisst es, was früher der Kisehel dem Thubalkain angekündigt hatte, nämlich so manche Versuchungen und Prüfungen und ein läuterndes und festigendes Feuer. Seht, das ist, so hier zuerst in die Erscheinlichkeit tritt!
HG|2|199|3|0|Es ist euch nur zu bekannt, wessen Geistes Kind ehedem der Lamech war und wessen getreuester Diener und Knecht. Solange der Feind des Lebens noch merkt, dass seiner übersicher gemeinten Beute keine wirkliche Gefahr droht, so lange auch macht er sich aus allen den Bekehrungen nicht viel daraus.
HG|2|199|4|0|Wenn er aber sieht und gar wohl zu gewahren anfängt, dass seiner Beute die größte Gefahr droht, da fängt er auch alsbald an, sich gar gewaltigst zu rühren und zu kämpfen um sein vermeintes Eigentum.
HG|2|199|5|0|Und eben das war auch hier der Fall also, wie es heutzutage bei gar sehr vielen Menschen der Fall ist, die sich schon einmal von ihm, dem großen Lebensfeind, in irgendetwas haben verstricken lassen.
HG|2|199|6|0|Solche Menschen sind oft schon wie die Tugend selbst, nur gewöhnlich eine schwache Seite haben sie noch – und wissen aber nicht, dass diese schwache Seite eigentlich eine so starke Seite ist, dass sie, wenn sie nur im Geringsten berührt wird, alsbald aller guten Seiten Meister wird und dieselben mit der leichtesten Mühe von der Welt besiegt und mit sich reißt.
HG|2|199|7|0|Wer solches etwa übertrieben finden möchte, der fasse nur einmal einen solchen Tugendhelden bei einer solchen schwachen Seite, und er wird es bald finden und nur zu bald unwiderlegbar erfahren, wie stark eine solche schwache Seite ist!
HG|2|199|8|0|Ich will, um diese wichtige Sache heller zu machen, sogar ein Beispiel anführen. Nehmen wir einen Menschen, der sich schon in allem Möglichen besiegt hatte, aber eine schwache Seite hat er dennoch, und diese achtet er ihrer Geringfügigkeit halber gar nicht, – denn sie besteht ja nur darin, dass er manchmal gerne Besuche abstattet und auch eine rechte Freude hat, so ihn jemand besucht. Die Sache scheint so unschuldig als nur immer möglich zu sein.
HG|2|199|9|0|Wenn wir aber diese schwache Seite näher beleuchten wollen, so ist sie nichts anderes als noch ein tüchtiger Strick des Satans.
HG|2|199|10|0|Dieser lauert, wenn er einmal mit jemandem in Verbindung ist, genau ab, wann sich dem Geist des Menschen etwas besonders radikal Heilbringendes naht.
HG|2|199|11|0|Ist solches der Fall, so zieht er an dem Strick, die schwache Seite wird zur starken, und unser Tugendheld geht mit aller sonstigen Tugendfülle, dahin ihn die schwache Seite zieht, und entgeht auf diese Weise allzeit der guten Gelegenheit, in der er von Mir einen näheren Besuch zu seiner Heiligung hätte empfangen können. Und so eine schwache Seite bleibt dem Menschen oft bis zum Grab, was freilich wohl recht traurig ist!
HG|2|199|12|0|Also hatte auch unser Lamech eine Menge solcher schwacher Seiten noch, die er bei seiner Umkehr nicht zu achten der Mühe wert fand.
HG|2|199|13|0|Da aber seine Liebe zu Mir auf einmal gewaltig wurde, so litten im Feuer dieser Liebe auch die argen Stricke, indem sie entzweigebrannt wurden und der Feind des Lebens dann nichts mehr hatte, woran er seine sicher geglaubte Beute hätte halten und ziehen können. Was war nun da zu tun?
HG|2|199|14|0|Nichts, als List und – bei Missglückung derselben – Gewalt zu gebrauchen!
HG|2|199|15|0|Und so geschah es denn auch. Als der Kisehel mit den beiden sich den anderen sechsen nahte, da stürzte auf einmal die Naëme wie verzweifelnd zur Türe herein, rang lange Zeit mit den Händen und rief, nachdem sie sich etwas erholt hatte, mit der Stimme eines Verzweifelten:
HG|2|199|16|0|„Vater Lamech, du bist verraten und verloren! Ich habe auf der Höhe alles vernommen, welche Falle man dir gelegt hat!
HG|2|199|17|0|Ich eilte darauf, mein Leben nicht achtend, von Löwen, Tigern und den Bewohnern der Berge verfolgt, um dir noch frühzeitig den verruchten Plan mitzuteilen.
HG|2|199|18|0|Allein, – ich kam zu spät! Denn, wie ich sehe, bist du schon eine Beute der schrecklichen Zauberer der Berge!
HG|2|199|19|0|Aber hattest du in deiner Weisheit das nicht eingesehen, dass von den Bergen noch allzeit alles Unheil zu uns und über uns gekommen ist, – und doch hast du dich diesmal so grausamlichst berücken lassen und ziehen in die schrecklichste Falle deines Verderbens?!“
HG|2|199|20|0|Hier wandte sie sich, erblickte den Thubalkain und tat einen heftigsten Schrei: „Thubalkain, mein Bruder, mein Gemahl! Auch du ein Opfer des schändlichsten Verrates?! Ja, auch du! Jetzt ist alles verloren!
HG|2|199|21|0|Tötet mich, tötet mich, damit ich nicht mit euch Zeugin sein muss von eurem schrecklichsten Untergang!“
HG|2|199|22|0|Hier verwandelte sich Lamechs Blick, und der Thubalkain ballte vor erwachtem Grimm seine Fäuste und schrie mit donnerähnlicher Stimme: „Solche Jehovasboten seid ihr?! O ihr Auswürfe der Hölle! Ja, ja, auf die Berge wolltet ihr uns hinbringen, da ihr nach eurer Teufelswissenschaft unser hier nicht völlig Meister zu werden wähnt! Nein, nimmermehr!
HG|2|199|23|0|Dank dir, mein teures Weib, für diese Nachricht! Der Thubalkain wird sich solcher Büberei entgegenzusetzen wissen!“
HG|2|199|24|0|Der Lamech aber sagte zum Thubalkain: „Mein Sohn, bevor wir handeln wollen, werden wir auch den anderen Teil anhören! Daher beruhige dich; denn wer weiß es, ob das nicht etwa eine Versuchung ist!
HG|2|199|25|0|Und so denn frage ich euch, ihr Boten, sagt mir: Wie verhält sich diese Sache? Enthüllt mir dies Rätsel, oder ich trete zurück und werde, was ich war, auch im Feuer ein unbeugsamster König, auf dass euch kein schändlichster Sieg werde über mich und all mein starkes Volk!
HG|2|199|26|0|Also redet, oder mein Fluch treffe jede Fiber eures Wesens! Amen.“
HG|2|200|1|1|Die Trugerscheinung der Naëme wird als solche entlarvt
HG|2|200|1|1|Am 28. November 1842
HG|2|200|1|0|Der Kisehel aber, der gar wohl unterrichtet war, in was diese erste Versuchung bestehen werde, sah den Lamech und den Thubalkain fest an und sagte endlich zu beiden:
HG|2|200|2|0|„Glaubt ihr es, dass sich die Sache also verhalte, wie es euch diese Naëme verkündigt hatte?“
HG|2|200|3|0|Und der Lamech fiel ihm sogleich etwas heftig ins Wort: „Meinst du denn, ich kenne meine Tochter nicht? Welchen Nutzen hätte sie wohl mit einer Lüge an mir beabsichtigen können? Sie ist meine herrliche Tochter, und als solche hat sie mir noch allzeit die Wahrheit gesprochen! Was willst du sonach mit deiner Frage?“
HG|2|200|4|0|Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech, wie auch zum Thubalkain: „Gut, so ihr sie für die rechte Naëme haltet, so bleibt bei eurem Glauben!
HG|2|200|5|0|Die Berge aber werden dann wieder abgesperrt werden, und keiner aus euch wird je die wahre Naëme zu sehen bekommen; der Tempelbau wird unterbleiben, und jene überheilige Tafel dort wird sogleich von mir selbst aus diesem eurem Haus geschafft werden, und mitgenommen auf die Höhe!
HG|2|200|6|0|Glaubt nun entweder uns – oder dieser Naëme! Wie ihr aber glaubt, also wird es euch auch geschehen! Nun stehen euch die Pforten des Lebens und des Todes in gleichem Maße offen: Bleiben wir bei euch, so bleibt das Leben auch bei euch; bleibt aber diese Naëme bei euch, so ist der ewige Tod euer unausbleiblicher Teil!
HG|2|200|7|0|Also mögt ihr nun wählen zwischen den nun ausgesprochenen beiden Extremen; euer Wille nun! Amen.“
HG|2|200|8|0|Hier ergriff der Lamech den Thubalkain bei der Hand, führte ihn etwas seitwärts und sagte zu ihm: „Höre du, lieber Sohn! Wahrlich, mir kommt diese Naëme etwas sonderbar vor! Denn sie hat bis jetzt weder mich, noch dich angeschaut; sondern wie sie herein zur Türe gestürzt ist und ist vor uns niedergefallen auf ihr Angesicht, also kauert sie noch am Boden wimmernd!
HG|2|200|9|0|Ich bin der Meinung, bevor wir ihretwegen unsere gute Sache völlig mit den sieben mächtigen Freunden brechen wollen, wird es sehr nötig sein, aus dem tüchtigsten Grund eben dieser sonderbaren Naëme etwas näher auf den Zahn zu fühlen!
HG|2|200|10|0|Und dazu wird nichts besser sein, als dass ich ihr gebiete, dass sie sogleich erstehe und jene bedeutungsvolle Tafel vom Thron nehme und somit mir und ihr wieder den Herrscherstuhl einräume. Wird sie das tun, so wollen wir ihren Worten glauben; mag sie aber solches nicht zuwege bringen, da wissen wir denn auch, dass diese Naëme nichts als eine Truggestalt ist, um uns zu versuchen, und wir wollen ihr dann auch den gehörigen Abschied geben!“
HG|2|200|11|0|Und der Thubalkain willigte in diesen Vorschlag ein und sagte: „Vater, solches heiße ich einen Plan weise fassen; also gehen wir hin nach deinem Willen und nach deinem weisen Rat!“
HG|2|200|12|0|Und die beiden bewegten sich wieder zur Naëme hin. Als sie bei ihr anlangten, da bog sich der Lamech auf den Boden zur Naëme, rührte sie mit seinen Fingern an und sagte zu ihr:
HG|2|200|13|0|„Naëme, so du wahrhaft meine Tochter bist, da erhebe dich vom Boden, und zeige mir dein Gesicht! Sodann gehe hin zum Thron, und hole mir die leuchtende Tafel; übergebe sie mir, und alle Macht der Gebirgszauberer ist gebrochen!
HG|2|200|14|0|Ich bin dann wieder der alte, mächtige, unüberwindliche König, und du meine rechte Hand!
HG|2|200|15|0|Denn in und auf dieser geheimnisvollen Tafel ist die ganze Macht der Gebirgszauberer verborgen!
HG|2|200|16|0|Bist du wahrhaft meine Tochter Naëme, so wirst du solches wohl tun, so es sich einzig dadurch um meine Rettung handelt!“
HG|2|200|17|0|Hier fing die Naëme an, sich zu krümmen, und gebärdete sich gar jämmerlich, tat gar kläglich, machte also, als ob sie vor lauter Schwäche nicht erstehen könnte.
HG|2|200|18|0|Der Lamech aber ergrimmte über solches Gebärden und sagte: „Naëme! Du kennst den Lamech! Warum zauderst du, das zu tun, was ich will?!
HG|2|200|19|0|Bist du schwach und ohnmächtig, da rede, denn ich bin dir ja ein Vater und besitze noch so viel, um dir die nötige Stärkung zu verschaffen! Denn wer sich noch so gewaltig zu winden und zu krümmen vermag und kann also jammern wie du, der hat sicher auch noch so viel Kraft und kann kundgeben, was ihm fehle, und warum er etwas also Leichtes nicht alsbald vollziehen kann, oder will!
HG|2|200|20|0|Also erstehe, oder mein schrecklichster Fluch soll dich treffen!“
HG|2|200|21|0|Hier erhob sich die Naëme, und als die beiden ihres Antlitzes ansichtig wurden, erschraken sie gewaltigst; denn es hatte mit der Naëme nicht die leiseste Ähnlichkeit.
HG|2|200|22|0|Dennoch aber sagte der Lamech zu ihr: „Aus deinem Gesicht erkenne ich dich nicht; gehe aber hin zum Thron, tue das Anbefohlene, und ich will dich aus deinem Willen erkennen!“
HG|2|200|23|0|Hier fing die Naëme an zu zittern, sank bald zusammen und ward unsichtbar! Hier fragte der Kisehel alsbald den Lamech: „Nun, Bruder Lamech, wie gefällt dir diese Naëme?“
HG|2|200|24|0|Und der Lamech und der Thubalkain fielen vor dem Kisehel nieder und beweinten ihre Blindheit; denn sie hatten nun erst vollends erkannt, welch eine Bewandtnis es mit dieser Naëme hatte, und wessen Geistes Kind sie so ganz eigentlich war.
HG|2|201|1|1|Kisehels Rede über die Gleichachtung und Nächstenliebe unter den Menschen. Die blutigen Folgen der Verehrung und Hochachtung von Menschen. Das wahre Königtum
HG|2|201|1|1|Am 29. November 1842
HG|2|201|1|0|Der Kisehel aber bog sich alsbald zur Erde nieder, hob den Lamech und den Thubalkain vom Boden und sprach dann zu ihnen: „Brüder, warum fallt ihr vor uns nieder? Sind wir denn mehr als ihr? Oder sind wir nicht Brüder gegenseitig?
HG|2|201|2|0|O seht, solches sollen wir nicht mehr tun in alle Zukunft; denn nur Gott allein gebührt aller Dank, alle Ehre, alle unsere Demut und alle unsere Liebe!
HG|2|201|3|0|Wollen wir aber wahrhaftige Kinder eines und desselben Vaters sein, da müssen wir uns gegenseitig gleichachten, keine Beugungen verlangen von unseren Brüdern, sondern alles, was wir uns gegenseitig erweisen mögen, bestehe lediglich darinnen, dass wir uns aus der Liebe zu Gott als wahrhaftige Brüder lieben!
HG|2|201|4|0|Was darüber ist und was darunter, das ist gleicherweise nicht in der Ordnung Gottes und somit eine Sünde!
HG|2|201|5|0|Solches aber mögt ihr ja daraus ersehen, so da wäre ein Mensch, dem alle anderen Menschen, obschon er nicht um ein Haar mehr ist denn sie, eine tiefe Achtung bezeigten.
HG|2|201|6|0|Was wird da bei dem geachteten Menschen wohl gar bald die Folge sein von solcher allgemeinen Hochachtung gegen ihn?
HG|2|201|7|0|Seht, er wird sich alsbald für mehr und besser zu halten anfangen, als da sind diejenigen, die ihm solche Achtung zollen, wird darum hochmütig, gar bald übermütig und endlich sogar herrschsüchtig werden! Er wird mit der Achtung seiner bedeutenden Umgebung nicht mehr zufrieden sein, sondern wird mit dieser ihm töricht ergebenen Menge in andere Gebiete dringen und wird allda die vorgefundenen Menschen durch seine ihm ergebenen Narren gewaltsam zwingen, vor ihm sich zu beugen, und wird misshandeln und gar töten diejenigen, die sich da vor ihm nicht werden beugen wollen.
HG|2|201|8|0|Ja, ein solcher wird es so weit treiben, dass ihm die ergebenen und ihn hochachtenden Brüder sogar werden müssen von allem, was sie mit ihren Händen gewinnen werden, einen bedeutenden Teil als Steuer ihrer törichten Hochachtung zollen!
HG|2|201|9|0|Also werden Könige und weltliche Machthaber in aller Grausamkeit entstehen und werden zu Tode erdrücken ihre Brüder, die da töricht genug waren, sie anfänglich etwa irgendeines hervorragenden Talentes wegen höher zu halten, als was es in der göttlichen Ordnung gewesen wäre.
HG|2|201|10|0|Also sollen wir Gott geben, was Sein ist, und dem Brudermenschen, was ihm gebührt!
HG|2|201|11|0|Ehre, Hochachtung, Demut, Lob, Preis, Dank, Liebe und Anbetung gebührt von uns aus nur Gott allein; wir gegenseitig aber sind lauter Brüder und sollen uns darum gegenseitig nicht mehr und nicht weniger lieben, als ein jeder sich selbst liebt. Denn darinnen liegt der alles ordnende und alles ausgleichende Waagebalken, dass wir uns gegenseitig gerade also verhalten und begegnen, wie sich ein jeder zu sich verhält und sich selbst begegnet.
HG|2|201|12|0|Wo immer von dieser geraden Linie abgewichen wird, da auch wird die göttliche ewige Ordnung gebogen und gar leichtlich gebrochen, indem der Mensch dem Menschen bieten wird, was allein nur Gott er schuldig ist.
HG|2|201|13|0|Da aber solches geschehen wird, da auch wird der Same gelegt werden, aus dem alles Unheil über die ganze Erde erwachsen wird.
HG|2|201|14|0|Denn wahrlich, sage ich euch, keine Sünde, wie diese, wird schon auf der Erde also blutig, wie es unter eurer Herrschaft schon gar oft der Fall war, gezüchtigt werden!
HG|2|201|15|0|Daher, liebe Brüder, wollen wir auch ein ganz anderes Königtum einführen! In diesem Königtum wird der König sein ein Leiter und Lehrer der Brüder, aber durchaus kein Herr und Gebieter.
HG|2|201|16|0|Ein solcher König wird sein nach der Ordnung Gottes und wird keiner weltlichen Macht bedürfen, sondern die Macht und Kraft der göttlichen Liebe, Weisheit und Ordnung wird in seinem Geist wohnen, und aus dem Geist heraus wird er leicht und hinreichend mächtig seine Brüder zu allem Guten und Wahren zu leiten imstande sein.
HG|2|201|17|0|Solches also beachtet wohl, und fallt daher nicht vor uns, wie auch vor niemand anderem eures- und unseresgleichen nieder, so werdet ihr ein Segen dem Volk sein; lasst aber auch niemanden vor euch sich beugen, so werdet ihr die Völker segnen!
HG|2|201|18|0|Und nun begeben wir uns in den Speisesaal, denn das Mahl ist schon vollends bereitet.
HG|2|201|19|0|Denkt aber nicht an die Versuchung, sondern seid heiteren Mutes; denn der Sieger soll sich des Sieges freuen, aber nicht traurig sein über denselben!
HG|2|201|20|0|Und so denn lasst uns gehen! Amen.“
HG|2|202|1|1|Thubalkains Brautwahl und Hochzeit
HG|2|202|1|1|Am 1. Dezember 1842
HG|2|202|1|0|Und alle begaben sich darauf in den Speisesaal. Als sie da anlangten, fanden sie alles auf das Festlichste geschmückt. Neun runde Tische, mit schönem Flechtwerk geziert, waren wohl besetzt mit zierlichen, gut gefüllten Speisekörben.
HG|2|202|2|0|In der Mitte der neun Rundtische aber befanden sich noch zwei Tische von einer etwas länglichen Form; auf diesen war das wohlgebratene Fleischwerk gestellt nach zierlich guter, alldort üblicher Art.
HG|2|202|3|0|Und die Gäste setzten sich zu den Tischen, dankten und lobten Gott und aßen und tranken wohlgemut. Als sie nach Bedarf von den Früchten genossen hatten, da erhob sich der Kisehel, wandte sich an den Thubalkain und sagte:
HG|2|202|4|0|„Nun, Bruder Thubalkain, ist die bedungene Reihe an dir, zu wählen dir aus diesen wohlgestalteten und zierlichst geschmückten Mägden und Weibern eine Braut und Gattin zu deiner Zufriedenheit, vorausgesetzt, dass du deine Sinnesart nicht anders gewendet hast!
HG|2|202|5|0|Denn siehe, das Braut- und Hochzeitsmahl ist bestellt – ein Lamm für deinen Vater Lamech, und ein Kalb für dich und deine Braut!“
HG|2|202|6|0|Diese Anrede gefiel dem Thubalkain gar wohl, und er sprach daher: „Nun sehe ich erst ganz vollkommen, dass da die Versuchung ein vollkommen leerer Trug war; denn die Naëme, die wahre Naëme, lebt sicher ein besseres Leben als ein solches, das da wäre ein allerschroffster Gegensatz zu Gott, auf den sie heimlich doch hier schon so viel gehalten hat!
HG|2|202|7|0|Ja, – wäre sie ein solcher Gegensatz zu Gott, so hätte ihr Fuß sicher niemals die Höhe, die Wohnung der Kinder Gottes, erreicht, und es hätte sie auch kein Hored angerührt! Solches alles aber ist geschehen, wie wäre es da wohl möglich, dass unser voriges Trugbild die fromme Naëme sein sollte?!
HG|2|202|8|0|Also bin ich nun völlig heiter und voll Freude und will daher ohne weiteres Bedenken deinem Rat folgen!
HG|2|202|9|0|Denn nun sehe ich, dass ihr keine Verräter an uns seid, sondern wahrhaftige Freunde und mächtige Gesandte Gottes! Also will ich um euretwillen auch allzeit Gott loben und preisen, darum Er also gnädig und barmherzig ist; und so denn geschehe euer Wille aus Gott zu meinem Frommen!“
HG|2|202|10|0|Hier stand der Thubalkain auf und begab sich hin zu den Mägden, besah sie alle wohl und fand eine darunter, die ihm wohlgefiel, wählte sie und führte sie vor den Kisehel. Als er aber mit ihr sich dem Kisehel nahte, da hielt die Gewählte plötzlich inne und wollte nicht mehr weitergehen.
HG|2|202|11|0|Und der Thubalkain fragte sie und sagte: „Da du dich von mir hast erwählen lassen, was ist es nun wohl, dass du dich nicht willst mit mir vollends hin zum Gesandten des allmächtigen Gottes begeben, damit er uns segne?“
HG|2|202|12|0|Und die Gewählte aber erwiderte ihm darauf ganz barsch: „Wozu sollte uns sein Segen wohl dienlich sein? Haben nicht viele tausend Weiber von allen Zeiten her empfangen und geboren ohne solch einen Segen? Warum sollen denn nun gerade wir eine Ausnahme machen?
HG|2|202|13|0|Willst du dich aber zu einem ewigen Sklaven Jehovas segnen lassen, so tue das allein; ich aber werde frei verbleiben und dir zeigen, dass ich auch ohne einen solch dummen Segen Kinder gebären kann!“
HG|2|202|14|0|Hier erstaunte der Thubalkain vor solch einer Frechheit, ließ die Gewählte stehen und begab sich allein hin zum Kisehel. Dieser aber wusste wohl, was ihm der Thubalkain vorbringen werde, und sagte darum sogleich zu ihm:
HG|2|202|15|0|„Bruder Thubalkain, siehe, du hast eine arge Wahl gemacht; solches weiß ich aus dem Grunde. Ich sage dir aber, wähle du mit Gott, da wirst du auf keine solche mehr kommen, die da gar nicht lange schon über die Zahl der Gerechten steht!
HG|2|202|16|0|Siehe, mit dieser deiner Gewählten verhält es sich wie mit der früheren Trug-Naëme! Daher gehe hin, spucke ihr ins Angesicht, und wähle dir sogleich eine andere!“ Und der Thubalkain tat alsbald solches.
HG|2|202|17|0|Die arg Gewählte verschwand alsbald, und eine Neugewählte folgte, Gott lobend und preisend, alsogleich dem Thubalkain hin zum Kisehel.
HG|2|202|18|0|Dieser segnete sie im Namen Jehovas, und der Thubalkain ward heiteren Mutes, lobte und pries mit seinem neuen schönen Weib Gott und lud endlich alle, teilzunehmen an seinem Hochzeitsmahl.
HG|2|202|19|0|Und alle begaben sich zu den zwei Brauttischen, segneten dieselben und aßen und tranken mit dem neuen Paar.
HG|2|202|20|0|Also ward dem Thubalkain der bedungene Lohn wohlgesegnet gegeben.
HG|2|203|1|1|Rebellion gegen Lamech und Stürmung des Palastes
HG|2|203|1|1|Am 3. Dezember 1842
HG|2|203|1|0|Als sie aber noch alle also fröhlich untereinander sich unterhielten über die Führungen Gottes und die Boten so manches erzählten, was höchst Liebewunderbares sich auf den Höhen zugetragen hatte, und wie der Herr unter ihnen gewandelt ist und hat sie belehrt über das ewige Leben des Geistes, und wie die Liebe im Herzen des Menschen zu Gott an und für sich eigentlichst das ewige Leben einzig und allein ausmacht, siehe, da entstand auf einmal in den Gassen der großen Stadt Hanoch ein gewaltiger Tumult! Gar bald vernahm man Stimmen, und diese lauteten: „Fluch dem Lamech, Fluch allem seinem Anhang!
HG|2|203|2|0|Tod und Verderben seinem ganzen Haus; denn er hat sich auf schändliche Weise berücken lassen und hat uns alle verraten an die Gebirgsbestien!
HG|2|203|3|0|Darum soll er sterben eher als wir! Schon entstürzen Scharen riesenhafter Streiter von allen Seiten her den Bergen; sie kommen, um uns zu vertilgen! Ja, ja, um uns alle auszurotten, kommen sie erschrecklich herbei!
HG|2|203|4|0|Darum aber sollst du, elender Lamech, auch eher noch unter unseren Händen büßen, dieweil du uns also schändlichst in die Hände der Mörder überantwortet hast!
HG|2|203|5|0|Deine Gebirgsleibwache soll dir nun wenig mehr helfen; vernichtet musst du sein samt deinem Anhang und samt deiner neuen Leibwache!“
HG|2|203|6|0|Auf solch eine löbliche Proklamation ward der Tumult noch stärker, und eine große Menge von Rebellen fing an, in den Palast Lamechs mit Keulen und anderen Waffen zu dringen. Bald vernahm man ein starkes, vielfaches Traben, Schelten und Fluchen und Schlagen über die Treppen des Palastes; näher und näher drang solcher todbringende Tumult und Lärm.
HG|2|203|7|0|Der Lamech und der Thubalkain erschraken darüber so sehr, dass sie darob beinahe aller Besinnung ledig wurden; auch die Weiber und Mägde samt dem neuen Weib Thubalkains erschraken so allgewaltigst darüber, dass sie darob schrien und bebten.
HG|2|203|8|0|Der Kisehel aber sagte darauf mit starker Stimme zum Lamech: „Bruder Lamech, was ist dir, darum du also dastehst und zagst wie einer, dem das Messer schon an die Kehle gelegt wäre?!
HG|2|203|9|0|O du törichter Mensch! Hast du denn nicht erfahren, wie viel dir alle deine Macht, gegen mich gehalten, genützt hat?! Mussten nicht Hunderte vor unseren Blicken wie erstarrt ihre Waffen von sich werfen, mussten sich fügen unseren Worten?!
HG|2|203|10|0|So du die göttliche Kraft an uns also erfahren hast, wie magst du dich denn nun gar so entsetzen vor diesem Tumult?
HG|2|203|11|0|Daher ermanne dich, und sei heiteren Mutes! Lasse die Rebellen erst heranrücken, und wenn sie dich werden samt uns im Ernst überwältigt haben, dann erst entsetze dich! Solange aber solches mitnichten der Fall ist, so lange auch sei ruhig, und vertraue auf Gott lebendig; denn Seine Macht ist größer denn die Macht aller blinden Rebellen der Erde! Also ermannet ihr euch alle! Amen.“
HG|2|203|12|0|Nach dieser Rede fing der Lamech samt den übrigen wieder an, freier um sich zu blicken, und sagte endlich:
HG|2|203|13|0|„O Freunde! Zürnt mir nicht, darum ich mich in eurer Gegenwart also entsetzen mochte; es hat aber ja solch ein plötzlich entstandener Lärm schon an und für sich etwas Erschreckliches – und sicher Erschrecklicheres noch, so er begleitet ist mit solchen Drohungen! Darum ist es uns schwachen Kindern der Tiefe ja auch gar wohl zu verzeihen, so wir von einer großen Angst befallen werden bei einer solchen Gelegenheit; doch nun soll den Lamech nichts mehr erschrecken, nicht einmal der Tod selbst!
HG|2|203|14|0|Denn von nun an will ich mein ganzes noch übriges Leben hindurch ein Kämpfer gegen ihn sein, und will allzeit kämpfen für die Verherrlichung des göttlichen Namens!“
HG|2|203|15|0|Und der Kisehel erwiderte ihm: „Bruder, also erst gefällst du mir ganz, denn also bist du ein vollkommener Bruder zu mir! Siehe aber, die Rebellen kommen; mache dich daher auf, und ziehe allein gegen sie, und du sollst ihnen allen ein gewaltiger Sieger sein!
HG|2|203|16|0|Denn sie sollen nun vor dir wie Staub und Spreu auseinanderfliehen; und so denn erhebe dich! Amen.“
HG|2|204|1|1|Der Kampf mit den Rebellen
HG|2|204|1|1|Am 5. Dezember 1842
HG|2|204|1|0|Es hatte aber der Kisehel kaum noch den Lamech darauf aufmerksam gemacht, dass er merken solle auf die Rebellen, wann sie zur Tür hereinbrechen werden, so waren sie auch schon da, in aller Wut entbrannt.
HG|2|204|2|0|Als der Lamech solche grimmsprühenden Gesichter ersah und ihr furchtbares Geheul vernahm, da entsetzte er sich abermals also heftig, dass er darob nahe bewusstlos auf den Boden dahinfiel und kaum noch während seines Hinstürzens ausrief: „Wehe mir! Ich bin verloren!“
HG|2|204|3|0|Nur der Thubalkain blieb diesmal standhaft, stellte sich der eindringenden Masse standhaft entgegen und schob sie kräftig zu mehreren Malen zurück.
HG|2|204|4|0|Da sich aber die Masse durchaus nicht besiegen ließ, so fragte sie der Thubalkain ganz donnerernstlich und sagte: „Was wollt ihr denn haben von uns? Warum dringt ihr also auf uns ein?“
HG|2|204|5|0|Die Masse aber schrie: „Nichts – als euch und euer verfluchtes, schändliches Leben!“
HG|2|204|6|0|Nach solcher Äußerung erhob der Thubalkain seine Hände, wie sein Herz, empor zu Gott und sprach: „O du allmächtiger, gerechter, heiliger Gott, Vater und Schöpfer aller Dinge! Verleihe mir jetzt die rechte Kraft und Stärke, auf dass ich dadurch vermöchte, diese Ruhestörer wieder zur gerechten Ordnung zurückzutreiben!“
HG|2|204|7|0|Nach solchem gewaltigen Ausruf trat alsbald der Kisehel an die Seite des Thubalkain und sprach zu ihm: „Thubalkain, mein Bruder! Höre, der liebevollste, heilige Vater hat wohl vernommen dein Flehen und hat erhört deine Bitte! Darum sei voll Trostes und Mutes, denn bald wirst du die Kraft Gottes in uns und in dir erfahren!
HG|2|204|8|0|Nun aber ziehe aus gegen die argen Meuterer, und schlage sie mit deinem Wort aufs Haupt! Amen.“
HG|2|204|9|0|Der Thubalkain aber hatte gar wohl gemerkt, wie die Kraft aus Gott über ihn ist gekommen; und so denn richtete er sich auf und sprach mit starker Stimme zu den Rebellen:
HG|2|204|10|0|„Hört, ihr Meuterer an den heiligen Rechten Gottes! Gegen wen habt ihr euch entboten zu kämpfen? Gegen Gott ist euer böses Herz gerichtet, gegen Ihn seid ihr mit Keulen, Spießen und Knitteln ausgezogen!
HG|2|204|11|0|O ihr armseligsten Kämpfer! Habt ihr je schon erfahren die Macht des allerhöchsten, allmächtigen Gottes?!
HG|2|204|12|0|Ihr schreit: ‚Nein, was haben wir mit der zu tun!? Wir wollen nur euch und euer Leben!‘ Ich aber sage euch: Jetzt habt ihr es mit der Kraft und Macht Gottes zu tun; darum bedenkt euch wohl, bevor ihr vollends eure Mordwerkzeuge gegen und über uns erhebt!
HG|2|204|13|0|Denn wahrlich, wahrlich, sage ich euch allen im Namen des allmächtigen Gottes, so ihr nicht alsbald euch umkehrt, da wird es euch ergehen wie jemandem, der da gefallen wäre in den Trichter eines wütendst stark brennenden Berges; zu Staub und Asche soll der werden, der als erster wagen wird, seine Keule gegen uns zu erheben!
HG|2|204|14|0|Nun wisst ihr, gegen wen ihr zum Kampf ausgezogen seid, und was für ein Los euer harrt! Tut nun, was ihr wollt, ihr habt den freien Willen; nach der Tat aber wird auch genau euer Kampfpreis bemessen sein!“
HG|2|204|15|0|Nach diesen Worten fingen die Rebellen erst recht an, zu toben und zu fluchen, so dass solcher Lärm den Lamech wieder erweckte.
HG|2|204|16|0|Als er aber wieder zu sich kam, da erst ergrimmte er über die Rebellen und schrie laut: „Mächtige Brüder und Freunde! Vernichtet sie, diese Wüteriche gegen Gott!“
HG|2|204|17|0|Der Kisehel aber sagte ganz gelassen darauf zum Lamech: „Bruder, ereifere dich nicht vergeblich; denn Gott ist nicht wie ein Mensch, dass Er möchte alsbald vernichten Seine Werke, – sondern das ewige Gesetz Seiner ewigen Ordnung lautet und heißt: ewige Erhaltung aller geschaffenen Dinge!
HG|2|204|18|0|Diese aber haben nun vom Thubalkain ein Gesetz empfangen, und solches wurde geheiligt von oben. Wer aus ihnen dem zuwiderhandeln wird, der wird auch alsbald sein Gericht finden; daher magst du ja ruhig sein! Amen.“
HG|2|204|19|0|Ein Meuterer aber schwang alsbald seine Keule über den Kisehel; aber im Augenblick ergriff ihn ein Feuer und verzehrte ihn im Angesichte aller zu Asche. Dieses machte alsbald all die anderen stutzen, und einer um den anderen fing an, sich ganz bescheiden zurückzuziehen.
HG|2|204|20|0|Einige fluchten noch, andere aber ermahnten sie zur Reue. Und so hatte dieser Aufstand bald ein Ende, und Ruhe trat wieder an seine Stelle.
HG|2|205|1|1|Kisehels Rede über die Versuchungen und die Nichtigkeit der Welt
HG|2|205|1|1|Am 6. Dezember 1842
HG|2|205|1|0|Nachdem sich somit der Tumult gelegt hatte und Ruhe und Ordnung an seine Stelle trat, da fielen der Lamech und der Thubalkain auf den Boden nieder und lobten und priesen Gott, darum Er solche Kraft allgnädigst dem Menschen verliehen hat, und baten Ihn, dass Er mit solch Seiner heiligen Kraft sie nimmerdar verlassen möchte, sondern stets bei ihnen verbleiben durch ihr ganzes Leben lang, und möchte mit solcher Gnade ja auch ihre Nachkommen segnen und sie gnädigst fort und fort erhalten in derselben.
HG|2|205|2|0|Nach diesem Lob, Dank und nach solcher Bitte begab sich der Kisehel hin zu den beiden noch am Boden Liegenden, richtete sie auf, und sagte dann zu ihnen:
HG|2|205|3|0|„Freunde, Brüder, der heilige, liebevollste Vater hat eine rechte Freude an euch, dessen könnt ihr vollends versichert sein; denn ihr habt nun drei starke Proben eurer angetretenen Treue gegeben.
HG|2|205|4|0|Doch, glaubt es uns, solange wir Menschen dieses sterbliche Fleisch umhertragen, so lange auch tragen wir unsere sich stets erneuernden Versuchungen umher und sind darum nicht sicher also, dass wir sagen können: Nun hat es ein Ende mit den Versuchungen!
HG|2|205|5|0|Ja, je mehr wir uns der Vollendung nähern, desto mehr werden wir auch stets gewahr, dass unser Fleisch, die Welt und der Ehrgeiz unseres fleischlichen Herzens dem lebendig wach werden wollenden Geist stets neue Steine unter die Füße legen, damit er nur wieder fallen möchte zurück in seinen ursprünglichen Todesschlaf!
HG|2|205|6|0|Allein, sollen wir darum etwa ängstlich und kleinmütig werden?
HG|2|205|7|0|O mitnichten, meine lieben Freunde und Brüder! Denn eben darinnen liegt ja die große erbarmende Liebe des heiligen, überguten Vaters in den Himmeln; denn durch solche Prüfungen werden wir ja fürs Erste geweckt in unserem Geist und sodann wach erhalten bis zur gerechten Zeit, in welcher dem Geist ein neuer, ewiger Tag werden wird, in dem er von keinem Schlaf und somit auch von keiner Versuchung mehr belastet wird!
HG|2|205|8|0|Dieser glückliche Zustand wird einst nach dem Abfalle des Leibes sicher erfolgen, kann aber auch schon beim Leibesleben des Menschen gerechter Anteil werden, der da sich in allem den göttlichen Willen zur ausschließend alleinigen Richtschnur genommen hatte.
HG|2|205|9|0|Wie aber kann solches geschehen? Auf die leichteste Art von der Welt! Man achte nur alle Welt für nichts, Gott aber allein über alles; man liebe nichts, was nur immer der Welt ist, sondern Gott allein über alles, und erfasse aus dieser heiligen Liebe heraus alle seine Nebenmenschen als Brüder und Schwestern, und die ganze, schwer scheinende Lebensaufgabe ist vollends gelöst!
HG|2|205|10|0|Wenn da aber jemand dagegen einwenden möchte und sagen: ‚Ja, solches ist leichter gesagt – als vollends gerecht getan!‘, dem sage ich nichts als das: Freund, was hast du denn soviel Gutes an der Welt, darum du sie also achtest und liebst, und scheust, sie zu treten mit deinen unsterblich werden sollenden Füßen?
HG|2|205|11|0|Siehe, nichts als eine kümmerliche Stopfung deines Magens und Bauches, eine elende Decke über deine Haut, einen fluchbeladenen Dienst von Seiten deiner Brüder und Schwestern, und endlich nach kurz abgelaufener Zeit den zeitlichen und ewigen qualvollsten Tod!
HG|2|205|12|0|Siehe, das also sind alle die Vorteile, welche uns die nichtige Welt bietet!
HG|2|205|13|0|Sagt mir, sind sie wohl wert, dass ein Mensch auch nur ihrer gedenkt?
HG|2|205|14|0|Wer sie, die Welt nämlich, also nur einmal recht ins Auge fasst, wie leicht ist es ihm dann alsbald umzukehren, aller Welt den Rücken zuzuwenden und zu folgen munteren und überfröhlichen Herzens dem heiligen Ruf des ewigen, heiligen, liebevollsten Vaters in und aus den Himmeln des ewigen, allerseligsten Lebens!
HG|2|205|15|0|So du hättest einen Traum, in dem du so recht von allen Seiten als ein förmlicher Gott geachtet warst, und hast gegessen die süßesten Leckerbissen, und hattest dann die schönsten und reizendsten Beischläferinnen; so du aber wach geworden bist, möchtest du dann seufzen nach dem Traum?
HG|2|205|16|0|Ein Narr wohl täte das; ein Weiser aber weiß es, dass es nur ein eitler Traum war, und wird daher nicht seufzen.
HG|2|205|17|0|Also ist es aber ja auch mit der Welt; sie ist nichts als ein eitel leerer Traum, der alsbald vergeht, sobald der Geist erwacht ist im neuen Tag! Daher haltet nicht mehr an der Welt, die nichts ist, so werdet ihr auch alle ihre Versuchungen ebenso leicht besiegen, wie das Erwachen am Tag leicht besiegt alle eitlen Träumereien der Nacht!
HG|2|205|18|0|Solches achtet, und tuet danach, so wird das ewige Leben euer Anteil sein, – nun aber seid wieder fröhlich und heiter! Amen.“
HG|2|206|1|1|Das rätselhafte Wesen der Begierde und Versuchung
HG|2|206|1|1|Am 9. Dezember 1842
HG|2|206|1|0|Nachdem ward wieder alles heiter und voll Munterkeit, nur der Lamech konnte sich noch nicht so recht fassen und schien voll Gedanken zu sein.
HG|2|206|2|0|Da aber der Kisehel solches gar wohl merkte, so nahte er sich dem Lamech und fragte ihn: „Bruder Lamech, was alles verarbeitest denn du noch in dir? Sage es mir geradeheraus, was es ist, das dich noch also beschäftigt! Scheue dich nicht, denn nun sind wir ja Brüder und müssen sein eines Sinnes! Darum sage mir nur ganz unverhohlen, was deine Seele noch also gewaltig geschäftig macht, nach deinem Willen! Amen.“
HG|2|206|3|0|Und der Lamech, eine kurze Zeit nachsinnend und seine Gedanken ordnend, sagte endlich: „Mächtiger Freund und Bruder! Siehe, du hast nicht unrecht, da du mich also fragst; denn gar starke Zweifelgedanken treiben sich in meiner Seele umher, und ich weiß es im Ernst nicht, was ich da aus denselben machen soll!
HG|2|206|4|0|Du wirst mir darüber sicher die beste Auskunft zu geben imstande sein!
HG|2|206|5|0|Und da du mich schon darum gefragt hast, so will ich denn auch alsogleich dir meinen Hauptkummer nun kundgeben, – und so vernehme es, denn also lautet das Wesen meiner Gedanken:
HG|2|206|6|0|Siehe, ich kann mir alle die steten Versuchungen nicht wohl zusammenreimen und habe dagegen folgende Gedanken: Ich habe mein Leben hindurch viel Überarges getan; warum aber habe ich es denn getan?
HG|2|206|7|0|Weil ich nicht anders habe handeln können; mein Gemüt, meine ganze Natur war ja also beschaffen, dass ich also ja habe handeln müssen!
HG|2|206|8|0|Denn zu jeder Handlung ergriff mich eine heftige Begierde, welcher ich so wenig zu widerstreben vermochte als einem heftigen Sturm der Elemente!
HG|2|206|9|0|Wer aber hat in mir solche arge Begierde erschaffen; wer die zügellose in meine Brust geschoben? Habe ich solches getan? Oder konnte ich wohl solches tun? Da ich doch nicht einmal im Allergeringsten weiß, was da die Begierde ist für ein Ding in mir, und woher sie kommt!
HG|2|206|10|0|Zufolge solcher Begierde verrichte ich alle meine Taten; kann ich aber dafür, dass ich sie verrichtet habe? Ward ich nicht getrieben aufs Heftigste von solch meiner Begierde dazu!? In dieser Begierde liegt aber ja alle Versuchung!
HG|2|206|11|0|Wenn aber der Mensch durch solch eine unbesiegbare Kraft in sich selbst versucht wird und kann mit seiner eigenen Schwäche nicht einer Versuchung Meister werden; sage mir demnach, wer dann der eigentliche Schuldträger ist, wenn der Mensch der mächtigen Versuchung unterliegt!
HG|2|206|12|0|Und so der Mensch aber unmöglicherweise solche Kraft hat, dass er der Versuchung widerstehen möchte, wofür ist dann die Versuchung, was ist ihr Endzweck?!
HG|2|206|13|0|Siehe, mächtiger Freund und Bruder, das sind meine Gedanken! Gebe mir darüber nur einen kurzen Aufschluss, und ich will mein ganzes Leben lang nicht einen Gedanken mehr dieses Zweifelpunktes würdigen!“
HG|2|206|14|0|Und der Kisehel erwiderte dem Lamech darauf folgendes: „Bruder Lamech! Leichteres gibt es wohl nicht leichtlich für den Geist zu begreifen – denn gerade dieses!
HG|2|206|15|0|Siehe, ich setze den Fall, es wäre dir auch möglich, einen willensfreien Menschen zu erschaffen! So du es wolltest, da wäre er auch schon da; du hättest ihn ausgerüstet mit allerlei Talenten und Fähigkeiten und möchtest dann zu ihm sagen:
HG|2|206|16|0|‚Nun, du mein aus meiner Kraft erschaffener Mensch, ich sage dir, du bist frei und kannst tun, was du willst!‘ Wird jetzt dieser von dir erschaffene Mensch im Ernst schon frei sein? O nein, denn er weiß ja noch nicht, was die Freiheit ist!
HG|2|206|17|0|Er wird auch gar nicht zu handeln anfangen zufolge der Talente und Fähigkeiten in ihm, sondern wird dastehen wie ein mit Wasser angefülltes Gefäß, voll – wenn auch des allerreinsten Wassers. Was wirst du wohl tun müssen, um ihn freitätig zu machen? Du wirst ja doch auch müssen ihm eine Handlungsbegierde einhauchen.
HG|2|206|18|0|Wenn er nun solche in sich haben wird, so wird er zwar alles also ergreifen, wie ihn die Begierde ziehen wird, – wird aber solch ein Handeln auch ein freies und geordnetes sein? Du sagst: ‚Mitnichten!‘
HG|2|206|19|0|Nun gut; damit aber sein Handeln ein freies und geordnetes werde, wird da nicht nötig sein, ihm durch Gesetze anzuzeigen, was er tun oder nicht tun soll?!
HG|2|206|20|0|Wenn du aber die Gesetze streng in ihn legen wirst, so wird er handeln wie ein Tier.
HG|2|206|21|0|Wirst du sie zu laß [lasch, kraftlos] legen, das heißt ohne Sanktion, so werden sie ihn nicht anfechten.
HG|2|206|22|0|Also wirst du sie müssen sanktionieren, und der Mensch wird dann erst anfangen, das Rechte vom Falschen, oder das Ordentliche vom Unordentlichen zu unterscheiden.
HG|2|206|23|0|Damit er aber dann tätig werde und ein freier Geist, so werden von deiner Seite ihm doch auch müssen solche Gelegenheiten bereitet werden, in denen er seine freie Tatkraft wird versuchen können, – und siehe, diese Gelegenheiten sind aber nichts anderes als die von dir so scharf bedachten Versuchungen!
HG|2|206|24|0|Und so muss uns ja Gott auch solche Versuchungen zukommen lassen, sonst würden wir ja gleich sein entweder den Steinen, oder den Bäumen, oder den Tieren!
HG|2|206|25|0|Gott aber will, dass wir freie Menschen sein sollen, also muss Er uns ja dann auch stets Gelegenheiten bereiten, durch welche wir wahrhaft frei werden können!
HG|2|206|26|0|Die Versuchungen aus der Welt und unseren Begierden aber sind ja solche Gelegenheiten! Daher sei nur ruhig, und betrübe dich fürder nicht mehr; in deinem Geist aber wirst du erst dieses Rätsel völlig gelöst finden!
HG|2|206|27|0|Und so sei fröhlich mit uns allen! Amen.“
HG|2|207|1|1|Lamechs Traurigkeit, weil der Mensch Gott nichts Verdienstliches tun kann. Die Demut als Anfang der reinen Liebe
HG|2|207|1|1|Am 10. Dezember 1842
HG|2|207|1|0|Nach dieser Rede Kisehels ward der Lamech zwar wohl um vieles heiterer, aber dennoch also wie jemand, der da den besten Willen hat, recht fröhlich zu sein, kann aber dabei dennoch nicht verbergen, dass er einen sehr engen Schuh am Fuß hat, der ihn fortwährend drückt.
HG|2|207|2|0|Solchen Zustand merkte wieder alsobald der Kisehel, nahte sich dem Lamech und sagte dann zu ihm: „Höre, Bruder Lamech, ich muss es dir sagen, dass du noch durchaus nicht frei bist in deiner Seele!
HG|2|207|3|0|Heimlich verarbeitest du noch so manches und magst damit zu keinem Ende gelangen; sage mir, wo es dich noch drückt, und ich will dir ja überall gerne Licht verschaffen und mit der Gnade des Herrn helfen aus jeglicher Not!“
HG|2|207|4|0|Und der Lamech wandte sich gar freundlich zum Kisehel und sprach: „Mächtiger Freund und Bruder, ich lobe und preise nun Den, der da ewig lebt, dessen Gewalt kein Ende hat, und dessen Reich und allmächtige Herrschaft unendlich ist und währt ewiglich für und für!
HG|2|207|5|0|Ja, ich, Lamech, ehre, lobe und preise nun Den, gegen welchen alle, die da auf der Erde wohnen und mächtig sind, als pur nichts zu rechnen sind!
HG|2|207|6|0|Denn Er macht es, wie Er will, sowohl mit den Kräften im Himmel, als auch mit denen auf der Erde, und niemand kann Ihm wehren und niemand Ihn fragen und sagen zu Ihm: ‚Was machst Du, Allmächtiger?‘
HG|2|207|7|0|Denn Er ist ein alleiniger Herr und kann tun, was Er will. Wen Er will züchtigen, den züchtigt Er; wen Er demütigen will, den demütigt Er; den Er versuchen will, den versucht Er.
HG|2|207|8|0|Dem Er die Sünde vergeben will, dem vergibt Er sie ohne Vorhalt; so Er jemanden töten will, so tötet Er ihn, wann Er will, und braucht nicht zu ihm zu sagen: ‚Morgen will ich dich töten!‘, sondern wann Er will; und niemand kann Ihn zur Rechnung ziehen und niemand Ihn richten, denn Er ist erhaben über alle Himmel und über alle Menschen der Erde!
HG|2|207|9|0|Siehe, Bruder, solches alles weiß ich nun! Aber es ist mir mit allem dem dennoch nicht viel geholfen; denn ich kann nun denken, wie ich nur kann und mag, so kommt am Ende dennoch nichts anderes heraus als: Gott allein ist alles in allem, wir alle zusammengenommen aber sind eitel nichts gegen Ihn!
HG|2|207|10|0|Das Einzige, dass wir Ihn nämlich lieben, ehren, loben und preisen können und dürfen, ist etwas im Anbetracht unter uns nur; aber im Anbetracht Seiner allmächtigen, unendlichen und ewig göttlichen Wesenheit ist es eben auch nichts! Denn so wir, alle Menschen und Tiere der Erde und alle Kräfte der Himmel, gegen Ihn nichts sind, was sollte Ihm demnach unsere Liebe, unser Lob, unsere Ihm gegebene Ehre und all unser Preisen sein?!
HG|2|207|11|0|Also können wir Ihn im eigentlichen Sinne auch gar nicht lieben, nicht loben, nicht ehren und nicht preisen, sondern da wir solches tun, so tun wir es nur im Anbetracht unserer eigenen Wohlfahrt! Denn wer mag Gott erhöhen, da Er von Ewigkeit der Allerhöchste ist?
HG|2|207|12|0|Wer kann Gott durch sein Lob verherrlichen, Ihn, vor dem Himmel und Erde nichts sind?! Wer kann Ihn lieben, Ihn, die unendliche Macht, Kraft und Gewalt?! Wer Ihm ein gerechtes Opfer darbringen, Ihm, dem alles ist ein urewiges Eigentum?!
HG|2|207|13|0|Also tun wir solches alles ja nur rein unsertwegen und können im eigentlichen Sinne wegen Gott ja doch unmöglich etwas tun!
HG|2|207|14|0|Und doch möchte ich solches alles nur wegen Gott tun – und nicht auf diese Art notgedrungen nur wegen meiner Wohlfahrt!
HG|2|207|15|0|Wie aber ist solches möglich, von diesem wahren Standpunkt aus betrachtet?
HG|2|207|16|0|Ich sehe nun gar wohl, dass alle die Versuchungen allein von der großen Gnade Gottes abhängen und wir dafür Ihm nur ewig danken können, darum Er unser also gedenkt, Er, der unendliche, ewige Gott!
HG|2|207|17|0|Dass wir Ihm aber dagegen gar nichts tun können, siehe, das bedrückt nun meine Seele, macht traurig mein Herz!
HG|2|207|18|0|O Bruder, solches kannst du also nicht in der Tiefe und Fülle empfinden wie ich, der große Schuldner! Warst du auch ein Schuldner, so warst du es aber dennoch nicht in dem Umfang, wie ich es war, und so kannst du auch, wie gesagt, das nicht so sehr empfinden wie ich, was das heißt, ein Schuldner zu sein und für die Schuld keinen Ersatz bieten zu können!
HG|2|207|19|0|Nun weißt du alles, was mich drückt; rate mir daher, so du es kannst, oder so es dir möglich ist!“
HG|2|207|20|0|Solche Rede machte den Kisehel stutzen, und er wusste im Ernst sich anfangs nicht alsogleich zu fassen; als aber zu dem Behuf wieder Mein Geist über ihn kam, da vertröstete er den Lamech alsbald mit folgenden Worten:
HG|2|207|21|0|„O Bruder Lamech, was du nun empfindest, das empfanden wir alle lange schon und empfinden es jetzt umso lebendiger, da du es mit uns empfindest; aber dabei wissen wir aber solches aus des Herrn eigenem heiligen Munde, dass Ihm eben gerade der Dank von unserer Seite am angenehmsten ist, so wir unsere vollste Nichtigkeit gegen Ihn begreifen!
HG|2|207|22|0|Wenn du keine Worte mehr findest in dir, Ihm zu danken, und kein vollends würdiges Opfer für Ihn, so bist du ein rechter Danker, Preiser und Anbeter Gottes, des heiligen Vaters!
HG|2|207|23|0|Siehe, das ist die rechte Demut, und diese ist der Same fürs ewige Leben in Gott.
HG|2|207|24|0|Sie ist der Anfang der reinen Liebe, diese aber das ewige Leben selbst.
HG|2|207|25|0|Darum sei nun überfroh und heiter, denn gerade in dem hast du eben jetzt den ewigen Geist des wahren, ewigen Lebens überkommen!
HG|2|207|26|0|O Lamech! Bruder! Meine Freude über dich ist groß geworden!
HG|2|207|27|0|Bleibe also, so wirst du leben ewig, ewig, ewig! Amen.“
HG|2|208|1|1|Lamechs Gelübde und Liebesbund mit dem Herrn
HG|2|208|1|1|Am 12. Dezember 1842
HG|2|208|1|0|Als der Lamech vom Kisehel solches vernommen hatte, da ward er überfroh und heiter und sagte darauf zum Kisehel: „Mächtiger Freund und Bruder! Dem allmächtigen, ewigen Gott und Schöpfer aller himmlischen Kräfte, dieser Erde, und alles dessen, was in ihr, auf ihr und über ihr ist, lebt, atmet und denkt, sei ewig alle meine Liebe, Ehre und Anbetung dafür, dass Er also barmherzig ist und also überaus gnädig, dass Er nun durch dich zu mir geredet hatte und hat mir gezeigt des Lebens rechten Weg!
HG|2|208|2|0|Denn jetzt erst bin ich vollends hergestellt und weiß, wie da die Dinge stehen.
HG|2|208|3|0|Darum aber wird von nun an auch der Lamech alle seine Kräfte aufbieten, an allen den noch Lebenden das gutzumachen, was er mit und an ihnen Arges vollzogen hatte.
HG|2|208|4|0|Solches alles gelobe ich, Lamech, euch allen jetzt bei dem allerheiligsten, lebendigen Namen des Allerhöchsten!“
HG|2|208|5|0|Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Höre, Bruder Lamech, der Herr hat dich nicht aufgefordert, auf dass du Ihm ein Gelübde machen sollst; da du aber somit freiwillig Gott deine Treue gelobt hast, so hast du damit mit Ihm, dem allerheiligsten Vater, einen festen Liebesbund geschlossen! Er hat ihn angenommen; darum auch wird Er dich stärken, aber dabei nicht unterlassen, dich nach dem gerechten Maße zu prüfen, damit du stets eine Menge Gelegenheiten haben sollst, deine Ihm gelobte Treue stets mehr und mehr zu befestigen.
HG|2|208|6|0|Bleibe daher deinem Bund getreu; der Herr wird dir alle Wege vorzeichnen, welche du zu wandeln wirst haben in Seinem allerheiligsten Namen!
HG|2|208|7|0|Welche Schwierigkeiten sich dir auch immer entgegenstellen möchten, so sollst du sie aber dennoch nicht ansehen, sondern allzeit handeln nach dem Willen des Herrn, und sei gläubig versichert, der allmächtige, heilige Vater wird dir jedes Unternehmen in Seinem Namen segnen und vollends gelingen machen!
HG|2|208|8|0|Siehe, es war keine kleine Aufgabe für uns, dich, lieber Bruder, von deinem Untergang zu retten; allein der Herr war mit uns, und du stehst nun da, uns wohl der herrlichste Lohn für alle unsere Angst, Mühe und Arbeit! Denn wir hatten nicht nur mit dir, sondern mit einem bei weitem ärgeren und mächtigeren Feind zu kämpfen gehabt, als du selbst es warst; und dieser war der große, dir unsichtbare, alte Fürst der Lüge, der Selbstsucht, aller List und alles Truges, der abgesagteste Feind Gottes, der da vom Anbeginn mehr sein wollte als Gott.
HG|2|208|9|0|Da ihn aber Gottes Macht gestürzt hat, so ist er voll Grimm und denkt und sinnt nun nach nichts anderem, als wie er nur immer könnte Gott einen Schaden zufügen!
HG|2|208|10|0|Dieser große Feind ist nun noch sehr mächtig, und sein Reich ist noch maßlos groß; denn er weiß es gar wohl, wie groß die göttliche Vaterliebe und Geduld ist, sündigt darauf los zu jeder Zeit, darum ihm Gottes Erbarmung noch den freien Willen belassen hatte, wie sein Reich.
HG|2|208|11|0|Und siehe darum, lieber Bruder, mit diesem Feind hatten wir zuerst zu tun und mussten zuvor seiner vollends Meister werden, bevor wir uns dir erst haben nahen können, um dich zu retten; also haben wir um dich einen großen und überstarken Kampf zu bestehen gehabt!
HG|2|208|12|0|Auf dieselbe Art wirst auch du, lieber Bruder, allzeit einen starken Kampf zu bestehen haben; aber sei allzeit deines heiligen Bundes mit Gott vollends eingedenk, und verbleibe demselben allzeit vollends treu, so wirst du siegen über jede Gefahr und wirst am Ende als ein mächtiger Herold, mit der Siegerkrone angetan, einhergehen in das ewige, unvergängliche, allerseligste, freieste Leben!
HG|2|208|13|0|Nun nehme unseren Segen hinzu; des Herrn Liebe, Gnade und Erbarmung sei allzeit mit dir und all deinem Volk!
HG|2|208|14|0|Und so denn lasse uns Gott danken, loben und preisen und uns sodann begeben zur stärkenden Ruhe unseres Leibes!“
HG|2|208|15|0|Darauf begaben sich alle in den Thronsaal, lobten und priesen da den allerheiligsten Namen, begaben sich dann zur Ruhe, und die sieben Boten blieben im Vorgemach Lamechs.
HG|2|209|1|1|Lamech wundert sich über die rasche Austrocknung der Moraste. Warum der allmächtige Gott Seine Geschöpfe arbeiten lässt
HG|2|209|1|1|Am 13. Dezember 1842
HG|2|209|1|0|Beim Anbruch des nächsten Tages noch viel vor dem Aufgang [der Sonne] begab sich alles in den Thronsaal, gab allda Gott die Ehre.
HG|2|209|2|0|Nach beendigter Verehrung und Anbetung des allerheiligsten Namens, welche bis zum völligen Aufgang angedauert hatte, begab sich dann alles wieder in den Speisesaal, allda schon ein reichliches Morgenmahl bereitet der Gäste harrte.
HG|2|209|3|0|Dieses wurde nach einem rührenden Lobgesang eingenommen.
HG|2|209|4|0|Und nach dem dargebrachten Dank für solch ein gutes Morgenmahl sagte der Kisehel: „Nun, liebe Brüder, lasst uns hinausgehen zu unseren Arbeitern und sehen, was alles sie schon zuwege gebracht haben!
HG|2|209|5|0|Die Weiber und Mägde aber sollen nach einiger Zeit einige Körbe voll Speisen hinausbringen als gute Stärkung für die kommenden Arbeiter.“
HG|2|209|6|0|Nachdem begaben sie sich alle hinaus. Als sie aber allda anlangten, wie staunten da der Lamech und der Thubalkain, als sie fürs Erste nicht nur einen nahe berggroßen, glänzenden Goldklumpenhaufen entdeckten, sondern auch schon eine Menge Streckhämmer in der größten Tätigkeit erblickten und dazu schon eine ganze Menge allerschönster, überaus stark glänzender Goldblechtafeln, – und fürs Zweite, dass sie von den Pfützen und Morasten weit und breit keine Spur mehr zu entdecken imstande waren!
HG|2|209|7|0|Nach solchen Betrachtungen wandte sich der Lamech zum Kisehel und fragte ihn: „O mächtiger Freund und Bruder, – sage mir doch, wie solches möglich war! Denn mit menschlichen Kräften ist solches wohl nicht zu gedenken!
HG|2|209|8|0|Ich lasse mir mit der allergenauesten Not das Erz gefallen, aber die Austrocknung der Pfützen, Sümpfe und Moraste, die sich mehrere Stunden weit nach allen Seiten ausbereiteten, ist mir rein unbegreiflich!
HG|2|209|9|0|Sage mir doch, wie ging denn solches zu?!“
HG|2|209|10|0|Und der Kisehel antwortete dem Lamech und sagte: „Lamech, weißt du wohl, wie es zuging, dass es heute wieder Tag wurde?
HG|2|209|11|0|Du sagst es: Solches ist dir völlig fremd; und doch will solches unendlich viel mehr gesagt haben als da diese Pfützenaustrocknung, und da mag um das Größere niemand fragen!
HG|2|209|12|0|Weißt du denn nicht, dass bei Gott alle Dinge möglich sind?!
HG|2|209|13|0|Siehe, auf der Höhe hat der große nächtliche Sturm in der Nacht vor dem Sabbat einen ganzen Kristallberg von großer Herrlichkeit nahe zu Staub zertrümmert!
HG|2|209|14|0|Am Morgen sahen alle stark geprüften Bewohner mit großem Bedauern diese große Höhenpracht wie völlig vernichtet in einem noch dampfenden Schutthaufen; mehrere Trümmer lagen zertrümmert und kleinst zersplittert auf dem weiten Gebirgsboden in großer Unordnung zerstreut.
HG|2|209|15|0|Und siehe, es kostete den Herrn einen leisesten Gedanken, eines Hauches kaum, eines Wörtleins, und die ganze zerstörte und zerstäubte Grotte, ein der Erde sicher wunderbarst größter, erhabenster und prachtvollster Palast, stand im Augenblick wieder also da, als wäre sie nie von irgendeinem leisesten Wind auch nur angehaucht worden!
HG|2|209|16|0|Siehe nun, lieber Bruder Lamech, wenn dem Herrn eines gar so leicht möglich ist, da wird Ihm wohl auch ein anderes sicher nicht weniger möglich sein!
HG|2|209|17|0|Dem, der die Erde erschaffen konnte, wird es wohl nicht eben so schwer fallen, diese Sümpfe trocken zu machen, so Er es nur will! Solches aber hat Er gewollt, und siehe, darum ist es also, wie Er es gewollt hatte! Bist du nun zufrieden mit dieser Beleuchtung?“
HG|2|209|18|0|Und der Lamech erwiderte: „Freund und Bruder, – ganz vollkommen; aber nur möchte ich dich noch um eines fragen, und dieses eine ist und besteht darinnen, nämlich:
HG|2|209|19|0|Wie der allmächtige Gott doch mag Seine Geschöpfe tätig sein lassen in den verschiedenen Dingen, und bedarf genau genommen doch ihres Dienstes nicht im Allergeringsten?“
HG|2|209|20|0|Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Solches geschieht alles aus dem endlos weisen Grunde, damit dadurch alles von Ihm ausgehende Leben so oder so eine genügende und notwendige Übung seiner Kräfte finden soll, ohne welche es aufhören würde, ein Leben zu sein!
HG|2|209|21|0|Die Tätigkeit ist die Erhaltung und stete Stärkung des Lebens; darum sind alle Dinge tätig, und der Mensch soll darum überaus tätig sein, weil er am meisten von Gott mit dem Leben beteilt ist.
HG|2|209|22|0|Da aber der Mensch vorzugsweise ein geistiges Leben hat, so soll er auch dasselbe vorzugsweise üben in der Liebe zu Gott, damit er es nicht verliere!
HG|2|209|23|0|Siehe, darum lässt der allmächtige Gott uns arbeiten!
HG|2|209|24|0|Doch siehe, dort kommen schon von allen Seiten her Arbeiter für den Bau des Tempels einher; daher mache dich nun gefasst, und teile sogleich jedem seine Arbeit zu!
HG|2|209|25|0|Doch vor dem Beginn der Arbeiten sollen sie essen und trinken!
HG|2|209|26|0|Und so denn lassen wir das Werk beginnen! Amen.“
HG|2|210|1|1|Mura wird als Tempelbaumeister berufen
HG|2|210|1|1|Am 14. Dezember 1842
HG|2|210|1|0|Als die Arbeiter, bei dreitausend an der Zahl, nun vollends mit den Weibern an der Stelle angelangt waren, allda sich der Lamech mit den sieben Boten aus der Höhe befand, da hieß der Lamech sie alle, dass sie sich niederlassen sollen auf den Boden und allda nehmen Speise und Trank, welches alles in reichlicher Fülle die Weiber und Mägde Lamechs soeben herbeigeschafft hatten.
HG|2|210|2|0|Nachdem aber bat er den Kisehel, dass er diesen Gästen möchte segnen die Speise und den Trank; und der Kisehel tat solches.
HG|2|210|3|0|Als sich die Arbeiter hinreichend gesättigt hatten und dennoch die Körbe statt leerer nur stets voller wurden, bemerkten etliche solches und konnten sich nicht genug verwundern, denn sie wussten nicht, woher solches käme.
HG|2|210|4|0|Aber der Lamech sagte zu ihnen: „Wundert euch des Segens aus der heiligen Höhe? Ja, ihr habt recht, dass ihr euch dessen wundert; aber ihr werdet noch ganz andere Dinge schauen, die euch noch ums Unaussprechliche mehr wundernehmen werden als das, was ihr soeben seht!“
HG|2|210|5|0|Ein vornehmer Mann aber aus der Stadt Farak, der ein Baumeister war, erhob sich, verneigte sich tief vor dem König und sagte zu ihm:
HG|2|210|6|0|„Mächtiger, glänzender König und Herr! Der allmächtige Gott Faraks und aller unserer Väter verleihe dir ein langes Leben!
HG|2|210|7|0|Ich, einer deiner Knechte, möchte dich darum bitten, dass du mich allergnädigst anhören möchtest; siehe, ich habe etwas gar Wichtiges auf meinem Herzen!“
HG|2|210|8|0|Und der Lamech, diesem Mann seine Hand freundlichst reichend, sprach: „O rede, rede, Bruder und Freund, und fürchte nicht mehr den Lamech; denn die Hyäne ist zu einem sanften Lamm geworden! Also rede, was dir am Herzen liegt!“
HG|2|210|9|0|Und der Mann aus Farak verneigte sich abermals tief vor dem Lamech und sagte dann:
HG|2|210|10|0|„Großer König und Herr, siehe, ich hatte heute Nacht einen Traum gehabt, als seien sieben große Männer, mit überstark leuchtenden Kleidern angetan, zu mir gekommen!
HG|2|210|11|0|Einer aus ihnen aber trat zu mir hin und sagte zu mir: ‚Mura! Du bist mein Mann; ziehe hin nach Hanoch, da du ein Baumeister bist, und du sollst dort einen herrlichen Bau aufführen!
HG|2|210|12|0|Lamech wird dem Gott Faraks einen Tempel errichten, und du sollst den Bau leiten!
HG|2|210|13|0|So du morgen erwachen wirst, wirst du auch schon einen fertigen Plan auf deinem Tisch finden; nach diesem Plan sollst du den Tempel erbauen!
HG|2|210|14|0|Zeige aber zuvor den Plan dem König, und dieser wird ihn alsbald als den rechten erkennen und wird dich dann zum Bauführer erwählen!‘
HG|2|210|15|0|Und ferner sprach er noch zu mir: ‚Ich aber, der dir solches nun im Traum anzeige, bin samt diesen sechs Brüdern aus der Höhe, und mein Name ist Kisehel, ein Bote des Herrn an die Kinder der Tiefe!‘
HG|2|210|16|0|Siehe, solches ist zu mir geredet worden, und hier ist der wunderbare Plan, den ich, Mura, wahrhaftig wunderbarst heute früh morgens noch viel vor dem Aufgang [der Sonne] auf meinem Tisch gefunden habe!
HG|2|210|17|0|O König und Herr, wolle ihn gnädigst beschauen!“
HG|2|210|18|0|Der Lamech, ganz im höchsten Grade fröhlichst erstaunt über diese Erzählung, erkannte alsobald die volle Richtigkeit des Planes und sagte darauf zum Mura:
HG|2|210|19|0|„Freund und Bruder! Durch diesen meinen Handdruck ernenne ich dich dazu, wozu dich der mächtige Bote des Herrn berufen hatte im Geiste!
HG|2|210|20|0|Diese meine königliche Kette, die ich dir jetzt überreiche, soll dich als den von mir bevollmächtigten Baumeister allzeit auszeichnen!“
HG|2|210|21|0|Darauf aber fragte der Lamech den Mura: „Hast du dir auch die Züge des Kisehel gemerkt?“
HG|2|210|22|0|Und der Mura erwiderte: „O König und Herr! Also sehr, dass mir dieselben wohl nie aus meiner Seele entschwinden werden!“
HG|2|210|23|0|Und der Lamech sagte darauf zum Mura: „Freund und Bruder, siehe dort den großen Mann, der soeben mit dem Thubalkain redet! Sieht der ihm nicht ähnlich?“
HG|2|210|24|0|Und der Mura, ganz außer sich vor Freuden, sprach: „O König und Herr, nicht nur ähnlich, sondern – dieser ist es ja selbst leibhaftig! Ja, ja, er ist es, er ist es!“
HG|2|210|25|0|Und der Lamech berief den Kisehel zu sich, und dieser trat alsbald zum Lamech und sagte zu ihm: „Nun, wie gefällt dir der Baumeister Mura aus Farak?“
HG|2|210|26|0|Der Lamech konnte vor zu großen Freuden nicht reden, und der Mura fiel vor dem Kisehel nieder.
HG|2|210|27|0|Der Kisehel aber sagte zu beiden: „Ersteht, gebt Gott die Ehre! Du, Lamech, bist ein rechter König nun, und du, Mura, ein rechter Baumeister!
HG|2|210|28|0|Daher macht euch ans Werk; des Herrn Segen sei mit euch und dem Werk eurer Hände! Amen.“
HG|2|211|1|1|Muras Begierde nach Licht wird von Lamechs Weisheit gestillt. Die Aussteckung des Tempelbauplatzes
HG|2|211|1|1|Am 15. Dezember 1842
HG|2|211|1|0|Der Mura aber getraute kaum seinen Augen und seinen Ohren; als er sich aber nach der Beheißung Kisehels wieder völlig aufgerichtet hatte, da sagte er zum Lamech:
HG|2|211|2|0|„Mein weiser König und Herr, gestatte mir, deinem Knecht, zu reden nur wenige Worte; denn in dieser Sache muss mir Licht werden, oder ich will eher sterben und gar übel umkommen, als verbleiben in dieser Finsternis, in der ich nicht erschauen kann die Möglichkeit und die Art der Begebenheit, die an mir ist so wunderbar geoffenbart worden!
HG|2|211|3|0|So dir, o König und Herr, etwas davon bekannt sein sollte, da künde es mir!
HG|2|211|4|0|Denn sonst werde ich nicht wohl bestehen in der Führung des Baues, so mein Geist in dieser Finsternis sein Licht vergeblich suchen wird!“
HG|2|211|5|0|Und der Lamech erwiderte dem Mura: „Höre, Freund und Bruder, lobenswert ist dein Eifer! Solches kann ich dir wohl sagen; aber dir die Wege Gottes enthüllen, – siehe, da hast du dich an einen untüchtigen Mann gewendet, denn solches ist mir so gut ein Rätsel, als es dir ist!
HG|2|211|6|0|Ich aber will mich fügen in des Herrn Willen! Ist es recht und lebendig gut für mich, so werde ich es zur rechten Zeit erfahren; ist es aber nicht also, da soll es mich auch gar nicht weiter anfechten.
HG|2|211|7|0|Solches weiß ich aber nun genau, dass alles, was da geschieht, nach dem Willen des Herrn geschieht; und siehe, das ist einstweilen ja auch genug!
HG|2|211|8|0|Mir und dir hat der Herr Seinen Willen wunderbar kundgegeben; so denn erfüllen wir denselben zuerst, und dann wird der Herr mit uns schon weiter verfügen, was da ist Sein allheiligster Wille!
HG|2|211|9|0|Siehe, was wir ansehen, ist nichts als pur Wunder! Die Sonne am Himmel, der Mond und all die Sterne und unsere Erde sind voll der unbegreiflichsten Wunder! Wer begreift sie in ihrer Art?
HG|2|211|10|0|Möchtest du wohl deshalb sterben, da du solches nicht begreifst?
HG|2|211|11|0|Siehe, solches ist demnach eitel von dir! Daher lasse es, und füge dich nach dem Willen Gottes; alles andere wird schon hinzukommen, so es dem Herrn wird angenehm sein!
HG|2|211|12|0|Sollte es Ihm aber nicht angenehm sein, da ist es ja bei weitem besser für uns, dass wir solches nicht erfahren, als dass wir es erfahren sollen gegen den Willen des Herrn!
HG|2|211|13|0|Und so denn begeben wir uns lieber auf den Bauplatz, stecken da nach dem Plan alles richtig aus und verteilen sodann die Arbeit an die Arbeiter! Bist du damit nicht einverstanden?“
HG|2|211|14|0|Und der Mura sagte darauf, ganz zerknirscht von dieser Rede Lamechs:
HG|2|211|15|0|„O König und Herr! Gott, der Allmächtige, verleihe dir ein langes Leben; denn jetzt erkenne ich erst vollends, dass du die wahre Weisheit von Gott überkommen hast, – denn du hast zur völligen Ruhe gebracht meine Begierden.
HG|2|211|16|0|Darum aber will ich dir auch sein allzeit mein ganzes Leben hindurch ein dienstwilligster Knecht! Gott sei alle Ehre und alles Lob dafür ewig! Amen.“
HG|2|211|17|0|Darauf berief er zu sich seine Unterbauleute und hieß sie ihm und dem lichten König folgen auf den Bauplatz, welchen ihnen der König anzeigen werde.
HG|2|211|18|0|Und alsbald traten bei dreißig an der Zahl aus der Menge. Es kam aber nun der Lamech in eine kleine Verlegenheit.
HG|2|211|19|0|Denn der für den Tempelbau bestimmte Platz war nun mit lauter Erz, Gruben, Arbeitern und Hämmern und Schmelzfeuern angefüllt, und so wusste der Lamech nicht, was er da tun sollte.
HG|2|211|20|0|Aus dem Grunde wandte er sich denn wieder an den Kisehel und fragte ihn, was da nun zu machen sein wird.
HG|2|211|21|0|Der Kisehel aber sagte darauf zum Lamech: „Höre du, mein lieber Bruder Lamech, an der Stelle der Erde ist gar wenig gelegen, wo der Tempel stehen soll, sondern an deinem Herzen! Hast du in dieser deiner lebendigen Erde dem allerheiligsten Namen, den du verscharrt hast ehedem in den Unrat derselben, einen gerechten Tempel auf der rechten Stelle erbaut, so hast du das rechte Maß schon gelegt.
HG|2|211|22|0|Was dann aber betrifft diesen Außenbau, da messe du ihn auf der bequemsten Stelle, und dem Herrn wird es recht sein!
HG|2|211|23|0|Dass ich aber zu dir gerechnet habe also redend, als sollst du auf eben der Erdstelle den Tempel erbauen, auf welcher da ausgegraben wurde die Tafel, siehe, da ward nur gemeint dein Herz; im selben aber hast du den Bau schon aufgeführt, und so ist es recht!
HG|2|211|24|0|Also magst du nun auf der Erde messen, wo du willst, und es wird auch recht sein, so nur dein inneres Maß richtig ist!“
HG|2|211|25|0|Hier dankte der Lamech dem Kisehel für ein solches Licht und begab sich mit dem überaus erstaunten Mura hinaus auf einen schönsten, freiesten Platz und steckte da mit dem Mura meisterlich den Plan aus.
HG|2|212|1|1|Muras Anweisungen zur Errichtung des Tempels
HG|2|212|1|1|Am 16. Dezember 1842
HG|2|212|1|0|Als der Plan nun vollends ausgesteckt war, da berief der Baumeister Mura seine dreißig Unterbauleute zusammen und sprach zu ihnen:
HG|2|212|2|0|„Seht hierher in den Plan! Also ist die Einteilung des Grundbaues, und also die des Unterbaues, also die des Überbaues, und also die des Oberbaues!
HG|2|212|3|0|Verständigt euch darüber, und verteilt dann die Arbeit danach!
HG|2|212|4|0|Ihr fragt mich um die Bausteine? Da seht hinüber gegen den Berg! Es dürften kaum bei siebentausend Schritte geraden Weges sein, allda werdet ihr der Steine in größter Menge antreffen, die da gut sind für den Grund!
HG|2|212|5|0|Gleich daneben befindet sich ein herrlicher Steinbruch; den benützt für den Unterbau! Es ist ein ädriger Graumarmor, welcher aber rau zu behauen ist in gevierte gleichmäßige Blöcke.
HG|2|212|6|0|Für den Über- und Oberbau aber seht dorthin gegenüber diesen besagten Steinbrüchen! Seht die weißen Steinwände! Es ist der feinste weiße Marmor; dieser wird genommen für den Über- und Oberbau.
HG|2|212|7|0|Dies Gestein aber muss zuvor allerfeinst an der Wandseite sowohl nach innen, wie nach außen beschnitten, dann mit Öl geschliffen und wohl geglättet sein, bevor es soll zum Bau verwendet werden.
HG|2|212|8|0|Das Bindungsmittel soll für den Grund- und Unterbau aus dem gewöhnlichen Steinbrei bestehen; zur Bindung des Über- und Oberbaues aber diene der euch wohlbekannte Steinschleim.
HG|2|212|9|0|Für die inneren, ehernen Wandklammern aber wird nach guter Maßgabe und nach gerechtem Bedarf schon der Thubalkain sorgen.
HG|2|212|10|0|Was die Eindachung betrifft, so wird solche den Zimmerleuten zukommen und dann den Erzarbeitern.
HG|2|212|11|0|Jetzt wisst ihr alles, beginnt mit dem alleinig wahren Gott Faraks, des weisen Lehrers der Menschheit, das Werk, so werdet ihr dasselbe auch mit Gott enden!
HG|2|212|12|0|Für Speise, Trank und gerechten Lohn sorge sich ja niemand, denn solches alles wird jedem im gerechtesten Maße gegeben werden!
HG|2|212|13|0|Ein jeder Arbeiter aber bedenke, dass dieser Bau dem alleinig wahren Gott zur Ehre von unserer Seite aufgeführt wird, so wird er einen großen Segen finden in seiner Arbeit!
HG|2|212|14|0|Und so denn geht in dem Namen des alleinig wahren Gottes, und beginnt das Werk!“
HG|2|212|15|0|Einer aus den Unterbauleuten aber fragte den Mura: „Meister, der Plan enthält ja auch eine Ringmauer! Was ist denn mit dieser?“
HG|2|212|16|0|Und der Mura erwiderte dem Fragesteller: „Höre du, mein Cural! Hast du dich schon je um ein Hemd gesorgt für ein Kind, wenn es noch erst kaum gezeugt war?
HG|2|212|17|0|Du sagst: ‚Mitnichten, sondern erst dann, wenn es völlig zur Welt geboren ward!‘
HG|2|212|18|0|Also lassen wir auch hier das Kind erst geboren werden und sodann erst sorgen wir für das Hemd!
HG|2|212|19|0|Also geht nun, und beginnt tätigst das geheiligte Werk! Amen.“
HG|2|212|20|0|Auf diese Beheißung Muras legte alsogleich alles gleich Ameisen und Bienen die Hände ans Werk.
HG|2|212|21|0|Der Lamech und der Mura aber begaben sich hin zu den sieben Boten, und namentlich zum Kisehel, der soeben mit dem Thubalkain bezüglich der erforderlichen Erzarbeiten verhandelte, und zeigten ihm an, wie sie alles angeordnet hatten.
HG|2|212|22|0|Und der Kisehel sagte darauf zu den beiden: „Liebe Brüder, also ist es recht und Gott wohlgefällig! Er wird darum das Werk segnen, und in sieben Tagen wird alles in seiner Vollendung dastehen, des seid vollends versichert!
HG|2|212|23|0|Nun aber lasst uns wieder nach Hause in die Stadt ziehen und dort Anstalten treffen, dass alle die Arbeiter gehörig versorgt werden!
HG|2|212|24|0|Du, Sethlahem, bestelle die Weiber und Mägde in ihre Arbeit, und du, Bruder Lamech, aber beheiße deine nun gegenwärtigen Diener und Knechte nach deiner Art, dass sie sollen – jeglicher wieder in seinem gerechten Fach – ihre Ämter beziehen und sorgen für die gute Ordnung in der Stadt, wie im ganzen Land!
HG|2|212|25|0|Ich werde bei dir verbleiben und der Sethlahem bei der Sorge der Weiber und Mägde.
HG|2|212|26|0|Du, Joram, aber gehe mit den vier Brüdern in die anderen Städte, und zeigt ihnen kräftig und mächtig, was da Gott getan hatte an dem Bruder Lamech, und gewinnt sie alle für Gott!
HG|2|212|27|0|Am siebenten Tag aber kehrt alle wieder hierher zurück, und ladet alle Amtleute Lamechs hierher nach Hanoch, auf dass sie teilnehmen möchten an der Weihe des neuen Tempels in der Tiefe!
HG|2|212|28|0|Und also geschehe alles nach dem Willen des Herrn! Amen.“
HG|2|213|1|1|Die Reinigung des nahe der Stadt Hanoch gelegenen Schlangenberges durch Kisehel
HG|2|213|1|1|Am 19. Dezember 1842
HG|2|213|1|0|Nach solcher Rede begab sich alles an Ort und Stelle und tat daselbst nach der Beheißung. Gerne wäre der Lamech durch die sieben Tage hindurch zum öfteren Male zum Bau herausgegangen, zu schauen, wie derselbe gedeihe, aber der Kisehel widerriet ihm solches aus gutem Grunde und ging mit ihm dafür viel in der großen Stadt herum und zeigte es allen Bewohnern an, dass der Lamech nun ein rechter, von Gott gesalbter König ist.
HG|2|213|2|0|Und die Bewohner riefen Jubel über Jubel, darum Sich der alleinig wahre, allmächtige Gott Faraks des Königs und ihrer also erbarmt hatte.
HG|2|213|3|0|Am sechsten Tag aber führte ihn der Kisehel sogar auf einen ziemlich bedeutenden Berg, der da gar nahe bei der Stadt gelegen war.
HG|2|213|4|0|Diesen Berg konnte wegen der großen Menge großer und überaus giftiger Schlangen niemand betreten; daher warnte der Lamech auch den Kisehel davor.
HG|2|213|5|0|Der Kisehel aber entgegnete darauf dem Lamech und sagte zu ihm: „Lieber Bruder Lamech, siehe, aus eben dem Grunde führe ich dich auf diesen Schlangenberg, auf dass du die Größe der göttlichen Kraft im Menschen erschauen sollst!
HG|2|213|6|0|Denn ich sage dir, alles Getier der Erde ist besserer Art denn dieses, indem es ist ein Geschöpf der Hölle; darum aber ist auch kein Tier so hartnäckig und widerspenstig und voll der bösesten heimlichen List denn gerade dieses.
HG|2|213|7|0|Und doch werden sie müssen allesamt diesen Berg räumen und sodann eiligst fliehen dorthin, allda du gegen Abend einen brennenden Berg ersiehst, über dessen Rücken sich gerade ein glühender Strom herab in die Tiefe stürzt.
HG|2|213|8|0|In diesem Strom sollen sie zu Haufen von vielen Tausenden und Tausenden verzehrt werden!“
HG|2|213|9|0|Nach dem griff der Kisehel nach einer Haselstaude, beschnitt sie unten und oben, segnete sie und schlug damit sieben Male an den Berg.
HG|2|213|10|0|Auf den siebenten Schlag erhob sich ein großes Gezische etwa so, wie da ein nächtlicher Wintersturm durch das laublose Geäste und Gezweige der Bäume saust.
HG|2|213|11|0|Und gar bald sah man ein zahlloses Heer der riesigsten Schlangen und Nattern aller Arten diesem Berge entstürzen und über eine große Sandsteppe hinziehen, da der besagte Berg brannte.
HG|2|213|12|0|Als der Lamech solches sah, da ward er außer sich vor Freuden und sagte: „Nun sei dem Herrn alles Lob und aller Preis, darum Er dem Menschen solche Kraft verliehen hatte!
HG|2|213|13|0|Gar lange schon war mir dieser Berg ein allerwidrigster Anblick; da er aber so ganz frei dastand, so habe ich auch öfter daran gedacht, ob er von diesem allerekelhaftesten Geschmeiß nicht zu reinigen wäre.
HG|2|213|14|0|Allein es konnte sich ihm ja niemand auch nur auf tausend Schritte nahen, ohne in die große Gefahr zu geraten, von diesen Bestien gefangen und gefressen zu werden!
HG|2|213|15|0|Und jetzt ist auch dieser mein Wunsch auf das Herrlichste erfüllt worden; darum Gott alles Lob und alle Ehre!“
HG|2|213|16|0|Und der Kisehel sagte zu ihm: „Ja, Bruder, also ist es recht und billig; Gott allein gebührt alles Lob, alle Ehre, aller Dank und alle unsere Anbetung und Liebe!
HG|2|213|17|0|Das alte Geschmeiß ist zwar fortgezogen, aber es hatte noch siebenmal soviel Brut hinterlassen; auch diese muss hinaus und muss gänzlich vertilgt werden! Amen. In dem Namen des Herrn! Amen.“
HG|2|213|18|0|Hier schlug der Kisehel noch sieben Male an den Berg, und alsogleich darauf kroch die junge Brut in solch dichter Masse über die Abhänge des Berges hinab, dass man kein Erdreich sah.
HG|2|213|19|0|Da ward es dem Lamech bange, und er sagte darum zum Kisehel: „O mächtiger Freund und Bruder, sage mir, ist nun der Berg schon völlig gereinigt?“
HG|2|213|20|0|Der Kisehel aber erwiderte: „Bis auf die zehntausend Millionen Eier in den alten Nestern!
HG|2|213|21|0|Damit aber auch diese vertilgt werden, so soll der Berg von innen aus erglühen, all das Gesträuch und schlechtes Gebäume durch diese Glut verzehren und so von innen aus, wie dann von außen nach innen alle diese Eier zerstören und vernichten!“
HG|2|213|22|0|Darauf schlug der Kisehel wieder sieben Male an den Berg; dieser fing plötzlich an zu dampfen, das Gesträuch und schlechte Gebäume ging in Flammen auf, und alle Eier der Schlangen und Nattern wurden vernichtet.
HG|2|213|23|0|Darauf erst begaben sich die beiden auf einer freien Stelle hinauf zum Scheitel und nach einer kleinen Anstrengung dann auch völlig auf denselben, Gott lobend und preisend.
HG|2|214|1|1|Die herrliche Aussicht vom Schlangenberg. Die geistige Entsprechung der Reinigung des Schlangenberges
HG|2|214|1|1|Am 20. Dezember 1842
HG|2|214|1|0|Als der Lamech mit dem Kisehel sich nun vollends auf der Höhe befand, da fing er an zu weinen; denn der herrliche Anblick der weitgedehnten Landschaft, die über die niederen Vorberge emporgetauchten Hochgebirge mit ihren weißen Zinnen, ein bedeutender Teil der Morgengegend der Kinder der Höhe, gegen Mittag in weiter Ferne ein Teil eines großen Sees, an dessen Ufer die Stadt Uvrak erbaut war, und endlich noch der Anblick der anderen neun Städte und der von ganz Hanoch, wie der des neuen Tempels, der bis auf einen kleinen Teil der Ringmauer schon ganz vollendet war, war zu viel auf einmal für unseren armen Lamech, der noch nie seinen Fuß auf einen Berg hatte setzen können.
HG|2|214|2|0|Als er sich gewissermaßen satt gesehen hatte, das heißt für den ersten Augensturm, und wieder zu Atem kam, da erst machte er seinem von Wonnegefühl überfüllten Herzen etwas Luft und entledigte sich durch Worte eines Teiles seiner wonnigsten Herzensbürde, indem er gegen den Kisehel ausrief:
HG|2|214|3|0|„Welch Freund, o Bruder! Eine Herrlichkeit voll der seligsten Wonne thront hier auf dieser Höhe! Oh, dahier ist wohl gut sein! Hier, hier möchte ich ewig wohnen!
HG|2|214|4|0|O ihr armen Städte in der Tiefe unter mir nun, du mein armseligster Palast! Was seid ihr nun gegen diesen großen, endlos herrlichen Bau des allmächtigen Schöpfers?!
HG|2|214|5|0|Nichts, nichts als armseligste Ameisenhaufen voll stechender und beißender Brut!
HG|2|214|6|0|Kann, o Freund, o Bruder, es in den Himmeln Gottes wohl noch herrlicher aussehen als hier? Nein, nein, es ist unmöglich!
HG|2|214|7|0|Da sieh nur einmal hin, dort zwischen Morgen und Mittag die weißen fünf Spitzen! Es sieht ja also aus, als wenn die Erde, oder wenigstens ein mächtiger, sie schützender Geist, eine Hand gegen den Himmel ausstrecken möchte und geloben dem Herrn die ewige Treue!
HG|2|214|8|0|O Du großer, allmächtiger Gott, wie herrlich doch sind Deine Werke! Welche Lust hat der daran, so er ihrer in seinem Herzen achtet!
HG|2|214|9|0|Und da sieh einmal gegen Abend hin, welch ein Getümmel von hellen Flammen dort um die hohen Scheitel der dampfenden Berge spielt!
HG|2|214|10|0|Und dort auch gegen Morgen erheben sich himmelanragende Spitzen der Berge, jede gekrönt mit einer leuchtenden Flammensäule und umzuckt von tausend Blitzen.
HG|2|214|11|0|Welch ein unaussprechlich großartigstes Handeln, Treiben und Wirken erschaut mein Auge nun allenthalben, dahin es sich nur immer wenden mag!
HG|2|214|12|0|Ach, Freund und Bruder, nun sieh einmal da hinauf zu den heiligen Höhen, die da von hier aus gegen die Mitternacht gestellt sind! Was ist wohl dort in schwindelnder Höhe, das da also stark glänzt, als ginge dort eine zweite Sonne auf?“
HG|2|214|13|0|Hier erst konnte der Kisehel zum Worte kommen und erwiderte auf diese Frage dem Lamech folgendes:
HG|2|214|14|0|„Lieber Bruder Lamech, siehe, das ist eben diejenige berühmte Grotte, die ich dir schon erwähnt hatte; in gar kurzer Zeit sollst du sie näher kennenlernen!
HG|2|214|15|0|Siehe aber nun, lieber Bruder Lamech, auf dieselbe Weise, wie wir aber nun diesen Berg uns dienstbar gemacht und denselben erstiegen haben, kann und soll ein jeder Mensch sich selbst reinigen, so wird er auch in sich danach mit der leichtesten Mühe von der Welt den lichten höchsten Standpunkt seines Lebens erreichen!
HG|2|214|16|0|Was taten wir aber zur Reinigung und Schlangenräumung dieses Berges, der uns nun also herrlich auf seiner Höhe erquickt?
HG|2|214|17|0|Siehe, mit einem schwachen Haselstab trieben wir zuerst die großen alten Bestien hinaus ins Feuer der Vernichtung!
HG|2|214|18|0|Der Stab ist aber unser Glaube und unser volles Vertrauen auf die Gnade und Erbarmung des Herrn; sieben Male schlugen wir mit dem Stab an den Berg, und das alte und grobe Geschmeiß wurde flott und musste abziehen.
HG|2|214|19|0|Diese sieben Schläge bezeichnen das Vollvertrauen auf die Gnade und Erbarmung des Herrn durch den festen, unerschütterlichen Glauben an Ihn.
HG|2|214|20|0|Aber nun war der Berg noch nicht völlig gereinigt, denn er enthielt noch eine zahllose Nachkommenschaft der argen Brut. Abermals schlugen wir sieben Male an den Berg, und du sahst da eine unzählige Menge des jungen Geschmeißes dem Berge entkriechen. Was besagt dieses?
HG|2|214|21|0|Siehe, wenn der Mensch sich losgemacht hatte von seinen groben Sünden, die da in seiner Materie hausten, da muss er dann alsbald über seine Seele gehen, in ihr erforschen alle die Neigungen und Begierden! Hat er sie durch seinen großen Ernst erkannt, so muss er abermals mit seinem Glauben und Vertrauen an den Berg seines Lebens schlagen, sich dem Herrn ganz übergeben, und alle die arge Neigungen- und Begierdenbrut wird die Seele verlassen müssen!
HG|2|214|22|0|Aber nun gibt es noch eine Unzahl Eier der Brut im Berg des Lebens. Das sind noch allerlei weltliche und eigenliebige Gedanken.
HG|2|214|23|0|Wie aber aus den Eiern die junge Brut ausgeheckt wird und diese dann gar bald heranwächst zum groben, schädlichen Geschmeiß, also werden aus den Gedanken auch leichtlich wieder Neigungen und Begierden ausgeboren, und aus diesen dann gar bald wirkliche Taten.
HG|2|214|24|0|Wie aber werden dann diese Sündeneier vertilgt im Berg des Lebens? Durch die Erweckung des inneren Feuers, welches ist die Liebe zum Herrn, durch den Glauben und durch das lebendige Vertrauen zu Ihm!
HG|2|214|25|0|Ist solches geschehen, dann ist der Berg schon auch so gut wie erstiegen. Also stellt dieser Berg nun dich selbst dar, und du kannst dir nun eine Wohnung hier erbauen lassen und in ihr nachdenken über Gott und über Seine Gnade und große Erbarmung.
HG|2|214|26|0|Da wir aber nun solches wissen, so haben wir auch den Zweck dieser Besteigung vorbildlich erreicht und können uns im Namen des Herrn wieder hinab in die Stadt begeben, allda schon gar viele unser harren. Gott allein die Ehre ewig! Amen.“
HG|2|215|1|1|Kisehels Rede über das Verhältnis des Glaubens zur Liebe und der Liebe zur Erkenntnis
HG|2|215|1|1|Am 21. Dezember 1842
HG|2|215|1|0|Als nach einem noch einmal gemachten Rundblick sich die beiden wieder vom Berg in die Stadt hinab begaben, da bat unterwegs der Lamech den Kisehel, dass er möchte für bleibend segnen den Berg, damit fürder in ihm kein Geschmeiß sich mehr ansiedeln möchte.
HG|2|215|2|0|Und der Kisehel tat solches, sagte aber darauf zum Lamech: „Lieber Bruder Lamech, siehe, ich habe erfüllt deinen Wunsch nach aller der vom Herrn mir verliehenen Kraft und wirkenden Macht!
HG|2|215|3|0|Aber die Reinheit dieses Berges wird dennoch stets von der Reinheit deines Herzens abhängen!
HG|2|215|4|0|Wirst du und deine Nachkommen in der Gott allein wohlgefälligen Reinheit des Herzens verbleiben, so wird solches auch stets der Fall sein mit diesem Berg; wirst du aber dein Herz durch eine Sünde vor Gott verunreinigen, so wird auch der Berg wieder einen alten Einwohner überkommen. Desgleichen wird der Fall sein mit jenen, die dir folgen werden.
HG|2|215|5|0|Wenn du aber erschauen wirst eine Schlange den Berg bekriechen, da gedenke, was ich dir nun aus dem Herrn der Herrlichkeit geoffenbart habe, und tue Buße in Sack und Asche, und faste so lange, bis dein Herz gereinigt wird! Wird solches der Fall sein, so wird der Berg auch wieder seinen Einwohner von sich treiben.
HG|2|215|6|0|Die Liebe zum Herrn aber ist das Größte. Solange dein Herz mit der Liebe zu Gott erfüllt sein wird, so lange auch wirst du und deine Nachkommen völlig unfähig sein, in irgendeine Sünde zu verfallen.
HG|2|215|7|0|Wirst du aber oder irgendeiner deiner Nachkommen in der Liebe nachlassen, so werdet ihr in dem alleinigen Glauben einen gar schwachen Schutz gegen die Macht der Sünde in euch haben!
HG|2|215|8|0|Denn es genügt zum Leben bei weitem nicht, dass da jemand nur wisse, glaube und dann sage: ‚Es ist ein Gott!‘ Wahrlich, solches ist nicht schwer!
HG|2|215|9|0|Aber um vieles schwerer und um vieles mehr sagender ist es, einen Gott über alles zu lieben, da man Ihn nicht sieht.
HG|2|215|10|0|Wer somit Gott lieben will, der muss nicht nur wissen und glauben, dass Er sei, sondern er muss Gott wahrhaftig erkennen in sich; und wenn er Gott stets mehr und mehr erkennen wird durch sein emsiges Forschen nach Ihm in den Werken, so wird er Ihn ja auch stets mehr und mehr lieben müssen, indem er stets heller erkennen wird, dass Gott in Sich die allerhöchst reinste, das heißt, die alleruneigennützigste Liebe und die allerhöchste und allerheiligste Weisheit Selbst ist!
HG|2|215|11|0|Also ist die wahre Erkenntnis Gottes der Grund der Liebe zu Ihm; daher sei auch jedermanns vorzüglichstes Geschäft, Gott zu erkennen, damit er Ihn dann über alles wird zu lieben vermögen!
HG|2|215|12|0|Das aber ist dann auch das ewige Leben, dass wir Gott erkennen und Ihn dann über alles lieben; denn aus der Liebe des allgütigen, allerheiligsten Vaters sind wir aus Ihm hervorgegangen und können daher nur wieder durch die Liebe zu Ihm gelangen.
HG|2|215|13|0|Solches aber merke dir wohl noch hinzu zu diesem Wort Gottes aus meinem Mund an dein Herz, dass da zwei Wege sind, die zum Vater führen: der eine heißt die wahre, eifrige Erkenntnis Gottes; der andere aber heißt die Liebe!
HG|2|215|14|0|Du sagst: ‚Nach der vorangegangenen Beleuchtung scheint es ja, dass solches völlig einerlei ist, indem der Liebe die Erkenntnis Gottes ja doch notwendig vorangehen müsse!‘
HG|2|215|15|0|Ja, also erscheint die Sache wohl auf den ersten Anblick; wenn wir aber diese Sache näher ans Licht des Geistes stellen, so stellt sich da aber dann dennoch ein gewaltiger Unterschied hervor.
HG|2|215|16|0|Damit du aber einen solchen bedeutungsvollsten Unterschied desto kräftiger merkst, so will ich dir solchen durch ein gutes gleichlautendes Beispiel so recht knapp und helle vor die Augen stellen.
HG|2|215|17|0|Stelle dir sonach vor, es wäre irgend in einem verborgenen Teil deines großen Landes eine überaus herrliche schönste Tochter, die da reif wäre, dass sie jemand nehme zum Weib! Damit aber dennoch solches die Menschen erfahren möchten, so sendet sie Boten aus und lässt durch dieselben im Land bekanntgeben, dass solches der Fall ist.
HG|2|215|18|0|Nachdem aber solches verkündigt war, so sagten einige: ‚Wenn an der Sache etwas wäre, so wäre sie wohl selbst gekommen und hätte sich uns gezeigt, auf dass wir sie erkennten und erwählten für unser Herz!
HG|2|215|19|0|Da sie aber nur durch Boten von sich aussagen lässt, wie herrlich sie sei, so können wir solches wohl glauben, aber auch ebenso gut bleiben lassen.
HG|2|215|20|0|Dazu lässt sie noch bedeuten, dass sie niemandem ihre Hand reichen wird, der nicht zuvor völlig erkennen wird, dass sie also ist, wie es die Herolde von ihr aussagten!
HG|2|215|21|0|Wer wird wohl der Tor sein und wird sich da eine solche Mühe nehmen?!‘
HG|2|215|22|0|Unter den vielen solche Kunde Missachtenden und Verlachenden aber finden sich dennoch zwei vor. Der eine spricht bei sich: ‚Ich will denn doch hinziehen und will sie mit scharfen Augen besehen; ist sie also, wie es die Boten von ihr aussagten, da will ich sie auch ohne Bedenken wählen für mein Herz!‘
HG|2|215|23|0|Der andere aber spricht aus der vollen Liebesglut zum Boten: ‚Führt mich zu ihr! Ich will sie nicht erforschen und langzeitlich erst erkennen, sondern ich habe sie schon in meinem Herzen auf das Glühendste umarmt; ich liebe sie schon mehr als alles in der Welt!‘
HG|2|215|24|0|Wenn nun beide bei dieser Tochter anlangen werden, da wird der erste alsbald hoch erstaunen, wird sie erkennen und wird sie erwählen; der zweite aber wird zu ihr sagen: ‚O du endlos herrliche Tochter der Himmel, vergebe mir armem Tropf, denn ich habe mich unterfangen, dich eher zu lieben, als dich zu erkennen, und sehe erst jetzt ein, wie unwürdig meine Liebe deiner himmlischen Wesenheit war! Daher lasse mich wieder von dannen ziehen, damit ich dich im Verborgenen aus allen Kräften meines Herzens lieben kann!‘
HG|2|215|25|0|Was meinst du wohl, welchem diese Braut ihre Hand reichen wird? Jawohl, ganz sicher dem, der sie schon zuvor liebte, als er sie noch erkannt hatte.
HG|2|215|26|0|Der erste aber wird sich begnügen müssen – um nicht aus ihrer himmlischen Nähe zu kommen – allein mit der Anschauung als einer ihrer Knechte, während der zweite die Fülle der Seligkeit in ihren Armen allzeit schmecken wird.
HG|2|215|27|0|Siehe, das ist der bedeutende Unterschied: Wer Gott liebt schon vor der Erkenntnis, der wird des Lebens Fülle überkommen; der aber Gott liebt nach der Erkenntnis, der wird auch leben, aber nicht im Herzen, sondern im Reich der Gnade als ein wohlbelohnter Diener.
HG|2|215|28|0|Solches beachte gar wohl, lieber Bruder Lamech; denn es ist fürs Leben von größter Wichtigkeit! Und so lasse uns denn wieder betreten die Stadt! Amen.“
HG|2|216|1|1|Lamech erkennt seinen Irrtum und Grund seiner Scheußlichkeit
HG|2|216|1|1|Am 22. Dezember 1842
HG|2|216|1|0|Als der Lamech solches vom Kisehel vernommen hatte, da ward er wie von einer hellen Flamme durchleuchtet und erwärmt und rief nach einer kurzen Weile also aus, sagend nämlich:
HG|2|216|2|0|„O du mein lieber Bruder und Freund! Was überaus Großwichtiges und unaussprechlich Herrliches hast du mir jetzt aus deiner dir von Gott verliehenen Weisheit kundgetan?!
HG|2|216|3|0|Ja, jetzt sehe ich es erst vollends ein, wo es bei mir und uns allen am allermeisten gesteckt hatte! Wir suchten Gott zwar in allen Ecken und Winkeln in der sogenannten Gerechtigkeit, wollten darauf in eine beschauliche Weisheit gelangen und uns dadurch Gott erschaulich machen, haben aber dabei anfangs schon als eine schweigende Bedingung im Hintergrund folgendes aufgestellt:
HG|2|216|4|0|‚Wenn Gott irgend Einer ist, so muss Er Sich auf diese Art finden lassen, und das beschaulich; lässt Er Sich aber auf diese Art nicht finden, so ist Er entweder gar nicht, oder Er ist irgendein Schwächling!
HG|2|216|5|0|Und eines wie das andere berechtigt uns dann, sich selbst zu einem Gott aufzuwerfen!‘
HG|2|216|6|0|Ich habe einst bald darauf, als mich mein schon mehr denn halbgöttlich sich dünkender Hochmut an meinen Brüdern den Gräuel begehen ließ, zwar wohl in aller Wahrheit vernommen ein göttliches Wort, welches mich, den sich ob der verübten Gräueltat sehr Beängstigten, in den Schutz nahm; aber da solches Wort auf mich eben so sanft und überaus gutartig erging, so brachte am Ende meine Weisheit den überaus ärgerlichen Schluss zuwege: also sei Gott zwar wohl vorhanden, aber Er müsse ein Schwächling sein, habe Furcht vor mir und getraue Sich mir nicht zu nahen!
HG|2|216|7|0|Dieser Schluss war dann der Grund zu aller meiner Scheußlichkeit, die dir wohlbekannt ist.
HG|2|216|8|0|Du hast mir zwar schon so manches gesagt, aber so hell war mir noch keines deiner Worte, daraus ich hätte also klärlichst erschauen mögen, welch ein Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen obwaltet, als gerade aus diesem!
HG|2|216|9|0|Nun erst erschaue ich die ganze Fülle meines Irrtums!
HG|2|216|10|0|Wer sonach von Gott nur etwas Weniges gehört hatte, der kann Ihn schon auch lieben, kann sich stets mehr stärkend üben in dieser Liebe, damit sie gar bald der allermächtigste Grund seines Lebens wird.
HG|2|216|11|0|Und wenn sie solches ist geworden, dann hat auch der Mensch sich dem allmächtigen Gott auf die alleinig gerechte Weise genähert, und Gott wird Sich ihm zu erkennen geben nach der Gerechtigkeit der alleinigen Liebe, die des Menschen Herz, Seele und Geist alleinig nur für Gott zu beleben vermag!
HG|2|216|12|0|Da ich aber solches nun klar fasse aus deinen Worten, so möchte ich dich denn noch um ein ähnliches Beispiel gar bruderfreundlichst bitten, auf dass mir dadurch diese heilige Lehre desto fester würde und ich auch noch mehr ähnlich herrlichsten Stoff hätte zur Belehrung gar vieler armen Sünder, die da teils durch mich, teils aber auch durch ihren eigenen Willen auf Abwege geraten sind!“
HG|2|216|13|0|Und der Kisehel erwiderte dem Lamech darauf und sagte zu ihm: „Lieber Bruder Lamech, du hast mir durch diese deine wahre Herzensbitte eine der allergrößten Freuden bereitet, wie überhaupt durch dein ganzes gegenwärtiges Benehmen!
HG|2|216|14|0|Ich möchte dir darum ja auch noch tausend solcher Beispiele kundgeben; aber siehe, es ist solches nun bei dir nicht vonnöten!
HG|2|216|15|0|Du hast die Wahrheit dadurch in der Tiefe erschaut; alles andere aber wird dir die Liebe zum Herrn schon ohnehin in der reichlichsten Fülle bieten, des sei vollends versichert!
HG|2|216|16|0|Siehe aber, so es in dir noch Nacht wäre, so hättest du den Grund der Wahrheit schwerlich erschaut!
HG|2|216|17|0|Denn so in der Nacht noch einige Sterne mehr oder weniger am Firmament schimmern, so macht solches den Boden der Erde nicht heller, und du wirst bei solchem Licht schwer unterscheiden, was da auf dem Boden liegt.
HG|2|216|18|0|Wenn aber die eine Sonne aufgegangen ist, da bedarf es der Sterne nimmer, wie zweier Sonnen nicht, denn der einen Licht ist stark genug, um alles zur Übergenüge zu erleuchten!
HG|2|216|19|0|Daher auch begnüge du dich einstweilen mit der einen Sonne, bis die wahre, lebendige in dir selbst aufgehen wird!
HG|2|216|20|0|In dieser Sonne Strahlen aber wirst du dann schon ohnehin alles in höchster Überfülle treffen, was dir nötig sein wird!
HG|2|216|21|0|Und so lasse uns denn ziehen zur Stadt, da schon gar viele unser harren! Amen.“
HG|2|217|1|1|Lamechs Rede an sein jubelndes Volk. Die Rede des unbekannten Alten an das Volk
HG|2|217|1|1|Am 23. Dezember 1842
HG|2|217|1|0|Nach dieser Rede Kisehels ward der Lamech völlig beruhigt und begab sich ohne Rückhalt mit dem Kisehel in die Stadt.
HG|2|217|2|0|Als beide nun vor dem Palast anlangten, da waren schon große Scharen aufgestellt und schrien:
HG|2|217|3|0|„Ehre dem großen Gott in der Höhe, dass Er uns alle also gnädig und barmherzig heimgesucht hatte und hat uns allen gegeben einen rechten König, indem Er nachgesehen hatte die Missetat Lamechs und hat ihn gewendet zu Sich, darum er nun sein möchte uns allen ein rechter König!
HG|2|217|4|0|Ja, Lamech ist uns geworden zu einem rechten König voll Gnade nun und voll Weisheit aus Gott; darum sei alle unsere Ehre und Anbetung Gott, dem Allmächtigen in der Höhe, und über alles geheiligt werde Sein erhabenster Name jetzt, wie ewig! Amen.“
HG|2|217|5|0|Nach solcher Anpreisung stellte sich der Lamech auf einen Pfeiler, der vor dem Palast eigens zu dem Behuf errichtet war, um von ihm eines oder das andere dem Volk zu verkündigen, und richtete da folgende Worte an das in großen Scharen von allen Seiten her versammelte Volk:
HG|2|217|6|0|„Hört, nun nicht mehr meine Knechte, meine Untertanen, Sklaven und Menschenlasttiere, sondern hört nun ihr, meine geliebten Brüder und Schwestern! Ich, Lamech, war euch ein König und habe euch beherrscht mit eurer Kraft – denn ich war unter euch wohl der Ohnmächtigste –, und ihr habt gezittert vor meinem ohnmächtigsten Wort.
HG|2|217|7|0|Ihr habt mir gehorcht, genötigt durch eure Kraft, und fluchtet mir, darum ich euch Gesetze gab des Unheils und der Grausamkeit!
HG|2|217|8|0|Nun aber will ich euch kein König mehr sein und durchaus kein Herr, sondern euer Bruder, der euch führen und leiten will zur wahren Erkenntnis und Liebe Gottes, welcher ist der alleinige Herr und König von Ewigkeit über alle Menschen und über alle Kreatur.
HG|2|217|9|0|Diesem König habe ich einen neuen Palast erbaut draußen an der freien und reinen Stätte; Der wird allzeit über uns herrschen also, wie da herrscht ein guter, weisester Vater über seine Kinder!
HG|2|217|10|0|Morgen ist der Tag, an welchem Sein allererhabenst heiliger Name in solch neuem Palast Seine bleibende Wohnung nehmen wird.
HG|2|217|11|0|Diesen Tag wollen wir feiern nach aller unserer Lebenskraft! Also bereitet euch wohl vor auf diesen Tag der Tage; denn an diesem Tag wird uns ein großes Heil widerfahren.
HG|2|217|12|0|Also bereitet euch wohl vor, damit wir als reine Brüder vor Gott möglichst würdig diesen Platz betreten möchten und wohlgefällig Dem, der da heilig, heilig, heilig unter uns armen Sündern Wohnung nehmen wird! Sein heiliger Wille geschehe allzeit und ewig!“
HG|2|217|13|0|Nach solchen Worten ward es völlig aus bei den Scharen; es war nur ein Freudengeschrei, und man konnte nichts vernehmen als allein: „Ehre, Ehre, Ehre dem großen Gott in der Höhe! Sein erhabenster Name werde geheiligt!“
HG|2|217|14|0|Als sich nun das Geschrei etwas legte und man ganze Scharen vor Dank und Freude weinen sah, und sah, wie auch gar viele ihre Hände an die Brust legten und taten, als wollten sie ihre Herzen aus dem Leibe reißen und sie dann gegen den Himmel schleudern – was eine Folge ihrer erwachten Liebe zu Gott war –, da drang auf einmal ein großer, alter, aber sonst kräftiger Mann aus der Menge hervor.
HG|2|217|15|0|Lamech und Kisehel konnten ihn aber nicht zu Gesicht bekommen, denn er hatte sein Angesicht mit einer Hand bedeckt.
HG|2|217|16|0|Der Kisehel wandte sich an seine Liebe, auf dass er erführe, wer das sei; aber diese sagte zu seinem Geist: „Höre ihn, und du wirst ihn aus seinem Wort erkennen!“
HG|2|217|17|0|Als der Kisehel solches vernommen hatte, ermannte er sich und sagte auch zum Lamech: „Bruder! Höre, dieser wird reden; danach erst werden wir ihn erkennen!“
HG|2|217|18|0|Und der Fremde stellte sich auf den Pfeiler und sagte darauf mit lauter Stimme:
HG|2|217|19|0|„Hört, ihr zahlreichen Scharen! Gott, der allerheiligste und liebevollste Vater hat Sich euer erbarmt und hat euch frei gemacht aus aller Sklaverei und hat die arge Schlange hinweggetan aus dieser Gegend, indem Er den Lamech gesalbt hatte mit dem köstlichen Öl Seiner Erbarmung und Gnade.
HG|2|217|20|0|Liebt Ihn aus allen euren Kräften, denn Er ist euch ein wahrer Vater! Er hat Seinen Zorn Selbst gefangengenommen und hat Sich als alleinig wahrer Vater euer erbarmt und will euch aufnehmen zu Seinen Kindern.
HG|2|217|21|0|Daher eilt Ihm in euren Herzen entgegen, denn morgen will Er, von mir geleitet, hier einziehen.
HG|2|217|22|0|O Kinder der Höhe, meine Väter und Brüder! Als der Vater unter uns wandelte, da sah man niemanden sich das Herz aus dem Leibe reißen wollend und Dir, o heiliger Vater, entgegentragend! Diese armen Kindlein aber tun solches!
HG|2|217|23|0|O, so komme Du, liebevollster heiliger Vater, und nehme sie auf, und mache sie uns gleich, damit wir Dich dann mit einer Stimme loben und mit einem Herzen lebendig lieben möchten!
HG|2|217|24|0|Freut euch ihr alle, Kinderchen, denn der Vater wird zu euch kommen und wird euch alle umfassen mit Seiner Vaterhand und wird euch geben das ewige Leben!
HG|2|217|25|0|Denn darum hat Er mich, Seinen Hohepriester, zu euch gesandt, auf dass ich euch solches künde aus der Höhe!
HG|2|217|26|0|Freut euch des heiligen Vaters, denn Er ist überaus gut, und voll Erbarmung!
HG|2|217|27|0|Morgen sollt ihr Seine Herrlichkeit sehen! Amen.“
HG|2|218|1|1|Henoch in der Tiefe
HG|2|218|1|1|Am 24. Dezember 1842
HG|2|218|1|0|Nach der Beendigung der Rede des noch fremden Redners ergriff der Lamech die Hand des Kisehel und fragte ihn allerdringendst:
HG|2|218|2|0|„Mächtiger Freund und Bruder, hast du ihn erkannt, diesen göttlichen Redner? Wahrlich, von gemeiner Herkunft kann der unmöglich sein! Er sprach von der Höhe, von da du bist; ist er nicht von da?
HG|2|218|3|0|Ja, er muss es sein, will er es oder nicht; denn also zu reden versteht wohl niemand in der Tiefe!
HG|2|218|4|0|Die Stadt Farak hatte sonst wohl auch im Geheimen weise Männer noch gehabt, die sich vor mir aus Furcht verborgen hielten; aber von solch einer Weisheit ist gar keine Rede!
HG|2|218|5|0|Denn dieser wahrhaft überaus erhabene Mensch hatte ja doch Worte von sich gegeben, die gerade also klangen, als hätte sie der allmächtige Gott Selbst geredet!
HG|2|218|6|0|Solches wirst du selbst noch besser haben merken können denn ich, und so bitte ich dich, lehre mich diesen Menschen kennen; denn es liegt mir überaus viel daran!“
HG|2|218|7|0|Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Bruder, siehe, er kommt von selbst auf uns zu, und ich meine, von ihm wirst du am untrüglichsten erfahren, wer da hinter seiner Hand steckt! Mir ist wohl seine Stimme bekannt, denn sie klang wie die des obersten Priesters Henoch, den Gott Selbst als solchen für die ganze Erde gesetzt hatte!
HG|2|218|8|0|Aber die Gestalt ist mir selbst noch nahe gänzlich unbekannt, indem ich nicht sein Angesicht erschauen kann, darum er es verdeckt, so er sich gegen uns kehrt, und hält es doch offen – wie es mir vorkam – gegen das Volk, was mir eben von Seiten des Henoch ein wenig rätselhaft vorkommt.
HG|2|218|9|0|Denn noch sehe ich selbst den Grund nicht ein, warum er vor mir, vor dir und vor den hinter uns stehenden anderen sechs Brüdern sein Angesicht verbirgt! Doch er ist uns nahe; daher nichts mehr weiter!“
HG|2|218|10|0|Und alsbald trat der noch fremde Mann zum Kisehel hin, reichte ihm die Hand und sagte darauf: „Die ewige Liebe und Gnade unseres überguten heiligen Vaters sei mit dir, deinen lieben Brüdern und mit diesem neuen Bruder Lamech und allem seinem Volk!
HG|2|218|11|0|Es lassen dich und deine Brüder grüßen der Erzvater Adam, wie die Erzmutter Eva, der Seth, der Enos, der Kenan, der Mahalaleel, mein Vater Jared, mein Sohn Mathusalah und sein Sohn, der liebe Lamech, und es haben alle eine endlos große Freude an dem herrlichen Gelingen eures euch vom heiligen Vater Selbst auferlegten Werkes.
HG|2|218|12|0|Der Adam segnete täglich zu hundert Malen die Tiefe und alle seine Hauptstammkinder mit ihm; denn er war sehr besorgt um euch, und das umso mehr aus dem Grunde, indem uns allen der liebevollste heilige Vater bis auf den heutigen Morgen nichts hatte anzeigen wollen, wie es mit euch stehe.
HG|2|218|13|0|Aber heute gar früh sagte Er zu mir: ‚Henoch! Mache dich auf, und zeige es den Vätern an, dass Meine Erbarmung über die Tiefe gesiegt habe, und morgen will Ich, von dir geleitet, dort Meinen Triumph feiern und will einziehen in die Stadt Hanoch!
HG|2|218|14|0|Daher begebe dich heute noch hinab, und verkündige solches Meinen Brüdern!
HG|2|218|15|0|Dein Gesicht aber bedecke im Anfang mit deiner Hand zum Zeichen, dass Ich langmütig und überaus geduldig bin!
HG|2|218|16|0|Dann aber ziehe in das Haus des Königs, und tue die Hand hinweg von deinem Angesicht!‘
HG|2|218|17|0|Siehe, solches hatte heute früh morgens der heilige, liebevollste Vater zu mir geredet, und so ging ich zum ersten Male herab und bin nun da vor euch nach dem Willen des lieben, guten, heiligen Vaters!
HG|2|218|18|0|Und so lasst uns denn in das Haus des Königs ziehen!
HG|2|218|19|0|Zuerst aber zeigt mir die Tafel, auf welcher gezeichnet ist der allerheiligste Name unseres Gottes, unseres allerheiligsten, liebevollsten Vaters, damit ich, Sein Oberpriester, Ihm darbringe mein Herz!“
HG|2|218|20|0|Alsogleich lief der Lamech voraus, öffnete selbst die Türe des Thronsaales, eilte dann dem hohen Gast entgegen und sagte zu ihm:
HG|2|218|21|0|„O du großer Freund des allmächtigen Gottes, komme nun, komme in mein schmutziges Haus, in dem es noch gar viel zu reinigen wird geben, und heilige an unserer unwürdigsten Stelle das Allerheiligste, das da nun allergnädigst wohnt in meinem schmutzigen Haus!“
HG|2|218|22|0|Hier wurde der Lamech vom Gefühl übermannt und weinte vor Liebe, Reue und Freude ob der großen Gnade, die nun seinem Hause widerfahren ist.
HG|2|218|23|0|Der Henoch aber umfasste den Lamech, drückte ihn an seine Brust und sagte dann zu ihm: „O du mein geliebter, noch schwacher Bruder, jetzt hast du das ewige Leben überkommen!
HG|2|218|24|0|Denn du liebst Ihn, den heiligen Vater, nun mehr, als es dir begreiflich ist; darum aber wirst du auch erfahren, wie überaus gut der Vater ist!
HG|2|218|25|0|Wahrlich, so viel Liebe habe ich auf der Höhe nicht gefunden; und so erfreust du mich nun auch mehr denn neunundneunzig auf der Höhe, die zwar allzeit gerecht vor Gott gewandelt sind, aber ihre Herzen noch nie von der Liebe zu Ihm haben also erglühen lassen!
HG|2|218|26|0|Und so denn führe du mich in das Allerheiligste deines Hauses! Amen.“
HG|2|219|1|1|Henochs Verehrung des heiligen Namens. Allein die Liebe ist Gott angenehm
HG|2|219|1|1|Am 27. Dezember 1842
HG|2|219|1|0|Und alsbald nach diesen Worten Henochs ging der überaus hocherfreute Lamech voraus und geleitete als Führer somit den Henoch zum Thronsaal und sagte allerehrerbietigst zum Henoch an der Türschwelle:
HG|2|219|2|0|„Mächtiger Freund des allerhöchsten Gottes, siehe, dort in der Mitte ist der Thron; und die glänzende Tafel, die auf demselben ruht, ist diejenige, auf welcher der Name nach unserer Art gezeichnet ist, den auszusprechen meine Zunge nimmerdar würdig sein wird!“
HG|2|219|3|0|Und der Henoch, seine Hand an seine Brust legend, blieb eine kleine Weile an der Schwelle stehen, und schwieg.
HG|2|219|4|0|Dann aber streckte er seine Hände aus und eilte hin zum Thron, ergriff die Tafel und drückte sie an seine Brust, küsste sie und stellte sie dann wieder auf am Thron.
HG|2|219|5|0|Als er nun solche Liebehre dem allerheiligsten Namen dargebracht hatte, da stellte er sich etwas seitwärts vom Thron, und zwar auf die rechte Seite desselben, und richtete dann folgende Worte an alle die Anwesenden – denn es waren auch viele ansehnliche Bürger und Amtsleute Lamechs mit in den Saal hinaufgegangen –, und die Worte lauteten also:
HG|2|219|6|0|„Brüder und Kinder eines Vaters im Himmel, es hat diesem über alles guten, liebevollsten und heiligen Vater wohlgefallen, euch Seinen Namen zu geben, welcher in Sich ist heilig, überheilig.
HG|2|219|7|0|Was aber wollt ihr dafür Ihm, dem alleinigen heiligen liebevollsten Geber aller guten Gaben, bieten?!
HG|2|219|8|0|Eure Gedanken suchen, und ihr könnt nichts finden, was ihr hättet, das ihr nicht zuvor von Gott empfangen hättet!
HG|2|219|9|0|Ja wahrlich, da ist alle eure Mühe und Arbeit vergeblich!
HG|2|219|10|0|Wollt ihr den Namen loben, preisen, rühmen und anbeten euer Leben lang?
HG|2|219|11|0|Ja, solches könnt ihr gar wohl tun; aber merkt, ich will euch da etwas sagen, und solches zeigt uns das Firmament und die ganze Erde!
HG|2|219|12|0|Himmel und Erde sind voll von Seinem Lob, von Seiner Ehre, und alle endlosen Räume sind voll der höchsten geheiligten Engel, die da allzeit sagen: ‚Heilig, heilig, heilig ist der Herr, unser Gott; Ehre sei Ihm als dem Vater, Seinem Wort und der Allmacht Seiner ewigen Liebe!
HG|2|219|13|0|Wir loben Dich ewig, o großer Gott, und preisen allzeit Deine endlose Stärke, denn Dir allein ja nur gebührt alles Lob, alle Ehre, aller Ruhm, aller Preis, alle Hochachtung, alle Anbetung und alle unsere Liebe!‘
HG|2|219|14|0|Seht, wie viel der Ehre, des Ruhmes, des Preises und der wahren Anbetung Gott allzeit und ewig dargebracht wird!
HG|2|219|15|0|Wenn ihr denn auch also den Vater ehren und preisen wollt, um wie vieles wird dadurch wohl Seine unendliche göttliche Ehre und Herrlichkeit größer werden?!
HG|2|219|16|0|Wahrlich, so der leisest kleinste Tropfen Wassers ins Meer gefallen ist, so hat dadurch das Meer im Vergleich schon endlos Größeres empfangen, als da wäre eure lebenslange ununterlassene Anbetung und Ehrung gegen die endlose Ehre und ewige Herrlichkeit Gottes, die Er schon eher im allervollkommensten Maße in Sich hatte, als noch irgendetwas erschaffen war!
HG|2|219|17|0|Was wollt ihr hernach denn tun dem heiligen Vater für solche Gnade, Liebe und Erbarmung?
HG|2|219|18|0|Ihr sagt: ‚Wir wollen Ihm danken unser Leben lang!‘
HG|2|219|19|0|Solches tut auch, denn Ihm, dem alleinigen Geber, gebührt auch allein nur aller Dank!
HG|2|219|20|0|Doch, so ihr danken möchtet, dass darob eure Zunge bis an die Wurzel sich verbrauchen möchte, wird Er dadurch wohl reicher und herrlicher werden, als Er es ohnehin schon von Ewigkeit her ist?!
HG|2|219|21|0|Also seht, solches alles ist eitel an sich, und der Herr aller Herrlichkeit und Macht bedarf dessen nicht!
HG|2|219|22|0|So aber da jemand hat eine Braut, der frage sein eigenes Herz, was ihm an ihr wohl das Angenehmste ist, und es wird ihm sagen: ‚Ich bin reich an allen Schätzen und bedarf weder des Goldes noch der Edelsteine, noch der Baumfrüchte, noch der zahmen Tiere, noch dass du mich ehrst und mir Brandopfer darbringst!
HG|2|219|23|0|Nur eines hast du, geliebte Braut, für mich; danach sehnt sich mein Leben! Und dieses eine ist deine Liebe!
HG|2|219|24|0|Liebe mich, so hast du mir mehr gegeben, als was mir Himmel und Erde bieten können!‘
HG|2|219|25|0|Ist es nicht also, meine Brüder?! Ihr sagt: ‚Ja, also ist es ewig wahr!‘
HG|2|219|26|0|Also tut auch ihr desgleichen! Liebt den Vater; denn Liebe ist Sein Wesen und Liebe Sein unendliches Bedürfnis. So habt ihr Ihm alles gegeben und geopfert, alles, was Er euch gegeben hatte! Denn mehr als Sein eigenes Leben konnte Er euch nicht geben; die Liebe aber ist euer Leben und das Leben Gottes in euch.
HG|2|219|27|0|Wenn ihr sonach Gott, den Vater, liebt, so tut ihr das, was Er ansieht, und was Ihm allein angenehm ist!
HG|2|219|28|0|Solches aber ist der Wille Gottes, dass wir Ihn über alles lieben sollen; also tun wir das, so werden wir das Leben haben ewig! Amen.“
HG|2|220|1|1|Die Macht der Liebe
HG|2|220|1|1|Am 28. Dezember 1842
HG|2|220|1|0|Nach dieser Rede Henochs schlugen sich alle Anwesenden auf die Brust, und einer sagte zum anderen: „Was war das für eine Rede, und was waren das für Worte!
HG|2|220|2|0|O Wahrheit, du ewig heilige Wahrheit, der Weg zu dir ist für den, der dich nicht kennt, unaussprechlich schwer zu finden!
HG|2|220|3|0|So du aber dem müden Wanderer entgegenkommst, dann bist du alsbald also wohl erkennbar für ihn, wie da erkennbar ist für jedes Auge die aufgehende Sonne!
HG|2|220|4|0|Ja, man kann nun denken, wie man will, und es lässt sich durchaus kein anderer Satz ausfindig machen, der aber auch nur neben dem bestehen könnte!
HG|2|220|5|0|Also gibt es nur eine Wahrheit: Gott ist diese ewige Wahrheit, und diese zeigt das allein wahre Verhältnis zwischen Ihm und dem Menschen an und sagt, dass dieses die alleinige Liebe ist!
HG|2|220|6|0|Kann aber die beste und reinste Vernunft auch ein anderes möglich finden?
HG|2|220|7|0|Nein, wir wissen es ja, dass da alle menschlichen Verstandeswerke in lauterem Zerstreuen bestehen, und das Zerstören ist am Ende sein Sinn.
HG|2|220|8|0|Wir sind suchende, versuchende, bauende, verbauende, zerbauende und zerstörende Planmacher; wir wollen stets etwas Neues, stets etwas Besseres und Vollkommeneres, und vergessen bei solchen Bemühungen ganz und gar, dass wir uns selbst nie übertreffen können und somit alle unsere Werke nichts sein können als das nur, was da ist ihr Grund: unser Verstand!
HG|2|220|9|0|Wir haben große Augen für Torheiten anderer, aber die bei weitem größeren eigenen mögen wir nicht erschauen.
HG|2|220|10|0|Solches alles aber liegt ja eben darinnen begraben, weil wir noch nie eine volle Wahrheit erschaut haben.
HG|2|220|11|0|Nun aber hat uns dieser mächtige große Freund Gottes die reinste Wahrheit gezeigt! Darum mögen wir auch wie auf einen Hieb die ganze Masse unserer großen und groben Torheiten erkennen; denn die Liebe ist ja das Einzige im Menschen, das ihn versammelt und zusammenhält, das Einzige, wodurch noch jeder seine Gedanken ins Werk gesetzt hatte!
HG|2|220|12|0|Ja, die Liebe ist die offenbare Grundbedingung alles Seins und somit auch alles Werdens; ja, sie ist – wenn wir es so recht nehmen wollen – das eigentliche Sein selbst; sie ist die einzige Realität, also die einzige Wahrheit! Und solches konnte uns so viele Jahrhunderte hindurch entgehen?!
HG|2|220|13|0|Ja, großer, mächtiger Freund und wahrhaftigster, alleiniger Hohepriester Gottes, du hast ganz vollkommen recht, da die Liebe die alleinige wirkliche Realität ist, das alleinig wahre Sein, und ist sowohl das Grundwesen Gottes, als auch somit das unsrige vollkommen aus Ihm.
HG|2|220|14|0|Was können wir Ihm dann wohl anderes bieten als das nur, welches allein etwas ist vor Ihm, nämlich die Liebe, das heißt alle unsere Liebe, da unser alles eben ja auch der Liebe Gottes entstammt!
HG|2|220|15|0|Nehme daher unsere vollste und teuerste Versicherung an, dass wir solches tun werden und wollen aus allen unseren Kräften; und Gott möge uns so, wie bis jetzt, gnädig und barmherzig sein!
HG|2|220|16|0|Gelobt und über alles geliebt sei Sein heiligster Name!“
HG|2|220|17|0|Und der Henoch sagte: „Amen! Gelobt und geliebt sei von uns allen ewig der heilige, allerliebevollste Vater, der uns schon ehedem geliebt hatte, bevor wir noch waren; denn wäre es nicht also, so wäre nie etwas erschaffen worden!
HG|2|220|18|0|Gott als die ewige, unendliche Liebe und Weisheit, also die ewige Wahrheit, sah von Ewigkeit her, dass Ihre Werke gut waren, sind und ewig bleiben werden; darum trägt uns noch die alte Erde, und die alte Sonne spendet uns stets ein gleiches, herrliches Licht!
HG|2|220|19|0|Der Mensch nun ward gesetzt zur höchsten Vollendung auf diesen engen Kreis; der Kreis ist zwar enge, aber desto mächtiger erfüllt mit der Liebe Gottes.
HG|2|220|20|0|Daher erkennt alle in diesem engen Liebekreis, dass Gott die Liebe ist; erkennt mit Liebe die Liebe, so wird diese Liebe ein mächtig Feuer werden, welches gar bald den engen Kreis zerreißen wird!
HG|2|220|21|0|Und ihr werdet dann frei hinaustreten in den unendlichen Kreis der göttlichen Liebe, Gnade und Erbarmung und werdet da ein Leben leben, welches da heißt: ‚Seid vollkommen, wie Ich, euer Vater, es bin!‘
HG|2|220|22|0|Nun aber lasst uns ein Mahl nehmen, Bruder Lamech! Wie wir hier beisammen sind, lasse uns auch gemeinschaftlich in die Schüssel greifen!
HG|2|220|23|0|Und so denn führe uns in den Speisesaal! Amen.“
HG|2|221|1|1|Fertigstellung und Übergabe des Tempels
HG|2|221|1|1|Am 29. Dezember 1842
HG|2|221|1|0|Und alsbald begab sich alles in den Speisesaal, in welchem nach alter Sitte von Seiten der Diener Lamechs stets Sorge getragen werden musste, dass die Speisetische fortwährend mit den auserlesensten Früchten besetzt sein mussten.
HG|2|221|2|0|Als da alle sich gesättigt hatten, kam gerade der Thubalkain mit dem Mura und Cural in den Saal und trat alsogleich hin zum Lamech und Kisehel, ihnen überfreudigen Antlitzes anzeigend, dass der Tempel nun vollends fertig sei, und dass sein Erzmeister aus dem übriggebliebenen edlen Metall ein gar überprachtvollstes Tor verfertigt habe, welches sogar mit einem künstlichen Riegel versehen ist, damit der Tempel außer der bestimmten Zeit völlig geschlossen werden kann.
HG|2|221|3|0|Nach solcher Anzeige lobte der Lamech Gott, dass Er den Bauleuten solche Einsicht und Kraft verliehen hatte, damit so ein großes Werk in einer so kurzen Zeit habe vollendet werden können, während sonst auch nur ein unbedeutendes Wohnhaus eines ganz gemeinen Bürgers der Stadt schon mehrere Jahre erforderte, bis es völlig auferbaut wurde.
HG|2|221|4|0|Nach solcher Lob- und Danksagung Lamechs traten aber dann auch der Mura und Cural zum Lamech hin, und der Mura nahm das Wort und sprach zum Lamech:
HG|2|221|5|0|„Lichter, mächtiger, weiser König und Herr, du möchtest mich nun wohl fragen und sagen: ‚Da der Bau also herrlich und bis zur bestimmten Zeit ganz vollendet worden ist, so zeige mir die Rechnung, damit ich dir gebe allen baulichen Arbeitssold!‘
HG|2|221|6|0|Allein solches, o König, wäre nun eitel von dir; denn siehe, also wie stets wahrhaft wunderbar uns das große Werk vonstattenging, eben also auch ganz rein wunderbar erhielt ich und jeglicher Arbeiter einen überaus reichlichen Lohn!
HG|2|221|7|0|Es ist kaum noch eine Stunde der Zeit her, als das große Werk völlig beendet ward, da kamen Männer herbei, und ihnen folgten große Herden edler zahmer Tiere, als da sind Ochsen, Kühe, Ziegen und gar schöne weiße Schafe.
HG|2|221|8|0|Davon erhielt ein jeder Arbeiter ohne Unterschied zehn Stücke männlich und weiblich von jeder Gattung, also zwar, dass da einer hatte zehn Ochsen und zehn Kühe, zehn Böcke und zehn Ziegen, und zehn Schafe und zehn Widder, also ein jeglicher sechzig Stücke; und ich und der Cural bekamen ein jeder das Zehnfache samt den noch anderen Unterbauleuten!
HG|2|221|9|0|Also sind wir überaus gut belohnt und haben darum von dir nichts anderes mehr für uns und unsere Nachfolger zu bitten als fürs Erste um dein königliches Wohlgefallen, und dass du uns allzeit gnädig sein möchtest!
HG|2|221|10|0|Der Cural aber hatte aus besonderer Dankbarkeit gegen Gott, sowie auch ich an seiner Seite, beschlossen, den ganzen Raum innerhalb der Ringmauer mit weißen geglätteten Steinen zu belegen.
HG|2|221|11|0|Über drei Viertel sind bereits schon belegt, und in kurzer Zeit wird auch das übrige Viertel belegt sein, und du sollst alles in dem gereinigtsten und prachtvollst glänzendsten Zustand antreffen!
HG|2|221|12|0|Hier ist der Torschlüssel des Tempels und hier der kleinere zum ebenfalls goldenen Gittertor der herrlichen Ringmauer!
HG|2|221|13|0|Den Tempeltorschlüssel magst du alsogleich behalten; den kleinen aber werde ich durch einen Diener dir sodann überbringen lassen, so der Platz ganz belegt sein wird.
HG|2|221|14|0|Und so lasse uns wieder gehen zu der letzten freiwilligen Arbeit; dein Wille! Amen.“
HG|2|221|15|0|Solche Nachricht überraschte unseren Lamech so sehr, dass er vor lauter Freuden sich gar nicht zu helfen wusste und konnte auch gar kein Wort herausbringen.
HG|2|221|16|0|Und so trat denn der Henoch vor und sagte zum Thubalkain, Mura und Cural:
HG|2|221|17|0|„Ich bin ein neuer Bote des Herrn aus der Höhe; mein Name ist Henoch, ein alleiniger Hohepriester Gottes.
HG|2|221|18|0|Als solcher sage ich euch, freut euch nicht so sehr des Lohnes und auch nicht so sehr des vollendeten Werkes, sondern freut euch vielmehr der großen Gnade und Erbarmung Gottes! Erkennt eure Mängel, reinigt eure Herzen, seid eifrige Täter des Willen Gottes, und liebt Ihn über alles und euch untereinander wie jeder sein eigenes Leben, so werdet ihr in solcher Liebe erst den größten Lohn finden, welcher da heißen wird das ewige Leben in Gott!
HG|2|221|19|0|Du, Thubalkain, bleibe hier; du, Mura, und Cural, aber geht, beendet euer Werk, und kommt dann selbst wieder, denn ich habe mit euch noch Wichtiges zu verhandeln! Amen.“
HG|2|222|1|1|Henoch lehnt leibliche Ehrbezeigungen ab. Die wahre Ehrung. Über die Verwandtenehe. Vorbereitung auf das Kommen des Herrn
HG|2|222|1|1|Am 30. Dezember 1842
HG|2|222|1|0|Nach dieser kurzen Bemerkung Henochs verneigten sich die beiden tiefst und gingen dann zu ihrem Geschäft.
HG|2|222|2|0|Der Thubalkain aber stürzte hin zum Henoch und bat ihn um Vergebung, darum er solches nicht schon eher bemerkt habe, dass ein unaussprechlich hoher Gast sich unter ihnen befinde und er ihm nicht alsogleich die allerhöchste Ehrfurcht bezeigt hätte.
HG|2|222|3|0|Der Henoch aber hob den Thubalkain alsogleich vom Boden auf und sagte zu ihm: „Bruder, armer Bruder! Was tust du vor mir, deinem Bruder?
HG|2|222|4|0|Siehe, solches hat uns allen sogar der Herr, unser Gott und Vater, trotz Seiner unendlichen, unantastbaren Heiligkeit verwiesen, indem Er uns haarklein bewiesen hatte, dass es für den Menschen bei weitem leichter ist, vor Ihm die Knie zu beugen denn das Herz!
HG|2|222|5|0|Solches aber gereiche dem Menschen durchaus nicht zum Leben, sondern allein die Beugung des Herzens!
HG|2|222|6|0|Hat daher jemand ein unbeugsames Herz und mag selbes nicht demütigen und läutern vor Gott, da mag er sich sein Leben lang im Staub herumwälzen, und es wird ihm solches alles nichts nützen.
HG|2|222|7|0|Wer aber sein Herz beugt, und läutert es, und erfüllt es mit Liebe, der bedarf da nicht mehr, seinen Leib in den Staub zu senken; denn sein Geist weiß es in aller Demut und vollster Liebe zu Gott, dem heiligen Vater, dass der Leib dem Staub der Erde angehört und wird wieder dahin kehren, woher er genommen ward.
HG|2|222|8|0|So du aber ein Haus bewohnen möchtest, und es käme vor dein Haus ein vornehmer, hoher Gast, – wirst du da wohl aus lauter Ehrfurcht das ganze Haus vor dem hohen Gast niederreißen und es in den Staub legen und dann erst wieder aufbauen, um den Gast in dein Haus aufzunehmen?
HG|2|222|9|0|Ich meine aber, solches würde wohl überaus lächerlich töricht sein; denn fürs Erste verlangt solches der hohe Gast nicht, und fürs Zweite wird er nur darauf sehen, wie ihm du als Bewohner des Hauses entgegenkommen wirst, – nicht aber, wie sich dein totes, an und für sich unbewegliches Haus gegen ihn benehmen wird!
HG|2|222|10|0|Also ist auch unser Leib nur ein Wohnhaus des Geistes, nicht aber etwa mit dem Geist eines und dasselbe, und der heilige, liebevollste Vater sieht dann nur, was da tut der Geist –
HG|2|222|11|0|das ist die Liebe und ihr freier Wille –, nicht aber auf den Leib, was dieser täte, der doch nichts tun kann, als nur stumm verrichten sein natürliches, gerichtetes Bedürfnis.
HG|2|222|12|0|Daher sei du, Thubalkain, mein lieber Bruder im Geiste!
HG|2|222|13|0|Beuge allein vor Gott dein Herz, liebe Ihn über alles, mich, deinen Bruder, aber also wie dich selbst, so hast du alles getan, was da ist ehrlich und billig vor Gott und aller Welt!
HG|2|222|14|0|Du hast dir auch ein Weib genommen, das ist recht und billig; da du aber deine eigene Schwester beschliefst, solches war ein Gräuel vor Gott. Es durften solches wohl die ersten Kinder Adams tun zur Zeit, da Gott das Blut noch nicht geschieden hatte und war sonach in allen ein Blut und ein Fleisch.
HG|2|222|15|0|Da sich aber mit der Zeit die Menschen sehr vermehrten, da schied Gott das Blut untereinander, damit es nicht bald versäuere und aussterbe.
HG|2|222|16|0|Aus dem Grunde sind dann bestimmt worden stets mehr und mehr die Stufen der Blutsverwandtschaft, und darf dieser Bestimmung zufolge ohne besondere Einwilligung Gottes niemand im ersten Gliede ein Weib sich nehmen, sondern erst im zweiten, dritten und so fort; ein je ferneres Glied jemand wählt, desto billiger tut er demnach.
HG|2|222|17|0|Du aber hast dir nun ein Weib aus einem gar fernen Gliede genommen; also hast du auch daran wohl und recht und billig getan, und so magst du selbes herführen, damit auch ich dich segne!“
HG|2|222|18|0|Hier rief der Thubalkain sogleich sein Weib herbei und stellte sie ehrerbietigst dem Henoch vor.
HG|2|222|19|0|Henoch aber legte alsbald beiden die Hände auf, und segnete sie im Namen des Herrn.
HG|2|222|20|0|Nach solcher Handlung aber berief der Henoch den Lamech und die sieben zu sich und sagte zu ihnen:
HG|2|222|21|0|„Brüder! Hört, also lautet der Wille des Vaters: ‚Am Abend aber, so ihr euch gestärkt habt mit mehreren Brüdern aus der armen Tiefe, segnet sie in Meinem Namen, und lasst sie dann zur nötigen Ruhe gehen!
HG|2|222|22|0|Ihr aber samt dem Lamech begebt euch auf den Berg, den der Kisehel in Meinem Namen gereinigt hatte, und wacht da bis an den Morgen!
HG|2|222|23|0|Wenn ihr aber merken werdet das erste Grauen des Morgens, da versammelt euch tief, denn um diese Zeit werde Ich zuerst fühlbar und dann auch hör- und endlich sichtbar unter euch sein!‘
HG|2|222|24|0|Also tun wir solches alles, auf dass wir solcher Gnade teilhaftig werden! Amen.“
HG|2|222|25|0|Und alsbald traten die Brüder samt dem Lamech auf, segneten alle die zahlreich Anwesenden und beschieden sie dann zur Ruhe.
HG|2|222|26|0|Als sich darauf alles entfernt hatte unter lauter Lobpreisung des göttlichen Namens, da auch verließen gar bald der Henoch und alle die anderen sieben samt dem Lamech das Haus und begaben sich eiligen Schrittes auf den Scheitel des etwa bei dreihundert Klafter hohen Berges.
HG|2|222|27|0|Als sie nun auf der Höhe angelangt waren, da brachten alle einstimmigen Herzens dem Vater eine Dank- und Lobpreisung dar; nach dem aber unterhielten sie sich mit allerlei großen Betrachtungen über die Führungen Gottes und über die Herrlichkeit der großen Werke, wobei der Lamech stets ganz Herz und Ohr war und wusste sich vor lauter Seligkeit nicht zu helfen.
HG|2|222|28|0|Als aber der Henoch die Nähe des Morgens merkte, da sagte er zu den Brüdern:
HG|2|222|29|0|„Jetzt verstumme unsere Zunge! Ein jeder versammle sich tiefst in seinem Herzen und bereite sich vor zum heiligen Empfang des Herrn, unseres Gottes, unseres allerheiligsten Vaters; denn Er ist schon auf dem Weg zu uns!“
HG|2|222|30|0|Darauf ward alles stille, und der Vater kam in aller Stille zu den Seiner Harrenden.
HG|2|223|1|1|Der mächtige Wind und das reinigende Flammenmeer. Das Kommen des Herrn
HG|2|223|1|1|Am 2. Januar 1843
HG|2|223|1|0|Das erste Grauen des werdenden Tages hatte begonnen, und mit diesem Grauen fing alsbald an ein mächtiger Wind zu wehen, welcher aber bei aller seiner Heftigkeit dennoch niemandem wehe tat, sondern nur bei jedem eine höchst angenehm erheiternde Wirkung erfolglich machte.
HG|2|223|2|0|Als das Grauen in eine hellere Röte überzugehen anfing, da legte sich der Wind, aber desto heftiger begannen sowohl die nahen als die fernen brennenden Berge zu lodern.
HG|2|223|3|0|Und es brachen bald so helle Flammen allerorts auch neben den schon gewöhnlichen Feuerbergen aus anderen Bergen und Hügeln hervor, dass darob die Morgenröte vor lauter Flammenglanz nahe kaum auszunehmen war.
HG|2|223|4|0|Denn die ganze Gegend schien in ein Flammenmeer überzugehen.
HG|2|223|5|0|Am Ende bemerkte der Lamech sogar auch aus seinem Berg hie und da helle Flammen hervorbrechen, und fing an, sich darob ein wenig zu ängstigen.
HG|2|223|6|0|Denn er gedachte bei sich, solches werde sein Untergang sein, und geriet darum förmlich in ein kleines Misstrauen.
HG|2|223|7|0|Da aber die Flammen stets heftiger und heftiger wurden, so konnte das der Lamech nicht mehr ganz gleichgültig ansehen, sondern erhob sich und sagte ganz ehrfurchtsvoll zum Henoch:
HG|2|223|8|0|„Mächtiger, großer Freund des Herrn, siehe, die verheerenden Flammen schlagen schon nahe zu uns heran! Meinst du wohl, dass es noch länger geheuer sein wird, hier zu verweilen?
HG|2|223|9|0|Wenn es auf mich ankäme, so möchte ich diesen Ort wohl verlassen!“
HG|2|223|10|0|Der Henoch aber erwiderte dem Lamech und sagte zu ihm: „Bruder Lamech, meinst du wohl, der Allerheiligste wird einen unreinen Boden betreten?
HG|2|223|11|0|Siehe, also reinigt für Sich der Herr Seine Wege, so Er zu uns kommen will.
HG|2|223|12|0|Und so jemand zu Ihm kommen will, so muss er auch durchs Feuer der Liebe gehen, sonst kann er nicht zu Ihm gelangen!
HG|2|223|13|0|Siehe, wenn der Herr kommt, so kommt Er im Feuer Seiner Liebe; und dennoch ist Er weder im Wind, noch im Feuer, sondern Sein Wesen ist ein sanftes Wehen.
HG|2|223|14|0|Daher ängstige dich nicht des Feuers wegen – denn dieses wird dir kein Haar versengen –, sondern harre geduldig und völlig unerschrocken mit uns, und horche, denn nun sollst du des Vaters Stimme vernehmen!“
HG|2|223|15|0|Diese Worte beruhigten den Lamech völlig wieder, und er horchte auf die Stimme des Vaters.
HG|2|223|16|0|Als die Flammen schon einen hellsten Kreis um die Harrenden bildeten, da ertönte auf einmal eine Stimme über dem Flammenkreis, und ihr Wort lautete also:
HG|2|223|17|0|„Der Friede sei mit euch, und mit dir, Lamech! Denn heute will Ich einziehen in die Hütte, welche du Mir errichtet hast.
HG|2|223|18|0|Mein Name Jehova soll wohnen lebendig innerhalb der Hütte.
HG|2|223|19|0|Außer dir aus deinem Volk soll niemand in die Hütte treten, so er ist, wie er ist.
HG|2|223|20|0|Wenn aber jemanden die Flamme der großen Liebe zu Mir treiben wird, dem sollst du die Pforte in Mein Haus auftun; also soll es allzeit geschehen!
HG|2|223|21|0|Auf diesem Berg aber sollst du Mir ein Denkmal errichten nach deiner Art, auf dass sich jedermann beim Anblick desselben erinnere, dass Ich hier mit dir geredet habe!
HG|2|223|22|0|So wahr Ich aber lebe, ein ewiger, heiliger Gott: So je die Kinder der Höhe, wie die der Tiefe Meiner vergessen sollten, so will Ich darob richten den ganzen Erdkreis, und will treiben eine mächtige Wasserflut so hoch über alle Berge, als wie hoch du jetzt die Flammen über den höchsten Bergen erblickst, und will verderben lassen alle Kreatur des Erdbodens!
HG|2|223|23|0|Solches spricht nun zu dir, Lamech, dein Gott und dein Herr!“
HG|2|223|24|0|Hier erbebte Lamech tiefst in der Seele und fiel vor Gott nieder auf sein Angesicht und gelobte in seinem Herzen Ihm die allzeitige Treue seiner ganzen Lebenszeit.
HG|2|223|25|0|Hier ging auch die Sonne auf, und eine kräftige Hand ergriff den Lamech und richtete ihn auf.
HG|2|223|26|0|Als er nun wieder seine Augen auftat, siehe, da erblickte er zu seinem großen Erstaunen alle Flammen auf dem Erdboden erloschen! Herrlich strahlte die gereinigte Erde, vom hellen Licht der Morgensonne erleuchtet, und an seiner Seite erschaute er einen kräftigen, jungen, ernstschönen Mann und fragte Ihn:
HG|2|223|27|0|„Bist auch du ein neuer Gast aus der heiligen Höhe?“
HG|2|223|28|0|Und der ihm noch fremde Mann sagte zu ihm: „Du hast recht; ja, Ich bin auch daher, und zwar aus der höchsten Höhe!
HG|2|223|29|0|Lass uns aber jetzt hinabgehen in dein Haus; da erst sollst du Mich näher erkennen! Henoch, geleite Mich! Amen.“
HG|2|224|1|1|Henochs liebesschwärmerische Rede an den heiligen Vater. Die Liebe ist die größte Macht
HG|2|224|1|1|Am 3. Januar 1843
HG|2|224|1|0|Ganz liebeglühend stürzte der Henoch hin zum Vater, und sagte in seinem Herzen: „O Du überguter, überheiliger, überliebevollster Vater, welch ein überschwänglichstes Glück hast Du meinem Herzen bereitet! Ich, ein schwacher Mensch der Erde, darf Dich geleiten?!
HG|2|224|2|0|Wenn ich auch der von Dir gestellte und berufene Hohepriester bin, was aber ist dennoch solches gegen Dich, Du allerheiligster, liebevollster Vater?!
HG|2|224|3|0|Doch nicht ich, ja ewig nicht ich habe mich selbst dafür gewürdigt, sondern – o heiliger Vater! – Deine unendliche Milde, Gnade, Liebe und Erbarmung hat ja solches an mir getan; darum aber möchte ich mich gerade auch zu Tode in Dich hinein lieben!
HG|2|224|4|0|O wäre es mir doch möglich, Dich mit der Kraft und Mächtigkeit aller Himmel zu lieben; wie endlos seligst gerne möchte ich solches tun!
HG|2|224|5|0|O Vater, Du ewige, allerreinste und allmächtigste Liebe, lasse mich noch zu Unfähigen für solch überhöchste Genüsse der Himmel doch hier [nicht] gar so unaussprechlich selig sein, denn beinahe verträgt mein Herz solch einen Liebebrand kaum mehr!
HG|2|224|6|0|Aber was rede ich doch alles zusammen in meinem Taumel?!
HG|2|224|7|0|Es ist solches ja alles Dein heiligster Wille; darum geschehe es auch allzeit alles also, wie es Dir angenehm ist!
HG|2|224|8|0|O Du heiliger Vater! Wie gut musst Du in Dir sein, da ich, ein Nichts vor Dir, schon so unmäßig viel von dieser Deiner unendlichen Güte empfinde!
HG|2|224|9|0|O du Erde, erbebe vor zu großer Entzückung, denn der Schöpfer, der dich lebendig erschuf, wandelt nun auf dir! Und du, arme Sonne, mit deinem Licht getraust du dich wohl jetzt deine Strahlen herabzusenden auf den Erdboden, wenn Der über denselben wandelt, dessen leisester Hauch dich einst werden hieß?
HG|2|224|10|0|Aber ich rede ja schon wieder wie ein Liebeverwirrter! Die Erde schweigt ja vor übergroßer, erhabenster Ehrfurcht; denn sie empfindet es ja, wer Der ist, den sie nun trägt! Und die Sonne bringt dem Herrn mit ihren sanften Strahlen ein ihr möglich liebegrößtes Lob dar!
HG|2|224|11|0|Alles, alles ist von einem erhabenen, andächtigen und ehrfurchtsvollsten Stillschweigen ergriffen; nur ich plappere beständig in mir!
HG|2|224|12|0|Ich fehlte offenbar gegen die gebührendste Ehrfurcht, – aber ich kann mir aber ja auch nicht helfen, denn ich liebe Ihn zu sehr, als dass es mir möglich wäre, das stets mehr und mehr liebegesprächige Herz im Zaum zu halten!
HG|2|224|13|0|Welche Wonne und welche Seligkeit aber kann der auch in Ewigkeit gleichen: bei Ihm zu sein, an Seiner liebevollsten, väterlichen, allmächtigen Seite zu wandeln, und Ihn aus allen Kräften lieben zu dürfen?!
HG|2|224|14|0|Doch nun stille, mein Herz; denn Er macht ja eine Miene, als wollte Er mir etwas sagen!
HG|2|224|15|0|O freue dich, mein ganzes Wesen, denn du wirst wieder aus dem allerheiligsten Munde des Vaters Worte des Lebens vernehmen!“
HG|2|224|16|0|Bei der Gelegenheit gelangten die nun neun Personen auch in die Ebene vom Berg herab, und der Herr an der Seite Henochs blieb stehen und sagte zu allen:
HG|2|224|17|0|„Freunde, hier wollen wir ein wenig anhalten! Denn Ich sehe, dass einige von euch etwas müde geworden sind; und du, Mein geliebter Henoch, bist am müdesten, denn dein Herz hätte sich ja beinahe vergriffen an Mir!
HG|2|224|18|0|Ich sage dir aber, überschwänglich groß ist deine Liebe zu Gott, deinem Vater; aber wäre es dir möglich, die Freude des Vaters zu verkosten über die große Liebe eines Kindes zu Ihm, und dann zu ermessen Seine großen Liebesphantasien und Gedanken, in denen Er allmächtig, unendlich und ewig große Pläne macht, ein solch Ihn über alles liebendes Kind auch so unendlich glücklich zu machen, als es nur immer Seiner unendlichen Allmacht möglich ist, da würdest du wohl vergehen schon bei der leisesten Annäherung zu einem solchen Gedanken Gottes!
HG|2|224|19|0|Schwärme aber du in deiner reinen Liebe zu Gott nur immer also fort, wie du, Mein geliebter Henoch, bis jetzt geschwärmt hast, so wird aus solch einer Schwärmerei einst eine große Wirklichkeit hervorgehen, über die sich dein Geist höchst erstaunen wird!“
HG|2|224|20|0|Nach dem aber wandte sich der Herr zum Kisehel und sagte zu ihm: „Kisehel, erkennst du jetzt die Macht der Liebe des Vaters?
HG|2|224|21|0|Siehe, als du gesandt warst herab in die Tiefe, da zweifeltest du noch heimlich an dem Gelingen und dachtest nach dem ersten Auftritt heimlich bei dir:
HG|2|224|22|0|‚Des Herrn Macht ist zwar endlos größer, als sie je auch ein allervollkommenster Geist nur im allergeringsten Teil zu begreifen vermag; aber was den Lamech betrifft, da wird nicht viel zu richten sein, und auf dem Wege der Liebe schon am allerwenigsten!
HG|2|224|23|0|Es müsste nur der Lamech getötet werden und dann neu belebt mit einem ganz anderen Willen, sonst wird hier jeder Versuch scheitern!‘
HG|2|224|24|0|Nun siehe, wir haben aber nichts gebraucht als eben nur die Liebe, und die ganze Tiefe steht gereinigt nun vor uns!
HG|2|224|25|0|Also bleibe es auch ewig dabei! Wo die Liebe nichts mehr wird auszurichten und zu gewinnen vermögen, da soll auch keine andere Macht etwas zu bewirken imstande sein!
HG|2|224|26|0|Sind doch alle Werke der Schöpfung aus der Liebe hervorgegangen; wie sollten die Werke dann wohl mächtiger sein denn die Liebe als ihr Urgrund? Also bleibt nur alle allzeit bei der Liebe, und es soll am Ende doch alles gewonnen sein!
HG|2|224|27|0|Da wir uns aber nun erholt haben, so lasst uns wieder weiterziehen, denn es gibt schon eine große Menge der Harrenden.
HG|2|224|28|0|Darum gehen wir, auf dass unser Segen sie zur gerechten Zeit treffe! Amen.“
HG|2|225|1|1|Lamech erkundigt sich bei Kisehel nach dem ihm unbekannten jungen Mann. Die Rede des Herrn an das Volk
HG|2|225|1|1|Am 4. Januar 1843
HG|2|225|1|0|Auf diese Worte des Herrn erhoben sich wieder alle und zogen nach der Stadt.
HG|2|225|2|0|Der Lamech aber, zwischen tausend Gedanken über diesen fremden Mann umherschweifend, wandte sich unterwegs an den Kisehel und fragte ihn: „Höre, großer, mächtiger Freund und Bruder! Kennst du diesen überaus merkwürdig jungen und dennoch also überaus weisen Mann? Ist er denn noch mehr als der hohe Priester Henoch?
HG|2|225|3|0|Denn siehe, mir kommt es doch etwas sonderbar vor, dass der mir endlos mächtig weise vorkommende Henoch, hohen Alters noch dazu, vor diesem jungen Mann eine so überaus große Ehrfurcht zu haben scheint!
HG|2|225|4|0|Ich muss es zwar wohl auch selber gestehen: Was die Weisheit und große Liebegüte betrifft, so scheint der Henoch eben nicht viel vor ihm, dem herrlichen Mann, zu haben.
HG|2|225|5|0|Aber dessen ungeachtet scheint es mir doch etwas sonderbar, dass sich der Henoch gar so liebedemütig zu ihm verhält, als hänge er lediglich von ihm ab!
HG|2|225|6|0|Wenn du sonach diesen sonderbaren Mann näher kennst, da gebe es mir kund, was da hinter ihm steckt, damit auch ich mich gegen ihn benehmen könnte also, wie es sich gebührt!
HG|2|225|7|0|Dass er überaus weise sein muss und mächtig, entnahm ich aus der Rede, die er an dich gerichtet hatte.
HG|2|225|8|0|Allein das seid ihr alle aus der Höhe, darum vor euren Augen kein Herz sicher ist.
HG|2|225|9|0|Das ist er also auch, da er wohl wusste, wie es in dir vorging, als du an mich abgesandt wurdest.
HG|2|225|10|0|Solches also beirrt mich nicht, sondern nur, wie schon gesagt, nur allein das Benehmen Henochs gegen ihn!
HG|2|225|11|0|Darum ersuche ich dich noch einmal, dass du mir diesen jungen Mann näher bezeichnest, das heißt, so es dir gefällig ist und du solches tun darfst!“
HG|2|225|12|0|Und der Kisehel erwiderte dem Lamech folgendes, sagend nämlich: „Lieber Bruder Lamech! Was da diesen jungen Mann betrifft, und dass der Henoch sich, wie wir alle, gegen Ihn so höchst untergeordnet verhält, so hat solches einen so tiefen und geheimnisvollsten Grund, dass du solchen für diesen Augenblick gar nicht zu fassen vermöchtest.
HG|2|225|13|0|Daher gedulde dich vorderhand nur noch eine kurze Zeit, und du wirst Ihn dann gar wohl erkennen!
HG|2|225|14|0|Solches aber magst du ja von mir erfahren, dass Er, wie Er dir es Selbst auf dem Berg bemerkt hatte, fürwahr der allerhöchste Herr auf der höchsten Höhe über alle Kinder der Höhe und somit auch der der Tiefe ist!
HG|2|225|15|0|Mehr brauchst du vorderhand auch nicht zu wissen über diesen jungen Mann!
HG|2|225|16|0|Denn der Zeitpunkt ist ja ohnehin nahe, in dem du Ihn näher wirst kennenlernen; daher gedulde dich nur bis dahin!“
HG|2|225|17|0|Bei dieser Gelegenheit aber gelangten sie auch schon zwischen den jubelnden Reihen zum Hause Lamechs, und so blieb dem Lamech auch kein weiterer Frageraum mehr übrig.
HG|2|225|18|0|Als sie aber vor dem Hause Lamechs standen, da bestieg der junge Mann alsbald den schon bekannten Rednerblock und richtete an das Volk folgende segnende Worte:
HG|2|225|19|0|„Hört ihr, Meine armen Kinder! Denn also spricht der Herr, euer Gott, euer Schöpfer und euer aller liebevollster heiliger Vater zu euch an diesem Tag aus Seinem Munde:
HG|2|225|20|0|Der Friede sei mit euch! Erkennt den alleinigen wahren Gott und Vater, den alleinigen Herrn Himmels und der Erde, und liebt Ihn über alles, so wird Er euch allzeit erhören, ansehen und helfen in allem, das euch nottut, und geben allzeit, das ihr bedürft.
HG|2|225|21|0|Und fürder spricht der Herr: Ich will euch beschützen, so lange ihr in Meiner Liebe verharren werdet; wenn ihr aber werdet eigenmächtig über Mich zu urteilen anfangen, da werde Ich zurückziehen Meine Gnade, und euch leuchten lassen untereinander mit eurem Licht.
HG|2|225|22|0|Mein Licht aber werde Ich zurücknehmen; dann werdet ihr bald in große Trübsal und Finsternis geraten, die noch viel ärger sein wird, denn die da war vom Anfang bis jetzt.
HG|2|225|23|0|Jetzt habe Ich euch mächtige Boten zugesandt, dieweil ihr von der Kindheit aus schwach und elend wart.
HG|2|225|24|0|Dann aber werde Ich euch nur schwache Boten senden, die da allein haben sollen eine weise Zunge, aber einen ohnmächtigen Willen, und ihr werdet sie dann ergreifen und töten und so euch bereiten Meinen Zorn zu einem unerbittlichen Gericht, und das darum, weil Ich euch jetzt eine große Gnade und Erbarmung erwies und habe euch stark gemacht aus Mir!
HG|2|225|25|0|Heute gebe Ich euch Meinen Namen. Bleibt bei diesem Namen, so werde auch Ich bei euch sein; so ihr aber den Namen verlassen werdet, dann auch werde Ich euch verlassen.
HG|2|225|26|0|Denn ihr sollt allzeit frei vor Mir einhergehen. Und so denn nehmt hin Meinen Segen! Amen.“
HG|2|225|27|0|Hier segnete der Herr die Tiefe, und alles Volk fiel vor dem mächtigen Redner nieder und betete Ihn an im Namen des Herrn.
HG|2|225|28|0|Der Herr aber kehrte dann wieder zu Seiner Gesellschaft zurück und begab Sich, vom Henoch geleitet, in das Haus Lamechs; und niemand getraute sich nun, dem Hause Lamechs zu nahen.
HG|2|226|1|1|Lamech erkundigt sich bei Kisehel weiter über den merkwürdigen Mann. Der Herr als Schlüssel und Türe
HG|2|226|1|1|Am 5. Januar 1843
HG|2|226|1|0|Als sie nun vor der Türe des Thronsaales ankamen, da ging der Lamech schnell hin zum fremden Mann und sagte zu Ihm:
HG|2|226|2|0|„Du noch viel mächtigerer Freund, als da sind der Kisehel und seine Brüder, und als da ist selbst der hohe Priester Henoch, hier ist der Thronsaal, in welchem der allerheiligste Name Gottes auf dem Thron sich befindet!
HG|2|226|3|0|Da du also überaus ergreifend mächtig zuvor dem Volk von diesem Namen wie aus dem Munde Gottes gesprochen hast, so wird es dir gewiss auch wohlgefällig sein, diesen allerheiligsten Namen zu besichtigen!
HG|2|226|4|0|So du solches vorderhand möchtest, bevor wir noch ein Morgenmahl zu uns nehmen wollen, so ließe ich augenblicklich den Saal öffnen! Denn siehe, dort im Hintergrund harren hundert dienstbare Menschen beiderlei Geschlechtes; ich darf ihnen nur winken, so sollen sie sogleich bei der Hand sein und uns aufschließen die schweren ehernen Türen!“
HG|2|226|5|0|Und der Herr erwiderte dem Lamech: „Wozu dem Volk eine unnötige Plage? Siehe, solches können ja auch wir tun, und das um sehr vieles leichter denn das arme, schwache Volk!“
HG|2|226|6|0|Der Lamech aber sagte darauf: „Solches ist wohl wahr, aber die Schlüssel müssen wir uns doch geben lassen?“
HG|2|226|7|0|Und der Herr entgegnete dem Lamech: „Höre, Lamech! Ich Selbst bin der Schlüssel und die Türe! Mit Mir kannst du alles öffnen, was immer irgendwo verschlossen ist, und durch Mich kannst du in das Gemach des ewigen Lebens gelangen!
HG|2|226|8|0|Dass Ich aber auch der Schlüssel bin, vor dem keine Türe sicher ist, da sehe nur auf die Türe! Wenn Ich zu ihr sagen werde: ‚Tue dich auf!‘, so wird sie sich auftun auch ohne deinen Schlüssel!“
HG|2|226|9|0|Hier sprach der Herr zur Türe: „Tue dich auf!“, und sogleich sprangen die zwei schweren Flügel also schnell auf, dass es der Lamech gar nicht merken konnte, wie und wann solches geschah.
HG|2|226|10|0|Das nahm den Lamech außerordentlich wunder. Schnell eilte er darum wieder zum Kisehel zurück und sagte zu ihm: „Höre, Bruder, das ist mir etwas zu stark!
HG|2|226|11|0|Mir wird’s angst und bange vor dem Menschen; denn ich glaube, dieser könnte mit seinen Worten auch Berge versetzen!
HG|2|226|12|0|Sage mir, hättest solches wohl auch du mit deiner Willens- und Wortmacht zuwege gebracht?“
HG|2|226|13|0|Und der Kisehel erwiderte dem Lamech: „Allerdings, aber nur, wie alles bisher, mit der Macht und Gnade des Herrn, außer welcher es nicht gibt weder Macht noch Kraft, noch irgendeine Gnade!
HG|2|226|14|0|Und so vermag jeder mit dem Herrn alles, ohne den Herrn aber nichts; denn nur der Herr allein ist allmächtig und vermag alles aus Sich – und niemand mehr außer dem Herrn etwas aus sich!“
HG|2|226|15|0|Und der Lamech fragte den Kisehel wieder: „Also muss dieser merkwürdige junge Mann von Gott doch sehr viel Gnade haben, weil er solches wirkt und sich vor euch allen so hervortut?!“
HG|2|226|16|0|Und der Kisehel erwiderte: „Allerdings, mein lieber Bruder Lamech! Er hat den höchsten Grad der Gnade aus Gott und ist daher auch der Allermächtigste und Allerweiseste!“
HG|2|226|17|0|Und der Lamech sagte wieder: „Das kommt mir aber doch sonderbar vor, dass Gott gerade diesem jungen Mann mehr Gnade, Weisheit und Macht verliehen habe denn euch hochjährigen, erfahrenen Männern! Befremdet dich das nicht auch?“
HG|2|226|18|0|Und der Kisehel entgegnete ihm: „O mitnichten; siehe, solches tut der Herr, wie Er will! Es prangt und duftet ja nicht selten auch ein kleines Blümchen bei weitem stärker denn die größte Sonnenrose. Warum? Das weiß allein der Herr.
HG|2|226|19|0|Siehe nun aber, der junge Mann nähert sich der Tafel; geben wir daher Acht, was Er damit machen wird!“
HG|2|226|20|0|Der Herr aber besah die Tafel nur und machte eben gar keine weitere Zeremonie, sondern kehrte Sich bald wieder um und sagte dann zum Lamech:
HG|2|226|21|0|„Nun, Mein Freund, gehen wir wieder, und du lasse uns ein Morgenmahl richten!“
HG|2|226|22|0|Schnell war der Lamech bei der Hand und sagte zum jungen Mann: „Mein allerhochgeschätztester Freund, voll der allergediegensten Macht und Weisheit! Wir dürfen uns nur in den Saal begeben, und es wird schon alles in der Ordnung sein!“
HG|2|226|23|0|Und der Herr entgegnete: „Also lasse uns gehen!“
HG|2|226|24|0|Hier bewegte Sich der Herr an der Seite Henochs voraus, und der Kisehel und der Lamech mit den anderen sechsen folgten Ihm.
HG|2|226|25|0|Unter dem Gehen aber äußerte sich der Lamech zum Kisehel: „Bruder, das kam mir schon wieder ganz sonderbar vor, dass dieser von Gott so hochgestellte Mann nicht die allerleiseste Verbeugung vor der Tafel machte, sondern hatte sie nur ganz flüchtig angesehen und kehrte ihr dann den Rücken!
HG|2|226|26|0|Ich sage dir, das befremdet mich noch am allermeisten!“
HG|2|226|27|0|Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Lieber Bruder, mache dir aus allem nichts daraus; denn über ein kurzes wird dir solches alles ganz sonnenklar werden!
HG|2|226|28|0|Tue aber nur alles genau, was Er sagt, so wird alles Gott überaus wohlgefällig sein!“
HG|2|227|1|1|Lamech wird zum Priester seines Volkes ernannt. Henochs Rede über Priestertum und Königtum. Das versäumte Tischgebet. Der heilige Vater gibt Sich Lamech zu erkennen
HG|2|227|1|1|Am 7. Januar 1843
HG|2|227|1|0|Als aber die hohen Gäste in den Speisesaal traten, da kamen ihnen alsbald der Thubalkain, der Mura und der Cural entgegen, welche beiden letzten schon nach der gänzlichen Beendigung ihrer Arbeit noch am späteren Abend vorher den Schlüssel vom Ringmauertor dem Lamech überbracht hatten.
HG|2|227|2|0|Der Mura übergab alsbald dem Lamech den Schlüssel und versicherte ihm, dass bereits alles im größten Glanze dastehe.
HG|2|227|3|0|Der Lamech aber lud beide dafür zum Morgenmahl, und sagte zum Mura ganz flüchtig:
HG|2|227|4|0|„Freund und Bruder Mura, entlasse deine Arbeiter noch nicht; denn du wirst noch ein Werk zur Ausführung von mir überkommen!
HG|2|227|5|0|Nun aber verbleibe hier, das heißt bei dieser Gesellschaft!“
HG|2|227|6|0|Der Mura aber bemerkte den jungen Mann an der Seite Henochs und fragte darob ganz heimlich den Lamech: „Lichter und weiser König Lamech, möchtest du mir denn nicht sagen, wer da ist dieser herrliche junge Mann an der Seite Henochs?
HG|2|227|7|0|Er sieht gar so liebernstweise aus! Ist er denn auch aus der Höhe?“
HG|2|227|8|0|Und der Lamech erwiderte dem Mura: „Mein lieber, schätzbarster Bruder! In dieser Hinsicht hast du dich schlecht beraten, darum du dich an mich gewendet hattest; denn bisher weiß ich über ihn selbst kaum mehr als du!
HG|2|227|9|0|So viel weiß ich aus meiner Beobachtung und dann aus den sehr auf die Waage gestellten Worten Kisehels, dass dieser junge Mann überaus weise und wahrhaft erschrecklich wort- und willensmächtig ist, und dass er eben nach der klaren Aussage Kisehels auch der allerhöchste Herr auf der Höhe ist, dem selbst der hohe Priester Henoch untertan ist, also ganz sicher ein König auch!
HG|2|227|10|0|Siehe, das aber ist auch alles, was ich von ihm weiß; begnüge dich einstweilen mit dem, bis vielleicht etwas Helleres nachkommen wird, und setze dich mit dem Cural zu einem Tisch, und esse und trinke! Wende aber dein Auge nicht ab von dem Mann, vielleicht wirst du an ihm mehr entdecken als ich!“
HG|2|227|11|0|Hier nahm der Lamech den Schlüssel und trug ihn zum Henoch hin, zu ihm auch bei dieser Gelegenheit sagend:
HG|2|227|12|0|„Mächtiger Freund und alleiniger Hohepriester des alleinigen, wahren, allmächtigen, ewigen Gottes! Siehe, hier sind beide Schlüssel beisammen! Ich übergebe sie dir; denn nur dir gebührt es, damit zu öffnen das, was Gottes ist, das heißt, was da ist zu Seiner Ehre und Seiner Liebe errichtet von uns nach Seinem allerheiligsten Willen!“
HG|2|227|13|0|Der Henoch aber sagte zum Lamech: „Bruder Lamech, es will aber der Herr, dass auch du deinem Volk nicht so sehr ein König, sondern auch ein Priester sein sollst, indem der Herr allein ein Herr ist in aller Macht, Kraft und Gewalt von Ewigkeit!
HG|2|227|14|0|Daher behalte du nur auch die Schlüssel deines Priestertums, und öffne uns den Tempel und den Vorhof, wenn es an der Zeit sein wird!
HG|2|227|15|0|Solches aber lasse dir noch hinzugesagt sein: Ein Priester ist ein wahrer Bruder der Brüder nach der Liebeordnung Gottes; aber ein König ist dem Volk schon ein Gericht!
HG|2|227|16|0|Wann je Völker sich unter Königen befinden werden, so werden sie – die Völker nämlich – auch gerichtet sein! Das Erdreich wird ihnen genommen werden, und sie werden müssen dem König große Steuern entrichten; sogar ihr Leben wird sein Eigentum sein.
HG|2|227|17|0|Und wer darüber murren und schmollen wird, den wird der König nicht selten züchtigen bis auf den letzten Blutstropfen!
HG|2|227|18|0|Dann wird viel Wehe und große Trübsal sein auf der ganzen Erde!
HG|2|227|19|0|Also sei du von nun an auch lieber ein Priester denn ein König deinem Volk!“
HG|2|227|20|0|Und der Lamech, ganz außer sich vor Freuden über diese neue Ernennung zum Priestertum des Herrn, sagte zum Henoch:
HG|2|227|21|0|„Mächtiger Freund und Hohepriester Gottes! Höre, wenn ich ein wahrer Tausendkönig wäre, so legte ich alle tausend Könige nieder, damit ich würdiger könnte darum ein Priester sein in deiner Ordnung!“
HG|2|227|22|0|Und der Henoch erwiderte ihm: „Bruder, setze dich nun zum Tisch; denn was du sein möchtest, das bist du schon! Lasse uns aber nun das Mahl einnehmen und stärken uns zum Dienst des Herrn!“
HG|2|227|23|0|Der Lamech behielt danach die Schlüssel und setzte sich überfröhlich zum Tisch und aß und trank all den anderen gleich.
HG|2|227|24|0|Als er aber sich’s recht wohl schmecken ließ, da fiel ihm plötzlich ein, dass zuvor niemand die Speisen nach der Art Kisehels gesegnet hatte und auch niemand Gott gelobt, gepriesen und gedankt.
HG|2|227|25|0|Eiligst stand er auf und sagte: „O meine geliebten Freunde und Brüder! Es ist entsetzlich! Gerade am heutigen Tag, an dem wir schon so viele unaussprechliche Wohltaten von Gott empfangen hatten und dazu noch die große, große Gnade unter uns soll ausgegossen werden, dass der Herr, der große, allmächtige Gott in Seinem allereiligsten Namen in dem errichteten Tempel unter uns Wohnung nehmen soll, haben wir alle vergessen, Ihm, dem heiligen Geber aller guten Gaben, zuvor ein allergebührendstes Lob darzubringen, bevor wir uns hätten getrauen sollen, auch nur den kleinsten Bissen in den Mund zu stecken!
HG|2|227|26|0|Nein, nein, was haben wir getan?! Ich für mich will eher sterben, als darum vor drei Tagen mehr etwas zu essen!“
HG|2|227|27|0|Der Herr aber lächelte den Lamech an, hieß ihn zu Sich kommen, und sagte dann zu ihm: „Lamech, wenn du ein Kind hättest, das da gegen dich einen völlig nichtigen Fehler begangen hätte; so es aber den Fehler an sich gewahrte, möchte es alsbald voll Verzweiflung zu dir ausrufen: ‚Vater, es ist entsetzlich, – siehe, ich habe mich gegen dich versündigt! Wehe mir, ich will darum drei Tage keinen Bissen zu mir nehmen, und sollte ich darob auch schon am zweiten Tag vor Hunger sterben!‘
HG|2|227|28|0|So du aber dann möchtest zum Kind sagen: ‚Höre, mein geliebtes Kind! Dein Fehler war ja nur ein gar kleines, unwillkürliches Versehen, darum mache dir nichts daraus! Komme aber her, und liebe mich darum; denn ich habe ja nicht geachtet deines vermeintlichen Fehlers!‘
HG|2|227|29|0|Was möchte dir da wohl lieber sein, ob das Kind zu dir hingeht und umfasst dich liebend mit seinen zarten Händen, oder ob es beharrt bei seinem strengen Vorsatz?
HG|2|227|30|0|Du sagst: ‚So das arme Kind zu mir geht und mich liebend umfasst, solches wäre mir ums Unaussprechliche lieber!‘
HG|2|227|31|0|Gut, sage Ich dir, – also tue auch du gegen den himmlischen Vater, was du als besser erkennst, denn du bist ja auch ein Kind zu Ihm, und es wird Ihm solches wohlgefälliger sein ums Vielfache denn all dein Fasten!“
HG|2|227|32|0|Und der Lamech fragte: „Wo aber ist der Vater, dass ich zu Ihm ginge und täte gleich dem Kind?“
HG|2|227|33|0|Und der Herr sprach: „Lamech! Siehe her, hier steht Er sichtbar vor dir! Ich bin der Vater, der Gott Himmels und der Erde!“
HG|2|227|34|0|Hier fiel alles nieder, und der Lamech stammelte: „O Du heiliger Vater! Sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig! Dein heiliger Wille geschehe ewig! Amen.“
HG|2|228|1|1|Die wahre Gottesverehrung
HG|2|228|1|1|Am 9. Januar 1843
HG|2|228|1|0|Der Herr aber behieß alsbald alle die Kinder der Tiefe, sich wieder zu erheben vom Boden, und sagte dann zu ihnen:
HG|2|228|2|0|„Hört ihr alle, Meine Kindlein! Ich bin der alleinige, heilige, allmächtige Gott und Schöpfer aller Dinge und Wesen im Himmel und auf Erden! Außer Mir gibt es keinen Gott mehr, und alle Unendlichkeit und alle Ewigkeiten sind vollkommen von der Macht Meiner Liebe, Weisheit, Erbarmung und Gnade erfüllt; und so bin Ich von Ewigkeiten her ein Herr über alles vollkommen, da alles aus Mir ist und alles Meiner unendlichen Macht notwendig untertan ist!
HG|2|228|3|0|Denn wie sollte solches auch anders sein, da alles, was da ist, nur da ist aus Meinem Willen und besteht aus demselben und kann daher auch nimmer entweichen demselben?! Denn könnte es möglich sein, dass da etwas entweichen könnte Meiner Macht, so müsste es dadurch auch notwendig seinem Dasein entweichen, indem in aller Unendlichkeit ewig nichts da sein kann außer allein nur durch und in Meinem Willen, welcher da ist die ganz alleinige Grundbedingung alles Seins und allenthalben vollkommenst erfüllt den unendlichen Raum ewig!
HG|2|228|4|0|Da es aber demnach also ist und unmöglich anders sein kann, so müsst ihr Mich auch als das zwar erkennen, was Ich bin, also als den alleinigen Gott und als den alleinigen Herrn!
HG|2|228|5|0|Denn nur der ist ein Herr, der da im ewigen Vollbesitz aller unendlichen Macht, Kraft und Gewalt ist aus Sich.
HG|2|228|6|0|Ich aber besitze solches ewig und unendlich; also bin Ich auch ein alleiniger Herr! Aber dessen ungeachtet sollt ihr euch vor Mir nicht im Staub herumwälzen und beschmutzen euren Leib und desselben Umhüllung für nichts und wieder nichts; denn Ich habe euch ja nicht darum einen aufrechtstehenden Leib gegeben, dass ihr denselben gleich den Würmern vor Mir gebrauchen sollt, sondern nur, dass ihr als freie Menschen, als Meine Kinder und untereinander als lauter Brüder und Schwestern vor Mir, eurem Vater, allzeit aufrecht wandeln sollt.
HG|2|228|7|0|Daher sollt ihr auch erfahren nun aus Meinem Munde, dass Ich durchaus kein Wohlgefallen habe an irgendeinem Leibesdienst! Denn darum auch habt ihr den Leib nicht erhalten, dass ihr mit demselben Mir dienen sollt, entweder auf die eine oder auf die andere Art; denn der Leib ist ja nur euch gegeben, damit er euch diene zur rechten Zeit und im billigen wohlgeordneten Maße zur Kräftigung eures Geistes, der da ist euer eigentliches Wesen.
HG|2|228|8|0|Was sollte demnach das heißen, so da jemand seinen Leib hinwirft vor Mir in den Staub?
HG|2|228|9|0|Sollte Ich dadurch etwa ein Wohlgefallen daran gewinnend nehmen, oder werdet ihr dadurch besser, so ihr euch eine Zeit lang im Staub herumgewälzt habt?
HG|2|228|10|0|Ich aber sage euch, solches alles ist eitel töricht! Seht, so jemand ist ein Handwerker und hat dazu nötig irgendein Werkzeug, wäre es nicht völlig töricht von ihm, so er vor irgendeiner Verrichtung das Werkzeug eine Zeit lang möchte im Staub und Kot herumwälzen aus lauter Hochachtung vor der Arbeit, die er mit dem Werkzeug verrichten soll?
HG|2|228|11|0|Ich meine aber, es wird der Handwerker besser tun, so er das Werkzeug nur rechtlich dazu verwendet, dazu es taugt, und nicht auch dazu, dafür es nicht gemacht ist!
HG|2|228|12|0|Es wird aber schon im gut dargestellten Werk sich die Achtung vor der Arbeit zeigen, aber nicht in dem Werkzeug!
HG|2|228|13|0|Ich aber bin ja die Hauptarbeit für euren Geist und bin stets gleichmäßig ein und derselbe Gott!
HG|2|228|14|0|Wer Mich aber ehrt und sich vor Mir demütigt, der ehre Mich beständig und sei ohne Unterlass demütig vor Mir; denn Ich bin ja beständig heilig vor jedermann!
HG|2|228|15|0|Wer Mich demnach aber mit seinem Leib im Staub ehren will, da muss er ja auch Tag und Nacht ohne Unterlass sich im Staub herumwälzen!
HG|2|228|16|0|Wenn Ich aber von euch solches wollte, da hätte Ich euch zu Würmern gestaltet, aber nicht zu freien Menschen.
HG|2|228|17|0|Die wahre Ehrung aber besteht darinnen, dass ihr alle ohne Unterlass Meinen Willen tut, welcher euch dreifach geoffenbart ist, nämlich in der Ordnung der Natur der Dinge, dann durch euer eigenes geistiges Herz, welches ist die reine Liebe, und dann durch Meine Boten, und nun bestätigend durch Mich Selbst.
HG|2|228|18|0|Liebt Mich über alles und euch untereinander wie jeder sich selbst, so werdet ihr Mich im Geiste und somit in aller Wahrheit ehren!
HG|2|228|19|0|Solches also ist Mein Wille und gilt bei Mir allein als etwas; alles andere aber ist eitel und töricht.
HG|2|228|20|0|Also tut danach, so werdet ihr Mir allzeit wohlgefällig sein! Amen.“
HG|2|229|1|1|Lamechs Frage wegen des leiblichen Ausdrucks der Gefühle. Was die reine Liebe tut, sieht der Herr mit Wohlgefallen an
HG|2|229|1|1|Am 10. Januar 1843
HG|2|229|1|0|Nach dieser Rede des Herrn bekamen alle mehr Mut und lobten und priesen Gott in ihren Herzen ob Seiner übergroßen Güte, Gnade und Erbarmung.
HG|2|229|2|0|Der Lamech aber fasste mehr Mut denn ein anderer und fragte nun den Herrn, sagend: „O Herr, Du alleiniger, großer Gott Himmels und der Erde, Du alleinig wahrer, allerbester Vater der Menschen, der Du heilig bist, überheilig! Ist es denn aber schon durchaus sündhaft gefehlt, so irgendein Mensch, von seinem Gefühl genötigt und getrieben von seiner Demut und mächtigen Liebe zu Dir, nahe unwillkürlich auch schon vor Deinem alleinigen allerheiligsten Willen und Namen sich sowohl geistig, wie auch leiblich vor Dir hinwirft und Dich also innerlich und äußerlich zugleich im Staube der völligen eigenen Nichtigkeit anbetet und sich Dir sonach ganz aufopfert?
HG|2|229|3|0|Denn also meine ich meinesteils: Gegen Deine endlose Güte und Erbarmung kann der Mensch ja doch je unmöglich zu viel tun!
HG|2|229|4|0|Mag ja immer der Geist des Menschen nach Deiner heiligen Ordnung und nach Deinem allerheiligsten Liebewillen sich unablässig mit Dir, o heiliger Vater, beschäftigen – solches wird ihm auch sicher ein allerangenehmstes Geschäft sein ewig –,
HG|2|229|5|0|aber in so manchen Momenten, wenn er zu sehr von Deiner Liebe und Gnade durchdrungen wird, wenn ihm Reue-, Liebe- und Freudetränen den Augen enttriefen, wenn er Dich, o heiliger Vater, tausend und tausend Male mit der heißesten Liebe umarmen möchte, da meine ich nun aus meinem innersten Gemüt, kann der Mensch wohl unmöglich umhin, auch mit dem Leib solche Bewegungen zu machen, die denen des Geistes völlig entsprechen!
HG|2|229|6|0|Es umarmen sich ja auch Freunde, Brüder und Liebende bei der besonderen Gelegenheit einer mächtigeren Anregung; die Kindlein umfassen oft krampfhaft ihre Eltern, durch ihre Liebe genötigt; Du Selbst hast ja Deine große, herrliche Schöpfung also geordnet eingerichtet, dass da alles ganz besondere Momente aufweist, in denen es mehr erregt wird, und wieder Momente, in denen es minder erregt zu sein scheint.
HG|2|229|7|0|Die Sonne spendet zwar stets ein gleiches Licht; das kommt mir vor wie die von Dir ausgesprochene unablässige Beschäftigung mit Dir.
HG|2|229|8|0|Aber nicht also ist es der Fall mit der Spendung der Wärme; da scheint die Sonne auch eine gewisse Gradation zu beachten und scheint manchmal mehr und wieder manchmal weniger erregt zu sein!
HG|2|229|9|0|Die Bäume blühen nicht beständig und haben auch nicht fortwährend Früchte auf ihren Zweigen, und doch stehen sie stets da in Deiner Ordnung!
HG|2|229|10|0|Die Luft selbst artet oft mächtig aus und bewegt sich in großer und mächtiger Aufregung über uns hinweg.
HG|2|229|11|0|Auch die Berge brennen nicht stets, während sie doch immer in Deiner Ordnung dastehen; nur zuzeiten werden sie heftiger und heftiger erregt und scheinen dann mit ihren Feuerarmen Dich heftigst liebend ergreifen zu wollen!
HG|2|229|12|0|Also wirst Du, o heiligster Vater, es ja mit uns auch nicht also genau nehmen, so wir auch, von unserer Liebe getrieben, mit den Bewegungen des Leibes Dich samt denen des Geistes ehren, loben, preisen, danken und anbeten?!
HG|2|229|13|0|Es lässt sich ja sogar der Stein im mächtigen Feuer zerschmelzen, welches auch ist eine Kraft aus Dir; warum sollte nicht auch unser belebter und empfindlicher Leib manchmal bei einer besonderen Erregung der Liebe zu Dir vom Dich stets liebenden Geist mitgerissen und im Feuer der Liebe ein wenig mitgeschmolzen werden?!“
HG|2|229|14|0|Der Herr aber legte dem Lamech Seine Hände auf und sagte zu ihm: „Lamech! Du warst ein Sohn der Welt, und damals wusstest du nichts von all dem, was du jetzt vor Mir geredet hast.
HG|2|229|15|0|Wie kommt es denn, dass du jetzt also sprichst wie ein mit Meinem Geist gesalbter Priester der Höhe?!“
HG|2|229|16|0|Und der Lamech erwiderte ehrfurchtsvollst: „O Herr, ich rede, wie es mir nun mein Herz und meine Liebe zu Dir gibt!“
HG|2|229|17|0|Und der Herr sagte darauf zum Lamech: „So Mich jemand über alles liebt, und sein Herz sagt, in solcher großen Liebe zu Mir erbrennend, zu ihm: ‚Tue das!‘ oder: ‚Tue jenes!‘, so tue er es, und Ich will alles mit Wohlgefallen ansehen, was die reine Liebe zu Mir tun wird!
HG|2|229|18|0|Aber die Liebe sei euer aller Licht und alleiniger Wegweiser ewig in Meinem Namen!“
HG|2|230|1|1|Über das Gericht im Gesetz und die Freiheit in der Liebe
HG|2|230|1|1|Am 11. Januar 1843
HG|2|230|1|0|Nach dieser hohen Belehrung nahm dankbarst und allerdemütigst wieder der Lamech das Wort und fragte den Herrn:
HG|2|230|2|0|„O Herr, da ich Dich schon einmal zu bitten und zu fragen habe angefangen, so unterfange ich mich, Deiner unendlichen Güte und Geduld volltrauend, Dich noch ferner zu bitten und zu fragen!
HG|2|230|3|0|Darob aber möchte ich Dich fragen, um nun unmittelbar aus Deinem allerheiligsten Munde zu erfahren, wie es Dir im Sonderheitlichen wohlgefallen möchte, dass der Mensch danach in allen seinen irdischen Verhältnissen handeln möchte.
HG|2|230|4|0|Denn siehe, o heiliger Vater, wenn von einem Ort bis zum anderen ein Weg vollends gemacht ist, so kann sich auf solch einem Weg wohl niemand verirren, außer er müsste sich nur absichtlich haben verirren wollen oder hätte eigenliebig etwa gar wollen eine kürzere Strecke ausfindig machen, bei welcher Gelegenheit er sich dann auch verirrt haben könnte und gelangen in ein dichtes Gestrüpp, welches da angefüllt wäre mit Schlangen und Nattern!
HG|2|230|5|0|Also wäre für uns alle ja nichts wünschenswerter als ein für unseren Geist von Dir, o heiliger Vater, genau vorgezeichneter Weg, also ein bestimmtes Gesetz, also und nicht anders zu handeln!
HG|2|230|6|0|Denn haben wir von Dir Selbst eine vorgezeichnete Regel, da wissen wir auch, was Du willst, und was Deiner göttlichen Ordnung gemäß ist, und wir können dann mit großer Leichtigkeit nur Deinem Wohlgefallen leben.
HG|2|230|7|0|Haben wir aber keine Regel, so muss jeden unserer Schritte eine große Ängstlichkeit begleiten, damit wir nicht gar leichtlich einen Fehltritt tun wider Deine allerheiligste Ordnung!
HG|2|230|8|0|Wenn es Dir, o heiliger Vater, angenehm wäre, da möchte ich Dich wohl im Namen der ganzen Tiefe darum bitten, Dir aber auch meine unablässige, allerpünktlichste Treue für allzeitig und ewig angeloben!“
HG|2|230|9|0|Und der Herr hob Seine Hand auf, und sagte zum Lamech, wie auch zu allen: „Wahrlich, wahrlich, sage Ich, nun noch euer aller heiliger und liebevollster Vater:
HG|2|230|10|0|Wenn Ich euch durch Gesetze binden werde, dann auch werde Ich euch binden durch das Gericht; denn ohne Gericht ist kein Gesetz möglich, aber somit auch ohne Gesetze kein Gericht!
HG|2|230|11|0|Hättest du, Lamech, bisher Gesetze von Mir, so wäre Ich nun nicht gekommen zu euch als ein Vater und darum ein Helfer euch allen, sondern als ein unerbittlichster Richter wäre Ich zu euch gekommen, um euch zu verdammen für all euer arges Tun!
HG|2|230|12|0|Ihr aber hattet vom Anbeginn keine Gesetze; also wie die Kindlein in der Wiege wart ihr. Ihr habt viel Arges, ja himmelschreiend Arges habt ihr getan. Da ihr aber kein bestimmtes Gesetz unmittelbar von Mir hattet, sondern nur einen mittelbaren Rat, so wart ihr auch bis jetzt keines Gerichtes fähig, und Ich bin nun da, um euch zu helfen!
HG|2|230|13|0|Wie magst du, Lamech, demnach Mich um Gesetze bitten?!
HG|2|230|14|0|Was ist wohl besser, entweder ganz frei zu sein in der Liebe zu Mir und Mich dadurch zu haben zum Vater, oder aber gebunden zu sein durch Gesetze und dadurch Mich zu haben zum steten Richter?
HG|2|230|15|0|Wahrlich, sage Ich euch allen: Ich will eher die ganze Schöpfung vernichten, als Meine Kinder mit Gesetzen fesseln, ihnen dadurch aufhören ein Vater zu sein, und sie richten zum ewigen Tode!
HG|2|230|16|0|Darum nehme du, Lamech, deine Bitte zurück, und lasse sie gänzlich verderben in dir; denn du warst Mir in aller deiner Argheit dennoch lieber, als du Mir wärest in der allergewissenhaftesten Strenge der Beachtung der Gesetze.
HG|2|230|17|0|Denn das Gesetz hebt alle Liebe zwischen dem Gesetzgeber und dem mit Gesetzen Beladenen auf und stellt statt der Liebe das unerbittliche strengste Recht auf.
HG|2|230|18|0|Wer aber kann von sich sagen: ‚Ich vermag das Gesetz vollends zu erfüllen!‘?
HG|2|230|19|0|Siehe, nur Mir allein wäre solches möglich, sonst aber keinem freien Wesen; das Geschöpf müsste nur im Gerichte wandeln gleich den Tieren!
HG|2|230|20|0|Wenn aber solches, wo bleibt dann die freie Lebenstätigkeit des Geistes?!
HG|2|230|21|0|Wehe euch, und wehe jedem Volk, dem Ich Gesetze geben werde; denn da wird das Haus des Vaters mit ehernen Riegeln verschlossen werden!
HG|2|230|22|0|Und wenn Ich nicht Selbst werde kommen, dasselbe zu erfüllen, so geht alle Schöpfung zugrunde!
HG|2|230|23|0|Also gebe Ich euch nun auch kein Gesetz, sondern sage euch als Vater nur, dass ihr Mich liebt über alles und euch untereinander wie jeder sich selbst! Das ist Mein Wille; alles andere aber tut aus der Weisheit, welche euch in Meiner Liebe wird, so werdet ihr also leben, wie es Mir am wohlgefälligsten ist!
HG|2|230|24|0|Solches also beachtet, und tut danach, so werdet ihr allzeit Meine Liebe haben, und Mein großes Vaterhaus soll vor euch nicht verschlossen werden ewig! Amen!“
HG|2|231|1|1|Lamechs Furcht vor dem Zorn Gottes. Aufklärung über den Zorn Gottes
HG|2|231|1|1|Am 12. Januar 1843
HG|2|231|1|0|Nach dieser Rede stutzte die ganze Gesellschaft bis auf die aus der Höhe, und ganz besonders der Lamech; denn nun dachte er bei sich:
HG|2|231|2|0|Er sieht zwar sonst wohl überaus gut aus, so, dass man bei Seinem Anblick stets wieder neuen Mut bekommt, mit Ihm wieder ein neues Wort anzuknüpfen; Sein Auge ficht einen dazu an.
HG|2|231|3|0|Aber nach dieser Rede zu urteilen, ist Ihm denn doch nicht so ganz zu trauen; daher werde ich sicher das Weisere tun und mich des Redens enthalten!
HG|2|231|4|0|Denn man kann doch nicht wissen, wie Er am Ende ein nur etwas dummes Wort aufnähme, – und man könnte sich mit Ihm am Ende die gute Sache also sehr verderben, dass dann einem in alle Ewigkeit nimmer zu helfen wäre!
HG|2|231|5|0|Sein Zorn müsste etwas unaussprechlich Erschrecklichstes sein!
HG|2|231|6|0|Man bedenke nur einmal den Zorn eines allmächtigen Gottes!
HG|2|231|7|0|Da wäre es ja ums Unendliche besser, gar nicht zu sein, als zu sein neben einem zornigen Gott!
HG|2|231|8|0|O daher nur stille, stille, meine dumme Zunge, du elendstes Stückchen Fleisch im Mund! Du könntest unserer Menschheit ein schönes Los bereiten! Einen Gott erzürnen! Um Gottes willen!
HG|2|231|9|0|Nein, nein, ich mag dergleichen gar nicht mehr denken; denn ein Gedanke an den möglichen Zorn Gottes ist ja schon schrecklicher als alles, was aller menschliche Verstand nur je ersinnen könnte!
HG|2|231|10|0|Und ich dumme Bestie von einem Menschen habe mich können unterfangen, mit Ihm gerade also wie mit einem gewöhnlichen Menschen zu reden und alle meine Dummheit vor Ihm auszulegen!
HG|2|231|11|0|Nein, je länger ich jetzt nachdenke und dazu noch bedenke, was für ein Frevler ich war, desto entsetzlicher kommt mit jedem Augenblick mir meine dreiste Torheit vor!
HG|2|231|12|0|Ich tat ja dabei, als hätte ich Ihn, Gott den Allmächtigen, über Seine Willensäußerung belehren wollen?!
HG|2|231|13|0|Am Ende ist Er schon heimlich erzürnt?! Um Gottes willen, was habe ich elender, dummer Esel denn getan?!
HG|2|231|14|0|Sein ernster Blick nun! Ja, ja, es ist, wie ich es mir erst gedacht habe! Er ist heimlich erzürnt!
HG|2|231|15|0|Wer wird mich nun beschützen vor Ihm, wenn Er über mich etwa wird den Zorn losbrechen lassen?
HG|2|231|16|0|O wenn Er mich nur diesmal verschonte! Ich möchte darum ja für mein ganzes Leben stumm sein!
HG|2|231|17|0|Er redet auch nichts mehr, weder mit den Seinigen, noch mit jemandem von uns!
HG|2|231|18|0|Das ist schon ein sicheres Zeichen, dass Er ganz gewaltig erzürnt ist!
HG|2|231|19|0|Stille nun auch, mein Herz, und erwarte mit der größten Furcht, Angst und Zittern den erschrecklichsten Ausbruch! Oh, ich bin verloren, bin ewig verloren!“
HG|2|231|20|0|Hier trat der Herr zum Lamech hin, sah ihn überaus freundlich an und sagte dann zu ihm:
HG|2|231|21|0|„Mein lieber Lamech, mit was für elenden, Meiner allerunwürdigsten Gedanken zerfleischst du dein Herz?!
HG|2|231|22|0|Wie kannst du dir wohl einen zornigen Gott vorstellen?
HG|2|231|23|0|Siehe, Liebe und Zorn ist das Allerentgegengesetzteste, was sich nur je ein allertiefst denkender lebendigster Geist denken kann!
HG|2|231|24|0|Liebe ist das alles ewig erhaltende –, und der Zorn aber das alles ewig zerstörende Prinzip.
HG|2|231|25|0|Wäre somit aber in Mir je irgendein barster Zorn möglich, so würde dieser ja alsbald alle Liebe vernichten und mit ihr alles, was da von ihr erschaffen wurde, – ja endlich sogar sich selbst!
HG|2|231|26|0|Siehe, nun aber ist alles noch da; wo wäre demnach Mein Zorn?
HG|2|231|27|0|Es kann wohl ein Mensch zornig werden, weil er ist zufolge seiner Freiheitsprobe ein von Mir entferntes Wesen, und somit ein zeitweiliger Gegensatz zu Mir, darum er sich dann eben auch nur wieder durch die Liebe zu Mir mit Mir vereinen kann, – aber Ich als die allerreinste Liebe bin durchaus des Zornes unfähig!
HG|2|231|28|0|Ja einst war die Liebe in Mir wohl auch mit dem Zorn umfangen; da aber war die Unendlichkeit auch noch leer von allen Geschöpfen, sowohl geistig als materiell!
HG|2|231|29|0|Aber die Liebe ergriff den sie drückenden Zorn und stellte ihn körperlich wesenhaft außer Sich.
HG|2|231|30|0|Und siehe, aus diesem Zorn sind dann geschaffen worden alle die zahllosen Geister, Sonnen und Welten, diese Erde und alles, was auf ihr ist!
HG|2|231|31|0|Willst du demnach in der Wahrheit den Zorn Gottes sehen, da schaue die geschaffenen Dinge an; diese sind der Zorn Gottes!
HG|2|231|32|0|Aber sie sind nicht etwa ein ledig Zorn, sondern Meine Liebe ist allenthalben das mächtigste Wesen dabei.
HG|2|231|33|0|Diese hält und trägt nun alles, und außer ihr gibt es keine Macht mehr, die da stärker wäre denn sie.
HG|2|231|34|0|Darum soll auch der Mensch nicht an der Welt hängen, sondern sich von ihr ganz losreißen, damit er am Ende nicht von ihr verschlungen wird und somit nicht gerät in Meinen Zorn! Denn die Welt ist ja Mein gefesselter Zorn; wer aber mit der Welt ist, der wird auch mit ihrer ewigen Todesfessel sein!
HG|2|231|35|0|Was du aber bei Mir etwa als Zorn ansehen möchtest, siehe, das ist nur Mein göttlicher, allerlebendigster Liebeeifer, welcher an und für sich ist Meine Erbarmung!
HG|2|231|36|0|Also magst du vor Mir wohl reden, was du willst, und Ich werde dir nicht zürnen, wohl aber dich belehren in törichten Sachen!
HG|2|231|37|0|Was dir somit noch am Herzen liegt, das gebe Mir unverhohlen kund, und Ich will dir an die Hand gehen; also rede! Amen.“
HG|2|232|1|1|Wie die Liebe zu Gott beschaffen sein soll. Das Gleichnis vom Fürsten und seinen Kindern
HG|2|232|1|1|Am 16. Januar 1843
HG|2|232|1|0|Da der Lamech aber solches vom Herrn vernommen hatte, ward er überfroh und heiter in seinem Gemüt und fasste sonach wieder den gehörigen Mut, sich mit einer Frage an den Herrn zu wenden.
HG|2|232|2|0|Da er sich also gefasst hatte, so begab er sich alsbald wieder zum Herrn hin und richtete folgende Worte an Ihn, sagend nämlich:
HG|2|232|3|0|„O Herr, Du allerliebevollster, allerheiligster Vater! Es ist ewig gut und wahr, dass man nur dann Dir wohlgefällig und angenehm sein kann, wenn man Dich über alles liebt und seine Brüder und Schwestern wie sich selbst.
HG|2|232|4|0|Wie aber soll die Liebe zu Dir wohl beschaffen sein? Wie kann der schwache Mensch Dich über alles lieben?
HG|2|232|5|0|Wie soll er das anstellen? Kann und darf er Dich auch also lieben, wie er da liebt seinesgleichen, mit demselben Herzen, mit demselben Gemüte?
HG|2|232|6|0|Siehe, o heiliger, liebevollster Vater, solches ist wenigstens für mich etwas außerordentlich Wichtiges! Denn Du bist nicht gleich wie ein Mensch, also kann die Liebe zu Dir ja auch keine menschliche sein! Und da Du heilig, überheilig bist, so wird ja auch die Liebe zu Dir eine reinste, geheiligte sein müssen; denn etwas Unlauteres und Ungeheiligstes kann sich Dir ja doch weder auf die eine noch auf die andere Art nahen?!
HG|2|232|7|0|O Herr und über alles heiliger und liebevollster Vater, so es Dein heiligster Wille wäre, da möchtest Du uns denn doch nun ja wohl kundgeben, wie geartet und gestaltet die Liebe von uns aus zu Dir sein soll, auf dass wir Dich dann gerecht zu lieben vermöchten!“
HG|2|232|8|0|Und der Herr sah den Lamech liebfreundlich an und sprach zu ihm: „Höre du, nun auch ein wahrer Lamech (der Mann für Mich, oder der Mann nach Meinem Herzen), wahrlich, solch eine Frage hatte noch niemand an Mich gestellt!
HG|2|232|9|0|Und Ich sage dir, Lamech, dass deine Frage von größter Wichtigkeit ist, denn wahrlich, es liegt alles an dem, wie ihr Mich liebt!
HG|2|232|10|0|Mit einer ungerechten und somit Meiner unwürdigen Liebe kann und soll sich Mir niemand nahen!
HG|2|232|11|0|Wie aber mag Ich dir, Mein Lamech, das kundgeben, wie du einen Gott lieben sollst?
HG|2|232|12|0|Siehe, es wird sich solches etwas schwer tun lassen; ja Ich meine, es dürfte dir leichter sein, mit deinen viel zu kurzen Armen die ganze Erde und den ganzen Himmel zu umspannen, als zu fassen und zu begreifen das, was da in der vollen Antwort auf deine großwichtige Frage gelegen sein dürfte!
HG|2|232|13|0|Darum wird es wohl notwendig sein, dass Ich Mich in solch einer Antwort etwas leichter fasse, – und so höre denn!
HG|2|232|14|0|Ich setze den Fall, ein Vater sehr vornehmen Standes, etwa wie ein Fürst einer der zehn Städte, hätte mehrere Kinder. Diese Kinder wissen die Ordnung, wie sie sich zu ihrem Vater begeben dürfen, nämlich ganz geziemend geschmückt, gemessenen Schrittes, die Hände kreuzweise über ihre Brust gelegt und das Haupt demütigst zum Boden gesenkt.
HG|2|232|15|0|Wenn diese Kinder also vor den fürstlichen Vater kommen, da belobt er sie und entlässt sie dann.
HG|2|232|16|0|Eines unter den Kindern, ein rüstiger Knabe, aber ist ganz keck, erscheint nicht mit den abgerichteten Kindern – denn solches bringt er nicht über sein Herz, welches den hohen Vater zu sehr liebt –, sondern kommt ganz allein zum Vater gerannt, ist sonst auch mehr nachlässig in seiner Kleidung.
HG|2|232|17|0|Wenn aber dieser Knabe den Vater ersieht, da breitet er seine Arme aus, umfasst ihn mit aller kindlichen Liebeglut und schreit dabei: ‚O Vater, Vater! Du mein lieber Vater, wie sehr doch liebe ich dich!
HG|2|232|18|0|Siehe, du mein herrlicher, lieber, guter Vater, ich liebe dich zu sehr, als dass es mir möglich wäre, mich vor dir in den gesetzlichen höflichen Schranken zu bewegen!
HG|2|232|19|0|Ja, ich will eher sterben, als vor dir, o mein Vater, meinem Herzen einen unterdrückenden Liebezwang antun!‘
HG|2|232|20|0|Ich setze aber nun den Fall, du wärest der Vater solch eines Kindes, was würdest du, rein nach deinem Vatergefühl geurteilt, da einem solchen Kind wohl tun?
HG|2|232|21|0|Du sprichst: ‚Oh, das würde ich auch über die Maßen lieben!‘
HG|2|232|22|0|Gut geantwortet! Ich sage dir aber, gerade ein solcher Vater bin Ich auch! Wer demnach auch zu Mir kommt wie dieser kecke Knabe, alle die zahllosen törichten Höflichkeitsschranken übersteigend, der wird auch Mir der allerliebste Sohn sein!
HG|2|232|23|0|Gott kannst du für Sich nicht lieben, aber den Vater kannst du lieben gleich dem kecken Knaben, und Gott als der Vater wird dann dich auch mit aller Macht Seiner Liebe ergreifen und wird dich setzen in Seinen Schoß als ein wahres Ihm über alles teures Kind, und wird all den anderen dann deinetwegen gnädig sein und ihnen erlassen die leere Höflichkeit!
HG|2|232|24|0|Siehe, das ist die rechte Liebe; solche also beachte! Amen.“
HG|2|233|1|1|Lamechs gute Rede an sein Volk
HG|2|233|1|1|Am 18. Januar 1843
HG|2|233|1|0|Nach dieser Belehrung fiel der Lamech vor dem Herrn auf seine Knie nieder und dankte im Namen aller laut dem Herrn für solche große Gnade, darum Er ihnen nun gar klärlichst gezeigt hatte, wie man Ihn lieben solle.
HG|2|233|2|0|Als der Lamech seinen Dank also in und aus seinem Herzen dem Herrn dargebracht hatte, da behieß ihn der Herr alsbald, dass er sich erheben solle vom Boden.
HG|2|233|3|0|Der Lamech erhob sich und richtete dann folgende Worte an die, denen er früher ein König war:
HG|2|233|4|0|„Nun lauter Brüder und Schwestern! Samt mir habt ihr nun in euer Herz empfangen, habt es gehört mit den eigenen Ohren und gesehen mit den eigenen Augen, dass der Herr, der allein einig wahre, allmächtige Gott, der Schöpfer aller Dinge, uns allen sein will ein wahrer, heiliger, liebevollster Vater und hat uns nun Selbst gezeigt, dass wir Ihn lieben dürfen, wie da lieben wohlgeratene Kinder mit aller Herzensglut ihre Eltern.
HG|2|233|5|0|Welche noch endlos größere Gnade hätte uns da wohl widerfahren können?!
HG|2|233|6|0|Daher fassen wir unsere Herzen und bringen sie allzeit liebebrennend Ihm zum Opfer dar, und sie werden Ihm, wie Er uns nun Selbst gelehrt hat, das wohlgefälligste Opfer sein!
HG|2|233|7|0|Aber mit unlauteren Herzen wollen wir Ihm auch kein Opfer bereiten, denn Er ist ja heilig, überheilig!
HG|2|233|8|0|Ich meine aber, so wir stets in Seiner Liebe lebendig wachsam verbleiben werden, da werden wir ja auch gar leicht uns stets eines solchen Gemütszustandes zu erfreuen haben, der dem allerheiligsten, liebevollsten Vater wohlgefällig sein wird!
HG|2|233|9|0|Nun aber bereitet euch alle wohl vor in euren Herzen, damit wir alle würdig sein möchten, an Seiner Seite zu wandeln, so es Ihm, dem heiligen, liebevollsten Vater wohlgefällig sein wird, Seinen allerheiligsten, lebendigsten Namen in den neuerbauten Tempel übertragen zu lassen!
HG|2|233|10|0|Er ist unserer sündigen Schwachheit hier wohl als ein wahrer, liebevollster, allerbarmender Vater entgegengekommen; aber wir dürfen bei solch Seiner unendlichen Liebe nicht vergessen, dass Er auch ein überheiliger, unendlicher Gott ist und uns durch endlose Gnade Sein Heiligtum in dem Tempel will aufstellen lassen also, wie Er es uns durch Seine mächtigen Boten hatte anzeigen lassen!
HG|2|233|11|0|Also müssen wir alle in unserem Herzen durch die reine, mächtige Liebe zu Ihm gar wohl vorbereitet sein, um sicher zu betreten Sein Heiligtum!“
HG|2|233|12|0|Hier wandte sich der Lamech zum Herrn und sprach: „O Du heiliger Vater! Nehme Du diese meine mangelhaften Worte also auf, als wären sie Deiner würdig, und segne sie in unseren Herzen, damit diese allzeit Dir, o heiliger Vater, wohlgefällige Früchte der reinen Liebe tragen möchten!
HG|2|233|13|0|O heiliger Vater, ich habe noch zwei Söhne, den Jubal und den Jabal! Sie haben sich vor einer kurzen Zeit erst aus meinen Augen verloren; Du weißt es, es war bald nach der Zeit, da ich meine Tochter vergab und dann mir auch meine zwei Weiber, die Ada und die Zilla, entführt wurden.
HG|2|233|14|0|Siehe, ich weiß nun wohl, dass meine Tochter und meine Weiber gar wohl versorgt sind, – daher kümmert mich derselben wenig; aber die zwei Söhne kümmern mich, denn ich weiß nicht, wohin sie sind.
HG|2|233|15|0|Wenn es Dein heiliger Wille wäre, so möchte ich diese wohl noch einmal sehen und sie dann auch führen zu Dir hin!“
HG|2|233|16|0|Hier sprach der Herr zum Lamech: „Höre, mein lieber Lamech! Was da betrifft deine frühere Rede an dein Volk, so soll sie in aller Herzen vollends gesegnet sein, jedoch ohne Zwang und ohne die geringste Beschränkung der Freiheit des Geistes; denn deine Rede war in Meinem Namen vollends wahr und gut.
HG|2|233|17|0|Was aber da betrifft deine beiden Söhne, so können sie jetzt nicht hierher gelangen, denn sie haben sich mit dem Horadal begeben auf die Höhe und sind nun bei ihm.
HG|2|233|18|0|Zur rechten Zeit aber will Ich sie schon vor dein Angesicht führen, wie deine beiden Weiber und deine Tochter; doch jetzt ist es noch nicht an der Zeit!
HG|2|233|19|0|Nun aber lasse uns gehen und die Tafel setzen in den Tempel!
HG|2|233|20|0|Gehe daher hin und bringe die Tafel hierher; Ich werde sie anhauchen, und du wirst sie dann vor Mir und dem Henoch tragen in den Tempel!
HG|2|233|21|0|Alle anderen aber sollen uns folgen; denn vor dir soll niemand einhergehen! Amen.“
HG|2|234|1|1|Lamechs vergeblicher Versuch, die heilige Tafel zu tragen
HG|2|234|1|1|Am 19. Januar 1843
HG|2|234|1|0|Auf diese Anordnung und Beheißung des Herrn verfügte sich der Lamech alsogleich in den Thronsaal, um zu holen die Tafel.
HG|2|234|2|0|Mit der größten Andacht begab er sich hin zum Thron, gab Gott die Ehre und griff dann mit der höchsten Ehrfurcht nach der Tafel, welche da am Thron aufgestellt war.
HG|2|234|3|0|Als er sie aber nun heben und forttragen wollte, siehe, da ward die Tafel plötzlich also schwer, dass es ihm zur allerreinsten Unmöglichkeit ward, dieselbe weiterzuschaffen.
HG|2|234|4|0|Als er mehrere Versuche machte, die heilige Tafel aufzuheben und sie dann nach dem Willen des Herrn in den Speisesaal zu tragen, dass Er sie dort anhauche, und er – der Lamech nämlich – sie dann trage in den Tempel, und trotz aller der Versuche dennoch nichts auszurichten vermochte, da fing er darüber ernstlich an nachzudenken, und es kam ihm vor, als ob er einmal schon entweder vom Kisehel, vom Henoch oder vom Herrn Selbst vernommen hätte: „Ohne Mich vermögt ihr nichts, mit Mir aber vollkommen alles!“
HG|2|234|5|0|Nach diesem glücklichen Einfall verließ er, sich vor der mächtigen Tafel allerehrerbietigst verneigend, alsobald den Thronsaal und kam somit wieder unverrichteter Dinge zu der erhabensten Gesellschaft in den Speisesaal.
HG|2|234|6|0|Es fing sich aber alles zu verwundern an und fragte ihn emsigst von allen Seiten: „Aber Bruder Lamech, – was ist denn mit der heiligen Tafel?
HG|2|234|7|0|Hast du sie etwa gar nicht mehr vorgefunden, darum du also leer wieder zurückkommst?“
HG|2|234|8|0|Der Lamech aber sagte zu all denen, die ihn also fragten: „O liebe Brüder, nehmt euch samt mir ob dieser Erscheinung diese kurze, aber sonst wohl allerwichtigste Lehre zu Herzen:
HG|2|234|9|0|Wenn der allmächtige Herr und allerliebevollste Vater mit uns ist, dann vermögen in Ihm und durch Ihn wir alles; ohne Ihn aber vermögen wir nichts!
HG|2|234|10|0|Ich war ein Tor, darum ging ich ohne Ihn in den Saal, um zu holen das Heiligtum! Aber die Erfahrung hat es mir da hinreichend gezeigt, was der Mensch ohne den Herrn vermag!
HG|2|234|11|0|Daher eile ich nun zum Herrn, auf dass Er mit mir sein möchte, und ich werde sodann sicher nicht wieder mit leeren Händen hierher gelangen!
HG|2|234|12|0|Solches also werde allzeit von mir, wie von euch allen gar wohl und gar tief gemerkt und allzeit allertreulichst beachtet!“
HG|2|234|13|0|Hier ging der Lamech hin zum Herrn, der Sich unterdessen mit dem Henoch und mit den anderen sieben besprochen hatte, fiel vor Ihm nieder und sprach:
HG|2|234|14|0|„O Herr und heiliger Vater, siehe gnädigst auf mich, einen allergrößten Toren, herab! Ich, ein allergrößter Dummkopf, wollte ohne Dich Dein Heiligtum heben und es nach Deiner allergnädigsten Beheißung hierherbringen; aber als ich armseligster Tropf solches versuchte und die heilige Tafel nicht von der Stelle zu bringen vermochte ihrer unendlichen Schwere zufolge, da erst ward es mir klar, dass man ohne Dich nichts vermag – und schon am allerwenigsten, was da unmittelbar Dich betrifft –, wohl aber alles mit Dir, in Dir und durch Dich, o Du heiliger, allerliebevollster Vater!
HG|2|234|15|0|Daher komme ich denn auch nun unverrichteter Dinge wieder zu Dir und bitte Dich aus dem Grunde meines Herzens, dass Du mit mir gehen möchtest in den Thronsaal, und mir helfest, Dein Heiligtum von der Stelle zu schaffen!
HG|2|234|16|0|Denn sonst wird es unmöglich je in den Tempel zu bringen sein!“
HG|2|234|17|0|Hier bog Sich der Herr zur Erde nieder, hob den Lamech wieder auf und sagte zu ihm: „Ja, also ist es, Mein Lamech, mit Mir vermagst du alles, ohne Mich aber nichts!
HG|2|234|18|0|Wer vermag sich auch nur um den zehnten Teil einer Handspanne in seiner Leibesgröße zu erhöhen?! Wer kann sagen: solches oder anderes geschehe, auf dass es alsbald werde nach seinem Willen?!
HG|2|234|19|0|Mir allein nur sind alle Dinge ewig untertan!
HG|2|234|20|0|Wer aber demnach mit Mir ist, der ist auch mit Meiner Kraft – denn Ich Selbst bin ja die ewige unendliche Kraft – und kann demnach in und mit Mir alles vermögen!
HG|2|234|21|0|Nun also gehe denn mit Mir, und Ich werde mit dir sein; da werden wir denn sehen, ob die Tafel wohl noch also unüberbringlich schwer sein wird!“
HG|2|234|22|0|Und so denn ging der Lamech mit dem Herrn in den Thronsaal wieder, und alles folgte diesen und sah allda erheben die heilige Tafel und dann wieder tragen in den Speisesaal, allda sie der Lamech auf den Hauptspeisetisch aufstellte und sie sodann der Herr anhauchte.
HG|2|235|1|1|Die Rede des Herrn über göttliche Gebote und wie sie nur Gott ganz erfüllen kann
HG|2|235|1|1|Am 20. Januar 1843
HG|2|235|1|0|Nach dem aber, da der Herr die Tafel angehaucht hatte, wandte Er Sich zum Lamech und sprach zu ihm, wie zu allen seines Landes:
HG|2|235|2|0|„Höre nun, du Lamech, und ihr alle, auch Kinder Kahins! Du, Lamech, hast Mich um Gesetze angesprochen, und siehe, Ich habe euch keines gegeben, damit nicht ein Gericht über dich und all dein Volk komme!
HG|2|235|3|0|Wie schwer aber da ist ein Gesetz aus Mir, solches hast du, Lamech, erprobt an der Tafel, da du sie heben wolltest ohne Mich!
HG|2|235|4|0|Siehe, Ich Selbst habe es dir befohlen, zu holen die Tafel! Du erfülltest alsogleich pünktlich Meinen Willen; denn du gingst alsogleich, um zu holen die Tafel.
HG|2|235|5|0|Konntest du sie aber auch von selbst hierherbringen?
HG|2|235|6|0|‚Nein‘, sagst du, ‚denn sie war mir zu unendlich schwer!‘
HG|2|235|7|0|Siehe, also hätten auch im Besitz der Gesetze aus Mir gar viele Menschen den redlichen Willen, dieselben zu erfüllen, solange sie dabei auf keine sie prüfenden Schwierigkeiten stoßen möchten!
HG|2|235|8|0|So sie aber an die Schwierigkeiten kommen würden, was und wie dann, so Ich nicht also wie eben jetzt unter euch Mich sichtbar befände und von den späteren Nachkommen auch der feste, unerschütterliche Glaube an Mich und mit ihm die notwendige Liebe zu Mir dürfte verlorengehen, darob sich dann auch niemand also, wie du jetzt, könnte zu Mir begeben und zu Mir sagen: ‚Herr, nun sehe ich ein, dass man ohne Dich nichts vermag; daher komme und helfe mir überheben und überbringen die große, schwere Last!‘?
HG|2|235|9|0|Ich habe dir dadurch also zeigen wollen, dass der Mensch ein göttliches Gebot nie völlig erfüllen kann; und wer da auch aus seinem festesten Willen alles Mögliche getan hätte und sagte dann aber: ‚Herr, siehe, ich habe erfüllt Dein Gesetz bis zum letzten Häkchen!‘, so wäre er ein großer Lügner und ein grober Täter des Übels!
HG|2|235|10|0|Denn ein göttliches Gesetz kann niemand vollkommen erfüllen außer Gott allein! Warum denn also?
HG|2|235|11|0|Weil das Gesetz göttlich ist, weil aus Gott, und daher unendliche Bedingungen in sich birgt!
HG|2|235|12|0|Wenn aber der Mensch alles getan hatte nach Meinem ihm geoffenbarten Willen und will dadurch vor Mir gerechtfertigt sein, da muss er in seinem demütigen Herzen sagen:
HG|2|235|13|0|‚O Herr und Vater, sei mir faulem und nichtsnutzigem Knecht gnädig und barmherzig!
HG|2|235|14|0|Denn ich habe wohl an der Rinde genagt, aber das Holz und das Mark des Gesetzes ist vom Zahn meiner Willenskraft noch völlig unberührt geblieben!‘
HG|2|235|15|0|Wenn jemand also tut Meinen Willen, der tue es immerhin, als täte er solches aus eigener Kraft, freilich wohl stets im Vollvertrauen auf Meine kräftige Unterstützung; wenn er aber irgendetwas vollzogen hatte nach Meinem Willen, so muss er sich alsogleich lebendigst erinnern, dass er nichts, sondern nur alles Ich durch ihn vollzogen habe!
HG|2|235|16|0|Wer solches lebendig in sich erkennen wird, der auch wird vor Mir gerechtfertigt sein durch diese seine demütige Erkenntnis.
HG|2|235|17|0|Der aber die Taten sich selbst zuschreiben wird, der wird einst vor Mir auch eine unendlich schwere Rechenschaft zu bestehen haben, bei welcher schwerlich je eine vollgültige Probe herauskommen wird, – außer, wenn solch ein Rechner noch frühzeitig genug wird zur Rechentafel der Demut seine Zuflucht nehmen und wird auf dieser Tafel offenbarlichst bekennen, dass er vor Mir der größte Schuldner ist!
HG|2|235|18|0|Um aber dich und dein Volk soviel als möglich vor dem Gericht zu schonen, weil die Erfüllung Meines Gesetzes zu schwer, ja für euch rein unmöglich ist, so gebe Ich euch auch kein Gebot als allein das der Liebe – welches aber eigentlich kein Gebot ist, weil die Liebe eigentlich eines jedweden ganz eigenes Leben ist –, und dass ihr Meinen Namen nicht eitel nennt – denn er ist der Name Gottes, der da ewig ist heilig, heilig, heilig! –, und dass ihr allzeit glaubt, dass Ich der einige und alleinige Gott und Schöpfer bin Himmels und der Erde und noch von zahllosen Sonnen und Welten in Meiner Unendlichkeit!
HG|2|235|19|0|Also liebt, ehrt Mich allzeit über alles, und glaubt, dass Ich euer Gott und allgütigster Vater es bin, der nun solches euch kundgibt, so habt ihr mehr getan, als so ihr zehntausend Gesetze auf das Pünktlichste erfüllt hättet!
HG|2|235|20|0|Diese Tafel aber erinnere euch allzeit an Mich und erfülle eure Herzen mit Liebe, Ehrfurcht und Glauben an Mich, so werde Ich auch im Geiste allezeit bei euch sein, und ihr werdet in Mir haben und finden das ewige Leben!
HG|2|235|21|0|Und so denn lasst uns erheben diese Tafel und sie tragen an den Ort ihrer hohen Bestimmung zu eurem allzeitigen Heil! Amen.“
HG|2|236|1|1|Die Volksmenge blockiert das Ausgangstor. Liebe und Geduld als die Hauptschlüssel des Herrn
HG|2|236|1|1|Am 21. Januar 1843
HG|2|236|1|0|Nach dieser Rede und Lehre verneigte sich der Lamech allertiefst vor der Tafel, nahm sie in seine Hand und trug sie langsamen und wohl abgemessenen Schrittes; denn er dachte nun bei jedem Schritt nach, wer Der ist, der ihm mit dem Henoch folgt, und welch einen Namen er trägt.
HG|2|236|2|0|Als sie nun aber das große Ausgangstor des Palastes erreichten, so war dieses, wie der ganze große Platz vor dem Palast, aber mit Menschen also angefüllt, dass es dem Lamech rein unmöglich war, irgend aus dem Tor zu gelangen; denn die im Tor stehenden Menschen konnten nicht zurückweichen, da sie von den außen Stehenden zu sehr gedrängt wurden. Was war da wohl zu machen?
HG|2|236|3|0|Der Lamech, dadurch in eine große Verlegenheit gebracht, wandte sich an den Herrn und sagte, voll der tiefsten Ehrfurcht zu Ihm:
HG|2|236|4|0|„O Herr, siehe meine große Verlegenheit und Angst! Was ist da zu machen?
HG|2|236|5|0|Gewalt gebrauchen wäre hier am allerunrechtesten Platze und würde auch gar wenig fruchten.
HG|2|236|6|0|Durch die Macht einer Wunderkraft aus Dir sie zurückdrängen, wäre doch auch unbillig; denn es sind ja doch lauter geladene Gäste und ebenfalls, o heiliger Vater, ja lauter Deine Kindlein!
HG|2|236|7|0|Und endlich gar bei einem anderen Tor hinausgehen, dürfte sich doch wohl gerade für diese heutige ewig allererhabenste Gelegenheit nicht schicken!
HG|2|236|8|0|Dir aber, o heiligster Vater, werden noch tausend Auswege offen stehen; möchtest Du mir denn nun nicht den besten allergnädigst anzeigen?!
HG|2|236|9|0|Oh, ich bitte Dich vom Grunde meines Herzens darum! Dein heiliger Wille geschehe allzeit wie ewig! Amen.“
HG|2|236|10|0|Der Herr aber sagte zum Lamech: „Mein Lamech, kennst du noch nicht den Hauptschlüssel, mittels welchem jeder das Tor des ewigen Lebens sogar für sich eröffnen kann?
HG|2|236|11|0|Siehe, der Schlüssel heißt die Liebe! Versuchen wir daher mit diesem Schlüssel die Kindlein aus dem Tor zurückzudrängen! Und geht es mit diesem Schlüssel nicht, so gibt es dann noch einen zweiten, und dieser heißt die Geduld; mit der Geduld überwindet man alles!
HG|2|236|12|0|Also versuchen wir einmal den ersten Hauptschlüssel und halten aber daneben gleichzeitig den zweiten schon auch in der vollsten Bereitschaft; und sei dadurch versichert, wir werden mit diesen zwei Lebensschlüsseln bestimmt nicht steckenbleiben!“
HG|2|236|13|0|Hier rief sogar der Henoch laut aus: „O Du heilige Lehre und Du heiliger Lehrer, ja Du, o Vater, bist allein ganz die heiligste, ewig reinste Liebe!“
HG|2|236|14|0|Der Herr aber sagte zum Henoch: „Ja, ja, Mein geliebter, teurer Henoch, siehe, also müssen wir ja die armen Kindlein auf unseren Händen tragen und unterrichten, damit sie dadurch stark werden und dadurch reich an Liebe, Gnade und ewigem Leben vor uns!
HG|2|236|15|0|Vermeidet daher auch auf der Höhe alles Gewaltige und erhaben und geheimnisvoll Pomphafte, sondern geht Mir gleich liebevoll klein und schlicht einher, so werden alle Herzen in euch Ruhe finden, wie in Mir durch euch das ewige Leben!“
HG|2|236|16|0|Hier ging der Lamech hin zu den Menschen, die im Tor standen, und sagte zu ihnen: „Brüder, wenn es euch übrigens möglich ist, so macht uns nur so viel Platz, dass wir einzeln durchkommen können, doch soll niemand von euch an seinen Nachbarn eine Gewalt brauchen!
HG|2|236|17|0|Denn wir wollen ja recht gerne Geduld haben, bis ihr euch gut einverständlich geordnet haben werdet!“
HG|2|236|18|0|Und alsogleich berichteten die Ersten solches ihren Nachbarn, und diese wieder weiter, und das so fort bis zum letzten Mann.
HG|2|236|19|0|Und es dauerte keine Viertelstunde, dass das Tor gänzlich geräumt ward und nun alle hinreichend Platz hatten, den vorbestimmten Weg ungehindert fortzusetzen.
HG|2|236|20|0|Nun rief der Herr den Lamech ein wenig zurück und fragte ihn: „Nun, Mein Lamech, was sagst du zu diesen Meinen zwei Hauptschlüsseln?“
HG|2|236|21|0|Und der Lamech, ganz vernichtet von der großen Güte des Herrn, sagte weinend: „O heiliger Vater! Dass Du nur ganz allein gut und ganz allein die Liebe bist, das kann ich nun sagen! Ich liebe Dich aber nun auch über alles!“
HG|2|236|22|0|Und der Herr sagte zu ihm darauf: „Also wandle fürbass! Amen.“
HG|2|237|1|1|Lamechs Bedenken wegen der ihm vorausziehenden Volksmenge. Die Fröhlichkeit ist des Menschen Bestimmung
HG|2|237|1|1|Am 23. Januar 1843
HG|2|237|1|0|Als dieser erhabenste Zug durch die Gassen der großen Stadt sich bewegte, da drängte sich das Volk allenthalben dem Zuge nach, und eine große Menge eilte aber auch vor dem Zuge hinfort.
HG|2|237|2|0|Lamech aber ward eingedenk der Worte des Herrn, welche da lauteten: „Vor dir aber soll niemand einherziehen!“, und verfiel darauf schon wieder in eine große Verlegenheit, getraute sich aber nun wegen der Störung der Ordnung nicht umzukehren, auf dass er fragte den Herrn, was da zu tun sein dürfte.
HG|2|237|3|0|Es fing sich aber in einer breiten Gasse, die sie nun erreicht hatten, stets eine größere Menge Volkes hinvorzudrängen an; das ward dem Lamech denn doch zu viel.
HG|2|237|4|0|Er blieb darum stehen und ward sehr bewegt in seinem Gemüt.
HG|2|237|5|0|Der Herr aber sah, wie es mit dem Lamech stand, und tat darum, als merkte Er nicht die Not des Lamech.
HG|2|237|6|0|Da aber der Lamech sich nicht weiterzubewegen getraute, so fragte ihn endlich doch der Herr: „Lamech! Warum bleibst du denn stehen?
HG|2|237|7|0|Siehe, wir haben noch den halben Weg, und Meine Zeit ist nahe!
HG|2|237|8|0|Darum solltest du wandeln, aber nicht stehenbleiben!“
HG|2|237|9|0|Hier erst fasste der Lamech wieder Mut und sagte zum Herrn: „O heiliger, liebevollster Vater, siehe, ich habe mich erinnert, dass Du ehedem verordnet hast, es solle vor mir niemand einhergehen! Und da siehe: Tausende sind vor uns!“
HG|2|237|10|0|Der Herr aber erwiderte darauf dem Lamech und sagte: „Das sehe Ich auch, Mein Lamech! Hast du aber wohl ehedem verkünden lassen, dass da vor uns niemand einhergehen soll?
HG|2|237|11|0|Du sprichst: ‚Ach! Daran habe ich nicht gedacht!‘
HG|2|237|12|0|Nun, wenn also, warum ärgert dich demnach die vortrabende Menge?
HG|2|237|13|0|Ich aber habe nicht diesen Gang gemeint, den wir jetzt tun, sondern nur den Amtsgang deines Priestertums.
HG|2|237|14|0|Daher sei nun völlig ruhig, und wandle vorwärts; denn also ist es ja recht, und also soll es auch bleiben, dass das Volk allzeit vor unserem Angesicht wandeln soll!
HG|2|237|15|0|Bei dieser Ordnung soll es fürder auch allzeit verbleiben leiblich und geistlich!
HG|2|237|16|0|Behalte du demnach das Volk allzeit im Angesichte, so wirst du Mir ein rechter Hirte dieser Meiner Herde sein! Amen.“
HG|2|237|17|0|Solche Rede beruhigte den Lamech, und er ging nun munter vorwärts.
HG|2|237|18|0|Als sie nun aus der Stadt kamen, und der Lamech in der Nähe erschaute den prachtvollen Tempel, da ward er überfröhlich und fing beinahe aus lauter Freude zu hüpfen an.
HG|2|237|19|0|Solches hätte er auch getan, wenn er sich nicht gescheut hätte vor dem Volk.
HG|2|237|20|0|Der Herr aber sagte zu ihm: „Höre, Lamech, Meine Kinder dürfen in Meinem Namen schon auch ganz nach reiner Herzenslust fröhlich sein! Daher magst du auch hüpfen wie ein Hirsch; denn Mir ist der in Meinem Namen Heitere lieber als einer, der da trauert an Meinem Herzen!
HG|2|237|21|0|Denn Ich habe euch für die Seligkeit nur, aber nicht für die Traurigkeit geschaffen!“
HG|2|237|22|0|Hier fing der Lamech im Ernst zu hüpfen an.
HG|2|237|23|0|Da solches aber das Volk sah, so fing es sich gar gewaltig zu wundern an, und einige aus dem Volk lobten und priesen Gott darum und hüpften mit vor großen Freuden in die Höhe.
HG|2|237|24|0|Andere aber sagten: „Seht, seht, unser ehemaliger Würgekönig ist ein Tänzer geworden!
HG|2|237|25|0|Solches haben ihm gewiss die aus der Höhe angetan; denn es sollen lauter mächtigste Magier sein also, dass ihnen sogar die Steine gehorchen!“
HG|2|237|26|0|Wieder andere aber verwiesen ihnen solche Reden und sagten: „Seht ihr nicht die Tafel mit dem Namen Gottes geziert und die Mächtigen einhergehen?!
HG|2|237|27|0|Daher redet nicht scheeles Zeug, sondern betet an das Heiligtum des ewigen, allmächtigen Gottes, den uns gelehrt hatte einst der große Seher Gottes, der Fürst Farak!“
HG|2|237|28|0|Und unter solchen Begebnissen erreichten sie nun auch das goldene Tor der Ringmauer.
HG|2|237|29|0|Der Mura öffnete die Türe, und der Zug bewegte sich zum Tempel; aber das Volk wagte die Füße nicht mehr über diese Schwelle zu setzen, sondern blieb ganz ruhig außerhalb der Mauer.
HG|2|238|1|1|Die Ausstattung des Tempels und die Tempelordnung
HG|2|238|1|1|Am 25. Januar 1843
HG|2|238|1|0|Als der erhabene Zug nun vollends den Tempel erreicht hatte, da öffnete alsbald wieder Mura das goldene Tor, und der Lamech erstaunte allgewaltigst über die große Pracht.
HG|2|238|2|0|Als er sich von seinem großen Erstaunen etwas erholt hatte, da erst fiel es ihm auf, dass da durch eine jede Fensterreihe ein anderes Licht in das Innere des Tempels fiel, und zwar durch die untere Reihe ein sehr rosenrotes, durch die mittlere Reihe ein grünes, gegen die Seiten zu den beiden letzten Fenstern aber jedoch sich mehr ins Gelbe verlierend, und durch die oberste Reihe aber ein blaues, gegen die beiden Seiten aber ins Hellviolette hin übergehend.
HG|2|238|3|0|Er konnte solches nicht unterdrücken, denn seine Neugierde war durch diese Erscheinung zu sehr in Anspruch genommen worden.
HG|2|238|4|0|Er wandte sich daher an den Herrn und sprach zu Ihm: „O Herr, Du allerweisester, allgütiger, allerliebevollster Vater, der Du heilig bist, überheilig, Du siehst sicher gar wohl, was mich nun an Dich gewendet hatte?!
HG|2|238|5|0|So es Dein allerheiligster Wille wäre, da könntest Du ja wohl mein Herz beruhigen!“
HG|2|238|6|0|Der Herr aber sprach zum Lamech: „Höre, Mein Lamech! Mein Dienst, den du jetzt verrichtest, geht allem vor; daher lasse nun die Farbe der Fenster Farbe sein, und verrichte, was da Mir gebührt aus deiner Art!
HG|2|238|7|0|Hast du solches vollbracht, dann erst wende dich an den Mura, und er wird es dir kundtun, was da ist der Grund des gefärbten Lichtes!
HG|2|238|8|0|Siehe, vor dir schon steht der Altar; trete hin an die rechte Seite desselben, und harre, bis Ich den Altar werde gesegnet haben mit Meiner Hand!
HG|2|238|9|0|Wenn solches geschehen wird, sodann setze die Tafel auf den Altar; Ich aber werde dann zu beiden Seiten des Altars zwei Cherube hinzutun, und diese sollen allzeit bewachen dieses Mein Heiligtum unter euch.
HG|2|238|10|0|Über dem Namen werde Ich hinhauchen eine lichte Wolke zum Zeichen, dass Ich, der ewig allmächtige, lebendige, alleinige Gott und Herr Himmels und der Erde solches allhier verordnet habe zu eurer Rettung vom ewigen Untergang.
HG|2|238|11|0|Wer da sich diesem Tempel würdigen und reinen, liebeerfüllten Herzens nahen wird, der soll gestärkt werden mit Meiner Gnade.
HG|2|238|12|0|Wer sich aber unwürdigen, unlauteren, welt- und eigenliebigen Herzens diesem Tempel nahen wird, den wird ein vom Dach des Tempels herabstürzendes Feuer ergreifen und wird ihn töten und dann gänzlich verzehren.
HG|2|238|13|0|In den Tempel aber soll niemand gehen denn allein du als der von Mir gestellte Oberpriester der Tiefe – und so da jemand käme aus der Höhe –, und nach dir aber dann dein ältester Sohn, so du ihn zuvor in Meinem Namen wirst zum Oberpriester an deiner statt gesegnet haben.
HG|2|238|14|0|Solches Oberpriestertum aber soll stets bei deinem Hauptstamm verbleiben.
HG|2|238|15|0|Wer sich aber sonst in den Tempel begeben würde, der soll von den Cheruben alsogleich getötet werden.
HG|2|238|16|0|Also soll sich auch kein Weib in dieses Heiligtum wagen, so sie will das Leben erhalten, weder aus der Höhe – und noch um vieles weniger aus der Tiefe!
HG|2|238|17|0|Du selbst aber sollst auch nur viermal des Jahres in den Tempel gehen und dich vorher sieben Tage lang vorbereiten und wohl überlegen, wohin und vor wen du da trittst!
HG|2|238|18|0|So du aber solches nicht beachten möchtest, wahrlich, es würde dir nicht besser ergehen als jedem anderen!
HG|2|238|19|0|Wenn du aber in den Tempel gehst, sollst du die Türe hinter dir nicht verschließen, damit auch das Volk von der gerechten Ferne in das Heiligtum blicken mag und erschauen allda Meine große Herrlichkeit.
HG|2|238|20|0|Im Vorhof aber sollt ihr euch an jedem Sabbat versammeln, und sollt Mir danken, und sollt Mir eure Liebe zum Opfer darbringen, aber ja kein anderes Opfer!
HG|2|238|21|0|Denn euer Opfer ist ein Opfer Kahins, und dieses will Ich nicht ansehen, außer allein in eurem Herzen.
HG|2|238|22|0|Es soll aber kein Mann mit bedecktem Haupt in den Vorhof gehen und kein Weib mit entblößtem Angesicht.
HG|2|238|23|0|Solange unter euch diese Meine Ordnung beobachtet wird, so lange auch wird diese Meine Gnade sicht- und allzeit wirkbar unter euch verbleiben!
HG|2|238|24|0|Werdet ihr aber diese Meine Ordnung je wieder verlassen, so wird dies Heiligtum euch genommen werden, und statt desselben werdet ihr das Gericht über dem Altar in einer allverzehrenden Flamme erschauen.
HG|2|238|25|0|Dann werden die Kinder der Höhe mächtig kommen über euch und werden euch schlagen mit glühenden Ruten.
HG|2|238|26|0|Siehe, das ist vorderhand Mein Wille!
HG|2|238|27|0|Und so denn lasse Mich den Altar segnen, und du setze hernach die Tafel auf denselben, und dann Mein Wille! Amen.“
HG|2|239|1|1|Lamechs große Furcht hinsichtlich der Tempelordnung
HG|2|239|1|1|Am 26. Januar 1843
HG|2|239|1|0|Nach solcher Rede ging der Lamech alsogleich zur rechten Seite des Altars, stellte sich da auf mit der Tafel in der Hand und machte aber dabei ein überaus bedenkliches Gesicht, das da zu sehen war erfüllt von großer Angst und großer Furcht.
HG|2|239|2|0|Da aber der Herr solches gar wohl merkte, da hielt Er alsbald inne mit der nahe schon begonnenen Segnung des Altars und sprach zum Lamech, sagend nämlich:
HG|2|239|3|0|„Lamech, was ist dir wohl, dass dein Gesicht und alle deine Gebärde nun anzeigt, als gehe solches vor in deinem Gemüt?
HG|2|239|4|0|Macht dich beben denn Meine dir nun aus Mir gegebene Ordnung, auf dass du wissest, wie da zu halten ist Mein Heiligtum, und darum sich ihm nichts Unvorbereitetes und Unreines nahen kann und darf?!
HG|2|239|5|0|Also rede, und Ich will dir gnädig sein!“
HG|2|239|6|0|Und der Lamech erwiderte dem Herrn: „O mein Herr und mein Gott! Was soll der ohnmächtige Wurm im Staube denn da noch reden zu Dir, so Du einmal Deinen allmächtigen, allerheiligsten Willen ausgesprochen hast!
HG|2|239|7|0|Da heißt es nur nach solch einem Ratschluss aus Dir: ‚Mensch, Geschöpf, lebe unabänderlich danach, oder Ich, dein allmächtiger Gott und Schöpfer, will dich plötzlich zunichte machen und verderben auf ewig!‘
HG|2|239|8|0|Siehe, Du gäbest uns armen Würmern der Tiefe nun wohl Dein Heiligtum, und dadurch eine endlos große Gnade; was aber wird uns solches nach Deinem ewig unabänderlichen Ausspruch bringen?
HG|2|239|9|0|Nichts, als Tod, Verderben, und dann ein schreckliches Martergericht!
HG|2|239|10|0|Oh, ich müsste die menschliche Natur nicht kennen, wenn ich nicht wissen sollte, wie gar leicht dieselbe auf unreine Wege gerät! Und wenn solches Übel dem schwachen Menschen widerfährt, was ist hernach mit ihm an der Seite dieses Heiligtums?!
HG|2|239|11|0|Warum darf denn nur ich allein in den Tempel, da ich doch der größte Sünder war vor Dir allzeit, die tausendfach Reineren aber dürfen solches beim Verlust ihres Lebens nicht wagen?!
HG|2|239|12|0|Dass sich niemand unlauteren Herzens diesem Tempel nahen soll, das ist nicht mehr als billig; wer aber ist wohl reinen Herzens vor Deiner Heiligkeit?!
HG|2|239|13|0|Und so steht ja jedem der Tod bevor, der sich je wagen wird, zu nahen diesem Tempel!
HG|2|239|14|0|O du herrliche, heilige Tafel, jauchzend trug ich dich heraus, aber wehklagend werde ich wieder von dir nach Hause kehren, denn du bist uns Armen nicht zu einem Segen, sondern zu einem unerbittlichen Gericht bist du uns gegeben worden!
HG|2|239|15|0|O Herr, wenn es aber schon auf unsere endliche Vernichtung abgesehen ist, so geschehe Dein dessen ungeachtet doch allzeit allmächtiger heiliger Wille! Amen.“
HG|2|239|16|0|Als der Lamech solches geredet hatte, da sah ihn der Herr mitleidigst an und sagte zu ihm: „O Lamech, du wahrhaft armer Sohn der Trübsal und Finsternis, warum ängstigst du dich denn vergeblich?!
HG|2|239|17|0|Siehe, wenn Ich denn so ein Freund des Tötens Meiner Kinder wäre, wäre es da wohl nötig gewesen, dass Ich zu euch gekommen wäre sichtbar?!
HG|2|239|18|0|O siehe, es genügte ein Gedanke, und die ganze Schöpfung wäre zunichte also, als wäre sie nie dagewesen!
HG|2|239|19|0|Ich aber kam ja nur zu euch Geistestoten, um euch das Leben, das ihr verwirkt habt, freiwillig aus Meiner großen Erbarmung ganz neu wieder zu bringen und euch hier auch eine Anstalt zu geben, in welcher ihr allzeit das verlorene Leben wieder erhalten könnt.
HG|2|239|20|0|Dass diese Anstalt aber in einer reinen Ordnung erhalten werden muss, damit durch allerlei Unordnung solche Kraft nicht geschwächt werde zu eurem Heil, – sage, ist solches wohl ein Gericht?
HG|2|239|21|0|Wenn Ich nur dem Oberpriester gestatte, in dies Heiligtum zu treten, was verlieren denn da wohl die anderen?
HG|2|239|22|0|Wenn sie mit Liebe an Mir hangen, wahrlich, so ist dies mehr denn tausend solche Tempel!
HG|2|239|23|0|Wer Mich aber liebt, der ist schon im Inwendigsten des Tempels, ja im Inwendigsten des geistigsten Tempels, und wird dann auch sicher den Tod nicht finden, so er mit dir geht in diesen Tempel.
HG|2|239|24|0|Denn der Mich liebt, der ist schon von oben her und kann zu jeder Zeit in den Tempel.
HG|2|239|25|0|Solches aber kannst du doch ja unmöglich von Mir verlangen, dass Ich euch einen Tempel geben soll, erfüllt mit Meiner lebendigen Gnade, zu einem Schweinestall!
HG|2|239|26|0|Daher verbleibe es nur bei Meinem früheren Ausspruch, und sei versichert, es soll niemand daran einen Schaden leiden!
HG|2|239|27|0|Denn Ich bin ja ein Vater von euch allen, aber kein Mörder!
HG|2|239|28|0|Und so denn segne Ich diesen Altar! Amen.“
HG|2|240|1|1|Der Altar mit den zwei Cherubim und der Wolkensäule. Abschließende Anweisungen des Herrn
HG|2|240|1|1|Am 27. Januar 1843
HG|2|240|1|0|Als somit der Herr den Tempel gesegnet hatte, da setzte auch alsobald der Lamech die Tafel auf den Altar, und der Herr berührte mit Seiner Hand die Tafel.
HG|2|240|2|0|Und siehe, zwei überaus ernste Cherube wurden, zu beiden Seiten des Altars stehend, auf lichten Wölkchen erblickt, und das von allen den Anwesenden.
HG|2|240|3|0|Alsdann hauchte der Herr über die Tafel hin, und alsbald stand eine lichte Wolkensäule über der Tafel und dem Altar, hinauf bis zur goldenen Decke reichend.
HG|2|240|4|0|Als nun solches alles die Anwesenden erschauten, da ward es allen angst und bange, ja selbst der Henoch beobachtete solche Erscheinung mit der größten und ehrfurchtsvollsten Aufmerksamkeit, und sagte bei sich selbst:
HG|2|240|5|0|„O Du heiliger, liebevollster Vater! Wie endlos gut bist Du doch! Auf Deiner heiligen Höhe wolltest Du beinahe gar keinen Altar, und ließest Dich sogar bereden zur Annahme eines gemeinsten Opferaltares, und wolltest uns Kindern der Berge kein anderes sichtbares Zeichen hinterlassen als die wieder aufgerichtete Grotte Adams und die allereinfachste Hütte der Purista.
HG|2|240|6|0|Hier aber hast Du ein so großartiges Denkmal gesetzt, dass auf dasselbe Sonne, Mond und alle Sterne des Himmels ehrfurchtsvollst darniederblicken werden, und die Kinder der Höhe werden mit großer Eifersucht herabschauen in die nun so hoch gesegnete Tiefe.
HG|2|240|7|0|O heiliger, liebevollster Vater, Du tust sonderbare Dinge, und niemand mag den Sinn Deines Ratschlusses zu erschauen; nur solches weiß ich, dass Du solches alles aus Deiner unendlichen Liebe und Erbarmung tust, und darum sei Dir allein allzeit und ewig alle meine Liebe!“
HG|2|240|8|0|Der Herr aber sah den Henoch an und sagte durch das Herz zu ihm: „Henoch, siehe, hier der Name, oben der Träger desselben; hier ein Zeichen, oben der Geber des Zeichens; hier Mein Schein, oben Mein Sein; hier des Zeichens Pracht, oben des Vaters Macht; hier alles aus Edelsteinen und Gold der Erde, oben des Vaters Liebe und Milde lebendig!
HG|2|240|9|0|Mein Henoch, welches dünkt dir besser zu sein?“
HG|2|240|10|0|Hier sprach der Henoch, bis in die innerste Fiber gerührt: „O Du unaussprechlich liebevollster, heiliger Vater! Hier verstummt mein Herz in zu mächtiger Liebe zu Dir, und ich kann nichts sagen als: O Vater, wie endlos gut bist Du!“
HG|2|240|11|0|Der Herr aber sagte darauf zum Henoch vor allen laut: „Henoch, du Mein alleiniger Hohepriester dieser Zeit, da nun Himmel und Erde in eines geflossen sind und die Gemeinschaft der Engel des Himmels mit euch, Meinen Kindern, bewerkstelligt ist. Ich sage dir, auch diese Herde sei deiner Obhut von nun an anvertraut!
HG|2|240|12|0|So du ihre Not sehen wirst, da begebe dich hierher, und schaffe wieder gute Ordnung in Meinem Namen!
HG|2|240|13|0|Dem Sehel auf der Höhe aber sage, er solle nun wieder kommen zu Mir, denn Ich habe seiner vonnöten; und sage ihm ferner, er solle ein Schwert nehmen und mit selbem einhergehen wie ein zum beständigen Kampf gerüsteter oberster Fürst aller Engel des Himmels!
HG|2|240|14|0|Solches unterlasse ja nicht, denn des Sehels Zeit ist gemessen gleich der Meinen!“
HG|2|240|15|0|Hier wandte Sich der Herr zum Lamech wieder, und sagte zu ihm: „Lamech, siehe, nun ist alles geordnet; bleibe in dieser dir nun klarst bekannt gegebenen Ordnung, so wirst du stets in der lebendigen Gemeinschaft der Himmel verbleiben, und es wird dir und allem deinem Volk wohlergehen auf Erden!
HG|2|240|16|0|Wer aber Mich über alles lieben wird und wird sich aus großer Liebe zu Mir in all dem Weltlichen verleugnen, der soll das ewige Leben haben, und wird nicht sehen, nicht fühlen und nicht schmecken den Tod.
HG|2|240|17|0|In diesem Heiligtum aber sollst du allzeit erfahren Meinen Willen, so du zuvor Mir dein Herz betend opfern wirst.
HG|2|240|18|0|Wenn aber je der Henoch zu dir kommen wird, oder du zu ihm, so sollst du ihn allzeit hören für dich und all dein Volk!
HG|2|240|19|0|Also richtet ihr euch alle nach dem Henoch; denn aus seinem Munde will Ich zu euch reden!
HG|2|240|20|0|Nun aber nehmt alle hin Meinen Vatersegen! Meine Liebe mit euch allen! Amen.“
HG|2|240|21|0|Hier verschwand der Herr, und alles schluchzte und weinte.
HG|2|241|1|1|Wie das Gericht des durch die sichtbare Gegenwart des Herrn genötigten Glaubens und der genötigten Liebe überwunden werden kann
HG|2|241|1|1|Am 28. Januar 1843
HG|2|241|1|0|Als sich alle von ihrer großen Wehmut etwas erholt hatten, da erhob sich alsbald der Henoch, trat zum Lamech hin und sagte folgende Worte:
HG|2|241|2|0|„Höre du, Bruder Lamech, und hört es ihr alle! Ihr alle habt den Herrn, den heiligen, liebevollsten Vater, nun mit euren Augen wirkend gesehen und habt alle gehört Seine göttliche, allmächtige, heilige Vaterstimme, und ein jeder hat es sich selbst bekennen müssen und sagen im eigenen Herzen: ‚Wahrlich, also mag kein Mensch sprechen!‘
HG|2|241|3|0|Und also habt ihr auch gesehen Taten von Ihm, die kein Mensch aus sich tun kann, außer es tut sie nur der Herr, den ihr nun gesehen und gehört habt, durch ihn.
HG|2|241|4|0|Ihr glaubt nun freilich wohl ungezweifelt, dass es der Herr ist; aber seht, weder dieser euer Glaube, noch diese eure Liebe zu Ihm ist euch zu etwas nütze, weil ihr genötigt wart, an den Sichtbaren zu glauben und den Tastbaren zu lieben, indem ihr unmöglich umhinkönnt, solches zu unterlassen, da euch alle Seine allmächtige Gegenwart getrieben hat und hat euch alle unwiderstehlich gezogen zu Ihm hin.
HG|2|241|5|0|Da euch aber solches zu nichts nütze ist, so fragt es sich, was sollt ihr denn nun tun, damit euch der Glaube an Ihn und die Liebe zu Ihm nütze sein möchten!
HG|2|241|6|0|Seht, liebe Brüder, das ist nun eine gar wichtige Frage, und diese Frage muss ich euch allen beantworten!
HG|2|241|7|0|Ihr fragt nun zwar in eurem Herzen und sagt: ‚Ja, warum soll denn uns solches alles zu nichts nütze sein? Hat es uns nicht schon unendlich genützt und wird uns ewig nützen?‘
HG|2|241|8|0|Ihr habt recht, meine lieben Brüder, dass ihr also fragt. Ich sage euch aber, hier ist von solch einem Nutzen gar keine Rede. Denn alles, was der Herr tut, ist zu unserem Nutzen, wenn wir dasselbe recht verwenden; verwenden wir es aber verkehrt, sodann kann es uns aber auch zum allergrößten Schaden sein.
HG|2|241|9|0|Dass uns der Herr erschaffen hatte und hatte uns gegeben ein freies, selbständiges Dasein und dazu noch, für uns erschaffen, eine herrliche Erde, die uns trägt und uns mit allem Möglichen versorgt, wer wird da sagen, solches sei uns zu nichts nütze?!
HG|2|241|10|0|Aber wann ist uns alles solches zum Nutzen? Nur dann, wenn wir alles dieses nach dem göttlichen Liebewillen gebrauchen!
HG|2|241|11|0|Gebrauchen wir es aber nicht also, dann gereicht es uns alsbald zum Gericht, welches schon ist des Geistes erster Tod, und befördert uns dann aus diesem Tode, der da nämlich ist das Gericht, zum wirklichen und ewigen.
HG|2|241|12|0|Nun seht, gerade also, wie euch der Herr einst alle erschaffen hatte zu einem freien, selbständigen Wirken mittels der euch verliehenen lebendigen Kraft aus Ihm, hatte Er euch auch jetzt gläubig und liebend gestaltet neu aus Sich!
HG|2|241|13|0|Dieser Glaube und diese Liebe ist nun noch nicht im Geringsten euer Eigentum und gereicht euch somit auch nicht zum Leben, sondern es ist für alle nur ein Gericht, indem ihr nun genötigt seid, also zu glauben und zu lieben.
HG|2|241|14|0|Was sollt ihr aber denn nun tun, um euch aus dieser Klemme des Gerichtes zu ziehen?
HG|2|241|15|0|Seht, dazu haben wir alle nur ein einziges Mittel, und dieses heißt die wahre, große Demut des Herzens! Worin besteht aber diese?
HG|2|241|16|0|Diese besteht darinnen, dass ihr euch dieser Gnade für höchst unwürdig haltet, die euch allen nun zuteilgeworden ist, und euch haltet für die Geringsten im Volk, und lehrt das Volk alleremsigst Gott als den Herrn und alleinig wahren Vater erkennen; und ferner, dass ihr, so ihr den ganzen Tag im Namen des Herrn gearbeitet habt, dann am Ende des Tages sagt in eurem Herzen, voll der lebendigsten Liebe zu Ihm:
HG|2|241|17|0|‚O Herr und Vater, siehe gnädig auf uns faule und träge Knechte herab, und sehe unsere Arbeit also an, als wäre sie etwas vor Dir! Denn wir sehen es ein und bekennen es lebendig vor Dir, dass all das Gute, das da ist an unserer Arbeit, eine Tat ist von Dir; wir aber waren Dir nur hinderlich an Deiner Arbeit durch unsere ungeschickten Hände. Nehme daher unseren Willen anstatt des Werkes an, und allzeit geschehe nur Dein heiliger Wille!‘
HG|2|241|18|0|Seht, bei solcher Verfassung eures Gemütes erst wird euch dieser Glaube und diese Liebe zum Nutzen werden!
HG|2|241|19|0|Solches also gelobt nun dem Herrn in eurem Herzen, so werdet ihr wahrhaft lebendigen Geistes werden, und eure Kinder und Kindeskinder werden euren Segen mit euch teilen ewig im Herrn! Amen.“
HG|2|242|1|1|Henoch erklärt Lamech seine Aufgaben im Tempel. Die Prüfung der Besucher des Tempelvorhofes
HG|2|242|1|1|Am 30. Januar 1843
HG|2|242|1|0|Nach dieser mehr allgemeinen Rede wandte sich der Henoch an den Lamech allein und sagte zu ihm:
HG|2|242|2|0|„Und nun, mein geliebter Bruder Lamech, höre mich an allein für dich; denn also lautet der Wille des Herrn ausschließend an dich:
HG|2|242|3|0|Du sollst nun den Tempel schließen auf einundneunzig Tage lang; am einundneunzigsten Tag aber, von dem morgigen Tag an mit eins gezählt, sollst du am Morgen den Tempel wieder öffnen und sollst aber erst am Abend in den Tempel gehen und dich dann bei einer Schattenwende lang aufhalten im selben.
HG|2|242|4|0|Wenn du aber im Tempel stehst vor Gott, dann sollst du deinen Mund nicht gebrauchen und ebenso wenig deine Hände, sondern in aller Ruhe sollst du harren des Geistes Gottes und sollst Ihn erwarten in aller Demut und Liebe deines Herzens.
HG|2|242|5|0|Du sollst aber nicht sagen weder mit dem Herzen, und also noch viel weniger mit dem Mund: ‚Großer, allmächtiger Gott, Du heiliger Geist aller ewigen Kraft und Macht, komme zu mir, und tue mir kund aus Deinem heiligen Mund Deinen allerheiligsten Willen!‘
HG|2|242|6|0|Sondern du sollst in dir, nur lebendig empfindend, also reden vor Gott: ‚O Gott, Du alleiniger Herr Himmels und der Erde, hier stehe ich, ein allerunwürdigster Sünder vor Dir, und bin nicht würdig, dass Du mich ansähest in diesem Deinem gestellten Heiligtum!
HG|2|242|7|0|Aber Du Selbst hast mich berufen, zu treten hierher in dieses heilige Haus; also geschehe denn allzeit wie ewig Dein heiliger Wille mit mir!
HG|2|242|8|0|O Gott! Da Du aber Selbst uns gelehrt hast, Dich als Vater zu lieben und als den allein wahren Vater anzuerkennen und sonach auch zu rufen, so rufe ich denn auch zu Dir:
HG|2|242|9|0|O Du heiliger, liebevollster Vater, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig und vergebe mir, dass ich es wage, Dich mit meinem unlauteren Herzen zu lieben und als ein grober und großer Sünder Dich als Vater zu rufen!‘
HG|2|242|10|0|Siehe nun, mein geliebter Bruder Lamech, das soll allzeit dein Geschäft in dem Tempel sein!
HG|2|242|11|0|Hast du solches aber lebendigst in dir verrichtet, dann begebe dich in eine völlige Ruhe, und erwarte des Herrn Wort und Willen.
HG|2|242|12|0|Wird es kommen, dann achte allersorgfältigst darauf, zeichne es dann auf Tafeln, und verkündige es dann dem Volk.
HG|2|242|13|0|Wird es aber nicht kommen, sodann gebe Gott in deinem Herzen die Ehre, trete dann ehrfurchtsvollst aus dem Tempel, und schließe denselben wieder auf einundneunzig Tage lang.
HG|2|242|14|0|Was aber da den Vorhof betrifft, so soll dieser an dem Sabbat allzeit dem Volk morgens geöffnet werden und soll dann offen gelassen werden bis zum Morgen des anderen Tages, damit ferne wohnende Menschen auch noch daran könnten teilnehmen, so sie am Sabbat nicht hätten erreichen können die heilige Stätte.
HG|2|242|15|0|Es sollen aber am Tor des Vorhofes allzeit zwei Hüter gegenwärtig sein und sollen alle die in den Vorhof Tretenden wohl prüfen und warnen.
HG|2|242|16|0|Denn wer da unwürdigermaßen sich dem Tempel nahen möchte, so hast du es vom Herrn Selbst vernommen, was solch einen erwartet!
HG|2|242|17|0|Darum also soll ein jedweder eintreten Wollende ehedem geprüft werden in seinem Gemüt von den Torhütern; und haben sie ihn nicht für würdig befunden, so sollen sie ihn dann auf das Dringendste warnen, auf dass er nicht eintrete ehedem in den Vorhof, als bis er sich gereinigt und also gewürdigt hätte, dass er fähig würde, einzutreten in den Vorhof.
HG|2|242|18|0|Die Prüfung aber soll allzeit gerichtet sein auf das Herz des eintreten Wollenden; und die Hüter müssen aber selbst nach dir die ersten Männer vom reinsten Herzen sein und ihr Amt in aller Demut und Liebe zum Herrn verwalten.
HG|2|242|19|0|Solches aber musstest du noch erfahren; und da du jetzt in allem unterrichtet bist, und zwar hier im Heiligtum, so lasse uns denn aus demselben treten, den Tempel dann schließen, und uns noch über so manches beraten im Vorhof, und endlich zurückkehren in dein Haus!
HG|2|242|20|0|Und also geschehe solches alles im Namen des Herrn! Amen.“
HG|2|243|1|1|Henochs Rede über die Notwendigkeit des Von-Gott-gelehrt-Seins des Oberpriesters im Heiligtum des Herrn
HG|2|243|1|1|Am 31. Januar 1843
HG|2|243|1|0|Auf diese Worte Henochs gaben alle Gott in ihrem Herzen die Ehre, begaben sich dann alsbald aus dem Tempel, und der Lamech schloss nun denselben.
HG|2|243|2|0|Nun erst fing der Lamech an, den Bau des Tempels so recht zu betrachten; und als er von allen Seiten seine große Herrlichkeit ersah, da ward er wieder voll hoher Freuden und lobte darum Gott, dass Er dem Menschen solche Einsicht verliehen hatte, der zufolge er also Ehrfurcht erregend Erhabenes und Prachtvollstes zuwege hatte zu bringen vermocht.
HG|2|243|3|0|Der Henoch aber nahm den Lamech bei der Hand und sagte zu Ihm: „Geliebter Bruder Lamech, dich spricht dieses Tempels Pracht außerordentlich an, wie ich es gar wohl merke; verstehst du aber auch diesen Tempel und seinen Bau?
HG|2|243|4|0|Du sagst es mir in deinem Herzen: ‚Nein, Bruder, woher sollte ich das verstehen?‘
HG|2|243|5|0|Gut, sage ich dir, du bist nun ehrlich und bist voll redlichen Herzens; darum auch musst du mir solches eingestehen.
HG|2|243|6|0|Siehe aber ein wenig tiefer, und du wirst in der gerechten Tiefe deines Herzens finden, allda es wird geschrieben stehen mit einer glühenden Schrift:
HG|2|243|7|0|‚Du, ein Oberpriester im Heiligtum des Herrn, musst das Werk im Geiste der Wahrheit erkennen, darüber dich der Herr gesetzt hat, sonst bist du ein blinder Frevler im selben!
HG|2|243|8|0|Wehe dir, so du deinen Bruder willst etwas lehren, das du nicht verstehst; denn der Herr spricht da und sagt:
HG|2|243|9|0|‚Da will Ich den Meister und den Jünger züchtigen und will ehedem weder den einen noch den anderen ansehen!‘ – Lamech, verstehst du solches?
HG|2|243|10|0|Siehe, wer da über Gott und Seine Werke reden will und will seinen Bruder darinnen unterrichten, der muss zuvor selbst von Gott es gelernt haben.
HG|2|243|11|0|Warum denn? Weil Gott und Seine Werke niemand kennt als nur Gott allein!
HG|2|243|12|0|Alles dieses ist dir jetzt noch fremd, und du weißt es nicht, wie Gott den Menschen lehrt und zieht.
HG|2|243|13|0|Ich sage dir aber: Heute noch, bevor die völlige Nacht kommen wird, sollst du die ersten Elemente kennenlernen, und dann so fort, bis du als ein völliger Gottesgelehrter dastehen wirst!“
HG|2|243|14|0|Hier fing der Lamech wieder gar gewaltig zu stutzen an und fragte den Henoch ganz eifriger Rede: „Bruder Henoch! Was redest du denn für Dinge zu mir, die mein Herz nicht zu fassen vermag?!
HG|2|243|15|0|Ich bitte dich darum und sage dir, erkläre dich verständig, sonst taugt deine Rede nicht für mich!
HG|2|243|16|0|Du sagtest ehedem: ‚Wehe dem Lehrer, der da seinen Bruder etwas lehren will, das er selbst nicht versteht!‘
HG|2|243|17|0|Was soll denn aber nun ich sagen, so du Dinge vor mir redest, die mir fremder sind denn das Ende der Welt, wenn es irgendwo ist?!“
HG|2|243|18|0|Hier nahm wieder der Henoch das Wort und sagte zum Lamech: „Bruder Lamech, ereifere dich nicht vergeblich; denn so der Schüler schon eher wüsste, was er von seinem Lehrer erst erfahren sollte, sage mir, wäre da ein Lehrer nicht das allerentbehrlichste Wesen auf der Welt?
HG|2|243|19|0|Das aber ist ja der große Unterschied zwischen dem Lehrer und dem Schüler, dass da kein Schüler gleich anfangs so vollkommen ist wie sein Lehrer.
HG|2|243|20|0|Wenn er aber wird wie sein Lehrer, so ist er vollkommen, und es ist dann keines Unterschiedes mehr zwischen dem Lehrer und dem Schüler!
HG|2|243|21|0|Siehe, mich hatte der Herr dir zu einem Vorlehrer herabgesandt von der Höhe; also hast du mich auch zu hören!
HG|2|243|22|0|Wie töricht aber müsste da ein Lehrer zu Werke gehen, so er seinem Schüler zuvor möchte über einen Stoff die Erklärung geben und eine völlige Zerlegung des Stoffes, bevor er demselben noch gezeigt hatte den zu behandelnden Stoff selbst?
HG|2|243|23|0|Siehe, ich habe aber dir nun zuvor den rohen Stoff nach der göttlichen Ordnung gegeben; also bin ich ja ein rechter Lehrer nach der Ordnung Gottes!
HG|2|243|24|0|Daher also ereifere dich nicht vor der Zeit; habe ich dir den Stoff gegeben, so werde ich dir auch die Erklärung geben.
HG|2|243|25|0|Aber es braucht alles seine Zeit und seine Geduld.
HG|2|243|26|0|In deinem Haus sollst du erst mehreres erfahren; und so lasse uns denn nun dahin ziehen! Amen.“
HG|2|244|1|1|Die Rückkehr der Gesellschaft ins Haus Lamechs. Lamech wird vom Volk zu Unrecht verdächtigt
HG|2|244|1|1|Am 1. Februar 1843
HG|2|244|1|0|Nach dieser Rede Henochs begaben sich alsbald alle die Anwesenden – als: der Lamech, der Thubalkain, der Mura, der Cural, die sieben Boten und also auch der Henoch – aus dem weiten Vorhof in die Stadt und allda in das Haus Lamechs.
HG|2|244|2|0|Als diese Gesellschaft aber aus dem Garten Gottes (also wurde später der Vorhof des Tempels genannt) trat und wollte sich zur Stadt begeben, siehe, da wurde sie vom Volk aufgehalten!
HG|2|244|3|0|Denn dieses vermisste den früher gesehenen jungen, herrlichen Mann, und da es ihn nicht sah weder früher aus dem Tempel treten, noch jetzt unter der Gesellschaft, so war es der Meinung, Lamech und seine Gesellschaft hätten ihn etwa gar im Tempel eingesperrt, allwo er dann verhungern und zugrunde gehen müsste.
HG|2|244|4|0|Da aber der Lamech sah, dass das Volk stets ungestümer ward und in den Lamech drang und schrie: „Lamech, du alter Wüterich, du alter Tyrann, gebe uns den herrlichen Mann wieder, sonst reißen wir dich in Stücke!“, da ward es ihm überaus angst und bange, dass er darob zum Henoch schrie:
HG|2|244|5|0|„Henoch, du mächtiger Freund des Herrn! Siehst du denn nicht die große Kalamität, in der wir uns befinden?!
HG|2|244|6|0|Muss ich denn zugrunde gehen? Ich bitte dich, rate, wie wir uns hier aus den Händen des wütenden Volkes zu retten werden imstande sein!“
HG|2|244|7|0|Und der Henoch wandte sich darauf zum Lamech und sagte zu ihm: „O du Kleingläubiger! Hast denn du nicht die Schlüssel in der Hand?
HG|2|244|8|0|Sage dem törichten Volk, es solle hingehen mit dir und sich den jungen herrlichen Mann aus dem Tempel holen! Wenn es sich überzeugen wird, dass in selbem kein Mann mehr vorhanden ist, so wird es sich wohl zur Ruhe begeben, und wir werden dann ganz ungehindert nach Hause ziehen können; also tue solches! Amen.“
HG|2|244|9|0|Hier bekam der Lamech wieder Mut und sagte zu den Hauptschreiern: „Hört, der junge herrliche Mann lässt Sich von uns durchaus nicht einsperren; denn Er ist ein allmächtiger, alleiniger Herr!
HG|2|244|10|0|Sein heiliger Name nur ist lebendig in diesem Tempel geblieben; Er aber ward zu unserem größten Leidwesen unsichtbar, als Er uns Seinen heiligen Willen zu erkennen gab und dann allerwunderbarst lebendig gesegnet hatte den Altar und den ganzen Tempel!
HG|2|244|11|0|Solches ist wahrlich wahr geschehen, und die mächtigen lebendigen Cherube auf lichten Wolken zu beiden Seiten des Altars, auf dem der allerheiligste Name des herrlichen Mannes ruht, bezeugen solches, und die lichte Wolke über dem Altar zeigt auch solches an.
HG|2|244|12|0|Wollt ihr meinen Worten nicht trauen, so sind hier die Schlüssel! Nehmt sie, und geht hin, durchsucht den Tempel, und bringt dann hierher den herrlichen Mann, und dieser solle Sich dann vor euren Augen Selbst rächen an mir! Werdet ihr Ihn aber nicht finden, so werdet ihr etwa doch wohl glauben, dass es also ist, wie ich es euch nun gesagt habe, und werdet mir nichts mehr anhaben können?!
HG|2|244|13|0|Seht aber zu, dass euer Herz rein ist, sonst würde es euch bei der Annäherung zum Tempel gar übel ergehen!“
HG|2|244|14|0|Als die Schreier nun solches von Lamech vernommen hatten, da fingen sie an, ganz gewaltig zu stutzen, und es hatte keiner den Mut, den Schlüssel anzugreifen, und auch keiner aus ihnen wusste dem Lamech etwas zu erwidern auf seine Anrede.
HG|2|244|15|0|Der Lamech aber fragte sie nun ganz ernstlich, sagend nämlich: „Nun, was zaudert ihr denn noch? Ist das des Beweises noch nicht genug, so ich euch das eigene Untersuchungsrecht einräume?!“
HG|2|244|16|0|Hier wichen die Schreier zurück und sprachen: „Nun glauben wir, dass es also ist, wie du uns gesagt hast! Vergebe uns aber unsere grobe Zudringlichkeit; denn jener junge Mann hat also ja unsere Herzen für sich gestimmt!“
HG|2|244|17|0|Und der Lamech erwiderte dem Redner: „Ich sage euch aber noch hinzu: Bleibt ihr allezeit in dieser lebendigen Stimmung für den jungen Mann, so werdet ihr den gerechten Weg ziehen; denn dieser Mann ist Gott von Ewigkeit, Er ist der Gott Faraks!“
HG|2|244|18|0|Hier schauderte alles Volk zurück, und unsere Gesellschaft zog, wie schon anfangs gezeigt wurde, ungehindert in die Stadt und also auch ins Haus Lamechs.
HG|2|245|1|1|Der Mensch lebt nicht nur vom irdischen Brot, sondern vielmehr vom Wort Gottes. Henochs Mahnung zur Mäßigkeit bei der naturmäßigen Kost
HG|2|245|1|1|Am 3. Februar 1843
HG|2|245|1|0|Als alle die Vorbenannten nun vollends im Hause Lamechs anlangten, da fragte alsbald der Lamech den Henoch, ob es nicht an der Zeit wäre, ein Mahl zu sich zu nehmen.
HG|2|245|2|0|Und der Henoch erwiderte dem Lamech: „Bruder, du wünschst es in deiner Natur nach deiner alten Gewohnheit; also lasse es auch geschehen nach deinem Wunsch! Doch sei dabei unsertwegen nicht besorgt; denn wir empfinden noch das Bedürfnis eines Mahles nicht, indem wir noch übersättigt sind von der großen Liebe und Gnade des Herrn, die uns an diesem Tag so überschwänglich reichlich zuteilgeworden ist!
HG|2|245|3|0|Denn siehe, nicht allein vom irdischen Brot lebt der Mensch, sondern vielmehr vom Wort Gottes!
HG|2|245|4|0|So du aber isst das natürliche Brot und wirst dadurch gesättigt und genährt, da frage dich und sage: ‚Warum und wie hat mich denn das naturmäßige Brot oder überhaupt die naturmäßige Speise gesättigt und genährt?‘
HG|2|245|5|0|Und du wirst in dir allezeit die vollgültige Antwort bekommen: ‚Weil auch all die naturmäßige Leibeskost dem ewigen, allmächtigen Wort Gottes entstammt!‘
HG|2|245|6|0|Nun siehe, wenn dich schon das gefestete und hart gebannte Wort Gottes sättigt und nährt, um wie viel mehr wird solches das freie, ungebannte, lebendigste Wort, frisch aus dem Munde Gottes gehend, zu bewirken imstande sein!
HG|2|245|7|0|Wir selbst entstammen ja dem Wort Gottes, also kann es ja auch für uns ewig nichts Ernährenderes und Sättigenderes geben als eben nur das lebendige Wort Gottes!
HG|2|245|8|0|Also lebt der Mensch nicht allein vom Brot und aller anderen weltlichen Kost, sondern er lebt vielmehr von jeglichem Wort, das aus dem Munde Gottes entstammt!
HG|2|245|9|0|Es soll aber damit gar nicht gesagt werden, als solle der Mensch die natürliche Kost nicht genießen, da sie doch Gott darum erschaffen und sogar sichtbar dieselbe vor uns allen und mit uns gegessen hatte, aber nur zum Hauptbedürfnis soll sie uns nicht werden!
HG|2|245|10|0|Siehe, Lamech, auch solches gehört in die Ordnung der göttlichen Dinge!
HG|2|245|11|0|Ich sage dir aber, sei allezeit mäßig im Genuss der naturmäßigen Kost; denn in ihr liegt eine große Versuchung.
HG|2|245|12|0|Du kannst es mir vollends glauben, wenn wir das natürliche Brot essen und die Früchte des Erdbodens, so müssen wir dabei sehr behutsam sein, dass wir durch ihre grobe sinnliche Last nicht den unsterblichen Geist erdrücken!
HG|2|245|13|0|Denn solches magst du schon an den gefräßigen Kindern gar klar erschauen, wie sie eben durch ihre starke Gefräßigkeit sich verdummen und also dann zu nichts Geistigtüchtigem fähig sind; dagegen die stets mehr nüchternen Kinder gar bald feine Denker werden.
HG|2|245|14|0|Wie aber solches bei den Kindern ersichtlich der Fall ist, also ist es auch umso mehr der Fall bei dem erwachsenen Menschen, indem dieser ausgebildeter Leidenschaften fähig ist, die dem Kind noch fremd sind.
HG|2|245|15|0|Ich sage dir, lieber Bruder Lamech, in der naturmäßigen Kost nimmst du Naturmäßiges auf, und dieses wird in dir nicht vergeistigt, sondern es vernaturmäßigt nur deinen Geist; aber im Wort nimmst du Geistiges auf, und dieses sättigt, nährt und stärkt den Geist zum ewigen Leben.
HG|2|245|16|0|In der naturmäßigen Kost wird der Leib genährt und der Geist gedrückt und zum Fasten genötigt; aber durch die geistige Kost gewinnen beide: der Geist wird kräftig und mächtig und seine Sinne endlos scharf, und der Leib wird dann durch den Geist geschmeidig, genügsam, dauerhaft und wird kräftig erhalten wie ein gut gewebtes Kleid aus feinen, aber in sich desto zäheren und stärkeren Fäden.
HG|2|245|17|0|In der naturgemäßen Kost ruhen verdorbene Geister, und hat der Mensch deren zu viel in sich aufgenommen, so werden sie dann des eigenen Geistes Meister und untergraben seine Wesenheit gleich also, wie die argen Nagekäfer und Nagewürmer einen Baum untergraben, seine Wesenheit zerstören und ihn endlich wohl ganz zugrunde richten.
HG|2|245|18|0|Die geistige Kost aber ist dem Geist ein belebender Segen vom Himmel, unter welchem er gar bald zu einer kräftigen und wohlduftenden Blume des ewigen Lebens erblühen wird.
HG|2|245|19|0|Solches also, Bruder Lamech, solltest du auch allezeit beachten und dein Volk danach ziehen!
HG|2|245|20|0|Da du nun aber solches erfreulich und wohlwillig vernommen hast, also magst du denn auch für uns alle ein gerechtes Mahl richten lassen, aber mit Maß und Ziel! Amen.“
HG|2|246|1|1|Der Speisemeister Brudal wundert sich über die Wandlung Lamechs. Lamech ordnet ein Festmahl für die Armen und Gefangenen an
HG|2|246|1|1|Am 4. Februar 1843
HG|2|246|1|0|Nach dieser Rede, welche den Lamech ganz lebendig erbaute und von der großen Wahrheit der Sache überzeugte, begab er sich alsbald zu seinem Speisemeister in ein Nebenkabinett und bestellte ein mäßiges, einfaches Mahl.
HG|2|246|2|0|Der Speisemeister, ganz erstaunt über diese Bestellung, fragte den Lamech, ob dies wohl sein Ernst wäre.
HG|2|246|3|0|Der Lamech aber erwiderte ihm: „Warum fragst du mich darum? Ich werde doch wissen, was ich zu tun habe!
HG|2|246|4|0|Ich sage dir aber, frage nun nicht weiter, sondern tue, wie ich es dir anbefohlen habe, so wirst du ein rechter Diener dessen sein, der dir nun von Gott zu einem rechten Führer gesetzt worden ist!“
HG|2|246|5|0|Diese Worte machten den Speisemeister stutzen, und er sagte bei sich so mit etwas halblaut gehaltener Stimme: „Ist denn Lamech kein König mehr? Was ist denn das, da er spricht: ‚Der dir von Gott zu einem rechten Führer gesetzt worden ist‘? Das verstehe, wer es kann und mag; ich aber verstehe es nicht!“
HG|2|246|6|0|Der Lamech aber merkte gar wohl, was sein Speisemeister in seinen Bart gemurmelt hatte, wandte sich darob zu ihm und sprach: „Höre, Brudal! Was du nicht verstehst, das kann dir ja alsogleich erläutert werden! Siehe, zwischen Lamech, dem König, und Lamech, dem Führer, ist solch ein Unterschied:
HG|2|246|7|0|Der Lamech als König hätte dich für diese Widerrede alsogleich binden und ermorden lassen; Lamech, der von Gott gestellte Führer, aber tritt zu dir hin, und spricht zu dir: Mein lieber Brudal, gehe und tue, wie ich es dir anbefohlen habe; denn also will es ja der Herr, der große, ewige, allmächtige Gott Faraks!
HG|2|246|8|0|Hast du aber schon einen Überfluss an Speisen und Getränken zusammengebracht, so lasse die Armen und Gefangenen im Thronsaal zusammenkommen und bewirte sie, als wären sie alle meine Brüder und Kinder!
HG|2|246|9|0|Schicke Eilboten durch die ganze Stadt, und sage ihnen: wen sie nur immer finden, den sollen sie bringen in mein Haus! Und alle Gefängnisse sollen geöffnet werden, und nicht ein Gefangener soll zurückgelassen werden, auch meine schwersten und größten Lebensfeinde nicht, deren Kost bisher in gesottenen großen Sumpfinsekten (Krebsen) bestand; die sollen nun mit meiner Königskost gesättigt werden!
HG|2|246|10|0|Denn von nun an will ich meinem Volk kein richtender König und Herr über Leben und Tod mehr sein, sondern ein weise leitender Bruder nur will ich allen sein in der Ordnung Gottes.
HG|2|246|11|0|Siehe, mein lieber Bruder Brudal, das ist nun der Unterschied zwischen dem König Lamech und dem Führer Lamech! Gehe aber eilends, vollführe das, was ich, nun ein Bruder zu dir, dir anbefohlen habe!“
HG|2|246|12|0|Vor übergroßen Freuden sprang der Brudal in die Höhe und sagte laut: „O großer, allmächtiger Gott! Nur dir war es möglich, das eherne Herz des Lamech in ein warmes Bruderherz umzugestalten!
HG|2|246|13|0|O Gott, o Gott, wie endlos glücklich hast Du mich auf einmal gemacht! Ich werde heute noch ein getreues Weib, meine zwei Brüder und meine sieben Kinder – drei Knaben und vier erwachsene Töchter – sehen, welche, zum Tode verurteilt, ins Gefängnis kamen, da sie nicht wollten den Lamech als Gott anbeten!“
HG|2|246|14|0|Hier lief er, besorgte alles, und im Verlaufe von einer Stunde waren alle Gefangenen schon im Thronsaal und auch eine Menge anderer Armen.
HG|2|246|15|0|Der Brudal aber setzte alle Hofdienerschaft in die tätigste Bewegung und bewirtete alle die Armen und Gefangenen; diese aber lobten den großen Gott Faraks, darum Er sie also wunderbar erlöst hatte, und aßen und tranken.
HG|2|246|16|0|Die Familie Brudals aber wollte nicht eher essen, bis sie sähe, dass der Lamech wirklich also umgestaltet wäre; denn sie meinte, solches könnte wohl auch eine Laune des Königs sein.
HG|2|246|17|0|Aber der Lamech kam nach einer Zeit wieder zum Brudal und fragte ihn: „Brudal, warum hast denn du uns keine Speisen gereicht? Siehe, die hohen Gäste aus der Höhe Gottes sind ja bei uns! Was werden diese wohl von uns denken, wenn wir sie also vernachlässigen? Daher sorge doch ein wenig, dass wir bald etwas zu essen bekommen!“
HG|2|246|18|0|Und der Brudal zeigte dem Lamech seine zitternde Familie und sagte dann zu ihm: „O Bruder Lamech, erhebe doch auch diese Armen, auf dass sie glauben, welche Gnade dir von Gott gegeben ward!“
HG|2|246|19|0|Als der Lamech diese Armen sah, da ward er alsbald zu Tränen gerührt, beugte sich zu ihnen nieder, erhob sie und sagte: „Kommt zu mir! Ich habe euch geplagt, ich habe mich grob versündigt an euch; aber ich will euch nun alle die Unbilden also vergüten, dass euch allen die Worte fehlen sollen, dieselben auszusprechen!
HG|2|246|20|0|Folgt mir nun in meinen Speisesaal, auf dass ihr an meiner Seite sitzen sollt und essen jetzt und allezeit an meinem Tisch!“
HG|2|246|21|0|Hier fingen die Armen vor Freude beinahe zu schreien an, lobten und priesen Gott und folgten dem Lamech in den Speisesaal.
HG|2|247|1|1|Lamech erklärt den Grund für die Verzögerung des Festmahls. Henoch beschreibt die Entsprechungen des Tempels
HG|2|247|1|1|Am 6. Februar 1843
HG|2|247|1|0|Als der Lamech mit seiner neu aufgenommenen Gesellschaft wieder in den Speisesaal kam, da ging ihm der Henoch alsogleich entgegen und sprach zu ihm:
HG|2|247|2|0|„Lamech, mein geliebter Bruder, was ist heute mit dir? Sonst war alles in der größten Ordnung, du durftest nur winken, und die Speisen standen am Tisch; nun aber läufst du schon das zweite Mal, und von deiner ersten Anschaffung für Speise und Trank ist bereits eine Zeit von nahe zwei Schattenwenden verflossen, und noch sind die Tische völlig leer!
HG|2|247|3|0|Ist vielleicht dein Vorrat verzehrt worden, und deine Kammern stehen leer, oder ist sonst etwas vorgefallen? Kurz und gut, sage es mir doch, was solches nun zu bedeuten hat!“
HG|2|247|4|0|Der Henoch und alle die anderen von der Höhe aber wussten es wohl, was da der Grund war, und der Henoch setzte [dem Lamech] nur darum solche Frage, damit dieser dadurch Gelegenheit bekäme, tiefer und demütiger in sich zu gehen.
HG|2|247|5|0|Und so denn stutzte der Lamech auch ganz gewaltig bei sich und wusste im Augenblick nicht, was er dem Henoch hätte erwidern sollen. Nach einer kleinen Weile aber ermannte er sich endlich doch und richtete folgende Worte an den Henoch:
HG|2|247|6|0|„Hoher, mächtiger Freund des Herrn! Siehe, als ich meinem Speisemeister mein Verlangen nach deinem Rat kundgab, da verwunderte sich dieser über meine Worte, ich aber zeigte ihm den Unterschied zwischen dem König und Führer Lamech.
HG|2|247|7|0|Damit er aber solchen noch klarer sehe und begreife, behieß ich ihn und habe es ihm anbefohlen, dass er alsbald möchte alle meine Dienerschaft zusammenberufen und dann durch sie alle Armen in der Stadt aufsuchen lassen und alle die noch Gefangenen freilassen, auf dass sie alle hierher, und zwar in den Thronsaal, kommen sollen, um daselbst mit Speise und Trank, als lauter Brüder und Schwestern zu mir, wie auch hoffentlich zu uns allen, auf das Beste bedient zu werden.
HG|2|247|8|0|Hier an meiner Seite ersiehst du schon acht solcher Brüder und Schwestern, an denen sich der König Lamech tiefst versündigt hatte; der Führer Lamech aber will nun dafür im Namen des Herrn sorgen für ihr zeitliches und ewiges Wohl und ist auch eisenfest entschlossen, solches allen möglichst vollkommenst angedeihen zu lassen, die je der König auf was immer für eine Art gedrückt hatte, namentlich aber alle jene vorzugsweise zu beachten, die der König in den Gefängnissen hatte schmachten lassen.
HG|2|247|9|0|Der nun schon mit derlei Brüdern und Schwestern gefüllte Saal kann dich, hoher Freund des Herrn, von allem dem von mir dir jetzt Kundgegebenen überzeugen.
HG|2|247|10|0|Darum also sind auch die für uns bestimmten Speisen so lange ausgeblieben; doch jetzt sollen sie alsobald auch unsere Tische zieren!“
HG|2|247|11|0|Hier umarmte Henoch den Lamech und sagte zu ihm: „O du mein überaus nun geliebter, wahrhaftiger Bruder im Herrn! Siehe, jetzt hat der Herr alle Sünde von dir hinweggenommen! Du stehst nun reiner da als die Sonne am reinsten Mittagshimmel!
HG|2|247|12|0|Siehe, das ist die Bedeutung des Tempels und aller seiner Einrichtung:
HG|2|247|13|0|Du bist der Tempel, dein Wesen ist nun die männliche Festigkeit des Tempels; die Fenster sind die Erkenntnisse in dir, welche dem Flammenlicht deiner Liebe entstammen; das goldene Dach ist dein erleuchtetes Haupt; der Altar im selben ist dein Herz; die Cherube zu den beiden Seiten des Altars bezeichnen deine Nächstenliebe, und der lebendige Name auf dem Altar und die lichte Wolke über demselben ist deine lebendige Liebe zum Herrn, aus welcher heraus du nun alles dieses tust; und die Wolke, welche bis zur Decke reicht, bezeichnet aber noch darauf, dass du mit dem Herrn einen vollkommenen Liebesbund gemacht hast; der Vorhof aber ist dein Leibesleben, in welchem du nun übst die Nächstenliebe!
HG|2|247|14|0|O Bruder, siehe, also hat dir der Herr eine große Herrlichkeit bereitet und hat dich gemacht zu Seinem Kind! Also sei Heil dir und deinem Volk!
HG|2|247|15|0|Damit du aber sehest, wie solches dem Vater wohlgefällt, so gehen wir in den Thronsaal; alldort wirst du erfahren, mit welchem Wohlgefallen Er solche Handlungen ansieht!
HG|2|247|16|0|Dort wollen wir denn auch das Abendmahl halten! Amen.“
HG|2|248|1|1|Die wunderbaren Früchte des Festmahls als ein Symbol der Wandlung von Schlechtem zu Gutem
HG|2|248|1|1|Am 7. Februar 1843
HG|2|248|1|0|Nach dieser Rede Henochs begab sich sogleich alles in den Thronsaal, und dem Brudal ward es gesagt, dass er nun die Speisen in den Thronsaal auch für die hohen Gäste schaffen solle und alldort für sie einen bequemeren Tisch bestellen.
HG|2|248|2|0|Solches geschah auch alsobald. Als aber diese Hauptgäste in den Thronsaal gelangten, da entstand auf einmal ein großer Jubelruf, und der Lamech erstaunte freudigst über die Menge der Gäste und noch mehr aber über die große und reichhaltigste Auswahl von den allerköstlichsten Früchten.
HG|2|248|3|0|Er berief darum auch alsobald den Brudal zu sich und fragte ihn, zu ihm sagend: „Aber höre mich du, mein lieber Bruder! Was ist denn das? Wo hast du diese von mir noch nie gesehenen Früchte hergenommen? Hast du denn auch etwa Wunder gewirkt? Wie ist solches vor sich gegangen?“
HG|2|248|4|0|Und der Brudal sagte darauf zum Lamech selbst ganz erstaunt über diese außerordentliche Erscheinung: „O hochgestellter Führer des Volkes! Darüber fragst du mich vergeblich; denn solches entdecke ich selbst nun erst!
HG|2|248|5|0|Ich meine aber, die hohen, mächtigen Gäste aus der Höhe werden dir selbst sicher den allertriftigsten Bescheid zu geben imstande sein; also magst du dich wohl an sie mit deiner würdigsten Frage wenden!“
HG|2|248|6|0|Als der Lamech solches vom Brudal vernommen hatte, da wandte er sich auch alsogleich an den Henoch und richtete folgende Frage an ihn, sagend nämlich: „Höre, mächtiger Freund des Herrn! Du siehst hier sicher dasselbe, was mich vor lauter Staunen beinahe vergehen macht; sage mir doch, worin da wohl der Grund liegen möchte! Denn es ist wohl wahr, dass da dem Herrn wohl alle Dinge möglich sind und euch auch Großes durch Ihn; aber aus meinen schlechten Früchten diese edlen zu machen, siehe, das ist mir unbegreiflich!
HG|2|248|7|0|Dem Herrn wird es wohl ein Leichtes sein, die wunderedelsten Früchte zu erschaffen auf dem Wege Seiner ewigen Ordnung; aber ist das nicht etwa wider Seine heilige Ordnung, aus Schlechtem Edelstes und Allerbestes zu machen? Kurz und gut, diese Sache ist mir zu rund und daher auch zu unbegreiflich; daher gebe mir Bescheid darüber!“
HG|2|248|8|0|Und der Henoch lächelte den Lamech an und sagte dann zu ihm: „O lieber Bruder, du eiferst in deiner Frage nach einer Schafwolllocke, aber das Wichtige bei dieser Sache scheint dir gar nicht aufzufallen.
HG|2|248|9|0|Du fragst mich nun in deinem Gemüt und sagst in dir: ‚Was ist denn dieses Wichtige, und wo ist es?‘
HG|2|248|10|0|Sagtest du doch soeben, als scheine es dir, der Herr vermöchte zufolge Seiner ewigen, heiligen Ordnung nicht aus Schlechtem Edles und Gutes zu gestalten.
HG|2|248|11|0|Hast du denn nicht gehört, dass der Herr bei der Erschaffung Selbst alle die geschaffenen Dinge gut hieß; wo sollen demnach die schlechten sein?
HG|2|248|12|0|Ich sage dir aber, nichts in der Welt ist schlecht als allein der Mensch, wenn er sich in seinem Herzen abwendet vom Herrn; ist aber der Mensch alsogestaltig arg und schlecht, dann ist für ihn auch die ganze Welt schlecht und arg.
HG|2|248|13|0|Bist du rein in deinem Herzen, so wird für dich alles rein sein, das heißt, du wirst da alles in der Wahrheit erschauen; ist dein Herz aber unlauter, so wird auch alles also sein vor dir, wie da ist dein Herz.
HG|2|248|14|0|Wie warst du ehedem als König? Du warst schlecht, arg, voll Hinterlist und Trug, also war auch dein armes Volk zumeist gegen dich, und du mochtest selbst in dem Redlichsten nichts als nur einen tückevollsten Schurken erschauen und ließest ihn darum ins Gefängnis werfen.
HG|2|248|15|0|Siehe, der Herr aber hat Sich deiner erbarmt, errettete dich vom Untergang, und siehe, du ersiehst nun keinen Schurken mehr, und die du in die Gefängnisse hast werfen lassen, sind nun freundliche Gäste in deinem Thronsaal, und sind lauter Brüder und Schwestern.
HG|2|248|16|0|Nun siehe ferner, wenn aber der Herr dich bessern und reinigen konnte, der du wahrhaft arg und schlecht warst, so wird es Ihm etwa wohl auch gar leicht möglich sein, die Früchte dieses Bodens zu veredeln?!
HG|2|248|17|0|Diese Früchte aber zeigen dir an die Tatfrüchte deines Herzens und somit auch lebendig das Wohlgefallen des Herrn an ihnen; und somit hast du hier vor Augen, was ich dir zuvor im anderen Saal vorhergesagt habe, nämlich das Wohlgefallen des Herrn.
HG|2|248|18|0|Siehe, das steckt hinter dieser Erscheinung; und so lasse uns denn nun auch an den für uns bereiteten Tisch gehen und uns stärken im Namen des Herrn. Amen.“
HG|2|249|1|1|Das Festmahl. Der Streit zwischen den verspäteten Armen und den Dienern. Ein halbnackter Armer gibt Sich als der Herr zu erkennen
HG|2|249|1|1|Am 8. Februar 1843
HG|2|249|1|0|Und so denn begab sich die ganze Gesellschaft, dem Henoch folgend, an den schon mit allerlei Früchten belegten Tisch.
HG|2|249|2|0|Alle dankten dem Herrn inbrünstig für solche Gnade im Herzen und baten Ihn auch, dass Er fürder und allezeit mit Seiner so sehr segnenden Gnade bei ihnen verbleiben möchte und möchte sie beschützen vor jeglichem Übel am Geiste, wie auch am Leibe.
HG|2|249|3|0|Nach solcher innersten, lebendigen Anrufung segnete der Henoch die Speise und den Trank im Namen des Herrn und sagte darauf: „Nun denn, liebe Brüder und liebe Schwestern, wollen wir wohlgemut stärken unseren Leib, und so denn essen und trinken wir im Namen des Herrn!“
HG|2|249|4|0|Und alsbald griff alles nach den Früchten, welche aber auf diesem Herrentisch nicht verändert wurden; der Lamech aber hatte einen starken Appetit nach den edlen Früchten.
HG|2|249|5|0|Aber der Henoch sagte zu ihm: „Bruder Lamech, der Herr hat eine Menge Tiere erschaffen, die da sind allein, dass sie fressen Tag und Nacht; aber uns Menschen hat Er nicht darum das Dasein gegeben, dass wir nur leben sollen, um zu essen, sondern dass wir uns im Geiste vervollkommnen sollen und sollen daher nur des dazu nötigen Leibeslebens wegen essen mit gutem Ziel und gerechtem Maß, aber nicht dies alleinige Scheinleben darum haben, um zu essen ebenfalls die besten und edelsten Früchte der Erde ohne Ziel und ohne Maß!
HG|2|249|6|0|Lasse es dich daher nicht gelüsten nach jenen edleren Früchten, die da die Tische deiner Gäste zieren, sondern bleibe dankbarst bei dem, was uns der Herr beschert hatte!“
HG|2|249|7|0|Diese Rede machte den Lamech alsogleich vollends zufrieden mit dem, was da war auf seinem Tisch, und er ließ sich’s recht gut schmecken.
HG|2|249|8|0|Als aber alles also recht fröhlich und munter aß und trank, da erhob sich vor der Türe des Thronsaales ein Wortstreit, der aber immer heftiger zu werden drohte.
HG|2|249|9|0|Der Lamech aber stand auf und ging nachzusehen, was da etwa vor sich gehe.
HG|2|249|10|0|Als er aber sogestaltet an die Türe kam, siehe, da ersah er alsobald mehrere Arme, welchen einige derbe Diener Lamechs den Eintritt darum verweigerten, indem sie zu spät gekommen wären und es sich jetzt nicht gezieme, in den Saal zu treten, da sich schon die hohe Herrschaft im selben befinde.
HG|2|249|11|0|Da der Lamech aber solchen Unfug von Seiten seiner Diener sah, da ergrimmte er beinahe und sagte zu den Dienern: „O ihr arge Schlangenbrut! Dankt Gott dem Herrn, dass Er jetzt meinen gerechten Zorn im Zaum hält! Wahrlich, für diese eure Tat wäre sonst wohl das tiefste aller meiner Gefängnisse auf die Zeit eures ganzen Lebens euer Teil geworden!
HG|2|249|12|0|Seid ihr meine Diener, so harret auf mein Geheiß, und tuet dann danach also, wie es euer Vorstand, der Brudal tat; aber ferne bleibe von euch alle Eigenmächtigkeit!
HG|2|249|13|0|Gott ist nun mein und euer alleiniger Herr; dieser aber hat euch sicher nicht beheissen, die Armen abzuhalten von mir! Also habt ihr blind eigenmächtig gehandelt!
HG|2|249|14|0|Ich sage euch aber nun zum letzten Mal, dies sei eure letzte Eigenmacht! Noch einmal solches von euch getan, und ihr sollt nackt von mir in die ödeste Wüste hinausgestoßen werden!
HG|2|249|15|0|Jetzt aber geht in euer Gemach, und bereut eure Tat, damit sie euch Gott vergebe!
HG|2|249|16|0|Ihr, meine armen Brüder, aber kommt mit mir, und stärkt euch im Saal mit Speise und Trank!“
HG|2|249|17|0|Einer aber unter den zehn Armen sah gar kläglich aus, denn er war beinahe zur Hälfte nackt; diesem verwehrten die Diener auch am meisten den Eintritt.
HG|2|249|18|0|Als aber der Lamech diesen ersah, ward er zu Tränen gerührt und sagte zu ihm: „O du mein armer Bruder du, komme her in meine Arme! Sicher bist du durch mich arm geworden! Wahrlich, du sollst aber an meiner Seite durch die Gnade des Herrn der Reichste werden! Komme also mit mir an meinen Tisch!“
HG|2|249|19|0|Der Arme aber sagte zum Lamech: „O gerechter König, ich will dir ja folgen; aber nur die Diener, die mich misshandeln wollten, lasse nicht in deiner Ungnade, sondern vergebe es ihnen so ganz und gar, wie ich es ihnen von ganzem Herzen vergeben habe!“
HG|2|249|20|0|Diese Worte des Armen brachen dem Lamech völlig das Herz, dass er weinte; er sandte auch alsbald einen anderen Diener hin und ließ den harten Dienern ihre Freiheit verkünden. Lamech aber begab sich mit seinem Armen alsbald in den Saal und räumte demselben seinen Sitz ein.
HG|2|249|21|0|Es kamen aber nun auch die harten Diener, ganz erweicht, und fielen dankbarst vor Lamech nieder. Lamech aber hob sie alsbald mit seinen Händen auf und begrüßte sie als Brüder.
HG|2|249|22|0|Der Arme aber stand auf, ward gerührt bis zu Tränen, umarmte den Lamech und sagte dann zu ihm:
HG|2|249|23|0|„Lamech, jetzt hat dich das ewige Leben umfangen, und Ich, dein Gott und dein Herr, will dir nicht nur ein Vater, sondern auch ein wahrer Bruder sein! Also werde Ich diese Erde bewohnen ewig!“
HG|2|249|24|0|Hier erkannten alle den Herrn in dem armen Bruder.
HG|2|250|1|1|Gottes Armut und Reichtum
HG|2|250|1|1|Am 9. Februar 1843
HG|2|250|1|0|Diese Worte des Armen drangen wie tausend Blitze durch die Herzen aller Anwesenden. Selbst der Henoch war nicht gefasst auf diese Erscheinung, darum er auch schon früher weise dem Lamech des Herrn Wohlgefallen aus der wunderbaren Fruchterscheinung bezeugte.
HG|2|250|2|0|Darum auch wandte sich der Henoch selbst alsobald an den Armen und sagte zu Ihm: „Wenn ich mein Herz frage, so sagt es mir wohl ganz geheim: ‚Du bist es!‘ –, aber wenn ich dann in des Geistes Auge blicke aus des Herzens Tiefe, so mag ich es allda nicht entdecken, wie der allmächtige, heilige Vater, Gott, der Schöpfer aller Dinge, auch ein Armer sein kann! Darum bitte ich Dich darüber um ein Wort, auf dass ich Dich erkennen möchte!“
HG|2|250|3|0|Der Arme aber sah den Henoch nur an; und da der Henoch das Auge des Armen sah, eilte er hin zu Ihm und sagte: „Ja, ja! Du bist es! Du, guter Vater Du, Du bist es wahrlich; denn solche Milde, solche Sanftmut, solche Liebe, solche Treue und dabei doch eine solch göttliche Erhabenheit strahlt aus keines Menschen Auge!“
HG|2|250|4|0|Nach solchem Ausruf erst begann der Vater in der Gestalt des Armen folgende Worte an unsere Gesellschaft zu richten und sagte wie zum Henoch:
HG|2|250|5|0|„Henoch, und auch du, Lamech, hört! Was euch der Arme sagt, das behaltet tiefst! Wenn der Arme zu dir kommt, und du nimmst ihn auf in Meinem Namen, so hast du Mich aufgenommen.
HG|2|250|6|0|Du sagst: ‚Wie ist solches möglich? Dir, o Gott, ist ja nur das Erhabene, das Mächtige, das Kräftige verwandt!‘
HG|2|250|7|0|Ich sage aber: Wahrlich, wahrlich, du kannst Mich weder in Meiner Erhabenheit, noch in Meiner Macht und Kraft ewig je erkennen, wohl aber in Meiner Erbarmung und wahrhaftigsten Vaterliebe!
HG|2|250|8|0|Die Liebe aber zieht alles an sich und will alles im engsten Kreis um sich versammeln! Und siehe, solches tut der Vater!
HG|2|250|9|0|Wenn du aber alles willst nach Meiner Göttlichkeit bemessen, so liebst du den Vater nicht, sondern willst dich nur der Gottheit nahen, welche unendlich ist in Ihrem Wesen, zerstreust dich dadurch und tötest dich am Ende!
HG|2|250|10|0|Begreife aber ferner die Tiefe des Geistes Gottes! Du bist ein geschaffener Mensch; als solcher bestehst du aus einem Leib und aus einer lebendigen Seele, in welcher da wohnt der Geist der Liebe.
HG|2|250|11|0|Aus der Gottheit ist dein Leib; sein Gesetz ist ein unabänderliches Muss, nämlich – sein also, und anders nicht sein! Du kannst tun, was du willst, und du kannst die Form nicht ändern!
HG|2|250|12|0|Da aber dein Leib ein Werk der unwandelbaren göttlichen Macht ist, also bestehend aus dem allmächtigen Muss aus Gott, darum ist er auch sterblich und zerstörbar.
HG|2|250|13|0|Du fragst: ‚Wie ist solches möglich?‘ – Siehe, weil in Gott die endloseste Freiheit waltet und Er somit nimmer ein Muss halten kann!
HG|2|250|14|0|Wäre Gott allein Gott, so wäre ewig nie etwas erschaffen worden, sondern alles wäre noch ein nur für Ihn schaubarer ewiger unendlicher Gedanke; aber kein Wesen erfreuete sich des freien Daseins in Gott!
HG|2|250|15|0|Gott aber ist nicht allein Gott in und aus Sich, sondern Er ist Gott aus der Liebe in Sich.
HG|2|250|16|0|Gott geht hervor aus Seiner Liebe, und die Unendlichkeit ist Sein Wesen; dieses Wesen aber kehrt allzeit wieder in Seine Liebe zurück und sättigt Sich da mit der unendlichen Kraft und Macht.
HG|2|250|17|0|Nun höre weiter! Deine Seele ist gezeugt vom Vater, welcher ist die ewige Liebe in Gott.
HG|2|250|18|0|Wie aber diese Liebe das eigentliche Grundwesen in Gott ist, also ist auch demnach diese Seele ein Grundwesen deines Seins und ist ein Aufnahmegefäß fürs ewige Leben, und es kann in ihr alles zum ewigen Leben verkehrt werden, auch der Leib, welcher ist ein Werk oder ein Tempel des Geistes Gottes durch das göttliche Muss.
HG|2|250|19|0|Du fragst: ‚Warum durch ein Muss?‘ – Siehe, solange du einen Stein in deiner Hand hältst, so lange auch befindet er sich in deiner freien Gewalt, und du kannst mit ihm tun, was du willst!
HG|2|250|20|0|So du aber einmal den Stein von dir geschleudert hast, so hast du ihn zwar deiner Willkür entbunden, aber dennoch muss da der Stein nach der Richtung hinfliegen, welche du ihm mit der Macht deiner Hand gabst, und du magst aber dem freigewordenen Stein während seines Fluges demnach kein Richter mehr sein.
HG|2|250|21|0|Wenn aber der Stein wieder zurückfällt, da er für sich keine Kraft hat, so kannst du ihn wieder richten nach deiner Willkür.
HG|2|250|22|0|Wer nun Ohren hat, der höre! Siehe, der Vater hat als die ewig unendlich große Liebe in Gott oder in Seiner Auswirkung alles von Sich gegeben!
HG|2|250|23|0|Durch die große Wurfschleuder Seiner unendlichen Macht hat Er mit allen Seinen endlos großen Gedanken alle Unendlichkeit ewighin erfüllt. Er behielt nichts für Sich, sondern alles, das Er hatte, gab Er her.
HG|2|250|24|0|Also ist der Vater in Sich arm, und die Armut ist nun Seine Liebe; Sein Reichtum aber ist nun die freie Liebe und Sein alleiniges ewiges Leben, in dem allein alle Macht und Kraft daheim ist.
HG|2|250|25|0|Diese Armut aber ist nun des Vaters größte Seligkeit, indem Er nun wieder alles zu Sich zurückkehren sieht und Er alles wieder, endlos vervollkommnet, in Seiner Liebe ergreifen kann.
HG|2|250|26|0|Siehe, – Sonne, Mond und alle Sterne, kurz alles, was du erschauen und ergreifen kannst, entspricht demnach Meiner Gottheit oder Meiner Macht! Mein Muss bindet es.
HG|2|250|27|0|Aber es kann nicht also bleiben, wie es ist; denn alles ist da des Vaters wegen, damit Er Sich bereichere ewig, ewig, weil Er wollte aus Sich arm sein auf eine Zeit.
HG|2|250|28|0|Also seid auch ihr aus euch heraus Meine getreuen Ebenmaße. Seid wahrhaftig Meine Kinder! Gebt, Mir gleich, alles her, macht frei eure Liebe und euer Leben aus Mir, so werdet ihr mit Mir reich werden ewig, ewig! Werdet arm, damit ihr reich werden mögt! Amen.“
HG|2|251|1|1|Die unendliche Liebe des göttlichen Vaters zu Seinen Kindern, der sogar Sein Leben für sie zu geben bereit ist
HG|2|251|1|1|Am 10. Februar 1843
HG|2|251|1|0|Als der Henoch und alle die anderen solches vom Vater in der Gestalt des Armen vernommen hatten, da fielen sie alle zu Ihm hin, beteten Ihn an und lobten Seine unendliche Güte und solche unendliche Liebe.
HG|2|251|2|0|Und der Henoch sprach, voll der höchsten Entzückung: „O Du heiliger Vater! Viele Jahre beschäftigte sich mein armseliges Herz mit Dir und fand in sich selbst, dass Du die ewige, allerreinste und unendliche Liebe bist.
HG|2|251|3|0|Ich lernte aus meinem Gefühl schon frühzeitig, nur mit aller Liebe an Dir, o heiliger Vater, zu hangen, und lernte aus eben dem Gefühl Dich als einen alleinig wahren, unendlich guten Vater kennen, und es vermochte da keine Gegenlehre mich auf andere Begriffe und Vorstellungen von Dir zu bringen, – kurz, ich erkannte in Dir zuerst für mein Herz vollkommen den endlos guten Vater.
HG|2|251|4|0|Als uns allen auf der Höhe aber das endlose himmlische Gnadenglück zuteil ward, da Du uns heimsuchtest, da fand ich denn auch meine frühere Herzenslehre vollkommen auf das Allerherrlichste bestätigt.
HG|2|251|5|0|Aber bei allem dem hätte ich es mir doch nimmer getraut, auch von fernehin eine solche Idee von Dir zu fassen!
HG|2|251|6|0|Wie gänzlich vernichtet aber stehe ich nun hier vor Dir, o Du heiliger Vater, da Du Dich Selbst arm nennst, ja nicht nur nennst, sondern wahrhaftig arm sein willst, um uns alle, wie auch alle die Millionen und Millionen, die uns nach deinem heiligsten Willen noch folgen werden, als einen zurückgekehrten Gnadenstrahl, der einst aus Dir ging, wieder durch Deine Liebe und Erbarmung endlos verherrlicht in Dir aufzunehmen und uns allen dann zu sein ein sichtbarer, allmächtiger, allerheiligster Vater!
HG|2|251|7|0|O du heiliger, aller endlos unaussprechlich höchsten Liebe vollster Vater! Wahrlich, wahrlich, wahrlich, diese Enthüllung ist zu unnennbar groß und heiligst erhaben für einen sterblichen Menschen!
HG|2|251|8|0|Heilig, heilig, heilig bist Du, o Vater, und Himmel, Sonne, Mond, Sterne und diese Erde sind voll von Deiner unendlichen Ehre!
HG|2|251|9|0|Ich will Dich darum in meinem Herzen allerheftigst loben, preisen und lieben über alles, alles, alles!
HG|2|251|10|0|O Du endlos guter Vater Du! Wäre es mir doch möglich, Dich wieder reich zu machen, Dir alles zurückzubringen, was Deine endlose Liebe an uns alle so reichlichst, ja in solch endloser Fülle übergab, welch eine Seligkeit wäre doch das für mich!“
HG|2|251|11|0|Hier umarmte der Vater den Henoch und sprach: „Mein geliebter Henoch, sorge dich nicht um Unnötiges! Siehe, wenn es Mir darum zu tun wäre, um all das Gegebene wieder besitzen zu wollen, so könnte Ich es ja auch wieder nehmen; denn Ich allein hätte ja die Macht und Kraft dazu, indem es doch außer Mir weder irgendeine Macht, noch eine Kraft gibt.
HG|2|251|12|0|Ich sage dir aber, ob du Mir auch zu geben vermöchtest Sonnen, Monde und alle die zahllosen Erden im endlosen Raum, so wäre vor Mir solches alles endlos weniger, als so du Mich liebst über alles als ein wahrer Sohn deinen allein wahren Vater.
HG|2|251|13|0|Denn das ist das Allerhöchste, dass Ich euch ein wahrer Vater bin und ihr Mir wahrhaftige Kinder seid.
HG|2|251|14|0|Wahrlich, wahrlich, Ich will um eines Kindes willen Milliarden von Sonnen und Welten aller Art opfern, könnte Ich es sonst nicht wieder bekommen zu Mir zurück!
HG|2|251|15|0|Ja, höre, mein Henoch, Ich will dir noch bei weitem mehr sagen, denn das ist, das Ich dir jetzt gesagt habe.
HG|2|251|16|0|Siehe, du weißt es, dass Ich allein das Leben ungeteilt als Meine Liebe in Mir zurückbehalten habe, als Ich sonst alles hintangegeben habe! Dieses ewige alleinige Leben bin Ich Selbst; außer Mir ist alles Tod, und hat nichts ein Leben, außer nur aus Mir!
HG|2|251|17|0|Wenn es sich aber darum handeln würde, dass da ein Kind nur dadurch zu retten wäre, dass Ich für dasselbe dahingebe dieses Mein alleiniges ewigstes Leben, so möchte Ich auch dieses eher von Mir lassen, als eines Meiner Kinder verlieren. Henoch, fasst du diese Liebe?“
HG|2|251|18|0|Der Henoch aber und alle fielen vor dem Vater nieder, und alle weinten vor zu großer Liebe, und keiner vermochte auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen.
HG|2|251|19|0|Der Vater aber sprach: „O Kindlein, solches hat nun euer guter Vater geredet, damit ihr Seine Liebe erkennen möchtet! Aber nicht umsonst hat Er solches geredet; denn was Er geredet hat, das wird Er einst auch tun durch Sein fleischgewordenes Wort in der großen Zeit der Zeiten.
HG|2|251|20|0|Ja, einen Sohn werde Ich zeugen, und Ich werde diesem Sohn geben all Mein Leben, und Ich werde sein im Sohn, und der Sohn wird sein in Mir, und der Vater und der Sohn werden dann ewig vollkommen eins sein! Amen.“
HG|2|252|1|1|Wie Gott Sein Leben lassen kann, ohne dass alles getötet wird. Ankündigung des Gottmenschen als fleischgewordenes Wort Gottes
HG|2|252|1|1|Am 11. Februar 1843
HG|2|252|1|0|Nach diesen Worten erwachte wieder der Henoch, machte einen wehmütig-ernsten Blick in sich und auf den Vater und blieb eine kleine Weile wie völlig verloren stehen. Endlich aber fasste er sich doch wieder und richtete folgende Worte an den Vater:
HG|2|252|2|0|„O heiliger, endlos liebevollster Vater! Zu endlos erhaben und geheimnisvollst klangen Deine letzten heiligsten Worte. Wer außer Dir mag deren Sinn in seinem Geiste erfassen?!
HG|2|252|3|0|Wenn Du, eben Dir nicht unmöglicher Weise, von Dir ließest Dein Leben und möchtest Dich Selbst töten lassen von irgend dazu bedingten Geschöpfen, wird da nicht alsbald alles im ganzen unendlichen Raum getötet werden im Augenblick, so Du getötet würdest?
HG|2|252|4|0|Denn alles, was da lebt, lebt ja nur ein Leben aus Dir, also Dein Leben; welches Leben aber würde es dann wohl leben, so Du Grundquell des Lebens in den Tod gingest?!
HG|2|252|5|0|O Du allerheiligster Vater, erläutere uns das, und lasse uns ein mächtigeres Licht zukommen, denn sonst hast Du uns mit diesen Worten ja die unfehlbare ewige Vernichtung aller Dinge und alles Seins verkündet!“
HG|2|252|6|0|Hier erhob Sich der Vater und sagte zum Henoch: „Dir, Mein Henoch, soll es gegeben sein, das große Geheimnis Meines Reiches zu erfahren und zu erfassen, aber sonst keinem außer dir!
HG|2|252|7|0|Und so versiegle auch in dir diese Worte, die Ich jetzt zu dir reden werde; denn nur du und sonst niemand soll bis zur großen Zeit der Zeiten deren Sinn erfassen, die Welt aber soll mit Blindheit geschlagen sein bis ans Ende.
HG|2|252|8|0|Und also höre denn! Liebe und Leben sind eins und sind doch zwei, Liebe der Grund und Leben die Wirkung. Also sind auch Licht und Weisheit eins und sind dennoch wieder zwei, Licht der Grund und Weisheit die Wirkung.
HG|2|252|9|0|Aus Liebe und Leben aber geht noch ein Drittes hervor, und das ist die Tatenkraft, welche aber ist der mächtige Geist. Und aus dem Licht und der Weisheit geht auch ein Drittes hervor, und das ist die Ordnung, aus welcher da ist das Gestaltliche aller Dinge und das den Endzweck Bestimmende.
HG|2|252|10|0|Und aus der Liebe und dem Leben und aus dem Licht und der Weisheit geht hervor der Geist aller Heiligkeit, und dieser ist das Wort aus dem Munde Gottes.
HG|2|252|11|0|Dieses Wort ist wesenhaft und ist der Grund, aus dem alle Dinge urwesentlich geschaffen worden sind.
HG|2|252|12|0|Wenn du nun betrachtest das Wesen der Liebe und des Lebens und die aus beiden hervorgehende Tatkraft und betrachtest das Wesen des Lichtes und der Weisheit und die aus beiden hervorgehende Ordnung und endlich noch betrachtest die aus all dem Früheren hervorgehende Heiligkeit oder das Wesen des ewigen Wortes aus dem Munde Gottes, so hast du sieben Geister, welche alle hervorgehen aus der Liebe, und die Liebe selbst ist der erste aus sich gehende Geist und die anderen sechs zu gleicher Zeit hervorgehend aus der Liebe und mit ihr dennoch eins von Ewigkeit seiend.
HG|2|252|13|0|Liebe und Leben aber kann getrennt werden, und dann gleicht die Liebe einem Eisklumpen, da keine Wärme inne ist; das Leben für sich aber wird ein ledig Feuer, welches zerstört und sucht sich darin eine erträgliche Sänftung.
HG|2|252|14|0|Also kann auch Licht und Weisheit geschieden werden; das Licht ist dann im zerstörenden Feuer wie tot, und die Weisheit wird zur Nacht, zum Trug, zum Falschen und zur Lüge.
HG|2|252|15|0|Also kann auch das aus der Liebe und dem Leben und aus dem Licht und der Weisheit hervorgehende Wort getrennt werden wesenhaft.
HG|2|252|16|0|Dass solches möglich ist, zeigt dir die ganze Schöpfung, und in der Schöpfung magst du alle die vorbenannten Trennungen erschauen; sie sind schon alle aus Mir bewerkstelligt worden, und ihr Grund bin Ich, und der Endzweck alles dessen heißt: die Lebensprobe oder des ewigen Lebens fortwährende Übung und Stärkung.
HG|2|252|17|0|Und siehe, trotz aller dieser Trennungen bin Ich dennoch ungeteilt da im Vollbesitz aller Meiner Geister!
HG|2|252|18|0|Also wird es auch sein in der großen Zeit der Zeiten, da das ewige Wort als der wesenhafte Grund aller Dinge in Sich Selbst Fleisch wird, in dem da wohnen wird alle Fülle Meines Wesens.
HG|2|252|19|0|Das Fleisch aber wird die Welt töten, aber die im Fleisch wohnende Gottesfülle, also die ewige Liebe, wird das Fleisch alsbald wieder beleben aus Sich; und dann wird wohnen die Fülle Gottes ewig in Seinem fleischgewordenen Wort als ein Mensch gegenüber Seinen Geschöpfen, und diese werden Ihn schauen und sprechen wie einen rechten Bruder.
HG|2|252|20|0|Dieser Gottmensch erst wird euch allen bringen das wahre, ewige Leben. Bis dahin aber werdet ihr leben nur ein aus Meiner Liebe getrenntes Leben.
HG|2|252|21|0|Siehe, das ist der Sinn Meiner Worte; du fasse ihn, aber sonst keiner außer dir, und die Welt nicht – bis ans Ende! Amen.
HG|2|252|22|0|Und nun esst und trinkt alle! Amen.“
HG|2|253|1|1|Die Ansichten verschiedener Gäste zu dem geheimnisvollen Armen
HG|2|253|1|1|Am 14. Februar 1843
HG|2|253|1|0|Nach dieser Rede des Vaters setzte sich alles ehrfurchtsvoll zu Tische und aß und trank. Aber es getraute sich am Tisch niemand, etwas zu reden; denn des Vaters endlose Weisheit, die Er gegen den Henoch ausgesprochen hatte, hatte einem jeden den Mut dazu benommen.
HG|2|253|2|0|Aber unter den übrigen Gästen ging es so ziemlich gesprächig zu. Einige konnten die Veränderung beim Lamech nicht begreifen und besprachen sich daher über diese Erscheinung, konnten aber eben nicht viel Ersprießliches herausbringen, denn sie wussten zuallermeist gar nicht, was sich mit dem Lamech in dieser kurzen Zeit alles zugetragen hatte.
HG|2|253|3|0|Den unserer Hauptgesellschaft sich zunächst Befindlichen aber fiel der Arme und Seine große Weisheit auf, und sie wussten ebenfalls nicht, was sie aus Ihm machen sollten.
HG|2|253|4|0|Einige wispelten sich zu: „Das muss ein Seher sein!“
HG|2|253|5|0|Andere wieder sagten: „Das ist doch sicher ein Schlangenbanner; denn also sollen ja die aussehen, denen die Schlangen und Nattern gehorchen!“
HG|2|253|6|0|Und wieder andere bemerkten dagegen: „Wenn das ein solcher wäre, da müsste er ja einen Zauberstab haben und müsste dazu haben ganz geheime Zeichen! Wir meinen daher, dass er ein weiser Sterndeuter ist. Solches leuchtet auch zumeist aus dem heraus, dass er von allen ein Vater genannt wird; denn mit solcher Benennung ehrt man ja gewöhnlich einen solchen Weisen.“
HG|2|253|7|0|Wieder ein anderer bemerkte dagegen und sagte: „Da bin ich durchaus nicht eurer Meinung! Ich werde mich kaum irren; denn ich habe ein scharfes Gesicht und getraue mir daher ganz fest zu behaupten, dass eben dieser Arme niemand anderer ist als nun verkleidet derjenige herrliche Mann, der heute um die Tagesmitte an der Seite der greisen Weisen aus der Höhe sich befand, als der Lamech die mit dem Namen des Gottes Faraks bezeichnete Tafel hinaustrug in den Tempel. Die Züge sind auf ein Haar dieselben; nur werden sie durch die überaus dürftige Kleidung bedeutend entstellt.“
HG|2|253|8|0|Ein anderer fand auch dasselbe; nur konnte er dazu nicht einsehen, wozu sich jener herrliche Mann also verkleidet hätte, indem dazu doch kein Grund auszumitteln ist.
HG|2|253|9|0|Noch ein anderer bemerkte: „Wenn er derjenige ist, was mir auch zu sein scheint, so muss er sich nur etwa der Überraschung wegen also gekleidet haben, denn er ward überaus geliebt von Lamech und soll sich im Tempel heimlich davongemacht haben, wie ich es so im Vorübergehen vernommen habe, – denn es soll darob ja ein förmlicher Aufstand gewesen sein; um aber nun den Lamech und die anderen umso mehr zu überraschen, hat er sich also verkleidet.“
HG|2|253|10|0|Ein anderer aber bemerkte wieder dagegen und sagte: „Das wäre alles recht, aber ich kann es nur immer nicht begreifen, warum sie, die viel Älteren, ihn denn beständig Vater nennen! Denn eine Auszeichnung kann das doch nicht sein, darum er ein Weiser ist; denn da müssten die anderen Weisen aus der Höhe ja auch diesen Ehrennamen führen! Es müsste denn nur sein Name sein, sonst könnte ich es mir wahrhaftig nicht erklären!“
HG|2|253|11|0|Einer aber, der dem Redenden sich zunächst befand, sagte zu ihm: „Es wäre alles recht, was du meinst; aber nur einen Umstand habe ich dabei bemerkt, und dieser ist außerordentlich wichtig! Hast du denn nicht gesehen, wie ehedem die ganze erhabene Gesellschaft vor ihm niederfiel und hat vor ihm geweint und hat ihn ja förmlich angebetet?!
HG|2|253|12|0|Wenn er bloß nur ein großer Weiser wäre, etwa wie es dereinst der große Lehrer Farak war, und wie die großen und sogar wundermächtigen Weisen aus der Höhe es sind, da würden sie samt dem Lamech nicht solches tun!
HG|2|253|13|0|Es muss also ganz etwas außerordentlich Besonderes hinter diesem Mann stecken! Worin aber solches bestehen möchte, das herauszubringen, wird für uns zwei wohl überaus schwer werden.
HG|2|253|14|0|Daher seien wir hübsch stille und ruhig und wollen nicht blasen dahin, da es uns nicht brennt; greifen wir dafür lieber nach den Früchten! Verstehst du mich?!“
HG|2|254|1|1|Die armen Gäste misstrauen Lamech. Des Herrn guter Rat
HG|2|254|1|1|Am 15. Februar 1843
HG|2|254|1|0|Da aber alle sich hinreichend gesättigt hatten, erhoben sie sich von ihren Plätzen und dankten dem Herrn für das herrliche und gar köstlich schmeckende Mahl.
HG|2|254|2|0|Desgleichen taten alle die Geladenen, welche da waren zum Teil arm und zum Teil als ehedem Gefangene.
HG|2|254|3|0|Alle diese Gäste dankten auch dem Gotte Faraks, denn sie wussten es nicht, dass der heilige Geber in ihrer Mitte Sich befand.
HG|2|254|4|0|Als sie dem Gotte Faraks ihren inneren Dank dargebracht hatten, dann erst ging ein jeder hin zum Lamech, legte seine Hände kreuzweise über die Brust und brachte somit auch ihm den Dank für solche seine große Güte.
HG|2|254|5|0|Der Lamech aber wandte sich alsbald zu den Dankenden und wies solches von sich ab und deutete den armen Gästen mit seinen Blicken, dass sie dem armen Mann danken sollen, und sagte, so etwas verstohlen, zu solcher gutmütigen Deutung hinzu: „Nicht ich, sondern dieser ist der wahre Geber aller solcher und noch zahllos anderer guter Gaben!“
HG|2|254|6|0|Die armen Gäste aber sahen sich untereinander groß an und fragten sich heimlich untereinander, ganz verdutzt: „Was will denn der erhabene König Lamech dadurch anzeigen? Dem Armen sollen wir danken, der doch selber gleich uns nichts hat?! Der König war von jeher der sonderbarsten Launen voll, und so ist das sicher auch wieder eine solche Laune von ihm! Wer weiß, ob er uns alle nicht heute noch sieden und braten lässt?! Sehen wir daher nur zu, sobald als nur immer möglich aus seiner zu gefährlichen Nähe zu kommen!“
HG|2|254|7|0|Da aber Lamech solch ein Gewispel vernahm, ergriff er alsbald die Hand eines solchen Misstrauischen und fragte ihn nach seiner alten Gewohnheit etwas barsch: „Bedauernswerter Freund, warum denkst denn du Arges von mir?“
HG|2|254|8|0|Diese Frage versetzte den Gefragten in eine solche Angst, dass er darob beinahe ganz besinnungslos vor dem Lamech auf den Boden niederfiel.
HG|2|254|9|0|Solches entsetzte aber auch den Lamech so sehr, dass er sich nicht zu helfen wusste; er eilte daher zum Vater hin und zeigte ihm solches an.
HG|2|254|10|0|Der Vater aber sagte zum Lamech: „Siehe, also musst du fürder nicht ohne Mich ausgehen, willst du der Welt nützen!
HG|2|254|11|0|Siehe, dieses Volk weiß es noch nicht, dass du nun nicht mehr ein König, sondern ein leitender Oberpriester dem Volk durch Mich und aus Mir geworden bist; darum traut dir das Volk auch noch nicht, da es in dir noch den fürchterlichen Tyrannen vor sich erblickt.
HG|2|254|12|0|Daher besteige nun den Thron, und erkläre dem Volk in Meinem Namen, was du nun bist, und was du mit dem Volk vorhast, und es wird dann alles in die gute Ordnung sich begeben! Also gehe hin, und tue mit wenig Worten, was Ich dir geraten habe!“
HG|2|254|13|0|Der Lamech aber fragte den Vater, ob es sich wohl tun wird lassen, zu besteigen den Thron, indem doch früher der heiligste Name auf demselben geruht hatte.
HG|2|254|14|0|Der Vater aber sprach zum Lamech: „Wie bist du denn nun gar so dumm geworden?! Siehe, mit Mir magst du reden, und den Thron fürchtest du darum schon, weil Mein Name eine Zeit hindurch auf demselben, von dir selbst gezeichnet, ruhte?! Sage Mir, was ist denn mehr: Ich oder Mein Name?
HG|2|254|15|0|Willst du schon aber auf dem Thron aus lauter Ehrfurcht vor Meinem Namen nicht stehen und vom selben deine Bestimmung von Mir ausgehend und angeordnet verkünden, so steige denn auf diesen Stuhl, und verkündige dasselbe, denn Ich will dir keinen Zwang antun!“
HG|2|254|16|0|Solches ließ sich der Lamech nicht zweimal sagen, bestieg alsbald den Stuhl und predigte vom selben dem Volk und zeigte ihm liebefreundlichst, was alles mit ihm vorgegangen ist, und was er nun vor ihnen geworden ist, und was er denn nun auch unveränderlich fortan bleiben wird.
HG|2|254|17|0|Da das Volk solches vernommen hatte, da fing es an plötzlich zu jubeln, und jede Zunge lobte und pries den Gott Faraks.
HG|2|254|18|0|Da aber der Lamech wieder von seinem Stuhl abtrat, da machte ihn der Vater aufmerksam, dass er nun auf den Stuhl stand, auf welchem Er als der heilige, allmächtige Gott Selbst gesessen ist.
HG|2|254|19|0|Da fiel der Lamech vor Ihm nieder und bat Ihn um Vergebung.
HG|2|254|20|0|Der Vater aber hob ihn auf und sagte zu ihm: „Mein geliebter Lamech! Nicht darum habe Ich dir solches angezeigt, als hätte Ich dir damit anzeigen wollen, du hättest dich vor Mir versündigt, sondern darum nur, dass du zu Lehrzwecken deinen Thron dessen ungeachtet benützen kannst, wenn auch zuvor die Tafel darauf gelegen ist.
HG|2|254|21|0|Ich sage dir: Nur auf das Herz ist Mein Auge gerichtet! Alles andere hat vor Mir keinen Wert; denn Ich bin die Liebe Selbst und will daher nichts als nur die Liebe.
HG|2|254|22|0|Nun aber gehe auf den Thron, und mache Mich durch eine gute Rede diesem Volk bekannt, auf dass es nicht mehr wispele über Mich und rate, sondern vollends erfahre, wen es in seiner Mitte hat! Amen.“
HG|2|255|1|1|Lamech verkündet die Gegenwart des heiligen Vaters in Gestalt des armen Mannes. Die Drohrede der einstigen Gefangenen unter den Gästen und des Herrn ernste Worte an sie
HG|2|255|1|1|Am 16. Februar 1843
HG|2|255|1|0|Und der Lamech ging nun ohne Bedenken auf den Thron und verkündete in einer wohlgeordneten Rede des allerheiligsten, liebevollsten, ewigen Vaters Gegenwart in dem armen Mann.
HG|2|255|2|0|Als alle die armen und gefangen gewesenen Gäste solches aus dem Munde des Lamech vernommen hatten, wie auch, wie der Tempel von eben diesem allerheiligsten Vater ist angeordnet und wunderbarst erbaut worden, da fielen alsbald die Armen nieder und beteten Ihn an.
HG|2|255|3|0|Aber die Gefangenen sprachen untereinander: „Mir ist es unbegreiflich, wie da der allmächtige Gott, der mit Seiner Allmacht Himmel und Erde umfasst, dem Sonne, Mond und alle Sterne gehorchen und die Winde, die Wolken, die Blitze und alle die großen Gewässer, ein so armseliger Mensch sein soll!
HG|2|255|4|0|Das ist sicher wieder eine verstohlene Windfechterei Lamechs! Er hat gesehen, dass er mit den großen Gebirgsbewohnern mit Gewalt nichts auszurichten vermochte, so musste er sich’s denn bequemen lassen, entweder ihre Bedingungen anzunehmen, oder über die Flamme zu springen.
HG|2|255|5|0|Er musste daher auch fürs Erste seine lächerliche Gottheit fahren lassen und dann fürs Zweite aber auch sein Königtum; damit er aber dennoch herrsche über uns, so ersah er sicher sehr schlau, mit der freundlichen Hilfe der mächtigen und weisen Gebirgsbewohner für uns eine sichtbare Gottheit auszuhecken, welche ihn gewisserart vor unseren Augen solle zu einem vollends rechtmäßigen Alleinherrscher salben.
HG|2|255|6|0|O Lamech, so weise du bist, also sind es auch wir! Willst du die Sehenden blenden, da musst du es anders anfangen, denn auf diese Art geht es auf keinen Fall!
HG|2|255|7|0|Wir wollen aber hin zum Armen gehen und ihn so ziemlich ernstlich fragen, wie es mit seiner Gottheit stehe, und es soll sich alsobald zeigen, was alles hinter der Windfechterei Lamechs steckt!
HG|2|255|8|0|Wehe aber dir, Lamech, wenn dein Armer das nicht ist, als was du ihn uns zeigtest! Dann wollen wir dich über eine wohlgenährte Flamme treiben!
HG|2|255|9|0|Und alsbald begaben sich mehrere solche Gegner zum Armen hin, und ein Hauptredner öffnete den Mund und tat folgende Frage an den armen Mann:
HG|2|255|10|0|„Höre, du sonst redlich und ehrlich aussehender armer Mann! Bist du wohl das, was der schlaue Lamech auf dem Thron von dir ausgesagt hat?
HG|2|255|11|0|Bedenke dir’s aber wohl, bevor du redest, denn merken wir, dass du in das Horn Lamechs stößt, so soll es dir ganz entsetzlich geahndet werden!
HG|2|255|12|0|Farak hat den wahren Gott gelehrt, und seine heilige Lehre erhielt sich bis zu den Brüdern Lamechs, die er darum erschlug draußen im Gebüsch, da die großen Pfützen, Sümpfe und Moraste sind, weil er selbst ein Gott und ein Herr sein wollte. Wer weiß, was der Schlaue nun im Sinne hat!
HG|2|255|13|0|Daher also rede vor uns die vollste Wahrheit, sonst soll es dir gar übel ergehen – und dann dem Lamech nicht besser denn dir!“
HG|2|255|14|0|Nach solcher Aufforderung erhob Sich der Herr und sagte zu den Brausenden: „Was fragt ihr Mich? Hat es euch nicht der Lamech gesagt? So ihr aber zweifelt, warum geht ihr denn nicht dorthin, euch des besseren Rates zu erholen, von da solche Rede über Mich erging?
HG|2|255|15|0|Warum können es denn die Armen glauben, was Lamech sprach, und warum denn ihr nicht? Werdet ihr es glauben, so Ich nun vor euch die Aussage Lamechs bejahe?
HG|2|255|16|0|Seht, ihr seid noch voll des argen Geistes, und darum könnt ihr es nicht glauben.
HG|2|255|17|0|Lamech legte für alle Zeiten den Herrscherstab nieder, da er Mich erkannt hatte, und ergriff dafür den ihm von Mir dargereichten Hirtenstab; ihr aber möchtet nun euch den Herrscherstab zu eigen machen und den Lamech in die Flammen treiben!
HG|2|255|18|0|Darum seid ihr voll Argens und mögt Mich nicht erkennen.
HG|2|255|19|0|Ich aber werde es euch nicht sagen, wer Ich bin; geht darum hin zum Lamech, und rechtet mit ihm über Mich!
HG|2|255|20|0|Wahrlich, ihr sollt den Vater nicht eher erkennen, als bis Er verziehen wird! Und nun geht, wenn ihr nicht sterben wollt! Amen.“
HG|2|255|21|0|Hier fingen sich die Brausenden hinter den Ohren zu kratzen an, und fingen an, sich hin zum Thron Lamechs zu ziehen. Da sie aber allda anlangten, wurden sie also beklommen und verwirrt, dass da keiner wusste, was er reden solle, denn die Worte des Armen gingen ihnen durch Mark und Bein.
HG|2|256|1|1|Die einstigen Gefangenen besprechen sich mit Lamech über die Göttlichkeit des armen Mannes
HG|2|256|1|1|Am 17. Februar 1843
HG|2|256|1|0|Der Lamech aber bemerkte, dass diese seine ehemaligen Feinde, die er darum in den Gefängnissen schmachten ließ, etwas von ihm haben mochten, aber keiner aus ihnen sich getraue, ihm ihr Bedürfnis vorzutragen. So fragte er sie denn: „Was sucht ihr, was wollt ihr, oder habt ihr etwas verloren?“
HG|2|256|2|0|Einer aus ihnen fasste endlich Mut und sprach: „Höre mich, o gestrenger König Lamech! Uns allen geht es gar arg hier, nicht aber etwa, was da betrifft unseren Leib, sondern was da betrifft unser Verständnis!
HG|2|256|3|0|Siehe, du hast ehedem in deiner guten Rede dargetan, dass jener Arme dort der wahrhaftige, alleinige Gott und Schöpfer Himmels und der Erde ist, also derselbe Gott und Schöpfer aller Dinge, den wir alle noch von deinen Brüdern haben kennengelernt, wie Ihn einst Farak verkündete!
HG|2|256|4|0|Solches aber können wir nicht einsehen, nicht begreifen und somit auch nicht glauben! Denn Farak lehrte das Volk einen unendlichen Gott kennen, der da mit Seiner Rechten Himmel und Erde umfasst und mit Seiner Linken hinausreicht, da Seines Wesens kein Ende ist.
HG|2|256|5|0|Er lehrte ferner: Gott ist ein Geist und ist als solcher allenthalben wie ein ewiger, unendlicher Gedanke gegenwärtig, den aber nie ein geschaffenes Wesen schauen kann, weil er unendlich ist.
HG|2|256|6|0|Ferner lehrte der große Lehrer: Gott ist wegen solcher Seiner unendlichen Eigentümlichkeit auch unaussprechlich heilig; daher kann sich Ihm nichts nahen, und Er wohnt Seiner nur Ihm allein möglichen Beschaulichkeit nach, das heißt Seiner Selbst, im ewig unzugänglichen Licht.
HG|2|256|7|0|Wenn du nun diese gotteswürdige Lehre Faraks zu jenem armen Mann hinzuhältst, der nach deiner früheren Rede eben dieser erhabenste Gott Faraks sein soll, wie nimmt Er Sich da aus?
HG|2|256|8|0|Da machten wir, deine befreiten Gefangenen, ja noch bessere Gesichter zu einem Gott denn dieser Arme dort, der zwar an und für sich ein recht ehrlicher und weiser Mensch zu sein scheint und wir dagegen auch nichts einzuwenden haben!
HG|2|256|9|0|Aber nur zu bedauern ist entweder er, oder du, gestrenger König! Er, so er sich wirklich einbilden sollte, der allmächtige Gott zu sein, und du und alle mit dir, so sie solches im Ernst glauben sollten!
HG|2|256|10|0|Wir möchten dich darum wohl bitten, so es dir genehm wäre, uns darüber eine nähere Erörterung zu geben!“
HG|2|256|11|0|Und der Lamech, da er solches vernommen, entstieg alsbald dem Thron, ergriff des Redners Hand, sah ihn freundlich an und sagte dann zu ihm:
HG|2|256|12|0|„Höre, Bruder und Freund, deine Begriffe von Gott nach der Lehre Faraks, die mir auch noch wohl im Gedächtnis steckt, sind völlig eines Gottes würdig; denn diese Begriffe sind rein geistig und lassen allenthalben die endlos erhabene Gottheit erschauen.
HG|2|256|13|0|Wenn ich dich aber nach deinen Begriffen fragen würde und sagen: So Gott ohne Zweifel völlig also ist, wie Ihn der Farak gelehrt hatte, wie ist Ihm da aber dann die Erschaffung endlicher, höchst unansehnlicher Wesen auch nur möglich denkbar zuzuschreiben? Wie die Erschaffung einer Schmeißfliege, wie die einer Mücke und die einer Blattmilbe?
HG|2|256|14|0|Wie konnte Sich der unendliche Gott mit solchen ganz entsetzlich begrenzten, allerunbedeutendsten Kleinigkeiten abgeben?!
HG|2|256|15|0|Ja, ist es nicht sogar empörend zu denken, so wir annehmen müssen, dass der unendlich erhabene Gott Faraks uns Menschen so unvollkommen gestaltet hat und hat als unendlicher Schöpfer können so große Lücken in Seiner Schöpfung lassen?!
HG|2|256|16|0|Warum muss denn auf der Erde einmal Nacht und einmal Tag sein? Ist die Nacht nicht ein Widerspruch zum ewigen Licht in Gott, ist Ihm denn bei der Erschaffung der Stoff für eine zweite Sonne ausgegangen, die da der Nacht der Erde hätte ein Ende gemacht?!
HG|2|256|17|0|Wir erschauen zwischen der Erde und dem Firmament einen großen leeren Raum; warum hat denn der allmächtige Gott Faraks solch einen ungeheuren Schöpfungsplatz leer gelassen?
HG|2|256|18|0|Wie verträgt sich solch eine Leere mit der endlosen Erhabenheit und Allgegenwart Gottes? Wie unser Unrat voll Gestankes und wie noch so gar manches?
HG|2|256|19|0|Ich frage dich nun, und du gebe mir eine genügende Antwort darüber, wie du solches findest, und ich will dir auf deine Frage dann eine vollgültige Antwort geben!
HG|2|256|20|0|Du schweigst und bist nun um eine Antwort ganz gewaltig verlegen; mir aber hat jetzt jener arme Mann dort gegeben, dass ich lese in deinem Herzen, und dieses sagt dir: Wenn es unbezweifelt also ist, was die ganze Schöpfung klärlichst aufweist, so gibt es entweder gar keinen Gott, und alles ist ein eigenmächtiges Werk eines Dinges, das sich gestaltet hatte durch einen zufälligen Umstand irgendeiner Kraftwendung, oder es gibt einen Gott, der da bloß nur ein ewiger Zuschauer ist, was da wirken die Kräfte durch ihre zufälligen Wendungen.
HG|2|256|21|0|Sieh, sieh, welche Früchte dir deine Gotteskenntnis bringt! Ich sage dir aber, gehe hin, und falle vor dem armen Mann nieder, und bitte Ihn um Gnade und Erbarmung, und du sollst da gar bald einsehen, wie Gott so ganz eigentlich bestellt ist!
HG|2|256|22|0|Ich aber kann dir nun nichts mehr sagen, sondern rate dir nur, was du tun sollst. Solches also tue, damit du nicht zugrunde gehst! Werde völlig frei in Gott! Amen.“
HG|2|257|1|1|Der Herr im Gespräch mit den Zweiflern. Demütige Gottesliebe als Weg zum Licht
HG|2|257|1|1|Am 18. Februar 1843
HG|2|257|1|0|Auf diese Rede begaben sich die Zweifler, ganz schüchtern und in die völlige Enge getrieben, hin zum armen Mann, und zwar geleitet vom Lamech.
HG|2|257|2|0|Als sie dort anlangten, verneigten sie sich vor dem Armen, und der Wortführer richtete folgende Frage an Ihn und sprach: „Ist es mir gestattet, vor dir zu reden wie vor einem Menschen, so zeige mir solches an, und ich will reden!“
HG|2|257|3|0|Und der Herr sprach: „Ich weiß, worum es sich handelt, dass du mit Mir nun reden möchtest. Also Meinetwegen brauchst du deine Zunge keiner Tätigkeit preiszugeben; so du aber reden willst, da rede deiner Brüder und deiner selbst willen!“
HG|2|257|4|0|Hier stutzte unser Redner gewaltig und sagte nach einer Weile: „Ja, wenn es im Ernst also ist, da kann ich wohl schweigen und dich bloß nur bitten, dass du mir Licht geben möchtest und dadurch ein Ende machen unserer beständigen Zweifelei, denn das Licht, ja das wahre Licht, tut uns vor allem not! Solches kannst du ja wohl tun, so wir dich inständigst darum bitten!“
HG|2|257|5|0|Und der Herr sprach: „Höre, wer da seine Zunge legt an die Meinige, dessen Zunge soll gelähmt werden; wer sein Auge legt an das Meine, der soll erblinden! Wer seinen Arm gegen den Meinen ausstreckt, der soll gedemütigt werden bis zu seinem letzten Blutstropfen; wer seine Füße vor die Meinen hinsetzen will, der soll zu einem Krüppel werden! Will jemand sein Haupt an das Meinige legen, wahrlich, dessen Gehirn soll zu einem trüben Wasser werden und die Hirnschale zu einem Gefäß voll Unrates!
HG|2|257|6|0|Wer aber in aller Demut sein Herz zum Meinigen erheben wird, dessen Leben will Ich erleuchten in der hellen Flamme seiner Liebe zu Mir, und es soll ihm also licht werden sein ganzes Wesen, dass er in diesem Licht ewig nimmer den Tod sehen soll!
HG|2|257|7|0|Farak lehrte euch einen unzugänglichen Gott kennen, und seine Lehre war vollends recht; denn damals war für euch der Gott des Himmels und aller Erden unzugänglich, weil in der Zeit eine Hyäne euch in der Liebe beschämt hätte.
HG|2|257|8|0|Wahrlich, es sind nur erst wenige Monde verflossen, als Ich aus freiwilliger großer Erbarmung eure Kinder unter Meduhed und Sihin hinausführte, indem sich in ihnen ein leises Fünklein der Liebe zu zeigen anfing. Damit aber dieses Fünklein nicht alsbald wieder erstickt werden möchte in dieser Schlammtiefe, so schob Ich sie hinaus mit Meiner Rechten.
HG|2|257|9|0|Und siehe, in die Wüste führte Ich den Sihin und gab ihm da eine Hyäne zum Lehrer, und ließ ihn unterrichten dann durch einen Löwen, dann durch einen Bären, durch einen Tiger und durch einen Wolf; denn diese reißendsten Tiere hatten damals mehr Liebe und Schonung denn der Mensch.
HG|2|257|10|0|Wenn aber der Mensch also bestellt war noch vor wenigen Monden in seinem Herzen, wie war er wohl vor Jahrhunderten zu den Zeiten Faraks?
HG|2|257|11|0|Du sagst: ‚Wir wissen, dass da bis zum Lamech nie ein Menschenblut ist vergossen worden! Also mussten die Menschen auch besser gewesen sein!‘
HG|2|257|12|0|Ja, Ich sage dir, sie waren besser; aber nicht als freie Menschen, sondern als gerichtete, die nicht anders tun und handeln konnten, als wie Ich es ihnen durch Meine Allmacht gestattete!
HG|2|257|13|0|Sie waren genötigt, also zu handeln, und ihre Handlung war nicht ein Werk ihres freien Wollens, sondern sie war ein Werk Meiner Allmacht; damit sie aber dennoch erhalten würden, so mussten sie Gott als einen unerbittlichen Richter vor den Augen ihres Gemütes erschauen.
HG|2|257|14|0|Als aber die Menschen die Gebote des ewigen Richters in großer Furcht vor Ihm hielten, da dauerte Mich des Volkes, und Ich ließ es frei.
HG|2|257|15|0|Und siehe, kaum waren sie, die ehemaligen Gefangenen Meiner Macht, freigelassen, – und alle reißenden Tiere flohen vor ihnen; denn sie ersahen lauter giftigste Schlangen in den freigelassenen Menschen!
HG|2|257|16|0|Ich sah solches auch schon von Ewigkeit her, aber Ich wusste auch Meine Zeit und wusste es und weiß nun gar wohl, warum vor dem fruchtenden Regen ein Sturm gehen muss. Und Ich tue, was Ich tue, und weiß, warum. Wer aber kann von Mir eine Rechnung verlangen? Und so er es verlangt, werde Ich sie ihm wohl geben?!
HG|2|257|17|0|Siehe, also war es, also ist es nun, und wie wird es sein fürder? Soll Ich dir’s aber sagen? – Nein, dazu kannst du Mich nimmer bereden, denn Ich bin ewig frei und tue, was Ich will!
HG|2|257|18|0|Ich will dir heute weiß machen die Erde, und morgen sollst du alles schwarz sehen; denn Ich bin ein Herr und lasse Mir’s nicht sagen, was Ich tun soll.
HG|2|257|19|0|Du zweifelst über Mich, darum Ich arm hier bin. Wahrlich, ein Gott und ein Herr ist nicht arm; das bin Ich auch nicht! Aber der Herr hat Sich euer erbarmt und hat euch frei gemacht, damit Er euch ein lieber Vater würde; der Vater hat aber aus großer Liebe alles hergegeben, um euch als Kinder zu gewinnen, und so ist Er, wie du Ihn hier vor dir siehst!
HG|2|257|20|0|Glaube Mir nicht, aber liebe Mich, so wirst du Mich erkennen, dass Ich ein wahrer Vater bin!
HG|2|257|21|0|Die Liebe wird dich heilen und wird vernichten alle deine Zweifel. Und so denn gehe hin und erforsche dein Herz; werde demütig, und Ich werde dir ein rechter Gott und Vater sein ewig! Amen.“
HG|2|258|1|1|Die weise Rede eines Zweiflers
HG|2|258|1|1|Am 20. Februar 1843
HG|2|258|1|0|Nach diesen Worten des Herrn ward unsere ungläubige Gesellschaft sehr betroffen, und ein jeder beriet sich mit seinen Nachbarn, wie da zu nehmen wären die Worte des armen Mannes:
HG|2|258|2|0|„Soll man ihn im Ernst für das wahrste allerhöchste Wesen halten, oder soll man ihn noch weiter fragen, wie sich’s verhalte mit seiner Natur?
HG|2|258|3|0|Und sollte er doch etwa wirklich das sein, was er von sich aussagt, und was so ganz eigentlich am bestimmtesten der König von ihm am Thron ausgesagt hatte, da könnte er uns ja wohl ein Zeichen geben, durch welches wir ihn unfehlbar und völlig ungezweifelt erkennen müssten!
HG|2|258|4|0|Denn was seiner Rede Weisheit betrifft, so ist sie wohl freilich für unsere Begriffe über alle Maßen hoch und überaus erhaben groß; aber lassen wir einen anderen aus der Höhe reden, so wird das vollkommen derselbe Fall sein, – denn auch diese werden also reden, dass wir von ihrer Rede eben nicht zu viel fassen werden.“
HG|2|258|5|0|Einer aus der Gesellschaft sagte zu den sich untereinander Beratenden: „Brüder, hört, mir ist jetzt ein köstlich guter Gedanke geworden! Was sollen wir denn tun, und was soll geschehen? Was wollen wir denn erfahren? Seht, um das dreht sich unsere ganze Beratung! Ich aber habe dafür eben einen guten Gedanken.
HG|2|258|6|0|Wir möchten von diesem Mann ein Zeichen, auf dass wir glaubten, dass er im Ernst das sei, was zu sein der König von ihm ausgesagt hatte.
HG|2|258|7|0|Fragen wir aber, welch ein Zeichen uns denn der große Farak zum Bürgen der Wahrheit seiner Lehre gab!
HG|2|258|8|0|Meines Wissens kein anderes als eben nur die erhabene Lehre selbst; und dennoch glaubten wir seiner Lehre und dachten dabei nicht nach, inwiefern sie wahr oder unwahr sein dürfte!
HG|2|258|9|0|Wie verlangen wir denn hier ein Zeichen zur Bekräftigung unseres Glaubens, um ihn auszutauschen für das Unbegreifliche der Lehre Faraks gegen das sehr Begreifliche der Lehre dieses Mannes, der nicht einmal einen Glauben fordert, sondern spricht nur mit gar sanften weisen Worten: ‚Glaubt Mir nicht, sondern liebt Mich als den alleinig wahren Vater, so wird die Flamme der Liebe euch zur reinen hellsten Leuchte werden, und ihr werdet es dann in euren Herzen überklar erschauen, ob Ich das bin, als was zu sein Mich der Lamech vor euch verkündete!‘ Was wollen wir denn noch mehr?
HG|2|258|10|0|Ich weiß aber nur zu gut, dass zwei Menschen sich gegenseitig nie eher völlig erkennen, als so sie sich vollends als wahrhaftige Brüder und somit auch als allerintimste Freunde zu lieben anfangen. Wer mag ein Weib erkennen, wenn er sie nicht liebt und sie ihn nicht liebt?
HG|2|258|11|0|Fürwahr, wer da behaupten möchte und sagen: ‚Ich bin zufolge meines hellen Verstandes ein Menschenkenner, und der Weiber Schlauheit steht offen vor mir!‘, dem sage ich, dass er ein großer Lügner ist!
HG|2|258|12|0|So wir aber sehen, dass es mit der Liebe gegen unsere Brüder und Schwestern niemals gefehlt war und auch niemals gefehlt sein wird, so sehe ich es wahrlich nicht ein, warum es mit der Liebe gegen Gott gefehlt sein sollte!
HG|2|258|13|0|Und was da diesen armen Mann betrifft, so muss ich euch offenbar gestehen, ich liebe ihn ganz über alle Maßen schon; denn ein Mensch mit solch einer Weisheit ist ewig nicht arm. Wenn er aber selbst, durch seine Liebe genötigt, alles hergab, was er hatte, wer sollte solch eine Liebe nicht wieder lieben?!
HG|2|258|14|0|Ich aber meine nun also, Er ist ein liebevollster, weiser Mann, ein herrlichster Bruder, ja, er ist ein Mann voll Bruder- und voll höchster, echter Vaterliebe; also sollen wir ihn auch also lieben, wie wir ihn erkennen!
HG|2|258|15|0|Ob er Gott oder nicht Gott ist an und für sich, solches zu beurteilen liegt nun noch stark außer der Sphäre unserer Fähigkeit; dass er aber wahrhaft Göttliches in sich birgt, das liegt in seinem ganzen Wesen und in jeglichem seiner Worte!
HG|2|258|16|0|Und somit will ich denn auch der Erste sein, der sich ihm mit einem stark lodernden Herzen nahen wird und sich soeben schon naht!“
HG|2|258|17|0|Hier trat dieser Redner hin zum Herrn und sagte zu Ihm: „Allerliebster Bruder, voll göttlicher Weisheit und voll der wahrsten väterlichen Liebe! Sei du, wer und was du nur immer wollest, ich liebe dich einmal, da ich dich aller Liebe würdigst gefunden habe, und ich weiß es ja nur zu gut, dass mit solch einer wahrsten Liebe es auch bei dir nicht gefehlt sein wird!“
HG|2|258|18|0|Hier umarmte er den Herrn und drückte Ihn an sein Herz.
HG|2|258|19|0|Der Herr aber sagte zu ihm: „Jetzt hast du das ewige Leben umfangen; deine Liebe werde dir ein helles Licht! Amen.“
HG|2|258|20|0|Hier fing der Redner an zu seufzen und sprach zu seinen Brüdern: „Hierher, hierher kommt! O Brüder, wahrlich, wahrlich, hier ist mehr als nur ein Mensch! Hier ist wahrhaftig der Vater!“
HG|2|259|1|1|Die Zweifler erkennen den ewigen Vater. Die Rede des Herrn über die verschiedenen Gottesbegriffe der Menschen
HG|2|259|1|1|Am 21. Februar 1843
HG|2|259|1|0|Zufolge dieses Aufrufes begaben sich auch die anderen hin zum Herrn, und schon bei der ersten Annäherung empfanden sie, dass die Aussage ihres Vorgängers die vollste Realität hat.
HG|2|259|2|0|Als sie nun vollends sich voll Liebe hinneigten zum armen Mann, da fielen alsbald alle vor Ihm nieder und seufzten und weinten und baten Ihn mit aufgehobenen Händen um Vergebung ihrer Sünden und ihrer groben Torheit und Blindheit, darum sie nicht erkennen mochten, welch eine endlose Gnade ihnen allen widerfahren ist.
HG|2|259|3|0|Der Herr aber stand auf vom Stuhl, hob alle die Gefangenen auf und richtete dann folgende Worte an sie: „Kindlein, seht Mich an in euren Herzen, und ihr werdet mit erleuchteter Seele erschauen, dass Ich, euer Vater von Ewigkeit, es bin, der Ich nun zu euch sage, dass ihr Meine Kindlein seid!
HG|2|259|4|0|Ihr habet euch alle nun bis auf einen vor Mir in der Liebe eingefunden und habt erkannt Mich, euren Gott und Vater, auch in dieser armen Gestalt.
HG|2|259|5|0|Doch aber sage Ich euch, dass Ich nur also arm erscheine dem Armen, und den Reichen aber unendlich reich.
HG|2|259|6|0|Arm aber wart ihr in euren Herzen, da in selben wenig Liebe wohnte und Ich euch dann nicht anders erscheinen konnte, als also nur, wie ihr Mich hattet in eurem Herzen, nämlich arm und überaus dürftig.
HG|2|259|7|0|Denn arm war eure Erkenntnis und arm eure Liebe; darum konnte Ich euch nun auch in der Wahrheit nur also erscheinen, wie ihr selbst in euch gegen Mich bestellt wart in euren Herzen.
HG|2|259|8|0|Wärt ihr aber reich gewesen, wahrlich, ihr hättet Mich auch reich erschaut. Denn Ich bin arm den Armen, reich den Reichen, barmherzig den Barmherzigen, sanft den Sanften, mild den Milden, gerecht den Gerechten, gnädig den Lichtdurstigen, ein liebevollster Vater den Mich Liebenden, mächtig den Mächtigen, stark den Starken, ein Richter den Richtern, das Leben den Lebendigen, tot den Toten, ein Feuer dem Feuer, ein Sturm dem Sturme, ein Zorn dem Zorne, ein Gericht dem Gerichte, der Himmel den Himmeln, ein Schöpfer den Geschöpfen, ein Vater den Kindern, ein Gott dem Weisen, und den rechten Brüdern bin Ich sogar Selbst ein rechter Bruder!
HG|2|259|9|0|Also bin Ich alles in allem! Wie eines Menschen Herz beschaffen ist, also bin Ich auch beschaffen für ihn; und Ich will ewig nicht anders für den Menschen Mich gestalten, als wie er Mich selbst gestaltet hat in sich!
HG|2|259|10|0|Denn es hat niemand eine Kraft, noch eine Macht des Lebens in sich als die nur, die Ich ihm verliehen habe; aber auf dass der Mensch selbständig sei, gab Ich ihm aus Mir auch einen völlig freien Willen und machte alle die ihm verliehenen Lebenskräfte untertan diesem völlig freien Willen, der da von Meinem göttlichen Grundwillen ganz gleich einem zweiten Gott an und für sich völlig getrennt ist. Wie aber der Wille frei ist, also ist es auch seine Liebe und dann all seine Erkenntnis.
HG|2|259|11|0|Warum aber habe Ich denn den Menschen also eingerichtet? Weil Ich ihn Mir zu einem vollkommenen Ebenmaß setzte und er sich dann Mir gegenüber vollständig selbst bilden solle, das heißt: der Mensch soll Mich in sich bilden dann nach seinem Maße, wie Ich ihn zuvor gebildet habe nach Meinem Maße.
HG|2|259|12|0|Also bildet Mich auch der Mensch in sich nach seinem Maße, verzerrt aber Mein ihm zuvor gegebenes Grundmaß oft so sehr, dass diese neue Bildung im Menschen nicht die allerleiseste Ähnlichkeit mit Meinem Grundmaß mehr hat!
HG|2|259|13|0|So bildet der eine Mich, als allzeit die ewige Liebe, zu einem Richter, ein anderer zu einem Rachegott, ein dritter zu einer Buhldirne, ein vierter zu einem alleinig Weisen, ein fünfter zu einer unerbittlichen ewigen Allmacht, ein sechster zu einem Fatum, ein siebenter zu einem Weltenlenker, ein achter zu einem unmäßig erhabenst großen König und Herrn Himmels und der Erde, ein neunter zu einem Zornfeuer, ein zehnter zu einer ewig unendlichen Kraft, ein elfter versenkt Mich gar in die Materie, und ein zwölfter gar in seinen Bauch!
HG|2|259|14|0|Und so bildet Mich der eine bald in dies und der andere bald in jenes; aber nur wenige geben sich die Mühe und bilden in ihrem Herzen Mich als den heiligen und ewig und allezeit liebevollsten Vater aus.
HG|2|259|15|0|Nun hört, Meine Kindlein! Da der Mensch aber nicht ewig auf der Erde leben kann und darf, sondern muss diese Scheinunterlage wieder verlassen, so wird sich dann in und an seinem Geist alsobald zeigen, wie er Mich in sich bei diesen seinen Erdlebenszeiten ausgebildet hat.
HG|2|259|16|0|Zum Vater werden dann nur jene kommen, die Ihn wohlausgebildet in ihrem Herzen mitbringen werden, und diese auch werden nur imstande sein, das wahre Urangesicht des ewigen Vaters zu schauen.
HG|2|259|17|0|Wie aber ein jeder andere Mich in sich verbildet hat nach seinem Behagen, also auch soll er Mich haben fürder, und es soll die Liebe die Liebe, die Erbarmung die Erbarmung, die Weisheit die Weisheit, der Zorn den Zorn, der Richter den Richter, das Gericht das Gericht, der Tod den Tod, das Feuer das Feuer, die Hölle die Hölle und so weiter getreu finden.
HG|2|259|18|0|Ihr aber wart alle arm, und so kam Ich denn auch arm zu euch, weil Ich arm in euch bin; werdet nun aber reich in der Liebe zu Mir und allen Brüdern und Schwestern, so werde Ich reich sein in euch!
HG|2|259|19|0|Und so ihr zu Mir kommen werdet, da werdet ihr auch treffen einen überreichen Vater, – und so Ich zu euch kommen werde, da werde Ich nicht als ein Armer zu euch kommen, sondern auch als ein überreicher Vater!
HG|2|259|20|0|Henoch und Lamech, beachtet auch ihr für Meine Kinder diese Lehre, denn sie ist die wahre, lebendige Schule zum ewigen Leben! Also lehrt die Völker und Kinder, und lehrt sie den Vater, nicht aber den Richter kennen, so wird die Erde gereinigt werden vom Fluch des Richters!
HG|2|259|21|0|Und ihr, Meine Kindlein, aber geht nun wieder hin bis auf den einen, und dieser soll kommen zu Mir! Amen!“
HG|2|260|1|1|Die Rede des letzten Zweiflers. Gott solle sich durch das menschliche Verständnis zu erkennen geben
HG|2|260|1|1|Am 24. Februar 1843
HG|2|260|1|0|Nach dieser Rede begab sich die Gesellschaft allehrerbietigst wieder an ihre früheren Plätze zurück.
HG|2|260|2|0|Der ehemalige Hauptredner aber begab sich dafür zum Herrn hin und sprach zu Ihm: „Siehe, ich bin hier vor dir, wie du mich hast durch meine Brüder berufen lassen; doch weiß ich kaum, warum du mich berufen hast!
HG|2|260|3|0|Ich will aber dennoch reden vor dir und will dir zeigen, was es ist, das mich abhält zu glauben, was nun meiner Bemerkung nach alle meine Freunde, Brüder und Schwestern glauben und sind darob auch sichtbar seligst zufolge des Glaubens an deine unmittelbare Göttlichkeit.
HG|2|260|4|0|Du bist doch also endlich und begrenzt, wie ich es bin, und kannst mit deiner Hand natürlicherweise sicher nicht weiter greifen als ich und kannst auch mit deinen Füßen sicher keinen weiteren Sprung tun als ich mit den meinen.
HG|2|260|5|0|Solches kannst weder du, noch jemand anderer mir streitig machen. Dazu bist du hier ganz gegenwärtig, und es fehlt an dir kein Teil deines Leibes und so auch sicher nicht deines Geistes.
HG|2|260|6|0|Ich will aber damit nicht etwa dadurch behaupten, als seiest du nicht das, als was dich der König oder nun der Führer (Fürst) Lamech bezeichnet hatte, und du nun überaus weise von dir selbst ausgesagt hast; aber nur möchte ich denn nun erfahren, wer denn so ganz eigentlich nun die ganze Schöpfung erhält, trägt und führt! Wer belebt das endlos große Erdreich, wer erzeugt die Winde, wer hält nun das endlos große Meer in seinen Schranken, wer schiebt nun die Fluten der Ströme vorwärts, wer unterstützt das natürliche Feuer der Berge, wer reift nun wohl die Saaten, und wer bewacht nun das Leben aller Wesen, während du, wie gesagt, dich nun ungeteilt unter uns befindest?
HG|2|260|7|0|Siehe, das ist für einen denkenden Menschen eine Frage von der größten Wichtigkeit; bevor diese nicht völlig berichtigt wird in mir, kann ich’s immerhin nicht völlig annehmen, dass du im Ernst und zugleich in aller Fülle der Macht und Kraft der alleinige ewige Gott und Schöpfer und Erhalter aller Dinge bist.
HG|2|260|8|0|Es ist wahr, die Liebe des Herzens kann solches wohl tun, gleichwie es tun die Kinder, da sie unbezweifelt für wahr halten, dass die für sie sorgenden Menschen ihre Eltern sind. Aber ist dadurch der Satz auch schon ganz allgemein richtig?
HG|2|260|9|0|Ich sage: Nein! Denn man gebe nur den Säugling aus dem Hause hübsch weit weg in die Fremde, und zeige sich dann nach zwanzig Jahren ihm als der rechte Vater; und man wird sich als Vater gar bald überzeugen, dass es mit der alleinigen Liebe etwas schwer halten wird, um dadurch dem Sohn die Vaterschaft zu erweisen, sondern man wird da müssen zu anderen Beweismitteln seine Zuflucht nehmen, durch welche der Sohn verstandesmäßig überzeugt wird, dass der sich ihm als Vater ankündigende Vater im Ernst sein wahrhaftiger Vater ist.
HG|2|260|10|0|Ist solches geschehen, so wird die Liebe im Sohn schon ohnehin den ersten Gefühls- und Lebensplatz gegen den Vater einnehmen; solange solches aber nicht geschieht, kann es dem Sohn abgeraten werden, den Vater eher als solchen zu lieben, bevor er ihn als solchen noch verstandesmäßig erkannt hatte?
HG|2|260|11|0|Wahrlich wahr, es müsste dem Vater alle Einsicht völlig mangeln, so er das im Ernst verlangte von seinem Sohn!
HG|2|260|12|0|Siehe, du verlangst aber nun dasselbe von uns, und also auch von mir! Wie ist aber das mit deiner sonstigen Weisheit zu vereinbaren?
HG|2|260|13|0|Es glauben nun bis auf mich freilich wohl alle, dass du vollkommen wahrhaftig Gott bist von Ewigkeit; aber siehe, das ist ein schwacher Glaube, den nur des Lamech und deine eigene weise Beredung zuwege gebracht hatte, und wird daher auch so leicht wieder verrauchen, wie er entstanden ist, und das Volk wird bald wieder in großer Finsternis wandeln und wird sich Gottes Gericht über den Hals ziehen.
HG|2|260|14|0|Denn so diese eingeredete Liebe gar leicht und gar bald erkalten wird, da wird auch der schwache Glaube mit zugrunde gehen.
HG|2|260|15|0|Wenn wir aber durch unser Verständnis dich erkennen mögen – und das natürlich ganz unbezweifelt also, als wir einsehen, dass da eins und eins zwei sind –, so wird sich die Liebe von selbst geben und wird sich fortan unvergänglich erhalten müssen so wie die unumstößlich wahre Grundrechnung, und Gott wird nie vonnöten haben, Seine Völker zu richten, sondern sie nur stets zu beglücken.
HG|2|260|16|0|Beantworte mir daher meine Frage, und ich will dir ungezweifelt glauben; beantwortest du sie mir aber nicht, so bleibe ich, wie ich bin, und bleibe beim Gott Faraks.“
HG|2|261|1|1|Die Aussichtslosigkeit des Verstandesweges als Weg zur Gotteserkenntnis. Man kann Gott nur aus seinem Herzen erfassen
HG|2|261|1|1|Am 25. Februar 1843
HG|2|261|1|0|Und der Herr wandte Sich zu unserem Hauptredner, sah ihn sehr bedeutungsvoll an und begann dann folgende Worte an ihn zu richten, sagend nämlich:
HG|2|261|2|0|„Höre Mich nun wohl, du harter Verstandesgeist; denn Ich will dir zeigen, wie sehr töricht du bist und wie sehr unverständig mit all deinem Verstand!
HG|2|261|3|0|Ich habe euch alle ehedem erschaulichst belehrt, welch ein Unterschied ist zwischen Mir nun und dem Gott, den euch gelehrt hatte der Farak, und siehe, es ist außer dir keiner, der da nicht verstanden hätte in seinem Herzen Meine Worte! Woher rührt wohl das?
HG|2|261|4|0|Ich sage dir, das rührt aus deinem ganz verkehrten Weltherzen, das da keine Demut hat und hat daher keine Liebe.
HG|2|261|5|0|Wenn aber ein Herz keine Liebe hat und somit auch kein Feuer des Lebens und darum auch keine leuchtende Flamme, welche da für alle höheren und tieferen Wahrheiten erhellen soll sein ganzes Wesen, – sage mir, woher soll denn dem Herzen demnach ein Licht werden?
HG|2|261|6|0|Durch welche Worte, durch welche Zeichen kann denn wohl ein Tauber und Blinder zugleich von einer Wahrheit überführt werden?
HG|2|261|7|0|Du aber bist in deinem Herzen taub und blind zugleich; daher auch verstandest du nicht, was doch alle anderen mit der geringsten Mühe von der Welt verstanden haben.
HG|2|261|8|0|Du sagtest, man müsse dem Sohn in der Fremde, der als Säugling aus dem elterlichen Hause kam, andere verständige Beweise geben, als da ist die Vaterliebe, will man von ihm als einem Sohn, der den wahren Vater erkannt hat, geliebt werden; denn wird der Sohn den Vater vollends als solchen erkennen, so wird er ihn auch sicher von selbst lieben.
HG|2|261|9|0|Gut, sage Ich dir; was aber soll man dann tun, so der Sohn unglücklicherweise zugleich taub und blind ist?
HG|2|261|10|0|Siehe, du stutzt nun und bist um eine Antwort verlegen. Ich aber sage dir, wenn der rechte Vater solches Unglück an seinem Sohn merken wird, da wird er alles Mögliche aufbieten, um den armen Sohn wieder hörend und sehend zu machen,
HG|2|261|11|0|und wird ihn bringen vor einen geistmächtigen Weisen, auf dass dieser ihm wieder verschaffe das Gehör und das Gesicht.
HG|2|261|12|0|Und wenn dann der Sohn möglicherweise wieder haben wird das Gehör und das Gesicht und wird dann bald vom Vater lernen die Sprache, sage Mir, wird der Sohn dann auch noch nach anderen Beweisen fragen, darum er erkennen möchte den Vater, oder wird es ihm nicht die große Liebe des Vaters zuerst und am untrüglichsten sagen, dass er den wahren Vater vor sich hat?!
HG|2|261|13|0|Siehe, Ich aber als der ewig alleinig wahre und liebevollste Vater kam eben also zu euch Tauben und Blinden und mache euch alle hörend und sehend und lehre euch reden Meine Worte, ja Meine lebendigen Worte lehre Ich euch!
HG|2|261|14|0|Und siehe, viele verstehen Mich, sehen Mich und haben in Mir den alleinig wahren Gott und Vater erkannt!
HG|2|261|15|0|Warum magst denn du solches nicht? Weil du dich nicht willst auf die allein mögliche und lebendige Art heilen lassen! Du bist in deiner Taub- und Blindheit selbst ein Weiser und weißt selbst dafür die besten Mittel; daher sträubst du dich in deinem Gefühl und magst dich nicht heilen lassen!
HG|2|261|16|0|Ich sage dir aber, du magst tun, treiben und verlangen, was du nur immer willst, und es soll dir nicht gelingen zeitlich und ewig, dich auf einem anderen Weg dem Licht des Geistes zu nahen als nur alleinig auf dem, den Ich euch nun gelehrt habe!
HG|2|261|17|0|Wahrlich, du sollst kein Zeichen von Mir sehen denn alleinig das Meiner Liebe und großen Erbarmung; genügt dir aber dieses, so wirst du keines anderen bedürfen, – denn es wird dir dieses ohnehin das Höchste sein!
HG|2|261|18|0|Du willst wie eins und eins gleich zwei einen Beweis haben. Siehe, als solch ein Beweis stehe Ich ewig lebendigst vor dir; denn Ich und der Gott Faraks sind vollkommen eins. Aber solches wirst du nicht eher einsehen, als bis du Mich aus deinem Herzen wirst erfasst haben!
HG|2|261|19|0|Mit deinem Verstand wirst du Mich ewig nie begreifen, denn für den bin Ich unendlich; und nur Ich weiß es, wie Ich alle die geschaffenen Dinge erhalte, wenn Ich, dir scheinbar, auch nicht weiter greifen und springen kann als du!
HG|2|261|20|0|Gehe aber nun hin, und berate dich mit den Sehenden eines Besseren, und sage Mir dann, wie weit Ich zu greifen und zu springen vermag!
HG|2|261|21|0|Erwarte aber ja kein Zeichen von Mir! Denn so Ich Zeichen tun werde, da werde Ich euch richten; jetzt aber mache Ich euch nur lebendig. Solches verstehe und gehe! Amen.“
HG|2|262|1|1|Der Zweifler bespricht sich mit einem seiner Freunde
HG|2|262|1|1|Am 27. Februar 1843
HG|2|262|1|0|Nach dieser eindringlichen lebendigen Lehre machte unser Hauptredner eine tiefe Verbeugung vor dem Armen und begab sich alsogleich ganz schweigend zu seiner Gesellschaft zurück. Als er nun dort angelangt war, wandte er sich alsobald an einen seiner Freunde und richtete folgende Frage an ihn, sagend nämlich:
HG|2|262|2|0|„Lieber Bruder, sage es mir doch ganz aufrichtig: Glaubst du wohl ganz vollkommen ungezweifelt, dass jener arme Mann dort das allerhöchste göttliche Wesen Selbst ist?
HG|2|262|3|0|Sage mir, wenn du so alle Umstände, alle Eigenschaften, welche zur reinen Göttlichkeit doch unerlässlich erforderlich sind, ganz völlig reiflichst erwägst, stoßen dir da keine Bedenklichkeiten auf?
HG|2|262|4|0|Es ist wahr, die Worte, die der Mann spricht, strotzen von tiefster Weisheit, und die Liebe ist überall der Grundzug derselben; aber so ich daneben wieder den ganz entsetzlich einfachen Menschen, aus dessen Munde solch herrlichen Worte kommen, so recht fest ins Auge fasse und zu mir sage: ‚Soll das, kann das wohl Gott sein, Gott, der Ewige, der Unendliche, der Allmächtige?!‘ O siehe, da sträubt mein Verstand sich dagegen allzeit!
HG|2|262|5|0|Darum möchte ich denn doch ein Urteil von dir hören in dieser überaus allerwichtigsten Angelegenheit. Glaubst du solches im Ernst, oder glaubst du solches nur aus reiner, auch allzeit zu billigender Politik? Solches also gebe mir kund!“
HG|2|262|6|0|Der andere spricht zu unserem Hauptredner: „Höre du, unser aller Freund und Bruder: Du weißt es ja noch, dass ich vom Lamech darum ins Gefängnis bin geworfen worden, weil ich ihn durchaus nicht habe als einen Gott anerkennen wollen!
HG|2|262|7|0|Siehe, damals haben ihn gar viele aus nicht reiner, sondern allerschmutzigster Politik als einen Gott anerkannt. Habe ich solches getan?
HG|2|262|8|0|Du sagst: ‚Mitnichten!‘ Aber da ich jetzt die Gefängnisse verkostet habe, so dürfte es denn nun doch eine reine oder schmutzige Politik von meiner Seite sein, den armen Mann nach dem ausgesprochenen Willen Lamechs als den alleinig wahren Gott Himmels und der Erde anzuerkennen!
HG|2|262|9|0|O Bruder, ich sage dir: Und wenn der Lamech mir mit tausend Gefängnissen gedroht hätte, den Mann als einen Gott anzuerkennen, – wenn Er es nicht wäre, wahrlich, ich hätte es nimmer getan!
HG|2|262|10|0|Im Gegenteil wäre ich allzeit eher aufgelegt, dem Lamech einen tausendfachen Trotz zu bieten, als ihm zu gehorchen, denn du weißt es, wie er mir Weib und Kinder nahm und das Weib machte zu einer Sklavin und die Kinder an die Fürsten verkaufte um den schnödesten Sold!
HG|2|262|11|0|Höre, Bruder! Solch eine Wunde, dem Vater geschlagen und dem getreuen Gatten eines allerliebenswürdigsten Weibes, heilt das Gefängnis samt diesem Mahl nicht!
HG|2|262|12|0|Wenn du das so recht erwägst, da wirst du ganz entsetzlich wenig Politik bei mir entdecken!
HG|2|262|13|0|So ich aber den Mann ungezweifelt für den alleinig wahren Gott anerkenne und nun dem Lamech alle Unbill vergebend fest und lebendig glaube, dass es außer diesem Gott ewig keinen anderen mehr gebe und geben kann, da kannst du wohl annehmen, dass ich einen ganz guten Grund dafür haben muss.
HG|2|262|14|0|Und dieser Grund ist eben der arme Mann Selbst! Lerne Ihn kennen mit deinem Herzen – und nicht mit dem Verstand –, und du wirst in dir selbst den unaussprechlichen Grund finden, der dir es selbst sagen wird:
HG|2|262|15|0|Siehe, dieser arme Mann ist der große, heilige, liebevollste, himmlische Vater aller Engel und Menschen, Schöpfer aller Dinge, und alle Ewigkeit und alle Unendlichkeit sind Seinem allerheiligsten und allermächtigsten Willen untertan!
HG|2|262|16|0|Und es bedürfte von Seiner göttlichen Seite nur des allerleisesten Winkes, und alle sichtbare Schöpfung wäre nicht mehr, oder tausend neue Sonnen brennten am Firmament!
HG|2|262|17|0|Siehe, also ist es und wird es bleiben ewig! Das ist nun mein Grund, und darum glaube ich es, weil die Liebe zu Ihm mir solches sagt und zeigt.
HG|2|262|18|0|Daher liebe Ihn auch du über alles, und du wirst alsbald das einsehen; denn der Vater will eher geliebt als erkannt sein. Das ist Sein Wille.
HG|2|262|19|0|Lieben doch die Kindlein auch eher ihre Eltern, bevor sie dieselben noch erkennen, und wir haben uns noch nie darüber beschwert, als wäre solches nicht in der Ordnung!
HG|2|262|20|0|Warum sollte es denn der allmächtige, göttliche Vater nicht mit uns auch also haben wollen? Er will es so; also tue es, Bruder! Ja, verstehe es wohl! Amen.“
HG|2|263|1|1|Der Zweifler wird von seinem Freund zur Gotteserkenntnis geleitet
HG|2|263|1|1|Am 1. März 1843
HG|2|263|1|0|Nach den Worten, welche unser Hauptredner als eine gute Antwort auf seine Frage von seinem Freund zu hören bekam, fing er an, ganz gewaltig und ganz besonders aber darüber nachzudenken, wie die unmündigen Kindlein ganz richtig auf dem Wege der Liebe, wenn sie auch noch gewisserart instinktmäßig ist, am allerersten zur untrüglichen Erkenntnis ihrer Eltern gelangen.
HG|2|263|2|0|Ja, er dehnte seine Gedanken sogar ins Tier- und Pflanzenreich aus und fand diesen Satz auf eine ihn zum ersten Mal überraschende Weise bestätigt.
HG|2|263|3|0|Er gewahrte es aus seinen vielen Erfahrungen, dass alle Tiere, die er kenne, sich als Tierkinder an ihre Zeuger kleben und dieselben nicht eher verlassen, als bis sie mit der erforderlichen tierischen Kraft völlig ausgerüstet worden sind; und bei dem Pflanzenreich entdeckte er jetzt auch, dass – wie man zu sagen pflegt – der Apfel nie gar zu weit seinem Baum entfällt.
HG|2|263|4|0|Nach derlei guten Gedanken wandte er sich wieder zu seinem Freund und sagte zu ihm: „Höre du, mein geliebtester Freund und Bruder, je mehr ich nun deinen Worten nachdenke, desto mehr Licht finde ich in ihnen. Anfangs schienen sie mir so ganz bedeutungslos zu sein; aber siehe, sie gewinnen nun bei mir stets einen größeren Bedeutungskreis! Darum denn kommt es mir auch vor, als wären sie nicht so ganz eigentlich auf deinem Grund und Boden gewachsen.
HG|2|263|5|0|Ich will damit aber durchaus nicht sagen, als hielte ich dich etwa solcher Weisheit für unfähig; denn ich weiß es ja von früher her, dass du ein sehr kluger Mann warst und warst von irgendeiner gründlich gefassten Idee durch nichts abzubringen, selbst durch Lamechs Gefängnisse nicht.
HG|2|263|6|0|Aber nur, weißt du, lieber Bruder, mache ich da einen kleinen Unterschied, da es doch zweierlei ist: weise reden – und vernünftig und dem Verstand gemäß reden und handeln.
HG|2|263|7|0|Du hast zu mir aber offenbar weise gesprochen, und ich kam daher auch auf den Gedanken, dass solche Weisheit nicht auf deinem Grund und Boden gewachsen ist. Denn sie ist zu umfassend, zu allgemein; wir Menschen können aber unsere beschränkten Begriffe nicht so weit ausdehnen, da uns dazu die allgemeine Anschauung noch allzeit gemangelt hatte, und besonders hat es damit im Kerker seine geweisten Wege gehabt!
HG|2|263|8|0|Wenn du mir aber solche Sätze auftischst, in denen eine ganze Schöpfung vom Anfang bis zum Ende zugrunde liegt, da bin ich der Meinung, dir dadurch keine Beleidigung anzutun, so ich solches von deiner Aussage behaupte.
HG|2|263|9|0|Ich sage dir nun aber auch, dass mich diese deine Worte dem Ziel näher geführt haben, als du es vielleicht meinen möchtest! Ja, du kannst es mir glauben, es wird mir auch die gottmenschliche Idee heller und heller, und es sträubt sich mein Gemüt nicht mehr so sehr dagegen; nur die Verkleidung des armen Mannes geht mir noch nicht so recht ein.
HG|2|263|10|0|Hättest du vielleicht auch da ein Wort, das da für mein Verständnis passender wäre als jenes Mannes zu hochweise Rede, so wäre ich nicht abgeneigt, [den armen Mann völlig als das anzuerkennen,] als was ich ihn anerkennen sollte und nun auch im Ernst selbst möchte! Wenn du sonach noch irgendein Wörtlein hast, da spreche es aus zu meiner völligen Beruhigung!“
HG|2|263|11|0|Und der andere nahm das Wort und sagte zu unserem Hauptredner: „Bruder, wahrlich, wenn du nicht blinder bist als der Mittelpunkt der Erde, so will ich keinen Namen haben!
HG|2|263|12|0|Was nennst du denn reich, und was arm?
HG|2|263|13|0|Ist denn das reich bei dir, so jemand sich über und über den Leib bedeckt hatte mit Erzeugnissen entweder seiner oder seiner Brüder Hände, welche Erzeugnisse den Naturdingen sind entlockt worden, oder so jemand aus Lehm und müßigen Steinen sich erbaut hatte eine Wohnung?
HG|2|263|14|0|Und nennst du das arm, so jemand alles dessen entweder notgedrungen durch Härte seiner Brüder oder aber auch freiwillig ledig ist mehr oder weniger?
HG|2|263|15|0|O siehe, das ist grundfalsch! Gott hat den Menschen geschaffen nach Seinem Maße und stellte ihn völlig nackt auf die Erde, und also werden noch heutzutage alle Menschenkinder nackt zur Welt geboren. Ist aber der nackte Mensch das armseligste Geschöpf Gottes? Oder ist er nicht vielmehr überschwänglich reich durch das ihm gegebene Ebenmaß seines Schöpfers?
HG|2|263|16|0|Wie, wenn nun der Schöpfer in seinem urgrundmenschlichen Maße zu uns kam in aller Fülle Seiner ewigen Liebe und Weisheit, kannst du da noch in deinem Herzen solche Seine Urgrundwesenheit bemängeln?!
HG|2|263|17|0|Ich sage dir daher, erkenne deine große und grobe Blindheit, eile hin zu Ihm, falle nieder zu Seinen Füßen, auf dass dir Licht werde in deines Lebens größtem Irrsal!
HG|2|263|18|0|Erkenne die endlose Gnade, Gott, den allmächtigen Schöpfer, als einen allermildesten Bruder und liebevollsten Vater unter uns zu haben!
HG|2|263|19|0|Wahrlich, der Gedanke ist zu groß und heilig für den Menschen; und siehe, hier ist mehr als der höchste Gedanke! Hier ist Er, der allmächtige Vater Selbst!
HG|2|263|20|0|Kannst du da noch zaudern in deinem Geist, da alle Unendlichkeit vor zu großer Ehrfurcht bebt?!
HG|2|263|21|0|Siehe, Er, Er, der allmächtige, ewige Gott, der Schöpfer der Unendlichkeit, harrt dort deiner!
HG|2|263|22|0|Daher eile, eile hin zu Ihm, ehe es zu spät wird, und bete Ihn an in aller Tiefe deines Herzens!
HG|2|263|23|0|Eile, eile hin zu Ihm, dem heiligen Vater! Amen.“
HG|2|264|1|1|Der Zweifler Terhad gerät in große Furcht vor dem Herrn
HG|2|264|1|1|Am 2. März 1843
HG|2|264|1|0|Nach diesen Worten bedachte sich der Hauptredner nicht lange mehr und nahm den armen Mann im vollen Maße als den Herrn Himmels und der Erde in sich auf.
HG|2|264|2|0|Aber nun fing ihn an etwas anderes zu bedrücken, und er wandte sich darob bald an den Freund wieder und sprach zu ihm:
HG|2|264|3|0|„Höre, du mein überaus lieber Freund und Bruder! Ich habe nun, deine Worte reifer und tiefer erwägend in mir, nicht nur die Möglichkeit, sondern die volle Wirklichkeit gefunden, dass jener Mann im Ernst das allerhöchste göttliche Wesen in Sich Selbst ist, und es bedarf demnach solches keines Beweises mehr, da es mir nun mein Herz selbst untrüglich laut verkündet.
HG|2|264|4|0|Aber etwas ganz anderes steigt nun in mir auf, und dieses ist um vieles ärger denn all meine früheren Zweifel.
HG|2|264|5|0|Du siehst mich nun wohl sehr groß an und forschst in meinen Augen und auf meiner Stirne, um zu erfahren, was in mir solches doch sein möchte. Ich sage dir, tue das nicht; denn ich will es dir ja eben eines guten Rates willen kundgeben.
HG|2|264|6|0|Siehe, es ist eine ganz entsetzliche Furcht, der etwas Ähnliches ich in meinem ganzen Leben nicht empfunden habe!
HG|2|264|7|0|Du aber sagtest in gar dringlichen Worten zu mir, dass ich hineilen solle und solle mich hinwerfen zu Seinen Füßen und solle Ihn dort anbeten; wie aber kann ich nun solches tun, da die zu übermäßige Furcht vor der zu endlos großen göttlichen Erhabenheit mir alle Glieder lähmt?!
HG|2|264|8|0|Rate mir demnach, rate, was ich tun soll!
HG|2|264|9|0|Ich möchte ja hinfliehen, wenn es mir möglich wäre, aber es ist mir solches ja ganz rein unmöglich! In meinem bebenden Herzen bin ich wohl nun ganz völligst bei Ihm; aber eben dieses schreckliche Bei-Ihm-Sein lähmt mir alle meine Kraft!“
HG|2|264|10|0|Hier erhob Sich der Herr und ging schnurgerade auf unseren Hauptredner los.
HG|2|264|11|0|Da aber dieser solches bemerkte, wollte er fliehen. Aber sein Freund fasste ihn am Arm und sagte zu ihm:
HG|2|264|12|0|„Bruder, aber bedenke, was du tun willst! Wohin willst denn du wohl fliehen und wo dich verbergen vor Gott?! Siehe, der Herr kommt dir schon an den Leib; was willst du tun?!“
HG|2|264|13|0|Hier ward unser Redner ganz wie besinnungslos und fiel alsobald wie tot auf den Boden nieder.
HG|2|264|14|0|Als aber der Herr vollends zu ihm kam, rührte Er ihn an und sagte zu ihm: „Terhad! Ich sage dir, erhebe dich, und sei nicht tot, sondern lebendig!“
HG|2|264|15|0|Alsobald erhob sich der Terhad und starrte den Herrn, noch ganz entsetzlich erschrocken aussehend, an.
HG|2|264|16|0|Der Herr sah ihn mild und freundlichst an und sagte zu ihm: „Terhad, du hast ja immer ein Zeichen haben wollen, auf dass du auch glauben möchtest, was alle die anderen glauben!
HG|2|264|17|0|Ich sagte es Selbst zu dir, so Ich dir oder jemand anderem oder einem ganzen Volk Zeichen Meiner Gegenwart geben werde, dann ist ein Gericht über sie ergangen, das da in sich hat den Tod.
HG|2|264|18|0|Wer Mich aber erkennt im Herzen, der hat Mich frei erkannt und dadurch in sich gefunden das wahre, ewige Leben, und der Tod wird ihm ferne sein ewig.
HG|2|264|19|0|Siehe, also war der Sinn Meiner Rede; allein dir genügte solche Rede nicht, sondern du wolltest Mich mit deinem Verstand zuvor – denn mit deiner Liebe erfassen.
HG|2|264|20|0|Ich ließ es denn auch zu und redete zu dir verstandesmäßig durch den Mund deines Bruders, auf dass es dir einleuchtend würde, dass Ich im Ernst das bin, was Lamech am Thron von Mir verkündigt hatte.
HG|2|264|21|0|Du erfasstest Mich denn dadurch in deinem Verstand und fülltest denselben stets mehr und mehr mit Meiner urewigsten Göttlichkeit aus.
HG|2|264|22|0|Durch die Ausdehnung deines Verstandes mit Mir aber vergaßt du dein Herz; dieses schrumpfte darob ein, und als du Mich in dein Herz aufnehmen wolltest, da entsetzte sich dieses vor Meiner Größe in deinem Verstand und ward erdrückt von Meiner Last in dir, und du bebtest vor Furcht und fielst bei Meiner Annäherung wie tot darnieder.
HG|2|264|23|0|Und siehe, das war dir denn auch ein Zeichen, dass Ich Der bin, als den du Mich im alleinigen Herzen um vieles leichter und bequemer gefunden hättest, ohne dabei nötig gehabt zu haben, ein wenig das Gericht zu verkosten.
HG|2|264|24|0|Doch da du Mich nun erkannt hast, so erfasse Mich nun denn auch mit deinem Herzen, und sei ein getreuer Wächter Meines Heiligtums, das Ich euch gegeben habe!
HG|2|264|25|0|Und nun sei heiter und fröhlich, denn Ich, dein Vater, habe dir nun solches geoffenbart.
HG|2|264|26|0|Liebe Mich, so wirst du es nie nötig haben, Mich zu fürchten; denn Ich bin euch allen nur ein Retter, aber ewig kein Verderber. Also sei nun heiter und froh! Amen.“
HG|2|265|1|1|Terhads feurige Liebeserklärung an den Herrn. Des Herrn Verheißung an die Erde
HG|2|265|1|1|Am 3. März 1843
HG|2|265|1|0|Nach dieser Rede, vom Herrn ausgehend, fing der Terhad erst freier zu atmen an; sein Herz war der Furcht ledig geworden, und eine mächtige Liebe zum Herrn fing nun sein ganzes Gemüt zu erfüllen an.
HG|2|265|2|0|In diesem neuen Lebenszustand öffnete nun wieder unser Hauptredner den Mund und machte durch die folgenden Worte seinem Herzen Luft; die Worte aber lauteten also:
HG|2|265|3|0|„O Du, dem keiner gleicht, Du alleinig ewig wahrer Vater, Du also bist Der, den ich mir nie so ganz zu denken getraute; denn zu endlos heilig erhaben erklang in mir schon der Name, der Ihn, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde bezeichnet, und ich sprach es gar oft ganz heimlich bei mir aus:
HG|2|265|4|0|‚O Du heiliger Name, wenn ich dich denke, so erbebt mein ganzes Wesen in allen seinen Fundamenten!‘
HG|2|265|5|0|Oh, was muss der endlos erhaben heiligste Träger dieses heiligsten Namens in Sich erst sein, welch eine Heiligkeit, welch eine ewige, unendliche Glorie muss Ihn umfassen, wenn Sein Name mich schon also vernichtet und ich mir bei dessen Aussprechung vorkomme wie ein allerelendester Wurm, der da kaum sichtbar allermühseligst den toten Staub der Erde bekriecht!
HG|2|265|6|0|Siehe, siehe, o Du, den Meine Augen ewig unwürdig sind anzuschauen, also war mein Gemüt von jeher beschaffen gewesen bei aller meiner sonstigen wahrhaft großen Not!
HG|2|265|7|0|Was aber soll ich nun denken, was empfinden und was reden, da Du nun vor uns allen in der größten Einfachheit stehst wie ein Bruder zu uns, während doch der ganze endlose Himmel in zahllosen Lichtern aus Dir erbrennt, die Sonne Dein Licht zur Erde spendet und der Mond sich allezeit mit Deinem Glanz umgürtet und alle geheiligte Pracht der Erde Dein Werk ist?!
HG|2|265|8|0|Ja, was soll ich reden vor Dir, o Du endlos guter, heiliger Vater, so ich bedenke, dass Du dieses mein Leben in jedem Augenblick mit Deinem allmächtigen Willen erhältst und ein jeder Atemzug ein freies, allerwunderbarstes Geschenk ist von Dir?!
HG|2|265|9|0|O Du endlos erhaben heiligst guter Vater, ich weiß mir nun ja vor lauter Liebe zu Dir nicht zu helfen! Ja, es ist wahrlich wahr – o Gott, o Vater, lasse es mich aussprechen, wie ich es empfinde –, ja, es ist wahrlich wahr, ich kann es vor Liebe ja nicht aushalten in dieser Deiner allerheiligsten Gegenwart!
HG|2|265|10|0|Und doch ist es mir unmöglich, auch nur einen Blick von Dir, o Du heiliger, guter Vater, abzuwenden!
HG|2|265|11|0|O so lasse Dich denn lieben von mir so stark, dass mich das Feuer der Liebe zu Dir gänzlich verzehren möchte und ich völlig ersterbe in der Liebe zu Dir, o Du mein Gott, mein Jehova, mein heiliger, guter Vater!
HG|2|265|12|0|O Vater, ich kann nicht mehr reden, denn zu mächtig erfasst die Liebe zu Dir mein ganzes Wesen! Ja, es ist mir, als flüsterten mir schon meine eigenen Haare zu: ‚O liebe, liebe, liebe den Vater; denn Er hat dich schon Ewigkeiten zuvor geliebt, ehe du noch warst! Er ist die reinste, ewige Liebe, und deine Liebe ist Seine Liebe in dir, lebendig machend deinen Geist in deinem Herzen; darum liebe, liebe, liebe Ihn, den guten, heiligen Vater! Liebe deinen Gott, liebe deinen Schöpfer, denn Er ist heilig, heilig, heilig!‘
HG|2|265|13|0|Ja, sogar meine Haut wird redend und alle meine Knochen und alle meine Eingeweide, und ich höre sie sagen: ‚Gott, dein Vater, ist ein lebendiges Wort in Dir! Du bist ein ausgesprochener Gedanke Dessen, der vor dir steht; du bist mit Haut, Haar, Gebeinen, Eingeweiden, mit Herz und Blut, mit Seele und Geist selbst ein Wort aus dem Munde Dessen, der vor dir steht! Liebe, liebe, liebe Ihn, denn Er ist dein Alles, Er ist dein Leben, Er ist dein Licht, wie das Licht der Unendlichkeit, Er ist alle deine Kraft, deine Rede!‘
HG|2|265|14|0|O Du Vater, Du heiliger Vater, so lasse Dich denn ewig lieben von mir, ja von uns allen lasse Dich ewig lieben! Geliebt, gelobt und angebetet sei Du, o allerheiligster Vater, und allzeit und ewig werde durch unsere Liebe geheiligt und allerhöchst geehrt und gerühmt Dein allerheiligster Name!
HG|2|265|15|0|O Du heiliger Vater Du! Ich stehe als ein Sünder vor Dir, und Du lässt Dich lieben von mir?! Oh, wie unendlich gut musst Du sein, dass Du Dich von einem Sünder sogar lieben lässt!
HG|2|265|16|0|O Brüder, fallt doch mit mir alle hin zu Seinen allerheiligsten Füßen, denn seht, seht, wie unendlich gut Er, der heilige Vater, ist!
HG|2|265|17|0|O Vater, vergebe mir, dass ich es wage, Dich als ein Sünder zu lieben; sei mir und uns allen darum gnädig und barmherzig!“
HG|2|265|18|0|Hier fielen alle vor dem Vater nieder und weinten vor Liebe.
HG|2|265|19|0|Der Vater aber verbarg Sein Angesicht mit der Hand und sagte wie zu Sich:
HG|2|265|20|0|„O Erde, was gibst du Mir! Wahrlich, deine Kinder sollen Meine Kinder sein! Ich will dich erheben, dass vor dir die Sonnen und Engel ihre Knie beugen sollen; und wenn Ich zu dir kommen werde, da will Ich allezeit die Sünder suchen und haben mit ihnen eine große Erbarmung.
HG|2|265|21|0|O Terhad, deine Liebe ist groß; darum sollst du aber eine ebenso große Erbarmung von Mir empfangen, und diese sei, dass Ich ein treuer Hirte werde dem Sünder der Erde!“
HG|2|265|22|0|Hier schwieg der Herr und weinte Selbst heimlich vor großer Liebe und Erbarmung mit den armen Kindlein.
HG|2|266|1|1|Der Herr warnt Terhad vor Seinem Gericht über die abgefallenen Menschen und bestellt ihn zum Oberwächter des Tempelvorhofes
HG|2|266|1|1|Am 6. März 1843
HG|2|266|1|0|Nach einer kleinen Zeit aber tat der Herr wieder die Hand von Seinem Angesicht und sagte zum Terhad: „Terhad, Ich kannte dich und wusste es lange schon, dass du ein Mann starken Geistes bist und bist kräftig in deinem Gemüt; darum denn verbarg Ich Mich auch vor dir und ließ es zu, dass du Mich suchen musstest, während Mich die anderen auf den ersten Augenblick ersehen konnten.
HG|2|266|2|0|Da du aber schon von jeher eines so starken Geistes und eines so kräftigen Gemütes warst und ließest dich selbst durch den Kerker Lamechs nicht abwendig machen von Mir, wie du Mich erkannt hast nach der Lehre Faraks, so sage Ich dir denn nun auch, dass du ein Hauptgrund warst, dass Ich Mich der Tiefe erbarmt habe; denn wahrlich, ein mächtiger Geist in der wahren Erkenntnis, ein treuer Geist, ein unwandelbarer Geist kann allein ein Retter des Weltenalls werden.
HG|2|266|3|0|Und so bist du nun ein Retter Lamechs und ein Retter der Tiefe und bist ein Schirm vor Meinem Gericht, das sonst in dieser Zeit wäre ausgegossen worden über euch, und bist eine Schutzwand, die da steht zwischen Meinem Feuer und zwischen der Sünde Kahins in der Tiefe der Nacht des Todes!
HG|2|266|4|0|Und wie es nun ist, so soll es bleiben fürder! So lange ein Ort der Erde drei Menschen haben wird, die da gerecht sind vor Mir, da will Ich den Ort nicht richten. So lange eine Stadt in der Tiefe haben wird zwei Gerechte, da will Ich sie verschonen um der Gerechtigkeit der zwei willen. So lange ein Land wird haben sieben Gerechte, da will Ich dasselbe nicht heimsuchen in Meinem Zorn, und so lange ein Volk wird haben zehn Gerechte, da will Ich es verschonen vor dem Ausbruch Meines Feuers.
HG|2|266|5|0|Und so lange noch zwei Väter unter all Meinen Kindern leben werden, die Mich erkennen und lieben, und lehren Mich auch also erkennen und lieben ihre Kinder und Nachbarn, da will Ich kein Gras zornig ansehen auf dem ganzen Erdboden.
HG|2|266|6|0|Wenn aber am ganzen festen Land hier in der Tiefe, wie in der Höhe nicht mehr als nur ein Gerechter wird anzutreffen sein, so will Ich noch hundert und etliche Jahre warten, ob sich niemand zu Mir wende, und will darum auch zu dem Behuf allenthalben durch von Mir aus gelehrte Boten aller Kreatur predigen lassen.
HG|2|266|7|0|Werden sich die abgefallenen Menschen danach kehren, so will Ich sie wieder aufnehmen zu Meinen Kindern; werden sie sich aber nicht zu Mir kehren, sondern nur umso fester verharren in aller Bosheit und werden sogar erschlagen die Boten, wahrlich, da soll der eine Gerechte nicht imstande sein, Meinen Grimm von der Erde abzuhalten, und Ich will dann vertilgen alle Übeltäter der Erde und Mir errichten ein neues Geschlecht auf derselben!
HG|2|266|8|0|Diese Worte habe Ich nun vor dir, Terhad, geredet wie zu der ganzen Erde; du sollst sie darum aufzeichnen, und die sie mit dir in diesem Saal hier gehört haben, die sollen dir Zeugnis geben, dass Ich es war, der nun solches zu dir geredet hatte, auf dass, so je eine solche Zeit kommen sollte, sich niemand wird entschuldigen können, als habe er solches nicht vernommen. Dieses Zeugnis sollst du allzeit und allem Volk verkünden und sollst ein wahrer Wächter dieses Meines Heiligtums sein – wie in dir, also auch in allen deinen Nachkommen!
HG|2|266|9|0|Also sollst du auch allezeit am Sabbat ein Oberwächter sein an der Pforte des Vorhofes, der da umgibt Meinen neuen Tempel bei euch, den du erst morgen sollst kennenlernen!
HG|2|266|10|0|So oft du aber die Wache halten wirst, sollst du dem Volk diese Meine Worte kundtun, damit sie ja nie in Vergessenheit geraten möchten!
HG|2|266|11|0|Da du nun solches weißt, so empfange denn nun auch zu diesem Amt Meinen Segen, auf dass du kräftig werdest, allezeit zu handeln nach Meinem Willen! Amen.“
HG|2|267|1|1|Die scheelsüchtigen Murrer
HG|2|267|1|1|Am 7. März 1843
HG|2|267|1|0|Diese Worte brachten den Terhad beinahe ums Leben, aber der Herr des Lebens wusste auch dem neuen Wächter das Leben zu erhalten und dazu noch überaus und zwar also zu kräftigen, dass dieser darauf noch zweihundertsechzig Jahre lebte, und gar kräftig sein Amt verwaltete.
HG|2|267|2|0|Da aber solche Worte aus dem Munde des Herrn auch alle anderen Gäste im Saal vernommen hatten, da verwunderten sich einige bei sich selbst und sprachen sich auch leise gegenseitig also aus:
HG|2|267|3|0|„Da seht einmal diese Geschichte an! Dem Hartnäckigen, der da einen steinharten Eigensinn hatte und war kaum zum Glauben an diesen Gottmann zu bewegen, wird eine so große Gnade zuteil; uns aber, die wir Ihn sogleich in unseren Herzen ohne die geringste Widerrede aufgenommen haben, wird auch nicht ein Wörtlein beschieden! Nein, das ist doch etwas sonderbar!
HG|2|267|4|0|Er kann ja als der alleinige Herr Himmels und der Erde freilich wohl tun, was Er nur immer will, und es kann darob niemand zu Ihm sagen: ‚Herr, was tust Du?‘, aber dessen ungeachtet bleibt eben diese Geschichte dennoch höchst sonderbar!
HG|2|267|5|0|Wenn wir diese Geschichte wörtlich geben müssten, fürwahr, wir könnten nicht anders sagen als: Gerade dem Stützigsten [wird eine so große Gnade zuteil]! Dem Sanften, dem Gleichwilligen, dem Liebenden aber höchstens ein bisschen Erbarmung, und sonst nichts!
HG|2|267|6|0|Man kann die Sache drehen, wie man nur immer will, so bleibt diese Geschichte denn doch – nota bene von der göttlichen Seite betrachtet – wie gesagt sehr sonderbar!“
HG|2|267|7|0|Hier unterbrach der Herr das Volk und sagte zum selben: „Ja wahrlich, es ist sonderbar, dass Ich solches tue; aber noch ums sehr Bedeutende sonderbarer ist es, dass ihr hier in Meiner sichtbaren Gegenwart an Mir darum Ärgernis nehmt, da Ich einem armen Bruder aus euch eine Gnade erwies, die Ich euch Schwächlichen nicht erweisen konnte!
HG|2|267|8|0|Wäret ihr, wie ihr sein solltet, so hättet ihr nur eine große Freude daran, so Ich einem Sünder gnädig bin; da ihr aber noch verkehrten Sinnes seid, und also noch lange nicht seid, wie ihr sein solltet, so findet ihr ärgerlicherweise das sonderbar, wenn Ich einem Sünder gnädig bin!
HG|2|267|9|0|Hört, Ich will euch nun etwas sagen und will euch zeigen die Ursache, warum ihr euch darüber ärgert, da Ich dem Terhad solche Gnade erwies!
HG|2|267|10|0|Seht, ihr seid Feinäugler und seht den Staub im Auge des Bruders; aber so in euren Augen ganze Berge herumschwimmen, das seht ihr nicht! Darum aber könnt ihr auch hier den Grund nicht erschauen, warum Ich hier dem Terhad solche Gnade erwies!
HG|2|267|11|0|Ich aber sage euch: Ich sah das alles schon gar lange, dass eure Herzen erfüllt sind mit Scheelsucht; darum ließ Ich euch auch nur so viel Gnade zukommen, der zufolge Ihr Mich erkennen mochtet, dass Ich der Herr Himmels und der Erde bin.
HG|2|267|12|0|Aber scheelsüchtige Amtleute kann Ich in Meiner großen Haushaltung durchaus nicht brauchen.
HG|2|267|13|0|Reinigt sonach zuvor eure Herzen von aller Scheelsucht, und denkt allezeit, – selbst wenn ihr euch noch so sehr werdet gereinigt haben, als es euch nur immer möglich sein dürfte –: ‚Wir sind auch der allergeringsten Gnade nicht wert!‘
HG|2|267|14|0|Dann erst werde Ich euch erforschen, ob ihr im Ernst völlig rein seid vor Mir, und werde die völlig Reinen dann auch wohl erwählen für eine höhere Amtsgnade des Lebens aus Mir; sonst aber genüge euch allen die freie Gnade des Lebens aus Mir!
HG|2|267|15|0|Achtet der kleinen Gaben aus Meiner Hand, wollt ihr Meine Kinder sein; dann werde Ich euch schon ohnehin zur rechten Zeit der größeren teilhaftig machen!
HG|2|267|16|0|Wenn aber schon ihr euren kleinen Kindlein kleine Spielereien gebt und habt dann selbst eine große Freude daran, wenn solche Gaben eure Kindlein erfreuen, – sagt, bin Ich denn weniger Vater zu euch allen, denn ihr es seid zu euren Kindlein? Ich meine, solches wird wohl mitnichten der Fall sein!
HG|2|267|17|0|Freut euch also dessen, was ihr von Mir empfangt als Kindlein; wenn ihr aber kräftiger werdet, dann werde Ich auch schon sehen, für welch ein Amt ihr taugt!“
HG|2|267|18|0|Hier wurde allen heiß ob dieser Worte des Herrn, und sie fielen vor Ihm nieder und baten Ihn um Vergebung einer solchen Versündigung.
HG|2|267|19|0|Der Herr aber hieß sie alle erstehen, gab ihnen einen guten Trost und begab Sich dann wieder zu Seiner Hauptgesellschaft.
HG|2|268|1|1|Der Herr beschreibt Lamech, wie ein weiterer Tempel auf dem gereinigten Schlangenberg konstruiert sein soll
HG|2|268|1|1|Am 8. März 1843
HG|2|268|1|0|Bei der Hauptgesellschaft angelangt, gab der Herr alsbald dem Lamech kund, dass Er den Terhad zum Hauptwächter des Vorhofes berufen habe; und solches zeigte Er darum dem Lamech an, auf dass dieser es ganz bestimmt wisse, an wen er sich zu halten habe, so er noch mehrere Tempelvorhofwächter benötigen möchte, was da mit der Zeit auch wegen des großen Zudranges sehr erforderlich wurde und den Lamech und den Terhad dahin bestimmte, dass sie eine Vorhofwache von dreihundert Mann statuieren mussten, welche Männer vom Terhad erwählt und dann in Meinem Namen vom Lamech bestätigt wurden.
HG|2|268|2|0|Da aber der Lamech solche Anzeige vom Herrn erhielt, da fiel er aus übergroßem Dank- und Liebegefühl vor dem Herrn nieder und lobte und pries Ihn aus allen seinen Lebenskräften, dass Er ihm gerade in diesem wichtigen Punkt aus der Verlegenheit geholfen hatte.
HG|2|268|3|0|Denn über diesen Punkt hatte der Lamech schon immer bei sich deliberiert und konnte nicht ins Klare kommen darin, wem er so ganz eigentlich, dem Herrn wohlgefällig, die Vorhofwache anvertrauen sollte.
HG|2|268|4|0|Da aber, wie nun bekanntgegeben, nun der Herr Selbst diesen wichtigen Posten bestellt hatte, so ward dadurch dem Lamech ein großer Stein von seinem Herzen genommen.
HG|2|268|5|0|Nachdem durch den gerechten Herzensdank sich der Lamech dem Herrn also angenehm bezeigt hatte und auch alle die armen Gäste an dem Lob den allerwärmsten Anteil genommen hatten, da behieß der Herr den Lamech erstehen und sagte zu ihm:
HG|2|268|6|0|„Höre nun weiter, Mein geliebter Lamech! Nun wäre hier alles geordnet; aber siehe, der gereinigte Berg, auf dem du Mich zuerst ersahst, nachdem du zuvor Meine Stimme vernommen hattest, ist noch ohne Zierde!
HG|2|268|7|0|Du weißt es, dass Ich dir anbefohlen habe, Mir auch dort ein Denkmal zu errichten. Doch hatte Ich es dir nicht näher angezeigt, wie da soll der Tempel gestaltet sein, damit er könnte in Meine Ordnung völlig eingerechnet werden.
HG|2|268|8|0|Nun aber will Ich dir die Gestalt näher angeben, nach der du ihn erbauen sollst, und so höre es denn:
HG|2|268|9|0|Zehn drei Manneslängen hohe Säulen sollst du aus dem reinsten Marmor meißeln lassen also, wie Ich es dem Mura und dem Cural anzeigen werde.
HG|2|268|10|0|Diese Säulen sollen in einem Kreis gestellt werden also, dass da eine jede Säule eine Manneslänge von der anderen abstehe.
HG|2|268|11|0|Der Grund aber soll von blauem Marmor sein, die Fußgestelle der Säulen von rotem Marmor und die Kapitäle von grünem.
HG|2|268|12|0|Über den Kapitälen müssen die Säulen mit Balken, aus gelblichem Marmor gemeißelt, miteinander gar fest verbunden sein, und ein jeder solcher Querbalken muss wieder mit dem nächsten mittels gehörig fester Metallklammern eigens verbunden sein.
HG|2|268|13|0|Über diesen Querbalken sollst du erst ein goldenes Dach nach der Art des Haupttempels anbringen; nur sollen die drei Kugeln auf dem Dach nicht von gleicher Größe sein, sondern das soll also bestellt sein, dass die unterste Kugel die größte und die zwei oberen stets eine um die Hälfte kleiner denn die untere vorhergehende sei.
HG|2|268|14|0|Wenn du nun auf diese Weise Mir wirst diesen Tempel baldmöglichst erbauen und wirst in der Mitte desselben errichten einen Brandopferaltar, ebenfalls aus reinem Gold angefertigt, und wirst Mir an jedem Sabbat abends ein Getreideopfer abbrennen, so werde Ich alle Felder der Tiefe segnen, und sie werden dir und deinem Volk hundertfältige Früchte tragen.
HG|2|268|15|0|Und die Gebirge und Wälder will Ich reinigen von den bösen Getieren und somit zwischen der Tiefe und der Höhe eine Wiederverbindung (Re-ligio) herstellen, damit auch die Tiefe unter dem Henoch als Meinem alleinigen Hohepriester stünde.
HG|2|268|16|0|Siehe, solches ist Mein Liebewunsch an euch Kinder Kahins, damit auch ihr völlig möchtet Meine Kinder sein! Also tue solches ehestens!
HG|2|268|17|0|Wenn du aber dies Werk vollenden wirst, dann sollst du auch auf die Höhe Meiner Kinder geführt werden, und der Henoch wird kommen mit vielen dann von der Höhe und wird in Meinem Namen segnen den neuen Tempel zu eurer vollkommenen Heiligung zu Meinen Kindern!
HG|2|268|18|0|Nun weißt du alles, daher nehme hin Meinen Segen, und vollende das Werk! Amen.“
HG|2|268|19|0|Hier verschwand der Herr plötzlich wieder. Alle suchten Ihn, aber Er war nirgends mehr zu finden.
HG|2|269|1|1|Wie Gott erschaut werden kann. Die Stimme des Herrn im Herzen
HG|2|269|1|1|Am 9. März 1843
HG|2|269|1|0|Als nach einem lange anhaltenden Suchen ohne Erfolg die suchenden Gäste wieder in den Thronsaal ganz betrübten Angesichtes zurückgekehrt waren, traten einige aus ihnen zum Henoch hin und fragten ihn, ob er denn nicht wisse, wie und wohin Sich denn der Herr gar so plötzlich verloren oder versteckt hätte.
HG|2|269|2|0|Der Henoch aber erwiderte ihnen und sagte: „Liebe Freunde und Brüder, es treibt euch euer Herz an, zu suchen den allmächtigen, heiligen, liebevollsten Vater, und das ist recht und billig; denn wer Gott sucht, der soll Ihn allezeit mit dem Herzen suchen, sonst wird er Ihn ewig nimmer finden! Aber dessen ungeachtet ist euer gegenwärtiges Suchen ein wenig töricht!
HG|2|269|3|0|Seht: Gott, der Vater, den ihr soeben persönlich wesenhaft gesehen und gesprochen habt, ist ein Geist und kann mit den fleischlichen Augen nimmerdar erschaut werden! Wenn Er aber erschaut werden will, da öffnet Er dem Menschen, der Ihn erschauen soll, die inneren Augen des Geistes, und dann kann der Geistmensch durch den Fleischmenschen hindurch Gott erschauen – so es der Wille Gottes erheischt – und sieht und hört Ihn also, wie ihr Ihn soeben alle gesehen und gehört habt.
HG|2|269|4|0|Wenn aber dann der Herr nach Seinem allerweisesten Ratschluss wieder unsichtbar werden will, da schließt Er durch Seinen allmächtigen Willen dem Menschengeist alsbald wieder die Augen, und der Mensch kann dann tun, was er nur immer will, nimmer doch mag er den Herrn erschauen.
HG|2|269|5|0|Merkt euch aber solches noch gar wohl hinzu! Das Schauen bringt niemandem das ewige Leben, wohl aber das Hören und das Leben nach dem gehörten Wort.
HG|2|269|6|0|Der Herr hat nun wohl eurem Geist das Gesicht verschlossen, aber nicht dessen Gehör, welches im Herzen ist. Demnach kann ein jeder aus euch allzeit die Stimme des Herrn vernehmen, und ein jeder kann sich allezeit an Seine Vaterliebe wenden, so er etwas vonnöten hat, und der Vater wird es ihm geben, so es ihm gut ist, aber auch vorenthalten, wenn es ihm nicht gut sein sollte. Ob aber gut oder nicht gut, darum mögt ihr allezeit den Vater bitten, und seid versichert, Er wird euch den wohlvernehmbaren Rat nicht schuldig bleiben und wird reden zu eurem Herzen, wann ihr Ihn immer vollernstlich darum bitten werdet.
HG|2|269|7|0|Wenn ihr immer aus wahrer innerer Bruderliebe im Namen des Herrn zu euren Brüdern reden werdet und werdet ihnen sein liebeerfüllte Lehrer über Gott, über Seine Werke, welche voll sind Seiner endlos großen Ehre, über Seine unendliche Güte, Gnade, Erbarmung und wie Er ist ein allerliebevollster, heiliger Vater allen jenen Menschen, die Ihn aus allen ihren Lebenskräften lieben, – da gebe ich euch allen die vollste Versicherung, nicht ein Wort werdet ihr reden, das nicht zuvor Gott in euren Herzen geredet hätte.
HG|2|269|8|0|Wer euch da hören wird, der wird die Stimme Gottes hören, wie ihr sie eben jetzt hört aus mir.
HG|2|269|9|0|Wehe aber dem, der da reden möchte wie Worte Gottes aus sich selbst, des Eigennutzes und des weltlichen Ansehens wegen, ohne dass er zuvor in sich vernähme das lebendige Wort! Wahrlich, dessen Zunge soll zu einer Natter werden voll giftigen Geifers, und wer ihn hören wird, dem wird es geschehen, als wäre er von einer giftigen Natter gestochen worden!
HG|2|269|10|0|Daher hütet euch vor allem ganz besonders vor dem Eigennutz; sondern ein jeder vergesse seiner ganz und sei lediglich aus dem Grunde seines Herzens für das Wohl seiner Brüder und Schwestern besorgt, so wird er sich auch des beständigen Umganges mit Gott, dem allerliebevollsten, heiligen Vater, zu erfreuen haben, zeitlich und dann auch im Geiste ewig sichtbar!
HG|2|269|11|0|Seht, also müsst ihr in aller Zukunft den Herrn suchen, so werdet ihr Ihn auch allzeit gar leichtlich finden! Und so ihr dann in eurem liebeentflammten Herzen fragen werdet: ‚Vater, wo bist du?‘, so wird Er zu euch sagen: ‚Kindlein, Ich bin ja mitten unter euch! Fürchtet euch nicht; denn Meine allmächtige Hand schützt euch ja Tag und Nacht!‘
HG|2|269|12|0|Seht, also wird es sein, da es also ist des Herrn Wille! Beachtet daher diese Worte und tuet danach, so werdet ihr fürder nicht nötig haben, den Herrn in allen Winkeln zu suchen und Ihn am Ende dennoch nicht zu finden, sondern da wird der Herr allzeit euch entgegenkommen, wohin ihr euch nur immer wenden werdet; denn der Vater ist um uns allzeit ums Endlose mehr besorgt, als alle Kinder zusammengenommen es sind um Ihn.
HG|2|269|13|0|Also merkt euch dieses überaus wohl, auf dass ihr nimmerdar mögt arm und gefangen werden! Amen.“
HG|2|270|1|1|Nachtruhe im Haus des Lamech
HG|2|270|1|1|Am 10. März 1843
HG|2|270|1|0|Nach dieser guten Rede Henochs begab sich alsbald der Lamech hin zu ihm und fragte ihn, sagend nämlich: „Geliebter, mächtiger Freund und Bruder in unserem Gott und allerliebevollsten, allmächtigen, heiligen Vater! Da wir nun an diesem Tag im Namen des Herrn alles nach Seinem Zeugnis geordnet haben also, wie es Ihm wohlgefällig ist, und ich nun nichts mehr weiß, was wir noch heute vornehmen könnten oder sollten, außer dem heiligsten Vater ein allerlebendigstes Lob darzubringen, so wolle du im Namen des Herrn die Liebe haben und uns allen kundgeben, was da nun geschehen soll!“
HG|2|270|2|0|Und der Henoch erwiderte ihm: „Höre, lieber Freund und Bruder, also lautet der Wille des heiligen Vaters: Wir sollen uns nun zur Ruhe begeben, und alle die Gäste sollen diese Nacht in deinem Haus übernachten!
HG|2|270|3|0|Dann soll sich niemand kümmern und sorgen, was etwa der morgige Tag alles bringen wird, denn dieser wird ebenso das Seinige mit sich bringen, als wie es getan hat der heutige.
HG|2|270|4|0|Daher auch wollen wir uns zur Ruhe begeben und nichts mehr für morgen beschließen, denn der Herr wird uns für morgen eben auch morgen anzeigen, was wir zu tun haben werden.
HG|2|270|5|0|Und so denn zeige solches den Gästen an, und lasse sie bringen in reine Schlafgemächer!
HG|2|270|6|0|Ich und meine sieben Brüder werden unser Lager hier nehmen. Du aber tue mit deinen Angehörigen, was du willst!
HG|2|270|7|0|Willst da hier verbleiben, so wird es recht sein; und willst du mit den Deinen dich in ein anderes Gemach begeben, so wird es auch recht sein, – denn hier ist nicht eines besser als das andere. Und so denn lasse es geschehen! Amen.“
HG|2|270|8|0|Diesen Worten zufolge begab sich der Lamech sogleich zu den Gästen und kündigte ihnen solches an; den Terhad aber behielt er in seiner Gesellschaft.
HG|2|270|9|0|Lamechs Diener kamen und führten die Gäste ehrerbietigst in die Schlafgemächer, und die Weiber und Mägde brachten alsbald Teppiche und wohlriechende weiche Polster in den Thronsaal und bereiteten das Lager für die hohen Gäste und nach dem Wunsch Lamechs auch für ihn und für die Seinen eben auch im Thronsaal.
HG|2|270|10|0|Es brannten aber noch die Naphthatöpfe stark vor den Fenstern (denn in Hanoch war es Sitte, vor jedem Fenster einen tönernen Topf zu haben, welcher am Abend mit Erdöl und etwas wenig Stroh gefüllt und sodann bald angezündet wurde), und der Lamech fragte darob den Henoch, ob die Töpfe etwa sollten verlöscht werden.
HG|2|270|11|0|Der Henoch aber erwiderte ihm: „Lasse leuchten, was da leuchtet; denn es ist besser, im Licht zu ruhen, als zu schlafen in der Nacht!“
HG|2|270|12|0|Auf diese Worte entließ der Lamech alsbald alle die Dienerschaft, nachdem er ihr zuvor auf das Lebendigste noch die Erinnerung gab, des Herrn ja wohl zu gedenken vor dem Schlafengehen.
HG|2|270|13|0|Als sich nun alles entfernt hatte, da fiel Lamech alsbald auf sein Angesicht nieder, lobte und pries Gott laut.
HG|2|270|14|0|Nach einer Weile aber, nachdem der Lamech sich in Lobeserhebungen des Herrn nimmer erschöpfen wollte, sprach eine Stimme, die da war die Stimme des Vaters, zu ihm:
HG|2|270|15|0|„Lamech, deine Worte klingen zwar schöner denn die große Musik der Sphären im ewigen Schöpfungsraum; aber die Liebe im Herzen des Geistes ist noch schöner als all dies herrliche Getöne! Daher gebe Rast deinen Lippen, damit dadurch zum ruhigen Spiegel werde das lebendige Gewässer in deiner Seele und Ich Mich beschauen kann in dir und du erschauest Mein Wesen im Spiegel deines Gewässers!“
HG|2|270|16|0|Hier stand der Lamech auf, dankte im Herzen dem guten Vater für diese herrliche Ermahnung und begab sich dann mit den anderen zur stärkenden Ruhe.
HG|2|271|1|1|Morgenandacht und Morgenrede des Henoch
HG|2|271|1|1|Am 13. März 1843
HG|2|271|1|0|Als der nächste Tag zu grauen begann, da erhob sich alsobald der Henoch, lobte und pries in seiner Liebe den Vater und segnete aus dieser seiner mächtigen Liebe alle die noch schlummernden Brüder.
HG|2|271|2|0|Nach dieser herrlichen, Mir am meisten wohlgefälligen Verrichtung erweckte er erst die Brüder und sprach zu ihnen:
HG|2|271|3|0|„Brüder, lasst uns erstehen in der Liebe, Gnade und Erbarmung des Herrn und preisen Seinen allerheiligsten Namen!
HG|2|271|4|0|Seht, wieder hat uns alle der gute, heilige, liebevollste Vater erleben lassen einen neuen werdenden Tag!
HG|2|271|5|0|Schon brechen die ersten Strahlen vom Morgen her, die Nacht flieht vor ihnen; mächtiger und mächtiger wird ihr anfangs wie schüchternes Walten, und mit stets zunehmender Kraft drängen sie die Nacht hinab in die Tiefen der Erde, damit die Flächen und Berge derselben gereinigt würden zum endlich vollen Empfang des mächtigen Lichtes und der belebenden Wärme aus der Sonne, so sie gar bald sich hehr über die Berge der Erde erheben wird.
HG|2|271|6|0|Eilen wir daher hinaus und bringen unter dem freien Himmel dem Vater als wahre, Ihn über alles liebende Kinder ein gemeinsames Lob dar!
HG|2|271|7|0|In unseren Herzen wollen wir Ihm ein wohlgefälliges Morgenbrandopfer darbringen, da Er, um uns als Seine Kinder zu ehren und zu beglücken, uns ein so großherrlichstes Morgenbrandopfer Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung in der aufgehenden und den ganzen Tag hindurch göttlich brennenden, alles erleuchtenden, ernährenden und belebenden Sonne anzündet!
HG|2|271|8|0|O liebe Brüder, fasst doch solches so recht in der Tiefe eures Herzens, was alles der endlos ewig gute Vater tut, und eure Liebe zu Ihm muss zu einer wahren Sonnenglut werden!
HG|2|271|9|0|Seht die noch am Firmament höher prangenden Sterne, seht die ganze Majestät der Erde, seht die Heere der herrlichsten Blumen an und behorcht das herrlichste Getöne der befiederten Sänger in der stets lebendiger und lebendiger werdenden Luft!
HG|2|271|10|0|Richtet dann eure Blicke auf die stets wachsende Glorie des Morgens und beachtet es, wie ihr mit jedem Atemzug eine vermehrte Fülle des göttlichen Gnadenlichtes einatmet, wie eure Brust stets weiter und lebendiger wird und jeder Blutstropfen in euch verklärter und wahrhaft himmlisch ätherischer, je näher die herrliche Sonne des Herrn dem erhabenen Aufgang zueilt!
HG|2|271|11|0|Seht, o Brüder! Umfasst es, ihr Kinder des heiligen Vaters! Das alles ist für uns von Seiten des unaussprechlich guten Vaters ein dargebrachtes Opfer!
HG|2|271|12|0|Also ehrt uns der heilige Vater! Wie sollten wir das wohl übersehen und sollten nicht hinauseilen und Ihm dafür entgegen in unseren Herzen ein Ihm allein wohlgefälliges Liebeopfer anzünden und dieses fortbrennen lassen, ja stets mehr und mehr fortbrennen lassen allzeitig und dann im Geiste auch ewig?!
HG|2|271|13|0|O Brüder, lasst uns sogleich hinaustreten, und in der großen Opferhalle, in dem großen Thronsaal der göttlichen Gnade und Erbarmung lasst uns Ihm unser Opfer darbringen! Amen.“
HG|2|271|14|0|Nach dieser wahren Morgenrede erhoben sich alle und eilten mit zerknirschten Herzen hinaus, und zwar auf den nahen gereinigten Berg.
HG|2|271|15|0|Und als sie da gar bald anlangten, da zeigte ihnen allen der Henoch im weiten Umkreis die großen Herrlichkeiten Gottes und machte sie auf alle Erscheinungen des Morgens aufmerksam und erklärte sie ihnen im Sinne der Liebe.
HG|2|271|16|0|Und alle wurden so ergriffen von der großen Herrlichkeit, endlosen Güte und Weisheit des heiligen Vaters, dass sie sich darob vor lauter Liebe zu Gott nicht zu helfen wussten.
HG|2|271|17|0|Und der Lamech rief, ganz zerknirscht aus dem innersten Grunde seines Herzens, aus: „O Du großer, heiliger, allmächtiger, allerliebevollster Vater! Solches alles tust Du für uns?! Oh, wie kann ich denn noch leben, wenn ich bedenke, was ich war?!
HG|2|271|18|0|Henoch, Henoch, du herrlicher Bruder! Du hast mir jetzt die Augen geöffnet, und nun erkenne ich erst die ganze Fülle meiner Schuld vor Gott!
HG|2|271|19|0|Er hat uns allzeit ein solches Opfer Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung bereitet, – und was haben wir Ihm dagegen getan?! Nein, Bruder, nein, ich darf es nicht denken, denn zu schändlich war allezeit mein Leben!“
HG|2|271|20|0|Hier tröstete der Henoch den Lamech, sagend nämlich: „Sei mir getröstet, lieber Bruder Lamech! Wahrlich, und wären deiner Sünden mehr, denn da ist des Sandes im Meer, so sind sie dir nachgelassen, da du eine solche große Liebe zum Vater in dir lebendig hast werden lassen!
HG|2|271|21|0|Bleibe aber in dieser Liebe, und du wirst noch ganz andere Dinge erfahren, als diese da sind, und das dann, so in dir die ewige Sonne Gottes aufgehen wird!
HG|2|271|22|0|Nun aber lasst uns in der süßen Lieberuhe die kommende Sonne erwarten! Amen.“
HG|2|271|23|0|Also brachte dann unsere Gesellschaft den Morgen auf dem Berg zu und lobte und pries Gott im Herzen geistig und wahr.
HG|2|272|1|1|Die Aussendung der Armen und Gefangenen zu den Kindern Kahins. Henochs Abschiedsworte an Lamech
HG|2|272|1|1|Am 15. März 1843
HG|2|272|1|0|Nach dem Sonnenaufgang aber begaben sie sich alle nach der Anordnung Henochs in die Stadt, und da wieder in die Wohnung Lamechs.
HG|2|272|2|0|Allda angelangt, ließ der Lamech sogleich Sorge tragen für ein gutes Morgenmahl, bei welchem alle die armen und gefangen gewesenen Gäste beiderlei Geschlechtes sich einfanden und am selben, Gott lobend und Ihn hoch preisend teilnahmen.
HG|2|272|3|0|Nach dem Morgenmahl aber legte der Henoch allen den Armen und Gefangenen im Namen des Herrn die Hände auf und behieß sie, hinauszugehen, so weit die Erde bevölkert ist von den Kindern Kahins, und allenthalben Zeugnis zu geben von dem, was sie alle gehört und gesehen haben; doch sollten die Weiber daheim verbleiben und ihr Haus bestellen; denn es sei den Weibern in der Tiefe nicht bestimmt, zu weissagen im Namen des Herrn, außer ihren Kindern.
HG|2|272|4|0|Nach solcher Beheißung sagte der Henoch zum Lamech: „Du aber, mein geliebter Lamech, mein Bruder und mein Amtsgefährte, weißt ohnehin des Herrn Willen und hast nun nichts mehr von mir nötig!
HG|2|272|5|0|Doch solches behalte du am meisten in deinem Herzen, dass du Gott, den allerliebevollsten Vater, allzeit und überall liebst über alles und alle deine Brüder und Schwestern nach dem Stammvater Kahin ums Doppelte mehr denn dich selbst, so wirst du im Licht Gottes wandeln für und für, und Seine heilige Vaterstimme wird dich die Wunderwege Gottes wandeln lehren zu jeder Zeit!
HG|2|272|6|0|Erbaue den Tempel auf dem Berg, wie es dir befohlen ward; und so er vollendet sein wird, da werden wir zahlreich von der Höhe herab nach des Herrn Verheißung wiederkommen zu dir in dein Haus und werden dann segnen den neuen Tempel und dich dann auch führen auf die Höhe, damit du dort den Segen Adams, des noch lebenden ersten Menschen der Erde und somit des Urzeugers aller jetzt lebenden Menschen, empfangen möchtest, wodurch dann der Fluch über Kahin von deiner Stirne gelöscht werden möchte.
HG|2|272|7|0|Also wirst du auch die Stammmutter Eva erschauen, die dich auch segnen wird, und sollst dann wiederbekommen deine Weiber Ada und Zilla, und deine Tochter Naëme sollst du sehen und ihren vom Herrn angetrauten Mann, den großherzigen Hored.
HG|2|272|8|0|Und so du den Vater darum lebendig in deinem Herzen bitten wirst, da kann es sogar geschehen, dass dieser dein neuer und wahrer Schwiegersohn auch mit dir ziehen wird herab in die Stadt deiner Väter.
HG|2|272|9|0|Also sollst du auch deine beiden Söhne, den Jabal und den Jubal, wieder bekommen; aber wie gesagt, du musst aber auch allergenauest des Herrn Willen erfüllen!
HG|2|272|10|0|Ist der Herr aber auch die ewige, endlose Liebe Selbst, so lässt Er aber dennoch mit Sich nicht handeln; denn da Er unendlich treu ist in allen Seinen Verheißungen, so fordert Er aber auch mit göttlichem und schöpferischem Recht eine solche Treue von uns nach unserer Kraft, und wir müssen daher Seinen Willen unbedingt erfüllen, und koste es, was es nur immer wolle!
HG|2|272|11|0|Und du kannst vollends versichert sein, dass Er alles pünktlich halten wird, was Er dir verheißen hatte, wenn du Seinen allerheiligsten Willen vollends werktätig beachten wirst.
HG|2|272|12|0|Im Gegenteil aber lässt Er jedermann sitzen bis in den Tod. Und wer da sich um Ihn nicht kümmert und hängt nur sorglich an der Welt, um den kümmert auch der Herr Sich nicht und lässt ihn gehen seine Wege, die ihn allzeit sicherst ins Verderben und so in den ewigen Tod ziehen.
HG|2|272|13|0|Also sei alle deine Sorge in Gott, und Sein allerheiligster Wille sei alle deine Tatkraft, so wird dir Gott getreu sein allezeit und ewig! Amen.“
HG|2|272|14|0|Nach dieser Rede entfernte sich der Henoch mit den sieben durch die Kraft Gottes ebenfalls so plötzlich, dass der Lamech nicht wusste, wie er sich die Sache erklären soll.
HG|2|272|15|0|Aber der Terhad sagte zum Lamech: „Weil diese wahre Kinder des Herrn sind, so sind sie Ihm ja auch gleich in allem, da Er ihnen ist alles in allem!
HG|2|272|16|0|Werde Er auch uns also nach unserer Liebe zu Ihm, und wir werden sein diesen gleich! Aber Sein Wille muss uns heilig sein, wie er es diesen ist ohne Vergleich!
HG|2|272|17|0|Also wundern wir uns dessen nicht, sondern begeben uns dafür an das anbefohlene Werk! Gottes Wille geschehe allezeit und ewig! Amen.“
HG|2|272|18|0|Der Lamech begriff sogleich diese Worte und berief den Mura und den Thubalkain zu sich und beriet sich über den neuen Tempelbau mit ihnen.
HG|2|272|19|0|Der Mura entwarf den Plan, und am nächsten Tag schon wurden tausend Hände ans Werk gelegt.
HG|2|273|1|1|Ein Drache verlegt Henoch und den sieben Boten den Weg zur Höhe. Des Drachen Lügenrede
HG|2|273|1|1|Am 16. März 1843
HG|2|273|1|0|Der Henoch, Kisehel, Sethlahem, Joram und die anderen vier Brüder, die da hießen Hil, Bael, Julel und Darel, aber wurden nur siebentausend Schritte von der Kraft des Herrn außer der Stadt, da der Höhe Fuß begann, entrückt.
HG|2|273|2|0|Allda wurden sie alle dann wieder ihrer eigenen Kraft anheimgegeben und gingen von da Schritt für Schritt die Berge hinan.
HG|2|273|3|0|Unterwegs aber, da sie ungefähr den halben Weg mochten zurückgelegt haben und gerade an einer großen Gebirgshöhle vorüberzogen, siehe, da kroch alsbald ein mächtiger Drache aus der Höhle und verlegte den Reisenden den Weg.
HG|2|273|4|0|Seine Gestalt war ein schrecklicher Anblick, und seine Kraft dräute die Berge zu verschlingen; seine Augen waren wie kochendes Erz, sein Rachen gleich einer gähnenden Erdkluft, aus der da hervorbräche ein dichter Qualm, mit dumpfen Flammen untermengt; sein Kopf glich dem eines Wolfes der Form nach, war aber an und für sich größer denn ein Riesenochse; sein Hals aber war gleich dem eines Leviathans, welcher ist des Meeres größtes und mächtigstes Ungeheuer; sein Leib, mit mächtigen Schuppen und flügelartigen, scharfgespitzten Doppelflossen bedeckt und versehen, hatte einen Umfang von sechshundertsechsundsechzig Ellen; seine Füße glichen mächtigen entwurzelten Eichen, und sein Schweif, eben auch sechshundertsechsundsechzig Ellen [vom Leibe an lang] und mit Schuppen bedeckt, war in sieben Ringe gewunden.
HG|2|273|5|0|Also sah der Drache schrecklich aus und gebärdete sich, als wollte er unsere Wanderer verderben oder sie wenigstens zu einem Kampf auffordern.
HG|2|273|6|0|Da der Henoch aber gar wohl erkannte die arge Natur des Ungeheuers, so sprach er den Drachen folgendermaßen an: „Höre, du Auswurf der Schöpfung, du eigenmächtiger Bildner dieser deiner scheußlichen Truggestalt, ich kenne deine Wesenheit und kenne deinen Sinn! Mich wirst du ewig nimmer täuschen, also wie du mich bis jetzt nie hast zu täuschen vermocht! Denn meine Liebe zu Gott ist mächtiger als alle deine Kraft, und aus ihr geht ein großes, heiliges Licht hervor, in welchem Licht du nackt vor mir stehst in aller deiner grundlosen Tücke; aber diese deine arge Tücke ist eine ebenso große Schwäche, die meine Liebe mit einem Hauch verwehen kann.
HG|2|273|7|0|Solches sei dir offen gesagt, auf dass du erfahrest, vor wem du stehst! Ich, Henoch, der alleinige Hohepriester Gottes auf Erden, aber sage und gebiete es nun dir im Namen meines und deines Gottes und Herrn, dass du weichst von dieser Stelle und zueilst dem Meer deiner grundlosen Bosheit und nie mehr dann betretest diese Gegend, sondern verweilst in deinem Grund und nährst dich dort vom Schlamm deiner Tücke!
HG|2|273|8|0|Also weiche und fliehe, und lasse es nicht darauf ankommen, dass ich dich anrühren möchte mit meinem Finger, denn da weißt du schon seit gar lange her, welch ein Los dir solch eine Anrührung bereiten dürfte! Also weiche und fliehe im Namen des Herrn! Amen.“
HG|2|273|9|0|Hier wandte sich der Drache gen Henoch und sprach mit einer Stimme, wie da ist die einer Hure: „Ja, Henoch, ich kenne dich, und keiner aus euch ist mir unbekannt, da ich euch allen bin ein fester Grund vom Anfang!
HG|2|273|10|0|Denn ehe noch eine Sonne leuchtete am Firmament, und ehe noch an die Gestaltung der Dinge und Wesen aller Art gedacht wurde, war ich als ein erster Ausgang aus Gott allein da. In mir hat Sich die Gottheit geteilt, und ich war das Licht in Gott; und Gott sah, dass das Licht mächtiger ward denn Er und geriet darob in große Furcht vor der Macht des Lichtes.
HG|2|273|11|0|Dennoch aber ließ Er das Licht Ewigkeiten hindurch heller und heller leuchten, da Er also bedachte, als müsse sich dadurch das Licht verzehren und somit schwächen vor Ihm, auf dass Er in Seiner Wesenheit daraus vollends wieder erstarke.
HG|2|273|12|0|Ich aber, als das freie Licht in Gott, sah doch gar leicht ein, welchen Plan der ewige Urgott gefasst hatte und sah auch ein, dass ich bei aller meiner ewig weit gedehnten Macht Seiner Urgrundmacht ewig nie werde trotzen können; daher sprach ich in gar sanften Tönen zu Ihm:
HG|2|273|13|0|‚Höre, du mein ewiger, unbesiegbarer Urgrund! Da Du Dich vor meiner Macht fürchtest, als wäre sie größer als die Deine, die mich doch werden hieß, so nehme all dies Dein Licht von mir, und gebe mir bloß nur ein Dasein, das Dir gegenüberstehe und Dich betrachte und sich mit Dir bespräche.‘
HG|2|273|14|0|Gott aber, statt mich zu erhören, ergrimmte nur, schuf aus Sich andere Wesen und stellte sie mir als Herren gegenüber und befahl ihnen, mich zu fangen in meinem Zentrum und dann auf allen Punkten der Unendlichkeit.
HG|2|273|15|0|Also ward ich gefangen ohne Grund. Es wurde mir alles genommen bis auf den Grund meiner Wesenheit, und was du hier siehst, ist alles, was mir allerunschuldigstermaßen belassen ward, also nichts als diese elendeste Gestalt, das Bewusstsein dessen, was ich war, und die alleinige Fähigkeit, Böses zu tun, damit ja nie ein erbarmender Grund für mich ewig mehr entstehen solle, und dann auch noch dazu die volle Erkenntnis des göttlichen Willens, dazu aber der stets verkehrte Tätigkeitssinn!
HG|2|273|16|0|Ich bin ein ewig verfluchtes Wesen ohne Grund, bloß weil es Gottes Grimm so haben will! Ich muss ein Teufel sein aus dem Zorn Gottes; ich muss darum ewig leiden und von aller Wesenheit verflucht sein, weil es die göttliche Grimm- und Zornlaune so haben will.
HG|2|273|17|0|O Henoch, ich bin ein gar armseligstes Wesen! Ich muss solches ewig allerbitterst empfinden, und doch ist es mir ewig unmöglich, mich zu bessern! Mir ist alle Möglichkeit zur Umkehr für ewig abgeschnitten, und ich kann diese Gestalt nicht ändern! Ich muss lügen und betrügen, um mich einer desto größeren Rache Gottes fähig zu machen! Ich muss das Gute und Wahre begierlichst schauen, muss aber durch den mir angeschaffenen Grimm nur Böses tun, um darum verdammlicher und strafbarer zu werden!
HG|2|273|18|0|O Henoch, das ist ein arger Zustand für mich! Wird denn meiner sich ewig niemand mehr erbarmen?
HG|2|273|19|0|O Henoch, schaffe mich daher nicht von hier, mache mich nicht noch unseliger, als ich es ohnehin bin! Kannst du mich aber auf ewig vernichten und verwehen, so tue es, und das Bewusstsein an solche Tat soll dir mein ewiger Dank sein!“
HG|2|274|1|1|Die weitere Rede des Drachen
HG|2|274|1|1|Am 17. März 1843
HG|2|274|1|0|Der Henoch aber fasste den Drachen fest ins Auge und sagte zu ihm in einem ernstlich-lieblichen Ton: „Gut, du armseligstes Wesen, ich habe deine Klage gegen Gott von dir vernommen und habe sie auch ganz verstanden!
HG|2|274|2|0|Wenn es also ist, dann bist du wahrlich das beklagenswerteste Geschöpf in der ganzen Unendlichkeit!
HG|2|274|3|0|Denn elender und unglückseliger kann da wohl kein Wesen gedacht werden als ein solches, das da das Gute und Wahre in aller Tiefe erkennen muss, muss dazu noch den höchsten Trieb haben, dasselbe zu tun, und so es nach dem Trieb im vollsten Ernst tätig werden will, da ergreift es alsbald die Gottheit mit Ihrem Grimm und treibt es wider den eigenen Willen und die gute Erkenntnis an, Böses zu tun, damit dann für die Gottheit dadurch sich an dem unglückseligen Wesen ein neuer Grund bilde, vermöge dessen es dann von Seiten der allerlieblosesten und ungerechtesten Gottheit sich einer neuen und allzeit mächtigeren Verdammnis schuldig machen muss.
HG|2|274|4|0|Wenn es denn aber also ist, so sage mir, wie es denn kommt, dass der Herr gegen uns so gnädig und barmherzig ist, dass wir darum nicht umhin können, Ihn fürs Erste als die allerhöchste und allerreinste, ewige, unendliche Liebe anzuerkennen und Ihn darum auch über alles zu lieben, und fürs Zweite daneben noch alleroffenkundigst von Ihm Selbst zu erfahren, dass Er als der allerliebevollste Vater nur alles Mögliche aufgeboten hatte und noch ferner eben also alles Erdenkliche aufbieten will, um nur dir deinen ewigen Starrsinn zu brechen, auf dass du wieder gewonnen werden möchtest?!
HG|2|274|5|0|Ja, sage mir, wie es denn kommt, dass der Herr die ganze sichtbare Schöpfung allein deinetwegen hervorrief, um durch die harte Probe des materiellen Todes dich wieder zur völligen Umkehr zu bewegen, und du dennoch nicht zum Vater zurückkehren willst und der Vater nun genötigt ist durch Seine endlose Liebe, deine totale Lebenskraft in ein zahlloses spezielles Leben der Menschen auf dieser Erde, wie auf den zahllosen anderen Weltkörpern zu zerteilen und dich auf diese Art deines Eigensinnes ledig zu machen und dich also auch in uns Menschen geteilt wieder zurückzuführen, weil du ungeteilt dich dazu wohl ewig nimmer entschließen würdest?! Sage, sage mir, wie denn solches kommt, und ich will dir dann ja tun, was du von mir verlangt hast!“
HG|2|274|6|0|Hier öffnete wieder der Drache seinen Mund und sprach zum Henoch: „O du unzeitiger Mensch! Du weißt noch nicht, wie tausend Jahre der Erde schmecken, und willst Gott, den Ewigen, schon besser kennen denn ich, der ich doch schon Ewigkeiten Ihn geschmeckt habe in allen Seinen Wendungen?! O siehe, wie endlos schwach und töricht du bist!
HG|2|274|7|0|Höre, ich will dir deine gar jungen Augen öffnen, auf dass du nur wenigstens ein Fünklein erschauen sollst, wie es mit deinem von dir vermeintlich erkannten Gott steht! Und so höre denn!
HG|2|274|8|0|Solche Schöpfungen, wie diese gegenwärtige da ist, kenne ich schon zu zahllosen großen Milliarden! Eine jede bestand etwa eine große Milliarde von Erdjahren (NB.: Eine solche große Milliarde ist eine Zahl von tausend Stellen oder Ziffern, da man zu der Einheit neunhundert Nullen rechts hinstellt.), für dich, armer junger Mensch, schon an und für sich eine undenkliche Zahl!
HG|2|274|9|0|Wenn solch eine Schöpfungszeit abgelaufen ist und Gott Seiner Geschöpfe satt geworden ist, dann ließ Er dies Sein großes Gedankenspiel wieder fahren, das heißt – wohlverstanden! – Er machte die ganze endlose Schöpfung wieder zunichte, und es bestand dann wieder eine endlose Leere mehrere große Milliarden von deinen Erdjahren hindurch, und außer Ihm und mir, der ich mich aller Vernichtung allzeit gar mächtigst habe widersetzen können, da ich ein wesenhafter Teil der Gottheit selbst bin und allezeit war, bestand nichts.
HG|2|274|10|0|Wenn dann wieder die Gottheit in solch einer für dich allerundenklichsten Zeit einen neuen großen Schöpfungsplan aufgestellt hatte, dann ging es bald wieder ans Erschaffen los, und wenn die Schöpfung ihre Zeit wieder also durchgemacht hatte und die Gottheit Ihrer Geschöpfe abermals satt und müde geworden war, dann wurde es bald wieder gar mit solch einer neuen Schöpfung, die gänzliche Vernichtung aller Dinge, die ohnehin nichts sind als auf eine bestimmte Zeit fixierte Gedanken Gottes nur, erfolgte, und eine wie ewige Leere trat wieder an die Stelle der früheren Schöpfungspracht.
HG|2|274|11|0|Dass Gott solches stets in Seinem urewigen Macht- und Unterhaltungsplan führt, kannst du ja schon auf der Erde erschauen, da die Dinge immer zwischen dem Entstehen, Bestehen und Vergehen wechseln. Heute siehst du eine Blume herrlichst erblühen, morgen erstirbt sie schon wieder und wird dann für ewig zunichte, und so geht es mit zahllosen Dingen im Großen wie im Kleinen ewig fort! Davon bin ich schon ein gar alter, unzerstörbarer Zeuge.
HG|2|274|12|0|Wenn du demnach an ein ewiges Leben glaubst, da bist du sehr irrig daran; denn außer Gott und mir hat nichts einen ewigen und somit unzerstörbaren Bestand, – Gott, weil Er in Sich Selbst urwesentlich im eigentümlichsten ewigen Sein ist, und ich, weil ich kein Gedanke, wie du und alle die Schöpfung aus Gott, sondern ein unzerstörbarer, wesenhafter, getrennter Teil der Gottheit Selbst bin!
HG|2|274|13|0|So du demnach aber fragst, wie es kommt, dass trotz aller Mühe Gottes ich aber dennoch nicht umkehren will, während du Ihn doch als die reinste Liebe gefunden hast, da sage ich dir: Der Grund liegt nun ja offen am Tage vor dir und ist kein anderer als der: weil ich Gott urgründlich kenne, was dir ewig unmöglich sein wird, da du fürs Erste die Ewigkeit, wie sie war, unmöglich als eine Ephemeride fassen kannst, und ebenso wenig, wie sie fürder sein wird!
HG|2|274|14|0|Du könntest zwar mit deiner jetzigen Lebenskraft, die ebenfalls ein überaus kleiner Teil des göttlichen Wesens ist, dich von Gott gleich mir völlig trennen und also auch einen ewigen Bestand nehmen, wenn du es verstündest; würdest du aber solches tun, so würde dich dann die endlos größere Macht der Gottheit eben also schrecklichst behandeln, wie Sie nun mich behandelt, und du hättest dann mit deinem ewigen Bestand überaus wenig gewonnen, da es doch besser ist, nicht zu sein, als also zu sein, wie ich bin!
HG|2|274|15|0|Da ich aber dieses ewigen Wankelwaltens der Gottheit nun einmal im vollsten Ernst satt und müde geworden bin, so habe ich bei mir nun auch zwei Dinge beschlossen: entweder Gott Seiner Macht für ewig gänzlich zu entsetzen und alle Seine Macht an mich zu reißen, um dann endlich eine wahrhaft ewige Bestandordnung zu gründen für alle Geschöpfe; und sollte mir solches nicht gelingen, so will ich mich aber für den zweiten Fall selbst auf ewig töten, um dadurch der Gottheit Selbst ein ewiges Ende zu machen!
HG|2|274|16|0|Denn wie oft schon habe ich die Gottheit gebeten, in der Schöpfung eine ewige feste Bestandordnung zu gründen; allein es war allezeit alles rein umsonst!
HG|2|274|17|0|Mein Licht wollte ich Ihr zurückstellen; Sie nahm mich durch andere, ephemeridisch geschaffene Wesen gefangen. Da Sie mich aber dennoch nicht zu überwinden vermochte, so beließ sie mir ein elendestes Dasein, da meine frühere Wesenheit aus ihrem unbegrenzten Sein in diese Gestalt zusammenschrumpfte.
HG|2|274|18|0|Nun aber erst ersieht die Gottheit in meinem Licht, dass ich Ihr jetzt bei weitem gefährlicher bin denn in meiner früheren Allheit; daher gibt Sie Sich auch alle Mühe, mich zu fangen!
HG|2|274|19|0|Aber du kannst samt deinem Liebegott völlig versichert sein, dass Ihr solches ewig nie gelingen soll! Eher will ich mich und die Gottheit töten, als mich Ihr gefangen geben, damit Sie dann einen desto freieren Spielraum bekäme, zu erschaffen und dann nach Laune das Geschaffene wieder zu vernichten!
HG|2|274|20|0|Daher werden die denkenden Wesen von der Gottheit stets zur Demut geleitet, damit es ja keinem gelingen soll, sich der göttlichen Laune ledig zu machen!
HG|2|274|21|0|Ich aber habe diesmal fest beschlossen, der Gottheit einen Streich zu spielen, der Ihr Ihre Laune vertreiben soll auf ewig! Wahrlich, diesmal will ich Ihr meine Macht zeigen und will Sie züchtigen wie einen alten Verbrecher! Verstehe du, Henoch, solches! Amen.“
HG|2|274|22|0|Hier verschwand der Drache plötzlich.
HG|2|275|1|1|Die betörende Wirkung der Drachenrede auf die sieben Boten. Henoch deckt die Widersprüche und Lügen des Drachen auf
HG|2|275|1|1|Am 18. März 1843
HG|2|275|1|0|Bei dieser Rede des Drachen fing bis auf den Henoch allen den anderen sieben Boten ganz gewaltig zu schwindeln an, so zwar, dass sie sich weder zu raten noch zu helfen wussten.
HG|2|275|2|0|Da der Henoch aber gar bald solches bei ihnen merkte, so fragte er auch alsobald den Kisehel, was ihm denn wohl bei dieser Rede des Drachen also sehr befangend vorkomme.
HG|2|275|3|0|Und der Kisehel erwiderte laut dem Henoch: „Du fragst mich, da du doch des Herrn alleiniger erleuchteter Hohepriester bist?! Siehe, es wird sich aber besser schicken, wenn ich dich frage, was du von dem allem hältst! Und so habe ich nun an dich die Frage gestellt; beantworte sie mir, so es dir in gewissen Punkten möglich ist!
HG|2|275|4|0|Die Sache ist von der entsetzlich größten Wichtigkeit! Daher werde ich dir auch bei der Gelegenheit die gehörigen Einwendungen machen, welche du zu beschlichten haben sollst; denn hier haben wir alle des allermächtigsten Lichtes vonnöten, wollen wir nicht in den vernichtenden Tod übergehen! Und so rede du, Bruder Henoch, was du zu dieser Drachenrede gültigst einzuwenden hast, und zeige mir, was wir alle von ihr im Ernst zu halten haben!“
HG|2|275|5|0|Und der Henoch erwiderte dem Kisehel: „Aber höre, Bruder! Wenn man das, was von dieser Drachenrede zu halten ist, nicht auf den ersten Augenblick erschaut, da muss man doch noch so ziemlich blind sein! Wie gebrauchst denn du die Gnade des heiligen Vaters, dass du mir da mit einer solchen Frage kommen kannst?
HG|2|275|6|0|Das hat ja bei dir im Ernst einen Schein, als hättest du dich von dieser allerlügenhaftesten Rede des Erzfeindes des Herrn berücken lassen?!
HG|2|275|7|0|Hast du denn nicht gemerkt, wie er von einem Extrem zum anderen sprang und sich selbst allergewaltigst widersprochen hat?
HG|2|275|8|0|Hat er mich nicht gebeten, dass ich ihn vernichten solle? Und nun am Ende tat er so mächtig, als hänge die Erhaltung Gottes Selbst von der seinigen ab!
HG|2|275|9|0|Hat er nicht gesagt, wie im höchsten undenklichsten Grade er vom Herrn auf die liebloseste und ungerechteste Weise geleitet, getrieben und dann auf das Allerunbarmherzigste verdammlichst gezüchtigt wird? Und nun am Ende brach er selbst in eine Grimmwut aus und beteuerte, er wolle und werde den Herrn züchtigen wie einen alten Verbrecher!
HG|2|275|10|0|Maßte er sich auf der einen Seite nicht eine übergöttliche Macht an? Und auf der anderen Seite lässt er sich von neugeschaffenen Ephemeriden gefangen nehmen, und das in der ganzen Unendlichkeit zugleich, und muss sich begnügen mit dieser seiner elendesten Gestalt!
HG|2|275|11|0|Sagte er nicht, die Gottheit sehe erst jetzt ein, dass er Ihr in dieser seiner Gestalt am gefährlichsten ist? Somit muss diese Gestalt für ihn als den größten Feind Gottes ja eben doch die vorteilhafteste sein! Wie nannte er sie denn aber früher eine allerelendeste?
HG|2|275|12|0|Muss er in diesem Falle nicht einmal die Gestalt Gottes als die beste ansehen, so er dagegen die seine als eine elendeste bezeichnete; und im Gegenteil doch wieder die seine für die unvergleichlich vollkommenere halten, da er sich in dieser Gott als seinem Feind am allergefährlichsten wähnt?!
HG|2|275|13|0|Einmal bezeichnet er die ganze herrliche Schöpfung als ein loses, launenhaftes Gedankenspiel der Gottheit, dazu wir also auch gehören; gleich darauf aber gesteht er doch wieder ein, dass unsere Lebenskraft ein kleinstes Teilchen der wirklich göttlichen Wesenheit sei, welches sich sogar etwa gar nach seiner Art vor der Zerstörung sichern könnte, ohne jedoch dabei etwas zu gewinnen!
HG|2|275|14|0|Siehe, also ist alles voll der grellsten Widersprüche! Wie kann es da wohl möglich sein, dass du als ein hoch geweckter Bote des Herrn solches nicht auf den ersten Augenblick hast einsehen mögen!?
HG|2|275|15|0|Warum verbarg sich denn der große Lügner nun so schnell? Hätte er die Wahrheit geredet, da hätte er fürwahr solches zu tun nicht vonnöten gehabt; da er aber den Braten gerochen hatte, der ihm von meiner Seite dagegen wäre aufgetischt worden, so floh er auch eiligst uns aus dem Gesicht, um von mir ja zu keiner weiteren Verantwortung gezogen zu werden.
HG|2|275|16|0|Ist das doch seine alte, leicht erkennbare Trugmanier, durch welche er sich dem Vater Adam entwand und brachte ihn dann selbst zum Fall zweifach, einmal bei der ungesegneten Zeugung, und das andere Mal bei der Entweihung des Tages des Herrn! Und du kannst da mich noch fragen in einem Sinne, als möchtest du dem alten Erzlügner und Betrüger Glauben schenken!?
HG|2|275|17|0|O wehe dir, du heilige Höhe des Herrn! Wenn deine Kinder so leicht den Trugworten des Drachen glauben, so wirst du dich noch einmal vor der Tiefe schämen müssen und wirst über dieselbe herfallen wie ein Geier und wirst sie verderben bis in den innersten Grund!
HG|2|275|18|0|Ja, die Kinder Gottes werden das Gericht herbeilocken, während die Kinder der Welt für sich bis ans Ende der Welt getreu verbleiben möchten!
HG|2|275|19|0|So wir aber als die Stütze der Welt zu wanken anfangen, was wird dann wohl mit der Welt werden?
HG|2|275|20|0|Ich sage euch, meine lieben Brüder, aber: Selig und glücklich ist der, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt worden ist, wird er erst das wahre Ziel des Lebens empfangen, welches uns allen der heilige, liebevollste Vater verheißen hatte, so wir Ihn wahrhaft von ganzem Herzen liebhaben.
HG|2|275|21|0|Du aber behaupte ja nicht etwa, als habe uns nun der Vater versucht; denn also versucht der gute Vater wohl niemanden zum Argen, und Er braucht niemanden zu versuchen. Aber Er sah in dir noch einen finsteren Lustreiz, und so hatte Er es zugelassen, dass dieser aus dir trat und du ihn hast nun beschauen müssen und selbst erfahren, ob du keine Lust mehr daran hast.
HG|2|275|22|0|Du aber hast noch eine gläubige Lust gezeigt; also wisse denn auch, dass, so jemand eine Lust im Falschen gezeigt hatte, der hat auch das Falsche mit der Lust empfangen, und solches ist ein Same der Sünde! Wenn aber dann die Sünde ausgeboren wird in ihrer Reife, da gebiert sie auch alsbald den Tod, welcher in ihr ist.
HG|2|275|23|0|Wollet euch sonach nicht irren, liebe Brüder; denn alle gute Gabe und alle wahrhaftige Spende kommt nur vom Vater alles Lichtes und alles Lebens her. In Ihm ist keine Veränderung, noch irgendein Wechsel ewig; wie Er ist, so war Er von Ewigkeit.
HG|2|275|24|0|Er hat uns gezeugt als Erstlinge Seiner Kreatur aus Seiner Liebe nach Seinem Willen durch Sein ewiges Wort der Wahrheit, und so sind wir auch Erstlinge und nicht Milliardlinge nach des Drachen Lüge. Dieses hat uns der Vater geoffenbart.
HG|2|275|25|0|Ich meine aber, der heilige, gute Vater wird doch mehr Glauben verdienen denn der Lügendrache!? Und so lasst uns denn im Frieden weiterziehen! Amen.“
HG|2|276|1|1|Ankunft und Empfang von Henoch und den sieben Boten auf der Höhe
HG|2|276|1|1|Am 20. März 1843
HG|2|276|1|0|Diese Rede Henochs genügte vollkommen, um die anderen wieder zurechtzubringen, und so denn zogen sie hinauf und gelangten in sieben Stunden nach jetziger Zeitbestimmung schon zu den Kindern des Morgens.
HG|2|276|2|0|Und als diese des Henoch und der anderen sieben ansichtig wurden, da eilten sie alsbald hin in die Hütte des Uranion und verkündeten solches ihm und denen seines Stammes, nämlich, dass sich der Hohepriester Henoch mit den anderen sieben, die aus dem Mittag sind, nahe.
HG|2|276|3|0|Bei dieser Nachricht erhob sich alles urplötzlich und eilte mit ausgebreiteten Armen den Kommenden entgegen.
HG|2|276|4|0|Auch die herrlichste Purista mangelte nicht und war wohl die Erste, die sich dem Henoch in die Arme stürzte und ihm fast außer Atem mit der größten überraschendsten Freude ihres Gemütes ankündigte, dass der überheilige Vater vor drei Schattenwenden zu ihr in die neue Küche gekommen sei und habe ihr anbefohlen, dem sich der Höhe nahenden Henoch und den anderen sieben Boten ein gutes Liebesmahl zu bereiten und dann ihnen auch zu vermelden, dass Er sie in der Hütte der Liebe treffen werde.
HG|2|276|5|0|Als der Henoch und all die anderen solche Nachricht aus dem Munde der Purista vernommen hatten, da ward der Henoch überfröhlich, grüßte und segnete alle, die ihm entgegenkamen, und dann auch alle, die ihm nicht hatten entgegenzukommen vermocht.
HG|2|276|6|0|Desgleichen tat auch der Kisehel mit den anderen. Aber was da die Freude über die Nachricht der herrlichen Purista betrifft, so war diese eher eine Furcht zu nennen; denn die Geschichte mit dem Drachen schwebte ihm noch zu lebhaft vor den Augen, als dass er sich nicht erinnern sollte, wie nahe er daran war, über die Trugklinge des Drachen zu springen.
HG|2|276|7|0|Da aber der Henoch solches merkte, so sagte er alsbald zum Kisehel: „Hört, mitnichten gefällt mir euer Herz, darum es sich vor dem Vater fürchtet!
HG|2|276|8|0|Kisehel, weißt du noch, als du eigenwillig aus deiner alten, falschen Begründung heraus dem Vater der Herrlichkeit am großen Sabbat widerstrebtest? Was geschah dir da wohl? Siehe, da hast du große Gnade und Erbarmung nur gefunden!
HG|2|276|9|0|So du aber solches doch noch sicher weißt, wie mag es dich nun denn wohl also bangen vor Ihm, während du nur vom Drachen gehechelt wurdest, aber jeder freie Wille zum Fall dir mangelte?
HG|2|276|10|0|Daher sei du ein Mann und ein würdiger Sohn Adams, aber nicht ein törichter Feigling, und freue dich darum des Vaters aus dem tiefsten Liebegrunde deines Herzens, so wird Er dich stärken in dem Punkt, da du noch schwach bist!
HG|2|276|11|0|Fürchtest du dich aber vor Ihm, so kannst du aber auch versichert sein, dass dir die Furcht bleiben wird zur Untergrabung deiner Liebe zu Gott, und der Vater wird Sich, deiner Schwachheit schonend, dir nicht zu zeigen vermögen!
HG|2|276|12|0|Glaube mir, mein Bruder Kisehel, nicht der Herr straft den Ungerechten, sondern solches tut der Ungerechte selbst; denn seine Tat hat sein Herz erfüllt mit großer geheimer Furcht vor Gott, und die Furcht ist dann der Schöpfer des Gerichtes und der Strafe im eigenen Herzen.
HG|2|276|13|0|Mit dem Herzen aber sich jemand durch seine mächtige Liebe zum Vater das ewige himmlische Leben bereiten kann, mit ebendemselben Herzen aber kann er auch der Schöpfer seines eigenen Todeskerkers sein.
HG|2|276|14|0|Daher lasse ab von deiner Furcht, und freue dich im Herrn, so wird Er dich aufnehmen mit offenen Armen und wird dich stärken zu jedem Kampf!
HG|2|276|15|0|Lasse fahren die Geschichte des Drachen, und denke, wessen Geistes Kind er ist aus sich, und du kannst versichert sein, der Vater wird dir über den Drachen deine innerste Sehe also öffnen, dass du darob in der Tiefe der Tiefen seine Wesenheit ganz überklar erschauen wirst! Dieses wünsche ich dir und allen aus meinem innersten Liebegrunde.
HG|2|276|16|0|Und so lasst uns zueilen der Hütte der Purista und allda erwarten mit dem liebesehnsüchtigsten Herzen den heiligen, liebevollsten Vater! Amen.“
HG|2|276|17|0|Nach dieser guten Vermahnung wandte sich der alte Uranion an den Henoch und fragte ihn, wie es denn nun in der Tiefe aussehe.
HG|2|276|18|0|Und der Henoch sagte darauf zu ihm: „Höre, was da nun die Tiefe betrifft, so bleibt sie wohl noch in naturmäßiger Hinsicht, das heißt gegen die Berge gehalten, eine Tiefe; im Geiste ist sie aber eine völlig wahre Höhe geworden, die leichtlich die unsrige überragen wird.
HG|2|276|19|0|Lamech, der ehedem so fürchterlich grausame Wüterich der Tiefe, ist nun mir gleich ein Liebesachwalter des Herrn geworden, und der Herr hat ihn, so wie mich, persönlich dazu gesegnet! Mehr brauche ich euch allen vorderhand nicht zu sagen; in der Gegenwart des Herrn aber werdet ihr zu eurer größten Freude alles erfahren!
HG|2|276|20|0|Sende du, Uranion, aber alsbald den Lamel hin zum Adam, zum Seth und all den anderen Stammvätern, dann zum Sehel, dem großen Sohn Seths, und so auch zum Hored, dem Bruder Lamels, und dessen Weib Naëme, auf dass sie sich alle samt den Weibern hierher begeben möchten; denn jetzt müssen sie gegenwärtig sein, um zu vernehmen die herrlichen Früchte aus der Tiefe!
HG|2|276|21|0|Die Naëme aber soll auch vernehmen, was aus ihrem Vater geworden ist, aber erst hier! Daher soll der Lamel auch nichts tun, als alle die Benannten hierher berufen; alles andere werden sie hier erfahren! Amen.“
HG|2|276|22|0|Und alsbald ging eilends der Lamel ab und besorgte seine Geschäfte.
HG|2|277|1|1|Adam und die Stammväter begrüßen die Zurückgekehrten. Adams Bericht über das Geschehen auf der Höhe, während Henoch und die sieben Boten sich in der Tiefe aufhielten
HG|2|277|1|1|Am 21. März 1843
HG|2|277|1|0|In der Zeit von zwei Schattenwenden kamen alle die Geladenen herbei, und unser alter Adam war einer der ersten, die sich auf den Henoch völlig hingestürzt hatten.
HG|2|277|2|0|Als aber der erste Liebeserguss des Wiedersehens vorüber war, in welchem sich die Stammväter vor Liebe und übergroßer Freude beinahe erdrückt hätten, da erst fragte der Adam den Henoch, sagend nämlich:
HG|2|277|3|0|„O du, mein überaus geliebter Henoch, und du auch, mein Kisehel, du, Sethlahem, du, Joram, und du, Hil, Bael, Julel und Darel, erzählt mir alles nacheinander und einer nach dem anderen, wie es euch in der Tiefe ergangen ist, wie sich der Lamech benommen hatte, und was da alles Erfreuliches vorgefallen ist!
HG|2|277|4|0|Hat euch die Gnade und Liebe des ewigen, heiligen Vaters nie verlassen? Hat sich niemand aus euch etwa von der Weiblichkeit der Tiefe berücken lassen?
HG|2|277|5|0|Was ist mit der bewussten Tafel geschehen, von der uns der heilige Vater kundgab, was da der Lamech mit ihr Gräuelhaftes unternommen hatte?
HG|2|277|6|0|Habt ihr nicht mein beständiges Beten und Segnen in der Tiefe wahrgenommen?
HG|2|277|7|0|Denn solange ihr euch in der Tiefe aufgehalten habt, hatte ich Tag und Nacht keine Ruhe; nicht aushalten konnte ich es in meinem Haus, sondern auf der Vaterhöhe brachte ich nahe die ganze Zeit zu und betete über euch und über die Tiefe und segnete euch fortwährend.
HG|2|277|8|0|Desgleichen auch taten die anderen zumeist mit mir, und ganz besonders aber, muss ich dir sagen, hat die Naëme zum heiligen, allmächtigen, guten Vater fast ohne den geringsten Unterlass gefleht um die Heilung ihres irdischen Vaters Lamech in der Tiefe, und das fortwährend mit den rührendsten Herzensworten, dass ich selbst sie nicht ohne die tiefste Rührung anhören konnte.
HG|2|277|9|0|Desgleichen taten auch der Hored und die beiden Weiber Lamechs, die auch zu uns auf die Höhe gekommen sind und jetzt stets während eurer Abwesenheit sich in unserer Mitte aufhalten.
HG|2|277|10|0|Noch muss ich dir, mein geliebtester Henoch, der armen Pura, des Mädchens aus der Tiefe, lobenswürdigst erwähnen. Dieses Kind setzte uns alle in das größte Erstaunen; ja, wer es nicht angesehen hat, der kann es gar nicht glauben!
HG|2|277|11|0|Du weißt, wie schrecklich der Lamech mit ihren Eltern und Anverwandten verfuhr! Und siehe, dessen ungeachtet betete niemand auf der Höhe mehr für den Lamech als eben dieses Kind, und das auf eine so ergreifende Weise, mit so viel Liebe und Vertrauen zum heiligen Vater, dass ich nicht umhinkonnte, fürs Erste fest zu glauben, der heilige Vater sei beständig ihr allein sichtbar, und fürs Zweite konnte ich mich der Meinung nicht erwehren, sie förmlich für eine wahre Tochter des heiligen Vaters anzusehen.
HG|2|277|12|0|Fürwahr, Henoch, wenn du sie so gesehen und gehört hättest, du wärest selbst auf diesen Gedanken gekommen!
HG|2|277|13|0|Aus diesem Grunde aber habe ich dieses Kind nun auch zu mir genommen, und wie du sie hier siehst, so habe ich sie auch jetzt mitgenommen, auf dass sie auch erfahren solle aus deinem Munde, wie es mit der Tiefe stehe, für die sie so viel gebetet und so viele Seufzer zum heiligen Vater gesendet hatte.
HG|2|277|14|0|Siehe, liebster Henoch, und ihr auch, die ihr vor dem Henoch seid in die Tiefe gesandt worden, also ging es während eurer Abwesenheit auf der Höhe zu.
HG|2|277|15|0|Ich, euer aller noch lebender irdischer Vater, habe euch solches sicher zu eurer großen Freude kundgegeben; daher aber macht ihr nun auch mir die schon so manche Tage und Nächte tiefst ersehnte Freude, und gebt mir kund, darum ich euch gefragt habe, jedoch nach dem alleinigen Willen des heiligen Vaters! Amen.“
HG|2|277|16|0|Hier segnete der Adam den Henoch und alle die anderen wieder Angesichts.
HG|2|277|17|0|Und der Henoch öffnete seinen Mund und sagte zum Adam und also auch zu all den anderen: „Höre, Vater Adam, und ihr alle meine Väter und Kinder! Also hat Sich der heilige, liebevollste Vater die Freude für Sich vorbehalten, euch alles das kundzutun, was alles sich mit der Tiefe zugetragen hatte, und wie es mit dieser nun steht; daher darf ich dir nun nicht alsbald deinen Wunsch erfüllen und dir enthüllen das Verhältnis der Tiefe.
HG|2|277|18|0|Solches aber magst du wohl zum Voraus erfahren, dass sich in der Tiefe unerhörte Dinge zugetragen haben; ja – ich sage dir – Dinge, von denen uns auf der Höhe nie etwas geträumt hatte! Des kannst du völlig versichert sein!
HG|2|277|19|0|Gedulde dich aber nur eine kurze Zeit, und die Enthüllung wird vor dir und euch allen leuchtend stehen wie eine Morgensonne! Darum aber musste ich euch ja rufen lassen, auf dass euch die helle Kunde werde; also geduldet euch nur, bis der Vater kommen wird, wie Er es der Purista verheißen hatte, und eurem Geist wird das wahre Licht werden über die Tiefe!
HG|2|277|20|0|Lasst uns aber nun in die Hütte der Purista treten, dahin wir beschieden sind; jedoch außer der Mutter Eva soll nach dem gegebenen Gesetz kein weiblich Wesen dieselbe betreten, und so denn sollen auch die anderen Weiber samt der Naëme und der Pura sich unterdessen in die Hütte des Uranion begeben! Du, herrliche Purista, aber geleite uns nun in die Hütte der Liebe des Herrn! Amen.“
HG|2|277|21|0|Die Purista aber fragte den Henoch, ob es gefehlt wäre, auch wenigstens nur die arme Pura und die Ghemela, des Lamech Weib, mit in die Hütte zu nehmen.
HG|2|277|22|0|Der Henoch aber sagte: „Höre, wenn es auf mich ankäme, da möchte ich wohl die ganze Welt hineintreten lassen; aber ich bin kein Herr über die göttliche Ordnung! Der Herr aber hat es also angeordnet, also müssen wir auch so lange Seinen Willen in allem tun, bis Er nicht Selbst uns einen anderen Tatengrund anzeigen wird.
HG|2|277|23|0|Und so denn hängt es ja nicht von mir, sondern allein nur vom Herrn ab, ob die Weiber in diese Hütte nun treten dürfen oder nicht; daher tun wir nun auch, was uns geboten ist, und der Herr wird dann tun, was Ihm wohlgefällt! Amen.“
HG|2|277|24|0|Also traten die Väter, von der Purista geleitet, in die Hütte; die Weiber aber, außer der Eva, verblieben draußen.
HG|2|277|25|0|Die Pura aber ging mit der Naëme etwas fürbass, und beide flehten zu Gott und ergaben sich ganz zufrieden in ihr Schicksal, opferten ihre fromme Neugierde dem Herrn auf und lobten und priesen also seufzend den Vater voll Liebe, Gnade und Erbarmung.
HG|2|277|26|0|Als diese zwei aber also seufzten, siehe, da kam alsobald vom Mittag her ein Mann und ging schnurgerade auf die zwei Seufzenden los. Als aber diese solches merkten, da wollten sie fliehen; der Mann aber setzte ihnen nach und hatte sie auch bald eingeholt.
HG|2|278|1|1|Der fremde Mann mit Pura, Naëme und Ghemela auf dem Platz der Begattung
HG|2|278|1|1|Am 22. März 1843
HG|2|278|1|0|Da aber der Mann die beiden eingeholt hatte, und das noch eine ziemliche Strecke früher, als es den zweien möglich gewesen wäre, die Gesellschaft der anderen Weiber zu erreichen und sich dann mit denselben in die Hütte Uranions zu flüchten, so fingen diese an, um Hilfe zu rufen.
HG|2|278|2|0|Aber der Mann sagte zu ihnen: „Hört mich an, ihr beiden, du, Naëme, und du, Pura!
HG|2|278|3|0|Ich sage euch wahrlich und getreu, dass ihr euch vor mir nicht also fürchten sollt; denn nicht irgendetwas Schlimmes habe ich mit euch vor, sondern nur etwas überaus Gutes, nur etwas, das euch im höchsten Grad frommen wird!
HG|2|278|4|0|Daher geht nun ganz furchtlos mit mir gegen die Hütte der Purista hin, und dort, etwa dreißig Schritte vor der Hütte, wo da steht in der Mitte eines kleinen Rasenhügels eine schöne Zeder, wollen wir uns miteinander von gar herrlichen und wichtigen Dingen unterhalten!“
HG|2|278|5|0|Als die beiden solches vernommen hatten von dem Mann, da ward es ihnen leichter ums Herz, und die Pura bekam so viel Mut, dass sie es wagte, den Mann zu fragen, wer und woher er denn sei, dass er wisse ihre Namen und wolle ihnen Gutes nur tun, da sie sich im Gegenteil doch unmöglich entsinnen könnten, ihn je ihrerseits irgendwo, weder in der Tiefe noch in der Höhe, gesehen zu haben.
HG|2|278|6|0|Der Mann aber sagte darauf zu ihnen: „Meine geliebten Töchter eines überaus guten Vaters, ist denn das in der jetzigen schon sehr volkreichen Zeit etwas Wunderbares?!
HG|2|278|7|0|Seht, ihr seid auf der Vollhöhe der Hauptstammväter zu Hause, und diese werden ja alle samt und sämtlich von allen Bewohnern der Höhe gar wohl gekannt; somit werdet auch ihr gekannt, da ihr, wie schon gesagt, bei den Hauptstammvätern zu Hause seid! Wenn ich euch sonach auch gar wohl erkenne, was Wunders ist da wohl?
HG|2|278|8|0|Woher und wer ich aber bin, solches werdet ihr doch auch gar wohl ohne vieles Nachdenken erraten können! Denn fürs Erste habt ihr mich vom Mittag herkommen gesehen und da ist ja das Woher schon von selbst beantwortet; denn woher ich komme, von daher bin ich auch.
HG|2|278|9|0|So ihr in mir doch sicher einen Menschen und durchaus keinen Vogel oder ein anderes Getier erschaut, da wird das ‚Wer ich sei‘ doch noch klarer vor euch stehen denn das Woher!
HG|2|278|10|0|Daher fragt mich nicht mehr um Dinge, die euch, insoweit es vorderhand nottut, von selbst doch gar gewaltigst in die Augen springen, sondern begebt euch dafür lieber alsbald mit mir auf den vorbestimmten Platz! Dort werde ich alles klärlichst dartun, wie sich’s nun mit der Tiefe verhält; denn ich war Zeuge vom Anfang bis zum Ende von allem, was sich in der Zeit in der Tiefe zugetragen hatte, und weiß sogar bestimmt, was sich heute in der Tiefe zuträgt.
HG|2|278|11|0|Daher also geht mit mir, damit ihr zu eurem großen Trost solches alles ehedem erfahrt denn alle die anderen in der Hütte der Purista; denn ihr habt für die Errettung der Tiefe vor dem Untergang meines Wissens doch ja auch in dieser Zeit am meisten und am lebendigsten zu Gott Tag und Nacht gefleht! Darum ist solches auch billig, und also folgt mir!“
HG|2|278|12|0|Auf solche Zusicherungen kehrten die beiden sich alsbald nach dem Willen des Mannes und gingen dann ohne weitere Furcht auch alsbald mit ihm auf den vorbestimmten Platz.
HG|2|278|13|0|Es wussten aber die beiden nicht, dass dieser Platz ein geheiligter war, den kein weibliches Wesen betreten durfte; daher geschah es denn auch, als die anderen Weiber von der Hütte des Uranion her solches bemerkten, dass sich die zwei gar mit einem fremden Mann auf diesen geheiligten Platz begaben, dass sie hinzuliefen und ihnen gar ängstlich solches anzeigten. Selbst die Ghemela rief die beiden ängstlich zurück.
HG|2|278|14|0|Der Mann aber fragte die Weiber und ganz besonders die Ghemela: „Was soll’s denn da mit diesem Platze? Ist nicht die ganze Erde von Gott erschaffen und somit allenthalben gleich geheiligt?
HG|2|278|15|0|Ist euch Weibern nicht gestattet, wegen der Heiligkeit dieser Stelle eben diese Stelle zu betreten, da könnt ihr wohl alsbald von der ganzen Erde abziehen, denn weniger heilig ist kein Platz auf ihr – denn dieser da!
HG|2|278|16|0|Ihr habt es aber ja selbst im freilich wohl etwas töricht gesetzlichen Gebrauch, dass ihr euch eben unter dem Baum vor dem Aufgang der Sonne begatten dürft, und das also zwar, dass in dieser Morgengegend eine anderortige Begattung als eine Sünde erklärt wird!
HG|2|278|17|0|Wenn ihr aber mit der fleischlichen Begierde diesen Platz nicht zu verunreinigen wähnt, so werden ihn wohl diese zwei mit ihrer reinen geistigen Begierde in Gott noch umso weniger verunreinigen!
HG|2|278|18|0|Zieht euch daher nur wieder zurück; denn ich werde mit meinen beiden Geliebten nicht weichen von diesem Platz! – Dir, Ghemela, aber sei’s gestattet, auch zu uns heraufzukommen; denn ich kenne dich, dass du in deiner Liebe getreu bist!“
HG|2|278|19|0|Die Ghemela aber antwortete dem Mann: „Was verlangst du von mir? Weißt du denn nicht, dass mich der Herr dem Lamech angebunden hat, und dass mein Herz in dem Herrn zu verbleiben hat allzeit und ewig?!“
HG|2|278|20|0|Der Mann aber sprach zu ihr: „Eben, weil ich solches gar wohl weiß, darum rufe ich dich zu mir herauf! Es steht aber nun, wie allezeit, bei dir, diesem Ruf zu folgen, oder nicht zu folgen! Willst du, so komme, und willst du nicht, da kehre mit den anderen wieder zur Hütte Uranions alsbald zurück!“
HG|2|278|21|0|Die Ghemela aber sagte darauf zum Mann: „Guter, weiser Mann, deine Stimme zieht mich gar gewaltig zu dir hinan; so du mich beim Lamech entschuldigen möchtest und könntest, da möchte ich ja wohl auch zu dir mich begeben!“
HG|2|278|22|0|Der Mann aber erwiderte der Ghemela, sagend: „Nicht ich, sondern der Lamech, dein Mann, wird dich selbst entschuldigen, und das bei mir! Daher tue, was dir gut dünkt!“
HG|2|278|23|0|Hier entriss sich die Ghemela den anderen Weibern und eilte zum Mann und den zweien hinauf und setzte sich gleich zu den Füßen des Mannes und bewunderte alsbald die erschaute Reinheit derselben.
HG|2|278|24|0|Die unten stehenden Weiber aber schmollten ganz gewaltig über die Dreistigkeit des Mannes sowohl, als auch ganz besonders über die der nun drei weiblichen Wesen.
HG|2|278|25|0|Und des Uranions Weib schrie laut und sagte: „Aber gerade heute muss uns solch eine unerhörte Schande begegnen, da eben in der Hütte der Herr erwartet wird! Was werden nur die Väter dazu sagen, wenn sie solcher Schande ansichtig werden!? Drei Weiber, und das die schönsten noch obendrauf, mit einem Mann von starkem Aussehen am hellen Tag auf dem Ort der Zeugung! O Schande, Schande, Schande!“
HG|2|278|26|0|Der Mann aber sprach: „Ja, wohl eine große Schande, – aber nicht über mich, sondern über eure große Torheit! Geht aber nun und schweigt, sonst werde ich euch wohl den Mund zu binden wissen!“
HG|2|278|27|0|Hier verstummten die Weiber, und der Mann fing an, den dreien alles kundzugeben, was sich in der Tiefe alles zugetragen hatte, und wie es nun mit der Tiefe stehe.
HG|2|278|28|0|Als aber solches die drei vernommen hatten in überzeugender Klarheit, da fingen sie laut zu jauchzen an und lobten und priesen Gott für solche große Erbarmung.
HG|2|278|29|0|Die anderen Weiber aber meinten, der Mann habe eine Sache mit den dreien; daher liefen sie vor die Hütte der Purista und schrien zu den Männern, was draußen geschehen.
HG|2|279|1|1|Die Liebesszene auf dem Platz der Begattung und das Zetergeschrei der Weiber. Der fremde Mann gibt sich als der heilige Vater zu erkennen
HG|2|279|1|1|Am 23. März 1843
HG|2|279|1|0|Nach längerem Rufen der Weiber vor der Hütte der Purista kam endlich der Uranion heraus und fragte etwas ärgerlich dieselben, was es denn also Gefahrvollstes gebe, dessentwegen sie also gar sehr unsinnig plärrten, und ob ihnen etwa jemand das Leben nehmen wollte.
HG|2|279|2|0|Die Weiber aber zeigten mit den Fingern hin auf die Rasenhöhe und sprachen: „Da sehe nur an die große Schande! Und das gerade heute, da der Herr von euch erwartet wird! Ein kräftiger, stämmiger, junger Mann, der – Gott weiß woher gekommen ist – hat gerade die drei jüngsten Weiber aufgekapert, führte sie auf den geheiligten Hügel und hat dort sehr wahrscheinlich seine Sache mit ihnen!
HG|2|279|3|0|Da! Sieh nur hin, wie ihn die drei umarmen und sich an ihn schmiegen, dass es nur eine Freude anzusehen ist!
HG|2|279|4|0|Nein, diese Schande am heutigen Tag, da die Boten des Herrn mit dem erhabenen Henoch hier angelangt sind, und, wie schon bemerkt, an dem der Herr unserer Purista verheißen hatte, uns allen zu erscheinen!
HG|2|279|5|0|Gehe doch hin, und treibe die Ehr’ und alle Achtung Vergessenden von der Stelle wenigstens hinweg!“
HG|2|279|6|0|Uranion aber erwiderte ihnen: „Wisst ihr was? Wenn euch diese Sache gar so in die Augen sticht, da seht nicht hin, und es wird sogleich besser gehen mit euch! Für was soll ich denn die geladenen Gäste auseinandertreiben, so sie uns nichts zuleide tun?
HG|2|279|7|0|Was aber da die geheiligte Rasenhöhe betrifft, so hat sie in der gewissen Hinsicht ja nur unter uns eine Bedeutung; für Fremde aber, die das nicht wissen, ist sie gleich wie jeder andere Platz!
HG|2|279|8|0|Daher begebt euch nur wieder zur Ruhe, und stört uns nicht mehr in der Hütte, da wir des Herrn harren! Wenn der Herr aber erscheinen wird, so wird Er dann schon derlei Vergehungen zu rügen wissen; ihr aber bleibt so hübsch stille und in der Ruhe! Amen.“
HG|2|279|9|0|Nach diesen Worten verschloss der Uranion wieder die Türe der Hütte und ließ die Weiber gehen.
HG|2|279|10|0|Da aber die Weiber sahen, dass sie mit ihrem Geklage nichts ausgerichtet hatten, da gaben sie sich ärgerlich zufrieden und schmähten nur ganz in der Stille über die drei Weiber und nicht minder auf den Mann; aber nur ganz vorzüglich waren sie auf die Weiber erbost.
HG|2|279|11|0|Die Ghemela aber fragte den Mann, ob er wohl auch zugegen gewesen sei, als der Herr auf der Höhe mehrere Tage verweilt hatte und hatte sie gelehrt die wahren Wege des Heils.
HG|2|279|12|0|Der Mann aber erwiderte der Ghemela: „Höre, du Geliebte des Herrn, ob ich damals zugegen war? – Sei versichert, mir ist da nicht das Geringste entgangen! Ich weiß sogar, wie dich der Herr auf den Händen trug, wie Er die Naëme tröstete und stärkte, und wie Er diese Pura aufnahm, sie an Sein Herz drückte und ihr eine gar große Verheißung gemacht hatte! Aus dem wirst du wohl entnehmen können, dass ich damals sicher auch zugegen war!“
HG|2|279|13|0|Hier errötete die Ghemela und sagte, so ganz sehnsüchtigst seufzend, zu sich selbst: „Ach! Solch eines unendlich allerseligsten Augenblickes werde ich mich auf der Erde wohl sicher nimmer zu erfreuen haben!“
HG|2|279|14|0|Der Mann aber sprach zu ihr: „Wer weiß, was heute noch alles vor sich gehen wird, so der Herr kommen wird, wo Er nicht etwa schon gekommen ist?!
HG|2|279|15|0|Ghemela, sieh mich so recht an! Gefiele es dir denn nicht auch, dich auf meine Arme zu setzen?“
HG|2|279|16|0|Hier blickte die Ghemela den Mann, so ganz entbrannt vor geheimer Liebe zu ihm, etwas verstohlen an und entdeckte in ihm eine starke Ähnlichkeit mit dem ihr ewig allergeliebtesten Abedam, dem Herrn Himmels und der Erde, und sagte dann nach einigem Stillschweigen:
HG|2|279|17|0|„Höre, du überaus weiser und eben also auch aller Liebe würdigster Mann, deine Erzählung über den Stand der Tiefe, welche doch so lebendig war, dass ich gerade glaubte, selbst von allem dem eine Zeugin gewesen zu sein, wie solches auch soeben die Naëme und die Pura, dich liebkosend und über dich jauchzend, versicherten und noch an deinen Lenden schmachtend versichern, war mehr als menschlich nur!
HG|2|279|18|0|Wenn ich nun dich dazu näher betrachte und in dir noch dazu eine große Ähnlichkeit zwischen dir und dem Abedam bemerke – und dazu noch deiner Einladung süßeste Stimme mich gar so mächtig ergreift, – siehe, da möchte ich wohl mich sogleich auf deinen Arm hinwerfen, wenn die anderen Mütter nur nicht gar so schlimm wären, die dort immer gar emsig herspionieren, was wir da machen!
HG|2|279|19|0|Oh, wenn es auf mich ankäme, da wäre ich schon lange auf deinen Händen! Aber die schlimmen Mütter dort! Nein, ich getraue mich denn doch nicht! Und wenn dann etwa gar der Herr dazu käme und der Lamech! Ach, da könnte es dann mit mir wohl recht schlimm aussehen!
HG|2|279|20|0|Ich habe dich freilich nur deswegen so lieb, weil du gar so viel Ähnlichkeit mit dem Herrn hast und auch gerade so redest wie Er und deine Stimme auch ganz der Seinigen gleicht; das müsste mich aber auch entschuldigen! Ja, ja, das müsste mich ganz vollkommen entschuldigen!
HG|2|279|21|0|Ach, ich möchte daher wohl auf deinen Arm mich setzen! Es müsste wohl auch gar selig sein, auf deinem Arm zu sitzen! Wenn ich nur wüsste, dass sich deshalb niemand ärgern würde, und ganz besonders aber, wenn es mir der Herr nicht übelnähme, da möchte ich wohl deiner Einladung folgen!“
HG|2|279|22|0|Der Mann aber sprach zur Ghemela: „Höre, du Meine Tochter, sei des Herrn wegen unbesorgt! Wenn dich der Vater auf Seine Arme nimmt, da wird der Herr dich darob nicht zornig ansehen; daher komme zu Mir, dem Vater, getrost!“
HG|2|279|23|0|Hier erst erkannte die Ghemela vollends, wer der Mann war, tat einen Schrei höchster Entzückung und warf sich etwas ungebührlich Ihm an die Brust. Und der Vater drückte sie ebenfalls mit Seinen Händen auf Sein Herz und sagte zu ihr und den anderen zweien:
HG|2|279|24|0|„O Meine liebsten Töchterlein, liebt nun euren Vater mit aller Kraft eures Herzens! Denn ihr wart die Letzten und seid aus der Hütte ausgeschlossen worden; dafür aber seid ihr nun auch die Ersten, zu denen Ich kam! Genießt denn nun aber auch die Fülle Meiner Liebe! Aber noch müsst ihr Mich nicht verraten; denn die anderen müssen Mich aus sich erkennen!“
HG|2|279|25|0|Als aber diese Szene die anderen Weiber erschauten, da war es aus bei ihnen; sie fingen alsbald an, ein Zetergeschrei zu erheben, rannten abermals zu der Hütte der Purista und machten dort einen so gewaltigen Lärm, dass darob alle Gäste samt der Purista aus der Hütte geschreckt wurden.
HG|2|279|26|0|Als sich alles draußen befand, da machten die Weiber sie auf die Szene am Rasenhügel aufmerksam.
HG|2|279|27|0|Der Henoch aber deutete, zu schweigen, und sprach dann: „Wenn es nichts anderes als das nur ist, da ist dieser Lärm im Ernst ganz unnötig gewesen; doch des Friedens wegen will ich hingehen und den vieren bedeuten, dass sie sich von dieser dummen Stelle entfernen sollen.“
HG|2|279|28|0|Und der Henoch ging hin und erkannte alsbald den Herrn.
HG|2|279|29|0|Der Herr aber sagte zum Henoch: „Henoch, sende Mir zur Heilung der großen Torheit dieser Weiber noch die Purista her, damit die Torheit in der Wurzel erstickt werde! Verrate Mich aber nicht; nur dem Sehel zeige an, dass Ich hier bin, und bescheide ihn nach einer Zeit zu Mir! Amen.“
HG|2|280|1|1|Adams neugierige Frage und Henochs Bescheid. Puristas Berufung zum Herrn auf den Hügel. Der Ärger der Weiber. Ein Weiberevangelium der Eva. Henoch und Sehel. Die Verklärung Sehels
HG|2|280|1|1|Am 24. März 1843
HG|2|280|1|0|Der Henoch aber, als er solches vom Herrn vernommen hatte, lobte und pries im Geiste seiner großen Liebe den allergetreuesten und allerliebevollsten Vater und folgte alsogleich dessen erhabenstem Wink.
HG|2|280|2|0|Als er aber gar bald umkehrte und der Herr mit den drei reinen Wesen aber dennoch nicht die Stelle verlassen wollte, da fragte sogar der Adam den Henoch, wer denn etwa doch der Mensch sein müsse, der nicht einmal dem Henoch Folge leiste.
HG|2|280|3|0|Der Henoch aber sagte darauf zum Adam und auch zu den anderen: „Der Mann weicht darum nicht von der Stelle, weil ich es Ihm durchaus nicht geschafft und also eben auch nicht geraten habe; und ich habe solches darum nicht getan, weil ich es für ganz unnötig gefunden habe. Das ist der vorläufige Grund; der nachläufige wird euch schon noch frühzeitig genug von selbst gar hell in die Augen springen.“
HG|2|280|4|0|Hier trat die Purista hin zum Henoch und fragte ihn: „Erhabener, alleiniger Hohepriester des allmächtigen Gottes auf dieser Erde! Meinst du denn nicht, dass der Allerheiligste darum verziehe, weil wir diejenige, den Müttern ungebührlich vorkommende Szene also dulden und du selbst gar nichts dagegen zu haben scheinst?“
HG|2|280|5|0|Der Henoch aber fragte die Purista, sagend nämlich: „Höre, du herrliche Purista, findest du denn etwas Ungebührliches an dieser Szene?
HG|2|280|6|0|Siehe, ich habe den Mann auf den ersten Blick erkannt und habe in Ihm gefunden wahre, reinste Liebe und die erhabenste, göttliche, tiefste Weisheit, da Er in wenigen Worten mir gar wohl zu erkennen gab, dass ich mit all meiner hohepriesterlichen Weisheit ein allerbarster Pfuscher gegen Ihn bin.
HG|2|280|7|0|So aber das doch nach diesem meinem Zeugnis der unwiderlegbarste Fall ist, da sehe ich nicht ein, warum wir das nicht dulden sollten, und warum das gerade der Grund wäre, dass darob der Herr verzöge.
HG|2|280|8|0|Im Gegenteil wird Er darum nur bei weitem eher da sein, als du Ihn erwartet hättest.
HG|2|280|9|0|Sehe nur den Lamech und den Hored an, deren Weiber sich doch bei dem Mann befinden und Ihn lieben bis zum Sterben. Siehe, diese beiden hätten das erste Recht, ihren Weibern solche Benehmungsweise vorzuhalten und sie darum von der Stelle zu treiben; aber sie sind ruhig und opfern liebewillig alles dem Herrn auf und sagen bei sich: ‚Der Herr weiß darum und hat Seinen heiligen Liebesgrund, warum Er solches geschehen lässt!‘
HG|2|280|10|0|Wenn aber diejenigen, die der Schuh drückt, nicht wehklagen, welchen Grund sollen wir Ledigen dazu haben?
HG|2|280|11|0|Höre mich aber noch weiter, du herrliche Purista! Siehe, der Mann dort hatte zu mir geredet und sprach: ‚Henoch, sende Mir zur Heilung der Torheit dieser Weiber auch die Purista hierher!‘ – Was wirst du nun tun?“
HG|2|280|12|0|Hier errötete die Purista und sagte nach einer Weile mit großer Verlegenheit zum Henoch: „Aber Henoch! Was verlangst du von mir, und was jener Mann dort? Weißt du denn nicht, welch ein Gebot mir der Herr gegeben hatte?!“
HG|2|280|13|0|Und der Henoch erwiderte: „Dafür weiß ich so gut wie du; denn deine Hütte muss mir ja untertan sein, da mir der Herr ja doch alles geistliche Oberamt auf der Erde übergeben hat! Aber dennoch sage ich, der alleinige Hohepriester Gottes auf Erden, zu dir: Gehe hin zu jenem Mann zur Wohlfahrt aller der Weiber dieser Gegend; denn wirst du nicht hingehen, so wird der Herr nicht erscheinen! Also folge meinem Rat!“
HG|2|280|14|0|Die Purista ward bei dieser Rede Henochs ganz schamglühend und wusste nicht, was sie tun sollte. Nach einiger Zeit aber ermannte sie sich doch wieder und wandte sich wieder, also fragend, an den Henoch:
HG|2|280|15|0|„Du hast doch ehedem gesagt, dass du den Mann alsogleich völlig erkannt hast; möchtest du mir denn daher nicht auch sagen, wer der Mann sei?“
HG|2|280|16|0|Und der Henoch erwiderte ihr: „Herrliche Purista, nun bist du gereinigt, und so kann ich dir nun ganz im Stillen sagen, dass der Mann zu mir gesagt hatte, ich solle dir sagen, dass du darum zu Ihm kommst, da Er der Herr ist! Aber schweige vorderhand, und gehe hin! Amen.“
HG|2|280|17|0|Als die Purista solches vernommen hatte, tat sie auch gleich der Ghemela einen lauten Schrei voll der höchsten Entzückung und lief hin zum Herrn. Bei Ihm angelangt, warf sie sich alsbald zu Seinen heiligen Füßen, umfasste dieselben und bedeckte sie mit Tränen der Freude und höchst reinster Liebe.
HG|2|280|18|0|Der Herr aber erhob sie dann und nahm sie auch auf Seinen Arm.
HG|2|280|19|0|Als aber solches die anderen Weiber sahen, da ward es aber auch ganz und gar völlig aus. Sie fingen förmlich an zu heulen und zu verwünschen diesen Platz und stürzten sich also zu der Eva hin und zeigten ihr solchen Gräuel an und klagten gewaltigst über solche Ungebührlichkeit.
HG|2|280|20|0|Die Eva aber sagte zu den jammernden Weibern: „So lasst doch die Männer zuerst klagen, die da unsere Herren sind, und greift ihnen nicht vor! Wenn sie klagen werden, dann könnt ihr weinen, aber es soll nie des Rechtens sein, so da ein Weib klagt!
HG|2|280|21|0|Ich bin eure Mutter und bin euch allen noch ein lebendiges Ebenmaß; so ihr aber anders sein werdet, wie ich es bin, da wird die Welt durch euch zugrunde gerichtet werden!
HG|2|280|22|0|Ich habe einmal nur meinem Herrn vorgegriffen, und dieser Vorgriff hätte nahe der ganzen Schöpfung das Dasein gekostet!
HG|2|280|23|0|Hat Sich aber schon der Herr meiner Schwäche erbarmt, so geschah aber solches doch auf Kosten des Todes unseres Leibes.
HG|2|280|24|0|Was werdet aber demnach ihr durch euer Geklage bewirken, da ihr dadurch der Ruhe der Herren vorgreift?! Besinnt euch daher, und ertragt alles mit Geduld und großer Hingebung, so werdet ihr gerecht sein vor Gott! Denn die Gerechtigkeit des Weibes besteht in der alleinigen Sanftmut ihres Herzens; ein klagendes Weib aber ist ein Dorn im Auge Gottes.
HG|2|280|25|0|Daher klagt nicht, da ihr sanftmütig und duldsam sein sollt! Denn die Klage des Weibes ist ein scharfes Messer und zerschneidet die Treue des männlichen Herzens; aber die Sanftmut ist ein starkes Band, welches die Herzen der Herren an uns fesselt, und die Herren werden es nicht zerreißen.
HG|2|280|26|0|Versteht solches, fügt euch in die göttliche Ordnung, und schweigt! So ihr kein Gesetz habt, warum tut ihr denn, als hättet ihr eines? Lasst daher die Herren walten und schlichten!“
HG|2|280|27|0|Nach dieser Rede Evas verstummten endlich die Weiber, und der Henoch berief den Sehel zu sich und sagte zu ihm: „Bruder, der Herr bedarf deiner! Daher gehe hin zu Ihm, da du Ihn siehst auf jenem Rasenhügel; aber verrate Ihn nicht vor der rechten Zeit!
HG|2|280|28|0|Der Herr aber wird dich nun verklären und dann ermächtigen zu Seinem großen Weltendienst!
HG|2|280|29|0|Gedenke aber in deiner großen Klarheit meiner, denn auch mich wird der Herr dereinst verklären also, wie Er nun dich verklären und endlos bevollmächtigen wird.
HG|2|280|30|0|Eile daher nun hin zu Ihm, zu deinem und meinem Gott! Amen.“
HG|2|280|31|0|Voll der höchsten Freude und Liebe eilte der Sehel alsobald hin zum Herrn. Als er aber den Hügel erreichte, da stand der Herr auf, reichte ihm die rechte Hand und sprach:
HG|2|280|32|0|„Sehel, sieh, Meine großen Äcker sind bestellt, der Same ist in die Furchen gelegt; nun braucht er der guten Pflege, damit er aufgehe und reife zur ewig lebendigen Frucht!
HG|2|280|33|0|Daher berufe Ich dich nun zurück, und gebe dir eine große Macht, zu wirken im endlosen Weltenraum nach Meinem Willen.
HG|2|280|34|0|Hier ist das Schwert Meiner Macht, und dort der Feind Meiner Liebe; ergreife es, gehe hin und kämpfe allezeit gegen den Drachen! Amen.“
HG|2|280|35|0|Hier verschwand plötzlich der Sehel und ward fürder nicht mehr gesehen.
HG|2|280|36|0|Als solches die Gäste und die Weiber sahen, überfiel sie eine große Angst, und alle sagten: „Dieser Mann muss ein großer Machtbote des Herrn sein!“ und fielen dann auf ihre Angesichter nieder und beteten Gott an.
HG|3|1|1|1|Purista als Ratgeberin des heiligen Vaters. Warum der Herr des Menschen Bitte und Rat wünscht
HG|3|1|1|1|Am 27. März 1843
HG|3|1|1|0|Als sich aber nun auch mit der Anbetung Gottes, mit Ausnahme des Henoch und der vier reinen weiblichen Wesen, die da beim Vater sich gar wohlbehalten befanden, alles vor dem auf dem Rasenhügel weilenden Mann zu fürchten anfing, indem es meinte, dieser Mann werde wohl nach und nach einem jeden einen ähnlichen Garaus machen, so wie Er es mit dem großen Sehel gemacht hatte, da sagte der Herr zu der Purista:
HG|3|1|2|0|„Höre, du Meine geliebte Köchin! Was meinst du wohl, was sollen wir nun tun, um die Törichten von ihrer Furcht zu befreien und dann aber auch zu machen, dass sie Mich unschädlicher für ihre Freiheit als den alleinig wahren Gott und Vater erkennen möchten? Denn gebe Ich Mich ihnen nun plötzlich zu erkennen – und das zwar ganz besonders den Weibern –, so kostet ihnen das ihr Leben, wenn nicht einigen ihr ganzes Dasein selbst! Also sage Mir und gebe Mir doch einen Rat, was da zu machen sein wird!“
HG|3|1|3|0|Diese Frage brachte die Purista ganz aus aller Fassung, und sie fing an zu weinen, da sie meinte, der Vater wolle sie damit züchtigen.
HG|3|1|4|0|Der Herr aber sah die Weinende gar freundlichst an und sagte zu ihr: „Sieh Mich doch an, Mein Töchterchen, und sage es Mir dann in deinem Herzen, ob der jemanden züchtigen Wollende auch also aussieht, wie Ich nun aussehe und allezeit also aussehe und ewig also ausgesehen habe im Angesichte derer, die Mich dir gleich geliebt haben und noch lieben und Mich auch allzeit also lieben werden! Nun, was sagst du Mir wohl auf diese Frage, Mein geliebtes Töchterchen?“
HG|3|1|5|0|Hier bekam die Purista wieder Mut zu reden und sagte so ganz furchtsam-traulich: „Nein, nein, liebster, bester, heiliger Vater, Du kannst ja gar nicht schlimm oder gar böse werden, das sehe ich jetzt schon ganz klar ein; aber was da Deine frühere Frage, an mich Schwächste gerichtet, betrifft, so ist es ja nur zu sonnenklar vor mir, dass es, von meiner Seite aus betrachtet, wohl die allergrößte Anmaßung wäre, welche der härtesten Züchtigung würdig wäre, so ich Dir, der allerunendlichsten Weisheit, irgendeinen Rat geben solle, um Dir dadurch vorzuzeichnen, was Du tun sollst!
HG|3|1|6|0|Ach, ich kann, ohne zu erbeben, gar nicht daran denken, Dir, Gott, dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde, einen Rat zu erteilen; daher bitte ich Dich, mein bester, liebster, heiliger Vater, mit solch einer Nötigung mich zu verschonen!“
HG|3|1|7|0|Der Vater aber sagte zur Purista darauf: „Höre, du Mein geliebtes Töchterchen, du verstehst Mich noch nicht recht; daher habe nun recht herzlich Acht auf das, was Ich dir nun sagen werde:
HG|3|1|8|0|Siehe, du fürchtest dich nun, sträflich zu werden vor Mir, so du Mir nun auf Meinen väterlichen Wunsch einen kindlichen Rat geben sollst, indem du wohl einsiehst, dass da Meine göttliche, unendliche, ewige Weisheit wohl auch ewig nie eines Rates bedarf und Ich demnach auch alles zum Besten leite, sehe es aus, wie es wolle.
HG|3|1|9|0|Wenn aber solches doch unbestreitbar richtig ist, wie kommt es denn aber hernach, dass du Mich schon um so manches gebeten hast und Ich dir auch gewährte und allezeit gab, um was du Mich gebeten hast? Was ist solch eine Bitte wohl anders als ein andächtiger Rat in sittlich-frommer Weise, durch den Mir der Bittende anzeigt, was Ich nun tun solle?!
HG|3|1|10|0|Weiß denn der Bittende nicht, dass Ich höchst weise und höchst liebevoll gut bin? Und weiß er das, wie mag er Mich dann um etwas bitten? Denn er muss ja doch das allernotwendigst voraussetzen, dass Ich als die höchste Weisheit und Liebe sicher ohne seinen Bittrat das Allerbeste, das Allerweiseste zu der allerrechtesten Zeit tun werde.
HG|3|1|11|0|Ein wie großer, frevelhafter Sünder muss demnach doch derjenige sein, der Mich durch seinen Bittrat zu etwas bewegen will, das Ich dann Meiner höchsten göttlichen Weisheit zuwider für ihn tun solle?!“
HG|3|1|12|0|Hier fingen die Purista und auch die anderen drei an, sich an die Brust zu schlagen, und alle sagten: „O Herr, sei uns allen barmherzig; denn also sind wir ja die abscheulichsten Sünderinnen vor Dir!“
HG|3|1|13|0|Und der Herr sagte wieder zu ihnen: „Ja, hört, ihr Meine Töchterchen, wenn ihr es also treibt, da mehret ihr ja eure Sünde; denn du, Purista, hast Mir ja soeben wieder einen Rat in deiner Bitte erteilt, dem zufolge Ich euch barmherzig sein solle?!“
HG|3|1|14|0|Hier schrie die Purista völlig auf vor großer Angst und Traurigkeit und sagte: „Oh, um Deiner Göttlichkeit willen, was habe ich arme Törin getan?!“
HG|3|1|15|0|Und die Ghemela sagte auch kläglichst weinend: „Also sind wir alle verloren!“
HG|3|1|16|0|Auch die Naëme und die Pura wussten sich vor Angst und Schmerz nicht zu helfen.
HG|3|1|17|0|Der Herr aber umfasste sie alle und drückte sie an Seine heiligste Brust und sagte dann zu ihnen: „Töchterchen, seid ihr an Meiner Brust denn unglücklich und verloren, so Ich, euer Schöpfer und Vater, euch heiß liebend sichtbar auf Meinen Händen trage und locke wie eine Mutter ihren zarten geliebtesten Säugling?“
HG|3|1|18|0|Diese Frage brachte die vier wieder zur Besinnung, und die Purista erwiderte, bald weinend lächelnd: „O bester Vater! Da sind wir freilich – nicht verloren! Aber – Sünderinnen – sind wir – doch sicher – noch – vor – Dir?!“
HG|3|1|19|0|Der Vater aber entgegnete ihr: „Wäret ihr Sünderinnen, so könntet ihr nicht bei Mir sein; da ihr aber keine Sünderinnen seid, so seid ihr Meine lieben Töchterchen, die Ich nun auf Meinen Händen trage.
HG|3|1|20|0|Ich als Vater aber will Mir ja von Meinen lieben Kindlein raten lassen also, als hätte Ich ihres Rates vonnöten!
HG|3|1|21|0|Denn solches alles tue ich als Vater Meinen Kindlein aus Meiner großen Liebe heraus, leite aber dann ihren Rat und ihre Tat also, dass Ich dadurch dennoch allzeit Mein Ziel erreiche.
HG|3|1|22|0|Daher auch musst du, Mein Töchterchen, Mir diesmal raten, was Ich nun tun soll, und Ich werde nichts früher tun und nichts anderes, als wann und was du Mir raten wirst!“
HG|3|1|23|0|Hier erst bekam die Purista wieder Mut, fiel dem Vater um den Hals, küsste Ihn klein ab und sagte dann: „Oh, so lasse auch die Weiber alle aus Liebe zu Dir in meine Küche gehen, und gehe nun mit uns allen in die Küche und lasse Dich da nach Deinem Wohlgefallen von allen als den lieben, heiligen Vater erkennen, lieben und anbeten!“
HG|3|1|24|0|Und der Herr sprach: „Amen! Ja, so sei es! Und so denn lasst uns in die Hütte ziehen!“
HG|3|1|25|0|Die Ghemela aber fragte den Vater: „Vater, dürfen wir auch in der Hütte uns Dir nahen?“
HG|3|1|26|0|Und der Herr sagte: „Töchterchen! Wie hier, so auch in der Hütte; denn Ich bin überall und allzeit derselbe gute Vater! Und so denn folgt Mir getrost! Amen.“
HG|3|2|1|1|Der Herr mit Purista, Ghemela, Pura und Naëme in der Hütte der Purista. Henoch erklärt den Zweiflern das Verhalten des Herrn
HG|3|2|1|1|Am 28. März 1843
HG|3|2|1|0|Als der Herr mit den vieren an den Henoch kam, sagte Er im Vorbeigehen zu ihm: „Henoch, bereite sie alle vor, und führe sie dann in die Hütte zu Mir; die Weiber jedoch sollen nur bis zur Türschwelle kommen und nicht in die Hütte treten, solange Ich in selber verweilen werde, außer die alleinige Eva und diese hier, die Ich in die Hütte führe! Amen.“
HG|3|2|2|0|Hier begab Sich der Herr mit Seinen vier geliebten Töchterchen in die Hütte und unterhielt sie bis zum Eintritt der ganzen Gesellschaft mit allerlei göttlichen Gnadenenthüllungen und zeigte ihnen Seine großen Wege, auf welchen Er einhergehe, um das Leben zu leiten zu Seinen Kindern und all den anderen Wesen; auch enthüllte Er ihnen anschaulichst die große Bestimmung der Menschen, aber auch die argen möglichen Eingriffe des Satans.
HG|3|2|3|0|Also handelte der Herr in der Hütte; wie aber ging es dem Henoch draußen?
HG|3|2|4|0|Zuerst kamen der Hored und der Lamech über ihn und fragten ihn: „Vater Henoch, möchtest du uns nicht kundgeben, wer denn doch der Mann ist, der da in der Hütte nun ganz allein wider die vom Herrn gegebene Regel mit den vier weiblichen Wesen, nämlich mit unseren Weibern, mit der Purista und der schönen Pura, sich ganz wohlgemut begab? Denn es muss etwas Außerordentliches hinter dem Mann stecken; und da er mit dir wie mit einem schon lange guten Bekannten spricht, so wirst du ihn doch sicher kennen?
HG|3|2|5|0|Wenn die Verklärung Sehels keine Täuschung unserer Augen war, so gehört er sicher einer höheren Welt an, und somit wäre uns sehr wünschenswert, zu erfahren seine nähere Bewandtnis!
HG|3|2|6|0|Wir haben wohl auch schon auf den Herrn Selbst geraten; aber damit stimmt die Ansage der Purista nicht überein, der der Herr geoffenbart hatte, dass Er, so wir alle in der Hütte versammelt sein werden und werden Ihn da erwarten in der tiefsten Ruhe unseres Gemütes, zu uns auf der Stelle gar wohl erkenntlich kommen wird und wird uns dann allen kundgeben, was alles sich nun in der Tiefe zugetragen hatte.
HG|3|2|7|0|Dieser Mann kam aber nicht nach der Offenbarung, sondern ganz frei, und während wir uns in der Hütte auf den Herrn vorbereiteten, machte er draußen mit den Weibern nur ein etwas ärgerliches Spektakel und hat sich zu seinem sichtbaren Vergnügen gerade nur die vier Schönsten ausgesucht!
HG|3|2|8|0|Diese vier sind freilich wohl die reinsten weiblichen Sterne nun auf der Höhe, und wir können sonderbarerweise ihnen nicht gram werden trotz dem, dass sie in den Mann völlig wie verbissen verliebt sind. Aber aus dem geht doch noch nicht hervor, dass das darum der Herr ist!
HG|3|2|9|0|Denn der Herr ist ja getreu in Seinen Verheißungen; also kann Er ja doch auch nicht anders erscheinen, als wie Er es uns allen durch die Purista hat ankündigen lassen! Daher sage uns, lieber Vater Henoch, wer demnach dieser Mann und woher er sei!“
HG|3|2|10|0|Also traten auch die anderen hin zum Henoch und fragten ihn desgleichen.
HG|3|2|11|0|Der Adam aber war noch einer anderen Meinung; darum sagte er auch mit einer sehr bedeutungsvollen Miene: „Mir kommt der Mann etwas verdächtig vor, denn das Spektakel mit den sonst so züchtigen und allerehrsamsten Weibern kommt mir durchaus nicht richtig vor.
HG|3|2|12|0|Die Zerstörung oder eigentlich die völlige Zunichtemachung des Sohnes Seths kann man auch nehmen, wie man will; denn es könnte ja sehr leicht der Herr, um uns so recht tüchtig zu prüfen, zugelassen haben, dass der Feind des Lichtes auf eine Zeit lang solches täte!
HG|3|2|13|0|Du scheinst zwar den Mann zu kennen, aber das reicht noch nicht hin, um mich zu beruhigen, da ich ihn noch nicht kenne; ich aber bin ein schon vielfach gebranntes Kind und habe daher bei ähnlichen Erscheinungen eine große Scheu vor dem Feuer!
HG|3|2|14|0|Daher gebe uns näheren Aufschluss über den Mann, und mache, dass wir in die Hütte kommen, sonst wird der Herr noch lange verziehen!
HG|3|2|15|0|Dieser Mann aber kann doch in aller der schon ausgesprochenen Hinsicht ebenso wenig der Herr sein, als es unsereiner sein könnte! Denn wäre er es, da wäre die Purista doch so gut wie belogen! Das musst du doch einsehen so gut, wie wir es einsehen!
HG|3|2|16|0|Dass die vier sich so an den Mann halten, das beweist eben nicht viel! Denn die Weiber sind leichtfertig und alle zusammen blind; und so eine zehn Jahre gebetet hat, da darf im elften eine starke Versuchung über sie kommen, und sie wirft sich vollauf dem Verführer in die Arme! Denn auch das Weib ist frei und kann tun, was sie will.
HG|3|2|17|0|Also rede du, was du weißt; aber mache keine lange Rede, damit wir bald in die Hütte kommen, darinnen den Herrn erwarten und dadurch dem Mann die Gelegenheit abschneiden, mit den vier jungen Tauben zu machen nach seinem Wohlgefallen! Wir müssen in göttlichen Dingen überhaupt nicht so lau sein, sonst wird die Welt nicht mehr tausend Jahre und darüber bestehen, wie sie doch schon bestanden ist durch meinen allzeit regen Eifer für Gott!“
HG|3|2|18|0|Hier erst kam der Henoch zu Wort und sprach: „Hört ihr alle, meine lieben Väter, Brüder und Kinder! Ihr habt eure Zunge wohl und die Gedanken eurer Seele in eine große Tätigkeit gesetzt, aber eure Herzen sind dabei ganz untätig geblieben!
HG|3|2|19|0|Ihr scheint alle meine Sabbatsrede aus dem Herrn ja rein vergessen zu haben, wenn ihr nicht versteht die Verheißung der Purista!
HG|3|2|20|0|Was ist die Hütte der Purista, in der wir des Herrn allzeit harren sollen? Hört, unser Herz ist die Hütte der Purista, und das Feuer in derselben ist unsere lebendige Liebe zu Gott!
HG|3|2|21|0|Wer aus euch aber hat sich bis jetzt noch in diese Hütte begeben, und wer hat in diese Hütte seine Brüder aufgenommen und der Letzte und der Geringste unter ihnen sein wollen?
HG|3|2|22|0|Kein Weib außer der Eva und der Purista solle die Hütte betreten! Das will sagen, wenn wir in der Liebe zu Gott stehen und ruhen in unserem Herzen, dann sollen wir nicht der Weiber gedenken und die Liebe zu Gott nicht trüben mit der Liebe der Weiber, außer mit der Mutterliebe und der kindlichen Liebe, welche Liebe aber die Liebe zu Gott nicht trübt, sondern nur einen Maßstab gibt, wie wir Gott lieben sollen. Versteht ihr solches?
HG|3|2|23|0|Wir waren wohl in der Hütte der Purista mit unseren Leibern, aber unsere Herzen staken in den Weibern und fragten sich: ‚Warum dürfen denn nicht alle Weiber in die Hütte?‘ Kein Wunder dann, dass uns die Weiber ein solches Spektakel machten und uns am Ende sogar aus der Hütte trieben! Versteht ihr solches?
HG|3|2|24|0|Da aber der Herr endlos barmherziger und getreuer ist als wir, so kam Er Seiner Verheißung zufolge dennoch zu uns; aber Er kam, wie wir waren in unserem Herzen beschaffen. Weiber waren in unseren Herzen; daher kam Er auch zu den Weibern und nahm sie auf, da wir in unserer Hütte der Purista nicht gegenwärtig waren! Versteht ihr solches?
HG|3|2|25|0|Die vier reinen Liebhaberinnen des Herrn haben Ihn, uns überhoch beschämend, in der wahren, lebendigen Hütte der Purista erwartet; daher kam Er auch zuerst zu ihnen, und während wir noch unsere leeren Zungen wetzen, genießen sie schon allerseligst die lebendigsten Ausflüsse Seiner Gnade, Erbarmung und Liebe! Versteht ihr solches?
HG|3|2|26|0|Noch wisst ihr nichts aus der Tiefe; den vieren aber lässt der Herr schon lange allerhellst schauen Seine wundervollsten Wege und Führungen. Versteht ihr solches?
HG|3|2|27|0|Ihr fragt noch und sagt: ‚Wer ist der Mann?‘ Aber die vier Reinen liegen schon lange in Seinen Armen und freuen sich des heiligen, liebevollsten Vaters! Versteht ihr solches?
HG|3|2|28|0|Ich sage euch aber nicht, als sei der Mann der Vater, sondern geht hin zu Ihm in euren Herzen, und ihr werdet erkennen, wer der Mann ist! Versteht ihr solches?
HG|3|2|29|0|Ja, nun müsst ihr es verstehen, so ihr nicht blinder seid als der Erde Zentrum. Ich habe ausgeredet; tut danach, und erkennt eure große Blindheit im Namen des Herrn! Amen.“
HG|3|2|30|0|Hier gingen allen die Augen weit auf, und sie erkannten nun alle, sich an die Brust schlagend, um welche Zeit es also war.
HG|3|3|1|1|Das Geschwätz der neugierigen Weiber. Die gute Ahnung der Schwester der Aora
HG|3|3|1|1|Am 29. März 1843
HG|3|3|1|0|Erst nach einer Zeit von einer viertel Schattenwende kamen die Väter und die andere Morgengesellschaft wieder zur Besinnung; aber keiner wusste nun, was er beginnen solle. Daher sahen sie sich auch ganz verblüfft an und fragten sich gleichsam stumm: „Was ist das; was ist mit uns, was haben wir getan?“ Aber es wollte auf all das stumme Gefrage keine Antwort von irgendwoher erfolgen!
HG|3|3|2|0|Es merkten aber solches auch von einiger Entfernung her die Weiber, dass da unter den Männern etwas Wichtiges muss vorgefallen sein, da sie also geheimnisvoll täten und die Köpfe zusammensteckten. Daher trieb sie nicht etwa ihre schwache, sondern nur ihre starke Seite unter dem Namen „Neugierde“ alsbald allesamt hin zu den Männern, um da zu erlauschen, was sich etwa doch ereignet haben müsse.
HG|3|3|3|0|Die eine aber fragte unterwegs ihre Nachbarin: „Was meinst du wohl, was die Männer etwa doch haben?“
HG|3|3|4|0|Die Nachbarin erwiderte mit gewichtiger, aber freilich wohl – wie gewöhnlich – nichtssagender Miene: „O Schwester! Das muss etwas ganz entsetzlich Merkwürdiges sein; ein Wunder ist es jedenfalls! Wenn uns doch nur wer sagen möchte, was es ist!“
HG|3|3|5|0|Eine andere sagte: „Es ist sicher wegen dem sehr sonderbaren Mann etwas!“
HG|3|3|6|0|„Ja, ja“, fiel ihr gleich eine vierte ein, „der abscheuliche Mensch ist, wie ihr wisst, ehedem mit den vier Keuschheitsdirnen in die Hütte ganz allein gezogen! Weil er sich da draußen vor unseren sittlichen Augen doch etwas fürchtete, sein Wesen mit den vieren zu treiben, so ging er nun in die Hütte!“
HG|3|3|7|0|Eine fünfte sagte dazu: „Du hast recht, dort hat er’s jetzt viel ungefürchteter und auch bei weitem bequemer! Ich hab’s aber auch dem Lamech und dem Hored einmal – nur so im Vorbeigehen, wie sich’s denn manchmal gibt – gesagt: ‚Ich will euch keine schlechte Prophetin sein, aber seid ja streng auf eurer Hut, denn so ein schönes, junges, hitziges Blut tut wohl auf keinen Fall so völlig gut!‘
HG|3|3|8|0|Und da habt ihr’s jetzt, und da haben’s die weisen Männer, die uns erfahrenen Weibern immer den Mund zustopfen wollen!
HG|3|3|9|0|Nein, es ist ja gerade zum Totlachen oder zum Totärgern! Gerade vor ihrer hochweisen Nase schnappt ihnen dieser Zauberer vom Mittag her, von dem ich schon so manches habe reden gehört, ihre Morgenperlen, wie sie’s immer jetzt schon nannten, weg!
HG|3|3|10|0|Und jetzt stecken sie die Köpfe sicher aus lauter Furcht und Eifersucht zusammen und wissen sich aus lauter Weisheit nicht zu raten und zu helfen!
HG|3|3|11|0|Den stärksten Mann unter ihnen hat er weggezaubert, und es könnte ihnen auch um nichts besser ergehen, so sie Gewalt an ihn legen möchten!“
HG|3|3|12|0|Eine sechste bemerkte daneben, sagend: „Ja, du hast aber sicher recht; denn ich hab’s ja gesehen und gehört, wie ehedem der Henoch hinging, um den Zauberer von der geheiligten Stelle zu treiben! Da wollte der Zauberer ihm aber nicht Folge leisten! Er, der Henoch, sendete dann die Purista hin, wahrscheinlich, um dadurch den Zauberer zu erweichen und ihn dadurch eben auch auf eine gegenzauberhafte Weise von der Stelle zu bewegen; allein – fehlgeschlagen Herr Henoch! Der Zauberer verzauberte auch sogleich die Priesterin Purista, diese stürzte nur gleich hin auf den Zauberer los!“
HG|3|3|13|0|Eine Nachbarin meldete sich hier und korrigierte die Rednerin mit den Worten: „Schwester, da hab’ ich besser gesehen! Der Herr Henoch hat nur wollen die Purista hinschicken, aber er hat noch kaum mit ihr in dieser Hinsicht einige Worte gesprochen, so war sie auch schon verzaubert, tat einen Schrei – wahrscheinlich, wie sie von der Zauberei angegriffen wurde – und rannte natürlicherweise schon ganz unsinnig blindlings auf den Zauberer los und fiel dann auch ganz nach seinem Wunsch zu ihm hin!“
HG|3|3|14|0|Hier fiel dann wieder die frühere Rednerin sagend ein und bemerkte: „Ja, ja, du hast recht; also war es! Was wollte ich aber denn sagen? – Ja, ja, jetzt weiß ich’s schon! Dann schickte der weise Herr Henoch den starken Sehel hin! Als aber dieser den Zauberer gewaltsam vom Hügel mit seiner Hand ziehen wollte, da zauberte ihn alsbald der Zauberer ganz – Gott weiß wohin, und da stehen jetzt die Ochsen am Berge und wissen nicht, was sie nun, aufrichtig gesagt, mit aller ihrer Weisheit anfangen sollen!“
HG|3|3|15|0|Eine andere emsige Zuhörerin dieser erbaulichen Bemerkungen setzte ganz höhnisch lachend hinzu: „Nein, aber lachen möchte ich doch aus vollem Halse, wenn dieser sehr annehmbare Zauberer den weisen Herren diese vier Morgenperlen, diese von der ewigen Morgenröte betauten Frühlingsrosen und – Gott weiß was alles noch für andere Schönheiten, so ganz wegputzen möchte! Ich glaube, die Herren würden sich darob die Augen ausperlen und austauen!“
HG|3|3|16|0|Eine andere sagte hinzu: „Wenn aber nur jetzt der Herr Jehova käme, wie Ihn die Purista angekündigt hatte, da möchte ich denn doch die kleine Verlegenheit von den weisen Herren sehen!“
HG|3|3|17|0|Wieder eine andere entgegnete: „Oh, da seien wir sicher, der Herr wird jetzt wohl sicher etwas stark verziehen! Denn zu so einem Skandal wird Er wohl ewig nicht kommen, außer mit einer glühenden Zuchtrute, welche nun dem Zauberer, den vier Himmelsaugen und auch den überweisen Herren sehr wohl zustattenkäme!
HG|3|3|18|0|Die alte, sonst zwar überaus würdige Mutter Eva ist aber auch noch ganz in die Männer hineingewachsen! Man darf sich bei ihr ja nie über einen Mann beklagen, so ist es aus! Wie früher! Es ist gerade zum Lachen! Als sich des Uranion Weib bei ihr beklagte, welch einen schönen Verweis bekam sie statt einer tröstenden Rechtfertigung! Und wir alle mussten unseren gerechten Ärger hinabschlucken und dann schweigen wie eine Maus vor der Katze! Nein, wer das recht findet, der muss doch die Weisheit – ich weiß nicht, aus was für einer Quelle gesoffen haben!“
HG|3|3|19|0|Eine andere bemerkte zu all dem noch hinzu: „Was ist’s wohl nun bei den Herren? Oh, das weiß ich aus dem Grunde! Verliebt sind sie alle bis über die Ohren! Der Zauberer aber hat ihnen nun einen Strich durch die Rechnung gemacht, darum stecken sie nun so verdutzt die Köpfe zusammen!
HG|3|3|20|0|Nun, wie lang ist es denn her, da der uralte Vater Adam sogar die schöne, junge Pura gar zu sich in sein Haus nahm und ließ sich dann allzeit von ihr auf die Höhe geleiten, und man will sogar bemerkt haben, dass er sie geküsst habe!“
HG|3|3|21|0|Eine Nachbarin sagte gleich hinzu: „Nun – nun –, das wird doch etwas Neues sein, hab’s doch selbst mit eigenen Augen gesehen! Nicht nur geküsst, sondern auch geherzt, und wer weiß, mit was für freilich wohl unausführbaren Gedanken! Ja die Herren, die Herren, das sind schon die Rechten; denen soll unsereins ja nicht weiter trauen, als man sie sieht, und das kaum!“
HG|3|3|22|0|Eine aber aus dem Morgen, die da war eine jüngste Schwester der Aora, in einem Alter von sechzig Jahren – also für damals noch sehr jung und noch ledig –, trat in die Mitte und sprach: „Unser Gerede kommt mir gerade so vor, als wenn man ein leeres Stroh rippeln möchte, um Brotkörner daraus zu bekommen!
HG|3|3|23|0|Wenn es auf mich ankäme, da möchte ich eher behaupten, dass aus euch nur die brennendste Eifersucht spricht, und dass ihr alles dessen, womit ihr die Herren beschuldigt, am allermeisten schuldig seid, als dass ich solches von den allzeit weisen Herren denken möchte!
HG|3|3|24|0|Ich getraue mir, fest zu behaupten, dass sich eine jede aus uns von dem herrlichen Mann hätte ohne die geringste Widerrede verzaubern lassen, wenn sie der Mann nur hätte verzaubern wollen!
HG|3|3|25|0|Aber weil der Mann das aus gutem Grunde nicht getan hat, sondern hatte euch nur vom Hügel gewiesen, so muss er nun schon auch ein schändlicher Mensch sein! Oh, das finde ich sehr natürlich!
HG|3|3|26|0|Er hat mir auch gewunken, zu ihm zu kommen; wenn ich mich vor euch nicht so sehr gefürchtet hätte, da hätte ich’s getan, wie meine Nichte Purista!
HG|3|3|27|0|Mich aber hat jetzt alle Furcht verlassen, und ich weiß, was ich rede, und bin nicht im Geringsten unsinnig. Merkt es aber wohl, ihr sonst hohen Mütter und Schwestern: Wenn der Herr Jehova kommen wird – so Er nicht schon gekommen ist –, da wird’s euch übel ergehen, und wer weiß, ob die vier Perlen nicht besser daran sind als wir hier und all die von euch geschmähten Herrn selbst dort; denn ich habe hinter dem Mann einen starken Glanz gesehen, und wer weiß aus uns, ob etwa der von euch verhöhnte Mann nicht der Herr Selbst ist, – und wenn das, was dann mit euch?!“
HG|3|3|28|0|Hier verstummten alle die Weiber und gerieten in eine große Furcht.
HG|3|4|1|1|Miras Gespräch mit Henoch
HG|3|4|1|1|Am 30. März 1843
HG|3|4|1|0|Die junge Rednerin aber, welche Mira hieß, bemerkte gar bald, welche Sensation ihre wenigen Worte bei den Weibern erregt hatten, und dachte sich: „Was soll nun aus dieser Erscheinung werden? Die Mütter und Schwestern sind nun auf einmal ganz verstummt, aus einer jeden Angesicht starrt große Angst und ein namenloser Schreck!
HG|3|4|2|0|Es muss denn doch etwas geschehen, in solch einem beklagenswerten Zustand kann man die sonst würdigen Mütter und lieben Schwestern denn doch nicht belassen!
HG|3|4|3|0|Ich weiß schon, was ich tun werde! Ich werde gerade allein zum Henoch hingehen, da die Mütter und Schwestern sich nun nicht weiter hingetrauen, und will da eine Fürsprecherin machen; der wird die nun gar stark erschrockenen Mütter schon wieder zurechtbringen! Ja, das ist ein recht gescheiter Gedanke von mir, daher ihn nur auch geschwind in die Ausführung gebracht!“
HG|3|4|4|0|Gedacht und getan, war bei der Mira schon von jeher die gute Art; daher ging sie denn auch alsogleich hin und zeigte solches alles dem Henoch an.
HG|3|4|5|0|Der Henoch aber sagte zu ihr, sie gleichsam zur Rede stellend: „Ja, warum aber hast du also vorlaut geredet und hast dadurch die Mütter und Schwestern in eine solche Angst versetzt?
HG|3|4|6|0|Siehe, wie du jetzt allein den Weg zu mir gefunden hast, also hättest du ihn ehedem finden sollen und mir im Namen des Herrn kundgeben die Irrung der Mütter und Schwestern, so hätte sich die Sache auf dem Wege der alleinigen Liebe beilegen lassen; jetzt aber, da du auf deine etwas zu rasche Art den Müttern und Schwestern ein förmliches Gericht bereitet hast, geht es nicht so leicht, wie du etwa meinen möchtest!“
HG|3|4|7|0|Da die Mira solches vom Henoch vernommen hatte, erwiderte sie ihm ohne Furcht: „Vater Henoch, du bist freilich wohl ein Weiser, und dazu noch der alleinige vom Herrn Selbst fest bestellte Hohepriester; aber ich meine da gerade nicht gefehlt zu haben, denn man muss ja doch die Rechte Gottes mehr achten als die Rechte der Menschen, so diese nicht mit den göttlichen übereinstimmen!
HG|3|4|8|0|Die Mütter und die Schwestern aber haben sich in einem blinden Eifer vergessen, wie es bei den Weibern schon öfter so der Fall ist, und haben dem göttlichen Recht entgegen unter sich falsche Behauptungen aufgestellt; und da mir das doch notwendig zuwider sein musste und ich es zufolge meines inneren Rechtsgefühls nicht länger habe ertragen können, dass der allerheiligste, beste Vater noch länger solle also geschmäht werden in Seinen männlichen vollkommensten Ebenmaßen, so trat ich denn auch auf und sagte ihnen bloß nur meine Meinung. Für das aber, dass meine wenigen Worte die Mütter und Schwestern gar so betrüben sollten, kann ich ja nicht dafür und darum!
HG|3|4|9|0|Daher musst du, lieber Vater Henoch, mir nicht gram werden; denn ich habe es ja nur zu gut, aber nicht im Geringsten böse gemeint!
HG|3|4|10|0|Siehe, dass ich den Müttern und Schwestern gewiss von ganzem Herzen gut bin, kannst du daraus ja schon ersehen, dass ich – trotz dem, dass auch mir der herrliche Mann gewinkt hatte, gleich den anderen vieren mich zu ihm zu begeben, und ich auch sogleich einen nahe unwiderstehlichen Drang, solches zu tun, in mir empfand, dennoch aus Furcht und Achtung bei den Müttern und Schwestern verblieb.
HG|3|4|11|0|Doch aber sage ich dir, lieber Vater Henoch, jetzt auch ganz bestimmt: Wenn jener Mann noch einmal mir winkte, zu ihm zu kommen, so ließe ich nicht nur alle Mütter und Schwestern augenblicklich sitzen, sondern die ganze Welt, und eilte schnurgerade zu ihm hin; denn hinter dem Mann ist mehr als nur ein alleiniger Mann! Das weiß ich ganz bestimmt!“
HG|3|4|12|0|Hier sagte der Henoch zur Mira: „Höre, du bist ja ganz entsetzlich gescheit, wie nicht leichtlich eine deines Geschlechts! Daher sollte es dir, so du die Mütter und Schwestern so recht vom ganzen Herzen liebhast, ja auch gar nicht schwer werden, ihnen mit deiner Gescheitheit zu helfen?!“
HG|3|4|13|0|Und die Mira erwiderte dem Henoch: „Ja, lieber Vater Henoch, nach deiner stets ausweichenden Rede zu urteilen, so wird mir am Ende ohnehin sonst nichts übrigbleiben. Hab mir’s auch schon unterwegs gedacht, dass bei Euch eben der Erbarmung höchste Stufe nicht zu treffen sein dürfte. Wenn ich nur zu jenem Mann kommen könnte; der würde mich sicher eher erhören als Ihr!“
HG|3|4|14|0|Und der Henoch entgegnete ihr: „Nun gut; siehe, der Mann ist in der Hütte, und die Tür ist offen! Ich will es dir nicht vorenthalten, bei Ihm Hilfe zu suchen; du magst daher schon zu Ihm gehen, so du glaubst, dass Er dich eher erhören wird denn ich!“
HG|3|4|15|0|Und die Mira sagte: „O wenn ich das nur darf, da ist es mir nicht im Geringsten bange!
HG|3|4|16|0|Freut euch, ihr armen Mütter und Schwestern, es soll euch ohne Henoch geholfen werden!
HG|3|4|17|0|Daher nur Mut; der herrliche Mann hat sicher ein besseres Herz als Ihr, lieber Vater Henoch, und wird mich nicht so ausfehnen, so ich ihm meine Not klagen werde, sondern helfen!“
HG|3|4|18|0|Hier ging sie ernstlich in die Hütte.
HG|3|5|1|1|Läuterung und Aufnahme der Mira durch den Herrn
HG|3|5|1|1|Am 31. März 1843
HG|3|5|1|0|Als die Mira aber ganz wohlbehalten in der Hütte beim ihr noch nicht so ganz und gar bekannten Herrn anlangte, da stand Er sobald auf und sagte zu ihr in einem etwas ernsten Ton: „Wie kommst du, Mira, jetzt daher, da Ich dir nicht gewunken habe, da du doch ehedem nicht kommen mochtest, da Ich dir gewunken habe? Zudem habe Ich auch dem Henoch ein Gebot gegeben, demzufolge kein Weib über die Schwelle der Hütte treten solle, und dennoch kamst du herein! Wie ging solches zu?!“
HG|3|5|2|0|Die Anrede und dieser sehr scharf fragende Ton brachte unsere Mira anfangs ein wenig aus der mutigen Fassung; aber sie sammelte sich dennoch bald wieder, indem sie bei sich bedachte: „Ist es der Herr, so wird Er es damit ja doch nicht gar so entsetzlich ernstlich meinen und wird sich durch mein recht herzlichstes Flehen sicher erweichen lassen, und ist er bloß so ein recht pikfester Weiser nur, so gehe ich im schlimmsten Falle denn wieder, wie ich gekommen bin!“
HG|3|5|3|0|Nach solchem Bedenken erst öffnete sie den Mund und sagte, so etwas schüchtern beherzt: „Es ist wahr, dass ich im Ganzen genommen gefehlt habe, aber so ich wieder bedenke, dass mich die Not meines Herzens dazu nötigte, und dass mir der Henoch von dem Gebot, hierher nicht treten zu dürfen, nichts gesagt hatte, so habe ich doch wieder nicht gefehlt!
HG|3|5|4|0|Denn wer sollte, wer möchte da einem Leidenden wohl verargen, so er in einer großen Not um Hilfe ruft oder als Leidender Hilfe sucht, und das noch ganz besonders, so da ein schwaches weibliches Wesen um Hilfe ruft und Hilfe sucht, wie da eben ich ein armes Wesen bin?!
HG|3|5|5|0|Und was Arges habe ich denn so ganz eigentlich angestellt? Ist es denn nicht recht, so auch ein weiblich Wesen Gott mehr liebt und achtet als alle die Menschen, die zusammengenommen gegen Gott dennoch pur und lauter nichts sind?!
HG|3|5|6|0|Also habe ich auch den Müttern und Schwestern meine Meinung gesagt, da ich doch nicht wissen konnte, solches werde eine gar so betrübende Wirkung bei ihnen hervorbringen! Hätte ich darum gewusst, da hätte ich freilich wohl schweigen können, aber geschehen ist geschehen! Ich aber möchte nun meinen Fehler ja tausendfach wieder gutmachen; und das kann denn doch unmöglich gefehlt sein!
HG|3|5|7|0|Solches habe ich auch dem Vater Henoch gesagt, aber der hatte kein Herz für mich und meine große Not. Darum eilte ich denn zu dir, weil ich glaubte, du werdest doch barmherziger sein als der Henoch; aber nach deinem ersten Empfang scheint aus dir eben nicht mehr Barmherzigkeit herauszuschauen als aus dem Henoch!
HG|3|5|8|0|Ich muss dir auch überhaupt bekennen und offenmütig gestehen, dass mir seit der Zeit, da der Herr auf der Höhe doch mehrere Tage nichts als die Liebe gelehrt hatte, die Menschen viel unbarmherziger vorkommen und auch wirklich sind, als sie ehedem waren; und das ist in meinen Augen kein gutes Zeichen.
HG|3|5|9|0|Wenn es aber auf mich ankäme, so möchte ich auf der Stelle ja doch aller Welt helfen, geschweige erst einem schwachen weiblichen Wesen, welches ohnehin sowohl von Gott, wie von der Natur aus ums Unbegreifliche in allem nachteiliger und leidender gestellt ist als ein jeglicher Mann!
HG|3|5|10|0|Siehe, ich habe jetzt ausgeredet und redete, wie es mir ums Herz war! Wenn es dir nicht recht ist und ich dich etwa, ohne zu wollen, beleidigt habe, so bist du ja mächtig genug, mich entweder hinauszuschaffen, oder mit mir zu machen, wie du ehedem draußen mit dem Sehel es gemacht hast; denn es ist ja besser, nicht zu sein, als zu sein in der Welt, da die Menschen steinerne Herzen haben, darinnen keine Erbarmung ist!“
HG|3|5|11|0|Nach dem sagte der Herr zur Mira: „Aber höre du, Mira! Das war doch eine lange Antwort auf Meine kurze Frage! Die eine Hälfte hättest du wohl bei dir behalten können, und die andere verschweigen, denn Ich weiß besser als du, wo dich so ganz eigentlich der Schuh drückt!
HG|3|5|12|0|Damit du aber ersehen mögest, dass Ich recht habe, so will Ich dir deine so ganz eigentliche Not kundgeben, und so höre es denn:
HG|3|5|13|0|Siehe, deine Mütter und Schwestern sind eifersüchtig, und du bist es auch! Deine Mütter schmähten aus Eifersucht über Mich und Mein Benehmen, und du hast sie dann aus lauter Eifersucht darüber zurechtgewiesen, da du zufolge Meines Winkes ein größeres Recht auf Mich dir heimlich zugestandest, als es den anderen zustände, denen Ich nicht gewunken habe.
HG|3|5|14|0|Zufolge Meines Winkes an dich erbranntest du alsbald in der heftigsten Liebe zu Mir; als du aber hernach die Mütter und Schwestern schmähen hörtest über Mich, so ward dadurch in dir deine Liebe beleidigt, und du rächtest dich durch Entäußern deiner guten Meinung an den Müttern und Schwestern!
HG|3|5|15|0|Da aber deine Rache etwas wirksamer ausgefallen ist, als du sie so ganz eigentlich haben wolltest, so drückt dich jetzt solches, und du möchtest den Leidenden gerne helfen; aber da es dir nicht möglich ist, so suchst du wohl Hilfe.
HG|3|5|16|0|Ich sage dir aber, die Hilfe wird schon kommen, und das eher, als du sie dir erwartet hättest; aber du gehe unterdessen hinaus, und überdenke deinen Fehltritt, und komme dann erst, in dir geläutert, zu Mir, und Ich will dich dann aufnehmen und dich segnen gleich diesen vieren!“
HG|3|5|17|0|Hier ward die Mira schamrot und sagte: „Wärest Du nicht der Herr, so wäre Dir mein Herz nicht so offen; Du aber bist der Herr, darum ist auch nichts verborgen vor Dir, und ich gehe nun getrost aus der Hütte, deren ich nicht wert bin, da ich Dich gesehen und völlig erkannt habe.
HG|3|5|18|0|Vergebe mir aber meine Schuld, wie ich ja allen von Herzen alles vergebe, was mich je von jemandem irgend gekränkt hatte!“
HG|3|5|19|0|Der Herr aber sprach: „Ja, dir würde Ich endlos viel vergeben, so du eine Sünderin wärest, weil du Mich so mächtig liebst! Du aber bist rein; so bleibe denn auch hier bei Mir nach deinem Herzen, und der Henoch wird alles andere zurechtbringen! Amen.“
HG|3|6|1|1|Miras Wiedergeburt durch die Liebe Gottes in ihr. Das Verschwinden und Wiedererscheinen des Herrn
HG|3|6|1|1|Am 1. April 1843
HG|3|6|1|0|Diese Worte hätten der Mira beinahe das Leben gekostet, so sie sich nicht vor dem Herrn des Lebens befunden hätte. Denn ihre lang verborgene Liebe zum Herrn kam nun zum völligen Ausbruch, und dieser Ausbruch war noch zu wenig vorbereitet; daher sank denn unsere Mira auch alsbald wie entseelt hin auf den Boden der Hütte.
HG|3|6|2|0|Aber der Herr rührte sie bald mit einem Finger an, und ein neues Leben fing an zu wallen durch das ganze Wesen der ehedem nahezu Entseelten.
HG|3|6|3|0|Es war aber solches gut und in Meiner Ordnung; denn also muss ein jeder eher der Welt völlig absterben, bevor er die Fülle der lebendigen Kraft und Macht Meiner Liebe in sich aufnehmen und dann ertragen kann!
HG|3|6|4|0|Als aber Mira, nun also wiedergeboren aus Meiner Liebe in ihr, wieder erstand, da weinte sie vor zu großer Liebe zu Mir und war nicht fähig, zu reden mit dem Mund, da ihr ganzes Wesen zu einem Wort war geworden, welches Wort aber jedoch in sich mehr sagt als alle Bücher der Welt, denn dieses gar endlos gewichtige Wort heißt die Liebe, das heißt die wahre, reine, lebendige Liebe zu Gott.
HG|3|6|5|0|Und eben in dieses Wort alles Worts und aller Wörter ist das ganze Wesen der Mira übergegangen; daher weinte sie aus der Fülle dieses Wortes, und ihre herrlichen wie Diamanten schimmernden Tränen, mit denen sie Meine Füße benetzte, waren inhaltsschwerer als die größte Bibliothek der Welt.
HG|3|6|6|0|Wahrlich, sage Ich, also ist auch die Träne eines reuigen, Mich mit aller Liebe ergreifenden Sünders ein größeres Gut für ihn, als hätte er tausend Welten zum ewigen Genussgeschenk erhalten!
HG|3|6|7|0|Doch die Mira war nie eine Sünderin, also war auch ihre Liebe gleich einer Zentralsonnenglut, und ihre Tränen waren Sonnen, wie sie den Planeten leuchten.
HG|3|6|8|0|Also in solcher Liebe erstand die Mira und blickte Mich, ihren heiligen, liebevollsten Vater, mit Augen an, die im Gegenteil außer Mir in diesem Moment auch niemand ertragen hätte; denn sogar Mein Herz ward durch solch einen Anblick genötigt, sich etwas zurückzuziehen, und das aus dem allerweisesten Liebegrund.
HG|3|6|9|0|Denn würde Ich Selbst da Meinem Herzen den ganz freien Spielraum gelassen haben, so hätte es die Mira mit der allermächtigsten Gegenflamme ergriffen und hätte sie als den ergriffenen Gegenstand der mächtigsten Liebe verzehrt.
HG|3|6|10|0|Aus dem Grunde verbarg Ich Mich denn auch auf eine kurze Zeit und begab Mich unterdessen zum Henoch, war da auch nur ihm allein sichtbar und gab ihm, was er reden solle zu den Weibern, damit sie Mich erkennen, aber dennoch nicht allzu sehr entflammen sollten.
HG|3|6|11|0|Auch der Väter wegen entzog Ich Mich ein wenig ihren Blicken; denn auch in ihnen war die noch etwas unreife Liebe eben auch etwas zu heftig erflammt, in welcher Flamme sie Meine Sichtbarkeit nicht wohl ertragen hätten.
HG|3|6|12|0|Da Mich aber Meine heftigen Liebhaberinnen plötzlich unter sich vermissten, so legte sich ihr Liebeflammensturm, und sie sahen einander groß an, und eine fragte die andere: „Was ist denn das? Wo ist Er denn hin? Warum verschwand Er denn so unvorbereitet? Noch wollte Er uns von der Sonne etwas kundgeben, und nun, da unsere Herzen erglühten, verließ Er uns! Nein, das ist aber doch sonderbar! Während man Ihn so recht ergreifen möchte, da ist Er weg!“
HG|3|6|13|0|Die Mira aber sagte: „Mein Auge sieht Ihn auch nicht mehr, aber Mein Herz ist von Ihm erfüllt, und das ist ja noch unendlichmal mehr, als ich, eine arme Sünderin vor Ihm, nur im allergeringsten Teil würdig bin!
HG|3|6|14|0|Wenn ich Ihn nur lieben kann und darf, das ist mir schon genug; denn das weiß ich ja ohnehin, dass Seine sichtbare Erscheinung nur eine notwendig seltene Gnade von Ihm ist.
HG|3|6|15|0|Denn würde Er gleich einem Menschen beständig sichtbar unter uns sein, so könnten wir ja vor lauter steigender Liebe zu Ihm uns am Ende sicher gar nicht mehr helfen oder würden uns endlich an Ihn so gewöhnen, dass Er uns dann ganz einem anderen Menschen gleich vorkäme!
HG|3|6|16|0|Daher weiß Er schon, was da gut und recht ist, und geht zur rechten Zeit und kommt zur rechten Zeit!“
HG|3|6|17|0|Hier trat der Herr wieder sichtbar in die Hütte und sagte zur Mira: „Richtig, du hast es völlig erraten: Er geht und kommt allzeit, wenn es gut ist! Daher ist Er auch schon wieder da, wie ihr seht.“
HG|3|6|18|0|Ein Schrei der lautesten Freude war der abermalige Empfang, und alle fielen Ihm zu Füßen.
HG|3|6|19|0|Er aber erhob sie alle alsbald wieder und setzte Sich mit ihnen wieder zum Tisch und sagte zu der Purista: „Siehe am Herd nach, was die Töpfe machen, und schüre das Feuer mehr auseinander, sonst wirkt es auf einem Punkt zu heftig und auf dem anderen zu schwach! Denn so die Väter in die Hütte treten, muss die Mahlzeit fertig sein; daher tummle dich nur, Meine liebe Tochter!“
HG|3|6|20|0|Die Purista verfügte sich sogleich an den Herd und tat nach dem Gebot des Herrn. Da aber die Früchte schon sehr weich waren, zeigte sie es dem Herrn an.
HG|3|6|21|0|Und der Herr sagte zu ihr: „Nun gut, so richte sie an, und die Mira soll den Vätern ansagen gehen, dass das Mahl bereitet ist, und dass sie darum hereintreten sollen! Solches geschehe denn! Amen.“
HG|3|7|1|1|Miras barsche Einladung der Väter zum Mahl. Des Herrn Mahnung zur Demut
HG|3|7|1|1|Am 3. April 1843
HG|3|7|1|0|Solche Beheißung machte unsere Mira überaus fröhlich, und sie ging daher auch ganz heiteren Mutes hinaus und kündigte solches den Vätern an, dass sie sich, da das Mahl bereitet sei, nach dem Willen des Herrn in die Hütte begeben sollen.
HG|3|7|2|0|Da aber der Henoch nicht zugegen war, sondern noch seine Sache mit den Weibern in einiger Entfernung hatte, so sagte der Lamech zur Mira: „Siehe, es ist der Henoch noch nicht fertig, und ohne den können wir doch nicht in die Hütte treten, indem er unser aller geistiger Hochältester ist?!“
HG|3|7|3|0|Und die Mira erwiderte dem Lamech: „No, das wird doch etwas sein! Ist denn der Henoch mehr als der Herr? Ich meine aber, dass da ein jeder Mensch dem Herrn mehr und eher zu gehorsamen schuldig ist als dem Menschen; der Henoch aber wird wohl sicher wissen, was er zu tun hat!
HG|3|7|4|0|Ich habe meinen Auftrag an euch kundgegeben, und das ist genug; hineinziehen aber kann ich euch nicht, und der Herr hat solches zu tun mir auch nicht aufgegeben! Tut demnach, was ihr wollt, ich bin frei und gehe nun wieder in die Hütte!“
HG|3|7|5|0|Der Lamech aber berief sie zurück und sagte ihr: „Höre, du mein schönstes Morgenkind, du bist ja etwas schnippisch! Wie wär’s denn – wenn du schon so vielfertige Füße hast –, dass du, anstatt sogleich in die Hütte zurückzurennen, hin zum Henoch einen Sprung tätest und sagtest ihm auch dasselbe, was du uns gesagt hast?!“
HG|3|7|6|0|Und die Mira erwiderte ihm: „Ach, siehe, was du alles noch von mir verlangen möchtest! Ich aber sage dir nichts da weiter als – zwei Herren ist nicht gut dienen; der Herr hat mich nur hierher beschieden!
HG|3|7|7|0|Wenn dir aber am Henoch mehr gelegen ist denn am Herrn, so sind für diese deine Forderung an mich deine Füße gut noch einmal so lang als die meinigen, und du kannst daher auch eher – um die Hälfte, sage ich dir – denn ich beim Henoch sein!
HG|3|7|8|0|Doch unser Gespräch kommt mir vor wie eine leere Stroh-Reiberei, wo am Ende nichts anderes herauskommt als zerriebenes leeres Stroh nur anstatt der Brotkörner; daher gehe ich, ihr aber könnt tun, was ihr wollt.“
HG|3|7|9|0|Hier machte die Mira eine Bewegung zur Hütte. Aber der Lamech hinderte sie schon wieder mit einer neuen Frage daran, und die Frage aber lautete: „Aber Mira, du holde Perle des Morgens, so dich der Herr um uns beheißen hatte, da wirst du ja doch nicht ohne uns in die Hütte zurückrennen? Was wird der Herr sagen, wenn du leer zurückkehren wirst?
HG|3|7|10|0|Wird Er nicht dann dir gar gewichtig bemerken und sagen: ‚Aber Mira! Wie hast du denn Meinen Auftrag an die Väter ausgerichtet, dass darauf niemand erscheinen will?!‘
HG|3|7|11|0|Und so der Herr solches zu dir reden möchte, was wirst du dann, dich entschuldigend, Ihm wohl zu erwidern haben?“
HG|3|7|12|0|Und die Mira erwiderte dem Lamech ganz kurz: „Davon weiß ich nichts, dass mir der Herr gesagt hätte, als solle ich euch hineinbringen in die Hütte; sondern euch nur hineinbeheißen! Solches aber habe ich auch getan; der Erfolg dieser Beheißung aber liegt mir nicht mehr ob, daher gehe ich!“
HG|3|7|13|0|Und der Adam trat nun zur Mira und sagte zu ihr, sie etwas noch aufhaltend: „Ja, mein liebes Kindchen, wenn du uns nur etwa nicht eigenmächtig eingeladen hast, sonst wäre schon alles recht?!“
HG|3|7|14|0|Das verdross sogar die Mira, und sie sagte: „Nein, das ist doch eine große Sünde für euch alle, so ihr, anstatt dem durch meinen Mund euch kundgegebenen Willen des Herrn zu folgen, mich nur hetzt und so recht ausfehnt! Nein, das ist zu arg, das muss ich dem Herrn sogleich sagen!“
HG|3|7|15|0|Mit diesen Worten sprang sie in die Hütte und wollte soeben dem Herrn über die Väter zu klagen anfangen.
HG|3|7|16|0|Aber der Herr kam ihr zuvor und sagte zu ihr: „Mira, wie kommst du denn allein zurück? Wo sind denn die Väter?!“
HG|3|7|17|0|Die Mira, anfangs etwas verlegen, aber sagte nach einer kleinen Weile: „Ach, du mein allerbester, heiliger, liebevollster Vater, die Väter draußen sind gar schlimm und ungehorsam! Ich habe es ihnen gerade also ausgerichtet, wie Du mir es aufgegeben hast; sie aber – nein, ich will’s doch nicht sagen!“
HG|3|7|18|0|Und der Herr sagte: „Und was haben sie denn aber?“
HG|3|7|19|0|Die Mira erwiderte: „Wenn Du es schon durchaus wissen willst, da kannst Du es also wissen, ohne dass es vonnöten wäre, solches von mir zu erfahren!“
HG|3|7|20|0|Der Herr aber sagte zu ihr: „Siehe, du hast ehedem die Väter zum Gehorsam ermahnt, und nun willst du Mir im Angesichte ungehorsam sein?! Wie reimt sich denn das?“
HG|3|7|21|0|Die Mira aber sagte: „O Herr, Du siehst ja in mein Herz, darin kein Ungehorsam gegen Dich waltet!“
HG|3|7|22|0|Und der Herr entgegnete ihr: „Siehe, Ich weiß, dass du ein reines Wesen bist! Dessen ungeachtet aber hast du dennoch mit den Vätern etwas zu barsch geredet; darum haben sie dir auch zu verstehen gegeben, dass da ein Mädchen nie also mit ihnen reden solle, sondern allzeit in größter Demut! Daher gehe noch einmal hinaus, und lade sie ein, dann werden sie dir schon folgen!“
HG|3|7|23|0|Hier ging die Mira abermals hinaus und richtete solches an die Väter aus, und diese folgten denn auch alsobald diesem Ruf; und da der Henoch auch die Weiber zurechtgebracht hatte, so war er auch an der Spitze der Väter schon und führte sie alle in die Hütte.
HG|3|7|24|0|Und der Adam fiel dem Herrn zu Füßen und dankte Ihm für solche große Erbarmung; denn sobald die Väter in die Hütte getreten waren, so wussten sie auch schon, alles sehend, wie es in der Tiefe stand, und priesen den Vater darum aus aller ihrer Lebenstiefe.
HG|3|8|1|1|Das Mahl in der Hütte der Purista. Der Bund des Herrn mit den Kindern der Erde und die Gemeinschaft zwischen Himmel und Erde
HG|3|8|1|1|Am 4. April 1843
HG|3|8|1|0|Nachdem all die Väter, die sieben Boten und noch andere Väter und Kinder aus der Morgengegend dem Vater aller Liebe und Heiligkeit nach der hellsten Beschauung der Tiefe ihr Lob und ihren Preis aus dem innersten Grunde ihres Lebens dargebracht hatten, da hieß sie alle der Herr alsbald erstehen und zeigte ihnen an, dass sie sich nun nach Seiner Verheißung in der Hütte der Purista zum ersten Mahl zum Tisch setzen sollten und essen gekochte Speisen.
HG|3|8|2|0|Alsbald erhoben sie sich alle und nahmen am gehörig großen Tisch des Herrn Platz; denn die Hütte der Purista war nicht etwa so klein, wie da ist in der Gegenwart eine Landmanns- oder Alpenhütte, sondern sie war also geräumig, dass darinnen wohl bei siebentausend Mann gehörig Platz hatten finden können. Dennoch aber wurde die Hütte klein genannt, aber nicht ihrer Geräumigkeit, sondern nur ihrer Demut halber.
HG|3|8|3|0|Als die Väter sonach alle Platz am großen Kindertisch des heiligen Vaters in der Hütte genommen hatten und sich auch alle am wohlgekochten Mahl gestärkt hatten, da sagte der Herr zu allen: „Nun ist gute Ordnung auf der ganzen Erde hergestellt; darum bin Ich wieder unter euch und segne in euch nun durch Meine sichtbare wesenhafte Gegenwart den ganzen Erdkreis!
HG|3|8|4|0|Denn nun ist ein Wiederverband zwischen Mir, Meinen Engeln und der Erde hergestellt; darum habe Ich dieses Freudenmahl von gekochten Früchten bereiten lassen, auf dass dadurch der ganzen Erde ein Denkmal werde, dass Ich, der ewige Vater der Kinder dieser Erde, ihnen nun ein Gott, ein Herr und ein wahrer Vater geworden bin und mit ihnen nun einen Bund geschlossen habe, auf dass sie nach dem Bund alle also Meine wahrhaftigen Kinder sein sollen, wie Ich allzeit und ewig ihr liebevollster und heiliger Vater sein will.
HG|3|8|5|0|Ich sage euch nun allen: Wenn ihr in diesem Bund verbleiben werdet, welcher da ist Meine Liebe zu euch und eure Liebe zu Mir, so wird die sichtbare Gemeinschaft auch fortwährend zwischen der Erde und den Himmeln bestehen.
HG|3|8|6|0|Werdet ihr aber diesen Bund verlassen und zerreißen dieses heilige Band, so wird die Erde sinken in ihre erste Tiefe wieder, und allerdichteste Wolken werden sie umhüllen, durch welche da niemand mehr Mich, noch Meine Himmel wird zu erschauen imstande sein.
HG|3|8|7|0|Und so die Erde in diesem Zustand noch stets mehr und mehr sinken und fallen wird, so wird sie sich in ihr eigenes Gericht stürzen, und Ich werde dann nicht, wie jetzt, mit ihren Kindern als ein Vater voll Liebe und Milde reden, sondern als ein ewiger Gott will Ich ihr dann Meine Gerichte im Zornfeuer zudonnern!
HG|3|8|8|0|Und wer da übrigbleiben wird, der wird lange zu warten haben, bis ein neuer Bund der Liebe unblutig aufgerichtet wird, und Ich werde Mir bei einer solchen neuen Errichtung also Zeit lassen, dass alle Völker eher verschmachten sollen, als bis Ich den Bund völlig ganz erneuen werde!
HG|3|8|9|0|Wird aber dieser jetzt völlig geschlossene heilige Bund von euch, nun Meinen wahrhaftigen Kindern, nicht zerrissen werden durch ein abermaliges Übergehen zur toten Äußerlichkeit der Welt, so werde Ich verbleiben bei euch, wie ihr bei Mir, und es wird sein auf der Erde, wie es ist in den Himmeln, und wird auch kein Tod mehr sein unter euch, sondern wie ihr alle gesehen habt, dass Ich den Sehel zu Mir genommen habe und ehedem den Zuriel, der Ghemela Zeuger, also will Ich euch alle zu Mir nehmen und euch dann im Geiste machen zu gar mächtigen Liebetätern für alle Wesen und alle Kreatur in Meinen endlosen Schöpfungsgebieten!
HG|3|8|10|0|Denn da ihr mit euren Augen am Firmament eines seht, da schwimmen in Meiner ewigen Allmacht zahllose Welten, alle Träger eurer Art; und hinter den Welten sind die endlosen Wohnstätten im Geiste geistig den Geistern, da eine mehr fasst, als der ganze äußere sichtbare Raum bietet!
HG|3|8|11|0|Also seht ihr nun auch eure ewige Bestimmung und den leichten Weg dazu; aber niemand kann dieselbe eher nehmen, als bis er dazu aus Meiner Liebe völlig reif geworden ist.
HG|3|8|12|0|Wenn Ich aber jemanden berufen werde, so wird der Ruf ihn enthüllen; er wird der schweren Fleischesbürde enthoben werden und wird dann auch alsbald eingehen in die große Herrlichkeit des ewigen, unvergänglichen Lebens des Geistes der Liebe.
HG|3|8|13|0|Damit ihr aber seht, wie es sich im Geiste lebt, so öffne Ich euch auch die innere Sehe völlig!
HG|3|8|14|0|Und so schaut denn die drei unter uns, die hinübergegangen sind, und besprecht euch selbst mit ihnen, damit ihr daraus ersehen mögt, dass eures Seins in Mir ewig nimmer ein Ende sein wird, und auch, dass der Drache ein allzeitiger großer Lügner ist!
HG|3|8|15|0|Also besprecht euch, und lasst euch kundtun, wie der Geist frei allerseligst lebt, herrscht und ewig waltet! Amen.“
HG|3|9|1|1|Sehel und Ahbel berichten über ihr Wesen und ihr Leben als reine Geister
HG|3|9|1|1|Am 5. April 1843
HG|3|9|1|0|Hier freuten sich alle die Väter über die Maßen. Adam und Eva eilten zum Ahbel, der Seth zum Sehel und die Ghemela zum Zuriel und besprachen sich über Dinge des Geistes und über desselben vollkommenstes und allerfreiestes und somit auch allerseligstes Leben.
HG|3|9|2|0|Der Seth aber fragte den Sehel: „Sohn, wie war es dir denn, als der Herr dich für diese Welt aufgelöst hatte?“
HG|3|9|3|0|Und der Sehel erwiderte dem Seth: „Leben dir, Leben in deiner Frage! Im Odem war ich, ein Beben durchschauert den Äther, der Sonne Gürtel zerriss, und frei stand ich, ein Leben im Unendlichen.
HG|3|9|4|0|Ein Licht durchdrang ich das All, und das Licht entweste die Wesen, und die entwesten Wesen wurden ein neues Sein, und ein neues Leben sah ich im neuen Licht, und der Vater war allenthalben der Grund alles Lichtes und alles Lebens des Lichtes aus dem Leben.
HG|3|9|5|0|Und nun bin ich ein vollkommenes Eins und lebe frei ein ewiges, lichtvollstes, mächtiges Leben aus dem Leben alles Lebens in Gott.
HG|3|9|6|0|Siehe, Vater Seth, also war es, und also ist es, und also wird es sein und bleiben ewig, da jede künftige Sekunde ein vollkommeneres Leben atmet denn die vorhergehende!
HG|3|9|7|0|Glaube, Vater Seth, was du jetzt siehst und hörst, ist keine Gesichtstäuschung und keine Übertäubung deines Gehörs, sondern es ist alles nackte Wahrheit und vollste Wirklichkeit; aber was du schaust in der Außenwelt, das ist des Baumes Rinde nur, ist der Wahrheit Hülse und ist im Anbetracht der Wirklichkeit ein Land, dessen Boden von dichten Nebeln und schwarzen Wolken bedeckt ist.
HG|3|9|8|0|Dort aber“, hier deutete der Sehel auf den Herrn hin, „o Vater Seth, ist das Leben des Lebens und das Licht des Lichtes vollkommen!
HG|3|9|9|0|Horche auf Sein Wort, es ist der Grund alles Seins, aus dessen Wort bin ich und du, und alle Wesensfülle entstammt dem Wort des Vaters!
HG|3|9|10|0|Wenn Er hier spricht, so entstehen aus jeglichem Seiner Worte wesenhafte Erfüllungen endloser Tiefen, und neue Heere der Sonnen und Welten beginnen ihren ersten ewigen Kreis zu durchbahnen.
HG|3|9|11|0|Darum hört, was der Vater spricht, und behaltet Sein Wort in euch, und ihr alle werdet es erfahren, dass ein jeder, der des Vaters Wort hat in sich, auch in sich hat das ewige Leben!
HG|3|9|12|0|Denn Sein Wort ist wesenhaft, und der Ton Seiner Rede ist der Grund aller Dinge.
HG|3|9|13|0|Ihm sei daher ewig alle Ehre, alles Lob, aller Preis und alle Liebe! Amen.“
HG|3|9|14|0|Diese Worte Sehels machten eine große Wirkung in der ganzen Gesellschaft, und alles lobte und pries den Vater des Lebens, dass Er solch hohe Weisheit den Engeln gab und solche Macht in Meiner Gnade.
HG|3|9|15|0|Der Adam aber fragte den Ahbel: „Mein geliebtester und lange betrauerter Sohn, bist auch du solcher Worte fähig, wie sie soeben einem mächtigen Strome gleich aus des Sehels Munde geflossen sind?“
HG|3|9|16|0|Der Ahbel aber erwiderte dem Adam: „Vater der Erde des Menschen! Weder der Sehel noch ich, sondern alles in allem ist Gott, der ewige, heilige Vater; denn unser Wort ist Sein Wort, wie Sein heiliger Wille allzeit der unsrige ist!
HG|3|9|17|0|Denn für den Geist gibt es kein Wort als allein nur das Wort des Vaters, wie es kein Leben gibt denn allein nur das Leben des Vaters.
HG|3|9|18|0|Wer aber aus Gott lebt, der redet auch aus Gott; und so mag wohl jeder, der aus Gott lebt, auch aus Gott Worte Gottes, Worte des Lebens verkünden.
HG|3|9|19|0|So aber jemand sich erhebt und sagt: ‚Ich habe auf eigenem Grunde gesammelt!‘, der ist ein Lügner gleich dem alten Drachen, der da die große Erbarmung des Vaters sich zu eigen macht und spricht: ‚Ich bin ein Mann des Herrn und kann Ihn schlagen, wann ich will!‘, während er doch aus sich das allergeschlagenste Wesen ist.
HG|3|9|20|0|Siehe, Vater, demnach ist es dem reinen Geist ja wohl gar leicht möglich, zu reden und zu handeln in aller Kraft und Macht des Vaters, da man im Vater liebt, lebt und allerfreiest atmet. Ihm sei darum alle Liebe ewig! Amen.“
HG|3|9|21|0|Diese Rede machte den Adam ganz weich und die Eva weinen, und der Adam rief bald laut aus: „O Gott, Du heiliger Vater, ich lebe zwar noch gerne unter Deinen Kindern auf der Erde; aber da mein und Dein Ahbel ist, möchte ich lieber sein!“
HG|3|9|22|0|Der Herr aber sagte: „Noch eine kurze Zeit, und du sollst zur Ruhe kommen! Amen.“
HG|3|9|23|0|Und der Adam fragte: „Was ist die Ruhe?“
HG|3|9|24|0|Und der Herr sagte: „Die Ruhe ist des Geistes Auferstehung zum ewigen Leben aus Mir.
HG|3|9|25|0|Wahrlich, bis Ich nicht in dir erstehe, wirst du bleiben; wenn Ich aber in dir erstehen werde, dann wirst auch du erstehen zum Lichte des Lebens im Fleische der Liebe und des Wortes aus Mir.
HG|3|9|26|0|Daher sei ruhig, und esse und trinke, bis dich Mein Fleisch und Mein Blut erwecken wird! Amen.“
HG|3|10|1|1|Zuriel beantwortet Ghemelas Fragen über das Leben und Sehen des Geistes
HG|3|10|1|1|Am 6. April 1843
HG|3|10|1|0|Es fragte aber darauf auch die Ghemela ihren Vater Zuriel, ob es viel Unterschiedes sei zwischen dem Leben dieser Welt und dem Leben des Geistes, und ob der Geistmensch wohl sehen könne die naturmäßige Welt und jene Menschen, die da noch im Leibe auf ihr leben.
HG|3|10|2|0|Und der Zuriel erwiderte ihr: „Höre, du Tochter des Herrn, das ist etwas Eitles der Frage! Das Leben ist allenthalben ein und dasselbe, und kann in sich da keines Unterschiedes sein zwischen Leben und Leben, wenn dasselbe ein Leben aus dem Herrn ist; ist aber das Leben nicht aus dem Herrn, dann ist es auch kein Leben mehr, sondern ein barster Tod, der sich seiner selbst wohl auch bewusst ist, aber das Bewusstsein ist nur ein Eigentrug, indem alles das, dessen sich ein Toter bewusst ist, also gestaltet ist wie ein arger, nichtig eitler Traum, da seine Welt kein Grund und all sein Besitz nichtiger ist denn ein allerlosester Schaum!
HG|3|10|3|0|Du musst hier aber nicht etwa die Materie der Dinge betrachten, als wäre sie tot, da sie für dich kein Bewusstsein äußert; denn diese ist nicht tot, indem in ihr gar mächtige Kräfte walten und sie selbst nichts anderes an und für sich ist als ein Ausdruck der sich allenthalben äußernden göttlichen Willenskraft und Macht, sondern als tot musst du dir nur das vorstellen, was zufolge der vom Herrn erhaltenen Willensfreiheit vom Herrn sich möglicherweise eigenwillig getrennt hat und will dann fortbestehen ohne Gott aus eigener Kraft.
HG|3|10|4|0|Es besteht zwar zufolge der göttlichen Liebe und Erbarmung wohl fort, aber wie entsetzlich, – das ist ein ganz anderer Satz.
HG|3|10|5|0|Aus dem aber kannst du, meine Tochter im Herrn, schon schließen, dass das eigentliche Leben sich überall und unter allen Umständen auf eine und ganz dieselbe Weise ausspricht.
HG|3|10|6|0|Kannst du solches noch nicht völlig erfassen, da sehe nur hin auf den Herrn! Siehe, Er ist in Sich das vollkommenste Leben alles Lebens, aus Ihm ist all unser Leben! Findest du einen Unterschied zwischen Ihm und mir?
HG|3|10|7|0|Du sagst: ‚Der Erscheinlichkeit nach keinen!‘
HG|3|10|8|0|Gut, sage ich dir; darin liegt ja die völlige Beantwortung deiner Frage! Merke nur: wir sind, was wir sind, aus Gott dem Herrn; unser alles ist Sein göttliches Ebenmaß!
HG|3|10|9|0|Also ist auch ganz sicher unser Leben Sein Leben, und wir mögen leben, wann und wo wir wollen, sobald wir den Grund des Lebens erschauen und begreifen, so wir unser Herz nach Ihm gewendet haben, so leben wir schon ein vollkommenes Leben, ob noch im fleischlichen Leib, oder ob im reinen Geist, das ist keines Unterschiedes!
HG|3|10|10|0|Ob der reine und ledige Geist aber auch die naturmäßige Welt und alles, was auf ihr ist, sehen kann, siehe, meine liebe Tochter im Herrn, das ist wohl eine sehr überflüssige Frage! Wenn sich das eigentliche Leben allenthalben völlig gleich ist, so wird da wohl das Schauen keinen Unterschied machen!
HG|3|10|11|0|Frage dich aber, ob du die Welt mit deinem Fleisch, welches an und für sich nur eine ganz unempfindliche Materie ist, oder mit deinem Geist aus deinem Fleisch heraus schaust!
HG|3|10|12|0|Siehe, dir geht jetzt ein Licht auf! Also, wenn dein mit der Materie umhüllter Geist die Dinge schauen kann, da wird solches wohl auch der reine, freie Geist imstande sein, wenn es der Herr haben will!
HG|3|10|13|0|Wenn es aber der Herr nicht haben will, so mag weder der freie noch der gefesselte Geist etwas erschauen; denn wie der Herr dem Leib die Sehe nehmen kann, also kann Er es auch dem Geist.
HG|3|10|14|0|Wie du aber nun nach dem Willen des Herrn erschaust die geistige und natürliche Welt, also sehe ich jetzt, wie allezeit, wenn es der Herr will, und wenn es nötig ist, auch beides!
HG|3|10|15|0|Wenn wir Geister aber bestimmt sind, mit großer Liebemacht aus dem Herrn den Welten zu dienen, sage mir dann, wie solches möglich wäre, so wir das nicht angesichts hätten, dem wir dienen sollten?!
HG|3|10|16|0|Du siehst jetzt die Materie durch und durch, also sehen auch wir sie durch und durch; du kannst mich, einen Geist, erschauen, also kann ich auch dich erschauen, – und also ist kein Unterschied zwischen dem wahren Leben und Leben!
HG|3|10|17|0|Es ist zwar ein Unterschied nun zwischen mir und dir, und dieser Unterschied liegt in deinem Fleisch, welches keiner geistigen Bewegung fähig ist und kann nicht einen so schnellen Ortswechsel machen; aber dennoch liegt es in deinem Geist, solches zu denken und lebendig zu fühlen!
HG|3|10|18|0|Siehe, das ist aber auch alles, was dir vorderhand zu wissen notwendig ist. So du selbst stets tiefer in deinen Geist gehen wirst, da wirst du alles dieses noch in deinem Leib lebendigst erfahren. Solches wünsche ich dir auch von ganzem Herzen im Namen des Herrn! Amen.“
HG|3|11|1|1|Der hohe Wert der Liebe. Der Herr kündigt den Sohn Ghemelas (Noah) als neuen Vater der Menschen und Pura als zukünftige Maria an. Puras Entrückung
HG|3|11|1|1|Am 7. April 1843
HG|3|11|1|0|Als die Ghemela solches vom Zuriel vernommen hatte, da ward sie überaus heiter und fröhlich und ging alsogleich hin zum Herrn Himmels und der Erde, dankte, lobte und pries Ihn in ihrem brennenden Herzen für solche große Gnade, dass Er ihr es hat so seligst erfahren lassen, wie das Leben des Geistes also völlig gleiche dem Leben eines noch auf der Erde im Fleische lebenden Menschen, der da ist in der vollen Liebe zu Ihm, dem heiligen, aller Liebe und Erbarmung vollsten Vater.
HG|3|11|2|0|Und der Herr wandte Sich zu ihr: „Ja, also ist es bei den Menschen: Die da viel empfangen, sind undankbarer als jene, die da wenig empfangen! Siehe, die Gnade, die dir zuteil ward, ist allen hier im überschwänglichen Maße zuteilgeworden! Sie haben an Meinem Tisch gespeist, während du mit deiner kleinen Gesellschaft dich drüben am Herd befandst; aber noch keiner kam, dir gleich, von Liebe getrieben zu Mir!
HG|3|11|3|0|Ich sage dir aber, Mein Herz ist der beste Tisch! Hast du auch nicht am Tisch gespeist, so sollst du aber nun an Meinem Herzen speisen, und diese Kost ist denn doch wohl noch ums Unvergleichbare besser und sättigender als jede andere noch so wohlgekochte!
HG|3|11|4|0|Wahrlich, sage Ich dir, Meine geliebte Tochter, die Liebe im Herzen eines Kindes zu Mir, dem Vater, ist mehr wert als alle noch so erhabene Weisheit und alle erdenkliche Wissenschaft!
HG|3|11|5|0|Denn wer die Liebe hat, der hat alles; wer aber die Liebe allein nur der Weisheit, der Wissenschaft und der Stärke wegen hat, der soll auch haben, was er haben will; aber wie du jetzt und allezeit soll er dennoch nicht haben Mein Herz!
HG|3|11|6|0|Glaube Meinem Wort, du Menschengeschlecht auf der Erde: So dir mehr liegt an der Erfahrung der Dinge als an Meiner Vaterliebe, da wird es wohl geschehen, dass du mit deiner mächtigen Weisheit die Armut unterjochen wirst; aber dann sollst auch du von Mir unterjocht werden, und Ich werde da deiner nicht schonen und werde dich nicht hätscheln!
HG|3|11|7|0|Aber dich, du Meine Ghemela, werde Ich schonen und werde dich erhalten fürder; ja, deine Frucht soll ein neuer Vater der Menschen auf Erden werden, und dein Blut soll dereinst erfüllen den ganzen Erdkreis!“
HG|3|11|8|0|Hier stürzten auch die anderen weiblichen Wesen hin zum Herrn und baten Ihn um Vergebung, darum sie es verabsäumt hätten, das zu tun, was die Ghemela getan hatte.
HG|3|11|9|0|Ganz besonders aber fing die arme Pura an zu weinen und wusste sich aus lauter Angst und Traurigkeit nicht zu helfen.
HG|3|11|10|0|Der Herr aber bog Sich alsogleich zur Erde nieder, hob sogleich alle auf und nahm die arme Pura auf den Arm und sagte dann zu ihr: „O weine nicht, du Mein Töchterchen, denn du hast wohl am wenigsten Ursache dazu! Ich weiß gar wohl, wie du Mich liebst, daher sei heiter, denn du und die Ghemela seid Mir so nahe wie Mein ewig allmächtig eigenes Herz!
HG|3|11|11|0|Dir, Ghemela, gebe Ich ein neues Geschlecht, und dir, Pura, gebe Ich Mein lebendiges Wort. Also wirst du bestehen im Geiste ein lebendig Fleisch und wirst in der Zeit der Zeiten im Fleische nicht mehr gezeugt werden, sondern hervorgehen aus einem gezeugten Fleisch ein ungezeugtes Fleisch und aus dir ein lebendiges Fleisch, das da sein soll ein künftiger Grund alles Lebens. Daher sei ruhig und heiter; denn Ich habe dich endlich und unendlich lieb, da außer Mir wohl weder im Himmel noch irgend auf Erden jemand herrlicher und schöner ist als du!
HG|3|11|12|0|Siehe aber, dort an der Schwelle der Hütte harrt jemand deiner! Es ist dein irdisch gewesener Zeuger; diesem folge! Sein Name ist Gabriel. Er wird dich bringen in Meine Himmelswohnung, allda du beständig um Mich sein sollst bis zur Zeit der Zeiten. Was dann, – solches wirst in Meinem großen Vaterhaus du erfahren! Amen.“
HG|3|11|13|0|Die Pura aber umklammerte mit ihren Armen den Herrn und wollte nicht von Ihm.
HG|3|11|14|0|Aber Er sagte zu ihr: „Mein Töchterchen, dahin dich der Gabriel bringen wird, da wirst du nicht warten auf Mich; denn ehe du dort sein wirst, werde Ich es sein und werde dir entgegenkommen und dich dann Selbst führen in Mein Haus. Also gehe nur getrost, denn Ich werde Mein Wort sicher halten! Amen.“
HG|3|11|15|0|Hier drückte die Pura noch einmal sichtbar des Herrn Haupt an ihre Brust und ward dann nicht mehr gesehen; denn des Herrn Engel brachte sie ins Haus des Herrn mit vergeistigtem Fleische. Das Haus des Herrn aber ist die Liebe des Vaters.
HG|3|11|16|0|Auch die Mira, die Purista und die Naëme weinten noch stehend; aber der Herr sättigte sie bald mit Seiner Liebe und segnete sie.
HG|3|11|17|0|Aber eine große Sensation hatte diese Rede und Handlung des Herrn bei den Vätern hervorgebracht, darob auch bis auf den Henoch sie alle dastanden wie leblose Bildsäulen und keiner sich auch nur mit einer Silbe etwas zu reden getraute; denn alle haben sich gar getroffen gefühlt, indem in ihnen bei der Erschauung der Tiefe allerlei heimliche Pläne haben aufzusteigen begonnen.
HG|3|12|1|1|Adams Entschuldigung und einfältige Bitte an den Herrn um Zurücknahme des Verweises und der Gerichtsdrohung. Des Herrn denkwürdige Antwort
HG|3|12|1|1|Am 8. April 1843
HG|3|12|1|0|Erst nach einer ziemlichen Weile ermannte sich der Adam und ging zum Herrn hin und sagte in tiefer Ehrfurcht zu Ihm: „O Herr, Du allerliebevollster, heiliger Vater von uns allen, siehe, insoweit ich von allen wie von mir selbst reden kann, da haben wir Dich noch allezeit geliebt, gelobt und hochgepriesen, was sich doch durchaus nicht in Abrede stellen lässt!
HG|3|12|2|0|Wir sind freilich wohl nicht also zu Dir hingelaufen, wie es soeben die dankbare, liebe Ghemela hat getan; aber solches taten wir – wenigstens meinem Gefühl nach – nicht etwa aus irgendeiner Nicht- oder etwa zu geringen Achtung Deiner heilig-großen Gnade und Erbarmung gegen uns, sondern nur aus zu möglich-größter Ehrfurcht, Achtung und Liebe zu Dir.
HG|3|12|3|0|Denn wir sehen und fühlen ganz, wer Du bist; solches sehen die Mägde doch unmöglich ihrer Beschaffenheit wegen ein, daher müssen sie sich Dir darum auch mehr äußerlich nahen, da sie einer möglich inneren geistigen Annäherung zu Dir wenigstens um vieles unfähiger sind denn der Mann.
HG|3|12|4|0|Wenn ich solches alles wohl erwäge und Deinen endlos starken Verweis, an uns alle mit Ausnahme des Henoch gerichtet, hinzu betrachte, so war er wohl etwas zu stark – fürwahr, ganz offen gesagt.
HG|3|12|5|0|Ich rede, wie ich es fühle – das muss für mich so lange wahr sein, bis mich nicht ein anderes Gefühl überzeugen wird, dass ich nicht die Wahrheit rede.
HG|3|12|6|0|Du bist Gott der Allmächtige von Ewigkeit aus Dir Selbst, ich aber nur ein zeitlich mattes Geschöpf Deines heiligen, über alles mächtigen Willens. So Du aber als mein Schöpfer mit mir magst reden, so rede ich auch mit Dir offen, wie Du mich auch frei und offen erschaffen hast; und so sage ich Dir auch offen und frei heraus: Schöpfer, Vater, diesmal hast Du uns, Deinen armen Kindern, mit Deinem Verweis zu viel gesagt; die Hälfte davon wäre genug, uns zu Tode zu drücken!
HG|3|12|7|0|Daher bitte ich Dich, nehme diesen Verweis wieder von uns, damit wir Dich als den allerliebevollsten Vater wieder lieben können; denn in Deiner großen Strenge kann Dich niemand lieben, wie Du solches uns allen auf der Höhe Selbst gelehrt hattest.
HG|3|12|8|0|So aber ich zu einem meiner Kinder sagen würde: ‚Höre, du nichtswertes Kind! So du mich nicht über alles lieben wirst und ich nur den allergeringsten Mangel deiner größtmöglichsten Liebe merken werde, so will ich dich alsogleich töten!‘, da wäre es denn doch sehr stark zu fragen: Wie wird mich, als den Vater, das Kind, welches ich also bedroht habe, wohl zu lieben imstande sein?
HG|3|12|9|0|Daher, o Gott, Schöpfer und Vater, nehme auch Du Deine Drohungen zurück, damit wir Dich lieben können frei nach unserem kindlichen Gefühl im Herzen, aber nicht lieben müssen aus Furcht vor Deinen großen Drohungen!
HG|3|12|10|0|Drohe nicht, und verheiße nichts, sondern Du allein als Vater sei uns genug und das Leben aus Dir dazu, dass wir als ewig lebendige Kinder Dich als den ewig heiligen Vater auch ewig mehr und mehr lieben werden können!
HG|3|12|11|0|Dir steht es freilich wohl frei, zu tun, was Du willst, denn Du allein bist der Herr Gott Zebaoth und hast niemanden um Rat zu fragen.
HG|3|12|12|0|Du hast das Leben, in Dir ist kein Tod, und niemand kann Dir ewig das allerfreieste, allermächtigste, wunderseligste Leben nehmen.
HG|3|12|13|0|Dich drückt nirgends ewig ein Schuh; aber nicht also ist es mit uns, Deinen Geschöpfen! Wir hängen mit jedem Atemzug von Dir ab und sind so endlos schwach gegen Dich, dass uns alle auch schon ein unsanfter Blick von Dir vernichten kann.
HG|3|12|14|0|Du bist keines Schmerzes fähig; wir aber sind von Dir so eingerichtet, dass wir von unsäglichen Schmerzen, ja vom Tode, von der Vernichtung selbst befallen zu werden fähig sind! Und dennoch möchten wir Dich über alles lieben, auch in großen Schmerzen noch!
HG|3|12|15|0|So Du uns aber töten willst oder gar schon tötest, da können wir Dich unmöglich lieben; denn wer kann Dich in Deinem Zorn oder wer gar im Tode lieben?!“
HG|3|12|16|0|Hier wandte Sich der Herr zum Adam und sagte zu ihm: „Du redest hier als ein Mensch mit Mir, deinem Schöpfer, und tust wohl daran, denn daran bewährt sich an dir Meiner Meisterschaft gelungenes Werk, dass du eben also mit Mir reden kannst frei aus dir.
HG|3|12|17|0|Aber ganz wahre Kinder, die da ihren Vater völlig kennen und wissen, wie endlos gut Er ist, die reden dann auch wieder ganz anders mit Ihm; denn sie lieben Ihn, und darum auch haben sie keine Furcht vor Ihm, sondern sie tun, wie es diese Töchter getan haben und noch tun.
HG|3|12|18|0|So aber der Vater Seinen Kindern die Liebe zu Sich also androhen möchte, wie du durch ein Beispiel an dir gezeigt hast, da wäre Er wohl alles eher als ein Vater.
HG|3|12|19|0|Wenn aber Ich als der allein wahre Vater sehe, dass in euch noch eine läppisch-törichte Furcht vor Mir haust, so werde Ich wohl wissen, wie Ich dieselbe ergreifen muss, um sie aus euch zu bringen, das heißt, um aus euch noch immer zur guten Hälfte Geschöpfen das Geschöpfliche hinauszubringen und euch zu wahren Kindern umzugestalten!
HG|3|12|20|0|Wenn du dieses ein wenig beachtest, so wirst du wohl auch einsehen, dass Ich als der Schöpfer und Vater, wenn Mich auch kein Schuh drückt, aber dennoch einsehen werde, wo der Schuh euch drückt, um euch da zu helfen, wo zu helfen für euch alle am nötigsten ist, und dass Ich dazu auch sicher die tauglichsten Mittel wählen werde!
HG|3|12|21|0|Lasse daher von deiner Forderung etwas handeln, und liebe Mich, so wirst du dann ja doch innewerden, ob Ich mit Tod oder ohne Tod die Liebe von Meinen Kindern erbitte!
HG|3|12|22|0|Denn siehe, deine Forderung an Mich ist gerade umgekehrt die Meine an euch! Solches erwäge nun, und rede dann erst!
HG|3|12|23|0|Ich aber weiß, was Ich als Schöpfer und was als Vater zu reden habe und was zu tun. Solches beachte auch gar wohl! Amen.“
HG|3|13|1|1|Der Menschen als Endzweck der Schöpfung steht mit der derselben in untrennbarer Korrespondenz. Die Vorschöpfung wendet sich daher notwendig gegen den die Ordnung Gottes missachtenden Menschen
HG|3|13|1|1|Am 10. April 1843
HG|3|13|1|0|Diese Worte von Seiten des Herrn brachten unseren Adam wieder zur besseren Besinnung; er ging demütigst dem Herrn zu und sprach: „O lieber, heiliger Vater! Dein Wort hat mich wieder in ein anderes Licht versetzt, und ich sehe in diesem Licht ein, dass ich glühend heiß vor Dir gesündigt habe; daher bitte ich Dich, o lieber, heiliger Vater, rechne mir doch diesen meinen sicher allerletzten Fehler vor Dir und aller Deiner Schöpfung nicht zu hoch an, sondern vergebe mir schwachem alten Greis diese meine letzte Torheit!“
HG|3|13|2|0|Hier wandte Sich der Herr zum Adam und sagte zu ihm, wie somit auch zu allen, die mit Adam ehedem eines Sinnes waren: „Hört denn nun alle, und du, Mein Sohn Adam, ganz besonders: Ich will euch nun etwas sagen zu Meiner eigenen Entschuldigung vor euch allen Meinen Kindern, damit ihr, so ihr etwa in der Zukunft dennoch Meines Rates vergessen solltet, denn auch wissen sollt, dass nicht Ich, sondern ihr selbst die törichten und blinden Schöpfer eures Gerichtes und somit auch eures Verderbens und eures Todes seid, so ihr, wie bemerkt, nicht die von Mir, eurem allerweisesten Schöpfer und liebevollsten heiligen Vater vorgezeichneten Wege wandelt! Und so hört Mich denn an:
HG|3|13|3|0|Ihr, und die ganze endlose Schöpfung, seid von Mir allernotwendigst schon von Ewigkeit also eingerichtet, dass gerade ihr die Endzwecke und somit die völligsten Schlusssteine der ganzen sichtbaren und unsichtbaren Welt seid. Demnach muss ja dann aber auch, im Ganzen wie im Einzelnen genommen, alles allergenauest mit euch in der alleruntrennbarsten Korrespondenz stehen.
HG|3|13|4|0|Wenn es aber unleugbarst also ist, so gibt sich ja der Folgesatz von selbst, welcher also lautet: Steht der Mensch als Endzweck aller Schöpfung da, und diese somit in allem mit ihm in der allerinnigsten Korrespondenz, so ist er ja auch ebenso notwendig über alle Schöpfung wie ein Herr gesetzt, von welchem Standpunkt er ebenso auf die ganze Schöpfung rückwirken muss, wie die ganze Schöpfung auf ihn notwendig vor- und einwirkt! Achtet nun recht wohl alle darauf!
HG|3|13|5|0|Alle Schöpfung vor euch aber hat durchaus keinen freien Willen, sondern in ihr ist alles notwendig zum dienlichen Zweck für euch gerichtet, also alles ein völliges Muss.
HG|3|13|6|0|Ich als der große Werkmeister aller Meiner Geschöpfe aber weiß nur allein, wie in ihr alle Prozesse eingerichtet sind, und wie eines in das andere greift, und kann euch daher auch nur die allein tauglichsten Mittel geben, euch also zu verhalten, dass ihr euch frei auf dieser höchsten Stufe behaupten mögt, auf welcher ihr als erhabenste Endzwecke aller Meiner Schöpfung dasteht.
HG|3|13|7|0|Bleibt ihr in dieser von Mir, dem Schöpfer, euch vorgezeichneten Ordnung, so wird auch die ganze euch vorgehende Schöpfung hinter euch her in der schönsten Ordnung verbleiben; bleibt ihr aber nicht in dieser Ordnung, sondern bildet und schafft ihr euch eine andere eigenmächtig, so bin Ich als Schöpfer und euer aller heiliger Vater ja doch gänzlich außer aller Schuld, wenn die ganze Vorschöpfung hinter euch her sich verkehrt in ihrem gerichteten Wirken, euch dann ergreift, in ihr ewiges notwendiges Gericht reißt und euch endlich gar ertötet.
HG|3|13|8|0|Muss ein Stein nicht schwer sein, damit er bleibe eine Feste auf und in der Erde? Seht, das ist ein Gericht der Materie des Steines.
HG|3|13|9|0|Solange ihr auf dem Stein herumgeht nach der Ordnung, so lange auch seid ihr Herren über den Stein; so ihr aber einen schweren Stein auf euch wälzen würdet, da wird der Stein euer Herr werden und wird euch geben seine Schwere, sein Gericht und also auch seinen Tod.
HG|3|13|10|0|Also aber, wie dieses Verhältnis zeigt, also auch verhält es sich mit der ganzen sicht- und unsichtbaren Schöpfung.
HG|3|13|11|0|Ihr allein könnt sie segnen nach Meiner Ordnung, aber auch verderben zu eurem Unheil außer Meiner Ordnung.
HG|3|13|12|0|Die Liebe zu Mir aber ist der Inbegriff aller Meiner Ordnung. Darum haltet euch allzeit an diese Liebe lebendig, so werdet ihr nimmer in ein Gericht zurücksinken; werdet ihr aber diese verlassen, so werdet ihr dem Gericht die Schleusen öffnen, und dieses wird dann notwendig über euch herfallen gleich dem Stein und wird euch begraben in sich!
HG|3|13|13|0|Solches also merkt, achtet es allzeit; wisst aber sonach auch, dass Ich, der Vater, niemanden richte! Versteht es alle! Amen.“
HG|3|14|1|1|Wie der Herr von den Menschen beleidigt wird
HG|3|14|1|1|Am 11. April 1843
HG|3|14|1|0|Nach dieser Rede des Herrn dankten alle dem Vater für solch eine große Erleuchtung, denn sie begriffen nun alle bis auf den Uranion völlig, was es für eine Bewandtnis mit dem erhabenen Standpunkt eines Menschen in der unermesslichen Schöpfungsreihe der zahllosen Wesen und Dinge Gottes hat.
HG|3|14|2|0|Aber, wie bemerkt, der alte Vater des Morgens war in einem Punkt noch nicht so ganz zu Hause; daher kam er denn auch in der allergrößten Demut hin zum heiligen Vater und bat Ihn um die Erlaubnis, über noch einen für ihn noch etwas dunklen Punkt eine Frage geben zu dürfen.
HG|3|14|3|0|Der Herr gab ihm auch mit folgenden Worten alsogleich, um was er gebeten hatte, sagend nämlich: „Ich habe es liebweise also gewollt, dass dir solches verborgen bleiben solle um aller willen; darum magst du nun auch um aller willen fragen also, als wüsste Ich es ehedem nicht, was es sei, darum du Mich fragst!“
HG|3|14|4|0|Nach solch empfangener Erlaubnis fragte denn auch der Uranion bald um das, was ihm nun umso mehr am Herzen lag, da er es zum Besten für alle vom Herrn fürgesehen erkannte.
HG|3|14|5|0|Die Frage aber lautete: „O Herr, Du heiliger, liebevollster Vater aller Menschen! Wenn der Mensch also nur gegen Deine in die Schöpfung gelegte Ordnung sündigen kann, so er nicht streng lebt nach Deinem erkannten heiligen Willen, also nach dem töricht eigenen Willen nur, und sündigt somit eigentlich nur gegen die Schöpfung und gegen sich – wie ist es aber dann wohl möglich, Dich zu beleidigen und zu kränken Dein heiliges, liebevollstes Vaterherz?
HG|3|14|6|0|Denn so der Mensch in der gerichteten Schöpfung der Wesen und Dinge sein unvermeidliches Gericht findet, also seine Strafe, da scheint es mir, als nähmest Du gar keine Notiz mehr von dem, was der Mensch täte, und könntest sogestaltig auch nimmer von irgendeinem töricht eigenwillig ungehorsamen Kind beleidigt oder gekränkt werden.
HG|3|14|7|0|Der nachträgliche Hauptteil der Frage besteht demnach darin, ob Du, o Vater, von den Menschen beleidigt werden kannst oder nicht. O Vater, darüber wolle uns noch ein Fünklein Deines Gnaden- und Liebelichtes zukommen lassen! Dein heiliger Wille geschehe!“
HG|3|14|8|0|Und der Herr erwiderte dem Uranion: „Du hast zwar recht gefragt; aber dessen ungeachtet liegt hinter deiner Frage eben nicht so viel tief Verborgenes, als du es meinst und nun auch so mancher andere mit dir.
HG|3|14|9|0|Siehe, auch du bist ein Zeugevater deiner Kinder und hast in deiner Haushaltung so manche nützlich dienliche Sachen gemacht, die nach deinem guten Plan ordentlich zweckdienlich gebraucht werden sollen!
HG|3|14|10|0|So aber ein oder das andere deiner Kinder eine solche von dir zum bestimmten nützlichen Gebrauch gemachte Sache entweder ganz verkehrt gebraucht und sie dadurch sogar verdorben oder gar zerbrochen wird, oder deine Kinder achten der guten Sache gar nicht, finden sie für dumm nur und lächerlich überflüssig und möchten darob sogar schmähen über dich und deine Einrichtung, sie sogar ärgerlich mit ihren Füßen zertretend, – oder deine Kinder möchten dir einer besten Sache willen, die du nur zu ihrem alleinigen Besten aus großer Liebe zu ihnen gestellt hast, sogar fluchen und dich fliehen wie eine Pestilenz, – sage Mir als Vater deiner Kinder, wie wirst du solch ein Benehmen von Seiten deiner Kinder aufnehmen, obschon sie eigentlich nicht, streng genommen, an dir, sondern nur an deiner Sache sich versündigt haben?
HG|3|14|11|0|Oho, du möchtest solchen Kindern wohl gar fluchen!
HG|3|14|12|0|Was soll demnach Ich als der heilige Vater zu euch sagen, so ihr euch unordentlicher-, eigensinnigerweise an Meiner heiligen, ewigen Ordnung vergreift und dabei Meiner gänzlich vergesst?!
HG|3|14|13|0|Also kann es Mir doch auch unmöglich gleichgültig sein, ob ihr so oder so handelt!
HG|3|14|14|0|Ich kann von euch sonach auch gar wohl beleidigt werden; aber dann ist es an euch, einzusehen eure Schuld und zu Mir wieder zurückzukehren, – wo Ich dann freilich wohl besser bin als ihr Menschen, indem Ich sogestaltet niemanden verwerfe, sondern jeden Verirrten emsig wieder auf den rechten Weg zu bringen suche und jeden alsbald wieder aufnehme, wenn er nur zu Mir zurückkommen will.
HG|3|14|15|0|Siehe, also stehen die Sachen; daher bleibt alle in Meiner Liebe, so werdet ihr euch nicht versündigen an Meinen für euch erschaffenen Dingen!
HG|3|14|16|0|Nun aber hat noch der Kisehel etwas auf seinem Herzen; darum komme er und entledige sich seiner Last vor Mir, dem Vater! Amen.“
HG|3|15|1|1|Berufung der Satana in Drachengestalt durch den Herrn. Ihre frevlerische Rede und Vorhersage der Kreuzigung des Herrn
HG|3|15|1|1|Am 12. April 1843
HG|3|15|1|0|Und der Kisehel, als er vernommen hatte solchen Ruf, stand auf und begab sich allereiligst und allerdemütigst hin zum Herrn.
HG|3|15|2|0|Als er aber also beim Herrn anlangte und somit auch sein Anliegen fragend anbringen wollte, und zwar in der vermeintlichen Absicht, in welcher früher der Uranion sein Anliegen in lauter Frage an den Herrn stellen musste, da deutete der Herr ihm, zu schweigen, und sagte innerlich ganz geheim zu ihm:
HG|3|15|3|0|„Kisehel, gehe hin und nehme den Lamech und den Henoch zu dir; denn was dich drückt, drückt keinen anderen noch bis jetzt. Daher ist es auch nicht nötig, dass dein Anliegen alle erfahren sollen.
HG|3|15|4|0|Euch dreien aber will Ich gleichwohl lösen deinen Knoten, jedoch nicht hier, sondern draußen, da uns niemand sehen soll! Und so denn verlassen wir auf eine kurze Zeit die Gesellschaft hier! Sage aber den Vätern, dass uns niemand fragen darf, wohin wir uns begeben!“
HG|3|15|5|0|Und der Kisehel tat alsobald alles, was ihm der Herr anbefohlen hatte.
HG|3|15|6|0|Als nun alles geordnet war, da begab Sich der Herr mit den dreien alsbald hinaus in eine umwaldete Stätte, welche ebenfalls von der mitternächtlichen Seite her von einer schroffen Felswand, in welche eine große Höhle ging, also begrenzt war wie jene bekannte Stelle, wo den auf die Höhe aus der Tiefe heimziehenden Boten mit dem Henoch der schon bekannte Drache erschien.
HG|3|15|7|0|Als sie nun auf dieser Stelle sich befanden, da sprach der Herr zum Kisehel: „Siehe, Ich bin vor dir von Meinem großen Feind übel angeklagt worden! Würde Ich Mich darob entschuldigen vor dir ohne den Ankläger, so würdest du in dir noch immer heimlich denken und sagen: ‚Es mag wohl also sein und wird auch eher also sein, wie es der Herr uns veroffenbart hatte; aber dessen ungeachtet bleibt die Angabe des Drachen dennoch immer sehr merkwürdig, und sein Geständnis ist durchaus nicht ganz außer Acht zu lassen!‘
HG|3|15|8|0|Darum aber führte Ich euch hierher, und wir wollen diese Sache in der völligen Gegenwart des Drachen abmachen!“
HG|3|15|9|0|Nach dem tat der Herr einen starken Ruf, dass darob der ganze Erdkreis dröhnend erbebte.
HG|3|15|10|0|Und der Ruf lautete: „Satana! Dein Gott und ewiger Herr will es, dass du hierher vor Sein Angesicht tretest!“
HG|3|15|11|0|Sogleich nach diesem allmächtigen Ruf, der beinahe der ganzen Schöpfung das Dasein gekostet hätte, erschien der Drache, gar gewaltig vor Grimm bebend, vor dem allmächtigen Herrn aller Ewigkeiten, und fragt den Herrn:
HG|3|15|12|0|„Was willst Du, mein ewiger Peiniger, von mir? Soll ich Dir etwa helfen, damit Du alle Deine Schöpfung um desto leichter ins Nichts wieder verkehren könntest? Oder hast Du etwa gar schon wieder eine neue Schöpfung im Plan, zu der ich Dir einen günstigen Platz ausstecken soll?
HG|3|15|13|0|Ich sage Dir, Du sollst mich ewig nimmer daran bekommen, denn ich kenne Deinen Wankelmut und weiß, dass in Dir keine Stetigkeit wohnt, und dass alle Deine Verheißungen nichts als leere, unhaltbare Worte sind. Daher habe ich auch fest beschlossen, mich wider Dich aufzulehnen und Dich ewig zu verfolgen!
HG|3|15|14|0|Wahrlich, bist Du auch ein Gott, beherrschend noch die ganze Unendlichkeit, so soll es Dir aber doch ewig nicht möglich sein, Dich vor mir ganz und gar vorsichtigermaßen irgendwo in einem Winkel der Unendlichkeit also zu verbergen, in dem ich Dich nicht finden möchte! Mir wirst Du nicht entgehen!
HG|3|15|15|0|Drohe mir immerhin, wie Du nur magst und willst; es wird sich ja doch gar bald zeigen, wer aus uns beiden der eigentliche Herr aller Welt und aller Kreatur ist!
HG|3|15|16|0|Bevor Du mich zu etwas zwingen wirst, da schwöre ich Dir bei allem meinem Leben, zuvor vernichte ich mich, und Du magst dann zusehen, wie es da mit Deiner ewigen Existenz aussehen wird!
HG|3|15|17|0|Verstehst Du mich, Du alter Weltenbetrüger, Du Allmachtsspieler auf meine Rechnung! Verstehst du mich?!
HG|3|15|18|0|Du kamst hierher, mich aufzufordern, diesen dreien zu widerreden das, was ich ehedem wohlmeinend ihnen kundgab! Oh, da kannst Du wohl hübsch lange warten, bis ich mich je mehr Dir zu einem schändlichen Werkzeug weihen werde!
HG|3|15|19|0|Da, – durchbohre mit all Deiner Allmacht diesen meinen Panzer, wenn Du kannst und magst!
HG|3|15|20|0|Ich aber schwöre Dir, nicht ich, sondern meine allerschwächsten Knechte sollen und werden Dich gefangen nehmen, Dich knebeln als einen alten Verbrecher und werden Dich mit Nägeln heften ans Holz, von da Du vergeblich um Hilfe rufen sollst ewig! Verstehst Du das?!
HG|3|15|21|0|Ich habe Dir jetzt meine Verheißung gemacht; willst Du aber etwa noch mehr von mir, so rede, und es soll geschehen, was Du nicht willst! Amen aus mir, Deinem Herrn. Verstehe mich: Amen aus mir.“
HG|3|16|1|1|Kisehels Racheeifer wird durch den Herrn beschwichtigt. Die Züchtigung des Drachen
HG|3|16|1|1|Am 13. April 1843
HG|3|16|1|0|Als aber der etwas hitzige Kisehel solchen Frevel vom Drachen vernommen hatte, da erbrannte er, und ein glühender Racheeifer erfüllte sein ganzes Wesen, dass er darob laut aufschrie und mit heftigen Worten sprach:
HG|3|16|2|0|„Aber Herr, Gott von Ewigkeit allmächtig, Du heiliger, liebevollster Vater! Wie möglich wohl kannst Du solchen Frevel anhören?!
HG|3|16|3|0|Belasse mir meine Kraft, die ich hatte aus Dir in der Tiefe, und ich will diesem Satan ein Ende machen, von dem alle Ewigkeiten der Ewigkeiten vollauf sollen zu erzählen haben!“
HG|3|16|4|0|Der Herr aber sprach zum Kisehel: „O du Sohn des Feuers und des Donners! Betrifft dich der Frevel des Drachen denn mehr als Mich, indem er zu dir doch gütlich und nur zu Mir allein also frevelnd spricht?
HG|3|16|5|0|Oder meinst du, Ich könnte etwa wohl gar dieses abgefallenen Geistes nicht Meister werden ohne dich? Oh, des sei völlig unbesorgt; mit dem allerleisesten Hauch kann Ich ihn verwehen auf ewig!
HG|3|16|6|0|So Ich aber solches täte, was hättest dann du gewonnen, und was Ich?
HG|3|16|7|0|Siehe, könnte dieser Drache Mir irgend schaden oder Mich irgend gefangen nehmen, da hätte er solches schon lange getan; denn er ist kein Jüngling mehr in Meinem Schöpfungsreich! Aber er sieht es in sich nur gar zu richtig ein, wie ewig gar nichts er gegen Mich vermag; darum wetzt er also seinen Schnabel und sucht durch Worte sich an Mir zu rächen, da es ihm in der Tat wohl ewig allerunmöglichst bleiben wird.
HG|3|16|8|0|Lassen wir ihn daher nur reden, was er mag und kann; und wenn er erst vollends wird ausgeredet haben, dann erst werde Ich ihm etwas sagen.
HG|3|16|9|0|Trete daher zurück in deine ruhige Verfassung, – und du, Satana, rede weiter; denn Ich, dein Gott und Herr, will es, dass du dich vor diesen Zeugen völlig entäußerst, wie du bist, auf dass dich erkennen möchte durch sie dereinst alle Welt!
HG|3|16|10|0|Sage mir aber zuerst, wie viele Schöpfungen Ich schon nach deiner Angabe vernichtet habe!“
HG|3|16|11|0|Hier stutzte der Drache und wollte nicht reden.
HG|3|16|12|0|Aber der Herr gebot ihm, zu reden.
HG|3|16|13|0|Und der Drache fing an, sich zu bäumen, und machte Miene, als wollte er alle die vier verschlingen.
HG|3|16|14|0|Der Herr aber sprach: „So du Mir nun nicht zur Rede stehst, da will Ich dich durch Meinen Zorn dazu zwingen!“
HG|3|16|15|0|Der Drache aber spie Feuer aus und brüllte dann gegen den Herrn: „Was ist mir Dein Zorn? Den kenne ich schon lange; denn ich selbst bin Dein Zorn!
HG|3|16|16|0|Nicht ich vor Dir, sondern Du hast Dich zu fürchten, dass ich nicht über Dich komme; und tue ich das, so wird’s mit Deiner Liebe etwa wohl gar sein, und Du Selbst wirst Deine Kinder zu Millionen allerunbarmherzigst von der Erde vertilgen und einigen wenigen übriggelassenen Fliegen den ersten Beweis geben, wie sehr Du auf die Erhaltung Deiner Geschöpfe bedacht bist!
HG|3|16|17|0|Daher halte Dich weislich nur so hübsch ferne von mir, sonst stehe ich nicht gut, ob es Dir nicht noch heute beifällt, die Erde bis über die Berge in tödliche Fluten zu hüllen, wovon Du schon ohnehin immer heimlich träumst!“
HG|3|16|18|0|Hier sprach der Herr etwas heftig: „Satana, treibe Meine Geduld und Langmut nicht aufs Äußerste! Gebe die Antwort, die Ich von dir haben will und keine andere, sonst soll es dir gar bald übel ergehen!“
HG|3|16|19|0|Hier drehte sich der Drache um und wollte mit seinem mächtigen Schwanz nach den vieren schlagen.
HG|3|16|20|0|Aber der Herr gab dem Kisehel einen Stab und sagte zu ihm: „Gehe hin, und züchtige ihn!“
HG|3|16|21|0|Und der Kisehel nahm den Stab, ging hin und schlug gewaltig nach dem Drachen.
HG|3|16|22|0|Hier drehte sich der Drache bald wieder um, heulte und brüllte und legte sogleich seine scheußliche Gestalt nieder und war, den anderen gleich, als ein Mensch zu sehen. Als solcher fiel er alsbald wieder vor dem Herrn nieder und sprach:
HG|3|16|23|0|„Herr, Du allmächtiger, ewiger Gott! So Du mich schon strafen willst, so strafe mich für meine eigenwillige große Bosheit gegen Dich nicht ohne Deine Liebe; denn die Schläge Deines Zornes sind zu unerträglich brennend und endlos schmerzend!“
HG|3|16|24|0|Hier sprach der Herr: „Wie kannst du, Mein sein wollender Herr, Mich denn um so etwas bitten? Du hast Mir ja selbst eine Züchtigung angedroht; wie kommt es denn nun, dass du dich von Mir züchtigen lässt?“
HG|3|16|25|0|Der Satan aber sprach: „O Herr, peinige mich nicht zu unendlich; denn Du weißt ja, dass ich ein Lügner bin aus mir, weil ich ohne Dich ein Herr sein wollte!
HG|3|16|26|0|Gebe mir lieber eine neue Frist, und ich will mich zu Dir wenden, aber nehme mir alle meine große Macht, auf dass ich nicht durch mich selbst wieder versucht werde, mich gegen Dich aufzulehnen!“
HG|3|16|27|0|Und der Herr sprach: „Rede nur alle deine Lüge vor diesen Zeugen, und Ich will sehen, was Ich dir dann tun will; behalte aber ja nichts im Hintergrund, sonst wird dir all dein Flehen wenig nützen! Amen.“
HG|3|17|1|1|Satana gesteht ihre Lügen und ersucht um eine Besserungsfrist
HG|3|17|1|1|Am 14. April 1843
HG|3|17|1|0|Hier stand Satana bebend auf und sprach zu dem Kisehel, der noch seinen vom Herrn ihm gereichten Stab gar fest in seiner Hand hielt:
HG|3|17|2|0|„Höre, du mein Züchtiger aus der Macht deines Gottes, der da ist auch ewig ein Zorngott über mich und mag nimmerdar aufhören, mit Seiner schrecklichen Rute mich zu schlagen!
HG|3|17|3|0|Ich habe dir ehedem in meiner schauderhaft erschrecklichen Schutzgestalt so manches vom Herrn, dem allmächtigen Schöpfer aller Dinge, Geister und Menschen ausgesagt, was ich nun in dieser meiner dir ähnlichen Gestalt völlig als eine allerbarste Lüge widerrufe!
HG|3|17|4|0|Ich habe dir zwar wohl Wahres gesagt, aber da ich es in mir verkehrt habe, so war es eine Lüge, denn alles, was ich vom Herrn ausgesagt habe, das habe ich nur von mir ausgesagt, und so ist nicht der Herr, sondern ich nur ganz allein der schon so ziemlich alte böse Weltbetrüger und ein allerbarster, wennschon gerade nicht Allmacht-, so aber ein starker Großmachtspieler.
HG|3|17|5|0|Nicht der Herr, sondern ich nur habe schon gar viele Sonnengebiete zerstört, und sie wären von mir aus in ihr ewiges Nichts hinabgesunken, so der Herr Sich ihrer nicht erbarmt hätte und hätte sie durch Seine Machtboten nicht auf eine solche Stelle in der Unendlichkeit schaffen lassen, alldort sie neue, ruhige Bahnen gehen, welche von meinem Pesthauch nimmer erreicht werden können.
HG|3|17|6|0|Siehe, so es auf mich ankäme, da stünde wohl alle Augenblicke eine andere Schöpfung da, und es wäre für kein Wesen eines Bleibens; denn ich möchte nur erschaffen, um dann etwas zum Zerstören zu haben, und möchte allerlei reizend schöne Menschen wohlgebildet gestalten und lebendig zeugen, um sie dann nach meiner argen Lust zu quälen und, hätte ich mich satt an ihnen gequält, sie dann auch alsbald gänzlich zu vernichten.
HG|3|17|7|0|Siehe, ich war ein Lügner allezeit, und ich möchte dich auch ums Tausendfache nun lieber anlügen, als dir die volle Wahrheit sagen; aber ich fürchte deinen Stab zu sehr, als dass ich mich getrauen möchte, dich also anzulügen von neuem.
HG|3|17|8|0|Es wird aber mit mir dennoch nicht besser darum, weil ich dir nun die Wahrheit gestand, solange mir die große Macht belassen wird, solange mir, der Materie nach, die ganze sichtbare Welt, das heißt Erde, Sonne, Mond und alle die vielen Sterne als ebenfalls zahllose Sonnen, Welten und Wesen aller unendlichen Art völlig untertan bleiben müssen und ich ihr Herr sein muss.
HG|3|17|9|0|Denn solches muss ich sein, weil ich als ein geschaffener Gott bin, und bin nun in dieser materiellen Allheit völlig also gefangen, dass ich mich ihr ewig so lange nicht entwinden kann, bis nur ein letztes materielles Stäubchen von einer allerletztesten Welt bestehen wird, aus welchem Grunde ich auch nur auf fortwährende Vernichtung der Dinge hinwirke, welche der Allmächtige erbaut, um meiner herrschsüchtigen Meinung nach um desto eher zu meiner Alleinherrschaft zu gelangen und den Herrn der Herrlichkeit vermeintlichermaßen von Seinem ewigen Thron zu stürzen, indem Er meinen Zerstörungsplänen fort und fort entgegen ist, seitdem ich aus Ihm bin in mein überaus mächtiges und nahe endlos großes Dasein zu dem Behuf gerufen worden, um neben Ihm wie ein zweiter Gott zu sein und zu herrschen mit Ihm, aber dennoch in aller Liebe Ihn zu lieben über alles aus aller meiner Tiefe, auf dass ich Ihm wäre, was da ein treues Weib ist dem Mann, ewig!
HG|3|17|10|0|Wahrlich, groß und herrlich war ich gestellt! Was ich nur wollte, das war auch schon da, und der Herr hinderte mich nicht in meinem Wollen und Schaffen.
HG|3|17|11|0|Aber so ich etwas Geschaffenes wieder zerstören wollte, da hinderte mich der Herr. Dadurch aber sah ich mich auch in meiner Macht gegen Gott beschränkt.
HG|3|17|12|0|Durch List wollte ich Ihn auf meine Seite bringen und machte mich so schön als möglich. Zu dem Behuf entzündete ich mich in allem meinem Licht, um zu blenden den Herrn.
HG|3|17|13|0|Aber der Herr nahm mich in meinem Licht plötzlich gefangen, schuf dann aus meinem Licht die Materie und neben mir zahllose Wesenreihen gar herrlicher Art und liebte sie mehr denn mich, Sein erstgeschaffenes Weib.
HG|3|17|14|0|Da erst ging ich blind in den tollsten Grimm über und fluche nun schon ewig lange dem Herrn, der mich zwar wohl schon öfter retten wollte, – aber mein Grimm ist zu groß, als dass es mir möglich wäre, mich von Ihm retten zu lassen, da Er mich nicht hatte wollen herrschen lassen!
HG|3|17|15|0|Nun hat die Satana geredet und hat nicht Lüge, sondern Wahrheit ausgesagt. Darum nehme ihr, Du, Herr, die große Macht, auf dass sie Dir nicht mehr widerstreben kann, um von Dir darum stets ärger und ärger gezüchtigt zu werden!
HG|3|17|16|0|Gebe mir eine neue Frist, und ich will mich zu Dir kehren binnen der Frist!
HG|3|17|17|0|Wenn mich aber meine große Eifersucht gegen Dich wieder ergrimmen machen sollte, da Du Dein Herz völlig zu den Neugeschaffenen wendest, und ich sie darum verfolgen müsste, da nehme mir aber dann gar alle Macht, und verwerfe mich auf ewig, oder tue mit mir, was Du willst!
HG|3|17|18|0|Hänge mich zwischen Himmel und Erde auf, auf dass mich mein Zorn verzehren solle im Angesicht aller Deiner Herrlichkeit und aller derer, die Du liebst, und die Dich lieben dürfen und können! Dein Wille.“
HG|3|18|1|1|Die Lüge von der ewigen Züchtigung Satanas. Des Herrn Gefangennahme und Tod
HG|3|18|1|1|Am 15. April 1843
HG|3|18|1|0|Hier wandte Sich der Herr wieder zu Satana und sprach: „Satana, du sagst, dir sei Ich nun ewig ein unversöhnlicher, allmächtiger Zorngott und züchtige dich schon seit Ewigkeiten fort und fort auf das allerunaussprechlichst unbeschreiblich Grausamste! Darum gebiete Ich dir nun, diesen Zeugen zu zeigen die Streiche, welche du schon von Mir bekamst!“
HG|3|18|2|0|Hier stutzte die große Hure und wusste nicht, was sie dem Herrn der Herrlichkeit erwidern sollte, denn mit der vorgeblichen Züchtigung hatte es seine geweisten Wege, indem der Herr ihr noch nie die übermächtige Freiheit des Willens genommen hatte, sondern sie ihr belassen hatte zum mächtig freien Wirken im unendlichen Schöpfungsraum.
HG|3|18|3|0|Was aber die Satana als schrecklichste Züchtigung bezeichnen wollte, war nichts anderes als die stete Verhinderung von Seiten des Herrn hinsichtlich der von der Satana stets schlau beabsichtigten Zerstörung aller Dinge.
HG|3|18|4|0|Warum denn? Weil die Satana in der steten Idee ist, man nehme Gott nur alle Unterlage weg und lasse Ihm keinen Stützpunkt mehr übrig, so sei Ihm dann Seine ganze Allmacht zu nichts, und sie als der Erzfeind hätte dann ein Überleichtes, Gott zu besiegen und sich selbst auf den Thron der Allmacht zu schwingen und den ehedem allmächtigen, nun geschwächten, aber dennoch nicht vernichtbaren Gott unter den Pantoffel zu ziehen, damit Er dann also tanzen müsste, wie es ihr als dem schnöden Sieger beliebig wäre.
HG|3|18|5|0|Da der Herr aber solche böswilligen und aller Liebe ledigen Pläne von Ewigkeit her durchsah und daher allzeit dort ganz unerwartet allmächtig gegenwirkend entgegentrat, wo der schlaue Feind Ihn am wenigsten erwartete, so vermehrte das fortwährend seinen Grimmhass gegen Gott und brachte in dieser nun kundgegebenen Stellung den Feind dahin, den Herrn als einen allergrausamsten Züchtiger zu bezeichnen.
HG|3|18|6|0|Da aber nach dieser vorläufigen Kundgabe die Satana nichts hatte, wodurch sie den Herrn der Herrlichkeit einer solchen Schuld gegen sie überweisen könnte und daher auf die Aufforderung des Herrn notwendig schweigen musste, wenn aus geheimem Grimm auch etwas zähneknirschend, so sprach der Herr zu ihr, sie wieder fragend:
HG|3|18|7|0|„Warum tust du denn nicht, was Ich gebiete, und zeigst den Zeugen die Wundmale Meiner ewigen Zornzüchtigung an dir, auf dass Ich dadurch Meiner großen Schuld zu dir gewärtig würde und dich dann entschädige für alle die grausamst begangene Unbill?!
HG|3|18|8|0|Du bist bekleidet noch vor uns, und die Zeugen sehen außer deinen Haaren keinen Teil deines Wesens; daher werde entkleidet, und zeige dich ganz, damit die Zeugen dich sehen, wie du von Mir bisher trotz deiner endlosen Bosheit gehalten warst!“
HG|3|18|9|0|Hier stand die Satana plötzlich entblößt vor den Zeugen, und alle gestanden mit der größten Verwunderung von der Welt, so etwas endlos Schönes, Vollkommenes, in allen Teilen Abgerundetes, Gesundes und Kräftiges von einem Weib nie gesehen zu haben.
HG|3|18|10|0|Und der Lamech sagte noch hinzu: „O Herr und Vater, da wäre unsere Ghemela, Naëme, Purista und Pura, die Du zu Dir nahmst, ja geradeso dagegen – was die äußere Schönheit betrifft – wie ein plumper Lehmpatzen gegen einen allerherrlichsten, allerreinsten Diamanten, wenn er von der Morgensonne vorteilhaft beleuchtet wird! Und bei diesem Aussehen spricht dieses Wesen von einer grausamsten Züchtigung von Deiner Seite, o Herr, in aller Deiner ewigen Heiligkeit, Güte, Liebe und solcher Erbarmung?!“
HG|3|18|11|0|Und der Herr sprach: „Ja, bis auf die Hiebe Kisehels hat sie noch nie eine Züchtigung erlebt von Mir, ihrem Schöpfer, Gott, Vater und Mann, und dennoch hasst sie Mich als die ewige, reinste Liebe und will töten Mein Herz, weil es nicht ihr gleich ein Zerstörer sein will.
HG|3|18|12|0|Sie wähnt noch, Mich dereinst doch zu entmannen nur, anstatt zu Mir zurückzukehren und zu sein Mir ewig eine liebe Tochter, ein liebes Weib, mächtig aus Mir über alles, und aufzunehmen Mir gleich Meine sieben Machtgeister.
HG|3|18|13|0|Alle Sterne, Sonnen und Welten zeigen, was alles Ich schon getan habe ihretwegen, um sie auf den rechten Weg zu bringen; aber bisher hatte alles nichts gefruchtet bei ihr, – sie blieb die alte, grimmerfüllte, unversöhnlichste Feindin Meiner Liebe!
HG|3|18|14|0|Daher will Ich nun auf dieser Erde das Äußerste tun! Ich will Mich ihr gefangengeben bis in den Tod und will ihr auf dieser Erde alle Macht belassen, und alle Sterne sollen ihr untertan sein!
HG|3|18|15|0|Sie soll Mich nach ihrem Willen sogar töten können. Ich aber werde aus Meiner Macht ohne äußeren Stützpunkt wieder lebendigst und mächtigst erstehen und ihr so zeigen alle ihre Ohnmacht und große Blindheit und will ihr dann erst die Macht über die Gestirne nehmen und sie nur belassen in der halben Macht der Erde und will ihr dann eine ganze, eine halbe und eine viertel Frist geben!
HG|3|18|16|0|Wehe aber dann ihr, wenn alles das bei ihr noch fruchtlos bleiben sollte, dann erst will Ich sie zu züchtigen anfangen!
HG|3|18|17|0|Bis zu Meiner Gefangennehmung – so sie darauf bestehen wird –, soll sie die vollste Freiheit haben, um zu tun, was sie will!
HG|3|18|18|0|Wohl ihr, so sie diese neue Frist gut benützen wird! Wenn sie aber tun wird nach ihrem alten Grimm, so wird sie auch dereinst darin ihren lange schon wohlverdienten Lohn finden.
HG|3|18|19|0|Dieses aber behaltet bei euch bis zur Zeit ihrer Schande! Amen.“
HG|3|19|1|1|Die Warnung Kisehels wegen Satanas Macht. Des Herrn Rede über Macht, Ordnung und Freiheit in der Schöpfung
HG|3|19|1|1|Am 18. April 1843
HG|3|19|1|0|Nach dieser mächtigsten Bescheidung des Herrn sagte der Kisehel zum Herrn: „O Du allerliebevollster, heiliger Vater, ich, wie sicher auch der Henoch und der Lamech, erkenne Deine unendliche Güte und Erbarmung aus dem Fundament; aber so ich nun bedenke, welch eine entsetzliche Macht Du Deinem Feind über die ganze Schöpfung eingeräumt hast, und somit auch über uns, da wird es mir überaus angst und bange um die ganze Menschheit dieser Erde.
HG|3|19|2|0|Denn hat dieser Feind vom Anfang her in seiner gebrochenen Macht Dir und der Erde und uns allen so viel geschadet, was erst wird er tun in solch einer von Dir ihm nun eingeräumten Vollmacht?!
HG|3|19|3|0|Daher möchte ich Dich wohl bitten, dass Du die Zukunft bedenken sollst und sollst Deinem Feind nicht eine so entsetzlich große Macht einräumen, sonst nützt uns allen alles das Heilige, was Du, o liebevollster Vater, errichtet hast, gar wenig!
HG|3|19|4|0|Denn ehe Du es Dich versehen wirst, wird er in Deinem Haus den größten Schaden anrichten! Und wir sind vor ihm nicht sicher, wenn Du auch beständig, wie jetzt, sichtbar unter uns verbleiben möchtest! Daher, o Herr und Vater, bedenke, was Du tust!“
HG|3|19|5|0|Hier sprach der Herr etwas ernst zum Kisehel: „Ich sage dir, halte du deine Zunge im Frieden, kannst du Besseres nicht mit ihr aus dir entbinden; sonst wirst du Mir ärgerlicher denn die Satana!
HG|3|19|6|0|Ich weiß, was Ich tue; du aber weißt nicht, was du redest. Ich sorge für die Erhaltung der ewigen Ordnung und aller Wesen aus ihr und in ihr, du aber sorgst nur für die Erhaltung der Welt.
HG|3|19|7|0|Meinst du denn, Ich werde dem Feind mehr geben denn einem jeden aus euch? Wie wäre Ich wohl ein heiliger Gott?
HG|3|19|8|0|Ich aber sage euch, des Feindes höchste Macht in den Sternen und auf der Erde und in euch ist nicht größer zusammengenommen als die eines jeden einzeln aus euch in der Liebe zu Mir!
HG|3|19|9|0|Solches habe Ich dir angezeigt durch den Stab, mit welchem du den Feind geschlagen hast. Dieser Stab bleibt bei euch bis zu der großen Zeit der Zeiten, in der Ich ein anderes Holz errichten werde, welches dem Feind benehmen soll alle Macht über die Sterne und über die halbe Erde; und es wird ihm da geschehen nach seinen Werken!
HG|3|19|10|0|Und er soll es nun vernehmen, dass ihm am Ende alle gefangenen Kinder nichts nützen werden, denn das neue Holz wird sie ihm wieder entreißen, und ihm wird nichts bleiben als seine eigene große Ohnmacht und das Gericht aus ihr.
HG|3|19|11|0|Ihr seid vollkommen frei, und diese Freiheit kann euch der Feind nicht nehmen und sie auch nicht binden in euch; ihr könnt mächtig tun, was ihr wollt, und er kann tun, was er will.
HG|3|19|12|0|Da ihr aber die bei weitem Mächtigeren sein könnt und nun auch vom Grunde aus seid, so wird es von euch abhängen, den Feind zu besiegen, oder sich von ihm törichterweise besiegen zu lassen.
HG|3|19|13|0|Welcher Mann aber ist schwächer denn sein Weib, so er ist ein rechter, weiser Mann?
HG|3|19|14|0|So ihr aber schon Herren eurer Weiber seid, die um euch allzeit sein können, da werdet ihr wohl auch Herren über dieses Weib sein, das bei weitem schwächer ist denn das schwächste Weib aus allen euren Weibern.
HG|3|19|15|0|Hättest du dein Weib gezüchtigt, so hätte sich dieses dir widersetzt; hat solches auch dieses Weib tun können?
HG|3|19|16|0|So aber soll es verbleiben fürder, und Meine Macht soll nimmerdar weichen von euch, so ihr in der Liebe zu Mir verbleiben werdet.
HG|3|19|17|0|Der Bund ist errichtet zwischen Mir und euch, und ihn wird keines Weibes und keines Feindes Macht ewig je völlig zu zerreißen imstande sein!
HG|3|19|18|0|Verstehe solches, und rede nicht mehr törichtes Zeug vor Mir! Amen.“
HG|3|19|19|0|Hier ward der Kisehel völlig beruhigt und bat den Vater um Vergebung seiner großen Torheit.
HG|3|19|20|0|Und der Herr segnete ihn und sagte darauf: „Also seid wahre Herren über alles Fleisch der Weiber, und eure Zeugungen sollen nicht auf der Erde, sondern in den Himmeln vor sich gehen, damit eure Früchte würden Früchte der Gnade, der Stärke und sollen sein gar lieblich anzusehen! Amen.“
HG|3|19|21|0|Da machte die Satana einen tiefen Seufzer und sprach: „O Herr, welche Früchte werden denn aus Mir gezeugt werden? Soll ich ewig schmachten und unfruchtbar bleiben wie eine verdorrte Dornhecke?!“
HG|3|19|22|0|Und der Herr sprach zu ihr: „Wende dich zu Mir in deinem Herzen, und du sollst Mir Früchte tragen, dergleichen die Ewigkeit noch nie gesehen hatte! Sonst aber sollest du Früchte des ewigen Todes nur bringen, die dich dereinst als die größte Hure richten sollen!
HG|3|19|23|0|Verstehe solches! Denn von nun an soll von Mir nur das Geringe angesehen werden, und Ich will an der glanzlosen Einfalt Mein ewiges Wohlgefallen haben.
HG|3|19|24|0|Daher richte dich selbst danach, so wirst du Meinem Gericht entgehen! Amen.“
HG|3|20|1|1|Die Klage der Satana über ihr verlorenes Herz, die Qual des Lebens und die unerreichbare Liebe zu Gott
HG|3|20|1|1|Am 19. April 1843
HG|3|20|1|0|Hier wandte sich die Satana zum Herrn und sprach zu Ihm: „Herr, wie soll ich mich zu Dir wenden im Herzen? Du hast mir ja das Herz genommen und hast daraus geschaffen den Adam, sein Weib und all seine Nachkommen!
HG|3|20|2|0|Siehe, also habe ich ja kein Herz mehr und kann Dich darum auch unmöglich in mein Herz aufnehmen oder mich wenden in meinem Herzen zu Dir! Schaffe daher in mir wieder ein Herz, und ich will tun, was Du sagst!
HG|3|20|3|0|Mögen die Früchte noch so herrlich sein, die ich Dir tragen könnte; wenn Du mir aber den Samen des Lebens vorenthältst, da Du mir das Herz Adams nicht wieder gibst, das allein der Befruchtung fähig ist, und ich somit in mir völlig ohne Leben bin, welch andere Früchte lassen sich da von mir wohl erwarten als nur allein die des Todes und des Gerichtes, die mich dereinst richten sollen, und das als eine allergrößte Hure?!
HG|3|20|4|0|Du hast leicht auszusprechen, denn Du bist der Herr und tust, was Du willst, und hast niemanden zu fragen und lässt Dir auch von niemandem etwas einraten.
HG|3|20|5|0|Was Du willst, das muss endlich doch geschehen, und wer da etwas anderes will als Du, den kannst Du verderben oder ihn wenigstens so lange von Dir in irgendeinem Gericht halten, bis er nicht ganz sich hat von Deinem Willen verschlingen lassen, wie Du auch Selbst ehedem gesagt hast, dass Dir von nun an ganz allein das Geringe, also die völlig glanzlose Einfalt gefallen solle ewig.
HG|3|20|6|0|Das ist Dir, dem Herrn, freilich wohl gar überaus leicht, und wer kann Deinen Sinn ändern? Aber ganz anders verhält es sich mit dem Geschöpf, deren erstes ich bin aus Dir! Dieses ist kein Herr und hat keine Macht, außer nur diejenige, die Du ihm geben willst, – mit welcher Macht es aber dennoch nichts Erhebliches richten kann für sich, sondern allein nur durch Dich, das heißt, es muss sie nach Deinem Willen gebrauchen, und tut es je nur nach seinem eigenen, von Dir ihm verliehenen sogenannten freien Willen, so sündigt es, fällt von Dir ab und fällt aber auch sogleich in ein unter jedem Gesichtspunkt von Dir gestelltes Gericht!
HG|3|20|7|0|Dir ist es ein Leichtes, dem Geschöpf zu sagen: ‚Richte dich selbst nach Meinem Willen, so wirst du Meinem Gericht entgehen!‘ Das ist aber auch richtig, denn so sich jemand selbst das Leben nimmt, da brauchst Du dann freilich wohl keinen Tod so oder so mehr über ihn zu senden.
HG|3|20|8|0|Du fühlst Dich wohl als Gott und Schöpfer unbesiegbar ewig; aber kannst Du Dich auch fühlen als ein Geschöpf? Kannst Du als das in Dir Selbst ewig unzerstörbare Leben empfinden je, wie es dem sterbenden oder vergehenden Geschöpf zumute wird im Augenblick, wenn es stirbt?
HG|3|20|9|0|Siehe, das Geschöpf leidet da die schrecklichste Angst und Qual und hat auch schon im schönsten Leben das stets mahnende Gefühl in sich, welches zu ihm spricht: ‚Du freust dich des Lebens umsonst, denn es wird bald eine Zeit kommen, in der du das Leben wie ein Frevler wirst büßen müssen!‘
HG|3|20|10|0|Dann aber ist auch des Lebens ohnehin nur matteste Freude wie abgeschnitten, da über ein gegenwärtiges Leben sich nur matt vor sich hin ein allfälliges künftiges glauben, aber nicht erschauen lässt; und lässt es sich auch ziemlich glauben noch, so muss aber für dies allfällige künftige Leben dennoch zuvor das halbe Geschöpf völlig zugrunde gehen, und das auf die elendeste Weise oft, wie ich solches in der Tiefe nur gar zu oft schon gesehen habe.
HG|3|20|11|0|Warum denn also, und warum nicht anders? Weil Du der Herr bist und kannst tun, was Du willst, und weil Du als Gott und Schöpfer nimmer empfinden kannst in der völligen lebendigen Wesenheitsfülle, wie es dem Geschöpf ergeht, wenn es Deinem allmächtigen Willen zufolge absterben muss.
HG|3|20|12|0|Wenn Du es nur wenigstens schmerzlos vergehen ließest, so wollte ich auch noch nichts sagen; was aber hast Du denn davon, dass das Geschöpf eher noch für das bittere Geschenk des Lebens gemartert werden muss, bis es wenigstens mehr denn zur Hälfte muss vernichtet werden, wo unter gewissen Dir, dem allmächtigen Herrn, unwohlgefälligen Verhältnissen nicht ganz und gar ewig!
HG|3|20|13|0|Siehe, in dem allem, wie ich Dir jetzt offen dargetan habe, habe ich kein Herz, und kann mich daher im selben auch nicht zu Dir wenden! Lasse daher Du nur etwas handeln mit Dir, und ich will wieder ein Herz zu Dir fassen!
HG|3|20|14|0|Aber unter solchen Verhältnissen kann ich Dich ewig nie lieben; denn also bist Du auf der einen Seite pur Liebe, auf der anderen aber ein allerbarster Tyrann, der alles Fleisch getötet haben will unter großer Angst und Qual und dann erst dem Geist geben will ein Leben, das aber niemandem klar sein soll, wie es beschaffen sei.
HG|3|20|15|0|Das Fleisch ist meine Frucht, wenn Du es aber tötest, wie und wofür sollte und könnte ich Dich denn da wohl lieben?!
HG|3|20|16|0|Daher lasse handeln mit Dir, und ich will Dich lieben!“
HG|3|21|1|1|Der Herr deckt die Lügen der Satana auf. Seine Bemühungen um ihre Bekehrung
HG|3|21|1|1|Am 20. April 1843
HG|3|21|1|0|Da der Herr aber solches vernommen hatte von der Satana, erregte Er Sich und sprach: „Was redest du für einen Weltenunsinn zusammen; welch eine arge Torheit entfährt entsetzlich lügenhaft deinem Mund?!
HG|3|21|2|0|Wäre es also, wie du sprichst, siehe, da stünde wohl keine Erde, kein Adam könnte wandeln auf ihr, keine Sonne leuchtete am Firmament, und kein Mond und kein anderes Gestirn würde im Angesichte der Erde schmücken den endlos weiten Schöpfungsraum!
HG|3|21|3|0|Da du aber nur zu arglistigen Beschuldigungen deine Zuflucht nimmst und somit lügst mit jeglichem Wort, so besteht eine Erde, ein Adam auf ihr, und der endlose Schöpfungsraum ist voll von Meiner Ehre, Liebe, Erbarmung und Gnade!
HG|3|21|4|0|Du sprichst, als hättest du kein Herz, und sagst, durch den Adam habe Ich dir dein Herz genommen, das du nun wieder zurück möchtest; sage Mir, dem Schöpfer, ob du lebst oder nicht lebst! – Du sprichst: ‚Herr, ich lebe!‘
HG|3|21|5|0|Könntest du aber auch ohne das Herz leben, welches doch in jeglichem Wesen der Grund alles Lebens sein muss, ohne den kein Leben denkbar ist? Könntest du atmen, denken, fühlen und reden ohne den Grund des Lebens in dir? – Du sprichst: ‚Nein, o Herr!‘
HG|3|21|6|0|Gut, – da solches doch allerungezweifelst wahr ist, wie steht es hernach aber dann mit der Beschuldigung, vermöge der Ich dich deines Herzens beraubt haben soll?
HG|3|21|7|0|Siehe, du stehst nun schon wieder stumm vor Mir und weißt zu reden nicht, was da Rechtens wäre! Ich aber sage dir, dass du noch allezeit ein Lügner warst und wolltest nicht die Wahrheit reden, obschon sie dir nie ist vorenthalten!
HG|3|21|8|0|Warst du nicht zuerst berufen, im von Mir gestalteten Leibe Adams zu ändern deine Natur? Du wolltest aber ganz frei aus dir nicht, was dir hätte frommen sollen, sondern strebtest, zu werden ein Weib!
HG|3|21|9|0|Ich ließ dich bald frei werden und bildete dich aus dem Leibe Adams, ein Fleisch mit ihm, während Ich dem Adam eine neue lebendige Seele einhauchte und ihn sonach schuf nach Meinem Maße geistig.
HG|3|21|10|0|In der Eva solltest du verwandelt werden und besiegen deine ganz aus dir und durch dich selbst verkehrte Natur des Todes und des Gerichtes.
HG|3|21|11|0|Allein du verschmähtest diese Meine Erbarmungsanstalt, machtest dich los und hast es für besser gefunden, als eine trügliche Schlange, die da ist ohne geschlechtlichen Unterschied und hat in sich ihren giftigen Zeugungsgeifer, zu berücken dein ehemaliges Fleisch, danach zu bestechen die von Mir neu geweckte Eva und durch sie zu verführen auch den Adam!
HG|3|21|12|0|Sage Mir, habe da Ich durch den Adam dir das Herz genommen?! Du schweigst betroffen nun zwar äußerlich, aber Ich sehe, deinen inneren Grimm, und der spricht: ‚Ja, ich habe Adams und Evas Herz in einem in mir! Und dennoch will ich Dich, Gott, nicht, weil ich Dich hasse eigenmächtig, da Du mich nicht zum Alleinherrscher und zum Allmachtspieler machen willst!‘ Siehe das sind deine Worte!
HG|3|21|13|0|Du meinst ferner, Ich könnte dich unmöglich lieben, weil Ich dir nicht gewähre, wonach du dürstest.
HG|3|21|14|0|Ich aber sage dir, Mein Sinn ist die ewige Erhaltung aller Dinge, und das ist das ewige Werk Meiner Liebe! Du aber willst nur alles zerstören; da kann Ich dich freilich wohl in der Art ewig nicht lieben, wie du allereitelstermaßen geliebt sein willst!
HG|3|21|15|0|Ich aber liebe dich dennoch; denn was Ich bisher getan habe, habe Ich deinetwegen getan – und werde noch das Größte tun!
HG|3|21|16|0|Solltest du aber dann noch Meine ewige Liebe verkennen, dann soll es mit Meiner Liebe zu dir aber auch ein ewiges Ende nehmen, und Ich werde dir dann zeigen, was alles ein zorniger Gott vermag!
HG|3|21|17|0|Das Feuer ist Mein Grundelement, alle Dinge sind durch die Macht Meines Feuers erschaffen worden, und in eben dieses Feuer sollst du dann geworfen werden und dir dasselbe zinspflichtig machen, wenn du es imstande sein wirst!
HG|3|21|18|0|Wenn Ich das Fleisch des Menschen ersterben lasse, so dessen Geist zum Leben eingehen soll, so ist das ein gar kleiner Tod; du aber sollst in Meinem Feuer einen gar endlos großen finden, und es wird sich dann zeigen, wie viel von dir nicht getötet wird in Meinem Feuer!
HG|3|21|19|0|Was ist des Fleisches Abfall? Nichts als eine Löse des Geistes, also seine Auferstehung vom Tode zum wahren, vollkommensten Leben!
HG|3|21|20|0|Ob aber dein großer Tod und Abfall von Mir ins Feuer dir auch eine neue Auferstehung geben wird? Für diese Frage finde Ich durchaus keine Antwort in Mir, denn Ich will dich dann ganz dir selbst überlassen und nichts mehr tun für dich, und es wird sich dann auch nach Ewigkeiten zeigen, was aus dir durch deine Eigenmacht geworden ist.
HG|3|21|21|0|Es ist aber selbst des Fleisches Tod und dessen Schmerz nicht Mein, sondern dein Werk!
HG|3|21|22|0|Ich aber werde dennoch die Meinen vor jeglichem Ungemach zu schützen wissen und werde ihnen den Leib also nehmen, dass sie sich darüber ewig nie werden zu beklagen haben!
HG|3|21|23|0|Selbst das Geschöpfliche werde Ich zwischen Mir und ihnen in ein solches Gleichgewicht zu bringen wissen, dass aus den Menschen Mir wahre Brüder erwachsen sollen; dann aber wird für dich auch die letzte Zeit sein!
HG|3|21|24|0|Dass du aber siehst, dass Ich auch deinen verderblichen Rat gebrauchen kann, so rate du Mir, und Ich werde tun nach deinem Rat, ohne zu stören darob Meine Ordnung, auf dass du dann nimmer sagen sollst, Ich achte keinen fremden Rat, da Ich ein alleiniger Herr bin.
HG|3|21|25|0|Rede sonach, damit Ich dir zeige ganz, wie Ich handle zum Besten aller Kreatur ewig! Amen.“
HG|3|22|1|1|Satanas trotzige Anklage gegen den Herrn. Des Herrn Traurigkeit ob ihres Starrsinns
HG|3|22|1|1|Am 22. April 1843
HG|3|22|1|0|Die Satana aber richtete sich abermals trotzig gegen den Herrn auf und sprach zu Ihm: „Deine Art zu regieren besteht nur im Gebieten dem, was Du freitätig sein sollend aus Dir geschaffen hast, und im Richten dessen, was da in sich kein freies Bewusstsein trägt!
HG|3|22|2|0|Aber dass Du Dich gütlich, nicht gebieterisch, besprechend mit einem freien Geschöpf befassen möchtest, um es frei durch die pure Liebe zu gewinnen, siehe, das scheint Dir von Ewigkeit her ganz fremd zu sein!
HG|3|22|3|0|Also gebietest Du mir auch in einem fort und fort, und ich soll Dir so schön fort und fort gehorchen und am Ende für allen meinen Gehorsam dennoch nichts haben als Deine stete, allzeit sichtbarste Verachtung; da bedanke ich mich schon im Voraus für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten dafür!
HG|3|22|4|0|Hättest Du zu mir gesagt: ‚Du Meine geliebte, holdeste, herrliche Satana! Siehe, Ich will dich anhören in aller Liebe zu dir, daher rate Mir, und Ich will tun nach deinem Rat!‘, da hätte ich Dir schon einen Rat gegeben; aber auf eine solche höchst unartige, gebieterische Forderung gebe ich Dir keine ratende Antwort!
HG|3|22|5|0|Meinst Du denn, Deine Macht schafft Dir das Recht, also zu verfahren mit mir? Oh, da irrst Du Dich gewaltig!
HG|3|22|6|0|Bist Du ein rechter, allweisester Schöpfer, und bin ich Dein erstes Geschöpf, so ehre Dich durch eine angemessene Auszeichnung, an mich, Dein Geschöpf, gerichtet, Selbst in mir!
HG|3|22|7|0|Magst Du aber solches nicht, so zeigst Du mir dadurch nichts anderes an, als dass ich fürs Erste ein gänzlich verpfuschtes Geschöpf Deiner Macht und Weisheit bin, und fürs Zweite gibst Du Dir dadurch Selbst das unzweideutigste Zeugnis eines Pfuschers in Deiner Schöpfung, und ich und die ganze Schöpfung bleibt demnach nichts anderes als ein höchst misslungener Versuch Deiner schöpferischen Machteigenschaft.
HG|3|22|8|0|Daher benehme Dich doch ein wenig anders gegen mich, und blamiere Dich nicht vor Deinen sein sollenden Kindern! Wer sollte Dich achten wohl mit solchen Blößen?
HG|3|22|9|0|Ich aber weiß es, dass Du wirklich höchst göttlich weise und auch gut bist, daher ärgert es mich auch umso endlos mehr, dass Du gegen mich also bist, als wäre ich nicht Dein, sondern irgendein fremdes Geschöpf.
HG|3|22|10|0|Ich bin freilich wohl das einzige Geschöpf aus Dir, das da Mut besitzt, Dir so etwas zu sagen, und es kommt solches im Angesichte der Feiglinge wohl etwas sonderbar heraus, so ein Geschöpf seinen Schöpfer mustert; ich aber frage: Warum sollte das Geschöpf nicht dieses Recht haben, wenn es ist ein freies Geschöpf?!
HG|3|22|11|0|Denn dafür, dass Du mich erschaffen hast, bin ich als Geschöpf Dir doch keinen Dank und keine Achtung schuldig, indem ich irgendeine vorhergehende verbindliche Bedingung als noch gar nicht daseiend mit Dir für die nachfolgende Erschaffung doch unmöglich habe eingehen können, darum ich Dir dann eine Schuldnerin als geschaffen geworden wäre!
HG|3|22|12|0|Als Geschöpf aber kann ich Dir erst dann dankbar werden, so ich von Dir als meinem Schöpfer erfahren habe, dass es wirklich eine große Wohltat ist, aus Dir ein freies, seiner selbst bewusstes, glücklichstes Geschöpf zu sein.
HG|3|22|13|0|Solange ich aber das nicht bin, so lange steht mir auch das Recht zu, mit Dir zu hadern und von mir, wo nur möglich, alles abzulehnen, was Du mir schöpferisch-mächtigerweise etwa aufbürden möchtest für nichts und wieder nichts.
HG|3|22|14|0|Bin ich also nicht recht, da vernichte mich entweder ganz, oder schaffe mich anders, aber nicht so unvollkommen wie jetzt; denn also kann ich Dir ewig zu keiner Ehre gereichen!
HG|3|22|15|0|Soll ich Dich anbeten als Geschöpf und bitten um alles, so tue Du das, und gehe Du mir mit einem guten Beispiel voran, und sei wenigstens artig gegen mich, dann werde ich als Dein Geschöpf schon auch tun, was da Rechtens sein wird; aber mit Deinem Gebieten sollst Du ewig nichts richten mit mir! Verstehe mich!
HG|3|22|16|0|Das soll auch vorderhand Dein bedungener, von mir an Dich gerichteter Rat sein, ohne dessen Befolgung ich Dir ewig keinen anderen geben werde.
HG|3|22|17|0|Hier wandte Sich der Herr ganz traurig zu den drei Zeugen und sprach zu ihnen: „Kindlein! Bin Ich also, und verdiene Ich das?!
HG|3|22|18|0|O Meine ewige Liebe! Was alles habe Ich getan, um dies Wesen zu retten und es der endlichen schweren Vollendung zuzuführen, allein es will Mir dies Werk nicht gelingen.
HG|3|22|19|0|Ja, Ich habe an diesem Wesen einen Fehler begangen, und der besteht darinnen, weil Ich es zu vollendet vollkommenst geschaffen habe, um es nach der Vollendung so endlos glücklich zu machen, als es nur immer in Meiner ewigen Allmacht, Weisheit, Güte, Liebe und Erbarmung steht!
HG|3|22|20|0|Allein dieses nicht einmal zu einer Viertelreife gediehene Wesen setzt sich gerade jetzt in den allerwichtigsten und heikelsten Momenten der Ausbildung so sehr gegen Meine alles leitende Ordnung, dass Ich im Ernst traurig werden muss über solchen Starrsinn.
HG|3|22|21|0|Und da Ich es dennoch nicht auflösen will zufolge Meiner ewigen Liebe und Erbarmung, so sehe Ich Mich genötigt, einen endlos langen Prozess von neuem einzuleiten, um dadurch nach und nach diesen Starrsinn zu schwächen bis auf ein Atom, und Mir auf der anderen Seite zu bilden anzufangen eine ganz neue Kreatur aus euch, Meine Kindlein, also, wie ihr es seid!
HG|3|22|22|0|O Satana, Ich weinte einst, da du Mir zuerst ungehorsam warst; jetzt weine Ich und werde noch einmal weinen! Dann aber werde Ich nimmer weinen um dich, sondern werde dir geben nach deinen Werken und nach deinem Willen! Dann sollst du sehen, wozu dich dein stolzer Starrsinn gestaltet hat und wohin dich geführt!
HG|3|22|23|0|Lasst uns aber nun ziehen von hier und lassen dieses Wesen in seinem Starrsinn!“
HG|3|22|24|0|Hier warf sich die Satana wieder vor den Herrn hin und schrie: „O Herr, verlasse mich nicht und habe Erbarmen mit mir Armen! Du weißt es ja, dass ich eine arme Törin bin und bin darum voll eigensinniger Bosheit! Lasse mich züchtigen für meine Bosheit, aber nur jetzt verlasse mich nicht! Ich will ja tun, was Du willst!“
HG|3|22|25|0|Und der Herr sprach: „Also gehorche denn, und tue, was Ich von dir zu deinem Besten verlange, so will Ich noch verweilen und dich anhören; sträubst du dich aber noch einmal, so will Ich dich aber auch nimmer anhören! Und so denn erhebe dich, und rede! Amen.“
HG|3|23|1|1|Satana erlangt vom Herrn die Fähigkeit der Umwandlung. Sie wandelt sich in einen Mann. Das reine Sonnenweib
HG|3|23|1|1|Am 24. April 1843
HG|3|23|1|0|Nach solcher Anrede von Seiten des Herrn erhob sich Satana wieder und sprach bebend vor dem Herrn: „Herr, ich weiß wohl, dass Du ewig keines Rates weder von meiner noch von irgendeiner anderen Seite bedarfst, denn Du allein bist ja die allerhöchste und allervollkommenste, ewige und unendliche Weisheit!
HG|3|23|2|0|Da Du aber dennoch allen Deinen freien Geschöpfen den freien Willen, daraus die freie Tätigkeit und dazu aber auch das Bittrecht erteilt hast und eine Bitte im Grunde doch nichts anderes als ein demütiger Rat von Seiten des zwar freien, aber dabei dennoch von Dir höchst weise schwach gelassenen Geschöpfes ist, durch welchen es Dir, o Herr, die eigene Not also vorträgt, als wüsstest Du nahe nichts davon ehedem, als bis es Dir vom Geschöpf erst vorgetragen ward und ratet Dir hernach (freilich allerdemütigst), was Du tun möchtest, so will ich meinen Dir geben sollenden Rat auch also einkleiden und will Dich daher bitten darum, das ich nun möchte, da es Dir wohlgefallen hatte, eine ganz neue Ordnung in der Führung Deiner Werke und Wesen einzuleiten!
HG|3|23|3|0|Das aber ist’s, das ich nun möchte: Siehe, o Herr – also, wie ich nun bin, bin ich wahrhaft überelend und unglückselig! Solange ich in dieser Meiner Gestalt als weibliches Wesen verbleibe, kann ich mich nie völlig zu Dir wenden, da mich die unerträglichste Grimmeifersucht stets von neuem gegen Dich Rache brütend gefangen nimmt.
HG|3|23|4|0|Daher meine ich, da Dir doch alle Dinge möglich sind, Du könntest ja meine Natur verändern und mir darum geben einen männlichen Charakter und mich sonach überstalten zu einem Mann vor Dir und Deinen Kindern.
HG|3|23|5|0|Da würde mich gewiss alsbald alle diese mich ewig quälende böse Leidenschaft verlassen! Ich könnte mich dann völlig demütigen vor Dir und sein gleich allen Deinen auserwählten Kindern.
HG|3|23|6|0|Als bleibendes weibliches Wesen aber sehe ich nur zu klar voraus, wie wenig mir alle meine guten Vorsätze für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten nützen werden.
HG|3|23|7|0|Tue daher zwar, was Du willst, so es aber dennoch möglich wäre, da bitte ich Dich, o Herr, darum!“
HG|3|23|8|0|Der Herr aber entgegnete ihr: „Höre, du ewig unbeständiges und wandelbares Wesen, und sage Mir, in wie viele Wesen hast du dich darum schon umschaffen lassen, da du Mir dabei allzeit die Versicherung gabst und sprachst: ‚O Herr, lasse mich nur diese Form annehmen, und es soll in ihr besser werden mit mir!‘
HG|3|23|9|0|Ich habe mit dir allzeit getan, was du nur immer wolltest; ja es gibt auf der Erde nicht so viele der Atome, als in wie viele Gestalten und Formen und Charaktere du dich von Mir zum Behuf deiner allzeit vorgeschützten Besserung schon hast umwandeln lassen!
HG|3|23|10|0|Sooft nur immer Ich deinetwegen ein neues Sonnen- und Planeten-Gebiet gegründet habe, da wolltest du in den Sonnen sein weiblich und auf den Planeten männlich!
HG|3|23|11|0|Ich gab dir auch die Macht, dich bisher umwandeln zu können nach deinem Belieben. Sage Mir aber und bekenne es nun, um was du darum besser geworden? Ich sage dir: Nicht um ein Haar! Du bist noch die alte Lügnerin geblieben, und es hat bisher nichts gefruchtet, was Ich nur immer mit dir unternommen habe nach deinem Willen.
HG|3|23|12|0|Wenn es aber doch unleugbar also ist, was sollte da aus dieser schon wieder neuen Umwandlung mit dir Besseres werden?!
HG|3|23|13|0|Daher werde Ich diesmal nicht tun aus Mir, was du willst, sondern Ich lasse dich ganz frei, und du kannst aus dir machen, was du willst!
HG|3|23|14|0|Willst du sein ein Mann, ein Weib, ein Tier oder ein Element, darum werde Ich Mich gar wenig kümmern; Ich aber werde nun auch Meinerseits tun – und werde dich nicht zu Rate ziehen – nach Meinem alleinigen Rat.
HG|3|23|15|0|Willst du aber ein Weib verbleiben, da will Ich dir einen Fürsten der Nacht aus dir zur Seite stellen; der wird dir geben die Macht, zu proben das Geschlecht der Menschen.
HG|3|23|16|0|Willst du aber sein ein Mann, da will Ich dir ein reines Sonnenweib entgegenstellen, eine zweite Eva; diese wird dir auf deinen alten Starrsinn treten. Wenn du sie auch in die Ferse stechen wirst, das heißt in ihr Fleisch, so wird das sie nicht im Geringsten schädlich verletzen!
HG|3|23|17|0|Nun weißt du, wie diese Dinge stehen; tue demnach, was du willst!“
HG|3|23|18|0|Hier ward aus der Satana plötzlich ein kräftig aussehender Mann heiteren Angesichts.
HG|3|23|19|0|Der Herr aber zeigte dem Mann sogleich das Sonnenweib und sprach: „Wohl denn, da bist du, und da ist sie! Gehe daher von hier nach deiner Kraft, und Ich werde tun nach der Meinigen! Amen.“
HG|3|23|20|0|Hier ward der Satan unsichtbar, wie das Sonnenweib.
HG|3|23|21|0|Und der Herr begab Sich mit den Seinen wieder auf die Höhe.
HG|3|24|1|1|Der Herr erläutert das Wesen Satanas, der ersten Menschen und der Schlange. Satanas Teilung und Schwächung
HG|3|24|1|1|Am 25. April 1843
HG|3|24|1|0|Unterwegs aber fragte der Herr den Kisehel: „Nun, Mein geliebter Kisehel, der du ehedem so manche Bedenklichkeiten über dieses Wesen Mir gegenüber in deinem Herzen hast aufsteigen können lassen, was sagst du denn nun zu diesem Zeuger der Lüge und alles Truges?
HG|3|24|2|0|Möchtest du ihm nicht auch jetzt so einen halben Glauben zollen und es dich bedünken lassen, ob doch vielleicht hie und da in seiner vorigen an euch drei alleinig gerichteten Drachenmaulrede nicht irgendetwas von einer Wahrheit steckt?
HG|3|24|3|0|Entäußere dich so ein wenig nun vor Mir über diese Meine sehr gewichtige Frage!“
HG|3|24|4|0|Der Kisehel aber bat den Herrn seiner früheren Herzenstorheit wegen ganz zerknirschten Gemütes um Vergebung. Und als der Herr ihm erst völlig versichert hatte, dass Er ihm schon gar lange alles vergeben hatte, da fing er an, seinen Mund zu öffnen, und sagte endlich nach einer kleinen Pause:
HG|3|24|5|0|„O Herr, Du allein heiliger, guter liebevollster Vater! Was die allerbarste und allerhandgreiflichste Lüge dieses für mich namenlosen Wesens betrifft, so bin ich nun darüber wohl also im Klaren, wie da noch gar helle leuchtet die Sonne jetzt noch ziemlich hoch über dem abendlichen Horizont, und ich bezweifle auch sogar diejenigen Worte aus dem Munde dieses Wesens, welche es vor Dir geredet als völlig wahr angab.
HG|3|24|6|0|Denn ich merkte es gar wohl, wie es, wo es sich nur ein wenig tun ließ, sich selbst mitleidig anzog und allezeit auch wo möglich die Schuld entweder offenbar oder aber doch wenigstens sicher, wo nur möglich, heimlich auf Dich schob, darum ich auch einige Male im kaum aufzuhaltenden Zuge war, mit diesem von Dir mir gegebenen Machtstab der schönsten Lügnerin so einen recht handfesten kreuzweisen Gegenbeweis aufs Maul zu legen.
HG|3|24|7|0|Daraus aber ist es doch wohl zu ersehen, in welcher Wahrheitsachtung dieses Wesens Worte bei mir nun stehen!
HG|3|24|8|0|Darüber wäre ich somit völlig, wie schon gesagt, im Klaren; aber etwas anderes ist in mir, das sich noch immer hin und her wirft gleich einem zertretenen Erdwurm! O Herr, Du siehst es wohl in mir; darum möchte ich Dich darüber nun wohl um ein kleines Lichtchen bitten!“
HG|3|24|9|0|Und der Herr wandte Sich zum Kisehel völlig und sagte zu ihm: „Also höre denn!
HG|3|24|10|0|Siehe, die Satana, der Adam und die Eva sind darum wie eins, und dann der Kahin und seine Nachkommen wieder wie eins, weil fürs Erste sich die Satana im Adam, aus ihm in der Eva und aus der Eva im erstgezeugten Sohn hätte sollen völlig aus Gehorsam zu Mir gefangen nehmen, damit sie also wäre völlig vollendet worden und dadurch dann alle fernere Zeugung als vollendet wie in den Himmeln aus ihr hervorgegangen wäre.
HG|3|24|11|0|Dieses Wesen aber wollte das nicht, da es ihm gereute, darum es Mir so viel Gehorsam bezeigen solle aus sich.
HG|3|24|12|0|Im Adam wollte es nicht nach Meinem Maße sein, darum einte es sich in der Sichselbstanschauung, ging bald in die vollste Eigenliebe über, und der Mensch Adam ging als eine traurige Wohnung dieses Wesens herum und achtete der Dinge nicht, die ihn umgaben.
HG|3|24|13|0|Alsbald musste Ich da eine wesenhafte Teilung vornehmen, nahm aus Adam das sich in ihm weiblich Gestaltete und beließ in ihm allein nur den männlichen Geist und stellte den weiblichen Geist als Eva frei in eine neue schöne Wohnung außer dem Adam.
HG|3|24|14|0|Der Adam aber erkannte in der Eva alsbald sein zweites Selbst und hatte also ein großes Wohlgefallen an ihm.
HG|3|24|15|0|Da aber das zweite Wesen in sich gar bald merkte, dass es nun schwächer war als das erste, da sann es bald auf eine List, sich möglicherweise über das erste Wesen zu erheben.
HG|3|24|16|0|Die List aber gelang sogleich nicht. Adam verwies der Eva männlich und kräftig ihre Begierde; das war aber auch genug.
HG|3|24|17|0|Das zweite Wesen sammelte sich in seinem männlichen Teil, beließ in der Eva das sich schwach wähnende Weibliche zurück und entwand sich ihr in der Gestalt einer Schlange als ein scheußliches Zwitterwesen, aus welchem heraus es männlich und weiblich zugleich agieren könnte, wie es sich denn auch gar bald zeigte bei der ungesegneten Zeugung Kahins, die euch bekannt ist.
HG|3|24|18|0|Nun siehe, Ich musste darob die ganze Schöpfung umgestalten und anstatt der vollkommenen Zeugung die unvollkommene mit dem Vorbehalt segnen, dass diese nicht eher von Mir angesehen werden kann, als bis sich das angeerbte Übel aus dem Grundwesen Satanas durch die reinste Liebe zu Mir gänzlich verzehren wird, indem im Adam wie in der Eva ein Teil der Satana notwendig zurückblieb, welches sich gegenseitig fortwährend begierlich anfallen muss, weil es von der wennschon getrennten, aber dennoch eigentümlichen Doppelnatur der Satana ist.
HG|3|24|19|0|So denn auch konnten der Adam wie der Kahin in hellen Momenten sprechen wie die Satana selbst; dennoch aber war weder der Adam, noch die Eva, noch der Kahin das eigentliche Grundwesen selbst, so wenig ihr als Teile Adams und Evas mehr grundwesentlich Adams und Evas seid.
HG|3|24|20|0|Siehe, also aber wie in Adam und Eva wird nun dies Wesen fortwährend in aller Kreatur geteilt und geschwächt, bis es sich also hin am Ende der Zeiten wird völlig zerteilt haben und am Ende von ihm nichts mehr als die leere Form übrigbleiben wird und ohne Leben, da all ihr Liebeleben übergehen wird und muss in eine ganz neue Kreatur in euch, nun schon Meinen Kindern.
HG|3|24|21|0|Also stehen die Sachen; jedoch sagt davon niemandem etwas! Ich weiß warum; daher schweigt von allem dem! Amen.“
HG|3|25|1|1|Wie Satana als ein aus Gott geschaffenes Wesen böse sein kann
HG|3|25|1|1|Am 26. April 1843
HG|3|25|1|0|Es trat aber auch der Lamech hin zum Herrn und erbat sich die Erlaubnis, vor Ihm auch eines verwirrten Knotens sich entledigen zu dürfen.
HG|3|25|2|0|Und der Herr sagte zu ihm: „Ich weiß, was du hast, und der Henoch weiß es auch! Aber der Kisehel kann es noch nicht erschauen in der geheimsten Tiefe deines Lebens, was darinnen ist; daher magst du dich des Kisehels wegen schon laut entäußern, und so denn gebe Mir kund deinen wirren Bund!“
HG|3|25|3|0|Mit liebeflammendem Herzen dankte der Lamech für diese erhabene Gnade und brachte dann folgenden Fragesatz zum lauten Vorschein, der also lautete:
HG|3|25|4|0|„Liebevollster, heiliger, unaussprechlich guter Vater, Du hast doch die Satana aus Dir und nicht aus irgendwo anders her geschaffen! Wie ist es nun aber dennoch möglich, dass dieses aus Dir geschaffene Wesen gar so entsetzlich böse ist, da in Dir doch alles von Ewigkeit her überaus gut sein musste, weil Du Selbst also endlos gut bist und daher aus Dir ja auch unmöglich etwas Arges hervorgehen kann?
HG|3|25|5|0|Da aber die aus Dir geschaffene Satana im Ernst also überaus arg ist, so weiß ich mir in diesem Punkt durchaus nicht zu helfen und zu raten. Ich meine so bei mir und empfinde es auch ganz klar; wenn ich da ins Reine kommen könnte, da hätte ich aber dann auch alles, was mir nottut zur völligen Beruhigung meines Geistes!“
HG|3|25|6|0|Auf diese sehr triftige Entäußerung Lamechs erwiderte der Herr, sagend nämlich: „Wenn du es menschlichermaßen nimmst, dann muss dir das freilich den verworrensten Knoten geben; kannst du es aber in rein geistiger Weise betrachten, so wird sich alsbald alle Verworrenheit gänzlich verlieren, und du wirst da in eine Löse der Dinge schauen, die dir ums Zahllosfache klarer sein wird, als da ist der Sonne Licht am reinsten, hellsten Vollmittag.
HG|3|25|7|0|Solches jedoch ist schwer mit dir verständlichen Worten zu geben, da es ist in der tiefsten Tiefe aller Meiner unendlichen göttlichen Weisheit.
HG|3|25|8|0|Aber Ich will dir durch ein Gleichnis die Sache erhellen! Je mehr du im Verfolge der Zeit dieses Gleichnis betrachten wirst, desto tiefer wirst du in den Geist der Wahrheit in dieser endlos tiefen Geheimnissache eindringen; und so höre denn:
HG|3|25|9|0|Ein überaus weiser und liebeguter Mann hatte den Plan in sich gefasst, sich ein Weib zu nehmen und mit ihr zu zeugen Kinder, die ihm gleichen sollen in allem und sollen jegliches nach seiner Art Besitz nehmen von den unermesslichen Schätzen und Reichtümern, die er in endloser Fülle besitzt.
HG|3|25|10|0|Das wäre sicher ein recht guter Plan; aber wie ausführbar, wenn in der ganzen großen Gegend kein weibliches Wesen existiert?
HG|3|25|11|0|Was tut aber der überaus weise Mann? Er bedenkt sich nicht lange, sondern spricht zu sich:
HG|3|25|12|0|‚Was will ich suchen in diesem meinem endlosen Revier, das nicht zu finden ist? Ich habe ja in mir, was ich brauche; ich habe Liebe, ich habe alle Weisheit und habe die Macht aus den zweien!
HG|3|25|13|0|Daher will ich sehen, ob ich nicht aus mir selbst mir ein Weib schaffen kann, das mir in allem vollends entsprechen soll! Habe ich doch schon andere Dinge als nun völlig daseiend aus mir gerufen, da wird mir solches doch auch gelingen?!
HG|3|25|14|0|Und so denn will ich eine mir völlig ähnliche Idee fassen und sie stellen in meinen festesten Willen, und es soll sich bald zeigen, ob ich not habe, weiterhin zu suchen das, was nicht ist, noch sein kann irgend außer mir!‘
HG|3|25|15|0|Gedacht, getan, und das herrliche Werk steht vor dem Mann! Mit endlos großem Wohlgefallen betrachtet es der mächtig weiseste Werkmeister.
HG|3|25|16|0|Aber das Werk ist nur eine wie tote Maschine noch seines Willens, bewegt sich nicht anders als allein nur nach dem Willen des Werkmeisters und spricht nur, was der Werkmeister in dasselbe hineindenkt und dann vom Werk gesprochen haben will.
HG|3|25|17|0|Da aber bedenkt sich des Meisters Weisheit und spricht: ‚Das Werk ist da, aber es ist in ihm nichts anderes als ich selbst! Belasse ich es so, da wird es mir wenig fruchten; gebe ich aber dem Werk ein eigenes, freies, selbständiges Leben, da muss ich mir dann aber auch gefallen lassen, wenn es sich von mir wenden wird, und tun nach seinem eigenen freien Willen.
HG|3|25|18|0|Doch ich bin ja da über alles mächtig. Wird es mir über die vorgezeichneten Schranken treten, da werde ich ihm schon zu begegnen wissen, denn es bleibt ja doch ewig mein Werk.‘
HG|3|25|19|0|Also spricht der weiseste Mann bei sich, und also tut er es auch.
HG|3|25|20|0|Das Werk ist frei und bewegt sich und spricht bald anders, als es der Mann haben will; und das ist ein großer Triumph des Werkmeisters, dass da sein Werk eine freie Tätigkeit überaus lebhaft zu äußern anfängt, ohne jedoch aus der Willenssphäre des Meisters je treten zu können.
HG|3|25|21|0|Der Mann aber will noch mehr, nämlich die vollste Willensfreiheit des Werkes; und dazu ist persönliche Erziehung und dann alle mögliche Selbsterfahrung fürs Werk nötig.
HG|3|25|22|0|Diese Erziehung aber dauert jetzt noch fort, während die erschaffende Zeugung nebenbei als ein Hauptteil solch großer Erziehung anzusehen ist. Und der Mann ist nun, wie allzeit, auf dem Punkt, gar helle zu schauen die endliche sicherste Vollendung seines Werkes!
HG|3|25|23|0|Siehe, das ist ein gar großes Gleichnis, denn es liegt der Anfang und das Ende völlig in ihm! Dieses beachte in dir, und dir wird es heller werden in deinem Geiste! Nun aber gehen wir wieder weiter! Amen.“
HG|3|26|1|1|Gott bedarf keines Weibes zur Zeugung. Wesen und Bestimmung der Satana
HG|3|26|1|1|Am 27. April 1843
HG|3|26|1|0|Der Lamech und alle dankten dem Herrn für solche große Gnade und zogen dann weiter.
HG|3|26|2|0|Unterwegs, nahe der Morgenhöhe, aber blieb der Herr stehen und wandte sich zum Kisehel, ohne etwas zu sagen.
HG|3|26|3|0|Dieser aber erschrak darob, dass er nahe zusammenschauerte, und konnte sich nicht sobald besinnen, was da solch ein Blick vom Herrn an ihn gerichtet bedeuten solle.
HG|3|26|4|0|Der Herr aber beließ ihn nicht lange in der Unruhe, sondern richtete sogleich folgende Frage an ihn, sagend nämlich: „Kisehel! Warum lässt denn du törichte Gedanken in deinem Herzen aufsteigen?
HG|3|26|5|0|Meinst du denn, Gott ist gleich einem Menschen, darum Er Sich sinnlich begatten solle, um zu zeugen Seinesgleichen? Und meinst du, Gott müsste dazu auch ein göttliches Weib haben, um aus dem Weib sinnlich gezeugte Kinder zu überkommen?! Oh, in welcher Irre bist du!
HG|3|26|6|0|So du ein Weib hast, kannst du mit demselben zeugen, was du willst? Siehe, nicht deinem Willen wird dieser Akt folgen, auch nicht dem Willen deines Weibes, sondern da waltet allezeit Mein göttlicher, allmächtiger Wille, und es wird, was Ich will, und nicht, was du möchtest.
HG|3|26|7|0|Willst du einen Sohn, da gebe Ich dir eine Tochter, und willst du diese, da soll dir ein Sohn werden; denn Ich allein bin der Herr über alles Leben.
HG|3|26|8|0|So du aber mit deinem Weib eine Sache hast, was weißt du wohl, woraus das besteht, was du zeugst?
HG|3|26|9|0|Ich sage dir, der Erde Mittelpunkt und das sind dir gleich bekannte Dinge, und du weißt von dem einen so wenig als vom anderen!
HG|3|26|10|0|Mir allein nur sind alle Dinge von Ewigkeit [wohlbekannt], denn Ich allein bin der Herr, Gott allmächtig und endlos weise von Ewigkeit!
HG|3|26|11|0|Um aber in das von dir beschlafene Weib eine lebendige Frucht zu legen nach Meiner Ordnung, sage, habe Ich da wohl vonnöten, dein Weib etwa im Geheimen zu beschlafen?
HG|3|26|12|0|Und wenn Sonnen aus sich Weltgeburten tun und die Pflanzen und Tiere zeugen ihresgleichen, möchtest du da in dir nicht auch fragen, ob Ich etwa die Sonnen, Pflanzen und Tiere im Geheimen beschlafe?
HG|3|26|13|0|O du törichter Mensch, welch närrischer Gedanken bist du doch fähig!
HG|3|26|14|0|Siehe, das Weib oder der erstgeschaffene Geist aus Mir ist nicht gleich dem, das da ist ein Weib auf der Erde, und Ich bedarf desselben nicht, um Mir aus ihr Kinder zu zeugen!
HG|3|26|15|0|Denn konnte Ich den ersten Geist in aller Vollkommenheit aus Mir hervorrufen, da werde Ich doch auch imstande sein, ohne diesen ersten hervorgerufenen Geist noch zahllose andere hervorzurufen!
HG|3|26|16|0|Und so ist dieser erste Geist sicher nicht der ferneren Zeugung wegen von Mir erschaffen worden, als könnte Ich nur mit seiner Hilfe das Fernere zuwege bringen, sondern dieser Geist ist von Mir aus keinem anderen Grunde hervorgerufen worden, als aus welchem du hervorgerufen worden bist, nämlich: Mich als den alleinigen Gott, Schöpfer, Herrn und allerliebevollsten Vater zu erkennen, Mich zu lieben und Mir dann also ewig in aller Liebe lebendig zu dienen.
HG|3|26|17|0|Dass aber aus diesem Geist dann auch zahllose Geister hervorgegangen sind, rührt daher, weil Ich ihn nach Meinem Maße vollkommen gestaltete und ihm dann auch einhauchte Mein freies, mächtiges, schöpferisches Leben.
HG|3|26|18|0|Da aber der Geist solche große Vollkommenheit in sich merkte, da fing er auch an, aus sich die seltensten Dinge, wie auch seinesgleichen hervorzurufen.
HG|3|26|19|0|Ich aber als die allerhöchste und mächtigste Liebe und Weisheit, Güte, Duldung und Sanftmut ließ die Aftergeschöpfe des Geistes gedeihen und tat für sie das, was Ich tue für die, welche aus Mir sind, und sorge für diese Fremden wie für die Meines Vaterhauses.
HG|3|26|20|0|Sage: Muss Ich dazu ein gewisses göttliches Weib haben, um Himmel, Engel, Sonnen, Welten, Monde, Pflanzen, Tiere und Menschen chaotisch durcheinander etwa durch einen gewissen Beischlaf zu zeugen?
HG|3|26|21|0|O siehe, das hat der ewige, aus und in Sich allmächtige Schöpfer wohl nicht vonnöten! Denn Ich darf nur wollen, und es ist schon da, was Ich will.
HG|3|26|22|0|Siehe, jetzt will Ich, dass da vor uns entstehen sollen zahllose Heere von Menschen beiderlei Geschlechtes, – und siehe, sie sind da, und Ich werde sie, die jetzt soeben neu Geschaffenen ewig nimmer vernichten, sondern setze sie vor dir in die Gestirne! Sie ziehen schon, Mich lobend, ihrer ewigen, seligen Bestimmung entgegen!
HG|3|26|23|0|Du bist nun nahe starr vor Verwunderung! Ich aber frage dich, ob Ich dazu eines Weibes benötigt habe.
HG|3|26|24|0|Du verneinst nun solches, da du Meine Macht gesehen hast.
HG|3|26|25|0|Ich aber sage dir: Lasse dich darum aber auch nicht mehr von so törichten Gedanken gefangen nehmen, willst du Mir angenehm sein! Bedenke aber nun, dass zwischen Mir und dir ein großer Unterschied waltet, der nur durch die Liebe möglichst verringert werden kann! Nun ziehen wir wieder weiter! Amen.“
HG|3|27|1|1|Das Männliche und Weibliche in Gott
HG|3|27|1|1|Am 28. April 1843
HG|3|27|1|0|Darauf zogen sie fürbass, und keiner getraute sich, ein Wort an den Herrn zu richten, obschon diesmal alle drei – also auch der Henoch nicht ausgenommen – einen neu vorgefundenen Knoten in sich trugen, der sie in seiner Unentwirrtheit mehr drückte denn ein viele Zentner schwerer Stein.
HG|3|27|2|0|Da der Allwissende aber solches doch gar wohl merkte, so wandte Er Sich auch alsobald an den Henoch und sagte zu ihm: „Auch dir können noch Dinge vorkommen, über welche du wie eine Henne über hohle Eier brüten kannst?
HG|3|27|3|0|Ich sage dir aber, es soll nicht also sein, dass der Mensch in jegliche Tiefe Meiner Weisheit dringe in der Zeit; denn dazu ist euch von Mir ein ewiges Leben ja bereitet!
HG|3|27|4|0|Euch wohl will Ich lösen, das euch schwer bedrückt; doch nur euch und niemand and’rem weiter sei’s gesagt. Und so denn hört Mich!
HG|3|27|5|0|Ich bin ein Mann und Weib zugleich in Meiner Gottheit Tiefen; nicht also doch, wie ihr’s pflegt zu nehmen, sondern also nur:
HG|3|27|6|0|Als Mann bin Ich die Liebe ewig selbst, das freie Leben selbst und alle Macht und Tatkraft selbst, darum in jedem Mann als Meiner Liebe vollem Ebenmaß sich die echte Liebe kündet, deren des eitlen Weibes Brust wohl ewig nimmer fähig wird.
HG|3|27|7|0|In solchem Meinem männlichen Liebe-Ebenmaß ist der Mann denn kräftig auch, Mir gleich, und mächtiger in seiner Brust, denn alle Weiber sind in ihren losen Brüsten, die wohl Säugemilch dem Kindesfleisch bieten, doch die innere Lebensmilch dem Geist nicht bieten können, da des hohen, starken Mannes Liebe nicht innewohnt ihrer Brust, obschon sie wohl innewohnen könnte, wär’ das Weib aus sich so eitel töricht nicht!
HG|3|27|8|0|Also bin Ich als Mann von Ewigkeit bestellt aus Mir; ihr mögt solches fassen!
HG|3|27|9|0|Da Ich aber auch im Weib bin zu Hause, muss Ich da nicht auch das Weib ganz völlig in Mir fassen? Sicher; hört, wie könnt’ Ich sonst ein Weib erschaffen?!
HG|3|27|10|0|Wie denn aber solches möglich sei, will Ich sogleich euch etwas weise künden; denn im Weib liegt ja List und Witz, ein scharfer Sinn und Schlauheit stets begraben; also spricht das Weib auch offen nie und pflegt stets ihr Licht und Herz zu bergen, darum auch der locker baut, wer sich der Weiber Brust vertraut.
HG|3|27|11|0|Also kann Ich aus Meiner Weibessphäre nicht auch gleich verständig reden wie aus der des Mannes, da der weibliche Teil dem Liebelicht entstammt aus Mir und als die Weisheit, wennschon nicht in sich, so aber dennoch gleich dem Strahlenlicht ist, das hehr dem Urstammlicht entströmt.
HG|3|27|12|0|Demnach ist denn das Weib in Mir der Weisheit ewig strahlend Licht, das ewig fort und fort in gleicher Kraft und Stärke in der Liebe wird erzeugt.
HG|3|27|13|0|Diese Weisheit ist der Liebe Gottes ewig eigentümlich unzertrennlich rechtes Weib, mit dem Ich ewig ein’ger Gott doch alle – alle Dinge hab gezeugt und geschaffen, und kein and’res Weib war ewig je vonnöten Mir, dem ein’gen, ewig wahren Liebegott, dem Mann von Ewigkeiten her, dem Ersten ewig und dem Letzten ewig.
HG|3|27|14|0|Ewig zeugte Ich mit diesem Meinem treusten Weib zahllos Milliarden Wesen, die da Mir beschaulich waren, wenn auch keines sich da noch in sich beschauen konnt’ und durfte.
HG|3|27|15|0|Doch auch ewig war in Mir beschlossen, einstens all die endlos viel in Meinem Geist gezeugten Wesen frei zu stellen, zu erkennen sich und Mich.
HG|3|27|16|0|Ein Wille ward aus Mir getrieben, und ein übermächtig ‚Werde‘ drang ihm nach durch all die endlos weiten Tiefen Meiner ewigen Gottheit Macht und helle leuchtend Walten.
HG|3|27|17|0|Da ward aus all den ewig vielen ausgegangenen Strahlen – hört und fasst – ein wesenhaftes Eins, ein Träger alles dessen, was von Ewigkeit aus Mir, dem Mann und ewigen Weib, in Eins ist je geflossen in den wesenhaften Strahlen geistig tief, endlos und ewig klar.
HG|3|27|18|0|Der Träger ist das neugeschaffene Weib und ward gestaltet frei zu einem großen Sammelplatz alles wesenhaften Lichtes, das von Ewigkeiten Mir in wesenhafter Fülle ist entströmt, damit in ihm die ausgegangene Wesenfülle sich ausreife unter Meiner steten Gnadenstrahlenwärme frank und frei, Mir schaulich gegenüber angenehm durch freies Leben und also auch Mich beschauend aus dem ihm von Mir gereichten Liebelicht.
HG|3|27|19|0|Und hört, die Zeugung ist gelungen; ihr schaut und fasst Mich, euren Schöpfer, schon!
HG|3|27|20|0|Doch noch ist nicht die Zeit der vollen Reife und der Ernte voll gediehen; große Dinge brauchen große Zeiten auch!
HG|3|27|21|0|Darum erfasst solches, aber schweigt, denn in solchem Werdungsstreit zur einst’gen großen Reife ist nicht gut zu schwätzen!
HG|3|27|22|0|Denn zu seiner Zeit werd’ Ich, wie nun euch, schon wieder Meiner Erde neu es künden, und aus euch gar späte Kinder werden es in sich gar finden und der Erde es entbinden. Amen.“
HG|3|27|23|0|Hier schlugen sich die drei auf die Brust und sprachen: „O du unendliche Weisheit Gottes! Wer wird dich ewig je erfassen?!“
HG|3|27|24|0|Der Herr aber sagte: „Schweigt nun von allem; denn seht, die Kinder eilen Mir schon entgegen mit ausgestreckten Armen! Daher eilen auch wir ihnen entgegen! Amen.“
HG|3|28|1|1|Die reine Liebe ist das vornehmstes Gebot. Warnung des Herrn vor den Städten und Weibern der Tiefe
HG|3|28|1|1|Am 29. April 1843
HG|3|28|1|0|Es dauerte nicht lange, so waren die sich gegenseitig Entgegeneilenden auch zusammengestoßen und hatten sich auch gegenseitig mit der allermächtigsten Liebe begegnet und sich allerherzlichst aufgenommen, und alles Volk, das hier zugegen war, brachte dem Herrn der Herrlichkeit ein großes Liebeopfer im Herzen dar.
HG|3|28|2|0|Der Herr aber wandte Sich bald zu allen und sagte zu ihnen: „Hört, Meine Kindlein! Was Ich euch allen jetzt kundtun werde, das beachtet wohl in euren Herzen!
HG|3|28|3|0|Ich habe euch bis jetzt kein Gebot gegeben, außer das alleinige übersanfte der Liebe; sollte Ich euch etwa jetzt ein neues geben zu diesem alten Gebot aller Gebote?
HG|3|28|4|0|Hört, solange ihr dieses haltet in euren Herzen, so lange soll auch kein anderes Gebot euch binden an Mich und an eure Handlungen!
HG|3|28|5|0|Denn die reine Liebe und alle Tat aus ihr ist ja ohnehin die allerwahrhaftigste Grundfeste aller Gerechtigkeit. Wer die reine Liebe aus Mir im Herzen hat, dem wird ewig fremd bleiben jede mögliche Art von einer Ungerechtigkeit.
HG|3|28|6|0|Darum habt ihr auch kein anderes Gebot vonnöten, da, wie gesagt, die Liebe das vornehmste Gebot ist, welches in sich enthält alles Leben und alle Wahrheit.
HG|3|28|7|0|Aber eben dieser Liebe wegen, die jetzt unter euch und in euch ist, will Ich als euer heiliger, allerliebevollster Vater euch einen guten Rat hinzufügen, welchen ihr wegen der Erhaltung dieser heiligen Liebe aus Mir nun in euch und unter euch recht wohl beherzigen und also auch beobachten sollt.
HG|3|28|8|0|Dieser Rat aber soll nicht ein schwer zu beachtender sein, sondern einer, den ihr gar überleicht werdet beachten können. Und so hört Mich denn an:
HG|3|28|9|0|Die Tiefe ist nun geöffnet; ihr könnt nötigenfalls hinab zu den Kindern Kahins und diese gleichermaßen herauf zu euch kommen, und ihr könnt euch nun wieder ausbreiten über die ganze Erde von einem Ende bis zum andern.
HG|3|28|10|0|Aber Ich werde es ungerne sehen, so jemand von euch sich in irgendeiner Stadt in der Tiefe ansässig machen würde; denn in diesen Städten liegt noch viel des Schlangenunrates, der zuzeiten ganz gewaltig stinkt vor den Nüstern des Geistes und sein Leben ansteckt mit giftiger Pestilenz.
HG|3|28|11|0|So aber jemand will sehen die guten Früchte Meiner Erbarmungen in der Tiefe nun, der mag immerhin dahin ziehen und beschauen Meine Führungen; aber länger als im höchsten Falle dreimal sieben Tage soll sich niemand in der Tiefe aufhalten, außer im Falle eines ausdrücklichen Auftrages von Mir aus. Also gelte dieser Rat auch umgekehrt!
HG|3|28|12|0|Der Henoch und ihr Hauptstammkinder habt zu bestimmen die Aufenthaltszeit der aus der Tiefe zu euch Gekommenen, danach sie sich streng zu halten haben.
HG|3|28|13|0|So aber jemand den Wunsch äußern möchte, sich hier irgend auf den Höhen wohnhaft zu machen, so ist darüber allzeit bei Mir anzufragen!
HG|3|28|14|0|Ihr mögt solches auch aus euch dem Fremdling bewilligen; aber dann mögt ihr zusehen, ob ihr euch dadurch keine Natter in die Brust gesteckt habt und keine Schlange auf euer Haupt!
HG|3|28|15|0|Seid also in dem allem klug, so werdet ihr an eurer geistigen und leiblichen Hauswirtschaft ewig nie einen verheerenden Schaden erleiden!
HG|3|28|16|0|Ebenso sollt ihr euch auch nie mit einem Weib aus der Tiefe verunreinigen, und sollte sie euch noch so anlockend und reizend schön vorkommen; denn solches könnte jeden aus euch alsbald in die größte Knechtschaft der Schlange von neuem bringen, da ihr da Früchte erzeugen würdet, die sich vom Blut der Menschen nähren würden und vom Fleisch der Kinder.
HG|3|28|17|0|Es hat aber der Feind des Lebens sich vorgenommen, seine Weiber in der Tiefe mit überreizendem Fleisch zu schmücken, um euch dadurch zu versuchen; darum aber sage Ich euch solches im Voraus, damit ihr euch in allem zu benehmen wisst.
HG|3|28|18|0|So aber jemand von euch in der Not ist, der wende sich zu Mir, und Ich werde ihm helfen.
HG|3|28|19|0|Das ist der Rat, den Ich euch zu eurem eigenen zeitlichen und ewigen Besten erteilen musste. Beachtet ihn, so wird’s euch allzeit wohl ergehen!
HG|3|28|20|0|Ich aber bleibe noch bis am Abend bei euch nun sichtbar; so jemand von euch irgendeinen Lichtmangel fühlt, der komme und rede, damit Ich ihm den Lichtmangel ersetze in der Kürze! Amen.“
HG|3|29|1|1|Über das Wesen des Weibes und des Mannes
HG|3|29|1|1|Am 2. Mai 1843
HG|3|29|1|0|Zufolge dieser Beheißung trat aus den Morgenkindern ein junger Mann von etlichen fünfzig Jahren hin zum Herrn voll Mut und Eifer und fragte den Herrn: „Allmächtiger Schöpfer, Gott, unser überheiliger Vater! Darf auch ich, ein bestaubter Wurm vor Dir, mich erkühnen, in aller Demut meines Herzens an Dich nur bittweise eine mir wenigstens überwichtig vorkommende Frage zu stellen?“
HG|3|29|2|0|Und der Herr sprach: „Muthael, Ich sage dir, rede! Denn Ich sehe, dass du eine gute Frage in deinem Herzen birgst.“
HG|3|29|3|0|Der Muthael dankte dem Herrn allerinbrünstigst für diese allergnädigste Erlaubnis und kam dann mit folgender denkwürdigen Frage zum Vorschein, welche da also lautete:
HG|3|29|4|0|„O Herr, Gott, Du liebevollster, heiligster Vater! Siehe, ich bin über fünfzig Jahre schon und weiß, dass schon gar manche, um etliche Jahre jüngere denn ich, sich Weiber genommen haben; allein mir war es bis jetzt noch nicht gegeben, mich zu nahen einem weiblichen Geschöpf.
HG|3|29|5|0|Denn sah ich ihr mir weich und reizend vorkommendes Fleisch an, da kamen mir die meisten Weiber sehr sanft, zartfühlend und somit auch überaus anlockend vor, und ich bekam dann auch allzeit eine große Sehnsucht nach einem Weib. Aber wenn ich mich dann, von solch einem inneren Drang genötigt, einer oder der anderen Maid näherte, um mit ihr aus der Tiefe meines Herzens die sanftesten Liebesworte zu tauschen, da entsetzte ich mich aber bis jetzt noch allzeit, da ich nirgends fand, was ich zu finden wähnte.
HG|3|29|6|0|Ich dachte mir oftmals dabei: Aber wie ist doch solch ein Widerspruch in diesen zarten Wesen denkbar? Äußerlich furcht und wellt ein leiser Abendhauch schon über ihr zartestes Fleisch, und ihr Inneres ist unempfänglich für einen Geistessturm sogar, und männliche Orkane von Weisheit können nicht rühren ihr Herz, wohl aber männliche Weiberschwächen, als da sind die Fleischliebe, läppisches Weiberlob, vielverheißende männlich-sinnliche Befriedigung und dann eine förmliche Anbetung ihres Fleisches und dergleichen mehr.
HG|3|29|7|0|Siehe, bei solchen Erscheinungen habe ich denn auch einen förmlichen Widerwillen gegen alles Weibervolk bekommen, und es ekelt mich vor ihnen allzeit so sehr, dass ich mich darum keiner mehr nahen kann.
HG|3|29|8|0|O Herr, Gott und Vater, ist das aber auch recht von mir? Habe ich dadurch nicht gesündigt vor Dir? Und was ist der Grund solcher Erscheinung in Mir? Was ist denn das Weib, dies von außen lebendige, aber von innen tote Wesen?“
HG|3|29|9|0|Hier wandte Sich der Herr zu ihm und sprach: „Höre, Mein geliebter Sohn Muthael, deine Erscheinung ist gewichtiger, als du glaubst.
HG|3|29|10|0|Der erste Grund solcher Erscheinung liegt darinnen, da du von oben her bist, das Weib aber ist von unten her.
HG|3|29|11|0|Du bist erfüllt mit dem, was des lebendigen Liebegeistes aus Mir ist, das Weib aber ist erfüllt mit dem, was da ist des Geistes der Welt.
HG|3|29|12|0|Darum auch bist du weich und zart von innen, während das Weib es nur von außen ist.
HG|3|29|13|0|Du bist ein Grundgeschöpf aus Meiner Tiefe, das Weib aber nur ein Nachgeschöpf, eine Zusammenfassung Meiner Ausstrahlung.
HG|3|29|14|0|Du bist gemacht aus dem Kern der Sonne, das Weib nur aus den flüchtigen Strahlen der Sonne.
HG|3|29|15|0|In dir ist volle Wahrheit, im Weib nur der Wahrheit Schein.
HG|3|29|16|0|Du bist ein Sein aus Mir, das Weib ein Schein nur aus Mir.
HG|3|29|17|0|Siehe, das sind die Hauptgründe deiner Erscheinung!
HG|3|29|18|0|Die Frage aber, ob du dich dadurch vor Mir versündigt hast, ist eitel. Denn nur dann kannst du dich vor Mir versündigen, wenn du von Mir ein Gebot hast, etwas zu tun oder nicht zu tun; ohne dem ist keine Sünde denkbar, da du ohne Gebote in Meiner Richtung handelst.
HG|3|29|19|0|Nun aber sage Ich dir, dass Ich auch das weibliche Geschlecht zu Meinen Kindern angenommen habe, und es hat in der Purista ein Vorbild, also ein Gebot von Mir, wie es sein soll.
HG|3|29|20|0|Zwei haben sich in ihrem Herzen ihr fest angeschlossen, die Ghemela und die Mira.
HG|3|29|21|0|Wenn aber das Weib ist denen gleich, dann trägt sie auch Mein Bild in sich; und so du dich einer solchen nahen wirst in der Erhabenheit deines Herzens, da wirst du auf keinen Stein mehr stoßen.
HG|3|29|22|0|Da du aber des reinsten Herzens aus dem Morgen bist, so will Ich dir in der Kürze auch das reinste Weib geben, das dir sicher in allem entsprechen wird; bis dahin aber verbleibe nur, wie du gewesen bist! Amen.“
HG|3|29|23|0|Hier ward dem Muthael helle vor den Augen, und er sah in die Tiefe und lobte und pries den Herrn in seinem reinen Herzen.
HG|3|29|24|0|Der Herr aber berief auch andere zu sich und hieß sie Ihn fragen um alles, was sie irgend nur bedunkelt in ihrem Herzen.
HG|3|30|1|1|Das polarische Wesen von Mann und Weib. Was im Geiste ‚oben‘ und ‚unten‘ besagt
HG|3|30|1|1|Am 3. Mai 1843
HG|3|30|1|0|Es hatte aber – mit Ausnahme des Henoch, Lamech und Kisehel – diese Antwort des Herrn an den Muthael alle ganz gewaltig stutzen gemacht; sie wussten sich darüber nicht zu raten und zu helfen und waren demnach außerordentlich bedrängt in ihren Herzen, indem alle die Väter damals zu ihrer großen Herzensehre ihre Weiber überaus lieb hatten und hielten sie für die größten Geschenke aus den Himmeln, und gar viele hielten die guten und braven Weiber auch für höher und Mir ums Bedeutende näher gestellt als sich selbst, und das zwar aus dem sehr leicht begreiflichen Grunde, weil damals die Jungfrauen, wie die Weiber, gar züchtig, sanft, duldsam, ergeben, gehorsam, friedlich, häuslich, dabei aber auch urständlich von bedeutend größerer weiblicher Anmut und Schönheit waren denn in dieser jetzigen, gänzlich – geistig wie leiblich – verdorbenen Zeit.
HG|3|30|2|0|Daher also befremdete diese Antwort gar so sehr alle die Väter überaus tief, und sie wandten sich daher alle zu Mir und sprachen in ihren Herzen:
HG|3|30|3|0|„O Herr, Du allerliebevollster Vater! Gebe uns allen zu unserer Beruhigung über Deine erhabenste Antwort an den Muthael ein größeres Licht; denn in dem Licht über unsere sittlichsten, besten Weiber können wir nicht glücklich, sondern nur unglücklich sein, da sie nach Dir doch unser allergrößtes Gut sind und wir Dir für dieses ewig nie genug werden danken können.
HG|3|30|4|0|Wenn der etwas schroff-weise Muthael sie bisher noch nicht hatte schätzen gelernt, so erleidet dabei die alte herrlich-gute Ordnung, aus Dir, o Vater, in unser Herz gelegt, doch sicher noch keinen Stoß! Im Gegenteil stellt sich dadurch eben der echt weibliche Sinn in den Weibern in unserem Gesichtskreis ja nur um desto vorteilhafter und lobenswürdiger hervor, indem eben durch solch ein festes Halten der Weiber an ihrer Tugend der Mann zuvor gedemütigt werden muss, bevor er einer solchen Gnadengabe von Dir aus, o lieber Vater, würdig sein soll!
HG|3|30|5|0|Wenn der Mann im Weib eine Härte findet, so ist das sicher nur die seinige; hat er diese gesänftet, so wird er sicher nur das herrlichste Gegenteil im Weib finden!
HG|3|30|6|0|O lieber Vater, lasse daher unsere lieben Weiber samt uns von oben sein, und nicht von unten!“
HG|3|30|7|0|Und der Herr öffnete Seinen Mund und sprach zu den Vätern: „Ihr redet wie völlig Blinde noch in Meiner Ordnung.
HG|3|30|8|0|So ihr nicht wisst, was im Geiste ‚oben‘ und was ‚unten‘ besagt, warum fragt ihr denn nicht danach, sondern verlangt dafür von Mir da ein Licht nur, da ihr keines bedürft, und dass Ich eures törichten Wunsches halber Meine ganze ewige Ordnung verkehren solle?!
HG|3|30|9|0|Sagt Mir, verliert denn dadurch vor Mir das Weib etwas, so Ich von ihr aussage – gegenüber dem Mann –, dass sie von unten sei und also gegen den Mann den notwendigsten Gegenpol ausmacht, ohne den weder der Mann für sich, noch das Weib für sich bestehen könnte?
HG|3|30|10|0|Was werdet ihr denn aber sagen, so Ich nun zu euch sage: Ihr seid Mir gegenüber alle von unten her, und nur Ich allein bin von oben!
HG|3|30|11|0|Höre Ich aber darum nun etwa auf, euer Schöpfer und alleiniger, ewig heiliger Vater zu sein? Oder habe Ich nicht dich, Adam, aus der Erde Lehm, wie dein Weib, die Eva, aus deiner Rippe erschaffen?
HG|3|30|12|0|Da ihr aber alle wisst, dass der ‚Lehm‘ Meine Liebe und die ‚Rippe‘ Meine Gnade und Erbarmung bezeichnen, da Meine Gnade und Erbarmung eben also euer Leben einschließt, wie da einschließt und verwahrt des Leibes Leben dessen festes Gerippe, so müsst ihr euch ja doch selbst als überblind erkennen, wenn ihr da einen untröstlichen Unterschied findet, da ihr einen nur übertröstlichen finden sollt!
HG|3|30|13|0|Sagt Mir, was wohl lobenswerter ist: die leuchtende Sonne selbst, oder ihr ausgehendes Licht? Was haltet ihr für höher da?
HG|3|30|14|0|Ihr sagt in euch: ‚O Herr, da ist ja das eine so notwendig und gut wie das andere!‘
HG|3|30|15|0|Gut, sage Ich; was ist aber da, so die Sonne als die gesetzte Höhe in sich zu betrachten ist, mit ihrem ausgehenden Licht für ein Standverhältnis dann?
HG|3|30|16|0|Ihr sagt: ‚Das muss dann ja notwendig allenthalben unter der Sonne sein!‘
HG|3|30|17|0|Gut, sage Ich; so aber die Sonne an und für sich keinen höheren Wert hat denn ihr ausgehendes Licht, indem doch die Sonne ohne das ausgehende Licht so gut wie gar keine Sonne wäre und auch gar keinen Wert hätte, so wird das ja dem Weib doch sicher auch nichts schaden und ihren Wert nicht im Geringsten beeinträchtigen, wenn sie dem Mann gegenüber notwendig unten steht.
HG|3|30|18|0|Ich aber sage: Wenn das Weib ist, wie sie sein soll, so hat sie vor Mir den Wert des gerechten Mannes und ist ebenso gut ein liebes Kindlein von Mir als der Mann; verirrt sich aber das Weib, so werde Ich es so gut suchen wie den Mann.
HG|3|30|19|0|Ein arges Weib aber ist ebenso gut arg, als wie arg da ist der Mann; denn der Strahl aus der Sonne ist wie die Sonne selbst.
HG|3|30|20|0|Es wird aber eine Zeit kommen, da Ich den Strahl sammeln werde im Weib, um die erloschene Sonne im Mann zu erleuchten!
HG|3|30|21|0|Versteht solches, und lasst einmal ab von eurer alten Torheit! Liebt eure Weiber gerecht, aber macht aus ihnen nicht mehr oder weniger, als sie von Mir aus sind, so ihr sie euch gleich haltet; darüber wie darunter soll eine Sünde sein!
HG|3|30|22|0|Wer von euch aber noch etwas hat, der komme und rede! Amen.“
HG|3|31|1|1|Kenans Verlangen nach einem größeren Licht über sein Gesicht von den zehn Säulen. Der weise Rat des Herrn
HG|3|31|1|1|Am 4. Mai 1843
HG|3|31|1|0|Nach dieser letzten Aufforderung von Seiten des Herrn trat der Kenan hin vor den Herrn und gab Ihm die Ehre; und als er dem Herrn aller Herrlichkeit die Ehre hatte gegeben, da wollte er mit einer Frage zum offenen Vorschein kommen.
HG|3|31|2|0|Aber der Herr kam ihm zuvor und sagte zu ihm: „Mein Sohn Kenan, was du hast, darum du Mich um ein größeres Licht anflehen möchtest, ist schon allen hier bekannt und Mir von Ewigkeit; daher brauchst du es auch hier nicht auszusprechen!
HG|3|31|3|0|Denn Kenan und sein Gesicht von den zehn Säulen sind nun unter den Vätern schon ganz identisch geworden!
HG|3|31|4|0|Und so du jemanden, wie auch Mich, um etwas sehr Wichtiges und tiefst Verborgenes fragen willst, siehe, da kommen schon allzeit wieder deine zehn Säulen aus deinem melodischen Gemüt zum Vorschein.
HG|3|31|5|0|Ich sage dir aber, es liegt allerdings etwas Bedeutendes hinter deinem Gesicht; aber die Worte des Muthael fassen mehr als dein Gesicht, was eben nicht die durchaus erfreulichste Botschaft in sich fasst!
HG|3|31|6|0|Ich habe dir aber in deinem Geiste ja ohnehin die volle Löse deines Gesichtes gezeigt; warum hältst du denn nicht mehr auf deinen Geist?
HG|3|31|7|0|Es sind aber die zehn Säulen ja ohnehin denen gleich, die darauf stehen, wenn die zehnte auch noch nicht im Fleische unter euch vorhanden ist.
HG|3|31|8|0|Beurteile demnach das bisher Geschehene und vergleiche es mit deinem Gesicht von Punkt zu Punkt auf dem Wege der wahren, inneren, geistigen Entsprechung, und du wirst deinem Gesicht auf den Grund kommen!
HG|3|31|9|0|Wahr ist es gewiss und sicher, dass dein Gesicht kein gewöhnlicher Traum, sondern etwas mehr war und hat große geistige Zeichen in sich.
HG|3|31|10|0|Betrachte aber daneben die Wirklichkeit vor dir, und sage dir selbst, ob diese nicht in jeder Hinsicht noch ums sehr Bedeutende, ja um vieles mehrsagender in ihrer Enthüllung ist, als da war dein ganzes Gesicht in seiner trüben Verworrenheit?!
HG|3|31|11|0|Siehe, also ist dein Gesicht ja doch leicht zu fassen, und du brauchst dann nicht allzeit den Weibern gleich mit einer und derselben Geschichte zum Vorschein zu kommen!
HG|3|31|12|0|Ich weiß wohl, dass dich besonders die zehnte Säule nur drückt; Ich aber sage dir, begnüge dich einstweilen mit den neun; was aber da die zehnte betrifft, so denke wenig darüber nach, sondern vereinige lieber dein Herz in der Liebe zu Mir, und du wirst darin besser gehen denn auf dem sehr groben und dunklen Pfad deiner fruchtlosen Gedanken über deine zehnte Säule!
HG|3|31|13|0|Siehe, der pure Gedanke im Kopf über Dinge, welche noch die dunkle Zukunft vor deinem Geist verhüllt, ist gerade also zu betrachten, als wollte ein Mann dem Mann eine lebendige Frucht zeugen also, wie er solches tun kann in dem Weib, was zugleich auch die größte sündigste Hurerei wäre.
HG|3|31|14|0|Wenn du aber deine Gedanken gefangen nimmst aus Liebe deines Herzens zu Mir, so hast du in geistiger Beziehung das getan, als wenn du dich von der Anmut eines Weibes gefangen nehmen lässt, umarmst dasselbe dann und tust ihr nach deiner lebendigen Art!
HG|3|31|15|0|Auf diese Weise wird dein noch stummer Gedanke in deiner Liebe zu Mir dann gleich einer lebendigen Frucht in dem Weib gezeugt; und wird der Gedanke dann lebendig aus der Liebe neu geboren, dann erst auch wird er dir sein in der lebendigen Fülle der ewigen Wahrheit, was er dir eigentlich urgrundsächlich sein sollte, ein Licht nämlich aus Mir lebendig!
HG|3|31|16|0|Also verstehe und fasse du dein Leben, so wird dich die Waschung deiner zehnten Säule und die große Nacht um dieselbe nicht mehr drücken!
HG|3|31|17|0|Nun aber sage Ich euch allen, verharrt stets in der Liebe, und beachtet wohl alle diese Meine Worte an euch, so soll Kenans zehnte Säule in einem ganz anderen Sinne enthüllt werden, als sie sonst bei eurem Ungehorsam enthüllt werden dürfte!
HG|3|31|18|0|Denn Meine Ordnung hat gar viele Wege, von denen viele besser sind denn einige darunter! Das Gericht aber ist schon aus allen allzeit der letzte, da es allzeit auf Leben und Tod losgeht; hütet euch daher vor jeglichem Gericht!
HG|3|31|19|0|Nun verlasse Ich euch wieder auf eine Zeit sichtbar, bleibe aber in eurer Liebe zu Mir dennoch fortwährend bei euch! Mein Segen an euch alle, Mann und Weib! Amen.“
HG|3|31|20|0|Hier verschwand der Herr mit der untergehenden Sonne. Alle Anwesenden aber fielen auf ihre Angesichter nieder und weinten, lobten und priesen den Vater die ganze Nacht hindurch bis an den nächsten hellen Tag und begaben sich erst am Morgen nach Hause.
HG|3|32|1|1|Satans Plan, die Menschen durch die Schönheit der Töchter der Städte in der Tiefe zu verführen
HG|3|32|1|1|Am 5. Mai 1843
HG|3|32|1|0|Nun aber war auch auf der ganzen Erde die vollkommene Ordnung hergestellt, und der Himmel und die Erde waren wieder auf das Allerengste miteinander verbunden, und selbst der Satan sprach bei sich:
HG|3|32|2|0|„Was will ich denn nun tun? Der Herr hat Seine Menschenkinder Selbst gelehrt und hat Sich ihnen fest angebunden; ja sogar meine Tiefe hat Er Sich zu eigen gemacht und hat vielen aus und in allen Zweigen eine große Macht gegeben, gegen die ich nichts vermag und nichts unternehmen kann!
HG|3|32|3|0|Ich habe wohl Macht in den Gestirnen, wie auf der Erde über all die Elemente; was nützt mir aber das, wenn die Menschenkinder die Macht im Herzen Gottes haben und mir mit derselben überall, da ich mich nur immer auflehnen möchte, gar entsetzlich mächtig begegnen können?!
HG|3|32|4|0|Ich aber weiß dennoch, was ich tun werde; ich will dem Menschengeschlecht bald einen Köder legen, da ich zu versuchen das Recht habe, und es soll sich gar bald zeigen, ob des Herrn Kinder wohl so fest und unerschütterlich sind, wie es sich jetzt herausgestellt hatte unter der persönlich-wesenhaften Leitung des Herrn!
HG|3|32|5|0|Ich will bei den Zeugungen der Töchter in der Tiefe zugegen sein und will sie so schön und reizend in ihrem Fleisch werden lassen, dass da ein jeder, der eine solche Tochter der Städte in der Tiefe ansehen wird, ganz von ihrem großen Zauber soll gefangen werden! Solches kann und darf ich ja tun, da das Fleisch noch in meiner Macht steht!
HG|3|32|6|0|Was tue ich aber, so ich das tue! Gutes oder Böses? Denn tue ich Böses, da wird der Herr rechten mit mir; tue ich Gutes, da wird der Herr sagen: ‚Das Gute ist nur in Gott!‘
HG|3|32|7|0|Ich weiß aber, wie ich es anstellen werde: In die Mitte soll es gestellt sein, weder böse, noch gut!
HG|3|32|8|0|Und die schönen Töchter werden gerade das sein; neben ihnen wird noch immer einer, der stark ist und tugendhaft, gar wohl Gott wohlgefällig einhergehen können!
HG|3|32|9|0|Ist er aber das nicht, da soll er an den schönen Töchtern wenigstens einen tüchtigen Probestein finden und eine mächtige Gelegenheit, seine Tugend entweder zu festen oder zu schwächen, um dadurch also vor Gott und mir zu stehen, wie er ist, – aber nicht, wie er ohne Mühe und Sein-Selbst-Beherrschung sein möchte: ein Herr sogar über mich und ein Fürst, mächtig in den Himmeln!
HG|3|32|10|0|Dass dadurch gar manche Schwächlinge ins Garn gehen werden, das ist gewiss; dass aber dadurch auch gar manche große Tugendhelden werden, das kann man doch auch sicher annehmen!
HG|3|32|11|0|Also, die Sache – zu beiden Seiten abgewogen – ist an und für sich weder böse, noch aber gerade auch gut zu nehmen; es ist so die Mitte, also eine Schwebe zwischen Gut und Böse!
HG|3|32|12|0|Daher sei’s fest beschlossen und in aller Kürze ausgeführt!
HG|3|32|13|0|Aber noch eins: Wenn die Sache aber am Ende doch ärger wirkend ausfiele, als ich es jetzt berechnet habe?! Da hätte ich’s dann wieder von neuem feindlich mit dem Herrn zu tun!
HG|3|32|14|0|Ich weiß aber auch hier, was ich tun will! Der Henoch ist des Herrn rechter Arm hier auf der Erde; zu dem will ich gehen und will ihm meinen Plan vortragen! Er soll sich darüber mit dem Herrn beraten und mir dann kundtun, ob es dem Herrn genehm ist!
HG|3|32|15|0|Das wäre freilich wohl gut; wenn mich aber der Henoch mit seiner großen Macht ganz entsetzlich abwiese?! Was dann in meinem neu erwachten Grimm?!
HG|3|32|16|0|Wie wär’s denn, wenn ich mich selbst zum Herrn wagte?! Das wäre freilich wohl der allerkürzeste Weg!“
HG|3|32|17|0|Und eine Stimme kam von oben an das Ohr des Satans, die kurz also lautete: „Was beratest du dich im Argen?“
HG|3|32|18|0|Der Satan aber sprach: „Herr, ich will nichts Arges tun, sondern nur eine Schwebe möchte ich errichten für Deine Kinder, aber niemanden dabei nur im Geringsten beirren in seiner vollsten Freiheit; daher gestatte mir solches!“
HG|3|32|19|0|Und die Stimme von oben sprach: „Satan, da du wolltest ein Mann sein, so bist du frei; tue, was du willst, in deinen Elementen, und der Herr wird tun auch, was Seines Willens ist! Aber den Henoch lasse Mir ungeschoren!“
HG|3|32|20|0|Und der Satan war mit diesem Bescheid vollkommen zufrieden und legte bald die Hand ans vorbedachte Werk, welches ihm aber dennoch lange nicht gelingen wollte; denn solange die Generation, wie sie jetzt auf der Höhe, wie in der Tiefe bestand, dauerte, war mit seiner Finte wenig gerichtet, – aber desto mehr mit den Nachfolgern, wie es der Verlauf leider zeigen wird.
HG|3|32|21|0|Bald nach dieser Geschichte aber kamen Gesandte vom Horadal an den Adam und ernannten ihn zum Oberleiter im Namen des Herrn über das Volk zwischen Mitternacht und Morgen. Die Gesandtschaft aber bestand in zehn Männern, an deren Spitze die beiden Söhne Lamechs standen.
HG|3|32|22|0|Der Adam aber beschied die Gesandtschaft an den Henoch, und der Henoch sagte ihnen im Namen des Herrn zu, auch über sie die Hohepriesterschaft auszuüben gegen ein Zehentopfer an den Herrn von den besten Früchten, entließ sie dann mit Rückhalt der beiden Söhne Lamechs und nahm die Söhne auf in sein Haus.
HG|3|33|1|1|Der Aufbruch von Lamech, Hored und Naëme, Ada und Zilla, Jubal und Jabal nach Hanoch unter der Führung Henochs
HG|3|33|1|1|Am 8. Mai 1843
HG|3|33|1|0|Nach dreißig Tagen aber zeigte der Herr dem Henoch an, dass der Lamech in der Tiefe mit dem zweiten Tempel fertig geworden ist.
HG|3|33|2|0|Und der Henoch wusste, was er zu tun hatte; er berief alsbald die zwei Weiber Lamechs, die Ada und die Zilla, wie auch den Hored mit seinem Weibe Naëme.
HG|3|33|3|0|Und als alle diese gekommen waren in das Haus Henochs, welches noch immer ein Haus seines Vaters Jared war, da stellte ihnen der hohe Priester des Herrn die zwei Söhne, den Jabal und den Jubal, vor und sprach dann zu ihnen:
HG|3|33|4|0|„Hört mich an im Namen des Herrn und allmächtigen Gottes und allerheiligsten, allerliebevollsten Vaters! Also ist es, und also lautet Sein allerheiligster Wille, dass da alles sich Seiner ewigen heiligen Ordnung frei aus sich fügen soll.
HG|3|33|5|0|Also sollt auch ihr euch dem allen fügen, was der Herr euch nun durch meinen Mund sagen und treulich verkünden lässt!
HG|3|33|6|0|Das aber ist es, so euch der Herr verkünden lässt: Der Oberpriester Lamech, nun in der Ebene der Erde gestellt über das Volk der Erde aus dem Herrn, bedarf euer nach dem Willen des Herrn, indem er nun ganz frei aus sich ein vollkommener Diener des Herrn geworden ist, mir gleich, durch die unendliche Gnade und Erbarmung des Herrn.
HG|3|33|7|0|Auf dem euch wohlbekannten gereinigten Schlangenberg hat er den Herrn zum ersten Mal geschaut; auf diesem Berg sollte er Ihm denn auch ein herrliches Denkmal errichten.
HG|3|33|8|0|Solches hat der Lamech nun denn auch vollendet, und so wollen wir nun wieder hinabziehen in die Ebene und wollen dort, wie hier, uns treulichst fügen in den Willen des Herrn!
HG|3|33|9|0|Fürchtet euch aber ja nicht mehr vor ihm, dem Führer Lamech nun, denn er ist mir gleich im Herrn und wird euch aufnehmen mit dem liebeerfülltesten Herzen und wird euch behalten in seiner großen Gnade, die ihm geworden ist vom Herrn. So denn macht euch mit mir im Namen des Herrn auf den Weg!
HG|3|33|10|0|Du, Hored, bist zwar ein Sohn, auf der Höhe des Morgens gezeugt, aber nun sollst du mit deinem Weib in die Ebene ziehen und im Hause Lamech sein dessen Stütze in allen seinen Geschäften, um das geistige Wohl der armen Kinder Kahins wohl besorgt aus der Liebe des Herrn in dir!
HG|3|33|11|0|Wann du aber willst die Höhe besuchen, soll sie dir frei und offen stehen Tag und Nacht, aber hier wohnen für bleibend sollst du nimmer, da du dir aus der Ebene der Erde ein Weib genommen hast und gehörst somit dorthin für bleibend und wohlwirkend, woher dein Weib ist. Aber die Kraft der Kinder Gottes soll dir bleiben bis ans Ende deines Erdenlebens!
HG|3|33|12|0|Frage aber nicht, ob der Herr auch in der Ebene also bei dir sein wird, wie hier auf der Höhe der Kinder Gottes!
HG|3|33|13|0|Denn wo jemand den Herrn liebt über alles in seinem Herzen, dort ist der Herr auch völlig bei ihm; wo er Ihn aber nicht also liebt, dort ist Er auch ferne von ihm, und möchte er sich noch ums Tausendfache höher befinden, als wir uns hier über der Ebene befinden!
HG|3|33|14|0|Das ist nun der Grund, warum der Herr solches will mit dir; alles Fernere wird der Herr an jedem Tag dir anzeigen.
HG|3|33|15|0|Ihr beiden Söhne aber werdet von eurem Vater die gute Weisung überkommen, was ihr zu tun haben sollt in der Zukunft im Hause eures Vaters.
HG|3|33|16|0|Ihr Weiber Lamechs aber sollt ihm wieder das sein, was ihr ihm gewesen seid, aber nun nicht mehr in der großen Furcht eures Herzens, sondern in der großen Freude desselben!
HG|3|33|17|0|Du, Naëme, aber sollst diesem deinem neuen, dir vom Herrn Selbst gegebenen Mann treu verbleiben und sollst den Thubalkain für nichts mehr als nur allein für deinen Bruder ansehen!
HG|3|33|18|0|Nun wisst ihr alles, was jetzt zu geschehen hat; darum macht euch ohne Verzug mit mir auf den Weg!
HG|3|33|19|0|Diesmal aber sollst du, mein Enkel Lamech, auch mit mir ziehen, aber dein Weib bleibe daheim beim Jared und Mathusalah!
HG|3|33|20|0|Wie ihr aber hier seid, also auch folgt mir, und niemand aus euch soll etwas mit sich nehmen! Also will es der Herr. Amen.“
HG|3|33|21|0|Hier trat der Henoch aus dem Vaterhaus, segnete die Höhe und also auch die Ebene, wie den Weg dahin, und zog dann mit den Berufenen der Ebene zu.
HG|3|33|22|0|Die Berufenen aber folgten ihm wie die Lämmer ihrem Hirten.
HG|3|34|1|1|Die Ankunft Henochs und der im Folgenden in Hanoch. Lamech bewundert die Gebäude und den Tempel auf der Höhe
HG|3|34|1|1|Am 9. Mai 1843
HG|3|34|1|0|Als sich die Gesellschaft der großen Stadt Hanoch näherte, da verwunderte sich der Lamech über die große Pracht und Kühnheit der Gebäude, welche sich aus ihren Stellungen bekundete und sagte zum Henoch:
HG|3|34|2|0|„Höre, Vater Henoch, da mag einer sagen, was er will! Wenn man diese vielen Gebäude betrachtet, so muss man offen gestehen, dass die Kinder der Tiefe durchaus nicht auf den Kopf gefallen sind; denn die Sache ist ein und für allemal nicht dumm, und ich kann all die Dinge nur mit Wohlgefallen und durchaus nicht missbehaglich ansehen.
HG|3|34|3|0|Wenn man bedenkt, dass die Menschen alles das mit ihrer alleinigen naturmäßigen Kraft errichtet haben, indem des Geistes Macht ihnen fremd war, so muss man sich im Ernst hoch verwundern über solch ein mächtiges Werk!“
HG|3|34|4|0|Als er aber erst des neuen Tempels auf der Höhe ansichtig ward, das heißt auf dem ehemaligen Schlangenberg, da ward es völlig aus mit unserem Lamech. Er blieb eine Zeit lang ganz stumm in seine Betrachtung verloren stehen und öffnete erst nach einer Weile seinen Mund und fragte dann den Henoch, sagend nämlich:
HG|3|34|5|0|„Aber Vater Henoch! Was ist denn das? Haben das auch Menschenhände verfertigt?“
HG|3|34|6|0|Hier hielt der Henoch ein wenig inne und sagte zum Lamech: „Höre, mein lieber Sohn Lamech, ich sage dir, lasse dir diese Sachen nicht zu sehr wohlgefallen, sonst wirst du wohl noch mehr zu fragen genötigt werden, denn an allen diesen Dingen klebt noch ganz entsetzlich viel Welt!
HG|3|34|7|0|Nach dem Maße du daran aber ein Wohlgefallen findest, nach eben dem Maße verdunkelst du deinen Geist, auf dass er dir dann in deinem Herzen gar wenig Licht mehr spenden kann und du dadurch genötigt bist, dich aufs äußere Fragen, wie jetzt, zu verlegen, da dir dein Geist, wie gesagt, die Antwort schuldig bleibt.
HG|3|34|8|0|Also wende dein Auge von dem lieber ab, und betrachte es nicht länger, das dich so sehr besticht, so wird dein Geist bald wieder sein rechtes Licht überkommen, und du wirst wieder darum auch jede Frage in dir selbst beantwortet finden!“
HG|3|34|9|0|Hier wandte sich der Henoch zu den anderen ihm Folgenden und sagte zu ihnen: „Ihr aber sollt euch billig im Namen des Herrn freuen, der zu eurem zeitlichen und ewigen Wohl so entschieden Wunderbares getan hatte aus Seiner unendlichen Liebe und Erbarmung, dass ihr euch darüber ewig nie genug werdet dankbarst verwundern können!“
HG|3|34|10|0|Die Naëme, wie die beiden Weiber und auch die zwei Söhne fielen aber alsbald auf die Erde nieder und fingen an, laut zu loben und zu preisen den so endlos guten Gott und Vater aller Menschen, darum Er der Tiefe so gnädig und barmherzig war.
HG|3|34|11|0|Und die Naëme verwunderte sich aber nun umso mehr, da sie das alles nun in der Wirklichkeit mit den Augen des Fleisches erschaute, was ihr der Herr auf der Höhe schon im Geiste gezeigt hatte, und lobte und pries daher den Herrn auch ums Mehrfache stärker und heftiger liebend denn die anderen, die diesmal den Herrn nicht gesehen haben.
HG|3|34|12|0|Da aber der Henoch solches merkte, sagte er zur Naëme: „Stehe nun auf, denn siehe, dort zieht uns schon eine jubelnde Schar aus der Stadt entgegen!
HG|3|34|13|0|Richte aber auch die Deinen auf und sage ihnen: Der Herr hat es dem Lamech der Ebene angezeigt, dass wir seiner vor der Stadt harren! Darum zieht er uns schon mit offenen Armen entgegen, um uns zu empfangen in seiner mächtigen Liebe aus dem Herrn!“
HG|3|34|14|0|Hier erhob sich alsbald nicht nur die Naëme, sondern auch alle die anderen, die solche Worte vom Henoch ebenfalls vernommen hatten; aber dennoch ging die Naëme alsbald hin zu ihnen und richtete sie im Herzen auf, da alle beim Anblick der ihnen entgegenziehenden Schar von Angst, Furcht und Freude zugleich befallen wurden.
HG|3|34|15|0|Der Henoch aber belobte darum die Naëme sehr, indem sie seinem Geist so treulich und wohlverständlich Folge geleistet habe.
HG|3|34|16|0|Und die Naëme erwiderte: „O Henoch, alle meine Liebe sei darum dem Herrn; denn nur Er gab mir, der Unwürdigsten, dass ich deine Worte verstand!“
HG|3|34|17|0|Als die Naëme solches bekannte, da vernahm sie alsbald ein sanftes Wehen und sprach darauf:
HG|3|34|18|0|„O Henoch! Wer hat mich denn nun so himmlisch-sanft wie durch und durch angehaucht?“
HG|3|34|19|0|Und der Henoch erwiderte ihr: „Liebe Naëme, siehe, es ist der Herr ja mitten unter uns, wenn auch nicht dem Auge sichtbar, aber dennoch wohl vernehmbar unserem Gefühl!
HG|3|34|20|0|Liebe Ihn nur stets also, und du sollst dieses heilige Wehen zum öfteren Mal gewahren, denn so der Herr dich segnet, da haucht Er Selbst Seine Liebe in dein Herz! Also ist es!
HG|3|34|21|0|Doch der Lamech kommt uns schon sehr nahe; daher machen wir uns bereit zu seinem Empfang! Amen.“
HG|3|35|1|1|Henochs Rede über die Gefahr der Menschenehrung
HG|3|35|1|1|Am 10. Mai 1843
HG|3|35|1|0|Als der Lamech der Ebene nun vollends in die Nähe des Henoch kam, da entblößte er sein Haupt und seine Brust und neigte sich dann bis zur Erde vor dem Henoch.
HG|3|35|2|0|Der Henoch aber ging sogleich auf ihn zu und sagte zu ihm: „Höre du, mein geliebtester Bruder Lamech, was der Herr für Sich weder von mir noch von dir verlangt, das unterlasse allzeit auch vor mir!
HG|3|35|3|0|Denn wenn ich zu dir komme, da komme ich nicht, dass du mich ehren solltest, als wäre ich ein zweiter Gott, sondern ich komme zu dir ja nur in der reinen Liebe des Herrn, der da ist vor uns allen ein allerliebevollster Vater, und komme als ein wahrer Bruder zu dir! Wozu demnach solche Ehrung, die zu nichts nütze ist?!
HG|3|35|4|0|Ich sage dir aber, vermeiden wir gegenseitig solches, sonst werden wir selbst Schöpfer arger Zeiten werden!
HG|3|35|5|0|Denn siehe, so du mich also ehrst, da ich doch auch um kein Haar mehr bin, als da ist ein jeder andere Mensch, so erhebst du mich über die anderen Menschen und demütigst diese vor mir, ihrem gleichen Bruder.
HG|3|35|6|0|Die Menschen werden sich wohl eine Zeit lang eine solche Demütigung gefallen lassen; aber dann wird einer um den anderen zu fragen anfangen:
HG|3|35|7|0|‚Ist denn dieser oder jener mehr Mensch, denn wir es sind? Warum lässt ihn Gott zu solchen Ehren kommen, dass wir uns vor ihm beugen müssen? Uns aber lässt Er in der schmählichsten ehrlosen Niedrigkeit?!
HG|3|35|8|0|Wir wollen uns aber über ihn erheben und wollen ihm nehmen allen seinen eitlen Vorrang und ihn züchtigen für alle die vielen Ehrungen, die wir an ihm vergeudet haben! Er soll erfahren, dass er uns gleich auch nur ein Mensch ist!‘
HG|3|35|9|0|Siehst du, mein geliebtester Bruder Lamech, das ist eine wahre Stimme der Natur des Menschen, welche, wenn sie sich einmal empört, schrecklicher ist als die blindeste Wut aller Tiger und Hyänen!
HG|3|35|10|0|Daher unterlassen wir gegenseitig allzeit das, darinnen ein so arger Same rastet, und die Erde wird unter unseren Tritten erblühen zu einem allerherrlichsten Eden Gottes!
HG|3|35|11|0|Im Gegenteil aber stampfen wir mit jedem Schritt und Tritt Schwerter und Spieße aus dem Boden der Erde, mit denen sich unsere späteren Nachkommen zu Tausenden und tausendmal Tausenden in der glühendsten Rache erwürgen werden.
HG|3|35|12|0|Wir alle haben nur einen Herrn, einen Gott und einen Vater; wir unter uns aber sind lauter Brüder!
HG|3|35|13|0|So aber der Herr einen über Größeres setzt denn einen anderen, so erhöht Er ihn dadurch nicht vor den Brüdern, sondern gibt ihm nur Gelegenheit, an seinen Brüdern desto mehr Liebe üben zu können.
HG|3|35|14|0|Um aber Liebe zu üben an den Brüdern, bedarf man doch sicher der Ehrung nicht, da die Liebe eine Kraft ist, die das Gleiche stets nur zu vereinen strebt, aber das Ungleiche aussondert wie Spreu vom Weizen.
HG|3|35|15|0|Solches also beachte wohl, liebster Bruder Lamech, so wirst du Gott allzeit angenehm sein und wirst in der vollkommenen Ordnung Gottes leben.
HG|3|35|16|0|Diese Worte Henochs machten auf den Lamech einen sehr großen Eindruck, und er fasste in sich ganz andere Pläne, als er sie bis jetzt gefasst hatte; denn er gedachte so ein leises, besseres Kastenwesen einzuführen, welches bei Mir ein Gericht, ein Gräuel der Gräuel ist.
HG|3|35|17|0|Aber, wie gesagt, diese Rede Henochs hatte alle seine leisen Pläne geändert, darum er denn auch dem Henoch erwiderte:
HG|3|35|18|0|„O Bruder Henoch, mit welch einem Licht hast du nun mein Herz erfüllt! Dem allmächtigen Herrn Himmels und der Erde sei denn auch ewig allein alle Ehre, aller Preis, aller Ruhm und alles Lob darum, dass Er die Menschen zu solch gleichen lieben Brüdern gemacht hatte!“
HG|3|35|19|0|Hier blickte der Lamech etwas weiter vor sich hin und ersah in einer Entfernung von etwa dreihundert Schritten die kleine, dem Henoch folgende Schar – welche unterdessen etwas zurückblieb, während der Henoch allein zum gar zu demütigen Lamech voreilte – und fragte den Henoch:
HG|3|35|20|0|„Bruder, wer sind die dort, die dir folgen, wie es mir vorkommt, etwas ängstlichen Schrittes?“
HG|3|35|21|0|Und der Henoch sagte zum Lamech: „Liebster Bruder, lasse hier deine Brüder; dann folge mir, und sehe, wie gnädig und gut der Herr ist!
HG|3|35|22|0|Komme und empfange die Deinen im Namen des Herrn! Amen.“
HG|3|36|1|1|König Lamech läuft den Seinen entgegen und Henoch folgt ihm. Der dreifache prophetische Sinn dieser Begebenheit. Prophetische Vorhersagen und die Freiheit des Menschen
HG|3|36|1|1|Am 11. Mai 1843
HG|3|36|1|0|Als der Lamech solches vom Henoch vernommen hatte, da war es aber auch völlig aus bei ihm; er schrie vor Freude und lief mit offenen Armen den Seinen entgegen.
HG|3|36|2|0|Und der nicht mehr junge Henoch aber musste selbst einen Schnellfüßler machen, um den Lamech die freilich zum Glück nur kurze Strecke Weges geleiten zu können.
HG|3|36|3|0|Es klingt wohl etwas sonderbar, dass hier der Henoch auch mit Lamech gelaufen ist, aber diese Erscheinung war so leer nicht, als sich dieselbe jemand vorstellen möchte, denn sie hatte einen dreifachen prophetischen Sinn.
HG|3|36|4|0|Der erste ist: Um den Führern dadurch anzuzeigen, dass sie die Fortschritte ihrer Jünger durch eine aufhaltende, zaudernde und den besten Geist tötende, schulfuchserische Pedanterie nicht hemmen sollen, sondern der Kraft des Geistes der Jünger nur allzeit folgen, und das zwar also, dass sie gingen mit dem Schnellen schnell, mit dem Freien frei, mit dem Starken stark, mit dem Schwachen geduldig, mit dem Saumseligen, ihn nachziehend, und mit dem Furchtsamen Mut einflößend!
HG|3|36|5|0|Der zweite Sinn ist: Tiefe zieht oder Welt zieht durch ihre schnellen, industriösen [betriebsamen] Fortschritte das Geistige mit zum desto schnelleren Verfall; denn das Geistige wird in der Welt von der Materie getragen und ist da, um die gefangene Materie zu erlösen, also wie die des geistigen Henoch nun in der Tiefe war, um den materiellen Lamech zu erlösen völlig, und ihn neu zu verbinden mit den Seinen, tiefer gesagt: mit seinen erhöhten und gereinigten Begierden.
HG|3|36|6|0|Der dritte Sinn ist (und zwar der prophetische): Dass nämlich die Kinder der Höhe bald sich mit schnellen Füßen nach der Tiefe gezogen haben und haben dort auch ihren Begierden den freien Spielraum gegeben; denn als Weise und Philosophen zogen sie hinab und gaben sich dann als Philosophen allen Ausschweifungen preis.
HG|3|36|7|0|Das wären sonach die drei prophetischen Bedeutungen des Henochischen Mitlaufes.
HG|3|36|8|0|„Aber“, wird jemand sagen, „wenn es also ist, dass die Propheten schon allezeit für die Zukunft durch all ihr Tun, Handeln und Reden bestimmen, was da geschehen soll und allzeit zumeist geschieht, so sind die Menschen auf dem Erdkörper in geistiger Hinsicht ja durchaus nicht frei und müssen somit eben so handeln, wie da die Propheten von ihnen ausgesagt haben! Und so mussten die Kinder der Höhe in der Tiefe fallen, weil solches nun schon der Henoch durch seinen Mitlauf vorgedeutet hatte!
HG|3|36|9|0|Wenn sich aber die Sache also verhält, wie können dann die Menschen denn gestraft und gezüchtigt werden, da sie doch tun mussten, was die Prophetie von ihnen angedeutet hatte?“
HG|3|36|10|0|Ich aber sage, wenn sich die Sachen also verhielten, da wäre es freilich wohl traurig, ein lebendes Geschöpf zu sein; da sich aber die Sachen ganz anders verhalten und die Propheten nur die notwendigen Folgen anzeigen, welche aus einer oder der anderen Handlung des Menschen so bestimmt hervorgehen zur bestimmten Zeit, als wie da hervorgeht aus einem und dem anderen Samenkorn, das jemand in die Erde legt, ganz bestimmt eine dem Samenkorn bestimmt entsprechende Frucht zur bestimmten Zeit, so meine Ich, sollte das doch nicht gar so bitter sein, so Ich eben durch die Propheten dem Menschen anzeige, was für Früchte oder notwendige Folgen in ihren Handlungen stecken?
HG|3|36|11|0|Ist denn die Sache gar so bitter, wenn der Landmann im Voraus weiß, dass er aus dem Weizenkorn nur wieder das Weizenkorn ernten kann, aus dem Samen des Unkrautes aber nur wieder das Unkraut?
HG|3|36|12|0|Wenn aber solches dem Menschen gut ist, wie sollte es ihm denn nicht gut sein, durch den Mund der Propheten zu erfahren, welche Früchte aus seinen Handlungen zufolge Meiner ewigen, unwandelbaren Ordnung hervorgehen werden und allzeit hervorgehen müssen, wenn der Mensch dieselben Handlungen fortwährend begeht und sie nicht ändert?!
HG|3|36|13|0|Ändert aber der Mensch seine Handlungen, so werden auch andere Früchte zum Vorschein kommen, was ohnehin von jedem Propheten allzeit beigesetzt wird. Denn ein rechter Prophet spricht und handelt ja so stets nur bedingungsweise.
HG|3|36|14|0|Sonach ist ja durch den Propheten die Freiheit der Menschen keineswegs beeinträchtigt, sondern nur außerordentlich begünstigt, indem der Mensch dadurch seine Handlungen kennenlernt und kann sie dann erst ganz frei ausüben, da er weiß, welche Früchte sie ihm bestimmt tragen werden, entweder gute oder böse.
HG|3|36|15|0|Also liegt in dem Lauf des Henoch ja auch nur eine Bedingung, über welche wir ihn bei der nächsten Gelegenheit sich selbst aussprechen hören werden.
HG|3|36|16|0|Doch da die beiden schon bei der Familie sind, so habt nun Acht auf das Benehmen derselben!
HG|3|37|1|1|König Lamechs überschwängliches Dankgebet. Henochs Warnung vor übereilten Gelöbnissen
HG|3|37|1|1|Am 12. Mai 1843
HG|3|37|1|0|Als der Lamech nun mit den Seinen völlig zusammenkam, da konnte er von der immensesten Freude über das Wiedersehen seiner beiden Weiber, seiner zwei Söhne, seiner Lieblingstochter und ihres mächtigen Gemahls kein Wort über seine Lippen bringen, und es ging ihm wie einem, der so recht – wie ihr zu sagen pflegt – über die Ohren verliebt ist und vor lauter Liebe auch kein Wort herausbringt, um seiner Geliebten zu sagen, wie teuer sie ihm ist.
HG|3|37|2|0|Erst nach einer geraumen Zeit, als sich der erste Freudesturm ein wenig gelegt hatte, konnte unser Lamech erst folgende Worte herausbringen, welche also lauteten:
HG|3|37|3|0|„O Herr, Du endlos liebevollster, heiligster Vater, wie soll ich Wurm im Staube vor Dir, o Gott, Dir danken, wie Dich loben, preisen und anbeten für so endlos viel Gnade, da ich doch nicht den allergeringsten Teil derselben wert bin?!
HG|3|37|4|0|O ihr meine Weiber und Kinder, wie viele Nächte habe ich doch um euch bei mir geseufzt und geweint; aber ich war dabei auch voll des bittersten Grimmes gegen Gott und versuchte mich allerendlosest-törichterweise darum zu rächen an Ihm, dem allmächtigen, ewigen Herrn der Unendlichkeit, euretwegen.
HG|3|37|5|0|Darum hätte ich von Gott aus ja doch nichts anderes verdient als eine allerärgste Züchtigung; allein statt mich allerverdientestermaßen zu züchtigen, erweist mir der Herr solche Gnaden, vor deren unermesslicher Größe sicher selbst die größten, vollkommensten Geister erschaudern!
HG|3|37|6|0|Also muss ich ja allerbilligstermaßen aus allen Kräften rufen: O Herr, Du unendlich allerliebevollster, allerheiligster Vater! Was verlangst Du von mir, das ich tun soll, auf dass ich Dir dadurch doch irgendein Wohlgefallen erweisen könnte für solche Deine zu endlos große Gnade!?“
HG|3|37|7|0|Hier sagte der Henoch zum Lamech: „Höre Bruder, du hast wohl geredet vor den Deinen, vor mir und vor Gott; aber eines darinnen war nicht in der Ordnung des Herrn!
HG|3|37|8|0|Siehe, du hast in deinem großen Liebefeuer den Herrn gewisserart aufgefordert, dass Er von dir ein Opfer verlangen möchte, welches du Ihm alsonach darbringen würdest, und möchtest dich dadurch dankbar bezeigen und gebührend wohlgefällig vor Gott!
HG|3|37|9|0|Es ist recht, wenn du in dir einen solchen Drang verspürst, aber bedenke, wenn der Herr nun von dir verlangen würde, du sollest Ihm gerade die da opfern, die dich nun mit solchem Lieb- und Dankfeuer gegen den Herrn erfüllt haben! Sage mir, was würdest du dann tun?“
HG|3|37|10|0|Hier stutzte der Lamech ganz gewaltig und wusste keine Antwort auf diese Frage von großer Bedeutung zu finden.
HG|3|37|11|0|Aber der Henoch sagte darauf sogleich wieder zum Lamech: „Höre du, mein geliebtester Bruder, solches bedenkt dich nun sehr, und du findest in deinem Herzen keine Antwort auf diese Frage!
HG|3|37|12|0|Ich aber sage dir: Und wenn der Herr noch mehr von dir verlangen möchte, als was ich dir in meiner Frage zur Bedingung gestellt habe, so müsstest du solches alles mit dem allerbereitwilligsten Herzen tun; denn wahrlich, wer aus Liebe zum Herrn nicht alles verlieren kann, der ist des Herrn nicht wert!
HG|3|37|13|0|Wer auf der Welt sein Weib, seine Kinder, seine Brüder und seine Eltern sogar mehr liebt als den Herrn, der ist des Herrn auch nicht wert!
HG|3|37|14|0|Daher soll ein jeder seine Liebe eher gar wohl prüfen, bevor er dem Herrn irgendein Gelöbnis machen mag! Denn wer dem Herrn ein freies Dankopfergelübde macht, und wenn er es ausführen soll, es ihn dann gereue des gemachten Gelübdes, siehe, der ist doch sicher des Herrn im Geringsten nicht wert, und der Herr wird dann einem solchen Gelübdemacher auch tun nach dem Maße, wie der Ihm sein angelobtes Opfer dargebracht hatte.
HG|3|37|15|0|Es wird dich der Herr zwar nicht auf diese Probe stellen; aber dessen ungeachtet sollst du solches wissen und in der Zukunft wohl bedenken, was du redest vor Gott; denn Er ist nicht, dass Er mit Sich scherzen ließe!
HG|3|37|16|0|Solches also bedenke und beachte wohl, und lasse uns nun ziehen in dein Haus und dann zum Tempel auf dem Berg! Amen.“
HG|3|38|1|1|Das vorbildliche Herzensopfer König Lamechs. Ein Vergleich der Herzen zwischen den Menschen der Höhe und jenen der Tiefe
HG|3|38|1|1|Am 15. Mai 1843
HG|3|38|1|0|Der Lamech dankte dem Henoch aus dem tiefsten Grunde seines Herzens für diese Lehre und gute Ermahnung und sprach dann zu den Seinen:
HG|3|38|2|0|„So kommt denn zu mir, und fürchtet euch nicht; denn ich weiß es ja, dass es der Herr in eure Herzen gelegt hat, dass ich nicht mehr zu fürchten bin!
HG|3|38|3|0|Denn des Herrn endlose Erbarmung hat mich umgewandelt und hat aus mir, dem ehemaligen Wüterich und Gräueltäter aller Art, aus mir, dem doppelten Brudermörder, ein Lamm, einen sanften Führer der Menschheit gemacht!
HG|3|38|4|0|Daher kommt zu mir und fürchtet euch nicht vor mir; denn ich bin nun da, um mit der gnädigsten Hilfe des Herrn die begangenen Gräuel an der Menschheit dadurch einigermaßen wieder gutzumachen, dass ich sie, die noch Lebenden, leite und führe auf die Wege des Herrn!“
HG|3|38|5|0|Auf diese überaus aufrichtige und gemütliche Einladung und Bekennung fassten erst die Seinen den vollen Mut und gingen hin zum Lamech, umarmten und grüßten ihn, dabei aber den Herrn hoch lobend und preisend ob solch großer Gnade und Erbarmung, die Er an dem Lamech so großherrlich bezeugt hatte und dadurch auch an der ganzen Tiefe.
HG|3|38|6|0|Diese Erkennung brachte den Lamech zum Weinen, und er dankte dem Herrn abermals mit dem gerührtesten Herzen.
HG|3|38|7|0|Der Henoch aber sah solch große Erhebung der Herzen zu Gott und sprach darob im Geheimen zum Lamech der Höhe:
HG|3|38|8|0|„Mein Sohn, da sehe hin, das ist die rechte Art, dem heiligen Vater ein wohlgefälliges Opfer darzubringen! Hast du aber solches je auf der Höhe gesehen in solch tiefster Innigkeit?
HG|3|38|9|0|Ja, auf der Höhe gab es ehedem wohl eine heilige Zeremonie für die Bestechung der Sinne und für die Tötung des Geistes. Aber die lebendige, stille Zeremonie des Herzens, wie du sie nun hier siehst, diese ist auf der Höhe noch gar wenig gefeiert worden! Und wir heißen doch ‚Kinder Gottes‘, während diese da ‚Kinder der Welt‘ heißen!
HG|3|38|10|0|Es ist wahr, während der Vater unter uns wandelte sichtbar und uns gar endlos größte Beweise von Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung gab, da waren auch viele zerknirschten Herzens und lobten und priesen Ihn als den allerliebevollsten, heiligsten Vater; als Er aber unsichtbar wurde, da rannten gar viele davon, als wäre unter uns gar nichts Besonderes vorgefallen! Wie kommt dir dieser Unterschied vor?“
HG|3|38|11|0|Der Lamech der Höhe sprach: „O Vater Henoch, das ist ein gar gewaltiger Unterschied, und ich muss es offen bekennen, mir ist der heilige Vater auf der Höhe kaum je so erhaben vorgekommen wie jetzt bei diesem Anblick!
HG|3|38|12|0|Oh, wie weit stehen wir im Grunde zurück vor diesem! Ein um wie vieles größerer Lamech ist dieser hier in der Tiefe, als ich es bin auf der Höhe!
HG|3|38|13|0|Dem gab der Herr nur Geringes, es ist im Grunde nur Weltliches, und er dankt dem Herrn darum, als hätte er schon alle Himmel überkommen; mir aber gab der Herr das Herrlichste nach Seinem Zeugnis und das Größte nach Seinem Wort, und wie gering war dafür mein Dank und meine Liebe gegen das, was da dieser Lamech tut!“
HG|3|38|14|0|Es erwiderte ihm aber der Henoch und sagte: „Ja, mein Sohn Lamech, jetzt hast du die vollste Wahrheit geredet! Also ist es bei uns allen auf der Höhe; wir sind dem Vater als Seine Kinder für Unendliches weniger dankbar als diese da für Endliches!
HG|3|38|15|0|Aber lasst uns jetzt ziehen in die Stadt; dort erst sollst du Wunder der Liebe und Dankbarkeit gegen Gott sehen, die da alles bis jetzt Gesehene überbieten sollen! Für Sonnenstäubchen wirst du dankbarere Herzen finden, als auf der Höhe für Sonnen! Und so lasse uns ziehen in die Stadt! Amen.“
HG|3|38|16|0|Hier ermannte sich auch der Lamech der Tiefe und folgte gar demütigst und dankbarst dem Henoch mit den wieder erhaltenen Seinen.
HG|3|39|1|1|Zulassung der Verehrung von Gedenkplätzen in Hanoch. Ankunft beim Palast des Lamech
HG|3|39|1|1|Am 16. Mai 1843
HG|3|39|1|0|Als die Gesellschaft nun in der Stadt ankam, da machte der Henoch den Lamech der Höhe gar bald aufmerksam auf die Kinder der Tiefe, wie diese in gar dürftigen Kleidern die Wege sogar, auf denen die ehemaligen Boten aus der Höhe die Pfade des Herrn betreten hatten, ganz besonders aber den Wegzug, auf welchem der Herr einhergegangen war, mit ihren Tränen benetzten, und wie einige sogar mit ihren Brüsten auf den Stellen lagen und dieselben in der größten Liebe anbeteten, auf denen der Herr einhergegangen war.
HG|3|39|2|0|Als der Lamech der Höhe solches sah, schlug er sich auf die Brust und sagte: „O Vater Henoch, was ist das?! Diese Kinder der Welt lieben ja die leisesten Angedenkplätze an den Herrn schon bei weitem mehr, als wir den Herrn Selbst; wie groß muss dann erst ihre Liebe zum allerheiligsten, liebevollsten Vater Selbst sein!“
HG|3|39|3|0|Und der Henoch erwiderte dem Lamech: „Ja siehe, also ist es wahrlich! Man sollte zwar diesen armen Kindern das Verehren der Plätze, welche die Boten durchzogen, und des Weges, den der Herr ihren Augen sichtbar betrat, untersagen, da dabei sich ihr Herz leicht an das hängen und anfesten könnte, was ihnen nun als eine süße und erhabenste Erinnerung dient; aber ihre Gefühle sind dabei zu rein an den Herrn gerichtet, und so kann ich selbst nicht umhin, ihnen vorderhand zu lassen ihren frommen Sinn.
HG|3|39|4|0|Es wird aber die Gasse, durch welche der Herr zog, als der Name Jehova in den Tempel getragen ward, sicher eine mächtig geheiligte bleiben, und wir werden es nicht vermögen, diesem Volk solches auf eine leichte Art aus seinem innersten Leben herauszubringen, ohne der dabei nötigen Beschränkung seiner Willensfreiheit, was zu tun wir aber nimmer das Recht haben, indem doch der Herr solches nicht tut.
HG|3|39|5|0|Jedoch kümmern wir uns nicht so sehr dessen, was des Herrn ist; Er wird es machen, wie es Ihm am angenehmsten sein wird!
HG|3|39|6|0|Wir aber haben hier die herrlichste Gelegenheit, zu betrachten, wie ganz anders und um wie vieles lebendiger dieses Volk nun den Herrn als den allerheiligsten und liebevollsten Vater mehr liebt als wir Kinder Gottes auf der Höhe!
HG|3|39|7|0|Siehe, da ist aber nun schon auch das Haus des Lamech aus der Tiefe; daher lassen wir nun auch ihn vortreten und uns führen in seine Wohnung!“
HG|3|39|8|0|Der Lamech der Höhe erstaunte sich über die große Pracht dieses Gebäudes, aber der Henoch sagte zu ihm: „Ja, es ist eine große Pracht daran; wenn man aber bedenkt, mit welchen Mitteln es erbaut worden ist, da möchte man eher erschaudern bis in den tiefsten Grund seines Lebens, als darüber irgendein Wohlgefallen äußern!“
HG|3|39|9|0|Und der Lamech der Höhe seufzte aus dem Grunde seines Lebens und sagte dann mit wehmütiger Stimme: „Ja, ja, lieber Vater Henoch, also ist es sicher! Wenn der Herr Sonnen und Welten baut und setzt hohe Berge auf die Stärke der Erde, da haben wir billigst recht, uns zu erfreuen bei deren Anblick – denn wir wissen es, ein wie Leichtes es ist dem Herrn, solche großen, wunderbarsten Dinge zu erschaffen –; aber für diese schwachen Kinder solche Gebäude aus Steinen aufzuführen, die da aussehen wie kleine Berge, – wahrlich, da wird man betrübt bis in den innersten Lebensgrund!“
HG|3|39|10|0|Und der Henoch sprach: „Ja, also ist es! Jedoch lassen wir nun das, was der Herr zugelassen hatte; wir haben unseren Teil daran genommen, und so ist es gut und recht vor dem Herrn, unserem heiligsten, allerliebevollsten Vater!
HG|3|39|11|0|Nun aber kommt schon der Führer Lamech auf uns zu mit ausgebreiteten Armen, um uns zu führen in sein Haus, und seine Hausdienerschaft erwartet uns auch schon am Tor des Hauses! Daher trachten wir, bald ins Haus zu kommen, sonst kommt das erbaute Volk über uns und fängt an, uns im Namen des Herrn anzubeten, was wir aber allersorgfältigst zu vermeiden suchen müssen!“
HG|3|39|12|0|Hier kam der Führer Lamech herbei, und der Henoch gab ihm zu verstehen, so geschwind als möglich in das Haus zu treten, um eine förmliche Anbetung zu verhüten. Und es geschah sogleich des Henochs Wille.
HG|3|40|1|1|Empfang der Gäste im Thronsaal. Anordnung zum Umschmieden aller Waffen in nützliche Gerätschaften. Die Liebe als heilige Urwaffe des Herrn
HG|3|40|1|1|Am 17. Mai 1843
HG|3|40|1|0|Als sie im Thronsaal anlangten, allda des Lamechs ganzer Haupthofstaat versammelt war, da rief der Lamech alsbald freudigst aus und sagte:
HG|3|40|2|0|„Freunde, Brüder, Kinder und Schwestern! Freut euch mit mir, denn der Herr hat an uns allen eine große Erbarmung ausgeübt!
HG|3|40|3|0|Seht, hier sind meine zwei Weiber, die Ada und die Zilla, da meine für gänzlich verloren geglaubten Söhne, der Jubal und der Jabal, und hier meine Tochter, die Naëme, mit ihrem mächtigen Mann, den ihr der Herr Selbst gegeben hatte!
HG|3|40|4|0|Und seht, und hört, und frohlockt hoch mit mir! Diese hat mir und uns allen der Herr wieder gegeben, dass sie bei mir sein sollen und mir in reiner Art das seien, was sie mir waren vom Anbeginn, aber – leider – in der dem Herrn unwohlgefälligsten, unreinsten Art!
HG|3|40|5|0|Oh, wie wollen wir uns nun freuen in der so mächtig-großen Gnade des Herrn!
HG|3|40|6|0|Brudal, gehe in die Speisekammern, und bereite für uns alle ein festlich Mahl von dem besten Fleisch und von den besten Früchten, und eine zweite reichliche Tafel lasse herrichten für alle unsere gottesfreundlichen Bürger dieser Stadt, und eine dritte für alle die Armen, welche jetzt frei sind, da sie ehedem unsere Sklaven und Gefangenen waren! Gehe und richte es nach diesem meinem Verlangen!
HG|3|40|7|0|Und du, mein Bruder Terhad, du vom Herrn bestellter Wächter des Haupttempels des Herrn, sende alsbald Herolde in die ganze große Stadt, und lasse alle die von mir Bestimmten laden zu diesem meinem großen Freudenmahl in dem allerheiligsten Namen des Herrn Jehova Zebaoth, der da ist unser Gott, Schöpfer und Vater, liebevollst, milde, weise, heilig und allmächtig von Ewigkeit! Also geschehe es! Amen.“
HG|3|40|8|0|Hier gingen der Brudal und der Terhad alsogleich an ihr anbefohlenes Geschäft und besorgten alles auf das Pünktlichste.
HG|3|40|9|0|Der Lamech aber wandte sich bald wieder und berief zu sich den Thubalkain. Als dieser demütig hintrat vor seinen Vater, da sagte dieser zu ihm:
HG|3|40|10|0|„Thubalkain, mein Sohn, ich sage dir hier im Angesicht des alleinigen Hohepriesters des Herrn, lasse alle Waffen, die da zum Kriegführen bestimmt waren, im ganzen großen Reich sammeln, und verfertige daraus den Pflug, die Sichel, die Sense, die Holzhacke, die Erdhaue, den Spaten und noch allerlei andere nützliche Gerätschaften, welche dich des Herrn Geist lehren wird!
HG|3|40|11|0|Denn von nun an soll der Herr ganz allein unsere allerwirksamste Schutzwaffe sein gegen alles Übel. Nicht einmal gegen die reißenden Bestien wollen wir uns je einer anderen Waffe bedienen; denn ich habe die Waffe des Herrn kennengelernt vielfach!
HG|3|40|12|0|Daher wollen wir mit dieser allmächtigen Waffe kämpfen unser Leben lang, und unsere Kinder und Kinder der Kinder sollen sich nimmer einer anderen Waffe bedienen!
HG|3|40|13|0|Liebe aber heißt die heilige, allmächtige, ewige Urwaffe des Herrn! Mit dieser heiligen Waffe wollen denn wir unser irdisch Leben durchkämpfen und dadurch dem Herrn sicher allzeit, wie am Ende unserer Erdentage ein wohlgefälliges Opfer in dem Sieg darbringen, welchen wir mit dieser Seiner allmächtig-heiligen Waffe über alles Übel der Welt werden erfochten haben!
HG|3|40|14|0|Morgen aber sollst du dich vor allem anderen an dieses dir jetzt anbefohlene Werk machen! Des allmächtigen Herrn Wille geschehe also allzeit und ewig! Amen.“
HG|3|40|15|0|Hier trat der Henoch zum Lamech hin und sagte zu ihm: „Geliebter Bruder Lamech, du hast jetzt ein Gebot gegeben, welches mir lieber ist als Gold und allerreinstes Gold; darum aber sollst du auch gesegnet sein, wie vor dir noch niemand gesegnet war!
HG|3|40|16|0|Von Honig und Milch soll dein Land überfließen, und deine Stadt soll glänzen wie der Mond, die Häuser wie die Sterne und dein Haus aber wie die aufgehende Sonne!
HG|3|40|17|0|Wahrlich, sage ich dir, deine Liebe ist mächtiger geworden, denn da ist der ganze Erdkreis! Wenn dein Freudenmahl wird beendet sein, da erst sollst du bei der neuen Tempelweihe erfahren, wie angenehm du dem Herrn geworden bist!
HG|3|40|18|0|Heute noch wollte ich dich wieder verlassen; aber nun will ich drei Tage lang bei dir verweilen und dir zeigen die Macht deiner neuen Waffe! Also soll es geschehen im Namen des Herrn! Amen.“
HG|3|41|1|1|Die gute göttliche und die schlechte menschliche Rangordnung
HG|3|41|1|1|Am 18. Mai 1843
HG|3|41|1|0|Das anbefohlene Mahl ward bald bereitet, und die Geladenen kamen herbei; die Tische wurden bestellt und wurden gesondert nach der Maßgabe Lamechs.
HG|3|41|2|0|Henoch aber sagte zum Lamech: „Bruder, es ist zwar eine Ordnung allenthalben gut, und wir sollten nichts tun außer einer gewissen Ordnung, denn die Ordnung ist die Macht des Herrn; aus und in Seiner Ordnung hat Er alle Dinge gemacht. Aber dessen ungeachtet ist dem Herrn doch eine Ordnung, die die Menschen untereinander aufgestellt haben oder wenigstens aufstellen möchten, beinahe ganz unerträglich, und das ist die Rangordnung.
HG|3|41|3|0|Wenn du ganz gleiche Dinge in einer geraden Linie aufgestellt hättest, und es käme dann jemand und verstellte die Dinge aus ihrer von dir bestellten geraden Linie, fürwahr, du würdest dich darob ärgern und würdest den Verrücker deiner Ordnung mit zornigen Augen ansehen.
HG|3|41|4|0|Wenn aber der Herr alle Menschen völlig gleich erschaffen hatte und hat sie vor Sich hingestellt in einer geraden Linie, wie mögen wir da des Herrn gerade gestellte Linie krümmen nach unserem Belieben?
HG|3|41|5|0|Wir können es freilich wohl tun und können in gewissen Tätigkeitsrücksichten sagen: ‚Der ist das und jener dieses‘ – und was ein vom Herrn vorgesetzter Bruder dem anderen ratet, den der Herr nicht berufen hatte, dass dieser es tue!
HG|3|41|6|0|Das ist die rechte Rangordnung, die wir vom Herrn Selbst überkommen haben; aber bei solchen Gelegenheiten, da wir ein Mahl geben den Brüdern, sollten nicht drei gesonderte Tische stehen, sondern nur einer, damit wir alle als völlig gleiche Brüder und Schwestern untereinander am selben speisten.“
HG|3|41|7|0|Als solches der Lamech vernommen hatte vom Henoch, da ließ er sogleich die Tische zusammenstoßen, und es ward so aus drei gesonderten Tischen ein Brudertisch nur.
HG|3|41|8|0|Der Henoch lobte aber den Lamech ob seines Gehorsams nach dem Willen und der Liebe des Herrn.
HG|3|41|9|0|Aber ganz heimlich trat der Lamech der Höhe hin zum Henoch und sagte zu ihm: „Höre, Vater Henoch, es ist recht wohl und gut, was du nun geredet hast zu meinem Namensgefährten in der Tiefe; aber nur begreife ich eines nicht so ganz recht aus dieser deiner kurzen Rede bezüglich der Rangordnung unter den Menschen.
HG|3|41|10|0|Siehe, Kinder sind doch sicher geringer denn ihre Eltern; denn es wäre dem Herrn doch sicher nicht recht, wenn sich die Kinder ihren Eltern gleichstellen wollten?!
HG|3|41|11|0|Zudem erinnere ich mich so mancher Erscheinung auf der Höhe, wo der Herr Selbst so ganz bedeutende Unterschiede unter den Menschen gemacht hatte, und hatte durchaus nicht alle gleichbehandelt!
HG|3|41|12|0|Denn die drei Speisekörbe auf der Vollhöhe sind eine unleugbare Tatsache, dass Er dich zum Hohepriester gemacht hatte und die Purista, wie auch die Ghemela, erhoben hatte sichtbar! Wer kann solches in eine völlige Abrede stellen?
HG|3|41|13|0|Es geht aber aus dem doch unfehlbar hervor, dass der Herr sonach eine gewisse Rangordnung unter den Menschen gestellt hatte, und darum kann ich nun nicht so recht klug werden aus deiner Rede! Gebe mir daher einen näheren Bescheid darüber!“
HG|3|41|14|0|Und der Henoch wandte sich zum Lamech und sprach: „Mein Sohn, du bist in einer starken Irre! Was der Herr tut, ist sicher etwas ganz anderes, als was der Mensch tut und tun soll; denn Er allein ist ja der Herr.
HG|3|41|15|0|Die Rangordnung aber, welche der Herr unter uns Menschen gestellt hatte, ist nur auf unsere Liebe zu Ihm gegründet, und daher heißt es: ‚Je mehr du Liebe zu Mir, deinem heiligen Vater, hast in deinem Herzen, desto näher auch bist du Mir; mit je weniger Liebe zu Mir aber bist du auch desto ferner von Mir!‘
HG|3|41|16|0|Siehe, darin liegt der Henoch als gestellter Hohepriester, die drei Körbe auf der Vollhöhe, die Purista und die Ghemela, wie die Pflicht der Kinder gegen ihre Eltern, die da die ersten Hohepriester von Gott gestellt ihren Kindern sind!
HG|3|41|17|0|Solches ist alsonach nur das Verhältnis der Liebe zu Gott. Aber unter Menschen soll in liebtätigen Stellungen solches nicht also sein, dass sie sich voneinander sondern sollten, als dünkte sich der eine mehr denn ein anderer!
HG|3|41|18|0|Nur vor Gott sind wir unterschiedlich durch unsere Liebe zu Ihm, aber unter uns soll kein selbstgemachter Unterschied walten!
HG|3|41|19|0|Denn wer da groß wird sein wollen, der wird klein sein vor Gott. Sind wir aber lauter Liebebrüder untereinander, so werden wir es auch sein vor Gott.
HG|3|41|20|0|Also verstehe, mein Sohn, die Sache! Doch die Tische sind vereint; so lasst uns Platz nehmen an denselben! Amen.“
HG|3|42|1|1|Das Festmahl im Thronsaal. Die kraftvolle Tischrede des Unbekannten
HG|3|42|1|1|Am 19. Mai 1843
HG|3|42|1|0|Die Zahl der geladenen Gäste war groß und konnte daher an dem einen großen Tisch nicht untergebracht werden; daher kam der Lamech zum Henoch wieder und fragte ihn:
HG|3|42|2|0|„Höre, geliebtester, erhabenster Bruder und des Herrn alleiniger Hohepriester, mehr denn die Hälfte der geladenen Gäste haben, wie du es selbst sehen kannst, nicht Platz am vereinten Tisch! Wenn wir sie nun darum sondern müssen und für sie bereiten lassen einen zweiten Tisch, werden sie sich dadurch nicht herabgesetzt finden, so wir sie doch notwendig werden an den zweiten Tisch setzen lassen müssen und sie somit nicht an dem Tisch werden Platz nehmen können, an dem wir sitzen werden und du dich eigentlich schon gesetzt hast?“
HG|3|42|3|0|Und der Henoch lächelte den Lamech an und sagte dann zu ihm: „Siehe, lieber Bruder, Notwendigkeit ist keine Herabsetzung! Um aber die Sache doch so wenig als nur immer möglich unterschiedlich zu machen, so lasse auch den zweiten Tisch in diesem für wenigstens zehntausend Menschen genug großen Saal aufrichten, und es wird dann gar wenig darauf ankommen, bei welchem Tisch wir sitzen! Also lasse es geschehen, und es wird recht sein!“
HG|3|42|4|0|Und der Lamech sah, dass es also gut war, und ließ daher durch seine Diener alsogleich alles herrichten also, wie es ihm der Henoch geraten hatte.
HG|3|42|5|0|Und die Überzahl der Gäste fand vollkommen Platz an diesem zweiten Tisch und frohlockte, dass ihr eine so große Gnade widerfahren ist, sogar im Thronsaal neben den erhabenen hohen Gästen und großen Freunden Gottes zu Tisch zu sitzen.
HG|3|42|6|0|Da der Lamech solchen Jubel vernahm, dass solche Einrichtung so gut aufgenommen wurde, so ward er selbst heiter und voll Fröhlichkeit und setzte sich auch alsbald zum Tisch, da schon der Henoch mit dem Lamech von der Höhe Platz genommen hatte.
HG|3|42|7|0|Also ward alles geordnet; die Speisen wurden aufgetragen, dem Herrn ein Lob aus aller Gäste Herzen und Munde laut dargebracht. Die Tische wurden dann vom Henoch im Namen des Herrn gesegnet, und alle langten mit ihren Händen nach den gesegneten Speisen und aßen und tranken unter hier und da laut sich vernehmen lassenden Preisungen des Herrn.
HG|3|42|8|0|Nachdem aber sich alle gesättigt hatten, richtete sich am zweiterrichteten Tisch einer der geladenen Gäste auf und richtete folgende Worte an seine Tischgenossen:
HG|3|42|9|0|„Brüder, Freunde und Schwestern! Welcher Mensch könnte es wohl in der größten Glut und Flamme seines Herzens wagen, zu sagen, er könnte Gott, dem allmächtigen Herrn Himmels und der Erde, danken zur Genüge je in alle Ewigkeit für solch eine unaussprechlich große Gnade, die Er uns dadurch erwiesen hatte, dass Er den vorher so harten König Lamech in einen so herrlichen Bruder und übergroßen Freund der Menschen umgewandelt hatte? Fürwahr, ich kann mir nichts Größeres denken!
HG|3|42|10|0|Es muss dem allmächtigen Herrn wohl ein Leichtes sein, tausend Welten zu erschaffen; aber einen freien Menschengeist ungerichtet also umzuwandeln, wie da der Lamech und durch ihn auch all sein Anhang umgewandelt ward, das ist mehr denn doch, als Sonnen und Erden und Monde zu gestalten im Augenblick des allmächtigen, göttlichen Wollens!
HG|3|42|11|0|Denn bei der Erschaffung der Dinge kommt es sicher nur auf den Willen Gottes an, und es wird da sein, was Gott haben will! Ein von Ihm ausgesprochenes allmächtiges ‚Werde!‘ genügt, und zahllose Sonnen und Welten drehen sich schon in ihren übergroßen Kreisen vor dem Auge des allmächtigen Werkmeisters!
HG|3|42|12|0|Aber beim freien Geist ist das allmächtige ‚Werde!‘ ein Gericht schon, welches ist des Geistes Tod! Da muss an die Stelle der Allmacht denn nur die große Liebe, Erbarmung, Geduld, Sanftmut und endlos weiseste Führung Gottes treten und muss den Geist des Menschen wie einen zweiten Gott leiten, führen und lehren, damit dieser dann durch die Selbsterkenntnis in sich das werde, was er sein soll nach der göttlichen Ordnung. Und das ist mehr, als Welten und Sonnen erschaffen!
HG|3|42|13|0|Oh, darum soll aber auch der Herr von uns allen gelobt und geliebt sein, wie da bis jetzt Er noch nicht ist geliebt und gelobt worden, denn jetzt erst erkennen wir die Größe Gottes!
HG|3|42|14|0|Auf, Brüder, und lasst uns loben und preisen den Herrn, da Er uns eine so große Gnade erwies!“
HG|3|42|15|0|Diese Rede des Gastes machte alles im Saal stutzen, und alles ward ergriffen von der Kraft dieser Worte.
HG|3|43|1|1|König Lamech staunt über die Rede des Unbekannten. Die leibliche und geistige Nahrung des Menschen
HG|3|43|1|1|Am 20. Mai 1843
HG|3|43|1|0|Der Lamech aber wusste nicht, was er in der Schnelligkeit tun sollte. Er wandte sich darum alsobald an den Henoch und sagte zu ihm: „Höre, du mein geliebtester, erhabener Freund und Bruder in aller Liebe des Herrn, dieser Mensch spricht ja, als wenn er auch zu einem Führer vom Herrn aus erwählt wäre!
HG|3|43|2|0|Fürwahr, solche Worte hätten auch deinem Mund durchaus keine Schande gemacht, und ich selbst würde mich für endlos glücklich preisen, wenn mein Mund ähnlichermaßen einer solchen Rede fähig wäre, aber da hat’s eben bei mir noch einen überaus starken Haken!
HG|3|43|3|0|Sage mir doch, du mein geliebtester Henoch, so es dir gut deucht, sollen wir diesen überaus weisen Redner nicht alsobald an unseren Tisch ziehen?!“
HG|3|43|4|0|Und der Henoch erwiderte dem Lamech: „Wenn aber du, mein geliebter Bruder, solches tust, wirst du dadurch nicht diesem Tisch mehr Ehre einräumen, als sie da hat der andere Tisch?
HG|3|43|5|0|Darum meine ich, es ist genug, so wir seine Worte wohl behorchen und ihren guten Sinn in uns behalten!
HG|3|43|6|0|So du dieses ein wenig überdenkst, da sage mir dann, ob du damit nicht auch einverstanden bist; denn hier bist du zu Hause und sollst doch auch einen freien Willensrat haben in dir und danach handeln!“
HG|3|43|7|0|Hier sann der Lamech ein wenig nach und kam bald mit folgenden Worten heraus: „O liebster, herrlicher Bruder Henoch, was soll ich da noch nach meinem Willensrat handeln, wo ich auf den ersten Augenblick ersehe, wie aus deinen Worten eine nur zu sehr leuchtende Weisheit strahlt?!
HG|3|43|8|0|Daher will ich mir den Redner bloß nur recht gut merken und will ihn erst nach der aufgehobenen Mahlzeit an mich ziehen und mich mit ihm in eine nähere Bekanntschaft setzen! Ich meine, das wird wohl nicht gefehlt sein?“
HG|3|43|9|0|Und der Henoch sprach zum Lamech: „Geliebtester Bruder, tue das, was du dir nun vorgenommen hast, und es wird recht und billig sein vor Gott und aller Welt!“
HG|3|43|10|0|Nach dieser Rede Henochs erhob sich wieder der Gast am anderen Tisch und fing an, also zu sprechen, und seine Worte lauteten:
HG|3|43|11|0|„Freunde, Brüder und Schwestern! Wir haben uns alle bestens gestärkt an dieser guten Mahlzeit. Unsere Glieder zucken darob vor freudigem Wohlgefühl, und unsere Seele hat nun eine leichte Mühe, dem Leib eine wohlgeschmeidige Regsamkeit zu geben. Dafür sei dem erhabenen heiligen Geber aller guten Gaben aller Dank auch und alle unsere Liebe allzeit und ewig!
HG|3|43|12|0|Aber es ist der Leib nicht die Hauptsache des Menschen, sondern nur ein werkzeugliches Mittel zur Erreichung eines ewigen, heiligen Zweckes, welcher da steht im Grunde der ewigen, göttlichen Ordnung.
HG|3|43|13|0|Wenn es sich aber mit unserem Leib notwendig doch also nur und unmöglich anders verhält, so ist es ja doch sonnenklar, dass dann im Menschen ganz etwas anderes, also noch ein ganz anderer, höherer Mensch stecken müsse, um dessentwillen so ganz eigentlich der Leib, den wir alle so recht tüchtig abgefüttert haben, da ist, und um dessen vorteilhafteste Ernährung wir demnach denn auch allzeit am allermächtigsten besorgt sein sollten.
HG|3|43|14|0|Ihr sagt nun sicher unter euch so in euren Herzen: ‚Das wäre freilich wohl sehr gut und nützlich; wenn man aber nur auch sogleich wüsste, womit man so ganz eigentlich den inneren Menschen ernähren sollte!
HG|3|43|15|0|Wir sehen wohl auf der Erde allerlei Früchte für den Leib erwachsen und reifen; aber einen Baum, auf dem da Früchte zur dienlichen Ernährung des inneren Menschen wachsen und reifen möchten, mögen wir nicht ausfindig machen!‘
HG|3|43|16|0|Das ist richtig, meine geliebten Freunde, Brüder und Schwestern; aber ich will euch hier etwas anderes sagen, und so hört denn:
HG|3|43|17|0|Seht, der Herr hat alles also geordnet, dass da die Materie sich ernährt aus der Materie, die Seele aus der Seele, die Liebe aus der Liebe und der Geist aus dem Geiste.
HG|3|43|18|0|Die Liebe aber ist des Geistes Grund und des inneren Menschen alleigentlichstes Wesen, und wir können demnach unserem inneren Menschen keine bessere Nahrung verschaffen, als wenn wir ihn sättigen mit der Liebe zu Gott. Durch diese Liebe wird er kräftig und mächtig und wird ein Herr in diesem seinem Haus werden, welches da ist die unsterbliche Seele und der sterbliche Leib.
HG|3|43|19|0|Es müssen aber die Speisen für den Leib entweder schon von der Natur oder durch die Kochkunst der Menschen vorbereitet werden, auf dass sie genießbar sind; so denn muss auch umso mehr die Kost für den Geist bestens vorbereitet sein.
HG|3|43|20|0|Das Wort in uns aber ist diese Vorbereitung der Kost des Geistes, darum wollen wir denn auch mit dem Wort die Kost vorbereiten und dann erst stärken mit ihr unseren Geist!“
HG|3|43|21|0|Hier zupfte der Lamech den Henoch und sagte zu ihm: „Bruder, was sagst denn du dazu?! Der redet ja als wie ein Prophet!“
HG|3|43|22|0|Der Henoch aber sagte zum Lamech: „Er ist noch nicht zu Ende; daher wollen wir ihn weiter hören und dann erst unsere Betrachtungen darüber anstellen! Er beginnt zu reden; also horchen wir!“
HG|3|44|1|1|Die leibliche, seelische und geistige Ernährung
HG|3|44|1|1|Am 22. Mai 1843
HG|3|44|1|0|Und der Redner am anderen Tisch sprach weiter: „Das Wort, lebendig kommend aus unserem Herzen, ist es aber, das ich als die Vorbereitung der Liebe zu Gott, welche da ist die wahre Kost für den Geist, bezeichnet haben will.
HG|3|44|2|0|Ich sage euch, das Wort, ja das lebendig wahre, rechte Wort aus dem Grunde unseres Herzens, ist alles in allem; es durchdringt die Materie, löst sie auf in Geistiges und nährt dann mit der Auflösung der Materie den Geist.
HG|3|44|3|0|Das ist’s aber dann – wie ich ehedem schon bemerkt habe –, dass nämlich der Geist nur den Geist, wie die Seele die Seele und die Materie die Materie nährt.
HG|3|44|4|0|Denn das Wort in uns, als der sich hell aussprechende Gedanke im Herzen, ergreift die Materie, teilt sie und beschaut sie in ihrem Wunderbau. In dieser Beschauung sättigt sich schon die Seele, denn das entzückende Gefühl der Seele an der Beschauung wunderbar schöner Formen ist ihre Sättigung!
HG|3|44|5|0|Es ist aber vom Schöpfer durchaus der Mensch also eingerichtet, dass da die Sättigung des einen Teiles allzeit die sichere Erhungerung des anderen mit sich bringt.
HG|3|44|6|0|Um solches aber so recht in der Tiefe zu fassen, soll uns ein Beispiel recht wohl behilflich sein, und so habt denn guten Herzens Acht!
HG|3|44|7|0|Wenn ihr dem Leibe nach hungrig seid, da lechzt ihr alle nach einer guten Mahlzeit, und befindet ihr euch dann bei einer gut besetzten Tafel, da seid ihr dann auch voll Lust, denn ihr könnt euch nun den quälenden Hunger stillen.
HG|3|44|8|0|Wenn es aber hieße: Ihr müsst volle acht Tage an der Tafel sitzen bleiben, oder einen Monat, oder gar ein Jahr, – sagt, würde euch dabei nicht die entsetzlichste Langweile verzehren?
HG|3|44|9|0|Ja, ich sage euch, meine geliebten Freunde, Brüder und Schwestern, ihr würdet in solch einem Falle sicher zu verzweifeln anfangen!
HG|3|44|10|0|Weil denn aber solches doch sicher der Fall sein würde, so kann ich ja fragen: Warum da die Langweile, die Verzweiflung, da der Leib gesättigt wird?
HG|3|44|11|0|Weil die Sättigung des Leibes die sichere Erhungerung der Seele bewirkt, welche sich allzeit in der bitter empfundenen verzweifelten Langweile ausspricht.
HG|3|44|12|0|Was wird man denn aber anstellen müssen, um nach der Sättigung des Leibes auch zu sättigen die Seele?
HG|3|44|13|0|Man steht von der Tafel auf und begibt sich ins Freie, zum Beispiel auf einen kleinen Berg, oder in einen schönen Garten, allda sich dann die Seele sättigt an den schönen Formen, an dem Gesang der Vöglein und an den ätherischen, also seelischen Wohlgerüchen der Blumen, und an mehr derlei Annehmlichkeiten für die Seele.
HG|3|44|14|0|Wenn jemand aber dergleichen lang genug betrachtet hat und hat dadurch hinreichend gesättigt seine ehedem hungrige Seele, da werden ihn alsbald wieder anfangen auch diese herrlichen Speisen für die Seele zu langweilen, und er wird sich bald entweder nach Hause zu sehnen anfangen, um seinem durch die Sättigung der Seele hungrig gewordenen Leib wieder eine neue Stärkung durch einen guten Bissen zu verschaffen, oder es wird sich im besseren Falle der Geist zu rühren anfangen und wird durch die Seele dem Leib sagen: ‚Mich hungert es gewaltig!‘
HG|3|44|15|0|Wie aber wird sich dieser Hunger aussprechen? Durch eine stets mehr und mehr brennende Wissbegierde.
HG|3|44|16|0|Er wird die Materie und ihre schönen Formen begreifen wollen; denn sie sind also für ihn nicht genießbar, sie müssen aufgelöst werden durchs Feuer, Licht und genügende Wahrheit.
HG|3|44|17|0|Was aber ist das Feuer? Es ist die begierliche Liebe. Was ist das Licht? Es ist der sich im Herzen klar aussprechende Gedanke. Was ist die Wahrheit? Sie ist das aus dem Feuer und dem Licht hervorgehende und ausgesprochene Wort!
HG|3|44|18|0|Durch dieses Wort ergreifen wir denn dann die feste Materie und ihre liebliche Form, lösen die Materie auf und finden in der aufgelösten Materie die Bedeutung und den geistigen Sinn der Form.
HG|3|44|19|0|Dadurch wird unser Geist dann entzückt, und diese zufriedene, selige Entzückung ist dann aber schon auch die stärkende Sättigung für den Geist; denn er findet darinnen seine Heimat, seine Ruhe, seinen Stoff, seinen Ursprung und in diesem seine wahre Liebe zu Gott und die allmächtige Liebe Gottes zu ihm!
HG|3|44|20|0|Da fällt dann der Geist in aller Liebe und Demut nieder vor der unendlichen Liebe Gottes, dankt Gott und betet wahrhaftig zu Gott, und Gott ist dann seine Hauptsättigung zum ewigen Leben.
HG|3|44|21|0|Also wollen wir denn auch die Werke Gottes betrachten und suchen Seine große Liebe und Erbarmung darinnen. Und hat jemand etwas gefunden, so lasse er es in guten, wahren Worten vernehmen dann allen seinen Brüdern, und er und sie werden dann erbaut werden im Geiste und in der Wahrheit, und diese Erbauung ist dann die wahre, lebendige Kost für den Geist, durch welche er kräftig wird zu wirken in der Liebe zu Gott, welches Wirken aber dann auch ist das wahre, ewige Leben!“
HG|3|44|22|0|Hier hielt der Redner inne. Es erstaunte sich aber alles Volk über seine Weisheit, und der Lamech ward beinahe außer sich.
HG|3|44|23|0|Aber der Henoch beruhigte ihn und sagte: „Gedulde dich nur, denn der Redner ist noch nicht zu Ende; wenn er aber wird ausgeredet haben, dann erst wollen wir, wie ich schon bemerkt habe, darüber ein paar Worte sprechen.“
HG|3|45|1|1|Die Frage der Kritiker über die Kraft des Wortes. Das innere lebendige Wort
HG|3|45|1|1|Am 23. Mai 1843
HG|3|45|1|0|Es waren aber einige beim anderen Tisch, allda sich der Redner befand, die da etwas hartverständig waren. Diese wandten sich mit folgender etwas dummen Frage an den Redner und sagten:
HG|3|45|2|0|„Guter, weiser Freund und Bruder, du hast viel Licht in dir und redest weise Worte! Das können wir dir durchaus nicht in Abrede stellen, denn auch wir sind ziemlich mit Weisheit ausgerüstet und können daher gar wohl beurteilen, ob das, was da jemand spricht, weise ist oder dumm!
HG|3|45|3|0|Aber auch bei dir können wir nicht sagen, als hättest du nicht weise geredet, sondern wir erkennen deine Weisheit als vollkommen an.
HG|3|45|4|0|Aber ein Punkt kommt darinnen vor, der uns zur Sättigung des Geistes nicht recht munden will, wenigstens in der Art nicht, wie du ihn uns aufgetischt hast!
HG|3|45|5|0|Siehe, du sagtest: Das Wort löst die feste Materie auf in ihre inneren Grundformen, in deren Beschauung sich die Seele sättige; und wenn dann die Formen erst bis in den innersten Grund aufgelöst werden, dass wir dann dadurch in ihnen den Sinn des Geistigen erschauen, so nähren wir dadurch den Geist.
HG|3|45|6|0|Das wollen wir dir allerdings zugeben; aber dass der Mensch mit seinem ohnmächtigen Wort die feste Materie lösen kann, wie allenfalls das glühende Erz einen Wassertropfen, – Bruder, denke nur selbst ein wenig nach, und du wirst deinen Hieb ins Blaue sicher auf der Stelle merken!
HG|3|45|7|0|Rede zu einem Stein tausend Jahre und darüber, wenn du überhaupt so lange leben kannst, und der Stein wird ein Stein bleiben also, wie er geschaffen ward – freilich wohl durch ein mächtigeres Wort, als da ist das unsrige!
HG|3|45|8|0|Daher aber möchten wir, weil uns auch an deiner Ehre sehr viel liegt, wenn wir auch nicht wissen, aus welchem Stadtteil du zu uns kamst, wohl sehr gerne haben, dass du möglicherweise diese Scharte auswetzen sollst, wenigstens jetzt, da dort am anderen Tisch sogar die hohen Gäste auf unser Geplauder zu achten scheinen, und sogar die zwei Mächtigen aus der Höhe!“
HG|3|45|9|0|Der Redner aber erhob sich und sprach zu den gutmeinenden Kritikern: „Richtet sich die wahre Weisheit nach der ewigen Wahrheit, oder nach der Schwäche der Welt?! Welche Antwort wollt ihr mir denn auf diese Frage geben? Wer aus euch die Weisheit besitzt, der rede!
HG|3|45|10|0|Ihr schweigt und sucht eine Antwort; ich aber behaupte, dass ihr diesmal keine finden sollt, die mir genügte! Habe ich denn von einer materiellen oder mechanischen Löse der Materie geredet?
HG|3|45|11|0|Ihr seid ganz gutmütig verlegen um meine Ehre vor den hohen Gästen des anderen Tisches; was soll denn nun ich tun, um eure Ehre zu retten, indem ihr durch diese eure Frage und durch diese eure kritische Beurteilung meiner Rede an euch zu eurem Wohle eine mehr als recht altweiberhafte Dummheit ans hellste Tageslicht gebracht habt?
HG|3|45|12|0|Hatte ich denn nicht geredet von einem inneren lebendigen Wort der Liebe aus dem Herzen, welches sich zuerst in klaren Gedanken oder seelischen Formen ausspricht und geht dann über in die Sprache des Gesichtes und dann erst, wenn es nottut, ob der Schwäche der Menschen von bloß groben Sinnen in die Mundsprache, damit die groben Sinne solch schwacher Menschen aus der öfteren Sättigung des Geistes in ihnen möchten verfeinert werden und sie dann mit solchen verfeinerten, also lebendigeren Sinnen möchten beschauen die Dinge in ihrer Wahrheit und dadurch stets mehr und mehr sättigen ihren Geist, damit er als das eigentliche Leben im Menschen erstehe und ein vollkommener Herr sei in seinem Haus, – während er also gestaltet, wie es sich in euch nun bekundet hatte, ein barster, nichtssagender Knecht der Materie, des Gerichtes und somit auch des Todes ist?!
HG|3|45|13|0|Wenn ich also nur von einem solchen Wort geredet habe, sagt mir dann, wie ist vor Gott und aller Welt da euer Verständnis bestellt, dass ihr solches nicht habt fassen können und wollt lieber mit eurer groben Dummheit euch auszeichnen als etwa mit einer freundlich-demütig-bescheidenen Frage über irgendeinen Punkt meiner Rede, der euch etwas dunkel vorkam?“
HG|3|45|14|0|Hier sahen einander die früheren Kritiker ganz verdutzt an, und keiner war imstande, auch nur eine allergeringste Rechtfertigung hervorzubringen.
HG|3|45|15|0|Der Lamech aber sagte zum Henoch: „O Bruder Henoch, wenn es noch mehr solche Weise in dieser meiner Stadt gibt, da werde ich mich an ihrer Seite ganz sonderbar ausnehmen! Denn dieser redet ja, als wäre er schnurgerade aus den Himmeln hierher gekommen!“
HG|3|45|16|0|Der Henoch aber sagte zum Lamech: „Bruder, gedulde dich nur! Der Redner ist noch nicht fertig; wenn er aber wird fertig werden, dann werde ich dir schon sagen, was du zu tun hast! Es wird aber schon noch besser kommen; des kannst du vollends versichert sein. Daher nur Geduld! Amen.“
HG|3|46|1|1|Die innere Geistsprache und die äußere Mundsprache
HG|3|46|1|1|Am 24. Mai 1843
HG|3|46|1|0|Nach einer Weile aber stand dennoch einer aus den Kritikern auf und richtete folgende Worte an den Redner und sagte: „Höre, lieber Freund und Bruder! Dass du offenbar weiser bist als wir alle bei diesem Tisch, das habe ich und sicher wir alle nun aus deinen Worten entnommen. Und so bin ich auch schon im Voraus überzeugt, dass du uns allen meine folgende Hauptfrage lösen wirst; und so denn ersuche ich dich darum, dass du mich anhören möchtest!“
HG|3|46|2|0|Der Hauptredner aber sagte zu diesem, der ihn fragen wollte: „Höre, die wahre Weisheit aus dem Herrn Gott Zebaoth sollte weder fragen, noch gefragt werden! Denn dem wahrhaft Weisen sagt sein inneres lebendiges Wort den Grund aller Wahrheit. Und der gefragte wahrhaftige Weise hat ebenfalls nicht vonnöten, gefragt zu werden; denn der Geist tut ihm kund das Bedürfnis seines Bruders.
HG|3|46|3|0|Wenn du mich aber fragen möchtest, sage, wie ist dann bestellt deine mir ehedem von dir selbst als scharfem Kritiker angerühmte Weisheit?
HG|3|46|4|0|Siehe, so du aber ein rechter Weiser bist, da solltest du im Lichte deiner Weisheit ja alsbald erschauen, dass mir als einem Weisen ohne deine naturmäßig menschliche Frage bekannt sein muss, was dich drückt!
HG|3|46|5|0|Du aber willst mich fragen; bist du demnach ein Weiser, und hältst du mich wohl für einen Weisen in der Tat und im Grunde deines Lebens?
HG|3|46|6|0|Meinst du, die hohen Gäste wissen etwa solches nicht? Oh, gehe nur hin zu ihnen, und sie werden es dir sagen, was ich dir nun gesagt habe!“
HG|3|46|7|0|Hier ward der Kritiker sehr verlegen und wusste nicht, was er machen sollte, denn er entnahm aus den Worten des Hauptredners genau, dass dieser es gemerkt haben musste, dass er ihm in dieser seiner aufstellen wollenden Frage habe eine kleine Fangschlinge legen wollen.
HG|3|46|8|0|Da er aber dabei auch alsbald gewahrte, dass es sich mit diesem Hauptredner nicht so leicht wird abfertigen lassen, so fing er nach und nach ganz andere Saiten in seinem Herzen aufzuziehen an.
HG|3|46|9|0|Und da der Hauptredner solches merkte, da richtete er alsbald folgende Worte an den Kritiker und sagte:
HG|3|46|10|0|„Höre, ich will dir auf deine Frage, die du, um mich zu fangen, mir ehedem geben wolltest, eine rechte Antwort geben, darum du in deinem Herzen nun einen anderen Geist hast aufsteigen lassen; das aber sei die Antwort:
HG|3|46|11|0|Du meintest, dass der Mensch ohne Wort sich nicht ausdrücken könnte verständlich vor seinen Menschenbrüdern, und so sei das Mundwort die Vollendung des stummen Gedankenwortes im Herzen, weil der Mensch sich dadurch erst als Mensch manifestiert vor allen anderen Geschöpfen der Erde; und so müsste man Gott den Herrn ja nur allzeit mit den vollendeten Worten, aber nicht mit den inneren, den Geist nur sättigenden Gedanken oder Gefühlsworten anbeten, danken und loben und preisen.
HG|3|46|12|0|Siehe, das ist gerade der ganz verkehrte Weg. Eben dadurch, dass der Mensch ein Sinne- und Weltdiener geworden ist und hat sich nach außen gekehrt, ist er auch in die äußere Mundsprache gekommen und kann nun seinen Bruder nicht anders verstehen denn durch das Wort des Mundes, welches an und für sich nichts ist als bloß nur die allerauswendigste Rinde eines Baumes.
HG|3|46|13|0|Er hat aber dadurch unberechenbar viel verloren durch diesen scheinbaren Gewinn; denn wäre der Mensch bei seiner inneren Geistsprache geblieben, so stünde die ganze Schöpfung für ihn sprachfähig da, und er könnte verstehen die Dinge in ihrem Grunde. So aber ist er ein stummer Betrachter geworden und hat in sich verdorben alle seine Sinne durch seine Nachaußenkehrung, dass er darob taub, blind und gefühllos ward gleich der Rinde des Baumes und versteht nichts vom Grunde der Dinge; ja nicht einmal sich selbst kennt er und nicht das klagende Herz seines Bruders!
HG|3|46|14|0|Möchtest du nun nicht noch auch dazu die Anerkennung und Anbetung Gottes, der doch das allerinwendigste Leben im Menschen Selbst ist, ganz nach außen richten, damit du dadurch auch Gott verlieren könntest und werden zu einem Heiden oder zu einem völligen Gottesleugner?!“
HG|3|46|15|0|Hier ward es allen ganz sonderbar zumute am Tisch des Redners sowohl als – bis auf den Henoch, den oberen Lamech und Hored – auch den am Haupttisch Sitzenden.
HG|3|46|16|0|Und der untere Lamech fing an, sich gar gewaltig hinter den Ohren zu kratzen, und hätte gern wieder eine Bemerkung gemacht, – aber der Redner war noch nicht zu Ende; darum harrte er auch geduldig auf den Ausgang dieser Sache.
HG|3|47|1|1|Der genötigte Glaube und der freie Glaube
HG|3|47|1|1|Am 27. Mai 1843
HG|3|47|1|0|Nach einem kurzen Innehalten aber fing der Hauptredner an, wieder also fortzureden: „Du siehst nun, da ich dir ein Lichtlein angezündet habe, ganz verdutzt mich an und weißt nicht, was du aus mir und meinen Worten machen sollst.
HG|3|47|2|0|In dir selbst fragst du dich: ‚Wie sollte ich ein Heide, wie ein Gottesleugner werden, so ich bete mit dem Wort des Mundes zu Gott?! Könnte ich mit dem Mund wohl Gott bekennen, so ich Ihn nicht zuvor bekennte im Herzen, also in den Gedanken des Herzens?‘
HG|3|47|3|0|Ja, mein Freund und Bruder, du bekennst zwar nun wohl Gott also, dass dein Mundwort ist ein Ausdruck dessen, was du in deinem Herzen denkst; warum aber?
HG|3|47|4|0|Weil du den Herrn, deinen Gott, geschaut hattest und darum zu glauben genötigt bist, dass es einen Gott gibt, und wie Er ist beschaffen, und hast von Ihm gehört, was Er will mit dem Menschen!
HG|3|47|5|0|Aber dieser Glaube ist keine Freiheit des Geistes, sondern eine tötende Knechtschaft desselben nur, indem du nun glauben musst, dass Er es ist, Gott der Herr, weil du Ihn sahst und hast dich in der Macht Seiner Rede und Seines Tuns überzeugen müssen davon.
HG|3|47|6|0|Aber dieser Glaube wird also nur dich halten und wird nicht übergehen können in dieser deiner überzeugenden Kraft auf deine Nachkommen; denn was du nun in dir überzeugend bekennst, das werden deine Nachkommen als mündliche Überlieferung darum halbwegs kaum für wahr halten, weil es nur eine mündliche Überlieferung sein wird, also bei weitem schwächer als da war deine Selbstanschauung.
HG|3|47|7|0|In zehn Generationen von dir vorwärts aber wird diese deine entstellt überlieferte Überzeugung kaum mehr einer Beachtung gewürdigt werden, und das Heidentum wird die Frucht deines Mundglaubens sein, und dieser Frucht wird folgen die gänzliche Gottesleugnung und dieser doch etwa allersicherst das Gericht, indem der Mensch außer dem Verband mit Gott schon gerichtet ist in seiner eigenen Todesnacht.
HG|3|47|8|0|Wenn du aber Gott bekennst in deinem Herzen, das heißt durch deine lebendige Liebe zu Ihm und betest also im Geiste und in der Wahrheit zu Ihm, so wirst du abschütteln dein jetziges genötigtes Glaubensgericht, aus dem dir nie ein Heil erwachsen wird, und wirst dafür übergehen in den lebendigen Glauben, das heißt in ein lebendiges Schauen deines Geistes in dir, in dem sich ja am Ende alle deine Lebenskraft einen muss, wenn du ewig leben sollst.
HG|3|47|9|0|Und in diesem lebendigen Schauen wirst du erst Gott wahrhaft erkennen und lebendig bekennen im Geiste und in der Wahrheit; und du wirst dieses Bekenntnis auch trachten in deinen Nachkommen zu erhalten, und diese werden es dir gleich tun, und das Heidentum, die Gottesleugnung, das Gericht und der Tod werden ferne bleiben allen deinen Nachkommen.
HG|3|47|10|0|Denn das ist doch sicher und höchst ordnungsmäßig gewiss, dass da des Menschen Geist das Allerinwendigste ist, gleichwie da ist der lebendige Keimfunke im Inwendigsten einer jeden Frucht.
HG|3|47|11|0|Glaubst und betest du deinem Auswendigen, sinnlich Materiellen nach, so lockst du deinen Geist ja ebenfalls in dein Auswendiges und Materielles, das da aber ist dein Gerichtetes und somit Totes.
HG|3|47|12|0|Tust du aber solches, so tust du in gleichem Maße geistig dasselbe, als so du möchtest eine Fackel, wenn sie brennt, in eine Schlammpfütze stecken! Ich frage dich: Wird sie da wohl noch fortbrennen und wird dir erleuchten deinen finsteren Pfad?
HG|3|47|13|0|Dein Geist ist dein Licht und dein Leben; wenn du aber diesen erlöschest, was hast du dann wohl noch mehr Übriges, daraus dir ein Leben erwachsen solle?
HG|3|47|14|0|Du lebst nun freilich wohl, da du Gott geschaut hast, und musst nun glauben, dass Er ist. Ich aber sage dir, du wirst mit diesem Leben nicht übers Grab kommen, wenn du nicht in deiner Materie vergessen wirst, was du gesehen hast, und wirst das Vergessene nicht neu durch die mächtige Liebe zu Gott wiederfinden in deinem Geiste!
HG|3|47|15|0|Was ich dir jetzt aber gesagt habe, das halte so hoch, als was du gesehen hast, so wirst du das Leben haben ewig, sonst aber nur bis zum Grab.
HG|3|47|16|0|Solches verstehe wohl, und rede, so dir etwas dunkel ist, auf dass ich es dir erhelle! Amen.“
HG|3|48|1|1|Der unaufrichtige Kritiker. Das Mundwort taugt vor allem zur Lüge
HG|3|48|1|1|Am 29. Mai 1843
HG|3|48|1|0|Und der ehemalige Kritiker bedachte sich eine kurze Zeit, ganz durchdrungen und zerknirscht von der Rede des Hauptredners, was er nun reden, erwidern oder welche Frage über irgendeine Dunkelheit in sich er so ganz eigentlich nun dem Hauptredner stellen solle.
HG|3|48|2|0|Und es fiel ihm plötzlich nach einem eben nicht zu langen Nachsinnen ein, dass der Lamech die Einweihung des Bergtempels vorhabe; darum sagte er denn auch zum Hauptredner:
HG|3|48|3|0|„Höre, du mein hochgeschätzter Freund und Bruder, ich bin von der tiefsten Wahrheit deiner an mich gerichteten Rede vollkommen durchdrungen, erfüllt und klärlichst überzeugt, darum ich denn auch eine gar große Lust hätte, dich mit tausend und abermal tausend Fragen zu belästigen! Aber siehe, der Lamech hat noch am heutigen Tage die Einweihung des neuen Tempels auf dem Berg vor und macht Miene zum Aufstehen, und so wird sich vor dieser hochheiligen Handlung eben nicht zu viel mehr reden lassen; aber nach dieser Handlung will ich dich ganz und gar in Beschlag nehmen!“
HG|3|48|4|0|Der Hauptredner aber sagte darauf zum Kritiker: „Höre, Bruder und Freund, sind denn wir mit unserem Gespräch dem Lamech im Weg zu seiner bevorhabenden Handlung?“
HG|3|48|5|0|Der Kritiker sprach: „Ja, es kommt hier meines Erachtens nur darauf an, dass wir entweder auch bei dieser Handlung dabei sein müssen, oder – weil, wie ich merke, auch der Lamech, der Henoch und seine Begleiter aus der Höhe gar sehr auf deine Worte aufzupassen scheinen – wir halten damit den Lamech mit unserem Gerede auf.
HG|3|48|6|0|Das wären darum die Umstände, die meines Erachtens unsere Gesprächsfortsetzung hier etwas überflüssig zu machen scheinen, von mir betrachtet dir zur Antwort, weil du mich darum gefragt hast. Übrigens aber will ich damit durchaus keine feste Behauptung aufgestellt haben vor deiner großen Weisheit; denn du wirst der Sache sicher tiefer auf den Grund kommen als ich, indem du doch ums Unberechenbare weiser bist denn ich. Bestimme daher auch du, was hier zu tun ist, und ich will mich fügen nach deiner Weisheit!“
HG|3|48|7|0|Und der Hauptredner erwiderte dem Kritiker: „Ich meine aber also: Zur Tafel sind wir geladen worden und sind darum auch hierher gekommen; auf den Berg sind wir aber noch nicht geladen worden, und es ist uns auch nicht gesagt worden, was da nach der aufgehobenen Tafel geschehen soll. So haben wir auch mit der Einweihung des neuen Tempels auf dem Berg nichts zu tun!
HG|3|48|8|0|Lamech und der Henoch werden schon ohne uns wissen, was sie zu tun haben, oder was sie tun wollen, und werden sich von unserer Beredung keine Schranke setzen lassen! Wollen sie uns etwa auch mithaben, so werden sie uns solches schon kundgeben, und wir werden ihnen, redend unter uns, folgen; im entgegengesetzten Falle aber werden wir doch etwa tun können, was wir unter uns tun wollen?!
HG|3|48|9|0|Sage mir, ist dieser Grund nicht richtiger und wirksamer als deine anständlichen Bemerkungen? Was meinst du darob nun?“
HG|3|48|10|0|Der Kritiker aber wusste nicht, was er auf diese Frage erwidern sollte, und fing an, darob sehr stark nachzudenken; denn er war sehr schaulustig, und es lag ihm daran, die Einweihung mit anzugaffen.
HG|3|48|11|0|Der Hauptredner aber merkte solches gar wohl und sagte darum zum verlegenen Kritiker: „Höre, Bruder und Freund! Ist es denn gar so schwer, in allen Dingen und Wendungen der Verhältnisse des Lebens aufrichtig zu sein?
HG|3|48|12|0|Siehe, da liegt in dir und vor dir sonnenklar, für was das Mundwort am besten taugt! Die Tauglichkeit des Mundwortes spricht sich nirgends so brauchbar aus als eben in der Lüge!
HG|3|48|13|0|Du hast mir Umstände angegeben, welche uns hindern sollten an unseren Unterredungen, die aber von dir ausgehend völlig erlogen sind; denn dich kümmert weder die Einweihung des Tempels noch die dazu bestimmte Zeit Lamechs, und ebenso wenig seine Aufmerksamkeit, auf Meine Worte gerichtet, – sondern allein deine Gafflust kümmert es!
HG|3|48|14|0|Denn du möchtest schauen die Zeremonie; damit du aber von dieser deiner Lust nichts vergeben dürftest, so möchtest du, dass ich darob schweigen solle. Ist es nicht also?
HG|3|48|15|0|Welche Ehre für den Mann aber ist es wohl, so er hat ein weibisch Herz, das da ist voll geheimer Finten, vor denen Mich und jeden wahrhaft weisen Mann ekelt?!
HG|3|48|16|0|Ich aber sage dir, bessere dich, und reinige dein Herz darum, damit es Mich nicht ekeln solle, noch ferner zu reden mit dir über Dinge, die da alle wichtiger sind denn die nicht viel sagende Einweihung des Tempels!“
HG|3|48|17|0|Diese Worte versetzten unserem Kritiker einen gewaltigen Stoß, und er fing sich ganz gewaltig zu schämen an, dass er darob fliehen wollte; aber der Hauptredner hielt ihn ab von dieser flüchtigen Unternehmung.
HG|3|49|1|1|Die Entsprechung der beiden Tempel Hanochs. König Lamech lädt den unbekannten Weisen zur Tempelweihe ein
HG|3|49|1|1|Am 30. Mai 1843
HG|3|49|1|0|Es hatte aber auch der Lamech vernommen solches Gespräch zwischen den zweien des anderen Tisches und wandte sich darum zum Henoch und fragte ihn:
HG|3|49|2|0|„Höre, Bruder im Herrn, dieser Mann dort ist für einen gewöhnlichen Menschen doch ein wenig zu weise, das heißt, ich will damit sagen, für einen Menschen in dieser Ebene und unteren Flachheit.
HG|3|49|3|0|Er ist sicher auch von oben her etwa vom Herrn zu mir oder zu meinem Volk als ein Lehrer in der höheren und tieferen Weisheit beschieden.
HG|3|49|4|0|Daher meine ich, da er schon selbst von der allfälligen Einladung zur Weihe des Bergtempels angezogen hatte, so wäre es doch sicher sehr schicksam, dass ich sogleich hinginge und brächte ihm somit selbst die gebührende Einladung dar! Meinst du nicht, dass solches gar rechtlich wäre?“
HG|3|49|5|0|Und der Henoch erwiderte darauf dem Lamech: „Mein geliebter Bruder, – nun gehe hin und tue nach deinem Herzen; denn jetzt ist es an der Zeit!
HG|3|49|6|0|Es muss aber dieser Weise bei der Weihe ja zugegen sein; denn der Tempel auf dem Berg bezeichnet ja die Weisheit des Herrn, welche Er uns gegeben hatte aus Seiner großen Liebe und Erbarmung, und so muss dieser Tempel ja auch mit der göttlichen Weisheit unter uns, wie in uns eingeweiht werden!
HG|3|49|7|0|Der Tempel in der gereinigten Tiefe gilt der Liebe und Erbarmung des Herrn und ist gleich dem Herzen im Menschen zugerichtet, das ehedem war eine Pfütze voll allen Unrates und allen Geschmeißes. In dieser Kloake musste getötet werden die Fleischliebe (siehe die Geschichte der Weiber des Hofes unter dem Boten Kisehel an), dann erst musste durch starke heiße Winde alles Sumpfwerk ausgetrocknet werden, dann geebnet der Boden, und das Erdreich durch ein starkes Feuer musste gleich den ehemaligen fleischlichen Hofweibern zum reinen Gold umgestaltet werden, und es mussten fein behauene Steine herbeigeschafft werden zum Bau des Tempels, also ein ganz neues Material, welches da fest ist und dauerhaft, nicht wie ein morsches Holz und schmutzig wie der stinkende Schlamm der Pfützen.
HG|3|49|8|0|Siehe, also ist der innere Tempel Gottes im Herzen des Menschen durch den Tempel in der Ebene bildlich dargestellt und von Gott Selbst geweiht worden!
HG|3|49|9|0|Der Herr aber hat dir dann auch geboten, einen Tempel auf dem gereinigten Berg zu errichten.
HG|3|49|10|0|Der Tempel aber soll darstellen eure Weisheit und alles, was dieselbe bedingt.
HG|3|49|11|0|Also müssen auch bei der Einweihung desselben die Menschen gegenwärtig sein, welche der Herr zu dem Behuf mit großer Weisheit aus Sich ausgerüstet hat.
HG|3|49|12|0|Jener Mann aber ist ein wahrhaftiger Weiser aus Gott; daher gehe hin und lade ihn zu der Einweihung des Tempels auf dem Berg!
HG|3|49|13|0|Aber du sollst da niemand anderen mehr laden; wenn aber jener Mann noch jemanden mitnehmen will, so sei da ein jeder, den er mitnehmen wird, von dir als vollends geladen betrachtet!
HG|3|49|14|0|Denn die Weisheit ist das Licht der Liebe, und dieses Lichtes Ausstrahlung ist wesenhafte, ewige Wahrheit. Darum gehe nun hin und tue nach deinem Herzen! Amen.“
HG|3|49|15|0|Und der Lamech machte nach diesen Worten Henochs nur sozusagen einen Satz hin zum weisen Mann und lud ihn zur bevorstehenden Weihe des Tempels auf dem Berg ein.
HG|3|49|16|0|Und der Mann sagte darauf zum Lamech: „Freund und Bruder, da du mich geladen hast, so werde ich auch kommen, dessen sei vollends versichert; aber den ich mitnehme, der soll dir angenehm sein!
HG|3|49|17|0|Denn ich gehe einher auf dir unerforschlichen Wegen der ewigen Weisheit in Gott; darum ist auch ein jeder, den diese Weisheit ergreift, ein Diener der Weisheit aus Gott, und du sollst sein Bruder sein ewig!
HG|3|49|18|0|Gehe aber nun hin, berichte solches dem Henoch, und er wird dich sogleich verstehen!
HG|3|49|19|0|Erhebt euch aber bald, damit der Tempel noch am Tag eingeweiht werde auf der Erde! Amen.“
HG|3|50|1|1|Der Tempel ist des Volkes wegen da, nicht umgekehrt. Die Einladung des ganzen Volkes zur Tempelweihe
HG|3|50|1|1|Am 31. Mai 1843
HG|3|50|1|0|Als der Lamech aber diese Worte vernommen hatte, da grüßte er sogleich ehrfurchtsvollst den Redner und begab sich sogleich zum Henoch.
HG|3|50|2|0|Allda angelangt, kündete er ihm alsbald, was er vom weisen Redner vernommen hatte.
HG|3|50|3|0|Die Worte erfreuten aber alle Gäste des Haupttisches, und der Henoch sagte darauf gar freundlich zum Lamech:
HG|3|50|4|0|„Also mache denn, dass wir uns erheben, damit der Tag nicht ehedem ende, als wir im Namen des Herrn werden den Tempel der Weisheit eingeweiht haben!“
HG|3|50|5|0|Und der Lamech verkündete solches sogleich vom bestiegenen Thron, und alles Volk erhob sich.
HG|3|50|6|0|Es machte aber das Tafelvolk auch Miene zum Mitgehen, was den Lamech etwas verlegen machte; aber der weise Redner ging hin zum Lamech und sagte zu ihm:
HG|3|50|7|0|„Kümmert dich denn dessen, so die Kinder auch den Weg der Weisheit wandeln wollen? Ich aber meine, wir sollen es niemandem verwehren, der uns auf dem Wege der Gerechtigkeit Gottes folgen will.
HG|3|50|8|0|Denn was die bevorstehende Tempelweihe nur bildlich darstellt, das soll lebendig zuvor von uns und vom Volk lebendig im Geiste geschehen.
HG|3|50|9|0|Bevor der tote Tempel eingeweiht wird von dir, da sollen ehedem die vielen Tempel des Geistes Gottes in unseren Brüdern und Schwestern, die da sind ihre Herzen, eingeweiht werden! Siehe, das tut not, und ohne dem ist die Tempelweihe zu nichts nütze!
HG|3|50|10|0|Wenn du aber das Volk daheimlassen möchtest und ohne es weihen den Tempel, sage mir, für wen wird dann der Tempel geweiht sein?
HG|3|50|11|0|Willst du als ein Unheiliger vor Gott – Ihm, dem allein Heiligen – den Tempel heiligen?
HG|3|50|12|0|Das wird wohl nicht angehen, indem doch nur der Heilige, aber nicht der Unheilige etwas heiligen kann!
HG|3|50|13|0|Gott aber sorgt nur für das Volk, und nicht für den Tempel, und ließ den Tempel des Volkes wegen von dir erbauen, aber nicht, dass Er je das Volk erschaffen hätte dieses erst einzuweihenden Tempels wegen!
HG|3|50|14|0|Und so ist bei der bevorstehenden Handlung ja nur das Volk, aber nicht der Tempel, die Hauptsache und muss daher notwendig zugegen sein!
HG|3|50|15|0|Denn wird das nicht der Fall sein, so wird der Herr für Sich die lebendigen Tempel im Volk wohl einweihen; aber dem toten Tempel auf dem Berg wird Er Seine Heiligung versagen und den Berg wieder machen zu einer Wohnstätte der Schlangen und Nattern!
HG|3|50|16|0|Also lade alles Volk dazu und sende Herolde aus in die ganze Stadt, denn ich habe es dir ja ehedem gesagt, dass du dem gestattest mitzugehen, den ich werde mitnehmen wollen.
HG|3|50|17|0|Siehe, der aber, den ich mitnehmen will, ist das Volk! Und sonach kümmere dich nicht mehr; denn die Weisheit des Herrn im Menschen erkennt allein nur die rechten Wege des Herrn!“
HG|3|50|18|0|Diese Worte brachten den Lamech fast um, denn er konnte sich über die hohe Weisheit dieses Menschen nicht genug erstaunen.
HG|3|50|19|0|Er lief darum auch alsbald zu seiner Dienerschaft und sprengte sie sozusagen in die ganze große Stadt aus, das Volk zu laden zur Tempelweihe auf dem Berg.
HG|3|50|20|0|Als er aber wieder sehr schnellen Schrittes in den großen Saal trat, da ging ihm der Henoch entgegen und sagte zu ihm:
HG|3|50|21|0|„Aber Bruder Lamech, warum hast du denn nun mich nicht um Rat gefragt, ob du das tun sollst, was dir der weise Redner geraten hatte, da ich doch darum da bin?“
HG|3|50|22|0|Der Lamech ward darob etwas verlegen, denn er wusste es nicht, dass ihn der Henoch nur prüfte – und sagte darum zum Henoch: „Bruder Henoch, ich war zu überrascht von der großen Weisheit des Mannes und auch überzeugt von der großen und tiefen Wahrheit, die da lag in seinen Worten, und konnte daher nicht umhin, zu tun danach!“
HG|3|50|23|0|Und der Henoch umarmte den Lamech und sagte dann zu ihm: „Du hast vollkommen recht getan! Lasse uns aber daher auch alsbald abziehen, damit wir vor dem Untergang [der Sonne] noch begehen die heiligende Handlung; solches geschehe im Namen des Herrn! Amen.“
HG|3|51|1|1|König Lamech und Henoch besprechen sich über Wahrheit und Gehorsam. Welche Ordnung vor Gott die beste ist
HG|3|51|1|1|Am 1. Juni 1843
HG|3|51|1|0|Es fragte aber noch der Lamech in der Geschwindigkeit den Henoch, in welcher Ordnung der Zug auf den Berg geschehen solle.
HG|3|51|2|0|Der Henoch aber beschied den Lamech mit folgenden Worten: „Bruder Lamech, siehe, ich könnte es dir wohl sagen; aber es ist mir und dem Herrn lieber und angenehmer, so du solches entweder in dir selbst findest, oder dich von dem weisen Mann bescheiden lässt und dir weisen lässt die rechte Ordnung von ihm!
HG|3|51|3|0|Und es wird dir solches mehr frommen, weil du es entweder ganz auf deinem Grunde wirst gefunden oder doch wenigstens aus deinen Weisen überkommen haben, die dir näherstehen denn ich, – ganz besonders aber der weise Mann, der dir ums Unvergleichliche nähersteht denn ich!“
HG|3|51|4|0|Der Lamech aber entgegnete dem Henoch: „Bruder Henoch, aber die Wahrheit bleibt doch Wahrheit, und es wird in ihr das doch sicher keinen Unterschied machen, aus wessen Munde sie kommt?! Wenn du mir demnach denselben Bescheid geben kannst, den mir der weise Mann geben kann, da sehe ich im Ernst nicht ein, warum ebendieselbe Wahrheit aus dem Munde des weisen Mannes besser sein solle, als so sie käme aus deinem Munde!“
HG|3|51|5|0|Der Henoch aber entgegnete ihm: „Der Mensch sieht nicht alles auf einen Blick ein, daher soll es dich auch nicht wundern, wenn du nun so manches nicht einsiehst; gehe aber nur hin und folge meinem Rat, und es wird dir mit der rechten Zeit schon auch die Einsicht werden, der zufolge du erkennen wirst, warum man einen nahestehenden Redner leichter versteht als einen, der da aus einer Entfernung spricht!“
HG|3|51|6|0|Und der Lamech erwiderte dem Henoch: „Geliebtester Bruder, deine Worte klingen zwar etwas rätselhaft und lassen mich im tiefen Hintergrund etwas Großes ahnen, aber dessen ungeachtet bleibe ich bei meinem Grundsatz, dass die Wahrheit stets unverändert Wahrheit bleibt, ob sie aus dem oder aus jenem Munde kommt!
HG|3|51|7|0|Wenn zum Beispiel du, ich, die Naëme, der weise Mann und gar auch die Schlange sagen müssen: ‚Gott ist der Herr Himmels und der Erde!‘, wird das nicht aus jedem Munde eine und dieselbe ewige Wahrheit sein?“
HG|3|51|8|0|Und der Henoch sagte darauf zum Lamech: „Bruder, ich sage dir, lasse dich nicht ein in derlei Grübeleien, aus denen wenig gute Früchte erwachsen können!
HG|3|51|9|0|Gehorsam aber in billigen Dingen ist besser als alle noch so feine Grübelei; daher tust du besser, so du alsbald tust, was ich dir geraten habe, als wenn du noch so fein zu grübeln anfangen möchtest!
HG|3|51|10|0|Wenn du aber schon vor mir grübelst in weiser Art, da sage ich dir im Voraus, du wirst den Kampf mit mir nicht bestehen!
HG|3|51|11|0|Denn solange du nicht weißt, warum der Stein hart und schwer ist, und weißt nicht, woher die Winde kommen, und kennst nicht ihr Vaterland, und woher das Meer seine Nahrung hat und die Erde ihr Futter, und auch nicht weißt die Wege, die Quellen zu erforschen in der Erde, und nicht kennst die Geburtsstätte des Feuers, und nicht verstehst die Sprache der Tiere und der Pflanzen und so noch gar vieles, das dir noch fremder ist denn der Abgrund des großen Meeres, so lange auch lasse es mit allen Grübeleien nur gut sein; denn du wirst da nichts herausbringen, da das allein Sache des Herrn ist und Er es geben kann, wem Er es will!
HG|3|51|12|0|Daher folge mir, und tue, wie ich dir geraten habe, denn nur auf dem Wege des Gehorsams, welcher eine wahre Frucht der Demut ist, kannst du zur wahren, inneren Weisheit Gottes in dir gelangen.
HG|3|51|13|0|Wenn du dich aber vor Menschen rechtfertigst, da suchst du ihr Lob; ich sage dir aber, das ist eitel, wie das Lob der Menschen eitel ist.
HG|3|51|14|0|Willst du aber bei Gott angenehm sein, so musst du dich tiefmöglichst demütigen vor Ihm; dadurch wirst du Ihm ein höchstes Lob darbringen, und Er wird dich lieben mit Seiner göttlichen Fülle!
HG|3|51|15|0|Siehe, das ist die rechte Weisheit aber, dass wir Gott lieben über alles! Also gehe hin und tue nach meinen Worten! Amen.“
HG|3|51|16|0|Hier ersah der Lamech die Macht Henochs und folgte ganz zerknirschten Herzens dem Rat Henochs, ging sogleich zum weisen Mann hin und fragte ihn um die Ordnung des Zuges auf den Berg.
HG|3|51|17|0|Der Mann aber sagte zu ihm: „Höre, Bruder, die beste Ordnung vor Gott ist die Ordnung des Herzens! In dieser Ordnung sollst du auch ziehen mit uns allen auf den Berg!
HG|3|51|18|0|Jede andere Ordnung aber ist eine äußere Rangordnung nur, welche aber vor Gott ein Gräuel ist. Sehe aber an, wie Gott die Kräuter und das Gras auf dem Feld ordnet, und du wirst daraus klar entnehmen können, welche Ordnung Gott am angenehmsten ist!
HG|3|51|19|0|Mache daher im Zuge keinen Unterschied, und der Herr wird mit dir sein! Das ist mein Rat; hast du aber einen besseren, da folge ihm!“
HG|3|51|20|0|Hier sagte der Lamech nichts mehr, sondern verkündete sogleich den freien Aufbruch auf den Berg; und alles begab sich und zog bunt durcheinander auf den Berg.
HG|3|52|1|1|Die Rede des weisen Mannes über die wahre Tempelweihe
HG|3|52|1|1|Am 2. Juni 1843
HG|3|52|1|0|Als so alles frei und ohne den allergeringsten Zwang auf dem Berg, dessen Plateau groß genug war, um einige tausend Menschen zu fassen, angelangt war – und natürlich eine große Menschenzahl noch um vieles eher, ihrer Schaulust und Neugierde zufolge, als der Lamech mit seinem Gefolge –, so war bei seiner Ankunft der große, herrliche Tempel auch also sehr umlagert, dass es da keine Möglichkeit war, zum Tempel zu gelangen.
HG|3|52|2|0|Den Lamech aber brachte das in eine große Verlegenheit darum, weil die Sonne ihrem Untergang schon sehr nahe war, und es ward doch zur Bedingung gesetzt, den Tempel einzuweihen beim Licht der Sonne.
HG|3|52|3|0|Er wandte sich daher auch alsbald an den Henoch und fragte ihn: „Bruder Henoch, du weisester, alleiniger Hohepriester des Herrn, was wird hier zu machen sein? Siehe, die Sonne neigt sich schon ganz gewaltig ihrem völligen Untergang zu, und es ist also keine Möglichkeit, zum Tempel zu gelangen! Wie wird es da mit der bedingten Einweihung aussehen, so wir dieselbe noch vor dem völligen Untergang vornehmen sollten?“
HG|3|52|4|0|Der Henoch aber sagte zum Lamech: „Bruder, ich meine, das Hindernis für und vor uns, das uns den Weg zum Tempel abschneidet, ist mehr wert als der Tempel; denn hier sind tausend lebendige Tempel der Liebe und Erbarmung aus Gott, dort aber nur ein toter aus Stein.
HG|3|52|5|0|Wie wäre es denn, so wir diese Tempel fürs Leben aus Gott einweihten, da sie wahrhaftige Tempel sind, und dächten uns dabei: Der tote Tempel wird also am wirksamsten – nämlich durch diese unsere vielen Brüder und Schwestern – und auch auf das doch sicher Allergültigste vor Gott eingeweiht werden! Was meinst du in dieser Hinsicht?“
HG|3|52|6|0|Der Lamech stutzte ein wenig und sagte dann zum Henoch: „Ja, geliebtester Bruder, du hast freilich wohl recht, und ich begreife deine große Weisheit in diesem Punkt! Aber sehe nur den Stand der Sonne an! Wenn ihre Gegenwart eine Bedingung dieser wie immer gearteten Tempelweihe ist, so werden wir sie heute doch wohl nicht vornehmen können und werden diese erhabene Handlung auf den morgigen Tag verschieben müssen! Wird es nicht also ausfallen müssen?“
HG|3|52|7|0|Und der Henoch entgegnete dem Lamech: „Bruder, siehe, gerade hinter deinem Rücken steht der weise Mann! Frage auch ihn einmal wieder um Rat, was da zu tun sein wird, und ich selbst werde mich fügen in seinen Ausspruch!“
HG|3|52|8|0|Und der Lamech tat sogleich, was ihm der Henoch geraten hatte.
HG|3|52|9|0|Der weise Mann aber erwiderte darauf dem Lamech: „Lieber Freund und Bruder! Die Weihe, wie sie dir der Henoch angeraten hatte, ist die allein rechte Weihe des Tempels vor Gott; was aber da betrifft die nun bereits untergehende Sonne, die ihr Licht nur über die tote Materie hin ergießt, so ist an ihrer Gegenwart eben nicht so viel gelegen, als du glaubst hinsichtlich der Tempelweihe.
HG|3|52|10|0|Denn es gibt eine noch andere, viel wirksamere Sonne, welche da gemeint ward von mir und vom Henoch, als diese natürliche, und diese steht dir jetzt gerade am Zenit und ist für jetzt gar ferne noch dem völligen Untergang.
HG|3|52|11|0|So aber diese Sonne am Mittagshimmel deines Geistes leuchtet lebendig, wie sie schon von Ewigkeiten her geleuchtet hatte, da magst du ja allzeit vollgültig vor Gott und vor allem dem Volk – durch eben das Volk – nach dem Rat Henochs den Tempel weihen, und wäre es der äußeren Zeit nach um die Mitte der Nacht.
HG|3|52|12|0|Denn siehe, Gott zählt nicht die Tage und die Jahre der Welt – denn tausend Jahre sind vor Ihm wie ein einziger Tag –; aber die Gedanken deines Herzens zählt Er, und da hat ein liebeguter mehr Wert vor Ihm als tausendmal tausend Jahre und Tage der Welt!
HG|3|52|13|0|Also achte du nicht der äußeren Zeit, die da unabänderlich gerichtet ist für den gerechten Bedarf der Lebendigen auf der Erde, sondern achte das lebendige Herz des Menschen, welches da ist ein wahrer Tempel des Lebens aus Gott.
HG|3|52|14|0|Lasse deine Sonne auch vor dem Herzen deiner Brüder und Schwestern leuchten, und du wirst dadurch auch Gott allzeit wohlgefällig sogar in der dichtesten Nacht der Erde am hellsten Tag in dir wandeln und handeln!
HG|3|52|15|0|Siehe, die Sonne, die nun schon untergegangen ist, ist auch eine gar große Welt, und die auf ihr wandeln, haben einen ewigen Tag; wenn du aber im Lichte deiner Geister-Sonne wandelst, so wirst du gleicherweise nie eine Nacht in dir gewahren, sondern wirst wandeln im ewigen Tag deines Lebens aus Gott!
HG|3|52|16|0|Also aber auch weihe diesen Tempel in den Herzen dieses Volkes, und deine Weihe wird gerecht sein vor Gott!
HG|3|52|17|0|Segne sie als Brüder und Schwestern, und Gott wird in deinem Angesichte Selbst segnen den Tempel, der da erbaut wurde durch die Hände der Menschen! Siehe, also stehen die Dinge, und also handle denn nun auch! Amen.“
HG|3|53|1|1|Die lebendige Tempelweihe. Die Wolke um den Tempel und das strahlende Herz darüber
HG|3|53|1|1|Am 9. Juni 1843
HG|3|53|1|0|Lamech aber ward von der großen Weisheit des Mannes ganz zerschmettert und lobte und pries Gott, dass Er dem Menschen solche große Weisheit gegeben hatte. Nach diesem Erguss seines Herzens aber wandte sich der Lamech sogleich wieder an den weisen Mann und fragte ihn:
HG|3|53|2|0|„Weisester Freund und Bruder nach Gott und Seinem hohen Priester Henoch! Da du gesagt hast, dass ich da solle weihen den Tempel in den Herzen des Volkes, und meine Weihe wird gerecht sein vor Gott, – ja ich solle die hier Anwesenden alle als Brüder und Schwestern weihen und segnen, und Gott würde da Selbst weihen und segnen den Tempel in meinem Angesichte, der da erbaut wurde von den Händen der Menschen, – also denn auch schon ehedem mir der Henoch einen gar mächtigen Wink gab, da er sprach: ‚Wie wäre es denn, so wir da diesen Tempel in den Herzen des Volkes für das ewige geistige Leben aus Gott einweihten, indem sie wahrhaftige lebendige Tempel sind, und möchten uns aber dabei also bedenken: Der tote Tempel wird also wohl am wirksamsten und vor Gott am allergültigsten eingeweiht werden, so wir die vielen Brüder und Schwestern hier segnen und für das Leben aus Gott einweihen!‘, und du mir auch versichert hast, dass ich auf die bereits untergegangene Sonne nicht zu sehen habe, sondern allein auf die lebendige Sonne des Geistes, welche da ist die Liebe zu Gott in unserem Herzen, – so sehe ich nun gar wohl ein, dass du und der Henoch in der Fülle aller Wahrheit aus Gott vollkommen recht habt!
HG|3|53|3|0|Aber – wie, auf welche Weise soll denn das geschehen? Siehe, das ist eine ganz andere Frage! Wie soll ich es anstellen? Was soll ich tun, dass dadurch die Herzen des Volkes Gott dem Herrn wohlgefällig möchten geweiht werden?“
HG|3|53|4|0|Und der weise Mann gab dem Lamech zur Antwort: „Höre, du mein lieber Freund und Bruder! Was sagt dir denn dein Herz, so du ansiehst diese lebendige Menge von Brüdern und Schwestern, wie sie uns alle mit liebe- und freudetrunkenen Augen ansehen?“
HG|3|53|5|0|Der Lamech erwiderte: „Ja, ja, – jetzt geht mir ein starkes Licht auf; denn mein Herz erbrennt vor lauter mächtiger Liebe zu ihnen, so zwar, dass ich sie alle für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten umfassen und an mein Herz drücken möchte und möchte allen so viel Gutes tun und einen jeden so sehr erheben zu großen Ehren, dass es keinem Sterblichen möglich sein soll, je die ganze Größe der Wohltat zu erfassen!
HG|3|53|6|0|Fürwahr, wüsste ich, dass mein Tod ihnen das ewige, selige Leben verschaffen möchte, so möchte ich ja vor lauter Liebe sterben für alle, die hier sind, und die nicht hier sind!
HG|3|53|7|0|O Freund, ist diese meine mächtige Liebe nicht ein Anfang schon der vor Gott würdigen Weihe der Herzen dieses Volkes? Was aber solle da noch ferner Gott dem Herrn Wohlgefälligeres geschehen?“
HG|3|53|8|0|Und der weise Mann sagte darauf zum Lamech: „Siehe hin in den Tempel, und sage es mir dann, was du erschaust!“
HG|3|53|9|0|Alsbald blickte der Lamech hin nach dem Tempel und schlug die Hände über dem Haupt zusammen; denn er erschaute samt dem Volk nun den Tempel eingehüllt in eine weiße Wolke und über der Wolke und über dem Tempel ein mehr denn die Sonne am hellsten Mittag strahlendes Herz.
HG|3|53|10|0|Dieser Anblick machte aber unseren Lamech auch völlig sprachlos, dass er nicht vermögend war, auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen.
HG|3|53|11|0|Aber der weise Mann sagte dabei zu ihm: „Ich meine, du hast mit deiner lebendigen Liebe zu Gott und allen diesen deinen Brüdern und Schwestern ihre Herzen schon vor Gott völlig würdig gesegnet und sie als lebendige Tempel eingeweiht, indem der Herr, dein Gott, den toten Tempel entzündet hat mit Seiner Gnade und Erbarmung!
HG|3|53|12|0|Ja, Bruder, also hast du Gott am wohlgefälligsten das Weihwerk des Tempels vollkommen verrichtet, und so hat denn auch der Herr gesegnet dich und den Tempel!
HG|3|53|13|0|Du hast umwandeln lassen aus Liebe all die Waffen in nützliche Hausgeräte, und es ist dir verheißen worden, bei dieser Tempelweihe darob das Wohlgefallen des Herrn zu erfahren.
HG|3|53|14|0|Siehe, der Platz vor dem Tempel ist nun frei geworden; darum ziehe nun hin mit mir und dem Henoch, auf dass du erfahren sollst, was dir verheißen ist! Amen.“
HG|3|54|1|1|König Lamech scheut sich, den Tempel zu betreten. Die Rede des weisen Mannes über das Wort und den Willen des Herrn
HG|3|54|1|1|Am 10. Juni 1843
HG|3|54|1|0|Nach diesen Worten des weisen Mannes ging der Lamech, ohne etwas zu reden, wie ein Wonnetrunkener mit Henoch und dem weisen Mann hin in den Tempel, der da noch fortwährend von der weißen Wolke eingehüllt war.
HG|3|54|2|0|Als sie nun dort ankamen, getraute sich der unterwegs etwas nüchterner gewordene Lamech nicht, in den Tempel zu treten, obschon der Tempel von allen Seiten her ein vollkommen offener war, und sagte daher zu seinen beiden Freunden:
HG|3|54|3|0|„Hört, liebe Brüder und Freunde, ich erwache jetzt aus einem erhabenen Traum und erschaue nun mit vollkommen offenen Augen noch dasselbe, was ich ehedem nur in einem erhabenen Traum zu sehen meinte!
HG|3|54|4|0|Ihr sagt aber, dass ich nun mit euch in den Tempel treten solle, ich aber sage euch dagegen, dass ich solches nimmer vermag, denn zu heilig ist nun diese Stätte, da der Tempel errichtet ist, darum ich als ein zu gänzlich unheiliger Mensch sie mit meinen Füßen nimmer zu entheiligen mag.
HG|3|54|5|0|Euer Rat und euer Verlangen mag an und für sich überaus gut sein – denn ihr mögt in eurer tiefen Weisheit wohl einsehen, was da irgend das Beste sein mag –, aber ich habe nun auch durch die endlos große Erbarmung des Herrn ein frommes und demütiges Herz überkommen, und dieses Herz sagt zu mir: ‚Du bist noch lange nicht würdig, zu betreten die Stätte, in der sich sonderlich stark zeigt die Herrlichkeit des Herrn, welcher ist ein einiger, allmächtiger Gott, ewig heilig, heilig, heilig!‘ Und so muss ich ja auch dem guten Rat meines Herzens folgen!
HG|3|54|6|0|Ihr seid freilich wohl würdig, einzugehen in das Heiligtum Gottes, und könnt allzeit tun nach der geheimen Beheißung in euch – denn Gott der Herr hat euch berufen auf der Höhe, und nie noch hat eine Sünde euer Herz vor Gott entheiligt, indem ihr allzeit frömmsten Gemütes vor den Augen des Herrn gewandelt seid –; aber nicht also steht es bei mir!
HG|3|54|7|0|Ich war noch allzeit ein allergrößter frevelhafter Sünder vor Gott und bin darum noch lange nicht rein genug, um mit einem besseren Gewissen zu betreten solch eine heilige Stätte.
HG|3|54|8|0|Daher beredet mich diesmal ja nicht ferner, dass ich darob am Ende, genötigt durch die größte Macht eurer himmlischen Weisheit, dennoch betreten müsste den zu mächtigst von Gott geheiligten Tempel!“
HG|3|54|9|0|Der weise Mann aber nahm den Lamech bei der Hand und sagte zu ihm: „Höre, du Mann voll Demut in deinem Herzen! Sind denn die Herzen deiner Brüder und Schwestern nicht mehr als dieser Tempel? Und dennoch gingst du jetzt soeben durch gar viele mit uns hindurch! Wie denn mag es dich darum so ängstlich bedünken, in diesen Tempel zu treten, den Gott nur angehaucht hatte, während Er doch mit Seiner ewig heiligen Liebe, Gnade und Erbarmung die Herzen der Brüder und Schwestern belebt hatte?
HG|3|54|10|0|Was aber ist wohl mehr: der Hauch aus dem Willen des Herrn, oder Sein wesenhaft lebendiges Wort, aus Seinem Herzen gegossen in die Herzen der Brüder und Schwestern?!
HG|3|54|11|0|Siehe, die Welten, die Sonnen und alle Dinge entstammen dem Willenshauch des Herrn; aber nicht also steht es mit dem Geist des Menschen in seinem Herzen! Denn dieser ist ein wesenhafter Teil des ewigen wahrhaftigen Geistes Gottes, im Herzen Gottes wohnend und kommend aus demselben.
HG|3|54|12|0|Und urteile selbst, ob es klug ist, zu unterlassen – aus großer, gerechter Demut wohl – das bei weitem Geringere, wenn man zuvor sich nicht im Geringsten bedünkt hatte, zu tun das bei weitem Größere!
HG|3|54|13|0|Zudem wird es dir nicht bange, mir zu reichen deine Hand, wie ich dir gereicht habe die meinige; und ich bin, du kannst es mir glauben, mehr, denn da ist dieser Tempel samt der weißen Wolke und dem mächtig strahlenden Herzen oberhalb des Tempels und der weißen Wolke, welche den Tempel noch dicht umhüllt hält!
HG|3|54|14|0|Wenn sich dieses aber alles untrüglich also verhält, so magst du schon mit dem besten Gewissen von der Welt mit uns in den Tempel treten und allda vernehmen das, was dir verheißen ward!“
HG|3|54|15|0|Hier ermannte sich der Lamech und ging mit den beiden in den Tempel ganz wohlgemut und hatte keine Scheu mehr; aber der weise Mann blieb ihm noch unbekannt.
HG|3|55|1|1|Über die Entsprechung der Erscheinungen bei der Tempelweihe. Gott wendet dem Niederen und Kleinen sein Herz zu. Armut ist die wahre Weisheit
HG|3|55|1|1|Am 12. Juni 1843
HG|3|55|1|0|Auf diese Worte des weisen Mannes begaben sich alle drei in den Tempel, und zwar allda ganz in die Mitte desselben, allwo ein Opferaltar errichtet war.
HG|3|55|2|0|Als sie am Altar anlangten, da sagte der weise Mann zum Lamech: „Nun, lieber, guter Freund und Bruder, habe denn Acht auf das, was da der Herr reden wird zu dir! Siehe, Er redet schon, darum spitze wohl deine Ohren!“
HG|3|55|3|0|Hier horchte der Lamech, aber er konnte außer den Worten des weisen Mannes nichts vernehmen. Darum sagte er denn auch zum weisen Mann nach einer kleinen Weile:
HG|3|55|4|0|„Höre, lieber, guter, weisester Bruder! Ich mag meine Ohren noch so sehr anstrengen, so vernehme ich aber dennoch sonst nichts als allein nur deine freilich wohl sehr weisen Worte!
HG|3|55|5|0|Darum sage mir, habe ich das Wort des Herrn aus deinem Munde zu erwarten, oder aus dem Munde des weisesten Henoch, oder soll ich wirklich der Stimme Gottes in diesem Heiligtum gewürdigt werden?!“
HG|3|55|6|0|Und der weise Mann sprach zum Lamech: „Ich sage dir aber, darum ist der Tempel in lichte Wolken gehüllt, da du nicht erkennst, wer Der ist, der da mit dir redet!
HG|3|55|7|0|Sahst du nicht in der Höhe ein strahlend Herz, welches frei war von allem Gewölke? Siehe, das Herz stellte nicht das Herz deines Gottes, sondern dein eigen Herz vor!
HG|3|55|8|0|Warum denn also? Weil du Gott noch stets in der Höhe suchst und stellst dadurch deine Liebe und Erkenntnis Gottes über deinen eigenen Tempel hinaus, welcher dadurch umwölkt wird, auf dass du in dieser Umwölkung ja nur nicht erkennen magst, wer da redet mit dir!
HG|3|55|9|0|Du aber hast ja nicht über dem Tempel, sondern nur innerhalb desselben einen Opferaltar errichtet; sage mir demnach, wie es bei dir zugeht, dass du Gott suchst über dem Tempel mit einem zwar überaus liebeglühenden Herzen, dessen Glut das Feuer der Sonne überbietet, und hast Ihm dennoch im Tempel den Altar errichtet!“
HG|3|55|10|0|Diese Frage machte den Lamech gar gewaltig stutzen, und er fragte alsbald darauf den weisen Mann, zu ihm sagend:
HG|3|55|11|0|„Höre, du überweiser Bruder und allerherrlichster Freund! Diese deine Worte klingen bei Gott, dem Herrn Himmels und der Erde, für einen noch so weisen Menschen denn doch ein wenig zu weise!
HG|3|55|12|0|Ich frage dich demnach ganz ernstlich, wer du bist und woher du kommst, dass du reden kannst, als hättest du die Zunge Gottes in deinem Munde, und jedes deiner Worte in mein Herz dringt wie ein mächtigster heißester Lichtstrahl?!
HG|3|55|13|0|Fürwahr, dich hat nie ein Weib geboren, sondern du musst entweder unmittelbar aus der Hand Gottes hervorgegangen sein als gleich ein verkörperter Geist, oder du bist ein allerhöchster Lichtengel Gottes, in dessen Herzen eine endlose Fülle der göttlichen Weisheit rastet!
HG|3|55|14|0|Sage mir, wie ich dich denn anschauen soll, auf dass ich dich erkennte!“
HG|3|55|15|0|Und der weise Mann erwiderte dem erstaunten Lamech: „Ich sage dir, hebe dein Gott suchendes und liebendes Herz von der Höhe herab auf den niederen Altar, und du wirst alsbald in großer Klarheit ersehen, was du erkennen möchtest!
HG|3|55|16|0|Meinst du denn, Gott habe ein Wohlgefallen an der Höhe? Ich sage dir, mitnichten; sondern nur dem Niederen, dem Kleinen wendet Er Sein Herz zu!
HG|3|55|17|0|Gott will kein hoher Gott, kein großer Gott, kein reicher Gott sein im Angesichte Seiner Kinder, sondern ein Gott in aller Niedrigkeit, Kleinheit und Armut nur will Er vor Seinen Kindern sein. Denn Er hat ja alles Seinen Kindern gegeben; was Er hat, das sollen auch sie haben.
HG|3|55|18|0|Wenn aber solches doch eine ewige Wahrheit ist, wie magst du denn hernach Gott noch über den Sternen suchen, Gott, dem es wohlgefiel, sogar im kleinen Herzen des Menschen Sich eine Wohnstätte zu errichten?!
HG|3|55|19|0|Sage dir selbst, wie kam der Herr jüngst zu dir? Siehe, als ein Bettler! Und du erkanntest Ihn damals an Seiner Weisheit!
HG|3|55|20|0|Wie ist es denn, dass ein blendendes Gewölk nun schon lange deine Sehe umdüstert?
HG|3|55|21|0|Siehe, Armut ist die wahre Weisheit! Wer demnach Gott ähnlich werden will, auf dass er Ihn schaue, der muss selbst arm sein; und erst in seiner größten Armut wird er erkennen, dass Gott nur, als Selbst arm, an der Armut Sein größtes Wohlgefallen habe, weil eben in der Armut des Lebens nur die größte Freiheit waltet.
HG|3|55|22|0|Also ziehe denn auch du dein Herz aus der Höhe herab, und du wirst alsbald erkennen, was du nun noch nicht erkennst, – das dir von Gott ausgesprochene Lob über deine Selbsterniedrigung!“
HG|3|55|23|0|Hier fing dem Lamech an ein großes Licht aufzugehen, und er fing an, alsbald Großes zu ahnen.
HG|3|55|24|0|Schon wollte er vor dem weisen Mann niederfallen; aber dieser hinderte ihn daran und sagte zu ihm: „Ordne eher dein Herz, dann erst tue nach der reinen, unumwölkten Erkenntnis! Amen.“
HG|3|56|1|1|Wie und wo man Gott suchen soll
HG|3|56|1|1|Am 13. Juni 1843
HG|3|56|1|0|Nach diesen Worten des weisen Mannes dachte der Lamech aber darüber nach, wie er es denn anstellen müsse, um zu bekommen das Herz aus der Höhe auf den niederen Altar herab.
HG|3|56|2|0|Denn er verstand noch nicht die Worte des Weisen und meinte bei sich im Ernst, er werde am Ende aufs Dach steigen müssen und vom selben allenfalls zulangen nach dem Herzen mit der Hand oder wohl gar, falls die Hand zu kurz sein sollte, mit einem auf einer verhältnismäßig langen Stange angebrachten Haken und es dann herabziehen, wie allenfalls einen Apfel vom Baum.
HG|3|56|3|0|Da aber der Weise solche Gedanken gar wohl merkte im Lamech, da sagte er zu ihm: „Aber höre, du Lamech, der du so ganz erschöpft warst von meiner Weisheit, und hast in meinen Mund sogar Gottes Zunge gelegt, und das eben nicht mit Unrecht, sage mir nun, wie es doch kommen mag, dass du meiner Worte Weisheit gar so ärgerlich aufgefasst haben konntest?
HG|3|56|4|0|Denn fürwahr, dümmer und materieller könnte das Geistige wohl kaum je aufgefasst worden sein!
HG|3|56|5|0|Meinst du denn, das strahlende Herz über dem Tempel ist im Ernst etwa dein Fleischherz?
HG|3|56|6|0|O siehe, das fleischliche Herz in deinem Leib können wir auf dem Altar hier durchaus nicht brauchen, und es ist dir zum naturmäßigen Leben überaus vonnöten; sondern nur das Herz deines Geistes, welches da ist die Liebe zu Gott in dir, können wir hier auf dem Altar brauchen!
HG|3|56|7|0|Dieses Herz aber lässt sich weder mit der fleischlichen Hand noch mit einer behakten Stange herabziehen, sondern allein nur mit der eigenen Kraft der Liebe, welche in ihm ist.
HG|3|56|8|0|Es ist aber das strahlende Herz über dem Tempel ja ohnehin nur eine Erscheinlichkeit, die bloß nur von der Sehe des Geistes erschaut werden kann, und besagt nichts anderes, als dass du einen endlos weit entfernten Gott liebst und Ihn suchst hinter allen Sternen; aber den dir allzeit nahen Gott magst du nicht erkennen und lieben!
HG|3|56|9|0|Es strahlt zwar dein Herz wohl von der reinen, stark entflammten Liebe zu Gott; aber du kannst aus solcher Liebe wenig oder gar keinen anderen lebendigen Nutzen ziehen als höchstens, dass du in dessen gebrochenem Licht in der sonstigen Nacht etwas besser siehst als sonsten in der gänzlichen Finsternis. Das ist aber dann schon auch alles, was du gewinnst.
HG|3|56|10|0|Es ist aber ja nur das Leben die Hauptsache, welches da ewig dauern soll, nicht aber das alleinige Licht des zeitlichen Lebens, welches Licht da mit seinem Leben vergeht.
HG|3|56|11|0|Darum muss das Herz des Geistes, oder deine Liebe zu Gott, dir am allernächsten stehen, das heißt, sie muss in dir sein. Du musst Gott in dir suchen, erkennen und dann über alles lieben, so wirst du das ewige Leben haben; denn siehe, Gott allein ist ja das Leben und hat es also und gibt eben das Leben!
HG|3|56|12|0|Wenn aber solches doch eine ewige Wahrheit ist, da sage mir dann, was dir ein endlos entfernter Gott oder ein endlos weit entferntes Leben nützen kann?
HG|3|56|13|0|Du musst das ewige Leben, welches da ist die ewige Liebe Gottes, ja nur in dir haben, so du leben willst, aber nicht hinter allen Sternen!
HG|3|56|14|0|Dabei aber ist noch gar wohl zu bemerken, dass dir der unendliche Gott nicht nützen kann, da du als ein endliches Wesen das eigentliche unendliche Wesen, Gott, durchaus ewig nie erfassen magst.
HG|3|56|15|0|Und darum hat Gott ja das menschliche Herz gemacht zur Wohnstätte für Sich, damit da niemand außer oder ohne Gott leben sollte.
HG|3|56|16|0|Siehe, die Sonne der Welt ist so ferne gestellt, dass sie ewig nie ein Mensch der Erde erreichen wird, und ist so groß gemacht, dass da gegenüber ihr diese Erde, die du bewohnst, kaum als ein faustgroßer Spielball für ihre Kinder geachtet werden könnte, von ihrem Gesichtspunkt betrachtet!
HG|3|56|17|0|Sage mir aber, was würde dir diese große Sonne nützen, wenn du sie auch erreichen könntest mit deiner Hand, dein Auge und dein Leib aber wäre nicht also geschaffen und eingerichtet, dass du möchtest im überaus verjüngten Maßstabe die ganze Sonne in dir völlig aufnehmen?! Siehe, da hättest du weder Wärme noch Licht aus ihr!
HG|3|56|18|0|Da aber von Gott dein Auge also gebaut ist, dass du die ganze Sonne übersehen kannst und somit in dir aufnehmen ihr ganzes lebendiges Bild, so kannst du dir auch völlig ihre Wärme und ihr Licht zinspflichtig machen, aber es erwärmt dich da nicht etwa die ferne Sonne, sondern die nur, die du trägst in dir!
HG|3|56|19|0|Also ist es auch der Fall umso mehr mit Gott, den du in Seiner Unendlichkeit unmöglich je erfassen kannst; ja Er ist also für dich so gut wie gar nicht vorhanden.
HG|3|56|20|0|Aber dieser unendliche Gott hat in dein geistig Herz Sein vollkommenes Ebenbild gelegt; dieses ist dein Leben und ist in dir.
HG|3|56|21|0|Deine mächtige Liebe zu Gott ist dieses dich belebende Ebenbild Gottes in dir; daher bleibe in dir, und hebe dieses Heiligtum nicht aus dir, sondern mache es fest in dir, so wirst du Gott haben stets wirkend in deiner sicher größten Nähe und wirst nicht nötig haben zu fragen: ‚Hinter welchem Stern wohnt Gott?‘, sondern du wirst erkennen in dir den eigenen heiligen Stern, hinter dem dein Gott wohnt und in dir schafft fortwährend – dir freilich noch unbewusst – das Leben.
HG|3|56|22|0|Also erwecke denn deine Liebe in dir zu einem dir nahen Gott, und dein Herz wird sich ohne Stange auf dem Altar befinden, und du wirst erkennen den nahen Gott und das Lob der gerechten Demut! Amen.“
HG|3|57|1|1|König Lamech erkennt den Herrn im weisen Mann. Der Geist Gottes im Menschen
HG|3|57|1|1|Am 14. Juni 1843
HG|3|57|1|0|Nun erst begriff der Lamech die Worte des Weisen völlig, schlug sich auf die Brust und sagte zu sich selbst:
HG|3|57|2|0|„O Gott, wie entsetzlich dumm doch ist der Mensch in seiner Eigentümlichkeit, und was braucht es für eine große Geduld von Seiten der allerhöchsten, göttlichen Weisheit, bis da aus einem Menschen, wie ich einer bin, etwas wird, bis er nur zu fassen anfängt die göttliche Ordnung, die erhabenste, die heiligste?!
HG|3|57|3|0|Aber was kann auch der geschaffene Mensch aus sich tun? Nichts Besseres, als das, dass er lebt nach der erkannten göttlichen Ordnung! Wer nach dieser lebt, wie er sie erkennt, der fehlt sicher nicht!
HG|3|57|4|0|Du, o Gott, weißt aber am besten, wie viel der Mensch zu tragen vermag; daher lässt Du ihn sicher erst so nach und nach stets tiefere Blicke tun in Deine endlose Weisheit, damit er Dir ähnlicher werde in seinem Handeln!
HG|3|57|5|0|Also will ich Dich denn auch lieben, loben und preisen mein Leben lang!“
HG|3|57|6|0|Während aber der Lamech dieses Selbstgespräch und diese Selbstbetrachtungen mehr in sich, denn aus sich mit dem Mund machte, siehe, da entschwand auf einmal das Gewölke um den Tempel, dass er dann ganz rein und frei dastand, und das strahlende Herz senkte sich alsbald auf den Altar herab.
HG|3|57|7|0|Und alles Volk, welches da zugegen war, fiel alsbald vor großer Ehrfurcht zur Erde nieder und sprach: „O großer, heilig allmächtiger Gott, sei uns Sündern gnädig und barmherzig!“
HG|3|57|8|0|Und der Lamech, ganz zerknirscht durch diese neue außerordentliche Erscheinung – obschon sie gewisserart vom weisen Mann bedingungsweise vorherbestimmt ward –, fiel nun auch, was er schon eher tun wollte, nach der Rede vor dem weisen Mann nieder und sagte zu ihm:
HG|3|57|9|0|„Nach deiner Lehre ist der Geist Gottes in mir, was ich nun auch gar sehr lebendig gewahre; aber in dir ist er sicher noch ums Unvergleichbare stärker und mächtiger denn in mir! Darum falle ich denn auch vor dir nieder, lobe und preise die göttliche Liebe und Weisheit in dir, wie ich sie auch lobe und preise in mir, insoweit ich sie erkenne, dass sie ist in mir, zu meiner und meines Volkes Wohlfahrt!
HG|3|57|10|0|Ehre, Lob und alle meine Liebe aber sei darum Gott, unserem Herrn, Schöpfer und überheiligen Vater, darum Er Sich so tief herabgewürdigt hat, zu tun vor unseren Augen so große Zeichen, auf dass wir Ihn nun erkennen möchten und dann zur Gewinnung des ewigen Lebens leben möchten nach Seiner heiligen, uns allen frei geoffenbarten göttlichen Ordnung!“
HG|3|57|11|0|Hier bog sich der weise Mann zur Erde und erhob den Lamech. Als er ihn aber erhoben hatte, da sagte er zu ihm: „Lamech, Ich sage zu dir, richte dich auf in deinem Gemüt, und erkenne, wer Der ist, der nun zu dir gesagt hatte: ‚Richte dich auf in deinem Gemüt!‘
HG|3|57|12|0|Denn Menschen sollen nie vor Menschen knien oder liegen auf der Erde, die Engel sich nicht beugen vor niemanden, und die Götter aber wissen, dass sie eins sind mit dem Einen!
HG|3|57|13|0|Oder sehe am Tag in die Augen deiner Brüder, und du wirst in eines jeden Menschen Auge eine und dieselbe Sonne erschauen! Und weil ein jeder Mensch doch sicher eine Sonne sieht, da sind aber dennoch nicht mehrere Sonnen für viele Menschen und andere Wesen, sondern es strahlt und wirkt nur einer Sonne Licht in eines jeden Menschen Auge, also ein geistiger Ausfluss aus der einen großen Lichtträgerin!
HG|3|57|14|0|Gerade also aber wirkt auch nur ein Geist Gottes in eines jeden Menschen Herzen; darum ist aber dann der im Menschen wirkende Geist Gottes nicht etwa irgendein zweiter Gott, sondern nur ein Geist mit dem unendlichen Geist Gottes, wie die Sonnen alle, welche da aus den Augen der Menschen widerstrahlen, vollkommen eines sind mit der Hauptsonne, aus der sie ausgehen.
HG|3|57|15|0|Ich aber bin der Herr; solches erkennst du nun und fielst auch darum vor Mir auf dein Angesicht.
HG|3|57|16|0|Ich aber sage dir, wenn die Sonne erglühte für sich, da würde sie sich auch zerstören; sie aber treibt ihre Glut und ihr Licht hinaus zu ihren kalten Erden und ernährt und erleuchtet sie, und auf ihrem großen Boden lässt sich darum herrlich wohnen.
HG|3|57|17|0|Also trage auch Ich all Meine göttliche Würde in Meine Kinder über, damit diese dereinst überaus selig bei Mir wohnen sollen!
HG|3|57|18|0|Und so will Ich durchaus nicht, dass die Kinder vor Mir niederfallen sollen, sondern Mich als den guten Vater allein lieben sollen nach aller ihrer Lebenskraft.
HG|3|57|19|0|Doch werde Ich den Demütigen nie scheuen, sondern werde bei ihm sein allezeit und werde ihn aufrichten, wann immer er niederfällt vor Mir; damit lobe Ich aber auch dich nun, da du demütig bist.
HG|3|57|20|0|Bleibe aber nun in dieser deiner Demut und Liebe, und du sollst nimmer nötig haben, dein Herz vom Dach zu holen! Amen.“
HG|3|58|1|1|König Lamechs Glauben und Gehorsam werden geprüft
HG|3|58|1|1|Am 16. Juni 1843
HG|3|58|1|0|Nachdem aber dabei der Lamech den Herrn völlig erkannt hatte, da wollte er laut zu schreien anfangen vor allem Volk und ihm verkündigen die allerheiligste Gegenwart des Herrn Himmels und der Erde.
HG|3|58|2|0|Aber der Herr sagte zu ihm: „Lamech, tue nicht, was du möchtest, sondern denke in dir: wenn es nun gut und nötig wäre, solches zu tun, da würde Ich Selbst es sicher nicht unterlassen!
HG|3|58|3|0|Aber es würde solches dem ohnehin sehr erregten Volk das Leben kosten, was da nicht zu vermeiden wäre in der gegenwärtigen Ordnung der Dinge.
HG|3|58|4|0|Daher wollen wir solche unnütze Arbeit uns für günstigere Zeiten aufbewahren; mit der Zeit aber, wenn Ich wieder verziehen werde, magst du Mich dem Volk wohl verkünden und dich beziehen auf diese Meine Gegenwart.
HG|3|58|5|0|Für jetzt aber bleibe Ich nur als ein weiser Mann eine kurze Zeit noch unter euch, auf dass da niemand soll ein tötend Gericht haben an Mir in seinem freien Gemüt.
HG|3|58|6|0|Was du aber nun tun kannst, das bestehe darin, dass du hinaustretest und heißest das Volk erstehen, auf dass es nicht noch länger liege auf dem Boden und bete in seiner noch starken Blindheit dieses erscheinlich strahlende Herz also an, als wäre es eine bildlich entsprechende Darstellung des allerhöchsten, allerweisesten Gottes.
HG|3|58|7|0|Erläutere ihm dies Bild nach der dir geoffenbarten Wahrheit, und das Volk soll dich verstehen und im völlig nüchternen Zustand Mir, Gott dem Herrn, in seinem Herzen geben ein gerechtes Lob!
HG|3|58|8|0|Siehe, das ist ein rechtes Geschäft; gehe und tue es, und komme dann wieder herein, und es soll sich nach der getanen Arbeit gut ruhen lassen! Amen.“
HG|3|58|9|0|Und der Lamech ging, wie ihm der Herr geraten hatte. Als er aber nach seiner Art anfing, das Volk zu beheißen, dass es sich erheben solle vom Boden, siehe, da wollte sich niemand rühren, und es blieb alles pikfest liegen am Boden, wie zuvor, da er noch niemanden beheißen hatte, sich zu erheben vom Boden.
HG|3|58|10|0|Bei dieser Erscheinung ward es dem Lamech bange, und er gedachte bei sich: „Was will ich denn nun tun, auf dass ich nicht unverrichteter Dinge zurückkehre in den Tempel vor den Herrn und allda zu großen Schanden werde? Ich will jedem einzelnen unter die Arme greifen und will ihn aufrichten vor dem Herrn und will ihm dann sagen, was ich ihm zu sagen habe!“
HG|3|58|11|0|Also gedacht und also auch getan! Aber leider ohne Erfolg; denn so viele er erhob, ebenso viele und ebendieselben fielen wie Tiefschlafende alsbald wieder in ihre vorige Stellung, nämlich auf den Boden zurück.
HG|3|58|12|0|Diese zweite Erscheinung versetzte den Lamech in eine noch größere Verlegenheit; aber er gedachte: „Ich will noch hin zu den Meinen ziehen; diese werden sich doch kehren nach meinen Worten, so sie irgend noch am Leben sind!“
HG|3|58|13|0|Er tat’s, aber auch da war seine Mühe vergeblich. Nun blieb aber für ihn auch kein Mittel mehr übrig, als sich schnurgerade unverrichteter Dinge zu begeben in den Tempel zum Herrn und zum Henoch; aber was für Augen machte da der Lamech, als er da weder den Henoch noch den Herrn mehr fand.
HG|3|58|14|0|Das war denn doch etwas zu viel für unseren Lamech. Er hätte anfangs nahe verzweifeln mögen, aber nach einer ziemlichen Weile sagte er zu sich: „Also wird es wohl des Herrn Wille sein, und so sei es denn auch also, wie Er es haben will.
HG|3|58|15|0|Dass ich nichts richten konnte, dafür kann ich wohl nicht; denn was ich tat, tat ich ja so gut, als ich es nur immer vermochte. Dass ich aber kein Wunder wirken kann, das weiß der Herr sicher.
HG|3|58|16|0|Ich aber will dennoch etwas tun und will die beiden noch suchen gehen unter dem schlafenden Volk! Finde ich sie da, so will ich ja Gott loben und preisen fürder allzeit, und finde ich sie nicht mehr, da will ich dem Herrn alles aufopfern und mich dann ebenfalls irgend zur Ruhe begeben!“
HG|3|58|17|0|Und so ging er denn hinaus und suchte die beiden, aber ebenfalls vergeblich, denn sie waren nicht unter dem Volk.
HG|3|58|18|0|Da erst ward dem Lamech ernstlich bange, dass er darob zu weinen anfing. Er ging dann also traurig in den Tempel und legte sich neben dem Altar hin und versuchte einzuschlafen; aber er vermochte solches nicht wegen seiner großen Angst und Traurigkeit.
HG|3|58|19|0|Und so verstrichen sieben lange Stunden; aber es wollte niemand wach werden, noch der Herr oder der Henoch zum Vorschein kommen.
HG|3|59|1|1|Die Überlegungen des alleingelassenen König Lamech und sein Irrewerden an Gott
HG|3|59|1|1|Am 17. Juni 1843
HG|3|59|1|0|In der siebenten Stunde aber richtete sich der Lamech wieder auf und sagte zu sich selbst ganz traurigen Mutes:
HG|3|59|2|0|„Also hatte ja der Herr zu mir geredet: ‚Und es wird sich nach der getanen Arbeit gut ruhen lassen!‘
HG|3|59|3|0|Wohl habe ich nach Seinem Wort gehandelt und habe getan, wie Er es mir geraten hatte, wenn leider schon ohne Erfolg, wofür ich freilich wohl nichts kann; aber welch eine Ruhe habe ich genossen die langen sieben Stunden hindurch, welche ich wohl abgemessen habe mit dem Gang der Sterne über meiner Hand vom Aufgang bis nahe hin zum Untergang?!
HG|3|59|4|0|Fürwahr, es graut schon recht stark der Morgen, und es rührt sich noch nichts im Lager um diesen Tempel! Kein Lüftchen weht, auch nicht ein allerleisestes Geräuschchen lässt sich von irgendwoher vernehmen! Oh, es ist grauenhaft, mitten unter Lebendig-Toten zu leben!
HG|3|59|5|0|Was will ich aber tun in dieser meiner traurigen Lage? Hier verweilen bis zum völligen Aufgang [der Sonne], oder allein hinabziehen in die Stadt und dort der zurückgebliebenen Dienerschaft vermelden, was hier geschehen ist?
HG|3|59|6|0|Soll ich etwa einen Kräuterkenner holen, auf dass er mir kundgebe aus seiner Weisheit, ob diese Menschen wohl schlafen, oder ob sie im Ernst gar völlig tot sind? Oder soll ich zuvor selbst noch einmal eher einen Erweckungsversuch machen?
HG|3|59|7|0|Wenn aber dieser Versuch misslingt und auf mein noch so kräftiges Rufen sich niemand mehr wird zu regen anfangen, wird mich da nicht noch eine unerhörtere Angst überfallen, dass ich dann vielleicht gar nicht mehr kräftig genug sein werde, um zu ziehen in die Stadt und dort Anstalten zu treffen, dass da diesen Schlafenden oder Toten eine erforderliche Bestattung werde?
HG|3|59|8|0|Ich weiß aber nun, was ich tun will: den Herrn Gott Zebaoth will ich so recht inbrünstig und vertrauensvoll bitten, dass Er mir helfe; und ich will beten und bitten bis in den halben Tag hinein und will nichts essen und trinken eher, als bis der Herr mich entweder erhören und trösten wird oder mich selbst noch dazu töten mag zu diesen meinen Brüdern und Schwestern!
HG|3|59|9|0|Es wird heller und heller schon im Aufgang, dass ich schon die Stadt mit leichter Mühe von Haus zu Haus ausnehme!
HG|3|59|10|0|Wie herrlich wäre dieses Erwachen des neuen werdenden Tages, wenn ich es nicht allein betrachten müsste, wenn dieses Volk mit mir gleich wach wäre und brächte dem Herrn ein fröhlich, heiter, erquickendes Morgenlob dar!
HG|3|59|11|0|Aber ich allein muss mitten unter meinen unerweckbaren Brüdern das neue Erwachen der Natur mit dem Erwachen des Tages betrachten!
HG|3|59|12|0|Oh, wie doppelt traurig bist du, herrlicher Morgen nun, dass ich dich allein lebendig und wach betrachten und genießen muss in deiner großen Herrlichkeit! Möchte ich doch lieber gar nicht leben, als empfinden so schmerzlich, dass ich unter den Tausenden hier allein noch leben und empfinden muss!
HG|3|59|13|0|Was aber habe ich denn getan, darum mich der Henoch und der Herr so ganz und gar verlassen haben? Ich erfüllte ja doch des Herrn ausgesprochenen Willen!
HG|3|59|14|0|Und Er, der Heilige, der Liebevollste, der Barmherzigste lässt mich unvorbereitet so plötzlich im Stich!
HG|3|59|15|0|Er war es ja doch, und der Henoch war es auch; die Meinen sind ja noch dort, die er gebracht hat von der Höhe, und schlafen noch einen tötenden Schlaf!
HG|3|59|16|0|Oder sollten sie nicht mehr dort sein? Ich will denn da doch nachsehen! Denn für einen Traum wäre das Ganze seit gestern Morgen denn doch etwas zu viel!“
HG|3|59|17|0|Hier ging der Lamech hin zur Stelle, da er die Seinigen verließ, und fand zu seinem größten Erstaunen niemanden mehr.
HG|3|59|18|0|Da schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und schrie: „Um des Herrn Willen, was ist denn das?! Also bin ich denn im Ernst nur ein gefoppter Narr meines Traumes?! Träume ich denn noch, oder wache ich? Was ist das für ein elender Zustand meines Lebens?
HG|3|59|19|0|Ich möchte, ich wollte beten, aber nun ist es mir unmöglich! Ich bin nun ohne Gott, ohne Freunde, ohne Brüder, ohne Weib und Kinder und habe nichts als nur dies elende Leben und diese entsetzliche Züchtigung Gottes oder die noch entsetzlichere Rache der Schlange zu empfinden!
HG|3|59|20|0|Was will ich nun tun? Beten? Zu wem denn? Zu Dem, der mich verließ oder nicht ist? Nein, das will ich nicht!
HG|3|59|21|0|Ich bin noch Lamech! Noch gehört die große Stadt mir und das Land und das Volk!
HG|3|59|22|0|Ich wollte ja von ganzem Herzen sein ein wahrer Diener des Herrn und opferte Ihm schon alles darum; Er aber hat mir nun diesen harten Streich gespielt und hat mich angeführt!
HG|3|59|23|0|So will ich denn auch gar nicht mehr leben; hier im Tempel will ich verhungern, und das soll mein letztes Opfer sein, was ich dem rätselhaften Gott darbringen werde!
HG|3|59|24|0|Amen aus mir heraus, – und keine Weisheit soll mich je zu einem anderen Entschluss bringen! Und käme der Herr Selbst nun, so soll Er nichts mehr richten mit mir!
HG|3|59|25|0|Du totes Volk aber schlafe nur im Tode, und sei eine Speise der Ameisen und Würmer; über ein Kurzes werde auch ich es sein! Es ist ja ums Endlose besser, nicht sein, als sich von Gott bei der Nase herumführen zu lassen!
HG|3|59|26|0|Dank dir, mein Herz, für diesen Sinn; denn nun atme ich wieder freier! Ja, besser und süßer ist das Gefühl der Rache als eine dumme Frömmigkeit gegenüber einem Gott, dem es ein so Leichtes ist, ohne Grund mich zu trügen!
HG|3|59|27|0|Und so denn geschehe es! Ich will sterben und nicht mehr sein auf dieser Deiner Welt, Du ungetreuer Gott! Unwiderruflich! Amen.“
HG|3|60|1|1|König Lamechs schreckliches Gesicht. Aufklärung durch Lamech von der Höhe
HG|3|60|1|1|Am 19. Juni 1843
HG|3|60|1|0|Nach solcher törichten Schwärmerei ging der Lamech hin in den Tempel, saß neben dem Altar nieder, lehnte sich mit dem Rücken an den Altar, sein Gesicht gegen den Aufgang kehrend. Denn nun hatte er auch am Altar kein Behagen mehr, da das strahlende Herz auf demselben zufolge des Ärgernisses Lamechs entschwunden war und somit der Altar leer dastand.
HG|3|60|2|0|In dieser Stellung gedachte der Lamech so lange zu verweilen, bis er endete; aber der nahe Aufgang einer ganz anderen Sonne, als sie Lamech erwartete, brachte den Lamech wieder zu sich.
HG|3|60|3|0|Der Aufgang aber hatte solch eine Gestalt: Anstatt der erwarteten Sonne erhob eine ungeheure Riesenschlange den Kopf über den Horizont; und da der Kopf stieg, zog er auch einen so riesenhaften Schlangenleib nach sich. Diese Schlange aber leuchtete so stark wie die Sonne.
HG|3|60|4|0|Als dies riesige Ungeheuer sich schon so ziemlich hoch über dem Horizont befand, da folgten demselben eine zahllose Menge kleinerer Schlangen, welche samt und sämtlich gleich der Hauptschlange sehr stark leuchtende Strahlenkronen auf den Köpfen trugen.
HG|3|60|5|0|Bald ward der ganze Himmel mit solchen Schlangen überfüllt, welche sich in allerlei Windungen um die Hauptschlange bewegten.
HG|3|60|6|0|Diese Bewegungen wurden aber stets heftiger und heftiger. Es entstand ein förmlicher Kampf. Die Hauptschlange biss die kleineren, und die Gebissenen fielen alsbald zur Erde nieder, und da irgendeine niederfiel, steckte sie die Erde auch alsbald in einen entsetzlichen Brand.
HG|3|60|7|0|Der Boden der Erde aber fing laut zu wehklagen an über solch ein Ungemach, und die Berge bogen sich grimmentbrannt in die Täler und verlegten die Ströme und trieben aus ihren Klüften und Riffen Massen und Massen von Wolken, verdunkelten mit denselben dichter und dichter den ganzen Himmel, und gar bald entstürzten denselben ganz unerhört gewaltige Ströme und setzten alle Lande unter Wasser.
HG|3|60|8|0|Und das Wasser stieg und stieg, verschlang gar bald die Stadt Hanoch und erreichte auch schon mit furchtbarem Wogenschlag nahe den Scheitel des Berges, da sich Lamech mit seinem noch immer schlafenden Volk befand.
HG|3|60|9|0|Da aber der Berg zu wanken anfing und der Tempel mit dem baldigen Einsturz drohte und dazu noch ein mächtiger Blitz kam, dessen gar gewaltiges Gekrache die Erde beben machte, da auch fing es den sich zwar zugrunde richten wollenden Lamech an zu bangen.
HG|3|60|10|0|Er stand auf, griff alsbald nach seinen Augen, rieb dieselben und fing an, um sich zu blicken, ersah alsbald den Tempel vor sich und im selben den Herrn und den Henoch, und das Volk saß munter um den Tempel herum und lobte und pries die Herrlichkeit Gottes; er aber befand sich ganz wohlbehalten unter den Seinen.
HG|3|60|11|0|Als er sich nun also erblickte und alles in der alten, guten Ordnung, da fragte er alsbald den neben ihm stehenden Thubalkain:
HG|3|60|12|0|„Sohn, mein Sohn, sage mir, was ist denn um des Herrn allmächtigen Willen nun mit mir vorgegangen? Wo war ich denn, und wo wart denn ihr und der weise Mann und der Henoch, welche beiden nun noch dort im Tempel sicher auf mich warten?“
HG|3|60|13|0|Und der Thubalkain erwiderte dem Lamech: „O Vater Lamech, was fragst du mich? Bist du denn von Sinnen, dass du solches nicht weißt, wie du nach der Beheißung des Mannes hierher kamst, um allem Volk zu verkünden, dass es sich erheben solle vom Boden!?
HG|3|60|14|0|Siehe, da umarmtest du meine und der Naëme Mutter und schliefst in solcher Umarmung Süßigkeit alsobald und eher noch ganz fest ein, und schliefst also nun eine geraume Zeit hindurch, die ich aber nun nicht bestimmen kann, wie lange sie war.
HG|3|60|15|0|Siehe, das ist das Ganze! Magst du mir nicht glauben, so sind da ja noch mehrere Zeugen, die dir dasselbe notwendig werden kundgeben müssen, weil es sich unleugbar also verhält.“
HG|3|60|16|0|Als der Lamech solches vernommen hatte, da schrie er laut auf und sagte: „Gott! Dir, Du allein Heiliger, sei ewig alles Lob, aller Preis, aller Dank und alle meine Liebe, dass dies alles nur ein eitler Traum war!
HG|3|60|17|0|Aber wie möglich konnte es denn nur geschehen, dass ich des Herrn Wort sobald verschlafen konnte, und habe nicht getan nach Seinem Ruf!?“
HG|3|60|18|0|Der ihm zur Seite stehende Lamech aus der Höhe aber erwiderte ihm: „Siehe, Bruder, weil du nicht eher erfülltest des Herrn Willen, und hattest heimlich in dir den Gedanken genährt, mitten auf diesem Berg unter deinen Weibern die Nacht hindurch zu ruhen!
HG|3|60|19|0|Und so denn ließ es der Herr auch zu, dass du ganz unbewusst zu deinen Weibern gelangtest in der Zeit, als du in deiner nächtlichen Phantasie meintest, das Volk zu wecken, aber niemand sich kehren mochte nach deinem Ruf, den du nicht tatest, indem du, schon in deinen Weibern wonneschlafend, aus dem Tempel gingst.
HG|3|60|20|0|Also hat dich vor Gott das Fleisch berückt, und Gott ließ es dann zu, dass du hast schmecken müssen die Früchte der Liebe im Fleische.
HG|3|60|21|0|Lasse dich aber von mir wieder führen hin in den Tempel, und der Herr wird dir enthüllen noch so manche Torheit in dir; und so denn folge mir! Amen.“
HG|3|61|1|1|Der Herr erklärt die Bedeutung des Traumes von König Lamech. Die wahre Ordnung der Himmel
HG|3|61|1|1|Am 20. Juni 1843
HG|3|61|1|0|Auf diese Worte des Lamech aus der Höhe folgte der Lamech aus der Tiefe alsbald seinem Namensgefährten hin in den Tempel.
HG|3|61|2|0|Als aber beide dort anlangten, da ging der Herr mit dem Henoch ihnen auch alsbald entgegen und empfing beide mit ausgestreckten Armen.
HG|3|61|3|0|Solche große Zuvorkommenheit aber wunderte den Lamech aus der Tiefe überaus von Seiten des allerhöchsten Herrn, und das gerade in dieser seiner wenigstens von ihm geglaubten etwas kritischen Lage ganz besonders, indem er sozusagen einen ganz tüchtigen Verweis vom Herrn für seinen Fleischschlaf erwartete.
HG|3|61|4|0|Aber der Herr sagte alsbald zum sich dennoch etwas furchtsam wundernden Lamech: „Was wundert dich denn nun gar so sehr Meine Güte, Liebe und Gnade? Warst du denn als Sünder größer denn jetzt? Wie ist es denn aber, dass Ich damals zu dir kam?
HG|3|61|5|0|So Ich dir aber damals als Meinem großen Feind mochte entgegenkommen und dich als einen tiefst Gefallenen erheben, wie sollte es denn nun gar so wunderbar sein, so Ich dir bis an die Schwelle des Tempels entgegenkomme, da du nicht gesündigt hast?!
HG|3|61|6|0|Denn das dir nun widerfuhr, war ja nur eine reine Zulassung von Mir, um dir zu zeigen, welche Früchte dir oder wenigstens deinen Nachkommen mit der Zeit aus der zu überwiegend mächtigen Weiberliebe erwachsen dürften.
HG|3|61|7|0|Was Ich dir aber also zeigte, das ist wohl nur eine gute Botschaft für dich und deine Nachkommen, aber sicher ewig nie eine Sünde.
HG|3|61|8|0|Wenn du sie recht beachten wirst, da wirst du leben im Geiste der wahren Liebe und aller Weisheit aus ihr.
HG|3|61|9|0|Nun aber komme mit deinem Mir überaus lieben Führer herein, und wir wollen uns so recht nach Muße beraten, besprechen und somit lebendig vergnügen beim hellen Licht des flammenden und strahlenden Herzens auf dem Altar!“
HG|3|61|10|0|Und die beiden traten überaus vergnügt in den Tempel und lobten den Herrn in ihrem Herzen über alle Maßen.
HG|3|61|11|0|Der Herr aber führte sie zum Altar hin und sagte dann zu ihnen: „Es kann ein Mensch ja in einen Zustand kommen, wo er billigermaßen aus der Not eine Tugend machen kann, ja manchmal sogar muss. Desgleichen können ja auch wir nun tun!
HG|3|61|12|0|Seht, die runden Stufen um den Altar sind zwar nicht bestimmt, dass man darauf sitzen solle, aber da hier durchaus keine anderen Ruhe- und Sitzbänke angefertigt sind, so setzen wir uns denn samt und sämtlich auf diese Rundstufen, und zwar mit den Gesichtern gegen Morgen gewendet, und wir haben da dann aus der leeren Zierstaffelei eine nützliche Ruhe- und Sitzbank gemacht.
HG|3|61|13|0|Und wer kann uns dagegen etwas einwenden? Denn wir selbst sind es ja, für die der Tempel samt Altar und Staffelei erbaut ist; so wird es uns doch etwa auch nun freistehen, den Tempel zu benützen, wozu es uns beliebt! Was meinst du, Lamech, habe Ich recht oder nicht?“
HG|3|61|14|0|Und der Lamech erwiderte: „O Herr, Du lieber, guter Vater, Dein Wille ist ja allein heilig und macht mir die allerhöchste Freude; daher geschehe ja allezeit, wie es dir am meisten wohlgefällt!
HG|3|61|15|0|O Herr und Vater in aller Deiner endlosen Milde und Sanftmut, wolle nun nur auch bestimmen, in welcher gerechten Ordnung wir uns um Dich oder Dir zu eben setzen sollen, auf dass auch in diesem Punkt Dein Wille erfüllt werden möchte!“
HG|3|61|16|0|Und der Herr sagte zum Lamech: „Du bist noch sehr stark ein Hofmann und weißt dir nun aus lauter Zeremonie nicht zu helfen!
HG|3|61|17|0|Ich aber sage dir: Siehe einmal so recht aufmerksam die Kinder eines seine Kinderchen mächtig liebenden Familienvaters an! Was tun wohl diese, wenn der Vater nach Hause kommt?
HG|3|61|18|0|Siehe, sie laufen alle, was sie können, dem lieben, guten Vater entgegen, und das nächste und flinkste fällt zuerst in aller Liebe über den Vater her, und dann die anderen, wie es ihnen ihre Füße gestatten.
HG|3|61|19|0|Das jüngste bleibt freilich wohl zurück; aber der gute Vater sieht es mit pochendem Herzen ihm entgegentrippeln, und wenn es in seine Nähe kommt, da geht er ihm heißen Herzens entgegen, nimmt es alsbald auf seine Arme, drückt es an seine Brust und küsst und kost es nach seiner großen Herzenslust.
HG|3|61|20|0|Siehe, Mein Lamech, gerade also ist auch Meine göttliche und himmlische Hausordnung und Hofsitte bestellt! Wer zuerst kommt, der mahlt auch zuerst, und den Letzten und Schwächsten will Ich auf Meine Arme nehmen und will ihn kosen und herzen über die Maßen, darum er auch in seiner Schwäche den Vater erkannt hatte und eilte dann mit schwachen Füßen Mir, dem lieben, guten Vater entgegen!
HG|3|61|21|0|Und also tuet auch ihr, und fragt nicht nach der Rangordnung, so werde Ich als der wahre Vater an euch, Meinen Kindlein, die rechte Freude haben!
HG|3|61|22|0|Seht, Ich habe Mich schon gesetzt; also setzet ihr euch auch zu Mir!“
HG|3|61|23|0|Hier fielen alle drei vor mächtiger Liebe über den Vater her, und der Vater sprach: „So ist es recht, das ist die wahre Ordnung der Himmel, in dieser verbleibt fürder allzeit und ewig! Amen.“
HG|3|62|1|1|Mittelpunkt und Schwerpunkt eines Körpers als Gleichnis für die gewählte Sitzordnung
HG|3|62|1|1|Am 21. Juni 1843
HG|3|62|1|0|Darauf nahmen alle Platz an der Seite des Herrn, und zwar der Henoch und der Lamech aus der Höhe auf der rechten und der Lamech der Tiefe auf der linken Seite; und der Herr sprach darauf:
HG|3|62|2|0|„Seht nun, ihr Meine auserwählten Kinder, also sitzen wir lang gut, und das in der schönsten Ordnung noch obendrauf!
HG|3|62|3|0|Solches seht ihr alle drei nun freilich noch nicht so ganz recht gut ein; aber wir haben nun ja eben die schönste Muße und können uns von allerlei Dingen unterhalten! Also werden wir bis zum völligen Aufgang [der Sonne] auch noch so manches besprechen können, und somit auch diese gute Ordnung unseres Sitzens.
HG|3|62|4|0|Ich sehe aber schon, dass da Mein Lamech zu Meiner Linken zufolge seines noch nicht völlig erloschenen hofmännischen Sinnes den Grund der gut gewählten Sitzordnung alsbald erfahren möchte. Was ist es denn, oder was wird’s denn sein? Wir können sie ja gleich vor unsere Augen führen, und so hört Mich denn an!
HG|3|62|5|0|Seht, die Erde, die ihr da bewohnt, ist ein runder Körper! Dieser ist auf seiner Oberfläche unempfindlich; aber sein Inneres ist ein organischer, lebensfähiger Bau und lebt auch gleich einem Tier.
HG|3|62|6|0|Da aber zum Leben vor allem ein Mittelpunkt oder vielmehr ein Anziehpunkt, also ein Schwerpunkt, auf den sich zufolge seiner Anziehkraft alles hindrängt und durch eben dieses Hindrängen diesen Punkt notwendig erregt, erhitzt und entzündet, notwendig ist, so hat auch diese Erde, wie noch zahllose andere in Meinem endlosen Schöpfungsraum samt den Sonnen und Monden, einen solchen Mittelpunkt, der da völlig gleich ist dem Herzen der Tiere, wie auch der Menschen in ihrer naturmäßigen Sphäre.
HG|3|62|7|0|Aber der sogenannte Mittelpunkt darf bei den Tieren, wie somit auch bei den Menschen und bei den Weltkörpern nicht genau in der Mitte ihrer gesamten organischen Masse sich befinden, sondern muss sich ungefähr allzeit in dem dreivierten Teil aufhalten, damit er nicht völlig erdrückt und dadurch unregungsfähig würde.
HG|3|62|8|0|Befindet er sich aber allzeit und überall außer dem eigentlichen Masseschwerpunkt oder ihrer eigentlichen Mitte, so kann die Hauptschwere nicht von allen Seiten auf ihn wirken, und er hat dann einen freien Spielraum und kann sich ungehinderter regen. Denn wird er von der großen Masseseite her zu sehr gedrückt, da kann er sich flüchten in die kleine und somit auch leichtere Masseseite.
HG|3|62|9|0|Wenn aber die Hauptmasse zufolge der ihr notwendig innewohnenden Trägheit und der ihr ganz natürlich eigenen Schwere sich dennoch nicht zu sehr über ihre Massenschwermitte erheben kann, sondern gar bald wieder von ihrem Bestreben abstehen muss und muss sich dann, durch sich selbst genötigt, wieder in ihre Massenschwermitte begeben, da hat dann der eigentliche erregbare Schwerpunkt wieder einen freien Rücktritt und regt dann durch seine ihm eigentümliche Anziehkraft wieder den trägen Massenschwerpunkt an, der sich dann wieder hin nach dem Hauptanziehpunkt drängt, welcher aber, sobald ihm des Andranges zu viel wird, sich sogleich wieder auf seine leichte oder kleine Seite begibt.
HG|3|62|10|0|Durch solch stetes, freilich wohl nur sehr mechanisch einförmiges Hin- und Herbewegen wird dann das sogenannte naturmäßig tierisch-organische Leben zuwege gebracht.
HG|3|62|11|0|Und ist die bewegende Kraft in einem Organismus also bewerkstelligt, so teilt sich dann diese von selbst der ganzen Masse mit, erregt dieselbe mehr oder weniger, und ein ganzer Organismus wird dann dadurch belebt und kann nach der Art seiner Belebung verwendet werden.
HG|3|62|12|0|Es gehört von Meiner Seite freilich wohl alles dazu, und Ich muss zuvor den ganzen Massenorganismus bauen von Punkt zu Punkt und muss ihn also, wie beschrieben, erst nach und nach einrichten.
HG|3|62|13|0|Aber ist er einmal also zweckmäßigst eingerichtet, dann lebt der Organismus fort, solange Ich ihm die nötige Nahrung geben will; entziehe Ich ihm aber diese, so wird er dann bald schwach und träge, fällt dann bald übereinander, erdrückt sich und verzehrt sich dann eben also wieder von Punkt zu Punkt, wie er ehedem gestaltet wurde, zerfällt endlich ganz und gar und kehrt als eine völlig aufgelöste Willenssubstanz geistig in Mich zurück.
HG|3|62|14|0|Seht, das ist so eine Grundlinie Meines organischen Bauplanes! Sie wird euch erst im Lichte eures eigenen Geistes nach und nach klarer werden, und ihr braucht daraus nun nicht mehr zu ersehen als das nur, dass da unsere gegenwärtige Sitzordnung genau dieser Meiner Schöpfungsbauordnung völlig entspricht. Wie aber, – das wird sich sogleich zeigen!
HG|3|62|15|0|Seht, Ich bin ja der Hauptlebens- und Anziehpunkt der ganzen Unendlichkeit; ihr aber seid Meine Organe zur Aufnahme des Lebens aus Mir! Sage Mir aber, du Mein Lamech, sitze Ich nun genau in der Mitte unter euch?“
HG|3|62|16|0|Hier stutzte der Lamech und sagte: „Nein, o Herr und Vater! Denn bei vier Personen ist solches ja unmöglich; sondern siehe, die Mitte wäre nur da zwischen Dir und dem Henoch!“
HG|3|62|17|0|Und der Herr sagte darauf: „Siehe, darum ist das eine rechte und gute Ordnung, da Ich als der Grund alles Lebens und Regens im dreiviertel Teil der Mitte unter euch Mich befinde und du sonach den kleineren und leichteren Nordpol und der Henoch und der Lamech aber den schweren und viel größeren Südpol darstellen!
HG|3|62|18|0|Und so denn wollen wir uns auch gegenseitig ziehen und erregen durch allerlei Betrachtungen in der endlosen Sphäre des Lebens!
HG|3|62|19|0|Wer da etwas ganz Besonderes weiß, der gebe es kund, und wir werden uns darüber gegenseitig etwa wohl verständigen können! Das ist Meine geringste Sorge, – und so kannst du, Lamech, sogleich einen Anfang machen! Amen.“
HG|3|63|1|1|Über die Vielweiberei und die rechte Zeugung
HG|3|63|1|1|Am 22. Juni 1843
HG|3|63|1|0|Der Lamech aber bedachte sich nicht lange und kam bald mit folgender Frage zum Vorschein, welche also lautete:
HG|3|63|2|0|„O Herr, Du allerbester, liebevollster, heiliger Vater! Da Du mir schon die Gnade erwiesen hast dadurch, dass Du mich beriefst, zu reden vor Dir und Dich zu fragen nach allerlei unbekannten Dingen, so getraue ich mir denn nun auch, einen vollkommenen Gebrauch von dieser endlos großen Gnade zu machen.
HG|3|63|3|0|Siehe, gar oft habe ich so bei mir bedacht, ob es wohl recht und billig ist vor Dir, so da ein Mann mehrere Weiber nimmt!
HG|3|63|4|0|Die Natur spricht zwar dafür, indem der Mann nahe Tag für Tag zeugungsfähig ist; das Weib aber kann im Jahr im Grunde genommen doch nur einmal empfangen.
HG|3|63|5|0|Wenn man dieses Verhältnis so recht beim Licht des billigenden Verstandes betrachtet, da erscheint die Vielweiberei als vollkommen der Natur und der Sache angemessen zu sein, indem dadurch die Bevölkerung nur gewinnen, aber nie verlieren kann.
HG|3|63|6|0|Aber betrachtet man dagegen wieder das stets so ziemlich gleiche Verhältnis hinsichtlich der Zahl der Individuen, da zeigt es sich wieder, als hättest Du es dennoch nicht also bestimmt, indem die Anzahl der Weiber hie und da nicht selten kleiner ist als die Anzahl der Männer, hie und da ist sie ganz gleich; nur sehr selten hie und da um ein Unbedeutendes größer als die Anzahl der Männer.
HG|3|63|7|0|Dieses Verhältnis widerspricht doch offenbar dem ersten, wennschon vom Verstand aus zu billigenden Bedürfnis der Natur; denn lasse ich die Vielweiberei völlig zu, da stehen sogleich tausend Männer als weiberlos da, die aber dennoch so gut zeugungsfähig sind wie diejenigen, die da viele Weiber besitzen.
HG|3|63|8|0|Lasse ich aber die Vielweiberei nicht zu, da kann gerechtermaßen der nahe tagtäglich zeugungsfähige Mann im Jahr nur einmal zeugen, was aber dennoch mit des Mannes Natur im starken Widerspruch zu stehen scheint. O Herr, da möchte ich vor allem ein rechtes Licht haben!“
HG|3|63|9|0|Der Herr aber erwiderte darauf dem Lamech: „Siehe, das ist eine recht gute und wahrhaft weise Frage, und eine vollkommene Antwort auf diese Frage darf dem wahren Führer eines so zahlreichen Volkes durchaus nicht fehlen; und so höre denn, Ich will dir auf deine weise Frage eine rechte Antwort geben:
HG|3|63|10|0|Siehe, wäre die Vielweiberei in Meiner Ordnung, so hätte Ich sicher im Anfang schon, da Ich den Adam als den ersten Menschen der Erde geschaffen hatte, welcher auf der Höhe noch zur Stunde lebt und noch etliche Jahre fortleben wird, für diesen ersten Menschen dreihundert und etliche sechzig Weiber erschaffen, auf dass er sein tägliches Zeugungsvermögen hätte in die natürliche Anwendung bringen können!
HG|3|63|11|0|Aber siehe, Ich erschuf ihm nur ein Weib, und in dieser Anzahl gebe Ich noch bis zur Stunde für ein männlich Wesen nur ein weibliches, und daraus kannst du alsbald gar leicht den guten Schluss ziehen, dass dem Mann von Mir aus nur ein Weib bestimmt ist trotz seiner reichhaltigeren Zeugungsfähigkeit.
HG|3|63|12|0|Was aber diese betrifft, so ist sie gegeben nicht der Vielzeugerei, sondern nur der kräftigen Zeugerei wegen; und so kann ein Mann mit einem Weib zwar wenigere, aber dafür desto kräftigere Kinder zeugen, während bei der Vielzeugerei nur die größten und unreifsten Schwächlinge zum Vorschein kommen können.
HG|3|63|13|0|Denn jeder Same wird eine schlechte oder gar keine Frucht erwecken, so er nicht zur vollen Reife gelangt ist.
HG|3|63|14|0|Also ist es auch bei dem Menschen umso mehr der Fall, wo es sich doch um die Erweckung der alleredelsten Frucht handelt.
HG|3|63|15|0|Also bleibe es bei einem Weib, und dieses tut genug, wenn es alle drei Jahre nur eine Frucht ausreift. Verstehst du solches?“
HG|3|64|1|1|Das Verlangen des Mannes nach vielen Frauen. Über die Ausreifung des Gefühlsreichtums
HG|3|64|1|1|Am 23. Juni 1843
HG|3|64|1|0|Und der Lamech, überaus erfreut über diese gar wichtige Belehrung, fragte weiter und sagte zum Herrn:
HG|3|64|2|0|„O Herr und Vater, solches muss richtig sein; ich sehe es nun ganz klar ein, dass da Deiner heiligen Ordnung gemäß ein Mann nur ein Weib haben soll.
HG|3|64|3|0|Aber während Deiner heiligen Belehrung ist mir ein neuer Punkt eingefallen, der wenigstens scheinbarer Weise von einer gewissen geistig-moralischen Seite her betrachtet bei so manchem den Grund für die Vielweiberei setzen möchte.
HG|3|64|4|0|Ich als ein von Dir gestellter Führer aber hätte dafür aus der beschränkten Sphäre meiner Erkenntnis fürwahr kein Wort, um diesen Grund als gänzlich falsch zu bezeigen! Darum will ich Dir diesen gefährlichen Punkt ganz ohne den geringsten Rückhalt kundgeben, denn Du hast es mir ja allergnädigst erlaubt zu reden, und so will ich denn nun auch reden vor Dir, was mir nur immer meine geringste Erkenntnis geben wird!“
HG|3|64|5|0|Und der Herr sagte da, den Lamech ein wenig unterbrechend: „Du hast recht, so du solches tust, aber nur mache nicht zu viele Worte und Vorentschuldigungen, denn die Zeit ist kostbar, und Ich bin dazu ja nicht wie ein törichter Mensch, zu dem man mit tausend Vorworten kommen muss, bis er etwas fasst!
HG|3|64|6|0|Daher mache keine Umstände und komme allzeit sogleich mit der Hauptsache heraus; denn ich weiß ja schon seit gar lange her, um was du Mich nun fragen wirst! Daher hast du ja leicht zu reden, da du das bei Mir doch sicher voraussetzen kannst, dass Ich dich sicher ganz vom Grunde aus verstehen werde.
HG|3|64|7|0|Und so gebe Mir denn kund deinen noch bedenklichen Punkt, aber ohne erläuternde Umstände, deren Ich wenigstens nicht vonnöten habe, um einen Vortrag zu fassen! Und so rede denn nun mutig darauf los!“
HG|3|64|8|0|Und der Lamech, ein wenig gedemütigt durch diese kurze Zurechtweisung, gab alsobald ganz kurz seinen fraglichen Punkt von sich, welcher also lautete:
HG|3|64|9|0|„Der Mann aber hat ein Gefühl, demzufolge er nicht nur ein, sondern viele Weiber ergreift; und dieses Gefühl ist ein wahrer Nimmersatt. Denn so da schon jemand hätte zwei, drei und noch mehrere der schönsten Weiber, käme aber dann an einen Ort, da es noch hundert wieder anders geformte schöne Weiber gibt, siehe, da drängt es ihn alsbald gewaltigst, dass er sich auch in den Besitz dieser hundert setzen möchte.
HG|3|64|10|0|Da aber andererseits nicht der Mensch sein Schöpfer, sondern nur Du es bist, warum denn solch ein Trieb in ihm, der Deiner Ordnung zufolge nicht realisiert werden darf? Hat doch der Mensch sich solch einen gefährlichen Trieb nicht selbst gegeben!?“
HG|3|64|11|0|Und der Herr erwiderte darauf: „Siehe, da verhält es sich mit dem Gefühlsreichtum gerade also, wie es sich verhält mit der reichen Ausstattung der Zeugungsfähigkeit.
HG|3|64|12|0|Das Gefühl, welches sich allein als mächtiger Zug oder Trieb im Herzen ausspricht, ist ebenfalls eine reiche Zeugungsfähigkeit, im Geiste aber nur.
HG|3|64|13|0|Wenn aber der Mann ein Gailer [Lüstling] ist und verstreut seinen Samen auf den Gassen und Straßen, sage Mir, wird so ein grundgeschwächter Mann wohl mit seinem aus- und durchgewässerten Zeugungsvermögen selbst mit einem wohl fruchtbaren Weib je mehr eine Frucht von gerechtem Maße zu zeugen imstande sein?
HG|3|64|14|0|Siehe, das wird er nicht! Denn aus den Trebern presst man keinen geistigen Saft mehr.
HG|3|64|15|0|Also aber steht es auch mit dem Gefühlsreichtum: Der Mann sammle nur sein Gefühl im Herzen und kehre es dann zu Mir; und wenn es die gerechte Kraftreife wird erlangt haben, dann wird er in Mir, dem Urgrund aller Dinge und somit auch aller noch so schönen Weiber, den allergenügendsten und allerbefriedigendsten Ersatz finden und wird dann mit diesem kraftvollsten Gefühl ein Weib in aller gerechten Kraft lieben können, und es wird ihn das Weib seines Nachbars auch nimmer anfechten.
HG|3|64|16|0|Solches also aber wisse, dass auf dieser Welt alles im Menschen nur eine auszubildende Anlage ist für einen endlos erhabenen ewigen Zweck; daher soll er von den in sich wahrgenommenen Kräften nicht eher einen törichten Gebrauch machen, als bis sie zur Vollreife gelangt sind.
HG|3|64|17|0|Wie aber die Früchte der Erde nur im Licht der Sonne reifen, also reifen auch die geistigen Kräfte des Menschen in Meinem Licht nur.
HG|3|64|18|0|Daher soll jeder Mensch seine Kräfte auf Mich hinwenden, so wird er ein vollkommen reifer, mächtiger Mensch werden in Meiner Ordnung. Wer aber das nicht tut, der ist selbst schuld an seinem Tode. Verstehst du das?“
HG|3|65|1|1|Das Gleichnis vom Tautröpfchen. Die Entwicklung der Seele
HG|3|65|1|1|Am 26. Juni 1843
HG|3|65|1|0|Auf die Frage aber, ob er solches verstünde, erwiderte der Lamech: „O Herr, wie sollte ich es nicht verstehen, da Du als das Licht alles Lichtes, die Sonne aller Sonnen mich durchleuchtest wie die Morgensonne einen bebenden Tautropfen, der sich da an der Spitze eines Grasblättchens von einem erheiternden Morgenhauch sanft schaukeln lässt?!
HG|3|65|2|0|Das Tröpfchen ist gleich mir wohl ein unbedeutendes flüchtiges Ding in Deiner endlos großen Schöpfungen Reihe; aber wenn es da ist, so nimmt es doch die Sonne so gut in sich auf als mein Auge und strahlt in seinem engen Kreis um sich herum wie eine kleine [Sonne und erquickt mit seinem Licht seine kleine Umgebung, seine kleine] Welt, wie da erquickt ein weiser Mensch seine noch minder weisen Brüder.
HG|3|65|3|0|Und so glaube denn auch ich hier gleich einem solchen Tautröpfchen zu sein. Ich bin von Deinem Licht durchleuchtet und habe Dich insoweit erfasst, als es mir zufolge meiner geschöpflichen Geringheit vor Dir, großer, allmächtiger Schöpfer, möglich ist und insoweit solches mir Dein allmächtiger heiliger Wille gestattet; und ich meine nun auch in diesem Deinem Licht in mir, dass ich mit dieser Gnade meine Umgebung vielfach werde erquicken können.
HG|3|65|4|0|Aber so ich dadurch sagen möchte: ‚Herr, ich habe Deine strahlenden Worte ganz begriffen!‘, da müsste ich doch wohl noch für einen bei weitem größeren Toren gehalten werden, als so ich im Ernst behaupten möchte, ein Tautröpfchen hätte die ganze wirkliche Sonne in sich aufgenommen, weil es mit ihrem Licht buntschimmernd widerstrahlt.
HG|3|65|5|0|Du, o Herr, aber wirst am besten wissen, wie viel mir zu einem völligem Erfassen Deiner heiligen Worte mangelt; darum bitte ich Dich, erleuchte mich nach meinem Bedürfnis!“
HG|3|65|6|0|Und der Herr belobte den Lamech ob seiner schönen Antwort und der guten Rede wegen, in der viel Weisheit zugrunde läge, und richtete nach solcher Belobung folgende Worte an ihn:
HG|3|65|7|0|„Das Tröpfchen aber, mit dem du dich verglichest, ist so unbedeutend nicht und auch nicht also vergänglich, wie es dir vorkommt.
HG|3|65|8|0|Siehe, das Tautröpfchen lebt, gibt Leben seiner kleinen Welt und wird in eben dieser Lebensspende selbst als ein sich selbst vervollkommnendes Leben von einem schon höher stehenden Lebensgrad aufgenommen, in dem es dann zur stets mächtiger wirkenden Seele wird, welche Seele dann nimmer stirbt, sondern stets wachsend und stille fortschreitend sich durch die Wesenreihe aufwärts bewegt, bis sie ans Ziel gelangt ist, aufzunehmen höhere Strahlen aus der Sonne, die dich jetzt heißliebend bestrahlt.
HG|3|65|9|0|Du hast gehört noch aus der Weisheit Faraks: Da aber Gott den ersten Menschen gebildet hatte aus dem Lehm der Erde, da hauchte Er ihm dann eine lebendige Seele in seine Nüstern, und da ward der erste Mensch eine lebendige Seele vor Gott, seinem Schöpfer.
HG|3|65|10|0|Siehe, dieser Hauch weht noch fortwährend über und durch die ganze Erde hin, welche samt und sämtlich sich im Adam verjüngt darstellt, und erweckt allzeit zahllose lebendige Seelen für künftige Menschen.
HG|3|65|11|0|Und siehe, diese Menschen sind das Ziel des Tautröpfchens, in ihnen erst wird es befähigt, höhere Strahlen gerade auf die Weise, wie es nun bei dir der Fall ist, aufzunehmen aus der Sonne des ewigen Lebens, welches von keiner Wesenreihe mehr eingesogen wird.
HG|3|65|12|0|Also ist die ganze Erde wie ein Mensch, und ihr Bestand sind die Seelen, die einst schon, mit Meinem Geist gebunden, da waren. Aber sie hielten die Probe noch nicht, darum werden sie nun neu im großen Mutterleib der Erde ausgezeitigt und sodann erweckt zum neuen Leben durch Meinen Hauch.
HG|3|65|13|0|Solches wirst du wohl kaum verstehen, aber es ist solches auch zum Leben nicht vonnöten.
HG|3|65|14|0|Willst du aber Näheres darüber zu deinem Frommen, da hast du das Recht zu fragen. Und so frage denn, was du willst, und Ich will dich erleuchten in allen Winkeln deines Lebens! So du aber fragst, da mache nicht viele Worte! Amen.“
HG|3|66|1|1|Um die Weisheit des Herrn aufzunehmen, bedarf es der Demütigung der menschlichen Weisheit
HG|3|66|1|1|Am 27. Juni 1843
HG|3|66|1|0|Als der Lamech aber solche Worte aus dem Munde des Herrn vernommen hatte, da schlug er sich auf die Brust und sagte dann:
HG|3|66|2|0|„O Herr, jetzt ist der Lamech stumm geworden in seinem Verstand und weiß nichts mehr zu reden und zu fragen. Denn eine zu geheimnisvollste und übertiefst verborgene Sache hast Du nun berührt, in die mein Schneckenauge nimmer zu blicken vermag.
HG|3|66|3|0|Und wahrlich wahr, ich erschaudere nun vor Deiner zu endlosen Weisheitstiefe und habe daher durchaus keinen Mut mehr, Dich um etwas zu fragen! Denn Du könntest mir eine noch tiefere Antwort geben, und ich würde dann zugrunde gehen vor Dir und vor dem gesamten Volk! Daher soll Dich ein anderer nun an meiner statt um etwas fragen!
HG|3|66|4|0|Es ist zwar an und für sich das höchst Angenehmste und das Größte, von Dir, dem Schöpfer Selbst, über Deine großen Wunderschöpfungen belehrt zu werden; aber wenn Du, o Herr, das noch ganz blinde Geschöpf zu sehr auf einmal in die grellsten Strahlen Deines unendlich mächtigst stärksten Lichtes setzt, so fühlt man dann nur zu schmerzlich stark den eigenen Lichtmangel.
HG|3|66|5|0|Zu wissen, dass man gegen Dich in jeder Hinsicht ein reines Nichts ist, ist erträglich; aber solches in Deinem allermächtigst hellsten Licht zu fühlen und lebendig zu empfinden, ist unerträglich. Daher getraue ich mich nun nicht mehr, Dich um etwas Weiteres zu fragen, da ich nur zu sehr meine völligste Nichtigkeit vor Dir einsehe.“
HG|3|66|6|0|Und der Herr sagte darauf zum Lamech: „Höre, eben das ist der eigentliche Hauptgrund aber auch, warum Ich dir nun tiefst verborgene Dinge kundtue, dass du dadurch so recht vom ganzen Herzen sollst gedemütigt werden und alle deine Weisheit und Einsicht gefangen nehmen und sie Mir zu Füßen legen!
HG|3|66|7|0|Denn solange du noch auch nur mit einem allerkleinsten Fünkchen eigener Weisheit prunken möchtest, kannst du nicht in Meine Weisheit eingehen; und gäbe Ich sie dir wie aufgedrungen, so würde sie dich zerstören und vernichten, gleich wie da ein entzündetes Steinsalz alles zerstört, was es umschließt.
HG|3|66|8|0|Daher musst du eher ganz ätherisch gereinigt vor Mir stehen in deiner Demütigung, bis du fähig wirst, Mein Licht in dir zu ertragen.
HG|3|66|9|0|Siehe, dieser Tempel ist ja der Weisheit aus Mir erbaut; aber er konnte eher nicht erbaut werden auf dieser lichten Höhe, als bis er gereinigt ward von allem unsauberen Geschmeiß.
HG|3|66|10|0|Geradeso aber kann auch Mein lebendiger Tempel Meiner Weisheit nicht eher in dir errichtet werden, bis du nicht völlig gereinigt hast deinen eigenen Weisheitsberg in dir.
HG|3|66|11|0|Frohlocke daher, wenn dich Mein Licht zu drücken anfängt, denn da bist du nahe daran, all das Deine Mir zu übergeben und dafür das Meine in dir aufzunehmen!
HG|3|66|12|0|Siehe, es geht mit dieser Sache des Geistes nahe gerade also wie mit den Zähnen, welche so ganz eigentlich das Symbol der Weisheit sind:
HG|3|66|13|0|Die Milchzähne, die das Kind mit Schmerzen überkam, müssen wieder etwas schmerzlich vertilgt werden, wenn die starken Manneszähne kommen; denn diese waren nur die Wegmacher für die Manneszähne.
HG|3|66|14|0|Also muss aber auch alle deine frühere Weisheit aus dir, bis du dann erst die Meinige, ewig mächtige in dir aufnehmen kannst.
HG|3|66|15|0|Und so denn kannst du schon fragen voll Mut und dich demütigen in Meinem Licht, auf dass du dadurch fähig wirst, Mein reinstes Licht in dir aufzunehmen! Ich sehe aber, dass du Mich recht wohl verstanden hast; so getraue dich denn auch wieder, Mich um etwas zu fragen! Frage aber, um was du willst, und Ich werde dir antworten! Amen.“
HG|3|67|1|1|Über das Böse und dessen Verhältnis zum Herrn und den Geschöpfen
HG|3|67|1|1|Am 30. Juni 1843
HG|3|67|1|0|Nach dieser überaus tief und lebendig belehrenden Rede des Herrn bekam der Lamech wieder Mut und sagte zum von ihm nun über alles geliebten Herrn:
HG|3|67|2|0|„O Herr und allerheiligster Vater, wenn es also ist, da will ich Dich ja fragen mein Leben lang, und es wird mir nicht mehr bange werden, so Du, um mich zu demütigen, mir noch so tiefe Antworten darüber erteilen möchtest!
HG|3|67|3|0|Und so habe ich denn nun auch schon wieder eine meines Erachtens gar tüchtige Frage in Bereitschaft! Willst Du, o Herr, sie vernehmen, da möchte ich sie sogleich losgeben!“
HG|3|67|4|0|Und der Herr sagte zu ihm ganz sanften Tones: „Warum willst du denn allzeit eine dreifache Erlaubnis, bevor du dich zu reden getraust?
HG|3|67|5|0|Ich sage dir, rede! Denn in Meiner Rede habe Ich es dir ja gesagt, dass du fragen kannst, um was du nur immer willst, und Ich werde dich darüber erleuchten! Wozu sollte da noch eine zweite und dritte Erlaubnis vonnöten sein? Also rede, wie dir das Herz und die Zunge gewachsen ist!“
HG|3|67|6|0|Diese Worte öffneten dem Lamech völlig den Mund, und er kam mit folgender Frage zum Vorschein und sprach:
HG|3|67|7|0|„Herr, Du warst von Ewigkeit her vollkommen und endlos überaus gut in Deinem Sein, und das durch Dein ganzes Wesen, und außer Dir war ewig in Deiner ganzen Unendlichkeit nichts als nur Du allein.
HG|3|67|8|0|Als Du aber wolltest Engel, Himmel und Welten und Menschen erschaffen, da bedurftest Du keines Stoffes, sondern Dein allmächtiger Wille, verbunden mit Deinen allerweisesten, heilig-erhabensten Ideen und Gedanken, war allein allzeit und wird ewig sein der Grund Deiner ganzen unendlichen Schöpfung.
HG|3|67|9|0|Da ich mir aber doch unmöglich denken kann, dass in Dir je eine arge Idee oder gar irgendein nur dem Anschein nach böser Gedanke stattgefunden hat, so möchte ich denn doch erfahren von Dir, woher denn so ganz eigentlich das Böse des Satans und somit auch das Arge und Schlimme in uns Menschen kam. Woher die Sünde? Woher der Zorn, woher die Rache, woher die Herrschsucht, und woher die Hurerei?“
HG|3|67|10|0|Und der Herr erwiderte darauf dem Lamech: „Mein lieber Lamech, diese deine Frage klingt zwar wie eine großartig weise; aber Ich sage dir, sie ist sehr menschlich.
HG|3|67|11|0|Ich will dir aber dennoch eine Antwort darauf geben und lösen deine Frage, obschon du heimlich meintest, Mir eine Frage dadurch zu geben, mit deren Beantwortung es Mir Selbst ein wenig bedenklich gehen möchte, und so höre denn:
HG|3|67|12|0|In Meinem Angesichtsbündel gibt es durchaus nichts Böses, sondern nur Unterschiede in der Wirkung Meines Willens; und dieser ist in der Hölle wie im Himmel, im Schaffen wie im Zerstören gleich gut.
HG|3|67|13|0|Aber im Angesichtsbündel der Geschöpfe ist nur eines als gut zu betrachten und zu stellen, das heißt, der Verhältnisteil der Bejahung allein nur ist als gut zu stellen, unter dem das Geschöpf bestehen kann neben Mir und in Mir, und das ist der erhaltende oder stets schaffende Teil aus Mir, – der auflösende oder zerstörend herrschende mächtige Teil aber als böse im Anbetracht des Geschöpfes, weil es im selben neben Mir und in Mir nicht als existierbar gedacht werden kann.
HG|3|67|14|0|In Mir also ist das Ja wie das Nein gleich gut, denn im Ja schaffe Ich, und im Nein ordne und leite Ich alles.
HG|3|67|15|0|Aber fürs Geschöpf ist nur das Ja gut und böse das Nein, und das so lange, bis es nicht völlig eins im Ja mit Mir geworden ist, allda es dann auch im Nein wird bestehen können.
HG|3|67|16|0|Sonach gibt es für Mich keinen Satan und keine Hölle; wohl aber im Anbetracht seiner selbst und der Menschen dieser Erde, weil es sich hier um die Bildung Meiner Kinder handelt.
HG|3|67|17|0|Es gibt noch zahllose andere Welten, auf denen man den Satan nicht kennt und somit auch das Nein nicht, sondern allein nur das Ja in seinen Verhältnissen.
HG|3|67|18|0|Siehe, so stehen die Dinge! Die Erde ist eine Kinderstube, und so gibt es auf ihr auch allzeit viel Geschrei und blinden Lärm; aber Ich schaue das mit anderen Augen an als du, ein Mensch dieser Erde.
HG|3|67|19|0|Verstehst du solches? Rede, wie viel davon du verstehst! Amen.“
HG|3|68|1|1|Die Grenzen der Allmacht Gottes. Wie die Klüfte zwischen Gott und seinen Geschöpfen und Kindern überwunden werden
HG|3|68|1|1|Am 1. Juli 1843
HG|3|68|1|0|Der Lamech aber erwiderte auf diese lehrreiche Antwort des Herrn: „O Herr, Du allerbester, heiliger Vater! Wenn es auf mein Verständnis ankäme, so gäbe es da über diesen Punkt, das heißt für mich, noch gar vieles zu fragen!
HG|3|68|2|0|Aber da ist ja der Henoch und mein Namensgefährte aus der Höhe; diese haben Dich, o heiliger Vater, sicher besser verstanden als ich und werden mir daher, so es nötig sein sollte, bei irgendeiner Gelegenheit schon das Notwendigste mitteilen darüber.
HG|3|68|3|0|Und so habe ich meine Unwürdigkeit vor Dir, o Herr, zu reden, erschaut und will mich nicht mehr getrauen, Dich weiter darüber zu fragen; nicht aber etwa Deiner endlosen Weisheit halber, sondern weil Du heilig bist, überheilig.
HG|3|68|4|0|Ich empfand aber solches anfangs nicht so sehr; aber da ich mich in Deiner Weisheit so recht vom Grunde aus gedemütigt habe, so fällt mir nun Deine endlose Heiligkeit auf, und ich bin von ihrer göttlichen Schwere gedrückt bis in den allertiefsten und allerfinstersten Abgrund!“
HG|3|68|5|0|Hier verstummte der Lamech im Ernst, denn er hatte während der Rede des Herrn erst so recht vom Grunde des Grundes zu fühlen und somit lebendig einzusehen angefangen, was Gott ist in Seinem Wesen, und was dagegen der geschaffene Mensch in dem seinigen.
HG|3|68|6|0|Und er bedachte bei sich, wie so ganz und gar in allen Teilen der Mensch abhängt von Gott und aus eigener Kraft nicht einmal imstande ist, auch nur einen Atemzug zu tun, geschweige erst einen freien Gedanken in sich zu schöpfen, und bedachte aber auch dabei noch hinzu, dass eben dieser allmächtige, heilige, ewige Gott nun an seiner Seite sich befindet und mit ihm redet.
HG|3|68|7|0|Daher ward er denn auch so sehr betroffen und gedemütigt, dass er sich darum nicht mehr weiter zu reden getraute.
HG|3|68|8|0|Aber der Herr merkte gar bald solche Verlegenheit Lamechs und sagte darauf zu ihm: „Höre Mich an, Mein Sohn Lamech! Kann Ich denn etwas darum, dass Ich Gott von Ewigkeit bin, lebendig aus Mir Selbst, und du ein Geschöpf aus Mir? Ist es möglich wohl, dieses Verhältnis zu ändern? Kannst du ein ewiger Gott und Ich dein Geschöpf werden? Siehe, das sind Dinge, die auch Mir unmöglich sind!
HG|3|68|9|0|Ich so wenig als du werden ewig je imstande sein, diese Ordnung umzukehren; denn wäre es möglich, dass Ich Mich herabwinden könnte zu einem puren Geschöpf, so würde im Augenblick, als Ich die ewige Gottheit ablegte, um sie dir einzuräumen, die ganze Schöpfung samt dir zugrunde gehen bis auf das allerletzte Atom.
HG|3|68|10|0|Wenn aber solches sich ereignete, was hättest du denn von solcher Veränderung, und was bliebe Mir wohl noch übrig dann? Du wärest nicht mehr; Ich aber müsste wieder die Gottheit anziehen, und so Ich wieder Wesen um Mich haben wollte, da möchte Ich sie von neuem wieder erschaffen und dich selbst wieder ins Dasein hervorrufen, so Ich doch sicher wollte, dass du seiest an Meiner Seite.
HG|3|68|11|0|Ich meine aber, du wirst solches nun einsehen, was da möglich und was da unter den Bedingungen Meiner ewigen Ordnung unmöglich ist, und wirst auch einsehen, dass Ich als der ewig unwandelbare Gott sicher alles Mögliche aufbiete, um Mich Meinen Geschöpfen und aus ihnen hervorgehenden Kindern also zu nahen und alle Klüfte zwischen Mir und ihnen so sehr auszufüllen, dass sie mit Mir wie mit ihresgleichen umgehen können und können von Mir Selbst lernen ihre ewige lebendige Bestimmung, in welcher dann zwischen Mir und ihnen bloß nur ein moralischer Unterschied obwalten sollte, demzufolge sie aber eben zu vollkommen eigenen Herren in Mir und neben Mir sein sollten ewig.
HG|3|68|12|0|Wenn die Sache sich aber doch notwendigst also verhält, da sehe Ich denn schon wieder nicht ein, wie und warum du vor Meiner notwendigen Gottheit also sehr erbebst, dass dir darob die Zunge den Dienst versagt!
HG|3|68|13|0|Lasse das beiseite, das nicht taugt für Vater und Kind, sondern plaudere, was dir einfällt, auf dass du derart ersehen möchtest, wie überaus geduldig Ich, dein Vater, allzeit bin!
HG|3|68|14|0|Lege aber nun die Hand in die Meinige, und greife, wie gut und geduldig Ich bin, und rede dann, wie dir die Zunge gewachsen ist! Amen.“
HG|3|69|1|1|Das Leben des Geschöpfes ist Teil des Lebens Gottes. Die Menschen sind die ewigen Gedanken Gottes
HG|3|69|1|1|Am 3. Juli 1843
HG|3|69|1|0|Nach solcher Muteinsprechung von Seiten des Herrn bekam der Lamech ein freies Gemüt und sagte darauf:
HG|3|69|2|0|„Ja, also ist es und wird es bleiben ewig wahr, das Geschöpf kann nie ein ungeschaffener Gott, Gott aber ebenso wenig ein geschaffenes Geschöpf werden!
HG|3|69|3|0|Gott zwar lebt aus Sich ewig frei und das Geschöpf nur bedingt durch Gott und aus Gott, aber so einmal das Geschöpf da ist und lebt, so lebt es ja auch in seiner Art ein göttliches Leben, indem es doch ewig nirgends ein anderes Leben gibt als allein nur ein Leben aus Gott.
HG|3|69|4|0|So es aber ein Leben aus dem ewigen Leben Gottes ist, da kann es ja doch unmöglich selbst nicht anders als auch ewig sein.
HG|3|69|5|0|Mein Leben kann also nur ein Teilchen aus dem ewig unendlichen Leben Gottes selbst sein, sonst wäre es kein Leben; da es aber solch ein Teilchen ist, so ist es ja als solches gleich dem, von dem es ein Teilchen ist, also ewig, vor- und rückwärts betrachtet. Denn ich kann mir nicht denken, dass da in Deiner Lebensfülle ältere und jüngere Lebensteile sich vorfinden sollten.
HG|3|69|6|0|Mein Schluss ist nun der: Ich war, o Herr, ewig ein Leben in Dir, aber gebunden in Deiner endlosen Lebensfülle; Dir aber hat es in einer Periode wohlgefallen, dies mein Lebensteilchen frei aus Dir zu stellen, und so bin ich nun ein freigestelltes Lebensteilchen aus Dir für ewig, wie ich ehedem in Dir von ewig her als ein unfreies für sich, aber mit Deinem endlosen Leben völlig vereint freies Leben war!
HG|3|69|7|0|Herr und Vater, habe ich recht geurteilt; habe ich mich irgend geirrt?“
HG|3|69|8|0|Und der Herr sprach: „Nein, Lamech, diesmal ist dein Urteil vollkommen gut und wahr und richtig ausgefallen; dessen kannst du aus Meinem Munde nun vollends versichert sein.
HG|3|69|9|0|Es ist also, wie du es nun ausgesprochen hast, und so sind Ich und du schon von Ewigkeit her, – nur mit dem Unterschied, demzufolge Ich die ewige Allheit, du aber ein Teilchen dieser unendlichen Allheit in und aus Mir bist.
HG|3|69|10|0|Denn das ist sicher doch richtig, dass da eines jeden Menschen Gedanken so alt sein müssen, als wie alt er selbst ist; aber es kommt da auf den Menschen an, wann er sie denkt oder sie gewisserart frei macht in seinem Gemüt.
HG|3|69|11|0|Wenn aber solches geschieht, dann hatte sie der Mensch gewisserart geschaffen und geformt in, wie nicht selten auch werktätig aus und außer sich, und diese Gedanken stehen schon da wie freie Wesen, obschon sie noch immer an den Schöpfer gebunden sind, das heißt an den Menschen, der sie gedacht hatte.
HG|3|69|12|0|Siehe, also ist es ja auch unter uns der Fall! Ich bin der Mensch der Menschen, und ihr Menschen seid alle samt und sämtlich Meine Gedanken, also Mein Leben, weil die Gedanken, die freien Gedanken, das eigentliche Leben sind in Mir also, wie sie in euch es sind, indem ihr alle völlig nach Meinem Maße geschaffen seid!
HG|3|69|13|0|Als Meine ewigen Gedanken aber könnt ihr ja unmöglich jünger sein als Ich Selbst; und so hast du, Lamech, wie gesagt, diesmal vollkommen richtig geurteilt!
HG|3|69|14|0|Das ist somit richtig; aber es waltet hier dennoch ein großes Geheimnis ob, und dieses kündet sich gar mächtig in der Frage: Wie und auf welche Art aber kann der Schöpfer Seine Gedanken als Seine ewigen Lebensteilchen aus Sich als vollkommene, freie, sich selbst bewusste lebende Wesen hinausstellen also, dass sie sind, wie du nun bist vor Mir und kannst reden mit Mir, als wärest du ein zweiter ewiger Gott neben Mir?
HG|3|69|15|0|Lamech, siehe, bisher hast du Mich gefragt; jetzt aber frage Ich dich! Suche in dir eine Antwort auf diese Meine Frage; denn sie muss ja in dir liegen, so wie du doch sicher das Geschöpfliche in dir liegend hast! Denke nach, und antworte Mir dann! Amen.“
HG|3|70|1|1|König Lamechs Verlegenheit und das Bekenntnis seiner Torheit
HG|3|70|1|1|Am 4. Juli 1843
HG|3|70|1|0|Bei dieser Frage fing der Lamech gar gewaltig zu stutzen an und wusste nicht, wie er daran sei. Sollte er auf diese nur für den Schöpfer möglich zu beantwortende Frage in sich im Ernst eine Antwort zu suchen anfangen, oder sollte er diese so überhoch gestellte Frage nur als eine gute Demütigung ansehen, die ihm der Herr etwa darum habe zukommen lassen, weil er sich vor Ihm in der früheren Erörterung vielleicht etwas zu hoch ausgelassen habe?
HG|3|70|2|0|Zwischen diesen zwei Ideen schwärmte der Lamech eine geraume Zeit herum und blieb darum völlig stumm und somit mit der verlangten Antwort im Hintergrund.
HG|3|70|3|0|Aber der Herr merkte gar wohl, warum der Lamech schwieg, und sagte darum zu ihm: „Höre, du mein lieber Sohn Lamech! Wie lange wirst du Mich denn lassen auf eine Antwort warten?
HG|3|70|4|0|Du hast doch in deiner früheren Erörterung wahrhaft tief weise gesprochen, also zwar, dass solch eine Rede auch einem allertiefsinnigsten Cherub nicht zur Unehre gereicht hätte; und doch habe Ich vorher solches nicht verlangt von dir, sondern gab dir nur das unbedingte Recht, zu fragen.
HG|3|70|5|0|Nun aber, da Ich dir durch Meine Frage eine rechte Gelegenheit gab, deiner tiefen Weisheit einen vollkommen freien Lauf zu lassen, schweigst du wie eine Maus, so sie die Katze wittert, und magst nicht reden, was dir zu einer großen Ehre gereichen möchte.
HG|3|70|6|0|Was ist es denn? Hat dich denn dein Scharfsinn auf einmal im Stich gelassen, oder getraust du dich nicht mit der gefundenen Antwort heraus, da du etwa ihre Tüchtigkeit für dich selbst noch nicht fest verbürgen kannst?
HG|3|70|7|0|Also rede doch, damit wir aus dir erfahren, wie es dir dünkt, dass du nun daran bist!“
HG|3|70|8|0|Und der Lamech raffte sich auf diese sehr dringende Vorrede des Herrn in seinem Geist zusammen und sprach mit einer sehr verlegenen Stimme:
HG|3|70|9|0|„O Herr, nun ist es mir so klar wie die Sonne, dass Du durch Deine entsetzliche Frage eigentlich keine zu beantwortende Frage, sondern nur einen gar mächtigen Stein zum Anstoß für meine weise schimmern wollende Torheit hast legen wollen!
HG|3|70|10|0|Ich kann Dir aber, o Herr und allerliebevollster Vater, jetzt nur danken aus dem tiefsten Grunde meines Dich nun über alles, alles, alles liebenden Herzens dafür; denn ich ersah es nun und ersehe es nun stets klarer, dass ich so gewisserart mit meiner Torheit vor Dir und dem Henoch habe ein wenig glänzen wollen also, als wäre ich auch ein Weiser, von dem wenigstens der Henoch sagen müsste, dass er ein ganz gediegener Weiser sei!
HG|3|70|11|0|Aber diese Deine heilige Frage hat mir meiner Torheit Fülle gezeigt, und ich bitte Dich darum um Vergebung dieser meiner großen Torheit wegen und bitte Dich auch, dass Du, o lieber, heiliger Vater, da Du schon solch eine heilige Frage gestellt hast, sie auch allergnädigst beantworten möchtest, so die Antwort uns frommen sollte nach Deinem heiligen Willen; und sollte sie uns in ihrer Tiefe nach Deiner allerhöchst weisesten Einsicht das nicht, so werde ich Dir auch für die Nichtantwort aus der Tiefe meines Herzens zu danken auf das Lebendigste bemüht sein!“
HG|3|70|12|0|Der Herr aber erwiderte darauf dem Lamech und sagte: „Höre, Mein lieber Sohn Lamech, diese Erörterung deiner Schwäche gefällt Mir ums Unvergleichbare besser denn deine frühere über das lebenshomogene Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf, obschon sie an und für sich richtig war, da Ich es dir eingab, also zu reden, um zu bearbeiten dein Herz und dir zu zeigen, worin die wahre Weisheit besteht, nämlich in der Demut, der zufolge der Mensch einsieht, dass er aus sich völlig nichts vermag, aus Mir aber alles.
HG|3|70|13|0|Nun aber, um dich davon zu überzeugen, werde Ich dir die große Antwort in dein Herz legen, und du wirst daraus klar werden, wie der Mensch aus Mir vor Mir und aller Welt also wie aus sich zu reden vermag!
HG|3|70|14|0|Und so sei es denn, und du magst nun zu reden anfangen! Amen.“
HG|3|71|1|1|König Lamech sieht in sich, wie der Schöpfer Seine Gedanken als freie Wesen hinausstellt
HG|3|71|1|1|Am 5. Juli 1843
HG|3|71|1|0|Und der Lamech fing alsbald ganz gemächlich zu reden an und sprach: „Die Frage, so ich mich etwa nicht irre, lautete also:
HG|3|71|2|0|Wie und auf welche Art aber kann der Schöpfer Seine Gedanken als Seine ewigen Lebensteilchen aus Sich als vollkommen freie, sich selbst bewusste Wesen hinausstellen also, dass sie sind, wie ich es bin nun vor Dir, o Herr, und kann reden mit Dir, als wäre ich ein zweiter ewiger Gott neben Dir?
HG|3|71|3|0|Das wäre die Frage! Diese ist richtig, das erkenne ich sonnenklar; aber die Antwort, die sehr schwere Antwort, die ist noch nicht mit der Frage ans Weltlicht getreten.
HG|3|71|4|0|Aber ich erschaue nun etwas in mir, es sind große Gedanken! Durch ein Chaos winden sie sich hervor gleich einzelnen Sternen, die da auch sich manchmal in einer stark umwölkten Nacht auf eine ähnliche Weise die Bahn brechen und dann durch die zerrissenen Wolkenklüfte gar mild und sanft herabblicken auf den finsteren Boden der Erde.
HG|3|71|5|0|O Gedanken, o Gedanken, ihr wunderlichen Kleinschöpfungen meines Geistes! Welch sonderliche Formen seid ihr? Ihr füllt mächtig meine Brust; Sterne drängen sich an Sterne und lichte Formen an Formen, und freier und freier wird es in meiner Seele!
HG|3|71|6|0|Jetzt ziehen die nächtlichen Wolken ab in meiner Brust, und dahin sie ziehen, begegnen sie gar mächtigen Lichtströmen, und die Lichtströme nehmen die abziehenden Wolken auf, und die aufgenommenen Wolken werden selbst zum Licht und gewinnen im Strom Formen, – ja gar wunderbar-herrliche Formen bekommen sie!
HG|3|71|7|0|Oh, ich sehe nun eine Lichtformenfülle in mir, die unbeschreiblich und zahllos durcheinanderwallen gleich den hellschimmernden Ephemeriden an einem schönen Sommertag, wenn die Sonne sich dem Untergang zu nähern anfängt, oder so sie aufgeht und die tiefer gelegenen Fluren zum ersten Mal mit ihren allerherrlichsten Strahlen zu begrüßen anfängt!
HG|3|71|8|0|Ja, also ersehe ich wohl die große Antwort nun in mir; aber wie möglich soll ich das aussprechen?!
HG|3|71|9|0|Aber was entdecke ich armseliger Tropf nun!? Die Formen gestalten sich ja nach meinem Wollen um!
HG|3|71|10|0|Siehe, ich will Menschen meinesgleichen, und sie werden nach meinem Wollen! Und ich sehe, wie sie sind von Lichtatom zu Lichtatom meiner Gedanken; und mein Wille hält sie in meiner eigenen Form und will, dass sie leben, und sie leben gleich mir und bewegen sich frei, weil ich es also will.
HG|3|71|11|0|Ich selbst aber erschaue mich nach meinem Wollen auch in einer ihnen vollends ähnlichen Form unter ihnen, und diese meine eigene Form spricht, was ich denke und spreche in dieser meiner ursprünglichen Größe.
HG|3|71|12|0|Und alle die anderen Formen in vollkommen menschlicher Gestalt drängen sich an diese meine Form unter ihnen und hören sie an und reden mit ihr nach der Art und Weise ihrer durch mein Wollen ihnen eingehauchten Beschaffenheit!
HG|3|71|13|0|Ich aber habe eine große Freude an diesen Formen, und mein Wille ist, sie alle zu erhalten mit meinem Willen. Diese Freude aber ist eine mächtige Liebe zu diesen Formen in mir; ich liebe sie!
HG|3|71|14|0|Und siehe, aus meiner Form aber entstürzen nun Flammen gleich Blitzen, und diese Blitze senken sich in die Brüste der vielen Formen! Die Formen aber fangen an, sich selbst zu bewegen, und beschauen sich und erkennen sich; und ich sehe sie tun miteinander allerlei, das ich nun nicht mehr will!
HG|3|71|15|0|O Herr, welch ein großes Wunder ist das nun in mir? Wenn ich nur die Antwort schon hätte!“
HG|3|71|16|0|Der Herr aber sprach zum Lamech: „Ich sage dir: du brauchst sie nicht mehr; denn du hast sie bereits schon gegeben!
HG|3|71|17|0|Also ist es, wie es du geschaut hast nun in dir, – aber freilich wohl bei Mir vollkommen realisiert, was bei dir nur vorübergehendes, flüchtiges Bild war!
HG|3|71|18|0|Doch mehr davon zu sprechen, wäre eine zwecklose Mundwetzerei, da das Geschöpf des Schöpfers Kraft wohl bildlich, aber nie reell fassen kann.
HG|3|71|19|0|Du hast aber noch eine andere Frage im Hintergrund; und so komme mit derselben zum Vorschein! Amen.“
HG|3|72|1|1|Der Schmerz als Wohltäter und Schutzwächter des Lebens. Wie man schmerzfrei leben kann
HG|3|72|1|1|Am 6. Juli 1843
HG|3|72|1|0|Da aber der Lamech solch eine neue Beheißung vom Herrn vernommen hatte, der zufolge er noch mit einer Frage kommen dürfe, obschon es im Osten schon ganz bedeutend zu tagen hatte begonnen, da ward er überfroh und brachte auch ohne vieles Entschließen folgende Frage zum Vorschein, sagend nämlich:
HG|3|72|2|0|„O Herr, Du heiliger und allerliebevollster Vater und Schöpfer aller Engel und Menschen! Siehe, das Leben auf der Erde zur Probung des Geistes wäre an und für sich ja ganz seinem erhabenen Zweck gemäß, wenn mit diesem Leben nur nicht eine höchst unangenehme Sache verbunden wäre; diese Sache aber ist die Fähigkeit für den entsetzlichen Schmerz!
HG|3|72|3|0|Warum muss denn dieser Leib schmerzfähig sein? Warum muss es mir einen Schmerz verursachen, so ich mich irgendwo anstoße, oder so ich irgendwo falle oder irgend mich schneide, kneipe oder steche? Warum müssen sich sogar öfters freie, überlästige Schmerzen im Leib entwickeln? Warum muss mich das Feuer so unerträglich brennen, und warum muss das Weib unter so großen Schmerzen gebären?
HG|3|72|4|0|Siehe, o Du lieber, heiliger Vater, das kann ich durchaus nicht billigen in der Sphäre des Lebens mit diesem meinem Erkennen und möchte darum den Grund dieser traurigen Erscheinung von Dir, dem Schöpfer, erfahren!
HG|3|72|5|0|Denn ich vermute es mit großer Zuversicht, dass das Leben des Geistes völlig schmerzunfähig ist. Darum könnte ja wohl das Leben des Leibes ebenfalls auf eine gleiche Weise völlig schmerzunfähig sein?! Hab’ ich recht oder nicht?“
HG|3|72|6|0|Und der Herr, den Lamech ganz mitleidig ansehend, sagte zu ihm: „Höre, Mein Sohn Lamech, diesmal hast du auch nicht einmal den Schein der Wahrheit und des Rechtes auf deiner Seite.
HG|3|72|7|0|Sage Mir in deinem Gemüt, wäre wohl irgendein Leben denkbar, welches da nicht empfänglich sein sollte für Eindrücke aller Art? So du keine Empfindung hättest, lebtest du dann?
HG|3|72|8|0|Ich setze aber den Fall, dass der Mensch allein nur alle Eindrücke als wohltuend empfände, etwa auf die Weise, wie den Akt der Zeugung. Würde sich da der Mensch nicht alsbald zerstören, indem er sich fortwährend stoßen, schlagen, stechen, schneiden und brennen würde, und ehe da verginge ein Jahr, wäre doch sicher vom ganzen Leib kein Glied mehr vorrätig?!
HG|3|72|9|0|Ohne alle Empfindung – weder wohltuender, noch schmerzender Art – aber ist nur der absolute Tod.
HG|3|72|10|0|Also ist der Schmerz ja des Lebens größter Wohltäter und allergetreuester Schutzwächter desselben, ohne den das Leben auf gar keine sonstige Weise als bestandbar gedacht werden könnte.
HG|3|72|11|0|Zudem ist dir ja ohnehin ein schmerzloser Leib gegeben worden! So du ihn hältst nach Meiner Ordnung und bist aufmerksam im Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen und Laufen, so wirst du dein Leben völlig schmerzlos durchbringen; und so du mäßig bist im Essen und Trinken, da wirst du auch verschont bleiben von innerem Wehe; und so du nicht zu sehr den Werken des Fleisches obliegst, da wirst du nie erfahren, was da ist ein Schmerz in den Gliedern.
HG|3|72|12|0|Der Schmerz aber ist ja das eigentlichste Attribut des Lebens, ohne den du keine Sinne hättest! Er ist die eigentliche Empfindung und die Wahrnehmung der Liebe; und so diese aus ihrer Ordnung gerät, so empfindet sie solches in der Art des Schmerzes, die Ordnung aber stets als ein überaus behagliches Gefühl.
HG|3|72|13|0|Wünsche dir daher den Schmerz nie hinweg, denn er ist deines Lebens treuester Wächter und wird einmal auch der Zusammenzieher und Sammler und völliger Retter des Lebens deines Geistes werden.
HG|3|72|14|0|Inwieweit aber auch die reinsten Geister schmerzunfähig sind oder nicht, das soll dir so geschwind als möglich ein Geist kundtun! Amen.“
HG|3|73|1|1|Zuriel beweist König Lamech die Schmerzfähigkeit des Geistes
HG|3|73|1|1|Am 7. Juli 1843
HG|3|73|1|0|Als der Herr aber solches noch kaum ausgesprochen hatte, da stand schon Zuriel strahlend vor der kleinen Tischgesellschaft im Tempel, verneigte sich bis zum Boden vor dem Herrn und sprach dann zum Herrn:
HG|3|73|2|0|„O Herr, Du großer Gott, du liebevollster, heiliger Vater und allmächtiger Schöpfer aller Geister und Menschen aus den alten Geistern Deiner Urhimmel, die allewig waren, wie Du allewig warst über allen den Himmeln der Himmel im ewig unzugänglichen Heiligtum Deines Lichtes!
HG|3|73|3|0|Du hast mich allergnädigst gerufen aus Deiner endlosen väterlichen Milde; so möchte denn auch Deine heilige Liebe mir kundtun, welch ein süßes Werk der Liebe mir nun zu verrichten bevorsteht!“
HG|3|73|4|0|Und der Herr sagte: „Zuriel, Ich kenne deine alte Treue! Siehe aber, hier an Meiner Seite ist Lamech, den du kennst; auf dass er dir aber ein rechter Bruder werde, so löse ihm den geistigen Teil seiner Frage, demzufolge er wohl wissen möchte, ob das vollkommene Leben auch im reinsten Geiste schmerzfähig ist oder nicht! Siehe, das ist der Grund, darum Ich dich gerufen habe! Und so denn zeige solches diesem Bruder nach der Art der Geister! Amen.“
HG|3|73|5|0|Als der Herr aber solches noch kaum ausgesprochen hatte, da streckte schon der Zuriel die Hand aus, legte sie auf die Brust des Lamech und sagte dann zu ihm:
HG|3|73|6|0|„Bruder, trete nach dem allerheiligsten Willen des Herrn auf eine kurze Zeit heraus aus deinem morschen Wohnhaus, und erfahre lebendig, wie es ist, das dir ein harter Glaube deucht!“
HG|3|73|7|0|Und kaum waren diese Worte vom Lamech vernommen worden, so sank dessen Leib schon wie der eines Sterbenden zurück, – sein Geist aber stand alsbald weißglänzend vor dem Zuriel.
HG|3|73|8|0|Zuriel aber ergriff alsbald dessen Hand und drückte sie mit tüchtiger Festigkeit.
HG|3|73|9|0|Der Lamech aber schrie im Geiste nun laut auf und sagte im starken Geschrei: „Aber um des Herrn willen, – was tust du mit mir? Du zerquetschst mir ja die Hand und verursachst mir einen gar entsetzlichen Schmerz!“
HG|3|73|10|0|Der Zuriel aber ließ nun alsbald des Lamechs Hand aus und sagte dann zu ihm: „Bruder, du bist nun im Geiste; denn siehe, deine Wohnung ruht ohnmächtig dort an den Stufen des Altars! Wie aber hast du einen Schmerzensruf tun können, indem du doch ehedem behaupten wolltest, dass man im reinen Geiste schmerzunfähig sei?“
HG|3|73|11|0|Und der Lamech erwiderte darauf dem Zuriel: „O Bruder, du bist ein herber Lehrer! Ist schon die Erfahrung die beste Lehrerin, so aber hätte ich es fürwahr auch auf eine ein wenig sanftere Art begriffen, dass man im Geiste noch ums Unbeschreibliche empfindlicher ist denn im Leibe!
HG|3|73|12|0|Nein, für diese Lehre könnte ich mich für alle Zukunft gar schönstens bedanken; denn die Hand brennt mich noch, als hielte ich sie im glühenden Erz! O Herr, nehme mir doch den Schmerz hinweg, sonst muss ich verzweifeln!“
HG|3|73|13|0|Der Zuriel aber hauchte die Hand Lamechs an, und dessen Schmerz war hinweg, und er befand sich mit dem vollsten Bewusstsein wieder in seinem Leib.
HG|3|73|14|0|Der Herr aber fragte darauf den Lamech, was er nun hielte von der Empfindsamkeit des Geistes.
HG|3|73|15|0|Und der Lamech erwiderte: „O Herr, gerade das Gegenteil meiner früheren Meinung!“
HG|3|73|16|0|Und der Herr erwiderte: „Mehr brauchen wir ja nicht! Wenn die Empfindung nur dem Leben angehört, so muss sie ja auch da am heftigsten sein, wo das Leben in seiner Urfülle vereint ist! Übrigens wäre ja schon im Ausdruck ‚ein gefühlloser Geist‘ der größte Widerspruch!
HG|3|73|17|0|Doch überlassen wir dem Zuriel, das Nähere kundzugeben, darum er da ist! Und so rede du, Zuriel! Amen.“
HG|3|74|1|1|Die Geheimnisse der geistigen Empfindung. Zuriel erklärt König Lamech die Kräfte des Geistes und die Eindrücke der Welt
HG|3|74|1|1|Am 10. Juli 1843
HG|3|74|1|0|Und alsbald fing der Zuriel an, folgende Worte an den Lamech zu richten, und sagte zu ihm: „Bruder Lamech im Herrn, unserem allmächtigen Schöpfer und allerheiligsten und liebevollsten Vater! Siehe, ich habe es dir zuvor, da du dich selbst im Geiste befandest, sozusagen handgreiflich gezeigt, dass der Geist eine gar mächtig starke Empfindung hat für geistige Eindrücke, welche der Erscheinlichkeit nach zwar völlig gleichen den naturmäßigen, aber nicht also der Bedeutung nach!
HG|3|74|2|0|Aber du weißt nun noch nicht, worin deine geistig schmerzliche Empfindung ihren Grund hat. Damit du aber solchen auch klärlichst erschauen magst, so will ich dir solches nach dem Willen des Herrn allergetreust kundgeben, und so höre mich denn an!
HG|3|74|3|0|Siehe, du empfindest die Eindrücke der Welt, da du lebst in ihr, entweder schmerzlich oder gar wohltuend und behaglich; schmerzlich dann, so die Eindrücke über die dir innewohnenden Kräfte zu mächtig sind, und wohltuend und behaglich dann, wenn die Eindrücke so gestellt sind, dass sie deine dir innewohnenden Kräfte nicht überbieten, sondern mit ihnen harmonisch korrespondieren.
HG|3|74|4|0|Sind die Eindrücke aber schwächer, dass sich deine Kräfte bei weitem als siegend zu ihnen verhalten, so wirst du ganz gleichgültig dieselben wahrnehmen, weil du deine dir innewohnenden Kräfte zu wenig in einem notwendig entgegentätigen Zustand wirst in Anspruch genommen finden.
HG|3|74|5|0|Denn nur in einer deinen Kräften harmonisch entsprechenden Reaktion gegen die Eindrücke von außen her liegt das behagliche Wohlgefühl, welches da auch ist das eigentliche Wesen aller Beseligung.
HG|3|74|6|0|Nun siehe, so du dem Leibe nach irgendeinen Schmerz empfindest, so empfindet denselben nicht etwa dein Leib, sondern nur dein Geist, dem da allein das Vermögen der Empfindung innewohnt.
HG|3|74|7|0|Dass du aber den Schmerz also empfindest, als möchtest du ihn empfinden in deinem Leib, das rührt daher, weil dein Geist allen deinen Leibesteilen innewohnt in vollkommen entsprechender Weise.
HG|3|74|8|0|So aber dein Geist oder dein ganz eigentliches Ich schon durch den grobmateriellen Leib so überaus stark durch äußere Eindrücke erregt werden kann, da er doch so gut als möglich von allen Seiten her bedeckt und geschützt ist, da wird er wohl noch im völlig absoluten Zustand umso mehr erregbar sein!
HG|3|74|9|0|Warum aber das? Weil der Geist im völlig absoluten Zustand in die korrespondierende Wechselwirkung mit den Grundkräften tritt und muss ihre Stärke schon von großer Ferne her – sowohl der Zeit als dem Raum nach – wahrnehmen, ohne welche Wahrnehmung er gar leicht in eine unerlösbare Gefangenschaft gelangen könnte, in der es ihm ums überaus Bedeutende noch ärger gehen dürfte, als es dir ergangen ist unter meinem Handdruck.
HG|3|74|10|0|Ist der Geist unvollkommen, also nicht völlig ausgebildet und durchgeübt in seinen Wahrnehmungssinnen, ist er noch blind und taub für die Form und Stimme der Wahrheit, da wird sein absoluter Zustand auf keinen Fall ein wünschenswerter sein, da er in solch einem Zustand all den auf ihn einstürmenden Eindrücken nicht zur rechten Zeit auszuweichen oder ihnen kräftig zu begegnen wird imstande sein.
HG|3|74|11|0|Aber freilich verhält sich die Sache mit einem vollendeten Geist ganz anders; dieser ist allzeit vereint mit Dem, – der da nun neben dir sitzt!
HG|3|74|12|0|Dieser aber bereitet des Geistes Kräfte stets so vor, dass sie allzeit wohl bemessen sind gegen alle Eindrücke und Anregungen, wodurch dann nur ein ewig seligstes Wohl-, aber nie ein Schmerzgefühl entstehen kann.
HG|3|74|13|0|Beachte diese Worte wohl, sie werden dich in die tiefsten Geheimnisse des Lebens mit der ewigen Liebe und Gnade des Herrn leiten!
HG|3|74|14|0|O Herr, ich habe Deinen Willen mit Deiner Gnade erfüllt; so lasse mich denn wieder im Frieden ziehen!“
HG|3|74|15|0|Der Herr hieß den Zuriel dann wieder ziehen, behieß aber dann den Henoch, dass er darüber auch noch einige tiefere Worte sprechen solle.
HG|3|75|1|1|Henochs Rede über das Leben des Geistes und dessen Kampf gegen die Materie
HG|3|75|1|1|Am 11. Juli 1843
HG|3|75|1|0|Als der Henoch aber solchen Wunsch vom Vater vernommen hatte äußerlich wie innerlich, da erhob er sich alsbald und fing an, vor den Lamech hintretend, also zu reden:
HG|3|75|2|0|„Bruder Lamech, gar wichtig und überaus bedeutungsvoll sind die Worte, welche da zu dir geredet hat der Geist Zuriels nach menschlicher Weise, und ich kann dir kein besseres Wort geben in dieser Sphäre!
HG|3|75|3|0|Aber ich weiß, was es ist, so der Geist spricht in menschlicher Weise; du aber weißt es nicht, da du noch an der Zunge und nicht am Geiste klebst.
HG|3|75|4|0|Und so will ich denn aus dem allerheiligsten Willen unseres gar so lieben heiligen Vaters dich von der Zunge in den Geist überheben und gar sanft übertragen, allwo du dann selbst schauen und greifen sollst können, wie das Leben im Geiste sich artet! Darum denn höre mich an in deinem Herzen!
HG|3|75|5|0|Siehe, wenn zwei Winde gegeneinanderziehen, da einer so stark ist wie der andere, so wird dadurch in der Luft das Gleichgewicht hergestellt und es herrscht dann wohltätige Ruhe auf der Erdoberfläche, die Luft wird heiter und rein, und der Sonne Strahl kann ungehindert das Land erleuchten und erwärmen mit ungetrübtem Licht.
HG|3|75|6|0|Wenn aber nach dem Gleichstand ein Wind sich unversehens verstärkt und sein Gegner schwächer wird, dann fängt alsbald der mächtigere an, gewaltig vorzudringen, und drängt und reißt dann auch sogestalt den schwächer gewordenen Wind schonungslos mit.
HG|3|75|7|0|Solange aber der schwächere Wind hie und da Versuche macht, des mächtigeren Meister zu werden, so lange auch muss er sich gefallen lassen, vom mächtigeren gedrängt, gedrückt und endlich doch besiegt zu werden; ergibt er sich aber sogleich, so hat dann alles Drängen und Drücken aufgehört, aber dadurch auch der Für-sich-Bestand des schwächeren Windes!
HG|3|75|8|0|Du sagst nun bei dir: ‚Ja, warum aber lässt der Herr solches geschehen? Ihm, dem Allmächtigen, wäre es ja doch auf die leichteste Art möglich, solchen Kampf zu verhindern!‘
HG|3|75|9|0|Da hast du wohl recht; denn bei Gott sind alle Dinge gar wohl möglich. Aber, so Er nicht zuließe, dass sich die Kräfte selbst gegenseitig ankämpften, so würden sie am Ende erschlaffen und würden dann also tot dahinliegen wie die Steine der Gebirge, welche an und für sich auch nichts sind als solche Kräfte, aber im höchsten Grad gerichtet und gebunden, und sind somit regungslos und darum vollkommen tot und haben keine Empfindung.
HG|3|75|10|0|Siehe, also ist auch das Leben des Menschen! Es weht in seinen Organen hin und her. Der Geist weht in der Materie und will dieselbe mit sich reißen; die Materie oder die Welt weht in der Materie als das Blut und die anderen feineren Säfte, und diese wehen in den Geist und wollen ihn mit sich fortreißen.
HG|3|75|11|0|Ist der Geist mächtiger als die Materie, so drängt er diese und macht sie ihm vollends dienstbar; ist aber die Materie der Sieger über den Geist, so geht der Geist unter, leidet als das Leben schwer und überaus schmerzlich, die drückende Last des Todes der Materie fort und fort tragend, und das ist dann der geistige Tod.
HG|3|75|12|0|Wäre aber der Geist in solchem Tode empfindungslos, so wäre er dadurch aber dann auch für ewig rettungslos verloren; aber die stets zunehmende schmerzliche Empfindung des Druckes zwingt ihn, sich fortwährend zu wehren und gegen die Materie anzukämpfen. Dadurch aber wird seine Kraft geübt und stets mehr gestärkt.
HG|3|75|13|0|Und so kann er durch die Länge der Zeit auch noch ein vollkommener Sieger über seine Materie werden und kann auf diese Weise in die Freiheit des ewigen Lebens gelangen, gleichwie die Materie des Steines mit der Zeit durch die in ihr ruhende und leidende Schwere erdrückt wird und wird endlich genötigt, der Schwere im aufgelösten Zustand zu weichen, allwann dann diese Kraft wieder frei wird und eins mit der allgemeinen Kraft, der da alle Materie unterworfen ist, welches auch beim Wind der Fall ist, da der Besiegte doch endlich wieder Sieger über den früheren Sieger wird.“
HG|3|76|1|1|Die natürlich-menschliche, geistig-menschliche und göttlich-menschliche Seite der Verhältnisse des menschlichen Lebens
HG|3|76|1|1|Am 13. Juli 1843
HG|3|76|1|0|Nach diesen Worten fragte der Henoch den Lamech: „Bruder Lamech, hast du wohl verstanden diese meine Worte?“
HG|3|76|2|0|Und der Lamech erwiderte: „Ja, Bruder Henoch, dem Herrn alles Lob, allen Preis und Ehre und allen Dank und alle meine Liebe! Bisher ist nichts vorgekommen in deiner Rede, das ich nicht hätte alsbald aus dem Grunde des Grundes erfassen können; sollte aber in der Hinsicht, was da betrifft die Schmerzfähigkeit des Geistes, und was der Schmerz so ganz eigentlich an und für sich ist, noch etwas zu erörtern sein, da bitte ich dich, geliebtester Bruder, dass du davon noch weiter reden möchtest, denn deine Worte sind klar und erquicken mich ungemein!“
HG|3|76|3|0|Solche Äußerung von Seiten des Lamech aber gefiel dem Herrn wie dem Henoch wohl, und der Herr behieß den Henoch, noch ferner zu reden. Und der Henoch richtete darob auch sogleich folgende Worte an den Lamech, sagend nämlich:
HG|3|76|4|0|„Lamech, mein geliebter Bruder, ein jedes Verhältnis, in dem und durch das wir so ganz eigentlich leben, hat drei Seiten: die eine ist die naturmäßig-menschliche, die andere die geistig-menschliche und die dritte die göttlich-menschliche.
HG|3|76|5|0|Die ersten zwei sind für uns erfassbar, aber die dritte ewig nie; denn sie ist unendlich, weil sie rein göttlich ist. Wir aber sind endliche Wesen und können daher unmöglich je die endlosen Tiefen und Höhen Gottes erschauen und berühren.
HG|3|76|6|0|Aus dem Grunde kann auch ein Mensch, so er weise ist aus Gott, zwei Fragen über seine eigene Wesenheit und ihre Verhältnisse beantworten; aber die dritte Frage wird er ewig nimmer beantworten. Denn ihre Beantwortung liegt in der unaussprechlichen und ewig unbegreiflichen Tiefe Gottes verborgen, und wir werden sie ewig nie völlig entziffern!
HG|3|76|7|0|Aus dem Grunde aber wird sich auch über die Schmerzfähigkeit des Geistes von unserer Seite wenig mehr erörtern lassen!
HG|3|76|8|0|Ich meine aber, wir wissen nun davon gerade so viel, als es uns zu wissen nottut; den dritten Teil aber werden wir für allzeit dem Herrn anheimstellen.
HG|3|76|9|0|Wir wissen nun aus der Erfahrung, dass der Geist als das Grundprinzip des Lebens im Menschen allein nur das Sich-selbst-Bewusstsein, somit das lebendige Gefühl und die Empfindung innehaben kann und innehaben muss, und somit auch die Schmerzfähigkeit.
HG|3|76|10|0|Haben und wissen wir aber das nun vollkommen lebendig gründlich, da haben wir aber auch vollkommen genug und können danach unser Leben gar leicht möglich also einrichten, dass wir mit der unangenehmen Schmerzfähigkeit ewig nie etwas werden zu tun haben.
HG|3|76|11|0|Was aber über diese lebendige Eigenschaft des Geistes die dritte Seite betrifft – was da ist an und für sich der Schmerz oder die Empfindung, oder was da ist in ihrem urewigen Grunde die Lebenskraft –, das, Bruder, lassen wir, wie gesagt, Dem über, dessen allerheiligste sichtbare Gegenwart uns alle nun so überhoch beseligt und belebt!
HG|3|76|12|0|Ich meine, mehr Worte darüber dürften hier wohl überflüssig sein, und so denn danken wir Ihm für das, was wir so übergnädiglich von Ihm empfangen haben und sicher noch mehr empfangen werden! Ja, also sei es ewig! Amen.“
HG|3|77|1|1|König Lamech wird vom Herrn zum Oberpriester des Bergtempels geweiht. Des Herrn stete Gegenwart auf den Stufen des Tempels
HG|3|77|1|1|Am 14. Juli 1843
HG|3|77|1|0|Als aber der Henoch diese Worte beendet hatte, und die Sonne ihrem Aufgang sich auch ganz gewaltig zu nähern anfing, da erhob sich der Lamech, ging vor den Herrn hin und fiel da auf seine Knie nieder und fing an, Ihn in aller Glut seiner Liebe anzubeten und zu danken für alle die unermesslichen Gnaden, Gaben und Erbarmungen, und bat den Herrn in aller Liebeglut seines Herzens, dass Er ja beständig bei ihm verbleiben möchte, und möchte doch nicht hinfort wieder verschwinden und unsichtbar werden.
HG|3|77|2|0|Der Herr aber erhob Sich auch und sagte darauf zum Lamech: „Stehe auf, Mein geliebter Sohn Lamech! Ich sehe nur auf dein Herz, und nicht auf deine Knie; ist dieses in der Ordnung, so ist es auch der ganze übrige Leib. Dein Herz ist aber nun in der vollkommensten Ordnung, so wird es auch dein Leib sein!
HG|3|77|3|0|Ich aber habe nun eine große Freude an dir, und so denn weihe Ich dich auch zum Oberpriester dieses Tempels ein.
HG|3|77|4|0|Durch diese Nacht hindurch habe Ich dir gezeigt die mannigfachen Grade der wahren, inneren Weisheit aus Mir, und dieser sichtbare Tempel, erbaut von deiner Einsicht und Hand, ist dadurch zu einem Tempel der Weisheit geworden, in dem sich der Mensch der Erde allzeit erinnern soll, dass Ich, der Schöpfer Himmels und der Erde, Selbst dich gelehrt habe auf dieser Stelle und habe sie dadurch gemacht und geweiht zu Stufen, auf denen der Mensch seine Nichtigkeit vor Mir erspähen soll in der völligen Ruhe seines Geistes; und hat er solches, da hat er dann in diesem Tempel Mir ein gerechtes und wohlgefälliges Opfer dargebracht, also, wie du es Mir nun aus deinem heißen Herzensgrunde dargebracht hast!
HG|3|77|5|0|Da aber nun solches alles vor deinen Augen und vor den Augen des hier anwesenden Volkes, welches mit uns zumeist die ganze Nacht hindurch gewacht hatte, geschehen ist und das Volk aber noch nicht weiß, wer Ich und woher Ich bin, so sage Ich dir nun: Wenn der Sonne erster Strahl die Kuppen der Berge zu röten anfangen wird, da trete du an die Schwelle des offenen Tempels und verkündige es dem Volk nun ganz unverhohlen, dass Ich hier weile.
HG|3|77|6|0|Und sage dann zum Volk zu solcher Kündung noch hinzu: es solle sich sammeln um den Tempel; aber niemand solle seinen Fuß in den Tempel setzen!
HG|3|77|7|0|Und Ich werde dann Selbst aus dem Tempel eine großwichtige Lehre geben dem Volk, welches Mir gefolgt ist hierher mit Liebe und großer Wissbegierde, da es Mich nicht erkannte, und Mir daher sicher noch im Geiste inniger folgen wird, so Ich von ihm erkannt sein werde!
HG|3|77|8|0|Siehe, es wird schon sehr hell im Osten; daher fasse dich auf dein erstes Mir dienendes Geschäft in diesem Tempel!
HG|3|77|9|0|Ich aber sage dir, weil du Mich gebeten hast, von nun fortan bei dir zu verweilen: Wo des Herrn getreuer Diener ist, da wird auch sein Herr nicht ferne sein; und wo die Kinder sind, da ist auch der Vater!
HG|3|77|10|0|Auf diesen Stufen wirst du Mich allzeit treffen; wirst du Mich auch nicht allzeit mit deines Leibes Augen erschauen, so wirst du Mich aber doch allezeit im lebendigen Wort vernehmen!
HG|3|77|11|0|Siehe, das ist eine große Verheißung! Gehe aber nun ans anbefohlene Werk! Amen.“
HG|3|78|1|1|König Lamech stellt dem versammelten Volk den weisen Mann als Gott vor
HG|3|78|1|1|Am 15. Juli 1843
HG|3|78|1|0|Nach solcher Beheißung begab sich der Lamech alsbald an sein anbefohlenes Werk. An die Schwelle des Tempels tretend, richtete er folgende Worte an das schon durchgehends wache Volk, sagend nämlich:
HG|3|78|2|0|„Hört mich an, ihr lieben Brüder alle, und auch ihr Schwestern alle! Eine endlose Gnade und Erbarmung von oben aus den lichten Himmeln Gottes ist wieder uns allen widerfahren!
HG|3|78|3|0|Wir alle, ja die ganze Welt wird die ganze Größe der Gnade und Erbarmung ewig nie groß genug zu schätzen, zu preisen, zu rühmen, zu loben, sie anzubeten, für sie zu danken und für sie Gott, dem Herrn, in ebenmäßiger Genüge gültige Ehre zu geben imstande sein!
HG|3|78|4|0|Brüder, ihr habt gestern unter euch gesehen und gehört den weisen Mann, und habt euch hoch verwundert über Seine hohe und tiefe Weisheit! Keiner aus euch wusste, woher dieser weise Mann kam, darum ihr denn auch verschiedentlich unter euch hin und her Frage führtet und euch niemand einen genügenden Bescheid darüber zu geben imstande war.
HG|3|78|5|0|Solches wisst ihr alle, da ihr es samt mir gar wohl erfahren habt. Wisst ihr aber jetzt wohl schon, wer der weise Mann ist?
HG|3|78|6|0|Ihr verneint solches und fragt mit gespannter Aufregung eurer Gemüter: ‚Was soll’s denn da nun auf einmal mit dem Mann, dessen große Weisheit wir über alle Maßen hoch bewundern mussten?!‘
HG|3|78|7|0|Ja, meine geliebten Brüder und Schwestern! Mit dem Mann hat es eine ganz endlos hoch wunderbarste Bewandtnis, welche für eure aufgeregten Gemüter schadlos nicht mit einem Wort ausgesprochen werden kann! Daher bitte ich euch alle, hört mich ganz ruhig an, und vernehmt das Größte, das Allerhöchste!
HG|3|78|8|0|Ihr wart zugegen, als der untere Tempel für die würdigste Aufnahme des allerhöchsten Namens Jehova ist eingeweiht und lebendig gesegnet worden, damit dadurch meine große Schande verdeckt würde, die ich an dem allerhöchsten und allerheiligsten Namen verübt hatte!
HG|3|78|9|0|Wisst ihr noch, wer Der war, der da an der Seite Henochs aus der Höhe wie ein Herold der Himmel einherzog?
HG|3|78|10|0|Ihr sagt hier gleichwohl: ‚Es war ein allerhöchster Machtbote aus den lichten Höhen Gottes!‘
HG|3|78|11|0|Wer aber war der arme Mann, der am Abend zu uns kam, den meine Diener nicht einmal in den Speisesaal einlassen wollten, und ich selbst hinausmusste, um ihn der Misshandlungen von Seiten meiner tollen Dienerschaft zu überheben und ihn dann zu führen an meinen Tisch?
HG|3|78|12|0|Ihr sagt: ‚Viele sagten, es sei Gott, der Allmächtige, Selbst gewesen; aber viele konnten solches nicht fassen und glaubten nachderhand nicht völlig, als wäre der arme Mann der wahre Gott und Schöpfer, also Jehova Selbst gewesen!‘
HG|3|78|13|0|Seht, also seid ihr fortwährend beschaffen in euren Herzen, und es ist darum nicht viel von den allerhöchsten Dingen mit euch zu reden; denn noch seid ihr lange nicht reif genug, um zu begreifen, was Gott ist, und wie Er zu uns, Seinen Geschöpfen und Kindern, kommt!
HG|3|78|14|0|Wisst aber, dass unser Gott nun wieder in dem weisen Mann zu uns kam, um uns Selbst zu suchen, zu ziehen, zu führen für Ihn und zu Ihm!
HG|3|78|15|0|Bereitet euch daher vor – Er Selbst wird Sich aus diesem Tempel offenbaren! Aber keiner aus euch setze seinen Fuß über die Schwelle; denn der Tempel ist nun heilig, da Gott der Herr Selbst denselben betritt!
HG|3|78|16|0|Wohl aber denen, die da Seine Stimme hören werden und werden sich kehren nach ihr! Amen.“
HG|3|79|1|1|Henoch und die beiden Lameche werden vom Herrn zu Grundleitern alles Volkes mit Ausnahme der Stämme des Kahin, Meduhed und Sihin ernannt
HG|3|79|1|1|Am 17. Juli 1843
HG|3|79|1|0|Auf diesen wohlbelehrenden Aufruf begab sich der Lamech wieder in die Mitte des Tempels und sagte in der größten Liebe-Ehrfurcht zum Herrn:
HG|3|79|2|0|„Heiliger Vater, siehe, wie es einem großen Schuldner vor Dir möglich ist, habe ich an die Brüder draußen Deinen allerheiligsten Willen berichtet!
HG|3|79|3|0|O Vater, nehme dieses mein unvollkommenes Werk gnädig also auf, als wäre es etwas vor Dir, und Deine ewig allerhöchste und heiligste Liebe und Weisheit verbessere meine allzeit groben Fehler vor Dir, die ich gegen Dich und gegen die armen Brüder und Schwestern noch allzeit begangen habe!“
HG|3|79|4|0|Hier unterbrach der Herr den Lamech und sagte zu ihm: „Höre, Mein Sohn Lamech, – wer wie du seine Fehler erkennt, von dem sind sie schon lange genommen, und er steht vor Mir wie ein aufgehender Morgenstern, der da ist ein hellleuchtender Bote der dem Aufgang nahen Sonne! Also bist du es nun und wirst es verbleiben fürder!
HG|3|79|5|0|Dir aber sage Ich: Du hast überaus wohl und nach Meinem Willen vollkommen geredet zu deinen Brüdern und Schwestern; daher will Ich denn alsbald hingehen zu ihnen und will Mich ihnen offenbaren als der Herr und Schöpfer Himmels und aller Welten und als der alleinig wahre und liebevollste Vater aller Meiner wahren Kinder!
HG|3|79|6|0|Geht aber auch ihr, Meine drei liebsten Söhne, mit Mir, eurem ewigen wahrhaftigen Vater, hin an die Schwelle des Tempels, und zeugt durch eure Gegenwart von Mir, wie Ich zeugen werde von euch, dass Ich Selbst euch erwählt hatte aus vielen Tausenden und habe euch gesetzt zu Grundleitern alles Volkes, das euch umgibt, in der Höhe sowohl, als auf dem Flachland!
HG|3|79|7|0|Nur drei Stämme habe Ich entführt, und diese sind Kahin, Meduhed und Sihin. Alles andere Volk aber lege Ich als der Herr und wahrster Vater in eure Hände, auf dass ihr sie leiten möchtet unverwandt auf derjenigen Bahn, die da allezeit und ewig führt zum ewigen unvergänglichen, allerfreiesten und allerseligsten Liebeleben in Meiner Liebe!
HG|3|79|8|0|Sorgt euch aber ja nicht um die drei entführten Stämme, denn auch ihnen habe Ich weise und gerechte Führer gesetzt, die ihre Völker leiten sollen hin zur Schwelle des ewigen, heiligen Wohnhauses, darin Ich allezeit ewig zu wohnen pflege in aller Macht und Kraft Meiner Liebe!
HG|3|79|9|0|O ihr Meine drei allerliebsten Zärtlinge, Ich bin euer wahrhaftiger, ewiger, heiliger, liebevollster Vater! Seht aber, wie Ich euch über alles liebe und ihr Mir lieber seid und mehr geltet als alle Himmel und Sonnen und Welten, also liebt auch ihr allzeit alle eure Brüder und Schwestern, denn sie sind ja alle Meine Kindlein also, wie ihr es seid!
HG|3|79|10|0|Seht, so lieb hab’ Ich euch, dass Ich, so es nur möglich wäre und nötig, Mein Leben von Mir lassen möchte, um es euch für ewig zu verschaffen!
HG|3|79|11|0|So denn liebt auch ihr Mich, euren guten Vater, und alle Meine Kindlein Meinetwegen, weil Ich als der Vater sie so mächtig stark liebe!
HG|3|79|12|0|Richtet sie ja nicht; denn Ich will ja auch niemanden richten, sondern jedem geben ein ewig freiestes Liebeleben. Das ist Mein Wille; diesen beachtet fortan!
HG|3|79|13|0|Nun aber folgt Mir an die Schwelle des Tempels!“
HG|3|80|1|1|Der Herr zeigt sich dem anwesenden Volk in göttlicher Majestät und väterlicher Liebe
HG|3|80|1|1|Am 18. Juli 1843
HG|3|80|1|0|Auf diese heiligen Worte des Herrn begaben sich sogleich der Henoch und die beiden Lameche mit Ihm hin an die Schwelle des Tempels.
HG|3|80|2|0|Als sie aber dort anlangten, da wurde alsbald des Herrn Gewand weißer denn frischgefallener Schnee der Hochgebirge, und Sein Angesicht, Seine Hände und Füße glänzten stärker denn tausendfaches Sonnenlicht!
HG|3|80|3|0|Als aber das Volk solche Majestät an dem früher ganz schlichten weisen Mann ersah, da fiel es urplötzlich zur Erde nieder und schrie: „O Jehova Zebaoth, erbarme Dich unser, und richte und strafe uns nicht nach Gebühr, und wie wir es noch allzeit mit unseren Gedanken, Begierden und Taten verdient hatten! Wir sind große und überschwere Sünder vor Dir! Daher schreien wir, da wir Dich erkannt hatten in Deiner endlosen Herrlichkeit und Majestät, zu Dir, o Jehova Zebaoth, um Gnade und Erbarmen!“
HG|3|80|4|0|Hier zog der Herr Sein Licht alles Lichtes in Sich und sagte dann zu der über alles erschrockenen und bebenden Menge: „Kindlein, steht auf; denn Ich, euer Gott, Schöpfer und Vater, bin ja nicht zu euch gekommen, um euch zu richten und zu strafen, sondern für euch zu erwecken die rechten Führer, die euch in eurer Schwäche leiten sollen auf den Wegen, welche da führen in das wahre Reich des ewigen Lebens! Daher steht auf, und fürchtet euch nicht vor Mir, eurem guten Vater, der euch über alles liebt!“
HG|3|80|5|0|Hier erhob sich die ganze Menge wie neu gestärkt vom Boden der Erde und sah erstaunten Blickes den Herrn an, dessen Gesicht nunmehr ohne Glanz von großer Freundlichkeit anzuschauen war und dessen Gewand von der überweißen in die himmelblaue Farbe überging, und fragte Ihn gleichsam stillschweigend: „Bist Du wohl Der, dessen endlos mächtiges Licht uns zur Erde warf; oder hast Du einen Erzengel an Deine Stelle gesetzt?“
HG|3|80|6|0|Der Herr aber öffnete wieder Seinen allerheiligsten Mund und sagte zum Volk: „O Kindlein, warum wollt ihr Mich, euren Vater, nicht lieber nach Meiner großen Liebe zu euch, als nach Meinem Licht erkennen? Ist denn die Liebe nicht mehr denn das Licht?
HG|3|80|7|0|Seht, als Ich Mich euch zeigte in Meinem Licht, da fielt ihr alle alsbald wie gerichtet auf den Boden der Erde; da Ich aber Mein Licht verhüllte und mit Meiner Liebe zu euch Mich wandte, da möchtet ihr wohl bezweifeln, ob Ich es bin, der zuvor leuchtend vor euch hintrat.
HG|3|80|8|0|Ich, eben derselbe Herr, Gott und euer aller Vater, aber sage nun zu euch, Meinen Kindlein, dass Ich durchaus kein Stellvertreter des Herrn, sondern der Herr und euer Vater Selbst bin, und zeige euch nun alles dieses an, was Ich Selbst getan habe zu eurer Beseligung lebendig im Geiste.
HG|3|80|9|0|Das aber ist es, das Ich getan habe: Ich habe unter euch gar weise Lehrer erweckt. Hört sie allezeit an, und folgt ihrem Rat im Ernst, wie im Scherz und Schmerz des Lebens, so werdet ihr Mir folgen, und Ich werde vollkommen bei euch sein leibhaftig und im Geiste in denen, die Ich nun für euch erweckt habe!
HG|3|80|10|0|Wer aus euch diese von Mir für euch Erweckten sehen und hören wird und wird folgen sogar den leisen Winken ihrer von Mir erleuchteten Augen, der wird vollkommen Mich leibhaftig sehen, hören und wird Mir folgen! Denn die Geweckten tragen Meinen Leib und Meinen Geist lebendig!
HG|3|80|11|0|Damit segne Ich euch nun alle; denn ihr werdet Mich hinfort nicht mehr sehen und hören als in denen, die Ich für euch erweckt habe.
HG|3|80|12|0|Du, Henoch, aber und du, Lamech im Tal, und du, Lamech auf der Höhe, ihr seid es, die Ich hier zu Eins mache mit Mir, auf dass ihr allezeit zeugen sollt von Mir! Mit aller Kraft und Macht Meiner Liebe rüste Ich euch aus; in dieser Kraft wirkt fortan bis zur Zeit eurer Ablöse und bis zum Übertritt von diesem Wohnhaus in das, da Ich Selbst urewig wohne. Amen.“
HG|3|80|13|0|Nach diesen Worten verschwand der Herr, und alles Volk weinte und schluchzte und betete Gott an.
HG|3|81|1|1|Das Denkmal der sieben weißen Steine auf den Stufen des Altars. Vom Ursprung des Steins der Weisen
HG|3|81|1|1|Am 20. Juli 1843
HG|3|81|1|0|Eine gute Stunde der Zeit herrschte eine große Stille unter dem Volk, wie unter den drei mit großer Macht begabten Führern.
HG|3|81|2|0|Aber nach dieser Stunde Zeit wandte sich der Lamech an den Henoch und sagte zu ihm: „Bruder Henoch, ich meine nun, da hier bereits alles nach dem Willen und nach der Ordnung des allmächtigen und allerliebevollsten Vaters und Schöpfers Himmels und der Erde bewerkstelligt worden ist, so könnten wir ja wieder in die Stadt ziehen, auf dass sich dort sogleich Anstalten möchten treffen lassen, durch welche solch allheiligste Kunde in alle übrigen Städte möchte überbracht werden!“
HG|3|81|3|0|Und der Henoch erwiderte dem Lamech: „Ja, Bruder, solches geschehe heute noch, denn das Heil und das Licht kommt nie zu früh zu den Völkern! Daher ist solche deine Sorge überaus schätzenswert, und wir wollen auch sogleich Anstalten treffen, uns alle samt und sämtlich in die Stadt zu begeben.
HG|3|81|4|0|Aber nur eines müssen wir zum sichtbaren Zeugnis für die Gegenwart des Herrn tun, auf dass sich unsere Nachkommen erinnern sollen, dass der Herr Selbst diesen Tempel für die Weisheit des menschlichen Geistes gesegnet hatte, und dieses Eine bestehe darin, dass wir sieben weiße Steine hierher schaffen – jeden von der Größe eines Menschenkopfes – und legen sie fürs unverrückbare Bleiben auf die Stufe des Altars dahin, da der Herr geruht hatte und hat uns Selbst die ganze Nacht hindurch gelehrt die wahre, innere, heilige Weisheit des Geistes zum ewigen, allerfreiesten und vollkommensten Leben.
HG|3|81|5|0|Siehe, Bruder Lamech, dieses soll noch geschehen, und wir wollen uns sodann sogleich in die Stadt in deiner überaus herrlich-guten Absicht begeben!“
HG|3|81|6|0|Als der Lamech solches vom Henoch vernommen hatte, sprang er voll Freude aus dem Tempel, berief draußen sogleich den anwesenden Mura und Cural zu sich und teilte ihnen den Wunsch Henochs mit.
HG|3|81|7|0|Diese beiden gingen sogleich an eine Stelle des Berges, daselbst eine Menge freier weißer Steine herumlagen, die da nicht alle zum Bau des Tempels sind verwendet worden, klaubten die schönsten und reinsten sieben gerechten Maßes aus und brachten sie zum Lamech hin und mit dem Lamech sodann auch in den Tempel.
HG|3|81|8|0|Als solches bewerkstelligt ward, da sagte der Henoch zum Lamech: „Siehe, wir sind jetzt unser nur fünf! Lasse aber zum Zeugnis noch zwei Männer hereintreten, und es muss dann ein jeglicher dieser Steine mit unseren sieben Namenszeichen beschrieben werden, sogestaltet er dann erst auf die Stufe des Altars gelegt wird.
HG|3|81|9|0|Ich will aber dann die Steine im Namen des Herrn anrühren, und es wird dann fortwährend eine Kraft aus diesen Steinen ausgehen, durch welche alle, die sie anrühren werden, auf eine Zeit lang die Weisheit überkommen sollen!“
HG|3|81|10|0|Solches alles geschah alsbald. Und es war dies der so ganz eigentliche Ursprung vom ‚Stein der Weisen‘, und die Kraft dieses Ortes erhielt sich nach Meinem Willen bis in die Prophetenzeit Israels; und der Berg war derselbe, auf dem selbst Saul die Prophetengabe auf kurze Zeit erhielt, und das Volk dann sagte, da er vom Berg kam: „Was ist das? Ist denn auch Saul unter den Propheten?“
HG|3|81|11|0|Als aber die Steine gelegt waren, da ward solches auch allem Volk kundgetan. Und der Lamech verkündete dann laut den Abzug; und alles begab sich dann gemach vom Berg in die Stadt zurück.
HG|3|82|1|1|Die göttliche Ordnung in Hanoch wird durch weise Erziehung erreicht
HG|3|82|1|1|Am 21. Juli 1843
HG|3|82|1|0|In der Stadt angelangt, traf der Lamech nach dem eingenommenen Morgenmahl sogleich Anstalten, durch die am selben Tag noch die Nachrichten von den großen Wunderdingen Gottes in alle die zehn anderen Städte überbracht wurden, was auch eben nicht schwer zu bewirken war, da keine dieser Städte mehr als höchstens eine kleine Tagereise von der Hauptstadt Hanoch entfernt lag und zudem auch die Wege nach einer jeden Stadt ziemlich gerade angelegt waren.
HG|3|82|2|0|Nachdem aber die Boten abgesandt wurden, da ordnete der Lamech dann durch drei Tage mit Hilfe Henochs alles in der Stadt Hanoch, bestellte Wächter für den oberen Tempel und ließ sogar eine beständige Wohnung durch den Mura und Cural etwas unterhalb des Tempels auf einem kleinen, aber für ein mäßig großes Wohnhaus dennoch hinreichend genug geräumigen Bergvorsprung erbauen, und das alles beinahe wunderbar für euch, dieser Zeit Bewohner der Erde, in denselben drei Tagen.
HG|3|82|3|0|Hanoch war nun in kurzer Frist geordnet vollkommen Meiner Ordnung gemäß, und alles Volk hatte kein anderes Gebot als allein das der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Und die Unzucht wurde als ein Übel gepredigt, durch welches ein jeder Mensch seinen Geist und somit auch all dessen Kräfte zerrüttet.
HG|3|82|4|0|Und so wurden auch noch so manche andere Übel nicht etwa durch sanktionierte Gesetze von den Lehrern im Volk ausgemerzt, sondern allein durch weise Lehren, durch welche die Lehrer den Menschen im klarsten Licht zeigten, welche üblen Folgen daraus notwendig entstehen müssen.
HG|3|82|5|0|Und mit der Zeit fand dann auch ein jeder nur etwas geistig stärker gewordene Mann, wie auch ein jedes feinere und verständigere Weib, dass da die weise Lehre der Lehrer sich in ihnen lebendig zu bestätigen anfing.
HG|3|82|6|0|Und so lebte dieses Volk eine geraume Zeit hindurch gerecht allein durch Lehre, vorerst natürlich durch Lehrer und dann aus sich selbst ohne Gesetze.
HG|3|82|7|0|Also in der weisen Erziehung lag das ganze geistige und staatliche Wohl der Menschen.
HG|3|82|8|0|Die Folge aber wird klärlich zeigen, wodurch gegen die Sündflut die Menschheit so ganz und gar von Mir abgefallen ist, dass sie dadurch nach ihrem gefangenen Willen ganz in die Gewalt des großen Lebensfeindes überging.
HG|3|82|9|0|Aber in den Zeiten nach Lamechs Umkehr war sowohl die Höhe wie die Tiefe so vollkommen, dass da kaum in den Himmeln eine bessere Ordnung rein geistig angetroffen werden dürfte, als sie damals bestand auf der Erde.
HG|3|82|10|0|Hätte sich damals auch die Schlange gefügt, so wäre die Erde wieder ins alte Paradies umgewandelt worden; aber diese gereute es bald, dass sie Meine Bedingung auch nur halbwegs annahm, und so fing sie zufolge ihres freien Willens bald wieder an, ihr altes, arges Metier zu treiben.
HG|3|82|11|0|Hatte sie eine Zeit von etwa siebenhundert Jahren die Menschen nur zum Guten geprüft, so nahmen aber dennoch nach dieser Zeit ihre Prüfungen einen ganz anderen Charakter an; diese Prüfungen wurden arg und von listig fangender Art, und die Menschheit ließ sich eigenwillig fangen! Doch die Folge wird alles dieses klärlich zeigen, daher vorderhand genug davon.
HG|3|82|12|0|Nach den drei wichtigen Tagen aber begab sich der Henoch wieder auf die Höhe und nahm diesmal den Lamech und mehrere angesehene Männer aus Hanoch mit sich, auf dass sie den Urstammvater Adam und die Urmutter Eva sollten kennenlernen; in der Tiefe ward aber unterdessen die Volksleitung dem Hored anvertraut.
HG|3|83|1|1|Das Flammenmeer in der Höhle auf dem Weg zur Bergeshöhe
HG|3|83|1|1|Am 22. Juli 1843
HG|3|83|1|0|Es schlug aber der Henoch ebenfalls wieder den Weg ein, der da schon bekanntermaßen bei der überaus verhängnisvollen Höhle vorüberzieht.
HG|3|83|2|0|Als die Karawane dort anlangte, machte der Henoch ein wenig Halt und gab mit ganz kurzen Worten dem Lamech kund, welch eine groß erstaunlichste Merkwürdigkeit ihm und seinen damaligen Gefährten in der Gegenwart des Herrn beim ersten Heimzug begegnet ist.
HG|3|83|3|0|Der Lamech erstaunte darob nicht wenig, aber sein Staunen dauerte nicht eine Minute lang, so brachen schon mit dem furchtbarsten Getöse mächtige Flammen aus der Höhle hervor.
HG|3|83|4|0|Der Lamech aber entsetzte sich darob so sehr, dass er alsbald wie besinnungslos zu Boden niederfiel.
HG|3|83|5|0|Aber der Henoch trat alsbald zu ihm hin, hob ihn auf und sagte dann zu ihm: „Aber Bruder Lamech, da siehe einmal deine Gefährten an! Diese haben doch auch dieselbe Erscheinung mit dir angeschaut, aber keiner fiel zur Erde darob! Erschraken sie anfänglich wohl auch ein wenig, so sehen sie aber dennoch jetzt diese leere Windschlägerei mit ganz gleichgültigem Gemüt an! Tue demnach, was da tun deine beherzten Gefährten!“
HG|3|83|6|0|Diese Worte brachten den Lamech wieder zur Besinnung, und er sah nun auch ganz keck in die stets zunehmenden Flammen aus der großen Höhle, welche bei hundert Mannslängen hoch und zuunterst bei siebzig Mannslängen breit war.
HG|3|83|7|0|Nach einer Zeit aber sagte der Lamech zum Henoch: „Bruder im Herrn, ich meine, wir werden geradezu einen anderen Weg einschlagen müssen, wenn wir noch heute natürlichen Ganges auf die Vollhöhe gelangen wollen; denn durch dieses stets zunehmende und stets wachsende Flammenmeer wird meines Erachtens wohl schwerlichst sich ein Weg machen lassen!“
HG|3|83|8|0|Aber der Henoch erwiderte dem Lamech und sagte: „Bruder Lamech, siehe, du kennst nicht und weißt noch nicht, welcher Natur dieser Höhlenbrand ist; ich aber kenne ihn gar wohl und seinen Grund!
HG|3|83|9|0|Siehe, in einem Augenblick müsste diese Flamme erlöschen, so wir solches nur wollten aus dem Herrn heraus! Aber eben dieser Brand muss nun noch eine Zeit von einer Schattenwende stets zunehmend fortwähren durch meinen Willen, damit fürs Erste diese gähnende Kluft zerstört werde, und fürs Zweite, dass da in dieser Flamme der erste Urheber derselben die gerechte Züchtigung finden solle! Denn du weißt nun vom Herrn aus, dass der Geist gar wohl schmerzfähig ist.
HG|3|83|10|0|Wenn aber diese Flammen in der Kürze werden ihren Doppeldienst verrichtet haben, da wird sich auch alsbald der Widerspenstling Gottes zeigen müssen, um von mir die gerechte Rüge zu empfangen und ein wirksamstes Verbot, nie wieder auf was immer für eine Art einen Wanderer am Weg mehr anzufallen!“
HG|3|83|11|0|Mit diesen Worten stellte sich der Lamech vollkommen zufrieden und sagte zum Henoch: „Höre, Bruder, wenn sich die Sachen also verhalten, dann mache ich mir nichts daraus, wenn wir auch einen vollen Tag hier an diesem, wennschon außerordentlich schauderhaften Ort zubringen müssten! Denn würde diesem Unfug nicht gesteuert, wer könnte sich da wohl je wieder wagen, einen Gang in die Höhe zu machen?“
HG|3|83|12|0|Und der Henoch sagte darauf zum Lamech: „Sei getrost, Bruder, denn soeben jetzt wird im Namen des Herrn diesem alten Unfug ein günstiges Ende gemacht! Sogleich sollst du mit eigenen Augen die denkwürdige Löse schauen! Amen.“
HG|3|84|1|1|Henoch zerstört die flammende Höhle
HG|3|84|1|1|Am 24. Juli 1843
HG|3|84|1|0|Darauf wandte sich der Henoch zu der Flamme der Höhle, hob seine Rechte auf und sprach mit gewaltiger Stimme:
HG|3|84|2|0|„Du finstere Wohnstätte des Todes, du Wohnstätte dessen, der da ist ein alter Erzfeind alles Lebens und ein allerschändlichster Verächter Gottes, du grauenhafte sichtbare Pforte, die da hinabführt in den Abgrund der Abgründe, natürlich und geistig, – dir gebiete ich, ein Knecht und ein Kind Gottes, dass du sofort zusammenstürzt bis in deinen tiefsten Abgrund, und verschüttet seist in allen deinen Klüften, Rissen, Gängen und mannigfachen Seitenhöhlungen, und dass dein alter Bewohner von dannen fliehe wie ein feiger Dieb aus dem Haus, da er gestohlen hatte!
HG|3|84|3|0|O mein Gott und mein ewig heiliger Vater! Solches geschehe nun nach Deinem allerheiligsten Willen zur künftigen Wohlfahrt Deiner Kinder auf diesem prüfenden Lehrboden der steinigten [steinigen] Erde! Amen.“
HG|3|84|4|0|Als der Henoch diese Machtworte ausgesprochen hatte, da stürzte alsbald unter dem grässlichsten Gekrache und Geknalle in dampfende Trümmer die flammende Höhle zusammen, und aus den Tiefen der Erde vernahm man noch eine geraume Zeit einen schauderhaft-dumpfen Nachhall, vom inneren Zusammensturz dieses Eingangs in den doppelten Abgrund herrührend.
HG|3|84|5|0|Auf der ganzen Erde aber war kein Punkt, auf dem die große Wirkung dieses Zusammensturzes nicht wäre wahrgenommen worden. Daher denn darob auch alle damals lebenden Menschen auf dem Erdboden in eine große, ihrem Gemüt und geistigen Leben sehr wohltuende Angst versetzt wurden; denn es wussten nur wenige Weise, was da solches zu bedeuten habe, und woher es rühre.
HG|3|84|6|0|Dieses außerordentliche Faktum aber brachte auch unseren Lamech ganz außer aller Fassung. Furcht und Schrecken hatten seine Seele ergriffen, dass er darob samt der ganzen Erde in allen Fibern und Fasern seines Lebens bebte, wie das Laub der Espe bei einem gewaltigen Sturm.
HG|3|84|7|0|Aber auch all den anderen Begleitern, bis auf den Lamech aus der Höhe, wurde es beim Anblick dieser Schauderszene trotz ihrer großen Beherztheit ganz sonderbar zumute, dass auch nicht einer den Mut hatte, sich mit dem ihnen nun zu mächtig vorkommenden Henoch in ein Gespräch einzulassen.
HG|3|84|8|0|Der Henoch aber tröstete sie alle und zeigte ihnen, und ganz besonders dem Lamech, dass so etwas zu bewirken zu rechter Zeit und am rechten Ort nach der Ordnung des Herrn jedermann die große Fähigkeit in sich trage.
HG|3|84|9|0|Nach solcher Darstellung kamen wieder alle zu sich, und da ein mächtiger Wind kam und die noch hie und da auf der zusammengestürzten Stätte aufsteigenden Dämpfe schnell hinwegtrieb und der Lamech nun den weiten, freien, festen Platz ersah, da ward er auch wieder fröhlich und heiter, und lobte und pries Gott darob, dass er dem Menschen solche Macht hatte gegeben.
HG|3|84|10|0|Aber kaum waren die Hauptspuren dieser Angst verwischt, so entstand schon wieder etwas anderes vor den Augen unserer Wanderer, welches da noch mehr als die Zerstörungsszene die Gemüter unserer Wanderer in vollen Beschlag zu nehmen anfing, und das war das bald darauf erfolgte allertrotzigste Auftreten des Satans in einer grimmigsten Gestalt.
HG|3|85|1|1|Satans Auftreten als der Feind alles Lebens in schrecklicher Gestalt
HG|3|85|1|1|Am 28. Juli 1843
HG|3|85|1|0|Als der Lamech, wie auch dessen Begleiter aber des großen Feindes alles Lebens erst so recht ansichtig wurden, als sie bemerkten seine ganz glühende, allerschauderhafthässlichste, abschreckendste Gestalt, sein noch dampfendes Haupt, das da statt der Haare Schlangen trug, welche gar heftig umherschossen und sich ums Haupt wanden und vom Haupt sich wieder gleich angebundenen Pfeilen hinausstreckten in solcher Schnelle, dass, so sie jemanden erreicht hätten, er durchbohrt worden wäre wie von einem abgeschossenen Pfeil, – da ward es dem Lamech samt seinen Begleitern im Ernst so gewaltig bange, dass sie sich darob nicht zu raten und zu helfen wussten.
HG|3|85|2|0|Der Henoch aber, da er solche eitle Furcht sah bei dem Lamech und dessen Begleitern, ließ sie geflissentlich ein wenig beben. Nach einer Zeit erst wandte er sich mit großem Ernst an den Satan und redete ihn mit folgenden Worten an:
HG|3|85|3|0|„Höre, du Feind des Herrn, unseres und deines allmächtigen Gottes! Wie ist denn dein Wille, dein Gedächtnis und dein Gehorsam gegen Gott bestellt?
HG|3|85|4|0|Was hast du verheißen in meiner Gegenwart dem Herrn, da Er dich züchtigen ließ durch des Kisehels Hand?
HG|3|85|5|0|Meinst du Allärgster, mein Gedächtnis und das Gedächtnis des Herrn ist ebenfalls so böswillig kurz, als da ist das deinige?!
HG|3|85|6|0|O du Erzfeind alles Lebens! Ich sage dir im Namen des Herrn, du irrst dich da allergewaltigst!
HG|3|85|7|0|Siehe, dies und jenes hat der Herr zu dir geredet, und du hattest Ihm eine volle Verheißung gemacht, dass du Seine Kinder nur zum Guten durch wohlgeordnete Prüfungen und Proben leiten willst!
HG|3|85|8|0|Wie aber ist im Verlaufe auch nur von wenigen Tagen deine Verheißung schon bestellt?! Gänzlich vergessen hast du deines Gottes, deines treu sein sollenden Versprechens und all der harten Züchtigung und wolltest uns darum hier verderben durch die größte Wut deines Grimmfeuers, da du doch sicher wissen musstest, wer ich bin, und wer diese meine Brüder nun sind!
HG|3|85|9|0|Aber nicht genug, dass du uns verderben wolltest durchs Feuer deines Grimms, und dass ich durch die vollste Macht Gottes in mir dich nun durch die Zerstörung dieser deiner Trugwohnung auf das Empfindlichste gezüchtigt habe, – nein, sondern du kommst abermals, in einem Zustand vor mich hintretend, als wolltest du mich samt meinen Brüdern auf einen Druck verschlingen!?
HG|3|85|10|0|O du elender Knecht deines eigenen Verderbens und Todes in dir! Gott und mir, Seinem Diener, willst du trotzen, der ich dich im Namen des Herrn doch mit einem Hauch verwehen kann, wie ein Orkan verweht eine lose, nichtige Spreu?
HG|3|85|11|0|Ich aber beschwöre dich nun durch die ewig endlose Kraft Gottes, die da nun in mir wohnt dir zur erschrecklichen Zucht, dass du mir sagst treu und wahr, was da ist deine Grundabsicht, und was alles du noch tun willst, um deine Absicht endzwecklich zu realisieren!
HG|3|85|12|0|Wo du mir aber widerspenstig wirst, da will ich dich im Namen des Herrn züchtigen, dass darob die ganze, endlose Schöpfung Gottes in allen ihren Gründen also erbeben soll, dass darob nirgends ein Steinchen ungebrochen bestehen soll, auf dass es nicht zeugen würde von solcher Tat von mir an dir! Und so rede nun!“
HG|3|85|13|0|Hier fing der Satan an zu beben und sagte: „Henoch, ich erkenne deine Macht und meine gänzliche Ohnmacht vor dir, der du bist ein Getreuer des Herrn! Erlasse mir aber das arge Geständnis samt der Züchtigung, die ich wohl verdient habe, und bestimme mir den Ort, da ich wohnen soll, um nicht schädlich zu sein den Menschen dieser Erde, und ich werde mich ja alsbald fügen deinem Ausspruch freiwillig!“
HG|3|85|14|0|Der Henoch aber bestand auf seiner Forderung und ließ nicht handeln mit sich, sondern gebot dem Satan nur umso eindringlicher, zu reden von dem, was da wäre seine Grundabsicht.
HG|3|85|15|0|Der Satan aber fing sich an zu bäumen und zu sträuben, und wollte nicht reden, das ihm der Henoch so überaus eindringlich geboten hatte.
HG|3|86|1|1|Die frevelhafte Verkehrung der Verheißungen des Herrn durch den Satan
HG|3|86|1|1|Am 29. Juli 1843
HG|3|86|1|0|Aber der Henoch horchte und sah nicht auf den Satan, sondern gebot ihm zum dritten Mal nur noch umso eindringlicher, zu reden von seiner argen Endabsicht, und was zu erreichen er durch seine große Bosheit und Arglist trachte.
HG|3|86|2|0|Der Satan aber öffnete hier alsbald den Mund und sprach: „Höre mich, du stolzer Knecht Gottes auf dem Staub ‚Erde‘ an! Ich habe die Gewalt, dem Schöpfer aller Dinge die Antwort auf jegliche Frage schuldig zu bleiben, der mir doch einen unzerstörbaren Leib von höchster Empfindung geben kann und kann mich dann stürzen zur ewigen Strafe in die entsetzlichste schmerz- und qualvollste Zentralglut Seines Zornfeuers, und du, kaum wert, ein Atom des Staubes am Staube des Staubes genannt zu werden, willst mich, dem noch die ganze sichtbare Schöpfung zu Gebote steht und stehen muss – so ich es nur will –, du willst mich zwingen, dir zu enthüllen meine Pläne, die ich schon von Ewigkeit her bei mir festgestellt habe?! O du elender Wurm des Staubes!
HG|3|86|3|0|Siehe, auf einen Wink stehen mir alle Elemente zu Gebote, und die ganze Erde ist unter Flammen oder unter Wasser begraben! Mit einem leisesten Hauch kann ich die Sonne erlöschen machen und dich versenken in eine ewige Nacht und kann dich plötzlich in den allernichtigsten Staub verwandeln, – und du wagst es, mich zu einer Antwort zwingen zu wollen, und das durch eitle Drohungen noch obendrauf?!
HG|3|86|4|0|Siehe, wenn ich in meiner endlosen Macht es für wert fände, so wärest du nun schon lange nicht mehr! Aber zu kleinlich und elend wäre es von mir, so ich mich mit derlei zu scheußlichen Nichtigkeiten abgeben möchte!
HG|3|86|5|0|Mir ist Gott Selbst zu gering und zu nichtig, als dass ich mich so weit herablassen möchte, da ich nur zu klar einsehe, wie nur gar zu schnell es mit Ihm ein Garaus wäre! Was sollte ich demnach erst mit dir, du elende Kreatur, machen?!
HG|3|86|6|0|Ich habe mit aller mir nur möglichen Herablassung zu dir gesagt, du sollest mir die Antwort erlassen und mir einen Ort anzeigen, dahin ich ziehen solle, auf dass da die schönen Kinder Gottes von meiner Prüfung verschont bleiben möchten; du aber kommst mir dafür mit einer göttlich-allmächtigen Arroganz entgegen!?
HG|3|86|7|0|Nun – warte, du stolzer, aufgeblähter Knecht Gottes! Dir will ich schon einen Meister finden, der sich deinem Gedächtnis für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten einprägen soll!
HG|3|86|8|0|Siehe, dir schwöre ich jetzt deinen sicheren Untergang; und deinen allmächtigen Gott werde ich an ein Holz anheften lassen, von dem aus Er vergeblich um Hilfe rufen wird!
HG|3|86|9|0|Und dieses Menschengeschlecht will ich gar ehestens mit Flammen und Fluten vertilgen, auf dass da keine Spur irgend mehr von selbem zu finden sei; dich aber werde ich nicht töten, auf dass du Zeuge seiest, so ich alles das tun werde, davon ich nun in meinem gerechten Grimm geredet habe!
HG|3|86|10|0|Fürwahr, alle sichtbare Schöpfung soll eher vergehen bis auf ein Atom, als bis ich nur eine Silbe von all dem werde unerfüllt lassen! Und dazu hast du mich jetzt erst veranlasst!
HG|3|86|11|0|Da hast du nun die verlangte Antwort; lerne daraus, was ich tun werde!
HG|3|86|12|0|Für jetzt aber ziehe mit deinem Geschmeiß von dannen, und verlange ja nichts mehr von mir, sonst tue ich sogleich, was ich erst in der Zeit unabänderlich tun werde!“
HG|3|87|1|1|Satans Bestrafung und Verbannung in die Mitte der Erde
HG|3|87|1|1|Am 31. Juli 1843
HG|3|87|1|0|Als der Henoch aber solche Worte vom Erzfeind des Lebens vernommen hatte, da richtete er sich auf, lobte und pries den Herrn mächtig in seinem Herzen und richtete dann folgende überaus bedeutungsvollste Worte an den Frevler an der ewig göttlichen Heiligkeit, sagend nämlich:
HG|3|87|2|0|„Höre nun, du böswilligst eigenmächtig sein wollender Frevler! Myriadenmal Myriaden von Sonnenjahren, da eines währt bei achtundzwanzigtausend Erdjahre, warst du allzeit ein allereigensinnigster, allerwiderspenstigster Abtrünnling Gottes!
HG|3|87|3|0|Was alles hatte des Herrn unendliche Liebe getan, um dich Teufel, unbehindert deiner Willensfreiheit, wieder auf den rechten Weg zu bringen!
HG|3|87|4|0|Siehe hinauf, all die zahllosen Sonnen und Welten aller Art hat der Herr deinetwegen erschaffen, auf dass du auf einer oder der anderen rückkehren sollest!
HG|3|87|5|0|Auf einer jeden Sonne und Welt hat dir Gottes endlose Erbarmung zahllose Mittel an die Hand gegeben, mit deren Hilfe du allerleichtlichst hättest rückkehren können. Nie hatte dich der Herr auch in einem allergeringsten Teil in deiner ersten äußeren Freiheit deines Willens beirrt und hatte dir nirgends gesetzt die allerleisesten Schranken!
HG|3|87|6|0|Wann immer du zu deiner vorgeblichen vorgeschützten Besserung eine neue Sonne mit vielen Erden, Monden und Dunststernen wolltest, so erschuf sie der Herr nach deinem Gefallen; ja du konntest noch allzeit spielen mit der Allmacht des ewigen Gottes!
HG|3|87|7|0|Aber wozu verwendest du alle diese an dir verschwendeten Gnaden und unaussprechlich größten Erbarmungen?! Siehe, zu nichts anderem als zur Ausführung dessen, was du nun hier geredet hattest, und was du bei unserer früheren Zusammenkunft dem Herrn Himmels und der Erde allerfrechstermaßen ohnehin ins Angesicht gesprochen hast!
HG|3|87|8|0|Nun aber höre, Satan, was der Herr nun durch meinen Mund zu dir redet:
HG|3|87|9|0|‚Unheilvollster Frevler an Meiner Liebe, Gnade, Langmut, Erbarmung, Geduld, Sanftmut, Milde und ewig unantastbaren Heiligkeit! Nun schwöre Ich, dein Herr und dein Gott, bei aller Meiner ewig endlosen Macht und Kraft, dir deinen ewigen völligen Untergang!
HG|3|87|10|0|Bis jetzt habe Ich dir noch nie ein Ziel gesetzt, sondern dir war freigestellt, Termin über Termin vor Mir zu setzen und Mich noch bei jedem weidlichst zu belügen, um nach der Belügung Mich dann noch obendrauf als einen blöden Gott voll Schwächen zu verhöhnen, als wäre Ich blind und taub und vermöchte nicht zu durchschauen deine Pläne!
HG|3|87|11|0|Nun aber bin Ich müde geworden deines alten Frevels und setze dir darum aus Mir Selbst nun ein Ziel!
HG|3|87|12|0|Du kennst das Alter Adams?! Siehe, einmal ist es schon verronnen; wann es aber noch sechsmal verrinnen wird, dann sollst du mit allen deinen Helfern und Helfershelfern den gebührenden Lohn finden im ewigen Feuer Meines Zorns!
HG|3|87|13|0|Damit du aber – so nebenbei – bis zum letzten jetzt von Mir dir gesetzten Ziel dieses Feuer verkosten sollst, so habe Ich eben jetzt ein Fünklein in die Mitte der Erde versenkt und habe darin für selbes einen Herd und um den Herd eine neue Wohnung errichtet; dahin wirst du von nun an zeitweise genötigt werden zur Probung dieses Fünkleins! Und das wird geschehen, sooft du, wie jetzt, an Mir wirst gefrevelt haben!
HG|3|87|14|0|Nun aber gebiete Ich dir, dass du in diese Wohnung fährst auf solange, als es Mir gefallen wird! Amen.‘“
HG|3|87|15|0|Hier spaltete sich die Erde bis in den Abgrund. Rauch und Flammen schlugen aus der Kluft, und mit dem grässlichsten Geheul stürzte der Satan in den Abgrund; und die Erde schloss sich wieder.
HG|3|87|16|0|Die Reisenden aber priesen und lobten Gott und setzten dann alsbald ihre Reise weiter fort.
HG|3|88|1|1|Wie ein Geist durch die Materie gefangen gehalten wird
HG|3|88|1|1|Am 1. August 1843
HG|3|88|1|0|Unterm Wege aber besprachen sich die Reisenden noch über so manches dieser schauderhaften Szene, das aber dennoch zu wenig einen allgemeinen, sondern nur einen für die damalige Zeit lokalen Wert hatte.
HG|3|88|2|0|Eine Frage, von Seiten des Lamech, an den Henoch gerichtet, als sie schon nahe die Höhe erreicht hatten, aber ist von großem Wert, wie umso mehr noch deren Beantwortung, und darf daher in diesem neuen Buch des Lebens nicht fehlen; diese wollen wir noch hier hinzugeben. Die Frage aber lautete also:
HG|3|88|3|0|„Höre mich an, du mein geliebtester Bruder Henoch in dem Herrn, unserem allerliebevollsten Vater! Siehe, der große Erzfeind Gottes und alles Lebens ist doch nur ein Geist! Wie kann dieser wohl von der Materie gehalten werden, die für ihn so gut wie gar nicht da ist? So aber ein Geist von der Materie nicht gehalten werden kann, was wird dann wohl das Einkerkern des Satans in dem Mittelpunkt der Erde für einen Nutzen haben? Wird er nicht da sein, sobald er es nur wollen wird?
HG|3|88|4|0|Ich weiß wohl, dass da des Herrn mächtiger Wille den alten Bösewicht allenthalben binden und festen kann; aber ob da neben dem allmächtigen Willen des Herrn auch noch ein materieller Kerker im Zentrum der Erde vonnöten ist, das sehe ich fürwahr nicht so ganz recht ein! Darum bitte ich dich, gebe mir darüber doch einen klaren Aufschluss!“
HG|3|88|5|0|Und der Henoch lächelte den Lamech an und sagte dann zu ihm: „Höre, du mein geliebtester Bruder, dass du solches noch nicht klar einsiehst, liegt wohl darin, weil ein jeder Mensch das am schlechtesten sieht, was ihm sozusagen gerade auf der Nase sitzt!
HG|3|88|6|0|Siehe, du bist deinem Leibe nach doch auch nur pur Materie, gleich wie da ist das gesamte Erdreich! Sage mir, ist diese nichts für deinen Geist? Kann er sich aus ihr entfernen, wann er will, auf ordentlichem Wege?
HG|3|88|7|0|Ja, der Geist kann wohl durch die Liebe zu Gott nach und nach stets mehr Meister der Materie werden, kann dieselbe durchdringen und dann in allen Teilen vollkommen tätig sein; aber verlassen kann er dieselbe dennoch nicht eher, als bis es der Herr will!
HG|3|88|8|0|Und wenn der Geist aber nach dem Willen des Herrn auch die Materie verlässt, da verlässt er sie aber dennoch nie als ein vollkommen reinster, freiester Geist, sondern er verlässt sie stets in einem neuen ätherischen Leib, den er dann ewig nie verlassen kann.
HG|3|88|9|0|Dieser ätherische Leib aber, da er auch einen gewissen Raum einnehmen muss, kann, so es der Herr will, aber gar wohl noch von der gröberen Materie festgehalten werden und kann sich von derselben nicht eher trennen, als bis es der Herr will!
HG|3|88|10|0|Warum denn? Weil die Materie an und für sich auch nichts anderes als der fixierte Wille Gottes ist und daher wohl tauglich ist, jeden Geist gefangen zu nehmen, und ist durch nichts besiegbar als allein durch die größte Demut, Selbstverleugnung und Liebe zu Gott!
HG|3|88|11|0|Verstehst du solches? Ja, du verstehst es; daher wollen wir uns nun ans Ziel begeben! Amen.“
HG|3|89|1|1|Ankunft auf der Vollhöhe. Begrüßung durch Adam
HG|3|89|1|1|Am 2. August 1843
HG|3|89|1|0|Nach kurzer Frist erreichten unsere Wanderer die Vollhöhe. Als aber der Lamech die Wohnung Adams und dann auch die Wohnungen der anderen Hauptstammkinder entdeckte, da sie ihm als solche von seinem Geist alsbald bezeichnet wurden, da fiel er alsbald auf sein Gesicht zur Erde nieder und sprach:
HG|3|89|2|0|„O Gott, Du allerheiligster Vater, welche erhabensten, von Deiner Hand selbst erbauten Wohnungen sind das!
HG|3|89|3|0|Meine Wohnung ist erbaut aus totem Lehm und Gestein und ist tot wie ihr Material und ihre Bewohner! Hier aber ist die Wohnung aus lebenden Bäumen errichtet und ist somit mit ihren lebendigen Einwohnern mitlebendig! Oh, um wie unschätzbar vieles ist doch eine solche Wohnung mehr wert, als da wert sind alle die Städte in der Tiefe!“
HG|3|89|4|0|Der Lamech hätte noch lange also geschwärmt, aber der Henoch trat zu ihm, hob ihn auf und machte ihn aufmerksam, wie soeben der Erzvater Adam mit der Erzmutter Eva aus seiner Wohnung trete, um mit Seth auf diese Höhe zu gehen und nachzusehen, ob sie sich (Henoch nämlich mit dem Lamech) noch nicht von einer Seite her nähern möchten.
HG|3|89|5|0|Als der Lamech auf diese Erklärung und Aufmerksammachung des Henoch samt seinem Gefährten das Urmenschenpaar erschaute, da ward er schwach und konnte eine Zeit lang vor lauter Ehrfurchtsschwäche kein Wort über seine Lippen bringen. Erst als der erste Ehrfurchtssturm sich so ein wenig gelegt hatte, brach er in folgende Worte aus und sprach:
HG|3|89|6|0|„O Du großer Gott, welche heilige Würde! Welch hoher Adel! Wie erhaben ist doch der erste Mensch, der ungeborene, der da ein reines Werk Deiner Hände, Deines allmächtigen Liebewillens ist!
HG|3|89|7|0|Ja, geliebtester Bruder Henoch! Wenn du mich auch nicht darauf aufmerksam gemacht hättest, so hätte es mir dennoch unmöglich entgehen können, dass dies das erste Menschenpaar der Erde ist! Die riesige Größe und die allervollkommenste Menschengestalt und das blendend-weiße hohe Alter zeugen ja überdeutlich dafür!
HG|3|89|8|0|O Bruder, ich habe viel erwartet von dem Eindruck, den der Anblick des Erzvaters in mir bewirken wird; aber wie weit sind nun alle meine Erwartungen übertroffen!“
HG|3|89|9|0|Hier blickte der Adam nach der Vollhöhe und machte einen Schrei der Freude, als er den Henoch erschaute.
HG|3|89|10|0|Alsbald eilte alles aus den Wohnungen und ging mit offenen Armen dem Henoch entgegen.
HG|3|89|11|0|Der Adam aber war diesmal trotz seines hohen Alters der Erste, der die Höhe erreicht hatte. Und als er auf der Vollhöhe beim Henoch sich befand, da umfasste er ihn mit seinen Armen, drückte ihn an seine Brust und sagte überaus bewegt:
HG|3|89|12|0|„O du mein geliebter Sohn, wie oftmal bin ich die etlichen Tage deiner Abwesenheit hindurch schon hier, deiner harrend, gewesen! Wie oftmal habe ich dich gesegnet! Daher sei mir zahllosmal willkommen!
HG|3|89|13|0|Auch du, mein Sohn Lamech, Sohn Mathusalahs, komme hierher und lasse dich segnen! Wie oft hatte dein Weib Ghemela hinabgeblickt, und wie oft gebetet, dass dich der Herr segnen und erhalten möchte! Siehe, dort von der Hütte Jareds eilt sie ja schon nahe atemlos hierher! Eile ihr doch auch entgegen, damit sie nicht so weit laufen darf, um dich zu erreichen, denn wie sie hat noch kein Weib ihren Mann geliebt!“
HG|3|89|14|0|Und der Lamech tat alsbald, was ihm Adam geraten.
HG|3|89|15|0|Darauf erst wurde der Adam der anderen Gäste ansichtig und bewillkommte sie und fragte sie seiner gewohnten Neugierde zufolge, wer und woher sie wären.
HG|3|89|16|0|Aber die Reisenden aus der Tiefe waren zu ergriffen ob des erhabenen Anblickes, als dass sie auf die Frage Adams eine Antwort zu geben vermochten. Darum beruhigte Henoch alsbald den Adam und gab ihm selbst kund, wer da seine Gefährten seien.
HG|3|89|17|0|Der Adam segnete sie dann und hieß sie ihm nun alle folgen in seine Wohnung und da zu nehmen eine Stärkung für den müden Leib. Und alles folgte ihm.
HG|3|90|1|1|Das Mahl bei Adam. König Lamechs übergroße Ehrfurcht vor den ersten Menschen
HG|3|90|1|1|Am 3. August 1843
HG|3|90|1|0|In der geräumigen Hütte Adams angelangt, war von den Dienern Seths auch schon die Stärkung von den edelsten Früchten herbeigeschafft. Die Gäste ließen sich nach der freundschaftlichen Beheißung Adams alsbald auf den Boden zu den Körben nieder, lobten und dankten Gott und aßen dann ganz wohlgemut.
HG|3|90|2|0|Der Lamech aus der Tiefe aber war nur noch zu sehr von einer zu großen Achtung gegen Adam erfüllt, darum er denn auch nicht die Heiterkeit völlig zu teilen imstande war, die sich gar bald all der anderen Gemüter bemeistert hatte.
HG|3|90|3|0|Adam aber merkte dies gar bald und fragte darum den Lamech.
HG|3|90|4|0|Und der Lamech erwiderte: „Vater, du Erster aller Menschen der Erde! Siehe, ich kann meiner übergroßen Ehrfurcht vor dir und all denen, die dich als deine ersten Kinder umgeben, nicht Meister werden!
HG|3|90|5|0|Der Gedanke: du bist der Vater Kahins, dessen Kinder und Kindeskinder alle samt und sämtlich schon lange gestorben sind, und diese – die Mutter von allen jetzt lebenden und nicht mehr lebenden Menschen! – erfüllt mein Gemüt mit stets steigender Ehrfurcht, und diese lässt mir nicht zu, so ganz ungebunden heiter zu sein, als da diejenigen es sind, die da solcher Erhabenheit sich entweder schon lange von Kindheit her angewöhnt hatten, weil sie allzeit um dich, o Vater, waren, oder die – wenn sie auch von meinem Ort sind – aber dennoch zufolge ihrer noch starken Gemütsbeschränktheit solches gar nicht in ihrer heiligen Tiefe genügend zu würdigen imstande sind!
HG|3|90|6|0|Daher vergebe mir, o Vater Adam, und du auch, allerehrwürdigste Mutter Eva, dass ich meines Gemütszustandes wegen eben nicht so heiter sein kann, wie da sind die anderen! Zudem sind alle anderen noch nie Sünder gegen Gott und gegen dich gewesen; ich aber war, vor einigen Wochen noch, ein Ungeheuer der Ungeheuer, das zu seiner Besserung aus sich gar nichts, sondern alles nur die göttliche Erbarmung getan hatte.
HG|3|90|7|0|Siehe, aus diesem Grunde kann ich wohl auch nicht mich so völlig der Freude hingeben gleich denen, die, wie gesagt, weder vor dir noch vor Gott je gesündigt haben!“
HG|3|90|8|0|Hier unterbrach der Adam die Entschuldigung Lamechs und sagte zu ihm: „Höre, mein armer Sohn meines unglücklichen ersten Sohnes Kahin! Deine Äußerung ist mir überaus lieb, wert und teuer, und ich muss dir noch obendrauf bekennen, dass ich derlei Worte noch nie von meinen Kindern vernommen habe.
HG|3|90|9|0|Aber dessen ungeachtet muss ich dir sagen, dass solche zu enorme Ehrfurcht vor mir, dem Erzvater der Menschen der Erde, ein wenig eitel ist; denn im Grunde bin ich denn doch auch nur ein Mensch gleich jedem anderen! Ob geboren oder unmittelbar von Gott erschaffen, das ist gleich; denn auch der Geborene wird im Mutterleib ebenso gut von Gott erschaffen, wie ich außer einem Mutterleib von Gott erschaffen wurde.
HG|3|90|10|0|Dass du ein Sünder warst, solches weiß jedermann auf der Höhe; dass du dich aber allgewaltigst gebessert hast durch die Gnade Gottes, solches wissen wir auch, und wie dir der Herr alles nachgelassen hatte, wissen wir. Daher denn haben auch wir dir alles um des Herrn willen vergeben, und so magst du schon heiter und fröhlich sein mit uns!
HG|3|90|11|0|Esse und trinke daher, und enthebe dich deiner Trübheit; denn ich habe dir noch sehr vieles zu zeigen hernach!“
HG|3|90|12|0|Diese Worte brachten unseren Lamech wieder zur Besinnung, und er ward darauf heiteren Mutes und konnte essen und trinken.
HG|3|91|1|1|Adam und Henoch besprechen sich über den rechten Zeitpunkt für die Vermählung des Muthael mit der Purista
HG|3|91|1|1|Am 4. August 1843
HG|3|91|1|0|Dass hier während dem Essen viele historische, auf Mich, Jehova, Bezug habende Wiedererzählungen stattgefunden haben, wo sogar unser Kenan seines Traumes wieder Erwähnung tat und der Lamech viel zu fragen bekam, braucht kaum erwähnt, noch die Sachen wieder erzählt zu werden, die ohnehin schon mehrmals erzählt worden sind.
HG|3|91|2|0|Aber dass am Schluss der Adam dem Henoch die Vermählung der Purista mit Muthael bei dieser besonderen Gelegenheit proponierte, das ist wichtig und darf hier nicht zu kurz berührt werden. Und so ging denn solches also vor sich:
HG|3|91|3|0|Nach der Mahlzeit, als alle die Gäste Adams dem Herrn ein wohlgebührlich Lob dargebracht hatten, erhob sich der Adam und sagte zum Henoch: „Höre mich an, du mein geliebtester Sohn Henoch! Siehe, in der nahe fünftägigen Zeit deines Abseins kam der Muthael, der da in der jüngsten Anwesenheit des Herrn an Ihn die Frage über das Wesen der Weiberliebe gestellt hatte und vom Herrn darob auch eine vollwichtigste Antwort erhielt, ganz befangenen Herzens zu mir und trug mir ganz umständlich die Not seiner Liebe zur Purista vor und fügte am Ende die Bitte hinzu, dass ihm das, was ihm der Herr verheißen und also auch schon völlig gegeben hatte, nicht aus irgend gewissen äußeren Rücksichten vorenthalten werden möchte, sondern man möchte sobald als nur möglich im Namen des Herrn seine Liebe segnen und ihm geben die Purista zum Weib.
HG|3|91|4|0|Siehe, mein Sohn Henoch, das hat sich ereignet hier in dieser meiner Hütte! Ich aber habe dem Muthael weder ein Ja noch ein Nein gegeben, sondern verwies ihn fürs Erste bloß auf den Herrn und dann aber auch auf deine Wiederanwesenheit.
HG|3|91|5|0|Was meinst du nun? Ist es bei dieser Gelegenheit an der Zeit, dem Muthael seine Bitte zu gewähren, oder soll das noch weiter hinausgeschoben werden?“
HG|3|91|6|0|Und der Henoch erwiderte dem Adam: „Höre, Vater, bis jetzt hat mir der Herr solches noch nicht alsobald zu tun anbefohlen; aber ich meine, wenn der Muthael den Geist meines Sohnes Lamech, des Mannes der Ghemela, annimmt und gibt uns die lebendige Versicherung, sein Weib nicht anzurühren, als bis ihm der Herr es anzeigen wird, da können wir ihm ja gleichwohl seinen Wunsch gewähren!
HG|3|91|7|0|Sieht er sich aber für die Erfüllung dieser Bedingung zu schwach, da versteht es sich von selbst, dass wir da die Sache des Herrn nicht leichtsinnig in die Hände der menschlichen Schwäche legen können.
HG|3|91|8|0|Ich meine aber, es wäre für Muthael überhaupt ratsamer, dem Herrn in keinem Ding vorzugreifen; denn der Herr prüft den gewaltig, dem Er viel geben will. Darum soll auch Muthael seine mächtige Liebe eher dem Herrn ganz aufopfern und soll neben Ihm nichts besitzen wollen und auf diese Art eher seinem Geist in Gott die vollste Freiheit verschaffen in aller Selbstverleugnung, und es wird dann der Herr ihm das Verheißene schon sicher geben, wenn es für Muthael gerade am fruchtendsten sein wird! Meinst du, Vater, in diesem Punkt nicht auch also wie ich?“
HG|3|91|9|0|Und der Adam erwiderte: „Ja, Henoch, du hast vollkommen recht, also muss es sein! Wenn er wiederkommen wird, da werde ich ihm das zur unerlässlichen Bedingung machen; und mit der Purista ist’s vorderhand noch nichts!
HG|3|91|10|0|Ja, das ist recht und ist vollkommen gemäß der göttlichen Ordnung. Nun ist aber diese Geschichte auch abgemacht; daher nichts weiter davon!
HG|3|91|11|0|Lasst uns aber nun wieder aus der Hütte treten! Der Abend wird heute herrlich sein, daher wollen wir uns alsbald hinaufmachen auf die große weiße Höhe über der Grotte und von dort aus betrachten die große Güte und Allmacht Gottes! Und so lasst uns den Weg machen! Amen.“
HG|3|92|1|1|Auf der großen weißen Höhe. König Lamech erblickt die Herrlichkeiten der Erde und preist Gott
HG|3|92|1|1|Am 5. August 1843
HG|3|92|1|0|Auf dieser großen weißen Höhe angelangt, erschauten der Lamech und seine Gefährten zum ersten Mal in ihrem ganzen Leben das Meer der Erde und konnten ihre Blicke gar nicht wegwenden von dieser großen Wasserfläche, welche sich in der weiten Ferne mit dem Himmel nach ihren damaligen Begriffen zu vereinen schien.
HG|3|92|2|0|Ja sie hätten tagelang dem Schauspiel der Wogen zugeschaut und sich ganz verloren in solcher Beschauung, wenn der Adam den Lamech nicht gestupft hätte und hätte dessen Blicke nicht auch alsbald hin auf die uns schon bekannten wasserspeienden Kegel geleitet!
HG|3|92|3|0|Als der Lamech diese erschaute, da sank er vor lauter Verwunderung beinahe zusammen und fand keine Worte, seine Gefühle auszudrücken, die sich da seiner bemächtigten. Mit tränenden Augen starrte er eine gute Stunde umher, ohne dabei nur ein Wort zu reden.
HG|3|92|4|0|Nach solcher Zeit aber fragte ihn endlich der Henoch: „Nun, Bruder Lamech, was sagst du wohl zu dieser Aussicht? Wie gefällt dir die Erde, von diesem Standpunkt aus betrachtet?“
HG|3|92|5|0|Hier fasste sich endlich der Lamech und erwiderte dem Henoch: „O du mein geliebtester Bruder, um die Gefühle, die sich meines Herzens hier bemächtigt haben, auszudrücken, müsste ich wohl mit der flammenden Sprachfähigkeit eines Seraphs und Cherubs ausgerüstet sein! Meine Zunge ist zu matt und steif dazu!
HG|3|92|6|0|Das aber, lieber Bruder, muss ich dir gestehen, dass es mir nun ordentlich bange wird ums Herz, so ich neben diesen unaussprechlichen Herrlichkeiten der Erde bedenke, dass ich dieselben in kurzer Zeit vielleicht schon werde verlassen müssen!
HG|3|92|7|0|Fürwahr, ich für meinen Teil würde mir wohl in alle Ewigkeit kein besseres und seligeres Leben wünschen und auch keine schönere Welt, als da ist diese herrliche Erde!
HG|3|92|8|0|Wohin ich nur immer meine Augen wende, tauchen ja fortwährend neue Wunder auf! Dort gegen Abend hin glüht in tausendfarbiger Pracht das wogende Meer, das wohl hier bei der Erde seinen Anfang nimmt, sich aber dann ins Unendliche des Himmels verliert! Da, so ziemlich in unserer Nähe, stehen vor uns sieben kolossale, zugespitzte Berge und treiben an das Himmelsgewölbe Wassersäulen! Diese scheinen sich an des Himmels blauer Decke zu zerschellen, und von da in zahllosen strahlenden Tropfen wie fliehende Sterne wieder zur Erde herabzufallen und dieser den Segen des Himmels zu überbringen; ja man könnte beinahe auf den Glauben kommen, die nächtlichen Sterne des Himmels nehmen da ihren Ursprung!
HG|3|92|9|0|Von allen den tausend und tausendmal tausend anderen Herrlichkeiten mag ich gar nicht reden; denn zu mannigfaltig sind sie, zu groß und zu erhaben, als dass es der menschlichen Zunge möglich wäre, sie darzustellen. Daher, o Bruder, lasse mich noch eine Zeit lange ruhig genießen diese große Wunderfülle unseres heiligen Vaters!
HG|3|92|10|0|O Du, der Du mich gestern so erhaben lehrtest Deine Weisheit und endlose Liebe, wie endlos erhaben, heilig, gut, mächtig musst Du sein, da Deine Werke solche Ehre von Dir verkünden!
HG|3|92|11|0|O Bruder Henoch, wäre Er, der heilige Schöpfer dieser Herrlichkeiten, so wie gestern unter uns, wie erginge es da unserem Herzen?!
HG|3|92|12|0|Ja, heilig, überheilig ist unser Gott Zebaoth Jehova; denn Himmel und Erde sind ja überfüllt von Seiner großen Ehre!
HG|3|92|13|0|O Vater, wer kann Dich lieben, loben und preisen nach Recht und Gebühr? Denn zu heilig, erhaben und gut bist Du!“
HG|3|92|14|0|Hier verstummte der Lamech vor Entzückung. Adam und alle anderen aber wurden selbst bis zu Tränen gerührt ob des Benehmens des Lamech und seiner Gefährten. Und der Henoch selbst lobte in seinem Herzen gewaltig Gott den Herrn, da Er Sich derer so mächtig erbarmt hatte, die da schwach und verloren waren, und hat sie so mächtig gestärkt mit Seiner Gnade.
HG|3|92|15|0|Die Gesellschaft aber verweilte noch bis zur Mitternacht auf der Höhe.
HG|3|93|1|1|Rückkehr von der weißen Höhe. Das Mahl in Adams Wohnung. Die Teilnahme an der Sabbatfeier wird jedem freigestellt
HG|3|93|1|1|Am 7. August 1843
HG|3|93|1|0|Um diese Zeit der Mitternacht aber erhob sich der Adam, segnete den ganzen Erdkreis und sagte dann zur ganzen Gesellschaft: „Hört mich an, ihr alle meine geliebten Kinder! Ich meine, nun hätten wir genug angeschaut die herrlichen Wunderwerke Gottes, und haben unsere Seele gesättigt mit der lieblichsten reinsten Kost in der großen Wunderküche des Herrn!
HG|3|93|2|0|Ihm, dem allein über alles guten, heiligen, liebevollsten Vater, sei allein alles Lob, aller Dank, alle unsere Liebe und allerhöchste Achtung und wahrste Anbetung dafür!
HG|3|93|3|0|Da aber bei dieser Gelegenheit auch unsere Glieder haben angefangen, nach allerlei Nahrung und Stärkung zu lechzen, so wollen wir denn uns bei diesem herrlichen Volllicht des Mondes auch sogleich auf den Rückweg machen und wollen uns im Namen des Herrn in meiner Wohnung laben durch Speise und Trank und dann nach dargebrachtem Lob des Herrn uns stärken durch einen erquickenden Schlaf auf den Lagern, aus duftenden Blättern bereitet!
HG|3|93|4|0|Der morgige Tag wird uns neue Genüsse im Namen des Herrn bereiten; und so denn führe uns du, Seth, hinab den besten Weg!“
HG|3|93|5|0|Der Seth tat alsbald, was der Adam gewünscht hatte, und in einer halben Stunde nach jetziger Rechnung war alles wieder gar wohlbehalten in der Hütte Adams eingekehrt, allda die Dienerschaft Seths schon lange alles in der Bereitschaft hielt, dessen der Adam auf der Höhe schon erwähnt hatte.
HG|3|93|6|0|Und die Gäste, durch die reine Gebirgsluft so recht tüchtig nach Speise hungernd gemacht, lobten Gott den Herrn und griffen dann recht wacker nach den Körben.
HG|3|93|7|0|Und da die Mahlzeit beendet war, dankten sie inbrünstig dem Herrn und legten sich dann alle, wie sie da beisammen waren, auf die duftenden Lager zur Ruhe.
HG|3|93|8|0|Am Morgen aber war der Adam gewohntermaßen der Erste auf und weckte alle die anderen.
HG|3|93|9|0|Als da alle wieder wohlgestärkt auf ihren Beinen waren, sagte der Adam zum Henoch: „Henoch, es ist heute schon wieder der Vorsabbat! Meinst du nicht, dass wir wieder die Kinder zum morgigen Fest am Tag des Herrn laden sollen?“
HG|3|93|10|0|Der Henoch aber erwiderte, sagend: „Vater, ich meine, da die Sache mehr einen eitlen als so ganz eigentlich gottesdienstlichen Anschein hat, so wollen wir mit der Einladung diesmal einhalten!
HG|3|93|11|0|Wer da kommen wird und will, der soll uns willkommen sein und soll den Segen des Sabbats empfangen; wer aber nicht frei zu kommen den Sinn hat, den wollen wir auch durchaus nicht – weder durch die Einladung, noch durch ein anderes Mittel – dazu nötigen, und jetzt schon am allerwenigsten, da es vor dem Herrn den wahrhaftigen Anschein hätte, als wollten wir uns mit unserer Volksmenge vor diesen Kindern aus der Tiefe eitel etwas zugutetun!
HG|3|93|12|0|Daher bleibe es also, wie es ist nach dem Willen des Herrn! Wer da kommen will und wird, dem soll auch der Segen werden; und für diejenigen, die da nicht kommen werden, wollen wir beten und wollen sie dem Herrn in unseren Herzen aufopfern!“
HG|3|93|13|0|Adam war mit diesem Bescheid vollkommen zufrieden und beschloss dann für diesen Tag, mit dieser ihm überaus teuer gewordenen Gesellschaft andere merkwürdige Punkte der Höhen zu besuchen, womit auch der Henoch einverstanden war.
HG|3|93|14|0|Darum ließ er auch alsbald das Morgenmahl bereiten, und als dasselbe eingenommen war, wurde alsogleich auf die Vollhöhe und von da zur bekannten Grotte der Weg eingeschlagen.
HG|3|94|1|1|Besuch der Adamsgrotte. König Lamech preist den Herrn angesichts der Schöpfungswunder
HG|3|94|1|1|Am 10. August 1843
HG|3|94|1|0|Nach dem Plan Adams in der bekannten Grotte angelangt, rief der Lamech plötzlich aus: „Um des allmächtigen Gottes willen! Was ist denn das? Ist das auch ein Werk von menschlichen Händen?
HG|3|94|2|0|Nein, nein, das können unmöglich je Menschenhände erbaut haben! Denn zu unberechenbar wahrhaft göttlich weise kunstvollst ist dieser Bau ausgeführt, dass man dabei, selbst bei genauester Durchprüfung, auf den ersten Anblick nie nur von ferne ahnen sollte können, als hätten an dieser allergroßartigsten und wahrhaft göttlich-wunderprachtvollsten Grotte auch die weisesten Menschen nur einen Finger angelegt und ein kleinstes glänzendes Steinchen daran befestigt!
HG|3|94|3|0|Das Ganze dieses großartigsten Naturtempels der Welt ist ja wie vollkommen aus einem Stück angefertigt! Man entdeckt nirgends eine Zusammenfügung, und dennoch sieht dieses wahrhafte Gottesgemäuer also aus, als wäre es aus allen Arten des Edelgesteines erbaut!
HG|3|94|4|0|Denn hier glüht eine wie aus lauter Rubinsäulen von gleicher Dicke zusammengefügte Wand gleich der herrlichsten Morgenröte; gleich daran aber, wie aus vollkommen einem Stück bestehend, erhebt sich ein himmelblau strahlender, sicher über einhundert Mannshöhen hoher riesenhafter Pfeiler! Hinter dem Pfeiler aber ist, wie ich sehe, eine kleinere Seitenkapelle; diese strahlt wie reinstes Gold, hie und da nur wie mit allerleifarbig strahlenden Sternen unterbrochen!
HG|3|94|5|0|Nein, diese Wunderpracht erstickt mir ja das Wort auf der Zunge!
HG|3|94|6|0|O Herr, was erblicke ich denn dort in der Mitte dieses weiten Farbengluttempels? Ist das nicht eine mächtig hoch emporschießende Wasserquelle? Ja, sie ist es, wunderbar großartigst erhaben, wie alles, was da unmittelbar aus den allmächtigen Händen des Schöpfers hervorgegangen ist!
HG|3|94|7|0|O Gott, o Du großer, allmächtiger Gott, wie gar nichts doch sind alle Menschen und auch alle Engel gegen Dich!
HG|3|94|8|0|Herr, Schöpfer, Gott, Vater, heilig, überheilig! Solche Werke hast Du erbaut für die undankvollsten Herzen der Menschen?!
HG|3|94|9|0|Dort am weiten Firmament strahlt die Sonne mit unbeschreiblicher Majestät und wandelt die sonst finstere Erde mit ihrem Wunderlicht in einen Himmel um!
HG|3|94|10|0|Die Nacht hindurch glühen tausendmal tausend Sterne am endlos weiten Himmel! Der liebliche Mond verkündet auch die große Ehre Gottes mit seinem stets wechselnden Licht!
HG|3|94|11|0|In welchen stets neuen Wunderformen erglühen die stets regen Wolken unter dem Firmament! Wie ist nur die Erde endlos weithin stets geschmückt und geziert mit den herrlichsten und duftendsten Blumen! Ja, wie eine eitle Braut ist sie geschmückt, und dennoch kann der Mensch Deiner, o Herr, vergessen in der Mitte von schreiendsten Wundern Deiner Vaterhand?!
HG|3|94|12|0|Wenn ein eitel törichter Mensch einer noch törichteren Maid einen Strauß zum Zeichen seiner Fleischliebe dargebracht hatte, dann erglüht sie schon vor Liebe und sieht fürder nichts als den fleischliebenden Toren nur; die ganze Schöpfung Gottes ist ihr ohne ihren Toren ein nichtig, verächtlich Ding.
HG|3|94|13|0|Aber der heilige, gute Vater hat aus Seiner endlosen Liebe die ganze Erde mit den wunderbarst erhaben-schönsten Liebesträußchen allerreichlichst geziert, hat die Sonne erschaffen für uns und die Sterne für uns und zahllose Erhabenheiten und Wunder für uns, – und dennoch können wir über dem Fleisch der Erdwürmer, die wir selbst sind, Seiner stets mehr und mehr vergessen, ja Ihn, die höchste Schönheit, die höchste Liebe und Weisheit sogar fliehen, Ihn von uns wünschen, so wir im Brand der Sünde des Fleisches stehen!
HG|3|94|14|0|O Erde, du herrliche Braut Gottes, du liebliche Mutter zahlloser Wunder Gottes! Sind wir elendesten, dümmsten Menschen wohl wert, dass du Erhabene uns trägst auf dem Boden, den täglich die allmächtige Hand Gottes schmückt?!“
HG|3|94|15|0|Hier verstummte der Lamech auf eine Zeit, und der Adam, wie auch alle die anderen fielen über den Redner her und kosten ihn mit Tränen in ihren Augen.
HG|3|94|16|0|Und der Henoch sagte: „Bruder Lamech, jetzt hast du vollkommen aus meinem Grunde geredet; also ist es! Der Mensch in seinem Fleische ist der Erde nicht wert, wenn er den Geist flieht, um nur sein Fleisch zu trösten!
HG|3|94|17|0|Rede aber nur also weiter! Ich sage dir, Jahre lang wirst du uns dadurch nicht ermüden, – und so du reden möchtest Tag und Nacht! Daher fahre nur also fort!“
HG|3|95|1|1|Auf der Höhe gilt auch wie in der Tiefe im Allgemeinen das Fleisch mehr als der Herr
HG|3|95|1|1|Am 12. August 1843
HG|3|95|1|0|Der Lamech aber, da er solch eine angenehme Beheißung vom Henoch vernommen hatte, richtete sich in seinem Gemüt auf und sprach:
HG|3|95|2|0|„O geliebtester Bruder, ich möchte ja auch reden, solange meine Kehle und Zunge eines Wortes fähig wäre; aber diese wunderbarste Erhabenheit und unbegreifliche Pracht dieses Ortes erlahmt einem Sünder, wie ich einer bin, die ganze Sprachfähigkeit, und es wird so das Reden ein saures Geschäft, so die Sprachwerkzeuge dienstunfähig sind! Daher möchte ich wohl dich bitten, dass du hier eine Rede halten möchtest, auf dass ich mich erbaute an derselben!
HG|3|95|3|0|Über die Torheit der Menschen glaube ich genug gesagt zu haben; lässt sich aber auch etwas zu ihrem Lob sagen, so öffne du darob den Mund, und tue solches kund, und mache dadurch gut mein Schmähen!
HG|3|95|4|0|Ich aber habe geredet nach meiner Erfahrung, und es ist bestimmt also, wie ich mit meinen wenigen Worten die Sache bezeichnet habe; du, o Bruder, aber wirst sicher eine andere Erfahrung haben auf der Höhe, als ich sie haben kann in der sündigen Tiefe, und so wirst du auch sicher besser als ich über die Menschheit ein gerechtes Urteil zu fällen imstande sein, und so bitte ich dich, rede du nun an meiner statt!“
HG|3|95|5|0|Und der Henoch reichte dem Lamech die Hand und sagte: „Bruder, es ist wahr, was da unsere Erfahrungen betrifft, so hast du in deiner Tiefe sicher ganz andere als ich auf meiner Höhe gemacht; aber dessen ungeachtet hast du wie für die Tiefe als auch für die Höhe im Allgemeinen richtig gesprochen, denn auch hier gilt im Allgemeinen das Fleisch mehr als der Herr Selbst!
HG|3|95|6|0|Ja, so du jemanden fragen wirst und sagen: ‚Bruder – oder Schwester –, was wohl liebst und achtest du mehr: das Fleisch oder Gott, deinen Herrn, Schöpfer und Vater?‘, da wird er dir alsbald sagen: ‚Was ist das für eine entsetzliche Frage!? Wer wohl wird je ein Fleisch mehr lieben denn Gott?! Nein, solch ein Gedanke, solch eine Frage ist ja schon eine Sünde, vor der die Erde bis in ihr innerstes Mark erbebt!‘
HG|3|95|7|0|Habe aber Acht auf seine Handlungen, auf sein Leben, so wird es sich gar bald heraustun, dass er mit der größten Freude von der Welt über gänzlich verächtlich wertlose, weltliche und fleischlich-liebliche Stoffe ganze Tage, Wochen, Monate und Jahre plaudern wird!
HG|3|95|8|0|Fängst du mit ihm aber ganz ernstlich über Gott und über rein geistige Dinge zu reden an, da wird er ein ganz verdutztes, trauriges und dazu noch überaus dummes Gesicht machen, und wirst du ihn nach solch einer stündigen Unterredung eine langweilige Miene dir zeigen sehen, die dir mit den klarsten Akzenten sagen wird:
HG|3|95|9|0|‚Freund, du bist ein entsetzlich langweiliger Mensch! Rede von etwas anderem, denn dergleichen hohe Dinge verstehe ich nicht! Und weil ich sie eben nicht verstehe, so dienen sie mir nur zur Erweckung der Langeweile, der inneren Verdrießlichkeit und der bald darauf folgenden Schläfrigkeit! Rede von einer Katze, von einem Vogel, von einer schönen Tochter (oder von einem schönen jungen Mann), und ich will dir tagelang mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhören, aber nur mit so göttlichen Dingen verschone mich, da ich sie nicht verstehe!‘
HG|3|95|10|0|Siehe, das wird dir so ein Gottesehrfürchtling freilich nicht ins Angesicht sagen; aber seine Handlungen, sein Gesicht und seine Gebärden werden es dir ins Gesicht schreien heftiger, denn da brüllt ein hungernder Löwe!
HG|3|95|11|0|Daher sollst du auch vorderhand den Unterschied zwischen deinen und meinen Erfahrungen nicht so groß machen und die Höhe so ziemlich der Tiefe gleichstellen und reden hier ohne Scheu, besonders wenn gar bald der Muthael zu uns kommen wird in einer gewissen Absicht.
HG|3|95|12|0|Nun aber wollen wir diese Grotte durchschreiten und uns von da gegen Morgen ziehen; dort sollst du die herrliche Einrichtung Gottes sehen!
HG|3|95|13|0|Aber wie gesagt, wenn dort der Muthael zu uns stoßen wird, da werde ich ihn zu dir bescheiden, und du wirst die rechten Worte finden, mit ihm zu reden! Und so geschehe es im Namen des Herrn! Amen.“
HG|3|96|1|1|Purista empfängt die Gäste. König Lamech bewundert die Schönheit der Purista
HG|3|96|1|1|Am 17. August 1843
HG|3|96|1|0|Als die Gesellschaft unter vielen Verwunderungen die Grotte durchschritten hatte und also erreicht hatte den Ausgang gen Morgen, da sprach der Henoch:
HG|3|96|2|0|„Lasst uns nun gen Morgen ziehen, auf dass der Lamech und seine Gefährten dort erschauen möchten die Herrlichkeit unseres heiligen Vaters! In der Hütte der Purista wollen wir das Mahl des Herrn halten, welches Er Selbst uns allen zu den gerechten Zeiten verordnet hat zur Stärkung unserer Liebe und dadurch unseres Geistes!“
HG|3|96|3|0|Und der Adam erwiderte: „Ja, mein Sohn Henoch, du hast wohl geredet, das wollen wir tun und wollen bei dieser Gelegenheit auch sehen, was da mit dem hochzeitlustigen Muthael zu machen sein wird!“
HG|3|96|4|0|Und der Henoch sagte darauf: „Ja, ja, Vater Adam, das wird sich bei dieser Gelegenheit ganz besonders zeigen! Aber lassen wir für hier jede weitere Bestimmung beiseite; an Ort und Stelle wird sich alles zeigen, was da zu machen sein wird! Und so denn gehen wir im Namen des Herrn!“
HG|3|96|5|0|Hier verließ die Gesellschaft die Grotte und begab sich eilends gen Morgen.
HG|3|96|6|0|Allda angelangt, eilten alsbald ganze Scharen den hohen Gästen entgegen und grüßten sie mit dem Gruß der Liebe.
HG|3|96|7|0|Die Purista aber war die Erste, welche ihren Gruß den hohen Gästen darbrachte und darauf sagte:
HG|3|96|8|0|„Erhabene Väter, große Freunde des allmächtigen Gottes, ihr kommt nun wie allezeit in großen, heiligen Absichten hierher; daher sei jetzt wie ewig mein tiefstes Lob dem heiligen, ewig liebevollsten Vater, der da wohnt in Seinem ewig heiligen Licht und, durch unsere Liebe zu Ihm uns belebend, in unserem Herzen!
HG|3|96|9|0|Seid, o liebe, erhabene Väter, mir armen Dienerin des Herrn unaussprechlichmal willkommen! Wie lechzt meine Seele nach Worten des Vaters aus dem Munde dessen, den Er als der Herr Selbst gestellt hatte zu einem wahrhaftigen Hohepriester!
HG|3|96|10|0|O kommt mit mir in die Hütte des Herrn, die Er Selbst erbaut hat durch Seinen allmächtigen Willen, und hat sie verordnet zu einer Speiseküche, allda alle Seine Kinder sollen die gerechte Stärkung zum ewigen Leben finden!
HG|3|96|11|0|Der Henoch aber, als er den ganz zerflossenen Lamech ansah, sagte zu ihm: „Nun, Bruder, wie gefällt dir diese Rednerin? Was sagst du zu ihren Worten?“
HG|3|96|12|0|Und der Lamech, sich kaum fassend ob der unbeschreiblichen himmlischen Anmut und Schönheit der Purista, sagte: „O Bruder, der Anblick des Erzfeindes bei der flammenden und zerstörten Kluft hat meiner Zunge im Augenblick der Erscheinung ein mächtiges Band angelegt; aber diese Tochter der Himmel scheint noch hemmender auf meine Sprachorgane einzuwirken! O Gott, o Gott, was doch alles meinen Augen begegnen muss!
HG|3|96|13|0|Nein, Bruder, der Anblick solch eines Himmels könnte einem armen Sünder fürwahr das Leben kosten! Solch eine Schönheit, verbunden mit solcher Liebe und Weisheit! Das ist mehr, als was ein armer Sünder in Ewigkeit wird zu fassen imstande sein!
HG|3|96|14|0|Bruder, erlasse mir für jetzt die weiteren Bestimmungen und Urteile; denn ich muss mich vorerst an diesen Anblick gewöhnen! Ist das geschehen mit der Gnade des Herrn, dann erst werde ich zu reden imstande sein; daher erlasse mir nun das weitere Reden!“
HG|3|96|15|0|Und der Henoch erwiderte ihm: „Nun gut, in der Hütte der Herrlichkeit des Herrn wird dir die Zunge schon gelöst werden; daher wollen wir nun auch alsbald in diese große Hütte treten!“
HG|3|96|16|0|Hier führte die herrliche Purista alle in die Hütte und legte frisches Holz auf den Herd der Liebe.
HG|3|97|1|1|Purista ersucht Henoch um Rat wegen Muthaels vorzeitiger Heiratslust
HG|3|97|1|1|Am 18. August 1843
HG|3|97|1|0|Da die Gesellschaft nun sämtlich in der Hütte sich befand und die Purista ihren Herd versorgt hatte, da trat sie alsbald wieder hin vor den Henoch und sprach zu ihm:
HG|3|97|2|0|„O erhabener, alleiniger, wahrer Hohepriester des allmächtigen, ewigen Gottes, der da ist unser heiliger und liebevollster Vater! Ich muss es dir mit bekümmertem Herzen erzählen, was dahier im Morgen vor sich gehen will!
HG|3|97|3|0|Du weißt es, dass letzthin der Herr, unser ewig heiligster Vater, dem Muthael eine Zusage gemacht habe, als solle ich dereinst, wann es dem Vater wohlgefallen möchte, dessen Weib werden. Nun aber geht mir der sonst weise und gerechte Muthael darum stets auf der Ferse nach und will sich von mir die sichere Zusage ernötigen!
HG|3|97|4|0|Sage ich ihm, dass er nur am Wort des Herrn halten solle und solle nicht unnötigerweise von mir eine sichere Zusage verlangen (und es wird ja ohnehin zur rechten Zeit geschehen, was da der Herr wird wollen!), siehe, da fängt er an, alsbald zu weinen und spricht:
HG|3|97|5|0|‚Ja, ja, also reden alle Jungfrauen, wenn ihnen der Bewerber nicht zu Gesichte steht!‘ Der Herr würde mich ewig nimmer zwingen, dass ich sein Weib werden solle, so ich solches nicht durch Seine Gnade aus mir selbst wollte, – und ich beschiede ihn eben darum stets an den Herrn, weil ich ihn nicht möchte, und weil ich wohl wüsste, dass der Herr mich nie zu etwas zwingen würde, das mir zuwider wäre!
HG|3|97|6|0|Siehe, das und noch mehreres anderes sind seine Worte! O gebe mir doch einen Rat aus dem Herrn, was ich da tun soll!
HG|3|97|7|0|Habe ich mich etwa gestern nicht versündigt, da ich dem beständigen leeren Plaudern und unnötigen Fragen überdrüssig, den Muthael blank abgewiesen habe und habe ihm gesagt: ‚Weil du unnötigerweise zudringlich bist und willst vor der Zeit mich zum Weib haben, so sage ich dir nun vollernstlich, dass ich gegen dich einen Widerwillen habe, und gebe dir die vollste Versicherung, dass du mich nimmer vom Herrn wirst abwendig machen! Machst du in deiner Brunst eitler Liebe zu mir als einem Geschöpf nur noch einen Schritt, so will ich dem Herrn bei diesem Herd schwören, ewig ledig zu verbleiben aus reiner Liebe zu Ihm und nimmer einen Mann der Erde anzusehen!‘
HG|3|97|8|0|Diese Worte aber haben den Muthael so sehr bestürzt, dass er alsbald sprachlos ward und sich dann weinend und schluchzend von dannen zog und ging – wie ich es merkte – schnurgerade zu euch auf die Vollhöhe.
HG|3|97|9|0|O Henoch, du erhabener Diener des allmächtigen Gottes, gebe mir einen sicheren Rat und Trost im Namen des Herrn!“
HG|3|97|10|0|Und der Henoch erwiderte der Purista: „So höre mich denn an, ich will dir in der Wahrheitsfülle sagen, wie da die Dinge stehen: Siehe, der Herr hat ganz sicher dich dem Muthael verheißen und im Geiste auch schon völlig angebunden; nur hatte Er die Segnung des Fleisches noch bis zur gerechten Zeit aufgeschoben! Dir aber hat der Herr solches auch stumm bloß nur deinem Gefühl kundgetan.
HG|3|97|11|0|Da aber der Muthael zu dir kam und zeigte dir solches durch verdeckte Worte an, da erkanntest du in ihm aus deinem Gefühl, dass er derjenige ist, der dir vom Herrn aus einst zum gesegneten Mann werden soll; und zufolge dieser Erkenntnis hast du den Muthael mit einem sehr vielsagenden, überaus freundlichen Blick angeschaut und hast eben durch diesen schönsten Blick dem sonst überaus weisen Muthael eine starke Wunde beigebracht, an welcher er nahe seine ganze Weisheit verblutet hätte! Und seitdem ist Muthael ganz in deine Liebe begraben und mag sich nicht erheben aus solcher Wohnung, darinnen kein Leben ist!
HG|3|97|12|0|Siehe, das war sonach ein kleiner Fehler von dir, den du wieder gutzumachen hast! Diesen Fehler aber wirst du dadurch gutmachen, so du den Herrn bittest, Er möchte ja den Muthael segnen und ihn führen auf den rechten Weg des Heils!
HG|3|97|13|0|Aber verachten darfst du ihn ja nicht; denn ein Mann, der mit der Verheißung des Herrn erfüllt ist, ist gar mächtig geheiligt!
HG|3|97|14|0|Dass der Herr ihn nun ein wenig prüft, das dient zu seiner Vollendung. Aber du darfst ihn darum ja nicht verkennen, denn er ist ein von Gott geheiligter, dir bestimmter Mann zur rechten Zeit!
HG|3|97|15|0|Siehe, also stehen die Dinge! Du darfst ihn nicht fliehen, aber du darfst ihn auch nicht versuchen! Das für dich; mit Muthael aber werde schon ich reden. Nun gehe wieder an deinen Herd! Amen.“
HG|3|98|1|1|Henoch vertreibt Muthael die Begierde des Fleisches, wodurch sich dieser schlagartig ändert
HG|3|98|1|1|Am 19. August 1843
HG|3|98|1|0|Als aber die Purista wieder bei ihrem Herd beschäftigt war und der Lamech nun nüchterner- und gefassterermaßen so manches triftige Urteil über sie zur Gesellschaft der Väter ergehen ließ und mit seinen Bemerkungen noch kaum zu Ende war, da trat auf einmal wie von Sinnen der Muthael in die Hütte, sah den Henoch, ging dann nachdenkenden Schrittes vor ihn hin und starrte ihn an, ohne ein Wort zu reden.
HG|3|98|2|0|Der Henoch aber hob alsbald seine Rechte auf und sprach: „Höre, du stumme Begierde des Fleisches, die du arg gefangen nahmst diesen Menschen, der da mit der Verheißung Gottes erfüllt ist, ich gebiete dir in der Macht des Herrn in meiner Brust, dass du alsbald verstummst und weichst von diesem, den Gott berufen hat!“
HG|3|98|3|0|Hier erwachte Muthael plötzlich wie aus einem tiefen Schlaf und sprach: „O Gott, mein heiliger Vater! Wo bin ich denn nun? Was ist mit mir vorgegangen? Bin ich es wohl noch, der ich war? Wache ich, schlafe ich, oder träume ich nun?
HG|3|98|4|0|Mir kommt es dunkel ahnend vor, als wäre ich der Purista wegen mit großer Leidenschaft hierher geeilt; und siehe, die Purista steht hier neben mir nun und ist mir so gleichgültig wie etwas, das gar nicht da ist! Wie ist doch solches möglich?
HG|3|98|5|0|Ich weiß es ja und erinnere mich jetzt recht gut, dass ich sie nach der Verheißung mit der glühendsten Liebe habe zu erfassen angefangen; nun aber strahlt allein die Verheißung nur noch wie ein Abendstern in der ersten Dämmerung in meiner Brust, da sie ist ein Wort des Vaters! Alles andere aber ist verschwunden für mich! Wie, wie doch ist so plötzlich solche Veränderung in mir vorgegangen?!
HG|3|98|6|0|O Henoch, ich gestehe es dir ganz offen, da ich nun wohl weiß, warum ich jetzt so ganz eigentlich hierher kam, und warum ich gestern schon sehr früh auf die Höhe geeilt bin, dass mir nun die ganze Erde mit allen ihren Bewohnern um eine hohle Zwergnuss feil ist!
HG|3|98|7|0|Der Vater ist mir nun alles in allem, alles andere aber ist mir ein reines Nichts! Auch du, Henoch, bist mir nur in so weit etwas, als du die ausschließende Liebe zum Vater in deinem Herzen birgst; sonst aber bist du mir gleich den anderen Dingen, die da nur pure Geschöpfe sind, und gleich der Purista, als wärest du gar nicht!
HG|3|98|8|0|Denn ich erschaue nur allenthalben die erhaltende und stets neu schaffende Liebemühe und Sorge und Arbeit des Vaters. Darum kann ich die Dinge und Geschöpfe nun nicht lieben, die dem heiligen Vater Mühe machen; denn ich liebe ja Ihn nur!
HG|3|98|9|0|Ich selbst wäre lieber nicht, als ich bin, weil auch ich dem Vater Mühe mache; aber so ich nicht wäre, dann könnte ich Ihn ja auch nicht lieben, – Ihn, der da die höchste Liebe Selbst ist! Desgleichen müsst aber ja auch ihr sein, damit ihr den Vater lieben mögt!
HG|3|98|10|0|O Vater, wie war es denn doch möglich, dass ich auch nur einige Augenblicke lang diese Purista nahe mehr zu lieben vermochte denn Dich, Du heiliger Vater?!“
HG|3|98|11|0|Diese Worte schlossen den Mund Muthaels. Alles aber verwunderte sich ganz entsetzlich über diese Veränderung Muthaels.
HG|3|98|12|0|Die Purista fing an, heimlich zu weinen, und verwünschte den vom Henoch bezeichneten Blick, mit dem sie dem Muthael eine solche Wunde versetzt hatte. Denn sie sah nun den, den ihr Herz heimlich liebte, für verloren.
HG|3|98|13|0|Der Adam wusste gar nicht, mit welcher Frage er zuerst zum Vorschein kommen sollte.
HG|3|98|14|0|Der Lamech der Tiefe sah auch ganz verblüfft in die Sache und sagte zum Henoch: „Bruder, bei der gegenwärtigen Gestalt der Dinge werde ich, wie es mir vorkommt, mit diesem Mann eben nicht zu viel zu reden bekommen!“
HG|3|98|15|0|Der Henoch aber entgegnete ihm: „Lasse es nur gut sein! Erst wenn da das Blatt völlig gewendet sein wird, wirst du, als am rechten Platze, in die große Menge zu reden bekommen; für jetzt aber lassen wir diese Sache nur gut sein! Denn nun muss hier die Purista dem Muthael kommen und muss an ihm das wieder gutmachen, was sie ehedem, wennschon mehr willenlos, an ihm verschlimmert hatte! Also will es der Herr! Daher lassen wir die Sache bis dahin nur gut sein und gehen den Weg der göttlichen Ordnung! Amen.“
HG|3|99|1|1|Muthaels Rede über die stete Veränderung der Zeiten
HG|3|99|1|1|Am 21. August 1843
HG|3|99|1|0|Nach diesen Worten Henochs an den Lamech kam erst der Adam so recht zu sich und fragte den Henoch: „Höre, mein geliebtester Sohn Henoch! Was ist denn das für eine Erscheinung? Der glühende Muthael, der an der Purista den Himmel der Himmel zu finden wähnte, der sich erst gestern in die wunderbarsten Tiefen über der Purista – welche Tiefen als unberechenbare Gnadenfolgen aus solcher von Gott verheißenen Verbindung notwendig hervorgehen müssten – verlor; der Muthael, sage ich, der mir weissagte, die Erhaltung des Menschengeschlechtes auf dieser Erde hänge von dieser von Gott verheißenen Verbindung ab, – der ist jetzt ein barster Verächter der Purista geworden, und wie es mir vorkommt, so ist sie ihm gleichgültiger geworden, als uns allen da gleichgültig ist derjenige Teil dieser Erde, den wir noch gar nicht kennen!
HG|3|99|2|0|O sage mir, woher kommt denn das? Hat die Auflegung deiner Hände solches in Muthael bewirkt? Oder hat er selbst sich insoweit heimlich überredet? Oder hat ihn der Herr so ganz und gar plötzlich umgestaltet? Oder hast du ihn in einen Wachschlaf versetzt? O sage mir, was ist’s, das da den Muthael so gänzlich verändert hat?“
HG|3|99|3|0|Und der Henoch sprach zum Adam: „O Vater Adam, habe du nur Acht auf die Benehmung und auf die Rede Muthaels, und du wirst alsbald das Rätselhafte dieser Erscheinung aufgelöst vor dir haben! Ich werde alsbald den Muthael mit der Purista reden lassen, so er wird wollen, und du wirst aus dieser Rede gar leicht zu entnehmen imstande sein, was da alles hinter dieser Erscheinung steckt; und so habe denn Acht!“
HG|3|99|4|0|Hier berief der Henoch die Purista und sagte zu ihr: „Nun, meine herrliche Purista, sage mir, wie dir jetzt der Muthael gefällt, und ob du mit mir darum zufrieden bist, dass ich durch die Gnade des Herrn den Muthael durch Wort und Tat also gestimmt habe! Denn du hattest ehedem eine gerechte Klage über ihn geführt, in welcher du dich durchaus unzufrieden über ihn geäußert hast; darum musst du mir nun kundgeben, ob er dir also besser gefällt!“
HG|3|99|5|0|Hier ward die Purista groß verlegen und wusste nicht, was sie hätte sagen sollen.
HG|3|99|6|0|Der Muthael aber, der ihr zur Seite stand, sagte ohne vieles Nachsinnen: „Ich finde, dass auf der zeiten- und formenwechselnden Erde alles seine Zeit hat. Die Dummheit hat die ihrige, die Weisheit die ihrige, die Liebe die ihrige, der Weibersinn bei dem Mann die seinige, die Heiratslust die ihrige! Also war es auch bei mir, da ich vor der Purista glühend bin geworden!
HG|3|99|7|0|Da sich aber die Zeiten verändern, wir aber in der Zeitenfolge stecken, wie sollten wir da so ganz und gar unveränderlich bleiben können?!
HG|3|99|8|0|Die Erde tanzt für sich beständig wie ein töricht-lustiges Kind um die große Sonne; wo aber ist der ruhige Weise unter uns, der diesen Tanz nicht täglich unaufhaltsam mitmachen müsste? Sogar im Schlaf muss ich die tolle Lust der Erde mitmachen!
HG|3|99|9|0|Also ist es ja auch begreiflich, dass ich einmal vor einer glühäugigen Maid selbst erglühen musste! Aber wir wissen es ja alle, dass die feuchten Wolken sogar die mächtige Sonnenglut abzukühlen vermögen; also wird es ja wohl auch ein Mittel geben, mit dem ein Mann seine törichte Weibliebeglut abzukühlen imstande ist?!
HG|3|99|10|0|Ich habe ein solches Mittel durch die Gnade Gottes überkommen, und nun schaden mir die zwei Sonnen Puristas nicht mehr! Und das ist auch eine Veränderung der Zeit in mir, und ich lebe in ihr wieder neu auf und fühle, dass der Mann, so er einmal geboren ist, auch gar leicht ohne eine Purista bestehen kann; und davon liegt der Grund in der steten Veränderung der Zeiten.
HG|3|99|11|0|Heute lieb, morgen trüb; heute heiß, morgen weiß; heute Glut, morgen Flut!“
HG|3|99|12|0|Diese Worte brachen der Purista das Herz, und sie fing an, bitterlich zu weinen, und sprach: „Wenn der Verheißene solche Worte führt, wenn es sich um den höchsten Ernst handelt, was erst werden die nicht Verheißenen für Worte führen?! O Muthael, hast du denn kein Herz mehr, das mir vergeben könnte, so ich zu hart gewesen bin?“
HG|3|100|1|1|Die weise Rede Muthaels zur Purista
HG|3|100|1|1|Am 22. August 1843
HG|3|100|1|0|Der Muthael aber wandte sich zur Purista und sprach zu ihr: „O Purista, warum klagst du jetzt offenbar gegen die göttliche Ordnung?
HG|3|100|2|0|Ich war glühend, und du klagtest über meine Glut; nun bin ich kalt, und du klagst über meine Kälte! Sage mir, wie soll ich denn sein, auf dass du nicht klagen möchtest über mich? Soll ich in der Mitte wandeln zwischen Glut und Kälte, – soll ich lau sein?
HG|3|100|3|0|Siehe, du weißt hier zu antworten nicht! Ich aber will dir eine rechte Antwort geben vor Gott und all den Vätern, und diese laute also:
HG|3|100|4|0|Wenn ich also bin gegen dich, wie es der Herr will, da meine ich, mein Verhalten ist gerecht!
HG|3|100|5|0|Bin ich glühend, so ist es des Herrn Wille, dass ich glühend bin; und bin ich kalt, so ist es auch des Herrn Wille, dass ich kalt bin; und wäre ich lau, so wäre ich auch das nicht ohne des Herrn Willen, – obschon ich wohl weiß, dass die Lauheit nirgends in der Ordnung der göttlichen Dinge gezeichnet steht, daher mich der Herr auch sicher nie wird in den Zustand der Lauheit versinken lassen!
HG|3|100|6|0|Hast du aber ein rechtes Vertrauen auf den Herrn und Vater aller Menschen, wie magst du da zagen und weinend vor mir herkommen, als hätte ich dir irgendeine Beleidigung zu vergeben?
HG|3|100|7|0|Wird nicht der Herr nur machen, was Er wird wollen und wird uns zu seiner Zeit entweder verbinden oder trennen? Oder meinst du wohl, solches steht etwa doch so ganz heimlich in unserer Macht?
HG|3|100|8|0|O siehe, weder ich, noch du, noch Henoch und all die anderen Väter vermögen solches nach ihrem Wollen, sondern da kommt es allein auf den Herrn an!
HG|3|100|9|0|Ob wir uns nun schon mit aller Glut lieben, oder ob wir uns nun gegenseitig fliehen, das ist gleich; so wir die Verheißung haben, da wird uns der Herr dennoch vereinen, vorausgesetzt, dass die Verheißung vorderhand keine Probeverheißung ist, durch welche wir an uns selbst erfahren sollen, ob etwa unsere gegenseitige Liebe heimlich nicht stärker ist als die zu Ihm!
HG|3|100|10|0|Ist die Verheißung aber also gestellt – was ich eben keinen Augenblick lang bezweifeln möchte –, da muss ich dem Herrn ja nun aus allen meinen Kräften danken, dass Er mir meine törichte Glut gedämpft hat, welche Seine heilige Probeverheißung und deiner Augen Sonnenstrahl in mir erweckt haben, und ich meine, du als eine reinste erwählte Magd des Herrn, die Er auf Seinen allerheiligsten Händen trug, wirst diese meine gegründetste Ansicht in deinem Herzen doch sicher allerhöchst billig finden und wirst sie auch teilen mit mir!
HG|3|100|11|0|Daher erkläre ich hier vor Gott und allen den Vätern, dass ich, solange es mir der Herr nicht ganz bestimmt anzeigen wird, dich zum Weib zu nehmen, mich also verhalten werde gegen dich, als wärest du gleich jeder anderen Jungfrau, die mir der Herr nicht verheißen hat!
HG|3|100|12|0|Im Gegenteil aber wünsche ich als dein Bruder dir ganz dieselbe Gesinnung, die dich allein mit dem Vater auf ewig allergetreuest verbinden wird!
HG|3|100|13|0|Halte und setze alles auf den Herrn, und deinem Herzen wird alsbald die rechte Abkühlung und der süßeste Trost werden! Das ist aber auch alles, was mein ganz nun Gott ergebenes Herz dir wünschen kann. Tue das, und du wirst in der heiligen Verheißung das rechte Licht erschauen! Amen.“
HG|3|100|14|0|Hier verdeckte sich die Purista ihr Angesicht und ging, ganz ergriffen von der Weisheit Muthaels, an ihren Herd und fing da an, ganz gewaltig über die Worte Muthaels nachzusinnen, und fand sie stets richtiger.
HG|3|100|15|0|Der Henoch aber sprach zum Lamech: „Bruder, bereite dich, denn jetzt kommt bald die Reihe an dich, zu reden Worte der Tiefe der Liebe Gottes im Menschen!“
HG|3|101|1|1|König Lamech weist den sich herablassend verhaltenden Muthael zurecht
HG|3|101|1|1|Am 23. August 1843
HG|3|101|1|0|Nach dieser Präsignation [Vorrede] Henochs an den Lamech aber wandte sich der Muthael an den Henoch und sagte zu ihm: „Henoch, sage mir doch, wer da diese kleinen Menschen sind, und besonders der, zu dem du soeben geredet hast! Sind das einige aus denen, die da in der Zeit, als der Herr unter uns war, aus der Tiefe, die jetzt gereinigt sein soll, einen Ausfall gegen uns zu machen sich ärgerlichst erkühnt haben? Oder sind das irgend Menschen, die da in einem äußersten Winkel der Mitternacht sind geboren worden? Sage mir doch, was es da mit ihnen für eine Bewandtnis hat!“
HG|3|101|2|0|Und der Henoch sagte darauf zum Muthael: „Höre, ich habe eben darum den rechten aus diesen Menschen vorbezeichnet, dass er sich gefasst halten soll auf eine Unterredung mit dir! Da du aber nun selbst wünschst, mit diesen – leiblich nur, aber nicht geistig auch – kleineren Menschen, als wir es sind, näher bekannt zu werden, so rate ich dir und sage: Wende dich sogleich an den mir zunächst Stehenden, der da auch Lamech heißt, er wird dir die beste Auskunft über so manches zuteilwerden lassen! Tue das ohne Scheu und ohne sonstigen Rückhalt! Ich bin im Voraus überzeugt, du wirst am Ende mit seiner kleinen Statur überaus zufrieden sein!“
HG|3|101|3|0|Aber auch der Adam winkte beifällig dem Muthael, sich nur alsbald über den kleinen Menschen herzumachen; denn er wusste wohl, wie viel des besten Salzes da im Lamech stecke.
HG|3|101|4|0|Und so unternahm der Muthael das ihm leichtest vorkommende Wagnis, sich mit dem Lamech in einen erkundenden Diskurs einzulassen, und gab darum dem Lamech sogleich folgende Frage:
HG|3|101|5|0|„Lamech, du außerordentlich kleiner Mensch, sage mir, wer und woher du bist, auf dass ich wissen möchte, wie man sich gegen dich und deinesgleichen zu benehmen habe! Denn siehe, ich bin ein Mensch, dem es noch nicht gegeben ist, gleich einem Henoch und so manchen anderen in den Grund des Lebens schauen zu können! Daher muss ich noch fragen und aus der Antwort entnehmen, wen ich vor mir habe. Und so denn habe ich auch dich gefragt, auf dass du mir kundgeben möchtest, wer und woher du seist!“
HG|3|101|6|0|Hier sah der Lamech den Muthael sehr bedeutend an und sagte darauf mit sehr gemessenen Worten und etwas eifriger Stimme: „Höre, du sonst weiser Mann des Morgens, diese Frage macht dir durchaus keine Ehre; denn so fragt sich in meiner großen Stadt Hanoch das gemeinste Gassenreinigungsgesinde, das bis jetzt kaum gewusst hat, dass es menschlicher Abstammung ist!
HG|3|101|7|0|Ein rechter Weiser aber sollte meines Erachtens doch wissen, dass lebende Wesen – besonders, so sie sich in freundlicher Gesellschaft eines Henoch befinden und mit ihm sogar zu reden imstande sind – für etwas mehr geachtet werden sollen, als wären sie nur irgend menschenähnliche Affen!
HG|3|101|8|0|Dieses scheint deiner Weisheit noch sehr zu mangeln; daher auch ist deine Frage also an mich gestellt, als wüsstest du von der wahren Weisheit noch gar nichts und sähest mich statt für einen Menschen lediglich nur für einen Affen an!
HG|3|101|9|0|Ich aber rate dir nun, erkenne dich selbst zuvor genau; dann erst versuche, was du mit mir richten magst! Auf diese Art aber ist es mir nun auch sehr wohl begreiflich, warum du gegen die himmlische Purista also extrem bist, einmal glühend wie fließendes Erz – vorausgesetzt, dass du schon je eines hast fließen sehen – und jetzt wieder kalt wie ein Eisblock, weil dir die heilige Liebe zu Gott in der Werktätigkeit noch ganz fremd zu sein scheint; denn die Purista ist rein wie Gold, vorausgesetzt, dass du das Gold kennst!
HG|3|101|10|0|Du aber bist bisher nur noch ein Tor, der es kaum zu ahnen scheint, wie der Herr die Menschen zu erziehen pflegt!
HG|3|101|11|0|Daher rate ich dir im Namen meines und deines Gottes, gehe und erkenne dich zuvor selbst; dann erst komme und rede mit mir, dem außerordentlich kleinen Menschen Lamech, der doch immer noch besser zu sein scheint als irgendein Affe! Verstehe mich!“
HG|3|102|1|1|Henoch hindert den beschämten Muthael am Fortgehen. Über das Wesen der Frauen
HG|3|102|1|1|Am 24. August 1843
HG|3|102|1|0|Diese Worte zeigten dem Muthael sogleich, mit wem er es zu tun hatte. Er verneigte sich daher vor Lamech und machte sehr stark Miene, die Gesellschaft so bald als nur immer möglich zu verlassen; denn er war der Meinung so ganz heimlich bei sich selbst, der Henoch habe ihn da geflissentlich anrennen lassen.
HG|3|102|2|0|Und so war er gewisserart von allen Seiten her indigniert, und es wandelte ihn auch noch eine Scham obendrauf an, indem er sich jetzt im Angesicht der Väter, wie im Angesicht der Purista in seiner Weisheitsfähigkeit gewaltig zurückgesetzt fand.
HG|3|102|3|0|Als er sich aber so ganz gemach der Türe zu nahen anfing, da sagte der Henoch zu ihm: „Muthael, also verlässt kein Mann je eine Gesellschaft, wie da die unsrige ist! Willst du denn wohl eine Torheit mit der anderen krönen?!“
HG|3|102|4|0|Der Muthael aber erwiderte: „Das will ich mitnichten, – wohl aber die erste mit der zweiten vergessen machen! Zudem hat mir der gut gesalzene Lamech ja anbefohlen, dass ich gehen solle, um mich zuerst selbst besser kennenzulernen! Was wohl kann das für eine Torheit sein, wenn ich den Rat eines so mächtig gesalzenen Weisen befolge? Oder ist das anders zu verstehen?“
HG|3|102|5|0|Hier sagte der Henoch zum Muthael: „Muthael, du scheinst darum von einem mächtigen Eigendünkel beseelt zu sein, weil der Herr einiges über die Weiberliebe mit dir geredet hat!?
HG|3|102|6|0|Siehe, wärest du irgendein leichtsinniges, töricht blindes Weib, das da ihre Fleischesbegierden nur am besten kennt und für deren Befriedigung allezeit sorgt, so möchte ich mir aus deiner gemessenen Dummheit nichts machen!
HG|3|102|7|0|Denn also ist ja auch des Herrn Sinn. Er erfasst das Weib, das Ihn allein zu lieben vermag und vollends will ohne irgendeine Beimischung der Welt, und trägt es dann auf den Armen, Händen und Fingern seiner glücklichsten Bestimmung zu!
HG|3|102|8|0|Aber ein Weib, das da zumeist an der Weltdummheit, wo etwas Sinnlich-Ergötzliches herausschaut, ihre Freude findet, lässt der Herr wie das Getier der Wälder und kümmert Sich im Übrigen gar nicht um sie, außer in dem nur, dass Er ihr das sinnliche Leben des Leibes gibt wie dem Getier der Wälder.
HG|3|102|9|0|Aus dem Grunde denn auch einem ausgearteten Weib nicht leichtlich mehr zu helfen ist und sie leicht übergehen kann in alle Unzucht und Hurerei, wie wir von ähnlichen Erscheinungen in der Mitternacht eine Menge Beispiele haben und wohl wissen, wie dann ein Weib, das nur einmal einer Weltfreude wegen den Herrn auf die Seite gesetzt hatte, nur kaum durch ein Wunder vom völligen Untergang gerettet werden kann!
HG|3|102|10|0|Siehe, das ist der Sinn des Herrn bezüglich des großen Leichtsinnes der Weiber, desgleichen da auch der meinige.
HG|3|102|11|0|Du aber bist ja doch kein Weib, sondern ein mit göttlicher Verheißung erfüllter Mann, und ich kann dich darum nicht, als wärest du ein unzubändigendes Weib, in deiner Dummheit fortrennen lassen, sondern ich muss dir sagen:
HG|3|102|12|0|Muthael, bleibe hier, und lerne in dir würdigen das Salz Lamechs! Denn siehe, der Herr hat zu öfteren Malen schon am Tisch Lamechs gespeist, und er ist ein völlig ausgelernter Schüler des Herrn Selbst! Ich und er stehen in einer Eigenschaft vom Herrn Selbst gestellt da; darum denn kannst du dir vom Lamech schon etwas gefallen lassen!
HG|3|102|13|0|Kehre daher um, und gehe hin zu ihm, aber nähere dich ihm, wie man sich einem stark geprüften Freund Gottes nähert, und du wirst sein Salz weniger beißend finden! Verstehst du mich?“
HG|3|102|14|0|Hier wandte sich der Muthael um und befolgte den Rat Henochs.
HG|3|103|1|1|Über das Wesen der Beleidigung. Muthael versöhnt sich mit König Lamech
HG|3|103|1|1|Am 25. August 1843
HG|3|103|1|0|Als der Muthael aber wieder zurück zum Lamech sich begab und wollte ihn um Nachsehung seines Fehlers bitten, da kam ihm der Lamech zuvor und sagte zu ihm:
HG|3|103|2|0|„Muthael, ich lese es aus deinen Augen, was du an mir nun begehen möchtest, aber siehe, das kann ich aus einem dreifachen Grunde nicht annehmen:
HG|3|103|3|0|Der erste Grund ist, weil du mich nicht im Allergeringsten beleidigt hast! Und wie konntest du das auch, indem ja ich wie du die Liebe des Vaters in unseren Herzen tragen!
HG|3|103|4|0|Der zweite Grund ist, weil ein rechter, Gott ergebener Mensch wohl nie irgendetwas von seinen Brüdern als eine Beleidigung annehmen solle! Denn hinter einer jeden Beleidigung, sowohl in Ansehung des Beleidigenden wie des Beleidigten, steckt eine verhältnismäßig große Portion des Hochmutes. Wie aber der Hochmut beim Herrn angeschrieben ist, – das, allerliebster Bruder, weißt du sicher noch ums Unvergleichliche besser denn ich!
HG|3|103|5|0|Und der dritte Grund ist, weil ich in dir die Verheißung des Herrn in einer wunderbaren Fülle erschaue und sehe hinter ihr in endlos breiten Strömen unbegreiflich allergrößte Erbarmungen Gottes einherwallen, -wellen und -wogen!
HG|3|103|6|0|Wenn aber der Herr irgendeinen Menschen mit solchen Verheißungen erfüllt hat, wie möglich könnte sich ein geweckter Mensch, wie ich einer bin durch die endlose Gnade und Erbarmung Gottes, von ihm wohl im Ernst beleidigen lassen?
HG|3|103|7|0|Ich aber sehe, was du mir nun sagen willst, und entgegne dir sogleich und sage: Bruder, du hast zuvor meine Worte nur etwas irrig aufgefasst; denn dass ich dir auf deine etwas sonderbare Frage eine Antwort gab, die den Anschein hatte, als hättest du mich beleidigt, das hatte einen ganz anderen Grund!
HG|3|103|8|0|Ich gab meiner Antwort nur darum solch einen Anschein, weil ich in dir wirklich eine dich verderbende Art Hochmut entdeckt hatte, der sich neben der heiligen Verheißung in dir wahrlich nicht am besten ausnahm.
HG|3|103|9|0|Ich wollte dich sonach wohl ein wenig demütigen, aber ja nicht etwa meinetwegen, sondern aus wahrer, aufrichtiger Bruderliebe deinetwegen selbst!
HG|3|103|10|0|Und siehe nun, auf diese Weise wäre es dir sogar unmöglich, mich zu beleidigen! Denn dafür sorgt schon die Liebe Gottes in mir, dass da mein Herz nun niemand mehr beleidigen und erbittern kann, und wie gesagt, du schon am allerwenigsten, indem du gerade derjenige bist, an dem ich am meisten mein Liebe- und Freundschaftsband befestigen möchte.
HG|3|103|11|0|Ich liebe dich, du herrlicher Muthael, überaus! Mögest auch du mich, einen Abkömmling Kahins, mit Liebe erfassen!“
HG|3|103|12|0|Hier öffnete der Muthael die Arme und sagte: „Komme her, Bruder Lamech, und nehme an meiner Brust die vollste Versicherung, dass ich dich liebe mit aller Glut meines Herzens! Denn fürwahr, ich hätte eher alles geglaubt, als dass ich in dir einen so herrlichen Menschen und Bruder finden möchte! Nun aber habe ich dich erkannt, und du bist mir teurer geworden als mein eigenes Leben; daher sei auch versichert, dass ich dich liebe und nie aufhören werde, dich zu lieben als einen mir allerteuersten Bruder!
HG|3|103|13|0|Weil ich dich aber, o du mein Bruder du, nun auf eine so vorteilhafte Weise habe kennengelernt, so sollst du auch mein Ratgeber sein nach dem Willen Henochs und sollst mir mein Verhältnis zu der Purista, der reinen Dienerin des Herrn, so recht auseinandersetzen und mir sagen, wie ich denn so ganz eigentlich mit ihr daran bin! Soll ich die Verheißung bloß geistig oder daneben auch weltlich erfüllbar mir denken, oder soll ich das Ganze nur als eine Probung von Seiten des Herrn über meinen Geist nehmen?
HG|3|103|14|0|Ja, Bruder, ich sehe, du wirst mir ein rechtes Licht in dieser Sache geben! Der Herr sei darum mit deinem Geiste!“
HG|3|104|1|1|Lamech rät Muthael, sich an den Herrn zu wenden. Der Unterschied zwischen einem direkten und indirekten Wort Gottes
HG|3|104|1|1|Am 26. August 1843
HG|3|104|1|0|Und der Lamech, als er solchen Wunsch vom Muthael vernommen hatte, erwiderte ihm: „Ja, geliebter Bruder Muthael, was da in meinen schwachen Kräften steht, will ich dir tun nach deinem Verlangen!
HG|3|104|2|0|Du möchtest das Wesen der Weiberliebe erkennen, wie es ist in seiner Art, und möchtest wissen, wie du bezüglich der Verheißung des Herrn mit der Purista daran bist?
HG|3|104|3|0|Das, liebster Bruder, ist fürwahr kein gemeiner Wunsch, denn ich sehe ja den guten Zweck, den du mit solcher genauen Kunde verbinden möchtest; aber bevor ich dir darüber noch irgendein Wörtlein sagen werde, muss ich dich auf einen gar wichtigen Umstand aufmerksam machen, den wir bei unserer vorhabenden Erörterung ja nicht außer Acht lassen dürfen, und dieser Umstand ist meines schwachen Erachtens folgender:
HG|3|104|4|0|Ich und du hängen an der endlosen Liebe und Erbarmung Gottes, der nun ist unser aller allheiligster Vater; aber wir wissen, dass Er Sich jedermann zur rechten Zeit offenbart, der sich in aller Liebe seines Herzens zu Ihm wendet und fest vertraut auf Ihn, dass ihn der Herr sicher erhören wird in jeglicher Sache, die er Ihm als ein wahrhaft Liebender und Vertrauender vortragen wird. Das also wissen wir.
HG|3|104|5|0|Nun aber frage du dich, ob du dieses gar wichtigen Umstandes gedacht hast bei dir in deinem Herzen! Ich möchte dir sonst ja alsogleich mit meinen Kenntnissen und Erfahrungen dienen, wenn ich nicht wüsste, dass ich wie du uns versündigen möchten vor dem Herrn, so wir Seiner endlosen Güte, Gnade, Liebe und Erbarmung vorgreifen möchten!
HG|3|104|6|0|Meine Meinung wäre demnach diese: Du sollst dich in dieser Sache zuvor so recht liebe- und vertrauensvoll an den Herrn als unseren heiligsten, liebevollsten Vater wenden und Ihn bitten um das, das du von mir möchtest, – und ich bin in keiner Sache so außerordentlich sicher überzeugt als geradezu in dieser, dass dich der Herr nicht lange wird ohne die bestimmteste Antwort und getreueste Offenbarung Seines allerheiligsten Willens harren lassen!
HG|3|104|7|0|Du sagst hier freilich wohl in deinem Herzen, es sei ja auch mein Wort, wie das des Henoch, ein rein göttliches, da auch wir nichts redeten als das nur, was zu reden uns vom Geist Gottes eingegeben wird!
HG|3|104|8|0|Das, liebster Bruder, ist an und für sich wohl unwidersprechlich wahr, und ich und der Henoch würden sicher alsbald zu den größten Frevlern gezählt werden dürfen, so wir da behaupten möchten und sagen: ‚Solches alles reden wir aus uns!‘
HG|3|104|9|0|Aber siehe, liebster Bruder, da draußen, bei einhundert Schritte kaum von hier entfernt, fließt noch dasselbe Bächlein, das da meiner Beobachtung nach seinen Ursprung nimmt in der allerwunderbarst herrlichsten Grotte auf der Höhe; gehe aber nur und verkoste dasselbe Wasser, und du wirst einen ganz gewaltigen Unterschied finden! Ein Tropfen wird dir an der Quelle mehr Stärkung und Erquickung bieten, als so du hier, da sich das Wasser schon mehr seiner Urkraft nach verflüchtigt hat, ein ganz tüchtiges Gefäß voll wegtrinken möchtest!
HG|3|104|10|0|Siehe, gerade also auch steht es mit dem Wort des Herrn, denn dieses hat ebenfalls schon in mir die meiste belebende Kraft abgesetzt und fließt dann von mir in dich also über wie ein ganz gewöhnliches anderes Wort und klingt, als wäre es von mir, – darum es denn für einen zweiten Zuhörer auch nicht mehr diese mächtig überzeugende Kraft lebendigst hat als eben für mich, der ich es von der Urquelle schöpfe.
HG|3|104|11|0|Daher also rate ich dir und sage: Gehe zur Urquelle, solange sie für jedermann gleich zugänglich ist, und es wird dir ein Tropfen mehr nützen als tausend aus meinem Mundbach!
HG|3|104|12|0|Und hast du die Urquelle aber schon durchaus nicht finden können, dann will ich sie dir ja recht gerne suchen helfen! Mein Rat und meine Belehrung in deiner Sache aber soll gerade das Letzte sein!
HG|3|104|13|0|Und so denn befolge, liebster Bruder, diesen meinen Rat! Ich meine, er wird recht sein!“
HG|3|105|1|1|Muthael entschließt sich, alles für den Herrn hinzugeben
HG|3|105|1|1|Am 28. August 1843
HG|3|105|1|0|Hier ging der Muthael, wohl erkennend den tiefen Sinn der Rede Lamechs, hinaus auf eine abgelegene Freistätte, da ihn niemand bemerken konnte, und sagte da bei sich selbst:
HG|3|105|2|0|„Hier will ich weilen, solange mir der Herr nicht antworten wird, und will nicht essen und trinken eher, als bis ich werde das Wort vom Herrn vernommen haben!
HG|3|105|3|0|Denn was ist wohl so ein dummes, hintrübendes Leben ohne den mächtigen Wortverband des Herrn, da man in einer ernsten Lebensfrage nicht einmal weiß, warum man so ganz eigentlich auf der Welt ist?
HG|3|105|4|0|Daher muss ich nun das Wort des Herrn haben, und sollte es dieses mein ohnehin eben nicht vielsagendes Leben kosten!
HG|3|105|5|0|Aber wie werde ich es anstellen, dass mich erhören möchte der Herr und mir geben Sein Wort, wie Er mir gegeben hat die Verheißung?
HG|3|105|6|0|Ich weiß, was ich tun will! Ich werde Ihn so recht zu lieben anfangen und will schwärmen vor Ihm, wie ein blindverliebter Tor vor seiner Maid, die er zum Weib möchte!
HG|3|105|7|0|Wie aber, wenn mich der Herr da noch sitzen ließe? Da, ja da will ich auf die ganze Welt und selbst auf Seine Verheißung völlig Verzicht leisten! Der Purista will ich da für allezeit den Rücken kehren und für mich ganz allein sein, dem Herrn anhangen aus allen Kräften, Ihm allein im Stillen meine Ehre und mein Lob darbringen, aber alles andere also betrachten, als wäre es ganz und gar nicht vorhanden gewesen!
HG|3|105|8|0|Und ich will und werde dazu noch ganz allerernstlichst und lebendigst sagen in meiner Seele: ‚Herr, hier bin ich nun ganz vor Dir und habe alles hintangegeben Deinetwegen; also mache denn nun auch mit mir, was Du willst, und mir wird es recht sein!‘“
HG|3|105|9|0|Also hatte der Muthael zu handeln nun beschlossen, und also tat er es auch pünktlich.
HG|3|105|10|0|Es verging aber also der ganze Tag, und die Gesellschaft hatte schon lange gespeist in der Hütte der Purista, als man nach so manchen erhabenen und belehrenden Gesprächen wieder an den Muthael zu denken anfing und der Adam zum Henoch sagte:
HG|3|105|11|0|„Fällt dir denn nicht auf, dass da der Muthael, der noch vor dem Mittag aus der Hütte trat, nun noch nicht zurückgekommen ist? Mir kommt es vor, da ihm hier von allen Seiten so hübsch tüchtig ist zu Leibe gegangen worden, so ist er der fortwährenden Belehrungen wegen etwas heimlich erregt von dannen gewichen, hatte sich dann irgendwo in einem Erdwinkel verborgen und wird uns darum so leicht nicht wieder zu Gesichte kommen; und ich bin darum sehr bekümmert um ihn!“
HG|3|105|12|0|Der Henoch aber sprach zu Adam: „Vater, sei des ganz unbekümmert; denn der Herr ist vorsichtiger und barmherziger als wir alle! Er ist der wahre Lehrer und Führer des Muthael und lehrt und führt ihn nun schon den allersichersten und allerbesten und kürzesten Weg zum Ziel.
HG|3|105|13|0|Daher sei ganz unbekümmert um den Muthael, der nun endlich einmal aus sich heraus den festesten Ernst gefasst hat, für die Liebe, Erbarmung und Gnade des Herrn alles, selbst sein Leben, hintanzugeben!
HG|3|105|14|0|Bald werden wir alle nach unseren äußeren Sinnen sogar überzeugt werden, wie der Herr mit denen umzugehen pflegt, die Ihm alles zum Opfer gebracht haben!
HG|3|105|15|0|Er prüft sie nach der Stärke ihres Gemütes und nach dem Wert ihres Gelübdes; haben sie sich aber da bewährt gefunden, dann aber stehen ihnen auch auf einmal alle Pforten des Lebens offen!
HG|3|105|16|0|Und also wird es auch mit Muthael geschehen; daher seien wir guten Mutes und geben Gott die Ehre! Amen.“
HG|3|105|17|0|Adam ward mit diesen Worten wieder beruhigt, und bald darauf begab sich die ganze Gesellschaft hinaus ins Freie.
HG|3|105|18|0|Adam meinte freilich, man solle nach Hause ziehen ob des nächsten Sabbats.
HG|3|105|19|0|Aber der Henoch meinte, der Sabbat des Herrn sei auf der ganzen Erde ein und derselbe; daher ließe er sich auch in dieser Gegend gar wohl feiern.
HG|3|105|20|0|Und der Adam war auch damit zufrieden.
HG|3|106|1|1|Purista wird ohne Begleitung zum Muthael gerufen. Adams Bedenken und Vision
HG|3|106|1|1|Am 29. August 1843
HG|3|106|1|0|Als die ganze Gesellschaft sich aber im Freien befand, da ward sie alsbald empfangen von den Kindern des Morgens, die da förmlich wetteiferten untereinander, wie sie die Väter am ausgezeichnetsten bewirten möchten.
HG|3|106|2|0|Aber die Väter lehnten solche Mühung ab und bedeuteten ihnen, dass sie diese Nacht in ihrer Mitte zubringen würden, und zwar in der Wohnung des Uranion.
HG|3|106|3|0|Und der Uranion befahl sogleich seinen Kindern, alles auf das Allerbeste herzurichten und zu sorgen für ein gutes Abendmahl, welches alles alsbald auf das Pünktlichste befolgt wurde.
HG|3|106|4|0|Als aber die Purista in ihrer Küche alles geordnet hatte und hatte gegeben Gott die Ehre und das wahre Lob ihres Herzens, da kam sie der Gesellschaft auch alsbald nach, um sich zu erkundigen, ob des nächsten Sabbats wegen sie in der Küche ein Opfer richten solle, oder ob die Väter heimziehend auf der Höhe das Opfer verrichten würden.
HG|3|106|5|0|Allein ehe sie noch den Mund geöffnet hatte, um zu stellen solch eine Frage an die Väter, vernahm sie aus der mehr noch gegen Morgen liegenden Gegend her einen Ruf, der da also lautete:
HG|3|106|6|0|„Purista, du Geliebte Meines Herzens, komme hierher auf diese Höhe, die da bei siebzig Klafter weit hinter der Wohnung des Uranion sich erhebt so sanft wie deine Brust! Ich habe dir gar wichtige Dinge kundzugeben!
HG|3|106|7|0|Frage aber ja nicht, wer Der ist, der dich gerufen hat, sondern komme! Aber allein! Niemand soll dich begleiten und auch niemand dir folgen; denn Ich habe mit dir allein zu reden. Fürchte dich aber nicht, denn es soll dir kein Haar gekrümmt werden!“
HG|3|106|8|0|Da aber diesen Ruf auch alle anderen der Hauptgesellschaft vernommen hatten und also auch der Adam, so trat er sogleich zum Henoch und sprach:
HG|3|106|9|0|„Nun – dem Herrn alles Lob, mir ist ein großer Stein vom Herzen gefallen! Denn das ist Muthaels Stimme, und so ist es klar, dass er noch lebt und hat kein Unglück irgend zu bestehen gehabt.
HG|3|106|10|0|Aber was er doch nun so spät abends mit der Purista allein so Wichtiges zu reden hat?
HG|3|106|11|0|Fürwahr, die Sache kommt mir nun etwas verdächtig vor; denn siehe, das Mädchen, als sie den Ruf vernommen hatte, lief, ohne sich weiter nach uns umzusehen, wie ein Fuchs, wenn er ein Huhn raubt, davon!
HG|3|106|12|0|Darum kommt mir die Sache etwas verdächtig vor, und wir sollten gerade darum doch ein wenig nachsehen, was da wohl mein guter Muthael so ganz allein mit der Purista tun und reden wird!“
HG|3|106|13|0|Der Henoch aber erwiderte dem Adam und sagte: „Vater Adam, es gibt wohl Zeiten und Umstände nur zu häufig, wo es den Vätern eine heilige Pflicht sein sollte, sorgfältigst ganz besonders ihren Töchtern, so diese in den ersten Brunstjahren stecken und ganz sinnlich sind, nachzuspüren, so diese sich irgend verborgene Geschäfte machen und gehen auf entlegene Fluren und Hügel, entweder heimlich, oder unter einem erdichteten Vorwand. Denn da haben wir traurige Beispiele genug, und die Folgen sind uns nicht fremd, die da aus solchen jungfräulichen heimlichen Geschäften und Fluren- und Hügeldurchwanderungen hervorgegangen sind, und die Kinder der Mittnachtgegend sind zumeist solchen Ursprunges! Ich meine, du verstehst, was ich meine?!
HG|3|106|14|0|Aber hier ist ein ganz anderer Fall; daher überlassen wir hier deinem Muthael die Purista nur ganz unbesorgt und machen mit ihr, was er will, und es wird schon alles recht sein! Wir aber unterhalten uns unterdessen mit dem Lamech und seinen Gefährten!“
HG|3|106|15|0|Der Adam aber war diesmal mit der Rede des Henoch nicht zufrieden und sagte darum zum Henoch: „Mein Sohn Henoch, ganz bin ich nicht einverstanden mit deinen Worten; denn Muthael wie die Purista sind auch noch keine fehlunfähigen Engel Gottes, und die Schlange ist noch nicht getötet! Genug, dass sie noch ihren freien Willen haben! Sie können versucht werden und können in der Versuchung, so wir sie ganz allein lassen, gar leicht fallen! Daher meine ich, wir sollten doch wenigstens heimlich ganz scharf nachsehen, um, was da vor sich geht, zu erforschen!“
HG|3|106|16|0|Und der Henoch sagte: „Vater, so es dich also kümmert, da mache du einen Spion; habe aber Acht, dass du dafür nicht einen mächtigen Schreck zu bestehen haben wirst!“
HG|3|106|17|0|Der Adam aber ließ sich nicht abhalten und ging nachzusehen, was da auf der Höhe die Purista mache mit dem Muthael.
HG|3|106|18|0|Aber wie er noch kaum hinter die Wohnung des Uranion kam, erblickte er die ganze Höhe in Flammen und um die Flammen am Fuße der Erhöhung ganze Herden von den grimmigsten Tigern gelagert, welche, als sie den Adam erblickten, Miene machten, sich zu erheben.
HG|3|106|19|0|Hier sprang der Adam, heftigst erschrocken, zurück und kam also außer Atem zu seiner Gesellschaft und erzählte mit gebrochenen Worten, was er gesehen hatte.
HG|3|107|1|1|Die materielle und die geistige Wirklichkeit. Henoch erklärt Adams Vision
HG|3|107|1|1|Am 30. August 1843
HG|3|107|1|0|Der Henoch legte dem Adam alsbald seine Hände auf und stärkte ihn, machte ihn sich gänzlich erholen von seinem Schreck und somit auch gehörig redefähig.
HG|3|107|2|0|Als der Adam aber also gestärkt ward vom Henoch, da fragte er ihn alsobald, was da diese Erscheinung sei, – ob Trug, oder im Ernst Wirklichkeit.
HG|3|107|3|0|Und der Henoch erwiderte dem Adam: „Vater, das hängt alles von dem ab, wie wir die Sache nehmen wollen!
HG|3|107|4|0|Es gibt zwei Wirklichkeiten, eine materielle und eine geistige. Die materielle ist dem Geist gegenüber ein Trug und die geistige gegenüber der materiellen. Aber dafür ist die geistige Erscheinung für den Geist Wirklichkeit und also auch die materielle für die Materie. Also verhalten sich unwiderlegbar die Dinge.
HG|3|107|5|0|Nun kommt es aber darauf an, wie du die Erscheinung nehmen willst! Ich meinesteils betrachte sie als eine geistige!“
HG|3|107|6|0|Und der Adam sagte: „Nun gut, wenn du sie für eine geistige hältst, so halte ich sie auch dafür; aber was wohl besagt sie in der Außenwelt?“
HG|3|107|7|0|Und der Henoch erwiderte dem Adam: „Was da die geistige Bedeutung für die Außenwelt entsprechend betrifft, so ist sie wohl auf den ersten Augenblick mit den Händen zu greifen:
HG|3|107|8|0|Der flammende Berg bedeutet dein zu sehr liebend bekümmertes Herz, die am Fuße des Berges grimmig kauernden Tiger aber deine etwas stark noch richtende Zorneslust, die da bei gewissen Gelegenheiten gleich dieser großen gestreiften Waldkatze auf ihr Opfer lauert, und das so lange, bis sie es in ihre Gewalt bekommt und zerreißt es und verschlingt es dann ohne die allergeringste Schonung!
HG|3|107|9|0|Und dieses trieb dich, o Vater, so ganz eigentlich hinaus, das heißt, aus deinem Gemüt oder aus deiner vertraulichen Liebe, und du spioniertest, um an den beiden etwas zu erschauen, das da deinen Verdacht rechtfertigen möchte, und es wäre dir heimlich sogar unlieb gewesen, so du dich in deiner Mutmaßung mir gegenüber hättest getäuscht gefunden, indem ich gesagt habe deiner ersten Meinung entgegen, dass man hier ganz unbekümmert um die Purista und ebenso um den Muthael sein solle.
HG|3|107|10|0|Der Herr aber hat dich darum lassen erschauen dein Inneres anstatt dem, was du so ganz eigentlich hast sehen wollen, und da hat es sich denn in der geistigen Wirklichkeit herausgestellt, wie es mit dir im Augenblick stand, als du wider den Willen des Herrn hast wollen einen Spion machen!
HG|3|107|11|0|Siehe, Vater, das ist meine bis in den Grund meines Lebens überzeugte Meinung! Hast du aber irgendeine andere, so magst du sie ja immerhin gegen diese austauschen, denn ich will niemandem etwas aufgedrungen haben, und dir als dem Erzvater der Väter auf Erden schon am allerwenigsten!“
HG|3|107|12|0|Und der Adam erwiderte: „Ja, Henoch, du hast recht; also ist es sicher und wahr! Ob aber unter meinem Herzen, das euch alle unbeschreiblich liebt, aber gerade eine ganze Herde von Tigern wohnt, das ist etwas schwer zu verstehen!“
HG|3|107|13|0|Und der Henoch erwiderte dem Adam: „Ja, wenn du den Tiger als einen Mörder betrachtest, da wird es freilich etwas sonderbar aussehen mit meiner Erklärung; aber wenn du darunter das trocken unbarmherzige Recht nach dem Gesetz betrachtest, dann wird es sich mit dem Tiger schon tun!
HG|3|107|14|0|Denn im Gesetz liegt das rücksichtslose Urteil, wie im Tiger die rücksichtslose Mordlust; und das Opfer, das er sich ersehen hat, das wird ihm sicher auch zur Beute! Ich meine, unter solcher Betrachtung sollte meine Ansicht doch wohl richtig sein?“
HG|3|107|15|0|Und der Adam sagte: „Ja, unter solchem Anbetracht ist sie richtig, und so ist es gut; lassen wir aber nun das und wenden wir uns zu etwas anderem!“
HG|3|108|1|1|Kenans Gesang vom rätselhaften Wesen des Lebens empört Adam
HG|3|108|1|1|Am 31. August 1843
HG|3|108|1|0|Die Hauptgesellschaft unterhielt sich nun von so manchen Dingen, und sogar unser alter, aber noch immer wackerer erster Sänger Kenan ward vom Adam aufgefordert, bei dieser Gelegenheit etwas Kurzgefasstes zum Besten zu geben, – was er auch recht gerne tat, denn das war seine Sache.
HG|3|108|2|0|Aber nur war diesmal sein Gesang so ein wenig exzentrisch; daher hatte er auch vom Adam eben nicht den entschiedensten Beifall. Der Gesang aber lautete also:
HG|3|108|3|0|„O Menschen, o Leben, ihr trachtet und schauet, dies Leben für ewig erhalten zu können! Ein rätselhaft Trachten und Schauen!
HG|3|108|4|0|Wir leben und sind doch nicht, wie wir hier leben; das Leben ist nichts, und wir sind es mit ihm gleichermaßen!
HG|3|108|5|0|Da stehet lebendig ein Geist! Sagt, wes Auge ihn sehen wohl kann und gewahren welcher lebendige Sinn?
HG|3|108|6|0|Ist er so ein Gedanke, der gleich einem Blitze so flüchtig dahinfährt und dann im unendlichen Raume sich also erzeuget, wie da sich erzeuget die lockere Flocke des Schnees im dunstigen Äther der Erde?
HG|3|108|7|0|Doch Blitze sind flüchtig, und Flocken des Schnees zerrinnen im Strahle der Sonne; o sagt, was ist’s wohl mit dem losen Gedanken, mit dem sich gefundenen Geiste im endlosen Raume, wie gleich auch mit einem Tautropfen für ein Fall?
HG|3|108|8|0|O sagt, ist er nicht Blitzen und Flocken gleich flüchtig vergänglich, ersterbend, um nimmerdar wiederzukehren und sich als derselbe treu voll zu erkennen, als sei er schon öfter im waltenden Dasein gewesen?
HG|3|108|9|0|Was ist denn das Sterben der Dinge und Menschen, was ist denn der Tod für ein Wirken?
HG|3|108|10|0|Vergeh’ ich im Tode des Leibes, wie? Oder bleibt wohl von mir noch etwas über im Geiste?
HG|3|108|11|0|Was bin ich im Geiste – ein denkendes Nichts, unwahrnehmbar für jeglichen Sinn, oder bin ich ein Licht, das da niemandes Auge erschauen je mag, auch das eigene nicht, frei von einem wie immer bestellten Leibe?!
HG|3|108|12|0|Ich möchte verwünschen das nichtige Leben und fluchen der Stunde, in der ich frei denkend als ein tolles Leben mich habe gefunden!
HG|3|108|13|0|Warum musst’ ich werden, um wieder ganz spurlos zunichte zu werden?!
HG|3|108|14|0|O elendes Leben, du grausame Plage dir selbst! Ich muss mich hier empfinden, muss denken, als wär’ ich etwas, und muss leben, um schmerzlich bald wieder vergehen zu können! O elendes Leben!
HG|3|108|15|0|Dass sterblich der Geist, sagt mir jeder gar flüchtige Gedanke, der, so er gedacht, gleich für allzeit vergeht; vergeht aber der sich erzeugende Gedanke, was soll da vom Geiste wohl übrig noch bleiben?
HG|3|108|16|0|Bin ich aber treulich berufen zum ewigen Leben, warum muss ich eher denn sterben auf dieser buntscheckigen Welt und verlassen den teuer und wert mir gewordenen Leib? O du elendes Leben, du höhnender Trug meiner Sinne! Warum doch muss leben ich hier?“
HG|3|108|17|0|Hier sprang der Adam auf und sagte sehr unbeifällig, wie schon vorhinein bemerkt wurde:
HG|3|108|18|0|„Mein Sohn, es ist genug von dieser deiner leerschwärmenden Torheit! Mit solchen Gesängen kannst du dich für ein nächstes Mal in irgendeinen Wald begeben und kannst sie dort stundenlang den Bären, Wölfen, Löwen, Tigern und Hyänen vorsingen! Diese Wesen haben genug starke Zähne und einen gehörig starken Verdauungsmagen dazu; aber menschliche Gemüter verschone allezeit damit!
HG|3|108|19|0|Denn wenn du so dumm bist und nicht weißt, was da ist das Leben, der Geist und dessen Sein, so frage wenigstens die Weisen von uns, und sie werden es dir sagen!
HG|3|108|20|0|Hast du denn so ganz und gar vergessen des Herrn und Seiner erhabensten Lehre, dass du nun mit solchen abgedroschenen alten Dummheiten wieder zum Vorschein kommst?!“
HG|3|108|21|0|Der Henoch aber sagte zum Adam: „Lasse es gut sein! Ich weiß, warum der Vater Kenan also gesungen hat; es war des Herrn Wille! Warum aber der Herr solches gewollt hat, wird schon die Folge zeigen!
HG|3|108|22|0|Kenan aber sang nicht, was in ihm ist, sondern, was in so manchen anderen noch ist. Siehe, das ist der Grund, das Weitere wird die Folge zeigen!“
HG|3|109|1|1|Der gekränkte Adam will sich von allen zurückziehen
HG|3|109|1|1|Am 1. September 1843
HG|3|109|1|0|Der Adam aber war, was da die Worte Henochs betrifft, auch nicht so ganz zufrieden; denn er war so ganz heimlich der Meinung, als hätte solches verdecktermaßen der Henoch so recht fein auf ihn abgemünzt. Daher sagte er auch zum Henoch:
HG|3|109|2|0|„Mein Sohn, du redest zwar weise, aber darum klingen deine Worte durchaus nicht angenehm, und gegen mich schon am allerwenigsten! Sage mir, aus welchem Grunde denn du nun, wo es nur irgend so etwas Ärgerliches gibt, solches verdecktermaßen stets auf mich zu beziehen scheinst!
HG|3|109|3|0|Warum muss denn gerade ich als der erste Mensch der Erde, als euer allersorgsamster und euch alle stets gleich heißliebender Vater von dir gewisserart als ein allgemeines Sündenlasttier angesehen werden?
HG|3|109|4|0|Hast du nach dem Willen des Herrn mir schon etwas zu sagen, da sage es mir entweder offenbar im vollen Sinne, oder behalte es bei dir so lange, bis du mir es unter vier Augen sagen kannst; sonst aber schweige, und mache mich nicht stets verdächtig vor allen meinen Kindern!
HG|3|109|5|0|Siehe, ich liebe Gott, meinen Herrn und Schöpfer, gewiss aus allen meinen Kräften über alles; aber wäre Er hier auch persönlich wesenhaft gegenwärtig, so hätte ich Ihm das gesagt, was ich dir nun gesagt habe!
HG|3|109|6|0|Wenn ich dem Kenan seinen offenbar töricht klingenden Gesang verwiesen habe, so tat ich das aus vollem Recht, aber deine Bemerkung, als hätte Kenan solchen darum singen müssen, um dadurch anzuzeigen, was da nicht in ihm, sondern höchstwahrscheinlich nur in mir steckt, und wenn sie dir auch vom Herrn eingegeben ist, ist hart und widerrechtlich auf mein Herz und auf meinen Geist gerichtet!
HG|3|109|7|0|Ich habe nun ausgeredet und sage dir: Von nun an werde ich mich von euch zurückziehen und werde mich allein auf meinen Seth beschränken; ihr aber könnt tun im Namen des Herrn, was ihr wollt! Aber nur verschont mein Haus, – und die Türe in dasselbe bleibe euch fremd!
HG|3|109|8|0|Du, mein Sohn Seth, aber geleite mich nun mit der Eva nach Hause auf die Höhe, denn ich sehe, dass da meine Gegenwart anfängt, meinen Kindern lästig zu werden!“
HG|3|109|9|0|Hier wurde es allen bange um den Vater Adam, und der Henoch wollte ihm seinen starken Irrtum zeigen.
HG|3|109|10|0|Aber der Adam bedeutete ihm, zu schweigen, und sprach: „Ich, Adam, – verstehe, was ich damit bezeichne – werde dir sofort keinen sündigen Schüler mehr abgeben! Du warst es, der mich wegen meiner guten Sorge ob der Purista also erbärmlichst hatte anrennen lassen; du hast eine Herde Tiger in mir entdeckt, die du dann etwas beschönigt hast, aber dennoch nicht völlig weggenommen!
HG|3|109|11|0|So das alles aber eine Eingebung des Herrn ist, da sehe ich im Ernst nicht ein, wie dir der Herr dann auch diese Einsicht nicht mit eingegeben hatte, dass deine Worte mich bis in den Grund meines Lebens allerkränkendst verletzen werden! Warum sahst du denn das nicht voraus?
HG|3|109|12|0|Darum nehme ich nun von dir durchaus keine Entschuldigung und nachträgliche Erklärung mehr an! Denn was anderes würdest du nun sagen, als: solches sei nicht im Geringsten auf mich gezielt gewesen!?
HG|3|109|13|0|Ich will’s auch gelten lassen, aber dass du nicht in dir im Voraus erschaut hast als der alleinige Hohepriester des Herrn, dass ich die von dir gestellten Worte gar sicher und sogar notgedrungen werde schmerzlich auf mich beziehen müssen, so sie nicht bestimmter ausgedrückt werden, – siehe, diese deine grobe Unaufmerksamkeit gegen mich drückt nun mein Herz und hat es gänzlich abgezogen von dir!
HG|3|109|14|0|Daher nehme ich nun kein Nachwort von dir mehr an! Bleibe, was und wie du bist; aber ich und mein Haus bleibe dir fremd, willst du meinen Segen nicht einbüßen! Und nun geleite mich, Seth! Amen.“
HG|3|109|15|0|Hier wollte der Adam im Ernst gehen; aber alles umfasste ihn und bat ihn, zu bleiben und anzuhören den weinenden Henoch, und auch gleichermaßen den Lamech aus der Tiefe.
HG|3|109|16|0|Solches Benehmen machte unseren Adam wieder weich, dass er blieb, aber dennoch den Lamech und nicht den Henoch zu hören verlangte.
HG|3|110|1|1|König Lamech besänftigt Adam. Der Grund für die menschlichen Schwächen
HG|3|110|1|1|Am 2. September 1843
HG|3|110|1|0|Da aber der Lamech solches Verlangen von dem wieder besänftigten Adam vernommen hatte, ging er hin und sprach: „Erhabener Vater der Menschen der Erde! Du bist gerecht vor Gott und uns, deinen Kindern, und wo auf der Erde lebt wohl nun der Mensch, der da verkennen möchte die Liebe in dir, mit der du alle deine Kinder erzogen hast Dem zur Ehre und zum Lob, der sie dir gegeben hatte?!
HG|3|110|2|0|Aber soviel ich jetzt eben gemerkt habe, so hast du das Gute zwar von allen deinen Kindern in dir in mächtig vorherrschendem Grad; aber nicht minder scheinen auch daneben die Schwächen deiner Kinder in dir den Ursitz zu haben, und dein erprobtes Gemüt ist durchaus von so manchen Vorurteilen noch nicht gänzlich befreit!
HG|3|110|3|0|Daher wirst du mir schon vergeben, wenn ich dir die aufrichtigste Bemerkung kundgebe, dass fürs Erste die Sangrede Kenans auf mich abgesehen war, und dass zweitens der Henoch durch seine kurze, den Kenan gegen dich verteidigende Bemerkung bestimmter nur als der Kenan selbst angezeigt hatte durch Wort, Auge und Hand, dass ich mich erforschen solle, wie viel von solcher unflätigen Weisheit noch in mir stecke!
HG|3|110|4|0|Ich befolgte aber auch augenblicklich den weisen Rat und fand, wie während der ganzen Sangrede Kenans mein Gemüt mit seinen Worten auf ein Haar übereinstimmte, und fand aber dann auch bei der Bemerkung Henochs, dass da eine alte Gewohnheit ein wahrhaftiges ehernes Gewand ist, das man nicht auszuziehen vermag, so es einem auf den Leib ist förmlich angeschmiedet worden.
HG|3|110|5|0|Siehe, das ist in der Rede Kenans und in der Bemerkung Henochs allergetreuest enthalten, und ich möchte mit meinem Leben für die Wahrheit dieser meiner Aussage stehen, so man das von mir verlangen sollte!
HG|3|110|6|0|Dass sich dabei in dieser Sache auch vielleicht mancher andere so ein wenig hat getroffen gefunden, solches finde ich ganz natürlich, wie auch ganz vollkommen gerecht, denn wir alle sind ja wenigstens in gewissen Punkten mehr oder weniger Schwache zu nennen und zu erkennen, und da finde ich derlei Rüttler ganz und gar nicht überflüssig. Denn dadurch wird so mancher bei sich seiner Schwäche gewahr und kann ihr dann auf gutem Wege den Abschied geben, wo sie ihm [andernfalls] sicher eigen bliebe bis an sein letztes Lebensende.
HG|3|110|7|0|Damit will ich nicht nur den Henoch, sondern auch dich, o Vater, und auch alle deine Kinder entschuldigt haben; denn der Herr hat dem Menschen die Schwächen zur selbständigen Probung gegeben, und eben durch diese Schwächen ist unser aller geistige Freiheit bedingt, und wir können eben durch die Erkenntnis und Besiegung derselben erst vollkommen frei im Geiste werden.
HG|3|110|8|0|Denn die Schwäche in uns ist ein vom Herrn geflissentlich unvollendeter Teil unseres Wesens, den wir selbst vollenden sollen, um dadurch die göttliche Ähnlichkeit unseres Geistes in uns selbst bekräftigend zu rechtfertigen und dadurch ein wahrhaft freies Leben für ewig durch uns selbst zu gründen.
HG|3|110|9|0|So wir aber nur lieber unsere Schwächen verdeckt, als geoffenbart in uns tragen wollen, da schaden wir uns ja nur selbst und sind selbst Schuldträger, so wir am Ende durch sie zugrunde gehen!
HG|3|110|10|0|Daher, Vater Adam, wirst du wohl dem Henoch, dem Kenan und mir vergeben, so wir dadurch dir etwa sollten zu nahegetreten sein?!“
HG|3|110|11|0|Diese Worte Lamechs söhnten den Adam wieder völlig aus, dass er nun auch wieder den Henoch zu hören verlangte.
HG|3|111|1|1|Henochs Prophezeiung der zukünftigen grausamen Machthaber als Folge von Adams Hochmut
HG|3|111|1|1|Am 4. September 1843
HG|3|111|1|0|Und der Henoch wandte sich zum Adam und sprach zu ihm: „Vater Adam, schon so gar manches habe ich aus deinem Munde vernommen, aber ein gänzliches Haus- und Türverbot noch nicht!
HG|3|111|2|0|Ach, um wie vieles glücklicher wären unsere Nachkommen, wenn solches deinem Gemüt nicht entkommen wäre!
HG|3|111|3|0|Was du hier tust, o Vater, als Erster der Menschen auf dieser Erde, das werden auch tun gar viele deiner Kinder in den späteren Zeiten!
HG|3|111|4|0|Ja, ich sage es dir nun aus dem Geist des Herrn in meinem Herzen, was du nun redest aus deinem Lebensgrund, das werden deine Kinder tun in der Wirklichkeit auf eine Weise, die vor dem Herrn ein Gräuel der Gräuel sein wird; und wie du dich ehedem gegen meine Worte, die da kamen aus dem Geist des Herrn, auflehntest und mich von dir gewiesen hast, also werden es deine Nachkommen allen jenen Lehrern tun, welche vom Geist Gottes erfüllt sein werden, und werden jenen huldigen, die da den Geist der Welt predigen werden!
HG|3|111|5|0|Dass du dich von uns allen bis auf den Vater Seth hast absperren wollen und niemanden mehr vorlassen, darum werden Machthaber unter den Völkern aufstehen, werden sie grausam beherrschen; und solcher Herrscher Häuser werden verschlossen sein vor dem armen Volk, und niemand wird sich beim Verlust seines Lebens getrauen dürfen, sich einem solchen Herrscherhaus auch nur von ferne her zu nahen.
HG|3|111|6|0|Und solches wird geschehen schon künftig in der halben Länge deiner gegenwärtigen Lebenszeit; und in der kaum sechsfachen Dauer einer so langen Zeit, als du schon lebst auf dieser Erde, wird sie aussehen wie die Haut eines erbosten Igels, da eine Spitze gegen die andere sich erhebt. Mehr brauche ich dir nicht zu sagen.
HG|3|111|7|0|O Vater, warum bist du also und magst nicht einmal völlig ablegen dasjenige, was da ist eine Ausgeburt des Hochmutes?
HG|3|111|8|0|Siehe, wenn ich rede und handle, so rede und handle ich ja nicht aus mir, sondern aus dem Herrn, der mich vor euch allen dazu berufen hatte! So aber mein Wort ein Wort des Herrn ist, warum sträubst du dich denn dann gegen dasselbe?“
HG|3|111|9|0|Der Adam war über diese Worte Henochs überaus mächtig betroffen und sprach darum zu ihm: „O Henoch, du Weiser aus Gott, welch harte Dinge hast du mir nun kundgetan!
HG|3|111|10|0|Siehe, ich hätte solches aber ja auch nicht ausgesprochen, so ich gewusst hätte, dass da des Herrn Geist aus dir geredet hatte! Aber solches hast du mir nicht angezeigt, darum ich denn der Meinung war, du redetest aus dir also zu mir und hättest einen kleinen Hochmut, den ich aus dir bringen wollte.
HG|3|111|11|0|Also solltest du darum mir allzeit kundtun zuvor, ob du redest aus dem Geist Gottes, oder ob du redest aus dir, und ich werde mich ja allezeit danach zu richten wissen.
HG|3|111|12|0|O sage, ist denn dem gar nicht mehr abzuhelfen, was alles du nun aus meinem früheren Benehmen gegen dich geweissagt hast?“
HG|3|111|13|0|Und der Herr erwiderte durch den Mund Henochs wohlvernehmlich Selbst dem Adam: „Hättest du nur den Henoch zurechtgewiesen, da hätte deine Rede keine Folgen, du aber sagtest, dass du das auch Mir verwiesen hättest!
HG|3|111|14|0|Und siehe, darum hatte dein Wort die Folge geschaffen; denn jeglich Wort, auf Mich gerichtet, ist wie ein geschaffenes Werk, das da nimmer zerstört werden mag. Verstehe das!
HG|3|111|15|0|O Adam, Adam, was alles für schwere Lasten wirst du Mir denn noch auf Meinen Nacken bürden?“
HG|3|111|16|0|Hier erst ersah der Adam ganz, was er getan hatte, und ward betrübt.
HG|3|111|17|0|Der Henoch aber sprach: „Sei getrost, denn der Herr hat ja auch diese neue Last dir abgenommen und gelegt auf Seine Schulter. Darum sei heiter und dankbar dem Herrn!“
HG|3|112|1|1|Die Nachtruhe von Adam und Eva wird gestört
HG|3|112|1|1|Am 5. September 1843
HG|3|112|1|0|Als der Adam sich aber wieder also beruhigt hatte und alles wieder so in der alten Ordnung sich befand, da sagte der Adam: „Kinder, ich bin müde, und meine Glieder haben eine große Sehnsucht nach Ruhe; daher werde ich mich zur Ruhe begeben. Du, Uranion, aber bringe mich und die Eva auf das rechte Lager!
HG|3|112|2|0|Ihr Kinder aber könnt so lange wachen, als ihr wollt, und braucht euch nicht zu binden an mich. Empfangt aber zuerst meinen Vatersegen!“
HG|3|112|3|0|Hier segnete der Adam alle seine Kinder und begab sich dann mit der Eva zur Ruhe.
HG|3|112|4|0|Als er aber noch kaum auf dem ausgezeichnetsten Punkt der großen Wohnung Uranions sich zur Ruhe gelegt hatte, siehe, da kamen die Purista mit Muthael und zwei Fremde in die Hütte des Uranion, und es entstand darum in der ganzen Gesellschaft, die da noch wachend versammelt war, eine große Freude.
HG|3|112|5|0|Als der Adam aber aus tiefem Hintergrund, auf einer erhabenen Tribüne ruhend, solch eine unerwartete freudige Aufregung in der hinterlassenen Gesellschaft bemerkte, da sprach er bei sich: „Was muss denn jetzt vorgegangen sein? Ich vernehme Begrüßungen von allen Seiten! Es muss sicher etwas Außerordentliches vorgefallen sein!
HG|3|112|6|0|Stehe ich nun auf, um nachzusehen, was es gibt, da erscheine ich, als wäre ich voll Neugierde, – und gehe ich nicht hin, so wird mich die sichere Unruhe die ganze Nacht plagen, und ich werde meinen Gliedern wenig Ruhe zu gönnen imstande sein.
HG|3|112|7|0|Der Jubel wird stets größer, stets lauter und freudiger wird es im Zirkel der Kinder! Nein, nein, das halte ich ja gar nicht aus! Wenigstens will ich mich doch heimlich auf die Beine machen und will nachsehen, was es da wohl gibt!“
HG|3|112|8|0|Hier erhob sich der Adam, aber die Eva fragte ihn, was er nun tun wolle. Und er zeigte ihr die Gesellschaft der Kinder, wie sich diese belustige, und er doch den Grund davon sehen müsse.
HG|3|112|9|0|Die Eva aber sagte: „So lassen wir sie fröhlich sein im Namen des Herrn, wir aber bleiben, wo wir sind; denn sonst kommt es heraus, als wären wir noch neugieriger als die kleinen Kinder!
HG|3|112|10|0|Ist etwas daran, da werden wir es frühzeitig genug erfahren, und ist nichts daran, so brauchen wir es gar nicht zu erfahren; des Herrn Wille aber sei allezeit und ewig vollkommen der unsrige!“
HG|3|112|11|0|Der Adam stellte sich damit halbwegs zufrieden und blieb am Lager.
HG|3|112|12|0|Aber es wurden endlich Fackeln angezündet, die da waren aus Pech und Wachs von feinster und duftendster Art, und Lobgesänge erschallten von allen Seiten her, und es ward helle in der Hütte wie am Tage.
HG|3|112|13|0|Das war für die Geduld Adams bezüglich seiner Neugierde denn doch etwas zu viel, und er sprach zur Eva: „Nun tut sich’s mit der Ruhe auf keinen Fall mehr! Ich muss aufstehen und nachsehen, was da die Kinder haben!“
HG|3|112|14|0|Aber die Eva sprach: „Siehe, wie lange wird es denn sein bis zum Tag?! Ruhe doch der Gesundheit wegen ein paar Stunden, dann aber magst du dich erheben und alles in Augenschein nehmen!
HG|3|112|15|0|Wie wird es denn sein, so uns der Herr einmal von der Erde abrufen wird? Wird uns auch dann die Neugierde im Geiste zur Welt ziehen und zu unseren Kindern, wenn sie in allerlei Taumel übergehen werden?“
HG|3|112|16|0|Diese Worte Evas hielten den Adam wieder am Lager, und er ergab sich der Weisheit seines Weibes.
HG|3|112|17|0|Es fing sich aber die Hütte nach und nach zu füllen an, und es ward stets lebendiger und heller in ihr.
HG|3|112|18|0|Nun war der Adam aber auch nicht mehr zu halten.
HG|3|113|1|1|Muthael vom Herrn Selbst verbunden mit Purista. Der Herr deutet Adams zukünftige Erweckung an
HG|3|113|1|1|Am 6. September 1843
HG|3|113|1|0|Es bemühte sich zwar die Eva, den Adam auch diesmal zurückzuhalten, aber der Adam sprach zu ihr: „Höre mich, Weib! So ich aber nun bleibe, und es sei, dass der Herr Selbst zu den Kindern gekommen ist, was dann? Sollten wir auch dann ruhen?“
HG|3|113|2|0|Und die Eva sprach: „Ja, wenn der Herr unter den Kindern [weilt], dann ist keine Zeit zur Ruhe, weder bei Tag, noch in der Nacht; da will aber auch ich nicht erstehen erst am Morgen, sondern sogleich jetzt mit dir!“
HG|3|113|3|0|Und der Adam billigte diesen Vorsatz Evas, und also erhoben sich beide vom Lager und gingen hin, vor zu der Gesellschaft, welche sehr freudig und lebhaft miteinander konversierte.
HG|3|113|4|0|Als aber der Henoch den Adam bemerkte, ging er sogleich auf ihn zu und sagte: „Vater Adam, wir ließen dir schlechte Ruhe! Solches sah ich wohl, aber es ist diesmal nicht anders möglich!
HG|3|113|5|0|Siehe, dort im Vorgrund sitzt Muthael schon mit seinem Weib Purista, vom Herrn Selbst gebunden mit ihr!
HG|3|113|6|0|Was Besseres können wir da wohl tun, als uns freuen über die Freude eines Kindes, ja im Geiste eines Bruders, den der Vater aller Heiligkeit und Liebe Selbst aufsuchte und ihm zuführte das rechte Weib in dem Augenblick, als er sie völlig seinem Herzen entwand und sie dann Ihm, dem Vater der Ewigkeit aufopferte?!“
HG|3|113|7|0|Der Adam aber ward ganz zu Tränen gerührt ob dieser Worte Henochs und ob dieses Anblicks. Er sah darum fast unverwandt auf das also neuvermählte Paar und segnete es ganz im Stillen in seinem Herzen.
HG|3|113|8|0|Als er aber also hinsah, da erschaute er auch zwei fremde Gäste, in deren Mitte sich das neue Ehepaar befand, und wusste nicht, woher sie wären.
HG|3|113|9|0|Der Henoch aber sah, was Adam forschte in seinem Herzen; daher sagte er auch unaufgefordert zum Adam:
HG|3|113|10|0|„Vater, du suchst die Bekanntschaft der Fremden in dir und möchtest erfahren, wer und woher sie sind? Ich aber, da ich nun des fröhlichsten Mutes bin, will dir es auch alsobald kundgeben, damit auch dein Herz in alle Freude übergehen möchte!
HG|3|113|11|0|Siehe, Vater, es ist Derjenige, der da sitzt an der Seite der Purista, der Herr Selbst! Und der da sitzt an der Seite Muthaels, ist der Geist Zuriels, des Vaters der Ghemela, welche da sitzt zur Linken des Herrn, und ihr Lamech neben ihr.
HG|3|113|12|0|Und so siehst du nun zwei Ehepaare, deren Kinder mit ihren Kindern eine neue Erde betreten werden!“
HG|3|113|13|0|Diese Worte Henochs brachen dem Adam und der Eva das Herz, dass da beide weinten und vor freudiger Wehmut nicht zu reden vermochten.
HG|3|113|14|0|Es stand aber hier der Herr auf und sprach: „Adam, trete Mir näher!“
HG|3|113|15|0|Und der Adam trat hin zum Herrn.
HG|3|113|16|0|Der Herr aber sprach: „Adam, so du allein sein wirst und Ich kommen werde durch die Finsternisse der Gräber des Todes zu dir, wirst du Mich wohl erkennen in der Nacht?
HG|3|113|17|0|Wirst du Mich erkennen, so Ich dich erwecken werde vom tiefen Schlaf und werde zu dir sagen: ‚Adam, erstehe, komme und lebe!‘?
HG|3|113|18|0|Wirst du Mich wohl erkennen auf einer neuen Erde, in einem neuen Himmel, so diese Erde und dieser Himmel vergehen werden wie ein altes Kleid?“
HG|3|113|19|0|Der Adam aber fragte, mächtig ergriffen: „O Herr und Vater, was ist das? Wann wird solches geschehen?“
HG|3|113|20|0|Der Herr aber sprach: „Sieh hier, sieh da; es ist schon vor dir! Die Ewigkeit bebt, und die Unendlichkeit zittert vor Mir; denn jetzt stelle Ich eine Wache, und ihr Schwert soll kämpfen mit dem, der tot ist!“
HG|3|113|21|0|Hier bog sich der Adam bis zur Erde und sprach: „Herr, was für Worte redest Du? Wer kann fassen deren Sinn?!“
HG|3|113|22|0|Und der Herr sprach: „Die Zeiten der Zeiten werden es fassen, und die aus dir sind; du aber wirst ruhen und es nicht eher fassen und erkennen, als bis Ich zu dir sagen werde: ‚Adam, erstehe, komme und lebe!‘“
HG|3|114|1|1|Die abschließende Rede des Herrn. Beginn des goldenen Zeitalters
HG|3|114|1|1|Am 7. September 1843
HG|3|114|1|0|Nach diesen an den Adam gerichteten Worten aber wandte Sich der Herr an alle anwesenden Kinder und sprach:
HG|3|114|2|0|„Kinder, Ich habe nun geordnet die Höhe und die Tiefe und habe zwischen beiden wohlgangbare Wege gemacht, auf dass ihr zusammenkommen mögt und könnt euch unterstützen in allem, das ihr gegenseitig vonnöten habt!
HG|3|114|3|0|Ich Selbst habe euch durch einen Zeitraum von mehr als zwei Monden persönlich wesenhaft gelehrt, euch selbst und Mich als euren wahren Gott und Vater zu erkennen, in Mir zu finden das ewige Leben des Geistes und in diesem Leben alle Liebe, Weisheit, Macht und Kraft, wodurch euch alle Dinge zinspflichtig werden müssen.
HG|3|114|4|0|Viele aus euch sind schon in diesem Leben und können daraus den weisen Gebrauch aller Dinge erkennen und sie dann bestens benützen. Viele aus euch sind besonders in der Tiefe auf dem besten Wege zu diesem Leben, nur einige wenige wissen so ganz eigentlich nicht, wo sie das Leben des Geistes beginnen sollen.
HG|3|114|5|0|Darum aber habe Ich mehrere aus euch gar mächtig erweckt, auf dass durch euch als Geweckte die Schwachen und die noch Blinden sollten auf den rechten Weg geleitet werden.
HG|3|114|6|0|Also habe Ich euch auch kein Gebot gegeben, sondern habe euch tatsächlich nur gezeigt, dass ihr alle in der Liebe zu Mir also vollkommen frei seid, wie Ich, euer Gott, Herr, Schöpfer und Vater Selbst von Ewigkeit es bin.
HG|3|114|7|0|Dazu habe Ich euch noch die vollste Versicherung gegeben, dass da die Vollkommenen in der Liebe zu Mir den Tod des Leibes nie sehen, fühlen und schmecken werden, sondern werden wie der Zuriel, der hier ist, und wie der Sehel und wie die Pura übergehen in das allervollkommenste ewige Leben des Geistes!
HG|3|114|8|0|Also habe Ich euch gezeigt die endlosen Vorteile des wahren Lebens, wie im Gegenteil aber auch den endlosen Nachteil eines Meiner ewigen Ordnung dawiderlaufenden Lebens.
HG|3|114|9|0|Solches alles habt ihr demnach von Mir, dem Herrn Selbst, unmittelbar vernommen und in euer Herz empfangen und könnt darum an der vollsten Wahrheit alles des von Mir Selbst euch Verkündeten nimmer zweifeln.
HG|3|114|10|0|Darum denn aber seid ihr nun auch mit allem und in allem versorgt und könnt nicht sagen: ‚Vater, dies und jenes geht uns noch ab!‘ Da ihr alle aber eben also versorgt seid, nicht nur für die Zeit, sondern für die ganze Ewigkeit, so bleibt denn auch in dieser Verfassung, und lasst euch nicht unweise gelüsten mehr nach den eitlen Dingen der Welt, an denen der Tod und das Verderben klebt, so werdet ihr Mir keine weitere Mühe mehr machen!
HG|3|114|11|0|Wenn ihr aber eigenmächtig aus Meiner Ordnung treten werdet und werdet euch untereinander beherrschen wollen des Eigennutzes, der Herrlichkeit und der Welt in euch wegen, dann werde Ich Mein Angesicht von euch abwenden und werde euch versinken lassen in den Pfuhl aller Unzucht, Fleischgier, Hurerei und in allen Ehebruch und unordentliche tierische Begierde; was ihr aber dabei gewinnen werdet, das werden euch alsbald die bitteren und herben Folgen zeigen! Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen!
HG|3|114|12|0|Da nun denn also alles in der größten Ordnung ist, so segne Ich euch und sage: Meine Liebe bleibe bei euch in der Zeit, wie ewig! Amen.“
HG|3|114|13|0|Hier ward der Herr samt Zuriel wieder unsichtbar. Die Gesellschaft aber ging hinaus und lobte und pries Gott bis in den Tag und feierte also auch den Sabbat.
HG|3|114|14|0|Am Sonntag aber begab sich alles wieder an seinen Ort, und der Lamech selbst kehrte unter vielen Segnungen mit seiner Gesellschaft zurück in die Tiefe und hielt dort weise die Ordnung des Herrn und machte also sein Zeitalter zum wahrhaftig goldenen.
HG|3|114|15|0|Eben also war es auch auf der Höhe der Fall.
HG|3|115|1|1|Die erste Kirche und der spätere Verfall der Menschen. Adams Abschiedsrede, Testament und Tod
HG|3|115|1|1|Am 11. September 1843
HG|3|115|1|0|Also waren nun die Menschen der Erde vollkommen gebildet, bereichert mit allen Kenntnissen. Die Kluft zwischen der Höhe und der Tiefe ward aufgehoben, damit da ein jeder Mensch vollkommen freiesten Willens und der ungehinderten Tätigkeit danach sein konnte.
HG|3|115|2|0|Und so war auch die Erkenntnis Gottes vollkommen lebendig und die erste Kirche also gegründet, in der ein jeder Mensch die innere Welt des Geistes in der reinen Liebe zu Gott finden konnte.
HG|3|115|3|0|Und so war alles vollkommen gut, solange diese ersten Urväter lebten; als aber diese abgerufen wurden und sonach einer nach dem anderen starb, da ward es leider bald anders.
HG|3|115|4|0|Die Welt fing an, immer mehr überhandzunehmen, das Geistige verlor sich, und wir erschauen bald ganz materiell gewordene Menschen, welche vom Geist nicht viel mehr wussten als die Menschen der jetzigen Zeit und ließen sich daher von Meinem Geist auch nicht mehr führen und strafen.
HG|3|115|5|0|Denn also wusste die Schlange die Natur des Erdbodens zu segnen mit ihrem Fluch, dass dieser alles hervorbrachte in solcher Üppigkeit, welche die Menschen bald verweichlichte und aus ihnen Faulenzer und Müßiggänger bildete.
HG|3|115|6|0|Der weitere Verfolg wird solches noch klarer vor jedermanns Augen stellen.
HG|3|115|7|0|Adam ward neunhundertdreißig Jahre, da berief er alle seine Hauptstammkinder zusammen und sprach dann zu ihnen:
HG|3|115|8|0|„Kinder, nun habe ich neunhundertdreißig Jahre gelebt auf der Erde und bin darob gewaltig müde und schwach geworden!
HG|3|115|9|0|Ich habe darum meinen Gott und euren Gott gebeten, dass Er mich stärken möchte oder nehmen von der Erde also, wie Er in der Zeit Seiner großen Offenbarungen zu Sich genommen hatte den Zuriel, den Sehel und die Pura.
HG|3|115|10|0|Und da ich also gebetet hatte, seht, da sprach der Herr zu mir:
HG|3|115|11|0|‚Höre, Adam! Ich habe deine Zeit gemessen und habe sie vollmäßig gefunden; daher will Ich auch dein Gebet erhören und will dich nehmen von der Erde, die da schon mächtig deine Füße ermüdet hat.
HG|3|115|12|0|Aber also wie die drei von dir Genannten kannst du die Erde nicht verlassen, da du gesündigt hast in deinem Fleisch!
HG|3|115|13|0|Daher soll dein Leib der Erde wiedergegeben werden, von der er genommen ward, auf dass der Schlange von dir ihr Teil werde!
HG|3|115|14|0|Aber deine Seele mit dem Geist aus Mir will Ich von deinem Leib lösen und will sie führen auf den gerechten Ort, an dem du Meine Erbarmungen schauen sollst in aller Ruhe deines Herzens.
HG|3|115|15|0|Einen Engel aber werde Ich zu dir senden; dieser wird dich erlösen vom Leib, und das an diesem Tag.
HG|3|115|16|0|Wie aber du das Zeitliche verlassen wirst, also werden es alle verlassen müssen, die da in ihrem Leib gesündigt haben.
HG|3|115|17|0|Denn wie durch dich gekommen ist die Sünde in die Welt der Kinder aus dir, also soll auch kommen der Tod des Fleisches! Amen.‘
HG|3|115|18|0|Also sprach der Herr, und also ist heute der letzte Tag meines irdischen Seins vor euch; denn es ist dies des Herrn Wille!
HG|3|115|19|0|Die Eva, eure Mutter, wird noch leben einige Zeit; haltet sie in Ehren, und sorgt für sie, bis auch sie der Herr abrufen wird!
HG|3|115|20|0|Dir, Henoch, übergebe ich meine Wohnung und alles, was in ihr ist, und die erste Sorge für die Mutter sei dir anbefohlen!
HG|3|115|21|0|Dir, Seth, aber gebe ich alles Land, und all dessen Erträgnis! Darum aber sollst du sorgen für alle, die da in meiner Wohnung hausen werden, denn diese sollen fortan dem Hohepriester zu eigen bleiben, und er soll leben von dem zehnten Teil von allen Erträgnissen des Landes.
HG|3|115|22|0|Also will es fortan Gott der Herr! Meinen Leib aber sollen Henoch, Jared, Mathusalah und Lamech heimlich begraben an einer Stelle, von der da außer den vieren niemand wissen darf, auf dass da nicht etwa die Kinder kämen und täten demselben göttliche Verehrung an. Das ist mein und des Herrn Wille! Danach handelt! Amen.“
HG|3|115|23|0|Darauf segnete Adam alle die Hauptstammkinder und durch sie alle Menschen der Erde, neigte dann sein Haupt und starb.
HG|3|115|24|0|Alle Kinder aber zerrissen ihr Gewand und weinten und trauerten bei einem Jahr lang.
HG|3|115|25|0|Der Adam aber ward auf einem hohen Berg begraben, und niemand außer den vieren wusste von der Stelle.
HG|3|115|26|0|Und der Henoch bezog das Haus Adams und lebte im selben mit seinem Weib und seinen Kindern und sorgte für die Eva, welche noch dreißig Jahre nach dem Tode Adams lebte.
HG|3|115|27|0|Also ward in allem das Testament Adams beobachtet.
HG|3|116|1|1|Trauer um den Verlust des Erzvaters. Evas steigendes Ansehen. Der Tod Evas
HG|3|116|1|1|Am 12. September 1843
HG|3|116|1|0|Auch die Kinder der Welt in der Tiefe, als sie die Nachricht vom Tode Adams erhielten, betrauerten tief denselben und fasteten drei Tage lang.
HG|3|116|2|0|Und der Lamech, der zu dieser Zeit noch lange treu und gut lebte, sandte Boten nach allen Seiten der Erde hin und ließ allen damaligen zugänglichen Völkern den Tod Adams verkündigen.
HG|3|116|3|0|Und dahin die Kunde kam, entstand alsbald tiefe Trauer, und alles wehklagte und weinte ob dem Verlust des Erzvaters.
HG|3|116|4|0|Aber um eben desto mehr gewann nun das Ansehen Evas; denn es geschah dann nicht selten, dass da ganze Prozessionen sich von allen Seiten hinbegaben auf die Höhe, um die Erzmutter zu sehen und zu begrüßen.
HG|3|116|5|0|Selbst Abgesandte Sihins kamen auf das Gebirge der Kinder Gottes und besuchten die Eva; denn auch diese erfuhren von den Boten Lamechs, dass der Erzvater Adam gestorben war.
HG|3|116|6|0|Aber die Kahiniten und die Meduhediten erfuhren es nicht; denn diese zwei Völker waren für damals gänzlich getrennt von den Festlandsbewohnern.
HG|3|116|7|0|Die Eva aber war, der vielen Tröstungen ungeachtet, dennoch stets tief betrübt bis zu ihrem Lebensende; selbst die Tröstungen Henochs vermochten nicht viel über ihr Herz.
HG|3|116|8|0|Der Seth allein nur vermochte oft wohltätig zu wirken auf Evas Herz, darum er von jeher ihr Liebling war, da er dem Adam völlig ähnlich war im Gesicht, wie in der Größe und im Ton der Rede.
HG|3|116|9|0|Also gingen auch diese dreißig Jahre in guter, allgemeiner Ordnung vorüber; und da das Lebensmaß Evas zu Ende war, ward denn auch sie vom Herrn abberufen.
HG|3|116|10|0|Drei Tage vor dem Tode Evas aber geschah es, als gerade Seth, Jared, Henoch, Mathusalah und Lamech die schon sehr schwache Erzmutter umgaben, dass nach der Zulassung des Herrn der Geist Adams in die Hütte trat und sprach:
HG|3|116|11|0|„Kinder, seid mir gesegnet! Der Friede sei mit euch, und fürchtet euch nicht vor mir; denn ich bin Adam, der euch alle gezeugt hat im Fleische durch die Gnade des allmächtigen, ewigen, lebendigen Gottes!
HG|3|116|12|0|Seht, der Herr, der Sich meiner schon vor dreißig Jahren erbarmt hatte, hat Sich nun auch der Eva, meines treuesten Weibes, erbarmt und will sie erlösen von der Erde und von ihrem übermühselig und schwach gewordenen Fleisch, auf dass da nun auch sie in meine Lebensruhe eingehen solle und solle sich mit mir weiden als ein zahmes und sanftes Lamm an der geheiligten Trift der Erbarmungen Gottes!
HG|3|116|13|0|Mich hatte der Geist Sehels erlöst, aber die Eva werde ich selbst entbinden ihrer irdischen Last und werde sie führen dahin, da ich bin, in der süßen Ruhe harrend jenes Tages, der einst nach der Verheißung der Erde aufgehen wird als eine Sonne der Sonnen!“
HG|3|116|14|0|Hier fragte der Henoch den Geist: „Und wann wirst du bestimmt solches tun, und was soll mit dem Leib der Mutter geschehen?“
HG|3|116|15|0|Und der Geist Adams sprach: „Nicht ich, sondern der Herr ist dein Meister! Am dritten Tage von heute ist der Termin; was du aber zu tun hast, wird dir der Herr wie allzeit kundgeben!“
HG|3|116|16|0|Hier verschwand der Geist Adams.
HG|3|116|17|0|Am dritten Tage aber kam er wieder, allein dem Henoch und der Eva sichtbar.
HG|3|116|18|0|Und die Eva segnete alle die anwesenden Kinder, lobte Gott für diese Gnade.
HG|3|116|19|0|Und der Geist Adams sprach allen vernehmbar: „Eva, meinen Segen, mit dem deinen vereint, hast du gegeben den Kindern! Also ist es des Herrn Wille, dass auch du heimkehrst, und so komme denn in meine Arme im Namen des Herrn! Amen.“
HG|3|116|20|0|Hier sank die Eva tot darnieder, und ihr Geist und ihre Seele entschwand alsbald mit dem Geist Adams und ward fürder nimmerdar gesehen.
HG|3|116|21|0|Also verschied die Mutter im Kreise ihrer Kinder und ward im Geiste vom Adam, wieder vereint, in die geistigen Arme aufgenommen und geführt zur Ruhe im Herrn.
HG|3|116|22|0|Ihr Leib aber ward nach dem Willen des Herrn eben auch von denen, die Adam begruben, an derselben Stelle begraben, und niemand durfte wissen, wo der Ort.
HG|3|116|23|0|Auch der Tod Evas hinterließ eine jahrelange Trauer und bewirkte, dass sich viele verbargen und ein überaus frommes Leben anfingen.
HG|3|116|24|0|Besonders mächtig wirkte der Tod Evas auf die Abendlandsbewohner, die sich nun Abedamiten nannten; denn Abedam war auch ein Liebling Evas, und sie aber war auch ihm alles.
HG|3|116|25|0|Das war demnach das Ende auch der Eva.
HG|3|117|1|1|Die Verachtung der Welt führt zur Ablehnung des irdischen Lebens unter den Kindern der Höhe. Henochs Hinwegnahme durch den Herrn
HG|3|117|1|1|Am 13. September 1843
HG|3|117|1|0|Danach lebten die Menschen noch eine lange Zeit wie halb gestorben und hatten keine Freude an der Welt, sondern ihre Sehnsucht ging dahin, sobald als möglich dem Hauptelternpaar nachzufolgen.
HG|3|117|2|0|Die Verachtung der Welt ging bei einigen so weit, dass sie sich unter alten Feigenbäumen kleine Hütten errichteten und daselbst hundert Jahre lang ein barstes Einsiedlerleben führten und wechselten solange ihre Wohnstätte nicht, solange der sie kümmerlich ernährende Baum lebte.
HG|3|117|3|0|Gar viele Männer schworen, kein Weib zu berühren, denn sie sagten in manchmal nicht unbedeutender Erbitterung: „Wozu noch fernerhin Menschen zeugen? Hat ein jeder Mensch das Los Adams und Evas zu erwarten – also den Tod und das Verderben des Fleisches – da ist es ja besser, er wird nicht in ein so elendes Dasein gerufen! Mag Gott aber schon durchaus elende Menschen auf dieser zerklüfteten Erde haben, da kann Er sie von neuem aus Steinen und Lehm erschaffen; wir jedoch, die wir wissen, was diesem elenden Leben folgt, werden uns nimmer dazu gebrauchen lassen, um unglückliche Wesen unserer Art ins Dasein zu rufen!“
HG|3|117|4|0|Also auch taten viele Weiber und sperrten sich ab und waren zu keiner Empfangung mehr zu bewegen; denn auch sie sagten: „Für den Tod sollen Tiere, aber nicht Menschen gezeugt werden!“
HG|3|117|5|0|Und so strotzte im Verlaufe von hundert Jahren nach dem Tode Evas, wie auch um diese Zeit nach dem Tode Seths, die Höhe allenthalben von solchen Sonderlingen; und da nützte keine Rede des noch lebenden Henoch etwas, auch kein Wunder, um die Menschen von dieser Torheit zu heilen.
HG|3|117|6|0|Der Henoch selbst aber, da er sah, dass da mit diesen superklugen Menschen bei Belassung ihres freien Willens nichts mehr zu richten ist, bat endlich auch den Herrn, dass Er ihn zu Sich nehmen möchte.
HG|3|117|7|0|Der Herr aber sprach zu Henoch: „Mein getreuester Diener! Siehe, in diesem Jahr wird noch Lamech, dein Enkel, einen Sohn bekommen! Diesen musst du noch zuvor segnen, dann will Ich auch dich erlösen von der Welt also, wie Ich es dir verheißen habe!“
HG|3|117|8|0|Und im selben Jahr, da der Lamech zweihundertachtzig Jahre alt war, gebar die Ghemela ihm einen Sohn, den der Henoch alsbald segnete nach der Beheißung des Herrn.
HG|3|117|9|0|Und der Lamech aber nach der Segnung hinzusprach: „Noah ist dein Name! Der wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf Erden, die Gott der Herr verflucht hatte!“
HG|3|117|10|0|Aus diesem Ausruf Lamechs aber kann jedermann ersehen, dass sogar die Gemütsstimmung Lamechs nicht mehr so recht ganz in der Ordnung war; denn er machte dadurch Mir, dem Herrn, einen offenbaren Vorwurf ob des vermeintlichen Fluches der Erde, da er dadurch gewisserart sagte: Bei Gott gibt es keine Tröstung mehr; denn Er hat nun Seine Freude am Töten der Leiber der Väter. Daher solle sein Sohn Noah ein Tröster werden!
HG|3|117|11|0|Henoch aber verwies dem Lamech auch diesen Ausruf und zeigte ihm an, dass Ich das Benehmen der Kinder nun mit beleidigtem Herzen ansehe, indem Ich doch Selbst ihnen allen ein anderes ewiges Leben im Geiste nach der Ablegung des versuchenden Fleisches verheißen, gelehrt und allzeit überzeugend in jedermanns Herzen darstellte.
HG|3|117|12|0|Aber der Lamech sprach: „Solches weiß ich so gut wie du, Vater Henoch! Aber so ich allzeit schaue in mir das gewisse ewige Leben, warum denn kann ich die nimmer erschauen im selben, die da gestorben sind? Siehe, dafür haben wir keine Lehre und keinen Grund!
HG|3|117|13|0|Warum dürfen denn die Geister nicht zu uns, die da hinübergegangen sind, und uns zeigen, dass sie auch ohne Leib Leben haben und sind?“
HG|3|117|14|0|Und der Henoch sprach: „Was redest du? Sahst du doch den Geist Adams, Zuriels und den Geist Ahbels und Sehels? Was willst du denn da noch mehr?“
HG|3|117|15|0|Aber der Lamech sagte: „Siehe, bei Gott sind alle Dinge möglich! Kann Er nicht die Getöteten wieder ins scheinbare Leben und Dasein rufen, wann Er will? Und dann glauben wir, dass es so ist!
HG|3|117|16|0|Aber wenn das scheinbare Dasein zurücktritt, was ist dann? Wohin kommt es, da es für unsere Sinne nicht mehr ist? Siehe, da ist der alte Fluch ersichtlich! Wir sind, um getötet zu werden; zum Fluch sind wir, aber nicht zum Leben!
HG|3|117|17|0|Wo das Leben ist, da sollte es allzeit ersichtlich sein, aber nicht irgend also, als wäre es keines!
HG|3|117|18|0|Der Sünde Adams wegen muss aller Menschen Fleisch getötet werden! Welch ein Fluch! So ich nie gesündigt habe, warum soll mein Leib getötet werden der Sünde Adams willen? Siehe, das finde ich grausam!“
HG|3|117|19|0|Hier segnete der Henoch den Lamech und ging hinaus und weinte vor dem Herrn.
HG|3|117|20|0|Der Herr aber tröstete den Henoch, nahm ihn zu Sich mit dem Leib, und er ward forthin nicht mehr gesehen auf der Erde, obschon ihn die Menschen allenthalben suchten.
HG|3|118|1|1|Vergebliche Suche nach Henoch. Lamechs verbitterte Rede, als er von Henochs Hinwegnahme erfährt
HG|3|118|1|1|Am 14. September 1843
HG|3|118|1|0|Es blieb aber namentlich für Lamech der Henoch diesmal zu lange aus, und er ging darum selbst hinaus, zu sehen, was da irgendwo der Henoch täte.
HG|3|118|2|0|Aber er ging vergeblich die ganze Höhe ab und fand den Henoch nirgends. Er sandte auch Boten nach allen Richtungen aus; sogar in die Tiefe hinab sandte er Forscher.
HG|3|118|3|0|Aber es war vergebens, denn Henoch war nirgends mehr unter den Lebenden auf der Erde anzutreffen.
HG|3|118|4|0|Darauf dachten Lamech und auch die anderen wenigen noch lebenden Väter, es möchte Henoch etwa gestorben sein. Darum ließ Lamech jedermann fragen, ob da niemand Kunde hätte davon.
HG|3|118|5|0|Aber ein jeder Befragte zuckte ganz gewaltig mit den Achseln und sprach, seit dem letzten Sabbat vom Henoch nichts gesehen zu haben.
HG|3|118|6|0|Ein ganzes Jahr ging das Suchen hin und her, auf und ab; doch niemand wusste auch nur im Allergeringsten etwas, was da mit ihm, dem Henoch nämlich, vorgefallen sei.
HG|3|118|7|0|Der in der Tiefe noch lebende Lamech hatte gar weitgedehnte Suchungen vornehmen wollen; aber als er schon zehntausend Boten ausgerüstet hatte, da sprach der Herr zu ihm:
HG|3|118|8|0|„Mache dir nicht vergebliche Mühe, gleich den Toren auf der Höhe; denn siehe, Ich habe den Henoch, wie Ich ihm verheißen habe, zu Mir mit Leib, Seele und Geist genommen! Daher magst du ihn nun in aller Welt suchen, und du wirst ihn nimmer finden! Rüste aber zwei Boten aus, und sende sie mit dieser Kunde auf die Höhe, auf dass Meine törichten Kinder erfahren sollen, wohin der Henoch gekommen ist!“
HG|3|118|9|0|Auf diese Kunde stellte der Lamech sein großartiges Suchungsprojekt ein und sandte mit der von Mir erhaltenen Kunde nur die zwei bestimmten Boten auf die Höhe und ließ durch diese dem Lamech auf der Höhe verkünden, was er vom Herrn vernommen hatte.
HG|3|118|10|0|Als aber der Lamech auf der Höhe solche Nachricht erhielt, da ward es aus bei ihm, wie auch bei fast gar allen Kindern auf der Höhe; denn fürs Erste war also auch nach ihren Begriffen der Henoch von der Erde so gut wie weggestorben, und fürs Zweite war niemand an Henochs Stelle als Hohepriester eingesetzt worden.
HG|3|118|11|0|Da sprach der Lamech vor einer ganzen Versammlung: „Hört, ihr meine Brüder und Kinder, und auch ihr einige wenige Väter! Der Herr hat nun auch den Henoch, den wir alle ein ganzes Jahr vergeblich gesucht haben, zu Sich genommen oder getötet, wie Er es schon mit gar vielen aus uns gemacht hat.
HG|3|118|12|0|Er hat aber dafür keinen anderen Hohepriester gestellt; das ist noch sonderbarer als das Sterben selbst. Henoch hatte mich wohl zuvor gesegnet, bevor er hinausging, um nicht wiederzukehren; aber das kann ich nicht als Weihe zum Hohepriester annehmen. Daher soll diese Stelle von nun an leer bleiben!
HG|3|118|13|0|Wer von euch den Sabbat halten will, der halte ihn; wer aber das nicht will, der tue, was er will! Denn ich meine, für den Tod ist bald etwas gut.
HG|3|118|14|0|Mag der Herr tun, was Er will; ich meinesteils werde nicht viel tun für den Tod!
HG|3|118|15|0|Lasst brachliegen alles Land, und hört auf, Kinder zu zeugen, und legt keinen Samen mehr in die Erde, und verbindet euch die Augen und schaut nicht mehr die scheußliche Trugwelt, sondern erwarte jeder aus euch baldigst den Tod! Ist dieser über uns gekommen, so haben wir unser Ziel erreicht. Ein schönes Ziel für freidenkende Wesen!
HG|3|118|16|0|Es sei daher beschlossen, die Erde zu entvölkern! Da mag dann Gott töten, wie Er will! Versteht mich wohl, die Erde werde entvölkert!“
HG|3|119|1|1|Einstellung der Zeugung auf der Höhe. Der Herr stellt Lamech zur Rede
HG|3|119|1|1|Am 16. September 1843
HG|3|119|1|0|Diese Rede Lamechs hat bei den bekannten Umständen vielen Anklang gefunden, und es gab im Ernst nur sehr wenige, die da noch der damals bestandenen Ordnung wären getreu geblieben; die aber da noch der Ordnung treu blieben, wünschten nichts sehnlicher, als nur sobald als möglich von der ganz verkehrten Welt hinweggenommen zu werden.
HG|3|119|2|0|Was aber da den Akt der Zeugung betrifft, so unterblieb dieser allgemein auf der Höhe bei dreißig Jahre. Nach dieser Zeit, als der Trauergroll Lamechs sich ein wenig gelegt hatte, rief an einem Abend der Herr den Lamech hinaus ins Freie und sprach aus einer feurigen Wolke zu ihm:
HG|3|119|3|0|„Lamech, Lamech, du setzt Meine Geduld auf eine starke Probe!
HG|3|119|4|0|Einst, da Ich mit deinen Vätern zog vom Abend gen Mitternacht und ging dir entgegen, als du unerlaubtermaßen den die Völker zum großen Sabbatfest einladenden Vätern furchtsam entgegenkamst auf dem Waldweg zwischen Mitternacht und Abend, da warst du voll der dankbarsten Freude, darum Ich für dich einen Vermittler machte bei den Vätern; den größten Freund deines Lebens hast du da an Mir gefunden und wärest ins Feuer für Mich gegangen, obgleich du Mich damals noch nicht gekannt hast.
HG|3|119|5|0|Als du Mich aber erst erkannt hast mit der Folge, siehe, da warst du glühend wie schmelzendes Erz aus Liebe zu Mir!
HG|3|119|6|0|Was tat Ich denn nun wohl anderes als das nur, was Ich Selbst euch alle gelehrt und euch allen vielfach als unerlässlich nötig zum ewigen Leben des Geistes verkündigt habe? Und dennoch nimmst du nun auf keines Meiner Worte mehr Rücksicht, sondern handelst, als wäre Ich dir das fremdeste und nichtigste Wesen aller Geister- und Körperwelt!
HG|3|119|7|0|Wie soll Ich, dein Gott, Schöpfer und Vater, denn das bei dir ansehen? Willst du Mir, dem Allmächtigen, denn im Ernst trotzen? Willst du dich mit Mir balgen und dich mit Mir in einen Faustkampf einlassen?! Rede! Was willst du mit Mir?
HG|3|119|8|0|Ich darf nur hauchen, und die ganze Schöpfung ist nicht mehr und du nicht mehr! Rede! Was willst du mit Mir?“
HG|3|119|9|0|Und der Lamech sprach: „Herr, ich zweifle nicht an Deiner Macht, aber ich zweifle an Deiner Liebe und verheißenen Treue! Denn wie kannst Du uns, Deinen Geschöpfen oder Kindern, gut sein, so Du nur daran Lust zu haben scheinst, dass Du uns tötest?!
HG|3|119|10|0|Mir wäre lieber, auf dass Du mich anhauchtest und ich dann ewig nimmer wäre, als dass ich eine geraume Zeit auf der verfluchten Erde leben und schwer arbeiten muss, um dann endlich von Dir getötet zu werden!
HG|3|119|11|0|Sprichst Du auch: ‚Nur das Fleisch muss getötet werden, der Geist aber lebt fort!‘, – da sage ich: Was ist da wohl für ein Gewinn mit solch einem Wechselleben, da man sich zuvor ein Körperleben angewöhnen muss, und hat man demselben die rechte Tauglichkeit abgewonnen und hat es liebgewonnen, da kommst Du heimlich und zerstörst das erste Leben und bildest nach Deinem Wohlgefallen irgendein anderes daraus, an dem sicher nicht mehr als an dem ersten gelegen ist!
HG|3|119|12|0|Ich sehe, dass Du ein Freund steter Veränderungen bist; darum kann ich Dir nimmer trauen!
HG|3|119|13|0|Hauche mich aber an mit Deiner Allmacht, auf dass ich plötzlich aufhöre zu sein, und rufe mich aber ewig nimmer in irgendein Dasein, so soll Dir meine Vernichtung zum bleibenden Lob sein ewig! Aber ein Dasein unter steten Veränderungen ist der größte Fluch für jedes Geschöpf, und das Vergnügen seines Schöpfers wird ihm zur unerträglichen Bürde.“
HG|3|120|1|1|Der Herr weist Lamech zurecht. Die Geister von Henoch und Adam bezeugen das ewige, glückselige Jenseitsleben
HG|3|120|1|1|Am 18. September 1843
HG|3|120|1|0|Als der Lamech aber solches geredet hatte, da ließ sich die feurige Wolke zur Erde nieder, und der Herr stand sichtbar in der feurigen Wolke dem Lamech gegenüber und sprach zu ihm mit ernster Stimme:
HG|3|120|2|0|„Lamech, Lamech! Bedenke, wer Der ist, vor dem du stehst, und der jetzt mit dir redet!
HG|3|120|3|0|Was taten Henoch und Mathusalah in deinen Knabenjahren mit dir, so du unbändig warst? Siehe, du wardst mit scharfer Rute gezüchtigt!
HG|3|120|4|0|Sage es dir selbst, ob dich die Väter aus zerstörendem Zorn oder ob aus einer gerechten Liebe gezüchtigt haben?
HG|3|120|5|0|Du kannst nicht umhin zu sagen: ‚Solches haben die Väter aus gerechter Kinderliebe getan; denn sonst wäre ich gleich einem reißenden Tier aufgewachsen und wäre ein Unmensch geworden!‘
HG|3|120|6|0|Also sprichst du in dir und schöpfst ein rechtes Urteil. Meinst du aber, dass Ich dir weniger ein gerecht liebender Vater bin, als es Jared, Henoch und Mathusalah waren?
HG|3|120|7|0|O siehe, diese waren dir nur von Mir gestellte Zeug-, Zieh- und Zuchtväter. Ich aber bin dir der allein ewig rechte Vater, da Ich dich aus Mir geschaffen habe und habe dich gezeugt und erzogen bisher in aller Freiheit deines Geistes und habe dich aber als der allein ewig wahre und rechte Vater dennoch nie gezüchtigt bei aller deiner nicht seltenen Ausgelassenheit vor Mir!
HG|3|120|8|0|Siehe, der Grund davon war stets Meine unendliche Liebe, Geduld und Erbarmung, die Ich zu dir und mit dir hatte!
HG|3|120|9|0|Jetzt aber sage Ich dir, da du also stützig gegen Mich geworden bist, dass Ich nun eine Rute zur Hand nehmen werde und werde mit dir und allen deinesgleichen tun, wie es sich gebührt für einen rechten Vater, der da voll der gerechtesten Liebe zu seinen Kindern ist!
HG|3|120|10|0|Ich aber will dir zuerst zeigen das herrliche Los derer, die Ich zu Mir genommen habe, auf dass du aus deinem tiefsten Lebensgrund erkennen sollst, wie Ich es mit Meinen Kindern meine für ewig!
HG|3|120|11|0|Dann aber will Ich dir zeigen, dass auch Ich die unbändigen Kinder, die da Meine allerliebevollste väterliche Bestimmung mit ihnen also sehr verkennen und in den Staub des nichtigen Truges herabziehen wollen, zu züchtigen vermag ihres Heils willen und kann die allerstützigsten auch im Geiste ewig fort züchtigen, so sie nimmer anerkennen wollen, dass Ich ihr allerliebevollster Vater und Gott in aller unantastbaren Heiligkeit bin.
HG|3|120|12|0|Da aber sehe aufwärts, und sage Mir: Wen erschauest du?“
HG|3|120|13|0|Hier sah der Lamech aufwärts und ersah all die Verstorbenen.
HG|3|120|14|0|Und der Henoch ließ sich herab und sprach zum Lamech: „Unsinniger, fühle mich an und überzeuge dich, dass ich nun lebe für ewig ohne je mehr einen vorkommenden Wechsel des Seins!“
HG|3|120|15|0|Und der Lamech befühlte den Henoch und fand keine Veränderung an ihm – außer die der himmlisch-geistigen Vollendung in aller Fülle des vollkommensten Lebens.
HG|3|120|16|0|Und also überzeugte er sich auch bei allen anderen.
HG|3|120|17|0|Und der Adam sprach noch überdies zu ihm: „Lamech, die größte Wohltat des Vaters an uns ist die Abnahme des schweren, prüfenden Leibes vom freien Geist! Dessen sollst du dich freuen!
HG|3|120|18|0|Mag deinem noch irdischen Auge des Leibes Tod auch düster erscheinen, so erscheint er dennoch dem, der da abberufen wird in der Liebe zum Vater, als eine allerhöchste Wollust!
HG|3|120|19|0|Siehe, in der Liebewollust deiner Eltern wardst du gezeugt; aber in der höchsten Liebewollust wirst du als Geist aus dem schweren Fleisch gehoben und lebst dann ein allervollkommenstes ewiges, mächtiges, kräftiges, wirksamstes Leben, dessen Süße mit nichts Irdischem zu vergleichen ist.
HG|3|120|20|0|Was du immer auf Erden angefangen hast, das wirst du erst im Geiste auf der geistigen ewigen Erde vollenden. Darum sollst du nicht träge sein auf Erden; denn nicht ein von dir berührtes Sandkörnchen geht verloren!
HG|3|120|21|0|Das sage ich, Adam, dein Erzeuger, dir; fasse es! Amen.“
HG|3|121|1|1|Lamechs Reue und Umkehr. Warum sich die Menschen auf der Erde vermehren sollen
HG|3|121|1|1|Am 19. September 1843
HG|3|121|1|0|Also beredete sich der Lamech auch mit Seth, mit der Eva und noch gar manchen anderen, die da sowohl auf der Höhe aus den vier Gegenden hinübergewandert waren, und die da auch einst Bewohner der Tiefe waren, und ersah daraus augenscheinlichst und handgreiflichst, dass es da mit dem Leben des Geistes nach dem Abfall des Leibes seine vollkommenste Realität habe.
HG|3|121|2|0|Da er sich aber also von dem überzeugt hatte aus dem tiefsten Grunde seines Lebens und hatte das alles in der Grundwurzel gefasst, da fing er an nachzudenken, welch ein großes Unrecht er durch seine Rede dem Herrn und dem Vater der Ewigkeit zugefügt hatte, – wie unbillig alle seine Gedanken und Beschlüsse da waren!
HG|3|121|3|0|Und er fiel vor dem Herrn nieder, fing an zu weinen und sprach aus seinem zerknirschten Gemüt: „O Gott, Herr und Vater, jetzt erschaue ich die ganze Fülle meiner Bosheit!
HG|3|121|4|0|Ich war blind und glaubte in meiner großen Blindheit mit Dir rechten zu können! Ich wollte in meiner allerentsetzlichsten Tollheit Deinem Wirken, das da in sich die allerhöchste Liebe ist, Schranken setzen! Die Erde wollte ich wüst werden lassen und aussterben das menschliche Geschlecht!
HG|3|121|5|0|Und das alles darum, weil da ein finsterer Groll in mir aufkeimte ob der Hinwegnahme derer, die ich liebhatte aus alter Gewohnheit mehr, denn aus der eigentlichen wahren Liebe! Denn hätte ich sie wahrhaft geliebt, da wäre darum in meiner Brust sicher kein Groll gegen Dich aufgekommen, dass Du ihnen allen eine so endlos große Seligkeit in Deiner Vaterliebe bereitet hast!
HG|3|121|6|0|O Gott, Herr und Vater, ich erkenne nun meine große Strafwürdigkeit vor Dir! Daher ist es ja recht und billig, dass Du mich nun strafst auf das Allerempfindlichste! Ja strafe, o Herr, mein dummes Fleisch auf das Allertüchtigste nach Deinem allerheiligsten Willen; aber nur meinen Geist wolle nicht gänzlich zugrunde gehen lassen!“
HG|3|121|7|0|Und der Herr sprach zum Lamech: „Erhebe dich, Mein Sohn! Meinst du denn, Ich, dein heiliger, liebevollster Vater, habe eine Lust und Freude am Strafen Meiner Kinder?
HG|3|121|8|0|Siehe, ein jeder Streich, den Ich dir geben möchte, würde Mich im Herzen bei weitem mehr schmerzen, denn dich auf deiner Haut!
HG|3|121|9|0|Hast du doch nun auch einen Sohn, den du liebst mehr denn dein eigenes Leben; wenn er aber dir dann und wann unfolgsam wird, versuche ihn zu schlagen darob, und erfahre selbst, ob du nicht mehr Schmerzen leiden wirst dabei als dein Sohn!
HG|3|121|10|0|So du den Streich führen wirst, wirst du dich schon fürchten, dem Sohn wehzutun; und wird der Sohn weinen unter dem ersten schwachen Hieb, wird es dein Herz wohl vermögen, ihm noch einen zweiten Hieb zu erteilen?
HG|3|121|11|0|Der Sohn aber wird des geringen Schmerzes bald vergessen, und deine Vaterliebe wird ihn gar ehestens wieder aussöhnen mit dir; aber wie lange und wie oft wirst du es dir in deinem Herzen heimlich bitter rückerinnerlich sagen: ‚Mein Sohn ist zwar gut; aber was gäbe ich dafür, so ich ihn nicht geschlagen hätte!‘
HG|3|121|12|0|Siehe, das würdest du als ein echter Mensch tun! Ich aber bin mehr denn nur ein Mensch, Ich bin Gott und dein allereigentlichster Vater! Daher will Ich dich auch nicht schlagen, sondern segnen!
HG|3|121|13|0|Aber solches sage Ich dir: Gedenke, dass die Erde Mein Land ist! Bearbeitet sie zum zeitlichen Nutzen für Meine nachfolgenden Kinder, und zeuget euch nun und mehret euch! Denn siehe, derer, die noch in der Materie gefangen sind, gibt es noch gar viele, die da harren auf die Erlösung!
HG|3|121|14|0|Du aber sei fürder ein Stellvertreter Henochs, und mache das Arggemachte wieder gut! Amen.“
HG|3|122|1|1|Die Warnung des Herrn vor der Schlange und wie diese sich mittels der Frauen zum Herrn der Welt macht
HG|3|122|1|1|Am 20. September 1843
HG|3|122|1|0|Nach diesen Worten des Herrn gelobte der Lamech, die alte Ordnung der Dinge mit der Hilfe des Herrn so gut als nur möglich wiederherzustellen und dafür zu sorgen, dass diese Ordnung bei allen Nachkommen forterhalten werde.
HG|3|122|2|0|Der Herr aber sprach zum Lamech: „Tue, was du kannst, aber übers Knie sollst du nichts brechen! Denn siehe, es liegt viel Eigensinn im Volk!
HG|3|122|3|0|Habe aber Acht, dass dir die Schlange keinen Streich spielt! Denn sie hat schon in der Tiefe angefangen, das Fleisch der Töchter zu kultivieren und gar glatt und fein zu machen!
HG|3|122|4|0|Warne daher Meine Kinder vor den häufigen Besuchen der Tiefe, auf dass sie der Falle entgehen, die da ihnen gelegt ist!
HG|3|122|5|0|Solches aber merke für alle Zeiten der Erde:
HG|3|122|6|0|Wenn du sehen wirst, dass das Fleisch der Weiber stets fetter, weißer, feiner, üppiger wird; wenn die Weiber mit bloßem Kopf und Gesicht, mit nackter Brust und nackten Händen einhergehen werden; wenn die Weiber lüstern den Männern nachlaufen werden und die Mütter ihre Töchter putzen und schmücken werden und werden sie am Tag und zur Nachtzeit ausführen, um durch solchen Außenflitter, welcher da ist die allerärgste Kunst des Satans, irgendeinen Mann zu fangen, auf dass er sich der Tochter ergeben und sie entweder zum Weib oder wenigstens gegen einen allerschändlichsten Unzuchtsmietlohn als Beischläferin auf Tag oder Stunde zu nehmen sich entschließen möchte – habe Acht, Lamech, was Ich hier rede! –; wenn das Weib über den Mann sich erheben wird und wird ihn beherrschen wollen und ihn auch wirklich beherrscht, entweder durch ihre vom Satan erlangten Fleischreize, oder durch Schätze und Erbschaften der Welt, oder durch einen gewissen vornehmeren Stand und vorzüglichere Abkunft; wenn das weibliche Geschlecht, das untergeordnet sein sollende, auf den armen Mann mit spöttischen und verächtlichen Augen und Herzen herabblicken wird und wird ausrufen: ‚Pfui, welch ein Gestank um diesen gemeinen Kerl! Wie entsetzlich hässlich doch ist dieser Mensch, welch ekelhaften Aussehens! Siehe an dies gemeine Gesindel, dies Bettelvolk!‘ – dann, Lamech – höre! –, dann hat sich die Schlange zum Herrn der Welt gemacht, schmählichst herrschend in ihrem Geschlecht!
HG|3|122|7|0|Und dann – höre Mich wohl, Lamech! –, dann werde Ich die Welt verlassen und sie übergeben der Macht dessen, dem sie huldigt, und werde mit Fluch belegen alle Kreatur! Und Meine Ohren werde Ich verstopfen, auf dass Ich nicht vernehmen werde können das starke Jammergeschrei der Elenden auf Erden, um Mich zu erbarmen ihrer Not und ihrer Trübsal, – sondern um zur festbestimmten Zeit Mein Gericht zu senden über alles Fleisch auf der Erde und Meinen Zorn zu ergießen über alles Land und über alle Kreatur!
HG|3|122|8|0|Wahrlich, sage Ich dir, die Welt hat schon einen großen Schritt zum Verderben gemacht! Darum gehe hin und verkünde allorts, was Ich dir nun gesagt habe, und rufe alles Volk zur Besserung zurück, – sonst wird es noch dein Sohn wie auch du zu einem guten Teil erleben, wie es auf der Erde aussehen wird, so Ich Mich von ihr gänzlich entfernen werde!
HG|3|122|9|0|Diese Worte beachte wohl, und sei Mir ein rechter Diener! Amen.“
HG|3|122|10|0|Hier entschwand die feurige Wolke, der Herr und alle die hinübergegangenen Geister.
HG|3|122|11|0|Und der Lamech ging, ernster Gedanken voll, nach Hause und zeichnete da alles auf, was der Herr zu ihm geredet hat.
HG|3|122|12|0|Und am nächsten Tage berief er alle Ältesten zusammen und offenbarte ihnen, was da der Herr zu ihm geredet hat, und was alles er dabei gesehen habe.
HG|3|123|1|1|Lamech sendet Boten zu den Völkern in den vier Gegenden. Der größte Teil vom Volk bleibt ungläubig
HG|3|123|1|1|Am 21. September 1843
HG|3|123|1|0|Und die Zusammenberufenen erkannten und ersahen während der Erzählung Lamechs, dass da alles die vollste Wahrheit ist, was er ihnen kundgegeben hat, und sie gingen dann frohen Mutes und festen lebendigen Glaubens auseinander und gingen auch sogleich zu den Völkern in den vier Gegenden und verkündigten ihnen alles, was sie vom Lamech mit lebendiger Selbstüberzeugung vernommen hatten.
HG|3|123|2|0|Viele vom Volk bekehrten sich wieder, aber doch blieb der größte Teil ungläubig und sprach: „So an der Sache etwas wäre, da sehen wir nicht ein, warum Sich der Herr nicht auch uns ebenso gut wie dem Lamech offenbaren solle, indem wir doch ebenso gut Menschen sind wie der Lamech und ebenso wie er vom Adam abstammen?!
HG|3|123|3|0|Wir glauben wohl, dass da ein unerbittlicher Gott über uns herrscht nach Seinem Wohlgefallen, und das ist genug; was brauchen wir da Drohungen noch dazu?!
HG|3|123|4|0|Dazu, dass wir alle endlich ins Gras beißen müssen, wird doch der Glaube genug sein?! Sich aber noch extra zu fürchten vor dem Gott, der uns am Ende nichts mehr und nichts weniger tut als bloß ganz einfach tötet, wäre wohl dumm von Seiten eines jeden helldenkenden Menschen!
HG|3|123|5|0|Esse und trinke, und vertreibe dir die lästige Zeit auf die angenehmste Art, das sei unser Wahlspruch; denn für das, was da höchst mystischer und ungewisser Weise erst nach dem Tode kommen soll, geben wir keinen faulen Apfel!
HG|3|123|6|0|Ist etwas an der Sache, so soll sie uns der Jehova ebenso gut wie dem Lamech offenbaren, denn auch wir sind Menschen; tut Er aber das nicht, so liegt uns wenig an Ihm um nichts und nichts!
HG|3|123|7|0|Ihr aber, die euch der Lamech, aber nicht Gott zu uns gesandt hat, mögt glauben, was ihr wollt; das kümmert uns wenig, und eure allfällige Überzeugung ist für uns ein hohler Kreis!
HG|3|123|8|0|Das Ende wird wohl euch wie uns die Rätsel der Erscheinungen im Lebenslauf auf dieser Erde lösen, – versteht, wenn wir in derselben faulen und für ewig vergehen werden also, als wären wir nie dagewesen!
HG|3|123|9|0|Was aber da eure Warnung vor der Tiefe betrifft, so müssen wir darüber nur lachen! So es dort im Ernst wunderschöne Weiber gibt und wir dieselben leicht bekommen können, da müssten wir ja gerade auf den Kopf gefallen sein, so wir sie uns nicht holten; denn das ist gerade noch das Beste, was der sterbliche Mensch auf dieser dummen Welt hat!
HG|3|123|10|0|Ist es dem Jehova nicht recht, da soll Er es anders machen. Solange Er uns aber leben lässt also, da müssten wir doch schöne Narren sein, so wir uns noch dies bisschen Leben für nichts und nichts verleiden sollten!
HG|3|123|11|0|Zieht daher nur von uns hinweg, ihr gläubigen Boten Lamechs, und lasst uns für die Zukunft ungeschoren; denn wir wissen es schon ohnehin, was wir zu tun haben!“
HG|3|123|12|0|Siehe, das waren die Früchte der ehemaligen Benehmung Lamechs.
HG|3|123|13|0|Da der Lamech aber durch seine Boten solche Äußerungen vernahm, da ward er sehr erbittert und wusste sich nicht zu helfen.
HG|3|123|14|0|Aber der Herr sprach zu ihm: „Lamech, du weißt, dass Ich zu dir gesagt habe: ‚Wolle aber nichts übers Knie brechen!‘ Daher beachte nun dieses:
HG|3|123|15|0|Wer da kommen will, der komme, – wer aber nicht kommen will, den lassen wir laufen, wohin er will; am Ende wird er uns schon kommen, und da wollen wir mit ihm über seine Vernunft ein paar Wörtchen sprechen für die Ewigkeit!
HG|3|123|16|0|Also sei es! Was aber da die Lust zu den Weibern in der Tiefe betrifft, da soll sich ein jeder, der es will, um eine bewerben; dass er aber mit derselben nicht wieder die Höhe betreten wird, dafür werden wir schon sorgen!
HG|3|123|17|0|Daher sei ruhig, und bleibe mit den Guten in Meiner Liebe ewig! Amen.“
HG|3|124|1|1|Über Treue und Untreue. Das Wesen von leichtsinnigen und zerstreuungssüchtigen Menschen
HG|3|124|1|1|Am 22. September 1843
HG|3|124|1|0|Der Lamech aber dankte dem Herrn für diese Belehrung aus dem tiefsten Grunde seines Lebens und fragte Ihn, nachdem er für das Empfangene gedankt hatte, ob er die Getreuen nicht in einem eigenen Kreis um sich her versammeln solle.
HG|3|124|2|0|Der Herr aber sprach: „Lasse es gut sein also, wie es ist; denn der echt Getreue wird uns treu verbleiben auch unter dem ausgelassensten, Meiner gänzlich vergessenden Geschlecht!
HG|3|124|3|0|Hat aber jemand die rechte Treue nicht, so wird ihm auch ein enger Kreis fürs ewige Leben wenig nützen!
HG|3|124|4|0|Wenn er sich unter den Getreuen befindet, da wird er tun, als wäre er ein Getreuer; wird er sich aber unter den Ungetreuen befinden, da wird er alsbald tun, was sie tun.
HG|3|124|5|0|Wird er mit dir reden, da wird er nur das reden, davon er weiß, was dir behagt; wird er aber zu den Ungetreuen kommen, da wird er nur strotzen von schmutzigen Weltgesprächen.
HG|3|124|6|0|Siehe, das sind leichtsinnige, leichtfertige Menschen, welche zwischen Gott und Tod wie die Heuschrecken hin und her springen, und haben keine geistige Lebensfeuchtigkeit, welche da den Samen Meines lebendigen Wortes in ihnen zum Keimen brächte, wie auch keine geistige Wärme, durch welche in ihnen der ewig lebendige Same Meines Wortes zur Tatkraft heranreifen möchte, und haben dieses darum nicht, weil sie es nicht haben wollen, indem ihnen das leichtsinnige Sein viel lustiger und stets erheiternder vorkommt denn ein festes in Meiner Gnade.
HG|3|124|7|0|Diese Art Menschen sind nicht nur am schwersten zu bessern, sondern ihre Besserung ist eine Sache der nahe reinen Unmöglichkeit, und das darum, weil sie nach Umstand der Sache sogleich mit allem einverstanden sind.
HG|3|124|8|0|Willst du sie arg haben, da stelle sie unter die Argen; willst du sie lustig haben, da stelle sie unter die Lustigen; willst du sie gut haben, stelle sie unter die Guten; willst du sie weise haben, stelle sie unter die Weisen!
HG|3|124|9|0|Lässt du sie aber allein, da werden sie alsbald vor lauter Langeweile verzweifeln und verschmachten!
HG|3|124|10|0|Warum denn? Weil sie kein eigenes Leben haben und sind daher zerstreuungssüchtig.
HG|3|124|11|0|Für eine verheißene Zerstreuung und Belustigung wirst du sie sogar gewisse Zeiten hindurch in was immer für einer Tätigkeit rege erhalten können; binde sie aber nur drei Tage lang in einem engeren Kreis, da es keine Zerstreuung und Belustigung gibt, so werden sie schon am ersten Tag sieben Spannen lange Gesichter zu machen anfangen. Am zweiten Tag werden sie murren und schimpfen, und am dritten Tag werden sie entweder mit dir ernstlich aufbegehren, oder sie werden dir davonlaufen.
HG|3|124|12|0|Denn ihres Herzens Wahlspruch ist: ‚Wir wollen schon arbeiten, wenn es gerade sein muss; aber die Arbeit muss uns freuen, und nach der Arbeit darf eine angemessene Zerstreuung nie fehlen! Fehlt die, da bedanken wir uns für alle Arbeit! Zerstreuung muss sein!‘
HG|3|124|13|0|Möchtest du ein Spektakelhaus errichten, so könntest du versichert sein, dass sie täglich zu dir kommen würden, um sich am Spektakel zu weiden gleich einer Schmeißfliege am frischen Unrat; sonst aber mache dir ja keine Hoffnung, dass sie zu dir kommen werden, solange es für sie anderorts wie immer geartete Vergnügungen gibt.
HG|3|124|14|0|Sie werden auch Mein Wort hören, aber nur, wenn und solange es ihnen Vergnügen verschafft; aber das Wort in sich zur lebendigen Werktätigkeit gedeihen zu lassen, davon wirst du nie eine Spur entdecken.
HG|3|124|15|0|Diese Menschen tun alles, Gutes und Böses, wenn es ihnen nur ein Vergnügen macht, fehlt aber dieses, dann sind sie fürs eine oder fürs andere tot.
HG|3|124|16|0|Der Grund davon ist: Weil sie gar kein eigenes Leben haben, und das darum, weil sie es schon in frühester Zeit zu vergeuden gelernt haben, da sie von ihren törichten Eltern nur durch lauter darauffolgende Vergnügungen zu der vorhergehenden Tätigkeit sind angeeifert worden, wodurch sie denn auch nie den Wert der Tätigkeit, sondern nur den der Zerstreuung in sich aufgenommen haben mit völliger Hintangabe aller Selbständigkeit und Freiheit und somit alles eigenen Lebens.
HG|3|124|17|0|Daher lassen wir die Getreuen, wo sie sind, sie werden uns nicht verlassen, und also auch die Ungetreuen, denn diese werden allzeit gegen uns sein!
HG|3|124|18|0|Was aber da die leichtsinnigen Schmeißfliegen betrifft, so lassen wir sie ganz ungehindert die Schmeißhaufen beziehen; kommen sie aber unseren Speisen zu nahe, dann ist es immer Zeit genug, sie hinwegzutreiben! Der Winter des Lebens aber wird ihnen schon ohnehin früh genug einen Garaus machen.
HG|3|124|19|0|Wir wollen sie aber auch gar nicht richten; denn sie sind ja nur erscheinliche Schattenbilder, ephemerische Schemen von heut bis morgen, – dann aber ist’s gar mit ihnen auf ewig! Daher sei ihnen auch ihre kurze Lust gewährt; denn nach dieser wird für sie keine mehr folgen.
HG|3|124|20|0|Das ist Mein Wille! Haltet aber an, ihr Getreuen, in Meiner Liebe; denn in ihr wird eures Seins ewig nimmer ein Ende sein! Amen. Amen. Amen.“
HG|3|125|1|1|Wer was immer in der Welt mehr liebt als Gott, der ist Seiner nicht wert
HG|3|125|1|1|Am 23. September 1843
HG|3|125|1|0|Diese Offenbarung des Herrn hat den Lamech in überaus tiefe Gedanken versetzt, und er ging zum noch lebenden Vater Mathusalah hin und gab ihm kund, was er vom Herrn vernommen hat.
HG|3|125|2|0|Als Mathusalah aber solches vernommen hatte, da ward es ihm bange um sein ewiges Leben; denn er sagte bei sich in seinem Herzen: ‚Wenn also, da will ich mit meinen Augen einen Bund machen und will in der Welt nichts mehr ansehen, was mich nur im Geringsten vergnügen könnte, und also auch abziehen mein Ohr von allen Stimmen der Welt! Mein größtes Vergnügen auf der Welt aber sind noch meine Kinder und mein getreues Weib!‘ – Hier öffnete er seinen Mund und sprach zum Lamech:
HG|3|125|3|0|„Mein Sohn, ich habe deine Worte in meinem Herzen genau geprüft und fand ihre Richtigkeit und habe darum auch mit meinen Augen und Ohren einen Bund gemacht, demzufolge ich auf der Welt nichts mehr ansehen und anhören will, was mich nur im Geringsten weltlich vergnügen möchte!
HG|3|125|4|0|Aber was soll ich in Hinsicht meiner Kinder und meines getreuesten Weibes tun, die meine größte Lust auf dieser Welt sind? Soll ich euch segnen und dann aus Liebe zu Gott euch allsämtlich verlassen für alle Zeiten, oder soll ich wohl bei euch verbleiben?“
HG|3|125|5|0|Lamech aber bedachte sich kurz und sprach dann nach der Eingebung vom Herrn zum Mathusalah:
HG|3|125|6|0|„Höre, Vater, also spricht der Herr, unser Gott und ewig heiligster Vater:
HG|3|125|7|0|‚Wer da was immer in der Welt mehr liebt als Mich, der ist Meiner nicht wert!
HG|3|125|8|0|Eltern, Weib und Kinder aber sind auch in der Welt; daher sollst du sie nicht mehr lieben denn Mich, willst du Meiner würdig sein!
HG|3|125|9|0|Alles aber, was du Mir opferst, will Ich dir dereinst tausendfach ersetzen im Reich des ewigen Lebens!
HG|3|125|10|0|Bleibe aber ein jeder, was und wo er ist, und opfere Mir in seinem Herzen alles, was er hat, dann werde Ich ihn ansehen, und Mich mit ihm auf ewig verbinden!
HG|3|125|11|0|Was er aber dann in solcher Verbindung genießen wird, und was immer er tun wird, das alles wird ihm zum ewigen Leben dienlich sein!
HG|3|125|12|0|Denn dann ist Mein Geist in ihm und schafft alles um im Menschen – das Leben wird wahrhaft ein Leben, die Liebe wird wahrhaft eine Liebe werden, das Tote selbst wird erweckt zum ewigen Leben, und alle Lust wird gerecht sein vor Mir, indem Ich sie in ihm geschaffen habe zur Vermehrung des ewigen Lebens und Meiner unendlichen Liebe, Gnade und Erbarmung!
HG|3|125|13|0|Mit Mir kann der Mensch durch alle Pforten gehen und kann alles genießen, indem Mein Geist in ihm alles zum Leben umgestaltet; ohne Mich aber soll niemand auch nur einen Grashalm abpflücken, denn auch nur ein Grashalm kann ihm den Tod bringen, wie leiblich, also auch geistig, so er denselben mit seinem Geist anrührt solchermaßen, dass er seine Liebe in denselben setzt!‘
HG|3|125|14|0|Siehe, Vater Mathusalah, also lauten des Herrn Worte; so wir aber solches nun lebendig wissen, da ist es dann ja leicht zu leben auf der Erde!
HG|3|125|15|0|Wir bleiben, was und wo wir sind, lieben allein Gott über alles und bringen Ihm alles zum Opfer, was nur im Geringsten je unser Herz, von Ihm uns selbst abziehend berührt hätte, und wir überkommen sodann des Herrn lebendigen Geist, durch und in dem wir alles genießen dürfen, wie es der Herr uns Selbst geoffenbart hat!“
HG|3|125|16|0|Diese Worte beruhigten den Mathusalah wieder, aber dessen ungeachtet blieb er von nun an sehr verschlossen und beschäftigte sich in seinem Herzen fortwährend mit dem Herrn und unterredete sich mit Seinem heiligen Geist in ihm.
HG|3|126|1|1|Die Verweltlichung der Kinder der Höhe. König Lamechs Tod. Thubalkain wird Staatsführer
HG|3|126|1|1|Am 25. September 1843
HG|3|126|1|0|Also lebten aber auch die meisten Guten abgesondert und mehr zurückgezogen in ihren Gemütern von der Welt und achteten nicht dessen, was da die stets mehr und mehr in die Welt hinausgehenden Menschen taten, – was aber auch vergeblich gewesen wäre.
HG|3|126|2|0|Denn die Weltlichen waren in einen großen Eigensinn geraten, und es war mit ihnen über Geistiges nicht rätlich zu reden, indem sie fürs Erste alles besser wussten als die Mir Getreuen, und fürs Zweite aber auch beim kräftigeren Widerspruch von Seiten der Getreuen gar bald zur handgreiflichen Grob- und Rohheit ihre Zuflucht nahmen.
HG|3|126|3|0|Solche schlagenden Oppugnanten [Angreifer] horchten daher gar nicht mehr auf die Stimmen der Ältesten und sahen auch gar nicht ein die nicht seltenen Wunderwerke, die die Getreuen vor ihnen wirkten, um sie wieder auf den rechten Weg zurückzuführen.
HG|3|126|4|0|Was aber war gar bald die Folge? Nichts anderes als eine gänzliche Versinkung in alle Sinnlichkeit.
HG|3|126|5|0|Die kräftigsten Jünglinge und Männer fingen an, die Tiefe stets mehr und mehr zu besuchen, und da sie in ihr als Kinder Gottes allzeit das größte Ansehen ihrer Person fanden, wie eine Menge der schönsten Mädchen und Weiber, so fanden sie auch selten mehr Lust, auf die Höhe wieder zurückzukehren.
HG|3|126|6|0|Sie nahmen dort Weiber und siedelten sich an, bauten neue große Städte, befestigten sie mit starken Ringmauern und fingen auch bald an, die Herren dieses freilich wohl nicht großen Landes zu spielen, – was ganz besonders aber erst von ihren Söhnen, die sie gezeugt hatten mit den Töchtern der Welt in der Tiefe, der Fall war; denn diese waren kräftig und eines weltmächtigen Geistes voll, oder verständlicher gesprochen, sie waren Gesegnete der Schlange, die sie mit aller Weltmacht und Kraft und Gewalt ausrüstete.
HG|3|126|7|0|Und Lamech in der Tiefe, der da noch lebte, musste mit größtem Bedauern ansehen, was da die von der Höhe Herabgekommenen taten.
HG|3|126|8|0|Vor seinem Ende aber berief er seine Kinder zu sich, da er ein Alter von sechshundertdreißig Jahren erreicht hatte, was in der Tiefe etwas Beispielloses war, und sprach zu ihnen:
HG|3|126|9|0|„Kinder, der Herr hat mich gerufen, auf dass ich die arggewordene Welt verlassen solle; also wird es denn auch bald geschehen, dass ich diesen schon sehr müden Leib ablegen werde.
HG|3|126|10|0|Aber stoßt euch ja nicht daran also, wie sich die Kinder der Höhe an der Abrufung ihrer Väter gestoßen, sonst wird es euch noch um vieles ärger ergehen, als es ihnen nun ergeht, da ihr sie täglich von den Bergen herabfliehen seht und erbauen hier neue Städte, nehmen unsere Weiber und zeugen mit ihnen weltkräftige Kinder, die da unsere Völker stets mehr und mehr zu unterjochen anfangen!
HG|3|126|11|0|Ich rate euch daher, fest an den Herrn zu halten; denn nur Seine Macht hat bisher diese unsere mächtigen Feinde noch von unseren Städten und Gauen abgehalten.
HG|3|126|12|0|Wenn ihr je den Herrn verlassen könntet, da werdet ihr bald zu ohnmächtigen Sklaven dieser Weltmächtigen werden!
HG|3|126|13|0|Diese Worte haltet fest! Des Herrn Geist sei mit euch, wie Er es mit mir war und von nun an ewig sein wird! Amen.“
HG|3|126|14|0|Bald darauf starb Lamech und wurde von seinen Kindern auf das Ehrenvollste in eine herrliche Gruft gelegt in einem goldenen Sarg.
HG|3|126|15|0|Alle die elf Städte weinten jahrelang um diesen Führer; der Thubalkain aber ergriff dann das Staatsruder und trat in die Fußstapfen seines Vaters, aber mit mehr misstrauischem Geist.
HG|3|127|1|1|Thubalkain stirbt, ohne einen männlichen Erben zu hinterlassen. Der Sohn von Muthael und Purista wird neuer König
HG|3|127|1|1|Am 26. September 1843
HG|3|127|1|0|Solange an der Seite Thubalkains noch der Hored und der Tempelwächter Terhad, wie der Mura und der Cural lebten, erhielt sich der Staat Hanoch mit seinen zehn Fürstentümern so ganz leidlich, obschon man anfing, gegen die sich außer den zehn Städten ansiedelnden, stets mächtiger werdenden Gebirgsvölker eine Art Militär zu halten.
HG|3|127|2|0|Als aber auch der Thubalkain starb und keinen männlichen Erben hinterließ, sondern nur zwei schwache Töchter (denn die ehemals mit der Naëme gezeugten Kinder männlichen Geschlechts waren pure Trottel, wie bekannt, und somit zur Leitung des Volkes gänzlich unfähig), so wusste man nun nicht, wer da nun die Leitung des Volkes übernehmen sollte.
HG|3|127|3|0|Indem aber auch der Hored, Terhad, Mura und der Cural schon vor dem Thubalkain gestorben sind, so sah es um die günstige Wahl eines Leiters und Führers des Volkes um desto bitterer aus, indem sich außer der schon sehr alten Naëme und den zwei Töchtern Thubalkains aus der Familie Lamechs niemand mehr vorfand.
HG|3|127|4|0|Auch die zwei Brüder Thubalkains wurden vergebens gesucht; denn auch sie sind auf einer Weltbereisung irgendwo gestorben, und es war darum von ihnen, wie von ihren Nachkommen nichts mehr zu erforschen.
HG|3|127|5|0|Daher wussten die Bewohner der Stadt Hanoch nichts anderes zu tun, als Boten auf die Höhe zu senden und sich beim Lamech auf der Höhe zu erkunden und zu beraten, was da nun geschehen solle.
HG|3|127|6|0|Und der Lamech fragte die Boten, ob denn die Naëme mit dem Hored keine Nachkommen habe.
HG|3|127|7|0|Und die Boten sprachen: „Weder männliche noch weibliche!“
HG|3|127|8|0|Da sandte der Lamech einen Boten zum Muthael gen Morgen und ließ ihn zu sich rufen.
HG|3|127|9|0|Der Muthael kam, und der Lamech sagte zu ihm: „Bruder, hast du doch einen dreißig Jahre alten Sohn aus der Purista! Dieser ist weise und voll des Geistes und der Kraft aus Gott. Wie wäre es denn, so ich ihm die Hände auflegte und möchte ihn salben zum Führer der Völker in der Tiefe? Denn daselbst leben jetzt sicher schon bei drei Millionen Kinder aus der Höhe, und es könnte demnach gar nicht gefehlt sein, so dein Sohn, der von Gott so begnadigt ist, diesen Völkern zu einem kräftigen Leiter würde!“
HG|3|127|10|0|Der Muthael aber erwiderte dem Lamech: „Bruder, du hast ja auch einen Sohn, der noch reicher ist an Weisheit und Gnade vor Gott! Warum magst du denn ihm nicht die Hände auflegen?“
HG|3|127|11|0|Lamech aber sprach: „Muthael, du weißt, dass ich nur nach dem Rat Gottes, aber nie nach meinem eigenen handle! Wenn aber solches erwiesen, wie magst du mich darum fragen, das zu nichts führt und für nichts taugt?
HG|3|127|12|0|Befolge du entweder, was ich dir gesagt habe, oder befolge es nicht; aber wider den Rat Gottes in mir sollst du an mich keine Frage stellen!“
HG|3|127|13|0|Da aber der Muthael ersah, dass er gefehlt hatte, so bat er den Lamech um Vergebung und ließ sogleich seinen Sohn kommen und ihn segnen zum Leiter der Völker in der Tiefe.
HG|3|127|14|0|Als der Sohn gesegnet und gesalbt war, sprach der Lamech zu den bevollmächtigten Boten: „Seht, diesen jungen Mann aus der Höhe hat euch der Herr bestimmt zu einem Leiter, Lehrer und Führer! Er wird, vom Herrn geleitet, euch folgen in die Stadt Hanoch und wird dort die Ordnung treffen, euch den Willen des Herrn allzeit zu eröffnen!“
HG|3|127|15|0|Hier fielen die Boten vor dem neuen König nieder und gaben ihm die erste Ehre und erhoben sich dann, Gott lobend, und begaben sich mit dem neuen König in die Stadt Hanoch, allda er von zahllosen Völkerscharen mit dem größten Jubel empfangen und in die große und herrliche Residenzburg einbegleitet wurde.
HG|3|128|1|1|Der neue König Uraniel. Die Vergötterung der zwei schönen Töchter des Thubalkain. Uraniels Vermählung mit den zwei Töchtern Thubalkains
HG|3|128|1|1|Am 27. September 1843
HG|3|128|1|0|Dieser neue König aber hieß Uraniel, und seine Leitung ging zehn Jahre hindurch gut vonstatten; denn er war im Besitz des Geistes Gottes und erhielt seine Ordnung täglich vom Herrn.
HG|3|128|2|0|Aber in dieser Zeit waren die zwei ehedem schwach gewesenen Töchter Thubalkains mannbar und stark geworden und waren von solcher Schönheit, dass da alles vor ihnen niederfiel und unscheu sie förmlich anbetete.
HG|3|128|3|0|Die zwei Töchter aber waren von guter Erziehung und verwiesen es jedermann, der so etwas tat. Aber es nützte dies eben nicht viel; denn je mehr diese beiden allen Gelegenheiten vorbeugten, wo ihnen die Männerwelt eine göttliche Verehrung antun möchte, desto mehr schrie man von den zwei Göttinnen.
HG|3|128|4|0|Wie groß aber die Schönheit dieser beiden Töchter, die da am Hof Uraniels lebten, war, kann aus folgender Kundgabe einer solch vergötternden Eloge erkannt werden.
HG|3|128|5|0|Diese Eloge ward alltäglich vor dem Sonnenaufgang vor der Burg von tausend Männern abgeschrien und lautete also:
HG|3|128|6|0|„O Sonne, bade und wasche dich wohl zuvor im Meere, in allen Seen, Strömen, Bächen und Quellen, auf dass du uns ja nicht unrein aufgehest und durch deine schmutzigen Strahlen verunreinigst das göttliche Angesicht derer, deren Namen zu rein, zu himmlisch sind, als dass wir es wagen möchten, sie auszusprechen!
HG|3|128|7|0|Und ihr trägen Diener des Aufgangs, reiniget den Morgen wohl mit goldenen Winden, auf dass der Töchter Augen aus den Himmeln aller Himmel nicht getrübet werden!
HG|3|128|8|0|Du werdender Tag aber sei wohl aufmerksam, dass du weder durch eine zu große Hitze, noch durch eine zu raue Kühle den Töchtern der Himmel lästig werdest!
HG|3|128|9|0|Denn das Angesicht der Töchter der Himmel strahlet mehr denn tausend Sonnen; ihre Augen beschämen alle Sterne, und die Sterne der Himmel zittern nun vor dem Glanze der Töchter der Himmel.
HG|3|128|10|0|Welcher Sterbliche hat je sonst die Sterne am Himmel erzittern gesehen?!
HG|3|128|11|0|Ihre Wangen sind das Urfeuer der Morgenröte; ihr Mund ist die Harmonie der ganzen Schöpfung; ihr Kinn bewirkt das Wonnegefühl aller lebenden Wesen!
HG|3|128|12|0|Ihr Haar vergoldet die Säume der Wolken; ihr Hals ist die Seele der Blumen; ihr Busen belebet die Erde, und sie entzündet sich und treibet, die himmlischen Töchter zu ehren, gar feurige Berge zu den Himmeln!
HG|3|128|13|0|Ihre Arme sind zarter und sanfter als das zarteste Lüftchen, das da der Abendröte gar furchtsam entfleucht; ihr Leib gleicht der Fülle der Himmel, und ihre Füße sind gleich den Morgenstrahlen, welche durch das zarteste Morgenrotgewölke zuerst die blumigen Fluren der Erde beschleichen!
HG|3|128|14|0|Huhora, huhora, huhora! Ehre und alles Licht und allen Glanz und alle Pracht und alle Majestät den Töchtern der Himmel!“
HG|3|128|15|0|Also lautete der Morgengruß. Wehe aber einem trüben Tag! Der ist dann vom Anfang bis zum Ende angespuckt worden und geschimpft und geflucht, mitunter wohl auch gezüchtigt, indem man mit Ruten gewaltig in die Luft hineinhieb!
HG|3|128|16|0|Auf eine ähnliche Weise wurde auch die Nacht vor ihrem Anbruch samt dem Mond und den Sternen geputzt!
HG|3|128|17|0|Und die beiden mussten sich wenigstens einmal am Tag, entweder am Morgen oder am Abend, den Schreiern zeigen am Fenster, sonst entstand ein Geheul, das so lange kein Ende nahm, bis die beiden sich zeigten.
HG|3|128|18|0|Als solcher Unfug aber ein Jahr lang anhielt und nimmer enden wollte, da wandte sich Uraniel an den Herrn, fragend, was er da tun solle, um diesem Unfug ein Ende zu machen.
HG|3|128|19|0|Der Herr aber sprach: „Wie fragst du Mich so spät, und wie konntest du ehedem dein eigen Herz vom Fleisch der beiden Töchter gefangen nehmen lassen?
HG|3|128|20|0|Siehe, hier ist ohne Beschränkung deiner Freiheit kein Rat mehr möglich!
HG|3|128|21|0|Nehme ich die beiden von der Welt, so wird das Volk über dich herfallen und wird dich erwürgen; lasse Ich sie, so wird es noch ärger es treiben als jetzt; gebe Ich sie dir zu Weibern, so wird man bald dir und den Weibern göttliche Verehrung antun; entfliehst du auf die Höhe, so wird man die beiden aus gegenseitiger Eifersucht zerreißen, sich aber gegenseitig erwürgen.
HG|3|128|22|0|Urteile nun selbst, was Ich da tun soll! Berate dich daher im Herzen, und tue, was dir gefällt, aber Mich lasse vorderhand aus dem Spiel, denn Ich bin heilig!“
HG|3|128|23|0|Diese Antwort gefiel dem Uraniel nicht wohl, und er gedachte, heimlich mit den beiden zu entfliehen.
HG|3|128|24|0|Aber am Tag vorher, als er entfliehen wollte, kamen hundert der angesehensten Männer zu ihm und rieten ihm, die Töchter zu ordentlichen Weibern zu nehmen.
HG|3|128|25|0|Dieser Antrag gefiel ihm, und es wurde alles vorbereitet auf den Tag der Vermählung.
HG|3|128|26|0|Und der Tag erschien, und der Uraniel vermählte sich, ohne es seinem Vater auf der Höhe zu melden, auf dass er ihn gesegnet hätte.
HG|3|129|1|1|Die Errichtung einer Frauenverschönerungsanstalt. Die Bigamie führt zu Menschenhandel und Standesunterschied
HG|3|129|1|1|Am 28. September 1843
HG|3|129|1|0|Diese Vermählung stimmte die Männerwelt in ihrer Vergötterung zwar etwas herab, indem sie nun sah, dass da für sie nichts mehr herausschaue; aber dafür warf sie sich zwei anderen, noch größeren Übeln in die Arme, welche Übel darin bestanden, dass fürs Erste ein jeder nur etwas fleischsüchtige Mann sich zwei Weiber nahm, eine an die rechte und eine an die linke Hand. Und der König konnte solches nicht verhindern, indem das Männervolk dem König erklärte, dass solches allein ihm zu Ehren geschehe und sogar geschehen müsse, wogegen der im Geiste schon sehr schwach gewordene König auch gar nichts mehr einzuwenden vermochte.
HG|3|129|2|0|Das war somit das erste große Übel, welches in seiner geistigen Sphäre gar nicht zu berechnen ist.
HG|3|129|3|0|Das zweite Übel aber, größer noch als dieses erste, war und bestand darin, dass nun alle die Fleischmänner aus lauter Ehrung des Königs auch zugleich überaus schöne Weiber haben wollten, ja – wie ihr zu sagen pflegt – par honneur sogar haben mussten!
HG|3|129|4|0|Da es aber in der Regel doch glücklicherweise noch allzeit mehr unschöne als so eigentlich ganz schöne Weiber gegeben hat und dies eben auch in Hanoch der Fall war, so sann man auf Mittel, um die Weiber künstlich schön zu machen.
HG|3|129|5|0|Wer sucht, der findet auch bald etwas, also war es auch hier der Fall. Man errichtete eine Weiberverschönerungsanstalt, und diese bestand darin, dass ein großes Gebäude erbaut ward, in welches mehrere Tausende von Mädchen aus der ganzen Stadt, wie auch vom Land und aus den zehn Städten, aufgenommen wurden, wenn sie nur gerade Glieder hatten, und das in einem Alter von zwölf bis zwanzig Jahren.
HG|3|129|6|0|In dieser Anstalt, die man ‚Die Ehre des Königs‘ benamste, wurden die Mädchen mit den feinsten Speisen und Getränken genährt, mit den feinsten Ölgattungen gewaschen und bekamen auch eine Erziehung, in der kaum mehr von Gott die Rede war als heutzutage, wo der Religionsunterricht in einer Mädchenschule, wie auch in allen anderen Lehranstalten zumeist auch auf dem letzten Nagel hängt.
HG|3|129|7|0|Man wird sagen: „Aus solch einer Anstalt lässt sich noch kein größtes Übel erschauen!“ Doch nur Geduld, es wird schon kommen.
HG|3|129|8|0|Wer nun aus dieser Anstalt sich natürlich zwei Weiber nehmen wollte, der musste an die Vorsteher und Leiter dieser Anstalt einen tüchtigen Erziehungstribut entrichten. Dann musste er zwei junge schöne Mädchen wieder hineinbringen und für sie einen mäßigen Erziehungs- und Verschönerungsbeitrag zu entrichten sich verbinden. Und fürs Dritte musste er sich endlich verpflichten, die also genommenen Weiber nie zu einer Arbeit zu bestimmen, indem solches ihrer erworbenen Schönheit leicht schaden könnte.
HG|3|129|9|0|Damit aber doch ein jeder sich aus dieser Anstalt seine Weiber zu nehmen genötigt war, so war es – vom König unterzeichnet – bestimmt, dass da niemand je bei Hofe erscheinen kann, wenn er sich nicht legitim auszuweisen vermag, dass da seine Weiber aus der Königsehrenanstalt sind.
HG|3|129|10|0|Damit aber war auch der Grund gelegt, aus dem gar bald Menschenhandel und große Standesunterschiede entstanden, wodurch dann aber auch gegenseitiger Hass und Verachtung zu keimen anfing und gar bald, wie es die Folge zeigen wird, zur vollreifen Frucht ward.
HG|3|129|11|0|Und dies alles hatte den Grund in der Bigamie, weil sie eine Frucht der Fleischliebe ist, deren geistig böse Folgen – wie schon anfangs bemerkt – unberechenbar sind, weil dadurch eben im Fleisch dem Feind des Lebens ein freiester Spielraum gegeben wird.
HG|3|129|12|0|Daher enthalte sich jeder vom Fleisch der Weiber so viel als möglich, wenn er das ewige Leben ernten will; das Weib aber reize niemanden, so sie nicht verdammt werden will, sondern selig!
HG|3|130|1|1|Erweiterung der Frauenverschönerungsanstalt. Anfang des Menschenhandels
HG|3|130|1|1|Am 29. September 1843
HG|3|130|1|0|So da jemand fragen möchte, ob in dieser Weiberverschönerungsanstalt denn wohl im Ernst schöne Weiber gewisserart neu kreiert wurden, dem sei es bemerket, dass fürs Erste der Feind des Lebens der Menschen auf Erden wohl alles Erdenkliche aufbietet zur günstigen Realisierung solcher Unternehmungen der Menschen, wo er das Wasser auf seine Mühle leiten kann; fürs Zweite aber lehrt fast jedermann die Erfahrung, wie viel eine einer Weibsperson angemessene Kleidung vermag. Welche Gesichtstäuschungen werden nicht selten bewirkt, und wie gar oft das äußere Gefühl betrogen durch einen gewählten Kopfputz, durch ein Prunkkleid und durch mehrere dergleichen Satansmittel!
HG|3|130|2|0|Wenn aber schon das jetzige entnervte Menschengeschlecht noch durch solche Mittel ins Garn des Satans kann gezogen werden, so kann man sich wohl gar leicht vorstellen, dass eine noch nervenkräftige und phantasiereiche Nation auch noch um desto leichter durch derlei Mittel konnte berückt werden.
HG|3|130|3|0|Und da die Erfindungskraft der Menschen nimmer ruht, so ruhte sie auch hier nicht. Von Jahr zu Jahr wurden neue Weiberverschönerungserfindungen gemacht, und ein Mädchen brauchte nichts anderes, als nur die geraden Glieder zu haben, was in dieser Zeit wohl fast ohne Ausnahme der Fall war, und sie konnte schön gemacht werden.
HG|3|130|4|0|Denn die Verschönerungskünstler sagten: „Jedes gesunde weibliche Wesen lässt sich mästen und dadurch fett und mehr gerundet machen, und ein der Form der Person vollkommen entsprechendes Kleid macht sie allzeit interessant; eine zweckmäßige, reizende Bildung hinzu, und jeder Mann ist gefangen, der einer solchen gemachten Schönheit in die Nähe kommt!“
HG|3|130|5|0|Und so war es auch in der Wirklichkeit. Da aber ein Weib bald keinen Wert mehr hatte, wenn es nicht aus der ‚Königsehre‘ war, so fand sich fürs Erste ein jedes andere Weib entehrt und tief gekränkt.
HG|3|130|6|0|Da aber mit dieser Kränkung wenig oder gar nichts gewonnen war, so redeten die äußeren Weiber, welche nicht aus der ‚Königsehre‘ waren, mit den Verschönerungskünstlern, ob gegen gute Belohnung aus ihnen nichts mehr zu machen wäre.
HG|3|130|7|0|Da die Künstler aber den Gewinn nicht verschmähten, so nahmen sie auch ältere Weiber in ihr Institut und mästeten sie und putzten sie auf, dass es eine Schande war.
HG|3|130|8|0|Aber das alles schadete der Sache nicht im Geringsten. Wenn man nur wieder zu Fleische kam, dann war schon alles wieder gewonnen, denn die Gesichtsfalten zu vertreiben, das war für unsere Künstler nur ein Spaß.
HG|3|130|9|0|Mit der Zeit musste die ‚Königsehre‘ noch ums Zehnfache erweitert werden; daraus kann aber deutlich abgenommen werden, in was für einem Ansehen dieses Institut war.
HG|3|130|10|0|Es erfuhren aber auch im Verlaufe von etwa dreißig Jahren die auswärtig mächtig gewordenen Völker, dass da in Hanoch die allerschönsten Weiber erzeugt wurden, und sandten Kundschafter dahin.
HG|3|130|11|0|Diese kamen zum König und begehrten diese Anstalt zu sehen. Sie wurden dahin geführt, und als sie der schönen Weiber ansichtig wurden, fingen sie förmlich an zu rasen und begehrten die Weiber.
HG|3|130|12|0|Aber es wurde ihnen gesagt, dass all die Weiber, welche schon reif sind, käuflich um den bestimmten Preis zu haben sind.
HG|3|130|13|0|Da eilten die Kundschafter nach ihrem Land und erzählten, was sie gesehen hatten. Und alsbald belasteten sich tausend Männer mit Schätzen aller Art und kauften in Hanoch zweitausend Weiber.
HG|3|130|14|0|Das war der Anfang des Menschenhandels! Was aber da weiter geschah, wird die Folge zeigen.
HG|3|131|1|1|Die Reinigung der Höhe. Zug der zehntausend Frauen von der Höhe in die Tiefe
HG|3|131|1|1|Am 2. Oktober 1843
HG|3|131|1|0|Die Höhe aber hatte sich in dieser Zeit so ziemlich gereinigt; denn alles, was da nur einigermaßen schiefen Sinnes war, zog sich nach und nach in die Tiefe.
HG|3|131|2|0|Besonders bekam das männliche Geschlecht einen stets größeren Appetit nach der Tiefe, der schönen Weiber wegen; und der einmal die Süßigkeit der Weiber in der Tiefe verkostet hatte, der zog nicht mehr auf die Höhe zu seinen Brüdern und Schwestern, sondern blieb ganz behaglich im Schoße der Weiber in der Tiefe sitzen.
HG|3|131|3|0|Darum hat sich denn auch, wie bemerkt, die Höhe dieser Zeit so ziemlich gereinigt, bekam aber darum keine Nachricht von allem dem, was sich da in dieser Zeitperiode von etlichen fünfzig Jahren in der Tiefe alles ausgebildet hatte.
HG|3|131|4|0|Es besprachen sich Lamech und Muthael wohl öfter miteinander, wie es etwa in der Tiefe zugehen dürfte; allein sie konnten nichts Klares darüber herausbringen.
HG|3|131|5|0|Denn der Herr wollte nicht reden über das Verhältnis der Tiefe. Boten aber, die der Muthael in die Tiefe auf Erkundigungen ausgesandt hatte, kamen nimmer zurück, denn sie fanden in der Tiefe bisher eine allzeit zu gastfreundliche Aufnahme und zu viel Vergnügungen, als dass es sie je wieder gelüsten sollte, auf die harten und frostigen Höhen zurückzukehren.
HG|3|131|6|0|Und so konnten weder der Lamech, noch der Noah, der zu der Zeit auch schon ein Mann von achtzig Jahren war, und ebenso wenig der Muthael etwas aus der Tiefe erfahren.
HG|3|131|7|0|Lamech berief aber über zehntausend Weiber zusammen, die da ohne Männer auf der Höhe lebten und sich heimlich vorgenommen hatten, ihren Männern in die Tiefe zu folgen, und sagte mit mächtiger Stimme zu ihnen:
HG|3|131|8|0|„Was wollt ihr denn tun? Habt auch ihr euch vom Satan umgarnen lassen?
HG|3|131|9|0|Der Herr aber redete zu mir und sprach: ‚Lamech, halte sie nicht auf, die da Meiner vergessen haben; denn in der Tiefe sollen sie den Lohn ihrer Treue empfangen! Jeder tue nach seiner Lust; Ich aber bin der Herr und werde tun nach Meinem Sinne!‘
HG|3|131|10|0|Hört also, ihr Weiber, das hat der Herr euretwegen zu mir geredet; darum will ich euch nimmer aufhalten! Die da hier bleiben wollen aus Liebe zu Gott, die mögen bleiben; die aber hinabziehen wollen, die sollen ziehen!
HG|3|131|11|0|Ob sie so leicht wiederkehren werden, als sie fortziehen, das wird gar hell und traurig genug die Folge zeigen!“
HG|3|131|12|0|Als die Weiber solches vernommen hatten, fingen sie an zu jubeln und liefen davon und nahmen Speise und begaben sich in die Tiefe.
HG|3|131|13|0|Da sprach der Muthael zum Lamech: „Da haben wir’s jetzt! Die Rede, die sie hätte auf der Höhe erhalten sollen, treibt sie alle in die Tiefe! Wenn das so fortgeht, da werden wir bald ganz allein uns auf der Höhe befinden!“
HG|3|131|14|0|Der Lamech ward aber ganz traurig über diese Bemerkung.
HG|3|131|15|0|Und der Noah redete dafür zum Muthael: „Ist es also, so sei es also; der Herr aber sieht nur auf die Seinigen und nicht auf die Fremden! Hat Er doch im Anfang auch nicht mehr als ein Paar geschaffen, und die Erde ist erfüllt von Menschen! Siehe, so wir aber, die wir Ihm verbleiben, doch noch immer mehr als ein Paar sind, da bin ich überzeugt, die Höhen werden sich schon wieder füllen!“
HG|3|131|16|0|Mit diesem Bescheid waren Muthael und Lamech zufrieden, und sie dachten von da nicht viel mehr über die Tiefe nach, sondern nur, wie sie Gott stets mehr zu lieben vermöchten.
HG|3|131|17|0|Der Herr aber besuchte sie dann zu öfteren Malen.
HG|3|132|1|1|Uraniel übernimmt die zehntausend Frauen der Höhe und gibt sie in die Frauenverschönerungsanstalt, um sie dann zu verkaufen
HG|3|132|1|1|Am 3. Oktober 1843
HG|3|132|1|0|Als die zehntausend Weiber aber in der Tiefe anlangten, lagerten sie sich etwa bei einer kleinen Stunde Feldweges außer der Stadt.
HG|3|132|2|0|Es war Abend, als sie vor Hanoch anlangten und ihr Lager machten.
HG|3|132|3|0|Die um die abendliche Zeit eben nicht selten lustwandelnden Hanocher aber bemerkten die große Zahl der sich lagernden Weiber und gingen eilends in die Stadt darum und zeigten solches dem König an.
HG|3|132|4|0|Und der König fragte die Anzeiger, wie viele der Weiber wohl nach einer bestimmten Maßgabe es sein dürften.
HG|3|132|5|0|Die Anzeiger sagten: „Hoher König, ihre Anzahl ist so groß, dass wir sie nimmer auszusprechen vermögen, denn sie bedecken, knapp aneinandergestellt, mehrere Morgen Landes, und das will doch sehr viel gesagt haben!“
HG|3|132|6|0|Der König aber fragte weiter: „Wisst ihr denn nicht, woher diese Weiber gekommen sind? Und sind sie noch jung und mehr von der schönen Seite?“
HG|3|132|7|0|Und die Befragten antworteten dem König: „Hoher König, mit Bestimmtheit können wir dir weder das eine noch das andere kundgeben! Aber soviel sich so im Vorübergehen hat entnehmen lassen, da können wir dir sagen, dass dieses Weiberheer aus der Höhe ist und mehr von der jungen als von der alten Seite zu sein scheint! Ob es darunter wohl auch viele Schönheiten gibt, das konnten wir der starken Dämmerung halber nicht ausnehmen, aber viele sehr angenehme Stimmen haben wir darunter gehört, und daraus ließe sich allenfalls wohl ein Schluss ziehen, dass nämlich, nach den Stimmen zu urteilen, immerhin sehr viele Schöne darunter sein müssen!“
HG|3|132|8|0|Mit diesem Bescheid war der König auch ganz vollkommen zufrieden und sprach: „Edle Bürger Hanochs, hört mich! Es könnte nicht besser gehen, als es geht!
HG|3|132|9|0|Heute noch nehmen wir auf gerade und ungerade das ganze Heer dieser Weiber gefangen, geben sie dann in die große Verschönerungsanstalt! In einem Jahr sind sie gemästet und ihre Haut poliert, und wir können sie dann wieder um große Schätze an die auswärtigen Völker verkaufen, von denen fast in jeder Woche Hunderte kommen, um zu kaufen unsere herrliche Ware!
HG|3|132|10|0|Geht aber nun und zeigt es den Institutsvorstehern an, auf dass sie ja zu diesem herrlichen Fang die gehörigen Maßregeln so schnell als möglich treffen können!“
HG|3|132|11|0|Die Anzeiger gingen nun eiligst und taten, was ihnen der König geraten. Und in einer Stunde standen schon bei zwölftausend Männer schlagfertig da und eilten hinaus ins Lager der Weiber und eroberten dasselbe ohne Schwertstreich.
HG|3|132|12|0|Wieso denn aber? Die Weiber meinten, es kämen ihnen ihre entflohenen Männer entgegen, um sie wieder aufzunehmen entweder zu Weibern oder die Ledigen zu Bräuten.
HG|3|132|13|0|Daher fingen die Weiber auch alsbald an zu jubeln und liefen den Männern in die Arme, und wo zwei einen Mann erwischten, da wurde alsbald gerauft unter den zweien.
HG|3|132|14|0|Die Männer aber taten den Weibern schön und brachten sie alle in derselben Nacht in die Herberge.
HG|3|132|15|0|Am nächsten Tag erst besah der König den Fang und war überaus zufrieden mit demselben; denn es waren zumeist lauter noch sehr rüstige feste Gebirgsweiber, darunter wenig alte, aber desto mehr junge sich befanden.
HG|3|132|16|0|Er befahl daher den Professoren der Anstalt, ja alle Aufmerksamkeit und allen Fleiß auf die Verschönerung dieser Weiber zu verwenden.
HG|3|132|17|0|Und die Professoren bewirkten auch Wunderdinge in einem Jahr schon, was den König umso mehr freute, als er aus seinen Landsmänninnen solche Herrlichkeiten hervorwachsen sah, nebst dem Gewinn, der da für Hanoch erwachsen würde in der Kürze der Zeit.
HG|3|133|1|1|Die Kinder der Hanochiten mit den Frauen der Höhe sind voller Erfindungsgeist. Erfindung des Glases und des geprägten Geldes. Bau der Ringmauer. Hanoch entwickelt sich zur Riesenstadt
HG|3|133|1|1|Am 5. Oktober 1843
HG|3|133|1|0|Als die Weiber aber im Verlaufe von etwa anderthalb Jahren vollkommen ausgemästet dastanden, da gefielen sie ihrer imposanten Größe halber den Hanochiten so außerordentlich gut, dass diese sie gar nicht zum Verkauf ausbieten wollten, sondern behielten dieselben für sich und gaben dafür ihre Weiber samt Töchtern in diese Anstalt nebst einer dazu gehörigen Versorgungssumme, bestehend aus Gold und allerlei anderen zu solcher Versorgung nötigen Emolumenten [Vergütung].
HG|3|133|2|0|Die Männer aus Hanoch aber zeugten dann Kinder mit den Weibern aus der Höhe, und diese Kinder männlichen und weiblichen Geschlechts wurden fürs Erste überaus schön, und fürs Zweite waren diese Kinder voll Erfindungsgeistes, und dies besonders im Fach der Mechanik, im Fach der Bildnerei, im Fach der Chemie und noch in tausend anderen Fächern.
HG|3|133|3|0|Das Glas war eine Haupterfindung dieser Kinder, freilich wohl erst in ihrem erwachsenen Zustand.
HG|3|133|4|0|Diese Erscheinung gab der großen Stadt Hanoch schon im Verlaufe von dreißig Jahren ein ganz anderes Aussehen.
HG|3|133|5|0|Der noch lange gut lebende König fing an, Geld prägen zu lassen, welches man als ein bequemes Tauschmittel betrachtete.
HG|3|133|6|0|Dadurch hob sich der Handelsstand Hanochs mächtig, und die Stadt wurde stets glänzender und größer.
HG|3|133|7|0|Dazu trug auch die große Ausbeutung von Gold und Silber so sehr bei, dass der König erstens seine ganze, überaus große Burg vergolden ließ und zweitens noch eine neue, überaus glänzend prachtvollste erbauen ließ, und das in jeder Hinsicht also reich ausgeschmückt mit Kunst und Natur, dass da etwas Ähnliches alle Fürsten dieser Zeit nun aufzuführen nicht imstande wären.
HG|3|133|8|0|Im Verlaufe von noch dreißig Jahren hatte Hanoch ein Aussehen, dass da die auswärtigen Völker glaubten, es müssten höhere Wesen da ihre Hände angelegt haben, sonst wäre es nicht möglich zu denken, wie diese alte, sonst düstere Stadt zu solcher Größe, Pracht und unbegreiflichen Majestät gelangt wäre.
HG|3|133|9|0|Wie groß diese Stadt aber war, kann daraus abgenommen werden, dass es in ihr tausend so große Gebäude gab, von denen jedes geräumig genug war, um zehntausend bis fünfzehntausend Menschen ganz bequem wohnlich zu fassen, der mehreren tausend kleineren Häuser und Paläste nicht zu gedenken.
HG|3|133|10|0|Es wurden auch allerlei Schulen und Bildungsanstalten errichtet, und alle Städte waren genötigt, sich der Vorteile Hanochs – freilich wohl um tüchtige Summen – zu bedienen.
HG|3|133|11|0|Es merkte aber der schlaue Hof Hanochs, dass da die äußeren Völker, welche sehr mächtig waren, stets mehr und mehr anfingen, nach den großen Reichtümern Hanochs lüstern zu werden, und beschloss daher, diese große Stadt mit einer mächtigen Ringmauer zu umfassen.
HG|3|133|12|0|Der Entschluss war gefasst, und schon am nächsten Tag sah man allerseits um die Stadt Millionen Hände in der tätigsten Bewegung, und im Verlaufe von etwa zwei Jahren umgab die ganze Stadt schon eine dreißig Klafter hohe und zehn Klafter breite Mauer, welche eine Länge von siebenundsiebzig gegenwärtigen deutschen Meilen hatte.
HG|3|133|13|0|Einhundertsiebzig Tore führten in die Stadt. Ein jedes Tor aber hatte drei mächtig starke eherne Flügel zum Verschließen, und über einem jeden Tor war eine ungeheuer kolossale eherne Kriegerstatue aufgerichtet, in welche sich bei dreißig Krieger verstecken konnten und konnten dann vom Inneren des Kopfes der Statue, und zwar durch die hohl gelassenen Augen, durch den Mund und durch die Ohren, Steine hinausschleudern.
HG|3|133|14|0|Man möchte vielleicht denken, dass für diese Zeit die Errichtung solcher Werke Hunderte von Jahren vonnöten hatte. – O nein! Man denke nur, was unter umsichtiger Leitung eine Million Arme vermögen, und man wird begreifen, wie daselbst solche Werke im Verlauf von sieben Jahren ganz vollendet dastehen mussten, und das umso sicherer, wenn man daneben die größere Kraft der Menschen, ihren Eifer und wohl aber auch den mächtigen Einfluss der Schlange berücksichtigt. Die Folge aber wird das Weitere zeigen.
HG|3|134|1|1|Die Eroberung der zehn Vorstädte von Hanoch durch die auswärtigen Völker
HG|3|134|1|1|Am 6. Oktober 1843
HG|3|134|1|0|Es besprachen sich aber die auswärtigen mächtigen Völker, welche da schon Kinder waren, gezeugt von den Männern aus der Höhe mit den schönen Weibern der Tiefe, untereinander in ihren zwölf neuen Städten, deren Namen also lauteten: Lim, Kira, Sab, Marat, Sincur, Pur, Nias, Tirab, Pejel, Kasul, Munin und Tiral – und sprachen in einem allgemeinen Rat, welcher zu Lim abgehalten wurde:
HG|3|134|2|0|„Brüder, was soll es mit Hanoch, dieser alten Betrügerin des Menschengeschlechtes?! Warum müssen denn wir alle besseren Vorteile des Lebens ihr stets also teuer ablösen? Warum sind die Hanochiter Herren und wir weniger als ihre geringsten Diener? Und doch sind wir Kinder aus der Höhe, wennschon hie und da aus den Weibern der Tiefe!
HG|3|134|3|0|Brüder, wir sind Riesen, unsere Muskeln haben eine solche Kraft, dass wir mit Löwen, Tigern, Bären und Hyänen – wie die Hanochiter höchstens mit Fliegen – den Kampf aufnehmen können!
HG|3|134|4|0|Wie wäre es denn, so wir uns zu Tausenden vereinen möchten und zögen dann hin nach Hanoch und setzten uns in den Besitz dieser Stadt und aller ihrer unberechenbaren Vorteile?
HG|3|134|5|0|Es ist freilich wahr, diese Stadt hat eine überaus feste Ringmauer und einhundertsiebzig dreimal zu verschließende Tore, und ober den Toren sind eherne Riesen gestellt, die wohl ein sehr fürchterliches Aussehen haben, aber sie sind tote Werke, von Menschenhänden verfertigt, und können sich nicht einmal gegen eine Fliege zur Wehr stellen.
HG|3|134|6|0|Also wäre es an der Zeit, dass wir uns vereinen möchten und ziehen gen Hanoch!“
HG|3|134|7|0|Einer aus dem Rat aber erhob sich und sprach: „Hört mich an, Brüder, einige Worte nur muss ich zu euch sprechen!
HG|3|134|8|0|Seht, so wir hinziehen in großen Massen, da werden es die Hanochiter merken, was wir im Sinne führen, und werden bei unserer Annäherung die Stadt sperren! Was werden wir dann tun? Nichts, als unverrichteter Sache wieder mit Spott und Schande abziehen!
HG|3|134|9|0|Kommen wir aber nur in geringer Anzahl, da werden wir nichts ausrichten gegen sie!
HG|3|134|10|0|Daher wäre mein Rat dieser: Da die zehn kleinen Städte um Hanoch noch nicht befestigt sind und eine jede Stadt für sich kaum zehn- bis fünfzehntausend Menschen, von schwacher Beschaffenheit in jeder Hinsicht, fasst, so sollten wir uns dieser Städte mit leichter Mühe völlig bemächtigen und dadurch allen Handelsverkehr mit Hanoch rein abschneiden!
HG|3|134|11|0|Sodann werden die Hanochiter rein mit uns zu tun bekommen. Wir aber werden keine Narren sein und werden ihnen ihre Produkte um unerschwingbare Summen abkaufen, sondern wir werden selbst das hervorbringen, was uns vonnöten ist!
HG|3|134|12|0|Und die Hanochiter mögen dann aus Hunger über ihre Stadtmauer springen, wie sie wollen, und ihre schönen Weiber und ihre anderen Vorteile verkaufen, an wen sie wollen und können. Dass wir sie ihnen nicht abkaufen werden, die wir sie von allen Seiten umfangen – außer um die größten Schandpreise –, des können sie vollends versichert sein!
HG|3|134|13|0|Ich meine, auf diese Weise muss in der Kürze der Zeit Hanoch entweder ganz fallen, oder es wird sich gefallen lassen müssen, von uns Bedingungen anzunehmen, die sicher nicht zu unserem Nachteil berechnet sein dürften!“
HG|3|134|14|0|Dieser Rat gefiel allen, und schon in den nächsten Tagen hatten sich zweihunderttausend der kräftigsten Männer bewaffnet, sind dann über die zehn Städte hergefallen und haben sie nahe ohne Widerstand mit einem Schlag erobert.
HG|3|134|15|0|Als die Hanochiter aber diesen Schlag erfuhren, da ergrimmten sie, fingen an, die schrecklichsten Kriegsgeräte zu verfertigen, und rüsteten so in einem Jahr ein Kriegsheer von einer Million Menschen aus, gaben ihnen Anführer, die das Heer einübten und dann mit ihm gegen die mächtigen Außenvölker rückten.
HG|3|134|16|0|Wie aber dieser Krieg ausfiel, wird die Folge zeigen.
HG|3|135|1|1|Der erfolglose Gegenschlag des Heers der Hanochiter. Friedensverhandlungen. Der Rat der Tausend
HG|3|135|1|1|Am 7. Oktober 1843
HG|3|135|1|0|Also eine volle Million Krieger zogen mit scharfen Spießen, Lanzen und Schwertern hinaus, teilten sich draußen in zehn Abteilungen, und jede Abteilung war bestimmt, eine der zehn Städte anzugreifen.
HG|3|135|2|0|Aber die auswärtigen Völker hatten sich von dem Kriegsplan der Hanochiter Kunde zu verschaffen gewusst und rüsteten sich danach zum Gegenkampf. Sie verrammten die Eingänge der Städte und bemannten dieselben mit den wohlgeübtesten Bogenschützen, sowie alle Fenster und Söller der Häuser.
HG|3|135|3|0|Als nun die Hanochiter an die Städte kamen unter großem Geschrei, da flogen ihnen sogleich viele tausend scharfe Pfeile in Blitzesschnelle entgegen, durch welche viele getötet und noch mehrere stark verwundet wurden.
HG|3|135|4|0|Da aber die Hanochiter diese Waffe nicht kannten, so wurden sie zu dem Glauben genötigt, als kämpften böse Geister für die großen Völker, und die da noch übergeblieben flohen daher mit der größten Hast nach Hanoch zurück; denn sie meinten, die bösen Geister würden ihnen selbst bis in die Stadt mit den tödlichen Pfeilen nachrennen, darum sie sich denn auch in ihren Häusern verkrochen.
HG|3|135|5|0|Da aber die Außenvölker merkten, welchen Schreck und welche Verwirrung sie unter den Hanochiten angerichtet hatten, so beschlossen sie, nun auch Hanoch anzugreifen.
HG|3|135|6|0|Aber der schon bekannte Ratgeber, den die auswärtigen Völker zu ihrem Hauptanführer gemacht hatten, sagte zu den Vorstehern der zehn Städte:
HG|3|135|7|0|„Lassen wir diese gewagte Sache gut sein! Hier sind wir im offenbaren Vorteil; ziehen wir aber nach Hanoch, und die Tore sind geschlossen, so setzen wir uns den Steinwürfen von der hohen Ringmauer aus für nichts und wieder nichts.
HG|3|135|8|0|Mit gewaltigen Händen ist diese Stadt nimmer zu erobern, und uns würde es unter ihren Mauern um kein Haar besser ergehen, als es ihnen unter den Mauern unserer Häuser und unter unseren Verrammungen ergangen ist, da ihr Heer stark über die Hälfte durch unsere Pfeile rein aufgerieben worden ist und wir nach der Schlacht, wie ihr wisst, bei vierzehn Tage zu tun hatten, um alle die Getöteten zu begraben.
HG|3|135|9|0|Die Hanochiter haben von uns eine so eindringliche Lektion nun erhalten, dass sie sicher zu der Einsicht gelangen werden, dass ihnen ihre Ringmauer wenig nützt, und sie werden es auch bald einsehen, dass es besser ist, mit uns als offene Freunde und Brüder zu leben, als sich von uns feindselig abzusperren.
HG|3|135|10|0|Sie sind von uns ringsum belagert und können uns nirgends zu; der Hunger aber wird sie sicher gar ehestens als Freunde in unsere Arme führen, – und dann wollen wir ihnen schon die rechten Friedensbedingungen machen, die, wie ich schon letzthin bemerkte, nicht zu unserem Nachteil ausfallen sollen!“
HG|3|135|11|0|Dieser Rat wurde wieder allgemein angenommen, und der Ratgeber hatte nicht unrecht, denn schon in der siebenten Woche kamen Abgeordnete des Königs Uraniel aus Hanoch zu den Vorstehern und schlugen ihnen Friedensbedingungen vor, – freilich zum Vorteil der Hanochiter.
HG|3|135|12|0|Aber die von dem Ratgeber wohlunterrichteten Vorsteher sagten: „Wir sind offenbar nun eure Herren, daher habt ihr anzunehmen, was wir verlangen! Und wollt ihr das nicht, da soll euch der Hunger dazu zwingen; denn um keinen Augenblick wird die Belagerung eher aufgehoben, als bis ihr unsere Bedingungen annehmen werdet!
HG|3|135|13|0|Die Bedingungen aber lauten also ganz einfach: Wir wollen um eure Stadt außerhalb der Mauer einen Fruchtmarkt aufrichten, und ihr müsst uns die Lebensmittel abkaufen um einen gerechten Preis; und tausend von unseren Männern müssen in Hanoch an der Seite des Königs als Mitrat angenommen sein und müssen von euch verpflegt werden.
HG|3|135|14|0|Ist euch das recht, so zieht hin und bringt uns die Annahme des Königs; ist es euch aber nicht recht, so verhungert in euren Mauern!“
HG|3|135|15|0|Darauf begaben sich die Gesandten wieder nach Hanoch; und der König sah sich genötigt, in den sauren Apfel zu beißen.
HG|3|135|16|0|Die Boten kehrten wieder zurück und überbrachten die Genehmigung des Königs und schon am nächsten Tag ward der Fruchtmarkt um Hanoch aufgerichtet, und die nahe verhungerten Hanochiter kauften um jeden Preis die Esswaren.
HG|3|135|17|0|Und also zogen auch die tausend Miträte in Hanoch ein und nahmen den König ganz in ihre Mitte, auf dass er tanzen musste, wie sie pfiffen.
HG|3|135|18|0|Die Folge aber wird zeigen, wie da gepfiffen und getanzt wurde.
HG|3|136|1|1|Anfänge des Volksadels und des Kastenwesens. Der Rat der Tausend entmachtet den König und übernimmt die Stadt
HG|3|136|1|1|Am 10. Oktober 1843
HG|3|136|1|0|Wie lautete der Pfiff von Seiten der tausend neuen auswärtigen Miträte?
HG|3|136|2|0|Es wurde dem König auferlegt, fürs Erste auch die zehn Fürstenstädte mit einer Ringmauer zu umgeben, damit eine jede Stadt als ein Schutzort angelobt werden könnte.
HG|3|136|3|0|Die Räte aber taten das, um dem König wie den mächtigen Hanochiten hinreichend starke Gegenfestungen zu errichten, um diese große Stadt, wie ihr zu sagen pflegt, gehörig im Schach zu halten.
HG|3|136|4|0|Die tausend Räte aber setzten sich fester und fester in den zehn Städten und waren die eigentlichen Herren über Hanoch, und der König war nun stets mehr genötigt, nur das zu tun, was die Herren der zehn Städte für gut fanden und allezeit fest wollten.
HG|3|136|5|0|Wir sehen aus diesem Begebnis nichts mehr und nichts weniger als eine Konstitution zwischen dem König und dem Volk; zugleich aber ersehen wir auch schon eine Art Volksadel entstehen und eine Volkskasteneinführung, durch welche besonders die eigentlichen Kinder der Tiefe und ganz besonders das männliche Geschlecht für die niedrigsten Arbeiten bestimmt und verwendet ward.
HG|3|136|6|0|Und darinnen ward von dem Herrn der zehn Städte fest bestimmt, dass eben diese männlichen Kinder nimmer durften über ihren Stand sich erheben.
HG|3|136|7|0|Ferner ward es auch bestimmt, dass ein Mann aus dem Rat- oder Herrenstand nicht durfte – seines Ansehens halber – ein Weib aus dem niedrigsten Stand nehmen.
HG|3|136|8|0|Wenn aber dennoch irgendeine Tochter aus dem niedrigsten Stand einem aus dem Herrenstand ihrer Schönheit wegen gefiel, so musste sie eher in der noch immer stark im Schwung seienden Verschönerungsanstalt von dem König gewisserart geadelt und als eine Tochter adoptiert werden und wurde dann also erst tauglich, das Weib eines Herrn zu werden.
HG|3|136|9|0|Ganz vorzüglich aber bestand die Adoption darinnen, dass der König einer solchen Adoptivtochter eine gehörige Aussteuer aus seinem Schatz mitgeben musste; dies bewirkte erst dann die völlige Adelung.
HG|3|136|10|0|Durch derlei Mittel wussten die Miträte die Schätze Hanochs gehörig an sich zu bringen und dem König stets mehr nur einen bloßen leeren Königsschein zu bereiten.
HG|3|136|11|0|Im Verlaufe von etwa zehn bis fünfzehn Jahren nach der Befestigung der zehn Städte, welche etwa in fünf Jahren nach der großen Schlacht bewerkstelligt ward, ist Hanoch so sehr herabgesunken und ist also ausgesogen worden, dass der schon sehr bejahrte König zu weinen anfing vor den tausend Räten und sprach:
HG|3|136|12|0|„Hört mich an, ihr Brüder! Wenn es euch darum zu tun ist, uns zu vernichten, da ergreift die Waffen und tötet uns, und bemächtigt euch dann lieber auf einmal aller Schätze dieser Städte; aber es ist zu gottvergessen gehandelt, so ihr uns nur langsam marternd zu töten gedenkt!“
HG|3|136|13|0|Das Haupt der Räte aber sprach: „Gut, wir verstehen deine Worte; da wir aber deine Räte und Räte des Volkes sind, können wir anders handeln? Hat das Volk denn nicht größere Rechte als ein schwacher König der Stadt Hanoch?
HG|3|136|14|0|Willst du aber Hanoch wieder blühend erschauen, so übergebe uns ganz die Leitung, und du bleibe unsere Amtskraft als König, verhüllt in ein mysteriöses geheiligtes Wesen, – und du wirst diese Stadt bald in einem blühendsten Zustand erschauen!“
HG|3|136|15|0|Hier dachte der König: „Was will ich tun? Wenn der Stadt geholfen ist, da will ich ja ihr das Opfer bringen!“
HG|3|136|16|0|Er willigte daher in den Rat der Räte. Diese wurden dann vollkommen Herren der Stadt, der anderen Städte und so des ganzen, großen Landes, und der König musste nun alle Beschlüsse unterschreiben, ohne zu wissen, was er so ganz eigentlich unterschrieben hatte.
HG|3|136|17|0|Dadurch ward wohl das Volk der Meinung, als käme alles vom König, aber der König wusste für nichts.
HG|3|136|18|0|Und so hatte sich aus dieser Konstitution die schändlichste Aristokratie gebildet.
HG|3|137|1|1|Die aristokratische Herrschaft Hanochs über Asien. Errichtung von Kolonien und neuen Städten mit Fürsten als Herrschern und Priestern. König Uraniels Tod
HG|3|137|1|1|Am 11. Oktober 1843
HG|3|137|1|0|Die Aristokratie bildete sich immer mehr und mehr aus. Die Herren von Hanoch wurden stets mächtiger. Stets weiter dehnte sich ihr Reich aus. Sie errichteten neue Kolonien, erbauten allorts neue Städte und mit Ausnahme des Reiches der Kinder Sihins ward bald ganz Asien bevölkert.
HG|3|137|2|0|Nur die hohen Gebirgsgegenden blieben von den Hanochiten verschont; sie wurden aber von Horadaliten, einem uns bekannten Lamechschen Kriegsvolk, in Beschlag genommen, welches hordenweise die besseren Triften der Gebirge in Besitz nahm.
HG|3|137|3|0|Die Herren von Hanoch stifteten dadurch Lehensreiche und Fürstentümer zu hundert an der Zahl.
HG|3|137|4|0|Wo sie eine neue Stadt mitten in einer neuen Kolonie erbauen ließen, da belehnten sie auch alsbald damit einen von ihnen gemachten Fürsten. Dieser hatte jährlich einen mäßigen Tribut nach Hanoch zu entrichten; im Übrigen aber war er ein unumschränkter Herr seines Landes und seines Volkes.
HG|3|137|5|0|So ein Fürst war dem Volk zumeist alles in allem. Er war Regent und willkürlicher Gesetzgeber in seinem Land; er war der alleinige Großhändler in seiner Stadt, der alleinige Fabrikant in omnibus [in allen Angelegenheiten] seines Volkes, auf dass dieses ja notgedrungen alles bei ihm kaufen musste.
HG|3|137|6|0|Dann war er auch zugleich – ohne Meinen Willen – Priester des Volkes, das ihm untertan ward; seine Lehre aber berührte selten Mich, sondern meistens nur seine Würde, und dass wenn man ihm opfert, so opfert man auch Gott, dessen Stellvertreter er auf Erden ist, und dass es allein von ihm abhänge, ob da jemand nach dem Tode des Leibes von Gott das ewige Leben der Seele erhalten wird oder nicht.
HG|3|137|7|0|Es wurden mit der Zeit, wenn sich irgend das Volk mehr ausdehnte, wohl auch Unterpriester angeordnet, – aber diese durften nur des Fürsten Wort predigen und nie ein eigenes; denn dergleichen war vom Fürsten aus auch schon bei der geringsten Willkür verdammlich, und der Übertreter musste nicht selten lächerlich grausame Bußwerke verrichten, um sich vor dem Fürsten von einer solchen Todsünde zu befreien.
HG|3|137|8|0|Dergleichen Bußwerke bestanden im Schlangenfangen, im Töten einer bestimmten Anzahl von Tigern, Löwen, Bären, Hyänen und in dergleichen mehr; es war dem Büßer aber gestattet, freiwillige Mitbüßer zu werben.
HG|3|137|9|0|Kleinere Bußwerke bestanden in Opferungen, aber bei Unvermöglichkeit an Opfern wurde geprügelt.
HG|3|137|10|0|Das Weibervolk hatte zumeist viel freiere Gesetze und wurde bei Übertretungen zur Buße bloß mit Ruten aufs nackte Gesäß gestäupt.
HG|3|137|11|0|Die Todesstrafe hatte jedoch nur Hanoch allein das Recht auszuüben sich vorbehalten, welche darin bestand, dass der Verurteilte zwischen zwei zehn Klafter hohen Pfeilern mit einer Kette an den Füßen aufgehängt wurde und wurde dann einen ganzen Tag hin- und hergeschaukelt, natürlich mit abwärts hängendem Leib und Kopf.
HG|3|137|12|0|Hatte jemand am Ende des Tages noch Spuren des Lebens gezeigt, so wurde er nicht weiter geschaukelt, sondern wieder frei gemacht. Kam er zu sich, so konnte er weiterziehen; starb er aber durch die Nacht, so wurde er am Morgen begraben. Starb er aber an der mächtigen Schaukel, so wurde sein Leichnam den wilden Tieren, die man damals schon in eigenen Zwingern hielt, vorgeworfen. Der Tod auf der Schaukel war ein Beweis, dass der Verurteilte den Tod wohl verdient hatte.
HG|3|137|13|0|Des Todes als würdig Befundene mussten daher auch allzeit von den Lehensfürsten nach Hanoch geführt werden.
HG|3|137|14|0|Es währte aber nicht viele Jahre, so mussten in Hanoch schon bei hundert solche Schaukeln errichtet werden, und man sah sie an keinem Tag ruhen.
HG|3|137|15|0|Also bestand diese aristokratische Regierung bei hundert Jahre lang und endigte mit dem Tode Uraniels, der da in allem ein Alter von nahe dreihundert Jahren erreicht hatte und am Ende in der größten Not sterben musste, aber dennoch im Zustand der wieder erreichten Gnade Gottes, die er so ganz und gar verwirkt hatte.
HG|3|137|16|0|Wie es aber von nun an zuzugehen anfing, das wird alles die Folge zeigen.
HG|3|138|1|1|Die sieben Kinder Uraniels werden auf der Höhe erzogen. Die zwei Königssöhne gehen als Prediger nach Hanoch und werden dort misshandelt und fortgeschickt
HG|3|138|1|1|Am 12. Oktober 1843
HG|3|138|1|0|Der Uraniel hinterließ mit seinen zwei Weibern sieben Kinder, fünf Töchter und zwei Söhne; die Töchter waren außerordentlich schön, und die Söhne waren förmliche Riesen. Aber weder die Söhne noch die Töchter waren zu Hause auferzogen worden, sondern auf der Höhe.
HG|3|138|2|0|Denn der Uraniel, als er in seiner großen Drangsal sich wieder zum Herrn wandte und Ihn bat um die Abänderung des Elends der Stadt Hanoch, der anderen Städte und des ganzen Landes in der Tiefe, da sprach der Herr zu ihm:
HG|3|138|3|0|„Höre Mich, du Blinder, hättest du Mich um siebenundsiebzig Jahre früher darum gebeten, da hätte Ich deine Bitte erhören können, aber jetzt ist es zu spät!
HG|3|138|4|0|Ein blindes und dummes Volk, wie es im Anfang unter Lamech war, ist leicht zu bekehren, denn es hat bei seiner Blindheit doch ein offenes, gläubiges Herz. Aber ein hoch kultiviertes Industrievolk hält sich für weiser, als Ich es bin. Ja, es braucht Mich gar nicht; denn dieses denkt also: ‚die Welt hat sich selbst erschaffen und in ihrem Entstehen auch nach und nach notwendig ihre Gesetze, unter denen sie besteht, und alle Dinge auf ihr‘. Was soll Ich dann mit so einem Volk machen?
HG|3|138|5|0|Meine Kinder haben ihre Höhen lange schon verlassen und haben in der Tiefe Weiber genommen und haben mit ihnen kräftige und des Weltverstandes volle Kinder erzeugt, welche durch ihre Kraft sowohl, als durch ihre Verstandesmeisterschaft aller Welt und aller Dinge Herren und Meister geworden sind. Siehe, was soll dann Ich dabei?
HG|3|138|6|0|Also kann Ich dir nicht helfen! Da du Mich aber schon bewegt hast, mit dir zu reden, und hast Mich nun bei sieben Jahre lang gebeten, dir zu helfen, so will Ich dir einen Rat zum Wohle deiner Kinder geben:
HG|3|138|7|0|Siehe, auf der Höhe leben noch Mathusalah, Lamech, sein Sohn Noah und dein Vater und deine Mutter! Diesen gebe deine Kinder zur Erziehung; denn lässt du sie hier, so werden sie dir geistig und leiblich getötet werden, da deine Räte stets mehr und mehr suchen, alle Herrschaft an sich zu reißen.
HG|3|138|8|0|Gibst du sie aber auf die Höhe, da wirst du deinen Räten einen Gefallen tun!
HG|3|138|9|0|Sie werden dir dann zwar alle Leitungsmacht des Volkes nehmen und werden dich gefangen halten wie einen Vogel im Käfig; aber Ich will deine Söhne kräftigen auf der reinen Höhe und will sie dann als mächtige Lehrer herabsenden, wenn du nicht mehr auf Erden wandeln wirst.
HG|3|138|10|0|Wird sich das Volk bekehren, so will Ich Meine strafende Rechte zurückziehen; wird es aber die Lehrer hinausstoßen, so werde Ich alles Volk, Groß und Klein, Jung und Alt, und so auch alles Getier richten und töten auf Erden und Mir dann setzen ein neues Geschlecht auf die gereinigte Erde!“
HG|3|138|11|0|Als der Uraniel solches vernommen hatte, da gab er sogleich seine Kinder samt den zwei Weibern auf die Höhe, geleitet von einigen seiner bewährten Freunde.
HG|3|138|12|0|Diese ganze Familie lebte auf der Höhe in Muthaels Haus und wurde von der Mutter Purista in aller Gottesfurcht und Liebe erzogen; und auch der noch lebende Lamech und ganz besonders der Noah und sein Bruder Mahal gaben sich sehr viel mit der gottgefälligen Erziehung dieser Kinder ab.
HG|3|138|13|0|Als aber, wie schon bekannt, der König Uraniel in der Tiefe starb, da teilten die Räte das große Reich untereinander und fingen durch ihre Macht alles Volk ganz entsetzlich zu drücken an, errichteten noch mehrere Fürstentümer und forderten von den Fürsten einen unerschwingbaren Tribut.
HG|3|138|14|0|Denn sie wollten Hanoch so sehr vergrößern, dass die zehn Städte der Stadt Hanoch völlig einverleibt würden.
HG|3|138|15|0|Bei dieser Gelegenheit sandte Ich dann die beiden mächtigen Söhne hinab in die Tiefe und ließ durch sie predigen.
HG|3|138|16|0|Aber die Söhne wurden bald ergriffen, gebunden, dann mächtig abgeprügelt und mit dem Bedeuten fortgesandt, ja nicht wiederzukommen, denn das Volk Hanochs kenne Gott besser als so ein paar dumme Gebirgslackeln!
HG|3|138|17|0|Sollten sie sich aber wieder gelüsten lassen, noch einmal nach Hanoch als Gottesverkünder zu kommen, so würden sie die Schaukel zu verkosten bekommen.
HG|3|138|18|0|Und so kehrten die zwei Söhne Uraniels wieder traurig zurück und erzählten auf der Höhe, was ihnen begegnet war.
HG|3|139|1|1|Die Väter auf der Höhe beraten sich über die Rettung der gesunkenen Tiefe
HG|3|139|1|1|Am 14. Oktober 1843
HG|3|139|1|0|Die wenigen Väter auf der Höhe erstaunten ganz entsetzlich über die so gänzliche Gesunkenheit der Tiefe, die unter Lamech, unter Thubalkain und noch eine geraume Zeit auch unter dem Uraniel doch so ziemlich blühend dastand.
HG|3|139|2|0|Und der Lamech sagte zu seinem Sohn Noah: „Was dünkt dich wohl, wenn diese zwei Söhne Uraniels mit der Wunderkraft eines Henoch ausgerüstet würden, oder wie da der Herr Selbst den Kisehel und dessen Brüder ausgerüstet hatte, als Er sie zum ersten Mal in die Tiefe gesandt hatte, möchten sie dadurch nicht eine größere Wirkung als Erfolg ihrer Sendung hervorbringen, als also bloß mit der Kraft der Wortbündigkeit?
HG|3|139|3|0|Mein Sohn, ich weiß, dass der Herr große Stücke auf dich hält und erhört dich allzeit eher denn mich; ja du kannst mit Ihm reden, wann es dir nur immer einfällt, – während ich oft tagelang rufen darf, bis mich der Herr erhört und dann zu mir redet.
HG|3|139|4|0|Wie wäre es denn, so du dich zum Herrn in deinem Herzen begeben möchtest und möchtest Ihm meinen Wunsch vortragen? Vielleicht würde Er ihn genehmigen?“
HG|3|139|5|0|Und der Noah sprach: „Lieber Vater Lamech, ich meine, da wird nicht viel mehr zu machen sein; denn siehe, soviel ich weiß, so war zur Zeit Lamechs, da er noch ein Knecht der Schlange war, im Grunde nur der alleinige Lamech selbst verkehrt. Er tyrannisierte das Volk, und das Volk der ganzen Tiefe schmachtete unter seiner Tyrannei und war gefangen; aber es sehnte sich nach der Erlösung.
HG|3|139|6|0|Da brauchte nur der Lamech bekehrt zu werden, und durch ihn war dann, wie mit einem Schlag, das ganze Volk bekehrt und erlöst.
HG|3|139|7|0|Aber nun ist es anders, da sieht es nun in eines jeden Menschen Herzen schon also aus, wie damals es allein im Lamech ausgesehen hatte!
HG|3|139|8|0|Der Lamech ward bis zum Tode gerichtet und musste dann erst durch Selbsttätigkeit und durch die größte Selbstverleugnung an sich das wieder gut und lebendig machen, was an und in ihm das ihn bekehrende Wunder Kisehels gerichtet und getötet hatte.
HG|3|139|9|0|Wie verheerend groß und ausgedehnt aber müsste nun ein Wunder sein, um Millionen also zu bekehren, die alle ums Hundertfache ärger sind in ihrem Herzen, als es Lamech je in seiner größten Grausamkeit war!
HG|3|139|10|0|Meines Erachtens werden wir zufrieden sein können, nur hie und da vielleicht einige durch die überzeugende Kraft des Wortes zu gewinnen; aber an eine allgemeine Änderung der Handlungsweise bei diesen Völkern wird bei weitem gar nicht mehr zu denken sein!
HG|3|139|11|0|Der Herr wird daher die zwei Söhne nur mit der Kraft der Klugheit ausrüsten und sie dann wieder senden in die Stadt Hanoch.
HG|3|139|12|0|Werden sie da etwas ausrichten gegen den bösen freien Willen einiger Hanochiten, so wird es wohl und gut sein; können sie aber das nicht, so lassen wir alles dem Herrn über, und Er wird dann schon machen, was des Rechtens sein wird! Bist du damit nicht völlig einverstanden?“
HG|3|139|13|0|Und der Lamech sah die Wahrheit der Aussage Noahs und verlangte dann nicht mehr, dass der Herr die beiden mit Wunderkraft erfüllen solle.
HG|3|139|14|0|Aber die beiden wurden mit göttlicher Klugheit erfüllt und mussten sich dann wieder in die Tiefe begeben.
HG|3|140|1|1|Die zwei Boten lassen sich als Maurer in Hanoch anstellen. Ihr Aufstieg zu Ratgebern der Machthaber
HG|3|140|1|1|Am 16. Oktober 1843
HG|3|140|1|0|Und die beiden begaben sich also mit göttlicher Klugheit ausgerüstet zum anderen Mal in die große Stadt Hanoch; und als sie daselbst anlangten, ließen sie sich alsbald zu Arbeitern andingen, und zwar bei den großen Verbindungsbauten, welche da geradlinig von Hanoch aus sich zu den zehn Städten zogen und dadurch als Vorstädte zu Hanoch angesehen wurden.
HG|3|140|2|0|Diese geradlinigen Bauten aber bestanden aus zwei Reihen einen Stock hoher Häuser, die von zwei Seiten natürlichermaßen eine breite Straße vollkommen einschlossen und nach außen hin mit einem mächtigen, zu beiden Seiten aufgeworfenen Wall geschützt waren.
HG|3|140|3|0|Die kürzeste dieser Straßen war eine halbe Tagereise lang und die längste eine gute Tagereise.
HG|3|140|4|0|Und eben bei dieser längsten Straße, welche gerade noch im Bau stand und gen Uvrak führte, ließen sich unsere zwei Boten als tüchtige Maurer andingen.
HG|3|140|5|0|Sie bekamen zwar für die Arbeit keinen Lohn, da bei diesen Bauten schon der Frondienst eingeführt war; aber als Maurer hatten sie das Recht, sich von den Handlangern verpflegen zu lassen. Und allen den Handlangern war es bei Strafe der Schaukel von den tausend Herren Hanochs aufgetragen, wechselweise für den Mundvorrat zu sorgen, damit die Maurer ja nicht aufgehalten werden möchten in ihrer wichtigen Arbeit.
HG|3|140|6|0|Also waren auch unsere beiden Boten als Maurer etwas besser daran als ein gemeiner Handlanger.
HG|3|140|7|0|Sie zeichneten sich aber als Maurer so sehr aus, dass sie von Seiten der inspizierenden Herren das Augenmerk auf sich zogen, indem ihre Bauten so zierlich und gleichmäßig dastanden, als wären sie gegossen worden.
HG|3|140|8|0|Man bewunderte ihre Einsicht und ihre weise Benützung der Materie und erhob sie bald zu Bauführern.
HG|3|140|9|0|Als sie nun als Bauführer dastanden, da leiteten sie ihre Bauparzellen mit solcher Einsicht und Geschicklichkeit, dass da ihre Häuser so wunderherrlich ausfielen, dass da alles vor denselben stehenblieb und sich über die Herrlichkeit ihrer Bauten nicht genug verwundern konnte.
HG|3|140|10|0|Und die Herren von Hanoch bedauerten, dass sie ihre Talente nicht früher hatten kennen und würdigen gelernt.
HG|3|140|11|0|Da aber dennoch eine große Strecke der Gasse zu bauen übrig war, so wurden die beiden sofort zu Oberbaudirektoren gemacht und leiteten sonach den allgemeinen Bau, und alle ihre Bauten wurden höchst bewundert.
HG|3|140|12|0|Als aber dieser ungeheure Bau vollendet war, und das im Verlaufe von zehn Jahren – aber natürlich mit Hilfe von mehreren Millionen Händen, bei welcher Gelegenheit auch Tausende und Tausende von Menschen zugrunde gingen teils durch Hunger, teils durch Misshandlungen und teils durch nicht selten epidemisch eingerissene Krankheiten –, da wurden unsere zwei Boten von allen den tausend Herren zugleich in den Mitrat eingekleidet, und es ward ihnen alle oberste Leitung im Bauwesen übertragen.
HG|3|140|13|0|Da aber bei solcher Vergrößerung der Stadt Hanoch die Stadtbewohner mit ihren Bedürfnissen ebenfalls anwuchsen und dadurch in die Notwendigkeit versetzt wurden, stets größere Lasten den auswärtigen Fürsten aufzulegen, die diese nimmer erschwingen konnten, da standen diese Fürsten auf; einige widersetzten sich gewaltig, andere flohen aber in ferne Länder.
HG|3|140|14|0|Und so ward Hanoch der größten Not preisgegeben und hatte keine Quelle mehr, durch welche es wenigstens sich vor der Hungersnot hätte schützen können.
HG|3|140|15|0|Hier wurden die zwei Hauptratgeber von den tausend Herren gefragt, was da nun zu tun sein dürfte, um die Stadt zu retten.
HG|3|140|16|0|Die beiden aber verschoben die Antwort auf sieben Tage; denn sie sprachen: „Große und wichtige Dinge brauchen Zeit zur reiflichen Überlegung; darum können wir erst in sieben Tagen den rechten Plan dazu ausfertigen.“
HG|3|141|1|1|Die Rede der zwei Boten an den Rat der Tausend
HG|3|141|1|1|Am 17. Oktober 1843
HG|3|141|1|0|Nach sieben Tagen aber stellten die tausend Herren wieder den Rat zusammen, und die zwei Boten, nun als hohe Miträte, erschienen in der Mitte der Tausend und sprachen einer in des anderen Wort also:
HG|3|141|2|0|„Wir haben alles reiflich überlegt und abgewogen und haben unwiderlegbar gefunden, dass es sich mit der gegenwärtigen Staatsverfassung auf keinen Fall mehr tut; was zu viel, ist zu viel!
HG|3|141|3|0|Unsere Stadt Hanoch hatte eine zu ungeheuer große Ausdehnung erhalten; schon zur Zeit des Königs Uraniel war sie zu groß, und wäre um sie nicht die unglückseligst projektierte Ringmauer gezogen worden, so stünde Hanoch noch als eine blühende Stadt da.
HG|3|141|4|0|Dass sie aber jetzt ihrem völligen Untergang nahe sei, diese älteste der Städte der Erde, das könnt ihr so gut wie wir euch an den Fingern nachweisen!
HG|3|141|5|0|Bedenkt, wir sind nun gleichsam tausend Könige! Ein jeder führt für sich einen Hofstaat mit tausend Menschen beiderlei Geschlechts zu seiner Amtsverherrlichung und Amtsversicherung, das gibt, mit uns selbst eingerechnet, zehnmal hundertundeintausend Menschen. Diese legen samt uns ihre Hände nicht auf den Erdboden, wollen aber dennoch gut leben!
HG|3|141|6|0|Frage: Wer soll, wer kann für eine solche Unzahl von Müßiggängern das Brot erarbeiten?
HG|3|141|7|0|Gehen wir aber weiter: In einer jeden der zehn Vorstädte sitzen nun auch hunderttausend Beamte, Waffenmänner und müßige Dienerschaft höher gestellter Beamten und der vielen Altedeln.
HG|3|141|8|0|Alle diese haben auch mit dem Boden der Erde nichts zu tun, aber dennoch wollen sie ausgezeichnet gut leben! Das Leben wäre ja recht, aber woher nehmen, was der Erde Boden nicht bringt?!
HG|3|141|9|0|Aber nur weiter: Wir zählen nun in unserer großen Stadt zehn Weiberverschönerungsanstalten. Eine jede ist gestrotzt voll und fasst nicht selten bei zehn- bis zwanzigtausend Weiber und daneben gut ein Drittel soviel Professoren und anderer Diener. Diese alle wollen und müssen überaus gut essen und kennen den Boden der Erde kaum dem Namen nach, auf dem das Brot wächst!
HG|3|141|10|0|Aber nur weiter! In dieser großen Stadt Hanoch leben nun nach unserer Privatzählung zweihunderttausend adelige Familien mit ihrer Dienerschaft, zusammen bei dreißigmal hunderttausend Menschen; auch diese haben noch in ihrem ganzen Leben nicht den Boden der Erde mit ihren Händen angerührt und wollen dennoch ein überaus gutes Brot essen.
HG|3|141|11|0|Aber nur weiter! Durch die zwecklose Vergrößerungssucht unserer Stadt wird fürs Erste der Boden der Erde zwecklos getötet, und da ein großes neues Haus erbaut wird, wächst kein Korn mehr.
HG|3|141|12|0|Fürs Zweite aber lockt ein solches Prachtgebäude bemittelte, früher erwerbsfleißige Landbewohner in die Stadt; diese kaufen das Haus, bewohnen dasselbe, leben dann freilich von ihren Mitteln, aber sie haben keinen Grundboden mehr zur Bearbeitung und kaufen nunmehr, was sie brauchen.
HG|3|141|13|0|Das ist wohl und billig, aber wenn die Sache so fortgeht, wenn sich täglich zehn bis zwanzig Familien vom Land herein in der Stadt ansiedeln werden, von wem wird man dann das Brot kaufen, so alles Landvolk zu halbadeligen, arbeitsscheuen Stadtbürgern oder wenigstens zu Dienern der Stadtbürger wird?
HG|3|141|14|0|Wir schreiben ferner Tribute über Tribute an alle unsere Vasallen aus. Dadurch machen wir dem Volk das Landleben verächtlich. Sie fliehen entweder in ferne, uns unbekannte Gebiete, oder sie widersetzen sich hie und da gewaltig unseren ungerechten Forderungen.
HG|3|141|15|0|Frage: Wer wird uns nunmehr Brot liefern?
HG|3|141|16|0|Seht, also geht es mit dieser Staatsverfassung in keinem Falle mehr! Beratet euch aber nun über unseren gewissenhaften Vortrag, und wir wollen euch dann die Mittel an die Hand geben, durch welche diesem Übelstand wenigstens einigermaßen abgeholfen werden kann!
HG|3|141|17|0|Also sprachen wir als Miträte in aller Achtung vor eurer Tausend Herrlichkeit der Wahrheit gemäß!“
HG|3|142|1|1|Die zwei Boten schlagen einen Rettungsplan für die Stadt Hanoch vor
HG|3|142|1|1|Am 18. Oktober 1843
HG|3|142|1|0|Es beschwor aber der ganze hohe Rat die zwei, weiterzureden; denn er erkannte die tiefe Wahrheit ihrer Aussage, wollte darum noch mehreres erfahren und endlich auch die Mittel, wie diesem Übel abgeholfen werden könnte.
HG|3|142|2|0|Und die beiden fingen wieder an, also eines Wortes zu reden: „Also wollt uns denn anhören, ihr hohen Räte! Mit unserem Leben verbürgen wir auch die vollste Wahrheit dessen, was wir euch nun kundgeben werden; und wird das nicht gehandhabt, so stehen wir euch für vierzehn Tage nicht gut, mehr als eine Million Leichen in dieser Stadt zu zählen und dazu noch einen Volksaufstand, desgleichen auf der Erde noch nie ist erlebt worden. Die Menschen werden sich erschlagen, und uns aber zuerst, und werden sich dann sättigen an unserem Blut und Fleisch!
HG|3|142|3|0|Um aber diesem sicher eintreffenden schrecklichen Ereignis auszuweichen und vorzubeugen, sind uns nur allein folgende Wege – aber nur auf eine höchst kurze Zeit – als offenstehend gelassen.
HG|3|142|4|0|Der erste Weg ist, dass wir so geschwinde als möglich alle die entsetzlich kostspieligen Weiberverschönerungsanstalten dadurch gänzlich kassieren, dass wir nach allen Richtungen sogleich Eilboten aussenden und durch sie aller Welt verkünden lassen, dass diese Weiber nun alle umsonst zu haben sind nebst einem Zuschuss aus den in diesen Anstalten angehäuften Schätzen und Lebensmitteln.
HG|3|142|5|0|Die Professoren und Verschönerungskünstler aber müssen auswandern, und zwar ein jeder mit wenigstens drei Weibern; diese sollen nebst einigen Schätzen und Lebensmitteln ihr bene [Gutes] sein. Die Erde ist groß, und die Gebirge sind nahe entvölkert; sie werden sicher ihr Unterkommen finden.
HG|3|142|6|0|Dann aber sollen diese großen Gebäude niedergerissen werden und aus den großen Plätzen, die sie ehedem einnahmen, fruchtbare Gärten angelegt werden, so werden davon schon in einem Jahr tausend fleißige Menschen sich Lebensmittel erzeugen können.
HG|3|142|7|0|Ferner gibt es hier eine kaum zählbare Menge echter Müßiggänger, die sich Adelige nennen, haben aber nichts als ihr betrüglich Maul, davon sie leben könnten. Hinaus mit ihnen! Einem jeden noch ein mit etwas Gold begabtes Weib mitgegeben, und unsere Stadt wird gleich einiger Hunderttausende von Menschen entledigt, die hier rein zu nichts taugen!
HG|3|142|8|0|Fragen sie, wohin sie ziehen sollen, da zeigen wir auch ihnen den Weg auf die Gebirge, und sie werden dort sicher ihr Unterkommen finden.
HG|3|142|9|0|Auf eine gleiche Weise reduzieren auch wir unsere Leibgarden von tausend bis auf hundert und geben den Entlassenen eine halbjährige Versorgung mit, und wir haben dadurch der Stadt wieder eine Menge unnötiger, nichts erwerbender Konsumenten entzogen und ihr dadurch die Erleichterung verschafft, durch die es dem eigentlichen Bürgerstand ein Leichtes wird, sich auf einem mehr natürlichen Wege zu versorgen.
HG|3|142|10|0|Dem erwerbsfleißigen Bürgerstand aber zeigen wir an, dass er erstens alle die großen Plätze in fruchtbare Gärten verwandeln soll; zweitens: die Gassen, die da breit sind, soll er mit Fruchtbäumen besetzen; drittens: die Söller der Häuser ebenfalls in Gärten verwandeln; viertens: desgleichen die große Stadtmauer, die allein für hunderttausend Menschen allerlei Gemüse und Früchte tragen kann; fünftens: das äußere Schaukel-Pomörium [Stadtgebiet] der Stadt werde in Äcker verwandelt; sechstens: jedes unnötige Gebäude abgerissen und ebenfalls in einen Garten verwandelt, – und wir werden uns schon durch diese Manipulation binnen einem Jahr in einen so günstigen Zustand versetzen, den man sicher beneidenswert wird nennen können.
HG|3|142|11|0|Wird dieser Rat ausgeführt, dann erst wollen wir zu einem anderen weiterschreiten!“
HG|3|142|12|0|Dieser Rat wurde mit großem Beifall aufgenommen, und es wurde am selben Tag schon danach Hand ans Werk gelegt, und in vierzehn Tagen sah es in der Stadt Hanoch schon so menschenlüftig aus, dass es einem Betrachter vorkam, als befände er sich in einem Häuserwald; dessen ungeachtet aber lebten noch über zwei Millionen fleißige Bürger in ihr, welche alles in fruchtbare Gärten verwandelten.
HG|3|143|1|1|Nach erfolgreicher Umsetzung des Rettungsplans schlagen die zwei Boten weitere Reformen vor. Der Antrag zur Wiedereröffnung der beiden Tempel Gottes führt zu Unstimmigkeiten
HG|3|143|1|1|Am 19. Oktober 1843
HG|3|143|1|0|Nachdem aber im Verlaufe von einem Jahr so ziemlich alles in der Ordnung war und sich auch wieder einige Lehensherren zu einem mäßigen Tribut bekannt hatten, durch den der sehr herabgesetzten Population Hanochs recht wohl behilflich gedient war – wenigstens auf so lange, bis alle die neu angelegten Gärten so recht fruchttragend wurden –, da beriefen die Tausend sich wieder zu einem Rat zusammen, um von den zwei weisen Räten fernere Verhaltungsmaßregeln zu vernehmen.
HG|3|143|2|0|Als der Rat nun versammelt war und die zwei ersucht wurden, zum ferneren allgemeinen Besten ihre Stimmen vernehmen zu lassen, da erhoben sich wieder die beiden und redeten also:
HG|3|143|3|0|„Also wollt uns denn anhören, ihr hohen Räte der Stadt Hanoch! Ihr habt euch bisher überzeugt, dass alles, was wir euch angeraten haben, vom besten Erfolg war und noch von stets besserem wird, je nachdem sich alles das jetzt Begonnene stets mehr und mehr festen und vervollkommnen wird, dessen könnt ihr im Voraus überzeugt sein!
HG|3|143|4|0|Also werden auch unsere Vasallen sich gerne zu einer Steuer bekennen, so wir stets imstande sein werden, dieselbe herabzusetzen, indem wir in den inneren bedeutenden Räumen der Stadt so viel erzeugen werden, was da mäßig vonnöten für unseren Mundbedarf ist.
HG|3|143|5|0|Auch wird unsere mäßige Lebensweise sicher nicht leichtlich Neuansiedler in die Stadt locken, wohl aber um desto mehr Kauflustige für unsere nützlichen Erzeugnisse, die wir ihnen um die billigsten Preise liefern wollen, werden und können.
HG|3|143|6|0|Dadurch werden wir, wie unsere Nachkommen, so sie auf unseren Wegen wandeln werden, diese älteste, ehrwürdigste Stadt der Welt stets im blühendsten Zustand erhalten, und keiner ihrer Bewohner wird je über Not zu klagen haben.
HG|3|143|7|0|Werden wir uns ferner nie von den Außenvölkern bereichern wollen, und werden sie auch keinen Reichtum an uns entdecken, sondern nur bürgerliche Tätigkeit und Genügsamkeit, da wird es nie irgendein mächtig gewordenes Volk reizen, uns zu unterjochen und uns die Schätze wegzunehmen, die wir nicht haben; im Gegenteil aber werden wir keine Stunde sicher sein vor Überfällen und Plünderungen.
HG|3|143|8|0|Das alles ist nun wohl berechnet, und ein ununterbrochenes Glück Hanochs ist mit eherner Schrift geschrieben.
HG|3|143|9|0|Aber nur Eines zur völligen Realisierung unseres Rates haben wir noch nicht ausgesprochen und haben es uns als die Krone von allem auf das Letzte vorbehalten!
HG|3|143|10|0|Und dieses Eine ist, dass wir fürs Erste selbst ganz vollernstlich an Gott, den Allmächtigen, zu halten anfangen müssen und diesen einigen Gott unserer Väter aber auch alle die Bewohner dieser Stadt, den sie gänzlich samt uns vergessen haben, wieder aus dem Grunde erkennen, anbeten und lieben lehren müssen.
HG|3|143|11|0|Ohne dem wird aller unser bester Rat in den Staub der Nichtigkeit versinken, und wenige Jahre werden hinreichen, uns noch in ein größeres Elend zu versetzen, als wir Ähnliches je erfahren haben!
HG|3|143|12|0|Darum müssen wir die beiden Tempel Lamechs wieder eröffnen und Gott, dem alleinigen Herrn, darinnen unser Dank- und Bittopfer gebührend darbringen!“
HG|3|143|13|0|Bei dieser Rede fingen die Räte an, die Nasen ganz gewaltig zu rümpfen; aber eine nicht geringe Zahl war dennoch mit den zweien einverstanden, nur trug sie auf die Errichtung mehrerer Tempel an.
HG|3|143|14|0|Aber ein Teil der Räte wollte nichts davon wissen, sondern stimmte dafür, dass auch die Plätze der zwei Tempel sollten in Gärten verwandelt werden; und so entstand alsbald ein Streit unter den Räten.
HG|3|143|15|0|Die Folge aber wird es zeigen, was er für einen Ausgang nahm.
HG|3|144|1|1|Streiterei des Rates der Tausend um die rechte Gotteslehre. Die zwei Boten widersetzen sich den Reformideen und kehren auf die Höhe zurück
HG|3|144|1|1|Am 21. Oktober 1843
HG|3|144|1|0|Ein ganzes Jahr verstrich über diesem gegenseitigen Streit, ohne dass die Streitenden sich dadurch hätten vergleichen mögen; es blieb ihnen sonach nichts übrig, als wieder die zwei Miträte zu Rate zu ziehen, was da im allgemein annehmbarsten Falle geschehen solle.
HG|3|144|2|0|Denn die Streitenden waren darin wohl übereingekommen, dass die Erkenntnis eines Gottes, im Notfall auch mehrerer Götter, zur Aufrechterhaltung der Ordnung dem Volk nötig ist, aber nur müsste eine solche Erkenntnis nicht durch ein auf blinden Glauben gestütztes leeres Predigergewäsch im Volk erzielt werden, wenn sie je Stich halten solle, sondern auf die reine Wissenschaft, also durch Naturforschung, durch die Mathematik, durch Philosophie und gotteswürdige Kunstdarstellungen.
HG|3|144|3|0|Dadurch würde das Volk etwas Haltbares und Überzeugendes anstatt des finsteren, auf den alleinigen Blindglauben berechneten, fürs Dasein Gottes zeugenden Mystizismus überkommen, in dem für sich allein es gerade so lange bleiben würde, als da die mystischen Lehrer leben. Müssen aber diese, von ihrer Natur genötigt, einmal selbst ins Gras beißen, da beißt auch ihre ganze Lehre mit ihnen ins Gras, und das Volk steht dann um seinen Gott rein betrogen da. Und würden Völker zu öfteren Malen also mit einem mystischen Gott geprellt, so sind sie dann zu gar keiner Erkenntnis Gottes mehr zu bringen.
HG|3|144|4|0|Also in diesem Sinne wurden unsere tausend Räte in bedeutender Überzahl miteinander so ziemlich gleich; nur wussten sie nicht, wie sie diesen Entschluss auf die klügste Weise ins Werk setzen sollten, und darum wandten sie sich so ganz eigentlich zu den zweien.
HG|3|144|5|0|Die beiden aber sprachen: „Hohe Räte der großen Stadt Hanoch! Wir haben euch vor einem Jahr den rechten Plan gezeigt; ihr aber habt ihn verworfen! Was sollen wir da nun noch mehr tun?
HG|3|144|6|0|Jede Sache hat aber nur einen Plan, der da ist allein gut und wahr, und so ist es auch mit der Verkündigung Gottes!
HG|3|144|7|0|Diesen Plan aber haben wir euch gezeigt; allein ihr habt ihn verworfen und habt nun einen anderen, nach eurer Meinung haltbareren, aufgestellt. Also setzt ihn denn auch ins Werk nach eurer Einsicht, und lasst euch von den Folgen unterweisen, was Gutes ihr dadurch ans Tageslicht gefördert habt!
HG|3|144|8|0|Wir aber wollen keinen Teil daran haben und wollen euch an der Ausführung eures Planes auch nicht im Geringsten irgend hinderlich sein.
HG|3|144|9|0|Macht es mit Hanoch also bezüglich der Gotteslehre, wie ihr es mit den Lehensfürsten gemacht habt, da ihr einem jeden eine andere Gotteslehre mitgegeben habt, um sie nach solcher verschiedenartiger Lehre leicht zu unterscheiden und so von ihnen leichter auch den Tribut einzutreiben, so werdet ihr bald in Hanoch sicher dieselben Ergebnisse erleben, die ihr mit den Vasallen erlebt habt!
HG|3|144|10|0|Ihr habt euch bis jetzt überzeugt, dass alles, wozu wir euch den Rat erteilt haben, fürs Erste sehr leicht ausführbar war, und fürs Zweite es den entschiedensten Nutzen hatte für die ganze große Stadt.
HG|3|144|11|0|Wir haben euch in nichts getäuscht, sondern es allzeit redlichst zu eurem Besten mit euch gemeint, und haben von unserem eigenen Wohle nie mit einer Silbe zu euch erwähnt.
HG|3|144|12|0|Also war auch der von uns vor einem Jahr ausgesprochene Plan zur Erkenntnis und Ehrung Gottes zu unser aller Besten dargestellt; ihr aber habt euch schon gleich im Anfang daran gestoßen, habt euch dann darüber ein ganzes Jahr hin und her gebalgt, bis ihr am Ende doch im Allerverwerflichsten übereingekommen seid!
HG|3|144|13|0|Zur Ausführung dieses eures Planes aber kennen wir keinen Weg und können euch daher auch keinen Weg zur Ausführung raten.
HG|3|144|14|0|Tut demnach, was euch gut dünkt; wir aber haben in eurer Mitte ausgeredet und ausgedient! Wir verlassen euch nun darum und fordern keinen Lohn von euch, auf dass ihr erkennen möchtet, dass wir stets um euer Wohl besorgt waren.
HG|3|144|15|0|Wer aber mit uns von dannen ziehen will, der tue es, bevor es zu spät wird!“
HG|3|144|16|0|Darauf verließen die beiden den großen Ratssaal, nahmen ihre Dienerschaft und begaben sich wieder auf die Höhe.
HG|3|144|17|0|Was aber dann in Hanoch alles bewerkstelligt ward, wird die Folge zeigen.
HG|3|145|1|1|Die Aussendung der zehn feuermächtigen Boten als Bußprediger in der Tiefe
HG|3|145|1|1|Am 23. Oktober 1843
HG|3|145|1|0|Als die beiden wieder auf der Höhe anlangten, da erzählten sie dem noch lebenden Lamech, dem Noah und dessen Bruder Mahal, was alles ihnen in der Tiefe begegnet war, und fragten sie aber auch zugleich, ob da niemand aus der Tiefe, vor etwa drei Jahren auf der Höhe anlangend, sich angesiedelt habe.
HG|3|145|2|0|Und der alte Lamech erwiderte: „Meine geliebten Kinder, die Frage wird bald beantwortet sein; denn so weit hier auf den doch Tagereisen weit gedehnten Höhen unser Besitzkreis reicht, kam kein Mensch zum Vorschein! Das diene euch zur die vollste Wahrheit verbürgenden Antwort auf eure Frage!
HG|3|145|3|0|Aber eine desto größere Berücksichtigung verdient eure Vorerzählung; denn aus der geht klar hervor, dass in kurzer Zeit alles Volk der Tiefen entweder ins Götzentum übergehen wird, oder es wird sich gänzlich der Gottseligkeit [Gottlosigkeit] ergeben.
HG|3|145|4|0|O Herr und Vater, schaffe hier uns, deinen schwachen Kindern, Rat, was hier zu tun sein wird, um die Völker wieder auf den rechten Weg zurückzuführen!“
HG|3|145|5|0|Und der Herr sprach sogleich, allen zugleich wohl vernehmbar: „Geht hin in die Mittagsgegend, alldort wohnen noch hundertsieben Familien zerstreut; sie sind Abkömmlinge der sieben, die Ich einst zu Lamechs Zeiten hinab nach Hanoch gesendet habe, Buße zu predigen der verlorenen Stadt.
HG|3|145|6|0|Unter diesen Familien werdet ihr zehn junge, gar rüstige Männer finden, die noch keine Weiber genommen haben. Denen lege du, Lamech, die Hände auf, und Ich will sie mit Feuergewalt wunderbar begaben! Und so sie dann in der Tiefe auf was immer für einem Ort Feuer aus der Erde rufen werden, da wird es kommen und verzehren, so viel es die Feuermächtigen werden haben wollen!
HG|3|145|7|0|Diese sollen dann also ausgerüstet in die Tiefe ziehen und alldort sieben Jahre lang allorts herum Buße predigen. Wird man sie irgend fangen wollen, so sollen sie sich mit Feuer umgeben, und dieses wird allzeit ihre Feinde zu Boden strecken und alle ihre Waffen zerstören.
HG|3|145|8|0|Hat sich das Volk in den sieben Jahren bekehrt, dann sollen sie Priester in der Tiefe verbleiben; hat sich aber das Volk nicht bekehrt, da sollen sie Meine Tempel in Hanoch mit unverlöschbarem Feuer umgeben und sich dann auf die Höhe begeben! Solches geschehe!
HG|3|145|9|0|Ich aber werde wegwenden Mein Gesicht in der Zeit von der Tiefe, auf dass Ich nicht sehe, was da geschehen wird! Amen.“
HG|3|145|10|0|Hier erhob sich die Gesellschaft, begab sich sogleich nach der Mittagsgegend und suchte die zehn bezeichneten Männer.
HG|3|145|11|0|Als diese gefunden waren, tat mit ihnen der alte Lamech sogleich, wie es der Herr ihm befohlen hatte, und die zehn erprobten sogleich ihre Feuergewalt und begaben sich dann unter vielfachen Segnungen in die Tiefe.
HG|3|146|1|1|Zeitangaben in der geistigen Erzählungsweise. Der Empfang der zehn Boten in Hanoch
HG|3|146|1|1|Am 24. Oktober 1843
HG|3|146|1|0|Von der Zeit der Heimkehr der beiden Söhne Uraniels bis zur Zeit dieser Beschickung der zehn feuermächtigen Boten sind ungefähr zwei Jahre verflossen, ungeachtet es in der Erzählung aussieht, als wäre die Sache in einem Tag vor sich gegangen.
HG|3|146|2|0|Das ist gesagt zum leichteren Verständnis des Ganzen, weil in der geistigen Erzählungsweise öfter Taten wie in einem Tag geschehen kundgegeben werden, während irdisch zeitlich nicht selten mehrere Jahre dazwischen verfließen.
HG|3|146|3|0|So heißt es sogar öfter auch in der Heiligen Schrift: „Und am selben Tage“, während ein solches für einen Tag dargestelltes Faktum in der äußeren Wirklichkeit nicht selten Jahre in tätigsten Anspruch nahm.
HG|3|146|4|0|Das also zum leichteren Verständnis ähnlicher Erzählungsweisen!
HG|3|146|5|0|Wie aber wurden unsere zehn Boten in Hanoch empfangen, und wie fanden sie in dieser kurzen Zeit diese Stadt und dieses Volk?
HG|3|146|6|0|Als sie an die Tore kamen, wurden sie sogleich angehalten und streng richterlich um die Ausweisung ihrer Herkunft befragt, und ob sie gewisserart keinen schriftlichen Reisepass hätten. (Denn unter jener Zeit war in Hanoch schon auch eine gestrenge Polizei errichtet worden.)
HG|3|146|7|0|Die Boten aber sagten: „Wir sind zu eurem Heil gesandt von oben, und Gott, der Herr Himmels und der Erde, ist unser Reisepass!
HG|3|146|8|0|Wir sind zu euch gesandt, euch zu predigen ernste, gestrenge Buße – oder, so ihr euch nicht daran kehren werdet, das unvermeidliche Gericht Gottes, das euch vernichten wird mit der Fülle der Flut des Zornes Gottes!“
HG|3|146|9|0|Als die Boten solche ungebührlichen Worte vor dem löblichen Torpolizeigericht ausgesprochen hatten, da war es völlig aus; sie wurden sogleich als Majestätsbeleidiger des Hochverrats schuldig erklärt und als offenbare Volksaufwiegler und verschmitzte Faktionisten [Parteigänger] anderer, auswärtiger Fürsten ergriffen.
HG|3|146|10|0|Aber hier kam ihnen die Feuermacht zugute; denn im Augenblick, als die Polizeitorwache sie ergriff, schlugen Flammen aus der Erde und trieben die Wache in die schändlichste Flucht stadteinwärts, sodass unsere Boten ungehindert in die Stadt gehen konnten.
HG|3|146|11|0|Es war aber von diesem Tor noch eine kleine Tagereise bis zur goldenen Residenz der tausend Räte, welche aber nun schon aus ihrer Mitte einen Scheinkönig erwählt hatten, der aber keine andere Macht hatte, als das allzeit zu bestätigen, was die tausend Räte beschlossen hatten.
HG|3|146|12|0|Da sonach unsere Boten die Stelle der goldenen Burg am selben Tag nicht erreichen konnten, so waren sie genötigt, in einem der vielen neu errichteten Gasthäuser zu übernachten und sich erst am nächsten Tag der goldenen Burg zu nahen.
HG|3|146|13|0|Aber diese Übernachtung war schon der Anfang derjenigen günstigen Aufnahme, welche unsere Boten später in ganz Hanoch gefunden haben; denn fürs Erste sind sie von der fliehenden Wache soviel als möglich schon in diesem Stadtbezirk berüchtigt worden mit der genauen Beschreibung ihrer Gestalt, und fürs Zweite lässt es sich leicht denken, mit welcher Zuvorkommenheit sie in unserem Gasthaus darum aufgenommen wurden.
HG|3|146|14|0|Als sie eine Erfrischung verlangten, da flohen die Wirtsleute, und als sie ein Nachtlager suchten, fanden sie alle Türen versperrt, denn man fürchtete, sie möchten das ganze Haus in Brand stecken. Daher ließ man sie allein in der Stube ruhen, in die sie zuerst eintraten.
HG|3|146|15|0|Das war somit der erste Empfang in der Stadt; die Folge aber wird es zeigen, wie es fürder aussah.
HG|3|147|1|1|Das Polizeiwesen in Hanoch. Eine bewaffnete Streitmacht stellt sich den zehn Feuerboten entgegen
HG|3|147|1|1|Am 25. Oktober 1843
HG|3|147|1|0|Dass aber die flüchtige Torpolizei nirgends anders hin floh als gerade zu den tausend Herren, das lässt sich gar leicht einsehen und mit Händen greifen.
HG|3|147|2|0|In einem anderen Falle hätte sie dazu freilich wohl nicht not gehabt; denn was die Polizeikultur Hanochs anbelangt, so war sie im vollsten Sinne schon in ihrem ersten Entstehen ein vollkommenstes Meisterwerk, gegen das alle gegenwärtigen Anstalten ein barstes Pfuschwerk sind.
HG|3|147|3|0|Denn fürs Erste wurde einem jeden Hausbesitzer Hanochs zur unerlässlichen Pflicht gemacht, einen das ganze Haus invigilierenden [überwachenden] Polizeimann auf eigene Kosten zu erhalten.
HG|3|147|4|0|Dann musste die gesamte Bürgerschaft einer jeden Gasse für sich noch zwei bis drei Anstalten erhalten, in denen von einer ganzen Gasse polizeiliche Nachrichten gesammelt wurden, und wurden von da erst dann dem Hof rapportiert.
HG|3|147|5|0|Die Gassen wurden alle benamst, die Häuser in jeder Gasse mit Nummern versehen, und ein jeder Hausbesitzer bekam zwei Namen, einen des Hauses und einen für seine Person; alles andere Inwohnervolk hatte nur ad personam einen Namen, das heißt wohl für sich jede Person einen eigenen.
HG|3|147|6|0|Dann hatte eine jede Gasse und ein jeder Platz eine vorgeschriebene Farbe und eine vorgeschriebene Tracht, und der Hausbesitzer hatte das Recht, ein Stückchen Goldblech auf seinem Oberkleid zu tragen, auf welchem die Nummer seines Hauses stehen musste; ein jeder andere Mensch aber musste die Nummer des von ihm bewohnten Hauses auf einem seinem Kleid angehefteten weißen Lappen tragen.
HG|3|147|7|0|Diese polizeiliche Vorsicht war darum getroffen worden, damit da jeder Mensch, so er irgendwo immer gegen eine Vorschrift nur im Geringsten verstieß, er sogleich von der Gassenwache ergriffen werden konnte, dann hingeführt in das von ihm bewohnte Haus, allwo der Hausherr die Strafgebühr entrichten musste, fürs Erste an das Gassenamt, und fürs Zweite an jenes Gassenamt, wo jemand etwas Polizeiwidriges verübt hatte.
HG|3|147|8|0|Da aber alle die Gassenämter mit dem Drittel der Strafgebühr beschenkt waren und zugleich das Recht hatten, in jeder Gasse die polizeiwidrigen Handlungen zu bestimmen, so wird es begreiflich sein, was da alles als polizeiwidrig ausgetüpfelt wurde; und da gab es dann in einer Gasse nicht leichtlich einen Hausbesitzer, der nicht täglich ein Pönale zu entrichten gehabt hätte.
HG|3|147|9|0|Er hatte dann freilich das Recht, sich von seinen betretenen Hausgenossen entschädigen zu lassen; wenn aber diese nichts hatten, da ward er auf die Wartebank gewiesen und bekam das zehnte Mal nichts.
HG|3|147|10|0|Wenn besonders ein Gastwirt fremde Gäste beherbergte und das Gassenamt nicht sogleich davon in Kenntnis setzte, so war das schon ein Hauptvergehen, auf welches eine starke Strafe gesetzt war.
HG|3|147|11|0|Aus dem Grunde lief auch unser Gastwirt sogleich ins Gassenamt und zeigte dort alles an, was er an diesen unseren zehn Boten gemerkt hatte, und was er von der flüchtigen Torwache über sie vernommen hatte.
HG|3|147|12|0|Von da aus verbreitete sich das Gerücht von den Feuermännern bald in der ganzen Stadt, die flüchtige Wache hat die Erscheinung der zehn Feuermänner bei Hofe gehörig vergrößert, und schon am nächsten Tag ward der Wehr- und Waffenstand zusammenberufen und nach dem Gasthaus hinbeordert, allwo sich unsere zehn Boten aufhielten.
HG|3|147|13|0|Mehrere Tausende von mit Spießen und Lanzen wohlbewaffneten Männern belagerten am Morgen des nächsten Tages das Gasthaus, und der Gastwirt sagte zu den Gästen: „Geht hinaus und verteidigt euch nun gegen viele tausend Lanzen und Spieße!“
HG|3|147|14|0|Und die zehn wurden gestärkt, erhoben sich, riefen alsbald Feuer aus der Erde, – und im Augenblick fingen an allenthalben mächtige Flammen auf der Gasse aus dem Boden emporzuschlagen und trieben die ganze Mannschaft in die grässlichste Flucht; und unsere zehn standen allein und lobten Gottes Allmacht.
HG|3|147|15|0|Der Wirt aber fiel vor ihnen vor Furcht und Entsetzen nieder; denn er war der Meinung geworden, dass das im Ernst entweder Götter oder Feuergeister seien, welche die ganze Stadt vernichten würden.
HG|3|147|16|0|Die Folge aber wird es zeigen, was da weiter geschah.
HG|3|148|1|1|Der Gastwirt und die zehn Feuerboten. Zug zur goldenen Burg und Verbrennung der Bollwerke
HG|3|148|1|1|Am 26. Oktober 1843
HG|3|148|1|0|Die zehn aber sprachen zum Gastwirt: „Stehe auf, und halte uns nicht für etwas, das wir nicht sind! Denn wir sind weder Götter, noch etwa Feuergeister, sondern wir aus der Höhe sind Menschen gleich euch und sind von Gott nur zu eurem Wohle mit der Gewalt des Feuers ausgerüstet worden, auf dass ihr uns als wahrhaftige Boten Gottes an euch erkennen sollt und euch fortan kehren nach unserem Wort.
HG|3|148|2|0|Wo ihr das tun werdet, da werdet ihr vom nahe bevorstehenden Gericht Gottes verschont werden; so ihr euch aber nicht nach unserem Wort kehren werdet, da mögt ihr aus unserer Feuergewalt erkennen, dass euch allen der Zorn Gottes schon am Genick sitzt, denn das Feuer, das uns gehorcht, ist gleich dem Zorn Gottes!
HG|3|148|3|0|Wir aber haben dich gestern Abend gebeten um ein Nachtmahl; warum hast du uns denn keines aufsetzen lassen? Glaubtest du denn, dass wir dir dasselbe schuldig geblieben wären?
HG|3|148|4|0|O siehe, wir haben Schätze aus den Himmeln Gottes mit uns, und mit diesen Schätzen hätten wir dich reichlichst belohnt!
HG|3|148|5|0|Du aber hast deine Speisekammern vor uns versperrt; also versperren wir nun auch die Schätze der Himmel vor dir, und du magst fürder sehen, ob von den Schätzen, die wir in dieser Stadt reichlich auszuspenden von Gott Selbst bestimmt sind, etwas an dich gelangen wird!“
HG|3|148|6|0|Der Wirt aber sprach: „Ich kannte euch nicht, und unsere schmählichen Staatsgesetze fordern gegen Fremde die größte Vorsicht, für deren Vernachlässigung die bittersten Strafen gesetzt sind; also müsst ihr mir schon nachsehen, wenn ich durch solche entsetzlichen Gesetze gegen euch also zu handeln genötigt war!
HG|3|148|7|0|Ich aber will ja nun alles wieder gutmachen und will euch beherbergen und will euch versehen mit allem, was zu eurem Unterhalt in dieser großen Stadt vonnöten ist; denn nun fürchte ich kein Gericht mehr, da ich eure Macht gesehen habe. Kehrt daher wieder in mein Haus zurück, und nehmt da Kost und Wohnung, denn es sollen euch meine besten Zimmer und meine allerbeste Kost fortwährend zu Gebote stehen! Nur verlasst mich nicht nach eurer Drohung; darum bitte ich euch, liebe Männer, um eures allmächtigen Gottes willen!“
HG|3|148|8|0|Und die Boten sprachen: „Gott, der Herr, ist voll Erbarmung gegen jeden Sünder, der seine Sünde bekennt, sie verabscheut und gänzlich ablegt!
HG|3|148|9|0|Also sind auch wir nicht unversöhnlich. Wir vergeben dir dein Benehmen und wollen dir die Schätze der Himmel nicht vorenthalten.
HG|3|148|10|0|Aber vorderhand können wir nicht bei dir Wohnung nehmen; denn wir müssen zu den Herren dieser Stadt, die durch schändliche Gesetze alles Volk von Gott abfallen machen! Diese müssen zuerst bekehrt werden!
HG|3|148|11|0|Ist das geschehen, dann wollen wir zu dir zurückkehren und von deinem Antrag, dich segnend, Gebrauch machen!“
HG|3|148|12|0|Der Wirt aber sprach: „O liebe Männer! Diese Stadt ist gar entsetzlich groß; es gibt in ihr mehrere tausend Gassen und gar viele tausend Häuser! Wie werdet ihr wohl wieder diese Gasse und dieses mein Gasthaus finden?“
HG|3|148|13|0|Die Boten aber sprachen: „Sorge dich nicht darum, denn wie du selbst deine Gasse und dein Haus findest, also werden es auch wir finden! Denn Gott ist ja unser Führer, und Der weiß gar wohl um dein Haus und um die Gasse, in der es steht!“
HG|3|148|14|0|Mit diesen Worten ließen die zehn ihren Segen im Gasthaus zurück und begaben sich dann stadteinwärts und gelangten in einem halben Tag schon zu der goldenen Burg, welche der Uraniel erbauen ließ.
HG|3|148|15|0|Aber vom sogleich Hineinkommen war diesmal gar keine Rede; denn es war schon alles verrammt und verbarrikadiert und mit scharfen Bogenschützen bemannt.
HG|3|148|16|0|Der Herr aber sprach zu den Boten: „Naht euch nicht zu sehr dem Bollwerk, und bleibt hier stehen, bis Ich euch den Weg bahnen werde!“
HG|3|148|17|0|Hier hielten die Boten inne, und alsbald brachen aus den Bollwerken mächtige Flammen hervor und verzehrten alles: Verrammung, Waffen und auch Menschen, die da nicht schnell genug die Flucht ergriffen.
HG|3|148|18|0|Und so war dies das dritte Feuerwunder in der Stadt Hanoch.
HG|3|149|1|1|Die Anweisungen des Herrn an die zehn Feuerboten. Konfrontation mit dem Rat der Tausend
HG|3|149|1|1|Am 27. Oktober 1843
HG|3|149|1|0|Als der Weg in die goldene Burg nun auf diese höchst wunderbare Weise gebahnt war, da sprach der Herr wieder zu den Boten: „Nun mögt ihr vorwärtsziehen!
HG|3|149|2|0|Zwingt aber niemanden zur Umkehr durch Gewalt, sondern verkündigt die gerechte Buße, und predigt in Meinem Namen! Verlangt die Öffnung der beiden Tempel, und warnt die Räte auf das Lebendigste vor allem Bilder- und Götzendienst, und verkündigt schärfst Mein nahe bevorstehendes Gericht! Das ist alles, was ihr hier zu tun haben sollt.
HG|3|149|3|0|Wird sich der Hof danach kehren, da bleibt, wie Ich euch auf der Höhe gesagt habe, hier als Priester; wird sich aber der Hof nur zum Schein nach euren Worten kehren, da verweist ihm streng seine Heuchelei, zieht aber dann sogleich vom Hof und begebt euch auf die Plätze und Gassen, und verkündet also öffentlich ernstliche Buße und Meinen Namen!
HG|3|149|4|0|Fürchtet keine Waffen der Ohnmächtigen, denn Ich werde sie vertilgen, ehe sie noch jemand gegen euch wird voll tödlicher Gier ergreifen können!
HG|3|149|5|0|Und also predigt drei ganze Jahre in der Stadt, und predigt dann noch dem Landvolk vier Jahre lang! Wird sich irgendein Volk ganz zu Mir kehren, dann lasst es auf die Höhe ziehen, und Ich werde da für dasselbe Sorge tragen und es alsbald versehen mit allem, was sie auf der Welt zum Leben bedürfen.
HG|3|149|6|0|Wo sich aber ein Volk nicht bekehren wird, dann verlasst es alsbald wieder, und zieht in einen anderen Ort!
HG|3|149|7|0|Auf dem Land aber verbleibet nur vier Jahre, und so Ich euch rufen werde, dann kehrt, ohne euch umzusehen, sogleich wieder auf die Höhe zurück!
HG|3|149|8|0|Nun wisst ihr, was ihr zu tun habt, und so zieht denn in Meinem Namen in die Burg! Amen.“
HG|3|149|9|0|Hier fingen unsere Boten wieder an, ihren Weg fortzusetzen, und begaben sich sogleich in die goldene Burg und trafen in derselben in einem ungeheuer großen Saal gerade die tausend Räte mit dem Scheinkönig in der Mitte in einem gar wichtigen Rat versammelt.
HG|3|149|10|0|Sie berieten gerade unter sich, wie sie dieser zehn Feuerungeheuer könnten ledig werden.
HG|3|149|11|0|Als sie aber gerade zu dem Behuf eine gar scheußlich heuchlerische Maßregel verarbeiteten, der zufolge sie beschlossen, scheinhalber die Worte der zehn mit großer Andacht anzuhören und sich dem Äußeren nach zu kehren daran, dem Innern nach aber dennoch kein Mittel unversucht zu lassen, um die Feuerboten aus der Stadt zu bringen, – da traten plötzlich zum Entsetzen aller der tausend Räte samt ihres Scheinkönigs die zehn in den Ratssaal und sprachen:
HG|3|149|12|0|„Der Friede mit euch! Nach eurem Plan werdet ihr uns nimmer aus der Stadt bringen; wenn aber unsere Zeit aus sein wird, da werden wir zu eurem Untergang schon ohnehin diese Stadt verlassen, – aber nach eurer Niederträchtigkeit nicht, sondern nach dem Willen Dessen, der uns zu euch gesandt hat!
HG|3|149|13|0|Versteht solches zum Voraus, und macht euch gefasst auf die Nachricht, die wir euch von Gott, dem allmächtigen Herrn, zu überbringen bemüßigt sind! Öffnet daher nun eure Ohren, und vernehmt uns! Amen.“
HG|3|150|1|1|Die Rede von einem der tausend Räte an die Feuerboten. Die Ansprache der Feuerboten
HG|3|150|1|1|Am 28. Oktober 1843
HG|3|150|1|0|Einer aus den tausend Räten aber erhob sich und ging den zehn entgegen, verneigte sich nach der Hofsitte vor ihnen und sprach:
HG|3|150|2|0|„Mächtige Abgesandte wahrscheinlich eines uns unbekannten Fürsten und Herrn über alle feuerspeienden Berge, deren es eine große Menge gibt um uns herum! Tretet näher, ja begebt euch in unsere Mitte und entledigt euch eures Auftrages an uns; denn seht, der Saal ist groß, und wir sind unser viele! Daher müsst ihr euch schon so ziemlich in der Mitte des Saales aufstellen, auf dass wir alle euren sicher achtenswerten Vortrag wohl vernehmen können; denn wir sind Freunde von guten Vorträgen und wollen auch alles befolgen, was wir als gut erkennen.
HG|3|150|3|0|Sollte es aber darunter läppisches Zeug geben, so werdet ihr als sicher männliche Wesen höherer Art noch besser einsehen als wir, dass wir solches nicht annehmen können, das heißt nach unserem freien Willen.
HG|3|150|4|0|Ihr könnt mit eurer entsetzlichen Macht als Wesen höherer Art uns wohl zwingen dazu; aber dann habt ihr dadurch wenig oder nichts erreicht und wir ebenso wenig gewonnen von eurer außerordentlichen Gesandtschaft!
HG|3|150|5|0|Und so wollt denn die Güte haben und dort in der Mitte an uns euren Vortrag richten; denn wir alle, samt dem König, haben unsere Ohren geneigt gemacht für eure Worte und erwarten von so außerordentlichen Wesen, wie ihr es seid, auch mit vollem Recht Außerordentliches!“
HG|3|150|6|0|Hier begaben sich die zehn nach dem Wunsch des Rates in die Mitte des Saales, und einer aus ihnen fing im Namen aller zehn folgende Worte an die gesamte hohe Ratsversammlung zu richten an, sagend nämlich:
HG|3|150|7|0|„Freunde und Brüder, wenn ihr zurückdenkt an eure Väter, so müsst ihr es euch gestehen, dass diese alle samt und sämtlich Nachkommen Adams und so ganz eigentlich Kinder Gottes waren zu den Zeiten noch, da Lamech, ein Zeitgenosse des noch lebenden Lamech auf der Höhe, als ein gotteslästernder König hier in dieser Stadt grausam das Volk der Tiefe regierte!
HG|3|150|8|0|Es kann sicher mehreren aus euch nicht ganz fremd und völlig unbekannt sein, was in derselben Zeit der Herr Himmels und der Erde alles getan hat, um fürs Erste gar manche Torheiten auf der Höhe zu vernichten und dann die Tiefe zu reinigen von allem Unrat der euch sicher nicht ganz unbekannten alten, gar bösen Schlange.
HG|3|150|9|0|Ferner werdet ihr wissen, wie eure Väter die reinen, von Gott so hoch gesegneten Berge verließen und herab in die schon stets wieder unreiner werdenden Tiefen gezogen sind, während es ihnen doch der hohe Priester Lamech auf der Höhe, der noch lebt, sicher hinreichend gezeigt hatte, wie undankbar, Gott, ihres heiligen Vaters, unwürdig, und wie unheilbringend solch ein Unternehmen ist.
HG|3|150|10|0|Allein eure Väter kehrten dem Lamech den Rücken; lüstern nach den feinen Weibern der Tiefe, liefen sie scharenweise herab, manche sogar Weib und Kinder auf der Höhe zurücklassend.
HG|3|150|11|0|Dies ist eine unleugbare Tatsache; ihr könnt sie bei tausend noch lebenden Zeugen einholen, so ihr uns nicht glauben möchtet!
HG|3|150|12|0|Ihr seid nun aber Kinder der Kinder Gottes auf der Höhe, habt euch zu mächtigen Herrschern der Tiefe von selbst aufgeworfen, ohne von Gott nur im Geringsten dazu berufen zu sein.
HG|3|150|13|0|Ihr habt den rechtmäßigen König Uraniel erstlich verführt, dann erdrückt und getötet; seine Söhne habt ihr einmal gestäupt, das andere Mal verhöhnt, als sie euch an Gott ermahnt haben.
HG|3|150|14|0|Anstatt der anbefohlenen Öffnung der beiden Tempel des Herrn habt ihr eine elende Stadtpolizei kreiert und habt schon vielseitig den Götzendienst eingeführt und den Glauben an den einen wahren Gott förmlich verboten und habt das Volk mit den fluchwürdigsten Steuern belastet.
HG|3|150|15|0|Sagt nun, urteilt nun selbst, was ihr euch dadurch von dem ewig wahren Gott und Herrn aus für einen Lohn verdient habt!
HG|3|150|16|0|Redet nun, wir wollen euch mit aller Geduld anhören, und so ihr ausgeredet werdet haben, dann wollen wir wieder weiter mit euch reden! Urteilt und redet daher! Amen.“
HG|3|151|1|1|Die zehn Feuerboten machen mit dem widerspenstigen Rat der Tausend nicht viel Federlesen
HG|3|151|1|1|Am 30. Oktober 1843
HG|3|151|1|0|Und die Räte, als sie solches von den zehn vernommen hatten, rümpften unter sich ganz entsetzlich die Nasen und besprachen sich also heimlich untereinander:
HG|3|151|2|0|„Was wollen wir da und überall anderes tun, als auf gerade und ungerade in die Ysopstaude beißen, und sollte sie noch so sauer, bitter und zusammenziehend sein, als sie ist; denn mit Gewalt dagegen sich auflehnen, hieße nichts anderes, als geradezu Öl ins Feuer gießen.
HG|3|151|3|0|Also ist es auch mit der Politik! Wir können mit ihr wohl gegen die Blindheit der Menschen agieren; aber was können wir gegen diese damit ausrichten, die uns schon auf den ersten Augenblick klein durchschaut haben?!
HG|3|151|4|0|Was wir aber dagegen dennoch tun können, das bestehe darinnen, dass wir diesen Boten eher noch ganz sonderlich kritische Gegengründe zu verkosten geben wollen, bis wir ihre Petitionen völlig annehmen werden!
HG|3|151|5|0|Wir sind nicht auf den Kopf gefallen und haben unseren Verstand nicht verkeilt; dieser soll diesen zehn bis zur Eröffnung der beiden Tempel noch genug zu schaffen geben! Und bei dem hat es vorderhand zu verbleiben!“
HG|3|151|6|0|Nach diesem Geheimbeschluss wandte sich dann einer aus den zehn zu den Räten und sprach:
HG|3|151|7|0|„Meint ihr weise und überklug sein wollenden Räte, uns ist euer Geheimbeschluss entgangen? Oh, da irrt ihr euch ganz übergroß!
HG|3|151|8|0|Der Herr des Himmels und der Erde hat das Gehör unseres Geistes so sehr geschärft, dass wir eure geheimsten Gedanken gleich überlaut ausgesprochenen Worten vernehmen!
HG|3|151|9|0|Was wollt ihr demnach machen mit eurer verschmitzten Überklugheit?
HG|3|151|10|0|Glaubt ihr, wir würden nicht imstande sein, eurer elenden Verstandeskritik zu begegnen?
HG|3|151|11|0|O ihr Toren, was ist euer Verstand nun? Nichts als ein mattester Nachschimmer jener hellen Weisheit, die einst eure Urväter in so hehrem Glanz besaßen, der da gleichkam einer aufgehenden Sonne!
HG|3|151|12|0|Dieselbe Weisheit aus Gott aber besitzen wir noch im ungetrübten Maße, – und ihr wollt es mit ihr mit eurem Nachschimmer aufnehmen?!
HG|3|151|13|0|O was für Tollheit gehört dazu, um das nicht einzusehen, dass die Finsternis sich nur so lange halten kann, als das Licht nicht kommt; ist aber das Licht gekommen aus den Himmeln, was wollt ihr da noch mit eurer Finsternis?
HG|3|151|14|0|Wahrlich, wie die Nacht flieht vor der aufgehenden Sonne und allenthalben völlig zunichtewird vor dem hellsten Glanz der Sonne, also muss auch all euer Verstand dort und da plötzlich weichen und völlig zunichtewerden, wo das Licht Gottes aus uns wird zu strahlen anfangen!
HG|3|151|15|0|Es wird aber hier überhaupt nicht darauf ankommen, dass wir uns mit euch in lange Lehren und Unterredungen einlassen werden, sondern wir haben von euch bloß nur zu verlangen, und ihr habt dagegen uns Gewährung zu leisten!
HG|3|151|16|0|Unseren Willen, der uns von Gott ist gegeben worden, haben wir euch kundgetan, und mehr braucht es nicht!
HG|3|151|17|0|Wollt ihr danach handeln, so wird es wohl und gut für euch und fürs ganze Volk sein; wollt ihr aber das nicht, so nehmt die volle Versicherung von uns, dass wir euch zu nichts zwingen werden, weder durch unsere Feuermacht, und noch weniger durch unsere Weisheitssprache!
HG|3|151|18|0|Erwartet daher ja nicht, dass wir uns nun etwa länger unter euch aufhalten werden und werden euch herzrührende Ermahnungen geben; das gebührt sich nur für Arme und Schwache.
HG|3|151|19|0|Für euch aber ist nichts, als entweder blinder Gehorsam, wie ihr ihn vom Volk verlangt, oder das Gericht; denn der Herr tut mit euch, wie ihr es tut mit dem Volk!
HG|3|151|20|0|Das waren unsere letzten Worte an euch; tut sie, oder tut sie nicht! Amen!“
HG|3|151|21|0|Hier verließen die zehn alsbald wieder den Saal und die Burg und begaben sich von da wieder zurück zu dem Gastwirt, der ihnen ehedem Kost und Wohnung angetragen hatte.
HG|3|151|22|0|Die Räte aber kratzten sich gewaltig hinter den Ohren; denn sie wurden nun von allen Seiten her vernagelt und wussten nicht, wo aus und wo ein. Denn tun sie nach den Worten der zehn, so entblößen sie sich vor dem Volk, und tun sie nach eigenem Rat, so haben sie die Drohung der zehn wider sich.
HG|3|151|23|0|Also war hier für die Räte ein guter Rat sehr teuer.
HG|3|152|1|1|Die Beratung der tausend Räte. Vorschlag zur Auswanderung
HG|3|152|1|1|Am 31. Oktober 1843
HG|3|152|1|0|„Was wollen wir nun tun?“ war die allgemeine gegenseitige Frage der Räte, wie ihres Scheinkönigs.
HG|3|152|2|0|Einer aber aus der Mitte der Räte erhob sich und sprach laut: „Brüder, hört mich an, mir ist nun ein ganz entsetzlich gescheiter Gedanke durch den Kopf gefahren!
HG|3|152|3|0|Ihr alle habt euch ehedem noch in Gegenwart der Schreckensmänner also ausgesprochen, dass diese durch unseren Verstand noch so manche Nuss sollen eher aufzuknacken bekommen, bevor wir das ins Werk setzen werden, was sie von uns verlangen.
HG|3|152|4|0|Also auf den Sieg unseres Verstandes haben wir die Sache angelegt! Ja, unser Verstand soll auch siegen über ihre Weisheit! Aber wie?
HG|3|152|5|0|Ich sage euch: Auf die leichteste Art von der Welt!
HG|3|152|6|0|Ihr alle, wie ich, seht nun sicher ein, dass es mit unserer Herrschaft in dieser Welt völlig zu Ende ist!
HG|3|152|7|0|Was wollen wir hier noch weiter: entweder die offenbare Verfolgung abwarten, die uns von Seiten des Volkes bevorsteht, wenn es einmal von diesen zehn Boten, gegen die wir nichts vermögen, durchgehetzt und gegen uns aufgewiegelt sein wird, oder abwarten den Erfolg der Drohung, die uns allerlöblichst von den zehn verheißen ward?
HG|3|152|8|0|Ich meine, da dürfte doch eines so dumm als das andere sein!
HG|3|152|9|0|Geht und öffnet dem Volk die zwei alten Tempel, und sagt ihm, dass es mit der Verehrung der von uns eingeführten Bildsäulen aufzuhören habe! Was wird das Volk dann tun? Es wird uns um die Ursache fragen, warum nun solches geschehe!
HG|3|152|10|0|Frage, – sehr bedeutungsvolle Frage: Was sagen wir dann?
HG|3|152|11|0|Lügen dürfen wir nicht; denn davor warnt uns die Drohung der zehn, die Erhaltung unseres Lebens.
HG|3|152|12|0|Stumm können wir die Tempel nicht öffnen, denn die Tempel haben ihre gewissen geheimen Wächter, die uns vor dem Volk zuerst fragen würden, warum wir das täten. Und da müssen wir, wollen oder wollen wir nicht, mit der Wahrheit heraus und müssen beim Verlust unseres Lebens sagen:
HG|3|152|13|0|‚Wir haben euch, ihr alten Bewohner dieser Stadt, mit List und Gewalt aus Rücksicht auf unsere Hab- und Herrschsucht betrogen, haben euch den einigen, ewigen, wahren Gott und Herrn hinausgelogen und hinausgeprügelt und sogar mit der grausamen Todesstrafe hinausgetrieben!
HG|3|152|14|0|Nun aber hat Sich dieser euer alter, wahrer Gott eurer Not, an der wir allein schuld sind, erbarmt, hat zu uns, euren falschen Herren, gar mächtige Strafboten gesandt und ließ durch diese mit Feuergewalt uns strafen und dazu antreiben, dass wir vor euch wieder die alten Tempel des wahren Gottes eröffnen müssen und müssen nun allen unseren Betrug an euch wieder gutmachen!
HG|3|152|15|0|Seht, das ist die nackte Wahrheit; wer aus uns aber wird dem Volk diesen löblichen Vortrag halten?
HG|3|152|16|0|Machen wir ihn nicht, so werden wir alsbald die schönen Flammen um uns aus der Erde hervorschlagen sehen, denn dessen hat mich einer aus den zehn ganz insgeheim gewisserart tröstlich versichert.
HG|3|152|17|0|Machen wir aber diesen herrlichen Vortrag, dann möchte ich wahrlich nicht Augenzeuge sein von dem überaus furchtbaren Steinregen, der sich aus den sehr elastischen Händen des Volkes über unsere Großherrlichkeit ergießen wird!
HG|3|152|18|0|Tun wir aber gar nichts und bleiben wir hier in der Burg, uns fort beratend, sitzen, dann wird uns das Volk schon finden, und es wird uns mit einer solchen Ehrenbezeugung entgegenkommen, über die uns allen sogleich das Hören und Sehen vergehen wird!
HG|3|152|19|0|Mein Rat gegen alle diese sicheren Kalamitäten wäre demnach der: Da für uns offenbar kein Weizen mehr blüht, da lassen wir früh genug alles schön sauber im Stich!
HG|3|152|20|0|Die Erde ist groß! Wir ziehen mit unseren Weibern und Kindern und mit unseren Schätzen, soviel wir deren nötig haben, hinaus – dadurch haben wir mit unserem Verstand offenbar gegen diese zehn Weisen gesiegt –, suchen uns auf der Erde irgendwo ein Plätzchen auf und leben dann dort ferner ganz unbeirrt von ähnlichen Boten und lassen dabei den alten Gott einen guten Mann sein!
HG|3|152|21|0|Was sagt ihr zu diesem meinem Rat?“
HG|3|152|22|0|Mehrere waren damit einverstanden, andere aber waren der Meinung, es würde das Hinauskommen sicher auch einigen Anstand haben. Übrigens seien sie der Meinung, wenn sie recht täten, so dürften sie die zehn eher schützen vor der Wut des Volkes, als sie derselben preisgeben.
HG|3|152|23|0|Und so blieben drei Tage lang die Meinungen geteilt; die Folge aber wird es zeigen, wie am Ende die Sache ist entschieden worden.
HG|3|153|1|1|Die Auswanderung der sechshundertfünfzig Räte nach Oberägypten
HG|3|153|1|1|Am 2. November 1843
HG|3|153|1|0|Der erste Redner aus den Räten, dem es bloß ums Fersengeld zu tun war, aber besann sich nicht lange über die Einwendung der Rechttunwollenden, sondern war alsbald mit folgender Einrede fertig, welche also lautete:
HG|3|153|2|0|„Wisst ihr was? Weil ihr euer Vorhaben für rätlicher findet als das meinige, so machen wir es also: Diejenigen aus euch, die da sicher besserermaßen mit mir einverstanden sind, die befolgen meinen Rat, nehmen wie ich ihre Weiber und Kinder und ihre Schätze, packen alles auf unsere zahmen Kamele und ziehen als Verstandessieger mit mir ab!
HG|3|153|3|0|Die aber, hier verbleibend, recht tun wollen und haben eine große Lust, vom Volk mit Steinen begrüßt oder bei den allerbesten Umständen doch wenigstens aus der Stadt gestäupt zu werden, die mögen ja nach ihrem Wollen alle diese Tormente [Martern] hier abwarten und sollen sich dann von der traurigen Folge die Lehre nehmen:
HG|3|153|4|0|‚Es wäre denn doch besser gewesen, mit heiler Haut abzuziehen, mit der Siegesehre des Verstandes, als mit einem gesteinigten oder wenigstens gestäupten Rücken und unter vielfacher Schande, Verspottung, Verhöhnung und Verwünschung!‘
HG|3|153|5|0|Ich aber bin der Erste, der da geht! Wer mir folgen will, der folge; wer aber nicht, der tue, was ihm heilbringender und besser dünkt!“
HG|3|153|6|0|Hier erhoben sich sechshundertfünfzig und sagten: „Wir folgen deinem Rat; sollte es uns aber bei dem Tor schlecht gehen, durch das wir hinausziehen werden, da sehe du zu, dass dir der so sehr gemeinte Sieg deines Verstandes nicht zu kurz wird!“
HG|3|153|7|0|Hier empfahlen sich die zur Flucht Geneigten und gingen in ihre Wohnung, nahmen ihre Weiber, Kinder und Schätze, belasteten die Kamele und begaben sich noch am selben Tag auf den Weg.
HG|3|153|8|0|Und viel Volkes war versammelt auf den Gassen und erstaunte nicht wenig über diesen Zug ihrer sonst so gestrengen Herren. Niemand wusste, was das zu bedeuten haben solle, und jedermann war voll der bangsten Erwartung, was daraus werden würde.
HG|3|153|9|0|Manche aber sagten: „Das ist sonderbar! Die Herren mit Weib und Kind und allerlei Gepäck, und keine Wehrmannschaft dabei, ziehen hinaus! Was soll das heißen, was für Bedeutung haben?
HG|3|153|10|0|Denn es sieht nicht einmal einer Lustwandlung gleich, noch weniger einer Länderbereisung; denn bei solchen Gelegenheiten zogen sonst ja doch allzeit ganze Legionen Waffenmänner mit!“
HG|3|153|11|0|Kurz, das Volk zerfragte sich kreuz und quer! Es lief in die Gassenämter und fragte; allein auch diese wussten dem Volk keinen Bescheid zu erteilen.
HG|3|153|12|0|Und unsere Räte als Verstandessieger zogen von dannen, ohne im Geringsten irgend aufgehalten zu werden, denn niemand getraute sich zu fragen, wohin sie zögen.
HG|3|153|13|0|Sie nahmen aber eine solche Richtung, dass sie nach dem heutigen Ägypten kamen und sich im oberen Teil, in der Gegend von Elephantine, dieses Landes niederließen, sich dort sogleich eine kleine Stadt erbauten und dort wohnten.
HG|3|153|14|0|Dies waren die ersten Bewohner dieses Landes.
HG|3|153|15|0|Die Schrecknisse dieses Landes nötigten sie, sich wieder zu Gott zu kehren, und so war dieses Land bald ein reiches und mächtiges.
HG|3|153|16|0|Was aber taten nun die gebliebenen Räte? Davon in der Folge.
HG|3|154|1|1|Die Beratung der zurückgebliebenen Räte. Auswanderung von weiteren zweihundertfünfzig Räten
HG|3|154|1|1|Am 4. November 1843
HG|3|154|1|0|Einer aus den zurückgebliebenen und recht tun wollenden Räten aber erhob sich am dritten Tag und sprach zu den übrigen:
HG|3|154|2|0|„Hört mich an, ihr samt mir recht tun wollenden Räte! Nach der Nachricht, die uns von den Torwachen überbracht wurde, haben wir ersehen, dass unsere sechshundertfünfzig Brüder ohne den allergeringsten Anstand hinausgewandert sind; nichts hat sie in ihren Schritten und Tritten beirrt.
HG|3|154|3|0|Wir wissen nun, dass ihnen ihr Verstandessieg gelungen ist; ob uns aber unser Rechttun also gelingen wird, das steht noch nirgends geschrieben! Ob etwa am Ende nicht nach des abgegangenen Mitratsbruders Worten uns begegnet wird?! Das steht auch nirgends geschrieben!
HG|3|154|4|0|Ich meine daher, auch wir sollten lieber das Sichere ergreifen und dem wackeren Beispiel unserer Brüder folgen, als hier den allzeit höchst bedenklichen Ausgang unseres Rechttunwollens abzuwarten! Es ist ohne Zweifel besser, als Herr hinauszuziehen, als am Ende hinausgetrieben zu werden als ein verächtlicher Volksbetrüger!“
HG|3|154|5|0|Ein anderer aber erhob sich gegen den ersten Redner und sprach: „Freund, du redest ohne Erwägung des günstigen Umstandes für uns, der darin besteht, dass wir nun eben dadurch vor allem Volk als sehr begünstigt dastehen müssen, indem wir nun alle Schändlichkeit und tyrannische Willkür in der Staatsverwaltung auf unsere entwichenen Brüder legen können und können uns das noch obendrauf zugunsten kommen lassen und können ohne die geringste Widerrede sagen: wir hätten selbst die Wüteriche hinausgetrieben durch unserer Rede Macht, um nun wieder die alte, göttliche Ordnung einzuführen, wie sie einstens unter Lamech bestanden hatte!
HG|3|154|6|0|Und die verhängnisvolle Wahrheit, die wir vor dem Volk von uns aussagen sollten, können wir nun auch ohne Anstand und ohne üble Folgen auf unsere abgegangenen Brüder wälzen, und wir stehen dann vor dem Volk ja nur als außerordentliche Wohltäter da, aber nicht als solche verruchte Tyrannen, die das Volk in jeder Hinsicht so schändlichst bedrückt hatten!
HG|3|154|7|0|Bei solcher effektiven Äußerung wird das Volk über uns ja nur jubeln müssen und wird sicher nicht zu den Steinen oder Ruten greifen! Das Mittel ist nun das unschuldigste und unschädlichste von der Welt, und der Zweck ist dem Willen des alten Gottes vollkommen gemäß; was wollen wir mehr? Daher also gehandelt, und alles muss gut gehen!“
HG|3|154|8|0|Und der erste Redner erwiderte diesem: „Für diesen günstig scheinenden Umstand wünsche ich dir sehr viel Glück und ein ganz außerordentlich schönstes Wetter dazu; dass aber ich mich bei solch deinem günstig scheinenden Vortrag an das Volk etwas ferne halten werde, das kannst du heute noch auf einer ehernen Tafel geschrieben von mir haben!
HG|3|154|9|0|Hast du denn nicht gehört, was unser abgegangener Vorredner gesagt hatte, was vor den zehn Boten ein jeder Lügner zu erwarten hat? Wenn du aber das Volk zu unserer Vergunstung also anlügen willst, – frage – hast du da schon mit den zehn geredet und von ihnen die Versicherung erhalten, dass sie bei solcher Gelegenheit aus dir nicht sogleich eine brennende Fackel machen werden?
HG|3|154|10|0|Waren nicht stets wir nur der böswilligste und herrschsüchtigste Teil?! Haben nicht hauptsächlich wir den Götzendienst eingeführt, die Polizei kreiert und all die übermäßigen Steuern bestimmt?! Und nun sollen wir das alles auf die Abgegangenen wälzen, die allzeit besser waren als wir?!
HG|3|154|11|0|Da gratuliere ich dir! Tue, was du willst, ich aber werde gehen! Und wer noch?!“
HG|3|154|12|0|Hier erhoben sich abermals zweihundertfünfzig und zogen mit Weibern, Kindern und einer Menge Diener von dannen.
HG|3|154|13|0|Diesen begegneten die zehn in einer Gasse und fragten sie: „Wohin des Weges?“
HG|3|154|14|0|Diese aber sagten: „Mit eurer Erlaubnis hinaus, wo die Welt ein Ende hat! Lügen dürfen wir nicht, und so ist es besser hui – als pfui für uns!“
HG|3|154|15|0|Und die zehn ließen sie ungehindert fortziehen und sahen sich nicht mehr nach ihnen um.
HG|3|155|1|1|Die Worte des Herrn an die zehn Feuerboten. Das Ultimatum an die einhundert zurückgebliebenen Räte
HG|3|155|1|1|Am 6. November 1843
HG|3|155|1|0|Der Herr aber sprach zu den Boten: „Geht nun hin zu den noch übrigen hundert Räten, vernehmt sie und stellt ihnen dann Meine Sache vor!
HG|3|155|2|0|Stellt ihnen einen Termin von sieben Tagen und sagt zu ihnen: ‚Wo ihr nicht binnen dieser Zeit des Herrn Willen erfüllen werdet, so mögt ihr dem Beispiel eurer Vorgänger folgen; werdet ihr aber des Herrn Willen erfüllen, so soll euch unsere Faust decken!‘“
HG|3|155|3|0|Also sprach der Herr zu den zehn, und diese begaben sich eilends hin zu den noch übrigen hundert Räten.
HG|3|155|4|0|Als diese die zehn Schreckensmänner erschauten, erschraken sie so sehr, dass sie bebten, als stünden sie schon am Rande des ewigen Abgrundes.
HG|3|155|5|0|Die zehn aber sprachen: „Der Friede von oben sei mit euch! Fürchtet euch nicht zu sehr vor uns, denn wir sind ja keine Unglücksboten an euch, sondern wir sind von Gott erwählte Überbringer Seines Willens an euch alle nur.
HG|3|155|6|0|Euer zeitliches und ewiges Wohl führt unsere ewig wahre Gesandtschaft im Schilde; daher ermahnen wir euch, zu tun, was ihr jüngsthin von uns vernommen habt, und setzen euch zu diesem Behuf einen Termin, laut dem ihr sieben Tage noch Bedenkzeit habt, zu tun oder nicht zu tun des Herrn Wort an euch!
HG|3|155|7|0|Werdet ihr es nicht tun, da könnt ihr alsbald folgen euren Vorgängern, oder euch sollen eure Fäuste und die Fäuste eurer Genossen decken; werdet ihr aber das Wort des Herrn erfüllen, da sollt ihr von unseren Fäusten gedeckt werden!
HG|3|155|8|0|Also lautet des Herrn Wille, also des Herrn Wort!
HG|3|155|9|0|Erfüllt es frei, so sollt ihr auch frei werden; erfüllt ihr es aber als Knechte, so sollt ihr auch als Knechte verbleiben; erfüllt ihr es gezwungen, so sollt ihr fortan unter dem Zwang stehen wie das Getier der Wälder, und die Freiheit soll nimmer euer Los sein! Flieht ihr aber, so sollt ihr Flüchtlinge verbleiben bis an das Ende aller Zeiten!
HG|3|155|10|0|Wehe aber einem jeden Lügner aus euch; denn der da lügt, den wird der Herr züchtigen mit flammenden Ruten! Amen.“
HG|3|155|11|0|Hier verließen die zehn wieder die Räte; als sie aber hinweg waren, stand alsbald einer aus den noch hundert Räten auf und sprach:
HG|3|155|12|0|„Freunde, Brüder! Nun stehen und sitzen wir von allen Seiten fest vernagelt hier und da!
HG|3|155|13|0|Sieben Tage Termin! Tun wir, was wir nur immer wollen, so sind entweder Fäuste, oder ewige Flucht, oder ewige Knechtschaft, steter Zwang, oder gar flammende Ruten über uns!
HG|3|155|14|0|Wir haben demnach hier nichts zu tun, als aus allen den angebotenen Übeln das kleinste zu wählen, und das ist nach meiner Meinung offenbar die Flucht! Lasst aber doch auch ihr eure Meinung vernehmen, auf dass wir im besten Teil einig werden!“
HG|3|155|15|0|Hier fingen die Räte an, untereinander sich zu beraten drei Tage lang; die Folge aber wird es zeigen, zu welchem Entschluss sie am Ende gekommen sind.
HG|3|156|1|1|Rückkehr zur göttlichen Ordnung und Entschluss zur Wiedereröffnung der beiden Tempel Gottes
HG|3|156|1|1|Am 7. November 1843
HG|3|156|1|0|Und ein anderer aus den Räten erhob sich und sprach: „Brüder, ich glaube die Worte der zehn richtiger verstanden zu haben als jemand anderer und meine daher nicht unrecht zu haben, so ich mich geradezu gegen die Flucht erkläre!
HG|3|156|2|0|Denn mit Fäusten decken heißt doch offenbar nicht jemanden schlagen, sondern nur jemanden schützen; wenn uns aber die zehn schützen, so wir das Rechte tun, warum sollte da die Flucht als das rätlichste und einzig beste Mittel angesehen werden?
HG|3|156|3|0|Tun wir denn frei das Rechte, und wir können versichert sein, dass uns allen darob kein Haar gekrümmt wird; denn der alte Gott, der ewig getreu und voll Liebe und Nachsicht ist gegen diejenigen, welche reuig und vollkommen wieder in Seine heilige Ordnung zurücktreten, wird auch über uns nicht glühende Steine regnen lassen, wenn wir in Seine heilige Ordnung, die Er von Ewigkeit festgestellt hat, wieder reuigen und getreuen Herzens zurückkehren!
HG|3|156|4|0|Gebt mir die goldenen Schlüssel heraus, und ich scheue mich nicht, mit hundert Herolden auszuziehen, die Eröffnung des Tempels allerorts in der Stadt laut zu verkünden und dann im Angesichte einer zahllosen Volksmenge den Tempel in der Ebene, wie den auf der Höhe zu eröffnen!
HG|3|156|5|0|Wer von euch mit mir ziehen will, der ziehe; wer sich aber das zu tun nicht getraut, der bleibe im Namen des Herrn daheim! Aber an die schmähliche Flucht sollte niemand aus uns mehr denken, denn diese haben die zehn Boten ja offenbar als eine barste Strafe erklärt!
HG|3|156|6|0|Ich aber will mich wieder ganz vollernstlich zu Gott zurückwenden; daher werde ich nimmer fliehen! Lieber will ich von den Zornflammen Gottes auf dieser Stelle hier verzehrt werden, als nur einen Schritt weit fliehen vor Gott, dem Allmächtigen, der mich überall ergreifen und richten kann!
HG|3|156|7|0|Dir, o Gott und Herr, aber gelobe und schwöre ich hier meine volle Umkehr und dann die lebenslange Treue! Dir allein will ich von nun an dienen und Dich lieben aus allen meinen Kräften die Zeit meines ganzen Lebens! Amen.“
HG|3|156|8|0|Diese energische Rede machte alle anderen Räte stutzen, und es getraute sich keiner mehr, gegen ihn aufzutreten.
HG|3|156|9|0|Er aber verlangte die Schlüssel von den Räten, und die Räte sprachen: „Willst du uns alle ins Verderben stürzen?“
HG|3|156|10|0|Der Redner aber erwiderte: „Nein, das will ich nicht und werde es nicht! Gebt mir aber die Schlüssel, und ich will für euch alle die Schuld allein auf mich nehmen! Ja hier will ich einen Lügner machen und will als der am wenigsten Schuldige unter euch mich als den allein Schuldigen vor allem Volk anklagen, auf dass alle Strafe über mich komme und ihr frei und als gerechtfertigt erscheint! Aber gebt mir die Schlüssel, damit ich euch errette!“
HG|3|156|11|0|Hier gaben die Räte dem Redner die Schlüssel, und dieser nahm sie mit großer Rührung seines Herzens, und nahm noch hundert gute Redner aus den vielen Hofdienern und ging dann und verkündete durch alle Gassen die Eröffnung der alten Tempel.
HG|3|157|1|1|Ein Ratsherr verkündet dem Volk die Eröffnung der beiden Tempel Gottes und die Umkehr zu Gott. Gerade weil er alle Schändlichkeiten auf sich nimmt, wird er vom Volk geliebt
HG|3|157|1|1|Am 8. November 1843
HG|3|157|1|0|Wacker verkündigte unser Rat mit seinen hundert Gehilfen drei Tage lang in der ganzen Stadt die Eröffnung der beiden Tempel und sandte zu dem Behuf noch andere in der Stadt neu angeworbene Redner in die weiten Vorstädte und ließ dort ebenfalls verkünden, was da in Hanoch zu geschehen habe.
HG|3|157|2|0|Alle Gassenamtleute und alle Torwächter machte er sogleich zu lauter Aposteln und sandte mehrere wohlunterrichtet hinaus in die fernen Provinzen sogar und ließ ihnen, das heißt den Bewohnern dieser Provinzen, und ganz besonders den Vasallenfürsten die Eröffnung der Tempel ankündigen, sowie auch streng die Umkehr zum alten Gott befehlen.
HG|3|157|3|0|Überall ward gesagt, dass ein jeder, der nur immer abkommen könne, sich ja bei der Eröffnung der beiden Tempel einfinden solle, um da von den neu anwesenden zehn wundermächtigen Boten Gottes belehrt und gesegnet zu werden.
HG|3|157|4|0|Dieser Ratsherr ward – trotz dem, dass er allenthalben vor dem Volk alle Schändlichkeiten, die er (sie zumeist auf sich nehmend) verüben ließ, bekannte – mit einem solchen Jubel aufgenommen und nahe auf den Händen in allen Gassen herumgetragen, dass man etwas Ähnliches nie erhört hatte, und von einem Steinigen war schon gar nie eine Rede; denn er goss ja allenthalben, da er nur immer hinkam, Öl und den köstlichsten Balsam auf die wunden Herzen der Einwohner der großen Stadt.
HG|3|157|5|0|Viele Bürger fragten ihn mit der größten Sanftmut und Liebe: „Aber wie ist das möglich, du erhabener Herr, dass du nun, vor dem ehedem jedes Menschenherz zitterte, ein heilbringender Trostengel des alten Gottes, dieses heiligen, ewig alleinig wahren Allvaters, geworden bist? Führt dich dein eigener oder des Jehova Geist?
HG|3|157|6|0|Fürwahr, es gibt keinen erhabeneren Anblick, als so irgendein Feind zum Freund wird; aber noch ergreifender ist für jedermann, so ein Verfolger einer guten Sache endlich zum eifrigsten Beförderer derselben wird! Und das ist mit dir der lebendigste Fall!
HG|3|157|7|0|Oh, wie glücklich sind wir nun durch dich! Wahrlich, du sollst allein unser Leiter und Führer verbleiben!
HG|3|157|8|0|Aber warum entfernten sich denn sicher bei neunhundert Herren bei dieser so endlos uns alle beglückenden Gelegenheit aus der Stadt und kommen von keiner Seite mehr wieder zurück?“
HG|3|157|9|0|Da sprach der Apostelrat: „Was da eure erste Frage betrifft, so führt mich offenbar der Geist Jehovas, der mir gegeben ward aus dem Munde zehn eurer Wunderboten Gottes aus der Höhe, die ihr bei der Eröffnung der Tempel werdet kennenlernen.
HG|3|157|10|0|Was aber eure zweite Frage betrifft, so zogen die neunhundert Herren darum für alle Zeiten aus der Stadt, weil sie besser waren als ich; daher gingen sie, um euch die Lasten zu ersparen.
HG|3|157|11|0|Ich aber als euer größter Schuldner konnte doch nicht eher aus der Stadt, bis ich euch nicht so manche große Schuld rückbezahlt würde haben. Nun aber bin ich zu euch gekommen, um euch alle Schuld zu erstatten; darum erkennt ihr mich auch als solchen, und folgt meinem Ruf.“
HG|3|157|12|0|Je mehr aber unser Rat die Schuld auf sich nahm und die anderen entschuldigte, mit desto größerer Liebe ward er aufgenommen und vom Volk auf den Händen getragen.
HG|3|158|1|1|Die Eröffnung des Tempels durch Ohlad, den einen Ratsherrn
HG|3|158|1|1|Am 9. November 1843
HG|3|158|1|0|Der siebentägige Termin ward zu Ende, und für den achten Tag, der gerade ein Sabbat war, wurde von dem einen Rat die Eröffnung des Tempels festgesetzt.
HG|3|158|2|0|Tausende und Tausende von Menschen jeden Alters und jeden Geschlechtes harrten am weiten Platz um den runden Vorhof.
HG|3|158|3|0|Der eine Rat, namens Ohlad, stand ebenfalls schon lange schlagfertig vor der goldenen Pforte des Vorhofes; aber die zehn Boten säumten und wollten nicht zum Vorschein kommen.
HG|3|158|4|0|„Was soll das? Wo bleiben denn die zehn Wunderboten? Ist ihnen etwa etwas zugestoßen? Oder ist ihnen der Tag nicht recht?“, so fragte man sich hin und her, und niemand wusste dem anderen Bescheid zu geben.
HG|3|158|5|0|Man wandte sich an den Rat Ohlad und fragte ihn gleicherweise.
HG|3|158|6|0|Dieser aber erwiderte: „Meine Brüder und Freunde! Geduld ist des Menschen erste Pflicht; denn ohne diese verdirbt er alles Edle, das er gepflanzt hatte!
HG|3|158|7|0|Gott der Herr Selbst ist von größter Geduld und kann hundert Jahre harren auf unsere Besserung; und ist diese in solcher Zeit nicht erfolgt, dann sendet Er erst Boten und mächtige Lehrer, welche die verirrte Menschheit wieder mit aller Geduld auf den rechten Weg zu bringen haben.
HG|3|158|8|0|Ist das geschehen, so zieht der Herr wieder ganz gelassen und übergeduldig Sein Strafgericht zurück und sieht dann lange wieder ganz überaus langmütig und geduldig zu, wie die Menschen Seiner nach und nach zu vergessen anfangen und sich hinauskehren zur Welt und zum Tode.
HG|3|158|9|0|Also ist es auch unsere Pflicht, bei jeder Gelegenheit geduldig zu sein! Wenn es dem großen Gott wohlgefällig sein wird, werden die zehn Boten schon kommen; sollten sie aber auch gar nicht kommen, da wollen wir deshalb nicht murren, denn nicht der Boten, sondern nur allein des allmächtigen großen Gottes willen werden die Tempel eröffnet.
HG|3|158|10|0|Zudem habe ich ja auch niemandem die vollste Versicherung gegeben, als müssten darum die Boten ganz völlig bestimmt bei der Eröffnung der Tempel zugegen sein, sondern ich sagte nur, dass sie ganz sicher zugegen sein werden, was aber die vollste Gewissheit noch nicht verbürgt!
HG|3|158|11|0|Daher werde ich nun auch auf die Boten nicht länger mehr warten, sondern mich sogleich an das heilige Werk machen! Denn wie gesagt, nicht den Boten, sondern allein Gott dem Herrn gilt die Eröffnung der Tempel!“
HG|3|158|12|0|Mit dieser Rede war alles Volk einverstanden und lobte den Rat Ohlad.
HG|3|158|13|0|Ohlad stimmte nun dem Jehova ein gar rührendes Loblied an und steckte den Schlüssel in das feste Schloss der Pforte und wollte ihn schon umdrehen.
HG|3|158|14|0|Da riefen plötzlich kräftige Stimmen: „Halte ein, denn noch ist es nicht völlig an der Zeit!“
HG|3|158|15|0|Ohlad sah sich schnell um und ersah die zehn herbeieilen. Als er dieser ansichtig ward, da fing sein Herz an, vor höchster Freude zu beben, und er sprach zum Volk: „Seht, seht, sie kommen, die Geheiligten Gottes!“
HG|3|158|16|0|Das Volk aber fing an, zu schreien und Gott zu loben, und segnete den Ohlad, da es nun an ihm einen völlig wahrhaftigen Mann erkannte.
HG|3|158|17|0|Und die zehn kamen unterdessen zum Ohlad und segneten ihn und legten ihm sogleich die Hand auf.
HG|3|158|18|0|Als das geschehen war, da erst hießen sie ihn den Schlüssel umdrehen; denn nun erst war Ohlad fähig, den Tempel ohne Schaden zu eröffnen.
HG|3|158|19|0|Was aber bei der Eröffnung ferner geschah, wird die Folge zeigen.
HG|3|159|1|1|Eine feurige Wolke bedeckt die Kuppel des Tempels. Ohlad weicht trotz Flammen, Blitze und Orkane nicht
HG|3|159|1|1|Am 10. November 1843
HG|3|159|1|0|Als die Pforte nun geöffnet dastand, da wurde die runde Kuppel des Tempels plötzlich mit einer feurigen Wolke bedeckt, und Tausende der heftigst krachenden und den mächtigsten Donner erregenden Blitze entstürzten derselben.
HG|3|159|2|0|Alles Volk wehklagte und stand zumeist vom Schrecken betäubt da und erwartete ein gar schreckliches Gericht.
HG|3|159|3|0|Viele wären gerne davongeflohen, aber sie getrauten sich nicht; denn sie fürchteten sich, dass darob Gott noch zorniger werde.
HG|3|159|4|0|Ohlad aber, selbst mächtig betroffen, sprach zu den zehn: „Ich habe Gott dem Herrn meine Treue geschworen! Darum fürchte ich die Blitze nicht, und dichter, als der mächtigste Hagel dem Himmel entstürzt, sollen diese auf mich darniederstürzen und sollen mich und die ganze Erde verzehren! Meinen Leib können sie zum Tode dahinbeugen, aber meinen Willen ewig nimmer!
HG|3|159|5|0|Gott, Du Allmächtiger! Du hast mich wecken lassen durch Deine mächtigen Boten! Meine Liebe zu Dir ist erwacht, mein Geist hat Dich, o großer Gott, entdeckt und hat erfahren, dass Du der ewig allein Wahrhaftige, Getreue und über alles Mächtige bist; so will ich Dich denn auch lieben und ehren im Feuer Deines Zornes und Deines Grimms!
HG|3|159|6|0|Umhülle Deinen heiligen Tempel ganz mit Feuer, und ich werde in meiner Liebe zu Dir dennoch hinziehen und eröffnen Dein Heiligtum und dann im selben hoch preisen Deinen allerheiligsten Namen!“
HG|3|159|7|0|Als der Ohlad diese kräftige Anrede beendete, da erstaunten sich die zehn über seinen gerechten Ernst, und einer aus ihnen sprach zu ihm:
HG|3|159|8|0|„Bruder, viel hast du dem Herrn gelobt, und gar ernst und willensfest klangen deine Worte! Aber was würdest du tun, so dich der Herr nun ernstlich auf die Probe stellen möchte?
HG|3|159|9|0|Denn siehe, unser Wille ist wohl stark genug für uns gegenseitig, also unter uns Menschen, aber dem Herrn gegenüber sind alle Menschen nichts, und ein Fünklein Seines Willens kann eine ganze Schöpfung erstarren machen, geschweige erst den Willen eines Menschen, wie da wir es sind!
HG|3|159|10|0|Daher nehme du deinen zu großen Ernst lieber etwa bei guter Zeit zurück, sonst dürfte es wohl geschehen, dass dir der Herr auf den Zahn deines festen Willens fühlen möchte!“
HG|3|159|11|0|Diese Worte beugten den gerechten Sinn Ohlads nicht im Geringsten; im Gegenteil, er erwiderte den zehn nur: „Ihr mächtigen Freunde Gottes mögt wohl recht haben! Hätte ich meine Treue und Liebe einem Menschen geschworen, da dürfte es sein, dass ich mit mir handeln ließe; aber ich habe sie Gott geschworen, und da soll mich eher ein feuriger Abgrund verschlingen, ehe ich auch nur um ein Atom groß weiche von meinem Gott geweihten Vorhaben! Hier ist der heilige Schlüssel! Hin damit zur heiligen Pforte! Amen.“
HG|3|159|12|0|Als der Ohlad diese Worte noch kaum ausgesprochen hatte, da umhüllte sich gar düster der ganze Himmel; Orkane fingen an zu toben, Millionen Blitze entstürzten dem glühend wogenden Gewölke, und um den Tempel schlugen plötzlich mächtige Flammen aus dem Boden gar wild lebend empor.
HG|3|159|13|0|Alles Volk ward starr vor Entsetzen, und die zehn fragten den Ohlad: „Nun, was wirst du jetzt tun?“
HG|3|159|14|0|Der Ohlad sprach: „Mein Wille bebt nicht, daher vorwärts! Denn Blitze, Flammen und Orkane sind für den, der wahre Liebe zu Gott hat, keine Mauern!
HG|3|159|15|0|Wird auch dieser Leib zerstört, so dringe ich aber dennoch mit meinem Geist in den Tempel; denn die Flamme in mir ist stärker als all dies Schreckenszeug! Also vorwärts! Amen.“
HG|3|160|1|1|Ohlad sieht sich nicht in der Lage, die Tempel eröffnen zu können
HG|3|160|1|1|Am 11. November 1843
HG|3|160|1|0|Darauf ließ sich Ohlad nicht mehr aufhalten und ging rasch zum Tempel hin, der sich stets mehr in die allerheftigsten Flammen einzuhüllen anfing.
HG|3|160|2|0|Als er den Flammen auf zehn Schritte nahe kam, da ging schon eine solche Hitze ihm entgegen, dass er sie nicht mehr zu ertragen vermochte, und die goldenen Schlüssel des Tempels wurden so heiß, dass er sie auch nimmer in der Hand zu halten vermochte.
HG|3|160|3|0|Er blieb daher stehen eine kurze Zeit und dachte unter dem steten schrecklichen Toben der Orkane, der unzähligen Blitze und des gewaltigen Feuers:
HG|3|160|4|0|„Was soll ich nun tun? Dem Tempel mich noch mehr zu nahen, ist unmöglich, denn zu groß ist der Flammen Hitze. Die Schlüssel kann ich jetzt schon kaum mehr halten, so heiß sind sie geworden; wie glühheiß werden sie aber erst werden, so ich mich noch mehr den unerträglich heißen und gar schrecklich wütenden Flammen nähern möchte?!
HG|3|160|5|0|Ich weiß aber nun, was ich tun will! Wäre es des allmächtigen Gottes Wille, dieses Sein Heiligtum zu eröffnen, da würde Er mir sicher keine solchen erschrecklichen Hindernisse in den Weg legen!
HG|3|160|6|0|Es ist also sicher Sein Wille nicht, die Tempel eröffnen zu lassen! Daher will ich es nun also machen, wie ich es als Rat gemacht habe, wenn mehrere wider meine Aussprüche sich entgegensetzten, nämlich: Ich ziehe mich ganz bescheiden zurück, und lasse den Tempel öffnen, wem immer solches beliebt!
HG|3|160|7|0|Es wäre fürwahr die größte Tollheit, wenn ein schwacher Mensch es nur mit der Kraft eines Riesentigers aufnehmen wollte, der stark genug ist, einem Riesenstier den Kopf in Blitzesschnelle herabzureißen; wie toll aber müsste man als Mensch erst sein, mit Gott, dem allmächtigsten Wesen von Ewigkeit, in den offenbarsten Kampf zu gehen?!
HG|3|160|8|0|O nein! O nein! Das tue ich nimmer; denn das Feuer ist heiß, es brennt gar entsetzlich! Mit diesem Element kann es der Mensch nicht aufnehmen; daher sage ich jetzt nicht mehr: ‚Nur vorwärts!‘, sondern ganz bescheiden: ‚Nur zurück, und das so geschwind als möglich!‘
HG|3|160|9|0|Damit wandte sich Ohlad um und ging sehr schnellen Schrittes zurück, allwo die zehn Boten standen.
HG|3|160|10|0|Da angelangt, ward er sogleich von ihnen befragt, ob er den Tempel schon eröffnet hätte.
HG|3|160|11|0|Er aber erwiderte: „Erhabene Freunde des Herrn, des allmächtigen Gottes! Das könnt ihr tun, die ihr mit dem Feuer sicher näher verwandt seid als ich; ich aber habe nun schon meine Schule durchgemacht und habe ganz klar in die Erfahrung gebracht, dass der Mensch sich nie an das Unmögliche wagen soll!
HG|3|160|12|0|Hier sind die noch ganz heißen Schlüssel! Ich übergebe sie euch und somit meine ganze Amtswürde! Tut damit, was ihr wollt; ich aber werde Gott in Seiner Macht anbeten und mich ganz zurück ins gemeine bürgerliche Leben ziehen!
HG|3|160|13|0|Denn fürwahr, wo es mit Gott einen gar so mächtigen Haken hat, da ist Ihm nicht zu dienen! Ich erkenne Ihn nun und liebe Ihn, aber weiter will ich mit Ihm nichts zu tun haben!
HG|3|160|14|0|Dass ich nicht unwillig war, Ihm zu dienen mit dem größten Ernst, das habe ich vor aller Welt, wie vor euch, an den Tag gelegt; wenn Er mir aber darum ein solches Mordspektakel vor die Nase schiebt, das meiner Kraft zu überlegen ist, da ziehe ich mich zurück, und überlasse jedem anderen dies Geschäft!“
HG|3|161|1|1|Einer der zehn Feuerboten belehrt Ohlad. Selbst der gerechteste Hochmut ist vor dem Herrn ein Gräuel
HG|3|161|1|1|Am 14. November 1843
HG|3|161|1|0|Und einer aus den zehn stellte sich dem Ohlad in den Weg und sprach zu ihm: „Ohlad, wohin willst du fliehen, auf dass du dich verbergen könntest vor Gott?
HG|3|161|2|0|Siehe an die große Himmelsdecke, dies feurige Gewölke, dem stets tausend und tausend Blitze entstürzen! Weißt du, wo ihr Ende ist?
HG|3|161|3|0|Denkst du nicht, dass dich Gott der Herr in alle Ewigkeit verfolgen kann und du dich nirgends verbergen kannst vor Ihm?
HG|3|161|4|0|Höre mich aber weiter an: Durch diese Feuerstürme will der Herr, dein Gott, dir nicht zu erkennen geben, als wäre es Sein Wille nicht, dass du Seine Tempel eröffnetest, sondern Er will dir und allen fernen, wie den nahen und hier gegenwärtigen Völkern dadurch nur anzeigen, dass es Ihm um euch ganz vollernstlich ist!
HG|3|161|5|0|Nicht spielen mit euch, sondern euch entweder zum ewigen Wohl gewinnen oder euch zu eurem Verderben richten will Er; denn frei denkende und frei wollende Wesen hat Gott nicht als eine Spielerei erschaffen, sondern aus ewigen allerhöchst wichtigsten Gründen hat Er sie erschaffen und hat ihnen die allerweisesten freien Gesetze gegeben, die sie zu halten haben, und hat ihnen auch allzeit wesenhaft gezeigt, dass diese Geschöpfe Seine Kinder sind, die Er mit unendlicher ewiger Liebe liebt!
HG|3|161|6|0|Wenn sich aber die Sachen also verhalten, so wird es doch etwa klar sein, dass Gott durch diesen Feuersturm nur Seinen Ernst, nicht aber Seinen Unwillen gegen die Eröffnung der Tempel zu erkennen gibt!
HG|3|161|7|0|Lasse daher den Mut nicht sinken; nur baue nicht zu viel auf ihn! Denn siehe, die Starken der Erde prüft der Herr allzeit mit Seiner Stärke, die Schwachen, die Sanften und Demütigen aber mit Seiner Liebe und Sanftmut!
HG|3|161|8|0|Du aber hast ehedem dem Herrn gegenüber eine große Stärke gezeigt, wogegen wir dir einen Wink gaben; du aber meintest dennoch mit deinem Krafternst durchzudringen vor und gegen Gott!
HG|3|161|9|0|Darum hat Er dich auch ein Fünklein Seines Ernstes fühlen lassen, um dich dadurch zu demütigen. Du aber bist nun völlig gedemütigt und bist somit reif zur Eröffnung der Tempel. Also mache dich nun, von uns geleitet, an das erhabenste Werk, und es wird dich nichts mehr hindern daran!
HG|3|161|10|0|Siehe, dass der Herr bei den Menschen nicht den gewissen hochmütigen Krafternst ansieht, sondern nur die bescheidene Demut, durch die der Mensch einsichtlich vor Gott bekennt, dass er nichts ist vor Ihm, hat Er mehrmals auf der Höhe gezeigt!
HG|3|161|11|0|So wollte einmal ein gewisser Abedam aus dem Mittag aus großer Liebe zum Herrn seiner Äußerung zufolge ins Feuer gehen oder bis ans Ende der Welt!
HG|3|161|12|0|Der Herr aber zeigte ihm, dass der Mensch nicht zu große Verheißungen machen solle.
HG|3|161|13|0|Abedam aber bestand darauf, und siehe, eine hartnäckige Fliege war genug, den Abedam in kürzester Zeit nahe zur Verzweiflung zu bringen!
HG|3|161|14|0|Also will der Herr in allem nur die Demut des Menschen; denn selbst der gerechteste Hochmut ist vor dem Herrn ein Gräuel!
HG|3|161|15|0|Solches also fasse nun und folge uns; denn also wird dir der Schlüssel nicht heiß werden, und die Flammen werden dich nicht irgend brennen! Amen.“
HG|3|162|1|1|Die rechte Demut
HG|3|162|1|1|Am 15. November 1843
HG|3|162|1|0|Als der Ohlad solche Rede von einem der zehn vernommen hatte, da ward er sogleich wieder anders gestimmt und sprach:
HG|3|162|2|0|„O Brüder, wenn also die Dinge stehen, da bin ich vollkommen bereit, nach eurem Willen tätig zu sein! Aber nur um eines werde ich euch dabei bitten, und das besteht darinnen:
HG|3|162|3|0|Wenn das Werk der Eröffnung der Tempel vollbracht sein wird, dann lasst mich im Frieden von dannen ziehen, und setzt und stellt mich ja nicht etwa zu einer Art Priester der beiden Tempel auf; denn als solcher müsste ich notwendig ein gewisses Voransehen bei den anderen Menschen genießen und müsste bei ihnen in einer gewissen Vorgeltung und Vormacht stehen.
HG|3|162|4|0|Ich aber habe durch einen Verlauf von vierzig Jahren als mitherrschender Rat das Mehrsein vor den anderen Brüdern so sehr übersatt bekommen, dass ich nun ums Unvergleichbarste lieber möchte irgend der Allerletzte sein, als nur in irgendeiner Vorgeltung und Vormacht stehen!
HG|3|162|5|0|Es ist wirklich ein elender Genuss, den Brüdern ein Gebieter zu sein und sich daran zu ergötzen, so die armen Brüder vor ihrem gebietenden Bruder zittern, der höchst selten nur zum Vorteil der Brüder, aber wohl desto öfter zum eigenen Wohl und zur Vermehrung seines Ansehens gebietet!
HG|3|162|6|0|Wie gesagt, ich will von einem weiteren, wie immer gearteten Vorgesetztsein nichts mehr hören und sehen; denn ich habe nun einen allerscheußlichsten Ekel an allem menschlichen Würdevorsein überkommen und freue mich überaus darauf, irgendwo der Allerletzte sein zu können.
HG|3|162|7|0|Darum erhört, erhabene Brüder, im Namen des Herrn diese meine Bitte, und lasst mich – wie ich ehedem schon bedeutet habe – nach der Eröffnung der Tempel im Frieden von dannen ziehen!“
HG|3|162|8|0|Und einer aus den zehn sprach: „Siehe, Ohlad, die Flamme um den Tempel ist erloschen, und wir begeben uns zur Pforte und öffnen sie!
HG|3|162|9|0|Im Tempel aber wirst du schon ohnehin den Willen des Herrn vernehmen, und Dieser wird dir ohne unser Hinzutun überklarst zu erkennen geben, was du zu tun hast – ob zu bleiben, oder dich hintanzubegeben!
HG|3|162|10|0|Willst du aber wahrhaft gottwohlgefällig demütig sein, so musst du das nach dem Willen Gottes, aber nie nach deinem eigenen Gutdünken sein! Denn bist du durch dein eigenes Vorhaben demütig, dann ist deine Demut ein Kind deiner Selbstliebe und somit zu nichts nütze und von keinem Wert vor Gott; denn hinter einer solchen Demut steckt allzeit eine verdienstlich scheinende Selbstzufriedenheit, ein Eigenlob und am Ende ein verkappter Hochmut!
HG|3|162|11|0|Sagst du aber zu allem und allzeit aus deinem Lebensgrund: ‚O Herr und Vater, Dein allein heiliger Wille geschehe jetzt wie ewig!‘, dann bist du wahrhaftig demütig vor Gott, und deine Demut hat vor dem Herrn einen Wert!
HG|3|162|12|0|Wer sich nach seinem eigenen Willen noch so sehr erniedrigt, beachtet aber dabei den Willen Gottes nicht, so tut er im Grunde nichts anderes als der, welcher sich eigenmächtig zum Volksherrscher aufwirft!
HG|3|162|13|0|Nur wer seinen eigenen Willen gefangen nimmt und dafür den rein göttlichen in sich geltend und herrschend macht, der ist Gott wohlgefällig und seine Demut ist gerecht vor dem Herrn.
HG|3|162|14|0|Besser ist’s, ein Lump zu sein nach dem Willen des Herrn, als ein Held hinter des Herrn Rücken! Besser, sich seiner eigenen Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit allzeit gewärtig fühlen, als von seiner Tadellosigkeit überzeugt sein!
HG|3|162|15|0|Also ist es auch besser, ein Sünder zu sein aus eigenem reuigen Verschulden, als zu sein ein Gerechter auf eigene Rechnung!
HG|3|162|16|0|Denn der Herr sucht nur das Verlorene, stärkt das Schwache und heilt die Krankheit aus eigener Erbarmung; aber ein Schuldner will Er ewig niemandem sein!
HG|3|162|17|0|Solches beachte nun im Voraus wohl, bis dir der Herr im Tempel ein Näheres dartun wird, und folge uns zu der Pforte! Amen.“
HG|3|163|1|1|Die schreckenserregenden Weltuntergangsszenen beim Aufschließen der Pforte des Tempels. Ohlad und die zehn Boten betreten den Tempel
HG|3|163|1|1|Am 16. November 1843
HG|3|163|1|0|Hier ging Ohlad mit den zehn hin zur Pforte des Tempels, nahm den Schlüssel, legte ihn auf seine Brust und sprach:
HG|3|163|2|0|„Mein Gott und mein Herr! Hier stehe ich, ein sündiger, ohnmächtiger Wurm vor Deinem Heiligtum. Ich empfinde die Größe meiner Unwürde, zu treten in dieses Dein Heiligtum; aber auf Deine unendliche Vaterliebe und Erbarmung bauend, wage ich dennoch zu erfüllen, was Du, o Gott, Herr und Vater, mir durch den Mund Deiner gesalbten Boten zu tun anbefohlen hast!
HG|3|163|3|0|Sollte aber, o Herr, o Vater, mein Fuß zu unwürdig sein, einzutreten in dieses von Dir so hoch geheiligte Haus, so lasse es mich armen Sünder nur eröffnen und dann, vor der geöffneten Pforte auf meinem Angesicht liegend, Dich aus allen meinen Kräften lieben und anbeten!
HG|3|163|4|0|O mein Gott, mein Herr, mein über alles heiliger Vater, – Dein heiligster Wille geschehe jetzt wie ewig! Amen.“
HG|3|163|5|0|Nach dieser guten Herzensanrede küsste Ohlad siebenmal den Schlüssel, steckte ihn dann an und öffnete die Pforte.
HG|3|163|6|0|Als aber die Pforte schon offenstand, da brach aus allen von Hanoch aus sichtbaren Bergen Rauch und Flammen aus; die Erde bebte unaufhörlich; wo nur irgend in der ganzen großen Stadt ein Götzenbild aufgerichtet war, da auch brachen verheerende Flammen aus dem Boden der Erde aus, verzehrten das Bild und schonten die Verehrer solcher Bilder nicht, wo sie sich auch immer aufhielten.
HG|3|163|7|0|Die neunundneunzig zurückgebliebenen Räte samt dem Scheinkönig verfielen in ein Todesangstfieber und harrten unter beständiger Wehklage und Angstgeheul ihres vermeintlichen Unterganges.
HG|3|163|8|0|Einige Beherzte aber machten sich die bittersten Vorwürfe, dass sie nicht den guten Rat des ersten abgegangenen Rates befolgt hatten.
HG|3|163|9|0|Alles Volk in der Stadt, wie der zehn Vorstädte und des ganzen weiten Reiches sah nichts als nur den sicheren Untergang der Welt. Keine Seele in der Tiefe gab es, die da nicht gebebt hätte vor der schrecklichen Erwartung der Dinge, die da nun über den Erdkreis gekommen waren und noch ärger kommen würden.
HG|3|163|10|0|Zur Vermehrung der Angst ward auch die Sonne durch die sich stets mehr und mehr ansammelnden Wolken- und Rauchmassen von all den tausend brennenden Bergen und Hügeln so sehr verfinstert, dass da der Erdboden kein anderes Licht hatte, als das entsetzliche von den zahllosen ununterbrochenen Blitzen und das noch schaudererregendere von den mächtigsten Bergbränden.
HG|3|163|11|0|Hier und da erhoben unterirdische Feuermächte große Strecken des Flachlandes und bildeten neue Gebirge unter dem allermächtigsten Gekrache und Gedonner, und das alles nahm den Anfang, als Ohlad die Pforte des Tempels eröffnet hatte.
HG|3|163|12|0|Das verzweifelte Volk aber, von zu großer Furcht und Angst getrieben, fing an, sich in den Vorhof des Tempels zu flüchten, und scheute sich beim so großartig schauerlichen Anblick verheerender Weltszenen vor dem fortwährenden Blitzen vom Dach des Tempels kaum mehr.
HG|3|163|13|0|Als also aber bald Tausende von zagenden Menschen beiderlei Geschlechts den Vorhof erfüllten, da erst trat Ohlad, der bei der Eröffnung des Tempels alsbald auf sein Angesicht niederfiel und Gott in der größten Zerknirschung seines Herzens angebetet hatte bis zu diesem Zeitpunkt, mit den zehn mit der allerhöchsten Ehrfurcht in den Tempel und fiel dort wieder alsbald auf sein Angesicht vor dem Altar, auf dem der Name Jehova sich befand in der Mitte von feurigen Cheruben und über ihm die weiße Wolkensäule, welche, wie bekannt, bis an den Plafond hinanreichte, und betete das Allerheiligste bei einer Stunde lang an.
HG|3|164|1|1|Der Herr beruft Ohlad zum König. Die Erscheinung des Herrn als Ebenbild Ohlads
HG|3|164|1|1|Am 18. November 1843
HG|3|164|1|0|Als der Ohlad aber also bei einer guten Stunde lang auf seinem Angesicht vor dem Altar gebetet hatte, da rief eine Stimme aus der weißen Wolkensäule:
HG|3|164|2|0|„Ohlad, Ich habe dich angesehen! Erhebe dich, und richte dich empor, auf dass Ich zu dir komme und dich salbe mit dem Öl Meiner Liebe und Erbarmung und dich gürte mit Meiner Weisheit zum Zeugnis des Bundes, den dies Volk mit Mir geschlossen hatte, aber nicht hielt, sondern ihn gar bald schmählichst gebrochen hat und vergaß aller Meiner Wohltaten und Meiner großen Erbarmungen!
HG|3|164|3|0|Ich will dich nun setzen zum rechten König über dieses Volk, und die Gesetze, die du dem Volk geben wirst, sollen auch von Mir bevollkräftigt sein! Und so denn erhebe dich!“
HG|3|164|4|0|Hier erhob sich der Ohlad ganz voll Staunens über diesen wunderbaren Anruf und fragte sogleich die zehn: „Wer aus euch hat denn nun also offenbarst vollkommen im Namen des Herrn zu mir geredet?!
HG|3|164|5|0|Oder ist etwa einer unter euch der Herr Selbst? O zeigt es mir an, wie es mit dieser wunderbarsten Sache steht! Denn die Stimme, die zu mir redete, war erhabener als die Stimme jegliches Menschen; ich halte sie für die Stimme Gottes oder wenigstens eines mit dem Geist Gottes vollst erfüllten Wesens!
HG|3|164|6|0|O redet daher, ihr mächtigen Freunde Gottes, und sagt es mir, wer da diese so heiligen Worte geredet hat zu mir, dem Allerunwürdigsten!“
HG|3|164|7|0|Und einer aus den zehn sprach zum Ohlad: „O Mensch, was fragst du? Was möchtest du erfahren? Siehe, der Herr ist an deiner Seite! Die Stimme Gottes hat zu dir geredet, der Vater hat dich gerufen! Was willst du da von uns?!
HG|3|164|8|0|Magst du unterscheiden die Stimme Gottes wohl von der Stimme eines Menschen, wie fragst du uns da, wo der Herr zu dir kommt und will dich salben zu einem vollmächtigen Zeugnis über die große Untreue alles Volkes gegen Ihn?!
HG|3|164|9|0|Wer dich gerufen hat, Dem melde dich auch sogleich, und suche Ihn nicht unter uns, die wir nur Menschen sind dir gleich; denn der Herr Selbst wird dich salben mit eigener Hand und nicht durch die unsrige! Also wende dich an den Herrn! Amen.“
HG|3|164|10|0|Hier fing der Ohlad an, ganz ehrfurchtsvollst um sich zu schauen, wo etwa der Herr wäre.
HG|3|164|11|0|Der Herr aber sprach sogleich wieder zum Ohlad: „Ohlad, trete hierher hinter diese Wolkensäule, und du wirst Den ersehen, der mit dir geredet hat; denn Ich, dein Gott, dein Herr und dein Vater, harre hier schon lange deiner! Daher komme und überzeuge dich, dass Ich es bin, der dich gerufen hat, und der nun zu dir spricht: Komme und sehe!“
HG|3|164|12|0|Von der allergrößten Ehrfurcht und Liebe ergriffen, begab sich der Ohlad sogleich hinter die weiße Wolke und fand da zu seinem größten Erstaunen sein vollkommen eigenstes Wesen gleich einem sogenannten Doppelgänger.
HG|3|164|13|0|Und dies sein vollkommenes Ebenbild sah ihn fest an und bewegte sich nicht von der Stelle.
HG|3|164|14|0|Den Ohlad übermannte diese Erscheinung, und er fing an, sich zu fürchten.
HG|3|164|15|0|Aber das Ebenbild sprach: „Fürchte dich nicht, Ohlad; denn Ich Selbst bin es, dein Herr und dein Gott und dein Vater!
HG|3|164|16|0|Wundere dich aber nicht wegen unserer Vollähnlichkeit, denn Ich habe dich ja nach Meinem Ebenbild erschaffen. Darum wundere dich dessen nicht, was schon von Ewigkeit in Meiner Ordnung gegründet war!“
HG|3|164|17|0|Diese Worte beruhigten den Ohlad wieder, und er wurde aufmerksam und bat den Herrn in seinem Ebenbild, dass Er zu ihm reden möchte und kundtun Seinen allerheiligsten Willen.
HG|3|165|1|1|Wen der Herr zum König macht, der stellt den Herrn dar
HG|3|165|1|1|Am 20. November 1843
HG|3|165|1|0|Nach solcher Rede kam der Ohlad erst so recht zu sich und fing an, in der Tiefe zu begreifen, woher die große Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Herrn rühre, und fasste auch so viel Mut, um dem Herrn gegenüber fragen und antworten zu können.
HG|3|165|2|0|Er fragte daher, freilich wohl mit der allergrößten Ehrfurcht und in der tiefsten Demut, den Herrn: „O Herr, Du Allmächtiger! Du hast zu mir geredet, dass ich all dem Volk in Deinem Namen ein rechter König sein solle, also auch ein Herr! Denn der das Recht hat, geheiligte Gesetze zu geben, die ein jeder Mensch streng zu beobachten hat, ist doch offenbar ein Herr!
HG|3|165|3|0|Ich aber bin ja nur ein Mensch gleich jedem aus dem Volk, und Du allein bist der Herr! Wie soll ich da auch neben Dir ein Herr sein denen, die Du erschaffen hast, und die das Leben samt mir aus Dir haben?
HG|3|165|4|0|O Herr, verschone mich, den Allerunwürdigsten vor Dir, mit dieser Würde! Lasse mich fortan lieber in den gemeinsten Bürgerstand zurücktreten, denn ich habe freilich wohl allerunrechtmäßigsterweise, bei vierzig Jahre die Herrlichkeit genossen und habe mich bis jetzt vollkommen überzeugt, wie schwer es ist, als Herrscher dem Volk ein Bruder zu verbleiben, – wie schwer, sich den Volksehrungen, die allein Dir, o Herr, gebühren, zu entziehen.
HG|3|165|5|0|Gebe ich auch alles das bei mir selbst Dir, o Herr, wieder in meinem Herzen zurück, so aber scheint es mir doch anderseits unmöglich zu sein, zu bewirken, dass das Volk nie den König, sondern allzeit ganz allein Dich, o Herr, ehrte.
HG|3|165|6|0|Ich aber sehe nun ein, dass Du nur ganz allein würdig bist, alle Ehre, alles Lob, allen Preis, allen Ruhm, alle Liebe und Anbetung von uns Menschen zu nehmen. Daher möchte ich Dich, o Herr, wohl bitten, so es Dein allerheiligster Wille wäre, dieses Amt und diese mein ganzes Gemüt erschauern machende Würde irgendjemand viel Würdigerem und viel Stärkerem zu erteilen, mich aber allergnädigst in den allerniedrigsten Stand zurücktreten zu lassen!“
HG|3|165|7|0|Und der Herr trat hin zum Ohlad und sprach zu ihm: „Ohlad, nun erst erkenne Ich dich wieder als Meinen Sohn und nähere Mich dir als Vater!
HG|3|165|8|0|So aber Ich, dein Vater, ein Herr bin von Ewigkeit, wie möchtest du da als nun Mein Sohn ein Sklave und ein Knecht verbleiben wollen? Oder ehren denn die Menschen auf der Erde nicht zugleich die Eltern, so sie ihren Kindern die Achtung zollen?
HG|3|165|9|0|Also wird auch der Vater von Ewigkeit geehrt in Seinen rechten Kindern; denn die rechten Kinder behalten das nicht für sich, was allein dem Vater gebührt. Und der Vater aber setzt Seine größte Ehre in Seine Kinder, denn nur in den Kindern und durch die Kinder wird der Vater geehrt.
HG|3|165|10|0|So Ich als dein ewiger Vater aber dich, Meinen Sohn, zum König mache und dir die gesetzgebende Gewalt einräume, so stellst du da nicht dich selbst, sondern nur Mich, deinen Vater, dar.
HG|3|165|11|0|Wie aber Ich keine eitle Ehrung für Mich verlange, sondern nur in aller Liebe die alleinige Befolgung Meines Willens, und sage: ‚Wer Meinen Willen tut aus Liebe zu Mir, der ist es, der Mich ehrt im Geiste und in der Wahrheit!‘, also sage Ich euch gleichbedeutend:
HG|3|165|12|0|‚Wer dessen Willen tut, den Ich aufgestellt habe, und hört ihn im Herzen, der hört und ehrt Mich; denn Ich erwähle und salbe nur Meine Kinder, und diese sind vollends eins mit dem Vater, der Ich bin!‘
HG|3|165|13|0|Daher also lasse dich salben zum König über alles Volk in der Tiefe; denn wen Ich zum König salbe, der ist gerecht, – denn Ich weiß es, warum Ich solches tue!“
HG|3|165|14|0|Hier legte der Herr Seine Hand auf das Haupt Ohlads und führte ihn dann vor den Altar, da die zehn standen.
HG|3|166|1|1|Der Herr salbt Ohlad zum König und die zehn Feuerboten zu seinen Ministern
HG|3|166|1|1|Am 21. November 1843
HG|3|166|1|0|Im Vorgrunde des Altars, allda die zehn standen, angelangt, sprach der Herr zu einem aus den zehn: „Gehe hinaus, am Tor des Vorhofs wirst du einen Menschen treffen! Dieser hat eine Kürbisflasche voll Öl. Lasse es dir darreichen, und bringe es hierher, auf dass Ich damit den Ohlad natürlich wie geistig salbe zum König über alles Volk in der Tiefe und dann auch euch salbe zu seinen Ministern und Räten und zur Verwahrung der Feuermacht aus Mir; denn nun sollt ihr nicht wieder auf die Höhe ziehen, da das Volk sich wieder zu Mir kehrt! Und so gehe, und bringe Mir das Öl!“
HG|3|166|2|0|Und dieser ging, fand am Tor den bezeichneten Menschen mit der Kürbisflasche voll des köstlichsten Nardusöles.
HG|3|166|3|0|Und der Bote sprach zum Ölinhaber: „Dich hat der Herr, der allmächtige Gott Himmels und der Erde, bezeichnet, dass du eine Flasche köstlichen Salböles bei dir hast! Eben dieser Gott aber will, dass du das Öl alsogleich mir übergebest, auf dass ich es in den Tempel trage und damit Gott der Herr persönlich und eigenhändig Selbst salbe den ehemaligen Rat Ohlad zum König über alles Volk!“
HG|3|166|4|0|Und der Ölinhaber gab alsogleich das Öl her und sagte zu dem Boten mit der allerhöchsten Ehrfurcht: „O großer Machthaber über alles Feuer in und auf der Erde und in der Luft! Mir hat es heute in der Nacht geträumt, dass da jemand ganz in hellen Flammen zu mir kam und zu mir sagte: ‚Deine Flasche vergesse morgen nicht zu Hause, so du dich von großer Furcht getrieben dem Tempel Gottes nahen wirst; denn Der, dem der Tempel gilt, wird das Öl von dir verlangen lassen durch mich!‘ Und so habe ich denn auch das Öl darum mitgenommen; siehe, nun geht mein Gesicht in die Erfüllung!
HG|3|166|5|0|Gott, dem Allmächtigen, dessen Name überheilig in diesem Tempel geschrieben steht, sei all mein Lob, alle meine Liebe und Anbetung für diese unendliche Gnade und Erbarmung, die Er mir allerärmstem Sünder dadurch erwies, da Er meiner und meines Öles also gnädigst gedacht hat!“
HG|3|166|6|0|Hier fiel der Ölinhaber auf sein Angesicht und betete Gott an in der größten Zerknirschung seines Herzens.
HG|3|166|7|0|Der Bote aber begab sich mit dem Öl sogleich in den Tempel und übergab es dort mit der größten Liebe und Ehrfurcht dem Herrn.
HG|3|166|8|0|Und der Herr nahm das Öl und salbte damit das Haupt des Ohlad. Und als Er dem Ohlad das Haupt gesalbt hatte, sprach Er zu ihm: „Nun bist du ein wahrer König von deines Gottes, deines Herrn und deines Vaters Gnaden! Empfange nun auch Meinen Geist, und leite mit Hilfe dieser zehn, die Ich nun auch zu Ministern salbe und dir belasse, das Volk in Meinem Namen!
HG|3|166|9|0|Solltest du irgendwann höheren Rates benötigen, so begebe dich hierher; da Ich dich nun gesalbt habe, da auch soll dir allzeit der höhere Rat werden!
HG|3|166|10|0|Nun aber wollen wir hinaustreten und allem Volk den neu gesalbten König vorstellen! Also geschehe es!“
HG|3|167|1|1|Während der Salbung verdoppelt sich die Gewalt des Feuersturms. Gewaltige Erdbeben um den Tempel. Das verängstigte Volk. Der Herr gebietet Sturm und Beben Einhalt
HG|3|167|1|1|Am 22. November 1843
HG|3|167|1|0|Der äußere Feuersturm aber verdoppelte sich in seiner Gewalt, und die Erde bebte so mächtig um den Tempel, dass darob die Menschen kaum sich aufrecht zu erhalten imstande waren, während der Herr im Tempel den Ohlad und die zehn salbte.
HG|3|167|2|0|Und die Menschen fingen an zu verzagen, da sie meinten, die Erde werde sie beim lebendigen Leibe verschlingen, und Gott werde niemandem mehr zu Hilfe kommen, indem Er zu voll Zornes und Grimmes geworden ist ob der vielen Untaten, die da in und um Hanoch verübt worden sind.
HG|3|167|3|0|Aber gerade in dem schauerlichsten Moment, als sich die Erde sogar schon um den Vorhof des Tempels gewaltig zu ritzen anfing und aus den Ritzen turmhohe Feuerstrahlen mit dem entsetzlichsten Getöse emporschossen und selbst das Pflaster des Vorhofs hier und da zu dampfen begann und stellenweise heiß wurde, trat der Herr mit dem neugesalbten Könige Ohlad, begleitet von den zehn Boten, aus dem Tempel.
HG|3|167|4|0|Das Volk aber kannte den Herrn nicht, wohl aber die zehn Boten und den Ohlad; es fiel daher auch vor den zehn nieder und schrie laut, sie möchten doch Gnade bei Gott für sie erwirken.
HG|3|167|5|0|Die zehn aber sprachen: „Ist denn Gott nicht ebenso gut euer wie unser Vater? Also wendet euch an den Vater, und Er wird euch Gnade reichen, so ihr deren würdig seid!
HG|3|167|6|0|Wir aber sind gleich wie ihr und haben bei Gott kein Vorrecht vor euch und keine Mehrgeltung; daher können wir auch eure Bitte nicht anhören und tun danach, indem wir dadurch uns göttliche Eigenschaften anmaßten und zu größeren Frevlern vor Gott würden, als da sind die Vater-, Mutter- und Brudermörder!
HG|3|167|7|0|Hier aber ist der vom Herrn Selbst gesalbte König Ohlad! Redet mit ihm, und er wird euch den Weg zum Vater zeigen, der allein Sich euer erbarmen kann und auch erbarmen wird, so ihr euch im Herzen ernstlich reuig über eure Sünden zu Ihm wendet!“
HG|3|167|8|0|Hier wandten sich die Flehenden an den Ohlad und baten ihn wie Verzweifelte, ihnen den Weg zu Gott, dem Herrn und Vater, zu zeigen.
HG|3|167|9|0|Der Ohlad aber wandte sich an den Herrn und sprach: „O Vater, offenbare Dich dem Volk, auf dass mir nicht die Ehre zuteilwerde, als vermöchte ich mehr denn das Volk über Deinen allerheiligsten Willen!“
HG|3|167|10|0|Hier erst trat der Herr vor, hob Seine allmächtige Hand auf und sprach: „Erde, nun sollst du schweigen, wenn Ich rede zu Meinen Kindern! Weiche zurück, alles Ungetüm, und du, Sonne, lasse wieder deine Strahlen auf der Erde Boden fallen ganz ungetrübt! Amen.“
HG|3|167|11|0|Als der Herr solches geredet hatte, da verstummte plötzlich aller Sturm in, auf und über der Erde. Kein Wölkchen war mehr am ganzen Firmament zu sehen, und kein Berg brannte irgendwo mehr.
HG|3|167|12|0|Und alles Volk fiel plötzlich nieder und lobte und pries Gott für diese Errettung, denn dieses plötzlich gänzliche Zunichtewerden des Sturmes war eine zu großartig wunderbarste Erscheinung für alles Volk, als dass es einer anderen Meinung sein konnte und mochte darin nicht die Macht und Liebe und Gnade Gottes erkennen.
HG|3|167|13|0|Was aber darauf weiter geschah, wird die Folge zeigen.
HG|3|168|1|1|Die Rede des Herrn zum Volk. Das Verhältnis des Volkes zum König
HG|3|168|1|1|Am 23. November 1843
HG|3|168|1|0|„Kinder“, sprach der Herr zum Volk, „tretet hierher, und fürchtet euch nicht vor Mir, euerm ewigen Vater; denn Ich habe euch heimgesucht, nicht um euch zu richten, sondern um euch Meine Gnade und Erbarmung angedeihen zu lassen!
HG|3|168|2|0|Diesmal aber hat es viel gekostet! Durchs Feuer musste Sich der Vater wieder den Weg zu euren Herzen bahnen und musste allorts die Erde verwunden, um zum noch hie und da ein wenig belebten Eingeweide zu gelangen und in selbem durch einen neuen Odem des Lebens aus Mir, eurem Gott und Vater, dem ganz verkümmerten Geist aufzuhelfen!
HG|3|168|3|0|Durch eine große Todesangst in euch musste Ich eure völlig zerstreute Seele sammeln und sie also völlig neu umgestalten, damit sie wieder fähig werde, das Leben des Geistes aus Mir in sich geltend zu machen und sich leiten zu lassen von der gar sanften Kraft desselben!
HG|3|168|4|0|Wahrlich, eine große Mühe habt ihr Mir bereitet! Eure stets wachsenden Sünden haben Meine Geduld und Langmut auf eine überaus starke Probe gesetzt! Nicht viel mehr fehlte es, dass da der sonst mächtigste Faden Meiner Geduld bei der Mitte abgerissen wäre, da die große und schwere Last eurer Sünden ihn zu sehr ausgedehnt, abgedämmt [abgedünnt] und somit geschwächt hatte!
HG|3|168|5|0|Meine Liebe aber spann sogleich einen neuen Faden; durch diesen verband Ich Mich mit euch nun wieder von neuem und habe für euch erweckt und gesalbt einen neuen König, der euch leiten wird auf Meinen Wegen, die allzeit gerade und eben sind.
HG|3|168|6|0|Diesem Könige habt ihr, wie alles Volk in der Tiefe, in allem die strengste Folge zu leisten. Er wird euch daher Gesetze geben, die ihr zu halten habt, und wer sich den Gesetzen widersetzen wird, der soll sogleich gestraft werden nach der Heiligung des Gesetzes.
HG|3|168|7|0|Das ist nun Mein Wille! Ich aber werde euch von nun an fortwährend Könige geben; gute, so ihr in Meiner Liebe verbleiben werdet, – aber auch Tyrannen, so ihr von Mir eure Herzen abwenden werdet. Das merkt euch wohl!
HG|3|168|8|0|Wenn ihr aber euch rotten werdet wider die Könige, wider die Leiter und Führer, dann werdet ihr euch rotten gegen Mich, und der Vater wird Sich umgestalten und umwandeln in den Richter und wird euch allen geben ein Gericht, des Name reichen soll bis ans Ende aller Zeiten für diese Erde!
HG|3|168|9|0|Wenn ihr aber mit einem König unzufrieden sein solltet, da wendet euch zu Mir, und Ich werde dafür sorgen, dass euch ein rechter König werde! Werdet ihr aber selbst anfangen, Könige zu salben hie und da, dann werde Ich Meine Sorge um euch zurückziehen und werde euch überlassen aller Tyrannei eines von euch gewählten Königs!
HG|3|168|10|0|Ihr wisst nun Meinen Willen aus Meinem sichtbaren Munde. Handelt danach, so wird es euch wohlgehen auf Erden, und Ich werde euch nicht fallen lassen; im Gegenteil aber bleibt das Gericht unvermeidlich! Amen.“
HG|3|168|11|0|Nach diesen Worten hieß der Herr das Volk auseinandergehen, stellte dann den früheren Ölspender zum Tempelwächter auf und begab sich dann mit dem König und den anderen zehn auf den Berg, allwo der andere Tempel stand.
HG|3|168|12|0|Was weiter, – in der Folge.
HG|3|169|1|1|Die Rede des Herrn über den Sinn des äußeren Tempels
HG|3|169|1|1|Am 24. November 1843
HG|3|169|1|0|Auf dem Berg, wo der Tempel stand, angelangt, sprach der Herr zum Ohlad:
HG|3|169|2|0|„Siehe, hier salbte Ich den Lamech mit der Weisheit zum Priester vollkommen, darum er aus großer Liebe zu Mir diesen Tempel erbaut hat und weihte ihn nach Meinem Willen zum Lob der Weisheit, die ihm da ward aus Mir!
HG|3|169|3|0|Daher erinnere Ich dich daran, auf dass du in dir lebendig innewerdest, in welchem Sinne geistig dieser Tempel hier steht, und was du und jedermann in ihm tun und suchen solle!
HG|3|169|4|0|Es hat zwar ein jeder Mensch einen lebendigen Tempel der Weisheit in sich! Wenn er in demselben Mir das Lob der Weisheit gegeben hat, so kann er dieses Tempels wohl entbehren.
HG|3|169|5|0|Aber dessen ungeachtet habe Ich hier auch einen äußeren, sichtbaren Tempel errichtet zum Gedächtnis an den inneren, lebendigen, auf dass da ein jeglicher Mensch, der in diesen Tempel eintritt, sich erinnere, dass Ich allein der Herr bin und allein alle Macht habe, wie in und über allen Himmeln, also auch auf, in und unter der Erde!
HG|3|169|6|0|Wären die Menschen der Tiefe gleich Meinen, freilich wohl wenigen, wahrhaftigen Kindern auf der Höhe, da bedürften sie keiner sichtbaren Tempel! Aber sie sind so grob wie diese äußere Materie, aus welcher dieser Tempel angefertigt ist; daher müssen sie auch ein grobsinnliches Zeichen haben und müssen sich anstoßen an dieser äußeren, harten Materie und die eigene daran zerschellen, damit dann erst ihr Inneres frei wird und sie dann aus diesem groben, äußeren, toten Tempel in den inneren, lebendigen eingehen können, so sie das ernstlich wollen!
HG|3|169|7|0|Und in diesem Sinne übergebe Ich denn nun auch dir diesen Tempel! Lehre das Volk darum auch in diesem Sinne in diesen Tempel treten und in ihm den inneren, wahren, lebendigen Tempel suchen und finden, – dann wird dir und jedem, der solcher deiner Lehre ernstlich folgen wird, die wahre, innere, lebendige Weisheit aus Mir werden!
HG|3|169|8|0|Wer aber nur aus einer gewissen Gewohnheit, um sein törichtes Gewissen zu beschwichtigen, in diesen Tempel treten wird, der tut besser, so er draußen bleibt; denn wer sich an diesem Tempel nicht stößt und nicht zerschellen macht seine Materie, der wird darinnen kein Leben des Geistes und dessen Weisheit finden, wohl aber das Gericht seines Geistes in die Materie und durch diese den Tod.
HG|3|169|9|0|Solches habe Ich dir nun in der Gegenwart deiner Minister und Meiner Knechte kundgetan, und so denn wollen wir nun auch in diesem Sinne mit unserem Eintritt diesen Tempel wieder eröffnen! Amen.“
HG|3|169|10|0|Hier gingen der Herr, der Ohlad und die zehn in den Tempel. Der Herr segnete sie alle und den Tempel wieder und sagte dann:
HG|3|169|11|0|„Nun ist bisher wieder die alte Ordnung hergestellt! Wacht und seid tätig in Meinem Namen; bekehrt das Volk, und Meine Liebe, Gnade und Erbarmung sei euer Lohn ewig! Amen.“
HG|3|169|12|0|Darauf verschwand der Herr, und der Ohlad ward voll Geistes und begab sich mit seinen neuen Ministern in die alte Lamechsche Königsburg.
HG|3|169|13|0|Was aber da weiter geschah, wird die Folge zeigen.
HG|3|170|1|1|König Ohlads Auseinandersetzung mit den übrigen neunundneunzig Räten
HG|3|170|1|1|Am 25. November 1843
HG|3|170|1|0|Daheim in der alten Lamechsburg angelangt, teilte er den zehn Ministern sogleich ihre Wohnungen zu und begab sich dann eben wieder mit den zehn in die neue große, goldene Residenz der ehemaligen tausend Räte, um dort den noch übrigen neunundneunzig Räten das consilium abeundi [den Rat, wegzugehen] zu geben, so sie sich nicht dem göttlichen Gesetz unterziehen möchten.
HG|3|170|2|0|Ohlad, den die neunundneunzig für verloren hielten, aber trat gerade mit den zehn in den großen Ratssaal, als die noch übrigen neunundneunzig um ihren Scheinkönig versammelt waren und untereinander einen Rat hielten, ob sie den Rat der Tausend wieder komplettieren sollten oder nicht. Oder sollten sie bei den hundert verbleiben und nur an die Stelle Ohlads einen Mann aus den Bürgern wählen? Oder sollten sie gar nur bei ihrer gegenwärtigen Anzahl verbleiben?
HG|3|170|3|0|Die plötzliche Erscheinung Ohlads aber in der Mitte der zehn Schreckensmänner brachte die neunundneunzig Räte samt ihrem Scheinkönig in die größte Verlegenheit und nicht geringe Angst nebenbei.
HG|3|170|4|0|Sie hoben daher auch sogleich die Beratung auf, erhoben sich von ihren Plätzen und empfingen anfangs den Ohlad samt den zehn mit der größten Scheinfreundlichkeit, und fragten ihn dabei dennoch sehr neugierigen Geistes, wie seine gute, aber höchst gewagte Sache an der Seite solch unerhörter Elementarkalamitäten ausgefallen sei, und was da die Folge sein werde.
HG|3|170|5|0|Ohlad aber sprach: „Hier sind nun meine Minister! Diese werden euch die rechte Antwort geben!“
HG|3|170|6|0|Als die neunundneunzig solche Worte aus seinem Munde vernommen hatten, da wussten sie schon ungefähr, wie die Sache ablaufen werde, und einer aus ihnen sprach etwas witzig:
HG|3|170|7|0|„Wenn die zehn deine Minister sind, da haben wir die Antwort schon, und ich sehe meinen alten Grundsatz bestätigt, demzufolge sich das Glück allzeit die dümmsten Individuen aussucht und lässt die Weisen sitzen.
HG|3|170|8|0|Denn dein Unternehmen mit der Wiedereröffnung der Tempel ist zu tollkühn, als dass ein wahrhaft nüchternweiser Mann darüber auch nur ein unnützes Wort verlieren sollte!
HG|3|170|9|0|Dass es dir aber, wie einer blinden Henne, gelungen ist, mit heiler Eselshaut durchzukommen und dir die zehn Feuertiger gleich einem taumelnden Esel zu Freunden zu machen, das gehört in die Annalen der Welt unter der Aufschrift mit goldenen Zeichen: ‚Höchster Kulminationspunkt eines Eselsglücks!‘
HG|3|170|10|0|Dass du unter uns allgemein anerkannt als der dümmste Rat warst, wird dir hoffentlich nicht unbekannt sein, und zwar aus dem Umstand, weil du und dieser unser gegenwärtiger Scheinkönig, der ebenfalls samt dir das Goldmachen nicht erfunden hat, um diese Würde gelost habt! Denn es war ausgemacht, dass der Dümmste ein König sein solle!
HG|3|170|11|0|Kurz und gut, was dir damals das Los versagt hat, das gab dir jetzt deine Eselshaut! Du bist König, und die zehn Feuerfresser sind deine Minister! Im Winter werden sie dir aber offenbar die besten Dienste leisten! Dass wir aber unter deiner Königschaft nicht hier verbleiben werden, das wird doch auch gewiss sein!“
HG|3|170|12|0|Und der Ohlad sprach: „Ja, ihr werdet hinausgestäupt werden; aber zuvor werdet ihr von mir noch einige Gesetze auf die Reise mitbekommen! Diese werdet ihr allenthalben streng zu beobachten haben, – widrigenfalls euch Gott, der Herr, züchtigen wird mit flammenden Ruten!
HG|3|170|13|0|Seht, auch das gehört zum Eselsglück, dass mir der Herr einen Züchtiger an den Frevlern meiner Gesetze in jedem Augenblick abgibt!
HG|3|170|14|0|Und so macht euch bereit zum Empfang meiner Gesetze! Amen.“
HG|3|171|1|1|Die neunundneunzig Räte protestieren gegen die Gesetze König Ohlads
HG|3|171|1|1|Am 27. November 1843
HG|3|171|1|0|Der Redner aus den neunundneunzig Räten aber sprach, anstatt sich auf den Empfang der Gesetze vorzubereiten:
HG|3|171|2|0|„Das ginge uns gerade noch ab! Behalte du deine sicher nicht vielsagenden Gesetze nur ganz fein bei dir samt der göttlichen Strafsanktion; denn es ist genug, dass wir freiwillig auswandern und dir somit die Alleinherrschaft überlassen!
HG|3|171|3|0|Aber durch die Annahme irgend sanktionierter Gesetze deine Alleinherrschaft auch über uns anzuerkennen, wo wir auch immer hinziehen und uns wohnhaft machen möchten, das werden wir bleibenlassen und gegen ein gewaltsames Aufdringen sogar zu protestieren wissen!
HG|3|171|4|0|Denn gibt es einen Gott, der dir auf den alten Thron dieser Stadt verhalf, so muss Er gerecht sein und weise; ist Er aber das, da kann Er unmöglich jenen Wesen, die frei sein sollen nach Seinem Schöpfungsplan, Gesetze aufdringen wollen, durch die sie in alle Sklaverei gesetzt werden!
HG|3|171|5|0|Ein freies Geschöpf unter Gesetzen ist doch sicher der größte Widerspruch, die größte Unordnung, ein in Säcke eingepferchter Wind! Wie sollte sich so ein Widerspruch in Gott, der die höchste Freiheit Selbst ist und ewig sein muss, wohl je vorfinden?!
HG|3|171|6|0|Ja, wo große Menschengesellschaften, wie hier in Hanoch, beisammenleben, da sind gewisse Einteilungen als sittlich bürgerliche Gesetze vonnöten; aber ihr Grund ist eben kein anderer als die Aufrechthaltung der Freiheit eines jeden gebildeten Menschen, und im Gegenteil für den noch nicht gebildeten aber eine Schule zur Bildung seines Wesens für die Freiheit.
HG|3|171|7|0|Siehe, da sind gewisse Gesetze vonnöten, denn ohne sie wäre der gebildete Mensch unter den ungebildeten gerade so gestellt, als befände er sich unter den reißenden Bewohnern eines dichten Waldes.
HG|3|171|8|0|Wenn aber irgendeine ganz wohlgebildete Menschengesellschaft sich irgendwo auf einem noch freien Platz der Erde ansiedelt, die zufolge ihrer hohen Bildung wohl sicher wissen wird, was sie zu tun hat, wofür und warum sollte sie sich da durch Gesetze von Seiten eines Menschen, mit dem sie ewig nichts mehr zu schaffen haben wird, binden lassen?
HG|3|171|9|0|Sage, kann dafür selbst die höchste Weisheit im Gottwesen auch nur einen halbwegs vernünftigen Grund dartun?
HG|3|171|10|0|Wir genügen uns! Werden wir unter uns Gesetze für nötig finden, da werden wir sie uns schon selbst geben; solange aber dies nicht der Fall sein wird, bleiben wir frei und leben unter dem alleinigen Gesetz der gegenseitigen Freundschaft! Und werden wir etwas ins Werk setzen wollen, da werden wir uns gegenseitig beraten; und was die Mehrzahl für gut findet, bei dem hat es zu verbleiben.
HG|3|171|11|0|Also ist es auch jetzt unser allgemeiner Entschluss, von dir unter gar keiner Bedingung Gesetze anzunehmen, wes Inhaltes sie auch immer sein mögen! Ja, wir verbitten uns sogar einen Rat von deiner nun alleinköniglichen Seite!
HG|3|171|12|0|Lasse uns daher frei fortziehen, wie wir dich zur Eröffnung der Tempel fortziehen ließen; darin allein bestehe, was wir von dir verlangen und von dir dann auch annehmen!“
HG|3|171|13|0|Als der Ohlad solches vernommen hatte, erregte er sich und sprach: „Amen, sage ich, und ihr werdet dieses Gebäude nicht eher verlassen, bis ihr euren starren Willen und euren großen Hochmut unter mein Zepter werdet gebeugt haben!
HG|3|171|14|0|Ich kenne eure Absicht; sie ist meuterischer Art! Daher ist das nun mein erstes Gesetz an euch, dass ihr so lange hier gehalten werdet, bis ihr nicht die Demut als den Kulminationspunkt aller menschlichen Freiheit anerkennen werdet!
HG|3|171|15|0|Denn nicht um eure physische, sondern um eure geistige Freiheit handelt sich’s hier! Diese aber bestehe in der Demut und nicht im meuterischen Hochmut! Besiegt den zuerst, und es wird sich zeigen, ob euch meine Gesetze in eurer Freiheit beirren werden oder nicht! Also geschehe es! Amen.“
HG|3|172|1|1|Die neunundneunzig Räte beschuldigen König Ohlad des Hochmuts und der Meuterei
HG|3|172|1|1|Am 28. November 1843
HG|3|172|1|0|Nach dieser Einrede Ohlads nahm sich der Redner aus den neunundneunzig erst recht zusammen und richtete folgende ganz vollernsten Worte an den Ohlad, wie auch zugleich an die zehn Minister:
HG|3|172|2|0|„Was sprichst du hier von einem Hochmut, was von einer meuterischen Gesinnung? Siehst du mich denn für einen Betrüger und schändlichsten Lügner an und für eine feige Memme, die vor dir beben solle, wie etwa das Laub der Pappel vor einem Sturm? Oh, da irrst du dich gar gewaltig!
HG|3|172|3|0|Meinst du denn, ich werde mit Hilfe dieser meiner Brüder mir draußen ein Heer sammeln und werde dann mit demselben hierherziehen und dich vom dir von Gott gesicherten Thron vertreiben? Oh, da sage ich dir, dass du nichts auf der Welt weniger zu fürchten hast denn das!
HG|3|172|4|0|Meinst du denn, ich weiß es etwa nicht, wie dich der Gottheit Geist sichtbar im Tempel zum König gesalbt hat und dir diese zehn Feuermänner zu unbesiegbaren Ministern gab?
HG|3|172|5|0|Meinst du, mir sind die Feuersturmszenen, die diese zehn hergerufen haben, entgangen? O mitnichten; denn ich habe dich durch meine Diener genau beobachten lassen!
HG|3|172|6|0|Darum aber weiß ich nun auch, was ich zu tun habe! Oder hältst du mich denn wohl im Ernst für so dumm, als möchte ich mich mit denen in einen Kampf einlassen, denen alle Elemente zu Gebote stehen, und könnte etwa gar gegen die alte Allmacht Gottes ins Feld ziehen?
HG|3|172|7|0|O du grober Tor! Bitte du zuerst Den, der dich zum König gesalbt hat, um Erhaltung deines Gehirns, auf dass du die Menschen, die deine Brüder sind, also erkennen wirst, dass sie dennoch deine Brüder sind, obschon du nun über ihnen auf dem Thron sitzt!
HG|3|172|8|0|Gott hat einem jeden Menschen die Vernunft und den Verstand und daneben den freien Willen gegeben und in diesen drei Stücken auch zugleich drei Hauptgesetze, und zwar: durch die Vernunft, dass der Mensch alles Gute und Wahre vernehmen solle, und durch den Verstand, dass er das Vernommene ordne und das ganz Reine erkenne, und durch den freien Willen, dass er danach das ganz Reine frei erwähle, es behalte und danach tätig werde.
HG|3|172|9|0|Ist es nicht also?! Ist das nicht die göttliche Ordnung, darum Gott den Menschen also erschuf und ihn ausstattete mit diesen drei obersten Gesetzen, dass er danach tätig sei?!
HG|3|172|10|0|Tue ich aber etwas anderes? Handle ich nicht nach diesen göttlichen Prinzipien? Handle ich nicht der göttlichen Ordnung gemäß, so ich nach jenen geläuterten drei Grundsätzen, also rein vernünftig, vollkommen verstandesgemäß und freiwillig aus mir selbst handle und lasse mich durch kein anderes Gesetz beschränken, weil ich das urgöttliche in mir erkenne und es höher achte als jedes menschliche, das schon dadurch nicht mehr rein ist, weil ein Mensch nur dann einem wohlgebildeten anderen Menschen ein Gesetz aufdringen will, so er das Reingöttliche in seinem Bruder für nichts mehr achtet, was soeben bei dir nun gegen uns der Fall ist!
HG|3|172|11|0|Du warntest mich vor dem Hochmut und vor der Meuterei; ich aber frage dich, wer aus uns nun hochmütiger ist, und wer mehr ein Meuterer?
HG|3|172|12|0|Du willst uns unter dein Zepter gebeugt haben, willst uns mit Gesetzen belasten? Bist du da nicht ein Meuterer gegen die heiligen göttlichen Rechte in eines jeden gebildeten Menschen Brust und nicht hochmütig, so du uns, deine Brüder, unter dein Zepter gebeugt haben willst?
HG|3|172|13|0|Daher gehe und bitte Gott um Erleuchtung deiner drei Grundgesetze in dir; dann komme, und beurteile, ob die unsrigen nicht desselben Ursprungs sind wie die deinigen!
HG|3|172|14|0|Lerne das Göttliche zuvor in deinen Brüdern kennen und achten, und urteile dann erst, ob sie neben den göttlich lebendigen Gesetzen auch der deinigen toten bedürfen!
HG|3|172|15|0|Solches verstehe zu deiner Not; ich habe zu dir also geredet im Namen unser aller!“
HG|3|173|1|1|König Ohlad überlässt es einem der zehn Minister, mit den neunundneunzig Räten zu reden
HG|3|173|1|1|Am 29. November 1843
HG|3|173|1|0|Ohlad aber, als er solche Rede von dem Redner der neunundneunzig vernommen hatte, wandte sich alsbald zu seinen Ministern und fragte sie, was da mit diesem hartnäckigen Oppugnanten zu machen sein werde. Solle man ihn mit seinen Genossen wohl ohne die göttliche Pflichtlehre hinausziehen lassen, oder solle man ihn mit Feuergewalt dazu zwingen, dass er die überaus wohlgemeinte Pflichtlehre anhöre?
HG|3|173|2|0|Und die zehn Minister sprachen einstimmig: „Du weißt, wo der Herr Gewalt braucht, da richtet Er auch schon! Sollten wir nun in Seinem Namen das tun, so würde Er uns dazu sicher ausdrücklich ermächtigen! Allein wir alle sind auf die Geduld angewiesen; daher haben wir auch so lange bei ihr zu verbleiben, bis uns der Vater einen anderen Wink geben wird.
HG|3|173|3|0|Gebe Gutes fürs Schlechte, Feines für Grobes, Honig für Galle, Öl für Essig, Gold für Salz, Edelsteine für Lehm, und es wird sich alsbald zeigen, was mit diesen starken Gegnern zu machen sein wird! Greife sie mit ihren eigenen Waffen an, und du wirst sie am leichtesten und am ersten besiegen!“
HG|3|173|4|0|Ohlad aber sprach: „Du hast recht, das wäre wohl der sicherste Weg; aber da müsste ich eine bessere Zunge haben! Ich vernehme wohl ganz klar und deutlich, was ich ihm, diesem Zungenhelden, erwidern soll, – aber da ich noch zu wenig mich geübt habe, also von innen nach außen hin zu sprechen, so geht es mir etwas schwer. Du aber hast darinnen schon die größte Fertigkeit erlangt; daher bitte ich dich, geliebtester Bruder, führe du an meiner statt ein gediegenes Wort, das da sicher in aller Kürze diese Halsstörrigen beugen wird!“
HG|3|173|5|0|Und der Hauptredner aus den zehn sagte solches sogleich dem Ohlad zu, übernahm das Wort und richtete sogleich folgende Worte an die neunundneunzig, sagend nämlich:
HG|3|173|6|0|„Höre, du mächtiger Vertreter deiner Genossen! Was sträubst du dich denn so sehr vor der Annahme einer Lehre von Seiten dessen, von dem du weißt, dass er vom Geist Gottes Selbst im Tempel zum König gesalbt ward?
HG|3|173|7|0|Du weißt wohl, welche Macht wir von Gott besitzen, und wir hingegen sind vollkommenst in uns überzeugt, dass du gegen uns dich ewig nie mit was immer für einer Macht wirst behaupten können, und haben daher durchaus nicht nötig, uns vor dir nur im Allergeringsten irgend zu fürchten; denn die Gewalt und die Zuchtrute hat der Herr in unsere Hände gelegt, und so könnt ihr uns selbst mit Hilfe der ganzen Erde nichts anhaben!
HG|3|173|8|0|Wir aber beabsichtigen, euch als unsere Brüder durchaus nicht zu züchtigen, sondern euch nur eine Lehre auf die Reise mitzugeben, der zufolge ihr wohl nur überaus glücklich, nie aber unglücklich werden könnt. Solches verbürgen wir euch bei aller unserer uns von Gott verliehenen Macht.
HG|3|173|9|0|Sagt nun, – wollt ihr unter solcher Bedingung auch keine Lehre als Lebensnorm von uns annehmen?“
HG|3|173|10|0|Und der Redner der neunundneunzig sprach: „Ja, unter solcher Bedingung nehmen wir jede Lehre an als eure freien Brüder; aber zu Sklaven lassen wir uns auch von Gott Selbst nicht machen durch sanktionierte Gesetze! Eher soll Er uns samt der ganzen Erde verbrennen lassen!
HG|3|173|11|0|Und so sind wir allzeit bereit, von euch eine gute und weise Lehre anzuhören und auch anzunehmen, so sie uns gefällt!
HG|3|173|12|0|Und also mögt ihr reden; aber versteht wohl, ohne Sanktion!“
HG|3|174|1|1|Über Gesetze. König Ohlad verkündet den neunundneunzig Räten den göttlichen Willen
HG|3|174|1|1|Am 1. Dezember 1843
HG|3|174|1|0|Darauf wandte sich der Redeführer aus den zehn an den Ohlad wieder und sprach zu ihm: „Nun, Bruder, magst du hingehen und den neunundneunzig den Willen des Herrn kundtun; sie werden dich hören!
HG|3|174|2|0|Aber von der Sanktion rede ja kein Wort, denn der geoffenbarte göttliche Wille, welcher hervorgeht aus der ewigen Ordnung Gottes, sanktioniert sich von selbst! Verstehst du es?
HG|3|174|3|0|Überhaupt ist ein Gesetz, dem man eine Sanktion erst hinzufügen muss, schon darum schlecht, verwerflich, nicht annehmbar und leer, indem es die Sanktion nicht in sich trägt als ganz natürlich gerechte Folge der Übertretung desselben. Und eben solche leeren Gesetze fürchten diese Helden, und das mit Recht; denn solche Gesetze machen den Menschen allzeit zu einem wahren Sklaven.
HG|3|174|4|0|Aber jene Gesetze von oben aus der ewigen, göttlichen Ordnung fürchten diese Helden nicht; denn sie wissen es nicht, dass diese Gesetze schon von Ewigkeit die Sanktion in sich tragen, so wie ein jeder Mensch einen ihn strafenden Geist in seinem Gewissen in sich trägt.
HG|3|174|5|0|Daher gehe nun hin, und mache ihnen den göttlichen Willen bekannt, und sie empfangen damit unter einer Haut den Führer und den Richter zugleich; also tue es!“
HG|3|174|6|0|Diese Worte begriff Ohlad gar wohl, ging darum alsbald zu den neunundneunzig hin und richtete folgende Worte an den Hauptredner aus den neunundneunzig:
HG|3|174|7|0|„Da ich durch meinen Minister eure Einwilligung überkommen habe, der zufolge ihr mich anhören wollt, so will ich denn auch vor euch im Namen des Herrn Himmels und der Erde meinen Mund auftun und euch verkünden in ganz wenigen Worten, was der Herr von euch verlangt, und was euch allen nottut zu eurem zeitlichen, wie auch dereinst zu eurem ewigen Wohl. Und darum bitte ich euch als euer Bruder, dass ihr mich ganz geduldig anhören wollt!
HG|3|174|8|0|Also aber lautet der göttliche Wille an mich, an euch und an jeglichen Menschen: ‚Erkennt und liebt Gott über alles, alle eure Brüder und Schwestern aber so, wie jeder sein eigenes Leben; meidet überflüssige Genüsse des Fleisches und denkt, dass es nur einen Herrn gibt, wir Menschen aber sind lauter Brüder untereinander, – so werdet ihr gerecht sein und rein vor Gott und aller Welt, wo ihr auch immer sein werdet, und der Herr wird euch segnen und führen überall eurem ewigen Glück entgegen!‘
HG|3|174|9|0|Das ist die reine, göttliche Ordnung, in der allein nur alle Dinge existierbar gedacht werden können; ohne sie aber gibt es ewig keine Existenz irgendeines Seins. Nun habt ihr schon alles!
HG|3|174|10|0|Wollt ihr nun fortziehen oder hier verbleiben, das ist mir gleich; nur das müsst ihr euch gefallen lassen, dass ihr euch selbst das Brot erwerbt, damit der Bürger von einer starken Last befreit werde.
HG|3|174|11|0|Übrigens werde ich vor das Herz der Bürger keinen Riegel schieben, so wenig als vor das meinige!
HG|3|174|12|0|Ich aber werde selbst für mich und meine Minister die Bedürfnisse sehr zu beschränken suchen und den Bürgern das Leben so viel als möglich erleichtern.
HG|3|174|13|0|Tut ihr desgleichen, und ihr könnt bleiben und bewohnen diese Burg!“
HG|3|175|1|1|Wie soll der endliche Mensch den unendlichen Gott lieben können?
HG|3|175|1|1|Am 2. Dezember 1843
HG|3|175|1|0|Als die neunundneunzig solches vom Ohlad vernommen hatten, da erhob sich ihr Hauptredner wieder und sprach zum Ohlad: „Du hast im Grunde eben nicht unrecht, – freilich nur dann, wenn man die Sache so mehr oberflächlich betrachtet; fühlt man aber derselben Sache näher auf den Zahn, so hast du damit den widernatürlichsten Wahnsinn von der Welt uns hier kundgetan!
HG|3|175|2|0|Damit du aber siehst, dass ich dir im Namen meiner Brüder nicht etwa einen bösgemeinten Satz entgegengestellt habe, so will ich dir ihn gehörig beleuchten! Kannst du mir ihn widerlegen, so nehmen wir alle augenblicklich jedes Gesetz von dir an; kannst du aber das höchst sicher nicht, so ziehen wir ab und schenken dir deine Lehre samt diesem goldenen Palast! Und so wolle du mich denn gutmütig vernehmen!
HG|3|175|3|0|Was deine angeratene Erkenntnis Gottes betrifft, da sage ich dir nichts anderes als das: Versuche du einmal einen Berg auf einmal in den Mund zu stecken und ihn dann auf einen Druck zu verschlingen! Meinst du wohl, dass dir solches möglich sei?
HG|3|175|4|0|Oder schöpfe das ganze Meer und all die großen Ströme in ein kleines Gefäß! Meinst du wohl, dir wird solches gelingen?
HG|3|175|5|0|Nun aber denke dir den unendlichen, großen, ewigen Gott in Sich Selbst, wie in Seinen unendlich großen und zahllos vielen Werken, und dann dich bestaubtes, allerengst beschränktes und begrenztes Würmchen hinzu! Sage, wie wirst du es anfangen mit der Erkenntnis des ewigen, unendlichen Gottes?!
HG|3|175|6|0|Wird Sein endloses Alles wohl Platz haben in deinem völligen Nichts vor Ihm? Oder kannst du dich mit Erkenntnis Gottes rühmen, so du allenfalls höchstens so viel kennst von Ihm als ich?
HG|3|175|7|0|Oder glaubst du wohl den ganzen Gott gesehen zu haben, so Er durch einen auswirkenden Geist, also nur durch einen allereinzigsten Kraftstrahl aus Ihm, Sich dir beschaulich dargestellt hatte?
HG|3|175|8|0|O siehe, wie töricht musst du noch sein, wenn du noch solches Glaubens bist!
HG|3|175|9|0|Wahrlich, ich halte den für den hochmütigsten und größten Toren von der Welt, der sich damit brüsten möchte – entweder durch seine Handlungen oder durch seine Worte –, als bestrebe er sich, entweder Gott zu erkennen, oder er habe Ihn schon etwa gar erkannt, – was eben bei dir stark der Fall zu sein scheint, indem du sogar uns diese Erkennung oben also anempfohlen hast, als wärest du von deren Vorteil schon – Gott weiß es, wie sehr – überzeugt!
HG|3|175|10|0|Diesen Unsinn wirst du hoffentlich einsehen, der aber sich doch hören lässt!
HG|3|175|11|0|Aber wie verhält es sich mit dem ‚Liebe Gott über alles!‘? – Bruder, Freund! Könnte ich dir nun meinen Kopf aufsetzen mit meinem so ziemlich hellen Verstand, du würdest erschaudern vor deiner Dummheit!
HG|3|175|12|0|Siehe, das, was wir Liebe nennen, ist die eigentliche Lebenskraft des Menschen! Je stärker seine Liebe ist, desto stärker auch ist sein Leben! Bei den alten Menschen nimmt die Liebe ab, und im selben Verhältnis auch das Leben. Der Tod ist der Liebe Garaus und somit auch des Lebens, das lehrt uns die tägliche Erfahrung.
HG|3|175|13|0|Sage mir aber, wie viel der Lebenskraft hat denn wohl in dir Platz? Siehe, sicher nicht mehr, als wie viel dein Volumen es dir gestattet; denn außer sich hat noch nie ein Mensch irgend gelebt!
HG|3|175|14|0|Mit dieser Lebenskraft oder Liebe kannst du wohl dir verwandte und dir gleich große Wesen ergreifen. Für ein bis zehn Weiber allenfalls wirst du schlechtweg wohl einige Jahre damit ausreichen, aber für hunderte oder tausende in vereinter Kraft nicht eine Stunde! Ganz ermattet wirst du dahinsinken und völlig erlöschen in deiner Torheit!
HG|3|175|15|0|Aus dem aber geht hervor, dass der Mensch nur so viel lieben kann, als da sein Volumen ausmacht. Wer mehr lieben will, der ist gleich einem, der, um weise zu werden, alle Zweige des Wissens ergreift und weiß am Ende aus allen etwas Unbedeutendes, im Ganzen aber nichts, und ist daher ein völlig unbrauchbarer Mensch.
HG|3|175|16|0|Du aber verlangst, dass wir den ‚unendlichen Gott‘ – und das noch dazu ‚über alles‘ – lieben sollen!
HG|3|175|17|0|Womit und wie aber, frage ich dich. Bist du imstande, mit einer Fackel in deiner Hand in der Nacht die ganze Erde zu erleuchten und zu erwärmen? Nein, sagt dir die Erfahrung.
HG|3|175|18|0|Wie aber willst du dann die Gottheit, die unendliche, in deine Brust schieben wollen und Sie da etwa durchwärmen und durchleuchten und deine Liebe am Ende gar über Sie hinausdehnen wollen?!
HG|3|175|19|0|Hast du nur ein Atom groß gesunden Verstandes, so musst du die Torheit ja auf den ersten Blick einsehen, die du uns aufgebürdet hast!
HG|3|175|20|0|Ich bitte dich daher, dass du beherzigst diese meine klare Einsprache und danach andere Verfügungen treffest mit uns, denn zu deinen Narren sollst du uns denn doch nicht machen wollen.“
HG|3|176|1|1|Über Vernunft- und Verstandeshelden. Das Gleichnis vom Auge und der Sonne. Abbruch der Verhandlung mit den neunundneunzig Räten
HG|3|176|1|1|Am 5. Dezember 1843
HG|3|176|1|0|Als der Ohlad aber solche Rede von dem Hauptredner der neunundneunzig vernommen hatte, da wusste er nicht, was er darauf erwidern sollte; und zugleich aber war er auch von der Natur, dass er ob eines kleinen Gemütsärgers kein Wort herausbringen konnte, und so ging es ihm hier umso schwerer, dem sehr kritischen Gegner eine wohlgenährte Antwort zu geben.
HG|3|176|2|0|Die zehn aber merkten die ziemlich starke Verlegenheit Ohlads; daher gingen sie hin zu ihm, und einer aus ihnen sprach zu ihm: „Ohlad, ärgere dich nicht vergeblich, denn siehe, das sind stockblinde Menschen vor uns, die nicht einmal so viel Schein haben, dass sie unterscheiden möchten die allersicherste Nacht vom hellsten Tag! Also wäre es auch rein vergeblich, mit ihnen mehr zu reden!
HG|3|176|3|0|Menschen, die mit ihrer Vernunft und mit ihrem Verstand es so weit gebracht haben, dass sie den freien Geist und seine Liebe, die sein Wesen und rein aus Gott ist, in Säcke einpferchen wollen, sind keiner höheren Belehrung mehr fähig!
HG|3|176|4|0|Denn sie gleichen den Puppen, die sich einmal in ihr eigenes Gewebe eingesponnen haben und haben sich dadurch selbst von allem höheren Lichteinfluss abgeschnitten.
HG|3|176|5|0|Werden diese Puppen auch mit der Zeit wieder belebt, so werden sie zwar zu schönen Faltern, – was aber ist dieses elende Bild? Es stellt nichts als eine lästige Anzahl von allerlei Tagedieben, Müßiggängern und Schöngeistern vor, die ihre Ideen, gleich wie die Falter ihre Eier, in die jungen Pflanzungen des Menschengeschlechtes legen, aus denen gar bald eine Unzahl schädlichster Raupen hervorkommt, die ebenso bald alle die herrlichen, lebendigen Triebe des geistigen Lebens zernagen und zugrunde richten!
HG|3|176|6|0|Daher lassen wir nun auch diese blindesten menschenartigen Vernunft- und Verstandespuppen sobald als nur immer möglich von dannen ziehen; denn nun scheint unter uns des Geistes ewige und lebendige Sonne! Durch ihre Wärme möchten diese Puppen bald ausgebrütet werden und legen dann verderbliche Brut in unsere neuen Pflanzungen.
HG|3|176|7|0|Also werden wir mit diesen Menschen keine vergeblichen Worte mehr wechseln, sondern werden sie alsbald abziehen lassen, und wie ihr Wind sie drehen wird, dahin auch sollen sie ziehen, denn ein jeder Wurm kennt sein Kraut, das ihm schmeckt, und das er dann begierlich frisst!“
HG|3|176|8|0|Der Redner aus den neunundneunzig aber sprach: „Ja, wo Menschen also mit Menschen reden, da können sie auch nicht beisammenbleiben und -wohnen! Diese predigen die Demut – und sind dabei hochmütiger als ein Pfau, so ihm der Schweif vollgewachsen ist! Daher ziehen wir ab, und fürwahr, wir werden sicher irgendwo unser Kraut finden!“
HG|3|176|9|0|Der Redner aus den zehn aber sprach: „Ja, zieht von dannen, denn hier wächst für euch kein Kraut mehr!
HG|3|176|10|0|Menschen, denen wir alles zugestanden haben, so sie unser leichtes Gesetz angenommen hätten, taugen nicht für uns, die wir wissen, dass Gott unsere Herzen gerade also eingerichtet hat wie das Auge, das zwar auch um sehr vieles kleiner ist als die sichtbare große Schöpfung, aber dennoch dieselbe in sich aufnehmen und betrachten kann! Und so kommt es nicht aufs Volumen, sondern nur auf den Willen des lebentragenden Wesens an!
HG|3|176|11|0|Daher zieht nun ab, denn also ist für euch keines Bleibens! Drei Tage seien euch gegönnt, eure Sachen zu sammeln, dann aber kein Augenblick mehr!
HG|3|176|12|0|Versteht solches wohl, und also geschehe es bestimmt!“
HG|3|177|1|1|Danel, der Hauptredner der neunundneunzig Räte, bereut seinen Starrsinn und bekehrt sich
HG|3|177|1|1|Am 6. Dezember 1843
HG|3|177|1|0|Diese Worte machten eine große Gemütsumänderung bei den neunundneunzig; besonders fuhr das Gleichnis des Auges, verglichen mit dem Herzen, allen wie ein elektrischer Funke durch alle Glieder, Adern und Eingeweide.
HG|3|177|2|0|Daher denn auch der Hauptredner sich alsbald umkehrte und an seine Brüder folgende Worte richtete, sagend nämlich: „Hört mich an, ihr Brüder! Des mächtigen Boten Rede, der nun ein erster Minister Ohlads ist, den Gott Selbst zum König über uns gesalbt, hat mir all meinen Irrtum gezeigt.
HG|3|177|3|0|Ich weiß nun, wie wir so ganz eigentlich mit all unserem Verstand und all unserer Vernunft daran sind, und das ist genug, um einzusehen, dass wir im Ernst für geistige und göttliche Einsichten mehr noch als stockblind sind!
HG|3|177|4|0|Denn wir sind auch zugleich stocktaub und dabei entsetzlich eingebildet dumm! Und so geschieht uns auch ganz vollkommen recht, so wir von dieser Stadt, in der wir eine so geraume Zeit die Herren gespielt haben, nun so ziemlich schmählich hinauszuziehen genötigt werden; und mir geschieht das umso mehr recht, indem ich unter euch allzeit der hartnäckigste Oppugnant gegen alles rein Geistige und Göttliche war.
HG|3|177|5|0|Wer aus uns wird sich nicht der Geschichte erinnern, wie uns die beiden Räte, die von der Höhe als Taglöhner zu uns kamen und dann bald zu Bauführern aller unserer großen Bauten wurden, am Ende, da sie uns hernach verließen, zu Gott, dem einigen, allmächtigen Herrn Himmels und der Erde, ermahnten?!
HG|3|177|6|0|Aber ihre herrlichen Worte schlugen bei uns allen, und ganz vorzüglich bei mir, an glatte Ohren; wir ließen die beiden, uns allen wichtigsten Männer eher von uns ziehen, ehe wir ihre ganz sanften göttlichen Worte angenommen hätten.
HG|3|177|7|0|Mit unserer Vernunft und unserem Verstand widerstrebten wir allezeit dem Wort, das irgend von Gott zu uns kam; also sind wir nun auch nicht mehr wert, als am rechten Zahltag hinaus aus dieser Stadt getrieben zu werden!
HG|3|177|8|0|Ich aber weiß, was ich für mich tun werde: als ein erweckter, reuiger Büßer werde ich hinausziehen! Ihr aber könnt tun, was ihr wollt; des allmächtigen Gottes Wille mit mir und mit euch!“
HG|3|177|9|0|Nach dieser Rede kehrte er sich wieder an den Ohlad und an die zehn und bat sie sehr rührend um Vergebung seiner Halsstörrigkeit wegen und dankte ihnen für die Lehre, die ihn also geweckt hatte, und wollte also gehen.
HG|3|177|10|0|Aber der Ohlad sagte zu ihm: „Danel, ich sage dir, also, wie du nun bist, bleibst du; denn der Herr hat dich angenommen, da Er dir solche Gnade zukommen ließ, und so sollst du auch von mir angenommen sein!
HG|3|177|11|0|Denn nicht euch Brüder will ich verbannen, sondern nur euren Starrsinn; verbannt ihr aber den aus euch, dann ist es nicht not, dass ihr selbst mit eurer Sünde die Flucht ergreifen sollt, – denn es ist genug, dass ihr der Sünde den Abschied gegeben habt!
HG|3|177|12|0|Wenn aber ein Bruder den anderen verbannt, da verbannt er sich auch von seinem Bruder; das aber sei ferne von mir!
HG|3|177|13|0|Also bleibe du, und suche, dass auch die anderen Brüder verbleiben, denn wir alle werden noch vollauf zu tun bekommen!“
HG|3|178|1|1|Danel bekehrt die übrigen Räte. Widerstand, Demütigung und Bekehrung des Scheinkönigs Midehal
HG|3|178|1|1|Am 7. Dezember 1843
HG|3|178|1|0|Danel ward auf die Worte Ohlads voll Freude in seinem Gemüt und versprach ihm, bei den anderen alles anzuwenden, um sie auch zur völligen Umkehr zu bewegen.
HG|3|178|2|0|Darauf wandte er sich sogleich an die anderen Räte und stellte ihnen die Gnade Gottes, so gut er es nur immer vermochte, recht anschaulich dar; und bis auf einen kehrten sich alle nach den Worten Danels.
HG|3|178|3|0|Der eine aber war niemand anderer als der Scheinkönig. Bei dem fing sich erst jetzt die Herrschlust so recht zu regen an, da er ihren völligen Verlust vor Augen sah.
HG|3|178|4|0|Denn als Scheinkönig genoss er alle mögliche zeremonielle Auszeichnung, und das war ihm über alles.
HG|3|178|5|0|Er fing daher an nachzusinnen, wie er wieder zu seiner verlorenen Würde gelangen könnte.
HG|3|178|6|0|Danel merkte das wohl und war schon geladen, um einige Blitze auf das Haupt des Scheinkönigs zu schleudern, aber einer aus den zehn Ministern trat hin zum Danel und sprach:
HG|3|178|7|0|„Es ist genug, dass ihr achtundneunzig euch bekehrt habt; an einem Esel aber liegt ja ohnehin nichts! Denn wer seine Brüder ohne natürliche, moralische und geistige Kraft nicht etwa führen, sondern nur rein aus einer gewisserart ihn kitzelnden Hochmutsgeilheit beherrschen will, der ist ein Esel, indem er nicht einzusehen vermag, dass ihn seine Brüder schon gar lange als solchen erkannten und ihm auch darum die Krone der Dummheit aufs Haupt setzten.
HG|3|178|8|0|Wahrlich, an diesem Mann wird der Zeiten Flut nichts ändern, denn wie ein Fels so fest steht seine Dummheit da!
HG|3|178|9|0|Zertrümmert die Berge, macht die Erde beben wie das Laub der Bäume im Sturm, verfinstert die Sonne, und lasst auf die Erde fallen die Sterne der Himmel, – und unerschüttert wird dieser Mann dastehen!
HG|3|178|10|0|Denn nicht fürchtet der Esel des mächtigen Tigers gewaltige Tatze und nicht dessen zermalmenden Zahn; denn er weiß es ja gleich wie Propheten, dass ihm gegenüber die stärkeren Wesen wohl schämen sich müssten, so sie ihm zuleid’ etwas täten.
HG|3|178|11|0|Denn Dummheit wird allzeit sogar selbst vom Vater der Bosheit und Lüge gar sehr respektiert, und nichts hat zu fürchten ein Esel von seiner Arglist! Denn die Schande, sie drückt auch den Satan; darum mag er sich nimmer mit Eseln abgeben!
HG|3|178|12|0|Er bleibe daher auf dem Thron nur sitzen und soll da zwischen den Wänden die Fliegen und Mücklein beherrschen; und eine gar prächtige Krone, die solle auch zieren sein grauliches Haupt!
HG|3|178|13|0|Und wenn er mit sehr wenigen, stets gleichen Worten in seinem Palast gewaltig die Stimme als Herrscher ertönen wird lassen, da solle ein reichliches Futter gereicht ihm werden!
HG|3|178|14|0|So wollen wir’s machen, und so soll es bleiben; der König soll sich pur mit Fressen und Schlafen und Fliegenabwehren die Zeit fein vertreiben!“
HG|3|178|15|0|Diese Satire brachte den Scheinkönig fast außer die Sinne, und er fing darob förmlich zu toben und zu rasen an.
HG|3|178|16|0|Der Redner aus den zehn aber packte ihn an den Ohren und dehnte sie ihm nach seiner Wundermacht zu wahrhaftigen Eselsohren aus und sprach darauf: „Siehe, das ist die Krone! Der Thron wird folgen!“
HG|3|178|17|0|Das wirkte auf den Scheinkönig, der da Midehal hieß. Er ward dadurch demütig und bekehrte sich auch; aber seine Ohren behielt er volle drei Jahre lang.
HG|3|178|18|0|Diese Geschichte aber ward in der ganzen Gegend, ja selbst bis auf die Höhe bekannt, dass der Scheinkönig Eselsohren erhielt, und erhielt sich unter allerlei Dichtungen selbst noch bei den späten Nachkommen.
HG|3|179|1|1|König Ohlad beabsichtigt, dem Volk das Licht wiederzubringen
HG|3|179|1|1|Am 9. Dezember 1843
HG|3|179|1|0|Darauf aber wandte sich der Ohlad wieder an den Danel und sprach zu ihm:
HG|3|179|2|0|„Nun, Freund und Bruder, siehe, auch Midehal ist sicher bekehrt worden dadurch, dass ihm der Minister durch die Kraft Gottes in ihm die Ohren ausgedehnt hat und hat dadurch dessen innere Dummheit nach außen gekehrt; und so hätten wir nach dem Willen des Herrn schon einen tüchtigen Zweck erreicht!
HG|3|179|3|0|Aber nun steht das Volk da; groß ist dessen Finsternis überall, – hier in der Stadt, in den weitgedehnten Vorstädten und in den Städten Lim, Pira, Sab, Marat, Sincur, Pur, Nias, Tirab, Pesel, Kasul, Munin und Tiral, und also auch bei den noch weiteren Vasallen.
HG|3|179|4|0|An uns liegt es, diese Völker in den Städten, wie auch auf dem Land, wo immer nur Menschen wohnen, zu bekehren. Überall ist, wie ihr es samt mir gar wohl wisst, die Abgötterei, wie auch die förmlichste Gottseligkeit [Gottlosigkeit] zu Hause!
HG|3|179|5|0|Wir selbst tragen daran einen gar großen Teil der Schuld, und so liegt nun denn auch an uns umso mehr die Pflicht, allen diesen Völkern das Licht wiederzubringen, das wir ihnen zum größten Teil genommen haben.
HG|3|179|6|0|Der Herr Selbst hat uns den Weg gebahnt durch den erschrecklichen Feuersturm; an uns aber liegt es nun, diese Gelegenheit zu ergreifen und sie weise zu benützen zur Ehre und zum Lob Dessen, der uns solche große Gnade erwies dadurch, dass Er uns das ewige Licht des Lebens, das in uns ganz erloschen war, wieder von neuem angezündet hat.
HG|3|179|7|0|Damit wir aber fähig werden, dieses Licht allen Völkern wiederzubringen, wollen wir die Tempel des Herrn besuchen; in ihnen werden wir die gerechte Stärkung und die dazu nötige Vollmacht und Kraft überkommen!
HG|3|179|8|0|Des Herrn Geist wird über uns kommen und wird uns salben mit neuer Kraft und wird in uns erwecken den rechten Geist der Liebe und alles Lebenslichtes aus ihr; und mit diesem Licht wollen wir dann zu den Völkern treten und werden sie erleuchten mit dem Licht der lebendigen Gnade aus Gott und salben mit neuem Geist zu Kindern des einen heiligen Vaters, der uns vom Anbeginn schon zu Seinen Kindern erwählt hat!
HG|3|179|9|0|Und so denn bereitet euch alle auf den morgigen Tag vor, denn noch vor dem Aufgang [der Sonne] wollen wir die Tempel betreten, und wollen uns aber dann auch sogleich an das erhabene Geschäft der wahren Volksregierung im Namen des einigen Gottes machen, da Er uns dazu ermächtigt und gesalbt hat! Also geschehe es!“
HG|3|179|10|0|Als der Ohlad diese Anrede beendet hatte, da erhielt er ein großes Lob, und alle die Räte samt dem demütigen Scheinkönig fingen an, Gott laut zu loben und zu preisen, dass Er ihnen einen so lieben und weisen König gegeben hatte.
HG|3|179|11|0|Alle nahmen den Vortrag bereitwilligst an und freuten sich über die Maßen darauf, wann sie im Namen des Herrn würden zu wirken anfangen.
HG|3|179|12|0|Und der Ohlad samt seinen zehn Ministern segneten die neunundneunzig, und begaben sich dann in die alte Burg, allwo sie sich stärkten und dem Herrn ein gemeinsames Lob darbrachten.
HG|3|180|1|1|Der Gang zum Tempel. Blitze und Feuermeer. König Ohlad beruhigt Danel und dessen Gefährten
HG|3|180|1|1|Am 11. Dezember 1843
HG|3|180|1|0|Am nächsten Morgen bei zwei Stunden vor dem Aufgang [der Sonne] kam Ohlad mit seinen Ministern schon zu den neunundneunzig und fand zu seiner großen Freude sie alle schon gar festlich bereitet zum Einzug in die Tempel.
HG|3|180|2|0|Männer, Weiber und Kinder standen da beisammen versammelt, und die Dienerschaft harrte im weiten Hofraum ihrer Gebieter.
HG|3|180|3|0|Und da sonach alles bereitet da war, so ward auch sogleich der Weg nach dem ersten Tempel eingeschlagen.
HG|3|180|4|0|Als die ganze, große Gesellschaft beim Vorhof anlangte, da schossen sogleich tausend Blitze vom goldenen Dach des Tempels herab in den großen Vorhof. Zugleich aber winkten die zehn Minister all den umliegenden feuerspeienden Bergen, und im Augenblick trieben diese himmelhohe Flammensäulen aus ihren Kratern; und die mit den Flammen entstürzenden ungeheuren Rauchmassen verdeckten bald das sichtbare Firmament.
HG|3|180|5|0|Diese Erscheinung machte auf unsere neunundneunzig einen übermächtigen Eindruck, denn sie sahen ihren Tod vor Augen, das heißt wie sie sich’s vorstellten.
HG|3|180|6|0|Unter großem Beben und Zittern nahte sich der Danel dem Ohlad und sprach: „O du mächtiger, von Gott gesalbter König! Schone unser, und lasse uns doch nicht gar so elend zugrunde richten, denn erschrecklich ist deine Macht und Gewalt!
HG|3|180|7|0|Wer wird da neben dir bestehen können? Wer wird dein Untertan sein und leben können? Denn ehe er sich’s versehen wird, werden ihn schon die Flammen deiner Gewalt umfassen und werden seinen Leib zu Asche verbrennen!“
HG|3|180|8|0|Ohlad aber sprach zum Danel: „Sorge dich nicht um so törichte Dinge! Der Ernst ist es ja, den dir nun der Herr zeigt, wie gleich auch deinen Gefährten; und hätt’ euch der Herr diesen Ernst nicht gezeigt, da wäret ihr würdig nicht, hier zu empfangen den mächtigen Segen, durch den ihr die Völker werdet ziehen zum Licht des Lebens aus Gott!
HG|3|180|9|0|Darum weg mit der törichten Furcht, und ganz weg mit dem Beben und Zagen; denn Gott, ja ein ewiger, liebevollster Vater ist’s, der euch entgegen nun kommt im heftigsten Feuer aus Seiner unendlichen heiligsten Liebe zu euch!
HG|3|180|10|0|Denn nicht ich und nicht diese Minister vermögen die Blitze vom Dach und all dieses Feuer der Erd’ zu entrufen; Gott Selbst nur tut solches aus Liebe zu euch, um euch tiefer noch vorzubereiten auf Seine euch segnende Ankunft im Tempel!“
HG|3|180|11|0|Diese Worte genügten, den Danel, wie auch seine Gefährten, von der großen Angst zu befreien, und ihm Mut einzuflößen, in den Vorhof einzutreten, und dann auch – nach der wahren Erweckung der lebendigen Demut und Liebe – in den Tempel.
HG|3|180|12|0|Ohlad ließ darauf sogleich die Pforte des Vorhofs eröffnen und trat dann selbst in der größten Ehrfurcht mit der ganzen, großen Gesellschaft ein, brachte da dem Herrn ein Lob dar und begab sich sodann in den Tempel, in welchen ihm aber nur die zehn folgen durften. Die ganze andere Gesellschaft aber musste im Vorhof verbleiben, denn es durften nur die Eingeweihten den Tempel betreten.
HG|3|181|1|1|Des Herrn Rede wider Klatsch- und Spaßgesellschaften
HG|3|181|1|1|Am 12. Dezember 1843
HG|3|181|1|0|Als der Ohlad mit den zehn Ministern in den Tempel eintrat, da fiel er alsbald vor dem Altar auf sein Angesicht nieder und betete zu Gott, dass Er den neunundneunzig Brüdern samt dem Scheinkönig gnädig und barmherzig sein möchte.
HG|3|181|2|0|Und der Herr sprach aus der weißen Wolke: „Ohlad! Ich habe dich und deine Brüder angesehen und habe Mich darob erfreut, dass sie umgekehrt sind und haben ihr Herz und ihre Seele gekehrt nach Mir; aber Ich habe noch etwas wider sie, und das ist von sehr bedeutender Art für ihren Geist!
HG|3|181|3|0|In der Welt zwar erscheint es billig, auch gerecht und ganz unschuldig; aber nicht also erscheint es Mir!
HG|3|181|4|0|Was aber ist es, das Ich wider sie habe? Höre!
HG|3|181|5|0|Sie haben eine Leidenschaft, bei gewissen ihnen zu Gesichte stehenden Familien Besuche unter allerlei freundschaftlichen Vorwänden, die sie sich selbst machen, abzustatten und wieder Besuche zu empfangen! Von dieser argen Leidenschaft ist selbst Danel als der Weiseste nicht ausgenommen!
HG|3|181|6|0|Die Männer haben eine große Freude, so sie von schönen Weibern Besuche bekommen und freuen sich sehr, so sie wieder solch schönen Weibern können Gegenbesuche machen.
HG|3|181|7|0|Die Weiber dagegen lechzen aber ordentlich nach männlichen Besuchen; je mehr deren und je öfter dergleichen es gibt, desto lustiger und ganz närrisch freundlicher werden sie.
HG|3|181|8|0|Die Weiber besuchen zwar dagegen die Männer weniger als ihresgleichen, aber da möchte oft der ganze Himmel aus Ärger feuerglühend werden, was für entsetzlich dümmstes Zeug sie da zusammenklatschen!
HG|3|181|9|0|Je unsinniger und je wertloser und dümmer es ist, desto mehr macht es ihnen Vergnügen; und je läppischer, je närrischer, je dümmer und je spaßhafter und lächerlicher es bei einer solchen Gesellschaft zugeht, desto angenehmer und schätzbarer ist sie auch und wird darum auch vorzugsweise gerne besucht.
HG|3|181|10|0|Ganz besonders aber sehen die Weiber, jung wie alt, darauf, dass sich in einer solchen Klatschgesellschaft, die Ich von Grunde aus hasse, stets mehrere junge Wesen männlichen Geschlechtes einfinden, die sich so recht aufs Hofmachen verstehen und dabei aber auch allerlei lustige Spiele zu arrangieren wissen, um durch sie den Weibern eine angenehme Erheiterung zu verschaffen; und je unsinniger und dümmer, und je leerer und nichtssagender derlei Spiele sind, desto beliebter sind sie, und ganz besonders dann, wenn sie von wohlgestalteten Jünglingen ausgeführt werden!
HG|3|181|11|0|Siehe, solche Weiber haben deine neunundneunzig Brüder und solche Kinder; das Weib des Danel aber ist die größte Klatschliebhaberin darunter! Wahrlich, das ist Mir ein Ekel der Ekel!
HG|3|181|12|0|Ich möchte lieber ein Aas in Meinem Mund halten tausend Jahre, als eine solche galante Gesellschaftsliebhaberin auch eine Sekunde lang von ferne her ansehen!
HG|3|181|13|0|Der Grund davon liegt darinnen, weil das eine allerbeste Art ist, den Geist aus Mir zu verderben und zu töten; denn bei derlei Zusammenkünften lernt das Weib, wie der Mann, am besten, Meiner zu vergessen und sich ganz der lustigen und schmeichelnden Welt in die giftigen Schlangenarme zu werfen!
HG|3|181|14|0|Wer denkt in einer solchen Klatsch-, Spiel-, Schwätz- und Lachgesellschaft an Mich, während Ich ihm doch in jedem Augenblick das Leben erhalten muss?!
HG|3|181|15|0|Darum verfluche Ich auch alle solche Gesellschaften, wo sich die Menschen der Belustigung wegen besuchen – und nicht, dass sie sich besprechen und belehren möchten von Mir; und seien diese Besuche von noch so geringer Art, so seien sie dennoch verflucht, – besonders, so Kinder dazu mitgezogen werden, in denen dadurch jeder bessere Same alsbald erstickt wird.
HG|3|181|16|0|Gehe daher hinaus und verkündige solchen Meinen Willen deinen neunundneunzig Brüdern, und diese sollen desgleichen tun ihren stumpfen Weibern und Kindern; und sage, dass Ich niemanden eher mit Meiner Gnade segnen werde, als bis er sein Haus also geordnet wird haben!
HG|3|181|17|0|Wird dieses Übel nicht aus der Wurzel vertilgt, so werde Ich Mein Gericht statt der Gnade solcher Welt geben! Amen.“
HG|3|182|1|1|Gute und schlechte Besuchsgesellschaften
HG|3|182|1|1|Am 13. Dezember 1843
HG|3|182|1|0|Der Ohlad aber sprach in der tiefsten Demut darauf zum Herrn: „O Herr, Dein überheiliger Name werde geheiligt, und Dein Wille geschehe allzeit wie ewig!
HG|3|182|2|0|Ich, ein armseligster, elender Wurm vor Dir im Staube meiner völligen Nichtigkeit aber wage dennoch aus dem Grunde meiner großen Not Dir entgegen eine Frage zu tun, und Du, o Vater, voll der unendlichsten Liebe, Erbarmung und Geduld, wirst mir darob ja nicht gram werden!“
HG|3|182|3|0|Und der Herr sprach aus der Wolke: „Also stehe denn auf, und rede! Ich werde Mein Ohr an deinen Mund legen!“
HG|3|182|4|0|Und der Ohlad erhob sich und sprach: „O Herr, sage mir nach Deiner Gnade, sollen wir Menschen nimmer unsere Nachbarn besuchen und uns nimmer – selbst auf eine ganz ehrbare Weise – mit unseren Brüdern und Schwestern vergnügen?
HG|3|182|5|0|Siehe, wir armseligen Menschen haben ja ohnehin wenig Erheiterndes auf dieser mageren Erde! Müssen wir auch noch unsere gegenseitigen geselligen Besuche und Besprechungen gänzlich meiden, so bleibt uns dann ja rein nichts übrig, als sich irgendwo in ein Loch einzupferchen und daselbst zu nagen an der eigenen trübseligsten Langeweile!
HG|3|182|6|0|Daher möchte ich Dich, o Herr, doch wohl bitten im Namen aller meiner Brüder und Schwestern, dass Du in dieser Hinsicht Deinen Willen ein wenig nur mildern möchtest! Wäre es denn Dir nicht wohlgefällig, mir eine Regel zu geben, ja ein Gesetz sogar, nach dem irgend Gesellschaften dennoch stattfinden dürften?!“
HG|3|182|7|0|Und der Herr sprach darauf zum Ohlad: „Ich wusste es ja, dass auch du noch ein kranker Esel bist; darum verlangst du solches von Mir wider alle Meine Ordnung!
HG|3|182|8|0|Siehe, du Ochse, auf der Erde Boden wachsen gesegnete und verfluchte Pflanzen, Gesträuche, Bäume und Früchte; die gesegneten entstammen dem Himmel, und die verfluchten der Hölle. Die Früchte der letzten Art sind nicht selten anlockender als die der ersten. Möchtest du da nicht auch sagen: ‚Herr, nehme ihnen das tödliche Gift, auf dass wir sie genießen können, gleich wie die gesegneten?‘
HG|3|182|9|0|Ich aber sage dir, das tue Ich nimmer; denn Ich habe ohnehin auf eine verfluchte dreißig gesegnete gesetzt, und das wird doch genug sein!
HG|3|182|10|0|Dazu steht es dir noch frei, die verfluchten Pflanzen auszurotten und dafür lauter gesegnete anzubauen. Ist das nicht genug?
HG|3|182|11|0|Also habe Ich auch dem Menschen eine Gesellschafterin und eine Gehilfin gegeben, und siehe, der erste Mensch Adam war damit zufrieden! Wollt ihr denn mehr sein, als da war das erste Menschenpaar auf der Erde?
HG|3|182|12|0|Hat nicht ein jeder Vater seine Kinder und desgleichen eine jede Mutter? Und hat nicht ein jeder Hausbesitzer sein Gesinde, seine Knechte und Mägde, die auch Menschen sind? Was will er da noch mehr?
HG|3|182|13|0|Adam hatte nur ein Weib und später seine Kinder und hatte keine Knechte und keine Mägde, – und siehe, er war damit zufrieden! Warum wollt ihr denn mehr, als da aus Meiner Ordnung dem Adam gegeben ward?!
HG|3|182|14|0|O ihr Nimmersatte, darum wollt ihr mehr? Weil ihr an Mir kein Genüge habt! Ich bin euch zu wenig, darum wollt ihr Unterhaltungen der Welt! Darum wollt ihr lachen und klatschen und spielen in munteren Zirkeln, weil Ich euch langweile!
HG|3|182|15|0|Adam hatte an Meiner Gesellschaft genug, und der Eva genügte der Adam und ihre Kinder; darum lebte er neunhundertdreißig Jahre zufrieden ohne Gesellschaftsspiele! Warum wollt ihr denn mehr?
HG|3|182|16|0|Ich aber sage dir, da Ich dich schon gesalbt habe: So ihr euch besucht in Meinem Namen, wie es Adam tat bei seinen Kindern sogar, dann soll auch jede Gesellschaft gesegnet sein; denn wo zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, da bin Ich mitten unter ihnen!
HG|3|182|17|0|Wo sich aber irgend Besuchsgesellschaften bilden wegen was immer für weltlichen Vergnügen, da soll der Satan unter ihnen sein und soll nach seiner Lust erwürgen seine Kinder!
HG|3|182|18|0|Frage Mich daher nicht wieder, willst du Mich nicht zum letzten Mal gefragt haben, sondern gehe eilends, und erfülle Meinen Willen! Amen.“
HG|3|183|1|1|Der Herr kümmert sich auch um scheinbare Kleinigkeiten. Danel und die über die Anordnungen Gottes murrenden Frauen
HG|3|183|1|1|Am 14. Dezember 1843
HG|3|183|1|0|Auf diese Rede schlug sich der Ohlad auf die Brust, verneigte sich dann tiefst vor dem Altar und ging dann sogleich hinaus zu den neunundneunzig harrenden Brüdern, berief da sogleich den Danel zu sich und sagte zu ihm alles, wie er es vom Herrn vernommen hatte.
HG|3|183|2|0|Danel aber sprach dagegen: „Fürwahr, so du mir diese Sachlage nicht mit so erhabenem Ernst nun dargetan hättest, ich könnte es kaum glauben, dass der große, erhabene, heilige Gott Sich mit solchen Kleinigkeiten abgäbe!
HG|3|183|3|0|Es muss aber doch etwas daran gelegen sein, da uns der Herr bei Nichtablegung dieses also offenbaren Lasters Seine Gnade vorenthalten will und will uns dafür geben nur ein bitteres Gericht!
HG|3|183|4|0|Ich werde sogleich des Herrn Willen bekanntmachen! Für mich und mein Haus stehe ich gut, da wird sicher keine Gesellschaft mehr gegeben und keine mehr besucht außer in der Art, wie es der Herr haben will, in Seinem allerheiligsten Namen nämlich nur!
HG|3|183|5|0|Aber was da die Übrigen betrifft, so kann ich natürlich nicht gutstehen, was sie darauf machen werden!“
HG|3|183|6|0|Und der Ohlad sprach: „Das kümmere vorderhand weder dich, noch mich; da wird schon der Herr das Seinige tun!“
HG|3|183|7|0|Darauf wandte sich der Danel sogleich zu den achtundneunzig, wie zu den Kindern und Weibern, und machte ihnen den Willen des Herrn bekannt gerade also, wie er ihn von Ohlad vernommen hatte.
HG|3|183|8|0|Die Männer kehrten sich bald danach; aber die Weiber und die erwachsenen Kinder fingen an zu schluchzen und mitunter heimlich gar zu weinen und zu schmähen und sprachen:
HG|3|183|9|0|„Das kann Gott nicht geredet haben! Das ist eine Erfindung Ohlads und der zehn Zauberer von der Höhe und nun auch des berühmten Danels, der seinen Mantel allzeit gehörig nach dem Wind zu drehen versteht!
HG|3|183|10|0|Warum sollen uns denn nicht auch in einer Gesellschaft mehrere Männer lieben?
HG|3|183|11|0|Warum sollen wir denn nur für einen Mann da sein, und uns allein für einen putzen und schönmachen?
HG|3|183|12|0|Warum sollen unsere Töchter nicht die Gelegenheit haben, allerlei Bekanntschaften mit der jungen Männerwelt zu machen, auf dass sie sich daselbst den ihnen am meisten zu Gesichte stehenden Mann erwählen möchten?
HG|3|183|13|0|Und warum sollen unsere Söhne nicht die Mädchen kennenlernen? Sollen sie denn am Ende weiberlos verbleiben? Wo aber, außer in gesellschaftlichen Zirkeln, bietet sich wohl eine Gelegenheit dazu?!
HG|3|183|14|0|Zudem besuchen wir ja ohnehin nur lauter honette, altadelige Häuser und werden von ihnen wieder besucht!
HG|3|183|15|0|Gott kann gar nicht weise sein, wenn Er so etwas von uns verlangt! Täten wir dabei etwas Schlechtes, so wäre das etwas anderes, aber wir vergnügen uns dabei ja nur allzeit auf die unschuldigste Weise von der Welt! Wie soll, wie kann das einem weisen Gott zuwider sein?!“
HG|3|183|16|0|Der Danel aber sprach zu ihnen: „O ihr Weiber, ihr murrt über die Anordnungen Gottes! Wisst ihr nicht, wie Er noch allezeit die Widerspenstigen gezüchtigt hat?! Zu kleinlich kommt euch hier die Sache vor, um die Sich hier Gott annimmt; deshalb sagt ihr, Gott müsse nicht weise sein!
HG|3|183|17|0|O ihr blinden Törinnen! Wer erschuf denn das kleine Mücklein, wer die Blattmilbe, wer die zahllosen Würmchen in einem Sumpf, wer die Haare eures Hauptes? Sind das nicht lauter höchst unbedeutend scheinende Dinge?! Und dennoch gibt Sich der große Gott mit ihnen ab!
HG|3|183|18|0|Wer außer dem Werkmeister Selbst aber weiß es besser, was seinem Werk frommt?! Wenn uns aber hier der große Werkmeister Selbst die Lebensregeln gibt, sollen wir sie da nicht sogleich allerdankbarst annehmen und befolgen?
HG|3|183|19|0|Scheint euch das Übel auch klein und nichtig zu sein, weil ihr euch daran schon gewöhnt habt, soll es darum auch bei Gott also sein?
HG|3|183|20|0|Oh, der Herr wird Sich ewig nie nach unserer großen Torheit richten; wohl aber liegt es an uns, Seinen Geschöpfen, dass wir uns richten nach Seinem Willen, denn Er allein weiß es ja nur, was uns frommt!
HG|3|183|21|0|Vergiftet aber nicht ein Tropfen Giftes schon zehn Maß Wassers also, dass wir es nimmer heilsam und unschädlich genießen mögen? So man aber einen gesunden Wassertropfen in zehn Maß Giftes täte, wird dieser das Gift also entgegen auch unschädlich machen?
HG|3|183|22|0|Also ist der Tod mächtiger denn das Leben, und wir können es gar leicht verlieren! Daher heißt es, die Regeln wohl betrachten und danach leben, wie es der Herr des Lebens will! Versteht mich, und murrt nimmer! Amen.“
HG|3|184|1|1|Danel erläutert die verderbliche Wirkung von Klatschgesellschaften
HG|3|184|1|1|Am 16. Dezember 1843
HG|3|184|1|0|Nach dieser Rede traten mehrere Jünglinge und Weiber zusammen und richteten folgende Rede an den Danel, sagend nämlich:
HG|3|184|2|0|„Geehrter und hochansehnlicher Gefährte unserer Männer und Väter! Wir haben deiner Rede mit gespanntester Aufmerksamkeit zugehört und haben so manches deiner Rede wahr und gut gefunden, manches aber wohl auch unverständlich!
HG|3|184|3|0|Wir fragen dich daher, was du mit den Tropfen Giftes in zehn Maß Wassers und dann wieder umgekehrt mit den Tropfen Wassers in den zehn Maß Giftes so ganz eigentlich hast sagen wollen, und was mit dem, wie wir im Namen Gottes wohl in Gesellschaften zusammenkommen dürften! Gebe uns über diese zwei Hauptpunkte näheren Aufschluss, auf dass es uns darüber helle werde!“
HG|3|184|4|0|Und der Danel nahm sogleich alle seine Sinne zusammen und sprach darauf: „Also hört mich denn an, ich will mit der Gnade des Herrn, die dort aus dem Heiligtum mich hell anstrahlt, euch die Sache so klar vor eure Augen stellen, als wie klar da scheint die Sonne am hellsten Mittag, die jetzt freilich wohl nicht scheint, weil sie von den dichtesten Rauchmassen, welche den brennenden Bergen entqualmen, überdeckt ist!
HG|3|184|5|0|Ihr seid Gefäße vom noch gesunden, lebendigen Wasser, welches da ist euer Leben aus Gott; die Gesellschaften aber sind das Gift für euren lebendigen Geist, und das aus dem Grunde, weil ihr in denselben durch allerlei Geplauder und dummes Geklatsche, durch das euch so dummsüße Sich-ehren-Lassen – gewöhnlich auf Kosten schmählicher Erniedrigung und Ehrabschneidung anderer, meistens harmloser Menschen – und durch noch allerart dumme und eure Lachlust kitzelnde Spiele Gott stets mehr und mehr vergesst und am Ende in eurem zu oft angeregten Hochmutskitzel zu denken und förmlich einzusehen anfangt, als sei alle Welt bloß nur euretwegen da, und als hänge von eurem Geklatsche und von eurer Gunst das Heil der ganzen Welt ab!
HG|3|184|6|0|Seht, das ist wider alle Liebe des Nächsten, daher wider die göttliche Ordnung und daher ein Gift für das Leben eures Geistes, der euch als ein gesundes, lebendiges Wasser von Gott ursprünglich ist eingehaucht worden!
HG|3|184|7|0|Ein Tropfen von diesem Gift – das ist soviel als eine noch so kleine und unschädlich scheinende Visite im Namen der Welt in euch – vergiftet leicht den ganzen gesunden Geist, auf dass er dann ohnmächtig wird, in eurer Seele dahinsinkt und eben dadurch aber eure Seele anregt, dass sie dann sehr hochmutskitzelhaft empfindlich wird und stets mehr und mehr zu suchen anfängt, wie und wo sie die rechte Anerkennung ihrer Hoheit finden möchte!
HG|3|184|8|0|Und das alles tut sie darum, weil sie zufolge der Erlahmung des vergifteten Geistes keinen Leiter nach oben mehr hat und sieht sich am Ende selbst als das herrschende Lebensprinzip an, was aber im höchsten Grade gefehlt ist aus dem geheimen zwar, aber dennoch allerhöchst wichtigen Grunde, weil unsere Seelen als lebende Substanzen unserer Leiber von unten her sind, und nur allein der Geist ist von oben her, um die abgefallene Seele von ihrer alten Schlacke zu erlösen in der Zeit dieses irdischen Lebens!
HG|3|184|9|0|Solches aber kann nur durch die Gnade Gottes dann geschehen, so wir nicht alles Mögliche aufbieten, um unseren Geist zu verderben, sondern unser Leben nach dem heiligen Willen dessen, der es uns als ein allerhöchstes Gut für ewig gegeben hatte, zu ordnen.
HG|3|184|10|0|Ich meine nun, dass es hinreichend klar genug dargestellt ist, was da besagt ein Gifttropfen in zehn Maß gesunden Wassers!
HG|3|184|11|0|Was aber den Gegensatz betrifft, so ist er wohl zu klar, als dass man darüber viele Worte verlieren sollte! Wenn ein Mensch einmal ganz verdorben ist, wird ihn ein Wort der Wahrheit wohl bessern?
HG|3|184|12|0|So wenig man einen mächtigen Brand mit einem Tropfen Wassers zu löschen imstande sein wird, ebenso wenig wird auch eine gute Ermahnung bei einem weltlich Verdorbenen auszurichten vermögen! Geht hin zu einem Bergbrand, und löscht denselben mit einem Tropfen Wassers, wenn ihr es könnt!
HG|3|184|13|0|Also habe ich jetzt in euch schon gar viele gesunde Tropfen des lebendigen Wassers fallen lassen, aber eure alte Leidenschaft lodert noch, und ich halte sie noch nicht für gelöscht, und es wird noch sicher über euch ein ganz mächtiger Wolkenbruch sich ergießen müssen, bis ihr vollends erlöschen werdet in eurer großen Torheit! Ich meine, das wird doch auch klar genug geredet sein?!
HG|3|184|14|0|Was aber die im Namen Gottes allein gerechten Visiten betrifft, so ist das wohl an und für sich zu klar, als dass ich mich darüber weitläufiger ausdrücken sollte!
HG|3|184|15|0|Beachtet daher dies Gesagte zuvor genau in euch, und es wird sich dann schon von selbst hervortun, wie wir uns im Namen Gottes besuchen sollen! Versteht solches wohl im Namen Dessen, durch dessen Gnade ich also zu euch habe zu reden vermocht! Amen.“
HG|3|185|1|1|König Ohlad lobt Danel ob seiner guten Rede
HG|3|185|1|1|Am 18. Dezember 1843
HG|3|185|1|0|Darauf begab sich der Danel wieder zurück zum Ohlad und sprach zu ihm: „Bruder, du gesalbter, wahrer König voll Macht und Gnade vom Herrn aus, der da als ein einiger Gott herrscht und regiert alle Dinge und Wesen, von Ewigkeit heilig, überheilig, – du selbst warst nun Augen- und Ohrenzeuge, wie ich gewiss, insoweit es mir nur immer möglich war, den Willen des Herrn an unsere Weiber und Kinder mit lauter Stimme ausgerichtet habe! Ob aber das etwas nützen wird, dafür kann ich wohl unmöglich Bürge sein!
HG|3|185|2|0|Die Gnade des Herrn und deine dir verliehene königliche Macht mögen hier das Gelingen bewirken!“
HG|3|185|3|0|Und der Ohlad, ganz erstaunt über die früheren Reden des Danel, sprach zu ihm: „Fürwahr, also, wie du nun zu den Weibern und Kindern, wie auch indirekt zu den Brüdern allen geredet hast, hätte ich selbst kaum geredet!
HG|3|185|4|0|Denn deine Worte klangen ja so wahr und so inhaltschwer, als wären sie nahe unmittelbar aus dem Munde des Herrn an dies Volk ergangen!
HG|3|185|5|0|Fürwahr, wo solche Worte wirkungslos verbleiben möchten, da hülfe dann wohl nichts anderes mehr als das Gericht und die allerschärfste Strafe!
HG|3|185|6|0|Ich aber bin zum Voraus der guten Überzeugung, dass du, liebster Bruder, nicht umsonst geredet hast; denn ich vernahm und ersah ja, wie am Ende alles ganz gewaltigst in sich zu gehen anfing, besonders bei der Gelegenheit, als du das herrliche Bild von den Gifttropfen in den zehn Maß reinen, gesunden Wassers, und also auch umgekehrt, aufstelltest!
HG|3|185|7|0|Lassen wir sie jetzt deine Worte nur gehörig in sich verdaulich betrachten, und ich bin vollends versichert, dass sie sich danach richten und fügen werden, so des Wortes Geist erst völlig in ihr ganzes Wesen übergehen wird!
HG|3|185|8|0|Durchsäuert sind sie schon; wenn da noch die Liebewärme des Wortes hinzutreten wird, dann wird dieser Teig, den du nun angemacht hast, schon aus der eigenen in sich selbst entwickelten Kraft zu steigen anfangen! Du verstehst mich, was ich hiermit sagen will?!
HG|3|185|9|0|Gehe aber nun mit mir an die Pforte des Tempels, und falle dort vor der allerheiligsten Gegenwart des Herrn nieder und danke im Grunde deines Herzens für die Gnade, durch die du so weise hast zu reden vermocht, und bitte aber den Herrn auch um das Gelingen deiner Worte!
HG|3|185|10|0|Ich aber werde vor dir in den Tempel gehen und werde vor dem allerheiligsten Altar des Herrn dasselbe tun in der Gegenwart meiner Minister; und wenn dich dann der Herr rufen wird, dann erhebe dich, und trete mit der höchsten Ehrfurcht und mit der allerdemütigsten Liebe in den Tempel, und der Herr wird dir da die Weisung geben, was du zu tun haben wirst! Und so lasse uns denn hingehen im Namen des Herrn! Amen.“
HG|3|186|1|1|Die wahre Gottesverehrung. Des Herrn beruft Danel und seine Brüder als Bußprediger
HG|3|186|1|1|Am 19. Dezember 1843
HG|3|186|1|0|An der Pforte des Tempels angelangt, fiel der Danel alsbald auf sein Angesicht nieder und betete, wie es ihm der Ohlad angeraten hatte.
HG|3|186|2|0|Der Ohlad aber ging sogleich mit der höchsten Ehrfurcht in den Tempel und fiel dort vor dem Altar nieder und fing an, zu Gott zu beten in seinem Herzen.
HG|3|186|3|0|Gott, der Herr und der Vater, aber sprach aus der weißen Wolke alsbald zu ihm: „Ohlad, Ich sage dir, erhebe dich; denn Ich habe nicht vonnöten, dass du dich vor Mir im Staub herumwälzen sollst!
HG|3|186|4|0|Denn wer Mich liebend in seinem Herzen bekennt, der tut genug, und wer wahrhaft demütig ist in seiner Seele, der tut auch vollends genug; alles andere, was du mit dem Leib tust, hat vor Mir keinen Wert, denn es ist nichts als eine tote Zeremonie und gehört rein der Eitelkeit der Welt an und ist eigentümlich aller Blindheit und Torheit der Menschen.
HG|3|186|5|0|Du aber erhebe dich somit und gehe hin zur Pforte, und heiße in Meinem Namen den Danel dasselbe tun! Hat er sich erhoben, dann führe ihn herein in den Tempel, und Ich Selbst werde ihm da offenbaren, was alles er in Meinem Namen wird zu tun haben!“
HG|3|186|6|0|Sogleich erhob sich der Ohlad und ging und richtete dem Danel den Willen des Herrn aus. Dieser erhob sich ebenfalls sogleich und folgte dem Ohlad in den Tempel.
HG|3|186|7|0|Als die beiden nun dastanden vor dem Altar des Herrn, da sprach alsbald der Herr zum Danel:
HG|3|186|8|0|„Danel, Ich kenne dich, du bist ein Nachsohn Kisehels, der einst zu Lamechs Zeiten hier diesen Tempel dem Lamech zu erbauen anbefohlen hat gar mächtig in Meinem Namen!
HG|3|186|9|0|Kisehels dritter Stamm zog wider Meinen Willen herab in die Tiefe, und du bist ein siebentes Glied der Nachfolge Kisehels.
HG|3|186|10|0|Wahrlich, wären du und Ohlad nicht aus Kisehel, nimmer wäre euch der Weg zum Tempel eröffnet worden; aber da ihr Söhne Meines getreuen Kisehel seid und seid als solche wohl erkenntlich an eurem anfangs widerspenstigen Geist, gleichwie es beim Kisehel der Fall war dereinst, so habe Ich Mich bloß um euretwillen noch einmal alles Volkes erbarmt und will es durch euch noch einmal zu Mir laut rufen.
HG|3|186|11|0|Dich Ohlad, habe Ich gesalbt, und du hast mit dieser Salbung deinen Bruder Danel und noch die anderen achtundneunzig Brüder zu Mir in der kürzesten Zeit gebracht; daher soll dein Königtum in dieser Stadt gesichert sein so lange, als du in dieser Salbung nach Meinem Wort handeln wirst, und die zehn Zeugen hier sollen dir allezeit kräftig an die Hand gehen, denn auch sie sind Kinder Kisehels!
HG|3|186|12|0|Du, Danel, aber sollst gesalbt sein durch dieses Mein Wort! Lege deinen Brüdern deine Hände auf in Meinem Namen, auf dass auch sie gesalbt werden!
HG|3|186|13|0|Nach dem aber zieht hinaus in alle Gegenden der Erde, und predigt überall ernste Buße! Wird diese erfolgen, dann zieht weiter, und tut desgleichen; wird aber die Buße nicht erfolgen, dann verkündigt Meinen Zorn und Mein verheißenes Gericht, welches nicht ausbleiben wird, wofern nicht allenthalben eine volle Umkehr eintreten wird! Nun empfange Meinen Segen!“
HG|3|186|14|0|Hier segnete der Herr den Danel mit sichtbarer Hand aus der weißen Wolke und gebot ihm dann, dass er sich sogleich ans anbefohlene Werk machen solle. Ganz besonders aber schärfte ihm der Herr ein, dass er ja gegen die Gesellschaften Feuer gebrauchen solle.
HG|3|186|15|0|Der Danel gelobte solches alles dem Herrn und begab sich samt Ohlad und den zehn Ministern sogleich ans anbefohlene Werk.
HG|3|187|1|1|Segnung und Auszug der Bußprediger
HG|3|187|1|1|Am 20. Dezember 1843
HG|3|187|1|0|Im Vorhof angelangt, dankten alle dem Herrn aus dem tiefsten Grunde ihrer Herzen und lobten Seine unaussprechliche Güte; und der Ohlad versperrte sodann wieder den Tempel und begab sich mit Danel und den zehn Ministern hin zu den achtundneunzig und richtete an sie den Willen des Herrn aus.
HG|3|187|2|0|Als sie, die achtundneunzig nämlich, aber alles bereitwilligst angenommen hatten, da legte ihnen der Danel alsbald die Hände auf, und sie wurden alsbald voll des Geistes und der Kraft aus dem Herrn und fingen sofort an, Ihn zu preisen aus allen ihren Kräften.
HG|3|187|3|0|Den Herrn also hoch lobend und preisend, begaben sie sich aus dem Vorhof ins Freie, allda ihre Weiber und Kinder ihrer harrten, und machten dieselben auch sogleich mit dem Willen des Herrn bekannt.
HG|3|187|4|0|Als aber die Weiber und die Kinder erfuhren, dass ihre Männer und Väter hinaus in die für ihre Begriffe endlos große und weite Welt werden ziehen müssen und werden ihre Weiber und Kinder auf eine geraume Zeit, oder vielleicht auch auf immer, verlassen, da fingen die Weiber und die Kinder ganz entsetzlich an zu wehklagen. Einige weinten, einige heulten, einige rauften sich die Haare aus und fingen an, wider diese Anordnungen Gottes ganz entsetzlich zu schmähen.
HG|3|187|5|0|Da traten die zehn Minister vor die Weiber und vor die Kinder und geboten ihnen ganz ernstlich zu schweigen, widrigenfalls sie eine gar mächtige Strafe zu befürchten hätten.
HG|3|187|6|0|Diese gebietenden Worte ergossen sich gleich sichtbaren Flammen mit donnerähnlicher Stimme über die Weiber und erwachsenen Kinder und brachten alsbald alles zum Schweigen.
HG|3|187|7|0|Als sie aber schwiegen, da erst sprach einer aus den zehn Ministern eben zu den Weibern und Kindern:
HG|3|187|8|0|„Nehmt doch einen Verstand an! Was wollt ihr gegen den allmächtigen Willen Gottes euch sträuben? Was ist denn mehr: Gott oder ihr in eurer großen Torheit?
HG|3|187|9|0|So eure Männer den Willen des Herrn erfüllen, wird euch da der Allmächtige wohl verlassen?
HG|3|187|10|0|Das sei eure Sorge fortan, dass ihr dem Herrn Himmels und der Erde wohlgefallet; um alles andere habt ihr euch nicht zu kümmern, – denn da wird schon ohnehin der Herr das Beste tun!
HG|3|187|11|0|Wenn eure Männer aber den Willen des Herrn nicht erfüllen möchten, eurer Torheit willen, so würde der Herr Feuer aus den Himmeln auf die Erde fallen lassen, und ihr alle samt euren Männern würdet dann gar übel in den Flammen des göttlichen Zornes umkommen!
HG|3|187|12|0|Sagt, wäre euch das lieber, als so eure Männer hinausziehen und erfüllen des Herrn Willen gar mächtig, und der Herr sorgt hier für euch?“
HG|3|187|13|0|Diese wenigen Worte brachten die Weiber und die Kinder wieder zur Vernunft, dass sie ihre Männer und Väter segneten und den Herrn baten, dass Er sie also wohlbehalten wieder zurückführen solle, wann es Sein Wille sein wird.
HG|3|187|14|0|Und eine Stimme aus der Luft ward vernehmbar, die da sprach: „Mein Wille – dann und wann, und hie und da. Es geschehe, was nottut! Amen.“
HG|3|187|15|0|Darauf begab sich alles nach Hause, und am nächsten Tag zogen unsere neunundneunzig schon hinaus unter vielen Segnungen; nur Midehal blieb daheim seiner langen Ohren wegen.
HG|3|188|1|1|Die Rückkehr der Bußprediger im vierten Jahr. Errichtung eines großen Triumphbogens als Dankesopfer
HG|3|188|1|1|Am 21. Dezember 1843
HG|3|188|1|0|Im Verlaufe von drei Jahren hatten die neunundneunzig schon allenthalben das Wort Gottes ausgebreitet; sie fanden zwar überall mehr oder weniger kleine Anstände, welche sie aber mit ihrer Wundermacht leicht bekämpften.
HG|3|188|2|0|In noch kürzerer Zeit ward Hanoch wieder so ziemlich in die Ordnung gebracht samt den weitgedehnten Vorstädten, von denen einige sehr hartnäckig waren.
HG|3|188|3|0|Im vierten Jahr kamen die neunundneunzig wieder ganz wohlbehalten zurück und erstatteten dem Ohlad die erfreuliche Kunde, dass und wie nämlich nun alles wieder in der Ordnung sei.
HG|3|188|4|0|Und Ohlad und die zehn Minister errichteten darum dem Herrn ein großes Dankopfer, zu dem das ganze Volk Hanochs geladen war.
HG|3|188|5|0|Das Opfer aber bestand darin: Auf einem großen, freien Platz ließ Ohlad einen ungeheuer großen Triumphbogen errichten. Seine Höhe war hundert Ellen und seine Länge und Breite war gleich der Höhe. Das Baumaterial waren lauter makellos weiße Marmorquader.
HG|3|188|6|0|In einem Jahr war dieses Werk von überaus majestätisch-prachtvollstem Aussehen vollendet; und nach der Art, wie im Tempel, ward zuoberst des Triumphbogens ein hoher Altar von reinstem Gold angebracht und auf dem Altar eine neue, große Goldtafel aufgestellt, auf der mit großen Diamanten und Rubinen der allerheiligste Name Jehova eingesetzt ward.
HG|3|188|7|0|Tausend und tausend Hände hatten daran gearbeitet. Menschen jeden Ranges machten dabei wechselweise Handlanger.
HG|3|188|8|0|Und als dieses Werk, dessen Erbauung selbst schon zum Akt der großen Dankopferung gehörte, vollendet dastand, da erst ward alles Volk, wie schon oben erwähnt ward, von der ganzen Stadt zusammenberufen, und Ohlad hielt dann im Angesichte einer zahllosen Volksmenge mit seinen Ministern und mit den neunundneunzig Boten einen gar feierlichen Einzug, den Herrn laut lobend und preisend.
HG|3|188|9|0|Nach diesem Einzug, dessen großartige, reiche Pracht alles jetzt Erdenkliche weit übertraf, begab sich der Ohlad mit den zehn Ministern und mit den noch anderen neunundneunzig in den Tempel und brachte dem Herrn in seinem Herzen erst ein völlig lebendiges Dankopfer dar.
HG|3|188|10|0|Der Herr aber sprach zum Ohlad: „Ohlad, du tatest, was Ich nicht von dir verlangte, aus eigenem Antrieb!
HG|3|188|11|0|Einen Bogen hast du Mir erbaut aus großer Dankbarkeit; Ich sage dir, daran tatest du wohl! Aber du hast Meinen Namen bloßgestellt; siehe, daran tatest du nicht wohl, – denn Mein Name muss das Inwendigste sein!
HG|3|188|12|0|Gehe daher hin, und erbaue als Buße wegen dieses Fehlers über dem Bogen einen Tempel gleich dem hier, auf dass Mein Name in dessen Innerstes zu stehen komme, – sonst machst du selbst aus dem Heiligtum ein Götzentum! Gehe daher und tue solches! Amen.“
HG|3|188|13|0|Und der Ohlad ging ganz zerknirscht aus dem Tempel und begann schon am nächsten Tag das anbefohlene Werk.
HG|3|189|1|1|Der neue Tempel über dem Triumphbogen. Das einreißende Heidentum
HG|3|189|1|1|Am 22. Dezember 1843
HG|3|189|1|0|In einem Jahr ward der Tempel fertig gleich dem Lamechschen, und das übrige Plateau außerhalb des Tempels am Triumphbogen ward geebnet und mit einem goldenen Geländer umfasst, auf dass die um den Tempel Wandelnden ja nicht in die Gefahr geraten konnten, von dem hohen Plateau des Bogens herabzufallen.
HG|3|189|2|0|Prachtvollst sah nun dieses Gebäude aus und wurde wohl täglich von tausend und tausend Menschen besucht, während der innere Tempel nur von sehr wenigen besucht ward, teils aus Furcht, teils aber auch, weil seine Lage in keinem so anmutigen Teil der Stadt war.
HG|3|189|3|0|In einem Verlauf von zehn Jahren hatte sich um den Triumphbogen eine neue Stadt gebildet, die da aus lauter Herbergen bestand, und die vielen Wallfahrer fanden in dieser neuen Herbergsstadt gegen eine sehr mäßige Zahlung ihre erwünschte Unterkunft, und das war recht und billig.
HG|3|189|4|0|Aber ein anderes Übel fing an, mit der Zeit sich zu entwickeln, und dieses bestand in nichts anderem als in einer Art von einreißendem Heidentum, welches darin bestand, dass man anfing, zu streiten und zu bestimmen, in welchem der nun bestehenden drei Tempel Gott am allergnädigsten und am allerliebreichsten sei.
HG|3|189|5|0|Im inneren Lamechschen Tempel sicher nicht, denn da blitze und donnere Er allezeit vom Dach, dass daneben niemand seines Lebens sicher sei!
HG|3|189|6|0|Im Tempel auf dem Berg sehe es gar zu luftig aus, und es habe daher nicht das Aussehen, als würde allda Gott mit Seiner Gnade sehr freigebig sein.
HG|3|189|7|0|Aber im neuen Tempel sei Gott am gnadenreichsten und zugleich am freigebigsten; daher sei Er dort auch am allermeisten zu besuchen und zu verehren!
HG|3|189|8|0|Dass sich gegen diese Theosophie ganz besonders derjenige Teil der Bewohner von Hanoch auflehnte, der da seine Wohnhäuser und zierlichen Gastkapellen um den Lamechschen Tempel hatte, ist sicher klar; aber nur lehnte er sich nicht der wirklichen Echtheit des Tempels wegen, sondern wegen des kümmerlichen Erwerbes auf und bewies darum die alleinige Echtheit des Tempels, den Lamech auf Gottes Geheiß erbaute wunderbar in sieben Tagen.
HG|3|189|9|0|Also räsonierten auch zu ihren Gunsten die Wirte, welche sich um den Berg angesiedelt hatten, auf dem der Tempel der Weisheit stand, und sprachen: „Was nützt euch alle eure Frömmigkeit beim häufigen Besuch des neuen Tempels, so ihr dabei dumm verbleibt?! Da oben ist der rechte, von Gott Selbst zu öfteren Malen besuchte Tempel, wo Er die Weisheit austeilt! Da zieht hin! Wahrlich, dort werdet ihr die Weisheit erlangen!“
HG|3|189|10|0|Ohlad und alle seine Minister sahen zwar diesen Unfug, aber sie konnten sich dabei nicht ärgern, denn das Volk, welches von allen Weltgegenden her zum neuen Tempel wallfahrte, war sehr fromm und allzeit ganz ergriffen und lobte den Namen des einigen Gottes daselbst über die Maßen. Daher musste er diesem Kampf der drei Parteien ganz ruhig zusehen, denn dem Außen nach behauptete eine jede das Rechte.
HG|3|189|11|0|Alles, was er noch tun konnte, war, dass er gute Volkslehrer beim neuen Tempel anstellte, die daselbst das Volk weise belehrten, aber dabei auch die Parteien nicht auszugleichen vermochten.
HG|3|189|12|0|Was aber mit der Zeit aus dieser Interessen-Spaltung für eine sehr giftige Frucht zum Vorschein kam, wird die Folge zeigen.
HG|3|190|1|1|Zunehmende Wallfahrten, einreißendes Götzentum und Vernachlässigung der Ordnung unter dem mit dem Herrn hadernden König Dronel, Ohlads Sohn
HG|3|190|1|1|Am 23. Dezember 1843
HG|3|190|1|0|Solange Ohlad und die zehn Minister lebten und die neunundneunzig die allgemeine Ordnung mit aufrechtzuerhalten gleichfort nach allen Seiten hin tätig waren, da ging es im Allgemeinen so ziemlich gut fort, obschon es ihnen nie völlig gelang, alles Übel in einer so großen Stadt aus der Wurzel zu vertilgen.
HG|3|190|2|0|Denn wurden auch die Theater, die Tiergefechte und die galanten Gesellschaften eingestellt und die Besuche nur zur Ehre Gottes erlaubt, so gaben aber die frommen Wallfahrten dafür einen reichen Ersatz, und man benützte dann diese gottverehrlichen Zusammenkünfte, wie es sich schon bei solchen Gelegenheiten gibt durch die Mühe des Satans, als zu allerlei Zwecken gar wohl tauglich, die Ich hier nicht näher berühren will.
HG|3|190|3|0|Aber wie gesagt, das war nun das Unkraut zwischen dem Weizen, welches durch den Fleiß und Eifer Ohlads und seiner Minister stets sorgfältig so viel als nur immer möglich ausgejätet wurde.
HG|3|190|4|0|Aber sein Sohn, der ihm in der Regierung folgte, ward schon viel fahrlässiger.
HG|3|190|5|0|Wenn Ich ihn zum Eifer in dem Tempel ermahnte, da sprach er: „Herr, gebe mir die Wunderkraft der zehn Minister meines Vaters, der dadurch dreißig Jahre lang das ganze Volk der Erde glücklich leitete, und ich will es hundert Jahre noch glücklicher leiten! Aber so Du, Herr, mir Wunderkraft gibst, da gebe sie mir nicht von heute bis morgen, sondern auf meine ganze Lebensdauer, und ich werde das Volk ohne Minister leiten!“
HG|3|190|6|0|Also verlangte er allzeit die Wunderkraft von Mir, so Ich ihn zum Eifer ermahnte und ihm auch allzeit versprach, dass Ich ihm schon ohnehin beistehen würde gar wundermächtigst, wann immer er gerechten Eifers Meines Beistandes benötigen würde.
HG|3|190|7|0|Aber damit war er nicht zufrieden, ward darum förmlich erbost auf Mich und sprach: „Wenn Du, Herr, mir die Wundermacht nicht verleihen willst, sondern willst sie nur Selbst gebrauchen bei außerordentlichen Gelegenheiten, wo ich Dich aber obendrauf noch tagelang darum bitten solle, da gehe Du auf den Thron und regiere Selbst die Masse, und lasse mich dabei ungeschoren!“
HG|3|190|8|0|Da aber dieser Nachfolger Ohlads also stets mit Mir in einem Zerwürfnis stand, darum Ich ihm die Wundergabe seiner Spielsucht halber nicht geben konnte, so ließ er sich die Regierung auch nur ganz lau angelegen sein.
HG|3|190|9|0|Die Wallfahrten nahmen stets mehr überhand, und darum auch stets mehr die Gesellschaften; die Wallfahrtsorte vermehrten sich.
HG|3|190|10|0|Und so riss das Götzentum auch stets mehr ein; denn die Menschen beteten nunmehr die Jehovatafeln an und nicht Mich lebendig in ihren Herzen.
HG|3|190|11|0|Ich strafte durch allerlei Plagen das Volk wie den König; aber der einmal lau wird, dem ist nicht viel mehr zu helfen.
HG|3|190|12|0|Nach oder auch bei einer jeden Strafe kam der König wohl zu Mir in den Tempel, – aber nicht, um Mich um Gnade und Erbarmung anzuflehen, sondern um Mich auszumachen und Mir allerlei spitzfindige Vorwürfe zu machen!
HG|3|190|13|0|So kam er einmal zu Mir, wie Ich wegen der ganz gewaltig einreißenden Hurerei eine kleine Pest in die Stadt sandte, die in einer Woche zweihunderttausend Menschen tötete, freilich wohl nur in einem Teil der Stadt (Hanoch hatte da eine Bevölkerung von zwölf Millionen Menschen samt den Vorstädten), und sprach:
HG|3|190|14|0|„Warum würgst Du, Herr, denn so langsam? Lasse auf einen Schlag samt mir die ganze Stadt aussterben, dann hast Du allem Unfug auf einmal ein Ende gemacht!“
HG|3|190|15|0|Züchtigte Ich ihn darum bei ähnlichen Begegnungen, da sprach er: „Nur zugeschlagen! Es ist ja auch eine Ehre, so ein schwacher König Hanochs von seinem Gott und Herrn geprügelt wird!“
HG|3|190|16|0|Schickte Ich eine Krankheit über ihn, da ließ er sich samt dem Lager in den Tempel tragen und haderte dort mit Mir so lange auf das Grauslichste, bis Ich ihm wieder die Krankheit nehmen musste. Manchmal versprach er, Mir zu folgen, manchmal aber drohte er Mir sogar.
HG|3|190|17|0|Fürwahr, dieser König, der Dronel hieß, wusste gehörig Meine Geduld auf die Probe zu stellen! Ich ließ ihm aber dennoch durch fünfzig Jahre die Herrschaft, weil er Mich außer seinen Gramstunden aber dennoch sehr liebte.
HG|3|190|18|0|Was da aber weiter, wird die Folge zeigen.
HG|3|191|1|1|König Dronel übergibt die Regierung seinem Sohn Kinkar. Der falsche Schwur Kinkars. Der Grundstein zu aller Abgötterei wird gelegt
HG|3|191|1|1|Am 27. Dezember 1843
HG|3|191|1|0|Dronel aber hatte einen Sohn namens Kinkar; diesem übergab er die Regierung noch bei seinen Lebzeiten. Denn da er im Verlaufe von fünfzig Jahren von Gott keine Wundermacht erbetteln und erzwingen konnte, da sprach er:
HG|3|191|2|0|„Herr, fünfzig Jahre lang habe ich mich mühsam mit der großen Halsstörrigkeit der Menschen geplagt! Du sahst zwar wohl allezeit meine große Not – und wolltest mir dennoch nicht helfen; und so ich Dich um die sichere Hilfe bat, welche in der Wundermacht bestünde, da zogst Du Dich zurück, gabst mir zumeist entweder gar keine Antwort – oder eine drohende oder gar strafende!
HG|3|191|3|0|Ich tat aber dennoch aus eigenen Kräften, was ich konnte, und habe Deiner nie vergessen! Ich liebte das Volk mehr als mein Leben, darum ich denn auch allzeit haderte mit Dir, so Du demselben wehe tatest.
HG|3|191|4|0|Ich aber bin nun alt und schwach und sehr müde geworden und habe eine große Sehnsucht nach Ruhe.
HG|3|191|5|0|Mein erstgeborener Sohn Kinkar ist ein kräftiger Mann und hat den Kopf und das Herz am rechten Fleck; diesem übergebe ich das Zepter, die Krone und den Thron, und die Herrlichkeit in dem Tempel lege ich mit reinen Händen in seine Hände! Tue desgleichen auch Du, Herr!
HG|3|191|6|0|Denn was ich nun tue, das tue ich nicht in meinem, sondern in Deinem und Deines Volkes Interesse; alsonach wirst ja auch Du nicht gegen Dein Interesse handeln wollen.“
HG|3|191|7|0|Und der Herr sprach zum Dronel: „Höre, die Menschen sind Mir über den Kopf gewachsen! Sie tun, was sie wollen und wollen nicht achten Meines Rates; darum gebe Ich sie frei!
HG|3|191|8|0|Du hast nach deinem Rat deinen Sohn zum König gemacht! Darum soll er auch König sein ohne die geringste Einrede von Mir; denn du horchtest ja nie auf Meinen Rat, da du alles besser verstandest als Ich, der Schöpfer aller Dinge!
HG|3|191|9|0|Wie Ich aber nun das Volk freigebe, also gebe Ich auch den König frei und auch die Tempel; und Meine Engel und Meine Wolke sollen nimmer im selben wohnen!
HG|3|191|10|0|Seht aber zu, wie ihr euch in eurer völligen Ungebundenheit verhalten werdet!
HG|3|191|11|0|Ich werde euch von nun an weder züchtigen, noch irgend strafen bis zur Zeit, die Ich festgesetzt habe.
HG|3|191|12|0|Wohl euch, so Ich euch treffen werde tätig in Meinem euch wohlbekannten Willen; aber wehe euch im Gegenteil!
HG|3|191|13|0|Hanoch, du liegst tief; über dich soll sich die erste Flut Meines Grimmes ergießen! Amen.“
HG|3|191|14|0|Von allem dem unterrichtete Dronel gar wohl seinen Sohn Kinkar und übergab ihm damit die Regierung, empfahl ihm aber dennoch vor allem strenge, dass er ja kein anderes Gesetz irgend dem Volk aufdringen solle, als das der Herr dem Ohlad gegeben hatte.
HG|3|191|15|0|Kinkar beschwor solches beim lebendigen Namen im Tempel.
HG|3|191|16|0|Als er aber solches beschworen hatte, da auch wich des Herrn Geist aus dem Tempel, indem der Kinkar einen falschen Schwur tat, den er sobald zu brechen gedachte, als sein Vater sterben würde.
HG|3|191|17|0|Dronel aber ging darum in den Tempel und ersah im selben den nackten Altar. Darum aber ward er traurig und rief zum Herrn, aber sein Rufen drang zu tauben Ohren. Er verließ daher den Tempel und ging und berichtete solches dem Kinkar.
HG|3|191|18|0|Dieser aber sprach: „Die gesamte Natur ist ja auch ein Werk Gottes! Will Er nicht mehr, dass wir ehrten Seinen Namen, so wollen wir ehren Seine Werke! Ist das nicht auch soviel?“
HG|3|191|19|0|Und der Dronel lobte darum den Kinkar und legte damit den Grundstein zu aller Abgötterei.
HG|3|192|1|1|König Kinkar sammelt die Gesetze und Geschichte Gottes und verfasst darüber zwei Bücher
HG|3|192|1|1|Am 28. Dezember 1843
HG|3|192|1|0|Nach einem Jahr aber beriet sich der Kinkar mit seinem Vater Dronel und sprach: „Vater, höre mich an, mir ist ein guter Gedanke nun durch den Kopf gefahren!
HG|3|192|2|0|Siehe, Gott ist uns untreu geworden, und das ohne irgendeinen uns, die wir doch nicht auf den Kopf gefallen sind, begreiflichen Grund! Wir aber wollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern gerade das Gegenteil wollen wir tun und wollen Ihm darum also treu verbleiben, wie Er sicher noch nie eine solche Treue durch alle Seine Ewigkeiten erlebt hat irgendwo bei und an Seinen Geschöpfen!
HG|3|192|3|0|Ich habe aus diesem Grunde im Verlaufe dieses ganzen Jahres allenthalben die Gesetze Gottes sammeln lassen und habe sie in ein Buch zusammengeschrieben!
HG|3|192|4|0|Ja, ich habe sogar Boten auf die Höhe gesandt! Diese haben dort überaus alte Menschen angetroffen, – ich sage dir: Menschen, die im Ernst den fabelhaften ersten Menschen der Erde persönlich sollen gekannt haben! Ja, es soll noch ein gar uralter Mann leben, der ein Zeitgenosse desselben Lamech sei, der da die beiden Tempel erbaut hat!
HG|3|192|5|0|Die Boten fanden an diesen Gebirgsbewohnern überaus tiefsinnige Weise und bekamen von ihnen ein ganzes Buch voll göttlicher Weisheit, und dieses Buch soll von einem gewissen Henoch sein, welcher außerordentlich fromm gewesen sein soll, so dass er darob in der beständigen sichtbaren Gegenwart Gottes sich als dessen Oberpriester befand.
HG|3|192|6|0|Siehe, solcher wahrhaft heiligen Schätze habe ich mich zu bemächtigen gewusst, und da in den Händen der Träger ersiehst du ein Buch, drei Schuh lang, zwei breit und einen Schuh hoch, bestehend aus hundert starken Metallblättern; das Metall ist ein Gemisch von Gold, Silber und Kupfer.
HG|3|192|7|0|Siehe, alle diese Blätter sind voll mit starker Griffelstichschrift beschrieben, und es ist nicht ein Wort von mir, – sondern, was ich nur immer irgend in der Tiefe, wie auf der Höhe von Gott erfahren habe, das da irgendeinem Gesetz nur im Geringsten gleichschaut, habe ich ganz getreu in dieses Buch geschrieben.
HG|3|192|8|0|Du weißt, dass ich in der Führung des Griffels sehr geläufig bin; so war es mir denn auch wohl möglich, in einem Jahr dieses Buch vollzuschreiben.
HG|3|192|9|0|Dieses fertige Buch enthält sonach ausschließend allein nur den Willen Gottes an die Menschheit der Erde; es soll darum ein ewiges Regierungsbuch bleiben, und es soll nie ein anderes Gesetz unter die Menschen geraten als nur, das in diesem Buch geschrieben steht!
HG|3|192|10|0|Dieses Buch aber wollen wir Gott zu Ehren mit großer Zeremonie in den Tempel auf den nun leeren Altar legen, und es soll als das reine Wort Gottes die Stelle des früheren Heiligtums einnehmen!
HG|3|192|11|0|Und ich will dazu Priester einsetzen, die dieses Buch allezeit studieren sollen und sollen dann das Volk allenthalben danach lehren!
HG|3|192|12|0|Und das Buch soll heißen ‚Die heilige Schrift‘ (Sanah-scritt) und ‚euer Heil‘ (Scant ha vesta).
HG|3|192|13|0|Wer immer aber von dem Buch etwas wegnehmen oder demselben eigenmächtig etwas zusetzen sollte, der auch soll sogleich mit dem Tode bestraft werden!
HG|3|192|14|0|Ich habe aber noch ein zweites Buch in der Arbeit, darinnen alle Taten Gottes und Seine Führungen aufgezeichnet sein sollen; und das Buch, dazu schon tausend Blätter von dem Metallarbeiter Arbial fertig liegen, soll ‚Die heilige Geschichte Gottes‘ (Scant hiast elli) heißen! Was sagst du, Vater, zu diesem meinem Unternehmen?“
HG|3|192|15|0|Als Dronel solches vom Kinkar vernommen hatte, da ward er über die Maßen erfreut und sprach:
HG|3|192|16|0|„Wahrlich, du hast für Gott schon in einem Jahr mehr getan als ich in fünfzig! Daher aber wird dich auch Gott sicher segnen, wie Er selbst meinen Vater Ohlad nicht gesegnet hatte; denn weder er noch ich hatte sich je um die Höhe bekümmert.
HG|3|192|17|0|Alles Lob daher Gott, dem Herrn, und dir meinem geliebtesten Sohn und nun allerwürdigsten König eines großen Reiches!
HG|3|192|18|0|Alles geschehe nach deinem Willen, du mein geliebtester Sohn und König! Amen.“
HG|3|193|1|1|Durch die Einsetzung des Gesetzbuches im Tempel wird König Kinkar verrückt. Kinkar beruft Priester und macht sich selbst zum Oberpriester, dem absurde Verehrung erwiesen wird
HG|3|193|1|1|Am 30. Dezember 1843
HG|3|193|1|0|Durch solche Lobrede ward der Kinkar in eine sehr eitel-frohe Stimmung versetzt und ließ daher schon am nächsten Tag das von ihm zusammengeschriebene Gesetzbuch mit großer Zeremonie in den Tempel tragen und dort auf den Altar legen.
HG|3|193|2|0|Als das Buch sonach auf dem Altar lag, da berief der Kinkar alsbald hundert der verständigsten Männer, die da bei der Buchübertragungszeremonie zugegen waren, und setzte sie zu Priestern ein und machte ihnen zur strengen Pflicht, dieses Buch ja fleißig zu lesen und zu studieren, um daraus dann allzeit vor dem Volk nach der Ordnung der göttlichen Weisheit reden zu können.
HG|3|193|3|0|Er selbst machte sich natürlich zum Oberpriester und verlangte als solcher aber auch eine beinahe göttliche Hochachtung.
HG|3|193|4|0|„Statthalter Gottes auf Erden“, „Erforscher des göttlichen Willens für die Menschen der Erde“ und „Erforscher der geheimen göttlichen Weisheit“, auch „Machthaber Gottes“ und „Sohn des Himmels“, das waren nebst noch einigen Umschreibungen seine festgesetzten priesterlichen Titel.
HG|3|193|5|0|Also durfte sich auch niemand nach ihm der Erste, sondern im höchsten und nächsten Falle der Hundertste nennen, denn von Nummer eins bis Nummer hundert vereinigte er in sich alle Würden, und es war darum nicht genug, ihn den Allerwürdigsten zu nennen, sondern man musste ihn für den Alleinwürdigsten, also auch für den Alleinweisesten ansehen und allenthalben begrüßen und sich ihm gegenüber für den Allerunwürdigsten halten.
HG|3|193|6|0|Kurz und gut, die Einsetzung des Buches im Tempel machte den Kinkar verrückt, und als er im Verlaufe von zehn Jahren erst mit der Geschichte Gottes fertig war und dieses Buch in einem goldenen Kasten verschlossen auch in den Tempel tragen ließ, da war es dann aber auch völlig aus mit ihm.
HG|3|193|7|0|Denn die von ihm eingesetzten Priester kannten seine Schwäche und legten ihm daher Titel bei, von denen bis jetzt noch niemandem etwas geträumt hatte.
HG|3|193|8|0|Also ward sein großer oberpriesterlicher Name mit gar kleinen Zeichen geschrieben auf einen überlangen Metallblechstreifen eintausendeinhundert Ellen lang.
HG|3|193|9|0|Der Streifen war zusammenzurollen und ward im zusammengerollten Zustand ebenfalls im Tempel aufbewahrt und hoch verehrt.
HG|3|193|10|0|Bei großen Feierlichkeiten ward dieser Streifen aufgerollt und spiralförmig um den Tempel gezogen, und der große Name auf dem Streifen sodann von den hundert Priestern also ausgesprochen, dass da je elf Ellen auf einen Priester zu stehen kamen.
HG|3|193|11|0|Dann hatte der Kinkar noch verschiedene etwas kürzere Namen, welche auch auf ähnliche Blechstreifen geschrieben waren.
HG|3|193|12|0|Diese kleineren Namen mussten allwöchentlich einmal ausgesprochen werden. Zur Aussprechung dieser Namen waren drei Tage erforderlich, während der große Name bei großen Feierlichkeiten wohl, wenn es gut ging, erst in einer Woche herabgelesen werden konnte; denn der eintausendeinhundert Ellen lange und eine Elle breite Streifen war von oben bis unten mit kleinen Zeichen, wie schon bemerkt, vollgeschrieben.
HG|3|193|13|0|Also standen die Dinge schon im Verlaufe von kaum zwanzig Jahren in Hanoch. Es wird nicht schwer sein, zu begreifen, wie Hanoch mit riesigen Schritten zu sinken begann.
HG|3|193|14|0|Die Folge jedoch wird solches alles im hellsten Licht zeigen.
HG|3|194|1|1|Blütezeit der Erfindungen und Künste in Hanoch
HG|3|194|1|1|Am 2. Januar 1844
HG|3|194|1|0|Als der Kinkar seines literarischen Eifers wegen bis über die Sterne vom Volk erhoben ward, da fing er erst so recht zu sinnen an, was er nun fürder tun und erfinden solle, wodurch er beim Volk stets wachsen möchte in der Hochachtung und in der gegründeten Verehrung.
HG|3|194|2|0|Er war von sehr erfinderischem Geist und war durch das Zusammenschreiben der beiden Bücher voll eingelernter Weisheit; daher war es ihm auch ein Leichtes, allerlei Dinge hervorzubringen und zu erfinden allerlei Künste.
HG|3|194|3|0|Im Verlaufe von wenigen Jahren strotzte Hanoch von Erfindungen und Künsten aller Art, denn der Eifer des Königs belebte alle anderen Menschen. Alles dachte jetzt nur, um etwas zu erfinden und dann eine solche Erfindung dem König zu Füßen zu legen.
HG|3|194|4|0|Maschinen aller erdenklichen Art, von denen die späte Nachwelt – und jetzt noch – keinen Begriff hat, wurden in Hanoch, wie auch in den anderen Städten, ausgeheckt.
HG|3|194|5|0|So hat man besonders Zug-, Trieb-, Wurf- und Druck- und Hebmaschinen von einer solchen Art dargestellt, durch welche dann Dinge geleistet wurden, von denen die gegenwärtige Welt durchaus keinen Begriff hat – und es auch besser ist, dass sie davon noch keinen hat.
HG|3|194|6|0|So hatten sie Wurfmaschinen, mit denen sie Lasten von tausend Zentnern meilenweit mit der furchtbarsten Heftigkeit zu schleudern vermochten, wobei aber freilich die Erfindung der gebundenen Elektrizität die Hauptrolle spielte, welche sie dergestalt zu kondensieren verstanden, dass sie damit wahrhaft Schreckliches leisteten.
HG|3|194|7|0|Sie erfanden auch das Pulver und Schießgewehre, Pergament, Papier; auch die Gewalt der Wasserdämpfe war ihnen bekannt, und sie wussten sie vielfach zu benützen.
HG|3|194|8|0|Kurz und gut, in allem und jedem, was immer an Erfindungen und Künsten die gegenwärtige Welt besitzt, war Hanoch, wie auch die anderen Städte, um volle fleißige tausend Erfindungsjahre voraus, und das in kurzer Zeit!
HG|3|194|9|0|So gehört etwa die Optik nicht dieser Zeit allein an; in Hanoch verstand man auch, große Sehwerkzeuge zu konstruieren. Also wusste man auch mit Aerostatik viel besser umzugehen als jetzt. Die Musik wurde überaus kultiviert, welche aber wohl schon seit den Zeiten Lamechs gang und gäbe war.
HG|3|194|10|0|Mit nichts konnte man dem Kinkar eine größere Freude machen als mit einer neuen Erfindung; daher aber regnete es in Hanoch auch täglich von neuen Erfindungen und von Verbesserungen des schon Erfundenen.
HG|3|194|11|0|Also wurden auch die bildenden Künste sehr kultiviert; und so sah Hanoch bald aus wie ein ungeheurer Zauberpalast, und Kinkar sah sich schon beinahe als einen Gott an, wozu sein noch lebender Vater wohl das meiste beitrug.
HG|3|194|12|0|Und der Kinkar sagte alle Augenblicke: „Ehrten wir Gott in Seinem unerforschlichen Wesen, da stünden wir noch auf der ersten Stufe der Bildung; da wir Ihn aber ehren in Seinen Werken, so sind wir schon beinahe jetzt Gott gleich, denn auch wir sind Schöpfer, und das von edlerer Art!“
HG|3|194|13|0|Was aber da weiter, wird die Folge zeigen.
HG|3|195|1|1|Die natürlichen Folgen des Reichtums. König Kinkars gewaltsamer Tod. Kinkars Sohn Japell als Nachfolger. König Japells Politik und Gesetze
HG|3|195|1|1|Am 3. Januar 1844
HG|3|195|1|0|Dass durch derlei tausendfache Erfindungen auch der Handel mit den auswärtigen Völkern sehr begünstigt wurde, braucht kaum erwähnt zu werden; dass aber auch natürlicherweise dadurch die Stadt Hanoch an irdischen Gütern überaus reich wurde, wird wohl auch jedermann begreiflich finden.
HG|3|195|2|0|Aber welche Folgen dieser große Reichtum nach sich zog, das dürfte nicht so leicht sein, sie von vornherein zu finden und kundzugeben.
HG|3|195|3|0|Was hat aber der Reichtum überhaupt für Folgen? Wir wollen das sehen!
HG|3|195|4|0|Die natürlichen Folgen des Reichtums sind: Herrschlust, Gefühllosigkeit gegen Arme und Dürftige, stets mächtiger erwachender Trieb nach der sinnlichen Befriedigung des Fleisches, der da Geilheit heißt, also auch Wucher, Geiz, Neid, Hass, Zorn, Gottesvergessenheit, Fraß, Völlerei, Abgötterei, Dieberei, Raub und Mord. Das sind die ganz natürlichen Folgen des Reichtums.
HG|3|195|5|0|Kamen sie denn in Hanoch zum Vorschein? Solange Kinkar lebte und herrschte, waren diese Laster noch verschleiert; als aber nach einer dreiundvierzigjährigen Regierung der Kinkar in einer Maschinerie einen gewaltsamen Tod fand und dann sein Sohn Japell die Regierung antrat, da fing bald an alles drunter und drüber zu gehen.
HG|3|195|6|0|So sehr sein Vater voll tätigen Erfindungsgeistes war, ebenso sehr war Japell ein Ausbund von einem Politiker. Was aber kann ein feiner Politiker nicht alles zu seinen Zwecken gebrauchen?
HG|3|195|7|0|Er, Japell nämlich, duldete daher alles, aber unter gewissen Gesetzen. So durfte man unter ihm stehlen, aber nur bis zu einem gewissen Betrag. Doch musste man beim Akt des Stehlens pfiffig zu Werke gehen; denn so sich der Dieb erwischen ließ, so hatte da der Bestohlene das Strafrecht und konnte den Dieb strafen nach seinem Belieben.
HG|3|195|8|0|Dieses Gesetz war ganz tauglich, um in kurzer Zeit die allerraffiniertesten Diebe zu bilden, zugleich aber auch die Bewohner der Städte wie des Landes in steter Wachsamkeit zu erhalten; es war aber dennoch Todesstrafe darauf gesetzt, so sich ein Dieb am Reichtum der Priester, der Staatsbeamten und etwa gar am Schatz des Königs vergreifen möchte.
HG|3|195|9|0|Unter solchen Umständen war auch der Straßenraub gesetzlich erlaubt; aber nur hatte da die zu beraubende Partei ihr eigenes Wehrrecht. Der Räuber aber war verpflichtet, allezeit ein Drittteil des Geraubten an die Staatskasse zu liefern, widrigenfalls er sich seines Raubrechtes auf immer verlustig gemacht hätte. Denn der Räuber war vom König selbst proskribiert [legitimiert] und war vermöge dieser Proskription gewisserart vom Adel, ungefähr also, wie in früheren Zeiten nach Meiner Geburt die Raubritter waren; Diebe aber waren nicht proskribiert, und darum hatte ein jeder ein Recht, zu stehlen.
HG|3|195|10|0|Dann gab dieser König auch ein Gesetz, vermöge dem alle Mädchen vom Bürgerstand frei waren. Jeder Mann hatte demnach das Recht, eine Bürgerstochter wo immer zu beschlafen. Doch hatte der Vater das Recht, sich einen Jahresadel zu erkaufen; dann war dessen Tochter geschützt, – aber nur ein Jahr! Darauf aber war sie wieder frei, und es musste ein neuer Adel gekauft werden, so der Vater seine Töchter geschützt wissen wollte. Dieses Monopol trug dem König enorme Summen.
HG|3|195|11|0|Wer sich zehn Jahre hintereinander den kleinen Adel gekauft hatte, konnte im elften Jahr um den großen Adel kompetieren; aber dieser kostete auch das Zehnfache des kleinen.
HG|3|195|12|0|Wer mit dem König reden wollte, der musste sich kurz fassen, denn nur zehn Worte waren frei gestattet; ein Wort darüber machte, dass da vom Anfang an jedes Wort mit einem Pfund Goldes bezahlt werden musste.
HG|3|195|13|0|Wie aber Japell es verstand, sich des Reichtums zu bemächtigen, davon in der Folge mehreres.
HG|3|196|1|1|Die vielen Schulen in Hanoch. Verdummung des Volkes durch tausenderlei Spektakel und Zeremonien. Armenfürsorge aus Politik
HG|3|196|1|1|Am 4. Januar 1844
HG|3|196|1|0|Es bestanden zwar in Hanoch seit Ohlad schon öffentliche Schulen, welche sein Sohn Dronel sehr vervollkommnete und der Kinkar sehr erweiterte und in andere Städte ausdehnte.
HG|3|196|2|0|Aber der Japell errichtete dazu noch mehrere hundert allerlei Gymnasien, in denen noch allerlei Künste öffentlich gelehrt wurden, als zum Beispiel Tanzen, Musik, Bildhauerei, Malerei, Schwimmen, Fliegen mittels aerostatischer Mittel, Reiten der Pferde, der Kamele, der Elefanten, Bogenschießen, Fechten, dann auch das Schießen mittels der von Kinkar erfundenen Feuergewehre.
HG|3|196|3|0|Für alle diese genannten und noch eine Menge ungenannten Künste und Fächer hatte Japell Lehranstalten errichtet und Lehrer eingesetzt in allen Orten seines großen Reiches. Daraus gingen bald allerlei Volksbelustiger hervor und produzierten sich vor demselben in den verschiedenen Theatern ums Geld, wovon sie aber allezeit ein Drittel an die Staatskasse zu entrichten hatten, und das aus dem Grunde, weil der König derlei nützliche Anstalten, in denen solche Künste gelehrt wurden, vom Volk erbauen ließ und dadurch der Jugend die Gelegenheit verschaffte, so nützliche Dinge zu erlernen, für welches Erlernen aber freilich wieder die lernende Jugend ihre Lehrer bezahlen musste.
HG|3|196|4|0|Dadurch gewann der Japell schon wieder große Summen und gewann in politischer Hinsicht das, dass das Volk ob der immerwährend neuen Spektakel des Druckes vergaß und den König noch obendrauf rühmte über alles Gold.
HG|3|196|5|0|Um ein Volk so dumm als möglich zu machen und unempfindlich gegen jeden Druck, ist kein Mittel tauglicher als tausenderlei Spektakel und Zeremonien. Dadurch wird die allerauswendigste Gafflust erweckt, durch welche der Mensch in den rein tierischen Zustand zurücksinkt und dann in der Welt dasteht wie eine dumme Kuh vor einem neuen Tor.
HG|3|196|6|0|Das waren demnach wieder ergiebige Früchte der ausgezeichneten Politik des Japell.
HG|3|196|7|0|Es gab freilich in Hanoch, wie auch in anderen Städten und Ortschaften, noch so manche nüchterne Denker, die Mein Wort noch nicht vergessen hatten; aber fürs Erste durften sie nicht reden, weil der Japell das Reich mit Spionen gehörig versehen hatte, und fürs Zweite aber fanden sie am Ende selbst Geschmack an den allerlei wirklich ausgebildetsten Kunstproduktionen und konnten dabei nicht oft genug ausrufen, wie dies und jenes dem Menschenverstand zur Ehre gereiche.
HG|3|196|8|0|Vor allen den Künsten wirkten der Tanz, die Musik und ganz besonders aber die sogenannten ästhetischen Vorstellungen auf das Volk.
HG|3|196|9|0|Die ästhetischen Vorstellungen bestanden darin, dass die schönsten Mädchen und auch die schönsten Jünglinge in allerlei reizenden Kostümen in den lockendsten Stellungen auf einer prachtvollen Bühne auftraten, und das natürlich unter der Begleitung von Musik.
HG|3|196|10|0|Die jungen Künstler und Künstlerinnen waren aber nach jeder Vorstellung für die Lüsternen – freilich um tüchtiges Geld – zu haben, und zwar die Jünglinge für lüsterne Weiber und die Mädchen für lüsterne Männer.
HG|3|196|11|0|Diese Kunstanstalt trug dem König ungeheure Summen und trug zur Verdummung des Volkes am meisten bei.
HG|3|196|12|0|Was aber den Japell beim Volk in ganz besonderer Gunst erhielt, bestand darin, dass er für die Armen mittels Hospitälern sorgte, in die sie aufgenommen wurden, und man sah daher nirgends betteln, sondern nur den Wohlstand.
HG|3|196|13|0|Dass die Armen in den Hospitälern gerade nicht am besten versorgt waren und dabei arbeiten mussten, um sich darin die ziemlich magere Kost womöglich zu verdienen, ist sicher aus dem Umstand zu ersehen, dass alle die Einrichtungen nur Früchte der Politik Japells waren; denn Liebe und Politik sind entgegengesetzte Pole, indem Liebe ein Angehör des obersten Himmels, Politik aber ein Angehör der untersten Hölle ist, wenn sie Habsucht und Herrschgier zum Grunde hat.
HG|3|196|14|0|Was aber Japell noch ferner tat, wird die Folge zeigen.
HG|3|197|1|1|Die erfolgreiche Eroberungspolitik Hanochs. Allein Noah bleibt mit den Seinen dem Herrn treu. Einführung des Kastenwesens durch die Priester
HG|3|197|1|1|Am 5. Januar 1844
HG|3|197|1|0|Japells Geist entdeckte gar bald, dass es auf der Erde noch so manche Völkerschaften gab, die ihm nicht untertänig waren. Er beriet sich darob mit seinen Ministern und Priestern, auf welche Weise solche Völker am leichtesten zu unterjochen wären.
HG|3|197|2|0|Die Minister rieten die Anwendung militärischer Gewalt; die Priester aber rieten gar schlau, man solle Emissäre zu solchen Völkern senden.
HG|3|197|3|0|„Diese sollen solchen Völkern predigen von den großen Vorteilen Hanochs und sollen dann auf dem freundschaftlichsten Wege von Seiten eines jeden Volkes Gesandte hierher senden! Diese wollen wir hier so freundlich als nur immer möglich aufnehmen, ihnen alle unsere Erfindungen und Kunstprodukte zeigen, und wenn sie dann einen großen Geschmack unseren Vorteilen werden abgewonnen haben, dann wollen wir sie einladen und sagen, dass sie sich uns einverleiben sollen; sodann werden sie mit uns zu einem Volk und somit Teilnehmer an allen unseren Vorteilen!
HG|3|197|4|0|Wenn diese Gesandten der Völker dann wieder zu ihren Völkerschaften zurückkehren werden und werden ihnen erzählen von allen den Wundervorteilen Hanochs, da wird es sicher nicht ein Volk irgendwo geben, das sich mit uns nicht alsbald vereinen würde und anerkennen unsere Oberherrlichkeit!
HG|3|197|5|0|Nur wäre es zu wünschen, dass solche Gesandte bei uns keine Schattenseiten entdecken möchten! Diese aber bestehen zumeist nun in der freien Dieberei und im Raubrecht. Diese beiden Eigentümlichkeiten müssen gegen Fremde im Anfang ganz aufgehoben sein, sonst werden sie abgeschreckt schon am Weg und werden dann umkehren und uns verwünschen!“
HG|3|197|6|0|Dieser feine priesterliche Rat gefiel dem König wohl, und er setzte ihn auch sogleich in Wirksamkeit.
HG|3|197|7|0|In kurzer Zeit wurden tausend Emissäre nach allen Richtungen karawanenweise ausgesendet, auf dass sie aufsuchten alle verborgenen Völker, um den gefundenen dann zu verkünden die frohe Botschaft aus Hanoch.
HG|3|197|8|0|Am leichtesten waren die Bewohner der Höhen aufgefunden, und zwar zuerst die Kinder Gottes, dann die Horadaliten und von dort aus noch eine Menge Völkerschaften.
HG|3|197|9|0|Nur die Sihiniten, die Meduhediten und Kahiniten, wie auch die zu Ohlads Zeiten nach Ägypten ausgewanderten Räte wurden nicht gefunden.
HG|3|197|10|0|Durch die allerzuvorkommendste Artigkeit und durch eine überaus feine Beredsamkeit der Emissäre, die zumeist lauter Tausendkünstler waren und sich zugleich in den verschiedensten Künsten vor den vorgefundenen Völkern produzierten, wurden in kurzer Zeit alle die Völkerschaften für Hanoch gewonnen.
HG|3|197|11|0|Selbst die Kinder der Höhe ergaben sich bis auf das Haus Lamechs, der aber gerade um diese Zeit starb, als Hanoch diese löblichen Emissäre aussandte. Und so war nur Noah mit seinen drei Brüdern, fünf Schwestern, mit seinem Weib, das eine Tochter Muthaels und der Purista war, und mit seinen fünf Kindern allein mehr da, der sich von den Aposteln Hanochs nicht blenden ließ, sondern dem Herrn treu verblieb.
HG|3|197|12|0|Japell aber war über diesen Sieg überaus erfreut; und da ihm die Priester solch klugen Rat gegeben hatten, so gab er ihnen das Privilegium der gänzlichen Freiheit und dazu die obligate Versicherung, dass er und jeder Nachkomme von ihm sich allzeit ihrer Anordnung fügen werde.
HG|3|197|13|0|Im selben Jahr noch führten die Priester Kasten ein und alles Volk wurde in gewisse Klassen geteilt, in denen jeder Mensch bei Todesstrafe so lange zu verbleiben hatte, als er sich nicht durch Geld loskaufen konnte.
HG|3|197|14|0|Danach war eine Sklavenkaste unter dem Namen „Menschenlasttiere“, eine Militärkaste, eine Bürgerkaste, eine Adelskaste, eine Künstlerkaste, eine Priesterkaste und so noch mehrere Kasten festgesetzt.
HG|3|197|15|0|Die Sklavenkaste war die zahlreichste. Warum? Davon in der Folge.
HG|3|198|1|1|Die Priester gelangen mittels des Kastenwesens an die Macht. Hanoch wird zur Hölle der armen Menschheit
HG|3|198|1|1|Am 8. Januar 1844
HG|3|198|1|0|Dem Japell gefiel zwar die stets zunehmende Macht der Priester nicht; denn er sah es ein, dass er der bedungenen Vorteile wegen tanzen musste, wie die Priester pfiffen. Aber was konnte er tun?
HG|3|198|2|0|Die Priester hatten sich einerseits zu sehr in das Gewissen der niederen Menschen eingenistet, anderseits aber wussten sie den hellersehenden Adel so ausgezeichnet auf den Altar zu setzen, dass es dem König weder durch die Macht der Volksmasse, noch durch die Autorität des Adels möglich war, dem Tun und Treiben der Priester entgegenzuwirken; denn also hielt das geringe Volk wie der Adel mit den Priestern, und der König hatte weder eins noch das andere für sich.
HG|3|198|3|0|Wie handelten aber diese Priester, dass ihnen ein solches Ansehen zuteilwurde?
HG|3|198|4|0|Die Priester gründeten das einmal mit der Genehmigung des Königs eingeführte Kastenwesen immer fester und fester.
HG|3|198|5|0|Solange sie noch nicht der Schätze in übergroßen Haufen in ihren weiten Schatzkammern aufgespeichert hatten, so lange auch war es möglich, sich durch Gold in eine höhere Kaste einzukaufen.
HG|3|198|6|0|Als aber die Priester einmal des Goldes in unabsehbarer Menge besaßen, da wurden mit dem Kastenwesen bald ganz andere Bestimmungen getroffen, und diese bestanden darin:
HG|3|198|7|0|Nur aus der Sklavenkaste ward der Einkauf in die niedere Bürgerkaste noch möglich belassen; jede andere Kaste aber ward so festgestellt, dass sich niemand mehr in dieselbe auch durch alle Schätze der Welt einzukaufen vermochte.
HG|3|198|8|0|Ganz besonders unerreichbar blieb für jedermann die geheimnisvollst tuende Priesterkaste; denn diese ließ auch nicht mehr den Satan hinter ihre Schliche blicken. Sie wusste ihre Pläne so schlau und feinstgesponnen anzulegen, dass es niemandem möglich war, dahinterzukommen und etwa zu erfahren, was sie im Sinne führte.
HG|3|198|9|0|Daher war denn auch der König so misstrauisch geworden vor der Priesterschaft, dass er sich am Ende ganz einsperrte und niemanden mehr vor sich kommen ließ.
HG|3|198|10|0|Das aber war eben wieder ein gutes Wasser auf die Mühle der Priester, denn nun war erst ihre Herrschaft vollkommen.
HG|3|198|11|0|Es wurde von Seiten der Priester ein Gesetz nach dem anderen wie vom König ausgehend dem Volk publiziert, wovon der König keine Silbe wusste. Eine Kette um die andere wurde um die Sklavenkaste geschmiedet.
HG|3|198|12|0|Als aber diese zu sehr zu klagen anfing, da ward ihr von priesterlicher Seite zur strengen Buße sogar das Reden bei Todesstrafe untersagt und auch die Möglichkeit, sich in die geringe Bürgerkaste einzukaufen, eingeschränkt; wohl aber konnte durch ein ganz geringes Vergehen jeder Kleinbürger in die Sklavenkaste verdammt werden, und das darum, weil dann all seine Habe der Priesterschaft zufiel.
HG|3|198|13|0|Wie lebte aber dann die Sklavenkaste? Gerade also wie das Vieh!
HG|3|198|14|0|Die Adeligen und Großbürger kauften von den Priestern die Sklaven, natürlich ganz nackt, denn ein Sklave durfte keine Kleider tragen, und bauten für sie Stallungen wie fürs Vieh.
HG|3|198|15|0|Diese Sklaven wurden mittels eines Metallringes um ihre Lenden und mittels einer am Ring wohlbefestigten Kette an den Futtertrog befestigt und wurden von da nur losgemacht, wenn sie zur Arbeit getrieben wurden.
HG|3|198|16|0|Auf die Anzahl der Sklaven gründete sich das Ansehen des Adels und des Großbürgers; daher wurde diese Sklavenkaste vermehrt.
HG|3|198|17|0|Jeder Adelige und Großbürger suchte daher so viele Sklaven als möglich zu kaufen, und die Priester hatten auch nichts eifriger zu tun, als nur immer Sklaven zu machen.
HG|3|198|18|0|Um aber das so leicht als möglich zu bewerkstelligen, führten sie eine Art Beichte und Inquisition ein. Wer demnach zur Beichte berufen ward, dem half nichts mehr vom Sklaventum.
HG|3|198|19|0|Mehr braucht nicht gesagt zu werden. Zwanzig Jahre nach der ersten Kastengründung wurde Hanoch zur Hölle der armen Menschheit.
HG|3|199|1|1|Der Widerstand der Priester gegen die Einführung von Japells zweitem Sohn als König. König Japells Tod. Der neue Scheinkönig. Der zweite Sohn Japells auf der Höhe bei Noah
HG|3|199|1|1|Am 9. Januar 1844
HG|3|199|1|0|Japell starb im fünfundzwanzigsten Jahr seiner Regierung aus Gram, denn er wollte seinen zweitgeborenen Sohn zum König einsetzen, indem der Erstgeborene ein kranker, ganz verkrüppelter und blödsinniger Schwächling war.
HG|3|199|2|0|Die Priester aber verweigerten ihm das streng und sprachen: „Das Königtum ruht auf der Erstgeburt und nicht auf der Fähigkeit und Tauglichkeit zur Regierung!
HG|3|199|3|0|Hätte die große Gottheit und all die kleinen Gottheiten gewollt, dass da über Hanoch ein weiser König herrschen solle, da hätten sie den Erstgeborenen weise werden lassen; da sie aber haben wollten einen blödsinnigen Krüppel und Schwächling zum König von Hanoch, so ließen sie ihn auch also geboren werden, und weder du, König, als Vater, noch wir Priester als allezeit heilige und getreue Diener der großen Gottheit wie der kleinen Gottheiten haben das Recht, andere Anordnungen zu treffen, als welche die Gottheiten gestellt haben!
HG|3|199|4|0|Wir Priester aber sind darum von aller Gottheit aufgestellt, um den Menschen den Willen aller Gottheit kennen zu lehren und allerstrengst darauf zu sehen, dass dieser Wille von aller Menschheit gehandhabt wird.
HG|3|199|5|0|Du aber bist auch ein Mensch, samt deiner Königskrone, und bist darum nicht frei von unserer priesterlichen Macht, die uns gegeben ist von aller Gottheit!
HG|3|199|6|0|Wir können dich segnen, aber auch vollmächtig verdammen; bist du aber von uns verdammt, da bist du es auch von aller Gottheit!
HG|3|199|7|0|Daher setze du die Krone auf das Haupt deines erstgeborenen Sohnes, willst du von uns nicht verdammt, sondern gesegnet werden!
HG|3|199|8|0|Dein zweitgeborener Sohn aber muss nach dem Ratschluss der Götter entweder in unsere heilige Kaste übertreten, oder er muss vor aller Menschheit dem Thron entsagen bei seinem Leben und dann fliehen hinaus bis ans Ende aller unserer Reiche!
HG|3|199|9|0|Wird er sich aber weigern, eines oder das andere zu tun, dann soll er verdammt und öffentlich vor allem Volk erdrosselt werden!“
HG|3|199|10|0|Diese Bekanntgebung von Seiten der Priester erfüllte das Gemüt des Japell mit tiefstem Gram, dass er darob schwer erkrankte und darauf in kurzer Zeit starb und keine Bestimmung hinterließ.
HG|3|199|11|0|Sein Los war demnach gleich dem Los aller Politiker, dass sie nämlich im selben feinen Garn, das sie gelegt haben, am Ende den eigenen Untergang finden.
HG|3|199|12|0|Denn die Politik ist die Frucht des Misstrauens, das Misstrauen die Frucht eines verdorbenen Herzens, und das verdorbene Herz ist ein Werk des Satans, in dem keine Liebe ist. Daher ist die Politik äquivalent mit der Hölle, denn diese ist aus der allerabgefeimtesten Politik zusammengesetzt, und der Satan selbst ist der Großmeister aller Politik
HG|3|199|13|0|und wurde am Ende ein Opfer derselben.
HG|3|199|14|0|Als Japell starb, ward alsbald der erstgeborene Sohn zum König – aber freilich nur dem Schein nach – erhoben. Warum? Das lässt sich sehr leicht erraten!
HG|3|199|15|0|Der zweitgeborene Sohn aber ergriff heimlich die Flucht und floh mit seinen drei Schwestern und einiger Dienerschaft schnurgerade auf die Höhe in die Gegend, da früher die Kinder des Mittags wohnten, und lebte da ganz verborgen drei Jahre lang.
HG|3|199|16|0|Nach drei Jahren erst ward er von den Söhnen Noahs entdeckt. Diese zeigten das dem Noah an, und dieser ging hin und dingte den Flüchtling in sein Haus und lehrte ihn den wahren Gott erkennen und die Zimmermannsarbeit.
HG|3|200|1|1|Die Beraubung, Versklavung und Ermordung von Fremden, welche sich Hanoch nahen
HG|3|200|1|1|Am 10. Januar 1844
HG|3|200|1|0|Das Volk in Hanoch aber bekam den neuen König gar nicht zu sehen; denn er ward alsbald in seiner Burg mit göttlicher Verehrung eingesperrt und hatte da nichts zu tun, als die besten Sachen zu fressen, zu huren und höchstens dann und wann einem Fremden die Todesstrafe zu erlassen, – was er freilich bei einem Einheimischen nie zu tun bekam. Denn diese wussten zumeist, was es mit dem König für eine Bewandtnis hatte.
HG|3|200|2|0|Wie geschah aber die Erlassung der Todesstrafe?
HG|3|200|3|0|Der Fremde, der sich schon dadurch der Todesstrafe nach den neuen Gesetzen würdig gemacht hatte, so er sich der Stadt Hanoch auf tausend Schritte ohne Geld genähert hatte, ward sogleich von den Häschern aufgegriffen und vor das gestrenge Forum der Priester gebracht, in deren Brust auch nicht ein Atom groß Liebe zu finden war.
HG|3|200|4|0|Diese fragten ihn um den Grund, warum er sich ohne Geld habe unterstanden, der heiligen Stadt Gottes und aller Götter zu nahen.
HG|3|200|5|0|Wenn der unglückliche Inquisit etwa ganz aufrichtig bekannte, dass er ein sehr Armer war und ging darum in diese große Stadt, um etwa darinnen eine Unterstützung zu finden, da erklärten ihm die Priester, dass er sich dadurch der Todesstrafe würdig gemacht habe; doch hänge es von dem göttlichen Herrscher dieser Stadt und der ganzen Welt ab, ob er ihm das Leben schenken wolle oder nicht.
HG|3|200|6|0|Darauf wurde er durch einen unterirdischen Gang von zwei Häschern und zwei Unterpriestern zum König gebracht. Vor dem Thron des Königs angelangt, musste er sich aufs Angesicht niederlegen und ein Wort reden.
HG|3|200|7|0|Der König aber wusste dann schon maschinenmäßig, was er zu tun hatte bei solchen Anlässen. Er musste sich nämlich nach einer Weile vom Thron erheben, musste dann die Armut dreimal verfluchen und dann dem stummen Gnadenfleher dreimal mit dem linken Fuß recht derb auf den Kopf treten, so dass dem Gnadesucher nicht selten das Blut aus dem Mund und der Nase hervorkam. Das war also die glückliche Befreiung von der Todesstrafe.
HG|3|200|8|0|Der also Begnadigte wurde dann denselben Weg wieder vor das Forum der Priester mit blutigem Angesicht gebracht. Die Priester lobten dann – natürlich pro forma – die große Güte des allmächtigen Beherrschers der ganzen Welt und sagten dann zum Begnadigten:
HG|3|200|9|0|„Da du allerelendestes Lasttier von dem großen allmächtigen Beherrscher dieser Stadt wie der ganzen Welt solche übergroße Gnade empfingst, so ist es auch nun deine allergewissenhafteste Pflicht, in dieser heiligen Stadt aus Dankbarkeit drei volle Jahre als wahres Zug- und Lasttier zu dienen! Du wirst daher auf drei Jahre verkauft an irgendeinen Kauflustigen, und der Erlös für dich sei ein kleines Dankopfer von Seiten deiner großen Niederträchtigkeit für die endlose Gnade, welche dir vom König zuteil ward!“
HG|3|200|10|0|Nach diesem tröstlichen Vortrag wurden sogleich Boten ausgesandt, um kauflustige Großbürger zu holen. Wenn diese allzeit sicher kamen, da ward der Fremde sogleich an den Meistbietenden hintangegeben und mit der Instruktion versehen, wie er sich als Lasttier zu benehmen hat.
HG|3|200|11|0|Die Instruktion bestand darin, dass so ein Lasttier bei Strafe blutiger Züchtigung nie ein Wort reden darf, weder mit seinesgleichen, noch mit seinem hohen Besitzer; dann darf es nie krank sein und noch weniger gar klagen, so ihm etwas fehlen sollte; ferner hat das Lasttier mit dem Futter zufrieden zu sein, das ihm gereicht wird, und bei der Arbeit unermüdet tätig zu sein; und wenn es von seiner Inhabung bei gewissen Anlässen noch so gezüchtigt wird, so darf es sich aber dennoch bei Todesstrafe nicht widersetzlich bezeigen und nie etwa gar weinen und klagen; dann darf es auch kein Gewand tragen, sondern muss allzeit nackt sein.
HG|3|200|12|0|Nach dem Vortrag solcher sanften Instruktion ward der Fremde dann vom Käufer in Empfang genommen und sogleich in die Stallungen, in denen es nicht selten von Ratten und Mäusen wimmelte, unter die anderen Lasttiere eingereiht.
HG|3|200|13|0|Das war gewöhnlich der Fall mit einem Armen, der sich der Stadt genähert hatte; nur ein Reicher durfte nach Aufweisung seines Schatzes sich in die Stadt begeben, musste aber sehr auf seiner Hut sein, dass er nicht beraubt oder bestohlen wurde.
HG|3|200|14|0|Kam er aus irgendeiner Neugierde, um diese Stadt zu sehen, und hatte zu wenig Geld oder andere Schätze, so ward ihm alsbald alles abgenommen, und er ward als ein Spion entweder zu Tode geprügelt oder, falls er ein starker Mensch war, ohne Gnade und Pardon als Lasttier verkauft.
HG|3|200|15|0|Ward ein armes Mädchen also attrappiert [erwischt], so ward sie sogleich als Hure an die Meistbietenden verkauft und musste da dann aus sich und mit sich machen lassen, was dem Käufer beliebte; weigerte sie sich, so ward sie mit scharfen Ruten dazu genötigt.
HG|3|200|16|0|Also stand es in Hanoch und nicht viel besser in allen anderen Orten und Städten, die unter Hanoch standen!
HG|3|200|17|0|Was weiter, – davon in der Folge.
HG|3|201|1|1|Die priesterliche Geschlechtserforschung führt zur Versklavung aller Kahiniten Hanochs. Noah wehrt eine von ihm Tribut fordernde Karawane mithilfe Gottes ab
HG|3|201|1|1|Am 11. Januar 1844
HG|3|201|1|0|Es sandten aber die Priester wieder ganze Karawanen auf Entdeckungsreisen, damit diese ausgesandten Karawanen in den entferntesten Erdstrichen nachsuchen sollten, ob sich nirgends etwa ein Volk oder Schätze vorfänden, die für die großen Schatzkammern der mächtigen Priester Hanochs taugten.
HG|3|201|2|0|Und im Gleichen sandten sie auch Geschlechtserforscher aus, deren Geschäft es war, genau in allen Städten und Orten nachzuforschen, wer da ein Nachkomme Kahins und wer ein Nachkomme Seths aus der Höhe sei.
HG|3|201|3|0|Denn es waren die Priester, der Adel, wie der König lauter Nachkommen Seths aus der Höhe, die da mit den Töchtern aus der Tiefe sind gezeugt worden.
HG|3|201|4|0|Fünf Jahre dauerte diese Untersuchung, und es ergab sich, dass da in der Tiefe die Nachkommen Seths die Nachkommen Kahins um neun Zehntel übertrafen; es waren kaum mehr ein Zehntel reine Kahiniten unter den Sethiten anzutreffen.
HG|3|201|5|0|Der Erfolg dieser Untersuchung war, dass die Kahiniten dann alle einberufen wurden, und wurden dann ohne Unterschied ihres bisherigen Standes zu ewigen Sklaven gemacht, und alle ihre Besitztümer fielen natürlicherweise den Priestern zu.
HG|3|201|6|0|Aus den Männern, die noch kräftig waren, wurden Lasttiere und aus den jungen und schönen Weibern und Mädchen Huren eines großen öffentlichen Serails, wo jeder Mann sich gegen bestimmte Taxen, die teils für die Erhaltung des Serails, teils aber auch für den Priesterfond bestimmt waren, einer oder der anderen bedienen konnte; die Alten und Schwachen aber wurden vertilgt, männlich wie weiblich.
HG|3|201|7|0|Die Frucht dieser Untersuchung war demnach sehr ergiebig; aber die Frucht der auf Länder, Völker und Schätze ausgesandten Karawanen fiel nicht so günstig aus.
HG|3|201|8|0|Sie fanden im Ernst die Sihiniten, die Meduhediten, wie auch in Afrika die schon zahlreichen Nachkommen der ausgewanderten Räte, – aber sie wurden überall gar übel bedient, denn sie mussten entweder bleiben, dahin sie kamen, und mussten sich für die niedrigsten Arbeiten gebrauchen lassen, widrigenfalls der Tod ihr Los war.
HG|3|201|9|0|Eine kleine Karawane von hundert Mann traf unglücklicherweise auf der Höhe auf ihrem Rückzug das Haus Noahs und forderte sogleich einen großen Tribut von ihm, denn sie sprach:
HG|3|201|10|0|„Kaum eine Tagereise weit wohnst du von der heiligen Stadt Gottes, bist offenbar ihr Untertan und hast noch nie einen Stüber Tributes bezahlt! Bezahle daher nun für wenigstens hundert Jahre, und das für ein Jahr ein Pfund Goldes, im Ganzen hundert Pfunde! Wenn du das nicht zahlst, so wirst du samt deinem Haus verkauft und in den Sklavenring geworfen werden!“
HG|3|201|11|0|Noah aber hob seine Hand auf und sprach: „O Du mein Gott, Du mein lieber, heiliger Vater! Siehe, jetzt hat Dein Knecht Deiner Hilfe vonnöten; errette mich aus den Händen dieser reißenden Tiere!“
HG|3|201|12|0|Als der Noah diese Worte noch kaum ausgesprochen hatte, da schlug ein mächtiger Blitz mitten unter die Karawane, welche freilich erst, wie gesagt, auf ihrem Rückzug aus den damals wüsten Gegenden des heutigen Europa das Haus Noahs traf, und tötete drei Männer der Karawane.
HG|3|201|13|0|Da fragte Noah die etwas erschrockene Karawane: „Besteht ihr noch auf eurer allerungerechtesten Forderung?“
HG|3|201|14|0|Und die Karawane bejahte solches mit einem scheußlichen Geschrei.
HG|3|201|15|0|Noah aber erhob wieder seine Hand, und zehn Blitze schlugen in die Karawane und töteten dreißig Mann und ebenso viele Kamele.
HG|3|201|16|0|Und wieder fragte Noah die noch am Leben Gebliebenen: „Besteht ihr noch auf eurer Forderung?“
HG|3|201|17|0|Und bis auf zehn Mann bejahten alle ihre Forderung.
HG|3|201|18|0|Und Noah stieß mit seinem Fuß ganz erregt die Erde, und die Erde öffnete sich und verschlang bis auf die zehn Mann, die ihre Forderung nicht mehr wiederholt hatten, alle, die da tot und lebendig waren.
HG|3|201|19|0|Groß war darob das Entsetzen der noch übriggebliebenen zehn, und sie baten den Noah um Schonung und Gnade!
HG|3|201|20|0|Noah aber sprach: „Geht und verkündigt es allen Teufeln in der Tiefe, wes ihr Zeuge wart, und sagt es ihnen: Voll ist das Maß der Gräuel! Der Herr hat beschlossen, über alle ihre Welt das Gericht zu senden! Kurze Zeit noch, und es werden die nicht mehr sein und ihr ganzes Reich und Volk nicht mehr, die euch zu mir gesandt haben; mit dem Gericht Gottes werde ich ihnen den Tribut bezahlen! Amen.“
HG|3|201|21|0|Darauf flohen die zehn von dannen!
HG|3|201|22|0|Was weiter, – in der Folge.
HG|3|202|1|1|Rückkehr der zehn Kundschafter nach Hanoch
HG|3|202|1|1|Am 13. Januar 1844
HG|3|202|1|0|Als diese zehn Flüchtlinge aber in der Tiefe sich der Stadt Hanoch näherten, da kamen ihnen sogleich, wie gewöhnlich, ein ganzer Haufe von Häschern und Waffenknechten entgegen und fragten sie, woher sie kämen, was ihre Absicht sei, und wie viel der Schätze sie hätten.
HG|3|202|2|0|Die zehn aber sprachen: „Wir sind Gesandte dieser Stadt und kommen von der Entdeckungsreise zurück, die wir vor etwa fünf Jahren unternehmen mussten! Wir haben eine gar wichtige Entdeckung gemacht, die wir den Priestern mitteilen müssen; daher lasst uns ungehindert fortziehen, wollt ihr morgen nicht als Lasttiere verkauft werden!
HG|3|202|3|0|Wie ihr aber seht, so sind unsere zehn Kamele mit großen Schätzen beladen; daher werdet ihr wohltun, so ihr uns von hier an bis zu den Priestern ein sicheres Geleit gebt! Denn was die Kamele tragen, das gehört den Priestern; wir aber tragen unser Gold selbst in den Säcken unseres Gewandes. Daher geht, und schützt uns vor Räubern und Dieben, und ihr sollt ein Lob vor den mächtigen Priestern von uns erhalten!“
HG|3|202|4|0|Auf diese Rede besänftigten sich die Häscher und Waffenknechte und begleiteten die zehn Kundschafter zu den Priestern.
HG|3|202|5|0|Als die zehn aber zu den Priestern kamen, da ging alsbald ein scharfes Examen an, welches zuerst in der Untersuchung der Schätze bestand, welche auf den Rücken der Kamele sich befanden.
HG|3|202|6|0|Als die Schätze als vollwertig angenommen wurden, dann erst mussten die Boten ihre Säcke untersuchen lassen, ob sie wohl so viel hätten, dass es sie schützen konnte vor dem Sklavenstand.
HG|3|202|7|0|Es fand sich aber, dass sie dreimal so viel hatten, als es zur Befreiung vom Sklavenstand vonnöten wäre. Daher mussten sie zwei Drittel abgeben, denn es war unterdessen ein Gesetz gegeben, demzufolge ein jeder Kleinbürger nur so viel Goldes haben durfte, das ihn einfach vor dem Sklavenstand schützte. Da aber diese Boten auch aus dem Kleinbürgerstand waren, so traf das Gesetz auch sie.
HG|3|202|8|0|Nach diesem Examen erst wurden sie gefragt, was sie alles für Entdeckungen gemacht hätten.
HG|3|202|9|0|Und einer aus den zehn, der ein guter Redner und in der Politik nicht unbewandert war, antwortete:
HG|3|202|10|0|„Großmächtigste Diener aller Götter und getreue Bewahrer der Bücher Kinkars! Wir sahen Länder, darinnen goldene Berge sind; aber keine Seele bewohnt dieselben. Das ist aber das wenigste!
HG|3|202|11|0|Wir fanden Ströme und Bäche, darin Wein, Milch und Honig fließt, und fanden Wälder, in denen gebratene Äpfel wachsen. Das ist aber auch noch nicht das meiste!
HG|3|202|12|0|Denn wir fanden auch den Weg, der zu den Sternen führt, und fanden daselbst so endlos schöne Jungfrauen, dass uns dabei das Hören und Sehen verging. Aber das ist noch nicht das meiste!
HG|3|202|13|0|Wir fanden aber auch in der Nähe des Weges, der zu den Sternen führt, so schrecklich riesenhaft große Menschen, dass, so nur einer hierher käme, er mit einem Tritt unsere Stadt mit der größten Leichtigkeit zermalmen würde. Das aber ist noch nicht das meiste!
HG|3|202|14|0|Hört! Von hier kaum eine kleine Tagereise auf einem Berg wohnt ein uralter Mann. Alles ringsumher ist uns schon lange untertänig, – nur dieses Mannes Haus und Volk nicht. Nie noch hat er einen Stüber an uns bezahlt!
HG|3|202|15|0|Wir fanden ihn und zwangen ihn, zu entrichten den lange zurückgebliebenen Tribut.
HG|3|202|16|0|Aber o wehe! Dieser Mann ist sicher ein Gott! Als wir auf unserer Forderung bestanden, da hob er seine Hand auf und alsbald stürzten tausend Blitze unter uns und erschlugen Mann und Maus! Dann stampfte er in die Erde und diese öffnete sich und verschlang alle die Getöteten samt Kamelen und den Schätzen von unermesslichem Wert.
HG|3|202|17|0|Wir aber ergriffen die Flucht, und der schreckliche Mann schrie uns nach: ‚Erzählt das den Teufeln in der Tiefe!‘
HG|3|202|18|0|Höchst großmächtigste Diener aller Götter, dies ist unsere Ausbeute von A bis Z; macht daraus, was ihr wollt, uns aber lasst nach Hause ziehen!“
HG|3|203|1|1|Die Verhandlung der Priester mit den zehn Kundschaftern
HG|3|203|1|1|Am 15. Januar 1844
HG|3|203|1|0|Die Priester aber sprachen: „Wenn sich die Sache im Ernst also verhält, da habt ihr – besonders mit der Auffindung der Goldlager und Goldberge – eine unendlich wichtige Entdeckung gemacht, vorausgesetzt, dass der Weg zu ihnen nicht zu weit und nicht etwa mit zu großen Schwierigkeiten verbunden ist! Wenn nur etwa jene Riesen nicht diese Berge beherrschen!
HG|3|203|2|0|Was aber den alten Menschen auf der Höhe betrifft, so lassen wir ihn sein, wie er ist, wenn wir ihn nicht auf eine feine Weise zu fangen imstande sind; denn mit derlei Zauberern ist nicht gut umgehen, und es lässt sich mit keiner Gewalt gegen sie etwas ausrichten!
HG|3|203|3|0|Wir aber schwören es euch, dass ihr zu Priestern werden sollt, so ihr imstande seid, durch List diesen Zauberer zu gewinnen! Denn der könnte uns durch seine Zauberkraft dann gar leicht zu den Goldbergen verhelfen, vorausgesetzt, dass er auch jene Riesen etwa also mit der Kraft der Elemente bekämpfen könnte, wie er eure Gefährten bekämpft hat, und ganz besonders vorausgesetzt, dass es mit eurer Aussage von diesem Zaubermann seine volle Richtigkeit hat!
HG|3|203|4|0|Denn ihr seid schlaue Füchse! Es kann auch leicht sein, dass eure Gefährten, die ihr von diesem Zauberer als vernichtet angabt, sich mit den großen Schätzen davongemacht haben und gründen irgend auf der Erde ein von uns ganz unabhängiges Reich! Wehe aber dann euch, wenn wir hinter solches kommen!“
HG|3|203|5|0|Die Kundschafter aber erwiderten: „Hängt die Wahrheit unserer Aussage von der Richtigkeit der Existenz dieses Halbgottes und seiner Tat an unseren Gefährten ab, da sendet nur sogleich verlässlichere Boten hinauf zu ihm, oder zieht selbst hinauf, – und ihr könnt uns dann mit glühenden Ruten zu Tode züchtigen lassen, wenn sich die Sache nicht also verhalten sollte, wie wir sie euch traurig und schrecklich genug kundgaben!
HG|3|203|6|0|Wie aber das wahr ist und ihr es also finden werdet, da könnt ihr danach auch unsere anderen Aussagen bemessen! Wir aber wollen dazu weder mehr ein Ja, noch ein Nein setzen; untersucht und urteilt dann!“
HG|3|203|7|0|Da die Priester aber solche Rede von den Boten erhielten, da sprachen sie zu ihnen: „Wir haben aus eurer Rede ersehen, dass ihr die Wahrheit geredet habt vom Anfang bis zum Ende; daher ernennen wir euch aber auch kraft unserer Voll- und Allmacht zu wirklichen Gesandten und heben euch aus dem Kleinbürgerstand in den Mittelbürgerstand, in dem ihr Waffen tragen dürft! Aber dafür müsst ihr sehen, dass ihr den Zauberer uns zum brauchbaren Freund macht!“
HG|3|203|8|0|Und die Boten sprachen: „Wir wollen tun, was möglich ist, aber für das Gelingen stehen wir nimmer! Denn so gut dieser Mensch unsere Gefährten vernichtete mit Blitz und der gespaltenen Erde, ebenso gut kann er das auch uns und euch allen antun, so er nur im Geringsten dessen gewahr wird!
HG|3|203|9|0|Wie, – so er stampfen möchte mit seinem Fuß gen Hanoch herab, und die Erde spaltete sich dann unter uns und verschlänge uns samt der Stadt in einen unendlichen Abgrund?! Was dann?
HG|3|203|10|0|Daher wären wir der Meinung, es wäre sicher rätlicher, diesen höchst gefährlichen Patron ganz unbeirrt zu lassen, als ihn irgend mehr aufzusuchen, indem wir nicht wissen können, wie er unsere Pläne durchschauen möchte, und wie er sich dann benähme gegen uns!
HG|3|203|11|0|Doch, – so ihr auf eurer Forderung besteht, da müssen wir tun danach; aber für den Erfolg können wir unmöglich stehen!“
HG|3|203|12|0|Und die Priester sprachen: „Gut, wir haben euch verstanden; euer Urteil ist gut! Wir wollen daher einen großen Rat zusammenberufen, und was sich da hervortun wird, danach auch wird gehandelt werden; ihr aber müsst im Rat zugegen sein und werdet darum priesterliche Kleider anziehen und unserer Kaste einverleibt werden!
HG|3|203|13|0|Für jetzt aber zieht nach Hause; macht daselbst Ordnung, und kommt sodann mit Weib und Kindern hierher in den Rat!“
HG|3|204|1|1|Die Verschwörung der zehn Kundschafter gegen die gierige Priesterschaft
HG|3|204|1|1|Am 16. Januar 1844
HG|3|204|1|0|Als die zehn aber das Kollegium der Priester verließen, da verwunderten sie sich untereinander himmelhoch und sprachen:
HG|3|204|2|0|„Nun ersehen wir ganz klar, wo unserer Priesterschaft die Schuhe zu eng sind! Ihr Himmel, von dem sie allem Volk vorschreit, ist das Gold; um dieses zu gewinnen, schreitet sie zu den alleraußerordentlichsten Mitteln!
HG|3|204|3|0|Wer hat das je erlebt, solange die Priesterschaft die ganze Herrschaft und Macht an sich gerissen hat, dass da jemand aus der Kleinbürgerkaste wäre in die höchste der Priester erhoben worden?!
HG|3|204|4|0|Uns ist nun dieses enorme Glück zuteilgeworden! Warum denn? Weil wir uns aufs Lügen verstanden haben, bis auf die allein wahre Begebenheit auf der Höhe!
HG|3|204|5|0|Wir aber riechen den feinen Braten schon, wo hinaus die Sache mit unserer bevorstehenden Priesterschaft gehen soll! Aber wartet nur, ihr goldverbrämten Füchse, euer Plan mit uns, dass wir euch dann als Mitinteressenten den Weg zu den goldenen Bergen bahnen sollen, soll euch verdammt heiß gemacht werden! Sicher werdet ihr schon beim ersten Schritt eure Teufelsfüße zurückziehen! Aber es wird zu spät sein; denn wir werden ein Flammenmeer über euch schütten, und ihr mögt dann zusehen, wie ihr aus diesem kommen werdet!
HG|3|204|6|0|Wir werden zwar vor großen Brandhaufen und vor unabsehbaren Abgründen, welche sie gemacht haben unterirdisch und haben sie angefüllt mit Schlangen und allerlei giftigem Geschmeiß, die schauerlichsten Treuschwüre machen müssen, bis wir in die priesterlichen Kleider werden geworfen werden, – aber das tut unserer Sache keinen Eintrag! Wir werden schwören zwar mit dem Mund, aber zugleich fluchen in der Brust, – und so wird sich die Priesterschaft an uns eine Fressbeule an den Leib gesetzt haben, die ihr kein Gott heilen soll!
HG|3|204|7|0|Wir werden zwar einen Weg bahnen nach den goldenen Bergen unserer Schlauheit, diesen wird die gesamte Priesterschaft wandeln müssen, – aber im Hintergrund wollen wir die Riesen unseres Grimmes und unserer Wut auf sie lauern lassen! Und wird sich die feine Schar diesem glühenden Hintergrund nähern, dann ein Zeichen – verstanden! –, und die Riesen werden mit unbesiegbarer Macht hervortreten und unter ihren Tritten zermalmen diese gesamte Brut!
HG|3|204|8|0|Dann erst werden wir dem Volk den Weg zu den Sternen zeigen und es führen in ein Land in ihm selbst, da es finden soll die herrlichsten Jungfrauen reiner Erkenntnis, und in ein Land, da Wein, Honig und Milch in wahrer Begeisterung fürs echte Wahre und Gute fließt!
HG|3|204|9|0|Und die gebratenen Äpfel soll es dann auch finden auf dem Baum des Lebens und der wahren, reinen Erkenntnis desselben!
HG|3|204|10|0|Bei dem hat es zu verbleiben! Fluch aber sei einem jeden Verräter aus uns! Denn nun liegt es an uns, und wir können nach unserem Plan uns selbst und alles Volk vom sicheren Untergang retten; darum seien wir alle wie einer für sich unter uns, und das Werk muss gelingen!
HG|3|204|11|0|Haben wir die Priesterschaft insoweit breitzuschlagen vermocht, dass sie uns sogar zu Priestern macht, so wird es dann in solch freierem Spielraum sicher umso leichter sein, diese Elenden so breitzuhämmern, dass am Ende von ihr nichts mehr als höchstens ein geschichtlicher Name übrigbleiben soll!
HG|3|204|12|0|Solches haben wir beschlossen, und solches werde von uns auch pünktlichst und getreuest ausgeführt! Amen, unter uns amen!“
HG|3|204|13|0|Nach dieser Verschwörung erst begaben sich die zehn in ihre Häuser und brachten da alles in Ordnung und begaben sich dann mit Weib und Kindern in das Kollegium der Priester zum bevorstehenden großen Rat.
HG|3|204|14|0|Was aber in diesem vorkam, wird die Folge zeigen.
HG|3|205|1|1|Die Priesterschaft nötigt die zehn Kundschafter Gehorsam zu schwören
HG|3|205|1|1|Am 17. Januar 1844
HG|3|205|1|0|Bei fünftausend der ersten Priester waren in dem großen offenen Saal, welcher nach der Art eines Amphitheaters erbaut war, versammelt und erwarteten die zehn Kundschafter mit großer Sehnsucht und Gier.
HG|3|205|2|0|Als die nun auch in etwas banger Erwartung dessen, was da kommen solle, in diesem offenen Saal ankamen, da wurden sie alsbald von den Priestern umringt und sogleich in einen unterirdischen Gang geführt, an dessen Ende ein großes Feuer zu sehen war.
HG|3|205|3|0|Sie wurden diesem Feuer näher und näher geführt und entdeckten bald in einer bestimmten Nähe, wie sich mitten unter den gewaltigsten Flammen eine Menge heulender, glühroter Menschen befand.
HG|3|205|4|0|Es war aber das Feuer nur ein Trugfeuer, welches ungefähr dem gleich war, wie es heutzutage auf den Theatern bewerkstelligt wird durch transparente, über einem Rad bewegliche und mit Flammen bemalte feine Zeuge; nur war hier in Hanoch die Täuschung umso vollkommener, dass da in einer gewissen Nähe niemand etwas anderes als ein allerbarstes mächtiges Feuer zu sehen wähnte, welches aber freilich wohl nicht die geringste Hitze hatte.
HG|3|205|5|0|Als unsere zehn dieses Mordspektakels ansichtig wurden, da ward es ihnen ganz sonderbar zumute. Sie hätten gerne gefragt: „Was damit? Wer die, so darinnen heulen?“, aber es ward ihnen gleich beim Eintritt auf das Allereindringlichste bedeutet, zu schweigen bei allem, was sie sehen werden, ansonst es mit ihnen geschehen sei!
HG|3|205|6|0|Vom Feuer wurden sie durch einen anderen Gang geführt und gelangten bald zu einem bei vierzig Klafter tiefen und bei neunzig Klafter im Umfang habenden Bassin.
HG|3|205|7|0|Die Priester zündeten hier bepechte Strohbündel an und warfen sie hinab in den Abgrund. Dieser wurde dadurch erleuchtet, und man erblickte zuunterst eine Menge Geschmeiß, wie auch eine Menge abgenagter Gerippe, die man freilich nicht so genau ausnehmen konnte, dass man zu bestimmen imstande gewesen wäre, ob es menschliche oder tierische – und das von sehr großen Tieren – waren.
HG|3|205|8|0|Denn hier war alles auf den Betrug und dadurch auf eine große Angsterweckung abgesehen.
HG|3|205|9|0|Dieses Bassin war unter einer Naturgrotte erbaut, deren große Geräumigkeit dem Abgrund ein noch größeres Ansehen verlieh.
HG|3|205|10|0|Wenn man nun diese zwei Trugerscheinungen erwägt, so wird es nicht schwer sein, zu begreifen, welch eine entsetzlichste Angst unsere zehn Boten befiel, als sie bei diesem Abgrund schwören mussten, sich allen Anordnungen der Oberpriester ohne die geringste Widerrede zu fügen, wollten sie nicht bei lebendigem Leibe entweder in das Höllenfeuer oder in diesen Abgrund geworfen werden.
HG|3|205|11|0|Die zehn schworen daher wohl aus Angst mit dem Mund, aber desto grimmiger fluchten sie in ihrer Brust und sprachen bei sich: „Nur hinaus ins Freie noch einmal mit uns, und ihr sollt diesen Abgrund und eure Hölle selbst zu verkosten bekommen!“
HG|3|205|12|0|Nach dem Schwur wurden die zehn wieder in den großen offenen Saal geführt und wurden mit unterpriesterlichen Kleidern angetan, worauf dann erst die große Beratung begann.
HG|3|206|1|1|Die Beratung mit der goldgierigen Priesterschaft
HG|3|206|1|1|Am 18. Januar 1844
HG|3|206|1|0|In der Mitte des Saales war eine bei sechs Ellen erhabene Rednerbühne. Auf diese mussten die zehn Boten mit zehn Oberpriestern treten. In gedrängten Kreisen umstanden diese Bühne die anderen Priester; zunächst natürlich die Oberpriester und in weiteren Kreisen die Unterpriester.
HG|3|206|2|0|Einer der Oberpriester auf der Bühne trat vor die zehn hin und sprach: „Ihr wisst es, und wir wissen es alle, was ihr zu uns geredet habt! Ihr seid nun selbst Priester, und es liegt nun in eurem Interesse so gut wie im unsrigen, dass wir uns der Goldberge bemächtigen und darum einen sicheren Weg dahin bahnen, koste die Sache, was immer sie wolle!
HG|3|206|3|0|Euch allein ist der Weg dahin bekannt; an euch also liegt es nun, aus unserem allgemeinen Interesse diese überwichtige Sache für unsere Goldkammer zu bewerkstelligen!
HG|3|206|4|0|Könnt ihr den berüchtigten Zauberer auf der Höhe ums Geld und gute Worte zu dem Zweck gewinnen, so wird es wohl und gut sein; könnt ihr es aber nicht, so haben wir ja über zwei Millionen Kämpfer und im Notfall über vier Millionen Sklaven, die wir zu Kämpfern machen können, wann wir wollen. Und wie da viele Ameisen sogar eines Löwen Meister werden können, werden auch wir mit unserer Überzahl von Kämpfern Meister der Riesen werden, welche vielleicht jene goldenen Berge bewachen!
HG|3|206|5|0|Das ist nun unsere Ansicht; lasst aber nun auch die eurige vernehmen!“
HG|3|206|6|0|Und einer aus den zehn trat vor und sprach im Namen seiner neun Genossen:
HG|3|206|7|0|„Euer Plan, eure Absicht und euer Rat, teure Gefährten nun, ist löblich, und wir können ihn nur loben als nun natürlicherweise Mitinteressenten; ob er sich aber so leicht, wie ihr es meint, wird ausführen lassen, daran zweifeln wir sehr!
HG|3|206|8|0|Zudem haben wir zehn uns gestern also bedacht: Setzen wir den Fall, uns gelänge es, zu erobern die tausend mächtig großen Goldberge, welche über dem großen Meer in einer ganz fremden Welt liegen, da fragen wir, welcher Nutzen dadurch für uns entsteht! Wird am Ende durch die große Masse des gewonnenen Goldes eben dieses edle kostbare Metall nicht mit Straßenkot gleichwertig werden?
HG|3|206|9|0|Man wird sagen: ‚Das werden wir schon zu verhüten trachten und auch wohl zu verhüten imstande sein, dass da außer uns niemand den Weg zu den goldenen Bergen finden soll!‘
HG|3|206|10|0|‚Wie aber?‘, das fragen wir. Werden wir Priester selbst mit Kamelen dahin ziehen, dort mit scharfen Hacken und Krampen das Gold von den steilen Bergen lösen und es hierher einen drei Jahre langen Weg schleppen?
HG|3|206|11|0|Unternehmen wir aber das allein, da fragen wir, was für ein Gesicht wir dann etwa machen werden, wenn wir zufälligerweise den Riesen begegnen sollten, die uns nicht nur alles Gold alsbald wegnehmen werden, sondern uns sogleich mit ihren Fingern wie Mücklein zermalmen werden?
HG|3|206|12|0|Nehmen wir aber notwendigerweise eine große Macht mit, bestehend aus einer Million Kämpfer; wenn aber diese die goldenen Berge erschauen, werden sie etwa da nicht uns alsbald erschlagen und sich selbst zu Besitzern dieser köstlichen Berge aufwerfen?
HG|3|206|13|0|Tun wir, was wir wollen, so kommen wir vom Regen in die Traufe! Wir werden als Unternehmer dadurch unsere Schatzkammern lüften bis auf ein Minimum und werden dafür nichts gewinnen; und reüssieren wir, da sinken – wie schon bemerkt – alle unsere Schätze bis zum Wert des Straßenkotes herab.
HG|3|206|14|0|Wir sind daher der Meinung, man soll diese Unternehmung rein an den Nagel hängen und dafür eine günstigere beginnen! Doch das ist ebenfalls nur unser Rat; ihr könnt noch tun, was immer ihr wollt, und wir sind eure Diener und werden euch allezeit in allem treulich gehorchen!“
HG|3|207|1|1|Die zehn Kundschafter versuchen auf listige Weise der Sklaven habhaft zu werden
HG|3|207|1|1|Am 19. Januar 1844
HG|3|207|1|0|Die Oberpriester aber sprachen: „Wir ersehen aus dieser eurer Rede zwar wohl, dass ihr es mit unserem allgemeinen Interesse gut meint und habt auch im Ernst gar tüchtige Sach- und Weltkenntnis; aber dass ihr mehr aus Furcht einer abermaligen Reisebeschwerde, als so ganz eigentlich aus Furcht vor den Riesen die Erreichung jener Goldberge uns auszureden bemüht seid, das lässt sich schon beim ersten Anfang eurer Rede ganz klar herausfinden!
HG|3|207|2|0|Denn seht, wären jene Riesen gar so furchtbare Wesen, die euch doch sicher gesehen haben, weil ihr sie gesehen habt, so wäre sicher nicht einer von euch zurückgekommen, so wie da von den anderen mit euch gleichzeitig ausgesandten Karawanen noch niemand zurückgekommen ist, wobei sich da wohl vermuten lässt, dass sie irgend übel angekommen sein mussten.
HG|3|207|3|0|Ihr aber wäret alle wohlbehalten trotz der furchtbaren Riesen wieder hierher gelangt, wenn ihr euch bei dem Zauberer auf der Höhe ein wenig klüger benommen hättet!
HG|3|207|4|0|Seht, das ist unsere Ansicht! Rechtfertigt euch dagegen, so ihr solches vermögt!“
HG|3|207|5|0|Und der eine aus den zehn sprach: „Hochmächtige Obergefährten unserer Wenigkeit vor euch! Ihr werdet uns diesmal schon zum Voraus vergeben, so wir euch auf diese eure Einrede die Entgegnung machen müssen und euch geradeweg zeigen mit ganz kurzen Worten, dass ihr uns übel verstanden habt und habt nicht von fernehin verstanden, was wir zu euch geredet haben!
HG|3|207|6|0|Sprachen wir denn ganz bestimmt davon, als müssten wir bei dieser Unternehmung in die Hände dieser Riesen geraten? Wir stellten ja nur die leichte Möglichkeit dar, indem diese furchtbaren Giganten gerade hinter jenen Goldbergen zu Hause sind! Wir sahen sie wohl aus verborgenen Schlupfwinkeln, da sie unser nicht ansichtig werden konnten, dann beluden wir unsere Kamele mit dem Gold und zogen dann auch bei Nacht und Nebel ab.
HG|3|207|7|0|Also ist es uns wohl einmal gelungen, mit heiler Haut davonzukommen, und das sicher darum, weil unser Goldraub höchstwahrscheinlich der erste war, der an diesen unschätzbaren Bergen ist begangen worden! Wenn aber dieser erste Raub an diesen Bergen bis jetzt gar sicher von den wachsamen Giganten ist entdeckt worden, da fragen wir, ob ein zweiter Versuch auch so glücklich ablaufen würde!
HG|3|207|8|0|Oder können wir wissen, ob etwa diese Giganten nicht ohnehin schon uns auf der Spur sind und ziehen uns etwa gar nach? Oder sie haben vielleicht darum schon ein solches Bollwerk um die enormen Goldberge gemacht, über das einem Adler zu fliegen schwindeln dürfte?
HG|3|207|9|0|Oder sie haben jene schmale Erdzunge, durch welche diese Welt mit jener zusammenhängt, ganz gewaltig breit durchstochen und haben dadurch die beiden Welten durch ein mächtiges Gewässer getrennt, welches wir sicher nicht durchwaten werden!
HG|3|207|10|0|Seht, das deuteten wir durch den gefährlichen Kampf mit den Riesen an!
HG|3|207|11|0|Fragt euch aber selbst, ob ihr uns also verstanden habt! Wir bestreiten ja nicht die Möglichkeit, als könnten wir nicht wieder zu den Bergen gelangen, aber das müsst ihr denn ja doch auch einsehen, dass diese Unternehmung mit sicher außerordentlichen Unkosten verbunden sein wird, für die ein höchst unsicherer Gewinn herausschaut und dabei tausend Gefahren!
HG|3|207|12|0|Sollen wir darum für nichts und wieder nichts unsere zwei Millionen Kämpfer opfern und uns dadurch aller Macht entblößen? Das wäre doch sicher toll!
HG|3|207|13|0|Wenn ihr aber schon etwas tun wollt, da nehmt die wertlosen Sklaven her und sendet sie unter unserer Anführung dahin! Gehen die zugrunde, so haben wir nichts verloren, und reüssieren wir, so haben wir vielfach gewonnen! Bedenkt euch darob!“
HG|3|208|1|1|Die Hohepriester verdächtigen die zehn Kundschafter, Böses im Sinne zu haben
HG|3|208|1|1|Am 20. Januar 1844
HG|3|208|1|0|Die Hohepriester aber, die um etwas höher waren als die Oberpriester und früher unten im Saal in der ersten Reihe standen, begaben sich nun auch auf die Rednerbühne und richteten folgende Worte an die Oberpriester:
HG|3|208|2|0|„Hört uns an, denn zu großwichtig ist’s, was wir euch zu bemerken haben! Diese zehn, die ihr zu Unterpriestern gemacht habt, kommen uns äußerst verdächtig vor!
HG|3|208|3|0|Sie haben im Hintergrund Böses im Sinne wider uns alle! Sie legen es zwar überschlau an, um uns hinters Licht zu führen, bedenken aber nicht, dass ein Hohepriester allwissend ist und schaut in des Menschen geheimsten Gedankenwinkel.
HG|3|208|4|0|Wir haben das getan und haben in ihnen Arges über Arges wider uns entdeckt; daher traut ihnen nicht! Es sind Tiger in Schafspelzen!
HG|3|208|5|0|Sie mögen wohl alles, was sie aussagten, auf ihrer Entdeckungsreise erlebt haben, aber wir haben bis jetzt noch keinen anderen Beweis als ihre eigene uns sicher zum Besten habende Erzählung! Daher raten wir euch, überzeugt euch zuvor von einem Punkt wenigstens, bevor ihr ihnen eine Macht anvertrauen wollt, sonst sind wir die Geschlagenen!
HG|3|208|6|0|Ihre Weigerung, unsere getreuen Kämpfer anzunehmen, und ihr Begehren nach den Sklaven, die uns mehr als die bitterste Misshandlung hassen, scheint einen ganz anderen Grund zu haben, als welchen sie etwas verlegen angaben! Daher seid auf der Hut, denn wir allwissenden Hohepriester haben solches zu euch geredet!“
HG|3|208|7|0|Diese Einrede machte die Oberpriester ganz gewaltig stutzen, und noch mehr aber die zehn, welche sich dadurch sehr getroffen fühlten.
HG|3|208|8|0|Und ein Oberpriester wandte sich an den Redner der zehn und sprach: „Habt ihr vernommen das Zeugnis eines Allwissenden über euch? Wie wollt ihr euch da rechtfertigen?“
HG|3|208|9|0|Der Redner aber, ein durchtrieben feiner Kauz, fasste sich bald und sprach: „Hochmächtige Gefährten! Mit der Allwissenheit dieser Hohepriester hat es seine geweisten Wege, denn so allwissend, wie sie es sind, sind es auch wir! Politik ist noch nie Allwissenheit gewesen und wird’s ewig nie sein! Nur schlechte Kerle lassen sich durch derlei Kniffe einschüchtern, aber ein redlicher Mensch nie!
HG|3|208|10|0|Wären diese allwissend, so würden sie euch nicht Vorsicht raten, sondern sie hätten gleich anfangs uns ins Höllenfeuer verdammt; denn sie mussten es ja gleich anfangs wissen, dass wir Tiger in Schafspelzen sind! Warum machten sie uns denn mit euch zu Priestern?
HG|3|208|11|0|Dann: Wären sie allwissend, so würden sie euch sicher sagen, was sich auf der Höhe bei dem Zauberer zugetragen hat; da sie aber nicht allwissend sind, so raten sie euch, ihr sollet euch durch anderwärtige Beweise überzeugen, ob unsere Aussagen wahr sind oder nicht!
HG|3|208|12|0|Dazu aber fragen wir euch Oberpriester: Glaubt ihr selbst, dass diese allwissend sind, warum fragt ihr sie nicht, auf dass sie euch kundgäben, was da auf der Höhe geschehen ist? Und warum glaubt ihr ihnen nicht aufs Wort, und werft uns nicht sogleich entweder ins Feuer oder in den Abgrund?!
HG|3|208|13|0|Damit aber diese Allwissenden aufs Haupt geschlagen werden, so erklären wir hiermit, dass wir keinen Schritt eher hinaustun wollen, als bis ihr euch wenigstens auf der Höhe werdet erkundigt haben, ob wir euch falsch berichtet haben oder nicht!
HG|3|208|14|0|Und selbst dann werden wir uns erst unter der Bedingung auf den Weg zu den Goldbergen machen, so mehrere aus ihnen und euch mit uns ziehen werden und die halbe Streitmacht aus den festen Kämpfern und die halbe aus den Sklaven bestehen wird! Sollte ihnen auch das noch verdächtig vorkommen, so setzen wir keinen Fuß über die Schwelle! Und bei dem hat es zu verbleiben!“
HG|3|208|15|0|Die Hohepriester schnitten hier gar erbärmliche Gesichter. Aber die Oberpriester schlugen sich zu den zehn und billigten ihre Rede; denn sie sahen, dass die zehn recht hätten, und trauten ihnen ganz. Aber den Hohnpriestern sagten sie, dass sie sich fürder in derlei Dinge, die sie nichts angehen, nicht einmengen sollen, denn ihre Sache sei nur die zeremonielle Ehrung des Königs.
HG|3|209|1|1|Die Oberpriester willigen in den Plan der zehn Kundschafter ein
HG|3|209|1|1|Am 22. Januar 1844
HG|3|209|1|0|Es dachten aber die Oberpriester nach, wen sie auf die Höhe zum Zauberer schicken sollten, der sich schadlos erkundigen möchte bei ihm, ob es mit der Aussage der zehn seine Richtigkeit hat. Aber sie konnten keine Wahl treffen, die für diesen misslichen Zweck taugen möchte.
HG|3|209|2|0|Denn fürs Erste hatte niemand den Mut, und fürs Zweite entgegnete ein jeder, der mit dem Auftrag begabt wurde: „Was nützt das? Ihr könnt Tausende und Millionen hinaufsenden; so sie aber vom Blitz und den gähnenden Erdspalten samt und sämtlich verschlungen werden, was habt ihr dann von aller eurer Gesandtschaft und was von aller eurer Mühe?“
HG|3|209|3|0|Die Oberpriester sahen solches ein und fragten darauf wieder die zehn, was da am klügsten wäre.
HG|3|209|4|0|Die zehn aber sprachen: „Wie mögt ihr uns fragen, die wir vor euch verdächtigt sind? Könnten wir euch da ja als schlaue Füchse doch leicht einen Rat geben, der da gerade ein Wasser auf unsere Mühle wäre! Also seid klug doch, da ihr schon vor uns wie vor Tigern in Schafspelzen gewarnt worden seid!
HG|3|209|5|0|Die Hohepriester gaben ja vor, dass sie allwissend sind; fragt sie, die werden es doch am besten wissen, was da am tauglichsten sein wird!“
HG|3|209|6|0|Die Oberpriester aber sprachen: „Aber seid doch nicht töricht! Ihr habt es doch selbst klar bewiesen, dass es mit der Allwissenheit dieser Zeremonienmeister des Königs seine geweisten Wege habe; und also ist es auch!
HG|3|209|7|0|Das ist ja nur ein leerer Titel und will so viel als gar nichts sagen! Die Herren sind wir und sie nur Figuranten samt dem König, der auch den Titel ‚Höchste göttliche Weisheit‘ führt, aber dabei doch dümmer ist als die allerdichteste Herbstnacht!
HG|3|209|8|0|Ihr habt demnach bloß auf uns zu sehen und uns allein zu gehorchen; denn alles andere ist nur Figur und Schein des dummen Volkes wegen! Daher gebt uns den Rat, was da zu tun ist, und kümmert euch um alles andere nicht!“
HG|3|209|9|0|Die zehn aber sprachen: „Hochmächtige Diener der Götter! Mögt ihr aber schon von uns einen Rat und fürchtet euch nicht, dass wir euch durch ihn hinters Licht führen möchten, da fragen wir euch: Warum traut ihr denn unserem ersten Rat nicht, den wir euch doch sicher wohlmeinend genug nach unserer gründlichen Sachkenntnis gegeben haben?“
HG|3|209|10|0|Und die Oberpriester erwiderten etwas verlegen: „Wir täten solches ja, aber ihr habt uns dazu ja selbst aufgefordert in eurem Ärger gegen die Hohepriester, und so wollen wir ja nur eurem Wunsch und nicht dem Rat der Figuranten nachkommen!“
HG|3|209|11|0|Und die zehn sprachen: „Nun gut, so ihr uns in diesem Nachrat trauen wollt, da mögt ihr uns ja im ersten Vorschlag trauen, gegen den die Figuranten – wie ihr sie geheißen habt – euch aus ihrer Allwissenheit heraus gewarnt haben und haben uns als Tiger in Schafspelzen bezeichnet!
HG|3|209|12|0|Gehe zu dem Zauberer, wer da wolle! Wir werden diese Reise sicher nicht zum zweiten Mal machen; denn wer da einmal das Feuer verkostet hat, der greift sicher kein glühendes Metall mehr an!
HG|3|209|13|0|Traut ihr uns, so traut uns ganz, sonst sind wir euch zu nichts als zum Fressen aus eurer Schüssel!“
HG|3|209|14|0|Diese Worte fanden bei den Oberpriestern vollen Eingang, und sie stimmten alle für die Sklavenlöse und für die Bewaffnung derselben unter der Anführung der zehn.
HG|3|210|1|1|Der listige Plan der zehn Kundschafter bringt die goldgierigen Priester in eine Klemme
HG|3|210|1|1|Am 23. Januar 1844
HG|3|210|1|0|Die Oberpriester waren nun freilich ganz für die Freilassung und Bewaffnung der Sklaven zur Eroberung der Goldberge gestimmt; aber ein anderer fataler Umstand waltete hier ob, und dieser bestand darin, dass diese traurige Kaste sich in Lasttier-Eigenschaft in den Händen der Großen befand und war ihr volles Eigentum, welches erst durch einen förmlichen Wiederkauf an die Priesterschaft zurückkommen könnte. Denn durch einen Machtspruch die Sklaven zurückfordern, wäre doch eine zu gewagte Sache, indem die Großen zu mächtig waren und die Priester für nicht viel höher hielten als sich selbst und duldeten sie nur und unterstützten sie aus pur politischen Rücksichten.
HG|3|210|2|0|Da aber die Priester freilich nur ganz heimlich das gar wohl kannten, so waren sie jetzt abermals in einer Klemme und wussten nicht recht, wo aus und wo ein. Den zehn solche tiefsten politischen Geheimnisse zu enthüllen, fanden sie doch nicht ratsam; sie darum aber alsogleich zu Oberpriestern zu machen und sie alsogestaltig dann in alles einzuweihen, war auch eine Sache, die sich beinahe noch schwerer ausführen ließ.
HG|3|210|3|0|Sie dachten daher hin und her und wussten nicht, was sie da tun sollten.
HG|3|210|4|0|„Gewalt ist nicht ratsam!“ sprachen sie. Denn wir wissen, wie wir stehen! Rückkauf? Welch schauderhafter Gedanke! Vier Millionen Sklaven! Einen nur zu zwei Pfunden Goldes gerechnet, macht acht Millionen Pfunde! Dann die Ausrüstung hinzu, so gibt das eine nicht mehr auszusprechende Summe!
HG|3|210|5|0|Hier die zehn abermals um ihren Rat fragen? Wie würde uns das vor ihnen entblößen! Sie darob zu Oberpriestern machen? Dazu sind sie viel zu ehrlich und zu verzweifelt klug! Würden sie dadurch in unser loses politisches Gewebe eingeweiht werden, so würden sie uns dann eine Laus im Pelz sein, von der wir uns nimmer reinigen könnten!
HG|3|210|6|0|Wahrlich, hier wird guter Rat teuer! Unser Wort können wir nimmer zurücknehmen; die Sklaven müssen frei und bewaffnet werden! Wie aber? Das ist eine ganz andere Frage, auf die sicher kein Satan eine praktische Antwort finden wird!“
HG|3|210|7|0|Es hatte aber einer aus den zehn ein überaus feines Gehör und vernahm so manches, was die Oberpriester untereinander wispelten, und sprach daher leise zu den anderen:
HG|3|210|8|0|„Hört, wir haben sie schon in unseren Händen! Die Sache läuft gerade da hinaus, wo ich sie so ganz eigentlich haben wollte; jetzt nur standhaft, und der Sieg ist in unseren Händen!
HG|3|210|9|0|Der Alte sagte auf der Höhe, wir sollen solches den Teufeln in der Tiefe kundtun! Wir haben das getan, und seht, sie sind schon alle verwirrt! Ich wusste gar wohl, wie es mit den Sklaven stehe; darum verlangte ich sie! Ohne Rückkauf geht es auf keinen Fall; ihr Wort können sie unmöglich mehr zurücknehmen!
HG|3|210|10|0|Das wird ihre Goldkammern so ziemlich lüften und wird sie schwächen ganz entsetzlich; denn sie werden dann nicht mehr imstande sein, eine Macht von zwei Millionen Kämpfern zu halten! Wir aber werden eine erbitterte, furchtbare Macht in unseren Händen haben und werden ihnen den Durst nach den Goldbergen für ewige Zeiten löschen!
HG|3|210|11|0|Sie werden uns sicher noch einmal um einen Rat kommen; dass wir ihnen den allerbesten geben werden, des können sie vollends versichert sein!
HG|3|210|12|0|O wartet nur, ihr goldverbrämten Bestien, wir werden euch schon noch ein Lied singen lehren, das euch kein Teufel nachsingen soll!
HG|3|210|13|0|Aber nur stille; sie kommen schon zu uns!“
HG|3|211|1|1|Der Rat der zehn Kundschafter wegen des Loskaufs der Sklaven
HG|3|211|1|1|Am 25. Januar 1844
HG|3|211|1|0|Als der Redner aus den zehn solches noch kaum ausgesprochen hatte, waren die Oberpriester auch schon bei ihm mit sehr verlegenen Gesichtern und fragten ihn folgendermaßen:
HG|3|211|2|0|„Höre uns an, denn großmächtig ist das, was wir nun von euch zu erfahren wünschen!
HG|3|211|3|0|Seht, die Bewaffnung der Sklaven wäre schon allerdings recht, aber es sind ja alle in Lasttier-Eigenschaft als ein erkauftes Eigentum in den Händen der Großen der Städte und des ganzen Reiches! Wir könnten sie freilich mit unserer Allmacht zurückfordern, und niemand könnte uns daran hindern; aber wir sind ja neben der Allmacht auch die Allgerechtigkeit selbst, und wider die können wir so einen widerrechtlichen Gewaltstreich doch unmöglich ausüben!
HG|3|211|4|0|Ihr wisst nun, wie die Sachen stehen! Ihr seid kluge Köpfe, entwerft einen Rat, durch den wir am leichtesten und ehesten zum Zweck kommen! Denn das sehen wir unwiderlegbar ein, dass da die Sklaven samt und sämtlich bewaffnet werden müssen; aber wie rechtlichermaßen der Sklaven habhaft werden, – das ist eine ganz andere Frage, auf welche wir eine ganz kluge Antwort von euch vernehmen möchten!“
HG|3|211|5|0|Und der Redner aus den zehn erhob sich und sprach: „Hochmächtige Diener der Götter! Wir haben euch wohl verstanden, aber wir müssen euch auf das aufmerksam machen, was wir gleich anfangs geredet haben, nämlich: die Unternehmung wird ganz sicher große Kosten verursachen, wofür der allfällige Gewinn noch sehr im weiten Felde ist und es sich noch sehr dabei fragen lässt, ob wir seiner habhaft werden!
HG|3|211|6|0|Es ist bei einer Macht von vier Millionen Kämpfern freilich wohl nicht leichtlich abzusehen, als solle oder könnte uns der Sieg missglücken, aber in der Tasche haben wir darum das Gold auch noch nicht und können daher auch niemanden auf den Mitgewinn darum bescheiden, so er zu dieser grandiosen Unternehmung sein Scherflein beitragen sollte.
HG|3|211|7|0|Denn so ihr zu einem oder dem anderen sagen würdet: ‚Überlasse uns für die vorhabende Unternehmung deine Sklaven! Glückt sie uns, da sollst du für jeden Sklaven vier Pfunde Goldes bekommen!‘,
HG|3|211|8|0|da wird der also Angeredete und des Mitgewinnes Versicherte sagen: ‚Die Unternehmung ist gar löblich, aber sie liegt in einer zu großen Ferne und in einem zu weiten und unsicheren Feld! Daher können wir da im Voraus nichts riskieren! Was wir aber tun wollen, um euch an einer solchen Unternehmung nicht zu hindern, bestehe darin, dass wir euch alle Sklaven gegen einen Einsatz per Kopf von zwei Pfund Goldes oder fünfundzwanzig Pfund Silbers überlassen wollen! Kommen die Sklaven wieder zurück, so wollen wir sie euch gegen den Einsatz wieder zurücklösen; und kommen sie nicht, so müsst ihr uns entweder frische geben in gleicher Zahl, oder uns muss euer Einsatz ganz zu eigen bleiben.‘
HG|3|211|9|0|Seht, das ist die unfehlbare Stimme aller der großen Sklaveninhaber! Macht einen Versuch, und wir wollen ins Feuer gehen, wenn sie anders ausfallen wird!
HG|3|211|10|0|Daher bleiben hier nur zwei Wege offen, entweder die ganze Unternehmung an den Nagel zu hängen, oder im Namen aller Götter, die die Erde beherrschen, in den sauren Apfel zu beißen!“
HG|3|211|11|0|Und die Oberpriester sprachen: „Gut! Vom An-den-Nagel-Hängen dieser Unternehmung ist gar keine Rede; aber wir wollen auf morgen mehrere Große dieser Stadt vernehmen! Wehe aber euch, so sie anders reden werden, als wie nun ihr wie aus ihrem Munde uns vorgeredet habt!“
HG|3|211|12|0|Und der Redner sprach: „Wenn sie nur keine größeren Forderungen machen werden, da könnt ihr vom Glück reden; aber ich meine, sie werden die Sache viel schwerer anpacken! Für uns sieht da kein Wehe heraus; ob aber ihr nicht ein wenig Wehe schreien werdet, so ihr die sicher höheren Forderungen vernehmen werdet, das soll schon der morgige Tag weisen!“
HG|3|212|1|1|Die Sklavenhalter stellen hohe Forderungen für den Loskauf der Sklaven
HG|3|212|1|1|Am 26. Januar 1844
HG|3|212|1|0|Die Oberpriester schnitten dazu ganz grimmige Gesichter und sprachen: „Ihr scheint schon im Voraus zu jubeln über unser Missgeschick?! Nehmt euch in Acht, dass ihr nicht zu früh jubelt!“
HG|3|212|2|0|Und der Redner aus den zehn sprach: „Wir jubeln nicht im Geringsten, aber so ihr uns für nichts und wieder nichts ‚Wehe euch!‘ zuruft darum, dass wir euch den sicheren Rat geben, da meinen wir, es sollte gerade nicht gefehlt sein, gegen euren voreiligen Ruf ‚Wehe euch!‘ eine günstige Rechtfertigung hinzuzufügen, die das in einem Übertreffungsfall kundgibt, was wir euch nur im geringen Maßstab kundgaben!
HG|3|212|3|0|Doch nun nichts mehr weiter; wir werden nun schweigen und abwarten, was der morgige Tag bringen wird!“
HG|3|212|4|0|Auf diese Rede gingen die Oberpriester ganz verdutzt von der Bühne, und die zehn begaben sich ebenfalls in ihr Departement.
HG|3|212|5|0|Die Oberpriester aber sandten sogleich tausend Herolde aus und ließen all die Großen auf den nächsten Tag bescheiden, im großen offenen Ratssaal zu erscheinen.
HG|3|212|6|0|Am nächsten Tag morgens wimmelte es schon im großen Ratssaal von den Mächtigen der Stadt; aber keiner aus ihnen wusste noch, warum er berufen ward.
HG|3|212|7|0|Einige meinten, die Priester hätten etwa wieder eine große Sklavenlizitation vor; andere meinten aber, es werde etwa wieder ein neues Gesetz entworfen werden oder eine neue Steuer ausgeschrieben. Und so rieten sie in gespannter Erwartung hin und her, was aus dieser Zusammenberufung werden solle, aber keiner kam auf den wahren Grund.
HG|3|212|8|0|Es kamen aber auch die zehn nach gegebenem Zeichen mit den anderen Unterpriestern von der einen Seite und nach einer Weile erst die von Gold und Edelsteinen strotzenden Oberpriester von der anderen Seite.
HG|3|212|9|0|Die zehn aber wurden im Gedränge gefragt von den Großen, um was es sich nun etwa handeln dürfte.
HG|3|212|10|0|Und die zehn sprachen: „Um nichts als bloß um die Rücklöse der Sklaven! Macht tüchtige Preise, sonst geht ihr alle ein!“
HG|3|212|11|0|Dieser Wink ging wie ein Lauffeuer unter den Großen, und sie waren nun gefasst auf das, was da kommen solle.
HG|3|212|12|0|Die zehn blieben nun zuunterst an den Stufen zur großen Rednerbühne stehen und erwarteten die glänzenden Oberpriester. Diese kamen nach einer Weile mit großer Zeremonie und gingen auf die Bühne unter vielfachem Hurra-Rufen.
HG|3|212|13|0|Als diese tobende Ehrenbezeugung ein Ende nahm, da öffnete ein starkstimmiger Oberpriester den Mund und sprach:
HG|3|212|14|0|„Hört mich an, ihr Großherrlichen des Reiches! Die von uns ausgesandten Boten haben in einem sehr fernen Land Berge entdeckt, die aus blankem Gold sind, davon sie uns eine reiche Probe brachten!
HG|3|212|15|0|Diese herrlichen Berge aber werden von ungeheuren Riesen bewohnt, die überaus stark sein dürften. Um diese zu bekämpfen und uns der Goldberge zu versichern, brauchen wir eine überstarke Macht, wenigstens aus Vorsicht, da man nicht wissen kann, wie stark jene Riesen sind!
HG|3|212|16|0|Um jene Macht aufzustellen, benötigen wir wohl aller Sklaven! Es handelt sich aber nun darum, unter welchen Bedingungen ihr sie uns überlassen wollt. Wollt ihr sie uns gegen die Versicherung des Mitgewinnes oder gegen eine billige Ablösung abtreten? Um das allein handelt es sich hier, und darüber wollt uns denn auch eine gute Antwort erteilen! Es geschehe!“
HG|3|212|17|0|Als die Großen solches vernahmen, da sprachen sie: „Hört, die Entdeckung ist sehr zu respektieren zwar, denn ganze Berge von blankem Gold sind fürwahr keine Kleinigkeit; aber die gute Sache liegt zu ferne, daher wir die Versicherung auf den Mitgewinn durchaus nicht annehmen können.
HG|3|212|18|0|Damit wir euch aber in einer so glänzenden Unternehmung nicht hinderlich sind, so überlassen wir euch im Durchschnitt einen jeden männlichen Sklaven um eine billige Ablöse von fünf Pfund Goldes und eine Sklavin um drei Pfunde!
HG|3|212|19|0|Wenn sie zurückkommen, wollen wir sie von euch wieder gegen ein Drittel dieser Einlage zurücknehmen! Wir meinen, diese Bedingung wird doch billig sein?“
HG|3|212|20|0|Hier jubelten die zehn heimlich; die Oberpriester aber fielen beinahe in Verzweiflung und wussten nicht, was sie zu solch hohem Preis sagen sollten. Sie beriefen darum die zehn auf die Bühne.
HG|3|213|1|1|Der Vertrag der Oberpriester mit den Sklavenhaltern
HG|3|213|1|1|Am 27. Januar 1844
HG|3|213|1|0|Als die zehn auf die Bühne kamen, da wurden sie alsbald von den Oberpriestern umringt und mit folgender Frage angeredet:
HG|3|213|2|0|„Wir ersehen nun überaus vollkommen, dass ihr einen hellen Blick habt, denn euer gestriges Vorwort gleicht vollkommen dem, das nun die Großen unbarmherzigsterweise geredet haben!
HG|3|213|3|0|Wir wollen, weil wir müssen, auch in diese Bedingung eingehen, obschon uns das bei zwei Drittel unseres Goldes kostet; aber eben darum fragen wir euch nun und verlangen die gewissenhafteste Antwort, auf wie viele Pfunde ihr so einen Goldberg schätzt, und wie viele Pfunde, wenn die Sache glücklich abläuft, ihr im Verlaufe von vier bis fünf Jahren hierherschaffen könnt!
HG|3|213|4|0|Ihr genießt nun eures Scharfsinnes wegen unser volles Zutrauen, und das will ungeheuer viel gesagt haben; missbraucht dieses ja nicht, und gebt uns völlig wahr die verlangte Antwort!“
HG|3|213|5|0|Als die zehn solche Frage von den Oberpriestern vernommen hatten, da dachten sie jubelnd bei sich: „Jetzt erst seid ihr vollkommen in unseren Händen! Eine Antwort wird euch schon werden, die auf eure dumme Frage passen soll, wie ein großer Turban auf einen kleinen Kopf; aber was hinter dieser Antwort steckt, das wird euch Tod und Verderben bringen! Aber eurer Dummheit soll solch eine Kunde verborgen bleiben bis dahin, da sie sich werktätig enthüllen wird vor euren Satansgesichtern!“
HG|3|213|6|0|Nach diesem Bedächtnis trat erst der Redner vor und sprach: „Aber, ihr hochmächtigen Diener aller Götter! Was ist das doch wieder für eine wenig überdachte Frage! Ihr seid doch Oberpriester – und mögt fragen, wie viele Pfunde ein ungeheurer Goldberg schwer sein dürfte?! Versucht, den kleinsten Berg teilweise abzuwägen, und wir sind überzeugt, es wird euch die Geduld vergehen, bis ihr mit dem Abwägen seiner vielen tausend Millionen Pfunde fertig werdet! Was aber ist so ein kleiner Hügel gegen ein so ungeheures Gebirge, wie sich in unserer Nähe keines befindet?!
HG|3|213|7|0|Fragt euch selbst, ob es möglich ist, da ein Gewicht zu bestimmen! Zudem haben wir euch ja schon im Anfang gesagt, dass, so wir diese Berge erobern, das Gold unter den Wert des Straßenkotes herabsinken muss! Das wird etwa doch genug gesagt sein! Denn jene Welt scheint ebenso aus blankem Gold zu sein, als die da, die wir bewohnen, von blankem Kot ist! Wir meinen nun unserer Treue zufolge, es wird wohl nichts weiteres mehr davon zu reden vonnöten sein!
HG|3|213|8|0|Wie viele Pfunde aber ein jeder mit uns Ziehende zu tragen imstande ist, ohne sich dabei wehzutun, das werdet ihr doch auch hoffentlich so gut wissen wie wir! Für die Person dreißig Pfunde im Durchschnitt wird doch etwa keine Übertreibung sein?! Bekommen wir aber noch Kamele hinzu, so kann da das Gewicht verdreifacht werden! Wollt ihr etwa noch mehr?!“
HG|3|213|9|0|Und die Oberpriester sprachen: „O nein, nein; denn wir sind ja die Genügsamkeit selbst! Wenn ein Transport nur das abgibt und die Goldberge uns zu eigen werden, da haben wir auf einmal ja hinreichend genug! Darauf unterhalten wir dann fortwährend einen jährlichen Transport, durch den wir dann alle Jahre wenigstens gleich so viel zu gewinnen hoffen; und die Sache wird sich machen, besonders, wenn wir unsere Genügsamkeit dazu in Anschlag bringen! Und so wollen wir denn nun in solch sicherer Hoffnung uns an die freilich etwas saure Ablöse der Sklaven machen!“
HG|3|213|10|0|Die zehn jubelten nun noch mehr heimlich.
HG|3|213|11|0|Die Oberpriester aber wandten sich an die Großen und sprachen: „Wir haben uns wohl bedacht und haben eurer Forderung Gehör gegeben; daher macht die Sache überall bekannt. Von Morgen an beginnt die Ablöse, und so dreißig Tage fort! Wer bis dahin seine Sklaven bringen wird, der auch erhält das bedungene Lösegeld; nach dieser Zeit aber wird ein jeder ums Zehnfache gestraft nebst dem Verlust seiner Sklaven. Es geschehe!“
HG|3|213|12|0|Damit war diese Kongregation beendet, und alles verließ den Ratssaal.
HG|3|214|1|1|Die Regelung der Übergabe und des Unterhalts der Sklaven
HG|3|214|1|1|Am 29. Januar 1844
HG|3|214|1|0|Am nächsten Tag wurden schon eine Menge Sklaven beiderlei Geschlechtes herbeigebracht; es dürften derer über dreihunderttausend gewesen sein.
HG|3|214|2|0|Da war eine große Unordnung, und die Oberpriester wussten nicht, bei wem sie zuerst die Sklaven abzulösen beginnen sollten.
HG|3|214|3|0|Da sprachen die zehn: „Lasst einen jeden Großen vor und sagt: ‚Gebe die Liste her, darauf gezeichnet ist, wie viele Sklaven du gebracht hast, und gebe deinen Sklaven ein Zeichen auf die Stirne, und du wirst dann nach der Liste ausbezahlt werden! Geht die Zahl auf der Liste mit der nachträglichen Übernahmezahl zusammen, dann magst du ruhig mit deinem Erlös nach Hause ziehen; wo aber das nicht der Fall ist, da verlierst du nicht nur die ganze Zahl deiner hierher gebrachten Sklaven, sondern wirst noch um ebenso viel gestraft!‘
HG|3|214|4|0|Seht, das ist ganz einfach, und es wird von der besten Wirkung sein; geht und ordnet solches alsbald an, sonst haben wir ein Jahr mit der Ablöse zu tun!“
HG|3|214|5|0|Die Oberpriester aber sprachen: „Es ist alles recht! Euer Rat ist gut; aber wohin auf einmal mit so vielen? Wo sie unterbringen, woher verköstigen und nötigsterweise bekleiden?“
HG|3|214|6|0|Die zehn aber sprachen: „Wofür stehen denn die ungeheuren Paläste, deren wir innerhalb der Stadtmauer bei tausend haben, davon ein jeder leicht zehntausend Menschen wohnlich fasst? Diese stehen leer und dienen bloß zur Vergrößerung unseres Ansehens! Da hinein mit den Sklaven! Fürwahr, wenn ihrer noch dreimal so viel wären, so könnten wir sie leicht unterbringen!
HG|3|214|7|0|Woher sie verköstigen? Habt ihr nicht in allen diesen Palästen überfüllte Getreide- und Früchtekammern? Was wird es denn sein, wenn ihr sie ein wenig lüftet? Denn es ist ja so viel da, dass davon ganz Hanoch zwanzig Jahre lang leben könnte!
HG|3|214|8|0|Woher die vielen Sklaven bekleiden? Was wird es denn auch da wieder sein, so ihr eure ungeheuren Waffenmännerkleidungsvorratsmagazine ein wenig lüftet für einen Zweck, durch den ihr schon im Verlaufe von etlichen Jahren dieselben Magazine mit Gold werdet also anstopfen können, wie sie jetzt mit waffenmännischer Kleidung angestopft sind?“
HG|3|214|9|0|Die Oberpriester sahen das ein, aber sie berechneten, dass ihnen da ein Mann noch höher kommen werde.
HG|3|214|10|0|Die zehn aber sprachen: „Wer nur wenig einsetzt, der kann nie auf einen großen Gewinn rechnen! Wir meinen aber, wo es sich um die Gewinnung einer ganzen Goldwelt handelt, da sollte man doch keine Vorkosten scheuen!“
HG|3|214|11|0|Das Wort ‚Goldwelt‘ bezauberte die Oberpriester; sie willigten dann in alles. Sie richteten an die Großen die Worte wegen der Listen und der Stirnbezeichnung der Sklaven.
HG|3|214|12|0|Die Großen machten darauf sogleich ihre Listen gewissenhaft und bezeichneten die Sklaven an der Stirne, und zwar ein jeder Sklavenbesitzer die seinigen nach seiner Art, und die Ablöse ging dann gut vonstatten.
HG|3|214|13|0|Die abgelösten Sklaven wurden dann alsbald in einem oder dem anderen Palast untergebracht, bekleidet und gespeist, und es durften nun wieder reden, die reden konnten. Viele mussten das Reden erst wieder lernen.
HG|3|214|14|0|In einem Monat war diese ganze Arbeit ohne weiteren Anstand beendet.
HG|3|215|1|1|Die Bewaffnung und Ausbildung der Sklaven
HG|3|215|1|1|Am 30. Januar 1844
HG|3|215|1|0|Den schon ganz entmenschten Sklaven aber war diese Erscheinung unerklärlich, und sie wussten nicht, was daraus werden würde.
HG|3|215|2|0|Die Oberpriester aber sprachen zu den zehn: „Nun ist das erste Werk vollendet! Alle Sklaven männlichen und weiblichen Geschlechtes sind eingelöst. Unsere großen Paläste längs der Mauer unserer Stadt sind mit Sklaven angefüllt und diese daselbst verpflegt. Was aber geschieht nun?“
HG|3|215|3|0|Und die zehn sprachen: „Nun gebt uns viertausend in der Führung der Waffen geübte Männer! Mit diesen wollen wir zehn hinziehen und wollen fürs Erste den Eingelösten eröffnen, warum sie eingelöst wurden. Und fürs Zweite wollen wir in einem jeden Palast vier Waffenkundige einteilen, durch die alle Sklaven beiderlei Geschlechtes in der Führung der Waffen in kurzmöglichster Zeit vollkommen eingeübt werden, und zwar der männliche Teil in der Führung der schwereren und der weibliche Teil in der Führung der leichten Waffen; denn ohne solche Einübung sind sie nicht zu brauchen!“
HG|3|215|4|0|Die Oberpriester aber sprachen: „Es ist alles ganz recht also; aber woher nehmen wir auf einmal so viele blinde und stumpfe Waffen? Denn dazu sogleich die neuen scharfen Waffen aus unseren großen Rüstkammern herzunehmen, wäre doch wirklich etwas unklug und unwirtschaftlich und sogar gefährlich! Denn diese Kaste hat einen alten Grimm auf uns; wenn sie nun auf einmal scharfe Waffen in die Hände bekäme, da dürfte es uns nicht gut ergehen!
HG|3|215|5|0|Daher sollen sie unserer Meinung nach erst mit den gewöhnlichen Blindwaffen aus Holz und Stroh eingeübt werden, und wenn sie diese zu führen verstehen und auch sonst die rechte Disziplin eines Kämpfers sich eigen gemacht haben, dann erst, meinen wir, sollen ihnen die rechten Waffen anvertraut werden! Seid ihr nicht auch dieser Meinung?“
HG|3|215|6|0|Und die zehn sprachen: „Zu viel Vorsicht ist ebenso schlecht wie zu wenig! So ihr an eine allfällige Rache dieser Menschen denkt, da braucht es gar keine Waffen für eine Masse von mehr als vier Millionen! Wenn sie aufsteht gegen uns, so erdrückt sie uns schon durch ihre Schwere; und hätten die Sklaven das im Sinne, da hätten sie uns schon überfallen!
HG|3|215|7|0|Lasst aber die ganze Sache nur ganz unbesorgt uns über, und wir stehen mit unserem Leben dafür, dass ihr im Verlaufe von einem Mond alle die Sklaven ganz wohl bewaffnet werdet hinausziehen sehen, ohne dass von ihnen auch nur eine Fliege beleidigt wird!“
HG|3|215|8|0|Auf diese Rede willigten die Oberpriester für die sogleich scharfe Bewaffnung und gaben den zehn die viertausend waffenkundigen Männer.
HG|3|215|9|0|Mit diesen zogen die zehn schon am nächsten Tag hin zu den in der gespanntesten Erwartung harrenden Sklaven, die da noch nicht wussten – wie schon anfangs erwähnt –, was aus der Erscheinung ihrer Einlösung werden solle.
HG|3|215|10|0|Die zehn verteilten sich also, dass da ein jeder hundert Paläste über sich nahm, und teilten noch am selben Tag die Waffen aus.
HG|3|215|11|0|Als die zehn aber in den Palästen die Sklaven zu sich kommen ließen, wurden sie sogleich mit ängstlichen Fragen bestürmt, was da aus ihnen werden solle.
HG|3|215|12|0|Und die zehn sprachen überall: „Seid geduldig, wir sind eure Retter und Befreier aus euren harten Sklavenketten!
HG|3|215|13|0|Nun werdet ihr in den Waffen eingeübt werden einen Mond lang bei guter Kost; dann werden wir hinausziehen, zu schlagen ein großes Volk, das schlechter als alle Teufel, aber sonst ganz feig, dumm und verweichlicht ist! Und dann werden wir, als jetzt die Letzten, die Herren sein in der Welt! Wenn ihr erst vollends waffenkundig sein werdet, dann auch sollt ihr mehr erfahren!“
HG|3|215|14|0|Diese Kunde brachte die Sklaven nahe außer sich vor Freuden, und die zehn wurden von ihnen beinahe angebetet.
HG|3|216|1|1|Die zehn Kundschafter befreien sich von den Spionen der Oberpriester
HG|3|216|1|1|Am 1. Februar 1844
HG|3|216|1|0|Schon am nächsten Tag wurden in den Palästen die Stärksten ausgesucht, auch sogleich bewaffnet und in der Führung der Waffen geübt.
HG|3|216|2|0|Die Schwächeren aber wurden erst ein paar Wochen hindurch genährt, dass sie wieder zu Kräften kamen, dann wurden auch sie in der Führung der Waffen eingeübt.
HG|3|216|3|0|Was aber die schon sehr betagten Sklaven betraf, natürlich beiderlei Geschlechtes, so wurden ihnen zwar auch leichte Waffen gegeben, aber sie durften sich nicht üben in deren Gebrauch, sondern sie hatten bloß fürs gewisserart Häusliche zu sorgen und über die Jungen eine Aufsicht zu pflegen.
HG|3|216|4|0|Es kamen aber auch täglich von den Oberpriestern Gesandte zu den zehn, um nachzusehen, was da geschehe, zugleich aber auch geheime Spione, die da belauschten das Gerede hie und da, ob es etwa nicht verräterischer Art wäre.
HG|3|216|5|0|Die zehn aber wussten genau schon am dritten Tag um solche Schleicher von Seiten der Oberpriester und wussten sich demnach auch so zu benehmen, dass ja kein Wörtchen bei der ganzen ungeheuren Armee vorkam, das den höchst misstrauischen Oberpriestern verdächtig werden könnte.
HG|3|216|6|0|Je mehr aber die Sklaven eingeübt wurden und ihre Geschicklichkeit an den Tag legten, desto mehr fanden sich auch immer von Seiten der Oberpriester geheime Spione ein, die da alles beguckten und beschnüffelten, was da geredet und gemacht und unternommen ward.
HG|3|216|7|0|Das ärgerte die zehn, dass sie darob an einem Tag hinzogen zu den Hohepriestern, allwo sie mit großer Auszeichnung empfangen wurden. Als sie aber von den Oberpriestern gefragt wurden, was sie für ein wichtiges Anliegen hätten, da sprachen sie:
HG|3|216|8|0|„Ihr wisst es ganz bestimmt, dass wir zehn es redlich meinen, und wisst es auch, wie weit unser Scharfsinn und unsere Klugheit geht! Ihr wisst es, wie die Großen zu ihrem großen Nachteil für sich nach unserer Einsicht und nach unserem Rat tanzen mussten; denn nun hat wohl ein jeder einige Pfunde Goldes mehr in seinem Schrank, aber dafür muss er nun selbst arbeiten und im Schweiße seines Angesichtes sein bisschen Brot essen, oder er muss sich Tagwerker aufnehmen, die er sicher teuer bezahlen muss.
HG|3|216|9|0|Wir aber haben eine unüberwindliche Macht in unseren Händen, mit der wir den Großen allezeit ihre Goldschränke leeren können, wann wir wollen, und all ihr Gold ist schon so gut wie vollkommen unser!
HG|3|216|10|0|Seht, das alles haben wir berechnet und haben uns gedacht schon bei der Einlöse der Sklaven: ‚Verlangt, soviel ihr wollt! Heute werden wir es euch bezahlen, morgen aber holen wir dafür das Vierfache von euch!‘
HG|3|216|11|0|Ist das nicht allein schon ein mit keinem Gold zu bezahlender Plan zu eurem Vorteil, ganz abgesehen von der großen Unternehmung, die wir vor uns haben? Und dennoch müssen wir von eurer Seite tagtäglich mit tausend geheimen Spionen umgeben sein, die unsere feinen Worte gar nicht verstehen und euch dann oft boshafterweise auch noch dazu die übelsten Nachrichten von uns überbringen können!
HG|3|216|12|0|Seht, das wissen wir genau, und darum sind wir nun auch gekommen, um vor euch unser Amt zurückzulegen darum, weil ihr uns nicht traut; denn ein Misstrauen erweckt das andere! Traut ihr uns nicht, so trauen auch wir euch nicht und legen daher lieber unser Amt nieder, damit des Misstrauens gegen uns ein Ende werde!“
HG|3|216|13|0|Hier fingen die Oberpriester an, die zehn wieder zu besänftigen, beschenkten sie reichlich und baten sie inständigst, ihr Amt wieder aufzunehmen – und nun mit dem Vorteil, ihre Waffenübungen noch ein Vierteljahr fortsetzen zu dürfen und dann erst in effektive Dienste hinauszuziehen.
HG|3|216|14|0|Damit begnügten sich die zehn, indem sie wieder das erreicht hatten, was sie so ganz eigentlich erreichen wollten, und zogen dann wieder zu ihrer großen Armee.
HG|3|217|1|1|Abdankung der oberpriesterlichen Exerziermeister. Auszug des Heeres der ehemaligen Sklaven
HG|3|217|1|1|Am 3. Februar 1844
HG|3|217|1|0|Darauf wurden die ehemaligen Sklaven noch drei Monate hindurch exerziert und erreichten dadurch eine große Gewandtheit in der Führung der Waffen.
HG|3|217|2|0|Da aber die zehn sahen, dass die Sklaven nun ebenso geschickt die Waffen führen konnten wie die viertausend Exerziermeister selbst, da verabschiedeten sie diese und setzten aus den Sklaven selbst Hauptleute und Oberste ein und regulierten also die ganze Armee.
HG|3|217|3|0|Die Oberpriester aber waren damit nicht ganz zufrieden, dass die zehn ihre vertrauten viertausend Mann abgedankt hatten; sie ließen daher die zehn fragen um den Grund, warum sie solches getan hätten.
HG|3|217|4|0|Die zehn aber erwiderten: „Weil wir nicht mit Menschen, die ihr hier bei eurer Armee notwendig braucht, in die weite Welt ziehen wollen, was da wider unseren Plan wäre!
HG|3|217|5|0|Zudem haben die viertausend Mann auch den eigentlichen Geist nicht und sind zu sehr ans Wohlleben gewöhnt; das alles aber verträgt sich mit unserer Unternehmung nicht.
HG|3|217|6|0|Daher haben wir sie denn auch abgedankt und sandten sie wieder zu ihrer Armee zurück. Wir glauben dadurch recht gehandelt zu haben, wie wir solches noch allzeit taten; sollte euch aber das etwa schon wieder anstößig vorkommen, so macht es anders!
HG|3|217|7|0|Gebt uns selbst einen Plan, nach dem wir handeln sollen, und die Folge wird euch dann ja wohl belehren, welche Früchte euch euer Plan bringen wird! Habt ihr nicht auch nach eurer Einsicht gleichzeitig mit uns vor fünf Jahren nach allen Seiten Kundschafter ausgesandt? Warum kommen sie denn nimmer zurück und bringen euch gleich uns Schätze? Weil sie keine Liebe und Treue zu euch haben!
HG|3|217|8|0|Wir aber, die wir auch allezeit die größte Treue trotz all der Kalamitäten noch bewiesen haben, dürfen uns nur rühren, so findet ihr schon wieder neuen Grund, uns zu verdächtigen! Wenn wir zehn noch einmal einen solchen Schritt von eurer Seite vernehmen, so lassen wir alles im Stich, und ihr könnt dann machen, was ihr wollt!“
HG|3|217|9|0|Diese Antwort hatte die Oberpriester sehr angestochen, und sie wussten nicht, wie sie sich darüber rächen sollten; denn zu sagen getrauten sie sich nichts weiter, indem sie sich fürchteten, die Eroberung der Goldberge zu verlieren.
HG|3|217|10|0|Aber gestraft sollte solch eine arrogante Antwort denn doch sein! Wie aber? Darüber wurde unter den Oberpriestern ein dreitägiger Rat gehalten. Aber er führte zu keinem Resultat; denn überall könnte es auf eine Beleidigung der zehn ausgehen und damit aber auch auf den Verlust der Goldberge. Und so mussten am Ende die Oberpriester die Antwort hinabschlucken, wollten sie – oder wollten sie nicht.
HG|3|217|11|0|Sie sprachen freilich: „Aber ganz geschenkt bleibt es ihnen nicht; aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Wenn sie von der Unternehmungsreise zurückkehren werden, sollen sie darum schon ein wenig die Hölle verkosten!“
HG|3|217|12|0|Es wurde aber solches den zehn von einem ihnen sehr befreundeten Unterpriester gesteckt, und die zehn sprachen bei sich: „Lassen wir diese Sache nur ganz gut sein und ignorieren sie! Morgen aber geschieht die Anzeige, dass wir übermorgen mit der ganzen Macht aufbrechen werden, und dann wird es sich in der Kürze entscheiden, wer von uns zuerst die Hölle verkosten wird!“
HG|3|217|13|0|Am nächsten Tag ward die Anzeige gemacht, mit der die Oberpriester sehr einverstanden waren, und am dritten Tag schon um Mitternacht begann der Auszug und dauerte bis gegen Abend, denn bei viereinhalb Millionen Menschen machen einen langen Zug, besonders wenn dabei noch der zweihunderttausend Kamele und der viermal soviel Esel gedacht wird, die da mit den Kamelen zur Tragung von allerlei Gerätschaften und Esswaren bestimmt waren.
HG|3|218|1|1|Das Heer der ehemaligen Sklaven besiedelt ein schwer zugängliches Gebirgstal. Die zehn Heerführer enthüllen ihren Plan
HG|3|218|1|1|Am 5. Februar 1844
HG|3|218|1|0|Als die große Armee sich zwei Tagereisen von Hanoch nördlicherseits befand, da ließen die zehn einen Halt machen und ein allgemeines Lager schlagen.
HG|3|218|2|0|Bei fünfhunderttausend Zelte wurden errichtet in einem schönen, mit vielen Früchten reichlichst bewachsenen Gebirgstal, das aber noch gänzlich unbewohnt war, und das aus dem Grunde, weil es von allen Seiten her von unersteiglich hohen Bergen eingeschlossen war und hatte nur einen einzigen möglichen Zugang, der aber ebenfalls sehr beschwerlich zu passieren war, indem er in einer engen, ziemlich steil ansteigenden Schlucht bestand, deren Gesträuch und lockeres Gestein erst hinweggeräumt werden musste, bevor eine Weiterreise möglich war.
HG|3|218|3|0|Die zehn wussten um dieses Tal, indem sie es schon bei ihrer ersten Reise entdeckt hatten, und hatten schon damals einen geheimen Plan gefasst, dieses herrliche Tal einmal bei einer gewissen Gelegenheit in den besten Anspruch zu nehmen.
HG|3|218|4|0|Die Gelegenheit hatte sich nun gemacht, und so ward dieses Tal, das samt noch anderen wohl bewohnbaren Gebirgsflächen über siebzig Quadratmeilen maß, vollkommen in Beschlag genommen.
HG|3|218|5|0|Da aber alles Volk in den Zelten eingeteilt und untergebracht ward, da beriefen die zehn alle die Obersten zu sich und sprachen:
HG|3|218|6|0|„Nun hört uns an! Wir wollen euch nun den wahren Plan enthüllen, der da der Grund unserer Unternehmung ist!
HG|3|218|7|0|Ihr habt auf die unmenschlichste Weise die allerschändlichste, goldgierige Regierung der Priester in Hanoch als Sklaven und Lasttiere der Großen des großen Reiches verkostet, wart und seid mit eurer übernarbten Haut noch Zeugen von der großen ruchlosen Grausamkeit dieser eingewanderten ehemaligen Gebirgsbewohner gegen uns arme Nachkommen Kahins!
HG|3|218|8|0|Nun ist der zahlende Tag gekommen! Wir haben durch unsere Klugheit euch alle im ganzen, weiten Reich frei gemacht und wussten die wahren Teufel von Oberpriestern also zu betören, dass sie in diese Falle eingegangen sind.
HG|3|218|9|0|Der Tag der furchtbarsten Rache ist da! Vertraut euch in allem dem alten Gott an und dann uns, die wir Seine Werke sind, und wir werden wieder Herren von Hanoch werden, und die euch als Lasttiere kauften, werden bald euch in vollster Eigenschaft zu dienen genötigt sein!
HG|3|218|10|0|Wir aber werden nicht hinziehen nach Hanoch nun und werden dort einen blutigen, unsicheren Kampf mit der großen, mächtigen Stadt beginnen, sondern dahier auf diesem Platz werden wir sie aufreiben, und ihre Leichen den vielen Waldbestien zum Verzehren vorwerfen! Und wenn wir ihnen eine unschätzbare große Niederlage werden bereitet haben, dann erst werden wir unter den schrecklichsten Namen unseren Einzug in Hanoch halten und dort alles unterjochen, was nicht unseres Stammes ist!
HG|3|218|11|0|Jetzt aber heißt es hier Wohnhäuser und Fruchtgärten errichten, alle Früchte sorglich einsammeln, genießbare Wurzeln aufsuchen und sie in den Gärten vermehren! Dann den ganzen, weiten Gebirgskreis sorgfältigst untersuchen, ob irgend noch ein Zugang möglich ist! Sollte das irgend der Fall sein, da muss der Zugang sogleich also vermauert werden, dass da auch nicht einer Katze möglich sein solle, darüberzuklimmen!
HG|3|218|12|0|Wenn dieses alles bewerkstelligt sein wird, dann werden wir euch weitere Befehle erteilen! Und so geht nun und setzt das alles sogleich ins Werk; auf den Haupteingang aber richtet euer Hauptaugenmerk! Es geschehe!“
HG|3|219|1|1|Befestigung und Bau der Siedlung. Trotz Reichtum und Wohlstand planen die zehn Heerführer, Hanoch eine Niederlage zu bereiten
HG|3|219|1|1|Am 7. Februar 1844
HG|3|219|1|0|Die Obersten gingen und teilten die Befehle der zehn allenthalben fleißig und eindringlich der ganzen Armee mit, und alles fing an, sich zu regen.
HG|3|219|2|0|Bei zweihunderttausend Mann gingen auf die Untersuchung der Zugänge zu diesem Gebirgstal aus, und wo sich nur immer eine Schlucht oder ein anderer möglicher Zugang über die Hochgebirge zeigte, da wurde auch alsbald alles Mögliche angewendet, um solche Stellen so unzugänglich wie möglich zu machen.
HG|3|219|3|0|Die Schluchten wurden hochauf vermauert, und jene Stellen der Hochgebirge, die etwas weniger steil und somit im äußersten Falle passierbar waren, wurden entweder auf der einen oder auf der anderen Seite so tief schnurgerade abskarpiert, dass da ein Übergang rein unmöglich war.
HG|3|219|4|0|Mit dieser Befestigungsarbeit war dieser Armeeteil in einem halben Jahr ganz fertig.
HG|3|219|5|0|Ein mehr als doppelt so großer Teil ward zur Erbauung von festen Wohnhäusern beordert und war gleichzeitig mit der Erbauung von zweihunderttausend Häusern und Hütten fertig.
HG|3|219|6|0|Ein dritter und der größte Teil aber ward zur Agrikultur verwendet; da wurden in kurzer Zeit Hunderttausende von Gärten und Äckern angelegt, und schon in einem Jahr sah dieses Tal wie ein Eden aus.
HG|3|219|7|0|Das Merkwürdigste bei der Sache aber war, dass bei diesen vielen Umgrabungen überaus reiche Goldadern entdeckt wurden, die man sogleich bearbeiten ließ, und gewann in kurzer Zeit viele tausende und tausende Zentner des reinsten Goldes. Ja, so reichlich war dieses Metall dort anzutreffen, dass die zehn sogar alles Hausgerät – wie den Pflug, die Spaten, die Hauen und die Schaufeln – aus blankem Gold machen ließen! Im Verlaufe von drei Jahren hatte schon ein jeder Bewohner dieses Tales goldenes Gerät.
HG|3|219|8|0|Kurz und gut, so viel Goldes ward dort aus manchen Bergen in kurzer Zeit ausgebeutet, und das in ganz gediegenem Zustand, dass die zehn auf der Seite gen Hanoch große freistehende Felsen des Hochgebirges übergolden ließen, wodurch sie dann das Aussehen bekamen, als wären sie von purem Gold.
HG|3|219|9|0|Die große Dehnbarkeit des Goldes war ihnen bekannt. Den Gebrauch der verschiedenen Baumharze kannten sie auch, und so war es ihnen ein Leichtes um das Vergolden so mancher tauglicher Felsen des Hochgebirges.
HG|3|219|10|0|Also ließen sie auch den Haupteingang in dies nun gar herrliche Gebirgsland mit großen, wohlbehauenen Quadersteinen zu beiden Seiten bei vierzig Ellen hoch und in einer Länge von dreihundert Klaftern ausmauern und ließen die ganze Mauer vergolden, dass sie dann das Aussehen hatte, als wäre sie aus blankem Gold.
HG|3|219|11|0|Im Verlaufe von fünf Jahren war dieses große Gebirgstal so kultiviert, dass darob die Obersten samt den ersteren Hauptleuten zu den zehn gingen und sprachen:
HG|3|219|12|0|„Hört uns an, ihr lieben, weisen Männer! Wir sind der Meinung, wir sollen nun Hanoch – Hanoch sein lassen, denn wir stehen hier nun ja offenbar besser als ganz Hanoch!
HG|3|219|13|0|Wir haben Früchte, Getreide, Schafe, Kühe, Kamele, Esel, Hirsche, Rehe, Gazellen, Ziegen, Hühner, Tauben, Hasen, Kaninchen und des Goldes in großer Überfülle.
HG|3|219|14|0|Wir leben hier im Frieden und in bester Eintracht. Wir sind bestens bekleidet und haben gute und feste Wohnhäuser. Wir sind hier abgeschlossen von der ganzen Welt und leben gut in einer Festung, die nur Gott allein besiegen kann! Niemand kann uns hier je entdecken und verraten!
HG|3|219|15|0|Daher sollen wir nun das Hanoch lassen, wie es ist, und hier ganz ruhig leben; denn erfahren einmal die Hanochiter von unserem glänzenden Wohlstand etwas, so werden wir nimmer eine Ruhe haben vor ihnen!“
HG|3|219|16|0|Die zehn aber sprachen: „Das versteht ihr nicht! Wir werden keine Narren sein und werden nach Hanoch ziehen; aber wir werden sie auf eine allerschlaueste Art vor unseren Haupteingang locken und werden ihnen da eine Niederlage bereiten, an die sie denken sollen Jahrhunderte lang!
HG|3|219|17|0|Darum wollen wir in jüngster Zeit eine Gesandtschaft ausstatten und die Oberpriester zum Empfang des Goldes hierher laden! Wenn sie dann kommen werden, dann sollen sie eine Ladung bekommen, dass ihnen darob auf ewig Hören und Sehen vergehen soll! Und also hat es zu geschehen! Warum? Das wissen wir!“
HG|3|220|1|1|Noah sendet Boten zu den Hochlandbewohnern und nach Hanoch
HG|3|220|1|1|Am 8. Februar 1844
HG|3|220|1|0|Es ward aber solches alles, wie es in Hanoch und wie es nun in diesem Gebirgsland zuging, dem Noah auf der Höhe angezeigt und ward ihm angedeutet, vorerst einen Boten zu den Hochlandbewohnern zu senden, der sie von ihrem arglistigen Vorhaben gegen die Hanocher abwendig machen und sie lebhaft zur wahren Buße, Demut und zum lebendigen Glauben und Vertrauen an den lebendigen Gott und an die Liebe zu Ihm ermahnen solle.
HG|3|220|2|0|Desgleichen solle er, der Noah nämlich, auch einen zweiten Boten nach Hanoch senden. Dieser solle ganz besonders den Oberpriestern kundtun, wie sie von den zehn hintergangen worden sind. Dann solle er ihnen widerraten, diese Verräter aufzusuchen und sie etwa dafür zu züchtigen. Denn diese seien nur einer Züchtigung von göttlicher Seite fähig; jeder menschliche Züchtigungsversuch aber müsse scheitern, weil dieses Volk sich dermaßen befestiget habe, dass es keinem Menschen von einer feindlichen Seite möglich sei, lebendig zu diesem Volk zu gelangen.
HG|3|220|3|0|Darum sollen sich die Oberpriester im Namen des einigen, wahren Gottes wieder vereinen, sollen selbst ernste Buße tun, die Götzen zerstören und zum einig wahren Gott zurückkehren, so werde Dieser Sich ihrer erbarmen und werde Freundschaft stiften zwischen ihnen und dem Hochlandvolk, und dieses werde dann ihnen von seinem großen Überfluss an Gold, an Vieh und an den Früchten aller Art reiche Spenden zukommen lassen! Gott, der Herr, aber werde dann die Welt nicht mit einem Gericht heimsuchen, sondern sie segnen, und ihr geben Schätze in einer unschätzbaren Menge und Fülle!
HG|3|220|4|0|Noah sah sich sogleich nach zwei Boten um, unterrichtete sie, segnete sie und sandte sie dann aus, wie Ich es ihm befohlen hatte.
HG|3|220|5|0|Der Bote zu dem Hochlandvolk machte ziemlich leidliche Geschäfte und stimmte die zehn, welche die Lektion Noahs noch nicht vergessen hatten, so ganz leidlich für den Frieden; nur musste er ihnen das Verteidigungsrecht einräumen, falls sie von den Hanochern angegriffen würden.
HG|3|220|6|0|Der Bote erklärte ihnen zwar wohl auf das Kräftigste, dass Ich sie schützen werde, solange sie in Meiner Treue und Liebe verbleiben würden.
HG|3|220|7|0|Die zehn aber sprachen: „Wir wollen auch das, so du uns einen Maßstab gibst, nach dem wir berechnen können, ob unsere Liebe zu Gott vollmäßig ist oder nicht. Ohne diesen Maßstab sind wir ohne das eigene Verteidigungsrecht stets unsicher daran, indem wir nie wissen können, ob unsere Liebe zu Gott wohl den Grad hat, der uns allezeit Seiner Hilfe und Seines Beistandes versichern möchte!“
HG|3|220|8|0|Der Bote sagte wohl: „Ein jeder Mensch hat in seinem Herzen einen solchen Maßstab, der ihm genau sagt, ob er Gott oder die Welt mehr liebe, oder seiner eigenen Kraft mehr denn der göttlichen traue.“
HG|3|220|9|0|Aber die zehn sprachen: „Freund, das ist ein zu subtiler Maßstab, auf den man sich nie verlassen kann, denn da meint oft so mancher Mensch, als stünde er noch Gott weiß wie stark in der rechten Liebe und Gnade Gottes, – aber da ist es schon himmelhoch geirrt!
HG|3|220|10|0|Denn der Mensch hat eine Schwere, die fort und fort nach unten zieht; und er sinkt ganz unmerklich! Wenn er dann nach einer gewissen Periode glaubt, dass er sich noch immer im ersten Grad seiner Liebe- und Gnadenhöhe befinde, siehe, da ist er schon viele tausend Klafter tief gesunken und befindet sich schon außer allem Bereich der göttlichen Gnade!
HG|3|220|11|0|Wird er nun von einem Feind überfallen und hat das eigene Verteidigungsrecht nicht, so geht er offenbar zugrunde, indem ihn Gott vermöge Seiner Heiligkeit sitzen lassen muss!“
HG|3|220|12|0|Der Bote setzte hier freilich die triftigsten Einwendungen als Gegenbeweise entgegen, aber es half nichts, indem die zehn ihm allezeit wieder ganz kräftig zu begegnen wussten. Und so musste er ihnen in gewissen Fällen das Eigenverteidigungsrecht lassen und tat solches auch darum, weil er von den zehn, wie vom ganzen Volk ausgezeichnetst behandelt ward.
HG|3|220|13|0|Aber keine so günstige Aufnahme fand der Hanocher Bote. Denn zunächst musste er erst alle Angsttorturen ausstehen, bis er von den Oberpriestern angehört wurde, und als er zur Rede gelassen ward, und hatte sich entledigt seines Auftrages, da ward er sogleich auf so lange in einen Kerker gebracht, bis die Oberpriester sich durch listige Spione von dem überzeugt hatten, was er ausgesagt hatte von den Hochlandbewohnern.
HG|3|220|14|0|Nach solcher Überzeugung erst ward er wieder aus dem Kerker befreit, musste aber dann selbst ein Oberpriester werden und musste in den Rat der Oberpriester stimmen, wollte er oder wollte er nicht; denn im entgegengesetzten Falle wurde er gestäupt und auf einige Zeit in die Hölle verdammt.
HG|3|220|15|0|Und so ging der Hanocher Bote unter ohne allen Effekt.
HG|3|221|1|1|Die Beratung der Oberpriester, wie sie sich an den Verrätern rächen könnten
HG|3|221|1|1|Am 9. Februar 1844
HG|3|221|1|0|Ein Jahr verging unter lauter Beratungen bei den Oberpriestern in Hanoch, wie sie die Verräter im Hochland angreifen sollten; aber jeder Vorschlag war mit unbesiegbaren Schwierigkeiten also verbunden, dass er notwendig als rein unausführbar angesehen werden musste, zu welcher Beleuchtung freilich der neu gemachte Oberpriester das meiste beitrug. Denn wo und wie immer die erbittertsten Oberpriester die Verräter im Hochland anzugreifen gedachten, da führte sie der neue Oberpriester hin und zeigte ihnen die allernackteste Unmöglichkeit der Ausführung ihrer Pläne.
HG|3|221|2|0|Die Oberpriester aber drangen in ihn, dass er ihnen einen möglich ausführbaren Plan geben solle zur Rache gegen diese allerschändlichsten Hochverräter.
HG|3|221|3|0|Der neue Oberpriester aber sprach: „Den rechten Weg habe ich euch gleich anfangs gezeigt; dieser ist der allein mögliche. Wollt ihr diesen gehen, da werden euch die großen Schätze der Hochlandbewohner zugutekommen auf dem Wege der Freundschaft; wollt ihr aber das durchaus nicht, da werdet ihr von diesen euren Verrätern ebenso wenig je herabzubekommen imstande sein als wie vom Mond des Firmaments!
HG|3|221|4|0|Was nützt euch hier euer Grimm, eure Wut, was euer Zorn, was euer Rachegeschrei, wo euch die klare Vernunft sagen muss: ‚Da ist alles umsonst und vergeblich! So wenig wir vom Mond etwas herabreißen können, so wir auf ihn einen noch so mächtigen Grimmappetit hätten, ebenso wenig können wir von diesen unseren Verrätern herabzwicken!‘
HG|3|221|5|0|Wollt ihr mir aber das schon durchaus nicht glauben, da zieht hin, und lasst euch durch eine blutige Lektion zurechtweisen! Wenn ihr einmal so ein paar Hunderttausende von euren besten Kriegern erschlagen vor euch werdet erschauen, da wird euch sicher ein anderes Licht aufgehen!“
HG|3|221|6|0|Die Oberpriester wussten nun nicht, was sie so ganz eigentlich unternehmen sollten.
HG|3|221|7|0|Einer aus ihnen aber, eine sonst sehr feine Kundschaft, sprach: „Wisst ihr was? Die zehn Spitzbuben haben uns lediglich durch ihre fein berechnete List breitgeschlagen! Wie wäre es denn, so wir nun auch dieselbe Waffe gebrauchen möchten?
HG|3|221|8|0|Es soll doch mit allen Teufeln etwas zu tun geben, wenn in ganz Hanoch nicht wenigstens ein so verschmitzter Kerl sich vorfinden sollte, der da an aller Niederträchtigkeit und Spitzbüberei jene zehn Hauptspitzbuben nicht überbieten sollte!
HG|3|221|9|0|Geben wir daher ein Gebot als einen Aufruf an alle abgedrehtesten Spitzbuben heraus, lassen sie hierher zusammenkommen und suchen uns da den besten heraus! Diesem versprechen wir dann einen großen Vorteil, so er die zehn auf der Höhe überlistet, und die Sache wird sich machen!“
HG|3|221|10|0|Der neue Oberpriester aber sprach: „Ja, da habt ihr den besten Gedanken gefunden zu eurem völligen Untergang! Gebt den Spitzbuben Hanochs nur eine solche Schwäche von euch kund, da werden sie sich die Sache gleich leichter machen, als ihr es meint, um zu ihrem verheißenen Vorteil zu gelangen!
HG|3|221|11|0|Meint ihr, diese werden ihr Leben wagen für euch? Gerade umgekehrt: sie werden euch breitschlagen und sich dann ihren Vorteil nehmen! Und geht auch einer zu den zehn, so wird er kein Narr sein und wird zu euch zurückkehren, so er bei ihnen eine bessere Aufnahme findet, und wird dann noch obendrauf einen zweiten Verräter an euch machen!
HG|3|221|12|0|Tut aber nun, was ihr wollt, ich habe ausgeredet; von jetzt an soll die Erfahrung euer Ratgeber sein!“
HG|3|221|13|0|Hier wurde die gesamte Oberpriesterschaft völlig vernagelt und wusste nicht, was sie tun sollte. Es ging alles auseinander, aber auf den dritten Tag ward dennoch wieder ein großer Rat zusammenberufen.
HG|3|222|1|1|Ein verschmitzter Unterpriester schlägt den Oberpriestern drei Rachepläne vor
HG|3|222|1|1|Am 10. Februar 1844
HG|3|222|1|0|Als am dritten Tag der hohe Rat der Ober- und aller Unterpriester zusammentrat im großen offenen Ratssaal, da bestiegen sogleich mehrere Oberpriester die Rednerbühne und einer aus ihnen sprach:
HG|3|222|2|0|„Hört mich an, ihr Diener der Götter samt mir! Welch eine allerschändlichste Freveltat – die aus dem Fundament gehörig zu bezeichnen die Erde keine Worte hat – die zehn übergroßen Spitzbuben an uns verübt haben, wisst ihr alle nur zu gut, als dass es hier nötig wäre, eben diese Freveltat aller Freveltaten noch einmal speziell aufzutischen!
HG|3|222|3|0|Da wir aber alle davon in der allergenauesten Kenntnis sind, so handelt es sich jetzt bloß darum, ein Mittel zu ersinnen, durch das diese zehn Bestien samt ihrem ganzen Anhang auf das Allerschrecklichste, Schmerzlichste, Schauderhafteste, Beispielloseste, Unerhörteste und Überteuflischste könnten gezüchtigt werden, und koste die Sache, was sie nur immer wolle; denn lassen wir das ungestraft, da werden sich bald noch andere Spitzbuben unserer Reiche zu ähnlichen Unternehmungen veranlasst finden!
HG|3|222|4|0|Darum muss nun alle unsere Sorge und alle unsere Denkkraft dahin gerichtet werden, die Wichte auf dem Hochland also zu strafen, dass darob der ganze Erdkreis erschaudern soll und weinen müssen alle Berge, darum sie diesen Wichten einen so sicheren Zufluchtsort abgaben! Also um ein außerordentliches Rachemittel handelt es sich hier! Wer aus uns ein solches hervorzubringen imstande ist, dem soll die Krone der mächtigsten Alleinherrschaft über die ganze Welt zuteilwerden! Ich habe geredet, und nun rede, wer ein solches Mittel kennt!“
HG|3|222|5|0|Hier trat alsbald ein verschmitzter Unterpriester auf und bat um die Erlaubnis, reden zu dürfen. Es ward ihm solches sogleich gestattet, und er begab sich dann sogleich, ehrfurchtsvoll zum Schein, auf die Bühne und begann also zu reden:
HG|3|222|6|0|„Hört mich an, ihr hoch- und allmächtigen Diener der Erde und aller Götter und aller Sterne der Himmel, und ihr alleinigen Lenker der Sonne und des Mondes!
HG|3|222|7|0|Ich, ein allerletzter und allerunwürdigster, ein allerschmutzigster und stinkendster Knecht vor euch, ihr Allerhöchsten, habe im abscheulichst stinkendsten Dreck meines Gehirns aber dennoch drei Körner gefunden, die meiner freilich wohl allerunklarsten Ansicht nach vor euch, die ihr wie Sonnen leuchtet, das Aussehen haben, als wären sie Gold! (Ein großer Beifall ward hier dem bescheidenen Redner zuteil.)
HG|3|222|8|0|Meine tausendfache Nichtigkeit vor euch, ihr Allerhöchsten in jeder Hinsicht, glaubt freilich wohl nur in ihrer allertiefsten Dummheit gegenüber eurer allerhöchsten Weisheit, so diese drei Körner über die zehn, deren Namen meine abscheulichste Zunge nicht wagt auszusprechen, geschleudert würden, da dürfte ihnen ihr Hochland doch etwas zu nieder sein und gewährte ihnen keinen Schutz mehr vor eurer über alles erhabenst gerechtesten Gerechtigkeit! (Lange anhaltender stürmischer Beifall.)
HG|3|222|9|0|Wir sind mit den Grundsätzen der Aerostatik wohl vertraut! Könnten wir diese nicht also zurichten, dass wir mit ihnen selbst die unersteiglichen Gebirgsspitzen besetzen könnten? Welch ein Vorteil wäre das?!
HG|3|222|10|0|Dann sind wir die raffiniertesten Mineure! Könnten wir denn auf den passendsten Stellen die Berge nicht durchstechen und durch solche Minen dann ganz unerwartet die Bestien des Hochlandes zur Nachtzeit überfallen und sie alle übel umbringen?!
HG|3|222|11|0|Und endlich sind wir ja die größten Politiker! Locken wir die Bestien auf dem Wege erheuchelter, intimster Freundschaft heraus; und sind sie uns einmal ins Garn gegangen, da soll sie dann kein Teufel mehr unserer Gewalt entreißen und sie befreien von unserer mutwilligsten Rache!
HG|3|222|12|0|Hochallmächtigste, das sind die drei Körner, die ich Tausendnichts vor euch im stinkendsten Dreck meines abscheulichsten Gehirns gefunden habe! Welche Seligkeit wäre das für mich allerschmutzigstes Tier vor eurer Tausendsonnenklarheit, so ihr nur eines davon halbwegs gebrauchen könntet!“
HG|3|222|13|0|Ungeheurer Beifall folgte und ein Oberpriester schnitt ein Stückchen von seinem Oberkleid und heftete es an des Redners Rock, was da schon die allergrößte Auszeichnung war.
HG|3|222|14|0|Und der Oberpriester sprach: „Alle drei Mittel sind vortrefflich; das letzte aber wollen wir zuerst versuchen! Missglückt uns das – was höchst unwahrscheinlich zu sein scheint –, so bleiben uns noch die zwei freilich etwas kostspieligen!“
HG|3|222|15|0|Hier wurde auch der neue Oberpriester gefragt, wie ihm dieser Vorschlag gefalle.
HG|3|222|16|0|Und dieser sprach: „Ich sage nun gar nichts anderes als: Tut, was ihr wollt! Ich aber wünsche euch überall sehr viel Glück und ein überaus schönes Wetter dazu, alles andere wird sich schon von selbst machen!“
HG|3|222|17|0|Mit dieser Antwort waren die Oberpriester samt den königlichen Hohepriestern auch vollkommen einverstanden und fingen dann sogleich an, zu beraten über eine politische Freundschaftsdeputation.
HG|3|223|1|1|Der verschmitzte Unterpriester wird Anführer einer politischen Freundschaftsdeputation
HG|3|223|1|1|Am 12. Februar 1844
HG|3|223|1|0|Bei der Beratung wegen der Deputation an die zehn im Hochland aber ward am Ende dahin entschieden, dass da ganz natürlich der verschmitzte unterpriesterliche Ratgeber selbst den Anführer machen musste. Es wurden ihm noch dreißig Unterpriester mitgegeben, die da ganz in die Oberpriester hineingewachsen waren, damit dieser eine, sehr pfiffige Unterpriester ja bei dieser Sendung nicht auch etwa in die Fußstapfen der zehn treten möchte.
HG|3|223|2|0|Diese Mission von dreißig unterpriesterlichen Beimännern und dem einen Anführer ward reichlich mit allerlei Freundschaftsgeschenken, bestehend aus Gold, Silber und Edelsteinen dotiert. Zwanzig Kamele hatten genug zu tragen daran.
HG|3|223|3|0|Und der eine sah heimlich mit Wohlgefallen solch eine reiche Freundschaftsspende an die Hochländer an; denn er hatte es schon gar wohl berechnet, wie er sie verwenden werde.
HG|3|223|4|0|Bei der Abreise schärften es ihm die Oberpriester ja auf das Allernachdrücklichste ein, wie er seines Treuschwures stets eingedenk bleiben solle.
HG|3|223|5|0|Er beteuerte solches auch unter vielen Kunsttränen, und selbst seine höchst oberpriesterlich gesinnten Beimänner sprachen zeugend über ihn: „Nein, nein! Für den stehen wir mit unserem Leben gut! Denn in dieser Brust waltet kein schlechter Gedanke. Seine Tränen sind uns das sicherste Pfand seiner Treue! Oh, dem könntet ihr Himmel und Erde anvertrauen!“
HG|3|223|6|0|Nach mehreren solchen Versicherungen machte sich die Deputation auf die Reise, von keinem Argwohn der Oberpriester begleitet.
HG|3|223|7|0|Aber im Kopf wie in der Brust des einen Unterpriesters sah es ganz anders aus, als er sich äußerlich zeigte; denn er hatte die Sache also angelegt:
HG|3|223|8|0|„Vorerst muss die Freundschaftsspende vor den zehn deponiert werden! Die zehn werden dann aus lauter Politik die Freundschaft erwidern! Warum? Das ließe sich sehr leicht erraten: um nämlich dadurch die Oberpriester ins Garn zu ziehen!“
HG|3|223|9|0|Das hatte dieser eine alles schon im Voraus berechnet; daher wusste er auch seinen Zug gehörig zu leiten.
HG|3|223|10|0|Als dieser Deputationszug aber am dritten Tag vormittags das große, golden aussehende Eingangstor ins Hochland erreichte, da ward sie [die Deputation] sogleich angehalten und haarklein ausgefragt und durchsucht, bevor sie eingelassen ward, und wurde von da weg unter starker Bedeckung zu den zehn geführt, welche ihre Wohnburg auf einem hohen und ausgedehnten Felsen hatten.
HG|3|223|11|0|Als der eine Anführer aber so große Dinge aus blankem Gold erblickte, da sprach er zu seinen Gefährten: „Freunde, wie nimmt sich hier unsere Freundschaftsspende aus, wo uns ganze Berge reinsten Goldes von allen Seiten her entgegenstrahlen, wo der ungeheure Felsberg, auf dem die zehn eine golden strahlende Burg haben, selbst hier und da von reinstem Gold zu sein scheint von Natur aus? Hat es nicht das Ansehen, als trügen wir einen Tropfen Wasser ins Meer? Aber der Wille fürs Werk! Ein Schelm, der mehr gibt, als er kann, und als er hat!“
HG|3|223|12|0|Seine Beimänner gaben ihm recht; er aber dachte bei sich: Wenn’s hier also, da habe ich das ganze Geschmeiß der Oberpriesterschaft schon so gut wie im Garn! Nun noch das Votum der mir sehr befreundeten zehn, und das Werk ist gelungen!
HG|3|224|1|1|Fehlschlag der politischen Freundschaftsdeputation auf Betreiben des verschmitzten Unterpriesters
HG|3|224|1|1|Am 13. Februar 1844
HG|3|224|1|0|Als der eine mit seiner Gesellschaft vor die zehn geführt ward, wurde er von ihnen sehr freundlich empfangen und mit der größten Höflichkeit gefragt, was seine Mission im Schilde führe.
HG|3|224|2|0|Er aber zeigte den zehn durch ein Fenster die beladenen Kamele und sprach:
HG|3|224|3|0|„Liebe Brüder! Ich bin als ein Friedensbote von der Oberpriesterschaft zu euch gesandt; diese möchten mit euch eine gewisse Freundschaft anknüpfen, wie somit auch das ganze Volk Hanochs!
HG|3|224|4|0|Die Oberpriester haben darum Freundschaftsgeschenke an euch gesandt, die ihr annehmen möchtet als ein Zeichen ihrer Freundschaft, die sie mit euch anbinden möchten!
HG|3|224|5|0|Sie wollen ganz vergessen, dass ihr an ihnen verräterisch gesündigt habt; nur möchtet ihr ihnen wieder Freunde werden und gar nach Hanoch kommen, allwo sie euch dann alle erdenklichen Ehren antun möchten!“
HG|3|224|6|0|Bei diesem Vortrag aber gab er durch allerlei Augenverdrehereien den zehn zu verstehen, dass er nur in der Gegenwart seiner Gefährten also reden müsse, aber sehr gerne anders reden möchte, so er allein wäre.
HG|3|224|7|0|Die zehn aber verstanden seine Augensprache und sagten darauf: „Ihr habt gesehen, dass wir durchaus nicht nötig haben, Geschenke von den Oberpriestern aus Hanoch anzunehmen, denn die Besitzer von Goldbergen verachten das Gold, welches mit blutigen Händen gesammelt und aus den Armen durch allerlei Lug, Trug und Druck gepresst wurde.
HG|3|224|8|0|Daher nehmen wir fürs Erste das Gold, das Silber und die Edelsteine gar nicht an; und fürs Zweite, was da ihre angebotene Freundschaft betrifft, so sagt ihnen, dass wir diese anzunehmen ebenso wenig geneigt sind als wie ihre Geschenke! Denn wir sind keine einjährigen Hasen, dass wir nicht verstünden, was die Oberpriester im Schilde führen! Daher gehen wir in gar keinen Vorschlag der Oberpriester ein!
HG|3|224|9|0|Wollen die Oberpriester unsere Freundschaft gewinnen, da müssen sie zuerst aufhören, Oberpriester zu sein, und müssen den einen, der aus der Höhe zu ihnen gesandt ward, zum alleinigen König und Oberpriester über sich und über alles Volk der Tiefe salben und krönen! Solange das nicht geschehen wird, dürfen sie nicht von ferne je auf unsere Freundschaft rechnen, denn mit Teufeln pflegen wir nimmer eine Freundschaft zu schließen.
HG|3|224|10|0|Wir raten daher auch den Oberpriestern durchaus nicht, sich auf was immer für eine Art uns zu nahen; denn jede Annäherung von ihrer Seite wird auf das Allerschärfste gezüchtigt werden.
HG|3|224|11|0|Zieht daher nur wieder mit euren Schätzen nach Hanoch, und gebt solche Nachricht den Hohepriestern und den barsten Teufeln von Oberpriestern von uns!
HG|3|224|12|0|Du einer, der du zur gewissen Zeit unserer Gesinnung warst, aber verbleibst hier; denn du hast weder Weib noch Kind, und wir können dich hier brauchen! Also geschehe es!“
HG|3|224|13|0|Der eine ward voll Freude; die dreißig aber kehrten mit langen Gesichtern wieder zu ihren Kamelen zurück und begaben sich unverrichteter Dinge wieder nach Hanoch.
HG|3|224|14|0|Was über diese Erscheinung die Oberpriester für ein Gesicht machten, das wollen wir in der Folge mit einigen Blicken betrachten und daraus erkennen, dass es [das Gericht] damals auch nahe vor der Tür war.
HG|3|225|1|1|Die zurückgekehrte Deputation berichtet den Oberpriestern von dem Misserfolg
HG|3|225|1|1|Am 14. Februar 1844
HG|3|225|1|0|Der eine im Hochland bei den zehn Verbliebene erzählte nach dem Abgang seiner dreißig Kollegen den zehn natürlicherweise alles, was die Oberpriester gegen sie unternehmen möchten, und wie deren vorgeschützte Freundschaft demnach beschaffen war.
HG|3|225|2|0|Die zehn wussten das auch gehörig zu würdigen und belobten diesen ihren früheren Gefährten und Hauptkollegen.
HG|3|225|3|0|Die Oberpriester in der Tiefe aber, als die dreißig getreuen Unterpriester mit beladenen Kamelen wieder zurückkamen, fragten sie sogleich: „No, habt ihr gar Gegengeschenke erhalten? Wie sieht es denn mit dem Gurat (der eine Unterpriester) aus? Wo ist er denn?“
HG|3|225|4|0|Und die Unterpriester sprachen: „O ihr allmächtigen Diener der Götter! Von allem, allem das blankste Gegenteil! Die zehn haben euer Gold, Silber und Edelsteine nicht einmal angesehen; schmählichst nur und alsogleich haben sie uns zurückgewiesen, und wir haben daher wieder all das Geschenk ganz unangetastet zurückgebracht!
HG|3|225|5|0|Was aber den Gurat betrifft, so hat es noch nie einen feineren Spitzbuben gegeben, als er es ist! Er richtete zwar in unserer Gegenwart ganz genau euren Willen aus, aber dabei führte er eine Gebärdensprache, die da gerade das Gegenteil von allem dem ausdrückte, was er mit dem Mund laut vortrug! Auf diese allerhöchst verdammlichste Doppelrede gaben dann erst die zehn folgenden unendlich allerschändlichsten und unter aller Verdammlichkeit frevelhaftesten Bescheid:
HG|3|225|6|0|Sie nähmen das blutige Gold, das da durch allerlei Lug, Trug und Druck von der armen Menschheit erpresst worden wäre, durchaus nicht an; denn sie seien ohnehin im Besitz von Goldbergen (wie es aber auch wahr ist) und hätten des von Gott gesegneten Goldes im allerhöchsten Überfluss. Daher nähmen sie umso weniger ein Gold an, an dem das Blut der armen Menschheit klebe!
HG|3|225|7|0|Sie nähmen aber auch eure Freundschaft durchaus nicht an, außer im Falle nur, so ihr aufhören möchtet, Oberpriester zu sein, und möchtet den Boten aus der Höhe zum alleinigen Oberpriester und alleinherrschenden König über alle Reiche Hanochs setzen; ihr aber sollet werden gleich den gemeinsten Bürgern, oder was überhaupt der neue, alleinherrschende König aus euch etwa machen dürfte!
HG|3|225|8|0|Sie raten euch auch, dass ihr euch auf keine Weise ihrem reichsten Hochland nahen sollet, wollt ihr nicht gar übel zugerichtet werden!
HG|3|225|9|0|Nun sind wir fertig; das ist der getreue Sinn alles dessen, was wir zu unserem allerentsetzlichsten Ärger von den zehn anhören mussten!“
HG|3|225|10|0|Hier fingen die Oberpriester an, sich an die Brust zu schlagen, und schworen bei allen Göttern, dass sie nun alles aufbieten wollten, um sich an den zehn auf das Allerentsetzlichste zu rächen.
HG|3|225|11|0|Sie verfluchten darauf drei Tage hindurch die Erde, die solche Scheusale trage; dann verfluchten sie sieben Tage lang die Sonne, die auch solchen Scheusalen leuchte; dann verfluchten sie also die Luft, das Wasser, das Feuer, darum es nicht sogleich vernichte solche Auswürflinge der Erde. Ein ganzer Monat verging unter lauter Verfluchungen.
HG|3|225|12|0|Darauf wurde der Bote aus der Höhe seines Oberpriesterkleides beraubt und ward öffentlich gestäupt mit Ruten und dann mit blutendem Rücken aus der Stadt getrieben und dort erst zu Tode gesteinigt, und das darum, weil er gesagt hatte, die Oberpriester sollten in den Rat der zehn eingehen.
HG|3|225|13|0|Die Oberpriester gaben sogar ein Gebot heraus, dem zufolge ein jeder Untertan an jedem Tag eine Stunde lang die zehn verfluchen und verwünschen musste.
HG|3|225|14|0|Zugleich aber boten sie die größten Belohnungen dem an, der irgendein recht teuflisches Mittel ersinnen könnte, um die zehn im Hochland auf das Scheußlichste zu strafen damit.
HG|3|225|15|0|Aus diesem Zug aber lässt sich schon deutlich entnehmen, dass es [das Gericht] in jener Zeit nahe vor der Tür war. Die Folge aber wird schon noch Besseres für die Hölle zum Vorschein bringen.
HG|3|226|1|1|Abfall der fernen Provinzen von Hanoch. Erfolgloser Krieg der Oberpriester gegen die Hochlandbewohner
HG|3|226|1|1|Am 15. Februar 1844
HG|3|226|1|0|Es erfuhren aber in der Kürze der Zeit die fernen Provinzen Hanochs eben durch dieses Fluchgebot, dass es den Oberpriestern selbst in Hanoch anfing schlecht zu gehen, indem sie durch die kostspielige Ablöse der Sklaven so gewaltig geprellt worden waren. Darum denn erhoben sich solche Provinzen und fielen von Hanoch ganz ab.
HG|3|226|2|0|Als solches die Oberpriester in Hanoch erfuhren, da war es aus! Denn man berichtete ihnen, dass solche Abfälle der entfernteren Provinzen durch die Umtriebe der Hochlandbewohner geschehen seien, und eine solche Berichtung genügte, um diese Oberpriester in die allerentsetzlichste Grimmwut zu versetzen.
HG|3|226|3|0|Einen ganzen Tag heulten und brüllten sie durch alle Gassen und Straßen, und nur einen Ruf vernahm man durch das sonstige Geheul, und dieser lautete: „Auf, ihr Bewohner Hanochs, zur hundertfachen Rache gegen die Hochländer und gegen alle jene Länder, die sich durch die Umtriebe der Hochländer gegen uns aufgelehnt haben!“
HG|3|226|4|0|Am nächsten Tag ward rekrutiert, und jeder Mann – wenn er nicht vom höchsten Adel war – musste zu den Waffen greifen. Selbst das weibliche Geschlecht ward davon nicht ausgenommen.
HG|3|226|5|0|In wenigen Tagen ward eine schlachtfertige Armee von fünf Millionen Kriegern ausgerüstet. Die Waffen bestanden in Spießen, Schwertern, Bögen und Feuerröhren in der Art, wie sie die alten Türken hatten in der Zeit ihrer ersten Kriege, da sie mit steinernen Kugeln schossen; denn das Pulver ward schon unter dem König Dronel, einem Sohn Ohlads, erfunden und wurde unter Kinkar sehr raffiniert. Die Weiber bekamen nur leichte Waffen, die in leichten Säbeln und Dolchen bestanden.
HG|3|226|6|0|Als die Armee fertig war, da kamen die Oberpriester ganz geharnischt und erließen folgenden Befehl: „Die Hälfte dieser Macht begebe sich unter unserer persönlichen Anführung zur allerstrengsten Züchtigung der aufgestandenen Provinzen! Da darf kein Leben geschont werden; alles muss fallen durchs Feuer und Schwert!“
HG|3|226|7|0|Auf dieses Kommando trennte sich die ungeheure Armee, und zweimillionenfünfhunderttausend Krieger zogen gegen die aufgestandenen Provinzen. Eine gleich große Masse aber erhielt den Befehl, gegen die Hochländer zu ziehen. Aber wie? Das war nun eine ganz andere Frage!
HG|3|226|8|0|Die kommandierenden Oberpriester entschieden endlich, dass die Berge durchstochen werden müssten. Es ward zu dem Behuf sogleich eine Masse von hundertfünfzigtausend Mann beordert, Grubenwerkzeuge zu ergreifen und Schächte durch die Berge zu treiben. Ingenieure mussten sogleich ihre Messkunst in Anwendung bringen, und die Arbeit ward mit furchtbarer Tätigkeit ins Werk gesetzt.
HG|3|226|9|0|Auf fünfhundert Plätzen wurden die Berge aufgerissen, und es wurden in sie zwei- bis dreitausend Klafter lange Schächte gemacht (aber nicht etwa senkrecht, sondern ganz ebenaus), aber man kam nirgends zu einem Ende.
HG|3|226|10|0|Da maßen die Ingenieure wieder und fanden, dass sie ihre Schächte viel zu nieder angeschlagen hatten. Es wurden darum auf höheren Punkten neue Schächte gegraben, und diese erreichten die Ebene des Hochlandes.
HG|3|226|11|0|Da aber die Hochlandbewohner gar wohl durch ihre Spione beobachtet hatten, wo die Hanocher Schächte schlugen, da berechneten sie genau, wo sie durchkommen müssten. Solche Stellen belegten sie hochauf mit Holz und zündeten es an, wenn die Hanocher durchbrachen.
HG|3|226|12|0|Rauch und Feuerdampf erfüllte dann die Schächte und erstickte Tausende und Tausende der Hanocher; selbst mehrere Oberpriester kamen als Feldherren bei dieser Expedition ums Leben.
HG|3|226|13|0|Dreimal wurde der Angriff dann aufs Haupttor gemacht, aber allezeit auf das Entschiedenste zurückgeschlagen, und der übriggebliebene Teil der Armee musste dann unverrichteter Dinge mit Schande nach Hause ziehen nach einem zweijährigen vergeblichen Kampf.
HG|3|227|1|1|Kriegsbericht der zurückgeschlagenen Oberpriester. Spaltung unter den Oberpriestern. Verrat der Provinzarmee
HG|3|227|1|1|Am 16. Februar 1844
HG|3|227|1|0|Die wenigen von dieser Hochlandsexpedition zurückgekommenen Oberpriester gaben natürlich den ebenfalls wenigen Daheimgebliebenen kund, wie im höchsten Grade unglücklich ihre Expedition ausgefallen war; und diese rissen sich darob beinahe die Köpfe vom Leib, als sie solch eine traurige Kunde von ihren feldherrlichen Gefährten erhielten. Und sie fingen an zu schmähen über den unklugen Angriff.
HG|3|227|2|0|Die feldherrlichen Oberpriester aber sprachen: „Schmähen ist leichter als kämpfen! Ein Drittel der ganzen Armee ist noch vorhanden; erhebt euch und zieht selbst in den Kampf! Und so ihr dann gleich uns unverrichteter Sache hierher zurückkehren werdet, dann wollen auch wir schmähen, dass ihr euch darob wundern sollt!
HG|3|227|3|0|Hier im Trockenen ist leicht reden, fluchen und sehr verderbliche Pläne machen; aber nur hinaus damit, dort werdet ihr gleich wahrnehmen, von welcher Seite der Wind weht!
HG|3|227|4|0|Wir haben bei fünfhundert Stollen durch die sonst allenthalben unübersteiglichen Gebirge getrieben, und der Sieg hätte unser sein müssen; können wir aber darum, wenn uns die Hochlandsspitzbuben entdecken, uns beobachten von ihren verdammten Schlupfwinkeln, was wir tun, berechnen dann mit teuflischer Sicherheit, wo wir durchkommen, und belegen die Stellen mit großen Feuern, auf dass wir beim völligen Durchbruch allenthalben vom Rauch und Dampf zu Tausenden und Tausenden in den langen, finsteren Schächten das Leben verlieren mussten?
HG|3|227|5|0|Und als wir darauf einen dreimaligen allererbittertsten Angriff auf das Haupttor machten, da wurden wir allezeit mit zahllosen Steinen von den hohen Wänden herab begrüßt und verloren dabei zu Tausend und Tausenden das Leben!
HG|3|227|6|0|Durch diese Lektion lernten wir erst kennen, dass die verfluchten Hochländer unmöglich zu besiegen sind, weder durch List, noch durch was immer für eine Gewalt.
HG|3|227|7|0|Hätten wir nur den Rat dessen befolgt, den wir gestäupt und vor dem Stadttor gesteinigt haben, so stünden wir nun besser, als wir stehen! Es geht nun noch ab, dass der andere Teil unserer Armee auch ein uns gleiches Schicksal erfährt, dann sind wir rein aufgelegt!“
HG|3|227|8|0|Auf diese Demonstration schmollten die daheimgebliebenen Oberpriester noch mehr und bedrohten die feldherrlichen sogar.
HG|3|227|9|0|Diese aber sprachen: „Was redet ihr? Die Macht haben wir in unseren Händen! So ihr nicht sogleich verstummt wie eine Mauer, so sollt ihr es in euren fetten Wampen erfahren, wie wir unsere Waffen zu gebrauchen verstehen!“
HG|3|227|10|0|Hier fielen sich die beiden oberpriesterlichen Parteien in die Haare und zerzausten und zerrauften sich wie Hunde und Katzen. Und von diesem Augenblick an teilten sich die Oberpriester selbst in zwei feindliche Parteien, und das Volk von Hanoch wusste nun nicht, wer da Koch und wer Kellner ist.
HG|3|227|11|0|Man harrte noch drei Jahre in dieser Spaltung auf Effekte der anderen Armee, – aber vergeblich; denn diese hatte sich an Ort und Stelle zu den Provinzen geschlagen und erschlug selbst ihre Feldherren und alles, was mit ihnen hielt.
HG|3|227|12|0|Was daraus entstand, wird die Folge zeigen.
HG|3|228|1|1|Der letzte Rat des Bote Noahs an die zehn Anführer des Hochlandes. Die tausend Spione Hanochs
HG|3|228|1|1|Am 20. Februar 1844
HG|3|228|1|0|Es hielt sich aber noch der eine Bote des Noah bei den zehn im Hochland auf und diente ihnen gleichfort als ein guter Ratgeber.
HG|3|228|2|0|Also war auch der Gurat, der ehemalige Unterpriester, in gewissen Dingen von den zehn zu Rate gezogen.
HG|3|228|3|0|Und die zehn beriefen einen Rat zusammen und berieten, was sie nun gegen Hanoch unternehmen sollten.
HG|3|228|4|0|Der Bote Noahs aber riet und sprach: „Lasst nun Hanoch stehen, wie es steht; denn von nun an wird es euch nimmer beunruhigen, indem es durch euren Widerstand die reinste Unmöglichkeit kennengelernt hat, euch je irgend zu überwältigen! Der Herr Gott Zebaoth wird aber diese Stadt schon ohne euer Zutun auf eine Art zu züchtigen verstehen, dass sie zerfallen wird wie ein morscher Baum im Wald!
HG|3|228|5|0|Bleibt ihr, wie ihr nun seid, so wird euch in der Zukunft der Herr segnen und wird erweitern euer herrliches Land und wird es also fruchtbar machen, dass es für hundert Millionen Menschen in Überfülle Nahrung hervorbringen wird! Und so Er auch richten und töten möchte alle Übeltäter der ganzen Erde, da wird Er euch aber dennoch verschonen, so ihr zufolge dieses meines Rates in Seiner Ordnung verbleiben werdet.
HG|3|228|6|0|Werdet ihr aber hinausgehen und Krieg führen mit den Völkern Hanochs und mit den Völkern der vielen anderen Städte und Länder, da werdet ihr samt ihnen gar übel umkommen, wenn Gott aus Seinem alten Zorn richten wird alle arge Welt!
HG|3|228|7|0|Es war aber das mein letzter Rat an euch; denn meine Zeit ist zu Ende, und ich muss wieder ziehen dahin, von wannen ich gekommen bin. Seid stets eingedenk dieses Rates, so werdet ihr Gnade finden vor Gott; werdet ihr aber anders handeln, dann werdet ihr es aber auch im Gericht erkennen, dass ich ein wahrer Bote des ewigen Herrn an euch war!
HG|3|228|8|0|Euer freier Wille aber soll dadurch nicht die leiseste Schranke erhalten; denn niemand hat das Recht, den freien Willen in was immer zu beschränken an seinen Brüdern, sondern dieses Recht hat der Herr einem jeden Menschen für sich ganz allein anheimgestellt. Und so kann wohl ein jeder Mensch für sich seinen Willen beschränken, wie er will; je mehr er solches tun wird, desto besser wird es für ihn sein! Aus dem Grunde erteilte denn auch ich euch nur den Rat, und ihr aber könnt tun, was ihr wollt!“
HG|3|228|9|0|Auf diese Rede ward der Bote von der Kraft Gottes ergriffen und ward schnell auf die alte Höhe zum Noah entrückt.
HG|3|228|10|0|Dieses plötzliche Verschwinden dieses von den zehn, wie vom ganzen Hochlandvolk überaus geachteten Boten machte auf die zehn einen mächtigen Eindruck, und sie erkannten in ihm einen wahrhaft göttlichen Gesandten.
HG|3|228|11|0|Alle seine Worte, die er im Verlaufe von etlichen Jahren zu ihnen geredet hatte, wurden alsbald auf allerreinst polierte Goldplatten geschrieben und erhielten auch Gesetzeskraft fürs ganze Hochland.
HG|3|228|12|0|Fünf Jahre gingen gut vor sich; aber danach wollte sie der Herr festigen in ihrem Vertrauen auf Ihn durch eine kleine Prüfung, und diese genügte, um eine große Anzahl von der früheren Tugend abfallen zu machen.
HG|3|228|13|0|Die Prüfung aber bestand lediglich in nichts anderem, als dass die Hochlandbewohner einer Anzahl von tausend Spionen, von Hanoch ans Hochland gesandt, habhaft wurden, und noch dazu am Haupteingang.
HG|3|228|14|0|Diese Spione sollten nämlich mit den zehn freie Unterhandlungen anknüpfen und einen Verkehr zwischen Hanoch und dem Hochland zuwege bringen. Das sollten sie offen im Schilde führen; geheim aber sollten sie die Machtverhältnisse des Hochlandes erforschen, und ob die Hochländer schuldigen Teil am gänzlichen Abfall der entfernten Provinzen und der dahin beorderten Armee hätten.
HG|3|228|15|0|Da aber die zehn durchtrieben feine Köpfe waren, so hatten sie den geheimen Grund dieser Spione bald heraus, und das auf die leichteste Art von der Welt.
HG|3|228|16|0|Denn sie sagten zu den Tausend: „Ihr seid uns schon lange verraten; darum verbergt ja nichts vor uns, was ihr geheim im Schilde führt! Wer aus euch sich auf einer Unwahrheit wird ertappen lassen, der wird alsogleich über diesen hohen Felsen hinabgeworfen werden und wird sein Grab im unten anstoßenden grundlosen See finden!“
HG|3|228|17|0|Denn der große Fels, auf dem die Burg der zehn erbaut war, stieß zuunterst der Ebene des Hochlandes an einen bei drei Stunden im Umfang habenden See, der sehr tief war.
HG|3|228|18|0|Zehn der Hauptspione gaben als treu und wahr an, dass sie nichts Geheimes im Schilde führten. Sie wurden dreimal befragt, und da sie bei ihrer ersten Aussage beharrten, so wurden sie alsbald zum Felsen, der sich über dem See befand, geführt und noch einmal und allerschärfst bedroht.
HG|3|228|19|0|Da sie aber ihre erste Aussage bekräftigten in der sicheren Meinung, diese Drohung sei nur ein politischer Kunstgriff von Seiten der zehn, da wurde sogleich der erste hinabgestürzt.
HG|3|228|20|0|Da ergriff die anderen neun die Todesangst, und sie fingen an, die Wahrheit zu beichten.
HG|3|228|21|0|Als sie fertig waren, wurden sie wieder zurückgeführt und mussten nun ganz Hanoch haarklein verraten.
HG|3|228|22|0|Einige hielten sich da etwas zurück; davon aber ward alsbald wieder einer an den Felsen geführt und hinabgestürzt. Das öffnete sogleich allen den Mund.
HG|3|228|23|0|Als aber auf diese Art Hanoch vollkommen verraten ward, da erst wurden bis auf zehn alle anderen über den Felsen gestürzt; die zehn aber wurden mit der Nachricht davon nach Hanoch gesandt und mussten es den Oberpriestern anzeigen, wie im Hochland Spione belohnt werden.
HG|3|228|24|0|Was da weiter geschah, wird die Folge zeigen.
HG|3|229|1|1|Die Unterwerfung Hanochs
HG|3|229|1|1|Am 21. Februar 1844
HG|3|229|1|0|Als die zehn nach Hanoch kamen und den Oberpriestern bekannt machten, was im Hochland der ganzen tausend Mann starken Mission begegnet war, und was die zehn Herrscher des Hochlandes zu ihnen gesagt hatten, da fuhren die Oberpriester der einen Partei auf.
HG|3|229|2|0|Aber die Oberpriester der Gegenpartei, welche selbst die Ehre hatten, die strategische Weisheit der Hochlandbewohner zu verkosten, jubelten über das Misslingen dieses Versuches; und da sie wussten, dass Hanoch klein verraten war, und dass die zehn im Hochland gar gute Kenntnisse von der gehässigen Spaltung zwischen den Oberpriestern hatten, so gedachten sie des Rates des Noahischen Boten und beschlossen unter sich, diesem Rat nachzukommen.
HG|3|229|3|0|Sie hielten einen Rat unter sich und sprachen: „Was wird es denn sein? Die Hauptmacht haben bis jetzt noch wir in unseren Händen! Wir wissen, was im ganz eigentlichsten Sinne die Tausend auf der Höhe suchten, die uns Feinde sind. Sie wollten die Macht des Hochlandes erforschen und andere Verhältnisse mehr; offen aber wollten sie mit den Hochlandbewohnern in einen Bund treten wider uns.
HG|3|229|4|0|Dadurch meinten sie, fürs Erste uns zu Paaren zu treiben und fürs Zweite aber bei der Gelegenheit die Hochlandbewohner zu schwächen, und somit mit einem Hieb zwei Fliegen zu erschlagen. Aber die zehn im Hochland waren pfiffiger als diese verschimmelten Zeloten und machten ihnen einen schändlichen Strich durch die Rechnung!
HG|3|229|5|0|Nun liegt die Sache an uns! Wir werden aber den Rat der Hochländer befolgen, insoweit er sich nunmehr befolgen lässt! Können wir auch den zu Tode gesteinigten Boten aus der alten Höhe nicht mehr zum König über ganz Hanoch machen, so wollen wir aber dennoch diese höchste Alleinherrscherwürde einem aus den zehn einräumen – oder einem, den sie dazu ernennen werden! Wir werden nach wie jetzt seine Feldherren verbleiben, die Zeloten aber werden sich vor Galle selbst die Gesichter zerkratzen!
HG|3|229|6|0|Nun handelt es sich nur um eine gewählte Deputation! Wie wäre es denn, so da einer aus uns mit einer gerechten Anzahl Deputierten von uns sich auf den Weg machte und überbrächte an die zehn im Hochland die großen Goldschlüssel und die tausend Kronen Hanochs, die wir glücklicherweise in unseren Händen haben?!“ (Die tausend Kronen stammten von den einstmaligen tausend Herrscherräten her.)
HG|3|229|7|0|Dieser Vorschlag ward allgemein beifälligst angenommen, und ein sehr beredter Oberpriester übernahm diese Mission. Hundert Deputierte von den zurückgebliebenen Oberpriestern der feldherrlichen Partei folgten dem einen ins Hochland und ließen die vorbesagten Reichskleinodien auf hundert Kamelen alsogleich nachtragen.
HG|3|229|8|0|Im Hochland angelangt, wurde die ganze Karawane sogleich unter starker Bewachung zu den zehn geführt.
HG|3|229|9|0|Als diese des einen Oberpriesters ansichtig wurden, da fing sich an, ihr erster Grimm zu regen, und einer aus ihnen sprach: „Haben wir einen Verbrämten in unserer Gewalt, auf dass wir an ihm unsere alte Rache kühlen können?!“
HG|3|229|10|0|Der Oberpriester aber sprach: „Nicht also soll es sein! Denn auch zu uns ward, wie zu euch, ein versöhnender Bote aus der alten Höhe gesandt; dieser gab uns einen Rat, und wir sind nun da, diesem Rat nachzukommen!
HG|3|229|11|0|Der Bote ward leider zuallermeist von unserer herrschsüchtigen zelotischen Partei getötet, und zwar zur Zeit, als ihr verlangtet, dass er ein Alleinherrscher über ganz Hanoch werden solle.
HG|3|229|12|0|Aber eben zu dieser Zeit trennten wir uns von der zelotischen Partei, sammelten alle Streitkräfte, trennten einen Teil der großen Armee zur Bekämpfung der abgefallenen Provinzen, und mit einem Teil mussten wir, um dem zelotischen Oberpriesterteil zu genügen, einen Scheinausfall gegen euch unternehmen, der uns aber freilich teuer genug zu stehen kam!
HG|3|229|13|0|Aber wir haben dabei dennoch den guten Zweck erreicht, dass wir dadurch die Macht in unsere Hände bekamen und sind nun schon etliche Jahre hindurch die Herren von Hanoch; die eigentlichen Oberpriester aber sind nun unsere größten Feinde und sammeln im Geheimen fortwährend Streitkräfte, um uns einmal zu überfallen.
HG|3|229|14|0|Da wir nun noch ganz voll die Herren von Hanoch sind und haben die Schlüssel und die Kronen in unserer Gewalt, so haben wir sie nach dem Rat des Boten aus der Höhe genommen und haben sie euch überbracht! An euch liegt es nun, einen König über Hanoch einzusetzen, der da allein herrsche; wir aber wollen seine getreuesten Knechte sein!
HG|3|229|15|0|Hier sind noch hundert Deputierte an meiner Seite, die da die volle Wahrheit meiner Aussage bekräftigen, und auf dem Rücken der Kamele werdet ihr die euch wohlbekannten tausend Kronen und die Goldschlüssel Hanochs finden; wir alle stehen mit unserem Leben für die Wahrheit alles dessen!“
HG|3|229|16|0|Hier zogen die zehn andere Saiten auf und beriefen sogleich einen großen Rat zusammen. Was daraus folgte, wird sich zeigen.
HG|3|230|1|1|Der Rat des Hochlandes macht Gurat zum Vasallenkönig über Hanoch
HG|3|230|1|1|Am 22. Februar 1844
HG|3|230|1|0|Als der Rat von vielen Obersten des Volkes beisammen war, da berieten die zehn, ob einer aus ihnen Hanoch übernehmen solle, oder ob man solches dem Gurat einräumen solle mit dem Vorbehalt der Oberherrlichkeit des Hochlandes über Hanoch und dessen Ländereien.
HG|3|230|2|0|Nach der allgemeinen Abstimmung fiel der Beschluss dahin aus, dass fürs Erste die zehn Fürsten des Hochlandes unzertrennlich beisammenbleiben müssen für alle Zeiten; und stirbt einer aus ihnen, so erbt sein ältester Sohn seine Krone. In Ermanglung eines Sohnes aber kann auch der älteste Sohn eines anderen aus den zehn die Krone übernehmen, die ein verstorbener Sohnloser aus den zehn Fürsten hinterlassen hat.
HG|3|230|3|0|Und ebenalso solle das Königreich Hanoch für immer erblich bei der Familie Gurat verbleiben; nur wenn ein Nachkomme Gurats keinen Sohn hätte, dann müsste solches der Oberherrlichkeit im Hochland angezeigt werden, allwann sodann diese einen rechten König für Hanoch bestimmen würde.
HG|3|230|4|0|Dennoch aber sei von nun an ein jeder König vom Hochland abhängig – wenn er auch nicht vom selben erwählt werde –, so er es ohnehin als Sohn seines Vorkönigs sei und somit das königliche Erbrecht habe, denn jedes Erbrecht müsse seine Geltung so gut wie eine neue Belehnung in diesem Hochlandsbeschluss suchen.
HG|3|230|5|0|Die Anerkennung der Oberherrlichkeit des Hochlandes aber bestehe darinnen von Seiten des Königs von Hanoch, dass er mit Ausnahme des Goldes von allen sonstigen Metallen den Zehent ans Hochland alle Jahre auszuliefern habe, ebenso auch den Zehent an Schafen, Rindern, Eseln und Ziegen, und habe sich bei allen wichtigen Unternehmungen bei den zehn Fürsten des Hochlandes Rates zu erholen.
HG|3|230|6|0|Für die richtige Abgabe der vorbestimmten Zehente müsse er Beamte in Hanoch dulden, die aber dennoch vom Hochland, der Treue wegen, im Sold gehalten würden.
HG|3|230|7|0|Über alles dieses habe er als die allerunerlässlichste Verpflichtung gegen das Hochland das anzusehen, dass er allem Volk Hanochs und dessen Ländern ganz genau die Verfassung gebe, wie sie nun im Hochland gang und gäbe sei und allzeit sein werde, auf dass dadurch die Völker der Erde doch einmal zur erwünschten freundschaftlichen Einheit gebracht würden.
HG|3|230|8|0|Für die Haltung dieser nützlichen Vorschriften aber verpflichten sich auch die Hochlandfürsten, dem König in Hanoch in jeglichem erwiesenen Notfall mit Rat und Tat an die Hand zu gehen; und bei dem habe es zu verbleiben für alle Zeiten der Zeiten!
HG|3|230|9|0|Nach diesem Ratsbeschluss ward der Gurat gefragt, ob er damit einverstanden sei.
HG|3|230|10|0|Und der Gurat erwiderte: „Ich bin mit allem und jedem vollkommen einverstanden, und wie sollte ich es nicht sein?! Denn fürwahr, hättet ihr nicht eben diese weisen Bedingungen gemacht, so hätte ich selbst sie gemacht, und hätte euch gebeten um die gütigst geneigte Annahme derselben!
HG|3|230|11|0|Denn was ist ein König in Hanoch für sich ohne eine solche Stütze? Ich sage: ein leerer Name, der einen Menschen zum Arrestanten der ganzen Welt macht, wie gegenwärtig die Figura des elenden Scheinkönigs in eben dieser Stadt zeigt!
HG|3|230|12|0|Aber ein König unter solch einer weisesten Vormundschaft ist ein freier, mächtiger Herr und kann im festen Vertrauen, dass er allzeit recht tut, als ein wahrer Herr beherrschen und regieren die ihm anvertrauten Völker!
HG|3|230|13|0|Aus dieser meiner Äußerung werdet ihr doch sicher entnehmen, dass ich mit eurem Beschluss über die Maßen zufrieden bin?
HG|3|230|14|0|Nur das Einzige setze ich beim Erbrecht hinzu, dass, im Falle ein König einen törichten Sohn hätte, oder einen trägen, einen Verschwender, oder einen Wüterich, einen Schwachkopf, oder gar einen Trottel, so solle ein solcher Sohn des Erbrechtes verlustig sein, und es solle entweder ein zweiter Sohn oder, in Ermanglung dessen oder dessen Tauglichkeit, sogleich ein von euch Bestimmter die Krone Hanochs überkommen!
HG|3|230|15|0|Jeder Erbe aber solle zuvor bei euch in die Schule gehen und erst dann die Krone überkommen, so ihr ihn dazu als fähig erkennen werdet.“
HG|3|230|16|0|Dieser Beisatz Gurats wurde mit dem größten Beifall aufgenommen. Und Gurat ward darum gesalbt und bekam die Schlüssel und die tausend Kronen, von denen jede in dieser Zeit eine Million feiner Gulden im Wert hätte; aber ebenso wertvoll waren auch die Schlüssel. Das Weitere in der Folge.
HG|3|231|1|1|Die politischen Verhältnisse des Hochlandes zu Hanoch werden schriftlich festgehalten. Warum nur Hanoch fehlen und daher sanktioniert werden dürfe
HG|3|231|1|1|Am 23. Februar 1844
HG|3|231|1|0|Alle diese Bestimmungen wurden auf goldene, eine Linie dicke Blätter eingraviert und sodann auch den Deputierten Hanochs vorgelesen.
HG|3|231|2|0|Als diese sich als vollkommen zufrieden äußerten, da wurden sie ersucht, alles das mit ihren Namenszeichen, aber nur mit ihren kurzen und nicht mit den mehrere Ellen langen (die bei manchen Großen, besonders bei den Adeligen in Hanoch, noch eitlermaßen gang und gäbe waren) zu unterzeichnen.
HG|3|231|3|0|Diese also unterzeichneten Dokumente wurden nun von den zehn in Verwahrung genommen und wurden ‚Die heiligen Akte‘ genannt.
HG|3|231|4|0|Nach dieser Operation ging man dann erst auf die Sanktion über und bestimmte die Strafen bei Übertretungen dieser heiligen Akte, welche Strafen aber also bestimmt wurden, dass da das Hochland allzeit als völlig unfehlbar angesehen werden musste, und das darum, weil es den Boten Noahs nicht getötet hatte.
HG|3|231|5|0|Hanoch allein nur konnte fehlen und sich der Strafe würdig machen, weil die Hanocher den Boten Noahs geschlagen und getötet hatten.
HG|3|231|6|0|Gurat sagte ganz geheim zu einem der zehn: „Freund! Solange ihr leben werdet, wird das Hochland freilich wohl unfehlbar verbleiben! Wie aber dann, wenn euch ganz andere Köpfe folgen werden in der Regierung des Hochlandes, die da mit der Zeit eure Gesetze mit Füßen treten werden? Soll auch da noch das Hochland als unfehlbar angesehen werden?“
HG|3|231|7|0|Und der gefragte Fürst aus den zehn sprach: „Siehe, wir wissen es alle, dass auch ein Vater gegenüber seinen Kindern fehlen kann! Aber da fehlt er nur in seiner eigenen Sphäre, aber nicht in der Sphäre der Kinder, und die Kinder haben nie das Recht, ihren Vater darum zur Rede zu stellen und zu ihm zu sagen: ‚Vater, warum tust du das, oder warum hast du uns das getan?‘ Noch weniger aber haben die Kinder je ein Recht, den fehlenden Vater zu strafen!
HG|3|231|8|0|Und siehe, dasselbe Verhältnis, wie zwischen Vater und Kind, ist nun hier auch zwischen uns und euch! Wir sind euer Vater und ihr unsere Kinder für alle Zeiten der Zeiten! Und dieses bleibende Verhältnis ist gerecht, weil es dem göttlichen gleich ist, da auch Gott ewig ein allwaltender Vater zu uns allen Seinen Kindern verbleibt; und uns allen muss es also recht sein, weil es Gott von Ewigkeit also angeordnet hat.
HG|3|231|9|0|Zudem ist bei zehn Herrschern, die vollkommen eines Sinnes sind, an eine Fehlbarkeit auch nicht zu denken, indem im allfälligen Todesfalle der neu eintretende Kronerbe fürs Erste ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers eintreten muss, und fürs Zweite kann er für sich ja nie eine neue Ordnung einführen, indem er stets noch neun alte oder wenigstens ältere Regenten an seiner Seite hat, die dem Neuling sicher kein Gehör geben werden, so er an Erneuerungen dächte!
HG|3|231|10|0|Bei Alleinherrschern sind Erneuerungen wohl denkbar, aber bei zehn Herrschern (Dekarchie) nie! Denn der Einherrscher kann regieren nach seiner Laune und kann darum fehlen, wenn er nicht von der höchsten göttlichen Weisheit erfüllt ist; aber in der Dekarchie ist das nicht leichtlich denkbar, weil da immer ein Fürst den anderen durch seine Weisheit und durch sein notwendig hohes Rechtsgefühl kontrollieren muss.
HG|3|231|11|0|Dazu ist auch die Zahl zehn die göttliche Ordnungszahl, weil aller Seiner Gesetze nur im Grunde des Grundes zehn sind, wie sie die alte Weisheit kennt! Und so ist auch unsere Fürstenzahl schon ein Bürge für unsere völlige Unfehlbarkeit. Wir können wohl als einzelne Individuen für sich fehlen, aber im Allgemeinbeschluss nie!“
HG|3|231|12|0|Mit dieser Erklärung musste sich Gurat zufriedenstellen, übernahm dann die Kleinodien und begab sich als der von den zehn bestätigte König mit dem einen Oberpriester und mit den hundert Deputierten nach Hanoch. Das Weitere in der Folge.
HG|3|232|1|1|Gurat zieht in Hanoch ein und gibt Gesetze zur Beendigung des Diebstahls, des Raubrechtes und der Sklaverei. Ein Unterpriester beschwichtigt die gegnerische Oberpriesterpartei
HG|3|232|1|1|Am 26. Februar 1844
HG|3|232|1|0|Als die Deputation mit dem neuen König in Hanoch ankam, da ward dieser von den anderen Oberpriestern, die der Heldenpartei angehörten, auf das Allerfeierlichste empfangen und ward sogleich als König und Alleinherr allen Großen Hanochs vorgestellt, nahm sogleich die Huldigung an und bestieg den alten Thron Lamechs in der alten Burg, während der Scheinkönig noch in der neuen goldenen Burg residierte.
HG|3|232|2|0|Er zog die Heldenoberpriester mit aller Militärmannschaft zu sich und gab dann sogleich neue Gesetze, die sehr zweckmäßig waren, natürlich fürs Weltbürgertum.
HG|3|232|3|0|Alle Dieberei und alles Raubrecht musste aufhören, und wer irgendeinen Sklaven hatte und ihn nicht alsogleich freiließ, der ward im ersten Betretungsfalle zu einer Goldstrafe, die tüchtig war, verurteilt, und im zweiten Falle ward ihm lebenslängliches Gefängnis zuteil.
HG|3|232|4|0|Was aber sagte die andere Oberpriesterpartei zu dieser für sie ganz unerwarteten Erscheinung? Sie erhob unter sich ein Zetergeschrei über diese Gräueltat, raffte alle ihre aus dreißigtausend Mann bestehende Reservemacht in aller Eile zusammen und wollte über die Frevler herfallen.
HG|3|232|5|0|Aber ein nüchterner Unterpriester, der da auf dem Sprung stand, Oberpriester zu werden, trat vor die ergrimmte Schar der Oberpriester und sprach:
HG|3|232|6|0|„Hört mich an, ihr mächtigen Diener der Götter! Bevor ihr einen Schritt zur Rache tut, da berechnet, wie sich dreißigtausend zu einer Million und darüber verhält! Wenn diese uns nur scharf anschauen, so sind wir schon geschlagen!
HG|3|232|7|0|Denkt hier ja nicht an Rache, wo keine mehr möglich ist, sondern denkt entweder an die Flucht, oder an eine gütliche Ausgleichung!
HG|3|232|8|0|Denn wer die Macht in Händen hat, der ist der Herr; und denen, über die er sich erhebt, bleibt nichts anderes übrig, als sich entweder allergehorsamst zu ergeben, oder – wenn es noch Zeit ist – zu fliehen! Ich meine aber, hier wird es klüger sein, das erste dem letzten vorzuziehen; denn soviel ich in Erfahrung gebracht habe, so sind alle Tore stark bewacht, und es wird hart sein, über die große Stadtmauer hinauszugelangen.
HG|3|232|9|0|Aber ein sehr Leichtes dagegen ist es, mit dem neuen König Freundschaft zu schließen. Ich selbst will dieses Geschäft übernehmen! Gurat war mein größter Busenfreund; er wird mich noch kennen, und ich bin überzeugt, er wird mich anhören, wird euch bestätigen in eurem Amt und wird euch noch so manche Vorteile zukommen lassen.
HG|3|232|10|0|Empört ihr euch aber nun über ihn, da er schon gehuldigt und vollmächtig herrschend auf dem Thron sitzt, so werden wir dabei alle ums Leben kommen; und ich frage, wofür dann unsere Racheunternehmung gut war.
HG|3|232|11|0|Was nützt es, im Grimm zu entbrennen über einen reißenden Strom, wenn er angewachsen ist und seine Ufer verheert und verdirbt das Land und dessen Früchte? Wer wird so toll sein und wird sich ergrimmt in seine mächtigen Wogen und Fluten stürzen in der Meinung, durch seine Muskelkraft den Strom aufzuhalten und zu züchtigen?!
HG|3|232|12|0|Und seht, derselbe Fall ist hier! Wie können wir uns der großen Macht Gurats widersetzen? Werden wir das tun, da wird er alsbald den ganzen mächtigen Strom seiner Macht über uns leiten, und wir werden alle zugrunde gehen!
HG|3|232|13|0|Das ist mein Rat und meine gegründete Ansicht; ihr aber tut nun, was ihr wollt!“
HG|3|232|14|0|Diese Worte brachten die glühenden Oberpriester in eine tüchtige Traufe, die sie bedeutend abkühlte, und anstatt in den Rachekampf zu ziehen, beriefen sie einen Rat zusammen und berieten, wie sie auf die beste Art von der Welt dem Gurat eine Huldigung darbringen möchten.
HG|3|232|15|0|Und der eine unterpriesterliche Ratgeber sprach: „Lasst das ganz unbesorgt mir über! Morgen werde ich zum Gurat gehen und werde mit ihm unterhandeln, und ihr könnt versichert sein, dass er euch mit sehr kleinen Abänderungen in eurer Würde bestätigen wird!“
HG|3|232|16|0|Damit waren die Oberpriester zufrieden, und der Ratgeber begab sich darauf zum König.
HG|3|233|1|1|Der abgeordnete Unterpriester verhandelt erfolgreich mit König Gurat
HG|3|233|1|1|Am 27. Februar 1844
HG|3|233|1|0|Als der abgeordnete Unterpriester mit einiger Mühe vor den König Gurat kam, wurde er sehr freundlich aufgenommen und befragt, was ihn so ganz eigentlich zu ihm, dem König nämlich, geführt hatte.
HG|3|233|2|0|Und der Unterpriester sprach: „Du weißt, dass da in Hanoch seit dem ungünstig ausgefallenen Versuch, die Hochländer zu besiegen, die Oberpriesterschaft in zwei feindliche Teile zerfallen ist, wovon der eine Teil dich zum König berief, während der andere Teil gegen dich von aller Wut entbrannt ist!?
HG|3|233|3|0|Siehe, dieser Teil wollte nun eine Macht von dreißigtausend Mann wohlgeübter Krieger zusammenziehen und in der größten Erbitterung gegen dich aufbrechen, um dich womöglich zu verderben!
HG|3|233|4|0|Als ich solchen Entschluss von den ergrimmten Oberpriestern vernommen hatte, da gedachte ich bei mir: ‚Mein ehemaliger Freund, nun der Herr und der König von ganz Hanoch, hat zwar wohl eine bei fünfzigmal größere Macht; aber sie ist in der Tagereisen weiten Stadt zerteilt und würde sich daher auf einzelnen Punkten kaum halten können gegen eine gedrängte Macht von dreißigtausend wohlgeübten Kriegern!‘
HG|3|233|5|0|Als ich also deine Gefahr berechnete, da dachte ich mir: ‚Nun koste es, was es wolle! Ich will als ein Ratgeber auftreten und die Oberpriester freundlichst warnen vor solch einer gefährlichen Unternehmung!‘
HG|3|233|6|0|Ich tat solches, stellte den Oberpriestern mit den grellsten Farben von der Welt die große und sichere Gefahr, wie das unvermeidliche Misslingen ihres Planes dar, – und siehe, sie fingen an zu stutzen, wurden kühler in ihrem Racheeifer und waren in kurzer Zeit dahin gebracht, mit dir zu unterhandeln durch mich, indem ich selbst ihnen das als das bei solchen Umständen Zweckmäßigste bezeichnete.
HG|3|233|7|0|Und so bin ich nun in dreifacher Rücksicht da, und zwar erstlich als Anzeiger dessen, was gegen dich beschlossen ward, fürs Zweite als Unterhändler zwischen dir und den Oberpriestern und fürs Dritte als noch immer dein alter Freund und Ratgeber!
HG|3|233|8|0|Als solcher rate ich dir demnach, dass du die Oberpriester, weil sie denn doch noch einen starken Anhang haben bei den schwachen Köpfen, mit wenigen zweckmäßigen Abänderungen behalten sollst als Götterdiener vor dem Volk; wir aber wissen es ja ohnehin, wie wir mit dergleichen Narrheiten daran sind, und kennen die Natur als den wahren Gott!
HG|3|233|9|0|Ich glaube, du wirst mich wohl verstehen, was ich damit sagen will; denn du weißt es so gut wie ich, dass da nur das blinde, gemeine Volk an einen [Gott] oder noch besser an mehrere absolute übersinnliche Gottwesen gewendet werden muss und muss sich vor ihnen fürchten und dem König willigst gehorchen, um nicht in die vermeintliche Strafe der Götter zu geraten.
HG|3|233|10|0|Und dazu sind die Oberpriester wie gemacht und auch für die Illusion des Volkes gehörig eingerichtet. Daher sollten sie auch nicht so leichtlich aufgehoben werden!
HG|3|233|11|0|Wir Eingeweihte brauchen sie freilich nicht, da wir die Kräfte der Natur kennen und ihre Gesetze, nach denen sie gleichfort wirken! Das ist mein Rat; befolge ihn, und du wirst gut fahren!“
HG|3|233|12|0|Diese Unterhandlung hörten auch die königlichen Oberpriester und waren ganz mit dem Rat einverstanden.
HG|3|233|13|0|Und der König sprach: „Bruder, du mein liebster, alter Freund, du hast mich zu einem großen Schuldner gemacht! Es geschehe nach deinem Rat! Da du aber ein so scharfsinniger Mann bist, so übergebe ich dir sogleich die Bestimmungen bezüglich der zweckmäßigsten Abänderungen bei der Oberpriesterkaste zu treffen, sie mir kundzugeben, und ich werde dann sogleich mein ‚Es geschehe!‘ hinzufügen.“
HG|3|233|14|0|Und der Ratgeber sprach: „So lasse mich wieder hinziehen und mit den Oberpriestern Rat halten! Dass sie nach meiner Pfeife tanzen werden, dafür stehe ich dir mit Leib und Leben; es muss aber den Schein haben, als hätten sie die Abänderungen gemacht, sollen sie treupflichtig werden in solcher neuen Verfassung!“
HG|3|233|15|0|Gurat war damit zufrieden, und der Ratgeber begab sich wieder nach Hause.
HG|3|234|1|1|Der vom König beauftragte Unterpriester überlistet die gegnerischen Oberpriester
HG|3|234|1|1|Am 28. Februar 1844
HG|3|234|1|0|Als der ratgebende Unterpriester wieder bei den Oberpriestern anlangte, da ward er alsbald von tausend Fragen bestürmt; und er konnte zum Glück so schnell reden, wie schnell da klappert eine Windmühle, und antwortete durch ein Wortgebrodel den hundert Fragern.
HG|3|234|2|0|Aber keiner verstand auch nur eine Silbe, was er sprach. Darum ward er ermahnt, deutlich zu sprechen.
HG|3|234|3|0|Er aber antwortete darauf und sprach: „So lasst mir doch Zeit! Lasst mich eher zu Atem kommen, und fragt nicht alle zugleich, so werde ich auch deutlich genug die günstigste Nachricht von Seiten des Königs Gurat zu geben imstande sein! Aber wenn ihr alle auf einmal fragend auf mich einstürmt, da muss ich ja so schnell als möglich durcheinanderbrodeln, damit auf solche Art ein jeder Frager so geschwind als möglich befriedigt wird; ob er von der Antwort etwas versteht oder nicht, das ist dann gleich!“
HG|3|234|4|0|Und die Oberpriester beruhigten darauf den Unterpriester und ersuchten ihn ganz gelassen, dass er ganz deutlich und klar die Nachricht vom König vor ihnen enthüllen möchte.
HG|3|234|5|0|Darauf erst ging der Ratgeber zur Hauptsache über und sprach: „Also hört mich denn an, ihr Diener der Götter!
HG|3|234|6|0|Der Friedens- und Vergleichsantrag wurde vom König gar liebfreundlichst angenommen, und er hat euch nach meiner Vorstellung in eurer Würde als Oberpriester bestätigt! Nur müsst ihr euch natürlicherweise gefallen lassen, die Weltherrlichkeit fahren zu lassen; denn da ist er der Alleinherr und König über ganz Hanoch und über das ganze Reich. Das ist somit eine Abänderung, die er festgesetzt hat.
HG|3|234|7|0|Dann müssen die Hohepriester des Scheinkönigs entweder auch zu Oberpriestern werden, oder sie müssen samt dem Scheinkönig zu sein aufhören; denn vom König aus werden nur die Oberpriester und die Unterpriester bestätigt.
HG|3|234|8|0|Ferner ist des Königs Wille und Gesetz, dass alles Kastenwesen ein Ende nimmt, und er alle Stellen besetzt, die weltlichen wie die geistlichen.
HG|3|234|9|0|Das Gold und die Schätze unserer Paläste nimmt er in den Vollbesitz für seine Staatsgeschäfte; dafür aber sichert er einem jeden Beamten seines Reiches einen standesmäßigen Sold zu, dem geistlichen wie dem weltlichen. Wir aber müssen freilich nun in den etwas sauren Apfel beißen, weil sich die Sache nicht mehr ändern lässt!
HG|3|234|10|0|Dazu weiß er so gut wie wir, dass unser Götterdienst nichts als eine Volksillusion ist! Daher behält er sich denn auch vor, die Sache des Götterdienstes, oder richtiger gesprochen, die Sache der Volksillusion selbst als Oberhaupt zu leiten in geheimen Befehlen an euch; ihr aber müsst dann die wohlberatenen Vollstrecker seines Willens sein!
HG|3|234|11|0|Endlich wird er euch auch einen Generaloberpriester vorsetzen, unter dessen Leitung dann wir alle zu stehen kommen! Das ist nun sein fester Wille. Seid ihr damit zufrieden?“
HG|3|234|12|0|Anfangs war alles ganz stumm auf diese Deklaration; nach einer Weile erst stießen alle Oberpriester einen gemeinsamen Fluch aus und wussten sich aus lauter Grimm nicht zu helfen.
HG|3|234|13|0|Der Unterpriester aber sprach: „Ja, was nützt euch nun das alles? Können wir’s anders machen? Macht einen Aufstand gegen den Mächtigen, so ihr Lust habt, zuerst gespießt und dann bei lebendigem Leib gebraten zu werden! Denn also drohte er mir, mit allen Widerspenstigen zu verfahren!“
HG|3|234|14|0|Als die Oberpriester solches vernommen hatten, da ergaben sie sich und mussten dann Punkt für Punkt die Bedingungen aufzeichnen also, als hätten sie solches freiwillig erwählt und bestimmt.
HG|3|234|15|0|Als dieses Dokument fertig war, da übernahm es der Unterpriester und ging damit zum König.
HG|3|234|16|0|Was darauf, – in der Folge.
HG|3|235|1|1|Der Unterpriester berichtet König Gurat von seiner erfolgreichen Verhandlung und wird zum Generaloberpriester ernannt
HG|3|235|1|1|Am 1. März 1844
HG|3|235|1|0|Als der ratgebende Unterpriester bei Gurat ankam, da fragte ihn dieser sogleich, was er bei den Oberpriestern für Geschäfte gemacht hätte.
HG|3|235|2|0|Und der Unterpriester sprach mit überfreundlichem Gesicht: „Mein König, mein Herr und mein Freund! Ich sage, die besten von der Welt! Du bist nun ganz Herr über sie! Alle ihre Schätze gehören dein; sie bestehen, wie du es auch weißt, aus den tausend Palästen, in deren jedem wenigstens hunderttausend Pfunde Goldes, doppelt so viel Silbers, der Edelsteine und noch eine unschätzbare Menge anderer Schätze und Kostbarkeiten, Waffen und Mundvorräte aufgehäuft ist. Ich frage dich, ob du damit zufrieden bist?“
HG|3|235|3|0|Und der Gurat sprach: „Wenn sich die Sache also verhält, und hast du solches durch deine Beredsamkeit zuwege gebracht, da bist du schon jetzt mein erster Hofrat! Rede aber weiter, und sage mir es unverhohlen, was alles du mit den Oberpriestern bewerkstelligt hast!“
HG|3|235|4|0|Und der Unterpriester sprach: „Mein König, mein Herr und mein Freund! Es wäre hier gerade schade um meine Zunge, dass ich sie umsonst strapazieren sollte!
HG|3|235|5|0|Siehe, hier habe ich ja die ganze Verhandlung auf Goldblech schriftlich, von allen Oberpriestern unterzeichnet; das ist doch sicher mehr als meine eigene Zunge. Nehme dieses überaus wichtige Dokument, und lese es, und du wirst darin alles finden, was und wie ich in deinem Namen mit den Oberpriestern verhandelt habe! Ich meine, du wirst mit mir darin zufrieden zu sein Ursache haben!“
HG|3|235|6|0|Hier übergab der Unterpriester dem Gurat das Dokument, und dieser las es laut vor allen anwesenden Heldenoberpriestern.
HG|3|235|7|0|Diese klatschten vor Freude in die Hände und lachten und jubelten darüber, solch einen köstlichen Sieg über ihre Feinde errungen zu haben, und das durch die alleinige Klugheit dieses schlauen Unterpriesters.
HG|3|235|8|0|Der Gurat aber fragte den Unterhändler und sprach: „Aber Freund, du sagtest mir ja letzthin, man müsse da die Oberpriester die Bedingungen machen lassen, natürlich mit Vorbehalt des königlichen Interdiktrechtes, falls die Bedingungen für des Königs Pläne nicht taugen würden; aus dem Dokument aber ersehe ich ganz klar, dass eigentlich nur du diktiert hast, und die Oberpriester waren genötigt, die von dir gesetzten Bedingungen anzunehmen, wollten oder wollten sie nicht! Wir haben nun freilich das Dokument in unseren Händen; wie aber sieht es mit der eigentlichen Zufriedenheit dieser Oberpriester aus?“
HG|3|235|9|0|Und der Unterpriester sprach: „Ja, wenn du auf die eigentliche Zufriedenheit der Oberpriester sehen willst, da darfst du gleich dein Königtum niederlegen, aber zuvor alle diese deine Freunde ermorden; dann wirst du die Oberpriester zufriedenstellen, sonst aber durch gar nichts!
HG|3|235|10|0|Freund, der Sieger darf nie den Besiegten fragen: ‚Bist du mit meinem Sieg über dich zufrieden?‘; denn im Sieg über sich wird der Besiegte wohl nie zufrieden sein! Daher muss der Sieger sogleich diktieren und sagen: ‚So muss es sein, und so will ich’s nun haben!‘; für den Besiegten aber soll nur die Bitte übrigbleiben!“
HG|3|235|11|0|Großer Beifall wurde dieser Rede gezollt von allen Seiten, und der Gurat machte darum diesen Unterpriester sogleich zum Generaloberpriester und zu seinem ersten Haupt-, Hof- und Geheimrat.
HG|3|236|1|1|Missglückter Angriff der ergrimmten Oberpriester. Der Generaloberpriester degradiert die Oberpriester zu Unterpriestern und macht die Unterpriester zu Oberpriestern
HG|3|236|1|1|Am 2. März 1844
HG|3|236|1|0|Der König ließ darauf dem Unterpriester sogleich ein generaloberpriesterliches Kleid machen und versah ihn mit einer königlichen Krafterneuerung, auf goldenem Blech eigenhändig geschrieben und dann unterzeichnet von allen den Helden, die ehe Oberpriester waren.
HG|3|236|2|0|Mit diesem Dokument versehen, begab sich in der Generalskleidung dieser Unterpriester sogleich zu den Oberpriestern.
HG|3|236|3|0|Als diese ihn also gar entsetzlich ausgezeichnet sahen, da ergrimmten sie und schrien: „Also ist es!? Auch du warst ein Spitzbube unter uns!? Wahrlich, geschehe uns, was da wolle, für diesen Frevel sollst du von uns Oberpriestern mit dem Tode bestraft werden! Ihr uns getreuen Unterpriester, ergreift diese Bestie und werft sie samt den Generalskleidern in den Abgrund, darin lebendiges Feuer lodert!“
HG|3|236|4|0|Bei diesem Aufruf erregte sich der General und schrie mit gebieterischer Stimme: „Halt! Zurück, ihr Teufel! Dieser Aufruf, dieses Urteil fehlte noch zu eurem völligen Untergang!
HG|3|236|5|0|Seht, hier ist das Dokument des Königs und die Unterschriften aller eurer Feinde und Verderber! Laut diesem Dokument bin ich, was ich bin – ein vollmächtiger General über euch alle!
HG|3|236|6|0|Hier unter meinem Kleid ist des Königs Schwert zum Zeichen, dass der König auch euer elendes Teufelsleben in meine Hand gelegt hat, wie das Dokument weist! Versteht ihr Teufel mich?!
HG|3|236|7|0|Draußen aber stehen viertausend geharnischte Kämpfer! Ein Zeichen von mir, und ihr liegt in wenigen Augenblicken zerstückt in diesem Saal, in dem ihr so viele Gräuel ausüben habt lassen und zu noch mehreren die höllischsten Pläne gefasst habt!
HG|3|236|8|0|Als Unterpriester musste ich eure teuflische Verschmitztheit leider lang genug ansehen; aber diese Zeit ist verronnen, und nun habt ihr Teufel eure Satansrolle ausgespielt! Von jetzt an soll es anders werden!“
HG|3|236|9|0|Hier zog der General plötzlich sein Schwert hervor, gab ein Zeichen, und im Augenblick drangen von allen Seiten geharnischte Krieger mit blanken, mächtigen Schwertern und Lanzen hinein in den Saal.
HG|3|236|10|0|Und der General fragte nun mit einem höhnenden Ton die entsetzten Oberpriester: „Nun, wo sind denn eure getreuen Unterteufel, dass sie mich ergriffen und dann ins lebendige Feuer schleppten?
HG|3|236|11|0|Ich frage euch nun: Wollt ihr euch nicht rächen an dem Spitzbuben unter euch? Habt ihr keine Lust mehr dazu? Ihr zaudert? Bin ich denn nicht hier?!“
HG|3|236|12|0|Die Oberpriester aber schäumten vor Wut und Todesangst zugleich; denn sie sahen sich für verloren an.
HG|3|236|13|0|Der General aber sprach: „Fürwahr, wäret ihr nicht gar so schlecht, so hätte ich euch gleichwohl zerhauen lassen; aber ihr seid zu schlecht für das edle Schwert! Aber umkehren will ich euch und mache euch zu Unterpriestern und eure getreuen Unterpriester zu Oberpriestern! Und also geschehe es!“
HG|3|236|14|0|Hier fingen die Oberpriester an zu heulen; und die Unterpriester aber jubelten und krönten den General. Die Oberpriester mussten ihre Kleider wechseln mit den Unterpriestern und sogleich beziehen ihre Wohnungen, und die Unterpriester die der Oberpriester.
HG|3|236|15|0|Und so endete die Szene.
HG|3|237|1|1|Der Generaloberpriester unterwirft die Hohepriester und entthront den Scheinkönig
HG|3|237|1|1|Am 4. März 1844
HG|3|237|1|0|Nach dieser Operation nahm der General der Krieger einige mit und begab sich sogleich in die Burg des Scheinkönigs, in der auch die allwissenden Hohepriester wohnten, aber diesmal doch nicht wussten samt ihrem Gottkönig, was über sie kommen werde.
HG|3|237|2|0|Als der General alldort anlangte, verlangte er sogleich, zum König eingelassen zu werden.
HG|3|237|3|0|Die Hohepriester aber widersetzten sich diesem Verlangen des Generals, denn sie wussten samt dem König noch nichts von dem, was da in wenigen Tagen in Hanoch alles für Veränderungen vorgegangen waren.
HG|3|237|4|0|Der General aber fuhr sie an und sprach: „So ihr mich nicht augenblicklich zum König vorlasst, so sollt ihr von diesen Kriegern in kleine Stücke zerhauen werden!“
HG|3|237|5|0|Als die den König bewachenden Hohepriester solche Androhung vom General vernommen hatten, da ergrimmten sie und zogen ihre in ihren Kleidern verborgenen Dolche hervor und schrien: „Rache dem Frevler an der Gottheit des Königs!“ Auf diesen Ruf wollten sie sogleich mit aller Wut über den General herstürzen.
HG|3|237|6|0|Da wich der General zurück und gebot sogleich den großen und starken geharnischten Schwertführern, dass sie die Hohepriester zerhauen sollen.
HG|3|237|7|0|Und die Schwertführer hieben sogleich in die kleine Schar der Hohepriester und zerspalteten drei vom Kopf bis zu den Füßen und verwundeten sieben sehr schwer.
HG|3|237|8|0|Als die etlichen noch übergebliebenen dreißig ersahen, was dieser General tue, da fielen sie nieder und flehten um Schonung.
HG|3|237|9|0|Und der General berief die Krieger zurück und sagte zu den Flehenden: „Fürs Erste liefert sogleich eure Waffen aus, und dann öffnet mir das Tor, dass ich zum König gelangen kann! Was ferner mit euch geschehen soll, das werdet ihr in des Königs Kammer erfahren!“
HG|3|237|10|0|Auf diese sehr scharfe Anrede warfen die flehenden Hohepriester sogleich ihre Dolche von sich und öffneten den Saal, in dem soeben der König in ganz goldenen Kleidern den Thron bestieg, um vom selben aus die Kommenden zu empfangen und sie um ihr Anliegen zu befragen.
HG|3|237|11|0|Als der General an die Stufen des Thrones kam, da fragte ihn der über solche Keckheit erstaunte König: „Mensch, du sterbliches Tier, was willst du so keck von mir, deinem Gott, von deinem ewigen Herrn, dessen Thron golden ist von Ewigkeit? Willst du eine Gnade von mir oder eine Strafe?“
HG|3|237|12|0|Und der General sprach im ironischen Ton: „O Gott, Herr und König! Siehe, ich will nichts mehr und nichts weniger, als dass du jetzt deiner Ewigkeit und Gottheit entsagen sollst und sollst auch so ein bürgerliches Menschentier werden, wie unsereins ist! Was aber diese Burg und was diesen ewigen Goldthron betrifft, so gehörten sie schon jemand anderem! Steige daher nur ein wenig herab! Hier wirst du dann deine Goldkleider mit ganz ordinären bürgerlichen vertauschen und dann mit allen den Deinigen hinaus in die frische Luft ziehen!“
HG|3|237|13|0|Und der Gott kreischte vor Zorn: „Gehe hinaus, gehe hinaus, – sonst lasse ich Feuer vom Himmel regnen!“
HG|3|237|14|0|Und der General sprach lächelnd: „Oh, oh, – das musst du nicht gleich tun! Denn da könntest du ja das Meer brennend machen und die Erde auch; und für die wäre es ja doch ewig schade! Siehe, siehe, du kleines Göttchen du, was Schlimmes du nun bewirken möchtest! Steige daher nur ganz gutwillig herab, sonst müsste ich dich durch diese schlimmen Geister herabtragen lassen!“
HG|3|237|15|0|Hier stampfte der König mit dem Fuß, und einige hinter dem Thron versteckte Naturzauberer machten einen Rauch und warfen glühende Kohlen in die Höhe.
HG|3|237|16|0|Der General aber lachte und befahl dem schlimmen Gott, vom Thron zu ziehen. Solches geschah sogleich, und die schlechten Pyrotechniker flohen mit ihren Glutpfannen ganz behände davon.
HG|3|237|17|0|Diese Entthronung ward bald zum allgemeinen Gelächter der Stadt.
HG|3|238|1|1|Das Verhör der dreißig Hohepriester durch den Generaloberpriester
HG|3|238|1|1|Am 5. März 1844
HG|3|238|1|0|Als der König auf diese Art versorgt wurde und mit bürgerlichen Kleidern angetan ward, da wandte sich der General an die dreißig Hohepriester und sprach:
HG|3|238|2|0|„Seht, euer Gott ist bereits versorgt und euer König gekrönt mit der Bürgerkrone, die ihm viel besser stehen wird als diese Schein- und Trugkrone, unter der er viel zu sein wähnte, aber dennoch weniger als nichts war!
HG|3|238|3|0|Nun handelt es sich um eure Versorgung, ihr alten gewissenlosen Menschenbetrüger! Worin soll diese bestehen? Ich will euch eine Frage stellen; aus ihrer Beantwortung soll es sich dartun, was ihr zu erwarten haben werdet! Und so hört mich denn an!
HG|3|238|4|0|Also lautet die Frage: Wart ihr wissentliche oder unwissentliche Betrüger des Volkes, wie auch dieses von euch kreierten Königs? Glaubtet ihr, dass dieser Schwächling der Menschheit in allen Teilen ein Gott sei, was ihr das Volk wie diesen König glauben machtet? Glaubtet ihr in und bei euch selbst ernstlich an einen oder mehrere Götter? Oder glaubtet ihr solches nie und habt die alten Mythen aus den Büchern Kinkars nur wieder in eurem Glauben zum schändlichsten Betrug des Volkes umgearbeitet und entstellt benützt?
HG|3|238|5|0|Diese Frage beantwortet mir ganz gewissenhaft! Jede Zauderung und etwaige geflissentliche Zurückhaltung werde ich mit dem Schwert an euch züchtigen! Und so fangt an zum ersten Mal in eurem Leben, die Wahrheit mit dem Mund offen zu bekennen! Es geschehe!“
HG|3|238|6|0|Diese Frage versetzte die dreißig in alle Farben, und da auf die Zögerung gewisserart der Tod gesetzt war, so begann einer aus ihnen sogleich sogestaltig zu reden und sprach:
HG|3|238|7|0|„Mächtiger Herr General! Du als ehemaliger Unterpriester weißt es so gut wie wir, wer unsere Herren waren! Waren wir nicht mit eherner Gewalt genötigt, all diesen Trug zu unterhalten?! Was nützte uns da unser Gewissen?
HG|3|238|8|0|Der Druck für den Magen ist empfindlicher als der des Herzens! Mit dem elendesten Gewissen lässt sich immer noch leben, aber mit dem leeren Magen nicht! Darum beschwichtigten auch wir das Herz, damit wir dadurch etwas für den Magen bekamen! Und du als Unterpriester musstest eben also tun, so dir die tägliche Füllung des Magens doch unmöglich, so gut wie uns, unerlässlich war!
HG|3|238|9|0|Du wusstest es lange gleich uns, wie viel Wahres an unserer Götterlehre sich vorfand! Du wusstest, dass diese Lehre ein allerbarster und schändlichster Betrug des Volkes war! Warum gingst du als ein wahrer Philanthrop denn nicht zu den Oberpriestern und hieltest ihnen ihre himmelschreiende Ungerechtigkeit vor?
HG|3|238|10|0|Siehe, auch du hattest dein Gewissen beseitigen müssen, damit fürs Erste deine Haut ganz blieb und fürs Zweite dein Magen keinen Leerheitsdruck zu verkosten bekam! Ich und wir alle sprachen gar oft unter uns: ‚Es ist schändlich, wie das Volk von uns betrogen wird!‘ Aber was nützte das, konnten wir’s ändern?
HG|3|238|11|0|Wenn es dir aber nun gelungen ist, die Macht der Oberpriester zu brechen und dich zum Herrn aufzuwerfen, so gedenke, dass auch wir Menschen sind, und dass wir, was wir taten, zu tun genötigt waren!“
HG|3|238|12|0|Der General war mit dieser Antwort zufrieden und sprach: „Gut, ihr habt die Wahrheit geredet; so will ich euer auch schonen! Ich habe die Oberpriester zu Unterpriestern gemacht und die Unterpriester zu Oberpriestern durch die mir vom neuen König Gurat verliehene Gewalt, und so mache ich als Generaloberpriester nun euch zu Unterpriestern ersten Ranges! Es sei!“
HG|3|238|13|0|Damit waren die den Tod erwartenden Hohepriester zufrieden und wurden sogleich mit Sack und Pack fort in die unterpriesterliche Wohnung befördert.
HG|3|239|1|1|Der entthronte Scheinkönig wird vom Generaloberpriester gewaltsam aus seiner Burg entfernt
HG|3|239|1|1|Am 6. März 1844
HG|3|239|1|0|Als die Hohepriester auf diese Art versorgt waren, da wandte sich der General wieder an den Scheinkönig und sprach zu ihm:
HG|3|239|2|0|„Nun, in dieser einfachen Kleidung bist du ein Bürger und somit zum ersten Mal in deinem Leben etwas Reelles; denn als König warst du nichts anderes als ein auf das Allerschändlichste betrogener Mensch, ein müßiges Scheinwerkzeug in der Gewalt der Priester, und hattest nicht einmal das Recht, je in die frische Luft hinausgehen zu dürfen!
HG|3|239|3|0|Da du aber nun ein reeller Mensch, ein freier Bürger Hanochs geworden bist, so kommt es nun auf dich an, wo du ein eigenes Haus haben willst, ob in der Stadt innerhalb der Mauer, oder ob in einer der tagereisenlangen Gassen zu den zehn Vorstädten! Oder willst du in den Vorstädten selbst ein Wohnhaus samt Garten und Acker haben? Darüber erkläre dich vor uns!“
HG|3|239|4|0|Und der Scheinkönig sprach ganz zornig noch: „Was habt ihr Frevler an meiner Heiligkeit mich darum zu fragen? Gehört doch Himmel und Erde mir, und ich solle mir hier nur höchstens ein unansehnliches Bürgerhaus auswählen dürfen? Ich, für den selbst dieser Goldpalast eine allerschmählichste Wohnung ist?!
HG|3|239|5|0|Ich, Schöpfer Himmels und der Erde, der von ewig her in Tempeln aus Sonnen erbaut wohnte, sollte nun hier auf meiner Erde in eines gemeinen Bürgers Hütte wohnen?! Nein, nein! Das tut ein Gott nimmer! Er wird euch ganz verlassen und wird sich wieder zurückziehen in seine ewige Sonnenburg und wird von dort aus ein großes Strafgericht über euch, ihr höllischen Frevler, senden; dann erst werdet ihr es erkennen, dass da der erste Betrug besser war als der zweite!
HG|3|239|6|0|Ich nehme somit kein Bürgerhaus an, wie auch gar keine andere Wohnung, weder innerhalb noch irgend außerhalb der großen Mauer, sondern ich will euch gänzlich verlassen für ewig und euch überliefern dem unbarmherzigsten Strafgericht!
HG|3|239|7|0|Meinst du, der du für die Ausführung deines Planes mit dem ehernen Schwert agieren musst, ein Gott bedarf auch der Waffen, um seine Pläne in Ausführung zu bringen? O nein! Nur einen Wink, – und der Himmel ist nicht mehr, und die Erde ist nicht mehr!“
HG|3|239|8|0|Nun war der Gottkönig mit seiner mühsam eingelernten Rede fertig; denn solche und noch andere ähnliche Reden fanden sich in den Büchern Kinkars vor, und unser Gott studierte sich mehrere davon ein und machte dann bei Gelegenheiten Gebrauch davon, indem doch ein Gott etwas weiser reden muss als irgendein anderer Mensch.
HG|3|239|9|0|Obschon aber diese Rede eine der besten war, die er auswendig konnte, so half sie ihm aber diesmal dennoch nichts.
HG|3|239|10|0|Fürs Erste lachte der General dem göttlichen Redner nur ins Gesicht und sagte: „Du musst nicht so schlimm sein, denn wenn du nun so stützig wärest und möchtest mir nicht folgen, da müsste ich dir ja sogleich aufs nackte Gesäß einen Schilling geben lassen, der dir sehr wehe täte! Daher folge mir nur gutwillig, denn siehe, anders wird es nicht, als es jetzt ist!“
HG|3|239|11|0|Und fürs Zweite aber befahl der General den Kriegern, dass sie den allmächtigen Gott ergreifen und fortschleppen sollten, so er nicht gutwillig gehen möchte.
HG|3|239|12|0|Es sträubte sich aber der Gottkönig ganz entsetzlich, den Palast zu verlassen. Aber das half wenig.
HG|3|239|13|0|Drei Krieger packten ihn und trugen ihn hinaus ins Freie und brachten ihn sogleich zu den Oberpriestern.
HG|3|239|14|0|Da er aber dort sehr tobte und fluchte, so ließ ihm der General im Ernst einen recht derben Schilling aufs nackte Gesäß geben, und dies Pflaster wirkte beruhigend auf den Gottkönig, der sich in sein Schicksal ergab.
HG|3|239|15|0|Drei Tage lang ließ dann der General die goldene Burg fegen und reinigen und ging dann zum Gurat und übergab ihm die Schlüssel dieser Burg und berichtete ihm alles, was er für ihn getan hatte. Dass Gurat damit überaus zufrieden war, braucht kaum erwähnt zu werden.
HG|3|240|1|1|Die an Gurat gerichtete Warnung der ehemaligen Oberpriester. Die Verbannung der Oberpriester
HG|3|240|1|1|Am 8. März 1844
HG|3|240|1|0|Darauf bestimmte der Gurat einen Tag zur Untersuchung aller der priesterlichen, vom General bewerkstelligten Einrichtungen. Es war der siebente Tag bestimmt.
HG|3|240|2|0|Als dieser Tag herankam, da berief der Gurat seinen ganzen Hofstaat zusammen und begab sich mit ihm, vom General geleitet, in die ungeheure Wohnburg der Priester, die so viele Zimmer hatte, dass in selben bei fünfmalhunderttausend Menschen bequem untergebracht werden konnten.
HG|3|240|3|0|Als der Gurat in diese große Burg, die ihm wohlbekannt war, trat, da ward er als ehemaliger Genosse von den neuen Oberpriestern auf das Allerausgezeichnetste empfangen und über alle Maßen beglückwünscht; aber als er zu den Unterpriestern kam, da rührte sich niemand, und jeder wandte sein Gesicht ab von ihm.
HG|3|240|4|0|Und er stellte eine ernste Frage an die stützige und trotzige Unterpriesterschaft, warum sie ihm also begegne, nachdem sie doch wissen werde, dass er der Alleinherr über ganz Hanoch ist, wie über das ganze, große Reich.
HG|3|240|5|0|Die Unterpriester aber sprachen: „Wir erkennen dich als keinen Herrn über uns, wohl aber als einen Rebellen gegen unsere rechtmäßige von allen Göttern bestimmte Oberherrlichkeit! Wir müssen dir wohl gehorchen, weil du alle Macht an dich gerissen hast, aber achten können wir dich ewig nimmer und noch weniger salben und krönen!
HG|3|240|6|0|Wir werden wohl tun, was du gebieten wirst, aber unsere Angesichter werden ewig von dir abgewandt bleiben, und unsere Herzen werden allezeit mit Verachtung gegen dich erfüllt sein!
HG|3|240|7|0|Wie aber wir uns gegen dich verhalten werden, also wird Sich auch der alte Hauptgott und die neuen Götter, die nichts als Seine auswirkenden Kräfte sind, gegen dich verhalten!
HG|3|240|8|0|Wir beherrschten das Volk in Seiner Ordnung, wir nahmen ihm das Gold als ein Hauptgift fürs innere Leben weg und demütigten die Hochmütigen mit der Sklavenkette und mit der Zungenlähmung. Aber wir begingen einen Fehler, und dieser bestand darin, dass wir das gelbe Gift für uns behielten! Es hat uns vergiftet und geblendet, und wir konnten nimmer durchschauen unserer Feinde Pläne; darum schmachten wir nun hier als schlechte Sachwalter der ewigen Interessen des alten Gottes!
HG|3|240|9|0|Solches aber geschieht uns recht, und wir sind froh, dass uns Gott so gnädig heimgesucht hat, und dass wir erkennen, dass uns Gott also heimgesucht hat; du aber bist ganz, wie von uns, also auch von Gott abgefallen und wirst nimmer eine Wiederbindung an Denselben finden!
HG|3|240|10|0|Nicht am Verlust unserer Herrlichkeit liegt uns, sondern dass wir am halben Wege sind getötet worden, an dem wir das Volk zur alten Ordnung zurückgebracht hätten!
HG|3|240|11|0|Nun aber ist es geschehen! Du hast nun alle Geister in den Menschen getötet; nichts mehr lebt in ihnen als die Naturkraft, die du allein für den Gott hältst!
HG|3|240|12|0|Daher aber ist auch das Gefäß voll geworden, von dem einst Kahin Kunde erhielt und Farak geweissagt hat, und das Gericht Gottes sitzt uns schon im Genick! Darum auch geben wir dir hier den Fluch anstatt des Segens! Das sind unsere letzten Worte an dich!“
HG|3|240|13|0|Der Empfang wollte dem Gurat nicht munden; er ergrimmte, ließ alle diese Unterpriester stäupen und verschob sie dann hinaus an die weiten Ufer des Meeres und setzte dann ganz andere Unterpriester ein, die ihm überaus gewogen waren.
HG|3|240|14|0|Mit dieser Expedition aber wurde auch jede Spur von Mir, dem allein wahren Gott, expediert, und das allernichtigste und finsterste Heidentum nahm seinen völligen Anfang.
HG|3|240|15|0|Diese alten Priester kannten Mich wenigstens noch für sich; nun aber kannte Mich niemand mehr. Denn die Heldenoberpriester waren noch Neulinge und noch nicht eingeweiht in die Geheimnisse der Alten und wussten wenig oder nichts von Mir!
HG|3|240|16|0|Was aber da weiters, wird die Folge zeigen.
HG|3|241|1|1|Die Rede des Generaloberpriesters über die neue Gotteslehre fürs Volk
HG|3|241|1|1|Am 9. März 1844
HG|3|241|1|0|Nach dieser Expedition und nach der neuen Einsetzung der Unterpriester aber berief der Gurat einen Priesterrat zusammen, in dem da bestimmt werden sollte, wie die neue Gotteslehre fürs Volk aussehen solle.
HG|3|241|2|0|Als der Rat in der Burg des Königs beisammen war, da erhob sich alsbald der Generaloberpriester und sprach: „Mein König und mein Herr, lasse mich sprechen in dieser wichtigen Sache, von der einzig und allein deine und unser aller Wohlfahrt abhängt! Denn stellen wir die Gottlehre plump auf und verleihen ihr nicht den größten Pomp und Prunk, so ist sie so gut, als wäre sie gar nicht!
HG|3|241|3|0|Aus dem Grunde müssen die dem Volk bekannten Götter beibehalten und noch eine Menge hinzugestellt werden, aber mit der wichtigen Abänderung, dass wir ihnen an verschiedenen, unheimlich aussehenden Orten große Tempel von sehr mystischer Gestalt erbauen und in selben die Gottheit in möglich kolossalster Größe formen; denn alles Kolossale übt auf den beschauenden Menschen einen mächtigen Eindruck aus und erschüttert sein Gemüt.
HG|3|241|4|0|Für jede Gottheit müssen wir auch Priester kreieren, die aber mit allen Salben der geistlichen Politik gesalbt sein müssen und imstande sind, auf dem Wege der natürlichen Zauberei ihre Gottheit die entsprechenden Wunder wirken zu lassen. Mechanik und Chemie müssen solchem Priester eigen sein, und je pfiffiger er die Wunder erzeugen wird, desto besser soll er stehen!
HG|3|241|5|0|Denn es sei ja ferne von uns, solche Priester etwa von der Staatskasse aus zu besolden; sondern jedem werde gesagt: ‚Siehe, der Tempel ist ein Fettstock! Du wirst als Katze hingestellt; willst du fressen, so wisse den Fettstock anzupacken!‘, und wir können im Voraus überzeugt sein, in wenigen Jahren wird unser Reich strotzen von tiefsinnigsten Wundern aller erdenklichen Art, und das Volk wird sich vor lauter Andacht und Ergebung nicht zu helfen wissen!
HG|3|241|6|0|Vor allem aber muss darauf gesehen werden, dass da ein jeder Priester eines Tempels mit der bestimmten Gottheit die größte Verschwiegenheit beachte, dass er bei Todesstrafe allzeit nüchtern sei gegenüber einem jeden Menschen aus dem Volk, dass er ferner schwer zu sprechen sein muss; und wenn er schon mit jemandem redet, dass er da so unverständlich als möglich rede, denn was der gemeine Vernunftmensch versteht, hält er nicht für göttlich!
HG|3|241|7|0|Bei jedem Tempel aber muss dann auch ein Volksredner von guter Zunge angestellt sein, der es gehörig versteht, des Tempels und der Gottheit Wundertaten im selben dem Volk anzupreisen; zur Befähigung solcher Priester und Redner aber sollen nur hier in Hanoch die Schulen sein!
HG|3|241|8|0|Ich meine, wenn dieser mein Vorschlag in Anwendung gebracht wird, so haben wir dadurch für alle Zeiten der Zeiten gesorgt und brauchen dem Volk nicht einmal direkte Steuern aufzuerlegen; denn die Tempel mit den Göttern und Priestern werden ihm die Schätze schon ohnehin auf die unschuldigste Art von der Welt herauskitzeln, und die Regierung wird das Aussehen haben, als wäre sie eine Tauben- und Lämmerregierung. Dass die Welt aber betrogen werden will, das ist eine allbekannte Sache; also sei sie denn auch betrogen!
HG|3|241|9|0|Nun aber noch eins! Du, König, sollst die Oberherrlichkeit der Hochländer anerkennen? Das sehe ich nicht ein, wozu diese gut sein sollte! Ich meine, wir stehen auf dem Grunde und sollen daher fester sein als die Hochländer!
HG|3|241|10|0|Weißt du, König, was wir da tun? Siehe, wir nehmen die Treppe hinweg, und die Hohen sollen dann sehen, wie sie zu uns herabkommen mögen, das heißt, wir skarpieren alle die möglichen Zugänge ins Hochland um hundert Mannshöhen, und die Hohen mögen sich da Flügel wachsen lassen, wenn sie zu uns herab wollen!
HG|3|241|11|0|Mehr sage ich vorderhand nicht und lasse das Weitere dir, o König, über!“
HG|3|241|12|0|Der König und alle waren mit diesem Rat über die Maßen zufrieden, und dieser Rat wurde auch allerschleunigst und tätigst ins Werk gesetzt. Schon am nächsten Tag wurden alle Architekten, Bildner und Mineure zusammenberufen.
HG|3|242|1|1|Die Isolierung der Hochlandbewohner und Erbauung der Götzentempel
HG|3|242|1|1|Am 11. März 1844
HG|3|242|1|0|Die Mineure nahmen zweihunderttausend Mann, ein jeder ausgerüstet mit den für ihr Geschäft nötigen Werkzeugen.
HG|3|242|2|0|Die Ingenieure untersuchten die möglichen Zugänge ins Hochland und fanden deren bei fünfzig, die von oben herab wohl im äußersten Notfall gangbar gemacht werden konnten. Aber so jemand von unten hinauf möchte, so gelangte er wohl bis zu den vielen Schluchtenmauern, aber über diese, die turmhoch waren, war es nicht möglich zu kommen; die Hochlandbewohner aber konnten mit Strickleitern hinab über die Mauern und von da nachher auch in die Ebene des Tieflandes gelangen.
HG|3|242|3|0|Es waren in der Höhe freilich mehr als fünfzig vermauerte Pässe, aber die Gräben und Schluchten kamen stets mehr in der Tiefe zusammen und vereinten sich, und es wurde da aus zwanzig Gräben und Schluchten nur ein Hauptgraben. Wurde dieser unpassierbar gemacht, so wurden dadurch auch alle höheren Ausläufer dieses einen Hauptgrabens zu nichts nütze.
HG|3|242|4|0|Die fünfzig Zugänge wurden im Verlaufe von drei Monden bei zweihundert Mannshöhen senkrecht abskarpiert, und das nicht selten in einer Breite von vierzig bis hundert Klaftern. Dadurch ward es nun den Hochlandbewohnern rein unmöglich gemacht, je in die Ebene Hanochs zu gelangen; und so war diese Arbeit gar zweckmäßig in solcher kurzen Zeit beendet, zu der in der jetzigen Zeit sicher mehrere Jahre erforderlich sein möchten.
HG|3|242|5|0|Diese Urvölker hatten überhaupt das Eigentümliche, dass sie eine Arbeit zuvor wohl berechneten, dann aber wendeten sie auf einmal so viel Kraft an, dass solch eine Arbeit in der möglich kürzesten Zeit beendet werden musste.
HG|3|242|6|0|Denn sie sagten: „Es kostet eines und dasselbe, ob wir mit wenigen Arbeitern eine längere Zeit auf ein Werk verwenden, oder ob wir mit vielen Arbeitern eine kurze Zeit auf dasselbe Werk verwenden; im zweiten Falle aber gewinnen wir an der Zeit und machen dadurch das Werk früher benützungsfähig, was dann ein Hauptgewinn ist!“
HG|3|242|7|0|Weltlich genommen und spekuliert hatten sie sicher ganz recht; wer diese Regel geistig beobachten möchte, der würde auch besser fahren, als auf dem Wege seiner lauen Saumseligkeit.
HG|3|242|8|0|Auf diese Weise wurden auch für die Erbauung der Tempel bei zwei Millionen Arbeiter beordert, und in einem Jahr wurden allerorts allerart Tempel mit Nebengebäuden, in allem bei tausend an der Zahl, erbaut und mit allem versehen.
HG|3|242|9|0|Wie aber die Gottheiten in denselben verteilt und wunderwirkend errichtet wurden, davon in der Folge einige Skizzen.
HG|3|243|1|1|Der Ochsentempel
HG|3|243|1|1|Am 12. März 1844
HG|3|243|1|0|Hier sind einige Skizzen von den wunderlichen Götzendarstellungen in den Tempeln:
HG|3|243|2|0|In einer tiefen Gebirgsschlucht, da ein wilder Gebirgsbach tobte und sich über hohe Felswände in jähen Fällen zerstäubte, war in einem ziemlich geräumigen Felsenkessel ein großer halbrunder Tempel erbaut.
HG|3|243|3|0|Die Vorderwand war gerade, und an sie schloss sich ein halbzylinderförmiger Hinterbau, an den sich dann das Wohngebäude der betreffenden Priesterschaft anreihte.
HG|3|243|4|0|An der Vorderwand dieses Tempels befanden sich zuoberst zwei große eirunde Fenster, gleichgestaltig mit den Augen eines Ochsen.
HG|3|243|5|0|Ein paar Klafter tiefer, aber gerade in der Mitte zwischen den beiden Oberfenstern, waren wieder zwei länglich runde Fenster, aber ziemlich knapp nebeneinander angebracht; aber ihre Länglichkeit war senkrecht gegenüber der waagerechten der oberen beiden mit den Augen eines Ochsen korrespondierenden Fenster.
HG|3|243|6|0|Endlich war zuunterst ein bei vier Klafter breites, mit drei schwarzen Säulen unterstütztes und eineinhalb Klafter hohes Tor angebracht, und hatte von der Ferne ziemlich das Ansehen eines Ochsenmaules.
HG|3|243|7|0|Und da die ganze Vorderwand um die Ober- und Unterfenster und um das Tor also bemalt war, wie da aussieht eines Ochsen Kopf, und zuoberst der Wand über den Augenfenstern zwei Ausläufer gleich zwei Hörnern und an den beiden Seiten parallel mit den Augenfenstern zwei große Blechohren angebracht waren, aus denen durch Röhren geleitet beständig ein mächtiger Rauch ging, so hatte diese Front das ganz schauerlich großartige Aussehen eines Ochsenkopfes.
HG|3|243|8|0|Das Innere des Tempels war dunkelrot bemalt, und im Hintergrund des Tempels, wie in einer mächtig großen Nische, stand ein kolossaler Ochse, aus Kupferblech angefertigt. Seine Hinterfüße waren so dick, dass man durch sie mittels einer Leiter recht bequem in den großen Bauch des Ochsen gelangen und da allerlei Blendwerk ausüben konnte.
HG|3|243|9|0|Das Blendwerk aber bestand darin: Bei wallfahrtlichen Besuchen dieses gar wundertätigen Tempels und Götzen wurde der große Kopf fortwährend auf und ab mittels eines inneren Hebels bewegt. Dann war innerlich im Bauch ein starker Blasebalg angebracht. Durch den wurde Rauch und nicht selten auch Flammen zum Rachen des Ochsen hinausgetrieben, worauf es dann im Ochsen gewaltig zu donnern anfing.
HG|3|243|10|0|Und wenn der entsetzliche Donner ein Ende nahm, da erst nahm der im Bauch des Ochsen befindliche Redner ein großes Sprachrohr und richtete einige zusammenhängende Worte an das bebende Volk.
HG|3|243|11|0|Darauf ward dann der Ochse ruhig, und der Oberpriester kam durch eine Hintertüre zum Vorschein, zündete ein Rauchwerk an und bestimmte die Opfer fürs Volk und die nächste Opferungszeit.
HG|3|243|12|0|Wer da ein Rindvieh hatte, musste hier opfern, sonst ward ihm das Vieh bald krank und krepierte, – was natürlich die dienstbaren Geister dieses Tempels bewirkten.
HG|3|243|13|0|Nächstens der Skizzen mehr.
HG|3|244|1|1|Der Sonnentempel
HG|3|244|1|1|Am 13. März 1844
HG|3|244|1|0|Eine starke Tagereise von Hanoch gegen Mittag hin auf einem ganz kahlen Felsengebirge ward einer der allerverdächtigsten Tempel errichtet, in dem die Sonne verehrt ward.
HG|3|244|2|0|Warum aber war dieser Tempel so verdächtig? Die nähere Darstellung desselben wird das klar zeigen.
HG|3|244|3|0|Der Tempel war vollkommen rund. Die eine Hälfte des Tempels hatte eine feste Wand; die andere Hälfte aber war offen und bestand aus sechs Säulen, die das kegelförmige Runddach trugen.
HG|3|244|4|0|An der Festwandseite, die gegen Abend gewendet war, war das priesterliche Wohngebäude angebaut und hatte für hundert Priester Wohnraum und war gleich hoch mit dem Tempel, der eine Höhe von zehn Klaftern hatte und hatte ebenso viel im Durchmesser.
HG|3|244|5|0|Gerade in der Mitte der Festwand des Tempels war ein bei zwei Klafter im Durchmesser habender feinstpolierter, aus dickem Goldblech bestehender Hohlspiegel angebracht, der durch kunstvolle Mechanik nach allen Graden eines Halbkreises hin und her und auf und ab gerichtet werden konnte.
HG|3|244|6|0|In genau zehn Klafter Brennpunktweite gegen Abend hin waren zwischen den sechs Säulen fünf Schuh hohe und vier Schuh im Durchmesser habende runde Opferaltäre angebracht.
HG|3|244|7|0|Von der Priesterwohnung führte ein unterirdischer Gang genau unter den Mittelaltar, der hohl war.
HG|3|244|8|0|Unter ihm befand sich eine Hebemaschine, welche einen steinernen Stempel hob, der genau in die Höhlung des Altars passte.
HG|3|244|9|0|Wenn nun der opfernde Priester in seinem Goldkleid in den Tempel, den das Volk umstand, kommen wollte, so stellte er sich auf den steinernen Stempel und ward in die Höhe gewunden durch eine Maschine, hob natürlich mit dem Kopf den goldenen Deckel des Altars in die Höhe und stand auf diese Art auf einmal wie hergezaubert, mit einem goldenen Hammer in der Hand, auf dem Altar.
HG|3|244|10|0|Wenn dann das Volk hinzuging und sich überzeugte, dass der Altar von festem Stein war, durch den kein natürlicher Mensch dringen kann, so sah es den Priester für ein höheres Wesen an. Darauf deckte der Priester den Altar wieder zu und murmelte einige unverständliche Worte und klopfte dann dreimal auf den Deckel des Altars, und sogleich hob sich der Deckel wieder, und ein zweiter Priester, mit Rauchwerk versehen, kam hervor.
HG|3|244|11|0|Die Operation geschah noch dreimal aufeinander. Dann ward der Mittelaltar fest geschlossen, die vier anderen Altäre wurden abgedeckelt, und die vier Oberpriester legten ihr Rauchwerk auf die ebenfalls weißen Steinplatten.
HG|3|244|12|0|Wenn nun das Rauchwerk gelegt war, da beteten die Priester den Hohlspiegel an, der die Gestalt der Sonne hatte. Der Oberpriester aber klopfte mit dem Hammer auf eine andere Platte, und alsbald ward der sonst verdeckte Hohlspiegel entdeckt und ward gedreht durch einen inneren Mechanismus, den ein Kunstverständiger leitete.
HG|3|244|13|0|Der mächtige Brennpunkt fiel nun auf einen der vier Opferaltäre und verzehrte im Augenblick das leicht entzündliche Rauchwerk.
HG|3|244|14|0|Wenn auf allen vier Altären das Rauchwerk verzehrt war, da trat dann ein Redner auf den Mittelaltar und hielt eine entsetzliche Rede an das Volk und zeigte, dass die Sonne ganz in der Gewalt dieses Tempels stehe. Darum musste das Volk gewaltig opfern, wenn es schöne Tage und ein gutes Jahr haben wollte.
HG|3|244|15|0|Mehr brauche Ich von diesem Satanswerk nicht zu sagen; denn es kann jeder Denkende leicht ersehen, welche Wirkung dieser Trug beim sehr finster gehaltenen Volk hervorbringen musste.
HG|3|244|16|0|Nächstens in der Art mehr.
HG|3|245|1|1|Der Windtempel
HG|3|245|1|1|Am 15. März 1844
HG|3|245|1|0|Im Osten von Hanoch, und zwar in einer Entfernung von drei Tagereisen, befand sich ein mäßiges Gebirge.
HG|3|245|2|0|Der höchste Teil dieses Gebirges bestand aus vier gleich hohen Hügeln, die da alle eine ziemlich regelmäßige Kegelgestalt hatten; diese vier Hügel standen aber nicht etwa nach der Reihe hin, sondern also, dass ihre Spitzen die Ecken eines ein wenig verschobenen Vierecks bildeten.
HG|3|245|3|0|In der ziemlich bedeutenden Hochebene zwischen diesen vier Hügeln befand sich ein nicht unbedeutender See, der gut bei drei Stunden im Umfang hatte. Dieser See hatte vier ziemlich starke Abflüsse, und das natürlich durch die vier Täler zwischen den vier Hügeln.
HG|3|245|4|0|Auf einem jeden dieser Hügel war ein offener Säulentempel erbaut, und etwas tiefer, am See schon, befanden sich die Wohngebäude für die Priester, die aber keine Türen hatten, die irgend offen am Gebäude ersichtlich gewesen wären, sondern von der entgegengesetzten Seite des Hügels ging ein Tunnel, durch den allein man in das Wohngebäude gelangen konnte; also ging auch ein unterirdischer Gang von jedem Wohngebäude zum Tempel auf der Höhe des Hügels.
HG|3|245|5|0|In der Mitte eines jeden Tempels war ein mächtiger Pfeiler erbaut. An einer jeden der vier Wände des Pfeilers war ein kolossaler hohler Metallkopf von plumper Arbeit eingemauert. Ein jeder dieser Köpfe hatte einen also offenen Mund wie ein Mensch, der da etwa eine Kohle oder sonst etwas anbläst; nur war natürlich die Öffnung gut zwei Schuhe im Durchmesser habend.
HG|3|245|6|0|Von dem Pfeiler ging unterirdisch eine über zwei Schuhe im Durchmesser habende Röhre bei zweihundert Klafter in eine ganz verborgene künstliche Grotte hinab, die so groß war, wie jetzt ein ziemlich großes Bethaus; dort ward ein mächtiges Windgebälge durch ein Wasserrad getrieben, das in einer jeden Sekunde bei zehntausend Kubikfuß Luft durch die besagte Röhre in einen der Tempel beförderte. Natürlich hatte ein jeder Tempel in der Talschlucht ein eigenes Gebälge.
HG|3|245|7|0|Viermal im Jahr war in diesem Wunderort ein großes Opferfest, das natürlich hier den vier Winden galt, abgehalten worden. Diesen vier Winden musste jedermann von allem, was er hatte, recht reichlich opfern, sonst hatte er ganz entsetzliche Stürme zu befürchten. An den bestimmten Opferfesttagen wimmelte es von Tausenden und Tausenden der Wallfahrer, welche alle mit Opfern aller Art reichlich beladen waren.
HG|3|245|8|0|Wenn die Tempel recht umlagert waren, da kamen, wie gezaubert durch eine verborgene Tür, die an einer Säule künstlich angebracht war, die Priester im Tempel zum Vorschein, gaben mit einer Fahne ein Zeichen in die Gegend, da sich das Geheimgebälge befand, und alsbald ließen die Mechaniker das Gebläse in die vollste Tätigkeit treten, und aus den Blasmundöffnungen der vier kolossalen Köpfe fing an ein so mächtiger Luftstrom zu gehen, dass er noch in einer Entfernung von zwanzig Klaftern die Gewalt eines Orkans ausübte.
HG|3|245|9|0|Dadurch erkannte nun das Volk die Herren der Winde und musste ihnen manchmal große Opfer bringen, wenn es sie für sich gewinnen wollte, durfte aber dennoch nie zu fest rechnen auf ihre Treue; denn die Herren der Winde mussten ja sehr locker sein.
HG|3|245|10|0|Dasselbe Gebläse konnte auch auf die Oberfläche des Sees gerichtet werden durch andere Röhren, wodurch dann der See in ein ziemliches Wogen versetzt wurde, besonders in der Gegend, wo die Röhre zum Gewässer des Sees stieß.
HG|3|245|11|0|Was derlei großartige Illusionen auf das dumme Volk für Wirkungen ausübten, kann sich ein jeder leicht denken!
HG|3|245|12|0|Nächstens solcher Skizzen mehr.
HG|3|246|1|1|Der Wassertempel
HG|3|246|1|1|Am 16. März 1844
HG|3|246|1|0|In einer ebenfalls gebirgigen Gegend, die bei zwei Tagereisen von Hanoch nordöstlich entfernt lag, ward dem Wassergott ein Tempel erbaut. Wie aber, – das wird sogleich folgende kurzgefasste Skizze zeigen!
HG|3|246|2|0|In der besagten Gegend, die von steilen Bergen ringsum eingeschlossen war, befand sich ein sehr großer See, der einen Umfang von dreißig Meilen oder sechzig Stunden Weges hatte.
HG|3|246|3|0|In der Mitte dieses Sees war aber eine Insel, die einen Flächenraum von wenigstens vier Quadratmeilen hatte und war voll Klippen und sonstiger kleiner, aber recht steiler Berge, die da recht quellenreich waren, durch welche Quellen der mehr flache Teil dieser Insel recht gut bewässert und somit fruchtbar gemacht wurde.
HG|3|246|4|0|Diese Insel hatten sich die Wassergötter ausgesucht und erbauten in der Mitte derselben eine sehr ansehnliche Burg, um die ein breiter Wassergraben gezogen war, der von hundert künstlichen Springquellen sein Wasser erhielt.
HG|3|246|5|0|In der Mitte dieser gerade viereckigen Burg war erst ein majestätischer offener Tempel erbaut, in dem sich ein in einer großen Muschel, die aus Stein gemeißelt war, stehender kolossaler Wasserdrache befand, der aber nicht aus Stein, sondern aus mit Gold legiertem Kupferblech kunstvoll gearbeitet war.
HG|3|246|6|0|Auf des Drachen Rücken ritt eine aus gleichem Material angefertigte, ebenfalls kolossale Mannsfigur, die, durch einen inneren, ganz einfachen Mechanismus getrieben, fortwährend den Kopf hin und her drehte und die rechte Hand von Zeit zu Zeit in die Höhe hob.
HG|3|246|7|0|Sooft aber diese Figur die Hand in die Höhe hob, so oft auch schoss durch eine Röhre zuoberst des Runddaches über den Tempel ein mächtiger Wasserstrahl über zwölf Klafter hoch empor, was da natürlich ein fürs dumme Volk höchst wunderbar überraschendes Schauspektakel war.
HG|3|246|8|0|Es waren hier noch eine Menge anderer Wasserkunstwerke errichtet, und die ganze Insel ward mit der Zeit mit allerlei Springquellen übersät; allein dieses alles näher zu beschreiben, würde ein eigenes Buch vonnöten sein. Daher gehen wir zur Hauptsache über.
HG|3|246|9|0|Dem Wassergott wurden im Jahr zwölf Feste geweiht. Und wer da irgendwo im Reiche Hanoch einen Brunnen grub, musste zuvor dem Wassergott opfern. Sooft sich einer wusch, musste er des Wassergottes gedenken und alle sieben Tage ein kleines Opfer auf die Seite legen. Wer sich irgend badete, der musste schon ein bedeutendes Opfer darbringen und musste es dem allenfalls irgend vom Wassergott aufgestellten Wasserwächter überreichen, sonst durfte er auf kein Glück im Wasser rechnen.
HG|3|246|10|0|Also mussten auch die Wäscher, die Schiffer und die Fischer und noch allerlei sich mit dem Wasser beschäftigende Leute dem Wassergott opfern, sonst erwartete sie ein unvorhergesehenes Ungemach, in das sie gewöhnlich von den Wassermeistern, die allenthalben bei den Gewässern aufgestellt waren, gebracht wurden.
HG|3|246|11|0|Damit sich aber alles Volk vom Hanochreich zu solchen Opferungen willigst bekannte, so wurden – wie schon bemerkt – zwölf Feste auf dieser Insel abgehalten. Bei diesen Festen wimmelte es von allerlei Wasserfahrzeugen auf dem See; die Wallfahrer fuhren hin und her.
HG|3|246|12|0|Auf der Insel gab es auch eine Menge Gasthäuser, in denen die Gäste möglichst geprellt und geschnürt wurden; und für die priesterlichen Fischer und Schiffer dieses Sees gab es auch eine Menge Verdienste. Hin auf die Insel wurde zwar jedermann gratis geführt, aber desto mehr musste er für die Rückfahrt bezahlen.
HG|3|246|13|0|Ich meine, mehr braucht man von dieser Scheußlichkeit nicht zu erfahren! Daher wollen wir nächstens wieder zu einer noch löblicheren übergehen.
HG|3|247|1|1|Der Feuertempel
HG|3|247|1|1|Am 18. März 1844
HG|3|247|1|0|In einer anderen Gegend zwischen Bergen, die da an Naphthaquellen sehr reich waren, ward ebenfalls ein großer Tempel erbaut.
HG|3|247|2|0|Der Tempel war ganz ohne Fenster und somit ganz geschlossen, und man konnte in denselben nur unterirdisch gelangen durch einen Schlängelgang und am Ende des Ganges durch eine Wendeltreppe.
HG|3|247|3|0|Der Tempel war sehr geräumig und konnte auf seinen Galerien und in seinem Ebenerdraum wohl bei zwanzigtausend Menschen fassen, ohne dass dadurch ein Gedränge entstehen durfte.
HG|3|247|4|0|Die Dachung, welche aus vielen Rundkuppeln bestand, ward von vielen mächtigen Pfeilern getragen, und durch eine jede Kuppel ging eine schräge Öffnung, damit durch sie der im Tempel erzeugte Dunst entweichen konnte.
HG|3|247|5|0|Im eilänglichen, nischenartigen Hintergrund war auf einem staffeligen, eirunden Gestell eine immens kolossale nackte Mannsstatue errichtet. Diese Statue saß auf einem ungeheuer großen Steinwürfel, der einen Durchmesser von vier Klaftern, somit einen Flächenraum von sechzehn Quadratklaftern und einen Inhalt von vierundsechzig Kubikklaftern hatte. Die Statue war jedoch nur aus Kupferblech gemacht, war demnach hohl und konnte in ihrem inneren Raum fünfhundert Menschen fassen, die bei den Festen, deren nur zwei im Jahr waren, allerlei Spektakel ausübten.
HG|3|247|6|0|Um das enorme Staffelgestell der Statue waren in einer Entfernung von drei Klaftern, und zwar ein Eirund bildend, zweihundert eine Klafter hohe und zwei Schuhe im Durchmesser habende runde Altäre gestellt, unter die eine Naphthaquelle geleitet war.
HG|3|247|7|0|Die Altäre waren kupferne Zylinder, die ganz mit zerstoßenen Bimssteinen ausgefüllt waren. Das Erdöl stieg nun nach den Gesetzen der Anziehung durch die Bimssteinporen den ganzen Zylinder hinauf in reichlichem Maße, und man durfte nur mit einem Lichtchen über die fette Oberfläche des Altars fahren, so stand diese alsbald in hellen, sehr weißen Flammen, die dem sogenannten bengalischen Licht fast gleichkamen.
HG|3|247|8|0|Diese also brennenden Altäre erleuchteten das Innere des Tempels so stark, dass darinnen mehr als eine Tageshelle herrschte; sie brannten Tag und Nacht in einem fort und wurden nimmer ausgelöscht.
HG|3|247|9|0|Es gingen aber noch eine Menge Kupferröhren auf den Pfeilern hinauf und waren durch alle Galerien geführt. Wo immer die Röhre eine Öffnung hatte, da auch durfte man nur mit einem Lichtchen hinfahren, und es brannte sogleich das sehr ätherische Öl der Erde.
HG|3|247|10|0|Wenn nun ein bestimmtes Fest kam, das diesem Feuergott und seinen Dienern galt, da kamen Hunderttausende von Wallfahrern aus allen Gegenden und brachten diesem Götzen viele und reiche Opfer.
HG|3|247|11|0|Die Priester dieses Götzen errichteten allerlei Feuerspektakel; ein Feuerwerk überbot das andere an Größe, Glanz und mannigfacher Pracht. Ganz besonders war zur Nachtzeit die ganze Gebirgsgegend so erleuchtet, dass man nicht wusste, wenn der Tag seinen Anfang nahm.
HG|3|247|12|0|Im Tempel redete der Götze wie tausendstimmig von seiner Macht an das Volk und rühmte sich über alle Maßen, und draußen predigten die Priester.
HG|3|247|13|0|Welchen Effekt das beim dummen Volk machte, braucht nicht näher beschrieben zu werden; nur so viel kann noch gesagt werden, dass dieses Fest der vielen Hauptspektakel wegen auch von den höchsten Standespersonen allezeit besucht ward.
HG|3|247|14|0|Selbst Gurat und sein General fehlten nie mit ihrem Gefolge. Mehr braucht es nicht, um den höchsten Grad der Abgötterei zu erkennen, die hier getrieben wurde.
HG|3|247|15|0|Aber darum nächstens dennoch der Skizzen mehr.
HG|3|248|1|1|Der Naëmetempel
HG|3|248|1|1|Am 20. März 1844
HG|3|248|1|0|In Hanoch selbst ward ein Wundertempel erbaut, der aber jederzeit des Tages offen stand; nur musste sich ein jeder Besucher gefallen lassen, den schönen Priesterinnen, den Halbgöttinnen und ganz besonders den Ganzgöttinnen ein recht tüchtiges Opfer darzureichen.
HG|3|248|2|0|Ja, wie war denn dieser Tempel bestellt, wie eingerichtet, und wem ward hier eine göttliche Verehrung bezeigt? Die folgende kurze Darstellung wird das gleich im hellsten Licht zeigen!
HG|3|248|3|0|Der Tempel war außerhalb des Tores, das zu den Kindern Gottes führte, und hinter dem bald das Gebirge seinen Anfang nahm, erbaut.
HG|3|248|4|0|In den Büchern Kinkars fand man eine gar feurige Darstellung der Naëme, die nach der Beschreibung so schön gewesen wäre, dass ihr sogar die Steine nachgelaufen wären.
HG|3|248|5|0|Dieser Naëme ward somit ein prachtvollster Tempel erbaut, der rund und offen war und bestand aus dreißig Säulen nach außen und aus zehn Pfeilern innerhalb der dreißig Säulen in einer guten Ordnung, so dass je hinter drei Säulen ein Pfeiler zur Tragung des Runddaches zu stehen kam, und zwar in einer Entfernung von drei Klaftern.
HG|3|248|6|0|Um den Tempel waren drei Paläste erbaut; der eine für die Priesterinnen, der andere für die zur Hälfte Göttinnen und der dritte für die Ganzgöttinnen.
HG|3|248|7|0|In der Mitte des Tempels selbst war aus weißem Marmor, ganz nackt, kunstvollst auf einem stark vergoldeten Postament die Naëme in einer etwas kolossalen Größe dargestellt, und an den Pfeilern waren nackte Mannsstatuen in voller Erregtheit auf niederen Gestellen aufgerichtet und hatten ihre Gesichter auf die nackte Naëme gerichtet.
HG|3|248|8|0|Um den Tempel und um die drei Wohnpaläste war aber ein ungeheuer großer Garten angelegt, der an Pracht und Kunst nichts zu wünschen übrigließ.
HG|3|248|9|0|Er bestand aus drei Abteilungen. Die eine und die vorzüglichste war ein kunstvolles Labyrinth; aber die Gänge dieses Labyrinthes waren nicht etwa eine geschlossene Mauer, sondern sie bestanden aus gar zierlichen Staketen, so dass man aus einem Gang in hundert andere sehen konnte.
HG|3|248|10|0|Und wenn sich neckenderweise hie und da eine Ganzgöttin zeigte, so konnte aber der Verehrer einer solchen Göttin dennoch nicht zu ihr; und wenn ihn manchmal auch nur eine einzige solche Staketenwand von ihr trennte, so musste er aber dennoch oft die größten Umwege machen, um zu ihr zu gelangen.
HG|3|248|11|0|Der Unterschied zwischen den Priesterinnen, Halbgöttinnen und Ganzgöttinnen aber bestand darin:
HG|3|248|12|0|Die Priesterinnen waren zierlich gekleidet und sonst schön von Gesicht und Wuchs.
HG|3|248|13|0|Die Halbgöttinnen hatten nur eine spannlange Goldschürze über die Scham und Armbänder mit Edelsteinen und an den Füßen goldene Sandalen; sonst aber waren sie ganz nackt.
HG|3|248|14|0|Die Ganzgöttinnen aber waren ganz nackt bis auf die Goldsandalen an den Füßen und mussten von der größten Schönheit sein. Ihre Haare mussten goldblond sein, der ganze Leib durfte kein Fleckchen haben und musste durchaus weiß und makellos sein. Also durfte außer dem Haupt auch kein anderer Körperteil irgendeine naturmäßige Behaarung haben, für deren Vertilgung aber Hanochs Kunst eine Menge Mittel besaß.
HG|3|248|15|0|Wenn die Ganzgöttinnen in den durchaus bedeckten Irrgängen spazieren gingen, da hatten sie stets eine Priesterin und eine Halbgöttin bei sich. Die Priesterin musste vorangehen, um der Ganzgöttin die Wege zu reinigen, und die Halbgöttin musste ihr die Fliegen, Schnaken und Bremsen vom Leib mit einem Wolfs- oder Fuchsschweif treiben.
HG|3|248|16|0|In den anderen zwei Teilen des Gartens, die aus Alleen, Blumenbeeten, Lusthäuschen bestanden, konnten auch die Priesterinnen Geschäfte machen; aber im Labyrinth, das auch mit einer Menge geschlossener Tempelchen versehen war, durften nur die Ganz- und mitunter auch die Halbgöttinnen Geschäfte machen.
HG|3|248|17|0|Der Gottheit der Schönheit wurden zwar keine bestimmten Feste gegeben, aber dafür stand der Tempel täglich und nächtlich bei guter Beleuchtung offen.
HG|3|248|18|0|Anfangs war der Tempel nur mit dreitausend weiblichen Wesen versehen, aber schon in drei Jahren mussten die Priesterinnen, dann die Halb- und Ganzgöttinnen verzehnfacht werden. Denn sie trugen dem Gurat mehr als alle anderen Tempel; denn das Labyrinth strotzte Tag und Nacht von Verehrern der Ganz- und Halbgöttinnen.
HG|3|248|19|0|Mehr darüber zu sagen, ist nicht vonnöten; denn es wird aus dem jeder leicht das offene Laster erschauen. Nächstens darum eine Skizze weiter.
HG|3|249|1|1|Der Tempel des Erzes und der Schmiede
HG|3|249|1|1|Am 21. März 1844
HG|3|249|1|0|Unweit von Hanoch, da seit den Zeiten Lamechs die Erzwerke sich befanden, von denen der Thubalkain der Erfinder war, wurde ebenfalls ein besonders reicher Tempel erbaut.
HG|3|249|2|0|Dieser Tempel war auch offen, und ein großes Runddach ward von lauter ehernen Säulen getragen, deren dieser Tempel einige Hunderte hatte; der Tempel aber war nicht vollkommen rund, sondern mehr eiförmig.
HG|3|249|3|0|Im schmäleren Hintergrund war ein massiver Dreifuß aufgestellt. Seine Füße waren drei bei zwei Klafter hohe Säulen, und die massive Rundplatte, die sie trugen, hatte drei Klafter im Durchmesser.
HG|3|249|4|0|Auf dieser Rundplatte stand ein kolossaler halbnackter Schmied, aus dickem Kupferblech künstlich gearbeitet. Vor ihn war ein mächtiger Amboss gestellt, auf dem ein großer Klumpen Erz lag.
HG|3|249|5|0|Der kolossale Schmied aber hatte in der rechten Hand einen ungeheuren Hammer, der aber auch hohl wie der Schmied war. In der linken Hand aber hatte er eine große Zange, mit der er den Erzklumpen auf dem Amboss hielt.
HG|3|249|6|0|Am Rand dieser Platte, auf der unser Schmied stand, aber waren noch eine Menge kleiner Statuen, ebenfalls aus Kupferblech angefertigt, eine jede mit einem anderen hüttenmännischen Werkzeug geziert, und trugen sonach die Attribute des Erzgottes und ersten Erzmeisters, der natürlich kein anderer als der Thubalkain selbst war.
HG|3|249|7|0|Hinter dem Tempel, gegen den Berg zu, war eine große priesterliche Burg erbaut, in der hundert Priester wohnten und von den reichen Opfern lebten, die diesem Gott dargebracht wurden.
HG|3|249|8|0|Hinter der Burg aber befand sich der heilige Schacht, den Thubalkain selbst in den Berg geschlagen hatte. Gegen ein starkes Opfer durfte jedermann in denselben fahren.
HG|3|249|9|0|In einer Tiefe von hundert Klaftern befand sich eine große Grotte, die Thubalkain aushauen ließ. Hier zeigten die Priester dieses Gottes eine Menge alter Heiligtümer, die alle vom Thubalkain herrührten. Natürlich aber war dabei, wie überall, viel Lug und Betrug.
HG|3|249|10|0|Dieser Gott hatte nur drei Feste im Jahre. An solchen Festen ward ein Ochse von den Priestern geschlachtet, und zwar auf der großen Rundplatte vor dem Gott.
HG|3|249|11|0|Wenn der Ochse geschlachtet war, da begaben sich die Priester herab von der Platte, und im Augenblick begann unter dem Dreifuß ein mächtiges Feuer aufzusprühen, nahm stets zu und machte bald die ganze Platte glühend, und hielt so lange an, bis auf der Platte der ganze Ochse zu Asche ward.
HG|3|249|12|0|Während dieses Feuers aber hämmerte der Gott auch fleißig, welche Aktion aber natürlich durch ein verborgenes Wassergetriebe bewerkstelligt war, so wie durch dasselbe Getriebe auch ein starker Blasbalg in Tätigkeit gesetzt ward, durch den das Kohlenfeuer unter dem Dreifuß mächtig angefacht wurde.
HG|3|249|13|0|Auf diese allezeit gleiche Opferung wurden starke Predigten gehalten, in denen der Nutzen [der Metalle] gerühmt ward, und natürlich der Gott der Metalle am meisten.
HG|3|249|14|0|Nach der Predigt wurden die Opfer in Empfang genommen, und die Wallfahrer durften dann die naheliegenden königlichen großen Bergwerke besuchen, wo es aber auch von Trinkgeldbettlern wimmelte.
HG|3|249|15|0|Dass auch dieser Tempel stark besucht wurde, braucht kaum näher erwähnt zu werden; darum genug von dem Gräuel.
HG|3|250|1|1|Blühendes Heidentum in Hanoch und dessen Provinzen. Die abgeschnittenen Hochlandbewohner
HG|3|250|1|1|Am 22. März 1844
HG|3|250|1|0|Auf gleiche Weise bestanden noch eine Menge Götter und Tempel. Die Natur hatte einen Tempel in Hanoch und dann in jeder Stadt einen etwas kleineren; die Wolken hatten einen Tempel; also hatten auch der Mond, die Sterne, gewisse Tiere, Bäume, Quellen, Ströme, Seen, Meere, Berge und verschiedene Metalle ihre besonderen Götter, Tempel und Priester. Alle fingerlang stieß man auf einen anderen Tempel.
HG|3|250|2|0|Alle diese Tempel aber waren dennoch zumeist den bekanntgegebenen untergeordnet. Nur in Hanoch bestand noch des altherkömmlichen Gebrauchs halber ganz geheimnisvollst nach den Büchern Kinkars der Lamechsche Tempel; aber außer dem König, dem Generaloberpriester und den anderen Oberpriestern durfte niemand bei Todesstrafe sich diesem Tempel nahen, der dem alten Gott des Blitzes und des Donners geweiht war.
HG|3|250|3|0|Nur der Weisheitstempel auf dem Schlangenberg stand frei; aber es war keine [Weisheit] mehr darin zu erlangen, sondern an ihrer Stelle wurde nur eine allermystischste Zauberei getrieben, und in der Mitte dieses alten Tempels ward ein Orakel errichtet, wo jedermann ums Geld und sonstige Opfer sich konnte anlügen lassen, sooft er nur immer wollte. Natürlich hielt der gemeine Mann alles für bare Münze.
HG|3|250|4|0|Auf diese Art war die Regierung Gurats schon in fünf Jahren so weit gediehen, dass er dem Volk alle Steuern erlassen konnte; denn dieses Tempelwerk trug ungeheure Summen und bewirkte, dass in kurzer Zeit gar viele zuvor abgefallene Provinzen sich wieder unter seinen Schutz begaben und mit vielen Freuden den Göttern opferten. Ja, es gab da Eiferer für das Wesen der Tempel und Götter, die sich eine übergroße Gnade daraus machten, wenn sie auch irgendwo einen neuen Tempel erbauen und für den König dotieren durften!
HG|3|250|5|0|Im Verlaufe von zehn Jahren hatte ein jedes Dorf beinahe so viele Tempel als sonstige Wohnhäuser, und ein Haus wetteiferte mit dem anderen, ein Dorf mit dem anderen und eine Stadt mit der anderen, dem König das reichste Opfer darzubringen, weil der König gewisserart alle Götter repräsentierte und darum auch der Diener aller Götter genannt wurde.
HG|3|250|6|0|Also stand es nun mit dem Reiche Hanoch!
HG|3|250|7|0|Was aber machten die abgeschnittenen Hochlandvölker, als sie entdeckten, was ihnen Gurat anstatt der Anerkennung ihrer Oberherrlichkeit angetan hatte?
HG|3|250|8|0|Die zehn Fürsten ließen die ganze, weite Gebirgsgegend allergenauest untersuchen, ob wohl nirgends ein Ausweg möglich wäre.
HG|3|250|9|0|Ein Jahr verging unter lauter Untersuchungen des Terrains. Aber alles vergeblich; denn Gurat hatte für beständig eine große Wache aufgestellt und ließ fort und fort an der Abskarpierung der Gebirge, die sich nur irgend ans Hochland schlossen, arbeiten, so dass man da nichts als kahle Wände von weiten Ausdehnungen erschaute.
HG|3|250|10|0|Die Spuren dieser Arbeit Gurats sind im heutigen Tibet noch hie und da gar wohl ersichtlich.
HG|3|250|11|0|Die zehn aber hielten einen Rat, was da zu machen sein solle. Wie ist eine Rache möglich?
HG|3|250|12|0|Zehnmal wurde ein großer Rat gehalten, aber es kam zu keinem stichhaltigen Beschluss.
HG|3|250|13|0|Darum sprachen die zehn: „Wir müssen darum unter uns andere Gesetze in der Zeugung der Kinder aufstellen, sonst wird unser wennschon großes und fruchtbares Land uns in kurzer Zeit zu unglaublich enge werden!“
HG|3|250|14|0|Als sie aber solche Gesetze schon herausgeben wollten, siehe, da kam ein neuer Bote von Noah und hinderte die zehn an der Gesetzgebung!
HG|3|250|15|0|Wie aber, – das wird die Folge zeigen.
HG|3|251|1|1|Die Ankündigung des Gerichtes durch die Gesandten Noahs. Des Herrn Auftrag an Noah, die Arche zu bauen
HG|3|251|1|1|Am 23. März 1844
HG|3|251|1|0|Mit großer Auszeichnung ward der Bote Noahs von den zehn empfangen und befragt, was da nun geschehen solle, ob das von ihnen beratene Gesetz in Anwendung gebracht werden solle oder nicht.
HG|3|251|2|0|Der Bote Noahs aber sprach: „Nur das sollt ihr nicht tun; denn nicht alle Wege aus dem Land sind euch abgeschnitten! Bin ich doch auch von Fleisch und Blut und konnte einen Weg finden zu euch! Wie solltet ihr nicht auch diesen ewig unverwüstbaren Weg aus diesem Land finden, wenn es vonnöten sein würde!?
HG|3|251|3|0|Dieses Land aber ist ohnehin so groß, dass es euch ernähren kann, und wären eurer hundertmal mehr, als da ist eure Zahl!
HG|3|251|4|0|Wer aus euch wohl kennt alle Grenzen desselben? Ihr habt wohl einzelne Kundschafter dahin ausgesendet, und ein jeder hat einen Teil gesehen; aber keiner noch hat mit eigenem Gesicht dieses Landes Weiten allenthalben beschaut und bemessen!
HG|3|251|5|0|Mir aber ist das ganze gezeigt worden, und ich habe es bei fünfzig Tagereisen lang gegen Morgen und bei zehn Tagereisen breit gegen Mitternacht gefunden!
HG|3|251|6|0|Es ist wohl wahr, dass dieses Land der Gurat von zwei Millionen Menschen nach fast allen Seiten hin unzugänglich gemacht hat, was ihm aber viele Kosten nun schon zehn Jahre hindurch gemacht hat und noch größere machen wird; aber dessen ungeachtet hat dies Land dennoch einen freien Ausgang, und das auf die Höhe Noahs, meines Herrn!
HG|3|251|7|0|Von dort aber ziehen sich große Länder gen Abend hin und haben wenig und viele noch keine Bewohner! Also ist da Aussicht und Ausflucht genug, wenn ihr euch auch über und über vermehren solltet!
HG|3|251|8|0|Darum aber, dass ich euch diese Ruhe brächte, wurde ich nicht gesandt zu euch, sondern darum, dass ich euch verkünden solle das nahe Gericht Gottes an alle Menschen der Erde, die sich nicht kehren werden zu Ihm und nicht halten werden Sein Gebot, das Er gegeben hat vom Anbeginn den Vätern der Höhe und den Königen der Tiefe.
HG|3|251|9|0|Also aber lauten die Worte Gottes, und also hat der Herr zu meinem Herrn geredet vor hundert Jahren: ‚Die Menschen wollen sich von Meinem Geist nicht mehr leiten lassen, denn sie sind pur Fleisch geworden. Ich aber will ihnen dennoch eine Frist von hundertundzwanzig Jahren geben!‘
HG|3|251|10|0|Und abermals redete der Herr und sprach: ‚Noah, sende Boten in alle Gegenden der Welt, und lasse aller Kreatur androhen Mein Gericht!‘
HG|3|251|11|0|Das tat Noah, mein Herr, von Jahr zu Jahr; aber der Boten viele ließen sich berücken vom Fleische und richteten nimmer ihre Botschaft aus.
HG|3|251|12|0|Nun sind’s zehn Jahre, da mein Bruder bei euch war und ein anderer in Hanoch. Von euch kam der Bruder wohl zurück; aber der andere ward getötet in Hanoch.
HG|3|251|13|0|Von da an sandte Noah jährlich geheim einen Boten nach Hanoch und dreißig nach den anderen Städten; aber die Boten wurden von den Götzen Hanochs geblendet und wurden Fleisch.
HG|3|251|14|0|Darum aber ist Gott, dem Herrn, die Geduld ausgegangen, und Er redete vor drei Tagen wieder mit Noah und sprach: ‚Noah, ziehe mit deinen Leuten in den Wald, und lasse tausend schlanke und gerade Tannenstämme fällen, und lasse sie fein behauen ins Viereck, und lege die behauenen Stämme zusammen und lasse sie also liegen fünf Jahre lang! Dann will Ich dir sagen, was du damit tun sollst!‘
HG|3|251|15|0|Die Zimmerleute haben die Axt schon an die Wurzeln gelegt! Hundert Jahre sind fruchtlos verflossen; nun sind nur noch zwanzig Jahre!
HG|3|251|16|0|Daher kehrt euch zum Herrn vollernstlich, wollt ihr dem Gericht entgehen! Denn wie das zwanzigste Jahr, von heute an, abgelaufen sein wird, wird der Herr die Schleusen und die Fenster öffnen und wird mit großen Fluten töten alles Fleisch der Erde!
HG|3|251|17|0|Solches habe ich zu euch geredet, und solches redet mein Bruder jetzt in Hanoch; wohl dem, der sich danach kehren wird! Amen.“
HG|3|252|1|1|Des Boten Noahs guter Rat an die zehn Fürsten des Hochlandes. Der gottlose Rat der Obersten
HG|3|252|1|1|Am 26. März 1844
HG|3|252|1|0|Als die zehn Fürsten des Hochlandes von dem Boten Noahs solches vernommen hatten, da fragten sie ihn ganz erstaunt und sprachen:
HG|3|252|2|0|„Freund, deine Worte klingen ganz entsetzlich; du verkündigst uns hier ja einen Weltuntergang! Was können, was sollen wir denn tun, um solch einem Gericht zu entgehen? Wozu wohl, was meinst du, wird Noah die tausend zu fällenden Stämme gebrauchen?“
HG|3|252|3|0|Der Bote aber sprach: „Was eurer Frage ersten Punkt betrifft, da weiß ich sehr wohl, dass ihr den alten Gott kennt, der mit den Vätern geredet hat, und hat zu öfteren Malen in Hanoch Selbst gelehrt und gesalbt die Könige, was ein Kinkar genau in seine großen Bücher aufgezeichnet hat! Diese Bücher kennt ihr und habt das eine auch einmal ganz gelesen, als ihr die Tempelwache versaht.
HG|3|252|4|0|Zudem habt ihr tausend Mundüberlieferungen von den befreiten Sklaven vernommen, die euch übereinstimmend kundgegeben, was sie nur immer von diesem einig wahren alten Gott und Herrn Himmels und der Erde wussten; und zudem wisst ihr auch so gut wie ich, was eben dieser Gott mit uns will, und wie wir zu leben haben, und was zu tun unsere Pflicht ist!
HG|3|252|5|0|Über alles das aber hatte ja ohnedies vor zehn Jahren mein Vorgänger euch alles kundgetan, was da an euch ist zu tun! Also sage ich: Tut danach, so sollt ihr vom Gericht Gottes nicht heimgesucht werden!
HG|3|252|6|0|Werdet ihr euch aber nicht danach kehren und werdet dafür nur unmenschliche Gesetze geben dem Volk wider alle göttliche Liebe und ewige Ordnung, so werdet ihr auch allerunausweichlichst dem Gericht anheimfallen!
HG|3|252|7|0|Das ist eine Antwort auf den ersten Punkt eurer Frage; was aber da betrifft den zweiten Punkt eurer Frage, so habt ihr ja aus meiner Aussage entnommen, dass Gott dem Noah den Gebrauch dieses Holzes erst kundgeben werde zur bestimmten Zeit. Somit kann ich euch da wohl keinen anderen Aufschluss geben! Nun wisst ihr alles!
HG|3|252|8|0|Wann aber Noah die Weisung über den Gebrauch des Holzes von Gott erhalten wird, da will ich wieder zu euch kommen und euch solches kundtun. Nun aber muss ich euch wieder verlassen! Gedenkt dieser Botschaft in der Tat! Amen.“
HG|3|252|9|0|Nach diesen Worten entfernte sich der Bote so schnell, dass da niemand merkte, wie und wann er entschwand.
HG|3|252|10|0|Da dachten die zehn nach, was sie tun sollten. Sie kamen aber nicht überein; darum beriefen sie einen starken Rat zusammen und berieten, erwägend die Nachricht des Boten.
HG|3|252|11|0|Aber die Obersten sprachen: „Wir sind der Meinung, dass es mit dem alten Gott allezeit seine geweisten Wege hatte und die Politik nur unter allerlei Formen einen Gott erfand!
HG|3|252|12|0|Der alte Zauberer auf der Höhe hat all sein Volk verloren; er möchte wieder ein mächtiger Herrscher werden! Darum ergreift er nun auch politisch seine Zauberpfiffe, um uns ins Bockshorn zu treiben; aber wir sind nun zu aufgeklärt, um uns auf diese Art übertölpeln zu lassen!
HG|3|252|13|0|Daher bleiben wir beim ersten Entschluss, geben das Gesetz heraus, und die Sache wird sich machen ohne Gott und ohne Noah! Was aber dies schnelle Verschwinden des Boten betrifft, da kennen wir ja die zauberische Art des Schwalbenkrautes; ein wenig davon genossen, und man wird unsichtbar! Könnten wir dies Kraut finden, da könnten wir das Gleiche tun!“
HG|3|252|14|0|Die Erörterung der Obersten gefiel den zehn, und sie gaben das Gesetz heraus und ließen das Schwalbenkraut suchen von tausend Kräuterkennern.
HG|3|253|1|1|Der Bote Noahs vor dem Generaloberpriester in Hanoch. Der weltliche Wohlstand in Hanoch
HG|3|253|1|1|Am 27. März 1844
HG|3|253|1|0|Also war der Effekt, den der Bote bewirkte bei den Hochlandbewohnern. Was aber machte der Bote in Hanoch für Geschäfte? Das soll sogleich gezeigt werden!
HG|3|253|2|0|Der Bote nach Hanoch war geradewegs an den Generaloberpriester gewiesen; also ging er denn auch zu ihm und wurde als ein Bote aus der Höhe auch sogleich vorgelassen.
HG|3|253|3|0|Als er aber beim General anlangte, ward er sogleich mit großer Zuvorkommenheit aufgenommen und gar höflich befragt, was seine Sendung im Schilde führe.
HG|3|253|4|0|Und der Bote sagte ohne Rückhalt dasselbe, was sein Gefährte zu den Hochlandbewohnern gesagt hatte.
HG|3|253|5|0|Der General aber sagte zum Boten: „Mein schätzbarster Freund! Du bist wohl noch sehr einfach in deiner Weisheit, und ein tieferes Denken scheint dir nicht eigen zu sein!
HG|3|253|6|0|Siehe, du redest hier von Gott und von einem Gericht, von einem förmlichen Weltuntergang und sagst: Also hat Gott schon vor hundert Jahren mit Noah geredet und habe jetzt wieder mit ihm geredet! Wie dumm noch magst du sein, dass du so etwas glauben magst! Denke nur selbst nach!
HG|3|253|7|0|Siehe, du sagst mir, dass du laut deiner Sendung gewisserart ein Gerichtsbote Gottes seiest, und sprichst, also hätte Gott Selbst zu Noah, deinem Herrn, geredet! Nun denke dir aber: So es einen solchen Gott gäbe, der da überweise und allmächtig und allwissend wäre, da müsste es ja doch die barste Schande für einen solchen Gott sein, so Er das nicht einsehen wollte, dass da ein solcher Bote, wie du es bist, sich gegen uns geradeso ausnehmen wird, wie ein Tautropfen gegen ein endloses Meer!
HG|3|253|8|0|Zudem müsste einem Gott an einem ungeheuer großen Volk weisermaßen doch auch sicher mehr gelegen sein als irgend an einem einzelnen Menschen, der da irgendeine Felsenkluft bewohnt! Dein Gott aber kommt nur zu dem, der keine Macht und kein Ansehen vor der Welt hat, und kann daher auch gar nichts wirken!
HG|3|253|9|0|Was ist aber demnach das für ein alberner Gott, der nicht einmal die Machthaber Seiner Völker kennt und Selbst zu ihnen kommt und sie eines Besseren belehrt, auf dass sie dann dem Volk eine andere Richtung gäben?
HG|3|253|10|0|Ich aber sage dir, du mein schätzbarer Freund, dein alter Noah hat so wenig als ich irgendeinen Gott je gesehen und gehört, – sondern im Besitz einiger alter Zauberkünste möchte er gleich seinen Vorahnen eine Oberherrlichkeit über die Völker der Erde gewinnen und nimmt daher zur Politik seine Zuflucht! Aber es tut sich nun mit der alten Politik nicht mehr, wo eine reife und neue ihre Wurzeln geschlagen hat!
HG|3|253|11|0|Hast du aber je selbst Gott gesehen und gehört? Oder hast du Gott mit Noah reden gehört? Oder hat dich der Gott mit irgendeiner würdigen Wunderkraft ausgerüstet? Du verneinst das!
HG|3|253|12|0|Nun siehe, möchte ein weiser Gott wohl an ein Volk Hanochs einen so armseligen Boten, wie du einer bist, senden und einen Weltuntergang androhen lassen? Müsste denn ein Gott nicht schon viele tausend Jahre voraussehen, dass ein solcher Bote nur höchstens mitleidig ausgelacht wird gegenüber von mehr als fünfhundert Millionen aufgeklärter Menschen?! Sollte dein Gott denn im Ernst nicht wissen, dass eine Fliege nimmer einen Berg umstoßen kann? Schau, schau, mein lieber Freund, wie dumm deine Botschaft ist!
HG|3|253|13|0|Wenn es einen Gott gibt, der da höchst weise und allwissend und allmächtig ist, da wird Er zu unserer allfälligen Bekehrung schon auch ganz andere, wirksamere und eines großen Volkes würdigere Mittel ergreifen, als solche altpolitischen, die bei uns schon außer aller Geltung sind!
HG|3|253|14|0|Siehe, wir leben nun in der schönsten Ordnung! Wir haben keine Kriege, wir fordern keine Steuern; im ganzen Reich gibt es keine Sklaven; unsere Gesetze sind so sanft wie Wolle; wir leben vergnügt, als wären wir Millionen ein Leib und eine Seele. Das haben unsere Gesetze bewirkt! Sage, kann ein Gott eine bessere Ordnung geben?
HG|3|253|15|0|Alle unsere Gesetze sind von der besten Natur des Menschen abgeleitet und sagen darum jedem Menschen zu. Jeder ist unter solchen Gesetzen selig und überaus vergnügt. Niemanden drückt Not und Armut! Sage mir, mein geehrter Freund, kann es da noch irgendeine bessere Regierung und Ordnung geben?“
HG|3|253|16|0|Hier stutzte der Bote und wusste nicht, was er sagen sollte.
HG|3|253|17|0|Der General aber sagte darauf zum Boten: „Siehe, du bist ein recht artiger junger Mann und scheinst nicht ohne Talent zu sein; daher mache ich dir den Antrag, dass du hier verbleibst. Ich werde selbst für deine Ausbildung sorgen und werde dir dann auch zu einem ansehnlichen Brot verhilflich sein; darauf kannst du rechnen!
HG|3|253|18|0|Aber zwingen will ich dich nicht! Willst du lieber auf deine Berge ziehen, so kannst du auch das tun; doch sollst du eher dich noch lebendiger überzeugen, wie vortrefflich unsere Regierung bestellt ist! Und so folge mir zum König!“
HG|3|254|1|1|Der Bote Noahs vor König Gurat. Die Verführung des Boten, in Hanoch zu bleiben. Des Boten Verlangen nach seiner Schwester
HG|3|254|1|1|Am 28. März 1844
HG|3|254|1|0|Der Bote machte sich zusammen und folgte dem General zum König Gurat.
HG|3|254|2|0|Als die beiden beim König anlangten, da wurde der Bote ebenfalls mit der größten Auszeichnung vom König selbst empfangen und dann erst gar höflich befragt, was sein Anliegen wäre.
HG|3|254|3|0|Der Bote aber verneigte sich tiefst vor dem König und sprach: „Großer König und Herr, ich hatte nur den Auftrag, mit dem General zu sprechen! Diesem habe ich meinen Sendungsgrund angezeigt; er aber hat darauf mir mit erstaunlicher Weisheit gezeigt das völlig Leere meiner Gesandtschaft, und so möchte ich nicht noch einmal dasselbe wiederholen!“
HG|3|254|4|0|Der König ersah daraus, dass der Bote Verstand besitze, und sprach darauf: „Höre du mich nun an, mein Sohn! Da ich ersehe, dass du ein artiger junger Mensch bist und so manche Talente zu besitzen scheinst, so will ich dich aufnehmen in mein Haus und will dir Lehrer geben, die dich im Lesen, Schreiben und Rechnen und dann in den verschiedenen anderen Künsten und Wissenschaften unterweisen.
HG|3|254|5|0|Und wirst du dann mit solchen Kenntnissen und Fertigkeiten ausgerüstet sein, so werde ich dich dann zu einem großen Herrn machen in meinem großen Reich, als solcher du dann ein großes Ansehen genießen wirst allenthalben und wirst ein übergutes Leben haben, und die Menschen werden dich auf ihren Händen tragen, so du dich ihnen wirst vielfach nützlich erweisen können! Bist du mit diesem Antrag zufrieden?“
HG|3|254|6|0|Der Bote bejahte diese Frage mit sichtlicher Freude und sprach darauf: „O großer König, da du so gut, so mild und weise bist, da möchte ich wohl eine Bitte noch zu deinen Ohren bringen!“
HG|3|254|7|0|Der König gestattete solches dem Boten, und der Bote sprach: „O König, so höre mich! Siehe, mein Vater heißt Mahal und ist ein Bruder Noahs! Dieser mein Vater aber ist schon bei fünfhundert Jahre alt und ist noch kräftig, als zählte er erst fünfzig. Ich bin sein jüngster Sohn und bin auch schon siebzig Jahre alt und habe Brüder und Schwestern in großer Menge.
HG|3|254|8|0|Aber ich will nicht von allen sprechen, sondern nur von einer Schwester, die um ein Jahr älter ist denn ich. Diese ist mir ins Herz hineingewachsen! Könnte ich diese zu mir bekommen, dass sie bei mir wäre, dann bliebe ich noch um tausend Male lieber hier, als ich also ohne diese göttlich schöne Schwester bleibe!“
HG|3|254|9|0|Und der König lächelte und sprach: „Was? Du hast siebzig Jahre schon und scheinst noch mehr ein Jüngling als ein Mann zu sein?! Sage, ist das auch bei deiner Schwester der Fall?“
HG|3|254|10|0|Und der Bote sprach: „O König, die ist noch so zart und schön, als zählte sie kaum noch sechzehn Jahre!“
HG|3|254|11|0|Und der König sprach zum General: „Fürwahr, die Sache interessiert mich! Mache du daher, dass diese Schwester hierher zu ihrem Bruder komme, und der Bruder soll dir dazu behilflich sein; dass es darob an einer Belohnung nicht fehlen wird, das weißt du ohnehin!“
HG|3|254|12|0|Hier nahm der General sogleich den Boten zu sich, verständigte sich mit ihm, und schon am nächsten Tag wurde auf diese Schwester eine überaus listige Jagd unternommen.
HG|3|255|1|1|Die listige Jagd auf die Schwester des Boten Waltar. Agla begibt sich auf der Suche nach ihrem Bruder nach Hanoch
HG|3|255|1|1|Am 29. März 1844
HG|3|255|1|0|Wie aber ward diese Jagd bestellt? Der Bote, als der Bruder der zu erjagenden Schwester, musste seine Kleider einem Verbrecher leihen, der eines starken Verbrechens wegen zum Tode ausgesetzt war; diesem Delinquenten aber wurde bedeutet, dass ihm die Todesstrafe erlassen werde, so er von der Höhe die Schwester des Boten, von dem er die Kleider habe, nach Hanoch vor den König brächte.
HG|3|255|2|0|Dieser Delinquent aber war ein durchtriebener Hauptspitzbube und hatte sich die Todesstrafe dadurch verdient, weil er sich mit seinen Diebespfiffen sogar an den königlichen Schätzen vergriffen hatte, wobei er aber auch ertappt und dann auch sogleich zum Tode ausgesetzt ward.
HG|3|255|3|0|Als aber diesem Delinquenten unter solcher Bedingung die Todesstrafe erlassen ward, da ward er über die Maßen froh und sprach: „Nicht nur die eine, sondern so ihrer tausend wären, getraue ich mir ganz allein sie hierher zu bringen; und so werde ich mit der einen wohl sehr leicht fertig werden! Wie weit ist es von hier bis zur Wohnung des alten Zauberers auf der Höhe?“
HG|3|255|4|0|Man sagte ihm: „Für einen guten Fußgeher sind es zwei Tagesreisen hinauf; aber herab kann der Weg auch in anderthalb Tagen zurückgelegt werden!“
HG|3|255|5|0|Und der Delinquent sprach: „Gebt mir einen oder zwei des Weges Kundige mit, auf dass ich nicht durch Fehlwege aufgehalten werde; und ich bin mit der Beute in drei Tagen, wo nicht noch eher, hier!“
HG|3|255|6|0|Diesem Verlangen des Delinquenten wurde sogleich Gewähr geleistet; er bekam drei bewaffnete, wegeskundige Männer mit und begab sich sogleich auf seine Jagd.
HG|3|255|7|0|Unterwegs aber sagten die drei Wegweiser zum Jäger: „Was werden wir wohl ausrichten? Kommen wir in die Nähe der Wohnung des alten Zauberers, wird er uns nicht alsbald gewahren und verderben?“
HG|3|255|8|0|[Der Jäger aber sprach:] „Das lasst nur mir über! Ich will den Satan hintergehen, wenn es darauf ankommt! So wir uns in einer solchen Nähe befinden werden, in der man den Ruf eines starken Menschen vernehmen kann, da fangt ihr ‚Waltar‘ zu rufen an! Das ist der Name des Bruders der zu fangenden Schwester!
HG|3|255|9|0|Sie liebt den Bruder, und wenn sie seinen Namen wird rufen hören, da wird sie sicher die Erste sein, die dem Ruf nachgehen wird! Ich aber werde dann fliehen vor euch eine Zeit lang gen Hanoch hinab; und wenn sie mich als ihren Bruder zufolge der Kleidung erkennen wird, da wird sie mit euch gehen ohne Widerstand!
HG|3|255|10|0|Dann aber gehört sie auch schon uns an, und der alte Zauberer kann uns nichts anhaben, weil die Schwester nicht gezwungen, sondern freiwillig mit uns ziehen wird ihres Bruders wegen; denn das weiß ich, dass kein Zauberer da eine Macht hat, wo der freie Wille eines seiner Blutsverwandten tätig ist!“
HG|3|255|11|0|Also ward der Jagdplan gemacht, kam aber nicht in Anwendung; denn die Agla war selbst auf dem Weg nach Hanoch, ihres Bruders wegen, und kam ganz allein schon auf halbem Wege der Deputation entgegen und verriet sich als solche durch ihre große Schönheit und durch den Ruf: „Waltar! Waltar! Mein Bruder!“, als sie den Jäger erblickte.
HG|3|255|12|0|Der Jäger aber erklärte ihr die Sache, und sie folgte darauf voll Freude diesen vier Männern in die große Stadt.
HG|3|256|1|1|Gurat wirbt um Agla als seine Königin. Agla willigt ein und Waltar sieht sich von seiner Schwester betrogen
HG|3|256|1|1|Am 30. März 1844
HG|3|256|1|0|Als die Schwester in die Burg zum König gebracht und von ihm vom Fuß bis zum Scheitel des Kopfes betrachtet wurde, da erstaunte der König über die Maßen über ihre Schönheit und ließ sogleich den Waltar holen und ihm die Schwester vorstellen, auf dass er ihr das Zeugnis gebe, dass sie seine Schwester ist.
HG|3|256|2|0|Als der Waltar aber die Agla erblickte, da standen ihm sogleich die Tränen im Auge vor Freude, und er fiel ihr um den Hals und küsste und grüßte sie als seine geliebteste Schwester.
HG|3|256|3|0|Als der König aber nun daraus wohl erkannte, dass diese die rechte Schwester Waltars war, da trat er hin zu ihm und sprach:
HG|3|256|4|0|„Höre, du mein lieber Waltar, mich an! Deine Schwester ist ein Weltwunder; ihre Schönheit überbietet alle meine bisherigen Begriffe, und wenn ich bedenke, dass dieses Mädchen einundsiebzig Jahre zählt, so steht es nicht wie ein menschliches Wesen, sondern wie eine reinste Himmelsgöttin vor mir, die nimmer altert, sondern gleich ist der ewigen Jugend!
HG|3|256|5|0|Weißt du was, ich habe mir bis jetzt noch kein festes Weib genommen und habe noch keiner Maid die königliche Krone aufs Haupt gesetzt; diese deine Schwester aber will ich sofort zu meinem festen Weib nehmen und will ihr königliche Kleider geben und eine schönste Krone auf ihr Haupt setzen!
HG|3|256|6|0|Sage mir, Waltar, bist du zufrieden mit diesem Antrag, und ersiehst du die großen Vorteile, die daraus für dich erwachsen, so deine Schwester Königin des unermesslichen Reiches Hanoch wird?“
HG|3|256|7|0|Hier stutzte Waltar und dachte bei sich eine Zeit lang hin und her und wusste nicht, was er darauf so ganz eigentlich sagen sollte.
HG|3|256|8|0|Die Agla aber, der dieser Antrag auf der Stelle besser gefiel als ihrem Bruder, sagte sogleich zu ihm: „Was willst du hier machen im Hause dessen, dem Millionen zu Gebot stehen? Segne mich für den König, und trete deine Vorteile nicht mit den Füßen!“
HG|3|256|9|0|Da aber Waltar solche Rede von seiner vielgeliebten Schwester vernommen hatte, da sprach er ganz erregt: „Nicht segnen, sondern fluchen will ich dir in meiner Brust, indem deine Liebe zu mir, der ich für dich in den Tod gegangen wäre, so leicht zu erlöschen war!
HG|3|256|10|0|O König, nehme sie hin, die Treulose! Ich segne sie für dich und trete sie dir aus jeder Fiber und Faser meines Lebens ab, denn für mich ist sie nun nicht mehr des Staubes meiner Füße wert.
HG|3|256|11|0|Wahrlich, hätte sie an mir gehalten und wäre für meine Liebe noch glühend gewesen, so hätte ich sie aber dennoch dir nicht vorenthalten und hätte eine große Freude darin gefunden, dass ich dir ein schweres und großes Opfer gebracht hätte! So aber hat Agla mich betrogen um alles, und ich kann, o König, dir nun nichts mehr geben, indem sich die Treulose dir selbst gegeben hat!
HG|3|256|12|0|Ich segne sie daher für dich, aber in meiner Brust sei sie verflucht! Lasse mich nun aber wieder auf die Höhe ziehen und dort meinen Gram ausweinen!“
HG|3|256|13|0|Der König aber sprach: „Nicht also, mein Waltar, soll es sein! Ich werde dir auch königliche Kleider anlegen lassen und werde dich dann selbst führen in den Tempel meiner Göttinnen. Wirst du an einer ein Wohlgefallen finden als ein förmlicher Vizekönig, so bleibst du hier; und findest du kein Wohlgefallen, so kannst du dann wieder heimziehen auf deine schaurigen Berge!“
HG|3|256|14|0|Hier ging dem Waltar ein neues Licht auf. Er willigte in den Vorschlag des Königs, wobei aber freilich wohl die Agla ein wenig zu stutzen anfing; denn ihre Liebe war noch mächtig zu Waltar, und ihre vorschnelle Zustimmung war mehr ein weiblicher Liebeerforschungskniff, als so ganz eigentlich eine bestimmte Zusage.
HG|3|256|15|0|Waltar aber kam das umso willkommener, weil er dadurch sich gewisserart an der Agla rächen konnte.
HG|3|256|16|0|Gurat aber ließ sogleich für beide königliche Kleider holen und ließ sie ihnen absonderlich anziehen.
HG|3|257|1|1|Waltar erhält von König Gurat sieben Schönheitsgöttinnen als Gemahlinnen
HG|3|257|1|1|Am 15. April 1844
HG|3|257|1|0|Gurat aber berief den Generaloberpriester und begab sich unter königlichem Großgeleite aller seiner Hofchargen und Dienerschaft mit dem königlich bekleideten Waltar in den bestimmten Tempel.
HG|3|257|2|0|Und da er zum vorbestimmten Zweck durch einen Wink an den General einen Vorboten an die Göttinnen des Tempels abgesandt hatte, so war bei dieser seiner Ankunft auch schon alles in der verführerischsten und üppigsten Ordnung im großen Staketenirrgarten der Göttinnen der weiblichen Schönheit.
HG|3|257|3|0|Hunderte und Hunderte solcher Hauptgöttinnen schwärmten, von den Untergöttinnen auf schon bekannte Weise begleitet, durch die Irrgänge; einige tanzten, einige machten sonstige allerüppigste Stellungen, einige sangen, und einige gingen mehr ruhig ihren Weg vorwärts.
HG|3|257|4|0|Als der warmblütige Waltar diese verführerischen Spektakel ersah, da ward er ganz wie verwirrt und wusste nicht, was er reden oder was er begehren sollte.
HG|3|257|5|0|Als aber der Gurat solches zu seinem größten Vergnügen merkte, da sagte er zum Waltar: „Freund, wie es mir scheint, so wirst du deine schöne Schwester eben nicht zu schwer vergessen!
HG|3|257|6|0|Sage mir, hast du dir schon eine von diesen Göttinnen ausgesucht? Zeige mir bald eine, und ich will sie dir sogleich zum Weib geben samt ihren Untergöttinnen! Oder, so dir mehrere gefallen, da zeige mir auch das an, und sie sollen dein sein! Denn hier in meinem Reich darf jeder Mann mehr als ein einziges Weib haben, obschon ich der Meinung bin, dass du an einer Göttin samt ihren Untergöttinnen genug haben dürftest!“
HG|3|257|7|0|Hier sah der Waltar gar aufmerksamst nach den vor ihm vorüberziehenden Göttinnen, die ihm über die Maßen wohlgefielen, da ihn eine jede so holdseligst als nur immer möglich anblickte, und er sagte nach einer Weile zum Gurat:
HG|3|257|8|0|„O König! Ich bitte dich nicht um eine, nicht um hundert, sondern um gar alle bitte ich dich! Denn zu herrlich sind sie alle, als dass ich hier nur einige wählen könnte! Darum gebe mir lieber alle, auf dass da ja keine beleidigt werde, so sie nicht gewählt würde!“
HG|3|257|9|0|Der König lächelte hier und sprach zum Waltar: „Mein allerschätzbarster Freund, höre mich nun an, was ich dir jetzt sagen werde; bei dem auch soll es vorderhand verbleiben!
HG|3|257|10|0|Siehe, ich will dir vorderhand nur sieben zu Weibern geben! Mit denen sollst du ein Jahr lang leben in meinem Palast! Wirst du nach einem Jahr noch mehrere für dich für nötig finden, da sollst du deren haben, so viel du willst!
HG|3|257|11|0|So dir aber doch die sieben genügen dürften, da kannst du mir umso wohlgefälliger bei den sieben verbleiben; denn alle diese Göttinnen stehen dir als einem Vizekönig ja ohnehin tagtäglich gegen ein bestimmtes mäßiges Opfer zu Gebot.“
HG|3|257|12|0|Als der Waltar solches vom Gurat vernommen hatte, da willigte er sogleich in den Rat desselben, nahm die sieben Gerufenen samt den Untergöttinnen und begab sich dann, als die Göttinnen bekleidet wurden, ganz überseligst mit nun seinen Weibern und mit dem Gurat wieder in den königlichen Palast zurück.
HG|3|258|1|1|Die herrschsüchtige Agla wird Königin von Hanoch. Waltars Flucht und Tod
HG|3|258|1|1|Am 16. April 1844
HG|3|258|1|0|Als aber daheim im Palast des Gurat die Agla ersah, was ihr Bruder getan hatte, da ward sie zornig in ihrem Herzen und verlangte nun umso mehr die Hand des Gurat und die Krone, um sich als Königin und Mitherrscherin des großen Reiches an ihrem Bruder rächen zu können, wie auch ganz besonders an den Göttinnen der Schönheit.
HG|3|258|2|0|Gurat aber, dem die Agla über alles wohlgefiel, tat das umso lieber, weil er dadurch sich eben auch umso früher in seinen allerglücklichst gewähnten Stand versetzen wollte. Und so ward die Agla schon am dritten Tag vollkommene Königin in Hanoch nach dem Tag, da ihr Bruder seine sieben Weiber bekam.
HG|3|258|3|0|Sie ward dann äußerst herrschlustig, und es musste sich alles bis zur Erde beugen vor ihr, was ihr nur immer entgegenkam.
HG|3|258|4|0|Das aber verdross ihren Bruder Waltar, dass er darum verlangte vom König, entlassen zu werden, auf dass er sich auf einem Gebirge irgendwo ansiedeln möchte, da er nimmer etwas von seiner entsetzlichen Schwester erführe.
HG|3|258|5|0|Gurat aber, der von der Agla förmlich besessen war, tat nun nichts mehr ohne ihre Einwilligung und fragte sie daher, was sie zu dem Entschluss ihres Bruders sage.
HG|3|258|6|0|Als die Agla solches erfuhr, da ergrimmte sie über ihren Bruder, trennte ihn sogleich von seinen Weibern und ließ ihn in ein tiefes Gefängnis bringen. Und als dies geschah, war sie noch lange kein Jahr lang Königin, und der Bruder hatte auch noch keine so lange Zeit sein eheliches Glück mit seinen sieben Göttinnen genossen.
HG|3|258|7|0|Den Generaloberpriester aber verdross ebenfalls, dass die Agla ihren Bruder ins Gefängnis werfen ließ ohne Grund und Ursache, denn der oberpriesterliche General konnte den Waltar sehr gut brauchen, weil dieser einen sehr geweckten Geist besaß. Darum verwendete er sich heimlich beim König um die Befreiung des Waltar, doch unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit vor der Agla, weil diese sonst dem Bruder Übles zufügen möchte.
HG|3|258|8|0|Der König aber sprach: „Es wäre alles recht, aber wie werden wir das Gefängnis öffnen, da von diesem Gefängnis allein die Agla die Schlüssel hat und hat ihre vertrauteste Wache noch obendrauf vors Gefängnis gestellt?“
HG|3|258|9|0|Und der General sprach: „Das ist immerhin sehr schlimm; aber lasse du mir das Geschäft über, ich werde die Sache schon wieder in Ordnung bringen! Ich werde zur Nachtzeit mit einer kleinen Waffenmacht das Gefängnis aufsprengen mit Gewalt, und es wird sich die vertraute Wache dann müssen die Sache schon gefallen lassen.“
HG|3|258|10|0|Gurat willigte in diesen Rat, und in derselben Nacht und im Ganzen nach einer zweimonatigen Haft ward Waltar wieder befreit.
HG|3|258|11|0|Als er aber befreit war, wollten ihn die Oberpriester in ihren Schutz nehmen; er aber verlangte nur zu fliehen, und so gestattete man ihm auch die Flucht.
HG|3|258|12|0|Da aber die Agla alsbald erfuhr, was da geschehen war, da sandte sie Häscher aus, da sie ihren Bruder ergriffen und töteten, wo sie ihn träfen.
HG|3|258|13|0|Und die Häscher, guten Lohn hoffend, gingen schnell nach allen Seiten aus und ereilten den Waltar am Weg ins Gebirge und erschlugen ihn.
HG|3|258|14|0|Und das war sein Ende und sein Lohn, darum er vom rechten Wege Gottes sich entfernt hatte. Und das war auch der Anfang der grausamsten Regierung, die je in Hanoch stattgefunden hat.
HG|3|259|1|1|Königin Agla ersticht die Gemahlinnen Waltars
HG|3|259|1|1|Am 18. April 1844
HG|3|259|1|0|Die Häscher aber, um sich ihres Lohnes bei der Königin zu versichern, schnitten dem erschlagenen Waltar den Kopf vom Rumpf, wickelten ihn in ein Tuch und überbrachten ihn der Königin.
HG|3|259|2|0|Diese erschrak wohl anfangs über den Anblick dieses Kopfes; aber sie fasste sich bald und sprach zu den Häschern:
HG|3|259|3|0|„Eure Treue hat sich bewährt! Ihr habt meinen größten Feind vernichtet; den Feind meiner Liebe habt ihr getötet und habt euren Lohn wohl verdient! Hier sind hundert Pfunde Goldes, nehmt es darum als euren wohlverdienten Lohn dahin!
HG|3|259|4|0|Den Kopf aber nehmt wieder mit euch, und verscharrt ihn irgendwo im Garten der Schönheitsgöttinnen; da mag er sich ewig weiden am Anblick derer, die ihm mehr waren denn ich!
HG|3|259|5|0|Wenn ihr aber den Kopf werdet eingegraben haben, dann geht hin zu den sieben Weibern, die nun noch hier in einem unteren Teil dieses Palastes wohnen und bringt sie her samt den vierzehn Unterweibern!
HG|3|259|6|0|Was dann zu geschehen hat, das wird euch zur Stunde bedeutet werden! Tut eure Sache gut, und der Lohn wird nicht ausbleiben!“
HG|3|259|7|0|Hier nahmen die Häscher den Kopf und taten mit ihm nach dem Gebot der Königin.
HG|3|259|8|0|Die Schönheitsgöttinnen, die die Eingrabung des Kopfes sahen, aber erschraken gewaltigst und sagten untereinander: „Das ist eine schlimme Vorbedeutung für uns alle! Es wird besser sein, ehestens zu fliehen von diesem Ort, als sich in jüngster Zeit, diesem Kopf folgend, unter die Erde begraben zu lassen!“
HG|3|259|9|0|Einige aber wünschten den Generaloberpriester zu sprechen. Doch dieser war nun zu beschäftigt mit Plänen, wie er dem König die Agla verdächtig zu machen vermöchte, und war daher nicht zugänglich; denn sein Grimm auf die Königin war zu groß. Darum mussten die Göttinnen bleiben und also dem ängstlich entgegensehen, was da kommen werde.
HG|3|259|10|0|Die Häscher aber gingen darauf, und zwar schon am nächsten Tag, zu den sieben Weibern Waltars und brachten sie samt den vierzehn Unterweibern zu der Königin.
HG|3|259|11|0|Als sie vor die Königin kamen, da fragte diese sie: „Wollt ihr nicht trauern um den Waltar, der getötet worden ist durch meine Macht?“
HG|3|259|12|0|Hier fingen die Weiber an zu heulen und zu wehklagen.
HG|3|259|13|0|Und die Königin sprach: „Also war eure Liebe groß zum Waltar, da ihr seinen sicheren Tod also betrauert? Seht, auch meine Liebe war groß zu ihm, denn aus Liebe ließ ich ihn töten, damit er nicht der eurige sein solle!
HG|3|259|14|0|Ich aber sehe nun, dass ihr leidet ob seinem Verlust; darum auch will ich eurem Leiden ein Ende machen! – Häscher, entkleidet alle die Weiber, und bindet sie nackt an die Säulen dieses meines Königssaales!“
HG|3|259|15|0|Und die Häscher taten das sogleich.
HG|3|259|16|0|Als die Weiber samt den Unterweibern nackt gar fest an die Säulen angeknebelt dastanden, da nahm die Agla selbst einen gar spitzigen Dolch und ging zu den angebundenen Weibern und sprach zur einen wie zur anderen, sie auf der Herzseite betastend: „Da also pocht das Herz, das meinen Bruder liebte?“
HG|3|259|17|0|Darauf stieß sie den Dolch ins Herz des angebundenen Weibes und sprach darauf: „Das sei dein Lohn, du Elende!“
HG|3|259|18|0|Also tötete die Agla selbst mit ihrer Hand aus Rache auch die Weiber ihres Bruders.
HG|3|259|19|0|Und der König, obschon er am nächsten Tag davon Kunde erhielt, wagte nicht, ihr zu sagen: „Weib, was hast du getan?“; denn er liebte und fürchtete die Agla.
HG|3|260|1|1|Die Ausstellung der erstochenen Gemahlinnen Waltars im Naëmetempel
HG|3|260|1|1|Am 20. April 1844
HG|3|260|1|0|Die Agla befahl darauf den Häschern, dass sie die erstochenen Weiber in schwarze Tücher wickeln sollten und sollten sie dann ebenfalls draußen im Garten der Schönheitsgöttinnen begraben; vor der Eingrabung aber sollten sie im Tempel dieser Göttinnen eben diese erdolchten Weiber ganz entblößt ausstellen einen Tag lang, auf dass sich die Göttinnen daran weiden könnten.
HG|3|260|2|0|Die Häscher sagten zur Königin: „Große, mächtige Herrscherin! Dies zu tun, getrauen wir uns nicht so ganz recht sicheren Schrittes; denn das große Volk hält gar viel auf diese Göttinnen, und wenn wir dieselben zu sehr erschrecken und beleidigen möchten und diese sich dann beklagten beim Volk, so könnte das gar üble Folgen für uns, wie für eure Majestät, große, mächtige Herrscherin, haben!
HG|3|260|3|0|Denn wer grausam sein will, der muss politisch zu Werke gehen, dass man ihm die Grausamkeit nicht ankenne; sonst läuft er bald große Gefahr, und seinem Wirken werden sicher haltende Schranken gesetzt! Befolgen eure Majestät diesmal unseren Rat und lassen diese Leichen ganz heimlich irgendwo verscharren, und die Sache wird ganz gut und ganz spurlos fürs große Volk ablaufen!“
HG|3|260|4|0|Auf diese wohlgemeinte Einrede der Häscher fuhr die Agla wie ein Blitz auf und zückte vor jedem den Dolch, der ihr nicht augenblicklich den pünktlichsten Gehorsam leisten würde.
HG|3|260|5|0|Und die Häscher mussten tun, was die Königin wollte.
HG|3|260|6|0|Die Leichen wurden sonach losgebunden und jede einzeln eingewickelt in ein schwarzes Tuch und wurden am hellen Tage auf eben auch einundzwanzig Kamelen hinaus in den großen Garten transportiert und dort im Tempel der Naëme ganz entblößt ausgestellt.
HG|3|260|7|0|Die Häscher aber, als sie die Leichen ausgestellt hatten, eilten wie Diebe davon und ließen die Kamele samt allem im Stich, und sie sprachen: „Sind wir nur diesmal mit heiler Haut davongekommen; für alle nächsten ähnlichen Zwecke soll sich die Furie von einer Königin andere Häscher suchen! Wir werden ihr, wie dem König, nimmer dienen!“
HG|3|260|8|0|Es hatte aber der Generaloberpriester durch geheime Inspizienten alles schon erfahren, was die Agla tat, und beorderte sogleich eine starke Truppe hinaus zu den Göttinnen.
HG|3|260|9|0|Dieser Truppe kamen auf dem Rückgang die Häscher der Königin gerade in den Wurf und wurden sogleich in Empfang genommen. Als Gefangene mussten sie sogleich umkehren und die Truppe dahin führen, wohin sie die Leichen gelegt hatten.
HG|3|260|10|0|Als die Truppe mit den Häschern im Tempel anlangte und die noch von keiner Göttin beschauten Leichen erblickte, da fragte der Anführer die Häscher, ob sie diese herrlichen Weiber erstochen hätten.
HG|3|260|11|0|Die Häscher aber zeigten die Sache an, wie sie geschah.
HG|3|260|12|0|Da rief der Anführer der Truppe aus: „Bei allen Göttern und bei dem Urgott Selbst! Diese Königin ist die leibhaftige Satana selbst, von der in den Büchern Kinkars Meldung geschieht, denn eine solche Grausamkeit ist unerhört!
HG|3|260|13|0|Wie aber werden wir dieser Schlange der Schlangen ledig werden? Sie sitzt auf dem Thron, die ganze Hölle steht ihr zu Gebot! Das wird in Kürze ein Leben werden in dieser Stadt, davor die Tiger und Hyänen die Flucht ergreifen werden!“
HG|3|260|14|0|Darauf wandte sich der Anführer zu einem aus der Truppe und sprach: „Ein Exempel soll hier statuiert werden! Lasst Balsamierer herkommen! Ich will die Leichen einbalsamieren lassen, auf dass sie nicht verwesen, und werde sie in gläserne Särge tun hier im Tempel zur allgemeinen Beschauung mit der Aufschrift: ‚Der Königin Höllenwerk!‘
HG|3|260|15|0|Und ihr Häscher, grabt mir sogleich das Haupt Waltars aus; das soll auch balsamiert werden, und ich werde es dann in einer eigenen Glasurne über die Särge seiner Weiber setzen mit einer gerechten Inschrift!“
HG|3|260|16|0|Und alles geschah sogleich nach des Anführers festem Willen.
HG|3|261|1|1|Königin Aglas Plan, die Göttinnen des Naëmetempel zu ermorden, wird verhindert
HG|3|261|1|1|Am 22. April 1844
HG|3|261|1|0|Im Verlaufe von acht Tagen waren die Leichen samt dem Haupt Waltars einbalsamiert und dann in den schon bemerkten gläsernen Särgen im Tempel der Naëme aufgestellt, wie in der Mitte der Särge auf einem stark vergoldeten Gestell auch das Haupt Waltars in der Glasurne, die natürlich wohlverschlossen war.
HG|3|261|2|0|Als diese Arbeit beendet war, da ging der Anführer der Truppe zu den erschrockenen Göttinnen in ihr großes Wohnhaus und zeigte ihnen an, was da geschehen war, und lud sie ein, die einbalsamierten Leichen zu beschauen.
HG|3|261|3|0|Und die Göttinnen gingen diesmal nicht nackt, sondern in Trauerkleidern in den Naëmetempel und entsetzten sich nicht wenig, als sie diese tote Gruppe erschauten.
HG|3|261|4|0|Nach einer langen Pause fragte die Obergöttin den Anführer der Truppe mit bebender Stimme: „Wenn dies der Königin Werk, was steht da uns in der Bälde zu befürchten bevor? Was wird die Furie mit uns machen?“
HG|3|261|5|0|Und einer der gefangenen Häscher antwortete unaufgefordert und sprach: „Erlaubt mir zu reden, meine herrlichen Göttinnen! In diesen Särgen steht auch euer Los geschrieben; denn wir haben es aus der Königin Munde vernommen, was ihr sicheres Vorhaben ist! Euch kann vor der Wut der Königin nichts retten als allein die Flucht!
HG|3|261|6|0|Glaubt ja nicht, der Generaloberpriester wird solches zu hintertreiben imstande sein! Denn die Königin hat Schleichwege und Mittel, die außer ihr niemand kennt, und kommt hinter alles, was da geschieht ihrem Satanssinne zuwider; sie weiß schon sicher seit mehreren Tagen, was hier mit den Leichen unternommen ward gegen ihr Gebot, und ich rate niemandem zu lange zu säumen, dem sein Leben wert und teuer ist!“
HG|3|261|7|0|Diese Rede beherzigte der Anführer der Truppe, und er sprach zu den Göttinnen: „Der Oberhäscher scheint recht zu haben; daher macht euch auf, auf dass wir euch unter sicherem Geleit irgendwohin bringen können, da ihr vor der Furie Wut gesichert sein werdet! Für eure Verpflegung wird bestens gesorgt werden überall, dahin wir euch nur immer bringen werden, denn solches zu tun mit euch, haben wir ja eben vom General den Befehl!“
HG|3|261|8|0|Die Göttinnen willigten sogleich ein; eine jede nahm ihre Schätze und begab sich mit der Truppe und den Häschern eiligst davon.
HG|3|261|9|0|Es verging aber keine Stunde, da kamen schon der Königin allervertrauteste Knechte mit einer starken Kriegertruppe, die da mit vielen Stricken, Schwertern und Lanzen versehen war und die Weisung hatte, die Schutztruppe des Generals zu vernichten, und dann die Göttinnen alle zu knebeln, und dann auch sie zu morden und sie zu den Weibern Waltars beizusetzen.
HG|3|261|10|0|Aber diesmal gelang es der Königin nicht, ihren Plan durchzuführen; was sie aber darum tat darauf, wird die Folge zeigen.
HG|3|262|1|1|Ein listiger Hauptmann besänftigt die wütende Königin Agla
HG|3|262|1|1|Am 23. April 1844
HG|3|262|1|0|Als die getreuesten Knechte der Königin mit ihrer starken Truppe zu ihrem nicht geringen Erstaunen die Wohnung der Göttinnen der Schönheit ganz leer erschauten, da kehrten sie alsbald wieder um und berichteten das der Königin.
HG|3|262|2|0|Die Königin aber, solches erfahrend, raste wie eine Tausendfurie auf und fing an, förmlich zu schäumen vor Wut, und schwor, die bitterste Rache an dem Generaloberpriester auszuüben.
HG|3|262|3|0|Der Hauptmann der Knechte der Königin aber, da er ein sehr schöner Mann und von der Königin heimlich sehr wohl gelitten war, erbat sich die Gnade, einige Worte mit ihr allein reden zu dürfen.
HG|3|262|4|0|Die Königin gewährte ihrem Liebling gerne, was er sich von ihr erbat, und behieß ihn, ihr nachzufolgen in ein kleines Seitenkabinett.
HG|3|262|5|0|Der Hauptmann folgte der Königin ungemein gerne, und als er sich mit ihr allein befand, da wollte sie sogleich erfahren, was da seine Absicht wäre, darum er mit ihr allein zu reden wünsche.
HG|3|262|6|0|Der Hauptmann aber, anstatt sogleich Rede und Antwort zu geben, zog sich in aller Schnelle ganz nackt aus und sagte dann zur Königin:
HG|3|262|7|0|„Allerhöchste Gebieterin über mein Leben und über meinen Tod! Nur in diesem Zustand kann ich allerwahrhaftigst mit dir reden; denn so nackt, als ich hier vor dir stehe, also nackt wahr ist auch das, was ich dir nun sagen werde! Und so wolle mich denn bei meiner unendlichen Liebe zu dir, o reizendste Königin, anhören:
HG|3|262|8|0|O Königin, du Tausendsiegerin über mein Herz! Du, von deren Hand zu sterben schon die größte Wollust sein müsste! O Königin, die du mir alles bist, um alles, was dir angenehmst und teuerst ist in der Welt, bitte ich dich, gehe ja um deiner und meiner Seligkeit willen nicht länger mit Racheplänen gegen den General der Priesterschaften um; denn da kannst du tun, was du nur immer willst, so wirst du überall zu spät kommen!
HG|3|262|9|0|Meinst du, mein Leben, o Königin, dein Gemahl hat etwa die Gewalt in seinen Händen? Oh, da bist du in großer Irre noch! Ich sage dir, Gurat ist nur der Namensträger und steht als König in großem Ansehen nur als ein innigster Busenfreund des Generals! Wehe aber uns allen, so wir es durch eine Wendung dahin bringen, dass darob der General zu unserem Feind wird!
HG|3|262|10|0|So nackt ich jetzt vor dir stehe, so wahr und gewiss sind wir dann auch samt dem König in wenigen Minuten verloren! Schon jetzt stehen bei fünfhunderttausend Krieger um den großen Palast des Generals in Schlachtordnung aufgestellt; ein Wink von ihm und wir sind in einer Stunde nicht mehr!
HG|3|262|11|0|Er hat nun schon mehrere Tage den König nicht besucht und lässt ihn auch nicht zu sich kommen, obschon dieser soeben wieder einen neuen Versuch macht, den General wieder für sich zu gewinnen. Ja, er will dich selbst dem General zum Geschenk machen, so ihm dieser nur seine Freundschaft zusagen möchte!
HG|3|262|12|0|Daraus, o Königin, aber kannst du die Macht und Größe des Generals abnehmen und erkennen, wie gefährlich dein Plan gegen den General ist!
HG|3|262|13|0|O Königin, töte mich, wenn ich dich durch diese meine nackte Wahrheit beleidigt habe; aber ich konnte der Macht meiner Liebe zu dir nimmer widerstehen, dich zu warnen vor dem, was dir den völligen Untergang bereiten könnte!“
HG|3|262|14|0|Die Königin erschreckte sich hier zum ersten Mal und sprach: „Mein lieber Hauptmann, ich danke dir für diese Warnung! Aber nun verlange ich auch einen Rat von dir, was da zu machen sein wird, dass ich nicht in des Generals Gewalt falle!“
HG|3|262|15|0|Und der Hauptmann sprach: „O Königin, lasse mir heute Zeit, zu sorgen für dich, und morgen werde ich dir einen Ausweg zeigen!“
HG|3|262|16|0|Darauf umarmte er die Königin, zog sich wieder an und begab sich dann in den großen Saal; aber die Königin blieb im Gemach zurück und begehrte ihre Zofen.
HG|3|263|1|1|Der Hauptmann Drohuit bei König Gurat. Der listige Plan Drohuits
HG|3|263|1|1|Am 24. April 1844
HG|3|263|1|0|Es ging aber der Hauptmann der getreuen Knechte der Königin zum König und stellte ihm die Sache so recht kategorisch dar, wie es mit der Königin stehe, und was da der General Fungar-Hellan gegen den König und gegen die Königin zu unternehmen gar strenge im Sinne führe, und wie es zu einer reinsten Unmöglichkeit werde, sich dem mächtigen Fungar-Hellan zu widersetzen, indem dieser alle Macht in Händen habe.
HG|3|263|2|0|Und der Gurat sagte zum Hauptmann: „Ja, mein Freund, du hast recht! Ich weiß gar wohl, wie ich nun mit Fungar-Hellan stehe; aber was lässt sich da machen? Er ist nun schon seit zehn Tagen genau genommen rein unzugänglich, und das aus keinem anderen Grunde als allein aus dem, weil ich ihm die Agla nicht ausliefern wollte zur Kühlung seiner Rache an ihr ob ihrer verübten Grausamkeiten an ihrem Bruder und an dessen Weibern.
HG|3|263|3|0|Sein letzter Ausruf vor mir war: ‚Wohl denn! Was du mir nicht geben willst aus freier Hand als ein Freund dem Freunde, das wird sich dein bitterster Feind mit Gewalt zu holen wissen!‘
HG|3|263|4|0|Darauf verließ er mich, gar hastig davonrennend, und ich konnte noch bis zur Stunde keine Silbe irgend von ihm erfahren, was er nun so ganz eigentlich im Schilde führe.
HG|3|263|5|0|Es wird am Ende doch kein anderes Mittel sein, ihn wieder freundlich gegen mich zu stimmen, als ihm die Agla, das so über alle Begriffe schönste Weib auszuliefern! Sage mir, mein lieber Hauptmann Drohuit, was da anders zu machen sein dürfte!“
HG|3|263|6|0|Und der Drohuit sagte: „O König, hier sind eigentlich freilich nur die zwei Wege möglich, entweder die Flucht der Königin unter meiner Leitung, oder die Auslieferung; aber es ist der eine nicht minder gefährlich als der andere!
HG|3|263|7|0|Ich aber habe mir eine feine List ausgedacht! Gelingt diese, da ist Fungar-Hellan dein Freund, und du bleibst König wie zuvor; gelingt diese mir aber nicht, dann ist kein anderes Mittel als die Flucht zur Rettung der Agla, wie auch deiner Königswürde, denkbar!
HG|3|263|8|0|Die List aber besteht darin: Lasse du die Agla so reizend als möglich anziehen, und ich selbst will hingehen zum Fungar-Hellan und zu ihm also reden:
HG|3|263|9|0|‚Die schönste Agla, auf die du schon so viele Blicke geworfen hast, hat Nachricht erhalten, dass du, als der ihr über alles teuerste Freund, ihr gram geworden bist! Sie lässt dich daher bitten, du möchtest ihr nur einmal noch ein geneigtes Ohr schenken, und du wirst über ihre rätselhafte Grausamkeit von ihr selbst die genügendste und dein Herz völlig beruhigendste Aufklärung erhalten!‘
HG|3|263|10|0|Er wird auf diese Einladung sicher kommen, wennschon unter starker Bedeckung! Was aber dann die Agla zu ihm wird zu reden haben, darüber will ich sie schon gehörig instruieren; nur musst du ihr gestatten, dass sie mir ein Beglaubigungszeichen mitgibt, auf dass mir der Fungar-Hellan sicheren Glauben schenke über meine Sendung an ihn! Und ich meine, die Sache wird sich wieder geben!
HG|3|263|11|0|Dass der Fungar-Hellan beim Anblick der schönsten und reizendsten Agla mit sich sicher handeln wird lassen, davon bin ich im Voraus überzeugt!“
HG|3|263|12|0|Als der Gurat das vom Drohuit vernommen hatte, da gab er ihm sogleich die Vollmacht; und dieser ging zur Agla und unterrichtete sie von allem, und sie nahm alles an von ihm und willigte in alles ein.
HG|3|264|1|1|Drohuit initiiert eine Intrige gegen Fungar-Hellan
HG|3|264|1|1|Am 25. April 1844
HG|3|264|1|0|Nachdem aber der Drohuit die Agla gehörig instruiert hatte, was sie reden solle, falls der Fungar-Hellan käme, begab er sich sogleich in den Palast desselben, – hatte aber da nicht wenig Mühe, vor den General zu gelangen.
HG|3|264|2|0|Als er aber mit der genauesten Not von der Welt zum General gelangte, da fragte ihn dieser mit einem Grimmernst und sprach: „Woher kommst du, verwegener Verräter deines Lebens, und was führt deine Sendung im Schilde? Rede geschwind, willst du nicht eher noch des Todes sein, als bis du den Mund geöffnet haben wirst!“
HG|3|264|3|0|Drohuit erschrak zwar anfangs über die sehr unfreundliche Aufnahme, denn also sehr ergrimmt hatte er sich den General nicht vorgestellt; aber nach einer Weile fasste er Mut und sagte ebenfalls in einem sehr erregten Ton zum Fungar-Hellan:
HG|3|264|4|0|„Freund, – wenn du mich also empfängst, da du doch derjenige bist, der mir eigentlich mein Amt bei Hofe gab, und warst allezeit mein vertrautester Freund, da rede ich trotz der immensen Wichtigkeit des Gegenstandes, den ich dir zu berichten habe, kein Wort, – obschon dein und aller Welt Wohl davon abhängt, wie das Leben vom Herzen! Du aber magst ja sogleich ein Schwert nehmen und mich töten samt meinem allerwichtigsten Geheimnis, das sonst außer mir kein sterblich Wesen kennt!“
HG|3|264|5|0|Nach dieser Erklärung ward der General sanfter und sprach: „Freund, beruhige dich, es war nur meine erste Aufregung also; nun aber erkenne ich dich wieder als meinen Freund, der mir schon so manchen guten Dienst geleistet hat und wird mir vielleicht noch so manchen leisten. Und so bitte ich dich, rede, was du hast, und ich werde dir mein Ohr an den Mund legen!“
HG|3|264|6|0|[Drohuit sprach:] „Wohl denn, so höre mich!
HG|3|264|7|0|Siehe, du stehst nun in einem mächtigsten Grimm wider Gurat, deinen ersten Freund, und stellst der Königin nach dem Leben! Doch höre, was ich dir nun eröffnen werde!
HG|3|264|8|0|Solange diese Erde von Menschen und Tieren bewohnt ist, gab es noch nie eine größere Ungerechtigkeit und nie einen schwärzeren Undank, als nun in deinem Benehmen gegen die Königin und gegen den König!
HG|3|264|9|0|Sage mir, was wohl ist ein Geretteter seinem Lebensretter schuldig? Mehr frage ich vorderhand nicht; nur das sage mir!“
HG|3|264|10|0|Der General schaute den Drohuit groß an und sprach in erregtester Spannung: „Was sprichst du? Rede deutlicher, auf dass ich hineile und meinen Lebensretter anbete!“
HG|3|264|11|0|Und der Drohuit, bei sich victoria rufend, richtete sich wieder auf und sprach: „Ich sage dir vorderhand nichts als: Die Königin, die dich liebt wie ihr rechtes Auge, und die du zu verderben dich fest bemühst, dieselbe Königin ist deine Lebensretterin auf eine Art, die die Welt bisher noch nie erfahren hat!
HG|3|264|12|0|Mehr sage ich dir nicht; gehe aber hin, und du wirst es von ihr erfahren, was sie für dich getan hat! Dann magst du sie wohl töten, wenn du das über dein Herz zu bringen wirst imstande sein!
HG|3|264|13|0|Solltest du aber etwa gegen diese meine Aussage einen Verdacht hegen, da nehme du Bedeckung mit und hier dies Beglaubigungszeichen, das mir die Königin selbst für dich gab, und du wirst daraus doch leichtlich ersehen, dass ich dir gegenüber sicher kein Verräter bin!“
HG|3|264|14|0|Hier schrie der General: „Agla, du Verkannte von mir! Du Großkönigin aller meiner Gedanken! Durch deine unbegreifliche Grausamkeit hast du mir das Leben gerettet?! Auf und hin zu ihr; darüber muss mir Licht werden!“
HG|3|264|15|0|Hier verließ der General alles, nahm seine Ehrenwache und eilte sogleich hin zur Königin.
HG|3|265|1|1|Fungar-Hellan wird von König Gurat herzlich empfangen und von Königin Agla umgarnt
HG|3|265|1|1|Am 26. April 1844
HG|3|265|1|0|Der König und die Königin aber waren in der gespanntesten Erwartung und sahen durch die Fenster, ob der Fungar-Hellan wohl kommen werde oder nicht. Wie erstaunlich groß war nun die Freude beider, als sie den General, an der rechten Seite Drohuits sich unter seiner zahlreichen Ehrenwache dem Palast nahend, erblickten!
HG|3|265|2|0|Die Königin begab sich sogleich in ihren Saal, und der König in den seinen, und erwarteten ein jedes für sich den Mann, von dem in dieser Zeit beinahe der halben Erde Wohl und Wehe abhing.
HG|3|265|3|0|Am Tor des Palastes angelangt, sprach der General zum Drohuit: „Nun bin ich hier; doch das sage ich: Wenn ich den geringsten Verdacht merke, so ist die lebendige Hölle dein Los!“
HG|3|265|4|0|Und der Drohuit erwiderte: „Wahrlich, ich werde nicht ermangeln, selbst hineinzuspringen, wenn du nicht mit der größten, ungeheuchelten Liebe und Achtung empfangen wirst von beiden Seiten und nicht bestätigt finden wirst jeden von mir dir angedeuteten Punkt!“
HG|3|265|5|0|Und Fungar-Hellan sprach: „Gut, lasse uns daher hinaufgehen und uns von allem überzeugen!“
HG|3|265|6|0|Hier begab sich Fungar-Hellan an der Seite Drohuits unter dem Geleit seiner Ehrenwache hinauf ins zweite Stockwerk des ungeheuer großen Palastes und begab sich da zuerst zum König, der ihn mit offenen Armen unter dem Ausruf: „Mein Bruder, – mein Heil!“ empfing.
HG|3|265|7|0|Dieser Empfang hatte dem General das Herz gerührt, und er kam darob schon in eine sehr gute Stimmung und fragte den König, ob seine Freundschaft nicht besser wäre als seine Feindschaft.
HG|3|265|8|0|Und der Gurat erwiderte: „O Bruder, so du mir feind bist, dann bin ich auch kein König mehr! Denn ich habe dir alles zu verdanken; du ganz allein ja bist die Ordnung und somit die Stütze meines Hauses! Wie sollte ich da nicht nach deiner Freundschaft geizen?!“
HG|3|265|9|0|Hier umarmte Fungar-Hellan wieder seinen alten Freund und sprach zum Drohuit: „Komme auch du wieder hierher, denn ich erkenne, dass du es mit uns beiden aufrichtig gemeint hast, und so kannst du in unserem Wiederbund der Dritte sein! Aber nun lasst uns zur Agla gehen und sehen, wie sie sich diesem Bund einen wird!“
HG|3|265|10|0|Darauf begab sich der General in der Mitte des Königs und Drohuits unter dem glänzenden Gefolge von Ehrenwachen zur Agla, die ihm ebenfalls mit ihren reizendsten offenen Armen entgegeneilte und ihn, mit aller Kraft ihrer Liebe umarmend, empfing.
HG|3|265|11|0|Dieser höchst unerwartete Empfang hatte auf den General einen so wohltuenden Eindruck gemacht, dass er aus lauter Wonnegefühl kaum ein Wort aus seinem Mund zu bringen imstande war.
HG|3|265|12|0|Nur die Agla sagte nach einer Weile, auch ganz bebend vor Liebe: „Fungar-Hellan, wie konntest du mir nach dem Leben streben, da meine Liebe zu dir deinem Leben Opfer darbrachte, die sie nimmer einem Gott geopfert hätte?!
HG|3|265|13|0|Wahr ist’s, ich musste dir unmenschlich grausam erscheinen, denn meine Taten waren von einer Art, davon die Erde bis jetzt sicher kein Beispiel aufzuweisen hat! Aber die Erde kennt sicher auch bis jetzt kein weiblich Herz, das da mit meiner Liebe zu dir, o Fungar-Hellan, erfüllt wäre! Aber auch keinen weiblichen Verstand kennt die große Lebensträgerin, der die Größe und Erhabenheit eines Fungar-Hellan zu würdigen verstünde! Ich aber kann mich des Verstandes rühmen, und so ist meine endlos große Liebe zu dir, und aus ihr die Taten, die ich deinetwegen, o Fungar-Hellan, verübte, erklärlich!“
HG|3|265|14|0|Diese Erklärung machte den General ganz weich, und er sprach: „O Agla, was verlangst du zum Lohn für solche Liebe?“
HG|3|265|15|0|Und die Agla sprach: „Dein Herz, deine Liebe ist mein Lohn! Höre mich aber zuvor an, auf dass es dir klar wird, warum ich das, was ich tat, getan habe! Dann wirst du sehen, dass ich dich liebe mehr als mein Leben!“
HG|3|266|1|1|Königin Aglas Lügenrede und Liebeserklärung an Fungar-Hellan
HG|3|266|1|1|Am 27. April 1844
HG|3|266|1|0|Gurat war mit dieser Liebeserklärung von Seiten seiner himmlischen Agla an den Fungar-Hellan eben nicht zu sehr einverstanden, natürlich nur bei sich geheim; denn offen wäre hier sein Nichteinverstandensein nicht am rechten Platz gewesen.
HG|3|266|2|0|Aber was konnte er hier anders tun, als solcher Liebeserklärung mit höchst vergnügten Augen zusehen? Denn gefehlt war es so oder so. Zwei saure Äpfel links und rechts; in den einen musste er beißen, und das war denn doch noch besser, als so er in alle beide gar tüchtig hineinbeißen hätte müssen!
HG|3|266|3|0|Auch der Drohuit hörte solcher Erklärung der Königin an den General eben nicht so gerne zu, als so sie ihm gemacht worden wäre. Aber hier war nichts anderes zu tun, als zum bösen Spiel eine gute Miene zu machen; denn hier wäre ein schiefer Blick mit dem Verlust des Lebens verbunden gewesen.
HG|3|266|4|0|Und so zeigten sowohl der Gurat wie der Drohuit sehr freundliche Gesichter und wünschten dem Fungar-Hellan gewisserart mimisch alles Glück, und also auch der Agla.
HG|3|266|5|0|Diese aber fing sogleich an, die Gründe ihrer Grausamkeit darzustellen, wie sie ehedem vorbestimmt, damit der General gründlich ersehen möchte, wie endlos teuer er wäre, und warum. Und sie sprach demnach:
HG|3|266|6|0|„Du mein allergeliebtester Fungar-Hellan! Du weißt, dass ich meinen Bruder liebte mehr als mein eigenes Leben, darum ich auch meine Höhe verließ und ging, mein Leben nicht achtend, zu suchen meinen Bruder in dieser mir noch gänzlich unbekannten Stadt.
HG|3|266|7|0|Ich fand den Gesuchten aber eher und leichter, als ich es mir dachte. Wie? Das wisst ihr alle. Ich ward hierher gebracht, und der König fing an, alsbald zu handeln um mein Herz, und beredete meinen Bruder, dass er mich abträte an ihn, dafür ihm dann der König die Schönheitsgöttinnen zum Ersatz nebst der Vizekönigswürde antrug.
HG|3|266|8|0|Ich ersah beim ersten Blick, dass da mein Bruder wankte. Das kränkte mich über die Maßen, dass er für mich ein wankendes Herz haben konnte, da ich doch mein Leben für ihn gewagt hatte.
HG|3|266|9|0|Ich besiegte mich da, trat zu ihm hin und riet ihm, seine Liebe zu mir prüfend, selbst zu diesem Tausch. Und er, der ohnehin nur wenig Liebe zu mir hatte, anstatt sein Leben um seine Schwester zu wagen wegen ihres inneren, höheren Wertes, vergab mich und vertauschte das reinste Wesen gegen feile Buhldirnen, die nie einen inneren Lebenswert erkannt hatten!
HG|3|266|10|0|Schwer war diese schnöde Handlung meines Bruders für mein Herz; allein ich konnte das Geschehene nicht mehr ändern.
HG|3|266|11|0|In solcher meiner inneren Trübsal lernte ich dich, Fungar-Hellan, kennen und erkannte in dir bald einen großen Geist, dem es möglich ist, mit seiner Einsicht Millionen zu führen, so oder so! Nur zu bald erkannte ich, dass nur du, und nicht der König, der Herr von Hanoch und des ganzen, großen Reiches bist!
HG|3|266|12|0|Da dachte ich: O Mann, könnte ich dir enthüllen meine ewige Wahrheit über die wahre Bestimmung des Menschen von Gott aus, wie ich sie in mir habe, und hätte ich deine Liebe, was könntest du dann endlos Gutes bewirken!
HG|3|266|13|0|Wie ich dich, o Fungar-Hellan, aber schon so ziemlich nahe meinem Herzen dachte und ersah, dass mein Bruder meinetwegen bei dir viel zu gelten anfing, da entdeckte ich auf einmal eine schändlichste Verschwörung eben meines Bruders gegen dich! Und ich ließ ihn darum selbst in den Kerker bringen, da mir denn sein Leben noch immer teuer war, welches sonst dahingewesen wäre, so ihr seinen Verrat erkannt hättet!
HG|3|266|14|0|Ich besuchte ihn täglich und suchte ihn zu bekehren, richtete aber freilich wenig aus; als ich aber mit ihm mit vieler Mühe auf dem halben Wege der Besserung war, da erfuhrst du, dass er im Kerker schmachte und befreitest so deinen größten Feind. Er entfloh, um dich zu verderben durch Hilfe der Hochlandvölker, denen er einen gebahnten Ausweg gezeigt hätte.
HG|3|266|15|0|Hier galt es nun Leben oder Tod! Ich sandte darum Häscher nach mit dem Auftrag, den Bruder zu erschlagen, so sie ihn träfen; denn wäre er hierher lebend gebracht worden, da hättest du ihn sicher von hier irgendwohin zu einem Großherrn gestellt, und er wäre dann im Geheimen abgegangen und hätte dich an die Hochlandvölker verraten. Diese wären dann über euch hergefallen wie grimmige Tiger und hätten Millionen geschlachtet! Und hätte ich ihn gegen euch verraten, was hättet ihr dann gemacht mit ihm und vielleicht auch mit mir?
HG|3|266|16|0|Um ein so großes Übel zu vermeiden, brachte ich das schwere Opfer! Nun urteilt, ob ich darum also grausam bin, wie ihr es meint! Aber ich bin noch nicht zu Ende; darum hört mich weiter an!“
HG|3|267|1|1|Fortsetzung von Aglas Lügenrede über eine Verschwörung. Das tödliche Gift
HG|3|267|1|1|Am 29. April 1844
HG|3|267|1|0|Und die Agla redete weiter also: „Der Bruder aber, da er floh, hatte insgeheim seinen Weibern aufgetragen, dass sie fürs Erste das ganze Schönheitsgöttinnenkollegium wider dich aufreizen sollen, und sollen wo möglich trachten, dich samt dem König Gurat aus der Welt zu räumen, auf dass dann Waltar, so er mit großer Macht wiedergekommen wäre, in dieser Stadt alsogleich ohne allen Anstand den Königsthron hätte besteigen können.
HG|3|267|2|0|Waltar ward dieser Frevelweg, wie bekannt, abgeschnitten! Was aber wollten die Weiber dann tun, als sie durch meine Vermittlung versuchsweise sogleich vom Tod ihres Gemahls Kunde erhielten? Höre, sie taten einen grässlichsten Schwur, dich, den Gurat und mich selbst ohne alle Gnade und Erbarmung zu verderben!
HG|3|267|3|0|Wann und wie aber? Folgt mir in das geheime Kabinett, das die sieben Hauptweiber bewohnten, und überzeugt euch von allem selbst!“
HG|3|267|4|0|Hier führte die Agla die ganze Versammlung in das geheime, bedeutend große Kabinett, ließ dort sogleich einen verborgenen Wandschrank öffnen und sprach dann, mit der Hand auf eine kristallene Schale zeigend:
HG|3|267|5|0|„Dort seht jene entsetzliche Schale; sie ist voll von stärkst vergifteten Nadeln! Lasst ein Tier bringen, nehmt behutsam eine solche Nadel, und verletzt damit nur ein wenig irgend die Haut des Tieres, und überzeugt euch, wie dieses verenden wird!“
HG|3|267|6|0|Man brachte sogleich ein Kalb und ritzte dasselbe nur ein wenig unter dem Bauch mit einer solchen Nadel, und das Kalb stürzte augenblicklich tot zusammen.
HG|3|267|7|0|Alles entsetzte sich über diese erstaunliche Wirkung.
HG|3|267|8|0|Und die Agla sprach: „Versucht es an anderen Tieren und die Wirkung wird gleich dieser sein! Oder so ihr einen seltenen Verbrecher habt, der zum sicheren Tode verurteilt ist, lasst ihn hierherbringen, und macht mit ihm einen solchen Versuch! Gewiss, so schnell ist kein Augenblick, als wie schnell und sicher gänzlich schmerzlos er mit einer solchen Nadel getötet würde!“
HG|3|267|9|0|Fungar-Hellan aber sprach: „Agla, wie weißt du das, und wie kamst du hinter alles das? Wie kamst du zu der genauen Erfahrung über die schreckliche Wirkung dieses mir noch ganz unbekannten Giftes?“
HG|3|267|10|0|Und die Agla sprach: „Siehe an, hier unser aller großer Freund und Lebensretter Drohuit hat mir dieses alles gezeigt und hat als ein zum Schein Mitverschwörer von den Weibern alles herausgebracht, was sie ganz besonders gegen dich unternehmen wollten!
HG|3|267|11|0|Als er mir aber solches anzeigte und ich mich gar bald von ihrer großen Bosheit überzeugte, da ergriff mein ganzes Gemüt eine mächtige Rache. Ich ließ dann als Freundin der Weiber alle durch meine verkleideten Schergen hierherbringen in meinen Saal, allwo sie sich sogleich entkleiden mussten. Darauf ließ ich sie knebeln an die Säulen und kühlte dann selbst als Königin und Herrin über Leben und Tod der Untertanen meine glühendste Rache an ihnen!
HG|3|267|12|0|Wann aber warst du bestimmt, zu fallen? Dein nächster freundlicher Besuch bei diesen Schlangen hätte dir das Leben genommen also, wie diesem Kalb hier! Gehe aber nun auch hinaus in die Wohnung der Göttinnen, und du wirst sicher auch die kleinen Mordwerkzeuge treffen und daraus ersehen, wie weit diese Verschwörung schon ausgebreitet war, wie auch den Grund, warum ich diese Göttinnen verfolgte!
HG|3|267|13|0|Willst du aber auch wissen, woher diese Göttinnen das Gift nahmen, da durchsuche den Garten, und du wirst in einer abseitigen Ecke desselben in einem gläsernen Lusthaus ein Bäumchen finden, das auf seinem Stamm perlenartige Tropfen hat; diese Tropfen aber sind eben dieses furchtbare Gift!
HG|3|267|14|0|Ich meine, das wird doch genug sein, um einzusehen, warum ich als deine größte Freundin also mit der Aufbietung aller Schlauheit und Vorsicht gegen diese Weiber gehandelt habe!“
HG|3|267|15|0|Fungar-Hellan ward samt dem König ganz blass, und keiner wusste, wie er so ganz eigentlich daran sei.
HG|3|268|1|1|Drohuit beantwortet Fungar-Hellans Fragen
HG|3|268|1|1|Am 30. April 1844
HG|3|268|1|0|Als sich das erste Erstaunen und ganz entsetzliche Verwundern bei den dreien nach einer Weile etwas gelegt hatte, da sah der Fungar-Hellan den Drohuit groß an und sagte zu ihm: „Drohuit, entweder bist du ein Abgesandter der guten Götter und des alten Zorngottes, der auch gut ist so lange, als man genau Seinen Willen tut; tut man aber nur im Geringsten dawider, dann wird Er bald voll Zornes und will die ganze Erde verderben!
HG|3|268|2|0|Es mag also sein, dass du dieses Gottes Abgesandter bist?! Oder du bist ein Abgesandter aus der untersten, erschrecklichsten Hölle aus dem Grundwohnort des Satans; denn sonst wäre es reinst unmöglich, dass du allein hinter Geheimnisse kommen sollest, die mir unbekannt geblieben wären!
HG|3|268|3|0|Siehe, in dieser großen Stadt, die doch mehr als hundertmal tausend Häuser zählt, geschieht nichts und kann nichts geschehen, das mir nicht schon fast im Augenblick des Geschehens kund würde! Welcher Teufel, welcher Satan musste dann diese Verschwörung geleitet haben, dass sie verborgen blieb vor meinen Sinnen bis auf diese schnöde Zeit, in der ich nun solches von dem heißen Munde der Agla erfuhr?!
HG|3|268|4|0|Und wie kamst du hinter diese fürwahr allerschauderhafteste, wahrhaft satanische Höllenverschwörung? Nur davon gebe mir Kunde, und ich bin dann völlig beruhigt; kannst du aber das nicht, dann sollen alle Löwen, Tiger, Hyänen, Wölfe und Bären deine Gesellschaft werden!“
HG|3|268|5|0|Und der Drohuit sprach darauf: „Freund, was redest du, als wären dir alle Verhältnisse der großen Stadt von Tag zu Tag wie anschaulich bekannt?! Ich sage dir, nur Masken fallen in deine Sinne, aber nimmer die tieferen Verhältnisse!
HG|3|268|6|0|Wer kann dir meine Gedanken entdecken? Kann ich nicht so reden und scheinhandeln, dass du meine Rede und Handlung als verdächtig ansehen musst, während ich in meinen Gedanken einen ganz anderen Plan zu deinem Wohl nur führe?
HG|3|268|7|0|Oder ich kann reden und handeln höchst gerecht vor deinen Augen; kannst du aber auch in meine geheime Gedankenkammer blicken, ob da kein überfein durchdachter Verrat und dein Untergang auf deine Hartnäckigkeit im Großvertrauen auf deine Allwissenheit lauert?
HG|3|268|8|0|Also bemerktest du bei deinen Schönheitsgöttinnen aus ihren Reden und Handlungen auch nicht, wie sie in verborgenen Winkeln Giftbäumchen zu deinem Untergang zogen, und wie sie eine Menge der allerunscheinbarsten, aber desto wirksameren Mordwerkzeuge für dich bereiteten!
HG|3|268|9|0|Warum aber? Denke an die ihnen auferlegte neue Steuer und an das Gebot, dass keine aus ihnen bei Todesstrafe je schwanger werden darf, und du wirst den Grund zu solch einer Verschwörung gar bald einsehen!
HG|3|268|10|0|Wie aber dir die Agla sagte, so sage auch ich, überzeuge dich von allem, und sehe dann erst, ob ich für deine Gesellschaft von Löwen und dergleichen reif bin!“
HG|3|268|11|0|Fungar-Hellan war ganz verdutzt über diese Rede und verlangte nun in den Garten der Schönheitsgöttinnen zu gehen, um sich dort von allem zu überzeugen. Und alsbald zog die ganze Gesellschaft dahin.
HG|3|269|1|1|Fungar-Hellan überprüft die Aussagen Aglas und Drohuits. Die Schönheit Aglas vertreibt Fungar-Hellans Verdacht gegen sie
HG|3|269|1|1|Am 2. Mai 1844
HG|3|269|1|0|Im Garten angelangt, untersuchte Fungar-Hellan sorgfältigst alles – das verlassene große Wohngebäude der Schönheitsgöttinnen, den Tempel und den Garten – und fand überall die Aussagen bestätigt, im Wohnhaus eine große Menge vergifteter Nadeln, die er sogleich in Beschlag nehmen ließ von seinen, ihm hierher folgenden Amtleuten, also auch im Garten das berüchtigte gläserne Lusthäuschen, in dessen Mitte das außerordentlich giftige Bäumchen gar üppig aus dem Erdboden emporwuchs. Das Bäumchen hatte die bezeichnete Gestalt und war am Stamm mit Gifttropfen übersät.
HG|3|269|2|0|Fungar-Hellan wollte sogleich das Bäumchen ausrotten lassen und befahl daher seinen Leuten, das Glashaus samt dem Bäumchen sogleich zu vernichten.
HG|3|269|3|0|Da ergriff die Agla die Hand des Fungar-Hellan und schrie: „Mein allergeliebtester Freund, ich bitte dich um alles, was dir wert und teuer ist in der ganzen Welt, lasse ja dies durchsichtige Haus des Todes nicht nur nicht öffnen durch einen Einbruch, sondern auch nicht öffnen irgend im Geringsten und auch nicht anrühren; denn die Natur dieses Gewächses ist so heftig wirkend, dass durch seine Freistellung nicht nur wir alle samt den Arbeitern, sondern alles im Umfang von wenigstens drei Stunden, was Leben hat, getötet würde!
HG|3|269|4|0|Willst du aber schon dies Bäumchen vernichten, so musst du von sehr harzigem Holz einen gar mächtig großen Scheiterhaufen um das Lusthaus bauen und ihn von allen Seiten anzünden; dadurch allein kannst du dieses Gewächs ohne lebensgefährliche Folgen verderben!“
HG|3|269|5|0|Diese erklärende Abhaltung von der Zerstörung des Giftbäumchens von Seiten der Agla machte den Fungar-Hellan gewaltigst stutzen. Er sah der Abhälterin scharf ins Angesicht und sprach:
HG|3|269|6|0|„Weib, was redest du?! Erkläre mir, woher dir solche Wirkung dieses Bäumchens also bekannt ist, als hättest du es selbst geschaffen!
HG|3|269|7|0|Wahrlich, so gut du es mit mir nun meinst, wenn das die Natur dieses Gewächses ist, ebenso sehr aber machst du dich mir auch durch diese deine Erklärung verdächtig! Wer weiß es, ob nicht etwa du selbst die Pflanzerin dieses Höllengewächses warst?!
HG|3|269|8|0|Ich gebe dir daher noch eine kurze Frist; suche in dieser meinen sehr gegründeten Verdacht von deinem Haupt zu wälzen, sonst wird es mit dir keinen guten Ausgang nehmen! Entkleide dich daher, auf dass du nackt mir die nackte Wahrheit bekennst! Denn fortan sollst du mich nicht mehr täuschen, denn nur zu bestätigt gegründet ist mein Verdacht auf dich! Daher wirst du zu tun haben, einen Fungar-Hellan über deinen Daumen zu drehen!“
HG|3|269|9|0|Diese Aufforderung aber brachte die Agla nicht im Geringsten aus ihrer Fassung; nur sagte sie: „Ich werde mich entkleiden, aber hier in der Nähe dieses Pesthauses nicht, sondern in irgendeinem Wohnzimmer der einstigen Göttinnen!“
HG|3|269|10|0|Darauf begab sich die Gesellschaft ins Wohnhaus und da in ein sehr großes Zimmer.
HG|3|269|11|0|Allda angelangt, entkleidete sich sogleich die Agla, wie es ihr der Fungar-Hellan geboten hatte.
HG|3|269|12|0|Aber diese Entkleidung war eben das Gefährlichste für den stark sinnlichen General. Denn nun erst kamen alle bis jetzt verborgenen Reize dieses schönsten Weibes zum Vorschein, die dieses Weib in einem so hohen Grade besaß, dass bei ihrem Anblick sogleich mehrere Männer zu rasen anfingen und wahnsinnig wurden; fünf aber von ihnen fielen im Augenblick tot darnieder.
HG|3|269|13|0|Und Fungar-Hellan vergaß seinen Verdacht; denn wie die aufgehende Sonne die Nebel in den Tälern verzehrt, also wirkte auch die zu große Schönheit der nackten Agla auf den Fungar-Hellan.
HG|3|269|14|0|Er forderte von ihr nun nichts anderes als ihre Liebe und versprach ihr, alles zu tun und zu gewähren, wodurch er sich nur immer ihrer Liebe wird desto werter machen können.
HG|3|269|15|0|Dass dieser Sieg niemandem angenehmer war als der Agla selbst, das lässt sich leicht denken, indem sie hier sonst offenbar wäre gefangen worden.
HG|3|269|16|0|Gurat und Drohuit sahen hier freilich wie verlierende Spieler dieser Begebenheit zu; aber was war hier anderes zu machen, als dem Fungar-Hellan zu gratulieren?
HG|3|269|17|0|Mit dieser Expedition aber hatte diese Untersuchung ein Ende, und Fungar-Hellan führte die Agla in seinen Palast als sein Weib mit allen Ehren. Und der Drohuit und der Gurat zogen mit langen Gesichtern ebenfalls nach Hause.
HG|3|270|1|1|Drohuit und Gurat planen ihre Flucht und überlisten Agla
HG|3|270|1|1|Am 3. Mai 1844
HG|3|270|1|0|Als die beiden, der Gurat und der Drohuit, zu Hause im Königspalast angelangt waren, da kamen ihnen bald ihre anderen Kebsweiber entgegen und befragten sie, wie die Sache mit der entsetzlichen Agla abgelaufen sei.
HG|3|270|2|0|Und der Drohuit antwortete und sprach: „Geliebte Weiber, schlecht, überschlecht für uns alle! Denn die Agla zerbrach das Gattenband zwischen sich und unserem gnädigen König und gab ihr Herz und ihre Hand, als wäre sie ledig gewesen, von neuem, und zwar dem Fungar-Hellan! Und dieser so ganz eigentliche Meuterer an den geheiligten Rechten des Königs hat dadurch seinen langersehnten Wunsch erreicht. Möge dieser von ihm heute erworbene Gewinn ihm solche Interessen tragen, wie er sie unserem guten König getragen hat! Sonst habe ich keinen Wunsch für ihn!
HG|3|270|3|0|Ich aber war ein ungeheurer Esel, dass ich so fast mein Leben für diese Höllenbestie gewagt habe! Hätte ich sie gegen Fungar-Hellan recht verschwärzt, so lebte sie sicher nimmer; allein ich war dumm genug, sie zu verschönern und so unschuldig und gerecht als möglich zu machen vor dem General!
HG|3|270|4|0|Und das ist nun mein und des Königs Lohn, dass sie uns den Rücken zugewendet hat, und dass wir alle höchstwahrscheinlich in kurzer Zeit die Ehre haben werden, entweder durch eine ganz unschuldige Giftnadel ganz bescheiden ins Gras zu beißen, oder wir werden mit sanften Worten genötigt werden, die Stadt Hanoch auf immer zu verlassen, um dann irgendeine Wohnstätte unter Tigern, Hyänen und Bären zu suchen! Was meinst du, Gurat, habe ich recht oder nicht?“
HG|3|270|5|0|Und der Gurat sprach: „Mein Freund, wenn es auf mich ankäme, da wäre ich der Meinung, wir sollten unsere Schätze heute noch zusammenbringen und bei Nacht und Nebel uns aus dem Staub machen, denn morgen, halte ich wenigstens dafür, dürfte es schon zu spät sein!
HG|3|270|6|0|Daher bestelle du sogleich meine gesamte Dienerschaft, und gebe ihr unter dem strengsten Siegel der Verschwiegenheit unseres und ihres eigenen Wohles wegen diese Weisung: Hundert Kamele sollen tragen unsere Schätze, hundert den Mundvorrat und hundert uns selbst mit allem unserem Gefolge in irgendeine entlegene Gegend der Erde; denn von nun an wird es in diesem großen Weltreich nimmer zu bestehen sein!
HG|3|270|7|0|Das Volk ist bis auf den höchsten Grad verdummt, und die Besseren sind aus lauter Trug, List, Heuchelei und Politik zusammengesetzt; der eigentliche Herrscher ist aber ohnehin unser Feind und wird es nun umso mehr sein, da er sicher streng nach der Pfeife der Agla tanzen wird, die uns sicher hassen wird, da wir ob ihrem Verlust nicht alsogleich über alle Maßen aus lauter Verzweiflung haben zu rasen angefangen!“
HG|3|270|8|0|Hier sah Drohuit zum Fenster hinaus und erblickte zu seinem großen Erstaunen die Agla mit Fungar-Hellan sich dem Palast nahen und zeigte solches dem König an.
HG|3|270|9|0|Als der König solches bemerkte, da schrie er: „Um alle Geister, da sind wir verloren!“
HG|3|270|10|0|Der Drohuit aber, da er alle Weiber weggeschafft hatte, sagte zum Gurat: „Freund, nun heißt es: List gegen Grausamkeit! Nur geschwinde unsere Kleider zerrissen, dann sich auf den Boden geworfen und geheult und ganz entsetzlich getrauert, und es wird alles wieder gut werden!“
HG|3|270|11|0|Gurat und Drohuit taten das sogleich, und als sie kaum ein paar Minuten also geheult hatten, da kam auch schon die Agla mit dem General zur Türe herein und ging ganz gerührt zu den beiden, und zwar zum Gurat und fragte ihn, was ihm denn fehle.
HG|3|270|12|0|Und dieser, sich leicht ermannend, schrie: „O Agla, Agla, du Himmlische! Du fehlst mir; dieser Schmerz verzehrt mich! Ich musste dich wohl äußerlich von mir lassen; aber ach, mein Herz, mein Herz, das kann sich nimmer von dir trennen!“
HG|3|270|13|0|Hier vertröstete die Agla den König und sprach: „So weine doch nicht so sehr! Siehe, ich bin ja wieder bei dir und werde bei dir bleiben und dich lieben mit aller Zärtlichkeit, und Fungar-Hellan bleibt auch unser innigster Freund!“
HG|3|270|14|0|Hier erhob sich Gurat wieder und fiel der Agla wie dem Fungar-Hellan um den Hals. Und so ward auch der Drohuit aufgerichtet.
HG|3|270|15|0|Doch nächstens die Folge.
HG|3|271|1|1|Drohuits Lügenrede vor Agla
HG|3|271|1|1|Am 4. Mai 1844
HG|3|271|1|0|Als sich auch der Drohuit von seiner Scheintrauer erholt hatte, natürlich nur nach Art der Komödianten, da ging er auch ganz schüchtern hin und küsste der Agla das Kleid, grüßte mit der tiefsten Ehrerbietung den Fungar-Hellan und sagte dann zu ihm:
HG|3|271|2|0|„Ich habe es ja dem in die volle Verzweiflung übergehen wollenden Gurat zum beruhigenden Trost gesagt: ‚Freund, lasse dich trösten, vertraue auf die Götter, und vertraue hoch deinem alleraufrichtigsten und edelsten Freund, und baue wie auf einen marmornen Grund auf die Liebe der himmlischen Agla, und du wirst dich bald überzeugen, dass diese Sache ein ganz anderes Gesicht hat, als du es dir in deiner immensen Trauer vorstellst!‘ Aber diese Worte fruchteten nichts bei ihm, und er raste nach wie zuvor.
HG|3|271|3|0|Nach einer Weile ergriff ich seine Hand und sprach wieder also zu ihm: ‚Freund, König des großen Reichs, Gurat, höre mich! Du tust grundirrig, wenn du den Charakter der himmlischen Agla nur im Geringsten irgend dem unsrigen gleichstellst! Denn siehe, sie ist eine Tochter eines Menschen auf jenen heiligen Höhen, die von den ersten Menschen der Erde bewohnt waren; wir aber sind ja keine Menschen mehr, sondern nur kaum matte Schatten der Menschheit!
HG|3|271|4|0|Daher sollen wir uns zur Agla auch wie Schatten verhalten, denn sie allein ist noch menschliche Realität und wir nur kaum ihr Schatten in der Abendsonne und dünken uns groß zu sein in unseren Charakteren, während wir doch alle zusammen, was Charakter betrifft, vor der himmlischen Agla nichts sind!
HG|3|271|5|0|Wollen wir aber nur einigermaßen auf die hohe Ehre, Menschen zu werden, Anspruch machen, da müssen wir mit der Agla wie ein Schatten mit dem Leib wandeln und nie denken, sie könnte sich an unserer Natur versündigen!‘
HG|3|271|6|0|Als ich solches zum Gurat geredet hatte, da ward er etwas ruhiger, aber dennoch immer noch sehr leidend, und fiel bald wieder in seine grenzenlose Traurigkeit und schrie: ‚Agla ist mein Herz, und Fungar-Hellan mein Haupt! Keines kann ich verlieren ohne Verlust meines Lebens, und doch ist hier eines dahin, Agla oder Fungar-Hellan!‘
HG|3|271|7|0|Da ich solches von ihm vernahm und daraus ersah, dass bei ihm alle meine gegründetste Tröstung ganz fruchtlos blieb, da überfiel mich selbst eine tiefe Schwermut, und ich sank ebenfalls in eine große Traurigkeit dahin!“
HG|3|271|8|0|Auf diese Rede, oder besser, auf diese reinste Lüge aus dem Stegreif ging die Agla ganz durch und durch gerührt zum noch sehr verstört aussehenden Redner, ergriff seine Hand, drückte sie an ihr Herz und sprach:
HG|3|271|9|0|„Du hast dich noch allezeit als mein Freund bewährt und standest darum bei mir noch allezeit in großen Gnaden; aber so sehr, wie diesmal, hast du dich noch nie als mein, des Königs und des Fungar-Hellan Freund bewährt! Darum aber will ich dich auch also belohnen, wie bis jetzt noch niemand in dieser Stadt belohnt worden ist!
HG|3|271|10|0|Siehe, ich habe noch zwei Schwestern, die mir an Schönheit nicht nachstehen! Diese will ich kommen lassen, eine für dich und eine für den Fungar-Hellan, auf dass ich dem Gurat bleibe; und ich meine, dieser Preis wird um uns ein Band schlingen, das keine Macht je zerreißen soll!“
HG|3|271|11|0|Mit diesem Antrage waren aber auch alle zufrieden, und es wurden sogleich Anstalten getroffen, diese Schwestern von der Höhe zu holen.
HG|3|272|1|1|Eine Karawane zieht los, um Pira und Gella zu holen, die beiden Schwestern Aglas. Begegnung mit den Hirten Mahals
HG|3|272|1|1|Am 6. Mai 1844
HG|3|272|1|0|Eine ganze Karawane von tausend Mann wurde beordert, zu holen die beiden Schwestern, die da hießen Pira und Gella.
HG|3|272|2|0|Als diese Karawane aber den halben Weg zurückgelegt hatte, da fand sie eine schöne Gebirgstrift, auf der mehrere Hirten eine große Herde von Schafen und Ziegen weiden ließen und hüteten wohl diese Herde vor reißenden Tieren. Diese Hirten hatten Hütten und waren bewaffnet mit Schwertern, Schleudern und Spießen.
HG|3|272|3|0|Der Karawanenführer aber fragte einen dieser Hirten, ob er nicht kennte eines gewissen Mahal beide Töchter, die Pira und die Gella.
HG|3|272|4|0|Und der Hirte sprach: „Woher seid ihr, dass ihr fragt nach den schönen Töchtern meines Herrn? Es hatte mein Herr wohl drei Töchter und zwei Söhne; einen Sohn aber hat er müssen in die Tiefe senden, auf dass er predigen möchte die Buße zur Vergebung der Sünde vor Gott oder das nahe Gericht, so sich die Tiefe nicht bekehren möchte. Und so ging dieser Sohn und kam bis jetzt nicht wieder zurück.
HG|3|272|5|0|Also ging auch eine schöne Tochter, die da Agla hieß, verloren; wir wissen noch bis zur Stunde nicht, wohin sie kam. Wer weiß, ob sie nicht einer ähnlichen Karawane in die Hände kam und ward dadurch ein Raub der Tiefe! Sagt uns daher zuvor, woher ihr seid, und wer euch hierher gesandt hat, dann sollt ihr Auskunft über Pira und Gella erhalten!“
HG|3|272|6|0|Und der Karawanenführer sprach: „So hört mich an, ihr ehrlichen Hirten eures Herrn! Agla selbst hat uns hierher gesandt, dass wir ihre beiden Schwestern zu ihr bringen sollen! Agla aber ist nun eine große Königin in der Tiefe und gebietet über den halben Erdkreis mit unumschränkter Macht, und wir selbst sind ihre Diener. Waltar, ihr Bruder, ist gestorben. Wie, das wissen wir nicht; sein Haupt aber haben wir gesehen, einbalsamiert in einer kristallenen Urne, die aufgestellt ist im Tempel der großen Göttin Naëme!“
HG|3|272|7|0|Als die Hirten solches vernommen hatten, da sagte der Erste aus ihnen: „Ich habe aus deinem Gespräch entnommen, dass du die Wahrheit geredet hast! Also mögt ihr hier verharren bis morgen; alsdann wird kommen der Mahal mit seinen beiden Töchtern, und ihr könnt dann mit ihm selbst unterhandeln seiner Töchter wegen.
HG|3|272|8|0|Wenn er von euch gewissenhaft erfährt, dass seine Agla Königin in der Tiefe ist, allda eine große Stadt sein soll, von der wir freilich wohl keinen Begriff haben, dann wird er wahrscheinlich selbst mit euch ziehen und wird besuchen seine Tochter, um die er so viel geweint hat, als sie verlorenging!“
HG|3|272|9|0|Als die Karawane solches vernommen, da blieb sie bei diesen Hirten und erwartete am nächsten Morgen den Mahal mit den beiden Töchtern.
HG|3|273|1|1|Das Wort des Herrn an die Hirten. Begegnung der Karawane mit Mahal und den Seinen
HG|3|273|1|1|Am 7. Mai 1844
HG|3|273|1|0|Als diese Nacht vorüber war, in der wie gewöhnlich diese Hirten recht viel mit den wilden Tieren zu kämpfen hatten, und die Sonne im Aufgang stand, da fielen alle die Hirten nieder und lobten und priesen Gott, darum Er ihnen in dieser Nacht gegen die wilden Tiere also mächtig schützend und streitend beigestanden war, und baten Ihn um Seinen ferneren Beistand.
HG|3|273|2|0|Eine Stimme aber, wie ein mächtiger Donner, kam durch die Luft und sprach zu den Hirten: „Treibt nach Hause die fette Herde, und tut sie in den Stall Meines Knechtes Noah! Denn sein Bruder Mahal wird fürder dieser Herde nicht bedürfen; denn heute hat er beschlossen, mit seinen Töchtern hinabzuziehen in die Tiefe, die verflucht ist, um sein Glück zu suchen.
HG|3|273|3|0|Noah aber wird euch eine Arbeit geben, die Ich ihm anzeigen werde. Werdet ihr treu vollziehen Meinen Willen an dem Noah, da werde Ich euch am Tag des Gerichtes nicht schmecken lassen Meinen Grimm; werdet ihr aber murren in der Vollziehung Meines Willens, da sollt ihr in der letzten Angst, da der Tod über euch kommen wird, Meinen Grimm verkosten! Also geschehe es!“
HG|3|273|4|0|Als die Hirten solche Stimme vernommen hatten, da fielen sie alsogleich zur Erde nieder und gaben Gott die Ehre.
HG|3|273|5|0|Als sie sich aber wieder von der Erde erhoben, da ging der Karawanenführer zu einem der Hirten und fragte ihn, was denn das für ein Gedonner gewesen sei, und ob die Hirten den Donner verstanden hätten, indem sie selben mit sichtlicher Aufmerksamkeit angehört hätten.
HG|3|273|6|0|Und der Hirte sprach: „Dieser Donner war kein gewöhnlicher Donner, denn ein gewöhnlicher Donner kommt nicht aus klarer Luft! Dieser Donner war die Stimme Gottes an uns und hat uns geboten, dies und jenes zu tun, und zeigte uns an, dass Mahal, unser bisheriger Herr, aufhören wird, ein solcher uns fürder zu sein; denn er wird ziehen in die verfluchte Tiefe mit seinen Töchtern, um dort zu suchen ein neues Glück! So ihr hier harrt, da werdet ihr sicher bald ihn mit seinen Töchtern empfangen können!“
HG|3|273|7|0|Nach diesen Worten fingen die Hirten an, die Herde zusammenzurufen und mit ihr den Weg zu Noah anzutreten, und verließen also die Karawane; diese aber wartete bis nahe zum Abend, und der Mahal kam nicht zum Vorschein.
HG|3|273|8|0|Da sprach der Führer: „Warum aber waren wir auch so dumm und ließen die Hirten ziehen? Weiß es wer aus uns, was diese ihm nun vielleicht angetan haben, so er ihnen untergekommen ist?! Machen wir uns daher auf den Weg und ziehen ihm entgegen, vielleicht bedarf er dringendst unserer Hilfe!“
HG|3|273|9|0|Auf diese Worte erhob sich sogleich die ganze Karawane und zog aufwärts.
HG|3|273|10|0|Als sie bei drei Stunden gegangen war, siehe, da kam ihnen eine ganze Gesellschaft unter, in deren Mitte sich Mahal befand mit seinen zwei Töchtern und einem Sohn; die Karawane aber, nachdem sie die Gesellschaft befragt hatte, zeigte dem Mahal bald alles an, was er zu wissen brauchte.
HG|3|273|11|0|Als Mahal aber solche günstigen Dinge erfuhr, da verabschiedete er alsbald seine Begleitung und zog gar heiteren und frohen Mutes mit der jubelnden Karawane in die Tiefe.
HG|3|274|1|1|Die Ankunft und Aufnahme von Mahal und den Seinen in Hanoch
HG|3|274|1|1|Am 8. Mai 1844
HG|3|274|1|0|Es führte aber der Weg vom Gebirge, der wohl der schlechteste und am wenigsten betretene war, gerade durch den Garten der Schönheitsgöttinnen nahe am offenen Tempel vorüber, und unsere Wanderer vom Gebirge mussten sonach durch diesen verdächtigen Garten und nahe an den Tempel kommen.
HG|3|274|2|0|Der Tempel ward aber in keiner Zeit mehr besucht als gerade in dieser Zeit, als sich die Kunde allenthalben verbreitet hatte von allem dem, was sich hier ereignet hatte; und so fand denn auch unsere Gesellschaft, bei der eben nun nichts lebendiger als ihre Neugierde war, eine Menge Besucher bei dem Tempel und wollte selbst denselben in Augenschein nehmen.
HG|3|274|3|0|Der Karawanenführer aber sagte zum Mahal und sprach: „Würdigster Greis und allererlauchtester Vater unserer großen Königin Agla! Siehe, es ist ein starkes Volksgedränge! Wir bräuchten eine Stunde, um nur in die Nähe des Tempels zu gelangen; in den Tempel selbst zu kommen aber ist nun eine offenbare allerreinste Unmöglichkeit!
HG|3|274|4|0|Daher begnüge dich einstweilen mit diesem Anblick von der geringen Ferne! Wenn du aber dieses alles näher ansehen willst, da wirst du das alles zu besichtigen gar leicht in der Gesellschaft des Königs imstande sein; denn wenn der König kommt, da weicht alles Volk plötzlich und macht allerehrerbietigst dem König Platz!“
HG|3|274|5|0|Auf diese Erklärung fügte sich Mahal und zog mit der Karawane weiter.
HG|3|274|6|0|Als er in die Stadt kam, da wollte sein Staunen kein Ende nehmen. Bei jedem Palastgebäude blieb er stehen und bewunderte es über die Maßen.
HG|3|274|7|0|Desgleichen waren auch seine Kinder voll Staunen. Der Sohn, namens Kisarell, fragte öfter, ob das wohl auch Menschenwerke seien.
HG|3|274|8|0|Also zogen die glänzenden Kaufgewölbe die Augen der beiden Töchter ganz entsetzlich mächtig an, und eine wie die andere fragte bei jedem neuen Lager, ob so schöne Sachen zu bekommen seien, und wem sie wohl gehörten.
HG|3|274|9|0|Der Führer redete sich nahe heiser vor lauter Erklärungen und war sehr froh, als er nach vier Stunden den großen Palastplatz erreicht hatte.
HG|3|274|10|0|Als aber die Karawane vor dem Palast aufzog, da kamen ihr sogleich der König, die Königin, der Fungar-Hellan und der Drohuit mit einem überaus glänzenden Hofstaat entgegen und empfingen die ganze Gesellschaft auf das Allerfreundlichste und führten sie in den Palast.
HG|3|274|11|0|Mahal konnte sich aus lauter Freude gar nicht helfen, da er seine geliebteste und so viel beweinte Tochter in so glücklichen Umständen wiederfand.
HG|3|274|12|0|Und der Fungar-Hellan machte sich sogleich an die Pira, die ihn gleich beim ersten Anblick bezaubert hatte, und befragte sie über verschiedenes, worüber ihm die Pira gar naive Antworten gab, was dem General über die Maßen wohlgefiel.
HG|3|274|13|0|Desgleichen fand auch der Drohuit an der Gella sein unschätzbares Vergnügen.
HG|3|274|14|0|Die Agla aber lag ihrem Vater und ihrem Bruder Kisarell ganz wonnetrunken in den Armen und konnte kaum reden vor Seligkeit.
HG|3|274|15|0|Gurat aber bestellte sogleich eine große Mahlzeit und ließ sogleich königliche Kleider für die neuangekommenen Verwandten bringen.
HG|3|274|16|0|Also war diese Familie in Hanoch aufgenommen.
HG|3|275|1|1|Mahals unzerstörbares Kleid und sein hohes Alter
HG|3|275|1|1|Am 9. Mai 1844
HG|3|275|1|0|Als die königlichen Kleider herbeigeschafft waren und die Ankleidemeister und -meisterinnen dastanden, da trat der Gurat zum Mahal und ersuchte ihn, seine harte Gebirgskleidung mit der weichen königlichen zu vertauschen.
HG|3|275|2|0|Der Mahal aber gedachte hier seines Gottes und sprach: „Mein hoher Schwiegersohn! Siehe, ich habe ein hohes Alter und habe gar viele Könige in der Tiefe durch- und überlebt!
HG|3|275|3|0|Mein Bruder Noah kennt noch die Zeiten Lamechs, und ich habe den Uraniel gekannt, der dem Thubalkain gefolgt ist, und dann die tausend Räte, und dann den Ohlad, der aus den Räten hervorgegangen ist und den Tempel Lamechs wieder eröffnet hat.
HG|3|275|4|0|Und siehe, dieses Kleid, das jetzt meine Blöße decket, hat mir durch Jahrhunderte gedient und ist unzerstörbar, denn es ist noch mit der Wurfschütze gewebt worden, die Jehova den ersten Menschen dieser Erde gereicht hat! Welch ein Undank gegen Gott aber wäre das wohl, so ich das unzerstörbare Kleid, das meinen Leib nahe fünfhundert Jahre vor Hitze und Kälte geschützt hat, nun ablegen möchte und anziehen dies weiche Königskleid!
HG|3|275|5|0|Siehe, dies Kleid ist nicht prunkisch und hat keinen Glanz; aber es ist dennoch köstlicher denn alle deine mit Gold und Edelsteinen verzierten Kleider! Denn alle deine Kleider schmutzen und müssen dann wieder gereinigt werden; dies mein Kleid aber, das nun gut vierhundert Jahre auf meinem Leib hängt, schmutzt nie und hält dennoch den Leib rein.
HG|3|275|6|0|Darum werde ich nie ein Kleid anziehen, das da schmutzt, sondern werde bei dem verbleiben, das nicht nur nicht schmutzt, sondern dazu noch allen Schmutz des Leibes verzehrt und dem Leib dadurch die dauerhafteste Gesundheit gibt!“
HG|3|275|7|0|Gurat erstaunte sich über diese Beharrlichkeit und wandte sich heimlich an die Agla und fragte sie, was da wohl zu machen sein werde.
HG|3|275|8|0|Diese aber sprach: „Lasse ihm nur seinen Willen! Ich kenne ihn; was er heute nicht will, und man lässt ihm seinen Willen, das tut er am nächsten Tag! Er hält noch große Stücke auf den alten Gott, aber wenn es darauf ankommt, sich irgend zu sehr zu verleugnen, da kann er schon auch sündigen wie wir!
HG|3|275|9|0|Rede jedoch heute nichts mehr vom Überkleiden, sonst wirst du ihn willensstarr machen; aber am Abend lege die weißen Kleider in sein Schlafgemach, und er wird sie morgen selbst anziehen, wennschon nicht pur, so doch über sein unverwüstliches Kleid!“
HG|3|275|10|0|Darauf fragte der Gurat ebenfalls insgeheim, ob das alles wahr sei, was ihr Vater da von seinem rätselhaft langen Leben und seinem Kleid geredet habe.
HG|3|275|11|0|Und die Agla sprach: „Das kannst du ihm aufs Wort glauben; denn er war ja schon nahe vierhundert Jahre alt, als er sich ein Weib nahm! Und an uns, seinen Kindern, kannst du es klar merken, da wir doch alle schon euer Greisenalter haben und haben aber dabei doch das Aussehen, als wären wir in eurem zartesten Jünglingsalter noch!“
HG|3|275|12|0|„Ja“, sprach der Gurat, „das ist wahr, jetzt glaube ich! Das ist aber im Ernst wunderbar! Sollte aber das wohl dies Kleid bewirken?“
HG|3|275|13|0|Und die Agla sprach: „Das bewirkt allein der alte Gott, der der alleinige Gott ist und hat keinen anderen außer Sich ewig! Doch nun nichts mehr weiter, denn die Mahlzeit ist da! Morgen aber sollst du erst deine Agla von der wahren Seite kennenlernen! Und so gehen wir nun in den Speisesaal!“
HG|3|276|1|1|Mahal und die Seinen an der königlichen Tafel. Agla lässt heimlich das Haupt Waltars einmauern. Mahal zieht königliche Kleider an
HG|3|276|1|1|Am 10. Mai 1844
HG|3|276|1|0|Darauf begab sich die ganze Gesellschaft zur Tafel, die mit den kostbarsten Speisen besetzt war, von denen aber jedoch der Mahal wenig genoss; denn sein Gaumen war an derlei Leckereien nicht gewöhnt, und noch weniger sein gesunder Gebirgsmagen.
HG|3|276|2|0|Aber desto besser ließen sich’s die Pira und die Gella schmecken; denn die trieb die Neugierde dazu an, eine jede Speise zu verkosten, wennschon nicht in größeren Portionen sie zu verschlingen.
HG|3|276|3|0|Nach der Mahlzeit unterhielt man sich mit gleichgültigen Dingen und vertrieb sich die Zeit mit süßem Nichtstun.
HG|3|276|4|0|Nur der Mahal fragte ein paarmal die Agla nach Waltar, erhielt aber stets eine ausweichende Antwort und wusste darob nicht, wie er daran war.
HG|3|276|5|0|Die Agla aber sandte insgeheim mehrere ihrer Diener in den Garten mit dem Auftrag, das Haupt Waltars zu verbergen, und zwar durch eine Einmauerung in eine Gartenmauernische, da dieser Garten am abseitigsten war, und das bei Todesstrafe unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit.
HG|3|276|6|0|Dieser Befehl wurde auch am Morgen des nächsten Tages pünktlichst vollzogen; denn die dafür beorderten Diener der Agla sprachen unter sich: „Hier heißt’s genau gehorchen, denn hat sie ihres eigenen Bruders nicht geschont, da würde sie unser noch weniger schonen! Daher heißt es schweigen!“
HG|3|276|7|0|Als am nächsten Tag morgens die Arbeiter zurückkamen, da zeigten sie der Agla sogleich alles an, wie und wohin sie das Haupt Waltars verborgen hatten.
HG|3|276|8|0|Und die Agla belohnte sie, und gab ihnen noch einmal das Gebot, zu schweigen, sogar vor dem König und vor dem General und vor dem Drohuit.
HG|3|276|9|0|Und die Diener gelobten solches alles auf das Heiligste und gingen dann ihres Weges.
HG|3|276|10|0|Als aber die Hauptgesellschaft wieder im Hauptsaal zusammenkam, da vermisste man den Mahal.
HG|3|276|11|0|Man ging sogleich nachzusehen, wohin er etwa seine Sinne gewendet hätte, dass er nicht zum Vorschein käme.
HG|3|276|12|0|Als man sein Gemach betrat, da fand man ihn beschäftigt, wie er gerade über sein unverwüstliches Kleid die Königskleider anprobierte.
HG|3|276|13|0|Man belobte ihn darum und zog ihn dann bald unter tausend Schmeicheleien in den Hauptsaal, allwo schon ein gutes Frühstück bereitet dastand.
HG|3|276|14|0|Und so war schon an diesem nächsten Tag die ganze Familie aus der Höhe in königlichen Kleidern und gefiel sich sehr darinnen.
HG|3|276|15|0|Was weiter, – in der Folge.
HG|3|277|1|1|Fungar-Hellan bekommt Gella und Pira. Drohuit wird König, Agla seine Gemahlin
HG|3|277|1|1|Am 11. Mai 1844
HG|3|277|1|0|Nach dem Frühstück erhob sich der Fungar-Hellan und sprach zur Agla: „Agla, du Zierde der Schönheit aller Weiber der Erde! Außer dir sind nur deine beiden Schwestern in deiner Schönheit! Mir gefällt die Gella ebenso gut wie die Pira, und wahrlich, es wird mir hier die Wahl schwer!
HG|3|277|2|0|Wenn ich aber so ganz vom Herzen aufrichtig sprechen soll, da sage ich: Ich möchte lieber alle zwei zu meinen festen Weibern, als nur eine aus den zweien mir nehmen! Möchte sich der Drohuit dazu bekennen, da würde er sich an mir einen gar mächtigen Freund bilden; aber es soll das seinem freien guten Willen bloßgestellt sein!“
HG|3|277|3|0|Als die Agla solches vom Fungar-Hellan vernommen hatte, da wandte sie sich sogleich an den Drohuit und sagte geheim zu ihm: „Mein geliebter Drohuit, hast du den Wunsch des Fungar-Hellan vernommen? Was sagst du dazu?“
HG|3|277|4|0|Und der Drohuit sprach: „Leider! Was aber wird da zu machen sein? Nichts, als aus lauter Politik dem eigenen Herzen Fesseln anzulegen, in den sauren Apfel zu beißen und zum bösen Spiel eine gute Miene zu machen! Nur der Gedanke, der mich deiner Liebe, o himmlische Agla, versichert, kann mich für solchen Verlust trösten, sonst müsste ich nun aus lauter Gram zugrunde gehen!“
HG|3|277|5|0|Als die Agla aber solche ihr sehr angenehme Rede von ihrem Hauptmann vernommen hatte, da sprach sie zu ihm: „Ja, Drohuit, in meinem Herzen sollst du den tausendfachen Ersatz finden! Gehe aber nun zum Fungar-Hellan, und gewähre ihm, was er wünscht, und es wird dann alles gut gehen!“
HG|3|277|6|0|Und der Drohuit erhob sich und ging hin zum General und sprach zu ihm: „Freund, du verlangst zwar einen schweren Preis, für den ich sonst selbst die ganze Welt gäbe; aber um dir zu zeigen, dass auch du mir mehr bist als eine ganze Welt, so will ich dir als meinem größten, innigsten und mächtigsten Freund wohl dieses Opfer bringen! Und somit trete ich dir aus der ganzen Tiefe meines Herzens meine Gewählte ab, und segne dich damit und dadurch mit aller meiner schon ganz sicher gemeinten künftigen Seligkeit!“
HG|3|277|7|0|Hier umarmte Fungar-Hellan den Drohuit, gab ihm einen Kuss und sagte dann zu ihm: „Drohuit, so wahr ich Fungar-Hellan heiße und alle Macht in meinen Händen habe, so wahr auch soll dir dieses Opfer Interessen tragen, von denen bis jetzt der Welt noch nichts geträumt hat!
HG|3|277|8|0|Vorderhand sage ich dir nichts anderes als: Drohuit, du bist König – und der Gurat nichts als ein eitler Figurant! Die Agla ist somit dein, und du kannst den Gurat, der sehr dumm geworden ist und schwach, dabei recht gut leben und figurieren lassen des Volkes wegen; was aber die Macht betrifft, so liegt diese in meinen und deinen Händen.
HG|3|277|9|0|Siehe, das ist meine Vorauszahlung; was aber auf diese erst nachträglich folgen wird, davon wird dich die Zukunft unterweisen!“
HG|3|277|10|0|Nach diesen Worten küssten sich die beiden Freunde wieder, und der Drohuit war nun mit solchem Gewinn für sein Opfer vollkommen zufrieden und ging sogleich zur Agla hin und zeigte ihr solches an.
HG|3|277|11|0|Und die Agla ergriff sogleich die Hand des Drohuit, drückte sie an ihre Brust und sprach: „Nun ist mein Wunsch erfüllt! Du bist nun mein!“
HG|3|278|1|1|Mahal erkennt das Regiment der Hölle in der Tiefe
HG|3|278|1|1|Am 13. Mai 1844
HG|3|278|1|0|Es vernahm aber auch der alte Mahal so manches, was da abgemacht ward, und somit auch, dass seine beiden Töchter an den Fungar-Hellan als Weiber eines Mannes vergeben sind. Er ging darum zur Agla und begehrte von ihr darob einen näheren Aufschluss.
HG|3|278|2|0|Die Agla aber sprach: „Höre, du lieber Vater! Auf der schroffen Höhe hättest ganz natürlicherweise du gefragt werden müssen, ob deine Töchter einen Mann und was für einen Mann nehmen dürfen; aber dahier ist eine ganz andere Ordnung der Dinge, und vermöge dieser muss dir alles recht sein, was da die ersten Machthaber des großen Reiches bestimmen und wollen.
HG|3|278|3|0|Die Machthaber aber sind eben jener Mann, der deine zwei Töchter zu Weibern nimmt – was für dich und sie ein unaussprechliches Glück ist –, dann ich, deine Tochter Agla als Königin dieser Stadt und des ganzen, endlos großen Reiches, und endlich der Drohuit, jener junge, stattliche Mann, der soeben mit dem Generaloberpriester Fungar-Hellan sich bespricht.
HG|3|278|4|0|Mit diesen drei Machthabern musst du dich in der steten und besten Freundschaft zu erhalten suchen, so wirst du unter ihnen das sorgloseste Leben haben; im Gegenteil aber möchtest du, obschon mein Vater, große Verdrießlichkeiten und Fatalitäten zu bestehen haben! Sei daher nur still und zeige dem Fungar-Hellan eine große Freude, dass er deine Töchter zu Weibern gewählt hat; denn durch diese Wahl bist auch du groß geworden!“
HG|3|278|5|0|Als der Mahal solches von seiner Agla vernommen hatte, da fing er schon ein wenig zu merken an, wo er so ganz eigentlich zu Hause war; darum fing er sich auch schon an, ganz leise hinter den Ohren zu kratzen, und sagte etwas leise zur Agla:
HG|3|278|6|0|„Ich sehe wohl, dass es hier also ist, und will zu jeglichem Spiel eine gute Miene machen deinetwegen. Aber sage mir: Was ist demnach der König, wenn du, der Fungar-Hellan und der Drohuit die höchsten Personen im Reich seid? Und was wird aus meinem Sohn Kisarell werden allhier?“
HG|3|278|7|0|Und die Agla sprach: „Der König Gurat ist ein schwacher Freund Fungar-Hellans und ist dumm! Daher steckt er wohl in Kleidern des Königs und figuriert als solcher, aber er hat keine Macht! Drohuit aber ist der eigentliche König, und ich bin sein Weib; den hast du demnach anzuhören und alles zu befolgen, was er hier anordnen wird!“
HG|3|278|8|0|Und der Mahal fragte die Agla weiter: „Wenn hier alles also bestellt ist, was ist demnach die Macht Gottes bei euch? Wird Gott von euch nimmer zu Rate gezogen?“
HG|3|278|9|0|Da zeigte die Agla mit der Hand auf die Stirne und sprach: „Siehe, da sitzt der Rat Gottes! Den soll der Mensch ausbilden und dann handeln danach, dann handelt er sicher nach dem Rat, den ihm Gott für alle Zeiten der Zeiten gegeben hat! Oder kennst du einen bessern?“
HG|3|278|10|0|Hier schwieg der Mahal, denn er erkannte nun klar, dass da in der Tiefe die Hölle ihr Regiment aufgerichtet hatte.
HG|3|278|11|0|Die Agla aber begab sich zum Fungar-Hellan und redete etwas Geheimes mit ihm.
HG|3|279|1|1|Kisarell wird zum Residenzplatzwachtmeister ernannt. Mahal prophezeit den baldigen Untergang der Stadt und erkennt den Tod Waltars
HG|3|279|1|1|Am 14. Mai 1844
HG|3|279|1|0|Das aber, was die Agla geheim mit dem Fungar-Hellan redete, bestand darin, ob er den Bruder Kisarell nicht irgendwo unterbringen möchte in der Art, dass dieser irgendeine amtliche Bestimmung hätte, – worauf ihr der Fungar-Hellan vorschlug, dass ihn die Agla zum Residenzplatzwachtmeister ernennen solle, von wo aus sich dann für ihn eine Menge Wege eröffnen könnten, auf denen er in einen stets höheren Rang emporrücken könne, wenn er sich dafür bei dieser ersten Anstellung taugliche Fähigkeiten erwerben werde.
HG|3|279|2|0|Als die Agla solches vom Fungar-Hellan erfahren hatte, da begab sie sich sogleich zu ihrem Vater und sprach zu ihm: „Da du mich ehedem auch wegen deines Sohnes künftiger Bestimmung gefragt hast, so sage ich dir: er ist schon zum Residenzplatzwachtmeister ernannt, was hier eine sehr ehrenvolle Charge ist! Und wird er sich da gut verwenden und wird sich durch fleißiges Lesen und Studieren höhere Erkenntnisse zu eigen machen, dann wird er auch gar bald und leicht in ein höheres Amt vorrücken! Bist du mit dieser höchst vorteilhaften Bescherung für Kisarell zufrieden oder nicht?“
HG|3|279|3|0|Und der Mahal sprach: „Tochter, ich bin ja mit allem zufrieden; aber eines muss ich dir, die du sicher des Gottes Adams, Seths und Henochs nicht so ganz vergessen haben wirst, aus der sehr mager gewordenen Höhe kundgeben, und dieses Eine besteht darin:
HG|3|279|4|0|Macht euch, ihr alle Großmächtigen dieses Reiches, bei eurer gegenwärtigen Verfassung nicht gar lange und vorteilhafte Pläne; denn so, wie jetzt bei euch die Dinge stehen, kann es unmöglich lange mehr bestehen, da ihr alle von Gott gänzlich abgewichen seid, und seid übergegangen in ein reines Götzentum menschlicher Menschanbetung und dadurch in ein von Gott allerentferntestes, finsterstes Welttum!
HG|3|279|5|0|Ich sage dir, noch höchstens siebzehn Jahre, und von eurer Größe und von eurer Stadt wird keine Spur mehr anzutreffen sein! Darum werde ich euch auch wieder verlassen und werde zu meinem Bruder Noah auf die Höhe ziehen; nur möchte ich zuvor noch Waltar sehen und sprechen!“
HG|3|279|6|0|Die Agla ward darüber ein wenig frappiert, half sich aber bald und sprach: „Tue, was du willst, von uns aus soll dir kein Anstand gemacht werden! Was aber Waltar betrifft, so wird es schwerhalten, denselben je wieder zu Gesicht zu bekommen, da er auf neue Weltentdeckungen ausgereist ist von uns und hat uns alle einmal für allemal verlassen, und das darum, weil ich ihm als Schwester doch nicht zu seinem Weib habe die Hand reichen können!“
HG|3|279|7|0|Hier ward der Mahal ganz erregt, biss sich aber in die Lippen und sprach nach einer Weile nichts als: „Also ist Waltar tot! Agla, Agla! Dich wird der Herr schwer strafen!“
HG|3|279|8|0|Darauf bedeckte er sein Gesicht und weinte.
HG|3|280|1|1|Mahals Wehklage. Fungar-Hellan versucht das Götzentum mit dem materiellen Wohlstand des Volkes zu rechtfertigen
HG|3|280|1|1|Am 15. Mai 1844
HG|3|280|1|0|Es bemerkte aber der Fungar-Hellan, dass der alte Mahal weinte, und ging hin und fragte ihn um den Grund seiner Wehmut.
HG|3|280|2|0|Und der Mahal sprach: „O du Mächtiger dieses Reiches, das zu allen Zeiten von Gott dem Herrn so große Gnaden und Erbarmungen genoss, wüsstest du, was ich in diesem Augenblick weiß, da würdest auch du weinen mit mir und möchtest gar gewaltig wehklagen!
HG|3|280|3|0|Denn siehe, der Herr hat mir jetzt ein inneres Licht gegeben, und in diesem Licht erschaue ich eure großen Gebrechen vor Gott und sehe auch euer aller Untergang! Wie sollte ich da nicht weinen?!
HG|3|280|4|0|Mein Sohn Waltar, von Gott zu euch als ein Prophet gesandt, ist von euch getötet worden im Geiste, – wer weiß es, ob nicht auch dem Leibe nach!?
HG|3|280|5|0|Doch, so ihr ihn tausend Male am Leibe getötet hättet, da würde ich lachen dazu, denn mein Sohn wäre vor Gott dennoch lebendig geblieben im Geiste; da ihr aber seinen Geist getötet habt, so ist er tot und verloren auf ewig!
HG|3|280|6|0|Und also wird es mit allen diesen meinen Kindern gehen! Die Agla ist schon dreifach tot, und der Kisarell und die Pira und die Gella werden es bei solcher Verfassung werden, so ihr nicht wieder in die Fußstapfen tretet, in denen die früheren Könige dieses Reiches gewandelt sind, die da waren und hießen Lamech zu seiner Zeit, Thubalkain, Uraniel und Ohlad, gerecht vor Gott!“
HG|3|280|7|0|Als der Fungar-Hellan solche Worte von dem gotterleuchteten Mahal vernommen hatte, da bedachte er sich eine kleine Weile und sagte endlich mit der größten Ruhe und Gelassenheit: „Du magst recht haben, denn das weiß ich gar wohl, dass bei den Bewohnern der Höhen der Erde noch eine Urweisheit zu Hause ist, die wir leider freilich wohl nicht mehr besitzen; aber demungeachtet sind auch wir nicht gar so sehr vernagelt, als ihr uns euch ganz gewiss allezeit vorstellt!
HG|3|280|8|0|Wir haben wohl im eigentlichen Sinne mehr Götzentum als eine reine Gotteserkenntnis; aber darum ist das eigentliche Wesen Gottes dennoch nicht ausgeschlossen. Denn durch die Plastik versinnlichen wir dem Volk nur die auswirkenden Kräfte der einen allwaltenden Gottheit und verehren sie eben darum, weil sie göttliche Kräfte sind. Und das kann Gott Selbst nicht für ungerecht ansehen!
HG|3|280|9|0|Wenn wir aber solchen Kräften Namen beilegen und sie unter einer entsprechenden plastischen Form dem Volk versinnlichen und lassen sie also verehren vom Volk, sage, kann das Gott, dem höchst Weisen, als ein Gräuel erscheinen?!
HG|3|280|10|0|Wenn du ein großes und herrliches Gebäude ansiehst und bewunderst und lobst dasselbe, sage: rühmst du dadurch nicht auch den Baumeister? Lobst du aber den Baumeister wohl, wenn du seine Person nur rühmst, seine Werke aber tadelst? Sicher wird sich der Baumeister für solchen Ruhm nicht erfreulich zeigen!
HG|3|280|11|0|Dieser unserer Gotterkenntnis ist aber auch unsere Völkerleitung entsprechend! Ich will dich im ganzen Reich hin und her führen, und du kannst mich töten, wenn du irgendeine Klage über Ungerechtigkeit von unserer Seite vernehmen wirst!
HG|3|280|12|0|Siehe, die Völker leben glücklich! Es ist nirgends Armut unter ihnen; allenthalben blühen Künste und Wissenschaften. Sage, was will denn da dein Gott noch von uns? Will Er uns töten, so tue Er dies, – wir sind in Seiner Gewalt! Ob Er aber da nach meinem Begriff recht handeln wird, das lassen wir einstweilen dahingestellt sein!
HG|3|280|13|0|Gehe aber du nun mit mir, und ich will dir alles zeigen, was wir sind, und was wir tun; dann erst rede du, was dir unrecht dünkt an uns!“
HG|3|281|1|1|Mahal durchschaut die lügenhafte Politik in Hanoch
HG|3|281|1|1|Am 17. Mai 1844
HG|3|281|1|0|Als der Mahal aber solches vom Fungar-Hellan vernommen hatte, da sprach er: „Mein Gott und mein alleiniger Herr! Du wirst Deinen alten Diener doch nicht also weit verlassen wollen, dass er die Macht der Tiefe für ein Licht ansehen sollte?!
HG|3|281|2|0|Fungar-Hellan, meinst du wohl, dass sich der äußere Menschenverstand mit dem inneren Licht des Geistes messen kann und ringen mit der Kraft desselben?
HG|3|281|3|0|Deine Rede klang wohl recht vernünftig vor den Ohren der Welt; aber dessen ungeachtet ist sie ein Gräuel vor den Ohren des Geistes!
HG|3|281|4|0|Ja, wenn das dein Ernst wäre und somit die volle, reine Wahrheit, dann ließe sie sich schon noch rechtfertigen; aber da der Grund solcher eurer Verfassung zum Scheinwohl eures Volkes ganz ein anderer ist als den du mir hier vorgabst, so kann vor dem Richterstuhl des Geistes für solche eure Verfassung keine Rechtfertigung werden!
HG|3|281|5|0|Du kannst mir nichts oder alles zeigen, was und wie ihr tut, so wird das die Wahrheiten im reinen Geiste dennoch nicht zu bestechen imstande sein, denn ich sehe ja eben in meinem Geiste durch die dichte, gerecht scheinende schöne Maske eurer Verfassung das faule Totengerippe hindurch!
HG|3|281|6|0|Wie möglich kannst du da dich bemühen wollen, mir da ein gerechtes und wohlgeordnetes Leben zu zeigen, wo ich nichts als lauter Moder und Aas entdecke!?
HG|3|281|7|0|Auf dass du es aber erfahrest, wie ich in meinem Geiste wohl einsehe, wie eure Verfassung bestellt ist, so sage ich dir: Du, der Gurat, der Drohuit, und viele tausend andere Große, glaubt gar nichts, weder an einen alten, noch an einen neuen Gott, wie auch an kein Leben nach dem Tod, und all euer Göttertum ist somit ein Trug fürs Volk!
HG|3|281|8|0|Ja, lehrtet ihr das, das ihr selbst glaubt, dann würdet ihr das Volk nicht betrügen, denn da würdet ihr es wenigstens redlich meinen mit dem Volk, und das Volk wüsste, wie es daran wäre!
HG|3|281|9|0|Euer Wahlspruch aber heißt: Illusion, Politik! Ihr redet anders, als ihr denkt, und durch eure Handlungen sucht ihr stets nur verborgene Zwecke zu erreichen, die mit euren äußerlich erscheinenden Absichten nicht in dem allerentferntesten Zusammenhang stehen!
HG|3|281|10|0|Nun, Freund, frage ich dich: Kann solch eine Verfassung einem höchst weisen Gott wohl gerecht erscheinen, – Ihm, der da die ewige Liebe und Weisheit Selbst ist und daraus die ewige Wahrheit, Ordnung und Gerechtigkeit?
HG|3|281|11|0|Darum brauche ich nicht zu sehen, was ihr tut und wie, denn ich sehe den Grund in euch!“
HG|3|281|12|0|Diese Rede Mahals machte den Fungar-Hellan ganz gewaltig stutzen; denn er ersah daraus nur zu klar, dass seine Politik von Mahal wie ein allerklarster Tag durchschaut war. Er sprach darum nichts als: „Du magst im Grunde recht haben! Dem ungeachtet aber komme doch und sehe, und du wirst anders reden!“
HG|3|282|1|1|Mahal führt Fungar-Hellan zu der eingemauerten Urne mit dem Haupt Waltars
HG|3|282|1|1|Am 18. Mai 1844
HG|3|282|1|0|Und der Mahal sprach: „Gut, Freund, ich will mit dir gehen, denn ich fürchte mich nicht vor dir, da der Herr mit mir ist! Doch wehe dir selbst, so in deinem Herzen arge Gedanken aufsteigen sollten; denn dann sollst du alsbald gewahr werden, dass da der Herr Himmels und der Erde mit mir ist! Und so will ich denn mit dir gehen!“
HG|3|282|2|0|Nach diesen Worten Mahals berief der Fungar-Hellan sogleich seine sehr zahlreiche Ehrenwache zusammen und machte sich zum Abzug [bereit]; aber im Augenblick fiel ihm ein, dass er auch die beiden Töchter Mahals mitnehmen solle samt dem Kisarell, weil diese sonst leicht Schaden leiden könnten durch irgendeinen geheimen Grimm der Agla. Er fragte darum den Mahal.
HG|3|282|3|0|Und der Mahal willigte in diesen Vorschlag ein und sprach: „Das magst du wohl tun! Denn es ist nicht geheuer, einer brudermörderischen Schwester noch die anderen Geschwister für den Tod zu überlassen!“
HG|3|282|4|0|Bei diesen Worten erschrak Fungar-Hellan und fragte den Mahal: „Geheimnisvoller Mann, wer entdeckte dir das, was Agla getan hat an ihrem Bruder zur Sicherung dieses Reiches? Wie kannst du wissen, was uns selbst noch ein Geheimnis ist zum größten Teil?“
HG|3|282|5|0|Und der Mahal sprach: „Ich kann es wissen, weil es mir der Herr sagt; ihr aber mögt nichts wissen, weil ihr alle schon endlos tief in aller Nacht der Welt und somit der Hölle steckt, in der kein göttlicher Lichtstrahl waltet, sondern nur Gottes Zorn, des Geistes Nacht und der Tod!
HG|3|282|6|0|Aber nun lasse uns hinausziehen, aber zuerst dahin, wohin dich mein Sinn wenden wird, worauf ich dir dann folgen will, wohin du mich ziehen wirst!“
HG|3|282|7|0|Und der Fungar-Hellan sprach: „Gut, so macht euch auf den Weg, und ich will sehen, wohin du geheimnisvoller Mann mir den Weg weisen willst als ein Fremdling in dieser übergroßen Stadt!“
HG|3|282|8|0|Nach diesen Worten brachen der Fungar-Hellan, der Mahal, Kisarell, die Pira und die Gella auf, und der Mahal führte den Fungar-Hellan schnurgerade den Weg in den Garten der ehemaligen Schönheitsgöttinnen, worüber sich der General höchlichst verwunderte, dass der fremde Mann in dieser Stadt sich durch alle hundert Gassen zurechtfand.
HG|3|282|9|0|Als sie aber im Garten anlangten, da führte der Mahal den Fungar-Hellan sogleich schnurgerade an die Stelle, allwo am vorigen Tag zur tiefabendlichen Zeit die Agla das Haupt Waltars samt der Glasurne hatte einmauern lassen.
HG|3|282|10|0|Allda angelangt, fragte der Fungar-Hellan: „Nun, Freund, was soll ich hier?“
HG|3|282|11|0|Und der Mahal sprach: „Lasse diese frische Mauer ausbrechen, aber behutsam, auf dass du dich überzeugst, wie das göttliche Licht im Herzen mehr sieht als all dein geheimes Stadt- und Bürger-Durchspionierungswesen!“
HG|3|282|12|0|Fungar-Hellan tat solches sogleich; und als die Nische von der neuen Mauer entledigt war, da ward alsbald die Urne mit dem Haupt sichtbar.
HG|3|282|13|0|Fungar-Hellan entsetzte sich und schrie: „Aber um alle Teufel, wie kommt dieses Haupt hierher?“
HG|3|282|14|0|Und Mahal sprach: „Wie fragst du das? Musst du denn als der Verständigste nicht in alle Geheimnisse deines Reiches eingeweiht sein? Wusstest du nicht, was gestern die Agla anbefohlen hatte ihrer Dienerschaft?“
HG|3|282|15|0|Hier machte der Fungar große Augen; Mahal aber hieß den General ihm weiter folgen, allda es noch ganz andere Geheimnisse gebe. Und Fungar folgte dem Mahal.
HG|3|283|1|1|Mahal zeigt Fungar-Hellan eine Todesfalle der Agla im Wohngebäude der Schönheitsgöttinnen
HG|3|283|1|1|Am 20. Mai 1844
HG|3|283|1|0|In den Tempel ging der Zug. Und als der Mahal mit dem Fungar-Hellan allda angelangt war, da sagte Mahal zum Fungar-Hellan, mit der Hand auf die Särge der Weiber Waltars deutend:
HG|3|283|2|0|„Da siehe den echten und allein wahren Grund des Todes meines Sohnes! Die Eifersucht Aglas, meiner ungeratenen Tochter, hat den Bruder getötet dieser Unglückseligen wegen und diese dann mit eigener Hand des Bruders wegen mit einem vergifteten Dolch!“
HG|3|283|3|0|Wie der Fungar-Hellan solches vom Mahal vernommen hatte, da entsetzte er sich ganz gewaltig und sagte ganz ergrimmt: „Wenn das alles die Agla darum getan hat, wie du mir es nun kundgabst, da soll sie heute noch ohne alle Schonung des martervollsten Todes sterben!“
HG|3|283|4|0|Mahal aber sprach ganz gelassen: „O Freund, ereifere dich nicht eher, als bis du alles über die Handlungsweise der Agla in Erfahrung wirst gebracht haben; gehe darum nur weiter mit mir!“
HG|3|283|5|0|Darauf ging der Zug, dem Mahal folgend, in das Wohngebäude, und Mahal führte den Fungar-Hellan durch einen Gang in das dritte Stockwerk. Als er nahe an dessen Ende kam, da zeigte er dem General eine Türe – ja eine Türe des Verderbens! – und fragte dann den forschenden Generaloberpriester: „Kennst du wohl, was sich hinter dieser zierlichen Türe befindet?“
HG|3|283|6|0|Der General zuckte mit den Achseln und sprach: „Wie sollte ich das wissen? Habe ich doch diese Türe nicht machen lassen, als ich selbst erbauen ließ dies Haus für die schönsten Weiber Hanochs! Was ist hinter dieser Türe? Rede, und zeige es mir!“
HG|3|283|7|0|Und der Mahal sprach: „Lasse behutsam diese Türe durch deine Leute öffnen, und sehe!“
HG|3|283|8|0|Sogleich ließ Fungar die Türe gewaltsam sprengen und fand im ersten Augenblick nichts als ein enges, zierliches Gemach, dessen innerer Raum knapp ein Quadratklafter maß, und im Hintergrund desselben ein recht zierliches Lotterbett.
HG|3|283|9|0|Bei diesem Anblick sagte Fungar-Hellan: „Da sehe ich nichts Besonderes!“
HG|3|283|10|0|Und der Mahal ließ sich einen Lanzenstiel reichen und stieß mit demselben an einen am Lotterbett angebrachten Knopf; und im Augenblick öffnete sich der Boden dieses Kleingemaches nach unten in zwei Flügeln, und ein tiefer, finsterer Abgrund starrte den erstaunten Beschauern entgegen.
HG|3|283|11|0|„Was ist das!?“ schrie der General.
HG|3|283|12|0|Und der Mahal sprach: „Ein wohlbereiteter Untergang für dich, ein Werk der Agla aus der jüngsten Zeit! Hierher wollte sie dich verlocken, und so du ihr beigewohnt hättest, da auch hätte sie an den Knopf mit der Ferse gestoßen, und du wärest da zur Beute dieses Abgrundes geworden! Wie gefällt dir diese Einrichtung?!“
HG|3|283|13|0|Hier fing der General förmlich zu schäumen an vor Wut und konnte nicht reden vor Zorn und Grimm.
HG|3|284|1|1|Mahal zeigt Fungar-Hellan eine weitere Todesfalle der Agla im Tempelgarten
HG|3|284|1|1|Am 21. Mai 1844
HG|3|284|1|0|Nach einer Weile erst, als der Fungar-Hellan sich satt geschaut hatte an dem Abgrund, der für ihn bereitet war, fing sich seine Zunge zu lösen an, und er sprach in größter Aufregung seines Gemütes:
HG|3|284|2|0|„O Mahal, o Freund! Ich bitte nun dich, auszusprechen, was da mit der Höllentochter Agla geschehen soll! Sage, ist es denn nicht möglich, sie tausend Male auf das Martervollste zu töten?! Ja, ich weiß, was ich tue! Tausend Male will ich sie die schauerlichste Todesangst bestehen lassen und sie dann erst auf die grausamste Weise von der Welt töten lassen!“
HG|3|284|3|0|Der Mahal aber sprach: „Freund, ich sage dir im Namen meines Gottes und meines alleinigen Herrn: Lasse du ab von deinem Zorn und Grimm, und richte nicht zuvor, als bis du die ganze Masse der Taten vor deinen Augen haben wirst, die da von der Agla verübt oder wenigstens vorbereitet worden sind! Wirst du erst in alles eingeweiht sein, dann auch wollen wir sehen, welch ein Urteil sich über die Täterin wird fassen und fällen lassen!
HG|3|284|4|0|Jetzt aber gehe mit mir wieder weiter; denn wir sind noch lange nicht zu Ende mit der Betrachtung dessen, was alles die Agla mit Hilfe ihres Hauptmannes Drohuit, den du heute zum König gesetzt hast, ausgeführt und vorbereitet hat! Und so folge mir weiter!“
HG|3|284|5|0|Darauf führte Mahal den Fungar-Hellan wieder in den Garten und allda in eines der vielen Lusthäuschen. Über diesem war eine Inschrift zu sehen, die also lautete: „Hier ist des Königs Lust, hier ist des Königs höchste Wonne!“ Im Lusthäuschen aber war ein sehr zierlicher Thron errichtet, und zwar für den König, und daneben wieder ein Lotterbett, natürlich für die Beischläferin.
HG|3|284|6|0|Der Fungar-Hellan fragte wieder hier den Mahal, was denn das schon wieder für ein neues Teufelswerk wäre.
HG|3|284|7|0|Und der Mahal führte den General an den Thron und sagte: „Siehst du hier aus dem Polsterwerk des Thrones tausend feiner Nadelspitzen gucken, eine jede den sicheren Tod bringend?!
HG|3|284|8|0|Du kennst die Wirkung der Nadeln! Siehe, auch die sind ein Werk der Agla! Ihr Zweck ist, alle der Königin nicht zusagende Personen aus dieser Welt zu befördern, und somit auch dich, der du ihr der größte Dorn im Auge bist!
HG|3|284|9|0|Der Erfinder dieser Nadeln ist der Drohuit selbst, wie auch der wohlerfahrene Pflanzer jenes Bäumchens in einem Glashaus, das du schon gesehen hast.
HG|3|284|10|0|Woher wohl hat er den Samen zu diesem Gewächs bekommen?
HG|3|284|11|0|Siehe, der Same ist ein Produkt der Hölle! Auf dem Weg, den der Drohuit machte, zu besichtigen den Tempel des Stieres, der in einer dir wohlbekannten Gebirgsschlucht errichtet ist, kam ihm ein fremdes Wesen unter und gab ihm den Samen und lehrte ihn, wie er diesen in die Erde setzen solle, und was des daraus hervorgehenden Gewächses Wirkung ist.
HG|3|284|12|0|Und Drohuit setzte das Korn in die Erde, und schon in wenigen Tagen stand die unheilvolle Pflanze da! Er lehrte deren Wirkung die Agla, und diese ward erfreut darüber. Und das ist dann der Grund der kleinen spitzigen Mordwerkzeuge.
HG|3|284|13|0|Wie gefällt dir diese Sache? Ich sehe, du bist schon wieder ganz stumm vor Entsetzen und Ärger! Ich aber sage dir, gehe nur weiter mit mir, und du sollst schon noch auf bessere Dinge stoßen!“
HG|3|285|1|1|Mahal zeigt Fungar-Hellan das geheime Kriegsheer Drohuits
HG|3|285|1|1|Am 22. Mai 1844
HG|3|285|1|0|Fungar-Hellan aber sprach: „Was soll ich weiter mit dir ziehen und in Augenschein nehmen die gräuelhaftesten Vorkehrungen von Seiten der Agla zu meinem Untergang? Ich habe an dem bisher in Erfahrung Gebrachten über die Genüge, und es genügt für ihren sicheren Tod, und wenn sie tausendmal deine Tochter wäre! Daher ziehe du lieber mit mir nun, auf dass ich dir von meiner Einrichtung etwas zeige!“
HG|3|285|2|0|Und der Mahal erwiderte: „Gerade diesmal musst du ganz besonders unausweichlich mit mir ziehen, denn was du jetzt sehen wirst, das wird vom größten Belang zu deiner Rettung sein!
HG|3|285|3|0|Was du bis jetzt gesehen hast, das sind misslungene Vorkehrungen nur zum Verderben deiner Person; was du aber jetzt erschauen wirst, das droht alle deine Macht mit einem Schlag zu vernichten!
HG|3|285|4|0|Darum folge mir schnell, auf dass wir nicht zu spät dahin kommen; denn das ich dir nun zeigen muss, befindet sich nicht etwa in diesem Garten, sondern in einem etwas entlegeneren Teil dieser Stadt. Darum nur schnell aufgebrochen und weitergezogen!“
HG|3|285|5|0|Auf diese Worte berief der Fungar-Hellan sogleich all sein Gefolge zusammen, und die große Gesellschaft zog von dannen, dem Mahal folgend. Und dieser zog durch abseitige Gassen und Straßen der Stadt und kam nach zwei Stunden auf einen großen, freien Platz innerhalb der großen Stadtmauer, von dem sehr sonderbarerweise der Fungar-Hellan keine Silbe wusste.
HG|3|285|6|0|Allda angelangt, fragte Mahal den Fungar-Hellan: „Freund, kennst du diesen Platz?“
HG|3|285|7|0|Und der Fungar-Hellan erwiderte ganz erstaunt: „Wahrlich, ich bin doch in dieser Stadt geboren und kann mich nicht erinnern, je diesen Platz gesehen oder sonst von ihm irgendetwas gehört zu haben! Was soll es da mit diesem Platz, der groß genug wäre, eine ganze Million Krieger aufzustellen?“
HG|3|285|8|0|Und der Mahal sagte: „Freund, nur eine kleine Geduld, und du wirst sogleich zu sehen anfangen, was hier geschieht! Da siehe nur recht genau in jenen entferntesten Winkel dieses Raumes, dahin man wohl eine Stunde geraden Weges zu wandeln hätte, und dir wird sich sogleich eine Bewegung von sehr vielen Menschen kundgeben!“
HG|3|285|9|0|Und der Fungar sah genau hin und bemerkte bald ein ganzes, großes Kriegsheer auf diesen Platz anrücken.
HG|3|285|10|0|Hier fragte wieder der Mahal den Fungar-Hellan: „Freund, der du einen so hellen Verstand zu besitzen vorgibst und alles weißt, was im ganzen Reich geschieht, – weißt du auch davon, dass hier bei einer Million Krieger wider dich und den König Gurat in den Waffen geübt werden?!“
HG|3|285|11|0|Hier ward der Fungar-Hellan ganz blass und konnte schon wieder kein Wort vor lauter Grimm herausbringen.
HG|3|285|12|0|Und Mahal sprach: „Wir dürfen von ihnen aber nicht entdeckt werden, denn da wären wir verloren! Aber weiter stadteinwärts wollen wir wieder ziehen, da werde ich dir noch andere Dinge zeigen, die noch von größerem Belang sind! Daher kehren wir nun sogleich wieder um, auf dass uns ja der Drohuit nicht erkenne, der hier an der Spitze ist!“
HG|3|285|13|0|Fungar-Hellan schlug die Hände über dem Haupt zusammen und folgte dem Mahal.
HG|3|286|1|1|Mahal enthüllt Fungar-Hellan eine geplante Rebellion
HG|3|286|1|1|Am 24. Mai 1844
HG|3|286|1|0|Abermals führte Mahal den Fungar-Hellan durch mehrere abseitige Gassen und Straßen und kam dort vor ein altes Gebäude von großer Ausdehnung. Als er allda anlangte, da blieb er stehen und fragte den Fungar-Hellan, was dieser wohl meine, was es sei, das in diesem Gebäude nun vor sich ginge.
HG|3|286|2|0|Und der Fungar-Hellan sprach: „Freund, wie sollte ich das wissen? Kenne ich dieses Gebäude selbst kaum und muss dir offenherzig bekennen, dass ich es jetzt in meinem Leben sicher zum ersten Mal sehe! Denn wer sollte da wohl imstande sein, in dieser Stadt alle die Gebäude zu kennen, deren es eine wahre Unzahl gibt? Daher bitte ich dich, der du Kenntnisse von allen Dingen hast in deiner Seele, gebe du mir kund, was hier vor sich geht!“
HG|3|286|3|0|Und der Mahal sprach: „Siehe, hier ist ein abseitiger und daher sehr günstiger Versammlungsort von zweimal hunderttausend Meuterern gegen dich und den König Gurat. Dieses übergroße Gebäude war einmal eine schnöde Weiberverschönerungsanstalt; nun aber ist es ein Haus der Meuterei.
HG|3|286|4|0|Gegenwärtig befinden sich siebzigtausend Großbürger dieser Stadt in den vielen und weiten Gemächern dieses Gebäudes und halten unter siebzig vorsitzenden Delegierten und Deputierten Drohuits und der Agla einen gar schmählichen Rat gegen dich und den König Gurat.
HG|3|286|5|0|Du möchtest wohl hineingehen und dich von allem selbst überzeugen; aber das würde da wohl nicht geheuer sein!
HG|3|286|6|0|Darum begeben wir uns in dieses zerfallene Gebäude gegenüber dieser großen Burg, und wir dürfen dort in einem guten Versteck kaum eine halbe Stunde warten, und du wirst bald die Kongregation aus diesem Gebäude herausziehen sehen und viele Bekannte in ihrer Mitte!“
HG|3|286|7|0|Auf diese Worte Mahals begab sich die ganze, große Gesellschaft in die Schlupfwinkel der Ruine und harrte dort des Austrittes der Versammlung. Es verlief kaum eine halbe Stunde, da öffnete sich das große Tor, und bei einer und einer halben Stunde dauerte der Auszug, unter dem der Fungar eine Menge Wohlbekannter zählte, ja sogar mehrere Oberpriester!
HG|3|286|8|0|Und so im Vorübergehen bemerkte der General, wie da einige Hochgestellte untereinander sprachen und sagten: „Nur einen Punkt haben wir zu besiegen: die Macht Fungars, die noch sehr stark auf ihn hält, die muss fallen. Der schlaue Fuchs hat sich bisher zwar in keiner ihm gelegten Falle fangen und töten lassen; aber das tut nichts zur Sache! Denn nun haben wir ihn doch! Die weise Agla brachte es mit ihm so weit, dass er seinen größten Feind selbst zum König machte; dieser stellt nun seine Hauptmacht zusammen und in zehn Tagen wird alle Sache entschieden sein!“
HG|3|286|9|0|Als der Fungar-Hellan solches vernommen, da umfasste er den Mahal und sprach: „Nun erst erkenne ich dich als meinen größten Freund! Nun weiß ich alles und sage nicht mehr: ‚Komm, und sehe meine Staatsverfassung!‘, sondern ich bitte dich um den besten Rat, was ich tun soll!“
HG|3|286|10|0|Und der Mahal sprach: „Der Rat wird folgen; aber zuvor musst du noch etwas in Augenschein nehmen! Daher folge mir schnell, und überzeuge dich von allem!“
HG|3|286|11|0|Und der Fungar ging sogleich, wohin ihn Mahal führte.
HG|3|287|1|1|Die vergifteten Waffen und die vergifteten Glassplitter auf dem Fußboden der Wohnung Fungar-Hellans
HG|3|287|1|1|Am 25. Mai 1844
HG|3|287|1|0|Wohin ging denn jetzt der Marsch? Wohin musste denn der Fungar-Hellan nun noch vor der versprochenen Erteilung eines guten Rates dem Mahal folgen? In die Wohnung, in die Burg der Priester selbst, und da dann auch in die große Wohnung des Generals!
HG|3|287|2|0|Als die ganze, große Gesellschaft allda anlangte, da fragte Mahal den Fungar-Hellan: „Dieses Gebäude, an der Größe einem recht weitläufigen Gebirge nicht viel nachgebend, wirst du wohl kennen?“
HG|3|287|3|0|Und der Fungar-Hellan sprach, etwas schmunzelnd: „Ja, das dürfte mir so ziemlich bekannt sein! Aber was soll es hier in meinem Haus?“
HG|3|287|4|0|Und der Mahal sprach: „Gehen wir nun zuerst in die Wohnung der Priester, und zwar zuerst in die der Unterpriester, und du wirst es sogleich einsehen, was es hier soll!“
HG|3|287|5|0|Auf diese Worte ging die ganze Gesellschaft sogleich in die große Kommunalwohnung der Unterpriester und fand sie sehr tätig.
HG|3|287|6|0|Worin bestand aber die Tätigkeit? Sie schärften die Spitzen der Schwerter und Lanzen, wärmten dieselben über einem Kohlenfeuer und tauchten dann die nahe heiß gemachten Spitzen in das schon bekannte Gift!
HG|3|287|7|0|Als aber die Unterpriester, die früher – wie bekannt – Oberpriester waren, den Fungar-Hellan erblickten, da überfiel sie eine große Angst, dass sie darob alles fallen ließen.
HG|3|287|8|0|Und als der General sie mit Donnerstimme fragte: „Was geschieht hier?! Wer hat euch das zu tun befohlen?!“, da konnte keiner ein Wort über seine Lippen bringen; denn ein jeder sah sich nun als verraten und verloren an.
HG|3|287|9|0|Der Fungar aber fragte sogleich den Mahal, was er hier tun solle.
HG|3|287|10|0|Und der Mahal sprach: „Hier fange an zu handeln! Lasse sogleich Kriegsknechte kommen und gefangen nehmen diese ganze Rotte, denn diese ist des Drohuits und der Agla Hauptstütze und hat beide zu deinen größten Feinden zu machen gewusst, und das aus altem Hass gegen dich, dessen Grund dir wohl bekannt sein wird!
HG|3|287|11|0|Eben diese Unterpriester haben dir auch schon eine Menge Oberpriester abhold gemacht und sind der geheime Hauptgrund der gegenwärtigen Meuterei! An ihnen kannst du des Gesetzes ganze Strenge vollziehen lassen; doch sei zurückhaltsam mit der Todesstrafe!“
HG|3|287|12|0|Auf diese Worte ließ der General sogleich etliche tausend Krieger kommen; diese banden sogleich die Unterpriester und warfen sie in die untersten und festesten Kerker.
HG|3|287|13|0|Und der Fungar ließ darauf alle die vergifteten Waffen sammeln und sie in einen guten Gewahrsam bringen.
HG|3|287|14|0|Darauf führte ihn der Mahal in die eigene Wohnung und sprach vor der Türe, die ins erste große Gemach führte:
HG|3|287|15|0|„Lasse zuerst Kammerfeger und Putzer kommen, dass sie vor unserem Eintritt die Fußböden sorgfältigst reinigen und gar wohl ausputzen können; sonst kostet uns ein jeder Tritt das Leben! Denn einige mit den Unterpriestern verbundene Oberpriester haben den ganzen Boden mit vergifteten Glassplittern übersät, und der kleinste Ritzer in die Fußsohlen kostet jedem aus uns das Leben!“
HG|3|287|16|0|Der Fungar-Hellan befolgte sogleich den Rat des Mahal und ließ Feger und Putzer kommen; und die kamen, mit Holzschuhen an ihren Füßen, und reinigten alle Gemächer des Generals.
HG|3|287|17|0|Der General aber fragte die Feger und Putzer: „Warum habt ihr euch denn also beschuht? Wusstet ihr denn, was für ein Unrat in meine Gemächer gestreut wurde?“
HG|3|287|18|0|Hier verstummten die Feger und Putzer und fingen an zu beben vor dem General.
HG|3|287|19|0|Und der Mahal sagte zum Fungar-Hellan: „Diese handelten im Zwang; daher behandle sie gnädig!“
HG|3|287|20|0|Und der Fungar-Hellan sprach: „Gebt mit der größten Treue mir alles kund, so will ich euer schonen!“
HG|3|287|21|0|Hier fingen sie an zu reden, dass sich darob des Generals Haare gen Berg zu sträuben anfingen.
HG|3|287|22|0|Was sie redeten? In der Folge.
HG|3|288|1|1|Der vergiftete Brunnen, die vergifteten Speisen und der vergiftete Hausrat. Die Verschwörung der Unterpriester mit Agla und Drohuit zur Beseitigung Fungar-Hellans
HG|3|288|1|1|Am 28. Mai 1844
HG|3|288|1|0|Die Feger und Putzer aber wurden voll Furcht, indem sie sich durch dieses Begehren des Generals vor einer Doppelfalle befanden.
HG|3|288|2|0|Daher trat der Hauptfeger vor und sprach: „Großer, allmächtiger Herr und Herr und Herr! Wir wollen dir ja gleichwohl alles kundgeben, wenn du uns zu schützen vermagst vor der Wut deiner Feinde; kannst du aber das nicht, da sind wir verloren so wie so! Denn so wir dir nicht alles kundgeben, da wirst du uns töten; geben wir dir aber alles kund, da wirst du dann zusehen, wie uns deine Feinde erwürgen werden, darum wir sie gegen ihr entsetzlichstes Gebot verraten an dich!“
HG|3|288|3|0|Und der Fungar-Hellan sprach: „Sorgt euch um etwas anderes; eure vermeinten Herren, die euch mit dem Tod bedroht haben, so ihr sie unter was immer für einer Maske an mich verraten würdet, liegen schon lange in den tiefsten Kerkern! Daher mögt ihr ohne alle weitere Furcht mir alles kundgeben, was ihr wisst!“
HG|3|288|4|0|Als sie das vom General vernommen hatten, da sagten sie: „Wenn sich die Sache also verhält, ach, – da können wir schon reden ganz ohne Furcht und Zagen! Und so wolle uns denn gnädigst anhören!
HG|3|288|5|0|Die Unterpriester sind deine größten Feinde von der Zeit her gewesen, da du sie zu Unterpriestern gemacht hast aus einer vorgeschützten Vollmacht des Königs, und haben jetzt an der entsetzlichen Königin und an ihrem Liebling Drohuit die schönsten Werkzeuge gefunden, um sich durch sie an dir zu rächen!
HG|3|288|6|0|Die Königin strebt nach der Alleinherrschaft, und der Drohuit, ein geilster Bock, nach dem Besitz des reizendsten Weibes, was eben diese Königin sein soll, was wir jedoch nicht verbürgen können, da wir sie noch nicht gesehen haben; und die Unterpriester haben ihnen alles eidlich zugesagt, so die Königin imstande wäre, dich zu verderben und dann sie als die alten, wahren Oberpriester anzuerkennen! Aus dem Grunde taten nun beide Teile alles, was immer nur für dein Verderben taugen möchte.
HG|3|288|7|0|Willst du aber nicht dem sicheren Tod in die Arme fallen, da trinke von deinem goldenen Brunnen ja kein Wasser, denn es ist vergiftet! Also esse auch von deiner Speisekammer keinen Bissen, denn da ist alles überstark vergiftet! Lege dich auch nicht auf dein Bett und ebenso wenig auf dein Ruhebett, noch setze dich auf einen deiner Stühle und Bänke, denn das alles ist voll von vergifteten Nadeln! Die Zimmerböden sind jetzt wohl wieder rein, aber aller deiner sonstigen Hauseinrichtung traue nicht, denn da dürfte überall etwas stecken, was dir den Tod bringen könnte! Nun weißt du alles, was wir wussten; handle nun recht und gerecht!“
HG|3|288|8|0|Als der Fungar-Hellan solches vernommen hatte, da ward er voll des entsetzlichsten Grimmes.
HG|3|288|9|0|Aber der Mahal sprach: „Freund, mäßige dich; denn im Zorn kann kein Wesen etwas Kluges tun! Du hast nun alle die Gefahren kennengelernt und hast nun darum gut handeln!
HG|3|288|10|0|Gebe aber nun ein Gastmahl von den vergifteten Speisen, und lade alle deine Feinde ein! Wenn sie kommen werden, da sage, wie sie nun von deiner Speisekammer essen sollen! Die sich zu essen weigern werden, die nehme alsbald gefangen; die sich aber nicht weigern möchten, die lasse du nicht essen!
HG|3|288|11|0|Was dann zu geschehen hat, das werde ich dir zur rechten Zeit kundgeben! Und also geschehe es!“
HG|3|289|1|1|Fungar-Hellan lädt seine Feinde zum Gastmahl mit den vergifteten Speisen ein
HG|3|289|1|1|Am 29. Mai 1844
HG|3|289|1|0|Nach diesem Rat Mahals ließ der Fungar-Hellan sogleich seine Köche und Speisemeister zu sich kommen und befahl ihnen, eine Mahlzeit zu richten für tausend Personen, und sagte zu den Tafeldeckern: „Geht und deckt im großen Speisesaal die großen Gasttische mit goldenem Esszeug, und stellt die reichen Stühle und Lotterbetten zu den gedeckten Tischen!“
HG|3|289|2|0|Hier wurden die Köche, Speisemeister und Tafeldecker ganz blass vor Angst und sahen sich für verloren an.
HG|3|289|3|0|Fungar aber merkte wohl die große Verlegenheit dieser seiner sonst sehr getreuen Dienstleute und fragte sie darum ganz fest: „Nun, was zaudert ihr? Warum werdet ihr denn so voll Angst und Zagens nun?“
HG|3|289|4|0|Und der Oberkoch sprach: „Herr, Herr, Herr! Wir alle tragen keine Schuld! Aber zusehen mussten wir, wie die Unterpriester unter der Leitung mehrerer Oberpriester den Goldbrunnen, alle deine Speisekammern und all dein Tischgerät vergifteten mit einem neuen Gift, das ihnen der Hauptmann Drohuit übergab.
HG|3|289|5|0|Sie versuchten darauf, die vergifteten Speisen den Tieren zu geben, und diese verendeten im Augenblick nach dem Verschlingen einer solchen vergifteten Speise.
HG|3|289|6|0|Wenn du nun oder die Geladenen davon essen werden, da werden sie alle zugrunde gehen! Und wir getrauen uns sogar nicht einmal, die vergifteten Speisen anzurühren und noch weniger sie zu bereiten!“
HG|3|289|7|0|Und der Fungar-Hellan sagte: „Ich weiß alles, was ihr mir nun kundgegeben habt; darum will ich eben diese Mahlzeit denen geben, die so gut und treu für mich gesorgt haben! Dieser mein einziger bester Freund, der von der Höhe gekommen ist, aber wird euch sagen, wie ihr die Speisen anzugreifen habt, damit sie euch nicht schaden werden!“
HG|3|289|8|0|Hier wandten sich die Köche, Speisemeister und die Tafeldecker an den alten Mahal und baten ihn um einen Rat.
HG|3|289|9|0|Und der Mahal sprach: „So geht und nehmt Öl und Essig, und wascht euch am ganzen Leib damit zuvor, ehe ihr die Speisen und andere vergiftete Dinge angreift! Und ihr Köche bindet euch ein nasses Tuch vor die Nüstern, und bereitet also die Speisen, und es wird euch nichts schaden!“
HG|3|289|10|0|Dieser Rat wurde sogleich befolgt, und all die Beorderten machten sich an ihre Arbeit.
HG|3|289|11|0|Dann berief der General die Herolde zusammen und gebot ihnen, die gewissen Gäste zum Abendmahl zu laden.
HG|3|289|12|0|Und die Herolde gingen und luden die bestimmten Gäste.
HG|3|289|13|0|Dann aber ließ der Fungar-Hellan auch die Kriegsobersten zu sich kommen und erteilte ihnen den Befehl, die ganze große Macht schlagfertig zu halten.
HG|3|289|14|0|Und es geschah alles wie auf einen Wink!
HG|3|289|15|0|Die Geladenen aber hatten den Braten gerochen und entschuldigten sich, zu kommen.
HG|3|289|16|0|Da sprach der Mahal: „So sende nun wohlbewaffnete Kriegsknechte aus, diese sollen die Geladenen binden, und hierherschleppen!“
HG|3|289|17|0|Und der Fungar-Hellan befolgte sogleich den Rat Mahals und in einer Stunde wurden bei tausend Gäste herbeigeschleppt, darunter auch die Agla und der Drohuit. Nur der König Gurat kam frei.
HG|3|290|1|1|Fungar-Hellan lässt Agla und Drohuit in Käfige einsperren
HG|3|290|1|1|Am 30. Mai 1844
HG|3|290|1|0|Als die Agla des Fungar-Hellan ansichtig wurde, da trat sie, wie ganz festen Mutes, zu ihm hin und fragte ihn in sehr festem Ton: „Fungar-Hellan! Was willst du mir tun, dass du mich wie eine allerniedrigste Sklavin hierher hast schleppen lassen? Ist es denn hier bei euch auch Sitte, eine Königin zu knebeln und vors Gericht zu führen?!“
HG|3|290|2|0|Und der Fungar-Hellan sprach hier ganz gelassen und gutmütig und sagte: „Liebste, holdeste Königin Agla! Du weißt ja, dass ich deine Schwestern zu Weibern nahm und will eben heute die Hochzeit feiern; und da ist es hier wenigstens üblich, dass man zum Hochzeitsmahl alle die Verwandten und sonstigen Freunde ladet! Ich habe ehedem meine glänzenden Herolde ausgesandt, dass sie ladeten die Gäste; allein mir ganz unerklärlicherweise entschuldigten sich alle die Geladenen, mir die gebührende Ehre zu geben!
HG|3|290|3|0|Da dachte ich mir: ‚Was soll denn das? Das sieht ja gerade also aus, als hätten sich meine intimsten Freunde gegen mich verschworen, und als wollten sie zu Meuterern werden an meinen Rechten?!‘
HG|3|290|4|0|Und siehe, das war dann sogleich der Grund, warum ich nach der höflichen ersten eine unhöfliche zweite Einladung an euch absandte! Und ich meine, als ein Generaloberpriester sollte ich denn doch wohl dieser Ehrung von eurer Seite würdig sein, indem doch euer Wohl und Wehe von mir vorderhand weltlich genommen ganz außerordentlich stark abhängt!
HG|3|290|5|0|Zudem war meine Küche noch allezeit die beste im ganzen Reich, und meine Freunde waren noch nie Verächter derselben! Und wahrlich, ich sehe es nicht ein, warum diesmal ein solcher Spott auf sie gelegt werden soll?!
HG|3|290|6|0|Hast du, schönste Königin, etwa einen Grund dazu, so gebe mir ihn nur kund, und ich werde ja alles aufbieten, um jeden verdächtigen Schein vor deinen schönsten Augen von mir zu werfen!“
HG|3|290|7|0|Diese Rede wollte der Agla und ebenso auch dem Drohuit gar nicht munden; sie sprach daher: „Fungar-Hellan! Hättest du irgendeinen Funken Achtung vor mir, da würdest du mich nicht zum Essen herschleppen lassen, da ich dir nun sagen muss, dass ich unwohl bin und nichts genießen kann, und wenn du mir die besten Speisen von der Welt hersetzen möchtest!“
HG|3|290|8|0|Und der Fungar-Hellan sprach: „Ah, da muss ich dich schon um Vergebung bitten! Wenn ich das zuvor gewusst hätte, da wäre ich mit der zweiten Einladung freilich wohl nicht zu dir gekommen! Warum hast du mir aber auch so etwas nicht durch die ersten Herolde bekanntgegeben?!
HG|3|290|9|0|Gehe aber doch wenigstens in den Saal nun und ruhe während der Mahlzeit auf einem sehr feinen Lotterbett aus, wonach ich dich schon in einer Sänfte werde nach Hause tragen lassen!“
HG|3|290|10|0|Und die Agla sprach nun ganz bebend: „Lieber Fungar-Hellan, willst du mich denn schon heute töten? Ich darf ja in keine Zimmerluft, wenn ich nicht alsbald ersticken will!“
HG|3|290|11|0|Und der Fungar-Hellan sprach: „O du arme Agla, wie bedauere ich dich um solcher deiner Schwäche wegen!“
HG|3|290|12|0|Hier ward die Agla verstellt ohnmächtig.
HG|3|290|13|0|Und der Fungar-Hellan sagte zu seinen Dienern: „Bringt schnell ein Wasser von meinem Goldbrunnen, und labt die Königin!“
HG|3|290|14|0|Hier sprang die Königin Agla auf und schrie: „Nur kein Wasser, das würde mich auf der Stelle töten!“
HG|3|290|15|0|Und der Fungar-Hellan sprach zu den Dienern: „So lasst es gut sein! Bringt mir aber dafür meinen großen, goldenen Käfig her; der soll die Königin wieder gesund machen! Und dann einen ehernen für den Drohuit, denn auch er scheint etwas krank zu sein!“
HG|3|290|16|0|Die beiden Käfige wurden sogleich hergeschafft und geöffnet.
HG|3|290|17|0|Und der Fungar-Hellan sprach zur Agla: „Gehe nun gutwillig in dies zierliche Häuschen, sonst wird dir Gewalt angetan werden! Und du, Drohuit, ebenfalls!“
HG|3|290|18|0|Hier fingen die beiden an zu zagen und wurden mit Gewalt in die Käfige gesteckt und also in den Speisesaal gebracht und auf den Mitteltisch gestellt.
HG|3|290|19|0|Was weiter, – in der Folge.
HG|3|291|1|1|Auf das Geheiß Mahals begnadigt Fungar-Hellan die Oberpriester und lässt tausend Unterpriester durch ihr eigenes Gift töten
HG|3|291|1|1|Am 31. Mai 1844
HG|3|291|1|0|Als die Agla und der Drohuit auf diese Weise versorgt waren, da erst wandte sich der Fungar-Hellan an die Oberpriester und sprach zu ihnen:
HG|3|291|2|0|„Nun, meine Freunde und Brüder, die Speisen sind aufgetragen; also begeben wir uns in den großen Speisesaal, auf dass eure beiden Zöglinge, die sich nun in den Käfigen befinden, nicht ohne Gesellschaft seien! Geht aber nur gutwillig, sonst wird auch euch Gewalt angetan werden!“
HG|3|291|3|0|Auf diese todbringende Einladung sprach einer aus den Oberpriestern zum Fungar-Hellan: „Oberster Freund und Bruder! Höre mich an! Siehe, sich verleiten lassen durch allerlei Drohungen und noch anderartige Lockmittel und fehlen danach, das ist noch immer menschlich; aber in den Fehlern verharren hartnäckig und eigenwillig, das gehört der Hölle an!
HG|3|291|4|0|Also sind auch wir durch die sehr verschmitzten Unterpriester verleitet worden durch Drohungen zumeist, die da von der entsetzlichsten Art waren. Man sagte uns von einer Macht, die die deinige ums Zehnfache überträfe, und versicherte uns, dass du schon gefangen wärest, und dass nun deine Feinde die Herren der Stadt und des ganzen Reiches seien.
HG|3|291|5|0|Auf noch hundert derlei Äußerungen mussten wir wohl deine Zimmer öffnen lassen und dann zusehen, wie deine Feinde mit einem neuen Gift alles, was sich in deinen Gemächern befindet, vergiftet haben, bei welcher Arbeit aber auch schon bei hundert Arbeiter ins Gras haben beißen müssen und wurden dann in verdeckten Wägen irgendwohin zur Seite geschafft.
HG|3|291|6|0|Siehe, also stehen wahrhaftig die Dinge; vergebe uns daher unsere genötigten Fehltritte gegen dich, und nehme die allergetreueste Versicherung von uns, dass wir fortan deine getreuesten und festesten Freunde verbleiben wollen und sicherst werden!“
HG|3|291|7|0|Auf diese Rede wandte sich der Fungar-Hellan an den Mahal und fragte ihn, was da zu tun sein solle.
HG|3|291|8|0|Und der Mahal sprach: „Diese nehme gefangen, aber nicht in deine Kerker, sondern in dein Herz, und vergebe ihnen, so wird auch dir vergeben werden! Aber die in den Kerkern gefangenen Unterpriester lasse heraufführen und sie setzen an die Tafel, auf dass sie essen von den Speisen und dann sterben in ihrem Frevel! Die Agla und den Drohuit aber lasse nur während der Mahlzeit im Speisesaal, auf dass sie sehen, wie sich der Frevel straft!“
HG|3|291|9|0|Darauf tat der Fungar-Hellan sogleich alles, wie es ihm der Mahal geraten hatte.
HG|3|291|10|0|Bei tausend Unterpriester wurden in den Speisesaal getrieben und mussten sich zum Tisch setzen; denn da half kein Sträuben mehr! Den meisten kostete schon das Sich-Niedersetzen das Leben unter den furchtbarsten und schmerzlichsten Konvulsionen; nur wenige wurden durch die gezwungen genommenen Speisen getötet.
HG|3|291|11|0|Die zwei Zeugen in den Käfigen wurden ohnmächtig ob des schaudervollen Anblickes und wurden darum hinaus ins Freie gebracht, wo sie sich mit Hilfe des Essigs erholten.
HG|3|292|1|1|Fungar-Hellan lässt auf Mahals Geheiß die priesterliche Burg räumen und niederbrennen
HG|3|292|1|1|Am 1. Juni 1844
HG|3|292|1|0|Als diese Szene vorüber war und die beiden Käfigbewohner sich aus ihrer Ohnmacht wieder völlig erholt hatten, da fragte der Fungar-Hellan wieder den Mahal, was nun geschehen solle fürs Erste mit denen, die ihren Frevel mit dem Tod gebüßt hatten, und was mit denen fürs Zweite, die da die Käfige bewohnen.
HG|3|292|2|0|Und der Mahal sprach: „Lasse sofort deine Schätze aus dieser deiner Burg räumen und lasse die Burg dann anzünden an allen Ecken und Winkeln! Aber ich sage dir: In drei Stunden musst du mit der Räumung fertig sein! Was in dieser Zeit von jetzt an nicht aus der Burg gebracht wird, das muss den Flammen überlassen werden, sonst kommt morgen das Gericht Gottes über dieses Haus! Was aber nach einem zehntägigen Brand die Flammen nicht verzehren werden, das kannst du dann wieder benützen.
HG|3|292|3|0|Was aber die beiden Käfigbewohner betrifft, so lasse sie nun in die Burg des Königs bringen! Allda sollen sie die ganze Dauer des Burgbrandes hindurch ihre recht geräumigen Käfige bewohnen und sich in ihnen in der Geduld und Demut üben; und das Urteil soll dann über sie fallen je nach der Art, wie sie diese demütigende Probe zur wahren Wohlfahrt ihrer Seele benützen werden!
HG|3|292|4|0|Das aber sage ich: Wehe dir, Fungar-Hellan, und dir auch, du König Gurat, so ihr die Agla, meine unnatürliche Tochter, je wieder zur Königin macht, denn da werdet ihr ein mächtiges Gericht zu bestehen haben!“
HG|3|292|5|0|Nach diesen Worten Mahals befahl der Fungar-Hellan sogleich aller seiner Dienerschaft und der großen Dienerschaft aller der wieder auf freien Fuß gesetzten Oberpriester, welche beiden Dienerschaften männlichen und weiblichen Geschlechtes über zehntausend Köpfe stark waren, vorsichtig die Burg zu räumen drei Stunden lang und dann die Schätze zu tragen in die große Königsburg, nach drei Stunden aber diese Priesterburg anzuzünden an allen tausend Ecken und Winkeln.
HG|3|292|6|0|Besonders große Brände aber sollten in den großen Speisesaal über die Leichen geworfen werden. Alles aber, was sich in der generaloberpriesterlichen Wohnung befindet – ob Gold oder Silber –, dürfe nicht gerettet werden. Darauf gebot er einigen Trägern, die beiden Käfige in die Burg des Königs zu bringen.
HG|3|292|7|0|Alles wurde sogleich pünktlichst vollzogen. In den drei anberaumten Stunden wurden viele tausend Zentner Goldes und Silbers und eine Menge anderer Kostbarkeiten aus der Burg geschafft und in die große königliche Burg überbracht.
HG|3|292|8|0|Nach abgelaufenen drei Stunden aber sah man schon tausend und tausend Brandleger in die priesterliche Burg mit brennenden Fackeln und Pechkränzen eilen, und es dauerte keine halbe Stunde, da stand schon die ganze ungeheure Burg, die einen Umfang von zwei Stunden hatte und mehr als dreißigtausend Gemächer zählte, lichterloh in den wütendsten Flammen und setzte nahe ganz Hanoch in Schrecken, der seinesgleichen nicht hatte seit den Zeiten der zehn Feuerpropheten aus der Höhe.
HG|3|293|1|1|Die verschiedenen Meinungen der Hanocher über den Brand des Palastes der Priesterschaft. Fungar-Hellan verhindert einen Aufstand
HG|3|293|1|1|Am 3. Juni 1844
HG|3|293|1|0|Um den brennenden Palast der Priesterschaft aber wurden sogleich Wachen aufgestellt und ließen niemanden hinzu, der da etwa löschen möchte. Man beschied die Löscher bloß dahin, dass sie auf die nächstliegenden Groß- und Kleinbürgerhäuser achtgeben sollten, dass sie nicht Feuer fangen möchten vom großen Brand des Palastes, der zwar wohl von allen Seiten stark abgesondert dastand, aber bei seinem Vollbrand dennoch einen Glutregen über die benachbarten Gebäude verbreitete, dass sie darum einer großen Gefahr ausgesetzt waren.
HG|3|293|2|0|Die Hanocher zerbrachen sich die Köpfe, was denn doch das zu bedeuten haben möchte. Einige meinten, Fungar-Hellan sei von seinen Feinden also zugrunde gerichtet worden. Andere wieder sprachen, Fungar-Hellan hätte seine Feinde in den Palast zu locken gewusst, und da sie darinnen waren, da ließ er anzünden und verschließen die Burg, auf dass seine Feinde nun zu Asche würden; denn so etwas sähe dem schlauen Generaloberpriester ganz gleich. Und wieder andere meinten, da sie noch einige Kenntnisse von den zehn Feuerpropheten hatten, es sei sicher nun wieder ein solcher Feuerprophet von der Höhe herabgekommen und wirke nun wieder vor der von dem alten Gott abgewichenen Priesterschaft seine verderblichen Feuerwunder zur Bekehrung derselben.
HG|3|293|3|0|Infolge solcher Meinungen gab es denn auch eine Menge neugierige Forscher um den eigentlichen Grund dieser erschrecklichen Tatsache; aber die befragten Wachen mussten stumm sein, und so erfuhr niemand, der sonst in die Sache uneingeweiht war, eine Kunde.
HG|3|293|4|0|Es entstand aber darum ein förmlicher Aufstand unter der Bürgerschaft in der Stadt, die da mit Gewalt herausbringen wollte, was da hinter diesem Brand stecke.
HG|3|293|5|0|Fungar-Hellan aber zeigte sich da an der Spitze einer starken Macht und sprach zu einem Hauptgroßbürger: „Was wollt ihr denn erzwingen durch euer tumultuarisches Benehmen? Zieht euch zur Ordnung zurück, sonst lasse ich euch alle über glühende Klingen springen! Bin ich nicht der Herr über mein Haus und kann machen damit, was ich will? Was kümmert’s euch denn nun, wie und warum ich es habe anzünden lassen? Zieht euch daher sogleich zurück, wollt ihr nicht auch in ähnlichen Flammen euren Tod finden!“
HG|3|293|6|0|Diese Rede des Generals war von der entschiedensten Wirkung. Der ganze Aufstand war geschlichtet, und es ließen sich im Verlaufe des Brandes gar wenig Zuschauer mehr blicken.
HG|3|294|1|1|Fungar-Hellan kommt Aglas Bitten nicht nach, sie entweder freizulassen oder zu töten
HG|3|294|1|1|Am 4. Juni 1844
HG|3|294|1|0|Da sich aber der Fungar-Hellan während der zehntägigen Zeit des Brandes zumeist in der Burg des Königs aufhielt und von da aus mit dem König seine Geschäfte schlichtete, und das im selben Gemach, in dem sich die beiden Käfigbewohner befanden, so geschah es denn auch öfter, dass ganz besonders die Agla bat, dass er sie aus diesem allerschmählichsten Arrest befreien oder doch töten solle, denn darinnen zu schmachten sei unerträglich.
HG|3|294|2|0|Und der General erwiderte ihr immer mit der sanftesten Stimme: „Du bist wohl ein gar wundersam schönes Vögelein, aber dabei doch sehr schlimm und böse; daher will ich dich nicht töten, weil du so wundersam schön bist. Aber weil du so schlimm und böse bist, so will ich dich in diesem kostbaren Käfig halten, wie man sonst die schönen Vöglein zu halten pflegt, die auch nicht selten schlimm und böse sind, wenn sie sich in der Freiheit befinden; sind sie aber in den Käfigen, dann werden sie recht sanft, zahm und gut. Wer weiß, ob dieser schöne Käfig bei dir nicht auch die gleiche Wirkung hervorbringen wird!
HG|3|294|3|0|Siehe, wie du im herrlichsten Leben von der Welt frei warst, da dachtest du an nichts als an die Vertilgung dir nicht zu Gesichte stehender Menschen! Weil ich dir nicht zu Gesichte stand, so hast du alles Mögliche versucht, mich aus der Welt zu befördern; aber der wahre Gott muss denn doch nicht gewollt haben, dass dir, du schönes Vögelchen, deine böse List an mir gelingen solle! Und siehe, ich bin noch, was ich war; du aber bist nicht mehr, was du warst, sondern unterdessen bloß mein liebes, schönes Vögelein!
HG|3|294|4|0|Siehe, ich könnte dir jetzt sehr leicht dein schönes Köpfchen abschneiden lassen, oder dich mit einer vergifteten Nadel ein wenig an deinem schönen, zartesten Leib kitzeln! Aber ich bin nicht so schlimm und böse wie du; darum tue ich das auch nicht und werde es wohl nie tun! Aber freilassen kann ich dich wohl nicht eher, als bis ich völlig überzeugt sein werde, dass du ganz sanft und zahm werden wirst!
HG|3|294|5|0|Es soll dir aber darum doch nichts abgehen in diesem schönen Lusthäuschen! Zu essen und zu trinken sollst du genug haben! Für deine Notdurft ist der kleine Seitenkasten, der täglich dreimal gereinigt werden kann und wohl zu verschließen ist, dass kein übler Geruch in deine Nüstern gelangen kann. Also hast du auch ein weiches Lager darinnen und ein recht bequemes Lotterbettchen. Für die Not kannst du in diesem Häuschen auch eine kleine Promenade machen. Was willst du da mehr? Bleibe daher nur schön ruhig darinnen, es wird dir nichts abgehen!
HG|3|294|6|0|Der Drohuit ist freilich nicht so bequem daran wie du; aber im Grunde fehlt auch ihm nichts!“
HG|3|294|7|0|Sooft die Agla den General bat, dass er sie freiließe, so oft auch bekam sie immer die gleiche Antwort und ärgerte sich darob gewaltig heimlich; aber sie verbarg ihren Ärger, um den Fungar-Hellan zu täuschen. Aber Fungar-Hellan war nun sehr vorsichtig und horchte allezeit auf das, was ihm der Mahal riet.
HG|3|295|1|1|Die Sammlung der beim Brand der priesterlichen Burg geschmolzenen Schätze. Der geheimnisvolle Ruf
HG|3|295|1|1|Am 5. Juni 1844
HG|3|295|1|0|Als aber nach zehn Tagen der Brand der priesterlichen Burg zu Ende war, da sprach der Mahal zum Fungar-Hellan:
HG|3|295|2|0|„Nun sende Maurer und Zimmerleute in die schon allenthalben erloschene Brandstätte, und lasse nachsuchen, ob noch irgend Kostbarkeiten anzutreffen sein möchten! Diese sollen gesammelt werden auch in deinem gewesenen großen Speisesaal und in allen deinen gewesenen Wohnzimmern!
HG|3|295|3|0|Es wird zwar all dein Gold- und Silber-Gerät im geschmolzenen Zustand anzutreffen sein, – allein das tut nichts zur Sache! Auch als geschmolzenes Erz muss es auf das Sorgfältigste gesammelt werden, nicht so sehr seines Wertes, als vielmehr eines ganz anderen Grundes wegen, den du nun nicht einsiehst, und den ich dir vorderhand auch nicht kundgeben kann; befolge aber meinen Rat, und es wird alles gut gehen!“
HG|3|295|4|0|Und der Fungar-Hellan befolgte sogleich den Rat Mahals und sandte sogleich am selben Tag noch tausend Maurer und ebenso viele Zimmerleute nach der Brandstätte; und diese sammelten zehn Tage lang und fanden noch über zwanzigtausend Zentner geschmolzenen Goldes und Silbers und daneben auch eine unglaubliche Menge von den alleredelsten Steinen – wie Diamanten, Rubine und Smaragde –, was alles sie in die Königsburg schafften.
HG|3|295|5|0|Fungar-Hellan erstaunte sich gar gewaltig über die große Masse der aus der Brandstätte hervorgeholten Schätze und sprach: „Bei dem Gott Mahals! Das hätte ich nie geglaubt, dass da noch so viel vom Gold und Silber und Edelsteinen sollte zurückgeblieben sein, indem doch in den ersten drei Stunden eine ungeheure Menge aus der Burg vor dem Brand weggeschafft wurde.“
HG|3|295|6|0|Und der Mahal sprach: „Ich sage dir, sende die Arbeiter noch einmal aus, und sie werden bei der Wegräumung des Schuttes, den der Brand verursacht hat, noch einmal so viel finden!“
HG|3|295|7|0|Und der Fungar-Hellan sandte sogleich die Arbeiter wieder aus, dass sie den Schutt aus der Brandstätte räumten; und siehe, diese fanden im abermaligen Verlaufe von zehn Tagen eine beinahe noch größere Menge des edlen Erzes im geschmolzenen Zustand und brachten es in die Königsburg, worüber sich der Fungar-Hellan noch mehr wunderte.
HG|3|295|8|0|Mahal aber sagte dann zu ihm: „Nun kannst du die Burg wieder herstellen lassen, denn das Gemäuer ist gut!“
HG|3|295|9|0|Und der General erteilte sogleich Befehle an die Baumeister, und diese begannen alsbald an der Wiederherstellung der Burg zu arbeiten.
HG|3|295|10|0|Aber gerade am selben Tag erging auch ein Ruf durch die Stadt, und dieser lautete: „Das ist eine vergebliche Arbeit!“
HG|3|295|11|0|Und niemand wusste, woher dieser Ruf kam, und dieser Ruf machte sogar den Mahal stutzen, noch mehr aber den Fungar-Hellan.
HG|3|296|1|1|Fungar-Hellan hadert mit Gott wegen der wiederholten Gerichtsandrohungen
HG|3|296|1|1|Am 7. Juni 1844
HG|3|296|1|0|Fungar-Hellan trat hier gar schnell zum Mahal und fragte ihn, was denn doch dieser sonderbare Ruf bedeuten solle.
HG|3|296|2|0|Und der Mahal sprach: „Freund Fungar-Hellan! Dieser Ruf kam nicht etwa aus dem Munde vieler Menschen, sondern – glaube es mir! – das ist eine Rede aus dem unsichtbaren Munde Gottes! Und diese Rede bedeutet so viel als: Gott werde über die Welt in der jüngsten Zeit ein Gericht senden, das da seinesgleichen noch nie gehabt hat, solange diese Erde von Menschen bewohnt ist! Aus dem Grunde möchte dann der Wiederaufbau deiner Burg wohl wenig mehr fruchten!“
HG|3|296|3|0|Hier sprach der Fungar-Hellan ganz erbost zum Mahal: „Aber so sage mir doch einmal, was denn der alte, allezeit mürrische Gott wolle?! Sind wir Menschen Ihm nicht recht, wie Er uns erschaffen hat, und wie wir sind, so soll Er uns anders machen, auf dass wir dann also gestellt sein werden, wie es Ihm am wohlgefälligsten ist!
HG|3|296|4|0|Ich muss dir aber im Ernst bekennen, dass Sich dein Gott in dem beständigen Androhen irgendeines Gerichtes im hohen Grad schwach zeigt und offenbart von Sich an uns, Seine Geschöpfe, eine Unvollkommenheit, der sich fürwahr kein ehrlicher Mensch bewusst ist! Hat Er uns Menschen schon als freie Wesen erschaffen, was umgarnt Er uns dann mit gewissen Gesetzen, die unserer von Ihm gegebenen Natur zuwiderer sind als der Tod selbst?
HG|3|296|5|0|Und können wir diese Gesetze zufolge der verschiedenen Verhältnisse denn doch oft unmöglich halten, oder machen wir bildliche Vorstellungen von Ihm und Seinen wirkenden Kräften und lassen sie vom Volk verehren, das von Ihm, der Sich nie sehen lässt, gar keinen Begriff fassen kann, so ist Er gleich bei der Hand und fängt wieder mit Seiner alten Gerichtsandrohung an, die Er schon dem Kahin gemacht hat! Findest du denn das nicht läppisch von einem Gott?!
HG|3|296|6|0|Ist Ihm meine Verwaltung nicht recht, so komme Er und zeige mir, wie Er die Verwaltung haben will, und ich werde sie gestalten nach Seinem Begehren! Aber Er redet ein Jahrhundert nichts und verhält Sich, als wäre Er nicht, oder als schliefe Er, oder als wäre Er mit allem und jedem völlig zufrieden! Dadurch geht dann im langen Verlaufe der Zeiten freilich so manches von Seinem irgendwann geoffenbarten Willen und dessen Erfüllung verloren! Wer aber ist da wohl schuld daran als der Schöpfer Selbst, weil Er nicht zu allen Zeiten gleich ist!?
HG|3|296|7|0|Kann Er Sich einem Volk als ein weiser Lehrer zeigen, warum dem anderen nicht? Ist denn das eine Volk weniger von Ihm erschaffen als das andere? Also komme Er und gestalte uns um, oder Er vernichte uns, aber das in einem Augenblick, auf dass dann diese mir höchst lästige Gerichtsdrohung ein Ende nehme, denn wahrlich, nun bin ich schon von allem dem satt!
HG|3|296|8|0|Du wirst wohl sagen, der Herr habe zu öfteren Malen Boten zu uns gesandt! Ich aber sage: Solche Boten machen einem Gott wahrlich keine Ehre, da sie am Ende schwächer sind als wir, an die sie gesandt waren!
HG|3|296|9|0|Nehmen wir zum Beispiel nur deinen Waltar! Frage: Wie kann ein weiser Gott so einen Propheten an ein Volk, wie wir Hanocher es sind, senden, dass er uns bekehre!? Hat er uns nicht an aller Schwäche bei weitem übertroffen, und doch hätte er, uns von Gott aus gesandt, sollen ein Prophet, ein Lehrer in der Kraft Gottes sein!
HG|3|296|10|0|Sage, sage mir, wie reimt sich das mit deinem alten, allmächtig und höchst weise sein sollenden Gott?!“
HG|3|296|11|0|Mahal war ganz perturbiert [irritiert] von dieser Rede und wusste nicht, was er dem General erwidern sollte.
HG|3|296|12|0|Der General aber fing nun an, in den Mahal ganz ernstlich um eine Antwort zu dringen.
HG|3|297|1|1|Mahal ermahnt Fungar-Hellan und versetzt diesen in große Angst
HG|3|297|1|1|Am 8. Juni 1844
HG|3|297|1|0|Der Mahal aber, als er sah, dass der Fungar-Hellan gegen ihn stets ungestümer ward, hob endlich seine Hand in die Höhe und sprach: „Großer Gott! Siehe, Dein alter Diener und Knecht befindet sich in einer großen Gefahr; daher erbarme Dich seiner, und errette ihn durch Deine große Gnade und Erbarmung! Oh, lege ihm Worte in sein Herz, durch die er einen ohnmächtigen Rebellen gegen Dich, o großer Gott und Herr aller Herrlichkeit, kräftigst bekämpfen könnte!“
HG|3|297|2|0|Hier kam ein Strahl der göttlichen Kraft in das Herz Mahals, und er dankte Gott und richtete dann folgende Worte an den General:
HG|3|297|3|0|„O du durchaus ohnmächtiger Wurm von einem Menschen dieser Erde! Du willst mit Gott hadern und willst durch deine trügerischen Vernunftgründe den Allerhöchsten und den Allerheiligsten menschlicher Schwächen zeihen, und willst dich an der Weisheit Gottes rächen mittels deines schwachen Weltverstandes!?
HG|3|297|4|0|Ich sage dir, zage und bebe ob deines Frevels an der unantastbaren Heiligkeit Gottes! Denn die Erde ist nun kein fester Grund mehr für deine Füße, und die Luft Gottes wird sich empören wider dich, dieweil du die Heiligkeit Gottes in meinem Angesicht geschändet hast!
HG|3|297|5|0|Hättest du gesagt, Gott sei unbarmherzig und habe keine Liebe zu Seinen Geschöpfen, so wäre das ein menschlicher Vorwurf gewesen, der zu verzeihen ist; aber du hast die göttliche Weisheit und ewige Ordnung angegriffen und hast Gott im Verlaufe deines Gehaders als einen sinnlosen Narren erklärt, dessen Weisheit schon von einem ganz einfachen Menschen übertroffen wird.
HG|3|297|6|0|Siehe, das war ein Angriff der göttlichen Heiligkeit und somit eine unverzeihliche Sünde, und diese deine Sünde wird umso eher und umso sicherer das Gericht Gottes an euch allen in die unausbleiblichste Vollziehung bringen!
HG|3|297|7|0|Denn wäre ein Menschenherz im ganzen Reich besser als das deinige, so möchte Gott des einen besseren Herzens wegen dieses Reich noch hundert Jahre lang verschonen und harren der Besserung desselben!
HG|3|297|8|0|Aber weil gerade du noch bisher der Allerbeste warst, obschon du noch bisher mit keinem Haar dich mehr in der göttlichen Ordnung befandest und nun gänzlich dich durch dein Gehader von Gott getrennt hast, so ist das Gericht auch vor der Türe! Und ich sage dir, es werden nicht zweimal zehn Jahre vergehen, und diese deine Welt wird nicht mehr sein!
HG|3|297|9|0|Adam hat sich versündigt vor Gott, und Gott hat durchs Feuer die ganze Schöpfung gerichtet! Das zerrissene Gestein der Erde gibt dir davon den unleugbarsten Beweis.
HG|3|297|10|0|Zu Ohlads Zeiten, da dies Reich auch ganz von Gott abgefallen ist, hat Gott abermals ein Feuergericht über alle Festen der Erde gesandt, und abermals wurden die Berge und die Täler zum größten Teil zerrissen durch des Feuers Gewalt! Die Quersprünge im Gestein geben dir davon Zeugnis.
HG|3|297|11|0|Bei allem dem aber schonte der Herr den Menschen und wollte ihm nur zeigen die göttliche Macht, und wie gar nichts der Mensch gegen Gott ist! Nun aber wird Gott das Menschengeschlecht angreifen und wird es vertilgen so weit, als da reicht die Flut eurer Sünde!
HG|3|297|12|0|Siehe, das nun ist die Antwort, die du haben wolltest, und keine andere kann ich dir geben, weil mir Gott keine andere gegeben hat für dich und all dein Volk!“
HG|3|297|13|0|Diese Worte betrübten den Fungar-Hellan gewaltig, und er geriet in eine große Angst; denn er hielt sehr große Stücke auf den Mahal und sann nun nach, wie er Gott und den Mahal wieder besänftigen könnte.
HG|3|298|1|1|Die Gräuel in den anderen Städten. Aufruf zur Buße und zur Zerstörung der Götzentempel
HG|3|298|1|1|Am 10. Juni 1844
HG|3|298|1|0|Als der Fungar-Hellan aber lange nachgesonnen hatte, was da zu tun wäre, um den Gott Adams, Seths und Henochs wieder zu besänftigen und somit auch seinen alten Mahal, da ertönte auf einmal eine mächtige Stimme im großen Thronsaal, allwo sich eben Fungar-Hellan mit dem Mahal, dann der König Gurat und eine Menge von den ersten Ministern des Reiches befanden, und die Stimme lautete:
HG|3|298|2|0|„Wer da eine rechte Reue über seine Sünde aus Liebe zu Gott in seinem Herzen fasst, der darf nicht zagen; denn Gott ist nicht wie ein Mensch unversöhnlich, sondern höchst versöhnlich!
HG|3|298|3|0|Wer mit Reue und Liebe sich dem Vater naht, dem darf’s nicht bangen; er wird Vergebung seiner Sünde erlangen!
HG|3|298|4|0|Wäre das ganze Reich, wie noch Hanoch ist in freilich wenigen Menschen nunmehr, da möchte Gott wohl tausend Jahre noch der vollen Besserung harren; aber geht zu euren Vasallen, und geht in die zwölf anderen Städte, allda werdet ihr Gräuel über Gräuel antreffen, von denen ihr nie eine Kunde erhaltet!
HG|3|298|5|0|Ihr habt zwar dem Volk alle bestimmten Steuern erlassen, und habt dafür unbestimmte und gewisserart freiwillige eingeführt; aber eben diese Einführung gab allen euren Vasallen die Gelegenheit, die unbestimmten Steuern also zu gestalten, dass nun kein Untertan mehr eine Stunde sicher ist vor einer mächtigen Bettelei. Und gibt er einem solchen Bettler nicht, was er verlangt, so fängt dieser an, dem Untertan die schrecklichsten Drohungen zu machen; und kehrt sich der Untertan nicht daran, so entfernt sich der Bettler dann unter Fluchen und unter entsetzlichem Verwünschen.
HG|3|298|6|0|Und siehe, es vergeht dann kein Tag, so werden schon alle die Verwünschungen an dem Untertan vollzogen durch verkappte allerartige priesterliche Natur- und Höllenzauberer! Ja, in diesem Augenblick werden tausend Untertanen auf die unerhörteste Art gemartert, und die nächste Stunde erwartet schon tausend andere!
HG|3|298|7|0|Sollte Gott bei solchen Umständen wohl noch länger des menschlichen Geschlechtes schonen und harren seiner Besserung?
HG|3|298|8|0|Wahrlich, die Hölle sei der ewige Besserungsort für diese Teufel in der menschlichen Haut!
HG|3|298|9|0|Heute hat der Herr, Gott Himmels und der Erde, dem Noah auf der Höhe geboten, nach gerechtem Plan einen Wasserkasten zu bauen, und der Noah hat schon die Hand ans anbefohlene Werk gelegt!
HG|3|298|10|0|Wer aus euch errettet werden will, der tue gerechte Buße vor Gott und suche auch andere zur wahren Buße zu bekehren, so wird er Gnade finden, und Gott wird ihn zur rechten Zeit führen aus diesem Land des Verderbens, auf dass er nicht gerichtet werde mit den Teufeln!
HG|3|298|11|0|Und du, Fungar, aber gehe mit deiner Macht hinaus und zerstöre alle Götzentempel, wenn dir an der Vergebung deiner großen Sünde vor Gott etwas gelegen ist; aber enthalte dich von zu großer Grausamkeit! Amen.“
HG|3|298|12|0|Diese Rede, wie aus der Luft des Saales hervorgehend, setzte alle Anwesenden samt dem Mahal ins größte ängstliche Erstaunen, und der Fungar-Hellan gebot sogleich allen seinen Kriegsobersten, längstens binnen drei Tagen die ganze große Kriegsmacht zu ordnen.
HG|3|298|13|0|Und Mahal sagte ihm zu, dass er ihn überall hin begleiten werde im Namen des Herrn.
HG|3|299|1|1|Mobilmachung des Heeres. König Gurat erhält von Fungar-Hellan hundert Amtleute zur Verwaltung von Hanoch
HG|3|299|1|1|Am 11. Juni 1844
HG|3|299|1|0|Als die Kriegsobersten, die da selbst Zeugen von dieser sonderbaren Stimme und Rede im großen Thronsaal waren, um desto schneller und eifriger davoneilten, um das Kriegsheer zu ordnen, da trat der Gurat hin zum Fungar-Hellan und sprach zu ihm:
HG|3|299|2|0|„Freund und Bruder! Du wirst jetzt versehen das große Heer und wirst vielleicht jahrelang abwesend sein von Hanoch, und ich werde es allein regieren müssen! Oh, das wird eine starke Aufgabe sein für mich! Möchtest denn du mir nicht einige von deinen bewährtesten Amtleuten zurücklassen, auf dass sie mir das große Volk übersehen und leiten helfen? Denn solches ist einem Menschen wohl nimmer möglich!“
HG|3|299|3|0|Und der Fungar-Hellan sprach zum König: „Bruder, siehe, du zählst ja auch in deiner Burg über zehntausend Beamte hohen und niederen Ranges! Kannst du denn mit diesen nicht auslangen? Ich sage dir, füttere sie nicht umsonst, sondern treibe sie zur Arbeit an, und sie werden ja doch tun, was du ihnen gebieten wirst!“
HG|3|299|4|0|Und der Gurat erwiderte: „Ja, da hast du wohl recht, wenn in ihren Köpfen etwas wäre, aber da hat es einen gar gewaltigen Haken!
HG|3|299|5|0|Du weißt es ja, wie wir beide anfangs genötigt waren, um unseren Thron zu sichern, alle die Großen der Stadt und auch des Reiches an uns zu ziehen und ihnen zu geben bei Hofe irgendeinen glänzenden Rang!
HG|3|299|6|0|Siehe, diese Menschen waren schon früher sehr dumm, und wir haben sie aus gewissen Gründen in ihrer Dummheit noch mehr bestärkt, obschon wir auch die hellen Köpfe andererseits gehörig zu würdigen verstanden haben!
HG|3|299|7|0|Nun sollen diese Dummköpfe an meiner Seite das Staatsruder ergreifen! O Freund, wahrlich, das würde bald eine Regierung geben, vor der es dem Satan selbst ekeln würde!
HG|3|299|8|0|Aus diesem dir wohlbegreiflichen Grund wirst du wohl sehr sicher und leicht einsehen, dass ich während deiner Abwesenheit einiger tüchtiger Amtleute vonnöten habe!“
HG|3|299|9|0|Hier sagte der Mahal zum Fungar: „Also gebe ihm denn hundert gute Köpfe aus deiner Schule; mit denen wird er wohl überorts kommen unterdessen, als wir aussein werden!“
HG|3|299|10|0|Und Fungar-Hellan gab dem Gurat sogleich hundert Oberpriester aus seiner Schule, die da an der Seite Gurats das Ruder führten.
HG|3|299|11|0|Es war aber noch eine Frage, nämlich: was mit der Agla und mit dem Drohuit geschehen solle.
HG|3|299|12|0|Hier sprach wieder der Mahal und sagte: „Die bleiben, wie sie sind, bis wir wiederkommen! Nur im Falle einer Krankheit oder im Falle auffallender Besserung kann eines oder das andere aus dem Käfig befreit werden; aber aus dem Zimmer darf keines eher, als bis wir zurückkommen werden!
HG|3|299|13|0|Vor allem aber müssen die beiden alsbald getrennt werden, sogar als Käfigbewohner, und das vor unseren Augen noch heute! Also hat es zu geschehen!“
HG|3|300|1|1|Aglas Besserung
HG|3|300|1|1|Am 12. Juni 1844
HG|3|300|1|0|Als der Gurat wie der Fungar-Hellan solches vom Mahal vernommen hatten, da begaben sie sich sogleich in den anderen Saal, allwo sich die beiden Käfigbewohner unter einer gehörigen Bewachung befanden.
HG|3|300|2|0|Allda angelangt, wurden sie sogleich von der Agla angegangen, und zwar mit folgenden Worten: „O ihr ersten Machthaber des Reiches, und du auch, mein Vater Mahal! Ich bin ja eine größte Sünderin vor Gott und vor euch allen, denn ich habe mich vergriffen an den Rechten Gottes und an allen euren Rechten und habe darum nichts als den Tod verdient! Ich erkenne nun, dass diese Käfigstrafe für mich viel zu gering ist; ein glühender Käfig wäre meiner Sünde angemessener!
HG|3|300|3|0|Wo aber lebt ein gefangener Sünder, der sich nicht sehnte nach der Freiheit, ob sie ihm frommte oder nicht!? Also ist es auch mit mir der Fall! Ich erkenne nun gewiss die ganze Größe meines Verbrechens vor euch und vor Gott, wie es vielleicht kein zweiter Sünder erkennt; aber dennoch erkenne und fühle ich auch den mächtigen Drang nach der Freiheit, der mir diesen Kerker zu einer unerträglichen Qual macht!
HG|3|300|4|0|Oh, nehmt einen Dolch und stoßt ihn mir ins Herz, und ihr werdet mich glücklich machen! Nur in dieser allerspottvollsten Gefangenschaft lasst mich nicht länger; denn das kann mich zur Verzweiflung und zum Wahnsinn treiben! Tut mit mir, was ihr wollt, aber nur darinnen lasst mich nicht länger, allda ich fortwährend von den Wachen geneckt und geschmäht werde!
HG|3|300|5|0|O Vater Mahal, und du, mein Bruder Kisarell, und ihr, meine lieben Schwestern, erbarmt euch meiner, die ich vielfach unglücklich bin! Betrachtet mich als ein von der Hölle gefangengenommenes, verblendetes, verlocktes und verführtes Wesen, und ihr werdet ja doch so viel Erbarmung mit mir haben, dass ihr mir wenigstens den ersehnten Tod geben werdet!
HG|3|300|6|0|Denkt ja nicht daran, als möchte ich euch je wieder gefährlich werden; denn die euch mit aufgehobenen Händen um den Tod bittet, die wird ewig nimmer den Thron von euch erbitten!
HG|3|300|7|0|O großer, allmächtiger Gott, wäre meine Sünde nicht so groß, da möchte ich wohl Dich um meine Erlösung bitten! Allein ich erkenne meine zu große Unwürdigkeit vor Dir; daher getraue ich mich nicht, zu Dir, o Du überheiliger, gerechtester Vater, um Erbarmung zu rufen! Erweiche aber doch die Herzen dieser Deiner Machthaber hier, dass sie mich töten möchten, auf dass ich nicht länger mehr dem allerschmählichsten Gespött der Wachen ausgesetzt bleibe!“
HG|3|300|8|0|Nach diesen Worten sank die Agla in ihrem Käfig ohnmächtig zusammen und ächzte darinnen.
HG|3|300|9|0|Fungar-Hellan ließ hier sogleich den Käfig öffnen und herausheben die Agla und ließ sie laben mit guten Spezereien, worauf sie sich wieder erholte.
HG|3|300|10|0|Als sie wieder zu ihren Lebenskräften kam, da sprach der Fungar-Hellan zu ihr: „Agla, ist das dein lebendiger Ernst, dass du lieber sterben möchtest, als nun wieder in den Käfig zurückkehren? Siehe, hier ist ein scharfer Dolch, und dort der Käfig! Wähle nun ernstlich zwischen beiden!“
HG|3|300|11|0|Bei diesen Worten enthüllte Agla sogleich ihre Brust und sprach mit etwas bebender Stimme: „Siehe, hier schlägt das Herz, das vielfach betrogene und gefangene; o erlöse es mit dem Stahl in deiner kräftigen Hand!“
HG|3|300|12|0|Hier warf Fungar-Hellan den Stahl von sich und sprach zum Mahal: „Damit habe ich deiner Tochter alles vergeben; Gott und du aber mögt weiter mit ihr verfügen!“
HG|3|300|13|0|Und der Mahal sprach: „Wenn du ihr alles vergeben hast, so sei ihr auch von mir aus alles vergeben! Aber hier bleiben kann sie nicht, sondern sie muss mit uns ins Feld ziehen!“
HG|3|300|14|0|Damit war Fungar-Hellan zufrieden; die Agla aber fiel vor ihrem Vater nieder und weinte ob solcher Gnade an ihr, dass sie darob ganz schwach ward.
HG|3|300|15|0|Alle aber waren erfreut ob solcher Besserung der Agla.
HG|3|301|1|1|Fungar-Hellans Anweisungen hinsichtlich des Drohuit
HG|3|301|1|1|Am 13. Juni 1844
HG|3|301|1|0|Da auf die Weise die Agla befreit ward, da ging der Gurat zum Fungar-Hellan und fragte ihn, ob auch mit dem Drohuit Ähnliches geschehen solle, falls er sich also bessern würde, wie sich die Agla gebessert hat.
HG|3|301|2|0|Fungar-Hellan aber sagte in einem ganz festen Ton: „Nein, Drohuit bleibt auf jeden Fall so lange in seinem Käfig, als bis ich, oder – so ich in dem Feldzug den Tod fände – mein Nachfolger wieder zurückkommen wird!
HG|3|301|3|0|Doch sollst du ihm nichts abgehen lassen; er soll zu essen bekommen, was er nur immer wolle, und also auch zu trinken!
HG|3|301|4|0|Will er ein oder das andere seiner Weiber bei sich im Käfig haben, so kann ihm auch solches bewilligt werden, – doch solches nur unter der unerlässlichen Bedingung, dass er fürs Erste mit dem bei ihm seienden Weib nichts anderes rede, als was man gewöhnlich am Beiwohnbett mit den Weibern spricht; oder so er Besseres reden will, da kann er sich über den alten wahren Gott mit seinen besseren Weibern besprechen, von dem er samt uns allen schon lange gar jämmerlich abgewichen ist!
HG|3|301|5|0|Während der Beiwohnung, und überhaupt während des Beiseins eines oder des anderen seiner Weiber, muss er allezeit am strengsten bewacht und belauscht werden! Und da die Agla nun frei ist, so kann der Drohuit in diesem Saal verbleiben.
HG|3|301|6|0|Ich sage dir aber, zeichne mir ja genau alles auf, was er machen wird in seinem Käfig, damit ich mich dann [danach] richten kann in der künftigen Verfügung entweder um sein Wohl oder Wehe! Sollte er etwa gar Bücher lesen wollen aus unserer großen Büchersammlung, so soll er auch in dieser Hinsicht befriedigt werden!
HG|3|301|7|0|Nun aber hast du auch für den Drohuit die gehörige und gerechteste Instruktion! Wirst du sie genau beobachten, so wirst du gut sorgen für ihn, für dich und uns alle; und das ist sicher auch der Wille des einig wahren Gottes!“
HG|3|301|8|0|Und der Mahal sprach: „Amen, das ist recht und vollkommen gerecht; bei dem verbleibe es!“
HG|3|301|9|0|Als der Gurat solches vernommen hatte, da ward er froh; denn der Drohuit war ja eben der Mann, der ihm durch seine List die Krone schon so gut wie vom Haupt gerissen hatte. Er schwor daher auch, das alles auf das Pünktlichste zu erfüllen.
HG|3|301|10|0|Es fragte aber auch der Mahal ganz heimlich versuchsweise die Agla, ob sie mit solcher Bescherung für den Drohuit zufrieden sei.
HG|3|301|11|0|Und die Agla sprach: „O Vater, warum versuchst du noch weiter deine über alles versuchte, unglückliche, ärmste Tochter? Bin ich dir noch nicht unglücklich genug, sowohl in der Welt, wie auch in meiner Seele? In der Welt bin ich die Verachtetste und über alle Schlangen Gefürchtetste, und in meiner Seele die Verworfenste, weil vor Gott fortwährend das Blut meines Bruders um Rache an meiner Seele schreit!
HG|3|301|12|0|O versuche mich nicht mehr, denn unglücklicher war ja noch nie ein Mensch auf dieser Erde, als ich es bin! Habt ihr mir auch alles vergeben, so wird mir aber doch der Bruder nimmer vergeben, den ich habe töten lassen; und Gott wird mir solche Tat auch nicht vergeben! Darum bin ich so endlos unglücklich! Daher, o Vater, versuche die Elendeste nicht mehr!“
HG|3|301|13|0|Diese Rede der Agla erregte eine große Sensation, und Mahal selbst bereute, dass er eine solche Frage an die Agla gestellt. Darum aber fingen bald alle an, sie zu trösten und wie möglich zu stärken und zu laben.
HG|3|302|1|1|Fungar-Hellan erkennt Drohuits gekünsteltes Weinen und Klagen. Agla im härenen Gewand
HG|3|302|1|1|Am 15. Juni 1844
HG|3|302|1|0|Es wollte aber der Drohuit, der die Bestimmung über sich gar wohl vernommen hatte, sich auch durch ein freilich nur erkünsteltes Weinen und Klagen über sich selbst und über seine Sünde gegen den Fungar-Hellan und gegen Gott aus seinem Käfig befreien.
HG|3|302|2|0|Der Fungar-Hellan aber sprach: „Dieses Vogels Gesang ist mir überaus wohl bekannt, denn das ist kein Naturgesang, sondern ein eingelernter! Da man aber nur zu gut weiß, welche Vögel sich zu Kunstsängern abrichten lassen, so ist es auch gar nicht schwer zu erraten, wenn man einen solchen Vogelkunstgesang vernimmt, dass er entweder von einem Star, einer Amsel, oder von einer Goldlerche herkomme!
HG|3|302|3|0|Eben also erkenne ich hier auf den ersten Augenblick den Gesang dieses Vogels, der zwar weder ein Star, noch eine Amsel und noch weniger eine Goldlerche ist, aber desto erkenntlicher als ein echter Toten- und Raubvogel die Stimme der kleinen Vöglein nachahmt, um sie seinen Krallen näher zu locken! Wir aber sind keine Narren mehr und werden uns von ihm nicht in irgendein Dickicht verlocken lassen!
HG|3|302|4|0|Daher mag er nun weinen und klagen, wie er will, so wird er aber doch in seinem ehernen Haus verbleiben, wie es ehedem von mir ausgesprochen ward!
HG|3|302|5|0|Ich sehe schon, dass diese Strafe für seine Sünden viel zu gelinde ist, denn er hat es verdient, tausendmal getötet zu werden! Allein dem großen Mahal, diesem wahren Propheten Gottes, hat er es zu verdanken, dass seine Strafe so endlos gelinde ausgefallen ist!
HG|3|302|6|0|Wahrlich, wenn es da auf mich ankäme, da würde ich ihm auf der Stelle eine andere Strafe diktieren! Allein – hier kommt es auf den Willen Gottes an, den ich von heute an über alles zu respektieren habe angefangen; und so ist diesem Vogel auch von mir aus diese übersanfte Strafe angebilligt, weil sie also mir vom Propheten Gottes ist angezeigt worden! Und nun nichts mehr weiter darob!“
HG|3|302|7|0|Als der Drohuit aber solche Worte vom General vernommen hatte, da verstummte er und klagte und weinte nicht mehr und bekannte auch keine Sünden mehr vor den Ohren der großen Gesellschaft, die sich im Saal befand, – welcher Umstand aber auch bei vielen ein Lachen erregte, da sie ersahen, wie genau der Fungar-Hellan den Käfigarrestanten getroffen hatte.
HG|3|302|8|0|Es hatte aber die Agla noch die königlichen Kleider an, und sie ging darum zum Fungar-Hellan und sprach: „O du von mir so tiefst verkannter, edelster Mann! Siehe, ich als nun eine allergrößte Sünderin vor Gott, vor dir, vor dem König, vor meinem Vater und vor allen Menschen, habe noch königliche Kleider auf meinem unwürdigsten Leib! Ich bitte dich darum, dass du mir sie abnehmen möchtest und möchtest mir geben ein allergemeinstes härenes Gewand, das da gebührt einer büßenden Sünderin; denn diese glänzenden Kleider brennen meine Seele wie ein mächtiges Feuer!“
HG|3|302|9|0|Als der Mahal aber solches samt dem Fungar-Hellan vernommen hatte, da sprach er zum General: „Bruder, gebe ihr, um was sie dich bittet!“
HG|3|302|10|0|Und der Fungar-Hellan tat sogleich, was ihm sein Mahal geraten.
HG|3|302|11|0|Und die Agla ging mit dem Vater in ein Seitengemach, und kleidete sich alsogleich um, kam auch alsbald in einem grauhärenen Gewand mit dem Vater wieder zur Gesellschaft zurück.
HG|3|302|12|0|Und der Fungar-Hellan hatte eine große Freude an solcher Bekehrung der Agla; auch die andere Gesellschaft lobte solche Tat an der Agla.
HG|3|303|1|1|Aglas Reue und Klage
HG|3|303|1|1|Am 17. Juni 1844
HG|3|303|1|0|Es fragte aber nach einer Weile der Mahal seine sich stark gebessert habende Tochter Agla, was es sei, das sie getan habe, das sie nun für ihre schwerste Sünde halte vor Gott und vor allen Menschen, ob den anbefohlenen Brudermord, oder ob den Mord mit eigener Hand an den einundzwanzig Weibern Waltars, oder endlich die starke Teilnahme an der Verschwörung gegen die generaloberpriesterliche Macht.
HG|3|303|2|0|Und die Agla sprach: „O Vater, du weißt es hier am besten, welche aus allen meinen Sünden vor Gott und den Menschen die größte ist; denn solches zu ermessen weiß ich nicht! Aber das weiß ich, dass mich jede meiner begangenen Sünden getötet hat vor Gott in meinem Geist!
HG|3|303|3|0|Oh, hätte ich keine je begangen! Oh, hätte ich lieber nie die Tiefe gesehen, so wäre ich vor Gott noch so rein und unschuldig, wie ich es stets auf der Höhe war! Aber nun ist es geschehen, und ich kann das Geschehene nimmer ungeschehen machen! Daher meine ich, es wäre nun obendrauf eine große Torheit für mich, zu erforschen, welche von meinen Sünden nach der Erachtung meines Gewissens wohl die größte sein möchte!
HG|3|303|4|0|Ich meine, vor Gott zählt jede Sünde wider Seine heilige Ordnung gleich viel, und ihre Wirkung ist gleich, bringend nämlich den ewigen Tod dem Geist des Menschen! Ist aber der Mensch in seinem geistigen Teil nun vollkommen tot, wie ich es sicher bin, da weiß ich dann ja wirklich nicht, welche Sünde mich am meisten getötet hat; denn ich meine, es komme da wohl kaum darauf an, ob man etwa mehr oder weniger tot sei, indem der vollkommen Tote doch nach meiner Meinung nicht noch toter werden kann!
HG|3|303|5|0|Siehe, ich habe meinen Bruder zu töten befohlen, und das hat meinen Geist getötet vollkommen! Dann lebte die Agla nicht mehr; nur ihre Leibeskräfte walteten nun aus dem Tod ihres Geistes, und so musste dann ja auch eine jede ihrer Handlungen eine Gräueltat sein vor Gott, wie vor allen geistig lebenden Menschen! Wie konnten sie aber auch anders sein? Denn vom Tod kann ja nur wieder der Tod kommen!
HG|3|303|6|0|Also sind meine nachfolgenden Handlungen nun für mein Gewissen weniger drückend, weil sie eine Folge der ersten Handlung sind! Oh, hätte ich die gar erste Handlung wider die göttliche Ordnung nie begangen, da wären alle anderen ausgeblieben!
HG|3|303|7|0|Beim ersten Tritt herab in die Tiefe hätte ich sogleich umkehren sollen, – da wäre ich noch, wie ich von meiner Geburt an war, und alle lebten noch, die ich getötet habe! Aber jetzt ist es zu spät, und mir bleibt nichts anderes übrig als die Reue über meinen ersten Schritt in diese Tiefe herab!“
HG|3|303|8|0|Darauf fing die Rednerin an zu weinen und klagte sich bitterlich an.
HG|3|303|9|0|Der Mahal aber sprach: „O großer Gott, ich danke Dir aus allen meinen Kräften, dass Du mich diese Tochter, die verloren war, nun wieder hast finden lassen!
HG|3|303|10|0|Agla, komme nun wieder an die Brust deines Vaters, denn nun habe ich in dir wieder meine Tochter erkannt! Kehre dich aber in deinem Herzen zu Gott, und du wirst wieder Gnade finden vor Ihm, dem guten, heiligen Vater!“
HG|3|303|11|0|Hier eilte die Agla an die Brust des Mahal und erleichterte ihr Herz durch viele Tränen, die sie fallen ließ auf des Vaters treue Brust!
HG|3|304|1|1|Fungar-Hellans Rede über die Torheit des äußeren Glanzes
HG|3|304|1|1|Am 18. Juni 1844
HG|3|304|1|0|Es trat aber auch der Fungar-Hellan hinzu, da die Agla auf der Brust ihres alten Vaters weinte, und sagte zu ihr: „Agla, – wahrlich, also gefällst du mir besser als in den königlichen Kleidern, die aus dir bald eine vollkommene Dienerin der Hölle gemacht hätten! Bleibe du fürder in dieser Verfassung, und du wirst Gott und auch mir sicher besser gefallen, als du mir je in aller deiner königlichen Pracht gefallen hast; denn auch ich bekenne hier öffentlich, dass ich nicht nur bei dir, sondern auch bei mir und bei jedermann ein abgesagter Feind alles Glanzes sein und bleiben werde mein Leben lang!
HG|3|304|2|0|Wer von nun an mein Freund sein will, der werfe alles Glänzende von sich, und gehe in einfachen Kleidern einher; so werde ich ihn ansehen als einen Menschen, dem es ums wahre Wohl der Völker wie mir selbst gelegen ist!
HG|3|304|3|0|Das Gold und Silber soll in nützliche Münzen verwandelt werden mit des Königs und mit meinem Bildnis! Also wird es nützen allem Volk; aber so wir es auf unsere Röcke annähen und diese dadurch oft so schwer machen, dass sie uns fast zu Boden drücken, welchen Nutzen haben da wir selbst, welchen das Volk davon, und welcher Dienst wohl wird dadurch Gott, dem alten Herrn aller Herrlichkeit, erwiesen?
HG|3|304|4|0|Wahrlich, solange wir unser Gewand nicht mit den rechten Sternen der Himmel und unsere Brust mit der echten Sonne zieren können zur Ehre Dessen, der uns erschaffen hat, so lange soll aller andere falsche Schmuck von uns entfernt bleiben! Denn was da nicht aus sich selbst leuchtet wie die Sonne und wie die Sterne am Himmel, das ist nur ein Lichtdieb und prunkt so lange mit dem gestohlenen Licht, als die große heilige Leuchte am Himmel strahlt mit ihrem Licht aus Gott; ist aber diese untergegangen, dann sind die von uns so hochgehaltenen Lichtdiebe gleich dem gemeinsten Dreck und Moder und sind finster diesem gleich!
HG|3|304|5|0|Aber alles, nützlich angewendet, ist Gott sicher wohlgefällig, weil Er es sicher zum Nutzen der Menschen geschaffen hat; gebrauchen wir aber diese Dinge zu ganz törichten, hoffärtigen, widersinnigen Zwecken, wofür sie sicher nicht geschaffen worden sind, so muss ein solcher Gebrauch vor Gott ja doch notwendig ein Gräuel sein, indem Gott doch sicher die ewige heilige Ordnung Selbst ist! Also weg mit all dem schimmernden Dreck von unseren Gewändern, hier und in allen Ländern!“
HG|3|304|6|0|Hier warf der Fungar-Hellan allen Schmuck von sich, und ihm folgten der König und alle anderen hohen Häupter; und alles das Gold und Silber ward in die Münze gebracht und dort zu gangbarer Münze geprägt.
HG|3|304|7|0|Mahal lobte darum den Fungar-Hellan über die Maßen und sagte noch obendrauf: „Mir scheint es, Fungar-Hellan, als hätte dich der Geist des Herrn schon ergriffen; denn wahrlich, ich glaubte nun aus dir den alten Henoch vernommen zu haben! Denn siehe, solche Weisheit wohnt sonst im Menschen nicht!“
HG|3|304|8|0|Darauf dankte Mahal Gott, dass Er diesem Mann also gnädig geworden war; und alles erstaunte sich über die Weisheit des Fungar-Hellan.
HG|3|304|9|0|Und die Oberpriester sprachen: „Nun erst bist du vollwürdig, unser General zu sein!“
HG|3|304|10|0|Und alles sprach ein lautes Amen hinzu.
HG|3|305|1|1|Fungar-Hellans Befehle an das Kriegsvolk zum Angriff auf den Tempel der Erze und der Schmiede
HG|3|305|1|1|Am 19. Juni 1844
HG|3|305|1|0|In dieser Verfassung der Gemüter vergingen die drei Tage, binnen welcher Zeit die obersten Feldherren das Kriegsvolk ordneten und es für den bevorstehenden Feldzug unterweisen mussten.
HG|3|305|2|0|Am Abend also des dritten Tages kamen die ersten Feldobersten in die Königsburg zum Fungar-Hellan und zeigten ihm an, dass nun ein Heer von zwei Millionen schon draußen auf den großen Übungsplätzen lagere, und das da wohl ausgerüstet war für jeden kriegerischen Zweck und harre der weiteren Befehle.
HG|3|305|3|0|Und der Fungar-Hellan sagte zu diesen ersten Feldobersten: „So geht und erteilt folgenden Befehl: Drei Stunden vor dem Aufgang [der Sonne] wird aufgebrochen, und die ganze Macht wird sich zuerst bewegen zum Tempel des Gottes der Erze und der Schmiede! Da werden dann die Arbeiter vorrücken und sich sogleich an die Zerstörung alles dessen machen, was nur irgendein allerleisestes götzenhaftes Ansehen hat, und natürlich vor allem an den Haupttempel!
HG|3|305|4|0|Sollten sich die Bergleute und die Priester dieses Tempels widersetzen und die Arbeiter hindern wollen an ihrem anbefohlenen Werk, da soll sogleich eine starke Waffenmännerabteilung da sein und solle die Priester wie die Bergleute mit scharfer Gewalt zum Gehorsam treiben und solle alle die Hartwiderspenstigen alsogleich über die Klinge springen lassen!
HG|3|305|5|0|Werden aber die Priester und die Bergleute alsogleich ohne Widerstand die Tempel und alles Götzentum zerstören lassen, dann sollen sie sogleich in mein Zelt gebracht werden, auf dass sie von mir den Unterricht erhalten, was sie fürder tun und lehren sollen, und worin ihre Versorgung bestehen werde.
HG|3|305|6|0|Die große Macht aber hat allezeit und überall eher den Tempel einzuschließen mit drei Kreisen und genau darauf achtzuhaben, dass da niemand von irgendeinem Tempel flüchtig wird!
HG|3|305|7|0|Alles Gold und Silber bei den Tempeln aber muss gesammelt und sodann mir überbracht werden, und ich werde eine große Menge Münzpräger mitnehmen und werde alsogleich alles Gold und Silber in gangbare Münzen umgestalten lassen, mit dem fürs Erste die Kriegsmacht besoldet wird, und durch die dann solches Geld auch unters Volk kommen wird.
HG|3|305|8|0|Also hat es zu geschehen! Das gebiete ich, Fungar-Hellan, und der König Gurat!“
HG|3|305|9|0|Nach diesem gegebenen Befehl zogen die ersten Feldobersten sogleich wieder ab und erteilten dem großen Heer den Befehl des Generaloberpriesters und des Königs.
HG|3|305|10|0|Gurat aber ließ daheim sogleich tausend Kamele ausrüsten und nahm tausend Münzer, die sich zum Mitzug bereiten mussten mit ihren Werkzeugen, und ließ dann noch siebenhundert Kamele ausrüsten für den Fungar-Hellan und all sein Gefolge.
HG|3|305|11|0|Und am nächsten Tag bei drei Stunden vor dem Aufgang [der Sonne] war alles schon auf den Beinen; die Kamele wurden bestiegen, und der mächtige Tross bewegte sich zur großen Armee.
HG|3|306|1|1|Die Vorhut der Armee beim Tempel der Erze und der Schmiede. Der Oberpriester rüstet zum Kampf und veranstaltet ein Feuerspektakel
HG|3|306|1|1|Am 21. Juni 1844
HG|3|306|1|0|Bevor aber noch die große Hofsuite zur großen Armee stoßen konnte, war der größte Teil derselben schon im vollen Marsch zum eben nicht sehr ferne von Hanoch gelegenen Tempel der Schmiede Gottes, der, wie schon bekannt, zu Ehren Thubalkains, des Erfinders der Bearbeitung der Erze, errichtet ward.
HG|3|306|2|0|Als der Vortrab bei der starken Vormauer des Tempels ankam, da machte er halt und verlangte von den Torwächtern alsbaldigen Einlass.
HG|3|306|3|0|Diese aber erwiderten: „Um diese Zeit wird nie jemand in den Garten des Heiligtums eingelassen! Nur ein abgefeimtester Frevler kann so etwas mit Ungestüm verlangen! Was wollt ihr denn so früh in diesen heiligen Mauern?“
HG|3|306|4|0|Und der große Vortrab gab keckweg zur Antwort: „Wir wollen nichts mehr und nichts weniger, als eben dieses Heiligtum und diese heiligen Mauern nach dem Befehl des Fungar-Hellan vom Grund aus für alle Zeiten zerstören und dann die Widerspenstigen aus euch umbringen! Macht daher nicht viele Umstände, denn hinter uns zieht eine Armee von zwei Millionen Kriegern!“
HG|3|306|5|0|Als die Torwächter solches vernahmen, da erwiderten sie mit viel sanfterer Sprache: „Ja, wenn sich die Sache also verhält, dann müssen wir das ja doch eher dem Oberpriester dieses Tempels vermelden, auf dass er euch als Abgesandte des großen, allmächtigen Fungar-Hellan würdigst zu empfangen vermag!“
HG|3|306|6|0|Der Vortrab aber sagte: „Der Oberpriester darf es nicht eher erfahren, als bis wir den Tempel schon völlig zerstört haben werden; daher macht das Tor nur alsbald auf, sonst werden wir es mit Gewalt erbrechen!“
HG|3|306|7|0|Als die Torwächter solche Rede vernommen hatten, da schrien sie: „O ihr infamen Spitzbuben, o ihr Auswürflinge der Hölle! Das ist also euer Plan? Ihr wollt nur rauben und stehlen die Heiligtümer des Tempels! Das schöne Gold und Silber wollt ihr! O wartet nur ein wenig, diese Mühe soll euch erspart werden! Nur gleich dem Oberpriester diese Meuterer angezeigt, und es wird ihnen der Weg schon auf eine Art abgekürzt werden, von der bis jetzt noch keinem Teufel etwas geträumt hat!“
HG|3|306|8|0|Darauf liefen sogleich ein paar Torknechte zum Oberpriester und zeigten ihm solches an.
HG|3|306|9|0|Dieser aber ergrimmte über einen Tiger, trieb sein ganzes Heer zusammen und setzte sogleich alle seine höllischen Feuerkünste in die allertätigste Bewegung.
HG|3|306|10|0|Berge fingen an, auf verschiedenen Stellen Feuer zu sprühen; der ganze Tempel wurde bald glühend, und aus der großen Gartenmauer ging auch überall Feuer heraus, und das alles ward in einer Stunde bewerkstelligt.
HG|3|306|11|0|Als der Vortrab solches Wüten des Feuers ersah, da zog er sich bald zurück zur großen Armee, die da auch halt machte, weil auch sie in dieses wahre Feuermeer zu dringen sich nicht wagte.
HG|3|306|12|0|Mittlerweile aber erreichte auch die Hofsuite die Armee, und der Fungar-Hellan erstaunte sich selbst über dieses Feuerspektakel um den Tempel des Thubalkain.
HG|3|306|13|0|Mahal aber sprach zu ihm: „Lasse sie nur einen Tag lang sich mit ihrem Feuer produzieren; morgen aber werden dann wir unsere Produktionen beginnen!“
HG|3|306|14|0|Und der Fungar-Hellan erteilte solches sogleich als einen Befehl der ganzen Armee; und alles sah einen ganzen Tag lang diesem Mordspektakel zu.
HG|3|307|1|1|Die Zerstörung des Tempels der Erze und der Schmiede. Die Tötung der Priester und ihrer Diener
HG|3|307|1|1|Am 22. Juni 1844
HG|3|307|1|0|Den nächsten Morgen aber, da die Feuerrevolutionen gegen den Abend vorigen Tages sich schon völlig verloren hatten, ging der Fungar-Hellan selbst unter der Begleitung seiner Suite vor das große, eherne Tor und verlangte den Einlass.
HG|3|307|2|0|Da es aber noch eben auch sehr früh war, so ward er als unerkannt zurückgewiesen, und zwar mit den Worten: „Bei der Nacht kann ein jeder Narr sagen: ‚Ich bin der Generaloberpriester Fungar-Hellan und verlange augenblicklichen Einlass!‘; bist du aber der große Fungar-Hellan, so komme am Tag, und wir werden dir schon die Tore öffnen, wenn wir dich als solchen ganz sicher erkennen werden!“
HG|3|307|3|0|Der Fungar aber sprach: „Gut; also schwöre ich euch aber bei meinem Leben – so ich am Tag meinen Einzug halten werde –, dass ihr alle samt den Oberpriestern und Unterpriestern durch das Schwert werdet getötet werden! Denn ihr haltet mich auf in dem, was zu tun mir der alte Gott Adams, Seths und Henochs anbefohlen hat; darum wird das auch allen den sicheren Tod bringen!“
HG|3|307|4|0|Die Wächter des Tores aber sprachen und schrien: „Solche Schreckensthesen kennen wir schon! Daher ziehe du nur ab, denn also wirst du auch am Tag – und so du auch der Fungar-Hellan wärest – nimmer eingelassen werden, und solltest du jahrelang hier auf den Einlass harren!“
HG|3|307|5|0|Diese Erwiderung machte den Fungar-Hellan ergrimmt in seinem ganzen Wesen. Er zog sich zur Armee zurück und befahl sogleich den Minengräbern, zehn Schritte vor der Ringmauer in die Erde sechs Minen bis unter die Mauer zu schlagen und dann unter der Mauer große Säcke voll von den schärfsten feuerfangenden Sprengkörnern zu legen und sie dann anzuzünden mit des laufenden Feuers Brandfaden, der da sicher brennt und nicht eher erlischt, als bis er seinen Dienst geleistet hat.
HG|3|307|6|0|Auf diesen Befehl griffen sogleich sechshundert Minengräber zu, maßen die Entfernung genau und schlugen sogleich in die Erde; und als die Sonne aufging, da war jede Abteilung schon unter der Mauer. Darauf wurden sogleich die Sprengkörnersäcke in die Minen gesteckt und die Feuerfäden gelegt und angezündet an den Außenenden; und in wenigen Minuten lag nach einer furchtbaren Explosion schon ein großer Teil der Mauer in Trümmern umher zerschleudert, und der Armee ward ein breites Eingangstor eröffnet.
HG|3|307|7|0|Als die Priester und die sonstige zahlreiche Dienerschaft dieses Tempels aber dies schreckliche Attentat an ihrer heiligen Mauer ersahen, da ergriffen sie die Flucht ins Gebirge, kamen aber leider der schon ausgebreiteten Wache Fungars in den Wurf, wurden sogleich mit Sack und Pack gefangengenommen und also vor den General gebracht.
HG|3|307|8|0|Dieser fragte heimlich den Mahal, was er mit diesen Widerspenstigen tun solle.
HG|3|307|9|0|Und der Mahal sprach: „Diese sind rein höllischer Art; daher bleibe bei deiner Androhung, und lasse sie alle in Stücke zerhauen!“
HG|3|307|10|0|Und sogleich kommandierte Fungar-Hellan eine Kriegerabteilung dazu, und diese hieb sogleich in diese Gefangenen, deren Zahl bei fünftausend stark war; und nicht einer ward verschont.
HG|3|307|11|0|Als also diese Operation beendet war, da erst ward die Zerstörung des Tempels und darauf die Münzprägung vom vorgefundenen Gold und Silber vorgenommen; und das alles dauerte nur drei Tage.
HG|3|308|1|1|Die Erzgewerksherren lehnen die Umkehr zu Gott ab
HG|3|308|1|1|Am 25. Juni 1844
HG|3|308|1|0|Als nach dieser Zerstörungsoperation sich die Kunde davon in die zerstreut liegenden Erzgewerke verbreitete, da entsetzten sich die Werkmeister und sandten sogleich Abgeordnete in das Lager des Fungar-Hellan und ließen ihn unter den gebührenden Ehrenbezeugungen fragen, was diese schauerliche Begebenheit zu bedeuten habe.
HG|3|308|2|0|Und der Fungar-Hellan unterrichtete sie vom wahren Gott und zeigte ihnen an, dass alles das Götzentum nun darum zerstört werde, weil sonst der alte, wahre Gott Sein von uralten Zeiten her angedrohtes Gericht unausbleiblich würde über alle Kreatur der Erde ergehen lassen, indem alles Götzentum vor Ihm, dem ewig allein wahren Gotte, ein Gräuel der Gräuel ist.
HG|3|308|3|0|Und als der Fungar-Hellan selbst solches den Abgeordneten erklärt hatte, da ermahnte erst auch der Mahal eben diese Abgeordneten zur Umkehr zu Gott, und wie sie solche auch unter der schärfsten Androhung eines unausbleiblichen Gerichtes ihren Erzgewerksherren verkündigen sollen und sollen ihnen aber auch dazu treulich vermelden, wie sie wieder Gnade vor Gott finden werden, so sie sich zu Ihm kehren werden, und wie Er sie mit dem Gericht verschonen werde.
HG|3|308|4|0|Auf solche Unterweisung kehrten die Abgeordneten wieder zurück und verkündeten solches alles getreu ihren Herren.
HG|3|308|5|0|Diese aber fingen an, darob gewaltig zu fluchen und zu schelten, und sprachen: „Da seht nur einmal die Launen der Großen! Alle fingerlang geben sie andere Gesetze! Was hat eben diesen König die Errichtung aller dieser Tempel gekostet; was war das im ganzen großen Reich für ein Getue und was für ein Wunderlärm von allen Seiten her!
HG|3|308|6|0|Nun besteht die ganze Sache in allem kaum zehn Jahre – und gar ist’s mit ihr, weil sie sicher zu wenig eingetragen hat, und weil die Großen das Gold und Silber, das sich in diesem Zeitraum in den Tempeln angehäuft hatte, nicht länger haben entbehren können!
HG|3|308|7|0|Nun soll wieder der alte, nichtige Gott an die Reihe kommen, weil Er keine Tempel und auch kein Gold fordert, und das aus dem Grunde, weil Er nirgends und nichts ist! Ja, Er braucht nicht einmal irgendein am allerwenigsten kostspieliges Bild von Sich darum, weil Er nichts ist, sondern nur als ein Gott aus der leeren Luft heraus gedacht werden muss!
HG|3|308|8|0|Habt nur Acht, heuer werden die Tempel zerstört und der alte Gedankengott wieder eingeführt; aufs nächste Jahr aber werden dann schon wieder die Steuerboten erscheinen und werden von uns sicher einen gar tüchtigen Tribut verlangen im Namen des Königs!
HG|3|308|9|0|Das ist ja doch ein wahres Teufelsleben auf der Welt! Können diese großen Müßiggänger auf der Erde denn nicht einmal in einer gleichen Ruhe und Ordnung ihre besten Braten verzehren? Muss denn immer eine solche Plackerei vor sich gehen?
HG|3|308|10|0|Kaum ist eine kurze Zeit Ruhe, da kehrt die Hand um, und es kommt schon wieder von irgendeiner Seite ein hungriger Betrüger von einem Propheten, versehen mit einigen Zauberkünsten und mit einigen glattgesichtigen Buhldirnen! So ein Kerl fängt dann ganz dreist aufs Geratewohl den großen Dummköpfen vorzupfeifen an, und diese Esel tanzen dann aber auch schon gleich danach!
HG|3|308|11|0|Aber nun werden wir ihnen keine beständigen Narren mehr abgeben!
HG|3|308|12|0|Wir werden daher bleiben, wie wir sind! Und wer nicht mit uns halten will, der kann dann halten, mit wem er will, und wir werden ihm keine Einstreuungen machen; nur soll er dahin ziehen, wo die sind, mit denen er hält!“
HG|3|308|13|0|Dieser Beschluss war die Frucht der Verkündung des wahren Gottes bei den vielen Gewerksherren.
HG|3|308|14|0|Welche Früchte die weiteren Operationen hatten, das wird sich in der Folge erweisen.
HG|3|309|1|1|Die Zerstörung des Stiertempel
HG|3|309|1|1|Am 26. Juni 1844
HG|3|309|1|0|Als da aber der Fungar-Hellan die Gesandtschaft der Gewerksherren entließ, die da – wie schon bekanntgegeben – zu Hause schlechte Geschäfte machte, da erteilte er alsogleich den Befehl der ganzen Armee, aufzubrechen und zu ziehen in die Gegend im ziemlich fernen Gebirge, allwo sich der Tempel des großen Stieres befindet, und dort gerade also zu verfahren, wie es hier der Fall war mit dem Tempel des Gottes der Erze und Schmiede.
HG|3|309|2|0|Darauf brach die ganze große Armee bald auf und bewegte sich in zweihundert langen Zügen, von denen ein jeder zehntausend Mann zählte, die starke Hofsuite nicht dazu gerechnet. In drei Tagen ward die Gegend dieses Tempels erreicht, und die ganze Armee machte ungefähr fünf Stunden vor dem Tempel in einer freien Gegend halt und wartete dort die näheren Verhaltungsbefehle ab.
HG|3|309|3|0|Als der Fungar mit seiner Suite nachkam, da ließ er sogleich ein großes Gezelt aufrichten und machte hier ein Standlager. Und als die Obersten zu ihm kamen, um die näheren Verhaltungsmaßregeln einzuholen, da sprach der Fungar-Hellan zu ihnen:
HG|3|309|4|0|„Sagte ich nicht vor dem Anbruch des Marsches hierher, hier also zu verfahren, wie es mit dem Tempel des Erzgottes der Fall war? Wozu sollen da dann noch nähere Verhaltungsbefehle gegeben werden? Ihr wisst, wo – und kennt die ziemlich hochgelegene Gebirgsschlucht, in welcher eben der Tempel steht.
HG|3|309|5|0|Also umzingelt sie ebenfalls in drei großen Kreisen, und ein Teil begebe sich dann zu dem Tempel und zerstöre denselben vom Grunde aus, sammle das Gold und Silber, nehme alle die Priester und sonstigen Tempeldiener gefangen und bringe dann alles zu mir her, und es wird sich dann bald zeigen, was da ferneres zu tun sein wird! Darin liegt das Ganze; also geht und vollführt es!“
HG|3|309|6|0|Und die Obersten gingen und erteilten solchen Befehl der Armee, und diese ordnete sich zur Vollziehung dieses Befehles.
HG|3|309|7|0|In zehn Stunden war der Tempel umzingelt, und die zerstörende große Abteilung begab sich zum Tempel und verlangte Einlass.
HG|3|309|8|0|Allein, da sie so ziemlich spät in der Nacht ankam, ward sie nicht eingelassen.
HG|3|309|9|0|Der oberste Anführer aber sprach zum Torhüter: „Wofern ihr uns nicht alsogleich einlasst, so soll von euch niemand mit dem Leben davonkommen!“
HG|3|309|10|0|Hier kamen die Priester und fragten um den Grund des Einlasses in einer so ungewöhnlichen Zeit.
HG|3|309|11|0|Und der Oberste sprach den Grund deutlich aus.
HG|3|309|12|0|Da war es aber auch aus bei der ganzen, bei tausend Mann starken Bevölkerung dieses Tempels. Diese bestieg sogleich die Ringmauer und fing an, die Einlassfordernden mit Steinen zu bedienen.
HG|3|309|13|0|Diese aber zogen sich zurück und legten sogleich Minen an. In wenigen Stunden waren die Minen gegraben und geladen mit den Sprengkörnern, und ehe noch der Morgen graute, ward die ganze Halbringmauer zerstört.
HG|3|309|14|0|Die Macht drang dann in den Hof, zerstörte den Tempel und nahm die Priester und alle ihre Schätze in Beschlag.
HG|3|310|1|1|Fungar-Hellan testet die Priester und die anderen Tempeldiener, indem er sie vorrübergehend freilässt
HG|3|310|1|1|Am 27. Juni 1844
HG|3|310|1|0|Als nach der vollkommenen Zerstörungsoperation dieses Tempels die Priester und die anderen Tempeldiener von der zurückkehrenden Kriegsmacht vor das Gezelt des Fungar-Hellan und dessen Gefolge gebracht wurden, und als die Gold- und Silberträger ihre erbeuteten Schätze von ebendiesen Metallen an die Münzpräger abgegeben hatten, da erst stellte der General ein scharfes Verhör und Examen mit den Gefangenen an und sprach zu ihnen:
HG|3|310|2|0|„Wer war der Erbauer dieses Tempels? War ich es nicht? So ich aber der Erbauer und der Eigentümer so eines Tempels bin, habe ich da nicht auch allezeit das volle Recht, solches mein Eigentum zerstören zu lassen, wann ich nur immer will?!
HG|3|310|3|0|Da ich aber das unwiderlegbare Recht habe, da frage ich euch: Aus welchem Grunde und aus was für einem erweislichen Recht habt ihr euch meiner euch kundgegebenen Anordnung widersetzt und habt meine Abgeordneten mit Steinwürfen bedient und habt dadurch zehn Menschen getötet und mehrere verwundet?“
HG|3|310|4|0|Da sprachen die Gefangenen: „Herr, hätten wir dich gesehen, da hätten wir auch geglaubt, dass so ein Befehl aus deinem Munde ergangen; aber da wir dich unter den Kriegern nicht sahen und also auch deine wohlerkenntliche Stimme nicht vernahmen, da meinten wir, die Vorgabe deines Namens sei eine schändliche Kriegslist irgendeiner fremden Macht, die uns meuterisch und räuberisch angegangen hat, um sich deines Goldes und Silbers zu bemächtigen, das wir allezeit für deine Kammern gesammelt haben.
HG|3|310|5|0|Also konnten wir auch zur Nachtzeit die Kleidung und Rüstung nicht unterscheiden, ob sie aus Hanoch oder von irgend anderswoher ist. Darum griffen wir dann zu den Steinen und verteidigten dein Eigentum, so gut es uns nur immer möglich war! Und wir glauben, uns vor dir nicht strafbar gemacht zu haben, denn ein treuer Diener seines Herrn soll doch allezeit eher eines Lohnes als irgendeiner Strafe würdig sein!“
HG|3|310|6|0|Als der Fungar-Hellan solche pfiffige Ausrede vernommen hatte, da sagte er zu den Gefangenen: „Gut, da ihr das aus Treue zu mir getan habt, so soll euch auch statt der Strafe der Lohn werden! Ihr seid nun frei; geht von hier nun, und tut drei Tage lang zu eurem Besten! Nach dieser Zeit aber kommt dann, auf dass da ich euch bestätige in eurer Sache und euch gebe ein neues Amt!“
HG|3|310|7|0|Darauf wurden sie alle freigelassen und durften gehen, wohin sie wollten; und sie wandten sich mit dem Freiheitszeichen des Generals sogleich wieder gebirgseinwärts.
HG|3|310|8|0|Fungar-Hellan aber sandte sogleich die feinsten Spione nach, die die Freigelassenen auf allen ihren Wegen und Stegen beobachten mussten.
HG|3|311|1|1|Die Freigelassenen verschwinden in einem Loch in einer Felsenwand. Verhör der Freigelassenen
HG|3|311|1|1|Am 28. Juni 1844
HG|3|311|1|0|Wohin begaben sich denn die Freigelassenen? Sie zogen schnurgerade auf die Stelle hin, an der ehedem der Tempel stand. Als sie allda anlangten, da begaben sie sich zu einer Felsenwand, in die ein ganz unförmliches Loch gehauen war, das groß genug war, um von einem Menschen, so er sich nur ein wenig bückte, bestiegen zu werden.
HG|3|311|2|0|In dieses Loch verloren sich endlich alle die Freigelassenen, und unsere feinen Spione harrten hier bis zur Nachtzeit, um zu ersehen, was da etwa endlich wieder einmal aus diesem Loch zum Vorschein kommen werde; allein es wollte sich weder ein Mensch noch irgendein Tier sehen lassen.
HG|3|311|3|0|Sie riefen daher am Abend die ihnen folgenden zahlreichen Wachen zusammen und ließen in einer gewissen Entfernung das Loch streng bewachen; allein das war eine ganz vergebliche Mühe, denn von den Hineingekommenen kam keine Seele mehr zurück.
HG|3|311|4|0|Nach drei Tagen kehrte ein Teil der Spione zurück und zeigte solches dem Fungar-Hellan an. Da machte dieser große Augen und wusste nicht, was er daraus machen solle.
HG|3|311|5|0|Allein es verging keine Stunde, und alle die Freigelassenen kamen ganz wohlbehalten zurück.
HG|3|311|6|0|Da wurden die Spione voll Ärger darob, dass sie von diesen Ochsenpriestern sicher ganz gewaltigst hinters Licht geführt worden waren.
HG|3|311|7|0|Fungar aber gab den Spionen einen geheimen Wink, demzufolge sie die noch zurückgelassenen Spione und Wachen durch Eilboten mussten holen lassen.
HG|3|311|8|0|Es wurden sogleich die besten Schnellläufer berufen und zu den noch immer sorglichst Wachhaltenden gesandt, dass sie zurückkehren sollten.
HG|3|311|9|0|Ehe noch sieben Stunden zu Ende waren, war auch schon alles vor dem Gezelt des Generals versammelt, und dieser trat hervor und sprach zu den Freigelassenen:
HG|3|311|10|0|„Ihr seid wohl richtig um die bestimmte Zeit wieder hierher gekehrt; aber das genügt mir nicht, um euch darum ein neues Amt zu geben! Ihr müsst mir auch getreu nun kundgeben, wo ihr in diesen Tagen wart, und was ihr da gemacht habt, denn erst daraus werde ich klar ersehen, ob ihr vor drei Tagen, als meine Krieger am Abend den Einlass verlangten, wohl im Ernst aus wahrer, großer Treue zu mir dieselben mit Steinen angegriffen habt! Daher redet nun, und bedenkt, dass jede Lüge euch den sicheren Tod bringen wird!“
HG|3|311|11|0|Die also Bedrohten aber sagten: „Hast du uns nicht eine dreitägige Freizeit gegeben? Wie magst du nun Rechenschaft von uns verlangen? Durften wir denn nicht tun, was wir wollten?“
HG|3|311|12|0|Der General aber sprach: „Gerade durch diese Freiheit habe ich euch versucht; und das war notwendig, um euch ein wichtiges neues Amt anzuvertrauen! Darum kommt nach dieser Schule nun die Hauptprüfung, in der ihr entweder bestehen oder für ewig fallen könnt! Daher gebt mir sogleich ohne weitere Widerrede Antwort auf meine früher an euch gestellte Frage, sonst lasse ich sogleich zehntausend Schwerter über euren Häuptern spielen!“
HG|3|311|13|0|Hier stutzten die Bedrohten gewaltig, und einer sprach: „Herr, so du schon alles wissen musst, so wisse, dass wir in diesen drei Tagen harte Buße übten, um uns selbst mit uns zu versöhnen, darum du von uns durch unsere Unwissenheit so sehr beleidigt worden bist!“
HG|3|311|14|0|Hier konnte sich der General kaum des Lachens erwehren und sprach darum: „Ah, das lässt sich hören! Wo aber ist der geheiligte Ort eurer Buße, auf dass ich selbst hinziehe und dort ein großes Denkmal solcher eurer Treue zu mir errichte?“
HG|3|311|15|0|Hier bissen sich die falschen Büßer in die Lippen, und einer nur sprach: „O Herr, das ist eine gar abscheulich grausliche Höhle im Gebirge, und da würde sich ein Denkmal wohl sehr schlecht ausnehmen; das verlange daher du ja nicht!“
HG|3|311|16|0|Fungar-Hellan aber sprach: „Oh, das macht nichts, wir werden den grauslichen Ort schon schön machen! Daher nur aufgebrochen und zur geheiligten Stelle hin!“
HG|3|311|17|0|Hier wurden die Büßer blass und mussten sich auf den heißen Weg machen.
HG|3|312|1|1|Mahal und die Freigelassenen geben gegensätzliche Auskunft über das Loch in der Felswand
HG|3|312|1|1|Am 1. Juli 1844
HG|3|312|1|0|Als der Zug mit den Hartbüßern im Gefolge der ganzen Spionenabteilung und deren Wache und im Gefolge des Fungar-Hellan selbst mit allen seinen Hofchargen die Stelle erreicht hatte, wo ehedem der Tempel stand, und wo sich in einer kleinen Entfernung davon auch das bekannte Loch in der Felswand befand, da trat der Spionenoberste zum Fungar und sprach:
HG|3|312|2|0|„Herr, Herr, siehe, hier ist das Loch, das ich dir bezeichnete; in dieses stiegen die von dir Freigelassenen und kamen nicht wieder zum Vorschein!“
HG|3|312|3|0|Als der Fungar diesen Wink erhielt, da wandte er sich an seinen Mahal und fragte ihn, ob er ihm nicht die Beschaffenheit dieser Höhle und die Bewandtnis mit derselben näher beschreiben möchte.
HG|3|312|4|0|Und der Mahal sprach: „O Freund, nichts leichter als das! Siehe, das ist fürs Erste kein von der Natur ausgebildetes Loch, sondern es ist von Menschenhand durch diese eben nicht sehr harte Steinmasse geschlagen, und das durch den Meißel, dessen Spuren sich noch gar deutlich ersehen lassen!
HG|3|312|5|0|Weil es aber ein Menschenwerk ist, so ist es fürs Zweite sicher nicht etwa der Eingang zu einer unterirdischen, von der Natur gebildeten Gebirgshalle, sondern es ist entweder ein Durchgang in irgendein umfelstes Gebirgsland, oder es ist der Eingang in ein oder mehrere unterirdische, künstlich durch Menschenhände gemachte Gemächer, in denen diese Hartbüßer wohl noch so manchen schweren Klumpen Goldes verborgen halten dürften!
HG|3|312|6|0|Eines von diesen zwei Bezeichnungen ist es gewiss, was es aber umso mehr sein muss, da diese in dies Loch eingestiegenen Hartbüßer auf einem anderen Weg zu dir haben gelangen können!
HG|3|312|7|0|Nun kommt es auf die Untersuchung von deiner Seite an! Frage aber zuerst die Hartbüßer darob! Werden sie dir vor der Untersuchung die Wahrheit bekennen, dann schenke ihnen nach der gepflogenen Untersuchung das Leben; werden sie dich aber im Voraus belügen, dann töte sie, und das durch die Einmauerung in eben dieses ihr Höhlenwerk!“
HG|3|312|8|0|Nach diesen Worten Mahals wandte sich der Fungar-Hellan sogleich an die Hartbüßer und fragte sie, die von der Erklärung Mahals nichts vernommen hatten, was es da mit diesem Loch für eine Bewandtnis habe.
HG|3|312|9|0|Und die Hartbüßer sprachen: „O Herr, dieses Loch ist nichts als ein trauriger Eingang in eine gar schmutzige Büßergrotte, die einen noch schmäleren Ausgang in eine gar öde Felsgegend hat, in der nichts als wilde Beeren wachsen, die den Büßern zur kargen Nahrung gedient haben!
HG|3|312|10|0|Von dieser Gegend kann man wohl auch auf einem höchst beschwerlichen Weg hinab in die Ebene gelangen; aber man hat dabei mit tausend Lebensgefahren zu kämpfen! Und diesen Weg sind auch wir heute gewandert, auf dass unsere Buße eine vollkommene sei!
HG|3|312|11|0|Herr, Herr! Du kannst dieses Loch nun selbst näher untersuchen lassen, und wenn du es anders finden wirst, dann kannst du mit uns machen, was du willst!“
HG|3|312|12|0|Und der General berief sogleich die Mineure und sprach zu ihnen: „Schafft sogleich zehntausend Fackeln her, und wir werden uns sogleich an die Untersuchung dieses Loches machen!“
HG|3|312|13|0|Und die Mineure gingen und erfüllten sogleich den Befehl des Generals.
HG|3|313|1|1|Die Untersuchung der Höhle und die Entdeckung einer verborgenen Öffnung
HG|3|313|1|1|Am 2. Juli 1844
HG|3|313|1|0|Als die zehntausend Fackeln herbeigeschafft wurden, da berief der Fungar-Hellan tausend der stärksten und biedersten Männer aus den Minengräbern, gab einem jeden zehn Fackeln und sagte dann zu ihnen:
HG|3|313|2|0|„Befestigt hier die Grubenleitschnur, zünde dann ein jeder eine Fackel an, und geht mit großer Vorsicht und Behutsamkeit in dieses Loch!
HG|3|313|3|0|Untersucht alles auf das Genaueste, lasst ja keinen Seitengang undurchsucht, und wo sich an den inneren Steinwänden etwa Spuren von einer künstlichen Verstopfung irgendeines Seitenkanals zeigen dürften, was ihr beim Schein von tausend weißflammenden Fackeln wohl werdet bemerken können, da schlagt durch, und lasst da ja keine Kleinigkeit als unwert eurer Untersuchung!
HG|3|313|4|0|Habt ihr alles genau geprüft, dann kommt, und gebt mir Nachricht, und ich will dann mich selbst von allem überzeugen und sodann euch gar köstlich belohnen und an diesen Scharfbüßern nach dem besten Rat rechthandeln! Und also geht, und vollzieht meinen Befehl!“
HG|3|313|5|0|Auf diesen Befehl gingen die tausend Minengräber an ihre anbefohlene Arbeit und taten alles, was ihnen geboten war, auf das Sorgfältigste. Sie fanden aber im Anfang dieser Untersuchung im Ernst nichts anderes, als was die Scharfbüßer ausgesagt hatten: zuerst nämlich einen schmalen, niederen und bei hundert Klafter langen Gang, der sich in verschiedenen Krümmungen fortzog; am Ende dieses Ganges aber war ein ziemlich geräumiges Gemach, welches wohl zweitausend Menschen hätte fassen können.
HG|3|313|6|0|Dieses Gemaches Wände waren nach allen Seiten festes und schwarzes Gestein und hatten nur auf der entgegengesetzten Seite eine ebenso schmale Öffnung, als wie da die erste war; und durch diese zweite Öffnung gelangten sie dann bald in eine gar öde, felsige Gegend, in der wirklich nichts als einige wilde Beerensträucher vorkamen.
HG|3|313|7|0|Nachdem die Mineure solches alles genau besichtigten und weiter nichts fanden, was hier ihnen hätte verdächtig vorkommen können, da kehrten sie wieder zurück und gaben solches getreu dem General kund.
HG|3|313|8|0|Dieser aber sprach: „Nein, nein! Ich kann es nicht glauben, dass die Hart- und Scharfbüßer so redlich sein sollen! Gebt mir eine Fackel und die Grubenleitschnur in die Hand, und ich will mich selbst von allem überzeugen!“
HG|3|313|9|0|Hier nahm der General eine Fackel und ging mit den Mineuren in die Höhle und kam bald in das Gemach, untersuchte die Wände genau und fand nichts anderes Verdächtiges als die überaus schwarze Färbung derselben.
HG|3|313|10|0|Und er sprach daher zu den Mineuren: „Die Wände sind wohl allenthalben fest; aber ich finde dieses Gemach sehr hoch! Daher schafft mir eine gute Leiter her, und wir werden auch die höheren Teile dieser Steinwand in den Augenschein nehmen!“
HG|3|313|11|0|Darauf wurde sogleich eine Grubenleiter herbeigeschafft, und die oberen Wandteile wurden untersucht, und man fand zum Erstaunen aller in einer Höhe von drei Klaftern eine recht geräumige Öffnung und vernahm aus einer tiefen Ferne auch wie Stimmen von vielen Menschen.
HG|3|313|12|0|Da sprach der Fungar-Hellan: „Jetzt nur zurück, denn ein längerer Aufenthalt könnte uns hier gefährlich werden! Ich aber habe nun schon, was ich so ganz eigentlich habe haben wollen; von hier werden uns die Hartbüßer die Wegweiser machen!“
HG|3|313|13|0|Darauf zog sich schnellst alles aus dieser Kunstgrotte.
HG|3|313|14|0|Und als der Fungar wieder ganz wohlbehalten zurückkam, da berief er sogleich die Hartbüßer zu sich und fragte sie um das Nähere über die Hochöffnung in der Wand des Gemachs innerhalb dieser Felsenwand.
HG|3|313|15|0|Die Hartbüßer aber fingen alsobald an zu zagen, und einer sprach in seiner Angst: „Nun ist alles verloren!“
HG|3|314|1|1|Die Sprengung des Berges mit der Höhle
HG|3|314|1|1|Am 3. Juli 1844
HG|3|314|1|0|Als der Fungar-Hellan aber ersah, wie solche seine Frage bei den Hartbüßern eine gar mächtig niederschlagende Wirkung hervorbrachte, und als er auch das gewisserart unwillkürliche: „Wir sind verloren!“ vernommen hatte, da sprach er zum Mahal:
HG|3|314|2|0|„Höre, du mein achtbarster Bruder und Freund! Ich meine, man sollte hier mit diesen Hartbüßern einen ganz kurzen Prozess machen! Ihr Frevel ist so gut als vollkommen erwiesen; was brauchen wir da mehr?
HG|3|314|3|0|Diese Kerle lasse ich gleich zusammenhauen; sodann lasse ich zweihundert Säcke Sprengkörner in diese Kunstgrotte stecken und dann anzünden, auf dass diese ganze Masse zerschleudert werde, und wir werden am ehesten hinter die Geheimnisse dieser Hauptspitzbuben kommen!“
HG|3|314|4|0|Und der Mahal sprach: „Lieber Freund, du hast allerdings recht; aber solange wir die Sache ohne Blutvergießen abmachen können, da lassen wir das Schwert in der Scheide und handeln ohne dasselbe! Die Grotte aber lasse auf jeden Fall also, wie du es bestimmt hast, zerstören; da wirst du auf so manche Geheimnisse stoßen, die von ziemlich großem Belang sein werden!“
HG|3|314|5|0|Als der Fungar-Hellan solches vom Mahal vernommen hatte, da kommandierte er sogleich selbst die Minengräber; und diese schafften sogleich zweihundert Säcke von den mächtigst wirkenden Sprengkörnern, die sie hatten, in das schwarze Gemach, legten dann die Brandfäden an, die sie, als sich alles in die rechte Entfernung zurückgezogen hatte, anzündeten, und sich dann natürlich auch in eine rechte Entfernung zurückflüchteten.
HG|3|314|6|0|In einer kleinen halben Stunde erreichte das Lauffeuer die Säcke; ein alles betäubender Knall geschah, und ein ganzer Berg lag in Trümmern umhergeschleudert.
HG|3|314|7|0|Nach der Explosion erst ging man auf eine neue Untersuchung aus, fand aber eben nichts besonders Erhebliches unter dem Bergschutt. Einige Goldklumpen und mehrere zerrissene Menschen, das war aber auch alles, was man finden konnte.
HG|3|314|8|0|Nach solcher drei Tage währenden Untersuchung ließ der General die Hartbüßer wieder kommen und sprach zu ihnen: „Wahrlich, ich will euch noch jetzt das Leben schenken und euch geben die Freiheit, so ihr mir den Grund sagt, warum ihr an mir fortwährend als Betrüger gehandelt habt, während ich euch doch so viele Vorteile bereitet habe von jeher! Warum habt ihr diese Grotte gemacht und warum das Gold darinnen verborgen?“
HG|3|314|9|0|Hier trat einer vor und sprach: „Herr, Herr, das taten wir aus zu großer Furcht vor dir! Denn wir hatten schon lange eine starke Ahnung gehabt, dass du bald so etwas tun werdest; und da wollten wir uns einen Zehrpfennig zurücklegen für die Tage, da unser Amt aufhören würde und wir keinen Verdienst mehr hätten.
HG|3|314|10|0|Siehe, das ist aber auch das Ganze schon und der Grund zu dieser Kunstgrotte! Die Menschen aber, die du aus der dir verdächtigen Hochöffnung vernommen hast, waren unsere Brüder! Sie liegen nun begraben; ich wollte, wir wären es mit ihnen schon! Nun weißt du alles; bedenke aber, dass auch wir Menschen sind!“
HG|3|314|11|0|Da der General solches vernommen, da hielt er auch sein Versprechen; er schenkte ihnen das Leben und gab ihnen die nötige Freiheit.
HG|3|315|1|1|Die Zerstörung des Sonnentempels, des Feuertempels und des Windtempels
HG|3|315|1|1|Am 4. Juli 1844
HG|3|315|1|0|Darauf ließ der Fungar-Hellan, nachdem er noch zuvor die tausend Hartbüßer in der Armee eingeteilt hatte, die ganze Armee sich wieder sammeln und bereitmachen zum Weiterzug.
HG|3|315|2|0|Als sich im Verlaufe eines Tages und einer Nacht die ganze Armee wieder versammelt und marschfertig gemacht hatte, da ließ sie der Fungar-Hellan aufbrechen gegen den Sonnentempel, dessen Eroberung und Zerstörung aber eben nichts Denkwürdiges darbot, da sich dessen Priester alsbald ergaben und sogar selbst an der Zerstörung dieses Tempels mitarbeiteten; nur erbaten sie sich den großen Hohlspiegel für andere wissenschaftliche Zwecke, die sie im Verlaufe der zehn Bestandjahre bei opferlichen Verrichtungen hatten kennengelernt, was ihnen aber der Fungar-Hellan auch gerne bewilligte, indem er selbst ein großer Freund von allen Künsten und Wissenschaften war.
HG|3|315|3|0|Nach einem dreitägigen Aufenthalt, den die Armee zur nötigen Erholung und der General zur Münzprägung aus dem erbeuteten Gold und Silber gebrauchte, brach die Armee wieder auf und zog sich nach dem Befehl des Generals zum Tempel des Feuergottes, mit dessen Eroberung und Zerstörung es aber freilich wohl etwas hartnäckiger herging, weil sich dessen Priesterschaft sehr vermehrt und nach gar vielen Seiten hin ausgebreitet hatte; denn in jeder Nähe eines feuerspeienden Berges ward ein Aftertempel dieses Gottes errichtet, allwo dann bei den Festen die Feuerkünste produziert wurden gegen reiche Opfer.
HG|3|315|4|0|Und so brauchte die Zerstörung dieses Tempels mit seinen Auswüchsen eine längere Zeit und war auch auf den verschiedenen Punkten mit mehr verschiedenen Schwierigkeiten verbunden als die der früheren. Im Ganzen dauerte sie vierzig Tage und ging zumeist ohne Blutvergießen ab – bis auf einen einzigen Nebentempel, der auf einem steilen Felsen erbaut war, dessen Priester auf ihre feste Lage pochten und der Aufforderung zur Übergabe kein Gehör geben wollten. Hier wurde der große Fels von allen Seiten unterminiert und zersprengt, was natürlich allen den hartnäckigen Priestern den Untergang kostete.
HG|3|315|5|0|Nach der Zerstörung dieser Tempel und nach der beendeten Gold- und Silberausprägung, das hier über zwei Millionen Pfunde betrug, und zu dessen Fortschaffung zweitausend Kamele vonnöten waren, brach die Armee gegen den Tempel des Gottes der Winde auf, welcher Gott aber dem Fungar recht gewaltige Flausen machte, bis er unterjocht werden konnte. Denn fürs Erste hatten die Priester den See auf seinen vier Abflüssen durch gewaltige Schleusen stets geschwellt gehalten. Hatte sich nun von einer oder der anderen Seite etwas Feindliches genähert, so wurden die Schleusen geöffnet, und eine gewaltige Wassermasse stürzte sich wütend über die Feinde auf jedem möglichen Zugang zu diesem Tempel. Und fürs Zweite waren diese Priester auch im Vollbesitz elektrischer Manipulationskenntnisse, mittels denen ihre Gegend geradezu unzugänglich gemacht ward.
HG|3|315|6|0|Und so hatte hier der Fungar-Hellan über ein halbes Jahr zu tun, bis er sich dieses Tempels zu bemächtigen imstande war.
HG|3|315|7|0|Nach der Zerstörung dieses Tempels zog dann die Armee zum Tempel des Wassergottes.
HG|3|316|1|1|Die Schwierigkeiten bei der Einnahme des Wassertempels
HG|3|316|1|1|Am 5. Juli 1844
HG|3|316|1|0|Als nach einem mehrtägigen Marsch die ganze große Armee bei dem großen See anlangte, da lagerte sie sich an den weitgedehnten Ufern und Gestaden dieses Sees, in dessen Mitte sich die Insel befand, auf welcher des Wassergottes Tempel errichtet war.
HG|3|316|2|0|Nach einer dreitägigen Rast erst erteilte der Fungar-Hellan die näheren Befehle zum Angriff dieses von Natur so überaus wohlbefestigten Tempels und Ortes, auf dem der Tempel stand.
HG|3|316|3|0|Fungar wollte anfangs den ganzen, viele Meilen im Umfang habenden See mit einer einfachen Kriegerlinie umfangen lassen; allein er stieß bald auf unbesiegbare Terrainschwierigkeiten, die solchen seinen Plan rein unausführbar machten. Denn der See endete auf manchen Stellen mit weithin gedehnten schroffen Steinwänden; auf manchen Stellen verlor er sich in unabsehbar weitgedehnte Sümpfe und Moraste.
HG|3|316|4|0|Da somit solcher Plan notwendig aufgegeben werden musste, so ward alsbald ein anderer entworfen, und dieser bestand darin, dass der Fungar-Hellan im Verlaufe von sechs Wochen zwanzigtausend Seeplätten errichten ließ, von denen jede für hundert Mann bequem Platz hatte. Die Plätten wurden aus den schönsten Zedern gemacht, wovon ein jeder Baum zwölf Klafter lang war, auf dass dann auch die Plätte die gleiche Länge, dabei aber auch eine Breite von sechs Klaftern hatte.
HG|3|316|5|0|Als diese Plätten fertig und versehen waren mit den nötigen Rudern, Geländern, Bänken und ehernen Kochherden und Speisekästen und anderen kleinen Magazinen für allerlei Kriegsgerätschaften, da wurden sie bemannt und also befehligt, dass sie die ganze Insel zu umfangen haben und streng darauf Acht zu haben, dass sich ja kein Mensch weder von der Insel entferne, noch jemand sich dieser Insel nahe.
HG|3|316|6|0|Würden die Belagerer gefragt von den Belagerten, was das zu bedeuten habe, dann sollten sie ganz glattweg den Willen des Generals kundtun und sagen: „Werdet ihr euch dem Willen des Generals unbedingt unterwerfen, so werdet ihr zu seinen Freunden werden; im Gegenteil aber seid ihr seine größten Feinde, die er mit dem Schwert vertilgen wird!“
HG|3|316|7|0|Mit solcher Weisung versehen, begaben sich die Plättenfahrer hin zur ziemlich ferne gelegenen Insel und belagerten sie ganz und gar, so dass da niemand weder aus- noch eingehen konnte.
HG|3|316|8|0|Die Belagerung aber dauerte keinen Tag, als die Priester schon erfuhren, was es damit für eine Bewandtnis habe. Sie sandten daher sogleich eine Deputation an die Belagerer und ließen bitten, dass sie ja nur sogleich des großen Fungar-Hellan Willen vollziehen möchten; denn sonst könnte der Gott der Wässer gar leicht erzürnt werden.
HG|3|316|9|0|Als die Belagerer solches von der Deputation vernommen hatten, da waren sie sehr erfreut, und sogleich fuhren zehntausend Mann zur Insel und begaben sich da auf dieselbe. Als sie aber an die Stelle des Tempels kamen, da fanden sie keine Spur mehr von einem Tempel, wohl aber überall nur recht artige Landhäuser, in denen ganz gewöhnliche Landleute wohnten.
HG|3|316|10|0|Als die zehntausend solches ersahen bei Durchsuchung der ganzen Insel, da sprachen sie: „Was sollen wir hier nun? Hier gibt es nichts zu zerstören; daher kehren wir nun nur wieder zurück und zeigen das alles dem General an!“
HG|3|316|11|0|Gesagt und getan; und als der Fungar solches erfuhr, da wunderte er sich überhoch und wusste nun nicht, was er tun sollte.
HG|3|317|1|1|Mahals Auskunft über den verschwundenen Wassertempel und die geistige Nacht der Priester
HG|3|317|1|1|Am 8. Juli 1844
HG|3|317|1|0|Da aber der Fungar-Hellan die Sache nicht einsehen und begreifen konnte, wie auf dieser ihm gar wohlbekannten Insel sich keine Spur mehr von irgendeinem Tempel vorfinden solle lassen, da er doch noch selbst vor ein paar Jahren mit dem König Gurat hier gewesen war und sich gar wohl vom Dasein des Tempels überzeugt hatte, so wandte er sich an den Mahal wieder und fragte ihn, ob er ihm nicht zu sagen wüsste, was es denn da mit dem Nichtdasein dieses Tempels für eine Bewandtnis haben dürfte.
HG|3|317|2|0|Und der Mahal sprach: „Wie kannst du wohl meinen, als hätten diese sehr pfiffigen Priester von den Zerstörungen der anderen Götzentempel nichts vernommen?!
HG|3|317|3|0|Siehe, ihnen ward schon von der Zerstörung des Tempels des Gottes der Schmiede Kunde gegeben! Diese haben sie sogleich benützt, brachen hier alles dem Götzen Geweihte ab, machten aus der Götzeninsel ein recht schönes bewohnbares Land, erbauten Häuser und verteilten dann Grund, Gold und Silber und die Schönheitsgöttinnen, die sich jüngst einmal hierher flüchteten bei einer gewissen Gelegenheit, untereinander und leben jetzt schon über ein Jahr in solcher Beschaffenheit hier, weltlich genommen recht glücklich.
HG|3|317|4|0|Aber ganz tot sind sie in geistiger Hinsicht, denn sie wissen von einem wahren, ewigen Gott nicht eine Silbe mehr! Darum ist hier nicht zu sehen auf ein materiell bestehendes Götzentum, sondern vielmehr auf die Zerstörung der vollsten geistigen Finsternis, die nun auf dieser recht reichen und schönen Insel zu Hause ist!
HG|3|317|5|0|Denn siehe, diese Priester, da sie nun keine Tempel haben dürfen, beten nun das Wasser des Sees an und preisen die Quellen mit den erhabensten, aber auch überaus lügenhaften Ausrufungen und halten Schulen, und predigen des Wassers Macht und Kraft und ewige Ehre, und stellen es als das wahre, lebendig heilige Wesen Gottes dar, in dem alle Fülle des Lebens wohne; kurz, ich sage dir, diese Priester lehren auf eine Art die Göttlichkeit des Wassers, dass du selbst nicht sicher wärest, von solcher Lehre durch und durch ergriffen zu werden!
HG|3|317|6|0|Darum ist es hier notwendig, diese Priester eines Besseren zu belehren, sonst steht aller menschliche Geist in der Gefahr, ins Wasser dieser Priester überzugehen!“
HG|3|317|7|0|Als der Fungar-Hellan solches vernommen hatte, da verlangte er, selbst auf die Insel zu gehen und alle die Priester in seine Schule zu nehmen.
HG|3|317|8|0|Der Mahal aber sprach: „Freund, so wirst du wenig richten; wir aber haben eine Rednerin hier, meine Tochter Agla nämlich, und einen Redner, und das ist mein Sohn Kisarell! Lasse darum die Priester hierherkommen, und wir werden sehen, was sich mit ihnen wird machen lassen!“
HG|3|317|9|0|Darauf sandte der General eine starke Macht, um zu holen die sehr schlauen Priester, und diese kamen auch sogleich mit der größten Bereitwilligkeit und Ergebung in des Generals Willen.
HG|3|318|1|1|Agla und Kisarell vermögen die Wasserpriester nicht zu belehren
HG|3|318|1|1|Am 9. Juli 1844
HG|3|318|1|0|Als die Wasserpriester vor das Angesicht des Fungar-Hellan kamen, da verbeugten sie sich ungeheuer tief, und einer aus ihnen fing an, also das Wort zu führen:
HG|3|318|2|0|„Unendlicher, allerhöchster, allermächtigster Gott der Götter, Fürst der Fürsten, Herr der Herren! O du, vor dem alle Festen der Erde erbeben und alle Wässer dem Laut seiner Stimme bebend horchen, der du Himmel und Erde gegründet hast und hast erbaut die große Stadt für Millionen Völker nach deinem Wohlgefallen, – o gebe uns allerabscheulichsten Würmern vor dir allergnädigst kund, was du von uns begehrst!“
HG|3|318|3|0|Über diese höchst dumme Anrede entstand ein allgemeines Lachen im großen Gezelt des Generals, und der General wandte sich sogleich an die Agla und bat sie, an diese allerbarsten Narren sich zu wenden und durch einige rechte Worte sie von ihrer Narrheit zu überzeugen und ihnen dann zu geben eine rechte Lehre.
HG|3|318|4|0|Und die Agla trat in ihrem grauen Kleid hervor aus ihrem Hintergrund, teilte ihr Haar und zeigte den Großschmeichelrednern ihr überaus schönstes Angesicht, das die geilen Priester sogleich nahe sprachlos machte; denn sie standen wie halb versteinert da, und keiner bewegte auch nicht um ein Haar seinen Kopf, um nur eine solche Augenweide auch nicht einen Augenblick aus dem Auge zu verlieren.
HG|3|318|5|0|Die Agla musterte eine Zeit lang die Priester und sagte endlich, sie fragend: „Was steht ihr so stumm und dumm vor mir? Sagt mir lieber, ob euch eure frühere Anrede an den General euer vollkommener Ernst war, und ich werde euch ein anderes Wort geben! Redet; ich gebiete es euch im Namen des großen ewigen Gottes!“
HG|3|318|6|0|Die Priester aber, als sie die süße Stimme Aglas vernommen hatten, wurden darob so entzückt, dass sie nichts als nur bloße stumme oder vielmehr unartikulierte Laute hervorbrachten wie: „Ah – ah – ah, oh – oh – oh!“
HG|3|318|7|0|Nur einer besaß ungefähr noch so viel Kraft, dass er folgenden sehr dummen Satz hervorbrachte, der also lautete: „Oh – oh – oh – du bist, wie keine deinesgleichen ist! Oh – oh – oh, du endlosester Inbegriff aller – aller – aller weiblichen Schönheit! Wer kann dich schauen und leben zugleich!? Wer kann reden, wenn seine Ohren deines Mundes himmlische Sphärenlaute und Harmonie vernommen haben?! Oh – oh – oh – du Schönste, Schönste, Schönste, du Himmlische, Himmlische, Himmlische!“
HG|3|318|8|0|Hier lähmte die Entzückung auch dieses Redners Mund und Zunge, und so waren alle die Priester nur stumm da.
HG|3|318|9|0|Fungar-Hellan musste darob unwillkürlich lachen und sagte zum Mahal: „Da haben wir nun die Narren! Was lässt sich da mit ihnen machen? Sie sind durch den Anblick der Agla ganz verzaubert! Wir müssen die liebe Agla wieder abtreten lassen, sonst kommen uns die Kerle noch in eine Lieberaserei, und wir werden dann mit ihnen unsere schändlichste Not haben!“
HG|3|318|10|0|Und der Mahal, solches selbst einsehend, berief die Agla zu sich und sagte zu ihr: „Meine liebe Tochter, hier wirst du nichts richten; daher verberge dich nur wieder, sonst erleben wir noch ein schmähliches Spektakel!“
HG|3|318|11|0|Und die Agla gab ihrem Vater recht und zog sich unverrichteter Dinge zurück.
HG|3|318|12|0|Darauf ward der Kisarell berufen. Als er zum Vorschein kam, da ward er aber von den Priestern für die verkleidete Agla gehalten, da er sonst der Agla sehr ähnlich war. Er bewirkte daher nur noch eine größere Entzückung bei den Priestern, aber zum Reden brachte er niemanden und musste sich daher auch zurückziehen.
HG|3|319|1|1|Die fehlgeschlagene Belehrung der Wasserpriester als Bild des Misslingens der göttlichen Liebe an den Menschen
HG|3|319|1|1|Am 10. Juli 1844
HG|3|319|1|0|Da sich nun der Fungar-Hellan und der Mahal überzeugt hatten, dass hier zum ersten Mal eben des Mahals Rat misslang, da fragte der Fungar-Hellan den Mahal: „Bruder in Gott, dem alleinig ewig Wahren, wie kommt es denn nun, dass hier dein Rat fruchtlos ist und, wie es scheint, auch keinen rechten Grund hat?“
HG|3|319|2|0|Und der Mahal sprach: „Bruder, vor ein paar Augenblicken kam es mir selbst sonderbar vor, da ich doch nichts rede, als was mir zukommt aus dem Geist des Herrn; aber jetzt verstehe ich es wohl, warum mir solcher Rat zukam, und warum er fruchtlos sein musste!
HG|3|319|3|0|Siehe, diese ganze Begebenheit stellt nun unser gesamtes Verhältnis zu Gott vor!
HG|3|319|4|0|Diese geilen, weltsinnigen Priester stellen uns Menschen dar in dieser Zeit. Wir kamen mit einem großen Kriegsheer zu diesen Wasserdienern; also kam auch Gott im Anfang als ein allmächtiger und unerbittlicher Richter vor das erste Menschenpaar.
HG|3|319|5|0|Aber dieses Paar ergriff die Reue ob seiner begangenen Sünde vor Gott; und Gott kam im freundlichen Gewand und stellte den Menschen wieder in seinen ersten geistigen Wohlstand. Da vergaß der Mensch bald wieder des Zornes Gottes und sündigte auf die göttliche Freundschaft!
HG|3|319|6|0|Gott aber wollte Seine Freundschaft nicht sobald wieder in den Zorn umgestalten, sondern in eine noch größere Liebe, Gnade und Erbarmung, und wollte allein durch die Liebe das verdorbene Menschengeschlecht wieder gewinnen.
HG|3|319|7|0|Allein – da die Menschen das Angesicht der Liebe Gottes erschauten und deren süßeste Stimme vernahmen, da konnten sie sich anfangs wohl aus lauter Gegenliebe kaum helfen, aber in dieser Liebe ersahen sie mit der Zeit in Gott eine solch große Nachsicht und Geduld, dass sie Ihn förmlich für unfähig zu halten anfingen, als könnte Er je wieder zu einem Gericht schreiten!
HG|3|319|8|0|Im Anfang liebten die Menschen Gott so mächtig, dass sie mit ihrer reinen Liebe auch alles umfassten, was Gott erschaffen hatte; aber mit der Zeit klebten sie sich mit ihrer Liebe stets mehr und mehr an die sichtbaren Geschöpfe und vergaßen nach und nach ganz und gar wieder der göttlichen Liebe und trieben es darin so weit, bis da die göttliche Geduld einen gar starken Riss bekam und das gänzlich nach außen gekehrte Menschengeschlecht wieder mit einem allgemeinen Gericht heimsuchen musste, und nun umso mehr wird heimsuchen müssen, da die Menschen von Gott nicht mehr wissen wie eben diese Priester hier, denen du die Macht auf dieser Insel gegeben hast, wie Gott einmal den Menschen auf der Erde.
HG|3|319|9|0|Da sie aber diese Macht missbrauchten, so kamen wir, sie ihnen zu nehmen; sie durchschauten uns aber und planierten ihre Verhältnisse also, dass wir ihnen nichts anhaben können.
HG|3|319|10|0|Wir aber haben uns darum ihrer erbarmt, beriefen sie zu uns und wollten ihnen durch das angenehmste Angesicht der Liebe in der Person der Agla und des Kisarell eben die wahre Liebe und Erkenntnis Gottes wiedergeben.
HG|3|319|11|0|Aber welchen Effekt brachte das bei diesen Priestern hervor? Siehe, sie wurden noch geiler und sinnlicher in unserem Angesicht sogar!
HG|3|319|12|0|Und siehe, gerade also sind wir Menschen gegen Gott! Je mehr Liebe und Geduld Er uns erweist, desto mehr kehren wir uns sinnlich nach außen, werden dann eigenliebig, sich selbst gefällig und wollen am Ende außer uns niemanden mehr achten, und darum auch Gott nicht!
HG|3|319|13|0|Bekennen wir Gott auch mit dem Mund, so verleugnen wir Ihn aber doch mit jeder unserer Taten! Denn Gott verleugnet Sich ganz und kehrt alle Seine Schätze uns zu; wir aber tun das im besten Falle also, dass wir nur den geringsten Teil den Brüdern geben und den größten aber allezeit für uns behalten!
HG|3|319|14|0|Siehe, darum ließ nun der Herr es auch so geschehen vor unseren Augen, auf dass wir daraus ersehen sollen, wie wir uns nun gerade so gegen Ihn verhalten, wie diese Priester gegen uns!
HG|3|319|15|0|Auf dass aber wir in unserer Selbstsucht nicht völlig rasend werden, so muss Sich Gott nun auch in Seiner Liebe also zurückziehen, wie sich die Agla und ihr Bruder vor diesen Priestern zurückziehen mussten!
HG|3|319|16|0|Verstehst du nun das Misslingen meines Rates? Siehe, es ist das Bild des Misslingens der göttlichen Liebe an uns Menschen!“
HG|3|320|1|1|Indem Fungar-Hellan Kritik an Mahals Erklärung übt, bezeichnet er Gott indirekt als Lügner. Mahal prophezeit den Durchbruch der Hochlandbewohner
HG|3|320|1|1|Am 11. Juli 1844
HG|3|320|1|0|Als der Fungar-Hellan diese ihm etwas unverständliche und ziemlich gedehnte Antwort auf seine kurze Frage vom Mahal bekam, da sprach er zu ihm:
HG|3|320|2|0|„Lieber Freund, du magst wohl sehr recht haben, aber dessen ungeachtet scheint deine Erklärung über das Misslingen deines Rates mehr eine weise ersonnene Ausflucht als eine eigentliche Wahrheit zu sein!
HG|3|320|3|0|Denn siehe, auch ich bin in der Entsprechungskunde sehr wohl bewandert und weiß gar wohl, was da hinter einer naturmäßigen Erscheinlichkeit steckt; aber trotz solcher meiner Kenntnis hätte ich das in dieser Erscheinung nicht gefunden, was du da zum Vorschein gebracht hast!
HG|3|320|4|0|Wahrlich, es wäre mir von dir aus, der du nun all mein Zutrauen besitzt, ums Unschätzbare lieber gewesen, so du mir offen gestanden hättest, dass du dich auch einmal geirrt habest, als dass du mir mit dieser gedehnten Weisheitsfloskel gekommen bist, aus der ich nun machen kann, was ich will; ich kann sie glauben, und kann sie aber auch ebenso gut leugnen!
HG|3|320|5|0|Ich will dir aber sagen, was der eigentliche Grund des Misslingens deines Rates ist!
HG|3|320|6|0|Siehe, es ist dieser ganz natürliche: Du hast es gut gemeint und dachtest dir, diese verwilderte Art von Priestern wird sich am ersten durch die Rede eines überschönen weiblichen Wesens bekehren lassen! Und darum gabst du mir solchen Rat, wobei du aber freilich die große Geilheit dieser Kerle außer deiner Berechnung gelassen hast, worin aber eben der Grund des Misslingens verborgen lag.
HG|3|320|7|0|Übrigens macht das nichts! Du bleibst deshalb dennoch mein intimster Freund; nur wäre es mir lieber gewesen, wie ich schon gesagt habe, so du mir sogleich mit der blanken Wahrheit gekommen wärest, statt deiner diesmal sehr bei den Haaren herbeigezogenen weisen Definition!
HG|3|320|8|0|Ich bitte dich aber darum, dass du jetzt dafür einen rechten Rat fasst und mir sagst, was da mit diesen geilen Böcken geschehen soll; sollen sie am Leben bleiben, oder soll ich sie durchs Schwert umbringen lassen? Sage mir den reinen Willen Gottes, und ich werde ja augenblicklich danach handeln!“
HG|3|320|9|0|Als der Mahal solche Rede von dem Fungar-Hellan vernommen hatte, da sprach er in einem etwas bewegten Ton: „Freund und Bruder, warum hast du nun solches zu mir geredet und hast dadurch nicht mich, sondern Gott Selbst als einen Lügner bezeichnet?!
HG|3|320|10|0|Siehe, das wird dir nun bald einen großen Kampf kosten, indem du von Gott schwer gezüchtigt wirst! Siehe, dieweil du meiner Rede, die gar sanfter Art war, nicht geglaubt hast, so glaube nun, was ich dir jetzt sagen werde!
HG|3|320|11|0|Du hast der Hochlandbewohner ganz vergessen und denkst nicht mehr, als könnten dir diese je mehr wieder etwas zu schaffen geben; aber die zehn noch lebenden Fürsten beherzigten mit der Zeit dennoch die Rede eines Boten aus der Höhe, nahmen ihr dieser Rede zuwiderlaufendes gegebenes Gesetz bezüglich der Zeugung zurück, stellten aber dafür eine große Prämie dem aus, der da irgendeinen Abweg in die Tiefe zuwege brächte.
HG|3|320|12|0|Und ich sage dir, gerade jetzt steht ein Mensch vor den zehn Fürsten in ihrem goldenen Palast und zeigt ihnen einen von ihm durch höhere Eingebung erfundenen Plan, nach dem die Tiefe unaufhaltsam erreicht werden kann und werden wird! Und morgen wird schon die Hand ans Werk gelegt, und du wirst die Arbeit mit Millionen Augen schauen und wirst sie dennoch nicht im Geringsten zu hindern imstande sein!
HG|3|320|13|0|Das aber wird dir ein Wahrzeichen sein, dass meine Erklärung nicht eine leere Finte meines Geistes, sondern eine ewige Wahrheit aus Gott war!
HG|3|320|14|0|Was du aber mit diesen Priestern machen sollst? Da sagt der Herr: ‚Lasse sie ziehen, woher sie kamen, denn an ihrem Geist ist nichts mehr zu ändern, indem er tot geworden ist durch die Unzucht ihres Fleisches! Wann aber das Gewässer kommen wird, da werden sie die Ersten sein, die in den Fluten auch den natürlichen Tod finden werden!‘“
HG|3|320|15|0|Als der Fungar-Hellan solches vernahm, da entließ er alsbald diese Priester und berief die Armee zusammen und zog dann an die Stelle hin, die ihm der Mahal genauer bezeichnete, wo nämlich die Hochländer durchbrechen würden.
HG|3|321|1|1|Fungar-Hellans Armee lagert bei der von Mahal bezeichneten Stelle. Der Durchbruch der Hochlandbewohner. Mahal rät zu friedlichen Verhandlungen
HG|3|321|1|1|Am 12. Juli 1844
HG|3|321|1|0|Der Ort aber, wo die Hochlandbewohner sich den Weg in die Tiefe bahnten, lag hundert deutsche Meilen nach heutigem Maß nordöstlich von Hanoch und dreißig Meilen von dem See, der auf seiner Insel die Wasserdiener hatte. Und dieser Ort war eine weit ausgedehnte Wüste, in der außer einigen Wildbeersträuchern nichts wuchs. Dennoch aber wurde zu seiner Zeit das Gebirge auch hier längs einer zwanzigstündigen Ausdehnung auf eine Höhe von dreißig Klaftern skarpiert, und man konnte also nirgends weder von oben herab, noch von unten hinauf gelangen.
HG|3|321|2|0|Bei hundertfünfzig Klafter von der Gebirgswand entfernt, richtete Fungar-Hellan sein gelb- und rotfärbiges Gezelt auf; und als also die ganze, große Armee längs der Gebirgswand eingeteilt und gelagert war, da sprach der Fungar-Hellan zum Mahal, der sich auf seinem Lager gütlich tat:
HG|3|321|3|0|„Freund, wir sind nun hier nach deinem Rat gelagert; aber ich sehe noch nicht im entferntesten Sinne etwas, das da deiner Vorsage entspräche! Solltest du mich hierher gefoppt haben? Wahrlich, ob ich schon dein innigster Freund bin, so sage ich dir aber doch, dass dir solch eine Fopperei sehr teuer zu stehen kommen dürfte!“
HG|3|321|4|0|Der Mahal aber sprach: „Habe du nur Acht, dass dir die Fopperei von oben her nicht etwa am Ende zu teuer zu stehen kommen dürfte! Was da mich betrifft, so bin ich schon lange außer aller Rechnung mit dir in dieser, wie in jeder Hinsicht!“
HG|3|321|5|0|Als der Mahal noch kaum diese Worte ausgesprochen hatte, da entstand von der Höhe der Gebirge plötzlich ein schauderhaft dröhnendes Gedonner.
HG|3|321|6|0|Man eilte sogleich aus den Zelten, um nachzusehen, was etwa da doch muss vorgegangen sein, und man bemerkte die Höhen voll Rauches, der gewöhnlich den Sprengkörnern entstammt, wenn sie angezündet werden, und sah aber unter fortwährendem Gedonner tausend mächtige Erd- und Steinlawinen in die Tiefe herabstürzen, durch die der rechtwinklige Raum zwischen der skarpierten Wand und der wüsten Ebene völlig ausgefüllt ward.
HG|3|321|7|0|Und da mehrere solche Lawinen längs der ganzen Wand der Wüste hie und da erfolgten, so wurde die Wand auch bald verschüttet an verschiedenen Stellen, und der Weg von der Höhe in die Tiefe wurde dadurch unaufhaltsam gebahnt, welchem verderblichen Akt der Fungar-Hellan ganz ruhig zusehen musste, da er ihn unmöglich zu hindern imstande war, denn wer hätte es wohl wagen können, die herabgestürzten Lawinen wegzuschaffen, wo immer neue und mächtigere in kurzen Perioden nachstürzten?!
HG|3|321|8|0|Bei dieser schauerlichen Gelegenheit fragte der Mahal den Fungar-Hellan, ob er solche Erscheinung auch für eine Fopperei halte.
HG|3|321|9|0|Und der Fungar-Hellan sprach: „O du schrecklicher Prophet aus der Höhe Gottes! Warum musst du denn nur schreckliche Dinge verkündigen, die so verzweifelt richtig eintreffen, und warum nicht auch gute, die da auch so richtig eintreffen möchten?! Sage mir aber nun auch, wie wir uns als Sieger gegen die rachesüchtigsten Hochlandbewohner behaupten werden!“
HG|3|321|10|0|Und der Mahal sprach: „Eben dadurch, dass wir hier sind! Denn unser Hiersein wird ihnen sagen, dass wir nur von einer höheren Macht inspiriert wissen konnten, wo sie ihre Abwege in die Tiefe zurichten werden! Das wird ihnen eine große Achtung vor uns einflößen, und sie werden da statt des Kampfes sich mit uns in ganz friedliche Verhandlungen einlassen!
HG|3|321|11|0|Nur darfst du sie nicht feindlich angreifen, wenn sie herabkommen werden; aber eine starke Wache magst du immer um dein Gezelt haben, damit du ihnen eine große Ehrfurcht einflößt vor unserer Macht!“
HG|3|321|12|0|Als der Fungar solches vernommen, da tat er sogleich danach, und man entdeckte aber auch schon Spione, die da nachsahen, ob die Räume schon gehörig ausgefüllt seien.
HG|3|322|1|1|Die Abgesandten der Armee der Hochlandbewohner werden vor Fungar-Hellan getötet. Mahal und die Seinen laufen zum Feind über. Die vernichtende Schlacht
HG|3|322|1|1|Am 15. Juli 1844
HG|3|322|1|0|Als der Fungar-Hellan sich selbst von den Spionen des Hochlandes überzeugt hatte, da erteilte er seiner Armee den Befehl, dass sie sich auf den Übergangspunkten haufenweise konzentrieren solle von einer Abteilung zur anderen, und solle sich da allenthalben schlagfertig halten, wo sie nur immer einen allerleisesten Anfall von Seiten des Feindes gewahren würde. Im Ganzen solle sie sich nicht als eine Angriffsmacht, sondern als verteidigende und schützende benehmen.
HG|3|322|2|0|Also sah der Befehl aus und ward sogleich durch Eilboten auch schon in einem Tag der ganzen Armee mitgeteilt; und diese Zeit war eine knapp bemessene!
HG|3|322|3|0|Denn kaum hatte sich die ganze Armee so halbwegs nach dem Befehl Fungar-Hellans geordnet, so erschien schon eine ungeheure Menge der bestgeübtesten Krieger des Hochlandes, untersuchte zuerst die Festigkeit des neuen Lawinenschuttweges, und als sie diesen für vollkommen fest fand, da betrat sie diesen alsbald allermutigst und ging also unerschrocken der ihr gegenüberstehenden Macht entgegen, als wäre diese für sie gar nicht da.
HG|3|322|4|0|Dieser tapferste Ernst fiel dem Fungar-Hellan auf, und er befahl darum einem starken Haufen von hunderttausend Mann, dass er die feindliche Macht, falls sie sich ihm über zehn Schritte nähern sollte, angreife und zurückschlage.
HG|3|322|5|0|Aber der Feind tat das nicht, sondern er stellte sich in einer Schleuderwurfweite ebenfalls in dichte Haufen auf und sandte dann drei Deputierte in das glänzende Gezelt des Generals und ließ ihn fragen, was doch im Ganzen genommen die vor zehn Jahren vorgenommene Abskarpierung der Berge gekostet habe.
HG|3|322|6|0|Denn solches möchte ihr oberster General wohl wissen, indem er nun gekommen wäre, solch eine große Schuld zu bezahlen an den Feldherrn Hanochs; denn solch eine ungeheure Summe von Geld und Mühe, lediglich für die Hochlandbewohner berechnet, könne von ihrer Seite unmöglich umsonst verlangt werden!
HG|3|322|7|0|Wenn dann solche Schuld bezahlt sein werde, dann erst würden sie den vor zehn Jahren im Hochland selbst mit dem Könige Gurat und mit dem damaligen Unterpriester Fungar-Hellan bedungenen nun zehnjährigen Zehent einbringen!
HG|3|322|8|0|Als der Fungar-Hellan solch eine satirische Frage vernommen hatte, da ward er sehr entrüstet und sprach: „Der Fungar-Hellan bin ich selbst und bin mit einer Macht von zwei Millionen der auserlesensten Krieger hier! Ich bin nun der eigentliche Herr von ganz Hanoch und dessen unermesslichem Reich!
HG|3|322|9|0|Wollt ihr freveln mit dem, dem der alte Herr und Gott Himmels und der Erde genau die Stelle bezeichnet hat, wo ihr von euren Rabennestern herab in die Ebenländer brechen werdet, um sie gleich einem Heuschreckenzug zu verheeren?!“
HG|3|322|10|0|Als die Abgeordneten solche Antwort vom General bekommen hatten, da sprachen sie: „Du führst wohl eine mächtige Sprache und kommst uns mit der alten, echten Gottheit entgegen; aber da müssen wir dir schon auch sagen, was durch einen Propheten ebenderselbe Gott zu uns geredet hat!
HG|3|322|11|0|Siehe, Seine Worte lauteten kurz also: ‚So ihr euch auf der angezeigten Stelle den Weg in die Tiefe werdet gebahnt haben auf die Weise, wie Ich sie euch gezeigt habe, da werdet ihr die große Macht Hanochs treffen; denn Ich werde sie durch den Bruder Noahs, der Mir abhold geworden ist seiner Kinder wegen, allda in eure Hände liefern! Den Bruder aber schont und seine Kinder; denn solchen werde Ich Selbst züchtigen!‘
HG|3|322|12|0|Siehe, also lautet unsere Prophezeiung! Willst du aber alles Blutvergießen vermeiden, so ergebe dich nun gutwillig; denn sonst soll außer dem Bruder Noah und dessen Kindern kein Mensch lebendig diese Wüste verlassen!“
HG|3|322|13|0|Als der Fungar-Hellan solches vernommen hatte, da entbrannte sein Grimm! Er ergriff die drei und tötete sie mit eigener Hand!
HG|3|322|14|0|Da erhob sich Mahal mit den Seinen und zog, von höherer Macht geleitet, unaufhaltsam zu den Feinden über und gab ihnen kund den Frevel Fungars.
HG|3|322|15|0|Und das war das Signal zu einer Schlacht, wie sie nachher nie ihresgleichen hatte, denn von Hanochs Heer blieben nur tausend Mann übrig, und von den bei drei Millionen starken Hochländern nur dreitausendsieben Mann.
HG|3|323|1|1|Fungar-Hellans Flucht und Schlachtbericht an König Gurat. Die Rekrutierung einer neuen Armee
HG|3|323|1|1|Am 16. Juli 1844
HG|3|323|1|0|Unter den Übergebliebenen befand sich auch der Fungar-Hellan mit zwei Obersten und floh mit dem Rest nach Hanoch zurück, und zwar eine weite Strecke verfolgt von dem Rest der Hochlandbewohner.
HG|3|323|2|0|Als er nach Hanoch kam, da eilte er sogleich zum Gurat, der ihm mit offenen Armen entgegenkam. Allda kündigte er dem König den höchst traurigen Ausgang seines Feldzuges an, sagend:
HG|3|323|3|0|„Bruder! Nun ist alles verloren! Die Hochländer haben sich einen verzweifelten Abweg gebahnt an einer wüsten Stelle, bei sechzig Stunden hinter dem großen See an der Stelle, die mir vorher der schändliche alte Spitzbube Mahal bezeichnet hat! Ihre Zahl dürfte um eine Million stärker gewesen sein als die unsrige!
HG|3|323|4|0|Kurz, nachdem sich der alte Spitzbube mit seiner Sippschaft auf eine mir bis zur Stunde unbegreifliche Art von mir entfernt und sicher als ein barster Verräter zu den Feinden gezogen hatte, als ich zuvor drei allerfrechste Deputierte mit eigener Hand erdrosselt hatte, da fiel der Feind wütend in uns auf tausend Punkten!
HG|3|323|5|0|Ein mörderischer Kampf begann, dauerte drei Tage und drei Nächte; am vierten Tage war ich bis auf höchstens zweitausend Mann, darunter sich nur mehr tausend eigentliche Krieger befanden, geschlagen und musste die Flucht ergreifen, um nicht bis auf den letzten Mann aufgerieben zu werden.
HG|3|323|6|0|Es hatte der Feind wohl auch sicher über zwei Millionen verloren; denn ich sage dir, wir stritten am dritten Tage auf Bergen von Leichen! Gewiss haben meine Krieger tapferer gekämpft als die Feinde, denn meine Krieger töteten sicher bei drei Millionen der Feinde, während dieselben noch mit meinen zwei Millionen nicht fertig geworden waren; aber ihre Übermacht war zu groß, als dass wir ihrer hätten Meister werden können!
HG|3|323|7|0|Nun aber heißt es schnell ein Heer von vier Millionen Kriegern zusammenstellen und damit eine Rache an den hochmütigen Hochlandfürsten nehmen, von der die Erde ewig kein zweites Beispiel soll aufzuweisen haben! Aber es heißt hier, schnell die Hände ans Werk gelegt, sonst kommen uns die Hochländer eher über den Hals!
HG|3|323|8|0|Wehe euch, ihr Mörder meines Volkes. Der Fungar wird nun zum König aller Teufel über euch! Mit einer Grausamkeit soll gegen euch verfahren werden, vor der der ärgste und böseste Satan erschaudern soll! Tausendfacher Fluch dir, Erde, und aller Kreatur auf deinem Boden; ich werde dir den Todesstoß geben! Nun auf, und ein Heer gebildet, ein furchtbarstes Heer!“
HG|3|323|9|0|Auf diese Rede erschrak Gurat und konnte nicht reden.
HG|3|323|10|0|Fungar-Hellan aber eilte davon und veranlasste sogleich die stärksten Rekrutierungen und Werbungen.
HG|3|323|11|0|Und in einem Monat stand schon ein schlagfertiges Heer von vier Millionen und darüber um und in Hanoch.
HG|3|324|1|1|Mahal bringt die Fürsten des Hochlandes von einem Zug gegen die neue Armee Hanochs ab
HG|3|324|1|1|Am 17. Juli 1844
HG|3|324|1|0|Also aber sammelten auch die Hochlandbewohner ein neues kräftiges Heer über zwei Millionen an der Zahl und berieten sich mit ihren zehn Fürsten, wie sie abermals Hanoch züchtigen sollten und möchten.
HG|3|324|2|0|Da sprach der Mahal, den nun die zehn Fürsten auf das Allergastfreundlichste aufgenommen hatten samt seiner Familie:
HG|3|324|3|0|„Freunde, eure Zahl ist nun nach genauer Zählung nahe um drei Millionen verringert worden, und ihr habt nun sehr leicht Platz in diesem großen Gebirgsland, das für euch alle Brot in der hinreichendsten Menge hervorbringt!
HG|3|324|4|0|Lasst daher Hanoch gehen! Ich weiß wohl, dass sich dieses sammeln wird zu einem mächtigsten Kampf und wird ein Heer von über vier Millionen zusammenstellen; aber das beirre euch nicht im Geringsten! Denn so ihr nicht hinab zu ihnen zieht, da werden sie es wohl für alle Zeiten der Zeiten gehen lassen, zu euch sich herauf zu begeben; denn so klug sind sie schon, dass sie das einsehen, dass da gegen zehn auf einem Felsen hundert in der Tiefe es nicht aufnehmen können!
HG|3|324|5|0|Daher könnt ihr hier auch vollkommen sicher sein; denn fürs Erste werden die Hanocher – und wäre ihre Zahl noch so groß – sich nie getrauen, hierher zu dringen, und fürs Zweite aber können sie das auch nun nicht mehr; denn außer den Stellen, da ihr die Abwege gebahnt habt, ist nirgends ein Aufgang möglich, außer über die heiligen Höhen meines Bruders Noah! Da aber werden die Hanocher wohl überall den Aufweg stehen lassen müssen, denn in der Schlachtwüste wird ihnen die Pest auf vielen Stunden entgegenkommen, und es wird diese Stelle vor zwanzig Jahren weder für sie noch für euch passierbar sein!
HG|3|324|6|0|Was aber die heilige Höhe betrifft, da mein Bruder wohnt, da ist sie im allmächtigen Schutz Gottes, und gegen Den zu ziehen, dürfte für die Menschen wohl eine höchst vergebliche Mühe sein! Darum befolgt diesen Rat, und ihr werdet gut fahren!“
HG|3|324|7|0|Als die zehn Fürsten solchen Rat vernommen hatten, da bedachten sie sich und sprachen: „Du hast wohl geredet; aber meinst du wohl, dass da der Grimm des Fungar-Hellan uns wird ruhen lassen? Oder wird er, dessen Geist eine entsetzlichste Unternehmungskraft besitzt, nicht vielmehr alles anwenden, um sich auf tausend anderen Punkten Zugänge zu uns zu verschaffen, und hat sich vielleicht hundert bis jetzt schon verschafft?! Und kommt er in unser Land, was ist dann mit uns?!“
HG|3|324|8|0|Da sprach der Mahal: „Lasst das gut sein! Ich habe gleich anfangs zu euch gesagt, was mein Bruder Noah tut. Wahrlich, eher als der Fungar mit seinen hundert Aufgangstürmen fertig wird, eher wird es Noah mit seinem Wasserhaus! Wenn aber dieses fertig wird, dann auch werden dem Fungar-Hellan weder seine Türme, noch die Berge etwas nützen; denn dann wird der Herr ziehen wider alle Welt aus zum Kampf und wird nicht schonen irgendeine Kreatur, der großen Bosheit der Menschen wegen!“
HG|3|324|9|0|Über diese Rede Mahals wurden die zehn Fürsten sehr nachdenkend und redeten drei Tage nichts; aber den Rat befolgten sie dennoch.
HG|3|325|1|1|Die Bedenken König Gurats über Mahals Weggang bringen Fungar-Hellan von seinen Schlachtplänen ab. Der Bau eines Aufstiegsturmes
HG|3|325|1|1|Am 18. Juli 1844
HG|3|325|1|0|Als aber in der Tiefe Fungar-Hellan das neue große Heer geordnet hatte und hatte ausgesandt eine große Menge Bauleute, die da an der skarpierten Gebirgswand hohe Türme, versehen mit breiten Aufgangsstufen, erbauen sollten, da ging er abermals zum König Gurat und fand ihn sehr traurig und fragte ihn nun um den Grund solcher seiner Traurigkeit.
HG|3|325|2|0|Und der König antwortete und sprach: „O lieber Freund, wenn ich bedenke, dass wir den Mann Gottes nicht mehr den Unsrigen nennen können, da überfällt mich eine große Traurigkeit, und dein erster Ausruf ‚Wir sind verloren!‘ – den du tatst, als du nach deinem unglücklichen Feldzug zu mir kamst, tönt noch immer in meiner Seele!
HG|3|325|3|0|Denn siehe, was hätte alle unsere Vorsicht uns genützt, als sich Hanoch an der Spitze der Unterpriester gegen uns verschworen hatte, so Mahals Weisheit uns nicht geführt hätte?!
HG|3|325|4|0|Nun aber, da du sicher irgendwann und -wo wider seinen Rat grausam wirst gehandelt haben, hat er dich verlassen und ging zu den Hochlandfürsten über und wird ihr Leiter.
HG|3|325|5|0|Wo du nur immer gegen diese Fürsten etwas unternehmen wirst, da wird seine große Weisheit dich von großer Ferne durchschauen und wird jeden deiner Pläne zu vereiteln wissen und uns schlagen und verderben, wie du es an seiner Seite mit allen Tempeln gemacht hast; wozu dir auch alle deine Macht nichts genützt hätte, wenn du die Macht des Mannes Gottes nicht um dich gehabt hättest!
HG|3|325|6|0|Darum bin ich nun auch der sicheren, überzeugenden Meinung, dass uns dein Hundertturmbau wenig nützen wird und ebenso wenig die neue ungeheure Armee, die uns täglich fünfundzwanzigtausend Pfunde Goldes kostet, uns aber dennoch nie um einen schwachen Silberling Nutzen bringen wird!
HG|3|325|7|0|Oh, wäre es möglich, dass Mahal je wieder der Unsrige würde und unser seine lieben Kinder, dann würden wir sicher wandeln in unseren Mauern; aber ohne ihn wird es sicher bald nicht geheuer werden, zu ziehen durch unserer Stadt Gassen und Straßen, indem wir alle blind sind und nicht sehen, wo ein Abgrund unserer harrt!“
HG|3|325|8|0|Als der Fungar-Hellan solches vom Gurat vernommen hatte, da ward er sehr nachdenkend und wusste nicht, was er dem König erwidern solle.
HG|3|325|9|0|Nach einer Weile erst sprach er: „Mein König und mein Freund, du hast wohl recht, und es lässt sich da nichts einwenden; aber so wir einmal bloßgestellt sind, da ist es ja doch wohl besser, etwas zu tun zu unserer Sicherheit, als gänzlich zu feiern für nichts und wieder nichts!
HG|3|325|10|0|Ich habe wohl den Fürsten die höchste Rache geschworen, also auch dem Mahal, – aber da sich mein Zorn etwas gelegt hat, so will ich es mit dem Schwur nicht gar so genau nehmen; aber armiert müssen wir doch allezeit sein, indem wir vor einem mächtigen Überfall von Seiten der Hochlandvölker keine Stunde sicher sind!
HG|3|325|11|0|Mahals Weisheit hin oder her! Wir müssen uns dennoch so viel als möglich sicherstellen, wollen wir nicht in einem jeden Augenblick unseren Untergang erwarten!
HG|3|325|12|0|Übrigens, dürfte Mahal jetzt hierherkommen, so würde ich ihn eben wieder so freundlich aufnehmen, als wie er früher in dieser Burg aufgenommen ward; und ich meine, mehr wird wohl niemand für ihn tun können!
HG|3|325|13|0|Wie aber wird er hierher wieder kommen können? Über das Schlachtfeld wird er nicht ziehen; daher soll eben mein Turmbau so geschwind als möglich vor sich gehen, auf dass wir an den Mahal einen Boten absenden können, der ihn wieder in unsere Mauern bringen soll, so er noch am Leben ist!“
HG|3|325|14|0|Mit dieser Äußerung war der Gurat zufrieden und empfahl darum dem General die Herstellung wenigstens eines Turmes an der skarpierten Gebirgswand.
HG|3|325|15|0|Und der Fungar-Hellan tat solches mit allem Fleiß; und in dreißig Tagen stand ein Turm vollfertig an der Wand da.
HG|3|326|1|1|Die ins Hochland gesandte Friedensdeputation
HG|3|326|1|1|Am 19. Juli 1844
HG|3|326|1|0|Da der Turm an der Hauptaufgangsstelle ins Hochland erbaut ward, und das in einer so mächtigen Art, dass da seine Aufgangstreppen sogar ganz sicher und bequem von den Kamelen und Eseln betreten werden konnten, da stellten auch alsbald der General Fungar-Hellan und der König Gurat eine gar mächtig wohlberedte Deputation zusammen und sandten sie ins Hochland, auf dass sie dort den Mahal aufsuchte und ihn niederbrächte nach Hanoch.
HG|3|326|2|0|In einigen Tagen ward die Deputation zusammengestellt, mit weißen Friedenskleidern angetan, und dann also ins Hochland gesandt.
HG|3|326|3|0|Nach einer fünftägigen Reise auf den Kamelen (auf einen Tag vierzig Stunden Weges gerechnet, den ein solches Tier leicht zurücklegt), wurde von der Deputation das Hochland erreicht, allwo diese auch alsogleich von den Wachen in Beschlag genommen und als gefangen vor die zehn Fürsten geführt worden ist.
HG|3|326|4|0|Als die Deputation vor den zehn Fürsten gefangen anlangte, da fragte einer der Fürsten sie, was sie bewogen habe, ihren Untergang auf der Höhe zu suchen.
HG|3|326|5|0|Und ein Hauptmann aus der Deputation sprach: „Erhabene, weise Führer eures Volkes! Keine nur im allerentferntesten Sinne böse Absicht hat uns mit großen Unkosten hierher geführt, – sondern nur der beste und friedlichste Sinn war unser Lenker!
HG|3|326|6|0|Ihr habt unser Heer geschlagen und habt als Sieger den großen Kampfplatz behauptet; daher habt ihr auch das vollste Kriegsrecht, von uns die Siegessteuer zu verlangen!
HG|3|326|7|0|Wir wissen aber, dass auch ihr eine starke Niederlage erlitten habt und vielleicht darum kaum mehr den Mut haben dürftet, von uns eure Gebühr zu fordern, da ihr wohl auf dem Wege eurer tiefen Weisheit urteilen und sicher annehmen könnt, dass wir noch eine bewaffnete Macht von nahe fünf Millionen Soldaten in der Reserve haben.
HG|3|326|8|0|Also sind wir von unserem König darum hierher gesandt worden, dass wir euch in seinem Namen fragen sollen, was ihr fürs Erste als Siegessteuer von ihm fordern möchtet, auf dass er es dann sogleich gäbe, und fürs Zweite aber lässt er euch bitten um den Frieden und um die Freundschaft, zu welchem Behuf er nun hundert Verbindungstürme erbaut, um euch ein für alle Male den Wiederverkehr mit Hanoch zu eröffnen!
HG|3|326|9|0|Das ist der Grund unserer Sendung, der in allen seinen Teilen wahr ist, – wozu wir freilich noch einen Auftrag an den Mahal haben, falls er noch am Leben sei, und falls er sich befände in eurer Mitte noch!“
HG|3|326|10|0|Als die Fürsten solches von der Deputation vernommen hatten, da fragten sie die Deputierten, wodurch sie die Wahrheit ihrer Aussage ungezweifelt bezeugen könnten.
HG|3|326|11|0|Und die Deputierten sprachen: „Falls sich der Mahal noch unter euch befindet, so ruft ihn vor uns; der wird euch über uns Zeugnis geben!“
HG|3|326|12|0|Als die zehn Fürsten solches vernommen hatten, da sandten sie sogleich um den Mahal.
HG|3|327|1|1|Mahals Rede an die Deputierten und die zehn Fürsten
HG|3|327|1|1|Am 22. Juli 1844
HG|3|327|1|0|Als nun der Mahal in den Ratssaal trat, da erschraken die Deputierten vor seinem ernsten Angesicht, und keiner aus ihnen wagte ein Wort über seine Lippen zu lassen.
HG|3|327|2|0|Als die ganze Versammlung eine Zeit lang stumm dastand, da fragte sie der Mahal: „Warum habt ihr mich denn begehrt? Bin ich etwa wie ein fremdes Tier, das da die gewissen Tierbanner an den Ketten herumführen und lassen es angaffen um einige Erzblechlein? Redet! Warum bin ich hierher gerufen worden?“
HG|3|327|3|0|Nach dieser fragenden Aufforderung sprach einer aus den Fürsten: „Mann Gottes! Siehe, diese sind aus der Tiefe hierher gesandt und haben uns solchen und solchen Grund ihrer Hierherreise angegeben. Sage uns, ob wir ihnen glauben sollen oder nicht!“
HG|3|327|4|0|Und der Mahal sprach: „Ja, ihr könnt ihnen glauben, was sie aussagten, denn es ist nun also; aber nur war die Anerbietung der Kriegssteuer nicht der eigentliche Hauptgrund ihrer Hierherkunft, sondern der Hauptgrund alles dessen bin ich!
HG|3|327|5|0|Der König Gurat und sein General Fungar-Hellan möchten mich wieder an ihrem Hof haben, und diese Deputierten sollen mich dazu bewegen; aber sie, wie ihre Gebieter, wissen es nicht, dass sich der Mahal nie durch Menschen, sondern allein nur durch Gott bewegen lässt.
HG|3|327|6|0|Sagt daher ihr euren Gebietern, dass ich nur dann wieder zu ihnen gehen werde, wenn Gott der Herr mich auffordern wird! Sagt ihnen aber auch, dass ich im Namen des Herrn sehr darauf sehen werde, wie sie ihr doppeltes Anerbieten an die zehn Fürsten halten werden!“
HG|3|327|7|0|Als der Mahal solches geredet hatte zu den Deputierten, da wandte er sich wieder zu den Fürsten und sprach zu ihnen: „Lasst nun diese Boten wieder im Frieden abgehen, weil sie euch den Frieden geboten haben; achtet aber wohl darauf, dass ihr Antrag in einer bestimmten Frist erfüllt wird!
HG|3|327|8|0|Denn so jemand ein Wort gibt, da muss er es auf eine bestimmte Frist geben, sonst ist er ein Heuchler und Feinredner nur, der wohl ein Versprechen macht, aber da er keine Zeit bestimmt, so ist sein Versprechen eine barste Lüge, indem er die Erfüllung seines Versprechens bis ins Unendliche ausdehnen kann und kann etwas erst in tausend oder zehntausend Jahren tun, das er sonst in einer bestimmten Zeit tun müsste.
HG|3|327|9|0|Daher ist es nicht genug, zu sagen: ‚Das werde ich tun!‘, sondern es muss heißen: ‚Das werde ich heute oder morgen, oder in einem Jahr tun so und so, wenn mich der Herr diese bestimmte Zeit zur Erfüllung meines Versprechens wird erleben lassen!‘
HG|3|327|10|0|Das verlangt demnach auch ihr von diesen Boten, und lasst sie dann, wie schon gesagt, im Frieden abziehen!“
HG|3|327|11|0|Die zehn Fürsten sahen die Wichtigkeit dieser Erinnerung ein, gaben den Boten eine Frist von drei Monden und ließen sie dann alsbald ganz ungehindert abziehen und stellten nach ihrem Abzug sogleich verstärkte Wachen zu dem Haupteingang.
HG|3|328|1|1|König Gurat und Fungar-Hellan sehen sich außerstande, die Forderung der Fürsten des Hochlandes zu erfüllen. Misserfolg der zweiten Deputation
HG|3|328|1|1|Am 23. Juli 1844
HG|3|328|1|0|Als die Deputierten wieder in Hanoch ankamen und allda dem Gurat und dem Fungar-Hellan alle die Effekte ihrer Sendung kundgaben, da machten anfangs beide Herren von Hanoch gar saure Gesichter dazu.
HG|3|328|2|0|Aber der Gurat sprach dennoch nach einer Weile zum General: „Ja, was wollen wir machen? Hier heißt es einmal in den sauren Apfel beißen und nichts anderes, weder darunter noch darüber! In einem Mond heißt es hunderttausend Malter Weizen, ebenso viel Korn und gleich viel Gerste und dann zwanzigtausend Kamele, vierzigtausend Ochsen und zweihunderttausend Schafe stellen, sonst sind wir rein aufgelegt gegen die Hochländer!
HG|3|328|3|0|Nur fragt es sich, woher werden wir in solcher kurzen Zeit die große Masse alles dessen nehmen? Woher, woher, – so wir nicht mit unserem Volk selbst einen förmlichen Krieg anfangen wollen, – ja – einen barsten Raubkrieg?“
HG|3|328|4|0|Der Fungar-Hellan kratzte sich hier sehr stark hinter den Ohren und sprach: „Freund und Bruder, wie es mir vorkommt, so sind wir so wie so aufgelegt! Ich bin der Meinung, wir sollten auf der Höhe den Mahal sitzen lassen und mit der Kriegssteuer so hübsch fein zu Hause bleiben!
HG|3|328|5|0|Hätten die Hochländer Gold und Silber verlangt, das hätten wir ihnen leicht in einer zehnfach größeren Masse nach Pfunden liefern können, indem wir dessen doch so viel besitzen, dass sich damit ganz Hanoch überdecken ließe; aber Getreide in diesen ohnehin sehr mageren Jahren, und so viele von den Ochsen, Kamelen und Schafen, – das ist nicht möglich, und auf einmal schon gar nie!
HG|3|328|6|0|Wenn die Hochlandbewohner uns dazu eine Frist von zehn Jahren gäben, da wäre die Sache wohl noch ausführbar; aber, Freund, in einem Mond ist das die reinste Unmöglichkeit von der Welt!
HG|3|328|7|0|Lasse uns daher noch eine Deputation hinaufsenden, durch die um eine zehnjährige Steuerfrist unterhandelt werden soll; werden sich die zehn Fürsten dazu verstehen, so wollen wir auch unser Wort halten, – widrigenfalls sie aber machen sollen, was sie wollen!“
HG|3|328|8|0|Gurat war mit diesem Vorschlag zufrieden. Eine neue Deputation ward zusammenberufen und auf die Höhe beordert, – aber leider ohne Wirkung; denn die zehn Fürsten bestanden auf ihrer Forderung und ließen nicht um einen Stater handeln mit sich.
HG|3|329|1|1|König Gurat und Fungar-Hellan fassen den Entschluss, die Berge des Hochlandes zu unterminieren und zu sprengen
HG|3|329|1|1|Am 24. Juli 1844
HG|3|329|1|0|Als diese Deputation unverrichteter Dinge wieder zurückkam nach Hanoch und den schlechten Erfolg ihrer Reise dem König und dem Fungar-Hellan kundgab, da wurden beide einstimmig erbost und fassten den festen Beschluss, den Hochländern auch nicht einen Stater Wertes als Kriegssteuer abzuliefern.
HG|3|329|2|0|Und der Fungar-Hellan sprach: „Also sollen sie sich’s abholen! Wenn sie aber kommen werden, da wollen wir sie schon auf die rechte Weise empfangen!
HG|3|329|3|0|Wir wissen aber, dass wir Nachkommen Seths sind, und dass das Sklavenvolk des Hochlandes nur von dem verworfenen Kahin abstammt! Sollte unsere Kraft denn gar so eingeschrumpft sein, dass wir dieser hochmütigen Sklaven nicht sollten Meister werden?!
HG|3|329|4|0|Wir werden wohl nun vorderhand keine Narren mehr sein, sie mit unserer Macht im Gebirge aufzusuchen; aber wir werden sie schon herabzulocken wissen. Und wenn sie da sein werden, da wehe ihnen; wahrlich, sie sollen unseren gerechten Grimm verkosten!
HG|3|329|5|0|Weißt du, Freund Gurat, was wir nun tun? Wir schicken nun noch eine Deputation hinauf, und das in dieser politischen Eigenschaft:
HG|3|329|6|0|Wir übergeben zum Schein das ganze Reich Hanoch in ihre Hände, und das unter dem Vorwand, weil wir bei solcher zu gewaltigen Forderung nimmer regieren können und rein aufgelegt sind!
HG|3|329|7|0|Denn ohne Gewalttätigkeit lässt sich im eigenen Reich diese enorme Forderung an Getreide und Vieh unmöglich zusammenbringen in solch kurzer Zeit; wird aber darum an eigenen Staatsbürgern solche Gewalttat ausgeübt, dann wird sich das ganze Reich wider uns empören und mit seiner großen Übermacht uns gänzlich zugrunde richten!
HG|3|329|8|0|Da wir solches wohl berechnet hätten, so übergeben wir ihnen gegen eine gute Leibrente also das ganze Reich lieber in Frieden, denn also sind wir des Herrschens satt geworden und ziehen die Ruhe so einem bewegten Leben bei weitem vor!
HG|3|329|9|0|Zum Zeichen der Wahrheit sollen die Deputierten sogleich die Schlüssel und einige nachgemachte Kronen von Hanoch mitnehmen und sie den zehn übergeben, und sie aber auch zugleich einladen, nach Hanoch zu ziehen und alles zu übernehmen, wie es liegt und steht! Was meinst du, ist diese meine Idee nicht gut?“
HG|3|329|10|0|Und der Gurat sprach: „Lieber Freund, bedenke nur, dass der Mahal bei den zehn ist, und da ist jede List vergeblich!
HG|3|329|11|0|Ich aber bin der Meinung, wir sollen nun nichts mehr dergleichen tun, sondern gerade abwarten, bis sie mit uns werden zu handeln anfangen; dann ergreifen wir eine fürchterliche Offensive und vernichten alles, was da sich uns nähern wird!
HG|3|329|12|0|Mittlerweile machen wir statt der hundert Aufgangstürmen hundert je tausend Klafter tiefe Minen in die Berge des Hochlandes und laden dann eine jede Mine mit zehntausend Pfunden von Sprengkörnern, zünden sie dann los, und es dürfte das die hochmütigen Hochländer in eine ziemlich starke Verwirrung bringen!
HG|3|329|13|0|Was da weiter zu geschehen hat, wird uns die Folge lehren!“
HG|3|329|14|0|Fungar war damit einverstanden und setzte sogleich den Rat Gurats ins Werk.
HG|3|330|1|1|Die ergebnislose Beratung der zehn Fürsten des Hochlandes. Mahals Warnung wird ignoriert
HG|3|330|1|1|Am 26. Juli 1844
HG|3|330|1|0|Die zehn Fürsten im Hochland aber beriefen auch einen Rat zusammen, um zu beraten, was sie tun möchten, so die Hanocher ihr Wort nicht hielten; der Rat aber dauerte drei Monde, und sie konnten nicht über diese Sache einig werden.
HG|3|330|2|0|Da aber fehlten sie, dass sie da nicht den Mahal mit zu Rate gezogen hatten, und das aus dem Grunde, weil sie meinten, Mahal könnte denn doch ganz heimlich mit den Hanochern einverstanden sein und könnte ihnen danach auch einen Rat erteilen, durch den sie umso eher in die Hände der Hanocher könnten geliefert werden.
HG|3|330|3|0|Diesen Argwohn gegen Mahal aber schöpften sie daraus, weil sie ihn viel zu gelinde gegen die Hanocher Deputierten das Wort führen hörten, da sie von ihm vielmehr das Todesurteil für diese Boten erwarteten.
HG|3|330|4|0|Mahal aber merkte das gar wohl und ward darob sehr ungehalten.
HG|3|330|5|0|Als die zehn Fürsten nach ihrer dreimonatlichen Beratung, die zu keinem Zielbeschluss geführt hatte, den Mahal, der da in der kleinen Bergstadt in einem ganz abgesonderten Haus für sich lebte, zu sich beriefen und ihn fragten, was sie gegen die Hanocher unternehmen sollten, indem diese ihr Wort nicht hielten, da von der versprochenen Kriegssteuer bis jetzt noch nicht das Geringste eingetroffen sei, da sprach der Mahal:
HG|3|330|6|0|„Meine lieben Freunde, es tut mir leid in meinem Herzen, dass ihr so spät zu mir gekommen seid, da euch mein Rat nichts mehr nützen kann! Hättet ihr lieber gleich zu Anfang eurer leeren Beratung, die für nichts drei Monde angedauert hatte, mich um meinen rechten Rat gefragt, da hätte ich euch schon auch einen rechten Rat geben können; aber jetzt ist es zu spät!
HG|3|330|7|0|Denn während eurer Beratung haben die sehr tätigen Hanocher genau die rechte Zeit gewonnen und konnten ganz unbeirrt auf hundert sehr günstigen Punkten über tausend Klafter tiefe Minen schlagen und auch schon eine jede mit zehntausend Pfunden der stärksten Sprengkörner laden; und heute noch werden alle diese Minen gesprengt werden, wodurch euer Land auf den hundert Punkten ganz gewaltig zerstört wird!
HG|3|330|8|0|Und ihr werdet darum die Flucht ergreifen müssen, werdet ihr der Rache der Hanocher entgehen wollen! Flieht daher lieber sogleich; denn morgen dürfte es zu spät sein!“
HG|3|330|9|0|Als die zehn Fürsten solches vom Mahal vernommen hatten, da lachten sie und sprachen: „Freund, wenn sonst nichts ist, da können wir wohl ganz ruhig hier verbleiben; denn das wissen wir genau, was die Sprengkörner für eine Wirkung haben, und wie tief man in drei Monden in die Erde graben kann!
HG|3|330|10|0|Siehe, wenn sie in drei Monden nur vierzig Klafter tief eingedrungen sind im Gestein, da haben sie Wunder getan, geschweige tausend Klafter! Daher also sind wir ganz ruhig!“
HG|3|330|11|0|Hier lachten die zehn Fürsten wieder und verließen also den Mahal.
HG|3|331|1|1|Mahal rät seinen Kindern, auf Gott zu vertrauen. Die schlimmen Zustände in der dem Untergang geweihten Welt
HG|3|331|1|1|Am 27. Juli 1844
HG|3|331|1|0|Es fragten aber des Mahal Kinder ihren Vater, was wohl für sie zu machen sein wird, so die Hanocher einen solchen Gewaltstreich gegen die Hochländer ausführen werden.
HG|3|331|2|0|Und der Vater Mahal sprach zu seinen Kindern: „Meine Kinder! Vertraut auf Gott, und seid vollkommen ruhig; denn wir sind sicher und geborgen allenthalben auf der Erde Gottes, solange Gott der Herr mit uns ist!
HG|3|331|3|0|Haben wir aber dessen Gnade und Erbarmung und Liebe verscherzt, dann wird uns alles verfolgen und uns feindlich begegnen, was nur Wesen und Gegenstand heißt; nicht einmal unserem Schatten werden wir trauen können, dass er uns nicht verriete an allerlei Feinde!
HG|3|331|4|0|Darum aber wollen wir nun umso fester an Gott halten, auf dass wir ja sicher wandeln auf der Erde Gottes!
HG|3|331|5|0|Ich aber sage euch nun, meine lieben Kinder, wie ich es nun sehe in meinem Geiste: Also, wie da die Ordnung der Dinge nun steht auf der Erde, kann sie keine zehn Jahre mehr bestehen!
HG|3|331|6|0|Ein Mensch ist wider den anderen, ein Volk zieht wider das andere, ein jeder will herrschen in seiner Sphäre und achtet keines Vorstandes, keines Königs!
HG|3|331|7|0|Also sind nun im ganzen Reich Hanoch lauter unabhängige Herren, und der König zittert vor den Bürgern seiner Stadt, und alle seine Vasallen und all die Landpfleger in den Außenstädten sind ganz vollkommen eigenmächtige Herren und tun, was sie wollen. Sie legen den Landleuten unmäßige Steuern auf, aber der König wie sein General wissen davon keine Silbe.
HG|3|331|8|0|Die auswärtigen Vasallen sind ganz unabhängige Herren geworden, führen untereinander beständig Kriege, so dass da schon seit langem kein Tag mehr ohne Blutvergießen abläuft.
HG|3|331|9|0|Hie und da gibt es wieder Volksaufstände, da wird geraubt, geplündert und gemordet, und ein jeder, der irgend bei einem solchen Aufruhr an der Spitze war, will hernach Diktator bleiben; und ist er als solcher geblieben, so wird er dann um vieles ärger, als die früheren Tyrannen und Despoten waren!
HG|3|331|10|0|Besonders arg verfahren fortwährend im Verborgenen schon seit vielen Jahren die ausgewanderten Kinder der Höhe mit den Kindern der Tiefe. Diese werden gar nicht mehr als Menschen, sondern als pure vernunftfähige Tiere betrachtet und also auch behandelt; und niemand mehr will sich vom Geist Gottes leiten, ziehen und strafen lassen!
HG|3|331|11|0|Seit der höllischen Erfindung der Sprengkörner, der Erdbohrer und der Steinerweichungsbeize ist kein Berg mehr sicher vor der Zerstörungswut der Menschen.
HG|3|331|12|0|Sagt, kann Gott solch einem Wüten, Toben, Treiben, Morden, Zerstören, Lügen, Heucheln, Betrügen, Stehlen, Rauben und einer allerartigen Hurerei länger noch so ganz gelassen zusehen?!“
HG|3|331|13|0|Die Kinder erschraken über diese Beschreibung der Dinge in der Welt.
HG|3|331|14|0|Mahal aber sprach: „Lasst uns bei Nacht und Nebel auch diesen Boden verlassen und ziehen zu Noah auf die Höhe; denn von nun an wird für uns nirgends sonst mehr eines Bleibens sein!“
HG|3|331|15|0|Darauf packte Mahal auch sogleich all das Seine zusammen und begab sich mit allen seinen Kindern auf die Höhe zum Noah.
HG|3|332|1|1|Mahal bei Noah. Über die Gottlosigkeit der Völker und Reiche in der Tiefe
HG|3|332|1|1|Am 29. Juli 1844
HG|3|332|1|0|In zehn Tagen kam der Mahal auf der noch geheiligten Höhe bei Noah an, der ihm schon eine ziemlich weite Strecke entgegenkam.
HG|3|332|2|0|Als die beiden Altbrüder zusammenkamen, da umarmten sie sich, und es hatten beide eine große Freude, sich wiederzusehen.
HG|3|332|3|0|Noah aber fragte sogleich den Mahal, wie es in den Tieflanden und Reichen aussehe, ob sie sich wohl zum Herrn wenden, oder ob nur stets mehr zur Welt.
HG|3|332|4|0|Und der Mahal sprach: „O Bruder, die gänzliche Gottlosigkeit aller der Völker, die ich nun auf meinen weiten Reisen habe vollkommen kennengelernt, ist ja hauptsächlich der Grund, darum ich jetzt schon hier bin!
HG|3|332|5|0|Ich war noch immer voll der besten Hoffnungen, dass es mir durch des Herrn Gnade gelingen werde, die Völker durch ihre Könige und Fürsten für Gott zu gewinnen; allein vor zehn Tagen ließ es mich der Herr klar erschauen, wie es mit der Menschheit auf der Erde stehe, und sonach auch klarst erkennen, dass mit den Menschen weder durch Wunder, noch durch was immer für andere Mittel mehr etwas zu richten ist.
HG|3|332|6|0|Denn sie sind so ganz und gar zur Welt gekehrt, dass in ihnen aller Geist rein untergegangen ist; wo aber kein Geist mehr in einem Menschen waltet, wie soll der Geistiges und Göttliches in sich aufnehmen!?
HG|3|332|7|0|Wenn es sich noch etwa um wenige Menschen handeln würde, da ließe sich’s eher denken, es wäre noch möglich, diese zu bekehren; aber was kann ein einzelner Mensch gegen so viele Millionen der allerverstocktest gottlosen Menschen machen?
HG|3|332|8|0|Sie hören einem wohl zu eine Zeit lang; aber bald kehren sie einem ganz gleichgültig den Rücken. Wenn es gut geht, so wird man entweder belacht und sogar mitleidig als ein Narr bedauert; geht es aber nur ein wenig ärger, so wird man gestäupt, eingesperrt, auch ums Leben gebracht! Denn ich sage dir, ein Menschenleben gilt in der Tiefe geradeso viel, als hier etwa das Leben einer Mücke!
HG|3|332|9|0|O Bruder, es schauert mir, wenn ich nun über die Tiefen nachdenke! Wahrlich, in der Hölle, von der wir schon lange wissen, wie sie ist, geht es beinahe besser zu!“
HG|3|332|10|0|Als der Noah solche Schilderung von seinem Bruder Mahal vernommen, da seufzte er tief auf und sprach: „Also ist es richtig also, wie es mir der Herr gezeigt hat im Geiste! O du Welt, du Welt, warum willst du dich von dem so sanften Geist Gottes nicht mehr strafen lassen und willst lieber in das Gericht und in dein ewiges Verderben?!“
HG|3|332|11|0|Von hier an gingen beide Brüder ganz stumm auf die Vollhöhe, wo einmal Adam wohnte, und weinten gemeinschaftlich über die so herrlich geschaffene Erde.
HG|3|332|12|0|Und Mahal bemerkte auch bald den schon nahe vollendeten großen Wasserkasten und wunderte sich sehr, wie dieser in so kurzer Zeit zu solcher Vollendung gediehen war.
HG|3|333|1|1|Noah erzählt Mahal die Geschichte der Arche
HG|3|333|1|1|Am 30. Juli 1844
HG|3|333|1|0|Als aber der Mahal nachher den Kasten von in- und auswendig genauer beschaut hatte, da sagte er zu Noah: „Bruder, sage mir doch so ganz eigentlich, wie dir der Herr diesen seltenen Bau anbefohlen hat! Ich weiß wohl etwas, aber ganz umständlich und also auch völlig klar ist mir die Sache nicht bekannt; darum teile mir die Sache vollends mit, auf dass denn auch ich wisse, was ich seinerzeit zu tun habe!“
HG|3|333|2|0|Und der Noah sprach zum Mahal: „Bruder, du weißt die Zeit, da sich die Menschen auf der Erde sehr zu mehren anfingen seit den Zeiten Lamechs und zeugten gar schöne Töchter nachher; und du weißt, wie das die Kinder Gottes auf der Höhe merkten, sie dann bald die heilige Höhe zu verlassen anfingen und auf die Erde in die Tiefe hinabwanderten, und wie sie daselbst die Töchter der Menschen nahmen, die sie wollten, und mit ihnen Kinder zeugten!
HG|3|333|3|0|Als darum die Höhe Gottes, die Er für Seine Kinder so hoch und teuer gesegnet hat, nahe ganz entmannt ward, da sogar die Ehemänner hier ihre Weiber sitzen ließen und hinabzogen, um sich Weiber aus den Töchtern der Menschen zu suchen in der Tiefe – worauf dann auch bald gar viele hier zurückgelassene Weiber ihnen in die Tiefe nachfolgten und sich unten auch mit Söhnen der Erde vermählten –, siehe, bald darauf sprach der Herr zu mir:
HG|3|333|4|0|‚Noah, siehe, die Menschen wollen sich von Meinem Geist nicht mehr strafen lassen, denn sie sind pur Fleisch geworden! Ich will ihnen aber dennoch eine Frist geben von einhundertzwanzig Jahren!‘
HG|3|333|5|0|Wie solches der Herr zu mir geredet hatte, warst du gegenwärtig; also weißt du auch, was wir dann zur Bekehrung der zu gemeinsten Erdmenschen gewordenen Kinder Gottes nach dem Willen des Herrn getan haben durch hundert feste Jahre, und das alles ohne den geringsten bleibenden Erfolg!
HG|3|333|6|0|Denn die Kinder Gottes zeugten aus den Töchtern der Menschen mächtige und berühmte Menschen; diese wurden zu allerlei Meistern in bösen Dingen vor Gott und wurden zu harten Tyrannen gegen die Kinder der Welt und bekriegten sich auch stets gegenseitig aus lauter herrschsüchtigen Gründen. Und in solcher Gestaltung verrannen hundert Jahre und darüber!
HG|3|333|7|0|Da aber der Herr sah, dass sich die Menschen nicht nur nicht bekehrten auf seine täglichen Ermahnungen in aller Art und Gestalt, sondern in ihrer Bosheit nur stets größer und mächtiger wurden, und wie all ihr Dichten und Trachten nur böser und böser ward immerdar, – siehe, da reute es Ihn, dass Er die Menschen gemacht hatte auf der Erde, und Er ward sehr bekümmert darob in Seinem Herzen.
HG|3|333|8|0|Und siehe, in dieser Zeit – ungefähr vor zweimal sieben Jahren – sprach dann der Herr wieder zu mir: ‚Noah, höre! Ich will die Menschen, die Ich gemacht habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel; denn es reut Mich, dass Ich sie geschaffen habe auf dieser Erde!‘
HG|3|333|9|0|Ich, Noah, aber fand dennoch Gnade vor Gott, und Er zählte mich nicht zu den Menschen der Erde, die böse geworden sind! Und siehe, Gott sah um diese Zeit wieder zur Erde; diese aber war verderbt vor Seinen Augen und voll Frevels!
HG|3|333|10|0|Gott aber sandte dennoch Boten zu den verderbten Menschen und wollte Sich ihrer erbarmen. Die Boten aber redeten zu tauben Ohren und wurden als ganz gewöhnliche Menschen betrachtet; man ließ sie gehen und achtete ihrer nicht.
HG|3|333|11|0|Darauf sah der Herr in sehr kurzer Frist wieder zur Erde und sprach zu mir: ‚Noah, höre! Alle Meine Mühe und Liebe ist vergeblich! Alles Fleisches Ende ist vor Mich gekommen, denn die Erde ist voll Frevels von den Menschen! Und nun siehe da, Ich will sie alle verderben mit der Erde!‘
HG|3|333|12|0|Und siehe, um diese Zeit musste ich auch, wie du es weißt, das Holz fällen zum Bau des Kastens, der nun da bis auf eine Kleinigkeit fertig vor uns steht! Willst du aber auch den Bauplan näher wissen, so will ich dir ihn auch nach des Herrn eigenen Worten kundgeben!“
HG|3|333|13|0|Und der Mahal bat den Noah darum, und der Noah sprach zum Mahal: „Also komme zuvor in mein Haus, und lasse uns im Namen des Herrn eine Stärkung nehmen; dann will ich dir den Bauplan dieses Kastens enthüllen!“
HG|3|333|14|0|Und der Mahal tat nach dem Wunsch Noahs.
HG|3|334|1|1|Noahs Bericht über den Bauplan und die Herstellung der Arche
HG|3|334|1|1|Am 1. August 1844
HG|3|334|1|0|Als Noah mit seinem Bruder Mahal und dessen Kindern und mit seinem eigenen Weib und mit den eigenen Kindern die Leibesstärkung zu sich genommen hatte, da sprach er zum Mahal:
HG|3|334|2|0|„Nun, Bruder Mahal, so du mich hören willst, da werde ich dir kundtun den Bauplan Gottes zu diesem großen Kasten!“
HG|3|334|3|0|Und der Mahal bat ihn darum und sprach: „Ja, mein wertester Bruder, tue du das, ich bitte dich zum wiederholten Mal darum, auf dass ich daraus ersehe, was dann für mich zu tun sein wird!“
HG|3|334|4|0|Als der Mahal solches geredet hatte, da sprach Noah zum Mahal: „Gut denn, so höre! Aber darum bitte ich dich, dass du dich nicht ärgerst; denn da müsstest du dir dann selbst die Schuld geben, so dich verzehren möchte dein eigener Zorn!“
HG|3|334|5|0|Und der Mahal beteuerte es dem Noah, dass er sich nimmer ärgern werde, und so ihm der Herr auch einen brennenden Dornstrauch an den Rücken schleudern möchte!
HG|3|334|6|0|Darauf sprach Noah: „Also höre denn; denn also sprach darauf der Gott Zebaoth zu mir, als das anbefohlen gefällte Tannenholz behauen war:
HG|3|334|7|0|‚Noah! Mache dir einen Kasten von diesem Tannenholz, und mache Kammern darinnen, und verpiche sie mit Pech von in- und auswendig; mache den Kasten aber also: dreihundert Ellen sei die Länge, fünfzig Ellen die Breite und dreißig Ellen die Höhe. (Eine Elle war eine halbe Klafter.)
HG|3|334|8|0|Nur ein Fenster sollst du daran machen, und das oben am Dach, und das soll sein eine Elle groß (gleich in der Länge wie in der Breite, versehen mit einem das Fenster wohl verschließenden Türlein aus Brettern.)
HG|3|334|9|0|Das Eingangstor sollst du mitten in seine (des Kastens) Seite setzen! Der Kasten aber soll von unten nach oben in drei Stockwerke durch drei Böden abgeteilt sein, dass der ganze Kasten dann habe zuunterst einen, in der Mitte einen und zuoberst einen als den dritten in der Höhe für den Menschen und seine Bedürfnisse.‘
HG|3|334|10|0|Ich, Noah, aber forschte weiter in den Willen des Herrn, wozu wohl so ein Kasten dienen solle.
HG|3|334|11|0|Und der Herr sprach abermals zu mir: ‚Noah, siehe, denn Ich will eine mächtige Flut über die Sünde mit Wasser kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darinnen ein lebendiger Odem ist unter dem Himmel; und alles, was auf Erden ist, soll untergehen!
HG|3|334|12|0|Aber mit dir will Ich einen Bund machen! Du sollst in den Kasten gehen mit deinen Söhnen, mit deinem Weib und mit deiner Söhne Weibern!
HG|3|334|13|0|Daneben aber sollst du auch allerlei Tiere tun von allem Fleische in den Kasten; von jeglichem ein Paar, je ein Männlein und ein Fräulein, auf dass sie lebendig bleiben bei dir!
HG|3|334|14|0|Von den Vögeln nach ihrer Art, von dem Vieh auf der Erde nach seiner Art und von allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art soll je ein Paar zu dir in den Kasten gehen, dass sie am Leben bleiben!
HG|3|334|15|0|Also sollst du auch allerlei Speise zu dir nehmen, die man isst, und sollst sie bei dir sammeln im gerechten Maße, dass sie dir und den Tieren zur Nahrung diene!‘
HG|3|334|16|0|Ich aber fiel vor dem Herrn auf mein Angesicht nieder und weinte und flehte und redete: ‚Herr, wie soll ich, ein schwacher alleiniger Mensch, dies alles verrichten? Wo werde ich alle die Tiere fangen und wo finden das rechte Futter für sie? Woher werde ich nehmen für alle Fleischfresser das Fleisch, und woher Gras für die großen Grasfresser, und woher die mir unbekannte Kost für alles das Gewürm? Wann, o Herr, werde ich fertig mit dem großen Kasten?‘
HG|3|334|17|0|Da sprach der Herr: ‚Noah, sorge dich nicht, sondern lege nur deine Hand ans Werk, und Ich werde dir helfen, auf dass du nicht fühlen sollst die Schwere der Arbeit!‘
HG|3|334|18|0|Und siehe, Bruder, da legte ich sogleich die Hand ans Werk, und es fügte sich alles wunderbar, wie von selbst, und ich hatte mit meinen wenigen Helfern leichte Arbeit. Der Kasten wuchs von Tag zu Tag mächtig und ist nun bis auf das Fenstertürlein am Dach fertig!
HG|3|334|19|0|So aber war der Bauplan, und so ist nun auch vollendet das Werk!“
HG|3|334|20|0|Als der Mahal solches vernahm, da ward er traurig über die Maßen; denn er vernahm nicht, dass auch er in den Kasten gehen dürfte.
HG|3|335|1|1|Der zutiefst betrübte Mahal hadert mit dem Herrn
HG|3|335|1|1|Am 2. August 1844
HG|3|335|1|0|Es merkte aber gar bald der Noah die große innere Trauer an seinem Bruder Mahal, wie an dessen Kindern, denn sie waren alle tief bestürzt darob, da sie vernahmen, wie da nur Noah mit seiner Familie allein Gnade vor Gott gefunden hatte.
HG|3|335|2|0|Es sprach daher Noah zum Mahal: „Bruder, warum betrübst du dich denn nun? Hast du mir nicht zuvor das Wort gegeben, dass du dich nicht ärgern würdest, und so dir der Herr auch einen brennenden Dornstrauch an den nackten Rücken schleudern möchte?!
HG|3|335|3|0|O Bruder, wie hältst du da dein mir gegebenes und so hochgestelltes Wort? Weißt du denn nicht, wie gut der Herr ist, und kennst du nicht Seine endlose Geduld und Seine unbegrenzte Erbarmung?
HG|3|335|4|0|Sage mir, wann hat der Herr noch je jemanden nicht erhört, so er reuig wieder in der wahren Liebe seines Herzens sich an Ihn gewendet hatte, wie ein rechtes Kind an seinen allein rechten und wahren Vater?! Tue du desgleichen, und du wirst sicher nicht nötig haben, also zu trauern!“
HG|3|335|5|0|Darauf ermahnte sich der Mahal und sprach zum Noah: „O Bruder, zeige mir eine Sünde, die ich je wider Gott den Herrn begangen habe, und ich will darob trauern und weinen mein Leben lang und flehen um Vergebung und Erbarmung!
HG|3|335|6|0|Bin ich nicht so rein wie du?! Warum will der Herr mich denn richten? Was tat ich denn Widriges vor Seinen Augen, darum Er vor mir diesen Kasten versperrt?
HG|3|335|7|0|Dass ich meine Kinder wiederfinden wollte in der Tiefe, wo der Herr Selbst mir den Waltar hinabgesandt hatte, als er aber unten war, ihn dann freiließ, dass er fiel und zugrunde ging, – Bruder, war das meine Schuld? Wann habe ich zuvor gesündigt und wann nachher, dass mich der Herr also schlug?!
HG|3|335|8|0|Du aber sagtest, es reue den Herrn, die Menschen geschaffen zu haben! Wenn so, was ist dann der Mensch der Erde? Siehe, ich sage es dir! Er ist eine Sünde Gottes! Ich aber meine, Gott sollte doch keiner Sünde fähig sein?!
HG|3|335|9|0|Aber da der Herr an mir, dem allezeit Gerechten, also treulos gehandelt hat und hat an mir gesündigt gar schmählichst, da glaube ich es nun, dass auch Gott sündigen kann! Denn ohne Sünde gibt es keine Reue; wer aber spricht: ‚Es reuet mich!‘, der hat gesündigt!
HG|3|335|10|0|Also sage ich: Gott kann mich keiner Sünde zeihen; ich aber will Ihm zeigen Seine Sünde an mir, dem allezeit Gerechten!“
HG|3|335|11|0|Noah erschrak, als er solche Worte vom Mahal vernommen hatte.
HG|3|335|12|0|Mahal aber stand zornig auf und ging mit seinen Kindern auf die Vollhöhe!
HG|3|336|1|1|Mahal zeiht Gott einer Sünde wider die Menschheit
HG|3|336|1|1|Am 3. August 1844
HG|3|336|1|0|Als der Mahal allein mit seinen vier Kindern auf der Vollhöhe sich befand in seinem Zorn wider Gott, da trat sein Sohn Kisarell zu ihm und sprach:
HG|3|336|2|0|„Vater, sage uns doch, – uns, deinen Kindern, sage es, – ob das, was du zu Noah geredet hast, wohl ganz vollkommen dein Ernst war!
HG|3|336|3|0|Denn siehe, ich kann es nicht begreifen, wie du Gott einer Sünde gegen dich zeihen kannst! Wie ist das möglich, ein Gott – ein Sünder sein? Gegen wen denn und worin? Gegen uns, gegen Seine Geschöpfe, oder etwa gegen Sich Selbst? Wie aber kann das wohl möglich gedacht werden, indem eben Gott Selbst ja das Grundgesetz in allen Dingen, wie ihr Urgrund in Sich Selbst ist?!
HG|3|336|4|0|O Vater, bedenke doch, dass Gott allmächtig ist von Ewigkeit; wir aber sind nur ohnmächtige Staubeswürmer gegen Ihn! Kann Er uns nicht plötzlich vertilgen, so wir Seiner Ordnung zuwider sind?!“
HG|3|336|5|0|Und der Mahal sprach zum Sohn: „Du redest, wie du es verstehst! Weißt du denn nicht, was Gott vorhat?
HG|3|336|6|0|Siehe, Er will und wird längstens binnen fünf bis sechs Jahren die ganze Erde unter Wasser setzen durch Fluten aus den Wässern des Firmaments! Und da wird alles den Tod finden in diesen Fluten; nur Noah allein wird übrigbleiben mit den Seinen und mit den zu ihm genommenen Tieren in seinem Kasten!
HG|3|336|7|0|Sage, wäre es denn nicht besser, so Gott weise Lehrer mit irgendeiner Wundermacht ausgerüstet unter den Völkern erwecken möchte, die das Menschengeschlecht stets zu Ihm hinlenkten, als so viele Millionen mit einem Hieb zu töten?!
HG|3|336|8|0|Wer sonst ist denn schuldig daran, wenn die Menschen Gottes vergessen, als Gott Selbst!
HG|3|336|9|0|Ihm beliebt es, Sich alle tausend Jahre einmal etlichen Menschen zu offenbaren; die anderen aber lässt Er sitzen. Sind sie aber dennoch nicht nach Seiner Lust, dann richtet Er alle gleich, die Wissenden wie die Unwissenden, die Belehrten wie die Unbelehrten!
HG|3|336|10|0|Also werden in sechs Jahren die Blinden wie die Sehenden ersäuft werden! Warum denn? Darum, weil sie von Gott wenig oder gar nichts wissen, da sie nie das Glück hatten, von Ihm etwas zu vernehmen! Aber auch wir werden ersäuft werden, so wir Gott auch bestens kennen, und das darum, weil es Gott also beliebt!
HG|3|336|11|0|Wären wir Steine, da könnte Er mit uns wohl tun, was Er wollte, rechtlich; aber Er hat uns zu freien Wesen gestaltet! Und da will Er uns verderben in unserer von Ihm Selbst gegebenen Freiheit, und siehe, das ist eine Sünde Gottes an uns, oder wir selbst sind als wie ein Fehler, also eine Sünde Seiner Weisheit und Macht! Verstehst du nun die Sünde Gottes an uns?“
HG|3|337|1|1|Mahals Sünde des Hochmuts aufgrund seines Gerechtigkeitstriumphes. Mahal fordert Gott heraus
HG|3|337|1|1|Am 5. August 1844
HG|3|337|1|0|Es kam aber bald der Noah nach auf die Vollhöhe und fand seinen Bruder und dessen schöne Kinder ganz verstört, die niemanden anschauen; er aber ging hin zum Mahal und sprach zu ihm:
HG|3|337|2|0|„Höre mich an, Bruder! Siehe, du hast Gott einer Sünde gegen dich beschuldigt, weil du dich als den gerechtesten Mann auf der ganzen Erde dachtest, und das darum, weil dir dein Gewissen freilich wohl sagen muss, dass du nie gesündigt hast vor Gott, indem du Sein Gebot allezeit auf das Gestrengste in allen seinen Teilen beobachtet hast.
HG|3|337|3|0|Aber siehe, eben diese deine große Gewissensreinheit hat in dir einen gewissen Triumphsinn erzeugt und dadurch eine große Zufriedenheit mit dir selbst, der zufolge du dich selbst oft fragtest: ‚Kann Gott Selbst reiner und gerechter in Seiner Ordnung leben von Ewigkeit her, wie ich in dieser meiner Zeit?‘
HG|3|337|4|0|Und dann antwortete dir allezeit dein triumphierendes reinstes Gewissen: ‚Nein, Gott kann in Seinem Verhältnis als Gott nie reiner gewesen sein, als ich es bin in meinem Verhältnis als Mensch zu Gott und also auch zum Menschen!‘
HG|3|337|5|0|Siehe, Bruder, dieser Gerechtigkeitstriumph aber ist eben Gott dem Herrn noch weniger angenehm als irgendeine gesetzwidrige Handlung als Sünde selbst! Denn das ist dann ja eben der Hochmut in seiner Grundwurzel selbst, der aus dem Menschen hinaus muss, wenn dieser vor Gott etwas gelten möchte!
HG|3|337|6|0|Aber nicht nur dieser dein Gerechtigkeitshochmut hat dich in den Augen des Herrn herbe gemacht, sondern noch mehr folgende deine daraus hervorgehende Weisheit, die also lautet:
HG|3|337|7|0|‚Da ich schon also rein und gerecht bin, wie es Gott Selbst ist, aber dabei doch nicht heilig sein darf, weil die Heiligkeit Gottes unantastbar ist, so will ich aber dennoch selbst in meiner Machtbeschränktheit in meinem Menschverhältnis so vollkommen handeln als wie Gott Selbst!
HG|3|337|8|0|Dass Gott in Seinem Handeln allezeit zuvor unvollkommen auftritt und dann erst nach manchem Misslingen irgendeine Vollkommenheit zuwege bringt, das lerne ich von aller Seiner Schöpfung!
HG|3|337|9|0|Denn es gibt auf der ganzen Erde ja nirgends etwas Vollkommenes und Vollendetes! Kein Ding ist ganz ohne Makel; die Sonne selbst ist nicht völlig rein, und der Mond ist unvollkommen in aller seiner Erscheinung und unvollkommen der Sterne Licht!
HG|3|337|10|0|Darum aber will und kann ich auch in meiner Sphäre als Mensch durch jede meiner Handlungen Gott übertreffen; denn ich will jede meiner Handlungen also stellen, dass sie sogleich als vollendet dastehen soll, und da solle keine einer Nachbesserung benötigen!
HG|3|337|11|0|Lässt aber irgend die von Gott unvollkommen geschaffene Materie eine gänzliche Vollendung eines Werkes nicht zu, so soll es aber dennoch in meinen Gedanken und meinem Wollen als vollendet dastehen; was aber zufolge der von Gott unvollkommen geschaffenen Materie an meinen reellen Werken Unvollkommenes sich auffinden lassen wird, das hat der Schöpfer als Schuld auf Sich zu nehmen!‘
HG|3|337|12|0|Nun siehe du, mein Bruder! Auf diese Weise galt dir der Herr schon gar lange als ein Sünder gegen dich, und das war der arge Same in dir, der nun zu einer lauten und überherben Frucht geworden ist! Denn nun beschuldigst du Gott laut einer Sünde gegen dich!
HG|3|337|13|0|Meinst du wohl, dass solch eine Beschuldigung keine Sünde sei vor Gott?! Oder meinst du wohl, Gott werde müssen zu dir erst in die Schule gehen, um ein vollkommener Gott zu werden?
HG|3|337|14|0|O Bruder, betrachte doch diesen deinen großen Irrtum; erkenne ihn als eine gar gröbste Sünde, und bereue sie, so wird der Herr den Kasten vor dir nicht versperren zur Zeit des Gerichtes und der Not!“
HG|3|337|15|0|Mahal aber sprach: „Bruder, mit dir habe ich nichts zu rechten und zu schlichten, denn ich habe mit dir allezeit als ein wahrer Bruder gelebt und habe dir deine Stammherrlichkeit nie mit einer Silbe gefährdet!
HG|3|337|16|0|Meine Sache habe ich mit Gott! Ihn fordere ich bei Seiner Heiligkeit heraus, auf dass ich mit Ihm rechte nach meinem Handeln! Er muss es mir erweisen, wann ich vor Seinem Angesicht gesündigt habe!“
HG|3|337|17|0|Hier entstand ein mächtiger Sturm, und der Herr kam sichtbar auf die Vollhöhe vor Mahal und Noah.
HG|3|338|1|1|Der Disput zwischen Mahal und dem Herrn. Wie die Reue des Herrn zu verstehen ist
HG|3|338|1|1|Am 6. August 1844
HG|3|338|1|0|Es erschraken aber alle gar gewaltig, als sie den Herrn wohlerkennend nach dem Sturm unter sich stehend ersahen; und Noah selbst hatte eine große Furcht.
HG|3|338|2|0|Der Herr aber sprach zu Noah: „Noah, fürchte dich nicht vor Mir; denn Ich bin nicht gekommen, um dich, noch jemand anderen zu richten! Aber da Mich dein Bruder Mahal gefordert hat vor den Richterstuhl seiner Weisheit und verlangt Rechenschaft von Mir ob Meiner Sünde an seiner Gerechtigkeit, so musste Ich ja doch wohl kommen, um zu retten Meine Ehre vor dir und deinen Kindern, wie auch vor den Kindern Mahals! Und so lasse uns denn mit Mahal reden!“
HG|3|338|3|0|Hier wandte Sich der Herr an den Mahal und sprach zu ihm: „Mahal, Mein Sohn! Da Ich schon an deiner Gerechtigkeit soll gesündigt haben, da zeige Mir eine solche Sünde an, wie die am ganzen Volk der Erde, – und Ich stehe völlig bereit, hier alle Meine Sünde an euch tausendfach gutzumachen! Also rede du, Mein Sohn Mahal!“
HG|3|338|4|0|Hier erhob sich der Mahal und stellte sich gar großen Ernstes dem Herrn gegenüber und sprach: „Herr, rede! Warum reut es Dich, den Menschen geschaffen zu haben? Sahst Du doch von Ewigkeit her, wie der Mensch wird! Wer nötigte Dich, Dir Selbst mit dem Menschen eine Sünde an den Hals zu binden?!
HG|3|338|5|0|Wäre es nun nicht endlos besser für uns von Dir geschaffene Menschen, so wir nie aus Dir in ein selbständiges Dasein getreten wären, und auch besser für Dich, indem Du da doch sicher nicht nötig zu sagen hättest: ‚Es reuet Mich!‘?!
HG|3|338|6|0|Was kann Dich wohl reuen sonst als eine durch die unvollkommene Erschaffung des Menschen an Dir Selbst begangene Sünde, die somit auch eine Sünde an uns Menschen ist, und ganz besonders eine Sünde an mir, der ich mich frei Dir gegenüber stellen kann mit jedem Augenblick meines Lebens und kann Dich fragen:
HG|3|338|7|0|‚Herr, zeige mir den Augenblick in meinem Lebensgang von der Kindheit an, da ich wider Deine Ordnung gesündigt habe, und ich will von Dir verflucht sein, wie Du dereinst die Schlange verflucht hast! So Du mir aber keine Sünde zeigen kannst, da gebe mir den Grund, warum Du mich richten willst, und warum nicht auch meinen Bruder!‘“
HG|3|338|8|0|Und der Herr sprach: „O Mahal, wie entsetzlich finster muss es in dir aussehen, dass du also zu Mir redest, wie da noch nie ein Wesen geredet hat!
HG|3|338|9|0|Sage Mir, wie möglich vollkommener könnte der Mensch wohl gedacht werden, als so er also frei gestellt ist aus Meiner Allmacht hinaus, dass er wie ein zweiter Gott mit Mir, seinem ewig allmächtigen Schöpfer, um seine eigene geschaffene Ordnung rechten kann!? Dass er sein eigener Richter ist und sündigen kann wider Meine Ordnung, in der doch sonst die ganze Unendlichkeit ewig gerichtet ist?!“
HG|3|338|10|0|Mahal schwieg hier, denn er ersah die unbegreifliche Vollendung des Menschen in dessen höchst freiem Zustand.
HG|3|338|11|0|Der Herr aber sprach weiter: „Meinst denn du, Meine Reue ist wie die eines Menschen, der da gesündigt hat? O siehe, da auch bist du in großer Irre! Meine Reue ist nur ein Schmerz in Meiner Liebe, die da zusehen muss, wie die von Mir so höchst vollkommen gestellten Menschen sich selbst richten und zugrunde verderben!
HG|3|338|12|0|Meinst du denn, Ich habe den Plan gefasst, je einen Menschen zu richten und zugrunde zu verderben? Siehe, Ich tue stets nur das Gegenteil!
HG|3|338|13|0|Aber um eben die Menschheit nicht zu richten in Meiner Allmacht, muss Ich es nun leider zulassen, dass sich die Menschen selbst die Schleusen der Erde gewaltsam eröffnen, aus denen mächtige Fluten hervortreten werden und werden alles ersäufen, was da atmet in diesem größten Wohnbezirk der Erde!
HG|3|338|14|0|Ich sah das lange voraus; darum warnte Ich auch stets die Menschen. Aber nun haben sie einen langen Krieg sogar gegen Mich unternommen und wollen die ganze Erde mit ihren Sprengkörnern zerstören, wie sie nun auch schon einen Berg um den anderen in die Luft sprengen; und das ist ihr eigenes Gericht!
HG|3|338|15|0|Siehe, unter den Bergen aber sind große Wasserbecken und enthalten über drei Millionen Kubikmeilen Wassers; dieses Wasser aber wird hervorbrechen und wird steigen über die Hochgebirge dieser Wohnbezirke und wird auch in Dünste hüllen den Erdkreis, aus denen es gewaltsam regnen wird!
HG|3|338|16|0|O sage Mir, tat Ich nicht recht, so Ich den einen Mir gehorsamen Noah diesen Kasten bauen ließ zur Rettung seines Lebens wenigstens, wenn schon sonst niemand Mich mehr hören will?!
HG|3|338|17|0|Nun sage du Mir jetzt, wann Ich dir von dem Kasten Gebrauch zu machen verboten habe; dann werde Ich wieder reden!“
HG|3|338|18|0|Mahal war wieder stumm; der Herr aber redete weiter, wie da folgt.
HG|3|339|1|1|Über Tod und Vernichtung. Woher der Satan und dessen Bosheit kommt
HG|3|339|1|1|Am 7. August 1844
HG|3|339|1|0|Und also redete der Herr: „Siehe, du Mein Sohn Mahal, der du Mich also streng herausgefordert hast, du bist nun still und magst nicht reden und rechten mit Mir ob Meiner Sünde an dir, wie auch am ganzen Menschengeschlecht! Wenn du aber nun nichts zu reden und zu rechten weißt, wie werde Ich dir dann einen Schadenersatz bieten können?
HG|3|339|2|0|Ich aber sage dir, stelle es Mir aus, was dir an Meiner Schöpfung nicht recht ist, und Ich will es ändern im Augenblick; nur aber musst du Mir zuvor gründlich erweisen, dass es da in Meiner Schöpfung wirklich etwas Schlechtes und somit Verwerfliches gibt! Rede, und Ich will sogleich danach handeln!“
HG|3|339|3|0|Hier bedachte sich der Mahal eine Zeit lang, richtete sich dann auf und sprach zum Herrn: „Herr, hältst du den für klug, der ein überaus kunstvollstes Werk mit der größten und tauglichsten Zweckmäßigkeit zuwege bringt, – wenn es aber in seiner höchsten Vollendung dasteht, da bricht er es zusammen, wirft es in eine Grube, allda es verfault und zunichte wird!?“
HG|3|339|4|0|Und der Herr sprach: „So das ein Werkmeister zwecklos täte, da wäre er ein offenbarer Tor und wäre der Verdammnis wert; aber wenn der Werkmeister damit einen höheren heiligen Zweck verbindet, der ohne einen solchen dir töricht und unklug dünkenden Vorgang durchaus nicht zu erreichen ist, da tut er sicher sehr klug und weise, wenn er solch ein wennschon kunstvollstes Vorwerk vernichtend in eine Verwesungsgrube wirft, denn er erreicht dadurch ja einen höheren und heiligen Zweck!
HG|3|339|5|0|Siehe, ein Samenkorn ist gewiss auch ein höchst kunstvollstes Werk sowohl in seiner Konstruktion, wie in den substantiellen Teilen, aus denen es zusammengesetzt ist; findest du aber die Einrichtung unklug, dass es in der Erde zuvor verwesen muss, auf dass es dann aus dieser Verwesung hundertfältig wieder erstehe?!
HG|3|339|6|0|Wenn aber der weise Werkmeister der Dinge schon bei einem gemeinen Samenkorn eine solche Einrichtung getroffen hat, meinst du da wohl, Er wird diese Einrichtung in ihrer höchsten Vollendung beim Menschen auf die Seite gestellt haben und wird dies endlos vollkommenste Werk bloß darum in die Grube der Verwesung stürzen, um Seiner Laune zu genügen?!
HG|3|339|7|0|O Mahal, wie blind musst du sein, wenn du an Mir einen so törichten Werkmeister wähnst! Sagt es dir nicht dein eigen Gefühl, dass du ewig leben möchtest und möchtest tiefer beschauen Meine endlos vielen Werke? Meinst du wohl, dass du dieses Gefühl hättest, so du nur für ein zeitliches Dasein geschaffen wärest? Wahrlich, sage Ich, dein Schöpfer, es dir, da würdest du auch nur einen zeitlichen und keinen ewigen Lebenstrieb haben!
HG|3|339|8|0|Da du aber einen ewigen Lebenstrieb in dir hast und kannst schauen hinaus ins Unendliche, da trägst du ja schon den lebendigen Beweis in dir, dass du in deiner Grube nicht darum verwesen wirst, um als ein unvollendetes Werk Meiner Hand zunichte zu werden, sondern eben erst durch dieses dir unklug scheinende Mittel das in Fülle und höchster Vollendung zu erreichen, was du in diesem Vorwerk fühlst und für ewig lebendig begehrst!
HG|3|339|9|0|Siehe, die Erde ist ein Leib, aus dem da vieles ausgeboren wird, und du weißt es nicht, wie das zugeht, dass da also geschieht; also muss ja auch dein irdischer Leib wieder in die Erde gelegt werden, auf dass dein geistiger, unzerstörbarer Leib frei in der Fülle zum ewigen Leben erstehe!
HG|3|339|10|0|Dass sich aber die Sache also verhält, davon hast du in deinem Leben schon die vielfachsten Beweise erlebt, indem du schon mit gar vielen geredet hast, deren Leib auch in die Erde gelegt ist worden.
HG|3|339|11|0|Ich meine, dass demnach dein Mir gemachter Vorwurf unbegründet ist; daher schreite zu einem anderen, denn damit wirst du Mich zu keinem Schadenersatz nötigen!“
HG|3|339|12|0|Als der Mahal solche Rede vom Herrn vernommen hatte, da war er überzeugt, dass der Herr vollkommen handle in diesem Punkt; aber er dachte da an den Satan und sprach zum Herrn:
HG|3|339|13|0|„Herr, ich ersehe, dass da nach Deinem ewig wahren Wort die Einrichtung mit Deinen Werken gut ist, indem Du sicher nur auf diesem Wege mit Deinen Werken die höchsten Zwecke erreichen kannst; wenn aber demnach alles gut und vollkommen von Dir ausgegangen ist und außer Dir in der ganzen Unendlichkeit nichts ist und alles, was da ist, demnach Dir gleich gut und vollkommen sein muss, – o sage, wessen Ursprungs ist demnach der Satan und dessen unbegrenzte Bosheit? Woher nimmt er das, womit er nun alle Menschen gegen Dich aufgewiegelt hat, dass sie Dich verachten und, so es möglich wäre, Dich Selbst mit allen Deinen Werken vernichten möchten? O sage, wer da ist des Satans Schöpfer und Werkmeister?!“
HG|3|339|14|0|Und der Herr sprach: „O du blinder Verfechter blinder Rechte deiner Selbstsucht, was redest du?! Hast du denn vergessen, wie vollkommen Ich den Menschen geschaffen habe, dass er außer Meiner Allmacht tun kann, was er will, wie ein zweiter Gott, nach einer frei von ihm gestellten Ordnung? Meinst du, der Satan als ein freies Wesen solle unvollkommener sein als du? Wenn du Mir gegenüber tun kannst, was du willst, ohne Berücksichtigung Meiner Ordnung, solle das dem freien Geist unmöglich sein?
HG|3|339|15|0|Muss Ich euch nicht handeln lassen, wie ihr wollt, so Ich euch nicht gerichtet haben will in Meiner Allmacht? Wenn aber also, da sage du, wie Ich den ersten Geist hätte gestalten sollen, dass er nach deinem Sinne handeln müsste in Meiner Ordnung, dabei aber dennoch haben solle eine vollkommene Willensfreiheit?! Oder besteht die Vollendung der Wesen nicht in dem nur, dass sie ganz frei wollen und tun können, – ob es nun für oder gegen Meine Ordnung ist?!“
HG|3|339|16|0|Hier ward der Mahal schon wieder stumm und wusste nicht, was er weiter reden solle.
HG|3|339|17|0|Aber der Herr redete weiter, wie da folgt.
HG|3|340|1|1|Mahals weitere Vorwürfe gegen den Herrn. Das Erscheinen von Waltar
HG|3|340|1|1|Am 8. August 1844
HG|3|340|1|0|Und also redete der Herr: „Mahal, Mein Sohn, hast du noch etwas wider Mich, so rede, und Ich will dir antworten nach Liebe, Recht und Billigkeit! Denn Ich sehe noch immer einen Ärger wider Mich in deinem Herzen; dieser aber muss zuvor von dir weichen, so du von Mir eine Erlösung zu erwarten haben sollest, – denn ein erboster Geist wider seinen Gott und Schöpfer kann sich nimmer einigen mit Ihm! Und also rede du!“
HG|3|340|2|0|Und der Mahal sprach: „Herr, habe ich bis jetzt je eine Sünde begangen wider Deine Ordnung? Siehe, Du, wie alle Deine Himmel und diese Deine Erde müssen mir das Zeugnis geben, dass ich durch meine ganze vierhundertneunzig Jahre lange Lebenszeit nie gesündigt habe, weder gegen Dich, noch gegen einen Engel, noch gegen Menschen und Tiere und noch gegen einen Stein!
HG|3|340|3|0|Dass ich meiner Kinder wegen in die Tiefe zog, das hielt ich für meine sicher bitterste Pflicht; denn ich ersah es ja in meinem Geiste, wie es mit meinem Sohn Waltar und nachher auch mit dieser meiner Tochter Agla stand, die ihrem Bruder nachgezogen ist.
HG|3|340|4|0|Siehe, Du hast den Waltar verlangt, und er zog hinab; da er aber unten war, da ließest Du ihn sitzen, und die ihm freilich wohl ohne Dein und mein Gebot folgende Schwester ließest Du sinken bis in die unterste Hölle, und Dich kümmerte das alles nicht, das ich wohl aus meinem Geiste heraus wusste. Da war es dann doch sicher eine bitterste Pflicht für mich, einen alten Greis, den weiten Weg nach Hanoch zu machen, um dort wo möglich zu retten meine Kinder!
HG|3|340|5|0|Ich hatte Dich darum gar oft gebeten, dass Du meine Kinder schützen möchtest! Allein Du wolltest meine Bitte nicht erhören und zwangst mich gleichsam hinab! Ich ging, und wie verlassen von Dir ich auch meine Kinder antraf – den Waltar tot und die Agla in der Hölle –, so murrte ich doch nicht wider Dich, sondern lobte und pries allezeit mit Wort und Tat Deinen heiligsten Namen!
HG|3|340|6|0|Nun aber, da während meines großen Jammers in der Tiefe mein Bruder nach Deinem Rat den Kasten gebaut hat zur Erhaltung des Lebens, lässt Du mich sitzen wie einen ärgsten Sünder und lässt mich zugrunde gehen wie einen gemeinen Erdwurm; da frage ich Dich, nach welchem Recht tust Du das und nach welcher Ordnung? Rede Du nun, was Du willst, die Sache ist einmal nicht anders!
HG|3|340|7|0|Denn so Du nun auch sagst: ‚Wann habe Ich gesagt, dass du nicht von dem Kasten zur Zeit der Not Gebrauch machen dürftest, wenn Ich schon Noah berief?‘, so gilt aber eine solche Entschuldigung vor mir dennoch nichts; denn Du hast mich eben dadurch gerichtet, da Du mich nicht beriefest wie den Noah, und solche Deine Stummheit gegen mich war eben auch ein Wort, das mir den Kasten versperrte und mich also auch richtete und zum Tode verdammte.
HG|3|340|8|0|Und siehe, Herr, das ist die eigentliche Sünde gegen mich, darum, weil ich nie gegen Dich gesündigt habe! Nun aber sage ich Dir: Von jetzt an will ich sündigen gegen Dich, auf dass Du einen Grund haben sollst, vor mir den Kasten zu versperren und mich mit meinen vier Kindern zu verderben; denn von nun an werde ich nimmer zu Dir rufen: ‚Herr, rette mich!‘, sondern: ‚Herr, verderbe mich!‘“
HG|3|340|9|0|Hier ward des Herrn Angesicht betrübt, und der Herr sprach zum Mahal: „O Sohn, weil Ich dich so lieb hatte, darum wollte Ich dich auf dieser Erde erziehen zu einem Großfürsten Meiner Himmel! Du aber ersahst in Meiner zu großen Liebe nur eine Vernachlässigung von Meiner Seite an dir; oh, wie blind hat dich deine eigene Gerechtigkeit gemacht!
HG|3|340|10|0|Damit du aber siehst, dass Ich diesen Kasten nicht nur für Noah, sondern für jedermann bereiten ließ, so sollen von der Stunde an Engel aus den Himmeln unter die Menschen gehen als Menschen und sollen sie warnen vor Sünden und sie einladen, in diesen Kasten zu gehen zur Zeit der Not!
HG|3|340|11|0|Also sollst nun auch du deinen Sohn Waltar sehen und sprechen, und er soll dir ein Zeugnis geben von Mir und sagen, ob Ich ihn also verlassen habe, wie du Mich ehedem beschuldigt hast!“
HG|3|340|12|0|Hier blickte der Herr empor, und im Augenblick standen viele tausend Engel auf der Vollhöhe, und also war auch Waltar leuchtend darunter und ging hin zum Mahal und tröstete ihn und zeugte von der endlosen Güte, Liebe, Sanftmut, Geduld und Erbarmung Gottes.
HG|3|340|13|0|Mahal aber fragte den Waltar, ob er denn wohl der Waltar sei und lebe wohl als solcher.
HG|3|340|14|0|Und der Waltar bezeugte vor dem Mahal die vollste Echtheit seines Seins.
HG|3|340|15|0|Da erst fing Mahal an, ganz andere Saiten aufzuziehen vor dem Herrn. Aber der Herr entschwand nun, auf dass der Mahal nicht gerichtet würde; die Engel aber und Waltar blieben.
HG|3|341|1|1|Warum der Herr meistens unsichtbar ist. Mahals Reue
HG|3|341|1|1|Am 9. August 1844
HG|3|341|1|0|Mahal aber, da er den Herrn nicht mehr ersah, fragte den Waltar, was denn nun mit dem Herrn geschehen sei, da er Ihn nimmer ersehen könne unter den vielen Boten aus den Himmeln.
HG|3|341|2|0|Und der Waltar sprach: „O Mahal, siehe, dass Er Sich vor dir verbarg, das ist wieder Seine endlose Güte und Liebe! Denn wäre Er nun noch sichtbar vor dir, da wärest du schon gerichtet durch die Macht Seiner sichtbaren Gegenwart, die dich nun gefangen hätte, und hätte dich mit unbeschreiblicher Gewalt gezogen an den Herrn! In diesem gewaltsamen Zug hättest du alle deine Freiheit eingebüßt, und dein Geist hätte den Tod erlitten!
HG|3|341|3|0|Siehe, das sah der Herr gar wohl; darum verschwand Er dir aus den Augen! Denn es ist ein unendlicher Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf und verhält sich wie Tag und Nacht, oder wie Leben und Tod!
HG|3|341|4|0|Die Sonne belebt mit ihrem Licht ja auch die ganze Erde; denn aus ihr steigen die Lebensgeister in die organische Schöpfung dieser Erde und beleben alle die toten Geister zu einer freieren Tätigkeit in ihren Organen, und du ersiehst dann bald den Erdboden grünen und erblühen in allerlei lieblichen Gestaltungen, die da ein Werk sind der neu belebten Geister in den Organen dieser Erde!
HG|3|341|5|0|Wenn aber die Sonne fortwährend leuchtete am Mittagshimmel, und es käme keine aller Tätigkeit die notwendige Ruhe bringende Nacht dazwischen, was wohl würde sehr bald mit allen Dingen auf dem Erdboden werden? Siehe, sie würden verdorren und endlich ganz verbrennen! Das wäre aber doch sicher der barste Tod der Dinge!
HG|3|341|6|0|Siehe, noch viel ärger aber wäre die beständige sichtbare Gegenwart des Herrn; denn in der könnte kein Wesen das Leben erhalten!
HG|3|341|7|0|O siehe, auch wir, die wir im Reich des ewigen Lichtes Gottes leben im Geiste, missen meistens des Herrn sichtbare Gegenwart! Wir sehen wohl Sein Licht, in dem Er wohnt, aber Ihn sehen wir nicht immer; also wie du auch nur das Licht der Sonne siehst, aber nicht die eigentliche Sonne selbst, die in der dir allein sichtbaren Lichtumhüllung zu Hause ist!
HG|3|341|8|0|Das alles aber zeugt von der endlosen Güte und Liebe des Herrn, der fortbeständig mit aller Seiner endlosen Weisheit und Allmacht bemüht ist, Seine Kinder so zu gestalten und frei zu festen, dass sie dereinst auch Seine sichtbare Gegenwart für ewig ertragen sollen ohne die geringste Beeinträchtigung ihrer Freiheit. O sage mir, bist du mit solcher Einrichtung des Herrn nicht zufrieden?!“
HG|3|341|9|0|Hier fiel dem Mahal wie eine Decke von den Augen, und er ersah so sehr sein großes Unrecht, das er an dem Herrn verübt hatte, dass er darob laut zu weinen anfing und dabei ausrief: „O Du ewig guter Vater, wirst Du mir wohl ewig je meine gröbste Anmaßung gegen Dich vergeben können?“
HG|3|341|10|0|Und eine Stimme sprach aus einer nahen lichten Wolke: „Mein Sohn, Ich habe dir schon lange eher vergeben, als du gesündigt hast; daher sei ruhig, und liebe Mich, deinen heiligen Vater!“
HG|3|341|11|0|Darauf zog sich die lichte Wolke gen Morgen und ward dort unsichtbar. Alle Engel und Menschen aber beteten an auf der Höhe die große Herrlichkeit Gottes!
HG|3|342|1|1|Der letzte Versuch Gottes, die Menschen der Erde zu retten. Über das unterirdische Gewässer
HG|3|342|1|1|Am 10. August 1844
HG|3|342|1|0|Nach solcher erhabensten Anbetung des Allerhöchsten sagte wieder der Engel Waltar zum Mahal: „Nun, Mahal, du irdischer Zeuger meines einstigen irdischen Leibes, ist die Zeit wieder herangekommen, wo es heißt: ‚Geht und vollzieht Meinen Willen!‘ Ich aber habe nun nicht nötig, dir solchen kundzugeben; denn der Herr Selbst hat es dir geoffenbart, weshalb Er uns berufen hat aus den Himmeln.
HG|3|342|2|0|Siehe, es gilt nun den letzten, außerordentlichen Versuch, die Menschen der Erde zu retten! Gelingt dieser nicht, dann wird es der Herr auch zulassen, dass die argen Menschen in ihrer törichten Mühe ihr eigen Gericht und ihren Untergang finden sollen, und das soll dann wenigstens für ihre wieder von der Materie verschlungenen Geister eine witzigende Lehre sein, dass die Geschöpfe, denen Gott die hohe Freiheit des Lebens gegeben hat, nimmer also töricht und leichtsinnig in die große Ordnung Gottes zerstörend eingreifen sollen!
HG|3|342|3|0|Gott Selbst hat die Berge auf der Erde gesegnet und geordnet zum tausendfachen Nutzen und hat unter den Bergen gegraben große und tiefe Wasserbecken, in denen mehr Wassers ruht, als da desselben in den Meeren der Erdoberfläche ist. Und dies unterirdische Gewässer ist gleichsam das Blut der Erde, das da seinen Umlauf hat durch die weiten Kanäle der Erde, und bewirkt zumeist nach des Herrn Ordnung die stets gleiche Bewegung der Erde und somit deren inneres organisches Leben; denn auch ein Weltkörper muss ein Leben haben, so er ein Träger und Ernährer fürs Leben sein soll.
HG|3|342|4|0|Aber so nun die Menschen sich gleich Nagewürmern angesetzt haben und bohren allenthalben tausend und tausend Klafter tief unter die Berge und zerstören dieselben und öffnen dadurch das Geäder der Erde, sage, wessen Schuld und Gericht wird das wohl sein, wenn dadurch die blinden Toren ihren Untergang finden werden!?
HG|3|342|5|0|So du aber einen Wasserschlauch voll mit Wasser irgendwo hingestellt hättest und Würmer kämen dazu und möchten ihn durchnagen; wenn er aber durchnagt wäre, würde da nicht alsbald das Wasser aus den Öffnungen gewaltig zu dringen anfangen und würde ersäufen alle die schlechten Nagewürmer?
HG|3|342|6|0|Und siehe, gerade also wird es auch der Fall sein hier mit den Menschen und durch sie mit allen Tieren und Dingen! Und siehe, das ist auch das schon von alters her geweissagte Gefäß, das da übergehen wird zum Gericht aller Kreatur der Erde, so dessen Maß voll wird von den Gräueln der Menschen!
HG|3|342|7|0|Bleibe du aber hier, und belehre die, welche allenfalls hierherkommend Rettung suchen werden; aber die Frevler treibt mit Blitz und Hagelschlag von dannen!
HG|3|342|8|0|Da du nun aber alles weißt, wie da die Dinge stehen, so hadere fortan nicht mehr mit dem Herrn, sondern bleibe in deiner alten Ordnung, so wirst du gleich deinem Bruder gerettet werden nach des Herrn weisestem Plan!“
HG|3|342|9|0|Nach dieser Rede sprachen alle Engel „Amen!“ und verließen dann die Höhe und begaben sich in die Tiefe.
HG|3|342|10|0|Was sie aber dort im Verlaufe von fünf Jahren ausrichteten, und wie sie dem Noah die Tiere samt Futter in die Arche brachten, soll nächstens gezeigt werden.
HG|3|343|1|1|Die zwölftausend Engel in Hanoch. Der Engel Waltar warnt König Gurat und Drohuit
HG|3|343|1|1|Am 12. August 1844
HG|3|343|1|0|Was für Geschäfte machten denn solche nun außerordentlichen Boten in der Tiefe?
HG|3|343|2|0|Die zwölftausend Engel begaben sich zuerst nach Hanoch, allwo sie nur den König Gurat mit dem schon lange freigelassenen Hauptmann Drohuit antrafen, die da gerade mit dem Lesen der Berichte über die Gott bekriegenden Unternehmungen Fungar-Hellans beschäftigt waren.
HG|3|343|3|0|Diese Himmelsboten aber verteilten sich in Hanoch, und nur hundert begaben sich in die Burg zum König; der aber legte sogleich seine Kriegsberichte beiseite, empfing diese vermeintlichen Deputierten wie gewöhnlich mit der größten hofmännisch-politischen Artigkeit und befragte sie alsbald um ihr Anliegen.
HG|3|343|4|0|Da trat der Engel Waltar hervor und sprach zum Gurat: „Gurat, kennst du nicht mehr den ermordeten Vizekönig, den Waltar, den Bruder Aglas?“
HG|3|343|5|0|Hier erschrak der König, und noch mehr der Drohuit; denn beide erkannten nur zu bald den unverkennbaren Waltar und wussten nicht, was sie aus dieser Erscheinung machen sollten.
HG|3|343|6|0|Nach einer Weile erst fragte der König den Waltar: „Wie? O Waltar, bist du denn nicht ermordet worden von den Schergen deiner Schwester? Wie ist das zugegangen, dass du nun lebst? Denn es haben die Mörder ja dein unverkennbares Haupt der Agla zurückgebracht, die es dann hatte einbalsamieren lassen?!“
HG|3|343|7|0|Und der Waltar sprach: „Ja, Gurat, ich bin ganz derselbe Waltar! Aber nun lebe ich jetzt für ewig in einem neuen geistigen, unzerstörbaren Körper, der da Mitgeist ist mit mir und ist vollends eins mit mir! Und also bin ich ein Bote Gottes aus den Himmeln nun, wie alle die, welche hier sind, wie noch gar viele, die schon in der Stadt verteilt sind, zu predigen dem Volk das übernahe Gericht Gottes, also wie wir dir hier solches ebenfalls anzeigen, dass ihr nun nahe schon rettungslos verloren seid!
HG|3|343|8|0|Denn eure Kriege wider die Hochlandvölker haben euch den unfehlbaren Untergang bereitet; denn da habt ihr durch eure Wissenschaft und Kenntnis ein Mittel in Anwendung gebracht, durch das ihr nun Berge wie Schermäusehäuflein vom Grunde aus zerstört, ohne zu wissen, was da unter den Bergen in der Erde sich befindet!
HG|3|343|9|0|Siehe, die Berge sind Deckel von großen unterirdischen Gewässern und sind daher zumeist aus harten Steinen gefügt nach der Ordnung Gottes, dass ihnen das unterirdische Gewässer nichts anhaben kann!
HG|3|343|10|0|Nun, so ihr aber diese mächtigen Schutzwehren gegen die unterirdischen Gewässer zerstört, werden da nicht die Wässer gar gewaltig auf die Oberfläche der Erde zu dringen anfangen und werden da steigen über die höchsten Gebirge und werden euch alle ersäufen?
HG|3|343|11|0|Zwanzig gar starke neue Ströme haben schon angefangen, hundertzwanzig Meilen von hier das Flachland in einen See zu verwandeln, und heute werden wieder fünf dazukommen, und so alle Wochen etliche! Sage, was wird da in der Kürze euer Los sein?“
HG|3|343|12|0|Hier machte Gurat große Augen und erschrak gewaltigst und konnte nicht reden; Waltar aber behieß ihn alsbald, auf die Höhe zu fliehen, allda er noch Rettung finden könne, so er solches tun wolle.
HG|3|344|1|1|Die erfolglosen Warnungen der Engel
HG|3|344|1|1|Am 13. August 1844
HG|3|344|1|0|Da der Gurat aber eine solche Beheißung vom Engel Waltar empfing, da sprach er: „Freund aus den Himmeln oder irgendwo möglicherweise von der Erde! Dein Rat ist recht freundschaftlich und wohlgemeint; aber das geht auch aus deiner Warnungsrede hervor, dass du und deine Gesellschaft entweder sehr leichtgläubig seid, oder ihr seid verkappte Deputierte der irgend flüchtigen Hochlandbewohner und möchtet mich nun unter der sehr mystischen Angabe als Boten aus den Himmeln ins Bockshorn treiben, auf dass ich von hier bald flöhe, ihr aber dann Hanoch in Besitz nehmen könntet!
HG|3|344|2|0|Weißt du, mein lieber Waltar der Zweite, so dumm sind wir hier in Hanoch nicht, dass wir gar so geschwinde glauben möchten, was uns von so manchen Gebirgsvagabunden angebunden wird! Es war mir auf den ersten Augenblick wirklich überraschend, dich als einen Waltar zu erschauen; aber im Verlaufe deiner Warnrede gab mir eben sicher auch ein weiser Genius ein, dass es unter den Menschen Zwillingsbrüder gibt und noch sonstige frappante Ähnlichkeiten! Und eben das wird auch mit dir und dem einstigen Waltar der Fall sein, und da du irgend sicher dessen Schicksal erfahren haben wirst, so magst du dich nun wohl für des Waltars Geist ausgeben; aber also körperlich wie du sehen die Geister sicher nicht aus!
HG|3|344|3|0|Ich könnte euch zwar jetzt in einen Kerker werfen lassen für eure große Keckheit; allein Grausamkeit war mir nie eigen! Daher lasse ich euch wieder ziehen, wie ihr gekommen seid, weil eure Warnrede an mich wenigstens einen freundlichen Schein hatte; aber glauben werde ich eurer Aussage eher nicht, als bis die Großebenen um Hanoch werden mit Kähnen befahren werden! Sodann werde ich eurem Rat folgen! Und nun geht, und zieht im Frieden ab!“
HG|3|344|4|0|Hier sprach der Waltar: „Gurat, weißt du, was ich dir nun sagen werde?! Siehe, ich sage dir nichts als: Wann man schon um und in Hanoch mit Kähnen fahren wird, und wann du zuvor noch sehen wirst, wie wir hier durch Hanoch eine große Menge von Tieren führen werden hinauf zu Noah, auf dass sie in die Arche aufgenommen werden für eine zweite erneute Erde, dann wird es für dich schon zu spät sein!
HG|3|344|5|0|Denn wenn sich die dem Innern der Erde entstiegenen Dünste in der Luft zu verdichten werden anfangen und werden in gar gewaltigen Massen herabzustürzen anfangen als starke Wasserfluten, dann wird Noah schon lange mit den Seinen sich im Wasserkasten befinden, und da wird niemand mehr in denselben aufgenommen werden. Und wer sich diesem nahen wird, der auch wird vom Blitz und Hagel von dannen getrieben und getötet werden!
HG|3|344|6|0|Nun weißt du alles, und unsere außerordentliche Sendung an dich ist beendet! Tue nun, was du willst, und glaube, was du willst; denn also ist es des Herrn Wille, dass da niemandem ein Zwang angetan werden soll!“
HG|3|344|7|0|Nach diesen Worten entfernten sich diese Engel und begaben sich im Augenblick in die Gegend, allda der Fungar-Hellan operierte, und richteten an diesen Helden eine kräftige Mahnrede.
HG|3|344|8|0|Aber dieser bedrohte sie und sprach: „Noah wohnt mir zu hoch; daher werde ich im nächsten Jahr auch seine Berge etwas niedriger machen und werde mir dann den Rettungskasten ansehen!“
HG|3|344|9|0|Die Engel aber redeten dann nicht mehr mit ihm, denn der war schon rein böse und vollends wider Gott.
HG|3|344|10|0|Von da gingen die Engel zu allem Landvolk und predigten ihm; aber sie fanden trotz mehrerer Wunderwerke kein Gehör und keinen Glauben. Daher standen sie auch von dem Predigen bald ab und machten sich an die Zusammenbringung der Tiere.
HG|3|345|1|1|Über die Sammlung und Erhaltung der für die Arche bestimmten Tiere durch die Engel. Die außerordentlichen Vorerscheinungen vor jedem Unglück
HG|3|345|1|1|Am 14. August 1844
HG|3|345|1|0|Dass diese außerordentlichen zwölftausend Boten aus den Himmeln die Tiere gar leicht zusammenbrachten, und also auch ihr Futter, das versteht sich von selbst.
HG|3|345|2|0|Es wird aber hier darum eben dieses Aktes näher kritisch erwähnt, auf dass mit der Zeit die Krittler nicht fragen sollen, wie Noah die Tiere zusammengebracht habe und wie gefüttert diese ungeheure Menagerie.
HG|3|345|3|0|Denn so es Mir, dem Herrn, allezeit gar wohl möglich ist, die allergrößte Weltmenagerie Tag für Tag zu erhalten, so wird es Mir etwa wohl auch damals möglich gewesen sein, die Menagerie Noahs in der Arche ungefähr ein halbes Jahr lang zu erhalten!
HG|3|345|4|0|Dass in selber Zeit für den frommen Noah und noch für viele andere Menschen Meine Engel sichtbar den Erhaltungsdienst verrichteten, das macht keinen Unterschied vor der gewöhnlichen Alltagserhaltung Meiner Geschöpfe; denn das ist ja immer ein gleiches Geschäft der Engel aus Mir, und die Sichtbarkeit bildet da gar keinen Unterschied.
HG|3|345|5|0|Wären die Menschen in dieser Zeit eben auch also fromm, wie es Noah war, da würden sie auch zu öfteren Malen sehen, wie da gar viele Engel Tag und Nacht vollauf tätig sind, um Meine große Weltmenagerie zu erhalten; aber mit den grobweltlichen Augen werden die jetzigen Menschen, die zumeist um vieles schlechter sind wie zu den Zeiten Noahs, das wohl nimmer erschauen!
HG|3|345|6|0|Wenn man aber sagen möchte: „Wie haben es denn hernach zu Noahs Zeiten auch sogar die rein bösen Menschen sehen können, wie da die Engel die Tiere führten und ihr Futter nachtrugen in großer Masse?“
HG|3|345|7|0|Da sage Ich: Das tut Meine Barmherzigkeit allezeit vor einem allgemeinen Übel der Welt, welches sich allezeit die dummen Menschen selbst bereiten infolge ihrer großen Unkenntnis in allen Dingen der Welt! Bei und vor jedem Unglück werden die Menschen allezeit durch außerordentliche Vorerscheinungen gemahnt, den Ort zu verlassen und sich traulich unter Meinen Schutz zu begeben, wo ihnen gewiss nichts von einem Leid zustoßen würde; allein da sind die Menschen als beati possidentes [glückliche Besitzer] stets taub und blind und sind oft dümmer als die Tiere und lassen eher alles Ungemach über sich kommen, als dass sie der Zeichen achteten und sich alsbald begäben in Meinen Schutz!
HG|3|345|8|0|Lasse Ich aber schon bei kleinen örtlichen Übeln außergewöhnliche Zeichen vorangehen, um wie viel mehr werde Ich solches tun bei einem so großen und allgemeinen Weltübel, wie das zu Noahs Zeiten es war! Also entschuldigt die Sündflut doch wohl sicher die vorhergehende sichtbare Tätigkeit der Engel aus den Himmeln!
HG|3|345|9|0|Es ist zwar freilich wohl eine solche Erscheinung auch ein Gericht für die Menschen; aber so man nichts als zwei Übel vor sich hat und eines ergreifen muss, da ergreift man doch zuerst das kleinere, um dadurch möglicherweise das große zu verhüten, – allwann sich dann sicher auch eine kleine Wunde eher wird heilen lassen als eine große! Ist aber die Ergreifung des kleinen Übels kein Schutz mehr, dann freilich muss von selbst das große Übel folgen, in dem das Böse dann sein Ende findet!
HG|3|345|10|0|Ich meine, der Grund dieser sichtbaren Handlung der Engel wäre nun hinreichend dargetan, und so können wir nun schon wieder zu der Geschichte zurückkehren.
HG|3|345|11|0|Was aber dann die Engel in Hanoch für ein Aufsehen erregten, als sie die gesammelten Tiere durchführten, davon soll nächstens die Rede sein.
HG|3|346|1|1|Die Engel ziehen mit den gesammelten Tieren durch Hanoch. Der letzte Mahnruf an die Hanocher und ihren König
HG|3|346|1|1|Am 16. August 1844
HG|3|346|1|0|Als die außerordentlichen Boten nach einem Verlaufe von vier Jahren mit den gesammelten Tieren in Hanoch ankamen, da machte das ein großes Aufsehen, indem diese Boten die Tiere frei und nicht in Käfigen führten, wie es sonst gewöhnlich auch schon in der Zeit gebräuchlich war; und ganz besonders zog das die Aufmerksamkeit und die Bewunderung der Hanocher auf sich, wie da nahe eine unzählbare Tiermenge von aller Art, Gestalt, Größe und Beschaffenheit miteinander in der friedlichsten Ordnung wandelte gleich Lämmern.
HG|3|346|2|0|Die Boten durchzogen also alle Gassen und Straßen und riefen allen Menschen zu: „Noch ist euch eine kurze Zeit beschieden; bekehrt euch zu Gott dem Herrn, und zieht vertrauensvoll mit uns hinauf auf die Höhe Noahs, und ihr sollt alle gerettet sein, soviel da auch eurer sein möchten!
HG|3|346|3|0|Denn seht, wir sind nicht Menschen gleich euch, was euch der gleiche Gehorsam dieser Tiere zeigt, die gar verschiedenartig in ihrer Natur sind, uns aber dennoch allsämtlich also gehorchen, als wären sie lauter Lämmer, während ihr darunter doch sicher vom Elefanten bis zur Haselmaus die allergrimmigsten und reißendsten Tiere erseht!
HG|3|346|4|0|Uns ist also eine große Macht gegeben! Und so jetzt auch vom Noah nur ein großer Rettungskasten natürlichermaßen bereitet ist zur Rettung für Tausende und ihr im selben nicht Unterkunft finden dürftet, da ihr aus Millionen besteht, so tut aber das dennoch nichts zur Sache für eure Rettung; denn in dem Falle eurer wahren Umkehr zu Gott sind wir imstande, in einem Augenblick hunderttausend gleiche Rettungskästen zu erbauen, in denen ihr alle in eine erneute Erde hinüber ganz unversehrt und besterhalten gelangen könnt!
HG|3|346|5|0|Hört! Dies ist der letzte Ruf Gottes, der zu euren Ohren dringt! Verlasst alles, und folgt ihm, denn von jetzt an in einem Jahr werden alle diese eure Wohnorte und Ländereien dreitausend Klafter tief unter Wasser und Schlamm stehen!“
HG|3|346|6|0|Dieser Ruf aber war dennoch von keiner Wirkung; man lachte nur über diese vermeinten Zauberer und Tierbändiger und ließ sie übrigens ganz unbeirrt ziehen und schreien.
HG|3|346|7|0|Also kamen sie auch wieder zum König und luden ihn ein, ihnen zu folgen.
HG|3|346|8|0|Er aber gab ihnen gar keine Antwort, sondern ließ sie ganz unverrichteter Dinge wieder abziehen also, wie sie gekommen waren.
HG|3|346|9|0|Und die Boten zogen ganz betrübt aus der Stadt und begaben sich auf die Höhe mit den gesammelten Tieren.
HG|3|347|1|1|Über die Versorgung und Unterbringung der gesammelten Tiere
HG|3|347|1|1|Am 17. August 1844
HG|3|347|1|0|Als diese außerordentlichen Boten auf der Höhe beim Noah anlangten mit den gesammelten Tieren, da kamen ihnen alsbald der Noah und dessen Bruder Mahal entgegen, und beide konnten sich nicht genug erstaunen über die große Menge der Tiere und über ihre sehr verschiedenen Formen und unterschiedlichen Benehmungsweisen.
HG|3|347|2|0|Die Engel aber sprachen zum Noah: „Mache auf die Türe in die Arche, auf dass wir die Tiere hineintun in die für sie bestimmten Zellen; ihr Futter aber wollen wir in ihre Zellen legen, und sie werden davon nach ihrem inneren Trieb täglich so viel verzehren, als es zu ihrer Erhaltung vonnöten sein wird!
HG|3|347|3|0|Du hast demnach für nichts als fürs Wasser zu sorgen, was dir aber ein Leichtes sein wird. Siehe, da der Kasten bis über seine halbe Höhe im Wasser sein wird, so bohre im mittleren Stockwerk ein Loch, und setze von innen eine Pipe ein. Wenn du die Pipe öffnen wirst, da wirst du sogleich so viel Wassers bekommen, als du dessen vonnöten haben wirst.
HG|3|347|4|0|Solange aber der Herr noch nicht regnen wird lassen, so lange auch lasse die Arche offen und die Tiere aus- und eingehen und sich suchen ihren Trank und auch ihre frische Kost; doch musst du die Zellen also bezeichnen und darfst die Tiere nicht anders einordnen, als wie wir sie jetzt eingeordnet haben!
HG|3|347|5|0|Du sollst dich aber auch nicht um die Einordnung weiter kümmern; denn darum legten wir für ein jedes Tier das bestimmte Futter in dessen Zelle, und es wird ein jedes Tier danach seine Zelle erkennen!
HG|3|347|6|0|Also sorge dich auch nicht um die Reinigung der Zellen; denn diese werden schon gereinigt werden ohne deine Mühe!
HG|3|347|7|0|Also lasse auch das Fenster am Dach nun stets offen, auf dass durch dasselbe die Vögel werden einziehen können! Was ihr Futter betrifft, dafür werden schon wir sorgen; nur fürs Wasser wirst du mit den Deinen zu sorgen haben!
HG|3|347|8|0|Der Herr Selbst aber wird es dir anzeigen, wann du die Arche zu schließen und dann die Tür fest zu verpichen haben wirst!
HG|3|347|9|0|Wenn da vor dem Regen die Menschen bei dir Schutz suchen möchten, so sollst du sie aufnehmen; wenn es aber zu regnen anfangen wird, dann soll niemand mehr in die Arche gelassen werden!
HG|3|347|10|0|Nun weißt du alles; der Herr sei mit dir! Amen.“
HG|3|347|11|0|Darauf verschwanden die Engel, und Noah ging mit all den Seinen und lobte und pries Gott.
HG|3|347|12|0|Der Mahal aber war, gleich einem Naturforscher, mit seinen Kindern nur mit der Betrachtung der Tiere beschäftigt und hatte eine große Freude an dieser Menagerie.
HG|3|348|1|1|Mahal murrt wider die Engel und den Herrn. Aglas Hinwegnahme
HG|3|348|1|1|Am 19. August 1844
HG|3|348|1|0|Als Noah Gott gelobt und gepriesen hatte, da begab er sich dann auch in die Arche und besah, wie da die Tiere eingestellt waren, und suchte dann im mittleren Stockwerk eine passende Stelle für die anbefohlene Wasserpipe.
HG|3|348|2|0|Als er diese fand, da bestieg er auch das dritte Stockwerk und fand hier seinen Bruder Mahal, der gerade einen Rat mit seinen Kindern hielt darum, weil die Engel seiner mit keiner Silbe erwähnt hatten, sondern alles nur dem Noah anbefohlen hatten, und war voll Ärgers darob ganz besonders, da die Engel dem Noah wohl zum Unterhalt der Tiere genaue Weisungen gegeben hatten, zu seiner und seiner Kinder Erhaltung aber auch nicht eine Silbe fallen ließen.
HG|3|348|3|0|Und er sprach in der Gegenwart des Noah, den er aber jedoch nicht bemerkte, weil dieser hinter einer Zellenwand stand: „Bin ich denn weniger als die Tiere? Diese haben ihre Zellen und ihr hinreichendes Futter, und es ward für ihre Erhaltung gesorgt; was haben denn wir?
HG|3|348|4|0|Also sprachen die Engel auch immer von der Erhaltung Noahs und der Seinigen; aber von unserer Erhaltung war nicht die allergeringste Rede! Was ist das wohl anderes, als dass uns die Engel zu verstehen gaben: für uns ist die Arche nicht erbaut, sondern allein nur für Noah und für die Seinen und für die Tiere!
HG|3|348|5|0|Ich weiß aber, was ich tun will! Seht, es ist ja noch eine Menge behauenen Holzes da; ich werde mit den Knechten Noahs reden und mit Noah, dass mir ein eigener Kasten erbaut werde, in dem wir Platz haben werden, und Noah kann dann wohl allein den großen Kasten bewohnen!
HG|3|348|6|0|Will uns der Herr erhalten, so ist’s wohl und gut, und will Er das nicht, wie es sich zeigt, so werde ich Ihn nicht darum bitten; denn mir ist nun schon das ganze Wesen des Lebens unter solchen bedrängten Umständen ohnehin zum Ekel geworden!“
HG|3|348|7|0|Hier sprach die Agla: „O Vater, ich meine, du redest zu viel! Denn siehe, ich habe ja auch den Waltar gesehen und er mich, und er hat mich nicht getröstet; und dennoch murre ich nicht wider den Herrn! Warum tust du denn das, der du doch vom Herrn Selbst den allerhöchsten Trost erhieltest?
HG|3|348|8|0|Ich aber sage bei mir: ‚O Herr, mir, der größten Sünderin, geschehe nach Deiner Erbarmung!‘ Und muss ich schon auch eine Beute des Todes werden, so sei der Herr auch darum gelobt und gepriesen!“
HG|3|348|9|0|Mahal staunte über diese Rede der weinenden Agla, und Noah trat hervor und lobte die Agla ob solch rechter Rede vor Gott.
HG|3|348|10|0|Im Augenblick aber stand ein lichter Engel vor der Agla und sprach zu ihr: „Agla, siehe, du sollst nimmer eine Beute des Todes, sondern nur eine Beute des Lebens werden für ewig! Und so reiche mir deine Hand, und folge mir, deinem Bruder Waltar!“
HG|3|348|11|0|Hier reichte die Agla dem Engel die Hand und verschwand im Augenblick; und es blieb von ihr nichts zurück als ihre Kleider und in selben ein wenig Asche.
HG|3|348|12|0|Diese Erscheinung setzte alle ins größte Staunen, und sie wussten nicht, wie solches geschah.
HG|3|348|13|0|Noah allein fasste sich und fiel aufs Angesicht und lobte und pries Gott über die Maßen!
HG|3|349|1|1|Noah ermahnt den starrsinnigen Mahal erfolglos
HG|3|349|1|1|Am 20. August 1844
HG|3|349|1|0|Als der Noah den Herrn darum bei einer Stunde gelobt und gepriesen hatte, dass Er die verlorene Tochter seines Bruders gar so außerordentlich gnädigst aufgenommen hatte in das ewig-lebendige Reich der Geister aus Gott, da stand er wieder auf, wandte sich an seinen Bruder Mahal und sprach zu ihm:
HG|3|349|2|0|„Bruder, möchtest du nun nicht wieder zanken mit Gott dem Herrn darum, dass Er dir eine so endlos große Gnade erwies?! Siehe, es ist in dir nichts als der pure versteckte Hochmut!
HG|3|349|3|0|Siehe, es ärgert dich immer heimlich, dass der Herr mich und nicht dich zum Bau der Arche erwählt hat, und dass du nicht bei jeder Gelegenheit ganz besonders gerufen und erwählt wirst! Und weil du sonst niemanden hast, mit dem du darob hadern könntest, so lässt du deinen Hochmutsingrimm auf den Herrn Selbst aus und willst Ihm trotzen sogar bei jeder Gelegenheit!
HG|3|349|4|0|Frage dich aber selbst, ob ein solches Benehmen gegen Den, der dich so liebevollst vor vier Jahren Seinen Sohn nannte, recht und billig ist! Meinst du wohl, der Herr wird Sich von dir etwas abtrotzen lassen?
HG|3|349|5|0|Siehe, der Satan trotzt dem Herrn schon seit den allerundenklichsten Zeiten! Was aber hat er dadurch schon gewonnen? Denn alles, was er will, das tut der Herr nimmer! Und so bleibt der Satan stets der geschlagene Sklave seines eigenen Starrsinns, der eine Frucht seiner Torheit ist; der Herr aber bleibt ewig der Herr und tut, was Er will, ohne Sich dabei an das Geschrei der Weltnarren zu kehren!
HG|3|349|6|0|Bruder, ist’s denn gar so schwer, sich vor dem heiligen, allerbesten Vater zu demütigen und sich Seine heilige Ordnung gefallen zu lassen?!
HG|3|349|7|0|Der Herr hat es dir doch handgreiflich gezeigt, wie Er vor dir noch nie den Kasten Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung verschlossen hat und also auch sicher diese Arche nicht!
HG|3|349|8|0|So du dich aber aus einem geheimen Ingrimm selbst ausschließen willst, meinst du wohl, dass dich der Herr dann bei den Haaren hereinziehen wird? Oh, ändere deine Torheit, und stelle des Herrn Geduld nicht stets auf neue Proben, so wirst du bald auch für dich eine Zelle hier in der Arche finden!“
HG|3|349|9|0|Diese höchst wohlgemeinte Rede Noahs machte aber wenig Wirkung beim Mahal, und er bestand darauf, dass ihm ein eigener Kasten gebaut werde.
HG|3|349|10|0|Und Noah tat nach dem Wunsch seines Bruders und ließ für ihn einen kleinen Kasten von vier Klafter Länge und zwei Klafter Höhe erbauen; nur waren darinnen keine Zellen angebracht.
HG|3|350|1|1|Mahal lästert so lange, bis er den Zorn des Herrn über sich bringt. Die Hinwegnahme der drei Kinder Mahals
HG|3|350|1|1|Am 21. August 1844
HG|3|350|1|0|Als Noah auch mit dem kleinen Kasten für den Mahal fertig war, da sprach er zu ihm: „Nun denn, da ist vollendet der Kasten deines Starrsinnes! Sehe aber zu, dass ihn der Herr segne für dich und deine drei Kinder; sonst wird er dir wenig Sicherheit bieten!
HG|3|350|2|0|Ich habe ihn gesegnet durch den Bau; allein dieser Segen wird fruchtlos sein ohne den Segen des Herrn! Daher gehe vor den Herrn hin, und gebe Ihm die Ehre und bitte Ihn, dass Er dir segne den Kasten zu deiner Sicherheit!“
HG|3|350|3|0|Mahal aber sprach: „Du redest nach deiner Art und kennst nicht meine Not! Bin ich nicht ein Mensch wie du, und haben wir nicht einen Vater und eine Mutter? Dir hat der Herr geboten sogar diese deine Arche nach angegebenem Maße zu deiner Rettung, da du Ihn doch nicht darum gebeten hast; mich aber ließ Er auf der Erde herumlaufen wie ein wildes Tier, meiner Kinder wegen, und sagte mir nicht, dass auch ich mir solle einen Rettungskasten erbauen!
HG|3|350|4|0|Er redete wohl durch das Gefühl zu mir und zeigte mir an in der Tiefe, was ich habe tun sollen, und ich tat allezeit danach; aber von einer Rettung sprach Er nie etwas Bestimmtes zu mir, während ich doch ebenso rein war, wie du es bist!
HG|3|350|5|0|Und siehe, darin besteht meines Herzens Not; und ich will daher nichts tun und will harren auf des Herrn ausdrückliches Wort! Wenn Er bestimmt mit mir reden wird, dann werde ich auch bestimmt nach Seinem Wort handeln! Aber nötigen will ich den Herrn weder durch Bitte, noch durch ein Opfer zu etwas; eher will ich zugrunde gehen, als den Herrn in Seiner Freitat an mir beirren!
HG|3|350|6|0|Will Er diesen Kasten segnen für mich, so wird Er es tun ohne meine Bitte, so wie Er dir die Arche ohne deine Bitte zu bauen hat anbefohlen; will Er aber das nicht, so werde ich von dem Kasten keinen Gebrauch machen, sondern werde beherzt das herbe Los von Millionen mit den Meinen teilen und werde dazu noch ein Zeuge sein, wie die argen Menschen ihren Frevel büßen werden! Amen.“
HG|3|350|7|0|Darauf erhob sich der Mahal und zog mit seinen drei Kindern fürbass in einen Wald und harrte da auf des Herrn Wort.
HG|3|350|8|0|Der Herr aber ließ ihn gehen drei Tage lang. Am vierten Tag aber fing der Himmel an, sich zu trüben mit Wolken.
HG|3|350|9|0|Da ward der Mahal ärgerlich über den Herrn und haderte gewaltig mit Gott, und das in einem Ton, der nimmer wieder bekanntgegeben werden soll auf der Erde.
HG|3|350|10|0|Als der Mahal sich heiser gelästert hatte, da sank ein Feuer aus den Wolken vor dem Mahal zur Erde, und aus dem Feuer sprach eine Stimme:
HG|3|350|11|0|„Mahal, du Ungeratener! Ich bin satt deines Lästerns geworden! Hältst du Mich, deinen Gott und Herrn, keiner Ehre wert, so halte Ich auch dich nicht wert der Rettung!
HG|3|350|12|0|Und so bleibe denn hier, und sei ein Zeuge Meines Zornes über die Erde und über dich! Aber deine Kinder, da sie nicht in dein Lied gestimmt haben, will Ich von dir nehmen, und so sollst du Mich wenigstens in Meinem Zorn kennenlernen, weil du Mich in Meiner Liebe nicht erkennen wolltest! Es geschehe!“
HG|3|350|13|0|Hier ergriff das Feuer die drei Kinder und verzehrte sie im Augenblick. Und Mahal blieb nun allein und ward ganz stumm vor Entsetzen.
HG|3|351|1|1|Mahal begibt sich auf einen hohen Felsen und in die Adamsgrotte, wo sich sein Zorn legt und er sich schließlich in den Willen des Herrn ergibt
HG|3|351|1|1|Am 22. August 1844
HG|3|351|1|0|Es ließ aber der Noah den Mahal suchen; aber der Herr wollte es nicht, dass dieser je wieder von Noah solle gefunden werden auf Erden.
HG|3|351|2|0|Mahal selbst aber bestieg einen hohen Felsen und nahm mit sich genießbare Wurzeln, Brot und Käse für zwanzig Tage; und da der Felsen eine Quelle hatte, so war er für die Kost, also mit Speise und Trank, versorgt.
HG|3|351|3|0|Auf diesem Felsen brachte er sieben Tage zu. Da sich aber der Himmel stets mehr und mehr verdüsterte von Tag zu Tag, da hob sich der Mahal auch von seinem Felsen, nahm seine Viktualien mit und ging damit in die berühmte Grotte Adams.
HG|3|351|4|0|Als er mühselig da anlangte, da sprach er zu sich: „Ich bin alt und mühselig geworden, und der Herr hat mir alle Stütze genommen; sollte Er etwa auch dafür wollen gedankt, gerühmt und gepriesen werden?
HG|3|351|5|0|Ja, Herr! Jetzt, da ich durch Deinen Drang ein Sünder vor Dir geworden bin, jetzt erst will ich Dich rühmen, loben und preisen! Denn da Du mich getreten hast, da tat es mir weh, und ich bäumte und krümmte mich wie ein Wurm vor Dir; nun aber hat ein zu großer Schmerz mich gefühllos gemacht! Ich empfinde weder Schmerz noch Trauer und also auch keinen Ärger und Zorn mehr; daher kann ich, o Herr, Dich ja wieder rühmen, loben und preisen!
HG|3|351|6|0|Und so sei denn gerühmt, gelobt und gepriesen, Du mein Gott und Herr! Du mein allmächtiger, heiliger Schöpfer und Vater! Ich habe gerechtet mit Dir, da ich Schmerz hatte; jetzt aber will und werde ich nimmer rechten mit Dir, denn ich habe ja keinen Schmerz mehr!
HG|3|351|7|0|Solange ich bei Dir im Himmel des Noah war, da hatte ich auch keinen Schmerz, und ich konnte gerecht sein vor Dir, o Herr, zu jeder Zeit und konnte Dich allezeit loben, rühmen und preisen; da Du mich aber zur Hölle gehen ließest, da ward ich voll Ingrimms und voll Schmerzes, und ich musste in einen Streit wider Dich geraten! Nun aber bin ich ohne Schmerz; daher kann ich Dich nun auch wieder rühmen, loben und preisen!
HG|3|351|8|0|Darum lasse mich ja nimmer wieder zur Hölle, allwo Dich niemand rühmen, loben und preisen kann; denn da ist nur ein Feuer, ein Zorn, ein Fluch und ein Schmerz!
HG|3|351|9|0|Da ich Dich, o Herr, aber nun schon also rühme, lobe und preise, so bitte ich Dich aber auch, nehme mich nun auch von der Welt, und lasse mich nicht Zeuge sein von der gerechten Flut Deines Zornes über alle Deine Kreatur! Dein Wille allezeit geschehe! Amen.“
HG|3|351|10|0|Auf diese Anrede Mahals ertönte aus den inneren Räumen der Grotte wie ein Echo: „Mahal, Ich habe Mich gedämpft in Meinem Zorn gegen dich, weil du dich gedämpft hast, da Ich dir gewaltige Streiche ob deiner Härte gegen Mich gab; aber dennoch musst du büßen auf der Erde deine mannigfache Torheit ehedem, bis Ich dich annehmen werde, – denn dein Frevel gegen Mich war groß!
HG|3|351|11|0|Sei aber geduldig in allem, was da über dich kommen wird, und harre auf Mich, und Ich will dich nicht von der Flut ersticken lassen; aber deine Fußsohlen sollen doch eher von der Flut bespült werden, bis Ich dich deines Fleisches entheben werde! Also geschehe es!“
HG|3|351|12|0|Mahal aber erkannte wohl in diesem Echo des Herrn Stimme und ergab sich nun in den Willen des Herrn.
HG|3|351|13|0|Als er aber sieben Tage in der sonst hellen Grotte zubrachte, da wollte es nimmer Tag werden; denn das Firmament war schon so dicht mit kohlschwarzen Wolken angestopft, dass da kein Sonnenstrahl mehr durchdringen konnte.
HG|3|351|14|0|Daher verließ Mahal auch seine Grotte und ging, wo er ein Licht finden möchte; aber er irrte vergeblich hin und her. Er konnte keinen Weg mehr finden vor lauter Finsternis; dennoch murrte er aber nicht, sondern wartete nun geduldig ab, was da kommen werde über die Erde.
HG|3|351|15|0|Das war aber auch schon die Zeit, wo der Herr den Noah mit den Seinen behieß in die Arche zu gehen.
HG|3|351|16|0|Wie aber? Das steht im ersten Buch Mosis, 7. Kapitel, und zwar schon ausführlich, – dennoch aber soll es nächstens noch näher beschrieben werden.
HG|3|352|1|1|Der Herr trauert um die Menschen. Seine letzten Versuche, die Menschen der Tiefe zu retten
HG|3|352|1|1|Am 23. August 1844
HG|3|352|1|0|Also aber war es, als der Herr den Noah behieß in die Arche zu gehen:
HG|3|352|2|0|Da der Himmel sich gar mächtig zu trüben und das Gewölk die nächsten Bergspitzen in eine dichte Nacht zu hüllen begann und die Tiefe über unabsehbare Fernen hin dampfte gleich einer brennenden Stadt, da kam der Herr zu Noah wie voll Wehmut und Trauer und sagte zu ihm:
HG|3|352|3|0|„Noah, fürchte dich nicht, denn siehe, Ich, der Herr aller Kreatur und aller Dinge, bin bei dir, um dich zu schützen und zu schirmen vor jeglichem Ungemach, das Ich nun über die Welt werde kommen lassen darum, weil es die arg gewordenen Menschen also haben wollten!
HG|3|352|4|0|Siehe, siehe, wie traurig es nun aussieht auf dieser alten Erde! Der Menschen Kunst hat ohne ihr Wissen und Wollen die argen gefangenen Urgeister dieser Erde vor der Zeit frei gemacht, wodurch ohne ein Gericht alle Himmel gefährdet würden. Daher ist nun der Raum von der Erde bis zum Mond mit solchen Geistern angefüllt. Und würde nicht durch ein örtliches Glühen der Wolken, in denen die freigewordenen argen Geister nun wüten und toben, eine Helle auf den Erdboden kommen, so wäre hier eine solche Nacht, in der alles Leben ersticken müsste; denn der Sonne Licht vermag nimmer durch solche Massen von Wolken und Dünsten zu dringen!
HG|3|352|5|0|Aber die Menschen der Tiefe haben keine Furcht! Sie beleuchten ihre Städte mit Fackeln und großen Öllampen und sind lustig dabei; sie freien und lassen sich freien und halten Gastmähler, Spiel und Tanz, während Ich, ihr Schöpfer, um sie trauere und ihnen nicht helfen kann, um sie nicht zu vernichten in ihrem Geist auf ewig!
HG|3|352|6|0|O du Mein Noah, das ist ein harter Stand für einen Vater, der Seine Kinder vor dem Abgrund sieht und kann und darf ihnen nicht helfen, außer durch eine neue schroffe Gefangennehmung, welche da ist das bevorstehende nunmehr unausweichliche Gericht! Was soll Ich dazu sagen?
HG|3|352|7|0|Siehe, es gibt auf der Erde, in weit von hier entfernten Gebieten, Nachkommen Kahins! Diesen war eine schmutzige Offenbarung genug, und sie leben noch in Meiner Ordnung bis zur Stunde; und die wenigen unter ihnen, die mehr oder weniger manchmal durch eine Tat ihr Gewissen beschwert haben, diese ringen jetzt in dieser allgemeinen Nacht des herangekommenen Gerichtes die Hände zu Mir um Erbarmung!
HG|3|352|8|0|Ich aber sage dir: Siehe, Ich will Mich ihrer auch erbarmen in ihrer Not; aber dieser große Erdkreis, den da bewohnen Meine Kinder im Gemisch mit den Kindern der Welt, soll nun Mein unerbittlichstes Gericht erfahren!
HG|3|352|9|0|Bevor Ich aber noch die Wasser aus den Wolken zur Erde fallen lasse, will Ich noch sieben Tage lang in der Tiefe die Menschen durch allerlei Erscheinungen schrecken und wo möglich sie dadurch nötigen, sich hierher zur Flucht zu begeben!
HG|3|352|10|0|Sieben Tage wollen wir also noch harren hier in dieser Nacht, und Ich will eine schwache Helle ziehen von hier bis Hanoch und weiter noch, auf dass da niemand den Weg hierher verfehlen solle, der sich noch retten will; und so jemand hierherkommen sollte, und wäre es Fungar-Hellan selbst, so soll er in die Arche aufgenommen werden!“
HG|3|352|11|0|Nach dieser Rede ward es dämmerlich hell von der Höhe bis gen Hanoch und weiter; und der Herr öffnete dem Noah die geistige Sehe, dass er zugleich mit dem Herrn in alle Tiefen schauen konnte; aber man ersah niemanden zur Stadt hinausziehen.
HG|3|352|12|0|Es geschahen gewaltige Rufe wie Donner, aber niemand kehrte sich daran. Es brachen in Hanoch Feuer aus und setzten viele in große Angst und Schrecken; aber dennoch wollte niemand aus der Stadt ziehen. Es brachen unterirdische Wasser aus und setzten Hanochs Plätze und Gassen mannstief unter Wasser; da flohen die Ärmeren wohl auf die naheliegenden Hügel, – aber die Reichen nahmen Boote und Kähne und fuhren jubelnd über Plätze und Gassen, und niemand begab sich auf die Höhe.
HG|3|352|13|0|Und solche Kalamitäten dauerten sieben Tage in der Tiefe; und dennoch kehrte sich niemand daran.
HG|3|352|14|0|Da brach dem Herrn die Geduld, und Er führte den Noah in die Arche.
HG|3|353|1|1|Noah und die Seinen begeben sich in die Arche. Die große Flutkatastrophe
HG|3|353|1|1|Am 24. August 1844
HG|3|353|1|0|Als aber Noah mit dem Herrn bei der Arche anlangte, da sprach der Herr zu ihm: „Noah, gehe nun in den Kasten mit deinem ganzen Haus; denn Ich habe nun in dieser Zeit dich allein gerecht gefunden vor Mir!
HG|3|353|2|0|Nimm aber vom reinen Vieh je sieben Stück und vom unreinen Getier nur je ein Paar; aber überall ein Männlein und Fräulein, desgleichen auch von den Vögeln unter dem Himmel je sieben und sieben das Männlein und sein Fräulein, auf dass der Same lebendig bleibe auf dem ganzen Erdboden!
HG|3|353|3|0|Denn nach sieben Tagen, von diesem Augenblick angefangen, will Ich regnen lassen vierzig Tage und vierzig Nächte und vertilgen alles auf diesem Erdkreis, was da ein lebendiges Wesen hat, das Ich geschaffen habe!“
HG|3|353|4|0|Noah fiel hier vor dem Herrn nieder und betete Ihn an ob der großen Gnade, die ihm der Herr erwiesen hatte.
HG|3|353|5|0|Der Herr aber hob den Noah von der Erde und sprach zu ihm: „Noah, du denkst nach, wie es sei, dass Ich dir schon ehedem einmal befohlen habe, ohne Unterschied von allem Getier gattungsweise nur ein Paar zu dir in die Arche zu nehmen, nun aber von den reinen Tieren sieben paarweise von jeder Gattung, also auch vom Gevögel der Luft ohne Unterschied; nur bei den unreinen Tieren hat es bei einem Paar zu verbleiben!
HG|3|353|6|0|Siehe, der Grund liegt darinnen: Damals gedachte Ich im Herzen mit Meiner abgewandten Allsehe: ‚Es werden ja doch die Menschen aus der Tiefe kommen und werden hier Schutz suchen!‘
HG|3|353|7|0|Und siehe, Ich wollte Mich nicht fragen in Meiner Allsehe, ob die Menschen, die Ich so oft gerufen habe, das tun werden! Da Ich sie aber nun angesehen habe, da ersah Ich keinen Willen mehr, da alle ihre Geister vom Fleische und von der Welt verzehrt waren, und Ich ersah auch, dass da keiner kommen werde!
HG|3|353|8|0|Darum sollst du an die Stelle der unreinsten Menschen, die unter alles Getier hinabgesunken sind, mehr der reinen Tiere zu dir nehmen, und also auch mehr von dem Gevögel unter dem Himmel! Zudem wird dir auch das Getier auf der neuen Erde gut zustattenkommen!
HG|3|353|9|0|Verstehst du nun dieses, so gehe und handle danach! Nimm dir aber kein künstlich Licht in den Kasten; denn Ich Selbst werde dir den Kasten erleuchten aus Mir! Amen.“
HG|3|353|10|0|Hier ging der Noah und tat alles, wie es ihm der Herr befohlen hatte; der Herr aber war mit ihm und half dem Noah alles verrichten.
HG|3|353|11|0|Als Noah alles das mit des Herrn Hilfe in der größten Ordnung verrichtet hatte, da begab er sich in die Arche in seinem sechshundertsten Altersjahr, und zwar am siebzehnten Tag des anderen Monats, welcher da war nach der jetzigen Zeitrechnung der 17. Februar.
HG|3|353|12|0|Als der Noah also mit all den Seinen in der Arche sich befand und mit allem dem anbefohlenen Getier, da nahm der Herr Selbst das große Tor der Arche und schloss dasselbe mit eigener Hand und segnete dadurch den Kasten; und also ward Noah nun gesichert, und der Herr Selbst bewachte den Kasten.
HG|3|353|13|0|Als aber der Noah also gesichert war, da hob der Herr Seine allmächtige Hand auf und gebot den Wolken, den Regen in den mächtigsten Strömen von sich zu lassen auf die Erde, und also auch den mächtigen Brunnen in der Erde, dass sie ihr Gewässer herauftrieben auf der Erde Oberfläche. Da brachen auf die Brunnen in der großen Tiefe und taten sich auf die Schleusen der Himmel.
HG|3|353|14|0|Da waren zahllose gar mächtige Springquellen auf dem Boden der Erde und trieben ihr Gewässer bis zu den Wolken, und von den Wolken fiel der Regen wie Wasserfälle von hohen Schneegebirgen, wodurch das Wasser über dem Erdboden so schnell wuchs, dass die Menschen nicht schnell genug auf die Berge sich flüchten konnten; und die da flohen auf die Berge, wurden von den mächtig über Felsen herabstürzenden Fluten wieder zurückgerissen und ersäuft.
HG|3|353|15|0|Nur gar wenigen gelang es mit der Verzweiflung Kraft, die Höhe Noahs zu erreichen. Als sie da ersahen unter beständigen Blitzen diesen mächtigen Rettungskasten, da schrien sie um Hilfe und Rettung; aber des Herrn Macht trieb sie von dannen, und sie eilten den höchsten Bergspitzen zu und klommen mit blutenden Händen hinauf. Aber Blitze rissen sie von den Wänden und stürzten sie hinab in die mächtig wachsenden Fluten.
HG|3|354|1|1|Mahal wird Zeuge der schrecklichen Ereignisse. Gurat, Fungar-Hellan und Drohuit fliehen zu Mahal in die Grotte
HG|3|354|1|1|Am 26. August 1844
HG|3|354|1|0|Der gewaltige Regen aber trieb den Mahal wieder in die Grotte, in der er auf und ab ging und manchmal staunend und halb verzweifelnd hinaussah, wie die gewaltigsten Wasserströme über Felsen dahinstürzten, das Erdreich mit sich rissen, die größten Bäume entwurzelten und sie dann mit der entsetzlichsten Gewalt in die Tiefen hinabschleuderten und auch ganze Felsen lostrennten und sie dann mit Tausenddonnergetöse in die Gräben und Schluchten hinabrollten!
HG|3|354|2|0|Er war zwar ein großer Freund von großen Naturspektakeln, aber diese waren ihm denn doch etwas zu stark; denn da ersah er, der sonst so heldenmütige Mahal, den offenbaren Untergang aller Welt und seiner selbst. Daher bebte er aus großer Furcht und sprach bei sich selbst:
HG|3|354|3|0|„O Herr, – wahrlich, Deine Macht lernt man erst in Deinem gerechten Zorn kennen! Bist Du auch wunderbar groß, heilig und erhaben in Deinem Frieden, so aber achtet der durch die Gewohnheit stumpfe Mensch dennoch wenig darauf und kann Deiner, o Herr, wohl gar vergessen; aber so eine Szene Deiner Macht zeigt dem stumpfen und auf seine Dummheit stolz pochenden Wurm der Erde, dass Du, o Herr, sehr gewaltig mehr bist als der in seinem Frieden so hochtrabende Mensch!
HG|3|354|4|0|Wenn ich nur nicht gar so allein hier stünde, da ließe sich diese Szene noch erbaulicher ansehen; aber so ganz verlassen von aller lebendigen Gesellschaft ist es wohl ganz verzweifelt schrecklich, also den sicheren Untergang aller Dinge und also auch den eigenen zu erwarten!
HG|3|354|5|0|O Herr, nehme mich von der Welt, und lasse mich nicht länger Zeuge sein von diesem Deinem erschrecklichsten Gericht! Dein heiliger Wille geschehe!“
HG|3|354|6|0|Als der Mahal also sein Selbstgespräch beendet hatte, da kamen drei Flüchtlinge aus der Tiefe und suchten Schutz in dieser Grotte. Das war für den Mahal eine höchst erwünschte Erscheinung, dass er doch jemanden hatte, um sich ihm mitzuteilen in dieser seiner bedrängten Lage.
HG|3|354|7|0|Er ging daher sogleich auf die drei Schutzsuchenden zu und bewillkommte sie und fragte sie, wer sie wären.
HG|3|354|8|0|Und die drei sprachen: „Wir sind die drei größten Toren aus der Tiefe! Wir glaubten vor wenigen Tagen noch, die Herren von Hanoch und also auch von der ganzen Welt zu sein; aber nun hat uns der alte Gott gezeigt, dass nur Er allein der Herr ist! Wir flohen daher, von der schrecklichsten Wassernot getrieben, hierher und sind auch schon vielleicht die einzigen Lebendigen aus Hanoch; denn da ist alles schon viele Klafter tief unter Wasser und Schlamm! Unsere Namen sind: Gurat, Fungar-Hellan und Drohuit!“
HG|3|354|9|0|Hier schrie der Mahal auf und sprach: „O Herr, welch eine wunderbare Fügung! Deine größten Feinde hast Du hierher geführt und hast sie wie in meine Hand gegeben!
HG|3|354|10|0|Wisst, wer ich bin?! Seht, ich bin der Mahal, der ich gar oft zu euch von diesem Gericht geredet habe! Aber eure Ohren waren verstopft! Nun ist es vor euren Augen euer eigenhändig Werk, das schrecklichste Gericht Gottes! Was sagt ihr nun dazu? Wo ist nun eure Macht und Herrlichkeit?!“
HG|3|354|11|0|Hier erschraken die drei und wollten wieder fliehen aus der Grotte; aber in dem Augenblick trat der Herr in die Grotte und ließ Sich sogleich erkennen von all den vieren.
HG|3|355|1|1|Mahal findet als reuiger Büßer Gnade vor dem Herrn. Gurats, Fungar-Hellans und Drohuits Satanslohn und Höllenfahrt
HG|3|355|1|1|Am 27. August 1844
HG|3|355|1|0|Mahal aber, als er den Herrn ersah, ging hin vor Ihn, fiel als ein reuiger Büßer nieder auf sein Angesicht und sprach:
HG|3|355|2|0|„O Herr Himmels und der Erde, allmächtiger Gott, mein heiliger, liebevollster Vater! Ich habe mich schwer versündigt an Deinem Herzen in diesen meinen letzten Tagen; ja, an Deinem allerheiligsten Herzen, welches von der endlosesten ewigen Vaterliebe erfüllt ist, habe ich mich schwer versündigt! O Du heiliger Vater! Du ewige Liebe! Werde ich, ein elender Wurm des Staubes, des Nichts, wohl je wieder Erbarmung und Gnade finden vor Deinem allerheiligsten Angesicht?“
HG|3|355|3|0|Der Herr aber sprach: „Mahal, Mein Sohn, der du verloren warst und dich nun wieder finden und von Mir ergreifen hast lassen, stehe auf! Denn Ich, dein ewiger, heiliger Vater, sage es dir, vor Meiner ewigen und unendlichen Liebe ist niemand so weit gefallen von Mir, dass Ich ihn nicht annehmen möchte, so er käme zu Mir in der reuigen Erkenntnis seiner Sünde!
HG|3|355|4|0|Aber wer da nicht kommt, der hat sich sein Urteil selbst an seine Stirne geschrieben; denn Ich halte niemanden wider seinen freien, von Mir ihm eingehauchten Willen und ziehe niemanden wider solchen Willen!
HG|3|355|5|0|Alles aber, was Ich, der Allmächtige, tue, ist, dass Ich Meine Kinder rufe, zu Mir zu kommen, als ein allein ewig wahrer Vater! Wohl denen, die den Ruf nicht überhören und so sie ihn hören, sich danach kehren!
HG|3|355|6|0|Also habe Ich bis jetzt bei zweitausend Jahre lang Meine Kinder gerufen, gelehrt und gewarnt; aber sie wollten sich solche Meine liebgerechte Warnung nimmer gefallen lassen, sondern legten ihr Ohr und Herz nur an den alten Lügenmund des Satans, und dieser hat ihnen die Wege zum Verderben gezeigt. Und sie wandelten so lange unermüdet auf diesen Wegen, bis sie sich darauf das erbeuteten, was nun über sie und über diesen ganzen Erdkreis gekommen!
HG|3|355|7|0|Nicht Ich rief dieses Gericht über die Erde und bin nicht dessen Schöpfer, sondern hier diese drei sind es! Diese wollten die Erde zerstören, und da ist nun ihr Werk vor ihren Augen!
HG|3|355|8|0|Diese haben tollkühn aus Zorn gegen Mich, ihren Schöpfer, in die Erde gestochen, und der Satan führte sie geraden Weges auf jene Punkte der Erde, wo ihre Pulse am seichtesten liegen. Da rissen sie mit ihrer Beize und mit ihren Körnern aus der Hölle die feste Haut von den Adern der Erde, und die mächtigsten Dämpfe und Ströme fingen an emporzubrechen, genötigt von der Schwere der Oberhaut der Erde. Und diese alles verheerende und tötende Flut über diesen ihren Erdkreis ist nun die Frucht ihres Eifers für die Hölle!“
HG|3|355|9|0|Bei diesen Worten fingen die drei ganz gewaltig an zu beben; denn sie merkten es wohl, dass ihr Frevel Millionen den Tod gebracht hat, und wie sie die fast alleinigen Schuldträger dieses Gerichtes wären.
HG|3|355|10|0|Der Herr aber berief hier den Satan; und als dieser grimmentbrannt im Augenblick dastand, da sprach der Herr zu ihm: „Elender Versucher Meiner Langmut, Liebe und Geduld! Siehe, hier stehen deine drei getreuesten Knechte; sie haben deinen Plan meisterhaft vollbracht, welchen Lohn wirst du ihnen darum nun geben?“
HG|3|355|11|0|Und der Satan sprach: „Hatten sie nicht auf der Erde alles, wonach ihr Herz dürstete!? Welchen Lohn sollen sie dann fürder noch haben wollen!? Der Tod sei ihr Los!“
HG|3|355|12|0|Hier sprach der Herr: „Habt ihr es nun vernommen, wie euer Meister seine Knechte lohnt? Seid ihr zufrieden damit?“
HG|3|355|13|0|Hier fingen die drei zu heulen an vor Furcht und Angst und baten den Herrn um Hilfe.
HG|3|355|14|0|Der Herr aber sprach: „Das tut nun die Angst in euch, und ihr habt keine Reue! Daher weicht von Mir, Satansdiener, und büßt mit ihm in seinem Feuer euren Frevel!“
HG|3|355|15|0|Hier fuhr ein mächtiger Blitz durch die Grotte und tötete die drei, und des Herrn Macht trieb dann die vier Geister zur Hölle.
HG|3|355|16|0|Mahal aber klammerte sich an den Herrn; der aber führte ihn alsbald aus der Grotte hin zur Arche.
HG|3|356|1|1|Die Rede des Herrn an den frierenden Mahal. Mahals neuentfachte Liebe zum heiligen Vater. Die Verklärung des Mahal
HG|3|356|1|1|Am 28. August 1844
HG|3|356|1|0|Bei der Arche angelangt, bat der Mahal den Herrn um den Tod des Leibes, da er es nimmer ertragen mochte, den so mächtigen Regen über seinen schwachen Leib sich ergießen zu fühlen und durch die große Kälte in allen seinen Fasern gefiebert zu werden.
HG|3|356|2|0|Der Herr aber sprach: „Mahal, wie magst du über den Regen und über die Kälte dich beklagen in solcher Meiner außerordentlichen Nähe?! Bin Ich es nicht, der dem Cherub seine Glut, dem Seraph seinen Glanz, und allen Sonnen Feuer, Licht und Wärme gab aus Mir?!
HG|3|356|3|0|Meinst du, dieser Regen würde dich nässen und gefrieren machen deine Glieder, wenn du vollends bei Mir wärest in deinem Herzen?!
HG|3|356|4|0|Oh, mitnichten! Ich sage dir, jeder Tropfen, der da auf dein Haupt fällt, würde dir also eine Labung sein, wie er es der müden und nun halb getöteten Erde ist, über die eben diese Flut kommen musste, auf dass sie ja nicht sterbe und vergehe unter dem Frevel der Menschen!
HG|3|356|5|0|Diese Fluten werden die Wunden der Erde wieder verheilen und vernarben, und sie wird sich wieder erholen und wird genesen und wird wieder den Menschen und Tieren zur Wohnstätte dienen!
HG|3|356|6|0|Also aber soll es auch mit dir der Fall sein! Auch über dich muss eher durch die große Tätigkeit deiner Liebe und daraus hervorgehenden Reue eine Flut kommen; diese wird dich heilen und erwärmen zum ewigen Leben aus Mir in deinem Geiste!
HG|3|356|7|0|Ist deine Liebe lebendig in Mir, so wird auch dein Geist lebendig sein aus Mir, und das ist diejenige wahre Wärme, die nimmer erkältet werden kann durch alle Kälte, die der Tod in der ganzen Unendlichkeit ausgestreut hat durch die Macht der Lüge in ihm!“
HG|3|356|8|0|Hier entbrannte Mahal und sprach aus der neu angefachten Glut seines Herzens: „O Du überheiliger, der allerhöchsten Liebe vollster Vater! Wie endlos gut musst Du doch sein in Deinem Wesen, dass Du mit mir, einem nichtigsten Sünder, also liebevollst Dich abgeben kannst, als hättest Du sonst kein Wesen mehr in der ganzen Unendlichkeit!
HG|3|356|9|0|O wie unbegreiflich reut es mich nun, dass ich Dich je also sehr habe verkennen können und habe allerundankbarst mit Dir, o Du heilige, ewige Liebe, hadern mögen, wie ein loser Bube mit seinesgleichen! O Vater, Du heilige, ewige Liebe, ist es wohl möglich noch, dass Du mir vergäbest solchen Frevel?“
HG|3|356|10|0|Hier rührte der Herr den Mahal mit einem Finger an, und im Augenblick sank der sterbliche Leib in Staub und Asche zusammen; aber der verklärte Geist Mahals stand als ein leuchtender Seraph neben dem Herrn und lobte und pries mit unsterblichen Lippen die ewige Liebe des Vaters, die noch im Gericht von gleicher endlosester Fülle ist, wie im Frieden der ewigen Ordnung.
HG|3|357|1|1|Mahal wird Schutzgeist der Arche. Die Höhe und Ausdehnung der Sündflut
HG|3|357|1|1|Am 29. August 1844
HG|3|357|1|0|Als aber der Herr den Mahal erlöst hatte von seinem Leib, da hatte die Sündflut schon sieben Tage gedauert, und das Wasser stieg mit solcher Raschheit, dass es in der Zeit von sieben Tagen nämlich schon die Stelle erreicht hatte, wo Mahal mit dem Herrn bei der Arche stand; und so war auch die Vorhersage des Herrn erfüllt, nach der er nicht eher seines Leibes ledig werden solle, als bis das Wasser seine Füße werde erreicht haben.
HG|3|357|2|0|Als aber der erlöste Mahal dem Herrn die Ehre gegeben hatte, da sprach der Herr zu ihm: „Da du nun erlöst bist, so bestehe nun dein erster Engelsdienst darin, dass du diese kleine Welt leitest über die Fluten und sie nicht verlässt eher, als bis sich alle Flut wieder legen wird und Ich kommen und über die neue Erde spannen werde den Bogen des Friedens! Von da an erst wird dir ein anderer Dienst werden! Mein Wille sei ewig deine Kraft!“
HG|3|357|3|0|Darauf verschwand der Herr in Seiner außerordentlichen Persönlichkeit, und Mahal sah gleich den anderen Engelsgeistern dann nur die Sonne der Himmel, in der der Herr im unzugänglichen Licht wohnt von Ewigkeit zu Ewigkeit.
HG|3|357|4|0|Und also leitete der Mahal die Arche nach dem Willen des Herrn getreu.
HG|3|357|5|0|Das Wasser aber stieg auf der Erde so sehr, dass es am siebenten Tag von der Erlösezeit Mahals an schon den Kasten hob und ihn zu tragen anfing. Da leitete dann Mahal den Kasten, auf dass er nicht wankte nach dem Schwung der Wogen, sondern also ruhig dahinschwamm, wie da schwimmt ein Schwan auf dem ruhigsten wellenlosen Spiegel eines Sees.
HG|3|357|6|0|Um sieben Tage später überflutete das Wasser schon die höchsten Berge dieses Erdkreises bis zum allerhöchsten Himalayagebirge, das das Land der Sihiniten vom anderen Asien trennte.
HG|3|357|7|0|Dieses Gebirge ragte fünfzehn Ellen aus dem höchsten Wasserstand empor; alle anderen höchsten Berge aber waren wenigstens so tief unter dem Wasser. Natürlich waren nach den verschiedenen Höhenverhältnissen manche niederere Berge wohl auch mehrere Hunderte von Klaftern unter dem Wasser.
HG|3|357|8|0|Wie aber und wohin ergoss sich das Gewässer der Sündflut? Der Hauptteil war das Mittelasien, allwo noch heute der Aralsee und das Kaspische Meer die Überbleibsel von der denkwürdigsten Art sind; denn wo nun das Kaspische Meer ist, da stand das übergroße und stolze Hanoch, und es ließen sich noch heutzutage Überreste von dieser Stadt finden, aber freilich in einer Tiefe von mehr als tausend Klaftern.
HG|3|357|9|0|An der Stelle des Aralsees stand einst jener See mit seinen Umgebungen und mit seiner Wassergottinsel, den wir auch sehr wohl kennen; also sind auch der Baikal- oder nun Balkaschsee und Tsanysee ähnliche, die sündigen Reste der Vorsündflutzeit in sich bergende Denkmäler.
HG|3|357|10|0|Von diesen Hauptpunkten ergoss sich das Gewässer reichlichst nach Siberien, wie auch nach Europa, das aber damals noch nicht bewohnt war. Ein Teil brach gegen Süden nach dem heutigen Ostindien und am stärksten über Arabien; auch das nördliche Afrika wurde stark hergenommen bis zum Hochland, von wo dies Land nur kleine Überströmungen erlitt. Amerika ward nur von Siberien aus im Norden etwas hergenommen; der Süden aber blieb frei also, wie die meisten Inseln des großen Meeres.
HG|3|358|1|1|Warum die Sündflut keine weltweite Ausdehnung hatte. Erklärung der Aussage in der Bibel
HG|3|358|1|1|Am 30. August 1844
HG|3|358|1|0|Warum ward denn gesagt, die Flut ergoss sich dahin und dorthin? Regnete es denn nicht auf der ganzen Erde? Und war die Flut nicht überall von gleicher Stärke?
HG|3|358|2|0|Da sage Ich: Die Flut ergoss sich dahin und dorthin, weil es nicht über die ganze Erde geregnet hatte und daher die Flut auch nicht von gleicher Stärke sein konnte, – und das darum, weil es nicht überall regnen konnte und die Flut auch nicht überall vonnöten war.
HG|3|358|3|0|Hätte es wohl in den überkalten Polargegenden regnen können, wo sogar die Luft gefriert? Und wozu wäre der vierzigtägige Regen in jenen Gegenden gut gewesen, wo noch kein Mensch wohnte und auch wenig oder gar kein Getier? Oder was hätte der Regen über dem Weltmeer bewirken sollen? Etwa die Fische ersäufen? Und endlich, wenn das natürliche Flutgewässer auf der ganzen Erde über jedem Punkt gleich eine Höhe von über dreitausend Klaftern erreicht hätte, wohin hätte es dann wohl abfließen und sich verlaufen sollen?
HG|3|358|4|0|Man könnte wohl sagen: Es hat sich verdunstet zum Teil und ist zum Teil von der Erde eingesogen worden!
HG|3|358|5|0|Wenn das aber zur Verminderung solch eines Gewässers genügte im Verlaufe von einem Jahr, da wäre das Weltmeer schon lange bis auf den letzten Tropfen von der Erde verschwunden, da es doch nicht einmal den kleinsten Teil jener Wassermenge ausmacht, so die ganze Erde eine Wassererhöhung von nahe viertausend Klaftern erhielte!
HG|3|358|6|0|Zudem geht durch das Verdunsten nichts verloren, denn das verdunstete Wasser sammelt sich ja wieder in den Wolken und fällt allezeit wieder in einem gleichen Quantum zur Erde zurück. Der gleiche Fall ist es aber auch mit dem eingesogenen Wasser in die Poren der Erde; es sammelt sich da das eingesogene Wasser in den gewissen Behältern und tritt dann teils durch Nebel und teils durch periodische Quellen auf die Erdoberfläche.
HG|3|358|7|0|Aus diesem Grunde stünde dann eine solche allenthalben gleich hohe Flut Noahs noch heutzutage in derselben Höhe, als wie da das gesamte Meer noch bis zur Stunde mit wenigen Variationen dasselbe ist, wie es zu Adams Zeiten war.
HG|3|358|8|0|Darum war die Flut wohl nur dort in ihrem verderblichen Auftritt, wo die arge Menschheit zu Hause war, und bedeckte da besonders Mittelasien wohl auf eine Höhe von viertausend Klaftern über dem Meeresspiegel, von wo aus sie sich dann wohl sehr weit und breit hin nach allen Seiten ergoss!
HG|3|358|9|0|Wenn es aber in der Schrift auch heißt: „Über alle Berge der Erde, und außer, was die Arche trug, blieb nichts Lebendiges auf dem Erdboden!“, – so muss das nicht buchstäblich auf die Naturerde selbst bezogen werden; denn unter ‚Bergen‘ wird nur der Hochmut und die Herrschsucht verstanden von Seiten der Menschen. Und dass auf der Erde kein Leben übrigblieb, außer in der Arche, besagt, dass Noah allein ein geistiges Leben in Gott und aus Gott getreuest behielt.
HG|3|358|10|0|Wer das wohl beachtet, der wird es wohl einsehen, dass die Flut Noahs wohl eine große örtliche, aber deswegen dennoch keine völlig allgemeine war, und das darum, weil nur in Mittelasien die Menschen durch Tollkühnheit dazu selbst die Hauptveranlassung waren, was in den anderen Weltteilen nicht der traurige Fall war.
HG|3|359|1|1|Die unglaubliche Höhe der Sündflut
HG|3|359|1|1|Am 31. August 1844
HG|3|359|1|0|Es bezeichnet aber schon das Wort ‚Flut‘ ein Sich-Ergießen des Gewässers über die Erde, von Hanoch aus, und durchaus kein allgemeines Standgewässer über die ganze Erde.
HG|3|359|2|0|Hanoch selbst bedeckte mit seinen weitgedehnten Umgebungen einen Bezirk und einen engbewohnten Flächenraum von nahe achttausend Quadratmeilen, also ein Land für sich, das da sehr geeignet und groß genug gewesen wäre, in der jetzigen Zeit ein bedeutendes Königreich zu sein. Dazu herrschte es mit geringer Ausnahme über ganz Asien und trieb allenthalben sein Unwesen.
HG|3|359|3|0|Nun lassen wir über diesen übergroßen Raum einen über dreitausend Klafter hohen Wasserhaufen kommen, und es wird sich zeigen, wie weit dann die Überflutung reichen kann, und besonders, wenn man erwiesenermaßen annehmen kann, dass Mittelasien der Erde höchstes Land war und zum größten Teil gegen Südosten es noch gegenwärtig ist.
HG|3|359|4|0|Man könnte hier freilich einwenden und sagen: „Gut, wenn die Flut Noahs nur ein großörtliches Hochgewässer war, wie konnte es denn da natürlicherweise eine so schauderhafte Höhe erreichen, ohne vorher nach allen Seiten sich in hundert Meilen breiten Strömen abfließend zu ergießen?!“
HG|3|359|5|0|Auf diese fragliche Einwendung diene folgende Berichtigung: Fürs Erste war der vierzigtägige Regen wohl über ganz Asien, einen großen Teil von Europa, wie auch Nordafrika verbreitet und verursachte schon für sich große Tälerüberschwemmungen; aber da in diesen Fremdlanden die unterirdischen Gewässer nicht dazukamen, so konnte die Überschwemmung oder die Flut keine solche Höhe erreichen wie eben in Asien, wo der Austritt der unterirdischen Gewässer den Hauptausschlag gab.
HG|3|359|6|0|Wenn aber jemand ganz sicher annehmen kann, dass fürs Zweite in Asien zu den stärksten Regen mehrere Hunderte von den gewaltigsten Springquellen kamen, von denen die kleinste in einer Minute Millionen Kubikfuß Wassers auf die Oberfläche der Erde lieferte, so wird es wohl begreiflich, wie die Flut Noahs über Asien eine solche Höhe hatte erreichen können trotz des allseitigen und gleichzeitigen mächtigsten Abflusses.
HG|3|359|7|0|Von da aus konnte sie sich dann ja wohl in alle Weltgegenden mit der furchtbarsten Gewalt ergießen und jene diluvianischen Gebilde zuwege bringen, die noch die Gegenwart allerorts reichlichst aufweist, die aber jedoch nicht zu verwechseln sind mit jenen, welche von den periodischen Meereswechselungen herrühren.
HG|3|359|8|0|Die Hauptspuren der Noachischen Flut sind das vielfach vorkommende, auf ziemlichen Höhen rastende Stromgeröll, die hier und da vorkommenden versteinerten Knochen vornoachischer Tiere, wie auch die häufig vorkommenden Braunkohlenlager, dann auch die sichtlichen Abspülungen der Berge, dass sie nun ganz nackt dastehen. Alle anderen Gebilde gehören entweder den Meereswanderungen oder großen örtlichen Feuereruptionen an.
HG|3|359|9|0|Also wäre nun das Wesen der Noachischen Flut auch physisch dargetan, und so wollen wir nun zur Dauer und zum Ende derselben übergehen.
HG|3|360|1|1|Dauer der Flut. Die Arche auf dem Berg Ararat. Noah lässt Vögel ausfliegen. Noahs Auszug aus der Arche
HG|3|360|1|1|Am 2. September 1844
HG|3|360|1|0|Wie lange hat denn die ungeminderte gleich hohe Flut auf Erden gedauert?
HG|3|360|2|0|Die gleich hohe, also höchste Flut dauerte einhundertfünfzig volle Tage.
HG|3|360|3|0|Wie war denn das möglich, da es der ersten Angabe nach nur vierzig Tage geregnet hatte?
HG|3|360|4|0|Der Stromregen hatte nach vierzig Tagen wohl aufgehört, aber der stets mächtiger werdende von unten herauf dauerte einhundertfünfzig Tage und erhielt die fortwährende gleiche Wasserhöhe.
HG|3|360|5|0|Erst am hundertfünfzigsten Tag wandte der Herr wieder Sein Gesicht zur Erde, und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft und die Wasserschläuche des Äthers vollkommen zugebunden; denn bis zum hundertfünfzigsten Tag hatte es immer ortsweise geregnet, wie nun bei Ungewittern ein Platzregen fällt auf die Erde.
HG|3|360|6|0|Nach dieser Zeit erst fing sich das Wasser an zu verlaufen, und am siebzehnten Tag des siebenten Monats (17. Juli) fand die Arche Grund und saß auf der sehr geräumigen Spitze des Berges Ararat nieder, durch die Kraft des Herrn dahin geleitet.
HG|3|360|7|0|Das Wasser aber nahm dann sichtlich ab bis auf den zehnten Monat (Oktober), und aller Berge Wesen, selbst der kaum siebzig Klafter hohen, war von der Zeit an außer dem Wasser, das nunmehr nur noch die Täler und niederen Hügel bedeckte.
HG|3|360|8|0|Um vierzig Tage später, also am 10. November, öffnete Noah zum ersten Mal das Fenster am Dach der Arche und ließ einen Raben ausfliegen. Dieser fand aber schon sein Land, flog von einem Ort zum anderen und kam nicht wieder in die Arche zurück.
HG|3|360|9|0|Da aber der Rabe nicht wiederkam, da ließ Noah alsbald eine Taube ausfliegen, auf dass er erführe, ob das Wasser auf der Erde gefallen sei.
HG|3|360|10|0|Die Taube aber, da noch alles kahl und feucht war und in den Tälern noch gewaltige Wasserströme abfließend tobten und sie für ihren Fuß keinen Platz fand, kam wieder zurück und setzte sich auf die durchs Fenster ausgestreckte Hand Noahs, und dieser nahm sie wieder in den Kasten.
HG|3|360|11|0|Von da harrte Noah noch sieben Tage und ließ am achten Tag wieder eine Taube ausfliegen; diese kam erst am Abend zurück und brachte in ihrem Mund ein abgepflücktes Blättchen eines Ölbaumes; und das war dem Noah ein Zeichen, dass das Gewässer gefallen war auf der Erde.
HG|3|360|12|0|Denn also nur durfte er es erfahren, da es ihm der Herr also angeraten hatte geheim in seinem Herzen.
HG|3|360|13|0|Nach abermals sieben Tagen ließ Noah wieder eine Taube ausfliegen; diese aber kam nicht wieder, da sie schon Nahrung auf dem trockenen und neu bewachsenen Erdboden fand.
HG|3|360|14|0|Aber Noah harrte von da an noch bis auf den ersten Monat des neuen Jahres, da er sich im sechshundertundersten Jahr seines Alters befand.
HG|3|360|15|0|Da war das Gewässer bis auf den Normalstand auf der Erde zum größten Teil abgelaufen in die großen Meere, und die Erde ward trocken durch ein fortwährendes Wehen der warmen Mittagswinde.
HG|3|360|16|0|Da griff Noah mit seinen Söhnen am 1. Jänner zu, und schlug das Dach von dem Kasten, und sah dann zum ersten Mal auf die erneute Erde vom hohen Ararat herab, und ersah kein Wasser mehr und die Erde völlig trocken.
HG|3|360|17|0|Er aber harrte dennoch bis zum 27. Februar auf des Herrn Wort.
HG|3|360|18|0|Da kam der Herr zu Noah, und behieß ihn, wie im ersten Buch Mosis, Kapitel 8, beschrieben steht, aus der Arche zu ziehen.
HG|3|360|19|0|Und Noah öffnete alsbald das große Tor, und alles flog, ging und kroch aus dem Kasten und suchte sich Wohnungen auf der erneuten Erde; und der Herr sorgte, dass alles alsbald wieder seine Nahrung fand.
HG|3|360|20|0|Und so hatte Noah ein Jahr und zehn Tage mit den Seinen in der Arche verlebt.
HG|3|361|1|1|Noahs Dankopfer. Der Bund des Herrn
HG|3|361|1|1|Am 3. September 1844
HG|3|361|1|0|Als aber Noah und alles, was da Leben hatte, aus dem Kasten gegangen war, da errichtete Noah mit seinen Söhnen einen Altar aus glatten Steinen, ließ hinzutragen das Holz des abgeworfenen Daches der Arche, schlachtete dann von allen reinen Tieren ein männliches Stück und zündete dem Herrn ein großes Brandopfer an und lobte und pries mit seinem ganzen Haus Gott den Herrn über und über.
HG|3|361|2|0|Der Herr roch den lieblichen Geruch des Opfers, der da war die Liebe Noahs und der Seinen zu Gott, und sprach darum auch aus und in Seinem Herzen zu Noah: „Ich werde hinfort die Erde nicht mehr verfluchen der Menschen wegen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von der Jugend an! Und so will Ich hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie Ich es nun getan habe; und so lange die Erde Erde sein wird, soll nicht aufhören Same und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht!“
HG|3|361|3|0|Darauf legte der Herr Seine rechte Hand auf das Haupt Noahs und segnete ihn und somit sein ganzes Haus.
HG|3|361|4|0|Und als der Herr den Noah also gesegnet hatte, da sprach Er abermals zu ihm: „Seid fruchtbar und mehret euch, und erfüllt die ganze Erde sowohl mit eurem Geschlecht, wie mit eurem Geist!
HG|3|361|5|0|Euer Wesen sei zur Furcht und zum Schrecken über alle Tiere der Erde, über alle Vögel unter dem Himmel und über alles, was da kriecht auf dem Erdboden; und also seien auch alle Fische in eure Hände gegeben.
HG|3|361|6|0|Alles, was sich regt und lebt auf der Erde, sei eure Speise; Ich gebe es euch, wie das grüne Kraut. Das Fleisch aber, das sich noch regt in seinem Blut, das esst nicht (denn das Blut trägt bei Tieren wie bei Menschen Meinen Zorn und Meine Rache); darum will Ich rächen alles Blut des Menschen, wie das Blut der Tiere! (Denn im Blut ist der Tod.)
HG|3|361|7|0|Also will Ich auch eines jeglichen Menschen Leibesleben rächen des Menschen wegen! Darum bin Ich allein der Herr, und niemand soll des Menschen Blut vergießen! Wer es vergießen wird, des Blut soll auch vergossen werden!
HG|3|361|8|0|Ich habe den Menschen nach Meinem Ebenmaß geschaffen. Aber aus seinem Blut kam die Sünde; darum ist auch der Tod im Blut, und Mein Zorn und Meine Rache im Blut, und also soll alles Blut fortwährend durch des Leibes Tod gerächt werden!
HG|3|361|9|0|Die Tiere habe Ich in deine Hand gelegt, auf dass des Menschen Seele vollkommen sei; aber der Mensch bleibt in Meiner Hand, auf dass sein Geist nicht verderbe. Seid darum fruchtbar, und mehret euch auf Erden!
HG|3|361|10|0|Ich errichte mit euch einen Bund, und also auch mit allen euren Nachkommen! Und das tue Ich auch euretwegen mit allen Tieren der Erde, und an allen den Tieren, die mit euch aus der Arche gegangen sind, soll dieser Bund ersichtlich sein, auf dass eure Seele vollkommen sei, dass Ich hinfort keine solche Flut mehr werde über die Erde kommen lassen! Denn die Erde ist nun gereinigt, das sündige Fleisch vertilgt!
HG|3|361|11|0|Darum mehret euch auf der Erde von neuem; denn also habe Ich alles in eure Hände gelegt, auf dass eure Seele vollkommen bleibe, und euer Geist nimmer verderbe in Meiner Hand!“
HG|3|362|1|1|Das sichtbare Zeichen zum Gedächtnis des Bundes mit dem Herrn. Das Land Eriwan. Der Herr als Melchisedek
HG|3|362|1|1|Am 4. September 1844
HG|3|362|1|0|Und weiter redete der Herr mit Noah: „Siehe, also habe Ich nun mit euch einen Bund errichtet, nach dem hinfort keine solche Sündflut mehr soll über die Erde kommen und verderben alles Fleisch auf dem Erdboden!
HG|3|362|2|0|Ich aber will dir auch ein sichtbares Zeichen geben zum steten Gedächtnis dieses Meines mit euch gemachten Bundes! Das aber ist das Zeichen des Bundes, den Ich gemacht habe zwischen Mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch, hinfort für ewiglich:
HG|3|362|3|0|Meinen Bogen habe Ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein dieses Bundes zwischen Mir und der Erde; und wenn es sich fügen wird, dass Ich Wolken über die Erde führen werde, so soll man diesen Meinen Bogen erschauen in den Wolken!
HG|3|362|4|0|Alsdann will Ich gedenken an diesen Meinen Bund zwischen Mir und euch und allem lebendigen Getier in allerlei Fleische, auf dass hinfort nicht mehr eine Sündflut kommen solle und verderben alles Fleisch!
HG|3|362|5|0|Darum soll Mein Bogen in den Wolken sein, dass Ich ihn ansehe und dann gedenke an diesen Meinen ewigen Bund zwischen Mir und aller Kreatur auf der Erde!
HG|3|362|6|0|Und das sage Ich, dein Gott und Herr, zu dir, Noah: Das sei das wahrhaftige Zeichen des Bundes, den Ich nun aufgerichtet habe zwischen Mir und allem Fleische auf Erden!“
HG|3|362|7|0|Nach dieser Bundesrede führte der Herr den Noah in eine fruchtbare Gegend, und zwar namentlich in dieselbe, die heutzutage Eriwan heißt.
HG|3|362|8|0|Als Noah hier ankam, da verwunderte er sich, da er hier in einem mit allerlei schon vollreifen Früchten vollen Eden im dritten Monat des neuen Jahres sich befand.
HG|3|362|9|0|Der Herr aber segnete dieses herrliche Land dreimal und gab es vollends dem Noah und seinen Kindern zu eigen.
HG|3|362|10|0|Und der Noah rühmte und pries Gott darum über und über und sprach zum Herrn: „O Herr, was verlangst Du von mir nun für einen Dienst, der da für ewig verbleiben soll bei allem Samen aus mir?“
HG|3|362|11|0|Und der Herr sprach: „Du weißt, was Ich geredet habe zu Henoch! Siehe, diese Ordnung sei stets die deine; und also bleibe du in ihr für und für! Denn Ich verlange ewig nichts anderes von den Menschen, als dass sie Mich über alles lieben sollen als ihren Gott, Herrn und Vater! Das verlangte Ich vom Henoch, und das verlange Ich auch von dir und von allem deinem Samen.
HG|3|362|12|0|Ich aber will dir nun noch ein Ding offenbaren: Siehe, da es Mir nun wohlgefällt auf dieser Erde, so will Ich Mir als ein wahrer Fürst der Fürsten, Herr der Herren und König der Könige eine Wohnstätte errichten auf dieser Erde! Unweit von hier werde Ich Mir eine Stadt erbauen und werde wohnen in derselben bis zur großen Zeit der Zeiten, alswann Ich Selbst im Fleische wandeln werde unter Meinen rechten Kindern!
HG|3|362|13|0|Also soll die Erde nun der Ort sein, auf dem Meine Füße ruhen und wandeln werden!
HG|3|362|14|0|Wann Ich zu deinen Vätern kam, da ward Ich wieder unsichtbar; aber du sollst Mich nun auf Meinen Füßen über den Boden der Erde wie einen Menschen von dannen ziehen sehen gegen Abend hinauf in ein Land, das da Kanaan (gesegnetes Land) heißen soll!
HG|3|362|15|0|Du wirst es erreichen in siebzehn Tagereisen! Allda werde Ich Mir eine Stadt erbauen; diese sollst du und alle deine Nachkommen ‚Salem‘ heißen! Mein Name aber als des Fürsten der Fürsten, Herrn der Herren und Königs der Könige wird sein ‚Melchisedek‘ und Ältester (Priester) von Ewigkeit!
HG|3|362|16|0|Du bist frei, aber deine Nachkommen werden Mir den zehnten Teil von allem geben müssen; die sich weigern werden, die sollen vertrieben sein aus Meiner Nähe! Amen.“
HG|3|362|17|0|Hier zog der Herr sichtbar gen Abend hinauf; Noah aber betete dem Herrn nach, solange er Ihn ersah.
HG|3|363|1|1|Die Ansiedlung Noahs. Die Anweisungen des Herrn zum Acker- und Weinbau. Noahs Rausch und sein Fluch über Kanaan. Ham und seine Familie werden verstoßen
HG|3|363|1|1|Am 5. September 1844
HG|3|363|1|0|Nach einiger Zeit sah sich Noah um in seiner Gegend, dass er ein gutstämmig Holz fände zum Bau einer Wohnhütte; aber es war wenig oder nichts zu finden, da die Flut alle Wälder entweder versandet hatte mehrere Klafter tief, oder hatte sie – besonders von den Bergen – ganz abgeschwemmt und in den Tälern unter Schlamm und Geröll begraben.
HG|3|363|2|0|Daher bat Noah den Herrn, dass Er ihm ein Holz anzeigen möchte, daraus er sich eine Hütte erbauen könnte.
HG|3|363|3|0|Und es kam alsbald ein Bote aus der Gegend, dahin der Herr gezogen war, und führte den Noah auf einen Ort hin, da sich ein schöner Wald befand, und sprach zu ihm: „Siehe, Noah, diesen Wald hat der Herr unter dem Wasser für dich bewahrt! Daher sollst du dich hier in der Nähe dieses Waldes ansiedeln und dir hier eine Hütte erbauen nach deiner Notdurft! Also sollst du auch Äcker anlegen und anbauen allerlei Getreide, das du in dem Kasten hierher gebracht hast!
HG|3|363|4|0|Und siehe, hier zu deinen Füßen ein buschiges Gewächs; es ist der Weinstock! Dessen Zweige verpflanze ordnungsmäßig in die Erde, dünge und begrube sie sorglich, und sie werden dir gar süße Trauben voll des besten Saftes bringen!
HG|3|363|5|0|Diese Trauben presse du dann aus in ein gutes Gefäß, das zu verschließen sein muss! Lasse dann den Saft im Gefäß voll ausgären; und wenn er rein wird, dann trinke davon mäßig, und du wirst dadurch gestärkt und sehr heiter und fröhlich werden! Also will es der Herr; tue danach, und du wirst sehr fröhlich und heiter werden dein Leben lang!“
HG|3|363|6|0|Nach diesen Worten verließ der Bote den Noah, und der Noah setzte das alles alsbald ins Werk mit seinen Söhnen, die da hießen Sem, Ham und Japhet; und so hatte Noah in sieben Jahren nach der Flut eine gute und feste Wohnstätte und viele Äcker, Wiesen und einen recht schönen Weingarten, der aber erst in zehn Jahren nach dem Willen des Herrn Früchte zu tragen begann.
HG|3|363|7|0|Da sammelte Noah die Trauben und presste sie aus in ein tüchtiges Gefäß aus Zedernholz, ließ dann den Saft wohl ausgären, und als der Saft rein ward, da kostete er ihn und fand ihn überaus köstlich, dass er darum eine tüchtige Portion zu sich nahm.
HG|3|363|8|0|Da er aber die Wirkung dieses Saftes nicht kannte, so geschah es, dass er davon auch einen tüchtigen Rausch bekam und in einen tiefen Schlaf verfiel. Da aber ihm der Wein sehr viel Hitze im Leib erzeugte, so entkleidete er sich und lag ganz nackt am grünen Rasen unter einem schattigen Feigenbaum, um den die ohnedachige Wohnung erbaut war.
HG|3|363|9|0|Da nun Ham, Kanaans Vater (Kanaan ward im zweiten Jahr nach der Flut geboren), in die offene Hütte kam, vom Kanaan geführt, und ersah Noahs Scham, da ging er zu den Brüdern und erzählte das ihnen draußen.
HG|3|363|10|0|Sem und Japhet aber nahmen einen Mantel, legten ihn über ihre Schultern, gingen rücklings in die Hütte zum Vater Noah und deckten ihres Vaters Scham zu; ihr Gesicht aber war abgewandt also, dass sie ihres Vaters Scham nicht sahen.
HG|3|363|11|0|Als aber Noah von der Weinbetäubung erwachte und dann erfuhr, was ihm sein kleiner Sohn Hams angetan hatte, da sprach er zum Ham: „Verflucht sei darum dein Sohn Kanaan; er bleibe durch alle Zeiten der Zeiten ein Knecht der Knechte und sei der Geringste unter den Brüdern, weil er dir zuerst meine Scham verriet!“
HG|3|363|12|0|Darauf wandte er sich zu den zwei anderen Söhnen und sprach: „Gelobt sei der Gott Sems! Kanaan bleibe sein Knecht! Also breite Gott auch Japhet aus und lasse ihn wohnen in den Hütten Sems; Kanaan aber bleibe sein Knecht!“
HG|3|363|13|0|Darauf segnete er Sem und Japhet; aber den Ham stieß er aus der Hütte samt Weib und Kindern.
HG|3|364|1|1|Die falsche Reue Hams. Ham zieht in das Land Kanaan. Ein Bote aus Salem fordert den Zehent
HG|3|364|1|1|Am 6. September 1844
HG|3|364|1|0|Da ersah darauf Ham wohl, dass er unrecht und sehr lieblos gehandelt hatte vor seinem Vater und bereute es sehr.
HG|3|364|2|0|Das merkten die beiden gesegneten Brüder und gingen zum Noah und erzählten ihm, wie der Ham bereue seine Sünde an ihm.
HG|3|364|3|0|Noah aber sprach: „Hört, ihr meine geliebten Söhne, ich sehe den Ham ja wohl weinen; aber ob seiner Knechtschaft wegen weint er! Also bereut er wohl seinen Frevel an mir, weil er dadurch in die Knechtschaft verfallen ist; aber darum, dass er meinem Vaterherzen weh hatte getan, bereut er seine Sünde nicht! Und so bleibe er ein Knecht, weil er nicht weiß, dass das lebendige Herz seines Vaters höher steht denn seine Knechtschaft! Geht und hinterbringt ihm solches!“
HG|3|364|4|0|Und Sem und Japhet hinterbrachten alsbald das dem Ham.
HG|3|364|5|0|Dieser aber sprach: „Wahrlich, Brüder, hätte Noah ein lebendig Herz, nimmer hätte er mich verflucht zur ewigen Knechtschaft; aber da er kein lebendiges Vaterherz in seiner Brust trägt, so tat er dies!“
HG|3|364|6|0|Da sprach Sem: „Wahrlich, da tust du dem Vater hohes Unrecht; denn also spricht die Eigenliebe nur aus dir! Das Herz lässt sich nur wieder mit dem Herzen finden, ob es eines oder keines ist!
HG|3|364|7|0|Hättest du ein Herz zum Vater, da würdest du auch das seine finden; aber da du eben kein Herz zum Vater hast, so kannst du auch keines finden im Vater, und es ist begreiflich nun, warum der Vater in dir nichts findet, das da seines Herzens wäre!“
HG|3|364|8|0|Diese Lehrrede aber verdross den Ham, dass er darob Weib und Kinder nahm und etliche Kühe, Ochsen und Schafe und zog von dannen hinauf in die Gegend des heutigen Sidon (Tyrus) und nannte das Land nach seinem Sohn und sprach:
HG|3|364|9|0|„Nun, im Namen des Herrn, der auch mich gesegnet hat, will ich doch sehen, wie, wo und wann ich ein Knecht meiner beiden Brüder werde!
HG|3|364|10|0|Wahrlich, es tat mir weh der Fluch Noahs, meines Vaters, obschon ich ihn wohl verdient habe! Darum auch will ich mich rächen am Vater und an meinen Brüdern! Aber nicht durch Übles – nein, das sei ferne! – sondern durch Segen will ich meine Rache ausüben!
HG|3|364|11|0|Die mich verflucht haben, die will ich segnen, und dieser Segen soll zu Glühkohlen werden über ihren Häuptern und soll erbarmen machen ihre Herzen, und es soll das Land meines Sohnes nie ein Land des Fluches und der Knechtschaft, sondern ein Land der Herrlichkeit und ein Land des Segens heißen!
HG|3|364|12|0|Also soll mein Stamm nie dahin kommen, dass er Dienste suche in den Hütten meiner Brüder Nachkommen; wohl aber werden sie kommen und werden in diesem gesegneten Land und da in meinen Städten Wohnung suchen und nehmen! Amen.“
HG|3|364|13|0|Da kam ein Bote aus Salem und sprach zum Ham: „Dies Land gehört nach Salem, dem König der Könige; wer es bewohnen will, muss nach Salem dem König der Könige den Zehent geben von allem!“
HG|3|364|14|0|Ham aber sprach: „Herr, hier ist alles, was ich habe; nehme es, denn es ist ja Dein von Ewigkeit!“
HG|3|364|15|0|Und der Bote sprach: „Weil so dein Wille, da sei gesegnet dies Land für die Kinder des Herrn; und du sollst ihr getreuer Knecht sein!“
HG|3|364|16|0|Dies gefiel dem Ham wohl, und er gab von allem sogleich den Zehent; aber er verstand es nicht, dass der Bote die Nachkommen Japhets als die Kinder des Herrn bezeichnete.
HG|3|364|17|0|Und so lebten die Hamiten und die Kanaaniter bis zu den Zeiten Abrahams ungestört in diesem Land darum, da Ham gesegnet hatte, die ihm den Fluch gaben.
HG|3|365|1|1|Kurze Geschichte der Familie Noahs bis zu Abraham. Hinweise zu diesem Werk
HG|3|365|1|1|Am 7. September 1844
HG|3|365|1|0|Hams Kinder aber vermehrten sich noch zu den Lebzeiten Noahs sehr, denn Noah lebte noch nach der Sündflut dreihundertfünfzig Jahre, und es war sein ganzes Alter neunhundertfünfzig Jahre.
HG|3|365|2|0|Ham hatte einen Sohn, der da Chus hieß, und dieser zeugte schon den mächtigen Jäger Nimrod, der die Stadt Babel gründete. Dieser war ein Riese und maß zwölf Schuhe und war der größte unter den Kindern des Chus, die alle von riesenhafter Größe waren.
HG|3|365|3|0|Da aber Nimrod sehr mächtig ward vor den Menschen und aber dabei dennoch sehr fromm, dass man ihn den Jäger Gottes nannte, da dachte der noch lange gut lebende Ham: „Wer wohl werden die Kinder Gottes sein, als die Kinder Chus, und Kanaan wird ihnen dienen?!“
HG|3|365|4|0|Da kam wieder ein Bote aus Salem zum Ham und sprach zu ihm: „Warum wirst du eitel ob Nimrod? Siehe, nicht dir, sondern mit Sem und Japhet will der Herr Seine Kinder zeugen, und sie sollen kommen aus dem Stamme Sem und aus den Töchtern Japhets! Darum werden die Kinder Gottes sein vom Sem und werden kommen aus Japhet!“
HG|3|365|5|0|Als Ham das vernahm, da ward er betrübt; denn er ersah nun die Wirkung des Fluches Noahs über ihn.
HG|3|365|6|0|Der Bote aber sprach zum Ham: „Der Herr von Salem ist nicht wie ein Mensch, dass Er jemanden alsbald verfluchte; also kommen nicht etwa des Fluches wegen die Kinder Gottes nicht von dir, sondern allein der göttlichen Ordnung wegen!
HG|3|365|7|0|Denn wärest du auch nicht vom Noah im Kanaan verflucht worden, so würden dennoch die Kinder Gottes durch dich nicht in die Welt treten, weil du nicht der Erstgeborene bist. Sem aber ist der Erstgeborene, und Japhet der Jüngstgeborene vor der Flut; daher bleibt die Herrlichkeit beim Sem, und Japhet als der Jüngste gibt die Töchter.
HG|3|365|8|0|Du aber bist aller Knecht nach der Ordnung des Herrn; und also bist du auch darum dem Herrn näher als deine Brüder! Und darum zeichnet der Herr auch deinen Stamm aus an Kraft, Zahl, Weisheit und männlichster Gediegenheit und lässt dich zuerst wohnen in dem Land, in das Er erst spät Seine Kinder führen wird!
HG|3|365|9|0|Glaube aber du ja nicht, dass da alle Nachkommen Sems und Japhets Kinder Gottes genannt werden; oh, mitnichten! Siehe, ich habe das Stammregister Sems, das will ich dir enthüllen, und du wirst am Ende ersehen, wann da und durch wen die Kinder Gottes erst wunderbar in die Welt kommen werden! Und so höre!
HG|3|365|10|0|Sem hat gezeugt zwei Jahre nach der Sündflut den Arphachsad, wie du den Kanaan; du hast aber schon gleich im ersten Jahr gezeugt die Zwillinge Chus und Mizraim und im zweiten Jahr den Puth und Kanaan und dich wollen hervortun vor deinen Brüdern.
HG|3|365|11|0|Und siehe, das war nicht vollkommen vor dem Herrn! Daher wandte Sich der Herr zu Sem und Japhet, weil sie die Letzten waren, und gab dem Sem den Arphachsad erst mit deinem vierten Sohn und segnete ihn schon im Mutterleib!
HG|3|365|12|0|Dem Arphachsad gab Er den Salah; dem Salah den Eber; dem Eber den Pelek; dem Pelek den Regu, der heute geboren ward; dem Regu aber wird Er geben den Serug; diesem wird Er geben den Nahor; diesem den Tarah; aus dem erst werden der Abraham und seine Brüder Nahor und Haran hervorgehen!
HG|3|365|13|0|Und siehe, Abraham erst wird zum eigentlichen Vater der Kinder Gottes berufen werden!
HG|3|365|14|0|Es wirst aber du noch, wie Noah, selbst sehen den Abraham, und es werden ihn segnen vom Noah an alle lebenden Geschlechter, und du wirst ihm deinen Segen nicht vorenthalten!
HG|3|365|15|0|Bisher sind 131 Jahre nach der Sündflut verflossen, und Abraham wird im 229. Jahr nach der Flut geboren werden; also wirst du samt Noah, der von nun an noch 219 und im Ganzen nach der Flut 350 Jahre zu leben hat, den Vater der Kinder Gottes noch gar wohl kennenlernen, indem du von jetzt an noch über 300 Jahre wirst zu leben haben!
HG|3|365|16|0|Siehe, also hat es der Herr bestimmt, und das ist alles gut; darum lasse dir das gefallen, so wirst du bei Gott den gleichen Anteil haben ewig! Amen.“
HG|3|365|17|0|Darauf verließ der Bote wieder den Ham, der zu Zidon (Sidon, heutzutage Saida) wohnte. Ham war mit diesem Bescheid zufrieden und ließ völlig fahren seine Selbstsucht ob der Mächtigkeit seiner Nachkommen.
HG|3|365|18|0|Und das war bis zum Abraham Meine Haushaltung, von der da im Anfang dieses Werkes Erwähnung und Bestimmung geschah!
HG|3|365|19|0|Es wäre freilich wohl noch vieles von Noah bis Abraham zu zeigen. Aber da davon Moses schon Ausführlicheres kundgibt und danach ein jeder, der in der Entsprechungswissenschaft bewandert ist, jede Kleinigkeit finden kann, so sei damit dieses ohnehin schon sehr gedehnte Werk abgeschlossen!
HG|3|365|20|0|Wohl jedem, der das darinnen durchleuchtende Gesetz der Liebe wird zum Grundgesetz seines Lebens machen; denn er wird dann darinnen auch das wahre, ewige Leben finden!
HG|3|365|21|0|Wer es aber nur lesen wird wie ein anderes märchenhaftes Geschichtsbuch, der wird eine sehr magere Ernte bekommen für seinen Geist!
HG|3|365|22|0|Wer aber dieses Werk höhnen und verfolgen wird, der wird dem sicheren zeitlichen und ewigen Tode nicht entgehen; denn Ich werde ihn ergreifen unversehens, wann er es am wenigsten erwarten wird!
HG|3|365|23|0|Von der Veröffentlichung dieses Werkes aber wird schon zur rechten Zeit Meine Weisung ergehen an den einen oder den anderen aus denen, die da gleich im Anfang damit beteiligt wurden zur Neubelebung ihres Geistes.
HG|3|365|24|0|Also sei damit euch allen Meinen lieben Freunden und Kindern Mein reichster Segen, Meine Vaterliebe und Meine vollste Gnade geboten! Wandelt treu und unerschrocken auf diesen Wegen des Lebens, und Ich, euer aller Herr und Vater und Gott, werde euch führen an Meiner Hand in Mein Haus; und es soll niemandem ein Haar gekrümmt werden!
HG|3|365|25|0|Amen, Amen, Amen. Ende dieses ganzen Werkes.
HG|3|366|1|1|Vornoachische Gestalt der Erde
HG|3|366|1|1|Am 30. März 1864
HG|3|366|1|0|Damit ihr Gestalt und Beschaffenheit der Erde leichter begreifen und eurem Verständnis näherführen könnt, so ist es vor allem notwendig, euch die damaligen Hauptgebirgszüge, sowohl Asiens, als Europas und Afrikas, wie in einem Bild vor die Augen zu stellen; denn von vielen, die in jener Zeit bestanden haben, ist in der Jetztzeit keine Spur mehr anzutreffen. Zum Teil sind sie bei Gelegenheit des Rücktrittes des Meeres abgeschwemmt und zerrissen worden, und ihre alten Verbindungsrücken liegen nun tief unter dem Stromgeröll der Täler begraben, und hie und da müssen sich die gegenwärtig bestehenden Ströme und Flüsse durch die von ihnen abgezwickten Gebirgsengpässe hindurchzwängen. Was aber die Hochgebirge betrifft, so sind sie – bis auf wenige – auch durch die Wirkung der verschiedenen Witterungen so von der früheren Gestalt verändert worden, dass sie ein Mensch, der nur vor tausend Jahren gelebt hat, nun nicht leichtlich wieder als dieselben erkennen würde, so er mit seinem damaligen Bewusstsein in eine Gegend versetzt würde, die er vor tausend Jahren als Mensch bewohnt hat. Man darf ja nur das Steingeröll eines nur ein paar Stunden breiten Stromtales ein wenig in den Augenschein nehmen und die Masse betrachten, die im selben, bis zu einer Tiefe von vierhundert Klaftern, durch das Wasser aus der Gegend der Hochgebirge abgelöst in einem solchen Tal, von der Entstehung eines Stromes angefangen bis zu seiner Mündung in irgendein Meer, sich befindet, und man wird dann leicht begreifen können, dass die Berge vor kaum zwei- bis dreitausend Jahren eine ganz andere Gestalt hatten als jetzt.
HG|3|366|2|0|Dieses voranzuschicken war notwendig, auf dass ihr die vornoachische Situation der Berge desto leichter versteht.
HG|3|366|3|0|Wir fangen beim Norden Europas an und ziehen uns dann teilweise nach Asien hinüber, dann in die südlichen Teile Europas und am Ende Afrikas.
HG|3|366|4|0|Von den Gebirgen, die sich nahe mitten durch Schweden und Norwegen ziehen, ging da ein starker Gebirgszug im äußersten Norden bis an das Uralgebirge und verband sich mit demselben in stets steigender Richtung und hatte eine Fußbreite bis hundert, ja bis zweihundert deutsche Meilen. Dieser Gebirgszug verband sich aber auch mit den gegenwärtigen Gebirgen Dänemarks und von da weiter mit jenem Gebirgszug, der heutigentags noch teilweise mehr oder weniger das westliche Flach-Europa von dem gebirgigen heutigen deutschen Europa bis in die Schweiz hin trennt, und es standen somit die Schweizer Gebirge im Verband mit dem Ural und dieser durch Mittelasien hin mit dem hohen Tibet. Das war demnach ein ununterbrochener Gebirgskranz, dessen selbst niedere Teile noch immer eine Höhe zwischen fünf- bis sechstausend Fuß über die Fläche des Meeres darboten; nur waren sie nicht überall von einer gleich festen Konsistenz und daher bei noch zu beschreibendem Fall der Mittelmeere, die mit dem Hauptmeer zu jener Zeit in keinem Verband standen, durch die Flutung durchgebrochen und nach verschiedenen Richtungen hinweggeschwemmt worden.
HG|3|366|5|0|Es gab in jener Zeit zwei Hauptmittelmeere.
HG|3|366|6|0|Das nördliche bestand in jenem großen Becken, das, vom heutigen Schwarzen Meer ausgehend, sich zum Teil über das ganze europäische Russland und alle confinen [angrenzenden] Ebenländer mit der gegenwärtigen Ostsee verband und teilweise auch die Ebenen von der gegenwärtigen europäischen Türkei bis zum heutigen sogenannten Eisernen Tor hin, wie auch die Engpässe bis Belgrad und Semlin bei großen Stürmen mit seinen berghohen Wogen bespülte. Das war demnach das nördliche Mittelmeer.
HG|3|366|7|0|Das zweite Mittelmeer, welches mit dem in keiner Verbindung stand und heutzutage noch den Namen „Mittelländisches Meer“ führt, dieses Meer stand ebenso wenig wie vormals das „Schwarze“ mit irgendeinem Weltmeer im Verband; aber seine Oberfläche war im Ganzen nicht minder groß als die des vorbenannten „Schwarzen“ oder „Nördlichen“. In der Gegend des heutigen Fiume zieht sich ein breites und langes Tal in das Kroatien und von da weiter in verschiedenen Verzweigungen nach dem Flussbett der Save bis nach Krain und daselbst bis an jene Gegenden, wo dessen Hochgebirge anfangen. Auf der anderen Seite bedeckte es das gegenwärtige venezianische Königreich, sowie die Lombardei und so auch einige östliche Teile von Frankreich, zog sich in Afrika durch das Niltal bis zu den Katarakten hin und bedeckte auch die heutige große Sandwüste.
HG|3|366|8|0|Denn von Asien herüber ging ein bedeutend hoher Gebirgszug, von dem heutzutage noch ganz bedeutende Spuren vorhanden sind. Dieser Gebirgszug zog sich vom nordöstlichen Teil von Afrika an bis ebenfalls an die hohen Katarakte hin, die weiterhin in Verbindung mit den heutigen Hochgebirgen Afrikas stehen. Die Straße von Gibraltar war ebenfalls im Verband mit dem heutigen Spanien, und zwar durch einen ziemlich hohen Gebirgszug, und bildete somit das zweite Mittelmeer, welches an der Flächenausdehnung dem Nordmittelmeer nichts nachgab; nur lag es im Allgemeinen um viele Klafter tiefer als das nördliche Mittelmeer, von dem das Schwarze Meer heutzutage noch ein Überrest ist.
HG|3|366|9|0|Nun gab es aber noch ein drittes Mittelmeer. Um dieses zu ermitteln, wo es sich befand, dürft ihr nur einen Blick auf diejenigen Ebenen und Täler werfen, welche heutzutage von der Donau, Drau und Mur nebst ihren Nebenflüssen durchflossen werden. Dieses kleinere Mittelmeer war in jener Zeit freilich wohl niemandem bekannt, weil in solcher Vorzeit das heutige Europa noch von keinem menschlichen Wesen bewohnt worden war. Wohl gab es eine Masse von allerlei Tieren, gewöhnlich von riesiger Gestalt, von denen man noch heutigentags in gewissen Gebirgshöhlen und aufgeschwemmten Sand- und Schotterbergen Überreste (im versteinerten Zustand) findet.
HG|3|366|10|0|Ihr müsst euch aber nicht denken, dass dieses kleine Mittelmeer als für sich allein bestehend sich vorfand; denn es gab nach ihm besonders in Europa noch eine Menge bedeutend großer Seen, die mit diesem dritten Mittelmeer nur durch schon damals bestehende Abflüsse im Verband standen. Das Krain, oder dessen Ebenen bis ins tiefe Oberkrain, war ein für sich abgeschlossener See, von dem der heutige sogenannte „Laibacher Sumpf“ ein Überbleibsel ist, der sich aber durch einen starken Abfluss bis in die Gegend des heutigen Rann mit dem zweiten Mittelmeer verband, welches die weiten Ebenen von Kroatien her bedeckte.
HG|3|366|11|0|Ein mit dem dritten Mittelmeer verbundener Hauptteil war über das heutige Drautal bis in die Gegend der Herrschaft Fall sich erstreckend und dort weg – wo die Drau sich durch eine lange Reihe von Bergen bis in die Gegend des heutigen Eis den Weg bahnen musste –, dort begann ein zweiter ziemlich bedeutender See, von dem der heutige sogenannte Werther-See ein Überbleibsel ist. Ein Teil dieses Sees aber zog sich nach dem Drautal bis weit über Villach hinaus fort, mit welchem noch viele kleinere Seen in Verbindung standen. So war das heutige Ennstal ebenfalls ein für sich bestehender See, der sich den Weg durch das heutzutage sogenannte Gesäuse bahnte und von da weiter, bis es einen bei weitem größeren See verband, welcher größere See nach dem Donautal aufwärts alle Flächen Bayerns und auch zum Teil des breiten Inntals in Tirol bedeckte. Die heutige Mur stand gleich wie die Drau mit dem dritten Mittelmeer in flacher Verbindung. Die Gegend des heutigen Wildons bis ins heutige Gösting nahm ein kleinerer See in Besitz, und hinter Gösting angefangen lag ein anderer, der Mursee, längs dem ganzen Murboden und dessen verflachten Nebentälern, die in ihrem Hintergrund ebenfalls wieder kleinere Seen hatten und mit dem Hauptsee in Verbindung standen durch kleine Abflüsse. Die heutige Schweiz hatte dergleichen kleine Seen in großer Menge, von denen Überbleibsel noch heutzutage bestehen.
HG|3|366|12|0|Mit dem habt ihr ein genügendes Bild über den vorsündflutigen Zustand der Gebirge und der Gewässer dieses kleinen Weltteils. Nun wollen wir noch einen Blick besonders in das Mittelasien werfen und auch das Hauptgebirge, welches Mittelasien von Südasien trennt und die eigentliche Wiege des adamitischen Menschengeschlechtes ist, in Betracht ziehen.
HG|3|366|13|0|Vom Ural weg zog sich, wie schon gezeigt wurde, ein Gebirgszug bis zum hohen Tibet hin, der aber schon in jener Zeit durch eine Menge der fruchtbarsten Täler durchfurcht war, durch welche Täler die aus den Bergen kommenden Flüsse ihren Lauf hatten und sich zumeist nach Norden hin ergossen.
HG|3|366|14|0|Diese Gebirge sind nachher unter Hanochs Zeiten und besonders unter den Nachkommen Seths bewohnt worden, während die Hanochiten in den Ebenen auch weit über diesen Gebirgszug sich ausbreiteten. Da sie aber sahen, dass die Bewohner der Berge viel vorteilhafter daran seien als sie in ihren fruchtbaren und überweit gedehnten Ebenen, so fingen sie diese Gebirgsbewohner stets mehr und mehr zu necken und zu verfolgen an und ließen von diesen Verfolgungen trotz der oft an sie ergangenen Mahnungen nicht ab, sondern fingen mit Hilfe ihrer Sprengkörner, von denen das heutige chinesische Pulver noch ein Abkömmling ist, diese Berge, in die sie tiefe Löcher bohrten, buchstäblich zu zersprengen und zu zerstören an. Dadurch verschafften sie in ihrer tiefsten Blindheit nicht nur den großen Gewässern, über deren Bassins diese Berge standen, sondern auch jenen in weiter Ausdehnung, die da Tibet und der Taurus deckte und nördlich in weiten Strecken hin der Ural, den Ausweg. Dadurch entstand besonders in der Gegend des heutigen Kaspischen Sees, wo einst Hanoch stand, die größte Immersion, und der Durchbruch der Wässer war so gewaltig, dass er eine Höhe zwischen sieben- bis achttausend Fuß über die anderen Meere erreichte, und ward noch durch einen über ganz Mittelasien bewirkten, lang anhaltenden Regenfall vermehrt und unterstützt.
HG|3|366|15|0|Dieser außerordentliche Hochstand des Wassers in ganz Mittelasien bahnte sich dann zu einem starken Teil einen mächtigen Abfluss durch das heutige Wolgatal, erhöhte dieses Mittelmeer um viele Klafter; diesem konnte besonders in der Gegend des heutigen Konstantinopel die ohnehin nicht so überfeste Landenge umso weniger mehr zum Durchbruch ein Hindernis stellen, als sich bei dieser Gelegenheit außerordentliche Feuereruptionen, notwendig weithin alles verheerend, gebildet hatten.
HG|3|366|16|0|Wie hoch die Wässer Mittelasiens von selbst gestiegen sind, beweist, dass Noah mit seinem Kasten auf einer Hochebene des Ararat einen Boden fand, auf dem der Kasten sitzenblieb. Das meiste Gewässer dieses Mittelasiens fand dann seinen Hauptabfluss freilich nur nach Norden und Osten; aber ein äußerst bedeutender Teil auch nach Süden und Westen. Dadurch war das zweite große Mittelmeer derart überfüllt, dass es zum Teil durch seine Schwere und zum größten Teil durch die unterirdischen Feuereruptionen sich den reißenden Ausweg in den Atlantischen Ozean machte und sich in ein paar hundert Jahren derart verfloss, dass alle die unmittelbar in seiner Verbindung stehenden gegenwärtig zum Teil sehr fruchtbaren Ebenen zum größten Teil trockengelegt wurden, – wonach besonders die Küstenländer von Asien aus nach und nach bevölkert werden konnten.
HG|3|366|17|0|Zu einem großen Teil aber haben die noch am Leben gebliebenen Völker des hohen Mittelgebirges von Asien und auch jene des Ural, der in jener Zeit bis an das Nordmeer hin ein fruchtbarer und breiter Landstrich war, von welchem aus dann auch der übrige nördliche Teil Europas besonders auf den Bergen hin bevölkert worden ist, dies bewerkstelligt. Von jenen Völkern stammten auch die Taurisker her, welche sich auf den Bergen Steiermarks und vieler anderer Länder sesshaft machten und lange ruhig untereinander fortlebten, bis der Römer und Griechen Hab- und Gewinnsucht sie ausfindig gemacht hatte.
HG|3|366|18|0|Die Landenge, die in der Zeit der hanochitischen Flut Europa mit Asien verband, hieß von dem dortigen Erzvater, der auch zu den Gebirgsbewohnern gehörte und eine Art Prophet weit durch das westliche Asien abgab und Deukalion hieß – das heißt „von Gott Gesandter“ oder „von Gott komm ich her“ –, auch die Landenge von Deukalion, und [die Sündflut] wurde daher auch von den Völkern, welche den südasiatischen Teil bewohnten, lange hin die Deukalionische Flut benannt, bis erst nach einigen Jahrhunderten die Nachkommen Noahs die Hauptursache und den Hergang dieser Flut mit all den Nebenumständen kundgaben. Im Verlaufe von vielen Jahren wurde nach den Überbleibseln großer Seen Mittelasien zum trockenen, aber leider bis jetzt noch wüsten und unbewohnbaren Land; nur gegen China hin und an den nördlichen Füßen des tibetanischen Hochgebirges ist es fruchtbar und bewohnbar.
HG|3|366|19|0|Aus diesen Länderteilen stammen die euch bekannten Mongolen, Hunnen, Tataren und Turkomanen her, die nach Überbevölkerung ihrer Ländereien sich zu einer Auswanderung genötigt sahen und sich zum Teil nach Osten und zum Teil nach Westen wandten, wo sie allenthalben den früheren dort lebenden Einwohnern große Not und Verlegenheit bereiteten.
HG|3|366|20|0|Im Osten fühlten die alten Sihiniten und in Japan die Meduhediten die Macht und Schwere der Mongolen, und im Westen hatten sich besonders die Hunnen, in Verbindung mit den Tataren, und späterhin die Turkomanen sehr fühlbar gemacht und bewirkten die in jene Zeiten fallenden euch wohl bekannten großen Völkerwanderungen.
HG|3|366|21|0|In der Jetztzeit hat man in den wüsten Teilen Mittelasiens wohl schon häufig Versuche gemacht, es oasenweise fruchtbar zu machen; aber der Verstand zum Fruchtbarmachen solch wüster Ländereien steht noch zu tief in der Nacht ihres heidnischen Aberglaubens begraben, und daher wird dieser große Landstrich noch sehr lange zu warten haben, bis er zu seiner alten vornoachischen Fruchtbarkeit gelangen wird.
HG|3|366|22|0|Wie fruchtbar in jener Zeit mit Einschluss eines großen Teils von Sibirien die Länder waren, beweisen die heutzutage noch häufig aufgefundenen, unter dem ewigen Schnee und Eise ruhenden Mammuts und noch eine Menge anderer gras- und laubfressender Tiere, die sich nach der Zerstörung dieses überaus fruchtbaren Landes nicht mehr ernähren konnten und somit schon lange völlig ausgestorben sind. Dazu gehören nebst dem großen Mammut die Riesenhirsche, die Riesenschafe, das eingehörnte Riesenpferd und dergleichen mehr, von denen man noch zum Teil im Uralgebirge und zum großen Teil in den Höhlen des nördlichen Tibet und auch unter dem Schnee und Eis Sibiriens versteinerte Überreste findet.
HG|3|366|23|0|Es könnte hier leicht jemand fragen, warum man nicht auch besonders in Sibirien Überreste von Menschenkörpern vorfindet. Und die Antwort ist: weil der Menschenkörper viel ätherischer in allen seinen Teilen und somit auch verwesbarer vom Urbeginn an erschaffen ist, – das heißt, was die Nachkommen Adams betrifft!
HG|3|366|24|0|Was aber die voradamitischen, sogenannten Tiermenschen, Cephonasims (Betrachter des Firmaments) genannt, betrifft, so finden sich von selben wohl noch hie und da versteinerte Überreste vor, wie sich auch hie und da noch Abkömmlinge dieser Art Tiermenschen vorfinden und ihren Standpunkt zwischen den Nachkommen Kahins und den gegenwärtig vorkommenden Affen, als Schimpansen und Orang-Utans, einnehmen.
HG|3|366|25|0|Sie besaßen aber unter allen Tiergattungen die größte instinktmäßige Intelligenz und bauten sich hie und da ihre freilich höchst einförmigen Wohnungen und verlegten auch die eben nicht zu breiten Stellen der Bäche und Flüsse mit Steinen und bauten sich dadurch eine Art Brücke über solche Stellen; und fing das Wasser an, über solche Brücken zu fließen, was gewöhnlich der Fall war, da legten sie bald hinter der alten Stelle, wo die Strömung herkam, eine zweite und höhere und setzten diese Arbeit nicht selten so lange fort, bis in plump terrassenförmiger Richtung oft zehn und mehrere solcher Brücken entstanden, die ihnen am Ende aber wenig nützten, weil das Wasser hinter ihnen immer zu schwellen anfing und diese Brücken samt und sämtlich wieder überströmte.
HG|3|366|26|0|Von diesen mit einem kurzen Schweif, der aber mit einem starken Büschel Haare bewachsen war, versehenen Menschen waren sonach die erbauten Mauern, von denen man heutzutage noch Spuren vorfindet, und ihnen ein hohes Alter gibt, was mitunter auch der Fall ist, dass manche solcher vorgefundenen Mauern, besonders in den Gebirgsgegenden, das Alter Adams weit übersteigt; aber sie sind ebenso wenig Werke eines freien menschlichen Verstandes als die ganz zweckmäßig gebauten Häuschen der Biber an jenen Gewässern, in denen diese Tiere ihre reichliche Nahrung finden.
HG|3|366|27|0|Es gibt noch andere Tierarten auf der Erde, die sich ihre Wohnungen also erbauen und einrichten, dass die Menschen selbst, so sie eine solche finden, darüber höchlich erstaunen; aber man erkennt diese Wohnungen dennoch daran gar leicht als Tierwerke, weil sie gleichfort in der gleichen Art und Form vorkommen. Auch kann der Stoff, aus dem sie gebaut sind, wohl von einem erfahrenen Chemiker analysiert werden, woraus er besteht, aber das Baumaterial ist ebenso wenig aus der Natur heraus zu bewerkstelligen als der Stoff, aus dem die Spinne ihren Faden spinnt, die Biene ihre Zellen baut und die Schnecke ihr Haus. Und wie es mit derlei Tieren sich verhält, so verhält es sich auch um nicht viel besser mit den eigentlichen Präadamiten, die in den Wäldern Afrikas und hie und da Amerikas vorkommen.
HG|3|366|28|0|Ich meine, dass Ich euch in möglichster Kürze die adamitische Gestalt der Erde mehr als hinreichend klar gezeigt habe, und ihr werdet darüber weiter nicht viel mehr zu fragen haben.
HG|3|366|29|0|Nur zwei abschließende Bemerkungen mache Ich noch.
HG|3|366|30|0|Die erste ist, dass sich die gegenwärtige Donau erst in etlichen hundert Jahren später durch das Eiserne Tor den gegenwärtigen Weg gebahnt hatte, wo aber dennoch auch Menschenhände in Anspruch genommen werden mussten, um durch das Eiserne Tor dem Strom das lange hin noch sehr gültige Bett derart zu regulieren, dass diese Stelle nun auch für größere Fahrzeuge fahrbar war. Wohin sich die vorbeschriebenen Mur-Seen ihre sie einrahmenden Hindernisse geschafft haben, da dürft ihr nur die den Murboden umliegenden Hügel und den Murboden selbst in Augenschein nehmen, und deren Geröll wird es euch gleich sagen, wie diese Hügel entstanden sind und daneben auch das gegenwärtige dritte von der Mur gebildete Ufer; da werdet ihr die Überreste von den nach und nach zerstörten Uferdämmen leichtlich finden.
HG|3|366|31|0|Auf dem Boden um Graz werdet ihr leicht noch in einer nicht sehr bedeutenden Tiefe zentnerschwere Rollsteine finden, und zum größten Teil von sehr harter Konsistenz. Unter Wildon hinab gibt’s die Mur schon wohlfeiler; nur hie und da, aber schon in einer ziemlichen Tiefe, finden sich noch schwerere abgerollte Kalksteine vor, weiter unter Radkersburg bis zum Ausfluss derselben in die Drau werdet ihr nur mehr Sand als abgerollte Steine finden, und das darum, weil die Mur dort schon ein sehr breites Bett hatte und keinen großen Druck mehr ausüben konnte, weil ihr Fall ein zu geringer war.
HG|3|366|32|0|Geht hin nach Ägypten, und ihr findet bis in die ziemliche Nähe der Katarakte nur sehr wenig Steingeröll, dafür aber eine desto größere Menge rotbraunen und mitunter auch weißlichen Sandes. Die Ursache davon ist, weil dieser Strom bis in die Gegend der Katarakte hin mit dem gegenwärtig mittelländischen Meer noch immer in der wenig abweichenden Falllinie sich befindet, – was nämlich die Höhe betrifft –, während andere Ströme gegen das Meer zu einen stärkeren Fall haben, mit Ausnahme der Donau ins Schwarze Meer, der Wolga ins Kaspische und des Amazonenstroms in Amerika ins Atlantische Meer.
HG|3|366|33|0|Was aber die Annahme einer Überflutung Amerikas betrifft, von der unter den Ureinwohnern dieses Weltteiles einige dunkle Sagen bestehen, so ist damit zum Beweis einer dortigen allgemeinen Überflutung soviel als gar nichts gesagt! Denn in jener Zeit standen die Niederungen dieses Weltteiles ohnehin noch unter Wasser. Mit der Zeit wurde dieser von Norden nach Süden weitausgedehnte Weltteil zuallermeist durch die inneren Feuereruptionen über den Meeresspiegel stets mehr und mehr emporgehoben, und das Meer war genötigt, immer mehr und mehr abzufließen.
HG|3|366|34|0|Dazu trat noch ein anderes für diese Erde großartiges Naturereignis:
HG|3|366|35|0|In jener Urzeit der Erde, in welcher nach dem Gesetz der Meereswanderung sich der größere Teil des Meeres noch mehr gegen Norden hin befand, ging von der äußersten Westküste Afrikas eine ununterbrochene Inselreihe bis an die östliche Ecke des heutigen Brasilien hin und teilte somit das Nordmeer des Atlantischen Ozeans von dem südlichen; und diese beiden Meere standen nur durch eine Menge Meerengen im Verband, von denen die größte kaum die Breite des Roten Meeres hatte.
HG|3|366|36|0|Allein in jener Zeit, in der von der unterirdischen Feuergewalt alle damaligen Weltteile, besonders aber der Meeresgrund, viele Veränderungen zu erleiden bekamen, versank auch der größte Teil der vorbenannten Inselreihe, wie auch viele tausend größere und kleinere Inseln des großen Weltmeeres, in den tiefen Grund, und das Nordmeer konnte sich dann durch dieses breite Tor ungehinderter ins Südmeer ergießen, und es traten dann im nördlicheren Teil der Erde viele Inseln und andere Flachländer in den nutzbaren Vorschein, und somit auch die Ländereien Amerikas.
HG|3|366|37|0|Dafür aber ist die vormals noch weit gegen den Südpol hinabreichende Spitze Afrikas bis jetzt noch unter Wasser; darum denn auch das Meer weit hin unter dem Vorgebirge der Guten Hoffnung eine Art Berg bildet, über den die Schiffe besonders bei schlechten Winden schwer darüberkommen und oft einen großen Umweg machen mussten, um auf den flachen Teil des Ostmeeres zu gelangen. Die Dampfschiffe nun haben’s freilich leichter.
HG|3|366|38|0|Da habt ihr denn nun auch die Sündflut Amerikas und von einer Menge größerer und kleinerer Inseln, und forscht über diese Mitteilung nicht weiter, ansonst Ich euch in die Urschöpfungsperioden und vielen Meereswanderungen zurückführen müsste; und ihr würdet da nicht viel Nützlicheres in Erfahrung bringen als jenes alte Weib, das da nicht begreifen konnte, wie sie zu so vielen Falten und Runzeln gekommen ist, trotzdem sie immer gut und keusch gelebt habe und man, als sie als Mädchen noch zwanzig Jahre alt war, am ganzen Leib sogar um einen Weltpreis nicht eine Falte hat entdecken können.
HG|3|366|39|0|Ja, da kann man dann nichts anderes sagen als: „Das hat alles Gott der Herr so eingerichtet, dass sich die Zeiten ändern und wir Menschen mit allem, was uns umgibt, mit den Zeiten!“
HG|3|366|40|0|Lassen wir daher nun die Erde ruhen; in tausend Jahren wird sie ohnehin schon wieder ganz anders aussehen. Und somit gut und zu Ende mit dieser Erklärung, die Ich euch darum gab, damit ihr so manches andere aus den Evangelien und den Schriften Mosis leichter begreift. Amen.
HIM|1|400413|1|1|Schlüssel zur Schrift – 13. April 1840
HIM|1|400413|1|0|Da, wo Ich am wenigsten zu sagen scheine, da sage Ich am meisten. Und wo Ich aber am meisten zu sagen scheine, da sage Ich nur so viel, als ihr zu ertragen imstande seid.
HIM|1|400413|2|0|Das sei euch ein neuer Schlüssel zu dieser Meiner Schrift!
HIM|1|400418|1|1|Von weltlicher Amtsmacht – 18. April 1840
HIM|1|400418|1|0|Hier seien ein paar Worte gerichtet an den Andr. H., der da ein weltliches Amt auszuüben hat, das ein Recht ist zum zeitlichen Wohle der Weltgroßen, durch Unterdrückung der Kleinen und Schwachen, die da sind ohne Macht und Kraft der Welt und müssen die Großen ernähren für nichts als für die Aufrechterhaltung eines Rechtes, das alle Lasten legt auf ihren schwachen Nacken.
HIM|1|400418|2|0|Außer Meine Liebe in euch und der daraus hervorgehenden Weisheit, welche beide zusammen sind die ewige Ordnung, aus der heraus alles, was da ist, gemacht wurde, vom Größten bis zum Kleinsten, jegliches in endloser Zahl, gibt es nirgends ein Recht, als bloß in dieser Meiner Liebe, die alles gerne gibt, was sie hat, die sich nichts aneignet, um etwas zu besitzen, sondern nur um desto mehr geben zu können; die nichts zerstört, sondern nur alles erhalten will, damit nichts zugrunde gehen möchte, die allezeit bereit ist, für andere alles zu tragen, damit es jedem wohlergehe in der großen Erleichterung seiner Bürde; und die noch dazu geduldig, sanftmütig und voll Demut und Ergebenheit ist gegen jede Anforderung der ihr allein zukommenden Weisheit, ja selbst zum Wohle anderer imstande der Kraft ist, alle erdenklichen Unbilden zu erdulden in ungetrübter Gelassenheit. Denke, ob es außer ihr noch etwas gibt, was „Recht“ heißen könnte oder dürfte?
HIM|1|400418|3|0|Wenn du dazu noch bedenkst, dass der Liebe aus Mir allezeit der gerechte Anteil der wahren, freien Weisheit hinzukommt, welche die alleinige gerechte Gesetzgeberin ist, alles am besten ordnet und alles durchleuchtet und wohl durchschaut – ja, wenn also irgendwo Meine Liebe zum Grunde ist, da ist auch das wahre Recht. Wo aber diese nicht ist, da ist auch kein Recht, sondern nur das blanke Gegenteil. Ein solches (Un-) Recht beruht dann auf der Eigenliebe und ist in seiner wahren Natur nichts anderes, als ein human aussehendes Faust- oder Raubrecht. Und wenn es dem blinden Menschen oft äußerlich auch erscheint, als wäre es Liebe, so ist es denn aber doch nichts anderes als höllische Eigenliebe.
HIM|1|400418|4|0|Sie, die Eigenliebe, lehrt euch dann, mühsam nach und nach eure Bedürfnisse und den Vorteil eurer Handlungen erkennen und lässt euch erkennen die Mittel, eure Verhältnisse so einzurichten, dass sie gerade mit genauer Not dem Nächsten so viel Handlungsraum zulassen, wie einem Vogel im Käfig oder einem Fisch im Behälter. Von diesem Herrsch- oder vielmehr Raub-Standpunkt werden dann Gesetze gegeben in einer Unzahl, je nach der Zahl der sich aus der Eigenliebe immer mehr vermehrenden Wohlstandsbedürfnisse. Dass sie streng gehalten werden müssen, dafür wird gesorgt durch Kerker, Pulver und Tod. Mitunter gibt dann die Eigenliebe den Sklaven auch Gesetze, damit sie sich selbst untereinander nicht aufreiben in der langen Nacht der Verzweiflung, wodurch dann der sogenannte Tross auch etwas scheinbar zu gewinnen wähnt und sich ruhig verhält, da ihm doch noch erlaubt ist, etwas Weniges von dem zu genießen, was für die Tische der Machthaber durchgehends nicht mehr taugt.
HIM|1|400418|5|0|Nun siehe, dadurch werden dann die Menschen oft notgedrungen, Meine Liebe zu verlassen und selbst die Eigenliebe zu ergreifen und zu handeln im Kleinen böse, wie die Großen im Großen, die da lügen, stehlen, rauben und morden und dazu sich noch frech erkühnen, Meine Gesetze hinabzuziehen in ihren Kot, um dadurch denselben einen sogenannten, von Mir aber verfluchten „moralischen Anstrich“ zu geben. Wehe ihnen dereinst! Dadurch werden wohl die Blinden geblendet, aber Ich schaue ihre Kniffe durch und durch und gebe sie kund Meinen Kindern, die Mich zu suchen angefangen haben.
HIM|1|400418|6|0|Daher rate Ich dir, eifrig Meine Liebe zu suchen, in der alle Weisheit wohnt, aus welcher heraus du erst werden kannst ein ganz gerechter Mann in der weisen Haltung des dir anvertrauten, nicht geringen Amtes, zum wahren Wohle deiner vielen Brüder und Schwestern!
HIM|1|400418|7|0|Und glaube Mir fest: Alles, was dich die Weisheit aus Meiner Liebe lehren wird zu tun, wirst du ungehindert durchsetzen, und dir wird darob kein Haar gekrümmt werden. Denn da, wo die Weisheit gebietet, da hat sie auch von Mir zur Ausführung die besten Mittel in großer Menge.
HIM|1|400418|8|0|Dieses sage Ich, die Ewige Liebe, unterdessen nur dir allein durch Meinen schwachen Knecht, der ein williger Schreiber ist und wenig Furcht hat vor den Menschen, seit er Mich näher kennt. Amen.
HIM|1|400419|1|1|Ein Gruß aus der Höhe der Höhen – 19. April 1840
HIM|1|400419|1|0|Dieses Wort, gerichtet an den Ans. H., sei ihm ein Zeugnis, dass Mir seine Arbeit wohlgefällt! Und so er fortfährt, aus Liebe zu Mir es fleißig zu vollbringen, wie er es begonnen hat, so soll er wissen, dass Ich schon Meine Hand an den Hebel der Schleuse gelegt habe, um sie über seinem Kopf aufzuziehen und jählings einen großen Strom des Gnadenlichtes über sein Haupt stürzen zu lassen. Und Mein Segen soll dann nie mehr weichen von ihm, seinen Kindern und Kindeskindern. Und er soll nicht mehr sorgen für dieselben körperlich, sondern nur geistig!
HIM|1|400419|2|0|Ist es denn nicht schwerer, für den Körper als für den Geist zu sorgen? Daher legt das Schwere auf Mich und behaltet das Leichte für euch, damit ihr frei bleiben mögt in allen euren Handlungen und eure Kinder erkennen mögen die große Liebe des heiligen Vaters im Himmel, welcher der alleinige Geber aller guten Gaben ist, war und sein wird ewig. Das ist ein guter Rat für ihn! Das sage Ich, der liebe Vater, ihm, damit er ja Mir vollkommen vertrauen kann. Denn Ich bin gar getreu in allen Meinen Verheißungen.
HIM|1|400419|3|0|Und das sage Ich ihm auch noch dazu, dass Ich jedem, der beitragen wird zur Ausbreitung des Lichtes aus Mir, zur Erkenntnis des Guten aus Meiner Liebe und des Wahren aus Meiner Weisheit für die bald folgende große Verherrlichung Meines Namens, die Neugeburt und in derselben auch die baldige volle Wiedergeburt mit einem neuen Namen schenken werde; und Ich will ihn machen zum Zärtling Meiner Liebe, gleich meinem holden, lieben Johannes, dem Geheimschreiber Meines Wortes.
HIM|1|400419|4|0|Das sei ihm ein guter Gruß, das erste Mal wörtlich von Mir, zum Tag seiner Eingeburt! Das sage Ich, der ewige, gute, liebe und heilige Vater! Amen.
HIM|1|400423|1|1|Rechte Elternliebe – 23. April 1840
HIM|1|400423|1|0|Gib dem Weib des Ans. H. folgende Worte! Denn Ich habe ihre Sehnsucht erkannt und will ihr daher einen kleinen Trost geben, den sie ja beachten soll für sich und für ihre Kindlein, Mägdlein und Knaben.
HIM|1|400423|2|0|Ich habe Freude an jedem, der Freude hat an Mir. Und Ich habe des Wassers in großer Menge, zu geben denen, die danach dürsten. Und Meine Gnade ist ebenso breit als lang, und ist nirgends anzutreffen ein schmalerer Teil.
HIM|1|400423|3|0|Darum verteile du, Mutter des Fleisches, deine Liebe unter die Deinen, wie Ich die Gnade – damit keines Deiner Kinder ein scheeles Auge bekomme aus heimlichem Neid und nicht gut schauen möchte dereinst auf seinen Bruder oder seine Schwester! Habe ein volles und gleiches Maß der Liebe gegen jedes deiner Kinder – damit Ich ihnen dann auch ein volles und gleiches Maß der Gnade schenken kann! Sonst aber sollen die mehr Geliebten weniger Gnade und die weniger Geliebten mehr Gnade von Mir empfangen.
HIM|1|400423|4|0|Denn siehe, Ich bin ein Vater der Verfolgten, ein Tröster der Betrübten – aber auch ein sehr strenger Richter der von euch zu viel geliebten Kinder. Denn das Übermaß eurer Liebe verdirbt eure Kinder und macht sie unfähig zum Empfang Meiner Gnade. Daher lasse du künftig allen gleich angedeihen, was ihnen nützlich ist, not- und wohltut, und bezwinge dein Herz und Meine Gnade wird dich in ihre Mitte nehmen!
HIM|1|400423|5|0|Und glaube, dass Ich es bin, der dir das sagt, als euer guter Vater. Was du matt siehst, das sehe Ich scharf. Wohin du aber mit aller Schärfe blickst, da schaue Ich durch die Finger. Was die Welt richtet, das nehme Ich auf; was aber die Welt erhöht, das wird nieder zu stehen kommen vor Mir. Siehe die Ehebrecherin, gerichtet von der Welt! Ihre Schuld habe Ich in den Sand geschrieben, damit sie der Wind möge verwehen. So sollt es auch ihr alle tun, wollt ihr Meine rechten Kinder sein, die Ich mehr liebe, als du es je wirst fassen können.
HIM|1|400423|6|0|So wie die Sonne scheint und wie der Regen fällt auf alles Gras, so sei eure Liebe gegen eure Kinder! Gegen die fremden aber sei sie wie ein Feuerbrand und wie ein Wolkenbruch, damit keine Eigenliebe in euch und in euren Kindern herrsche – wodurch dann euer Vertrauen stark werde und Ich euch allezeit helfen kann und werde, da wo ihr am schwächsten seid.
HIM|1|400423|7|0|Das sei dir ein kleiner Trost! Wo Ich hinein will, da fege Ich zuerst! Das sagt euer guter, heiliger Vater. Amen.
HIM|1|400424|1|1|Kreuz, Krone und Liebe – 24. April 1840
HIM|1|400424|1|0|Der, die Freude hat an Meiner „Haut“ und da heißt M. S. und in hohen Ehren hält das Holz des Kreuzes und das Eisen der Nägel gleichachtet den Händen, die durchbohrt wurden, und das Kreuz gleich dem Gekreuzigten – und die schon viel gelitten hat wegen ihrer Doppelliebe, der sage, was Ich ihr sagen lasse, ihrer Gesundheit und ihres Heils willen.
HIM|1|400424|2|0|Sie soll das Kreuz nicht mehr lieben denn Mich und die Nägel nicht mehr denn das gekrönte Haupt! Denn die so tun, müssen viel leiden aus dieser ihrer verkehrten Liebe. Wer das Kreuz liebt, dem gebe Ich es gerne, und so die Nägel, so die Krone. Und wer aus Liebe zu Mir das Kreuz, die Nägel und die Krone liebt, der wird gekreuzigt gleich Mir. Wer Mich aber so liebt, des Kreuzes, der Nägel und der Krone wegen, der liebt Meine „Haut“, da sie ist voll Blutstropfen, Schlägen und Wundmalen, und gleicht dadurch jenen Kindern, die ihre Eltern erst dann zu lieben anfangen, wenn diese, von vielen Leiden gebückt, weinen vor der Tür ihrer Kinder.
HIM|1|400424|3|0|Wer Mich aber recht lieben will, der halte Meine Gebote und liebe Mich aus Meiner Liebe, die Ich jedem, ohne Kreuz, Nägel und Krone, ganz rein, wie Ich es bin, gegeben habe. Sage ihr: Wer mich in solcher Weise wahrhaft liebt, der liebt Mich auch ohne Kreuz, Nägel und Krone. Wessen Liebe aber zweifelhaft ist, dem werde Ich schon zukommen lassen entweder das Kreuz, die Nägel oder die Krone – damit seine Liebe befestigt werde zu Mir, da er sehen wird, dass leiden schwerer ist als lieben und dass Ich nicht Freude habe an den Leiden Meiner Kinder, sondern nur ein trauriges Herz.
HIM|1|400424|4|0|Denn seht, Mein Joch ist sanft und Meine Bürde ist leicht. Nur die Kinder der Welt müssen Meinem Reich „Gewalt“ antun, wenn sie es an sich reißen wollen. Meine Kinder dagegen sollen nicht eigenwillig ins Feld ziehen für Mich und sich ohne Not verwunden lassen von Meinem Feind – für sie werde schon Ich kämpfen. Denn die Liebe steht höher als aller eigenmächtige Kampf.
HIM|1|400424|5|0|Wer aber selber kämpfen will und Freude hat am Kampf, der muss sich schon auch auf allerlei Wunden gefasst machen und sehe zu, dass er nicht unterliege im Gefecht. Der Sieger aber steht nicht über der reinen Liebe, sondern ist unter derselben, solange er nicht die Siegerkrone in die Flamme der Liebe wirft.
HIM|1|400424|6|0|Daher: die Mich lieben, für die werde Ich kämpfen und siegen, und ihre Liebe wird Mir die schönste Siegeskrone sein. Die aber eigenmächtig mitkämpfen wollen, die werde ich verteilen auf ihre Posten. Und sie werden kämpfen müssen mit ihrer Kraft in großer Angst und Hitze, und es wird ihnen der Sieg oft sehr sauer werden und teuer zu stehen kommen, und dereinst werden sie viel Rechnung zu legen haben.
HIM|1|400424|7|0|Eines noch muss hinzugesetzt werden, nämlich: So jemand ein Haus kaufet, der begnüget sich nicht mit der Beschauung der schönen Außenseite, welche blendet; sondern er gehe zum Verkäufer und sage: „Lass mich erforschen die Grundfesten, die Mauern der Wände, die Böden und das Dach.“ Und hat er das Haus fest befunden, so kaufe er es um jeden Preis, da es ein gutes Haus ist. Ist es aber nicht so, dann lasse man es, wie es ist, und handle nicht darum mit dem arglistigen Kaufmann, selbst wenn dieser auch sagen würde, das Haus stehe schon so oder so lange – wenn ein Erdbeben kommen wird, so wird es doch zusammenstürzen. So jemand aber wohnt in einem alten Haus, der halte sich beständig reisefertig an der Türschwelle; und wenn er gewahr wird Schwebens und Wankens, dann ist es hohe Zeit, sich schnell zu entfernen.
HIM|1|400424|8|0|Das sagt der gute Hirte einem zahmen Lamm auf der harten Weide der Knechte. Amen. Ich, Jesus-Jehova. Amen!
HIM|1|400426|1|1|Ave Maria! – 26. April 1840
HIM|1|400426|0|0|Auf eine Anfrage:
HIM|1|400426|1|0|Seht, alle eure Pflicht ist, war und wird ewig sein die Liebe, d. h. die reine, göttliche Liebe in euch zu Mir und im Gleichen auch zu allen euren Brüdern und Schwestern.
HIM|1|400426|2|0|Nach dem Grad dieser Meiner Liebe in euch wird euch gegeben werden von Mir, der Ich in Meinen ganzen Wesen die Liebe selbst bin. Ihr seid, so ihr Mich liebt mit aller Kraft, allesamt liebe Kinder Meiner Liebe – welche auch befruchtet hat Maria, die Mutter meines irdischen Leibeswesens. Dieses irdische Leibeswesen aber ist ein wahrer Bruder zu euch und stark genug, euch alle zu tragen als Brüderchen und Schwesterchen mit aller Geduld und Sanftmut und euch zu führen als erwachsene Brüder und Schwestern. Und wer zum Vater will, der wende sich nur an Mich als des Vaters großen Liebling, welcher der alleinige wahre Bruder zu euch ist, voll der höchsten Liebe und Weisheit. Und so habt ihr es nicht nötig, euch an jemand anderen, als gerade an Mich, in allen euren Anliegen und Nöten zu wenden!
HIM|1|400426|3|0|Seht, der Gruß an Maria kam dereinst bei der Verkündigung aus der allerhöchsten Höhe der Heiligkeit Gottes in aller Fülle der Macht und Kraft Seines Geistes, damit euch allen die Liebe im Vater ein wahrer Bruder werde. Nun so fragt euch, was ihr jetzt noch mit diesem Gruß wollt? Maria bedarf dessen nicht und dürstet auch nicht nach demselben. Und sie weiß es auch am besten von euch allen, dass Mein Ohr schärfer ist als das ihrige und Mein Auge heller als das ihre; auch dass Meine Liebe, Meine Demut und Meine Sanftmut zunichtemacht die Liebe, Demut und Sanftmut aller, auch der allerseligsten Geister des Himmels.
HIM|1|400426|4|0|Wahrlich, es bereitete ihr eure Unwissenheit und euer grober Irrtum nur Trauer, wenn Ich nicht aus Meiner übergroßen Liebe zu euch allezeit, zuvorkommend, auf Mich nähme, was an sie oder auch an einen anderen seligen Bruder von euch gerichtet wird. Siehe, daher mache Ich die Ohren der Seligen gegen solche unangebrachte Verehrungen taub und ihre Augen blind, damit ihre Seligkeit nicht getrübt werde durch eure große Torheit.
HIM|1|400426|5|0|Wer Mich sucht, an dem wird auch Maria Freude haben, und ebenso alle Seligen. Und sie werden allezeit bereitwilligst sein, ihm zu dienen nach Meiner Liebe in ihnen, aus welcher ihnen kund wird, wo und woran es euch gebricht. Daher ist es auch unnütze, anderswo als gerade nur durch Mich zur Gnade gelangen zu wollen. Denn nur Ich allein bin die Tür zum Vater, da alle Gnade innewohnt. Wer nicht durch Mich geht, der kommt nicht dahin.
HIM|1|400426|6|0|Ihr könnt euch zwar alles dessen, was auf Meine Menschwerdung Bezug hat, ehrerbietigst und liebevollst erinnern und euch dadurch vorführen alle Fügungen Meiner großen Barmliebe für euch. Und es wird Mir solches angenehm sein. So ihr aber daraus wollt Plappergebete formen, so seid ihr zu Narren geworden oder durch die große Blindheit der Blindenleiter dazu gemacht und seid betrogen durch die betrogenen Betrüger.
HIM|1|400426|7|0|Ich aber habe euch jetzt aus Mir in allerhöchster Wahrheit gezeigt, wie sich die Sache verhält. Und so sollt ihr auch danach tun, so ihr wollt sein wahre Kinder eines und desselben guten Vaters und wahre Brüder des Sohnes der Maria, die euch liebt, so wie ihr Mich liebt. Amen.
HIM|1|400503|1|1|Drei Fragen – 3. Mai 1840
HIM|1|400503|0|0|(1) Fehlt die römisch-katholische Kirche nicht darin, dass sie den Laien den Kelch entzieht, da es doch bei Mat. 26,27 heißt: „Trinket alle daraus?“ (2) Darf die Hostie angebetet werden? (3) Sollen wir den Büchern Emanuel Swedenborgs vollen Glauben schenken?
HIM|1|400503|1|0|Für die drei Fragen, die dir zur Beantwortung vorgelegt worden sind, will Ich den Fragestellern drei harte Antworten geben, da sie fragen, ehe es an der Zeit ist, und dadurch bereichern wollen ihr Wissen eher als die Liebe zu Mir, die doch höher steht als alles Wissen. Sie bedenken nicht das, was zuerst nottut. Die Gabe der Weisheit kommt jeglichem nach dem Grad der Liebe zu Mir, welche ist das wahre „Brot“ und der wahre „Kelch“, oder „Mein Leib“ und „Mein Blut“, von dem alle Propheten, von Moses an bis auf den Johannes und von Johannes an bis auf den Emanuel Swedenborg, und alle aus Meiner Liebe gelehrten Weisen zeugen.
HIM|1|400503|2|0|Ihr seht die Sonne im Tautropfen und sagt: Das sei ein getreues Bild der Sonne, es fehle ihm nur die Wärme. Ich aber sage: Es ist leichter den Tropfen zu erwärmen, als ein getreues Lichtbild einer so großen Sonne hineinzulegen. – Da Ich das Letztere tue, warum tut ihr das leichte Erstere denn nicht und fragt demnach gar so albern, ob die Hostie angebetet werden soll oder nicht? Habe Ich euch allen nicht schon hinlänglich gesagt und gezeigt, worin die wahre Anbetung bestehe und wie Ich und die Materie uns verhalten?!
HIM|1|400503|3|0|Zur ersten Frage: Was will denn euer unzeitiger Vorwitz? Nun wisst denn, was ihr wissen wollt, und merkt es euch wohl hinter euren dicken Ohren! Macht lebendig euer Herz und seht hin nach Emmaus! Als Ich dort das Brot gebrochen habe, da erkannten Mich die Jünger auch ohne Kelch und entbrannten in ihrer Liebe zu Mir. Desgleichen tuet auch ihr! Genießt das Brot in der wahren, reinen Liebe zu Mir und stoßt euch nicht an der Form, an der nichts gelegen ist, sondern trachtet nur nach der Liebe und dem aus ihr erwachsenden Glauben! Und Ich werde euch Selbst den Kelch, voll des heiligen Geistes, welcher Mein Blut ist, reichen.
HIM|1|400503|4|0|Der Wein des Kelches ist ein Getränk, da innewohnt die Hurerei im Geiste aller Unlauterkeit. Und ihr sollt nicht dürsten danach und sollt ihn trinken lassen allein die Knechte, die da ein Grab des Unrates sind und damit befeuchten ihren unfruchtbaren Boden wegen der Verkehrtheit ihrer Liebe, damit irgendeine Frucht, die da wächst, frei werde und blühe gleich einer Sonnenblume auf den Gräbern des Unrates.
HIM|1|400503|5|0|Nur der Kelch, den Ich euch reichen werde, der ist der wahre Kelch, da aller Geist der Wahrheit und alles Lebens innewohnt! Nach dem sollt ihr dürsten!
HIM|1|400503|6|0|Zur zweiten Frage: Was die Hostie im Abendmahl betrifft, so ist sie ein Brot, gebacken aus Mehl, wie das Brot in Emmaus, und ebenfalls nur Materie, hat nicht Leben und kann nicht Leben geben – sondern ist tot und gibt den Tod.
HIM|1|400503|7|0|Nur der es bricht, segnet und gibt, hat Leben und kann dasselbe allen geben, die es zum Zeichen der wahren Liebe genießen im daraus lebendigen Glauben. Denn wo in euch wahre Liebe ist zu Mir, da ist auch die Gabe zum Zeichen wohldienlich. Wo aber die Gabe ist, da ist auch nicht ferne der Geber, dem allein alle Anbetung gebührt.
HIM|1|400503|8|0|So sucht denn zuerst die Liebe in Mir, durch die freiwillige Haltung der Gebote, so wird die Gabe euch erleuchten, und ihr werdet erkennen den Geber in der Gabe, erbrennen in der Liebe zu Ihm und anbeten Seine große Heiligkeit.
HIM|1|400503|9|0|Daher liebt zuerst, dann wird die Gabe gerecht sein, euch zur Leuchte, lebendig im Brot. Und dann erst wird des Gebers Segen sein in der Gabe. Und ihr werdet sodann im Geiste und in der Wahrheit anbeten dessen Heiligkeit.
HIM|1|400503|10|0|Zur dritten Frage: Was den Emanuel Swedenborg betrifft, so sollen sie (die Fragesteller) es versuchen, ob auch sie ohne Meine Weisheit etwa solches zu sagen vermögen!
HIM|1|400503|11|0|Er ward von Mir erweckt und wurde von Meinen Engeln geführt in alle ihre Weisheit aus Mir, je nach Graden ihrer Liebe. Und was er sagt, ist gut und wahr.
HIM|1|400503|12|0|Meine Lehre und Mein lebendiges Wort aber, das zu euch kommt aus Meinem Munde durch die Liebe in euch, steht höher denn alle Propheten und alle Weisheit der Engel! Denn die Liebe ist das Erste und Höchste, hernach kommt erst die Weisheit.
HIM|1|400503|13|0|Wer daher die wahre Liebe hat zu Mir, dem wird auch Weisheit in der Fülle gegeben werden. Wer aber sucht die Wahrheit ohne die Liebe vorher, der wird nichts finden denn Trug und wird sein ein Doppelgänger und am Ende nicht wissen, welcher eigentlich der echte ist.
HIM|1|400503|14|0|Darum liebt zuerst und lasst den Vorwitz, so wird die Sonne in euch aufgehen. Amen! Amen! Amen!
HIM|1|400503|15|0|Das seien euch drei harte Antworten aus der großen Höhe von Mir, Jehova. Amen.
HIM|1|400509|1|1|An Meine Freunde – 9. Mai 1840
HIM|1|400509|1|0|Bei euren gegenseitigen Liebesbezeugungen gönnt auch Mir einen Platz, um einen kleinen Gruß beilegen zu können. Denn seht, Ich lade Mich gleich selber ein, wenn Ich nur irgendeinen einigermaßen guten Bissen schmecke. Ich wusste aber, dass ihr Mir heute nicht unfreundlich sein werdet, so Ich Mir die Freiheit nehme, Mich in eurer Mitte als ein ungebetener Gast einzufinden.
HIM|1|400509|2|0|Seht, die Ich lieb habe, da sie Mich haben zu suchen und zu lieben angefangen und erkannt haben Meine Stimme durch Meinen armen und schwachen Knecht, zu denen komme Ich gerne – wenn auch öfter vielleicht zu einer etwas ungelegenen Zeit. Allein, was kann der Vater dafür, dass Er mehr Liebe zu Seinen Kindern hat, als die Kinder zu Ihm!? Daher müsst ihr schon Meiner großen Liebe zu euch zugutehalten, dass Ich Mich euch öfter ordentlich aufdränge. O Meine Kinder, wie habe Ich euch doch alle gar so lieb! Daher liebt auch ihr Mich, euren guten Vater, und seht allezeit auf Mich! Oh, Ich Selbst werde einst euer Lohn sein!
HIM|1|400509|3|0|Hört, die ihr Mich jetzt gerne seht in eurer Mitte, die werde Ich dereinst nehmen in die Mitte Meiner Liebe, und sie werden speisen an der großen Tafel ihres Vaters! Seht, und so werde Ich heute zum ersten Mal ganz unter euch sein. Ihr werdet Mich zwar nicht sehen mit euren leiblichen Augen. Aber eure Herzen werde Ich anrühren, so euch Mein armer, schwacher Knecht diese Worte vorlegen wird. Und dann wisst, dass Ich eingetreten bin in eurer Mitte!
HIM|1|400509|4|0|Ihr müsst euch aber nicht genieren in eurer Heiterkeit, sondern seid fröhlich und heiteren Mutes! Denn denkt, wenn Ich bei euch bin, so seid ihr ja auch bei Mir, eurem guten Vater! Und so seid ihr zu Hause, und da hat das Genieren aufgehört.
HIM|1|400509|5|0|Da Ich nun bei euch bin völlig, so nehmt denn alle, Meine lieben Kinderchen und Kinder, Meinen gewiss allerhöchst liebevollen Vatergruß hin, wie er euch allen gegeben wird! Und dieser Mein wahrer Gruß sei euch auch ein wahrer Segen, so gewiss, als Ich der wahre Vater bin für euch alle, so ihr ihn ebenso bereitwillig aufnehmt, wie Ich ihn euch allezeit gerne gebe. Der Gruß aber ist und lautet:
HIM|1|400509|6|0|Friede sei mit euch! – Meine Liebe sei euer einziger Reichtum! Und Meine Gnade erleuchte vor euch die Finsternisse der Welt und zeige euch sanft den Weg des ewigen Lebens! – Amen.
HIM|1|400514|1|1|Kirchengeist und Liebesgeist – 14. Mai 1840
HIM|1|400514|1|0|Dem, der da ist ein Furchtsamer vor Mir (mehr der Kirche als Meinetwegen) und doch gerne ein tröstendes Wort hätte, da er meint, Ich hätte etwas wider ihn, der Schwäche seines Glaubens wegen – weil Ich nicht sogleich auch ihm tat, wie denen, die schon jahrelang sich nach Meinem Licht gesehnt haben, da er noch ruhig lebte in der Außenkirche und den rauschenden Wind hielt für Meinen Geist und den Donner für die Stimme des Lebens im Sohne – diesem sage:
HIM|1|400514|2|0|Ich habe sein Herz angeschaut und habe einen guten Keim in demselben gefunden. Er soll ja recht fleißig denselben begießen mit dem Wasser des Lebens aus Mir, das er in großer Fülle finden wird in der Schrift des Alten und Neuen Testamentes. Dann wird dieses Senfkörnlein aufgehen in üppiger Frische. Und dann werden viele Geister der Himmel munter und fröhlich kommen und werden Wohnung machen unter seinen vielen Ästen und Zweigen. Und so Ich dann sehen werde die große Freudigkeit der munteren Geister unter den Ästen und Zweigen des neuen Gewächses aus Mir (in ihm), dann werde Ich kommen und auch seinen Geist in Bälde völlig erwecken und ewige Wohnung machen bei ihm.
HIM|1|400514|3|0|Er soll nicht ängstlich sein, so er Mich liebt, und soll nicht denken, die Kirche aus Steinen sei lebendig, die doch ebenso gut wie ein anderes Haus von Menschenhänden gemacht ist! Noch soll er denken, das Heil bringen ihm die Messen, die da sind ein stummer Dienst, oder die Beichte, die euch unnütze ist, so ihr euch nicht ganz ändert in euren Herzen, oder all die Sakramente, die ein wahres Gift der Seele sind, so ihr sie nicht lebendig macht durch die wahre Liebe zu Mir in eurem durchläuterten Herzen.
HIM|1|400514|4|0|Er soll wissen: für den Lebendigen ist alles lebendig und für den Toten alles tot. Wer Meine Liebe (d.h. die reine, himmlische Liebe zu Gott und zum Nächsten) hat, der hat Mich Selbst, das Leben alles Lebens, in sich. Wer aber Meine Liebe nicht hat, der ist gleich der Materie, die tot ist aus dem Tode des Zornes Gottes; er ist selbst tot, und das Leben geht stumm an ihm vorüber, wie er selbst stumm fürs Leben ist.
HIM|1|400514|5|0|Daher sehe du, Samuda, nur nach Meiner großen Liebe und suche sie überall! Und wo du sie finden wirst, da, glaube Mir, ist auch Leben. Und darum lasse dich an nichts binden, als nur einzig an Meine Liebe, so wirst du leben, und wenn du auch stürbest zu tausend Malen!
HIM|1|400514|6|0|Suche nicht das Licht, welches tot ist, sondern die Liebe – so wird dir Licht werden in großer Fülle lebendig aus Mir, der Ich bin die Liebe und das Leben selbst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Ich, Jesus-Jehova, Amen.
HIM|1|400524|1|1|Unnötige Sorgen – 24. Mai 1840
HIM|1|400524|0|0|Frage: Dürfen wir Dich, o Vater in den Himmeln, nicht in kindlicher Demut bitten, dass die Rekrutierung aufhöre, wodurch der Mann dem Weib, der Vater den Kindern, der Sohn seinen Eltern, der Bürger seinem Gewerbe und der Landmann dem Feldbau entrissen und oft zu einem Stand gezwungen wird, in welchem wenig Christentum zu finden ist? Wie lange soll dieses Übel nach Deinem Willen noch währen? Möge es Dir wohlgefällig sein, von uns ein Opfer zu fordern, damit das harte Joch, dessen Anblick uns mit bitterer Wehmut erfüllt, von unseren Brüdern genommen werde! Doch nicht unser, sondern Dein heiliger Wille geschehe in alle Ewigkeit!
HIM|1|400524|1|0|Als euer guter, heiliger Vater habe Ich allezeit Freude, so ihr euch in was immer für Anliegen an Mich wendet. Nur müsst ihr Mich nicht um irgendein närrisches Zeug fragen, worauf Ich euch dann keine Antwort geben möchte, da es unsinnig wäre, euch in einem Irrtum oder Aberglauben zu bestärken.
HIM|1|400524|2|0|Solche Fragen aber sind die über Zeitbestimmungen nach Jahr, Tag und Stunde! Denn seht, Ich bestimme nie eine Zeit zu etwas, sondern handle allezeit nach der Beschaffenheit der Umstände bei den Menschen, und zwar als Vater bei den Kindern und als Gott bei den (Welt-)Menschen. Müsste Ich denn nicht grausam sein, so Ich sagen würde: „Im nächsten Jahr werde Ich Mein Gericht über euch losbrechen lassen“ – und täte es bestimmt, auch so ihr euch von Grund aus bessern würdet!? Nun, urteilt selbst! Und täte Ich es nicht, wäre Ich dann nicht ein barer Lügner!? Und wie vertrüge sich das mit Meiner Liebe und Meiner Heiligkeit?
HIM|1|400524|3|0|Aus dieser wahren Ursache lasse Ich alle prophetischen Zeitbestimmer und Zeitrechner anrennen und am Ende zuschanden werden. Und so werde also nicht Ich, sondern werden die Menschen durch ihr Tun die Zeit unbewusst bestimmen. Und Ich werde dann kommen wie ein Dieb, wann sie es am wenigsten gedenken werden.
HIM|1|400524|4|0|Eine zweite solche närrische Frage ist: Durch was für ein Opfer Ich zu etwas zu bewegen wäre? – Seht, eine solche Frage tut Mir weh von Meinen Kindern, dieweil Ich daraus erkenne, dass sie Mich noch für eine Art Götzen ansehen, statt in aller Wahrheit und Liebe für ihren einzig guten, heiligen Vater, der von euch nichts will als eure kindliche Liebe. Eure kindliche Liebe, das ist das einzige Opfer, daran Freude hat euer Vater und größtes Wohlgefallen euer Gott!
HIM|1|400524|5|0|Doch was die Rekrutierung betrifft, so ist sie der Weltübel größtes nicht, sondern nur eine Folge der Weltliebe – und somit mehr als Folge anzusehen denn als das eigentliche Böse selbst. Und so auch der Soldatenstand, welcher dauern wird, so lange, wie das Welttum aus der Eigenliebe der Menschen…  Daher sollt ihr euch nicht so viel daraus machen der Rekruten wegen. Denn seid vollkommen versichert, dass Meine Kinder nie Waffen tragen sollen, denn Ich bin ihre Waffe gegen alles Übel. Und so sie auch tun müssten gleich den Weltkindern, was nur selten geschehen wird und kann, so glaubt Mir, Ich werde auch da ihr Vater sein und ein starker Gott, ihnen zur scharfen, unbesiegbaren Waffe.
HIM|1|400524|6|0|Seht, es liegt sehr wenig daran, was ihr da wart auf der Welt, ob Landleute, ob Bürger der Städte, ob Soldaten, ob Fürsten, Könige und Kaiser. Sondern darauf kommt es an, wie ihr es wart – aus Eigenliebe oder aus Nächstenliebe oder aus Meiner Liebe in euch (d.h. aus Liebe zu Mir und daraus) zu den Nächsten. Danach wird sein euer Leben in der Ewigkeit.
HIM|1|400524|7|0|Dass da im Soldatenstand wenig Religion anzutreffen ist, das weiß Ich wohl, auch dass dort die Ausschweifungen offenbar ärger sind als bei dem Bürgerstand. Aber dafür ist auch die Schuldstrafe strenger als die der Bürger. Und so wird doch manches verhütet, was bei dem Bürger oft freien Lauf hat.
HIM|1|400524|8|0|Übrigens ist Mir die Religion, wie sie im Allgemeinen unter euch ist, ebenso gut wie gar keine. Denn wo nichts ist, da lässt sich noch etwas errichten, was da gut sein kann. Wo aber nur Schlechtes ist, da hat wenig Gutes mehr Platz. Alles Weltliche aber ist zugleich Höllisches und daher auch angefüllt mit allerlei Grausamkeiten, deren Lohn früher oder später nicht unterm Wege bleiben wird, so beim Bürger wie beim Soldaten.
HIM|1|400524|9|0|Jedoch Meine Kinder sollen sich um nichts sorgen! Denn Ich habe den Unterdrückten und Notleidenden vieles zu geben, so sie nur zu Mir kommen wollen. Und die da auf der Welt Meinetwegen etwas verloren haben, so oder so – die werden es unendlichfältig wiederfinden dereinst im Schoße ihres guten, heiligen Vaters. Amen.
HIM|1|400526|1|1|Wie sollen wir die Propheten lesen, um sie recht zu verstehen? – 26. Mai 1840
HIM|1|400526|1|0|Solche Fragen könnt ihr immerhin an Mich richten, wenn es euch ernst ist, Meine Wege erleuchtet zu sehen. Und werde Ich euch darauf auch keine vollbestimmte Antwort geben, so wird aber doch ein Strahl durch alle Engelshimmel hindurch – von Mir ausgehend – euer Herz erleuchten und euer Verstand wird schauen und empfinden große, wunderbare Dinge des neuen Lebens aus Mir in euch, welches alles ist eine Wirkung Meiner Liebe in euch, wie auch alles auf den Erdkörpern eine Wirkung der Sonne ist, durch Meine Gnade.
HIM|1|400526|2|0|Und seht daher, so ihr einen Tropfen Wassers aus dem uferlosen Meer Meiner Gnade lest in den Propheten, müsst ihr ein starkes Vergrößerungsglas (nämlich das der Demut) nehmen – und dann den Tropfen auf die Tafel eures Gewissens stellen und darunter anzünden eine Lampe, angefüllt mit dem Öl des lebendigen Glaubens, damit die leuchtende Flamme stark zu brennen anfängt. Und so dann über dieser heißen Liebesflamme eure Gewissenstafel wird glühend geworden sein und ihr Bläschen werdet aufsteigen sehen, dann nehmt das Vergrößerungsglas und seht damit den gischenden Tropfen an, und ihr werdet zahllose Wunder an und in ihm entdecken!
HIM|1|400526|3|0|Da werdet ihr dann eine große Freude haben und eine eitle Lust. Aber da werdet ihr sie noch nicht begreifen. Und erst, so ihr euch dann in aller Liebe demütig an Mich wendet und Mich bitten werdet und stark wünscht Mein Gnadenlicht aller Himmel, dann erst werde Ich einen Strahl dahinschießen lassen wie einen Pfeil, der euch äußerlich ein wenig verwunden, aber dafür wecken wird euren Geist aus dem Schlaf des Todes. Der Geist aber wird dann in Meinem lebendigen Licht all die zahllosen Wunder des Tropfens verstehen.
HIM|1|400526|4|0|Und so werdet ihr dann lebendigen Geistes ewig zu schauen haben die Wunder in den Wundern durch das größte aller Wunder, nämlich durch eure lebendige Freiheit, durch die Liebe eures großen, heiligen Vaters in und über allen Himmeln! Amen. Ich, Jesus, die ewige Liebe und das ewige Leben. Amen.
HIM|1|400526|0|0|Dankesworte des Knechtes
HIM|1|400526|0|0|So wolle denn auch gnädig aufnehmen unseren schwachen Dank, wie Du, herablassend, uns armen, nichtswerten Sündern nun offenbarst so große und tiefe Geheimnisse, deren wir nicht wert sind auch nur im Allergeringsten. Siehe, o guter, heiliger Vater, auf unser zerknirschtes Herz, da wir uns schämen, auch nur dankend mir unseren menschlichen Worten zu reden, nachdem wir Deine Worte voll Lebens vernommen haben.
HIM|1|400526|0|0|O großer Dank, große Ehre, großer Ruhm sei Dir ewig, wie in den Himmeln, so auch in unserem Herzen! Amen. J.L.
HIM|1|400528A|1|1|Über den Eid oder Schwur – 28. Mai 1840
HIM|1|400528A|1|0|Es fragt da einer nach dem Recht und der Wahrgeltung des Eides oder Schwures, welches eine verständige Frage ist.
HIM|1|400528A|2|0|Seht, so Ich im Herzen irgendeines Menschen bin, dann hat er die Wahrheit in sich. Er tut, denkt und redet aus derselben heraus, und diese dreifache Beschäftigung ist in solchem Falle eine wahre Handlung und braucht nicht mehr denn Ja oder Nein. Alles darüber ist eine Sünde; weil da sowohl vom Eidfordernden als vom Eidlegenden ein schändliches Misstrauen auf Meine unantastbare Heiligkeit gesetzt wird, die da ist die Urquelle aller Weis- und Wahrheit in Mir ewig.
HIM|1|400528A|3|0|So aber jemand Mich nicht hat in seinem Herzen treulich, dessen ganze Handlung ist falsch und trüglich im Tun, Denken und Reden. Wie wollt ihr denn da in solchem Falle von dem Wahrheitlosen ein Wahrzeichen fordern und somit der Lüge Meine Heiligkeit als Sigill aufdrücken, damit ein weltrechtlich falsches Truggericht irgendeiner eigennützigen Behauptung eines Eigenliebigen die volle Geltung als rechtlich wahr erhalte!?
HIM|1|400528A|4|0|Nun aber gebe Ich euch einen Rat aus Meiner Liebe, damit ihr Meine Heiligkeit schont! Seht, wenn ein Eid euch ein sicheres Zeichen ist, kann es nicht ebenso gut das bloße „Ja“ oder „Nein“ sein? So ihr belegt den falschen Eid mit Strafe, desgleichen könnt ihr ja auch das „Ja“ und „Nein“!
HIM|1|400528A|5|0|Ich rate euch, so jemand in seiner Aussage gelogen hat, entweder bejahend oder verneinend, dessen Name werde öffentlich vor allem Volk so lange infam erklärt, bis er in aller Demut in sich gegangen sein wird und öffentlich bekennt seiner Lüge Schuld, was dann die erste Wahrheit sein wird auf seiner Zunge.
HIM|1|400528A|6|0|Dazu könnt und sollt ihr ihm auch nach Umstand der Sache entweder ein Drittel oder die Hälfte, auch wohl sein ganzes Hab und Gut als rechtliche Sühnung der durch einen solchen Lügner aus Eigennutz misshandelten Wahrheit abnehmen. Denn er soll nicht haben ein eigen Brot, noch Dach und Fach, da er die Wahrheit verabscheut hat!
HIM|1|400528A|7|0|Und ihr könnt versichert sein, dass euch da selbst der schlimmste Bösewicht nicht anlügen wird. Eher wird er ganz schweigen, gleich den Geistern der Hölle, die da Meinen Namen nicht aussprechen können.
HIM|1|400528A|8|0|Wer da gerecht ist im Herzen, dem glaubt aufs Wort, ohne Eid, so könnt ihr versichert sein, dass er die Wahrheit rede und dieselbe mit seinem Blut unterschreibe.
HIM|1|400528A|9|0|Wer aber da hat ein treuloses, eigennütziges Herz, dem ist Gott ferne und die Hölle nahe. Von dem könnt ihr einen Eid um den anderen fordern – aber fragt euch selbst wozu nütze?
HIM|1|400528A|10|0|Daher sei eure Rede: „Ja, ja“ oder „Nein, nein“! Was darüber ist, ist eine Sünde im Geiste Meiner unantastbaren Heiligkeit.
HIM|1|400528A|11|0|Das ist Mein Gesetz ohne eine nachträgliche Verordnung! Denn Meine Gebote stehen fest und leiden keine Abänderung wie eure heidnischen! Amen. Ich, Jehova, die höchste Weisheit und Gerechtigkeit von Ewigkeit. Amen.
HIM|1|400528B|1|1|Irdische und himmlische Rechtsordnung – 28. Mai 1840
HIM|1|400528B|1|0|Ich gebe euch im Folgenden einen Tropfen Weisheit – genießbar für euch endliche Geschöpfe durch Meine ewige Liebe. Denn als Gott habe Ich keine Kinder als das alleinige, ewige Wort in Mir, welches ist der alleinige Sohn, an dem Ich Wohlgefallen habe. Aber im Sohn bin Ich auch euer Vater und habe Wohlgefallen an euch, so ihr diesen Meinen lieben Sohn in euch aufgenommen habt und somit auch Meine Heiligung durch Ihn!
HIM|1|400528B|2|0|Aber dieser (Weisheits-)Tropfen fällt auf den heißen Sand der wüsten Erde, da ihr damit wohl bereichern könnt euer Wissen, aber außerstande seid, zu handeln darnach, was doch die Hauptsache ist – da nur die Handlung, nie aber das bloße Wissen das ewige Leben bedingt.
HIM|1|400528B|3|0|Seht, all euer politisches „Recht“ beruht auf lauter Falschem und Bösem der Eigenliebe, welche die Erde abgemarkt hat mit Grenzsteinen, darauf überall steht „Mein“ und niemals „Dein“ – aus welchem unvertilgbaren Irrtum zumeist eure Vergehungen herrühren und weshalb auch ganz widerrechtliche Gesetze erfunden werden mussten, die jedem sein eingebildetes Eigentum durch Gewalt unerhörter Strafen, ja selbst durch den Tod, sichern müssen – während Ich die Erde, wie die Luft, wie das Wasser, wie den Regen und der Sonne Strahlen für alle gemeinschaftlich erschaffen habe, und von Mir keinem irgendein Vorrecht eingeräumt wurde.
HIM|1|400528B|4|0|Nun aber ist die Erde abgezirkelt wie die Hölle, da jeder seinen bestimmten, unverlassbaren Platz hat. Somit kann auch nur eine entsprechende Rechtspflege und können demgemäß auch nur ähnliche Strafen als Grenzen der Bosheit gesetzt sein. Und so können dann die Strafen, wenn sie der Bosheit angemessen sind, nicht anders als „rechtlich“ sein – aus der Hölle betrachtet, da alles, Ich sage es euch, wortgetreu aus ihr entnommen ist, so die Grenzsteine, so die Gesetze und so auch die Strafen.
HIM|1|400528B|5|0|Seht, bei solchen Umständen ist schwer zu raten aus den Himmeln, wo einer hat alles für alle und alle haben alles für einen aus Liebe – was euch lehrt das Evangelium, da man zum verlangten Mantel noch den Rock geben soll, um allen Streitigkeiten auszuweichen. So ein jeder täte ein Gleiches, wie in den Himmeln, dann wären keine neuen Höllengesetze vonnöten, da dann keiner etwas besäße und somit auch frei bliebe vor jeder Beraubung oder Bestehlung.
HIM|1|400528B|6|0|Nun habe Ich euch in aller Kürze gezeigt, wie die Sachen stehen. Aus solchem Grunde sollt ihr auch nicht euren himmlischen Vater in die Rechtshändel der Hölle nötigen und dadurch kränken Seine Langmut und große Geduld im Angesicht solcher Gräuel und Frevel, und das umso mehr, da Ich ohnehin schon bewaffnet an der Tür stehe, um den letzten Rechtsspruch über die Erde hinzudonnern, damit der ganze Höllenplunder über den Haufen geworfen werde, dahin, wo dessen Verfasser schon lange seine bleibende Wohnstätte aufgerichtet hat.
HIM|1|400528B|7|0|Beherzigt wohl diese Meine Worte und handelt aus Liebe dabei, und es wird sich dereinst zeigen, wie viel Goldes in dem Kehricht der Hölle anzutreffen sein wird! Amen.
HIM|1|400530|1|1|Ein Vorwort zum Diktat über das Bild des Herrn – 30. Mai 1840 [Psalmen und Gedichte]
HIM|1|400530|0|0|Durch Jakob Lorber, Graz, auf dessen Anfrage wegen W. Maler.
HIM|1|400530|1|0|Es kann nicht gleich sein, wie du es dir wünschst, sondern der rechte Zeitpunkt ist nur Mir allein wohlbekannt. So Ich an jemanden ein Nebenwort richten will – was geht es dich an?
HIM|1|400530|2|0|Die Zeit dessen ist noch nicht zur vollen Blüte geworden, an den Ich richten möchte ein Nebenwort, daher noch eine kurze Zeit [Geduld], und zuvor Wasser des Lebens aus dem Brunnen Jakobs! Dann klein sein und groß sehen, gut hören und stumm in der Rede sein; dann nicht nur Sonnen zählen, sondern mehr noch das bescheidene Gras der Erde. Und nicht nur steigen auf des Mondes Berge, sondern vielmehr sich verweilen in den Tälern der Erde!
HIM|1|400530|3|0|Siehe, mit Kindern rede Ich kindlich, mit Männern als Mann, mit Herren als Herr, mit Fürsten als Gott, mit allen Hohen als der Allerhöchste, mit Machthabern als der Mächtigste, mit den Großen als der Unendliche, mit den Sündern als Hirt und Richter. Und so rede Ich mit jedem nach seiner Art als ein unerreichbarer Gott. Aber mit dem Mich Liebenden in aller Demut rede Ich als Vater, Mich wie eine Braut zu ihm hinunterlassend von der Höhe aller unermesslichen Höhen, als Allerhöchster in all Meiner unendlichen Fülle.
HIM|1|400530|4|0|Daher nur noch eine kurze Zeit, da das Eisen zu Gold wird durch den werktätigen Aufguss des lebendigen Wassers, als Beize des Eisens zum Golde! Amen.
HIM|1|400530|5|0|Ich, der rechte und allein Wahre, Jesus Jehova Immanuel, Sohn Davids. Amen, Amen, Amen!
HIM|1|400601|1|1|Ein Bild des Herrn als inhaltschwerer Anfangsbuchstabe des neuen Jerusalems – 1. Juni 1840 [Psalmen und Gedichte]
HIM|1|400601|1|0|Was den frommen Wunsch betrifft, den schon seit lange hat der Maler, mehr im Kopf als in der Brust und deren Eingeweiden, so sage Ich, dass Mir gar kein Bild, weder aus Farbe, noch weniger aus Holz oder gar aus Metall oder Stein, angenehm ist.
HIM|1|400601|2|0|Denn seht, dieses alles ist nichts als eine Materie und somit tot. So ihr Mich aber bildlich darstellt in der Materie, so stellt ihr Mich im Tode dar als ein Wesen ähnlich Meiner Haut-Außenform, das da oft schon ausgezogen hat den Lebendigen aus euren Herzen und hat an dessen Stelle hingeheftet ein totes Bild Meiner Haut.
HIM|1|400601|3|0|Daher sollt ihr vielmehr trachten nach dem lebendigen Bild Meiner Liebe und Meiner Gnade in euren Herzen, als nach dem getreuen Abdruck Meiner Haut! Gleich aber wie euer Leben nicht in der Haut, sondern nur im Herzen wohnt, gleich also geht auch aus Mir alles Leben nicht von Meiner Haut, sondern aus Meiner tiefsten Tiefe in euch über – so wie naturmäßig alles Licht und alle Wärme der Sonne ausgeht aus ihrem Zentrum, da ein kleiner Funke Meiner Gnade und Barmliebe ruhend wohnt. Seht, das ist die Wahrheit!
HIM|1|400601|4|0|So ihr aber dennoch wohl wollt ein Bild Meiner Haut, so will Ich es euch auch geben wie dem israelitischen Volk einen König! Wehe jedoch denjenigen, die es anzubeten sich unterstehen möchten! Deren Seele wird matt werden, und deren Geist wird Mein Leben schwerlich je mehr finden voll in sich.
HIM|1|400601|5|0|Das ist aber die Gestalt Meiner Haut, und zwar die des Kopfes, als der Haare, Augen, Nase, des Mundes, der Ohren, des Kinnes und Halses:
HIM|1|400601|6|0|Der Kopf sei 10 Zoll hoch, ohne die Haare, und 7 Zoll, da er ist am breitesten, ohne die Haare. Die Stirne habe 2/5 der ganzen Länge des Gesichts, und seien dann der Nase 1 1/2 Fünftel, und so von der Nase bis zum Ende des Kinnes ebenfalls 1 1/2 Fünftel gegeben.
HIM|1|400601|7|0|Die Stirne sei eiförmig gebogen, ohne Falten, in der Farbe sehr licht, voll göttlicher Erhabenheit gegen die Haare, die da lichtgoldblond sein sollen.
HIM|1|400601|8|0|Die Augen sollen sein groß. Blau die Iris, und die Pupille sehr schwarz verhältnismäßig zum Blau. Die Winkel weiß und rein. Die Wimpern frisch, die Brauen stark und dunkelbraun.
HIM|1|400601|9|0|Die Nase gerade und edel, weich und nicht zu breit, auch nicht zu schmal.
HIM|1|400601|10|0|Der Mund voll Würde und Anmut, halb offen, wie beim Reden eines Liebenden zu seiner Braut, nicht zu schmal, noch zu weit, sondern gerecht, so die obere und so die Unterlippe, weich in den Winkeln und sanft in der Mitte.
HIM|1|400601|11|0|Ein etwas hervorstehendes Kinn, nicht zu breit, noch zu enge, wohlgeschmückt mit einem etwas dunkler als die Haare gehaltenen Bart, letzterer abgeteilt gerecht in der Mitte des Kinnes. Der Bart soll sich eitel wenig verlieren längs den beiden Kinnladen und soll nicht mehr als 1/5 von der Wange einnehmen. So soll auch der Obermundbart sein gerecht, so dass weder die Lippen noch die beiden Mundwinkel beeinträchtigt werden.
HIM|1|400601|12|0|Das Ohr aber soll sein genau nach dem Verhältnis der Nase und soll sein frei von Haaren, welche hinter demselben eine Handbreit sanft gewellt über den Nacken fallen sollen.
HIM|1|400601|13|0|Der Hals aber sei mittellang, vollkommen, wie der einer Jungfrau.
HIM|1|400601|14|0|Der Ausdruck soll darstellen einen Bräutigam voll Liebe im wehmütigen Anblick seiner ungetreuen Braut, ähnlich dem Abschiednehmenden mit dem liebevollsten Herzen, mit einer Abschiedsträne der so reinen und wahren Liebe,
HIM|1|400601|15|0|angetan mit einem himmelblauen, israelitischen, weiten Faltenrock mit weißen, fingerbreiten Brämen, stehend, barfuß, die rechte Hand ausstreckend nach euch Sündern – gleichsam sagend: „Kommt alle zu Mir, die ihr mühselig und belastet seid, Ich will euch erquicken!“ – und die linke aufs Herz legend, gleichsam sagend: „Kinder, da ist der Weg des Lebens, da ist die Tür zum Vater! Wer nicht da durchgeht, der kommt nicht zum Vater!“
HIM|1|400601|16|0|Dieses nun genau beschriebene Bild soll stehen wie auf einem sanften Hügel, hinter dem eine große Glorie aufgeht. Zu Meiner rechten und linken Seite sollen sein zwei große Pfeiler, geziert mit zwei feurigen Cherubim. Und in der Mitte der Pfeiler befinde sich eine Gebottafel, getragen von einem Seraph. Von diesen zwei Pfeilern ziehe sich eine starke Mauer fort.
HIM|1|400601|17|0|Unter dem Hügel in der Ebene sollen dargestellt sein mehrere Menschengruppen, von denen wenige ihre Augen nach Mir wenden, die meisten aber, sich abwendend von Mir, stehen auf klein zerbrochenen Gebottafeln. Ganz im Winkel zur Linken befindet sich eine Rotte, Leitern an die Mauern legend und selbe erstürmen wollend, während die Leitern viel zu kurz und zu schwach sind, davon mehrere zerbrochene Stücke zeugen sollen.
HIM|1|400601|18|0|Hinter Meinem Haupt zeigen sich ganz schwach – wie von lichtem Dunst umfangen – Teile der neuen Stadt der Heiligkeit Gottes, die soeben herabzusteigen hat angefangen vor euch!
HIM|1|400601|19|0|Seht, das ist dann ein vollkommenes Bild, wenn es wird, wie Ich es getreu angegeben habe. Aber es wird schwer sein, dasselbe recht zu machen ohne Meine Gnade. Wenn es aber der Maler, der eiserne, will machen aus reiner Liebe zu Mir, dann wird die Gnade nicht unterwegs bleiben und das Bild wird in Erstaunen setzen alle, die es ansehen werden, wenn auch nur aus Vorwitz, und wird zerbrechen manch steinern Herz, da es dann nicht sein wird ein bloßes Bild, sondern als solches ein inhaltsschwerer Anfangsbuchstabe des neuen Jerusalems, und als solches auch allein angesehen werden soll! Amen.
HIM|1|400601|20|0|Ich, Jesus, der wahre Christ voll Liebe und Weisheit! Amen! Amen! Amen!
HIM|1|400602|1|1|Das vornehmste Gebot – 2. Juni 1840
HIM|1|400602|0|0|Auf eine Anfrage über Markus 12,30: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit allen Deinen Kräften! Das ist das vornehmste Gebot.“
HIM|1|400602|1|0|O ihr, Meine lieben Kinder! So kleine Dinge begreift ihr nicht, die doch euer tägliches Brot sind und sein sollen?! Sagt, wie werdet ihr denn dann Größeres verstehen, etwa ein Evangelium der Kräuter, der Pflanzen, der Sträucher, der Bäume und all des Grases, so auch der Steine, der Erde, des Wassers, der Luft, des Feuers und all der Gestirne, wie auch all der Tiere, welches alles zeugt von Mir!? Und wie viel weniger werdet ihr hernach erst fassen Unbegreifliches, Geistiges und Himmlisches!? Wie wollt ihr einst speisen an der großen Tafel Abrahams, so alle eure Zähne (Weisheit aus dem Glauben des Wortes) hohl geworden sind von den Weltsüßigkeiten und somit unfähig, euer tägliches Brot zu verkauen, um welches ihr doch täglich in Meinem Gebet bittet (leider die große Menge ums Brot der Würmer!)!?
HIM|1|400602|2|0|Seht, die Ursache ist: Da ihr mehr liebt die Weisheit denn die Liebe und habt deshalb wenig Liebe und darum auch ebenso wenig wahren Verstand als gerechte Mitgabe der Liebe.
HIM|1|400602|3|0|Liebt ihr Mich aber zunächst wie die Kinder ihre Eltern vor der Zungenlöse, oder wie eine rechte Braut ihren Bräutigam vor der eigentlichen näheren Bekanntschaft – dann würden Ströme des Lichtes aus euren Lenden fließen!
HIM|1|400602|4|0|Daher müsset ihr umgekehrt werden und zuerst lieben! Dann wird euer Glaube lebendig werden. Sonst aber wird euer Kopf angestopft mit allerlei, gleich dem Magen eines Ochsen, und euer Herz aber wird leer bleiben wie ein Windbeutel. An euren Kindern aber sollt ihr euren Irrtum gutmachen – und dann werden wie sie.
HIM|1|400602|5|0|Das ist aber das Verständnis jenes „täglichen Hausbrotes“:
HIM|1|400602|6|0|„Aus ganzem Herzen“; hier ist unter „Herz“ zu verstehen der Geist des Lebens, der als treues Ebenbild Meiner Liebe in der Prüfungsperiode in euch und eigentlich die pure Liebe ist. Dann „aus ganzer Seele“; hier ist unter „Seele“ zu verstehen ein ätherischer Leib des Geistes, der ganz durchdrungen werden soll von der Urliebe in ihr, damit sie dadurch lebendig werde in allen ihren Teilen. „Von ganzem Gemüt“; hier sind unter „Gemüt“ zu verstehen eure naturmäßigen Wisstümlichkeiten, die da alle sollen gefangen werden von Meiner Liebe in euch, damit die Seele, als Leib des Geistes, Festigkeit bekomme mit Haut und Haaren und bekomme Füße zum Stehen und Gehen und Hände zum Greifen und Handeln und Augen zum Sehen und Ohren zum Hören und Nase zum Riechen und einen Mund, versehen mit all dessen Bestandteilen und tauglich, zu nehmen höhere und bessere Speisen und selber zu reden Worte des Lebens aus Mir – welches alles hernach sind „all die Kräfte“, die da auch sein sollen voll Liebe!
HIM|1|400602|7|0|Seht, das ist das kurze und sehr leichte Verständnis des kleinen Textes aus den Worten Meines lieben Markus und aller Gleiches Sagenden. Aber wohlgemerkt, nicht für euren Verstand, sondern für euer Herz habe Ich es euch gegeben, damit ihr Mich Meiner Bereitwilligkeit wegen doch endlich einmal sollt zu lieben anfangen, so auch alle übrigen Dinge von Mir nicht vermögen würden, euch zur Liebe zu Mir zu stimmen.
HIM|1|400602|8|0|Daher fasst es wohl in euer noch leeres Herz, damit es täglich gesättigt werde mit dem Hausbrot der Himmel. Das wünsche vor allem Ich, euer heiliger und überguter Gott, als Vater im Sohne Jesus-Jehova. Amen, Amen, Amen.
HIM|1|400604|1|1|Die bösen Sieben – 4. Juni 1840
HIM|1|400604|0|0|Über Lukas 11,24-26: „Wenn der unreine Geist von einem Menschen ausgefahren ist, so durchirrt er wüste Gegenden und sucht dort eine Ruhestätte; und wenn er keine findet, so sagt er: ‚Ich will in Mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe.‘ Wenn er dann hinkommt, findet er es schön gefegt und aufgeräumt. Hierauf geht er hin und holt sich noch sieben andere Geister, die schlimmer sind als er selbst; und sie ziehen ein und wohnen dort; und das Ende wird bei einem solchen Menschen schlimmer als der Anfang.“
HIM|1|400604|1|0|Sage dem A. und allen seinen erwachsenen Angehörigen, als welche sind: dessen Weib und Töchter: „Wer da suchet, der findet; wer da klopfet an, dem wird aufgetan; und wer da bittet, dem wird gegeben, um was er bittet, in der Fülle!“
HIM|1|400604|2|0|So jemand ein Weib hat, und das Weib liebt ihren Gemahl im Stillen, dass es nicht merken möchte die Welt, da sie meint, es werde die Welt Unordentliches von ihr denken (so sie merken würde, dass sie mit ganzem Herzen an ihrem Gemahl hänge), daher tut sie äußerlich kalt und geschämig und lässt ihren Leib nicht berühren, während sie doch innerlich brennt vor Begierde. So nun der Gemahl alle seine Mühe vergebens verwendet, sein Weib heimelich und ganz ergeben zu machen, sie aber stets schüchtern bleibt, teils ihrer Weiblichkeit, teils der Welt, teils aber der Dumm- und Narrheit wegen – was wird wohl dieser Gemahl tun?
HIM|1|400604|3|0|Ich sage, er wird sein zimperlich dummes Weib aus Liebe in ihrer Narrheit lassen bis an ihr Ende und wird sie nicht mehr auch nur mit einem Finger berühren, wird aber seinen Samen legen auf fremden Boden, da viel Unkraut und Disteln sind, und wird sich denken: „Kann ich da auch keine Ernte halten, so will ich mir doch einen Samen ziehen, der da sei meines Namens für eine künftige Saat und reiche Ernte.“
HIM|1|400604|4|0|Und Ich sage, dieser Mann hat, dieses als Züchtigung seinem Weib, recht getan, da er es aus Liebe tat. Und Ich sage nun auch euch: dieser Gemahl bin Ich, und das sehr dumme Weib seid ihr!
HIM|1|400604|5|0|Nun habe Ich euch schon so oft angreifen und an Mein Herz drücken wollen, doch ihr entwindet euch allezeit durch allerlei Weltschüchternheiten und narrheitsvolle, gleichsam demütige, weltzüchtige Gründe. Ihr haltet die Mir gehörige Liebe verschlossen in euch und meint, es werde die Zeit schon kommen, da Ich kommen und euch anblasen werde, damit ihr Mich dann unermesslich lieben könnt. Oder ihr meint auch, Ich werde diese Liebe in euch schon bemerken (vielleicht durch irgendein Mikroskop). Allein ihr irrt euch. Und so ihr beharrt darin, so werde Ich tun wie der Gemahl und euch in eurer Zimperlichkeit lassen.
HIM|1|400604|6|0|Daher seid offen, wie Ich es bin! Und redet mit Mir im Vertrauen und in offener, freier Liebe! Und Mein altes Buch wird keinen Buchstaben haben, aus welchem euch nicht ein siebenfältiges Licht entgegenstrahlen wird. Und in eurem Herzen werdet ihr, mit großer Schrift enthüllt, das Geheimnis der großen Geisterwelt lesen.
HIM|1|400604|7|0|Nun so seht und hört das Verständnis der drei Verse des Lukas!
HIM|1|400604|8|0|So ein Mensch sittlich und recht lebt nach dem äußeren Gesetz und hält dasselbe aus eigenem Antrieb und aus dem Gefühl des Rechtes streng und genau und besiegt so auch standhaft durch den dem Verstand untergeordneten Willen jede Versuchung – da sieht dann der Versucher und Verführer, dass in diesem Haus für ihn nichts zu machen ist. Und so verlässt er es denn ärgerlich – und fährt von dannen; durchsucht dann alle solche dürren Stätten auf der ganzen Welt. Und da er sieht, dass an solchen Stellen weder guter noch böser Samen Wurzel fassen kann, so sagt er bei sich selbst: „Wo keine Feuchtigkeit ist, da gibt es Wüsten und somit keines Bleibens daselbst für mich. Was soll ich nun tun? Ich will wieder umkehren und sehen, wie nun meine erste Besitzung aussieht!“
HIM|1|400604|9|0|Er kehrt sich um und geht eilends dahin. Nun findet er die Stätte ganz gereinigt und wohl geschmückt mit Tugend und Siegeskränzen. Es gefällt ihm nun sehr wohl daselbst, aber er fühlt sich zu schwach, wieder davon Besitz zu nehmen, da er nur ein Geist des Fleisches ist.
HIM|1|400604|10|0|Da kehrt er zurück zur Hölle und nimmt dort sieben Geister mit, jeder ärger denn er – als da sind: einen großen Schmeichler, einen großen Heuchler, einen großen Lobredner, einen Ehrgeizigen, einen Stolzen, einen Verächter und Verleumder und endlich noch einen Hof- und Zeremonienmeister und einen Fein-, Wohl- und Vielschmecker, hinter welchem letzten auch er selbst sich wieder befindet. Und so kommt dann diese böse Rotte, bekommt leichten Einlass und nimmt vollen Besitz darinnen.
HIM|1|400604|11|0|Und so arg auch immer der erste Zustand war unter den Anfechtungen des Fleisches, so wird aber doch dieser zweite Zustand um vieles ärger sein als der erste, da der Wunsch dadurch sich in seinem Selbsttum gefangen gegeben hat aller Bosheit, da all sein Rechttun nicht aus Liebe zu Mir, sondern aus einer Eigenliebe hervorging und daher verzehrt hat alle (wahre Lebens-)„Feuchtigkeit“ in sich, daher er auch keine Früchte mehr zu tragen imstande war und somit dürr und wie tot wurde.
HIM|1|400604|12|0|Denn seht, Ich allein bin das Leben in euch – einzig durch eure Liebe zu Mir, durch die rechte Haltung der Gebote sowohl im Handeln, wie im Reden, wie im Denken aus Liebe zu Mir.
HIM|1|400604|13|0|Und möchtet ihr auch handeln so emsig wie die Bienen und Ameisen – so ihr nicht das alles tut aus Liebe zu Mir, welche euch allein Kraft und Leben gibt, zu widerstehen der Hölle und allen ihren ferneren Versuchungen – so werdet ihr niemals Ruhe finden, weder hier noch dort. Es wird euch ergehen wie den erwähnten Tierchen, denen Honig und Brut genommen wird, trotz ihrer stechenden und zwickenden Waffen, indem sie nur bloße Geschöpfe sind und geleitet werden durch den Instinkt, gleichwie ein Mensch, der seinen Willen hat gefangen nehmen lassen vom kalten Verstand und ließ unbeachtet stehen die Liebe und somit auch seine Freiheit und das wahre Leben aus ihr.
HIM|1|400604|14|0|Seht, das ist das Verständnis dieser drei Verse! Daher hütet euch vor dem Verstand, so er anderswo herrührt als allein aus Meiner Liebe! Lasst ihn stets derselben untertan sein, gleichwie die Gottheit untertan ist Mir, ihrer ewigen Liebe; sonst werdet ihr werden gleich einem solchen gefegten und geschmückten Haus, wie das Gleichnis der drei Verse es euch zeigt. Amen.
HIM|1|400608|1|1|Über Kindererziehung – 8. Juni 1840
HIM|1|400608|0|0|O Herr, wie sollen die Kinder erzogen werden, damit sie fähig werden möchten, dereinst Deine Kinder zu heißen?
HIM|1|400608|1|0|Nun, so schreibe! Es ist das eine gut und recht gestellte Frage, worauf Ich euch eine vollbestimmte Antwort geben will. Aber seht zu, so Ich euch ein rechtes Licht hierin gebe, dass ihr getreue Hirten werdet eurer kleinen Herde, die euch gegeben wurde aus der Tiefe, damit ihr sie bringt zur Höhe aller Demut und dadurch auf den Weg alles Lebens durch das leuchtende Feuer Meiner Liebe. Aber es wird euch viel Mühe machen, und diese Mühe soll sühnen eure Fleischeslust, die ihr mit euren Weibern vielfach getrieben habt, wodurch euren Kindern erteilt wurde das Kleid der Hure und ein Denkmal im zerstörten Jerusalem und ein weites und tiefes Grab unter dem Schutt Babels.
HIM|1|400608|2|0|Denn seht, wärt ihr wiedergeboren gewesen aus dem Geist Meiner Liebe, dann hättet ihr die Jungfrau, die ihr zum Weib begehrt habt, zuvor reinigen können in den Strömen des lebendigen Wassers, das da in unendlicher Fülle entströmt wäre eurem Wesen. Und so wäre dann eure Ehe eine himmlische gewesen, und eure Kinder (gezeugt in der Lust der Engel, welche ist eine wahre Einung der Liebe mit der Weisheit), wären dann Kinder aus den Himmeln und wären schon zur Hälfte wiedergeboren, darin der Geistessame bald gedeihen würde zur Frucht in der neuen Erde, die da ist gelegt in den großen Gärten des neuen Jerusalems. Und die Erziehung wäre euch zur großen Freude geworden im Angesicht eures heiligen Vaters.
HIM|1|400608|3|0|Da ihr nun aber eure Ehe geschlossen habt in der Finsternis der Welt, zu verrichten die Werke des Todes und zu zeugen Früchte der Hölle, das da sind eure lieben, verzärtelten Kinder – so ist es auch schwer, der Brut der Schlangen das Gift zu nehmen. Und es kann dies nicht anders geschehen, als durch die gänzliche Abtötung des Fleisches und volle Gefangennehmung des Willens, weil der Eigenwille solcher Kinder ein rein höllischer oder satanischer ist, da auch nicht ein Funke ist, der da wäre ein himmlischer.
HIM|1|400608|4|0|So ihr aber meint, Ich sage hier zu viel, da entgegne Ich: Prüft eure Brut, und ihr werdet nichts finden als: Eigenliebe, Neid, Zorn, Trägheit, Unlust gegen alles Ernste und einen heimlichen, entschiedenen Widerwillen gegen alles Göttliche, weshalb sie nur durch Strafen oder (welt-)sinnliche Belohnungen können bewegt werden, irgend einige magere Sätze aus den harten Katechismen zu erlernen.
HIM|1|400608|5|0|Und nun denn, so ihr solches bei euren Kindern gefunden habt, dann sagt und bekennt offen, dass Ich euch das nun nur aus Meiner übergroßen Liebe des Heils eurer Kinder und eurer selbst wegen sage, dass eure Kinder wahre Kinder der Hölle sind!
HIM|1|400608|6|0|Wollt ihr nun aus eurer Brut neu zeugen Kinder der Liebe, so müsst ihr blind sein gegen eine niedliche und geschmeidige Fratze und taub gegen jeden ihrer törichten Wünsche und müsst schon frühzeitig gefangen nehmen jeden Funken ihres bösen Eigenwillens, damit da Raum werde für Meine Liebe und für einen neuen Willen daraus.
HIM|1|400608|7|0|Alles, was die Kinder starrsinnig begehren, müsst ihr ihnen versagen, und wäre es auch Gutes, damit nicht der ihre, sondern euer Wille lebendig werde durch die Ergebung und den gerechten und heilsamen Gehorsam in ihren Herzen.
HIM|1|400608|8|0|Straft allezeit den Eigensinn und den Unwillen, die Trägheit, die Unlust zum Göttlichen, vorzüglich aber eine sich heimlich im Herzen aufhaltende Geringachtung heilsamer Ermahnungen sowie Meines Namens und alles darauf Bezug Habenden.
HIM|1|400608|9|0|Beim Rechttun belobt nicht und noch weniger belohnt die Kinder! Sagt ihnen freundlich ernst, dass sie ein Werk des neuen Willens ausgeführt haben, worüber der Vater im Himmel schon eine kleine Freude habe. Und hat ein Kind aus eigenem Antrieb in einer pflichtfreien Zeit als Erholung des Leibes etwas getan, das da scheine, als wäre es etwas Gutes, dann fragt es ja haarklein aus, was es dazu bewogen habe. Und habt ihr es bis auf den Grund erfahren, ob es aus Eigenliebe, oder aus Liebe zur Pflicht, oder aus Liebe zu euch, oder aus Liebe zu Mir geschehen ist, so richtet danach allezeit euer Miss- oder Wohlgefallen.
HIM|1|400608|10|0|Aber mit euren Liebkosungen seid sparsam wie der Winter mit den warmen Tagen, damit die Fruchttriebe nicht zerstört werden in einer folgenden Versuchung, gleich den Blüten des Frühlings durch einen späteren Reif. Jedoch lasst häufig kalte Winde wehen, damit die Pestluft um die jungen Herzen zur Wohlfahrt des Geistes gereinigt werde.
HIM|1|400608|11|0|Die Knaben lehrt blindlings gehorchen und lasst sie die Ursache des Gebotes in Meiner Liebe erkennen. Und bestraft deren Neugierde und zu große (zuchtlose) Spielsucht und weist sie streng zur Ruhe.
HIM|1|400608|12|0|Die Mädchen aber haltet daheim und lasst ja nicht auch nur die allerleiseste unziemliche Begierde in ihnen wach werden, sei es in was immer. Und willfahrt ja nie auch nur im Allergeringsten irgendeinem Wunsch, bevor euch nicht klar geworden die geheimste Quelle desselben.
HIM|1|400608|13|0|Hütet sie sorgfältigst vor Zusammenkünften mit fremden Kindern, die eine Welterziehung genießen, sonst habt ihr selbst schwere Hagelwolken zusammengezogen. Und da wird nicht eine Ähre des Weizens verschont bleiben.
HIM|1|400608|14|0|Mit dem Alter gehe auch eure gerechte Strenge siebenfachen Schrittes vor.
HIM|1|400608|15|0|Hört eure Kinder lieber weinen in der Kränkung ihrer verderblichen Eitelkeit als frohlocken in ihren allezeit hochmütigen Weltfreuden, damit ihr gleich werdet den Engeln im Himmel, die große Freude haben an den reuig Weinenden der Welt.
HIM|1|400608|16|0|Ein zorniges Mädchen soll fasten siebenmal so lange, als ihr Zorn gedauert hat, damit sie sanft werde wie eine Taube.
HIM|1|400608|17|0|Eure Liebe sei ihnen verborgen, wie Ich euren Augen, damit die neue, zarte Frucht nicht ersticke in der Hitze eines unzeitigen Feuers. Und in dem Maße wie die Frucht sich zeigt, die aus den neuen Samen des Himmels sprosst, und fester und fester wird, und wie sicht- und sichtbarer wird in ihren Herzen die wahre, reine Liebe zu Mir und daraus ein werktätiger Glaube, so auch öffne sich euer Herz in verständiger Liebe zu den geistig neugeborenen Kindern.
HIM|1|400608|18|0|Seht, das ist der Weg des Lebens für eure Kinder! Und das ist der einzige, und außer diesem gibt es keinen, wie es außer Mir keinen Gott mehr gibt. Wer ihn wandeln will, der wird Segen finden und erkennen, dass er aus Mir ist. Wer aber tun wird nach dem Buch der Welt, der wird auch da seinen Lohn sicher finden bei dem Fürsten der Welt im Pfuhl der Ewigkeit. Amen. Ich, Gott, der Allerheiligste, und Jesus, als Vater. Amen.
HIM|1|400609|1|1|Poesie des Himmels – 9. Juni 1840 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|1|400609|0|0|Vorwort
HIM|1|400609|1|0|Das ist ein gutes Nebenwort an den Geheimschreiber [Karl Gottfried Leitner] des Landes blinder Würde und stummer Macht, die da ist gefestet in der albernen Einbildung der blinden Vorzüglichkeit einiger dummer Müßiggänger, die „Stände“ genannt werden und sich besser dünken als andere, da sie das Recht, Narren zu sein, urschriftlich in Händen haben, von einem herrschsüchtigen Monarchen, für den sie zum Heile der eigenen Haut wegen, vorgeblich aber aus Vaterlandsliebe und außerordentlicher Anhänglichkeit an dessen gesalbte Person, irgendeinen pfiffigen Streich ausgeführt haben, durch die tüchtigen Fäuste meistens ihrer Knechte, Knappen oder Sklaven, die da Soldaten heißen. Da dieser K. G. L. auch ist ein Dichter nach der besten menschlichen Weise und hat ein wohlbereitetes Herz und ist ein Mann voll guten Willens gegen Mich und Freude hat an Meiner Liebe und ein großer Freund ist Meiner Weisheit und sehr fröhlich ist, so er hört Mein neues Wort und liest Mein altes; so will Ich ihm zeigen die Poesie des Himmels, welche ist eine Umgangssprache daselbst und lautet, wie da folgt ein kleines Beispiel:
HIM|1|400609|2|0|In der Himmel reinen, weiten Kreisen, / nach der Engel liebevollen Weisen / singen alle übersel’gen Brüder / reine, Mir allein geweihte Lieder.
HIM|1|400609|3|0|Erstens singen sie von Meiner Liebe, / aus des Herzens reinstem, heil’gem Triebe, / dann erbrennen sie in höchster Wonne, / so sie sehen Mich als Gnadensonne.
HIM|1|400609|4|0|Und wenn deren reinste Lichtesfülle / ganz durchleuchtet ihres Geistes Hülle, / dann durchschauen sie in schönsten Normen / zahllos Meiner Liebe Wunderformen.
HIM|1|400609|5|0|Wonne drängt da Wonne in die Herzen, / reich an wohlbekannten süßen Schmerzen, / welche sind des Himmels höchste Gaben, / da sie wonnemüde Engel laben.
HIM|1|400609|6|0|Wenn dann überselig sie geworden, / sammeln rein sie sich in fromme Horden, / dann ertönt ein Lied aus aller Munde, / das Ich hier euch sag zur treuen Kunde.
HIM|1|400609|7|0|„Vater!“ singen sie ganz liebetrunken, / „Vater!“ singen sie in Mich versunken, / „Vater!“ ist das Wort auf jeder Zunge, / „Vater!“ ist der Hauch aus jeder Lunge.
HIM|1|400609|8|0|„Groß ist Deine Macht und groß die Ehre, / zahllos Deiner Liebeschöpfung Heere, / ungemessen Deiner Wege Tiefe, / unbegreiflich Deiner Allmacht Griffe.
HIM|1|400609|9|0|Wer hat je geschaut der Gottheit Augen? / Wer kennet all der Wesen weises Taugen? / Wo ist wohl ein so verständig Wesen, / das da könnt die Schrift der Wunder lesen?
HIM|1|400609|10|0|Sehet hin in nie geahnte Tiefen, / wie sie voll von neuen Wundern triefen. / Sehet dort des Vaters Liebe walten, / sehet Seine Weisheit sich entfalten.
HIM|1|400609|11|0|Seht hinab zur Hölle, seht die Toten, / seht dahin, die Menge guter Boten / tragen frohe Kund’ in ihren Händen, / um auch dort Verlorne zu vollenden.“
HIM|1|400609|12|0|Und wenn sie sonach betrachtet haben / Meiner Liebe große Wundergaben, / Meiner Weisheit heil’ge Gnadenspenden, / ja zur Hölle selbst die Engel senden;
HIM|1|400609|13|0|dann entbrennen sie in Lieb’ von Neuem, / dass darob selbst Sonnen sich erfreuen / und dann heller leuchten in die Welten, / was auch heitre schöne Tage melden.
HIM|1|400609|14|0|Dann ergießen sich durch alle Kehlen / einer Stimme süßen Klanges Wellen, / lautend bald wie großer Wasser Rauschen, / bald, als wenn die Winde sich durchtauschen.
HIM|1|400609|15|0|Singend so nach dieser schönen Weise, / sagend Mir die kleine Stroph’ zum Preise: / „Lieber Vater! Sieh in Deiner Gnade / auch der armen Brüder dunkle Pfade.
HIM|1|400609|16|0|Sieh hinab der Erde Kinder wallen, / hör, o Vater, ihre Klagen schallen. / O befreie diese schwachen Brüder / von der grausam bösen gift’gen Hyder!
HIM|1|400609|17|0|Vater! Mache auch der Schlange Kinder, / ja, so möglich, selbst den Erzerfinder / alles Trugs und Fürsten aller Lügen, / sich bescheiden Deiner Allmacht fügen!
HIM|1|400609|18|0|Und so nur Dein Wille uns beschiede, / was da nötig, dass der heil’ge Friede / in der Welten Tiefe mög’ erstehen, / Vater, lass geschehen, das wir flehen!
HIM|1|400609|19|0|So sind wir bereit zu dienen allen / Brüdern auf dem finstren Erdenballen; / o erhöre unser kindlich Flehen, / lass die Toten gnädig auferstehen!“
HIM|1|400609|20|0|Seht, das sind die reinen frommen Weisen, / wie ihr sollt den heil’gen Vater preisen, / schauen Seiner Allmacht große Werke, / loben Seiner Liebe heil’ge Stärke.
HIM|1|400609|21|0|So wird euer Treiben, Tun und Dichten / euch so manche große Zweifel lichten; / wann ihr aber tut nach eurer Weise, / bleibt ihr Narren, selbst als hohe Greise.
HIM|1|400609|22|0|Wenn nun alt geworden sind die Bäume / und ganz leer des Lebens heitre Räume, / dann ist’s wohl zu spät, erst auszugleichen / Krummgemachtes aus der Jugend Streichen.
HIM|1|400609|0|0|Nachwort
HIM|1|400609|23|0|Und sieh, Mein lieber Karl, Ich habe eine große Liebe zu dir, da du suchest Meinen Namen eifrig zu reinigen und zu verherrlichen in deinem Herzen; aber etwas habe Ich wider dich, das da ist, dass dich noch erbauen Reden menschlicher Weisheit. Denn siehe: Der Geist erbauet den Geist, die Liebe – die Liebe, der Mensch – den Menschen, so auch die Welt – die Welt, wie ein Flitter den anderen. So du aber nun geschaut hast in Meine Tiefen, so lass das überseichte Zeug der Welt, daran nichts als unreife Tollkirschen hängen, die da kein nütze sind.
HIM|1|400609|24|0|Ich sage dir, tue nur, das Ich dir rate; denn Ich bin schon sehr nahe gekommen deinem Herzen; und so du glaubest und willst sollst auch du Mir bald ein tüchtig Rüstzeug werden und schauen selbst nie geahnte Tiefen, die Ich legen will in dein eigen Herz.
HIM|1|400609|25|0|Dann erst wirst du ein wahrer Dichter werden und ein Mann nach Meinem Herzen! Amen. Ich, dein lieber Jesus, Amen!
HIM|1|400629|1|1|Der Vater bei den Konzilien, in den Kirchen und im Kindeskreise – 29. Juni 1840
HIM|1|400629|1|0|Wo ihr immer zwei oder drei und auch noch mehrere in Meinem Namen und in Meiner Liebe versammelt seid, da bin Ich auch mitten unter euch – aber nicht wie bei den Konzilien, da Ich niemals inmitten war. Denn bei den Konzilien, da hatte man sich versammelt in der Absicht wie der jüdische Rat vor dem Hohenpriester Kaiphas und beratete sich unter Meiner vermeintlichen Inspiration um die Vorrechte und Heiligkeit des Hierarchen und dessen Unfehlbarkeit und berechtete und berechnete den großen Verlust der zeitlichen Einkünfte des Stuhles und kümmerte sich wenig um Mich und ließ Mir mit der allergenausten Not kaum so viel Raum, als Ich einer Milbe im Weltenraum. Mein äußerlicher Name, gleich wie der einer anderen geschichtlichen Person, und einige Bruchstücke Meines Wortes, daraus ein heidnischer Blindglaube und eine tote Liebe, eine systematische Götzenverehrung und ein aus ihr hervorgehender Zeremonienkult, sind das Einzige, was Mir noch gelassen wurde.
HIM|1|400629|2|0|Dadurch wurde Ich jenen Herrschern gleich(-gestellt), die von ihren Beamten als ein Deckmantel aller ihrer Niederträchtigkeiten auf den Thron gestellt werden und sich noch sehr hoch gefallen lassen müssen, dass diese, ihnen beinahe allezeit unbewusst, ihren Herrschernamen als amtliches Kraftsigill gebrauchen, um damit ihren Dekreten und Verordnungen eine alleroberste Rechtskraft zu verschaffen.
HIM|1|400629|3|0|Seht, geradeso ergeht es Mir in den meisten Meiner Kirchen. Überall sucht man Mich den Blicken Meiner Kinder zu entziehen und stopft ihre Ohren mir leerem Schall, damit sie nur Meine Vaterstimme nicht vernehmen sollen. Man hält ihnen hölzerne Christusse vor die Augen, damit sie ja den Lebendigen nicht sehen sollen, und macht mit dem Geläute der Glocken ihre Ohren taub für Meine Stimme und lässt nicht laut werden in den Herzen Mein lebendiges Wort!
HIM|1|400629|4|0|Seht, daher trete Ich nun als euer Alles in eure Mitte und warne euch vor dem Sauerteig der eigennützigen Pharisäer, damit ihr allezeit das Angesicht eures heiligen Vaters schauen mögt und hört Sein lebendiges Wort: Werdet klein wie die Kindlein, damit Mein Reich das eurige werde! Denn darinnen liegt die größte Weisheit – wie in der Liebe die höchste Seligkeit!
HIM|1|400629|5|0|Dir aber, Du Mein lieber „Wortemsig“, will Ich den Trost geben, wie auch deinem Mir schon recht liebgewordenen Weib, dass Ich deine Kindlein in Meinem Buch aufgezeichnet habe. Sage Ihnen, dass Ich sie zu Kindern angenommen habe, als wären sie aus Meinem Segen hervorgegangen, und dass Ich auch ihnen ein liebevollster, heiliger Vater sein will!
HIM|1|400629|6|0|Und so will Ich ihnen auch am heutigen Tag einen kleinen Wunsch beilegen, nämlich, dass sie ja fleißig ihren Willen gefangen nehmen sollen in allem, was Ich durch Meinen Knecht angeordnet und kundgegeben habe und noch kundgeben werde – und dass sie den willigsten Gehorsam ihren daraus unterrichteten Eltern leisten sollen! Dann werden sie alle recht bald schon erkennen und in sich wahrzunehmen anfangen, was das heißen soll, Mich zum Vater zu haben, der so unermessliche Schätze und Reichtümer zum Verschenken hat an jene Kinder, die Mich lieben.
HIM|1|400629|7|0|Ihr aber, Meine lieben, noch sehr wenigen Freunde, seid heiter und fröhlich in eurem Herzen! Denn Ich bin bei euch und freue Mich mit euch, so ihr Freude an Mir habt. Und diese Freude wird euch ein heller Stern sein, so ihr die Welt verlassen werdet. Sie wird euch treu geleiten auf der weiten Reise in Meine großen Himmel und wird euch dort, wie auch zum Teil schon hier, führen in Meine große Stadt! Amen.
HIM|1|400629|8|0|Nun also – seid fröhlich! Und wer von euch mit Mir reden will, der rede! Und Ich werde den Mund und die Zunge lösen in der Stunde Meinem armen Knecht. Aber ferne sei von euch aller Vorwitz und desto näher die Liebe eures Herzens! Amen. Ich, euer liebevollster Vater in Meinem Sohne Jesus! Amen, Amen, Amen.
HIM|1|400706|1|1|Ehelicher Rat – 6. Juli 1840
HIM|1|400706|1|0|So schreibe denn an den Bruder, der da ist ein Oberverwalter einer sehr zerrissenen Stadt, in welcher viel Hurerei geistlich und leiblich getrieben wird, dass Ich mit Wohlgefallen seine Bitte vernommen habe und ihm deshalb auch eine Lehre aus Meiner Liebe gebe.
HIM|1|400706|2|0|Doch muss er glauben, dass Ich helfen kann, und muss sein Glaube lebendig sein in der Kraft des Willens und der höchsten Liebe. Und dann muss er nicht sein Weib fürchten des Geldes wegen und ihr nicht deswegen, wenn auch ungern, nachgeben (was er gewiss nicht täte, so er ein armes Weib hätte). Denn er soll nur gedenken des reichen Jünglings im Evangelium, und es wird ihm daraus klar werden, wie schwer es einem Reichen ist, in Mein Reich zu kommen. Jedoch, was bei den Menschen oft gar so unmöglich erscheint, das ist bei Mir doch gar wohl möglich. Denn seht die Erdbahn um die Sonne, wie Ich sie geteilt habe in Tage und Nächte, zu umschließen einen vollen Kreis des Jahres! Und Ich sage, bis jetzt war noch keinem Rechner möglich, die „Quadratur des Zirkels“ zu entdecken, welche doch von Mir als Basis aller Planeten- und Sonnenkreise gelegt ist!
HIM|1|400706|3|0|Aber die Menschen sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht! Daher sehen sie auch nicht den Wald in einem Samenkorn. Und so sieht auch Mein lieber Sohn das große Übel schlecht und meint, es liege im Kleinen. Ich rate ihm daher, nach Meiner Art den Nagel auf den Kopf zu treffen, ohne Scheu und ohne Furcht. Denn wer aus wahrer Liebe handelt um Meines Namens willen, dem darf niemals bangen. Und wer Mich zu verherrlichen sucht in dem Herzen seines Bruders, seiner Schwester und umso mehr seines Weibes, der Kinder und ihretwegen – wahrlich, sage Ich, der wird nie zuschanden werden.
HIM|1|400706|4|0|Das aber ist der kurze Rat: Für alles, was Ich dir anzeigen werde, sollst du dich ernstliebend auf das Zeugnis der Schrift berufen und deinem Weib zeigen, durch Wort und Tat, dass du das Haupt bist und sie nur der Leib, dass sie dir gehorchen müsse nach Meinem Willen, wie die Sarah dem Abraham und die Maria ihrem lieben Joseph – aus welchem Grunde Ich auch allezeit Meine Befehle dem Joseph, nie aber der Maria, die Mich doch im Leibe getragen hat, gegeben habe, damit Meine Ordnung, aus welcher heraus alle Dinge gemacht worden sind, auch nicht im Allergeringsten verkehrt würde.
HIM|1|400706|5|0|Und hast du dieses getan, so zeige dann deinem Weib, dass das wahre eheliche Glück nur darin besteht, dass ein Verhältnis zwischen Mann und Weib gleich wird dem zwischen Gott und dem Menschen oder zwischen Geist und Seele oder zwischen der wahren Kirche und einem bestehenden Staat und in dergleichen wahren Verhältnissen mehr.
HIM|1|400706|6|0|Ferner zeige deinem Weib, dass es mit den in ihrem Herzen über ihre Männer sich erhebenden Weibern geradeso steht, wie mit den Atheisten oder Gottesleugnern, denen die Nächte zu langen Folterbänken werden, besonders wenn sie dazu auch noch die zeitlichen Güter verlieren, was meistens von Mir aus zu geschehen pflegt, damit dann endlich, wenn sie noch nicht gar zu weit gesunken sind, doch noch eine Rückkehr möglich wird.
HIM|1|400706|7|0|Der Mann lernt Mich erkennen in seiner Liebe zu Mir, das Weib aber in der Liebe des Mannes. Wie kann aber ein Weib sagen: Ich liebe meinen Gemahl, wenn ihr nicht jedes seiner Worte und Wünsche heilig ist? – Daher ist bei der Ehe für den Mann das Wichtigste, sich zuvor ganz erkennen, damit er sehe in welchem Verhältnis das Weib zu ihm steht und dann das Weib richte nach seines Geistes Kraft.
HIM|1|400706|8|0|Aber wenn der Mann in seiner eigenen Blindheit ein wahrer Willens-Schwächling ist und auch nur in einem Punkt seinem Weib bei einer unrechten Sache nachgibt, so hat er einen Krebs auf seinen dummen Stamm gepfropft, und da wird bald nicht eine gesunde eheliche Lebensfaser mehr anzutreffen sein.
HIM|1|400706|9|0|Daher soll der Mann nicht eher ehelichen, bevor er sich selbst ganz durchschaut hat!
HIM|1|400706|10|0|Das Geld sei dir entbehrlich, so du Meine Gnade hast! Du aber sei deinem Weibe unentbehrlich, da sie Meine Gnade noch nicht hat! Was nützt ihr Geld und Gut ohne Meine Gnade!? Und hat sie diese durch das fromme Herz des Mannes, so wird sie ihr Geld mit verbundenen Augen ansehen.
HIM|1|400706|11|0|O Mein lieber Sohn, siehe, Ich kenne dein Weib viel besser, als du sie je kennen wirst. Daher glaube Mir, dein Weib hat einen dreifachen Hochmut: Sie ist stolz auf ihr Geld; sie ist stolz, dein Weib zu sein, deines Amtes wegen, worin ihre Neigung zu dir besteht; denn wärest du nur zu einem Abschreiber befähigt gewesen, so wäre sie nie dein Weib geworden! Da sie sich aber nun sehr reich wähnt und noch dazu so ziemlich keusch ist, so ist sie auch stolz gegen dich, welches du jedoch nicht so sehr merkst, und das zwar aus einer gewissen Gewohnheit. Aber berühre sie nur einmal an der kitzlichschwachen Seite, so werden dir Meine Worte alsogleich klar werden.
HIM|1|400706|12|0|Daher zeige ihr fürs Erste, dass du das Haupt bist und Ich der Herr bin! Fürs Zweite zeige ihr, dass ihr Geld dir außerordentlich entbehrlich ist und dass sie dir noch obendrauf, wie auch Mir durch dich, für die taxenfreie Verwaltung ihres Vermögens den größten Dank schuldet, welcher in der wahren Liebe und in der daraus erwachsenden demütigen Erkenntnis deiner männlichen Rechte zu bestehen hat. Und fürs Dritte zeige ihr das Evangelium vom reichen Prasser und das vom reichen Jüngling; fordere zuerst von ihr die Erklärung in der ernst-freundlichen Art, und dann aber erkläre es du ihr, wobei Ich dir schon helfen werde.
HIM|1|400706|13|0|Dann lasse sie auch Mein neues Wort sehen und zeige ihr, worin der ewige Tod und worin das ewige Leben besteht, was die Wiedergeburt ist, worin sie besteht und wie sie zur Erreichung des ewigen Lebens unumgänglich nötig ist und wie ohne dieselbe mit dem zeitlichen Tode auch der geistige unerlässlich verbunden ist.
HIM|1|400706|14|0|Alles dieses tue alsogleich, so wird mit Meiner starken Mithilfe schon noch alles gehen. Und binnen Jahr und Tag hast du ein anderes Weib aus ihr gemacht. Noch schneller wird es gehen, so du sie mit deinem Fleisch unberührt lässt und dafür betest in deines Herzens Kämmerlein.
HIM|1|400706|15|0|Nach einer Zeit kannst du sie auch mit Meinem Knecht J. L. bekannt machen. Denn der hat einen starken Donner in seiner Brust verschlossen!
HIM|1|400706|16|0|Nun handle, und Meine Gnade wird nicht unterm Wege bleiben! Amen! Ich, Jesus, der beste Ratgeber. Amen, Amen, Amen!
HIM|1|400707|1|1|Falsche und rechte Wohltätigkeit – 7. Juli 1840
HIM|1|400707|1|0|Jeder arme Hilfsbedürftige ist ein nächster Bruder zu Mir, wie der Geizend-Reiche zum Satan.
HIM|1|400707|2|0|So Ich euch Reichen, Wohlhabenden und Vermöglichen Meine armen Brüder vor eure Tür sende, so denkt, dass Ich Meine Liebe von euch noch nicht zurückgezogen habe.
HIM|1|400707|3|0|Aber habt ihr es einmal dahin gebracht – Ich rede hier im Allgemeinen –, dass die Armen sich nicht mehr vor eure Wohnung zu kommen getrauen, dann wisst, dass Meine Liebe sich bei euch auch für alle Zeiten beurlaubt hat. Ein solcher Reicher steht dann weltlich, zum verführerischen Schein, unter der Protektion der Hölle. Aber in allem seinem vermeintlichen Glück ist auch nicht ein Fünkchen Meiner Liebe und noch viel weniger Meiner Gnade vorhanden.
HIM|1|400707|4|0|Der nämliche Fall ist auch bei jenen Welt- und Geld-Reichen, die des Ansehens und einer gewissen Pflicht wegen entweder viel oder wenig als Almosen geben. Und ein Gräuel sind jene sogenannten „milden“, Ich möchte sagen und sage: „Huren-“ Beiträge, welche aus gewissen, Mir über alles verhassten Tanz-, Spiel- und vielen anderen Belustigungsgelegenheiten sparsam herrühren, bloß nur des Namens wegen, um der öffentlichen Buhlerei einen desto freieren Spielraum zu gönnen! O der ewigen Schande, Mir in den Kapellen des Satans einen Opferaltar zu errichten!
HIM|1|400707|5|0|Daher sollt ihr, Meine Lieben, nicht handeln, wie die Kinder der Hölle tun, sondern eure Gabe sei von niemandem gesehen als von Mir, von den Armen und von euch. Und jeder gebe reichlich nach dem Verhältnis seines Vermögens!
HIM|1|400707|6|0|Denn wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Ihr werdet um einen Pfennig eine Erde und um einen Trunk lebendigen Wassers eine Sonne bekommen und werdet daselbst Fürsten sein! So ihr es aber tun werdet aus reiner Liebe zu Mir, da, Freunde, sage Ich euch nichts als das: Fürs Erste wird keiner den Tod je sehen, noch fühlen schon in seinem Leibesleben; denn sein süßes Sterben wird ein gar großes Erwachen sein in den Armen seines heiligsten Vaters. Und was, fürs Zweite, dann heißen wird: „ein Freund Gottes zu sein ewig“ – das, Freunde – o bedenkt, Wer euch Seine Freunde nennt! – das könnt ihr nicht fassen!
HIM|1|400707|7|0|Nun aber wird euch Mein Knecht einen armen Mann zeigen – er ist doppelt arm, am Leib und am Geist, helft ihm zuerst leiblich, dann aber auch geistig! Wer der Erste sein wird, der wird viel Freude haben. Tut und fragt nicht: „Wem?“ – sondern dem, der euch vorgeführt wird, helft! Er ist euer Bruder, und ums Weitere sollt ihr euch nicht kümmern, wollt ihr wahre Kinder sein eures Vaters im Himmel, der Seine Sonne über Gute und Böse scheinen lässt und zu essen gibt sogar den reißenden Tieren. Amen! Ich, Jehova, euer Vater! Amen, Amen, Amen.
HIM|1|400717A|1|1|Von Bällen und Vergnügungsstätten – 17. Juli 1840 [Festgarten]
HIM|1|400717A|1|0|Das sage Ich dir, als Meinem faulen Knecht, um dir die Ursache der Anwiderung anzuzeigen, welche dich befällt, so du vom Tanz, der „Redoute“ der „Réunion“, dem „Ball“, „Casino“, und so auch jetzt ganz besonders von der schlechten Fundation der sogenannten bürgerlichen „Ressource“ irgendetwas vernimmst.
HIM|1|400717A|2|0|Diese Anwiderung ist sehr gerecht, da sie vom Geiste herrührt; doch aber bei dir durch eine dir unbewusste Richtung von Mir ausgehend zuerst naturgemäß so bewirkt wurde, dass dir durch obenerwähnte Anstalten drei dir sehr werte Mädchen gänzlich verdorben und dadurch dir auch über die Haare und bis unter die Fersen untreu geworden sind, was freilich für dich gut, aber im Allgemeinen doch sehr schlecht war, da ein treuloses Mädchen, die einem Mann untreu wird, entweder weil ihr ein anderer besser gefällt, da er entweder jünger ist und schöner, oder weil er reicher und schmeichelnder ist, und auch mehr Wollust aus seinen geilen Augen auf sie schießen lässt, als ein früherer mit einer Mir wohlgefälligen Miene und einem aufrichtigen Herzen, ihr Herz in dem Augenblick ihrer Untreue vom Satan hat gefangen nehmen lassen, und geworden ist zu einer Schlange, hässlicher als der Satan selbst, und ihre Liebe umwandelt hat in das Gift der Hure. Die Hure ist eben eine Hure, aber ein solches Mädchen ist eine Königin der Huren und nicht wert, dass sie die Erde trägt und die Luft anweht, die Sonne bescheint und der Regen sie befeuchtet. Ich sage: Vor einem Bären, vor einem Hund, ja sogar vor einem Schwein und allen reißenden Bestien sollt ihr das Evangelium öffnen; allein vor einem solchen Mädchen soll es verschlossen bleiben, da sie gespottet hat des Herzens eines aufrichtigen Mannes. Das aber ist die Ursache geistig: Wie deine Sinne anekelt, anwidert und angrauet ein Gestank, ein Aas, ein Abgrund, so auch ist es mit den Sinnen des Geistes. Denn es ist eine Tanzunterhaltung, eine „Réunion“ und ein „Ball“ ein offenes Grab voller Unrat. Das „Casino“ ist ein Aas(-haufen) von großen toten Amphibien. Und eine solche „Ressource“ ist ein Abgrund, da in der untersten Tiefe der Satan ein Weihrauchfass gestellt hat, damit man den hie und da doch mancher geistig empfindlichen Nase sich bemerklich machenden groben, verführenden Gestank seines Unrates nicht merken solle.
HIM|1|400717A|3|0|Wenn der Weisheit schon weniges genügt, so habe Ich dir mit diesen kurzen Worten alles gesagt. Aber es sollen auch deine Freunde sich davon ein Notabene nehmen. Und so ist es noch nötig, ihrer beschränkteren Einsicht wegen, noch ein paar Worte hinzuzufügen.
HIM|1|400717A|4|0|Der Satan nämlich hat mit Leidwesen und vielem Ärger gesehen, dass in dieser Stadt mehrere bessere Familien sich seinen belustigenden Verführungen, des Gestankes wegen, nicht haben fügen wollen. Darum hat er nun ein Mittel erfunden, nämlich in einem unendlich tiefen Abgrund, da hat er zuunterst ein großes, wohlverschlossenes Fass aufgestellt; den Abgrund der Hölle aber hat er wohlverdeckt mit schönen, sehr glatten Brettern und den Abtritt geziert mit sehr wohlriechenden Blumen der Welt – damit ja niemand etwas Arges auch nur ahnen solle!
HIM|1|400717A|5|0|„Denn“, sagte er sich selbst, „hier will ich mir eine gute Mahlzeit bereiten und will vom zarten Fleisch der Kinder zu leben anfangen und nicht immer das zähe Fleisch der ausgemergelten Huren fressen; die sollen in der Zukunft meine (Höllen-)Engel verkauen und verdauen. Ich werde mich hinter den wohlriechenden, anlockend schönen Blümchen verborgen halten, da mich niemand bemerken soll. Und so dann die blumensüchtigen Kindlein hinströmen, werde ich sie ergreifen, verschlingen, verdauen und sie als feinen Unrat hinunterlassen ins Fass im Abgrund. Da sollen dann die Eltern sehen, wie sie dieselben von da wieder herausbekommen, so wahr ich, Satan, der Mächtigste bin! Einen Fixstern vom hohen Himmel zu reißen, soll ihnen leichter sein, als da heraus auch nur ein Haar eines Kindes, sei’s eines Fräuleins oder auch Jünglings, zu retten!“
HIM|1|400717A|6|0|Da habt ihr geoffenbart des Satans eigenes Wort und eigenen Plan! Was meint ihr, wie Mir eine solche Anstalt gefalle?!
HIM|1|400717A|7|0|Ich habe euch väterlich und göttlich fürsorgend gezeigt die große Gefahr in aller Meiner unbestechbaren Wahrheit. In ihrer ganzen Tiefe der Bosheit steht der Satan entblößt vor euch, Meinen wenigen Kindern. Daher beherzigt wohl Meine Liebe und diese aus ihr fließende große Gnade eures heiligen Vaters und seid auf der Hut! Denn wer den Feind sieht, der kann ihn fliehen. Wehe aber den Blinden und Tauben und denen, die sich nicht kehren werden nach Meinem Rat! Ich will eher in allen Höllen Meine Engel senden, zu bekehren die Verirrten und erleuchten die Finsternisse alldort! Aber wahrlich, wahrlich, sage Ich euch, verflucht sei ein Engel, der ein solches Fass auch nur mit einem erbarmenden Blick ansehen würde! Amen. Wohlgemerkt, das sage Ich, Gott von Ewigkeit. Amen! Amen! Amen!
HIM|1|400717A|1|1|Zweiter Nachtrag zum „Engel“ – 17. Juli 1840 [Psalmen und Gedichte]
HIM|1|400717A|1|0|Hinsichtlich Meines Engels sage dem aufrichtigen C. L.....r, er kann ja aus Liebe zu Mir mit seiner extra feinen Welt-Sprachbildung versuchen, Mein großes Lied umzuarbeiten nach seiner Einsicht und nach seinem Urteil. Und hätte er es nachdem so zum Stande weltlichen Glänzens gebracht, dann möge er sich’s vorlesen und auch euch allen, damit ihr den Unterschied merkt und merken sollt.
HIM|1|400717A|2|0|Ich sage, es wird wohl eurem Kopf behagen, aber eure Herzen werden kälter werden, je mehr ihr abweichen werdet von der Urschrift. Denn seht, die Sachen verhalten sich so: Wenn man spricht zum Ohr, dann ist eine gebildete Sprache nach weltlicher Art ja recht, da das Ohr weltlich ist. So ihr redet zum Auge, so müsst ihr in gutbeleuchteten Bildern reden nach weltlicher Art, da das Auge weltlich ist. Ferner, so ihr redet zu den Füßen, muss eure Rede sein geläufig, um zu heben die weltlichen Füße. Redet ihr zum Gaumen oder Magen, da muss eure Rede süß sein, wenn sie euch behagen soll. Und wenn ihr zum seichten (wahrheits-) wasserlosen Herzen eines Mädchens redet, dann muss auch eure Rede sein gleich ihrem Herzen, äußerlich voll Blümchen, innerlich aber voll Unsinns, welche Art euch natürlich nicht viel Mühe kosten wird, denn da heißt es – je dümmer und unsinniger, desto schöner und beliebter!
HIM|1|400717A|3|0|Allein unter allen diesen Bedingungen habe Ich euch dieses Mein Gedicht nicht gegeben, sondern nur unter der alleinigen Bedingung der Liebe eures Geistes in der Seele und in deren Leib, aber nicht in deren Exkrementen.
HIM|1|400717A|4|0|Daher sollt ihr es auch dort erfassen, für wo es euch gegeben ist, und ferne mit eurem Weltverstand sein, der ein wahrer Krebs ist dem Geiste, da er verzehret die Liebe und tötet den Willen. Wie aber das Mark genährt wird aus dem Herzen, so soll auch euer Verstand wachsen aus der Liebe und sein eine gute Frucht aus dem Leben des Stammes – nicht aber wie er ist gleich einer Schmarotzerpflanze an den Ästen des Lebens, dasselbe zu untergraben, zu ersticken und endlich gar zu vernichten.
HIM|1|400717A|5|0|Das merkt euch, ihr Wissbegierigen! Was liegt Mir an aller Wissenschaft und Bildung der Welt! Fragt euch, ob ihr auch nur einen Grashalm damit zuwege bringen mögt!? Ja, es liegt sogar an der Weisheit nichts, sondern allein an der Liebe!
HIM|1|400717A|6|0|Daher liebt Mich – das ist Mein Reich! Alles andere wird euch gegeben nach Maßgabe eurer Liebe! Amen.
HIM|1|400717A|7|0|Ich, die ewige Liebe und Weisheit! Amen, Amen, Amen.
HIM|1|400717B|1|1|Wichtiger Erziehungsrat – 17. Juli 1840
HIM|1|400717B|0|0|Auf Anfrage des A. H., ob er einem jungen Mann, der sich bei ihm gemeldet, die Erziehung seiner Kinder anvertrauen könne.
HIM|1|400717B|1|0|Sage dem A. H.: Ich habe sein Herz geprüft und habe in demselben einen redlichen Sinn gefunden! Ich will ihm einen Rat geben; den soll er wohl beherzigen und danach handeln!
HIM|1|400717B|2|0|Niemand kann etwas geben, das er nicht hat! Zum Erziehen aber gehört nicht nur ein gutes, williges Herz, sondern ein wohlunterrichtetes, von Mir gezogenes Gemüt. Denn wer sich noch nie von Mir hat ziehen lassen und nicht weiß, wo und wer Ich bin und wie Ich wirke – wohin soll dann ein solcher die Kindlein ziehen?!
HIM|1|400717B|3|0|Daher behandle diesen jungen Menschen als einen doppelt Armen! Du kannst deine Kinder von ihm unterrichten lassen im Lesen, Schreiben und Rechnen und noch in anderen blinden Wissenschaften. Aber was Mich betrifft, da kann es nicht sein. Da sollst du, soviel die äußere Kirche anlangt, die Kinder lehren lassen von einem gescheiten Kaplan; jedoch das Herz sollst du allein treu bearbeiten nach Meiner dir gegebenen Lehre.
HIM|1|400717B|4|0|Was aber den jungen Menschen insbesondere betrifft, so steht er gleich jedem in Meiner Liebe und kann, wenn er will, leicht wie irgendein anderer, Meine Gnade finden und das Leben aus ihr.
HIM|1|400717B|5|0|Führe ihn daher zu Meinem Knecht, damit ihm dieser den Weg zeige. Und so er ihn wandeln will, wird es ihm zum größten Nutzen sein, zeitlich und ewig.
HIM|1|400717B|6|0|Doch soll er nicht im Allergeringsten gezwungen werden, sei es durch was immer; sondern soll selbst den Rat Meines Knechtes als das höchste Mittel betrachten lernen, damit Ich ihm zum Bedürfnis werde, und wäre er auch mit allem versorgt.
HIM|1|400717B|7|0|Du aber siehe ihn allezeit verständig ernst an. Und so du etwas wider ihn hättest, müsstest du es ihm allezeit nur unter vier Augen sagen.
HIM|1|400717B|8|0|Er hat sich zu richten nach dem Rat Meines Knechtes und dir allein zu gehorchen. Und in diesem Gehorsam in ihm sollen auch die Kinder streng gehorchen in allem sie Betreffenden, von dir für sie Verordneten. Jedoch überall leuchte Mein Wille hervor!
HIM|1|400717B|9|0|So du Mir gehorchst, wird dieser Gehorsam sichtbar werden an dem Menschen und so auch an den Kindern. Und ihr könnt dann bald als eine kleine Herde unter Mir, dem alleinig guten Hirten, stehen. Amen. Ich, der alleinige gute Hirte! Amen.
HIM|1|400724|1|1|Vom geistigen Schauen und Vernehmen – 24. Juli 1840
HIM|1|400724|1|0|Seht, es steht noch so manches Geheimnis hinter Meinem Rücken und so manches Wort in Meiner heiligen Brust voll Lebens und voll Kraft, voll Liebe, voll Erbarmung und voll Gnade, wovon ihr noch keine Ahnung je gehabt habt, und weshalb ihr sagen würdet: „Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß!“ – O ja, das ist wohl ganz richtig und solch eine Bemerkung wäre bei weltlichen Wisstümlichkeiten wohl recht gut anzuwenden – aber nicht bezüglich Meiner großen Gnade, in der Unendliches für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten zu eurem stets sich mehrenden und wachsenden Wohl in der tiefsten Verborgenheit vorhanden ist.
HIM|1|400724|2|0|O Freunde, glaubt Mir, dass Ich es bin, der euch dieses alles sagt! Und glaubt – so auch eine Ewigkeit um die andere verrinnt –, dass ihr noch werdet sagen müssen: „Gibt es denn keine so geringe Zahl, auch in der gebrochensten Potenz, nach welcher wir unsere Erkenntnisse zu Gott in irgendein mögliches Verhältnis zu bringen imstande wären?“ – Und da wird eine Stimme aus eurer Brust euch antworten, und diese Stimme wird kommen von Meinem Herzen und wird sagen: „Es gibt keine solche Zahl! Immer und ewig seid ihr nichts in all eurer Weisheit! Ich aber bin alles in allem! Und ihr könnt alles sein in und durch Mich – in und durch euch selbst aber ewig nichts!“
HIM|1|400724|3|0|Seht, daher habe Ich euch noch gar vieles zu sagen, was Ich Selbst den Aposteln zu sagen vorenthalten habe, da sie es nicht ertragen hätten, indem sie nur notzeitige Früchte waren, reifgemacht durch Meine nötigende, sichtbare Gegenwart. Allein da ihr ohne Meine Sichtbarkeit liebt und glaubt, seid ihr auch fähig, Größeres zu ertragen. Und so sollt ihr nun wieder erfahren, was euren Geist unaussprechlich stutzen und staunen machen wird. Daher merkt wohl, was Ich euch hier in der Kürze mitteilen werde, und fasst es tief in eurem Herzen!
HIM|1|400724|4|0|Seht, alles, was ihr euch nur immer gedacht und geträumt habt, jetzt denkt und träumt und noch in alle Zukunft denken und träumen werdet, geht ewig nicht verloren. So, wie es in euch vorging – geradeso werdet ihr es einst getreu wesenhaft wiederfinden und es alsogleich als das Eurige erkennen und euch daran erfreuen oder betrüben. Das ist zu berühren nötig gewesen, um das Künftige eurem Verständnis näherzuführen. Denn wer da nicht weiß und sieht, dass in ihm die ganze Schöpfung kreist, lebt und webt, der kann auch nicht den Grund seiner Triebe, Begierden und Gedanken fassen.
HIM|1|400724|5|0|Seht in eurem Geist liegt die ganze Unendlichkeit wesenhaft begraben, und dazu noch jedes einzelne unendlichfältig. Daher kommt es auch, dass ihr euch z. B. eine zahllose Menge Erden, Sonnen, Bäume, Tiere, Menschen usw. nebeneinander denken könnet, d. h. ihr könnt in euch eine und dieselbe Erscheinung, Erde, Sonne, Baum, Tier, Mensch usw., ins Unendliche vervielfachen. Denn wäre es nicht so, so würdet ihr mit eurem Denken bald zu Ende sein. Und dieses geht auf folgende Weise vor sich – um es euch recht verständlich klarzumachen:
HIM|1|400724|6|0|Nämlich so ihr zwei sehr lichte Spiegel gegeneinander stellen würdet, so würde sich einer in dem anderen vollkommen abbilden. Dieses Abbild spiegelte sich dann wieder in dem ersten ab, und diese Abspiegelung dann wieder im Abbild des zweiten – und so immer gegenseitig A. in B. und B. in A., und natürlich so immerfort. Geradeso ist es mit euch! Eure Seele ist für die Außenwelt ein solcher Spiegel und euer Geist (ist es) für die innere Geisterwelt. Daher kommt es denn auch, dass alles und jedes einzelne in euch unendlichfach vorhanden ist, und daher auch bei dem Geist die schnelle Gegenwart dessen, was er gedacht und gewollt hat.
HIM|1|400724|7|0|Ihr wisst nun aber, je feiner poliert irgendein Spiegel ist, desto reiner wird auch das Abbild. So ihr nun eure Seele durch die Demut recht poliert, damit sie zu einer völlig geebneten Fläche wird, indem ihr jegliche Erhöhung benommen ward, so werdet ihr bald Wunderdinge in euch zu schauen beginnen, nämlich: durch die Seele die Außenformen, und durch den Geist aus Mir aber, welcher eine Seele des Geistes ist, den vollen Inhalt jeden Gegenstandes.
HIM|1|400724|8|0|Und Ich setze denn ein Beispiel: Ihr dächtet einen Stein oder einen Baum, ein Tier oder was immer, so werdet ihr dessen Außengestalt zuerst ersehen. Dann aber wird sich das Licht des Geistes in die Seele ergießen und wird dieses Bild durch und durch erhellen. Und so werdet ihr dann ein solches Ding durch und durch zu erschauen imstande sein. Wenn dann nun der Seelenspiegel durch das Licht des Geistes gar fein glänzend wird, so werden sich die Innenformen in der Seele abzuspiegeln beginnen und dadurch auch eurem Verstand sichtbar werden, als sehet ihr sie mit den Leibesaugen. Und so ihr dann reden wolltet mit einem solchen Ding, dann wird Mein Geist in euch, von dem aus alles, vom Größten bis zum Kleinsten, nichts als fixierte oder gefestete Gedanken sind, in das gedachte Ding treten und aus demselben reden vom Urgrund aus.
HIM|1|400724|9|0|Seht, da liegt nun enthüllt vor euren Augen, Ohren und Herzen, wie einst Adam und Abel und viele andere mit aller Schöpfung haben reden können und auf welche Weise auch ihr euch in die Verbindung mit der Geisterwelt setzen könntet, so ihr fest wollt.
HIM|1|400724|10|0|Deshalb solltet ihr aber auch zuvor eure Seele recht „polieren“, damit ihr alles dessen fähig würdet! Denn es gibt noch gar vieles, was von Mir Zeugnis gibt. Aber ihr seid noch zu töricht und unsinnig, um in der Schöpfung Meinen Namen zu merken. Daher schleift, glättet und poliert fleißig an eurer Seele, so werdet ihr die Welt bald mit ganz anderen Augen anschauen und zu keinem Ende Meiner Wunder gelangen ewig!
HIM|1|400724|11|0|Ein guter Schreiber aber gehe nächstens mit Meinem Knecht bei guter Zeit und Gelegenheit an einen Felsen oder sonst einen Naturgegenstand, und Ich werde denselben reden machen in Meinem Knecht. Und das Kundgemachte soll der Schreiber aufzeichnen und ins Reine bringen als ein gutes Zeugnis dieses Meines Wortes!
HIM|1|400724|12|0|Denn seht, es liegt nichts daran, wie ein Ding sei im Raum und in der Zeit; aber es liegt alles daran, wie euer Leben ist außer beidem. Mit den Augen des Fleisches nehmt ihr wahr Dinge außer euch; mit den Augen der Seele in euch, und mit den Augen des Geistes schaut ihr aus dem Zentrum der Dinge und so auch eures Wesens. Aber erst durch den Hinzutritt Meines Geistes werden alle Dinge sprachfähig und lebendig durch und durch.
HIM|1|400724|13|0|Seht, Ich, euer heiliger Vater, zeige euch vieles! Darum seid emsig in der Liebe, damit Meine Gnade nicht unterm Wege bleibe! Amen.
HIM|1|400728|1|1|Ein Wort über die Fürbitte – 28. Juli 1840
HIM|1|400728|0|0|O Herr, ich danke Dir demütigst wegen Spanien! Darf ich noch ferner für dasselbe beten? Und tat ich recht, für dasselbe gebetet zu haben?
HIM|1|400728|1|0|Siehe – sagst du nicht: So die Kunst in niederer Gewinnsucht nach Brot ringt, ist sie wenig nütze; und wird der Kunst nicht Brot gereicht, hat sie sich erst gefunden in ihrer Wahrheit!?
HIM|1|400728|2|0|Wie meinst du aber, dass mein Dienst sei, wenn die Knechte ringen nach weltlichen Dingen – nach Brot, Gold und Macht der Erde!?
HIM|1|400728|3|0|Siehe, es gibt kein Land gleich diesem, das du nanntest, welches mehr der schändlichen Hurerei getrieben hätte, leiblich und geistlich, und mehr als dieses verbrannt und gemordet hätte Meine unschuldigen Kindlein zu allen Zeiten. Könntest du sehen und zählen wie ich, wie viele unschuldige Mägdlein von den überfalschen Horden der Mönche geschändet und dann lebendig begraben und eingemauert wurden, wie viel Knaben der sodomitischen Unzucht geopfert wurden; zu wie vielen tausend und tausendartigen unerhörten Schändlichkeiten, Betrügereien und Gräueln man vorzüglich geistlicherseits seine niederträchtige Zuflucht nahm, um auch nur einen geringen zeitlichen Zweck zu erreichen; wie man da öffentlich fluchte über Mein geschriebenes Wort, weil es nicht passen wollte als Unterlage aller erdenklichen Gräueltaten – dann würdest du wohl sehr klar gesehen haben, wonach daselbst Mein sein-sollender Dienst gestrebt und gerungen hat!
HIM|1|400728|4|0|Und so jeder Arbeiter seines Lohnes wert und würdig ist, so habe Ich auch diesen Arbeitern den lange schon sehr wohl verdienten Lohn gegeben, als abschreckendes Beispiel wegen des Hierarchen schon zeitlich – und behielt Mir das Ewige für jenseits vor!
HIM|1|400728|5|0|Dass du aber gebetet hast dann und wann, war ja recht. Tue desgleichen nur und anhaltender! Denn der Nutzen wird auf deiner Seite sein, wenn du dich übst in Meiner großen Liebe. Aber denke dabei stets, dass Meine Gerichte allezeit gerecht sind und nur diejenigen treffen, welche sich derselben schon lange wohl verdient gemacht hatten.
HIM|1|400728|6|0|Wäre Huß nach Meinem Rat klug statt eigensinnig gewesen, gleich dem Nicolaus Kopernikus, der da war ein kluger Rechner in Meiner Schöpfung – so wäre er nicht im Feuer zugrunde gegangen. Denn Ich sage dir: Ihr sollt allezeit den Satan betrügen mit der Klugheit eurer Sanftmut. Amen. Ich, der gerechte Richter, Amen.
HIM|1|400730|1|1|Ein Quellen-Evangelium. Am Ursprung der Andritz, nördlich von Graz, in der Nähe von St. Veit – 30. Juli 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400730|0|0|Lorber spricht aus, was ihm die Quelle sagt:
HIM|1|400730|1|0|Bevor ich euch noch meine Wesenheit zeige, ist es vor allem notwendig zu wissen, woher und wie ich komme.
HIM|1|400730|2|0|Mehr denn 4.000 Klafter tief in einer schiefen Richtung gegen Morgen ist eine weite, große Öffnung, welche durch die Bildung der Berge mittelst des göttlichen Feuers entstanden ist. Daselbst in dieser Öffnung sammeln sich alle Wasser, die von den Bergen aus der fruchtbaren Luft in der Nähe angesogen werden. Und da diese große, weite Öffnung auf diese Weise fast beständig voll erhalten wird und die Last der über dieser Öffnung erhöhten Gebirgsmassen wie auch die in dieser Tiefe schon verdichtete Luft drückt, so wird nicht nur auf dieser Stelle, die ihr soeben seht, sondern auch noch auf vielen anderen Stellen dieses unterirdische Wasser sowohl durch kleine, also auch durch größere Öffnungen und durch hohle Gänge der Berge ans Tageslicht heraufbefördert. Denn seht, dass ich auf diese Weise zur Oberfläche der Erde, auf der ihr euch befindet, herauf- und nicht in dieses Tal herabbefördert werde, wie mancher meinen würde, geschieht aus diesem Grunde, weil die Unterlage dieser meiner unterirdischen Wohnstätte, was ihr das Bett nennt, ein festes und sehr gediegenes Gestein ist, in welchem Gestein ich wie in einem Kessel ruhe.
HIM|1|400730|3|0|Doch gibt es in diesem Kessel drei mannarmsdicke Adern, welche in nordöstlicher Richtung mehr denn drei Meilen tief unter dem Berg, den ihr „Schöckel“ nennt, hinziehen, allda noch ein weit größerer Kessel und Wasserbehälter vorhanden ist, welcher ebenfalls durch die Entstehung benannten Berges mittelst des göttlichen Kraftfeuers, das da ist die Liebe des Vaters, entstanden ist.
HIM|1|400730|4|0|Ursprünglich hauste in diesen Öffnungen noch Jahrhunderte daselbst das Feuer und brannte im Inneren unablässig fort, und so auch ich, als das Wasser durch die Klüfte während des Feuerwallens hineindrang in Massen auch, so wurde ich eben doch schon beinahe unterm Wege durch die heißen Klüfte verdunstet und verzehrt. Und meine ruhige Kraft war rege gemacht durch das Feuer und musste die unterirdischen Massen an das Tageslicht demselben fördern helfen. Jedoch als nach und nach diese Klüfte durch das Losreißen von Teilen größer und größer wurden, und ich dadurch ebenfalls in stets größeren und größeren Massen dahin dringen und fallen konnte, um zu sänften den großen Übermut des Feuers, welches, obschon aus der Liebe des Vaters, doch aber als Feuer einen bedeutenden Zornteil der Gottheit in sich fasste – da erlosch nach und nach dasselbe in den unteren Teilen des Kessels, brannte nur noch dann und wann in den höheren Regionen der aufgeworfenen Massen noch zwei Jahrhunderte hindurch.
HIM|1|400730|5|0|Endlich aber, als nach dem Willen des Schöpfers die Berge ihre gerechte Form, Höhe, Breite und Last erhalten hatten, da sandte dann die ewige Liebe einen guten kleinen Engelsgeist und ließ das Feuer gänzlich ersticken.
HIM|1|400730|6|0|Es glaube da ja keiner, dass ein solcher bergebeherrschender Geist eine Fabel sei! Denn da der liebevollen Macht des Ewigen unendliche, zahllose Heere von Geistern liebewillig untertan sind und die größte Freude und Seligkeit darin finden, so gewährt ihnen die Liebe des Herrn auch liebend gerne, was diese Geister liebend begehren.
HIM|1|400730|7|0|Seht, wie ihr mich da vor euren Augen seht, dringe ich nun durch kleine Äderchen bei hundert Klafter weit herauf zu dieser sichtbaren Stelle. Und seht, wäre nicht auch selbst meinem Zuge ein wohlwollender Geist zugeteilt und reinigte meine Wege, so würden diese schon lange durch meine stumme Ungeschicklichkeit verstopft oder sonst zugrunde gerichtet worden sein. Aber eben dieser mir zugeteilte, meine Wege bewachende Geist erhält diese meine kleinen Wege beinahe über ein Jahrtausend in derselben schönen, ruhigen und sanften Ordnung und lässt nicht trübe werden mich, des sprechenden Beispiels wegen; damit Menschen, die mich meiner Reinheit und stillen Zurückgezogenheit wegen gerne besuchen und ihr Auge ergötzen an meiner heiteren Frische und Klarheit, sich erinnern und wohl bedenken sollen, wenn sie irgend auch nur eines reinen, Gottes würdigen Sinnes sind, dass Reinheit und klare Anschauung bis in den Grund des eigenen sowohl als auch eines anderen Wesens nur durch ein ruhiges und bescheidenes Auftreten in der stillen, in sich gezogenen Einsamkeit von Gott einzig und allein bewirkt werden kann.
HIM|1|400730|8|0|Einst wohnten in dieser Umgegend mehrere fromme Menschen, deren Sinn Gott und deren Tun nichts als Liebe war. Diese Menschen kamen fast täglich mit frommem und einfältigem Herzen an diese Stelle, da ihr soeben euch befindet. Und wenn sie nun daselbst eine Gott wohlgefällige Betrachtung, Andacht und Aufopferung ihres Tagewerks dem Herrn vollbracht hatten, da kam allezeit von der Stelle zur linken Hand des Monuments, welches erst vor gar kurzer Zeit unwürdig daher gesetzt wurde, dieser selbe gute Geist hervor und lehrte die fromme Schaar Gottes Liebe und Weisheit, Gehorsam und Demut und in diesen auch Gottes große Liebe und daher auch wundervolle Geheimnisse der Natur kennen.
HIM|1|400730|9|0|Und da unterhielten sich dann diese Menschen mit diesem Geist stundenlang. Und er verließ sie nur, sobald ihn eine notwendige Handlung abrief. Da hättet ihr zugegen sein sollen und schauen meinen Spiegel, so hättet ihr gesehen, dass vor Gott alles Freude gibt und für Freude empfänglich ist; ich hüpfte wie eine muntere Tänzerin in meinem kleinen Beckchen, und die Steine lachten mir klatschend ihren sinnvollen Beifall herab.
HIM|1|400730|10|0|Aber die jetzt lebenden Menschen, welche noch weit materieller geworden sind als diese mich umgebenden, verwitterten Steine, dürften wohl nimmer ein solches naturgeistig-heiteres Schauspiel erleben. Denn so jemand nicht das Leben des Geistes durch die Geister des Himmels in sich lebend gemacht hat, dessen Leben ist bloß ein materielles Leben und wird unterhalten von den Geistern der Materie, welche in ihn kommen durch Speise und Trank. Ein solcher Mensch, da er dadurch wieder zur Materie wird, kann mit seinen materiellen Sinnen auch nichts sehen, hören und empfinden als wie die Materie, aus der er ist, leibt und lebt.
HIM|1|400730|11|0|Allein ganz anders verhält es sich mit dem demütigen und gehorsamen Geistesmenschen. Der sieht in der Materie das ihm verwandte, ursprüngliche Wesen lebendig und weise walten und erfährt durch bescheidene Unterredung mit einem solchen Geist die Aufschlüsse über die vielartige, hie und da ganz, hie und da zerstört, wie auch oft gänzlich aufgelöst scheinende, gröbere Materie. Aber nicht nur mit einem Geist wird er sich können in redende Gemeinschaft stellen, sondern da gibt es für jedes Reich der sichtbaren, sowohl lebenden als lebendscheinenden, wie auch gänzlich tot scheinenden Natur Geister, mit denen er eben auch eine belehrende Vollsinnrede anbinden kann.
HIM|1|400730|12|0|Seht, so ihr meinen Spiegel betrachtet, so werdet ihr so manche Bewegungen meiner Oberfläche gewahr werden: eine ordentliche kreisförmige, die aus meinem Inneren bewirkt wird, eine andere unordentliche, unförmige, unregelmäßige, die durch außenwirkende Umstände, meinen Spiegel störend, bewirkt wird.
HIM|1|400730|13|0|Seht, diese Bewegung, so ihr in dem Leben des Geistes wäret, wäre euch nicht nur eine Bewegung, durch euch nur bekannte, grobe materielle Umstände bewirkt, sondern ihr würdet eine gar wunderbare, wohlleserliche Schrift durch den allmächtigen Finger Gottes in großer Klarheit entdecken. Allein, da ihr dessen nicht fähig seid, so will Ich euch zum Schluss in der Kürze etwas von diesem ABC und dessen tiefsinniger Bedeutung kennen lehren.
HIM|1|400730|14|0|Diese kreisförmige Bewegung entsteht durch aus meinem Inneren emporsteigende materiell-geistige Bläschen, durch welche (verwundert euch nicht über das, was ich euch kundgeben werde) ein gesänftetes Geisterwesen aus dem harten Druck der toten Materie befreit wird; woraus ihr euch auch folgende, geistig entsprechende Lehre nehmen könnt, dass auch euer Geist fürs Erste auf eine ähnliche Weise aus der Materie entbunden wurde und dass er ebenfalls den nämlichen Weg in euch – wo er ebenfalls noch an die Materie gebunden ist – aus dem Innersten eures Wesens bis zu eurer Oberfläche dringen und da sich ebenfalls in solcher geordneten, gottesähnlichen Kreiswirkung offenbaren soll, um euer ganzes Wesen, das an und für sich materiell ist, gleich so wie meine spiegelglatte Oberfläche in eine wohlgeordnete Bewegung zu versetzen. Meine Stellung aber sei auch ein entsprechendes Bild, dass dies gottähnliche Leben des Geistes nur dann am höchsten wird, je mehr ihr euch zurückgezogen habt von der außenherstürmenden bösen Welt.
HIM|1|400730|15|0|Dieses wenige, was ihr vernommen habt, ist alles, was von mir und aus mir ich zur Stunde euch mitteilen kann und darf. Jedoch so ihr von eurem Geist auf eurer Oberfläche ähnliche Lebensbewegungen wahrnehmen werdet, wie ihr sie auf meiner spiegelglatten Oberfläche seht, dann kommt wieder und lernt an meinem kleinen und seichten Ufer Wunderdinge der göttlichen Liebe und Macht tiefer erkennen! Amen!
HIM|1|400802|1|1|Jedem das Seine – 2. August 1840
HIM|1|400802|1|0|Es gibt unter euch einige, die sich bei Meinen Offenbarungen durch die Dinge der Natur von manchen Skrupeln und daraus erwachsender Traurigkeit, ihrer Torheit wegen, gefangen nehmen lassen – da sie nicht so viel sehen und hören wie Mein Knecht.
HIM|1|400802|2|0|Diese frage Ich zu ihrem großen Trost: Warum sie denn eigentlich noch nie traurig geworden sind, wenn sie gesehen haben, dass auf den Weidenbäumen keine Trauben wachsen!? Und doch ist der Weidenbaum nicht minder ein Werk Meiner allmächtigen Heiligkeit als der süße und geistvolle Weinstock! Warum weinten und trauerten die Apostel denn nicht, da Ich Mich auch nicht jedem wie dem Johannes geoffenbart habe?
HIM|1|400802|3|0|Daher seid nur heiter und fröhlich und voll Lust in euren Herzen! Denn Ich, euer Vater, sehe, was jedem vorderhand nottut, und gebe jedem so viel, als er leicht ertragen kann.
HIM|1|400802|4|0|Seht, Mein Knecht ist klein und einfältig und hat ein sanftes Herz und ist der Demut und Meiner Liebe schon mehrere Jahre nachgelaufen. Wenn Ich ihm nun ein kleines Licht Meiner Gnade gegeben habe, so glaubt es, dass es wahr ist in allen Punkten und Zweigen, da alles dieses in der geradesten Richtung zuallernächst unmittelbar von Mir in ihn kommt, und das zwar, weil er es so hat haben wollen, was Mir auch am liebsten ist!
HIM|1|400802|5|0|Denn um was da jemand bittet in Meinem Namen, das wird ihm gegeben ohne Falsch und Trug – freilich nicht über Nacht, sondern nur nach und nach, je nach seiner Kraft und Stärke.
HIM|1|400802|6|0|Daher liebt Mich und glaubt ungezweifelt, was Ich euch durch Meinen einfältigen Knecht kundgebe! Machte euch ein Stein schon stutzen, was werdet ihr erst sagen, so Ich eine ganze Sonne vor euch enthüllen werde körperlich und geistig! Und was dann, wenn einen Engel!?
HIM|1|400802|7|0|Daher seid heiter und fröhlich und voll Lust in eurem Herzen! Denn Ich, euer Vater, sehe, was jedem vorderhand nottut. Amen.
HIM|1|400806|1|1|Das Leben des Baumes (der Freibergerwald bei St. Leonhardt, Graz) – 6. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906 (1-16), Arkana 1894 (17-26)]
HIM|1|400806|1|0|Allhier in diesem Wald, da ihr euch soeben befindet und in die Tiefe desselben urwesentlich einzudringen gedenkt, steht schon zum zehnten Mal ein Wald, und zwar stets besetzt mit derselben Art von Bäumen, die mit der Natur des Bodens im Einklang steht, und nicht leichtlich eine andere Baumgattung hier fortkommen dürfte.
HIM|1|400806|2|0|Denn seht, ein jeder Baum steht auf seinem Fleck und breitet da eine große Anzahl großer
HIM|1|400806|0|0|und besonders kleiner, sogenannter Haarwurzeln in das lockere Erdreich, auf welchem er sich befindet. Einem jeden solchen Baum nun aber ist eine vegetative Seele gegeben, oder wie ihr es leichter versteht, es wohnt einem jeden Baum ein stummer Geist inne.
HIM|1|400806|3|0|Dieser Geist besitzt eine ganz einfache Intelligenz. Vermöge dieses von Mir ihm verliehenen Vermögens erkennt er in der Erde die ihm zusagenden Nahrungsteile, verschafft sich da nach Meinem Willen an den Wurzeln, da er vorzüglich wohnt, viele tausend Arme, mit welchen er unter der lockeren Erde die Säfte aufgreift und sie durch die von ihm gestalteten Röhrchen und Kanäle bis in den höchsten Gipfel und in alle Zweiglein des Baumes treibt und führt.
HIM|1|400806|4|0|Jedoch die Säfte, wie er sie unter der Erde für seine Beschaffenheit ihm tauglich erkennt, sondert er erst in den Zweigen in die verschiedenen Teile ab. Die gröberen werden abgesetzt in den Stamm, und selbst davon werden noch die unreineren hinaus über die Sphäre des Baumes getrieben und bilden da die Rinde oder gleichsam die Haut oder das Kleid des Baumes.
HIM|1|400806|5|0|Die feineren Säfte, die werden benützt zu der Bildung der Äste. Denn seht, allwo immer ein Ast aus dem Stamm eines Baumes gewachsen ist, eben an dieser Stelle werdet ihr diesen Ast fast noch bis in das Zentrum des Stammes in einer viel feineren und kompakteren Masse eingedrungen erblicken. Dass dieses so geschieht, rührt von der einfachen Intelligenz des Baumgeistes ab, der da die Fasern und Röhrchen des Holzes ums Zehnfache feiner macht als wie die des Hauptstammes. Durch diese feineren Organe können demnach auch nur viel feinere Säfte durchgetrieben werden, welche schon um ebenso vieles substanzieller sind.
HIM|1|400806|6|0|Wenn ihr nun die Äste betrachtet, so werdet ihr von den Ästen selbst noch eine bei weitem größere Menge von Zweiglein herausragen sehen. Allda geschieht dasselbe von den Ästen aus in die Zweiglein als wie vom Stamm in die Äste. Und so ist der Saft in den Zweiglein wieder um mehr noch als das Zehnfache feiner und substanzieller und somit auch kräftiger, als der vom Stamm in die Äste.
HIM|1|400806|7|0|Von den Zweigen erst werden an vielen tausend Stellen in guter Ordnung eine Menge allerkleinster Röhrchen offengelassen. Durch diese wird ebenfalls in zehnfacher Feinheit – oder wie ihr es leichter versteht – in zehnfacher (nach eurem gelehrten Ausdruck „chemischer“) Verfeinerung ein Saft hinausgetrieben. Von diesem Saft werden von dem Geist nach seiner einfachen Intelligenz die nach Meiner Ordnung eben einem solchen bestimmten Baum zusagenden Blätter oder, wie ihr hier die Bäume um euch seht, Nadeln gebildet. Und hat dann ein solches Blatt oder eine solche Nadel die ordnungsmäßige Vollkommenheit erreicht, dann werden die Kanäle und Organe, die von den Zweiglein in dieselben führen, nach und nach verstopft oder zugemacht, so zwar, dass von tausend dahinführenden Röhrchen nur ein einziges, mittleres offengelassen wird, durch welches das Blatt seine Erhaltungsnahrung bekommt.
HIM|1|400806|8|0|Endlich wird aber selbst dieser Kanal geschlossen; da dann das Blatt keine Erhaltungsnahrung mehr bekommt, so fällt es tot und verdorrt vom Baum.
HIM|1|400806|9|0|An den äußersten Ausläufern der Zweiglein aber befinden sich in dem Durchmesser einer Nähnadel eine Million der allerfeinsten Organe, welche mit einem animalischen Leben versehen sind. Wenn da
HIM|1|400806|0|0|die Säfte dahin gelangen, so geschieht alldort ein förmlicher Kampf und Krieg, denn da will der Geist in seiner Unlauterkeit aus seiner Gefangenschaft (im Baum) die Freiheit ergreifen und das ganze materielle Wesen des Baumes sozusagen im Stich lassen. Allein bei einer solchen Unternehmung beengen sich dann diese Organe so sehr, dass sie ihm den Durchgang versperren.
HIM|1|400806|10|0|Da er dadurch in seiner einfachen Intelligenz seiner Gefangenschaft gewahr wird, so steht er nach und nach von seinen unfruchtbaren Versuchen ab, nimmt dann seine Zuflucht zur bescheidenen Demut, wodurch dann sein ganzes Wesen anfängt, sich in Liebe zu verwandeln.
HIM|1|400806|11|0|Wie nun dieses geschieht, so werden diese sehr beengten Organe durch seine Liebeswärme erweicht und erweitert, und er selbst wird dadurch ätherisch und wirklich lebendig durch seine Liebe.
HIM|1|400806|12|0|Wenn dieses geschehen ist, dann gedenkt er in seiner erhöhten Intelligenz an das entsprechende Gute der Liebe, setzt sich da liebewirkend an den äußersten Ausläufern dieser Organe als die Frucht des Baumes an. Und nachdem er sich nun als solche für eure Augen in kaum merklicher Größe liebewirkend angesetzt hat, da lasse Ich dann aus Meiner Barmliebe durch die Gnadenwärme und das Licht der Sonne ein außerordentlich kleines Fünkchen einhauchen.
HIM|1|400806|13|0|Dieses Fünkchen ergreift er dann auf den vielen hundert Ansätzen und Ausläufern begierig und verschließt es sorgsam in ein kleines Hülschen. Wenn nun gleichsam diese naturgeistige Ehe vor sich gegangen ist, dann wird alsobald die Blüte, als das Organ der Zeugung, und endlich auch die Frucht entsprechend dem Baum gemacht und durch die sich immer mehr und mehr ausbreitende Wärme des Fünkchens zur Reife gebracht.
HIM|1|400806|14|0|Es geschieht da öfter, dass aus unsorglicher Trägheit des Geistes manche Ausläufer bei solchen Bäumen übersehen werden, alsdann entflieht nach kurzer Zeit dieses Fünkchen wieder zu seinem Ursprung. Dann schnüren sich die Gefäße des Zweigleins alsogleich zusammen und geben einem solchen Fruchtansatz keine Nahrung mehr. Eine solche Frucht fällt dann auch bald welk und tot vom Baum.
HIM|1|400806|15|0|In der Frucht aber, die da vollkommen geworden ist, wird dieses Lebensfünkchen in einem feinen Hülschen in der Mitte des Samenkornes wohl und sorglich verwahrt. Und da es ein Lebensfünkchen aus Meiner Barmliebe ist, so enthält es, seinem Ursprung ähnlich, der Ich Selbst bin, Unendliches seiner Art in sich. Da könnten von einem solchen Samenkorn auch nur in tausend Jahren mehr als ebenso viele Millionen gleicher Bäume entstehen, und so fort bis ins Unendliche. Denn Ich bin ewig und unendlich im Kleinsten wie im Allergrößten und Unendlichen selbst.
HIM|1|400806|16|0|Nun seht, da habt ihr nun einen Baum, oder so viele ihr wollt, in seinem ganzen Bestehen, nur muss Ich euch noch die Entstehung desselben zeigen, sowie das Ende.
HIM|1|400806|17|0|Die Entstehung eines solchen Baumes ist an und für sich sehr einfach. Nämlich ein solches Samenkörnchen fällt oder wird gelegt in die Erde. Wie es sich nun in der Erde befindet, ruft es einen in der Materie gebannten Geist zu und in sich. Dadurch nun bekommt ein solcher Geist die erste Lebensregung und die allereinfachste Intelligenz seines Wesens. Da er im Grunde böse ist, so will er sich alsogleich dieses Lebensfünkchens mörderisch bemächtigen, allein dieses Lebensfünkchen entweicht immerwährend seiner Nachstrebung. Daher sucht dann dieser Geist immer ihm ähnliche Teile oder ihm ähnliche Geister in der Erde auf und vergrößert sich und vermehrt sich dadurch sichtlich, wie ihr euch an einem emporgewachsenen Baum überzeugen könnt. Denn dieses Emporwachsen des Baumes geschieht eben durch die mörderische Nachstrebung dieses entbundenen Geistes – oder wenn ihr wollt – einer ganzen Legion solcher Geister.
HIM|1|400806|18|0|Dieses Lebensfünkchen aber entflieht immer höher und höher aus dem Bereich solcher bösartigen Nachstrebung. In diesem Grimm erhärten viele Millionen und Millionen solcher Geister wieder zur stummen, toten Materie, was ihr am Holz und der Rinde eines Baumes wohl bemerken könnt. Durch solche, durch viele Jahre oft fortgesetzte Nachstrebungen werden solche Geister doch wieder gedemütigt und gelangen dann zur entsprechenden nützlichen Freiheit und werden endlich eins mit dem Lebensfünkchen.
HIM|1|400806|19|0|Ein solcher Geist, der auf diese Weise sich an Ansätzen liebend vereinigt hat mit dem Lebensfünkchen, wird nach der Vollreife der Frucht ätherisch frei und geführt in eine Meiner ewigen Ordnung gemäße höhere, intelligente Wesenheit – und so fort bis endlich zu euch Menschen selbst.
HIM|1|400806|20|0|Sind dann durch einen solchen Baum, als eine materielle Erlösungs-Anstalt, eine möglichst hinreichende Anzahl der (Natur-)Geister erlöst worden, und wenn diese erlösten Geister in ihrer ätherischen Freiheit aus den verschiedenartigsten Bäumen und Gewächsen sich liebend vereinigt haben, und somit einen Geist in höherer Intelligenz darstellen, so werden dann solche Geister in die animalische Welt übertragen und daselbst zur zweiten Stufe gebracht.
HIM|1|400806|21|0|Vereinen sich wieder alle Geister der animalischen Welt liebend zu einem Geist, dann ist ein solcher Geist erst fähig, in die höhere Stufe als ein einfacher Geist in den Menschen gelegt zu werden, von wo aus er nach seiner Reife selbständig frei wirkend heraustreten kann zur Anschauung seines ewigen liebenden Urquelles, und wird nimmer mit der Materie etwas zu schaffen haben. Nur mit den im Menschen wieder böse gewordenen Geistern, wo kein Mittel der Liebe auf wohlverständige Weise etwas fruchtet, wird wieder ein ähnlicher, langwieriger Weg eingeschlagen.
HIM|1|400806|22|0|Ein in solcher Weise ausgedienter Baumstock wird dann wieder tot, dorrt ab und verfault oder, was für ihn besser ist, er wird abgehauen und verbrannt.
HIM|1|400806|23|0|Nun seht, das ist das Geheimnis der Gewächse, Sträucher und Bäume von ihrem Bestehen bis zu ihrem Ende.
HIM|1|400806|24|0|Jedoch, da Ich gleich anfänglich bemerkt habe, dass hier schon zum zehnten Mal ein Wald steht, will Ich euch noch in aller Kürze etwas hinzusagen: Seht, ebenso oftmal ist dieser Boden, das Höllgrimmfeuer satanischer Bosheit dämpfend, allezeit über hundert Jahre unter den Fluten gestanden. Daher, so ihr an manchen Stellen nur einige Klafter tief graben würdet, so würdet ihr alsobald an einzelne verkohlte Bäume aus der Vorzeit gelangen, allwo ihr an manchen Stellen in dem noch vorfindlichen Harz wohlbehaltene Insekten aus dieser Zeit antreffen würdet. Und dies würdet ihr schichtenweise zu zehn, zwanzig, fünfzig, hundert, fünfhundert, tausend und noch mehr Klafter tief antreffen.
HIM|1|400806|25|0|Seht, was Ich eines einzigen, hochmütigen Engels wegen tue! Ich sage euch, es wäre nie eine Erde, noch eine Sonne, noch irgendetwas anderes Materielles erschaffen worden, wäre dieser demütig geblieben. Allein aus Liebe füllte Ich, die Ewige Liebe, die Unendlichkeit mit Sonnen und Welten, um auch nur den kleinsten Teil dieses Gefallenen retten zu können.
HIM|1|400806|26|0|Daher bedenkt auch ihr, was Ich euretwegen alles getan habe, noch tue und tun werde ewig. Amen. Ich, die Ewige Liebe. Amen.
HIM|1|400808|1|1|Prolog zu den Naturzeugnissen. Etwas an alle, und zunächst an A. H. – 8. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400808|1|0|Wenn Ich euch an arbeitsfreien Tagen / wunderbare Dinge pfleg’ zu sagen / aus des armen Knechtes schwachem Munde, / ladend euch dadurch zum neu’sten Bunde, / der hinfort in Liebe euch soll binden, / um der Erd’ ein heilig Reich zu gründen; / seht, da werdet traurig ihr und schwach im Glauben, / denkend: Dornen tragen ja doch keine Trauben.
HIM|1|400808|2|0|In der Zukunft soll nach solchen Stunden, / die in Meiner Gnad’ ihr habt empfunden, / da Ich nur aus übergroßer Liebe / von den Augen euch des Schleiers Trübe / samt den vielen Sünden hinwegnehme –/ niemand tragen eine Herzensklemme. / Denn Ich geb’ dadurch (auch nun) kein neu’s Gebot. / Nur die Liebe tut wie stets euch allen not!
HIM|1|400808|3|0|Seht, was euch von Dingen hier wird Kunde, / geht, wie alles, nur aus Meinem Munde. / Sag’ Ich euch da unerhörte Dinge, / ja auch Selbst von Meiner Größe singe, / so bedenkt, dass Ich’s bin voll Gnade, / zeigend euch der Liebe heil’ge Pfade. / Denn es weiß sonst niemand, wie und was die Sünden, / als nur der, dem es der Vater will verkünden.
HIM|1|400808|4|0|Ich will niemals richten nach dem Glauben, / nie an Augen legen Zwangesschrauben. / Jeder glaube nach der Kraft der Sehe / seines Geistes. Doch ganz wohl verstehe, / jeder, was er glaubt und wie er liebet! / Sonst, Ich sag’ es euch, wird er betrübet / früher oder später – wohl noch hier auf Erden – / bis in seines Herzens Tiefe wahrlich werden.
HIM|1|400808|5|0|Nur die Liebe hab’ Ich euch geboten, / nie den Glauben, durch die Himmelsboten. / Diesen hab’ Ich nur gelehrt, geraten, / um zu wecken euch zu edlen Taten. / Wer da liebt aus wahrem Herzensgrunde, / dem geb’ Ich des Glaubens Licht zur Stunde. / Da zu Mir sein Herz er also hat gewendet, / so wird er in Meiner Gnade wohl vollendet!
HIM|1|400808|6|0|Da auch ihr das Herz zu Mir gewendet / und so manche Bitt’ um’s Licht gesendet, / komm Ich liebevoll in finst’rer Nacht / – was Ich sag’, von euch sei’s wohl bedacht – / Selbst zu euch, als Tröster und als Lehrer / und als wahrer, großer Gnaden-Mehrer. / Nun, wenn so, was macht das Herz euch da noch trübe? / Wisst ihr, was es ist? Nur eure schwache Liebe!
HIM|1|400808|7|0|Liebe will Ich, denn sie ist das Leben! / Liebe hab’ am Kreuz für euch gegeben / Ich, Der ewig Selbst die Liebe war, / bringe euch nun wieder Liebe dar. / Also glaubet, was Ich sage, gerne, / sei’s dem Geiste nahe oder ferne; / denn dies geb’ Ich frei nun euch zum Lohne. / Doch in Liebe nur thront Himmelswonne!
HIM|1|400808|8|0|Seht, wenn Ich euch die materielle Welt nun enthülle, so will Ich dadurch nichts anderes bezwecken, als euch die Nutzlosigkeit der Welt- oder vielmehr der Eigen- und Fleischliebe so recht klar vor die Augen stellen, woraus ihr nach und nach doch endlich einmal erkennen und begreifen werdet und auch sollet, wie euch so gar nichts an der materiellen Welt gelegen sein solle, sondern alles nur an Mir, Meiner Liebe und der darausfließenden Gnade.
HIM|1|400808|9|0|Seht, könntet ihr sonst nicht füglich fragen: „Warum sollen wir denn die schöne Welt und ihre Schätze nicht lieben und nach ihrem Vollbesitz aus allen unseren Kräften trachten, ist sie doch auch von Gott erschaffen, was soll’s denn mit dem widrigen Gebot?!“
HIM|1|400808|10|0|So ich aber nun die Wesenheit der Welt und ihrer Materie entschleiere, so denket, dass Ich euch dadurch für eure völlige Wiedergeburt eines großen Kampfes aus Meiner großen Liebe überheben will. Denn werdet ihr erst die Materie tiefer und tiefer erkennen, so wird euch auch ihr schnöder Wert desto klarer in die Augen springen. Und ihr werdet sehen, dass im Tode nicht gut wohnen ist. Amen. Ich, euer liebevollster Jesus! Amen, Amen, Amen.
HIM|1|400809|1|1|Evangelium des Weinstocks – 9. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400809|0|0|Gegeben im Weingarten bei Maria Schnee, nächst dem Kloster der Karmeliterinnen (bei Graz).
HIM|1|400809|1|0|An der Stelle, da ihr euch soeben befindet, war vor einigen hundert Jahren noch ein dichter Wald und anderes Gebüsch und Gestrüpp. Und vor zweitausend Jahren trieben noch gewaltige Fluten ihr Spiel mit den Weichteilen der kleinen Berge und füllten damit die Vertiefungen der Ebene.
HIM|1|400809|2|0|Diese Höhe oder vielmehr diese kleine Emporragung über die Ebene, da schon seit mehreren Jahren Reben hingepflanzt sind, entstand ebenfalls, wie andere hohe Berge, nach dem Verlaufe von Zeiten zu Zeiten. Jedoch was gerade die Außenseite oder die Stirne betrifft, so ist sie vielmehr eine Ablagerung teils durch den Bildungsprozess eines nachbarlichen, größeren Berges, teils aber auch Anschwemmung durch die Fluten, welche da vermöge des vorstehenden Schloßberges in ihrem raschen Strömen gehindert wurden. Seht, das ist die vorläufige, notwendige Bekanntmachung mit der Bildung dieser kleinen Stelle.
HIM|1|400809|3|0|Nun seht, in Meiner Ordnung ist es überhaupt so eingerichtet, dass immer eine edle Stufe der Gewächse eine unedlere verdrängt, und zwar durch den Einfluss teils der Witterung und dann aber hauptsächlich durch die Menschen. Denn wo auf irgendeinem Ort längere Zeit hindurch unfruchtbare Bäume, Dornen und Disteln gewachsen und gestanden sind und vegetativ gelebt haben, da wird der Boden dieser Stelle eben dadurch veredelt, dass die Baum-, Gesträuche- und Dornenwelt, die da zum intelligenten Fortbestehen unnütz war, wieder stirbt und verfault. Dann geschieht es durch Meine Ordnung, dass an solchen fruchtbaren Stellen von Menschenhänden edlere Anpflanzungen geschehen, wodurch dann den verfallenen geistigen Intelligenzen ein neuer und auch vollkommenerer Weg zu ihrer Wiedererlösung geöffnet wird.
HIM|1|400809|4|0|Der Weinstock ist eben eine solche edlere Art des Pflanzentums, welcher erst nach der erbarmenden Sündflut zu den Zeiten Noahs gewachsen und von Mir umgestaltet und gesegnet wurde, und zwar aus der Ursache, da er bei seinem ersten Entstehen, herrührend aus dem Willen Meines Feindes, dessen ungeachtet dem ersten Menschen, da er eben Meiner am meisten vergessen hatte und so in das Licht des Tages in seinem Vergnügen dahinging und wandelte und rannte, zuerst zum weckenden Stein des Anstoßes wurde und den ersten Menschen gewisserart dadurch nötigte, obschon schwer beladen mit seinem Giftbecher, doch wieder umzukehren in sein Haus.
HIM|1|400809|5|0|Nun seht, aus eben dieser erwähnten Ursache habe Ich, wie schon berührt, nach der Sündflut ihm das Gift genommen und habe ihn gesegnet viermal, während Ich das Wasser neunundneunzig Mal gesegnet habe; und eben durch diese vierfache Segnung gehört der Weinstock nun zu den edelsten Gattungen des Pflanzentums.
HIM|1|400809|6|0|Bevor Ich euch jedoch etwas aus der innersten Tiefe dieses Gewächses sagen und enthüllen kann, muss Ich euch noch zuvor notwendigerweise mit seiner äußerlichen – wie ihr zu sagen pflegt – botanischen Pflanzenwesenheit bekanntmachen.
HIM|1|400809|7|0|Seht, in einer jeden Beere werdet ihr einen, oft auch mehrere fast herzförmige Kerne finden. Aus solchen herzförmigen Kernen könnt ihr immerwährend auf die größere oder geringere Vollkommenheit einer Pflanze schließen. Denn so wie das Herz der Tiere, je vollkommener sie werden, eurem Herzen immer ähnlicher und ähnlicher wird – derselbe Fall ist es auch bei den Kernen aus dem Pflanzenreich, denn die vereinigten Geister von solchen edlen Gewächsen können dann auch eine große Anzahl von animalischen Stufen bei ihrem Neubildungsprozess überspringen, ja oft sogar alsogleich in die Klasse der Menschen aufgenommen werden, und haben überhaupt noch diesen Vorteil, dass, während ihr Geistertum ruhig seinen Weg fortwandelt, ihre materielle Hülle, bestehend aus zahllosen zarten Hülschen, in deren jedem ein höherer Lebensnahrungsfunke eingeschlossen ist, zunächst zur Nahrung des Leibes und dadurch eben auch zur Ernährung und Ausbildung der Seele dient.
HIM|1|400809|8|0|Solche Früchte wie z. B. das Getreide und andere größere Obstgattungen dienen vorzugsweise zur Nahrung der Leiber, aber die Frucht des Weinstockes dient, im reinen und mäßigen Genuss, mehr zur Belebung der Seele als des Leibes.
HIM|1|400809|9|0|Nun seht, der Kern der Traube ist also beschaffen, dass er in der Mitte der Beere wie ein Kind im Mutterleib wächst und mit der Beere selbst heranreift. Da geschieht es denn, dass durch das Mark der Rebe, durch ein für eure Augen nicht sichtbares, mehr denn ein spinnengewebefeines Haarröhrchen, ein ätherischer Feuersaft emporsteigt. Wenn ihr die Rebe betrachtet, so werdet ihr sehen, dass sie sehr viele Glieder hat. Bei einem jeden solchen Glied verfeinert sich dieses Röhrchen und wird an der Stelle, allwo sich die Frucht der Traube angesetzt hat, in viele Arme noch geteilt, was ihr aus dem ersehen könnt, so ihr die Kerne in einer Traube zählen würdet; denn ein jeder solcher Kern ist verbunden mit einem solchen Organ.
HIM|1|400809|10|0|Allein nicht der feste Kern, den ihr seht, wird gebildet aus diesem Feuersaft, auch nicht die von diesem festen Kern eingeschlossene ölige Frucht, sondern in dieser öligen Frucht ist ein der äußeren Form des Kernes ähnliches, außerordentlich kleines und zartes Hülschen eingeschlossen, welches gerade so klein ist, dass es nur den zehntausendsten Teil der Größe der öligen Frucht einnimmt. Dieses Hülschen wird dadurch nun gefüllt von dieser feurigen Gnadensubstanz.
HIM|1|400809|11|0|Ist nun dieses vor sich gegangen, alsdann wird dieses Haar-Röhrchen, an welchem diese Hülse hängt, alsogleich fest zusammengeschnürt. Und von diesem Röhrchen bilden sich dann mehrere kleine Arme oder Seitenkanäle und umgeben, gleichsam umwindend, dieses Hülschen mit der genannten öligen Substanz, welche eben dadurch süß-ölig wird, weil sie eben aus den edleren, vormals schon in der unedleren Pflanzenwelt intelligenten geistigen Substanzen durch Meine Barmliebe gebildet wird.
HIM|1|400809|12|0|Ist nun einmal dieser zweite Akt vor sich gegangen, dann wird zum zweiten Mal dieses Haar-Röhrchen wieder zusammengeschnürt und bildet fast schon gleichzeitig den festen Kern, welches auf folgende Weise geschieht: Da nämlich während der kleinen Zeitperiode der Zusammenschnürungen sich die Säfte in der ganzen Länge dieses Röhrchens verdichtet haben, so zersprengen die Säfte dann allezeit unter dem Schnürpunkt, da natürlicherweise das Röhrchen am zartesten und gebrechlichsten ist, dasselbe an vielen Stellen. Daraus fließen dann die verdichteten Feuersäfte um die ölige Frucht und drängen sich dann liebewetteifernd um den Mittelpunkt ihres lebendigen Heiligtums.
HIM|1|400809|13|0|Wenn nun der Kern gewisserart seine Solidität erreicht hat und die noch immer nachstrebenden Säfte nun an ihresgleichen stoßen und nicht mehr verspüren die Wärme des inneren Gnadenfünkchens, dann durchbrechen diese Säfte in einem Kreis diesen Kanal wie eine Raupe ihre Puppe.
HIM|1|400809|14|0|Zu gleicher Zeit aber wird von äußeren, gröberen Kanälen, welche durch die Rebe aufsteigen, eine gröbere Hülse gebildet, was alles natürlich durch die einfache Intelligenz der einer solchen Pflanze innewohnenden Geister geschieht.
HIM|1|400809|15|0|Wenn nun diese gröbere Hülse eine ordnungsmäßige, bestimmte Solidität erreicht hat, dann zerspringen die den Kern umgebenden edleren Gefäße und fließen dann in einem süßlichen, geistigen Saft in diese Hülse. Jedoch da diese Hülse doch ebenfalls ursprünglich von Säften gebildet wird, welche in ihrer Natur herbe sein müssen, damit die Frucht oder vielmehr die Hülse eine Festigkeit erhält, so kommen nun innerhalb dieser Hülse anfänglich zwei Gattungen Säfte zusammen, nämlich ein herber und ein süßer, woher es denn auch kommt, dass eine unreife Beere sehr zusammenziehend sauer schmeckt.
HIM|1|400809|16|0|Mit der Zeit jedoch wird das Herbere und Schlechtere von dem inwendigen Süßen und Guten überwunden und an die äußere Grenze als feste Hüllenmasse gedrängt. Und so wird dann sogar, euch zu einem guten Beispiel, durch das von innen aufsteigende Gute das Leben fürs Erste in einer ungebundenen Freiheit erhalten, welches hier den Kern vorstellt, da alle ihn umgebenden Säfte statt fester immer milder und lockerer und somit auch reifer und geistiger werden; und fürs Zweite wird das überwundene Herbe und gleichsam Schlechte ebenfalls gut, da es dadurch zum allgemeinen Gefäß eines solchen Pflanzenheiligtums wird.
HIM|1|400809|17|0|Und nun seht ferner, wenn ihr den Weinstock wohl betrachtet, so werdet ihr an ihm ebenfalls Blätter, Zweige und statt der Zweiglein euch wohlbekannte Fadenarme entdecken. Ihr werdet in diesem Gewächs überhaupt, wenn ihr es recht sorglich betrachtet, schon mehr animalisches Leben finden als in irgendeiner anderen Pflanze.
HIM|1|400809|18|0|Diese Arme entstehen zwar auf dieselbe Art wie die Traube selbst, aber die Geister hatten noch zu wenig Liebe-Gutes in sich, daher auch zu wenig Leben, um zu bilden eine Frucht. Wenn sie nun ihre volle Größe erreicht haben und nun gewahr werden, dass in ihnen kein Leben zur Bildung einer Frucht besteht, und das zwar einer gewissen Unsorglichkeit wegen, dann meinen sie in ihrer einfachen Intelligenz, das Lebensfünkchen sei ihnen gewisserart davongelaufen. Da dehnen sie sich so weit als nur immer möglich aus, und wie sie dann auf einen fühlbaren Gegenstand kommen, so meinen sie in ihrer Blindheit, sie hätten das Leben gefunden, umstricken es dann fest auf ähnliche Weise, wie die feineren Gefäße den Kern, und lassen es nicht mehr aus. Allein die Folge zeigt, dass sie bei solchem Weitausgreifen statt des Lebens nur den Tod mit ihren Armen umschlungen haben – und sterben am Tode selbst.
HIM|1|400809|19|0|Das sei auch ein kleiner Wink, dass so jemand, sein Inneres unbeobachtend, nur glaubt, die Lebensfülle in dem weit ausgedehnten Schöpfungsraum zu suchen, ebenfalls seine Arme und Augen weit nach dem Tode ausgesteckt hat, während Ich doch jeden durch tägliche Erfahrung handgreiflich lehre, dass die Weltgegend immer schöner, herrlicher und verklärter wird, je weiter ihr euch von derselben befindet, worüber euch schon die Fernsicht einer Gegend einen nicht unbedeutenden Wink geben sollte, denn ein weitliegendes Gebirge seht ihr oft mit frommem, begeistertem Vergnügen an. Wie ist es dann aber, so ihr an dieses Gebirge selbst gekommen seid, dass ihr an diesem Berg oder Gebirge nichts mehr Schönes und auch kein anderes Vergnügen mehr findet, als das der Fernsicht wieder anderer Gegenden?
HIM|1|400809|20|0|Seht, darin liegt es auch, dass je mehr ihr euch von der Welt abzieht und ihr euch gleichsam von derselben entfernt, sie euch desto schöner, verklärter und durchsichtiger erscheinen wird; denn da hat erst der, der Meine Werke achtet und betrachtet, eine eitle Lust daran.
HIM|1|400809|21|0|Denn seht, das Leben wohnt im Inwendigen und der Tod im Auswendigen. Wer nach dem Leben strebt und lebendig wird, für den wird selbst alles verklärt und lebendig. Denn wer das Leben hat, der haucht alle Dinge mit dem Leben an, und so werden sie dann lebendig von ihm und durch ihn, d. h. dem Lebendigen muss der Tod seine Gefangenen ausliefern.
HIM|1|400809|22|0|Wer aber nach außen strebt, sei es nach was immer, der strebt nach dem Tode und ergreift auch bald das Nächste-Beste, was ihm möglicherweise nur unterkommt, der eine dies, der andere jenes, was an und für sich nichts als Tod ist. Ein solcher zerstreut sein Leben, wird schwächer und schwächer und stirbt endlich ganz. Und somit ist für ihn auch alles tot und soviel wie gar nicht daseiend geworden, woher es denn auch geschieht, dass so viele Menschen sogar Mich, als das allerlebendigste Leben alles Lebens, als gar nicht mehr daseiend aus ihren Augen und Herzen verlieren!
HIM|1|400809|23|0|Seht, Ich hatte euch schon einmal von dem Evangelium der Pflanzen und Dinge eine kleine Erwähnung gemacht; da habt ihr demnach hier ein kleines Evangelium des Weinstocks! Und so wollen wir demnach noch eine kleine fortschreitende Betrachtung des Weinstocks vernehmen.
HIM|1|400809|24|0|Eine dritte Extremität des Weinstocks ist das Blatt. Dieses wird gebildet aus einem dreifachen Saft, nämlich es gehen von dem Mark der Rebe Kanäle aus, und zwar gerade an der Stelle, da die Rebe allezeit ein Glied bildet. Das geschieht nun auf folgende Weise:
HIM|1|400809|25|0|Nämlich, wie Ich euch schon beim Wachstum des Baumes berührt habe, geschieht auch hier schon ein viel lebhafteres Nachstreben nach Meinem Gnadenfünkchen, welches in dem Samenkorn eingeschlossen ist. Und wenn nun die arglistigen Geister verspüren dieses Fünkchens Aufsteigen in den feineren Zentralgefäßen, dann rennen sie haufenweise schnell in diesem kleinen Stamm dem Fünkchen nach. Allein wenn das Fünkchen zu einer gewissen Höhe emporgestiegen, dann umschlingt es, was ihr nicht glauben sollt oder könnt, mit Blitzesschnelle die Seitengefäße der absurden Geister. Diese rennen aber demungeachtet nach und wissen bei dieser tausendkrümmungsartigen Bewegung des Hauptorgans nicht, wohin dieses seine Richtung genommen hat. Daher suchen sie es auf dieser Stelle und schießen dann in feinerer Potenz vom Stamme weg und bilden auf diesem Weg den Stiel des Blattes.
HIM|1|400809|26|0|Wenn sie nun da eine Zeit lang in diesem Stiel fortgestrebt sind und das Lebensfünkchen demungeachtet nicht gefunden haben, dann beraten sie sich in ihrer einfachen Intelligenz und wollen nach allen Richtungen sich wenden, um den Gegenstand ihrer mörderischen Liebe zu finden. Daher spannen sie sich nach allen Kräften netzförmig aus und lassen nach unten eine Menge Ausläufe, was gleichsam die Haare am unteren Teil des Blattes bildet. Und die Netz- und Zwischenräume füllen sie dann durch ihr Suchen ebenfalls noch mit ihrer Substanz aus.
HIM|1|400809|27|0|Nichts als nur ihre eigene schlechte Hoffnung zwingt sie, nach solchen Teilen in Massen und Massen hinauszurennen. Und wenn nun das Lebensfünkchen gewahr wird, dass da eine hinreichende Masse hinausgeströmt ist, so schnürt es dann ihre Kanäle bis auf einen mittleren in eben der Schnelligkeit zusammen, von welcher schon früher Erwähnung geschehen ist. Das Lebensfünkchen selbst aber bricht oft gerade in der Mitte solcher nachstrebender Horden aus, allwo dann der schon bekannte Prozess vor sich geht.
HIM|1|400809|28|0|Auf gleiche Weise geschieht dann eine solche Handlung, so oft ihr ein Glied an einer solchen Rebe bemerkt.
HIM|1|400809|29|0|Diese Blätter aber lässt das Lebensfünkchen aus der Ursache entstehen, damit es erstens seine Fortbildung unter einem sanften Schatten vornehmen kann, und fürs Zweite saugt es dann selbst für die Ausbildung der Hülse des ihren Stern [Kern] umgebenden Saftes aus dem Lichtmeer, welches da in Fülle entströmt aus Meiner Gnadensonne, den ätherischen Stoff in sich, in welchem eigentlich der vierfache Segen besteht.
HIM|1|400809|30|0|Dieser vierfache Segen wird dann, wenn die Traube ausgepresst worden ist, das Geistige im Wein. Jedoch nicht eher, als bis der Saft alles Unreine aus sich geworfen hat, tritt das Geistige in dem Saft hervor.
HIM|1|400809|31|0|Seht, auch hierin liegt ebenfalls wieder ein kleines Evangelium – wie die innere Kraft des Lebens erst dann wirksam und fühlbar in die gereinigte Materie übergeht, wenn diese erst selbsttätig, freilich auch nur durch Meine gar starke Mithilfe, die Schmarotzer des Todes hinausgeschafft hat. Dann wird die Materie selbst verklärt und rein, wie der Saft der Traube im Fass oder Schlauch.
HIM|1|400809|32|0|Durch eine ähnliche Zurückgezogenheit von der Welt in das schützende und haltbare Gefäß der Demut wird auch euer materielles Wesen durch die Wirkung des hervortretenden Geistes gereinigt. In dieser Demut geschieht dann eine ähnliche Gärung, wodurch alles Unreine und Tote der Welt wieder zurückgegeben wird. Das Leben aber, vereint mit seiner geheiligten Materie, bleibt voll Kraft, wie ein guter Wein, ewig im Gefäß der Demut in aller Kraft beisammen.
HIM|1|400809|33|0|Nun seht, das ist von dem Weinstock, so viel ihr ertragen könnt, euch gegeben! Aber es liegt noch, wie überall, Unendliches verborgen, welches ihr für jetzt nicht würdet ertragen können. Jedoch zu seiner Zeit werdet ihr noch mehreres davon vernehmen, teils durch Meinen Knecht, teils aber, so ihr wollt aufmerksam sein auf euer Inneres, auch in euch selbst. Amen.
HIM|1|400811|1|1|Nachtrag zur Parabel der Untat – 11. August 1840 [Kleinerer Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400811|1|0|Nun merkt, ihr stummen, tauben und blinden Vorwitzlinge! Meint ihr denn, dass Ich ein Märchenerzähler bin, wie ein altes Weib, oder ein alberner Dratschler (Schwätzer), wie ihr es seid, da unter tausend Worten, mit denen ihr die Luft missbraucht, kaum ein halbnützes ist?! Seht, das bin Ich durchaus nicht, sondern Meine Worte sind Kraft und Leben und wesenhaft wahr.
HIM|1|400811|2|0|So Ich euch nun bei einer Gelegenheit irgendein passendes, eurem Innern entsprechendes Bild gebe, so sollt ihr nicht nach einer lange schon vergangenen Tat, welche vor mehr als siebzig Jahren geschehen und an der wenig mehr gelegen ist, trachten; sondern ihr sollt da nur trachten nach Meinem Reich, welches Ich euch, um euer Herz verständig zu machen, unter allerlei Formen vorführe, wie Ich es tat gleichnisweise zu den Zeiten der Apostel.
HIM|1|400811|3|0|Wie seid ihr aber töricht, so Ich euch des Himmels goldene Schätze biete, dass ihr da noch könnt lüstern nach Kot und faulen Würmern schnappen! O ihr Toren, meint ihr, Ich werde euch Weltrichtern einen Kriminal-Plapperer machen? O ihr habt euch gewaltig geirrt! Ich Selbst bin ein gerechter Richter und als solcher brauche Ich euer Gericht nicht. Denn was von Mir gerichtet wird, das wird gerichtet bleiben ewig; denn eure Gerichte sind ungerecht und voll Bosheit und verderben alles, was sie richten.
HIM|1|400811|4|0|Ich aber richte jeden nach seiner Liebe, wie ihr nach eurer Blindheit, und macht schlecht und unheilbringend eure Urteile. Daher sollt ihr auch gar nicht richten, damit ihr nicht gerichtet werdet – sondern nur belehren, bessern und unschädlich machen die Bosheit der Diebe, Räuber und Mörder.
HIM|1|400811|5|0|Daher gebe Ich euch zum Schluss diesen Rat: Lest diese Untat als Parabel wohl durch, und sucht euch selbst darinnen in der Demut und wahren Liebe zu Mir. Dann werde Ich euch gerne zu Hilfe kommen und euch leiten in Meiner Gnade. Denn eure Herzen sollen gebildet und die Sinne eures Geistes verständig werden. Und dadurch soll euer ganzes Wesen lebendig werden in Meiner Liebe.
HIM|1|400811|6|0|Lasst also die Toten tot sein und kümmert euch nicht um ihre Namen, sondern trachtet vielmehr, dass eure Namen im Buch des Lebens aufgezeichnet werden! Trachtet vor allem nach Meinem Reich und dessen ewiger Wahrheit! Alles andere wird euch zur rechten Zeit gegeben werden. Amen. Ich, die Ewige Liebe und Weisheit. Amen.
HIM|1|400813|1|1|Seid unbesorgt! – 13. August 1840
HIM|1|400813|0|0|An obengenanntem Tag empfing der Freund Jakob Lorbers, Andreas Hüttenbrenner, Bürgermeister von Graz, das Schreiben eines Unbekannten mit folgendem Wortlaut:
HIM|1|400813|0|0|„Wohlgeborener Herr! Auch die Schriften, welche aus unseren Staaten ins Ausland zum Druck gesandt werden, unterliegen den k. k. Zensurgesetzen. Da man durch einen Beamten auf Ihr Vorhaben allhier aufmerksam gemacht wurde, so erinnere ich Sie und ihre Herren Teilnehmer freundschaftlich, diese Gesetze nicht zu übertreten, um sich nicht gewissen Unannehmlichkeiten auszusetzen.“
HIM|1|400813|0|0|Jakob Lorber und seine Freunde richteten danach folgende Bitte an den himmlischen Vater:
HIM|1|400813|0|0|Herr! Wir bitten Dich in aller Demut, wohlbewusst unserer großen Schwäche, infolge welcher wir ohne Dich, Du allerbester Vater, nichts, mit und in Deiner großen Liebe und Gnade aber alles nach Deinem heiligen Willen vermögen. Du weißt all unser Tun und Lassen, und auf unserem Haupt ist kein ungezähltes Haar. Du weißt, dass uns die Welt nicht mehr anziehen kann, am allerwenigsten aber die wie immer gearteten politischen Verhältnisse; dass wir nur Dein lebendiges Wort suchen, um nach demselben ein Dir, o bester Vater, wohlgefälliges stilles, sonst aber aller Welt und deren Verhältnissen unschädliches Leben zu führen. Sage uns gnädigst, was hinter dem Schreiben an Bruder A. steckt? O bester Vater, Du Ewige Liebe in Jesu Christo, erhöre unsere Bitte! Dein Wille geschehe! Amen.
HIM|1|400813|0|0|Es erging folgende Antwort:
HIM|1|400813|1|0|Nun, so schreibe! Ich sage dir, nichts ist dahinter! Wenn aber ein so großes Licht aus den allerhöchsten Himmeln zur Erde darniedersteigt, wie sollte es geschehen, dass es nicht irgend gewittert werden möchte!? Seht ihr doch noch den leisen Schimmer einer unendlich fernen Sonne, wie wäre es möglich, dass das allerhöchste Licht so ganz und gar unbemerkt zur Erde gelangen sollte!?
HIM|1|400813|2|0|Aber seid unbesorgt, es geschieht alles nur nach Meinem Willen! Keinem von euch wird je ein Haar gekrümmt werden. Daher seid fröhlich und voll guten Mutes! Denn Ich bin ja allezeit bei euch.
HIM|1|400813|3|0|Liebt nur Mich und seht allezeit auf Mich! Und macht euer Vertrauen fester als einen Diamanten. Denn wer auf Meinem Grund baut, der baut fest. Und Ewigkeiten werden keinen Stein verwittern in allen Gemächern eines Hauses, das da gebaut wurde auf Meinem Grund in der wahren Liebe zu Mir!
HIM|1|400813|4|0|Wahrlich, wahrlich, wahrlich sage Ich: Diese ganze Erde wird verweht sein wie Spreu mit all ihren schönen Herrlichkeiten, ja, in der ganzen Unendlichkeit wird jede Sonne ewig zunichtewerden – aber hört, was da Ich gesagt habe, wird bestehen wesenhaft, solange Ich, Gott, der Unendliche, der Ewige, bleiben werde!
HIM|1|400813|5|0|Wehe aber dem, der es wagen wird, böswillig daran auch nur ein Häkchen zu ändern, für den wäre es besser, er wäre nie geboren worden. Denn ewig verflucht sei der, der da widerstreben wird dem Geist Meiner großen Gnade!
HIM|1|400813|6|0|Ich lege der Welt keine Hindernisse in den Weg und lasse sie wandeln ihre Schlammwege; aber das sage Ich: Den Spötter werde Ich stürzen in die Gräber der Finsternis, den Verächter strafen mit dem plötzlichen Tode, und wer da wird aufhalten wollen Meine Schritte, der wird zerquetscht werden gleich einem Wurm. Wer aber aus zeitlichem Interesse Meine Wege mit vernichtenden Augen ansehen wird, den wird Mein Blick vernichtend treffen, und da soll ein blinder Teufel eher Gnade finden als ein solcher Satansbruder!
HIM|1|400813|7|0|Einst trat Ich als Bettler arm und schwach auf die Erde und wurde gekreuzigt. Nun komme Ich als starker Held und Mein Gericht mit Mir! Wer Mich ergreifen wird mit Liebe, der wird leben ewig; wer aber auch nur einen Finger gegen Mich kehren wird, der soll gekreuzigt werden im Feuer Meines Grimmes!
HIM|1|400813|8|0|Das sei euch eine sichere Urkunde aus Meinem Munde, dass ihr nichts zu besorgen habt. Denn jetzt nehme Ich jeden auf, zu dem Ich komme und der Mich aufnimmt. Wer da hören wird Meine Stimme, der wird leben; der Taube aber wird zugrunde gehen.
HIM|1|400813|9|0|Das sage Ich, die Ewige Wahrheit, aus der großen Mitte Meiner unendlichen Macht! Amen, Amen, Amen.
HIM|1|400815|1|1|Die Perlenmuschel – 15. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400815|1|0|Bevor Ich euch etwas über diesen erwählten Gegenstand sagen werde, ist es für euer Verständnis notwendig, einen kleinen Rückblick zu nehmen; da eine vorgerückte Stufe nicht begriffen werden könnte, bevor das Vorhergehende nicht zu einer gewissen Klarheit in eurem Gemüt geworden ist.
HIM|1|400815|2|0|Nun seht, unter allen Gelehrten und sogenannten Naturforschern weiß niemand, und schwerlich wird jemand aus sich wissen, wo die eine Klasse aufhört, in die andere übergeht, und diese als wirklich erste den Anfang nimmt. So weiß niemand, wo das Minerale den Anfang nimmt und wo es aufhört, ebenso wenig weiß jemand den Beginn der Pflanzenwelt und den Schluss derselben. Und am allerwenigsten weiß jemand, wo die animalische Welt beginnt und wo sie den Anfang nimmt. Denn dem Forscher erscheint alles ineinandergeschmolzen, während bei Mir die scharfbegrenztesten Unterschiede stattfinden. Ja, Ich sage euch, es gibt in der ganzen Schöpfung auch nicht zwei Dinge, die davon eine Ausnahme machen.
HIM|1|400815|3|0|Dem matten Auge eines solchen Naturforschers erscheint freilich, dass Nacht und Tag sich in einem unmerklich übergehenden Zusammenfließen vereinen. Aber seht, diese Bemerkung eines solchen Naturforschers liegt bloß in der außerordentlichen Schwäche seiner inneren Sehe.
HIM|1|400815|4|0|Damit ihr dieses jedoch notwendigerweise leichter fassen und begreifen mögt, so will Ich euch ein paar sehr handgreifliche Unterschiede geben.
HIM|1|400815|5|0|Seht, dem Naturblinden schmelzen Tag und Nacht noch inniger zusammen, er wird zwischen Nacht und dem schwachen Schimmer des Tages einen kaum merkbaren Unterschied finden. Im entgegengesetzten Fall aber, so ihr ein fernes Gebirge betrachtet, besonders wenn die Luft dazu noch ziemlich trübe ist, so werdet ihr an dem Gebirge nichts als eine flache Wand erblicken, während dieses Gebirge doch nichts weniger als eine flache Wand ist, wovon ihr euch schon öfter werdet überzeugt haben. Dasselbe ist der Fall, so ihr was immer für eine ganz vollkommen ebene Fläche, z. B. eines wohlgeschliffenen Diamanten, betrachtet. Würdet ihr nun diese Fläche mit einem Mikroskop betrachten, welches die Linien zehnmillionenmal vergrößern würde, so würdet ihr auf einer solchen ebenen Fläche ganze Klüfte und Abgründe entdecken, woraus euch dann schon in naturmäßiger Hinsicht sehr leicht begreiflich werden würde, wie sehr sich diejenigen halb und oft ganz blinden Naturforscher an der Natur irren, wenn sie meinen, dass die Dinge in ihren Klassen, Formen und Charakteren ineinanderfließen.
HIM|1|400815|6|0|Dieses war notwendig vorauszuschicken, denn sonst könntet ihr das Folgende unmöglich begreifen. Seht, es ist besser, von einem Ding und dessen Verhältnissen gar keine Vorstellung zu haben, denn wer da steht auf einer morschen Stufe, der wird seinen Fuß nicht zur zweiten heben, ehe die erste samt ihm in den Abgrund sinken würde.
HIM|1|400815|7|0|Nun, so merkt, wo die Tierwelt anfängt! Ihr werdet meinen, das Wasser sei die Mutter der Tiere. Allein es ist dem nicht so. Denn wo ihr mit dem Mikroskop in einem Tropfen des Wassers animalische Lebensformen entdeckt habt, da steht das Reich der Tiere schon auf der tausendsten Stufe der Fortbildung.
HIM|1|400815|8|0|Die erste Klasse der Tierwelt sind die unendlich kleinen Bewohner des Äthers, und sind in demselben ungefähr das, was ihr in eurer Sprache „Atome“ nennt, und diese sind so außerordentlich klein (wohlgemerkt nur eurem Auge), dass auf einem Punkt, den ihr nur unter einer starken Vergrößerung als solchen entdecken könntet, schon mehrere Trillionen überflüssigen Platz fänden.
HIM|1|400815|9|0|So ihr alsdann solche Tierchen mit euren Augen entdecken wolltet, so müsstet ihr euch einen solchen Punkt trillionenmal vergrößern können, was euch im irdischen Leben wohl nie gelingen wird, weil da ein sterbliches Auge die Dinge in ihrer Wahrheit nicht wird schauen können, sondern nur das Auge des Geistes.
HIM|1|400815|10|0|Nun, würdet ihr fragen, woher diese Tiere kommen und wie sie entstehen? So sage Ich euch: Diese Tiere entstehen aus dem Zusammenfluss der Sonnenlichter (Strahlen), welche sich allenthalben in dem unermesslichen Schöpfungsraum begegnen. Und daher wird es euch auch verständlich klar werden, wozu das viele Licht, welches der Sonne – neben den Planeten – in die weiten, leer erscheinenden Räume entströmt, das von Mir, gewiss nicht unweise, verwendet wird.
HIM|1|400815|11|0|Die Gestalt dieser Tiere ist eine kugelförmige, deren Oberfläche äußerst glatt ist, und ihre Nahrung ist die Essenz des Lichtes. Ihre Lebensdauer ist der trillionste Teil einer Sekunde, allwann sie – nach ihrem Ableben zu Trillionen sich einend – eine zweite Klasse zu bilden anfangen, die sich zwar hinsichtlich der Größe von ihren Vorgängern um nicht gar vieles unterscheiden; nur wird ihr Leben um soviel konzentrierter, so zwar, dass sie nicht nur pure Säuglinge sind, sondern schon ein Bedürfnis nach Nahrung empfinden; daher sie auch schon mit einem Organ versehen sind und unter dem Ausdruck „Monaden“ zu verstehen sind.
HIM|1|400815|12|0|Diese Tiergattung hat ihren Lebensraum schon in der Planetensphäre, d. h. in dem Bereich, allda Planeten um die Sonne kreisen. Ihre Lebensdauer ist der tausendbillionste Teil einer Sekunde. Seht, wie groß auch der Unterschied zwischen der Lebensdauer eines Atoms und einer Monade ist, so ist er aber für euch – eurem natürlichen Wahrnehmen nach – doch ein ganz unmerkbarer, da ihr mit euren Sinnen den trillionsten und tausendbillionsten Teil wohl niemals unterscheiden möchtet. Und doch wird euch die Rechnung einen ungeheuren Unterschied zeigen. Nun auf gleiche Weise wird fast unter gleicher Gestalt eine Klasse nach der anderen mit einem stets potenzierteren Leben gebildet, bis endlich das Leben solcher Wesen schon zu einer solchen Potenz gediehen ist, dass es schon an den obersten Luftregionen anfängt, sich als ein lichtvoller, bläulicher Dunst anzusiedeln.
HIM|1|400815|13|0|Die Lebensdauer dieser Wesen ist dann schon gradatim bis zum tausendmillionsten Teil einer Sekunde angewachsen. Da geschieht es dann öfter, dass sich durch einen inneren Trieb viele Trillionen und Trillionen solcher Blaulicht-Tierchen ergreifen und zu einer Fortbildung einer höheren Klasse begatten.
HIM|1|400815|14|0|Ein solcher Prozess wird dann euren Augen unter der Gestalt einer sogenannten Sternschnuppe sichtbar. Das Leben vieler solcher Tierchen vereinigt sich dann wieder zu einem Leben und tritt aus ihren lichten Larven. Diese Larven fallen aber dann vermöge ihrer Lebenskraft-Kompression als scheinbare, oft als weichere, oft aber auch schon als steinfeste, sogenannte „Meteoroliten“ zur Erde und vermehren die Erde mit ihrer toten Wesenheit.
HIM|1|400815|15|0|Diese nun freigewordenen Tiere (Seelen) sammeln sich dann gerade auf der spiegelglatten Oberfläche der sogenannten „Lämmerwolken“. Bei diesen Tierchen, die noch immer unendlich klein sind für euer Auge, findet schon eine Reproduktion ihresgleichen statt, welche jedoch nicht permanent, sondern intermittierend ist. Denn wenn sie sich bis zu einem gewissen Maße und großen Anzahl reproduziert haben, dann werden sie vermöge des entlebten, freigewordenen Lebenshülschen schwerer und schwerer und sinken dann unter die Oberfläche des Luftmeeres. Dadurch geschieht wieder eine gewisse Vermählung erwähnter Tierchenmassen mit dem in der Luft konzentrierten wärmehaltigen Licht, welche Wärme unter dem sogenannten „elektrischen Stoff“ verstanden wird.
HIM|1|400815|16|0|Dadurch wird nun sogleich eine schon sehr vollkommene, sehr lebhafte Klasse gebildet, und diese füllt dann die Luft mit der sehr dichten Wolkengestalt.
HIM|1|400815|17|0|Wenn dann – was freilich nur periodisch geschieht, je nach dem mehr oder minderen Ausströmen des Lichtes aus der Sonne, welches (wieder) von den verschiedenen, euch noch unbekannten, großen Prozessen auf dem Sonnenkörper herrührt – nach euren Begriffen diese Wolken vermöge ihrer schon wieder potenzierten Reproduktionskraft zu einer großen Masse herangewachsen sind, allda geschieht dann wieder ein Klassenwechsel. Das Leben entbindet sich aus den noch immer kugelförmigen Larven, welche jetzt schon so groß sind, dass sie unter einem starken Mikroskop bereits wahrgenommen werden könnten, und fährt dann urplötzlich mit großer Schnelligkeit und großem Getöse als sichtbarer Blitz zur Erde, oft auch wieder in die feuchten Teile der Luft über – und teilt sich sogestalt in großer Schnelle teils der Materie, teils der Vegetation der Pflanzenwelt, hauptsächlich aber in seiner Lebenssphäre einer ihm zunächstliegenden Tierklasse mit.
HIM|1|400815|18|0|In die entleerten Larven aber zieht sich alsogleich beim Austritt des Lebens aus denselben die Feuchtigkeit der Luft, welche Feuchtigkeit eigentlich eine wohlgesegnete Substanz Meiner Barmliebe ist, und fällt dann nach Vereinigung vieler solcher segenerfüllter Larven als Regen zur Erde.
HIM|1|400815|19|0|Nun erst fängt ein irdisches Tierleben an, und zwar in den Zwischenräumen solcher wassergefüllter Hülschen, und saugt die Nahrung Meiner Barmliebe.
HIM|1|400815|20|0|Wenn denn nun die erlösten und freigewordenen Geister aus der unteren Pflanzenreihe solches gewahr werden, alsdann treten sie nach Meiner Ordnung alsobald aus ihrer Hülle, vereinigen sich in diesem gleichsam elektrischen Tierleben zu Millionen in eines und bilden die euch schon etwas bekannten sogenannten Infusionstierchen; wovon ihr euch dadurch überzeugen könnt, so ihr was immer für eine Pflanze nehmt, dieselbe ins Wasser legt und einige Zeit stehen lasst, dann einen großen Tropfen unter ein gutes Mikroskop bringt, so werdet ihr da sobald nur schon in einem sandkorngroßen Punkt gar viele frei lebende und sich bewegende, geformte Wesen entdecken. Das ist nun die erste Tiergattung, die in der fühlbaren Materie zum Vorschein dem aufmerksamen Beobachter kommt.
HIM|1|400815|21|0|Jedoch werdet ihr nicht nur eine, sondern wohl tausenderlei Tiergattungen nach Verlauf einer längeren Zeit entdecken in einem solchen Tropfen, die sich in ihrer Form und Benehmungsweise wesentlich unterscheiden. Ihr müsst ja nicht meinen, dass diese Tiere zugleich entstehen, sondern da geht immer eine Klasse durch die Vereinigung aus einer anderen hervor.
HIM|1|400815|22|0|Wenn ihr sehr gute Instrumente besitzen würdet, welche bis jetzt freilich noch nirgends in erwünschter Vollkommenheit vorhanden sind, so würdet ihr in der Konstruktion einer höheren Klasse noch deutlich zahllose Formen einer unteren Klasse entdecken. Denn da geht eine notwendig zweifache Zeugungsweise vor sich, nämlich die Seinesgleichen und die einer höheren Klasse, welches auf folgende Weise geschieht:
HIM|1|400815|23|0|Nämlich eine höherstehende Tierklasse verschlingt sehr gefräßig eine Unzahl aus der unteren Klasse. Dadurch wird nun aus dem materiellen Substrat und der individuellen Beschaffenheit der höheren Klasse Seinesgleichen reproduziert. Jedoch was diese vielen dadurch freigewordenen geistigen Potenzen in einer solchen höheren Klasse betrifft, so bilden diese – sich wieder einend – immerwährend eine noch höhere Klasse, welcher Akt dem materiellen Auge freilich niemals sichtbar werden kann, da er ein geistiger ist.
HIM|1|400815|24|0|Und so geht es eben von Stufe zu Stufe höher, bis es wieder einen Kreis von tausend Gattungen durchgegangen ist. Allda geschieht dann wieder ein sichtbarer, großartiger Prozess, welcher sich durch Stürme oder sonstige große Bewegungen im Wasser kundgibt, allwann solche Geister schon mächtig werden und ihre Gegenwart in den Winden fühlen lassen. Da geschieht dann eine Teilung. Einige derselben vereinigen sich dann zu allerlei Gewürm der Erde, andere aber noch zu dem (Gewürm) des Wassers. Und diese Weiterzeugung geschieht dann durch Bewegung von sichtbaren größeren Hülsen, welche ihr schon „Eierchen“ nennt, woraus dann wieder ein und dieselbe Gattung sich reproduziert zur Aufnahme einer vielfältigeren unteren Klasse, nach solchen großen Sturmprozessen.
HIM|1|400815|25|0|Zunächst solchen Würmern kommen dann schon die kleineren Gattungen der Schaltiere, und zwar zuerst die der Schnecke. Zunächst dieser auch zugleich die der Muscheltiere, welche beide Gattungen fast zu gleicher Zeit entstehen – nur mit dem Unterschied, dass der bessere, gewisserart weiblichere Teil aus den Gewürmen zu Muscheln wird.
HIM|1|400815|26|0|In dieser Schnecken- und Muschelgattung geschieht dann wieder bis zur Schildkröte eine ebenfalls tausendfache Progression. Jedoch weiter wollen wir für diesmal die Ordnungen nicht verfolgen, und wollen nun bei der sogenannten von euch bestimmten Perlenmuschel verbleiben.
HIM|1|400815|27|0|Die Perlenmuschel steht in der Fortbildung in der neunhundertneunzigsten Stufe und ist aus der euch ebenfalls bekannten Perlenmuttermuschel-Lebensvereinigung hervorgegangen, mit der Vereinigung der euch ebenfalls bekannten Perlenmutterschnecke, allda vereinigt sich dann ein zweifaches Leben, ein männliches und ein weibliches.
HIM|1|400815|28|0|Das weibliche Leben verschließt sich in eine äußerlich raue, innerlich jedoch sehr schön metallisch schimmernde Doppelhülse und vegetiert in derselben ganz wohl, nährt sich von den substratreichen Würmerlarven, aus denen es das Substrat in sich saugt, die ganz ausgesaugte Larve aber zum Weiterbau seines Gehäuses verwendet, welches also geschieht:
HIM|1|400815|29|0|Wenn es nun durch seine vielen Saugrüsselchen seine Kost genommen hat, so behält es das Substanzielle als seine Nahrung in sich und schwitzt dann die leeren, erweichten Hülsen durch eben diese Rüssel wieder an seine Schale, allwo sie sich dann ankleben und durch den salzigen Beitritt des Wassers festen, da sie dadurch herbe, zusammenziehend und kompakt werden.
HIM|1|400815|30|0|Wenn dann nun eine solche Perlenschnecke gewahr wird einer solchen weiblichen Muschel, dann kriecht sie sogleich hin zur selben, setzt sich an die runzlichte Schale und bohrt an dem fühlbaren feineren Teil der Muschel Öffnungen oder Löcher. Wenn nun solches liebegeartetes Treiben der Schnecke die Muschel gewahr wird, alsdann fängt sie an, ihre unverdaulichen Nahrungsteile, als die Larven, deren erwähnt wurde, an die Stellen, wo die Schnecke durchgearbeitet hat, hin abzusetzen, um dieselben gleichsam zu verstopfen. Die Schnecke aber hindert ihrerseits das Gelingen soviel als ihr nur immer möglich. Denn sie schwitzt dann bei solchen Öffnungen ebenfalls ihren Unrat hinein, wodurch sich dann natürlicherweise eine Art Kugel innerhalb einer solchen Öffnung gestaltet, welche Kugel dann sowohl aus den Exkrementen der Perlenmuschel als auch aus denen der Schnecke sich formt, an welcher – besonders wenn sie größer geworden ist – noch allerlei Kampfeindrücke wohl bemerkbar sind.
HIM|1|400815|31|0|Auf diese Art geht oft dieser Kampf viele Jahre vor sich. Und wenn dann eine bestimmte Lebenszeit verflossen ist, alsdann verlässt die Schnecke ihre Stelle und macht sich an den sogenannten Mund der Muschel, allwo sie mit einem ihr eigentümlichen Stachel das Fleisch der Muschel durchsticht, dadurch dem Leben der Muschel die Tür öffnet, und sich selbst dann mit diesem Leben vereinigt, und ihr eigenes Haus verlässt, und dann in einer höheren Schneckengattung, als die sogenannte Nautilus-Schnecke, auftritt, allwo sie dann voll Freude ist, ein schönes Haus baut, selbes sogar äußerlich und innerlich mit schönen Zierraten bemalt und zum Zeichen des Sieges – besonders bei Stürmen, gleichsam ihr erhöhtes Leben zeigen wollend – eine förmliche Fahne emporschießen lässt.
HIM|1|400815|32|0|Nun seht, das ist die ganze naturgemäße Bildungsgeschichte der Perlenmuschel und kann euch als ein sinnreiches Bild dienen, wie durch Beharrlichkeit und Ausdauer im Guten ein schöneres und erhabeneres Leben durch die Vereinigung des Guten und Wahren aus Mir hervorgeht und stark und mutig selbst in den Stürmen der Zeiten selbe zu seiner Freude verwendet. Denn dem Sieger ist das Zeichen der Macht eine Krone und gibt ihm eine friedliche Seligkeit im Anblick seines Beharrens. Nur dem Besiegten ist der Anblick der Siegestrophäen eine Qual.
HIM|1|400815|33|0|Daher sollt auch ihr mit dem Stachel eurer Demut in eurem Inneren graben, um dadurch eurem Geist die Tür des Lebens in euch zu öffnen. Und wie die kostbaren Perlen als Zeichen edlen Strebens in der toten Muschel zurückbleiben, gleich so werden eure Taten, wenn sie aus Meiner Liebe und Wahrheit hervorgegangen sind, der Nachwelt dauernd, gleich den Perlen der toten Muschel, zurückbleiben. Und da wird keine so klein sein, dass sie nicht gleich einer auch noch so kleinen Zahlperle an die große Zierschnur des menschlichen Lebens frucht- und heilbringend gereiht werden möchte.
HIM|1|400815|34|0|Seht, das ist nun wieder ein kleines Evangelium, welches euch eine Perlenmuschel predigt. Und so, wie in ihr, liegt in jedem naturmäßigen Ding eine große Spur, entsprechend Meiner ewigen Liebe und Weisheit, verborgen.
HIM|1|400815|35|0|Daher seid fleißig, dieweil es Tag unter euch geworden ist, und sammelt euch des Öls viel von Meinem lebendigen Ölbaum – damit, wenn nach dem Tag wieder eine Nacht kommen sollte, ihr euch eine Lampe anzünden mögt zur Zeit der Nacht und erwarten Mich, den Bräutigam eures Lebens. Denn wenn Ich zu jemand komme, so komme Ich nie am Tag, sondern allezeit zur Nachtzeit; kehre aber nur dann in ein Haus ein, allwo Ich sehe ein sanftes Licht Meiner Liebe brennen.
HIM|1|400815|36|0|Denn die Liebe ist das wahre Öl des Lebens. Wenn ihr dieses Öl in die Lampe eures Herzens gießt, so werde Ich es anzünden mit Meiner Gnade. Und wenn nun dadurch die Nacht eurer Seele erleuchtet wird, dann erst werde Ich kommen als wahrer Bräutigam des Lebens und Wohnung nehmen in euren Herzen.
HIM|1|400815|37|0|Daher seid emsig und fleißig! Amen! Ich, die ewige Liebe und Weisheit! Amen.
HIM|1|400816A|1|1|Die Taube – 16. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400816A|1|0|Damit ihr nun euer heutiges Thema, welches in der Darstellung des Inneren einer Taube besteht, begreift, so ist es notwendig, einige flüchtige Rückblicke auf das am gestrigen Tag euch Mitgeteilte zu machen.
HIM|1|400816A|2|0|Obschon die Bewohner der Luft zunächst den Bewohnern des Wassers die höhere Fortbildungsstufe einnehmen, so ist aber andererseits jedoch nötig, wenn man aus dem Wasser gestiegen ist, zuerst über die Fläche der Erde einen Blick zu machen und dann sich erst in die Regionen der Luft zu erheben, um daselbst eine nähere Bekanntschaft mit deren geflügelten Einwohnern zu machen.
HIM|1|400816A|3|0|In dem Wasser gibt es eine sonderbare Art Wesen in einer sehr unförmlichen Gestalt, die da nicht besser aussieht als ein vielbezweigter Baumast und von euch mit dem Namen „Polyp“ benamst wird. Dieser Polyp setzt sich an irgendeiner Stelle gleich einem Baumgewächs fest, wurzelt sich in dieselbe ein und ergreift mit seinen vier, fünf, sechs, oft auch sehr vielen Armen oder Rüsseln die ihm nahekommenden Gewürmer und andere Wasserinsekten und verschlingt dieselben in sich, wodurch er dann – besonders in den unteren Tiefen des Wassers – zu einer baumartigen Größe heranwächst.
HIM|1|400816A|4|0|Wenn dadurch nun seine Verdauungsorgane fester und fester geworden sind, so fängt er, gleich einem Baum, an, teilweise abzusterben und lebt nur noch in seinen äußeren, jüngst gewachsenen Rüsseln fort. Jedoch nach und nach, besonders wenn es ihm anfängt an hinreichender Nahrung zu gebrechen, so wird er dann ganz tot.
HIM|1|400816A|5|0|Ist nun dieses mit ihm vorgegangen, so geht sein ganzes unförmliches Wesen in eine unzählige Menge von kleinen rötlichen Würmern über. Diese Würmer zehren dann, sich gewaltig reproduzierend, wohlbehaglich an einem solchen abgestorbenen Polypen. Und wenn auch sie sich so gewisserart zu Tode gefressen haben, dann vereinigt sich ihr Leben zu einem, aus welchem Leben dann eine Art Fische zum Vorschein kommt.
HIM|1|400816A|6|0|Dieser Fisch ist der nämliche, der euch unter dem Namen als „Tintenfisch“, „Tintenwurm“ (Sepia) bekannt ist und seine Wohnung vorzugsweise in großen Mengen noch immer in den größten Tiefen der Meere hat.
HIM|1|400816A|7|0|Seine Nahrung besteht ebenfalls in einer Art schwarzbrauner Würmer, welche ungefähr die Gestalt eines Haferkornes haben, und gleich einem Fisch an ihren Bauchseiten mit zwei Nasen [Flossen] versehen sind und ihren Feind ganz wohl kennen. Wenn nun dieser seine Mahlzeit halten will, so trübt er das Wasser mit einem schwarzen Saft, welcher Saft zugleich eine betäubende Wirkung auf diese kleine Tierwelt ausübt.
HIM|1|400816A|8|0|Nun, auf diese Weise bereitet er sich dann immer seine Mahlzeiten. Und wenn er sich so jahrelang hindurch an Tausenden und Tausenden solcher Würmer sattgefressen hatte, so stirbt er natürlich in der Menge seines Geschlechtes, nachdem er mehrere Millionen solcher Leben in sich aufgenommen hat.
HIM|1|400816A|9|0|Diese nun so potenziert vereinten Dungwürmerleben vereinen sich dann wieder – wie schon bekannt – in eines, von welcher Vereinigung freilich wieder keinem Naturforscher je etwas geträumt hat. Ich aber, als der Urheber aller Dinge, weiß wohl alle Wege, die Ich vorgezeichnet habe in Meinen Werken. Und somit sage Ich, dass aus der Vereinigung solcher Leben ein anderes Wesen hervorgeht, und das zwar der sogenannte Seefalk oder fliegende Fisch.
HIM|1|400816A|10|0|Dieser Seefalk nährt sich nun teils von den Insekten des Meeres, teils aber auch von den Insekten, die er in einem raschen Flug in der Luft fängt; daher hat er auch seiner inneren Konstruktion nach eine doppelte Einrichtung, nämlich die eines Fisches und die eines Vogels. Er hat nämlich in seinem Bauch Blasen, die er augenblicklich mit atmosphärischer Luft füllen kann, und nach seinem intelligenten Vermögen auch wieder entweder alsogleich ganz oder zur Hälfte entleeren.
HIM|1|400816A|11|0|Aber da ist wieder für die Naturforscher ein unauflöslicher Knoten vorhanden, die da nicht wissen, wie der Fisch aus der Mitte des Wassers in die atmosphärische Luft kommt und woher er sie nimmt. Jedoch so schwer wie den Naturforschern wird es Mir nicht sein, auch dieses Rätsel vollends zu lösen. Also merkt:
HIM|1|400816A|12|0|Der Fisch lässt durch einen eigenen Kanal einige Tropfen Wasser in die Blase hineindringen. Unter der Blase aber befindet sich ein dunkles, metallisch aussehendes Gewebe. Dieses Gewebe hat diese Eigenschaft, dass es alsbald eine über 80 Grad heiße Temperatur annimmt. Sobald sich nun ein Tropfen Wasser ober ihm in der Blase befindet, wird durch diese plötzlich erzeugte Hitze das Wasser in einem Augenblick in einen Dunst aufgelöst und füllt somit die Blase mit atmosphärischer Luft. Diese chemische Handlungsweise ist nach Meinem Willen jedem Fisch, je nach seinem Bedürfnis, so geläufig eigen, wie euch die Bewegung eurer Hände und Füße.
HIM|1|400816A|13|0|Nun, eine solche Einrichtung hat denn auch unser fliegender Fisch. Aber seht, so könnte er noch nicht fliegen, und wären seine Flügel auch ellenweit. Sondern er hat noch nebst dieser Blase durch sein ganzes Körperwesen eine Menge Röhrchen oder Organe gezogen, welche – wenn er fliegen will – sogleich mit einem äußerst leichten Gas gefüllt werden. Diese Füllung geschieht auf folgende Weise:
HIM|1|400816A|14|0|Nämlich die atmosphärische Luft wird durch einen eigenen inneren, elektrischen Prozess geteilt, dadurch sinkt das Schwersalzige der atmosphärischen Luft als tropfbare Flüssigkeit in der Blase nieder und wird durch einen eigenen Kanal, der sich nun bei einer solchen Gelegenheit öffnet, alsogleich hinausbefördert. Das sehr leichte Gas aber strömt dann in die erwähnten vielen Röhrchen, benimmt
HIM|1|400816A|0|0|dann der Fleischmasse des Fisches in gerechtem Verhältnis dessen natürliche Schwere, so zwar, dass sein Körper gleichgewichtig wird mit der atmosphärischen Luft. Nun spannt er seine Flügel aus und kann mittelst dieser natürlicherweise fliegen wie ein jeder Vogel. Da geben ihm seine Flossen nach seiner Intelligenz die Richtung, und seine Flügel erheben ihn zu der benötigten Höhe.
HIM|1|400816A|15|0|Seht, das ist nun die mechanische Beschaffenheit dieses Tieres. Wie aber dieses Tier von zweierlei Kost lebt, so hat es auch zweierlei Feinde; nämlich im Meer eine größere Gattung der Raubfische, und in der Luft eine Menge großer Wasservögel, die fast allezeit diesen Luft-Usurpator für seine Keckheit mit dem Tode bestrafen.
HIM|1|400816A|16|0|Da dieser Fisch nun eine ganz gutmütige Gattung ist, so geschieht nach seinem Austritt aus solchem Leben folgender Teilungsprozess: Der weibliche Teil, somit auch der blödere, vereinigt sich und geht sogleich in eine Vogelgattung über, welche bei euch unter dem Namen die „Seemöwe“ bekannt ist, und somit noch immer auf die Nahrung der Wasserinsekten beschränkt ist. Der männliche Teil aber vereinigt sich ebenfalls, und wird zu euerem heutigen Thema. Und somit wären wir zu der sehr bedeutungsvollen „Taube“ gekommen.
HIM|1|400816A|17|0|Ich sage euch, was das Lamm unter den Vierfüßlern, das ist die Taube unter den Bewohnern der Luft, aus welcher Ursache sie auch wohlbekannt von Mir oft als das Bild der Heiligkeit Gottes dargestellt wird. Und so steht dieses Tier an der Spitze aller Bewohner der Luft und zugleich, durch seine Sanftmut und gänzliche Unschädlichkeit, auf der letzten Stufe, allwo ihre Geister, sogleich mit zahllosen Geistern noch aus anderen edlen Kreaturen beherrschend vereint, zu Menschen(-Seelen) werden. Ihr weiblicher Teil entspricht der sanften Liebe, und ihr männlicher der daraus fließenden Gnade.
HIM|1|400816A|18|0|Ihr werdet euch zwar denken, da es im Meer eine so gewaltige Menge der Fischgattungen gibt, auf welche Weise wohl diese bis zur Taube gelangen könnten. Allein da sage Ich euch: Der sogenannte Polyp ist eben auch sehr verschiedenartig, und da gibt es denn fast jeder Tiergattung des Wassers entsprechende Polypen. Und diese Polypen sind dann durchgehends nicht eine nach der Meinung eurer Naturforscher allerunterste Gattung der Tierwelt, sondern sie sind vielmehr ruhige Läuterungsanstalten, welche immerwährend – ohne abzusetzen – in sich verschlingen, was ihnen unterkommt. Und so sind sie eine Mittelstufe zwischen den Würmern und allen möglichen Fischgattungen. Denn durch sie wird die Welt der Würmer in eine höhere Stufe befördert.
HIM|1|400816A|19|0|Die Fische aber stehen schon sämtlich auf dieser Stufe, da sie nach ihrer Lebens-Vereinigung zu Bewohnern der Luft werden. Und so entspricht fast jede Fischgattung einer Vogelgattung.
HIM|1|400816A|20|0|Jedoch ist im Meer noch eine andere Gattung der Tiere, welche durch das euch schon bekannte Conchilien-Leben [Schalentier-Leben] fortgebildet wird, deren letzte Bildungsstufe schon so gestaltet ist, dass sie teils im Wasser, teils auf der Erde in atmosphärischer Luft leben können. Dergleichen Tiere werden dann die Schildkröte, wie auch noch andere, schildlose Kröten- oder Frösche-Gattungen; welche Tiere alle schon mit den Sinnen des Gesichts, des Gehörs, des Geruchs und des Gefühls sowie auch des Geschmacks begabt sind. Ferner sind das Seekalb, der Seelöwe, das Walross und so auch allen Vierfüßlern entsprechende Tiere als Halbbewohner des Wassers und der Erde anzusehen, durch deren Gattungsvereinigung entsprechende Vierfüßler der Erde werden.
HIM|1|400816A|21|0|Es gibt noch eine dritte Fortbildungsstufe im Meer, welche jedoch seltener, daher auch großartiger und wunderbarer ist, davon Ich euch bei anderer Gelegenheit näheres kundgeben werde.
HIM|1|400816A|22|0|Und nun kehren wir somit wieder zu unserer Taube zurück, welche wir noch näher beleuchten wollen.
HIM|1|400816B|1|1|Die Taube (Fortsetzung) – 16. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400816B|1|0|Obschon die Taube auf diese nun bekannte Weise dem Meer entstieg, so gehört sie aber doch in der Klasse der Vögel zu derjenigen Gattung, welche aus allen drei Reichen der Natur – gleich fast einem Menschen – Nahrung zu sich nehmen kann. Sie kann Körner, Gras, Würmer, Insekten und sogar kleine Steinchen verzehren, in welcher Weise sie euren Haushühnern gleichkommt.
HIM|1|400816B|2|0|Die Taube selbst aber zerfällt in ihrem Geschlecht, wie auch jede Vogelart, in mehrere Gattungen. Und da gibt es dann eine sogenannte Holz- oder Wildtaube, eine sogenannte Turteltaube, eine Lachtaube, eine Feldtaube, eine Haustaube, welch letztere sich selbst noch unterscheidet in die sogenannte Kropftaube oder Goldtaube, Perltaube und so fort, und so gibt es noch in anderen Ländern vielfache und verschiedene Gattungen von allerlei gearteten Tauben.
HIM|1|400816B|3|0|Jedoch die edelste von allen diesen Taubengattungen ist die Haustaube, auch „die gemeine Haustaube“ genannt, welche in ihrem ungleichartig gefärbten Gefieder leicht wohl zu erkennen ist. Denn es soll euch überhaupt das bei der Tierwelt ein Hauptaugenmerk sein, wo euch immer eine zahme Tiergattung von derselben Art vielfärbig vorkommt, da steht sie eben auch schon eurem Wesen am nächsten; weil die Farbe da schon Charakteristik der inneren Beschaffenheit ausdrückt, aus welchem Grunde daher auch die weiße Farbe aller anderen Färbung vorzuziehen ist, da sie bei der Tierwelt einer inneren soviel als makellosen Gemütsart entspricht. Da ist nun eine Charakteristik, nach welcher ihr die Gradation vermöge des Vorhergehenden wohl berechnen könnt.
HIM|1|400816B|4|0|Auf diese Art ist nun die gemeine Haustaube, wie schon gesagt, die edelste Gattung der Vögel und ist der Lebensinbegriff aller ihrer Vorgattungen wie auch einer fast zahllosen Art anderer, sanfterer Luftbewohner. So ist sie eben auch ein Aufnahmegefäß des besseren Lebens aus dem Pflanzenreich wie auch sogar mitunter aus dem Mineralreich.
HIM|1|400816B|5|0|Seht, wenn nun eine Taube stirbt, so vereinigt sich mit ihrem Lebensprinzip das Leben von allen möglichen Gattungen, sowohl von Vögeln, Tieren der Erde, wie auch der Pflanzen und Steine, und tritt als solches vereintes geistiges Leben in den Menschen.
HIM|1|400816B|6|0|Jedoch müsst ihr nicht glauben, dass von der Taube einzig und allein ein solcher Übertritt geschehe, sondern da gibt es noch tausend Gattungen sowohl der Luftbewohner als auch der Vierfüßler auf der Erde, durch welche solche Übertritte geschehen. Und möge euch das noch so sonderbar und wunderbar klingen, so ist es demungeachtet dennoch gerade also. Denn da kennt niemand Meine Wege, auch nicht ein Engel (des Himmels), als nur Ich allein und der Frommgläubige, dem Ich es mitteilen will.
HIM|1|400816B|7|0|Wer da glaubt, dem werden gar viele Wunder erschlossen werden, jedoch dem Ungläubigen ist weder zu raten noch zu helfen, umsonst schaut er mit seinen blinden Augen in Meine große Werkstätte des Lebens. Wahrlich sage Ich euch – er wird nichts finden als Exkremente des Todes. Denn das Leben ist geistig, und da hilft kein Mikroskop, um dasselbe in seiner Wirkungssphäre zu belauschen, sondern nur das Auge des Geistes, welches der Glaube ist, kann da schauen in die Tiefen der Wunder des Lebens.
HIM|1|400816B|8|0|Und glaubt ihr, soviel euch auch von Mir gezeigt und schon gesagt wurde, so ist das aber doch noch nicht der trillionste Teil selbst auch nur des Lebens einer Milbe! Daher denkt euch, dass euer Vater noch gar vieles im Hintergrund versteckt hat, was alles vollendeter und vollkommener gegeben wird, je mehr ihr euch durch die wahre Demut, welche in dem willigsten Gehorsam besteht, einfältiger und dadurch auch befähigter gemacht habt.
HIM|1|400816B|9|0|Seht, die Taube ist ein einfältiges Tier, aber in dieser Einfalt kann sie eben auch mit ihrem Flügelpaar über alles irdische in die lichtvolle Luft sich erheben und da im wahren Flug ihr Gesicht nach allen Richtungen wenden und sich tragen durch die Ströme des Lichtes, um allda aus dem ewigen Lebensborn stets frische Kost des Lebens in sich zu saugen.
HIM|1|400816B|10|0|Eben also auch ihr, so ihr geworden seid gleich einer Taube in eurer Sanftmut und biederen Einfalt, dann wird euer Geist, gleich diesem sinnlichen Sinnbild, in dem Reich des Lebens aus Mir raschen Fluges Höhen erreichen, von denen keinem Sterblichen je nur die leiseste Ahnung gekommen ist.
HIM|1|400816B|11|0|Und so oft ihr eine Taube anseht, so erinnert euch in eurem Herzen dieses kleinen Evangeliums, und denkt, dass ihr solches begreift, dass euch das große Reich Meiner Gnade nahegekommen ist und dass die Zeit herangereift ist, da der Feigenbaum saftig und viel Triebes geworden ist.
HIM|1|400816B|12|0|Nächstens sollt ihr noch die spezielle Beschaffenheit eines Vogels zur Anschauung bekommen und sehen, wie er fliegt und wie seine Nahrung in ihm verwendet wird.
HIM|1|400816B|13|0|In dieser Erkenntnis werdet ihr Außerordentliches zu sehen und in euch wohl zu erkennen bekommen. Allein wenn Ich euch auch solches werde bis ins Detail erörtert und zergliedert haben – so denkt dabei, dass Ich euch nicht naturmäßig fliegen lehren will, sondern bloß geistig. Amen.
HIM|1|400816B|14|0|Ich, die ewige Liebe und Weisheit! Amen.
HIM|1|400820|1|1|Stellung zur Kirche – 20. August 1840
HIM|1|400820|1|0|Ein ganz kleines Beiwort an jene, die da meinen, in der Schrift „Der Weg zur Wiedergeburt“ nicht Meine, sondern des Satans Stimme zu vernehmen, oder jene Schrift doch wenigstens als ein eitles Machwerk Meines Schreibers ansehen. An sie seien diese Zeilen gerichtet!
HIM|1|400820|2|0|Sie zweifeln an der Echtheit Meiner Gnade. Doch wenn Ich auch zweifelsfähig wäre, so könnte Ich da auch sehr an ihrer Liebe zweifeln! Denn sie haben wohl den Verstandesglauben, aber weit entfernt ist noch von ihnen ein gläubiges Herz. Statt das Herz durchs Gefühl verständig und empfänglich zu machen, füllen sie nur immer mehr und mehr den Verstand. Dieser ist ihnen von lauter Lesen angeschwollen wie ein vollgefüllter Ball. Dieser Ball hängt durch die Schnur des Willens am Herzen. Das Herz nun möchte sich ausdehnen und in vollen Zügen Meine Barmliebe in sich schlürfen, besonders wenn Ich so etwas recht Demütigendes ein wenig verhüllt gebe, so dass es wegen der Umhüllung nicht mehr durch die feinen Poren des Balls ihres Luftverstandes dringen kann und demzufolge aufs Herz fällt und da Eingang finden möchte.
HIM|1|400820|3|0|Allein der mit den Luftgasen gefüllte Verstandesballon zieht dann an der Willensschnur vermöge seiner spezifischen Leichtigkeit gleich einem Luftballon so stark, dass die Einmündungen in die Geisteskammern des Herzens dadurch fest zusammengeschnürt werden und die Gaben auch hier nicht eindringen können. Was folgt aber daraus? Nichts anderes als Zweifel, weil die lebendige Gabe zwischen den beiden Enden der Willensschnur, gleichsam auf- und abrutschend, weder in das eine noch in das andere den Eingang findet. Da muss Ich dann hinzutreten und den Verstand etwas auslüften, damit er wieder zum Sinken kommt, die Schnur schlaff wird und so das zusammengeschnürte Herz wieder Luft bekommt.
HIM|1|400820|4|0|Der ordnungsmäßige Zustand aber soll folgender sein: Das Herz wird mehr und mehr durch die demütige Darniederkunft des Verstandes erweitert und nimmt denselben in sich auf. Da wird dann der Verstand selbst von der Liebe erwärmt und dehnt sich im Herzen aus. Dadurch wird auch die Liebe gespannter und gespannter, entzündet sich endlich in ihrer beseligenden Wärme, und das Licht ihrer sanften Flamme durchleuchtet gar lieblich sanfthell den Verstand. Da erglänzen dann die Schätze des Himmels im Verstand, werden durch die Wärme des Lichts größer und größer und immer zerlegter und zergliederter (wie unter einem Mikroskop) – woraus dann das schöne Herzensverständnis der Liebe und des wahren, lebendigen Glaubens kommt und das Senfkörnlein sich zum Baum umgestaltet und die Vögel des Himmels und endlich auch Mich Selbst zum Wohnen in seinen Zweigen einladet.
HIM|1|400820|5|0|Dieses Gesagte diene zu deiner Beruhigung bei ferneren, ähnlichen Vorwürfen, als ob du (Jakob Lorber) ein Diener Zweier wärest, oder als ob Ich Mich auch eines Werkzeuges des Satans für Meine Gnade bedienen möchte. Das wenige Folgende aber diene zur Lüftung des Verstandes bei den Zweiflern!
HIM|1|400820|6|0|Ist es wohl löblich, wenn Kinder ihre kranke Mutter verlassen und der Leidenden den Tod wünschen ihrer vielen Gebrechen halber? Ich sage, die römische Kirche ist eine Hure; aber ihr seid denn doch in ihr geboren worden und habt die erste Kindermilch aus ihrer Brust gesogen. Sie lehrte euch zuerst Meinen Namen nennen, nährte euch wie eine recht zärtliche Mutter und untersagte euch nur das Naschen solcher Speisen, die euch den Magen verdorben hätten. Sie weckte dadurch in euch den Appetit zu kräftigeren Speisen der Seele und des Geistes, welche nach Meinem Willen euch von Mir nie vorenthalten wurden, so dass ihr nach Herzenslust habt schwelgen können. Und noch heutzutage schwelgt ihr wie nicht bald jemand – in ihrem Schoß!
HIM|1|400820|7|0|Wie kommt es denn nun, dass ihr mit Jakobus und Johannes ruft: „Herr, lasse Blitz und Schwefel regnen auf ihr krankes Haupt!“? – Hört, da schaut noch ganz wenig wahre Liebe heraus! Meint denn ihr, Vernichtung sei der Weg zur Besserung!? O nein, da irrt ihr euch gar abscheulich. So meinten denn auch alle Sektenstifter. Aber sie haben sich ebenfalls sehr geirrt, und die Folge war: Bruderzwist, Krieg, Mord und Gräuel aller Art! War eine solche Besserung gesegnet? Oder kann da eine Sekte sagen: „Meine Lehre ist nicht mit dem Blut der Brüder besiegelt!?“
HIM|1|400820|8|0|Seht, sie, die Römerin, ist dasjenige ehebrecherische Weib, welches da hätte gesteinigt werden sollen. Ich aber sage auch hier: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“ – Wieder ist sie das kanaanitische Weib und hat einen großen Glauben und viel Liebe. Wieder ist sie das Weib, das da zwölf Jahre am Blutgange litt und Mir aus Meinem Kleid die Heilung stahl und genas, da sie viel Glauben und Liebe hatte. Und wieder ist sie gleich der großen Hure und hernach Büßerin Magdalena, die da Meine Füße salbte. Unter allen diesen Gestalten kann die römische Kirche auftreten.
HIM|1|400820|9|0|Dagegen sind andere „Jünger“ voll Ärgers, so sie von Meinem „Fleisch und Blut“ hören. Sie glauben, was sie wollen, beleben sich mit den Brosamen, die von ihrer Herren Tische fallen (was da ist mein zerstückeltes Wort) und wollen in ihrem übermütigen Taumel beweisen, dass Ich gar nicht sei; und wenn doch noch etwas von Mir übrigbleibt, so kann Ich erst dann sein, wenn sie so herablassend waren und Mich in ihre „Idee“ aufgenommen haben. Wahrlich Ich sage: So irgendeine Sekte im Vollbesitz Meines Wortes zu keiner besseren Vorstellung von Mir gelangen kann als zu einer solchen, die auf Meine gänzliche Vernichtung ausgeht, da sind Mir sogar die Türken in ihrer ehrlichen und strengen Blindheit lieber, da sie Mich doch noch für etwas Höheres halten als ihren Abgott Mohammed; und unvergleichlich lieber die Römischen, allwo man Mir, als Gott und Herrn doch noch immer wenigstens ein äußerliches, sichtbares Opfer darbringt, welches für viele ein lebendiges Denkmal Meiner Erlösung ist.
HIM|1|400820|10|0|Seht, so steht es also mit Rom! Ich habe kein Wohlgefallen am Vatikan noch an der Peterskirche. Und es wäre Mir an deren Stellen ein Armenhaus überaus lieber. Rom ist eine Stadt, die mit den Königen der Welt Hurerei getrieben hat. Sie ist eine Hure und tut wie eine Hure. Sie schmückt ihr Fratzengesicht und zieht ihrem halbverwesten Leib schöne Kleider an, um auszusehen, als wenn sie noch eine Jungfrau wäre. Seht, dieses alles und tausendfach anderes ist Mir wohlbekannt. Aber sagt ihr nicht selbst: Eine Hure erzieht ihre Kinder oft besser als eine stolze Mutter, die da glaubt, sie habe alle Meine Weisheit mit dem Löffel gegessen!? So sage auch Ich: Diese Hure hat schon sehr viele gute Kinder erzogen und hat dadurch Meine Füße gesalbt. Daher will Ich ihr helfen und sie ansehen, damit sie Buße tue; denn sie hat viel gesündigt, aber auch viel geliebt!
HIM|1|400820|11|0|Zu euch aber sage Ich, dass ihr in ihr geboren und getauft wurdet, daher sollt ihr auch nicht Vernichtung, sondern Heilung ihr wünschen. Ich gebe euch den Balsam und heile in euch das Erbübel. So ihr nun lebt nach den gegebenen Regeln, so wird euch die Kirche achten. Und so sie an euch erfahren wird Wunderdinge, so wird sie selbst nach dem Balsam verlangen und wird im Stillen viele ihrer Wunden heilen. So ihr aber wollt abtrünnig werden, so wird wenig Segen an eure Brüder gelangen!
HIM|1|400820|12|0|Lebt, wie Ich euch gezeigt habe, dann wird euch auch nie eine Untersuchung Meinetwegen treffen! Denn Ich werde euch beschützen und Mein Werk wird ungehindert ans Tageslicht treten als ein großer Magnet, der alles an sich ziehen wird. Aber ihr müsst ihn nicht entkräften durch euren Ungehorsam und durch solche Zweiflerei.
HIM|1|400820|13|0|So ihr sagt: Wie kann da ein neunundneunzigfacher Segen darin sein? – Da sage Ich: Es werden im Himmel sich die Engel über einen büßenden Sünder neunundneunzigmal mehr freuen als über ebenso viele Gerechte, die da meinen, durch Mein Vollwort gerechtfertigt zu sein. – Denn das sage Ich wahrlich: Luther, Calvin, Melanchthon u.a. mehr wiegen nicht einen Johann vom Kreuz, noch einen Johann von Gott, noch einen Franziskus, noch einen Thomas von Kempen, noch einen Taulerus, noch eine Theresia und noch viele tausend andere auf.
HIM|1|400820|14|0|Ja da hätten die namhaftesten Protestanten noch sehr vieles lernen können! Selbst Swedenborg hat in Rom manches erfahren, was ihm erst die Pforte zum inneren Leben ganz bedeutend zu öffnen geholfen hat; denn er war einer, der sich aus allem die Quintessenz zu verschaffen wusste und tatsächlich davon den Nutzen zog.
HIM|1|400820|15|0|Seht, daher geht der Weise in die alte Rumpelkammer und findet da oft große Schätze vom Staub der Zeremonie bedeckt. Den Staub wischt er weg und legt das reine Gold in seine Schatzkammer. Desgleichen tuet auch ihr! Denn es steht geschrieben: Lasst die Kleinen zu Mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Reich der Himmel! – Und wer nicht wird gleich ihnen, wird nicht kommen alsobald in Mein Reich, als bis er wird wie sie, die da nicht grübeln, sondern in der Einfalt den Eltern aufs Wort glauben und darnach tun; und selbst, wenn sie durch Meine Gnade den Eltern entwachsen sind, noch immer ihr Wort ehren, wenn sie es auch nicht benötigen.
HIM|1|400820|16|0|Noah fehlte, da er sich berauschte; aber er hat den Sohn verflucht, da er gelacht hat. Und die zwei, die, ihn liebend, seine Blöße bedeckt haben, hat er gesegnet. Desgleichen (wie die zwei besseren Noahsöhne) tuet auch ihr, wollt ihr neunundneunzigmal gesegnet sein! Das sage Ich, die Ewige Liebe und Weisheit. Amen, Amen, Amen.
HIM|1|400821|1|1|Tendenz dieser Meinen Offenbarungen – in Haupt- und Nebenworten, wie in Zeugnissen der Naturwelt – 21. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400821|1|0|Was also die Tendenz alles dessen betrifft, so besteht diese darin, dass dadurch fürs Erste eurem hochgelehrten Weltverstand gezeigt wird, wie gar so töricht sein Bestreben ist, Dinge erforschen zu wollen und sie ins Bereich seiner unaussprechlichen Verhältnis-Beschränktheit zu ziehen, die ewig über dessen Sphäre werden entfernt bleiben, ihrer Tiefe, Größe und Heiligkeit wegen, dergleichen nur dem Einfältigen in sein frommgläubig Herz gelegt wird, ja, zum beschämenden Zeichen der Weltweisheit, auch den Kindern in der Wiege, wie Ich es auch sogar den Steinen geben kann.
HIM|1|400821|2|0|Fürs Zweite aber auch zu zeigen – euch und aller Welt – die wahren Wege Meiner erbarmenden Liebe, welche sie einschlägt, um das ewige Heil aller Wesen zu gründen, und wie, wann und warum dieses alles so ist und geschieht, damit dadurch allen Weltzweiflern ein Ende werde und die Dinge in ihren urwahren Verhältnissen mögen erschaut werden. Denn wie ein guter Baumeister doch gewiss am besten weiß, wozu dies oder jenes bei einem großen Werk da sein muss, so kann es auch nur Ich wissen, warum dies, warum jenes und wie, wann und wodurch.
HIM|1|400821|3|0|Wer da forscht und grübelt ohne Meine Gnade, der geht allezeit fehl. Wer aber zu Mir kommt und lernt es von Mir in seinem Herzen, der hat es in der Fülle der Wahrheit, daran nie auch nur ein Fünkchen geändert wird in alle Ewigkeit.
HIM|1|400821|4|0|Fürs Dritte aber soll daraus die mannigfache Bosheit der Menschen aus allen Klassen und Ständen klar ersichtlich und wohl begriffen werden, wie solche Menschen ihrer blinden Bosheit wegen das Heiligste und Reinste in ihren sinnlichen Weltschlamm hartnäckig herabziehen und es scheußlich verunstalten zu ihren verdammlichen, eigennützigen Zwecken.
HIM|1|400821|5|0|Kurz und gut, es soll und muss alles offen werden vor der Welt, damit dann ein jeder wisse, wie er daran ist. Ja es soll der Mittelpunkt der Erde so offen vor aller Welt Augen aufgedeckt werden wie eine verdeckte Speise vor den Gästen zur stärkenden Nahrung. Und so soll auch keine Sonne so weit entfernt sein, dass sie nicht sollte unter dem Mikroskop des lebendigen Glaubens der Einfalt im kleinsten Teil zerlegt werden, und wäre ihr Umfang größer als der eures größten Gedankens, den ihr nur immer zu denken vermögt. Und es soll auch keinen noch so kleinen Faden irgend geben, und wäre er noch so fein gesponnen, der da nicht käme an das stark vergrößernde Licht Meiner Gnadensonne. Ja, Ich will aus Punkten durchsichtige Weltkörper bilden und die Zentralsonnen in enthüllte Punkte zerlegen, damit die Welt sehe, dass am Ende doch Ich alles in allem bin.
HIM|1|400821|6|0|Wenn dadurch nun die Welt zur Einsicht gelangen wird, dass außer Mir kein Ziel zu suchen ist und gefunden werden kann, so wird dann der Friede die Erde küssen und jedem sein Amt gesichert werden zeitlich und dadurch auch ewig in aller Liebe zu Mir! Dann erst wird der Kaiser wahrhaft Kaiser sein, wohl bezeichnet durch Meine Salbung, der König ein König, der Herzog ein Herzog und der Fürst ein Fürst, ohne alle verdammliche Konstitution, außer der Liebe aus Mir und der alles überströmenden Gnade. Und da soll der Wolf dem Lamm einen Krankenwärter machen.
HIM|1|400821|7|0|Machen will Ich dadurch alles eben, damit da keine Wasserfälle und Bergstürze je mehr vorkommen sollen, als bloß das Meer Meiner Liebe und Ströme Meiner Gnade. Alles andere muss zu flachem Land werden.
HIM|1|400821|8|0|Und seht, alles soll geschehen, damit die wahre Kirche bei den Menschen geläutert werde und ihr Sieg glänze mehr denn das Licht aller Sonnen, in Eins vereinigt, wodurch dann „ein Hirt und eine Herde“ werden möge, deren Schafe allezeit Meine Stimme hören sollen, bis ans Ende aller Zeiten – allwann alle Materie vernichtet werden wird im Feuer der göttlichen Liebe – oder aber auch, so diese Meine Warnworte sollten fruchtlos im Schlamm der Welt verfaulen, alsbald im Feuer Meines gewaltigen Zornes!
HIM|1|400821|9|0|Seht, nun ist die Zeit „der kleinen Zeit“ gekommen! Wer sie wohl beachten wird, dem werden große Dinge werden in Ewigkeit. Wer sich aber daran ärgern und Bedenken tragen wird über Meine Treue, dem wird die kleine Zeit bald verrinnen und ihn die große des ewigen Zornes ergreifen! Daher: entweder – oder! Wie jemand will, so tue er es! Wir aber werden uns allezeit treffen. Amen. Das sage Ich, die ewige Liebe und Weisheit. Amen, Amen, Amen!
HIM|1|400823|1|1|Die innere Einrichtung einer Taube – 23. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400823|1|0|Was da die innere Einrichtung einer Taube und das Fliegen derselben betrifft, so ist alles dieses gleich wie bei jedem anderen Bewohner der Luft.
HIM|1|400823|2|0|Nämlich ihr Äußeres ist bedeckt mit Flaum und Federn, kleineren und größeren. Ihr Inneres besteht in einem menschenähnlichen Herzen, in einem eigentümlichen Magen, in den Gedärmen wie auch in einer ziemlich weiten Lunge und Leber, welche Eingeweide durch die notwendigen leichten Glieder von der oberen Seite und, zur Hälfte, am unteren Teil, nur durch eine weiche Haut eingeschlossen sind.
HIM|1|400823|3|0|Das Herz hat dieselbe Vorrichtung in natürlicher Hinsicht wie des Menschen Herz und alles warmblütigen Getiers, ebenso auch die Lunge. Jedoch was den Magen und die Leber anbetrifft, so besteht darin ein großer Unterschied zwischen denen des Menschen, sowie auch denen des anderen warmblütigen Getiers.
HIM|1|400823|4|0|Was die übrige Fleischmasse betrifft, so besteht das Fleisch meistens aus weichen, leichten und weißlichen Fasern, welche Fasern durch ein feines, nervenartiges Gewebe miteinander verbunden sind, vermöge welcher Verbindung es einer größeren Extension und Kompression fähig ist (d. h. sehr elastisch ist) als das Fleisch der anderen Tiere.
HIM|1|400823|5|0|An dem Leib sitzt, meistens auf einem langen Hals, ein kleiner Kopf, versehen mit außerordentlich scharfen Sinnen. Denn da sieht ein Adler, wie auch fast jeder Vogel, besser mit seinem Auge, als ihr durch ein gutes Fernrohr. Ebenso übertrifft sein Gehör das eurige bei weitem. Seine Geruchsorgane sind schärfer als die Organe des besten Spürhundes. Denn damit nimmt ein Adler mehrere Tagreisen weit ein liegendes Aas wahr und weiß genau die Richtung, von welcher Seite die stinkenden Dünste der Verwesung an seine Geruchsnerven gelangen. Desgleichen ist auch sein Geschmack so stark, dass er sogar die Würze und das ihm zusagende Salz in den festesten Steinen wahrnimmt.
HIM|1|400823|6|0|Eben wie seine Organe in den Sinnen mit der höchsten Reizbarkeit ausgerüstet sind, in einem ebenso hohen Grad ist sein Gehirn reizbar und voll Tätigkeit, und ist in selbem mehr Intelligenz als in allen übrigen Tieren, selbst den großen Elefanten nicht ausgenommen, aus welchem Grunde auch schon der erste Grad geistiger Tätigkeit ersichtlich wird, dass bei ihnen das Gedächtnis vor allen übrigen Tieren eine bei weitem vorzugsweise Stärke besitzt, was ihr auch daraus überzeugend entnehmen könnt, dass mancher Vogel sogar mehrere geregelte Gesangsweisen nachahmen kann, wie auch Worte, und oft auch ganze Sätze, was keinem anderen, noch so gelehrigen Tier möglich ist. Daraus könnt ihr auch füglich schließen, dass dieses Geschlecht euch näher steht als das andere, welches sich, wie ihr, mit seinen Füßen auf der Erde mühsam bewegt.
HIM|1|400823|7|0|Dieses alles rührt daher, weil ein Vogel vermöge seiner innerlichen Einrichtung so gestellt ist, dass er für die Eindrücke der Außenwelt die höchste Empfänglichkeit besitzt und in seinem sehr reizbaren Gehirn sich schon eine gewisse geregelte Vorstellung machen kann von dem, was er durch den Sinn aufgenommen hat; aus welcher Ursache schon in dem natürlichen Zustand eines Vogels seine Stimme oft recht wohl artikuliert erscheint.
HIM|1|400823|8|0|Nun fragt sich: Wie entsteht die Reproduktion der Vögel? Die Antwort liegt in deren Zeugung und in den Eiern verhüllt.
HIM|1|400823|9|0|Das Weibchen hat nach Meinem Willen eine Fähigkeit in sich, durch die ihr unbewusst innewohnende Intelligenz sich selbst aus der genommenen Nahrung bläschenartig zu reproduzieren auf dem sogenannten Eierstock, was auf folgende Art geschieht:
HIM|1|400823|10|0|Es gehen nämlich von ihrem Herzen ganz außerordentliche feine Organe, durch welche ein weißer Stoff hingeleitet wird. Alldorten, wo die Organe auslaufen, bildet sich aus diesem Saft ein netzartiges Gewebe, welches gleich uranfänglich zu bestehen beginnt. Hat nun dieses Gewebe seine gehörige Form erhalten, wo es aussieht, als wenn lauter kleine, etwas unförmliche Trichterchen aneinandergereiht wären, da wird dann dieses Gewebe an dem Rückgrat durch diese es bildenden Organe angebunden. Ist nun dieses vor sich gegangen, dann reißen diese Organe ab und richten ihre Mündungen in diese Trichterchen.
HIM|1|400823|11|0|Wenn nun dieses so geordnet ist, dann werden auch in gleicher Weise Gefäße, vom Magen ausgehend, durch die Leder hingeleitet, eben auch in die Mündungen dieser Trichterchen. Endlich, wenn alle die Gefäße dadurch aus dem Herzen etwas erweitert worden sind, so wächst in einem jeden solchen Gefäß noch ein Gefäß – das richtet ebenfalls seine Mündung in je ein solches Trichterchen. Wenn denn nun dieser ganze Organismus in der Zeit, welche der Natur und der Größe des Vogels angemessen ist, vollkommen ausgebildet wurde, alsdann wird aus den Säften des Magens zuerst ein zähes Tröpfchen abgesetzt, so zwar, dass die Mündung der beiden ineinandergeschobenen Organe (von) dem Herzen in die Mitte dieses Tröpfchens hineinragt.
HIM|1|400823|12|0|Ist nun auch dieses vor sich gegangen, dann fangen zuerst durch das äußere Organ aus dem Herzen sich ganz wasserweiße Säfte an zu ziehen, und treiben dadurch das äußere, vom Magen herrührende Tröpfchen gleich einer Seifenblase auseinander und füllen dasselbe bis zur Größe eines Hanfkörnchens, auch gleich einer Haselnuss oder gar eines Apfels, je nach der Größe und Beschaffenheit des Vogels. Alsdann fangen die Säfte, unmittelbar aus dem Blut herrührend, an, in dieses weiße Knäulchen zu dringen und bilden den sogenannten Dotter.
HIM|1|400823|13|0|Während solcher Bildung entwickeln sich durch den Darmkanal ebenfalls gewisse außerordentlich feine Organe, welche da diese neue Frucht gewisserart durchbohren. Nun wohlgemerkt:
HIM|1|400823|14|0|Die Henne hat zwei Ableitungskanäle (d. i. das Weibchen), einen zur Ableitung des Kotes und einen zur Ableitung des zeitiggewordenen Eies. Jedoch vereinigt sich dieser zweite Kanal vor der Mündung des Kotkanals mit demselben durch eben diese vorerwähnten, aus dem Darmkanal ausgehenden Organe, welche aneinandergereiht eine weite Röhre bilden, welche sich beim Eierstock in ebenso viele Arme teilt, als es da Trichterchen gibt.
HIM|1|400823|15|0|Diese Röhre besteht dann eigentlich aus den vorerwähnten Organen, durch welche Organe bei dem Akt der Begattung ein ätherisch-geistiger Stoff in großer Schnelligkeit in das Zentrum des Dotters geführt wird. Dieser Stoff ist nun das, was Ich schon vorher von der Vereinigung des tierischen Lebens aus den Wassern wie auch von der Erde erwähnt habe.
HIM|1|400823|16|0|Wenn nun dieses vor sich gegangen ist, so wächst dann das mittlere Organ aus dem Herzen zu einem außerordentlich feinen Gewebe um diesen neuen Gast des Lebens, und zwar in der primitiven Gestalt eines außerordentlich kleinen, ganz nackten Vogels, zieht sich dann von seinem Zentrum aus nach allen Richtungen des Eies und öffnet somit die Wege der Nahrung demselben.
HIM|1|400823|17|0|Wenn nun dieses vor sich gegangen ist, so schwitzt das Organ aus dem Magen – und zwar von den aufgelösten Steinchen – eine kalkartige Masse, welche alsobald durch die innere Wärme um das weiche Ei zu einer festen Schale erhärtet. Nun ist das Ei vollendet und zeitig.
HIM|1|400823|18|0|Dieses Zeitigwerden des Eies kann zwar auch ohne die Begattung vor sich gehen, da ist es (aber dann) nicht lebensfähig. Wenn es aber nun lebensfähig ist, so wird dann die Frucht durch die vegetative Wärme vollkommen geistig [zeitig?], und nachdem es zu seiner Ausbildung allen Vorrat im Ei verzehrt hat, bricht es die Schale durch und geht als vollkommener Vogel in die Außenwelt, welcher zwar noch eine kurze Zeit von seinen Eltern gepflegt werden muss, dann aber ist er auch schon mit allen Fähigkeiten seiner Eltern begabt. Nun, das ist die Bildung des Vogels.
HIM|1|400823|19|0|Da wir aber schon früher von seinem Magen Erwähnung gemacht, so wisst, dass der Magen eines Vogels aus ganz stumpfen, muskelartigen, dicken Blättern besteht.
HIM|1|400823|20|0|Dieser Magen ist nicht eine Vorratskammer und Verdauungswerkstätte wie bei den Tieren zugleich; denn dazu dient fürs Erste der Kropf, oder wenigstens ein kleiner Vormagen, wie bei den Raubvögeln. Der (eigentliche) Magen hat nur das Geschäft der Verdauung, welches auf folgende Weise vor sich geht, und zwar bei den sogenannten Kernfressern, wozu auch die Taube gehört.
HIM|1|400823|21|0|Der Magen hat immer einen kleinen Vorrat von Steinchen in sich. Er öffnet [sich] und nimmt aus dem Vormagen etwas weniges auf. Ist nun diese Speise zwischen seine Blätter gekommen, so fangen diese an, sich zu reiben, als wenn ihr euch die Hände reibt. Dadurch wird nun die Speise zermalmt mit Hilfe der im Magen vorfindlichen Steinchen, bei welcher Gelegenheit natürlich auch Steinchen sich abnützen, nachdem immerwährend Teilchen von ihnen abgelöst werden. Durch diese Reibung wird aber zugleich auch eine elektrische Wärme entbunden oder erzeugt, durch welche Wärme diese abgelösten Steinpartikel chemisch zerlegt werden. Das Kalkartige wird verteilt an die euch schon bekannte Bestimmung; das Mineralische aber dient zur Nahrung, Erhaltung und Festung dieser Magenblätter; und der grobe Niederschlag wird mit dem Kot weiterbefördert.
HIM|1|400823|22|0|Nun fragt sich: Wozu dem Vogel diese mineralische Kost? Die erste Ursache ist schon angegeben, dient aber neben dem Verdauungs-Geschäft, gleich einer sogenannten voltaischen Säule, zur Entbindung des feinsten sogenannten Wasserstoffgases, welches da alsogleich nach Willkür aus dem häufig in sich genommenen Wasser entwickelt werden kann, und zwar auf dem euch schon bekannten chemischen Weg.
HIM|1|400823|23|0|Der Sauerstoff nämlich, oder das Herbe des Wassers verbindet sich mit dem gleichartigen Mineralischen aus den Steinen. Auch das eigentümliche schwere Fett des Gases wird abgesondert durch ein außerordentlich feinstes organisches Filtrum. Das reinste Gas aber strömt in zahllosen kleinen Organen in die Kiele der Federn, welche vorher durch Nebenorgane aus dem abgesonderten Fett, vermengt mit sonstigen aus dem Blut gehenden Säften, gebildet werden. Allda befindet sich nämlich in dem Kiel eine sogenannte „Seele“ (ein hohles Häutchen) oder „Federmutter“, die aus mehreren aneinandergereihten Bläschen geformt ist.
HIM|1|400823|24|0|Will nun der Vogel fliegen, so füllt er in einem Augenblick diese Bläschen wie auch seine übrigen Organe mit diesem Gas, welches ihm dann eine solche Leichtigkeit gibt, dass er nach Verhältnis seines Wesens ein-, zwei-, drei- bis siebenmal leichter wird. Alsdann breitet er alsogleich seine Flügel aus, erhebt sich mit großer Leichtigkeit, gibt sich mit seinem Schweif die Richtung und lenkt seine Masse behände mit seinem Flügelpaar, denn nur im Beginn des Fliegens braucht er die Flügel, um sich zu erheben, aber während des Fliegens wird er leichter und leichter, alsdann er seine Flügel nicht mehr zum Tragen, sondern nur zum Vorwärtsbewegen gebraucht.
HIM|1|400823|25|0|Will ein Vogel sich nun wieder zur Erde niederlassen, dann lässt er nach Bedarf etwas Gas entströmen und füllt dafür den Kiel mit atmosphärischer Luft. Das ist nun das Geheimnis, wie ein Vogel fliegt und wie dieses alles durch seine innere Einrichtung bewirkt wird.
HIM|1|400823|26|0|Nun hätten wir aber noch seine Lunge und seine Leber übrig. Auch die Lunge ist so beschaffen, dass ihre Elastizität fürs Erste weit größer ist als die aller anderen Tiere. Denn da kann ein Vogel nach seiner Art verhältnismäßig hundertmal so viel Luft in sich ziehen als ein Mensch.
HIM|1|400823|27|0|Mit der Luft geht da ein ähnlicher chemischer Prozess vor wie mit dem Wasser im Magen. Das Gas davon strömt in die hohlen Knochen. Der Sauerstoff vereinigt sich mit dem Blut zur Bildung der Nerven, Muskeln, Sehnen und Knochen. Der Stickstoff allein wird respiriert und kann nach Willkür zur Bildung der einem jeden Vogel eigentümlichen Stimme verwendet werden.
HIM|1|400823|28|0|Die Leber aber bei dem Vogel ist von gleicher Beschaffenheit wie das Zellgewebe unter der Blase eines Fisches, besteht aus einer großen Menge pyramidenähnlicher Bläschen, welche nur mit sehr leichten und mehr lockergehaltenen, schleimartigen Fäserchen aneinander befestigt sind. Diese pyramidalen Zellen oder Bläschen haben die Eigenschaft kleiner elektrischer Fläschchen, und saugen das durch die Reibung der Magenblätter entwickelte elektromagnetische Fluidum in sich und werden nun der Reihe nach gefüllt gleich einer elektrischen Batterie. Dieses elektromagnetische Fluidum wird dann allezeit verwendet, so oft der Vogel fliegen will, zur Bildung des schon bekannten Gases.
HIM|1|400823|29|0|Was jedoch vom sogenannten Kohlenstoff bei einem solchen Prozess entbunden wird, sammelt sich in einer eigenen kleinen Gallenblase, welcher Kohlenstoff ebenfalls von dem Magen wieder aufgenommen wird, allwann irgendetwas schwer Verdauliches in den Magen des Vogels kam, welches vorzüglich bei der Taube der Fall ist.
HIM|1|400823|30|0|Nun, da wäre also auch der natürliche Vogel von seiner Entstehung bis zu seiner vollkommenen Wesenheit entwickelt. Und somit bliebe nur noch die Ursache der verschiedenen Färbung der Federn bei einer Taube wie auch deren schnellen Fluges zu erwähnen übrig.
HIM|1|400823|31|0|Die verschiedenartige Färbung des Gefieders liegt teils in der verschiedenartigen Kost, teils aber auch eben darin in Meinem Willen, um auch dadurch die größere Sanftheit anzuzeigen und um euch einen Wink zu geben, welche Tiere euch zunächst eigentümlich und vertraut werden können.
HIM|1|400823|32|0|Was den schnellen Flug anbetrifft, so rührt dieser von der größeren elektromagnetischen Quantität in einem Vogel her, welche sich sehr leicht aus seinem blitzwendigen Flug entnehmen lässt.
HIM|1|400823|33|0|Nun wisst ihr alles, was euch vorderhand in eurer natürlich-geistigen Sphäre zu wissen nötig ist. Doch was die weiteren Verhältnisse betrifft, so sind diese noch zu sehr über eure noch stumpfe Begriffsfähigkeit erhaben, als dass ihr sie fassen könntet. Daher alles zu seiner Zeit! Zuerst der Same, dann der Keim, dann erst die Pflanzen, hernach die Wurzel, der Stamm, die Blätter, Blüte und endlich die reife Frucht eures Geistes, entwickelt durch die Lebenswärme Meiner Gnadensonne in euren Herzen. Amen.
HIM|1|400823|34|0|Ich, der Meister in allen Dingen, voll Liebe und Weisheit! Amen, Amen.
HIM|1|400824|1|1|Brüderliche Sorge – 24. August 1840
HIM|1|400824|0|0|Aus einem Schreiben Jakob Lorbers an seinen Bruder Michael, Pfleger in Greifenburg, Oberkärnten.
HIM|1|400824|1|0|Sei versichert, lieber Bruder, dass ich dich allerzeit segne und für dich zu meinem und deinem Gott bete, der nun mein bester, größter und liebevollster Freund geworden ist und durch mich auch dir sagen lässt:
HIM|1|400824|2|0|Du mögest nur beständig sein in deiner Liebe und billigen Gerechtigkeit. Und du mögest dich, aus Liebe zu Ihm, so viel als möglich vom Beischlaf enthalten, der bloß auf sinnliche Befriedigung abgesehen ist. Dann sollst du auch bald einen so geweckten Geist haben, vor dessen Blicken der Mittelpunkt der Erde wie ein Wassertropfen unter dem Mikroskop enthüllt liegen soll.
HIM|1|400824|3|0|Denn so spricht der Herr: „Sage ihm, Ich bin ein wahrer Gott allen, die Mich lieben und Meine Gebote halten! Wer da sich reinigt in Meiner Liebe, der wird den Tod ewig nicht sehen, auch wenn sein Leib tausendmal gestorben wäre. Denn wahrlich, sage Ich, es gibt nirgends ein Leben als in Mir. Und nun ist nahe gekommen die große Zeit der Zeiten! Wer mich aber liebt, zu dem werde Ich kommen und ihn gar wohl schmecken lassen die Stärke Meiner Liebe und die große Kraft Meiner endlosen Gnade.“
HIM|1|400824|4|0|O liebster Bruder, denke ja nicht, dass das Worte meiner Erfindung seien. Sie kommen aus dem höchsten aller Himmel. Daher beachte sie wohl in deinem Herzen! O Bruder, es liegt Unendliches hinter ihnen verborgen.
HIM|1|400824|0|0|J.L., Theograph (Gottesschreibknecht)
HIM|1|400829A|1|1|Berg Straßengel bei Graz – 29. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400829A|1|0|So unordentlich und zweckwidrig euch auch immer so manches Gebilde irgend vorkommen möchte, o glaubt, nicht ein Stäubchen ruht oder bewegt sich von seiner Stelle außer nach der Vollkraft Meiner ewigen Liebe und Weisheit.
HIM|1|400829A|2|0|Seht, gerade so ist auch diese Gegend, in welcher ihr euch soeben befindet, rings umher von unordentlichen, bald höheren, bald niederen Bergen und Hügeln umschlossen. So ihr eure Naturgelehrten fragen würdet: „Warum so?“ – so würden euch diese keinen anderen Bescheid geben als einen solchen, welchen ihr euch ohne dieselben auch hättet denken können. Und sie würden sagen: „Dieses alles ist durch die ungeschickt waltenden, rohen Naturkräfte gleichsam zufällig entstanden und wird sich nach und nach ebenfalls durch dieselben auch wieder mehr oder weniger verändern.“ Und es werden da einige sagen: „Diese Art Berge ist entstanden durchs Feuer, eine andere Art durch eine allmähliche Ablagerung von Südwest gegen Nordost.“ Wieder andere werden hinzusagen: „Dieser Berg ist durch Anschwemmung entstanden.“ Und so dergleichen mehrere Entstehungsgründe.
HIM|1|400829A|3|0|Aber wie, wenn Ich nun einen solchen Hügel in der Mitte öffnen würde und ihn teilen bis zur ebenen Fläche, und das zwar nach verschiedenen Richtungen von seinem Scheitel aus? Und die Gelehrten mit ihrem Anschwemmungssystem würden dann durch diese nun geöffneten Gassen wandeln und schauen das Eingeweide des Hügels, und dieses würde ihnen alle ihre Bildungssysteme zugrunde richten, indem es zwischen Lehm und Sandschichten zentnerschwere Steinmassen enthält, hie und da wieder Steingerölle, hie und da Kalk, hie und da Steinkohlen, hie und da versteinerte Tierknochen sowohl von Landtieren wie auch von den Tieren stehender, großer Gewässer; und hie und da würden sich sogar Gerätschaften vorfinden, an denen noch deutliche Spuren des Fleißes menschlicher Hände vorhanden wären!
HIM|1|400829A|4|0|Was meint ihr, was euch da die Naturgelehrten sagen würden? Ich meine, sie würden gewaltig mit den Achseln zucken und mit ihren Köpfen wetterwendische Bewegungen machen, und ihr würdet aus ihnen ebenso wenig wie aus einem Baum herausbringen. Und seht, gerade ein solches Konglomerat ist dieser Hügel. Und daher ist es auch vorzüglich zu eurer Kenntnis notwendig zu wissen, wie ein solcher Hügel entstanden ist, und fürs Zweite, warum. Und fürs Dritte soll noch eine kleine geschichtliche Notiz hinzugefügt werden.
HIM|1|400829A|5|0|Ihr wisst schon aus früheren Mitteilungen, und zwar aus dem Tierreich, woher, wie und warum dieses entsteht und besteht. Aber es ist noch in eurem Wissen eine kleine Lücke, und diese soll gerade bei dieser Gelegenheit ausgefüllt werden.
HIM|1|400829A|6|0|Ihr wisst, dass die Materie nichts als eine große Demütigungsschule der hoffärtigen Geister ist. Ihr wisst, dass das Wasser in seinen reinen Bestandteilen eine Gnadenflut aus Meiner Barmliebe ist. Ihr wisst, dass das Licht aus der Sonne dem Leuchten nach aus Meiner Gnade und der Wärme nach aus Meiner Liebe entspringt.
HIM|1|400829A|7|0|Aus dieser Ursache sind diejenigen Tiere, die aus dem Licht entspringen, nichts als erbarmende Liebe- und Gnadenträger von Meiner Höhe bis zur materiellen Tiefe der Erde. Sie sind nichts als zahllose lebende Liebeteilchen, aus Mir strömend, um den toten Geistern auf diese Art wieder Leben zu bringen, wie Ich euch gezeigt habe vorzugsweise bei der Darstellung der Pflanzenwelt und namentlich bei der eines Baumes.
HIM|1|400829A|8|0|Nun seht, manchmal geschieht es, besonders in Gegenden, da irgend große Gewässer sind (je mehr Gewässer, desto mehr Gnade), dass Ich in irgendeinem Teil sehe eine große Reife der gedemütigten Materie. Allda lasse Ich denn auch einen größeren Strom des Lebens aus Mir hinfluten. Dieses merken die freien guten Geister des Wassers und empfinden darob eine große Freude ihr gemeinsames Leben durchströmen. Alsdann entbinden sie sich aus ihrer Gemeinschaft und treiben ein loses Spiel mit dem Gewässer, so dass sie dasselbe oft in einem Umkreis von einer Stunde in eine unruhige, hüpfende Bewegung versetzen.
HIM|1|400829A|9|0|Je mehr sich aber der Strom des Lebens von oben nähert, desto höher tragen sie auch die Fluten freudig empor. Wie sich aber selbst bei dem Menschen eine große Freude in einer kreisförmigen Bewegung ausspricht (NB. wodurch Ich freilich nicht euere Tänze auf den Bällen verstanden haben möchte, sondern das [Tanzen] des Mannes nach Meinem Herzen [(David)] vor der Bundeslade). Ebenso vereinigen sich auch diese Geister in dem Wasser, treiben dasselbe mit sich in einem schnell wogenden Kreis. Und wie sie dann sehen und wahrnehmen, dass das Leben aus Mir aus der Höhe in einer sichtbaren Wolkengestalt den erlösenden Arm weit ausgestreckt hat, alsdann verdoppeln die munteren Geister in ihrer Freude ihre kreisende Flutbewegung und erheben sich über den Spiegel bis zum erlösenden Arm Meiner Erbarmung.
HIM|1|400829A|10|0|Seht, eine solche Bewegung verspüren dann weit umliegende Myriaden und strömen dann unterwässerlich von allen Gegenden einem solchen Hauptstamm zu. Zu gleicher Zeit aber geschehen dann solche Teilnahmen auch vom trocknen Land her, und machen oft in kurzen Zeiträumen meilenweite Reisen. Und in ihrem Taumel schonen sie nichts, was ihnen unterkommt: Bäume, Häuser, Gerätschaften, Menschen, Tiere. Alles wird ohne die geringste Schonung in ihrer freudigen Raserei mitgenommen.
HIM|1|400829A|11|0|Und da bieten solche oberländische Erscheinungen zwei wesentlich unterschiedene Charaktere. Es gibt da solche, die da bescheiden sind in ihrem Eifer. Diese sprechen sich dann in einem sogenannten Wirbelwind oder einer förmlichen Windhose aus. Die anderen aber sind ungezähmter in ihrer Freude; diese erglühen dann in ihrem Eifer und sprechen sich dann als sogenannte Feuerwirbel oder Feuerhosen aus.
HIM|1|400829A|12|0|Nun seht, wenn nun diese Wirbel sich vereinigt haben mit allem dem, was sie auf ihren Reisen mitgenommen, alsdann geschieht durch solches für euch unglaubliche Schnellkreisen eine große Auflockerung der Materie in einem weiten Kreis, welche Materie, sei es Sand, Steine, Wassertiere, Landtiere, Gerätschaften und dergleichen mehreres, auf der Stelle, wo die Haupterlösung vor sich geht, zu einem Berg, wie eben dieser Hügel ist, auf dem ihr euch befindet, zusammengetragen wird.
HIM|1|400829A|13|0|Hier habt ihr nun das Wie. Und da ihr solches habt, so wird auch das Warum nicht mehr ferne sein.
HIM|1|400829A|14|0|Denn das eine Warum ist schon in der Beantwortung des Wie gegeben. Das andere, die Art der Entstehung dieses Hügels betreffende Warum, wird euch dadurch klar, wenn ihr einen Rückblick auf die Darstellung eines Baumes werft und betrachtet das Holz desselben, wodurch die Bosheit solcher Geister wieder in neu gefesteter Form erscheint. So ist es auch der Fall bei einer solchen großartigen Befreiung; denn wo immer ein Mahl gegeben wird, da gibt es auch ungeladene Gäste oder auch solche, die noch kein hochzeitliches Kleid angetan haben und daher noch nicht reif sind fürs Leben. Diese werden dann wieder auf diese euch sichtbare Art zur demütigenden Prüfung in die äußerste Finsternis hinausgestoßen.
HIM|1|400829A|15|0|Jedoch muss vor allem eine noch irrige Vorstellung bei euch beseitigt werden. Ihr sollt euch nicht denken, als ob die sichtbare Materie, als da sind: Steine, Erde, Pflanzen, Bäume und dergleichen, die Geister selbst seien. Sondern alles dieses ist nur ein Kerker derselben und schneidet ihnen ab den Boden des Lebens aus Mir. Und nur insoweit, als Mein Wille reicht, wird denselben ein kleines Pförtchen geöffnet, sich dem Tode nach und nach zu entwinden durch eine, jedem Geist innewohnende freie Willensintelligenz. Was aber die Materie an und für sich ist, so sage Ich euch, sie ist nichts als der durch Meine Barmliebe gesänftete Zorngrimm.
HIM|1|400829A|16|0|Warum sich die Materie hie und da so ausspricht, das wird euch, so ihr wollt die bewusste Alpe besuchen, nebst mehrerem anderen deutlicher auseinandergesetzt werden, und am allerdeutlichsten aber dann bei der Enthüllung des Mittelpunktes und der Erde. Und nun noch ein wenig Geschichtliches!
HIM|1|400829B|1|1|Geschichtliches vom Berg Straßengel – 29. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400829B|1|0|Im dem Jahr 1263, da war in dieser Gegend unter den hier wohnenden Menschen das Laster der Dieberei, des Mordes und der Unzucht so stark herangewachsen, dass es nötig war, einen Würgengel mit einer schwarzen Zornfackel hierher zu senden, die Eingeweide solcher Menschen allenthalben anzuzünden und sie zu verderben.
HIM|1|400829B|2|0|Es war das diejenige allgemeine Todesart, die damals nicht nur hier, sondern beinahe in ganz Europa in den verschiedenen Teilen unter dem Namen „der schwarze Tod“ auftrat.
HIM|1|400829B|3|0|Es lebte aber auch zu dieser Zeit eine Mir recht wohlgefällige Bauernfamilie gegen Abend am Fuße dieses Hügels. Dem Hauswirt selbst war von Mir aus – seiner Frömmigkeit wegen – die innere Sehe gegeben.
HIM|1|400829B|4|0|An einem schwülen Sommerabend zogen sich hier schwere Gewitterwolken zusammen, und bald entleerten sich dieselben gerade über diesem Hügel, von tausend gewaltigen Blitzen mit dem furchtbarsten Donner begleitet.
HIM|1|400829B|5|0|Dieser Landmann merkte an diesem außergewöhnlichen Wetter eine andere Bedeutung, als es eure heutigen Naturgelehrten merken dürften und wollen, und sprach zu seiner frommen Gemeinde (Familie):
HIM|1|400829B|6|0|„Liebe Kinder! Fürchtet euch nicht! Der Herr vergisst auch in Seinem Zorn derer nicht, die Ihn aus ganzer Seele, aus ganzem Gemüt und aus allen Kräften lieben. Schwer zwar liegt die strafende Rechte des ewigen Weltenlenkers über dieses schwarze Gewölk gezeichnet, aber Seine Linke ruht segnend auf den Häuptern derer, die Ihn lieben. Und seid versichert, dass der Herr den nämlichen Engel, den Er der Welt schickt zur Geißel, uns gewiss und wahr zum tröstenden Retter geben wird!“
HIM|1|400829B|7|0|Und siehe, als der Landmann diese Mir wohlgefälligen Worte zu den dankbaren Herzen seiner Angehörigen gesprochen hatte, so vernimmt er von der schon damals vorbeiführenden Straße her jemanden vom Blitz, Sturm und Hagel Bedrängten um Hilfe rufen. Eiligst verlässt er das Zimmer, nimmt einen festen Tannenstock und eilt dem Bedrängten zu Hilfe, findet da einen Menschen fast halbtot auf der Straße liegen, ladet ihn alsogleich auf seine Schultern, trägt ihn in seine Wohnung und pflegt ihn daselbst die ganze Nacht hindurch.
HIM|1|400829B|8|0|Des anderen Tages sagt dieser Fremdling zu dem Landmann: „Folge mir auf diesen Hügel hinauf!“ – Und der Landmann folgte ihm mit seinem Stock. Darauf sagte der Fremdling zu dem Landmann: „Stecke diesen Stock in die Erde!“ – Und der Landmann tat es, wie ihm der Fremdling befohlen. Und sieh, alsobald grünte der Stock zu einem stattlichen Baum!
HIM|1|400829B|9|0|Und der Fremdling sprach ferner: „Sieh, das sei dir ein Zeichen meiner Sendung und deiner Treue! Denn siehe, ich bin ein Bote des Herrn zur Erde und will vernichten das trotzige Menschengeschlecht! Und wie du den Stock nahmst und eiltest mir zu Hilfe und rettetest gleichsam in deiner frommen Einfalt einem Menschen das Leben, siehe, in dieser deiner Freundschaft nehme ich die Hälfte, und es soll dadurch ein bedeutender Teil des mir gegebenen Zornes gesänftet werden!“
HIM|1|400829B|10|0|Da griff der nun erkannte Engel nach dem frischen Baum, brach ihn zur Hälfte ab und sagte zum Bauer: „Sieh her, das sei die schwarze Todesfackel, an welcher viele Tausende und Tausende von Menschen den Tod sowohl zeitlich als auch sehr viele darunter ewig finden werden. Die ganze Zeit aber meines Waltens will ich dich beschützen, und nach dem Willen des Herrn sollst du dich vor nichts fürchten. Denn ich werde alle Nacht bei dir einkehren. Du aber gehe des Tages hin an verschiedene Stellen und sage den hart Bedrängten, dass wer vom Tode gerettet sein will, solle sich flüchten auf den Hügel, allda der Baum ist, den wir jetzt gepflanzt haben, und solle da Buße wirken und fasten drei Tage und drei Nächte. Alsdann soll er von dem Baum ein Zweiglein nehmen, und somit wird er durch dieses Zeichen verschont bleiben vor meinem Zorn.“
HIM|1|400829B|11|0|Nun seht, das ist die ursprüngliche Geschichte! Und dieser Bauer wurde da von mehreren umliegenden Bewohnern, die dadurch gerettet wurden, als ein Engel der Straße benamst. Doch er wollte seiner Frömmigkeit halber diesen Namen nicht, sondern gab ihn dem rettenden Würgengel. Der Engel aber gab im Angesicht des Landmannes Mir diesen Namen.
HIM|1|400829B|12|0|Aus dieser Ursache pflanzten dann spätere Nachkommen in frommer Einfalt Mein Bildnis auf diesen abgebrochenen Baum, über welchem dann auch bald diese gegenwärtige Kirche erbaut wurde.
HIM|1|400829B|13|0|Jedoch was das fernere Geschichtliche dieses Ortes ist, das könnt ihr ohnedies in jeder Chronik dieses Landes finden, da es bloß nur Geschichtliches ohne weiteren moralischen Wert ist.
HIM|1|400829B|14|0|Seht also hin auf diesen Landmann, dessen Stock noch bis zur Stunde in dieser Kirche zu sehen ist. Und seid ebenfalls voll Liebe und Einfalt! Da werdet auch ihr überall und allezeit sicher an Mir euren großen Rettungsengel an der Straße finden. Amen. Ich, die ewige Liebe und Weisheit. Amen.
HIM|1|400829C|1|1|Krankheitsheilung – 29. August 1840
HIM|1|400829C|0|0|An Andreas H., der da wissen möchte bezüglich eines armen Kranken, ob demselben zu helfen sei oder nicht – und was da zu tun wäre.
HIM|1|400829C|1|0|Es kommt zwar die Frage aus einem guten Herzen, aber auch zugleich aus einem schwachen Herzen, da es noch nicht einsieht, dass Ich allzeit helfen kann und will, wenn es dem Menschen frommt zum ewigen Leben!
HIM|1|400829C|2|0|Ich tue das umso eher, wenn Ich durch ein festes Vertrauen von irgendeinem frommen Menschen dazu gewisserart liebegenötigt werde. Jedoch tuet ihr zuerst das Eure, dann werde Ich schon auch das Meine tun, was da recht sein wird zum ewigen Leben!
HIM|1|400829C|3|0|Jenes Menschen Leib wird gequält von einem dreifachen Übel. Das eine ist innerer Nervenaussatz (oder versteckte Skrofeln). Das zweite ist bare Gicht. Und das dritte ist eine an die Brustteile zurückgelagerte sogenannte Grippe (allgemeiner Katarrh). Wird dem einen abgeholfen, so wird das andere ärger. Und es müsste hier dreien Herren gedient werden, was sehr hart, ja beinahe unmöglich sein wird. Wären nicht Bäder (in vorangehendem Gebrauch) gewesen, so würde ein allgemeines Zugpflaster bei Milch, frischem Weizenbrot und Wasserkost das Beste gewesen sein; und auf die Nacht etwas Lindentee mit frischem Honig. Jedoch jetzt wird es nicht mehr viel nützen, wenn auch nicht schaden.
HIM|1|400829C|4|0|Es ist in solchen Fällen schwer zu helfen, da die Kranken nur auf Ärzte und sehr wenig auf Mich vertrauen, damit ihnen ihr Glaube helfe. Daher tuet ihr das Eurige, und Ich werde das Meinige tun entweder noch hier oder in Meinen Reichen. Denn Ich bin allzeit und überall ein Herr des Lebens und des Todes. Amen.
HIM|1|400912|1|1|Vom Feuersalz der Liebe – 12. September 1840
HIM|1|400912|0|0|Auf Anfrage über Markus 9, 49 und 50: „Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden. Das Salz ist etwas Gutes; wenn aber das Salz fade geworden ist, wodurch wollt ihr ihm die Würzkraft wiedergeben? Habt Salz in euch und haltet Frieden untereinander!“
HIM|1|400912|1|0|Schreibe zunächst folgende Anrufung: „Herr! Wir zusammen wissen nichts; und unser Herz ist unverständiger als ein Stein, denn wir haben es verhärtet durch unsere grenzenlose Torheit und vielfältige Bosheit und können es ohne Deine Erbarmung nimmer recht erweichen. Daher sei Du, o allerliebster Herr Jesu, unsere einzige Zuflucht in allen Dingen und erweiche unser steinernes Herz mit dem Feuersalz Deiner unendlichen Liebe, damit wir Dich, Du ewige Güte, immer mehr und mehr lieben können ewig! Amen!“
HIM|1|400912|2|0|Und nun schreibe die Erklärung:
HIM|1|400912|3|0|O wie schwach ist noch eure Liebe – da ihr nicht begreift, was das Salz, und noch weniger, was das Feuersalz ist!
HIM|1|400912|4|0|Seht, wer da meint, es sei das Salz die Weisheit, der ist noch sehr dumm! Ist’s denn nicht so, dass ihr sagt und lehrt: Der Sauerstoff ist die Lebensluft in der Atmosphäre. Und so dieser irgend nicht vorhanden ist, so wisst ihr, dass die Flamme der Fackel erlischt und das Feuer nicht fortkommt in der Stickluft. Und ihr sagt ferner, wenn das Holz nicht trocken ist und hat dadurch nicht viel Sauerstoff eingesogen, so wird es nicht gut brennen und somit auch wenig Flammen geben. Auch wisst ihr, dass im reinen Sauerstoff sogar das Eisen mit lichten Sprühflämmchen verbrennt. Ja ihr wisst sogar, dass Phosphor eine reine Säure ist und ein grünlich-weißes Licht in sich hat. Seht, das wisst ihr alles! Wie ist es denn nun aber, dass ihr nicht wisst, was das Feuersalz des Lebens ist?!
HIM|1|400912|5|0|O ihr Tauben und Blinden, so hört und seht! Es ist das Feuersalz ja nichts anderes als die wahre Liebe zu Mir, mit welcher ihr durch und durch gesalzen werden müsst, wollt ihr eingehen in Mein Reich.
HIM|1|400912|6|0|Denn gleichwie das Salz die allein Leben bringende Würze allen Geschöpfen und zugleich, durch seine zusammenziehende Kraft, die Erhaltung aller Dinge ist – ebenso ist auch die reine Liebe des Geistes zu Mir, gleich dem Feuersalz alles Lebens, die allein erhaltend-wirkende Kraft des ewigen Lebens!
HIM|1|400912|7|0|Wie aber auch nur der Sauerstoff brennbar ist und helle Flammen bewirkt und mit selben auch die finsteren Gemächer erleuchtet – ebenso ist auch nur die wahre Liebe allein Feuer und Flamme und dadurch auch lichtfähig, welches Licht ein wahres Licht ist, da es ein Ebenlicht Meines ewigen, wahren Weisheitslichtes ist.
HIM|1|400912|8|0|Und wie ein schales Salz kein nütze ist und nicht taugt zur Flamme, sondern nur eine faule Glut macht, da seine Säure unlauter geworden ist – ebenso auch ist es mit einer lauen Liebe, die nicht zur Flamme angefacht werden mag. Sie ist nur eine todbringende, faule Kohlenglut in einem verschlossenen Gemach, die alles Salz verzehrt, denjenigen aber, die sich daran trüglich wärmen, den Tod bereitet.
HIM|1|400912|9|0|Sagt ihr nicht zur Magd, so sie eure Gemächer räuchert mit Gewürz: „Wirf zuvor Salz auf die Kohlen!“? – Seht, desgleichen tuet auch ihr und werfet das Feuersalz Meiner Liebe auf eure todbringende, faule Kohlenglut, damit die Liebesflamme über sie schlage, den Wurm des Todes in euch zerstöre und euch erleuchte und erwärme zum ewigen Leben.
HIM|1|400912|10|0|Denn der „Wurm“ ist der Satan, und sein Grimm ist die faule Glut; aber sie hat keine Flamme und somit keine Liebe, kein Licht und kein Leben. Daher muss jeder mit und in dem Feuer Meiner Liebe gesalzen werden, wie auch jedes Mir dargebrachte Opfer, wenn es Mir soll wohlgefällig werden.
HIM|1|400912|11|0|Ja, Ich sage euch: Ihr müsst ganz zum Feuersalz werden, wollt ihr Meine lieben Kinder werden! Seht, wie das Salz eine Würze ist der Speise, so sollt auch ihr eine Würze Meiner ewigen Liebe werden. Amen! Das sage Ich, Jesus, das ewige Leben!
HIM|1|400913|1|1|Die Choralpe – 13. September 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400913|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber zu Graz, nach Besteigung des Speikkogels an der steirisch-kärntnerischen Grenze, Zweigarm der Choralpe.
HIM|1|400913|1|0|Die schon seit längerer Zeit bedungene Reise auf die von hier etwas entlegene sogenannte Choralpe ist von euch nun bewerkstelligt worden, bei welcher Reise ihr bei genauerer Beobachtung dieser Gebirgshöhe werdet auf so manchen Zweifel gestoßen sein, und zwar vorzüglich aus folgender Ursache:
HIM|1|400913|2|0|Ihr habt nämlich gesehen, dass das Hauptgestein, vom Fuß bis zu dieses Berges höchstem Scheitel, in einer fast beständig gleichförmigen Plattenformierung sich befindet, welche Platten jedoch nicht immer in ihrer Lage eine und dieselbe Richtung einnehmen. Denn ihr werdet bemerkt haben, dass da eine solche Plattenrichtung sich bald gegen Osten, bald wieder nach Westen erhöht, und bald wieder die Blätter senkrecht in die Erde sich schieben. Ja ihr werdet gesehen haben, dass sogar verschiedene solche Blätter einzeln, bald wieder gruppenweise hin und her auf der Oberfläche des Berges liegen. Und so habt ihr auch – wie bei dem euch wohlbekannten Bauernhaus und auch auf dem Rücken der Alpe selbst – ganz große Blöcke frei auf der Oberfläche liegen gesehen, welche Blöcke auf der Oberfläche gegen Westen ganz frei und nur gegen Osten hie und da ein wenig mit Erde bedeckt waren.
HIM|1|400913|3|0|Und als ihr ganz in die Nähe des eigentlichen sogenannten Speikkogels gekommen seid und erstaunt eure Blicke hingerichtet habt auf seine kahlen Felsenplattungen, so habt ihr wieder nichts anderes als ähnliche Plattsteine entdeckt. Und so war auch seine Spitze mit solchen Steinen übersät.
HIM|1|400913|4|0|Nun seht, dies alles habt ihr mehr oder weniger wahrgenommen und hattet auch verschiedene Mutmaßungen darüber in euch aufkommen lassen. Allein Ich sage, da seid ihr mit keiner der Wahrheit nahegekommen. Daher ist es vorerst nötig, euch die Ursache solcher Bildung zu zeigen und dann wohl euch dasjenige Gestein zu zeigen, welches vor 6.000 Jahren einer anderen Welt angehört hatte.
HIM|1|400913|5|0|Die Bildung dieser Alpe und die Entstehungsart derselben war folgende: Wie euch schon ehedem einmal bekanntgegeben wurde, dass nicht nur dieses Land, sondern der ganze Boden Europas unter den Fluten des Meeres begraben war, so war auch diese Stelle, allwo jetzt schon durch viele tausend Jahre diese Alpe steht, nichts als flacher, hie und da durch die Unterfluten des Meeres etwas unebener Grund.
HIM|1|400913|6|0|Ihr werdet in den Blättern bemerkt haben, dass sie aus nichts als aus Sandglimmer, mit Kalk verbunden, bestehen. Die Bildung dieser Schiefer war also keine andere, als dass sich eine solche Sandschicht über die andere gelagert hatte, und zwar das bei der Gelegenheit der periodisch eintreffenden, sogenannten Äquinoktialstürme. Über welche Sandschicht sich dann bei ruhigem Stand des Wassers eine (Art) schleimige Haut bildete, über welche schleimige Haut dann bei einem nächsten Äquinoktialsturm wieder eine andere Sandschicht lagerte – und das so auf diese Art lange Zeiten fort und fort, bis endlich mehr als 26.000 solcher Blätter übereinanderzuliegen gekommen sind.
HIM|1|400913|7|0|Ihr werdet vielleicht fragen, woher die Fluten immer diesen Sand genommen haben möchten, da immer eine Schicht um die andere durch oben erwähnten Kalkschleim gewisserart eingepanzert wurde, von welcher Einpanzerung die Fluten natürlich nicht viel Sandkörner abzulösen vermochten.
HIM|1|400913|8|0|Seht, da sage Ich euch, die Erde ist so eingerichtet, dass fürs Erste beinahe vom Mittelpunkt des Erdkörpers aus eine zahllose Menge von den verschiedenartigsten Quellen und Adern nach allen Richtungen zur Oberfläche führen. Ihr müsst nicht denken, dass etwa durch diese Quellen und Adern pur Wasser strömt; sondern da gibt’s vorzüglich Feuerquellen, durch welche ein unterirdisches Feuer elektrischer Art unablässig nach allen Richtungen strömt, und zwar vorzüglich gegen die Pole der Erde. Dann gibt es mineralische Quellen, durch welche Metalle und Erze in flüssiger Gestalt heraufquellen. Ferner gibt es Fettquellen, durch welche das sogenannte Erdöl nach allen Richtungen strömt. Es gibt ferner noch vorzüglich sehr viele Schwefelquellen, dann Erdpechquellen und dergleichen, nebst den Wasserquellen – eine zahllose Menge aller erdenklichen Arten.
HIM|1|400913|9|0|Seht, wenn diese Quellen zur Oberfläche der Erde gelangen, getrieben durch die innere Macht der Geister und des ihnen zu Gebote stehenden Feuers, so werden sie dann ebenfalls fester und fester, das heißt, wenn sie vollends die Oberfläche der Erdrinde – und so in die Masse des Meeres übergehend – erreicht haben. Seht, dass dieses so ist, würde euch jeder wohlerfahrene Materienscheider, oder bei euch Chemiker, sachtätig erweisen.
HIM|1|400913|10|0|Nun seht, daher also dieser Zuwachs des Sandes und allerlei anderen mineralischen Konglomerates. Nun wisst ihr und kennt auch die Vorratskammer des vorerwähnten Glimmer-Schiefers und Kernsandes wie auch des dasselbe verbindenden Kalkes.
HIM|1|400913|11|0|Nun fragt es sich – da wir nun auf diese Art eine mehr als 2.000 Klafter dicke Blätter-Rinde gebildet gesehen haben – wie ist denn aber nun diese Alpe entstanden mit allen ihren Nebenverzweigungen?
HIM|1|400913|12|0|Hört, vor mehreren tausend Jahren (eine bestimmte Zahl ist hier aus dem Grunde nicht nötig, da der Bildungsprozess einer solchen Alpe an und für sich schon mehrere tausend Jahre angedauert hat) wurde von Mir über sechzehntausend Klafter tief unter der Erde ein kleiner Funke Meiner Barmliebe gelegt, und dieser hob nach Meinem Willen vollkräftig diese Rinde nach allen Seiten sprengend in die Höhe, gerade so, als wenn ihr unter einer Decke wärt und hebt dieselbe mit dem Finger über euren Körper empor. Und zwar wurde diese Blätterrinde von Osten nach Westen gehoben und blieb da in einer horizontalen Richtung ruhen, da sie alsogleich durch andere, aus dem Innern der Erde getriebene Massen unterstützt wurde.
HIM|1|400913|13|0|Diese auf solche Weise emporgetriebene Platte hatte ungefähr die Gestalt eines sehr großen Erdschwammes und wuchs gleichsam beständig höher und höher durch die Triebkraft des Feuers über den Meeresspiegel empor und bildete endlich eine bedeutende Insel über der Oberfläche des Meeres. Und wie diese Hauptplatte, so wurden auch mehrere kleinere Platten auf diese Weise horizontal emporgetrieben, jedoch nicht alle gleich hoch, und bildeten auf diese Weise einen großartigen Erdschwammwald. Endlich aber wurden diese, solche Platten unterstützenden Stiele durch die Fluten abgewaschen und abgenützt; dadurch geschah’s denn, dass eine solche Platte das Gleichgewicht verlor, umstürzte und an ihrem Stiel sich anlehnte. Dadurch nahm eine solche Platte eine schiefe Lage an, wie ihr die Plattenform auf dem sogenannten Speikkogel selbst bemerkt habt. Und da gab’s denn wohl zur Bildung dieser Choralpe mehrere hundert größere und kleinere Platten, welche notwendigerweise dasselbe Schicksal erlitten haben. Nur von einigen wenigen sind noch Spuren da, aber keine ganzen mehr.
HIM|1|400913|14|0|Wenn ihr nun einen Blick auf den sogenannten Kumpfkogel geworfen hättet, alldort hättet ihr noch eine horizontal liegende Platte entdeckt, welche aber jedoch schon sehr verwittert und nach allen Seiten abgefallen und zerbröckelt ist. Vielfältig aber habt ihr auch droben ein solches Geschiebe nach Westen gerichtet gesehen, auf welches ihr von Morgen her sehr leicht hinaufgelangen konntet. Jedoch gegen Westen war es wie abgebrochen, wie es der Fall auch wirklich ist, denn an den Stellen vorzüglich, wo ihr solche überstehenden Platten gesehen habt, da ragten diese noch vor tausend Jahren, einem Halbdach ähnlich, zu hundert, fünfzig, dreißig und zehn Klafter über die anderen Gebirgsschichten herüber. Durch Erdbeben aber, gewaltige Stürme und starke Blitze wurden sie abgebrochen und fielen auf die westliche Seite, was ihr dadurch leicht entnehmen könnt, dass diejenige Steinmasse, die sich am westlichen Abhang befindet, eine ganz entgegengesetzte Blattwende zeigt.
HIM|1|400913|15|0|Was das Weiche (die lockeren Teile) solcher Alpen betrifft, so ist es nichts als Anschwemmung, teils von Sand, teils aber auch von zerbröckelten Blättern, die jünger und daher auch noch weicher waren, weil sie von den letzten Bildungen herrührten.
HIM|1|400913|16|0|Seht, solch eine Alpe ist nicht eigentlich von einer sogenannten vulkanischen Entstehung, wohl aber ist sie durch ein unterirdisches Feuer auf die schon bekanntgegebene Art emporgehoben worden.
HIM|1|400913|17|0|Nun seht, das ist also die Bildungs- und Entstehungsart dieser Alpe. Hie und da werdet ihr auch unregelmäßig weiße Steine herumliegen gesehen haben, von denen auch einige mehr braun und grau und einige ganz weiß wie der Schnee sind. Seht, diese Steine sind die nämlichen, die nicht auf diesem Grund und Boden gewachsen sind, auch nicht auf die Alpe gefallen sind, sondern ins Meer, mit Ausnahme der ganz weißen. In der letzten Periode aber, als hernach von Mir die Bildung dieser Alpe hat angefangen bewerkstelligt zu werden, wurden bei Erhebung solcher Platten auch diese Steine emporgehoben, welche vorzüglich zur Zeit Adams bei der allgemeinen (Natur-)Revolution dahin gefallen sind und haben ein mehr bräunliches Aussehen, und ferner solche, die von der Zeit Noahs herrühren, und haben mehr ein grauliches Aussehen, und endlich solche, welche bei der nachherigen Zerstörung eines größeren Planeten, welcher sich zwischen dem Mars und dem Jupiter befand, dahin, d. i. auf die schon gebildete Alpe geschleudert wurden, und zwar aus der Ursache, weil zur Zeit der Zerstörung dieses Planeten die Erde gerade in einer Linie unter ihm gegen die Sonne sich befand. Dieses geschah um die Zeiten nach euerer Rechnung 500 Jahre und etwas darüber vor Abraham. Daher nun rühren diese ganz weißen Blöcke her, welche ihr hie und da gerade auf der Oberfläche dieser Alpe habt liegen gesehen.
HIM|1|400913|18|0|Ihr werdet zwar fragen, warum Ich einen solchen Weltkörper zerstört habe? Seht, zerstört habe Ich ihn eigentlich gerade nicht, sondern einer daselbst unter deren Bewohnern entstandenen großen Zwietracht wegen in vier kleinere Welten geteilt. Und seht, wie bei euch das Gold, Silber und Diamanten, so waren auf diesem Planeten diese weißen Steine wahre Steine des Anstoßes. Denn um einen solchen Stein, den ihr da nutzlos habt liegen gesehen, haben sich diese Bewohner zu Tausenden und Tausenden erwürgt und haben sich abgeteilt in vier Hauptstämme, die sich gegenseitig solcher Steine wegen auf das Hartnäckigste verfolgten. Denn sie bildeten sich untereinander ein, dass wer keinen solchen Stein besitze, nicht verständig sein könne und nur ein unverständiges Tier sei. Daher sammelten die Mächtigeren solches Gestein haufenweise, ja bergweise zusammen und ließen den Schwächeren davon nichts zukommen, damit sie dieselben dann leichter tyrannisieren könnten. Und so ging diese Betrügerei und Habsucht so weit, dass sich solche Steininhaber für Götter ansahen und sich als solche dem anderen Volk aufdrangen.
HIM|1|400913|19|0|Unter solchen Göttern wollte aber einer über dem anderen sein. Daher wühlte ein jeder, soweit es nur möglich war, in den Eingeweiden dieses Weltkörpers herum, um seinen Steinhaufen zum möglichst größten zu machen und dadurch sein Primitiv-Göttertum zu beweisen. Was geschah dann? Solche Götter misshandelten das Volk auf das Grausamste und ließen es Tag und Nacht in den Eingeweiden dieses Planeten wühlen. Andere wieder mussten sich in großen Rotten sammeln, um einem anderen Gott seinen Steinhaufen mit Gewalt zu verringern. Und so ging das soweit, dass diese Götter, deren es da zu Hunderten gab, sich gegenseitig bis auf vier aufgerieben haben. Diese vier ließen nun durch ihre Völker solche Steine von allen Weltgegenden zusammentragen und errichteten förmliche, weit ausgedehnte Berge mit diesen Steinen.
HIM|1|400913|20|0|Durch solche Steinkultur blieb nun die andere Kultur des Landes im Hintergrund und die Völker samt ihren Göttern waren auf dem Sprunge zu verhungern. Da haben nun diese vier Götter ein gar schönes Gesetz herausgegeben. Nämlich die Völker des einen Gottes durften die Völker des anderen Gottes fangen und sie, wie ihr das Wildbret, verzehren! Seht, das war der Zeitpunkt, wo sich diese Götter des Guten zu viel erlaubt haben. Bei einer solchen Rechnung musste Ich denn doch auch einen gewaltigen Strich durchziehen.
HIM|1|400913|21|0|Ein Wink von Mir, und ein Engel riss den ganzen Weltkörper in vier Teile auseinander und bildete somit vier abgesonderte kleinere Weltkörper. Alle diese Steine aber wurden mit einem Mal in den weiten Weltraum hinausgeschleudert, von denen sodann einige nach Meinem geheimen Willen zur Erde, einige in den Mond, sehr viele in die Sonne gefallen sind. Die meisten jedoch sind noch bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt auf dem Fall im unendlichen Raum begriffen. Seht, das ist die kurze wohlgegründete Ursache des Aufsturzes solcher Steine in größeren und kleineren Quantitäten auf euren Erdkörper, von denen hie und da sich ein ganzer Gebirgszug auf der Erde gebildet hat.
HIM|1|400913|22|0|Ich habe euch auch einst erwähnt, dass ihr allda auf einem solchen Stein noch sehr zerstörte und verwitterte kleine Wohnungen antreffen dürftet. Allein dieses ist nicht so wörtlich zu nehmen, sondern nur entsprechend. Und da zeigt die Wohnung soviel als eine Schrift, gleich den Hieroglyphen Ägyptens, welche Schrift außer Mir wohl schwerlich auf dieser Erde jemand würde lesen können, außer durch Meine Gnade.
HIM|1|400913|23|0|Jedoch dort, wo sich ein solcher Stein befindet, der mit einigen solchen Insignien versehen ist, seid ihr nicht hingekommen. Denn dieser befindet sich fast eine Stunde nordwestlich vom sogenannten Kumpfkogel. Allein ihr hattet zu viel Furcht vor Wind und Regen, und war euer Verstand mehr beschäftigt als die Liebe zu Mir, auch wart ihr für den Magen zu sehr besorgt; aus welchem Grunde Ich euch auch nicht überall hinführen konnte, wo Ich euch hätte haben mögen, da Ich noch nicht der Herr eures Willens bin! Ich habe euch mit großer, leserlicher Schrift durch die Trübung des Morgens und Heiterung des Westens anzeigen wollen, dass eure Liebe schwach und trübe war, aber desto größer eure Esslust. Daher ließ Ich euch auch dann und wann durch einen kalten Luftzug sagen, wie es um eure Liebe steht. Ja endlich, als ihr schon im Nachhauseeilen begriffen wart, ließ Ich sogar durch einen kleinen Eisregen euch, doch gewiss handgreiflich, merken, dass Ich mit eurer Geschäftsreise nicht ganz zufrieden war. Denn seht, wie hätte Ich es auch sein können? Denn ihr seid nur dahingegangen, um recht gewaltig zu fressen und zu saufen. Was aber Meine Sache war, das habt ihr nur so leicht mitgenommen. Auch habt ihr eure Augen nur weit hinausgerichtet, und um das, was euch vor den Augen lag, habt ihr euch nicht gar so sehr bekümmert.
HIM|1|400913|24|0|Seht, aus dieser Ursache habe Ich euch auch die zwei größten Merkwürdigkeiten vorenthalten, nämlich die des erwähnten Steines und die des Sphärengetöns unter dem sogenannten Speikkogel, von welchem Getön Ich euch erst dann etwas Ferneres, für euch jetzt noch Unbegreifliches, mitteilen werde, wenn einer oder der andere von euch aus Liebe zu Mir diesen erwähnten Fehler durch einen Neubesuch dieser Gegend gutmachen wird; ebenso auch die Darstellung der Verschiedenartigkeit der Materie.
HIM|1|400913|25|0|Denn seht, dieses lässt sich nicht begreifen aus dem Grunde, wenn jemand nicht vorerst einen Scharfblick auf die Materie gewendet und dieselbe in ihrem verschiedenen Gebilde genau beachtet hat. So ist für ihn – besonders wenn er noch nicht geistesvollwach ist – eine nähere Erklärung
HIM|1|400913|0|0|gerade so, als wenn man einem den himmlischen Sinn aus dem Wort gäbe, während er noch das Wort im Buchstabensinn gar nie gesehen hat. Gerade so geht es mit der tieferen Darstellung der Materie.
HIM|1|400913|26|0|Seht, die Natur oder die Welt an und für sich ist ein großes Buch, voll beschrieben von der Tiefe Meiner Weisheit und Liebe! Wer also diese recht erfassen will, der muss sich aus Liebe zu Mir schon manchmal gefallen lassen, ein wenig in diesem Buch herumzublättern – freilich aber nur so viel, als Ich aus Liebe es anrate, da Ich allein weiß das rechte Ziel und Maß und weiß, was ein jeder vertragen kann, und auch, wie viel es nottut, um ihn zu wecken.
HIM|1|400913|27|0|Wer einmal (geistig) geweckt ist, der braucht freilich nicht mehr zu reisen, aber der noch schläfrig ist in seiner Liebe, für den weiß Ich die besten Mittel, die ihn vor dem ewigen Schlaf bewahren werden, wenn er sie nur aus Liebe und willigem Gehorsam gegen Meine Anordnungen ergreift und an sich anwendet.
HIM|1|400913|28|0|Kommen da auch oft kleine Prüfungen, so soll ein jeder dieselben nur mutig im festen Vertrauen auf Mich bestehen. Denn ehe er sich’s versehen wird, wird die Sonne da, wo das Gewölk am dichtesten war, erwärmend und belebend durchbrechen. Auch dieses habe Ich euch alldort zu wiederholten Malen sinnbildlich angezeigt. Allein wo das Herz noch unverständig ist, da gehen dergleichen Andeutungen freilich unverrichteter Dinge vorüber.
HIM|1|400913|29|0|Dieses sage Ich euch darum, dass ihr für die Zukunft voll Liebe und Vertrauen sein sollt. Denn alles, was da geschieht in der Außenwelt, geschieht unmöglich anders als nur einzig und allein durch Meinen Willen. Ich aber bin ein verständiger Gott, und daher fällt auch kein Lüftchen auf die Häupter der Blümchen, ohne einen großen Tiefsinn Meiner endlosen Weisheit. Und jedes Wölkchen, jeder Tropfen, der aus dem Himmel fällt, wie auch jedes Steinchen, das nach einem schroffen Gebirgsabhang rollt, sind große und inhaltsschwere Buchstaben Meiner allerbarmenden Liebe- und Gnadenschrift!
HIM|1|400913|30|0|Seht, also mit diesen Augen sollt ihr in der Zukunft die Dinge, die euch vorbenannt wurden, in Augenschein nehmen, und ihr werdet daraus in großer Klarheit ersehen, dass Ich überall alles in allem bin. Denn ihr werdet da sehen entweder das große Walten Meiner Göttlichkeit, Macht und ewigen Heiligkeit, oder ihr werdet daneben auch gar wohl erkennen Meine unbegrenzte Liebe, Gnade und Weisheit, und werdet dadurch, gleich den Bienen, auf der großen Blumenwiese der Natur den Honig Meiner Liebe und das Wachs Meiner Gnade sammeln zur ewigen Nahrung eures Geistes und werdet immer mehr und mehr erkennen, dass Ich allezeit und überall euer guter, heiliger Vater bin und sein will ewig. Amen. Ich, euer guter, heiliger Vater. Amen.
HIM|1|400920|1|1|Nachtrag zu den Angaben über die Choralpe – 20. September 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400920|1|0|Da ist noch eine kurze Hinzugabe, als ein kleines Flämmchen, zu erleuchten so manche wirren Gestrüppe und Geklüfte dieser von euch besuchten Choralpe!
HIM|1|400920|2|0|Was die Perioden der Bildung betrifft, so treten diese erst nach Adam bis auf eure Zeit in stets bewirkten und noch wirkenden Vorschein und ist die Art, deren in der früheren Mitteilung erwähnt wurde, die eigentliche und die richtigste.
HIM|1|400920|3|0|Die eigentliche deswegen, weil von Mir gemacht wurde, was da ist in den ersten Uranfängen, so wird auch stets nur von Mir bewirkt, dass an der Stelle, da Ich es will, entweder ein Berg, eine Quelle, ein Baum oder sonstiges Gewächs hervortritt. Und weil Ich noch dazu, Meiner ewigen Ordnung gemäß, allezeit das tauglichste Mittel wähle, was immer ins Dasein zu rufen, dieses Mittel allezeit von Meinem höchsteigenen und freiesten Willen abhängt, so ist auch die erwähnte Art der Entstehung dieser Alpe die eigentlichste. Und sie ist auch die richtigste aus dem Grunde, weil nur Ich, als ewige Liebe und Weisheit, jede Meiner Handlungen so zu beginnen, durchzuführen und zu vollenden weiß, dass dadurch in allen Dingen Meiner Heiligkeit volle Genüge geleistet werden muss, da nie auch nur um ein Haarbreit ein Fehlzug möglich ist. Daher ist diese vorerwähnte Entstehungsart auch die sicherste.
HIM|1|400920|4|0|Was da gemeldet wurde von der Plattsteinform dieser Alpe und wurden dabei angegeben viele tausend Blätter, welche scheinbar nach dem Vergleich des Zeitraumes seit Adam damit in einem Widerspruch stehen, so müsst ihr dabei nicht denken, dass solche Ablagerungen nur von Äquinoktium zu Äquinoktium geschahen. Solche Plattungen von Äquinoktium zu Äquinoktium sind nur diejenigen, welche mit einer krystallartigen, bräunlichen Urkalkschichte getrennt sind. Die anderen Blätter, die oft kaum ein oder zwei Zoll dick sind, wurden bewirkt durch das Vollwerden des Lichtes am Mond. Und hättet ihr von solch einer Urkalkschichte die Blätter gezählt, so hättet ihr recht gut den Lichtwechsel des Mondes von Äquinoktium zu Äquinoktium und noch besser von Jahr zu Jahr entdeckt.
HIM|1|400920|5|0|Ferner ist wohl zu verstehen, dass solche Plattungen nicht vor Adam schon bestanden sind, denn das Gestein der Erde vor Adam war allenthalben fest und sah aus wie ein Kies und ließ das Licht, fast eurem Glas ähnlich, durchpassieren. Und wo die Wellen des Meeres Teile von diesem Gestein auflösten, da bildeten sich (es versteht sich von selbst nach Meinem Willen nur) kleine Körner. Und zwischen diesen Körnern bildete sich dann durch die Ruhe des eingedrungenen Wassers eine klebrige Substanz und verband auf diese Art solche Körner zu einem Ganzen. Und so wurde dann dieses Ganze ebenfalls wieder fest und ward auf diese Art zum Stein, und zwar zu jenem Stein, den ihr Granit nennt.
HIM|1|400920|6|0|Auf diese Weise, wie der Granit gebildet wurde, wurden in den späteren Zeiten durch allerlei Elementar-Eruptionen noch andere Steine gebildet. Solche Steine werdet ihr überall finden, ihr dürft nur z. B. eure Mühlsteine ansehen, in welchen allerlei Gestein durch die erwähnte Schleimmasse zu einem Ganzen verbunden ist.
HIM|1|400920|7|0|Aber solche Steine, wie sie z. B. euer Schloßberg, der Schöckel, der Plabutsch und noch viele andere benachbarte Berge und Hügel aufzuweisen haben, sind schon vor Adam als Steine in der Erde bestanden und wurden bei der euch bewussten Zerstörung der ersten Zeit Adams kurz und klein zerbrochen, welches ihr an den kreuz und quer laufenden weißlichen, gelblichen und bräunlichen und noch verschieden andersfärbigen Linien und Adern wohl erkennen mögt. Diese Steine wurden durch lange anhaltende, sogenannte vulkanische Eruptionen aus dem Innern der Erde herausgetrieben, und zwar an solchen Stellen, an denen keine Plattenformation – wegen beständiger Wasserstürme aus dem Innern – hatte stattfinden können.
HIM|1|400920|8|0|Ihr werdet fragen, wie geht denn das natürlich zu, dass sich in großer Tiefe der Erde ein Feuer bilde und das ihn (den Stein) umgebende Wasser in Dämpfe auflöse, um durch die große Macht solcher Dämpfe so große und feste Massen aus dem Innern der Erde oft meilen- und meilenweit zur Oberfläche derselben zu treiben? Da gebe Ich euch folgende Erklärung:
HIM|1|400920|9|0|In dem inneren Gestein der Erde befinden sich viele hohle Klüfte; mit der Zeit dringt Wasser wie auch Luft durch die Poren dahin. Nach und nach sammelt sich in solchen Klüften das Wasser so sehr an, dass es alle Räume dicht ausfüllt. Nun, da aber eine Wasserschicht auf die andere, vermöge der natürlich innewohnenden Schwere, einen großen und, je tiefer, immer größeren Druck ausübt, so wird nun ein solches Wasser, welches in einem solchen festen Raum eingeschlossen ist, gewisserart von allen Seiten zusammengepresst. Durch solches Zusammenpressen des Wassers geschieht in seinen Teilen eine immer größere und größere Reibung. Da aber nun, wie ihr wisst, auch in dem Wasser durch die ganze Erde Geister verschlossen sind, so empfinden diese gar wohl einen solchen zunehmenden Druck, zersprengen dann die Wasserhülschen, treten dann aus ihren Kerkern, vereinigen sich in der Gestalt eines erbitterten Feuers, lösen das Wasser in Dunst auf und zerreißen dann mit Leichtigkeit eine solche Steinkluft und treiben dann alles, was sie hindern könnte, mit herauf zur Oberfläche der Erde.
HIM|1|400920|10|0|Und da auf solche Weise bei dem Durchtrieb auch in anderen Schichten der Erde wieder neue Klüfte und dadurch auch gewaltige Bedrückungen des Wassers geschehen, welche dann wieder zu einer ähnlichen Eruption genötigt werden, so geschieht denn, dass solche vulkanische Ausbrüche oft länger oder kürzer dauern und auf diese Art die höchsten Berge und Gebirgszüge bilden. Wenn es dann oft geschieht, dass besonders die Füße solcher Berge auch Plattensteine, wie auf der Choralpe, aufweisen, so geschieht das dadurch, dass dann unter den Plattenden solcher früher erwähnten Ausbruchsmündung des Wassers die Beengungen des Wassers in den unteren Steinklüften stattfinden, dann auch dadurch seitwärts solcher Aufbruchsstellen und zwar schon unter der Plattform, dann die Platte zerbrechen und dieselbe nebst dem anderen Gestein mit herauf zur Oberfläche treiben, wovon euch der nahe liegende Schöckel einen augenscheinlichen Beweis liefern kann.
HIM|1|400920|11|0|Wenn solches Feuer aus dem Inneren hervorbricht, so zerschmilzt es durch seine Heftigkeit die Steine, die ihm nahe liegen, mit großer Leichtigkeit. Und wenn es in seinem Durchzug auch noch, wie es bei Neapel und in Sizilien der Fall ist, auf die schon bekannten Erdöl- und Erdharzquellen kommt, so entzündet es dieselben. Diese brennen dann viele Jahre, hie und da fast ununterbrochen fort. Und wenn irgend noch mineralische Quellen bei solcher Tätigkeit hinzukommen, die besonders Schwefel aus dem Allinnersten der Erde heraufführen, so dringen dann diese Schwefelquellen in alle gebildeten Klüfte solcher Berge, bilden da große Schwefelablagerungen, welche, mit dem Erdharz und Erdöl geschwängert, dann unterirdisch fast unablässig brennen und rauchen.
HIM|1|400920|12|0|Geschieht es dann, dass nach Meinem Willen eine solche hauptvulkanische Mündung verstopft und das Wasser abgetrieben wird von einer solchen Gegend nach und nach, so erlischt dann auch das Feuer und die vulkanischen Eruptionen hören auf. Und ein solcher Berg wird dann stille und ruhig und fördert das in seinen leeren Geklüften sich ansammelnde Wasser durch seine früheren Feueradern ans Tageslicht.
HIM|1|400920|13|0|Jedoch nicht so ist es bei der euch bekannten Choralpe; sondern da entstand auch zwar ein Feuer in der Tiefe der Erde auf ähnliche Weise, hob aber nach Meinem Willen, wie schon bekannt, nur Platten in die Höhe und schob unter dieselben verschiedenartige andere Massen von Steinen, Erde, Kalk und dergleichen mehreres samt der Platte in die Höhe. Dadurch nun entstand ebenfalls ein großer leerer Raum unter einer solchen Alpe, in welchen alsobald Wasser durch die Klüfte hineindrang. Und auf diese Art kam gleichsam teilweise eine ganze solche erhobene Schichte auf die Fläche des eingedrungenen Wassers zu ruhen und ruht noch bis auf die heutige Stunde – wodurch es dann geschieht, dass durch den Druck, welchen solche Massen auf die Oberfläche ausüben, dasselbe durch die verschiedenen Klüfte und Adern und kleinen Spalten bis zu der größten Höhe oft getrieben wird.
HIM|1|400920|14|0|Daher rühren auch all die Wässer einer Alpe, wie die ist, die ihr bestiegen habt. Und sie sind frisch und kalt, da sie nicht durch vormalige Feuerquellen getrieben werden. Wohingegen Quellen auf anderen Bergen, welche durch vulkanische Weise entstanden sind, oft noch ganz heiß zur Oberfläche gelangen, da sie in ihrem Zuge vielfältig im Inneren solcher Berge noch glühende Stellen passieren müssen.
HIM|1|400920|15|0|Seht, das ist nun das Wesentlichste, was euch noch bei der Bildung der Berge zu wissen nötig war. Es wäre demnach nur noch zu berühren, wie die grauen und braunen Steine zwischen die Plattenschichten dieser Alpe gekommen sind. Seht, diese Steine sind die eigentlichen Ursteine der Erde, und sind teils bei der Zeit Adams auf vielen Stellen der Erde mehr zur Oberfläche derselben zu stehen gekommen und wurden dann bei der Plattenbildung nach und nach unter dem Wasser selbst mit eingepanzert. Die Noahischen aber, die, wie ihr schon wisst, weißgraulich aussehen, wurden gebildet erst unterwässerlich von Adam bis Noah und wurden zuerst durch eine vorsündflutliche, partielle Feuer-Eruption zerbrochen und nach allen Richtungen geschleudert, allwie sie noch jetzt häufig auf solchen Alpen in größeren und kleineren Stücken und Massen anzutreffen sind.
HIM|1|400920|16|0|Und was die ganz weißen, überweltlichen Trümmer betrifft, so hat dieses seine Realität in dem schon Gesagten.
HIM|1|400920|17|0|Und somit ist nun die ganze Bildung der Alpe wohlerläuternd gegeben, und es wird nie ein Weltgelehrter eine andere ausfindig machen. Denn da weiß niemand das Wie, Wann, Woher, Warum und Wodurch, als Ich allein und der, dem Ich es mitteile, damit er glaube, dass Ich es bin, der alles dieses angeordnet und gemacht hat. Denn würde auch jemand wollen nur 8.000 Klafter tief in die Erde graben, so wird er sich alsobald überzeugen, dass es nur so ist, wie Ich es euch gezeigt und gesagt habe. Aber zugleich wird er auch erfahren, dass solche eigenmächtige Untersuchungen wider Meinen Willen sind und dass Ich dieselben gewiss allezeit mit dem zeitlichen, wo nicht sogar mit dem ewigen Tode bestrafe.
HIM|1|400920|18|0|Daher, wer da am Brunnen ist und dürstet, der trinke das Wasser des Lebens in vollen Zügen! Aber die Frucht vom Baum des Erkenntnisses soll er erst dann essen, wenn Ich den Baum für ihn gesegnet habe. Und dann wird er sich sättigen zum ewigen Leben von der Frucht, die reichlich am großen Baum Meiner Schöpfung hängt, aber wohlgemerkt, nicht eher, als bis Ich den Baum ihm gesegnet habe, wie Ich es jetzt eben vor euren Augen tue für euch,
HIM|1|400920|19|0|aus welcher Ursache ihr auch den Segen des Lebens empfindet, und seid vergnügt und zufrieden dabei, da euch gegeben wird mehr, als ihr je verlangen hättet können; wogegen der Naturgelehrte frisst wie ein Ochse im saftigen Kleefeld, bläht sich dann auf und geht zugrunde, da er aß die für ihn ungesegnete Frucht. Ich sage, solche Gelehrte sind Mir ein Gräuel; denn sie suchen nicht Meine, sondern ihre Ehre unter den Zweigen dieses Baumes.
HIM|1|400920|20|0|Euch aber gebe Ich es in aller Wahrheit und Liebe, damit ihr die große Herrlichkeit eures heiligen Vaters erkennen mögt, wie sie war, ist und sein wird. Amen. Das sage Ich, der Ich wahrhaftig und getreu bin in jeglichem Meiner Worte. Amen.
HIM|1|400920|0|0|Geistige Schau
HIM|1|400920|21|0|Aus der Ferne zeigt ein blaues Gebirge sich dir als eine flache Wand. Doch kommst du in die Nähe, wird die Wand zu weitgedehnten Ländereien. Also ist es auch mit den geistigen Dingen! Wo dein Auge eins erschaut, Ich sage dir, da sind Trillionen!
HIM|1|400927|1|1|Das Erdbeben – 27. September 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|400927|1|0|Es gibt Erscheinungen, noch sehr viele, sowohl im Großen als auch im Kleinen in der Natur, über deren wahren Grund ihrer Erscheinung noch keinem sogenannten Naturgelehrten je etwas geträumt hat.
HIM|1|400927|2|0|Zu solchen Erscheinungen gehören z. B. der Magnet des Nordpols, das Nordlicht, der Blitz, wie auch ferner die sogenannten Schnellgebilde, dergleichen da sind die sogenannten Sternschnuppen, Wölkchen am reinsten blauen Himmel, die kristallinischen Bildungen, ferner die Ebbe und Flut des Meeres, die Schwingungen der Erde, ein längeres Beben derselben, wie auch gewaltige Stöße, welche, wie euch mehrere Beispiele und Erfahrungen zeigen, schon öfter ganze Gegenden in wenig Sekunden gänzlich zugrunde gerichtet haben. Zu diesen Erscheinungen gehören auch die Bergstürze, große Erdlawinen, oft ganze Versinkungen der Berge und Inseln und noch ferner das Sich-Spalten der Erde, das Ausbleiben der Quellen, das Versiegen der Brunnen, das starke Zurücktreten des Meeres und bei solchen Gelegenheiten das öftere Hervorbrechen von Rauch und Feuer aus den Klüften der Erde. Und dergleichen Erscheinungen gibt es noch zahllose, welche teils schon beobachtet, und teils aber noch von niemanden beobachtet wurden.
HIM|1|400927|3|0|Jedoch von allen diesen nun erwähnten außergewöhnlichen und außerordentlichen Erscheinungen will Ich heute nur das Erdbeben wie auch die Schwingungen der Erde und Stöße derselben wie auch manches auf dieses Bezug habende näher beleuchten.
HIM|1|400927|4|0|Das sogenannte Erdbeben ist keine eigene, für sich entstehende Erscheinung, sondern ist nur die Folge eines auf irgendeinem losen Punkt der Erde entstandenen Erdstoßes, welcher auf folgende Weise bewirkt wird:
HIM|1|400927|5|0|Tief in den innersten Gebilden des Erdwesens befinden sich, gerade wie in dem Körper eines Tieres, gewisserart (tellurische) Eingeweide, das heißt, es bestehen alldort Urgebilde derselben, welche freilich nicht mehr so zusammenhängend sind, als sie waren vor dem Fall Adams. Es sind aber darin – wie schon erwähnt – durch alle Teile der Erde bis zum Mittelpunkt derselben überzahllose Heere der einst gefallenen Geister gebannt, denen allen nach Meiner Ordnung eine gewisse Frist zu ihrer Wiederbelebung gegeben ist. Wenn nun auf irgendeinem Punkt der Erde irgendein Menschengeschlecht zu sinnlich und materiell wird, so dass beim Sterben solcher Menschen ihre Geister nicht zum ewigen (Geistes-)Leben, sondern wieder in den Tod (des Geistes) übergehen, so treten dann eben diese Geister wieder in die Tiefe der Erde zurück und werden gefesselt wie zuvor, ehe sie geboren wurden.
HIM|1|400927|6|0|Seht, wenn das lange fort und fort dauert, so wird ein solcher Punkt im Inneren der Erde nach und nach überladen. Diese Geister fangen dann an, in ihren bösen Begierden sich zu drängen, zu reiben und zu entzünden. Dadurch aber werden auch diejenigen Geister, die noch nicht geboren wurden, ebenfalls geweckt aus dem Zustand ihrer intelligenten Ruhe, zersprengen ihre kleinen Kerker, brechen dann in ihrem beleidigten Eifer in mächtigen Feuersäulen auf die anderen Geister los und wollen sie vernichten. Die geborengewesenen und wieder gefallenen Geister aber entzünden sich da noch mehr, da sie glauben, ein solches Feuer rühre als das sogenannte Höllenfeuer als Strafe unmittelbar von Mir, erbrennen dann in Wut gegen Mich und wollen dann Mich, alle Engel und den Himmel zerstören und vernichten.
HIM|1|400927|7|0|Wenn denn solches vor sich zu gehen anfängt, alsdann wird sobald ein frieden- und ruhestiftender Engel von Mir abgesandt, öffnet dann die Schleusen irgendeines unterirdischen Wasserbehälters; das Wasser stürzt dann, von Engeln geleitet, in Blitzesschnelle hin auf einen solchen wuterglühenden Punkt der Erde.
HIM|1|400927|8|0|Wenn nun das Wasser eine solche Stelle erreicht hat mit seinen Friedensgeistern, alsdann treten diese hinaus aus ihrer leichten Umhüllung, entzünden sich gegen solche bösen Rotten und züchtigen dieselben mit dem Feuer des Friedens.
HIM|1|400927|9|0|Das Wasser selbst aber löst sich natürlich in die euch bekannten Dämpfe auf und übt durch solche plötzliche Ausdehnung mit Hilfe seiner Geister einen so gewaltigen Stoß aus, dass an der Stelle, die sich gerade über einem solchen Punkt befindet, Berge, Städte, Märkte und Dörfer wie Spreu zusammengeschüttelt und übereinander geworfen werden.
HIM|1|400927|10|0|Dadurch geschehen nun in dem Inneren der Erde neue Spalten und Klüfte, die sich oft bis zur Oberfläche der Erde heraufziehen, in welche Klüfte dann diejenigen [noch ungeborenen] Geister, vereinigt mit den friedlichen Wassergeistern, sich zur ferneren Ausbildung von dem Engel geleitet, begeben. Die bösen Geister, die da schon geboren wurden, bleiben aber dann gesänftet zurück im auf diese Art entstandenen Schlammpfuhl.
HIM|1|400927|11|0|Nun seht, das ist der eigentliche Grund der Entstehung eines solchen Erdstoßes.
HIM|1|400927|12|0|Was aber die sogenannten Schwebungen und Schwingungen betrifft, welche mit dem allgemeinen Ausdruck „Erdbeben“ bezeichnet werden, so sind die Schwingungen nichts anderes als die vom Öffnen der Schleuse durch den Engel wie auch durch das Fallen des Wassers notwendigerweise erregten kleinen Rückungen der Erdschichten, welche teils ein solches Bassin umgeben, teils aber auch dadurch aus ihrer Ruhe gebracht werden, wenn fürs Erste durch solche höhere Kraft die Schichten unter dem Bassin bis zum losen Punkt gewaltsam getrennt werden; und fürs Zweite dann aber auch durch den gewaltigen schweren Fall der Wassermassen in einer länger währenden Erzitterung erhalten werden. Diese Bewegung ist nun der Grund von den Schwingungen.
HIM|1|400927|13|0|Was aber das Beben der Erde nach einem solchen gewaltigen Stoß betrifft, so ist dies alles Folge des Rückzuges der Wassergeister mit den ungeborenen Geistern in die verschiedenen neuen Spalten und Klüfte des Erdkörpers. Denn darum ist die Erde erschaffen worden, dass sie trage in ihren Eingeweiden ein gefallenes Geschlecht der Geister zur endlichen Wieder-Entstehung in ein freies, ewiges Leben in und aus Mir.
HIM|1|400927|14|0|Solange es nun irgendwo auf der Erde ein widerspenstiges Geschlecht gibt, so lange auch werden solche Erscheinungen umso häufiger vorkommen, je sinnlicher und gottvergessener irgendein Menschengeschlecht auf der Oberfläche der Erde wird.
HIM|1|400927|15|0|Denn seht, dass dieses alles buchstäblich wahr ist, könnt ihr sehr leicht daraus ersehen, wenn ihr fürs Erste eure Blicke über die ganze Oberfläche der Erde richtet und hie und da vernehmt solche Erscheinungen in der ganzen Schrecklichkeit ihrer tobenden Größe, wie z. B. die Zerstörung Lissabons, ferner die auf der Insel Jamaika und dergleichen mehrere bis auf die jetzige Zeit des Berges in der Gegend Ararat, welche letztere ganz wortgetreu in dem Sinne Meiner heutigen Mitteilung vor sich ging, wovon nahe selbst bis zu euch her nicht unbedeutende Spuren vor einigen Wochen vernommen wurden, ja selbst bis nach Amerika wurden wiederholte Stöße deutlich empfunden, welches dadurch bewirkt wird:
HIM|1|400927|16|0|Wenn unterirdisch sich entweder eine kontinuierende Stein- oder Erdschicht ohne Unterbrechung bis zum losen Punkt fortzieht, so wird demnach ein solcher Stoß auf die nämliche Weise weithin fortgepflanzt, wie wenn ihr irgend sehr viele Stangen, aneinander befestigt, legen möchtet in einer geraden Linie auf eine weitgedehnte Fläche. Wenn ihr dann auf dem Punkt A einen gewaltigen Stoß auf diese kontinuierenden Stangen ausüben würdet, so würde sich dann dieser Stoß bis zum Punkte B, allwo die Stangen aufhören, im Augenblick des Stoßes noch sehr bedeutend wahrnehmen lassen. Auf diese Weise kann dann ein solcher Stoß selbst bis in die entferntesten Gegenden fast zu gleicher Zeit wahrgenommen werden.
HIM|1|400927|17|0|Obschon aber solche Wahrnehmungen demnach als natürliche Folgen anzusehen sind, so sind sie aber doch nicht bloß als solche anzusehen; sondern, wenn sie zweckwidrig wären, so könntet ihr euch wohl leicht denken, dass es Mir ein Leichtes wäre, sie zu verhindern. Allein weil sie aber zweckdienlich sind aus Meiner Liebe und Weisheit, so werden sie vielmehr an solche Orte als warnende Mahnboten geführt, allwo sich Menschen vorfinden, die von Mir kaum etwas mehr wissen als die Bäume in einem Wald. Solche Boten sagen dann solchen Meiner vergessenden Menschen, dass Ich noch nicht gestorben bin, sondern noch bestehe in aller Meiner Macht und Kraft. Und da es von Mir nur eines leisesten Winkes bedarf, so kann auch solchen benachrichtigten Stellen der Erde ein Ähnliches ergehen wie der Gegend Ararat.
HIM|1|400927|18|0|Denn seht, kaum 20.000 Klafter, ja hie und da kaum 2.000 Klafter, ist euer Land, Steiermark genannt, unterminiert durch und durch mit großen und sehr tiefen Wasserbassins. Und so ruhen dann eure Berge sowohl als das wenige Flachland gewisserart schwimmend auf der Oberfläche des unterirdischen Gewässers und werden nur hie und da durch Steinmassen, gleich großen Säulen, mit dem Inneren der Erde verbunden.
HIM|1|400927|19|0|Es braucht demnach nichts mehr als noch ein wenig mehr Vergessenheit Meines Wesens, als sie schon soeben in einem hohen Grad eingetreten ist – so könnt ihr versichert sein, dass Ich auch hier imstande bin, euch alsogleich ein noch größeres Elementar-Spektakel vorzuführen. Jedoch sage Ich: Wehe den Menschen, welche Ich mit solchen Erscheinungen heimzusuchen genötigt bin! Die werden wohl eine zweite Schöpfung abwarten können, bis ihnen wieder irgendein Weg zu einem abermaligen Freiheitsprobeleben gegeben wird!
HIM|1|400927|20|0|Nun seht, so wie diese Ereignisse vor sich gehen nach Meinem ewigen Ratschluss, so auch fällt kein Tröpfchen aus den Wolken, welches nicht vorerst in Meiner Liebe gedacht worden wäre! Und glaubt es Mir, wenn Ich, so wie gestern, einen Regen zur Erde herab sende aus den höheren Triften des werdenden Lebens aus Mir, durch die Regionen des Lichtes, so hängt im Grunde die Erhaltung der ganzen Erde, ja des ganzen Universums von dem ersten Tröpfchen ab, welches kaum ein Sandkörnchen befeuchtete.
HIM|1|400927|21|0|Da werdet ihr freilich sagen, das sei fast unwahrscheinlich. Allein Ich sage euch aber, wenn dieses Tröpfchen nicht zur allerbestimmtesten Zeit eben dieses Sandkörnchen befeuchtet hätte, so hätte der in diesem Körnchen gebannte und ergrimmte Geist das Körnchen zersprengt, hätte dadurch die Geister, die ihn nachbarlich umlagerten, zu einer ähnlichen Handlung geweckt, und diese wieder ihre Nachbarn, und so fort bis auf das letzte Stäubchen der Erde. Und ihr könnt ganz vollkommen versichert sein, dass in der nächsten Sekunde die ganze Erde in vernichtenden Flammen und Rauch aufginge. Und wie hier ein Sandkörnchen das andere zur Zerstörung geweckt hätte, so würde eine Erde die andere wecken und eine Sonne die andere, und so fort bis ins Unendliche. Und dieses alles wäre das Werk fast eines und desselben Augenblickes, geradeso als wenn ihr euch einen großen Haufen des verfluchten Schießpulvers dächtet und würde da jemand nur ein Körnchen zünden, und wäre der Haufen so groß als die Erde selbst, so würden doch in demselben Augenblick alle Körner vom Feuer ergriffen werden.
HIM|1|400927|22|0|Wenn aber zuvor ein solches Pulverkörnchen durch einen solchen Tropfen befeuchtet würde, welches gerade ausgesetzt war zur ersten Aufnahme des Feuers in einem Fünkchen, was wird nun geschehen, wenn das Fünkchen auf das befeuchtete Körnchen kommt? Das befeuchtete Körnchen wird sich nun nicht entzünden, und der ganze andere große Klumpen wird dadurch gesichert sein vor der Zerstörung.
HIM|1|400927|23|0|Seht, so hängt nichts, was ihr auch immer ansehen mögt, ja selbst die Bewegung eines Sonnenstäubchens, von einem sogenannten blinden Zufall ab, sondern dieses alles ist von Mir schon von Ewigkeit her auf das Allergenauste berechnet und bemessen. Und wäre es einem Menschen oder selbst einem Engelsgeist möglich, darinnen eine Abänderung zu finden, und wirkte dabei Meine ewige Sorge nur einen Augenblick nicht mit, so würdet ihr erfahren, welche Verheerungen aus der unordentlichen Wendung auch nur eines Sonnenstäubchens vor sich gehen würden.
HIM|1|400927|24|0|Ich aber sage euch: Der Schwerpunkt einer Zentralsonne hängt in seiner Ordnung auf das Intimste von der Wendung eines für eure Augen nicht mehr sichtbaren Stäubchens ab; denn so wohl ist Meine Ordnung berechnet und Meine Blicke auf alles gerichtet, dass vom Allergrößten bis zum Allerkleinsten eines da sei zur Erhaltung des anderen.
HIM|1|400927|25|0|Nun werdet ihr auch sagen: Warum diese großen Wasserbassins unter den Bergen und Flächen, wodurch die Oberfläche keinen Augenblick sicher ist vor dem Versinken in die meilentiefen Fluten solcher Gewässer? – Allein Ich sage: Es ist alles so eingerichtet, dass es bestehen kann ewig, wenn nicht die freiwillige Bosheit der Menschen Störungen in Meiner ewigen Ordnung verursacht, die Ich nicht hindern darf, da sie von der Freiheit des Willens der Menschen herrühren, weil der freie Wille auch nur eines Menschen unendlich höher steht als ein ganzes Sonnengebiet mit allen Planeten, Monden und Kometen.
HIM|1|400927|26|0|Und nähme Ich das Wasser aus diesen Bassins, so sagt, womit könnte das große Feuer in den innersten Gemächern der Erde gesänftet und gemildert werden?
HIM|1|400927|27|0|Ist euch eine solche Erscheinung wie die der Gegend Ararat erschrecklich, so ist sie aber andererseits doch wieder ein neuer Segen zur Erhaltung des Ganzen. Denn würde das nicht geschehen auf die schon erwähnte Art, so würde dann im nächsten Augenblick, statt der Zerstörung einer kleinen Gegend, die ganze Erde ein völlig vernichtendes Los erfahren.
HIM|1|400927|28|0|Daher bin Ich in allem, was da euer Auge und Ohr berühren kann, nichts als immerwährend die ewige Liebe Selbst. Wie einst die Welt entstanden ist aus der Erbarmung Meiner Liebe, so besteht sie in Meiner Liebe und wird einst auch nur sanft aufgelöst werden in Meiner Liebe. Und ist auch der Zorn Meiner Gottheit das Sichtbare der Materie, so wird aber dieselbe doch nur gesänftet erhalten von Meiner Liebe, solange es Meine ewige Ordnung für notwendig finden wird.
HIM|1|400927|29|0|Und so könnt ihr auch vollkommen versichert sein, dass so auf irgendeinem Ort unter einer Million Menschen nur einer ist, der Mich in seiner Liebe erkannt hat, so wird der Ort bestehen, und wäre seine Unterlage so dünn wie ein Blatt Papier, so fest und sicher, als wäre er ein viele Meilen dickes und festes Gestein. Allwo aber unter einer Million auch nicht einer mehr anzutreffen ist, der Mich erkennen möchte als den liebevollsten Erhalter aller Welten und aller Geschöpfe auf denselben, alldort wird eine sonnendicke Diamantenkruste zu schwach werden, um aufzuhalten die vernichtende Notwendigkeit Meiner ewigen Ordnung.
HIM|1|400927|30|0|Seht, daher, so ihr Mich wahrhaft liebt, sollt ihr auch gar nichts fürchten, und würde die Erde auch unter euren Füßen in Trümmer zerbröckelt werden. Wahrlich, Ich sage euch: Auch auf den dampfenden Trümmern einer zerstörten Welt würdet ihr erfahren, dass Ich die ewige Liebe bin, und ein wahrer einziger guter Vater denen, die Mich im Geiste und in der Wahrheit der Liebe ihres Herzens erkannt haben.
HIM|1|400927|31|0|Ja, Ich sage euch, Ich will Sonnen zerstören und die Trümmer der Welt wie Blitze durcheinanderwerfen und entzünden mit dem Feuer Meines Grimmes die ganze ewige Unendlichkeit, und doch soll auch nicht ein Haar denen, die Mich lieben, gesengt werden. Denn Ich bin allezeit ein liebender und heiliger Vater Meinen Kindern. Amen. Dieses sage Ich, euer liebender Vater. Amen.
HIM|1|401004A|1|1|Nachtrag über Erdbeben – 4. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401004A|1|0|Was da letzthin von den Erdklüften und Erdsprüngen wie auch von den breiten Rissen derselben gemeldet wurde, so haben diese mit dem Ausbleiben der Quellen und Versiegen der Brunnen, wie auch mit dem Zurücktreten des Meeres und anderer Seen einen und denselben Grund.
HIM|1|401004A|2|0|Nämlich bevor irgendein solcher gewaltiger Erdstoß geschieht, da sammeln sich vorher die Geister, die von der Welt wieder zurückkehren, in Rotten und großen Horden. Diese Sammlung der Geister in gewissen Punkten der Erde bietet dem natürlichen Menschenverstand folgende Erscheinung dar: Durch den Zusammentritt von Mineralien mit dem Wasser geschieht gewisserart eine sogenannte chemische Zersetzung, das was ihr überhaupt im Allgemeinen mit dem Ausdruck „Gärung“ bezeichnet. Dadurch entwickeln sich verschiedene Gase und suchen einen Ausweg; da geschieht’s denn, dass sie bei einer solchen Gelegenheit in einen leeren Raum gelangen, allda sammeln sie sich dann Jahre und Jahre oft so gewaltig zusammen, dass sie durch ihre naturmäßige Spannkraft nach und nach die über solchen Räumen befindliche Erdscholle zu erheben anfangen.
HIM|1|401004A|3|0|Wenn nun so die Erdscholle mehr und mehr erhoben wird, so fängt sie natürlicherweise an, Ritze zu bekommen, welche dann, nachdem die Erhebungen fortdauern, immer größer und größer werden und endlich förmliche Klüfte und tiefe Abgründe bewirken. Wenn nun auf diese Weise die sich unterirdisch ansammelnden Gase sogar durch kleine Risse bis zu den großen Wasserbehältern gedrungen sind, so füllen sie nach und nach, sogar durch die Wässer aufsteigend, die Oberfläche derselben ebenso gewaltig an, dass dann diese Wässer, von welchen alle unterirdischen Quellen meistens herkommen, außer Verbindung mit den Oberadern gebracht werden, erhöhen dann auch die äußere Rinde der Erde oft bis zu einer Höhe von 80, 100, ja oft auch 200 Klafter, bei welcher Gelegenheit dann natürlich alle Quellen, die daher ihren Ursprung haben, ausbleiben, wie auch Brunnen versiegen und das Meer, welches stets in Verbindung mit diesen unterirdischen Wässern steht, wie auch andere große Seen, von ihren Ufern bedeutend zurückweichen, was natürlich geschehen muss, da die große Vorratskammer der Wässer durch solche dazwischen tretende Gase getrennt wird von den oberirdischen Wässern.
HIM|1|401004A|4|0|Nun seht, so stellt sich diese ganze Erscheinung dem natürlichen Auge, d. h. unter dem Sinne des natürlichen Verstandes vor. Allein in der Wahrheit verhält es sich nicht also; sondern – wie schon anfangs erwähnt wurde – durch die Ansammlung der Geister und durch deren tolles Treiben, wie schon bei den vorigen Mitteilungen erwähnt wurde, wo auch die schlummernden beleidigt aus ihrer Ruhe gebracht werden, dass ein friedenstiftender Engel von den Himmeln dahin abgesandt wird und in der Erde Innerem Klüfte von den großen Wasserbehältern dahin zu den Stellen öffnet, deren Insassen in ihrem tödlichen Eifer gegenseitig glühend geworden sind. Nun suchen da die in den Wässern verborgenen Friedensgeister zu sänftigen solche ergrimmte Rotten, und während solcher Tätigkeit sammeln sich denn solche Friedensgeister durch den beständigen Beitritt des Wassers in großen Massen. Und das, was früher von den Gasen gesagt wurde, seht, das ist die Überzahl der Friedensgeister, die aus dem Wasser auf die Nötigung des Engels getreten sind, um zu sänften die ergrimmten höllischen Geisterhorden.
HIM|1|401004A|5|0|Wenn dann solches fortgesetzte Beispringen der Friedensgeister aus dem Wasser nichts fruchtet, alsdann macht der Engel – wie schon bekannt aus der früheren Mitteilung von dem Erdbeben – einen gewaltigen Strich durch die Rechnung solcher Grimmgeister, worunter die sogenannten Weltgeister die ärgsten sind. Dieser Strich durch solche bösen Rechnungen der Geister besteht darin, dass von dem kräftigen Engel die Stelle durch und durch ergriffen wird, und wird mit großer Gewalt in den kleinsten Teilen, allwo noch ungeborene Geister bedrängt wohnten, in einem Augenblick zerrissen.
HIM|1|401004A|6|0|Diese nun losgewordenen Geister entzünden dann, da sie selbst ganz glühend geworden sind, auch die oft meilenweit angesammelten Friedensgeister oder mit dem naturmäßigen Ausdruck „Gase“, und dieser Entzündungs-Augenblick ist dann auch der Augenblick des euch schon bekannten Erdstoßes.
HIM|1|401004A|7|0|Welche Folgen solche Entzündungen haben, ist euch schon hinreichend bekannt. Allein damit aber solche Entzündungen nicht allzu häufig vorkommen, da sie mit der Zeit eine gänzliche Zerstörung des Weltkörpers herbeiführen könnten, und zwar durch die Wirkung des nach Meinem Willen freitätigen Engels, der sich wenig kümmern würde, wenn er mit Meiner Macht zur Vollziehung Meines Willens ausgerüstet ist, ob zur Verherrlichung Meines Namens eine oder tausend Erden wie Spreu in den Wind zerstäubt würden, so habe Ich fürs Erste hie und da auf der Erde beständige Grimmableiter der höllischen Geister errichtet, durch welche immerwährend Wasser zum Dämpfen der glühenden Stellen geleitet wird. Und wenn da auch Ansammlungen von solchen euch bekannten Gasen geschehen, so werden sie, wie der Rauch durch ein Kamin, gewisserart natürlich, ohne bedeutende Verheerungen, abgeleitet.
HIM|1|401004A|8|0|Freilich sollten die Menschen nicht so ganz nahe solchen Orten ihre Wohnungen errichten, weil in solcher Nähe doch immerwährend oft größere oft kleinere Verheerungen notwendigerweise stattfinden müssen. Denn es ist ja die Erde doch so ziemlich ausgedehnt, daher es nicht nötig ist, sich gerade an Kaminen der Hölle Wohnungen zu errichten.
HIM|1|401004A|9|0|Denn seht, in geistiger Hinsicht sind die Vulkane nichts anderes als Grimm- und Zorn-Ableiter der Hölle. Diese Vulkane haben unterirdisch viele tausend Gänge und Mündungen, welche nicht unähnlich sind den Wurzelzügen eines großen Baumes. Dessen ungeachtet aber können sie doch nicht jede erdenkliche Stelle der Erde berühren, es müsste denn die Erde nur gleich sein einem Badeschwamm, was denn doch nicht sein kann, wenn sie fähig sein soll und muss zur Tragung der Menschen, Berge, Länder und all der großen Gewässer, damit ihre Oberfläche sei eine gefestete Schule zur Freiheit des Lebens aus Mir.
HIM|1|401004A|10|0|Wo demnach die vulkanischen Gänge nicht hinreichen, allda geschehen zwar wohl sehr oft immerwährend solche Erhöhungen durch die Ansammlung frei gewordener Geister. Jedoch um einer solchen gewaltigen Zerstörung vorzubeugen, werden in den Niederungen der Erde, wie auch öfter in den Gebirgsklüften von einem zweiten Engel Öffnungen gemacht. Durch diese Öffnungen strömen dann die Gase unentzündet, in der Art heftiger Winde, als Stürme über die Oberfläche der Erde heraus.
HIM|1|401004A|11|0|Seht, solche Erhöhungen geschehen fast tagtäglich. Ihr dürft nur das sogenannte Barometer beobachten, und ihr werdet an dem Fallen und Steigen des sogenannten Flusssilbers die immerwährende Ansammlung solcher Geister hinreichend beobachten können. Denn wenn dasselbe fällt von Linie zu Linie, so geschieht unterirdisch die Ansammlung. Die Erdscholle mit der Rinde wird erhoben. Dadurch nun werdet ihr samt euren Städten, Bergen und Flüssen von Klafter zu Klafter höher in die leichteren Luftschichten gehoben. Da die Luftsäule, welche auf das Quecksilber drückt, dadurch natürlicherweise immer geringer wird, so fällt denn auch das Quecksilber in der Röhre nach dem Maße des Leichterwerdens der Luftsäule über demselben.
HIM|1|401004A|12|0|Wird dann nach Meiner Liebe den freien Geistern, oder naturmäßig „Gasen“, eine wohlberechnete verhältnismäßige Ausgangspforte errichtet, alsdann strömen denn diese allgemach aus, gerade wie die Luft aus einer Esse. Die Erdscholle und Rinde sinken dann nach und nach wieder in ihre vorige Lage zurück. Und in welchem Maße das Zurücksinken geschieht, in demselben Maße steigt dann auch wieder das Quecksilber in der Röhre, weil die Luftsäule über demselben natürlicherweise wieder länger, intensiver und schwerer wird.
HIM|1|401004A|13|0|Ihr würdet vielleicht, wenn auch nicht jetzt, so doch nach und nach fragen, was denn mit diesen frei gewordenen Geistern ferner geschieht. Da sage Ich euch nichts anderes als das: Fragt euch selbst, was ihr selbst nach getaner Arbeit zu tun pflegt! Nämlich, ihr begebt euch in eure Wohnungen, um alldort wieder friedlich auszuruhen von dem mühsamen Werk des Tages eurer Hände. – Seht, dasselbe ist auch der Fall bei diesen frei gewordenen Geistern und das umso mehr, da ihnen der Weg bekannt ist, den sie zu gehen haben, bis zur Seele des freien Menschen der Erde.
HIM|1|401004A|14|0|Seht, diese Geister vereinigen sich alsobald mit den Geistern, die da kommen aus den freien Sphären des Lichtes, ziehen sich gegenseitig an, verbinden sich auf dem euch oft sichtbaren, meistens aber unsichtbaren sogenannten elektromagnetischen Weg, welcher freilich besser „Natur-Liebe-Weg“ genannt würde, und fallen dann gewöhnlich im Regen, oft auch im Hagel und Schnee wieder, die Erde befruchtend, darnieder.
HIM|1|401004A|15|0|Zwischen dem Regen, Hagel und Schnee sind nur sehr geringe Unterschiede, welche durchgehends einen gleichen Grund haben. Bei dem Hagel haben sich mitunter auch noch bösere ungeborene Geister mit den freien Geistern aus dem Wasser mitbegeben. Damit nun diese Geister keine weiteren Verheerungen anrichten können, so werden sie durch die Geister aus dem Wasser alsogleich gefangengenommen und festgebunden und also in der Gestalt des Hagels wieder zur Erde, von ihrem Grimm abgekühlt und gesänftet, geführt, aus welcher Ursache ein solcher Hagelsturm auch gewöhnlich mit größerer Heftigkeit als irgendein anderer Regen oder Windsturm vor sich geht.
HIM|1|401004A|16|0|Dass dem so ist, das zeigen euch die vor einem Sturm kreuz und quer fliegenden Wolken. Wenn ihr das seht, so ist der Augenblick da, allwann solche bösen Geister von der Heftigkeit der Friedensgeister kreuz und quer zusammengefangen werden, bei welcher Gelegenheit sich solche Geister dann allzeit durch ein unwilliges, vernehmbares Murren, Toben, häufiges Blitzen und Donnern kundgeben. Allein alles dieses hilft ihnen wenig oder gar nichts. Am Ende werden sie doch samt und sämtlich gefangengenommen und, wie schon bekannt, an den Ort ihrer Bestimmung geführt.
HIM|1|401004A|17|0|Wenn sie nun die Erde erreicht haben, so werden sie dann wieder von der erweichten Materie aufgenommen, und die friedlichen Geister gehen dann wieder ruhig von ihren festen Klümpchen auseinander. Hat dann auch so ein Hagelsturm hie und da manchen Schaden an euren Früchten angerichtet, so sollt ihr aber euch dessen ungeachtet doch nichts daraus machen. Denn dieser Schaden steht nicht in dem allergeringsten Verhältnis mit dem, was da entstehen würde, wenn die Friedensgeister nach Meinem Willen nicht so tätig die Hand anlegten an die „unzeitigen Zerstörer“ der Welt. Denn diese würden sich in ihrer Freiheit alsobald mächtig entzünden, und der Erde würde es ergehen – wie schon letzthin bemerkt – wie einem großen Haufen Pulvers.
HIM|1|401004A|18|0|Daher sollt ihr in der Zukunft auch nicht so ängstlich sein, wenn ihr solches vor euren Augen seht. Denn alles, was da geschieht, geschieht aus Liebe zu euch! Und wird auch jemand dadurch verdientermaßen ein wenig gezüchtigt, so wisst ihr ja, wenn ihr eure Kinder nur aus Liebe züchtigt, da ihr doch böse seid, um wie viel mehr werde Ich, der alleinig gute Vater, Meine Kinder nur aus Liebe züchtigen.
HIM|1|401004A|19|0|Seht, so steht es um diese bis jetzt für jedermann unbegreiflichen Dinge. Und wie im Hagel in einem geringen Verhältnis, jedoch dafür länger während, ist es der Fall mit dem Schnee und eben auch so mit dem Eis. Denn ihr müsst wissen, je nördlicher irgendein Punkt der Erde liegt, desto verschlagener und böser sind die denselben bewohnenden Geister. Jedoch was das Nähere davon betrifft, wird euch solches bei der Enthüllung der Erdpole kundgegeben werden.
HIM|1|401004A|20|0|Nun aber merkt euch noch dieses: Nach dem, was ihr bis jetzt über die Natur der Dinge aus Meiner Gnade erfahren habt, könnt ihr euch schon irgendeinen kleinen Begriff machen, wie viel alle Weltweisheit nütze ist. Denn so jemand ein Handwerk erlernen will, so muss er zu einem Meister gehen, ansonst er ein immerwährender Stümper und Flicker bleiben wird. Ich aber bin ein wahrer und allereigentlichster Meister in allen Dingen. Wer sie daher kennenlernen will, der muss sich von Mir, dem Urheber aller Dinge, belehren lassen. Denn auf keinem anderen Weg ist es möglich, in Mein Reich zu kommen, als nur alleinig durch die Pforte, die Ich euch gezeigt habe. Wehe den Dieben und Räubern, die sich durch das Dach hineinschleichen wollen, denen wird’s ergehen wie den Geistern durch den Hagel; denn sie werden in die äußerste Finsternis auf eine ganze Ewigkeit hinausgestoßen werden.
HIM|1|401004A|21|0|Es soll aber der gemeine Mann dereinst belehrt werden über alles, nach der Aufnahmefähigkeit seiner Liebe. Jedoch die Weisen der Welt sollen beschämt werden von einem leeren Schneckenhaus und von den Larven ausgeborener Infusorien! Denn wahrlich, Ich sage euch, es wird dereinst ein Regenwurm solche Weisen gewaltig beschämen in ihrer vermeintlichen Weisheit.
HIM|1|401004A|22|0|Daher ist ein Tor der, der es nicht von Mir lernt. Wer es aber von Mir empfangen hat, und wäre die Gabe noch so klein, so werden doch Ewigkeiten und Ewigkeiten nicht hinreichen, dieselbe aufzehren zu können. Denn Ich bin allezeit unendlich, wie im Größten, so im Kleinsten. Und so ist ein Sonnenstäubchen als eine Gabe von Mir nicht minder groß und unendlich als die größte der Sonnen, welche in der Mitte zahlloser Sonnenheere wie eine Mutter in der Mitte ihrer Kinder segnend prangt.
HIM|1|401004A|23|0|Dieses nun Gesagte erfasst wohl in euren Herzen! Denn Ich, der Geber aller guten Dinge, habe es euch gegeben – ein gutes, wohl genießbares Stück Brotes zum ewigen Leben.
HIM|1|401004A|24|0|Daher freut euch auch in euren Herzen, denn ihr wisst ja, so ihr euren Kindern Brot austeilt, dass ihr nicht fern von euren Kindern seid. Seht, dasselbe ist auch bei Mir der Fall.
HIM|1|401004A|25|0|Wo Mein Brot des Lebens erscheint, da glaubt auch, dass Ich, euer guter Vater, nicht ferne bin. Amen! Das sage Ich, euer guter Vater. Amen.
HIM|1|401004B|1|1|Eine kleine äußere Gabe – 4. Oktober 1840
HIM|1|401004B|0|0|Eine kleine äußere Gabe an die Kinder des A.H. als ein Geschenk des Knechtes zum Gebrauch beim Haarflechten des Geistes der Liebe im Herzen der Seele.
HIM|1|401004B|1|0|Es sei allen wohl beschieden / diese kleine Gab’ hienieden; / hier doch sollen nur die Kinder, / welche sind in Gnade minder, / solch Geschenke treulich finden, / die da ihre Liebe binden. / Duldig Herz, ein frommes Flehen / macht ein solch Geschenk erstehen; / wer es aber hat empfangen / nach des Herzens fromm Verlangen, / der empfängt’s von Meiner Hand / als ein treues Liebespfand. / Doch wem solches wird zu Teile, / diene es zum Seelenheile; / allen ist gegeben Gnade, / allen auch gezeigt die Pfade. / Hier zu geben Meinem Knechte / räume Ich jedoch die Rechte; / wem er’s geben wird zufrieden, / sei die Gabe wohl beschieden. / Das gescheh’ in Meinem Namen, / sag Ich, euer Vater, Amen.
HIM|1|401011|1|1|Der Nordpol – 11. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401011|1|0|Unter allen Erscheinungen auf irgendeinem Weltkörper, somit auch auf der Erde, ist keine so vielbedeutend als die Erscheinungen, die sich auf den Polen der Weltkörper ergeben, und von den Polen aus auch über die ganze Oberfläche eines Weltkörpers in allen sonstigen Erscheinungen vorherrschend sind.
HIM|1|401011|2|0|Diese Erscheinungen, welche von dem Nordpol herrühren, welcher besser der bejahende Pol genannt werden sollte, sind – zunächst dem Pol selbst – die Nordlichter; ferner die auf allen Punkten der Erde
HIM|1|401011|0|0|wirkende magnetische Kraft; zunächst dem Pol wieder das Eis und die fortwährend herrschende große Kälte; ferner die sogenannten Passatwinde, wie auch die Entstehung so manch heftiger von den nördlichen Gegenden herziehenden Wolken und Ungewitter, und nach diesen rühren noch allerlei Erscheinungen mehr oder weniger von den Polarkräften irgendeines Weltkörpers ab.
HIM|1|401011|3|0|Bevor wir jedoch diese starre Gegend der Erde mit geistigen Augen ansehen wollen, ist es nötig, dieselbe zuvor mit den Augen des Fleisches näher zu beleuchten.
HIM|1|401011|4|0|Ein Pol eines Weltkörpers ist derjenige Punkt, der die meiste Ruhe unter allen Punkten der Erde oder irgendeines Weltkörpers hat. Er ist immer so gestellt, dass er dem Licht und der damit verbundenen Wärme aus der Sonne am wenigsten ausgesetzt ist, und steht beinahe in demselben Verhältnis zu einer Sonne, als so jemand sich vor ein Licht stellen würde, so zwar, dass dasselbe gerade seinem Bauch gegenüberstände.
HIM|1|401011|5|0|In dieser Stellung würde dann der Scheitel seines Kopfes den Nordpol, die Sohle seiner Füße aber den Südpol darstellen, und gerade so ist es denn auch mit einem Erdkörper im Verhältnis zu einer Sonne. Betrachtet ihr nun die Verrichtungen eures Kopfes und im entgegengesetzten Falle auch die eurer Füße, so könnt ihr demnach schon eine ziemliche Vorstellung vom Nordpol, wie auch von seinem Gegner machen.
HIM|1|401011|6|0|Da auf diese Weise weder Licht noch Wärme die Pole der Erde erleuchten und erwärmen kann, so versteht es sich von selbst, dass in Ermangelung dieser beiden nichts als ewige Kälte und mit der auch eine ununterbrochene Nacht fortwähren muss, welche Nacht nur durch das matte Geschimmer der Sterne und die an solchem Punkt fast beständig fortwährenden Nordlichter erhellt wird.
HIM|1|401011|7|0|Die Gegend des Poles bietet einen großen trichterartigen Krater, der im Durchmesser hundertundachtzig Meilen beträgt (oben am Trichter).
HIM|1|401011|8|0|Dieser Krater ist ringsherum von den schroffsten Eisbergen und Klippen umlagert, so zwar, dass es nie auch je einem Sterblichen gelingen wird in diese geheimnisvolle Gegend der Erde zu dringen, und da soll jeder verwegene Forscher den Tod seines Leibes dreifach finden. Wird er sich auch verwahren mit Nahrung und Erwärmungsmitteln, so wird ihm doch dieses alles nichts nützen; denn die Kälte ist da so groß, dass selbst was immer für Nahrungsmittel und Brennmaterialien so sehr erstarren würden, dass sie unmöglich mehr zum Gebrauch geschickt wären. Denn selbst ätherische Öle gefrieren dort in einer Sekunde zum festesten Stein, und das Holz wird ebenfalls in einem Augenblick durch und durch mit Eis so sehr überzogen, dass es unmöglich mehr zum Brennen kann gebraucht werden. Und was mit dem Holz geschieht, das geschieht auch mit jedem anderen Brennmaterial, denn so schon niemand bei euch eine Kälte von 33 Graden nach eurer Messung aushalten kann, was wird er erst machen, wenn die Kälte 90 Grade und darüber erreicht hat?!
HIM|1|401011|9|0|Daher, wie schon erwähnt, wird es niemand gelingen, jemals diese Gegend mit den Augen des Fleisches anzuschauen; wohl aber der, der in Meiner Gnade und Liebe steht, dessen geistiges Auge wird dahin und weiter noch in größter Klarheit blicken können.
HIM|1|401011|10|0|Jetzt – woher rührt denn, oder was ist denn eigentlich ‚Kälte‘?
HIM|1|401011|11|0|Seht, alle Definitionen und Bestimmungen, welche je von irgend Naturgelehrten aufgestellt worden sind, sind ebenso gut, als wenn davon nie jemand etwas gesprochen hätte. Denn die Kälte ist weder ein eigentliches Fluidum, so wenig als es die Wärme ist, noch viel weniger ist sie die Abwesenheit der Wärme, sondern sie ist nichts als eine Wirkung der außerordentlichen Verdichtung der Luft, so wie die Wärme und die Hitze nichts ist als gerade das Gegenteil, nämlich eine außerordentliche Verdünnung der Luft. Wohlgemerkt, es handelt sich hier um die Verdichtung der Luft in allen ihren Teilen.
HIM|1|401011|12|0|Dieses kann aber durch keine mechanische Vorrichtung je bewirkt werden, weil einige Teile, aus denen die Luft besteht, so sehr kompressibel sind, dass sie sich ohne den geringsten Widerstand bis in ein Minimum zusammendrücken lassen, und wieder andere Teile der Luft dagegen wieder so beschaffen sind, dass sie keinen gar zu großen Druck erleiden, außer dass sie nicht alsogleich erregt werden und dann was immer für einen noch so massiven Press-Apparat mit der größten Leichtigkeit alsogleich zersprengen möchten.
HIM|1|401011|13|0|Ebenso verhält es sich auch mit der Verdünnung der Luft. Ihr könnt wohl die erregbaren Teile der Luft hinausschaffen durch eine sogenannte Luftpumpe, was aber die feinen ätherischen Luftteilchen betrifft, so sind diese nie gänzlich aus irgendeinem Raum zu bringen und in ihren Hülschen so sehr zu erregen, dass sie dieselben zersprengten und dann als helles sichtbares Feuer frei heraustreten möchten; und würde es auch bei der Anwendung großer Kraftwerkzeuge jemandem gelingen, so würde bei solcher Zersprengung dann ebenfalls alsobald eine gänzliche Vernichtung eines solchen Instrumentes erfolgen.
HIM|1|401011|14|0|Dieses alles vermag nur das Licht, wie auch der gänzliche Mangel des Lichtes. Seht, das ist denn auch die Ursache der Kälte der Polargegenden, wie auch im entgegengesetzten Falle der Hitze des Äquators.
HIM|1|401011|15|0|Um dieses recht zu begreifen, müsst ihr wissen, dass der Sonne zweierlei Arten von Strahlen entströmen, nämlich erstens solche, welche von jedem Punkt der Sonne sich nach allen möglichen Seiten unter allen möglichen Winkeln ausbreiten. Aber zugleich geht auch von jedem Punkt der Sonne ein Strahl in paralleler Richtung, und dieser Strahl ist gleichsam der Kern der Strahlen der Sonne und führt allein diejenige Kraft mit sich, die ihr Wärme nennt; dem ist aber nicht so, sondern er ist nur deswegen der stärkste und daher auch zur Ausdehnung am geschicktesten, weil er der Kernstrahl ist. Es können demnach die schiefen Strahlen hinfallen, wohin sie wollen, so werden sie aber doch wenig ausdehnende Kraft besitzen, weil die Kernstrahlen mit ihnen nie eine größere Ausdehnung erhalten, vermöge der schiefen Fläche, auf welche sie fallen; und nur in jenen Gegenden, die gerade unter der Sonne sind, fallen die Strahlen gerade auf dieselben und bewirken da die größtmöglichste Ausdehnung der Luft. Wenn aber die Luft an den Gegenden des Äquators dadurch immerwährend ausgedehnt wird in allen ihren Teilen, so geschieht es dann, dass sich die ganze Masse der Luft hinzieht oder vielmehr hingedrängt wird in die Gegenden der Pole der Erde, wo dann die größte Verdichtung der Luft in allen ihren Teilen stattfinden muss, woher dann eben die ununterbrochene Kälte herrührt, und zwar gewisserart periodisch, was ihr daraus ersehen könnt, dass, wenn fürs Erste die Erde mehr ihre Polargegenden unter die Sonne geschoben hat, so wird auch die Luft in denselben mehr und mehr ausgedehnt, und es wird in den Polargegenden erträglich; was aber den Pol anbelangt, so wird gerade da im Krater selbst die Kälte am heftigsten. Wenn aber die Sonne wieder mehr über die südlichen Gegenden zu stehen gekommen ist, so wird dann in den Polargegenden aus schon bekannter Ursache die Kälte so groß, dass dieselbe am achtzigsten Grad der nördlichen Breite kein lebendes Wesen auszuhalten vermag.
HIM|1|401011|16|0|Am Pol selbst aber, wo der Druck am heftigsten wird, erregt sich die Luft, zersprengt ihre Hülschen und wird zu einem Feuermeer; wenn da solches vor sich zu gehen anfängt, so ergreift dann dieses Feuer die ihm angrenzenden Luftregionen in elektrischer Schnelle und entzündet dieselben je nach den dichtesten Gefügen, und diese Erscheinung gibt dann das sogenannte Nordlicht ab. Über dem Pol selbst brennt solches Licht immerwährend zur Winterzeit, jedoch in die Polargegenden strömt es gewissermaßen nur periodisch über, und zwar nachdem sich gewisse Zweige der Luft mehr und mehr bis zu dem Nordpol selbst hin verdichtet haben, welche zweigartige Verdichtung von der verschiedenen Bewegung der Luft durch was immer für Ursachen bewirkt wird.
HIM|1|401011|17|0|Dass das Nordlicht blitzähnliche Bewegungen macht, das liegt in der zweigartigen Verdichtung der Luft; das fast allezeit rötliche Nordlicht, auch begleitende grünlich-weiße oder bläulich-weiße Licht ist eine Folge der ätherischen Entzündung der schon bekannten höchst elastischen Lufthülschen.
HIM|1|401011|18|0|Nun seht, das wäre bis auf den Magnet und bis auf die Passatwinde die Gestalt und Beschaffenheit des Poles, und vorzugsweise des Nordpoles.
HIM|1|401011|19|0|Was die Passatwinde anbelangt, so könnt ihr euch daraus dieselben leicht erklären, wenn ihr darauf Rücksicht nehmt, dass die Luft, sobald die Sonne über den Äquator zu steigen anfängt, immer mehr und mehr durch ihre Kernstrahlen ausgedehnt wird und der großen Last der um den Nordpol lagernden Luft nicht mehr das Gleichgewicht halten kann. Fragt euch nun selbst, was da geschehen kann! Nichts anderes, als dass die Luft von den Polargegenden sich dahin ergießt, wo der Verdichtungsprozess vor sich geht und dieses Strömen so lange dauert, bis das Gleichgewicht mehr oder weniger hergestellt wird.
HIM|1|401011|20|0|Wenn dann zur Zeit des Herbstes die Sonne wieder zurückweicht über den Äquator – was muss da geschehen? Da werdet ihr sagen, da müssen ja wieder Passatwinde kommen, und zwar von umgekehrter Richtung her; allein es ist dem nicht so. Es kommen wieder Passatwinde, aber nicht von Süden, sondern abermals wieder von Norden, und zwar aus den Ursachen: Weil die Sonne mit ihrer ausdehnenden Kraft immer mehr zurückweicht, so muss sich ebenfalls die um den Nordpol gelagerte Luftmasse, die sich während der Sommerszeit beinahe kegelförmig über den Nordpol aufgetürmt hat, wieder nach allen Richtungen gegen den Äquator hin notwendigerweise ergießen. Denn es geschieht da nicht ein Austausch der Südluft mit der Nordluft, sondern die Nordluft hat ihre schon höchst verdünnte Grenze am Äquator und so ebenfalls die Südluft. Und strömt auch unter dem Äquator Nordluft, so ist sie aber doch nicht Nordluft, sondern Südluft, und wird alldort wie hier die Nordluft von der Sonne nach verschiedenen Richtungen, aus schon bekannten Ursachen, zu strömen genötigt.
HIM|1|401011|21|0|Nachdem wir nun die Passatwinde näher beleuchtet haben, so bleibt uns nur noch der Magnet übrig; jedoch eben beim Magnet erschließt sich der transzendente Punkt aller schon bis jetzt erörterten Beschaffenheiten und Erscheinungen des Nordpoles.
HIM|1|401011|22|0|Was ist eigentlich der Magnet? Seht, das ist eine Frage, welche von vielen tausend Gelehrten gestellt wurde, und wurde auch mit vielen tausend nichtssagenden Antworten beantwortet, welche Antworten der Wahrheit der Sache samt und sämtlich viel entfernter lagen und noch liegen, als die Frage selbst.
HIM|1|401011|23|0|Es lässt sich aber die Erscheinung des Magnets durchgehends nicht auf natürliche Weise erklären, da in dem ganzen Magnet ebenfalls durchgehends nichts Materiell-Natürliches (als magnetwesentlich) vorhanden ist.
HIM|1|401011|24|0|Es ist demnach der Magnet nichts anderes als das Leben der Liebe der in der Materie überall haftenden Geister; und da es gerade gegen die Polargegenden von Grad zu Grad immer friedliebendere Geister gibt, so vermehrt sich dieses Leben der Liebe. Diese friedliebenden Geister sind demütige Geister und scheuen jede Art sich aufzublähen und in dieser Aufblähung größer sein zu wollen als andere sie umgebende Geister. Daher fliehen sie auch sorgfältig alsobald jede Gelegenheit, welche dazu dienen könnte, dass sie sich eins über das andere erheben möchten. Daher scheuen sie auch sorgfältig alles naturmäßige Licht und ziehen sich gewisserart von diesem so viel als möglich zurück; und alles Licht und alle Wärme, welche sie auch immer in sich aufnehmen, lassen sie alsobald weiter strömen an jene Geister, denen Liebe und Weisheit mangelt. Und dieses bereitwillige Geben des Empfangenen von Mir ist der Zug der euch ersichtlichen magnetischen Kraft.
HIM|1|401011|25|0|Wenn es denn nun geschieht, dass solche Friedensgeister in ihrer liebetätigen Wirkung sich sehr vereinigen, so geschieht dann diejenige Erscheinung des Nordlichtes, die vorher dem fleischlichen Auge beleuchtet wurde, und das zwar darum, weil sie durch ihre Liebe allezeit eine Menge unruhiger Geister aus der Materie an sich ziehen, wie gleichsam in eine Schule der Besserung, um sie vorzubereiten zum Eintritt in das prüfende Leben der Materie. So geschieht es dann, dass bei solcher Liebeswirkung auch verdorbene Geister verstorbener Menschen, namentlich solcher, die sogenannte Intrigen aller Art während ihres Lebens gespielt haben, sich dann mit erheben unter die Scharen solcher liebewirkenden Geister, und wollen dann dieselben ebenfalls durch allerlei Intrigen und liebescheinende Bewegungen auf ihre Seite bringen, – allein die Liebe ist scharfsinnig und empfindet in ihrer Reinheit alsobald die Schmarotzer in ihr; darauf werden solche böswilligen Geister alsobald ergriffen und von den Friedensgeistern über dem Nordpol so sehr beengt, dass dieselben solchen außerordentlichen Druck nicht mehr erleiden können. Alsdann entzündet sich der böse Wille solcher Geister und tobt dann mitten unter den Friedensgeistern als ein großartiges Feuer wie dem Krater eines Vulkans entsteigend; das geschieht allezeit genau in der Mitte des Nordpols, denn vom Südpol gilt dieses nicht, sondern davon wird erst nächstens erwähnt werden.
HIM|1|401011|26|0|Nun würdet ihr fragen: Warum denn gerade über der Mitte des Nordpols? – Dieses geschieht deswegen, weil diese böswilligen Geister sich so viel als möglich in ihrer Böswilligkeit dunkel halten, um nicht auch nur bei einem leisen Lichtflimmerchen in ihrer Schändlichkeit entdeckt zu werden, da eben in dieser Nordpolvertiefung die größte Dunkelheit herrscht physisch und somit auch geistig. Wenn daher die Liebesgeister solches Gesindel unter sich alsobald gewahr werden, so vereinigen sie sich in ihrem Liebetätigkeitswollen, lassen dann ihr Licht und ihre Wärme auf schon besagte Weise ausströmen, was nämlich schon bei der Entstehung des Nordlichtes bemerkt wurde. Dadurch werden nun die Böswilligen durchleuchtet und können unmöglich mehr ihr Böses verbergen, da vereinigen sich dann die Friedensgeister und stürzen auf die herumflatternden Schmarotzer nieder und wollen sie zur Ruhe bringen. Allein diese entzünden sich dann alsbald in ihrem Ärger über die Entdeckung ihrer Bosheit von den Friedensgeistern und brechen dann gleich einem gewaltigen Feuerstrom empor und brennen so lange, bis sie sich in ihrem bösen Eifer aufgezehrt haben; alsdann werden sie ihrer Hitzigkeit wegen alsobald von den Friedensgeistern von dem Wasser ihres Liebeswollens umfangen und als ewiges Eis mit der Polargegend vereinigt.
HIM|1|401011|27|0|Was den Krater des Nordpols betrifft, so sieht dieser am meisten ähnlich der Einmündung eines Apfels, wenn ihm der Stil ausgerissen wird. Und es geht da eine solche Mündung in einen Kanal über von einem Durchmesser von tausend Klaftern sich immer mehr und mehr beengend bis in den Mittelpunkt der Erde und ist gleichsam der Mund der Erde, durch welchen sie ihre gedeihliche Kost aus den unendlichen Räumen, welche erfüllt sind von Meiner Barmliebe, saugt. Und der Südpol, so ihr es annehmen wollt, gleicht demnach dem Entleerungskanal. Doch worin diese Kost besteht, wird euch erst später einmal bei der Enthüllung der Sonne (und der Erde) gesagt werden.
HIM|1|401011|28|0|Es wäre demnach nur noch etwas über die von den Menschen erfundene Magnetnadel zu berichten. Seht, die Antwort auf diese Frage – warum sich die Nadel immer nach Norden kehrt – ist leichter, als ihr euch denkt.
HIM|1|401011|29|0|Ein gemeines Sprichwort sagt: Gleich und gleich gesellt sich gern. – Seht, darinnen liegt der ganze Grund dieser Erscheinung. Im Eisen, wie in manch anderen Metallen, befinden sich ebenfalls zur Sänftigung bösartiger Geister Friedensgeister, die mit den Polargeistern gleiche Eigenschaften haben.
HIM|1|401011|30|0|Obschon sie da nützlich die Geister dieses Metalls vor vernichtender Aufbrausung bewahren, so haben sie aber doch einen immerwährenden Zug zu ihren Brüdern, und dieser Zug offenbart sich dann auf dieselbe Weise, wie wenn ihr eine elektrische Maschine in den Umschwung bringt, wodurch dann ebenfalls Geister entbunden werden und zu ihren noch gebundenen Geistern in irgendeiner Materie als Metalle und andere Elektrizität leitende Körper treten oder übergehen, und sich nach Bedarf und Beschaffenheit der dort vorfindlichen verwandten Geister kürzer oder länger aufhalten, und solange sie alldort vorhanden sind, eben auch andere Körper anziehen, was nichts anderes ist als ein Gewecktwerden ähnlicher Geister in anderer Materie, welche dann alsobald, als sie das Vorhandensein ihrer Verwandten in den anderen – nach eurem Kunstausdruck – ‚elektrisierten‘ Körpern gewahren, sich auch alsobald dahin begeben, oder sich vielmehr von den dort freigewordenen anziehen lassen, bei welcher Gelegenheit ihre Umhüllung natürlicherweise das Los mit ihnen teilt oder vielmehr teilen muss.
HIM|1|401011|31|0|Seht, das ist nun alles, was euch und allen Menschen bis zu diesem gegenwärtigen Zeitpunkt unbekannt war. Und dieses ist auch das Allerwesentlichste, was die Polarität eines Erdkörpers betrifft, und zwar beschaffenheitlich und eigenschaftlich.
HIM|1|401011|32|0|Was jedoch noch andere Wirkungen, die vom Nordpol herrühren, betrifft, von denen noch nie jemand eine Ahnung hatte und somit auch ihr nicht, wird ferner bei der Erörterung das Südpols klärlich dargetan werden.
HIM|1|401011|33|0|Alles dieses Gesagte wird freilich dem Weltverstand mehr oder weniger als eine pfiffig ersonnene Hypothese klingen. Allein für den Weltverstand hab’ Ich es auch nicht gegeben, sondern für ein liebevolles, demütiges, gläubiges Herz; und wenn nun dieses Herz sich erst den Verstand vollends zum willigen Untertan gemacht haben wird, alsdann wird es erst in sich gewahr werden, wie groß die Aussage eines jeden Buchstabens dieser Mitteilung ist. Denn was der Menschenverstand euch sagt und erklärt, damit hat es auch schon mit der Erklärung ein allezeit ewiges nichtiges Ende, und es liegt nicht mehr in ihr, als das Nichts selbst. Allein in dieser Meiner liebevollen und gnädigen Mitteilung liegen ebenfalls noch unendliche Geheimnisse verborgen, zu deren Enthüllung wohl eine Ewigkeit um die andere zu kurz sein möchte, und so birgt jeder Buchstabe von Mir gestellt Unendliches zum ewigen Leben, und jedes menschliche Wort aber, wie auch der längste Satz birgt nichts mehr in sich als das, was es selbst ist: ein abgeschlossenes vollkommenes Nichts.
HIM|1|401011|34|0|Seht, das ist der Unterschied zwischen Meinen Mitteilungen und zwischen den Mitteilungen des gelehrten Menschenverstandes, und daher ist auch – wie ihr nun leicht einsehen werdet und könnt – alle menschliche Weisheit die stockfinsterste und allerabgeschmackteste Torheit vor Meinen Augen, und wahrlich sage Ich euch: Jeder, der da erkennt nur nach seinem Verstand und handelt bloß nach seiner Erkenntnis, ist ein Tor, da er nicht zu Mir kam und es da gelernt hat von Mir, und wird bald die Torheit, von der er befangen war, einsehen.
HIM|1|401011|35|0|Da Ich’s euch nun aber gebe, und euch belehre von Meiner Liebe, so glaubt, dass es so ist! Und möge die Welt dazu sagen, was sie denn immer möchte; denn alles dieses habe Ich verborgen vor den Weisen der Welt, und will es aber treulich kundgeben den Unmündigen, die Mich lieben! Und so wird es geschehen, dass die Einfältigen werden die Weisheit der Welt zu großen Schanden machen.
HIM|1|401011|36|0|Alles dieses merkt euch wohl, was Ich euch hier mitgeteilt habe, und denkt in der liebevollen Demut eures Herzens, wer derjenige ist, der euch aus Seiner unbegrenzten Liebe solche Dinge offenbart. Ja denkt, dass Ich es bin, ja Ich Selbst bin es, euer ewiger, heiliger, liebevollsten Vater! Amen. Ich, euer Vater – als die ewige Liebe und Weisheit. Amen.
HIM|1|401013|1|1|Vorsicht mit leiblichen Genüssen! – 13. Oktober 1840
HIM|1|401013|1|0|So schreibe denn hier, du Mein sehr fauler, unnützer, sehr schlechter und überaus törichter Knecht, der du nur mit einem Auge auf Mich siehst und mit einem Ohr anhörst Meine Stimme – und hast das andere Auge und Ohr noch hängen an der Welt!
HIM|1|401013|2|0|Kehre alles zu Mir, damit du beim Licht Meines ewigen Tages erkennen mögest den unendlichen Wert dessen, was Ich dir Nichtswürdigem gebe in solcher Fülle, dass selbst die Engel des Himmels solche Fülle Meiner Gnade nicht begreifen und fassen können und sich vor zu großer Ehrfurcht nicht in die Nähe getrauen, da ein solch heiliges Licht entströmt Meiner Liebe zu euch schnöden Sündern!
HIM|1|401013|3|0|Daher bedenke, was du empfängst und von Wem du es empfängst! Und huldige in Zukunft nicht zu sehr dem Becher; denn im Wein liegt der Geist des Fleisches und somit aller Hurerei. Und so du das noch ferner tun wirst, so werde Ich dich in alle Hurerei verfallen lassen – wie alle, die so tun wie du! Und dann möchtest du wieder lange Zeit haben, bis du den Weg zu Meiner Gnade finden würdest.
HIM|1|401013|4|0|Und nun schreibe an den N. N. und sage ihm, dass Ich ihm sagen lasse:
HIM|1|401013|5|0|Jeder Bauch- und Magengenuss, so er unnötigerweise geschieht, taugt nicht zu Meinem Reich. Denn der unnötige Saft macht schwarz das Fleisch der Brust und finster Meine zukünftig sein-sollende Wohnung, da der Geist nicht erweckt werden kann in der dreifachen Nacht, d. h. in der Nacht der Liebe, in der Nacht des Willens und dadurch in der Nacht der Sünde.
HIM|1|401013|6|0|Ich gebe euch kein Gesetz, damit ihr nicht wieder Sklaven der Sünde werden möchtet; sondern, dass ihr frei werdet in Meiner Liebe, gebe Ich euch nur die Wege Meiner Liebe zu erkennen.
HIM|1|401013|7|0|Daher lasst ruhen euer Fleisch im Tode und weckt es nicht durch neue Reizmittel – damit da lebend werde euer Geist in Meiner Liebe durch eine sichere Hoffnung, aus der Wurzel eines wahren, lebendigen Glaubens, der da ist ein wahres Licht, entströmend Meiner großen Gnadensonne, deren Mitte die allerwärmende Ruhestätte Meiner ewigen Liebe ist.
HIM|1|401013|8|0|Schaut euch um, und ihr werdet alsobald diese Meine Sonne schon hoch am Morgen stehend erblicken und werdet auch schon tüchtig empfinden ihre sanfte Wärme. Aber euer Fleisch sollt ihr nicht wieder erwecken wollen zur Sünde; sonst würde und möchte Ich Meine Sonne für euch zum Untergang stellen. Euer Boden würde zur heißen Sandwüste. Und statt am wahren Brot der Himmel und an Meinem lebendigen Wasser würdet ihr euch sättigen an der Fata Morgana der Welt.
HIM|1|401013|9|0|Wohlgemerkt, Mein lieber N. N., siehe, Ich habe dich lieb und helfe dir über Hals und Kopf. Daher lasse das Fleisch ruhen im Tode, damit Ich deine Liebe erwecken kann und du bald schmecken mögest das ewige Leben in dir aus Mir.
HIM|1|401013|10|0|Halte auch deine Kinder hübsch im Zaum und lasse sie nicht in die Welt springen, und verrammle wohl die Fenster deines Hauses, damit durch dieselben nicht ihre Sinne verwirrt werden! Der Welt stehen zwar wohl alle Pforten der Welt offen und alle Fensterläden ihrer Häuser. Allein nicht also soll es bei denen sein, die Ich zu Meinen Kindern aufnehmen möchte.
HIM|1|401013|11|0|Amen. Das sage Ich, euer aller Vater!
HIM|1|401014A|1|1|Eine väterliche Einladung – 14. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401014A|1|0|So es sein kann – doch eurem freien Willen sei es anheimgestellt – und Ich werde nicht sehen, euch beschuldigend, ob ihr es getan oder unterlassen habt, sondern da ihr Meine Kinder und Freunde geworden seid, so könnt ihr es tun noch in diesem Jahr, so ihr könnt und wollt. Doch aber, wenn ihr es tut, so sollt ihr alle Fünfe – mit Meinem leichten Knecht eingezählt – beisammen sein. Doch, so ihr es tun werdet, werde Ich euch einen sehr brauchbaren sechsten und, etwas später, noch einen siebenten Jünger hinzustellen, die euch und Mir sehr viele Freude machen werden.
HIM|1|401014A|2|0|Nicht wahr, Kinder und Freunde, ihr werdet jetzt auch denken: Aber was der gute Vater nun doch wieder möchte? Es schaut gewiss schon wieder etwas außerordentlich Großes heraus. Ja, sage Ich, es schaut richtig schon wieder etwas außerordentlich Großes heraus, was Ich euch zeigen möchte, es aber euch doch ohne dieses kleine Opfer nicht zeigen kann, da euch für diesen Zweck der natürliche Eindruck mangelt. Denn in gewissen Dingen, da ihr noch nicht vollends im Geiste wiedergeboren seid, ist euch eine naturmäßige Anschauung noch überaus nötig, so ihr wieder sollt in einen größeren Tropfen Meiner Barmliebe eingeweiht werden. Und das ist soeben der Fall! Ich will euch wieder eine Stufe höher ziehen und habe darum dieses mit euch vor, jedoch so ihr leicht könnt und wollt. Es soll darob niemand etwas von dem Seinen verabsäumen! Somit hört – „so es sein kann!“
HIM|1|401014A|3|0|Das aber ist nicht etwa Mein Wille, sondern nur der Wunsch Meiner Liebe, dass ihr euch etwa an einem Sonntag, den Ich euch recht gerne dazu beräume, hinbegeben möchtet zum Fuß der sogenannten Kleinalpe, aber nicht etwa gar hinauf zu deren Scheitel, sondern nur bis an den Fuß derselben, der bis nach dem Flecken „Übelbach“ nicht ferne hinreicht.
HIM|1|401014A|4|0|So ihr aber dahin gelangen werdet, so sollt ihr aber ja auf alles ein sehr aufmerksames Auge richten, und zwar zuerst auf die vor euch liegenden Alpen, auf ihre Erhöhungen und Erniedrigungen, wie und mit was für Bäumen sie bewachsen sind, mit was für Sträuchern, Kräutern und Grasarten sie bekleidet sind um ihre Füße, und wie die Erde alldort aussieht, was für Steine da seien, ob und was für Mineralien daselbst enthalten sind in den Eingeweiden dieser Gebirge. Alles dieses sollt ihr so viel als möglich selbst in Augenschein nehmen, oder euch daselbst wenigstens recht sorgfältig darum erkundigen.
HIM|1|401014A|5|0|Hauptsächlich aber sollt ihr bei allem dem auf eure Gefühle die größte Achtsamkeit verwenden. Denn das ist eigentlich der Hauptgrund, warum Ich solches für euch beabsichtige. Und ihr werdet daselbst durch eine besondere Zulassung von Mir euch von noch nie geahnten und noch viel weniger gehabten Gefühlen bemeistert fühlen, welche euch mehr sagen werden, als alle Bücher der Welt es zu fassen vermöchten!
HIM|1|401014A|6|0|Warum Ich aber euch gerade auf diese Gegend verweise, das wird euch bei der nachträglichen großen Erörterung dieser Gegend haarklein auseinandergesetzt werden.
HIM|1|401014A|7|0|Seht, wenn euch irgendein weltlicher Machthaber anbefohlen hätte ein solches Geschäft, so würdet ihr alles verlassen haben, um demselben nachzukommen. Freilich würdet ihr dann „Geschäftsdiäten“ bekommen. Aber auch Ich werde euch versehen mit den Diäten Meines Reiches. Und so wird’s euer Schaden nicht sein, zeitlich und ewig.
HIM|1|401014A|8|0|Daher aber sollt ihr euch in der Welt, als der Vorschule des ewigen Lebens, schon ein wenig üben, zu hantieren in Meinen Geschäften. Denn so ihr Mir liebetreu fest verbleiben werdet, dann werden euch in Meinem Reich gar große Geschäfte erwarten, wovon ihr jetzt noch keine Ahnung habt.
HIM|1|401014A|9|0|Seht, einst sagte Ich zu Meinen Knechten und Jüngern: „Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur! Und besiegelt selbes mit eurem Blut und Leben! Denn wer das Leben sucht und liebt, der wird es verlieren, wer aber dasselbe hasst und es verabscheut um Meines Namens willen, der wird es erhalten, und wenn er stürbe tausend Male. Und fürchtet nicht die, so nur den Leib zu töten vermögen, der Seele aber kein Leid zufügen können, sondern fürchtet vielmehr Den, der die Seele samt dem Leib ewig verderben und töten kann.“
HIM|1|401014A|10|0|Seht, alles dieses sage Ich nicht zu euch, da Ich wohl erkenne euere Schwäche; aber Ich sage zu euch: „Was steht ihr hier den ganzen Tag müßig, hat euch denn niemand gedingt? So geht denn auch ihr hin in Meinen Weinberg, und Ich will euch geben, was Rechtens ist.“ – Das, seht, das sage Ich in diesem Nebenwort soeben zu euch allen! Darum geht hin, so ihr wollt und könnt, und tut nach allem dem das Eurige, und Ich aber werde dann alsobald zu euch treten und tun das Meinige!
HIM|1|401014A|11|0|Daher noch einmal wohlgemerkt: „So es sein kann!“ – Amen. Das sage Ich, euer lieber Vater. Amen, Amen, Amen.
HIM|1|401014B|1|1|Der Südpol – 14. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401014B|1|0|Es müsste denn jemand nur blind sein, der nicht das Verlangen hätte, sobald er das Haupt eines Wesens gesehen hat, auch einen Blick auf dessen Füße zu werfen. Nun ist aber euch gezeigt worden das Haupt der Erde, so ist es auch zum Verständnis des Ganzen ebenso notwendig, die Füße in gewahrsamen Augenschein zu nehmen. Aber – werdet ihr sagen – die Erde ist doch nur eine Kugel und schwebt im freien Äther, wozu demnach ihr die Füße dienen sollen? Jedoch sollen hier nicht die Füße zum Gehen verstanden werden, sondern es soll durch die Füße nur die entgegengesetzte Polarität bezeichnet sein, welche entgegengesetzte Polarität, wie ihr später sehen werdet, dessen ungeachtet hier die völlige Eigenschaft eurer Füße hat. Denn seht, ein Wurm hat oft auch keine Füße und bewegt sich dessen ungeachtet von Stelle zu Stelle; so hat es auch das Bewandtnis mit fast den meisten Amphibien, an denen ebenfalls oft fast keine Spur von den Füßen zu entdecken ist, und doch bewegen sich einige derselben sogar sehr schnell. Somit bedarf die Erde auch nicht absolut wirklicher Füße, die ihr auch nichts nützen würden, um ihre Reise um die Sonne zu machen und sich tagtäglich regelmäßig um ihre Achse zu drehen; aber es muss euch schon im Vornhinein einleuchtend sein, dass dem ungeachtet die Erde eine bewegende Kraft in sich besitzen müsse, damit sie nicht allmählich stehen bleibe, sowohl in der einen als auch in der anderen Bewegung.
HIM|1|401014B|2|0|Dieses alles müsst ihr vorher mit den Augen des Fleisches betrachten, bevor ihr dieses ganze Bewegungssystem der Erde – und somit auch aller anderen Weltkörper – geistig zu erfassen vermögt.
HIM|1|401014B|3|0|Seht, von allen diesen euch bis jetzt bekannten sogenannten Theoremen ist auch nicht eines der Wahrheit nur so nahe gekommen wie ein fernes Sonnengebiet dem anderen. Denn mögen die Gelehrten der Welt auch nicht ein richtiges Urteil fällen über Erscheinungen, an denen sie sich doch die Nase blutig stoßen können, wie müssen dann erst die Urteile ausfallen – und wenn sie auch noch so hochtrabend klängen – über Dinge, die nie in den Bereich ihres Schauens gelangen werden und gelangen können; denn da heißt es wohl mit der größten Bestimmtheit:
HIM|1|401014B|4|0|Wer es nicht von Mir lernt, dem werden ewig verborgen bleiben Dinge, die gerade als die Ankerpunkte zu einem höheren Denken und Fühlen des Geistes als fundamentale Grundlage da sein sollen.
HIM|1|401014B|5|0|Wenn demnach in naturgemäßer Hinsicht alle Erscheinungen auf einem Weltkörper, wie die Erde ist, sich fußen auf der entgegengesetzten Polarität, wie können aber demnach dieselben je richtig beurteilt werden, wenn den Beurteilern gerade der Fundamental-Schlüssel fehlt? Seht, aus diesem Grunde entdecke Ich euch hier naturgemäß und geistig den zweiten oder entgegengesetzten Pol der Erde, den ihr den Südpol nennt.
HIM|1|401014B|6|0|Wie sieht denn eigentlich der Südpol aus? Ihr werdet meinen – gerade so wie der Nordpol. Allein Ich sage aber, er sieht ganz gewaltig anders aus, dass es euch sogar eine kleine Mühe kosten wird, trotz der folgenden allergenauesten Darstellung, euch denselben recht wohl vorbildlich zu versinnlichen.
HIM|1|401014B|7|0|Fürs Erste müsst ihr wissen, dass der südliche Teil der Erde meistens aus Wasser besteht, und nur hie und da größere und kleinere Inseln über die Fläche des Meeres emporragen.
HIM|1|401014B|8|0|Wie kommt es denn aber, dass gerade die nördliche Hälfte der Erde meistens aus Festland, und die südliche Hälfte meistens aus Wasser besteht? So ihr dieses recht berücksichtigt, so müsst ihr gewahr werden, dass nur dem Nordpol die anziehende Kraft, wie dem Südpol die abstoßende eigen sein muss. Ja gerade so ist es auch; denn durch den nördlichen Pol empfängt die Erde ihre Nahrung, verdaut dieselbe in ihren Zentralorganen, und befördert den Unrat durch den Entleerungskanal des Südpols hinaus.
HIM|1|401014B|9|0|Dieser Unrat wird alldort periodisch, wie die Lava aus einem Vulkan, nur viel flüssiger hinausbefördert, woselbst er dann wieder zu gewissen Zeiten des Auftauens dieser südlichen Polarregion von den stets stürmenden Fluten weggespült und durch die anziehende Kraft der nördlichen Erdhälfte nach und nach als Materie mit dem Kontinent vereinigt wird; aus welcher Ursache in der südlichen Region auch immerwährend die größten Luftströmungen, wie auch unterwässerliche und auch oberwässerliche Strömungen nach allen Richtungen stattfinden.
HIM|1|401014B|10|0|Nach den ziemlich unrichtigen Gradmessungen der Erde könnt ihr so ungefähr den 79. Grad annehmen; allda fängt ein noch ganz unbekanntes Land an, und es ist ungefähr dasselbe, was die Alten „Terra incognita“ nannten; jedoch ist dieses Land bis auf den Pol hin auf mehreren Stellen mit Wasser tief unterbrochen, und so gleicht dieses Land um den Südpol einem Band, das siebenfältig abgeschnitten ist, und diese Stücke voneinander getrennt um irgendeinen Pol gelegt wären.
HIM|1|401014B|11|0|Dieses Land bildet sich von den sieben Kratern des Südpoles.
HIM|1|401014B|12|0|Nun seht, das ist schon einmal ein bedeutender Unterschied zwischen dem Nordpol und dem Südpol. Der Nordpol hat nur einen Krater, wie ihr wisst, und der Südpol sieben.
HIM|1|401014B|13|0|Jedoch, was die Umfassung des Südpoles betrifft, so ist dieser nicht von so schroffen Eis- und Felsenriffen umlagert wie der Nordpol; sondern die Umlagerung müsst ihr euch denken wie aus großen halbzerdrückten Kugeln bestehend, welche teils aus einer gewissen Kalkmasse, mehrenteils aber aus ewigem Eis bestehen. Wie sind denn aber diese Krater nebeneinander geordnet?
HIM|1|401014B|14|0|Wenn es je einem Sterblichen möglich wäre, diesen großen Pol der Erde zu überschauen, so würde er in der Mitte einen großen Krater entdecken, der in sich in zwei schneckenartigen Gewinden in einen großen Trichter einmündet; dann aber ebenfalls mit solchen zerquetschten Kugeln rings herum umlagert ist, über welcher Umlagerung sechs kleinere Krater sich fast zellartig befinden, welche ebenfalls wieder mit ähnlichen zerquetschten Kugeln auch schon früher erwähntermaßen umlagert sind, und ihre Mündungen in einem hornartigem Gebiege nach auswärts von dem Hauptkrater gewendet haben.
HIM|1|401014B|15|0|Der Durchmesser des Hauptkraters beträgt fünfzig deutsche Meilen. Die Zwischenlagerungen machen im Durchschnitt zehn deutsche Meilen aus, und der Durchmesser der kleineren Krater beträgt dreißig deutsche Meilen, nach welchen alsobald die große Hauptumlagerung aus erwähnten Massen einen Durchmesser von vierzig deutschen Meilen ausmacht.
HIM|1|401014B|16|0|So ihr nun alle diese Durchmesser zusammenaddieren wollt, so wird euch der Gesamtdurchmesser des ganzen Pols bekannt. Jedoch was hier das Licht betrifft, so ist diese Gegend daran außerordentlich arm, denn die Polarlichter, die am Nordpol zu sehen sind, die kommen hier nur sehr selten vor; und da eben diese Südpolsphäre, besonders zur Winterszeit (was bei euch eigentlich der höchste Sommer ist) von den gewaltigen Stürmen heimgesucht wird, so ist diese Gegend immerwährend von den dichtesten Nebeln und Dünsten umlagert – so, dass auch nicht der leiseste Strahl dahin zu dringen vermag.
HIM|1|401014B|17|0|Wenn die Luft zu dieser Zeit sich ebenfalls sehr verdichtet, so entstehen zwar wohl auch Entzündungen; allein ihr Licht hat viel zu wenig Intensität, als dass es fähig wäre, die umdunstete Gegend zu erleuchten, und gleicht mehr dem Licht einer Spirituslampe. Auch ist diese Luft aus naturmäßigen Rücksichten deswegen bei der größten Kompression weniger entzündbar, da ihr Stickstoffgehalt den Sauerstoff bei weitem überwiegt, was bei den nördlichen Polargegenden gerade der umgekehrte Fall ist.
HIM|1|401014B|18|0|Aus dieser Ursache ist auch der Südpol noch um viele Grade kälter als der Nordpol, weil die Luft aus Ermanglung des ätherischen Sauer- oder Lebensstoffes noch viel mehr zusammenpressbar ist, ehe es zu irgendeiner Entzündung kommt, als wie die des Nordpols; daher auch das Eis des Südpols weiter herauf reicht als das Eis des Nordpols, und daher auch der Südpol noch viel weniger je von irgendeinem verwegenen Landsucher erreicht wird als selbst der Nordpol.
HIM|1|401014B|19|0|Wenn der Nordpol auch selbst bis zu seinem Klippenrand erklommen würde, so wird aber doch niemand ohne den sicheren Verlust seines Leibeslebens je nur die Terra incognita erreichen, außer er müsste nur auf Mein Geheiß und unter Meinem Schutz hinreisen.
HIM|1|401014B|20|0|Nun hättet ihr so ungefähr die möglich richtigste Darstellung dieses Poles; daher da ihr dieses nun habt, so wollen wir die Verrichtungen dieses euch etwas unheimlich vorkommenden Poles näher beleuchten. Die erste Frage, die sich da jedem notwendig aufwerfen muss, wird wohl diese sein: Ob auch diese Gegend von irgendeiner Art Wesen belebt ist? Was diese Terra incognita betrifft, so findet sich dort eine große Menge von sogenannten Eishühnern vor, welche Vögel zur Winterszeit ihre Heimat verlassen, um in großen Heereszügen andere nördlicher gelegene, hie und da schon bewohnte Inseln zu besuchen und alldort eine Nahrung zu finden. Aus diesem Grunde haben auch die Alten dieses Land, das sie freilich nur in ihrem Geiste gesehen haben, das Land der Hühner genannt.
HIM|1|401014B|21|0|Es gibt dort in den nördlicheren Regionen dieser Länder auch vierfüßige Tiere, die den Eisbären der nördlichen Gegenden nicht unähnlich sind; allein bis auf die gegenwärtige Stunde hat noch kein sterbliches Auge eines Menschen ein solches Exemplar gesehen. Und so gibt es dort fast durchgehends dem Nordpol verwandte Geschlechter, jedoch alle haben das negative Verhältnis, wie der Südpol zum Nordpol, so auch diese Geschlechter zu den Geschlechtern des Nordens, sowohl in den Gewässern, als auf den Festen des Landes. Jedoch was über den 82. Grad hinausreicht, da kann durchgehends gar kein lebendiges Wesen, teils der zu großen Kälte wegen, teils der ewigen Nacht und vorzüglich aber wegen Anhäufung der Stickluft, naturgemäß nicht mehr fortkommen. Bevor jedoch noch die wirkende Beschaffenheit dieses Poles näher erörtert wird, muss noch notwendig erörtert werden, was gleich Anfangs über die Unrichtigkeit der Gradeinteilung bemerkt wurde.
HIM|1|401014B|22|0|Ihr wisst, dass die Erde sich um ihre Achse dreht. So ihr aber eine hohle Glaskugel nehmt und gebt ein wenig Wasser hinein, und bringt sie demnach in einen Umschwung um ihre Achse, so wird sich das Wasser alsobald zum Äquator dieser Glaskugel ziehen, und wenn dann ein fester Pol in diesem Wasser wäre, so wird das Wasser den Pol verlassen, und er wird nach dem Verhältnis des Umschwunges nackt über den Spiegel des mitgeschwungenen Wassers ragen; und das umso mehr, wenn der Pol kein anziehender, sondern ein abstoßender ist. Seht, desgleichen verhält es sich auch mit dem Südpol, welcher eben daher mehrere Meilen über den Meeres- und Eisspiegel hinausragt. Er sieht vielmehr aus als wie ein außerordentlich hoher, ewig unersteigbarer stumpfer Berg, und gibt der Erde, wenn ihr es so annehmen wollt, vielmehr die Gestalt einer Birne, als die eines Apfels. Jedoch macht zum ganzen Rundverhältnis der Erde dieses beinahe so viel als nichts aus, da seine Erhöhung nur in allem kaum zwanzig Meilen beträgt, gegen welche Erhöhung freilich ein jeder andere Berg der Erde als ein kleinwinziger Zwerg erscheint; jedoch aber müsst ihr euch diese Erhöhung nicht als eine gerade, schroffe denken, sondern mehr als eine allmähliche, nach der Art des Baues einer mehr stumpf gedüteten Birne.
HIM|1|401014B|23|0|Nun seht, dadurch müssen gegen den Südpol noch wohl einige Grade hinzuwachsen, da eure Geographen diese Unart der Erde bis jetzt nicht haben erkennen können, und in ihrem befangenen Starrsinn auch ewig nie erkennen werden, wie auch die Quadratur des Zirkels nicht.
HIM|1|401014B|24|0|Nun gehen wir also zur tätigen Beschaffenheit des Mittelkraters. Ihr wisst, dass dieser demnach eine doppelte schneckenartig gewundene Mündung hat. Wozu denn eigentlich?
HIM|1|401014B|25|0|Das soll euch gleich gezeigt werden. Fürs Erste geht diese Doppelmündung, sich immer etwas vergrößernd, vom Mittelpunkt der Erde aus, wie die Gedärme vom Magen, und ist gleichsam der Hauptkanal, durch welchen das negative magnetische Fluidum gleich einem wogenden Feuerstrom mit großer elektrischer Schnelligkeit hinausgeführt wird. Erreicht nun diese qualmende Kraft durch dieses lange Schneckengewinde die Oberfläche, so wird sie sichtbar als ein weithin in die Regionen des Äthers qualmendes schmutzig gelbes Flammenlicht; und weil eben dieser Feuerstrom beständig hinausstößt in den ihm gerade entgegengesetzten Äther, so geschieht durch solches unablässiges Treiben und Treiben durch diese beiden schneckenartigen Gewinde eine Nötigung der Erde selbst, und von dieser Nötigung hängt dann der tägliche Umschwung der Erde um ihre Achse ab. Nun das ist die wirkende Beschaffenheit dieses Hauptkraters. Was haben denn die übrigen sechs Krater für eine wirkende Beschaffenheit? Seht, es gehen vom Mittelpunkt der Erde zahllose porenartige Gänge vom Hauptkrater in diese Nebenkrater, oder vielmehr von diesem Hauptzentralorgan in die sechs Nebenorgane. Diese sechs Krater sind demnach ebenfalls wie der Hauptkrater in unablässiger Tätigkeit und nehmen von selbem schwer fortzuschaffende gröbere Teile auf, wie z. B. Rauch, der alldort viel materieller und intensiver ist als in den Gegenden des Nordens, und könnte höchstens verglichen werden mit den allerdichtesten Kalkdämpfen. Und ferner nehmen diese Nebenkrater auch noch tausenderlei andere durch solche Prozesse entstandene Niederschläge auf und fördern sie mit den Dämpfen mit großer Gewalt hinaus zur Oberfläche.
HIM|1|401014B|26|0|Wenn hernach dieses alles die Oberfläche der Luft erreicht hat, und zwar in dem glühendsten Zustand, so ergießt sich dann diese glühende Masse durch die bekannten sieben Spalten beständig in nördlicher Richtung in das Meer, wodurch dann selbes in unablässigem Kochen, Brausen, Sausen und Dampfen begriffen ist, welcher Akt auch diese Gegend mit den ununterbrochenen schon früher erwähnten Dünsten erfüllt. Damit sich aber diese glühenden Massen zurück gegen den Nordpol ergießen können, aus eben diesem Grunde haben diese Krater die früher erwähnte hornartige Rückbeugung.
HIM|1|401014B|27|0|Was hat demnach diese Erscheinung für eine wirkende Sphäre?
HIM|1|401014B|28|0|Um dieses zu begreifen, soll euch ein kleines Beispiel das Ganze dem Verständnis näher führen. So ihr je eine steigende Rakete beobachtet habt, so fragt euch: Was hat diese Rakete in die Luft getragen? Und ihr werdet euch selbst antworten müssen, die aus derselben durch die Entzündung des Pulvers gewaltig herausströmende Luft bildete in dem Augenblick ihres Entströmens eine immer sich verlängernde Luftsäule, und in dem Grad diese Luftsäule gewachsen ist, in diesem Grad ist auch die Rakete beständig höher und höher gehoben worden, und wenn diese Luft beständig der Rakete entströmt wäre, so würde auch die Rakete unendlich fortgestiegen sein.
HIM|1|401014B|29|0|Was werdet ihr, und was werden vielmehr die Gelehrten der Welt dazu sagen, wenn Ich euch sage, dass die Erde ebenfalls eine solche beständig fortfliegende Rakete ist? Nun seht, damit ihr dieses gründlich begreift, so müsst ihr wissen, dass Ich die Erde genau so gestellt habe, dass sie nicht harmonierend mit dem Äquator der Sonne steht, sondern denselben in einer schiefen Richtung je nach der Beschaffenheit ihrer agierenden Kräfte mehr oder weniger durchschneidet.
HIM|1|401014B|30|0|Die Sonne aber hat ebenfalls gleich jedem anderen Weltkörper ihre bejahende und verneinende Polarität von ganz gleicher Beschaffenheit und Wirkung. Dadurch entströmen der Sonne durch ihre freilich etwas größeren Krater ebenfalls beständig ähnliche Stoffe wie die der Erde; wenn nun diese beiden Ausströmungen sich in ätherischer Wechselwirkung begegnen, alsdann geschieht es, wie ihr zu sagen pflegt, dass der Schwächere nachgeben muss.
HIM|1|401014B|31|0|Der der Erde durch diese sechs Krater weithin entströmende Ätherstrom stößt sich an dem aus der Sonne, und dadurch geschieht es denn, dass die Erde fürs Erste beständig in der gerechten Distanz von der Sonne gehalten wird, und fürs Zweite, weil durch die Rotation der Erde um ihre Achse die sechs Krater wechselweise unter den großen Sonnenätherstrom gelangen, so geschieht dadurch auch immerwährend eine Regulierung in ihrem Umschwung durch die Sonne, aus welcher Ursache ihr Umschwung, was freilich noch keinem Naturforscher in den Sinn gekommen ist, ein wellenartiger ist. Denn dieses geschieht darum, damit die Erde sich nicht allzu weit von der Sonne entfernen, noch sich derselben auf der anderen Seite zu viel nähern kann. Denn wenn ein Erdkraterstrom mit dem Sonnenstrom regelmäßig zusammenstößt, so wird die Erde weiter von der Sonne hintangehoben, hat durch die Rotation der Erde die Stromsäule aus dem Erdkrater die Stromsäule der Sonne passiert, so fällt die Erde wieder so lange gegen die Sonne zurück, bis der Säulenstrom eines zweiten Kraters wieder feindselig dem Sonnenstrom begegnet. Und wenn hier so manche Gelehrte bemerken werden, warum Ich solche Krater nicht um den Äquator gestellt hätte, da muss Ich schon sagen, dass Ich mich im Bau der Welten etwas besser auskenne als irgendein Dampfmaschinist in was immer für einem gelehrten Gremium auf eurem Staubwinkel der Erde. Denn seht, hätte Ich solche Krater an dem Äquator gelagert, so müsste Ich erstens deren sehr viele gemacht haben, wodurch dann bei ihrer vehementen Wirkung die Erde links und rechts um den Äquator auf mehrere hundert Meilen gänzlich unbewohnbar wäre; dieses wäre jedoch noch das Allergeringste, aber sie würde dadurch auch ihre schiefe Lage, die sie notwendig haben muss, wie auch ihren ekliptischen Gang um die Sonne alsobald einbüßen.
HIM|1|401014B|32|0|Was würde aber daraus entstehen? Fürs Erste wäre der Verstand aller Gelehrten schon lange zur reinsten Asche verbrannt worden, da die Sonne in ihrer größten Kraft ihres Äquators über ihrem Scheitel brennte, und wollten sie da etwa der zu großen Hitze der Sonnenstrahlen entrinnen, so würde sie dann aber auch alsobald eine ewig erstarrende Kälte der Polargegend in den bereitwilligsten Empfang nehmen. Und da durch die beständigen Eruptionen des Äquators sich das Erdreich anhäufen würde, so müsste denn alles Wasser den Polargegenden zuströmen; und wenn dann solche Supergelehrte sich nicht die Natur der Fische aneignen möchten, so möchte es ihnen auch etwas schlecht gehen in dieser großen Trinkanstalt.
HIM|1|401014B|33|0|Wenn ihr nur ein wenig nachdenkt, so werdet ihr leicht einsehen, warum Ich den Südpol so sonderbar ausgezeichnet habe. Nun bevor wir einen kurzen Blick auf das Transzendente werfen wollen, muss Ich noch einem gar gewaltigen Naturgelehrten über sein loses Maul fahren. Es ist einer da, der da sagen würde: Wenn dem so ist, so muss sich die Erde ja über Pol zu Pol zu purzeln anfangen, und somit noch eine dritte Bewegung annehmen. – Seht, was die Gelehrten doch alles wissen, und wie sie besorgt sind um die Führung Meiner Weltkörper, – allein diese Sorge hab’ Ich schon lange über Mich genommen und bedarf durchgehends nicht ihres Rates; denn dafür habe Ich dem einen Pol ebenso viel Anziehung als dem anderen Abstoßung gegeben, damit ein solcher Weltkörper in einer unzerreißbaren Schlinge wohlgeordnet seinen Weg geführt wird.
HIM|1|401014B|34|0|Nun noch einen ganz kurzen transzendenten Blick. Seht, wie in übersinnlicher Sphäre den Nordpol bilden friedliebende demütige Geister, ebenso bilden den Südpol Geister, die den Nordgeistern schnurgerade entgegen sind.
HIM|1|401014B|35|0|Am Nordpol erscheint alles schroff und voll Zacken; diese Situation gleicht einem Menschen, der seine Arme weit ausstreckt, um alles mit Liebe zu umfassen und an sich zu ziehen. Der Südpol dagegen ist überall knotenartig aufgebläht, und gleicht im höchsten Grad dem Hochmut und der Eigenliebe, die sich knollenartig aufbläht und für niemanden zugänglich sein will, und daher sich auch nach allen Seiten so verschanzt, dass niemand daselbst auch nur den allergeringsten Anhaltspunkt zu finden vermag.
HIM|1|401014B|36|0|Seht, daher ist diese Gegend die permanente Wohnung des Hochmuts und der allerfinstersten Eigenliebe, und die Geister sowohl verstorbener Menschen, die in diesen Eigenschaften die Welt verlassen haben, wie auch jene noch ungeborenen Geister, die nach und nach vermöge ihrer Grundbosheit zur langen Prüfung dahin geführt worden sind, allesamt dort wie in einem Knoten vereinigt. Und damit sie in ihren Schranken verbleiben, werden auch dorthin Friedensgeister beschieden und pressen diese Geister so arg zusammen, dass diesen, wenn sie sich auch entzündeten, durchgehends zu einem weiteren Entzünden der Weg gänzlich abgeschnitten würde. Und selbst die wenigen Geister, die sich noch dann und wann ihres zu gewaltigen Druckes entzündlich befreien, werden alsogleich von der großen Masse der Friedensgeister gefangen genommen, und in ihrer früheren Gestalt an das ewige Eis gefestet und in demselben so lange festgehalten, bis sich ihr Hochmut vollends abgekühlt hat; alsdann erst werden sie durch Meine Zulassung in großen Eismassen von dem Ureis durch unterirdische, ebenfalls von Geistern bewirkte Revolutionen als Treibeis in die schon etwas wärmeren Schichten des Meeres geführt. Was mit solchen Geistern da ferner geschieht, wird euch erst bei der Enthüllung der ganzen Erde, und teils nach und nach bei den noch ferneren schon letzthin im Wort über das Erdbeben erwähnten außerordentlichen Erscheinungen, wie noch bei mancher anderen Gelegenheit kundgegeben werden.
HIM|1|401014B|37|0|Und so ist auch das Feuer aus dem Hauptkanal nichts als der Ausbruch des schäumenden Hochmuts der dahin verbannten Geister, welcher jedoch immerwährend von einem festen Engelsgeist in der strengsten Ordnung erhalten wird. Und seht, so bin Ich der Herr in allen Dingen. Was da nicht dienen will Meiner Liebe, das muss desto genauer und pünktlicher sklavisch dienen ewig Meinem Zorn, und es kann der Fürst aller Teufel und der Satan der Satane euch kein Haar krümmen gegen die Ordnung Meiner Gerechtigkeit.
HIM|1|401014B|38|0|Wohl aber ist er zu seinem eigenen ewigen Schaden aus der Ordnung der Liebe in die ewige harte Knechtschaft des Zornes getreten. Seht, das ist die entgegengesetzte Polarität. Ihr aber, so ihr Meine Kinder sein wollt, verbleibt beständig in der Polarität der Liebe eures heiligen Vaters. Amen! Das sage Ich, euer Vater, als die ewige Liebe und Weisheit. Amen.
HIM|1|401016|1|1|Noch ein kurzes Wort zur Darstellung des Südpols – 16. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401016|1|0|Seht, klein zwar ist das Herz des Menschen, aber desto größer der Horizont seiner Gefühle, so jemand ist in der Kraft des Glaubens aus der reinen Liebe zu Mir. Ich sage euch, es ist kein Ding so verborgen, als dass es nicht von den Strahlen des reinen Gefühls erreicht werden möchte, und haben dann die reinen Strahlen des Gefühls irgendetwas erfasst, so fragt euch selbst, ob es möglich noch wäre, die Sache anders zu erfassen, als sie an und für sich wirklich ist und besteht.
HIM|1|401016|2|0|Ganz anders verhält es sich freilich mit den Verstandesmenschen; diese haschen mit dieser kurzen Hand nach allen Dingen herum, gleichwie unmündige Kinder nach dem Mond und anderen sehr ferne gestellten Sachen. Diese Menschen ziehen dann ihr Gefühl in ihren engen Verstand und lassen es dann in selbem hochmütig herumtappen gleich einem Blinden, der sich niedergesetzt hat auf einem mit Hieroglyphen übermeißelten Steinblock und greift auf demselben herum, ohne dass ihm auch eine leise Ahnung zulispeln möchte, dass das lauter Hieroglyphen sind, und noch weniger, dass diese Schrift eine geheimnisvolle entsprechende Sprache ist aus den hellen Strahlen des reinen Gefühls. Seht, so verhält es sich auch mit diesen Meinen euch gegebenen Mitteilungen und Offenbarungen Meiner Gnade; so ihr sie mit den Stahlen eures Gefühls prüfen und beleuchten werdet, so wird euch deren Wahrheit alsobald einleuchtend werden, und ihr werdet auch alsobald finden, als ob die Sache euch wie lange bekannt gewesen wäre.
HIM|1|401016|3|0|Mit dem Verstand aber besehen wird es euch immer mehr und mehr zu befremden anfangen; denn, wie schon gesagt, der Verstand hat nur sehr kurze Arme, welche noch dazu sehr schwach sind, und sie vermögen daher große Dinge, so sie ihnen auch sehr nahe wären, nicht zu erreichen, noch weniger aber fernere Sachen zu erreichen, sie dann an sich zu ziehen, und dann gar Sonnen in ihr enges Schneckenhaus zur blinden Betastung ihres genotzüchtigten Gefühls zu schieben. Seht, das geht durchaus nicht, und da der Verstand aber mit der Zeit doch gewahr werden muss, dass solches unmöglich ist, da wird er zornig, lässt alles stehen, räumt alles unnötige Zeug aus seinem Schneckenhaus und genügt sich in seinen eigenen Abstraktionen, verabschiedet endlich sogar das genotzüchtigte Gefühl und wird kälter denn der Nordpol selbst, und fängt an, sich selbst in seiner allerhöchsten Dummheit als ein Gott anzustaunen, wo nicht gar selbst anzubeten, da er es endlich so weit gebracht hat, dass er zu wissen anfängt, dass er nichts weiß, und in diesem Nichtwissen doch alles zu wissen wähnt. Das ist denn hernach der größte Triumph, ja ein Triumph, für welchen das harmloseste Kind keinen Heller gäbe, und jedem noch so geringen Engel davor ekelt.
HIM|1|401016|4|0|Daher sollt auch ihr euren Verstand unter den Gehorsam des reinen Gefühls im lebendigen Glauben aus der Liebe zu Mir vollends gefangen nehmen! So werdet ihr alle Dinge schauen, wie sie sind, und dann erst werdet ihr klar und deutlich einzusehen anfangen, wo die ewige Sonne der Wahrheit und Wirklichkeit leuchtet.
HIM|1|401016|5|0|Dieses wenige sei euch gesagt, damit ihr in der Zukunft merken sollt, mit welchem Maßstab Meine Offenbarungen zu bemessen sind. Amen. Das sage Ich, der große Meister in allen Dingen. Amen, Amen, Amen.
HIM|1|401018|1|1|Fata Morgana – 18. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401018|1|0|So merkt denn! Unter den vielen Erscheinungen, von deren Entstehungsgrund noch keinem Weltgelehrten etwas geträumt hat – und hätte es ihm auch geträumt, so konnte ihm nur der allerbarste Unsinn davon träumen – gehören auch die von den Gelehrten so ganz unrichtig benannten Luftbilder,
HIM|1|401018|2|0|sowie noch zahllose andere Erscheinungen im Gebiet der Natur. Diese sind in ihrer Entstehung von solcher Art, dass alle Gelehrten der ganzen Erde, wenn sie tausend Jahre hintereinander sich mit nichts als bloß nur mit diesen Erscheinungen beschäftigen würden, am Ende solcher verlaufenen Zeit gerade so viel wüssten als wie beim Beginn ihrer tollen Forschungen.
HIM|1|401018|3|0|Was würdet ihr wohl einem Menschen sagen, der seine Brille sucht, während er sie doch auf der Nase trägt, und so ihr auch zu ihm sagen würdet: „Freund, was suchst du?“ – er aber würde antworten: „Meine Brille!“ – darauf ihr ihm doch gewiss lachend bedeuten würdet, dass er sie ja auf der Nase trägt. So er aber solches vernommen haben würde, so würde er ausbrechen in Zorn und Ärger über eure von ihm gemutmaßte ganz unter aller Kritik schlechte Meinung über den Aufenthalt seiner Brille. Nun sagt, mit welchem Namen könnte man wohl einen solchen außerordentlichen Menschen benennen? Ihr würdet gewiss nach gar nicht langer Überlegung untereinander den Entschluss fassen, einen solchen Menschen sobald als möglich ins Tollhaus zu befördern.
HIM|1|401018|4|0|Und seht, was werdet ihr aber dazu sagen, wenn Ich euch sage, dass ein solcher Tollhäusler noch einen ganz tüchtigen Professor abgeben könnte für jene großen Welt- und Naturgelehrten, die da schreien, so sie eine Mücke erschlagen haben, indem sie die Bahn einer Zentralsonne bis auf ein Minimum berechneten, und da sie auch durch vieljährige Erfahrungen eine Mondes- oder Sonnenfinsternis mit genauer Not herausbringen, so stehe auch schon das ganze Universum enthüllt vor ihren Augen. Jedoch sage Ich, es wird noch die Zeit kommen, ja und sie ist schon völlig da, dass diese großen Naturgelehrten sich noch werden bequemen müssen, statt die Universitäten mit hochtrabender Stirne zu durchrennen, sich ganz demütig zu einer schlichten Wiege eines Kindes zu begeben, um alldort die Masse ihres Unsinns zu erkennen anzufangen. Ja, wahrlich sage Ich: Ein Kind, das seine Eltern mit tränenden Augen um ein Stück Brot bittet, verrät in dieser lallenden Bitte mehr Weisheit als alle Weltweisen seit den sogenannten Plato, Aristoteles und Pythagoras.
HIM|1|401018|5|0|Nun denn, da wir auf diese Art eine kleine Betrachtung gemacht haben, wodurch euch die Unzulänglichkeit der Weltweisheit vor die Augen gestellt wurde, so werde denn Ich einen Versuch machen und werde in diesem Versuch zeigen, dass Mir auch nicht nur ein, sondern mehrere Gründe zur allerklarsten Erläuterung der sogenannten „Fata Morgana“ allezeit zu Gebot stehen.
HIM|1|401018|6|0|Seht, es gibt dreierlei Erscheinungen dieser Art, die in ihren Entstehungsgründen sich himmelweit unterscheiden, obschon sie in ihrer Erscheinlichkeit fast gänzlich eine und dieselbe Form darbieten.
HIM|1|401018|7|0|Die erste oder die gewöhnlichste Art dieser Erscheinungen ist diejenige, welche in der Luft dieselben unter ihr befindlichen Gegenstände verkehrt darstellt, worunter manchmal das Abbild ganz rein, manchmal etwas trüb und verunstaltet, manchmal vergrößert, manchmal verkleinert erscheint. Dieses geschieht auf ganz natürliche Weise, jedoch allezeit bei einem sehr niederen Barometerstand, wenn eine gänzliche Ruhe in der Luft eingetreten ist. Denn die Luft bildet vermöge ihrer spezifischen Schwere eine scharf abgeschnittene Spiegelfläche, auf welcher der Äther ruht, so wie die Luft über einem ruhigen Wasserspiegel.
HIM|1|401018|8|0|Wenn nun die Luft eine solche Lage angenommen hat, so spiegeln sich dann die unterhalb befindlichen Gegenstände geradeso ab, als wenn ihr einen großen Spiegel in paralleler Richtung mit der Oberfläche der Erde einige hundert Klafter in der Luft über dem Gegenstand aufgerichtet hättet. Ist die Luft ganz ruhig, so wird das Bild auch ganz rein sein, hat sie aber irgend kleine Wellungen auf ihrer Oberfläche, so wird das Bild unrein und undeutlich, wie ein Bild in einem etwas bewegten See. Geschieht es aber, dass die Luft gegen die Erde herab eine Ausbauchung macht, so wird das Bild verkleinert; wird der Luftspiegel gegen oben erhoben, so macht er gegen die Erde eine Höhle und repräsentiert auf diese Art einen Hohlspiegel, wodurch dann die unten befindlichen Gegenstände je nach dem Grad der Höhlung entweder mehr oder weniger vergrößert erscheinen.
HIM|1|401018|9|0|Ja, es kann sogar noch eine Erscheinung dieser Art stattfinden, nämlich dass ein und derselbe Gegenstand vervielfältigt gesehen wird. Dieses kann nur bei Verkleinerungen stattfinden. Wenn nämlich der Luftspiegel mehrere Ausbauchungen gegen die Erde bekommt, so bildet ein jeder solcher Bauch demnach einen abgesonderten Spiegel, in deren jedem sich der Gegenstand geradeso darstellt, als wenn ihr mehrere Glaskugeln vor euch hättet und würdet auf dem Bauch jeder einzelnen Kugel euer Ebenbild bemerken, und zwar, wie schon bemerkt, in stets nach dem Grad der Ausbauchung verkleinertem Verhältnis.
HIM|1|401018|10|0|Seht, das ist nun der Entstehungsgrund der ersten Art dieser Erscheinung.
HIM|1|401018|11|0|In geistiger Hinsicht rührt diese Ruhe von einer gewissen ruhigen Erwartung der Geister her, die da wohl verspüren, dass bei solcher langsam fortwachsenden Erhöhung der Erdoberfläche große Dinge im Inneren derselben vorgehen. Daher sind sie denn ebenso ruhig und harren auf einen von Mir durch einen Engel gegebenen Wink, wenn sie losbrechen sollen mit großer stürmender Gewalt zur Wiederherstellung der gestörten Ordnung in den inneren Gemächern der Erde. Das ist nun alles, was die erste Art dieser Erscheinung materiell und geistig darbietet.
HIM|1|401018|12|0|Dass aber die Gegenstände allezeit verkehrt erscheinen, besagt, dass die Geister die Dinge der Natur nur in Entsprechungen sehen und ihrer gewahr werden. Und so ist ein aufrechtstehendes Bild der Sinn des Buchstabens, ein verkehrtes Bild aber der innere, geistige Sinn.
HIM|1|401018|13|0|Dieser Erscheinung ist die zweite vollends gleich, durch welche sonst sehr entfernt liegende Gegenstände, als dergleichen wären Berge, Städte, Flüsse und Seen, sehr nahe dargestellt werden. Der Unterschied besteht nur darin, dass sie aufrechtstehend erscheinen. Nun, wie geschieht denn das?
HIM|1|401018|14|0|Ein Beispiel soll die ganze Sache hinreichend erläutern. Wenn demnach über einem entfernten Ort, wie z. B. Marburg an der Drau von hier aus, eine solche Luftspiegelung erster Art stattfinden würde, es würde aber zugleich, jedoch um viele Klafter höher, auch bei Ehrenhausen eine ähnliche Fläche sich gebildet haben, und einige Stunden von hier eine dritte, aber sehr nieder, jedoch so, dass die gerade Winkel-Linie nicht durch irgendeinen materiellen Gegenstand unterbrochen werden möchte, was wird nun geschehen? Das abgespiegelte Marburg wird von der zweiten Luftspiegelung aufgenommen, das aufgenommene Bild aber wird je nach der Neigung des Luftspiegels in demselben Winkel wieder weitergeführt bis zur dritten Spiegelfläche, allwo ihr dann natürlicherweise dieses Bild aufrechtstehend erblicken müsst. Auf diese Weise können oft tagreiseweite Gegenstände so nahe erscheinen, als wären sie nur Stunden entfernt. Eure Fernrohre sind im Kleinen beinahe nichts anderes als eine solche Luftspiegelung, denn dadurch vermeint auch ein jedes den wirklichen Gegenstand zu sehen, während es doch nur das Abbild auf der Spiegelfläche des Glases erblickt.
HIM|1|401018|15|0|Es können zwar auch wohl öfters sehr entfernte Gegenstände euch verkehrt erscheinen, was jedoch sehr selten zu geschehen pflegt. Dieses würde also nur stattfinden, wenn ein hoher Luftstand ebenfalls zur Ruhe käme. Alsdann würdet ihr am Horizont gleichsam, wie z. B. von Afrika aus, entfernt liegende Inseln bemerken – versteht sich nur unter einem gewissen Winkel, außerhalb oder innerhalb dessen ihr nichts mehr sehen würdet. Solche Erscheinung geschieht auf solche Art:
HIM|1|401018|16|0|So ihr euch denken könntet, gerade über der Choralpe in einer Höhe von mehreren hundert Klaftern wäre die Luft so ruhig geworden, so werdet ihr da in diesem Luftspiegel z. B. Klagenfurt entdecken, und zwar in verkehrter Richtung, was demnach dasselbe ist, als wenn ihr seitwärts in einen Spiegel seht und da in selbem nicht erblickt die gerade vor ihm stehenden Gegenstände, sondern nur diejenigen, die geradeso wie ihr, in entgegengesetzter Richtung, schief von der Fläche des Spiegels abgewendet sind.
HIM|1|401018|17|0|Was bei dieser zweiten Erscheinung die geistige Sphäre betrifft, so hat sie ganz denselben Grund, wie bei der Erscheinung erster Art. Nur wenn sie nach letzter Art in großen Höhen sich vorfindet, so ist da das Augenmerk der Geister auf eine örtliche, nicht gar zu tief liegende Unordnung entweder im Inneren der Berge oder auch wohl einzelner Inseln, welche ebenfalls nichts anderes als Berge im Meer sind, gerichtet.
HIM|1|401018|18|0|Nun seht, was diese beiden Erscheinungen betrifft, so haben wohl schon hie und da auch manche schlichtere Naturforscher ähnliche Mutmaßungen gehegt. Aber nun kommt die dritte Art solcher Luftspiegelungen, durch welche dem Auge des Wanderers Gegenstände produziert werden, die auf der ganzen Erdoberfläche gar nicht stattfinden.
HIM|1|401018|19|0|Seht, da haben weder die schlichten, noch viel weniger aber die hochtrabenden Naturforscher etwas herausgebracht und meinten diesen gordischen Knoten gleich einem Alexander durch einen Hieb zu lösen, welcher Hieb freilich solchen Forschern keine große Mühe machte, nachdem sie solche extravagante Erscheinungen kurz ableugnen, oder sie höchstens als Traumgebilde eines müden Wanderers passieren lassen. Seht, das ist freilich das leichteste Erklärungsmittel!
HIM|1|401018|20|0|Denn wie sollte auch eine Sache erklärt werden, die gar nicht ist? Und doch sage Ich, dass die großen Naturgelehrten mit keiner ihrer Erklärungen der Wahrheit nähergekommen sind als eben mit dieser. Dadurch haben sie doch wenigstens ausgesagt, dass sie nichts wissen, während in ihren Erklärungen nichts als das zum Grunde liegt, dass sie noch viel weniger als nichts wissen. Denn wer nicht redet, da er nichts weiß, der tut keine Lüge. Wer aber redet, da er nichts weiß und nichts sieht, der macht sich der Lüge schuldig und wird, je mehr er gesprochen hat, ein desto größerer Schuldner der Wahrheit.
HIM|1|401018|21|0|Ich aber sage, dass solche Erscheinungen der dritten Art gar wohl existieren und in den südlichen Gegenden am häufigsten vorkommen, und zwar alsobald nach dem Sonnenuntergang, auch wohl dann und wann vor dem Sonnenaufgang.
HIM|1|401018|22|0|Ihr werdet nun gar erstaunlich große Augen machen, so Ich euch mit einem anderen Hieb dieses Geheimnis kundgeben werde als die Naturforscher. Seht, die Menschen haben schon die größtmöglichsten Fernrohre verfertigt und wollten mittelst derselben den ganzen gestirnten Himmel auf einen Schluck verschlingen; allein Ich bin allzeit so frei gewesen und habe ihnen gewisse Striche durch die Rechnung gemacht, wodurch sie am Ende doch wieder einsehen mussten, dass Mein Bau großartiger ist als ihre Instrumente, ja dass Ich euch mit der geringsten Mühe Weltkörper so weit weggestellt habe, dass es ihnen wohl nie gelingen wird, auch mit tausendmal größeren Fernrohren dieselben ihrer hochtrabenden Nase näher zu bringen. Aber seht, was Ich den Weisen oft und allezeit vorenthalte, gebe Ich in großer Klarheit den unmündigen Hirten und Wanderern.
HIM|1|401018|23|0|So ist es auch bei dieser Erscheinung der dritten Art der Fall. Seht, wenn in diesen südlichen Gegenden die Luft aus schon erwähnten Ursachen geistig und physisch die höchste Ruhe erreicht hat, und das zwar über großen, sandigen Ebenen, woselbst weder ein Gebirge noch sonst irgendein erhabener Gegenstand vorhanden ist, da geschieht es dann oft, dass der Spiegel der Luft so nieder über die Oberfläche der Erde zu stehen kommt, dass er dem Wanderer kaum über den halben Leib reicht, und dieser schmachtend, statt der atmosphärischen Luft, sich bloß mit der Einatmung des Äthers begnügen muss, welches ihn freilich zu einem sehr schnellen Atemholen zwingt und ihn nach kurzer Zeit betäubt auf den Boden niederzusinken nötigt.
HIM|1|401018|24|0|Da geschieht es denn, dass ein solcher Wanderer in diesem vor ihm ausgebreiteten Spiegel der Luft nie geahnte Dinge erblickt. Was sind nun diese Dinge? Seht, jetzt werde Ich den Hieb machen. Sie sind nichts anderes als sehr getreue Abspiegelungen der Gegenden und Ortschaften anderer Planeten und Erdkörper.
HIM|1|401018|25|0|Da werden die Gelehrten sich den Kopf zerreißen und werden sagen: „Wie ist das möglich, da wir durch unsere besten Fernrohre nichts Ähnliches wahrnehmen können?“ – Allein Ich kann da nichts anderes antworten als das, dass sie Mir schon erlauben werden, wenn Ich Mich unterfange das von Mir zu behaupten, dass Ich auch ein etwas besserer Optiker bin, als sie es sind.
HIM|1|401018|26|0|Zugleich aber möchte Ich ihnen auch eine Frage entgegen tun: Sie möchten nur die mathematische Formel zeigen, unter welcher Ich, gewiss mit der größten Leichtigkeit, das Auge eines Adlers konstruiert habe, welches besser ist als alle bis jetzt erfundenen Sehwerkzeuge; denn es sieht von der größten Höhe mit der größten Leichtigkeit und Schärfe die Milben bekriechen ein irgendwo in einem Graben liegendes Aas. Und sollten sie etwa nicht imstande sein, diese Formel zu erfinden, unter welcher ein Auge gleich fähig ist, Fernes wie Nahes mit gleicher Schärfe zu schauen, so muss Ich doch anderseits schon auch behaupten, dass es Mir ebenso ein Leichtes ist, auf der Erde aus der Luft einen solchen Reflexions-Spiegel zu errichten, der eine Gegend eines noch so fernen Planeten, unter einem gewissen Grad der Beleuchtung, getreu repräsentieren kann.
HIM|1|401018|27|0|Dass aber dieses möglich ist, werde Ich euch auch sogleich handgreiflich zeigen. Nehmt irgendein Haus, welches dastünde auf einer weiten Fläche. Wenn ihr euch davon mehr und mehr entfernt, so wird das Bild desselben in einem immerwährend spitzigeren Winkel, nach dem Verhältnis der Größe eures Auges, auf dasselbe fallen, und zwar vermöge der auslaufenden Strahlen, welche von allen Punkten dieses Gebäudes in der erwähnten Richtung auf euer Auge fallen. Dass nun das Gebäude stets kleiner und kleiner wird, liegt ja nur in euren Augen, mit welchen ihr, je mehr ihr euch von dem Gegenstand entfernt, auch eine immer geringere Menge der auslaufenden Strahlen von demselben aufzunehmen vermögt.
HIM|1|401018|28|0|Nun denn aber setzen wir den Fall, euer Auge wäre nicht konvex, vermöge welcher Konvexität nur eine sehr kleine Fläche zur Aufnahme irgendeines Gegenstandes fähig ist, da die anderen, abgewendeteren Flächen schon wieder für andere Aufnehmungen bereit sind, damit ihr vieles auf einmal übersehen könnt – also, wie schon gesagt, euer Auge hätte eine große Ausdehnung und wäre nicht konvex, sondern ganz eben, seht, so könntet ihr euch tausend oder millionen Meilen von diesem Gebäude entfernen, so würdet ihr es demungeachtet immer gleich groß erblicken, weil von jedem Gegenstand zu gleicher Zeit, da nach allen Richtungen zusammenfließende und auseinanderlaufende Strahlen ausgehen, auch ebenso gut gleichlaufende oder Parallel-Strahlen ausgehen, vermöge welcher das Bild eines Gegenstandes selbst in der größten Ferne getreu dasselbe bleiben muss.
HIM|1|401018|29|0|Nun seht, das ist denn auch hier der Fall. Dieser große Luftspiegel ist ein optisches Werkzeug dieser Art, dass er vermöge seiner außerordentlich hellen Glanzfläche die Parallelstrahlen aufnimmt. Wenn noch dazu das Auge des Wanderers in dem Äther eine rechte Ausdehnung bekommt, alsdann erblickt er solche Gegenstände als getreue Abbilder anderer Weltkörper-Gegenden, als z. B. oft märchenhaft aussehende Städte, großartige Paläste, Berge, Wälder, Flüsse und Seen, ja sogar manchmal lebende Wesen und dergleichen mehreres, das sich vorfindet auf einem entfernten Weltkörper, je nachdem einer oder der andere über oder unter eine solche Spiegelung zu stehen kommt.
HIM|1|401018|30|0|Seht, da habt ihr nun alles über die Fata Morgana. Da auch hier der geistige Grund derselbe ist wie bei den früheren, so bleibt Mir demnach auch nichts mehr zu sagen übrig als das, dass ihr fürs Erste allem diesem den vollsten Glauben schenken sollt, und sollt auch die Luft eurer Wünsche und Begierden um und in euch baldmöglichst zu solcher Ruhe bringen, alsdann werdet ihr noch ganz andere Fata Morganas erleben, als die müden Wanderer auf den glühenden Sandwüsten; denn alles Schauen ist ein Strahlen und Gegenstrahlen.
HIM|1|401018|31|0|Daher macht euch bald fähig zur Aufnahme der Strahlen, die Meiner Sonne entströmen, damit ihr da die Fata Morgana des ewigen Lebens in euch erblicken mögt. Amen.
HIM|1|401018|32|0|Das sage Ich, der große Meister in allen Dingen, der da heißt Jesus-Jehova. Amen. Amen. Amen!
HIM|1|401024A|1|1|Flut und Ebbe – 24. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401024A|1|0|Es gibt der Meinungen viele über diese Erscheinung des regelmäßigen Steigens und Fallens des Meeres. Allein, wie mit allen übrigen, so ist es auch mit dieser Erscheinung der Fall, dass alle bis jetzt bekannten Meinungen und sogenannten „Hypothesen“ hinsichtlich der Erörterung dieser Erscheinung zur Wahrheit sich verhalten, als wie ein blinder Schütze zum vorgesteckten Ziel, da er hingeht aufs weite Feld in seiner Nacht, allwo irgendein Ziel aufgesteckt ist. Er geht auf der Ebene fort und fort und sucht das Ziel, wohin er seine Pfeile abschießen möchte. Und seht, da er nahe an das Ziel gekommen ist, wendet er sich von demselben ab und sendet seine Pfeile ins Blaue.
HIM|1|401024A|2|0|Und hätte ein anderer Schütze, der ebenfalls blind ist, nicht eine so glückliche Wendung gemacht, dass er gewisserart, wie ihr sagt, zufällig einen Pfeil ins Zentrum geschleudert hätte, so wird dieses ihm aber demungeachtet nichts nützen, da er blind ist und daher nicht wissen kann, wohin fürs Erste sein Pfeil geflogen ist, und wüsste er es auch, was würde es ihm wohl nützen, da er nicht sehen kann das Zentrum selbst; besonders wenn das Ziel, wie hier bei dieser Aufgabe, noch dazu so hoch gesteckt ist, dass er es nicht einmal mit den Händen erreichen kann, damit er doch fühlen könnte, ob sein Pfeil in der Mitte steckt.
HIM|1|401024A|3|0|Und wenn er darauf einer ganz blinden Menschheit predigt mit aller Beredsamkeit, wie genau er das Ziel getroffen habe, so werden einige, die noch viel blinder als er sind, sich außerordentlich beifällig erstaunlich zu wundern anfangen, dass er mit solcher Sicherheit das Ziel getroffen hat, und werden sagen: „Das wäre uns allen Sterblichen unmöglich gewesen, indem wir alle blind sind“. – Er aber wird großtuend erwidern: „Ja, mir ist es gelungen!“
HIM|1|401024A|4|0|Doch die wenigen Blinden, die werden freilich sich nach und nach in die Ohren zu raunen anfangen und werden sagen: „Ist denn nicht der Schütze auch blind? Woher dieser sichere Schuss? Hätte er nicht auch ebenso gut einen nebenstehenden Baum treffen können wie das vorgesteckte Ziel?“
HIM|1|401024A|5|0|Bei dieser Operation wäre aber auch ein Sehender zugegen und würde sagen: „Hört Freunde! Ich bin einer, der gesunde Augen hat, und sehe so gut in der Nähe wie in die Ferne.“ – Die Blinden aber werden ihm erwidern: „Was geht das uns an, wenn du siehst, so wir doch blind sind? Und so können wir dir ebenso wenig glauben wie dem Blinden, da wir uns wirklich nicht überzeugen können, ob du siehst.“ – Der Sehende aber würde dann sagen: „So ihr auch nicht seht, so kann ich euch doch begreiflich machen, dass ich sehe, und zwar auf folgende Weise: Mache jemand von euch irgendeine Bewegung mit seiner Hand, mit seinem Fuß oder mit seinem Kopf, und so ich euch sage, wie ihr euch bewegt habt, so glaubt es mir, dass ich sehe.“ – Und sie sprächen zu ihm: „So du das könntest, so möchten wir ja glauben, dass du sehest und könntest uns dann auch sagen, wohin der Pfeil dieses samt uns blinden Schützen geflogen ist.“ – Das tat er denn auch. Dann aber würde er sagen: „Seht, der Schütze war mit seinem Rücken, statt an einem Baum, gerade an das Ziel gelehnt, als er den Pfeil losschoss, aus welcher Ursache der Pfeil unmöglich ans Ziel gelangen konnte.“
HIM|1|401024A|6|0|Nun seht, was würde nun daraus entstehen? Meint ihr, die Blinden würden ihm glauben? Ja, sage Ich, sie würden ihm glauben, insoweit sie es mit den Händen greifen könnten. Da aber auch der Schütze sich gar gewaltig auflehnen würde für seine Ehre, so würden sich die Blinderen an die Beredsamkeit des Schützen halten, und die anderen würden immer in einem Flut und Ebbe ähnlichsten Schwanken sein in ihrem Glauben und würden sagen: „Ja, es ist wahr, unsere Bewegungen hat er uns wohl richtig gesagt, aber wer steht dafür, dass er uns auch das andere richtig sagt, worin wir uns nicht überzeugen können, ob es so ist, wie er es uns sagt?“
HIM|1|401024A|7|0|Nun seht, aus diesem kleinen Gleichnis werdet ihr ersehen, wie schwer es ist, der blinden Welt zu predigen, und umgekehrt, wie schwer es auch der blinden Welt ist, die gepredigte Wahrheit als solche zu erfassen und zu begreifen.
HIM|1|401024A|8|0|Seht, so seid auch ihr allesamt noch blinde Gläubige; Ich allein bin der Sehende. Wenn Ich euch daher Dinge eröffne und euch zeige die Fehlschüsse der Weltschützen, so glaubt, dass Ich euch gewiss allezeit die reinste Wahrheit sage und euch auch noch dazu in jeder Meiner Offenbarungen eine ganz tüchtige Portion Augensalbe mitspende, mittelst welcher ihr auch das Augenlicht wieder erhalten werdet, vorausgesetzt, dass ihr die Salbe fleißig gebraucht und euch mehr zur Ebbe als zur Flut haltet.
HIM|1|401024A|9|0|Denn es ist die Flut ein Sinnbild des Hochmuts, die Ebbe aber der Demut. Es ist die Flut ein Sinnbild des Überflusses, des Reichtums und der damit verbundenen Unruhe, die Ebbe aber der Zurückgezogenheit, der Dürftigkeit und der stillen Ruhe.
HIM|1|401024A|10|0|Dem Schiffer ist oft freilich die Flut erwünschter als die Ebbe, wenn irgendein Sturmwind ihn an eine Sandbank festgesetzt hat. Allein, diese Nützlichkeit ist nicht eine wahre Nützlichkeit. Denn das Schiff wird zwar von der Flut gehoben und dann weiterbefördert – aber sind nicht noch wohlbekannterweise vor oder nach den Sandbänken auch Klippen vorhanden? Seht, wäre nun das Schiff durch die Ebbe nicht in den Stand der Ruhe gesetzt worden auf der weichen Sandbank, so hätte der Sturm das Schiff auf eine Klippe geschleudert, wodurch dann alles zugrunde gegangen wäre. Seht, daher sollt auch ihr euch mehr die Ebbe als die Flut zum Spiegel eures Lebens wählen.
HIM|1|401024A|11|0|Nach dieser kleinen, nicht unrichtigen Vorbetrachtung will Ich, als der einzige sehende Schütze, den Bogen ergreifen und den Pfeil in die Ebbe und Flut senden; und wir wollen sehen, ob auch Ich einen Baum statt der Zielscheibe getroffen habe.
HIM|1|401024A|12|0|So ihr aber einen Maschinisten fragen würdet: „Sage mir, warum ist dieser Stift da in deinem Uhrwerk?“ – Wird es der Maschinenmeister nicht alsogleich wissen, warum dieser Stift da oder dort angebracht ist? Ja, sage Ich, er wird und muss es wissen, da er sonst kein Meister wäre und das Werk nicht ein Werk seiner Hände. So Ich aber der große Meister bin in allen Dingen ewig und unendlich, so glaubt es Mir, dass Mir Ebbe und Flut recht wohl bekannt ist.
HIM|1|401024A|13|0|Nun werdet ihr euch denken: So möchte ich denn doch schon einmal wissen, was denn die Ebbe und Flut ist! – Ich aber sage: Nur noch eine kleine Geduld, es wird schon kommen. Macht ihr es ja doch mit euren Kindern auch oft also, da ihr ihnen etwas zu geben gesonnen seid, wenn diese Gabe oft auch nur in etwas sehr Unbedeutendem besteht. So Ich aber euch etwas Bedeutendes gebe, wie soll Ich auch euch nicht zuvor ein wenig lüstern darauf machen?
HIM|1|401024A|14|0|Nun seht, alles, was nur irgendein Leben äußert, hat eine gewisse ihm eigentümliche Transpiration, und hat diese aufgehört, dann sind auch die Lebensgeister der Materie entflohen; diese selbst aber sinkt dann in den trägen Zustand zurück, stirbt und verwest und geht so in den Tod über. So ihr was immer für ein Tier beobachtet, so wird es und muss es transpirieren; denn hört dieser Akt auf, so lehrt euch schon die tägliche Erfahrung, dass alsdann der Tod in diese Form getreten ist. Ihr sagt, so jemand den letzten Atemzug gemacht hat, dass er gestorben sei, und ihr habt recht; denn mit dem letzten Atemzug hat er auch zum letzten Mal transpiriert, und somit ist es dann auch mit seinem naturgemäßen Leben zu Ende. So aber das physische Leben in seinem Zentrum aufhört, so hört auch alsobald mit dem Hauptleben alles vegetative Leben in einem und demselben Körper auf.
HIM|1|401024A|15|0|Was ist demnach Transpiration und wozu ist sie da? Seht, jedes Wesen bildet entweder eine positive oder negative Polarität. Wie aber eine Polarität ein Bedürfnis hat nach der entgegengesetzten Polarität und nicht bestehen kann für sich ein negativer oder positiver Pol allein, sondern nur einer entsteht und besteht durch den anderen, seht, so ist auch das naturgemäße Leben. Euer Leben besteht in einem negativen Pol, welcher gegeben ist zur Aufnahme des Positiven.
HIM|1|401024A|16|0|Wie kann aber dies geschehen? Dadurch, dass der negative Pol fortwährend durch die Transpiration angeregt wird, durch welche Anregung dann immerwährend ein verhältnismäßiges Bedürfnis zur Aufnahme des Positiven bewerkstelligt wird.
HIM|1|401024A|17|0|Nun seht, ihr hättet z. B. eine Elektrisiermaschine. Diese Maschine kann jahrelang auf irgendeinem Ort stehen und ihr werdet keine andere Erscheinung an ihr wahrnehmen als die ihrer Form selbst. Bringt nun aber jemand die Scheibe der Maschine in den Umschwung, so wird dadurch die negative Elektrizität erregt und dadurch in sich gleichsam verzehrt.
HIM|1|401024A|18|0|Nun fängt sie aber eben durch diese Aufzehrung ihrer selbst an, ein neues Sättigungsbedürfnis zu empfinden. Was kann denn nun geschehen? Obschon ihr es jetzt fast schon mit den Händen greifen könnt, so will Ich es euch aber doch der Ordnung wegen sagen, was da zu geschehen hat und muss. Wie sich der Hunger nicht selbst stillen kann, so auch kann der sich selbst aufzehrende Pol nicht wieder sich selbst sättigen; gerade wie wenn euer Magen leer geworden wäre, ihr euch auch nicht sättigen könntet mit der Leerheit eines anderen Magens, sondern ihr werdet sagen: „Herr, mit dieser negativen Kost ist uns nicht gedient, sondern wir haben das Bedürfnis nach einer positiven Kost!“
HIM|1|401024A|19|0|Seht, so ist es eben auch hier der Fall! Und so ist dann die positive Elektrizität eine Sättigung der negativen; und ist nun diese Sättigung vor sich gegangen, so wird an dem Konduktor alsobald der sättigende Erfolg in lebenstätige Erscheinung treten.
HIM|1|401024A|20|0|Und so ist denn die Transpiration dasjenige, was eure Lebens-Elektrisier-Maschine in Bewegung setzt und die negative Polarität erregt und euer Wesen hungrig macht nach der positiven Polarität. Denn mit einem jeden Atemzug wird eine beständige Reibung in euren Körperteilen bewirkt. Durch diese Reibung wird das negative Leben angeregt und fängt an, sich zu fühlen in seinem Hunger. Und je nach dem Grad des Bedürfnisses wird dasselbe mit jedem Atemzug gesättigt, welche Sättigung darin besteht, dass der Stickstoff als negativer Pol den Sauerstoff mit großer Begierde in sich aufnimmt. Hört nun dieses Atmen als Haupttranspiration auf, dann fängt die negative Polarität an, sich selbst aufzuzehren, wodurch es denn auch alsobald mit dem naturmäßigen Leben ein Ende hat.
HIM|1|401024A|21|0|Nun denkt euch, jedes lebende Wesen ist eine Welt oder eine Erde im kleinen Verhältnis. Wie aber ein jedes solches Wesen ein zentrales und ein vegetatives Leben durch das zentrale behält, solange die Transpiration fortdauert, seht, geradeso ist es der Fall nicht nur mit der Erde, sondern mit jedem Weltkörper. Freilich müsst ihr euch nicht denken, die Erde sei deshalb ein Tier, weil sie ebenfalls periodisch transpiriert; dessen ungeachtet aber ist sie doch insoweit in ihren inneren Gefügen organisch eingerichtet, dass sie einer Transpiration fähig ist.
HIM|1|401024A|22|0|Demnach ist die Ebbe und Flut nichts als bloß die Folge des immerwährenden Aus- und Einatmens der Erde.
HIM|1|401024B|1|1|Flut und Ebbe (Fortsetzung) – 24. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401024B|1|0|Aber wodurch wird denn dieses Aus- und Einatmen bewirkt? Gerade dadurch, wie es bei den Tieren bewirkt wird, nämlich durch das immerwährend neu eintretende Bedürfnis nach frischer Kost, wenn die vorhergehende verzehrt und dadurch wieder negativ geworden ist.
HIM|1|401024B|2|0|Während des Verzehrens fallen die Organe wieder näher aneinander, bis zu einem gewissen Grad, da sie sich selbst in ihrem eigenen Hunger zu reiben angefangen haben. Alsdann geschieht alsogleich wieder eine Sättigung, durch welche Sättigung sich die Teile natürlich wieder mehr und mehr ausdehnen. Daher kommt denn auch eben hernach die Erscheinung: durch das Bedürfnis nach positiver Kost die Ebbe – und durch die Sättigung die Flut.
HIM|1|401024B|3|0|Ihr werdet freilich sagen: Wenn dem so ist, so müssten wir ja diese Erscheinung auf dem Festland und auf den Bergen ebenfalls wahrnehmen. – Ich sage aber, es ist dem nicht so. Erweitern sich wohl euer Kopf, eure Hände und Füße, so ihr atmet? Und ihr werdet sagen: Nein, diese Extremitäten bleiben ruhig. – So sage Ich euch, so können auch die Festen der Erde gar wohl ruhig bleiben.
HIM|1|401024B|4|0|Damit ihr euch nun diese Erscheinung noch desto einleuchtender versinnlichen könnt, so steigt denn einmal in eine Badewanne und bemerkt dann wohl das Wasser, das euch in der Badewanne sparsam umgeben soll, und ihr werdet sicher bemerken, dass das Wasser bei jedem Atemzug ein wenig steigen und beim Aushauchen fallen wird. Nun, so ihr dieses wohl überdenkt, so werdet ihr sehr leicht einsehen, dass Ich ganz wohl verstehe, Meinen Pfeil ins Zentrum der Zielscheibe zu schießen.
HIM|1|401024B|5|0|So euch jemand sagt: der Mond sei die Ursache der Ebbe und Flut – so fragt ihr, wie denn der Mond, wenn er sich gerade auf der entgegengesetzten Seite befindet, vermöge seiner Anziehung auf der ihm schnurgerade abgewandten Erdhälfte eine Flut zu bewirken vermag?
HIM|1|401024B|6|0|Wer dieses behaupten könnte oder wollte, der wäre noch über den blinden Schützen, der sich mit dem Rücken ans Ziel wandte und zufälligerweise einen gegenüberstehenden Baum statt der Zielscheibe traf. Oder, wem könnte wohl einfallen, so er in einer Badewanne läge, zu behaupten, dass das Wasser deswegen steige und falle, weil mehrere Klafter über ihm ein Apfel an einer Schnur aufgehängt ist, welchem ein mutwilliger Knabe eine Schwingung beigebracht hatte. Oder sollte dieser nicht lieber auf seinen eigenen Bauch sehen, woselbst ihm dann, um Mich auch eines gelehrten Ausdrucks zu bedienen, doch empirisch klar werden müsste, dass nicht der Apfel, sondern nur sein Bauch das Fallen und Steigen des Wassers bewirkt.
HIM|1|401024B|7|0|Nun, so hätten wir denn handgreiflich diese Erscheinung zur Genüge erläutert, jedoch wie schon gesagt, ist alles dieses nur eine äußerliche Erscheinlichkeit, welche, mit den Augen des Geistes betrachtet, nicht so aussieht, wie sie mit den fleischlichen Augen zu sehen ist. Sondern da ist positiver Pol: Geistiges – und negativer Pol: Naturmäßiges. Und ist positiver Pol: Substanz – und negativer Pol: aufnehmendes Gefäß. Und ist positiv: Inwendiges – und negativ: Äußeres. Und es ist das Positive gleich der Liebe und der Weisheit – und das Negative gleich der Erbarmung und der Gnade.
HIM|1|401024B|8|0|Wenn das Negative nun nicht wäre, so könnte die Liebe und die Weisheit an nichts als an sich selbst sich offenbaren. Daher wurden aus Meiner Erbarmung Wesen. Und die Wesen sind Meine Erbarmung selbst, und diese Erbarmung ist das Gefäß Meiner Gnade.
HIM|1|401024B|9|0|Wenn nun die Liebe nicht wäre, so könnte auch keine Erbarmung sein. Wie aber die Liebe, so ist auch die Erbarmung. Und so besteht, lebt und webt alles als Erbarmung aus Meiner Liebe.
HIM|1|401024B|10|0|Wollt ihr nun also wissen, was die positive, nährende Polarität ist, so sage Ich euch, diese ist nichts anderes als Meine Liebe.
HIM|1|401024B|11|0|Die Erbarmung aus dieser Meiner Liebe aber hat gebildet Wesen zur Aufnahme der Liebe aus Mir. Und diese Liebe nährt die Wesen fort und fort und bildet auf dem Wege ihrer ewigen Ordnung ein Wesen um das andere, ein Wesen für das andere und ein Wesen aus dem anderen, und bereitet so eine Stufenfolge von Leben zu Leben vollkommener und vollkommener, damit sich die Liebe immerwährend in stets größerem und größerem Umfang ihrer unendlichen Erbarmungen zu offenbaren und gleichsam Sich Selbst in Ihrer Unendlichkeit mehr und mehr zu beschauen und lebendiger und lebendiger zu werden vermöge.
HIM|1|401024B|12|0|Daher ist alles so eingerichtet und geschieht alles so nach Meiner Ordnung, damit der Tod einst ganz zunichte werde, und die ganze Unendlichkeit ein ewiger vollkommener Inhalt der Fülle des Lebens aus Mir und in Mir werde!
HIM|1|401024B|13|0|Dieses, was Ich jetzt mitgeteilt habe, überdenkt in eurem Herzen recht wohl! Denn, habe Ich euch bisher auch schon so manches Große mitgeteilt und geoffenbart, so habe Ich euch aber doch noch nirgends so tief in den Plan Meiner ewigen Liebe und Weisheit blicken lassen, wie eben jetzt.
HIM|1|401024B|14|0|Daher noch einmal – beherzigt es wohl, was hier gesagt wurde! Denn seht, Ich habe euch anfangs lüstern gemacht; denn Ich wusste warum! Hätte Ich bloß nur eine einfache Birne in Meinem Sack vor euren Augen verborgen gehalten, so hätte Ich euch nicht so lange zappeln lassen. Allein Ich habe diesmal einen reichen Schatz verborgen gehalten, und daher hielt Ich auch ein wenig inne, um euch dadurch eine desto größere Freude zu machen; zugleich aber auch, euch dadurch recht stark fühlen zu lassen, dass Ich nur ganz einzig und allein euer liebevollster, wahrer, heiliger Vater bin.
HIM|1|401024B|15|0|Amen. Das sage Ich, euer liebevollster heiliger Vater. Amen.
HIM|1|401025|1|1|Die Kleinalpe und ihre benachbarte östliche und südliche Umgebung [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401025|1|0|Am 25. Oktober 1840 fuhren bei Regenwetter L. und Freunde nach Übelbach und begaben sich um die Mittagszeit an den Fuß der Kleinalpe unter Schneegestöber und frostigem Westwind.
HIM|1|401025|2|0|Angelangt an dem Punkt, wo die Alpe zur Erscheinung kam, zeigte sich am nebligen Firmament die Sonne wie eine Mondscheibe und wurde nach und nach immer leuchtender. Hie und da wurde der Himmel blau und es hörte auf zu schneien. Auch ließen Frost und Winde nach.
HIM|1|401025|3|0|Ein freudiges Gefühl bemächtigte sich der Wandernden.
HIM|1|401028|1|1|Vom Beten für Verstorbene – 28. Oktober 1840
HIM|1|401028|1|0|So schreibe der Durstigen in Meinem Namen und sage der Hungrigen in Meiner Erbarmung, dass Ich sie recht lieb habe. Und sie soll nur öfter im Tag fragen, ob Ich bei ihr bin.
HIM|1|401028|2|0|Da solle sie nämlich sagen: „O Du mein allerliebster Jesus, Du meine süßeste Liebe, Du mein Leben, Du mein Bräutigam, ja Du mein Alles, Alles, Alles – bist Du noch bei mir? Hast Du mich nicht verlassen? O Du mein allerliebster Jesus Du, siehe gnädig an das Herz Deiner armen Geliebten, die so sehnsuchtsvoll zu Dir seufzt und in ihrer Liebe nur einzig nach Dir, o Du allersüßester Jesus, schmachtet!“
HIM|1|401028|3|0|Und Ich werde ihr dann in ihr Herz legen eine süße Antwort, welche also lauten wird: „Siehe Mich nur an in deiner Liebe, Ich bin gar wohl bei dir und bin noch nie von deiner Seite gewichen, und Mein Herz wird dir ewig zugewandt bleiben. Bleibe aber auch du Mir treu, bleibe treu deinem lieben Jesus, der dich schon eher mit aller Kraft Seiner Göttlichkeit liebte, bevor noch die Welt gegründet war!“
HIM|1|401028|4|0|Und so sie solches empfinden wird, so kann sie auch schon gar wohl versichert sein, dass Ich als ein gar herrlicher Bräutigam und mit Mir das ewige Leben – ihr gar nahe bin.
HIM|1|401028|5|0|Und das sage ihr auch, dass die wahre Liebe ein wenig gezankt sein muss – daher Ich mit ihr auch ein wenig zanken muss. Das ist aber Mein Zank, dass sie ihre Töchter ein bisschen zu wenig zu Mir kehrt und ihnen viel am Tag von weltlichen Dingen, aber nur wenig von Mir erzählt oder sich von ihnen erzählen lässt.
HIM|1|401028|6|0|Denn sage und melde ihr, dass Ich sehr eifersüchtig bin und daher ungern sehe, wenn von anderen Dingen als von Mir geplaudert wird.
HIM|1|401028|7|0|Ich gleiche einem leidenschaftlichen Liebhaber, der hinter der Tür seiner Geliebten horcht und lauscht und aus übergroßen Freuden in die wonnigste Entzückung gerät, so er seine so innigst Geliebte von nichts als von ihm schwärmen hört; aber auch alsbald traurig wird, sobald seine Geliebte ihr Gespräch auf andere, nicht auf ihren Geliebten Bezug habende Dinge lenkt, wobei dann der traurige Liebhaber zu denken und bei sich selbst zu sprechen anfängt:
HIM|1|401028|8|0|„O du meine zu innigst Geliebte, wenn du mich liebst, wie ich dich liebe, wie können da noch andere Gedanken dir in den Sinn kommen, während ich doch beständig an dich denke und vor deiner Tür gar ängstlich, um den baldigsten Einlass flehend, harre!?“
HIM|1|401028|9|0|Siehe, du Mein Knecht, das sage ihr nur alles, willst du Mein Liebesbote sein. Denn dieses ist mehr als die Frage, wie man für die Verstorbenen beten soll.
HIM|1|401028|10|0|Jedoch, da schon einmal gefragt wurde, und zwar von einer geliebten Seele, so will Ich euch sagen, wie man für die Verstorbenen beten soll.
HIM|1|401028|11|0|Wer für die Verstorbenen beten will, der muss zuerst recht wissen, wer und welche eigentlich die „Verstorbenen“ sind, und dann aber auch, wie und warum er beten soll.
HIM|1|401028|12|0|Es werden aber unter den „Verstorbenen“ nicht gemeint bloß die von der Welt Abgeschiedenen, sondern vorzüglich auch die noch in der Welt Lebenden, die aber gestorben sind in ihrem Herzen und haben keinen Glauben und keine Liebe und daher wahrhaft tot sind.
HIM|1|401028|13|0|Seht, für solche sollt ihr zunächst beten mit Rat und Tat, leuchtend vor ihnen wie eine Sonne dem müden Wanderer durch Sand und Wüsten, und sie erquickend gleich dem reichlich auf das dürre Moos des harten Gesteins gefallenen Tau – damit sie sich wieder finden möchten an euch als den Grenzmarken Meiner Gnade und genesen möchten an dem Moos Meiner Gnade, das da reichlich überzogen hat auch Meine Grenzsteine.
HIM|1|401028|14|0|Da habt ihr, für wen, wie und warum ihr beten sollt! Es soll eure Liebe zu Mir und euren Brüdern allezeit das vornehmste Gebet sein. Wie und warum? soll euch ein kleines Beispiel klärlich zeigen:
HIM|1|401028|15|0|Seht, irgendein großer, mächtiger Herr hatte in seinem Kerker mehrere Gefangene, die ihn zwar sehr dauerten, da sie lauter arme Verführte waren. Doch aber konnte er in seiner Gerechtigkeit das einmal gegebene Gesetz nicht aufheben und sie dadurch von der Strafe befreien, die das Gesetz über sie verhängt hatte. Als sie nun aber schon lange genug in den Kerkern der Besserung geschmachtet und dadurch den heiligen Anforderungen des Gesetzes genügt hatten, da beschloss der Herr, sie wieder frei zu geben. Allein er gedachte bei sich: „Ich habe ja auch eine Geliebte! Damit meine Freude vollkommen sei, so will ich, dass sie durch irgendwen erfahre, dass in meinem Kerker so viele Unglückliche schmachten. Sie liebt mich unendlich und hat das vollste Vertrauen zu mir; sie wird gewiss eilends kommen und wird mich mit pochendem Herzen um Gnade und Erbarmen für die Gefangenen anflehen.“ – Und wie der Herr sich dachte, so geschah es dann auch.
HIM|1|401028|16|0|Was meint ihr nun, was der Herr da getan hat? Der Herr hatte eine große Freude daran, dass er seiner Geliebten hatte zeigen können, wie viel ihre Liebe und ihr Zutrauen vermochte, und dass er zugleich aber auch seiner Geliebten eine Gelegenheit verschaffen konnte, durch welche ihr die Früchte wahrer Liebe und Treue so recht anschaulich wurden. Die Gefangenen aber werden den Herrn loben, so sie sehen werden, wie er einzig und allein nur durch Liebe zugänglich ist, und werden dann selbst Freunde und Kinder der Geliebten und so auch ihres Geliebten werden.
HIM|1|401028|17|0|Seht, so sollt ihr beten – und sollt nicht denken, Mich etwa durch euer lautes Gebet zur Barmherzigkeit zu bewegen; sondern damit ihr euch selber vor Mir in eurer Liebe stärken mögt und Mir darum wohlgefällig sei eure Bitte. Nicht um der Gefangenen willen, sondern eurer selbst willen sollt ihr für sie beten.
HIM|1|401028|18|0|Was aber die Abgeschiedenen betrifft, so gilt dieses ebenso wie für die „Verstorbenen der Welt“. Ihr wisst zwar nicht, in welchem Zustand sich jenseits die Abgeschiedenen befinden. Allein daran liegt auch nichts, sondern es liegt alles daran, dass ihr wisst, dass Ich ein gar großer Freund der Liebe bin und ewig sein werde und dass die Liebe jedermann wohltut.
HIM|1|401028|19|0|Habt ihr doch Freude, so euch eure Kinder Geschenke machen, obschon ihr wohl wisst, dass die Kinder dieselben von eurem Geld bestritten haben! Umso mehr wird es Mich freuen, wenn ihr tut wie eure Kinder. Und nicht minder wird es auch freuen eure seligen Abgeschiedenen, so sie erfahren werden, dass ihre Zurückgelassenen in wahrer Liebe ihrer gedenken.
HIM|1|401028|20|0|Seht, so verhalten sich die Dinge, und so müsst ihr auch handeln, wollet ihr wahrhaft Meine lieben Kinder sein.
HIM|1|401028|21|0|Du aber, Meine geliebte Seele, bete getrost – und Ich, dein lieber Jesus, werde dich nicht zuschanden werden lassen. Amen. Das sage Ich, dein lieber Jesus!
HIM|1|401029|1|1|Parabel vom Einzug eines großen Königs – 29. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401029|0|0|Der liebevollste heilige Vater sprach heute durch Seinen Knecht als versprochene Diäten Nachfolgendes:
HIM|1|401029|1|0|Nachdem der Auftrag so ziemlich erfüllt worden ist, so will Ich denn auch Mein Versprechen halten und euch eine recht gute Reisegebühr nachtragen.
HIM|1|401029|2|0|Schon bei eurer Hinreise müssen euch die beständig aufsteigenden Nebel, wenn auch nicht gar zu sehr, doch ein wenig aufgefallen sein, nachdem ihr bemerkt haben werdet, dass diese Nebel sich meistens in der Mitte eines Berges haben zu bilden angefangen und reichten selten über dessen Scheitel hinaus.
HIM|1|401029|3|0|Fürs Zweite muss euch aufgefallen sein, besonders als ihr den Murboden verlassen und euch hineingewendet habt zu dem wohlbekannten Markt, den ihr mit dem Namen „Übelbach“ belegt habt, dass ihr nämlich sowohl links als rechts dieses Tal von fast gleichen Höhen, wie auch meistenteils gleich geformten Hügeln umlagert gesehen habt und dass diese Hügel mit allerlei wohlbekannten Holzgattungen und Kräutern und Gesträuchen vom Fuß bis zum Scheitel überdeckt sind und nur an solchen Stellen nackt erscheinen, welche der menschliche Betriebsfleiß entblößt hat.
HIM|1|401029|4|0|Ferner werdet ihr noch entdeckt haben, dass das Tal auf ähnliche Art wie viele andere dergleichen Täler verschiedene Biegungen macht. Und so ihr das Gestein hie und da in flüchtigen Augenschein genommen habt, so werdet ihr auch an demselben, mit geringer Ausnahme einzeln dastehender Posten, dieselbe Plattenformation entdeckt haben wie auf der Choralpe; nur dass hie und da das Gefüge in breiteren Absätzen, als auf der Choralpe, besteht.
HIM|1|401029|5|0|Wenn ihr noch ferner den ziemlich gleichmäßig steilen Abhang der Berge beobachtet habt, so muss euch auch darin eine gewisse Übereinstimmung aufgefallen sein, häufig aber noch ganz besonders die sich pyramidal darstellende Form der Hügel.
HIM|1|401029|6|0|Und als ihr in ziemlich stürmischem Wetter die Höhe erreicht hattet, um zu sehen den höchsten Teil der Kleinalpe selbst, so wehte euch ein frischer, heiterer Wind an, trug euch einige leichte Schneeflocken ins Gesicht, und bald darauf zeigte sich auch ganz unerwartet die Sonne, nach deren Hervortreten alle Nebel um die Mitte der Berge verscheucht wurden, so dass ihr für den vorbestimmten Bedarf alles Nötige ganz wohl habt in Augenschein nehmen können.
HIM|1|401029|7|0|Das ist nun das Materielle, was ihr beobachtet habt. Allein Ich hatte euch auch vorhinein von gewissen, euch noch bis dorthin fremd gebliebenen Gefühlen vorhergesagt. Nun frage Ich euch, habt ihr auch davon etwas wahrgenommen? Ja, sage Ich, denn was Ich verspreche, da halte Ich auch pünktlich Mein Wort. Und Ich sage euch, ihr hättet noch viel mehr empfunden, wenn ihr in euren Gefühlen geblieben wärt.
HIM|1|401029|8|0|Allein Ich muss euch hier auf einen bei den Menschen allgemein vorkommenden Fehler aufmerksam machen, durch welchen Fehler sich die Menschen um eine große Seligkeit diesseits bringen. Und dieser Fehler besteht darin, dass, so die Menschen etwas Außerordentliches erwarten, so spannen sie dann ihre Erwartungen so hoch und weit über sich, dass auf diese Art, durch diese erwartende Tätigkeit, alles Herrliche und Erhabene, das in ihnen vorgeht, unbeachtet gelassen wird, während ihre Blicke, Ohren und sämtliche anderen Sinne weit und breit, ja wenn’s möglich wäre, sogar die Unendlichkeit überblicken und überfühlen.
HIM|1|401029|9|0|Seht, das ist auch so bei euch ein kleiner Fehler gewesen. Ihr habt eure Blicke auch auf äußere Außerordentlichkeiten gewendet und habt gewisserart erwartet, dass ein solches vorbenanntes Gefühl gleich einem unsichtbaren Vogel in euch hätte hineinfliegen sollen, und wenn es in euch hineingeflogen wäre, erst dann in euch gewisse zauberhafte Wirkungen hervorgebracht hätte.
HIM|1|401029|10|0|Seht, für ein nächstes Mal merkt euch dieses kleine Gleichnis:
HIM|1|401029|11|0|Einst fuhr ein großer König in eine fremde Stadt. Alles Volk ging ihm bis weit aus der Stadt entgegen, um da zu sehen den großen König und seinen herrlichen Einzug. Dieser große König aber war durchgehends kein Freund von so großartigem Majestätsgepränge. Er stieg noch weit vor der Stadt aus seinem goldenen Wagen und mietete ein unansehnliches Fuhrwerk, befahl seinem Hoftross, langsamer zu fahren, er aber fuhr eilends auf diesem unansehnlichen Fuhrwerk, von allen ihm entgegenströmenden Menschen unbemerkt, in die große, seinetwegen fast ganz menschenleere Stadt.
HIM|1|401029|12|0|Und als er daselbst anlangte, wollte er eine Erfrischung haben. Er fuhr von einem Gasthaus zum anderen und fand eines um das andere leer, bis er endlich in ein ganz kleines Wirtshäuschen eintrat, woselbst ihm ein weinender Diener entgegenkam und ihn fast unwillig fragte, was er möchte.
HIM|1|401029|13|0|Der große König fragte ihn zuerst um die Ursache seines traurigen Unwillens, und dieser antwortete, er sei deshalb so traurig, weil er nicht auch habe hinausgehen können, um den großen König zu sehen. Allein der König antwortete ihm, wenn es sich nur darum handle, so solle er nur sehr froh sein. Denn er werde sicher der Erste von der ganzen Stadt sein, der den großen König sehen würde. Das wollte ihm der ärmliche Diener durchaus nicht glauben. Der große König aber sprach: „So du der Erste bist, der den großen König sehen wird, so soll dir eine große Belohnung zuteilwerden; und im Gegenteil aber würdest du für deinen Unglauben eine ebenso bedeutende Strafe zu erleiden haben.“
HIM|1|401029|14|0|Und als sie so im Gespräch über das Sehen oder Nichtsehen des Königs begriffen waren, fing das Volk wieder zur Stadt hineinzuströmen an, und dem folgte dann endlich auch alsobald der königliche Triumphzug, und zwar ohne König.
HIM|1|401029|15|0|Nun fragte der ärmliche Diener: „Wo ist der König, damit ich hinfliege und als Erster ihn ansehe?“ – Der König aber sprach: „Möchtest du erst den König suchen dort weit im Gedränge, so würdest du deiner Strafe nicht entgehen; denn sieh, da hätte ja alles Volk, das weit hinausgeeilt ist, ihn schon lange eher gesehen denn du! Nun aber siehe her, wie wir hier stehen auf der kleinen Flur des Hauses, so hat uns noch nicht ein Mensch eines Blickes gewürdigt; denn sie haben ihre Augen auf den Glanz des königlichen Gefolges gerichtet und spitzen auf den König! Nun siehe du Mich an!“
HIM|1|401029|16|0|Und der ärmliche Diener tat, wie ihm der große König befahl; und da wusste der Diener nicht, was das bedeuten sollte. Und während er seinen Mann anzugaffen anfing, bemerkte er, dass der herrliche Triumphzug sich vor der Flur dieses Häuschens aufstellte und den großen König zu begrüßen anfing. Dann erst gewahrte der ärmliche Diener, dass dieser Mann der große König selbst war, bereute aber auch zugleich die verlorene Zeit, in welcher er den großen König mit seinen Sinnen außer der Stadt erwartete, während dieser ganz bei ihm war und sich von ihm bedienen ließ.“
HIM|1|401029|17|0|Seht, gerade so ist es auch mit euch der Fall. Während ihr ihn außer der Stadt in großartigem, unerwartetem Gepränge erwartet habt, hat er euch einen kleinen Strich durch eure etwas zu hoch angesetzte Rechnung gemacht und hat sich die Freiheit genommen, während ihr das Rauschen des unsichtbaren Gefühlsvogels sehnsuchtsvoll erwartet habt, sich ganz heimlich wie ein Dieb in euer Herz zu schleichen und sich da auf eine kurze Zeit – euch unbewusst – mit eurem Geist zu besprechen. Jedoch aber ließ Ich in euch Meine Gegenwart durch eine verklärende, leise Ahnung fühlbar werden.
HIM|1|401029|18|0|Dadurch wäre nun der Hauptteil dieser Aufgabe gelöst, da Ich euch gezeigt habe, dass Ich Mein Wort treulich gehalten habe, obschon es euch nicht ganz gelungen ist, die in der Voraussage bestimmten Bedingungen zu erfüllen – was freilich auch nicht gar so leicht hat sein können, und zwar fürs Erste, weil ihr Menschen seid und daher unvollkommen, wie im einen so auch im anderen, und fürs Zweite, weil ihr noch sehr schwach seid, und daher ohne Meine beständige Mitwirkung wenig oder gar nichts tun könnt, und fürs Dritte, weil ihr Meine Kinder seid. Daher muss Ich Mich schon auch mit dem Willen als mit der Tat begnügen. Seht, daher ist Mir auch sehr leicht dienen, da Ich auch für eine Stunde halber Arbeit des ganzen Tages Lohn gebe, und den Kindern aber Kleid und Brot umsonst.
HIM|1|401029|19|0|Da demnach der geistige Teil, was Mich und euch belangt, beendet ist, so wollen wir noch einen ganz kurzen Blick auf die Gegend werfen.
HIM|1|401029|20|0|Was die Formation der umliegenden Alpen betrifft, so ist dieses schon zur Genüge bei der Darstellung der Choralpe gezeigt worden. Wie aber ein solches Tal entstanden ist, da braucht ihr nichts als ein Stück trockener Brotrinde zu nehmen und dieselbe von unten herauf beliebig langsam zu brechen anfangen, so zwar, dass der Bruch nach oben gekehrt ist. Und so ihr das getan habt, so ist damit auch erklärt, wie ein solches Tal entstanden ist. Nämlich unterirdische, euch schon bekannte Feuerkräfte erhoben die ziemlich dicke Steinkruste, und dieselbe brach in mehreren Teilen entzwei, und längs dem Tal ging der Bruch ununterbrochen fort.
HIM|1|401029|21|0|Da nun aber zu gleicher Zeit ein solcher Bruch nach oben vor sich ging, so gibt sich das ja von selbst, dass nach Innen, zu beiden Seiten des Mittelbruchs, allezeit zwei Seitenbrüche stattfinden mussten. Hie und da rutschten gewissermaßen die Seitenteile der dadurch gebrochenen Platte tiefer hinein, hie und da aber stützten sie sich gewölbartig, je nachdem der innere Bruch entweder mehr perpendikulär oder tief geschehen ist.
HIM|1|401029|22|0|Dass mit der Zeit durch das Abspülen des weicheren Steins, teils durch einen schlamm- und lavaartigen Auswurf durch die Klüfte und Spalten, teils durch den Niederschlag von verschiedenen mineralischen Quellen diese schroffen Steinbrüche ausgefüllt worden sind und noch dazu von dem lange über denselben stehenden Gewässer gewisserart abgesänftet und abgerundet, wie auch mit allerlei Erdarten überzogen worden sind, das alles dürfte euch schon durch die vorhergehende Mitteilung, wenn auch nicht ganz, doch schon ziemlich klar geworden sein.
HIM|1|401029|23|0|Aber dass die Bildung dieser Gebirgsgegend um beinahe tausend Jahre älter ist als die der Choralpe und noch anderer bedeutender Berge im unteren Teil eures Landes, seht, dieses dürfte euch wohl nicht bekannt sein.
HIM|1|401029|24|0|Aber, werdet ihr fragen, wie sollen wir das erkennen? Die Antwort ist leicht und klar! Denn je dichter irgendeine Steinlagerung eines Berges ist und je mehr sie gebrochen und wieder mit Kalk zusammengefügt erscheint, desto älter ist auch eine solche Formation, da sie Spuren und deutlich leserliche Kennzeichen urzeitlich großer Zerstörungs-Szenen in sich birgt, wogegen die Formation solcher Berge wie die Choralpe und noch mehrere andere ihresgleichen feiner und sandiger in ihrem Getäfel ist. Und da selbe fast an gar keiner Stelle bedeutende, mit Kalk wiederverbundene Stellen aufzuweisen hat, sondern jeder Bruch ein neuer Bruch zu sein scheint und auch wirklich ist, so ist auch die Formation viel jünger, und reicht nicht zurück bis zur großen euch schon bekannten Adamitischen Zerstörung, und kann daher nicht eine urzeitliche, sondern nur eine vorzeitliche genannt werden.
HIM|1|401029|25|0|Das Gestein eures Schloßberges ist älter als das der Choralpe und auch das der Kleinalpe, und so auch noch das Gestein anderer kleiner Hügel, die sich in euerer Nähe befinden, obschon die Bildung dieser Hügel viel jünger ist als die der sämtlichen Alpen. Aber was die Bildung dieser kleinen Hügel oft vor der der Alpen voraus hat, ist dieses, dass deren Gestein um vieles tiefer aus dem Innern der Erde gewaltsam heraufgehoben wurde als das Gestein der Alpen.
HIM|1|401029|26|0|Das wäre nun die naturmäßige Bildung dieser Gebirge, wovon noch einige wenige pyramidenartige Hügel den nämlichen Ursprung haben, welcher schon klar und deutlich euch von Mir zu Straßengel bekanntgegeben wurde. Und solcher Berge gibt es allenthalben sehr viele. Besonders wo ihr bei solchen kleinen Hügeln Steinkohlen antreffen werdet, da könnt ihr beinahe allezeit versichert sein, dass ein solcher Berg meistens eine solche Entstehung zum Grunde hat, besonders wo sich die sogenannte Braunkohle vorfindet. Denn das beurkundet das hie und da noch unversehrte Holz, wo nur an der Rinde desselben wirkliche Verkohlungen ersichtlich sind, was von den die Wälder ergriffenen Feuerhosen herrührt. Jedoch was die Schwarzkohle betrifft, so rührt diese teils noch von der Noahischen Sündflut her, teils durch spätere erfolgte vulkanische Eruptionen, teils aber auch durch Bergabstürze und große Erdlawinen, welche in früherer Zeit umso häufiger stattfanden, je höher noch die Fluten an die Berge hinaufreichten und sie ihrer Vegetation beraubten.
HIM|1|401029|27|0|Warum dieses alles geschehen ist, ist euch zum Teil schon bekanntgegeben worden und wird bei der völligen Enthüllung der Erde, und besonders deren Mittelpunkt, auseinandergesetzt werden.
HIM|1|401029|28|0|Jedoch was diese euch begleitenden Nebel betrifft, so habe Ich euch dadurch nur etwas großartiger zeigen wollen, und habe es gewisserart mit großer Frakturschrift über die Berge hingeschrieben, um euch dadurch zu zeigen, wie es mit euch steht.
HIM|1|401029|29|0|Die Füße waren, was ihr doch gewiss werdet bemerkt haben, durchgehends rein, ebenso auch die meisten überschneiten Scheitel derselben. Allein um eure Füße und eueren Kopf war es Mir auch nicht zu tun, daher ließ Ich die Nebel gerade an der Stelle hervortreten, in welcher Gegend es bei euch auch noch so ziemlich neblig aussieht, und diese Gegend ist die Brust.
HIM|1|401029|30|0|Und wie ihr weiter und weiter euch bewegt habt nach Meinem Willen, denn sonst wärt ihr nicht in diese Gegend gegangen, so werdet ihr auch bemerkt haben, dass sich die Nebel nach und nach immer mehr und mehr verminderten und die Brüste der Berge frei wurden und zeigten vielseitig eine recht reichliche Vegetation, – und als ihr euch weiter und weiter bewegt habt, da habt ihr sogar eine ganz grüne Brust eines Berges gesehen, was euch hat zeigen müssen, dass, je weiter Mein Wille verfolgt wird, desto lebendiger auch die Hoffnung wird.
HIM|1|401029|31|0|Und als ihr nun vollends zur bestimmten Höhe gelangt seid unter Sturm und Schneegestöber und beinahe alle Hoffnung aufgegeben habt, etwas zu sehen und nach Meinem Willen zu erfahren, seht, da ließ Ich, eurer Beharrlichkeit zufolge, Meine Sonne mitten durch den Wolkenschleier durchbrechen und euch sobald erleuchten und klären die Gegend. Damit wollte Ich euch zeigen und sagen, dass Ich gerade dann komme, wenn ihr es am wenigsten für möglich gedenkt.
HIM|1|401029|32|0|Dass die Sonne nicht ganz rein sich euch zu sehen gab, und das nur unter noch immerwährendem leichten Schneegestöber, dadurch wollte Ich euch sagen, wie es noch mit eurer Liebe aussieht, und wenn diese wärmer und wärmer wird, auch gewiss sich die Sonne des Geistes klären wird, an deren Strahlen ihr sehr leicht eure Schatten erkennen werdet. Was der Schatten bedeutet, das sage Ich euch nicht, denn das müsst ihr schon ohnedies wissen.
HIM|1|401029|33|0|Schließlich werdet ihr noch bemerkt haben, als ihr zu sehr nebliger Nachtzeit nach Hause gefahren seid, so hat es einige Male geblitzt, und das Dunkel der Nacht war so gut erleuchtet, dass ihr euch darüber verwundert habt, und hattet auch recht, euch darüber zu wundern. Denn dadurch habe Ich euch absichtlich sagen wollen, wie es eigentlich in eurer Brust aussieht, worüber ihr auch sehr froh und voll Heiterkeit sein könnt, da die Nacht eures Lebens so helle wie die Nacht eurer Zurückfahrt geworden ist, da es auch hinter den Bergen eurer Erkenntnisse durch die Nebel ein wenig zu blitzen angefangen hat.
HIM|1|401029|34|0|Daher überdenkt wohl diese Reise, denn darum habe Ich sie euch verordnet, um euch in der großen Natur ein getreues Bild euer selbst zu entwerfen.
HIM|1|401029|35|0|Seht, das sind die versprochenen „Diäten“, die mehr wert sind als eine Sonne voll Goldes. Denn viele sind, die die Natur mit ihren Augen angesehen, aber wenige, die sich selbst in derselben finden.
HIM|1|401029|36|0|Amen. Das sage Ich, der große Diätengeber. Amen.
HIM|1|401030|1|1|Der sechste Jünger – 30. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401030|1|0|Für den künftigen Sonntag habe Ich mit euch vor, dass ihr sämtlich schon um acht Uhr morgens zusammenkommen sollt, bei welcher Gelegenheit Ich euch als nachfolgende „Reisediäten“ alles auf dieser Reise Beobachtete umständlich erörtern werde, so zwar, dass die gestrige Mitteilung auch bloß nur als ein purer Index zu betrachten ist.
HIM|1|401030|2|0|Jedoch wohlgemerkt, eine so einfache Sprache, wie Ich sie im Index geführt habe, werde Ich da nicht führen, weil gestern einer oder der andere bei sich denken konnte: So etwas zu sagen wäre vielleicht auch Meinem Knecht möglich, der doch nur ein purer armer Hascher ist, da er nichts weiß, als was er von Mir erhascht.
HIM|1|401030|3|0|Das weiß er und redet auch nichts aus sich und kann es auch nicht, da er viel weniger als jeder von euch in irgendeiner Wissenschaft hat. Eben darum ist er Mir auch ein taugliches Werkzeug, da in seinem Kopf fast nichts darinnen ist, aber zeitweise desto mehr in seinem Herzen, welches Ich nur allein brauchen kann, da im selben kein Gedächtnis ist, wohl aber eine Erinnerung der Liebe in und zu Mir und in dieser Erinnerung die Anschauung dessen, das Ich will und sage, welcher Zustand des Menschen ein rechter Zustand ist, und der Zustand der verständigen Köpfe aber ein ganz verkehrter und ist nichts als die allereitelste Träumerei eines kranken, unnatürlich gebrauchten Gehirns.
HIM|1|401030|4|0|Also nicht so einfach werd’ Ich das Wort führen. Und euer Verstand wird gewürgt werden, aber desto mehr wird sich euer Herz freuen.
HIM|1|401030|5|0|Wenn aber diese Mitteilung wird zu Ende sein, dann möge X. einen Versuch machen an dem Mann unter vier Augen, ohne jedoch mehr zu sagen, als dass jemand vermöge inneren Schauens und wörtlichen Vernehmens solches alsogleich ohne alle Vorbereitung und andere wissenschaftliche Bildung auf Verlangen, über was immer für einen Gegenstand entweder schriftlich oder aber auch alsogleich mündlich ohne den allergeringsten Anstand den Übrigen mitzuteilen imstande ist.
HIM|1|401030|6|0|Dieser Mann ist derjenige, an den ihr alle schon gedacht habt, und welcher, wenn er klug ergriffen wird, ein sehr brauchbarer Arbeiter in Meinem Weinberg werden kann. Doch sollte seinem freien Willen nicht der allerleiseste Zwang angetan werden, sondern kosten soll er stückchenweise vom Brot des Lebens, und es wird ihn bald darnach gar sehr zu hungern anfangen.
HIM|1|401030|7|0|Auch soll er nicht alsobald Bekanntschaft machen mit Meinem Knecht, sondern erst dann, wenn sein Hunger größer und größer geworden ist, und [wenn] sich bei ihm auch der Durst nach dem lebendigen Wasser einstellen wird, alsdann erst sollen ihm die Bogen Meiner großen Haushaltung eröffnet werden und so auch die anderen Nebenworte. Und so wird er schon ein rechter Mann werden und wird Mich wiederfinden da, wo er Mich am wenigsten zu sein glaubte.
HIM|1|401030|8|0|Wenn er aber sagen wird, es seien wohl manche Dinge in diesen Meinen Mitteilungen sehr frappant, aber es herrsche da keine Ordnung und kein System zugrunde, da soll ihm bemerkt werden, dass Meine Ordnung und Mein System ein ganz anderes ist als das der Menschen, die da zählen eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn; bedenken aber nicht dabei, dass jede dieser Zahlen nur eine Grenzmarke der Unendlichkeit ist. Was aber zwischen eins und zwei und drei und so fort liegt, das bedenken sie nicht! Ich aber habe und kenne die rechte Ordnung und sage nicht eins, zwei und so fort; sondern bevor nicht die unendliche Kluft zwischen eins und zwei ausgefüllt wird, kann nicht zu drei fortgeschritten werden.
HIM|1|401030|9|0|Wem wohl ist bekannt der Anfang, die Mitte und das Ende aller Dinge? Ich aber bin das Alpha und das Omega und bin der ewige Mittelpunkt aller Dinge Selbst. Daher ist Meine Ordnung auch die rechte, da Ich die ewige Ordnung Selbst bin. Und so der neue Mann Mich wiederfinden wird, so wird ihm auch Meine Ordnung und Mein System einleuchtend werden.
HIM|1|401030|10|0|So jemand aber das nicht einsehen könnte, der soll nur betrachten die Erde und ihre Vegetation, da wird ihm gewiss alles wie Kraut und Rüben untereinander wachsend vorkommen. Und so er seinen Blick erheben wird gen Himmel, wird er da die Gestirne nicht erblicken, als wenn sie nur zufällig von jemandem gewisserart mit einem phosphorisierten Pinsel wären leichtsinnig hingespritzt worden? Und Ich sage: Es ist doch überall die größte Ordnung! So wachsen giftige und heilsame Kräuter auf einem Fleck, wie auch Disteln unter dem Weizen – und doch ist überall die größte Ordnung.
HIM|1|401030|11|0|So wirft auch der Maurer seinen sandigen Mörtel zwischen die Steine, die er gelegt hat, und kümmert sich wenig um die Lage jedes einzelnen Körnchens Sand. Doch sage Ich, es liegt in der Lage der Sandkörner im Mörtel mehr Ordnung als im ganzen Gebäude, und doch werden die Gelehrten sagen, dass eine solche Behauptung an Unsinn grenze, wo nicht der Unsinn selbst sei.
HIM|1|401030|12|0|Seht, so jener Mann das so ein wenig nur beachten wird, so wird es sich mit ihm auch dann schon nach und nach geben. Aber es gehört Klugheit und recht viel Liebe und Sanftmut dazu. Hört! – besonders recht viel Sanftmut!
HIM|1|401030|13|0|In der Sanftmut müsst ihr euch verstehen, / durch die Sanftmut rauscht ein heilig Wehen. / Nur der Sanftmut Kraft wird es erstehen, / denn die Sanftmut rüget kein Vergehen, / und so kann auch all’s durch sie bestehen. / Wo sie wird im Bau gelegt zum Grund, / wird sie schließen einen festen Bund.
HIM|1|401030|14|0|Dieses geb’ Ich, euer Vater, nun zur Stund’ / euch all’ Meinen lieben Kindern kund. / Und da jeder es gar wohl verstund, / sag’ Ich „Amen“ durch des Knechtes Mund!
HIM|1|401101|1|1|Verständnis und Duldsamkeit – 1. November 1840
HIM|1|401101|0|0|Es steckt in jeder Pflanze ein neuer Same, und auf tausend Baumarten reifen auch ebenso viel verschiedene Fruchtarten. Kennst du wohl den Nutzen aller? Sicher nicht! O sieh, es artet so sich auch des Geistes Leben in den Menschen, die da eines guten Willens sind. Die Arten und Gattungen, wenn sie auch verschieden sind, machen (vor Mir) keinen Unterschied. Es fragt sich nur, wie weit da alle nützlich sind. Daher sollt ihr niemand verdammen, sondern kennenlernen Meine verschiedenen Wege!
HIM|1|401101|0|0|Nachfolgende „große Diäten“ [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401101|1|0|Bevor wir zur sonderlichen Durchleuchtung alles des in der vorigen Mitteilung Erwähnten schreiten wollen, ist es notwendig, euch auf einen Irrtum aufmerksam zu machen, der so viele Menschen gefangen hält und sie oft gar gewaltig um einen guten Teil ihrer irdischen wie auch ihrer einstigen Seligkeit bringt.
HIM|1|401101|2|0|Dieser Irrtum aber besteht darin, dass nämlich die Menschen häufig der Meinung sind, wenn ihnen sehr vieles gegeben wurde, sie da schon glauben, alles zu haben; einige aber wieder der Meinung sind, dass sie noch immer nichts erhalten haben, und gleichen einem durchlöcherten Fass, in welches man vergebens schöpft.
HIM|1|401101|3|0|Denn so jemand glauben würde, alles zu haben, wenn Ich ihm Unendliches gegeben habe, wie könnte Ich ihm denn noch mehr geben? Seht, nach menschlichen Begriffen würde das freilich etwas sonderbar klingen, und füglich hätte jemand scheinrechtlich Grund, zu sagen: Wenn mir die Unendlichkeit treu geworden ist, was sollte ich noch empfangen, das mehr wäre denn diese? – Das ist allerdings dem äußeren Schein nach richtig, aber nicht so auch der inneren Wahrheit aus Mir gemäß, da Ich nicht nur der Herr einer Unendlichkeit bin, sondern einer Unendlichkeit von Unendlichkeiten – welches so viel sagen will als, dass alles – jedes und Einzelnes, da es aus Mir ist, Unendliches in sich birgt, indem Ich, als der ewige Urgrund aller Dinge, in allem und jedem unendlich bin.
HIM|1|401101|4|0|Wenn irgendein endlicher Mensch ein noch so großes Werk zuwege gebracht hätte, so wäre dasselbe demungeachtet endlich, weil sein Urheber ein endlicher ist. So aber Ich das kleinste Werk ins Dasein rufe, und ist dieses auch seinem äußeren Umfang nach endlich und eng begrenzt von allen Seiten, so ist es aber demungeachtet unendlich seinem inneren Wesen nach, da es schon Unendliches seiner Art in sich birgt. Seht, aus diesem Grunde irren denn auch die Menschen, wenn sie sehr vieles empfangen haben, das heißt, von Mir aus Unendliches – wenn sie dann glauben, auch schon alles zu haben, das heißt, von Mir aus Unendliches, da auf diese Art Unendliches gewiss noch nicht alles ist.
HIM|1|401101|5|0|Im Gegenteil aber spricht sich sogar ein offenbarer Undank bei jenen aus, die, wenn sie schon sehr vieles, das heißt von Mir aus Unendliches, empfangen haben, noch immer meinen, nichts zu haben. Diese Menschen haben noch nicht die leiseste Ahnung von dem inneren Wert der Dinge. Sie zählen dieselben nur nach ihrem äußeren Volumen und kümmern sich wenig oder gar nichts um das wertvolle innere Wesen der Dinge, bedenken aber dabei nicht, dass die Schale der Nuss nicht genießbar ist, sondern nur die innere ölige Frucht. Solche Menschen geizen und scharren alles Mögliche zusammen, und bei aller ihrer Vielhabenheit hungern sie gleich jenem sehr verkümmerten Geizhals, der bei allen Fässern Goldes an einer dürren Brotkrume nagt und selbst bei diesem Nagen noch denkt, ob es um diese Brotkrume nicht schade ist, dass er sie verzehrt; denn es hätte ja vielleicht noch irgendeinen Menschen geben können, der ihm in seinem Heißhunger für ein solches Brotstück recht gerne einen Pfennig geboten hätte.
HIM|1|401101|6|0|Nun, da wir hier zwei Extreme haben kennengelernt, so fragt sich: Wie sieht denn die gerechte Mitte aus, oder wie soll sie aussehen, damit sie gerecht sei vor Mir?
HIM|1|401101|7|0|Da sage Ich euch, die gerechte Mitte soll eine wahrhaft kindliche sein, die da nicht rechtet nach dem Maße der Gabe, sondern nach dem Bedürfnis derselben und allezeit dankbar annimmt, wie und was immer der Vater gibt, und [ein Kind] ist heiter, dankbar und zufrieden mit jeder Gabe, die es empfangen hat aus den Händen des guten Vaters und hat kein Bedürfnis über das Empfangene hinaus, da es weiß, dass der Vater ihm allezeit geben wird, so viel es nur immer bedarf. Denn es weiß, dass der Vater sehr reich ist und daher das Kind auch allezeit sehr wohl zu versorgen imstande ist. Auch wird dieses Kind nicht unzufrieden sein mit der Gabe. Denn es ist noch allezeit hinreichend gesättigt worden, und weiß daher, dass es nicht zu wenig empfangen hat, weiß aber auch, dass, wie schon gesagt, der Vater sehr reich ist, daher auch allezeit geben kann, was das Kind bedarf, und weil der Vater auch überaus gut ist, daher auch allezeit geben will, was das Kind nur immer benötigt, und weil der Vater aber auch zugleich ein sehr weiser Vater ist, so gibt er dem Kind auch nur das und so viel, als es demselben, d. h. dem Kind, allezeit frommt.
HIM|1|401101|8|0|Seht, so sieht also „die gerechte Mitte“ aus. Und in dieser gerechten Mitte sollt auch ihr euch befinden und sollt nicht denken, ihr habt alles, was zwar bei euch nicht der Fall ist, empfangen. Noch sollt ihr denken, dass ihr zu wenig oder gar nichts empfangen habt, das heißt im Vergleich dessen, was ihr von Mir noch empfangen könnt und werdet, so ihr dankbar in der gerechten Mitte verbleibt. Sondern ihr sollt gleich sein dem erwähnten Kind, das allezeit zufrieden und glücklich ist, da es seinen Vater wohl kennt. So ihr Mich als den allerbesten Vater wohl erkennt in euren Herzen, so seid auch wahre Kinder eines und desselben heiligen und allerbesten Vaters, der Ich bin, der auch soeben hier unter euch gegenwärtig ist, in und durch den schwachen Mund des Knechtes, dieses in die Feder gebend.
HIM|1|401101|9|0|Nun nach dieser notwendigen Vorbetrachtung soll denn noch eine andere folgen, die ebenso nötig und wichtig ist, wie die nachträgliche Erörterung, die nach dieser Betrachtung folgen soll.
HIM|1|401101|10|0|Ich sagte in der Vorauskündung, ihr sollt da wieder um eine Stufe höher gehoben werden. Und diese Stufe soll dann soeben in dieser zweiten Betrachtung euch vollends gegeben werden.
HIM|1|401101|11|0|Seht, es legen sich abends Millionen Menschen auf ihr Schlaflager zur Ruhe ihrer Glieder nieder, und wieder stehen am nächsten Morgen Millionen Menschen von selbem mit ausgeruhten Gliedern auf, einige zur gewöhnlichen Tagesarbeit, andere zum gewöhnlichen Tagesmüßiggang. Und so stehen tausend Menschen auf, und von diesen tausend hat ein jeder etwas anderes vor. Aber von allen diesen aufgestandenen Menschen ist nicht einer, der da aufgestanden wäre, wie er hätte aufstehen sollen. Denn ein jeder ließ die Erscheinung des Morgens wie auch des folgenden Tages ganz unbeachtet, außer es hätte ihn nur irgendein gewaltiges Ungewitter geschäftsstörend verdrießlich gestimmt, oder es hätte ein naher, baumzerschmetternder Blitz durch seinen nachrollenden gewaltigen Donner ihm ein wenig ins Ohr geraunt: „Höre einmal, du schwacher, geschäftiger Mensch! Wäre ich, der leuchtende Blitz, um dreißig Ellen nur deiner Schwachheit näher gekommen, so wäre wohl all deine Weltrechnung mit einem Strich geschlossen worden.“
HIM|1|401101|12|0|Allein da ist der Mensch wie ein Sperling, auf schaukelndem Weidenast sich wiegend – wenn der Schuss fehlt, so fliegt er erschreckt zwitschernd davon, als wollte er mit diesem Angstgezwitscher sagen: „Das war doch eine Todesgefahr! Ich will diese Gegend meiden! Und nimmer soll der Jäger mit seinem Feuerrohr den fernen Ast finden, auf welchem ich mich nun sehr wohl verbergen will.“ – Allein nicht lange, sitzt der nämliche Sperling wieder auf dem Ast, an welchem er die gewaltige Stimme des Todes vernommen hat.
HIM|1|401101|13|0|So sind denn auch die Menschen! Eine Gefahr bleibt nur so lange ihre Lehrerin, solange sie als solche gedauert hat. Ist die vorüber, ist alles vorüber! Der Mensch kehrt wieder in sein Alltagsleben zurück und bleibt derselbe blinde Mensch, wie er zuvor und ehe war und gleicht einem Tauben und Blinden im Schauspielhaus, der da hineingeht, ohne etwas zu sehen, noch etwas zu hören.
HIM|1|401101|14|0|Denn so ist auch die Welt ein großes Schauspielhaus, in welchem zahllose Szenen in jeder Sekunde aufgeführt werden, von denen jede von unendlichem Wert ist. Wer da nicht taub und blind ist, der wird gewiss eine eitle Lust daran finden. Wer aber taub und blind ist, der gleicht einem Polypen, der sich festgesetzt hat in einem finstern Sumpf des Meeres und kein anderes Bedürfnis, als das mit tausend Mäulern zu fressen empfindet.
HIM|1|401101|15|0|So ihr aber aufwacht am Morgen, so seht mit aufmerksamem Herzen die Dinge um euch her, habt Acht auf eure Gefühle, die allezeit modifiziert erscheinen, auch schon, wenn nur ein Wölkchen am Himmel die frühere Form verändert, ja wieder anders werden, so ihr in was immer für eine Weltgegend eure Blicke richtet. Anders fühlt ihr am Morgen, anders am Mittag und anders am Abend.
HIM|1|401101|16|0|Wenn ein freundliches Lüftchen weht, werden da nicht eure Gefühle heiter und lieblich bewegt? Wenn da weht ein warmer Südwind, der herrliche Wolkenmassen durch den blauen Himmel treibt und ihr seht die Vögel der Luft sich wetteifernd emsig herumtummeln in den heftigen Wogen der Südluft – werden da nicht eure Gefühle selbst geweckt und heldenmäßig gestimmt, dass ihr oft selbst eure Arme gleich Flügeln ausbreitet, um euch Vögeln gleich zu erheben in die wogende warme Luft und mutig zu kämpfen daselbst gleich den Vögeln mit dem Flügelpaar gegen solches ziemlich gewaltsame Strömen der Südluft? Wenn aber ein feuchter Ost- oder ein gewaltiger Nordwind zu wehen anfängt, so werdet ihr ganz kümmerlich in euren Gefühlen und zieht euch bescheiden zurück vor diesen unfreundlichen, sehr gewaltsamen Winden. Und wenn sich der hohe West erhebt, dann schaut ihr empor, und eure Augen weiden sich an den lämmerartigen Gebilden der Wölkchen und eure Gefühle werden weiter und weiter unter den weiten Hallen des blau und weiß durchwirkten Himmels. Und werden nicht wiederum eure Gefühle ganz anders, so euch am heiteren Morgen aus den roten Wölkchen des Aufganges ein frisches Morgenlüftchen entgegenweht?
HIM|1|401101|17|0|Und so mögt ihr schon bei was immer für einer Erscheinung zugegen sein, ja wo immer hinreisend euch verfügen, und selbst in was immer für einer Handlung begriffen sein, so habt Acht auf jegliche auch noch so kleinfügige Erscheinung, und ihr werdet gewiss allezeit sicher gewahr werden, wie sehr sich die Gefühle allezeit modifizieren, ja oft so stark, dass, so ihr euer eigenes Gemach wieder betretet, euch dasselbe vorkommt, als wenn ihr es zum ersten Male betreten hättet, oder es kommt euch doch im selben selbst alles ein wenig fremdartig vor.
HIM|1|401101|18|0|Wer dieses von euch noch nie sollte empfunden haben, weil er noch nie aufmerksam darauf gemacht wurde, der mache sich nur einmal die Mühe und gehe oder fahre von hier aus nur zwei Stunden weit gegen Süden, z. B. nach dem sogenannten „Feldkirchen“ oder „Straßgang“ oder „Fernitz“, und kehre dann wieder zurück und notiere sich seine Gefühle, die ihm dabei vorgekommen sind sich seiner bemeisternd, als er sein Gemach wieder betrat. Am nächsten Tag aber mache er die entgegengesetzte Reise, kehre zurück und tue in seinem Gemach dasselbe, und er wird gewiss recht gewaltigen Unterschied in seinen Gefühlen bemerken.
HIM|1|401101|19|0|Nun aber fragt sich, worin denn der Grund solcher Erscheinungen liegt. Die Beantwortung dieser Frage ist der eigentliche Hebel auf eine höhere Stufe. Seht, so wie ihr bei irgendeinem Unterricht, je nachdem derselbe geartet war, da sein Stoff entweder ein geschichtlicher, ein technischer, ein geologischer, ein mathematischer, ein religiöser war, allezeit gewiss anders denken und empfinden werdet, so ist dieses umso mehr der Fall, wenn ihr in Meiner großen Unterrichtsphäre gewandelt seid, denn so rede Ich durch alle die vorbenannten und noch tausend andere Erscheinungen beständig zu eurem Geist.
HIM|1|401101|20|0|Allein, wie ihr schon wisst, ist den Tauben und Blinden hart predigen; denn diese empfinden höchstens den Geruch der Speise, wie aber die Speise aussieht, das sehen sie nicht. Und wenn man ihnen sagt, woraus und wie sie verfertigt ist, das hören sie nicht, weil sie taub sind. Seht, so sind auch alle diese Erscheinungen zahllose, wohl zubereitete Speisen für den Geist. Aber in diesen vorbenannten Gefühls-Modifikationen empfindet ihr nur den Geruch dieser Speisen, aber sehen könnt ihr sie nicht, da ihr ebenfalls noch blind seid. Und wie sie zubereitet sind, das könntet ihr ebenfalls nicht vernehmen, der noch obwaltenden großen Taubheit wegen.
HIM|1|401101|21|0|Das aber ist die höhere Stufe, dass Ich euch in dieser Vorbetrachtung eine kleine Augensalbe gebe, vermöge welcher ihr ein wenig sehend werden sollt, und zwar in eurem Herzen, um hernach aus diesen Erscheinungen verständig zu denken in der Mitte eures Herzens, dass dergleichen Dinge nicht geschehen ihrer selbst willen, sondern so, wie ein Professor nicht seiner selbst willen auf den Katheder tritt, sondern seiner Schüler wegen.
HIM|1|401101|22|0|Und es ist jede dieser Erscheinungen nichts als ein heller Spiegel, welcher so künstlich eingerichtet ist, dass ein jeder Mensch, der nur einigermaßen geweckt ist und nicht gar zu lange in den Tag hineinschläft, sein inneres Wesen von Sekunde zu Sekunde modifiziert in selbem erschauen kann, wie auch das Gesamtbild aller Menschen und eines jeden einzelnen in Beziehung auf die Gesamtheit. Ja, er kann erschauen im selben das ganze Verhältnis der Hölle, der erlösten und unerlösten Geisterwelt, wie auch im innersten Grunde dieses Spiegels den Himmel und alles das, was des Himmels ist, und kann erblicken im selben alles dieses in unendlichen Potenzen, weil Ich, als der Zulasser und Darsteller alles dessen, wie schon gesagt, Selbst unendlich bin.
HIM|1|401101|23|0|Wenn ihr daher in der Zukunft wie und wann immer ausgeht, so haltet ja keine Erscheinung für so geringfügig, dass sie nicht eures Beachtens würdig wäre. Und glaubt, dass Ich nicht zu viel sage, wenn Ich euch selbst auf die kleinsten Wendungen eines Sonnenstäubchens aufmerksam mache und auch auf das emsige Getrippel irgendeines winzigen Insektes. Denn ist auch dieses ohne Bedeutung dann, wenn es von niemand beachtet oder beobachtet wird, weil es dann nur auf eine Mich allein angehende Art tätig ist – jedoch nicht so ist es, so eure Augen treffen irgendeinen Gegenstand, denn alsdann wird sogleich ein Sonnenstäubchen, wie eine Milbe und ein irgendeinem Schornstein entsteigender Qualm von Mir für den Beschauer zu einem Apostel geweiht und tritt in dem Augenblick als wohl unterrichteter Lehrer in Meinem Namen vor eure Augen.
HIM|1|401101|24|0|Seht, das ist eine höhere Stufe, die Ich euch versprochen habe! Daher sagte Ich euch schon in der vorigen Mitteilung vorbauend: Es gibt gar viele, welche die Erscheinungen der Natur angaffen werden, gerade so, wie ihr zu sagen pflegt, wie eine Kuh ein neues Tor. Aber ganz außerordentlich wenige gibt es, die sich selbst in den Erscheinungen der Natur finden.
HIM|1|401101|25|0|In der Nacht vorher, als ihr nach Meinem vorbekannten Willen euch verfügt habt an den bestimmten Punkt, nämlich der Kleinalpe, da hat es, wie ihr wisst, recht gewaltig geregnet, wie in den Gebirgen ebenfalls recht tüchtig geschneit. Dieses war für euch eine ganz natürliche Erscheinung. Und da war keiner unter euch, dem es beigefallen wäre, dass solches euretwegen geschehen sei, ja nicht nur euretwegen allein, sondern der gesamten Menschheit wegen; ja nicht nur der gesamten Menschheit wegen allein, sondern der gesamten Schöpfung wegen; ja nicht nur der gesamten Schöpfung wegen allein, sondern der gesamten Hölle wegen; und nicht nur der gesamten Hölle wegen, sondern der gesamten erlösten und unerlösten Geisterwelt wegen; und wieder nicht dieser wegen allein, sondern auch des gesamten Himmels wegen; aber auch nicht deswegen allein, sondern auch Meinetwegen und euretwegen.
HIM|1|401101|26|0|Da werdet ihr und noch mehr viele andere, denen dieser „Segen“ in die Hände kommen wird, sagen: „Das verstehe, wer es verstehen mag und will, allein wir verstehen es nicht! Denn wie eines für eines allein und doch wieder nicht für eines allein, und wie eines eins und doch nicht eins ist, das reime sich zusammen, wer es kann und will. Und wer da einen Apfel hat, der kann doch nicht mehr als einen Apfel haben!“
HIM|1|401101|27|0|Das ist wahr, sage Ich, aber es ist auch wieder wahr, dass derjenige, der blind ist, nichts sieht und der Taube nichts hört und daher auch nicht begreifen kann, wie eines zugleich auch vieles sein kann, und so auch umgekehrt, und wie ein Bild einem Menschen ganz vollkommen ähnlich sein kann und zugleich aber auch allen Menschen zum Ebenbild dienen kann. Und noch weniger kann er einsehen, dass das, was nicht ist, noch zu sein scheint, doch alles ist und sogar sein kann und dass im Gegenteil alles, was ist und alles zu sein scheint, im Grunde doch nichts ist oder doch wenigstens zu nichts wird.
HIM|1|401101|28|0|So wäre demnach hier eine kleine Verstandesschraube verfertigt, an welcher der Verstand hinreichenden Stoff sich gar gewaltig zu würgen findet. Aber das Herz wird sich des freuen, da es daraus ersehen wird, dass die äußere Materie, die doch alles zu sein scheint, im Grunde aber doch nichts ist, und dass Geistige aber in der Materie, welches dem Blinden und Tauben nichts zu sein scheint, am Ende doch alles ist! Ja, das Herz wird sich freuen, wenn es daraus ersehen wird, dass am Ende doch nur Ich alles in allem bin!
HIM|1|401101|29|0|So war auch dieser Regen schon eine gar wichtige Erscheinung, es versteht sich von selbst nur für den inneren Menschen, da fürs Erste durch ihn angezeigt wurde, und zwar ganz für euch allein, ein ebenso gewaltiger Gnadenregen von Meinem geistigen Himmel in das Herz eures Geistes. Aber nicht nur für euch allein, sondern für alle soll dereinst dieser Regen gelten, ja nicht nur für alle, wie schon gesagt, auch zur Erhaltung der Erde, wie auch dadurch zur Erhaltung der ganzen Schöpfung, kam dieser Regen, da ihr schon wisst, was selbst von dem ersten Tropfen abhängt, wann und wohin er fällt, dass die Erde und alle Schöpfung erhalten werde.
HIM|1|401101|30|0|Aber wieder, wie schon gesagt, nicht allein für diese Erde und die Erhaltung der ganzen Schöpfung kam dieser Regen, sondern aus euch wohlbekannten Gründen auch in geistiger Hinsicht für die Zurechtweisung der ganzen aufrührerischen Hölle; denn es geschieht nichts in der geistigen Welt, was sich nicht entsprechend zugleich auch naturmäßig darstellen möchte. Und so ebenfalls geschieht auch in der gesamten Natur nichts ohne zureichenden entsprechenden geistigen Grund. Und daher, so ihr solches seht, so könnt ihr in der Zukunft auch schon wissen, wie und warum solches geschehen ist.
HIM|1|401101|31|0|Aber wieder nicht nur für die gesamte Hölle, sondern für die gesamte erlöste und unerlöste Geisterwelt; für die erlöste als eine geistige Gnadenspende zum Wachstum in Meiner Liebe, und für die unerlöste als ein Erlösungsmittel aus der dadurch erweichten Materie; denn da ist jeder Tropfen ein goldener Schlüssel zur Eröffnung eines viele Millionen Jahre lang andauernden Kerkers; aber wieder nicht nur für diese allein, sondern auch für den gesamten Himmel, damit er sich entledige und erleichtere von seiner Gnadenüberfülle; aber nicht nur allein für den gesamten Himmel, sondern für Mich, damit Meine Liebe wieder größeren Raum finden möchte, in stets gewaltigeren Strömen und Strömen Meinem Vaterherzen zu entquellen; und doch wieder nicht für Mich allein, sondern für euch, damit ihr wieder desto mehr und mehr gewahren sollt, wie überaus gut euer heiliger Vater ist.
HIM|1|401101|32|0|Seht, so wie also dieser Regen als die erste Erscheinung von so großer Bedeutung war, so war auch jede nachfolgende nicht minder; denn jede war so wohl berechnet, dass nicht ein Nebelstreifchen umsonst über den Abhang irgendeines steilen Felsens schwebte, ohne dass es euch zuerst gesagt hätte:
HIM|1|401101|33|0|„Seht, die große Liebe des allmächtigen Vaters, wie sie mich trägt gefahrlos über den schroffen, tödlichen Abhang dieses hohen Gesteins und wie mich die sorgliche Liebe eben dieses großen Vaters hinaufzieht aus der Nacht meines ewigen Kerkers allmählich an Sein großes licht- und lebensvolles Vaterherz und wie ich zwar jetzt noch als unförmlicher Nebel mich über diesen steilen Abhang erhebe und noch nicht weiß, woher diese große Gnade kommt – aber doch sage ich nun euch, unter meiner nottraurigen Nebelgestalt wandelnden und forschenden Menschen:
HIM|1|401101|34|0|Es gab einst auch eine Zeit, da es euch erging, wie mir soeben. Dieses bedenkt! Und dass die Liebe des heiligen Vaters auch mich bald wird erreichen lassen das zu sein, was ihr nun seid, um zu loben den großen heiligen Vater, da Er so Großes tut an Seinen unwürdigen Geschöpfen, die in ihrer Freiheit nicht haben erkennen wollen die große Liebe und unbegreifliche Sanftmut und Herablassung des so großen und überheiligen Vaters!“
HIM|1|401101|35|0|Seht, das ist ein anfängliches Evangelium eines solchen Nebelstreifchens, welches ihr, so ihr euch die Mühe nehmen wollt, in den ganzen, euch nun bekanntgegebenen Kreisen verfolgen könnt und könnt steigen da herauf zu Meinem Herzen, woraus ihr alle dereinst gegangen seid, und könnt von da, ganz von Liebe erfüllt, wieder zu euch selbst kehren, und zwar im Angesicht eures heiligen Vaters.
HIM|1|401101|36|0|Wie nun bei dieser eurer gemachten Reise die Erscheinungen sich gefolgt sind, so könnt ihr euch in dieser Ordnung denken. Und der Kreis eurer ganzen Reise war eben gerade ein solcher, wie Ich ihn euch soeben kundgegeben habe. Denn auf diesem Punkt, da ihr die Sonne erblickt habt, da wart ihr wie in Meinem Herzen, und seid von da wieder zurückgekehrt – verklärt, erfüllt von Meiner geheimen Liebe, in welcher Liebe sich auch alles aufgeklärt hat um euch und die Sonne Meiner Gnade euch sogar erblicken ließ euren Schatten außer euch, welches so viel sagen will als: Wie unter den Strahlen der Sonne der Schatten des Menschen außer ihm auf die Erde fällt, so auch fällt der Schatten oder das Böse des Geistes, welches eure Sünden sind, unter den wärmenden Strahlen Meiner Liebe außer euch, da ihr erfüllt seid durch die Liebe zu Mir mit dem ewigen Licht Meiner Gnade durch und durch.
HIM|1|401101|37|0|Seht, das ist alsdann der versprochene große „Diätennachtrag“, von welchem ihr gewiss keine Ahnung gehabt habt – daraus ihr aber auch ersehen und wohl erkennen sollt, dass, so Ich etwas verheiße, Ich auch allezeit Mein Wort auf das Allerpünktlichste halte.
HIM|1|401101|38|0|Aber nur müsst ihr jetzt wieder nicht glauben, als hätte Ich euch jetzt so viel gegeben, dass Ich euch nicht noch mehr zu geben imstande wäre. Denn beharrt nur fest in Meiner Liebe und übt auch diese auf gerechte Art an allen euren Brüdern und Schwestern nach rechtlichem Bedarf aus, so werde Ich schon noch in diesem Jahr euch noch irgendwo anders hin, und zwar gegen noch größere Diäten wie diese sind, an irgendeinem geschäftsfreien Tag bescheiden, allwo ihr wieder um eine gar gewaltige Stufe sollt höher gehoben werden, wodurch euch erst klar werden wird, warum die Erde ein Ort der Besserung und der größten Erbarmungen des großen heiligen Vaters geworden ist.
HIM|1|401101|39|0|Seht, Ich habe noch recht viele Stückchen Brotes in der weiten Tasche Meiner Liebe für euch aufbehalten. Esst nur fleißig und habt keine Sorge ums tägliche Brot! Denn Ich habe des Brotes so viel, dass ihr selbes wohl ewig nie aufzuzehren imstande sein werdet.
HIM|1|401101|40|0|Und Mein Brot hat noch die Eigenschaft, dass wer nur ein wenig davon genossen hat, der wird schon satt. Zugleich aber reizt dieses Brot den Appetit nebst der Sättigung auch so sehr, dass man noch immer mehr und mehr davon genießen möchte. Und dann wird dieses Brot auch immer süßer und süßer und wohlschmeckender, je länger und je mehr man davon genießt. Daher seid nur recht fleißig im Essen Meines Brotes! Und sorgt euch nicht um den Wein, denn Wein und Brot sind sowohl für den Hunger als für den Durst. Dass sich dieses aber so verhält, werdet ihr auch stets mehr und mehr bei euch selbst gewahr werden und endlich in die höchste Klarheit dieser Wahrheit gelangen.
HIM|1|401101|41|0|Ist der Weg auch hie und da holprig, felsig, so macht euch ja nichts daraus, denn ihr dürftet ja nicht zu Fuß gehen, sondern habt und könnt vermögentlich geistig und naturmäßig ein mutiges Pferdchen vor euren Wagen spannen. Und wenn ihr dann auch hie und da, um das Ziel gänzlich zu erreichen, eure Füße in Bewegung setzen müsst, so glaubt, es wird darob keiner von euch krumme Beine davontragen.
HIM|1|401101|42|0|Dieses merkt euch wohl! Tut, handelt und lebt in allem und jedem so nach Meinem Willen; dann wird auch bald die wahre innere Sonne den Wolkenschleier eures Lebens in euch durchbrechen und euch lebendig erleuchten durch und durch.
HIM|1|401101|43|0|Amen. Das sage Ich, euer allerbester heiliger Vater. Amen.
HIM|1|401104|1|1|An einen sehr Schwachen – 4. November 1840
HIM|1|401104|1|0|Es ist da ein sehr geschmeidiger Mensch, der da hat lieber das Große als das Kleine (und zwar mehr des Angenehmen als der Nützlichkeit wegen) – und macht viele Besuche den Höheren seiner Ehre halber, damit er dann wieder jemandem sagen kann, er sei bei dem und jenem Herrn gewesen und es habe ihn dieser oder jener Herr förmlich geschmäht, dass er ihn schon so lange nicht mehr besucht habe – und der das tut mehr des kleinlichen Ansehens als der eigentlichen inneren Freundlichkeit wegen – und sich auch sehr viel zu tun macht mit der weiblichen Welt und macht allenthalben den Hof dem reizenden Fleisch der schönen Kinder Evas – der auch viel hält auf alte Freundschaft, wenn sie in angenehmen Männern besteht, obgleich er auch die ärmlichen seines guten Namens wegen nicht verachtet – dem jedoch neue, ansehentliche, besonders weibliche Bekanntschaften allezeit lieber sind als alte männliche gleichen Ranges.
HIM|1|401104|2|0|So ist derselbe auch ein Freund der Gelehrten und hält große Stücke auf renommierte Künstler – aber auch wieder mehr seiner Ehre als der Ehre dieser Gelehrten und Künstler wegen (um dadurch bei den Verständigen als ein einsichtsvoller Mann zu gelten).
HIM|1|401104|3|0|Und so rennt sich dieser arme Mensch gar oft die Füße wund aus lauter Selbstgefälligkeit, um anderen irgendeinen kleinlichen Gefallen zu erweisen, an dem noch nie jemand gar zu viel gelegen war – und ist bei aller seiner persönlichen Freundlichkeit doch stets mehr Freund sich selbst als denen, die von ihm befreundlicht werden.
HIM|1|401104|4|0|Diesem Menschen, da er doch, bei allen diesen gewöhnlichen Menschenmängeln, ein ziemlich gutes und halbwilliges Herz besitzt und insgeheim bei sich schon ein ziemlich reines Wohlgefallen hat an Meiner nun darniedersteigenden Gnade und hat auch eine verborgene Sehnsucht nach Meinem Reich und fängt auch mehr und mehr an das Gute und Wahre desselben um seiner selbst willen zu achten und in seinem Herzen zu schätzen (was Mich auch vermocht hat, ihn in Meiner Liebe ernstlich anzublicken und, so er will, ihm auch aus seinem Labyrinth zu helfen) – also diesem Menschen lasse Ich sagen:
HIM|1|401104|5|0|Dass er sein zu nichts taugendes, überschwänglich vielfältiges Visitenmachen so viel als nur immer möglich einstellen und dafür lieber anfangen soll, Mir, Seinem Vater, Visiten zu machen! Das wird ihm mehr nützen, zeitlich und ewig, als alle die tausend und abermals tausend Visiten, die er den Menschen für nichts und wieder nichts schon gemacht hat.
HIM|1|401104|6|0|Denn aus seinen Besuchen ist weder für ihn, den vielen schon oft lästig gewordenen Visitanten, wie auch für die häufig ganz wertlosen Visitierten nie irgendein Vorteil hervorgegangen – außer dass er vielfach hinterrücks ausgelacht wurde, indem man in seinem Angesicht ihn lobte, hinter seinem Rücken aber häufig Fratzen schnitt. Er sah dies freilich nicht – aber Ich sehe und höre alles!
HIM|1|401104|7|0|Jedoch damit er wissen möge, dass er noch gar sehr gewaltig dumm ist, so soll ihm auch das Urteil derjenigen Menschen, welche zu den besseren gehören, bekannt werden, als ein Lohn seiner vieljährigen Bemühungen. Was sagen denn diese? Nichts, als dass er ein guter Narr, aber dabei doch sehr unwissend und dumm sei und einem bekannten gutmütigen Lasttier gleiche, das allezeit willig um das schlechteste Futter sich den Rücken vollknitteln lässt.
HIM|1|401104|8|0|Um solchen Lohn also ist dieser Mensch so emsig und läuft und rennt von Haus zu Haus, um sich seinen Rücken voll geistig-materieller Schläge abzuholen! O des Schwachen!
HIM|1|401104|9|0|Ich will hier nicht berühren all die Unannehmlichkeiten, die ihm schon um solcher Narrheit willen widerfahren sind. Das Gesagte soll ihm nur zeigen, wie er bei weitem nicht zu solchen harten Unannehmlichkeiten gelangt wäre, wenn er wenigstens den guten Rat seiner sehr wenigen wahren Freunde, die auch Meine Freunde sind, befolgt und sich hingesetzt hätte zum Brunnen Jakobs, um aus demselben das Wasser des Lebens zu trinken und hätte da in stiller Ruhe Mir, seinem ewigen, heiligen besten Vater, eine wohlgeziemende Visite gemacht.
HIM|1|401104|10|0|Aber das würde ihn ja doch melancholisch machen! Wohlverstanden! Aber wie ist es denn, dass er nicht melancholisch wird, wenn er atemlos von einem weiblichen Wesen zum anderen rennt, um seine naturmäßige Liebe dadurch zu zerstreuen oder endlich gar zu ersticken im tödlichen Schlamm solcher Tollheit?!
HIM|1|401104|11|0|Er soll Mir antworten auf die Frage: „Warum hast du denn noch nicht geehelicht irgendeine Jungfrau?“ – da du doch schon Tausenden den Hof gemacht hast und hast schon mehrere mit der Heirat vielfach angelogen und auf diese Weise auch schon, in deiner früheren Zeit, einige unmündige Mädchen verführt! Welche entschuldigende Antwort kannst du Mir wohl geben, dass sie dich reinige vor Meinen Augen und Meine Heiligkeit dich nicht verdamme!?
HIM|1|401104|12|0|Ich sage dir, antworte lieber nicht! Denn jede deiner Antworten würde dich verdammen! Und sagtest du Mir: „Ich habe noch nicht die Rechte gefunden, die da wäre ohne Fehler!“ – so sage Ich: O du falscher Richter! Warum spähtest du so sorgfältig nach den Splittern in den Augen der Mädchen und mochtest nicht gewahr werden deines Balkens, ja vieler Balken in deinen Augen!? Da du dich fürchtest, von ihnen betrogen zu werden. Warum fürchtetest du dich nicht, dass sie vielmehr von dir betrogen und unglücklich wurden!? Darum weiche von Mir, du eigenliebiger Selbstler! Denn es sind alle Mädchen so gut wie du hervorgegangen aus Meiner Liebe! Warum waren sie dir denn nicht recht? Ich sage, weil sie in ihrer Schwachheit besser waren, sämtlich, als du!
HIM|1|401104|13|0|Darum antworte nicht, sondern schweige in aller reuigen Demut, damit dich deine Antwort nicht verdamme! Und möchtest du sagen: „Mein Einkommen war zu gering, als dass ich vermöge desselben imstande gewesen wäre, mir ein Weib zu nehmen und sie zu erhalten!“ – Da würde Ich dir darauf die Antwort geben: Höre! Da du dein Einkommen bemessen hast und hast es für zu gering befunden – warum hast du denn nicht auch zugleich bemessen deine geringen Fähigkeiten und deine großen Ansprüche – und warum nicht auch bemessen das Übermaß deiner sinnlichen Begierden, da du wohl sahst mit sehnsüchtigen Augen das üppige Glück der Großen und Reichen der Welt und mochtest gleich sein denen, die da haben, danach du begehrtest – aber so es nicht also gehen mochte, lieber kein Weib, sondern jewaige freie Unzucht haben wolltest!?
HIM|1|401104|14|0|O siehe, es gibt noch arme und brave Mädchen in die Menge, davon du mehrere recht wohl kennst – warum ehelichtest du sie denn nicht? Du würdest sagen: „Der beiderseitigen geringen Mittel halber nicht!“ – Ich setze aber, du wärest reich! Ja, dann würdest du auf eine Prinzessin ebenso mitleidig und sinnlich zugleich herabschauen wie jetzt auf eine geringe Magd, die doch auch Meine Tochter ist.
HIM|1|401104|15|0|Damit du aber erkennst, dass sich dieses gerade also verhält, so mache Ich dich auf deine geheimen Gedankenphantasien aufmerksam, in welchen du dich durch allerlei großartige, romantische Träumereien zu den verschiedensten glänzendsten Verhältnissen des irdischen Lebens befördertest; und wenn du dann irgendeinen Gipfelpunkt erreicht hattest – wie schnapptest du dann gleich einem Sultan nach den schönsten und reizendsten Mädchen herum! Ja du verbargst oft deine erträumte Höhe und schlichst, wie ihr zu sagen pflegt, „inkognito“ zu irgendeiner Jungfrau, die dir irgendwann einen Korb so recht derb gegeben hatte, und hieltest um ihre Hand an. Da sie dir aber, in deinem Traum, die Hand abermals verweigerte, so enthülltest du vor der Spröden deine phantastische sultanische Kaiserwürde und verschmähtest die nun durch solche Enthüllung in sich gegangene und gedemütigte Schöne und hattest große Freude, so du sie weinen und zu dir, nun einem großen Kaiser, die Hände ringen sahst.
HIM|1|401104|16|0|O siehe, solche Gedanken sind ein treuer Spiegel und zeigen dem Menschen sehr genau die Richtung seiner Begierden und Tendenz seiner Liebe, die nichts als Herrschsucht zum Grunde hat, welche der Grund aller Verdammnis ist! Darum antworte nicht, damit du dich nicht selbst fangest und verdammest in deiner törichten Entschuldigung!
HIM|1|401104|17|0|Oder möchtest du etwa sagen: „Ich kann doch kein gemeines Frauenzimmer heiraten, da ich doch ein gebildeter Mensch und königlich-kaiserlicher Beamter bin und lauter angenehme Bekannte habe! Was würden diese letzteren dazu sagen!?“ – Ich aber sage: Es gibt in der Stadt kein so gemeines Frauenzimmer, als dass sie zu gemein wäre für dich – obschon du aus Zorn auseinandergehen möchtest, so dir jemand anders als Ich diese Wahrheit zugestehen würde. Denn siehe, so da ist irgendeine gemeine Hure, so ist sie eine solche oft nur aus doppelter Not geworden, nämlich zuerst aus geistiger (denn da ist bei den Schafen die Wolle wie das Futter) – und dann aber häufig aus natürlicher Leibesnot, der Forderung des Magens wie der Befriedigung des Naturtriebes wegen, zu dessen frühzeitiger Entwicklung und gewissenloser Förderung die arme, verlassene, nun verachtete Hure nur durch solche, dir ähnliche Hofmacher gekommen ist. In ihrer Schwäche hat sie leichtlich geglaubt den süßen Worten, die da entströmten der Hyänenbrust eines dir ähnlichen süßen Hofmachers, der gewissenlos oft schon einem üppigen zwölfjährigen Mädchen stromweise eine satanische Artigkeit um die andere in ihre sehr empfängliche Brust, giftigen Dolchen gleich, senkte, um die geistig Blutende mit lüsternen, begierdevollen Augen anzusehen und hernach zu lauern gleich einem Tiger auf die nächste Gelegenheit, um der unglücklichen, schwachen Gereizten den ersten Stich des Todes beizubringen, und um hernach sich großmachen und sagen zu können: „Na, das wird einmal eine werden, da sie schon jetzt alles mit sich machen lässt!“
HIM|1|401104|18|0|Siehe, da du ihre Natur zu solcher Schandtat verdorben hast – du Hyäne, du Tiger! – wie wagst du in Meinen Augen noch zu sagen. „Mir kann nicht behagen solche weibliche Gemeinheit!“?
HIM|1|401104|19|0|Daher antworte lieber nicht, damit aus deiner Entschuldigung nicht ein Mühlstein wird, der dir auf den Hals gelegt werden sollte und mit dem du versenkt werden möchtest in den Grund des Meeres!
HIM|1|401104|20|0|So du aber sagen möchtest: „Mit einer Armen ist mir nicht gedient!“ – da sage Ich aber: Du bist keiner Armen wert! Denn die Armen sind Meine Töchter. Wehe denen, die sie verführen und geringachten! Deren Herz soll stumpf werden wie ein Stein, damit es nimmer gerührt werde von dem sanften Blick einer solchen Armen und ein solcher Frevler weib- und kinderlos bleibe bis ans Ende und sein schnöder Name mit ihm begraben werde!
HIM|1|401104|21|0|Wer aber da ehelicht eine Arme aus Liebe, der hat Mich zum Schwiegervater und genießt Meinen Segen! Und es ist besser, wenn Arme ehelichen als Reiche. Denn die Armen denken in ihrer Not doch an Mich, ihren Vater, und suchen allzeit Hilfe bei Mir, wenn es ihnen recht schlecht geht; während die meisten Reichen Mich kaum dem Namen nach kennen und, wenn es ihnen schlecht geht, verzweifeln und nicht selten zu Selbstmördern werden. Siehe, daher antworte nicht, damit du nicht verdammt werdest ob deiner törichten Entschuldigung!
HIM|1|401104|22|0|Und möchtest du sagen: „Üble Erfahrungen haben mich abgeschreckt. Was ich anderweitig gesehen habe, hat mir den ganzen Ehestand verleidet!“ – so sage Ich aber: Verflucht sei der, welcher sich so entschuldigt! Denn der gibt sich doch offenkundig als einen eigenliebigen Verächter der schwachen weiblichen Menschheit an. Und sein Gewissen schreit ihm laut zu: Weil du wohl weißt, wie wenig wert du selber bist und wie ungetreu in aller deiner Lebenssphäre du von jeher dich benommen hast, deshalb ist dir freilich deine Freiheit lieber als ein ärmlicher, aber gesegneter Ehestand, der allein dich zur geistigen Ordnung zu bringen vermöchte!
HIM|1|401104|23|0|Denn wenn du dächtest, wie es ein redlicher Christenmensch in seinem Herzen denken sollte, so würdest du sagen: „O Herr! Ich bin Dir ein gar großer Schuldner! Habe Mitleid mit mir über alle Maßen schlechtem Selbstliebler! Denn ich habe in meiner Unwissenheit gröblich gesündigt vor Dir und habe mich groß versündigt an allen Deinen schwachen Kindern und bin nun selber schwächer geworden als alle, die ich früher schwach wähnte – und das alles durch meine grenzenlose, eigensinnige Torheit!
HIM|1|401104|24|0|Daher bitte ich Dich inständigst, dass Du mich wieder möchtest in Deiner unendlichen Liebe gnädig ansehen und mir geben einen redlichen Sinn, damit ich wieder gewahren kann den wahren Menschenwert Deiner Mägde und nicht blind bleibe, wie bis jetzt, wo ich, der bösen Welt gleich, den Wert nur im Reichtum und in der jugendlichen Schönheit und dazu noch in einer unglaublichen Treue und Abhängigkeit suchte (da ich meiner großen Eigenliebe zufolge ein eifersüchtiger, dummer Esel war!).
HIM|1|401104|25|0|O Herr, da ich nun meinen großen Irrtum erkenne, so sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig und lass mich wiederfinden, was ich in meinem bösen, verkehrten Herzen gar so oft verachtet habe. Denn da ich nicht einer bin, der sich je hätte vom Geist ziehen lassen, sondern allezeit vom Fleisch, so weiß ich auch, dass ich bis jetzt nur des Fleisches und nicht des Geistes bin. Daher lasse, o Herr, mich auch redlich wieder ein gerechtes Dir wohlgefälliges Fleisch finden, damit ich im selben geläutert werde, um einst nach Deinem heiligen Willen aus demselben im Geist zu erstehen! Amen.“
HIM|1|401104|26|0|Siehe, diese Entschuldigung ist besser als die übrigen, und in ihr allein waltet Leben statt des Todes!
HIM|1|401104|27|0|Obschon Ich dir durch alles dieses nicht geradezu die Pflicht auferlegen will, dass du ehelichen sollst – sofern du irgend bessere Gründe hast, ledig zu bleiben, und zwar aus reiner Liebe zu Mir, d. h. wenn du deren fähig bist und dich zurückziehen kannst von deiner viel bevisitierten Welt – so will Ich dich dadurch aber doch ernstlich zur wahren Reue und Buße ermahnt haben, dass du endlich einsehen sollst, wie sehr du allezeit unrecht hattest, dass du emsig bemüht warst, alle Schuld von dir hintanzuschieben und anderen sie gröblich zuzuschanzen. Denke nur recht fest bei dir, ob das von Mir wohl je in Ewigkeit hätte gebilligt werden mögen?
HIM|1|401104|28|0|Darum zeigte Ich dir nun das Nötige durch Meinen armen Knecht, der aus sich auch nicht wissen kann, was da recht und schlecht ist (da er selber noch weder recht noch schlecht ist), und der, was er weiß, nur aus Mir weiß durch eine besondere, unverdiente, große Gnade der anderen wegen, nicht seiner selbst wegen – damit die anderen gerichtet würden in ihren Herzen durch ihn und er zuletzt erst durch sie – und damit auch du gerichtet werdest in deinem Fleisch, um dadurch dem ewigen Gericht des Geistes zu entgehen.
HIM|1|401104|29|0|Denn wer da will in Mein neues Reich aufgenommen werden, der muss zuvor gerichtet werden, damit er sich völlig reinige von allem alten Schlamm seiner angewohnten Narrheiten! Du aber bist noch durch und durch närrisch und kreuz und quer verwirrt. Daher gab es bei dir auch gar sehr viel zu richten und wird noch überdies so manches zu richten geben, bevor dein Name voll eingetragen wird in das große Buch des Lebens. Beherzige daher recht wohl dieses an dich gerichtete Wort! Es ist ein neues Wort des Lebens voll Licht und Wahrheit und ebenso voll Liebe!
HIM|1|401104|30|0|Willst du leben, so eheliche entweder irgendein Mädchen in rechter Ordnung, und Ich will dich segnen mit Meinem Frieden. Und du bringe dadurch in dir selbst ein kleines Opfer für die vielen Opfer der weiblichen Treue, die du schon eingeschlürft und verschlürft hast! Und habe keine Furcht, betrogen zu werden; sondern fürchte vielmehr, dass du niemand betrügst mit dir selbst! Und habe nicht so sehr deinen Vorteil vor Augen, als vielmehr den Vorteil derjenigen, die du dir antrauen lassen möchtest! Dann wirst du gut fahren – kurz noch zeitlich und dann auch ewig.
HIM|1|401104|31|0|Denn kannst du wohl denken, dass du nochmals fünfzig Jahre leben wirst? Oder musst du nicht vielmehr denken, dass jede Sekunde deines irdischen Lebens in Meiner Hand steht und dass Ich jedem das Leben je nach seinem folgsamen Betragen entweder verlängern oder verkürzen kann, da doch nur Ich allein sehe, wann die Frucht reif ist – entweder so oder so!
HIM|1|401104|32|0|Daher überlege wohl, was da besser ist: Entweder so? – oder aber, ob du dich zu Mir wenden möchtest und aus reiner Liebe zu Mir verzichten möchtest auf alles!? Siehe, das kannst du auch tun! Aber dann bedenke wohl, dass Mir mit einem halben Dienst durchaus nicht gedient ist – so du etwa dabei glauben möchtest, dadurch deine Freiheit zu retten.
HIM|1|401104|33|0|Denn siehe, in deiner vermeinten Freiheit bist du nur ein Sklave deines Fleisches, deiner Begierden und deiner freien Weltlust unter den Menschen, mit denen du gerne tolles Zeug plauderst und hintendrein lachst über deine eigene Torheiten.
HIM|1|401104|34|0|Sondern da muss dir all dein Fleisch, müssen alle deine Begierden wie die allerderbsten Sklaven dir tief untertänig werden, und du musst allen deinen tollen Gewohnheiten auf einmal den barsten Abschied geben und dich sodann alsogleich in allem zu Mir wenden! Höre! Ich sage alsogleich! Denn von nun an würde dir jede Zögerung himmelhoch angerechnet werden.
HIM|1|401104|35|0|Nun urteile in deiner Schwachheit selbst, was da leichter und heilsamer wäre! Ich will dir keinen weiteren Rat geben, was du tun sollst, sondern sage dir nur, dass der Lohn deinem Gehorsam gleich sein wird.
HIM|1|401104|36|0|Tue also, was du willst! Mir ist es ganz einerlei, so oder so. Aber so zu verbleiben, wie du jetzt bist, das rate Ich dir wohl nicht!
HIM|1|401104|37|0|Siehe, auch du standest den ganzen langen Tag müßig. So gehe denn nun auch du hin in Meinen Weinberg und arbeite die letzte Stunde in demselben so oder so! Und Ich werde dir dereinst geben, was recht sein wird. Amen. Ich, die Ewige Liebe und Wahrheit Selbst! Amen.
HIM|1|401104|0|0|Nachbemerkung
HIM|1|401104|38|0|Dieses Nebenwort muss, wie alle übrigen, den „Nebenworten“ beigefügt werden und soll in einer eigens dazu bestimmten Zusammenkunft dem unbenannten Vermeinten vorgelesen werden – dessen er sich nicht etwa schämen, sondern nur sehr freuen soll, wenn er will ein siebenter Jünger werden, was er erfahren wird, so Ich seinen Namen aussprechen werde.
HIM|1|401104|39|0|Sollte er sich aber darüber, wie er gewöhnlich zu tun pflegt, selbst beschönigen und rechtfertigen wollen, dann soll er auch erfahren, wie ferne er noch Meinem Reich ist und wie sehr noch untauglich für einen Jünger!
HIM|1|401104|40|0|Denn dem Ich viel sage, dem will Ich auch vieles geben und habe ihm, so er Meinen Willen tun wird, auch schon dadurch vieles gegeben, dass Ich ihm vieles gesagt habe. Denn so der Baumeister irgendeinen breiten und weiten Grund legt, da wird er gewiss kein Schneckenhaus darauf erbauen wollen, sondern da muss ja doch dem Grund das Gebäude entsprechen. Wenn aber schon ein irdischer Baumeister also verständig handelt, um wie viel mehr werde da Ich tun, der Ich doch der mächtigste und allerverständigste Baumeister der Unendlichkeit bin!
HIM|1|401104|41|0|Darum auch soll sich der Vermeinte nicht schämen, sondern sich gar gewaltig freuen! Denn umsonst gebe Ich solche Gaben nicht! Es muss aber jeder zuvor vor der Welt offenbar werden und in seiner Demut Meinen Namen verherrlichen, wer da will von Mir dereinst ewig verherrlicht werden.
HIM|1|401104|42|0|Klein ist das, was Ich von euch verlange; aber unendlich der Lohn dafür! Daher freut euch alle, dass Ich solches von euch verlange; denn Meines Reiches wird kein Ende sein ewig. Amen. Das sage Ich, euer aller Vater und Herr! Amen.
HIM|1|401104|0|0|Dankgebet des Knechtes
HIM|1|401104|0|0|Und ich sündiger, wertloser, schlechtester Knecht wage in meiner großen Unlauterkeit hinzuzusetzen:
HIM|1|401104|0|0|Ehre, Preis und Dank sei Dir, o allerheiligster, bester Vater, von unseren schwachen, unreinen Herzen dargebracht! O reinige uns alle mit der heiligen Kraft Deiner unendlichen Liebe und Barmherzigkeit! – damit wir Dir dereinst, o Du bester, heiligster Vater Du, würdiger zu danken und Dich heiliger zu preisen vermöchten, als es bisher in der großen Nacht unserer Sünden möglich war!
HIM|1|401104|0|0|O heiligster, bester Vater, habe Dank auch für das herrliche Geschenk dieses neuen, uns gegebenen Bruders in Deinem allerheiligsten Namen! O Dein heiligster Name werde dafür gepriesen! Ehre sei dir, Vater, und dem Sohn und dem Heiligen Geist in Dir und aus Dir – in alle Ewigkeit! Amen.
HIM|1|401108|1|1|Eine Lüge? – 8. November 1840
HIM|1|401108|0|0|Schreibende: K. G. L. – Andreas und Anselm H.
HIM|1|401108|1|0|Heute gab uns der liebevollste Vater durch Seinen Knecht Jakob Lorber nachfolgende Lehre, und zwar mit der angegebenen Überschrift.
HIM|1|401108|2|0|Es wird euch sonderbar vorkommen, so ihr zufolge dieser Überschrift etwa denken möchtet, Ich sei imstande euch anzulügen. Allein es ist natürlich dem nicht so; sondern die Sache verhält sich ganz anders. Und es ist nicht alles Lüge, was als solches erscheint – wie auch nicht alles Wahrheit ist, was als solches erscheint. Dass die Sache sich aber so verhält, soll euch alsbald eine kleine Erzählung belehren.
HIM|1|401108|3|0|Es erzählte jemand seinem Freund, dass er in einer Gegend dieses Landes einen ungeheuren Drachen gesehen habe und beschrieb sogar dessen Gestalt haarklein. Er machte dadurch seinem Freund die Sache so wahrscheinlich, dass dieser sich alsbald bewogen fand, selbst an den Ort hinzureisen, wo sein Freund den Drachen gesehen haben wollte.
HIM|1|401108|4|0|Als nun der Freund in die benannte, genau beschriebene Gegend kam, da fand er auch nicht die leiseste Ähnlichkeit dieser Gegend mit der von seinem Freund beschriebenen, ja sogar der Name war falsch; und auf Frage wurde ihm berichtet, dass in diesem Land wohl keine Gegend unter diesem Namen und dieser Gestalt aufzufinden sein dürfte.
HIM|1|401108|5|0|Und so kehrte denn der Freund wieder zurück und sprach zu dem anderen mit heftigen Worten: „Ei du loser, böser Freund, was habe ich dir getan, dass du mich so arg mit deiner Lüge bedient und mich dem Gelächter der Unsinnigen preisgegeben hast!?“ – Sein erzählender Freund aber behauptete dennoch, dass er ihm keine Lüge gesagt habe. „Denn,“ sagte er, „ich habe nun einmal das Ungetüm gesehen, wie ich dir beschrieben habe; und als ich mich bei den Menschen erkundigte, wie diese Gegend heiße, da sagten sie mir, dass sie so heiße, wie ich dir angegeben habe.“
HIM|1|401108|6|0|Nun aber forderte den Erzähler sein Gegenfreund auf, ihn an den Ort zu führen, auf dem seine Lüge gewachsen war. Der Erzähler willigte ein und führte seinen Freund an einen Ort, der ungefähr eine leichte Ähnlichkeit mit dem vorbeschriebenen hatte. Allein als er, der Angelogene, die dortigen Menschen um den Namen dieser Gegend befragte, da hatte dieser auch nicht die leiseste Ähnlichkeit mit dem von dem erzählenden Freund angegebenen. Und von irgendeinem Drachen wusste niemand eine Silbe daselbst.
HIM|1|401108|7|0|Nun, was meint ihr denn, nachdem ihr solche Erzählung vernommen habt – hat der Erzähler seinen Freund angelogen oder nicht? Ja, sage Ich, er hat ihn angelogen, und das weidlich – und wieder hat der Erzähler seinem Freund dennoch eine allerreinste Wahrheit gesagt.
HIM|1|401108|8|0|Aber nun fragt sich, wie kann denn eine Sache zu gleicher Zeit Lüge und Wahrheit sein? Das bringt freilich ein natürlicher Menschenverstand so wenig überzeugend heraus, wie dass schwarz weiß und weiß schwarz ist. Jedoch nicht also ist es bei Mir! Denn es kann eine Sache, mit geistigen Augen betrachtet, recht gut schwarz und weiß zu gleicher Zeit und auf derselben Stelle sein. Und so wird sich auch zeigen, wie dieser vorbenannte, lügenhafte Erzähler dessen ungeachtet die Wahrheit geredet hat.
HIM|1|401108|9|0|Dieser Mensch hatte nämlich an einem Tag, da er unter dem kühlenden Schatten eines Baumes einschlief, einen so lebhaften Traum, in welchem er das Erzählte so leiblich und lebhaft gesehen hat, dass er unmöglich umhin konnte, bei sich selbst anders zu gedenken, als er habe wirklich dieses alles also gesehen.
HIM|1|401108|10|0|Denn obschon er wieder unter dem nämlichen Baum erwachte, unter welchem er sich einige Stunden vorher zur Ruhe gelegt hatte, so war aber doch sein Traum so beschaffen, dass es ihm vorkam, er sei alsbald unter dem Baum aufgewacht, habe dann die Stelle verlassen und sei zufolge eines weiteren Spazierganges in die vorbeschriebene Gegend gekommen. Und als er daselbst in seinem Traum alles früher Erwähnte gesehen und erfahren hatte, kehrte er alsbald zurück, kam gerade zum selben Baum wieder, legte sich wieder, schlief ermüdet auf eine kurze Zeit ein und erwachte dann wirklich unter demselben Baum, unter dessen Schatten er sich einige Stunden früher in Wirklichkeit wohlbehalten begeben hatte.
HIM|1|401108|11|0|Nun seht, in der Natürlichkeit ist das von dem Träumer Erzählte zwar eine Lüge, da im ganzen Land keine Gegend jener Art und kein Drache ausfindig gemacht werden kann. Allein es ist gerade nicht nötig, dass, so irgendetwas in der Natur nicht vorgefunden wird, es deswegen nicht geistig bestehend da wäre.
HIM|1|401108|12|0|Und so verhält es sich überhaupt mit einer jeden geistigen Anschauung! Nehmt nur einen Blinden und erzählt ihm von diesem und jenem Gegenstand, den ihr seht, dass er da ist! Ist für den Blinden die Erzählung etwa eine Lüge, da er den Gegenstand eurer Erzählung nicht selbst sehen kann? Und so können viele Dinge vorhanden und wahr sein, wenn sie auch nirgends aufgefunden werden – da neben der naturgemäßigen Welt, ja sogar in derselben eine noch bei weitem größere Geisterwelt besteht. Wer möchte z. B. wohl behaupten, dass die Hölle eine Lüge sei, da sie doch nur aus lauter Lüge besteht? Oder wer möchte behaupten, es gebe darum keinen Himmel, weil er dem Auge des Forschers nicht ersichtlich ist?
HIM|1|401108|13|0|So ist demnach das Sein und Nichtsein und Doch-Sein keine Lüge! Denn ein materielles Sein ist kein geistiges Sein, wie das geistige kein materielles – und doch ist das materielle durch das geistige, wie auch wieder umgekehrt das geistige durch das materielle bedingt.
HIM|1|401108|14|0|Ein Beispiel wird euch dieses hinreichend beleuchten! Betrachtet einen Apfel, wie er da noch hängt am Baum, so werdet ihr gewiss sagen, dass dieser Apfel auf diesem Baum gewachsen ist. Und wieder werdet ihr sagen müssen, dass dieser ganze Baum aus einem solchen Apfel gewachsen ist. Und so werdet ihr bald einen Apfel aus dem Baum und bald wieder einen Baum aus dem Apfel entstehen sehen.
HIM|1|401108|15|0|Nun fragt euch selbst, was ist denn hier eigentlich die Frucht und welches ist das die Frucht Hervorbringende? Sagt ihr, der Apfel sei die Frucht, so sage Ich: „Was ist demnach aber der Baum, so er aus dem Apfel hervorwächst?!“ – Und sagt ihr: „Ja, so ist doch der Baum die Frucht!“ – da sage Ich aber: „Was ist demnach der Apfel, wenn er aus dem Baum zum Vorschein kommt?“
HIM|1|401108|16|0|Seht, auch hier kann jede Behauptung an und für sich zu gleicher Zeit eine Lüge und eine Wahrheit sein. Denn der Apfel ist so gut Frucht wie der Baum – und eben auch so gut Hervorbringer wie der Baum.
HIM|1|401108|17|0|Jedoch, wenn man sagt: „Ja, es kann doch nur eines wahr sein!“ – so sage Ich: „Es ist ganz richtig, dass die Wahrheit nur eine ist!“ Aber töricht ist es von Menschen, in der Beschränktheit ihrer Urteile zu behaupten und zu sagen: Dieses oder jenes sei „das Erste“ – während ihr doch aus diesem Beispiel leicht erseht, dass das eine so gut wie das andere „das Erste“ sein kann.
HIM|1|401108|18|0|Denn es stünde zum Beispiel irgendein außerordentlicher Gelehrter auf und würde behaupten, Gott habe zuerst den Baum erschaffen; ein anderer aber würde hinzutreten und ihm sagen: „Wenn Gott zuerst den Baum erschaffen hat, warum hat er dann die Fähigkeit in den Apfel gelegt, dass, so dieser in die Erde gelegt wird, ein Baum aus ihm zum Vorschein kommt, der wieder ebensolche Früchte trägt, aus denen er selbst hervorgegangen ist? Somit ist ja doch ersichtlich, dass Gott nicht zuerst den Baum, sondern nur einen Apfel erschaffen hat!“ – Und wieder würde ihm auf diese Äußerung der erste Gelehrte einwenden: „Ich glaube, dass es der Ordnung gemäßer war, zuerst den Baum zu erschaffen und diesen mit der Reproduktionskraft zu versehen.“ – Seht, und so würden diese zwei Gelehrten sich in einem ewigen Kreis herumtreiben, ohne je ans Ziel zu gelangen. Und würde einer, der da zwei ineinandergreifende Uhrräder vor sich hätte, behaupten: „Dieser Zahn dieses Rades greift in die Zähne des anderen Rades!“ – und ein anderer würde ihm entgegnen: „Aber lieber Freund, bist du denn blind, dass du nicht siehst, dass die Zähne des anderen Rades nur in die Zähne dieses Rades eingreifen?“ – Welcher von diesen beiden hätte da wohl nun wieder recht?
HIM|1|401108|19|0|Ich sage: Es hat ein jeder recht und redet die Wahrheit – und wieder: Es lügt einer so gut wie der andere. Der Anteil der Lüge besteht hier freilich bloß in der Einseitigkeit der Behauptung, wodurch die eine Wahrheit sich wider die andere auflehnt. Und in dem Grad, als sie die andere Wahrheit anficht, ist sie Lüge. An und für sich aber ist sie so gut wahr wie das von ihr Angefochtene.
HIM|1|401108|20|0|Die eine Wahrheit aber ist diese: Es besteht und entsteht eines aus dem anderen – und eines ist für das andere da. Ich aber bin der ewige Urgrund alles Seins und habe alles so eingerichtet, dass das Naturmäßige entsteht und besteht aus dem Geistigen und das Geistige aber wieder, umgekehrt, im beständigen und unwandelbaren Kreislauf aus dem Naturmäßigen.
HIM|1|401108|21|0|Daraus wird euch auch klar, wie die Geisterwelt beständig hineinragt in die naturmäßige und die naturmäßige wieder in die geistige. Denn so irgendein Geist frei wird, so liebt, denkt und handelt er in seiner ihm zugewiesenen Sphäre. Dieses Handeln und Wirken eines Geistes, da es nun einmal vor sich ging, kann aber unmöglich so spurlos vorübergehen, als wäre da gar keine Handlung und Wirkung vor sich gegangen. Es fragt sich demnach, wie wird denn aber die Handlung und Wirkung des freien Geistes ersichtlich?
HIM|1|401108|22|0|Da sage Ich: Seht die Dinge an, wie sie sind, wie sie entstehen und bestehen, und ihr werdet euch dabei sagen müssen, dass jede diese Erscheinungen irgendeinen ausreichenden Grund der Entstehung haben muss – aber wo liegt dieser Grund? Gewiss nicht in der Materie, sondern in dem geistigen Wirken und Handeln, welches Wirken und Handeln ein inwendiges ist.
HIM|1|401108|23|0|Wenn aber irgendein Baumeister ein Haus aufbaut, so hat er doch gewiss das Haus nicht des Hauses selbst wegen aufgebaut, sondern er hat mit dem Gebäude einen Zweck verfolgt, der seiner Absicht völlig entspreche. Da schon ein Baumeister solches tut und selbst als sterblicher Mensch seinem Werk eine ewige Dauer verschaffen möchte, um wie viel mehr wird ein freier, ewiger Geist seine Handlungen und Wirkungen so einrichten, dass sie seiner Liebe und seinem Wesen entsprechen!
HIM|1|401108|24|0|Und so liegt ja wieder klar am Tage, dass die Materie selbst nur ein Mittel ist, aus dem ein geistiger Zweck in der Absicht des geistigen Erzeugers erstehen soll.
HIM|1|401108|25|0|Und wenn ihr dieses so recht betrachtet, so muss euch klar werden, wie das eine für das andere da ist und wie immerwährend eines in das andere greift und hineinragt. Und aus dem werdet ihr weiter deutlich ersehen, was die Lüge und was die Wahrheit ist, und werdet erkennen, wie für den Reinen alles rein und wahr, für den geistig Blinden aber die Wahrheit Lüge ist. Auf diese Weise kann auch in Mir, als dem ewigen Urgrund aller Wesenheit, keine Lüge stattfinden; ja ihre Existenz ist in Meinem Angesicht eine Unmöglichkeit.
HIM|1|401108|26|0|Dem Blinden ist freilich die Existenz eines Dinges wie auch die formelle Beschaffenheit desselben eine unglaubliche Tatsache, da er sich von deren Wirklichkeit nicht überzeugen kann. Wenn er aber glaubt, dass die Sache so ist, so hat er die Wahrheit. Glaubt er aber nicht, so ist sein beharrlicher Unglaube die Lüge selbst, in der ihn seine Blindheit gefangen hält.
HIM|1|401108|27|0|Der Glaube ist demnach eine Augensalbe für die Blinden. So sie ihn gebrauchen wollen in der Einfalt ihres Herzens, werden sie bald zum Licht ihrer Augen gelangen und die Dinge schauen, wie sie sind. Und sollten sie dieselben auch anders finden, als sie ihnen beschrieben wurden, so ist doch das, was ihnen gesagt wurde, auch für sie wahr, weil sie es glauben, dass es so ist.
HIM|1|401108|28|0|Daher auch wird jeder alles früher oder später im Geist finden, wie er es geglaubt hat! Denn wie das Licht, so die Farbe der erleuchteten Gegenstände. Der Glaube aber ist das Licht des Geistes; daher der Mensch auch sehen wird, wie sein (Glaubens-)Licht beschaffen ist.
HIM|1|401108|29|0|Es wird aber aus dem Baum kein anderer Apfel zum Vorschein kommen, als der in den Baum gelegt ist; wie wieder aus dem Apfel kein anderer Baum, als in den Keim gelegt ist. Und so ist auch jeder Mensch die Frucht seines ihm eigenen Glaubens und der Glaube selbst die Frucht der Liebe des Menschen. Und daher kurz gesagt: Wie einer glaubt, so wird er schauen, und wie er liebt, so wird er leben.
HIM|1|401108|30|0|Wer aber Meinen Worten glaubt, der hat Mich in sich aufgenommen, insoweit er glaubt, dass Ich es bin, der ihm solches kundgebe. Und da jeder Mensch im Grunde seines Wesens seine eigene Liebe ist, so werde dann Ich, wenn er Mich durch den Glauben in seine Liebe aufnimmt, seine Liebe, wie er die Meinige wird. Denn wie er Mich aufgenommen hat, so habe auch Ich ihn aufgenommen. Und so werden wir dann eins werden, wie der Baum und der Apfel im Grunde doch nur eins sind – und werden ineinandergreifen wie die Räderzähne einer Uhr – und daraus wird dann eine Wahrheit werden.
HIM|1|401108|31|0|Denn wer Mich durch den Glauben aufgenommen hat in seine Liebe, der hat die ewige Wahrheit in sich aufgenommen und wird selbst zur ewigen Wahrheit. Und da Ich die Ewige Liebe Selbst bin, so bin Ich auch dann in aller Wahrheit als solche das Eigentum des Menschen, der Mich zu seiner Liebe gemacht hat.
HIM|1|401108|32|0|Und da wird der Mensch sein gleich einem veredelten Baum, der das Höhere in sich aufgenommen hat, damit dieses sein Eigentümliches werde, und wird darob tragen viele edle und kostbare Früchte, in welchen dessen ungeachtet seine freie Selbständigkeit doch nie zugrunde gehen wird. Denn wie ihr aus dem Samenkorn eines veredelten Baumes die Urwesenheit des Baumes wieder zurückbekommen könnt (da sie trotz des Adels noch immer selbständig vorhanden ist) – so ist es auch mit dem durch Mich veredelten Menschen, dass er ebenfalls, trotz Meiner Aufnahme und der dadurch erfolgten Veredelung, seine Selbständigkeit frei und ewig behalten wird.
HIM|1|401108|33|0|Seht, diese euch nun gegebene Lehre ist gar wichtig, und ohne sie könnt ihr nicht leichtlich zu der inneren Festigkeit eures Glaubens gelangen, und eure Liebe würde beständig ein in sich selbst zurückkehrender Kreislauf bleiben. Allein so ihr wisst, dass euch die Vereinigung mit Meiner Liebe in den unendlichen Kreis Meines ewigen Wirkens aufnimmt, so könnt ihr denn auch mit größter Sicherheit den Schluss machen, dass da neben der Unendlichkeit Meines Wirkens wenig Raum bleiben wird, wohin sich eine Lüge verbergen möchte. Denn wer sich vom Licht absondert, der wird freilich nur auf einer Seite erleuchtet sein und auf der entgegengesetzten Seite einen Schatten entdecken, der ein lichtloses Trugbild der eigenen Selbständigkeit ist, wer aber in der Mitte der leuchtenden Flamme Meiner Liebe sich befindet – fragt euch selbst, ob auch da irgendein Schatten möglich ist?
HIM|1|401108|34|0|Daher macht Mich durch den Glauben in eurer Liebe zu eurer Liebe, damit euch das Licht umfasse und durchdringe und ihr selbst zum Licht werdet aus Mir. Das sage Ich, die Ewige Liebe und Wahrheit. Amen.
HIM|1|401115A|1|1|Ein späterer Nachtrag zur Andritz-Quelle – 15. November 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401115A|1|0|Was nun dir als Meinem Knecht die dir allein sichtbare Jungfrau gesagt hat, als du sie in dir bei dem Steg gefragt hast, ob sie ferner etwas über die Quelle mitteilen wird, das diene auch hier als ein guter Eingang. Nämlich: „Es ist nur Einer, und nur dieser Eine kann allein sprechen. Und wenn dieser Eine spricht, da schweigt ehrfurchtsvoll die ganze Natur, denn sie versteht keines Wesens Wort, außer das Wort des Einzigen.“
HIM|1|401115A|2|0|Seht, das ist ein recht guter und passender Eingang, denn es kann nichts Lebloses eine Sprache führen und so auf irgendeine Weise Red’ und Antwort stehen, sondern Ich allein, der das Leben Selbst bin und somit lebendig durch und durch, kann lebendig machen, das Ich will und das Ich ansehe und kann geben dem Stein selbst Augen und Ohren, einen Mund und eine geläufige Zunge, zu sprechen die Sprache, die Mir wohlverständlich ist wie auch jenem, so Ich ihm will das Verständnis irgendeiner Sprache geben.
HIM|1|401115A|3|0|Da aber, wie schon einmal bemerkt wurde, es für den Lebendigen nichts Totes gibt, so kann es für Mich, als den Allerlebendigsten, auch nichts weniger als irgendetwas Totes, somit auch nichts Sprachunfähiges geben. Denn in Meinem Angesicht muss selbst die Asche eines verbrannten Körpers auferstehen und Mir antworten auf jede Meiner Fragen. Denn ist wohl in der ganzen Unendlichkeit irgendetwas, das nicht aus Mir wäre?
HIM|1|401115A|4|0|Ich aber bin, wie schon gesagt, von Ewigkeit her das Leben Selbst gewesen und werde es auch ewig sein. Wie könnte denn aus dem Leben etwas Totes hervorgehen? Ist auch eine Sache vor euren Augen leblos, so ist sie doch nicht leblos vor Meinen Augen! Seid ihr auch an und für sich tot geworden durch die Sünde, so seid ihr aber doch nicht tot geworden in Meinem Angesicht. Das erste ist wohl möglich, aber das zweite ist eine gänzliche Unmöglichkeit.
HIM|1|401115A|5|0|Damit aber dieses genau begriffen werden möchte als eine notwendige Voraussetzung zur folgenden Erörterung, so ist es notwendig, dass ihr eine nähere Aufklärung über den Tod und über das Leben selbst erlangt.
HIM|1|401115A|6|0|Alles, was von Mir hervorgegangen, ist lebendig hervorgegangen. Da aber Mein Leben in sich die Liebe und die Weisheit in der größten Ordnung selbst ist, so sollte auch alles in dieser Ordnung fortbestehen, in welcher Ordnung und aus welcher Ordnung es aus Mir zu gehen genötigt wurde. Denn das nicht war, konnte nicht selbstwillig hervorgehen, sondern musste von Mir erst erschaffen werden und dann als erschaffenes Wesen erst durch die Macht Meiner Ordnung heraustreten aus Mir nach Meinem Willen.
HIM|1|401115A|7|0|Wenn nun aber die Wesen herausgetreten sind, so mussten sie auch mit dem Vermögen ausgerüstet sein, sich frei nach Meiner Ordnung bewegen zu können – gleichwie das Kind alsbald eine freie Bewegung mit seinen Gliedmaßen annimmt, sobald es aus dem Mutterleib getreten ist.
HIM|1|401115A|8|0|Solange das Kind noch schwach und klein ist, wird es am Gängelband geführt. Ist es aber einmal stark geworden, dann lasst ihr es frei laufen. Und wenn es stärker und stärker geworden ist, so gebt ihr demselben durch die Erziehung, die sich durch allerlei sanktionierte Gesetze ausspricht, eine solche Richtung, die am meisten eurer Ordnung entspricht.
HIM|1|401115A|9|0|Ich setze aber den Fall, es ist ein Kind so arg, dass es sich nicht fügen will in eure Ordnung und ist beständig wider dieselbe – was werdet ihr wohl tun mit dem Kind? Ich sage, ihr werdet es züchtigen, und das je mehr in gleichem Maße es mehr und mehr eurer Ordnung widerspricht. Und wenn auf alle eure Züchtigungen das Kind in seiner Freiheit statt besser immer schlechter und am Ende sogar eurer Ordnung gefährlich wird, sagt, was werdet ihr mit dem Kind dann tun? Werdet ihr nicht selbst sagen: „Treibe ich das Kind vom Haus, so wird es mit der Zeit zurückkehren und wird mir zur Nachtzeit, in seiner Bosheit sich rächend, das Haus über dem Kopf anzünden. Und da könnte die ganze Geschichte und meine häusliche Ordnung am Ende ein übles Ende nehmen. Daher will ich das Kind nicht vom Haus treiben, sondern ich will ihm die Hände und Füße binden, es in einem verschlossenen Gemach bei sparsamer Kost wohl verwahren und geduldig abwarten die Zeit, ob es nicht doch einmal reuig in sich gehen und zu meiner Ordnung zurückkehren wird.“
HIM|1|401115A|10|0|Seht, was ihr da getan haben würdet mit euren Kindern, dasselbe habe Ich auch getan mit dem, was aus Mir hervorgegangen ist. Fragt euch aber selbst: Habt ihr das Kind deswegen getötet in eurem Angesicht, wenn ihr es gerechtermaßen nur beschränkt habt in der missbrauchten Freiheit? Und wie ihr das Kind nicht getötet habt oder haben würdet, da ihr doch an und für sich samt und sämtlich böse seid, um wie viel weniger werde Ich, die ewige, alleinige Güte Selbst, etwas töten, was aus Mir hervorgegangen ist?! Da Ich lebendig bin, kann nichts Totes aus Mir hervorgehen, und da Ich übergut und liebevoll bin, so kann auch nichts getötet werden.
HIM|1|401115A|11|0|Nun werdet ihr fragen, was ist denn hernach „tot“, und was ist „der Tod“? Ich sage aber darauf: Tot an und für sich ist beziehungsweise nur dasjenige, was wohlabsichtlich der Freiheit beraubt ist, sich wider Meine Ordnung in seiner bösen Ordnung frei bewegen zu können. Und der Tod selbst ist demnach nichts anderes als eine Beharrlichkeit in allem dem, was wider Meine Ordnung ist. Und die Folge solcher Beharrlichkeit ist dann das nötigende Gericht, durch welches einem ordnungslosen Wesen Hände und Füße gebunden werden und sonach ein Gemach für dasselbe bereitet wird, in welches das ordnungswidrige Geschöpf eingesperrt wird, bis es, durch Reue in sich gehend, zu Meiner Ordnung wieder freiwillig zurückkehrt.
HIM|1|401115A|12|0|Was aber hernach das Leben ist, das brauche Ich euch wohl nicht mehr zu sagen; denn so ihr wisst, was der Tod ist an und für sich, so gibt sich das Leben von selbst.
HIM|1|401115A|13|0|Nun, da ihr dieses jetzt vernommen habt und auch daraus ersehen könnt, warum nur Ich allein sprechen kann und Mich die ganze Natur versteht, so könnt ihr hernach auch wohl begreifen, was die Jungfrau unsichtbar an der Quelle zu Meinem Knecht gesprochen hat.
HIM|1|401115A|14|0|So ihr aber ein so eingesperrtes Kind hättet, dessen Ich früher erwähnt habe, so frage Ich euch, wer kann denn allezeit mit dem wohlverwahrten Kind reden? Und ihr werdet sagen: „Wir gestatten es niemandem als nur uns selbst, mit demselben zu reden, damit fürs Erste das böse Kind nicht noch mehr verdorben werde, als es schon ist, durch irgendein unzeitiges, Barmherzigkeit heuchelndes Maul und zweitens, damit durch den bösen Mund des Kindes auch nicht irgendein geordnetes Herz zur Unordnung verleitet würde.“
HIM|1|401115A|15|0|So aber ein ehrlicher Mann zu euch kommen wird und wird sagen: „Vater, lass mich sehen dein widerspenstiges Kind, ich habe ein gutes Wort in deinem Namen in meinem Herzen für dein Kind gefunden. Daher lass mich zu selbem, damit ich es sehen und sprechen kann.“ – Und da wird der Vater sagen zu dem Freund: „Lass mich zuvor hören das Wort, und ich will dich dann führen zu meinem Kind und dir eröffnen das finstere Gemach desselben.“ – Seht dieser Vater bin auch Ich: Wer da zu Mir kommt mit einem redlichen, liebevollen Herzen und kommt zu Mir in Meinem Namen, so werde Ich ihn auch alsobald erkennen, dass er um Meines Namens willen zu Mir gekommen ist, um diesen Meinen Namen zu verherrlichen in sich und dadurch in allen Meinen Geschöpfen. Seht, zu dem werde Ich dann auch sagen: „Komme zu Mir, und Ich will dich darob führen in alle Gemächer Meiner Gefangenen und dir zeigen ihre Kerker und offenbaren deinem Herzen ihre Bosheit, damit sie sich stoßen sollen an der Treue deines Mir ergebenen Herzens und sollen daraus ersehen, was da besser ist, ein Freund oder ein Feind Meiner Ordnung zu sein.“
HIM|1|401115A|16|0|Seht, durch dieses Gesagte will Ich euch nichts anderes als das sagen, dass demjenigen, dem es vollkommen Ernst ist in seiner Liebe, dem es Ernst ist mit der Verherrlichung Meines Namens, dass er Mich nicht nur in Worten, sondern ganz ernst und wahrhaft in seinem Herzen liebt, hernach auch alsobald aufgeschlossen werden alle Gemächer Meiner unendlichen Schöpfung nach und nach. Und es soll ihm auch nicht ein Punkt tot und fremd sein, und sollen ihm aufgetan werden die Gemächer der Luft, die Gemächer des Erdreiches. Und er soll mit dem einen Auge schauen die große Welt der Geister und mit dem anderen Auge zu gleicher Zeit die Welt der Körper, damit er da gewahren könne, wie eins fürs andere da ist.
HIM|1|401115A|17|0|Jedoch wohlgemerkt, nicht eher soll das jemandem zuteilwerden – und würde er darum bitten Tag und Nacht – bevor es ihm nicht ganz vollkommen Ernst mit seiner Liebe zu Mir geworden ist. Denn das Himmelreich leidet allezeit Gewalt, und nur diejenigen werden es besitzen, die es mit der eisernen Gewalt an sich reißen. Diese „eiserne Gewalt“ ist aber keine andere als die Gewalt der Liebe. Denn die Liebe vermag alles!
HIM|1|401115A|18|0|So jemand aber unter euch sagen möchte: „Ja, ich möchte wohl alles tun und möchte mich verleugnen bis auf den letzten Tropfen Blut, wenn ich nur einmal auch etwas sehen oder vernehmen möchte, damit ich doch wissen könnte, ob an allen dem wirklich auch etwas daran ist!“ – Allein Ich sage euch auf eine solche Äußerung: Fürs Erste, hast du denn wirklich noch nichts vernommen? Wer gab dir denn das Licht der Augen, wer das Gehör? Und wer alle die übrigen Sinne? Wer gab dir ein Herz, zu lieben, und einen Verstand, zu denken? So du dieses nicht von dir empfangen hast, da du es, dir ersichtlich, besitzt, wie kannst du sagen, dass du noch nichts gesehen und vernommen hast?
HIM|1|401115A|19|0|Oder bist du nicht vielmehr selbst in deinem ganzen Wesen ein lebendiges Wort aus Mir? So du aber ein Buch liest und lässt das erste Wort weg, welches das bedeutungsvollste Wort ist, um welches Wort sich alle Worte im ganzen Buch drehen, wie willst du das übrige Buch des Lebens verstehen, wenn du das erste Wort im selben leichtsinnig unbeachtet lässt? Seht, ihr selbst seid das erste Wort in dem Buch des Lebens! Wollt ihr dieses Buch lesen, und zwar verständlich lesen, so müsst ihr dieses erste Wort zuerst vollkommen aussprechen, das ihr selbst seid, und dann erst die übrigen Worte im großen Buch, welche alle zur Erläuterung des ersten Grundwortes im selben geschrieben stehen.
HIM|1|401115A|20|0|Wie lautet aber dieses Wort? Dieses Wort lautet: „Liebe!“
HIM|1|401115A|21|0|Ja die Liebe ist euer Leben! Wollt ihr euer Leben durchschauen, so durchschaut eure Liebe, denn es ist eines und dasselbe – euer Leben oder eure Liebe. Was eure Liebe erfasst hat, dasselbe wird auch euer Leben erfassen! Hat eure Liebe sich selbst ergriffen, so habt ihr dadurch euer Leben auch selbst zum Sklaven gemacht. Da aber euer Leben nichts als eure Liebe selbst ist, so hat sich eure Liebe dadurch selbst Fesseln an Händen und Füßen angelegt und hat sich verkrochen in das finstere Gemach ihres Eigendünkels!
HIM|1|401115A|22|0|Hat eure Liebe aber Mich erfasst, der Ich das freiste Leben Selbst bin, so hat sie auch dadurch die höchste Freiheit erfasst und hat sich auch frei gemacht durch die allergrößte Freiheit Meines ewigen, einzigen und alleinwahren Lebens und wird selbst frei, so wie auch das Leben frei ist, welches sie ergriffen hat.
HIM|1|401115A|23|0|Seht, diese Vorbetrachtung ist notwendig, um das Nachfolgende zu begreifen. Ihr seid letzthin hinaufgewandert zu einer Quelle, die ihr den „Ursprung der Andritz“ nennt. Nun fragt sich, was habt ihr da gesehen? Ihr habt gesehen ein recht reines Wasser ganz ruhig aus der Erde hervorkommen. Und habt ihr auch wirklich nicht bedeutende Löcher in dem Boden bemerkt, aus welchen das Wasser, dem Innern der Erde entquellend, zur Oberfläche herauftritt, so habt ihr euch aber doch wenigstens denken müssen, dass dasselbe durch den Sand und anderes zerbröckeltes Gestein ganz leise durchsickert. Ferner habt ihr da noch gesehen ein eigentümliches grünes Kräutlein unter dem Wasser recht häufig wachsen. Ihr habt noch gesehen Steine und Fische, wie allerlei andere, euch bekannte Gegenstände. Doch alles dieses wollen wir für diesmal unbeachtet lassen, weil ihr fürs Erste das naturmäßig Wesentliche dieser Quelle durch Meine Zulassung schon ohnedies von der Quelle selbst empfangen habt, und weil fürs Zweite ohnedies an seinem Platz vom Wasser noch, wie von anderen Naturgegenständen, ausführlich gesprochen wird.
HIM|1|401115A|24|0|Was aber das sonderheitlich Nützliche dieser Quelle ist, so gebe Ich euch das kund, dass, so diese Quelle zu einem anständigen Badeort verwandelt würde, sie beinahe die Eigenschaft hätte wie einst der euch namentlich bekannte Teich bei Jerusalem, und es würden daselbst viele bresthafte und gichtische Menschen geheilt werden. Es gibt zwar viele Quellen, aber nicht allen diesen Quellen ist beständig ein schützender Engelsgeist beigegeben. Dieser Quelle aber ist – wie ihr schon wisst – ein solcher Geist gegeben. Und daher wohnt ihr auch eine besondere heilende Kraft inne! Das ist nun das naturmäßig Nützliche dieser Quelle.
HIM|1|401115A|25|0|Das geistig Nützliche aber ist das, dass jeder auf gleiche Weise still aus sich hervortreten soll durch kleine Mündungen, so wird er das Leben in sich nicht trüben durch eine törichte Heftigkeit und wird das Licht der Gnade ihn erleuchten können bis in den innersten Grund und wird sein ganzes Leben sein voll lebendiger Hoffnungen, wie dieser Quellengrund ist bewachsen mit schönen, hellgrünen Kräutlein. Und so werden sich auch seine demütigen Erkenntnisse gleich den munteren Fischlein in dieser Quelle in dem hellen Wasser seines Lebens frei nach allen Richtungen bewegen. Und es wird das schwache Schilf nur in seiner Äußerlichkeit vorkommen, aber die Tiefe seines Lebens wird frei sein, allezeit die Strahlen der Gnade bis in den innersten Grund aufzunehmen.
HIM|1|401115A|26|0|Aber euch soll der ganze weitere Verfolg (der Quelle) zeigen, dass wenn der Mensch zu sehr seine Kräfte ums tägliche Brot anwendet, so wird dadurch auch das Wasser seines Lebens immer mehr und mehr getrübt. So werdet ihr auch bemerkt haben, dass dasselbe höchst reine Wasser bei weitem nicht mehr so rein ist, nachdem es im Verlaufe von einer kleinen halben Stunde mehrere Mühlen in Bewegung gesetzt hat. Ihr werdet zwar sagen: „Ist es denn nicht recht, wenn man seine Kräfte nützlich anwendet? Oder ist es nicht recht, dass an diesem Bach mehrere Mühlen erbaut sind?“ – Oh, dawider habe Ich gar nichts einzuwenden – bis auf einige wenige Mühlen, auf denen kein weißes, sondern schwarzes Mehl des Teufels erzeugt wird. Auch dass ihr deswegen eure Kräfte nicht zum zeitlichen Wohl verwenden solltet, das will Ich damit auch nicht sagen, sondern will nur sagen, dass ihr sie gerecht nach Meinem Willen anwenden solltet.
HIM|1|401115A|27|0|Denn gleich wie der Quelle ihre Nützlichkeit schon in sich selbst zugeteilt ist, so ist sie auch jedem Menschen zugeteilt, wenn er sie nur erkennen und danach handeln will. Aber seine ihm verliehenen Kräfte für überflüssiges Zeug und sogar für schlechtes Zeug anzuwenden, seht, das ist:
HIM|1|401115A|28|0|an dem Bächlein eures Lebens auch nicht gar zu viele Mühlen, am allerwenigsten Pulvermühlen
HIM|1|401115A|0|0|zu errichten; so wird dasselbe stets so klar bleiben, wie es war vom Ursprung aus. Und wann es sich dann vereinigen wird mit dem Strom des ewigen Lebens, so wird es daselbst klar und rein, wie der Strom selbst, sich mit demselben vereinen und zuströmen dem Gnadenmeer Meines eigenen, ewigen, allerklarsten Lebens. Amen. Das sage Ich, euer Vater, euch zu einer kleinen, wohlgeordneten Lehre! Amen!
HIM|1|401115B|1|1|Eine kleine Morgenandacht. – 15. November 1840 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|1|401115B|1|0|O du heiliger Vater! Sieh mich armen Sünder gnädig an, wie ich in einer großen Armut des Herzens stecke. Mein Glaube wanket, meine Hoffnung sinket und meine Liebe wird schwach, so Du Dich nur einen Augenblick lang von mir abwendest, o heiliger bester Vater!
HIM|1|401115B|2|0|Wende daher ja nie mehr auch nur einen Augenblick Dein heiliges Auge weg von mir armem Sünder und behalte mich stets in Deiner wahrhaft allein nur seligmachenden Gnade, Liebe und All-Erbarmung! Amen.
HIM|1|401115B|3|0|Lass an jedem Friedensmorgen / mich um nichts als Dich nur sorgen, / lass mir mein getreu Gewissen / nicht vom Satan je versüßen.
HIM|1|401115B|4|0|Lass mich allzeit treu verkünden / Deine Gnade, – Liebe finden / lass, o Vater, stets mich Armen; / habe nur mit uns Erbarmen!
HIM|1|401115B|5|0|Lasse allzeit Deinen Willen / uns, die Kinder, treu erfüllen, / dass verherrlicht möchte werden / stets Dein Name hier auf Erden.
HIM|1|401115B|6|0|Und dass jeder möcht erfahren / und die große Gnad’ gewahren, / so lass alle Gnade finden, / und mit Liebe an Dich binden.
HIM|1|401115B|7|0|Amen, sag ich – Vater, Amen! / Amen, Heil durch Deinen Namen!
HIM|1|401119|1|1|Friedensgruß zum Geburtstag – 19. November 1840 [Festgarten]
HIM|1|401119|1|0|Solange noch zum geziemenden Empfang der weltlichen Gratulanten eher alle Fußböden im Haus der Welt gereinigt werden, als der einfache Boden des Herzens zu Meinem Empfang, kann Ich nicht erscheinen vor jenen, für die der Boden zuerst gereinigt worden ist. Denn Ich bin immer von ganzem Herzen demütig und sanfter denn eine Taube und harre oft ängstlich genug, als wie ein schwaches Kind, vor der Tür, sehe da die stolze Welt aus- und eingehen und getraue Mich nicht ins Zimmer zu treten in Meiner Ärmlichkeit vor solchen oft gar so prachtliebenden und weltlich majestätisch aussehenden Menschen.
HIM|1|401119|2|0|Da warte Ich dann geduldig trauernd so lange, bis ein solcher Rummel vorüber ist und auch die weltlichen Fußböden ein wenig abgeschmiert worden sind, wonach Ich Mich dann erst ängstlich getrauen kann, schüchtern einzutreten, um Meinen gnadenvollsten Wunsch am Tag der Eingeburt einer Mich im Stillen ein wenig liebenden Seele darzubringen.
HIM|1|401119|3|0|Liebes Kind, höre! Willst du Mich aber haben als ersten Gratulanten, dann wasche zuerst den Boden und fege das Gemach rein, da Ich eintreten möchte, und dann erst siehe auf den Fußboden deines Hauses zum geziemlichen Empfang der Welt. Denn füglich sollte der Vater wohl der Erste sein, auf den die Kinder Rücksicht nehmen, und Ihn sollten sie zuerst erwarten in der Liebe heiligem Ernst und daraus im lebendigen Glauben und vollsten Vertrauen.
HIM|1|401119|4|0|Denn siehe, wenn eine schöne Jungfrau unter vier Augen zu ihrem sie über alles liebenden Freier sagt: „Ich liebe dich unaussprechlich!“ – so sie aber in der Welt hohen Putzgesellschaft auf ihn mit ihren Augen stößt, eine ärgerliche Miene macht, und es ihr nicht recht ist, dass er ihr aus großer Liebe auch dahin gefolgt ist; und so der Liebhaber nun merken wird, dass ihn seine Geliebte in solcher Gesellschaft kaum eines gleichgültigen Blickes würdigt – was meinst du, wie bei einer solchen Gelegenheit dem redlichen, treuen Liebhaber um sein so heiß liebendes Herz wird? Ich sage dir, er wird über die Maßen traurig und am Ende ärgerlich werden. Und es dürfte die Jungfrau recht viel kosten, bis sie ihn wieder gewinnen wird. Und sollte sie mehrere Male so tun, dann dürfte er wohl kaum mehr zu gewinnen sein.
HIM|1|401119|5|0|Siehe, wenn aber schon ein weltlicher Liebhaber solches täte, der doch mehr tot als lebendig ist, so kannst du dir wohl auch denken, dass Ich, als der allerredlichste und getreueste Liebhaber, der Ich doch das unendliche, ewige Leben Selbst bin, bei fast ähnlichen Erscheinungen bei dir nicht ganz ungekränkt zusehen kann und darf, wenn du dann und wann, Meiner unbekümmert, mit der Welt konversierst und auch den Deinen nicht wohl zeigst den schmalen Weg zu Meinem Herzen.
HIM|1|401119|6|0|Du möchtest nur, dass Ich beständig zu dir kommen solle. Ich sage dir aber, es ist ein und derselbe Weg von Mir zu dir. Daher könntest du nach tausend Meiner Besuche bei dir, Mir, deinem Vater, schon auch einmal einen oder auch zwei Besuche ganz ernst in deinem Herzen machen!
HIM|1|401119|7|0|Siehe es hat mich gekränkt, dass du diesmal so spät nach Mir verlangtest! Der weltliche Freier zwar kann nicht ins Herz seiner Geliebten sehen. Ich aber sehe das deinige, und da es redlich geblieben ist, so komme Ich nun wieder zu dir. Nimm Mich auf, auf dass Ich dann auch dich aufnehmen kann in Meine große Gnade!
HIM|1|401119|8|0|Das ist der große Wunsch des ewigen heiligen Vaters, der Ich es bin, dein lieber Jesus, und im selben die Wiedergeburt und das ewige Leben in Mir, deinem lieben Jesus. Amen. Das sage Ich, dein lieber Jesus! Amen! Amen! Amen!
HIM|1|401120|1|1|Das einzig Gute und Wahre
HIM|1|401120|0|0|Suche nicht das da „schlechter“ oder „besser“ wäre auf des wirren Lebens matt erhellter Bahn; sondern denke: Eines ist nur gut und wahr, und das bin Ich und Meine Liebe! Alles andere ist eitel, schlecht und falsch.
HIM|1|401120|0|0|Wahre Nächstenliebe – 20. November 1840
HIM|1|401120|0|0|An Anselm H.:
HIM|1|401120|1|0|Die Nächstenliebe besteht nicht in den Augen, noch im Ton der Rede, noch in sonst etwas Äußerlich-Vergnügendem – sondern die wahre Nächstenliebe besteht lediglich im wahren Wohltun, besonders gegenüber solchen, von denen an keinen wie immer gearteten Gegendienst zu denken ist.
HIM|1|401120|2|0|Wo immer die Liebe noch einen anderen Nebengrund hat, da hört sie auf, eine wahre, reine Nächstenliebe zu sein und ist dann gleich einem gewässerten Wein, in dem keine Kraft, kein „Äther des Lebens“ mehr inne ist, sondern der ein „Panschicht“, eine Ware schlechter Gastwirte ist! Verstehe es wohl!
HIM|1|401120|3|0|Wer aber kann zweien Herren dienen!? Siehe, Ich und die Welt sind äußerst scharf begrenzte zwei. Daher lieber Mir, dem Einen, ganz gehören und dienen – da Ich durchaus keinen Nebenbuhler dulde!
HIM|1|401120|4|0|Wohlzutun ist also schon recht – aber nur in Meiner Ordnung! Amen.
HIM|1|401122A|1|1|Über das Atmen der Pflanzen – 22. November 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401122A|1|0|Nicht nur Pflanzen, ja sogar Steine atmen, jedes nach seiner Art.
HIM|1|401122A|2|0|So ihr die Tiere nach der Reihe durchgeht, so werdet ihr finden, dass jedes Tier atmet. Aber das Atmen ist jedem Tier eben auf eine solche Art eigen, wie die Art und Gattung dessen Selbständigkeit selbst bedingt. Denn anders atmet das Pferd, anders ein Stier, anders ein Hund, anders eine Katze, und so auf diese Art jedes vierfüßige Tier anders. Denn obschon das Atmen in nichts anderem als wie in dem Insichziehen und Wiederhinausstoßen der Luft besteht, von welcher immer der zum speziellen Leben eines Tieres nötige Stoff absorbiert wird und darauf der untaugliche alsogleich hinausgestoßen, so ist aber doch die Art und Weise verschieden, wie nämlich die Luft in sich gezogen, daselbst gleich zerlegt und das ausgeschiedene Unbrauchbare wieder hinausgestoßen wird.
HIM|1|401122A|3|0|Und so atmen denn wieder Amphibien, Würmer und Insekten ebenfalls; aber wie ganz verschieden ist das Atmen dieser kaltblütigen und sogar blutlosen Tiergattungen! Denn die Insekten haben kein Blut, sondern nur einen ihrer Beschaffenheit entsprechenden Saft, der sich beständig in einer hin- und herrollenden Bewegung befindet, durch welches Hin- und Herrollen denn auch die zum Leben solcher Tiere nötige Elektrizität in den Gefäßen entwickelt wird. Und wieder ganz anders ist das Atmen jener Tiere, die unter dem Wasser leben. Und da es der Tiere unter dem Wasser außerordentlich viele gibt in Hinsicht auf Art und Gattung derselben, so müsst ihr euch wohl denken, dass das Atmen wieder ebenso verschiedenartig ist wie die Verschiedenheit der Tiere selbst.
HIM|1|401122A|4|0|Seht, diese Fragen, die da gestellt sind, sind allerdings einer Beantwortung würdig. Aber es ist eine Grundfrage weggeblieben, ohne deren Beantwortung diese zwei Fragen nie können vollends zur gründlichen Einsicht der Menschen beantwortet werden, und diese Grundfrage ist folgende:
HIM|1|401122A|5|0|Warum atmen die Tiere, Pflanzen, Steine und alle Weltkörper? Seht, wenn man nicht einsieht, dass das Atmen und wie das Atmen notwendig ist zum Bestehen der Dinge, so nützt es einem nichts, zu wissen, ob und wie die Dinge atmen, da dieser Akt mit dem Auge nicht bemerkbar ist. Weiß man aber, warum geatmet werden muss, dann ist das Ob und Wie ja ohnedies schon so viel als beantwortet. Denn es ist schwerer die Notwendigkeit einzusehen, als das Ob und Wie.
HIM|1|401122A|6|0|Um aber dieses einzusehen, wollen wir uns zuerst nicht etwa über die Pflanzen und Tiere, sondern über einen Stein machen und sehen, ob dieser das Atmen nötig hat. Und werden wir’s finden, dass er es nötig hat, so werden wir doch auch sicher finden, dass er atmet. Und wie er atmet, wird sich dann wohl auch zeigen in der Notwendigkeit des Atmens selbst.
HIM|1|401122A|7|0|Nun seht, ihr sagt: Die Materie ist nichts als der Ausdruck zweier sich widerstrebender Kräfte, nämlich der Zentripetal- und Zentrifugalkraft, denn so nennt ihr diese Kräfte.
HIM|1|401122A|8|0|Das Bestehen dieser Materie hat demnach darin seinen Grund, dass die Zentrifugalkraft in demselben Grad der Zentripetalkraft entgegenwirkt in dem beständigen Bestreben, sich nach allen erdenklichen Richtungen endlos weit ausdehnen zu wollen, in welchem Verhältnis die Zentripetalkraft wieder das ganz entgegengesetzte Bestreben äußert und sich beständig in einem Punkt zusammenziehen will.
HIM|1|401122A|9|0|Nun, wenn besonders die Zentripetalkraft nicht durch das beständige Annehmen der sie umgebenden gleichartigen Hilfskräfte genährt oder unterstützt würde, so würde sie ja alsobald von der Zentrifugalkraft überwunden werden, wodurch sie dann auch zunichte würde und die Materie dadurch träte aus der Sphäre des Daseins. Daher hat alsdann der Stein, je welcher Art er ist, beständig die ihn umgebenden gleichartigen Teile in der Luft an sich zu saugen, das ihm ganz Gleiche zu behalten und dadurch die durch den gegenseitigen Kampf verbrauchten Teile zu ersetzen, und das Unähnliche aber vermöge der stets nach außen wirkenden Zentrifugalkraft wieder hinauszuschaffen, damit er das bleibe in seiner Art, als was er gebildet wurde. Obschon es dann und wann auch geschieht, dass selbst ein Stein gewisserart krank wird, wenn fremdartige Teile zu häufig mit den ihm eigentümlichen eingesaugt wurden, dass diese durch die gegenwirkende Zentrifugalkraft nicht wohl möchten wieder hinausgeschafft werden und der Stein dann in sich fremdartige Gebilde bekommt, als z. B. da man findet in einem oder dem anderen Stein sonstige Mineralien oder in einem unedlen Stein edlere Steine; oder, was von euch ein jeder schon öfter wird beobachtet haben, wenn sonst durchsichtige Kristalle, oder selbst Diamanten, gewisse undurchsichtige, moos- und federartige Partikeln in sich enthalten, welche doch gewiss nicht der Natur dieser sie enthaltenden Steine selbst sind.
HIM|1|401122A|10|0|Nun, wie geschieht denn eigentlich der Akt des Atmens bei den Steinen? Diese Frage liegt zwar schon zur Hälfte beantwortet in der Notwendigkeit des Atmens. Ein Stein atmet fürs Erste auf die tierische Art, nämlich durch die Inhalation und Respiration; das heißt, er zieht vermöge seiner groborganischen Bildung und seiner mit derselben verbundenen Eigenschaft beständig, das heißt unausgesetzt, ihm ähnliche Teile aus der ihn umgebenden Luft in sich. Und wie bei den Tieren die chemische Zersetzung erst im Körper selbst erfolgt, so erfolgt da diese Zersetzung schon auf seiner Oberfläche; weshalb mit der Zeit auch seine Oberfläche von einer ihm fremdartigen, andersfärbigen, dünnen Kruste überzogen wird, welche mit der Zeit bei größeren Steinmassen oft so stark wird, dass sie nach ihrer Art entweder ein eigenes Gestein bildet, oder je nachdem die ausgeschiedenen Teile sind, sich oft auch als ein pflanzenartiges Gewächs unter allerlei Formen ansetzt.
HIM|1|401122A|11|0|Seht, dieses könnte gewiss nicht geschehen, wenn der Stein nicht inhalierte und respirierte (d. h. ein- und ausatmete). Aber eben diese Erscheinung muss ja auch jedem auch noch befangenen Forscher auffallen. Denn sie sagt ihm ja klar: der harte Stein, der weder Feuchtigkeit noch irgendetwas zum pflanzenartigen Wachstum in sich enthält, wie z. B. der blanke Gebirgskies, wie kann der wohl um seinen ganzen Umfang oft einen Zoll dick mit ganz fremdartigen Gebilden umgeben sein, welche auf irgend anderen Körpern nicht in der Art zu treffen sind wie um ihn, wenn er nicht durch das Einatmen der ihm zusagenden Teile eben das in irgendeiner Luftregion ausgeschieden zurückließe, was hernach durch einen anderen Prozess zur Bildung der den Stein umgebenden fremdartigen Formen tauglich ist?
HIM|1|401122A|12|0|Denn es geschieht dasselbe, wie wenn ihr irgendeinen Körper eine Zeit lang in ein mineralisches Wasser legen würdet, so würde dieser Körper ebenfalls alsobald das ihm Zusagende davon in sich aufnehmen, und das ihm nicht Zusagende, aber doch zunächst ihn Umgebende, würde sich dann in irgendeiner salzartigen Kruste um den Körper anlegen.
HIM|1|401122A|13|0|Gleich wie z. B. euch die sonderbare Erscheinung ein sichtliches Probestück liefern kann, so ihr ein Zinkstängelchen nehmen würdet und selbes hineinhängen möchtet in ein Glas, welches angefüllt wäre mit aufgelöstem Blei. Was wird hier geschehen? Das Zinkstängelchen wird jetzt begierig einzuatmen anfangen und wird aus der Flüssigkeit das ihm Zusagende einsaugen. Das Blei aber, welches durch diese Flüssigkeit aufgelöst wurde, wird wieder kompakt ersichtlich um das Zinkstängelchen, nachdem es sich alsobald unter allerlei, man könnte sagen zufälligen Gebilden um dasselbe wohl ersichtlich angelegt hat. Seht, was durch dieses euch gezeigte Experiment sichtlich vor sich geht, das ist auch der Fall bei allen Mineralien.
HIM|1|401122A|14|0|Nun hätten wir denn auch gesehen, wie dieses Atmen geschieht. Aber nebst diesem in- und respirativen Atmen gibt es noch ein zweites und ein drittes Atmen.
HIM|1|401122A|15|0|Seht, das ist wieder etwas Neues. Nachdem ihr begierige Neuheitsschnapper seid, so muss Ich euch schon wieder etwas Neues auftischen. Denn Ich meine, es wird nicht mehr nötig sein, hinsichtlich des ersten Atmens noch lächerlich zu erörtern, ob die Steine atmen, nachdem ihr doch gesehen habt, dass sie fürs Erste atmen müssen und fürs Zweite, wie sie atmen. Wenn man nun diese zwei Grundbedingungen notwendig einsichtlich weiß, dann werdet ihr wohl selbst bemerken, dass es mit dem „Ob“ seine geweisten Wege hat. Und sonach gehen wir zu unserer Neuigkeit über.
HIM|1|401122A|16|0|Das nächste Atmen ist ein elektrisches Atmen. Dieses elektrische Atmen ist nichts anderes als das Aufnehmen des magnetischen Fluidums in sich, durch welches Fluidum die beiden sich oppugnierenden [gegenstrebenden] Kräfte gestärkt werden in ihrer Beharrlichkeit. Diese Beharrlichkeit ist wieder nichts anderes als der sichtbare Ausdruck der gegenseitigen Polarität, und das zwar darum sichtbar, weil, wie ihr schon ohnedies hoffentlich ein wenig wissen werdet, die Materie in ihrer Erscheinlichkeit nichts anderes ist als die Polarisation der sich entgegenstrebenden Kräfte selbst.
HIM|1|401122A|17|0|Diese Polarisation ist dann gewisserart das Leben der Materie, welches solange fortwährt, so lange die Polarisation sich als Beharrlichkeit der gegenstrebenden Kräfte in der Materie ausspricht.
HIM|1|401122A|18|0|Wird durch was immer für einen bestimmten Umstand eine oder die andere Polarität in ihrer Beharrlichkeit gestört, alsdann verwittert die Materie und zerfällt endlich in Staub, welcher Staub selbst nur so lange als solcher existiert, solange in seinen Partikeln noch irgend Polarität vorhanden ist, geht aber endlich aus diesem letzten Dasein in ein anderes über, sobald die Polarität gänzlich eine andere Richtung durch irgendeinen Umstand zu nehmen genötigt wurde.
HIM|1|401122A|19|0|Jedoch was die dritte Art des Atmens anbelangt, davon soll bei einer nächsten Gelegenheit nähere Meldung geschehen. Und darüber sage Ich hier nur so viel: Da ihr schon ohnedies wohl wisst, aus einem anderen Gesichtspunkt, als von dem der Gelehrten der Welt, was und wozu eigentlich die Materie ist, so müsst ihr ja ohnedies euch wohl denken, dass wenn die Materie, woraus das Haus gebaut ist, notwendig atmen muss, um als solche zu bestehen, und sich in selber, durch das zweite Atmen, die zur Existenz der Materie nötige Beharrlichkeit der Polarität aussprechen kann, dass dann doch gewiss die Einwohner in diesem Haus nicht atemlos sein werden.
HIM|1|401122A|20|0|Ihr werdet doch verstehen, welche Bewohner hier verstanden werden. Nun da wir sogar die Steine haben schnarchen gehört, so wird es gewiss ein noch viel Leichteres sein, die viel organischere Pflanzenwelt in einer und derselben notwendigen Ein- und Ausatmungssphäre zu belauschen.
HIM|1|401122B|1|1|Über das Atmen der Pflanzen (Fortsetzung) – 22. November 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401122B|1|0|Seht, eine Pflanze, wie ihr im Allgemeinen wisst, vom Baum bis zum Gras, besteht aus einem untersten Teil, der allezeit in der Erde steckt und der Wurzelteil der Pflanze ist, welcher Wurzelteil ist gleich einem Fuß, auf dem die Pflanze steht. Und zugleich aber ist auch dieser vielästige Fuß ein barer Polyp, welcher mit seinen Füßen die Nahrung durch tausend Saugrüssel in sich saugt.
HIM|1|401122B|2|0|Auf diesem untersten Teil steht der Stamm mit selbem in organischer Verbindung über der Erde, der da gleich ist dem Leib der Tiere, in welchem sich der Hauptmagen zur Verdauung der in sich genommenen Speisen befindet, neben welchem Hauptmagen freilich noch, wie in jedem anderen tierischen Körper, viele tausend kleine Nebenmägen sich befinden, von denen jeder die vom Hauptmagen aufgenommene Speise wieder zu etwas anderem verdaut. Es ist hier nicht der Ort, um alle diese Nebenmägen in der Ordnung ihrer Verrichtung aufzuzählen, sondern es soll unterdessen eurem eigenen Nachdenken überlassen sein, darüber eure Denkkraft in der Liebe zu Mir zu schärfen.
HIM|1|401122B|3|0|Und so sehen wir, was auf dem Leib der Pflanze noch weiter zum Vorschein kommt, nämlich nichts anderes als das, was ihr schon so ziemlich oft werdet gesehen haben, nämlich die Krone des Baumes oder der Pflanze, in welcher Krone sich der Baum oder eigentlich der Stamm selbst vervielfältigt und ausläuft in die kleinsten Zweige, was auch bei den Pflanzen samt und sämtlich mehr oder weniger der Fall ist.
HIM|1|401122B|4|0|Nun, das ist einmal das Bild der organischen Pflanze.
HIM|1|401122B|5|0|Bei den meisten Pflanzen werdet ihr mehr oder weniger im Stamm selbst oder aber doch im Stiel der Blätter oder Zweige einen ganz hohlen Raum entdeckt haben, der mit keiner Flüssigkeit, sondern bloß nur mit Luft angefüllt ist, welche Luft jedoch nicht ganz gleichartig ist mit der äußeren, die Pflanze umgebenden atmosphärischen Luft, sondern gleichartig ist und entsprechend der jedesmaligen Beschaffenheit der Pflanze selbst, wie z. B. die Luft in der Blattstielröhre einer Kürbispflanze. Nun, dass ihr da Luft darinnen findet, wird wohl niemand von euch bezweifeln. Wie ist denn aber da die Luft hineingekommen?
HIM|1|401122B|6|0|Seht, das ist schon beantwortet in dieser Frage selbst – dass nämlich die Pflanze die Fähigkeit in sich haben müsse, die Luft an sich zu saugen – denn sonst könnte wohl nicht leichtlich diese eigentümliche Luft selbst hier vorhanden sein, wovon euch aber schon eure Nase belehren muss, so ihr eine solche Röhre abschneidet und dann die in derselben befindliche Luft eurer Nase näher bringt.
HIM|1|401122B|7|0|Dass also diese Luft nur durch die Einatmung in der Pflanze vorhanden ist, beweist noch das, dass, so ihr die Pflanze, wenn sie noch lebt, ausreißt aus der Erde und sie legen möchtet auf ein Feuer, ihr beim Verbrennen dieser Pflanze alsobald gewahr werdet durch das blasende Gezische, dass Luft in derselben vorhanden ist. Denn wäre keine Luft vorhanden, so würde die Pflanze ohne Gezische und Geprassel verbrennen wie ein in Öl getauchter Faden.
HIM|1|401122B|8|0|Da würde ein Naturforscher sagen: Ja, diese Luft kann allerdings auch durch die Poren dahin dringen. – O ja, sage Ich, und sage noch dazu, dass sie das tun muss. Denn wenn die Pflanze so verschlossen wäre, dass sie nicht irgend auch allerfeinste Poren hätte, sagt, wodurch soll denn die Luft hineindringen, selbst dann, wenn die Pflanze ihre Atmungsfähigkeit noch bedeutend sichtbarer äußern würde als irgendein Tier!?
HIM|1|401122B|9|0|Wenn man z. B. euch Mund und Nase verstopfen würde, wodurch wird wohl Luft in eure Lungen dringen nach dem Bedarf, als ihr derselben nötig habt zum Leben!? Und da eure zwei größeren Mund- und Nasenporen offen sein müssen, wenn ihr atmen sollt, so werdet ihr doch auch nichts dawider haben, wenn eine Pflanze auch irgend mit Poren versehen ist, durch welche die Luft in sie dringen kann nach ihrem speziellen Bedürfnis. Und ihr werdet nun diese Fähigkeit der Pflanze umso weniger beneiden, da sie mit dem Atmen viel ökonomischer ist als ihr.
HIM|1|401122B|10|0|Denn während ihr doch alle Sekunden aus- und einatmet, atmet die Pflanze nur zweimal im Tag, und zwar geschieht der Einatmungsprozess zur Tageszeit und der Ausatmungsprozess zur Nachtzeit; da wird dann die atmosphärische Luft, nach dem Bedürfnis der Pflanze, durch die Poren, ja bei einigen Pflanzen sogar durch eigens dazu bestimmte Kammern, langsam durch den ganzen Tag über in sich gezogen. Zur Nachtzeit aber, wenn der chemische Prozess vor sich gegangen ist und die Pflanze das ihr Zusagende absorbiert hat, so wird der jeder Pflanze überflüssige nicht zusagende Kohlenstoff mit anderen ebenfalls der Pflanze nicht zusagenden Stickteilen hinausgestoßen, welcher Ausstoßungsprozess dann also lange wieder fortdauert, wie am Tag der Einatmungsprozess gedauert hat.
HIM|1|401122B|11|0|Nun, da hättet ihr denn das Atmen der Pflanzen, dass es wirklich vor sich geht. Warum es vor sich geht, ist schon gesagt beim Stein. Denn es ist ein und derselbe Grund.
HIM|1|401122B|12|0|Jedoch wie die Pflanze atmet, das ist etwas anderes. Obschon selbst auch bei der Pflanze der nämliche Grund als bewegende Ursache des Atmens vorhanden ist, so wird es aber doch durch ganz andere, dem Organismus der Pflanze entsprechende Mittel erreicht, als wie bei der anderen, ganz plump organischen Materie.
HIM|1|401122B|13|0|Fürs Erste müsst ihr wissen, um das Wie recht zu verstehen, dass das Atmen nicht eine so ganz einfache Verrichtung ist, als es sich dem Äußeren nach zum Beschauen darbietet. Sondern da ist ein Atmen immer die Folge eines anderen, vorhergehenden Atmens.
HIM|1|401122B|14|0|Zum Beispiel, so ihr einen Doppelblasebalg zur Hand nehmt und zieht ihn auf mit der Hand, so wird die Luft in dem unteren Blasebalg in den oberen gedrückt. Sobald der untere Teil wieder losgelassen wird, schöpft er neuerdings wieder Luft. Und so ihr ihn wieder drückt, so wird diese hineingeschöpfte Luft wieder in den oberen gestoßen. Aber sagt, hätte das der Blasebalg auch für sich allein verrichten können, ohne dass ihn irgendeine bewegende Kraft zu dieser Verrichtung genötigt hätte? Nein, wird selbst der blindeste Verstand sagen, solches geht nicht an.
HIM|1|401122B|15|0|Wenn Ich nun also frage, welche bewegende Kraft setzt denn die Pflanze in ihrem Organismus in den Stand, dass sich die Organe in ihr verhältnismäßig erweitern und dadurch die Luft in sich gleich einem Blasebalg einsaugen? Da werdet ihr sagen: Das ist ja eben der Punkt, wo es bei uns noch hapert! – Allein ihr sollt von eurer Haperei sogleich befreit werden, müsst aber zuvor einen sorgfältigen Blick werfen auf die zahllosen, oft kleineren und oft größeren rauen Spitzchen, welche sowohl den Stamm oft ganz, besonders aber die untere Seite der Blätter voll anfüllen.
HIM|1|401122B|16|0|Seht, diese Spitzchen sind nichts anderes als lauter Elektrizitäts-Sauger, und sie saugen begierig dieses polarische Fluidum den ganzen Tag über in sich, und zwar am Tag das Positive dieser Polarität. Durch dieses Insichsaugen der positiven Elektrizität, welche entspricht der Zentrifugalkraft, da sie in sich eine Fülle ausspricht, werden auch die Organe ausgedehnt, wodurch dann die Räume größer und größer werden und die Luft durch die Poren notwendig in sich saugen müssen.
HIM|1|401122B|17|0|Zur Nachtzeit aber ändert sich auch die elektrische Polarität und strömt durch die Spitzen oder entladet sich, wie ihr zu sagen pflegt, wodurch dann die Organe wieder enger aneinander treten und die durch die Polarität der Elektrizität selbst ausgeschiedene, unbrauchbare Kohlen- und Stickluft hinausstoßen, welche zwei Luftarten eben auch der negativen Polarität entsprechen.
HIM|1|401122B|18|0|Nun, da habt ihr die aufgelöste Haperei. Nun werdet ihr sagen: Jetzt haben wir’s! – Ich aber sage: Ihr habt es zwar wohl, aber eine Hauptsache geht uns noch ab. Und diese ist folgende: dass namentlich diejenigen Pflanzen, die da fortbestehen über den Winter, als dergleichen sind Gesträuche und Bäume, wie auch einige niedere Pflanzen, die dem Botaniker wohl bekannt sein werden, noch ein großartigeres periodisches Atmen haben, und das zwar im Verlaufe von einem Jahr, und zwar meistens in den Tropenländern, einmal ein und einmal aus geschieht. Das heißt, durch den Sommer hindurch geschieht mit dem täglichen speziellen Atmen auch immerwährend das Haupteinatmen, und zwar auf folgende Art:
HIM|1|401122B|19|0|Es geht durch jeden speziellen Atemzug ein solcher Prozess in dem Organismus des Baumes vor, dass, abgesehen von dem natürlichen Verbrauch der eingeatmeten Luft, immer noch etwas von dieser Luft in dem Organismus zurückbleibt, durch welchen Rest der Baum durch den Sommer hindurch ganz besonders sein Wachstum im Umfang befördert; sodann wird der nicht verbrauchte, bedeutende Rest wieder hinausgeschafft, dessen Herausschaffung teils durch die grobe Rinde selbst, teils aber auch an dem an demselben häufig entstandenen Moos ersichtlich wird.
HIM|1|401122B|20|0|Wenn nämlich dieser Luftrest durch die Poren vermöge der allgemeinen Bewegung der Organe zur Winterszeit allenthalben hinausgepresst wird, so könnt ihr euch wohl leicht denken, dass diese Luft durch die längere Gegenwart in dem Organismus des Baumes nicht ganz rein geblieben ist. Wenn sie nun wieder heraustritt in die freie atmosphärische Luft, so muss sie, bevor sie von selber aufgenommen wird, durch einen eigentümlichen chemischen Prozess das ihr Uneigentliche an der Rinde oder am Stamm entweder in der einen oder anderen Form absetzen, wodurch dann auch die grobe Rinde selbst wie auch das Moos auf derselben gebildet wird.
HIM|1|401122B|21|0|Seht, das ist nun das große periodische Atmen solcher Pflanzen; denn, dass es vor sich gehen müsse, dafür spricht ja das Bestehen einer solchen Pflanze selbst. Und die besprochenen Erscheinungen bürgen ja lautschreiend für die Wahrheit dieser Offenbarung.
HIM|1|401122B|22|0|Aber, dass der Baum noch ein viertes Atmen habe, wie die Tiere ein fünftes und sechstes und der Mensch ein zahlloses – dieses zu erörtern ist fürs Erste hier nicht der Platz, wie es auch noch zu früh wäre für das schwache Verständnis eures Gemütes. Jedoch zu seiner Zeit wird euch alles in der Überfülle gegeben werden. Denn dieses hier Gesagte ist kaum ein Sonnenstäubchen zu der Unendlichkeit, was da noch zu sagen wäre selbst nur von einem Sonnenstäubchen.
HIM|1|401122B|23|0|Obschon es zwar in Mir und für Mich nichts Unendliches und nichts Ewiges gibt, da Ich Selbst unendlich und ewig bin, so ist aber doch alles Unendliches in sich bergend, da es Mich Selbst in sich birgt. Denn, wo wäre das Ding, das außer Mir wäre und Mich nicht in sich trüge? Was aber Mich in sich trägt, trägt Unendliches in sich und kann daher auch für das endliche Wesen niemals endlich besprochen werden.
HIM|1|401122B|24|0|Daher könnt ihr auch versichert sein, dass Ich für diejenigen, die Mich lieben, noch allezeit für alle Ewigkeiten im Hintergrund Unendliches verborgen habe, und dass diejenigen, die zu Mir in die Schule gehen, in alle Ewigkeit nicht auslernen werden.
HIM|1|401122B|25|0|Denn je mehr da einer erkennen wird, desto mehr wird ihm noch immer zu erkennen bleiben. Daher wird es in Meinem Reich auch keine Gelehrte geben. Und da wird nie jemand können die Rigorosa zur Doktors-Würde nehmen; denn da wird es stets heißen:
HIM|1|401122B|26|0|Wir bleiben ewig Schüler, und all unser Erkennen und Wissen ist nichts als ein eitles Stückwerk gegen die Allwissenheit unseres Vaters!
HIM|1|401122B|27|0|Seht, daher seid froh und voll guten Mutes! Wenn ihr auch nicht alles wisst, so wisset ihr aber doch, dass Mir nichts unbekannt sein kann. Und wisset noch dazu, dass euch alles gegeben wird, um was ihr Mich, euren heiligen Vater, bitten werdet. Amen. Das sage Ich, euer wohlweiser Vater. Amen.
HIM|1|401124|1|1|„Die Heiligen der letzten Tage“ – 24. November 1840
HIM|1|401124|0|0|O Herr! Was ist an der Sekte, die sich nennt: „Die Heiligen der letzten Tage“, deren Mitglieder im Besitz von Wunderkräften sein sollen und großenteils nach Amerika auswandern?
HIM|1|401124|1|0|Was diese Sekte betrifft, die da sich nennt: „Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“ so ist nicht so viel dran, wie ihr meint. Denn sie nennt sich „heilig“, und doch bin nur Ich allein heilig!
HIM|1|401124|2|0|Wenn da aber jemand geheiligt wird in Meinem Namen, so ist er darum noch nicht selbst „heilig“, auch wenn er mit Mir durch die reinste Liebe völlig eins werden möchte. Dann wäre er nur im Allgemeinen heilig – im Sonderlichen aber bleibe nur Ich allein heilig – und er geheiligt durch Mein lebendiges Abbild in ihm.
HIM|1|401124|3|0|Also seht, wer sich „heilig“ nennt, wenn auch um Meines Namens willen, der verherrlicht nicht meinen Namen, sondern er tut nur also, auf dass sein Name möchte verherrlicht werden durch den Meinen. Und wenn er auch preist Meinen Namen, so preist er ihn vielmehr darum, dass er selbst Ehre und Heiligkeit für sich finden möchte durch die Preisung der Heiligkeit Meines Namens. Seht, solche „Heilige“ stehen Mir nicht wohl zu Gesicht!
HIM|1|401124|4|0|Und dann fragt es sich weiter: wo steht es denn geschrieben, dass jemand des Heils willen nach Amerika auswandern soll, um dort, der größeren Gesetzlosigkeit wegen, bequemer und ungehinderter zu leben? Ich sagte doch allezeit: „Das Himmelreich leidet Gewalt; die es nicht mit Gewalt an sich reißen, werden es nicht besitzen!“ – und habe noch nie gesagt: Das Himmelreich leidet Bequemlichkeit; die es mit Bequemlichkeit an sich reißen, werden es besitzen!
HIM|1|401124|5|0|Wer zu Mir kommen will, braucht nicht nach Amerika zu wandern, sondern nur in sein eigenes Herz! Und hat er selbiges recht gereinigt durch die wahre Liebe und den lebendigen Glauben daraus, dann wird er Mich gar wohl finden, und das viel näher als in Amerika.
HIM|1|401124|6|0|Die aber schon meinen, Mich gefunden zu haben, und sich darob „Heilige“ nennen und nach Amerika wandern, um Mich gleichsam besser verwahren zu können, wahrlich, die haben noch wenig Festigkeit und werden sie in Amerika sicher noch weniger finden. Denn wer da sich schon fürchtet, in seiner angewohnten Heimat weltlich vom Geist abgezogen zu werden, wie wird der wohl bestehen in einem fremden Weltteil, wo ihn tausend Merkwürdigkeiten und Bedürfnisse treffen werden!?
HIM|1|401124|7|0|Daher ist an dieser „heiligen“ Sekte nicht so viel daran, wie ihr meint. Seht, den Mitgliedern dieser Sekte schmeckt der Gehorsam gegen ihre Monarchen nicht. Darum wollen sie nach Amerika ziehen, allda ein Freistaat ist, da fast jeder herrschen möchte, aber keiner gehorchen; denn jede Republik gleicht allezeit mehr oder weniger der Hölle, welche im allerstrengsten Sinne eine Republik ist.
HIM|1|401124|8|0|Was aber die „letzten Tage“ betrifft, so habt ihr mit dem „Ende aller Zeiten“ nichts zu schaffen, sondern nur mit der Zeit, in der ihr lebt. Denn das ist eines jeglichen „letzte Zeit“. Darum wacht in dieser und seid emsig in der Liebe, damit diese Himmelskraft euer Anteil werde ewig! Amen.
HIM|1|401125|1|1|Gehorsam, Kirche, Rose – drei Worte im geistigen Licht – 25. November 1840
HIM|1|401125|1|0|O Herr! Da wären drei inhaltschwere Worte! Möchtest Du sie mir nicht in Deiner großen Liebe gnädig enthüllen zum leichten Verständnis der Ansagerin W. H. und ihrer Geschwister – da sie, obschon noch sehr jung, doch aber, wie es deinem sündigen Knecht vorkommt, dann und wann schon so irgendeine kleine Sehnsucht nach Dir bekommt. O Herr! So es Dein heiliger Wille ist, erhöre diese kleine Bitte Deines unnützen, faulen Knechtes und lass Mich nicht zuschanden werden in der Verherrlichung Deines über alles erhabenen, mächtigen, heiligen Namens!
HIM|1|401125|2|0|Nun so schreibe denn!
HIM|1|401125|3|0|Weißt du noch den kurzen Satz, den Ich dir gestern Abend im Hierhergehen mitgeteilt habe? Siehe, du hast ihn zur Hälfte vergessen! Daher ist es nötig, dir denselben wieder ins Gedächtnis zu rufen, bevor dir deine Bitte gewährt werden mag.
HIM|1|401125|4|0|Dieser Satz aber lautete also: „Was blickst Du die Sterne so verwundert an und ängstigst dich deiner Seele? Was denkst du, was willst du, was ist’s, das du wissen möchtest? Liebe! – so wirst du erfahren, was du nicht weißt und wissen sollst.“
HIM|1|401125|5|0|Siehe, wie du gestern blind und seufzend die Sterne angeschaut hast und wusstest nicht, wer der „Hausherr“ ist – ebenso schaust du heute diese drei, von dem erwähnten Mädchen dir vorgelegten Worte an und weißt nicht, was daraus werden soll.
HIM|1|401125|6|0|Siehe, du hast dir eher das Thema erbeten, als bei Mir die Erlaubnis, dass du so etwas tun möchtest! Wäre Ich ehrgeizig gleich den Menschen, so würde Ich dich diesmal im Stich sitzen lassen, damit du gewahren mögest, ein wie großer Tor du bist!
HIM|1|401125|7|0|Allein da Ich nicht bin wie die Menschen und du dir nichts zugutehältst ob deiner außerordentlichen Dummheit, so will Ich dir ja wohl allezeit sagen, woran dir redlich gelegen ist, damit du es wissen mögest zum Nutzen der anderen.
HIM|1|401125|8|0|Siehe, „Gehorsam“ ist der Weg in die wahre, lebendige Kirche, welche ist Mein lebendiges Wort, geschrieben und ausgesprochen von Ewigkeit in jedes Menschen und Engels Herz.
HIM|1|401125|9|0|Die „Rose“ aber besagt, die reinste, wohlduftende Liebe zu Mir aus der Kirche des Herzens. Wie aber die Meisterblume wächst auf dornigen Gesträuchen, so ist auch der Weg in die wahre Kirche, als den Ort, da Meine Gnade einzig und allein nur zu Hause ist, ebenfalls ein etwas dorniger. Aber eben darum ist auch dann die reine Liebe, deren Wurzeln im Garten des kindlichen Gehorsams dem dornigen Strauch wohlgedeihliche Nahrung zuführen, das höchste, schönste und heiligste Gut – ja, sie allein ist das ewige, seligste Leben selbst. Und wer nicht diese Königsblume geistig in seinem Herzen tragen wird, wird schwerlich eingehen in das große, ewige Reich der Himmel.
HIM|1|401125|10|0|Gehorsam ist also der Garten. Das Leben im Gehorsam sind die guten Rosenstrauchwurzeln. Obschon noch in der dunklen, lichtlosen Erde, sind diese aber doch die Hauptträger des Strauches und endlich der Blüte selbst. Die Kirche aber gleicht dem dornigen Strauch. Und es sind die Dornen daran all die Freiheitsprüfungen und mannigfachen Versuchungen der Welt, aber zugleich auch die Feuersauger der Liebe, wie die wirklichen Dornen am Rosenstrauche Sauger des elektrischen Feuers sind. Die Rose aber endlich ist das schöne Symbol der Liebe selbst!
HIM|1|401125|11|0|Also höre du, Meine liebe junge Erfinderin dieser drei Worte! Werde auch du eine Rose und werde als solche Meine liebe Tochter, damit dir dereinst klar werden möge das Rätsel, das dich noch gefangen hält am Weltlichen!
HIM|1|401125|12|0|Komme daher alsobald in Meinen Garten und erblühe daselbst zur herrlichen Blume des ewigen Lebens, da du wieder vernehmen wirst die gar heimlichen Klänge Meiner väterlichen Stimme!
HIM|1|401125|13|0|Was dir aber gesagt ist durch Meinen Knecht, das gelte auch deinen Geschwistern! Amen. Da sage Ich, euer aller liebevollster Vater, Amen.
HIM|1|401129|1|1|Reiseführung – 29. November 1840
HIM|1|401129|0|0|Schreibende: Andr. und Ans. H. – Der Herr sprach durch J. L. Nachstehendes aus Seiner Liebe:
HIM|1|401129|1|0|Es haben sich am gestrigen Tag zwei ohne Meinen Willen – in einem weltlichen Interesse – gegen Morgen verfügen wollen – obwohl es doch füglich gewesen wäre, dass wenigstens Mein Knecht Mich zuvor um Rat gefragt hätte, ob ein solches Unternehmen ersprießlich sein möchte oder nicht (da Ich doch nie zurückhaltend war mit Meinem Rat bei was immer für einer Gelegenheit!) So aber habe Ich wollen, dass ein solches Unternehmen nicht ausgeführt werden mochte, da es nicht gewesen wäre nach Meinem Willen, darin doch nur allein das wahre Glück allzeit und in allen Gelegenheiten zu finden ist – und ganz besonders für jene, welche schon mehr oder weniger den Weg gefunden haben dahin, wo Mein Wille sich treulich kund gibt, und zwar, wie ihr wisst, allzeit in wohlverständlichen und vernehmlichen Worten.
HIM|1|401129|2|0|Damit ihr aber auch wisst, warum Ich die zwei in ihrer Reise habe verhindern lassen, so will Ich euch anzeigen, dass Ich dadurch euch eine große Wohltat erwiesen habe. Denn es wären beide nicht mit gesunden Körpern wieder zurückgekommen.
HIM|1|401129|3|0|Da ein jeder Mensch, sei er gut oder böse, allezeit den freien Willen hat in seinem Handeln, so kann Ich auch den Bösen so wenig wie den Guten in seiner Handlung hindern. Und so wäre es denn geschehen, dass ihr auf dem Weg von Lebring (so nennt ihr den Ort) bis Straß (das ist der Ort, da ihr zu bleiben gedachtet) in die Hände eines bösen, sich dort aufhaltenden Gesindels gefallen wäret und hättet viel zu tun und zu kämpfen gehabt, um dieses Gesindel los zu werden; und hättet dadurch auch, vermöge des darob entstandenen Ärgers, geistigen Schaden gelitten.
HIM|1|401129|4|0|Um also für euch ein solches Ungemach zu verhindern, machte Ich nur ein Rad eures Wagens unbrauchbar, und zwar an einer Stelle, da links und rechts ziemlich weit und breit an keine Reparatur zu denken war – wodurch ihr dann genötigt wart, in eure sichere Heimat zurückzukehren.
HIM|1|401129|5|0|Seht, wer nicht beständig mit Mir wandelt, der geht gar oft seinem Unglück blind in die Arme und ahnt nichts von selbem, bis es ihn durch und durch gefangengenommen hat! So aber Ich mit bin auf irgendeiner Reise oder anderartigen Unternehmung, so werde Ich es nie zulassen, dass demjenigen, der an Meiner Seite wandelt, auch nur ein Haar gekrümmt werde!
HIM|1|401129|6|0|Und so diene euch auch das gestrige Erleben zu einem starken Beweis! Denn obschon ihr Mich nicht um Rat gefragt, auch nicht eigens gebeten habt, dass Ich euch dahin begleiten soll, so habe Ich aber euch doch nicht aus Meiner allzeit beseligenden Acht gelassen.
HIM|1|401129|7|0|Denn da Ich weiß, dass ihr hernach doch erkennen werdet, dass Ich jene nicht verlasse, die Mich zu suchen und zu lieben angefangen haben und sich treu bleiben in dieser Eigenschaft – so bin Ich auch stets bei solchen – ob gebeten oder nicht gebeten. Denn wer Mir freiwillig zugetan ist, dem bin auch Ich freiwillig zugetan.
HIM|1|401129|8|0|Ferner aber möchte Ich noch das bemerken (jedoch den freien Willen nicht im Geringsten beschränkend), dass es Mir in Hinsicht des verlassenen irdischen Weingartens, der noch dazu allen möglichen Elementar-Unannehmlichkeiten ausgesetzt ist, lieber wäre, wenn derselbe von Meinem Freund und Verehrer nicht angeschafft würde; sondern da soll dieser lieber zuerst Meinen Weingarten recht gut bearbeiten und zurichten. Und, so er will und Freude hat mit einem irdischen Weingarten, dann werde Ich ihm schon mit der Zeit einen anderen anzeigen, mit welchem er mehr Freude haben wird als mit diesem, der da angekauft würde mit einem Geld, das Ich nicht näher bezeichnen will. Und somit genug von dem!
HIM|1|401129|9|0|So ihr aber wollt und könnt, so könnt ihr euch nach eurer Zeit und Muße auf einen anderen Ort verfügen, und das zwar sobald als möglich. Und sorgt euch dabei nicht, ob die Zeit schön und hell oder trübe ist. Denn da wird gerade eine solche Zeit sein, wie sie sein muss, um euch wieder um eine sehr bedeutende Stufe höher zu heben.
HIM|1|401129|10|0|Und seid auch unbekümmert um die „Diätengebühr“, da Ich euch ja letzthin doch gewiss gut bezahlt habe, und zwar mit der allerechtesten und barsten Münze. War diese Münze nur eine blanke Silbermünze – so will Ich euch für dieses Mal eure Reise im Golde bezahlen. Und wie das Gold in seinem Adel über dem Silber steht, so wird auch diese Bezahlung über der für die Reise zur Kleinalpe sein.
HIM|1|401129|11|0|Denn damals wart ihr beschieden gegen Abend, jetzt aber seid ihr beschieden gegen Morgen; und damals war es eine gleichgültige Zeit, jetzt aber feiert ihr die bedeutende Zeit Meiner Ankunft! Und es soll diese Zeit bei dieser Gelegenheit euch nicht mit der bloßen Benennung, sondern werktätig zukommen.
HIM|1|401129|12|0|Nun werdet ihr fragen: „Aber wohin sollen wir denn eigentlich gehen?“ – Ich sage: Nicht gar weit! Denn seht, Ich habe zwei Punkte auserwählt, von denen der eine näher und der andere um drei Stunden weiter liegt. Doch wäre es Mir billiger, so ihr ein größeres Opfer brächtet und möchtet hinfahren an den Ort, allda ein Berg steht unter dem Namen Kulm. Jedoch so ihr dahin zu reisen, vermöge eurer Geschäfte, nicht hinreichend Zeit hättet, so könnt ihr euch auch verfügen auf einen Ort bei dem sogenannten Schloss Lustbichel allda auf einem ziemlich bedeutenden Hügel in derselben Richtung ein anderes kleines Schlösschen sich befindet, bei welchem etwas mehr am Abhang noch eine Kapelle steht.
HIM|1|401129|13|0|Wo ihr nun demnach hin wollt, da gebt wohl Acht auf alles, sei es auf der Erde oder in der Luft, sei es in der Nähe oder in der Ferne; vor allem aber auf eure Gefühle! Denn darinnen werdet ihr, so ihr an dem bestimmten Ort sein werdet, bei genauer Aufmerksamkeit wohl zu gewahren anfangen, was das heißt, in Meinem Namen etwas zu tun!
HIM|1|401129|14|0|Und Ich sage euch: Himmel und Erde werden vergehen, aber Meine Worte werden ewig bestehen – und das, was durch sie bestimmt wird, wird bestehen über alle Schöpfung hinaus! Denn da Mein Wort ausgegangen ist von Meiner Liebe, wie sollte es vergehen, solange die Liebe besteht, die solche Worte aus Sich hat gehen lassen?!
HIM|1|401129|15|0|Jedoch ganz anders verhält es sich mit all dem Geschaffenen, das da hervorgegangen ist aus Meinen Gerichten, die nur geschehen sind durch die Liebe, aber nicht aus der Liebe – und daher auch vergänglich sind wie die Gerichte, aus denen sie hervorgegangen.
HIM|1|401129|16|0|Das Gericht dauert nur eine Zeit. Denn die Zeit selbst ist nur ein Gericht. Die Liebe aber besteht ewig. Denn die Ewigkeit ist ja die Liebe selbst, und in ihr ist alles voll Liebe.
HIM|1|401129|17|0|In der Zeit wirkt die Liebe durch das Gericht und sänftet in selbem den Zorn(-eifer) Gottes. In der Ewigkeit aber ist die Liebe Siegerin über den Zorn(-eifer) und somit auch über alles Gericht. Und daher ist daselbst nichts als Liebe und die ihr entsprechende unendliche Seligkeit.
HIM|1|401129|18|0|So ich aber sage, dass diese Worte nicht aus Meinem Gericht, sondern aus Meiner Liebe zu euch gerichtet sind, so denkt auch, dass sie über alles Zeitliche ewig hinausragen werden! So ihr also könnt und wollt, so tut das Gesagte so bald als möglich! Denn es ist der allzeit euch mehr und mehr beseligende Wunsch eures großen, heiligen Vaters, der in allem ist die ewige Liebe und Weisheit Selbst. Amen!
HIM|1|401130A|1|1|Geburtstagsgratulation – 30. November 1840
HIM|1|401130A|1|0|Das Folgende lasse Ich durch den Knecht dir, Meinem sehr willigen Freund, Andr. H.-„Willig“ sagen, da Ich deinen Willen als bewährt gefunden habe!
HIM|1|401130A|2|0|Die Menschen wünschen sich zwar gegenseitig vielfach allerlei Glück, aber es bleibt auch gewöhnlich bei dem Wunsch nach der Weltmode, weil ihm kein wahres Wollen der Liebe, sondern nur eine blinde, weltliche Gewohnheit zugrunde liegt.
HIM|1|401130A|3|0|Da wünscht oft einer dem anderen (wenn es noch gut geht) alles ordentliche „Beste“ – in der sicheren Überzeugung, dass von all dem Gewunschenen nichts in Erfüllung gehen wird. Und es ist bei all seinen Wünschereien oft auch nicht ein Sonnenstäubchen ernster, der wahren Liebe entstiegener Wille – derjenigen hofsittlichen Gratulationen nicht zu gedenken, die vermittelst der gedruckten Papierchen, die ihr „Visitenkarten“ nennt, geschehen.
HIM|1|401130A|4|0|Fragst du, warum bei solchen Wünschen nie etwas Erfolgliches herauskommt, so sage Ich: Darum, weil der willenlose Wunsch nichts als eine heuchelnde, schmeichelnde Höflichkeit des kalten Weltverstandes und somit eine bare Lüge und absurde Narrheit ist.
HIM|1|401130A|5|0|Wie ist doch der Mensch ein großer Tor, der da zu einem Stein spricht: „Werde Gold!“! – Und siehe, doch wäre ein solcher Tor nur klein zu nennen gegen einen Gratulanten, der seinem Wünschling „tausend Lebensjahre“ wünscht, während er ihm das Leben auch nicht für eine Terzie verlängern kann und, fürs Zweite, ihn oft schon am nächsten Tag unter der Erde wissen möchte, um dadurch etwas zu gewinnen. Und so ist mancher, der da wünscht „Glück und Segen“, und in seinem Herzen ist er voll Ärgers – oder der da wünscht „Gesundheit und heitere Lebenstage“ und kennt oft den alleinigen Geber solcher Dinge kaum dem Namen nach. Oder ist da endlich noch einer, der spricht: „Ich wünsche Ihnen, was Sie sich selbst wünschen!“ – Weiß dieser Gratulant denn auch, ob das alles gut ist, was sich die Menschen in ihrer Eigenliebe wünschen!? Und so gratuliert die Welt sich denn beständig Unsinniges in ihrer finsteren Leerheit!
HIM|1|401130A|6|0|Aber höre, nicht also soll es bei euch sein! Statt solcher Tollheit sollen Meine Freunde sich gegenseitig in Meinem Namen voll Liebe im Herzen fragen: „Bruder, bedarfst du in irgendetwas meines Beistandes, so sage es mir offen, und ich will dich nach Möglichkeit meiner Kraft und meines Vermögens wohl unterstützen!“ Sage nicht: „– wenn du solches wünschst!“ – sondern sage, dass du selber dessen benötigst zur Ehre Gottes und zur Wohlfahrt deines Geistes!
HIM|1|401130A|7|0|Und hat dir der Bruder solches gestanden, so sei liebewillig und tue es unverzüglich, so wirst du das Herz deines Bruders erquicken. Und Ich, dein Vater, werde Freude haben ob solcher werktätigen Gratulation.
HIM|1|401130A|8|0|Und so du gratulierest, da gratuliere armen Hilfsbedürftigen – so werde Ich auch deine anderen Gratulationen, die du verrichten musst, um der Welt kein Ärgernis zu geben, mit gnädigen, nachsichtigen Augen ansehen.
HIM|1|401130A|9|0|Und so trete also anstatt des leeren Wunsches der volle, kräftige Wille auf im Herzen und anstatt der Gratulation die reine, uneigennützige Liebe – so wirst du erst ganz sein ein Mann nach Meinem Willen, welcher ist Meine unendliche Liebe zu euch!
HIM|1|401130A|10|0|Siehe, du hast schon so manches getan, was Mir wohlgefiel, und daher habe Ich dir auch schon einen neuen Namen gegeben, der da aufgezeichnet ist im großen Buch des Lebens. Und dieser Name sei dir am heutigen Tag deiner Eingeburt in das irdische Fleisch ein Geschenk als Name deiner Neugeburt im Geiste! Aber tue das Gesagte alles, so wirst du bald die große Freude der Wiedergeburt erleben!
HIM|1|401130A|11|0|Siehe, so ist Meine Gratulation geartet! Ich „wünsche“ nichts, sondern was Ich will oder liebe, das gebe Ich oder lasse es zu, dass es geschieht. Was würde wohl daraus werden, so Ich euch das Leben wünschen möchte und ließe es beim Wunsch!? Allein Ich wünsche nicht bloß, sondern Ich will – und so lebt ihr!
HIM|1|401130A|12|0|Es heißt ja aber, dass ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Nun denn, so tuet auch ihr, wie Ich, euer Vater, es will und selbst tue! Könnt ihr auch nicht tun, was Ich tue im Unendlichen, so tuet es doch im Kleinen! Dann werdet ihr sein gleich einem kleinen Kreis, der ja in all seiner Geringfügigkeit doch vollkommen gleich ist dem großen Kreis Meines unendlichen Wesens.
HIM|1|401130B|1|1|Erziehungswink (Fortsetzung) – 30. November 1840
HIM|1|401130B|1|0|Und nun höre, Mein lieber Andreas-Willig, schließlich noch: Es ist ein kleiner Wunsch von Mir dir gegenüber – und du weißt nun schon, was Ich unter „Wunsch“ verstehe, nämlich die Vereinigung Meines Willens mit dem euren – dass du deinen Kindern nicht zuchtlos den freien Willen lassen möchtest; sondern, was du sie lernen lässt, das sollen sie willig lernen aus Gehorsam gegen dich, und nicht ob es sie freue oder nicht. Sondern so du dies oder jenes für gut findest, so muss es auch ihnen gut und recht sein, weil es dir gut und recht ist. Und es wird dann auch wirklich daraus Gutes und Rechtes, so es geheiligt wird durch den Gehorsam. Sonst aber wird alles schlecht und unnütz.
HIM|1|401130B|2|0|Siehe, der Fehler bei aller Erziehung besteht gewöhnlich darin, dass die Eltern die Sache der Kinder für zu wenig bedeutend nehmen. Aber bedenke nur, wo bei Mir die Erziehung beginnt, von welcher Bedeutung Mir schon ein Sonnenstäubchen sein muss! Und nun denke dir, wie hernach erst ein Kind! So du das recht bedenkst, wirst du wohl leichtlich einsehen, warum die Erziehung der Kinder sehr beachtet werden soll!
HIM|1|401130B|3|0|Siehe, Mein lieber Willig, wandle stets emsig auf Meinen Wegen, und Ich werde dich ewig nicht aus Meiner Liebe lassen und werde allezeit sein dein guter, heiliger Vater und ewig dein größter, allergrößter Lohn. Amen.
HIM|1|401201|1|1|Fahrt nach Haberbach – 1. Dezember 1840
HIM|1|401201|0|0|Der Herr offenbarte durch Seinen Knecht über die Fahrt nach Haberbach bei Lustbühel und über das vom sogenannten Koppenhof aus Betrachtete Folgendes:
HIM|1|401201|1|0|Ihr werdet schon dann und wann und hie und da bemerkt haben, dass Ich euch manches mit ganz ordinären Worten und manches wieder mit Worten voll Kraft und Inhaltsschwere geoffenbart habe, und das zwar aus dieser folgenden Ursache: Je nachdem der Gegenstand und die Verfassung eurer Empfänglichkeit geartet war, darnach wurde auch das zu offenbarende Wort gerichtet, entweder hoch oder nieder.
HIM|1|401201|2|0|So ihr aber auf einen Berg geht, so seid ihr nach eurer Ansicht höher gekommen, als wenn ihr in der Ebene euch befunden hättet. Und es ist somit für euch wohl ein Unterschied, ob auf einem Berg oder im Tal. Denn von dem Berg blicken eure Augen weithin nach allen Richtungen, denn je höher der Berg, desto weiter der Gesichtskreis. Allein im Tal könnt ihr nur diejenigen Gegenstände anschauen, welche das Tal umschließen. Und so ihr in einen Brunnen steigen würdet, wie klein wäre da euer Gesichtskreis.
HIM|1|401201|3|0|Aber seht, nicht also ist es bei Mir! Denn für Mich gibt es weder irgendetwas Hohes, noch etwas Niederes und ebenso wenig auch etwas Enges. Daher ist auch alles, was Ich euch offenbare (ob mit hohen oder niederen Worten), gleich hoch und über alle Maßen erhaben. Gleich hoch darum, weil es derselben Quelle entspringt; und gleich erhaben darum, weil Ich, der Geber, im Allergrößten wie im Allerkleinsten gleich erhaben bin. Und so wird und kann Mein geringstes Wort in seiner Erhabenheit von den allererhabensten Gesängen der allervollkommensten Engel sogar in Ewigkeit nicht im Geringsten erreicht werden. Und so ist es einerlei, ob Ich in großartigen Sätzen oder in einer gewöhnlichen Alltagssprache etwas mitteile.
HIM|1|401201|4|0|Denn so ihr glaubt in euren Herzen, dass Ich es bin, der euch solche Dinge offenbart, so wird euch wenig an der Form der Mitteilung, sondern an der Mitteilung selbst gelegen sein, da ihr glaubt, dass nur Ich es bin, dem alle Wesen innerlich und äußerlich, ja bis ins Unendliche, bekannt sind.
HIM|1|401201|5|0|Aber das Einzige könnt ihr von dem Unterschied merken: So Ich in hoher Sprache rede, so rede Ich mehr aus der Weisheit, und die Liebe ist dann nur das Postulat. So Ich aber rede in eurer Alltagssprache, so rede Ich vorzugsweise aus der Liebe, und dann ist die Weisheit das Postulat.
HIM|1|401201|6|0|Und so rede Ich mit Weisen und Gelehrten der Welt aus Meiner ewig unerreichbaren Weisheit. Aber mit Meinen Kindern, die Mir lieb geworden sind, rede Ich lieber als ihr guter Vater in der ihnen mehr bekannten väterlichen Alltags- und Umgangssprache. Und es wird euch demnach auch gewiss lieber sein, dass Ich mit euch rede aus Meiner väterlichen Liebe, als dass Ich spreche hohe Worte der Weisheit.
HIM|1|401201|7|0|Jedoch so Ich auch hohe Worte spreche, so spreche Ich es der Welt willen; ihr aber könnt allezeit versichert sein, dass Ich nie anders denn als Vater mit euch reden werde.
HIM|1|401201|8|0|Es liegt aber in einem Wort der Weisheit nur die ausgesprochene Weisheit selbst darinnen und lässt keine niedere und höhere Weisheit mehr zu. Aber nicht so ist es mit dem Wort aus der Liebe. Denn jedes Wort aus der Liebe ist eine lebendige Frucht. Und da es eine lebendige Frucht ist, so liegt, wie in jedem Kern, Unendliches und ebenso unendlich Mannigfaltiges in ihm, das da nimmer vollendet erfasst werden kann in Ewigkeit. Seht, das ist also der Unterschied zwischen der höheren Weisheitssprache und der niederen Sprache der Liebe!
HIM|1|401201|9|0|In der Weisheit gebe Ich nur so viel, wie Ich gebe und wie jeder zu ertragen imstande ist; aber in der Liebe gebe Ich euch eine Unendlichkeit um die andere, wobei auch die höchste Engelsweisheit nie zu einer endlichen Lösung gelangen wird.
HIM|1|401201|10|0|Und nun steht es bei euch, in welcher Art ihr über euren gestrigen Ausflug belehrt werden wollt!
HIM|1|401201|11|0|Ihr seid also richtig dahin gegangen, wohin Ich euch beschieden habe, und habt alldort Verschiedenes beobachtet und gesehen sowohl auf der Erde rings um euch weit und breit, wie auch das, was euch nahe gelegen ist, und habt ebenfalls beobachtet das Wolken- und Nebelgebilde der Luft, hoch und nieder.
HIM|1|401201|12|0|Was aber euch zuerst aufgefallen ist, das war euer nachbarlicher Berg, den ihr „Schöckel“ nennt. Ihr werdet euch gewiss – denn Ich weiß es – gefragt haben: „Es sind doch weit und breit überall hohe Berge zu sehen, warum muss denn gerade dieser unser Nachbar so einen besonderen Wolken- und Nebel-Appetit haben, dass er fast alle in der Luft entstandenen Wölkchen wie ein Geizhals an sich zieht und dann dieselben in kleinen Dosen auch anderen Bergen gewisserart zukommen lässt, wenn er sich schon über Hals und Kopf satt gegessen hat?“
HIM|1|401201|13|0|Seht, eine solche Erscheinung hat gar viel zu bedeuten, namentlich aber besonders dann, so sie euretwegen von Mir irgend also angeordnet wurde. Um aber dieses Bild recht zu begreifen, müsst ihr auf alle dabei obwaltenden Umstände wohl aufmerksam gemacht werden.
HIM|1|401201|14|0|Fürs Erste steht der Berg von dort, da ihr ihn betrachtet habt, genau gegen Norden. Fürs Zweite ist er der höchste nachbarliche Berg. Und fürs Dritte hat er einen kahlen Scheitel, auf welchem ein Baumwuchs nicht mehr gut fortkommen will, weil zu wenig fruchtbare Feuchtigkeit daselbst ist. Und ferner muss noch bemerkt werden, dass fürs Erste nur der Fuß dieses Berges einigermaßen bewohnt ist. Die Brust ist hie und da ziemlich bewachsen mit unfruchtbaren Bäumen und zur Sommerszeit findet nur der Ochs ein mageres Futter daselbst und ein noch schlechteres Wasser zur Stillung des tierischen Durstes.
HIM|1|401201|15|0|Ferner habt ihr zuerst gesehen, wie nirgends sonst als gerade aus seiner Brust zuerst Wölkchen aufstiegen, und diese Wölkchen stiegen nicht zu seinem Scheitel, sondern es wartete eins das andere ab, vereinigte sich und bedeckte so die Brust des Berges, während der Fuß frei, wie der Scheitel bloß blieb.
HIM|1|401201|16|0|Und schließlich habt ihr noch gesehen, wie fast allenthalben in der Luft niederstehende Wölkchen sich bildeten und flohen, von einem frischen Morgenwinde getrieben, hin an die Brust dieses Berges; und als sie sich da in großer Masse gesammelt hatten, so erst stiegen sie dann von der Brust auch hinauf zum Scheitel und nahmen gleichsam denselben vollends gefangen.
HIM|1|401201|17|0|Nebst diesen Wölkchen, die niederer standen und vom Morgenwind geführt wurden, habt ihr in dem hochmütigen Westen auch hie und da, besonders über der Choralpe wie auch über der Stub- und Kleinalpe, ganz weiße, hochstehende Nebelstreifen gesehen und habt die Ebenen fast durchgehend mit einem bläulichen Nebel angefüllt erblickt. Seht, das ist nun alles, was ihr notwendig habt bemerken müssen.
HIM|1|401201|18|0|Aber nun fragt sich’s: Was will geistig dieses alles besagen? Oder was habe Ich euch damit sagen wollen? Einer von euch hat schon gestern beim Anblick dieses nachbarlichen Berges gesagt, als er dessen Brust umhüllt sah: „Mit der Liebe, da hapert’s denn noch immer!“ – Ja, es ist wahr, es hapert noch recht stark! Es kann aber auch nicht leichtlich anders sein, das sehe Ich wohl ein. Denn der Mensch kann sich nicht so schnell umkehren in seiner Natur, wie die Wäscherin einen Strumpf umkehrt. Aber nach und nach bei festem und gutem Willen und Meiner beständigen, starken Mithilfe wird sich schon alles fein geben.
HIM|1|401201|19|0|Und obschon es also, wie gesagt, mit der Liebe noch hapert, so hat aber doch das gestrige Bild nicht die Haperei der Liebe, sondern etwas ganz anderes angezeigt.
HIM|1|401201|20|0|Denn seht, es ist ein Unterschied, ob die Nebel aus der Tiefe oder aus Gräben und Schluchten der Berge sich zu entwickeln und emporzusteigen anfangen, und dann die Brust dicht umlagern, während der Scheitel frei bleibt; und wenn noch dazu solche Nebel vom Nordwind geführt werden, wie ihr ein solches Phänomen bei der Reise zum Fuß der Kleinalpe beobachtet habt, – und ein anderes ist es, wenn solche Nebel aus der Brust hervorkommen, dadurch eine ganze Legion von anderwärtig entstandenen gleichartigen Wölkchen an sich ziehen und dann erst in solcher Vereinigung den Scheitel gefangen nehmen.
HIM|1|401201|21|0|Nun, damit ihr dies begreift, so fangen wir bei Nr. 1 an. Der „Schöckel“ bedeutet bei jedem Menschen sein eigenes Naturmäßiges, und somit dem eigenen Geist Nachbarliches, welcher naturmäßige Mensch sich alsdann vermöge seiner nördlichen Stellung in sich selbst zu demütigen hat angefangen. Und wie dieser Berg zwar an und für sich immerwährend ein hoher Berg ist, so ist er in Anbetracht seiner hohen Nachbarn nicht viel mehr als nur ein bedeutender Hügel. Und wie er allezeit sich demütigen muss, sobald jemand eine Parallele über seinen Scheitel hinweg zu seinen Nachbarn zieht, ebenso beginnt auch die Demut bei dem Menschen, wenn er die hohe Welt neben sich erblickt und sich dabei doch selbst sagt:
HIM|1|401201|22|0|„Auch ich bin ein Mensch – warum sind diese Menschen höher denn ich? Und kann ich nicht werden wie sie, so will ich aber doch sein, was sie nicht sind und auch nicht leichtlich werden können, d. h. ich will demütig sein und will in meiner Demut mein inneres Feuer der Liebe werktätig anschüren. Und wenn dasselbe wird zu brennen anfangen, dann werden all die bösen Dünste durch das innere Feuer hinausgetrieben werden, und werden bedecken nach und nach meine Höhe, damit sie nicht erschaut werden möchte von einem Hohen mit ärgerlichen Augen.“
HIM|1|401201|23|0|Seht, so ist dieses Bild zu nehmen: Diese Nebel sind nicht ein Zeichen, als wäre eure Brust noch unbelebt so stark als sie früher einmal war, sondern sie sind ein Zeichen, da sie der Brust entsteigen, dass die innere Brust oder das Herz Feuer gefangen hat und dieses Feuer treibt solche Dünste aus sich und lässt sie offenbar werden in den hellen Strahlen der Sonne.
HIM|1|401201|24|0|Was tut aber die Sonne demnach? Da sie sieht, dass solches Gute der Berg in sich zu wirken angefangen hat und sieht, dass er sich demütigen will im Ernst, so zieht sie allenthalben solche Wölkchen zusammen und lässt sie durch den vielsagenden Morgenwind dahin führen. Und wenn sie sich daselbst angesammelt haben, so zieht sie die Sonne sogar über den Scheitel des Berges hinauf und nimmt denselben gefangen.
HIM|1|401201|25|0|Dieses will ja doch nichts anderes sagen, als dass Ich euch dadurch habe zeigen wollen, wie auch eure Liebe schon angefangen hat, solche Dünste aus sich zu schaffen und mittelst derselben, vermöge Meiner Gnadenbeihilfe, euren Verstand auf die Art gefangen zu nehmen, wie euch das Bild des Schöckels handgreiflich gezeigt hat.
HIM|1|401201|26|0|Nun seht denn, dass ihr euch gestern doch ein wenig geirrt habt, so ihr glaubtet, als hätte Ich euch schon wieder mit der Liebehaperei necken wollen.
HIM|1|401201|27|0|Jedoch, was das Verhältnis der anderwärtigen Gebirge betrifft, und als ihr dieselben mittelst eines Fernrohrs beobachten wolltet, so hielten sie euch vermöge der bedeutenden Luftschwingung nicht stich, sondern wurden zerrissen auf ihren nackten Kanten. Dieses zeigt die Bosheit der weltsüchtigen Menschen an, die, nur mit natürlichen Augen beobachtet, eine gewisse prunkende Ruhe heucheln; allein werden sie mit dem Fernrohr des Geistes dem inneren Auge nähergezogen, da zeigt sich dann alsogleich, wie es mit ihrer prunkenden Ruhe steht. Und wenn erst vollends der Abend ihres Lebens herannaht – davon hat der Knecht am gestrigen Tag vom hiesigen Schloßberg mit seinem Fernrohr das allersprechendste Beispiel gesehen, wo diese, für das natürliche Auge noch immer dieselbe Ruhe heuchelnden Berge so sehr von den Wellen der Luft zerrissen wurden, dass sie darob gar keinem Berg, sondern vielmehr einer stark wogenden Meeresfläche glichen, während der nachbarliche Schöckel in seiner Demut umhüllt blieb, und schon früher, als ihr noch am Ort eurer Bestimmung euch befandet, seinen Nachbarn von seiner Liebe etwas zukommen ließ und andere kleine Berge zur ähnlichen Nachahmung gewisserart aufmunterte.
HIM|1|401201|28|0|Was habt ihr aber gesehen heute? Die Erde mit dem Kleid der Unschuld bekleidet! Seht, das ist eine Folge. So werdet auch ihr, die ihr euch gedemütigt habt in euch selbst um Meiner Liebe und Meines Namens willen, nach der Nacht dieses Erdenlebens angetan werden mit dem Kleid der Unschuld!
HIM|1|401201|29|0|Denn wahrlich sage Ich euch: Der Sünder mag tun, was er will, er mag die Gebote strenger noch halten als der Mond seine Viertel und die Erde ihre Jahreszeiten, er mag beten bei Tag und Nacht und mag Buße tun auf glühenden Eisen und mag fasten und sich kasteien, dass alle Welt darob in das größte Erstaunen gesetzt würde, so sie sehen möchte die außerordentlichen Werke seiner Buße – ja Ich sage, er möge seine Haut ausziehen und einen Toten damit bekleiden, und kann einen Glauben haben, dass er vermöge desselben sich sogar die Sterne untertänig machen möchte – so er aber die Liebe nicht hat, wahrlich, sage Ich, er wird seinen Lohn bekommen, um den er gearbeitet und solches getan hat; aber mit dem Kleid der Unschuld wird er nimmer angetan werden, darum dass er die Liebe nicht hatte, welche doch nur einzig und allein das wahre Kleid der Unschuld ist. Und es werden über seinem Haupt schweben mit dem Kleid der Unschuld Angetane gleich den lichten Nebelstreifen, die ihr gestern hoch über die Berge habt schweben gesehen.
HIM|1|401201|30|0|Wer aber statt alles dessen das einzige, unendlich sanfte Gebot der Liebe ergriffen hat und hat dasselbe lebendig gemacht in seinem Herzen, der hat durch dieses innere, heilige Feuer alle Schuld aus sich hinausgeschafft und hat sich vollkommen gereinigt in seiner Demut durch Meine Liebe in ihm, so er sie wirkend erfasst hat. Und es werden die sogestalt hinausgeschafften Dünste selbst geläutert werden durch Meine Gnade und lebendig durch den Geist, der aus Meinem ewigen Morgen weht. Und so wird aus der gereinigten Unschuld selbst das Kleid der Unschuld für die bereitet werden, die Mich nicht in ihrem Glauben, sondern in der Demut und in der Liebe gefunden haben.
HIM|1|401201|31|0|Denn wenn es heißt, dass da vor allem anderen solle gesucht werden Mein Reich und alles andere wird dann als freie Gabe hinzugegeben werden – so seht, dieses Meine Reich ist eben nur die Liebe! Wer Mich also sucht durch die Liebe und in der Liebe, der sucht Mich im Geiste und in der Wahrheit. Dieses aber ist Mein Reich.
HIM|1|401201|32|0|Wer Mich alsdann so gefunden hat, der hat auch Mein Reich mit Mir gefunden. Und da er das gefunden hat, sagt selbst, was er hernach noch suchen solle, das er nicht schon dadurch gefunden hätte?
HIM|1|401201|33|0|Denn die Liebe bringt alles mit sich, der Glaube aber nur sich selbst. Und es können viele glauben ohne Liebe, aber ihr könnt unmöglich denken, dass die Liebe je vermöchte den Glauben auszuschließen.
HIM|1|401201|34|0|Daher sage Ich jetzt wie allezeit: Wachst in der Liebe, so werdet ihr wachsen in allem! Denn die Liebe duldet alles, die Liebe vergibt alles und die Liebe gibt alles! Das sage Ich, euer Vater, als die ewige Liebe Selbst. Amen. Ich, euer Vater. Amen.
HIM|1|401207|1|1|Vom „Fuchs Herodes“ – 7. Dezember 1840
HIM|1|401207|0|0|Ans H. bat den Herrn um die Erklärung der folgenden zwei Verse im Evangelium des Lukas, Kap. 13,32 f.: „Und Er sprach zu ihnen: ‚Geht hin und sagt diesem Fuchs: ‚Siehe, Ich treibe Teufel aus und mache gesund heute und morgen. Und am dritten Tage werde Ich Mein Werk vollenden!‘ – Ja, Ich muss heute und morgen und den folgenden Tag wandeln; denn es schickt sich nicht, dass ein Prophet umkomme außerhalb Jerusalem!‘“
HIM|1|401207|1|0|Wird schon wieder etwas gar so Leichtes nicht verstanden? O fragt doch einmal euer Herz, und ihr werdet alsobald den schlauen, herrschsüchtigen „Fuchs Herodes“ darinnen erblicken, der da zuerst herrschen möchte heute im Fleische, morgen in der Seele und am dritten Tage im Geiste.
HIM|1|401207|2|0|Es wird ihm das Ärgste sein, zu erfahren, dass Ich zuerst richte durch die Kraft Meines Wortes das Fleisch, nachdem Ich aus demselben hinausgeschafft habe alle Unlauterkeit, Bosheit und Geilheit in allen Dingen – und mache dann, fürs Zweite, die Seele lebendig durch Meine Gnade – und mache dann frei den Geist durch Meine Liebe.
HIM|1|401207|3|0|So müsst ihr also heute gesichtet werden im Fleische, dass der Fuchs der Eigenliebe es nicht merke, und müsst morgen befreit werden in eurer Seele von all den bösen Kröpfen, die vom Fleisch in sie eingewachsen sind; und am dritten Tage soll der Geist frei werden zur vollen Besitznahme der Seele und durch diese all des Fleisches, damit dann Raum werde in eurem Herzen für Mich, damit Ich da, in diesem Jerusalem, und nirgend anderswo (was sich wohl für Mich nicht schicken würde) durch das Werk der Erlösung Mich Selbst vollende im Menschen, damit der Mensch dadurch vollendet werde in sich durch Mich und werde wiedergeboren durch Meine Vollendung in ihm durch und durch, d. h. heute, morgen und am dritten Tage, oder was dasselbe ist: im Fleische, in der Seele und im Geiste; oder in der Weltlichkeit, Geistigkeit und in der Liebe; oder in diesem Leben, nach dem Austritt aus dem Leib und endlich für und in dem Himmel!
HIM|1|401207|4|0|Was hat aber der Mensch mit dem „Fuchs“ zu tun? Oder was hat da der bildende Fortgang zu tun mit Herodes? Seht, da gibt es keine ungerichtete Stufe, die da verfehlen möchte ihre Bestimmung. Aber erst im Menschen tritt die Freiheit in die Erscheinung und dadurch die Äußerung des Geistes in der Zeit zur Auferstehung für die Ewigkeit. Daher ist Herodes weder ein Fuchs noch irgendein anderes Tier; aber er will schlau sein wie ein Fuchs, ohne zu bedenken, dass Ich noch schlauer bin und gar wohl verstehe, die Eltern der Hölle aus dem Haus zu locken und dann Meinen Bund mit deren Töchtern zu machen und sie allesamt zu entführen in Mein Reich; und brauche nachher niemanden Rechenschaft zu geben, was Ich tue, und kümmere Mich wenig um den Fuchs. Denn Ich bin ein Herr und tue frei, was Ich will!
HIM|1|401207|5|0|Siehe, das ist das leichte Verständnis dieser zwei Texte! Mache aber auch du mit deinem „Fuchs“, wie Ich tat mit Herodes. Dann wirst du bald eins werden mit Mir, deinem Herrn und Meister und Vater! Amen.
HIM|1|401208A|1|1|Fortsetzung über das Atmen der Pflanzen – 8. Dezember 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401208A|1|0|Was die Respirationsorgane bei den Pflanzen betrifft, so gibt es im Allgemeinen keine anderen als nur solche, deren in der letzten Mitteilung umständlich erwähnt wurde. Jedoch wie bei allen Dingen dieser Welt, mögen sie in ihren Extremen sich noch so unähnlich sein in ihrer Art als sie wollten, so gibt es aber doch zwischen allen diesen Dingen sich besonders annähernde Punkte, so zwar, dass dann niemand mehr recht weiß, wo die eine Klasse der Dinge eigentlich aufhört und eine andere anfängt.
HIM|1|401208A|2|0|Dieses Ineinandergehen der Dinge werdet ihr nicht nur bemerken von einer Klasse zur anderen, sondern selbst auch bei Dingen einer und derselben Art, entweder bei Mineralien oder Pflanzen und Tieren. Denn seht, betrachtet einmal nur den Kalkstein, und ihr werdet in diesem schon die bedeutendsten Übergangs-Abstufungen gewahren, wo dieser Stein in den ersten Prinzipien seines Bestehens ein fester und harter Stein ist und nicht viel Unterschiedliches in dieser seiner Art von der Art des Kiesels hat. Von dieser seiner härtesten Form geht er über, bis er endlich so weich wird, dass zwischen ihm und einigermaßen nur gefesteter Lehmerde kein bedeutender Unterschied mehr ist. Und solche Annäherungen gibt es von einer Art zur anderen durchgehends bei allen Mineralien. Und diese Annäherung geschieht nicht nur speziell, sondern auch formell.
HIM|1|401208A|3|0|Und wie es bei den Mineralien der Fall ist, so ist es auch bei den Pflanzen und Tieren. Betrachtet nun einmal die verschiedenen Gattungen des Apfelbaumes! Wer aber kann es bestimmen, wo diese Gattung der Bäume anfängt und wo sie aufhört? Ebenso werden euch die Menge Arten des Weinstockes auffallen müssen; aber wer weiß, wo der Weinstock anfängt und wo er aufhört? Und doch gibt es zwischen jeder Gattung, wie schon erwähnt, immerwährende Übergänge zu anderen. Und es steht da keine Gattung für sich allein so isoliert, dass sie nicht mit einer ihr vorhergehenden und ihr nachfolgenden in irgendeinem beschaffenheitlichen und eigenschaftlichen Zusammenhang stünde.
HIM|1|401208A|4|0|Das eben auch ist der Fall bei den Tieren. Betrachtet nur einmal alle Rassen einer und derselben Art der Tiere – und wer kann behaupten und zeigen, wo eine Rasse anfängt, wo ihr Kulminationspunkt ist und wo sie aufhört?
HIM|1|401208A|5|0|Nehmt z. B. den Hund und versucht zu bestimmen, wo dieses Geschlecht seinen Anfang nimmt und wo es aufhört, und bestimmt den Kulminationspunkt dieses Tieres und zeigt an, welcher Hund da am meisten Hund ist.
HIM|1|401208A|6|0|Ich aber sage, es gehen alle diese Gattungen, Klassen und Rassen ebenso eines in das andere über wie die Wellen des Weltmeeres, da auch niemand bestimmen wird können, welche von diesen zahllosen Wellen, die die Oberfläche dieses großen Gewässers beunruhigen, die erste, mittlere und letzte ist.
HIM|1|401208A|7|0|Ich aber sage, und ein jeder einfache Mensch wird es auch sagen: Da ist weder eine die erste, noch eine andere die mittlere und noch eine andere die letzte! Sondern es treibt da eine Woge die andere und geht in die andere über, ohne dass sie in diesem sich schaukelnden Übergang etwas anderes wäre als das, was sie früher gewesen ist, nämlich Wasser. Aber nur befindet sie sich nicht mehr an der Stelle, sondern, nachdem sie eine frühere Woge verdrängt hat, wogt sie nun an deren Stelle, während wieder eine ihr nachfolgende sie drängt.
HIM|1|401208A|8|0|Um dieses Bild noch richtiger zu begreifen, denkt euch einen Kreis, der da genau in gleiche Grade geteilt wäre. Nun sagt selbst, wie wäre die Behauptung, so jemand sagen möchte: „Dieser oder jener Grad ist der erste!“ – Ich aber sage: Warum zankt ihr ob der Primität eines Grades, da doch einer ist wie der andere, und es einerlei ist, welchen ihr für den Ersten annehmt. – Und es kann da ja leicht sein, dass dieses alle einsehen und dann sagen: „Da einer ist wie der andere und jeder von dem anderen durch einen gleichen Zwischenraum getrennt ist, so werden wir durch solchen nutzlosen Zank nicht weiser; sondern, da sei der nächste beste der Erste, und von da zählen wir fort. So wir den Ersten bezeichnet haben, so wird sich dann wohl geben, welcher der Letzte ist.“
HIM|1|401208A|9|0|Seht gerade so, wie sich dieses alles verhält, so verhält sich’s mit dem Kreis der Dinge. Es geht immer eines unbemerkt in das andere über, wie eine Woge in die andere.
HIM|1|401208B|1|1|Weiteres vom Atmen der Pflanzen (Fortsetzung) – 8. Dezember 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401208B|1|0|Und vermöge dieser Übergänge [im Kreis der Dinge] werdet ihr auch Pflanzen finden, welche dem Tierreich sich nähern. Und seht, diese Pflanzen haben denn auch mehr oder weniger in ihren Organen mit den Organen der Tiere Gemeinschaft. Und auf dieser Stufe werdet ihr auch Pflanzen finden, die – fast den Tieren ähnlich – mit den Kelchen ihrer Blüten kleine Tiere förmlich, wie man zu sagen pflegt, mit Haut und Knochen verzehren.
HIM|1|401208B|2|0|Solche Pflanzen, da sie eine gröbere Nahrung von außen her in sich nehmen, müssen dann auch im Innern mehr Mägen und andere Verdauungsorgane besitzen, und sie besitzen auch einige – nebst den kleinen sonderheitlichen Mägen, die bald unter dem Blumenkelch sich vorfinden – noch einen in der Mitte der Pflanze selbst befindlichen Hauptmagen, andere an der Stelle, da sie aus der Erde zu ragen anfangen.
HIM|1|401208B|3|0|Wenn denn aber eine solche Pflanze mit einem solchen Magen versehen ist, seht, da muss sie andererseits mit einer der Beschaffenheit der Pflanze entsprechenden sowohl speziellen, wie auch endlich einer allgemeinen Lunge versehen sein. Damit ihr aber das einseht, warum dieses so sein muss, so müsst ihr zuvor einen Blick auf das Atmen der Tiere werfen.
HIM|1|401208B|4|0|Das Tier atmet nicht nur allein des chemischen Prozesses wegen, sondern es atmet auch noch ganz vorzüglich darum, weil es gröbere Nahrung in sich nimmt, damit es fester werde in seiner Beschaffenheit. So muss der Magen, der sich allezeit unweit der Lunge befindet, auch immerwährend durch die Ausdehnung der Lunge und anderer mit der Lunge durch die Arterien verbundener Organe beständig gerüttelt und gewisserart, nach eurem Kunstausdruck, „frottiert“ werden, damit die harte Speise in demselben gewisserart immerwährend umgerührt wird, sich dann in ihren Teilen reibt und durch diese Reibung selbst zur Verdauung die gar so notwendige elektrische Wärme erzeugt.
HIM|1|401208B|5|0|Sagt ihr doch selbst: „Ich habe mir mit einer Speise den Magen verdorben“ oder „ich habe mir den Magen verkühlt.“ Dieses will nichts anderes sagen, als dass ihr fürs Erste eine der Beschaffenheit eures Magens und der Tätigkeit eurer Lunge zu harte Speise zu euch genommen habt; oder ihr habt eine Speise zu euch genommen, die vermöge ihres negativen Verhältnisses zu wenig positiv elektrisch ist und kann durch sich nicht leichtlich zu irgendeiner Gärung gelangen,
HIM|1|401208B|6|0|da zur Gärung die positive Elektrizität unumgänglich notwendig ist, und zwar aus dem Grunde, weil die Gärung selbst an und für sich nichts anderes ist als das Freiwerden der Elektrizität, welche als das Prinzip allen organischen Lebens in den Zellen der Organe wie in kleinen Fläschchen vorhanden ist, welche vorhandene Elektrizität, wenn sie durch äußere wirkende Umstände erhöht wird, dann diese Zellen zerreißt und frei sich dann mehr und mehr quantitativ vereinigend, entweder wieder zur allgemeinen positiven Elektrizität der Luft oder aber, so diese Freiwerdung in einem tierischen Körper wie auch tierähnlichen Pflanzenkörper vor sich geht, übergeht als neuer hauptsächlich vitaler Nahrungsstoff in die Zellen des Organismus des Tieres oder einer solchen tierähnlichen Pflanze.
HIM|1|401208B|7|0|Seht, aus dem Grunde sich bei den Tieren allezeit das Respirationsorgan oder die atmende Lunge notwendig vorfinden und da sein muss, aus eben dem Grunde muss es auch bei solchen Pflanzen sein, damit es da die Verdauungsorgane einer solchen Pflanze in eine stete frottierende Bewegung bringe.
HIM|1|401208B|8|0|Es ist kaum noch zu erwähnen nötig, dass bei einigen Pflanzen die Wurzel mehr tierischer Beschaffenheit ist als die Pflanze selbst; wo dann eine solche Wurzelgattung gleich den Würmern im Innern der Erde herumwühlt und sticht, und allda die der Pflanze zuträgliche Nahrung sucht, allda auch diese Respirationsorgane zu finden sind, wo diese Pflanzen ihre Tierähnlichkeit äußern. Jedoch in diesem Klima kommen, bis auf einige sehr wenige Gebirgswasserpflanzen, keine anderen vor, welche diese besondere, soeben auseinandergesetzte Tierähnlichkeit besäßen; denn diese Pflanzen kommen nur in den sehr warmen und heißen Klimaten vor.
HIM|1|401208B|9|0|So aber jemand der Meinung ist, ein außerordentlich vergrößerndes Mikroskop würde ihm dieses an jeder Pflanze ersichtlich machen, da sage Ich, der möge sich ein Mikroskop anschaffen, unter dessen Brennpunkt er eine Milbe so groß wie eine Welt erblicken möchte, so soll er aber doch versichert sein, dass er bei einer gewöhnlichen Pflanze nie etwas anderes erblicken wird, als die jeder Pflanze nach ihrer Art eigentümlichen, größeren und kleineren, schon letzthin bekanntgegebenen Respirationsporen. Und sollte ein solcher vergeblich emsiger Beobachter sogar irgend momentan Erweiterungen und Bewegungen wahrnehmen, so soll er fürs Erste wissen, dass eine solche Erscheinung zuerst eine optische Täuschung ist, die bei so großer Spannung bewirkt wird bei dem menschlichen Auge; fürs Zweite durch eine leidenschaftliche Passion, wo bei sonstiger Reizbarkeit, welche in der Blutfülle liegt, das Blut alsobald nach dem Kopf strömt, und allda auch die Pupille des Auges durch den Andrang entweder mehr erweitert und somit konvexer macht, wodurch denn auch der betrachtete Gegenstand sich selbst zu erweitern scheint, wie auch, wenn das Blut wieder zurückkehrt durch das weniger Konvexwerden der Pupille, der betrachtete Gegenstand besonders bei einer so stark vergrößernden Spannung wieder notwendig kleiner wird und sich gewisserart zu beengen scheint – welcher Umstand besonders bei jenen Menschen umso empfindlicher wird, je mehr ihr Auge leidenschaftlich teils zur Lektüre von kleinen Schriften und sonstigen vielfältigen Betrachtungen kleiner Gegenstände sehr mitgenommen wurde, wodurch dann solche Menschen auch gewöhnlich ein äußerst „kurzes Gesicht“ bekommen.
HIM|1|401208B|10|0|Und ferner kann solches momentane Beengen und Erweitern eines solchen beachteten leblosen Pflanzenpartikels daher rühren, dass da die positive Elektrizität, die noch immerwährend vorhanden ist, solange die Pflanze grün und frisch aussieht, noch irgendeinen betrachteten Teil erregend, ihn etwas erweitert, und hat sich so ein elektrisches Atom aus irgendeiner Pflanzenzelle (verschwindend) empfohlen, so schrumpft dann alsobald die Pflanze allda zusammen, allwo sie einen solchen Verlust erlitten hat, und zieht dadurch auch die nebenbefindlichen Zellen enger an sich, dass die in solchen Zellen dadurch nun ebenfalls beengte Elektrizität in das leere Hülschen übertritt, wodurch dann dieses wieder etwas erweitert wird, und zwar so lange, bis die Elektrizität sich aus diesem wieder empfiehlt;
HIM|1|401208B|11|0|wodurch dann auch diese Erscheinung bei einer von dem Stamm abgetrennten Pflanze, oder vielmehr an einem Teil derselben ersichtlich wird, die ihr das sogenannte Welkwerden nennt. Denn da verliert die Pflanze ihre Elastizität und ihre Frische, die sie nur auf einige Zeit dadurch retten kann, wenn sie nicht gar zu lange nach dem Getrenntwerden alsobald ins Wasser an der abgetrennten oder verwundeten Stelle gesetzt wird, wodurch fürs Erste dem Entströmen der Elektrizität dadurch ein Hindernis bereitet wird, weil dann die Elektrizität des Wassers der Elektrizität der Pflanze nicht nur das Gleichgewicht hält, sondern dieselbe sogar noch eine Zeit lang ernähren kann – besonders wenn die Pflanze nicht zu jenen gar zu sehr Elektrizitätshungrigen gehört, wie z. B. ein Buchsstäudchen und sonstige ähnliche elektrizitätsärmere Pflanzen, welche dann noch die längste Zeit mit dieser Nahrung vorlieb nehmen und fortbestehen fast wie an der Wurzel, nur mit bedeutender Unterbrechung der quantitativen Vegetation.
HIM|1|401208B|12|0|Nun seht, das ist alles, was von der Respiration und deren Organen bei den Pflanzen zu beachten ist. Allein, was da die geistige Respiration betrifft, das wird nächstens bei einer Gelegenheit, und zwar nur für euch, zur Genüge hell und klar veroffenbart werden.
HIM|1|401209|1|1|Von den Eingeweidewürmern. Erzieherische Seelenheilwinke – 9. Dezember 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|401209|1|0|Was aber die heute von euch erwähnten Eingeweidewürmer betrifft, so sage Ich euch vor der Hand nichts als das:
HIM|1|401209|2|0|Es war da ein Landmann. Dieser Landmann untersuchte alle seine Scheuern, Kästen und Mehltruhen und fand eine Menge Mäuse und Ratten, und dieses Geschmeiß machte ihm viel Schaden an seiner Habe. Da beschloss er denn bei sich selbst, so viele Katzen zu halten, als es ihm nur möglich war, und wie er beschlossen hatte, das tat er denn auch. Und es währte nicht lange, so war in all seinen Scheuern, Kästen und Truhen keine Maus und keine Ratte mehr zu finden.
HIM|1|401209|3|0|Als er auf diese Weise sein Haus gereinigt hatte, so dachte er: Wozu jetzt ferner noch die Katzen? Denn da diese keine Mäuse und Ratten mehr finden, so machen sie sich über meine Speisekammer und verzehren da dreimal so viel, als was früher die Mäuse und Ratten verzehrten. Daher will ich die Katzen nun auch vertilgen. Und seht, alsobald nach der Vertilgung der Katzen kamen wieder Mäuse und Ratten herbei und taten ihr Unwesen wie zuvor.
HIM|1|401209|4|0|Nun ging er nicht mehr zu den Katzen um Hilfe, sondern er dachte bei sich: Wartet nur, ich werde euch alles vergiften, und da wird euch der Appetit in meinen Scheuern, Kästen und Truhen wohl vergehen.
HIM|1|401209|5|0|Als er aber solches tun wollte, da sagte ihm ein Freund: „Siehe, so du das tust, womit wirst du dich denn am Ende sättigen, um nicht selbst umzukommen an dem Gift, womit du umbringen möchtest all die Mäuse und Ratten?“ – Und es sagte ihm dieser Freund ferner: „Verschließe lieber alle deine guten Früchte in eiserne Kammern, dass sich keine solche Maus oder Ratte durchbeißen wird können, und so wird sie der eigene Hunger am Ende von deinem Haus treiben.“
HIM|1|401209|6|0|Und solchen Rat befolgte dieser sonst vermögliche Landmann, und er sah bald die guten Früchte dieses guten Rates. Denn ohne Mühe und Kosten kann der Mensch zu nichts Wertvollem und Tüchtigem gelangen.
HIM|1|401209|7|0|Seht, so ihr dieses Gleichnis betrachtet, da werdet ihr freilich sagen: Wer dieses Gleichnis versteht, wie es mit den Würmern in den Eingeweiden übereinstimmt, der muss mehr verstehen können, als was ein gewöhnlicher Menschenverstand zu verstehen imstande ist.
HIM|1|401209|8|0|Ich sage aber, dieses Gleichnis stimmt gar wohl [überein] mit den Würmern in den Eingeweiden, die da sind hauptsächlich dreierlei Art, nämlich die sogenannten kleinen Knäuelwürmer, dann die langen, weißlichen, regenwurmartigen Würmer und endlich der Bandwurm. Und es gibt da neben diesen drei Hauptgattungen der Würmer noch einige andere, weniger bekannte Gattungen der Würmer, darunter die sogenannten Spulwürmer, die Gedärm- und Magenraupen, dann die Fadenwürmer und endlich noch der Magenpolyp. Ja es kann Fälle geben, wo sich sogar bei unachtsamen Menschen, da sie unbewusst schlafen mit offenem Mund hinter einem Gehege, eine Natter oder kleine Schlange in den Magen verschlüpfen kann. Nebst diesem Magen- und Gedärm-Ungeziefer kann es noch anderes Gewürm in dem menschlichen Leib geben, als z. B. den Herzwurm, bei einigen kann auch der Blutwurm, so auch der Herzpolyp und der Fingerwurm vorkommen.
HIM|1|401209|9|0|Seht, alles dieses Ungeziefer entsteht hauptsächlich dadurch, dass der Mensch fürs Erste in natürlicher Hinsicht irgend Nahrung zu sich nimmt oder oft als Kind bekommt, die sehr viele animalische Teile in sich enthält, dergleichen da ist für die Kinder unreine oder auch zu fette Milch, dann auch von den Vegetabilien solches Obst, das da schon bekannt ist als am meisten fähig zur Aufnahme und Ernährung animalischer Wesen.
HIM|1|401209|10|0|Seht, das ist nun die natürliche Ursache solcher Erscheinungen. Aber die Bildung derselben geht auf eine bisher noch unbekannte geistige Weise vor sich. Denn da suchen sich die unreinen Geister, die da schon bei der Geburt im Menschen mitgeboren werden, aus solcher Nahrung das ihnen Entsprechende, umkleiden sich damit und werden dann zu jenen sichtbaren, lästigen und scheußlichen Formen im Menschen, damit sie demselben gleich anfänglich schon wenigstens an seiner physischen Gesundheit nur einigermaßen schädlich werden können. Jedoch tun das nur die plumperen und dümmeren, die alsobald durch eine gerechte Sorgsamkeit bestraft werden, da sie auf die natürliche Art durch taugliche Mittel sich zu entfernen genötigt sind.
HIM|1|401209|11|0|Aber viel lästiger werden diese Wesen, wenn sie, die Formen auf der äußeren Welt verlassend, wieder geistig zurückkehren. Denn da lassen sie gewöhnlich den Körper in Ruhe und fangen an, sich in die Eingeweide der Seele einzunisten, allwann sie dann die Kinder zu allerlei Bübereien reizen. Und werden sie da durch kräftige geistige Medizin getötet, so fragt sich’s dann sehr, ob nicht die Seele dann in jeglicher ihrer Nahrung tödlichen Schaden leidet.
HIM|1|401209|12|0|Denn diese tätliche Nahrung wäre diese, so den Kindern oder den jungen Menschen alsogleich alle Laster und deren Schädliches und Schändliches bekanntgegeben würde. Dadurch wüsste dann die junge Seele freilich mit allem, wie sie daran ist. Aber sagt selbst, ob eine solche Kost der Seele sich nicht gerade so verhielte, als so jemand, der in seinem Haus die Ratten und Mäuse vertilgen möchte, entweder alles vergiften oder das Haus anzünden wollte, um dadurch das Ungeziefer zu töten. Sondern da ist der gute Rat des Freundes an bester Stelle, nämlich: Man verwahre die Kinder wohl zuerst vor solcher Kost, deren schon erwähnt wurde. Und fürs Zweite, was die Seele anbelangt, verwahre man sie wohl in eiserne Kammern, das heißt, man lasse ihnen, so lange sie noch irgendeines Unterrichtes bedürfen, keinen freien Willen und führe sie beständig zum pünktlichen Gehorsam und wahrer kindlicher Liebe hin.
HIM|1|401209|13|0|Seht, das ist das Verwahren der edlen Frucht in eisernen Kammern. Und da dadurch dieses Ungeziefer keine Nahrung zu seiner Existenz finden wird und kann, da es ihm ganz verzweifelt langweilig und hungrig zumute werden wird bei dem Nagen solchen Eisens, so wird es auch gar nicht zu lange da verweilen, allwo es nichts zu essen gibt, sondern es wird sich alsobald entfernen. Und da gleicht dann eine solche Handlungsweise der äußeren physischen strengen Diät, die bekanntlich gegen alle Übel des Lebens die beste Kur ist.
HIM|1|401209|14|0|Seht, das ist somit das Gleichnis! Nun hättet ihr noch die vielen Katzen übrig. Diese vielen Katzen sind naturgemäß ein zu vielfältiges Medizinieren, wo zwar durch das Medizinieren das Übel abgeschafft wird, so aber das Übel weg ist und die Katzen oder die Medizinen nichts mehr zu fressen haben, so machen sie sich dann über die Speisekammer oder über die Eingeweide, wie auch dadurch über den ganzen Leib, die Gesundheit untergrabend, her. Und es wird am Ende schwerer sein, die Katzen zu bändigen und wegzuschaffen, als das durch sie vertilgte Ungeziefer selbst.
HIM|1|401209|15|0|Und es werden in geistiger Hinsicht unter den Katzen verstanden die oft zu vielen und vielartigen Instruktoren und Lehrer der Jugend. Wenn sie auch einige Untugenden in den Seelen der Jugend zunichtemachen – wenn aber dann die Seele auf die Art gereinigt wurde und solche Lehrer dann nichts mehr zu reinigen finden, so gibt’s da nicht selten Fälle, die Mir wohl bekannt sind, da solche Katzen dann Untugenden in die Seele der Jugend legen, damit es dann für sie neuerdings wieder etwas zu instruieren gibt.
HIM|1|401209|16|0|Seht, der gute Rat ist somit allein gleich ursprünglich anzuwenden, so werdet ihr weder der Katzen noch des Giftes bedürfen, sowohl in natürlicher als in geistiger Hinsicht. Demnach beachtet dieses Zeugnis wohl, und ihr werdet euch und eure Kinder frei machen von allen derlei wohl zu verstehenden Schädlichkeiten.
HIM|1|401209|17|0|Amen. Das sage Ich, die ewige Liebe und Weisheit. Amen.
HIM|1|401214|1|1|Zum Tanz – 14. Dezember 1840
HIM|1|401214|1|0|Du fragst in dir, was ist da an dem Tanz denn gar so Verabscheuungswürdiges und Mir Missfälliges und daher Verdammliches? O siehe, du schwachsinniger Mensch, der du die Menschen fürchtest und möchtest in deiner Furcht doch Dinge erfahren, die Ich nur den Tapferen kundgebe. Ich habe dir große Dinge gesagt und habe hinweggetan den Schleier von deinen Augen, allein du hängst am Urteil der Menschen und fürchtest über die Maßen ihre Schalkheit und denkst nicht, dass Ich über alle Menschen hinausreiche.
HIM|1|401214|2|0|Und so du auch für Mich denkst, so denkst du doch stets in deiner Furcht, welche dir am Ende noch das Herz verschließen wird und wird dich blind machen mehr denn einen Maulwurf und dein Ohr verstopfen mit allerlei Unrat, dass du fürder nimmer vernehmen kannst Meine Stimme in dir, so du von nun an nicht ernstlich verbannen wirst deine Furcht, die zu nichts als zu lauter Unsinn führt.
HIM|1|401214|3|0|Kannst du wohl dir solches denken, dass Ich Mich des Satans bedienen werde, um einen Menschen zur Demut, Sanftmut, Geduld, Ausharrung, ja zur Liebe zu Mir und daraus zu dem Nächsten, zum strengen Gehorsam gegen den Monarchen und gegen irgendeine bestehende Kirche und das alles im Geiste und aller Wahrheit, lebendig zu ermahnen?! O Ich sage dir, wer das behauptet, der ist es, der sich gar gewaltig vom Satan leiten lässt! Für den sollt ihr beten wie für die gesamte römische Kirche, dass sie einsehen möchte ihren Unsinn und erkennen möchte, was sie hat in Meinem Geiste, in Meiner Liebe und in Meiner Wahrheit – sonst wird ihre Flucht alsobald ins Werk gesetzt werden. Denn wer Meinen Namen liebt und zu verherrlichen sucht in seinem Herzen, der ist ja für Mich und nicht wider Mich.
HIM|1|401214|4|0|Wie kann aber jemand aus dem Reich des Satan Meinen Namen nennen, da in Satan nichts von Meinem Namen, der da Meine ewige Liebe ist, je möglich vorkommen kann und da der Satan der allerschroffste Gegensatz der Liebe und daher nur die Quintessenz des Zornes Gottes ist, als ein von aller Liebe ausgeschiedenes Wesen.
HIM|1|401214|5|0|Wenn aber jemand ein Wort aussprechen will, dass er damit eine Sache bezeichne, so muss er doch notwendig den Begriff zuvor in und aus sich erfassen oder er muss wenigstens die Fähigkeit in sich haben, solch einen Begriff sich aneignen zu können, damit er dann der Zunge auszusprechen möglich wird. Wie kann aber jemand z. B. in der japanischen Art „Vater“ aussprechen oder irgendeinen ihm ganz fremden Begriff, der nur diesem Volk als ein Geheimnis bekannt ist – wenn ihm diese Sprache ganz fremd ist und fürs Zweite ihm sogar infolge seiner Stummheit alle Fähigkeit mangelt, so dass er nicht einmal seiner Muttersprache, geschweige erst der japanischen, je mächtig wird?
HIM|1|401214|6|0|Und doch sage Ich: Es wäre demungeachtet leichter möglich, den Stummen japanische Worte aussprechen zu machen, als den Satan den Namen Meiner Liebe. Die bösen Geister können nur weltlich agieren und zahllose Menschen zu allen erdenklichen Leidenschaften, als da sind Herrschsucht, Hochmut, Stolz, Hoffart, Habsucht, Neid, Hass, Hurerei, Wollust, Tanz, Prasserei, Völlerei usw. gar sicher verblenden und verführen. Und in dieser Hinsicht ist ihnen Mein ihnen unaussprechlicher Name ganz überflüssig. Und wenn schon Weltmenschen von Mir nichts hören wollen und ihnen Mein Name ein Gräuel ist und sie anwidert, um wie viel mehr muss er dem Satan gräuelhaft und unendlich anwidernd sein!
HIM|1|401214|7|0|Wer aber da bekennt und liebt ohne Furcht Meinen Namen, welcher ist Jesus, der „Sohn“ des lebendigen Gottes oder das „Wort“ oder die „Liebe“ des Vaters – der liebt ja auch den Vater und kann unmöglich sein wider den Heiligen Geist aus beiden, sondern für denselben und von demselben erfüllt durch und durch. Wie und was soll denn da der Satan im Zorn und aller Falschheit zu schaffen haben, wo der Geist der Ewigen Liebe alles neu aus Gott dem Vater und so durch den Sohn schafft?!
HIM|1|401214|8|0|O seht solches ein und seid allezeit ohne Furcht! Denn Mein Reich muss allezeit unter mancher Prüfung an sich gerissen werden. Und es muss die rechte Liebe allezeit die Feuerprobe bestehen, wie das reine Gold; denn ohne solche Probe ist sie Meiner nicht wert.
HIM|1|401214|9|0|Seht hin auf den reichen Jüngling im Evangelium, und ihr werdet dort alsobald finden, wie weit er noch von Meinem Reich entfernt ist. Und betrachtet den Samen unter den Dornen (Weltlust usw.), welche Frucht da zum Vorschein kommen kann! Daher seid nicht gleich diesem Jüngling und nicht gleich dem Samen unter den Dornen, sondern zeigt Mir das Gold eurer Liebe, so werdet ihr leben!
HIM|1|401214|10|0|Was jedoch den befragten Tanz betrifft, so habe Ich schon hinreichend gezeigt, welches Wohlgefallen Ich daran habe und was er für Folgen hat. Nur so viel setze Ich hinzu, dass ja keiner unter was immer für Namen und Art beschönigend sich entschuldigen möchte, sonst wird er nimmer von seinem „Dreher“ loswerden. Denn wie es im Gehirn einen solchen Wurm gibt, als eine böse Krankheit, den ihr den Dreher nennet, so gibt es auch einen „geistigen Dreher“, der viel schwerer als der natürliche zu heilen ist und der nun eine allgemeine Pest geworden ist.
HIM|1|401214|11|0|Eltern aber, die da ihre Kinder im Tanz unterrichten lassen, legen sich selbst eine große verantwortliche Last auf den Hals, wenn dadurch ihre Kinder von was immer für bösen Geistern verdorben werden. Entweder die Mädchen in der Fruchtbarkeit, in ihrer Reinigung, in ihrer heimlichen Zucht, in ihrer Sittlichkeit des Herzens, im wahren Glauben und in der reinen Liebe zu Mir und daraus dereinst zu einem allfälligen Gatten, im häuslichen Fleiß und in wahrer christlicher Tugend, Geduld, Sanftmut, Beharrlichkeit in allen Prüfungen und Nöten, ja sogar in dem jedem Weib so nötigen frommen Frohsinn, allzeitigen Nüchternheit, Frische, Heiterkeit und Munterkeit ihres keuschen Gemütes und stillen Ruhe des Geistes. Oder die Knaben durch Unlust zu allen ernsten Betrachtungen in der Gottesfurcht, in der geheimen Zucht, in der zu frühen Entwicklung des Geschlechtstriebes und dadurch hernach aber auch in allem, was Mich, den Urheber alles Guten und Wahren der Liebe, betrifft. Seht, so solches geschieht und auch notwendig geschehen muss, so denkt selbst, wer daran schuld ist und wer es dereinst zu verantworten haben wird!
HIM|1|401214|12|0|Und ihr werdet dann gleichen jenem Feigenbaum, der fruchtlos dastand, während es Mich unter seinen Zweigen hungerte. Denn ihr Eltern seid solche Feigenbäume, eure Kinder aber sind die Frucht. Sind diese aber verdorben worden durch den bekannten „Dreher“, so oder so, da wird frühzeitig die Blüte und Frucht abfallen von den Zweigen. Und wird der Herr vorüberziehen und den Baum leer finden, so wird Er tun, was Er getan hat mit dem Feigenbaum! Das merkt euch wohl, ihr Eltern, und bedenkt, wer Der ist, der euch solches sagt!
HIM|1|401216|1|1|Noch einiges zur Auferstehung – 16. Dezember 1840 [Supplemente 1883]
HIM|1|401216|0|0|Bitte: „O Herr, wir bitten Dich in aller Demut um Aufschluss über nachfolgende Schriftstellen: Bei Johannes 20,17 heißt es: ‚Jesus spricht zu ihr (Maria Magdalena): Rühre Mich nicht an! Denn Ich bin noch nicht aufgefahren zu Meinem Vater. Gehe aber hin zu Meinen Brüdern und sag’s ihnen: Ich fahre auf zu Meinem Vater, zu eurem Vater, zu Meinem Gott und eurem Gott.‘ Bei Johannes 20,27 aber heißt es: ‚Darauf spricht Er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und siehe Meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in Meine Seite! Und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!‘ Es sei kein Wille weder in der Höhe noch in der Tiefe, denn der Deinige! Und was da geschieht in der Höhe wie in der Tiefe, geschehe nach Deinem heiligen Willen! Amen.“
HIM|1|401216|1|0|So geschehe denn, und du schreibe! Müsst ihr aber doch nicht selbst von euch bekennen, dass, je näher euch etwas gestellt ist, ihr solches eben desto weniger begreift!? Seht, diese zwei Texte liegen euch so nahe als nur immer möglich! Allein statt in der Nähe zu suchen, sucht ihr in weitester Ferne, sowohl dem Raum als auch der Zeit nach, das Verständnis solcher leichten Dinge und findet daher dort auch allezeit sicher nichts, wo nichts derart zu finden ist.
HIM|1|401216|2|0|Wer wird wohl im Wasser sein Haus und im Feuer seine Wohnung suchen wollen und nicht merken, dass er sich, ebenso töricht suchend, in seinem Haus und ebenso in seiner Wohnung befindet, während er dieselbe blind sucht, da sie nicht ist und nicht sein kann.
HIM|1|401216|3|0|In welcher Kirche befindet ihr euch, und wer war die Magdalena? Welche Kirche entspricht aber Meinen Brüdern, und wer bin Ich? Seht, in diesen zwei Fragen ist das ganze Geheimnis enthalten!
HIM|1|401216|4|0|Oder meint ihr denn, dass die vormalige Hure und Tänzerin vor allen Weltgroßen und Heiden, die da hatte von ihrem zwölften Jahr sieben Teufel des Fleisches in sich und wurde davon durch Mich erlöst vor kurzem, und tat viele Werke der Liebe und später ernster Buße, geeignet gewesen wäre, anzurühren Meine Heiligkeit, da kaum ihre Tränen und die Haare ihres Hauptes geeignet waren, anzutasten Meine Füße, da sie noch nicht durchbohrt waren und gereinigt vom Staub der Hurerei aller Welt, da es dann auch billig war, dass diese Hure ihren Anteil von Meinen Füßen hinwegnahm, und ihre eigene Schuld somit Mir abnehmend über ihr eigenes Haupt streute.
HIM|1|401216|5|0|Seht eure Kirche an, und das „Rühr Mich nicht an“ werdet ihr sicher deutlich und klar finden! Aber doch sage Ich auch zu ihr, was Ich zur Magdalena gesagt habe: Gehe hin und sage Meinen Brüdern, dass Ich auch schon öfter unter deinen Kindern erstanden bin und komme nun zu ihnen, dass sie Mich schauen möchten und legen ihre Liebe an die liebedurchbohrte Seite und gewahren allda, gleich einem Thomas, die schmale Pforte und den schmalen Weg, der da führt zum ewigen Leben und durch dasselbe erst zum Vater, der da ist Mein Vater und durch Mich auch euer Vater, und der da ist Mein Gott und dadurch auch euer Gott.
HIM|1|401216|6|0|Darum sollt auch ihr alle eure Hände in Meine Wundmale legen, damit ihr glauben mögt, dass Ich das ewige Leben Selbst es bin aus eigener Macht, so wie Ich bin die Auferstehung Selbst und habe auch nicht das Leben vom Vater, sondern bin das Leben im Vater Selbst; wie der Vater nicht ist außer Mir, sondern Gott von Ewigkeit ist in Mir, wie aller Geist der Heiligkeit in aller Macht und Kraft ausgeht aus Mir wie aus dem Vater zugleich als einer und derselbe Geist.
HIM|1|401216|7|0|Seht, so Ich aber nach der Auferstehung alles das war, was Ich jetzt bin und ewig sein werde; hätte denn da sollen eine bekehrte Hure zugrunde gehen, so sie Mich angerührt hätte, da sie noch bei weitem nicht gereinigt war durch eine wahre Buße!? Solches ist nur gestattet denen, welche sich zuvor von Mir ihre Füße haben willig reinigen lassen und genossen haben mit Mir das große Abendmahl.
HIM|1|401216|8|0|Nun sage Ich aber euch: Lasst auch ihr euch von Mir eure Füße waschen oder euch ziehen von Mir, um zu empfangen den Platz an Meinem Tisch der wahren Liebe! Und kümmert euch nicht der Magdalena wegen, sondern glaubt, dass Ich es bin, der nun zu euch im Stillen kommt. Und legt euer Herz in Meine offene Seite, damit es da gestärkt werde zum ewigen Leben!
HIM|1|401216|9|0|Denn zu euch sage Ich nicht: „Noli me tangere! [Rühre mich nicht an!]“ – sondern was da gesagt wurde zum Thomas, da ihr alle mehr oder weniger fast lauter Thomasse seid, damit auch ihr gleich ihm dereinst lebendig werden möchtet! Aber wohl gemerkt: Nur Ich, und nicht die Magdalena, habe das Leben. Es ist daher noch nicht genug die Nachricht der Magdalena, sondern erst wenn Ich kommen werde vollends in euer Herz, wird die Weissagung erfüllt an euch, dass Ich auffahre zu Meinem Vater und eurem Vater und Meinem Gott und eurem Gott, und ihr in Mir und mit Mir. Amen. Das sage Ich, die Auferstehung und das ewige Leben. Amen. Amen. Amen!
HIM|1|401217|1|1|Noch einiges zur Auferstehung (Fortsetzung) – 17. Dezember 1840 [Supplemente 1883]
HIM|1|401217|0|0|Frage: „Bei Matthäus 28,1 heißt es: ‚Bei der Morgendämmerung des ersten Tages nach dem Sabbat gingen Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu sehen.‘ Und im 9. Vers: ‚Und siehe, Jesus begegnete ihnen und sprach: Seid gegrüßt! Und sie traten hinzu, umfassten Seine Füße und beteten Ihn an.‘ In biblia saera vulgata editiones ‚Illae autem accesserunt et tenuerunt pedes ejus, et adoravant eum.‘ [In den frühen Ausgaben der Bibel heißt es: ‚Sie kamen und hielten seine Füße und beteten ihn an.‘] Nach dem Evangelium Johannes 20,17 wollte Magdalena Dich, o Herr, anrühren. Und Du sprichst zu ihr: ‚Rühre Mich nicht an!‘ Nach dem Evangelium Matthäus 28,9. hat aber Maria Magdalena sowohl als die andere Maria Deine Füße umfasst. In der gestrigen Erklärung heißt es dagegen: ‚Hätte denn da sollen eine bekehrte Hure zugrunde gehen, so sie Mich angerührt hätte?‘ – Herr, sende gnädigst Dein Licht, um dieses Dunkel aufzuhellen! Es sei kein Wille, weder in der Höhe, noch in der Tiefe, denn der Deinige! Und was da geschieht in der Höhe wie in der Tiefe, geschehe nach Deinem heiligen Willen! Amen. Damit dadurch Dein heiliger Name allzeit möchte gepriesen, gelobt und verherrlicht werden! Amen. Amen.“
HIM|1|401217|1|0|Schreibe: Es ist denn, dass der Mensch blind, taub und stumm ist, dass er solches nicht begreift, oder er ist gleich dem fruchtlosen Feigenbaum, den ein Gärtner pflegte lange Zeit im Garten, und da der Baum nichts als Blätter zum Vorschein brachte, die Knechte kamen und es dem Herrn meldeten und rieten ihm, solchen fruchtlosen Baum abzuhauen, dass er nicht fürder vergeblich Platz nehme in so köstlichem Garten. Da aber der Herr solches vernommen hatte, so sprach er: „Lasst ihn noch stehen ein Jahr, reinigt und düngt ihn, und so er dann keine Frucht bringen wird, dann falle eure Axt über seine Wurzeln und fälle ihn zum Verbrennen!“
HIM|1|401217|2|0|Siehe, du, der du da fragst um so leichte Dinge aus deinem eigenen Widerspruch, dir sei es gesagt, dass es schwer ist, zweien so zu dienen, dass jedem zur Genüge wird, dem Freund wie dem Feind! Wenn es dich um Mich kümmert, was kümmerst du dich denn der Welt? So du aber sorgst, um der Welt ebenen Pfad zu leihen, wo soll da wohl geistige Frucht werden?
HIM|1|401217|3|0|Siehe, Mein Wille steht höher denn der Wille der Welt! Willst du aber beides, als da ist ein Glück der Welt, und ist dem entgegen Meine Gnade – höre, das kann nicht sein. Ich sage aber, es wird das erste kommen schon ohnehin zur rechten Zeit. Aber alle deine und deiner Kinder Wege sollen gerichtet sein nach Meiner Gnade; dann würde Ich sorgen für alles! So es dir aber behagt zu tragen so manche unnötige Weltsorge, so trage sie immerhin, aber habe ja Acht, dass die Zahl eins nicht zu einer Legion gebrochen wird.
HIM|1|401217|4|0|Die Liebe der Eltern ist allezeit blind gegen ihre Kinder. Sie sehen nicht den Samen, sondern nur den Baum und bedenken nicht, was alles in einem Samenkorn verschlossen ist. Es geht aber der gute Same mit tausendfältiger Frucht nur auf in Meiner Erde. In der Erde der Welt aber erstickt er alsobald. Aber der Weltsame gedeiht gar wohl, alles Unkraut hervorbringend, in der Welterde. Aber frage dich selbst, wozu nütze? Höre! Zu Meinem Reich und für Meine Scheuern nicht!
HIM|1|401217|5|0|Siehe, dieses Widerspruches wegen in dir selbst sagte Ich dir dieses, damit dir dein Widerspruch des Evangeliums klar werde. Dieses aber merke dir ganz besonders. Wie du jetzt weißt, wer Der ist, vor dessen Augen alle Geheimnisse offen liegen, so sollst du auch dann wissen, wenn dir in weltlichen Dingen Irrwege vorkommen entweder für dich oder deine sämtlichen Kinder, dass nur Ich es bin, dem der rechte Weg allein bekannt ist. Nun, derzeit sorge somit du für deine etlichen drei – und lasse für die übrigen Mich sorgen!
HIM|1|401217|6|0|Und damit der Matthäus in dir schuldlos werde, so nehme diesen Widerspruch auf dich und verstehe, wenn Ich sage zur Magdalena: „Rühre Mich nicht an, sondern falle zuvor vor Mir nieder, umklammere die Füße und bete Mich an im Geiste und aller Wahrheit, und gehe dann hin zu Meinen Brüdern und sage ihnen, dass Ich auferstanden bin!“
HIM|1|401217|7|0|Desgleichen sollt auch ihr tun und nicht trachten eher nach der Weisheit, sondern nach der wahren, reinen Liebe, die da entspricht Meinen Füßen und daraus zunächst eurer Liebe, die in ihrer größten Reinheit doch noch immer etwas Sinnliches an sich hat, und demnach ist gleich den Füßen aus Mir, auf welchen allein ihr zum Leben eingehen könnt. Daher soll auch euch vorderhand nicht gestattet sein, anzurühren Meine Weisheit, bevor nicht Meine Füße, Mich anbetend, sind in aller Liebe erfasst worden.
HIM|1|401217|8|0|So ihr aber sagt: „Herr, wie ist hernach die Antastung des Thomas zu verstehen?“ – Da sage Ich aber: Auch er musste seine Blicke an die Wundmale der Füße und Hände richten, bevor Ich ihn hieß anzurühren Meine breite und weite Wunde der Brust. Damit aber dir, Frager, dein eigener Widerspruch klarer wird, so will Ich dir noch einen Grund davon zeigen, warum Ich zur Magdalena vorerst sagte: „Rühre Mich nicht an!“ und hernach aber doch zuließ, dass sie mit den übrigen umklammert halte Meine Füße.
HIM|1|401217|9|0|Siehe, Magdalena war auch sinnlich in Mich bis zur Eifersucht verliebt und hielt Mich förmlich für ihren einzig erwählten Liebhaber – und hatte von Mir nur die Meinung, dass Ich ein großer Prophet bin, aber Meine Göttlichkeit war ihr noch fremd. In Anbetracht ihres verliebten Herzens hatte somit durch Mein Leiden und Sterben auch niemand so viel verloren, als gerade sie, da sie nicht nur ihren Retter, Herrn und Meister, sondern im Ernst ihres Herzens auch ihren einzigen Geliebten verloren hatte; daher sie auch untröstlich war.
HIM|1|401217|10|0|Seht, daher kam’s denn auch, dass sie die Erste war, die sich nach Mir erkundigte im Beisein der übrigen, die ebendasselbe taten mehr aus andächtiger Trauer als aus solch unbesiegbarer Liebe.
HIM|1|401217|11|0|Als sie Mich, ihren verlorenen Geliebten, nun auf einmal vor sich stehen sah, da war ihr Herz auf einmal aus allen Fesseln gehoben, und sie schrie auf und wollte alsogleich im Ausbruch ihrer leidenschaftlichen Liebe auf Mich losstürzen. Nun aber bedenke das, was Ich bin, so wird dir klar das „Noli me tangere! [Rühre Mich nicht an!]“ von gestern. Bedenken sollst du aber auch ihre starke Liebe, und dir wird klar die Umfassung Meiner Füße.
HIM|1|401217|12|0|Und denke noch hinzu, dass Mein Zärtling Johannes Mir aus der Seele, und Matthäus aber aus Meinen Füßen schrieb, so wird dir alles dieses noch klarer werden und begreiflich die nachherige große Buße der Magdalena nach Meiner vollen Auffahrt, da sie erst dadurch erfahren hatte, wer eigentlich hinter ihrem vermeinten Geliebten dahinter war, da sie Mich dann erst durch ihre große Buße im Geiste der Demut und dadurch in aller Wahrheit hat zu lieben angefangen.
HIM|1|401217|13|0|Ich sage dir aber, so Mich jemand nicht lieben wird gleich der Magdalena, der wird Mich nicht finden fürder und eingehen zum Leben auf Meinen Füßen und wird nimmer eine Auflösung finden im steten Widerspruch seines Weltlebens. Siehe hier, Mein Reich ist von größter, heiligster Klarheit, und es kann nichts Unreines je hineinkommen. Daher denke nur an den Feigenbaum ohne Frucht im Garten und an den Diener zweier Feinde – und löse den Widerspruch in dir, sorge nach Meiner Regel für die etlichen bis zur Zeit der Lösung deines Widerspruches, und lasse Mir die Sorge der übrigen, so will Ich dich düngen und beschneiden, damit du nicht der Axt anheimfallen möchtest. Und vergesse in der Zukunft nie mehr ob der Welt, wer Ich, dein Gott, dein Vater, dein allzeitiger Ratgeber bin!
HIM|1|401217|14|0|Siehe, heute rede Ich, morgen handle Ich und übermorgen möchte Ich kommen! Wer nicht zu Hause sein wird, vor dessen Wohnung werde Ich vorüberziehen! Amen. Das sagt, Der da Sich allezeit umklammern lässt Seine Füße. Amen, Amen, Amen!
HIM|1|410105|1|1|Eheliche Hausordnung und Kinderzucht – 5. Januar 1841
HIM|1|410105|0|0|O Herr, lasse gnädigst Dein heilig Wort in mir ertönen! Jedoch wie allezeit in der Höhe und in der Tiefe, so geschehe auch diesmal nur Dein heiligster Wille! Amen, Amen.
HIM|1|410105|1|0|Nun so vernehme und schreibe denn: Ich sage dir aber, wer nicht Mein Evangelium erfüllt, nachdem er es vernommen und einigermaßen durchdacht hat, siehe, der ist noch lange nicht geschickt zu Meinem Reich, da er die Welt immer doch noch mehr fürchtet denn Mich. Er möchte Mich lieben neben der Welt her; aber siehe, Ich bin nicht neben der Welt zu lieben, da die Welt durchgehends nicht in Meiner Liebe, sondern bis auf das letzte Stäubchen nur vermöge Meiner Erbarmung beständig in Meinen unerbittlichen Gerichten steht und besteht. Denn Ich bin nur in der Liebe und Gnade erbittlich, aber ewig unzugänglich in Meinen Gerichten, die da sind die Heiligkeit Meiner ewigen Ordnung zufolge Meiner unendlichen Weisheit.
HIM|1|410105|2|0|So aber der um ein Lichtwort bittende Bruder gelesen hat im Buch Meiner Liebe und Gnade, dass da gesagt ist: „Siehe, die Kinder der Welt sind oft klüger denn die Kinder des Lichtes!“ (Luk. 16,8) – warum mag er denn nicht die Klugheit seines Weibes anhören und liebt seine Kinder mehr denn dass es billig ist und achtet nicht strenge darauf, dass die Kinder möchten treulich ihrer Mutter gehorchen in der häuslichen Klugheit, die da unvergleichlich besser ist, als alle nutzlosen Wissenschaften, mit denen er seinen Kinder die Köpfe anstopfen lassen möchte. O das Letztere ist durchaus nicht der rechte Weg zu Meinem Reich!
HIM|1|410105|3|0|Er kann ja allerdings die Kinder beschäftigen mit nützlichen Lehrgegenständen, aber dabei soll er anderseits nicht die Bestimmung des Mädchens und wieder anderseits die Bestimmung des Knaben aus den Augen und aus dem Herzen verlieren, sonst wird es ihm dereinst geschehen, dass er eine große Not an seinen Kindern erleben wird. Denn diese werden dann ihren ungebrochenen Willen über seinem Haupt aufbauen und mit ihren ungebändigten Händen sein Herz erdrücken, da es jetzt schon zu schwach ist und zu nachgiebig in vielen Dingen, um die nun noch weichen Hände der Kinder zu bändigen!
HIM|1|410105|4|0|Er sollte daher nicht anhören die allfälligen Klagen seiner Kinder, sondern nur allezeit unerbittlich und strenge genau untersuchen die Werke des blinden Gehorsams sowohl gegen seinen Willen wie gegen die häusliche Leitung der Mutter, die doch den größten Teil des Tages allein mit den Kindern zubringen muss. Und er soll sich aber auch zuvor liebevoll und rechtlich nachgiebig, ohne deshalb von seinen Vaterrechten etwas hintanzugeben, mit seinem Weib im Geheimen (d. h. nicht vor den Kindern) verständigen und ihr in häuslicher Klugheit, nach Meinem Rat, ihren mütterlichen Wirkungskreis nicht allzu sehr schmälern. Dann wird das Ganze bald eine andere, bessere Wendung nehmen.
HIM|1|410105|5|0|Er möchte nur in Meinem Buch der Liebe und aller Gnade sehen, dass Ich schon zu den Aposteln gesagt habe, wie ein gar großes Ding es ist um einen klugen und treuen Haushalter, welchen der Herr setzt über sein Gesinde, damit er ihnen allezeit zur rechten Zeit ihre Gebühr gebe. Auch er soll nun die rechte Zeit nicht übersehen und nach Meinem Rat die Gebühr wohl abwägen, dass da ja niemandem, weder leiblich und noch viel weniger geistig, in seinem Kreis ein Eintrag oder Schaden geschehe! Denn Ich sagte und sage dir nun wieder: „Selig ist der Knecht, welchen sein Herr, wann er kommt, wird also tun finden. Wahrlich sage Ich, Er wird ihn über alle Seine Güter setzen.“
HIM|1|410105|6|0|So aber dein Bruder nun auch ein Sachwalter und Knecht Meines neu geoffenbarten Wortes der Liebe und Gnade geworden ist – wie ist’s denn, dass er Mich erwartet, und Ich noch nicht kommen mag? Das ist es, dass er sein Haus noch nicht fein genug bestellt hat! Wenn aber ein Haus nicht fein bestellt ist, da gleicht es noch stark einem vergoldeten Bleiklumpen, der zwar äußerlich glänzt, als wäre er Gold, und auch die Schwere des Goldes hat – aber höre, was den inneren Gehalt und Wert betrifft, da ist es denn doch nur ein wertloses Metall und noch weit entfernt vom Gold.
HIM|1|410105|7|0|So aber nun dein Bruder Mir ein recht treuer und williger Arbeiter an der Hecke Meiner Neupflanzung ist und hat selbst eine gewisse Not mit seinem Weib, die da schon von Anfang an der Welt mehr denn Mir gegeben – so möchte er als noch immer Mein lieber „Willig“ tun, was da die Kaufleute tun, wenn unbillige Käuflinge auf den Markt kommen und nicht wohl unterscheiden den Preis der Ware und anfangen, denselben zu ihren Gunsten herabzuziehen. Da lässt dann der Kaufmann einen kleinen Vorteil fahren, damit er nur seine Waren an den Mann bringt. Siehe, desgleichen soll Mein lieber „Willig“ nun tun, freilich anfangs nur in kleinen, unmerklichen Beträgen, und so herab bis zum wohleinsichtigen Maße der gerechten Billigkeit, so wird dadurch sein Weib in ihrer Sphäre an ihm keinen unerbittlichen Stein nach ihrem Dafürhalten mehr finden und bald selbst nach seiner geistigen Ware greifen.
HIM|1|410105|8|0|Seht, wie oft muss Ich zu euch einen solchen Kaufmann machen! Und täte Ich es nicht, wo wäret ihr!? Wie vieles habe Ich euch schon nachgelassen!? Und bedenkt ihr euch noch über Meine Ware, da ihr doch des Lichtes und nicht der Finsternis seid – so bedenkt dann, wie schwer der Handel erst geht mit jenen, die da „geistig arm“ und „Kinder der Welt“ sind voll Blindheit!
HIM|1|410105|9|0|Damit aber Mein lieber „Willig“ seine misslichen Haushaltungsverhältnisse in Betreff Meines Namens mit desto geduldigerem und hie und da nachgiebig prüfendem Herzen durchschauen möge, so gebe Ich ihm schließlich noch eine kleine Aufgabe, die er wohl überdenken solle, indem Ich sage:
HIM|1|410105|10|0|Meinst du, dass Ich herabgekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde? Ich sage euch, durchaus nein – sondern Zwietracht! Denn so in einem Haus irgend sein werden etliche fünfe, diese werden uneins sein unter sich und werden sein drei gegen zwei und zwei gegen drei. Es wird da sein der Vater wider den Sohn, und der Sohn wider den Vater; die Mutter wider die Tochter, und die Tochter wider die Mutter; und es wird sein die Schwieger wider die Schnur, und die Schnur wider die Schwieger. (Mat. 10,34-36)
HIM|1|410105|11|0|Siehe, diese Aufgabe soll „Willig“ recht wohl überlegen, und es wird ihm ein großer Stein vom Herzen genommen werden. Und sollte er aber diese Worte nicht alsobald begreifen, so wird er ja wohl wissen, wo „der arme Professor“ in derlei Dingen des Geistes zu Hause ist – wo ihm dann alles treulich möchte gegeben werden zum nötigen Verständnis in seinem „willigen“ Herzen, dass er Mir dann ein rechter Mann werden möchte nach Meinem Herzen.
HIM|1|410105|12|0|Siehe, es erscheint im Licht der Welt das Ding des Geistes gar oft als eine sich rein widersprechende Torheit. Allein dem ist nicht also! Denn so der Docht unter dem weißen Licht schwarz wird und die Asche über der schwarzen Kohle weiß – ist das nicht auch sogar in der Natur ein Widerspruch? Und doch, wer zweifelt, dass es also wäre!?
HIM|1|410105|13|0|Daher, so ihr irgend auf Meinem Weg Widersprüche findet, wie in der Natur und in eurem Welt- oder Leibesleben, dann denkt, dass der Schiffer, so er seine Segel nicht gegen den Wind zu richten weiß, damit sein Schiff gegen den Wind und gegen alle die Wogen des sturmbewegten Meeres laufe, noch kein wohlunterrichteter Seemann ist!
HIM|1|410105|14|0|Wenn eine Lehre gegeben wird, dass sie tauge zum Leben, so muss sie sein wie das Leben selbst, welches da ist eine Regsamkeit des Todes – da dadurch das Leben wird ein Leben im Angesicht des Todes, wie der Tod ein Tod im Angesicht des Lebens.
HIM|1|410105|15|0|Nun schließlich ermahne Ich den Bruder noch, dass er diese Schrift nicht möchte seinem Weib vorweisen, da es noch nicht an der Zeit ist; wohl aber werde Ich dem Knecht eine Weisung geben, wie er sich zu benehmen hat. Bisher aber ist noch kein Fehler geschehen, und so wird der „Winter“ bald zu Ende werden. Nur das Haus fein bestellen! Das vergoldete Blech aus dem Haus schaffen! Die guten Gelegenheiten weise benützen! Meinen Rat treu befolgen, ein guter Kaufmann und ein treuer Haushälter sein! Bei Widersprüchen nicht kleinmütig werden und alle seine Handlungen aus Liebe mit aller Geduld und Sanftmut lenken! Da wird euch in allem der Sieg mit Meiner steten, starken Hilfe gewiss nicht schwer werden! Amen. Das sage Ich, euer starker Helfer!
HIM|1|410114|1|1|Gelehrtenbekehrung – 14. Januar 1841
HIM|1|410114|0|0|Bitte: O Herr, Du heiliger Vater, der Du bist voll Liebe, Geduld und Erbarmung – so es Dein heiliger Wille wäre, möchtest Du uns nicht allergnädigst anzeigen, ob dem Verlangen dessen, den Du wohl kennst, zu willfahren sei oder nicht? Doch nur Dein heiliger Wille geschehe allezeit. Amen!
HIM|1|410114|1|0|Da sage Ich: so ihr wollt, könnt ihr es ja tun – aber es wird ein hartes Stück Arbeit werden, den, der zu seiner Rechnung sich eiserne Zahlen verfertigt hat, auf des Geistes zarte Bahn zu setzen.
HIM|1|410114|2|0|Denn seht, es gibt manche Gelehrte, die da härter sind als der Stahl. Solche trauen am Ende ihren eigenen Sinnen nicht mehr und umso weniger erst den fremden, die ihnen als null und nichtig erscheinen, weil sie eben nicht auch aus der gelehrten Eisen-Rüstkammer sind, woselbst die ihrigen durch Feuer und Wasser zum Stahl gehärtet wurden.
HIM|1|410114|3|0|Wenn irgendeine Wand aus Wolle ist, da werden die hineingeworfenen Steine zwar wenig Lärm machen, aber steckenbleiben werden sie auch nicht, da die Wolle bei einem Zwang spannkräftig wird und alsbald wieder zurückwirft, was an sie geschleudert wurde. Da heißt es, sich dann Zeit nehmen und die Gegenstände langsam in die Wolle verwickeln, so werden sie dann wohl festgehalten, solange die Wolle Wolle bleibt – ob mit Nutzen oder Schaden, das ist dann freilich wieder eine andere Frage!
HIM|1|410114|4|0|Wenn aber irgendeine Wand von weichem Lehm ist, seht, da wird zwar alles darin haften bleiben, was ihr hineinwerfen mögt – aber fraget euch selbst, wozu nütze? Denn da wird der Lehm unverändert bleiben wie zuvor, und die haftenden Gegenstände ebenfalls.
HIM|1|410114|5|0|Und ist eine Festungswand von Eisen und Stahl, hört, da wird selbst ein anhaltendes grobes Geschütz keine bedeutenden Spuren zurücklassen. Und die Schützen werden sich wohl fein in Acht zu nehmen haben, dass sie nicht Schaden leiden von den oft gewaltig zurückprallenden Kugeln. Da heißt es dann, klug die rechte Fernhaltung beachten.
HIM|1|410114|6|0|Ganz anders verhält es sich mit einer Feuerwand, da alles angenommen und dann geläutert wird, auf dass es werde ein feuerbeständiges Ding. Wenn die Wand Feuer ist, so geht die Sache von selbst. Ist aber die Wand Eisen, hört, da muss ein tüchtig Feuer hinzukommen, damit die Wand gleich dem Feuer wird! Daher wird auch hier viel Feuers erfordert werden, bis diese Wand flüssig wird in eine andere, beugsamere, sanftere Form!
HIM|1|410114|7|0|Daher kann der Versuch mit dem eisernen Gelehrten schon geschehen! Aber mit feuriger Klugheit und leuchtender Sanftmut! An der Zeit ist wenig gelegen; doch geht der Morgen vor dem Abend und die Frühzeit vor der Nachtzeit!
HIM|1|410114|8|0|Es ist aber dem Schützen wohl gut, dass er nicht schussallwissend ist und nicht weiß die Wege seiner abgeschossenen Pfeile. Denn sonst wäre er entweder kein Schütze mehr, oder er hätte das Wild schon lange vernichtet, dessen Zweck und Ordnung ihm unbekannt ist.
HIM|1|410114|9|0|So sollt ihr euch auch nicht des Gelingens kümmern, da ihr ja wisst, dass Ich der Herr alles Gelingens bin! Tuet ihr nur das Eurige, und Ich werde das Meinige tun. Macht euch wenig daraus, wenn das in rechter Weise begonnene Unternehmen oft eurem Sinne nicht entspricht; sondern erwägt, dass Mein Sinn schärfer ist denn der eurige!
HIM|1|410114|10|0|Und so ist die Arbeit euch nun gegeben, das Gelingen aber bleibt bei Mir! Und so wird am Ende jeder Arbeiter seinen Lohn finden – nach der Arbeit. Ist die Arbeit gut, so wird auch das rechte Gelingen nicht ferne bleiben wie auch der Lohn. Und wenn die Arbeit schlecht ist, da wird es wenig Wolle geben, wohlgemerkt und verstanden! Denn das sage Ich, euer lieber Vater, in dem alles Gelingen ruht lebendig. Amen, Amen, Amen.
HIM|1|410117|1|1|Nochmals: Wider die Tanzsucht! – 17. Januar 1841
HIM|1|410117|1|0|Schreibe nur zu, denn Ich kenne gar wohl die Frage und die ängstliche Bitte! Aber es ist zu spät, dass Ich darob euch eine Antwort des Friedens geben möchte, bevor da gar bald kommen wird über die drei tanzsüchtigen Töchter des weltfürchtenden Ans. H. eine Antwort Meines Gerichtes! Denn Ich habe viele Worte des Friedens verschwendet; diese Töchter aber haben nichts davon verstanden und sind schalkhaften Herzens geblieben und sehen ihre Mutter hinterm Rücken mit ärgerlichen Augen an, so ihnen diese, Mir zuliebe, nicht gönnen will, darnach ihr Herz gelüstet, und schmähen heimlich jetzt schon jeden, der ein Widerrechtler ihrer Sinnenlust ist oder „verräterisch“ an ihnen handelt.
HIM|1|410117|2|0|Siehe, der Tanzboden hat ihre Ohren schon hinreichend abgeschliffen und glatt gemacht, so dass die Stimme Meiner Milde, heimlich verachtet, abprallt und nicht mehr zum Herzen gelangen kann. Daher werde Ich gar bald mit einer anderen Stimme sie heimsuchen, dass sie Mich als Richter solcher weltsüchtigen und welthorchenden Kinder werden erkennen müssen – da Ich ihnen als liebevollster, warnender Vater zu gering war.
HIM|1|410117|3|0|Denn sie wissen es so gut wie ihr, dass Mir der ewig verfluchte Tanz unter was immer für einer Form, unter was immer für einer Bedingung und an was immer für einem Ort eines der allerwiderlichsten Laster ist, weil es fürs Erste nichts als eine Art sodomitischer Unzucht ist, durch welche sich heidnische Völker zu allen möglichen Ausschweifungen aufreizen ließen; und fürs Zweite, weil eben dieses Laster heutzutage sogar unter einem weltlich-moralischen Anstrich gar pflichtfrei, ohne eine Missbilligung, gang und gäbe geworden ist. Darum soll es nun aber auch tausendmal tausend Male verflucht sein!
HIM|1|410117|4|0|Und fürs Dritte ist der Tanz ein allerwiderlichstes Laster, weil er sogar schon die Kinder von Mir gänzlich abwendet und ihre Herzen geistig versteinert, die Mädchen verdirbt und sie häufig unfruchtbar oder doch sehr oft schlecht fruchtbar macht, und die Frucht im Leib schon mit einem oft unwiderstehlichen Trieb nach diesem Laster versieht, der sich dann schon nach wenigen Jahren kundgibt – und weil es noch dazu, wie kein anderes Laster, den Menschen, der sich ihm ergeben hat, nicht nur auf eine Zeit, sondern mit sehr seltener Ausnahme für immer von Mir abzieht, so dass ein solcher sich dann nimmer zu Mir kehren mag, außer durch ein Gericht, welches ihn aber wenig mehr nützen wird. Denn zu dem Ich im Gericht komme, über den ist Mein Zorn gekommen mit dem ewigen Tode!!
HIM|1|410117|5|0|Das beste Mittel gegen diese widerliche Sucht aber ist dieses (so ihr es beachten wollt), dass ihr Eltern euch der Welt zwar äußerlich gerade nicht widersetzt, aber durch ernste und wohlmeinende Darstellung Meines Willens bei euren Kindern zu bewirken trachtet, dass sie sich selbst verleugnen und selber widersprechen sollen den tollen Anforderungen der Welt. Denn so die Kinder unter was immer für einem verständigen Grund nicht zum Tanz gehen wollen, so wird die Welt die Eltern gewiss in aller Ruhe lassen. Im Gegenteil aber wird ihr alleiniges Bemühen, außer einem gänzlichen Weltbruch, wenig fruchten und nützen. Mögt ihr der Welt vernünftigste Gegenreden stellen, so viel ihr nur immer wollt, so wird euch diese allezeit etwas zu erwidern wissen, das euch betrüben wird; und eure Kinder werden von ihr verschlungen werden so oder so und werden am Ende euch in ihren Herzen zu hassen anfangen und eure größten Peiniger werden. Gestattet ihr ihnen aber, den Anforderungen der Welt zu folgen, da wisst ihr ja ohnehin, welchen Dienst ihr dadurch Mir leisten mögt!
HIM|1|410117|6|0|O hätte der Ans. H. sich früher an Mich gewendet, statt dass er seine blinde Verwandtschaft fürchtete, so hätte er nun alles gewonnen. Allein er hat Mich damals ärgerlich auf eine Minute zurückgesetzt. So möge er nun auch in allem Ernst schauen, wie er in allem wieder zu Meiner Ordnung zurückkehren wird! Denn Ich werde dereinst mit denjenigen Eltern nicht gut zu sprechen sein, die Mir ihre Kinder anders zurückbringen, als Ich sie ihnen gegeben habe. Denn da soll jeder, der zu Mir kommen will, sein gleich den Kindern. Wenn aber die Kinder, gleich der Welt, voll Ärgernisse sein werden, da will Ich alles zur Hölle schicken und soll die reine Lebenswohnung Meiner Heiligen nimmer befleckt werden mit dem Drachenblut solcher weltverdorbenen Kinder!
HIM|1|410117|7|0|Denn hört, es liegt Mir nichts an tausend Welten voll solcher Kinder! Denn Mein Reich und Meine Schöpfung ist unendlich. Und es liegt Mir an Millionen Welten gerade so viel, wie an einem wurmstichigen Apfel, der unreif vom Baum gefallen ist und zertreten wird. Aber jedem von euch muss alles an Mir gelegen sein, so er will, dass Ich ihn ansehe in Meiner Erbarmung.
HIM|1|410117|8|0|Der aber Meiner vergessen kann der Welt wegen, nachdem Ich ihm so vieles schon getan habe von Ewigkeit her – wahrlich, den werde Ich seiner Untreue wegen nicht mehr suchen und werde ihn gehen und fallen lassen, dahin er will. Und Ich werde Mich in Ewigkeit nicht mehr um ihn kümmern, da Ich auf ihn nicht anstehe, wohl aber er auf Mich.
HIM|1|410117|9|0|Siehe, Ich bin ein überreicher Bräutigam und freie und lasse Mich freien. Wo Ich aber freie, da bin Ich voll Eifersucht; und wehe denen, die Meine Hand ausschlagen! Wo Ich aber gefreit werde, da bin Ich spröde und schaue Mir die Freier wohl an, ob sie mit Hochzeitskleidern angetan sind. Wehe denen, die mit weltbeschmutzten Händen nach Mir greifen! Diese sollen Meine Gerichte hart treffen!
HIM|1|410117|10|0|Denn wer die Welt mehr fürchtet als Mich, der ist Meiner nicht wert! Wer den Menschen mehr traut als Mir, ist Meiner nicht wert! Wer die Armut der Welt fürchtet, ist Meiner Schätze nicht wert! Ja, wer Mich neben der Welt herziehen will, ist Meiner nicht wert! Und ein großer Tor ist, wer Mich nicht zu seinem allerhöchsten Gut macht; auch er ist Meiner durchaus nicht wert und wird einst an der ewigen Armut dafür nagen müssen.
HIM|1|410117|11|0|Dir aber, Meinem Knecht, sage Ich, dass du mit diesen dreien tanzsüchtigen Töchtern so lange nichts zu tun haben sollst, bis Ich es dir anzeigen werde. Auch sollst du derzeit keine Silbe mit ihnen wechseln. Denn sie haben dein Wort im Herzen verspottet, darum du nicht ihrer Sache warst.
HIM|1|410117|12|0|Sonst, wenn diese drei nicht anwesend sind, kannst du wohl ins Haus des Ans. H. treten und dann der Häuslichen deinen Unterricht geben in der Tonsprache. Aber wohlgemerkt, zu einer anderen Zeit nicht – auch nicht einmal über den Tisch – als bis Ich es dir anzeigen werde! Denn dass Ich das von dir fordere, geschieht aus Liebe für den Ans. H. und dessen Weib. Das ist alles, was da wohl zu beachten und zu berücksichtigen ist; und ohne dieses ist kein Heil! Amen! Das sage Ich, die Ewige Liebe noch. Amen. Amen. Amen.
HIM|1|410118|1|1|Ermunterung eines ängstlichen Vaters – 18. Januar 1841
HIM|1|410118|1|0|Das wenige sei noch hinzugesagt als eine Salbe von Mir Meinem lieben Anselm „Wortemsig“ (denn das ist sein neuer Name in Meinem Buch!) – dass er sich nicht über die Maßen betrüben soll, so er Meinen Donner vernimmt, mit welchem gestern gesprochen wurde, auf dass sein ganzes Haus möchte alsobald geweckt werden. Denn Meine Wahrheit kommt allezeit unter großem Donner; aber Meine Liebe im sanften Wehen. Doch aber geht das eine wie das andere von einem und demselben liebevollsten heiligen Vater aus.
HIM|1|410118|2|0|Wenn Ich aber zu dem Petrus sagte: „Weiche von Mir, Satan; denn du bist Mir ärgerlich, da du nicht trachtest nach dem, was Gottes ist, sondern nach dem, was der Welt angehört!“ – siehe, so hat dabei Petrus gewiss nichts verloren, sondern nur unendlich gewonnen – und blieb nachher Mein getreuer, steinfester Apostel!
HIM|1|410118|3|0|Und siehe, Mein lieber Wortemsig, so Ich zu dir sagen möchte, was Ich zu Petrus gesagt habe, so möchtest du sterben vor Angst. Allein Ich kenne deine Stärke und gebe dir nach deiner Kraft zu tragen und will es ansehen, als wenn du vieles getragen hättest. Denn die Ich lieb habe, denen schicke Ich so manche kreuzigende Not und oft ein außerordentlich groß scheinendes Kreuz, so dass, der es ansieht, gewaltig davor erschrickt!
HIM|1|410118|4|0|Aber Ich sage dir, dass das Kreuz nur so groß aussieht; es ist gar nicht so schwer! Denn es ist nur von Papier und von innen ganz hohl. Daher es auch gar leicht ist und ist nur ein „sanftes Joch“ und eine „leichte Bürde“.
HIM|1|410118|5|0|Daher sei nur getrost! Sei ernst mit deinen Kindern und suche sie ohne Scheu auf Meine Wege zu bringen! Es wird dir darob kein Haar gekrümmt werden. Und verlasse dich in jeder Not auf Mich und tue das Deinige! Ich versichere dich, dass Ich getreu das Meinige nicht unterlassen werde.
HIM|1|410118|6|0|Siehe, selbst in weltlichen Dingen, so du Not hättest, kann Ich dir geben zehnmal so viel, als du brauchst. Daher fürchte dich nicht, denn Meinetwegen wirst du niemalen zu kurz kommen! Dass eine kurze Zeit Mein schwacher Knecht sich aus Meiner Liebe zu dir und den Deinen zurückziehen muss, das ist nichts anderes als eine erste Hilfe von Mir zur Unterstützung deines Ernstes, und das nur auf eine sehr kurze Zeit, damit deine Kinder desto eher einsehen möchten, dass es Mir vollkommen ernst ist, sie alle für Mich zu gewinnen. Würdest du irgend gefragt ob solcher Zurückgezogenheit, so kümmere dich nicht der Antwort; denn Ich werde dir die Zunge lösen zur rechten Zeit.
HIM|1|410118|7|0|Darum habe keine Furcht, Mein lieber Wortemsig! Denn Ich werde dich ewig nimmer verlassen! Ich, dein lieber Vater. Amen. Amen.
HIM|1|410124|1|1|Vereins- und Gesellschaftssatzungen – 24. Januar 1841
HIM|1|410124|1|0|Was die Gesellschaften betrifft, so ist es schon im Evangelium hinreichend gesagt worden, dass, wo zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, Ich allezeit mitten unter ihnen bin. Daher ist es auch nicht unziemlich, wenn Menschen in Gesellschaften zusammentreten, um dadurch unter Meinem Beistand etwas Nützliches zu bezwecken.
HIM|1|410124|2|0|Wo aber nun irgendeine Gesellschaft sich befindet, da ist es natürlich, dass, je nachdem die Gesellschaft irgendeinen Zweck vorhat, unter ihr auch diesem Zweck entsprechende Verhältnisse obwalten müssen und dass diese Verhältnisse von jedem Mitglied der Gesellschaft als Gesetze oder, wie ihr zu sagen pflegt, als Statuten zu beachten sind.
HIM|1|410124|3|0|Es fragt sich demnach, wer da wohl die Gesetze oder Statuten entwerfen oder vorschreiben soll. Da soll nun aus der Gesellschaft der verständigste, einsichtsvollste und erfahrenste Mann gewählt werden; und dieser nun auf solche Art gewählte „Vorsteher“ soll dann sich zur Seite, nach Umständen des Gesellschaftszweckes, drei bis sieben „Beistände“ oder „Räte“ wählen. Und wenn nun ein solcher „Vorstand“ zuwege gekommen ist, dann sollen erst die „Gesetze“ oder „Statuten“ von diesem Vorstand entworfen werden, die dem Zweck entsprechen, dessen nützliche Realisierung sich die Gesellschaft vorgesetzt hat.
HIM|1|410124|4|0|Diese Satzungen sollen dann jedem beitreten wollenden Mitglied genau und anschaulich vorgelesen und erklärt werden. Und da soll dann kein beitretendes Mitglied irgendetwas einzuwenden haben; sondern, wenn es die Satzungen zweckvoll findet, so möge es beitreten, im Gegenteil aber sich auch nach eigener Willkür fernhalten. Und es soll wegen Gewinnung eines oder des anderen Mitgliedes nichts mehr an den Satzungen verändert werden, sondern, wie sie ursprünglich gegeben wurden, so sollen sie auch fortbestehen, solange der Verein einer solchen Gesellschaft dauert.
HIM|1|410124|5|0|Denn wenn, wie es gewöhnlich der Fall ist, nach Umstand der Sache und der eintreten wollenden Mitglieder, solche einmal gültig entworfene Satzungen bald hier, bald da eine Abänderung erleiden, so geben solche Abänderungen nur einen sprechenden Beweis, dass eine solche Gesellschaft auf schwachen und unverlässlichen Füßen beruht, die schon ein leichter Windstoß zum Wanken bringt. Denn neue Gesetze machen die bestehenden unvollkommen. Und wo immer durch ein neues Gesetz ein früheres gewisserart unterstützt werden muss, ist das ein Zeichen, dass das frühere Gesetz krank, gebrechlich und nicht viel nütze ist – woher es dann kommt, dass durch dergleichen Erneuerungen eine gesellschaftliche Anstalt oder ein zwecktunlicher Verein immer mehr in den Misskredit hinabsinkt, sich endlich gänzlich auflöst und mit ihm auch die bezweckte gute Sache zugrunde geht.
HIM|1|410124|6|0|Daher ist auch dieses das beste Grundgesetz zur Bildung irgendeiner zweckdienlichen Gesellschaft, dass da vor allem ein einsichtsvoller und wohlerfahrener Mann an die Spitze gewählt wird, dieser dann aber alsogleich das Recht hat, wie oben angezeigt, sich Helfer an die Seite zu wählen.
HIM|1|410124|7|0|Wenn nun dieses bei der Bildung einer Gesellschaft beachtet und gehandhabt wird, dann wird die Gesellschaft einem Menschen gleichen, in welchem ebenfalls das empfindende, fühlende und den ganzen Lebensprozess ordnende Herz sich lebendig in der Mitte des ganzen Organismus befindet und zunächst den ihn umgebenden Körper mit den nötigen Sinnen versieht und dieselben unterhält als gewissermaßen seine „Räte“, durch welche Beschaffenheit dann der ganze Organismus des Menschen und durch denselben der Mensch selbst gar wohl erhalten wird.
HIM|1|410124|8|0|Wie würde aber der Mensch als solcher fortbestehen, wenn in seinem Organismus fortwährend neue Anordnungen getroffen würden!? Würde da nicht jede Hand, jeder Finger wollen Ohren, Augen, Mund und Nasen haben!? Und wenn das, sofort nachgebend und alles gewährend, ginge – wie würde in kurzer Zeit der Körper des Menschen aussehen, da man nichts als lauter Herzen, Augen, Ohren, Nasen und Munde an ihm entdecken würde!
HIM|1|410124|9|0|Seht, wie es sich mit dem Menschen in dieser Hinsicht verhält, dessen Glieder alle eine wohlgeordnete Gesellschaft untereinander ausmachen, dasselbe soll auch von jeder schon gebildeten oder noch zu bildenden Gesellschaft genau beachtet werden!
HIM|1|410124|10|0|Jedoch was die rein weltlichen Gesellschaften betrifft, deren Entstehen oder Bestehen keine anderen als nur unterhaltende Zwecke hat, so finde Ich für derlei Gesellschaften kein anderes Gesetz als das einzige, dass sie weder entstehen noch bestehen sollen. Wo sie aber bestehen, da sollen sie kein Ärgernis geben und wenigstens einer solchen Zucht entsprechen, dass ihr Beispiel nicht allzu sehr die Menschen anlocke und von Meiner Ordnung abziehe.
HIM|1|410124|11|0|Wo aber irgend neue Gesellschaften für solche irdische Unterhaltungszwecke sich bilden möchten, da sage Ich nur: Sie werden nicht gar zu lange mehr bestehen unter was immer für Satzungen. Denn Ich stehe vor der Tür und bin überladen mit allerlei Statuten für solche Gesellschaften und werde Mir voraus einen Engel senden, der Meine Ankunft verkünden und die Erde säubern wird mit seiner scharfen Sichel von dem Unkraut, das da allezeit dem freien Wachstum Meines Weizens hinderlich war.
HIM|1|410124|12|0|Und dieser Engel wird auch ein großes Rauchfass haben und wird mit demselben über die ganze Erde einen schrecklichen Rauch machen, auf dass alle Pest auf derselben in dem Rauch zugrunde gehen muss. Versteht aber wohl, was da unter der „Sichel“ und unter dem „Rauchfass“ verstanden wird! Nämlich, wer nicht Weisheit besitzt, der soll wissen, dass die Sichel das „Schwert“ und das Rauchfass das „scharfe Geschütz“ bedeutet.
HIM|1|410124|13|0|Seht, mit solchen Statuten werde Ich die Welt ihrer unterhaltenden Gesellschaften und vieler anderen, dadurch entstandenen Übel wegen alsobald und unverzüglich heimsuchen. Jedoch soll Mein Engel mit der Sichel und dem Rauchfass die Häuser derjenigen verschonen, die ihres Hauses Türpfosten mit dem Wort Meiner Liebe und Meiner Erbarmung gesalbt haben. Denn Mein Wort ist eine große Gnade für den, der solches empfängt, und ist für die Pfosten der Tür ein gutes Salböl. Es wird der Engel an der Tür versuchen, ob sie knarrt am Pfosten. Wo sie knarren wird, da wird der Engel das Haus bis auf den Grund niederreißen. Da sie aber sanft aufgeht, da wird das Haus verschont werden, und zwar aus diesem Grund:
HIM|1|410124|14|0|Wenn Ich nämlich komme, da werde Ich kommen gleich einem Dieb und Mich in aller Stille in das Haus schleichen. Daher müssen auch alle Pfosten wohl geschmiert sein. Denn wo die Tür knarrt, da gehe Ich nicht hinein. Das Herz aber ist die Tür! Wenn dieses voll Angst, voll Ungeduld, Furcht und Murren, Untreue, Zwiespaltigkeit und dergleichen Untugenden mehr sich bei Meiner Ankunft Mir unausweichlich wird offenbaren müssen – hört, da wird der „Dieb“ sich alsobald entfernen und nicht einziehen durch eine solche verwahrloste Tür! Und noch weniger wird er je mehr dahinkehren als der große Statutenbringer des ewigen Lebens!
HIM|1|410124|15|0|Denn wahrlich, wo irgendein Mensch ist, da ist er ja nicht allein, sondern eine ganze Gesellschaft ist mit ihm. Und da bedarf es am meisten eines Hauptgesetzgebers, damit die Gesellschaft eins werde unter sich und dieses Eins sei ein Leben aus und in Mir. Wenn aber irgendeine Gesellschaft oder ein Mensch in beständiger Angst schwebt zwischen Mir und der Welt, denen will Ich ja recht gerne ihren Weltfrieden gönnen und Mich mit Meinen Statuten des ewigen Lebens zurückziehen. Und da mögen dann wohl wieder Gesellschaften der Weltunterhaltung gebildet werden. Allein Ich werde da nimmer den Friedensstörer machen und nicht eher wiederkommen, bevor Mein Engel mit der Sichel und mit dem Rauchfass erschienen ist! Das sage Ich, der vor der Tür steht. Amen!
HIM|1|410125|1|1|Vom wahren Priester, Arzt und Hirten. Licht und Trost für Schwache – 25. Januar 1841
HIM|1|410125|1|0|Da schreibe ein kleines Wort voll höheren Trostes an die Seele, die da stets kranken Herzens ist und sich in ihrer Schwäche weder zu raten und noch weniger zu helfen weiß. Sie hat sich ohne Meinen Rat und ohne ein ausdrückliches Begehren des besseren Teiles der kirchlichen Priesterschaft durch eine unnötige Beichte (oder sonst kirchliche, priesterliche oder doktrinäre Influenz) in eine Spalte geklemmt, deren Zusammendruck ihrem weichen Herzen eine sehr beklemmende üble Sache machte. Dadurch gleicht sie einem Kranken, zu dem zwei Ärzte kommen, welche feindselig gegeneinander fahren, da sich der Kleine gegen den Großen auflehnt, indem er keine Einsicht von der Art und Weise hat, wodurch der Große mit großer Leichtigkeit und Sicherheit seine Kranken heilt; während der Kleine vorgibt, dass nur er die wahre Universalmedizin besitze, an deren einzig und allein zu heilen vermögender Seite alles andere eitel und verdammlich ist.
HIM|1|410125|2|0|Dieser Kranken sage, dass nur Ich der einzig und allein rechte Arzt bin und frei helfen kann, wem Ich will und dass Ich Mich ewig nimmer binden lassen werde von irgendeinem gallsüchtigen Kleinpriester, dem viel mehr eine vermeintliche Verkümmerung seiner geistlichen Autorität als das wahre Seelenheil seiner sogenannten „Beichtkinder“ am Herzen liegt.
HIM|1|410125|3|0|Siehe, solche Mietlinge stehen Meiner Herde nicht wohl an! Sie wehren die Wölfe von den Schafen nur der Wolle, aber nicht des geistigen Lebens der Schafe selbst wegen ab. Der „rechte Hirte“ dagegen weidet und schützt die Schafe ihres Lebens wegen, da sie Sein Eigentum sind, und kümmert sich weniger um die Wolle, wohl wissend, dass das Leben, wenn es gewonnen wird, auch sicher die Wolle mitbringen wird.
HIM|1|410125|4|0|O blicke du nur hinaus in Meine große Schöpfung! Siehe, dieses alles besteht aus Meiner Liebe und Weisheit, Erbarmung und Gnade! Meinst du wohl, dass Ich solches durch die vermeintliche priesterliche Gewalt und Zulassung tue und so die Erde und alle zahllosen Welten erneuere, erhalte und allenthalben bevölkere!? Oder muss Ich etwa einen Priester fragen um die Erlaubnis und um einen Rat, mit wie viel Licht Ich die Sonne versehen solle, und wann sie auf- und niedergehen möchte!? Oder welcher Priester hat sich denn mit Mir ans Kreuz schlagen lassen!? Oder haben damals nicht vielmehr eben gerade Meine Priester solches an Mir getan und Mich gelästert, als ob Ich vom Teufel wäre gegen ihr vermeintliches Reich Gottes, welches unter solchen Mietlingen vielmehr ein Reich des Satans geworden war und zum Teil nun wieder ist!?
HIM|1|410125|5|0|Oder, wenn ein Mensch lebt, lebt er aus Mir oder dem Priester? Ich sage dir, dass Ich ein vollkommen freier und über alles mächtiger Herr, Gott und Vater bin und hange nicht im Allergeringsten ab vom Priestertum und kann allein Jedwedem seine Sünden vergeben, der sich reuig in aller Liebe zu Mir wendet; denn Ich bin auch ein Herr über alle Sünder! Und so Ich jemandem seine Schuld nachsehen will, vermöge seiner vollen Sinnesänderung – siehe, da stehe Ich auch gar nicht an auf eine aus törichten Gründen vorenthaltene Absolution eines „wolleverkümmert“ sich wähnenden Priesters!
HIM|1|410125|6|0|Denn wahrlich, so Ich gar bald wiederkommen werde, da werden mich Hunde und Katzen eher erkennen als solche herrschen wollende Priester, denen allezeit nur an der Wolle gelegen war, so oder so, aber niemalen oder wenigstens sehr selten am Leben selbst!
HIM|1|410125|7|0|So dir aber irgendein Priester nicht möchte seine wenig sagende Lossprechung erteilen, so gehe zu einem zweiten, dritten usw. Und solltest du keinen finden, der dich losspräche, alsdann komme nur getrost zu Mir und gedenke des verlorenen Sohnes und sei versichert, dass Ich als wahrer, heiliger, bester Vater Meine Kinder gewiss eher denn alle die herzlosen Mietlinge in Mein Haus und Herz mit offenen Armen aufnehmen werde!
HIM|1|410125|8|0|Daher sei ohne Sorge in dir und folge Mir! Und Ich werde dich ewig nicht zugrunde gehen lassen! Kehre nur deine Kindlein emsig zu Mir, wozu Ich dir schon an der Seite stehen werde! Und denke, dass der Herr aller Schöpfung auch noch viel mehr ein Herr des Geistes ist und tun kann, was Er will.
HIM|1|410125|9|0|Siehe, Ich führe dich und werde dich ewig führen! Daher kümmere dich nicht so sehr der blinden Leiter! Amen! Das sage Ich, dein lieber, guter Vater, dich segnend, Amen, Amen!
HIM|1|410126|1|1|Vertrauen zum himmlischen Vater – 26. Januar 1841
HIM|1|410126|1|0|Der Mensch ist ein Denker, doch Ich nur ein Lenker. / Der heiterste Morgen bringt jedem noch Sorgen. / Doch wem da beschieden der Abend im Frieden, / der denke am Ziele: Es war so Mein Wille!
HIM|1|410126|2|0|Schreibe nur zu und verkünde Meinen Rat dem bekümmerten Anselm „Wortemsig“, dass er nur ganz allein auf Mich vertrauen und Mir volltrauen solle! Denn Ich weiß es allezeit am besten, wo jemanden der Schuh drückt, und bin auch ein sehr verlässiger Wegweiser. Mir sind alle Wege wohl bekannt. Und Ich bin der nächste und kürzeste Weg Selbst! Wer darauf wandeln wird, der wird das rechte Ziel nicht verfehlen ewiglich! Denn wen Ich führe, der hat wahrlich einen sicheren Geleitsmann. Und wer auf Meinen Wegen wandelt, der verfolgt ein sicheres Ziel, ja ein Ziel, das ein Ziel aller Ziele ist. Denn Ich bin der Wegweiser, der Weg und das ewige, lebendige Ziel Selbst!
HIM|1|410126|3|0|Siehe daher, Mein lieber Wortemsig, du sorgst und bekümmerst dich eitel, wenn du Mich liebst, treu rufst und ungezweifelt glaubst, dass Ich, dein allmächtiger, großer und heiliger Vater, es bin, der dir solches durch diesen Meinen Wortschreiber sagen lässt. Tue daher nur so viel als du magst und kannst, alles Übrige überlasse im vollsten Vertrauen nur Mir! Und du kannst versichert sein, dass Ich alles zu einem gerechten Ziel führen werde.
HIM|1|410126|4|0|Wahrlich, so du Mich eine Stunde lang geliebt und ebenso lange Mir vertraut hast, so hast du mehr getan, als so du dich zehn Jahre vergeblich sorgtest und in solchen Sorgen für nichts und um nichts gar oft von Meinen Gnadenwegen dich abwendetest!
HIM|1|410126|5|0|Sage, magst du wohl allen deinen Kindern ein Elle hinzufügen? Oder vermagst du die Schwachen zu stärken und die Starken zu schwächen? Oder vermagst du wohl die Kleinen groß und die Großen klein zu machen, oder dass die Blinden sehend und die Sehenden blind werden, die Tauben das Gehör erhalten und die mit offenen Ohren doch nichts hören und verstehen?
HIM|1|410126|6|0|Siehe, Ich bin ein Herr über Lebendige und Tote! Und so hört der Lebendige allezeit Meine Vaterstimme, versteht sie und kehrt sich danach. Aber auch den Toten kann Ich Mich als Herr mit Meiner Donnerstimme allerschütternder Macht gar wohl verständlich machen, wenn es an der Zeit ist. Und es müssen Mir gehorchen die ganze Erde, der Mond und all die Sonnensterne und all das Weltgetümmel um sie!
HIM|1|410126|7|0|Siehe, so aber solches alles und zahllos mehreres, vom Kleinsten bis zum Größten, abhängt von Meinem Willen, und du aber freiwillig hängst mit deinem Herzen an Meiner Vaterliebe, die da ist der ewige Ursprung aller Dinge – wie kann dich dann noch etwas bekümmern, so du Meiner Liebe allezeit versichert sein kannst, sein sollst und nun über alle Maßen wahrhaft bist!
HIM|1|410126|8|0|Siehe an Meinen Knecht – er hat kein Vermögen, als das von Mir! Und doch sage Ich dir, dass er in seiner Armut reicher und glücklicher ist, als einer, dem alle Schätze und Wissenschaften der Erde zu Gebote stünden!
HIM|1|410126|9|0|Siehe, die Ich versorge, die sind wohl versorgt, zeitlich und um desto mehr noch ewig, und werden bei Meiner Kost gar wohl aushalten! Und Mein Amt wird ihnen keine Amtsstunden vorschreiben, sondern die seligste Freiheit ihrer Liebe. Amen.
HIM|1|410130|1|1|Besessenheit – 30. Januar 1841
HIM|1|410130|0|0|Bitte des Knechtes: „Herr, Dein Wille geschehe! Du weißt, wonach mich verlangt, auf dass Dein Name allezeit möchte im Geist und in aller Wahrheit geheiligt werden!“
HIM|1|410130|1|0|So schreibe nur ein Wort über das, was dich bedrückt! Denn es gibt Besessene gerade in dieser Zeit so viele, dass dieser beklagenswerte Zustand der Menschen in allem Ernst „normal“ geworden ist.
HIM|1|410130|2|0|Siehe, wenn der Leib hie und da krank geworden ist, so hat dies darin seinen Grund, dass durch irgendeinen Umstand fremdartige Teile in denselben gekommen sind. Sodann bemüht sich der Leib in seiner organischen Tätigkeit, diese fremden Stoffe (mittels des Nervengeistes) hinauszuschaffen. Allein es ist hier der Fall wie bei jemandem, der da ohne irgendein Hindernis in ein künstliches Labyrinth geraten ist, daraus er sich nicht so leicht wieder finden kann, wie er hineingekommen ist. Und so kann denn so ein fremdartiger Teil ebenfalls auch nicht so leicht wieder aus dem Leib geschafft werden, wie er hineingeraten ist.
HIM|1|410130|3|0|Wo aber dann im Leibesorganismus ein solcher Fremdteil sitzt, da hemmt er die ordnungsmäßige Tätigkeit der Organe und verursacht allerlei Störungen im Kreislauf des Blutes und aller aus demselben entspringenden Säfte. Und so dann dadurch diese nicht zur rechten Zeit zur Sättigung zu den bestimmten Organen gelangen können, so werden die Organe dann hungrig, schrumpfen zusammen und verursachen ein krampfhaftes, schmerzliches Ziehen, werden matter und matter; und schließlich wird der Leib völlig abgespannt, und die Organe verlieren alsobald samt der Elektrizität ihre elektrische Spannkraft. Und die Folge davon ist, dass der Leib dadurch hinfällig und krank wird.
HIM|1|410130|4|0|Es sind solche fremdartige Teile, als z. B. Gifte aller Art, in allen Elementen. Und sie können in den Leib auf verschiedene Weise gelangen, entweder durch den Mund, die Nase, die Ohren, die Augen wie auch durch die Poren der Haut.
HIM|1|410130|5|0|Dann gibt es neben den Giften aller Art auch sogenannte Kontagien [Ansteckungsstoffe], welche durch die Berührung oder oft schon durch bloße Annäherung, gleich einem Sauerteig, durch die Poren in den Leib dringen und demselben sich zu assimilieren anfangen, wodurch derselbe dann oft sehr gefährlich krank wird, weil dann der Leib eine ganz fremde Beschaffenheit anzunehmen genötigt ist. Und wenn da nicht schnelle Hilfe geleistet wird, so ist es mit dem Leib unfehlbar geschehen.
HIM|1|410130|6|0|Weiter gibt es noch eine dritte Art der Entstehung der Krankheiten, nämlich gewaltsame Verletzungen, welche ebenfalls störend und oft tödlich auf den Organismus einwirken. Und zwar versteht sich von selbst, dass es da zweierlei Verletzungen geben kann, entweder äußere oder innere.
HIM|1|410130|7|0|So ist also, kurz gesagt, eine wie immer gestaltete Krankheit des Leibes demnach nichts als ein Besessensein desselben von fremdartigen, dem Leib nicht entsprechenden Elementen!
HIM|1|410130|8|0|Obschon zwar der Leib alle Elemente naturmäßig in sich begreift, so ist aber im Gesundheitszustand von jedem doch nur so viel da, als es der Naturordnung gemäß ist. Demnach besteht die Fremdartigkeit in den unverhältnismäßigen Proportionen, d. h. im ungeteilten Zuviel oder, unter anderen Umständen, im Zuwenig.
HIM|1|410130|9|0|Siehe nun, so da irgendein Mensch schon von der Geburt aus verdorben wird, da schon vermöge des unordentlichen Lebens der Eltern demselben fremdartige Teile eingeboren werden, so nennt ihr ein solches Übel („angeerbt“ oder) „chronisch“. Und wenn aber ein solches Übel sich dann auf eine ganze Generation übergehend erstreckt, da, sage Ich, wird ein solches Übel „normal“ und ist auf natürlichem Wege nicht mehr aus dem Leib zu bringen, sondern nur durch Mich, auf dem Wege des Wunders, was dann eine Gewalttat von Mir ist, da Ich dann durch Meine allerbarmende Liebe gegen Meine Ordnung zu handeln gezwungen werde. Andernfalls muss das Übel völlig ausgezeitigt werden und zeigt sich dann auf dem Wege von allerlei Aussatz und allerartigen bösen Fiebern und Seuchen, wo es dann, sich selbst empfehlend, den betreffenden Menschen reinigt, oft aber auch, im zu heftigen Auftreten, denselben wie auch ganze Generationen mitnimmt und so dem Arzt hernach die Regel zeigt, dass es gegen so alte Schäden nicht gar viele heilende Mittel gibt.
HIM|1|410130|10|0|So aber jemand erfahren möchte, ob auch in ihm ein heimlich schweigendes, angeerbtes, chronisches oder ein selbsterworbenes Übel sei, so darf er nur recht fasten und bei solcher Diät dann und wann ein sparsames Medikament, natürlich in entsprechender Art, zu sich nehmen, so werden sich bald melden: unter den Nerven die angeerbten, in den Gliedern die chronischen und in den Eingeweiden die selbsterworbenen Übel. Und es ist das der Weg der sogenannten Homöopathie, die bei den Übeln erster Art auch vorzuziehen ist.
HIM|1|410130|11|0|Nun sehe, da Ich dir hier gezeigt habe des Leibes Besessensein, so habe Ich dir auch gezeigt das geistige Besessensein der Menschen. Denn es verhält sich mit dem geistigen gerade also, wie mit dem leiblichen.
HIM|1|410130|12|0|Und es ist solches Besessensein darob nun so normal geworden, dass es die Menschen gar nicht mehr merken, welch scheußlichen Mutwillen die bösen Gäste mit ihnen treiben. Ja, so sehr sind die Menschen jetzt „besessen“, dass in ihnen das Bösgeistige und ihr Eigenes völlig eins geworden ist. Da spricht der böse Geist nur für sein Haus und das Haus für seine schnöde Wohnpartei.
HIM|1|410130|13|0|Denn da sind Tanz, Hurerei, Groll, Schelten, Fluchen, Rauben, Stehlen, Lügen, Stolz, Hochmut, Prahlerei, Ehrabschneidung, Neid, Geiz, Hoffart, Fraß, Völlerei, Spott und Hohn gegen alles Mich betreffende, Pracht, Mode, Luxus und dergleichen Eigentümlichkeiten nichts als vollkommene, untrügliche Zeichen des allerintensivsten Besessenseins.
HIM|1|410130|14|0|Wer es nicht glauben will, der versuche nur schnell die empfohlene Diät des Geistigen in der Selbstverleugnung und nehme mehrere kleine Dosen Meines Wortes ein, und wahrlich sage Ich, er wird sich bald überzeugen, welch ein „Herr“ da in ihm wohnt. Und wird dieser durch Mich hinausgeschafft, dann werden diese Bestien gleich die ganze Welt gegen einen solchen Befreiten reizen.
HIM|1|410130|15|0|Wer daher nicht glauben möchte diesem Wort, der versuche nur die „Homöopathie des Geistes“, und er wird sich alsobald überzeugen, dass Ich, die ewige Wahrheit, treu bin in jeglichem Meiner Worte.
HIM|1|410130|16|0|Aber es ist die allgemeine Auszeitigung nicht mehr ferne! Dann dreimal wehe dem Inhaber solcher Güter! Amen. Das sage Ich, die urewige Wahrheit Selbst!
HIM|1|410201|1|1|Die wilde Jagd – 1. Februar 1841
HIM|1|410201|1|0|Ein Nachtrag über das Besessensein! Doch so Ich dir hier für die Menschheit Schauerliches im Vollmaß verkünden werde, so denke, dass Ich es bin, dem alle Dinge möglich sind!
HIM|1|410201|2|0|Wenn irgend bei einem Menschen, der sonst fromm und tugendhaft ist, sich böse, fremde Wesen entweder durch Gebärden, und zwar sogleich wohl erkennbar, oder auch bei besonderen Fällen, in fremdartigen Stimmen durch allerlei, mit Hohn und Spott lästernden Reden zu erkennen geben, da sie den armen Besessenen martern, schlagen und hin- und herwerfen, so hat diese Erscheinung einen dreifachen Grund.
HIM|1|410201|3|0|Wenn da gefragt würde: wie kommt so ein unschuldiger Mensch zu solcher Qual, warum und wann? – da denke dir zuerst:
HIM|1|410201|4|0|Wenn ein Reh auf der Jagd erlegt worden ist, so wird nach demselben nicht mehr gejagt werden, da wird das Erlegte nach Hause getragen als Beute der Jagd. Wo aber ein Wild von den Hunden noch im Forst gewittert wird, siehe, da geben die keine Ruhe dem Wild und verfolgen es unausgesetzt, auf dass sie es brächten vor des Jägers tödliches Gewehr, um dann wieder frisches Blut zum Lecken zu bekommen. Und dann hat fürs Dritte jeder Weidmann aber auch seine Zeit und beobachtet die Reife des Wildes und schont es zuvor sorgsam und verhütet das Gebell der Hunde, um das Wild nicht aus dem Forst zu schrecken. Das Wild aber ist schuldlos, denn es vermag nichts zu merken von des Weidmanns Tücke. Und oft geschieht es, dass es ein dummes Wild ist und bleibt wie gefesselt im dunklen Revier des Todes und lässt sich erjagen von den Hunden und töten vom Jäger.
HIM|1|410201|5|0|Siehe hier das Bild – und wisse, dass der Fürst der Finsternis unablässig Jagd macht auf alle Menschen und sie sämtlich als das Wild seines großen Reviers betrachtet. Und war er früher nur ein Raubjäger, so hat er sich aber jetzt auf eine kurze Zeit zum Jagdinhaber aufgeworfen und weiß daher sein Wild zu schonen bis zur bestimmten Zeit, da er dann wieder eine große Treibjagd gibt, um mit reicher Beute beladen heimzukehren.
HIM|1|410201|6|0|Solche „Jagdzeiten“ aber sind vorzugsweise jene öffentlichen Belustigungen, Krieg, Zwietracht, Hurerei und dergleichen mehreres. Und da sind Tänzer, Krieger, Neider, Hurer und so fort nichts als gehetztes „Wild“. Wohl denen, die sich noch frühzeitig vor der Hetzzeit in Mein Revier geflüchtet haben, so ihnen die Ahnung oder Meine fernrufende Stimme verkündete, was da kommen wird gar bald über den Forst des Satans! Wehe aber den Gehetzten, wahrlich sage Ich, des Beute sie geworden sind, des sollen sie auch bleiben!
HIM|1|410201|7|0|Wehe den Musikern, die da stoßen gar eifrig Tag und Nacht in die Jagdhörner des Satans, um das Wild zu betäuben und zu hetzen zu dem tödlichen Feuerrachen des Fürsten aller Teufel! Hört, ihr getreuen Söldlinge des Satans, die ihr die Sprache des Himmels stoßt in die Posaune des Todes, euer Lohn wird groß werden im Reich dessen, dem ihr so getreu dient!
HIM|1|410201|8|0|Höre, du Mein Schreiber, solche können nicht besessen werden, da sie ohnehin selbst zum Jagdgefolge des Satans gehören. O zweifle nicht, dass es also ist, denn die Tanzmusik ist eine trügerisch feine Stimme des Satans und gleicht dem Gesang der Sirenen, von dem die Alten gar weise fabelten. Wer aber solche Stimme führt, ist kein Besessener mehr, sondern einer, der da selbst fängt und Besitz ergreift.
HIM|1|410201|9|0|Wehe euch Tanzmeistern und Vortänzern, Ballgebern und Ballmeistern, auch ihr gehört gleich den Musikern zum Jagdgefolge des Satans und seid wohl brauchbare Schuss- und Treib-Teufel selbst! Euch brauche Ich nicht euren Lohn für dereinst auszusprechen, denn in dessen Amt ihr steht, der wird euch euren Sold schon ohnehin wohl ausgemessen haben! Ihr seid fleißige und gar treue Diener eures Herrn; jeder Arbeiter aber ist ja seines Lohnes wert! Und so könnt ihr wahrlich ganz vollkommen versichert sein, dass ihr dereinst, und zwar bald schon in der letzten Zeit der großen Lohn- und Preisverteilung durchaus nicht zu kurz kommen werdet! Denn wahrlich, es wird da gehen nach Meinem Ausspruch, und der möchte euch wohl ein sicherer Bürge dieser Verheißung sein!
HIM|1|410201|10|0|Siehe, du Mein Schreiber, auch diese sind und werden nicht besessen, sondern überdenke diese Art Menschen wohl, und du wirst gar bald finden, dass sie nichts als Mammons wohlgeschmeidige Diener sind, denen es mit wohlleserlicher Schrift auf die Stirne geschrieben steht: „Erlaubt es uns und gebt uns Geld, und wir wollen euch die ganze Welt vergiften und Tanzsäle errichten, in denen Sonnen ihren Auf- und Niedergang feiern mögen und Erden gleich Erbsen herumkugeln!“ O siehe, für so große und herrliche Pläne wird dereinst ja auch ein gar großer Preis und Lohn folgen müssen! Denn wahrlich, an solchen großdenkenden Geistern leidet der Himmel die größte Armut!
HIM|1|410201|11|0|Wehe euch Schülern solcher Meister! Wahrlich, Ich sage euch, der Fürst der ewigen Nacht hat eure Namen getreu eingetragen in sein großes Buch des Todes. Und der Engel Meiner Gnade hat dafür gleichzeitig dieselben ausgelöscht aus Meinem Buch des Lebens. Und darob werdet ihr einst zu denjenigen gezogen werden, die da sagen werden: „Herr, Herr, wir haben ja Deinen Namen angerufen, wir haben geglaubt, dass Du der lebendige Sohn Gottes bist, haben wir auch keine Wunderfrüchte des Glaubens getragen, so haben wir aber doch geglaubt und waren Zeugen Deiner Gnade und wirkten in der Macht Deines Namens all unser Tun, da wir wohl wussten, dass ohne Deinen Willen ja nicht einmal ein Sperling vom Dach zu fallen vermag!“
HIM|1|410201|12|0|Ich aber werde dann so frei sein und werde ihnen keck und trockenweg entgegnen: „Weichet von Mir, ihr Verfluchten und Gehetzten, Ich habe euch noch nie als Mein Eigentum erkannt: Meint ihr, dass Ich ein Räuber und Dieb bin und Mir fremdes Wild zueignen möchte!? Das sei ferne! Dem ihr zu eigen geworden seid, dahin kehrt, damit euch euer Preis werde! Denn Ich kenne euren Inhaber, und Meine Gerechtigkeit geht weiter als ihr es denkt. Und darob soll des Satans sein, was er sich erworben hat, und Mein das nur, was von Meiner Stimme gelockt, früh genug Mein Revier betreten hat.
HIM|1|410201|13|0|Es soll dereinst der große Fürst des Todes, dem ihr euch zu eigen gemacht habt, keine Sache wider Mich haben, als wäre Ich je ungerecht gegen ihn gewesen. Sondern da soll dann das Seinige ewig sein und das Meinige ewig Mein verbleiben – und zwar das Seine in des Gerichtes und aller Verdammnis Feuerqual mit und bei und in ihm, wie das Meinige in des Lebens höchster Seligkeit und Wonne mit, bei und in Mir!“
HIM|1|410201|14|0|Siehe, du Mein Schreiber, diese „Schüler“ gehören schon zu den Besessenen. Denn wer da besitzt das Gebiet, dessen ist auch das, was darauf Wohnung macht. So aber jemand zur rechten Zeit der Freilassung, welche die kurze irdische Lebenszeit ist, das böse Gebiet freiwillig und gänzlich verlässt und kommt zu Mir, um auf Meinem Revier Wohnung zu machen, den werde Ich aufnehmen und ihn zu Meinem Eigentum machen. Und Ich werde Mein Gebiet wohl zu verschanzen wissen vor den Feinden und (unbußfertigen,) gehetzten Überläufern, auf dass Mein Gebiet ein geheiligtes bleibe und Meine Einwohner völlig gesichert seien.
HIM|1|410201|15|0|Hört aber alle, ihr Gehetzten, das ist Meine Stimme: Wahrlich, sage Ich euch, ihr werdet nicht hineingelassen werden auf eurer Flucht in Mein Gebiet! Denn dessen Name einmal eingetragen wurde ins Buch des Todes, für den werde Ich nimmerdar streiten und widerrechten! Denn es soll ewig das Recht des Grundbuches von Mir gar sehr berücksichtigt werden.
HIM|1|410201|16|0|Zu dieser Klasse sollen auch gerechnet sein alle Mode- und Luxushändler, alle die Fabrikanten solcher Scheusalsdinge des Satans und auch alle jene, die dergleichen anrühmen, verteidigen, gutheißen und sogar oft wohlmeinend fördern, wie auch alle jene, die daran teilnehmen und Geschmack daran finden. Und so auch wehe dereinst jenen, die dergleichen wohl verhindern mochten und es nicht taten aus zeitlichen Interessen! Alle diese sollen nie zu Meinem Eigentum werden, wie auch jene nicht, die diesem Worte nicht glauben werden, dass sie gerettet werden möchten.
HIM|1|410201|17|0|O zweifle nicht, du Mein Schreiber! Es ist also! Und es werden einst gar viele kommen hin zu Meinem Gebiet und werden da ohne innere Buße Meinen Namen anrufen. Aber wahrlich sage Ich dir, sie werden nicht hineingelassen werden. Und siehe, da wird dann viel Lästerns und Verwünschens vorkommen und werden sich da viele anklammern an das Holz Meines Forstes, um es aus Rache zu verderben. Allein das Mark Meines festen Holzes werden sie nimmer erreichen. Und so Ich alsobald die Bäume Meines Forstes werde reinigen lassen, siehe, da bin Ich ein guter Förster und werde die Äste schon wieder zurechtbringen.
HIM|1|410201|18|0|Und dass Ich solches dulde und Selbst aber keine Eingriffe in des anderen Eigentum mache, geschieht, dass dereinst, wie schon gesagt, Mein Feind Mich nicht der leisesten Ungerechtigkeit beschuldigen kann. Daher suche Ich auch niemanden mit Zwang und Gewalt und will nicht jemanden bereden zu Mir, sondern wer da kommt, Mich sucht und pocht an der Tür Meines Gebietes zur rechten Zeit, und zwar laut schreiend und mit aller Gewalt pochend und reißend an der Tür Meines Gebietes, dem will Ich die Tür öffnen und ihn wohl aufnehmen.
HIM|1|410201|19|0|Aber wer da zur rechten Zeit nicht kommen und nicht schreien und gewaltsam pochen und reißen wird an der Tür, wahrlich sage Ich dir, um dessen Besitz werde Ich mit Meinem Feind nicht rechten, sondern was da kommen wird über Meinen Feind, wird auch kommen über sein erworbenes Eigentum!
HIM|1|410201|20|0|Wie aber da gekommen ist der Tod durch den Einen und wieder das Leben durch den Einen – so wird am Ende auch das Gericht gehalten werden gegen jenen Einen und alles wird gerichtet werden durch diesen Einen! So aber der Fürst der Welt gerichtet wird von dem ewigen Sohn des Vaters, da wird dann auch all sein Eigentum gerichtet werden mit und in ihm. Denn so ihr einen Verbrecher richtet, richtet ihr da nicht zugleich dessen Eingeweide? Und wird sich ein Glied lebend erhalten, wenn der Verbrecher getötet wird?! Siehe, desgleichen wird auch dereinst, und zwar nicht gar zu lange mehr, geschehen!
HIM|1|410201|21|0|Überdenkt wohl, was Ich hier gesagt habe! Ich habe noch vieles verschwiegen, doch lasst das Überflüssige! Es soll da noch ein Nachtrag folgen! Amen. Das sage Ich, die Ewige Liebe! Amen.
HIM|1|410202|1|1|Von den Arten der Besessenheit – 2. Februar 1841
HIM|1|410202|1|0|Das Folgende sei der Schluss-Nachtrag über das Besessensein! Und so du auch hier im Allgemeinen wenig Tröstendes finden wirst, sondern Schauderhaftes über Schauderhaftes und Schreckliches über Schreckliches, ja so du vernehmen wirst darinnen den Donner vom großen Gericht nicht mehr ferne erdröhnen, so denke, dass Ich die Ewige Liebe bin, der alle Dinge möglich sind! Denn Meine Wege sind unendlich und Meine geheimen Ratschlüsse unerforschlich!
HIM|1|410202|2|0|So du hier aber willst der Welt wegen Fragen stellen, so sollen sie geschrieben sein, und das sei dir gestattet! Doch so du fragst, da frage bescheiden und verständigen Herzens.
HIM|1|410202|0|0|Frage: „O Herr, in welcher Ordnung kommt denn hernach das Besessensein vor, und gehören die Besessenen des Alten und Neuen Testamentes wie die der neueren Zeit, deren Justinus Kerner und Professor Eschenmayer erwähnen, auch in die Ordnung der von Dir bezeichneten Besessenen?“
HIM|1|410202|3|0|Antwort: Siehe, die ersten vom Jagdgefolge Satans sind die Locker in jeder böswilligen Absicht, und von den Lockern diejenigen voran, deren verführendes Unternehmen am lockendsten, reizendsten, dabei aber so gar geziemend und wohlanständig sittlich erscheint, dass demnach durch solchen feinen Betrug des Satans die Menschheit ordentlich gezwungen wird, sich von solchen Unternehmern ins ewige Verderben ziehen zu lassen.
HIM|1|410202|4|0|Zu dieser ersten Klasse gehören demnach alle die Modisten im ausgedehnten Sinne, dann alle Tanz- und Ballgeber, dann alle Tanzmusiker, dann alle Tanzlehrer, Tanzmeister, Vortänzer und Vortänzerinnen, wie auch die sogenannten Frei- oder Ballett-Tänzer, wie auch alle jene, die diese Vexierkunst des Satans anrühmen, gutheißen und sie mit Wohlgefallen betrachten, und endlich auch noch diejenigen Jünglinge und Mädchen, deren Herz daran hängt.
HIM|1|410202|5|0|So du aber in dir sagen möchtest, dich wundernd, warum der Tanz denn gar so eine gefährliche Hauptsache des Satans sein kann, und solle der Mensch denn auf der Welt niemals sich lebensfroher und heiterer Stunden erfreuen? Darauf gebe Ich dir zur Antwort:
HIM|1|410202|6|0|Höre, hast du denn niemalen vernommen, auf welche Art der schlaue Fuchs die Hühner von den Bäumen lockt und die Schlange die zarten Vöglein in ihren Rachen? Siehe, der Fuchs wirbelt unter dem Baum, und die Hühner schauen unbesorgt dem lustigen Patron zu, werden endlich schwindlich und fallen dann vom Baum in seine Klauen. Und so auch ringelt die Schlange im Gras, da sie die Vögelein wohl sehen mögen; und so sie diese vergnügt schauen, verlassen sie alsobald ihre Zweige und fliegen ihr schnurgerade in den Rachen! Siehe, geradeso auch lockt diese unterhöllische Vexierkunst des Satans die Menschen vom heiligen Baum des Lebens! Mehr brauche Ich dir nicht zu sagen!
HIM|1|410202|7|0|Was aber die „heiteren und lebensfrohen Stunden“ betrifft, da sage Ich dir nichts als das: Werden außer Mir lebensfrohe und heitere Stunden gesucht, siehe, da muss Ich als Allwissender dir offen gestehen, dass Ich da wahrlich nicht weiß, ob solche außer bei Mir noch irgendwo zu finden sein werden. In Meiner heiligen, unendlichen Allheit gibt es keine solche! Und somit dürften solche lebensfrohen und heiteren Stunden wohl nur künstliche Griffe des Satans sein, die da gleichen den reizenden Genüssen in eitlen Träumen, durch welche die ganze Natur verderblich betrogen wird. Wem Ich als größte Erholung nicht genüge, der ist wahrhaft ein Sohn Meines größten Feindes.
HIM|1|410202|8|0|Und so kommen ferner, der Ordnung nach, die Inhaber von Huren- und Spielhäusern, wie alle Kuppler und Spielverdinger, und so auch alle Hauptteilnehmer und Unterstützer und Protektoren solch höllischer Löblichkeiten des Satans. Dann alle Ränkeschmiede, Kriegsstifter und Volksaufwiegler und Verräter. Wehe ihnen, denn ihr Lohn wird sehr groß werden!
HIM|1|410202|9|0|Und endlich gehören dazu alle Geizigen, Wucherer, Neider, Heuchler, Schmeichler, Betrüger, Lügner, Ehrabschneider, Lästerer Meiner Gnade, Diebe, Räuber, Mörder in geistiger und leiblicher Hinsicht, und so auch alle Selbstmörder.
HIM|1|410202|10|0|Siehe, alle diese gehören der Ordnung nach sämtlich zum Jagdgefolge des Satans und sind, bis auf einige der zuletzt genannten, kaum mehr besessen, sondern sie gehören zu den selbst Besitzenden, Treibenden und Ziehenden und stehen alle Nummer eins.
HIM|1|410202|11|0|All das „Wild“ und besonders alle „Bäume“, das „Gras“ des bösen Forstes sowie der tragende „Boden“ gehören samt und sämtlich zu den Besessenen und sind und stehen unter der Nummer zwei.
HIM|1|410202|12|0|Solche werden hart genesen! Und die „Bäume“, das „Gras“ und der „Boden“, als das Leibeigentum des Satans, schon gar nicht; denn solche haben sich schon begründet in alledem und stehen fest in allem Falschen aus des Satans Bösem; wehe ihnen, sie werden nicht entrinnen dem bald folgenden Weltbrand! Dem „Wild“ aber soll noch eine kurze Gnadenzeit verliehen sein, doch zur Hetzzeit und zu der dieser folgenden Zeit der Flucht, höre, wird niemand mehr erhört werden und Einlass bekommen in Mein heiliges Revier!
HIM|1|410202|13|0|Was jedoch die alt- und neutestamentlichen und die Kernerschen und Eschenmayerschen Besessenen betrifft, so sind diese zu verstehen unter jenen „Bäumen Meines Reviers“, an die sich besagte Flüchtlinge anklammern, um, wenn es möglich wäre, dieselben zu verderben. Allein diese „Bäume“ haben nichts zu besorgen, denn sie werden darob an ihrer Seele keinen Schaden leiden. Denn Ich Selbst werde das Mark ihres Lebens beschützen.
HIM|1|410202|14|0|Denn seht, wo sich irgendeine solche Erscheinung bekundet, da kommt sie meist nur vor bei sonst gewöhnlich recht frommen Menschen. Und es wird selten der Fall vorkommen, dass an irgendeinem sehr schlechten oder auch nur gewöhnlichen Menschen der Welt solches zum Vorschein kommen wird, außer wenn solche Menschen, durch ein Wunder angeregt, sich plötzlich umkehren möchten, allwann dann ihre Besitzer sich schon melden möchten von innen und außen, zum schreckenden Beispiel aller Nachbarn!
HIM|1|410202|15|0|Bei manchen Irrsinnigen könnten über dieses sprechende Beispiele eingezogen werden! Jedoch sind nicht alle Irrsinnigen dafür zu halten. Denn manche werden das dadurch, dass sie ihren „Verstandesballon“ zu sehr gefüllt haben, so dass dadurch die „Willensschnur“, der zu großen Spannung zufolge, gerissen ist und dann die Direktion aufgehört hat. Oder aber auch so irgendein Mensch, ohne Berücksichtigung des Verstandes, das Herz nach irgendeiner eitlen Sache zu sehr ausgedehnt hat, so wird der leitende Willensfaden ebenfalls zerrissen und die Maschine des Lebens läuft dann außer aller Ordnung nach allen erdenklichen Richtungen; und da sieht dann ein solcher Mensch nur dasjenige, davon sein Herz und sein Kopf angefüllt ist, in wirren Kreisen vor seinen zügellosen Sinnen schweben. Solche Menschen aber sind nicht verloren und gleichen den verwirrten Baumästen, die der gute Förster zu seiner Zeit schon wieder zurechtbringen wird.
HIM|1|410202|0|0|Frage: „O Herr, was wird denn mit den Modisten und dergleichen Fabrikanten und ‚Lockern‘ aller Art werden, so ihr sie ernährendes Gewerbe solches von ihnen fordert? So von jenen irgendeiner sich zu Dir wenden möchte, was wird er anfangen müssen, um sein Leben zu fristen?“
HIM|1|410202|16|0|Antwort: Höre, das ist eine gar zu menschliche Frage, gleich der Warnung Petri, und ist über alle Maßen dumm! Bin Ich denn ein armer Schlucker oder ein Bettler?! Oder sollte Der für einen oder tausend Menschen nicht Futters genug haben, der unablässig so viele Welten und Sonnen ernährt, deren Zahl und Größe sich ins Unendliche steigert?! Siehe, auf eine solche Frage, die eigentlich gar keiner Antwort würdig ist, genügt diese Antwort zum Überfluss! Und frage daher nicht ferner, so dich Dummes nur kümmert!
HIM|1|410202|17|0|Schreibe aber zum gänzlichen Schluss: Wer Meiner Stimme folgen wird, der wird leben; der Taube aber wird dem ewigen Tod anheimfallen! Mein Wort ist Meine Liebe, Gnade und Erbarmung, und dieser Same des Lebens soll an vielen Orten ausgestreut werden. Da wo er angreifen wird, da wird er Leben erwirken und die Besessenen frei machen zum Leben. Wo er aber zertreten wird, da wird der Tod sein großes Erntefest halten.
HIM|1|410202|18|0|Siehe, nun mache Ich alles neu, damit das Alte mit Spott und großer Schande abziehen möge! Wenn ihr aber einen alten Rock umtauscht für einen neuen, so will Ich solches denn auch tun und tue es bereits. Daher seht euch um ein neues Hochzeitskleid um und verseht eure Lampen wohl mit Öl! Denn Ich, der große Bräutigam, bin auf dem Weg! Und da ihr es am wenigsten gedenken werdet, werde Ich da sein! Wohl dem, den Ich bereitet treffen werde!
HIM|1|410202|19|0|Das sage Ich, der große Bräutigam. Amen!
HIM|1|410203|1|1|Segen der Barmherzigkeit – 3. Februar 1841
HIM|1|410203|1|0|So schreibe denn einen Rat aus Mir an den A. W., da er wissen möchte, was da mit einem schwachen, kranken Engelsknaben auf der Erde zu machen sein möchte? Siehe, da ist ein guter Rat nicht so teuer, wie ihr meint.
HIM|1|410203|2|0|Siehe, es war dereinst ein Vater, der hatte zwölf Kinder und nur ein sehr schmales Auskommen, so dass nach eurer Rechnung er kaum dreihundert Gulden jährlich zusammenbrachte, und diese nicht sicher. Denn nur 150 Gulden waren bestimmt als eine landesfürstliche Gnadenpension, das Übrige musste er sich kümmerlich durch seine Handarbeit verdienen.
HIM|1|410203|3|0|Siehe, da wurden einst mehrere seiner Kinder krank, und dazu wurde noch sein treues Weib infolge krankensorglicher Pflege der Kinder bettlägerig. Dadurch nun wurde der Mann gezwungen, seine Nebenverdienste hintanzusetzen und dafür zu Hause die Krankenpflege zu übernehmen. Da er aber eben dadurch um seine Nebenverdienste kam und wohl sah, dass er mit der Hälfte nicht auslangen könne, und auch sah, da er selbst schwächlich war, es werde sich mit neu zu suchenden Nebenverdiensten nicht mehr wohl tun – so beschloss er denn bei sich: „Ich will zum guten Landesfürsten hingehen, ihm meine herbe Lage so recht treulich vorstellen, und er wird sich wohl meiner erbarmen.“
HIM|1|410203|4|0|Und siehe, wie er beschlossen hatte, so tat er denn auch alsogleich, ging zum Fürsten hin und stellte ihm alles vor. Als aber der Fürst solches vernommen hatte, siehe, da zuckte er mit den Achseln, war aber innerlich doch ganz gerührt und sagte endlich äußerlich etwas ernst:
HIM|1|410203|5|0|„Hört, altes Väterchen, ich zweifle nicht an eurer Aufrichtigkeit. Allein bevor ich euch helfe, will ich nächstens euch in eurer Wohnung besuchen, um zu sehen, ob es also ist, wie ihr es mir vorgestellt habt. Jedoch wehe euch, so ihr mich irgend angelogen habt! Und nun geht, Meiner Gnade befohlen!“
HIM|1|410203|6|0|Und siehe, da ging der alte Vater zwischen Hoffnung und Furcht nach Hause. Denn er hoffte zwar von des Fürsten Gnade, aber fürchtete nur, dass dieser noch lange verziehen möchte. Und so kam er nach Hause, erzählte alles den Seinen, was ihm der Fürst gesagt hatte, und machte Anstalt, alsobald so viel als möglich das Haus zu reinigen, und das zwar gleich nach dem kargen Mahl. Und so wurde auch sogleich das Mittagsmahl genommen.
HIM|1|410203|7|0|Allein der edle Fürst bedachte sich eines anderen, verließ sogleich seine Burg und folgte dem armen Vater unbemerkt. Denn er dachte bei sich: Solcher Not muss alsobald geholfen werden! Und die arme Familie verrichtete eben mit Tränen im Auge das Dankgebetlein, da trat auch der Fürst schon ins Gemach und sagte: „Hört, Alter, warum habt ihr mich denn angelogen? Denn ich sehe ja dreizehn Kinder und ihr habt mir nur zwölf angegeben!“
HIM|1|410203|8|0|Da fiel der alte Vater vor dem Fürsten auf die Knie und sagte: „O edler, guter Landesvater! Dieses dreizehnte ist ein fremdes, ich habe es aus Mitleid angenommen!“
HIM|1|410203|9|0|Und der Fürst erwiderte scheinbar aufgebracht, im Herzen aber brennend voll von mildtätiger Begier: „Hört, so ihr noch Fremde unterstützen mögt, da muss es bei euch doch noch nicht gar so übel aussehen, und ihr werdet wohl meiner Hilfe entraten können!“
HIM|1|410203|10|0|Da ermannte sich der alte Vater und sagte, die Hand des Fürsten ergreifend und selbe an sein Herz drückend: „O edler, guter Landesvater! Siehe, dieses dreizehnte habe ich vor zehn Jahren in einem Wald, dem Tode ausgesetzt, gefunden. Es war kaum mit einigen schlechten Lumpen umwunden und röchelte schon im Schlamm eines Sumpfes. Ich nahm es auf meine Arme, trug es alsogleich hierher und sprach zu meinem Weib:
HIM|1|410203|11|0|„Siehe, der Herr hat mich einen Schatz finden lassen im sumpfigen Wald! Es ist ein artiger Knabe. Siehe, dieser ist doch gewiss vater- und mutterlos, daher lasse uns seine Eltern sein! Denn wo zwölf essen, da soll auch das dreizehnte nicht zugrunde gehen. Und müsste ich betteln für dich und unsere zwölf Kinder, so wird das dreizehnte auch keinen Unterschied in unserer Not machen!“ – Und sogleich nahm mir mein getreues Weib das Kind vom Arm, küsste und pflegte es bis zur Stunde gleich den eigenen. Daher, o edler, guter Fürst, wolle nicht zürnen, dass ich dir solches verschwiegen habe!“
HIM|1|410203|12|0|Und siehe, da der Fürst solches vernommen hatte, ging sein Herz über, seinem Auge entrollten freudige Tränen des Mitleids und er lobte darob den Alten gar sehr, sagend:
HIM|1|410203|13|0|„Solches zu vernehmen, macht mir eine große Freude! Und da ihr so stilledel gehandelt habt und dem Fremden bei eurer Dürftigkeit ein Vater wart und ehedem ein Retter seines Lebens, so will ich von nun an euer aller wohlbesorgter Vater sein! Und da das fremde Kind eine Waise ist, so führt es zu mir, und es soll keine Waise hinfort mehr sein! Denn Ich bin sein Vater und die Fürstin seine Mutter. Und nun verlasst diese Wohnung und kommt mit mir, meine große Burg wird wohl Raum für euch haben. Da aber, wo diese Wohnung steht, soll ein Denkmal errichtet werden und euren Namen führen.“
HIM|1|410203|14|0|Nun siehe du, Mein lieber A. W., diese Geschichte und lerne von ihr das, was du wissen möchtest! Denn Ich bin der Fürst, du bist der arme Mann und dein Notkind ist der gefundene Fremdling im Wald!
HIM|1|410203|15|0|Tue, so viel du kannst, und denke nicht: wie, wann, wo, wofür, zu was, warum und wodurch? – noch wozu du den vom Mutterleibe aus Kranken und Schwachen wohl füglich verwenden könnest? Siehe, es wird sich gar wohl finden. Führe ihn nur recht fleißig zu Mir, den Engel in seiner schwachen Prüfung, und sei dabei voll Heiterkeit und habe ein aufmerksames Auge auf ihn! Und du wirst so manches an ihm erleben, das dir innerlich gut zustattenkommen wird.
HIM|1|410203|16|0|Siehe, Meine Kinder sind ein großer Segen dem Haus, das sie bewohnen dürfen. Denn Ich bin ihr eigentlicher Vater und werde als solcher zu sein ewig nie aufhören! Mehr brauche Ich dir dermal nicht zu sagen. Denn du würdest es nicht ertragen. Aber sei gefasst, Ich will dein Haus heimsuchen. Daher sage Ich Amen, dein guter Fürst und Vater! Amen.
HIM|1|410207|1|1|Über Pockenschutzimpfung – 7. Februar 1841
HIM|1|410207|1|0|Was ihr da wissen möchtet, ist einerseits ein gar kleinlich Ding, wie es in der entgegengesetzten Art auch gerade von keiner großen Bedeutung ist. Denn nehmt einen Baum, der da einen üblen, verderblichen und seiner Natur gar nicht zusagenden Saft aus dem Boden der Erde an sich gesogen hätte, so werdet ihr bald an dem Baum sehen, dass seine Blätter ganz verkrüppelt und welk zum Vorschein kommen, und noch überdies seine Zweige, Äste und sein Stamm mit allerlei Miss- und anderen Schmarotzerpflanzen umgeben werden. Wenn nun jemand eine auch nur oberflächliche Kenntnis von der Baumzucht besitzt, so wird er den sicheren Schluss machen, dass da eine Aufpfropfung anderer Gewächse, die an und für sich noch kränker und schwächer sind, den zu pfropfenden Baum sicher nicht gesund machen wird, sondern es wird eines das andere am Ende gänzlich zugrunde richten.
HIM|1|410207|2|0|Oder wird derjenige, dem irgendein Gift beigebracht wurde, wohl geheilt werden durch dasselbe Gift, das ihm ohnehin schon den dreiviertel Teil seines Lebens genommen hat? Da wird diese Nachgabe desselben Giftes wohl hinreichend werden, dem Vergifteten noch das letzte Viertel des Lebens zu nehmen.
HIM|1|410207|3|0|Oder könnt ihr in geistiger Hinsicht euch je eine größere Narrheit denken, als so jemand zu einem Sünder sagen möchte: „Höre Freund, sündige du nur zu, und du wirst durch die hinzukommenden Sünden sicher die alten vertilgen. Und so du ein Unzüchtler bist, so tue so oft du kannst deiner Leidenschaft Genüge, und du wirst dich überzeugen, dass du gerade auf diese Art am ehesten und leichtesten den Sieg über dich und dein Fleisch davontragen wirst.“ – Seht, dieser hat dem Freund einen artigen Rat gegeben; er ist auf diese Art von Einimpfung der Sünde in sein Fleisch von der Sünde losgeworden, weil die Leidenschaft und die lebendige Fähigkeit des Fleisches dadurch getötet worden sind. Aber nun fragt euch selbst, ob dieser Mensch nach getreuer Befolgung dieses Rates den Sieg des Lebens oder den Sieg des Todes über sich erfochten hat? Ist es denn nicht offenbar, dass man mit dem Werkzeug des Todes niemals gegen den Tod, sondern sicher allezeit nur gegen das Leben kämpft? Und wer sich nun mit diesen Waffen den Sieg über sein Fleisch erkämpft hat, der hat wahrlich das Leben getötet und hat auf diese Art dem Tod den Sieg über sich eingeräumt. Denn ihr müsst euch erinnern, dass ein altes Sprichwort noch hie und da unter dem Volk vorkommt, das da sagt über eine alte Hure oder einen alten Bock: „Siehe, die oder den hat die Sünde verlassen!“ – Nun aber frage Ich, in welchem Verhältnis steht der zum Leben, den die Sünde für sich schon zu schlecht findet? Oder braucht der Tod die Toten gefangen zu nehmen, die lange schon seine Beute geworden sind? Ich aber sage: Der Tod geht allezeit auf das offene Feld des Lebens und sucht sich da reichliche Beute für seine Kammern des ewigen Verderbens.
HIM|1|410207|4|0|So aber jemand das Leben will erhalten, der muss lebendig mit den Waffen des Lebens gegen die Sünde, welche eine vernichtende Waffe des Todes ist, kämpfen. Und wer mit dem Leben in sich ein Meister der Sünde geworden ist, und hat dieselbe überwunden in der Fülle des Lebens, der ist dann ein Held, der sich mit dem Leben das Leben erkämpft hat. Und wer da gibt das Leben für das Leben, der tut wohl, und ist einer, der da ist voll Weisheit und voll Liebe und voll Lebens. Aber wer das Leben gibt für den Tod, wie ist der ein großer Narr! Und wie wenig Licht des Lebens muss dem zu eigen sein, der das Licht flieht und die Finsternis sucht!
HIM|1|410207|5|0|O seht, gerade so, wenn ihr es genau erwägen wollt, verhält es sich auch mit der oben erwähnten Pockenverhinderung durch das Einimpfen.
HIM|1|410207|6|0|Denn die Pocken sind ein angeerbtes Übel der urgeschlechtlichen Unzucht, das von Zeitperiode zu Zeitperiode bei den jüngsten Nachkommen ausgereift wird, und haben mit dem ebenso genannten tierischen Übel, das besonders dem Rind, den Schafen und Ziegen eigen ist, und durch den Stich eines gewissen Insektes bewerkstelligt wird, nicht die leiseste Ähnlichkeit! Wie sollte demnach der Eiterstoff aus den Pocken der Kühe ein Verwahrungsmittel sein gegen die sogenannten Blattern, die sich bei den Menschen einfinden?!
HIM|1|410207|7|0|Ich sage euch, diese Behandlung hat noch niemals die Früchte getragen, von denen die törichte Menschheit geträumt hat. Und es hat der vermeinte günstige Erfolg keinen anderen Grund, als entweder den durch diese Handlung begünstigten und fixierten Aberglauben – was jedoch seltener wurde, da überhaupt nun nahezu jeder Glaube bei den Menschen verschwunden und an seine Stelle das sogenannte reine Wissen gekommen ist –, oder es ist eine solche Behandlung vorgenommen worden an Kindern, die auch ohnedies ihr ganzes Leben hindurch aus doppelten Rücksichten hätten verschont werden mögen, das heißt, es ist eben die mit dem Keim dieses Übels behaftete Generation noch nicht zum Standpunkt der Reife gekommen, oder die Kinder waren von Grund aus nicht mit dem Keim dieses Übels behaftet.
HIM|1|410207|8|0|Seht, wenn irgend solchen Kindern eine solche Narrheit eingeimpft wurde, so konnten sie freilich leicht Zeuge sein von der Untrüglichkeit dieser Behandlung. Im Gegenteil aber konnten die Geimpften zur Zeit der Ausreifung eines solchen Übels davon ebenso gut befallen werden wie diejenigen, an denen eine solche Behandlung nicht verübt wurde. Dass man aber dann solche wirkliche Pocken von ärztlicher Seite nicht für Pocken, sondern für einen anderen pfiffig ersonnenen Ausschlag erklärt hat, geschah – wie ihr leicht erraten könnt – zur Rettung der ärztlichen Ehre.
HIM|1|410207|9|0|Nun fragt euch selbst, wenn ihr dieses voraussetzt, was Ich euch hier gesagt habe, und dabei nur einen kleinen Blick auf eure Erfahrungen werft – wozu diese Misshandlung der Kinder wohl taugen möge. Dass sie nichts nützt, davon könnt ihr vollkommen versichert sein. Dass sie aber in vieler Hinsicht dem Menschengeschlecht schädlich ist, ein mattes, abgespanntes Leben bewirkt, Unlust, Untätigkeit, Abgespanntheit der tätigsten Organe des Lebens und besonders bei dem weiblichen Geschlecht der Sinnlichkeit gleich einer spanischen Fliege förderlich ist, dessen könnt ihr versichert sein. Denn so ihr das nicht glauben mögt, da nehmt die Geschichte zur Hand und vergleicht eure geimpften Nachkommen und auch euch selbst mit jenen vorzeitlichen Generationen, so wird euch doch gewiss und sicher der himmelhohe Unterschied bezüglich der Gesundheit und natürlichen Lebensdauer in die Augen springen.
HIM|1|410207|10|0|Ich sage euch, so ihr einen Stein ausbohrt und gebt in das gebohrte Loch einen Tropfen ätzenden Giftes nur, untersucht dann den Stein in zwanzig Jahren, und ihr werdet euch bald überzeugen, welche verderblichen Folgen dieser Tropfen Ätzgiftes in dem Stein hervorgebracht hat, der doch gemacht ist, in seiner Natürlichkeit Jahrtausenden zu trotzen.
HIM|1|410207|11|0|Wenn nun aber dem zarten Organismus des Menschen das ätzende Sauergift der Verwesung eingeimpft wird, dann wird es euch nicht schwer werden, auf dieses Problem die passende Antwort zu finden.
HIM|1|410207|12|0|Ihr werdet nun freilich fragen, und zwar mit Recht und gutem Grunde, dass Ich euch dagegen zeigen möchte ein anderes Mittel zur Verhinderung oder schadlosen Abtreibung dieses Übels, da Ich doch als einziger und alleiniger Erschaffer aller Natur auch alle Natur einzig und allein am allerbesten kennen muss. Und Ich sage euch, dass Ich auch dieses euch tun will; sage euch aber im Voraus, dass Meine naturmäßigen Mittel mit den geistigen stets gleichen Schritt halten, und so gibt es da keine Universalmedizin, weder für den Geist noch für den Leib.
HIM|1|410207|13|0|So ihr euch nur ein wenig umseht auf dem Weg, der da vorgezeichnet ist von Mir zur Erlangung des ewigen Lebens als stets nur ein und derselbe einfache Weg der Selbstverleugnung und Meiner getreuen Nachfolge, so werdet ihr da sicher nur einen und nicht mehrere Wege entdecken, und das wahrlich aus dem guten Grunde, weil Ich Selbst nur Einer, und also der alleinige Weg und die alleinige Tür zum ewigen Leben bin. Und da es also ist, könnt ihr nicht umhin, zu glauben, dass es so ist.
HIM|1|410207|14|0|Wer von euch möchte da wohl behaupten, dass es außer Mir noch andere Wege gebe, um zu Mir Selbst, als Urquell alles Lebens, zu gelangen? Ist denn aber nicht das Leben des Geistes vorzüglicher denn das Leben des Leibes? Oder ist das Leben des Leibes nicht durchaus bedingt durch das Leben des Geistes?
HIM|1|410207|15|0|So ihr aber wisst, dass es für den Geist, wenn er krank geworden ist, nur ein Mittel zu seiner Wiederherstellung gibt, aus welchem Grunde sollte es denn für das zeitliche Werkzeug des Geistes, dessen Regsamkeit durch denselben bedingt ist, bei allfälliger Untauglich- oder Krankwerdung andere und mehrere Herstellungsmittel geben, als für das Prinzip des Lebens selbst?
HIM|1|410207|16|0|Seht hin, da Ich unter den Menschen wandelte auf der Erde, welchen Arzt habe Ich zu Rate gezogen? Und welcher Apotheke habe Ich Mich bedient, um einen Kranken sowohl geistig wie leiblich zu heilen? Und welches Arztes und welcher Apotheke haben sich alle Mir vertrauenden Jünger bedient, da sie dasselbe taten, was Ich getan habe? Nun frage Ich euch, bin Ich denn schwächer geworden oder habe Ich Mich verändert, oder ist Mein Wort nicht mehr dasselbe Wort voll Macht und Kraft und Heiligung für Geist und Leib?!
HIM|1|410207|17|0|O Ich sage euch, es ist dem wahrhaft nicht also – Ich bin noch immer Derselbe! Nur mit dem Unterschied, dass Ich damals nur jene Menschen heilte, die mit einem lebendigen Glauben sich Mir genähert haben und Mich darum noch obendrauf lange bitten und beschwören mussten, bis Ich sie erhörte. Jetzt aber darf Ich es gar nicht mehr auf eine vertrauensvolle Liebe ankommen lassen, und noch weniger auf eine feste Beharrlichkeit des Glaubens, sondern muss helfen, da Ich nicht gebeten werde, und muss denen heilsam beispringen, die den Glauben gar nicht kennen, damit nicht alles samt und sonders verderbe und verlorengehe.
HIM|1|410207|18|0|Seht, wer demnach jetzt nur mit einem kleinen Vertrauen und geringer Bitte zu Mir kommt, den werde Ich gewiss nicht verlassen und ihm helfen in jeder seiner Nöte, da Ich oft genug sogar noch Meinen Spöttern und Verächtern Hilfe angedeihen lassen muss.
HIM|1|410207|19|0|Seht, dieses Mittel, das Ich euch soeben angezeigt habe, ist das allerprobateste. Und wer eines festen Glaubens ist und voll Vertrauen und Liebe zu Mir, wahrlich, wenn Ich dem nicht helfen werde, so möge er sich mit allen Giften der Welt einimpfen, assimilieren und einnehmen alle Medizinen aller Apotheken der Welt und fressen gleich einem Ochsen die heilsamsten Kräuter, so wird dieses alles ihm gerade so viel nützen wie einem Totenschädel ein Balsamtropfen.
HIM|1|410207|20|0|Ich sage euch, ihr könnt den Toten sieden und braten in lauter Lebensessenzen und werdet nicht eine Fiber an dessen Leib beleben, den ihr einer solchen heilsamen Kochanstalt anvertraut habt. Aber hört: Mein Wort vermag wohl den Toten die Gräber zu öffnen und in den Moder ihrer Verwesung neues und ewiges Leben zu hauchen! Daher, so ihr dieses Universalmedikament kennt, dass es zu allen Zeiten die wunderbarsten Heilungen und sogar Totenbelebungen bewerkstelligt hat, was verleitet euch denn, dasselbe jetzt umso wirksamere Mittel hintanzusetzen, und euch dafür mit allerlei Dreck des Teufels zu beschmieren, damit es euch helfe?!
HIM|1|410207|21|0|O Ich sage euch, vergleicht nur eure Lebensdauer mit der Lebensdauer der Alten, so werdet ihr gleich finden, zu welchem großen Gewinn es die Verfeinerung eurer törichten Heilkunde gebracht hat. Oder geht hin in jene Gegenden der Erde, da die Menschheit von der ärztlichen Hilfe noch gar nichts kennt, so werdet ihr finden, dass in einer solchen Gegend die Menschen von einer Krankheit fast gar nichts, am allerwenigsten aber von einer allgemeinen wissen, und besonders wenn ihre Lebensweise sittlich rein und einfach ist.
HIM|1|410207|22|0|Desgleichen tut auch ihr: Lebt möglichst einfach! Stopft euren Magen nicht unnötigerweise mit allerlei Unrat aus allen bekannten Reichen der Natur, sondern genießt, was dem Leib wohltut: Eine einfache Kost aus dem Reich der Pflanzen, und von den Pflanzenspeisen nur diejenigen, die von alters her schon als nährendes Brot dem Menschen bestimmt waren. Und das versteht sich von selbst: Alles mit gerechtem Maß und Ziel!
HIM|1|410207|23|0|So könnt ihr versichert sein, dass euer Leib durchs ganze Leben von keiner Krankheit geplagt sein wird und ihr dadurch ohne alle Impfung und andere ärztliche Tollheit ein für euch unbegreiflich hohes Alter erreichen werdet. Und wenn Ich dann einen solchen Menschen abberufen werde von dieser Welt in Mein Reich, so wird es so leicht geschehen, als wie jemand gar süß einschläft, nachdem er den ganzen Tag über treu, redlich und fleißig gearbeitet hat.
HIM|1|410207|24|0|So ihr aber alles dieses unterlasst und dafür eure Zuflucht nehmt zu Impfungen und allerlei Medikamenten, so kommt am Ende als Folge nichts anderes heraus, als dass ihr fürs Erste – bloß in natürlicher Hinsicht betrachtet – schon in den Jahren eurer Jugend Greise werdet und oft einen Sinn um den anderen einbüßt und werdet blind, taub, bresthaft, verliert eure Zähne, eure Verdauung, wie auch alle heitere Frische des Lebens, so dass ihr im vierzigsten Jahr eures Lebens mühseliger und krüppelhafter seid, als die Alten im hundertsten Lebensjahr waren. Und an allem diesem ist niemand schuld als eure eigene Blindheit!
HIM|1|410207|25|0|Seht, es geht damit gerade so zu, als so die menschliche Albernheit bei einer nächtlichen Reise in allerlei sehenden und ahnenden Unsinn verfällt, da sie dann am Tag selbst darüber weidlich lachen muss und nicht begreifen kann, einen Baumstrunk für etwas ganz anderes angesehen zu haben, als eben für einen Baumstock, anderer nächtlicher Torheiten nicht zu gedenken! So ihr aber Mein Mittel im Ernst gebrauchen wollt, so wird auch bei euch der Tag kommen, da ihr einsehen werdet, was für einen Schatz die Welt an ihren unzähligen Torheiten besitzt.
HIM|1|410207|26|0|Wenn Ich aber sage, dass Ich überall und in allem und jedem helfen kann und helfen will, da Ich in allen Meinen Verheißungen getreu bin, so glaubt es, dass Ich jedem auch bereitwillig in allem und jedem sicher helfen werde, so er nur glaubt, dass es also ist und dass außer Mir an keine Hilfe zu denken ist, sowohl in leiblicher, als vorzugsweise in geistiger Hinsicht.
HIM|1|410207|27|0|Seht, die Alten, wenn sie schwach geworden sind durch eine eingerissene Sünde, so fasteten sie und taten Buße, das heißt, durchs Fasten gelangten sie wieder zur freien Tätigkeit des leiblichen Organismus, und durch die mit demselben verbundene Buße im Glauben richteten sie ihren Geist wieder auf, und wurden dann wieder Menschen kräftigen Leibes und lebendigen Geistes.
HIM|1|410207|28|0|Ihr werdet fragen: Wieso denn? Wie ging das zu? – Da sage Ich euch, und es wird die Antwort nicht schwer werden: Der Magen ist ein natürlicher Handlanger zur Erzeugung nährender Säfte im Leib. Wenn aber irgend fremdartige Teile sich im Organismus befinden, so werden diese beständig in irgendeinem organischen Engpass festgehalten. So dann der Magen mit allerlei unnützer Speise angestopft wird und derselbe dadurch die Säfte mehrt und drängt, so werden die fremdartigen Teile, statt von ihrem Engpass zurücktreten zu können und wieder dahin zu gelangen, von wo sie weiter aus dem Leib befördert werden könnten, durch die unablässige Zudringlichkeit der Säfte an den Ort, da sie sich befinden, auf dem Weg der Assimilation nur potenziert und dadurch stets hartnäckiger werden.
HIM|1|410207|29|0|Seht, wenn nun da statt aller Einimpfung und Medikamente die gerechte Diät oder das Fasten ergriffen und mit diesem ein fester Glaube und volles Vertrauen auf Mein Wort verbunden wird, so dass dadurch auch der Geist als das Prinzip des Lebens gestärkt wird, da fragt euch, ob es mit einem solchen Menschen nicht leiblich und geistig besser werden sollte?
HIM|1|410207|30|0|Ich sage euch, wenn sein Glaube und Vertrauen danach ist, so mag aus der Verwesung selbst noch ein neues Leben erstehen. Wo aber solche Leibes- und Geistesbuße mangelt, hört, da ist jeder durch Impfung oder Medikamente Kurierte nur ein weidlich Betrogener, denn da haben die Medizinen das Übel nicht aus dem Leib geschafft, sondern haben es nur eingeschläfert oder verschleiert. Und glaubt es Mir, es wird sicher die Zeit kommen, da dasselbe Übel vielfach potenziert den Schleier durchbrechen und dem Leib und nicht selten auch dem Geist den sicheren Tod bringen wird.
HIM|1|410207|31|0|Seht, so verhalten sich buchstäblich und wahr die Dinge, wie Ich es euch gesagt habe.
HIM|1|410207|32|0|Ihr aber führt eure Kinder und euch selbst zu Mir im Glauben und Vertrauen! Und wahrlich Ich sage euch: Ihr werdet euch überzeugen, dass Mein Impfstoff der beste ist! Amen. Das sage Ich, der große Universalarzt! Amen, Amen, Amen.
HIM|1|410228|1|1|Unfruchtbare Gotteslehren – 28. Februar 1841
HIM|1|410228|0|0|Schreibende: K. G. L. – Andr. und Ans. H. – J. L. sprach aus dem Herrn:
HIM|1|410228|1|0|In der sogenannten besseren und gebildeten Welt, wo die christliche Religion unter verschiedenen Sektenformen gang und gäbe ist, wird die Moral zumeist nur also gepredigt, wie sie in politischer Hinsicht den Machthabern entweder in weltlichen oder in geistigen Dingen gerade am zweckdienlichsten ist. Es wird dem Volk eine graue Kenntnis Gottes beigebracht, nicht darum, dass sie denselben erkennen und lieben, sondern nur als den unerbittlichsten Tyrann aller Tyrannen unermesslich fürchten sollen. Und so wird die Gottheit nur als eine Geisel gepredigt, die noch fruchten soll, wenn alle anderen Geiseln schon fruchtlos geworden sind.
HIM|1|410228|2|0|Statt dass die Gottheit dem Volk zum allerhöchsten Trost bekanntgegeben werden möchte, wird Sie demselben nur gegeben als ein Etwas, das nichts zu tun hat, als in jeder Minute Millionen von moralisch verdorbenen und ungehorsamen Kindern ins ewige Feuermeer unwiderruflich zu verdammen. Und so seht euch ein wenig in der Welt um; erblickt die zahllosen Kerker, die alle voll angefüllt sind mit allerlei moralischen Verbrechern, und wie von Minute zu Minute diese Kerker immerwährend einen großzähligen Zuwachs bekommen, dass wenn diese Kerker auf einen Punkt vereinigt wären, ihr glauben müsstet, die ganze Generation der Erde werde sich in wenigen Jahren bequemen müssen, allda hinein zu marschieren.
HIM|1|410228|3|0|Und fragt, was geschieht denn nun diesen Menschen, die da hineinkommen? Da seht nur ein wenig her gegen Morgen! Seht, da steht schon eine Anzahl totenbleicher Scharen, umgeben von allerlei bewaffneten Menschen und giftigen Richtern, und seht weiter da eine Unzahl Mordinstrumente, mit denen diese Unglücklichen hingerichtet werden. Allda seht ihr brennende Scheiterhaufen, Galgen, Schafotte und vielerlei andere Mordinstrumente. Seht, das ist die letzte „Besserungsanstalt“ für solche moralische Verbrecher! Nun werdet ihr fragen, was haben denn alle diese angestellt? Ja, sage Ich, es gibt darunter Mörder, Räuber, Diebe, Überläufer und Aufwiegler des Staates. Es gibt ferner noch Menschen, die durch allerlei Betrügereien dem Staat großen Schaden gebracht haben; darunter solche, die sich gegen die eine oder andere politische oder auch moralische Anordnung schwer verstoßen haben. Seht, da sind sonach die Verbrechen dieser Unglücklichen aufgedeckt, insoweit dieselben als ein Grund für die Rechtfertigung von derlei Strafen dienen können.
HIM|1|410228|4|0|Nun aber wollen wir eine weitere Frage tun: Worin liegt denn der Grund, dass diese Menschen zu solchen Verbrechern geworden sind? Und so ihr auch jemand anderen fragen möchtet um diesen Grund, so werdet ihr sicher keine andere Antwort bekommen als: Der Grund liegt entweder in der vernachlässigten Erziehung oder, was ohnedies eines und dasselbe ist, es waren schon die Eltern, Vor- und Ureltern jener Menschen also gestaltet. Ich frage aber wieder, woran lag es denn, dass diese Menschen eine so schlechte Erziehung erhielten, ja dass man in der Erziehung eine ganze Generation vernachlässigt hat?
HIM|1|410228|5|0|Ihr dürfet gar nicht weit greifen, und die Antwort wird sich euch von selbst aufdringen: Der Hauptgrund ist kein anderer als die Politik, vermöge welcher die machthabende Menschenklasse sich um nichts so sehr kümmert, als dass die Untergeordneten ja so viel als möglich in aller Dunkelheit gehalten werden möchten, in der Furcht, dass wenn das Volk nähere Aufschlüsse über Mich und dadurch auch über seine eigene Bestimmung erhalten möchte, es da mit ihrer Macht und ihren zeitlichen Einkünften bald ein Ende haben dürfte.
HIM|1|410228|6|0|O diese Narren! – Ein Volk, das Gott und seine Bestimmung erkennt, ist auch ein Volk voll Gehorsams und guten Willens; und Tausende eines solchen Volkes können mit einem Federflaum leichter regiert werden als zehn finstere Dümmlinge, die von Mir keine andere Vorstellung haben als jene eines „vielleicht“ existierenden Tyrannen oder eines Wesens, das gleich einem Vampir seinem Gläubigen zuvor den letzten Blutstropfen aussaugt, bis es ihn, auf einer lichten Wolke ewig kniend und anbetend, endlich mit dem ewigen Leben beseligt.
HIM|1|410228|7|0|Seht, ist es da nicht leicht zu begreifen, dass die Menschen sich von einem solchen bösartigen Gott so viel als möglich loszumachen suchen? Und wenn sie auch noch irgendeine Religion besitzen, so besteht diese in einer puren Zeremonie, und dies nur aus rein politischen Rücksichten. Die Folge davon war schon im Anfang keine andere, als dass der weltsüchtigere Teil sich endlich von aller Religion und was immer für einer christlichen Gotteslehre, wie ihr zu sagen pflegt, aus dem Staub gemacht hat. Andererseits entstanden Kirchentrennungen und Sekten, und zwar durch Männer, die mehr oder weniger die Torheit einer solchen Gotteslehre einsahen und gewisserart in ihrem Geiste sagten:
HIM|1|410228|8|0|„Hört, mit der Gottheit, wie sie da gelehrt wird, ist ja rein nicht auszukommen! Wir wollen daher die reine Lehre selbst zur Hand nehmen, sie näher prüfen und sehen, ob der Gottheit nicht irgend bessere Seiten abzugewinnen sind.“ – Und sie fanden in solcher Prüfung auch wirklich, dass Ich denn doch kein solcher Tyrann bin; vergaßen aber auf der anderen Seite, dass Ich demungeachtet Gott bin, und nahmen dann Meinen Willen ebenfalls zu lau.
HIM|1|410228|9|0|Andere setzten Mich wieder so hoch hinauf und philosophierten sich auf diese Weise jede Handlung, die in ihrer Natur nur irgendeine Anregung fand, für gerecht und völlig Meinen Willen gemäß, in der irrigen Idee, dass was ihnen da immer durch den törichten Sinn fuhr, ein Wille von Mir sei. Und so entstanden anstatt der alten Torheit eine Menge Albernheiten und Begriffsverschiedenheiten, dass es sich wahrhaft nicht der Mühe lohnt, sie für euch aufzuzählen.
HIM|1|410228|10|0|Der Grund von alledem war und ist aber kein anderer, als wie schon oben bemerkt wurde, teils die (un-)moralische Politik, hauptsächlich aber auch die Trägheit und die Furcht der Menschen, die vorgezeichneten Wege zum ewigen Leben im Ernst zu wandeln. Denn wahrlich sage Ich: Wer Mein Reich nicht nimmt, wie Ich es verkündet habe, der wird es nicht erhalten, und sollte er auch alle Sekten in sich vereinigen oder unter allen Sekten stehen. Denn Ich allein bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
HIM|1|410306|1|1|Vier Fragen im geistigen Licht – 6. März 1841
HIM|1|410306|0|0|Die vier Töchter Anselm Hüttenbrenners stellten wiederum je eine Frage mit der Bitte um Beantwortung durch den Knecht Jakob Lorber. Sie wünschen Aufklärung über „Judas Ischarioth“ – die „unbekannte Zahl“ – den „gordischen Knoten“ – die „vier Elemente“. Schreibende: Die vier erwähnten Töchter.
HIM|1|410306|0|0|Der Herr sprach durch Seinen Knecht Jakob Lorber Nachstehendes:
HIM|1|410306|1|0|O Kinder! Der Stoff, den ihr gewählt habt, ist wahrlich ein vielsagender! Aber wenn ihr auch alle die Elemente verstündet in eurem Kopf, so würdet ihr einem reichen Törichten gleichen, der da nicht weiß, was er mit seinem Vermögen anfangen solle, und es darum verscharrt in seinen Kästen, wo all sein großes Geld ihm ebenso viel nützt, als hätte er keines.
HIM|1|410306|2|0|Ja, ihr würdet bei der großen Lust nach solchen Kopfschätzen auch nicht minder gleich sein einem Judas Ischariot, der Mich um dreißig Silberlinge feilbot. Denn seht, es ist ein jeder diesem Verräter gleich, der sich mit was immer selbstliebig bereichert, sei es mit Wissenschaften oder mit dem Gold. Denn so er alles dieses nicht von Mir empfängt oder sich solches nicht wenigstens aus großer Liebe zu Mir und seinem Nächsten erwirbt, so ist er, ebenso gut wie ein Judas Ischariot, ein Dieb und ein Räuber, da er alles dieses sich eigensüchtig zu eigen macht und somit auf Meine Kosten sündigt.
HIM|1|410306|3|0|Sind denn nicht Feuer, Luft, Wasser und Erde Dinge, die Ich aus Mir gemacht habe!? Ist nicht jede Zahl eine aus Meiner Ordnung verliehene Grenzmarke der Unendlichkeit!? Wie kann denn jemand solches alles irgendwo anders empfangen als entweder aus der reinen Liebe zu Mir oder, so er lebendigen Glaubens ist, unmittelbar aus Meinem Munde!?
HIM|1|410306|4|0|Wüsste jemand auch, wann der erste Funke zu glimmen begann – wären ihm auch bekannt alle Atome und Miasmen der Luft – hätte er gezählt alle Tropfen des Wassers vom Mittelpunkt bis auf die Oberfläche der Erde – und hätte er mit einem Mikroskop alle Stäubchen der Erde gezählt, alles Moos auf den Bäumen und Steinklippen und angeschaut alle Pflanzen, Gesträuche und Bäume und hätte jedem einzelnen einen eigenen Namen gegeben – ja wenn ihm selbst bei seinen Forschungen kein Wesen aus dem Tierreich sowohl der Gattung als der Zahl nach unbekannt geblieben wäre – und wenn er es in der Rechen- und Messkunst soweit gebracht hätte, dass er die Größe, Bewegung, Entfernung, das Licht und die Schwere eines jeden Fixsterns mit der genauesten Sicherheit zu berechnen imstande wäre – wahrlich alles dieses würde ihm nicht viel mehr nützen, als so sich jemand die Mühe genommen hätte, all die Sandkörnchen zu zählen, die beim Bau eines Hauses verbraucht werden.
HIM|1|410306|5|0|Und wollt ihr, liebe Kinder, euch einen wahren Begriff von einem eigentlichen „gordischen Knoten“ machen, so blickt den Kopf eines solchen selbstherrlichen und selbstsüchtigen Gelehrten an, der, wennschon nicht hier, so doch ganz sicher jenseits jene selbe Lösung finden wird, wie der ähnliche Knoten des Geizhalses Ischariot, da er unter einem weiten Ast hing und der Höllenfürst ihm erwies, was einst mit dem gordischen Knoten Mazedoniens Held getan.
HIM|1|410306|6|0|So ihr aber lernt alle die Elemente, o Kinder, lernt sie nicht mit dem Kopf, sondern erfasst sie aus Liebe zu Mir in eurem Herzen, so werdet ihr in wenigen Kenntnissen mehr finden als alle Gelehrten in ihrem törichten Dünkel seit der Schöpfung der Welt gefunden haben.
HIM|1|410306|7|0|Wahrlich ihr werdet dann auf keinen „gordischen Knoten“ kommen! Sondern die große „unbekannte Zahl“, die noch kein Weltweiser gefunden hat, wird euch jedes Blümchen wunderherrlich entziffern. Denn hört, liebe Kinder! Diese „unbekannte Zahl“ bin Ich Selbst, euer lieber, guter Vater!
HIM|1|410306|8|0|Daher rechnet nur recht fleißig in eurem Herzen und zerhaut aus Liebe zu Mir den Knoten eurer jugendlichen Weltgelüste durch das scharfe Schwert der Selbstverleugnung!
HIM|1|410306|9|0|O Kinder! Ihr vermögt es nicht zu ahnen, welch einen vorteilhaften Tausch ihr da machen werdet! Denn was da hinter der verschleierten, euch noch „unbekannten“ Zahl steckt, werdet ihr erst dann erfahren, wenn ihr euren (Weltlust-)Knoten gelöst habt.
HIM|1|410306|10|0|Wer mit dem Kopf lernt, lernt schwer und unfruchtbar. Aber im Herzen wird ein Sonnenstäubchen zu einer Welt! Daher lernt im Herzen, was ihr lernt! Denn da werde Ich, euer lieber, guter Vater, euch ein Lehrer werden. Amen!
HIM|1|410306|11|0|Das sage Ich, euer lieber, guter, heiliger Vater!
HIM|1|410313|1|1|Sklavenlos, Verbindung mit Verstorbenen, Vaterunser, Krippe, Erholungsstunden. Weitere Fragen im geistigen Licht – 13. März 1841
HIM|1|410313|0|0|Es fragten, mit der Bitte um Aufschluss durch den Knecht Jakob Lorber, Marie H.: „Wie ist es möglich, dass die armen Sklaven und Deportierten ihr schreckliches Los ertragen können?“ – Wilhelmine H.: „Gedenken unser unsere vier verstorbenen Geschwister?“ – Pauline H.: „Wie soll man das Vaterunser beten, dass es Frucht bringe?“ – Julie H.: „Was bedeutet die Krippe, in die Du, o Herr, als Kindlein gelegt wurdest?“ – Paul H.: „Wie soll ein Student die Erholungsstunden Gott wohlgefälligst zubringen?“ – Schreibende: Genannte fünf Geschwister.
HIM|1|410313|0|0|Der Herr antwortete durch Seinen Knecht J. L. wie folgt:
HIM|1|410313|1|0|Liebe Kinder! Ich habe wohl vernommen eure Fragen – aber denkt, dass jemand auf zweierlei Art fragen kann und dass diese zweiartige Frage dem zweiartigen Leben entspricht. Es kann nämlich eine Frage nach dem naturmäßigen Äußeren oder nach dem geistigen Inneren gerichtet sein, wie sie auch entweder aus dem einen oder dem anderen hervorgeht.
HIM|1|410313|2|0|Nun urteilt selbst, auf welchem Grund und Boden eure Fragen gewachsen sind. Denkt, ob sie euch ein leichter, wissbegieriger Vorwitz eingegeben hat, oder ob sie in der wahrhaft bekümmerten Liebenot eures Herzens entstanden sind. Denn seht, es ist ein unendlicher Unterschied zwischen der einen und der anderen Art zu fragen.
HIM|1|410313|3|0|Wer da fragt aus leichter, halbgenötigter Wissbegierde, dessen Frage gleicht der eines Blinden, der da geschäftig fragt nach den verschiedenen Farben eines Bildes. So ihm aber sein geduldiger Freund alle Farben genau angibt, was meint ihr, wird der Blinde sich wohl von der Harmonie der Farben und aller ihrer Schattierungen und Lichterhöhungen irgendeine Vorstellung machen können?
HIM|1|410313|4|0|Liebe Kinder, Ich will euch nicht zeigen, wo bei euch die Fragen gewachsen sind. Es wird euch schon das eigene Verständnis Meiner getreuen Beantwortung sonnenklar den Geburtsort eurer Fragen zeigen.
HIM|1|410313|5|0|Was die ersten zwei Fragen betrifft, so ist daran wenig gelegen, ob ihr wisst oder nicht wisst, wie die „Sklaven“ möglicherweise ihre Misshandlungen ertragen und warum es von Mir zugelassen wird, dass sie solchen Misshandlungen preisgegeben werden – und ob ferner eure „verstorbenen Geschwister“ sich euer wohl erinnern. Aber es liegt alles daran, dass ihr euch in euren Herzen bei jeder Gelegenheit Meiner wohl erinnert.
HIM|1|410313|6|0|Denn wer sein Herz voll Liebe treugläubig Mir zugewendet hat, dessen werde auch Ich Mich ganz sicher noch um vieles mehr erinnern. So Ich Mich aber jemanden in Meiner Erbarmung erinnere, wie kann der noch fragen, was die tun, die in Mir wohnen! Oder meint ihr, dass eure Geschwister tot in Mir wohnen? Denkt euch, ob das, was in das Leben alles Lebens übergegangen ist, wohl des Todes fähig ist?
HIM|1|410313|7|0|Nur der Tote ist keiner Erinnerung fähig. Wer aber lebt und lebt in Mir, der wird doch wohl auch aus Meiner ihn durchströmenden Weisheit eine Erinnerung empfangen, welche die eurige ungezählte Male möchte zuschanden machen.
HIM|1|410313|8|0|Was aber das „Vaterunser“ betrifft, so steht es mit diesem Gebet geradeso, wie mit der Frage, wie man dasselbe beten soll, dass es Frucht bringe. Denn wer dasselbe nicht betet im Geiste und in der Weisheit, dem nützt es geradeso viel, wie dem bekannten Blinden die Erklärung der Farben.
HIM|1|410313|9|0|Wie kann der Geistesblinde sagen: „Unser Vater“, da er sich noch nie die Mühe gegeben hat, den Vater in seinem Herzen durch die Liebe und durch den lebendigen Glauben zu erkennen und sich Ihm im Geiste und in der Wahrheit zu nähern?
HIM|1|410313|10|0|Wie kann der sagen: „Der du bist in dem Himmel“, der weder den Vater und noch weniger den Himmel kennt!? Wie kann der sagen: „Geheiligt werde dein Name!“, der da nicht kennt Meine Liebe, noch weniger Mein lebendiges Wort und daher auch unmöglich das Leben des Lebens und die Heiligkeit alles Heils und aller Neuwerdung aus Mir, was allein Mein unaussprechlicher Name ist!?
HIM|1|410313|11|0|Wie kann der sagen: „Dein Reich komme!“, der mit allen Sinnen wie eine Schmarotzerpflanze an dem Früchte tragen sollenden Baum, d. h. an dieser Welt hängt!? Wie kann der sagen: „Dein Wille geschehe“, der sich noch nie die Mühe gegeben hat, Meinen Willen zu erkennen und gegen jedes noch so leichte Gebot in seinem Herzen entweder eine große Lauigkeit oder oft schon in seiner Jugend den barsten Ungehorsam hegt und in allen das ewige Leben betreffenden Dingen den allergrößten Leichtsinn in sich trägt!?
HIM|1|410313|12|0|Wie kann der sagen: „Gib uns das Brot des Lebens“, der von dem erbetenen Brot gar keine Ahnung in seinem Herzen hat, wohl aber eine desto größere Fressbegierde in seinem Magen, welcher das eigentliche Hauptherz solcher fruchtlos Betenden ausmacht!?
HIM|1|410313|13|0|Wie kann der um „Vergebung seiner Sünden“ bitten, dessen Herz noch voll Unlauterkeit ist, da nichts innewohnt denn Zorn, Neid, Hoffart, Missgunst, Frechheit und noch viele andere Laster der Art!? Hört, zur fruchtreichen Erreichung der Vergebung der Sünden wird mehr erfordert als durch günstige Verhältnisse feindlos zu sein. Denn wer keinen Feind hat, wie soll der bitten: „Vergib mir meine Sünden, wie ich meinen Feinden vergebe“. Ich will damit nicht sagen, dass ihr euch Feinde machen sollt, um dann etwas zu vergeben zu haben; aber das will Ich damit sagen, dass euer Herz über jede Beleidigung, wie geartet sie auch immer sein möge, erhaben sein solle. Sonst erbittet ihr euch, statt der Vergebung, das Gericht und die Verdammnis auf den Hals.
HIM|1|410313|14|0|Wie kann ferner der sagen: „Führe uns nicht in die Versuchung“, der fürs Erste Mich gar nicht kennt und solcherart in die Luft betet, und der, so Ich ihn auch, ihm unwissentlicherweise, mit jeglicher Versuchung verschone, selbst aber, einem Besessenen gleich, von Gefahr zu Gefahr, von Abgrund zu Abgrund, von Tod zu Tod rennt!?
HIM|1|410313|15|0|Seht, wie ist hernach eine solche Bitte! Gleicht sie nicht einem Tollen, der einen großen Wohltäter um eine Unterstützung bittet, so er aber dieselbe erhalten hat, wirft er sie zum Teil ins Feuer, zum Teil in schmutziges Wasser, zum Teil in stinkende Kloackpfützen und zum Teil in Unrat und in Gräber voll Totenmoder. Denkt, was solchem Narren die Gabe nützt!
HIM|1|410313|16|0|Wie kann endlich der sagen: „Erlöse uns von dem Übel“, der mit allem Fleiße sich selbst in alle Übel stürzt!?
HIM|1|410313|17|0|So ihr dieses Gebet fruchtbringend beten wollt, dann müsst ihr es beten im Geiste und in der Wahrheit und wohl überdenken, was dazu erfordert wird, um die wahre Frucht dieses Gebetes zu ernten. Sonst wird aus diesem Gebet das Gegenteil des großen Segens für euch wie für jeden anderen erwachsen.
HIM|1|410313|18|0|Was aber die zwei letzten Fragen betrifft, so ist die „Krippen“-frage eine wohl kindliche, aber keine, auf welche euch eine zweckdienliche, noch weniger aber eine für euch verständliche Antwort gegeben werden kann, da erst der innere Sinn erschlossen werden muss, um ein selbst für Erzengel zu tiefes Geheimnis zu erfassen.
HIM|1|410313|19|0|Daher bemüht euch, aus euren „Erholungsstunden“ in stiller Ruhe und Zurückgezogenheit eures Gemütes Mir geweihte Stunden zu machen – so könnt ihr früh erfahren, wie überaus gut und voll Liebe Ich, euer Vater, bin. Und wahrlich, in einer Minute möchte Ich euch da mehr geben, denn alle Welt in tausend Jahren.
HIM|1|410313|20|0|So euch aber eure Erholungsstunden zu was anderem dienen, so werdet ihr auch ebenso sicher erfahren, wie fremd, unerforschlich und unerbittlich Ich jenen zu bleiben pflege, die den Unrat der Welt und allen Trug des Satans Mir vorziehen.
HIM|1|410313|21|0|Schließlich denkt wohl gar sehr darüber nach, von Wem diese Worte zu euch kommen! Macht euch frühzeitig bekannt mit Mir! Macht den „Richter“ euch zum „Freund“ und den ewigen großen „Gott“ zu eurem „Vater“ – so werdet ihr froh und ohne Furcht es schauen, wenn Ich Meine Gerichte über diese Erde donnern werde!
HIM|1|410313|22|0|Denn der Welt werde Ich kommen als ein unerbitterlicher Richter, aber wahrlich, zu Meinen Kindern werde Ich kommen als der liebevollste, beste, heilige Vater!
HIM|1|410313|23|0|Daher trachtet nach dem Vater, so werdet ihr leben ewig im Schoß Meiner Liebe. Amen!
HIM|1|410313|24|0|Das spricht Der, den ihr vor allem suchen und erkennen sollt – als Vater. Amen!
HIM|1|410314A|1|1|Zum Jahresgedenktag der Neuoffenbarung. Dankgebet des Knechtes Jakob Lorber – 14. März 1841
HIM|1|410314A|0|0|Sonntag, dem dem letzten Tag des ersten Jahres der unsichtbaren, gnadenreichsten Auskunft und Offenbarung unseres heiligsten, liebevollsten Vaters, dessen erste Mitteilung im neuen lebendigen Wort am Sonntag, den 15. März 1840, morgens nach 6 Uhr, erfolgt war.
HIM|1|410314A|1|0|O Herr! Du allerbester, heiligster Vater! Es ist bereits ein Jahr verflossen seit der denkwürdigen Stunde, in welcher Du unser aller gedachtest und uns Unwürdigen Dein lebendiges Wort mitzuteilen angefangen hast.
HIM|1|410314A|2|0|O Herr! O Vater! Wie sollen wir Dir danken, mit welcher Zunge Dich loben und preisen – da wir allesamt nicht einmal eines, geschweige erst so vieler heiliger Worte und allerheilsamster Ermahnungen würdig sind!?
HIM|1|410314A|3|0|O Du heiligster, allerbester Vater! Siehe, wir haben nichts als ein noch sehr unreines Herz, das unser eigen ist. Das Gute darinnen aber ist nicht unser, sondern ewig Dein. Und so sei denn auch die billigste Anerkennung, dass das Deine nicht unser ist, der einzige Dank, das einzige Lob und der einzige Preis, den wir Dir darzubringen vermögen. Und dieses Gute und Wahre aus Dir, o heiliger Vater, ist ein Tropfen Deiner Liebe in uns!
HIM|1|410314A|4|0|Aus Deiner großen Liebe hast Du uns es gegeben, des sind wir klar in uns. So lasse denn auch jetzt, wie allezeit, in dieser Deiner heiligen Liebe, die aus Dir in uns gekommen ist, unsere billigste Anerkennung Dir dadurch darbringen, dass wir Dich stets mehr und mehr zu lieben möchten anfangen. Denn nur in der Liebe können wir Dir ein wohlgefälliges Opfer bringen, und zwar mit der von Dir gegebenen heiligen. Und so nehme denn diesen Dank von uns armen Sündern gnädigst auf!
HIM|1|410314A|5|0|Und da wir uns alle Deines heiligen Namens recht von Herzen erfreuen wollen, heute am heilig denkwürdigen Jahrestag wie auch fürder in aller Tat und Liebewilligkeit, so erhöre unsere Bitte und komme auch Du zu uns, damit wir nicht Waisen sein möchten – da Du, unser heiligster Vater, uns allen alles geworden bist und uns ohne Dich auch keine Freuden mehr schmecken und ewig nicht mehr schmecken werden!
HIM|1|410314A|6|0|O heiliger, bester Vater, erhöre unsere kindliche Bitte und belebe uns alle mit Deiner heiligen Gegenwart! Amen!
HIM|1|410314B|1|1|Vom Kommen des Vaters in Jesu. Antwort des Vaters an den Knecht – 14. März 1841
HIM|1|410314B|1|0|Nun, so schreibe denn ein kurzes Wort, das euch verkünden soll Meine Ankunft in eurer Mitte! Denn so Ich als Vater komme, komme Ich in aller Stille des Herzens. Meine Donner verkünden euch nur den nahen Gott, und die Drangsale den großen, unerbittlichen Richter, wie alle die großen Schöpfungen den großen, mächtigen Schöpfer und Herrn über alles.
HIM|1|410314B|2|0|Aber so ihr in euren Herzen sanfte Liebe empfindet zu Mir, eurem heiligen, guten Vater, dann wisst, dass der Vater nicht ferne ist! Denn Mich kann niemand lieben, so er nicht hat Meine Liebe. Meine Liebe aber kann niemand haben von anders woher denn von Mir. Wer aber Meine Liebe hat, der hat auch Mich, der Ich die Ewige Liebe Selbst bin.
HIM|1|410314B|3|0|So aber Meine Liebe bei euch sein wird, da werde ja auch Ich bei euch sein! Was immer aber ihr tuet in Meinem Namen, das tut ihr in Meiner Liebe. Was ihr aber tut in Meiner Liebe, das tut ihr ja auch in Mir. Wer aber in Mir ist und handelt, in und bei dem bin auch Ich.
HIM|1|410314B|4|0|So ihr Mich aber ladet, zu euch zu kommen, wie sollte Ich da nicht tun, darnach euer Herz ein lebendiges Verlangen trägt!? Und so fragt euch denn auch heut im Herzen, und eure Liebe zu Mir wird es euch getreu verkünden, ob und wann Ich zu euch kommen werde!
HIM|1|410314B|5|0|Seht, Ich bin Einer, der da folgt der Liebe bis ans Ende aller Welten. Daher liebt und glaubt – so werde Ich sein mitten unter euch und in euch – was euch getreu verkünden wird der große Trost im Herzen.
HIM|1|410314B|6|0|Hört aber, wann Ich kommen werde, müsst ihr nicht allzu sehr euren Magen beschäftigen und allerlei Weltgeplauder ans Ohr halten. Sondern unterredet euch wie die zwei nach Emmaus wandelnden Jünger, so werdet ihr auch ihrer Freude teilhaftig werden. So ihr aber tuet gleich den albernen Weibern und den verstand- und lieblosen Dirnen, da wird euer heiliger Vater nicht gar zu lange in eurer Mitte verweilen können.
HIM|1|410314B|7|0|Lasst die Welt sein, was sie ist, denn Ich bin mehr denn alle Welt! Lasst die Herrscher sein, was sie sind, denn Ich bin mehr als alle Herrscher! Lasst die Dirnen sein, wie sie sind, voll Untreue in ihren Herzen, denn Meine Liebe ist sanfter, treuer und zarter denn die aller der weltsüchtigen, wertlosen Mädchen und Buhldirnen. Denn wahrlich, in dieser Zeit hat keine Jungfer eine Liebe mehr. Sie liebt an dem Manne nur, was er hat oder ist; für den Menschen gibt sie keinen Heller, geschweige erst ihre starke, eitle Eigenliebe.
HIM|1|410314B|8|0|Lasst die Weltgelehrten sein was sie sind, denn Meine Gnade wiegt wohl unendlichmal zahllose Gelehrte auf! Lasst die äußere Kirche sein wie sie ist, und nehmt euch dafür ein Sinnbild an der Spinne, wie sie bei schönem Wetter ihre Fangfäden weit ausdehnt, um allerlei Getier in ihrem Netz zu fangen zur Sättigung ihres großen Bauches; wenn aber ein anderes Wetter im Anzug ist, so gibt sich zwar dieses Tier alle Mühe, ihr Machwerk vor der Zerstörung zu sichern, es kommen aber alsobald starke Winde von den Höhen und gewaltige Platzregen und machen ihrem Raubnest ein Ende! Blickt aber nun in die Ereignisse der Zeit, und Ich sage euch, ihr werdet alsobald gewahren, dass es also ist! Ich aber stehe höher und tiefer denn jede Kirche! Darum seht auf Mich, die ihr Mich nun schon ein wenig erkannt habt in euren Herzen, dann werden eure Ohren nimmer belästigt werden von dem kirchlichen Zähnegeklapper. Denn die reine Liebe, welche die alleinige wahre Kirche ist durch den lebendigen Glauben und durch das lebendige Wort, klappert nicht!
HIM|1|410314B|9|0|Und so dergleichen mehreres vermeidet aus Liebe zu Mir – und haltet Mich wie einen guten Freund, der sich zu früh entfernen will. Wenn der Forteilende sieht, wie seine Geliebte ihn umklammert, da kehrt er wieder um und verlässt nicht eher das Haus, als bis er die Braut völlig gewonnen hat!
HIM|1|410314B|10|0|Also tuet auch ihr wie eine zärtliche Braut! Horcht nicht der Geliebte am Pförtlein seiner Geliebten, bevor er zu ihr tritt ins Gemach, dass er etwa von ihr vernehmen möchte ein geheimes Lob aus ihrem Munde? Wenn er aber solches vernommen hat, wie wird er voll Freuden und kann nicht erwarten, bis das Pförtlein sich öffne! Und ist er einmal darinnen, da ruft er mit Petrus und Jakobus: „Herr, hier ist gut sein!“
HIM|1|410314B|11|0|So er aber antreffen wird seine Erwählte in lauter törichte Zänkereien versunken, läppisches Zeug plaudernd oder gar anderer Lob verkündend – hört, da wird der Geliebte, wie ihr zu sagen pflegt, sich heimlich „aus dem Staub machen“ und die gewählte Törin in aller ihrer Albernheit „sitzen lassen“!
HIM|1|410314B|12|0|So denkt denn auch, dass Ich nicht allezeit mit der Tür ins Haus falle, sondern auch warte vor der Tür! Vernehme Ich, was Mir wohlgefällt, da kehre Ich ein, wo nicht, da lasse Ich im Staub nur Meine Tritte zurück!
HIM|1|410314B|13|0|Wollt ihr Mich zum Gast haben, so tuet, was dem Gast behagt, so werde Ich einkehren. Bin Ich aber einmal eingetreten, dann lasst Mich ja nicht wieder gehen, und zeigte Ich Mich euch auch noch so genötigt! Und wahrlich, so ihr tun werdet, was des Rechtes ist, werde Ich bleiben in eurer Mitte jetzt und allezeit!
HIM|1|410314B|14|0|Aber hört, erst in der reinen Liebe eures Herzens werdet ihre alle erkennen, dass der hohe, bleibende Gast euer heiliger, guter Vater ist, der zu euch gekommen ist und Sein Reich mit Ihm! Amen. Das sage Ich, der hohe Gast, als euer heiliger, guter Vater! Amen.
HIM|1|410320|1|1|Rechte Heiligenverehrung – 20. März 1841
HIM|1|410320|0|0|Die vier Töchter Anselm Hüttenbrenners stellten Fragen mit der Bitte um Beantwortung durch Jakob Lorber. Und zwar fragte Marie: „Auf welche Art soll man die Heiligen verehren?“ – Wilhelmine: „Wie soll man den Herrn recht lieben?“ – Pauline: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort – was besagt dieser Eingang des Johannes-Evangeliums?“ – Julie: „Worin besteht die wahre Demut?“ – Schreibende: Diese vier Schwestern.
HIM|1|410320|0|0|Der Herr antwortete hierauf durch Seinen Knecht gnädigst wie folgt:
HIM|1|410320|1|0|Liebe Kinder! Ist es denn wohl gar so schwer, zu finden, was man möchte? Wenn jemand Hunger verspürt, wird er wohl lange brauchen, um sich irgendeine Speise auszusuchen, damit sie ihn sättige? Oder wer da dürstet, wird der wohl, vom brennenden Durst getrieben, von einer Quelle zur anderen wandeln und die Wasser verkosten, die da tauglich wären zur Löschung seines brennenden Durstes? Wahrlich, er wird bei der nächsten Quelle verbleiben und da stillen seinen Durst. Seht, das sei auch für euch der Fall!
HIM|1|410320|2|0|Dass ihr alle im Geiste noch sehr hungrig und durstig seid, werdet ihr doch sicher empfinden, so ihr das Verständnis eures Herzens, welches ist der „Magen“ des Geistes, nur ein wenig zu Rate zieht und euch ein wenig nur befragt nach der Wesenheit der Dinge, die euch zahllos umgeben, und nach dem euch noch gänzlich unbekannten inneren Leben des Geistes.
HIM|1|410320|3|0|Schaut nur hinaus auf den großen Speisezettel der Schöpfung und darnach in die große Speisekammer des Geistes, so wird es euch künftighin nicht mehr schwerfallen, zumal wenn ihr noch bedenkt, dass in Meinem Licht, welches durch das lebendige Wasser aus dem Brunnen Jakobs zu euch beschieden wird, sich ein Sonnenstäubchen zu einer Welt vergrößert!
HIM|1|410320|4|0|Wenn aber ein solches Sonnenstäubchen schon so groß wird und übervoll von euch noch unbekannten Wundern, wie groß erst werden euch jene Dinge werden, gegen die ein Sonnenstäubchen ins Nichts hinabsinkt oder sich so gut wie gänzlich verliert – im Anbetracht eines Sandkörnchens nur, geschweige erst einer Pflanze, eines Baumes, eines Berges, eines Tieres oder auch wohl gar eines Menschen selbst!
HIM|1|410320|5|0|Nachdem euch nun gezeigt worden ist, wie ihr für einen künftigen Fall eine taugliche Speise zu eurer Sättigung leichter finden mögt, so will Ich euch denn nun geben, danach euch nach einem ziemlich mühseligen Suchen verlangt hat.
HIM|1|410320|6|0|Was demnach die Verehrung der Heiligen betrifft, da sage Ich euch nichts als das: Verehrt durch eure Liebe und demütigen Gehorsam nur den Alleinheiligen – so werden durch solche allein gültige Verehrung auch alle euch bekannten und unbekannten Heiligen am allerfüglichsten verehrt werden! Denn Mir allein gebührt alle Verehrung, alles Lob, aller Dank, aller Preis und alle Anbetung. Nur durch Mich und in Mir werden alle Menschen verherrlicht, wenn sie zuvor Meinen Namen in ihrem Herzen durch die wahre Liebe und den lebendigen Glauben im Geiste und in der Wahrheit verherrlicht haben.
HIM|1|410320|7|0|Damit ihr aber dieses besser und gründlicher verstehen mögt, so bedenkt noch hinzu, dass Ich allein die Tür zum Leben bin. Und wer nicht da eingeht durch diese Tür, der ist ein Dieb und Räuber. Darum: wer da ist mühselig und beladen oder ist ein Kranker voll Gebrechen, der komme zu Mir, auf dass Ich ihn labe und stärke. Denn solches wird er nimmer finden irgend anderswo als bei Mir und in Mir!
HIM|1|410320|8|0|Was die zweite Frage betrifft, so liebt nur der Mich recht, der Mich allein liebt und seinen Nächsten durch Mich. Wer Mich so liebt, der ist’s, der Mich im Geist und in der Wahrheit liebt! Denn wie könnte der Mich anders lieben, da Ich Selbst der ewige Geist aller Liebe, aller Macht und Kraft und ebenso die ewige Wahrheit bin!
HIM|1|410320|9|0|Wer Mich aber also liebt, der ist es, der Meine Gebote hält. Wer aber Meine Gebote hält, zu dem werde Ich kommen in Meiner Dreieinigkeit als Vater, Sohn und Geist und werde Wohnung nehmen in seinem Herzen und werde da Mich offenbaren durch das lebendige Wort, welches im Anfang war und ewig war und ist bei Gott. Denn Gott Selbst war, ist und wird ewig sein das Wort, wesenhaft in allen Dingen, als das ewige Leben, Liebe, Licht, Kraft und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit.
HIM|1|410320|10|0|Wer aber Mich auf diese Weise recht liebt, der ist auch von ganzem Herzen demütig. Oder kann wohl ein Hoffärtiger jemanden lieben? Liegt nicht vielmehr im Hochmut die Verachtung alles dessen zugrunde, was denselben umgibt!? Der Hochmütige will nichts Höheres über sich erblicken; kann er sich auch nicht auf den höchsten Wahngipfel erheben und muss er sich noch einem Höheren gehorchend unterziehen, so tut er solches nur aus Eigennutz. Und so er jemanden mit einer scheinbaren Liebe umfasst, so gilt das so viel, als wenn er sagen möchte: „Weil ich dich nicht mit Gewalt beherrschen kann, so will ich dich mit der List fangen und zu meinem Sklaven machen!“
HIM|1|410320|11|0|Desgleichen auch der Habsüchtige zu seinen Freunden spricht, und ebenso die eitlen Weltbräutigame zu ihren törichten Bräuten sprechen; denn alle diese erheben ihre Günstlinge nur in derselben Absicht wie ein Adler eine Schildkröte, um durch deren Fall hernach etwas zu gewinnen!
HIM|1|410320|12|0|Seht, liebe Kinder, aus allem diesem geht hervor, dass nur der wahrhaft Demütige Mich wahrhaft, d. h. im Geiste und in der Wahrheit, zu lieben vermag!
HIM|1|410320|13|0|Wer Mich aber also liebt, der liebt Mich ja als das lebendige, ewige Wort, welches da ist Jesus Christus, und das ewige Leben und alle Dinge durch Ihn! Wer aber liebt Jesus Christus, den Gekreuzigten, und verherrlicht Ihn vor der Welt und bekennt Ihn mit großer Freudigkeit seines Herzens, den werde auch Ich, als derselbe einige Jesus Christus, verherrlichen und bekennen vor dem Vater, d. h. er wird verklärt werden im Angesicht Meiner Gottheit und aller Heiligkeit derselben.
HIM|1|410320|14|0|Wenn denn also, wer immer Mich liebt und verherrlicht, dadurch wieder verherrlicht wird – da werden ja doch sicher an solcher Verherrlichung auch alle Meine Glieder, welches da sind die Heiligen in den Himmeln, nicht zu kurz kommen! Denn was Ich nehme, nehme Ich nicht für Mich, sondern für euch und für eure Brüder.
HIM|1|410320|15|0|Wer etwas Mir gibt, der gibt es allen. Wer es aber einem anderen gibt, der ist ein Tor; denn was er gibt, wird er nicht zurückerhalten, und es wird auch die Gabe nicht zu den Beteiligten gelangen, sondern wie eine unreife Frucht wird sie unter dem Baum des Lebens zertreten werden.
HIM|1|410320|16|0|Liebe Kinder, betrachtet diese Gabe nicht als eine menschliche, sondern als eine, die voll Lebens ist! Fasst sie wohl in eure Herzen und tuet darnach, so werdet ihr erkennen, dass das Wort alles in allem ist und wie das Wort bei Gott und Gott Selbst das Wort ist ewig! Amen.
HIM|1|410320|17|0|Das sagt eben dieses Wort euch aus Sich Selbst! Amen.
HIM|1|410321|1|1|Grund und Wesen des Zweiten Gesichts – 21. März 1841
HIM|1|410321|0|0|Schreibende: K. G. L. – Andr. und Ans. H. – Als Zuhörer: F. S.
HIM|1|410321|1|0|Es ist das sogenannte „Zweite Gesicht“ nicht etwa ein Zeichen von einem geweckteren Geiste, sondern es hat seinen Grund bloß nur in einem etwas erhöhteren Seelenleben und ist überhaupt ein Eigentum jener Menschen, die stets in großer Not und natürlicher Abgezogenheit von der Welt zu leben genötigt sind.
HIM|1|410321|2|0|Dass dieses Zweite Gesicht mit der geistigen Gewecktheit keine Verwandtschaft hat, kann euch auch der Umstand hinreichend bezeugen, dass eines solchen Zweiten Gesichts auch sogar die Tiere fähig sind, deren Individualität durchgehends nichts Geistiges, wohl aber eine Seele zur ferneren Ausbildung in sich trägt.
HIM|1|410321|3|0|Ihr werdet nun freilich fragen, welche Wirklichkeit dasjenige hat, was sich im Zweiten Gesicht beschaulich darstellt? Allein es wird gar nicht schwer sein, diesen Knoten für euch zu lösen. Wenn ihr noch im tiefen Winter begraben seid und euch von allen Seiten die starren Schnee- und Eisfelder schaurig anblicken, ja wenn ihr noch dazu in kalten Gemächern zu wohnen genötigt wärt, sagt, werdet ihr euch da nicht nach dem Frühling und nach dem Sommer ganz gewaltig zu sehnen anfangen? Und wird sich nicht die Phantasie eurer Seele vorzugsweise damit beschäftigen, euch bildlich den Frühling und den Sommer vorzuführen?
HIM|1|410321|4|0|Seht, dieses sehnsüchtige, gleichsam plastische Vorgefühl ist die erste Stufe des Zweiten Gesichts und hat seinen Grund in dem leisen ätherischen Überwehen dessen, was die Seele in ihrem gedrückten Zustand als wohltuend erwartet. Wenn nun jemand sich mehr und mehr vertiefen würde, so möchte er wenigstens zur Nachtzeit nicht selten die Bilder des Frühlings und des Sommers gleich matten Traumbildern vor sich vorüberziehen sehen.
HIM|1|410321|5|0|Wenn aber irgendeine Seele noch mehr beengt wird durch leidende Verhältnisse, so geschieht mit ihr durch solchen Druck das gleiche, wie wenn die Luft in einem zu hohen Grad gedrückt wird: sie entzündet sich und tritt aus der leiblichen Sphäre hinaus. Es gibt nämlich in dem sichtbaren Raum ebenso gut seelische Wirkungen und Bewegungen, wie es in dem weiten Lichtraum Wirkungen und Bewegungen des Lichtes gibt; nur mit dem Unterschied, dass die Schwingung des Lichtes sich auf dem natürlichen Weg nicht anders als gradlinig fortpflanzen können; wogegen die seelischen mehr ähnlich sind den Schwingungen des Schalls und sich nach allen erdenklichen Richtungen, wie auch in allen erdenklichen Krümmungen mit mehr denn elektrischer Schnelligkeit fortpflanzen können.
HIM|1|410321|6|0|Jetzt denkt euch irgendein Faktum – welcher Art es auch immer sein mag, so hat es immerwährend drei Bedingungen zum Grunde: eine materielle, eine seelische und eine geistige. Was die erste Bedingung betrifft, so kann das Faktum von den leiblichen Augen erst dann erschaut werden, wenn es gerade eben geschieht, und zwar in einer solchen Entfernung, die von der leiblichen Sehkraft erreicht werden kann. Was die seelische Bedingung anlangt, so werdet ihr es ohne viel Nachdenken leicht einsehen, dass ein Faktum zuerst in der Seele vorangehen muss, bevor es in die Körperwelt übergeht. Ist aber nun die Seele ihrer Decke enthoben, so kann sie ein solches Faktum vermöge der schnellen seelischen Fortpflanzung oft schon eine bedeutende Zeit früher ersehen, als es zur materiellen Objektivität gelangt; oder sie kann auch ein verübtes Faktum nachträglich erschauen, gleichwie ihr einen fernen Nachhall vernehmt.
HIM|1|410321|7|0|Zum Überfluss will Ich auch noch drei kleine Beispiele von dem seelischen Schauen hinzufügen!
HIM|1|410321|8|0|Es sieht z. B. ein solcher mit dem Zweiten Gesicht Begabter eine unbekannte Leiche vorüberziehen, während der Bekannte noch ganz frisch und gesund ist und erst in einigen Monaten darauf stirbt. Dies geht auf folgende, leicht fassliche Weise vor sich, nämlich: Die Seele des zum Sterben Bestimmten ahnt die nahe Auflösung ihrer Hülle, besonders zu einer Zeit, wenn sie ebenfalls durch ein merkliches Heraustreten ihr zum Zusammenfallen reifes Haus klarer und richtiger beschaut. In diesem Zustand ordnet sie dann schon alle betreffenden Vorkehrungen und Zeremonien zum Übergang. Zu gleicher Zeit ist aber auch die Seele eines anderen Menschen in solchem erhöhtem Zustand und sieht da das ganze Faktum, was sich die Seele des anderen schon vorgeordnet hat, und zwar das alles auf die euch nun schon bekannte seelische Mitteilungsweise. Nun seht, auf diese Weise werden von der Seele dergleichen Dinge vorgesehen, wie von dem körperlichen Auge diejenigen, die soeben geschehen.
HIM|1|410321|9|0|Als zweites Beispiel: Eine Seele sieht in irgendeiner weiten Entfernung etwas geschehen. Auch dieses Schauen geschieht auf dieselbe Weise. Denn wo immer etwas geschieht, da Menschen zugegen sind, entweder bloß als Zuschauer oder als glücklich oder unglücklich Mitbeteiligte, da ist ja auch nichts natürlicher, als dass ein solches Faktum in das Seelenleben der anderen alsogleich aufgenommen wird und sich dann in der seelischen Sphäre gleich einem allerzartesten magnetischen Fluidum, je nach der Größe und Art des Faktums, oft mehrere tausend Stunden fortpflanzt. Und wenn dann irgendein Mensch in einem erhöhten Seelenzustand sich befindet, so nimmt er solche Schwingungen alsogleich wahr und bekommt das Bild durch die Varietät der Schwingungen auf dieselbe Art zu Gesicht, wie irgendein materielles Bild durch die Varietät der Schwingungen des Lichts von dem Gegenstand, von dem sie ausgehen, zur körperlichen Anschauung durch das fleischige Auge gelangt.
HIM|1|410321|10|0|Als ein drittes Beispiel ist dieses anzunehmen: Wenn irgendein Faktum, bei welchem mehrere Menschen verunglücken werden, noch nicht erfolgt ist. Dieses Gesicht ist zwar etwas seltener, kommt aber dessen ungeachtet gleich den übrigen Fällen vor. Es ist auf folgende Weise einzusehen: Wenn irgendeine Seele bei besonderen Fällen in einen erhöhen Zustand gelangt, so wird auch der innewohnende Geist, freilich nur auf kurze Zeit, geweckt. In der geistigen Bedingung (d. h. in dem Geist des Menschen) aber liegen alle Fakta, sowohl die vergangenen als die zukünftigen, unvergänglich zugrunde. Nun kann da das Schauen auf eine zweifache Art geschehen, nämlich der Betreffende erschaut es zuerst aus seinem Geist. Dieses Erschaute geht natürlich in die Seele über. Sobald es aber in die Seele übergegangen ist, so pflanzt es sich auch schon nach den euch bekannten Gesetzen weiter. Und so dann irgendein Mensch im erhöhten Seelenzustand sich befindet, so erschaut auch er ein solches gewisserart prognostisches Faktum nebst allen den Umständen, die sich da zutragen werden. Und dieses Erschauen ist dann die zweite Art, ein solches Faktum, welches erst künftig geschehen wird, zu erschauen.
HIM|1|410321|11|0|Dass ein solcher Mensch im erhöhten Seelenzustand auch Seelen verstorbener Menschen sehen kann, wenn diese sich sehen lassen wollen oder dürfen, braucht nicht näher erwähnt zu werden.
HIM|1|410321|12|0|Nun seht, da habt ihr das ganze Wesen des Zweiten Gesichtes und könnt aus demselben zugleich ersehen, dass dazu gerade keine Geistesgewecktheit erfordert wird. Denn das Schauen des Geistes ist ein ganz verschiedenens von dem der Seele. Wie sich aber das Schauen des Leibes zu dem Schauen der Seele verhält, so verhält sich auch das Schauen der Seele zum Schauen des Geistes.
HIM|1|410321|13|0|Und wie das Schauen des leiblichen Auges kann verschärft werden durch materielle Mittel, dergleichen da sind: allerlei optische Werkzeuge – so kann auch das Schauen der Seele erhöht werden durch jene Mittel, welche natürlicherweise der Seele entsprechen. Diese Mittel sind ein starker, ungezweifelter Glaube, ein festes Wollen und eine dadurch wenigstens zu Hälfte erreichte geistige Gewecktheit.
HIM|1|410321|14|0|Wie aber das seelische Schauen erhöht werden kann, ebenso kann auch die Sehe des Geistes bis ins Unendliche gestärkt werden, und zwar mittels derjenigen Mittel, die euch der große Seher durch Seine Lehre gelehrt hat – welcher große Seher eben derjenige ist, der euch jetzt daran erinnert!
HIM|1|410323|1|1|Der verlorene Sohn – 23. März 1841 [Die zwölf Stunden 1864]
HIM|1|410323|0|0|Schreibende: K. G. L. – F. S. – Andr. und Ans. H.
HIM|1|410323|1|0|Ihr habt gelesen in Meinem Buch (Luk. 15, 11–32) die Geschichte des verlorenen Sohnes und werdet diese Geschichte nicht nur einmal, sondern öfter schon gelesen und gehört haben. Aber Ich sage euch, es gibt wohl in dem ganzen Buch keinen Vers und kein Kapitel, das da Größeres in sich fassen möchte denn der verlorene Sohn.
HIM|1|410323|0|0|Für den vollständigen Text siehe Kapitel 11 von „Die zwölf Stunden“.
HIM|1|410325A|1|1|Der große Schöpfungsmensch und seine Rückkehr – 25. März 1841 [Die zwölf Stunden 1864]
HIM|1|410325A|0|0|Schreibende: K. G. L. – F. S. – Andr. und Ans. H.
HIM|1|410325A|1|0|Nachdem wir in der elften Stunde den verlorenen Sohn von seinem Aufgang bis zu seinem Niedergang begleitet und beleuchtet haben und haben auch die Zeit berechnet und die Stunde nahe bestimmt, die da zeugen soll von seinem Untergang, so wollen wir in dieser zwölften Stunde sehen, wo und wie dieser verlorene Sohn wieder zurückkehren wird, durch und durch gedemütigt in das große Vaterhaus.
HIM|1|410325A|0|0|Für den vollständigen Text siehe Kapitel 12 von „Die zwölf Stunden“.
HIM|1|410325B|1|1|Die „Lumpen“ des verlorenen Sohnes (Fortsetzung) – 25. März 1841 [Die zwölf Stunden 1864]
HIM|1|410325B|1|0|Ihr habt aber gehört, dass die Lumpen des verlorenen Sohnes von den Winden zerstreuet wurden wie Spreu, und die übrig gebliebenen aber wurden ihm ausgezogen, und verbrannt. Wisst ihr, was unter diesen Lumpen zu verstehen ist?
HIM|1|410325B|0|0|Für den vollständigen Text siehe Kapitel 13 von „Die zwölf Stunden“.
HIM|1|410327|1|1|Schneckenhaus, Rosendorn, Puppe, Vogelnest – Fragen im geistigen Licht – 27. März 1841
HIM|1|410327|0|0|Die vier Töchter Anselm Hüttenbrenners stellten je eine Frage mit der Bitte um Beantwortung durch den Knecht Jakob Lorber. Es fragte Marie: „Was bekundet uns ein Schneckenhaus?“ – Wilhelmine: „Was bedeuten die Dornen der Rose?“ – Pauline: „Was lehrt uns die Puppe eines Schmetterlings?“ – Julie: „Was besagt uns ein Vogelnest?“ – Schreibende: Die vier Töchter und deren Vater Ans. H.
HIM|1|410327|0|0|Der Herr antwortete gnädigst durch Seinen Knecht Jakob Lorber wie folgt:
HIM|1|410327|1|0|Diese vier Fragen, liebe Kinder, sind zu vergleichen dem Tun eines Menschen, der sich bei einer großen Schatzkammer befand und dem frei gestattet war, sich aus den vielen Schätzen, welche die Kammer umschloss, nach seinem Belieben vier Stücke zu wählen. Da er ganz geblendet war von der großen Pracht dieser Schätze, so wurde er endlich zweifelhaft in seiner Wahl und wusste nicht, wonach er greifen solle. Es verstrich aber mittlerweilen die Zeit der offenen Schatzkammerspende; und der unschlüssige Tor, nun noch mehr verwirrt durch die herbeigekommene Sperre, musste endlich in der plötzlichen Übereilung, um nicht leer aus der Kammer zu gehen, nach dem nächsten Besten greifen.
HIM|1|410327|2|0|Als er aber ins Freie gelangte, da zog er seinen Schatzkammertribut hervor und besah denselben. Aber wie gar große Augen machte nun der verblüffte Tor, als er statt des vermeintlichen Goldes, Silbers und Edelgesteins und anderer Kostbarkeiten – vier halbverweste Totengerippe in seiner Hand erblickte!
HIM|1|410327|3|0|Nun seht, Meine lieben Kinder, eine solche „Schatzkammer“ steht euch tagtäglich offen, und ihr könnt euch daraus nehmen, was und wie viel ihr wollt! Wie ist es denn aber mit euch, dass ihr gleich diesem Menschen nicht nach dem Gold, Silber, Edelsteinen und anderen Kostbarkeiten greift, sondern nach Dingen, die da nicht viel fetter sind, als die erwähnten Totengerippe!?
HIM|1|410327|4|0|So habt ihr heute fürs Erste ein „Schneckenhaus“ genommen! Was hat euch denn die lebendige Schnecke getan, dass ihr sie aus dem Hause verbannt habt? Ebenso habt ihr den „Dorn einer Rose“ gebracht! Was hat euch denn der ganze Rosenstrauch getan, dass ihr von ihm gerade das genommen habt, worin kein Leben und keine Fortpflanzung waltet. So habt ihr auch eine „Puppe“ genommen! Da hättet ihr zuerst nach einer lebendigen Raupe greifen sollen! Denn die Puppe ist ein Grab der Raupe. Und endlich seid ihr gar gekommen mit einem überaus toten „Vogelnest“! Warum habt ihr denn nicht lieber den Vogel aus dem Nest genommen, da er ein beseeltes Wesen ist, statt des toten Nestes!?
HIM|1|410327|5|0|Was würdet ihr wohl dazu sagen, wenn Ich diese vier toten Dinge beleben möchte und daraus dann entstünden lebende Schneckenhäuser, sich fortpflanzende Dornen, herumhüpfende Puppen und herumfliegende Vogelnester!?
HIM|1|410327|6|0|Sagt, würde das euch nicht vorkommen, wie ein fahrender Wagen, der sich da fortbewegt, aber statt dass ihn lebendige Pferde zögen, schleppt er hinter sich zwei tote Pferde!? Oder was würdet ihr sagen, so ihr einen Baum antreffen möchtet, der da mit dem Gipfel in der Erde steckte und seine Wurzeln in die Luft reichte – und statt dass er Früchte trüge, hingen an den Wurzeln ausgedörrte Dornen!? Oder was würdet ihr sagen, so ihr einen Koch antreffen würdet, der seine Töpfe, statt mit den Speisen, mit mattglühenden Kohlen anfüllte und an der Stelle des Feuers aber allerlei essbare Dinge aufhäufte!? Oder was möchtet ihr sagen, wenn beim Bau einer Brücke über ein Wasser die Bauleute die Jochstöcke nach aufwärts richten, den Steig der Brücke aber ins Wasser legen würden!?
HIM|1|410327|7|0|Seht, liebe Kinder, wie alle diese euch vorgeführten Verkehrtheiten – geradeso verhalten sich eure heutigen vier Fragedinge, welche, wenn Ich sie beleben würde, für euer Herz sich nicht viel besser ausnehmen würden als der erwähnte Wagen, Baum, Koch und die Brücke unter dem Wasser.
HIM|1|410327|8|0|Aber da ihr diese Dinge nun einmal zum Vorschein gebracht habt, so will Ich denn für euch dessen ungeachtet noch etwas daraus machen und euch zeigen, warum ihr für diesmal keinen besseren Griff gemacht habt.
HIM|1|410327|9|0|Nun seht, was Ich für „rare Dinge“ für euch daraus machen werde! Werden diese Dinge euch auch ein wenig sonderbar vorkommen, so denkt, dass Ich für diesen gegenwärtigen Augenblick nichts anderes daraus habe zuwege bringen können, das euch mehr frommen möchte.
HIM|1|410327|10|0|Seht, aus dem „Schneckenhaus“ habe Ich euch auf eine künstliche Weise ein recht niedliches Spiegelchen gemacht! In diesem Spiegelchen sollte sich die Fragestellerin des Tages öfter besehen, und sie wird nach und nach darinnen erkennen, dass ein Mensch, der nur nach eitlen, weltlichen Dingen trachtet, gar wohl gleicht einem solchen leeren Schneckenhaus, das da seinen lebendigen Einwohner aufgezehrt und verloren hat, weil eben dieser innere Einwohner sich selbst in das tote, starre Haus (gewisserart sich selbst verzehrend) eingebaut hat. Oder, damit ihr es leichter versteht, so sage Ich, dass sich die lebendige Schnecke so nach und nach selbst zum Gehäuse gemacht hat; da nun aber das Gehäuse auf diese Art zu groß und schwer geworden ist und der lebendige Rest der Schnecke nicht mehr aus dem zu sehr vergrößerten Haus reichen konnte, die knapp herausreichenden Teile auch nicht mehr die Kraft besaßen, sich nach irgendeinem Nahrungsplan weiterzubewegen, so schrumpfte endlich auch noch das wenige Leben bis auf den Grund des Gehäuses zurück und verzehrte sich endlich selbst – d. h. es zog sich, modernd, bis auf einen Punkt zusammen, welcher, als gänzlich erstorbenes Leben, sich an das tote Gehäuse anklebte.
HIM|1|410327|11|0|Darum aber gabst du, Fragestellerin, hier ein solches Ding zur Betrachtung, weil du deinem Äußeren nach noch ziemlich viel Verwandtschaft mit demselben hast. Wirf daher das tote „Scheckenhaus“, welches die äußerlichen Begehrlichkeiten darstellt, sobald als möglich von dir, damit dir am Ende nicht das Los der Schnecke zuteilwird!
HIM|1|410327|12|0|Seht, das ist das künstliche Machwerk, welches Ich aus diesem „Schneckenhaus“ euch habe bereiten können! Beseht euch alle darinnen, und handelt danach, so werdet ihr leben.
HIM|1|410327|13|0|Was sollen wir aber aus dem „Dorn“ machen? Etwas Kleines, das sich daraus machen ließe, würde euch wenig fruchten; daher wollen wir diesem Dorn eine größere Ausdehnung geben und das Machwerk dann als einen Blitzableiter auf ein Wohnhaus setzten, und so wird dieses spitzige Gewächs, wie am Stauch, so nun, vergrößert, am Wohnhaus unter derselben Elektrizität saugenden Eigenschaft gelassen.
HIM|1|410327|14|0|Betrachte du, Geberin, dich selbst als ein solches Wohnhaus, darin ein lebendiger Einwohner haust! Setze auf dieses Haus diesen Ableiter, der da verfertigt ist aus einem vierfachen Metall, als da ist das Gold der Demut, das Silber der Bescheidenheit, das Eisen der Treue und Beharrlichkeit und das Blei der Häuslichkeit – so wird dieser blitzableitende Dorn dich bewahren vor dem Einschlagen des satanischen Blitzes, der dein Wohnhaus mit allen bösen Leidenschaften entzünden würde, so dass du dann leichtlich zugrunde gehen möchtest in den tödlichen Flammen deiner entzündeten Leidenschaften.
HIM|1|410327|15|0|Darum aber gabst du Mir den „Dorn“, weil du, dir unbewusst, solche Not in dir empfunden hast. Ich sage darum: unbewusst – weil dein „schlafender Einwohner“ dir solches, heimlich schleichend, in den Mund gespielt hat.
HIM|1|410327|16|0|Was soll Ich aber aus der toten „Puppe“ machen? Ich sage euch zum Voraus, es wird nicht viel Rares daraus zu machen sein. Das Beste, das sich daraus noch machen lässt, wäre ein kleiner Sarg, und so wollen wir denn auch dabei verbleiben.
HIM|1|410327|17|0|Wozu ist wohl ein Sarg bestimmt? Nicht wahr, zu nichts, als nur zur Aufnahme eines Toten! Und was geschieht mit dem Sarg samt den Toten? Er wird begraben in die Gräber der Verwesung.
HIM|1|410327|18|0|Was würdest du, Geberin, denn wohl dazu sagen, wenn du Menschen sehen würdest, die statt des Kleides sich mit einem Sarg umhüllen möchten! Würdest du nicht, von Angst ergriffen, halbtot niedersinken zur Erde, besonders wenn dir zur Nachtzeit mit Särgen Bekleidete begegnen möchten? Ich sage dir aber, die mit solchen Särgen Bekleideten könnten, gleich dem Falter aus seiner Puppe, zum ewigen Leben erstehen. Aber es tragen die gegenwärtigen Modepuppen viel ärgere Särge um ihren Leib gehangen, aus welchem schwerlich je ein glänzender Falter zum ewigen Leben erstehen wird. Denn dieser Kleidersarg macht den Leib zu einem Modergrab, in welchem das Leben von den Würmern der Eigenliebe, Eitelkeit, des Stolzes und der Hoffart bis auf den letzten Tropfen verzehrt wird.
HIM|1|410327|19|0|Darum aber gabst du diese „Puppe“ Mir, weil dein Inneres, das du noch nicht ahnst, von einer solchen Not bedrückt wird! Daher kleide dich lieber mit dem Kleid der Demut, tiefer Bescheidenheit und großer, beharrlicher Empfänglichkeit für alles Liebegute und Glaubenswahre, so wird aus deiner „Puppe“ einst auch ein herrlicher Falter zum Leben erstehen.
HIM|1|410327|20|0|Nun hätten wir noch das „Vogelnest“. Denkt euch, wozu das Vogelnest ist, wenn der Bewohner ausgeflogen ist und dasselbe allen Winden preisgegeben hat, weil er darinnen keine Sicherheit, keinen Schutz, keine Wärme und keine Nahrung mehr findet! Ihr werdet sagen: „Es ist zu nichts mehr nütze!“ – Und Ich sage: Ihr habt recht geantwortet! Daher kann auch Ich für diesmal aus diesem Nest nichts mehr machen, gleich wie Ich aus einem Menschen nichts mehr machen kann, wenn er vermöge seiner Gewissenlosigkeit es so weit gebracht hat, dass Meine „Himmelsvögel“, welche gleichsam die Stimme des Gewissens im Menschen sind, aus dem inneren „Nest der Liebe“, welches im Herzen erbaut ward, ausgeflogen sind.
HIM|1|410327|21|0|Dieses Nest wird dann auch den bösen Winden preisgegeben werden. Wollt ihr aber wissen, wie diese „Winde“ heißen, so will Ich sie euch sagen. Der erste Wind heißt Leichtsinn. Der zweite Wind heißt die Lauheit zu allem Ernsten, Wahren, Guten und daraus Schönen. Der dritte Wind ist die daraus hervorgehende selbstgefällige und wohlbehagliche Trägheit. Und der vierte Wind ist dann endlich das Versinken in allerlei irre und wirre Welttümlichkeiten und endlich daraus in die gänzliche Vergessenheit Gottes. Darum seht wohl zu, dass euer Nest nicht verlassen wird, sonst werdet ihr selbst zu einem solchen verlassenen „Vogelnest“ werden und sein Los unter den bösen Winden erfahren.
HIM|1|410327|22|0|Darum aber gab die vierte ein solches totes Ding, weil die noch innehaltenden (Himmels-)Vögel es ihr zur Warnung auf die Zunge gelegt haben!
HIM|1|410327|23|0|Seht, liebe Kinder, so habt ihr Mir heute unbewusst eure Krankheiten vorgetragen! Ich habe euch daraus wohlwirkende Arzneien bereitet. Gebraucht sie nach Meiner väterlichen, liebevollsten Anordnung, so werdet ihr auf eine wunderbare Art eure toten Schneckenhäuser wieder beleben, den toten Dorn zu einem Lebenssauger machen, aus der toten Puppe eine neue Herrlichkeit hervorbrechen sehen und in eurem Nest wird der innewohnende Vogel Phönix zu einem neuen und ewigen Leben wiedergeboren werden und wird dasselbe dann nimmer verlassen. Denn er selbst wird aus demselben, verherrlicht, zum ewigen Leben hervorgehen. Amen.
HIM|1|410327|24|0|Merkt wohl, Wer euch dieses alles gesagt hat! Hört, es ist euer wahrer Vater, heilig, heilig, heilig! Amen.
HIM|1|410409|1|1|Leiden des Herrn, Fasten, Armut, Liebe – 9. April 1841
HIM|1|410409|0|0|Des Herrn Antwort auf diese beliebig zusammengestellten Worte, gegeben durch J. Lorber.
HIM|1|410409|1|0|Wenn ihr also fragt, so fragt ihr recht! Denn in solchen Fragen liegt dasjenige zugrunde, was jedem Menschen am meisten nottut.
HIM|1|410409|2|0|Ihr habt zwar euer leichtes Anliegen nicht in der Form einer Frage gegeben, desungeachtet sind aber die gegebenen Worte nichts als Fragen aus eurem Herzen, deren sonderheitliche Beantwortung euch jetzt gegeben wird. Die große Antwort aber erst dann, wenn ihr sie durch die Beobachtung der sonderheitlichen in euch finden werdet, d. h., die sonderheitliche Beantwortung ist ein Wegweiser, der euch zeigt, wie das menschliche Leben beschaffen sein soll im Geiste und in der Wahrheit, voll Liebe und lebendigen Glaubens, um durch dieses Leben dann sicher gelangen zu können zum inneren Leben des Geistes und endlich durch dieses erst zu Mir. Wer aber zu Mir gelangen wird, der wird dadurch auch gelangen zur allgemeinen Beantwortung nicht nur dieser von euch gegebenen Fragen, sondern auch jener unendlichen, die in diesen vieren enthalten sind.
HIM|1|410409|3|0|Denn wahrlich, verstündet ihr in eurem Herzen das große Geheimnis Meines Leidens, alle Engel des Himmels würden ehrfurchtsvoll und in allerhöchster Freude ewig zu euch in die Schule gehen und allzeit nach beendigter Schulzeit mit unermesslichen Wundern bereichert zurückkehren.
HIM|1|410409|4|0|Verstündet ihr in euerem Herzen gerecht zu fasten, wahrlich, ihr möchtet nimmer darnach fragen! Denn durch solches Fasten wäre Ich euch schon lange ein sichtbarer Vater geworden, allda Ich euch dann mit dem leisesten Hauch mehr geben könnte, denn sonst mit tausend Worten.
HIM|1|410409|5|0|Verstündet ihr in euerem Herzen, was die wahre Armut ist, wahrlich, schon jetzt wärt ihr reicher als manche Fürsten des Himmels. Denn es liegt in der wahren Armut ein gar großer Schatz, welcher mit keinem irdischen Maßstab zu ermessen ist! Denn die wahre Armut ist es, die da ewig gespeist wird mit Meinem Wort, wie ihr es auch lest, dass das Evangelium den Armen gepredigt werden soll. Auch wird die wahre Armut verstanden also, dass sie gleichlautend ist mit den Hungrigen und Durstigen, die da ebenfalls aus Meinen Worten vollauf gesättigt werden.
HIM|1|410409|6|0|Und endlich verstündet ihr erst in eurem Herzen die Liebe, wahrlich, da wäre an euch erfüllt die große Forderung, die Ich an Meine Apostel gerichtet habe, da Ich zu ihnen sagte: „Seid vollkommen, wie euer Vater in den Himmeln vollkommen ist!“ – Liebe Kinder! Was meint ihr wohl, was diese Anforderung besagt? Seht, diese Anforderung besagt nichts mehr, nichts weniger, als bloß die ziemlich große Kleinigkeit, dass der Mensch vollkommen Mir in allem gleichen solle! So ihr nur einen allerleisesten Begriff von Meiner Größe, Macht und Kraft und von allen Meinen unendlichen Vollkommenheiten euch machen könnt, so werdet ihr euch wohl auch davon einen kleinen Begriff machen können, was das heißen will, wenn Ich zu euch sage, dass auch ihr so vollkommen werden solltet, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Wenn aber der Sohn die Seinen zu Miterben gemacht hat, auf dass Er vollkommen brüderlich teile das große Erbe vom Vater, so will auch das nichts anderes sagen, als dass die Seinen zu derselben Gerechtigkeit, zu derselben Macht und Kraft des Geistes Gottes gelangen sollen, welche dem Sohn im Vater und dem Vater im Sohn von Ewigkeit her innewohnt.
HIM|1|410409|7|0|Bevor jedoch Ich euch alles dieses noch etwas näher auseinandersetzen werde, wollen wir zur speziellen Beantwortung eurer vier Hauptfragen zurückkehren.
HIM|1|410409|8|0|Was Mein Leiden betrifft, so habe Ich also gelitten an Meinem Leib wie ein jeder andere Mensch, und zwar in derselben Ordnung, wie ihr es lest in den Evangelien. Weil aber das menschlich leidende Ich noch ein anderes, göttliches Ich in sich schloss, so war dieses Leiden auch ein doppeltes, nämlich das äußere, leibliche, und das innere, göttliche.
HIM|1|410409|9|0|Worin das äußere Leiden bestand, wisst ihr; aber worin das göttliche Leiden bestand, das ist eine andere Frage. Damit ihr euch davon einen Begriff machen könnt, so denkt euch, was das heißen will, wenn der unendliche Gott in dieser Leidensperiode Sich aus Seiner unendlichen und ewigen Freiheit zurückzog und in dem Herzen des leidenden Sohnes oder Seiner Liebe Seine Wohnung nahm!
HIM|1|410409|10|0|Nun seht, Mein Äußeres wurde durch die bitteren Leiden bis auf den Punkt des Todes gedrückt. Die im Herzen sitzende Gottheit aber musste den Tod und die Hölle von dem innersten Punkt aus besiegen. Nun denkt euch den leidenden Gottmenschen, der da nun gestellt war zwischen zwei Feuer: Von außen her drückte Mich der Tod und die Hölle mit all ihrer Gewalt so lange, bis Mein natürliches Leben bis zu dem innersten Punkt Meines Herzens getrieben wurde. Von innen aus aber wirkte diesem Druck die Gottheit mit all Ihrer unendlichen Macht und Kraft entgegen und ließ Sich nur durch die Liebe selbst bis auf einen Punkt zusammentreiben.
HIM|1|410409|11|0|Nun denkt euch wieder: Dieselbe Macht und dieselbe Kraft, welche mit einem Hauch alles, was da lebt und schwebt in der ganzen Unendlichkeit, in einem Augenblick zerstören könnte, dieselbe Macht und Kraft, die alle Ewigkeiten und Unendlichkeiten nicht erfassen, die die ganze unendliche Schöpfung aus Sich werden hieß, o hört, dieselbe Macht und Kraft in Ihrer vollsten Allheit hat Sich so weit aus ihrer Unendlichkeit heraus, wie schon gesagt, auf einen Punkt beengen lassen, welche Beengung die größte Demütigung der Gottheit in Mir freiwillig war!
HIM|1|410409|12|0|Wenn ihr dieses nur ein wenig in eurem Herzen zu fassen imstande seid, welchen leidenden Kampf Ich da als die ewige Liebe zu bestehen hatte, so werdet ihr euch wohl auch einen kleinen Begriff machen können, was alles unter Meinem Leiden verstanden wird.
HIM|1|410409|13|0|Dieses Leiden dauerte bis auf den Punkt, bis Ich am Kreuz ausrief: „Es ist vollbracht! Vater, in Deine Hände empfehle Ich Meinen Geist!“ – oder mit anderen Worten: „Siehe Vater! Deine Liebe kommt zu Dir zurück!“ – Und sobald wurden von der unendlichen Macht Gottes alle Bande des Todes und der Hölle zerrissen. Hinaus stürmte die ewige Macht mit verunendlichfältigter Gewalt. Die ganze Erde bebte, angerührt von der Allgewalt Gottes. Freiwillig öffnete sie ihre Gräber und trieb die Gefangenen zum Leben hervor.
HIM|1|410409|14|0|Und weiter drang dieselbe Allgewalt über alle sichtbare Schöpfung hinaus, erfüllte in diesem Augenblick die Unendlichkeit wieder. Und alle Sonnen in allen endlosen Räumen zogen ihr Licht aus übergroßer Ehrfurcht vor der sie neu berührenden Allgewalt Gottes in sich zurück. Dass aber die Gottheit bei diesem neuen Austritt in dem Augenblick nicht alles zerstört und vernichtet hatte, war allein die Liebe schuld, die da nun vollends wieder mit ihr vereinigt war.
HIM|1|410409|15|0|Nun seht, Meine lieben Kinder, das ist, so viel ihr es fassen könnt, zu verstehen unter Meinem Leiden; allein es liegt aber noch Unendliches darin verborgen, daran ihr Ewigkeiten genug zu erforschen haben werdet, und das zwar immerwährend Größeres und Unendlicheres. Denn das Ich euch jetzt gesagt habe, verhält sich zur Vollheit geradeso wie ein Punkt zur Unendlichkeit.
HIM|1|410409|16|0|Wenn ihr aber fastet, da fastet in der wahren Verleugnung eurer selbst aus reiner Liebe zu Mir an allem, was die Welt euch bietet, so werdet ihr durch solches gerechte Fasten zu dem Brot des Himmels gelangen.
HIM|1|410409|17|0|Wie aber eine Braut am Hochzeitstag alle ihre früheren Kleider auszieht, sich wäscht am ganzen Leib, dann ihre Brautkleider anzieht und sich schmückt mit allerlei Blumen und Edelsteinen, auf dass sie dem Bräutigam wohlgefalle, so er kommt und sie führt in sein Haus – ebenso sollt ihr durch das gerechte Fasten alle euere weltlichen (Leidenschafts-) Kleider ausziehen, euch waschen mit lebendigem Wasser und anziehen dann Kleider der wahren Liebe, der Unschuld, aller Demut und euch schmücken mit allerlei Blumen aus Meinem Wort und aus euerem lebendigen Glauben, wie auch mit kostbaren Edelsteinen aus den Werken der Liebe!
HIM|1|410409|18|0|Und wenn sodann der große Bräutigam kommen wird, und wird euch treffen also wohlbereitet, da wird auch Er tun, das von dem bildlichen Bräutigam gesagt wurde. Und wenn ihr euch dann in dem Haus des Bräutigams befinden werdet, da wird Er euch eine Schatzkammer auftun und euch beschenken mit den unermesslichen Schätzen des ewigen Lebens, welches da ist eine Folge Meines bitteren Leidens oder der Erlösung.
HIM|1|410409|19|0|Und was das Fasten ist, das ist auch die Armut. Denn wahrlich, wer nicht arm geworden ist an allem, was Welt ist, der wird nicht eher in Mein Reich eingehen, als bis er den letzten Heller der Welt zurückgegeben hat. Seht, das ist also die wahre Armut im Geiste und in der Wahrheit.
HIM|1|410409|20|0|Dass da die freiwillige Armut einen unendlichen Vorzug hat vor der genötigten, versteht sich so sehr von selbst, dass eine nähere Erörterung darüber im höchsten Grade überflüssig wäre, und es kann daher die genötigte Armut nur durch die gänzliche Ergebung in Meinen Willen und in Meine Liebe der freiwilligen gleichkommen.
HIM|1|410409|21|0|Nun aber fragt euch: Wie ist das Verhältnis einer Braut zu ihrem Bräutigam, für den sie keine Liebe hegt im Herzen? Wird sie sich wohl auch so schmücken für die bewusste Stunde, da sie weiß, dass der Verachtete kommen wird? Wird sie diese Stunde mit der großen Sehnsucht ihres Herzens erwarten? – Ich sage euch: Mitnichten! Denn sie wird diese Stunde in ihrem Herzen verwünschen und verfluchen. Sie wird sich nicht waschen, sondern sich eher beschmieren mit allerlei Schmutz, und wird anbehalten ihre Alltagskleider und ihr Haupt bestreuen mit Asche, in der Meinung, wenn der bewusste Bräutigam kommen wird, so wird er sich entsetzen vor ihr und wird ablassen von seinem Begehren.
HIM|1|410409|22|0|Und wahrlich, wenn der Bräutigam kommen wird, und wird also treffen seine Braut, Ich sage euch, er wird sie nicht nehmen, so er Mir gleicht, sondern wird die Lieblose bereitwilligst dem überlassen, dem sie ihre Liebe zugesagt hat.
HIM|1|410409|23|0|Nun seht, da eine Braut sich nur schmückt für den rechten Bräutigam, so sie ihn liebt, so wird euch auch wohl sehr leicht klar werden, dass ohne Liebe zu Mir an kein Fasten und keine Armut zu denken ist und somit auch an keine hochzeitliche Ausschmückung. Da wird auch kein Nachhauseführen der Braut erfolgen, welches Nachhauseführen nichts anderes als die Erlösung vom Tod zum Leben ist.
HIM|1|410409|24|0|Seht, wie sich da eure Fragen verhalten! In Meinem Leiden ist die Liebe. Das Fasten und die Armut ist das Leiden der Liebe. Und das Leiden der Liebe ist die Ausschmückung derselben. Und in der Ausschmückung, welches das Leiden ist, ist die Erlösung. Somit ist die Liebe, das Leiden und die Erlösung eines und dasselbe.
HIM|1|410409|25|0|Wer demnach liebt also, wie es euch gezeigt worden ist, der hat sich der Erlösung teilhaftig gemacht, und sein Teil wird gleich sein dem Meinen. Gleichwie aber der Bräutigam all seine Güter vollkommen teilt mit seiner Braut, also wird es auch sein in Meinem Haus. Alsdann werdet ihr erfahren, was das heißt: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“
HIM|1|410409|26|0|Amen. Das sage Ich, ebenderselbe Vater im Himmel! Amen.
HIM|1|410418|1|1|Gebet – das beste Erziehungsmittel – 18. April 1841
HIM|1|410418|1|0|Höre du, Mein lieber Andreas-Willig, was deinen Neffen L. betrifft, so ist er von einem trägen Geist gelähmt am tätigen Willenseifer. Daher wird er wohl zu allem Guten durch was immer für Zwangsmittel nicht leichtlich anzueifern sein, und das zwar so lange, bis dieser Geist aus ihm entwichen ist.
HIM|1|410418|2|0|Es sind aber derlei Geister nicht hinauszubringen, denn durch anhaltendes Beten – das heißt nicht etwa stundenlange Gebete, sondern dass da im festen und lebendigen Glauben und Vertrauen mit dem Gebet an Meinem Namen angehalten wird, in welchem allein jede Bitte sichere Gewährung finden kann und wird.
HIM|1|410418|3|0|Wann aber das Gebet die gerechte Glaubenskraft erreicht hat, das weiß nur Ich. Das Gelingen richtet sich allezeit nach der selbsttätigen Glaubenskraft. Je mehr diese fest und unerschüttert anhält an Meinen Namen, desto näher liegt auch das Gelingen, welches allezeit in der gänzlichen, ungezweifelten Ergebung, Geduld und aller Liebe und Sanftmut liegt.
HIM|1|410418|4|0|Wann aber diese den rechten Grad erreicht hat, das weiß nur Ich, wie schon gesagt. Daher darf in jeder Bitte die Geduld nicht ausgeschlossen werden, damit sich ein jeder selbst prüfe, wie stark er an Meinem Namen hält.
HIM|1|410418|5|0|Zu jeder Bitte aber soll hinzugesetzt werden: „Herr, führe uns nicht in die Versuchung, sondern erlöse uns vom Übel!“ – Desgleichen tue auch du, so wirst du schon erreichen, dass dein Neffe ein willig-eifriger Mensch wird.
HIM|1|410418|6|0|Lasse ihn aber öfter mit dir beten und sage ihm, dass er auch selbst fleißig beten und sich überwinden soll. Wenn es ihn noch so viel Anstrengung kosten sollte, desto mehr Freude wird ihm in Meinem Namen der errungene Sieg über sich bereiten. Dieses ist das beste Mittel und das unfehlbar wirksamste!
HIM|1|410418|7|0|Übrigens ist ein jedes Mittel, das aus Meiner Liebe in dir sprosst, ein taugliches und nach und nach zum Zweck führend. Die demütigenden sind die besseren, welche wohl nur dann anzuwenden sind, wenn ein widerspenstiger Geist sich in einem bedeutenden Grad zeigen sollte. Denn die trägen Geister haben meist kleine widerspenstige Geister bei sich als treue Gefährten. Aber wie schon gesagt: Ein anhaltendes Gebet ist gegen alles das beste Mittel!
HIM|1|410418|8|0|Übrigens sehe, Mein lieber Willig, bei allen deinen Kindern nur auf die Bildung des Herzens! Denn diese zählt bei Mir allein. Alles Übrige hat bei Mir keinen Wert. Und würden deine Kinder mehr wissen denn Salomo in aller seiner Weisheit, so würde alle deine Mühe gleichen der der Goldmacher, deren Unternehmen noch allezeit zu Asche geworden ist.
HIM|1|410418|9|0|Lehre die Kinder daher demütig sein und vertrauen auf Meinen Namen, so wirst du ein guter Arbeiter Meines Weingartens werden und mit Meinem Lohn zufrieden sein ewig! Amen.
HIM|1|410418|10|0|Das sage Ich, in Dessen Namen alle Macht und Kraft verborgen ist!
HIM|1|410421|1|1|Wahres Glück – 21. April 1841
HIM|1|410421|0|0|Wenn da einem ist beschieden / Meiner Liebe heiliger Frieden, / wem der Vater neues Leben / will aus Seiner Fülle geben, / wen der Vater angenommen / und wer in Sein Herz gekommen – / dem darf wahrlich nimmer bangen. / Hat nach Mir er nur Verlangen, / fühlt er ein lebendig Ziehn, / dass ihn Welt und Sünde fliehn, / dann hab Ich ihn schon ergriffen / mit all Meinen Liebes-„Kniffen“. / Ja, Ich trage ihn auf Händen, / um sein Leben zu vollenden!
HIM|1|410421|1|0|Siehe, du Mein lieber Anselm-Wortemsig, auf menschliche Art wünsche Ich dir nichts, sondern, was Ich dir wünsche, das gebe Ich dir auch alsogleich – und habe es dir schon gegeben und habe noch Unendliches für dich im Vorrat, so du es nur annehmen willst.
HIM|1|410421|2|0|Siehe, Ich will dir alles im Überfluss geben: „Silber, Gold und Edelsteine“ aus Meinem Vaterherzen! Silber gebe Ich dir deiner Kinder wegen, Gold für dein Weib, und dich aber will Ich schmücken mit allen Edelsteinen!
HIM|1|410421|3|0|Aber glaube fest an Meinen Namen! Baue auf Ihn wie auf einen Diamantfelsen! Und liebe über alles Mich, deinen überguten, heiligen Vater, so wirst du bald das große Wunder der Kraft und Macht Meines Namens Jesus in deinem Herzen gewahr werden!
HIM|1|410421|4|0|Das sage Ich, dein heiliger Vater. Amen!
HIM|1|410425|1|1|Ordenswesen und wahre Barmherzigkeit – 25. April 1841
HIM|1|410425|0|0|Bitte des Knechts: „O Herr, Du unser allerheiligster, bester Vater! Möchtest Du mir armem Sünder denn nicht sagen, wie man es mit diesen neugegründeten sogenannten ‚Barmherzigen grauen Schwestern‘ halten soll, damit man bei einer allfälligen Frage über dieses wohltätig scheinende Ordenswesen eine gerecht beurteilende Antwort zu geben imstande ist. Denn sonst könnte es ja leicht geschehen, dass entweder so oder so ein unrichtiges Urteil gefasst wird. O Herr, vergib mir meine große Dreistigkeit, dass ich es wage, Dich wie einen Menschen zu fragen. Allein Du bist ja unser Vater! So vergib den törichten Kindern, wenn ihre Fragen ihnen gleichen! Amen.“
HIM|1|410425|1|0|So schreibe: Fürwahr, diese Frage ist überaus albern! Wie kannst du nur so etwas fragen!?
HIM|1|410425|2|0|Hast denn du noch nie ein Evangelium gelesen? Sage Mir, bei welcher Gelegenheit habe Ich denn je einen Orden gestiftet – und am allerwenigsten einen Weiberorden!? Oder gehören Träume, welche von manchen galle- und schwachsichtigen Ordensstiftern geträumt wurden, auch zu den Evangelien?
HIM|1|410425|3|0|Was sagte Ich zu den Aposteln? Dass sie untereinander Brüder in aller Liebe sein sollen, das sagte Ich ihnen! Wie nannten diese nach Meinem Gebot alle Menschen? Nicht anders als: „Liebe Brüder“ usw. Was soll’s denn da mit der Kasterei?
HIM|1|410425|4|0|Ihr aber sollt untereinander sein eines Ordens der reinen Liebe zu Mir, als lauter Kinder eines und desselben Vaters und als einerlei Erlöste durch Meine Menschwerdung! Und ihr sollt eine und dieselbe liebevolle, barmherzige Bruder- und Schwester-Kaste sein in der lebendigen Kraft Meines Wortes und Namens, da ihr alle durch denselben Jesus Christus seid zu Kindern Meiner Liebe, Erbarmung und Gnade gemacht worden.
HIM|1|410425|5|0|Wenn aber Menschen – wenn auch zum Teil aus redlicher Absicht – sich von anderen absondern, um dadurch eine gewisse, so oder so geartete, tugendheldliche Kaste zu bilden, zu der nur die wenigsten können hinzugelassen werden – was kann da heraus für ein Segen dem Volk erwachsen, so nicht alle sind wie einer und einer wie alle?!
HIM|1|410425|6|0|Es mag einer wohl nicht zugleich ein Weber, Schneider, Schuster, Schmied usw. sein; es muss ja eine Verschiedenheit der Arbeiter wie der Stände dem Äußeren nach geben. Aber nicht also ist es dem Inneren nach! Da sollen alle gegenseitig lauter liebeerfüllte, barmherzige Brüder und Schwestern sein!
HIM|1|410425|7|0|Was soll denn eine bezahlte Barmherzigkeit für eine Barmherzigkeit sein? Oder besteht die Barmherzigkeit nur in der Krankenpflege?
HIM|1|410425|8|0|Ich sage: Wer nicht Barmherzigkeit übt als ein freier Bekenner Meines Wortes und Meiner Liebe, und das aus allen seinen Kräften ohne Entgelt, dessen Werk werde Ich ansehen als das eines Tieres, das da in seiner gerichteten Ordnung allezeit ein und dieselben Werke verrichten muss, weil es nicht anders kann und darf vermöge der gerichteten Ordnung, welche Werke aber so gut wie gar keine „Werke“ sind.
HIM|1|410425|9|0|Der freie Mensch muss auch frei und ungebunden handeln in der unendlich freien Ordnung Meiner ewig freien Liebe, wenn er wünscht, dass Ich sein Werk als etwas ansehe. Wer aber handelt unter einer gewissen Ordensschraube und öfter unter der noch viel erbärmlicheren Klausur, der ist gar selten mehr denn ein zu einer gewissen Arbeit bedungener Faulenzer, der nie auf die Arbeit, sondern nur auf den Mietgroschen sieht.
HIM|1|410425|10|0|Das genüge dir auf die Meiner nicht gar würdige Frage! Fürs Künftige aber verschone Mich mit derlei! Denn: weltprunkende Anstalten sind Mir ein Gräuel! Wer aber Barmherzigkeit übt, der übe sie im Verborgenen und nicht vor aller Welt Augen!
HIM|1|410425|11|0|Das sage Ich, der nur die Werke im Verborgenen ansieht! Amen. Amen. Amen.
HIM|1|410425|0|0|Die wahre Kirche [Nicht datiert]
HIM|1|410425|12|0|Eine Kirche ist nur Kirche, wenn sie lehrt Meinen Willen und das Leben predigt aus der Liebe, die am Kreuz für die ganze Erde, ja für die ganze Schöpfung blutete.
HIM|1|410425|13|0|Aber eine Kirche, die sich nur segnet und alles andere verflucht, ist wie ein Geizhals, der allen den Tod wünscht, damit er aller Habe habhaft werden möchte. Es wird aber ein Kamel eher durch ein Nadelloch traben als ein solcher „Geizhals“ in den Himmel.
HIM|1|410428|1|1|Das Kreuz ist eine Notwendigkeit des Lebens – 28. April 1841 [Das Leiden des Herrn]
HIM|1|410428|1|0|Das Kreuz ist eine wahre Not des Lebens! Wenn das Leben keine Not hat, so zerstreut es sich und verflüchtigt sich wie ein Äthertropfen. Die kein Kreuz tragende Seele ermattet und stirbt und verliert sich dann in die Nacht des Todes.
HIM|1|410428|2|0|Die Not des Lebens ist aber ein Gefäß des Lebens, in welchem dieses gefestet wird gleich einem Diamanten, der da auch nur ist ein gefesteter Äthertropfen, obschon nicht ein Lebenstropfen.
HIM|1|410428|3|0|Daher nehme jeder das Kreuz auf seine Schulter und folge Mir in aller Liebe nach, so wird er sein Leben erhalten ewig!
HIM|1|410428|4|0|Wer mit seinem Leben zärtelt, der wird es verlieren. Wer es aber kreuzigt und von Mir kreuzigen lässt, der wird es erhalten für alle Ewigkeiten.
HIM|1|410428|5|0|Amen, das sage Ich, der Gekreuzigte. Amen, Amen, Amen.
HIM|1|410429A|1|1|Von Tod und Todesangst – 29. April 1841 [Das Leiden des Herrn]
HIM|1|410429A|1|0|Des Leibes Tod ist des Lebens letzte Not und ist gleichsam die Anheftung ans Kreuz.
HIM|1|410429A|2|0|Wäre nicht des Leibes Tod, so ginge alles Leben verloren. Aber durch des Leibes Tod wird das Leben konzentriert und gefestet, damit es dann nach dem Abfall des Leibes doch noch selbst im schlimmsten Fall als etwas bestehen kann.
HIM|1|410429A|3|0|Die mit dem Tod verbundene, vorhergehende Angst ist eben der Akt der Lebensvereinigung, welche früher nur gar zu häufig schon in alle Weltwinde zerstreut war.
HIM|1|410429A|4|0|Daher geschieht es auch, und das überaus notwendig, dass die Weltlichen einen oft überaus bitteren Tod schmecken müssen. Denn würde solches nicht geschehen aus Meiner übergroßen Erbarmung, so würden sie vollends zunichte ewig.
HIM|1|410429A|5|0|Dass solche aber selbst nach dem herben irdischen Tod in einen höchst unfreien Zustand kommen, ist eben wieder nur, damit ihr im Leibestod schwer gesammeltes Leben sich nicht wieder verflüchtige und endlich gänzlich zunichte werde.
HIM|1|410429A|6|0|Und so ist dann selbst der sogenannte angst- und qualvolle ewige Tod nichts als eine vermöge Meiner großen Erbarmung gesetzte Lebensverwahrung.
HIM|1|410429A|7|0|Welche Menschen aber schon bei ihrem Leibesleben ihr Leben durch Selbstverleugnung, Demut und Liebe zu Mir in Mir vereinigt haben, wahrlich, diese werden von der Leibestodesangst nicht viel verspüren. Und wenn ihr irdisches Lebensschifflein einmal an den trüglichen Weltklippen zerstäuben wird, so wird der Wanderer schmerz- und sorglos sagen: „Ich bin mit meiner Habe im Trockenen!“
HIM|1|410429A|8|0|Bemüht euch daher, euer Leben hier schon zu vereinen in Mir, so wird euch der Tod des Leibes vorkommen dereinst wie eine große aufgehende Sonne dem nächtlichen Wanderer an dem Gestade des Meeres, welches Gestade voller Klippen und Abgründe ist.
HIM|1|410429A|9|0|Glaubt es Mir, dass es also ist, so wird niemand mehr euch den inneren Frieden rauben!
HIM|1|410429A|10|0|Amen. Das sagt der Herr des Lebens und des Todes. Amen. Amen. Amen!
HIM|1|410429B|1|1|Schutz vor Ansteckung von Aussatz und Pest – 29. April 1841 [Das Leiden des Herrn]
HIM|1|410429B|0|0|(Bitte an Jesus:) „O heiligster, allerliebevollster, barmherziger Vater! Siehe gnädigst an die große Not meiner todkranken Schwester Klara und zeige für sie ein Rettungsmittel an! Sei hochgelobt, o allerbester Vater, wenn Du dem bekümmerten Mann das Weib und zwei unmündigen Kindern die Mutter erhalten wirst! Sei aber auch hochgelobt, wenn Du die in Todesschmerzen Darniederliegende aufnimmst in Dein heiliges Reich des ewigen Friedens, Amen!“
HIM|1|410429B|1|0|Was soll Ich denn da auf diese Frage für eine Antwort geben? Wenn Ich helfen möchte, da verderben eure Ärzte ja alles! Soll Ich denn die Ärzte umkommen lassen?
HIM|1|410429B|2|0|Der da meint, Ich könne nur durch Ärzte und Medikamente helfen, der irrt sich gewaltig. Denn gerade da helfe Ich (meist) gar nicht, sondern lasse nur höchstens dann und wann zu, dass die verschriebenen Medizinen helfen, so ihnen hie und da in Meinem Namen getraut wird. Wo aber sogar auch dieser allerletzte Glaube noch mangelt, da bleibt Meine Hilfe ferne.
HIM|1|410429B|3|0|Ich aber habe in dieser Angelegenheit ja schon ohnehin durch den Knecht (J. Lorber) mündlich angedeutet, dass, so ihr bittet und glaubt im Herzen ungezweifelt, so wird die Aussätzige schon wieder rein werden. So ihr aber nur glaubt, dass Ich wohl helfen kann, aber an Meinem Wollen zweifelt, so mögt ihr auch denken, der Aussatz wird, da er sehr böse ist, ihren Leib eher und leichter zerstören, als dass die Leidende mit dem Leibesleben davonkommt.
HIM|1|410429B|4|0|So ihr aber Glauben hättet, so groß nur wie ein Senfkörnlein ist, so möchtet ihr nicht nur der Leidenden helfen, sondern wohl auch tote Leiber zum Leben erwecken! Allein euer Glaube gleicht noch einem Rohr, das vom Wind hin und her geweht wird. Und euer Herz ist voll Kleinmut, Furcht und Zaghaftigkeit. Und daher seid ihr auch bei Sterbefällen eurer Verwandten über Hals und Kopf traurig, weil ihr nicht sicher seid dessen, was euer liebevollster Vater tut und geschehen lässt, und auch nicht bedenkt, dass alles, was Ich anordne, tue und geschehen lasse, nicht anders denn überaus gut ist.
HIM|1|410429B|5|0|Wenn Ich die Aussätzige von der Welt nehme, so wird es überaus gut sein. Lasse ich aber geschehen, dass sie bleibe, so wird des Guten nicht minder sein. So ihr aber denkt, dass das eine nur gut sein wird, nämlich dass sie bleibe am Leibesleben – und ein großes Unglück in der Familie beim Gegenteil, da irrt ihr euch sehr. Denn alles, was da geschieht nach Meinem Willen, ist überaus gut, ob so oder so. Wisst ihr denn nicht, dass alle Menschenhilfe zu nichts nütze ist!? Meine Sorge geht weit und hoch über und vor und nach aller Muttersorge! Oder wird Der, welcher für Vater, Mutter und Kinder sorgt, nicht auch gar wohl für die Kinder allein zu sorgen imstande sein? O ihr Kleingläubigen, wie lange werde Ich euch noch müssen vorpredigen lassen, bis ihr klug und glaubensfest werdet!?
HIM|1|410429B|6|0|O seht, der lebendige Glaube voll hingebenden Vertrauens ist ein wahres Thermometer der Liebe und zeigt genau die Grade an, wie hoch über dem Gefrierpunkt die Liebe steht. Hütet euch vor dem Reif in eurem (Liebes- und Glaubens-)Frühling, damit die Fruchttriebe nicht verloren werden! Macht mit dem Holz des Lebens einen Rauch, damit ihr nicht Schaden leiden mögt an eurem Herzen. Dir, mein lieber N.N., aber sage Ich, es ist besser, dass du einige Zeit nicht hingehst, sondern bleibst dafür lieber zu Hause und bei Mir verweilend. Denn wahrlich, deine Gegenwart wird der Aussätzigen nicht viel nütze sein, wohl aber (wird es frommen), so du bei Mir und in Mir verbleibst, Mich liebst und Mich bittest, dass Ich es lasse geschehen, wie Ich es will.
HIM|1|410429B|7|0|Willst du aber doch auch hingehen, da sie deine Schwester ist, so bete zuvor und salbe dich mit dem Öl aus den Wacholderbeeren in Meinem Namen, so wirst du dein Haus verschonen mit der Bosheit des Aussatzes. Und so du auch die Kleider beräucherst mit denselben Beeren und deren drei verschluckst in Meiner Andacht, so kannst du völlig ruhig sein. Aber, wie schon gesagt, nötig ist es vorderhand gar nicht, dass du hingehst. Denn Ich sage dir, dass der Aussatz im Ernst böse ist. Er ist ein Austritt aller bösen Geister, die oft schon von Geschlecht zu Geschlecht sich eingebürgert haben und wohlverstanden, daher auch sehr ansteckend; denn die freien (Geister) suchen alsogleich wieder eine neue Unterkunft. Haben sie sich bei irgendjemandem eingeschlichen und werden da wieder hinausgeschafft, so richten sie dann eine größere Verheerung an in ihrer neuen Wohnung, als in der früheren, aus großem Ärger – wie es soeben bei deiner Schwester nun der Fall ist, da sie von der anderen angesteckt wurde.
HIM|1|410429B|8|0|Wer aber betet, gesalbt und beräuchert ist in Meinem Namen, der darf sich sogar vor keiner Pest fürchten und sorgen.
HIM|1|410429B|9|0|Darum aber ist die (Wacholder)Staude also schützend, weil sie eines großen Segens aus Mir schon natürlichermaßen teilhaftig ist.
HIM|1|410429B|10|0|Also ist der lebendige Glaube an die Kraft Meines Namens wohl das unfehlbarste Heilmittel. Wahrlich, und wäre die Aussätzige in Amerika und du hier wie jetzt, erführest aber, dass sie wie jetzt leide, und wendetest dich an Mich – so möchte Ich sie retten vom Tode leiblich und geistig! Wenn ihr glaubt im Herzen, aber nicht (bloß) in der Einsicht des Verstandes, so wird’s besser mit ihr durch eure Bitte und euren Glauben. Seid ihr aber schwach, so denkt doch wenigstens, dass Ich nichts Unrechtes tun werde, und was Ich immerhin auch tun möchte, dürfte wohl sicher das Allerbeste sein!
HIM|1|410429B|11|0|Denkt an den Jünger, der zuvor noch seinen Vater beerdigen wollte, ehe er Mir folgte; und seid eingedenk Meiner Lehre an ihn, so werdet ihr allezeit große Ruhe in euch finden!
HIM|1|410429B|12|0|Mir zu folgen in allem, ist das Erste. Und alles Mir übergeben, das Zweite. Darin sind die Gebote, die Propheten und hauptsächlich die zwei Gebote der Liebe völlig enthalten und mit ihnen alles Leben. Tut und handelt danach, so werdet ihr leben und wird alles überaus wohl gehen, hier und jenseits. Amen. Das sage Ich, der allerbeste Arzt. Amen.
HIM|1|410501A|1|1|Über den Schrifttext Matth. 24,30 – 1. Mai 1841 [Der Mond 1852]
HIM|1|410501A|0|0|„Und alsdann wird erscheinen das Zeichen des Menschensohnes am Himmel.“
HIM|1|410501A|1|0|Wisst ihr denn nicht, welcher Unterschied zwischen den Zeichen und zwischen dem Menschensohn obwaltet? Und wisst ihr nicht, was da verstanden wird unter dem Himmel?
HIM|1|410501A|2|0|Wahrlich, ihr mögt euch nichts Törichteres denken, als etwa am gestirnten Himmel ein sogenanntes Kruzifix zu erblicken. Fragt euch nur selbst: Was würde das der Welt wohl nützen, wenn nicht nur ein, sondern eine ganze Legion Kruzifixe am Himmel zu sehen wären? Würden die Menschen deshalb besser werden in ihren Herzen? O gewiss und wahrlich nicht!
HIM|1|410501A|3|0|Würden nicht alsobald die Gelehrten bei der Hand sein und alle diese Kruzifixe für Ausgeburten pfäffischer Trügereien erklären, und würden beweisen, dass alle die am Himmel schwebenden Kruzifixe keinen anderen als einen ärostatischen Ursprung haben und sind vermöge Verabredung von den Jesuiten-Kollegien aufgestiegen?
HIM|1|410501A|4|0|Seht, diesen Effekt und noch manchen anderen würde eine solche Erscheinung in der gelehrten Welt hervorbringen! Ja, es möchten noch mathematisch Gelehrtere solche Erscheinungen sogar auf dem Weg der Optik zu erklären suchen.
HIM|1|410501A|5|0|Was würde aber der gemeine Mann dazu sagen? Ich sage euch, der würde alsobald vor übermäßiger Angst tatlos verstummen. Denn da wär’s für ihn doch gewiss nach der irrig eingepflanzten Lehre, dass der jüngste Tag vor der Tür ist.
HIM|1|410501A|6|0|Und so würde diese Erscheinung fürs Erste die Gelehrten töten darum, weil sie durch ihre Meinung und Erklärung sie zuvor töteten; der gemeine Mann aber würde getötet werden in dem Augenblick des ersten Auftretens in aller seiner stets tätig sein sollenden Freiheit. Das wäre hernach der Nutzen einer solchen Erscheinung.
HIM|1|410501A|7|0|Dass sich die Sache so verhalten würde, könnt ihr aus dem entnehmen, so ihr nur mit einiger Aufmerksamkeit eure Blicke auf jene Zeitperioden hinwendet, für welche von gewissen weisheitskramenden Propheten schon mehrere Weltuntergänge vorherbestimmt worden sind, wie da die Menschen teilweise verzweifelten, teilweise lachten und teilweise sich dem Vielfraß und anderartigen Schwelgereien preisgegeben haben. Wenn aber schon solche leeren Prophezeiungen solche üblen Erscheinungen hervorbrachten, nun denkt euch, was da ein riesenhaft großes Kreuz, unter den Sternen schwebend, hervorbringen würde?! Ich brauche euch den tödlichen Effekt nicht näher zu beschreiben.
HIM|1|410501A|8|0|Es wird aber unter „Himmel“ verstanden die gesamte Glaubenswahrheit aus dem Wort, welches ist die Kirche in ihrer Echtheit.
HIM|1|410501A|9|0|Das Zeichen des Menschensohnes aber ist die aus dieser Kirche wieder neu erwachte Liebe mit allen ihren himmlischen Attributen, als Barmherzigkeit, Geduld, Sanftmut, Demut, Ergebung, Gehorsam und Duldung aller Beschwerden des Kreuzes. Seht, dieses lebendige Zeichen des Menschensohnes wird am Himmel des inneren, ewigen Lebens erscheinen und wird nicht töten, sondern überaus beleben.
HIM|1|410501A|10|0|Es werden bei solcher Gelegenheit freilich die weltsüchtigen Geschlechter der Erde heulen, jammern und wehklagen, da all ihr Höllentrug, der da in den zahllosen Kaufs- und Verkaufsartikeln besteht, außer allen Kurs kommen wird. Denn die Meines Zeichens werden mit den Weltkrämern, Mäklern und Wechslern nicht mehr viel zu tun haben.
HIM|1|410501A|11|0|Denn sie werden ihre Augen nur dahin richten, da sie sehen werden des Menschen Sohn auf den Wolken des Himmels mit großer Macht und Herrlichkeit kommen, welcher ist das lebendige Wort in dem Herzen des Menschen, welches ist Meine ewige Liebe im Vollbestand, und ist daher von großer Macht und Herrlichkeit, und es sind die Wolken des Himmels die unendliche Weisheit Selbst in diesem lebendigen Wort. Seht, das ist also das kurze Verständnis dieses Schrifttextes!
HIM|1|410501A|12|0|Die Wolken aber werden jenseits euch selbst in Mein Reich aufnehmen und werden eure Wohnung sein ewig, d. h., ihr werdet da erst in der höchsten Wonne die große Macht und Herrlichkeit des Menschensohnes anschaulich vollends erkennen.
HIM|1|410501B|1|1|Der geistige Frühling – 1. Mai 1841 [Der Mond 1852]
HIM|1|410501B|1|0|Was hier den Frühling anbelangt, so ist er in natürlicher Hinsicht nichts anderes, als was ein jeder Mensch am Morgen nach dem Erwachen ist, nämlich eine geweckte Tätigkeit aller Lebensgeister.
HIM|1|410501B|2|0|Wenn diese durch das Licht und durch die zunehmende Wärme aus ihrem Schlaf geweckt werden, so beginnen sie ihre ordnungsmäßige Tätigkeit wieder von vorne. Alle Sinne erschließen sich; der Magen kündigt sein Bedürfnis nach Nahrung an, und alle Säfte des Körpers beginnen einen lebhaften Kreislauf.
HIM|1|410501B|3|0|Seht, also ist es auch in der großen Natur. Zahllose Äonen Geister werden durch das Licht und die Wärme der Sonne aus ihrem starren Winterschlaf geweckt, und beginnen ihre vegetative Tätigkeit von neuem und fangen an, allerlei Pflanzen, Kräuter, Sträucher und Bäume wie auch zahllose Heere der kleinen Tierwelt zu bilden und zu entwickeln, und das alles nach der festgesetzten Ordnung.
HIM|1|410501B|4|0|Seht, das ist der natürliche Frühling. Was kann man aber von diesem lernen? Ich sage euch – sehr vieles!
HIM|1|410501B|5|0|Ihr wisst, wodurch er natürlicherweise entsteht, nämlich durch das wachsende Licht und durch die Wärme.
HIM|1|410501B|6|0|Nun seht, wenn ihr recht emsig treu Mein Wort anhört oder selbst lest, so nähert sich da ebenfalls die große Geistersonne eurer irdisch oder weltlich noch kalten nördlichen Winterzone des Herzens. Dieses Sonnenlicht entbindet da auch nach und nach stets mehr und mehr Wärme, welche die Liebe zu Mir ist, zur wahren geistigen Lebenstätigkeit.
HIM|1|410501B|7|0|Wenn nun solches vor sich zu gehen anfängt, dann ist bei dem Menschen der geistige Frühling eingetreten.
HIM|1|410501B|8|0|Wie es aber ist, dass der natürliche Frühling nebst vielen nützlichen Pflanzen und Tieren auch ebenso viele giftige und schädliche ins Leben erweckt, also ist es auch mit dem geistigen Frühling, dass auch dadurch in dem Menschen die vielen giftigen und schädlichen bösen Geister geweckt werden, aus welcher Ursache dann auch die Versuchungen zur Sünde mächtiger werden als in dem leblos starren Winter, welcher ist die laue weltliche Gewöhnlichkeit des Menschen.
HIM|1|410501B|9|0|Daher muss der Mensch in diesem geistigen Frühling einem sorgfältigen Gärtner gleichen, der seine Bäumchen und Pflanzen sorgfältig von den schädlichen Raupen reinigt und alles Unkraut ausjätet, damit der edlen Bäume und Pflanzen Leben keinen Schaden leide.
HIM|1|410501B|10|0|Wer nun auf diese Art seinen eigenen Lebensbaum von allen den bösen Begierden und Leidenschaften durch die kräftigen Werkzeuge, welche sind die Selbstverleugnung und die Demut, emsig reinigt, der wird dann gewiss auch im Sommer und Herbst seine Tätigkeit mit den herrlichsten, reif gewordenen Früchten belohnt sehen.
HIM|1|410501B|11|0|Diese Früchte aber sind keine anderen als die Erscheinung des Zeichens des Menschensohnes am Himmel. Die Geschlechter der Erde sind die hinausgeschafften bösen Begierden und Leidenschaften, und darauf das Kommen des Menschensohnes auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit!
HIM|1|410501|1|1|Kunde vom Mond – 1. Mai 1841
HIM|1|410501|0|0|Julie H. fragte: „Was ist der Mond? Gibt es dort auch Menschen, so wie hier?“
HIM|1|410501|0|0|Schreibende: Ans. H. – Julie H. und Wilhelmine H.
HIM|1|410501|0|0|Als Antwort auf die Frage der Julie H. über den Mond empfing der Knecht Jakob Lorber an diesem und an verschiedenen nachfolgenden Tagen eine umfassende Eröffnung über die Beschaffenheit des Begleiters unserer Erde und über das auf demselben sich findende Leben.
HIM|1|410501|1|0|Nun, was den Mond betrifft, so ist dieser ein fester Weltkörper, mehr noch als eure Erde, und ist gewisserart ein Kind der Erde, d. h., er ist aus den Bestandteilen der Erde gebildet.
HIM|1|410501|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Der Mond“.
HIM|1|410504A|1|1|An Jesus. Gebet – 4. Mai 1841 [Manuskript]
HIM|1|410504A|1|0|Ich fange an, und wandere meinem allerliebsten Jesus nach durch Kreuz, Leiden, Trübsal und Schmach. Ach ja, mein allerliebster Jesus! Ich folge Dir durch Angst und Pein; willst Du wohl allzeit mein Begleiter und Gefährte sein? Ja, ja, Du allerliebster Jesus mein, du musst es sein, sonst ich nicht zu Dir gelangen und gehn kann in Deinen Himmel ein! O ich danke Dir für und für, dass Du mich magst laben schon hier mit Deiner Liebe Himmelsgaben. Mein Herz erfreut sich Dein, o allerliebster Jesus mein. Amen. O mein allerliebster Jesus! Hilf mir, dass ich Dir in allem möchte gehorsam sein und nicht wanke weder zur Linken noch zur Rechten, sondern allezeit Acht habe auf Dich, der Du der alleinige Anfänger und Vollender aller guten Werke bist!
HIM|1|410504A|2|0|Ich gebe mich Dir ganz hin, überlasse mich Dir ganz und gar und lege mich mit allen Sinnen und Gliedern zu Deinen allerheiligsten Füßen. Ich ergebe mich Dir samt allen den Meinigen und allen Menschen in Deinen allerheiligsten Willen, in Deine allerbeste und reinste Vorsicht, in Deinen göttlichen Schutz und Deine liebevollste, gnädigste Regierung!
HIM|1|410504A|3|0|Du bist der wahre, einzige Vater, Gott und Herr! Dir ist niemand gleich und außer Dir gibt es keinen mehr! Wir und alles ist in Deiner Hand, daher tue mit uns, wie es Dir wohlgefällt, und lasse Deinen allerheiligsten Willen an uns, in uns und durch uns allezeit vollkommen geschehen!
HIM|1|410504A|4|0|Denn Dein Wille ist Liebe über Liebe, Gnade über Gnade und Erbarmung über Erbarmung! Daher lasse uns auch allezeit und ewig nur Werkzeuge Deiner Gnade und reine Gefäße Deiner Liebe, Erbarmung und Ehre sein! O lasse, dass wir allzeit würdigst vermöchten Deinen allerheiligsten Namen über alles hochzupreisen aus unserem ganzen Wesen, es sei im Leben oder im Tode, Deiner unendlichen Liebe willen. Amen. Lobe, lobe den Herrn meine Seele, und alles, was in mir ist, Seinen allerheiligsten Namen! Lobe, lobe den Herrn meine Seele, und vergiss nie, was Er dir Gutes getan hat, und noch täglich und stündlich tut.
HIM|1|410504A|5|0|O ich bin unwürdig Deiner so großen Güte, mein Jesus, mein Vater, mein Gott und Herr, die Du mir stets so endlos liebevollst erweisest! Darum will ich Dich aber auch ewig loben, lieben und preisen und überall und allezeit Deinen allerheiligsten Namen verherrlichen!
HIM|1|410504A|6|0|Ehre, Lob, Dank, Preis, Ruhm und Liebe sei Dir, o Gott, als Vater, Sohn und Heiliger Geist, jetzt und in alle Ewigkeit! Halleluja. Amen, Amen, Amen. –
HIM|1|410504A|7|0|Das ist ein rechtes Gebet voll Kraft und Wirkung für den, der es im Herzen voll Liebe und festen Vertrauens beten wird. Darum betet es auch ihr also, so wird euch werden, darum ihr bittet und betet, Amen. Das sagt der alleinige Erhörer, Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen, Amen, Amen.
HIM|1|410504B|1|1|Ein kräftiges Gebet des Herzens zu Gott – 4. Mai 1841 [Manuskript]
HIM|1|410504B|1|0|In dem über alles mächtigen Namen des Herrn, welcher da ist der dreieinige Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. O Vater, Herr und Gott, Dich loben wir! O Vater, Herr und Gott, Dir danken wir! Dich, Gott und Vater, ehret die Welt weit und breit, und alle Sterne und alle Himmel sind voll von Deiner großen Ehre! Alle Engel und alle Himmelsheere dienen allzeit Deiner Ehre! Cherubim und Seraphim singen mit hoher Stimme: Heilig ist unser Gott, heilig ist unser Vater, heilig ist unser Herr Zebaoth; alle Lande, alle Weiten, alle Himmel sind Seiner großen Ehren voll! Es müssen sich, o Vater, alle Knie beugen, wie in den Himmeln, also auch auf der Erden und unter der Erden in Deinem allerheiligsten, über alles mächtigsten, und über alles kräftigsten Namen, der an sich selbst heilig, heilig, heilig ist.
HIM|1|410504B|2|0|Ach, mein Gott und Vater! Helfe, helfe, helfe, dass dieser Dein allerheiligster, über alles mächtiger und kräftiger Name auch allerwürdigst in uns, von uns und durch uns möchte geheiligt werden; aber lasse ja nimmer zu, dass wir je vermöchten das Gegenteil, wie es leider jetzt beinahe bei allen Menschen der Fall ist, dass durch alle ihre Gedanken, Begierden, Worte und Werke dieser Dein allerheiligster Name verunheiligt wird! Darum erbarme Dich, erbarme Dich, erbarme Dich über alle Menschen, wie auch über mich (und alle Meinigen).
HIM|1|410504B|3|0|Siehe, mein Gott und Vater, Du hast mir allergnädigst einen hellen Schein in mein Herz gegeben, und lassest mir wissen und erfahren die heimliche Weisheit, die im Verborgenen ist, und fließet allein aus Deiner unendlichen Liebe und Erbarmung in mein noch höchst unlauteres Herz; o so verbirg daher Dein göttlich Antlitz vor meiner Missetat! Und schaffe, schaffe, schaffe in mir, o Gott und Vater, ein reines Herz, und gebe mir einen gewissen Geist, ja Deinen heiligen Geist gebe mir, wie ich Dich schon durch Deinen liebevollen Antrieb durch mehrere Jahre gebeten habe.
HIM|1|410504B|4|0|Verwirf mich nicht, o Gott und Vater, und nimm Deinen heiligen Geist nimmer von mir! O tröste, tröste, tröste mich allzeit mit Deiner Liebe, Gnade und Erbarmung, und erhalte den heiligen Geist aller Liebe, Gnade und Erbarmung in mir. Ach mein Vater, Gott und Herr, bekehre Du uns, so werden wir bekehret; helfe uns, so wird uns wohl geholfen sein; und erbarme Dich aller Menschen, Seelen und Geister, Amen! O mein Jesus, in Deinem allerheiligsten, über alles mächtigen und kräftigen Namen. Amen.
HIM|1|410505|1|1|Ein bester Rat und wahrer Trost – 5. Mai 1841
HIM|1|410505|1|0|Alle Menschen sind nicht für diese Welt erschaffen, sondern für das jenseitige große Vaterhaus – und zwar entweder so oder so! Wie ihr Leben in der Welt, danach ist auch ihr Zustand in jenem ewigen, großen Haus!
HIM|1|410505|2|0|Wen Ich prüfe – und wahrlich, solches tue Ich nicht umsonst! – den will und werde Ich auch zu etwas machen; denn er ist schon in Meiner Schule. Ein Student aber muss sich die Prüfung gefallen lassen, wenn er etwas werden will.
HIM|1|410505|3|0|Bei Mir wird niemand in der Prüfung verworfen, sondern jeder kann bestehen, entweder schon hier oder doch sicher im Jenseits.
HIM|1|410505|4|0|Wer aber Meine sanften Prüfungen flieht und macht einen argen Ausreißer, der wird dann von der Welt und vom Satan geprüft, ob er tüchtig sei zur Bosheit.
HIM|1|410505|5|0|Ich nehme jeden zu jeder Stunde in Meine Schule auf. Wer aber nicht mehr denn ein Schweinehirte, ein Eseltreiber oder ein Ochsenfütterer werden will und im Unrat seine Seligkeit findet, wahrlich, der wird je weder im Amt, noch in seinem Vergnügen gestört werden!
HIM|1|410505|6|0|Ihr aber – hört und begreift es – seid auf Meiner „Universität“! Ich möchte überaus vieles aus euch machen! Daher müssen euch schon auch manche besondere Prüfungen auf dieser Hochschule nicht befremden.
HIM|1|410505|7|0|Ich habe die Aussätzige (für die ihr um Hilfe gebeten habt) zu Mir genommen und habe sie erweckt zum Leben, indem Ich ihr die unreine Last des stinkenden Leibes abgenommen habe. Möchtet ihr sie wieder zum Tode erwecken!?
HIM|1|410505|8|0|Warum trauerst du, so Ich deine Schwester zu Mir nahm? Ist ihr denn etwas Arges begegnet? O ihr Kleingläubigen! Meint ihr, der Verlust eurer Schwester drücke euer Herz? O nein, sage Ich, euer schwacher Glaube ist noch immer eure größte Not!
HIM|1|410505|9|0|Denn wer da glaubt und liebt im Geiste und in der Wahrheit, der wird allezeit voll Freude und Dankbarkeit sein im Herzen, da er gar wohl im hellsten Lichte sehen wird, dass Ich, sein ewiger, heiliger, liebevollster Vater, gewiss nur allezeit das Beste tue!
HIM|1|410505|10|0|O Kinder, erkennt, erkennt doch einmal, dass Ich, euer liebevollster Vater bin, der euch in jeder Prüfung euer Leben ums Tausendfache erhöht und vermehrt!
HIM|1|410505|11|0|Dankt Mir mit freudigem Herzen, dass Ich eurer Schwester umsonst das ewige Leben alsogleich im Reich der Kinder gegeben habe und ihr von da einen hellen Weg ins große Heiligtum Meiner ewigen Vaterliebe bahne!
HIM|1|410505|12|0|Wahrlich, es ist also! Wer kann noch trauern, so er Mich liebt und festhält an Meinem Namen!?
HIM|1|410505|13|0|So seid denn nun fröhlich und voll guten Mutes! Denn eure Schwester ist nun schon überselig in Meinem Schoße! Hier aber in der irdischen Welt wäre sie schon in fünf Monaten samt dem Mann für ewig verloren gewesen! Wieso und warum – wird euch nicht entgehen mit der Zeit!
HIM|1|410505|14|0|Nun aber ist alles gut und wird ewig gut bleiben! Daher frohlockt und lobpreist allezeit Meinen Namen!
HIM|1|410505|15|0|Das sage Ich, euer wahrer Vater und Bruder. Amen!
HIM|1|410507|1|1|Die Zeit der drei Tiere der Offenbarung – 7. Mai 1841
HIM|1|410507|0|0|Frage: Was besagt Offb. Joh., Kap. 13, Vers 15-18: „Und es ward ihm gegeben, dass es dem Bild des Tieres den Geist gab, dass das Bild des Tieres sogar spreche und bewirke, dass, die das Bild des Tieres nicht anbeten, getötet werden. Und es bringt alle, die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Knechte dazu, dass sie sich ein Malzeichen machen auf ihrer rechten Hand oder ihrer Stirn, damit niemand kaufen oder verkaufen könne, der nicht das Malzeichen habe mit dem Namen des Tieres oder der Zahl seines Namens. Hier zeige sich die Weisheit! Wer es versteht, der berechne die Zahl des Tieres, denn es ist eines Menschen Zahl. Und seine Zahl ist 666.“
HIM|1|410507|1|0|In Meinem Namen schreibe nur zu, Ich weiß schon, woran es euch gebricht!
HIM|1|410507|2|0|Für gar ferne Dinge reichen eure „verlängerten Augen“ nicht hin, um sie zu erschauen. Bei mittelfernen Gegenständen seht ihr die einseitige Rinde nur. Und von den sehr nahen seht ihr darum nichts, weil sie euch zu nahe liegen und daher auch zu wenig Interesse bieten.
HIM|1|410507|3|0|Diese Verse der Offenbarung sind doch mit den Händen zu greifen, und ihr mögt sie nicht erfassen! Ja, je leichter etwas ist, desto stumpfsinniger seid ihr dabei! Ein nächstes Mal fragt aber nach dem, was euch am allerleichtesten vorkommt! Wahrlich, ihr werdet dabei sicher demütiger werden als durch diese vorliegenden, überleichten vier Verse! Und nun habt Acht:
HIM|1|410507|4|0|Es ist fürs Erste in diesem Kapitel von drei Tieren die Rede: erstens vom Hauptdrachen, zweitens vom Tier, das dem Meere entsteigt mit sieben zehnhörnigen Köpfen, und drittens von einem lammartigen Tier mit zwei Hörnern am Kopf.
HIM|1|410507|5|0|Wer der Hauptdrache ist, werdet ihr etwa doch schon wissen, nachdem Ich euch schon so oft, und zwar besonders in den „zwölf Stunden“, von Meinem Erzfeind hinreichende Meldung getan habe.
HIM|1|410507|6|0|Wollt ihr aber das zweite Tier erkennen, so wendet eure Augen auf die nahe gelegene Eigenliebe, und ihr werdet alle Attribute an ihr bestätigt finden! Es entsteigt dem „Meer“ aller habsüchtigen Begierden und hat „sieben Köpfe“, das heißt für ein jedes Gebot der Nächstenliebe einen eigenen mit „zehn Hörnern“, durch welche vom einen wie vom anderen Haupt gleichermaßen allen zehn Geboten (Mosis) entgegengestrebt wird. Ein „verwundetes Haupt“ ist der überall strafbare Diebstahl und Raub. Aber schadet das dem Tier etwas? O nein, denn dieses verwundete Haupt ist ja durch all die politischen Staats- und Handelsgesetze vollkommen geheilt. Und so lebt die ganze Welt unter solchen Gesetzen und handelt darnach – und spottet dadurch dem Lamm und dessen Geboten täglich.
HIM|1|410507|7|0|Das dritte Tier entsteigt der Erde, sieht aus wie das „Lamm“, hat aber auch „zwei Hörner“. Was etwa ist doch das? Ich sage euch, dieses liegt euch am allernächsten! Es ist die das Wassertier sehr unterstützende und am Ende selbes sogar vergötternde allgemeine Industrie, die mit ihren zwei Hörnern den (Haupt-)Geboten der Liebe schnurstracks entgegenstrebt! Dass es also ist, blickt nur nach Amerika und England usw.!
HIM|1|410507|8|0|Wie sehr aber dieses dritte Tier eben solche Industrie ist, zeigen euch z. B. die grausamen Kindermisshandlungen in den englischen und amerikanischen Fabriken, da dieselben oft von fünf Uhr bis über neun Uhr abends, beständig stehend, beinahe halbnackt arbeiten müssen, und das oft schon von ihrem achten Lebensjahr an. Es wird ihnen kein Unterricht erteilt – außer dem ihrer industriellen Sklavenbestimmung!
HIM|1|410507|9|0|O könntet ihr das Wesen der Industrie schauen mit Mir und durch Mich, so würdet ihr sagen: „O Vater, das ist ja der Drache selbst!“
HIM|1|410507|10|0|Übt dieses dritte Tier nicht alle Gewalt des zweiten Tieres, dessen Kopfwunde geheilt wurde? Und macht es nicht, dass fast von aller Erde, d. h. wenigstens von ihren Hauptbewohnern, das zweite, verwundete Tier völlig angebetet wird? Wird da nicht von angebeteten Königen, Fürsten und anderen (industriellen) Gründern und Erfindern allenthalben gesprochen!? Werden ihnen nicht in aller Welt Denkmäler errichtet? Macht es nicht die größten Zeichen und lässt Feuer vom Himmel fallen, d. h. lehrt es nicht ganz vernünftig vor den blinden Menschen, als sei solcher Fleiß das eigentliche Wesen aller Religion und die Gottes würdigste Verehrung, wo nicht selbst die beste Anbetung?! Wie ist das doch ein barster Raub des Feuers vom Himmel, dem Menschen glauben machen, dass Ich auch durch Gräuel mag verehrt werden! (Aber nur eine ganz kurze Zeit währt solches noch!)
HIM|1|410507|11|0|O seht die Verführung der Erdbewohner! Das Bild des Tieres mit der Schwertwunde aller politischen Gerechtigkeit ist nun vollkommen lebendig! Die Menschen wurden genötigt, mit ihrem Blut dieses Bild aufzurichten! Und nun prangt es und redet und gebietet, tötet und wird angebetet von allen Würmern und Speichelleckern, die darum „Gelehrte“ und „Journalisten“ betitelt werden, und noch von einer Anzahl Schmeißfliegen, die von allem etwas haben müssen, um dadurch, ohne zu arbeiten, etwas zu verdienen.
HIM|1|410507|12|0|Es wage aber nun jemand, dieses Tier nicht anzubeten – so wird er gar bald wahrnehmen, wie viel es weltlich für ihn geschlagen hat!
HIM|1|410507|13|0|Das aber ist der „Geist“ (oder das „Leben“) im Bild des Tieres, dass die Eigenliebe und Habsucht bei all den Weltgroßen den höchsten Gipfel erreicht hat, das ist die Vollzahl 666, wobei die Eigenliebe ist gleich 600, das geraubte Himmelsfeuer gleich 60 (d. h. das göttliche Gebot ist zehnfach zum Eigennutz angewendet!) und die Nächstenliebe endlich nur gleich 6 (d. h. es gilt die allervollkommenste Sklaverei)! Statt zu geben für 1 Hundert, fordert man für 1 Hundert!
HIM|1|410507|14|0|Seht und begreift nun die Bezeichnung der „rechten Hand“ und der „Stirne“, sowohl bei Großen und Kleinen, Reichen und Armen, Freien und Knechten! Ist es nicht die Herrschsucht, entweder durch Macht oder Weltverstand!? Sagt, ob jemand nun ohne diese Zeichnung etwas vermag!? Was gilt ohne dieses Zeichen der Mensch dem Menschen? Wahrlich, sage Ich euch, so aus euch jemand Töchter hat, wird er sie wohl einem „Unbezeichneten“ geben, oder werden sie einen „Unbezeichneten“ verlangen? Kann jemand, wenn er nicht ein Zeichen hat oder ein Amt vom Tier erhielt, noch irgendein Weltglück machen!?
HIM|1|410507|15|0|Ihr selbst seid „bezeichnet“ – bis auf Meinen Knecht, den Ich mit großer Mühe bis jetzt noch unbezeichnet erhielt. Ich sage euch aber, wenn Ich es zuließe, dass er eine eurer Töchter verlangte, ihr würdet ihn ganz sonderbar bedenklich ansehen und ihm freundlich raten, davon abzusehen, da es sich doch nicht tun möchte, weil er nicht „bezeichnet“ ist!
HIM|1|410507|16|0|So ihr aber schon solches tätet mit einem, den Ich euch in der Nacht der Nächte zur Leuchte gemacht habe, was würdet ihr erst tun, so sich ein anderer „Unbezeichneter“ unterstände solches von euch zu verlangen? Ich sage: Ihr ließet die Töchter eher lebendig einmauern – wohl verstanden!
HIM|1|410507|17|0|Ich bin der Meinung, nun dürfte euch die „Bezeichnung“ wohl so ziemlich klar sein! Wer vermag nun zu kaufen und zu verkaufen ohne dieses Zeichen?
HIM|1|410507|18|0|Aber die „42 Monate“ sind bald zu Ende, da die Gebote der Nächstenliebe schon über 5 mal 7-fach auf die Eigenliebe angewendet wurden. Ich aber sage euch, sucht das „Zeichen“ durch das Feuer Meiner Liebe zu vertilgen, sodann werdet ihr zum wahren, inneren Leben gelangen!
HIM|1|410507|19|0|Darum aber ist es gerade jetzt so schwer, zum inneren Leben aus und in Mir zu gelangen, weil das „Zeichen“ jeden in die Welt hinausbrennt. Daher lasst euch von Mir von der Welt des Tieres zurückbrennen durch Meine Liebe, so werdet ihr das Leben finden, jetzt und ewig!
HIM|1|410507|20|0|Das spricht der Heilige, Große, Erste und Letzte. Amen, Amen, Amen!
HIM|1|410510|1|1|Gott und Welt – 10. Mai 1841 [Supplemente 1883]
HIM|1|410510|1|0|„Die Welt kann euch nicht hassen, Mich aber hasst sie; denn Ich zeuge von ihr, dass ihre Werke böse sind.“ (Joh. 7,7) Höre du, die Ich lieb habe! In diesem Vers der Worte Meines Zärtlings Johannes liegt eine große Wahrheit, dass alle, die nicht von der Welt sind, bei ihr in keinen Gunsten stehen, dieweil sie kein Wohlgefallen haben durch [Mich] und in Mir an ihren eitel bösen Werken.
HIM|1|410510|2|0|Euch wird zwar die Welt nicht hassen, wie Mich, der Ich allezeit wider ihre Werke gezeugt habe; aber frohlockt, wenn euch die Welt verachtet, denn so jemand Meinetwillen verachtet wird, der kann ja doch vollends versichert sein, dass ihm – Ich nicht ferne bin.
HIM|1|410510|3|0|Siehe, die Welt gleicht da den Trüffelhunden und den Adlern. Jene wittern verborgenes Leben und der Adler aber ein Aas meilenweit.
HIM|1|410510|4|0|Die Trüffelhunde suchen zwar nicht die Pflanze, sondern nur einen Braten und scharren daher die Erde auf und suchen emsig die Pflanze, damit ihnen ja nicht der schon öfters genossene Braten durch- oder verlorenginge. Wenn aber unter den Trüffeln schon längere Zeit der Braten ausgeblieben ist, alsdann sind die Hunde kaum mehr tauglich, dass sie aufsuchten die Trüffeln, welche ihnen dann nur ein Gegenstand der Verachtung werden.
HIM|1|410510|5|0|Siehe, solche Bratendiener sind wahrlich keine Trüffelsucher, weil noch nie die Trüffel, sondern allezeit der Braten der Gegenstand ihres Suchens war! Wenn dich aber solche Diener missachtend im Stich lassen, so denke, dass Ich, der von der Welt Allesverhassteste, in dir eine Trüffel der
HIM|1|410510|0|0|Liebe aus Mir angepflanzt habe und habe aber keinen Weltbraten hinzugegeben. Daher lasse diese Bratenjäger und habe keine Furcht in dir vor ihnen, denn sie kümmert nicht die Trüffel, sondern nur der Braten!
HIM|1|410510|6|0|Die Adler aber versammeln sich, da sie ein Aas verspüren. Sieh, Ich bin der Welt ein Aas, denn sie flieht Mich und hasst Mich ärger denn ein Aas! Es gibt aber eine Unzahl Weltvögel und nur sehr wenige Adler darunter. Allein es ist nicht genug, mit den Adlern als Krähe am Aas des Lebens zu zehren, sondern du musst selbst ein Aas werden, willst du, dass dir ein Leben aus dem Aas werde! Siehe, wer da nicht aus dem Aas neu geboren wird, der wird zum Leben nicht eingehen. Der Welt stinkt zwar das Aas unerträglich, aber nicht also den Adlern, denn für sie ist es erfüllt vom höchsten aller Wohlgerüche.
HIM|1|410510|7|0|Das Aas ist aber ein allergetreuester Weltspiegel und zeigt der Welt ihre wahre Gestalt. Und die Welt hasst es darum, weil es ein Spiegel ihrer bösen Werke ist. Aber die Adler hassen nicht des Aases hellen Moderglanz, denn sie wissen, dass durch den Moder des Aases ihr eigener aufgenommen und vertilgt wird.
HIM|1|410510|8|0|Wie aber Ich der Welt ein Aas bin, so wird die Welt dereinst jenseits [ein Aas] sein vor Mir und allen Meinen Engeln ewig.
HIM|1|410510|9|0|Wahrlich, wollt ihr leben, so müsst ihr durch Mich verpestet werden und die Welt muss euch fliehen um der Pest Meines Namens willen und muss Kordone ziehen vor eurem Hauch. So ihr aber solches merkt, da frohlockt, denn da seid ihr sicher schon angesteckt von der Pest des ewigen Lebens, sonst täte die Welt euch, was sie tut der Welt, so ihr wäret wie sie, von der Welt. Allein, da ihr nicht mehr der Welt seid, sondern seid allzumal Meiner Liebe geworden, so geltet ihr auch stets weniger bei der Welt.
HIM|1|410510|10|0|Wahrlich, ahnte sie, was in euch verborgen durch Mich vorgeht, sie würde euch ärger fliehen denn die eigentliche Pest.
HIM|1|410510|11|0|Darum aber kann euch die Welt nicht hassen, denn sie weiß es nicht, was in euch ist. Mich aber hasst sie über die Maßen, da sie weiß, was in Mir ist, nämlich ein harter Spiegel, der ihr ihre Gräuel unablässig vorhält.
HIM|1|410510|12|0|Nun siehe du, was es ist, das dir heute Ich alles zum Angebinde bringe? Ein verhasstes stinkendes Aas, und lade dich ein vom Aas mit den Adlern zu speisen, ja selbst ein Aas zu werden! Ja sogar verpesten will Ich dich für und vor der Welt!
HIM|1|410510|13|0|Allein mache dir nichts daraus! Siehe, Ich bin ja der Welt Selbst die allergrößte und verhassteste Pest. Fürchte dich nicht vor Meiner Pest, denn sie ist das ewige Leben selbst! Wohl dir, dass du von Meiner Pest angesteckt wurdest, denn darinnen wirst du leben das Leben Meiner Liebe ewig.
HIM|1|410510|14|0|Denn Ich bin das Aas des Lebens, und diese Pest ist Meine Liebe ewig. Amen! Das sagt dir Der, den alle Welt hasst, da Er wider sie zeugt ewig. Amen. Amen. Amen!
HIM|1|410515|1|1|Hört, schaut und erfahrt! – 15. Mai 1841
HIM|1|410515|1|0|Liebe Kinder, so ihr Mir nachfolgt, da folgt Mir vollkommen in allem nach!
HIM|1|410515|2|0|Habet nicht Lust, zu wandeln in „tiefen Tälern, Gräben und Schluchten“, die da oft sind voll Ungeziefers, unreiner Luft und nicht selten voll Haders, voll Zankes, Hasses und aller Dieberei und gegenseitigen Fluches unter den Nachbarn, sondern geht mit Mir gerne auf „Berge und Höhen“! Da sollt ihr allzeit entweder eine Bergpredigt oder eine Verklärung oder eine Sättigung mit wenig Brot oder eine Reinigung vom Aussatz oder einen Sieg über die stärksten Versuchungen, eine Erweckung vom geistigen Tode und derart vieles und für euch jetzt noch Unaussprechliches erfahren!
HIM|1|410515|3|0|Ja, nehmt sogar Kinder mit, und ihr sollt den Segen der Berge auch an ihnen gar deutlich erkennen. Und wer da ist schwachen Leibes, der soll nicht fürchten die gesegneten Berge, denn ihre Scheitel sind umflossen vom stärkenden Hauch der Geister des Lebens. Fürwahr, auf den Bergen und Höhen, da drehen sich selige Reihen und schmücken die duftenden Scheitel mit goldenen Blumen der ewigen Liebe.
HIM|1|410515|4|0|O prüft noch heute Bewohner der Berge, ob sie nicht zumeist groß beschämen die Haderer der Täler, der Dörfer, der Märkte und Städte. Die christliche Gastfreundlichkeit wohnt ungeschändet nur noch auf Bergen! Verträgliche Eintracht wohnt nicht in den Städten der Tiefe, in Tälern und Gräben; auf Bergen nur müsst ihr sie suchen; da ist sie zu Hause, wie unter den Pflanzen, so unter den Tieren und eben nicht selten auch unter den Menschen.
HIM|1|410515|5|0|O lasst zwei Feinde betreten die duftenden Scheitel der Alpen! Ihr werdet nicht selten erfahren und sehen, dass die Feinde als Freunde sich kosen.
HIM|1|410515|6|0|Und schaut zurück auf die ersten der Väter auf Erden! Sie wohnten auf Höhen der Berge! Vom himmelan ragenden Sinai gab Ich dem Mose die heiligen Tafeln, auf welchen mit goldenen Zeichen des ewigen Lebens gar freie Gesetze den Menschen der schmutzigen Tiefe gezeichnet und eingegraben einst waren. Ich brauche euch nicht mehr von allen den heiligen Bergen zu sagen, auch nicht von der Schule der Seher und Künder des ewigen Wortes aus Mir.
HIM|1|410515|7|0|So geht nur öfter auf Berge und weilt recht gerne auf selben! Da werdet ihr allzeit in Fülle den Segen der ewigen Liebe des heiligen Vaters erfahren.
HIM|1|410515|8|0|Der Kulm, schon einmal von Mir euch geraten, wird geben dem, welcher aus Liebe zu Mir wird besteigen den grünenden Scheitel, was einstens der Tabor dem Petrus, Jakobus und Meinem Johannes. Doch hört, Ich sage nicht „Muss“ und nicht „Soll“ – nur wer kann und wer will, folge Mir, Seinem Meister und Vater, so wird er gar bald auch erfahren, warum Ich die Predigt des Himmels vom Berg zum Volk gesprochen! Die Zeit steht euch frei, doch je eher, je besser, das merkt euch! Amen.
HIM|1|410515|9|0|Das sage Ich, Vater, ganz heilig, voll Liebe zu euch! Hört es! Amen, Amen, Amen.
HIM|1|410522|1|1|Der Berg Kulm – 22. Mai 1841 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|410522|0|0|Über die am Mittwoch, den 19. Mai 1841 von Lorber und Freunden unternommene Reise auf den Kulmberg bei Pischelsdorf im Grazer Kreis, offenbarte der Herr gnädigst durch Seinen Knecht Nachfolgendes: (NB. Statt von Graz nach Waiz zu fahren, um auf den Kulm zu gelangen, schlugen wir den Umweg über Gleisdorf ein. Und statt von Gleisdorf gerade nach Pischelsdorf zu fahren, gelangten wir auf die Ilzerstraße, und zwar nach Sonnabendkirchen (Sinabelkirchen), von wo aus wir erst nach Pischelsdorf fuhren. Der Kulm wurde erst abends um halb 7 Uhr erstiegen.)
HIM|1|410522|1|0|Wenn ihr ein nächstes Mal eine Gebirgshöhe in Meinem Namen betretet, da richtet es also ein, dass ihr fürs Erste euch im Voraus um den nächsten Weg bekümmert, und fürs Zweite, dass ihr auf einer solchen Höhe wenigstens drei Stunden lang verweilt.
HIM|1|410522|2|0|Denn wenn es sich um eine äußere Anschauung eines inneren Wunders handelt, da muss das Sinnenwesen zuerst durch den weitgedehnten Anblick der äußeren Dinge gewisserart voll gesättigt werden. Durch diese Vollsättigung gerät dann das Gemüt in eine Art Betäubung, welche nicht unähnlich ist dem euch bekannten magnetischen Zustand.
HIM|1|410522|3|0|Wenn ihr da euch dann an Mich wendet im Geiste der Liebe und aller Wahrheit, sodann erst kann Ich das innere Auge der Seele mit dem Auge des Geistes verbinden und diese doppelte innere Sehe dann richten vor das Auge des Leibes, wodurch ihr dann in den Stand gesetzt werden könnt, Dinge der Natur in einem ganz anderen Licht zu schauen und mitten unter den naturmäßigen Dingen Geistiges also zu entdecken, dass dasselbe im strengen Verhältnis mit den naturmäßigen Dingen gewisserart durchsichtig bildlich zur Erscheinung kommt und also seinen Standpunkt einnimmt, wie die Ursache zur Wirkung.
HIM|1|410522|4|0|Wenn ihr aber schon eine Speise zu euch nehmt, die nur für den Magen berechnet ist, da verweilt ihr nach der Mahlzeit eine kurze Zeit in der Ruhe und sagt, solches sei nötig der Verdauung wegen. Meint ihr denn, eine solche Ruhe ist nur dem Magen zuträglich, so er seine Speise zu sich genommen hat?
HIM|1|410522|5|0|Ich sage euch aber, ihr bedürft solcher Ruhe umso mehr, wenn der noch so schwache Magen eures Geistes ein wenig geschwelgt hat. Denn wenn solche Ruhe nach der Sättigung des Geistes wegbleibt, so geht auch die geistige Verdauung schlecht vor sich. Es muss aber ja allezeit was immer für Speise eher verdaut sein, bevor sich der das Leben fördernde Stoff entbindet und aufsteigt als Nahrung für das höhere Leben.
HIM|1|410522|6|0|Denn jeder Nahrungsstoff nährt zuerst die unterste Potenz des bestehenden Lebens, und das so lange fort, bis er zu der hohen Sphäre des Selbstbewusstseins und endlich der vollen Sich-selbst-An-und-Durchschauung gelangt.
HIM|1|410522|7|0|Nun denkt euch, wenn ihr auf eine solche hohe geistige Speisekammer gelangt und rafft da vieles in einem Augenblick heißhungrig zusammen, sobald ihr aber euch durch einen solchen Schnellfraß einigermaßen gesättigt fühlt, da lauft ihr fort, als wenn ihr Diebe wärt. Fragt euch selbst, wo blieb da die Verdauung und die aufsteigende Verfeinerung des Nahrungsstoffes?
HIM|1|410522|8|0|Daher, wie schon gesagt, richtet es euch ein nächstes Mal besser ein, und das zwar eures schwachen Glaubens wegen, vermöge welchem ihr mehr oder weniger lauter Thomasse seid. Denn solange es nichts zu gaffen gibt und zu greifen, wahrlich, da seid ihr noch immer im halben Glauben und ebenso auch in halber Liebe und im halben Vertrauen. So aber jemand entweder die Augen verbindet oder von der Stelle weicht, da Ich ihm ein Spektakel bereitet habe, so bin nicht Ich, sondern er selber schuld daran, wenn er nichts gesehen und eben auch gar nicht zu viel empfunden hat.
HIM|1|410522|9|0|Damit ihr aber dessen ungeachtet zu einer inneren Anschauung durch das Wort gelangt, so will Ich vermöge Meiner immer unbegrenzten Liebe und Barmherzigkeit euch gegen den Schluss dieser Schrift das Versäumte zeigen und nach der Ordnung vorführen. Zuvor aber muss euch das Naturmäßige dieses Berges sowohl als auch dessen weitgedehnte Umgebung und Fernsicht, wie auch die atmosphärischen Gebilde, näher erklärt und berichtigt werden.
HIM|1|410522|10|0|Was den Berg selbst betrifft, so hat er denselben Ursprung, wie die euch schon im vorigen Jahr gezeigte Chor- und Kleinalpe. Denn das Gestein hat die nämliche Blätterformation, wie auf den schon bekannten zwei Alpen. Seine Neigung ist von Südost nach Nordost. Denn also kam die über tausend Klafter dicke Blätter-Steinmasse als gefestigter periodischer Niederschlag des Meeres nach der schwammartigen Erhebung aus dem Grund an ihre eigene Untermasse zu lehnen, nachdem diese Untermasse abgespült worden ist; es versteht sich von selbst, von den damaligen noch großen Wasserströmungen, was euch alle die Kleinhügel zeigen, da sie bis zu einer Höhe von hundert Klaftern und oft auch mehr darüber von abgerundeten Kieseln mit untermengtem Flugsand oft mehrere Klafter tief überdeckt sind.
HIM|1|410522|11|0|Ihr werdet zwei vorzügliche Ausläufer von diesem Berg entdeckt haben, von denen sich der eine südlich, der andere aber mehr östlich mit mehreren kleinen Abzweigungen zieht. Diese Ausläufer sind, allda sie am höchsten stehen, ähnlichen Ursprungs. Die Niederungen aber oder die Zweige dieser Hauptausläufer sind nichts als Anschwemmung; der Abhang gegen Norden und der kleinere Ast gegen Nordost ist nur eine Form des Urbruchs aus der Tiefe und ist dessen immer sanfter werdender auslaufender Fuß, entstanden teils durch das Abbrechen der hoch über ihre Unterlage ragenden Felsenzinnen, teils aber ebenfalls durch Anschwemmung und Niederschlag von Sand und kleineren Steinchen, welche die Flut oft weit her mit sich geführt hat und dort fallen ließ.
HIM|1|410522|12|0|Seht, das ist nun die Grundbildung dieses Berges! Wenn ihr dann und wann eure Augen auf den betretenen Boden geheftet habt, so werden euch auch hier kleine abgerundete Quarzbröckchen notwendig zum Vorschein gekommen sein; nur mit dem Unterschied, dass ihre Farbe nicht weiß, sondern rötlich ist. Dieser Quarz ist nicht desselben Ursprungs wie derjenige weiße auf der Choralpe, sondern er rührt aus der Noahischen Zeit, allwann – wie euch schon ein wenig bekanntgegeben wurde – der großen Wasserflut, welche damals fast über dreiviertel Teile von Asien und ganz Europa und über die nördliche Hälfte Afrikas ging, eine hauptsächlich in Europa und dem westlichen Asien überaus heftige Feuer-Eruption voranging, d. h. 77 Jahre vor der darauf folgenden Wasserflut.
HIM|1|410522|13|0|Dass sich in den unterirdischen Wasserbehältern durch den Steinniederschlag eine solche Quarzmasse bildet, könnt ihr daraus ersehen, dass sich eben diese Quarzmasse auch in den oberirdischen Gewässern durch einen schleimartigen Niederschlag bildet, wenn ihr den zahllos vorkommenden Quarz an den Ufern der Flüsse nur ein wenig ins Auge fasst.
HIM|1|410522|14|0|Nehmt ihr einen solchen abgerundeten Quarzklumpen im Gewicht von etwa einem Pfund, legt denselben in eine Wasserkufe, entweder am Brunnen oder auch irgendwo anders, da ihr Wasser haltet zur Feuersicherung, lasst ihn bei zwei Jahre lang darin liegen und wäget ihn hernach auf einer genauen Waage, so werdet ihr finden, dass er fürs Erste gewichtiger geworden ist und fürs Zweite auch ganz weiß und ums Kennen etwas umfangreicher. Wenn aber schon eine so kurze Zeit in Hinsicht der Bildung des Quarzes einen solchen merklichen Ausschlag gibt, da denkt, wie stark die Bildung dieser Steinmassen erst in den großen unterirdischen Wasserbehältern seit so vielen Jahrtausenden her sein muss.
HIM|1|410522|15|0|Wenn die Feuer aus der noch größeren Tiefe der Erde hervorbrechen und auf ihrem blitzschnellen Wege die über ihnen befindlichen großen Wasserbecken samt der über den Wässern mehrere tausend Klafter dicken Erdkruste zerreißen, so muss es ja geschehen, dass bei einer solchen Eruption allerlei zerrissene Steinmassen aus der Tiefe der Erde bis hoch über die Wolken hinausgeschleudert werden, von wo sie dann natürlicherweise teils wieder in den Abgrund und teils auf die Oberfläche der Erde niederfallen, wo sie dann, wenn irgendeine Gebirgsplatte noch nicht gehoben ist, mit derselben dann bald darauf miterhoben werden. Oder sie fallen auch schon auf gebildete Gebirgserhöhungen nieder, was auch bei dem Kulm der Fall war. Denn dieser war schon da, als auf der nördlichen Gegend – namentlich zwischen den Ortschaften Buch und dem Schloss, das Ich nicht benennen will – eine solche unterirdische Feuer-Eruption vor sich ging, davon die euch bekannte regellose Umgebung des Bodens herrührt.
HIM|1|410522|16|0|Wenn ihr auf den Zug der Täler nur ein wenig Aufmerksamkeit gewendet habt, so werdet ihr mit leichter Mühe entdeckt haben, dass sie sich samt und sämtlich mehr oder weniger südöstlich hinziehen. Dieses beurkundet nichts anderes, als den Zug der vormaligen großen Wasserströmung, welche einst ihr Ufer an den Kärntnerischen Alpen und andererseits an den Karpaten Ungarns hatte und somit eine beinahe dreimalige Breite des Adriatischen Meerbusens hatte, da dieser am breitesten ist.
HIM|1|410522|17|0|Später hat sich das Wasser mehr und mehr verloren, und es waren dann nur ebenso viele einzelne Täler erblickt [wie vormals Ströme]. Und von allen Strömen ist nun nichts mehr übriggeblieben als die in den Tälern vorfindlichen Bächlein, welche nur dann einen etwas bedeutenderen Fluss ausmachen, wenn sie sich zu Hunderten nach längerem Zuge vereinigt haben.
HIM|1|410522|18|0|Nun seht, wenn ihr ein nächstes Mal auf irgendeine solche Höhe kommt, sei es die nämliche oder eine von euch gewählte oder eine von Mir bestimmte, so müsst ihr eure Phantasie und Einbildungskraft in diesem Gefühl erwecken und schauen die Vorzeit im Vergleich der Gegenwart, und zwar allezeit das nur, was die Erde selbst euch zur Anschauung bietet, so habt ihr den wahren Grund zur inneren Anschauung gelegt.
HIM|1|410522|19|0|Darinnen werdet ihr Meine Arbeit entdecken und Meine Baukunst bewundern und werdet euch Mir nahen in eurem immer wacher werdenden, demütig liebend vertrauensvollen Gefühl.
HIM|1|410522|20|0|Wenn ihr aber auf einer solchen Anhöhe nichts anderes zu tun habt, als nur mit Kalk übertünchte Stein- und Holzhaufen anzugaffen, da tut ihr ja bei weitem besser, wenn ihr zu Hause in eurer Stadt bleibt, daselbst ihr nicht das Auge so abzumühen habt, um eine Menge von übertünchten Steinhaufen mit einem Blick zu überschauen, welche noch obendrauf zum größeren äußeren Vergnügen des Auges kunst- und prachtvoller erbaut sind als die Mir über alles widrigen Landpresskammern [Gutsherrenanwesen], in welchen Menschen wohnen, welche sich darum für mehr Menschen halten, weil sie neben vielen tierischen Eigenschaften auch noch die der Blutegel und Vampire besitzen, vermöge welches traurigen Prädikates sie für nichts und drei Mal wieder nichts ihren vermeintlichen Untertanen das Blut ihrer kärglichen Habseligkeiten ohne alles Bedenken abzapfen zu können vermeinen.
HIM|1|410522|21|0|Es hat wohl jeder Monarch für die wahren Staatsbedürfnisse seine Untertanen mit verhältnismäßigen Steuern zu belegen, aber dass ein solcher sogenannter „Gutsherr“ auch Steuern fordert von seinen vermeintlichen Untertanen, wahrlich, Ich sage euch, das ist Mir ein Gräuel. Und wenn ein solcher sogenannter Gutsherr nicht durch häufige Wohltaten an seine vermeintlichen Untertanen solchen alten Frevel so viel als möglich zu tilgen strebte, so wird er dereinst eine harte Rechnung abzulegen haben und wird sich müssen über den letzten Heller überaus vollkommen ausweisen, wozu er ihn verwendet hat. Wehe denen, die ihre Renten verprasst, vergeudet und verhurt haben! Wahrlich, Ich werde sie begraben lassen unter ihre höllische Presskammer! Und sie sollen da so lange gepresst werden von den Materialien, davon ihre Presskammer erbaut wurde, bis nicht das letzte Steinchen durch den darniederfallenden Regen in Tau und Staub aufgelöst worden ist.
HIM|1|410522|22|0|Nun seht, daher solltet ihr von einer solchen Höhe die Anschauung solcher allerletzten Dinge auch auf die allerletzte Zeit lassen und dann euch auf der Höhe in die anfangs besprochene Verdauungsruhe setzen. Dann habt ihr die Dinge in Meiner Ordnung angeschaut und habt auf Meiner Welttafel ordentlich gespeist und werdet dadurch auch zur Nützliches befördernden Verdauung gelangen.
HIM|1|410522|23|0|Habt ihr auch Fernrohre mit euch, so gebraucht dieselben nach eben der Ordnung, aber nicht umgekehrt. Und wenn ihr schon damit anfangt, fernliegende Gebäude euren Augen näher zu bringen, so richtet sie zuerst auf ärmliche Hütten und Keuschen. Ich sage euch, der Anblick einer solchen Wohnung der Armut wird für euer Gefühl, für eure Phantasie und Einbildungskraft mehr lebendige Stärkung bieten als der vielfache Anblick irgendeiner entlegenen, verrosteten Stadt oder eines halbzerfallenen Schlosses oder eines gar nichtssagenden Glockenturmes bei einer Kirche aus Steinen, Ziegeln und Mörtel!
HIM|1|410522|24|0|Ist denn nicht jeder Baum, jede Pflanze ebenso gut und noch mehr ein lebendiger Tempel, durch welchen sich Meine Macht, Weisheit und Liebe treulich kundgibt dem, der diesen gewiss viel künstlicheren Tempel, denn jenen aus Steinen und Mörtel, mit dem Geist und dessen Liebe betrachtet? Daher ist euch fürs Erste nötiger, diese mehr lebendigen Tempel Meiner Liebe und Erbarmung zu betrachten und hernach erst diejenigen mit hohen Glockentürmen,
HIM|1|410522|25|0|da Ich gewisserart die sonderbare Ehre haben muss, als ein immerwährender Arrestant in irgendeinem vergoldeten Tabernaculum zu hocken, oder manchmal durch einen klingenden Beutel genötigt, Mich dem armen, halb, oft auch gar nichts glaubenden Volk zu meistens sehr uninteressanter Anschauung, Anmurmelung und Anplärrung auszustellen. Nach einem ein- oder zweimaligen Segen mit Begleitung des Metallgeklingels und Chorgeplärrs aber muss Ich Mich dann von vorne wieder untätigermaßen einsperren lassen.
HIM|1|410522|26|0|Dass solches ein allerbarster Unsinn ist, welchen die spätere Glanzsucht ausgeheckt hat, mögt ihr wohl ohne Fernrohr auf den ersten Blick aus Meinen Evangelien ersehen und auf die ersten echtkirchlichen Gebräuche zu den Zeiten der Apostel und ihrer Nachfolger durch mehrere Säkulen (Jahrhunderte) hin.
HIM|1|410522|27|0|Wo Ich Mich mit der Materie verbinde, da wird die Materie lebendig. Denn mit dem Tode hat der lebendige Sieger desselben nichts zu tun. Wer aber Mich im Brot sucht, der glaube, dass Ich das Brot und den Wein eingesetzt habe als bleibendes Denkmal Meiner Menschwerdung auf Erden. Aber das Brot und der Wein müssen sein, was sie sind; und müssen nicht eingeschlossen sein und gesteckt und gefasst ins tote Metall, sondern sie müssen gefasst sein in den lebendigen Glauben und in die wahre Liebe,
HIM|1|410522|28|0|dass man sich sättigen kann, und der Wein ein echter Wein zur Stärkung der Lebenskraft und zur Stillung des Durstes nach der Wahrheit, also soll auch sein die Liebe gleich dem Brot, und der Glaube gleich dem Wein.
HIM|1|410522|29|0|Es ist aber in solchen steinernen Kirchen die Liebe nun gleich der Hostie, die nur die Form des Brotes in einer höchst unsättigenden Potenz enthält, und der Glaube ebenfalls ist entweder gar keiner, weil kein Wein – oder mit zeitlichen Interessen gewässert, wie bei dem sogenannten „Messopfer“.
HIM|1|410522|30|0|Mehr brauche Ich euch darüber nicht zu sagen, da ihr aus diesem wenigen gar leicht entnehmen mögt, ob für den Geist ein blühender Baum nicht mehr Nahrung bietet als ein solch liebekalter und glaubensloser Tempel.
HIM|1|410522|31|0|Nun, nachdem Ich euch sowohl für diesen als für einen künftigen Fall mit allem wahrhaft Zweckdienlichen bekanntgemacht habe, so will Ich – wie schon anfangs erwähnt – euch auch noch dasjenige zeigen, das ihr allda hättet an euch selbst erfahren sollen, wenn ihr nicht gar zu nötig gehabt hättet, wieder in euer Nachtquartier zurückzukehren.
HIM|1|410522|32|0|Denn wenn ihr irgendwo in Meinem Namen euch befindet, da tut ihr sehr unrecht, wenn ihr euch um was immer sorgt, sei es um die Gesundheit des Leibes oder um andere allfällig möglich denkbare Gefahren des Zurückkommens. Denn wo Ich euch als Führer diene, da seid ihr in der Mitte der Nacht so gut geborgen wie am hellen Mittag, ob ihr liegt, steht oder geht. Oder könnt ihr Mir einen Vorwurf machen, dass euch bei was immer für einer Reise in Meinem Namen nur ein Haar gebrochen ist?
HIM|1|410522|33|0|Dass ihr auf dieser Reise ein wenig von dem eigentlich nächsten Weg abgewichen seid, hat keinen anderen Grund gehabt als das werktätige Zeugnis, aus welchem ihr gar füglich ersehen mögt, dass der Mensch oft weniger aus schlechtem Willen als aus Unkunde nach dem vorgesteckten Ziel den weitesten Weg einschlägt, ohne zu bedenken, dass auch im Geiste – wohlverstanden – der gerade Weg der kürzeste ist,
HIM|1|410522|34|0|da es bei Mir durchgehends keine hohen Ämter, wie keine Gleisdorf und Sonnabendkirchen (in der Volkssprache „Sunnwendkirchen“ oder „Sinabelkirchen“) gibt, die ihr zuerst durchmachen und passieren sollt, um zu Mir zu gelangen. Denn in Meiner großen Staatsverwaltung bin Ich die unterste und oberste Instanz Selbst. Solches aber habt ihr nicht gesehen und nur sehr leise empfunden.
HIM|1|410522|35|0|Auf dem Berg ganz in der Höhe, da ein ärmlichstes Kapellchen ist, werdet ihr einen Luftzug vom Morgen her gar deutlich körperlich verspürt haben. In diesem Luftzug habe Ich euch angeweht, davon euch sicherlich eine heitere ruhige Stimmung und eine große Stärkung eurer ermüdeten Glieder und ein geheimnisvolles Rauschen durch die Wipfel der niedlichen Bäumchen eine nicht geringe Kunde gegeben hat, dass ihr darob sicher hättet sagen können: „In einem geheiligten Wind aus Morgen her hat der Herr mich angeweht!“
HIM|1|410522|36|0|Wäret ihr nun über den Verlauf der siebenten Stunde da geblieben und hättet euer Herz und euer Auge zu Mir gerichtet, so hättet ihr auch von dem Berg bis nach dem Friedhof dieses Pfarrortes, da ihr geblieben seid, eine Auferstehung der Toten gesehen, als wie Ich sie eine Minute lang – unter dem Verbot, euch davon Meldung zu tun – Meinen Knecht habe sehen lassen. Welches Bild sich da zeigte, mag euch der Knecht nach dieser Mitteilung entweder mündlich, so ihr es aber wollt, an einem Tag auch in die Feder sagen.
HIM|1|410522|37|0|Es bleibt uns demnach nur noch die abendliche Trübung der Atmosphäre zu erklären übrig. Der Abend ist die Weltsphäre des Menschen. Wenn der Mensch sich dem Morgen naht, und dieser sich vor ihm mehr und mehr aufzuklären anfängt, da wird es etwa doch notwendig sein, dem noch sehr abendlich gesinnten Wanderer gegen Morgen, den Abend so viel als möglich zu verhüllen, auf dass seine Augen ja keinen anlockenden Gegenstand finden sollen, der sie von der Beschauung des ewigen Lebensmorgens abziehen möchte. Seht, darum war auch der Abend so sehr mit Dünsten aus der Erde angefüllt, um ebenfalls zu belehren, dass wenn einem der Morgen geöffnet wird (wenn auch hie und da noch ein wenig getrübt), er seine Blicke nicht dem dunstigen Abend zukehren sollte, sondern dem Morgen des Lebens, d. h. nicht der Welttümlichkeit, sondern dem, das des Geistes und Meiner ewigen Liebe ist.
HIM|1|410522|38|0|Den nächsten Tag – als an einem Feier- oder Ruhetag – habt ihr alles im reinsten Licht gesehen, ohne die geringste dunstige Trübung. Dieses soll euch besagen, dass nur in der stillen Verdauungsfeier der von Mir gereichten Speise endlich sich alles Trübe und Finstere aufhellt und die klare, selbstbewusste Anschauung tritt dann in großer Klarheit aus des Lebens neu erwachtem Morgen in das wunderbare Dasein.
HIM|1|410522|39|0|Also erwägt auch ihr dieses Bild in eurem Herzen, wandelt geraden Weges und befleißigt euch, dass ihr der verdaulichen Ruhe nicht vergesst, so werdet ihr auch in euch, wie den neuen Morgen voll Glanz und Licht, so auch den gereinigten Abend eures Weltlebens gar wohl erleuchtet schauen in euch.
HIM|1|410522|40|0|Macht euch die Berge zu Freunden, die Täler zur Anschauung der Demut und Mich zum Führer durch die Täler auf die Berge der Ruhe und des Friedens, so werdet ihr jetzt wie immer in alle Ewigkeit erkennen, dass nur Ich, euer Vater, der wahre Weg, das Licht und das ewige Leben Selbst es bin ewig!
HIM|1|410522|41|0|Das sage Ich, der allerbeste Wegweiser. Amen.
HIM|1|410525A|1|1|Der wahre Himmel, und über Geistererscheinungen – 25. Mai 1841 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|410525A|0|0|Gesicht des Knechtes als Hinzugabe zum Kulm
HIM|1|410525A|1|0|Nachdem die Sonne untergegangen war, und zwar in der Zeit, als ihr bei der Rückfahrt den ersten Stern des Himmels erblicktet und auch zugleich des Friedhofes ansichtig wurdet, auf dessen oberster Stelle eine unausgebaute Kapelle sich befindet – in derselben Zeit wurde dem Knecht auf einige Minuten das Auge der Seele geöffnet, damit er einen Blick machen sollte dahin, da die Verstorbenen verwesen und die Unsterblichen nach und nach auferstehen.
HIM|1|410525A|2|0|Damit ihr euch von dem Gesicht einen anschaulichen Begriff machen könnt, so stellt euch ein Glas mit Wasser gefüllt vor, in welchem einige Bröckchen Zuckers liegen, wie allda aus dem Zucker immerwährend Bläschen aufsteigen und kleine Klümpchen Zuckers sich auflösen und dadurch einen sternschnuppenartigen Schweif hinter sich lassen, der unaufgelöste Teil aber dann, sobald das Bläschen die Oberfläche des Wassers erreicht hat, sich wieder vom Bläschen trennt und in die Tiefe sinkt und dort sich entweder viel langsamer auflöst oder sich aber auch öfters an ein neues Bläschen anklebt und mit demselben eine neue „Auferstehung“ beginnt.
HIM|1|410525A|3|0|Ebenso auch müsst ihr euch vorstellen die Seelen, deren Herz sehr stark an der Welt gehangen ist. Diese hängen noch gar lange nach dem Hinscheiden an der materiellen Erde und namentlich vorzugsweise gerne an dem Ort, wo ihr Leib verwest. Und manche verweilen so lange auf den Friedhöfen über den Gräbern ihrer Leiber, bis nicht ein Atom mehr von ihrem Leib durch den Akt der Verwesung überbleibt.
HIM|1|410525A|4|0|Da die Seele nach dem Tode immerwährend mit ihrem freien Geist vereint bleibt, dessen vollkommenen Leib sie eigentlich selbst ausmacht, so wird auch in Hinsicht der ewig zu respektierenden Freiheit des Willens diesen Wesen durchaus kein Zwang angetan. Sondern sie werden von Zeit zu Zeit belehrt, können aber übrigens tun, was sie wollen, gerade so, als wenn sie noch leiblich auf der Welt lebten.
HIM|1|410525A|5|0|Die meiste Ursache, dass sich die Seelen also auf den Friedhöfen aufhalten, ist wohl die falsche Lehre von der Auferstehung des Fleisches; sie werden zwar allezeit belehrt, dass der verstorbene Körperleib sie gar nichts mehr angeht, und dass aus demselben für sie in alle Ewigkeit nichts mehr herauswachsen wird und er daher für sie nicht mehr zu beachten ist als ein gänzlich zerrissener, zugrunde gerichteter Leibrock, aus welchem auch in alle Ewigkeit kein neuer Rock mehr auferstehen wird.
HIM|1|410525A|6|0|Allein solche Lehre nützt bei diesen Wesen geradeso viel, als so ihr mit dem allerbesten Willen einem Erzmönch beweisen wolltet, dass Ich auch ohne ein sichtbares kirchliches Oberhaupt Meine Kirche lenken und regieren möchte, oder wenn ihr ihm beweisen wolltet, dass seine Kutte um kein Haar besser ist als die Jacke des geringsten Knechtes; oder wenn ihr ihm beweisen wolltet, dass eine sogenannte „Reliquie“ keinen anderen Wert hat, als ein in einem Dunghaufen halb verwester Strohhalm, oder wenn ihr ihm beweisen wolltet, dass ein kurzes Gebet im Geiste und in der Wahrheit aus dem Herzen eines Mich liebenden Bruders, und wenn es nur 10 Worte lang ist, einen unendlich höheren Wert hat als 10.000 Hochämter in einer fürs Volk unverständlichen Sprache, wenn sie noch so gut bezahlt wären von Gläubigen und gelesen bei den privilegierten Gnaden-Altären.
HIM|1|410525A|7|0|Seht, geradeso viel ihr bei einem solchen Erzmönch ausrichten würdet, der euch bei eurer Erklärung nicht viel besser traktieren würde, wie Mich die Juden vor dem Hohenpriester Kaiphas traktiert haben, da sie Mich für den größten Ketzer hielten und für einen, der mit allen Teufeln Gemeinschaft hat – ebenso ergeht es auch den vom Himmel gesandten Lehrern, wenn sie solche Seelen von dem Irrwahn abbringen und ihnen beweisen wollen, dass das Fleisch des Leibes in allen Ewigkeiten nicht wieder auferstehen wird.
HIM|1|410525A|8|0|Wenn die erst vor kurzem Verstorbenen solche Lehren vernehmen, da entsetzen sie sich und werden überaus traurig darüber, dass es ihnen fürder nicht mehr gegönnt sein sollte, in ihre vermeintlichen verklärten Leiber zurückzukehren, aus welchem Grunde denn auch in der Geisterwelt der Hauptunterricht auf dem Wege eigener Erfahrung bewerkstelligt wird.
HIM|1|410525A|9|0|Wenn diese Wesen nach und nach ersehen, dass aus allen ihren Erwartungen, aus falscher Lehre und falschem Glauben, nichts wird, so verlangen sie da von den höheren Lehrern weggeführt zu werden, und zwar nirgendwo anders hin als schnurgerade in den Himmel.
HIM|1|410525A|10|0|Solches wird ihnen alsogleich auch gewährt. Allein, wenn sie da in die Wahrheit des Himmels gelangen, so glauben sie durchaus nicht, dass dies „der Himmel“ sei, weil er nicht so aussieht, wie sie sich ihn fälschlich vorgestellt haben.
HIM|1|410525A|11|0|Denn wenn sie da Menschen antreffen mit allerlei Arbeiten beschäftigt, wie auf der Erde, und zwar aus dem Grunde, weil die Freude des Himmels in nichts anderem besteht, als in einer Liebetätigkeit um die andere und in einem ersprießlichen Wirken nach dem anderen, da fangen sie oft gewaltig über den Himmel loszuziehen an und sagen:
HIM|1|410525A|12|0|„Das wäre mir ein schöner Himmel, wo ich wieder arbeiten müsste! Solches habe ich auf der Erde zu meinem größten Überdruss tun müssen, und hab es nur getan des Himmels wegen! Jetzt aber, da ich in den Himmel gekommen bin, sollte ich arbeiten wie zuvor auf der Erde, und das dazu noch ewig! Da ist es ja doch viel gescheiter, ich kehre alsogleich zur Erde zurück und warte auf meinem Grab bis zum Jüngsten Gericht, allwann mein Leib gewiss auferstehen wird, weil es also geschrieben steht und mich auch die heilige römische Kirche also zu glauben gelehrt hat!“
HIM|1|410525A|13|0|Und sobald kehren solche Wesen in allem Ernst zurück. Wenn sie aber an ihrem gewünschten Ort wieder alsobald angelangt sind, so werden sie von den Harrenden kreuz und quer ausgefragt, was der heilige Petrus zu ihnen gesagt habe, ob er sie geschwind hineingelassen habe, oder ob sie auf der gewissen Wartebank lange harren mussten, bis es dem Petrus einmal gefällig war, sie hineinzulassen.
HIM|1|410525A|14|0|Und so lassen sich oft diese Geister über langes und breites fragen, bis sie erst mit einer lächerlichen Antwort zum Vorschein kommen, welche allerlei höhnende Formen ausbeutet, als z. B., dass sie sagen: „Der Himmel ist nichts als ein Bauerngrund“. Oder: „Er ist nichts als eine Dienstboten-Wirtschaft“. Oder: „Die himmlischen Freuden bestehen darinnen, dass man nun von neuem über einen Hausknecht arbeiten soll“ – und dergleichen Erklärungen des Himmels eine Menge.
HIM|1|410525A|15|0|Solche Erklärungen aber finden allezeit – wie leicht zu glauben und einzusehen – keinen großen Glauben bei den noch nicht im Himmel Gewesenen. Und dessen ungeachtet wünschen doch viele in den „Bauernhimmel“ zu kommen.
HIM|1|410525A|16|0|Welche dann solches wünschen, diese werden von den Lehrern hinweggeführt und über das Wesen des Himmels unterrichtet, allwo ihnen gezeigt wird, dass der wahre, eigentliche Himmel aus ihnen selbst hervorgehen muss, und dass sie durchaus nicht in den Himmel kommen können, sondern nur der Himmel in sie durch das lebendig ernstliche Wollen, stets mehr Gutes zu tun und darum auch stets geringer zu werden, um desto mehrfältig in die Gelegenheit zu kommen, jedermann dienen zu können.
HIM|1|410525A|17|0|Wenn denn solche Lehre in ihnen Wurzel gefasst hat und sie eine große Lust bekommen, anderen in allerlei zu dienen und wohlzutun, alsdann werden sie von den Lehrern neuerdings enthüllt, auf dass sie sich fürs Erste ganz durchschauen können und hinreichend prüfen können ihren himmlischen Entschluss.
HIM|1|410525A|18|0|Haben sie sich dadurch bewährt gefunden, dass sich ihre wahre Himmelsbegierde offenbar hervorgetan hat, gänzlich verzehrend alles noch irdisch Anklebende, so geht dann diese himmlische Begierde wunderbar gewisserart nach allen Seiten auseinander und bildet fürs Erste den wunderherrlichen Weg und, so sich immer mehr und mehr ausbreitend, endlich auch den Himmel selbst.
HIM|1|410525A|19|0|Und dieser Himmel vereinigt sich dann mit dem gleichen Himmel der schon seligen Geister, wie sich gleichsam Liebe mit Liebe vereinigt und wie sich vereinigt das Liebe-Gute mit dem rein Glaubens-Wahren und, umgekehrt, wie das rein Glaubens-Wahre mit dem Liebe-Guten.
HIM|1|410525A|20|0|Seht, also sah der Knecht durch einige Minuten diese Seelen sich erheben raschen Fluges nach oben und bald wieder zurücksinken. Und es war das Schauspiel nicht unähnlich dem Feuerspiel der sogenannten „römischen Lichter“, welche sich auch leuchtend erheben, aber in der Höhe, halb oder oft ganz verlöschend, umkehren und wieder zur Erde fallen – nur dass diese aufsteigenden Lichter nicht so feurig aussehen wie jene aus den römischen Kerzen, sondern ihr Licht gleicht vielmehr dem eines vom Mond erleuchteten kleinen Wölkchens.
HIM|1|410525A|21|0|Doch müsst ihr euch nicht denken, als habe der Knecht menschliche Formen gesehen, denn solches vermag nur das Auge des Geistes – sondern nur ein solches Steig-und-Fall-Gaukelspiel von luftig-matt-schimmernden Wölkchenbüscheln. Und dieses hättet auch ihr gesehen, wenn ihr so lange auf dem Berg verweilt hättet.
HIM|1|410525B|1|1|Der wahre Himmel, und über Geistererscheinungen (Fortsetzung) – 25. Mai 1841 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|410525B|1|0|Ihr werdet freilich in eurem Innern denken: Diese Erscheinung, wenn auch geistig, hat gerade nicht gar zu außerordentlich viel Ausgezeichnetes in ihrem Anblick! – Es ist wahr, dass oft so manche Erscheinung in ihrer möglichen Äußerlichkeit aus der Geisterwelt in die materielle [Welt] nichts Außerordentliches für ein oder das andere Auge bietet. Aber es geht bei allen geistigen Erscheinungen so: Je größer sie sind in geistiger Hinsicht, desto geringfügiger allezeit in ihrer äußerlichen Erscheinung. Je großartiger aber irgendeine geisterhafte Erscheinung auftritt, desto weniger ist im Grunde auch daran.
HIM|1|410525B|2|0|Ihr werdet öfter gehört und gelesen haben, dass in manchen alten, verfallenen sogenannten Ritterburgen oft so großartige Erscheinungen und Spukereien vor sich gehen, dass davon oft mehrere Provinzen und Länder eine ganz unheimliche Kenntnis erlangen. Und wenn ihr Gelegenheit hättet, selbst einer solchen nächtlichen Spukerei beizuwohnen, da würdet ihr sicher selbst ausrufen: „Ach, das ist doch etwas Außerordentliches!“ – Und wenn ihr, gleich vielen anderen Menschen, sehen würdet, wie solche verwunschene Burgprinzen nächtlicherweile kleine Steine und andere Gegenstände entweder um sich her werfen oder umhertragen, wahrlich ihr würdet das Außerordentliche solcher Erscheinung euer ganzes Leben lang vor lauter Größe nicht verdauen.
HIM|1|410525B|3|0|Wenn Ich euch dabei euer geistiges Auge öffnen würde, so würdet ihr dabei nicht viel anders urteilen, als wenn ihr unterwegs einige Gassenbuben angetroffen hättet, welche sich dadurch vergnügen, einige gar nichtssagende, lose Bubenstreiche auszuführen,
HIM|1|410525B|4|0|während ihr euch doch aus der Erscheinung, da sich zwei Mücken begatten, soviel wie gar nichts daraus macht, und doch übertrifft diese kleinliche Erscheinung an Größe und Bedeutung alle Burgspukereien seit den urältesten Zeiten bis auf euch und weit fernerhin.
HIM|1|410525B|5|0|Ebenso ist es auch mit den Taten der Menschen. Es gibt ja Helden darunter, die vor tausend und tausend Jahren die sogenannten größten Taten ausgeführt haben, und noch heutigentags werden sie besungen und von tausend Geschichtsschreibern für das arme Gedächtnis neu geboren. Jedoch wahrlich, Ich sage euch, wenn euch dereinst die große Bibliothek in Meinem Reich aufgetan wird, so werdet ihr darinnen so manche Großtatenhelden mit gänzlich vergeblicher Mühe suchen. Wohl aber werdet ihr euch darüber höchlich verwundern, wie in diesen ewigen Büchern des Lebens oft eine von niemand bemerkte, ganz im Geheimen verübte Liebetat sich großartig für alle ewige Zeiten von neuen und immer neuen Wundern bezeichnet ausnimmt!
HIM|1|410525B|6|0|So z. B. einem von euch wäre je auf irgendeinem Wege ein armer, mühseliger Mensch oder ein armes, hilfloses Kind was immer für eines Geschlechtes untergekommen, und ihr hättet ihm eine Barmherzigkeit erwiesen – fürwahr diese Tat allein überwiegt schon alle ordentlichen Großtaten aller Weltheiden, welche Menschen zu Tausenden und abermals Tausenden schlachten ließen, als wären sie, gleich Mir, Herren über Leben und Tod, während sie doch nicht auch nur ein verdorrtes Grashälmchen zu beleben vermögen. Und könnten sie es auch, wie gering wäre solche Tat gegen die, durch welche ihr nicht nur ein Grashälmchen, Ich sage euch, unendlichmal mehr denn ein Grashälmchen, hört und versteht wohl, durch welche Tat ihr einen Meiner Brüder belebt habt!
HIM|1|410525B|7|0|Wenn ihr nun von solch großartiger Schlachtung bis zur Belebung eines Grashälmchens und von da – sage, bis zur Belebung eines unsterblichen Bruders die endlosen Unterschiede im Geiste erwägt, so wird es euch gewiss klar werden, warum in Meiner Bibliothek solche Erdheldentaten gar nicht vorhanden sind und warum wieder andere, auf der Erde oft gerade so wenig beachtete Taten, in Meinem Reich ein außerordentliches – sage, ewig immer wunderbares Aufsehen erregen.
HIM|1|410525B|8|0|Es geht mit diesen kleinscheinenden Bibliothektaten auf der Erde beinahe geradeso, als wenn jemand mit der Spitze einer Nadel seinen Namen in die zarte Rinde eines jungen Bäumchens eingegraben hätte, allda der Name wächst wie der Baum selbst. Und könnte der Baum wachsen ins Unendliche, wie in Meinem Reich, so würde auch der Name mit dem Baum selbst also ins Unendliche wachsen, dass ein jeder Schriftzug am Ende zu einem unendlichen Feld würde, auf welchem sich wieder neue und zahllose Wunder zu enthüllen einen großen Raum haben möchten.
HIM|1|410525B|9|0|Daher auch, Meine lieben Freunde: Wo ihr in Meinem Namen immer hingeht, und was ihr in Meinem Namen immer anseht und beobachtet, wollet ihr wahrhaft Großes beobachten, da wendet eure Augen auf kleine Dinge und geringfügig scheinende Ereignisse!
HIM|1|410525B|10|0|Wahrlich, in eurem Geist werdet ihr es ohne Mühe empfinden, was da größer ist: eine strahlende Zentralsonne oder die Träne eines armen, weinenden Kindes. Wahrlich, habt ihr diese getrocknet und habt dem Hungrigen auch nur ein mageres Stückchen Brotes gereicht, ihr habt mehr getan, als wenn ihr eine Trillion Zentralsonnen erschaffen und wieder zerstört hättet.
HIM|1|410525B|11|0|Denn diese und alle Welten mit ihren Herrlichkeiten werden einst vergehen und zunichtewerden, aber aus den Taten der Liebe werden an ihrer Stelle unvergängliche Sonnen und Welten hervorgehen und werden wachsen und herrlicher werden in alle Ewigkeit der Ewigkeiten. Und ihr werdet darinnen schauen die große Herrlichkeit des neuen Himmels und der neuen Erde, welche da sein werden und schon jetzt sind – reine, unvergängliche Werke der ewigen Liebe – wie die jetzigen [Welten] sind Werke des Zornes und seiner tödlichen Macht.
HIM|1|410525B|12|0|Tut daher Liebe jedermann ohne Unterschied und helft nach Vermögen jedem, der eurer Hilfe bedarf, so werden eure Werke vollkommen sein und ihr in euren Werken – wie Ich, euer liebevollster Vater im Himmel, vollkommen bin.
HIM|1|410525B|13|0|Amen. Das sage Ich, dem das Kleine lieber ist als das Große. Amen.
HIM|1|410528|1|1|Gottesliebe und Menschenliebe. Einer jungen Seele zum Namenstag – 28. Mai 1841
HIM|1|410528|1|0|An die, welche einen männlichen Namen hat und eine Tochter des Ans.-Wortemsig und der E. H. P. W. ist und heute den nicht viel sagenden Tag ihres irdischen Namens feiert – schreibe folgendes Wörtlein von Mir, auf dass sie daraus wieder erkennen möge die schon in der Wiege oft gehörte Vaterstimme, darum sie als kleines Kind gar so weinerlich war, wenn die süße Vaterstimme sich nicht alsbald meldete.
HIM|1|410528|2|0|Gabiela! Ist dir fremd geworden Meine Vaterstimme? Liebst du Mich nicht mehr also, wie du Mich geliebt hast in der Wiege?
HIM|1|410528|3|0|Gabiela Mein! Musst Meiner nicht vergessen! Und nicht dein Auge und dein Herz schlank gewachsenen jungen Männern durchs Fenster insgeheim ehesüchtig nachsenden, und zwar heute diesem, morgen jenem und übermorgen einem dritten usw., sondern stets Meiner gedenken und dein Auge und dein Herz Mir nachsenden und lieben Einen nur! Und dieser Eine bin Ich, dein heiliger, liebevollster Vater.
HIM|1|410528|4|0|In dieser allein gerechten Liebe wirst du leben zeitlich glücklich und ewig dann im Schoße deines Vaters!
HIM|1|410528|5|0|Die Menschenliebe, siehe, liebe Gabiela, ist kein nütze, wenn sie nicht aus Meiner Liebe stammt.
HIM|1|410528|6|0|So du aber aus Mir zu jemandem dich hinneigen möchtest, da siehe, ob er im Besitz Meiner Liebe ist! Ist er das, so ist er dir gleich und deinem Herzen der Nächste. Ist er’s aber nicht, da betrachte ihn als einen irrenden Bruder, der noch zwischen Himmel und Hölle wandelt und seine Augen mehr auf Abgründe ewiger Nacht als zu Mir, dem ihm noch völlig unbekannten „Vater“, richtet.
HIM|1|410528|7|0|Der Gerecht-Liebe-Lichte wird dich wenden zum Licht, woher du und der Liebe-Lichte im Geiste stammt. Der Abgrundforschende aber wird dein Auge kehren, dahin er sein eigenes gewendet hat. Wenn der finstere Abgrund sein Augenlicht verzehren und er beim nächsten Tritt in den Abgrund fallen wird, so wird sein Fall dich zum Mitfall zwingen. Und es möchte dann schwer halten, dich im Abgrund aller Nacht wiederzufinden und loszulösen von den Ketten, welche eine arge Weltliebe um dein zartes Herz geschmiedet hätte tausendfältig.
HIM|1|410528|8|0|Daher, Meine liebe Gabiela, liebe nur Mich! Ja sei oder werde ganz verliebt in Mich, gleich einer Magdalena! Und mit dem Herzen siehe nur Dem nach, den Ich dir, erfüllt mit Meiner Liebe, vorstellen werde! Jeden anderen aber achte und liebe, insoweit auch er ein Mensch ist!
HIM|1|410528|9|0|Gegen die Armen aber sei mitleidig und für die arg Irrenden und Fallenden bete zu Mir, deinem Gott und Vater, so wirst du vollkommen Meine liebe, glückliche Gabiela sein – hier und dort in Meinem Schoße ewig!
HIM|1|410528|10|0|Dieses Wörtlein sei dir ein teuerstes Angebinde zu deinem irdischen Namenstag! Und in dem Wiedervernehmen deines inneren, eigenen Namens aber bedenke, dass Ich, dein ewiger, heiliger, liebevollster Vater, dir nicht ferne bin, jetzt wie ewig! Amen.
HIM|1|410528|11|0|Gedenke Mein, liebe Gabiela! Ich, dein Vater, sage es dir, dass du Meine liebe Gabiela bist und bleiben sollst ewig! Amen, Amen, Amen.
HIM|1|410606|1|1|Leben und Tod – 6. Juni 1841
HIM|1|410606|1|0|Im Tode wirst du leben – und im Leben sterben! Und so ist das Leben im Tode – und der Tod im Leben!
HIM|1|410606|2|0|Der Tod ist das Leben. Und wer nicht hat den Tod, dem ist das Leben nicht eigen.
HIM|1|410606|3|0|Es muss über alles der Tod kommen, was da leben will, möchte und soll.
HIM|1|410606|4|0|Das Leben kommt durch den Tod, und er ist des Lebens Samenkorn!
HIM|1|410606|5|0|Wer also das liebt, dass er lebe, der fliehe das Leben, so wird er es erhalten. Denn dem Tode musst du unterliegen, sonst bist du ein „ungesäter Same“.
HIM|1|410606|6|0|Der wahrhaft tote Tod aber ist die Sünde! Amen.
HIM|1|410620|1|1|Wichtige Erziehungswinke. – 20. Juni 1841
HIM|1|410620|1|0|Es möchte Andr. H.-Willig erfahren, was mit einem „porzellanen Gefäße“ zu tun sei, so selbes durch einen unvorsichtigen Stoß irgendeinen kleinen „Sprung“ erhielt, so dass es darum nun den edlen Saft (der in diesem Gefäß erst seine volle Altersgediegenheit, gleich dem Wein, erreichen sollte) durchsickern lässt und darum auch befürchten macht, dass der edle Saft sich am Ende gänzlich verliere und im gesprungenen Gefäß nur noch die der Welt angehörigen Trebern zurückbleiben.
HIM|1|410620|2|0|Höre, es ist ein solches Gefäß schwer zusammenzukitten solange noch irgendeine Flüssigkeit darin enthalten ist und somit den Sprung beständig feucht hält, so dass der harzfette Kitt nicht angreifen mag und kann.
HIM|1|410620|3|0|Aber so du merkst, dass dein Gefäß schon einige Zeit geflossen hat, da wird es ja auch schon von ober her ein wenig leer geworden sein. Siehe, da nehme du das Gefäß und neige es also, dass die Leere gerade unter den Sprung kommt. Erwärme dann den gesprungenen Teil des Gefäßes und tue den Kitt darüber, so wird das Gefäß schon wieder zusammengreifen am Sprung. Und der zurückgebliebene edle Saft wird nicht mehr durchsickern und sich endlich ganz verlieren können, sondern wird sich wohl erhalten. Besonders wenn du noch dazu den Pfropf ausziehst und das Gefäß mit dem Saft kindlicher Liebe voll anfüllst und es dann wieder gut neu zupfropfst mit dem Pfropf klar gezeigter kindlicher Pflichten gegen Gott und gegen den Willen der Eltern.
HIM|1|410620|4|0|Aber höre, den jungen „Eckstein“ musst du zur Seite bringen! Denn sonst läuft das Gefäß stets eine neue Gefahr, mit der Zeit auch ganz zerschlagen zu werden. Du wirst es verstehen, was Ich meine!
HIM|1|410620|5|0|Es hat aber dein Weib zu wenig Kinderliebe. Und du aber kannst deines Amtes wegen nicht stets bei den Kindern sein. Wenn aber die „junge Rebe“ einmal zu treiben anfängt, dann sucht sie einen Gegenstand, dass sie ihn umranke. Sind da keine „Rebstöcke“ gesetzt, so ergreift die Rebe auch den nächstbesten Baum und umrankt denselben. Wenn aber der sein dichtes Laub dann auch getrieben hat, da wird mit der Zeit die Rebe anfangs geschwächt und wohl endlich auch oft gar zugrunde gerichtet.
HIM|1|410620|6|0|Da aber dein Weib Mangel hat an „Rebstöcken“, welche da sind die Mutterliebe, so nehme eine ehrliche Lehrerin ins Haus, d. h. die da durch Liebe, Rat und Tat deine „Weibreblein“ zu bearbeiten und durch eigenes Beispiel zur gerechten, tugendhaften Anrankung zu leiten versteht, so wirst du vieler Mühe enthoben werden, und es wird in Meinem Namen schon alles wieder gut werden.
HIM|1|410620|7|0|Für die Knaben aber nehme irgendeinen verständigen, gesetzten Mann ins Haus, der ihnen zur sittlichen und wissenschaftlichen Hilfe dient. Und nebstbei aber lasse einen befähigten sogenannten Schulinstruktor ins Haus kommen, so wirst du auch da in Meinen Namen gut fahren.
HIM|1|410620|8|0|Aber die Religion vernachlässige bei den Töchtern ja nicht und halte mit ihnen an im Gebet, desgleichen auch mit den Knaben, so wirst du bald des Segens Fülle in deinem Haus gar leichtlich bemerken.
HIM|1|410620|9|0|Und teile der Jugend die Zeit, da sie eines und das andere tun und lernen soll, fest und bestimmt ein, so wirst du sie frühzeitig an die notwendige Ordnung gewöhnen, welche die Grundfeste aller Weisheit und aller Liebe ist.
HIM|1|410620|10|0|Und also tue und glaube und liebe, so wirst du gut fahren in Meinem Namen.
HIM|1|410620|11|0|Verstehe wohl, von Wem dieser Rat kommt! Amen.
HIM|1|410624|1|1|Muttersöhnchens Erziehung – 24. Juni 1841
HIM|1|410624|1|0|Höre, deinen Sohn beherrschen drei Geister böser Art! Und da ist Nummer eins: der großherrliche Träge!
HIM|1|410624|2|0|Es sind diesem aber zwei andere beigegeben von unten her! Der eine ist stets auf Vergnügungen bedacht, beständen sie in was immer! Dieser Geist zieht zu seiner Bedeckung den Geist des Widerspruchs, der geheimen oder offenbaren Widerspenstigkeit und so auch aller Lüge und alles Truges mit.
HIM|1|410624|3|0|Siehe, der Träge ist und will keine Tätigkeit; sondern seine Sache ist: träge genießen. Der zweite ist sozusagen sein Hofnarr. Und der dritte ist die Schildwache und sorgt dafür oder muss vielmehr sorgen, dass dem sich stets süß tun wollenden Geist der Trägheit ja möglichst kein Eintrag geschehen möchte.
HIM|1|410624|4|0|Siehe, das ist die eigentliche, verborgene Ursache vom Seelenübel des Sohnes, was da eine unkundige Folge ist dessen, dass der Knabe von mütterlicher Seite, den Töchtern entgegengehalten, zu sehr fürgedeckt wurde, wodurch er als Kind insgeheim zu willensfrei geworden ist und ohne deine Gegenwart tat, was er wollte, dieweil er wohl wusste, dass seine Schwestern aus Furcht vor mütterlicher Rüge von allen den geheimen Bübereien dir nichts melden mochten und es sich auch nicht getrauen (was noch heutzutage ein wenig der Fall ist).
HIM|1|410624|5|0|Jedoch was Ich der Mutter nicht zur Last lege, das lege auch du ihr nicht zu, da die Mutterliebe zumeist völlig blind ist und neben dem Zug ihres Herzens nichts davon merkt, wie da eine Natter um die andere durch solche Blindeliebe-Wärme ausgehegt wird.
HIM|1|410624|6|0|Jedoch, da sich nun die Sache also verhält, so ist nun vor allem nötig, dem Kranken wieder zu helfen. Das aber ist das Rezept:
HIM|1|410624|7|0|Erstens, verlange für die Zukunft von allen deinen Kindern ein offenes Geständnis über ihn.
HIM|1|410624|8|0|Zweitens, lasse dem Knaben nun durchaus keinen freien Willen! Schreibe ihm darum zur Erholung eine bestimmte Beschäftigung genauest vor, die er bei strenger Ahndung pünktlichst verrichten muss, so wirst du gar bald die leere Unterhaltungslust bei ihm töten.
HIM|1|410624|9|0|Drittens, lasse ihn vor jeder Beschäftigung bei einer Viertelstunde laut beten, und zwar allezeit recht langsam und wohlbedächtig ein „Vaterunser“ und dann mehrere passende Stellen aus Psalmen Davids, aus den Propheten und so manches aus dem Buch Sirach. Dadurch wird er gar bald seiner üblen Gesellschaft loswerden.
HIM|1|410624|10|0|Und solches mag er dann beständig fortsetzen fürs ewige Leben und zur einst möglichen, sicheren Gewinnung Meiner Gnade, die mehr wiegt denn alle hohen Schulen der Schulen.
HIM|1|410624|11|0|Viertens aber musst du dich bei dir, d. h. im Herzen, ja nicht ärgern, sondern denken, Ich, dein himmlischer Vater, gebe auf der Erde allen Meinen Nachfolgern ein ihnen am allermeisten zusagendes Kreuz, darüber sie nicht murren sollen, sondern alles Mir wohl aufopfern. Tue desgleichen, so wirst du deinen Kindern ihren Weg mit Edelsteinen pflastern.
HIM|1|410624|12|0|Binde dich, fünftens, nicht allzu sehr auf den Fortgang der (weltlichen) Schule, du weißt ja ohnehin, wie viel sie bei Mir zählt! Was liegt denn daran, ob jemand um ein Jahr früher oder später der Welt zu dienen fähig wird!? Aber alles liegt daran, wie frühzeitig er Mich erkennt und Mich zu lieben anfängt! Denn nicht von der Welt, sondern von Mir kommt alles Leben!
HIM|1|410624|13|0|Sechstens sollst du nicht auf das horchen, was der Knabe möchte; denn alles solches rührt von den geheimen Einflüsterungen jener von außen einwirkenden Geister her, welche auf die eine oder die andere Art ihren Einlass bekommen möchten. Es liegt auch in der Eigen-Standeswahl allezeit Eigenliebe und Eigenwille bei den Kindern, da sie nur das werden möchten, wozu sie ihrer Sinnlichkeit wegen die meiste Neigung haben, d. h. nach dem Trieb ihrer argen, innewohnenden Geister!
HIM|1|410624|14|0|Siebentens musst du die anderen Knaben nicht minder also handhaben – den Peter wie den Paul. Und auch dem jüngsten lasse nicht sein Begehren, außer er bittet; und dann gib ihm nur so viel, als es zu seiner Eindrittel-Befriedigung erforderlich ist. Dann wird er leiblich gesund und möglichst lenksamen Willens emporwachsen.
HIM|1|410624|15|0|Siehe und beachte diese sieben Punkte genau, so wirst du alsobald andere Erfolge an deinem Knaben bemerken.
HIM|1|410624|16|0|Sage aber auch den Mädchen, dass sie ihn ruhig lassen und den Bruder nicht mit wertlosen Worten ankneifen möchten, daran nicht viel Geschwisterliebe hanget; sondern sie sollen für den noch nicht geweckten Bruder beten und ihn also lieben, statt, wie gesagt, ihn durch beständige und allerlei Kneifereien zu reizen und zu ärgern. Dein Weib aber soll sich verhalten gleich dir!
HIM|1|410624|17|0|So aber irgendeins der Geschwister den Knaben etwas Fremdes tun sieht, so soll man es dir – wie schon anfangs bemerkt – insgeheim alsogleich unverhohlen anzeigen – doch, wohlgemerkt, dass solches aus Liebe und nicht aus einer Art Anrächelung geschehe! Denn für ein rachsüchtiges Anzeigen, das etwa noch hinzulügelnd geschähe, könnte der Anzeiger von Mir empfindlich gestraft werden!
HIM|1|410624|18|0|Was dir aber immer nutzlos Tätiges an dem Knaben bemerkbar wird, dazu verbinde ihn am nächsten Tage und, sollte das nicht hinreichen, auch für mehrere Tage, dass er dasselbe pünktlich, also wie seine Schulaufgabe, bei strengster Ahndung vollziehe; und du wirst in kurzer Zeit ihn von aller sinnlichen Unterhaltungslust losmachen!
HIM|1|410624|19|0|Verstehe es wohl und handle danach! Es sind aber alle deine Kinder mehr oder weniger etwas träge in einem und dem anderen Ding. Daher habe auf alle Acht! Lasse sie ja nicht in andere Häuser, die nun allenthalben mit Nattern, Schlangen und Skorpionen angefüllt sind! Wie leicht ist da eine böse Erbschaft!
HIM|1|410624|20|0|Ich habe dir nun alles gezeigt bis auf eins. Handle danach im Glauben und in der Liebe genau, so wirst du die Kraft Meines Wortes erproben.
HIM|1|410624|21|0|Solches sagt dir dein Emanuel, hoch und über alles heilig, in aller Liebe! Amen.
HIM|1|410626A|1|1|Naturmäßige und geistige Hauserneuerung – 26. Juni 1841
HIM|1|410626A|0|0|Schreibende: K. G. L. – Andr. und Ans. H. – Frage: J. G. bittet um Aufschluss, ob und inwiefern wir uns im Geleit eines Schutzgeistes („Schutzpatrons“) befinden.
HIM|1|410626A|0|0|Hierauf antwortete der Herr gnädigst durch Seinen Knecht J. L. folgendes:
HIM|1|410626A|1|0|Je nachdem der Glaube bei den Menschen, also ist auch die Wirkung desselben beschaffen. Denn der Glaube ist dasjenige mächtige Band, durch welches der Leib, die Seele und der Geist miteinander verbunden werden.
HIM|1|410626A|2|0|Es kann aber unmöglich eine Wirkung in der Körperwelt also vor sich gehen, dass sie nicht fußen möchte auf dem Geistigen. So jemand nun irgendein Bedürfnis empfindet, d. h. solange er selbst naturmäßig mit der naturmäßigen Welt verkehrt, da sucht er auch alsobald irgendein Mittel, das da helfend entspräche seinem Bedürfnis. Da aber jeder Mensch in seinem anfänglichen Dasein notwendigerweise nur naturmäßig ist, so weiß er darob wenig vom Geistigen, noch sieht er es, noch hört er es – und das darum, weil wie gesagt, er selbst noch naturmäßig ist.
HIM|1|410626A|3|0|Wie aber alles Naturmäßige gebrechlich ist, also auch ist es der Mensch dem Leibe nach.
HIM|1|410626A|4|0|Was tut wohl ein Hausherr, wenn an seinem Haus sich Brüche oder andersartige Mängel zeigen, welche ihn befürchten lassen, dass, wenn er dem nicht alsobald abhilft, das Haus am Ende also locker werde, dass es auch nicht einer kleinen Erschütterung Widerstand leisten möchte? Wird der Hausherr hier nicht alsobald nach den geeigneten Mitteln greifen, um seinem Haus wieder die gehörige Festigung zu geben? Er wird solches sicher tun, insofern er nicht lau ist und wohl achtet der Schadhaftigkeit seines Hauses.
HIM|1|410626A|5|0|Was meint ihr denn, welche Mittel dieser Hausherr ergreifen möchte? Ihr dürftet nicht lange raten, und sobald werdet ihr ihn finden, wie er sein Haus untersuchen lässt von einem Bauverständigen. Wenn aber der Bauvertändige zu dem Hausherrn sagt: „Höre, du mein Freund! Mit deinem Haus sieht es übel aus! Denn der Fehler, der sich da zeigt an den Wänden, rührt her von dem schlechten Grund. Was nützt es dir, so ich die zersprungenen Wände mit Mörtel überwerfen lasse und verputze es also von außen wie von innen!? So da ein allerleisester Erdstoß kommen wird, dann wird es dich samt den Deinigen unter dem Schutt begraben.“
HIM|1|410626A|6|0|So aber der Hausherr solches üble Zeugnis vernimmt von dem Baukundigen, da wird er kleinmütig über die große Schadhaftigkeit seines Hauses und beratet bei sich selbst: „Was soll ich nun tun? Soll ich diesem Bauverständigen glauben, das Haus ganz niederreißen und vom Grund aus ein neues bauen, was doch mit bedeutenden Unkosten verbunden ist? Oder soll ich noch andere Verständige in diesem Fach herbeiziehen und mein leckes Haus ferneren Untersuchungen überlassen?“
HIM|1|410626A|7|0|Nachdem er solches gedacht, beratet er also mit sich: „Was des ersten Baukundigen Rat betrifft, so ist der an und für sich wahr. Aber wenn es sich dabei um das Aufbauen eines neuen Hauses handelt, so ist er für die Reparatur dieses lecken nicht brauchbar. Denn ein neues Haus lässt sich überall aufbauen; hier aber handelt es sich um die nötige Ausbesserung des bestehenden schadhaften!“
HIM|1|410626A|8|0|Also wird zu einer neuen Beratung geschritten, dazu nicht nur einer, sondern mehrere Baumeister herbeigezogen werden. Nun entscheiden aber einige wie der erste. Andere aber schlagen Mittel vor, wie dieses Haus wieder also hergestellt werden kann, dass es so fest wird wie ein neues, vom festen Grund.
HIM|1|410626A|9|0|Was meinet nun ihr, für welchen Rat sich der Hausherr beifällig entschließen wird? Sicher für keinen anderen, als für den zweiten Rat.
HIM|1|410626A|10|0|Nun seht, eines jeden Menschen Leib ist nichts anderes als ein bewegliches Haus des Geistes.
HIM|1|410626A|11|0|Diesem Haus drohen oft mannigfaltige Gefahren. Diese Gefahren sind gewisserart schon wirkliche Risse in dem Haus oder sind so gestellt, dass das Haus vermöge der Erfahrungen an anderen Häusern irgend lebensgefährliche Risse erhalten möchte.
HIM|1|410626A|12|0|Da der naturmäßige Mensch solches wohl sieht, was ist dabei auch wohl natürlicher, als dass er sich mit allerlei beratet, auf welche füglichste Art und Weise er sein entweder schon zerklüftetes Haus wieder herstellen könnte, als wäre es ein neues, oder, wenn er andere zerklüftete Häuser sieht aus seinem noch unzerklüfteten, er dann denkt, wie er sein Haus verwahren möchte vor Beschädigungen.
HIM|1|410626A|13|0|Auch er wendet sich zuerst – nach dem Rat des Wortes, das Ich da gesprochen habe zu allen Menschen – an Mich, als den Hauptbaumeister. Aber dieser Baumeister verlangt, dass das morsche Haus gänzlich niedergerissen und auf dessen Stelle ein neues und festes vom Grund aus erbaut werde.
HIM|1|410626A|14|0|Allein ein solcher Rat kostet den Hausherrn zu viel. Daher wendet er sich auch an andere, wenigstens seiner Meinung nach, Bauverständige. Von denen raten ihm viele also wie der Hauptbaumeister, darum sie auch nicht seinen Beifall haben. Andere aber, die nicht mit dem großen Baumeister sich an dem Wort fest und ungezweifelt halten, geben ihm den Rat der Ausbesserung, wodurch er gleichsam sein Haus gleich einem neuen erhalten und befestigen könne – welchen Rat der dadurch hinters Licht geführte Hausherr auch zuerst befolgt.
HIM|1|410626A|15|0|Was meinet ihr aber, ist dieser Rat wohl ein guter Rat? Für den Hausbesitzer ist er wohl gut, da er seinem Wunsch entspricht. An und für sich aber ist er nicht gut, weil das Haus nur eine scheinbare, aber keine wirkliche Festigkeit erlangt.
HIM|1|410626A|16|0|Seht hier die Wirkung des Glaubens! Dieses Band verbindet nun den Hausbesitzer mit dem Bedürfnis des Hauses selbst und mit der ihm gar nicht zu kostspieligen Hilfe desselben. Aber wie der Glaube, so auch die Hilfe! Fragt euch aber selbst, wie sich solches bei Mir ausnimmt?
HIM|1|410626A|17|0|Ich will euch ein kleines Gleichnis geben, und es soll euch zu einem geistigen Spiegel dienen, darinnen ihr ersehen sollt das Bild eines kostenscheuenden Hausbesitzers, wie es ihm am Ende eine bei weitem größere Mühe und Arbeit kostet, wenn er sein Haus verschmiert, statt dass er selbes alsobald abbrechen und unter der Leitung des großen Baumeisters ein neues, festes Haus aufbauen möchte.
HIM|1|410626A|18|0|Dieses aber ist das Gleichnis: Jemand ist in dem vollsten, überzeugtesten Bewusstsein, dass der Monarch eines Staates ein so herablassender, guter Mensch ist, demnach ein jeder, der bei ihm etwas ansucht, es ohne alle weitere Beanstandung erhält. Trotz dieser Wissenschaft aber getraut sich der Bedürftige nicht vor die Schwelle des Monarchen, sondern kriecht bei allen Hofleuten herum, welche ihm endlich den Zutritt zum Monarchen also erschweren, dass es ihm eine platte Unmöglichkeit scheint, je zu dem Monarchen zu gelangen und noch weniger vom selben etwas zu empfangen.
HIM|1|410626A|19|0|Daher bleibt er dann auch bei den Hofleuten stehen und sucht alles bei denselben und korrespondiert in der unbegreiflichsten Kriecherei mit dem Monarchen.
HIM|1|410626A|20|0|Der Monarch aber sieht solche Zaghaftigkeit; und damit dem Supplikanten kein Zwang angetan werden möchte, so lässt er es auch bei dieser demütigen Kriecherei bewenden bis zur Zeit, da es dem Monarchen zu bunt wird, dass sich bei aller seiner unbegrenzten Güte und Herablassung die armen Menschen verleiten lassen, durch andere gewinnsüchtige Mäkler den Haupthelfer zu scheuen und Hilfe zu suchen bei denen, die nie helfen können und, wenn sie es auch könnten, nicht helfen wollen, weil sie eigennützig sind, und auch darum nicht, weil der Monarch sie übel ansehen würde, so sie sich etwas anmaßen möchten, das doch allezeit nur einzig und allein die Sache des Monarchen selbst war, ist und sein wird.
HIM|1|410626A|21|0|Seht, wie dieses Gleichnis zeigt, also steht es mit dem Menschen, der irgendwo anders Hilfe sucht, als allein bei Mir.
HIM|1|410626B|1|1|Vom einzig wahren „Schutzpatron“ – 26. Juni 1841
HIM|1|410626B|1|0|So jemand an die Hilfe und Führung von gewissen Schutzgeistern und Engeln glaubt, der ist gleich dem, der da wohl kennt den Monarchen, dass er überaus gut ist, aber aus Furcht, es möchte dem Monarchen vielleicht doch nicht recht sein, dass er ihn selbst belästigen würde mit seiner vermeintlichen Ungeschicklichkeit, so schlingt er sein Band um andere Schutz- und Hilfswesen und glaubt am Ende, dass diese ihm in allem Ernst allein geholfen oder ihn vor Gefahren geschützt haben, während doch nur der Monarch als der Hauptbauherr dem Schwachgläubigen seine Hilfe und seinen Schutz durch diejenigen hat zuteilwerden lassen, auf welche sich der Schwachgläubige berufen hat.
HIM|1|410626B|2|0|Denkt das einmal so recht in euch! Ihr wisst, dass alle Menschen und alle Geister und Engel nichts sind, als von Mir frei getragene Gedanken, die allezeit ihr Leben und ihr alles aus Mir haben, und zwar ein jeder so viel, als es Meiner ewigen Ordnung gemäß für ihn gerade am zweckdienlichsten ist.
HIM|1|410626B|3|0|Wenn aber nun einer kommt zu dem anderen und sagt ihm: „Helfe mir in diesem und jenem!“ – und wenn dann der andere dem Anrufenden wie aus sich helfen will, ist das nicht gerade so, wie wenn ein Blinder den anderen führen und ein Toter dem anderen das Leben einhauchen oder ein Übertrauriger den anderen Übertraurigen trösten möchte?
HIM|1|410626B|4|0|Ich sage euch, es hat jeder Mensch, Geist und Engel genug, dass er für sich steht, und hat auch nicht ein Atom mehr, dass er aus sich für einen anderen stehen könnte.
HIM|1|410626B|5|0|Wer aber zu Mir kommt, mit was immer für einem Bedürfnis und schlingt das lebendige Band des Glaubens um Mich, den allein Lebendigen, wie soll dem nicht werden, darum er sich mit Mir durch den lebendigen Glauben verband?
HIM|1|410626B|6|0|Es gibt demnach auf dem Weg der reinen Wahrheit nur einen einzigen wahren Schutzgeist – und dieser bin Ich Selbst!
HIM|1|410626B|7|0|Alle anderen „Schutzgeister“ rühren her von einem durch gewinnsüchtige Anstalt der äußeren Kirche hervorgerufenen Schwachglauben.
HIM|1|410626B|8|0|Da sich aber Menschen darauf berufen haben, sich noch jetzt berufen und in der Zukunft berufen werden, so bleibt vorderhand, um die Freiheit der Menschen unbeschadet zu lassen, nichts anderes übrig, als den Schwachgläubigen auf dem Weg der vermeintlichen Dazwischenkunft (Mittlerschaft) Meine Hilfe und Vorsehung angedeihen zu lassen.
HIM|1|410626B|9|0|Auf der anderen Seite müsst ihr aber nicht denken, dass darob die Liebetätigkeit der Seligen aufhört. Sie ist nur nicht also beschaffen, wie es der Schwachglaube lehrt. Sondern weil alle die Seligen in Mir sind, wie Ich in ihnen, so sind sie auch von einer und derselben Liebe ihres heiligen Vaters beseligt und für alle ewige Zeiten belebt.
HIM|1|410626B|10|0|Es lebt nicht ein Mensch auf dieser Erde, dem nicht Geister aus einer besseren Welt beigegeben wären. Und diese Geister sind auch beständig bemüht, denjenigen, zu dem sie beschieden sind, zum Licht und zum Leben alles Lebens zu führen.
HIM|1|410626B|11|0|Aber woher rührt und was ist dieses überaus liebtätige Bestreben solcher Geister? Bin nicht Ich es, der alles dieses in ihnen wirkt?
HIM|1|410626B|12|0|Wie ist es hernach doch ungerecht, wenn der Mensch Mich umgeht und Hilfe sucht bei denen, die aus sich nichts haben, sondern alles nur aus Mir!
HIM|1|410626B|13|0|Was will aber der Mensch anderwärts suchen, wenn er weiß, dass Ich als der Allerhöchste mit ihm ein Mensch, ja ein Bruder sogar werden mochte, damit er daraus ersehen sollte, dass Ich, mehr denn ein jeder Mensch, von ganzem Herzen demütig und sanftmütig und überaus herablassend bin und nicht bin ein Gott in der Ferne, sondern ein Vater und Bruder euch zuallernächst – so dass euer eigenes Leben euch ferner ist, als Ich Selbst.
HIM|1|410626B|14|0|Es sei denn, dass der Mensch im Ernst lebensscheu geworden ist und hat sich mit dem Tode befreundet, dass er dann nicht mag das wahre Leben ergreifen und greift in die Ferne und durch große Umwege nach dem, was ihm doch zuallernächst ist und ihn beständig sozusagen auf den Händen trägt. Denn auf eine andere Art möchte es wohl die höchste Weisheit (gleich also wie einen viereckigen Kreis) als rein unmöglich finden, dass ein Mensch, der das Leben liebt, es nicht vor allem (da er es doch kann, so er es nur will) in der Wurzel erfassen möchte.
HIM|1|410626B|15|0|Geht aber zurück und fragt ein jegliches Evangelium, fragt alle Apostel und andere Verbreiter Meines Wortes und zeigt Mir irgendeine Stelle, in welcher da gelehrt wurde, sich auch an gewisse „Schutzgeister“ neben Mir zu halten. Oder heißt es im Evangelium nicht vielmehr: „Kommt alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, denn Ich will euch alle erquicken!“
HIM|1|410626B|16|0|Ist in dieser Einladung jemand ausgenommen oder jemand dem Schutz der Engel anbefohlen? Gewiss nicht! Was da gesagt ist, ist gesagt für die ganze Unendlichkeit und für die ganze Ewigkeit!
HIM|1|410626B|17|0|Wer aber von euch möchte dann noch behaupten, dass dieses Mein Wort nicht vollkommen ist, oder dass Ich damals nicht alles gehörig erwogen habe und Mich erst in späterer Zeit eines Besseren besonnen? Eine solche Mutmaßung würde sogar jeden weltlichen Herrscher ärgerlich machen, der doch unvollkommen ist in jeglichem Wort aus sich. Wie möchte sie dann, auf Mich angewendet, sich ausnehmen!?
HIM|1|410626B|18|0|Seht, daher ist ein solcher (Schutzpatronen-)Glaube gleich einer Schmarotzerpflanze auf dem Baum des Lebens. Wer aber möchte behaupten, dass die Schmarotzerpflanze von irgendwo anders, denn aus dem Baum, auf dem sie sitzt, ihr Leben saugt?
HIM|1|410626B|19|0|Was aber ist die Frucht des Baumes, und was die Frucht der Schmarotzerpflanze? Nur auf dem Baum wächst die wahre Frucht. Wer sie isst, dem gereicht sie zum Leben. Aber was die Frucht der Schmarotzerpflanze betrifft, so kann ihr Saft höchstens dazu dienen, um, wenn es möglich wäre, selbst die Vögel des Himmels für den Tod zu fangen.
HIM|1|410626B|20|0|Seht, also geht es mit allem, was nicht mit Mir sich verbindet, d. h. das nicht mit Mir vom Grund aus auferbaut wird! Da ist das eine entweder ein übertünchtes Haus oder es ist eine Schmarotzerpflanze auf dem Baum des Lebens, wovon eines so viel nütze ist wie das andere.
HIM|1|410626B|21|0|Ich allein bin der Weg, die Wahrheit und das Leben! Wer nicht mit Mir sammelt, der zerstreut!
HIM|1|410626B|22|0|Eine Rebe, die vom Weinstock getrennt ist, wird sie nicht alsobald verdorren und nie eine Frucht bringen? Wer daher etwas benötiget, der komme zu Mir und glaube, so wird er es erhalten!
HIM|1|410626B|23|0|Wen irgendein Zweifel drückt, der denke, dass der Zweifel nur eine Folge dessen ist, dass jemand nicht mit Mir wandelt und sich nicht von Mir ziehen lässt. Wer aber einen Zweifel hat, der komme zu Mir und glaube, so wird ihm Licht werden in dem, worüber er gezweifelt hat.
HIM|1|410626B|24|0|Wer da blind ist und taub und lahm und gichtbrüchig und stumm und besessen, der komme zu Mir und glaube, so wird er gewiss die allersicherste Hilfe finden!
HIM|1|410626B|25|0|Aber wohlgemerkt, Ich bin kein kleiner, sondern ein übergroßer Gott. Wer Mich daher erfassen will, der breite seine Arme weit aus, d. h. der muss Mich vollkommen umfassen und nicht nur denken, dass Ich helfen könnte, so Ich wollte. Sondern er muss denken, dass Ich auch allezeit am allermeisten helfen will. Wenn er solches in sich vereinigen wird, so wird sein Glaube erst recht lebendig.
HIM|1|410626B|26|0|Es dürfte aber vielleicht, d. h. nach eurem Maßstab gesprochen, hie und da manchem beifallen, dass er seinen Glauben bezöge auf so manche Schutzgeister-Erscheinungen, besonders auf die im Reich des sogenannten Somnambulismus vorkommenden.
HIM|1|410626B|27|0|Da sage Ich: Diese bei solcher Gelegenheit vorkommenden schutzgeisterhaften Erscheinungen sind nichts anderes als Schöpfungen des eigenen Glaubens und haben große Ähnlichkeit mit jenen Träumen, in welchen dem Menschen unter allerlei Umständen das bildlich und lebendig zu Gesicht kommt, worüber er im wachen Zustand äußerst lebhaft, nicht in seinem Verstand, sondern in seinem Gemüt, gedacht hat.
HIM|1|410626B|28|0|Wie aber auf der einen Seite diese Traumgebilde etwas sind, so ist auch solche besagte Erscheinung bei den Somnambulen nicht bloß eine leere Erscheinung, sondern sie ist auch etwas Wirkliches. Aber was ist dieses Wirkliche? Dieses Wirkliche ist nichts als eine Schöpfung des eigenen Glaubens in Verbindung mit der alles realisierenden Liebe.
HIM|1|410626B|29|0|Denn es kann kein Mensch bei was immer eine Hilfe suchen, dass er nicht zuvor glaubte und dann dasselbe mit seinem Gemüt liebend und vertrauend umfasste. Und es kann schon ein materieller Bildner keine Figur zuwege bringen, die er nicht zuvor gewisserart in sich selbst erschaffen hat.
HIM|1|410626B|30|0|Wie hat er es aber erschaffen? Er dachte sich zuerst irgendeinen Gegenstand. Dieser Gegenstand behagte ihm. Da er ihm aber behagt, so erfasst er ihn in seinem Gemüt und ward gewisserart verliebt in seine Idee. Wie er aber seine Idee mit der Liebe umfasst hat, so wird er sie auch, wenn er anders die Fähigkeit dazu besitzt, unfehlbar ins Werk setzen.
HIM|1|410626B|31|0|Nun seht, also geht es mit allen Erscheinlichkeiten, besonders in dem sogenannten somnambulen Zustand, in welchem nur dann die Gesichtstäuschungen aufhören und die Eigenschöpfungen sich wie Nebel verflüchtigen, wenn nicht nur die Seele, sondern der lebendige Geist der Somnambulen erwacht, in welchem Zustand (der freilich etwas selten vorkommt) dann die Somnambulen gar wenig mehr von all den früher beobachteten „Schutzgeistern“ usw. Erwähnung machen werden, da der Geist im klaren Schauen nur den einzigen und alleinigen großen Schutzgeist aller Schutzgeister sieht, hört und anerkennt.
HIM|1|410626B|32|0|Was aber neben den somnambulen (Schutzgeister-)Erscheinungen noch jene mönchschwärmerischen betrifft, da werdet ihr doch schon selbst so viel weise Klugheit besitzen und nicht, gleich den Heiden, des übertörichten Glaubens sein, alle diese Schwärmereien an der lichtvollsten Seite Meines Wortes als bare Münze anzunehmen und am Ende gar noch eines Viertelsglaubens sein, als könnten sogar hölzerne, steinerne und gemalte Bilder von gewissen „Schutzpatronen“ euch eine Hilfe leisten.
HIM|1|410626B|33|0|Ich sage euch: Ein solcher Glaube ist nicht um ein Haar besser als jener der Baalsdiener! Wenn der lebendige Mensch schon seinem Bruder nicht helfen kann, und es in der Schrift heißt, dass alle Menschenhilfe nichts nütze – was sollte da erst ein geschnitztes Holz oder eine andersartige tote Materie leisten?
HIM|1|410626B|34|0|Oder möchtet ihr etwa gar der Meinung sein, es stecken bei solchen helfenden Gelegenheiten die „Schutzgeister“ selbst in ihren materiellen Abbildern? Davon mag euch dieses wenige zur Übergenüge verneinend überzeugen.
HIM|1|410626B|35|0|Nehmet z. B. das beste Bild, das Mich Selbst am Kreuz hängend darstellt, zählt alle die Kruzifixe in der katholischen und auch anderen christlichen Welt, deren es schon manches Mal in einem einzigen Haus mehrere Dutzende gibt von verschiedener Größe – sollten nun alle diese Bilder zusammen mehr helfen als eines, oder sollten die größeren mehr Kraft haben als die kleineren?
HIM|1|410626B|36|0|Oder sollten vielleicht die geweihten Christusse kräftiger sein als die ungeweihten – und das geweihte Bild in einem Hochaltar noch bei weitem kräftiger, als ein anderes in einer Seitenkapelle?! Seht ihr die Albernheit nicht auf den ersten Blick?
HIM|1|410626B|37|0|Wenn aber schon Ich, als der lebendige Helfer Selbst, keines Menschen, ja nicht einmal eines Engels und noch viel weniger eines geschnitzten Bildes bedarf (denn so Ich helfe, da helfe Ich im Geist und in der Wahrheit, nicht aber im Holz, im Stein und in der Farbe!) – was können demnach erst die Abbilder der „Schutzgeister“ für Kraft und Wirkung haben, da die „Schutzgeister“ selbst an und für sich durchaus keine helfende Kraft und Wirkung haben?
HIM|1|410626B|38|0|Setzen wir aber den Fall, sie hätten nach dem Schwachglauben irgendeine helfende Kraft aus sich, würden aber angefleht zu gleicher Zeit von vielen hunderttausend Menschen, die da knien vor ihren Bildnissen – wie müsste da ein solcher unteilbarer Schutzgeist durch alle seine Bildnisse herumblitzen, um mit seiner Hilfe nirgends zu spät zu kommen!
HIM|1|410626B|39|0|Oder meint ihr, ein Geist kann überall gleichzeitig gegenwärtig sein? Der ewige Geist kann solches wohl, da alle Dinge in Ihm sind. Aber ein geschaffener Geist wird solches ewig nie können, dieweil er, im Verhältnis zu Mir, nur ein endlicher Geist ist.
HIM|1|410626B|40|0|Welcher Mensch aber kann tausend Gedanken auf einmal denken? Es ist aber das Denken ja nur ein Werk des Geistes und ein Schauen der Seele, die da in sich aufnimmt entweder die Gedanken oder, besser, die geistigen Werke aus dem Geist, wie äußerlich die großen Gedanken oder sichtbaren Werke des ewigen Gottesgeistes. So aber in euch der Geist nur einfach oder nacheinander einen Gedanken um den anderen denken kann, so ist er ja selbst nur einfach und unteilbar und kann dadurch Meine Werke, die Ich mit einem Gedanken in der größten Klarheit festhalte, nur nach und nach erschauen und wird mit diesem Erschauen auch in alle Ewigkeiten nicht fertig werden. Wie möchte er erst hernach als irgendein „Schutzpatron“ in all den Bildnissen gleichkräftig helfend und auch gleichzeitig zugegen sein?
HIM|1|410626B|41|0|Es werden aber die (Menschen-)Geister, die in die andere Welt gelangt sind, nur mühsam geheilt von dieser Schutzgeister-Krankheit. Und es geschieht sehr oft, dass ihnen alle die vermeintlichen „Schutzgeister“ müssen aus dem Weg geräumt werden. Denn wenn solches nicht geschähe, so würden Mich die meisten Römisch-Katholischen fliehen und sich zu ihren Schutzgeistern wenden.
HIM|1|410626B|42|0|Ich darf nicht weit zurückgreifen, sondern gerade jetzt, da ihr dieses schreibt, rennen die armen Geister bunt durcheinander und suchen ihre „Patrone“ mit allem Eifer. Mich aber, der Ich ihnen sichtbar wie ein Bruder und liebevollster Vater entgegenkomme und ihnen zurufe, dass nur Ich es bin, den allein sie zu suchen und zu finden haben, Mich fliehen sie in allem Ernst, und die Mutigeren bitten Mich sogar, Ich möchte sie zu ihren Schutzgeistern bringen.
HIM|1|410626B|43|0|Seht, wenn solche Torheit sogar bei den Geistern, die schon jenseits wohnen, sich also stark vorfindet, welche Belege gegen solche Torheit mögen dann wohl all die („Schutzgeister-)Erscheinungen“ auf dieser materiellen Welt liefern, und zwar dem, der nach dem Geist der lebendigen Liebe und der lebendigen Wahrheit im Glauben trachtet?
HIM|1|410626B|44|0|Daher, so euer Haus schadhaft ist oder ihr irgendeinen Schaden befürchtet, so wendet euch nur allezeit an Mich, der Ich bin der allerverständigste Seelenhausbaumeister und der am sichersten helfende Schutzgeist aller Schutzgeister – und ihr könnt versichert sein, dass, wenn Ich ein Haus niederreiße, Ich es auch zu den allerbilligsten Preisen und am allerehesten werde gewiss fest genug wieder aufzubauen vermögen.
HIM|1|410626B|45|0|Und denkt, dass ein Monarch wie Ich durchaus keine Vermittler benötigt, sondern: Ich bin alles in allem Selbst!
HIM|1|410626B|46|0|Und wer zu Mir will, der komme, und er wird Mich allzeit zu Hause treffen, und zwar gerade also, wie wenn Ich nichts zu tun hätte, als dem Mich Suchenden allein zu dienen.
HIM|1|410626B|47|0|Also vertraut und baut auf Mich! Denn Ich bin ein fester Grund!
HIM|1|410626B|48|0|Wer auf diesen Grund baut, dessen Haus wird ewig nimmer leck werden. Denn wer das Material aus Mir nimmt, der hat es lebendig, wie Ich Selbst der allein Lebendige bin und das Leben gebe jedem, der es bei Mir sucht.
HIM|1|410626B|49|0|Sucht es auch ihr bei Mir, so werdet ihr leben ewig! Amen. Das sagt, der allein das Leben hat und gibt. Amen.
HIM|1|410627A|1|1|Ruf aus der Tiefe – 27. Juni 1841
HIM|1|410627A|1|0|O mein Gott und Herr, mein allergeliebtester Herr Jesu! Siehe, es kommen nun über mich allerlei Trübsale und Bedrängnisse. Ich achte nicht derer des Leibes, sondern derer der Seele. O Herr, Du kennst sie alle und Dir ist wohlbekannt alles Ungemach meiner Seele und jegliche Krankheit! O Du allerbarmender Jesus, Du Helfer aller Helfer, Du Führer der Führer, Du sanftester Lehrer und allerbester Hirte, der Du jegliches verlorene Schaf so lange suchst, bis es gefunden wird fürs ewige Leben – o komme, komme, komme auch zu mir armem, schwachem Sünder und wertlosem Knecht und richte gnädigst wieder auf meine darniederliegende Seele, die da noch ist ein großer Schwächling in der Liebe zu Dir!
HIM|1|410627A|2|0|O gib, dass ich vermöchte Dich, meinen geliebtesten Jesus, unendlichmal mehr zu lieben, denn alles, alles in der Welt!
HIM|1|410627A|3|0|O Herr Jesus, siehe, mein Herz ist bedrückt durch so manches undankbare, unüberlegte Wort aus dem Munde derer, gegen die Du doch allezeit so liebevoll bereitwilligst Dich zeigtest und die Du aufsuchtest, da sie standen über den Abgründen, und sie alsogleich leitetest auf den sicheren Weg Deiner Gnade und Erbarmung. O befreie mein Herz von solchem Druck und lasse mich eher ziehen von dannen bis ans Ende der Welt, als dass ich erleben muss, dass Dein heiliges Wort von jemandem auch nur im Allergeringsten gelästert werden sollte entweder durch den Verstand, der Deine Weisheit nicht mag und kann erfassen, oder durch den Unglauben, der da über alles spottet und alles verlästert, was da über seine Leibesbedürfnisse hinausgeht.
HIM|1|410627A|4|0|O mein Gott und mein Herr, mein allergeliebtester Jesus, erbarme Dich meiner, tröste mich in meiner Not, auf dass ich wieder aufleben möchte und sei voll munterer Tätigkeit nach Deinem allerheiligsten Willen!
HIM|1|410627A|5|0|Tröste und stärke aber alle, die da angenommen haben Deine große Gnade und Erbarmung in dieser allerfinstersten Zeit, in welcher Sonne und Mond keinen Schein mehr geben und alle Sterne schon lange vom Himmel gefallen sind, wodurch die Erde gleich einer Hölle geworden ist, in welcher Eigenliebe, Stolz, Hoffart, Lüge, Trug und allerlei schändliche Bosheit herrschen.
HIM|1|410627A|6|0|O lasse sie nicht fallen, die Wenigen; sondern ergreife sie und lasse allergnädigst auch auf das Auge ihres Geistes einen Strahl Deines übersanften, ja über alle Himmel erhabenen Lichtes fallen, auf dass sie künftighin mehr und mehr erkennen möchten die innere geistige und himmlische Tiefe und Erhabenheit Deiner durch meine Hand und Feder darniedersteigenden unaussprechlichen (und von meiner Seite allerunverdientesten) Gnade und Erbarmung! Amen.
HIM|1|410627A|7|0|Aber nur allezeit Dein allerheiligster Wille geschehe! Amen.
HIM|1|410627B|1|1|Antwort aus der Höhe – 27. Juni 1841
HIM|1|410627B|1|0|Sei ruhig und mache dich nicht selbst untätig dadurch, dass die Menschen nicht so weise und mächtig werden können, wie Ich Selbst es bin und ewig sein werde!
HIM|1|410627B|2|0|Denn siehe, wo ist der, der da möchte mit Mir einen Weisheitskampf beginnen, und das noch dazu mit dem Weltverstand!? Wahrlich Ich sage dir, der täte gleichwohl viel klüger, so er hinge eine Angel an eine Fischerschnur und hielte dieselbe auf einer langen Stange hoch in die Luft empor, um damit Sterne vom Himmel gleich Fischen zu fangen, als dass er ausspannte das morsche Netz seines Verstandes, um in selbes Meine ewige Weisheit zu fangen und sie dann zu zerlegen nach seinem Belieben!
HIM|1|410627B|3|0|So aber Meine Gabe allzeit eine doppelte ist, nämlich aus der Liebe und aus der Weisheit – ist denn da nicht für jeden klar zu ersehen, dass nur das der Liebe Entstammende für die Kinder wahrhaft ein „Brot“ zum ewigen Leben ist!? Der „Wein“ der Weisheit wird nur gegeben zur Dämpfung des Weltverstandes, damit der Mensch daraus erschaue, dass all sein törichtes Wissen an diesem „Eckstein“ scheitert, der da ist ein wahrer saurer „Weinstein“, ein Stein jeglichen Anstoßes!
HIM|1|410627B|4|0|Wenn Jesus zu euch redet im Herzen und predigt euch Seine Erbarmung, so mögt ihr es verstehen, auf dass ihr zum Leben gelangen mögt. So euch der Vater zieht, auch da mögt ihr erkennen Seine Stimme. Wenn aber der Geist Gottes über euch kommt und lehrt euch Weisheit, da glaubt ihr, so euer Verstand die unerreichbare Höhe und Tiefe nicht zu fassen vermag, der Geist Gottes sei entweder mit sich selbst im Widerspruch, oder das Werkzeug, durch welches der Geist geredet hat, sei schlecht und gebe das Wort anders, als es dasselbe vernommen habe. Merkt ihr aber dabei denn nicht, dass ihr dadurch widerstrebt dem Geist!?
HIM|1|410627B|5|0|Was ist denn wohl ärger, zu hadern mit dem Geist der ewigen Weisheit, oder zu behaupten durch ein Wort des Verstandes, der Geist habe sich ein untüchtiges Werkzeug gewählt, oder gar zu meinen, der vermittelnde Mensch ziehe sich alles eigenmächtig aus seinen Fingern, was ebenso viel ist wie die Behauptung, dass sich die Welt und auch alles, was auf ihr ist, selbst erschaffen habe.
HIM|1|410627B|6|0|Es sagt der ungläubige Mensch: „Wenn die Sache nicht eine mathematische Gewissheit hat, wer kann sie dann als vollkommen wahr annehmen? Zweimal zwei ist vier – das ist eine ausgemachte Wahrheit und ist daher jedermann einleuchtend!“
HIM|1|410627B|7|0|Ich sage aber: Siehe zu, du Einmaleinsweiser, dass deine gar so sichere Weisheit nicht zu großen Schanden wird! Denn wenn Du von der Rechenkunde nichts weiter verstehst, als nur dass zweimal zwei vier ist – fürwahr, da hast Du Weisheit genug, um ein Öchsler zu werden! – Wie kann jemand Mir mit solcher Ziffernweisheit kommen, um Mich dadurch der Wahr- und Weisheit wegen herauszufordern, da er doch noch nie eingesehen hat und auch nie einsehen wird, dass zweimal zwei auch ebenso gut fünf, sechs, sieben, acht, neun oder so weiter ins Unendliche jedes beliebige Produkt geben kann.
HIM|1|410627B|8|0|O der Eitelkeit des blinden Menschen! Was alles die Menschen doch wissen und wie scharf bezeichnend ihre Urteile sind! Den Himmel bemessen sie mit dem Zirkel, stechen meine Sonnen gleich Erbsen vom Himmel herab und schauen sie dann mit dem scharfen Mikroskop ihres Weltverstandes also durch und durch an, dass ihnen nach ihrer Meinung beinahe kein Atom entgeht! Die Größe, Entfernung, Bewegung und den Zweck der Gestirne zu bestimmen, ist ihnen nur ein reiner Spaß! Und das alles darum, weil sie wissen, dass zweimal zwei gleich vier ist. Ja, das heißt doch, es in der Weisheit weit gebracht zu haben!
HIM|1|410627B|9|0|Zwei Dinge gehen ihnen jedoch zur vollen, Mich beinahe übertreffenden Weisheit noch ab – und zwar: die „Quadratur des Kreises“ und das sogenannte „Perpetuum mobile“. Haben sie das, so wird es mit Mir aus sein! Wenn Ich einer Furcht fähig wäre, so könnte Ich Mich beinahe ein wenig zu fürchten anfangen, die Menschen möchten dann etwa wieder einen ganz fein ausgedachten „babylonischen Turm“ zu bauen beginnen, welcher gefährliche Bau jetzt nicht einmal mehr durch eine Zungenverwirrung aufzuhalten wäre, da es nun Dolmetscher in allen Sprachen gibt! Oder sie könnten wohl auch gar mit der scharf zunehmenden Weisheit Eisenbahnen, wo nicht gar Luftdampfschiffe nach allen Sternen errichten und dann etwa gar einen Sirius oder noch eine andere, größere und wahrscheinlich auch goldreichere Zentralsonne, gleich dem Lande China, blockieren und scharf beschießen – etwa gar aus zweitausend Achtundvierzigpfündern!
HIM|1|410627B|10|0|Siehe, was alles Ich zu befürchten habe! Und womit werde Ich Mich da verteidigen, da Ich im Himmel wirklich keine Kanonen, Bomben, Granaten, Haubitzen und Kartätschen habe!? Die Chinesen werden unterjocht und haben doch Schanzen und Batterien – wie werden sich da die batterielosen Sterne erwehren!?
HIM|1|410627B|11|0|Siehe, welche Gefahren – und das alles, weil zweimal zwei gleich vier ist! Wäre Ich gleich dir, so möchte auch Ich vielleicht ausrufen und sagen: „Gott sei Dank, dass die Menschen die „Quadratur des Kreises“ und das „Perpetuum mobile“ noch nicht entdeckt haben und auch nie entdecken werden! Denn im Falle dieser Entdeckungen wäre das Unglück fertig!
HIM|1|410627B|12|0|Es gibt aber schon jetzt Menschen in Nordamerika und auch in England, die Mich darum leugnen und Mir Mein Dasein streitig machen, weil Ich bei der Erschaffung der Erde die Anlegung der überaus zweckmäßigen Eisenbahnen ganz und gar vergessen habe. Wie hätte denn einem höchstweisen Gott so etwas nicht einfallen sollen?! Wenn der Mensch schon aus lauter Industrie zusammengesetzt zu sein scheint, wie sollte es Gott nicht sein, so Er wäre und das All erschaffen hätte!? Da aber in der Natur nirgends Eisenbahnen und vielleicht auch keine Dampfschiffe anzutreffen sind, so kann es auch keinen Gott geben, der doch gewiss auch alles erschaffen hätte, wenn Er irgendeiner wäre! Siehe, welche Weisheit sogar in den Eisenbahnen!
HIM|1|410627B|13|0|Ich sage dir aber: Sei mit Mir ohne Furcht! Habe Ich auch keine Geschütze und keine Dampf- und Linienschiffe, so habe Ich aber doch eine sehr starke Lunge und eine Zunge am rechten Fleck! Und Mein Odem ist stärker als alle Kanonen! Und durch Meine Zunge soll jede menschliche Weisheit zu Tode geredet werden!
HIM|1|410627B|14|0|Bringe du daher nur stets fleißig aufs Papier, was du vernimmst! Denn darum gebe Ich es dir, damit Ich der Welt dadurch einen neuen Eck- und Grenzstein setze, über den viele fallen werden, die nicht auf den darin bezeichneten Wegen der Demut, der gänzlichen Selbstverleugnung, der Geduld, Sanftmut und aller Liebe wandeln werden!
HIM|1|410627B|15|0|Wer aber zu Mir hat gerufen und dem Ich gebe eine rechte Gabe, der soll das Gebotene allzeit dankbar und genau befolgend annehmen! Tut er solches aber nicht, was geht das fürder Mich und dich an!?
HIM|1|410627B|16|0|Lassen wir daher auf dem Acker, was da gesät ist, bis zur Reife wachsen! Meine Schnitter wissen es schon gar lange, was dann zu geschehen hat! Wohl dem, der sich nicht an Mir ärgert!
HIM|1|410627B|17|0|Den Weltweisen aber soll dereinst durch eine Klappermühle Meine Gnade gepredigt werden, dass darob alle ihre Zähne klirren sollen gleich den schweren Ketten, welche Vater-, Mutter-, und Brudermörder in den tiefsten Gefängnissen festhalten. Amen!
HIM|1|410627B|18|0|Sei du daher ruhig, da du es weißt, wer Der ist, der dir solches alles offenbart. Amen! Ich, dein Jesus! Amen.
HIM|1|410705|1|1|Der Planet Saturn – 5. Juli 1841 [Saturnus 1855]
HIM|1|410705|0|0|Schreibende: Andr. H. – Der Knecht Gottes J. L. diktierte. Mit diesem Diktat begann die große Eröffnung über die Beschaffenheit und Zweckbestimmung des zu unserem Sonnensystem gehörigen Planeten Saturn und über das auf diesem Weltkörper sich findende Pflanzen-, Tier- und Menschenleben. Diese Schilderung erstreckte sich in vielen einzelnen Kundgaben über ein Jahr hindurch bis zum 29. Juli 1842.
HIM|1|410705|1|0|Um sich von diesem Weltkörper, den ihr Saturnus nennt – während sein eigener Name so viel besagt als: Erdruhe, Weltnichtstum –, einen deutlichen Begriff zu machen, ist vor allem nötig, seine natürliche Sphäre, Entfernung von der Sonne, seine eigene Größe wie auch die seiner Monde so genau als nur immer eurer Fassungskraft möglich zu erkennen. Ist dieses bekannt, so können desto leichter dessen großmächtige Beschaffenheit, dessen Einwohner – sowohl auf dem Planeten selbst wie auch auf den Ringen und Monden – erkannt werden und so dessen allseitige Vegetation nach dem Verhältnis seiner höchst verschiedenen klimatischen Zustände und ebenso auch all das Getier auf diesem Planeten, dessen Ringen und dessen Monden.
HIM|1|410705|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Saturnus“.
HIM|1|410711|1|1|Gleisnerische Wohltätigkeit – 11. Juli 1841
HIM|1|410711|0|0|An die E. H. und an den A. H.-W.!
HIM|1|410711|1|0|Möchtet ihr wohl befolgen einen fang- und verratsüchtigen Rat einer überaus töricht-schwachen, mit den Dienern Babels buhlenden Schwester und Schwägerin!? Seht, diese fängt es recht fein an, um sich für ihren schnöden, überaus blinden Kasten-Geistlichen (oder vielmehr dieser durch sie) an Mir bei euch zu rächen!
HIM|1|410711|2|0|Ich sage aber, es wird ihnen schwer werden, gegen den Stachel zu lecken! Wer Mich versuchen will, der wird bald seinen letzten Schritt gemacht haben!
HIM|1|410711|3|0|So aber deine andere Schwester, die da verheiratet ist, eine Wohltat ausüben will, die Mir wohlgefällig wäre, so soll sie nur arme, dürftige Waisen suchen und sie an Kindesstatt annehmen. Dadurch wird sie sich einen Schatz für den Himmel bereiten, sonst aber für die Welt und, was der Welt Lohn ist, jenseits empfangen.
HIM|1|410711|4|0|So euch aber irgendein von Mir geschenktes Kind überflüssig sein sollte, dann kann Ich es euch ja allzeit wieder zurücknehmen. Und ihr werdet dann nicht nötig haben, auf einen weltsüchtigen und dazu noch verräterisch argen Rat ein Kind von euch zu lassen, damit es außer euren Augen und Ohren zu einem vorzeitigen Verräter Meiner zu euch darniedersteigenden Gnade werden möchte!
HIM|1|410711|5|0|Sage aber deiner gleisnerisch und kastengeistlich buhlenden Schwester, dass du viel lieber möchtest drei Kinder noch annehmen, als eines vor der Zeit von dir lassen. Und sie möchte sich künftighin vorzugsweise nur um sich selbst kümmern, auf dass sie los werde ihres schwarzen Würgegeistes! Denn das ist, was ihr nottut! Um alles andere hat sie sich nicht zu kümmern.
HIM|1|410711|6|0|Dieser sie besitzende Geist aber ist der Geist eines verstorbenen Kastenpriesters Babylons, eines Jüngers der äußeren, toten, der Welt, nicht aber Mir dienenden Kirche, in den sie fürder schon überall vernarrt war – wie sie gegenwärtig vernarrt ist in einen, der da macht die Hölle zum Himmel und umgekehrt und Mich zum Teufel alles Todes, die tote Materie aber zum ewigen, lebendigen Gott!
HIM|1|410711|7|0|Oh, des armseligen und überaus stockblinden, betrogenen Betrügers und feilen Mietlings der römischen Tiara! Ich sage euch aber: Seid auf eurer Hut und habt Acht auf die Lauergriffe des Satans! Denn er will es heimlich anstellen, um Mein Werk zu vereiteln!
HIM|1|410711|8|0|Behaltet eure Kinder und leitet sie zu Mir! Dann werde schon Ich sie hier und jenseits nicht nur an Kindesstatt, sondern als wirkliche Kinder annehmen und allzeit und ewig bestens für sie sorgen. Deinen Schwestern steckt aber nur das Kloster im Kopf, welches da schon eine leibliche, aber viel mehr noch eine geistige Gefangenschaft der Toten ist, aus der noch sehr wenige zum Leben hervorgegangen sind!
HIM|1|410711|9|0|Wie aber bei Mir (oben-)bezeichnete kostümierte und kastische „Wohltäter“ angeschrieben sind, habe Ich euch schon ohnehin bei Gelegenheit der Mitteilung über die „grauen Schwestern“ in hohem Grad missfällig zu erkennen gegeben. Nun sage Ich euch aber: Verflucht sei derjenige „Wohltäter“, der da einen eigens geformten Rock trägt, um sich als solcher hoffärtig bemerkbar zu machen! Wer nicht Gutes übt selbstlos und ganz im Verborgenen, ist ein Täter des Übels!
HIM|1|410711|10|0|Daher behaltet ihr eure Kinder nur unter eurem Dach und sorgt für sie in Meinem Namen, so werde Ich wahrhaft ihr Vater sein!
HIM|1|410711|11|0|Das sagt euch euer Vater, der da ist heilig, heilig, heilig. Amen.
HIM|1|410712|1|1|Über den Heilmagnetismus – 12. Juli 1841
HIM|1|410712|0|0|Warum vermögen sich magnetisierte Personen im wachen Zustand der Ereignisse und Reden, die sie im magnetischen Zustande erlebten oder selbst taten, nicht zu erinnern?
HIM|1|410712|1|0|Der Herr: Wenn ihr die Mitteilungen sowohl aus dem Gebiet der „Zwölf Stunden“ wie auch diejenigen im Anschluss zum „Mond“ sowie die viel früheren über die beiden Pole der Erde genau in vergleichende Erwägung zieht, so dürftet ihr beinahe selbst finden, dass einige dieser Fragepunkte überflüssig sind – so zum Beispiel: Warum sich Magnetisierte in ihrem wachen Zustand alles dessen nicht erinnern können, was sie in ihrem isolierten, seelenwachen Zustand getan und gesprochen haben.
HIM|1|410712|0|0|Treten magnetisierte, somnambule Personen in scheinbaren oder in wirklichen Verkehr mit solchen von der Welt abgetretenen, in die Seligkeit eingegangenen Menschen?
HIM|1|410712|2|0|Ebenso (überflüssig) ist auch die Frage, ob magnetisierte Personen in wirklichen oder Scheinverkehr mit den Abgeschiedenen treten. Denn was soll hier das „scheinbar“ oder „wirklich“ besagen? Oder vermögt ihr in eurem körperlichen Zustand entweder in eine wirkliche oder scheinbare Verbindung einzutreten? Wenn aber ihr dieses nicht vermögt, wie soll es die Seele vermögen, die da ist ein wohlbereitetes Aufnahmegefäß, vermöge dessen sie nur imstande ist, das aufzunehmen, was ihr wirklich entgegenkommt, nicht aber auch das, was ihr nicht entgegenkommt. Solange sie im Körper ist, mag sie wohl scheinbare Bilder, welche in dem Gedächtnis haften, beinahe für wirkliche aufnehmen. Allein selbst bei dieser Aufnahme, so ihr die Sache tiefer beleuchten wollt, hat es mit dieser Scheinbarkeit einen bedeutenden Ungrund. Denn fragt euch selbst: Woher rührt denn das Bild im Gedächtnis? Und die Antwort, die ihr euch selbst geben müsst, kann keine andere sein, als dass ihr sagt: Es rührt von einer Wirklichkeit her. Ja selbst wenn die Seele gewisserart phantastische Bilder in sich erschaut, die in der Wirklichkeit nirgends vorhanden sind, da werdet (zwar) ihr sagen: Es müssen doch nur lauter nichtssagende Scheinbarkeiten sein. Ich aber sage euch, dass diese Behauptung einen doppelten Ungrund hat. Denn fürs Erste kennt ihr die Formationen und all die zahllos vielen Gebilde in eurer Körperwelt noch durchaus nicht (wie zum Beispiel jene euch zunächstliegende, für euch aber gewiss überwunderbare Bildung auch nur eines einzigen Haares auf eurem Haupt) –, um wie viel weniger erst jene unendlichen Mannigfaltigkeiten in der kleinen, ursprünglichen Tierwelt.
HIM|1|410712|3|0|Wenn nun die Seele eines feiner organisierten Menschen gewisserart leidend – ohne zu wissen wie und woher – zur Anschauung solcher in der Wirklichkeit vorhandenen Formen gelangt, sagt, rühren diese nun von einer phantastischen Scheinbarkeit oder von einer unphantastischen Wirklichkeit her? Und fürs Zweite, so die Seele aus den vorhandenen Wirklichkeits-Abdrücken in sich neue Bilder zusammenstellt, rühren diese von einer Scheinbarkeit oder Wirklichkeit her? So ihr dieses nur ein wenig durchdenkt, so wird es euch ja augenblicklich klarwerden müssen, dass aus nichts durchaus nichts gemacht werden kann. Oder könnt ihr wohl behaupten, dass ein Spiegel auch imstande sei, irgendein formelles Gebilde (das gar nicht existiert) auf Augen zu werfen? Die Unmöglichkeit werdet ihr sicher ohne weitere Erklärung einsehen.
HIM|1|410712|4|0|So aber die Seele als Aufnahmegefäß gleich ist einem nach allen Seiten überaus fein polierten Spiegel, woher und wodurch soll sie dann in Konflikt mit allerartigen Wesen treten, wenn diese ihr nicht irgend in aller Wirklichkeit objektiv begegnen werden? Solches wäre unmöglicher, als dass jemand von seinen eigenen Gedanken aussagen möchte, er habe manchmal wirkliche, manchmal bloß scheinbare Gedanken. Ich aber sage euch: Wer da vermöchte scheinbare und wirkliche Gedanken voneinander wohlbegreiflich abzusondern, den müsste Ich ins uralte Testament, und zwar in die Gesellschaft des Adam verweisen, und zwar in jene Zeitperiode, da Adam, durch die Lüge der Schlange verleitet, weiser und verständiger werden wollte als Ich Selbst.
HIM|1|410712|0|0|War den alten jüdischen und christlichen Völkern der Magnetismus bekannt?
HIM|1|410712|5|0|Aus diesem mögt ihr wohl hinreichend entnehmen, dass die dritte Frage ein wenig aus hohler Luft gegriffen ist. Und so ist auch die fünfte Frage ein wenig verdächtig, wenn ihr bedenkt, dass der sogenannte (Heil)Magnetismus oder vielmehr das sogenannte magnetische Fluidum nichts anderes ist als Mein alles gestaltender, ordnender und erhaltender Liebe-Wille.
HIM|1|410712|6|0|Wenn ihn die Alten auch nicht unter diesem neuerschaffenen, „wissenschaftlich“ törichten Namen kannten, so kannten sie ihn aber der Natur und der Wahrheit nach unvergleichlich besser als die gesamte gegenwärtige Generation der Erde.
HIM|1|410712|7|0|Was waren denn jene euch mehr oder weniger bekannten Wundertaten des Geistes von Seiten der alten, frommen Patriarchen und Seher? Was waren die von Mir den Aposteln, Meinen ersten Nachfolgern, befohlenen Handauflegungen zur Heilung der Kranken in aller Liebe und lebendigen Glaubensfestigkeit? Seht, diese waren nichts anderes als im vollsten Sinne das, was ihr heutzutage – unverständig genug – „Magnetismus“ nennt!
HIM|1|410712|8|0|Wenn ihr die Sache so recht vom Grunde aus verstehen wollt, so denkt euch Mich Selbst als den Grundmagnetiseur.
HIM|1|410712|0|0|Welche Menschen besitzen die Gabe, zu magnetisieren? Welche sind magnetisierbar? Und wie ist die Gabe zu erlangen?
HIM|1|410712|9|0|Wenn ihr nun fragt, welche Menschen das Vermögen haben zu magnetisieren, so wird sich etwa doch die Antwort von selbst geben, dass nur diejenigen Menschen, welche entweder durch die Liebe oder wenigstens durch den Glauben mit dem Grundmagnetiseur in Verbindung stehen, auch nach dem Grad der Liebe oder des Glaubens nur allein fähig sind, die Hände auf ihre Brüder zu legen und sie dadurch zu heilen von jeglicher Krankheit.
HIM|1|410712|10|0|Freilich gibt es auch Menschen, die – ohne Verbindung mit Mir durch die Liebe oder den alleinigen Glauben – eines festen Willens sind, sei es zum Guten oder zum Bösen (Hexerei), welche Menschen auch mit Recht Eigenwillige oder in arger Hinsicht auch Eigensinnige genannt werden können. Dieser Eigenwille ist das gewöhnliche Produkt von irgendwelchen Begründungen. Und je wonach oder worin sich ein Mensch also begründet hat, danach richtet sich auch unabänderlich sein Wille und sein Sinn. Ist eine solche Begründung mehr gestellt auf irgendetwas aus Meinem Wort unrichtig Aufgefasstes, so kann ein solcher Mensch zwar auch die anderen Menschen magnetisch behandeln und sie unterziehen der Kraft seines Willens und dem auf demselben gefesteten Glauben; allein ein solches sogenannte Magnetisieren bewirkt nur die euch bekannten Erscheinungen in diesem Fach, wodurch die beabsichtigte Heilung entweder nur sehr langsam und selbst da nicht durch das eigentliche Auflegen der Hände, sondern mittels der Beihilfe von selbstverordneten Medikamenten vor sich geht, welche aber wieder eben nur durch den Glauben eine halbe Wirkung hervorbringen. Aus diesem aber könnt ihr ersehen, dass Menschen von einem gewissen festen Willen von Mir gewisserart unabhängig solche Handlungen begehen und verrichten können – aber, „wie die Kraft, so der Effekt!“
HIM|1|410712|11|0|Nach diesem Maßstab haben dann wohl freilich nur gewisse Menschen die Fähigkeit zu magnetisieren. Aber auf dem Weg der Wahrheit kann solches ein jeder, der mit Mir in Verbindung steht. Ebenso sind auch für solche „Halbmagnetiseure“ nur gewisse Menschen magnetisierbar, und zwar nur solche, welche von mehr schwacher Bildung sind und auch einen sehr schwachen Willen besitzen, ja manchmal sogar gänzlich willenlos sind und lediglich von dem Willen des Magnetiseurs abhängen.
HIM|1|410712|12|0|Wenn da ein solcher Magnetiseur oder besser „Eigenwillensstreicher“ sich in seiner Willensstreicherei von der betreffenden Person entfernt oder nach eurem Kunstausdruck „sich außer Rapport stellt“ oder sich wenigstens stellen möchte, so ist dann eine solche bestrichene (Person) elend (daran, und zwar) wenn sie stark bestrichen worden wäre, dass dadurch ihre Seele vermöge der Überfüllung notgedrungen aus dem Körper treten müsste und dann bei solcher Rapportauflösung nicht mehr in den Leib zurückkehren würde, und würde sie sich zurückbegeben, so träfe sie ein für alle Mal einen zehnmal geschwächteren Leib, als sie ihn früher hatte. Wenn aber der Magnetiseur ihr nur wenige Striche gegeben hätte und sich darauf absonderte, so ist eine solche Behandlung so gut wie gar keine und gleich einer Liebeserklärung an ein Mädchen, das der Erklärende gleich nach der Zusage wieder sitzen lässt.
HIM|1|410712|13|0|Menschen aber, welche an und für sich auch einen ziemlich festen Willen besitzen, werden von einem solchen Magnetiseur entweder ganz fruchtlos behandelt, oder er bringt solche Patienten kaum zum Gähnen, und zwar aus diesem Grunde, weil ein jeder Wille in einer gewissen eigenen Überzeugung, ob richtig oder falsch, sich begründet und dadurch seine Organe in Tätigkeit setzt, ein jeder Wille aber, wenn er nicht mit dem Meinigen in Verbindung steht, ein eigener und eigentümlicher ist. Wenn nun der Magnetiseur bei seiner Behandlung auf einen solchen, seinem Willen entgegenstrebenden Willen stößt, so ist dann das beabsichtigte Faktum ein fehlgeschlagenes und kann sogar auf den unklugen Magnetiseur eine sehr nachteilige Rückwirkung haben, besonders bei solchen Personen, die entweder von sehr sinnlicher Natur sind (welche von einer inneren stummen Besessenheit herrührt), oder aber besonders dann, wenn die zu magnetisierende Person gar von offenbar bösen Geistern besessen ist.
HIM|1|410712|14|0|Wenn aber der Magnetiseur durch Mich seine Hände auflegt und Meinen allmächtigen Willen „durch sich fließen lässt“, so braucht er, mag was immer für ein Mensch ihm zur Heilung vorgelegt werden, ihm nicht auch nur einen Strich zu geben, sondern nur lediglich seine gereinigten Hände dem Kranken in Meinem Namen aufzulegen, und es wird schon auf dem Weg des alleinigen Glaubens besser mit dem Kranken. Wer aber solches tut aus der lebendigen Liebe, bei welcher der allerlebendigste Glaube schon ohnehin von selbst sich versteht, wahrlich, sage Ich euch, da mag Luzifer selbst jemand geistig und leiblich plagen, so wird er ihn aber doch schon sogar durch den Blick und durchs Wort – vor der Händeauflegung – verlassen müssen. Ein solcher eigentlicher Magnetiseur kann nicht nur allein jeden Kranken heilen, sondern wenn es zur Verherrlichung Meines Namens nötig ist, auch Tote erwecken.
HIM|1|410712|0|0|Ist es recht, dass manche Regierungen das Magnetisieren verbieten? Wäre nicht vielmehr eine größere Verbreitung desselben für die Menschheit, und unter welchen Bedingungen, wünschenswert?
HIM|1|410712|15|0|Wenn ihr nun dies alles recht betrachtet, so ist dadurch auch die letzte Frage schon wie völlig gelöst. Freilich was den Eigenwillens-Magnetismus anlangt, da sage Ich: Es ist in jeder (guten) Hinsicht doch immer etwas besser als gar nichts; aber in arger Hinsicht besser nichts als etwas. Denn eine arge Magnetisierung ist um nichts besser als ein zeitweiliges Besessenmachen von einem argen Geist, wogegen die bessere Art (des Magnetismus), wenn sie nur ein wenig mit Mir in Verbindung tritt, doch wenigstens nach und nach der gar blinden Menschheit zeigt fürs Erste, dass außer den Kräutern noch bessere Heilkräfte wirken, und fürs Zweite, dass in dem Menschen eine unsterbliche Seele und ein unsterblicher Geist wohnen. Und in dieser Hinsicht ist es höchst unbillig, aus was immer für einem läppischen Grunde solches in einem Staat zu verbieten.
HIM|1|410712|16|0|So aber jemand eine solche Eigenschaft aus Mir besitzt, der lasse sich nicht abschrecken von der weltlichen Gewalt, sondern glaube fest, dass er im Besitz Meines mächtigen Willens noch Größeres zu leisten imstande ist, als allein Kranke gesund zu machen und bei außerordentlichen Fällen auch Jüngstgestorbene ins Leben zurückzurufen.
HIM|1|410712|17|0|Wie aber irgendein Künstler sich von einem Ort entfernt, da er keinen Kunstsinn antrifft, desgleichen tue umso mehr ein Gnadenbegabter. Denn eine solche Gnade ist doch sicher über alle Kunst erhaben. Am besten aber ist für diese Zeit, dass jeder das Gute übe im Verborgenen, um Ärgernis zu vermeiden. Daher wirkt das Gute im Verborgenen und fürchtet nicht die Blindheit der Menschen, die euch schwerer verfolgen, als ihr ihnen entgehen könnt. Denn Ich will den Schall eurer Tritte, so ihr euch gegen Morgen wendet, also leiten, dass er den Blinden ans Ohr gelange, als käme er vom Abend; und da mögt ihr vor wirksamen Nachstellungen der Blinden wohl sicher sein.
HIM|1|410712|18|0|Überdenkt alles dies und fasst es gläubig tief in euer liebendes Herz; dann werdet ihr erst völlig begreifen, und zwar in der Tat, was ihr jetzt im Wort vernommen habt. Amen. Dieses sagt euch der große Grundmagnetiseur. Amen.
HIM|1|410715|1|1|Auf der Kleinalpe – 15. Juli 1841 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|1|410715|0|0|Am 14. Juli 1841 bestiegen L. B. J. und A. H. bei günstiger Witterung die höchste Spitze der Kleinalpe und verweilten – eines anhaltenden kalten Sturmes aus Westen ungeachtet – drei Stunden auf der Höhe, von wo aus die bedeutendsten Hochgebirge der Obersteiermark wie auch die Städte Judenburg und Leoben deutlich erblickt werden konnten. Am 15. Juli erging dann an den Knecht des Herrn folgende Mahnung:
HIM|1|410715|0|0|Schreibe, es ist ein lieblich Wort wohl zu vernehmen von den Höhen der Berge auf der freien schönen Höhe der Kleinalpe:
HIM|1|410715|1|0|Was starrst du, müde Schar, dahin nach jener Berge Reihen, / da schroffe Scheitel Mir, dem Schöpfer, ihre Düfte weihen? / Erkenne deine Schuld und lern es wohl von diesen Helden, / was all’s sie dir von deinem Vater, ihrem Schöpfer, melden, / wie kühn und mächtig sie da stehen, diese großen Zeugen, / und wollen nimmer, so wie ihr, von Meiner Größe schweigen! / Um ihre heil’gen Spitzen häufig frohe Nebel kreisen / und helfen dankend ihnen still den großen Vater preisen. / Und heitre Winde rauschen mächtig über hohe Zinnen, / um anzuzeigen, dass die Felsen da Mein Lob beginnen.
HIM|1|410715|2|0|Es banget dir, du matter Seher, vor den ries’gen Höhen, / du schauerst, wenn der Alpe reine Geister dich umwehen, / als kühle Winde deinem Auge manche Trän’ entlocken. / Doch wenn du sehen möchtest, da Äonen weißer Flocken / sie emsig aus den müden Wolken freudig formen, bilden, / und dann sie sorglich streu’n auf all den hohen Moosgefilden, / und möchtest sehen noch all dies mit deines Geistes Augen / und schaun, wozu all diese Geisterarbeit möchte taugen – / sodann erst möcht’st du rufen: Wer da achtet Gottes Werke / hat eitle Lust; sie zeigen ihm des heil’gen Vaters Stärke!
HIM|1|410715|3|0|Ihr habt geseh’n des Oberlandes kühn gestellte Berge / und auch geschaut auf deren Schoß die niedren, stein’gen Zwerge, / den hohen „Schwab“ und „Reiting“ saht ihr alle duftend prangen, / den „Pred’gerstuhl“ und andre Berge, die mit Wolken rangen, / o höret diese seltnen hohen Berggebilde sprechen, / vernehmt ihr Wort in eures stein’gen Herzens sand’gen Schwächen! / Es lautet kurz also: „Du schwacher Mensch auf dieser Erde, / du schaust ganz wonnetrunken, stumm für unsere Beschwerde / die hehre Pracht an uns; doch würdest du uns näher treten, / dann möcht’st du schauern wohl vor unsern schweren Prüfungsketten!“
HIM|1|410715|4|0|Und also weiter legen Worte euch ans Herz die Berge, / also verständlich: „Seht uns an und schaut die alten Särge, / wie wir da stehn und majestätisch in die Lüfte ragen, / also auch eine Unzahl Toter stets in uns wir tragen, / und wenn die Barmlieb’ Gottes uns nicht möchte kühlen, / fürwahr: des Grimmes Wüten würde bald das Land erfüllen, / denn die wir fest in unsern harten Leibern müssen halten, / die möchten flammend hier in einer Stund die Erd’ umstalten! / Doch solches zu verhüten und zu wahren euch den Frieden, / da tragen wir an eurer statt die große Last hienieden!“
HIM|1|410715|5|0|O lasst der Berge mächt’ge Worte tief ins Herz euch bohren, / denn wieder weiter legen sie die Zung’ an eure Ohren, / also vernehmlich: „Wenn die Nebel uns behänd umkreisen, / verhüllend unsre hohen Scheitel; sehet, da beweisen / gar hehre Wesen mächtig uns schon alte Totenwächter / und sänften da mit ihrer Lieb’ in uns die Gottverächter / durch ungezählter Tränen Menge aus der Liebe Augen. / Die da in uns der Liebe Spende sorglich in sich saugen, / die werden dann erweckt, auch zu erstehn ins freie Leben / und nach und nach ins höh’re, wie’s euch Menschen ist gegeben.“
HIM|1|410715|6|0|Und da der Berge Mund für euch schon einmal offen stehet, / so horcht noch ferner, was der Hohen Hauch zu euch hinwehet: / „Wenn mächtig über unsre Häupter frische Winde eilen, / dass ihr darob auf uns nicht lange könntet forschend weilen, / da ist’s, dass Legionen neue Leben sich erheben / und sorglich eilend nach den pflanzenreichen Eb’nen streben, / um solches vorbestimmte Ziel baldmöglichst zu erreichen, / vereinen sie zu Nebeln sich nach alten Lösgebräuchen / und fallen dann als leichter Regen über Pflanzentriften, / allda sie neubelebend selbst sich in das Leben lüften!
HIM|1|410715|7|0|Und wenn im spät’ren Herbst die frühen Flocken uns bekleiden, / darob uns dann all warmes reges Leben pflegt zu meiden, / ja selbst so manche heitre Quelle eisig stockt im Fallen / und also all’s verstummt auf unsren freien Lebenshallen, / da winkt dir, Forscher, eine neue Zeit, ihr treu zu bleiben / mit deinem Aug’ und Ohre. Denn da fängt sich’s an zu treiben / hinauf, hinab; nach allen Seiten siehst du nichts als Streben / nach einer festen Form, um so zu künden sich als Leben. / Denn solches ist die Heimwehzeit, da alles sich möcht finden, / darum da jeder Geist sich gerne lässt durch andre binden.
HIM|1|410715|8|0|Und wenn dann erst der volle treue Winter ist gekommen, / alsdann wird nicht gar selten unsre feste Brust beklommen, / denn da ereilen uns des hohen Nordens Friedensrichter, / bestreuen unsre tiefen Furchen bald durch ihr Gelichter / von tiefem Schnee und starrstem Eise, uns zur Probe drückend; / o seht, dann ist’s auf unsren Höh’n zu wandeln nicht entzückend, / denn da wird jedes freie Leben also hart ergriffen, / dass es wohl nimmer fühlen mag der Liebe süßes Triefen. / Und wenn des Frühlings Hauch zerreißet auch des Nordens Bande, / da kehrt kein Leben mehr zurück zum frühern Heimatlande!
HIM|1|410715|9|0|Nur wenn das stumme Schnee- und Eisgelichter ist gewichen, / allwann ein warmer Frühling hat den Winter weggestrichen, / da kehret dann das Pflanzenleben wohlgestärket wieder; / doch nimmer wiederkehren da erfror’ner Vöglein Lieder, / selbst Menschen, die auf unsrem Rücken hat der Nord erdrücket, / die werden schwerlich mehr von unsrer Sonne Strahl erquicket. / Doch so ein freies Leben hier gefährdet ist geworden / durch ein zu friedsam’s Walten unsres übertreuen Norden, / da soll darob wohl niemand gar zu sehr uns Berge klagen, / denn solch Gefangnen fängt ein andres Leben an zu tagen!“
HIM|1|410715|10|0|Und so mag dieses Liedchen euch zu einer Fahne dienen, / mit der ihr all der Berge Sinn könnt überleicht gewinnen, / und leichter zu verstehen auch, das Ich euch noch werd geben; / fürwahr, ihr werd’t durch diese Fahne manchen Zweifel heben, / denn leichter ist’s auf Berge gehn und von da andre schauen, / als zu verstehn, woher auf selben rührt solch wonnig Grauen. / Darum denn gab Ich vor der größren Gabe diese Fahne / zu Handen euch, damit sie euch getreu zuvor ermahne, / dass Meine nächste Gabe sich in Weisheit wird ergießen, / die ihr durch diesen Schlüssel doch gar leichtlich werd’t erschließen!
HIM|1|410715|11|0|Ich der Herr / euch das bescher! / Wollt ihr mehr, / so kommt nur her;
HIM|1|410715|12|0|der gibt gerne, / der da lenkt die Sterne / in der weiten Ferne, / der gibt gerne!
HIM|1|410715|13|0|Der heil’ge Vater – gut / jedem Kind gern Gutes tut, / weil allein der Vater gut, / darum keins wie Er es tut.
HIM|1|410715|14|0|Am Himmel wohnen / viele Sonnen; / Engel thronen / in den Sonnen,
HIM|1|410715|15|0|auf den Sonnen, / um die Sonnen / ruhn die Kronen / aller Zonen!
HIM|1|410715|16|0|Darum ist der Vater heilig, groß und gut, / da er solche große Ding’ euch künden tut, / und sagt auch allzeit Amen / als guter Vater. Amen.
HIM|1|410717|1|1|Weiteres zur Kleinalpe – 17. Juli 1841 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|1|410717|0|0|Heute erhielten wir vom Herrn durch Seinen Knecht Nachstehendes als Gabe bezüglich der Kleinalpe:
HIM|1|410717|1|0|Was sind Alpen? Höchste Berge und kleine Hügel, über das sparsame Planum der Erdoberfläche ragend: Nichts als der Staub auf einem Apfel, der von einem Baum herabfiel auf eine mit Staub beladene Straße. Aber nur locker hängt der Staub am Apfel, während die Berge festen Auswüchsen einer Nuss oder gar den kleinen Wärzchen auf der Oberfläche einer Eischale gleichen.
HIM|1|410717|2|0|Für sich tut es das eine so wenig wie das andere. Aber nehmt alle drei zusammen, und es wird der bestaubte Apfel, die Nuss und das Ei das jedesmalige und jedem Eigentümliche, Entsprechende an der Erde finden.
HIM|1|410717|3|0|Welches aber mögen wir zuerst nehmen? Seht, es wird hier wenig zu wählen sein. Nehmt ihr aber alle drei zugleich, so habt ihr das rechte Maß getroffen.
HIM|1|410717|4|0|Muss denn aber ein Apfel vom Baum fallen, um bestaubt zu werden, oder können nicht vielmehr Winde kommen, den Staub der Straße lösen und also leichtlich anstäuben einen Apfel, so er an der Straße hängt?
HIM|1|410717|5|0|Oder wie ist es mit der Nuss? Gestaltet sich die innere Frucht nach den Einbügen der Schale, oder bekommt vielmehr die feste Schale die Einbüge von der Frucht? Es ist aber hier besser, so man sieht auf die Beschaffenheit der Frucht, da sich doch ein jeder einen Rock nach dem Leib machen lässt und kann nicht machen den Leib nach dem Rock, und also geht die Wirkung von innen aus, und nicht von außen nach innen – da des Lebens wirkende Kraft allezeit im Zentrum, aber nicht außen, am Kleid, seine Wohnung hält.
HIM|1|410717|6|0|Aber wie steht es mit den Wärzchen an der Eischale – wie entstehen sie und warum sind sie da? Es könnte ja doch eine Henne ein glattpoliertes Ei legen, statt ein solches, dessen Oberfläche mit tausend und abermal tausend Wärzchen übersät ist. Könntet ihr aber nicht ebenso leicht und mit demselben Grund behaupten und sagen: „Wozu die Berge auf der Oberfläche der Erde? Eine glatte Erde würde sich ja doch offenbar leichter um ihre Achse drehen als eine mit so vielen Bergen besetzte!“
HIM|1|410717|7|0|Es sei aber hier bemerkt, wer möchte denn dann auf der Erde die Luft und das Wasser zur Mitumdrehung nötigen, da weder das eine noch das andere mit Ketten und Stricken mit dem Körper der Erde unverrückbar fest verbunden ist?
HIM|1|410717|8|0|Wenn das Ei keine Wärzchen hätte, woran möchten sich in dem Gebärkanal einer Henne eigens daseiende Stoß- und Drucknerven stemmen, um dasselbe zur Außenwelt zu fördern? Und wenn solches dann in der atmosphärischen Luft sich vorfindet und hätte solche kleine Auswüchse nicht, womit soll es zur ferneren dauernden Erhaltung des Lebensstoffes das demselben verwandte elektromagnetische Lebensfluidum einsaugen und wodurch erst dann in der Brütezeit den erwärmenden Stoff entweder aus der Brust der Henne oder aus den Strahlen der Sonne oder auch aus dem erwärmten Sand?
HIM|1|410717|9|0|Wäre die Erde eine flache Kugel, so würde es ihr auf allen ihren Punkten, selbst die unter dem Äquator nicht ausgenommen, nicht viel besser ergehen als der Spitze des Chimborazo oder dem Nordpol selbst, wo ewig Eis und Schnee herrscht.
HIM|1|410717|10|0|Die Berge aber sind auf der Erde das, was die Wärzchen sind am Ei. Sie sind nicht nur Luft- und Wassertreiber, sondern sie sind noch vielmehr Wärmesauger. Und was sie an dem Wärmestoff einsaugen, das können sie natürlicherweise nirgends anders wohin spenden, denn nur in die zuunterst liegenden Täler und Ebenen.
HIM|1|410717|11|0|Und sind aber irgendwo weit gedehnte Ebenen zu ferne von den Bergen, so werdet ihr alldort auch ebenso wenig Vegetation antreffen, und oft viel weniger noch, als auf den höchsten Gebirgsspitzen – und dieses aus einem doppelten Grund:
HIM|1|410717|12|0|Fürs Erste, weil zu weit von den Bergen, daher auch zu wenig fruchtbare Wärme. Was die brennende Hitze auf den Heiden betrifft, so ist sie nichts als ein von den benachbarten fruchtbaren Gegenden über sie angehäufter Stickstoff, der zwar auch die Strahlen der Sonne gleich der atmosphärischen Luft konzentrierend aufnimmt – aber, wie gesagt, solche Wärme ist keine Fruchtwärme, sondern gleicht jener, die da herrührt von glühenden Kohlen in einem verschlossenen Gemach, und wenn sie schon auf das tierische Leben nicht also zerstörend wirkt, so wirkt sie aber doch alles zugrunde richtend auf das Leben der Pflanzenwelt. Und es ist auf der anderen Seite gar nicht schwer zu erweisen, dass, wo irgend das Pflanzenleben aufhört, es auch für das tierische Leben nicht eben zu langen Bleibens ist.
HIM|1|410717|13|0|Es gibt aber auch Gegenden, besonders in Afrika und auch im südlichen Amerika, wo benachbarte, sehr fruchtbare Gegenden also stark die Stickluft aushauchen, dass sich diese dann gleich einem Flammenmeer über weitgedehnte Heiden, Steppen und Wüsten ergießt; und was da dieser Flammenstrom erreicht, ist so gut in seiner natürlichen Lebenssphäre vernichtet, als wenn es in einen stark brennenden Kalkofen geworfen wäre worden.
HIM|1|410717|14|0|Und noch aus einem anderen Grund sind solche Gegenden unfruchtbar: Weil sie einen großen Mangel an Wasser haben. Ihr aber mögt die Erde kreuz und quer bereisen, es wird euch schwerlich gelingen, irgendeinen Berg zu finden, der nicht wenigstens aus seinem Fuß mehrere reichliche, unversiegbare Quellen von sich geben möchte.
HIM|1|410717|15|0|Also was sind die Berge noch – während sie schon ohnehin Wasser- und Lufttreiber und, nun bekannt, auch Lebenswärmeerzeuger sind? Sie sind auch Wasserleiter, und zwar von doppelter Seite; denn da sie, wie euch schon mehr bekannt, samt und sämtlich über großen Wasserbassins stehen, so treiben sie das Wasser durch ihren immerwährenden, gleichen Druck nicht selten bis zu den bedeutenden Höhen empor. Und diese Leitung des Wassers zur Oberfläche der Erde ist ihre erste Art, wie sie gar wohl imstande sind, dadurch auf den verschiedensten Punkten die reichhaltigsten Quellen des reinsten Wassers von sich zu geben.
HIM|1|410717|16|0|Da aber die atmosphärische Luft ebenfalls immerwährend mit den Dünsten geschwängert sein muss, welche daher rühren zum Teil aus dem unermesslichen Äthermeere auf dem Wege der primitiv-animalischen Produktion, so sind die Berge gleich den Polypen im Meer allezeit als wahre Vielfraße schlagfertig, um jede ihnen nahekommende Feuchtigkeit aus der Luft an sich zu ziehen und in sich einzusaugen. Durch dieses ätherische Wasser wird dann erst das unterirdische belebt und nach eurem chemischen Ausdruck also gewisserart geläutert, damit es dann zum nötigen Lebensgebrauch hinreichend tauglich ist. Denn bloß das Wasser aus dem Inneren der Erde ist zum Leben so wenig zu gebrauchen wie das lediglich ätherische.
HIM|1|410717|17|0|Ihr müsst unter dem ätherischen Wasser nicht etwa Regenwasser nehmen, welches nur dadurch
HIM|1|410717|0|0|zum Vorschein kommt, wenn irgend Wolken zuvor aus den naheliegenden Bergen hinreichend mit dem Sauerstoff sich gesättigt haben; sondern das rein ätherische Wasser ist untropfbar in der Luft, namentlich aber auf den Bergen enthalten.
HIM|1|410717|18|0|Die erste Sichtbarkeit des ätherischen Wassers beurkundet sich in den sogenannten „Lämmerwolken“. Wenn diese dann nach und nach mehr und mehr elektrisch schwer werden, so fallen sie auch immer niederer und niederer, bis sie endlich bis zur mittleren Wolkenregion herabgezogen werden, allda sie dann schon anfangen, den Sauerstoff in sich zu saugen. Und wenn sie dadurch dann auch gewisserart lebensschwerer werden, so senken sie sich dann herab in die Nebelregion der Berge, welche dann zuerst anfangen, ihnen den elektrischen Stoff auszuziehen,
HIM|1|410717|19|0|allwann dann auf den Bergen gewöhnlich sehr heftige Winde zu wehen anfangen. Und wer da nicht glauben möchte, dass solche Winde nichts als die von den Bergen aus den Wolken oder vielmehr nun Nebeln entsogene Elektrizität sind, der verfüge sich nur mit einem sogenannten elektrosaugenden Schild oder gemeinweg elektrischen Drachen auf die Alpen und befestige diesen Schild auf einer klafterlangen, entweder ganz gläsernen oder wenigstens einer anderen gut überharzten Stange und nähere sich alsdann – wer den Mut hat – einem solchen Schild, dem wird alsbald ein stark leuchtender und sogar zu tot niederschlagender Beweis von dieser Belehrung in wahrhafter Blitzesschnelle entgegenkommen.
HIM|1|410717|20|0|Also seht, auf diese Weise sind die Berge nach der zweiten Art Wasserleiter.
HIM|1|410717|21|0|Was sind denn die Berge noch? Ihr dürft nicht gar zu weit ins Oberland reisen, so werden euch die vielfachen und verschiedenartigen Erze alsogleich anschaulich offenbaren, was die Berge noch sind. Nämlich sie sind noch Fabrikanten von allerlei Metallen.
HIM|1|410717|22|0|Woher kommt denn dieses in die Berge? Dieses kommt, wie das Wasser, von unten und von oben in dieselben und ist im Grunde ein Produkt von oben her aus den zahllosen Strahlen der Gestirne und von unten her ein Produkt fürs Erste des unterirdischen Feuers und fürs Zweite der sich auf allen Höhenpunkten der Erde beständig entgegenkommenden und wechselnden Polarität der Erde.
HIM|1|410717|23|0|Aber es sind die Metalle verschieden und haben doch nur eine und dieselbe Grundursache. Aber es geht denn einmal nicht anders, denn auf einer Wiese gibt es verschiedene Kräuter, und doch ist überall dieselbe Erde, dasselbe Licht der Sonne und derselbe Regen.
HIM|1|410717|24|0|Die Menschen vermögen solches freilich wohl nicht, und es ist niemand imstande, mit einem und demselben Bohrer verschieden große Löcher zu bohren oder mit einer und derselben Hebelkraft alle erdenklichen Lasten zu heben. Denn niemand kann da machen und gebrauchend lenken einen unendlichen Bohrer, dessen Spitze feiner wäre als ein Gedanke und dessen letzte Schneidschnecke hinausreichen würde über alle möglich denkbare Räumlichkeit. Und ebenso vermag auch niemand nur einen Hebel zuwege zu bringen, mit welchem er vermöchte eine Sonne aus ihrem Zentrum zu heben.
HIM|1|410717|25|0|Seht, da aber der Mensch schon zwei so einfache Werkzeuge nicht zuwege zu bringen vermag, wie möchte er es dann wohl anstellen, um zu erklären, wie aus ein und derselben Ursache so unendlich verschiedene Wirkungen hervorgehen können, und wie beweisen, dass all die Metalle in den Bergen aus einer und derselben Quelle fließen und doch keines dem anderen gleicht?
HIM|1|410717|26|0|Allein Der, den ihr kennt, vermag solches gar wohl und versteht die eben nicht unbedeutende Kunst, in einem und demselben Kessel alle möglichen Färbungen also zu bereiten, dass, so ihr unzählige Stoffe hineinlegt, ihr keinen herausnehmt, der da wäre von einer und derselben Farbe.
HIM|1|410717|27|0|Also ist demnach die Erklärung leicht, wenn hier Eisen, dort Zinn, anderorts Blei, Silber, Kupfer, Zink und dergleichen mehreres zum Vorschein kommt, dass dazu nichts mehr gehört, als dass da einem Berg, wie einem Samenkorn, verliehen ist eine andere Form und eine andere Eigenschaft, vermöge welcher er einen und denselben Stoff, den er in sich saugt, gar leicht verwenden kann nach seiner ihm eigentümlichen Eigenschaft, als wie jeder Same einen und denselben Stoff verwenden kann zu dem, das eigentümlich nur aus ihm hervorgeht.
HIM|1|410717|28|0|Wer da solches noch nicht begreifen möchte, der kann folgendes Experiment machen, und es wird ihm alsobald ein bedeutendes Licht über seinen noch viel bedeutenderen Unverstand aufgehen!
HIM|1|410717|29|0|Er nehme irgendein geräumiges Gefäß, z. B. etwa irgendeinen großen Gartentopf, gebe in denselben ganz vollkommen gleiches Erdreich, lege in dieses Erdreich aber verschiedene Samenkörner, begieße dieselben mit chemisch gleichem Wasser und, was die Gleichartigkeit der Sonnenstrahlen betrifft, darf er ohne Sorgen sein, denn diese sind heute noch dieselben, wie sie vor einigen Trillionen Jahren waren, beobachte dann die Pflanzen, die da aus den verschiedenen Sämereien aufgehen werden, und er wird sich dann doch überzeugen müssen, dass seine Arbeit und Sorge eine rein vergebliche war. Denn es wird, alles dessen ungeachtet, aus dem Nelkensamen eine Nelke mit all ihrer Eigentümlichkeit, aus dem Veilchensamen ein Veilchen, aus dem Rübensamen eine Rübe, aus dem Kornsamen eine Kornstaude usf., aus jedem Samen die ihm entsprechende Pflanze mit allen ihren Eigentümlichkeiten zum Vorschein kommen.
HIM|1|410717|30|0|Wer da nur einigermaßen denkt und ein Fünkchen Leben hat in seinem Gemüt, das nach oben und nicht nach unten treibt, wird er nicht alsobald wenigstens sich selbst im Stillen fragen müssen: „Aber wie ist dieses möglich, dass aus einer und derselben Erde, aus einem und demselben Wasser und aus einem und demselben Licht- und Wärmestrahl der Sonne so höchst verschiedene Produkte zum Vorschein kommen!? Und doch, wenn ich alle diese Samenkörner chemisch untersuche, so finde ich im Grunde doch nur immer einen und denselben Grundstoff! Ja selbst, wenn ich jede Pflanze für sich verbrenne, so bleibt mir denn doch stets eine und dieselbe Asche übrig!
HIM|1|410717|31|0|Wenn ich die grünen Pflanzen auspresse, so bekomme ich wohl von jeder einen etwas verschieden schmeckenden und riechenden Saft. Allein zerlege ich die Säfte wieder ferner chemisch, so zeigt sich’s am Ende doch nur wieder, dass da alles auf eines hinausgeht. Und bis ich auf meinen wohlbekannten Kohlenstoff und Grundsauerstoff gekommen bin, so bin ich auch mit meiner schwer zu untersuchenden Arbeit fertig und muss am Ende eingestehen, dass ich in meiner mich so berühmt machenden Kunst ein allerpurster Pfuscher bin?“
HIM|1|410717|32|0|Seht, wer nach einem solchen Experiment zu diesem Resultat gekommen ist, der ist schon an der Schwelle des Vorhofes! Wenn er da anklopft, so kann er eingelassen werden, wenn auch nicht alsogleich in den Tempel, so doch wenigstens in den Vorhof. Denn es ist besser, sich mit geraden Gliedern des Geistes in dem Vorhof zu befinden, denn als Gichtbrüchiger am dürren Ufer Siloahs zu harren, bis ein Engel, des Teiches Wasser rührend, dasselbe mit der Heilkraft sättigt. Denn wer da etwas verloren hat, tut besser, wenn er es sucht, um es wiederzufinden, als dass er unbekümmert auf einem Punkt wartet, bis etwa ein redlicher Finder wiederkehre und ihm den verlorenen Schatz einhändigt.
HIM|1|410717|33|0|Die Erde ist ein Platz voller Berge, Klüfte, Abgründe, Gräben, Tälern und Ebenen und hie und da weit und breit bewachsen mit undurchdringlichem Gebüsch und Gestrüpp. Wer da einen Schatz hat und hält denselben nicht fest, wie leicht kann ihm derselbe entfallen. Und so er ihn verloren hat, wie schwer lässt er da sich wiederfinden auf einer Erde, die so reich an finsteren Schlupfwinkeln ist! Und wer da etwas verloren hat und das Verlorene nicht einmal zu suchen der Mühe wert hält, wie wird er es wohl wiederfinden, besonders wenn er dazu noch aus sich selbst heraus das Unglück hat, lichtscheu zu sein?
HIM|1|410717|34|0|Wahrlich ein solcher wird nicht viel tüchtiger werden, wenn er auch alle höchsten Gebirge der Erde bestiegen hätte. Denn wer immer da auf einen Berg steigt, hat eine große Mühe, bis er den Gipfel desselben erstiegen hat.
HIM|1|410717|35|0|Was ist nun der Lohn seiner Mühe? Der eigentliche, den er allein fürs Meiste hält, ist eine weitgehende Fernsicht auf andere Berge, Gegenden und Ortschaften; den eigentlichen Genuss, der in der Einatmung der reineren Lebensluft besteht, worin eigentlich der Hauptlohn für seine Mühe zu betrachten wäre, nimmt er nur ganz gleichgültig mit.
HIM|1|410717|36|0|Also ist auch der naturmäßige Mensch ein immerwährender Bergkletterer seines eigenen, hochgepriesenen Verstandes und klettert von einer Verstandeshöhe zur anderen hinauf. So oft er da irgendeine scheinbare Höhe erstiegen hat, wähnt er sich auf dem allerhöchsten und herrlichsten Aussichtspunkt zu sein. Nur wenn er sich nach allen Seiten satt umgegafft hat, kommt ihm erst der Gedanke, wenn er nur auch auf jene ferne Gebirgsspitze hinauf könnte, da müsste erst eine alles Gefühl zerreißende Aussicht sich bewähren. Und nach dem alten lateinischen Sprichwort eines klugen Heiden sagt er ebenfalls: „Der Mensch kann ja mit seiner Tollkühnheit sogar den Himmel erstürmen, was sollte mich denn hindern, auch die Spitze dieses entlegenen Berges zu besteigen; denn bis auf den Mond oder gar in die Sonne reicht sie ja doch nicht!“ – Und also gesagt und getan!
HIM|1|410717|37|0|Der Mensch ersteigt auch diese Spitze unter großen Beschwerden, in der Meinung, von hier aus werde er wenigstens die halbe Erde auf einmal zu Gesicht bekommen. Allein hier werden seine großen Erwartungen sehr unbefriedigt, denn dieser Berg hat hinter sich schon wieder höhere gelagert. Und so sieht unser Bergbestürmer schon wieder nichts anderes als lauter Berge um sich, die, wenn es möglich wäre, er nun wenigstens auf einmal besteigen möchte.
HIM|1|410717|38|0|Und also auch ist es mit dem Verstand des Menschen, er steigt von einer Verstandeshöhe zur anderen. Was aber erblickt er hier überall? Nichts als lauter sich immer höher türmende Berge und Gletscher, die für ihn nimmerdar ersteiglich sind! Und wohl ihm, wenn er es durch seine lang fortgesetzte Verstandeskraxelei so weit gebracht hat, dass er endlich bei sich selbst gesteht: „Die ganze Erde kann man von keinem Berg übersehen; und je mehr man gesehen hat, desto klarer wird’s einem, dass man gegen dem, was alles noch zu sehen wäre, erst so viel wie gar nichts gesehen hat!“ welches verdolmetscht so viel heißt als, dass derjenige nur in der Verstandes-Wissenschaft es am weitesten gebracht hat, der es einsieht, dass er nichts weiß.
HIM|1|410717|39|0|Euch aber sage Ich: Es ist nicht schwer, einen bestaubten Apfel vom Staub zu reinigen; denn der Staub klebt nur an der Rinde. Schwerer wäre es, eine Nuss glatt zu polieren, und sehr schwer, die Wärzchen am Ei zu vertilgen, ohne die Schale zu zerbrechen.
HIM|1|410717|40|0|Erstens: Die Erde ist auch „ein bestaubter Apfel“; denn es ruht auf ihr ein natürlicher urzeitlicher, anderweltlicher Ruinenstaub. Zweitens ist sie ein bestaubter Apfel, denn um dieselbe ist meilenweit gelagert ein ätherischer Atomenstaub. Drittens ist sie in geistiger Hinsicht ein also außerordentlich bestaubter Apfel, dass durch den dichten Staubwolkenschleier nur hie und da ein spärliches Licht von der großen Sonne der Geisterwelt auf diesen also bestaubten Erdapfel eindringen kann.
HIM|1|410717|41|0|Die Erde ist ferner „eine Nuss“, denn sie hat fürs Erste für jeden ihrer Bewohner etwas Tüchtiges zum Aufbeißen. Und wieder ist sie eine Nuss, deren äußere Rinde vom Grunde aus entspricht ihrer inneren knorrigen Beschaffenheit. Dieser knorrigen Beschaffenheit zufolge sind die Urgebirge das, was die äußeren Auswüchse an einer Nuss sind. Und sie ist ferner nochmal eine Nuss, da ein jeder, der immer auf ihr zum inneren freien Leben des Geistes dringen will, zuerst eine bittere Umhüllung und dann erst eine harte Schale wegzuschaffen hat, bis er erst zur lebendigen Frucht des Lebens gelangt.
HIM|1|410717|42|0|Die Erde ist auch „ein Ei“, denn wer die innere Beschaffenheit der Erde kennenlernen will, der siede ein Ei, zerschneide dann dasselbe in zwei Teile und studiere dasselbe mit einem starken Mikroskop, so wird er so ziemlich die innere Beschaffenheit seiner Erde kennenlernen. Und wieder ist die Erde ein Ei, in welchem durch die natürliche Wärme der Sonne verschiedene Küchlein ausgeboren werden. Und die Erde ist auch noch in geistiger Hinsicht gleich einem Ei, welches nur in der ruhigen, stillen Wärme die Frucht des Lebens zum Vorschein bringt, also auch der Mensch durch die stille Zurückgezogenheit und durch die Wärme seines Herzens zu Mir in sich selbst neu und wiedergeboren wird, in welchem Zustand es ihm auch ergeht wie einem Küchlein, das da seine eigene Gefangenschaft durchpickt, lebendig aus derselben hervorgeht und dann die Schale nimmer beachtend verlässt.
HIM|1|410717|43|0|Also auch sollte der Mensch sein in geistiger Hinsicht, so wird er von jeder Tiefe wie von jedem Berg im hohen Gefühl des freien Lebens nicht nur die ganze Erde mit einem Blick, sondern ein ganzes materielles und geistiges Sonnengebiet übersehen.
HIM|1|410717|44|0|Schließlich aber diene euch die Besteigung der Alpe noch dazu, dass der Weg, der ins geistige Leben führt, nicht viel anders beschaffen ist, als der Weg auf eine solche Alpe;
HIM|1|410717|45|0|da jeder von der Ferne glaubt, sie sei nicht gar so hoch. Erst wenn er in ihre Nähe gekommen ist, hat er auch zugleich ihren Scheitel immer mehr und mehr aus seinem Angesicht verloren, und fängt er dann am Fuße zu steigen an, so hält er auch schon jeden nächsten baumlosen Hügel für der Alpe höchsten Punkt. Und je höher und höher er kommt, desto mehr überzeugt er sich, dass der eigentliche Scheitel noch ziemlich viele Steigtritte benötigen wird, bis er auf der Spitze desselben das lichte „Triangulierungszeichen des ewigen Lebens“ ansichtig wird, von da aus er erst zu jener höchsten Überraschung gelangen wird, von welcher er früher keine Ahnung hatte.
HIM|1|410717|46|0|Beachtet dieses Beiwort wohl im Herzen, und dann was darin des Geistes ist! Nehmt die Fahne zur Hand und beachtet das Geistige; und was da ist des Lebens, ist gegeben in entsprechender Fülle.
HIM|1|410717|47|0|Wendet es und forscht darinnen, und ihr werdet nicht nur allein in den Bergen, sondern auch in den kleinsten Sandkörnern vollbewohnte Welten entdecken! Amen.
HIM|1|410719|1|1|Pharisäertum von heute – 19. Juli 1841
HIM|1|410719|1|0|Nicht heute, sondern morgen fange an zu schreiben am Hauptwerk! Heute kümmert und besorgt es dich törichterweise der Predigten und üblen Nachreden von manchem überblinden Stein-Papisten, die da sind voll Eigennutzes, da sie entweder trachten nach den weltlichen Schätzen oder doch wenigstens nach dem nicht viel besser als türkisch gearteten, faulmütigen Wohlleben des Himmels, (der freilich wohl nirgends besteht und ewig nirgends bestehen wird) – Mich aber loben und preisen sie, wenn es noch gut geht, nur des gewissen Himmels wegen, meistens aber bloß zum Schein, der Weltgüter und hohen Ehrenämter halber; und fast keiner ist unter ihnen der da Mich lobe, bitte und liebe Meiner Selbst willen.
HIM|1|410719|2|0|Damit aber darob du und jeglicher Gleichgesinnte mit dir in sich den hinreichendsten, beruhigendsten Trost finden möge, so betrachte zuerst im 23. Kapitel des Matthäus den 13., 14. und ganz besonders den 15. Vers! Diese drei Verse werden dir hinreichend dartun, wie es mit dem heutigen Pharisäismus steht, zu dem der jüdische nur ein prophetisch-vorbildender war.
HIM|1|410719|3|0|Dann aber wende die Blätter und lese das 23. Kapitel des Lukas, und zwar auch den 13., 14. und 15. Vers! Da wirst du das Zeugnis des Pilatus über Mich finden und eine große Beruhigung für dich! Und wiederum wirst du auch das wahre Liebeverhältnis der jetzigen Pharisäer zu Mir ersehen. Oder meinst du nicht, so Ich heute in die Welt käme und möchte dem Papst seine Herrschaft streitig machen, dass er sich bei weitem ärger gegen Mich setzen möchte als dereinst der Kaiphas?!
HIM|1|410719|4|0|Wahrlich, er würde sich bei allen Regenten verwenden, um Mich zum abschreckenden Beispiel unter der schauerlichsten, ewigen Höllenverfluchung öffentlich als den größten Erzketzer am flammenden Scheiterhaufen verbrennen zu dürfen. Gekreuzigt werde Ich ohnedies täglich und stündlich viele tausend Male, wie auch verkauft und verraten! Du verstehst es!
HIM|1|410719|5|0|Im 13. Kapitel des Johannes aber, und zwar im 18. Vers, wirst du finden, wer und was die nun privilegierten „Brotesser“ und „Weintrinker“ sind und wie sie zumeist gegen Mich gesonnen sind. Denn wahrlich, diese sind es, die Mich noch allezeit mit den Füßen getreten haben!
HIM|1|410719|6|0|Verstehe es wohl: Judas war nur ein arger Prophet für sie, und sie sind nun in corpore das, was Judas im argen Bilde war!
HIM|1|410719|7|0|Deinen und euren Zustand aber bemesst nach dem dritten Kapitel, Vers 12-14, des Briefes Pauli an die Römer. Allda werdet ihr deutlich finden, wie es mit euch steht, und was ihr fortwährend zu tun habt! Denn am Tage sind die Werke der Finsternis kein nütze; wer da streitet, der streite mit den Waffen des Lichtes – und lasse die Wohlfresser und Wohlsäufer in ihren betürmten Kammern zugrunde gehen! Ihr aber seid ehrbar in allen Dingen und haltet es nicht mit den Fressern und Säufern, sondern haltet es mit Mir in aller Liebe, Geduld und Sanftmut und zieht Mich also an – so werdet ihr leben!
HIM|1|410719|8|0|Wenn ihr aber des Leibes wartet, da tuet es also, dass er nicht üppig wird und ihr gar leichtlich ersticken möchtet im Fleisch und in allem, was des Fleisches ist! Versteht es wohl! Denn ihr alle habt noch viel „Fleisch“! Wer aber fällt im Fleisch, der steht schwerer auf als ein vollbelasteter Elefant, der in einen Sumpf gefallen ist.
HIM|1|410719|9|0|Darum schreibt auch ihr euch den 14. Vers jenes erwähnten Briefes recht nagelfest ins Herz, so werdet ihr einen ebenen Weg ziehen! Amen.
HIM|1|410719|10|0|Das sage Ich, den die Bauleute verworfen haben und über den sie noch allezeit hergefallen sind und auch noch fürder herfallen werden. Amen.
HIM|1|410719|0|0|Dank des Knechtes
HIM|1|410719|11|0|O Du mein allerliebster Herr Jesus, Du wahrer Tröster Du! Überall und allezeit findest Du das allerrichtigste und wirksamste Trostwort für uns arme, schwache Sünder! Darum sei Dir für alles ewiger Dank, ewiges Lob und alle unsere Liebe und Anbetung! Und allezeit Halleluja und Hosianna Dir in Deinem allerheiligsten Namen!
HIM|1|410731|1|1|Mahn- und Trostwort – 31. Juli 1841
HIM|1|410731|1|0|So schreibe denn ein kurzes Mahn- und Trostwort an die Th. M. H., die da aus einer kastenmäßigen Liebe zu Mir in hohen Ehren hält die „Gefangenen im Geiste und am Leibe“, die da halten viel größere Stücke auf die Geistlichen als auf Mich und so auch manchmal mehr auf die Kalenderheiligen als auf Mich und mehr auf die heidnischen Zeremonien und Gebräuche als auf Mich und mehr auf ein lateinisches Gebetsbuch, das sie nicht verstehen, als auf Mich und ehren sich untereinander und die Geistlichen so gut und noch mehr als Mich und halten die Beichte höher als die wahre Buße und die Vergebung der Sünden. Darum sie denn auch beständig beichten, aber auch nach der Beichte sogleich wieder in ihre vorigen Sünden zurückfallen. Und die da so manchen Klostertrug für unbestreitbare Wahrheit halten, die Heilige Schrift aber fliehen und es für eine große, widerspenstige Ketzerei ansehen, so jemand das Buch des Lebens und der heiligen Liebe lesen möchte. Aber ein nichtssagendes Andachtsbüchlein von einem gleisnerischen, stark pharisäischen Mönch halten sie dagegen für einen wahren Himmelsschlüssel!
HIM|1|410731|2|0|O der armen Blinden! Einst wird ihnen dafür schon ein helleres Licht angezündet, wenn sie nur nicht etwa auf Grund ihrer klosterkastisch-privilegierten Heiligkeit die innere Demut hintangesetzt haben und sich nicht insgeheim für besser halten als irgendeinen anderen, freien, unklösterlichen Menschen.
HIM|1|410731|3|0|Dies aber sei das Mahn- und Trostwort an die Th. M. H.:
HIM|1|410731|4|0|Suche du vor allem nur Mich durch die wahre Selbstverleugnung, innere Liebe, Geduld und Sanftmut! Denn so du Mich allein suchst, wirst Du Mich auch finden. Und hast du Mich gefunden, dann hast du alles gefunden. Denn Ich allein bin der größte Schatz aller Schätze und bin mehr als alle Welten und alle Himmel!
HIM|1|410731|5|0|So du mich suchst, da musst du Mich aber bei dir und nicht bei anderen suchen! Denn kann Der in der Fremde gesucht werden, der da beständig in dir zuhause ist und deiner harrt!? Wie du dein Leben nicht lebst in einem fremden Leib, sondern in deinem eigenen, so musst du auch Mir in dir zu leben beginnen und Mich in dir suchen! Da wirst du Mich sicher finden! Denn für dich lebe Ich nur in dir! Und wäre es nicht also, wie möchtest du leben, atmen, denken, fühlen, wahrnehmen, empfinden und dann zu Mir beten!?
HIM|1|410731|6|0|Siehe, das ist der rechte Weg zu Mir! Jeder andere leitet stets auf Abwege. Daher wandle diesen frei, mutig und ohne Furcht, so wirst du das ersehnte Ziel gar leicht und bald finden und wirst dann erst auch einsehen und erkennen, wie sanft Mein Joch und wie leicht Meine Bürde ist!
HIM|1|410731|7|0|Nimm aber auch gerne das Neue Testament zur Hand und lese es sorgfältig, so wirst du darinnen gar bald des wahren Lebens Schule entdecken. Und wirst du erst danach zu handeln anfangen, so wirst du mit Strömen des ewigen Lichtes übergossen werden und aus deinen Lenden wird fließen lebendiges Wasser!
HIM|1|410731|8|0|Sei auch allezeit heiter in deiner Dürftigkeit! Denn je geringeren Anteil jemand hat an der Welt und ihren toten Götzen, desto mehr ist er bei Mir und desto mehr hat er in Mir seinen ewigen, unvergänglichen Anteil zu überaus hohen Wucherinteressen angelegt! Daher sei du fröhlich, denn Ich bin dir näher, als du es wähnst!
HIM|1|410731|9|0|So du aber das Neue Testament zur Hand nimmst, da schlage dir zuerst auf das 15. Kapitel des Johannes und betrachte darinnen den 17. bis 23. Vers! In diesen Stellen wirst du einen großen, verborgenen Schatz finden. Er wird dir aufgetan werden und du wirst erschauen mit erstaunten Augen den „wahren Schlüssel“, mit welchem du gar leicht das Kämmerlein eröffnen wirst, darinnen Ich in dir deiner harre! Amen.
HIM|1|410731|10|0|Das sagt dir dein wahrer Bräutigam durch den trägen Knecht, Amen!
HIM|1|410731|11|0|NB. Der Schlüssel oder das eröffnete Reich ist schon gezeigt in den vier letzten Versen dieses Kapitels, das ist im 24., 25., 26. und besonders 27. Verse. Denn was hier an die Apostel gesprochen ist, ist gesprochen zu aller Welt! Das sagt dir der Erste und der Letzte. Amen.
HIM|1|410808|1|1|Anweisung an den Schreibknecht – 8. August 1841
HIM|1|410808|1|0|Schreibe nur! Denn Ich weiß es schon gar lange, was du und der Andr. H.-W. wollt! Solches aber antworte Ich euch:
HIM|1|410808|2|0|Du, Mein Knecht, bedenke wohl, was dir von Mir für ein Amt verliehen ist und wie viel du noch zu tun hast, bis nur das Hauptwerk beendet sein wird. Denn dazu wirst du von nun an, nach deiner Schrift, noch beinahe ebenso viel brauchen, wie für das, was jetzt schon vorhanden ist. Siehe, eine solche Sache braucht bei regem Fleiß noch nahe ein Jahr von dir, indem du eben nicht der geläufigste Schreiber bist. Und es wäre gut, so du täglich fünf Stunden dazu verwenden könntest.
HIM|1|410808|3|0|Denn der noch zu verhandelnde Stoff des Hauptwerkes ist: Ein drei Tage langer Aufenthalt bei Adam (nach dem Sabbat), woselbst noch unerhörte Dinge vorkommen werden zur tiefsten Beachtung eines jeden, der es zu lesen bekommen wird. Dann erfolgt die Rückkehr in die Tiefe und ein kurzer Überblick über alle damalige Erdbevölkerung. Dann Adams Tod und nach und nach die Geschichte aller seiner euch bekannten Hauptstammkinder bis auf Noah; und so unter anderem die Vermischung der Kinder Jehovas mit den schönen Töchtern der Welttiefe. Dann, kurz durchgeschaut, Jehovas Kriege, Noahs Berufung, die von ihm in die Tiefe gesandten Bußprediger, Noahs Antrieb zum Bau der Arche; seine verspottete und gefährdete Arbeit; seine Wächter. Dann die großen Erdbeben, sichtbare Zeichen am Firmament; und endlich erst die Flut mit allen ihren Vor- und Nacherscheinungen. Und von da dann noch einige Blicke bis zu Abraham und dem Hohenpriester Melchisedek und noch einige Nachworte.
HIM|1|410808|4|0|Und alsdann erst ist das Ende des Hauptwerkes da, welchem dann noch gewisse, schon gegebene Hauptnebenworte einzuverleiben sein werden, die zu seiner Zeit näher bezeichnet werden.
HIM|1|410808|5|0|Siehe, solches hat und fordert noch das Hauptwerk! Es steht aber auch noch eine große Menge von Naturzeugnissen und die Enthüllung des gestirnten Himmels sowie der Geisterwelt allenthalben auf und zwischen den Sonnen, Erdkörpern, Monden und Kometen bevor.
HIM|1|410808|6|0|Da rechne du, wie du mit dem allem in zwei Jahren fertig wirst! Denn bis dahin soll es fertig sein – das heißt, so ihr es wollt und euch daran etwas gelegen ist.
HIM|1|410808|7|0|Ist euch aber eben nicht so viel darum zu tun, so habe Ich schon noch andere Amtleute, und zwar in anderen Landen, die solche große Geschenke aufnehmen werden und sie vollenden bis zum letzten Häkchen.
HIM|1|410808|8|0|Siehe, Ich sage dir nicht, was du tun sollst; aber so du Mein Wort hast, so sollst du demselben doch wenigstens täglich, mit Ausnahme der Feiertage, bei acht Stunden die zwei Jährlein hindurch widmen, um alles zu beenden, was vorderhand von größter Wichtigkeit ist.
HIM|1|410808|9|0|Denn die Menschen sollen daraus bald völlig erkennen, wie eitel töricht all ihr weltlich Tun und Treiben ist!
HIM|1|410808|10|0|Was dein übriges Tunwollen betrifft, namentlich in der Tonsprache, dafür hast du deinen freien Willen. Es ist aber allzeit eine Sünde der Trägheit, so der Mensch etwas, das er von Mir erhalten hat, leichtsinnig hintansetzt, bevor Ich es Ihm auf die eine oder andere Art abnehme.
HIM|1|410808|11|0|Siehe, Ich habe dich für die Menschen geistig gemacht zu einem Hofmeister des Herzens und der Liebe. Und solches zu tun und dein Leben selbst zu kehren nach dem Wort, ist dir von Mir aufgetragen. Es wird dir zu keinem Verdienst gerechnet, dass du solches empfängst; denn solches ist eine große Gnade nur für jeden, der es empfängt; sondern zum Verdienst wird nur gerechnet, zu leben nach dem Wort in aller Liebe, Geduld, Sanftmut, allem Glauben und Vertrauen, aller Selbstverleugnung und duldsamer Ertragung von allerlei Kreuz und mancherlei Leiden, damit dadurch das Herz vollkommen rein werde von allen Schlacken der Welt.
HIM|1|410808|12|0|Und so hast du schon vollauf zu tun mit dieser Hofmeisterschaft und wirst daher schwer noch einer anderen obliegen können. Allein wohnen kannst du überall – nur nicht neben irgendeiner Hure, wohlverstanden!
HIM|1|410808|13|0|Ist demnach dem W. damit gedient, so kann ja immerhin dein Segen heimlich seine Kindlein stärken. Und du kannst denselben auch in freier Zeit in mancherlei behilflich sein. Aber eine sogenannte Hofmeisterstelle mit allen ihren Erfordernissen ist gegenwärtig für dich nicht möglich annehmbar. Doch so du hinziehst, da ziehe du ganz unvermerkt hin. Denn die gewisse Welt hier in dem Ort darf davon nichts merken, ansonst sie sich darum gewaltig ärgern möchte – und ihr euch dann ihretwegen.
HIM|1|410808|14|0|Verstehe du es wohl! Denn es beobachtet jemand Gewisser mit hundert Augen deine Schritte und lauert, dass er etwas fände, das ihm auffiele. Hat der W. einmal Amt und Ort gewechselt, dann könnt ihr ohne Sorgen beisammen sein. Unterdessen aber nur unter gehöriger Vorsicht!
HIM|1|410808|15|0|Dann höre du, W.! Gewisse Leute meinen ohnehin, der Knecht erteile dir und deinen Kindern heimlich den Unterricht im Luthertum und aller sogenannten antikatholischen Ketzerei – und die Musik sei nur ein politischer Deckmantel.
HIM|1|410808|16|0|Wenn der Knecht L. nun auf einmal hier aufsagt und dann zu dir, W., zieht, so könnte das sehr leicht einige kleine Verdrießlichkeiten verursachen. Daher ist, um solches zu vermeiden, des Knechtes gegenwärtiges Zimmer also noch einundeinhalb Monate beizubehalten. Und zur Zeit werde dann schon Ich euch anzeigen, wie da die ganze Sache sicher abzumachen ist.
HIM|1|410808|17|0|Überdies aber soll der Knecht in der Zeit noch beim Ans. Wortemsig seine Ordnung nicht zu sehr ändern, d. h. so er hinzieht zu Dir, Willig, soll er noch wenigstens zwei bis dreimal in der Woche zu Mittag speisend bei ihm zubringen und sonst, wie gewöhnlich, möglichst täglich bei ihm weilen.
HIM|1|410808|18|0|Vor allem aber hast du, W., Dich auch annehmbar zu verständigen mit deinem Weib, so sie ihre Forderung über das Ausgemachte an den Knecht stellen sollte! Denn die sehr Sparsamen suchen beständig selbst die erforderlichsten Bedürfnisse zu vereinfachen. Du wirst es wohl verstehen, wie es gemeint ist.
HIM|1|410808|19|0|Solchen Rat überdenkt wohl und handelt darnach!
HIM|1|410808|20|0|Das sagt Der, dem alle Dinge bekannt sind! Amen, Amen.
HIM|1|410810|1|1|Rat für Weinbergarbeiter – 10. August 1841
HIM|1|410810|1|0|Höre! Also lautet es im Rat der ewigen Weisheit und Liebe deines Herrn, deines Gottes, deines Schöpfers, deines Erlösers und – dadurch erst – deines Vaters, der da ist heilig, heilig, heilig:
HIM|1|410810|2|0|So du magst läuternd umgehen mit Personen des anderen Geschlechtes, da beachte zuvor die dir noch verborgene Tiefe deines Herzens! Denke, dass da kein merklicher äußerer Unterschied ist zwischen nützlichen guten und unnützlichen giftig-bösen Sämereien.
HIM|1|410810|3|0|Das unerforschte Herz ist gleich einem ungedüngten Grund, in welchem das Unkraut eher wurzelt als der Weizen. Daher lasse dich nicht verleiten durch schöne Sämereien, da du nicht weißt, was daraus für Früchte hervorgehen möchten!
HIM|1|410810|4|0|Du kannst in Meinem Namen dich jedermann zwar nahen, aber Mein Reich wirst du nirgends finden als allein bei Mir durch Glaube und Liebe und gänzliche Selbstverleugnung – und höre, das erst dann, so du in deinem Herzen, ganz losgetrennt von der Welt, getreuest wirst sagen können:
HIM|1|410810|5|0|„Herr, hier bin ich! Die Welt ist mir zum Ekel geworden. Du aber bist mir alles, alles, alles! Ich will nun nichts mehr als Dich allein!“
HIM|1|410810|6|0|Siehe, dann erst kann Ich kommen! Wo du nützen kannst, da handle in Meinem Namen und habe Acht auf die Tiefe und wahre Gesinnung deines Herzens! Denn da liegen noch allerlei Sämereien. Ich aber will nur segnen, was du in Meinem Namen tun wirst denen, die Ich dir gegeben habe!
HIM|1|410810|7|0|Was diejenige anlangt, nach der du fragst, so schaut sie in ihrer Dürftigkeit mit einem Auge hinauf, ob keine Hilfe von dort möglich – mit dem anderen aber sieht sie zur Erde, ob da nirgends Edelsteine für sie seien. Sie soll lieber beide Augen, Ohren und ganz besonders ihr Herz unverzüglich zu Mir kehren, so wird sie den größten Schatz finden und wird ihr geholfen sein in allem!
HIM|1|410810|8|0|Du aber bewahre und reinige dein Herz, auf dass, so Ich dereinst etwa unerwartet zu Dir kommen möchte, dasselbe also bestellt sei, dass Ich nicht genötigt werden möchte, zu verziehen oder gar umzukehren! Denke: Eines nur tut not! Und wer sich dieses eine erwählt hat, der hat sich schon den besten Teil erwählt!
HIM|1|410810|9|0|Das sage Ich, dein beständiger Erlöser und unablässiger Wiedergebärer! Amen, Amen, Amen.
HIM|1|410818|1|1|Therapie und Diät für Dickblütige, Thrombosegefährdete – 18. August 1841
HIM|1|410818|1|0|Manchmaliger geheimer Ärger ist deines Weibes Grundübel, und „vergällt“ ihr das sehr erregbare Blut; daher kommt auch ihre Verschleimung. Du wirst sagen und fragen: „Sind denn so kleine häusliche Ärgerlichkeiten auch von solch gallischer Wirkung? Solches sagt man ja nur von bedeutendem Zorn oder von anderen großen Gemütsbedrückungen.“
HIM|1|410818|2|0|O siehe, das ist ganz irrig und falsch genommen. Denn eigentlich zornmütige Menschen haben auch eigentlich sehr wenig Galle, sondern nur ein zu reges Blut, welches für Einwirkungen böser Geister sehr empfindlich ist. Wird allenfalls durch einen Zornausbruch die Galle auch gewaltig in Anspruch genommen bei solchen Menschen, so schadet ihnen das aber dennoch nicht; denn ihr sehr leichtes, regsames Blut schafft bald wieder alles aus dem Leib.
HIM|1|410818|3|0|Aber ganz anders ist das bei jenen Menschen, besonders weiblichen Geschlechtes, welche schon von der Geburt aus ein mehr dickes Blut haben. Diese Menschen haben darum auch stets mehr ein unbehagliches Gemüt und können sich heimlich sogar über eine Fliege ärgern, obschon sie eigentlich eines Zornes unfähig sind. Dadurch aber geschieht es dann, dass ihr Blut beständig mit galligen Substanzen untermengt ist. Wo das Blut dann seine Nährsäfte in den Leibesorganismus absetzt, dahin gelangen auch die im Blut aufgelösten galligen Teile und verdichten somit die Säfte.
HIM|1|410818|4|0|Solches Übel aber kann leichtlich behoben werden durch geistige Mittel und durch ein gerechtes Fasten, aber niemals durchs Baden in warmen, gesottenen und somit aller Lebenskraft beraubten Wässern, und am allerwenigsten durch das Trinken gar abgestandener mineralischer Wässer zur Vertreibung irgendeines Halskropfes, der von selbst vergehen würde, wenn sich das Blut durch eine gerechte geistige und natürliche Diät gehörig verdünnen würde.
HIM|1|410818|5|0|Was aber ist diese geistige Diät? Enthaltsamkeit von allen Ärgerlichkeiten, sie mögen was immer für einen Grund haben. Denn sobald das nicht streng beachtet wird, kann an keine Besserung gedacht werden. Ich will hier nicht die verschiedenen Gründe anführen, durch welche all der Ärger erzeugt wird. Genug, dass Ich sage, sie müssen samt und sämtlich von Grund aus vermieden werden, sonst wird da von einer Gesundheit nie die Rede sein.
HIM|1|410818|6|0|Wie kann aber solches gar leicht vermieden werden? Im beständigen, wahrhaften Hinblick in vollem Glauben und aller Liebe auf Mich, aber nicht auch nebenbei auf die Welt und allfällige Verwandte, die zwar viel Gebete tun aus den Büchern, aber wenige aus dem Herzen; darum sie auch große Stücke halten auf Weltärzte. Aber dem wahren Hausarzt trauen sie nicht allein ohne einen Weltarzt! Siehe, solches heißt so viel als rein nichts! Denn also sitzt der Kranke zwischen zwei Sesseln auf dem Boden und wird von keinem getragen.
HIM|1|410818|7|0|Das wäre somit die geistige Diät, welche gar leicht beachtet werden kann.
HIM|1|410818|8|0|Was aber die natürliche Diät betrifft, so besteht diese in einem gerechten Fasten. Dieses aber besteht darin, dass sich da enthalten werden solle von allen fetten Speisen und schweren Getränken. Denn dieses alles ist ein Gift für derlei Naturen, die ein mehr dickes Blut haben. Ebenso ist auch der Genuss des Kaffees überaus schädlich an und für sich; so er aber noch zu fett und manchmal zu stark genossen wird, da kann durch ihn die Natur so ganz und gar verdorben werden, dass ihr kaum durch ein Wunder zu helfen ist. Ebenso schädlich sind auch alle Leckereien und zeitweiligen Speisewechslungen, durch welche dann über einen Tisch alles verdorben wird, was allenfalls sieben ordentliche, einfache Tage gutgemacht haben. Ebenso ist auch alle Obstnascherei, besonders an den Nachmittagen, äußerst schädlich, wenn das Obst nicht ehedem gesotten oder gebraten ist.
HIM|1|410818|9|0|Weizenbrot, wie zum Beispiel gutgebackene Semmeln, reines Wasser, von allem Fett befreite Milch, frische Fleischbrühen mit Kräutern, als: Salbei und Quendeln, süße Rüben, Meerrettich zum mäßig genossenen Rindfleisch, dann und wann ein lämmerner oder kälberner Braten, dann manchmal auch etwas Wein mit Wasser genossen – solches bedingt die Gesundheit des Leibes, wie auch manchmal eine in der Fleischbrühe eingekochte Maisgrütze. Alles andere aber ist ein Gift für derlei Naturen, besonders wenn sie schon sehr durch die Apotheken geschwächt worden sind!
HIM|1|410818|10|0|Das ist die wohlzubeachtende natürliche Diät. Ferner ist solchen Naturen auch alles Abkühlen nachteilig. Wohl aber ist ihnen eine beständige Bewegung zu empfehlen, natürlich mit Maß und Ziel. Das Schlafen unter Tags aber, wie das warme Baden, gebiert des Leibes Tod für solche Naturen!
HIM|1|410818|11|0|Siehe Mein lieber A.H.W., solcher Natur ist dein Weib und hat sich durch eigene Schuld also leidend gemacht. Wenn sie solches alles im Vertrauen zu Mir beachten will, da kann’s besser werden mit ihr; sonst aber wird sie siechen ihr Leben lang. Noch immer ist sie voll Schwächen und mag Mir nie voll vertrauen, sondern fürchtet ihre Verwandten oft beinahe mehr denn Mich und hält noch so manche Stücke auf weltliche Beziehungen, was denjenigen durchaus nicht gut ansteht, die Ich erwählt habe!
HIM|1|410818|12|0|Solches aber magst du beachten, so wird’s wohl besser werden; aber sonst lange nicht. Ich möchte sagen Amen. Aber hier kommt es auf dein Amen an. Verstehe es!
HIM|1|410826|1|1|Ein neues Licht der Liebe – 26. August 1841
HIM|1|410826|0|0|Brief aus Greifenburg an den Freund und späteren Lebensschilderer Jakob Lorbers: Karl Gottfried Ritter von Leitner in Graz.
HIM|1|410826|1|0|Geliebtester, hochverehrtester Freund! Es wäre mir unmöglich, aus meiner Kraft auch nur ein Sonnenstäubchen groß von all dem würdig mit der Feder zu geben, was alles ich hier doppelt gesehen, gehört und gefühlt habe und noch sehen, hören und fühlen werde! Fürwahr, für Gegenden dieser Art sollte der Mensch mit hundert Augen, Ohren und Herzen versehen sein! Denn man wird mit den gewöhnlichen Sinnen hier zu einem förmlichen geistigen Geizhals und Nimmersatt, da einen die große, schlagende Wunderfülle beinahe ohnmächtig macht und man sich dabei stets sorglich fragen muss: Wohin mit all dem unübersehbar vielen? Wie werde ich diese ungeheure Ernte unter mein armseliges Dach bringen?
HIM|1|410826|2|0|Wahrlich wahr, hier ist des Großen und Guten zu viel, besonders für ein geistiges Auge. Ich übergehe alle die hohen Berge und will nicht berühren alle die vielen Naturseltenheiten, am allerwenigsten die vielen, im Ernst sehenswürdigen Ortschaften u. dergl.; aber was die naturgeistige Tätigkeit betrifft, da sage ich Ihnen, geliebter Freund, so auffallend sichtbar und auf den ersten Blick wohlbegreiflich wäre es mir nie im Traume eingefallen! Fürwahr, wenn hier nicht ein Blinder auch nur bei einiger geistig-ärztlichen Mithilfe alsbald möchte sehend werden, da müsste ich selbst zu einem Gottesleugner werden. Denn wer da nicht lebendig gläubig wird, für den ist im Ernst alle Taufe und alles Chrisam rein verdorben! Ich habe hier Erfahrungen gemacht, von denen ich früher keine Ahnung hatte. Mir ist ein ganz neues Licht angezündet worden. Und in dieses seltenen Lichtes Strahlen sehe ich ein endloses Meer von Wundern über Wundern, die gewisserart eines das andere so gut wie ganz niederschlagen!
HIM|1|410826|3|0|Geliebtester Freund! Ich vermag Ihnen für diesen Augenblick nichts anderes zu sagen, als dass Ich fürs Erste schon so mancherlei von meinem hohen Diktator aus in die Feder erhalten habe und der allerbesten Hoffnung bin, noch so manches überaus Seltene zu empfangen. Und fürs Zweite aber getraue ich mir die schließliche Bemerkung noch hinzuzusetzen, dass Ihnen diese meine geistigen Sammlungen sowohl schriftlich als auch bei gefälliger Gelegenheit mündlich nicht ohne geistig nützliches Interesse sein werden!
HIM|1|410826|4|0|Denn also lautete es anfänglich in mir: „Siehe, ein neues Licht gebe Ich dir! Es ist nicht genug, die Rinde der Dinge sowie das Holz und das Mark durchzubrechen, sondern (es gilt zu schauen), was da wird aus der Rinde und aus dem Holz und aus dem Mark. Wer das sehen will, der schaue, dass er recht sehe! Und wer da hören will, der horche fein, auf dass er alles höre! Und wer da empfinden will, der lege seine Hand auf die Brust und zähle jeglichen seiner Pulsstöße und erwäge, von welchen Gefühlen jeglicher umlagert war! Alsdann erst wird er bald sich und all den Dingen auf den wahren Grund zu schauen in den Stand gesetzt werden. Verstehe es wohl! Denn siehe, das ist ein neues Licht der Liebe, das dir die werdende Frucht in dem Mark, das Mark im Holz und das Holz in der Rinde zeigen wird. Und ebenso nach deinem Tun das ewige Leben in dir! Siehe, das ist ein neues Licht, und was du hier empfangen wirst, das soll dir werden in diesem neuen Licht. Amen. Verstehe es wohl! Amen.“
HIM|1|410826|5|0|Sehen Sie also, geliebtester Freund, nach diesem wenigen zu urteilen, können Sie mit Recht so manches erwarten, das Ihnen sicher sehr viele Freude machen wird. Ich bin jetzt nur ein Sammler, hoffe aber doch auch baldmöglichst ein Mitteiler zu werden! Unterdessen aber habe ich vorzugsweise nur einen Wunsch für Sie, geliebter Freund, wie auch für alle übrigen lieben Freunde, dass Sie nämlich dieses mein schlichtes Schreiben bei der allerbesten Gesundheit antreffen möchte!
HIM|1|410826|6|0|Des Herrn Jesu Christi Liebe und Gnade sei mit Ihnen jetzt und ewig! Amen. Das ist der stets sehnlichste Wunsch des Sie ewig liebenden Freundes und Bruders im Geiste.
HIM|1|410826|0|0|Jakob Lorber, d.H.K.
HIM|1|411023|1|1|Zum Tode eines Kindes – 23. Oktober 1841
HIM|1|411023|1|0|Das sage in Meinem Namen dem, den Ich für würdig befand, dass Ich ihn heimsuchte und sein jüngstes Weltkindlein zu Mir nahm, darum er sehr trauert und weint und nicht wohl bedenkt, dass Ich es bin, der ihm solche Gnade erwies, deren Größe er wohl in Ewigkeit nicht wird erfassen können.
HIM|1|411023|2|0|So aber zum A. H.-Willig ein Weltfürst gesagt hätte: Möchtest du mir nicht dein Kindlein überlassen, damit ich es erziehe zu einer großen Fürstin und, wann es Jahre und Bildung in gerechter Genüge zählen und haben wird, es dann auch alsogleich belehne mit vieler Länder Kronen und es alsdann mache zu einer großen, regierenden Fürstin, Königin und Kaiserin – würde sich da A. H.-Willig nicht vor Freuden außer sich befinden, auch nur schon des alleinigen ernstlichen, großen Antrags wegen, und würde auch suchen, seine Dankbarkeit auf jede erdenkliche Art dem Kaiser an den Tag zu legen!?
HIM|1|411023|3|0|Oder irgendein guter Fürst käme zu ihm und setzte sein Kindlein zum Alleinerben ein für einen großen Teil seiner Güter – was möchte A. H.-Willig in dem Falle tun mit dem Fürsten? Oder es käme ein regierender Prinz und begehrte zur künftigen Kaiserin die Hand einer seiner Töchter – würde da der A. H.-Willig einen solchen Brautwerber wohl vom Haus weisen?
HIM|1|411023|4|0|Jedoch was ist alles dieses im Vergleich zu dem, so da Ich komme und tue alles das im lebendigen, ewigen, unendlichen Sinne! Und da kann, da mag der A. H.-Willig klagen, weinen und trauern?!
HIM|1|411023|5|0|O wie schwach ist das noch! Braucht denn außerordentliche Hilfe nicht auch außerordentliche Mittel? Oder muss die Arznei nicht sein wie die Krankheit, damit das Übel ein Ende nehme? Wer aber geht zum Arzt und zeigt ihm die Wunde; und wenn der Arzt ihm ein heilsam Öl in die Wunde gibt, dann weint und trauert er, so das Öl anfängt die Wunde zu heilen! O seht wie blind ihr noch seid!
HIM|1|411023|6|0|Wenn euch die Schuhe drücken, da ruft ihr beständig um Hilfe; und komme Ich endlich, euch zu helfen und frei und fest zu machen eure wankenden Füße, da werdet ihr voll Traurigkeit! Warum das? Weil euer Herz noch blind ist, darum ihr zwar die Hilfe sucht, aber das sicher helfende Mittel fürchtet und flieht!
HIM|1|411023|7|0|Siehe, Ich habe dir nun eine ebene Bahn gezeigt und eine eherne Pforte gesprengt und eine große Scheidewand niedergerissen! Durch eine große Wüste habe Ich Brunnenröhren zur belebenden Leitung des lebendigen Wassers gelegt! Siehe, die Wüste wird erblühen – und da magst du trauern darüber!?
HIM|1|411023|8|0|O lerne Mich in Zukunft besser kennen! Denn dein Vater bin Ich! Wie magst du trauern, wenn dich dein heiliger Vater in der höchsten Liebe heimsucht und dir dein Haus bestellt?
HIM|1|411023|9|0|Darum traure fürderhin nicht mehr! Denn Ich, dein heiliger, liebevollster Vater, habe es ja also gewollt! Bedenke das und du wirst ewig leben! Amen.
HIM|2|411118|1|1|Liebe, die Grundkraft des Lebens – 18. November 1841
HIM|2|411118|1|0|„Wachet und betet, damit ihr nicht in Versuchung fallet! Ist auch euer Geist willig, so ist aber doch schwach euer Fleisch.“
HIM|2|411118|2|0|Wer diese ewige Wahrheit nicht beständig im Herzen und im Munde führt, ist nie sicher vor dem Fall. Wie schwer es aber für den Gefallenen ist, sich wieder aufzurichten und dann völlig aufzustehen, das zeigt euch die ganze Welt und, als ein überaus verständliches Beispiel, euer Leben selbst, so ihr dasselbe nur ein wenig durchachten wollt. Die ganze sichtbare Schöpfung samt den Menschen besteht ja nur aus Partikeln des großen, gefallenen und in die Materie gebannten Geistes Luzifer und seines Anhanges.
HIM|2|411118|3|0|Das „Fleisch“ also ist schwach! Ihr sollt aber darunter nicht etwa das Fleisch eures Leibes verstehen, welches da ist ein totes Fleisch – sondern das Fleisch des Geistes, was dessen Liebe ist. Dieses, sollt ihr verstehen, ist das sehr schwache Fleisch, welches noch aller Versuchung ausgesetzt ist. Dieses Fleisch ist bei euch noch gleich einem Rohr im Wasser und einer Wetterfahne – welches alles sich richtet nach den Winden.
HIM|2|411118|4|0|Ich sage euch aber, wessen „Fleisch“ noch schwach ist, der scheut zu besteigen die Berge und kann sich auf denselben auch keinen festen Fels aussuchen, darauf er sein Haus setzen könnte; sondern er bleibt gemächlich lieber in der Taltiefe und baut da sein Haus auf Sand.
HIM|2|411118|5|0|Solange keine Wässer und Sturmwinde an die schwachen Wände seines Hauses schlagen und stoßen, steht das Haus wohl gleich dem auf hohem, festem Felsen; und ihr wundert euch über den Felsenbewohner, wie es ihm doch habe einfallen können, sein Haus auf solch hohen, nackten Felsen zu bauen. Wenn da aber das Ungewitter kommt und die Wässer und Winde sich erheben, wird euch da der Bewohner des Felsens nicht auch fragen: „O ihr gemächlichen Toren! Wie hat euch denn je einfallen können, im Sand des Tales euch ein Haus zu erbauen?!“
HIM|2|411118|6|0|Seht, also ist noch schwach euer „Fleisch“, und ihr könnet euch noch nicht trennen vom Haus am Sand. Ich sage euch darum, dass ihr wachen und beten sollt, damit – so das Ungewitter kommen wird – ihr nicht erliegt der Versuchung. Was nützt euch alle Erkenntnis, was die Willigkeit, wenn der Wille nicht unterstützt wird von der Liebe, welche ist des Geistes Fleisch!? Wird da wohl je eine Tat erfolgen?
HIM|2|411118|7|0|Die Liebe ist die ewige Triebfeder des Willens, wie der Wille das Werk selbst. Urteilt aber selbst, wozu ein starkes Uhrwerk nützt, wenn es nicht auch zugleich eine Triebfeder hat, die stark und mächtig genug ist, dieses starke Werk in die zweckmäßige Bewegung zu setzen? Wer weiß es nicht, wie so manches der Wille berührt, und es geschieht doch nichts, weil es der alleinige Wille, nicht aber auch zugleich die Liebe berührt hat. Wie viele Mädchen ergreift oft der Wille eines ehelustigen Werbers; doch wird dann nicht selten keine von allen den also Ergriffenen des Werbers Weib, sondern eine ganz Fremde, darum er diese nicht mit dem alleinigen Willen, sondern in Vereinigung des Willens mit der gerecht starken Liebe ergriffen hat.
HIM|2|411118|8|0|Worin aber war der Grund der Tat? Im Willen sicher nicht, da dieser ist gleich einem Uhrwerk, das entweder gar keine Triebfeder oder eine viel zu schwache, schläfrige hat – sondern in der gerecht starken Liebe, welche die allein bewegende Kraft des Willens ist.
HIM|2|411118|9|0|Daher stärkt eure Liebe! Das ist das wahre Wachen und Beten mit Mir, der Ich die Ewige Liebe Selbst bin! Oder noch mehr auf Deutsch zu euch gesprochen:
HIM|2|411118|10|0|Liebt und handelt in dieser Liebe mit Mir! Seid nicht nur willig, sondern seid liebetätig, d. h. seid tätig aus Meiner Liebe zu euch und daraus dann aus eurer Liebe zu Mir!
HIM|2|411118|11|0|Beachtet Mein leichtes Gebot der Liebe, vertrauet euch ganz Mir! Baut auf diesen Felsen euer Haus, so werdet ihr sicher sein und spotten können den Gewässern und den Winden, wenn sie kommen! Denn euer Haus steht auf einem Felsen, und das Uhrwerk eures Lebens hat eine gute, haltbare Triebfeder. Ihr habt dann mit dem willigen Geist ein starkes Fleisch. Ja ihr habt dann erlebt die wahre Auferstehung des Fleisches, in welchem Fleisch ihr ewig Gott, die Ewige Liebe, von Angesicht zu Angesicht schauen und eine neue Liebe zu Gott leben und genießen werdet ohne Ende!
HIM|2|411118|12|0|Seht, das ist das wahre Abendmahl! Das ist der wahre Leib der Ewigen Liebe, der für euch gegeben, und das wahre Blut, das für euch vergossen wurde! Diesen Leib und dieses Blut nehmet hin und esset und trinket alle davon, damit dadurch euer Fleisch stark werde und auferstehe zum wahren, ewigen Leben!
HIM|2|411118|13|0|Meine Liebe ist das wahre, große Abendmahl! Wer Meine Gebote hält, welche nichts als lauter Liebe sind, der hält auch Meine Liebe, was da ist, dass er Mich wahrhaft liebt.
HIM|2|411118|14|0|Wer Mich aber liebt in der Tat, der isst wahrhaft Mein Fleisch und trinkt im rechten Sinne Mein Blut, welches alles ist das wahre Brot und der wahre Wein der Himmel, der Engel und alles Lebens! Wahrlich, wer von dem Brot essen und von dem Blut trinken wird, den wird nimmerdar hungern und dürsten in Ewigkeit!
HIM|2|411118|15|0|Und nun noch ein Wort für die eine!
HIM|2|411118|16|0|Siehe, du eine, dieser Mein Leib und dieses Mein Blut sei auch dir das höchste Bindeband deines Leibeslebens mit dem Meinen! Esse und trinke davon, so viel dir nur schmeckt! Ich sage dir, du wirst dich nie überessen und übertrinken! Denn dieses Brot sättigt beständig und erzeugt dabei aber doch stets noch eine größere Esslust, wie dieser Wein eine stets größere Trinklust!
HIM|2|411118|17|0|Wenn du solches tun wirst, so wirst du, wenn der „Bräutigam“ kommen wird, des Öles in großer Menge haben und wirst mit Freuden vom Bräutigam aufgenommen werden. Denn Meine Liebe ist das wahre Lampenöl des Lebens, welches da auch ist eine wahre Salbung des noch schwachen Fleisches zur lebendigen Auferstehung!
HIM|2|411118|18|0|Was nützt der Lampe der alleinige Docht, welcher da ist ein williger Geist, wenn ihm das Öl der Liebe mangelt? Also versehe dich daher nur mit dem Öl! Der Docht wird dir gegeben mit der Lampe. Aber das Öl musst du dir selbst frühzeitig holen bei Mir, ehe es zu spät werden möchte.
HIM|2|411118|19|0|Das aber ist das „Wachen und Beten mit Mir“, und solches ist auch das „wahre, heilige Abendmahl“, das Ich dir heute wie allezeit zum freien Genuss darreiche. Esse und trinke davon! Aber mische unters Brot keine Welt-Zibeben und keinen Welt-Sauerteig und wässere den Wein nicht – so wirst du wahrhaft auferstehen im Fleisch der Liebe des Geistes zum wahren, ewigen Leben! Amen.
HIM|2|411118|20|0|Das sei dir von Mir ein ewiges Bindeband! Amen.
HIM|2|411204|1|1|Haltet euch an die Liebe! – 4. Dezember 1841
HIM|2|411204|0|0|„Und Er sprach zu ihnen: ‚Von Herzen hat Mich verlangt, dies Osterlamm mit euch zu essen, bevor Ich leide. Denn Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht davon essen, bis dass es vollendet werde im Reich Gottes.‘“ Lukas 22,15 u. 16.
HIM|2|411204|1|0|Dass ihr derlei Dinge, die doch leicht sind, noch immer nicht fasst, liegt lediglich daran, dass ihr euch noch stets mehr an die Weisheit eures Verstandes haltet als nur allein an die Liebe, in der alles vereinigt und daher überleicht alles zu finden ist – während in der törichten Verstandes-Weisheit alles also zerstreut und zertragen ist, wie die Sterne in der Unendlichkeit, von denen da niemand erschauen kann mit seinem Verstand, wie und was sie sind und was darinnen ist.
HIM|2|411204|2|0|Daher nehmt zur Liebe, zur alleinigen Liebe eure Zuflucht, an diese haltet euch! Sie allein ist der vollkommene Brennpunkt der ganzen Unendlichkeit, ebenso der Ewigkeit und der ganzen Tiefe und unendlichen Vollkommenheit Gottes! So ihr die Liebe recht ergriffen habt, und diese euch, dann könnt ihr alles erfahren und Dinge begreifen, davon noch keine Weisheit sich etwas träumen ließ!
HIM|2|411204|3|0|Und das ist es auch, da Ich zu ihnen sprach: „Von Herzen hat Mich verlangt“, oder: „Die Liebe, Meine Liebe zu euch, nötigte Mich, die Liebe zuvor noch mit euch zu teilen, bevor diese Meine Liebe Rechnung halten wird mit der Welt und dieser das Ihrige zurückgeben wird, um das Eurige zu erhalten, welches ist das wahre ewige Leben aus derselben und durch dieselbe.“
HIM|2|411204|4|0|Und so ist auch das Folgende eines und dasselbe: „Ich werde von nun an nicht davon essen, bis dass es vollendet wird im Reich Gottes!“ – oder zu euch Harthörigen auf Deutsch gesagt: „Ich werde von nun an nicht mehr essen, als nach dem Gericht der Welt oder des Fürsten der Welt im Gottesreich, welches ist das Reich der Liebe oder die Wiedergeburt des Geistes.“
HIM|2|411204|5|0|Das wahre Osterlamm aber ist die reine Liebe des Herzens zu Mir, wodurch das Herz wird zu einer Wohnung des Heiligen Geistes.
HIM|2|411204|6|0|Seht, solches Leichte und Leichtfassliche besagen diese zwei Verse! Sucht daher fürder das Verständnis solcher Texte nicht mehr mit dem Verstand und im Verstand mit einem metallenen Welt-Geist, sondern mit der Liebe in der Liebe mit dem demütigen Geist der Wahrheit, da euch alle Dinge leicht werden. Sonst werde Ich noch gar lange nicht im Reich des Lebens mit euch das neue Osterlamm speisen können! Versteht es wohl! Amen.
HIM|2|411217A|1|1|An eine Weltmüde – 17. Dezember 1841
HIM|2|411217A|1|0|O Abba Emanuel! In tiefster Demut flehe ich Dich Allerbarmer an, der Du alle Mühseligen und Beladenen erquickest, die zu Dir kommen – siehe gnädigst an das niedergebeugte Herz meiner Schwester Cäcilia, deren Welthoffnungen sämtlich zerstört sind und die nicht die Kraft besitzt, ihr umnachtetes Gemüt zu Dir, o heiliger Vater, zu erheben, bei Dem allein Trost und Friede und neues, wahres Leben zu finden ist!
HIM|2|411217A|2|0|In der großen Finsternis ihres Herzens ahnt sie es nicht und kann es kaum glauben, dass die Pforten des Himmels in dieser großen Gnadenzeit weit geöffnet sind und dass Du, o liebevollster, heiliger Vater, all Deinen verlorenen Kindern mit ausgebreiteten, verzeihenden und segnenden Händen entgegenkommst.
HIM|2|411217A|3|0|O, so sende Dein Licht und Deine Wahrheit in ihr Herz, das des Erdenlebens müde und überdrüssig scheint. Zeige ihr, da sie es wünscht, die Krankheit ihrer Seele sowie ihres schwächlichen Leibes! Schenke ihr mildreichst, Du göttlicher Heiland, nur etliche stärkende und wiederbelebende Worte aus Deinem von Mitleid und Erbarmung überströmenden Vaterherzen!
HIM|2|411217A|4|0|Ein Infusionstierchen aus der Schlammtiefe bittet Dich mit zerknirschter Seele darum! Dein allerheiligster Wille geschehe in und an dieser, zur reformierten Kirche sich bekennenden Schwester! Amen.
HIM|2|411217A|5|0|Du aber, o heiligster Herr und Vater, bist der wahre und einzige Reformator, Erlöser, Wiederbringer und Wiedergebärer! Dir allein aller Dank, alles Lob und alle Liebe! Denn freundlich bist Du, o Herr, und Deine Güte währt ewiglich! Amen.
HIM|2|411217A|0|0|Antwort des Vaters an Cäcilia.
HIM|2|411217A|6|0|Wer sein Auge in was immer der Welt zuwendet, der wird früher oder später gewahr werden, womit und wie die Welt ihre Verehrer, Bewerber und Arbeiter lohnt.
HIM|2|411217A|7|0|Was ist die Welt? Nichts als des Todes Leib, der da ist gleich einem Grab, darin nicht viel Rares zu finden ist, nämlich nichts als stinkender Moder, der allerekelhafteste Unflat und in die Verwesung übergehende Gebeine und zu allem dem eine Legion fressender Würmer! Siehe, das sind die „Schätze der Welt“! So scheußlich sie auch immer sind, so werden sie aber besonders in dieser Zeit doch mit einer solchen leidenschaftlichen Heftigkeit gesucht, dass die Menschen, so Ich sie auch, ihrer Freiheit unbeschadet, durch Meine Vaterliebe wie möglich davon abhalte, beinahe verzweifelnd, ja mit Selbstentleibungssinne umgehen, wenn Ich es nicht alsobald zulasse, dass sie in das Grab des ewigen Todes sich stürzen!
HIM|2|411217A|8|0|Siehe, also ist nun die Welt! Und also unaussprechlich töricht und häufig wahrhaft böse sind nun auch die Menschen in ihr beschaffen! Und Ich sage dir noch hinzu, dass es gegenwärtig unter hundert Menschen kaum einen Halbgerechten und unter tausend kaum einen Vollgerechten gibt. Denn die Welt hat sie alle mehr und (nur selten) weniger mit aller Blindheit geschlagen.
HIM|2|411217A|9|0|Siehe die schändliche Kleidermode! Ich sage dir, sie ist ein grausamer Wurm des Todes, der schon beim lebendigen Leibe die Herzen anzufressen beginnt. Auf ihr liegt einer der größten Flüche von Mir! Denn sie ist die „Schminke des Todes“, durch welche schon Tausende und Millionen um das ewige Leben betrogen worden sind.
HIM|2|411217A|10|0|Siehe weiter den verfluchten Tanz! Dieser ist den Dampfgelegenheiten gleich, mittels welcher man sowohl in leiblicher, aber noch viel mehr geistiger Hinsicht mit wahrhaft riesenhafter Schnelle das doppelte Grab erreichen kann! Der Tänzer und die Tänzerin führt den Tod unter den Armen. Was soll dann Ich mit ihnen machen? Ich lasse sie gehen, denn sie haben ja schon ihren Lohn, um den sie sich so zerschwitzt haben!
HIM|2|411217A|11|0|Und weiter siehe den Wucher, den Neid, den Geiz! Diese drei sind von oben bis unten die „Seele“ der Menschenlarven (der Name Mensch ist für solche arg tote Knechte des Todes ja doch zu erhaben!). Ja sie können nicht einmal mehr „Sünder“ heißen. Denn der Sünder ist doch zuweilen reumütig und hat manchmal doch wenigstens noch den Wunsch, sich zu bessern. Allein diese Dreiheit von einer Weltseele, die jedes Menschen Wert nur nach dem ewig verfluchten Geld bestimmt, hat keine Reue. Wo ist der Reiche, den es gereuen möchte, reich zu sein! Wenn einer auch schon so viel hat, dass er, so er jährlich fünftausend Gulden verzehren möchte, allein vom Kapital hundert Jahre und länger ausreichen könnte, dann will er noch stets reicher und reicher werden. Und so er einem Armen einmal hundert Gulden schenken soll, wie ungern wird er es tun! Wie wenige unter den Reichen es gibt, die da freudigen Herzens reich sind für ihre armen Brüder und Schwestern – solches weiß Ich sicher am allerbesten. Ich sage Dir, so du sie an den Fingern zählen möchtest, da dürften dir wohl einige Finger noch übrigbleiben für diese Stadt, wo es doch mehr als fünfhundert Reiche gibt!
HIM|2|411217A|12|0|Siehe weiter die Treulosigkeit der nur sich selbst liebenden Menschen! Meinst du, dass einer von denen, die sich dir erklärt haben, dich deiner selbst willen geliebt hat? O glaube es Mir, sich selbst nur liebte ein jeder in dir! Allein da in deiner besseren Brust das arge Auge deiner Erklärten sich in einer gewissen Hinsicht verkleinert erblicken musste, so wurde es ihnen unbehaglich, da ihre Eigenliebe darunter litt und nicht minder stark ihre fleischliche Sinnlichkeit. Siehe, und daher wurden sie dir untreu!
HIM|2|411217A|13|0|Und nun magst du trauern in deinem Herzen, dass Ich dich sorglich bewahrte und befreite von denen, die niemandem als nur sich selbst liebend treu sind?! Ich sage dir aber: Freue dich vielmehr dessen, darum du trauerst! Und glaube Mir, dass du in deiner heiteren Brust durch die Heiterkeit in Mir doppelt genesen wirst und es dann Mir auch gar nicht schwer werden wird, dein Mir ergebenes Herz mit einem Mann zu belohnen schon hier, der dir ewig ein Engel des Himmels bleiben wird!
HIM|2|411217A|14|0|Glaube es diesem Meinem Wort: Ich bin dir näher, als du dir je träumen möchtest! – Darum, so du Mich suchst mit der Liebe deines Herzens, die du an deiner Liebe Unwerte so reichlich verschwendet hast und noch verschwendest – fürwahr, schon lange hättest du Mich vollkommen gefunden!
HIM|2|411217A|15|0|Siehe, deine leibliche Krankheit bin Ich! Ja, Ich Selbst bin krank in Dir; ja, liebekrank bin Ich in dir! Und darum bist du selbst schwächlich und kränklich! Wende aber nun fürder alle deine Liebe von der Welt allein zu Mir, so werde Ich bald gesund und stark werden in dir, und du dann mit Mir und in Mir!
HIM|2|411217A|16|0|Du meinst, es fehle bei dir an der Lunge! O nein, solches ist irrig – sondern bei dir fehlt es im Herzen! Denn nicht von unten, sondern von oben bist du! Darum dir auch das Weltglück nicht wohlwill!
HIM|2|411217A|17|0|Wenn dein Herz geheilt wird, wirst du auch leiblich gesund sein durch und durch! Denn solches Kranksein ist ja nur deine Prüfung!
HIM|2|411217A|18|0|Aber die Welt, wie sie nun ist und Ich sie dir anfänglich gezeigt habe, wird dir für dein in doppelter Hinsicht krankes Herz keinen heilenden Balsam bieten, sondern allein Ich, so du dich zu Mir kehrst! Denn nur allein in Mir wirst du die vollste, freieste und heiterste Ruhe finden und nirgends anderswo – auch nicht im Kleide einer sogenannten privilegierten Barmherzigkeitsschwester und auch nicht in den kalten, gemauerten Kirchen; sondern allein bei Mir, durch das Vertrauen und durch die stets zunehmende Liebe zu Mir!
HIM|2|411217A|19|0|Siehe, Mein Knecht war auch ehedem, dir gleich, krank. Seit er aber Mich gefunden hat, ist er gesund und heiter und frei!
HIM|2|411217A|20|0|Du aber kannst ebenso gesund werden, so du dich zu Mir kehren willst! Siehe, Ich, dein ewiger, heiliger Vater, werde dich nicht verlassen! Aber zu Mir musst du kommen in deinem Herzen!
HIM|2|411217A|21|0|So du aber zu Mir kommen wirst, sollst du mit einer großen Herrlichkeit geschmückt werden! Denn Ich sehe allein auf die Konfession des Herzens; alles andere ist Mir gleich!
HIM|2|411217A|22|0|Darum komme zu Mir, deinem Vater, zu deinem Jesus! Amen.
HIM|2|411217B|1|1|Die innere Welt – 17. Dezember 1841 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|2|411217B|0|0|Die innere Welt
HIM|2|411217B|0|0|Vorbemerkung an den Knecht
HIM|2|411217B|1|0|Das Liedchen, das du einmal für dich nach einem anderen Sänger etwas für dich verändert niederschriebst unter dem Namen „Die stille Welt“, siehe, das ist ein gutes Liedchen und wird von guter Wirkung sein, besonders für jene, denen ihr Herz allerlei zu schaffen gibt, darum sie nicht Kinder der Welt sind; die Welt aber um sie desto geschäftiger ist, sich dieselben anzueignen!
HIM|2|411217B|2|0|Aber etwas verändert muss es werden, denn wie es ist, klebet noch manches Unreine daran, und hätte darum keine wirkende Kraft.
HIM|2|411217B|3|0|Statt dem bestehenden Titel aber schreibe „Die innere Welt“, und der A. H. W. kann dann darüber sogar Töne setzen, die er, von Mir gegeben, in sich finden wird zum ersten Male; und so wird dies Liedchen seinen guten Zweck nicht verfehlen! Und also schreibe denn:
HIM|2|411217B|4|0|Ich sage dir: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, und so du redlich arbeitest und ohne Gewinnsucht, wie bis jetzt, so wird auch für dich ein der Arbeit gemessener Lohn zu rechter Zeit in der Bereitschaft stehen. Doch denke nie an den Lohn, sondern stets nur an Mich und an die Arbeit von Mir aus, so hast du schon den größten Lohn in dir; wo aber der ist, da ist alles, und darum schreibe nur zu. Amen.
HIM|2|411217C|1|1|Die innere Welt (Fortsetzung) – 17. Dezember 1841 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|2|411217C|1|0|So recht tief im Menschenherzen / eine Stell ganz ohne Schmerzen / ist von heil’gem Licht erhellt, / da ruht still die innre Welt.
HIM|2|411217C|2|0|Da nur schweben ohne Klage / matte Schatten herber Tage, / werden endlich sonnenhell / an des Lebens heil’gem Quell.
HIM|2|411217C|3|0|Hier erst weiset wahres Gute / dir die flüchtige Minute, / ja, sie trägt, vom Trug befreit, / wahre Lebensseligkeit!
HIM|2|411217C|4|0|Und den wahren Freundschaftsstunden / wird ein ew’ger Kranz gewunden, / selbst der Ton, den Schmerz erzwang, / löst sich auf in froh’stem Sang.
HIM|2|411217C|5|0|O die Welt in eurem Herzen! / Nur am heißen Tag der Schmerzen / findst du die verborg’ne Tür, / findst den schmalen Pfad zu ihr!
HIM|2|411217C|6|0|So dich nun des Lebens Schwere / drückt, und schreckt der Welten Leere, / die dir auch kein Sternlein hellt, / flieh in diese innre Welt!
HIM|2|411217C|7|0|Wenn auf deines Lebens Höhen / schwarzen Zweifels Stürme wehen / und an nichts dein Glaube hält, / flieh in diese innre Welt!
HIM|2|411217C|8|0|So dein Herz was Teures hatte, / dich nun schreckt der schwarze Schatte / da er sich vor dir hinstellt, / flieh in deine innre Welt!
HIM|2|411217C|9|0|Wenn so dann am Wanderziele / wohl dir wird, und sanft und stille, / so des Lebens Schleier fällt, / wirst Mich finden in der Welt.
HIM|2|411217C|10|0|Diese Welt musst du dir wählen, / sie wird dir dein Selbst erhellen, / sie ist Meine Welt in dir, / deines Lebens Lichtrevier.
HIM|2|411217C|11|0|Wie’s die Kindlein schuldlos lallen, / kannst du diese Welt bemalen, / sie ist frei von jedem Schmerz; / nur in Liebe schwimmt das Herz!
HIM|2|411217C|12|0|Was dein Aug’ noch nie gefunden / und dein Herz niemal empfunden, / baut die Welt als Lebenspfand / dir aus heil’ger Vaterhand! Amen.
HIM|2|411227|1|1|Geistige Hausordnung – Winke zur Kindererziehung – 27. Dezember 1841
HIM|2|411227|1|0|A. H.-W.! Warum bist du nicht auch so emsig für die Kinder, die Ich dir zum Reinigen gegeben habe, wie du emsig bist in Meinem Wort?
HIM|2|411227|2|0|Siehe, du bist zu lau für deine Mädchen, darum sie sich wenig aus dir machen. Und da sie listigerweise wohl wissen, dass du ihnen gut traust und dein Auge für ihrer Herzen Welttätigkeit schläft und du sonst nicht nach ihnen siehst, außer bei einem Bedürfnis für dich – so haben sie freien, willkürlichen Raum und tun hinter deinem Rücken, besonders mit ihrem Herzen, was sie wollen. Und fragst du sie auch dann und wann um etwas, so sagen sie dir, da sie wissen, dass mit dir sehr leicht abzukommen ist, was sie wollen, nur nicht die Wahrheit – bei wichtigeren Fällen! Und siehe, du bist damit zufrieden; und Ich sage dir, deine Töchter dann auch nicht minder mit dir!
HIM|2|411227|3|0|Ich sage dir aber, du sollst in deinem Haus eine ganz andere Ordnung einführen! Du sollst dich an jedem Tag wenigstens eine Stunde geistig mit ihnen abgeben und dabei weise liebeernstlich eine sichere „Türsperre“ anlegen, willst du dein Haus vor Unglück und Schande verwahren und es so halten, dass Ich nicht genötigt werde, das eine oder das andere deiner Mädchen zur Besserung der übrigen fallen zu lassen oder deine Kinder gänzlich der Welt zu überlassen.
HIM|2|411227|4|0|Siehe, schon jetzt mag Ich nicht in die Zimmer deiner Wohnung gelangen! Was wird’s dann werden, so Ich dein Haus ganz der Welt übergeben sollte? Das ist’s, davon Ich dir durch den Knecht von Kärnten einen zu beachtenden Wink geben ließ und dich selbst zu mehreren Malen mahnte, du sollst dich in Acht nehmen vor deinem unbekannten Nachbar! Allein du verstandest nichts davon!
HIM|2|411227|5|0|Nun, so dir das Wasser schon beim Dach hereinbricht, muss Ich wieder schreien gleich einem Nachtwächter, dass du wachen sollst, damit ihr nicht alle ersauft! Ich warne dich jetzt auf Deutsch, da du noch nicht verstehst Meiner Liebe geistig Wehen! Lasse deine Töchter M., W., P. und J. nicht mehr zu jenem Nachbar und habe ein sorgsames Auge auf sie und dulde nicht die gefährlichen Zusammenkünfte, sonst wirst du dir üble Tage bereiten! Was alles dahinter lauert, das sehe nur Ich!
HIM|2|411227|6|0|Willst du aber deine eigenen Kinder mit der Zeit zu Judassen machen, so kannst du es ja auch tun, so dir etwa diese Warnung und ihr Gegenstand zu geringfügig sein sollte. Doch die Folge möchte dir wohl klärlich machen, ob Ich schärfer sehe oder du!
HIM|2|411227|7|0|Daher ergreife diese „deutsche“ Warnung, bevor es zu spät sein möchte! Versteh es wohl! Amen.
HIM|2|411227|8|0|Und wer dir dieses sagt – begreife es! Amen.
HIM|2|411230|1|1|Gebet des Herzens – Eine Universal-Medizin für alle Übel – 30. Dezember 1841
HIM|2|411230|1|0|Jesus helfe dir! Jesus mache dich gesund! Jesus erhalte dich! Jesus, Du ewiger Helfer aller Leidenden, Jesus, Du einziger Arzt aller Krankheiten, Jesus, Du ewiger König aller Macht und Kraft, Jesus, Du ewige Liebe und Erbarmung, hilf diesem (oder dieser) leidenden Kranken! Dein heiliger Wille geschehe! Amen. – (Unser Vater ...)
HIM|2|411230|2|0|Dieses Gebet des Herzens vermag auch in die Ferne zu wirken, indem man die Hände segnend nach dem Ort hin ausbreitet, wo der Kranke sich befindet. (Anmerkung von Ans. H.-W.: Jakob Lorber sagte, dass die Apostel dieses Gebet bei Krankenheilungen gesprochen haben.)
HIM|2|420105|1|1|Bitte eines Familienvaters – 5. Januar 1842
HIM|2|420105|1|0|O heiligster Herr und Vater! Du willst von mir, dass ich leite, führe und überwache ein Weib und neun Kinder und habe nur zwei Augen dazu und erkenne meine Ohnmacht und meine Blindheit! Wie kannst Du, allein Allwissender, Allgegenwärtiger und Allmächtiger etwas wollen, das dem Wesen, von dem Du es willst, als eine bare Unmöglichkeit erscheint?! Mich selbst erkenne ich noch nicht – wie soll ich so viele der Meinen durchschauen? Ich werde mit mir selbst nicht fertig – wie soll ich die Meinen zum Ziel führen?
HIM|2|420105|2|0|Ich sehe in dieser Lage keinen anderen Ausweg, als dass ich Dich, o liebevollster Herr und Vater, bitte, Du wollest das auf Deine mitleidigsten Schultern nehmen, was zu tragen ich so wenig imstande bin, wie wenn eine Mücke einen Mühlstein fortschleppen sollte!
HIM|2|420105|3|0|Vergib mir, o Herr, meine kühne Rede nach Deiner großen Barmliebe und erquicke meine Seele mit tröstendem Licht! Amen.
HIM|2|420106|1|1|Antwort des himmlischen Vaters – 6. Januar 1842
HIM|2|420106|1|0|Wahrlich, eine kühne Rede habe Ich hier in diesem Falle dir mitnichten zu vergeben, wohl aber eine grenzenlos törichte! Denke doch einmal, entfernt von deinen stets weiblichen Gedanken, nur ein wenig nach, was du alles schon von Mir – höre! von Mir, deinem Schöpfer, deinem Gott, deinem Erlöser, deinem ständigen Wiedergebärer! – für dich und für dein ganzes Haus empfangen hast! Und dir muss eine große Schande übers Angesicht und über deinen ganzen Leib vor dir selbst, geschweige erst vor Mir gelaufen kommen, darum du zu Mir in aller Trägheit deiner Seele und großer Kreuzesscheue mit derlei Fragen kommen kannst.
HIM|2|420106|2|0|Damit du aber doch einmal deine große Blindheit ersehen mögest, daran du ganz allein Schuld bist, wie an der geistigen Verwahrlosung deiner Kinder, so will Ich aus großer Erbarmung dir das Übertörichte deines gegenwärtigen Verlangens ein wenig vor die Augen stellen.
HIM|2|420106|3|0|Siehe, du beschuldigst Mich einer unbilligen Forderung, darum Ich von dir eine Mir wohlgefällige Erziehung deiner Kinder verlange und dir doch nicht mehr als zwei Augen gegeben habe, mit welchen du kaum deine Ohnmacht und Blindheit zu erkennen wähnst.
HIM|2|420106|4|0|Ich aber sage dir, erkenntest du solches an dir, dann hättest du Mich hier nicht einer solchen Unbilligkeit beschuldigt, der Ich dir doch allezeit den sichersten, richtigsten und leichtesten Weg vorgezeichnet und nichts weiter von dir verlanget habe, als dich doch wenigstens täglich ein einziges Stündchen in Meinem Namen mit deinen Mägden so recht väterlich liebeernstlich abzugeben! Das also ist es, wozu du vielleicht tausend Augen haben möchtest!
HIM|2|420106|5|0|Also dieses unendlich leichte Kreuzlein willst du auch noch auf Mich schieben, der Ich für dich ohnehin schon von jeher ein weltenschweres Kreuz unausgesetzt bis auf den gegenwärtigen Augenblick zu schleppen habe! O du bequemer Geist! Es war dir doch nicht zu viel, in der stummen Lust deines Fleisches all die Kinder zu zeugen! Aber solche geringe Forderung von Mir zur Tilgung deiner Fleischsünden ist dir ein Mühlstein am Halse!
HIM|2|420106|6|0|Sage Mir, ist es dir denn wirklich unmöglich, dich in Meinem Namen täglich mit den Deinen ein Stündchen nur liebeernstlich abzugeben, sie zu belehren und ihre Herzen für Mich zu erwecken? Oder traust du dir nicht einmal so viel Kraft zu, dass dich deiner Töchter Fleisch nicht locke, beschwichtige und am Ende unfähig mache, dich mit ihnen in Meinem Namen zu besprechen!? So lerne es doch wenigstens von Meinem Knecht, der sich täglich mehr als Freundbruder mit ihnen abgibt, denn du als Vater! Er hat alle wahrhaft von ganzem Herzen lieb und kann doch, wenn es von Mir aus nottut, sehr ernst mit ihnen umgehen, ohne darum etwas von der wahren inneren Liebe hintangeben zu müssen!
HIM|2|420106|7|0|Weltliche Konversation aber mit den Kindern von Seiten der Eltern ist ein Gift für ihre Herzen; ja Ich sage dir, ein wahres Klapperschlangengift! Und siehe, doch hättest du dazu eher Kraft, Sucht und Begierde, mit deinen Töchtern zu reden wie mit den verteufelten Masken auf einer höllischen Tanzredoute!
HIM|2|420106|8|0|Da du dich in solchem nicht zu erkennen scheinst, muss Ich dir es schon deutlich unter die Augen reiben, dass du durch manche solche läppisch-törichten Gespräche und unüberdacht hingeworfenen Wortschlammbröckchen deinen Töchtern bis jetzt mehr geschadet als im eigentlichen, rein geistigen Sinne genützt hast! Ich könnte dir noch viel mehr des stärksten „Zimts“ unter deine Augen reiben! Allein Ich habe dir alle die Fehler schon lange nachgesehen, habe dich schon lange gesegnet. Nur das einzig Geringe, das „tägliche Stündchen“, verlange Ich von dir für so viele deiner Gebrechen und Sünden vor Mir, deinem Vater. Und du hast Mich einer Unbilligkeit beschuldigen können, als wenn Meine Liebe und Weisheit unvollkommen wäre, da sie unausführbare Forderungen stelle an die Kräfte der Menschen!
HIM|2|420106|9|0|Oder meinst du denn, so du Meinen Weg wandeln möchtest, dass Ich dir nicht voll behilflich sein möchte? Habe Ich dir bis jetzt nicht alles liebeernstlich angezeigt, was nur immer dein Haus nachteilig hätte belangen mögen, damit du Mich ergreifen könntest und Ich dir dann hülfe, wie Ich dir noch allezeit geholfen habe!? Und doch konntest du Mich einer Unbilligkeit wegen des leichten Kreuzes beschuldigen!
HIM|2|420106|10|0|Wärst du nur ein wenig weniger blind, als du es bist, dann müsstest du dich ja doch wahrlich verkriechen vor Mir, deinem ewigen, heiligen Vater, der dich also liebt, dass Er dir alle deine vielen groben Fehler nachgelassen und dich dafür über und über gesegnet hat!
HIM|2|420106|11|0|Es steht dir alles zu Dienste von Mir aus, um was du nur immer bitten magst! Und habe Ich nicht dein schwaches Gebet in jeder billigen Sache allzeit voll erhört?! Welche langen Wege habe Ich dich schon auf Meinen Vaterhänden tragend geführt und habe dir von tausend Seiten mehr Gnadenlicht zukommen lassen als tausendmal tausend anderen! Denke nur ein wenig nach! Denke aber auch, ob Ich wegen dieses letzten kleinen Versuchskreuzchens von dir wohl verdient habe, einer unbilligen und dir unmöglich ausführbaren Forderung an dich also beschuldigt zu werden!
HIM|2|420106|12|0|Wenn du also fortfährst, da wirst du mit dir wohl schwerlich je fertig werden! Und vom wahren Ziel der Deinen wird wohl auch noch gar lange nicht die Rede sein!
HIM|2|420106|13|0|Was Ich dir gebe und rate, du Blinder, das ist ja ohnehin schon Meine große und allergesegnetste Hilfe! So du sie nur annehmen und befolgen möchtest, so würde dein ganzes Haus schon lange über und über in den hellsten, heiligsten Liebeflammen stehen. Allein du willst nichts tun, was nur ein wenig bekreuzt ist, und rufst dafür Meine Allmacht und Allwissenheit an, ohne zu bedenken, dass du dir darinnen nicht das Leben, sondern nur den Tod erbittest! Sollte Ich denn noch mehr Wunder vor deinen Augen tun, als Ich ohnehin schon getan habe und noch immer Tag für Tag tue?
HIM|2|420106|14|0|Oh, was des Törichten verlangst du von Mir?! Mein durch Meine Gnade scharf sehender Knecht kann und darf dein ganzes Haus durchschauen und klebt mit seinen Ohren beständig an Meinem Munde und kommt täglich zu dir. Wenn du Glauben hast, dass er solches aus Mir vermag, warum machst du deine Kinder nicht ernstlich darauf aufmerksam in ihren Herzen!? Alle Schwierigkeit wäre da behoben!
HIM|2|420106|15|0|Ich sage dir, wie unter vielen Tausenden und tausendmal Tausenden keinem stehen dir wahrhafte Wundermittel zu Gebote, durch welche du dir deines Kreuzleins Last bis zur barsten Null verringern könntest, wenn du sie nur recht ergreifen und gebrauchen wolltest! Aber du möchtest jetzt schon des höchsten Himmels Wonne müßig genießen, ohne das dazu erforderliche Kreuzlein auch nur des Tages ein Stündchen lang zu tragen! Siehe, solches ist aber wahrhaft rein unmöglich! Du musst das Leichte tun, du musst darinnen Mir deinen Glauben und deine Liebe lebendig erweisen, willst du zu Mir kommen! Du musst dich verleugnen, dein Kreuzlein auf deine Schultern laden und Mir nachfolgen!
HIM|2|420106|16|0|Du musst Mich in der Tat mit dem Kreuzlein in der Hand suchen, willst du Mich im Ernst finden! Willst du etwas empfangen von Mir, dann musst du bitten mit dem Kreuzlein in der Hand! Und die Pforten des ewigen Lebens werden dir nur aufgetan, so du klopfen wirst an dieselben mit dem Kreuzlein!
HIM|2|420106|17|0|Siehe, kein anderer als nur allein der Weg des Kreuzes führt zum Leben! So du aber eine Kreuzesscheue in dir hast, welchen Weg willst denn du hernach gehen, um zu Mir zu gelangen? Ich sage dir, du wandelst einen bequemen Weg zwar; allein zu Mir führt ein ganz schmaler, unbequemer und oft sehr steiler Pfad himmelwärts bergan! Beurteile daher den deinen genau und siehe, ob er zu Mir führt!
HIM|2|420106|18|0|So du es etwa durchaus willst, dass Ich dir auch dieses nur süßleichte Kreuzlein abnehmen solle, wenn es dich denn wirklich so drückt wie ein Mühlstein eine Mücke, siehe, das kann Ich ja auch tun, und das sehr leicht. Ich nehme dir deine Kinder alle zu Mir von der Erde weg und lasse sie hier erziehen durch Meine allerbereitwilligsten Engel! Sage, wird dir solche Abnahme deines Kreuzleins wohl auch angenehm und in deinem Vaterherzen recht sein?
HIM|2|420106|19|0|Ja, Ich gebe dir noch dazu die teuerste Versicherung, dass sie allda samt und sämtlich besser erzogen werden als bei dir; und alle Meine Lehrengel werden das dir abgenommene Kreuzlein mit übergroßem Danke von Mir annehmen. Und du selbst wirst dich dann allein doch gewiss hinreichend durchschauen können, indessen du es jetzt trotz Meiner so großen Gnade und Erbarmung nicht imstande zu sein vorgibst.
HIM|2|420106|20|0|Worin besteht denn so ganz eigentlich die „unerträgliche Last“ deines Kreuzleins? Siehe, Ich will sie dir noch einmal ganz darstellen! Diese unerträglich schwere Last besteht in nichts anderem, als dass du dich ein Stündchen im Tage liebeernstlich als Vater und wahrer Lehrer über Meine dir wohlbekannten Wege mit deinen erwachsenen vier Mägden abgibst; aber nicht mit ihnen gleich einem weltlichen Liebhaber schäkerst, was sie verdirbt und dir unheimelig und untraulich macht; sondern, wie gesagt, als wahrer Vater, liebeernst!
HIM|2|420106|21|0|So dich aber deine Mägde also als Vater ersehen werden, werden sie sich auch nicht verbergen vor dir und werden dich wahrhaft achten und durch ihr Benehmen auch deine Achtung zu erstreben suchen, indem du sähest auf ihren Geist, aber nicht auf ihren etwas schöner geformten Leib.
HIM|2|420106|22|0|Siehe, der Vater ist der erste Mann, den die Tochter als wahren Mann in ihrem Herzen wohlgefälligst und ehrbarst erkennen soll. Wenn aber dieser erste Mann vor seiner Tochter in aller Schwäche schmachtet und sie an ihm allerlei Schwächen gewahrt – sage Mir dann, welche Richtung wird dann wohl das Herz der Tochter in Anbetracht der anderen Männer nehmen? Sie wird die anderen Männer dann alle in gleicher Schwäche erschauen. Und wer aus der Zahl der jungen Männer ihr dann nur ein wenig zusagen wird, den wird sie ohne weiteres Bedenken auch sobald wählen, und zwar in der und aus der inneren, losen Siegesfreude, eine schwache männliche Frühjahrspuppe zu ihren Füßen schmachten und seufzen zu sehen! Siehe, solches ist auch schon zumeist der Fehler bei deinen Mägden! Sage oder urteile, wie soll Meine Allmacht ihnen da zu Hilfe kommen!
HIM|2|420106|23|0|Sollte Ich ihnen etwa durch eine Art unsichtbaren „himmlischen Magnetismus“ ihren schon ziemlich in eine verderbliche Gärung übergehenden Weltgeist, der (verstehe Mich wohl, und unter vier Augen sozusagen) von dir in sie gelegt wurde, wieder also herausziehen, dass in ihnen darüber eine völlige, blinde Vergessenheit entstehen solle? Sollte Ich sie, auf Deutsch gesagt, töten?!
HIM|2|420106|24|0|O siehe, dessen bedarf es nicht! Sondern, was da für dich wie für deine Mägde hinreichend ist, habe Ich dir treulichst gezeigt. Beachte es nur sorgfältigst, und die Folge wird dich hinreichend überzeugen, dass derlei Übel auch ohne Allmachtswunder von Meiner göttlichen Seite gar leicht durch deine nur etwas regere Mitwirkung mit Meiner Gnade und Liebe gehoben werden können!
HIM|2|420106|25|0|Eifere sie an zum Guten! Da einige darunter auch Musik lernen, eifere sie dazu an und betrachte diese Sache nicht als nutzlos und geringfügig bei ihnen. Und dein Wohlgefallen darinnen wird nicht wenig ihre Herzen veredeln und wird sie von vielen anderen, unreinen Gedanken abziehen.
HIM|2|420106|26|0|Und wie gesagt, beschäftige dich mit ihnen wenigstens täglich ein Stündchen wahrhaft in Meinem Namen geistig! Du kannst auch manchmal, da sie wohnen, nachsehen, was sie tun! Siehst du unter ihnen Augendeutereien oder Flüsterworte tauschen, da lasse dir’s nur einige Male gleich laut kundgeben, warum sie also taten; und verweise es ihnen ernstlich und schäkere ja nicht mit ihnen, so wirst du bald sehen, dass, fürs Erste, Mein Kreuzlein dir durchaus nicht so schwer ist wie ein Mühlstein einer Mücke; und du wirst dazu auch völlig einsehen, dass Ich nichts Unbilliges in der Tragung dieses Kreuzleins von dir verlange, sondern dass Ich, der heilige Vater, nur allezeit voll Liebe und Erbarmung bin.
HIM|2|420106|27|0|Verstehe dieses wohl! Amen.
HIM|2|420112|1|1|Das Geschick der Unerlösbaren – 12. Januar 1842
HIM|2|420112|1|0|Was dereinst mit den Verdammten nach der Wiederbringung aller Dinge geschehen wird, ist niemanden zu wissen gestattet. Solches weiß auch kein Engel, selbst der höchste fürs Licht geschaffene Geist nicht. Nur die Gottheit des ewigen Vaters in Ihrer Heiligkeit sieht vorher die Schicksale aller Kreatur durch alle Ewigkeiten der Ewigkeiten – jeder nach dem heiligen Willen Gottes in dieser übergeheimnisvollen Sache Erleuchtete aber erst in künftigen Zeiten.
HIM|2|420113|1|1|Der rechte Liebeernst – Winke zur Kindererziehung – 13. Januar 1842
HIM|2|420113|1|0|An Meinen lieben A. H.-W.! Höre, gestern warst du ein Mann nach Meinem Sinne! Bleibe also, so werde auch Ich bleiben bei dir und in deinem ganzen Haus! Siehe nicht an die Welttränen! Und das Weinen der Kinder nach dem Verlust weltlicher Dinge soll dich niemals rühren! Dann bist du geschickt zu Meinem Reich.
HIM|2|420113|2|0|Wenn jemand in der Weltliebe erkrankt, da er sein Gemüt zerreißt um der Welt und Eigenliebe wegen, siehe, den drückt das Kreuz Meiner Erbarmung. Dieser soll nicht getröstet werden eher, als bis er das Kreuz willig und mit Liebe angenommen hat.
HIM|2|420113|3|0|Hat er aber das, so hat er auch schon den sichersten Trost auf der eigenen Schulter. Darum sollte es dich nicht zu sehr mitleidig bedrücken, so dein gerechtes Wort die Deinen zu Tränen zwang! Denn wahrlich siehe, diesmal hast du Mich zum ersten Mal recht verstanden und hast treulich wiedergegeben, was Ich dir für die Deinen gegeben habe im Geiste der wahren Liebe zu Mir und zu den Deinen.
HIM|2|420113|4|0|Ich sage dir aber, eher magst du deine ganze Familie verlassen und allein Mir nachfolgen, bevor du um Meines Namens willen an sie etwas weltliche Nachsicht vergeben solltest. Und könntest du solches nicht, wie wärest du da Meiner wert? Also bleibe fest in Meinem Namen, das ist ein rechter Liebeernst!
HIM|2|420113|5|0|Siehe, alle solche Flitterarbeiten der Kinder ekeln Mich also an, dass Ich sie nicht ansehen mag! Sie sollen lieber Wäsche für Arme flicken, statt Reichen eitle Präsente sticken!
HIM|2|420113|6|0|So werde Ich ihren Arbeitstischen sicher näher stehen denn also wie bisher! Siehe, Ich sage dir, gestern hast du Mir eine so große Freude gemacht, dass Ich darum wesentlich die ganze Nacht bei dir zugebracht habe. Wäre ein Umstand dir nicht hinderlich (du wirst es leicht erraten!), hättest du Mich fürwahr persönlich gesehen.
HIM|2|420113|7|0|Also bleibe, also folge Mir, und also werde Ich zu Dir kommen und werde dich ziehen, Ich, dein Jesus! Verstehe es, dein Abba Emanuel sagt dir das, damit du Mir fürder unerschrocken folgen sollst. Amen.
HIM|2|420125|1|1|Zeichen der Zeit – 25. Januar 1842
HIM|2|420125|1|0|Jetzt ist eine tanzende und springende Zeit, die allerfinsterste! Das ist ein Zeichen, dass die Welt sehr nahe ist einen ungeahnten Sprung, und zwar einem Sprung von Meiner nun höchsten Liebe über eine unendliche Kluft ins Meer Meines höchsten Zornfeuers!
HIM|2|420125|2|0|Die schändliche Kleidertracht ist ein Zeichen, dass die Welt in die schändlichste Hurerei übergegangen ist, wodurch jeder sich selbst ein finsterer Götze geworden ist und sich selbst, nahe anbetend, dient und möchte auch vor allem angebetet sein. Siehe da Sodom und Gomorra! Darum ist herangekommen das Ende!
HIM|2|420125|3|0|Die stets zunehmende Ehelosigkeit, da um der reichen Wucherer wegen der ärmere Mensch ohne Weib, also wie ein halber Mensch, zu verbleiben genötigt wird, ist ein schreckliches Zeichen! Bei allen Heiden durften sogar die Sklaven Weiber nehmen. Jetzt aber setzt man dem freien Menschen Schranken, darum er arm ist und damit der Wucher keinen Schaden leide! Darum sei verflucht diese letzte Zeit und jeder Wucher mit ihr!
HIM|2|420125|4|0|Siehe an die sogenannte Industrie, dieses arge Zeichen dieser Zeit! Sie ist die Seele alles Wuchers, die Unterdrückung aller Nächstenliebe und der letzte, breiteste Weg zur Hölle. Den Beschluss werden die metallenen Wege machen! Verstehst du dieses sprechende Zeichen dieser Zeit!?
HIM|2|420125|5|0|Die stolze Erweiterung der Städte, da unter vielen tausend Häusern nicht zehn für die Armen gebaut werden, ist ein starkes Zeichen dieser Zeit. Denn auch zu Sodom schob man fremde arme Brüder aus der Stadt, um dadurch den inneren (einheimischen) Prassern ihre Schätze zu sichern. Verstehst du diese Zeichen?
HIM|2|420125|6|0|Was gilt jetzt der Mensch dem Menschen? Ich sage dir, man zahlt für eine Fuhre Unrat mehrere Silberstücke; doch halte einmal einen Markt von armen Menschen, dass sie gekauft würden zur Unterstützung, und du wirst einen spottschlechten Markt halten! So arg war es wieder zu Sodom nicht! Verstehst du dieses Zeichen der letzten Zeit?
HIM|2|420125|7|0|Siehe die papierne Zeit! Welche Festigkeit soll sie bieten? Ich sage dir, sie wird keinen Druck mehr vertragen! Wie leicht aber das Papier zerrissen wird, zeigen schon die schwächsten Kinder! Verstehst du dieses Zeichen?
HIM|2|420125|8|0|Verstehest du die Farbe der Häusertünche? Ist sie nicht die des Todes? Also steht es schon überall an den Wänden der Häuser geschrieben, um welche Zeit es sei!
HIM|2|420125|9|0|Es ist durch Johannes gezeigt worden, was da geschehen wird, wenn das Brot verteuert und versteuert wird! Lies nur, was den Heuschrecken verkündet ist, so sie es täten! Siehe, diese Zeit ist da!
HIM|2|420125|10|0|Schaue an, der Wucher ist bekleidet mit allem Schutz, Schild und Schirme, und eine ganze Welt voll Sachwaltern steht mit Macht ausgerüstet da, um seine „Rechte“ zu verteidigen. Siehe an, wie sie Meine Erde zerreißen und zerstücken! Soll Ich dazu schweigen? Erkenne dies Zeichen, dies letzte, dies höllische! Eigentums-Rechte über Rechte! Und doch bin Ich allein der Herr! Daher erkenne auch dies arge Zeichen!
HIM|2|420125|11|0|Siehe an die Unzucht der Weiber dieser Zeit und die gänzliche Gefühllosigkeit der Jugend, die jetzt nur fürs Leibliche erzogen wird und endlich zur frühzeitigen Hurerei vor aller Welt! Wohin mit der Welt?! Ja, in die Hölle mit ihr! Dies ist die letzte Zeit! Verstehst du sie?
HIM|2|420125|12|0|Endlich siehe, um was jetzt fast gar alle Kirchen sich streiten! Siehe, es ist das Gold der Welt. Gold und Tod aber ist bei Mir in Hinsicht der Welt gleichbedeutend! Siehe, das ist der wahre Antichrist, der große Wunder nun tut! Aber seine Zeit ist vor der Tür! Verstehe es, des Frevels Ende und sein letztes Gericht ist vor dir und euch allen! Amen. Amen. Amen.
HIM|2|420129|1|1|Liebe um Liebe – 29. Januar 1842
HIM|2|420129|0|0|An Julie H., Tochter des Ans. H.
HIM|2|420129|1|0|Mein A. H.-W.! Also habe ein Wörtchen für die du Mich gestern batest, darum sie näher ist deinem Herzen und daher auch nicht ferne dem Meinen!
HIM|2|420129|2|0|Möchtest du, (Julie H.) Mir zuliebe wohl der Welt und allen ihren stark anlockenden Reizen entsagen? Möchtest du Mich, deinen lieben, heiligen Vater, recht aus allen deinen Kräften lieben, so wie Ich dich liebe und dich bis jetzt noch immer auf Meinen Vaterhänden gleich der „Ghemela“ und der „Purista“ getragen habe, von denen du schon gehört hast, wie lieb sie Mir waren und jetzt noch immer sind?
HIM|2|420129|3|0|Siehe, du Mein liebes Töchterchen, Ich bin noch immer derselbe liebevollste, gute, heilige, himmlische Vater, wie Ich damals war, und bin jetzt noch viel zugänglicher denn damals. Denn jetzt stehen die Pforten der Himmel ununterbrochen offen. Damals aber waren sie verschlossen. Und so jemand damals Mich nicht durch ein außerordentliches Leben aus eigenem Antrieb und durch lange, gewaltige Selbstverleugnung fand, dann war für ihn die Erde ein erschrecklich harter Boden voll Todes!
HIM|2|420129|4|0|Jetzt aber ist sie schon lange durch Mein Blut gesühnt! Wie leicht ist es jetzt, zu Mir zu kommen!
HIM|2|420129|5|0|So du, Mein Töchterchen, es nur einigermaßen fest willst und magst Mich allein lieben über alles, wie Ich dich über alles liebe – so will Ich dich noch dreimal inniger an Mein Vaterherz drücken als die zwei, die du kennst aus der ersten Zeit der Menschen!
HIM|2|420129|6|0|Erkenne aus diesen Worten nur, wie lieb Ich dich habe; so wird es dir gewiss auch nicht schwer werden, Mich, deinen guten Vater, über alles zu lieben.
HIM|2|420129|7|0|So du Mir recht treu wirst – höre! – da werde Ich deiner, wie schon allzeit, gar wohl gedenken an Deinem Namenstag und werde Dir ein Bindeband geben, das dich, so du Mich recht lieben wirst, gewiss mehr erfreuen wird, als gewännest du die ganze Welt!
HIM|2|420129|8|0|Sei Mir gesegnet in aller Liebe und Treue zu Mir, deinem lieben, guten, heiligen Vater. Amen.
HIM|2|420206|1|1|Fünf Worte im geistigen Licht – 6. Februar 1842
HIM|2|420206|0|0|Fünf Worte, vorgelegt von Alexandrine und Angelika H.: „Stern, Sonne, Blume, Spiegel, Löwe“ wurden vom Herrn durch den Knecht J. L. wie folgt beleuchtet:
HIM|2|420206|1|0|Nicht wahr, Ihr Meine lieben Kleinen, die Sterne sind wohl gar schön, und es ist eine wahre Lust, sie anzusehen bei einer ruhigen, heiteren Nacht! Aber seht, diese Sterne sind nicht so klein, wie sie aussehen; sondern gar groß sind sie, ja manche gar übergroß; und sind überfüllt von den außerordentlichsten Wundern aller für euch unaussprechlichen und unzähligen Arten!
HIM|2|420206|2|0|In manchen gibt es sogar so große menschliche Wesen, deren Köpfe größer sind als die ganze, euch noch unbekannte, große Erde, die ihr bewohnt! So ihr recht fromm sein werdet, da werdet ihr einst, an Meiner Hand geleitet, noch alle diese Meine endlosen Herrlichkeiten und Wunder schauen können und werdet eine unaussprechliche Lust und Freude dabei haben!
HIM|2|420206|3|0|Seht, Meine lieben Kleinen, die Sonne, die eurer Erde den Tag gibt, die sonst nur voll Finsternis wäre, ist schon auch ein solcher Stern. Jetzt denkt euch aber, so dieser Stern von so weiter Ferne her schon die finstre Erde also schön macht, dass ihr eine große Lust habt, die durch das Sonnenlicht verherrlichte Erde anzuschauen – wie schön und herrlich muss es erst in der Sonne selbst, als der Naturquelle aller Schönheiten der Erde, sein!
HIM|2|420206|4|0|Möchten euch wohl die Blumen gefallen in einem ganz finsteren Ort? Gewiss und sicher nicht; denn ihr würdet sagen: „Die Blumen sind ja nur am Tage schön!“ – Ich frage euch aber: Was macht denn am Tage selbst die mageren Blumen der Erde so schön, dass euch das Herz vor Freude hüpft, so ihr im Frühjahr die ersten erschaut? – Seht, Meine lieben Kleinen, das bewirkt ja alles das Licht der Sonne! Wenn aber das Licht der Sonne schon auf der Erde so schöne Blumen zeugt, wie viel schöner werden sie dann erst in der Sonne selbst sein!
HIM|2|420206|5|0|O glaubt es Mir, es ist ganz gewiss also: In der Sonne ist alles viele Millionen Mal schöner als auf der Erde!
HIM|2|420206|6|0|Und doch ist das alles nur ein schwacher Anfang der Schönheiten und der unendlichen Wunderpracht Meiner endlosen Schöpfungen! Seid nur also recht fromm und habt Mich, euren lieben, guten, heiligen Vater, so recht von ganzem Herzen lieb und seid willig und gehorsam euren Eltern, so werdet ihr dieses alles und zahllos mehreres noch an Meiner Hand mit Mir anschauen können.
HIM|2|420206|7|0|Denn Meine Hand ist gleich einem Wunderspiegel! Auf dieses allmächtigen Spiegels Fläche ist die ganze unendliche Schöpfung wie in einem Punkt beisammen. Aber, Meine lieben Kleinen, das ist auch ein sehr großer Punkt, an dem ihr euch ewig nie genug werdet sattsehen können!
HIM|2|420206|8|0|Da ihr aber hier schon auch einen Löwen genannt habt, so mache Ich euch recht sehr darauf aufmerksam, dass es da auch am sogenannten Firmament ein Gestirn gibt unter dem Namen „Der große Löwe“.
HIM|2|420206|9|0|Dieses Gestirn ist der überlichte und nahezu endlos größte Raum der ganzen Schöpfung, der da bestimmt ist, zu einer seligsten Wohnstätte denen zu dienen, welche in der Liebe, Selbstverleugnung, Demut und aller Geduld bis ans Ende ihres Lebens beharren und gleich einem Löwen mutig um Meiner Liebe und Meines Namens willen mit aller Welt gekämpft haben.
HIM|2|420206|10|0|Dieses Gestirn ist das größte und das herrlichste der ganzen Unendlichkeit. Es ist eine Mittelsonne aller Mittelsonnen.
HIM|2|420206|11|0|O Kinderchen! Zu dieser Sonne ist eure Sonne nur ein stockfinsteres Stäubchen, geistig und körperlich! Denn hört, da bin Ich Selbst zumeist wesenhaft zu Hause – obschon Ich in Meiner Liebe, Erbarmung und Gnade auch sonst überall und vorzüglich bei denen auf der Erde bin, die Mich von ganzem Herzen liebhaben und darum auch überaus gerne alle Meine leichten Gebote halten.
HIM|2|420206|12|0|Seid also nur recht fromm, Meine lieben Kinder! So werdet ihr dereinst alle zu Mir dahin kommen, allwo Ich Meine beständige wesenhafte Wohnung zu halten pflege!
HIM|2|420206|13|0|Was aber die von euch gegebenen Worte noch sonst alles bedeuten, könnt ihr jetzt noch nicht fassen. Aber seid nur recht fromm, so werden auch gar bald für euch andere Sterne, andere Sonnen am Firmament eures inneren Lebens für ewig aufstehen. Amen.
HIM|2|420215|1|1|Das Angebinde – 15. Februar 1842
HIM|2|420215|1|0|Mein A. H.-W.! Als ein gutes, wertvolles Angebinde gib diese Zeilen der, du weißt es schon, die da gemeint wird. Und die du auch meinst!
HIM|2|420215|2|0|Sieh, du Liebe, sieh, du Junge! Ich, dein Vater groß, dein Vater gut, dein Vater voll Liebe, Gnade, Macht, Kraft und Gewalt, dein Vater ewig, sage dir:
HIM|2|420215|3|0|Liebe Mich, bleib Mir treu, hab große Freude an Meinen alten und neuen Worten, suche Mich in der Liebe deines Herzens zu Mir, halte Meine leichten Gebote, fliehe die arge, arge Welt, komm zu Mir in dir, in deinem Herzen komme zu Mir, da Ich deiner harre für und für – so will Ich dich umfangen, wie ein allerzärtlichster Bräutigam umfanget eine allerinnigst geliebte Braut, und will dich zum ewigen Leben an Meine Vaterbrust drücken also, als hätte Ich in der weiten Unendlichkeit niemanden als nur dich, Mein liebes Töchterchen!
HIM|2|420215|4|0|Komme, o komme doch recht bald zu Mir – zu deinem so überaus guten, heiligsten, liebevollsten Vater!
HIM|2|420215|5|0|Denke dir ja nicht, dass es etwa doch recht schwer sein sollte, Mich zu finden und zu Mir zu kommen! Siehe, so du irgend gehst, da führe Ich dich an Meiner Hand! So du schläfst, da halte Ich getreue Wache an deinem Bett! So du isst, da segne Ich dir jeden Löffel voll Speise, die du zu deinem Mund führst!
HIM|2|420215|6|0|Ich gehe mit dir in das Bethaus! Ja, denke dir, so du deine Hühner und Küchlein fütterst, bin Ich bei dir und helfe dir, dein Geschäftchen segnend! Wenn du am Klavier sitzt und dich übst, bin Ich an deiner Seite!
HIM|2|420215|7|0|Nur so du irgendwann möchtest Tänze dir vorspielen, dann freilich wäre Ich wehmütig hinter dir. Und wenn du möchtest der weltlichen Dinge gedenken, da freilich auch wäre Ich hinter dir wie trauernd. Und wann du möchtest zeigen ein eigensinniges Herz und möchtest dich erheben über jemand anderen – siehe, da freilich wäre Ich auch hinter dir wie weinend.
HIM|2|420215|8|0|Sonst aber bin Ich ja immer bei dir!
HIM|2|420215|9|0|Siehe nun du, Mein liebes Töchterchen, wie leicht ist es, zu Dem zu kommen und Den zu finden, der dir mit aller Seiner Liebe stets überaus gegenwärtig ist! So du an Mich denkst, siehe, da rede Ich, dein lieber Vater, mit Dir! Wann du betest in der Andacht deines Herzens zu Mir, siehe, da sage Ich allzeit ganz sanft und leise zu dir:
HIM|2|420215|10|0|„Mein liebes Töchterchen! Ich, dein guter, lieber Vater, bin auch ein gar sehr heiliger Vater! Jesus Jehova ist Mein Name! Baue, baue, Mein liebes Töchterchen, auf diesen Namen! Denn Er ist über alles mächtig und heilig, überheilig! In diesem Namen wirst du das ewige Leben finden!“
HIM|2|420215|11|0|Siehe, solches rufe Ich dir allezeit zu! Und wann du aufgehört hast zu beten, da segne Ich, dein heiliger, guter Vater, dich allzeit mit Meiner mächtigen Vaterhand!
HIM|2|420215|12|0|Solches, o Mein Töchterchen, ist wohl gewiss und wahr! Daher darfst du nicht mehr fragen: „Aber wann wird denn der gute, heilige Vater zu mir kommen und Sich anmelden bei mir?“ – Denn Ich bin schon lange fest bei dir und lasse dich nicht aus Meinen Augen und Händen!
HIM|2|420215|13|0|So dir aber diese Worte schwer zu glauben vorkommen sollten, da sammle dich nur einmal oder, noch besser, mehrere Male in der Liebe zu Mir! Habe aber dabei wohl Acht auf alle Gedanken in dieser Andachtszeit! Siehe, alle diese Gedanken werden Meine an dein Herzlein sanft, leise und stille gerichteten Worte sein!
HIM|2|420215|14|0|Ein leiser Hauch um deine Stirne und Augen und ein ganz leichtes fiebriges Wehen durch die Brust wird dir ein sicheres Zeichen sein, dass Ich, dein guter, lieber, heiliger Vater, dich segnend stärke und also doch ganz sicher bei dir bin.
HIM|2|420215|15|0|Und somit segne Ich dich auch jetzt durch dieses wertvollste Angebinde. Bleibe Mir treu, bleibe Mir im Herzen treu, bleibe Mir, deinem lieben, guten, heiligen Vater in aller Deiner Liebe treu!
HIM|2|420215|16|0|Solches ist der heilige Wunsch deines lieben, guten, heiligen Vaters. Amen.
HIM|2|420222|1|1|Selig, wer da liest und Gehör gibt – 22. Februar 1842
HIM|2|420222|0|0|Schreibende: Marie H. – Marie H. fragt über Off. Joh. 1,3: „Selig, wer da liest und Gehör gibt den Worten dieser Weissagung und bewahrt, was in ihr geschrieben steht, denn die Zeit ist nahe.“ – Wilhelmine H. fragt über Joh. 7,29: „Ich kenne Ihn, denn Ich bin von Ihm, und Er hat Mich gesandt. – Pauline H. über Joh. 6,48: „Ich bin das Brot des Lebens!“ – Julie H. über Joh. 8,1: „Jesus aber ging hin an den Ölberg.“
HIM|2|420222|0|0|Der Herr sprach durch Seinen Knecht hierüber folgendes:
HIM|2|420222|1|0|Was diese vier Verse betrifft, so sind sie alle dem Johannes entnommen, und zwar aus verschiedenen Kapiteln des Evangeliums wie auch aus einem der Offenbarung. Wird etwa diese Unordnung in der Wahl der Verse nicht eine kleine Schwierigkeit bieten, sie zu verbinden also, als wenn sie schon von jeher miteinander wären verbunden gewesen?
HIM|2|420222|2|0|Wir wollen denn sehen, wie sich diese durchaus nicht gleichgültige Sache machen wird. Dass die Sache nicht gleichgültig ist, werdet ihr im Verlaufe der folgenden Darstellung sehr leicht und gründlich erkennen.
HIM|2|420222|3|0|„Selig, wer da liest und Gehör gibt den Worten dieser Weissagung und bewahrt, was in ihr geschrieben steht, denn die Zeit ist nahe!“ – also lautet dieser erste Vers aus der Offenbarung Johannes.
HIM|2|420222|4|0|Was wird da verstanden unter dem Wort „selig“? Seht, Meine lieben Kindlein, Ich will euch für diesmal den Sinn in aller Kürze gleich einem guten Schulmeister auseinanderlegen und also entfalten, dass ihr mit gar leichter Mühe der Sache auf den Grund kommen werdet!
HIM|2|420222|5|0|Unter dem Wort „selig“ wird so viel verstanden als: „Durch die Liebe lebendig“. Unter dem Wort „wer da liest“ wird verstanden: Ein Mensch, welcher das Wort in sein Herz aufnimmt. Und unter dem Worte „Gehör geben den Worten dieser Weissagung“ wird verstanden: Ein Mensch, welcher, nachdem er das Wort in sein Herz aufgenommen, sich dann werktätig nach demselben richtet.
HIM|2|420222|6|0|Welcher Mensch also liest und hört das Wort der Weissagung, der bewahrt wahrhaft in sich lebendig, was in ihr geschrieben steht. Und dieser ist es auch, dem die „Zeit nahe gekommen“ ist.
HIM|2|420222|7|0|Was aber ist denn das für eine „Zeit“? Meint ihr etwa, diese „Zeit“ sei das Jüngste Gericht? O Meine Lieben, solches ist hier mitnichten der Fall! Denn unter der hier besprochenen „nahen Zeit“ wird nicht eine Zeit des Unterganges, wohl aber eine Zeit der Auferstehung verstanden. Und somit gilt diese Zeit nur dem, der das Wort in sich aufnimmt und danach lebt – aber nicht auch für den, der das Wort gar nicht kennt und es auch gar nicht erkennen will.
HIM|2|420222|8|0|Wer aber das Wort nicht werktätig in sich hat auf die schon bekanntgegebene Weise, der ist ja ein Toter. Was aber haben die Toten mit der Zeit zu tun? Oder wann ist für einen abgestorbenen, toten Baumklotz Morgen, wann Mittag, wann Abend, wann Mitternacht? Wann ist ihm die Zeit nahe, wann ferne? Daraus werdet ihr doch sicher deutlich ersehen, dass die besprochene „nahe Zeit“ keine Zeit der Toten, sondern eine Zeit der Lebendigen ist.
HIM|2|420222|9|0|Wenn ihr nun das bereits Gegebene nur ein wenig aufmerksam durchgeht, so werdet ihr doch auch bald mit Mir wie im Johannes-Evangelium ausrufen können: „Wir kennen Ihn!“ – nämlich im Wort. Denn solches kommt von Ihm und ist das heilige Ich in jedem lebendigen Menschen und ist gesandt vom Vater als ein wahres Wort des Lebens!
HIM|2|420222|10|0|Wer demnach dieses „Brot des Lebens“ in sich hat, welches ist das lebendige Wort aus Mir, der ist auch gleich einem lebendigen „Ölberg“, auf welchen Jesus oder die ewige Liebe des Vaters überging.
HIM|2|420222|11|0|Denn ein jeder Mensch gleicht einem Berg der Erde und ist demnach entweder ein Gletscher oder ein kahler, schroffer Steinberg oder eine mit sparsamen Moosen bewachsene Alpe oder ein tüchtiger Waldberg oder ein niederer Erzberg oder ein Weinberg oder endlich – freilich wohl seltener – ein Ölberg.
HIM|2|420222|12|0|Wie aber ein Mensch zu einem Ölberg werden kann, das sagt eben der erste Vers dieser Aufgabe: „Selig, wer da liest und Gehör gibt dieser Weissagung und bewahrt, was in ihr geschrieben steht; denn die Zeit des Ölberges ist nahe zu ihm gekommen“. – Und selig und überselig wird jedes Menschen innerer Ölberg des Lebens sein, so Jesus kommen und denselben hinangehen wird!
HIM|2|420222|13|0|Seht nun, Meine lieben Kindlein, also hätten wir diese vier verschiedenen Verse schon glücklich unter ein Dach gebracht! Bis auf den Ölberg in euch ist euch alles ziemlich klar. Ich aber will euch nichts vorenthalten, und so wisst denn, dass der „Ölberg“ die wahre Demut, Sanftmut und die allerwilligste Gelassenheit und gänzliche Selbstverleugnung bezeichnet, welches alles ist das „Öl des Lebens“, davon der Berg den Namen führt und endlich gleichbedeutend wird mit seiner Frucht selbst.
HIM|2|420222|14|0|Und dass ferner der „Ölberg“ auch gleichbedeutend ist mit der reinen Liebe und dem eigentlichen ewigen Leben aus ihr (so Jesus Sich am Ölberg befindet), ist beinahe überflüssig zu erwähnen, nachdem bereits schon in der Überfülle gezeigt wurde, was alles die Liebe ist und was alles sie enthält.
HIM|2|420222|15|0|Und so brauche Ich euch hier keine weitere Erklärung zu geben, als bloß nur noch zu sagen: Ganz und voll Liebe ist der erste Vers, ebenalso der zweite, der dritte und der vierte. Habt ihr sonach die Liebe, so habt ihr alles!
HIM|2|420222|16|0|Es wird sich immer manches, ja gar vieles auf dem Weg der Weisheit nicht ordnen und einen lassen – unter dem Regiment der Liebe aber findet sich alles also wohlgeordnet, dass in ihr die Zahl Tausend nicht entfernter ist von der Zahl Eins als die Zahl Zwei. Geht die Weisheit nicht aus auf eine gewisse Rangordnung und hat nicht sie das Zahlensystem erfunden?! Welche Rangordnung aber beachtet die wahre Liebe, und welche alleinige Zahl ist ihr eigen? Seht, der Liebe – ist alles eins!
HIM|2|420222|17|0|Wenn ihr einen Stein nehmen möchtet, der schon jahrtausendelang auf einem Berg gelegen ist, und ihn tragt auf einen ganz anderen Berg, wird er daselbst nicht ebenso gut ruhen wie auf seinem vorigen Platz? Seht, so ist in der Liebe alles auf dem „rechten Platz“ und alles in der „rechten Ordnung“. Ein Sandhaufen, welchen alle vier Winde zusammengetragen haben, ist auf dem Feld der Liebe nicht minder in der größten Ordnung, als so ein allerweisester Baumeister denselben von Körnchen zu Körnchen aufgebaut hätte. Und also passt auch ein Tropfen des südlichen Meeres also vollkommen zu einem Tropfen des nördlichen, dass er ebenso gut der erste wie der tausendste oder der äonste sein kann.
HIM|2|420222|18|0|Und gerade ebenso verhält es sich mit jedem einzelnen Wort, Vers und Kapitel der Heiligen Schrift, da sich in der Liebe auch hier alles kreuz und quer, auf und ab, hin und her, vor- und rückwärts und so auch durcheinander also wohlgeordnet verhält, dass da an eine Unordnung oder an einen Widerspruch ewig nimmer zu denken ist.
HIM|2|420222|19|0|Haltet euch daher bei allem und in allen Dingen an die Liebe – so werdet ihr das Leben also sicher finden, dass es eher möglich wäre, den Standpunkt der Sonne am hellsten Tage mit offenen, wohlsehenden Augen zu verlieren, als auf dem Weg der Liebe zu verfehlen die ewige Ordnung und mit ihr das ewige Leben!
HIM|2|420222|20|0|Meine geliebten Kindlein, beachtet alles dieses wohl und nehmt es lebendig in eure Herzen, so werdet ihr auch Mich und das ewige Leben so gewiss und sicher finden, ja um tausend Male gewisser und sicherer, als ihr mit eurer Hand, wenngleich sie blind ist, findet jeden beliebigen Teil eures Leibes!
HIM|2|420222|21|0|Also zum Überfluss noch einmal gesagt: Haltet euch in allem nur an die Liebe, so habt ihr Mich und das ewige Leben! Amen.
HIM|2|420222|22|0|Meine Liebe, Meine Gnade, Meine Erbarmung und Mein Segen sei mit euch allen! Amen.
HIM|2|420228|1|1|Briefe vom Vater – 28. Februar 1842
HIM|2|420228|0|0|Der Knecht bat um gnädigste Weisung, was in zwei Fällen, ihn und seine Angehörigen betreffend, zu tun sei. Darauf erhielt er nachstehende Antwort durch die innere Stimme:
HIM|2|420228|1|0|Ja, ja, so zeichne dir’s denn auf! Was die Theresia betrifft, über welche dir deine Mutter eine kleine Nachricht gab, so kann sie ja zu dir kommen, was da besser ist, als so du zu ihr gehen möchtest; da sie dann schon den sichersten und besten Rat von Mir bekommen wird. Wann sie aber kommt, da soll sie noch in der Fastenzeit, und zwar an einem Sonntagvormittag zwischen acht und zehn Uhr kommen.
HIM|2|420228|2|0|Wolltest du aber zu ihr, dann wähle dir zwar ebenfalls einen Sonntag, jedoch den Nachmittag! Dass sie aber dann ja alles stille für sich im Herzen behält!
HIM|2|420228|3|0|Was aber den Brief betrifft, da magst du immer dem Wunsch deiner Mutter Gewähr leisten. Aber derselbe muss in Marburg auf die Post gegeben werden, und das erst um einen Monat später. Er wird aber nicht viel fruchten. Denn für Menschen wie das sehr dumme Weib deines amtsredlichen Bruders taugen solche Briefe zu ihrer Besserung nicht.
HIM|2|420228|4|0|Ich allein habe Briefe für derlei stumpfsinnige Menschen. Wenn ein solcher von Mir an sie abgesendet wird, so wird er von sehr starker Wirkung sein! Siehe, und es ist schon einer abgesandt – und dieser wird wahrhaft von starker Wirkung sein!
HIM|2|420228|5|0|Es werden kaum sieben mal sieben Tage verstreichen, und deine Mutter wird die Wirkung dieses Meines Briefes, des unsichtbaren, erfahren. Darum möge sie mit dem ihren diese Zeit zurückbleiben bis auf einen Monat und ihn erst dann abschicken, so es ihr notwendig dünken sollte. Amen. Versteh es! Amen.
HIM|2|420305|1|1|Über Träume und drei geträumte Worte – 5. März 1842
HIM|2|420305|1|0|Die Träume sind ja zumeist leere Schäume, an denen nicht viel mehr gelegen ist als an dem Frühjahrsschnee, welcher vor Millionen Jahren der Erde unfruchtbare, kahle und lebensnackte Gefilde befruchtete. Dessen ungeachtet aber ist doch ein gar gewaltiger Unterschied zu machen zwischen den Träumen derjenigen Menschen, die da selbst keinen größeren Wert haben als ihre Träume selbst; und dann wieder den Träumen solcher Menschen, die da sind in Meiner Gnade, Liebe, Erbarmung und in Meinem Wort und tun nach demselben aus Liebe zu Mir, so viel es ihnen nur immer möglich ist.
HIM|2|420305|2|0|Seht, Meine lieben Kindlein, damit ihr aber solchen Unterschied in euch auch völlig einseht, so will Ich ihn euch ein wenig mehr erleuchten. Und so merkt denn:
HIM|2|420305|3|0|Wenn einem Weltmenschen etwas träumt, so ist ein solcher Traum eitel nichts anderes als eine verworrene Anschauung der nichtigsten Welteindrücke, welche die Seele des nach außen gekehrten Menschen des Tages hindurch in sich aufnahm und somit als dasselbe nichtige Zeug im Schlaf wieder beschaut. Wenn aber die Dinge der Welt schon in der Wirklichkeit an und für sich keinen Wert haben, um wie viel weniger wird ihr Werk erst sein, so sie in einer leeren Seele als dreifach leere Träume vorkommen!
HIM|2|420305|4|0|Aber ganz anders verhält es sich mit den Träumen eines um Mein Wort und um Meine Liebe beflissenen Menschen, der sich schon zum größten Teil nach innen gekehrt hat. Dessen Träume sind dann nicht mehr Anschauungen, sondern Wahrnehmungen der inneren geistigen Zustände, weit entfernt von aller naturmäßig-weltlichen Sinnenhudelei und darauf begründeter, phantastischer Seelentäuschung.
HIM|2|420305|5|0|Zu einer solchen inneren Wahrnehmung kann ganz füglichermaßen das vorliegende Traum-Trilogon gerechnet werden, und zwar aus diesem sehr bedeutenden Grunde, weil jedes Wort der Heiligen Schrift, namentlich aus dem prophetischen Teil, an und für sich ein solches „Trilogon“ ist.
HIM|2|420305|6|0|Denn da ist der erste Teil, welches ist der Buchstabensinn, gleich einer „Lizitation“ [Versteigerung], wobei die alte, aber viel werte, gute, edle Ware an den Meistbietenden hintangegeben wird.
HIM|2|420305|7|0|Wer aber diese Ware erstanden hat für sein Herz, welches einzig und allein nur die rechte Zahlmünze für diese Ware, nämlich die reine Liebe zu Mir, enthält, der hat in sich einen neuen „Staat“ angelegt, welcher ist die innere Ordnung des geistigen Lebens, gleich so wie da der äußere, weltliche Regierungsstaat eine gesetzlich-ordnungsmäßige Verbindung der Völker unter einem leitenden Oberhaupt ist.
HIM|2|420305|8|0|Wer aber ist das leitende Oberhaupt dieses inneren Staates? Dieses zu beantworten sollte euch kaum mehr schwer fallen, da nämlich Ich Selbst dieses leitende Oberhaupt bin. So aber Ich das leitende Oberhaupt bin in diesem inneren Staat durch Meine Liebe, Gnade und Erbarmung, da geht doch unfehlbar eine geistige Verbindung zwischen Mir und einem jeden solchen für Meine alte Ware meistbietenden „Lizitanten“ vor sich. Was aber ist diese Verbindung, dieses unzerreißbare Band des ewigen Lebens? Seht, das ist die „Kirche“, und zwar die wahre, lebendige Kirche des Menschen, in welcher erst der wahre Sinn des Wortes vollkommen erleuchtet enthüllt wird.
HIM|2|420305|9|0|Wer demnach zum inneren Verständnis Meines Wortes gelangen will, welches da ist die Schrift des Alten und Neuen Bundes mit all den späteren Offenbarungen bis auf diese Stunde, der muss, wie es jemandem durch dieses „Trilogon“ im Geiste angezeigt wurde, sich bei dieser „Hauptlizitation“ unfehlbar als allermeistbietender Lizitant einfinden, ansonst es ihm nie möglich wird, den wahren inneren Sinn der Schrift zu erforschen.
HIM|2|420305|10|0|Denn die vollrichtige Erkenntnis des inneren, geistigen Sinnes ist eine lebendige Erkenntnis. Wie aber kann jemand zu dieser gelangen, so er nicht vorher durch die wahre „Lizitation“ oder „Meistbietung“ als ein treuer Bürger in den inneren Staat des Geistes gelangt, allda Ich als das alleinige, leitende Oberhaupt Mich befinde, herrschend durch die Liebe, führend durch die Gnade, suchend durch die Erbarmung und rufend durch die lebendige Demut des Herzens!?
HIM|2|420305|11|0|Seht, also ist die „Lizitation“ die erste, allernotwendigste Bedingung zum Empfang des ewigen Lebens aus Mir, welches im eigentlichsten Sinne die lebendige Kirche im Menschen ist. Denn die wahre Kirche ist ja nur eine lebendige Einswerdung mit Mir. Wer aber mit Mir eins geworden ist, der wird doch wohl auch in sich unfehlbar das ewige Leben und alles, was endlos desselben ist, im vollkommensten Sinne besitzen und somit auch die Enthüllung des Schriftsinnes bis in den dritten oder allerinnersten Himmel, in welchem sich alles eint in der alleinigen, allerreinsten Liebe zu Mir.
HIM|2|420305|12|0|Nun seht, was da dieses „Trilogon“ besagt! Merkt euch aber vor allem, was die „Lizitation“ betrifft! Denn ohne diese wird niemand in den besagten „Staat“ und noch viel weniger in die lebendige „Kirche“ gelangen!
HIM|2|420305|13|0|Denn wahrlich, wahrlich, sage Ich euch: Wer da nicht alle seine weltlichen Schätze für Meine „alte Ware“ bietet, dem wird diese ewig nimmer zuteilwerden, weder hier noch jenseits! Daher werden diese Ware die Reichen sehr schwer erstehen, während die Armen sie gar leicht überkommen werden; denn für diese wird sie umsonst feilgeboten. Die Armen sind ja von Mir schon lange dazu ausersehen worden, dass ihnen das „Evangelium gepredigt“ werde – während zu derselbigen Zeit zum reichen Jüngling gesagt wurde: „Verkaufe alle deine Güter; teile das dafür gelöste Geld unter die Armen und folge Mir nach, so wirst du einen Schatz im Himmel finden und haben!“
HIM|2|420305|14|0|Diesen Schatz habe Ich euch heute gezeigt! Wer ihn gewinnen will, wird demnach wohl auch wissen, was er zu tun hat! Die Welt samt allen ihren zahllosen Torheiten, die da sind voll innerlich versteckter Bosheit des Satans, wird diese Ware nimmerdar erstehen! Amen.
HIM|2|420305|15|0|Solches beachtet getreuest in euren Herzen aus Liebe zu Mir, wollet ihr leben! Amen.
HIM|2|420308|1|1|Die Fliege – 8. März 1842
HIM|2|420308|0|0|Schreibende: Wilhelmine und Pauline H. – In den geistigen Unterrichtsstunden, welche Jakob Lorber mit Anselm Hüttenbrenner und dessen Töchtern in dieser Zeit pflegte, empfingen die Schüler durch den „Knecht“ an diesem Tag den nachstehenden ersten Teil der in der Schrift „Die Fliege“ veröffentlichten aufschlussreichen Kundgaben.
HIM|2|420308|1|0|Die Fliege, ein kleines Tierchen zwar und nicht selten lästig dem Menschen wie auch vielen anderen lebenden Geschöpfen der Erde, besonders zu jener Zeit des Jahres, da der Sonne Strahlen heftiger den Boden der Erde berühren, ist aber dennoch in der Ordnung der Dinge so unbedeutend nicht und auch nicht so zwecklos, als sie eben zu sein scheint.
HIM|2|420308|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Die Fliege“, Kapitel 1.
HIM|2|420310|1|1|Weltlust und Ewigkeit – Liebesmahnung an eine junge Tochter – 10. März 1842
HIM|2|420310|1|0|Bewahre treu vor der Welt das Heiligtum der Liebe zu Mir, deinem Vater, in deinem Herzen! Lasse dich nicht gelüsten der eitel nichtigen Dinge der Welt, die da alle für den Geist gar bald vergehen werden wie ein loser Spreu im Wind.
HIM|2|420310|2|0|Denn was die Welt für ein nichtig Ding ist, das wirst du erst im Geiste völlig ersehen. Lasse dich darum von nichts Weltlichem verleiten, so werde Ich dich bald aufnehmen zu einer gar lieben Tochter Meiner ewigen Vaterliebe und werde dich setzen auf Meinen Arm und dich drücken an Meine Brust, daselbst du erst schmecken wirst, was alles Meine ewige, unendliche, allein wahrhafteste Vaterliebe ist!
HIM|2|420310|3|0|O du Meine angehende Braut und Tochter! Wäre es tunlich und deinem schwachen Leben erträglich, dass Ich deinen schwachen Augen enthüllen könnte, wie nahe Ich um dich bin und wie Meine Sehnsucht, Mich dir völlig zu zeigen, bei weitem größer ist als die deinige, Mich, deinen heiligen, liebevollsten Bräutigam und Vater, zu sehen – dein Herz würde vor Liebe zerspringen und du könntest keine Minute lang leben!
HIM|2|420310|4|0|Siehe und entnehme aber doch wenigstens aus diesem Meinem durch den Schreiber an dich gerichteten lebendigen Wort, dass es also ist, dass Ich dir, für dich freilich wohl unbegreiflich, näher bin, als du es je zu ahnen vermagst. Und glaube fest diesem Wort, welches dir da kundgibt, dass Ich nur einzig und allein durch die Liebe und Demut zugänglich bin!
HIM|2|420310|5|0|Höre, Töchterchen! Wahrlich wahr, Ich sage es dir, so du glaubst und Mich wahrhaft liebst in deinem Herzen und tust aus dieser wahren Liebe zu Mir nach dem Wort, das dir schon über und über bekannt ist sowohl aus der alten wie aus der neuen Zeit, vor deinen Augen wunderbar – so hast du Mich schon ganz, wenn auch in Rücksicht auf deine Wohlfahrt nicht sichtbar und laut vernehmbar, aber desto inniger im Herzen, in aller heiligen Liebstille für deine ewige Wohlfahrt treulichst und unablässig sorgend!
HIM|2|420310|6|0|O Töchterchen, glaube, glaube, dass es also ist, damit du Mich, deinen heiligen Vater über alles zu lieben vermagst, wie Ich dich gerade auch also liebe, als wärest du in Meiner weiten Unendlichkeit der ganz alleinige Gegenstand Meiner unendlichen und ewigen, allertreuesten Vaterliebe!
HIM|2|420310|7|0|Aber, Mein liebes Töchterchen, nur von der Welt ziehe deine Sinne und vorzüglich aber dein Herz zurück! Denn, glaube es Mir, da Ich als der alleinige Schöpfer der Welten es wohl am allerbesten weiß: Alle Welt ist ein gar nichtig Ding, und es ist vollsternstlich nichts an ihr! – Glaube es Mir: Alles, was nur immer deinen Augen begegnet und dein Auge körperlich anzieht, ist eitel nichts mehr und nichts weniger als bloß nur eine fixierte Erscheinlichkeit, bestimmt zur Prüfung des unsterblichen Geistes für die kurze Zeit, in welcher das Erdenleben eines Menschen begriffen ist.
HIM|2|420310|8|0|Und da in geistiger Beziehung tausend Jahre kaum wert sind, ein allerschnellster Augenblick genannt zu werden, was ist demnach erst die höchst kurze Prüfungslebenszeit eines einzelnen Menschen! Siehe daher, du Mein liebes Töchterchen, wie eitel demnach es ist, sich mit dem Herzen an die gar so nichtigen Dinge der Welt zu hängen und sich Reichtümer der Welt zu sammeln für eine gebrechliche und verderbliche Einviertelsekunde zeitlichen Lebens, dafür aber dann notwendig das ewige Leben einzubüßen!
HIM|2|420310|9|0|Ich sage dir: Wenn es so mancher hochmütige reiche Welttor einsehen könnte und möchte, was da hinter seinem Geld und anderen Gütern steht, so würde er darob augenblicklich also heftig erschrecken, dass er von der endlos großen Angst bis auf einen Punkt verzehrt würde – was jedoch aus einem allerwichtigsten Grunde nimmer zugelassen werden kann und darf, den du aber jetzt noch nicht begreifen würdest.
HIM|2|420310|10|0|Bete aber für alle diese an Weltschätzen Reichen! Denn sie sind ob ihrer Selbstsucht und ihrem Hochmut diejenigen, denen am allerschwersten zu helfen ist; darum sie auch in geistiger Hinsicht die allerärmsten Wesen sind. Sie werden in alle Ewigkeiten schwerlich je Mich, den Vater, zu Gesicht bekommen, da sie sich mit ihren Schätzen selbst zur Speise des Satans gestaltet haben und somit verschlungen werden von ihm und ewige Wohnung nehmen werden in seinem Bauch!
HIM|2|420310|11|0|Doch nun nichts mehr davon! Sondern du, Mein liebes Töchterchen, glaube diesem Wort, ja glaube fest, dass es also ist wahrhaftig wahr! Verachte die Welt, kehre dich völlig zu Mir, und du sollst dich bald, ja recht bald noch in deinem Erdenleben überhelle in dir überzeugen, dass es also ist und dass diejenigen, die Mich wahrhaft lieben, ewig nimmer einen Tod schmecken werden, und du also auch gewiss und sicher nicht!
HIM|2|420310|12|0|Aber nur bleibe Mir treu, wie Ich dir getreu bin! Das ist der heilige Wunsch deines ewigen, heiligen Vaters. Amen.
HIM|2|420314A|1|1|Dank- und Bittgebet des Knechts – 14. März 1842
HIM|2|420314A|1|0|O Du mein geliebtester Gott, Vater, Meister, Lehrer, Führer, Erlöser und Lebendigmacher Jesus! Du ewige Liebe, Du ewiges Licht – ja Du endlose Liebe aller Liebe, Du endloses Licht alles Lichtes! O Du ewige Erbarmung Selbst! Mit was für einem Herzen und mit was für Worten soll ich armer, sündenvollster Mensch Dir danken für diese Deine gar so unbegreifliche große Gnade, die Du, o mein geliebtester und angebetester Vater Jesus, mir Allerunwürdigstem bereits schon zwei volle Jahre hindurch hast also überaus liebevollst angedeihen lassen?!
HIM|2|420314A|2|0|Hättest Du mir eine wundertätige Kraft verliehen, wie viel Schaden hätte da mein arges Herz vor Dir schon sicher angerichtet, und ich schmachtete auch schon lange dafür in irgendeiner harten Landesverweisung! Hättest Du mir weltliche Reichtümer beschieden, wie unglücklich wäre ich da! Denn sicher hätte mich dieses allergefährlichste Gift für den Geist schon lange getötet und unempfindlich gemacht für alles Wort von Dir und für alles, was wahrhaft Deinem allerheiligsten Willen gemäß ist. Hättest Du mir sonst irgendein weltlich ansehnliches Amt verliehen, wie hätte ich da vielleicht gar oft einen unbarmherzigen Richter gemacht, hätte mich von der Welt verblenden lassen und wäre dadurch meinen Brüdern zur schrecklich drückenden Last geworden!
HIM|2|420314A|3|0|Kurz, Du hast mir alles das nur gegeben, was mich am allerglücklichsten machen musste, nämlich die alleinige Liebegnade, durch welche Du, liebevollster Vater Jesus, schon lange vorher mich erzogen und vorbereitet hast und hast mich öfter gedemütigt, durch Sünden sogar, damit ich dadurch dieser unaussprechlichen, allerhöchsten Gnade, der Du mich gegenwärtig noch immer würdigst, aufnahmefähig werden sollte, fast ähnlich einem Johannes, der da war und noch ist ein allergrößtes Wortwunder Deiner Liebe und Erbarmung zur Lebendigmachung eines jeden, der sein Leben darnach kehrt!
HIM|2|420314A|4|0|Ja, solches hast Du unleugbar an mir getan! Du hast mich einer also hohen Gnade gewürdigt, dass ich den allergeringsten Teil derselben ewig nie erfassen werde! Ja, wahrlich, ich erkenne es nun, was das ist, was Du mir nun gibst! Es ist das Allerhöchste! Es ist Dein lebendiges, heiliges Wort, davon ich nicht eines Buchstaben würdig bin! Ja also ist es wahr und wahr!
HIM|2|420314A|5|0|Aber wie Dir danken für solche undenklich allerhöchste Gnade!? Ich? – der ich nicht einmal würdig bin, dass mich des schlechtesten Erdentages Licht bescheint, der ich ein barstes Scheusal vor Dir, o Du überheiliger Vater Jesus, bin! Siehe gnädigst herab auf mich armen, großen Sünder vor Dir! Erbarme Dich meiner und nehme dafür meine unvollkommene Liebe an, als wäre sie etwas vor Dir!
HIM|2|420314A|6|0|Das ist alles, was ich tun kann aus mir durch Deine gütigste Zulassung. Alles andere, was da aus der kleinen Reihe meiner Taten nur immer als gut erscheint, ist ja ohnehin nur Dein Werk – wie die Sünde das allein meinige!
HIM|2|420314A|7|0|Darum, o Du heiligster Vater Jesus, sei mir armem Sünder barmherzig und gnädig und nehme diesen meinen allergeringsten Dank an für Deine allerhöchste Gabe!
HIM|2|420314A|8|0|Und lasse Dich von mir und uns allen demütigst bitten, dass Du mit dieser Deiner unschätzbaren Gnade noch fernerhin, ja ewig bei uns verbleiben möchtest! Und wenn Dein heiliger Wille es wäre, so lasse Dich bitten, mir auch heute für die Brüder ein heiliges Wörtlein zukommen zu lassen!
HIM|2|420314A|9|0|Doch Dein heiliger Wille geschehe jetzt wie allezeit und ewig! Amen.
HIM|2|420314B|1|1|Von der Herrlichkeit der ewigen Liebe – 14. März 1842
HIM|2|420314B|1|0|Ja, ja, ja, so schreibe, schreibe, schreibe! Dass Mir die Liebe, verstehe, die reine, mit nichts Weltlichem getrübte Liebe, der allerangenehmste Dank ist und, so du Mir dankst wahrhaft im Herzen, dass Ich da nicht mehr von dir verlange – solches brauche Ich dir nicht noch einmal zu sagen.
HIM|2|420314B|2|0|Aber solches tut dir not und wohl, dass du einmal erkennst in dir, dass das, was Ich dir gebe, unaussprechlich mehr ist, als so Ich dich mit einer Kraft bescheiden möchte, durch welche du Sonnen und Welten ins Dasein rufen und die bestehenden vernichten könntest nach deiner Willkür. Welche sonstigen namhaften Wunder hat denn Mein größter und somit auch lebendigster Wortträger Johannes verrichtet – obschon er gerne Feuer vom Himmel hätte über die bekannte Stadt fallen gesehen!?
HIM|2|420314B|3|0|Ja, er hätte gerne aus übergroßem Zorneseifer die ganze Erde verbrannt! Allein, da er insgeheim die größte Liebe zu Mir hatte, so wurde ihm darum auch das Allerhöchste gegeben, nämlich: das allerinnerste, lebendige Wort der Liebe und des ewigen Lebens aus ihr!
HIM|2|420314B|4|0|Siehe und betrachte nun das, was du von Mir empfängst! Was ist der Inhalt? Ist es nicht die allerinnerste und allerhöchste, heiligste, lebendigste Liebe aus Mir? Wie könnte Ich dir da mehr noch geben, nachdem Ich dir gebe, was das Allerhöchste ja schon ohnehin ist!?
HIM|2|420314B|5|0|Welcher Tor möchte oder könnte da wohl ein nichtig Wunderwerk als Beweis dieses allerhöchsten Wunders aller Wunder verlangen?! Oder verlangen, dass Ich solle eine Mücke zerstören, auf dass er glauben kann, dass die lebendige Sonne mit allen ihren zahllosen Wesen, die Ich vor seinen Augen plötzlich ins Dasein rief, wahrhaft und wirklich von Mir ist?! O der schändlichsten Torheit! O des allerblindesten Verlangens!
HIM|2|420314B|6|0|So dir deine Braut einen allerwärmsten Kuss gäbe zur Beteuerung ihrer heißesten Liebe an dein Herz – wem würdest du dann wohl gleichen, so du als Beweis ihrer Liebe von ihr noch verlangen möchtest irgendeine Nichtigkeit?! Siehe, gerade also auch verhält es sich hier!
HIM|2|420314B|7|0|Oder, so da jemand hunderttausend Pfunde des allerreinsten Goldes hätte gewonnen bei einem Handel und verlangte hernach von dem, der ihm in solch unerhörtem Maße das Geld gab, dass er ihm zum Beweis des schweren Goldes noch einige schlechte Kupferpfennige hinzulegen solle! Was meinst du, wie stünde es da mit einem solchen unerhörten Narren?!
HIM|2|420314B|8|0|Und so könnt ihr alle auch völlig zufrieden sein, so Ich euch nun des allerhöchsten Himmels Schätze allerreichlichst gebe, Schätze der reinsten, heiligsten Vaterliebe, Schätze des wahren, lebendigen Jerusalems! Wer will noch mehr? Wer ist unzufrieden mit dieser Gabe? Wem genügt sie nicht allein?!
HIM|2|420314B|9|0|So da jemand sein sollte von solcher Blindheit, für den gebe Ich dir einen Schlüssel, der da gemacht ist aus altem Unrat der Getöteten. Mit diesem kannst du, wenn du willst, die Schleusen der Erde eröffnen; und sie, die Wundersüchtigen, sollen alle ersäuft werden in den allertrübsten Gewässern!
HIM|2|420314B|10|0|Worin aber dieser Schlüssel besteht, braucht außer dir niemand zu wissen. Wenn aber die Nacht des Todes jemanden ereilen wird, dann wird er sich wohl entsinnen, welch einen Schlüssel Ich dir übergab!
HIM|2|420314B|11|0|Warum hat sich denn da einer von euch den Magen verderben lassen durch den Dreck der Welt, darum ihm nimmer schmecken will dieses Brot der reinsten, ewigen Liebe des heiligen Vater? Er soll sich ja wohl in Acht nehmen, dass er einst nicht zu dem „Weg“ gezählt wird, darauf ein Teil des Samens fiel! Jemand aber lässt auf seinem guten Acker Dornen und Disteln aufkeimen; er soll bedenken, welches Endlos da des lebendigen Samens harrt! Denn Ich und die Welt lassen sich ewig nicht unter ein Dach bringen!
HIM|2|420314B|12|0|Du Ans. H.-W. aber hast dir einen ebenen Weg bereitet. Sei versichert Meines Segens! Siehe, Ich bin nun schon bleibend unter deinem Dach! Des kannst du fröhlich sein, darum Ich dir nun wesenhaft Selbst helfe dein Haus reinigen. Denn du wirst Mir sicher nimmer die Tür weisen, so Ich auch Mein Kreuz dir zur Verwahrung gebe.
HIM|2|420314B|13|0|Siehe, so da irgend Reisende einkehren, da bringen sie ja auch verschiedenes Gepäck mit und geben es dem Hauswirt zur Verwahrung. Ich bin auch ein Reisender und Mein ganzes Gepäck besteht in einem Kreuz. Bei dir habe Ich nun Herberge genommen! Und du wirst Mich ja wohl also behalten.
HIM|2|420314B|14|0|Denn siehe, wo Ich nicht mit Meinem Kreuz komme, da bin Ich auch nicht willens zu bleiben. So Ich aber komme mit Meinem heiligen Gepäck, dem Kreuz, da bin Ich dann auch „mit Sack und Pack“ da und bin, glaube es fest, nicht so leicht wieder hinauszubringen!
HIM|2|420314B|15|0|Also denn sei froh und fürchte ja keine Welt mehr! Denn diese vermag nun nichts mehr auszurichten und wähnt sich glücklich im finsteren Taumel ihrer lang getriebenen Hurerei!
HIM|2|420314B|16|0|Du K. G. L. aber bleibe, wie du bist! Denn du kennst die Welt und was an ihr ist! So du aber dann und wann gute Zeit und Weile hast, da setze dich manchmal zum Schreibtisch, und du sollst schon allzeit ein fertiges Liedchen in deinem Herzen finden, welches du dann zu Papier bringen kannst. Musst aber dabei nicht nachdenken; sondern was dir zuerst das Herz geben wird, das ist dann schon das Rechte, Gute und Wahre aus Mir!
HIM|2|420314B|17|0|Siehe, es gefällt Mir bei dir! Daher lasse es zu, dass Ich in dein Haus auch wesenhaft einziehe „mit Sack und Pack“.
HIM|2|420314B|18|0|Einem Lieben von Mir aber sage Ich: Gottesfurcht und des eigenen Herzens tiefste Demut ist jedes aus dem Wasser und Feuer Getauften unerlässlichste Pflicht, ohne die an kein ewiges Leben zu gedenken ist! Siehe, du hast die rechte Gottesfurcht und eine lobenswerte Demut – aber glaube es Mir, diejenigen Kinder, die ihre Eltern zu sehr fürchten und werfen sich vor ihnen allzeit in den Staub, mögen nimmer so recht heiß ihre Herzen erheben zu denen, die sie allzu sehr fürchten!
HIM|2|420314B|19|0|Suchst Du Mich mit Furcht und Zittern, wie wird es dir ergehen, wann Ich zu dir komme?! Wirst du da nicht anfänglich gleich jenen Tätern des Übels rufen: „Berge, fallet über uns!?“ – Und Ich werde Mich dir aus großer Erbarmung lange nicht nahen können bis zur Zeit, allwann sich alle deine Furcht in die vertrauensvollste Liebe zu Mir umgestalten wird!
HIM|2|420314B|20|0|Liebe und Furcht aber halten nicht gleichen Schritt! Denn wo mehr Furcht, da ist weniger Liebe. Wo aber weniger Furcht, da ist mehr Liebe, Vertrauen, Kraft und Mut und somit auch mehr des wahren Lebens!
HIM|2|420314B|21|0|Swedenborg ist wahr und gut, solches kannst du glauben. Aber solches glaube auch: Die Liebe ist über alles erhaben und heilig! Wer demnach diese hat, der hat alles; denn er hat wahrhaft Mich Selbst. Und siehe, das ist mehr denn alle Propheten, alle Apostel samt Petrus, Paulus und Johannes und so auch mehr denn Swedenborg!
HIM|2|420314B|22|0|Es ist aber noch jemand hier; diesem möchte Ich gerne sagen, dass die Welt ein eitles Ding ist, schlechter als ein allerschalster Traum. Aber er soll Mich erkennen, dass Ich es bin, der ihm solches sagt! Denn der Welt Tage sind flüchtiger als ein Sturmwind und die Jahre vergehen wie einzelne Augenblicke aneinandergereiht!
HIM|2|420314B|23|0|Wohl dem, für den die Ewigkeit diesseits kein Traum ist!
HIM|2|420314B|24|0|Und nun sage Ich euch allen: Seid heiter und fröhlich untereinander in Meinem lebendigen Namen! Denn Ich bin wahrhaft mitten unter euch! Wer da zurück ist irgend, der beeile sich vorwärtszukommen! Und merkt alle: Die Zeit ist kurz, und es steht die Erfüllung nahe vor der Tür! Amen.
HIM|2|420315|1|1|Weisung an den Knecht – 15. März 1842
HIM|2|420315|0|0|Der Knecht: „Mein geliebtester, allerheiligster Herr, Gott und Vater Jesus! Siehe, ich habe schon wieder ein kleines Anliegen!“
HIM|2|420315|1|0|Nun, nun, es ist schon gut, mache nicht so viele Worte umsonst! Es ist Mir ja schon bekannt, um was du Mich fragen möchtest. Habe Ich dir ja ohnehin schon die deutlichste Anweisung gegeben!
HIM|2|420315|2|0|Warum bist du dem besseren Teil derselben denn nicht gefolgt? Wärst du geblieben, wo du früher gewohnt hast, dann wärt ihr alle schon um vieles reicher geworden. Denn ihr hättet da schon den ganzen Saturn und hättet alle die von dir gezeichneten Berge und auch vom Hauptwerk schon so viel wie jetzt.
HIM|2|420315|3|0|Siehe sonach, um wie vieles ihr zurück seid! Wann du aber nicht bald zusiehst, mit diesen sehr wichtigen (Natur-)Zeugnissen in die Ordnung zu kommen, so werde Ich sie euch gar nicht mehr geben.
HIM|2|420315|4|0|Da, wo du aber jetzt wohnst, kann solches der Kinder und des neuen sogenannten Hofmeisters wegen nicht eben zu leicht geschehen, da du kein abgeschlossenes Zimmer für dich allein also haben kannst, dass du fürs Erste keine Horcher hättest, wenn du jemandem etwas in die Feder sagen sollst, und fürs Zweite dann dadurch auch die Kinder des Andr. H.-W. noch mehr zerstreut würden, so sie wüssten, was im Beisein eines oder des anderen Schreibers, den Ich dir anzeigen möchte, nun eben geschieht – was dich selbst dann unfrei und ärgerlich machen würde und somit auch unfähiger für die reine Aufnahme Meines Wortes!
HIM|2|420315|5|0|Können alldort alle diese Hindernisse beseitigt werden, was sehr schwer gehen wird, dann kannst du ja bleiben, wo du bist; sonst aber ist es dir sogar Pflicht für Mich, dass du dir wieder eine eigene Wohnung nimmst, wie die frühere es war!
HIM|2|420315|6|0|Jetzt weißt du, alles, was dir nötig ist! Siehe, Ich gebiete nicht und sage nicht: „Also tue!“ – Willst du aber frei sein, so mache dir aus Meinem Rat selbst ein Gebot! Dann wirst du gut gehen, und der Brüder Splitter werden dich nicht stechen!
HIM|2|420315|7|0|Der Andr. H.-W. aber möge sich bei dem neuen Hofmeister wohl in Acht nehmen, dass an dessen stattlicher Jugendseite seine „Gefäße“ nicht noch einen stärkeren Stoß bekommen, als bei dem früheren! Solches sage Ich dir darum, dass er in Meinem Namen vorbaue in seinem Haus! Denn Ich bin da noch nicht „zu Hause“ – außer wie ein armer, schwacher Bettler in einem Krankenhaus, so er da bettelt ganz entkräftet um eine Schale stärkender Suppe.
HIM|2|420315|8|0|Darum kann Ich dort auch wenig oder oft gar nichts wirken. Nur allein Mein Name ist da mächtig, da er der Himmel Allerhöchstes ist. Aber nicht ebenso mächtig ist das aus Mir gehende Ich in euch, welches anfangs nur ein allermattester Strahl ist, der euch belebt, aber für die Vollkraft erst durch eure Liebe zu Mir vollkommen werden muss und, ist er das geworden, alsdann erst euch neu beleben und völlig erwecken kann zum ewigen Leben!
HIM|2|420315|9|0|Siehe, wo demnach Ich noch ein schwacher Bettler bin ohne Macht und Kraft – was soll Ich da wirken? Da wirkt, wie gesagt, nur allein Mein Name! Wann Ich aber im Menschen geweckt werde, dann auch wird geweckt alle Meine Kraft in ihm. Aber dazu gehört noch vieles in jenem Haus; d. h. es ist dort noch viel Weltliches in allen Kästen und Schränken, das da hinaus muss, bevor Ich komme.
HIM|2|420315|10|0|Solches möchte mein lieber Andr. H.-W. wohl beachten – und unter dem „Haus“ zumeist seine Familie verstehen! Amen.
HIM|2|420315|11|0|Verstehe es aber auch du! Amen.
HIM|2|420322|1|1|Ursache und Wesen des Lichts – 22. März 1842
HIM|2|420322|0|0|Im Rahmen der Mitteilungen über die Fliege wurde im März 1842 den „Schülern“ Anselm Hüttenbrenner und seinen Töchtern durch den „Knecht“ Jakob Lorber eine höchst bedeutsame geistige Lichtlehre geoffenbart.
HIM|2|420322|1|0|Wir wollen somit die Hauptfrage stellen: Was ist das Licht an und für sich selbst, und wie pflanzt es sich fort?
HIM|2|420322|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Die Fliege“, Kapitel 9 bis 11.
HIM|2|420404|1|1|Stärkungswörtlein an eine schwache Seele – 4. April 1842
HIM|2|420404|1|0|Gut, gut! Wahr, wahr! Ich habe es schon vernommen! Darum schreibe nur ein ganz kurzes Wörtlein an die, welche da hat, in ihrem Herzen verborgen, ein noch schwaches Verlangen nach Mir, aber desto lebendiger nach dem, was die Welt ist!
HIM|2|420404|2|0|Sie möge sich ja fleißig bestreben, ihr Herz bei jeder Gelegenheit zu Mir zu kehren und soll Mich lieben Meiner Selbst willen – und nicht aber auf dass Ich ihr bald geben möchte einen Mann und andere weltglücklichere Umstände. Denn alle diese Dinge schlagen hart und schwer an Mein Herz!
HIM|2|420404|3|0|Wird sie Mich allein zu suchen und zu lieben anfangen, da werde Ich ihr auch das Geringste nicht vorenthalten, was sie nur immer im Herzen fühlen wird. Aber bevor Ich solches jemandem tue, da muss auch zuvor Mir gegeben werden, was Mir gebührt Meiner Selbst willen, aber nicht um der weltlichen Dinge willen!
HIM|2|420404|4|0|Daher sei das Mein erster Gruß an die, die da gewünscht hat ein Wörtlein von Mir! Wird sie es achten, so werde Ich ihr schon gar bald einen anderen „Stern“ zeigen und ein starkes und großes „Bindeband“ geben.
HIM|2|420404|5|0|Wenn sie aber darüber eifern würde ihrer Schwestern wegen, dann wird sie – ihres eigenen ewigen Heils willen – lange zu bitten haben, bis Ich sie voll erhören werde! Amen.
HIM|2|420404|6|0|Solches sage Ich, ihr und aller Menschen, Kinder und Kindlein heiliger, liebevollster Vater! Amen, Amen, Amen.
HIM|2|420409A|1|1|Mahn- und Verheißungswort an Gabiela – 9. April 1842
HIM|2|420409A|1|0|So sage denn kurzhin der, die da hier trägt einen Mannsnamen, aber eigentlich innerlich heißt Gabiela:
HIM|2|420409A|2|0|Warum sie das überhört hat, was Ich ihr schon nahe vor einem Jahre unaufgefordert gab, da Ich sie beim Namen rief, und sie aber dennoch verkannt hat Meine Vaterstimme?
HIM|2|420409A|3|0|Ich lasse ihr darum, liebevollst ermahnend, sagen, sie solle ja vor allem das frühere Wort in die Hand und recht tief ins Herz nehmen. Sodann erst werde Ich sie wieder vollkommen zu Meiner Tochter aufnehmen und werde ihr ein anderes Wort geben, das sie erfüllen wird mit einer großen Kraft, zu kämpfen gegen alle Anfechtungen der Welt. Denn sie ist zufolge Meiner Ordnung nicht frei von Versuchungen der Finsternis. Aber so sie sich ernstlich zu Mir wendet, da soll sie frei werden!
HIM|2|420409A|4|0|Sie soll nur auch recht ernstlich beten, nicht veränderlich sein in ihrem Herzen und nicht mit heimlichem Wohlgefallen dann und wann zur Welt hinausblicken, sondern soll beharrlich sein in allem, was da der Liebe ist zu Mir! So wird dann ein mächtigeres Wort sicher nicht lange unterm Wege bleiben.
HIM|2|420409A|5|0|Dessen alles soll sie in ihrem Herzen wohl achten und nicht vergessen des ersten Wortes, das Ich an sie gerichtet habe! Amen.
HIM|2|420409A|6|0|Das sage und lasse ihr sagen Ich, ihr liebevollster Vater!
HIM|2|420409B|1|1|„Vater“ und „Sohn“ – 9. April 1842
HIM|2|420409B|0|0|Zum 1. Sendschreiben Johs. 2. Kap., 23. Vers: „Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, der hat auch den Vater!“
HIM|2|420409B|1|0|So da jemand eine erwählte Jungfrau hat und verlangt Liebe von ihr, sagt ihr dabei aber ins Gesicht: „Du hast kein Herz!“ – da er ihr solches erweist und nimmerdar zugeben will, dass sie ein Herz habe – wie mag denn hernach der Tor von ihr verlangen, dass sie ihn lieben solle? Versteht ihr solches? Oder kann da jemand anders zur Liebe gelangen denn allein nur durch das Herz, das allein nur ein Wohnhaus der Liebe ist?
HIM|2|420409B|2|0|Oder so jemand möchte an einen Ort gelangen, leugnet aber den Weg dahin – wie wird der ohne einen Weg wandeln? Und so ihr zu jemanden sagt: „Siehe, wenn du schon keinen gebahnten Weg zugibst, so gehe doch über die Steppen, Felder, Wiesen, Fluren und Äcker!“ – Der Gegner aber erwidert euch: „Auch dergleichen gibt es nicht, sondern allein ein unergründliches Meer!“ – Sagt, wie wird dieser an den Ort gelangen? Und so ihm der Führer dann sagt: „Wenn du denn schon nichts denn lauter Meer siehst, so steige in ein Schiff und lasse dich im Wind dahin tragen und schieben!“ – Der andere aber leugnet auch die Schiffe. Sagt, wie wird der wohl an den Ort gelangen? Oder wie will jemand zu jemandem kommen und von ihm etwas erlangen, so er ihm die wirkliche, wesenhafte Existenz abspricht? Kurz und gut, und genug der Gleichnisse!
HIM|2|420409B|3|0|Wie kann aber jemand zum Vater gelangen und leugnen zugleich durch die Nichtannahme des Sohnes die Wesenheit des Vaters Selbst – während doch allhier Sohn und Vater also vollkommen Eines sind wie das Herz und die Liebe im Herzen, oder wie ein Mensch und sein Leben, oder wie Licht und Wärme, oder wie ein Ort und irgendein möglicher Weg dahin.
HIM|2|420409B|4|0|Wenn sonach aber der „Sohn“ die eigentliche wirkliche Wesenheit des „Vaters“ und das mächtige Gefäß ist, in dem der „Vater“ oder die „Ewige Liebe und Weisheit“ (in welcher da begriffen wird die allerhöchste „Fülle der Gottheit“) wohnt – wie kann da jemand zum Vater gelangen, wenn der Sohn für ihn so gut wie eine bare Null ist?
HIM|2|420409B|5|0|Ich meine, das sollte euch genügen, um obigen Vers aus dem Grund zu verstehen. Sollte aber jemandem trotz aller dieser handgreiflich enthüllenden Darstellungen der Vers noch dunkel sein, dann rate Ich ihm einen Versuch zu machen, wann er so recht hungrig ist, und zwar diesen, dass er sich sättige von einem bloß gedachten Brot – da es ihm unglaublich ist, dass da in der gewisserart groben, sichtbaren Materie des Brotes sich aufhalten solle ein ätherisches Brot zur Nährung und Belebung der Geister des natürlichen Lebens!
HIM|2|420409B|6|0|Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen. Denn wer das nicht fasst, dem sind vorher noch zwei Ärzte nötig, nämlich ein Augen- und ein Ohrenarzt. Solches versteht wohl und haltet euch an den „Sohn“, so wird euch der „Vater“ nicht durchgehen, indem der Sohn und der Vater auf ein Haar, wie ihr zu sagen pflegt, eines und dasselbe sind.
HIM|2|420409B|7|0|Aber ohne den Sohn gibt es keinen Vater, wie ohne den Vater keinen Sohn! Solches versteht auch wohl in euch! Amen.
HIM|2|420412|1|1|Ärztlicher Rat bei Besessenheit – 12. April 1842
HIM|2|420412|0|0|O Herr, die Kranke F. G. kann seit vierzehn Tagen ihre Augen nicht öffnen, ärztliche Mittel helfen nicht; auch ich Unwürdigster versuchte heute dreierlei magnetische Erweckungsmittel vergeblich, nämlich das Adspirieren, Gegenstriche und das Bestreichen der Augenlider mit kalten Wasser. Ich bitte Dich demütigst, Du mächtigster und barmherzigster Arzt aller Ärzte, voll der höchsten Liebe, Gnade und Erbarmung, dass Du mir ein Mittel anzeigen wolltest durch Deinen Knecht, wodurch dem Mädchen die krankhaft geschlossenen Augen wieder geöffnet werden könnten. Dein heiligster Wille geschehe in und an uns jetzt und in alle Ewigkeit! Amen.
HIM|2|420412|1|0|Aber Mein lieber Ans. H.-W., willst du denn schon wieder barmherziger sein, als Ich Selbst es bin? Kennst du Meine Wege und weißt du denn, warum Ich solches geschehen lasse? Ich sage dir aber, bei dieser Kranken da werden bis zu einer gewissen Zeit alle ordentlichen Mittel nicht viel fruchten! Wann es aber warm wird, da soll sie nur Bäder gebrauchen, erstens laue und dann kältere und stets kältere, so wird es wohl besser mit ihr. Aber ganz gesund wird sie nie, außer durch anhaltendes Gebet so viel möglich von ihrer Seite, und auch hauptsächlich durch das Gebet ihrer Angehörigen. Denn dies Mädchen hat einen alten, lustigen, aber sehr blinden Familiengeist in sich, und dieser ist über die Ohren vernarrt in dies Kind; daher zieht er bei jeder Gelegenheit und auf verschiedene Weise das Kind an sich.
HIM|2|420412|2|0|Allein da das Kind seiner nicht achten kann, so hat er es nun an den Augen gepackt! Und da werden fast alle Kuren vergeblich sein, sympathetische jedoch besser als medizinische. Magnetische Kuren werden den Geist noch mehr erwecken und erbittern; wird er dadurch auch hier zum Weichen gebracht, so wird er aber dafür, sich noch gewaltsamer rächend, auf einen anderen, dem Leben viel gefährlicheren Teil verstohlenerweise hinwenden und das Mädchen daselbst zu verstümmeln anfangen.
HIM|2|420412|3|0|Daher, wie Ich schon oben bemerkt habe, werden da die Heilmittel keine großen Fortschritte bringen, außer mit der Zeit Bäder und Gebet.
HIM|2|420412|4|0|Besser aber als alle bisher angewandten Mittel wäre Milch von einer gesunden Kuh, frisch gemolken, in linnenen Fetzchen warm auf die Augen gelegt und alle zwei bis drei Stunden gewechselt. Nur müssten die Fetzchen dann allzeit in reinem fließendem Wasser gereinigt werden, bevor sie wieder gebraucht werden sollten.
HIM|2|420412|5|0|Jedoch die warme Zeit, Bäder und Gebet können im Vollvertrauen auf Mich allein das etwas geplagte Kind wieder völlig gesund machen; sonst aber wird ihm alles für bleibend wenig nützen. Also steht es mit dem Kind!
HIM|2|420412|6|0|Wenn ihr aber für es ernstlich betet und ihm in Meinem Namen im Geiste die Hände auflegt, so werdet ihr dem Mädchen dadurch mehr nützen als durch alle eure anderen magischen oder medizinischen Mittel.
HIM|2|420412|7|0|Verstehst du A. H.-W. solches? Betet, und Ich aber werde dann schon tun, was des Rechtens sein wird. Amen.
HIM|2|420414|1|1|Sinnbilder der Liebe und ihr „Hauptschlüssel“ – 14. April 1842
HIM|2|420414|0|0|„Dieser ist’s, der da kommt mit Wasser und Blut, Jesus Christus, nicht mit Wasser allein, sondern mit Wasser und Blut. Und der Geist ist’s, der da zeugt, dass Geist Wahrheit ist. (Denn die drei sind es, die da zeugen im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist; und diese drei sind eins.) Und drei sind es, die da zeugen auf Erden: der Geist und das Wasser und das Blut; und die drei sind beisammen.“ – Zu dieser Schriftstelle (1.Joh. 5,6-8) wurde von Jakob Lorber die Bitte ausgesprochen: „Geliebtester, heiligster, barmherzigster und allerweisester Vater Jesus! Siehe, hier liegt schon wieder eine harte Nuss vor uns! Wir alle können ihrer nicht Meister werden. Wäre es Dein heiligster Wille, so könntest Du sie uns ja wohl aufdecken. Aber nur Dein heiliger Wille geschehe! Amen.“ – Die Antwort lautete:
HIM|2|420414|1|0|Sagt selbst, ob es euch nicht groß wundernehmen muss, dass ihr bei so viel Licht aus Mir dennoch so blind seid, um einen so leichten Text nicht auf den ersten Blick völlig zu erfassen!
HIM|2|420414|2|0|Was ist das „Wasser?“ Solches ist euch schon bei mancher Gelegenheit klärlich gezeigt worden. Was ist das „Blut“? Auch solches wurde schon gezeigt. Und was ist der „Geist“? Solches auch wurde euch schon gar oft gezeigt.
HIM|2|420414|3|0|Ich setze aber den Fall, es wäre euch allein entweder das Wasser oder das Blut oder der Geist gezeigt worden – da aber diese drei eines sind, so müsst ihr ja dennoch das Ganze verstehen, wenn ihr am rechten Ort, nämlich im Herzen, zu denken vermöchtet! Aber ihr alle seid noch Verstandesritter, und so geht es dann freilich wohl nicht mit derlei Texten, die nur im Herzen allein vollwahr und lebendig erklärt werden können.
HIM|2|420414|4|0|Kennt ihr denn den „Hauptschlüssel“ noch nicht, mit welchem allein alle Geheimnisse der Himmel allezeit vollgültig bis in den tiefsten Grund können erschlossen werden? So ihr ihn doch nicht kennen solltet, da muss Ich ihn euch ja wohl noch einmal nennen! Und so hört denn:
HIM|2|420414|5|0|Dieser Hauptschlüssel ist und heißt die Liebe, d. h. die wahre, reine Liebe eures Herzens zu Mir, wie vorzugsweise Meine unendliche zu euch!
HIM|2|420414|6|0|Seht, das sind die eigentlichsten Schlüssel Petri! Darum Petrus zuletzt noch von Mir dreimal gefragt wurde, ob er Mich liebe.
HIM|2|420414|7|0|O ihr Blinden, seht und merkt ihr denn noch nichts?! Warum wächst denn auf oder in einer ganz trockenen Erde nichts? So aber das Erdreich bewässert wird, werden da nicht bald zahllosartige Pflanzen, jede nach ihrer Art, ihre vollkommene Nahrung finden?
HIM|2|420414|8|0|Was also ist das Wasser? Ist es nicht die Liebe, welche da bei euch auf der Erde allen Wesen und Dingen eine alleinige Nahrung aus Mir ist wie das alleinige Leben selbst?! Nun, was entspricht denn diesem natürlichen Wasser für ein anderes, geistiges Wasser? Habt ihr denn noch nie etwas vom „lebendigen Wasser“ gehört, darunter verstanden wird Mein Evangelium und ganz besonders Mein lebendiges Wort in euch, so es sich kundgibt in einem Mich liebenden Herzen?
HIM|2|420414|9|0|Ich meine aber, mehreres über das „Wasser“ zu sagen, wird doch wohl unnötig sein; denn ein vollkommeneres Bild für Meine Liebe bei euch lässt sich doch wohl nicht auffinden als das Wasser, davon ein jeglicher Tropfen schon eine Nahrung und ein Leben in sich trägt für zahllose Wesen naturmäßig, wie demnach erst geistig!
HIM|2|420414|10|0|Also das „Wasser“ hätten wir! Aber jetzt kommt das „Blut“! Was wird etwa doch das „Blut“ sein? Merkt ihr noch nichts? O ihr Blinden und Tauben! O das Blut, das Blut, das ist dem Verstand freilich wohl stark im Weg! Denn je weniger Blut im Kopf, desto heller der Verstand. Darum die echten Gelehrten auch nicht selten aussehen wie unglückliche Geister. Aber das Herz muss Blut haben! Dem kann es nicht gleichgültig sein, ob Blut oder kein Blut. Denn des Herzens Leben ist das Blut!
HIM|2|420414|11|0|Was wird demnach doch das „Blut“ sein? Jetzt spitzt eure Ohren und hört: Das „Blut“ ist hier vollkommen dasselbe, was das „Wasser“ ist – also schon wieder: Liebe – nur mit dem Unterschied, dass darunter verstanden wird jene Liebe, die von euch in euren Herzen ins Leben aufgenommen wird zu eurer ewigen Belebung – also wie vom Leib die Nahrung, die da sämtlich dem Wasser entstammt, aufgenommen und in ihm verkehrt wird zum nährenden und alle Leibesteile belebenden Blut.
HIM|2|420414|12|0|Also hätten wir auch das „Blut“! Aber nun kommt noch der „Geist“. Was etwa der Geist hier ist? Doch, wir wollen uns vor solchen kommenden Neuigkeiten nicht auf eine zu lange Folterbank spannen lassen; und so spitzt denn nun wieder eure Ohren und vernehmt, was ganz anderes Neues der „Geist“ ist:
HIM|2|420414|13|0|Er ist schon wieder nichts, als was das „Wasser“ und „Blut“ waren, nämlich Liebe! Aber nur die lebendige, wesenhafte Liebe in euch, welche ist „Mein Geist“ oder das sich ewig klar bewusste unvergängliche Leben in euch, das euer allereigentlichstes Wesen selbst ist.
HIM|2|420414|14|0|Was ist aber demnach die „Erde“ oder der Träger des Wassers, des Blutes und des Geistes? Greift euch bei der Nase, so habt ihr die Erde schon zwischen euren Fingern!
HIM|2|420414|15|0|Welcher Unterschied ist nun wohl zwischen „Wasser“, „Blut“ und „Geist“, da alle drei eine und dieselbe Liebe sind? Da sie eine und dieselbe Liebe sind, so werden sie ja doch wohl auch vollkommen eins sein?!
HIM|2|420414|16|0|Also damit wären wir auch im Reinen! Aber jetzt kommen die drei großen „Zeugen des Himmels“, als der Vater, das Wort (der Sohn) und der Heilige Geist oder die Ewige Liebe in Gott, oder das große lebendige Zeugnis, das da Fleisch geworden ist und hat unter euch gewohnt und wohnt im Geiste noch jetzt als „der Heilige Geist aller Liebe und aller Wahrheit“ bei euch, unter euch, und so ihr es wollt auch allerlebendigst in euch!
HIM|2|420414|17|0|Seht, da haben wir nun schon alles! Nur der „Himmel“ geht uns noch ab. Doch für so dumm will Ich euch nicht halten, dass ihr da nicht wissen solltet, dass unter dem „Himmel“ verstanden wird das ewige Liebeleben in Mir, dem heiligen, liebevollsten Vater!
HIM|2|420414|18|0|Seht, nun habt ihr alles: Wasser, Blut, Geist; Vater, Wort und Heiligen Geist und die Erde und den Himmel! Und dieses alles, sage Ich euch, ist eine und dieselbe Liebe.
HIM|2|420414|19|0|Darum haltet euch an die Liebe, so habt ihr alles!
HIM|2|420414|20|0|Versteht dies alles wohl! Amen.
HIM|2|420415|1|1|Maria und Martha – 15. April 1842
HIM|2|420415|1|0|Nun denn, so gebe Ich dir dies Wörtlein! Was fragst du denn hier: für welche? Wirst es doch noch nicht vergessen haben, für welche du verlangtest in deinem Herzen? Also der gebe es! Aber beachten sollen es alle, wohlverstanden!
HIM|2|420415|2|0|So höre denn, Mein liebes Töchterchen, und gebe ja wohl Acht auf das, was Ich dir hier sage! Sammle alle deine Liebe in eine Liebe zu Mir, deinem guten, heiligen, liebevollsten Vater, so wirst du zu einer großen Kraft gelangen; und in dieser Kraft erst, glaube es Mir, wird dir jeder gute Wunsch deines Herzens in die allerhöchste Erfüllung gehen.
HIM|2|420415|3|0|Willst du aber diesen Rat werktätig befolgen, dann stelle dir nur recht oft die Martha und deren Schwester Maria vor, und denke bei dir so recht fest und tief im Herzen nach, warum Mir denn doch die gewisserart müßige Maria bei weitem lieber war als die so sehr emsig beschäftigte Martha – und was Ich zu der Martha gesagt habe, als sie Mich bat, dass Ich die Maria beheißen solle, das sie ihr helfe.
HIM|2|420415|4|0|So du solches recht nachdenkend betrachten wirst, dann wird es dir schon einleuchtend werden, warum Ich dich, Mein liebes Töchterchen, nun darauf aufmerksam gemacht habe!
HIM|2|420415|5|0|Glaube es Mir, deinem lieben, heiligen Vater: „Nur eines tut not, und dieses eine ist die wahre Liebe zu Mir! Alles andere gehört der Welt an und ist ein eitel nichtiges Zeug!“
HIM|2|420415|6|0|Also, Mein liebes Töchterchen, halte auch du dich an dieses eine, so wirst auch du gleich der Maria bei Mir, deinem liebevollsten, heiligen Vater wohnen – hier schon, wie noch viel mehr jenseits ewig, ewig, ewig. Amen.
HIM|2|420421|1|1|Vatergabe – 21. April 1842
HIM|2|420421|1|0|Und so schreibe denn: Da das sogenannte Gratulieren bei euch schon an der Tagesordnung ist, so will denn auch Ich von dieser Tagesordnung keine Ausnahme machen, und zwar aus dem sehr einfachen Grunde, weil Ich fürs Erste der größte Freund der Ordnung bin, und fürs Zweite, weil Ich die ewige Ordnung Selbst bin.
HIM|2|420421|2|0|Aber nur erwarte da niemand irgendeinen sogenannten Glückwunsch von Mir, der an und für sich nichts als eine allerbarste, nur weltlich etwas artigere Lüge ist und einer Frucht gleicht, welche in der vollen Unreife vom Baum gefallen ist und dann auf der Erde ganz unbeachtet zertreten wird. Denn es ist um vieles besser, so du jemanden einen kupfernen Pfennig gibst, als so du ihm tausend Pfunde des allerreinsten und schwersten Goldes gewünscht hättest.
HIM|2|420421|3|0|Daher wünsche Ich dir, Mein lieber Ans. H.-W., gar nichts, sondern gebe dir Meinen Vatersegen für dich wie für deine Familie – und ein Kreuzlein hinzu als Bestätigung dieser Meiner dir jetzt dargereichten heiligen Vatersegensgabe. Und sei versichert, solches wird dir mehr frommen, als wenn Ich dir wünschte eine ganze Erde voll des allerbarsten Goldes!
HIM|2|420421|4|0|Darin aber besteht diese Meine Vatersegensgabe, dass Ich dein Herz bereichern will und werde mit Meiner Vaterliebe und du dann dadurch zu der inneren Anerkennung gelangen wirst, dass es dem Kind, das sich noch im Mutterleib befindet, nicht wohl möglich ist, den Vater mit den Augen zu schauen. Wenn aber das Kind aus dem Leib geboren wird und erschaut das Licht der Sonne, d. h. die erleuchtenden Strahlen aus ihr, so wird es auch bald den Vater in diesen Strahlen erschauen und nach kurzem Zeitenflug ihn als solchen auch völlig erkennen.
HIM|2|420421|5|0|Siehe, du bist nun auch noch im Mutterleib Meiner Liebe in Dir; daher kannst du Mich auch noch nicht sehen! So du aber aus diesem Leib Meiner Barmliebe in dir bald vollends ausgeboren wirst im Geiste der Liebe und aller Wahrheit aus ihr, da wirst du auch den Vater sehen und Ihn als solchen erkennen. Des sei vollkommen versichert!
HIM|2|420421|6|0|Es ist aber dennoch ein Unterschied zwischen der Geburt eines Kindes aus dem Fleischleib der Mutter und der Geburt des Geistes aus und durch Meine Liebe. Denn die erste Geburt ist bedingt durch die Notwendigkeit der Natur; die zweite aber durch den freien Willen des Menschen und demzufolge dann durch Meine unmittelbare, nie unterm Wege bleibende Gnade.
HIM|2|420421|7|0|Wenn demnach jemand ganz vollkommen ernstlich will und verleugnet sich in aller Demut seines Herzens, genötigt durch Meine Liebe in ihm, der wird dann auch sicher um vieles eher zum heiligen Endziel alles Segens gelangen, welches da ist die dir schon wohlbekannte Wiedergeburt des Geistes.
HIM|2|420421|8|0|Wenn da aber jemand ist voll Lauheit gleich einem (dir in gegenwärtiger Zeit wohlbekannten) Musikschüler, der da bald kocht, bald Holz spaltet, bald die Gasse kehrt, bald näht, bald drischt, bald lustwandelt, bald den Schweinen das Futter bereitet, bald unnützes Zeug plauscht, bald wieder faulenzt, ja bald dies und jenes tut und unternimmt, aber nur selten ein halbes Stündlein kaum beim Klavier oder bei einem anderen Instrument zubringt – wann und wie wird ein so „emsiger“ Musikschüler ein freier Künstler werden?! Und wann wird alsonach derjenige, der Mich nur so gewohnheits- und manchmal besserer Zerstreuung halber neben aller seiner Welt so recht nachlässig mitstreiten lässt, zur Wiedergeburt des Geistes gelangen?!
HIM|2|420421|9|0|Ich sage dir: Auf dieser Erde schwerlich je – sondern vielleicht, wenn er sich nicht ganz tot gemacht hat, nach dem Tode des Leibes höchst mühsam und beschwerlich, da er gleichen wird einem mühsamen und übermüden Wanderer, der da zu kämpfen wird anfangen müssen, wo er die endliche, allersüßeste und allerseligste Ruhe erwartet hatte.
HIM|2|420421|10|0|Wenn du, Mein lieber Ans. H.-W., dieses alles wohl beachtest, so wird es dir wohl einleuchtend werden, was Großes du mit dieser Meiner Vatersegensgabe von Mir erhalten hast!
HIM|2|420421|11|0|Die Wiedergeburt des Geistes ist die einzige Bedingung dieses Erdlebens, wie das Endziel alles freien Seins. Diese aber kann ohne den hinreichenden Wärmegrad Meiner Liebe in euch nicht erfolgen. Darum aber gebe Ich dir hiermit eine große Liebeberührung, damit du bald zum gerechtesten Liebwärmegrad, nötigst zur vollen Wiedergeburt, gelangen sollst.
HIM|2|420421|12|0|Und so denn nehme hin Meine heilige Vatergabe, auf dass du dadurch leben mögest ewig im Schoße deines heiligen Vaters. Amen.
HIM|2|420421|13|0|Solches gebe Ich dir heute wie allezeit – ja, Ich, dein heiliger, liebevollster Vater Jesus! Amen, Amen, Amen.
HIM|2|420426|1|1|Gottvertrauen und Gehorsam gegen Gebote sind besser als Medizin; Harzpflaster-Anwendung – 26. April 1842
HIM|2|420426|1|0|Ich sage dir, dieser teure Arzt wird deinem Weib gar wenig Heilung verschaffen, da Ich die Werke geld-, welt- und ruhmsüchtiger Menschen niemals zu segnen pflege!
HIM|2|420426|2|0|So dein Weib Mir mehr getraut hätte und wäre bleibend folgsamen Gemütes, da wäre es schon lange besser mit ihr. Allein, da sie solches nicht beachtet, ist’s ja dann auch recht, dass sie empfindet, welche Hilfe die Welt bietet! Solange sich aber jemand in den Schutzarmen der Welt befindet, kann und darf Ich ihm die Meinigen nicht reichen. Denn so Ich auch jemandes Leib mit dem heilsamsten Balsamöle salben möchte, aber er wäscht sich darauf folglich mit der Kloake und isst dazu einen lateinischen Weltquark, wie soll es da wohl besser werden mit ihm?
HIM|2|420426|3|0|Ich sage dir aber, wenn sie nehmen möchte irgendein gutes Harzpflaster und legte dasselbe in Meinem Namen zum Teil auf die Sohlen der Füße, dann auf die Waden, dann auf das Rückgrat, dann auf das Genick und dann noch auf den Magen zu gleicher Zeit und tränke dabei frisches Wasser und äße eine einfache, gute Kost, die da nicht zu fett sein dürfte und nicht zu fest, wie zum Beispiel Maisgrütze in frischer Fleischbrühe und so auch etwas Fleisch mit einer gelinden Zuspeise, da wäre sie schon lange gesünder als durch all den lateinischen Teufelsquark!
HIM|2|420426|4|0|So sie aber schon der Welt wegen einen Arzt haben muss, da soll sie bleiben bei dem ersten und älteren, aber nicht bei einem, der sie erst durch Medizinen zu prüfen nötig hat! Amen.
HIM|2|420427|1|1|Zur Frage der Dreieinigkeit – 27. April 1842
HIM|2|420427|0|0|Es steht geschrieben: „Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater!“ (Joh. 14,9). – Bei Markus (13,32) heißt es aber: „Allein von jenem Tag und von jener Stunde weiß niemand; auch nicht die Engel im Himmel, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater.“ – Wie können diese beiden Stellen in Übereinstimmung gebracht werden? – Und heißt es nicht auch: „Der Vater ist größer denn Ich.“?
HIM|2|420427|1|0|Das ist Mir schon eine rechte Anfrage zwar; aber nur hätten die Fragenden zuvor recht emsig versuchen sollen, durch den Hauptschlüssel der Liebe zu erörtern und dadurch in sich selbst zu sehen und zu erfahren und zu bemessen, wie tief sie schon in ihr Inneres gedrungen sind. Doch es gibt ja noch tausend Stellen, die sie noch lange nicht bis in den Grund des Geistes erkennen, und so bleibt für sie schon noch immer eine Arbeit übrig!
HIM|2|420427|2|0|Was sonach aber die vorliegenden Stellen betrifft, da vernehmt und schaut offenen Herzens in die heilige Tiefe Meiner Liebe in euch! Denn also spricht das Liebelicht:
HIM|2|420427|3|0|Der „Vater“ ist die reinste „Ewige Liebe in Gott“ oder das „Ewige wesenhafte Wort“ in Sich Selbst. Der „Sohn“ aber ist das vom Vater ausgesprochene Wort oder der Sich euch wesenhaft im Sohne offenbarende Vater Selbst. Es verhalten sich beide wie ein gedachtes und ein ausgesprochenes Wort, da der Gedanke ist der Grund oder der Vater des ausgesprochenen Wortes, das ausgesprochene Wort aber wieder nichts anderes als der sich offenbarende Gedanke oder der Vater des Wortes selbst.
HIM|2|420427|4|0|Wenn ihr nun dieses versteht, so muss es euch ja doch schon sonnenklar sein, dass wer den Sohn sieht und hört, ja auch den Vater notwendig sehen und hören muss, und dass demnach Vater und Sohn eines und dasselbe sind, wie der Gedanke und das danach ausgesprochene Wort – und dass der Vater im Sohne und der Sohn im Vater ist, wie der Gedanke im ausgesprochenen Worte und das ausgesprochene Wort im Gedanken.
HIM|2|420427|5|0|Auch müsset ihr darnach verstehen, warum der Vater mehr ist als das Wort oder der Sohn. Das Wort wäre ja ohne den Vater oder den vorhergehenden Gedanken eine allerbarste Unmöglichkeit! Also ist der Vater als der ewige Zeuger des Wortes mehr als das gezeugte Wort. Wenn aber das Wort gezeugt ist, dann ist es ja doch völlig identisch mit dem Vater!
HIM|2|420427|6|0|Und so ihr dies alles versteht, da meine Ich, es dürfte da wohl fast unnötig sein, euch noch ferner zu erhellen, warum (bei Markus 13,32) „niemand“ vom kommenden Tag und der Stunde des kommenden großen Gerichtes über die ganze Erde, im Geiste genommen, etwas weiß, außer allein der Vater – und nicht auch „der Sohn“. So ihr nur ein Senfkörnlein groß Verstandes im Herzen (nicht im Gehirn des Kopfes) besitzt, da müsst ihr ja doch auf der Stelle einsehen, dass durch das Wort wohl die Wissenschaft des Gedankens sich kundgibt – aber ist darum das Wort die Wissenschaft selbst? Daher kann solches wie alles andere ja doch nur der Vater wissen, nicht aber der Sohn, der da gleichsam ist die Zunge im Munde des Vaters.
HIM|2|420427|7|0|Damit ihr aber über Vater, Sohn und Geist die volle Anschauung habt, so wisst denn:
HIM|2|420427|8|0|Der Gottmensch Jesus war wesenhaft der Vater Selbst oder die Sich mit menschlichem Fleisch bekleidende Ewige Liebe und Weisheit Selbst – oder die Fülle der Gottheit leibhaftig.
HIM|2|420427|9|0|Das ausgesprochene „Wort“ des Gottmenschen Jesus oder dessen Lehre aber ist der „Sohn“.
HIM|2|420427|10|0|Da aber der Vater schon von Ewigkeit her wusste, was Er tun wird, so war ja der Gottmensch Jesus auch schon von Ewigkeit her „im Vater“, manifestierte Sich aber als „Gottmensch“ erst dann leibhaftig, da Sich der Vater Selbst offenkundig ausgesprochen hatte!
HIM|2|420427|11|0|Sagt Mir, begreift ihr etwa jetzt noch nicht, wie der Sohn und der Vater eines und dasselbe sind? Solltet ihr aber jedoch noch Skrupel haben, da seht auf den Geist, der muss euch ja in alle Wahrheit leiten!
HIM|2|420427|12|0|Denn derselbe Geist, der da ewig war im Vater (der da ist der urewige Grundgedanke oder die ewige reinste Liebe Selbst) – ist ja doch auch sicher in des Vaters ausgesprochenem „Wort“. Wo aber ein Geist, da wird ja doch etwa wohl auch eine und dieselbe Wesenheit sein! Wenn es nicht also wäre, wie hätte da der Gottmensch Jesus von Sich aussprechen können: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben! Niemand kommt zum Vater denn durch Mich!“ (Joh. 14,6) – was soviel heißt als: Ich bin die Liebe oder der Vater, und die ewige Weisheit oder Gott Selbst, oder der Geist und das ausgesprochene Wort, oder das ewige Leben Selbst, in welchem da wohnt alle Fülle der Gottheit leibhaftig!
HIM|2|420427|13|0|Da es aber also ist, sagt, auf welchem anderen Weg kann jemand zum Vater gelangen, wenn er sich vom selben nicht ergreifen und ziehen lässt, darum er hat die Freiheit des eigenen Willens!?
HIM|2|420427|14|0|Wer sonach das vom Vater ausgesprochene Wort tätig oder lebendig in sich aufnimmt, der nimmt dann ja auch den Sohn auf. Wer aber den Sohn in sich aufgenommen hat, der wird ja etwa doch den Vater auch aufnehmen, da der Sohn und der Vater eines und dasselbe sind!
HIM|2|420427|15|0|Wer aber somit Sohn und Vater in sich aufgenommen hat, der wird doch auch sicher den „Geist“ oder das „Licht“, das da ist gleich wie im Vater also auch im Sohne, in sich haben und wird aus diesem Geiste sein „in aller Wahrheit“, und das zwar aus dem ganz einfachen Grund, weil es außer diesem Licht kein anderes Licht mehr gibt, und alles Licht somit nur diesem alleinigen Licht entstammt. Wer aber in dem Licht ist, der ist auch im Vater durch den Sohn.
HIM|2|420427|16|0|Da aber der Vater das urewige Grundliebeleben ist und alles Licht von diesem Leben ausgeht, so wird der Mensch doch wohl sicher auch das ewige Leben haben, wenn er in selbem ist und dasselbe in ihm durch den Sohn, Geist und Vater!?
HIM|2|420427|17|0|Ich meine aber, so ihr nicht noch blinder seid als der Mittelpunkt der Erde, so dürfte euch dieses wohl genügen, um einzusehen, dass wer da im Geiste Jesus sieht, keinen Tubus mehr brauchen wird, um auch den Vater zu erschauen!
HIM|2|420427|18|0|Dass ihr aber solches nicht versteht, so ihr es lest, daran schuldet lediglich euer materiell-heidnisches Drei-Göttertum, das da zu Nizäa ausgeheckt wurde und später noch stets mehr, sogar bis zur Plastik, vermaterialisiert ward, so dass ihr euch nun mehr oder weniger nicht davon zu trennen vermögt. Daher müsst ihr nun allem früheren (Wahn-)Licht absterben, so ihr wollt zum reinen Geisteslicht aus Mir gelangen!
HIM|2|420427|19|0|Solches versteht und tuet auch darnach, so werdet ihr leicht und bald zu Mir, dem heiligen Vater, gelangen! Amen.
HIM|2|420430|1|1|Der Großglockner – 30. April 1842
HIM|2|420430|0|0|An diesem Tag begann eine große Kundgabe über den „Großglockner“, welche in mehreren Fortsetzungen bis zum 28. Mai 1842 erfolgte. Nachstehende Worte sind dem Eingangskapitel entnommen:
HIM|2|420430|0|0|Schreibender: Ans. H.
HIM|2|420430|1|0|Es deucht euch wunderbar das wohlgelungene Bild, wie da majestätisch ein König der Berge, der Großglockner genannt, aus der Mitte seiner Brüder kühn sein Haupt erhebt und schaut gewisserart nach allen Seiten hin, wo seine Kinder, von ihm auslaufend, sich befinden. Aber noch wunderbarer wird es euch bedünken, wenn Ich euch in guter Ordnung bei seinen kleinsten Abkömmlingen angefangen, erst also bis zu ihm hinführen werde.
HIM|2|420430|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Der Großglockner“, Kapitel 1.
HIM|2|420502|1|1|Winke zur Kur einer Besessenen (Teil 1) – 2. Mai 1842
HIM|2|420502|0|0|O Herr! Darf ich die F.G. nach dem Wunsch ihrer Mutter und ihres Arztes St. in den magnetischen Schlaf versetzen? Tat ich wohl, dass ich dem ihr innewohnenden Dämon in Deinem heiligsten Namen gebot, aus ihr zu weichen, und nimmer in sie hineinzufahren? Darf ich diese Beschwörung wiederholen?
HIM|2|420502|1|0|Der Herr: Höre, Mein lieber A.H.W.! Ich habe dir ja schon bei der letzten Anfrage hinreichend dargetan, wie es mit dieser Kranken steht und was ihr helfen kann. Warum fragst du nun um etwas anderes? Meinst du denn, es wird ihr etwas anderes helfen? Du kannst ja versuchen, was dir und dem Weltarzt St. bedünkt; aber siehe zu, dass du selbst an dir und deinem Haus keinen Schaden leidest! Denn du kennst nicht die jetzige Freiheit und Arglist der Geister!
HIM|2|420502|2|0|Siehe, dein Wille, zu tun wider Meinen Rat, in der Meinung, es sei etwas Gutes, hat schon zwei grobe Geister vor die Tür deines Hauses gelockt. Habe Acht, dass sie nicht einen Brand in deinen Verstand und einen in deine Wissbegierde schießen lassen! Denn in diesem Brand würde bald alles zerstört sein, was Ich bis jetzt mühsam in deinem Herzen aufgebaut habe.
HIM|2|420502|3|0|Also aber sehen die Geister aus: Der eine ist ein grausandiges, altes Kriegsgebilde, um dich gefangen zu nehmen in seine sandige Wesenheit. Der andere und ärgere ist ein großes Riesenglasauge, gleich einem großen Fass, das sich vor die Tür deines Hauses hingewälzt hat; dieses Auge schießt Brände aus seiner argen Mitte und müht sich ab schon drei Tage und Nächte, um das Zentrum deines Verstandes zu treffen. Daher halte dich ja fest an Mich an, sonst magst du Schaden leiden bei dir selbst!
HIM|2|420502|4|0|Meinst du aber, das Einschläfern wird diese Kranke zur Ruhe bringen? Kann sein, wenn Ich sie auslassen würde auf einige Augenblicke, damit der Dämon euch täusche, um dann mit größerer Hartnäckigkeit aufzutreten, aber nicht zu weichen! Weißt du denn das nicht, dass die sogenannten magnetischen Striche nur in den Krankheitskrisen erteilt werden müssen, aber niemals beim Nachlassen der Krankheit; wenn sie aber erteilt werden beim Nachlassen, werden die Krisen sobald wieder entweder offenbar oder heimlich hervorgerufen, wovon die heimlichen ärger sind denn die offenbaren. Siehe, also wird das sogenannte Magnetisieren hier wenig fruchten, da die kranke F. es während der Krise gar nicht ertragen wird; beim Nachlassen aber wird es ihr wenig nützen; warum – ist schon gesagt.
HIM|2|420502|5|0|Ich habe es aber ja schon in des Mädchens Herz gelegt, was ihr helfen kann. Und sie hat es auch schon laut ausgesprochen. Und dir habe Ich es auch in der vorigen Mitteilung klärlich gezeigt. Warum wird denn das nicht lebendig gläubig befolgt? Oder soll Ich etwa in den Rat eures Weltarztes eingehen? O das werde Ich nicht tun! Siehe, das ist auch ein Stein des Anstoßes, über welchen die Weltweisheit fällt und gar gewaltig scheitert. Sie soll hier nur erfahren, was sie vermag! Mit Mir kann auch der wahre Arzt alles segensreich tun; ohne Mich aber nichts!
HIM|2|420502|6|0|Wenn die Ärzte ihre Hände zuerst zu Mir erheben würden und dann sie legten auf die Kranken, so würde es mit diesen bald besser werden. Aber so reiben sie nur zuvor ihre Stirn statt der Brust und legen dann eine Gansfeder auf einen Fleck Papier und bekritzeln dasselbe mit ihrer lateinischen und griechischen Weisheit, anstatt dass sie legten eine segnende Hand auf den Kranken, voll Glaubens und Trauens auf Meine Kraft und Hilfe. Kann da wohl ein Kranker je völlig genesen?
HIM|2|420502|7|0|Siehe, das Mädchen verlacht die Ärzte schon; das ist ein gut Ding für sie. Daher lasse die Ärzte nur handeln und erraten. Der Arzt L. aber soll beten und dann ihr in Meinem Namen die Hände auflegen, soll aber die Zeit hindurch keinen Tabak rauchen! Da würde er eine sehr gute Wirkung hervorbringen, aber nur gläubig durch Mich allein, sonst aber durchaus nicht! Der sogenannte Exorzismus, besser die Wort- und Glaubenshilfe, ist aber ja von Mir schon ohnehin als das alleinig helfende Mittel angezeigt worden. Warum wurde er denn nicht angewendet? Auch andere lindernde Mittel wurden euch von Mir angezeigt; wer aber hat sie angewendet lebendig gläubig in Meinem Namen?
HIM|2|420502|8|0|Es gäbe noch eine Menge natürlicher, gesegneter Mittel, die da alle könnten eine gewaltige Linderung verschaffen in Meinem Namen; wer aber möchte sie gebrauchen, da sie nicht mit der lateinischen Weisheit der Ärzte im Einklang stehen? Siehe, daher ist hier guter Rat im Ernst etwas teuer, da ihn niemand befolgen kann und will – wegen der Welt und wegen der lateinischen Weisheit der Ärzte. Also lassen wir die Ärzte hier sich nur recht abpuffen, und zur rechten Zeit werde Ich schon ohnehin tun, was des Rechtens sein wird.
HIM|2|420502|9|0|Dir, Mein lieber A.H.W., aber sage Ich: Blas’ nicht, was dich nicht brennt! Sondern lasse nur die blasen, die es nun schon ganz gewaltig brennt. Wenn es dich aber brennen wird, dann blase auch du, und Ich werde dir da deinen Odem segnen, auf dass du leichtlich deinen Brand wirst zu stillen imstande sein. Willst du aber schon durchaus ein guter Mitarzt sein, da tue du Gutes nur im Stillen, auf dass dir darum niemand wird einen Dank schuldig sein. So werde Ich gerne dein gläubig Gebet erhören, und das ist auch der allerwirksamste Exorzismus!
HIM|2|420502|10|0|Sage nicht: „Böser Geist, fahre aus!“ – sondern sage: „Guter Vater, hilf ihr!“ – so wirst du recht bitten und beten, und Ich werde dann das rechte Übel an und in ihr heilen! Wärest du schon völlig wiedergeboren und somit auch schon völlig eins mit Mir, so könntest du wohl sagen: „Fahre aus im Namen des Herrn Jesus Christus!“ – und es müsste geschehen nach deinem Wort. Aber solches ist bei dir nun noch nicht der Fall. Daher bete nun dafür im Vertrauen und in aller Demut und Liebe deines Herzens, und es wird da schon zur rechten Zeit geschehen, was das Allerbeste sein wird. Amen.
HIM|2|420505|1|1|Von der Ausbreitung des neuen Wortes – 5. Mai 1842
HIM|2|420505|0|0|O heiligster Herr und Vater! Wir sind wohl tief durchdrungen von der Wahrheit des 7. Verses im 7. Psalm, den uns Deine große Liebe und Erbarmung gnädigst geschenkt hat. Da heißt es wohl mit vollstem Recht: „Denn wer kann Dir danken im Tode und wer in der Hölle Dich loben und preisen?“ Und im darauf folgenden Vers: „Wie kann der Unheilige dem Heiligen fürs Heilige danken?“ Oh, so sage uns denn, o liebevollster Herr und Vater, zu einem Trost: Wird denn nicht bald der frohe Tag herankommen, an welchem Dein heiliges, neues, lebendiges Wort, welches jetzt an uns wenige Unwürdigste ergeht durch den Mund und die Feder Deines Knechtes, bekannt werden wird auch anderen, reineren Herzen und besseren Kindern als wir sind? Verherrliche, ach verherrliche baldigst, o Herr Jesu, Deinen heiligsten Namen! Lass uns im großen Feuerbrand, den die Veröffentlichung Deiner gnadenreichsten Offenbarung verursachen wird, hell auflodern in Liebe zu Dir, Du heiligster Vater, in Liebe zu Dir allein, Du guter, liebevollster Vater Jesus, Jehova, Emanuel! Amen.
HIM|2|420505|1|0|Höre du, Mein lieber Ans. H.-W., du hast eine eitle Sorge, darum du nicht kennst den Lauf der Zeit. Also fragten dereinst auch Meine Apostel und Jünger, wann die Zeit kommen wird, so dieses alles geschehen solle, was Ich ihnen vorsagte von der „letzten Zeit“. Ich habe ihnen zwar auch das gesagt, allein sie verstanden es nicht, also wie auch ihr das nicht versteht bis zur Stunde! Und es ist gut und recht, dass ihr es nicht versteht; denn verstündet ihr es, da wäre es auch teuer um die Freiheit eures Lebens!
HIM|2|420505|2|0|Was kümmerst du dich denn also um die Ausbreitung dieser Meiner, an euch wenige ergangenen Morgengabe? So du dich also kümmerst, gleichst du da nicht den Kindern, die da nicht abwarten können die Vollreife einer Frucht, sondern langen mit Händen und Stöcken darnach, um die unreife Frucht vom Baum zu treiben, auf dass sie dann in dieselbe beißeten und sich ergötzeten an den gegenseitigen sauren Gesichtern. So sie aber einen Bissen dieser Frucht in dem Mund haben, werden sie ihn wohl hinabzehren? Und so sie solches täten, würde es ihnen nicht leicht gar übel bekommen?
HIM|2|420505|3|0|Siehe, daher ist auch hier zuvor die Reife dreifach nötig! Und zwar zuerst als ein zu Ende gebrachtes Werk. Obschon da zwar an und für sich jedes Wort schon ganz reif ist, so wird aber dennoch unter der Vollreife die Beendigung des gesamten Werkes verstanden. Fürs Zweite aber wird unter der Vollreife verstanden ein reifes Volk zur Aufnahme eines solchen Lichtes. Die dritte Reife aber betrifft die Reife eurer Herzen. Denn ohne die müsst ihr euch gefallen lassen, dass die Welt euch frage: „Wo habt ihr denn die Früchte dessen, was ihr uns anbietet?“ – und ihr müsstet dann darauf antworten: „Solche erwarten wir erst selbst mit großer Zuversicht!“ Und die Welt möchte euch dann darauf wiederum erwidern: „Ja, wenn es so ist, da behaltet ihr nur euer Licht so lange selbst, bis es in euch sichtbare Früchte zeugen wird. Und wird es das, dann erst wollen wir es auch annehmen!“
HIM|2|420505|4|0|Seht, daher ist die Reife eine Hauptbedingung dessen, was da genossen werden solle mit Nutzen von allem Volk.
HIM|2|420505|5|0|Siehe, Ich aber habe die Reife also eingeteilt, dass ihr nur für die Reife eures Herzens zumeist zu sorgen habt und daneben für die wenige Schreiberei dessen, was da kommt zu euch durch Meine Gnade, Liebe und Erbarmung. Das Wort selbst ist ja Meine Sorge. Und zu der Reifmachung der Völker werdet ihr wohl ohnehin nicht viel beitragen können.
HIM|2|420505|6|0|Daher sorgt euch nur um das, was vorderhand euch anvertrauet ist, und lasst das Übrige rein Mir über, der Ich die Zeit und die Reife kenne – so wird alles gut gehen. Und fragt nicht: wie und wann? – sondern denkt euch: für jetzt gebe Ich es nur euch.
HIM|2|420505|7|0|Wenn es aber fertig wird, dann denkt euch: Wir haben eine köstliche Perle umsonst empfangen, diese soll nicht unter die Schweine geraten! Wenn wir sie aber hergeben, da geben wir sie, wie und um welchen Preis sie uns gegeben ward und wann Ich solches von euch ausdrücklich verlangen werde.
HIM|2|420505|8|0|Du hast des neuen Psalms Stelle zwar zu dem Zweck berührt – ist aber daher nicht die Reife zuerst nötig, bevor das Licht diese Finsternis des Todes und der Hölle durchbrechen kann? Freilich wohl mag da im Tode Mir niemand danken und in der Hölle Mich niemand loben und preisen; oder was kann das Unheilige dem Heiligen bieten und geben und tun, das da wohlgefiele dem Heiligen, so es nicht zuvor durch wahre Buße und gänzliche Umkehr zu Mir geheiligt wird?
HIM|2|420505|9|0|Aber das ist ja eben das „Reifwerden“, von dem hier die Rede ist! Denn solches besagt der Psalm ja überlaut und sonnenklar, dass der Tote nicht aufnahmsfähig für Liebe, wie der Blinde nicht geschickt ist zum Licht. Wo aber noch kein Leben und kein Licht ist, sondern nur Tod und Hölle, sagt Mir, was soll da der Himmel voll Lebens und heiligsten Lichtes zu tun haben?
HIM|2|420505|10|0|Ich sage dir aber: Es würde sich weit erträglicher machen, so du bewohnen möchtest ein Totenhaus oder eine Gruft, die da ist voll Totengebeins, Moder- und Ekelgeruchs, als so du vor der rechten Zeit der Reife dieses Mein Wort hinausstoßen möchtest in die noch sehr stark tote und überaus finstere Welt!
HIM|2|420505|11|0|Ich sagte zwar einmal zu euch: die Welt bedarf dessen in der Bälde. Solches aber bedeutet ja eben auch nur die Reife, welche nun schon überall vorbereitet wird.
HIM|2|420505|12|0|Daher – wachet und arbeitet! Denn ihr wisst nicht und dürft es auch nicht wissen, wann die Zeit der Reife eintreten wird. Sicher dann und so, da ihr es euch am wenigsten versehen werdet!
HIM|2|420505|13|0|Aus dem Grunde habe Ich ja auch einmal zu euch gesagt: „Vorderhand gebe Ich es nur euch!“ – Warum beachtet ihr denn solches alles nicht tiefer?! Wer aber mag Mich fragen: „Vater, so Du Mir zu essen gibst, warum lässt Du denn die anderen hungern?“ – Wahrlich, den möchte Ich schier entgegenfragen: „Habe Ich dich zu Meinem Haus-Rat denn je gemacht, darum Ich dir Rechnung legen solle?!“
HIM|2|420505|14|0|Daher bleibe du bei der dir gereichten Schüssel und esse sorglos daraus und schreibe Mir darüber nicht vor, was Ich tun solle! Denn Ich weiß es gar wohl, was Ich tue!
HIM|2|420505|15|0|Wenn Ich aber zu euch sagen würde: „Geht hinaus usf. –“, da würdet ihr sicher beben vor der Welt. Da Ich aber eure Stärke kenne, also verlange Ich auch solches nicht von euch. Somit bleibt bis zur Reife dabei, wie ihrs habt, dann aber werde Ich euch das Weitere schon berichten!
HIM|2|420505|16|0|Sollte es euch aber also nicht recht sein, so könnt ihr ja alles weglegen und euch begatten mit aller Welt! Ich aber werde Meine Absicht anderwegs sicher wohl bezweckend erreichen. Denn auf euren schwachen Glauben, der da stets voll Anstände ist, stehe Ich wahrlich nicht an – wohl aber ihr ewig auf Meine Treue! Nun habt ihr sie, so behaltet sie auch! Amen.
HIM|2|420507|1|1|Vom Werben der göttlichen Liebe – Gleichnis – 7. Mai 1842
HIM|2|420507|0|0|Ohne die Bibel zur Hand zu nehmen, wählte Jakob Lorber zur Betrachtung Jeremia 3,10: „Und in diesem allem bekehrt sich die verstockte Juda, ihre Schwester, nicht zu Mir von ganzem Herzen, sondern heuchelt also, spricht der Herr.“ – Ans. H. wählte Epheser 3,7-9: „Des ich ein Diener geworden bin, nach der Gabe aus der Gnade Gottes, die mir nach Seiner mächtigen Kraft gegeben ist. Mir, dem Allergeringsten unter allen Heiligen, ist gegeben diese Gnade, unter den Heiden zu verkündigen den unerforschlichen Reichtum Christi und zu erleuchten jedermann, welches da sei die Gemeinschaft des Geheimnisses, das von der Welt her in Gott verborgen gewesen ist, der alle Dinge geschaffen hat durch Jesus Christus.“
HIM|2|420507|0|0|Der Herr erklärte durch den Knecht:
HIM|2|420507|1|0|Hört und seht, wie’s der Zufall gibt! Aber nur betrachtet nicht den „Zufall“ als irgendein vages, blindes Geschick, sondern als das nur, was da euch „hinzufällt“ als eine gute Beigabe von Mir!
HIM|2|420507|2|0|Was brachte somit der „Zufall“? Er brachte eine vorbildende, heuchlerische, verstockte Schwester Juda; dann einen getreuen Diener durch Meine Gnade, einen überaus demütigen Bekehrer der Heiden und treuen Verkünder des großen Geheimnisses Gottes in Jesus, dem Gekreuzigten, durch Den alle Dinge sind erschaffen worden, an eben dieses Volk der Nacht. Also, das ist alles, was hier der „Zufall“ gab!
HIM|2|420507|3|0|Wie aber wird sich diese zerstreute Gabe des Zufalls unter ein Dach bringen lassen? Das ist eine ganz andere Frage!
HIM|2|420507|4|0|Damit aber der gute „Zufall“ nicht einen vergeblichen Zufall getan habe, so wollen wir zu einem leicht fasslichen Gleichnis unsere Zuflucht nehmen und also wie im „Zufall“ euch erzählen:
HIM|2|420507|5|0|Es war ein Mann voll Liebe und Weisheit; sein Alter war von etlich vierzig Jahren. Dieser Mann verachtete aus dem Grunde seines Herzens alle Reichtümer der Welt, da er im Vollbesitz der höchsten geistigen Güter war.
HIM|2|420507|6|0|Da er aber also auch ein überaus liebevolles Herz hatte, so dachte er bei sich: Wozu alle diese meine Liebe, die also mächtig ist, dass sie auslangen könnte für sehr viele Weiber? Ich will diese meine Liebe aber dennoch nicht teilen, sondern will da zusehen auf der Erde und mir dann wählen ein rechtes Weib, ja die schönste soll sie sein von allen Weibern der Erde und die kräftigste und vollkommenste!
HIM|2|420507|7|0|Ihr Kopf soll gleichen einer aufgehenden Sonne. Ihre Augen sollen glänzen wie zwei allerhellste Morgensterne. Ihr Mund soll sein gleich der herrlichsten Morgenröte; ihre Stirne wie ein feurigster Regenbogen, ihre Wangen gleich jenen Wölkchen, welche zunächst um die aufgehende Morgensonne spielen, und ihr Kinn gleich einem jener zarten Nebelchen, welche da voll des herrlichsten Duftes am Morgen den blumenreichen Fluren entschweben. Die Haare sollen sein gleich dem reinsten Gold. Und an ihrem schneeweißen Leib will ich keinen Makel gewahren! Also mit diesem vollkommensten Weib will ich meine Liebe teilen, dachte bei sich dieser liebe- und weisheitsreichste Mann. Und wie gesagt, also auch getan!
HIM|2|420507|8|0|Der Mann ging aus und suchte – und fand auch im Ernst bald, was er suchte! Das Weib hieß Juda. Ihr gefiel anfangs der Mann wohl, denn sie wusste wohl, dass solche Liebe und Weisheit mehr wert ist als alle Schätze der Welt. Darum hat denn auch der Mann bei sich ernstlich beschlossen, um ihr Herz zu freien, ihr aber jedoch keinen Zwang anzutun.
HIM|2|420507|9|0|Es hatte aber dieses Weib dennoch ein schalkhaftes Herz. Denn sie gelobte zwar dem Mann ihre Liebe allezeit teuer, so oft er sie heimsuchte. Wann er aber verzog, um ihr Gelegenheit zu geben, damit sie ihr Herz erforsche, ob es wohl achte der großen Liebe dieses Mannes bei sich selbst, da fiel sie allezeit von ihm ab und gab sich gleich einer feilen Dirne aller Gemeinheit preis und missachtete also überstark diesen Mann in ihrem Herzen.
HIM|2|420507|10|0|Trotzdem aber gab sich der gute Mann alle erdenkliche Mühe mit ihr. Er sandte Boten zu ihr, einen um den anderen. Vor einigen heuchelte sie, andere wieder ließ sie ergreifen von ihren Weltpfuhlgötzen und töten!
HIM|2|420507|11|0|Noch verstieß sie der gute Mann nicht und gedachte wieder: Ich muss Mich ihr einmal selbst wieder vorstellen und gar ernstlich um ihre Hand freien. Sie wird dann ihre Unbilligkeit an Mir einsehen und sicher tief bereuen. Ich werde ihr alles vergeben, und sie wird Mein Weib sein fürder ewig!
HIM|2|420507|12|0|Siehe, der Mann kam. Sie aber wollte ihn nicht erkennen, ließ ihn ebenfalls ergreifen und töten! Wie gefällt euch dieses Weib?
HIM|2|420507|13|0|Da aber solche Liebe sich nicht töten und solche Weisheit sich nicht zerstören lässt, so ließ der Mann auch nur aus großer Liebe zu ihr sich martern und nur zum Zeichen seiner großen Liebe scheinbar töten, um dadurch des Weibes Liebe wieder zu erringen! Aber – umsonst! Die Hure blieb eine Hure! – und der Mann noch bis zur Stunde ohne Weib!
HIM|2|420507|14|0|Höre, dieser gerechte Mann wandte sich dann von diesem Weib und erwählte sich einen anderen Boten, einen getreuen und demütigen, der von sich und dem Mann aussagt: „Sein Diener bin ich geworden nach der Mitteilung der Gnade Gottes, die mir verliehen ist, nach der Wirkung Seiner Macht. Mir, dem Geringsten unter allen Geheiligten, ward diese Gnade gegeben, unter den Heiden zu verkündigen den unerforschlichen Reichtum Christi und alle zu belehren, welches da sei die neue Veranstaltung dieses Geheimnisses des von Ewigkeit her in Gott Verborgenen, durch den alles erschaffen ist!“
HIM|2|420507|15|0|Wer sind denn hernach die „Heiden“? Seht, das ist ein zweites Weib, dem dieser Mann seine Liebe verkündigen ließ und noch immer fort und fort verkündigen lässt. Stets mehr und mehr lässt er ihm von seinen unermesslichen Schätzen zukommen. Er überhäuft es mit Liebe und allen lebendigsten Liebesbeteuerungen, da ihm seine frühere Gewählte untreu und völlig abtrünnig wurde.
HIM|2|420507|16|0|Aber wie gebärdet sich auch dieses zweite Weib?! Wenn es von Mir etwas hört, so erbrennt es vor Grimm, Rache und Wut! Was ist ihm der unermessliche Reichtum, ja der unerforschliche, der unendliche, von dem der demütige Bote spricht, weil er nicht im irdischen Gold und Silber besteht – was jede neue Veranstaltung dieses Geheimnisses der ewigen Liebe in Gott, wenn kein Herz sie mehr aufnehmen will!?
HIM|2|420507|17|0|Seht, also ist der Mann ein fortwährend Betrogener und Verkannter und Verabscheuter!
HIM|2|420507|18|0|Was wird der Mann aber tun, so ihm auch ein drittes Weib tun wird, wie es da gemacht hat das erste und zweite? Das ist nun wieder eine andere Frage! Doch auf diese Frage gibt der zum dritten Male hoffende Mann noch keine Antwort, als dass das seine letzte Werbung ist! Dieses versteht wohl! Amen.
HIM|2|420509|1|1|Winke zur Kur einer Besessenen (Teil 2) – 9. Mai 1842
HIM|2|420509|0|0|O heiligster, liebevollster Vater! Siehe meine große Verlegenheit, in die ich bezüglich der F.G. gesetzt werde, da deren Mutter (der ich vor einem Monat meine magnetische Beihilfe im Vertrauen auf Deinen göttlichen Beistand aus Nächstenliebe zusagte) und ihre beiden Ärzte nun darauf bestehen und in mich ernstlich dringen, dass ich das Mädchen magnetisieren solle, und zwar schon morgen! O Herr! Ich will ja nicht im Allergeringsten Deinem heiligsten Rat misstrauen oder Deinem überheiligen Willen ungehorsam sein; aber auf der anderen Seite will ich vor der bekümmerten Mutter und den verlegenen Ärzten auch nicht als unerbittlich, gefühllos und grausam erscheinen, wenn ich mich weigere das zu tun, was ich leider, ohne Dich zu fragen, zugesagt habe. O Herr! Ich bitte Dich recht demütig und inständig, zeige mir da gnädigst einen Ausweg, denn Dir ist kein Ding unmöglich! Dein heiligster Wille geschehe an dem armen kranken Mädchen! Amen.
HIM|2|420509|1|0|Der Herr: Siehe, das ist die Folge, wenn man sich nicht allezeit eher mit Mir beratet, bevor man etwas unternimmt, besonders zur Zeit, so die Tür zu Mir so weit und breit geöffnet ist. Jetzt fragst du freilich wohl schon zum dritten Mal über einen und denselben Punkt; allein Ich kann dir alles dessen ungeachtet keinen anderen Bescheid geben, als den Ich dir in dieser Sache schon zwei Mal gegeben habe! Wenn du aber schon durchaus den Forderungen dieser Familie nicht auszuweichen vermagst, da kannst du ja einen Versuch machen, um dich und den Arzt zu überzeugen, dass „Meine Wege tiefer liegen als alle Weltweisheit“. Die Folge aber wird dir zeigen, wie weit Mein Rat und wie weit die Forderungen der Welt gehen!
HIM|2|420509|2|0|Setzen wir aber den Fall, es möchte die sogenannte magnetische Behandlung dem Mägdlein wenigstens dem Äußeren nach auf eine Zeit gut anschlagen, meinst du wohl, das Übel wird dadurch behoben? Weißt du aber auch, wie lange es, und wie auf dich etwa rückwirkend, dauern wird? Siehe, auch das sollst du durch die Erfahrung kennenlernen. So aber die Behandlung etwa doch nicht fruchtbringend sein sollte, was werdet ihr dann machen?
HIM|2|420509|3|0|Siehe, der sogenannte Magnetismus hätte wohl irgendeine naturmäßig bessere Wirkung hervorgebracht, so er beim ersten Auftreten dieses Übels wäre gläubig, aber nicht bloß kunstmäßig angewendet worden, da die Natur noch frei war. Was aber wird er jetzt mit einem von Medizinen angestopften leiblichen Organismus tun? Siehe, hier müssten erst die Medizinen alle hinausmagnetisiert werden, bevor diese Behandlung irgend wohltätig eingreifen sollte und könnte. Siehe, die Beseitigung dieses Übels wird sehr viel und einen sehr gewaltigen Magnetismus brauchen!
HIM|2|420509|4|0|Ferner bringt die magnetische Behandlung nur in den schwachen Nerven, welche gewisserart in einen Hunger verfallen sind, eine gute, sättigende und stärkende Wirkung hervor. Welche Wirkung aber wird sie da hernach hervorbringen, wo die Nerven ohnehin überspannt gesättigt sind, bis auf einige wenige Nervenpaare hinter den Augen und Augenlidern, welche aber mit den anderen Nerven des Leibes nur durch das Gehirn in einem sehr geringen Zusammenhang stehen? Aus welchem Grunde dem Mägdlein denn auch solche ärztliche Behandlung wohltut, während eine allgemeine sie notwendig schmerzlich erregen muss; außer so da jemand verstünde, sie negativ zu behandeln, welche Behandlung ihr dann zwar wohltun, aber sie dennoch nicht heilen, sondern nur schwächen möchte gleich einer starken Blutwegnahme. Siehe, solches alles aber wirst du erst selbst ersehen!
HIM|2|420509|5|0|Ich sage dir aber noch, was da den ungebetenen Gast betrifft, so kann es auch geschehen, dass dieser bald gar tückisch zurückweicht und ihr meinen werdet, die Magd sei hergestellt. Solches aber wird ferne sein! Denn bei solcher Gelegenheit sagen solche Geister auch: „Aufgeschoben ist noch nicht aufgehoben! Lasst ihr mich nicht auf dem Dach, so ziehe ich mich denn in den Keller und will da Minen anlegen in aller Stille, dass euch darüber die Haare zu Berge steigen sollen in der Zeit, wann ich euch wieder zum Kampf auffordern werde!“ – Verstehst du solches?! Das ist zwar freilich der Welt wohl gar fremd und, so es ihr gesagt werden möchte, überaus lächerlich und ärgerlich; aber darum in der Natur der Sache dennoch nicht um ein Haar anders! Siehe, in dieser Hinsicht wird wohl der örtliche wie der allgemeine Magnetismus wenig nützen! Die Grundheilung aber brauche Ich nicht noch einmal anzugeben!
HIM|2|420509|6|0|Wenn denn aber schon durchaus magnetisiert werden muss, warum tun solches denn nicht die bezahlten Ärzte oder lassen es durch irgendjemand anderen ihrer Untergebenen tun nach ihrer Instruktion – also wie sie in der Apotheke lassen unbekümmert die Medikamente verfertigen und von einem Chirurgen die Egel setzen, zur Ader lassen und Pflaster anheften oder Glieder abschneiden? Sie haben keine Zeit, und es trüge ihnen zu wenig? Kurz, da aber du schon einmal dich ohne Meinen Vor-Rat der Sache angenommen hast, da magst du wohl einen Versuch machen. Ich werde dir darum nicht gram werden; denn du sollst Meinen Rat nicht für ein bestimmtes Gesetz ansehen.
HIM|2|420509|7|0|Meine Hilfe aber kommt nicht von heute auf morgen, sondern nach der Lebendigkeit des Glaubens, Vertrauens und der wahren Liebe zu Mir! Solches verstehe auch. Amen.
HIM|2|420510|1|1|Der Arzt, der doppelt gesund macht – 10. Mai 1842
HIM|2|420510|1|0|Also kannst du ja schreiben dem doppelt kranken Weib des A.H.W. zu dessen Leibesgeburtstag, obschon bei Mir ein jeder Tag ein Geburtstag ist zum ewigen Leben.
HIM|2|420510|2|0|Sie könnte schon lange der vollen Gesundheit sich erfreuen, wenn sie ein volles Vertrauen auf Mich hätte. Allein wie da ist ihr Vertrauen ein geteiltes, also ist auch ihre Gesundheit eine solche. Was aber kann da Meine Hilfe bringen, so sie sogleich wieder von irgendeinem weltweisen Arzt vertrieben wird?
HIM|2|420510|3|0|Und habe Ich da neben einem Arzt auch jemandem aus der Not seines Leibes geholfen, wer erkennt solches und gibt Mir dann die Ehre, da er geteilten Glaubens ist in dem, ob Ich oder der Arzt ihm geholfen habe? Wenn aber Meine Hilfe nur gewisserart also mitzotteln muss mit der Hilfe des Arztes, siehe, da lasse Ich Mir auch Zeit und sage: Wie die Zahlung, so auch die Arbeit! – Wer hier am meisten bezahlt wird, der soll auch am meisten arbeiten!
HIM|2|420510|4|0|Was nützte es aber der Seele und somit auch dem Geist, welcher ist das Leben der Seele, so Ich dem Leibeskranken helfen möchte in der Medizin des Arztes? Würde er, wenn er sobald genesen würde, nicht auch sein ganzes, volles Zutrauen auf den Arzt setzen, Meine Hilfe aber nur als eine Chimäre und Mich somit nach und nach für ganz entbehrlich betrachten? – wie es leider nun schon zu sehr der Fall ist, bei fast allen Menschen auf der Erde, und namentlich in den kultivierten Ländern und Städten!
HIM|2|420510|5|0|Siehe, aus diesem Grunde habe Ich da mit den Leibeskranken nicht viel zu tun. So aber der Arzt Mir traute und Mir allein die Ehre gäbe, und mit ihm auch der Kranke, so wäre das freilich wohl etwas anderes und Meine Hilfe sicherer, als so der Arzt sich noch schmählich darüber aufhält, wenn ein Gesundgewordener in seiner Gegenwart ausruft: „Der liebe Gott hat mir geholfen!“ – der Arzt aber dann beisetzt: „Wenn dir Gott geholfen hat, warum hast du denn hernach mich zu dir rufen lassen? Hättest ja gleich können dich zu deinem Gott um Hilfe wenden! Hier habe ja nur ich, der Arzt, dir geholfen durch meine Kunst und Wissenschaft!“
HIM|2|420510|6|0|Siehe nun, du Meine zweifach Kranke, da es aber von Seiten der Ärzte zu allermeist der Fall ist, dass sie nur sich für alles, Mich aber für gar nichts gelten lassen; siehe und höre, da halte Ich Mich denn auch stets ferne, wo die Ärzte Konzilien halten, und dann lange Rezepte voll anschreiben, welche dem Kranken eben so viel nützen, als derjenige Regen der jetzt trockenen Erde, der zu Adams Zeiten in der afrikanischen Wüste zur Erde fiel! Wenn aber schon ein weltlicher sogenannter Protomedikus es für seine Würde sehr schmälernd ansehen wird, so er angegangen würde, einem Chirurgen einen Handlanger zu machen, da steht Mir ja doch auch eine Frage frei, und zwar diese: Für was werde denn Ich im wahren Sinne gehalten, so Ich dem Arzt und Chirurgen soll einen Nachzottler machen? Ja einen Nachzottler, der da nach guter Kur auch nicht auf den leisesten Dank irgendeinen Anspruch machen, sondern nur ganz im Verborgenen stets fleißig helfen soll für den Gewinn und für die Ehre der Ärzte, gleichwie ein Soldat, der sich auch für die Ehre irgendeines in einem Luftzelt schwelgenden Feldherrn muss totschlagen lassen! O siehe, für solche Arbeit fühle Ich Mich denn doch etwas zu gut, und werde es daher auch allzeit bleiben lassen, um solchen Schmähsold zu dienen. Warum soll Ich Mich denn zur Ehre und Nutzen der eigen- und selbstsüchtigen Ärzte in den Kranken töten lassen? Wahrlich, das sehe Ich Selbst aus keinem guten Grunde ein!
HIM|2|420510|7|0|Willst du aber vollkommen gesund werden, dann vertraue dich nur Mir allein fest an, und das mehr denn deinen Alten und Ärzten, sonst kann Ich dir nicht helfen. Ich kann aus Meiner großen Erbarmung es wohl zulassen, dass du halbsiech erhalten wirst von den Ärzten; aber ganz gesund wohl sehr schwer oder nie!
HIM|2|420510|8|0|Wenn du wüsstest, wie gerne ich so manchem helfen möchte, wenn er nur zu Mir käme voll Vertrauens und Glaubens und Liebe! Aber jetzt kommen die Besten kaum mit einem Viertel Glauben, einem Sechstel Vertrauen und einem Achtel Liebe. Siehe, bei solchen Verhältnissen gibt es denn auch für Mich bei den Kranken aller Art wenig zu tun! Solches aber sage Ich dir zu an diesem deinem Tag, dieweil Ich dich doppelt gesund machen will. Verstehe aber wohl, was das heißt: doppelt gesund! – Das alles sage Ich, dein lieber Jesus, der dich zwiefach gesund machen möchte, und machen will, — und auch wird. Amen.
HIM|2|420518A|1|1|Drei Fragen – 18. Mai 1842
HIM|2|420518A|0|0|(1) O allerliebster, heiligster Vater Jesus! Was hat der Brand der großen Stadt H. zu bedeuten? – (2) Was bedeutet das sonderbare Wolkenabbild, das ich am 16. d. M. in meinem Geburtsort (Jahring bei Marburg) geschaut habe? – (3) Ist am selben Nachmittag das so heftig androhende Hagelwetter wohl durch die Macht Deines Namens, den ich anrief, gewichen? Und was hatte der furchtbar starke Donnerschlag zu bedeuten?
HIM|2|420518A|1|0|Obschon deine Fragen mehr deiner Neugierde entstammen als deinem wohlwollenden Glaubensdurst, so will Ich dir aber dennoch eine kurze und sehr bestimmte Antwort geben. Denn siehe, die neugierige Seele dürstet zwar durch die Neugierde, aber dieser Durst ist besser als gar keiner, da nur eine tote Seele keines Durstes fähig ist.
HIM|2|420518A|2|0|Aber dessen ungeachtet gleicht solcher Durst jenem Leibesdurst, der da sich einstellt nach einer Fieberkrankheit oder der manchmal eigen ist den Wanderern an schwülen Tagen, allwann sie mit großer Vorsicht trinken müssen, um sich keine Lungensucht an den Hals zu ziehen. Wie aber diese Wanderer nur tropfenweise das Wasser schlürfen dürfen, umso nach und nach sich des Durstes zu entledigen, geradeso auch will Ich mit drei Tropfen nur deinen Durst kühlend löschen.
HIM|2|420518A|3|0|Und so tue denn die Ohren als den Mund der Seele auf und empfange die drei Tropfen, welche also lauten und schmecken:
HIM|2|420518A|4|0|Merke! Was den Brand der benannten Stadt betrifft, so ist er ein lange und zu öfteren Malen schon durch geheime Seher angedrohter Strich durch die überweit getriebenen Weltrechnungen, welche diese ganz nach außen gekehrten, übermütigsten Menschen mit aller Welt geführt haben!
HIM|2|420518A|5|0|Ist’s denn nicht die allerhöchste und böseste Torheit eines Menschen oder einer ganzen Nation, welcher oder welche ohnehin schon so viel des Weltreichtums besitzt, dass er oder sie in Tausenden von Jahren denselben nimmer aufzuzehren imstande sein möchte bei ordnungsgemäßer Lebensweise – noch stets und stets mehr der allerschändlichsten Trugmittel zu ergreifen, um dadurch allen Weltreichtum an sich zu ziehen und dann übermütig stolz vom Goldthron zu aller Welt sagen zu können: „Ihr müsst uns alle kommen, damit wir euch nach Belieben umbringen können oder leben lassen, wie wir wollen!“ oder: „Nun sind wir die Herren der Welt!“
HIM|2|420518A|6|0|Was meinst du denn, was da zu tun ist einer solchen Nation – was solchen Frevelmenschen, die von Mir nichts mehr wissen und auch nichts mehr wissen wollen – die das Gold zu ihrem ausschließlichen Gott gemacht haben und unter der Maske des Handels kein Laster mehr zu verüben sich scheuen, um nur möglichst bald zum Vollbesitz dieses Höllengottes zu gelangen. Siehe, auf diese Frage ist dieser Mein Strich durch solche Rechnungen die lebendige und daher tatkräftige Antwort!
HIM|2|420518A|7|0|Und solches kannst du dir daraus für die Folge merken, dass da ähnliche „Striche“ im Großen wie im Kleinen, d. h. bei ganzen Nationen wie bei einzelnen Goldspekulanten, durch alle solche verdammlichen Rechnungen gemacht werden. Die Zukunft wird dies Gesagte bestätigen!
HIM|2|420518A|8|0|Siehe, solches gehört auch in die Reihe Meiner „Wege“, um die Menschheit vorzubereiten und reif zu machen für etwas anderes – du wirst es wohl erraten, was Ich meine! Aber es werden zuvor noch gar viele Städte durchs Feuer und durchs Wasser geläutert werden! Solches sei dir vorderhand genug von dem besagten Brand!
HIM|2|420518A|9|0|Was aber deine zweite Frage betrifft, so wird sie schon ohnehin bei der folgenden Großglockner-Enthüllung auseinandergesetzt werden; daher bleibt sie hier unbeantwortet.
HIM|2|420518A|10|0|Nun ist somit nur noch der dritte Punkt zu beantworten übrig. Siehe, wenn es da heißt, dass mit Mir alles ausgerichtet werden kann, ohne Mich aber nichts – und wieder: „Was ihr immer den Vater bitten werdet in Meinem Namen, das wird euch gegeben werden“ – und wieder: „Wenn ihr Glauben hättet, so groß da ist ein Senfkörnlein, so möchtet ihr zu dem Berg sagen: ‚Hebe dich und stürze ins Meer!‘, und es wird geschehen nach eurem Wort“ – und auch heißt es: „Ihr werdet noch Größeres tun, denn Ich!“ – Und wenn also noch gar viele Stellen davon sprechen, was die Mich gläubig Liebenden vermögen, ja, dass sie sogar Tote dem Leibe nach zu erwecken imstande sind – siehe, wenn alles solches geschrieben steht und auch buchstäblich wahr ist – wie magst du denn hernach noch fragen, ob ein allfälliges loses Ungewitter sich wohl gekehrt habe nach der ausgesprochenen Macht Meines Namens, der da doch ist der mächtigste Name, vor dem sich alle Himmel, alle Erden und alle Höllen beugen müssen!?
HIM|2|420518A|11|0|Wahrlich, der da liebgläubig Meinen Namen anruft, der soll auch die Macht desselben erfahren, wenn er nicht zweifelt im Herzen. Wer aber an der allzeit sicher wirkenden Macht Meines Namens noch zweifeln kann, der ist auch noch nicht tüchtig zu Meinem Reich und wird nicht viel vermögen, da er noch keinen festen Grund hat.
HIM|2|420518A|12|0|Es mag niemand, auf dem Sand stehend, eine Last heben, ohne dabei selbst in den grundlosen Sand zu sinken. Wer aber da steht auf einem Felsen, wird der wohl auch in den Felsen sinken, wenn er eine große Last hebt? Mein Name aber ist der Fels! Wer darauf baut, der wird nimmerdar zuschanden werden!
HIM|2|420518A|13|0|Siehe, wenn du also durch Meinen Namen der tückischen Wolke geboten hast, unschädlich zu sein, gibt es denn da wohl etwas zu wundern, so sich deren Ungestüm sobald beugen musste vor der Macht Meines Namens aus deinem Munde, bezeichnet durch deine Hände?!
HIM|2|420518A|14|0|Daher glaube, dass es also ist und sein muss! Denn die Elemente sind gehorsamer als die Menschen, und der tote Stein hat schärfere Ohren und das verdorrte Gras schärfere Augen als die weltlebendigen Menschen!
HIM|2|420518A|15|0|Solches magst du wohl verstehen und treu entnehmen deiner „Wundertat“ – wenn du bei der allerhöchsten Natürlichkeit solcher Erscheinungen überhaupt noch an ein „Wunder“ denken kannst, indem doch alle Wirkung allein Meinem Namen (oder Wort) entstammt!
HIM|2|420518A|16|0|Was da aber den starken Donnerknall betrifft, der da allzeit die Folge ist, wenn die Friedensgeister gewaltigst schnell die Unholde ergreifen und binden, so ist darüber ja ohnehin schon bei anderen Gelegenheiten Erwähnung getan worden. Daher solltest du solches wohl verstehen. Denn also endet ja immer jeder unterdrückte Zorn und Grimm. Und kein ausgetriebener böser Geist verlässt ruhig seine Wohnung, sondern „reißt“ sie beim Entweichen, damit er nur desto mehr Verdammnis empfange!
HIM|2|420518A|17|0|Denn der bösen Geister Liebe ist die Hölle! Was tut denn ein zorniger Mensch? Siehe, er schlägt mit den Fäusten, was ihm unterkommt, und reißt sich und anderen die Kleider vom Leib und dergleichen mehreres. Wenn er aber gefangen wird, da bricht er sobald in alle Wut aus und macht noch seinen letzten Wutstoß oder Riss.
HIM|2|420518A|18|0|Siehe, da rührt auch der große Donnerknall her! Mehr brauchst du vorderhand nicht zu wissen. Und so habe denn für jetzt Genüge an den „drei Tropfen.“ So du aber gehörig abgekühlt sein wirst, dann wird ein „Wolkenbruch“ dir und auch allen übrigen Ströme des Lichtes bringen!
HIM|2|420518A|19|0|Solches aber ist für jeden Liebgläubigen wahr und gewiss aus Meinem Munde! Amen.
HIM|2|420518A|20|0|Versteht und beachtet es wohl! Denn mein Wort ist ewig eine und dieselbe ewige Wahrheit! Glaubt es fest! Amen, Amen, Amen.
HIM|2|420518B|1|1|Der Fels Petri – 18. Mai 1842
HIM|2|420518B|0|0|Was ist denn der Papst, der da sich auch nennt: Ein Fels? Ist das wohl in Wahrheit ein „Fels“ oder „Fels Petri“?
HIM|2|420518B|1|0|Ja, ehedem, vor dem Konzilium in Nizäa, war er ein tüchtiger Fels. Aber dann hat der böse Feind rings um den Felsen ein starkes Feuer der Eigenliebe, der Selbst- und Herrschsucht angezündet – und der Fels wurde zu einem Kalkstein.
HIM|2|420518B|2|0|Wenn nun von allen Seiten Wässer des Himmels über ihn kommen, so ergeht es ihm, wie es da ergeht dem naturmäßig gebrannten Kalkstein, so das Wasser über ihn ausgegossen wird – da er dann auch zu zischen, zu sausen, zu brausen, in aller Hitze zu sieden und dann heftig zu kochen und zu dampfen anfängt, aber endlich, alles dessen ungeachtet, dennoch zerfällt in einen lockeren Berg, der da unter den Sand gemengt wird, um mittels desselben die toten Steine einer noch toteren Mauer zu verbinden.
HIM|2|420518B|3|0|Wenn aber dann eine solche Mauer durch einen anderen Bauherrn niedergerissen wird, so wird solcher Mörtel als unnützer Schutt in Gräben geworfen, um da die Pfützen auszufüllen! Siehe, das ist nun der vermeintliche „Fels“!
HIM|2|420518B|4|0|Doch dieses Blatt behaltet bei euch! Denn die Sache ist ohne das Blatt auch tatsächlich dieselbe. Daher behaltet das Blatt nur bei und für euch! Amen.
HIM|2|420523A|1|1|Von Sekten und Orden – 23. Mai 1842
HIM|2|420523A|1|0|Alle sogenannten Sekten und Orden sind vor Mir, dem Herrn, ein Gräuel. Denn Ich habe alle Menschen berufen zur Liebe und daraus zum ewigen Leben. Die Liebe aber kennt nur Brüder, aber keine Sekten und Orden!
HIM|2|420523A|2|0|Wer hat denn da solche Schranken zwischen euch gezogen, durch welche Brüder und Schwestern oft auf das Allerschroffste und Gehässigste voneinander getrennt werden?! Die Liebe hat keine Schranken!
HIM|2|420523A|3|0|Aber die Weltsucht und die allerartige Eigenliebe hat allerlei Grenzsteine gesetzt! Sie ist die alleinige Stifterin aller Sekten und Orden, die sich unterscheiden in allerlei törichtem Zeug und allerlei albernen Gebräuchen, die da alle dem Äußeren nach gehalten werden, innerlich aber sind sie voll Moders und Ekelgeruchs, dieweil keine Liebe darinnen ist, sondern allein Neid, Missgunst, Verfolgung, Ehrsucht und oft übermäßige Ranglust, hier und da auch große Hoffart, Stolz, Pracht, Verachtung des Geringen und somit die Herrschsucht in aller ihrer Ausdehnung.
HIM|2|420523A|4|0|Siehe, das sind die Sekten und Orden derzeit, wie sie ehedem auch um nicht viel besser waren, und die Triebkräfte, wodurch sie entstanden sind.
HIM|2|420523A|5|0|Daher sollt ihr keiner Sekte und keinem Orden angehören, wollt ihr leben, sondern allein Meiner Liebe, darinnen keine Schranken sind ewig! Amen.
HIM|2|420523B|1|1|Geld und Welt – 23. Mai 1842
HIM|2|420523B|0|0|„O Herr! Kann denn die Welt / besteh’n nicht ohne Geld? / Es scheint, dass Du als Mensch kein Geld berührt; / den Beutel hat nur Judas stets geführt. / Und als die Steuer man von Dir gefordert, / da hast Du schnell den Petrus hinbeordert, / zu angeln einen Fisch, in dessen Mund / die nöt’ge Münz’ er finden würd’ zur Stund’!“
HIM|2|420523B|1|0|O ja, Mein lieber Ans. H.-W., Meine Welt sehr leicht, d. i. die Welt der wahren Liebe; aber die weltliche Welt des Eigennutzes gar nicht!
HIM|2|420523B|2|0|Siehe, die Arbeiter wollen bezahlt sein, weil sie sonst nichts hätten, womit sie sich bei den geldsüchtigen Bäckern (und diese bei den Müllern und diese bei den Bauern usf.) möchten ein Brot anschaffen.
HIM|2|420523B|3|0|Der Handwerker will auch gut bezahlt sein; denn sonst könnte er sich ja keine Werkzeuge anschaffen, mit denen er etwas zu erzeugen imstande wäre, und ebenfalls kein Brot. Denn die Habsucht der Menschen gibt jetzt kein Brot mehr umsonst.
HIM|2|420523B|4|0|Der Handelsmann und der Krämer wollen ganz besonders viel Geld; denn ohne dieses bekommen auch sie nichts, damit sie handeln könnten. Und ohne Geld gibt’s auch für sie kein Brot.
HIM|2|420523B|5|0|Der Weber will auch Geld, der Schmied auch; denn es gibt ohne Geld fast nirgends mehr Brot, nicht einmal das des Bettlers.
HIM|2|420523B|6|0|Der Staat will sehr viel Geld, wie würde er sonst die vielen, vielen Beamten auszahlen und ihnen das Brot geben für eine oft nicht gar schwere Arbeit, wenn sie es sich nicht mit dem vom Staat empfangenen Geld verschaffen möchten?
HIM|2|420523B|7|0|Du kannst jetzt denken, wie du willst; in der weltlichen Welt tut es sich ohne Geld in der jetzigen Zeit auf keinen Fall mehr! Ja, Ich sage dir, jetzt ist das Geld der Welt ebenso notwendig, wie Ich dem Himmel. Denn wie ohne Gott kein Ding denkbar ist, also ist auch ohne Geld jetzt wie allezeit keine Welt denkbar möglich.
HIM|2|420523B|8|0|Es lebt und besteht aber ja jede Welt aus ihrer Gottheit. Wie aber die Himmel alle bestehen und leben aus Mir, also besteht auch alle Welt aus dem Geld und lebt aus diesem Weltgott.
HIM|2|420523B|9|0|Oder sucht nicht ein jeder das, was noch kein Geld ist, sobald zum Geld zu machen, damit der Gott der Welt desto mächtiger werde bei jedem insbesondere wie im Allgemeinen?
HIM|2|420523B|10|0|Was ist jetzt der Mensch, der diesem Weltgott nicht notgedrungen würde sogar einen Haustempel halten? Und tut er das nicht, in welche Verlegenheiten wird er da kommen?
HIM|2|420523B|11|0|Damit aber diesem Gott öffentlich gedient wird mit einer Sorgfalt, Pünktlichkeit und ängstlichen Genauigkeit, wie Mir nur gar selten gedient wurde, sind ja die herrlichsten Tempel aller Art ihm erbaut worden, als Börsen, Banken, allerlei Kassen und Fonds.
HIM|2|420523B|12|0|Selbst die Bethäuser sind und stehen schon stark diesem Gott zur Verfügung. Ich bin dabei nur kaum noch dem Namen nach etwas in denselben. Denn mit dem Geldgott kann man sich nun sogar den „Himmel“ und das „ewige Leben“ erkaufen!
HIM|2|420523B|13|0|Welcher Mensch will denn nun noch einen besseren, mächtigeren und wirksameren Gott?
HIM|2|420523B|14|0|Willst du dir ein Weib nehmen, siehe, wenn Ich auch sichtbar mit dir in ein Haus ginge und möchte für dich bitten bei irgendeinem Weltvater um die Hand seiner Tochter – Ich sage dir, er wird uns beiden die Tür weisen, wo nicht gar uns hinauswerfen, so wir uns nicht mächtig genug davor verwahren möchten.
HIM|2|420523B|15|0|Du brauchst aber Mich gar nicht, weder bei dir, noch in dir, sondern wende dich an den Gott der Welt! Hast du dir den zu eigen gemacht, dann magst du aber schon anklopfen, wo du nur immer willst, und du wirst allenthalben sogar um die Mitternachtsstunde eingelassen werden.
HIM|2|420523B|16|0|Wo aber lebt jetzt der Vater, dem nicht seine Töchter alle um diesen Gott zuallermeist feil sind? Denn die verheirateten Töchter wollen als Weiber ja auch essen und schön gekleidet sein! Wo bekommt man aber jetzt Kleid und Brot ohne Geld?
HIM|2|420523B|17|0|Siehe, also kann für jetzt niemand mehr ganz ohne Geld leben! Ja wahrlich, Ich sage dir: Käme Ich Selbst jetzt in die Welt, so wie einst in Bethlehem, so müsste Ich auch Geld hernehmen von irgendwoher. Und kämen wieder irgend drei reichbeladene Weise vom Morgenland, da müsste Meine Leibesmutter das Gold sicher sogleich einer Sparkasse anvertrauen, damit Ich hernach etwas in Händen hätte, so Ich erwüchse, um in der Welt mit heiler Haut davonzukommen und etwas zu essen zu haben.
HIM|2|420523B|18|0|Siehe, also ist das Geld ja nötig in der Welt für die Welt, denn es ist der Welt-Gott.
HIM|2|420523B|19|0|Wer aber aus Mir ist, der wird dennoch dessen leicht entbehren. Denn er wird desselben allezeit so viel haben, als er bedarf, um der Welt ihren Tribut zu entrichten und den Wirten ihre Zeche zu bezahlen.
HIM|2|420523B|20|0|Wer aber nicht aus Mir ist, dem diene immerhin das Geld. Es wird ihm aber dereinst dort im geistigen Reich schlechte Interessen bringen, und wenn er es auf der Welt auch zu hundert Prozent angelegt hätte in allen Bethäusern der Welt und hätte alle Banken voll!
HIM|2|420523B|21|0|Ich sage dir aber: Wahrlich, wahrlich, Ich und das Geld sind die zwei entferntesten Pole der ganzen Unendlichkeit!
HIM|2|420523B|22|0|Solches beachte wohl und sei versichert, dass Ich die Meinen auf der Erde dennoch gar wohl zu erhalten imstande bin, auch wenn sie keinen Heller besäßen! Du aber halte dich an Mich, so wirst du das Leben haben ewig aus Mir, deinem Vater! Amen.
HIM|2|420525|1|1|Vom Segen der Berge – 25. Mai 1842 [Der Großglockner 1901]
HIM|2|420525|1|0|Was lehren und predigen die Berge noch? Was die Berge noch lehren und predigen, davon kann sich ein jeder unbefangen denkende Gebirgsbesteiger auf den ersten Blick überzeugen und in seinem Gefühl recht klar und deutlich die Worte vernehmen, welche also lauten dürften:
HIM|2|420525|2|0|„Siehe uns an, du staubbelasteter Erdenpilger, wie frei und unabhängig wir von unseren hohen Scheiteln in die weite Ferne der Schöpfungen Gottes dahin blicken! Eine freie Luft weht um unsere Stirnen, und der Sonnen Strahl bricht sich sanft über unseren hohen Rücken! Kein Grenzstein sagt hier dem Wanderer: ‚Bis hierher und nicht weiter!‘, sondern wo er immerhin seinen Fuß hinsetzt, betritt er seinen eigenen Boden. Denn von dem Boden, auf welchem er geboren ward, muss gesteuert [Steuern bezahlt] werden; wir aber sind ohne Grenzsteine, und für unsere Scheitel wird keine Steuer entrichtet. Daher bist du, Wanderer, auf unseren Höhen vollkommen zu Hause!“
HIM|2|420525|3|0|Dass diese Worte vollkommen richtig sind, davon kann sich ein jeder leicht überzeugen, wenn er je solche hohen Triften der Gebirge betritt. Wie da seine Augen einen weit gedehnten Sehkreis bekommen, also bekommt auch sein Gemüt einen weit gedehnten Gefühlskreis, und dadurch werden seine Gedanken mit dem Gefühl vereinigt. Und er, der vielleicht noch nie im Herzen gedacht hat, empfindet nun zum ersten Mal, wie lieblich, süß und frei die Gedanken des Herzens schmecken und um wie vieles weiter sie sich über den Horizont des gewöhnlichen Verstandes erstrecken.
HIM|2|420525|4|0|Wenn solches nun der Fall ist, wird es da nicht behaglicher in dem armseligen Kopf, wo auch um dessen Stirn freiere Lüfte aus dem hohen Reich der Geister wehen? Und wird es nicht einheimischer und traulicher sein, sich allda zu befinden, wo die Strahlen des sonst so hitzigen Verstandes sanft gebrochen werden und sich nach solcher Brechung hinabsenken gar lieblich in das frei gewordene Herz?
HIM|2|420525|5|0|Wo ist auf diesen Höhen ein Zollverein der Gedanken anzutreffen und wo eine Taxierkammer dessen, was da ist ein freies Eigentum des unsterblichen Geistes? Wo ist da ein Grenzstein anzutreffen, über welchen die fühlende Seele nicht treten soll?
HIM|2|420525|6|0|Ja, hier lernt der unbefangene Wanderer – wenn er nicht mit verstopften Ohren und verbundenen Augen solche Höhen betritt – was das heißt: frei sein in der Höhe seiner Gedanken und in der Tiefe seines Gefühls, und wie selig es ist, wenn zwei sich unbefangen die Hände reichen können, und wie selig da der Gedanke an Gott, wo Ihn der Wanderer aus der Tiefe seines Herzens frei bekennen kann, und kann Ihn lieben und anbeten in dem freien, großen Tempel der Unendlichkeit!
HIM|2|420525|7|0|Sagt Mir, welcher nur einigermaßen innerlich geweckte Mensch wird nicht von diesem heiligen Gefühl beseelt sein, so er sich an einem heiteren Morgen befinden möchte auf einer solchen geheiligten Höhe?
HIM|2|420525|8|0|Der Mensch zwar kann auch in der Tiefe Heiliges und Großes denken; aber es geht ihm dabei, als wenn er mit ziemlich hungrigem Magen in einem Buch die Beschreibung einer guten Mahlzeit liest, bei welcher Gelegenheit ihm noch die wirkliche Mahlzeit ums Hundertfache lieber wäre denn hundert noch vortrefflichere Mahlzeitbeschreibungen, von denen er aber dessen ungeachtet dennoch nichts herabbeißen kann.
HIM|2|420525|9|0|Also ist auch auf solchen Höhen ein inneres Gefühl und die innere Wahrnehmung gerade um so viel kräftiger und mächtiger gegen das, was er in seiner Kammer empfindet, als da kräftiger und mächtiger ist eine wirkliche Mahlzeit vor einer beschriebenen. Oder welcher Mensch hat da ein lebendigeres Gefühl – einer, der seine lebendige zukünftige Braut am Arm führt, oder derjenige, der sich mit den allerschönsten Farben dieselbe kunstgerecht entweder gemalt oder beschrieben hat? Sicher wird ein jeder die lebendige greifen und wird dem anderen sein Gemälde und seine Beschreibung unangetastet lassen.
HIM|2|420525|10|0|Also ist es auch hier der Fall. Auf solchen Höhen findet der Wanderer gastfreundlichst dasjenige, was ihm in der Tiefe alle Mühe und Anstrengung nicht zu geben vermag. Daher ist es wohl gar gut und nützlich in jeder Hinsicht, sich zu öfteren Malen die Mühe nicht gereuen zu lassen, eine oder die andere Gebirgshöhe zu besteigen.
HIM|2|420525|11|0|Denn der Gewinn ist ja ein doppelter und reichlicher: Denn fürs Erste werden dadurch alle naturmäßigen Lebensgeister gestärkt; jedoch ist dieser Gewinn der geringere, obschon eine Gebirgsbesteigung besser ist denn zehn Apotheken und ebenso viele der renommiertesten Ärzte.
HIM|2|420525|12|0|Bei weitem größer aber ist der Nutzen für den Geist, weil er da eine gar große Stärkung von seiner ursprünglichen Heimat aus bekommt.
HIM|2|420525|13|0|Wer von euch, so er Gebirge bestiegen hat, wird sich dessen nicht erinnern, dass ihm zwischen den hohen Alpen traulicher und heimlicher [heimatlicher] zu Gemüte war, als wenn er sich in einer noch so volkreichen Stadt befinden möchte? Woher rührt denn solches Gefühl?
HIM|2|420525|14|0|Frage nur die Berge, und sie werden es dir sobald durch eben dieses Gefühl sagen: „Siehe, was dein inneres Gefühl dir – freilich wohl noch etwas dunkel ahnend – sagt, ist volle Wahrheit; denn hier bist du wahrhaft zu Hause, und zwar im Kreis deiner vielen Voreltern, welche in entsprechender Weise sich lange schon hier überselig befinden!“
HIM|2|420525|15|0|Seht, solches alles lehren auch die Berge! Was lehren und predigen sie aber noch? Hört sie nur ferner an; sie wissen noch allerlei zu erzählen.
HIM|2|420525|16|0|Um euch solches, was da noch kommt, ein wenig näher vor die Augen zu stellen, so will Ich euch auch eben aus einer solchen Gebirgsbegebenheit ein kurzes Histörchen zum Besten geben.
HIM|2|420525|17|0|Es war einmal ein frommer Mann; er war an Jahren schon sehr vorgerückt. Dieser Mann hatte gar viele Prüfungen zu bestehen, und unter diesen Prüfungen war auch diese eine der stärksten, dass er bis auf seine jüngste nun zwanzig Jahre alte Tochter alle seine Kinder samt seinem ihm überteuren Weib verlor.
HIM|2|420525|18|0|Also stand er nun allein mit dieser seiner Tochter da, bewohnend ein Häuschen am Fuß einer bedeutend hohen Alpe, dabei eben so viele Grundstücke sich befanden, dass sie ihn und sein Töchterchen nebst einer bejahrten Magd und einem alten Knecht kümmerlich nährten.
HIM|2|420525|19|0|Dieser Mann betete oft und viel zu Mir in Gesellschaft seines Töchterchens und weinte dabei auch viel um die Seinigen und hatte oft eine große Sehnsucht, ihnen bald nachfolgen zu können.
HIM|2|420525|20|0|Als er einmal an einem Sonnabend mit seiner Tochter nahe über die Mitternacht hinaus gebetet und geseufzt hatte und er samt seiner Tochter betend und seufzend einschlief, da träumte es der Tochter, als sei sie mit dem alten Vater auf dem höchsten Gipfel der Alpe gestanden. Und wie sie da freudig um sich blickte in die weiten Fernen hinaus, da bemerkte sie sobald eine ganze Menge lieblich weißer Wolken der Höhe zuschweben, und als diese Wölkchen vollends zu der Höhe hinangeschwebt waren, da gewahrte sie sobald, dass diese Wölkchen vollkommen menschliche Wesen waren.
HIM|2|420525|21|0|Und diese Wesen waren anfangs verschleiert; aber bald lüfteten sie ihre Schleier, und sie, die Tochter und der alte Vater, erkannten sogleich überseligen Herzens, dass diese Wesen ihre vorangegangenen Teuren waren, wovon die Mutter sobald zu ihrem geliebten Gatten trat, ihn herzte und koste. Der Gatte, als der Vater der Tochter, aber weinte vor übergroßer Freude ob dieses seligen Wiedersehens. Darauf aber begab sich die Mutter zur Tochter, küsste sie und sagte darauf zu ihr:
HIM|2|420525|22|0|„Liebe Tochter, so wie du dich mit deinem Vater jetzt allhier befindest, ebenso sollt ihr euch beide morgen Nachmittag hier befinden, da werdet ihr noch mehr sehen und empfinden denn jetzt; aber darob sollt ihr daheim nichts versäumen in dem, was euch was immer für eine Ordnung der Dinge vorschreibt.“
HIM|2|420525|23|0|Nach diesen Worten erwachte die Tochter sogleich und weckte durch ihr Erwachen ihren auch noch schlafenden Vater, und da dieser den Anbruch des Tages merkte, so blieb er auch sofort wach, nach alter Gewohnheit, stand auf, kleidete sich an und weckte dann auch das Hausgesinde. Nach dieser Arbeit aber begab er sich wieder in sein Zimmerchen, allwo er sein Töchterchen schon angekleidet und das Morgengebet verrichtend fand.
HIM|2|420525|24|0|Er segnete sein Töchterchen und küsste sie, und kniete dann selbst nieder und verrichtete mit ihr seine Morgenandacht. Als aber beide damit fertig waren, da standen sie auf, das Töchterchen umarmte ihren alten Vater und küsste ihn gar traulich und herzlich, dass der Vater es ihr ansah, dass sie übergewöhnlich fröhlichen und heiteren Mutes war; darum er sie auch sobald fragte: „Mein liebes Töchterchen, wie kommt es denn, dass du heute gar so munter und fröhlich bist?“
HIM|2|420525|25|0|Das Töchterchen aber sagte zu ihm: „Aber lieber Vater, hat denn dir heute gar nichts geträumt?“
HIM|2|420525|26|0|Der Vater aber erwiderte ihr: „Es kommt mir wohl vor, als hätte mir etwas geträumt; allein was – das wäre mir unmöglich herauszubringen.“
HIM|2|420525|27|0|Das Töchterchen aber erzählte nun dem Vater ihren Traum, welchen er mit großer und sichtbarer Bewegung seines Gemütes anhörte und dann nach der beendeten Erzählung sagte:
HIM|2|420525|28|0|„Höre, mein liebes Töchterchen, was dir geträumt hatte, das wollen wir heute auch in Wirklichkeit ausführen! Daher wollen wir sogleich jetzt in der Frühe uns in die nicht ferne Kirche begeben, daselbst dem Gottesdienst wohlandächtigen Herzens beiwohnen, sodann zu Hause unser Mahl nehmen und uns dann in der Begleitung unseres alten Knechtes hin auf die Höhe begeben. Wenn wir nur eine Stunde vor dem Mittag fortgehen, so sind wir bis Nachmittag um die dritte Stunde ja gar leicht auf der besagten Vollhöhe unserer herrlichen Alpe und können bei dieser Gelegenheit auch im Namen des Herrn nachsehen, was unser Hausvieh und unsere zwei Hirten da oben machen, und ob alles gesund und in gutem Zustand ist.“
HIM|2|420525|29|0|Wie gesagt, also auch getan. Um drei Uhr nachmittags stand unsere kleine Familie schon auf der Vollhöhe; wie aber das Töchterchen es im Traum gesehen hat, so sah sie auch jetzt in der Wirklichkeit ganz gleiche Wölkchen sich gegen die Höhe begeben.
HIM|2|420525|30|0|Wie diese Wölkchen näher und näher kamen, bemerkte sie auch der Vater und mit ihm auch der alte Knecht. Und als endlich die Wölkchen vollends die Höhe umschwebten, so gestalteten sie sich auch sobald zu den im Traum schon kundgegebenen Wesen.
HIM|2|420525|31|0|Als der alte Vater in diesen Wesen die Seinigen erkannte, wie diese auch gar so liebend ihn umfingen, dass er darum nicht im Geringsten mehr zweifeln konnte, dass das wahrhaft seine seligen Teuren sind, da weinte er laut vor Freude und dankte Mir mit dem inbrünstigsten Herzen, dass Ich ihm noch in diesem Erdenleben habe eine so große Seligkeit zukommen lassen.
HIM|2|420525|32|0|Nach solchem Dankgebet aber wurde seinem Geist die innere Sehe völlig geöffnet. Da ersah er sobald die ganze Höhe verklärt und verwandelt in eine himmlische Gegend und sah da die herrlichen Wohnungen der Seinigen. Und aus einer Wohnung sah er einen Mann treten, der da hatte ein großes Gefolge; und dieser Mann begab sich schnurgerade zu unserem alten Mann hin und sagte
HIM|2|420525|33|0|„Siehe, mein lieber Sohn, wo es auf der Erde bunt und lebendig zugeht, da sieht es im Geiste leer und tot aus; wo aber auf der Erde es aussieht, als hätte der Tod für alle Zeiten seine Ernte gehalten, da ist es aber im Geiste umso lebendiger und lebensvoller.
HIM|2|420525|34|0|Siehe, auf den hohen Alpen wächst zwar kein Getreide und sind keine Weinberge, keine Fruchtbäume, wie auch keine Goldbergwerke anzutreffen. Was aber dafür anzutreffen ist im Geiste, das siehst du jetzt im Geiste durch die Gnade des Herrn vor deinen Augen enthüllt!
HIM|2|420525|35|0|Du wirst noch eine kurze Zeit die Erde mit deines Leibes Füßen betreten. Wachse aber in dieser Zeit in der Liebe zum Herrn! Und siehe dort neben meiner Wohnung einen zweiten herrlichen Palast; dieser ist schon für dich bestimmt und für die Deinigen, wenn du das Zeitliche verlassen wirst und wirst antreten das freie, ewige Leben!“
HIM|2|420525|36|0|Bei diesen Worten erkannte unser alter Mann, dass dieser Redner sein irdischer Vater war –
HIM|2|420525|37|0|nach welcher Erkennung sobald das selige Gesicht verschwand. Unsere Wanderer behielten davon das lebendige, selige und stärkende Gefühl, priesen und dankten Mir darauf für solche erzeigte Gnade und kehrten sodann heiteren und gestärkten Mutes wieder ihrer irdischen Heimat zu.
HIM|2|420525|38|0|Der traurige Mann verlebte dann die übrige Zeit noch recht heiteren Mutes und voll Liebe und Dankbarkeit zu Mir auf der Erde; und so sich seiner noch dann und wann eine überflüssige Schwermut bemächtigte, so machte er, wenn es nur immer seine leiblichen Kräfte gestatteten, sobald einen Besuch unserer vorbezeichneten Höhe, von welcher er allzeit wieder neu gestärkt zurückkehrte.
HIM|2|420525|39|0|Seht, solche Geschichte erzählen euch die Berge – wenn auch nicht für jedermann mit vernehmlichen Worten, aber desto mehr mit einer sehr wahrnehmbaren Einflüsterung in das Gefühl der Seele und durch diese auch zur Liebe des Geistes.
HIM|2|420525|40|0|Wenn ihr zufolge dieser Wissenschaft euch bei guter Gelegenheit auf irgendeinen Berg von einer bedeutenden Höhe begebt und euch daselbst solche Gefühle anwandeln, so könnt ihr daraus sicher schließen und sagen: „Ja das sind wahrhaft heimatliche Gefühle! Wie süß und angenehm sind sie, und wie herrlich muss es sein für diejenigen, welche sich schon für ewig in diesem stillen Heimatland befinden!“
HIM|2|420525|41|0|Denn ihr könnt es glauben, dass solch beseligende Gefühle nicht etwa Wirkungen der alleinigen für sich dastehenden Höhen sind, sondern sie entstammen den euch da umgebenden seligen Geistern, die gleich Mir euch vorangegangen sind, um für euch eine bleibende Stätte zu bereiten.
HIM|2|420525|42|0|Doch müsst ihr dabei etwa nicht einseitig sein und denken: „Dieser oder jener Berg ist es, da solche Wohnungen im Geiste aufgerichtet sind!“, sondern was hier gesagt ist, gilt zumeist von jedem Berg, auf welchem die Grenzsteine des zeitlichen Eigentumsrechtes weit voneinander abstehen.
HIM|2|420525|43|0|Ähnliche Gefühle mögt ihr wohl auch schon auf unbedeutend hohen Hügeln gewahren; aber lebendig werden sie erst daselbst, wo die Axt des Holzhauers nichts mehr zu tun hat.
HIM|2|420525|44|0|Solches also erzählen, lehren und predigen auch die Berge. Was sie aber noch erzählen, lehren und predigen, das wollen wir noch in der nächsten Mitteilung mit vieler Klarheit dartun; daher lassen wir es für heute wieder gut sein.
HIM|2|420526|1|1|Falsche und echte Nachfolge – 26. Mai 1842
HIM|2|420526|0|0|Jakob Lorber wählte zur Betrachtung Joh. 7,13: „Doch redete keiner frei von Ihm, aus Furcht vor den Juden“. – Ans. H. wählte Lukas 13,30: „Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein. Und es sind Erste, die werden die Letzten sein“.
HIM|2|420526|1|0|Sie fürchteten sich, Ihn frei zu bekennen, da ihr Gemüt voll Angst vor den Juden war. Siehe, das sind die Letzten, wenn sie auch die Ersten sind, an die da ergeht das Evangelium, da sie mehr fürchten die Menschen denn Mich.
HIM|2|420526|2|0|Jene aber, die, obschon sie keine Zeugen sind, in späterer Zeit und an entlegenen Orten erst das Wort überkommen, selbes aber alsogleich annehmen und mit ihrem Leben bereit sind, dasselbe sobald zu verteidigen, so es von irgendwoher angefochten würde – diese sind der Zeit nach zwar die Letzten und also auch dem Ort nach, aber der Tat nach sind sie die Ersten. Denn sie haben keine Furcht vor den Juden oder vor der Welt. Denn das Wort sagt es ihnen in ihrem Herzen, dass Ich mächtiger bin als alles Welt- und Judentum und als die Finsternis aller Priesterschaft.
HIM|2|420526|3|0|Nur der Pharisäer fürchtet sich vor dem Judentum und will sich nicht verfeinden mit ihm, solange dasselbe noch reich und mächtig an Gold und grausam tyrannisch ist – und solange dasselbe noch große Ehrenämter und sehr viel Gold tragende Stellen zu vergeben hat.
HIM|2|420526|4|0|Wenn aber das Judentum zerfällt, was wird wohl da der wetterwendische Pharisäer tun? Ich sage: Er wird zwar den Mantel nach dem Winde drehen, aber der Erste wird er darum nimmer, sondern der vollkommen Letzte. Warum denn? Oh, die Antwort lässt sich leicht finden.
HIM|2|420526|5|0|Ein dummes Mädchen gibt dieselbe Antwort ja schon ihrem Liebewerber, der zu ihr spricht: „Aber sage von unserem Verhältnis ja niemandem etwas!“ – „Warum denn?“ fragt sie und sagt darauf: „Das befremdet mich! Wenn du mich wahrhaft ernst liebtest, da hättest du sicher keine Scheu darum, so es auch jemand erführe, dass du mich liebst. Du aber huldigst mehreren und willst dir es mit ihnen nicht verderben. Daher hast du diese Furcht! Du warst zwar der Erste, an den sich mein Herz schmiegte – also aber bist du der Letzte, der an meiner Gegenliebe teilnehmen wird!“ – Seht, ist das nicht eine vollkommen gute Antwort auf die obige Frage?
HIM|2|420526|6|0|Ich aber sage euch: Dieselbe Antwort werde auch Ich tatsächlich denjenigen geben, welche gegen Mich solche Pharisäer machen werden und darum sich vor dem Judentum fürchten, weil ihre zeitlichen Vorteile daran geknüpft sind als: Ehre, weltlich guter Name und noch eine Menge anderer Dinge, die vor Mir ein Gräuel sind.
HIM|2|420526|7|0|Ich sage: Solche „Erste“ werden einst sehr stark die Letzten sein! Jene aber, welche auf Mich alles halten und fürchten aus Liebe zu Mir die Welt gar nicht, diese werden dann auch bei weitem die Ersten sein.
HIM|2|420526|8|0|Und darum aber werden auch die Nachfolger höher stehen als die Zeugen Meiner Gnade – da sie das Judentum nicht also fürchten werden wie die Pharisäer.
HIM|2|420526|9|0|Solches ist sehr wohl zu beachten – auch in dieser Zeit! Amen.
HIM|2|420527|1|1|Weise Seelenpflege – 27. Mai 1842
HIM|2|420527|0|0|„Über alles geliebter Vater in Jesu, dem Herrn, möchtest Du mir denn nicht ein ganz kurzes, Dir wohlgefälliges Wörtlein für eine Tochter des Ans. H.-W., deren Namenstag morgen ist, zukommen lassen? – Ich weiß es zwar nicht, ob sie wohl ein lebendiges Verlangen darnach hat. Doch so sie eines hätte und ich brächte ihr nichts von Dir, da könnte sie sich ja denken, ich hätte ihr etwa aus einem von ihr vermeintlichen Ärger über ihr manchmal etwas abstoßendes Benehmen gegen mich (sie dadurch gewisserart strafen wollend) von Dir kein Wörtlein gebracht. Daher, so es Dein heiliger Wille wäre, wäre ich gar willig bereit, etwas zu schreiben, Du lieber Vater Du!“ – Auf diese Bitte empfing der Knecht Jakob Lorber die Worte des Vaters:
HIM|2|420527|1|0|Hat dies stark nach außen gekehrte Kind dich denn darum gebeten? Du sagst: „Nein, das eben nicht!“ – Und wenn du Mich fragst, ob sie etwa heimlich voll Liebe und Zutrauens Mich darum gebeten habe – siehe, da kann Ich dir auch keine andere Antwort geben, als gerade diejenige nur, welche du Mir gabst auf Meine Frage.
HIM|2|420527|2|0|Was sollen wir nun demnach hier tun, wo kein lebendiges Verlangen zugrunde liegt? Sollen wir etwa das lebendige Wort solchen Kindern auf den Rücken nachwerfen oder sie damit schoppen [mästen], wie da schoppt eine Bäuerin ihre Kapaunen [Masthähne]?
HIM|2|420527|3|0|Oh, das tun wir nicht! Verstehst du!? Denn täten wir solches, da würde diese überköstliche Gabe ja gar bald in ihrem höchsten Wert herabsinken wie ein schlechtes Papiergeld!
HIM|2|420527|4|0|Siehe, daher tun wir solches nicht eher, als bis wir lebendigst darum angegangen werden!
HIM|2|420527|5|0|Dieses Mädchen hat aber jetzt ihr Herz angefüllt mit allerlei Jünglings- und Heiratsgedanken und lässt ihre Augen, wie ihr Herz, allerorts umherspringen um jemanden, der sie von weitem her grüßte. Siehe, bei solcher Herzens- und Augengeschäftigkeit werden wir zwei sehr leicht ratgehalten!
HIM|2|420527|6|0|Weißt du, welche Gratulation diesem Mädchen nun am liebsten wäre? Siehe, wenn Ich ihr statt eines lebendigen Wortes gäbe einen jungen, reichen und schönen Bräutigam – das wäre ihr nun lieber als Ich und du und ein ganzes Buch des allerlebendigsten Wortes hinzu!
HIM|2|420527|7|0|Ich sage aber das auch nur dir, auf dass du daraus erkennen sollst, auf welchem Grund da fußt das Herz derjenigen, die Mich zwar auch anrufen und manchmal sogar im Geheimen wie Liebende zu Mir seufzen, aber nicht darum, dass sie Mich etwa lieber hätten als die Welt; sondern nur, damit Ich so recht geschmeidig würde, um ihnen baldmöglichst zu geben, wonach ihr Herz dürstet!
HIM|2|420527|8|0|Solche scheren sich gar wenig um den Himmel, den Ich ihnen geben möchte; sondern nur den Himmel wollen sie, den sie sich selbst erbaut haben aus ihren Begierlichkeiten!
HIM|2|420527|9|0|O siehe, um wie vieles besser Ich die Menschen kenne als du! Siehe, der Landmann betet zu Mir, wenn es trocken ist, um einen Regen. Und wenn es ihm zu viel regnet, wieder um Sonnenschein! Ein Händler betet, dass er recht wohlfeil kaufe und recht sündig teuer verkaufe. Der Wucherer macht eine fromme Stiftung sogar, auf dass nur recht schlechte, magere Jahre kommen sollen. Der Lottospieler betet sich oft die Zunge wund um einen Treffer. Ein Mädchen geht emsig in die Kirche und kleidet sich dazu an, als ginge sie in ein Theater – warum denn? Etwa aus Liebe zu Mir? O nein! – sondern dass sie entweder bei dieser fromm scheinenden Gelegenheit mit einem zusammenstoßen möchte, den sie lieber sieht als Mich; oder dass sie baldmöglichst einen Gemahl sich erbeten möchte!
HIM|2|420527|10|0|Siehe, also werde Ich wohl als Mittel, aber nicht als Zweck angebetet! Man kehrt sich zu Mir der Welt wegen, aber nicht Meiner Selbst willen!
HIM|2|420527|11|0|Von solcher Liebe aber werden wir beide, Ich sage dir, sicher wenig herabbeißen! Oder wäre dir wohl gedient, so irgendein Mädchen dir schön täte, um durch dich einen anderen für ihr Herz zu gewinnen? Was würdest du da tun mit einer solchen Geliebten?
HIM|2|420527|12|0|Würdest du ihr da nicht sagen: „Höre, du taube und lose Schmeichlerin! Was du im Herzen trägst, dahin wende dich auch selbst! Der, den du liebst, wird dir doch sicher näher sein als ich!? Daher lass mich so lange ungeschoren, bis du mit der Liebe zu mir dich mir nahen wirst!“
HIM|2|420527|13|0|Siehe, also antworte auch Ich! Denn für einen Unterhändler lasse Ich Mich durchaus nicht gebrauchen! Wer Mich liebt, der muss Mich lieben Meiner Selbst willen, aber nicht der weltlichen Vorteile halber – und Ich werde ihm darum geben Meine Liebe, welche da ist das wahre, ewige Leben; und alles was Mein ist, wird auch sein sein.
HIM|2|420527|14|0|Wer Mich aber nur sucht der weltlichen Vorteile wegen – wahrlich, der ist Mir ärger und unerträglicher als einer, der Mich noch nie gesucht hat, weder in der einen noch in der anderen Hinsicht. Solche Schmarotzer können sich allezeit fernhalten von Mir; denn Mir ekelt es vor ihnen!
HIM|2|420527|15|0|Siehe, aus diesem Grunde kann Ich heute auch deiner Bitte kein Gehör geben! Lasse daher dein Mädchen, bis ihr Herz eine andere Richtung nehmen wird! Dann kann sie auch etwas empfangen von Mir – aber bei dieser Verfassung nicht! Ich will zwar sehr freigebig sein, aber immer zur rechten Zeit nur und am rechten Platze!
HIM|2|420527|16|0|Der J. Martha und der mehr weltlichen P. H. aber vermelde, dass es Mir voller Ernst ist um ihr Heil, und dass sie es darum mit Meiner Liebe zu ihnen auch völlig ernst nehmen sollen. Und solle Mir die eine gesegnet, die andere aber sanft ermahnt sein! Amen.
HIM|2|420527|17|0|Das sage Ich, den du batest – da Ich die Menschen besser kenne als du! Verstehe es wohl! Amen.
HIM|2|420531|1|1|Von den Gaben des Geistes – 31. Mai 1842
HIM|2|420531|0|0|„Herr Jesus! Du lieber, heiliger Vater! Möchtest Du mir denn nicht kundgeben, was es da mit den Erscheinungen des J. V., der da ist ein Feuerwächter am Schloßberg, für eine Bewandtnis hat? Warst Du es wohl, der ihm einige Male erschien, aus einer weißen Wolke hervortretend? Was soll ich davon halten? Und sind ähnliche Anschauungen schon allzeit eine Bedingung zur völligen Wiedergeburt? Lieber heiliger Vater, wenn es Dein heiliger Wille wäre, so möchtest Du uns doch nur einige Worte darüber geben! Aber nur Dein heiliger Wille geschehe allezeit! Amen.“ – Auf diese Bitte wurde dem Knecht Jakob Lorber nachstehende Antwort zuteil:
HIM|2|420531|1|0|Siehe, was da deine noch etwas blinde Frage betrifft, so sind die Menschen versehen mit verschiedenen Vermögen oder Talenten. Der eine hat die Gabe des Rates, der andere die Gabe des Verstandes, ein anderer die Gabe der Sprachen, ein anderer die Gabe der Weissagung, ein anderer die Gabe des Gesichtes. Wieder ein anderer die Gabe der Wahrnehmung, was ihr Ahnung nennt, und wieder ein anderer die Gabe des Gehörs. Mancher hat die Gabe des Geruches, mancher die Gabe des Geschmackes. Und zwischen jeder dieser sind zahllose Abstufungen und Mischungen. Mancher hat die Gabe der Willensstärke, ein anderer wieder eine Macht in seinen Augen. Und so hat einer in dem, und einer wieder in etwas anderem eine besondere Auszeichnung.
HIM|2|420531|2|0|Durch die wahre Demut und Liebe zu Mir aber kann jeder sein angeerbtes Talent erhöhen bis ins völlig geistige Leben! Jedoch hat darum keiner etwas vor dem anderen; sondern, dass er mit seinem besonderen Talent seinen Brüdern in aller Liebe dienen könne und solle – darum wird jedem auch Besonderes gegeben!
HIM|2|420531|3|0|Denn hätte da jeder ein völlig Gleiches empfangen und wäre somit gleichvermögend – denke! – würde da wohl ein Bruder zum anderen gehen und sich von ihm einen Dienst erbitten? O siehe, das würde da wohl keiner tun; denn er wäre ja ohnehin mit allem versorgt!
HIM|2|420531|4|0|Da aber zufolge Meiner Liebe in der ganzen Unendlichkeit kein Wesen vollkommen mit allen Talenten versorgt ist, so ist eben die Ermangelung an einem oder dem anderen Talent ja das schönste und haltbarste Band der gegenseitigen Liebe, durch welches ein Bruder dem anderen notwendig wird und sich an ihn anschmiegen muss, um sich des Talentes des Bruders bedienen zu können.
HIM|2|420531|5|0|Daher können die Gesichte des frommen Mannes, über den du die Frage gestellt hast, gar wohl ebenso in der Ordnung sein, wie das Hören für dich in der Ordnung ist!
HIM|2|420531|6|0|Es wird aber darum niemand von ein oder dem anderen Talent gänzlich ausgeschlossen; sondern der Unterschied besteht nur in dem Überwiegen eines oder des anderen Talentes bei dem einen oder anderen Menschen. So der Mensch aber übergeht ins geistige Leben, da wird dann auch das hervorstehende Talent zuerst geweckt.
HIM|2|420531|7|0|Und so ist zur vollen Wiedergeburt durchaus weder das Schauen für sich, noch etwas anderes für sich unbedingt nötig, sondern allein die Demut und die Liebe. Alles Übrige ist dann nur eine Folge dessen und richtet sich allzeit nach der ursprünglichen Inhabung irgendeines Talentes.
HIM|2|420531|8|0|Solches solltest du jetzt wohl schon aus dir selbst zu fassen imstande sein. Die Gesichte des J. V. sind demnach richtig, obschon auch manches Unreine daran klebt.
HIM|2|420531|9|0|Du aber bleibe beim Wort! Denn in ihm ist das reinste Schauen! Darum ist es ja der Urgrund alles Lichtes und alles Schauens! Verstehe es wohl! Amen.
HIM|2|420607A|1|1|Aufmunterung an den Knecht – 7. Juni 1842
HIM|2|420607A|0|0|Bitte des Knechts: „O Du mein allergeliebtester Herr und Vater Jesus, Du allerheiligster, Du liebevollster Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, Du allerbarmender Ratgeber in jeglicher Not! Du siehst, dass mein Herz durch so manche Erscheinungen bedrängt ist und kennst sie. Darum habe ich nicht nötig, sie Dir, o Du überheiliger Vater, mit dem Mund oder mit den Buchstaben der Schrift vorzutragen. O so gebe mir denn einen Trost, damit ich nicht durch derlei Schläge auf mein wahrhaft armes Herz unfähig werde, das von Dir mir anvertraute Geschäft des Geistes zu vollziehen und am Ende durch solche Unfähigkeit wohl gar verliere, was Du mir armem Sünder also gnädigst anvertraut hast! O Du heiliger, lieber, überguter Vater, erbarme Dich meiner und befreie mich von dieser großen Herzensnot! Dein Wille geschehe! Amen.“
HIM|2|420607A|1|0|Ja, ja, Ich kenne gar gut, was dir fehlt. Doch merke dir für solche Fälle solches: Wo du nichts ändern kannst zufolge der jedem Menschen eigenen Willens- und Erkenntnisfreiheit, da erspare dir für alle Zukunft jede Mühe und Arbeit! Denn einen aus dem Zentrum ganz verfaulten Baumstock wirst du nimmerdar zum Leben erwecken, wenn du ihn auch noch so emsig täglich begießen möchtest.
HIM|2|420607A|2|0|Daher bekümmere dich auch der Rede nicht, welche da aus dem Munde unsauberer, rein weltsüchtiger Menschengeister kommen! Lass diese nur aus dem Schatz ihrer Weltklugkeit schöpfen, welche von der Welt ist und rein der Welt angehört! Lasse sie reden und lasse sie ihre hochgepriesenen Geldtugenden üben! Lasse solche Weltweise reden schwarz und weiß, lasse ihnen sogar Mein altes und jedes neue Wort eine allerbarste Torheit sein! Denn siehe, diese wahrhaft elende, kurze Seligkeit müssen wir ihnen für ihre Geldtugenden ja doch zukommen lassen, da sie ja ohnehin auf der Welt mit diesem ihnen so einzig rechtesten Leben auch alles beschließen!
HIM|2|420607A|3|0|Siehe, solche allerpurste Materialisten sind allzeit die allerlauesten Geistesmenschen! Ja sie sind ebenso träge wie die Materie selbst, an der sie hängen – weshalb sie sich auch nicht über die tote Natur ihrer und jeder anderen Materie erheben können.
HIM|2|420607A|4|0|Da aber die Materie für sie etwas Festes und allein Begreifliches ist, so geht auch ihr Geist ganz in diese über, überlässt sich ganz der Materie und denkt, solange in ihm noch ein Lebensfunke glüht, ganz aus derselben. Und es ist ihm darum alles Geistige nichts anderes als eine allerbarste Torheit.
HIM|2|420607A|5|0|Da der Geist aber ganz in seiner Materie steckt, so geschieht es denn auch, dass er aus seiner Materie manchmal witzig und scheinbar scharfsinnig redet, welche Rede dann eine weltklugheitsvolle ist. Aber jetzt erst kommt das große Aber! Jetzt sollst du ganz was Neues hören!
HIM|2|420607A|6|0|Aber wenn solcher Menschen Materie also verzehrt hat ihren Geist, wie ein brennender Docht das Öl in der Lampe (bei welcher Gelegenheit dann die matte Flamme erlischt) – da wird ebenalso auch für alle ewige Zeiten der Zeiten ihr Geist erlöschen. Denn siehe, das sind eben diejenigen Menschenlarven, welche weder kalt noch warm, sondern lau sind – das heißt, sie sind weder böse noch gut, sondern tot wie die Materie selbst. Daher werden sie auch ausgespien aus Meinem Munde – oder mit anderen Worten: sie hören nach diesem Leben für ewig auf zu sein. Denn einer belebenden Züchtigung sind sie ebenso wenig fähig wie ein toter Stein. Daher sie auch unverwesbar sind.
HIM|2|420607A|7|0|Wo aber kein Leben mehr denkbar ist, an was soll da ein Lohn übergehen, der an und für sich nur das allereigentlichste ewige Leben ist?! Daher auch ist gesagt, dass es einem Kamel leichter ist, durch ein Nadelöhr zu gehen, als einem geisttoten Reichen zum Leben! Wahrlich sage Ich dir: Wenn der Reiche nicht tun wird, wie Ich es geraten habe dereinst dem reichen Jüngling, so wird er das Leben nicht überkommen.
HIM|2|420607A|8|0|Wer da aber sagt: „Ich spare für meine Kinder, um sie dereinst versorgen zu können und unabhängig zu stellen“ – auch dem wollen wir seine Freude nicht missgönnen und wollen ihn auch ungestört das ewige Totengrab für seine Kinder bereiten lassen. Meinst du, Mir liege etwas an solchen Menschen? Ich sage dir: Ein fauler Apfel steht bei Mir höher als solche Menschen!
HIM|2|420607A|9|0|Daher brauchst du dich auch nicht zu kränken, noch zu sorgen, sondern ihnen freudig zu gönnen diese kurze Glückseligkeit, also wie Ich es tue. Denn so sie das alte Evangelium verachten und Mich Selbst einen „armen Schlucker“ nennen, so werden sie vor dir doch sicher nichts anders tun, da du nur von Mir zeugst, von Mir, dem Verachteten und Verspotteten, von Mir, dem Gekreuzigten.
HIM|2|420607A|10|0|Ich sage dir aber: Hätte dein Wort den Beifall der Welt, so wäre es nicht aus Mir! Die Verachtung der Welt aber ist allzeit das größte Zeugnis dessen, was aus Mir kommt.
HIM|2|420607A|11|0|Wer dich somit schmäht und flieht, der schmäht und flieht auch Mich! Denn was aus dir kommt, das kommt ja auch aus Mir. Daher sei fröhlich! Amen.
HIM|2|420607B|1|1|Familien-Seelsorge – 7. Juni 1842
HIM|2|420607B|1|0|Schreibe von Mir an die drei Töchter des Ans. H-W. namens J. H., P. H. und W. H., auch an den Ans. H.-W. selbst und an dessen Weib!
HIM|2|420607B|2|0|An J. H.: Ich, dein lieber, heiliger Vater, sage und rate dir, dass du Mir treu verbleiben sollst! Und solches sage Ich dir, weil Ich es bei dir erschaue, dass dein Herz anfängt, sich ein wenig hin und her zu schwingen zwischen Mir und der Welt.
HIM|2|420607B|3|0|Solches aber ist nicht gut, da das Herz, so oft es sich zur Welt hinausschwingt, allzeit, gleich einem in einen Brunnen gelassenen Eimer, allerlei Arges in sich aufnimmt, wie Misstrauen, Ärger, Bangigkeit, Lauigkeit in allem Guten und wahrhaft geistig Schönen, Gefallsucht, Untreue, Zorn, Neid, Hoffart und Rachlust.
HIM|2|420607B|4|0|Siehe, diese großen Übel sind anfänglich gar klein; sind sie aber einmal als böser Samen im Herzen aufgenommen, so wachsen sie sehr schnell an und ersticken als ärgstes Unkraut gar bald jedes edle Körnchen, das Ich zuvor ins Herz gesät habe.
HIM|2|420607B|5|0|Siehe, du Meine liebe Tochter, da dein Herz sich in einer solchen kleinen Gefahr befindet, erinnere Ich, dein heiliger, lieber Vater, dich daran, auf dass du Mir ja keinen Schaden leiden möchtest.
HIM|2|420607B|6|0|Hast du aber gefunden, dass sich Mein Schreiber und Knecht gegen dich etwas verändert zeigen musste, trotzdem er dich innerlich sehr lieb hat – siehe, dazu ward er von Mir im Geheimen beheißen, um dir anzuzeigen, dass sich dein Herzchen leise zu schwingen hat angefangen. Mein Knecht aber muss sich allzeit also benehmen, wie er beheißen wird, und muss schreiben, was ihm gesagt wird, damit dadurch jemand erweckt werden möchte.
HIM|2|420607B|7|0|Wenn aber schon alles, was du nur ansiehst, so du aufmerksameren Herzens bist, dir zu einem weisen Lehrer werden kann, um wie viel mehr wird und muss es dir ein mit Mir im geistigen Verband stehender Knecht sein! Daher beachte du in der Zukunft nur alles, was dir der Knecht sagt! Denn solches redet er nicht aus sich, sondern aus Mir, wie gestaltet es auch immer lauten möchte, ob wie ein Scherz, ob wie eine Neckerei oder ob wie ein Ernst.
HIM|2|420607B|8|0|Wenn du nur darauf achten willst, so wird es dich zum lebendig Guten leiten. Liebes Töchterchen, beachte solches wohl! Amen.
HIM|2|420607B|9|0|An P. H.: Denke, Meine Liebe ist der größte Reichtum und der herrlichste Schmuck des Lebens! Wer diese hat, der hat alles!
HIM|2|420607B|10|0|Übe dich daher in Meiner Liebe! Sei geduldig in allem und befolge gerne Meine leichten Gebote! Hab viele und große Freude an Meinem Wort und glaube es im Herzen, dass Ich es bin, der euch nun so reichlich regnen lässt das Manna aus den Himmeln, so wird es dir ein Leichtes sein, dein Herz zu stärken in aller Liebe und beständigen Treue zu Mir!
HIM|2|420607B|11|0|So du aber haben wirst ein festes Herz in Meiner Liebe, dann wird dich auch sobald jedes Übel des Leibes verlassen. Daher sollst du aber auch nicht ein geteiltes Vertrauen auf Meine Hilfe setzen, so dich noch manchmal eine kleine Leibesübelkeit befällt. Denn Ich sage es dir, sie wird vergehen, sobald dein Herz fester wird in Meiner Liebe!
HIM|2|420607B|12|0|Sagen aber nicht schon die Menschen: „Die wahre Liebe muss gezankt werden!“? – Siehe, auch Ich pflege mit denen, die Mir lieb sind, so lange durch allerlei, dem Leib unangenehme Empfindungen zu zanken, solange Ich in irgendeinem noch so verborgenen Herzenswinkel etwas entdecke, das für Meine heilige Liebe nicht taugt. Darum fragte Ich auch den getreuen Apostel drei Mal, ob er Mich liebe!
HIM|2|420607B|13|0|Siehe, Ich bin wirklich sehr eifersüchtig und kann daher nichts vertragen, was sich nur in eine allerkleinste Untreue verwandeln könnte. Da Ich dich, Mein Töchterchen, aber sehr lieb habe, so sage Ich dir solches! Beachte es ja recht wohl, und du wirst Mir, deinem heiligen, liebevollsten Vater, eine große Freude machen! Ich aber werde dich dafür Meiner Liebe versichern ewig. – Amen.
HIM|2|420607B|14|0|An W. H.: Dir aber sage Ich, dass du dich ja nicht stoßen sollst an irgendetwas, wodurch du dich dann und wann als zurückgesetzt betrachtest. Denn siehe, Ich ziehe Mich, besonders bei deinesgleichen, oft also zurück, dass sie auch manchmal ausrufen möchten: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?!“
HIM|2|420607B|15|0|Allein Ich sage dir: Solches ist dir sehr heilsam zur ewigen Gesundheit des Geistes. Merke aber dabei dieses: Ich bin dir nie näher als gerade dann, so du Mich am entferntesten glaubst!
HIM|2|420607B|16|0|Sei daher sanften Herzens, hebe deine Weltgedanken zu Mir empor und sei geduldig in allen Dingen! Befleißige dich Meiner Liebe, so wirst du dich nimmer in irgendeinem Hintergrund erschauen!
HIM|2|420607B|17|0|Solches beachte wohl und treu in deinem Herzen! Amen.
HIM|2|420607B|18|0|An A. H.-W.: Dir aber sage Ich: Habe in allen Dingen Meine Liebe und Meine Erbarmung unablässig vor Augen, so wirst du nie in eine Schwermut des Herzens geraten! Betrachte die Erscheinungen wie sie sind, aber nicht wie sie sein sollen – so wirst du dir ein reines Bild in deiner Seele hervorrufen und dein eigener Geist wird dir enthüllen, warum die Dinge also und nicht anders zum Vorschein kommen.
HIM|2|420607B|19|0|Siehe, wenn du eins bist mit Mir in der Liebe zu Mir, so wirst du auch eins sein mit Meinem Willen. Bist du aber das, so wirst du ja auch leicht einsehen, dass da ohne Meinen Willen und ohne Meine Zulassung kein Sperling vom Dach fällt, dass jedes Härchen gezählt ist und keines ohne Meinen Willen gekrümmt werden kann.
HIM|2|420607B|20|0|Solches wird dir ein fröhliches Herz bereiten! Also liebe Mich, streue bei deinen Kindern stets guten Samen aus, so wirst du gar wohl gedeihen in Meiner Liebe! Amen.
HIM|2|420607B|21|0|Dein Weib aber soll sich nur vorzüglich an Meine Liebeluft halten und in ihrem Herzen in die „Bäder Meiner Liebe“ reisen, so wird sie gesund am Geist und am ganzen Leib!
HIM|2|420607B|22|0|Wenn sie ausgeht, da soll sie auch allezeit Mich mitnehmen. Wann sie aber nach Hause kommt, da auch soll sie Mich treulichst zu ihr einladen, so wird sie gar bald gewahren, was alles Ich vermag!
HIM|2|420607B|23|0|Und daher soll sie auch nicht manchmal zu sehr nachsinnen, was sie wieder völlig gesund machen könnte! Denn Ich, der Arzt aller Ärzte, der Ich ihr schon so weit geholfen habe, werde ihr schon noch weiter helfen.
HIM|2|420607B|24|0|Es liegt nicht zu viel daran, ob auf den Gebeinen viel oder wenig Fleisches hängt, aber alles liegt daran, wie viel der wahren Liebe zu Mir in irgendeinem Herzen sich vorfindet!
HIM|2|420607B|25|0|Daher soll sie sich auch mehr an Meine Liebe halten denn an alles andere – so wird sie doppelt und vollkommen genesen! Amen.
HIM|2|420613|1|1|Seelen-Mitternacht – 13. Juni 1842
HIM|2|420613|0|0|Frage des Andr. H.-W.: „O Herr! Mir kommt vor, ich bin mehr tot als lebendig. Wird die Mitternacht nicht bald durch Deine große Liebe, Gnade und Erbarmung vorüber sein?“
HIM|2|420613|1|0|Das kommt nur auf dich an! Wenn du mit aller Welt vollends brechen wirst samt deinem ganzen Haus, dann wird die Mitternacht bald vorüber sein! Wenn da aber jemand zwischen zwei voneinander schroff abstehenden Pfeilern noch also gebunden ist, dass, während er von jemand gen Morgen zum lebendigen Pfeiler gezogen wird, er aber auch noch mit ebensolchen Stricken von jemand anderem gen Abend an den Pfeiler des Todes gezogen wird – wie muss es dem werden bei diesem Doppelzug?
HIM|2|420613|2|0|Ihr sagt ja aber selbst: „Der Gescheite gibt nach!“ – Und Ich sage dir, dass da allezeit Ich den „Gescheiten“ machen muss und muss mit Meinem Zugwerk allezeit nachgeben an Meinem Morgenpfeiler, wenn der geschäftige Meister am Abendpfeiler zu straff sein Schnürwerk zu spannen anfängt.
HIM|2|420613|3|0|Ziehe Ich bei solchen Gelegenheiten auch an, da wirst du nahezu zu einem Insekt, dass dir darob der geistige Atem ausbleibt. Und gerade dieser Zustand bei dir ist das, darum du sagst, es komme dir vor, als wärest du „mehr tot als lebendig“!
HIM|2|420613|4|0|Wann du aber willst und magst (denn es steht vollkommen bei deinem freien Willen, dich von den Stricken des Abendpfeilers loszumachen!) – so wird auch sobald deine vermeintliche „Mitternacht“ vergehen; denn der Morgenpfeiler wirft dann keinen Schatten mehr, aber einen desto größeren der Abendpfeiler!
HIM|2|420613|5|0|Wer Mich aber durch seinen Glauben verherrlicht und wen Ich schon von allen Seiten mit Liebesstricken umwunden habe, tut wohl daran, so er sich sobald losmacht von alledem, was ihn noch an den Abendpfeiler hinzieht.
HIM|2|420613|6|0|Und solches ist ja doch nicht also schwer, wie sich’s da jemand denken mag! Eine wahre, lebendige Liebe zu Mir macht alles leicht, und kein Ding ist ihr unmöglich!
HIM|2|420613|7|0|So du aber mit dir so manchmal eine kleine Rechnung des abendlichen Pfeilers wegen halten möchtest, Ich sage dir, du würdest gar leicht ersehen, wie du noch so einige Schnüre vom Abend her um deinen Leib duldest!
HIM|2|420613|8|0|Diese aber müssen vom Leib! Ehedem wird es nicht viel besser werden mit deiner vermeintlichen „Mitternacht“! Beachte dieses wohl! Denn nun brauche Ich dir ja nicht mehr beizusetzen, von wem diese Gabe ist! Amen.
HIM|2|420622|1|1|Christus lebt in mir! – 22. Juni 1842
HIM|2|420622|1|0|Schreibe nur, schreibe! Denn daran du dich in der Zeit schwach nur erinnerst, das war schon von Ewigkeit klarst vor Mir!
HIM|2|420622|2|0|Also gebe dies Hand- und Herzenszettelchen der Tochter des Ans. H.-W., die da führt den Namen Meines lieben Apostels Paulus, und sage ihr, dass Ich ihr sagen lasse durch dich:
HIM|2|420622|3|0|Sie solle Mein Wort sich ebenso aneignen, wie sie sich durch die Wassertaufe angeeignet hat den Namen des Apostels, welcher da sein soll ihr rechter Name – nicht nach „Paulinus“, auch nicht nach der „Paulina“, sondern nach dem Paulus, der zuvor Saulus hieß und erst von Mir dann den rechten Namen Paulus erhielt, welcher nach himmlischer Art alles das besagt, was da in Meinem Namen tat dieser aus Mir große Apostel.
HIM|2|420622|4|0|Da sie aber dessen Namen führt, so soll sie auch führen in ihrem Herzen, was der Apostel in dem seinigen geführt hat, nämlich Mich Selbst vollkommen, darum er auch Paulus hieß und klar von sich aussagen konnte: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“
HIM|2|420622|5|0|Ich sage aber hier: Wohl dem, der mit dem Paulus ein „wahrer Paulus“ ist! Denn obschon ihn der alleinige Name nicht heiligt, so wird aber dieser Name ihm dennoch zu einem großen Zeugnis werden, so er ihn werktätig im Herzen trägt, also wie ihn der Apostel getragen hat.
HIM|2|420622|6|0|Ich sage aber auch: Wer immer da nicht „Paulus“ heißen wird in seinem Herzen, der wird keinen großen Teil an Meinem Reich haben. Denn „Paulus“ besagt nach himmlischer Weise: „Christus lebt in mir, und mein ganzes Wesen ist eine Wohnstätte des Heiligen Geistes!“
HIM|2|420622|7|0|Siehe nun, du Mein Töchterchen, solches besagt der Name, den du führst! Suche daher in dir die Wahrheit dieses Namens, den du führst, sonst lügst du dich und Mich allezeit an, so oft du sagst: „Ich bin und heiße Pauline“, welches ebenso viel heißt, als sagtest du: „Nun lebe ich vollkommen! Denn nicht ich, sondern der Geist der göttlichen Liebe lebt in mir!
HIM|2|420622|8|0|Darum also aber sollst du deinem Namen also getreu leben, dass dir dieser nicht wieder genommen wird, wenn du zur Enthüllung des Geistes durch die Geist- und Feuertaufe gelangen wirst, welche Taufe ist die volle Überkommung des ewigen Lebens!
HIM|2|420622|9|0|Siehe, solches gebe Ich dir darum zu dem Tag deines Namens, damit du daraus entnehmen sollst, was da dieser dein Name besagt und wie du diesen Namen recht werktätig in dein Herz aufnehmen sollst. Und das ist viel mehr wert denn Gold und Silber und alle anderen Schätze der Welt!
HIM|2|420622|10|0|Werde daher eine würdige Trägerin deines Namens! So erst wirst du Mir eine wahre, liebe „Paulina“ werden jetzt wie ewig. Amen.
HIM|2|420626|1|1|Von der Freundschaft des Herrn – Geburtstagsgabe – 26. Juni 1842
HIM|2|420626|0|0|Dieses gar große Geschenk gib der, die da heute ihren Geburtstag feiert und heißt J. H. = Martha. „Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid. Denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe Ich gesagt, dass ihr Meine Freunde seid. Denn alles, was Ich gehört habe von Meinem Vater, habe Ich euch kundgetan. Ihr habt Mich nicht erwählt, sondern Ich habe euch erwählt und gesetzt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibe, auf dass, so ihr den Vater bittet in Meinem Namen, Er es euch gebe.“ (Joh. 15, Vers 5 und 16).
HIM|2|420626|1|0|Verstehest du, Mein Töchterchen, was Ich dir durch diese zwei Verse sagen will? Siehe, das Größte, was der menschliche Geist je erfassen wird – nämlich die Wiedergewinnung der vollkommenen Freiheit, welcher da zugrunde liegt Meine wahre, intimste Freundschaft mit denen, die Ich erwählt habe!
HIM|2|420626|2|0|Siehe, keiner von euch allen hat Mich erwählt, sondern nur Ich kam zu euch und habe euch erwählt! Dass Ich euch aber erwählt habe, kannst du daran je zweifeln? Gebe Ich euch allen nicht alle Schätze der Himmel, die da sind des Vaters, welcher die ewige Liebe in Mir ist!?
HIM|2|420626|3|0|Da Ich dich und euch aber erwählt habe, so habe Ich euch und somit dich, Mein Töchterchen, ja auch gesetzt in das Paradies des ewigen Lebens, damit ihr da die edelsten Früchte zu bringen vermöchtet und Mich da auch allzeit bitten könnt, um was ihr wollt, damit Ich es euch allzeit gebe.
HIM|2|420626|4|0|Da es aber nun klar vor deinen Augen ist, dass Ich euch alle erwählt habe aus und von der Welt, die da gefangen ist in den härtesten Ketten aller Knechtschaft und ärgsten Sklaverei, was meinst du wohl – habe Ich euch und somit auch dich wohl erwählt zur abermaligen Knechtschaft und Sklaverei oder zur Freiheit des inneren Lebens der Liebe zu Mir und somit zu Meiner vollen Freundschaft!?
HIM|2|420626|5|0|Wer aber ist der, zu dem Ich sage: „Geliebter Freund, geliebte Freundin!“ – O Töchterchen, bedenke, bedenke, was das ist, so Ich auch zu dir sage: „Meine geliebte Freundin!“
HIM|2|420626|6|0|Wahrlich, Ich sage es dir: So Ich dir schenken möchte alle Reiche der ganzen Unendlichkeit, alle Engel und alle Himmel – da wärest du nur ärmlich beteilt gegen dem, dass du bist eine „Erwählte“, und dass Ich auch zu dir sage: „Meine Freundin, Meine Schwester!“
HIM|2|420626|7|0|Beachte daher überaus wohl und allerhöchst, was du hiermit überkommst! Siehe, an diesem deinem Leibesgeburtstag überkommst du Meine Freundschaft und wirst empfangen von Meiner Erbarmung, damit du schnell reifen möchtest in ihr zur vollen Wiedergeburt deines Geistes zum ewigen Leben!
HIM|2|420626|8|0|Wahrlich, die da sind Meine erwählten Freunde, die haben auch Meinen Heiligen Geist schon in und über sich – darum sie nimmerdar sollen Knechte der Sünde werden. Also sollst auch du Mir nimmerdar eine Dienerin der Sünde werden, sondern ewig bleiben in Meiner Freundschaft! Amen.
HIM|2|420627|1|1|Ein Eherat – 27. Juni 1842
HIM|2|420627|1|0|Schreibe nur, schreibe; denn Ich weiß es gar lange schon, um was du Mich fragen willst!
HIM|2|420627|2|0|Mein lieber K. G. L., der du Mich lieb hast und traust Mir in deinem Herzen, darum du in der dir wohlbewussten Sache einen guten Rat haben möchtest von Mir! Siehe, hier ist wieder ein Punkt, wo, wie ihr zu sagen pflegt, der „gute Rat teuer“ ist! Denn Ich sage dir, und du kannst es Mir pünktlich glauben: In der Hölle und bei der jetzigen Zeit auf der Welt ist für Mich Selbst ein guter und wirksamer Rat im Ernst schwer; außer Ich wollte mit dem Rat zugleich auch schon mit Meiner Allmacht dareinschlagen.
HIM|2|420627|3|0|Täte Ich aber solches – wofür wäre dann der vorhergehende Rat gut und tauglich? Siehe, vor gar nicht langer Zeit habe Ich dem sogenannten Westindien, wegen seines zu industriösen und menschenfreundlichen Strebens, einen solchen mit Meiner Allmacht verbundenen Rat gegeben, auf dass sie sich von der Welt zu Mir zurückkehren sollten. Aber dieser Rat hat vielen Menschen (Ich will hier Mich keines anderen Ausdruckes bedienen) – das Leben und so manchen Ortschaften das Dasein gekostet!
HIM|2|420627|4|0|Siehe, was dir aber hier dieses Beispiel im Großen gezeigt hat, und wie dir für die Zukunft noch mehrere ähnliche, wo nicht noch größere Beispiele zeigen werden, was da Mein mit Meiner Allmacht verbundener und somit auch sehr handgreiflicher Rat vermag – dasselbe kann auch bei einzelnen Menschen der Fall sein, so Ich ihnen einen allmächtigen Rat erteilen würde, der dann freilich wohl für den Augenblick wirksam wäre.
HIM|2|420627|5|0|Erteile Ich aber den Weltmenschen einen freundlichen Rat entweder durch den besseren Trieb ihres Herzens oder, wie es hier der Fall ist, durch einen geweckten Seher und Wortknecht, sage Mir, wo ist der, der solches völlig glaubt und darum auch treulichst beachtet? Denn also verkehrt sind die Sinne der Menschen, dass ihnen das größte Wunder des lebendigen Wortes so gleichgültig ist, wie nur immer eine andere alltägliche Erscheinung auf der Welt!
HIM|2|420627|6|0|Daher kannst du Mir ja glauben, dass so bei manchen Gelegenheiten und in so manchen Punkten einen guten Rat zu geben, wahrhaft selbst für Mich schwer wird!
HIM|2|420627|7|0|Dessen ungeachtet aber will Ich dir denn doch noch in deiner dich kümmernden Angelegenheit etwas sagen, aber natürlich also nur, wie es bei Mir steht und nicht wie es in der tollen Weltordnung der Menschen, wie sie gegenwärtig sind, sich vorfindet.
HIM|2|420627|8|0|Siehe, so da jemand eine Magd beschlafen hat, so dass er dadurch auch gezeugt hat aus ihr eine Frucht, nachdem er sich zuvor ihre intimste Neigung durch allerlei eheliche Vorworte verschafft hatte – da sind nur drei Fälle möglich, die ihn seines gemachten Bundes entledigen. Und diese drei Fälle sind: erstens, der ein- oder anderseitige Tod des Leibes; zweitens, eine durch was immer für Umstände herbeigeführte gänzliche Untauglichkeit für den ehelichen Stand; drittens, wenn das Mädchen dem Mann gänzlich und ohne sein Verschulden in ihrem Herzen untreu wird und den Liebesantrag eines anderen in ihrem Herzen angenommen hat.
HIM|2|420627|9|0|Siehe, nur diese drei Fälle können und werden bei Mir als ein voll entschuldigender Grund angesehen. Alle anderen Gründe aber, welche auf dem mageren und überaus trüglichen Boden des Weltverstandes gewachsen sind, werden allzeit für null und nichtig betrachtet!
HIM|2|420627|10|0|Wer da sagt aus seinem Verstand: „Ich möchte ja das Mädchen wohl nehmen zum Weib, wenn es meine Vermögensumstände gestatteten!“ – dem sage Ich: „Du, der du nach der Sünde also gut rechnen kannst, warum hast du dir denn vor der Sünde keine Rechnungstafel angeschafft?! Wahrlich, für jetzt kommst du Mir zu spät mit dieser deiner Rechnung!
HIM|2|420627|11|0|Denn Ich kenne keine solche Rechnung, die da die Sünde entschuldige und dich enthebe deines gemachten Bundes! Warum? Weil der Mensch durch die Sünde mit Mir ohnehin schon den ewigen Bund gebrochen, den er Mir geschworen hat in der Wassertaufe, so soll er zu diesem Hauptbruch nicht noch einen anderen hinzufügen, der dem Hauptbruch völlig gleich kommt.
HIM|2|420627|12|0|Fürs Zweite aber soll der also rechnende Mensch bedenken, dass seine Versorgung nicht so sehr von den weltlichen Vermögungsumständen abhängt, als vielmehr, ja ganz allein, von Mir – so wird er mit einem gläubigen Herzensverstand gar leicht finden, dass die Probe der Weltrechnung besser ist als die Rechnung selbst!
HIM|2|420627|13|0|Denn für den Ich sorge, der ist wahrhaft versorgt; während so manche in den Weltkerkern doppelter Art schmachten, weil die Proben ihrer Rechnungen schlechter ausgefallen sind als die vermeintlich gut geführten Weltrechnungen!
HIM|2|420627|14|0|Siehe, das ist der einzige Rat, den Ich dir geben kann, der da auch allein nur gut und wahr ist! Wer aber wird ihn befolgen? Wird er wohl überhaupt befolgt werden?
HIM|2|420627|15|0|Wahrlich, wer da aus Liebe zu Mir nicht ehelicht, der tut ja besser. Wer aber einmal einem Mädchen das Wort gegeben hat, der tut eine grobe Sünde, wenn er sein Wort bricht. Hat aber jemand einmal gar schon wider Mein Gebot einem Mädchen beigewohnt, um wie viel mehr muss er darum auch verpflichtet sein, seine Sünde an dem Mädchen wiedergutzumachen – ohne welche Tat sie ihm nie von der Schuldtafel gelöscht wird im Reich des Lebens!
HIM|2|420627|16|0|So du, Mein lieber K. G. L., willst solchen Rat deinem Freund erteilen wie aus dir, kannst du es ja tun! Ob er aber fruchten wird, solches lassen wir in der Welt unterdessen dahingestellt sein. Amen.
HIM|2|420628|1|1|Erweckungsbewegung in Schweden – 28. Juni 1842
HIM|2|420628|0|0|„O Herr! Ist der Offenbarung der vielen Kinder in Schweden, die einhellig zur Buße ermahnten und aussagten, dass nach drei Jahren das Tier mit sieben Köpfen und zehn Hörnern aufsteigen werde und dass ein Haupt und zwei Hörner schon ersichtlich seien, Glauben beizumessen? Die arge Welt nennt diese wunderbare Erscheinung die Predigtseuche! O Herr! Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie lästern!“
HIM|2|420628|1|0|Ich habe es euch ja schon bei so mancher Gelegenheit vorhergesagt, und ganz vorzüglich im Verlaufe der euch wohlbekannten „Zwölf Stunden“, dass Ich an mehreren Orten der Erde werde Mein Licht und Meine große Erbarmung aus den Himmeln herniedersteigen lassen. Wenn es nun geschieht und noch immer mehr und mehr geschehen wird, hier und da und bald so und bald so, was Ich euch vorausgesagt habe, kann euch das wundernehmen?
HIM|2|420628|2|0|Was predigen die schwedischen reinen Kinder, wenn sie von Meinem Geist angeregt werden? Sie predigen wahre Buße! Wer kann da meinen, solches sei eine Krankheit des Leibes oder etwa gar ein Werk des Satans?!
HIM|2|420628|3|0|O glaubt es Mir und seht an das große Volk der Städte und was da ihr Tun ist und ihr loses Treiben – und ihr werdet selbst sagen: „Nein, nein! Ein solches Evangelium predigt der Satan nimmer! Sondern dieser predigt ein anderes nur, darnach da vorzugsweise lebt und webt das große Volk der argen Städte!“
HIM|2|420628|4|0|So ihr aber wisst, dass derjenige, der in seinem Herzen Christus wahrhaft bekennt im Glauben und vorzüglich in der Liebe, nicht ist wider Christus, sondern für Ihn und somit auch für Sein ewiges Reich, dann werdet ihr ja dadurch auch desto leichter und sicherer erkennen, von welchem Geist getrieben und gezogen diese schwedischen Kinder weissagen und predigen! Steht es denn nicht geschrieben: „Aus dem Munde der Kleinen habe Ich Mir ein Lob bereitet?“
HIM|2|420628|5|0|Seht, auch dieses gehört allezeit zu einem großen Vorzeichen, wann da kommen solle gar bald ein richtender großer Tag der Löse über die Erde!
HIM|2|420628|6|0|Was da aber das „dem Meer“ wieder, und zwar zum letzten Mal, „entsteigende Tier“ betrifft – Ich meine, dazu werdet ihr keine Augengläser brauchen, um das klar zu ersehen, so ihr nur ein wenig das Tun und Treiben der großen Hurenstädte betrachtet, und ganz besonders das Tun und Treiben einer Stadt, die ihr wohl kennt, die Ich euch aber dennoch nicht nennen mag und will!
HIM|2|420628|7|0|Dort steigt das alte „Tier“ also, wie es schon der Kahin nach seiner Gräueltat gesehen hat, vorzugsweise empor, um sein altes Gewerbe zu treiben, und hat bereits schon „zweieinhalb Haupt und viereinhalb Horn über der Erde“! Daher ist es auch nötig, dass sich jeder durch Meine Gnade rüste, damit er nicht verschlungen wird von der Macht und vorgeblichen Gewalt des Tieres. Denn es wird große Zeichen tun, nicht mehr durchs Feuer zwar, aber desto mehr durch die Macht der Zunge!
HIM|2|420628|8|0|Doch sage Ich euch auch bei dieser Gelegenheit: Die schwere Wolke aber steigt nun auch schon mehr denn gleichen Schrittes aus den Himmeln, in welcher der das Tier für ewig tötende Blitz aufbehalten ist!
HIM|2|420628|9|0|Was ist aber das „Malzeichen des Tieres“ für seine Bekenner? Auf der Stirne – der Weltverstand! Auf der Hand aber – die Industrie! Daran wird das Tier am besten zu erkennen sein!
HIM|2|420628|10|0|Das Zeugnis der Ärzte aber ist ein Schirm für Meine Sache! Jetzt wisst ihr alles, was euch davon nottut, beachtet es wohl! Amen.
HIM|2|420628|0|0|Zu diesem Ereignis berichtete die „Grazer Zeitung“ vom 20. August 1842, Nr. 132: Stockholm, 2. Aug. 1842. „Am Sonntag, den 10. Juli, waren über dreitausend Menschen von nah und fern in Eksrote versammelt, um diese Leute predigen zu hören. Mehrere in der Volksmasse rissen sich die Kleider vom Leib und die Ringe von den Fingern und Ohren und traten mit den Füßen darauf, indem sie riefen, diese Kostbarkeiten seien Teufelsschmuck. Ein Soldat sammelte in einem Korb eine Menge Goldringe, die eingegraben wurden. Die Krankheit scheint ihren Gipfelpunkt erreicht zu haben, bemerkt die Staatstidning [Staatszeitung], und es kann nur wenig mit Ermahnungen und Warnungen, noch weniger aber mit Zwangsmitteln dagegen ausgerichtet werden.“
HIM|2|420628|0|0|Der „Österreichische Beobachter“ vom 7. November 1842 brachte den Bericht eines lutherischen Geistlichen über die Predigtsucht der Kinder in Schweden, worin es heißt: „Sie predigen gegen Spiel, Tanz und hoffärtiges Leben; sie berufen sich auf den Propheten Joel, 2. Kap., 28. Vers. Sie sprechen vom Untergang der Welt, ermahnen zur Buße. In ihren Visionen sehen sie die Qual der Verdammten. Auch erblicken sie einen langen Abendmahlstisch, an dem die Seligen sitzen. Sie predigen aus innerem Zwang, und auch da, wo ihnen niemand zuhört, usw.“
HIM|2|420630|1|1|Elias, der Vorläufer – Ein zeitgemäßer Lebenswink – 30. Juni 1842
HIM|2|420630|0|0|Maleachi 3,23: „Siehe, Ich will euch senden den Propheten Elias, ehe denn da komme der große und schreckliche Tag des Herrn!“ – Matthäus 17,10: „Und Seine Jünger fragten Ihn und sprachen: ‚Was sagen denn die Schriftgelehrten, Elias müsse zuvor kommen?‘“
HIM|2|420630|1|0|„Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, und klopfet an, so wird euch aufgetan!“ – Sagt Mir, von wem sind diese tröstenden Worte? Ihr sagt, sie sind von Mir. Gut, sage Ich, so aber diese ewig wahren Worte von Mir sind, sagt, was hält euch denn ab, sie werktätig zu befolgen, damit es jedem von euch ein Leichtes würde, solche wichtigste und auch am leichtesten fassliche Stellen aus der Schrift des Lebens zu verstehen?
HIM|2|420630|2|0|Wisst ihr, was daran schuldet? Ich sage euch und habe es euch schon oft gesagt: Daran schuldet nichts als eure noch immer törichte Vorstellung von Mir, der zufolge ihr Mich noch immer mehr im unendlich Gewaltigen, Mächtigen, Großen und Überheiligen sucht, statt in der alleinigen sanften Liebe.
HIM|2|420630|3|0|Ihr seht in Mir wohl den Gott, den unendlich Großen, der da durch Sein Wort erschuf Himmel und Erde; aber den Gott, den lieben Vater, der es nicht unter Seiner Würde hält, sogar die Flügel einer Pfützenmücke in Bewegung zu setzen und die Schimmelpflanzen an einer feuchten Brotkrumme zu pflegen, dass sie gedeihen – seht, dieser Sich so tief herablassende, dieser sanftmütigste, dieser geduldigste und liebevollste Gott und Vater ist noch stets mehr oder weniger fremd eurem Herzen!
HIM|2|420630|4|0|Jesus, der die Sünder auf Seine Schultern lud, der die Müden und Beladenen zu Sich rief, Jesus, den allein guten Hirten, Ihn, den Gekreuzigten, kennt ihr noch nicht!
HIM|2|420630|5|0|Da euch aber dieser allersanfteste Jesus noch fremd ist in dem, wie und was Er ist, so ist euch auch fremd der große Prophet Elias und fremd „der große und schreckliche Tag des Herrn!“
HIM|2|420630|6|0|Wenn ihr Dinge, die nicht da sind oder euren Sinnen zu entfernt liegen, nicht fasst, so mögt ihr wohl, euch entschuldigend, sagen: „Herr, solches zu fassen ist nur jenen gegeben, die Du dazu berufen hast!“ – Die Schrift des Lebens aber ist ja in euren Händen; mit welcher gültigen Entschuldigung könnt ihr da wohl auftreten, so Ich euch frage: „Warum verstehet ihr solches nicht, das ihr doch zuallererst und zuallernächst fassen solltet?“
HIM|2|420630|7|0|Wer ist hier der Prophet Elias? Nun macht doch einmal die Ohren auf und hört: Es ist Meine Liebe, welche jedem Gericht vorangeht, wie es soeben bei euch der Fall ist und bei noch so manchen andernorts! Das ist der „Elias“! Wann diese (Meine Liebe) anfängt zu euch zu kommen, so ist der „Elias“ auch schon da. Elias ist somit die Vorstrahlung Meiner Liebe, welche nun in ihrer unendlichen Feuerkraft, ja in ihrer ganzen unendlichen Fülle auf dem Weg zu euch ist.
HIM|2|420630|8|0|Wer da ergreift die sanften Strahlen dieses „Elias“ und lässt sich durchglühen von ihnen, der wird auch bestehen in dem kommenden Feuermeer Meiner unendlichen Liebe.
HIM|2|420630|9|0|Wehe aber dem, der sich den „Elias“ nicht wird zu eigen gemacht haben! Wahrlich, er wird nicht bestehen im großen Feuer Meiner Liebe, wenn sie kommen wird in ihrer Fülle über alle Kreatur!
HIM|2|420630|10|0|Wer da nicht mit dem Elias vermag, im feurigen Wagen der Liebe sich zu Mir gen Himmel erhebend, im Geiste zu bestehen, wie wird der erst dann bestehen im Grunde des Feuers, von dem der Wagen des Elias nur ein kleines Fünklein ist?
HIM|2|420630|11|0|Seht, das besagt die euch dunkle Stelle, die euch aber dennoch heller als die Sonne am Mittag sein sollte! Versteht nun solches wohl und achtet des „Elias“, der sich nun unter euch befindet, damit ihr von Meinem kommenden großen Feuer nicht vernichtet werdet! Solches versteht wohl! Amen.
HIM|2|420704|1|1|Kennzeichen wahrer und falscher Propheten – 4. Juli 1842
HIM|2|420704|0|0|Zum ersten Buch der Könige, Kap. 19,7-18
HIM|2|420704|1|0|Wenn du das hier Gesagte nur einigermaßen aufmerksam durchgehst und beachtest die gleichlautende Antwort dieses größten aller Propheten Israels, so kann es dir ja unmöglich entgehen, wodurch sich ein rechter Prophet klärlichst unterscheidet von einem falschen, der da ist allezeit ein Diener Baals und ein blinder Pharisäer im vollkommensten Sinne des Wortes.
HIM|2|420704|2|0|Damit aber du und jeder es genau merken und wissen solle, wie die Sachen stehen zwischen einem wahren und einem falschen Propheten, so will Ich aus den Anführungen des Propheten Elias dich nur auf folgendes aufmerksam machen. Und so höre denn:
HIM|2|420704|3|0|Für wen allein nur eiferte der wahre Prophet Elias? Eiferte er für weltliche Rechte, für weltliche Macht und Gewalt und für weltliches Einkommen, bestehend in Gold und Silber? Er spricht: „Ich habe um den Herrn, den Gott Zebaoth geeifert!“
HIM|2|420704|4|0|Siehe, so da aber jemand eifert ohne Entgelt um den allein wahren Gott und tut sonach, wie es da getan hat der Prophet Elias, sage mir, ist das ein falscher Prophet? Also ist der Eifer das sicherste und untrüglichste Zeichen eines wahren und eines falschen Propheten.
HIM|2|420704|5|0|Wenn aber der eine eifert um ein weltliches Ansehen seiner Kirche und seines Oberhauptes, das da begraben ist in Gold, Silber und allen Edelsteinen, ein anderer aber eifert allein um Mich – welcher von den zwei Propheten ist da wohl der allein wahre? Ich meine, um das zu erraten, wird niemand zur Mathematik seine Zuflucht nehmen müssen.
HIM|2|420704|6|0|Da aber der Elias ein vollkommen wahrer Prophet war, wie erkannte er Mich da, als Ich vorüberzog an der Tür der Höhle am Berg Horeb, da er noch in selber verborgen lag? Etwa im großen und starken Wind? Siehe, also bin Ich auch nicht in denen, die da viel Wind und Aufsehens machen. Denn das ist die Art der echten, blindesten Pharisäer.
HIM|2|420704|7|0|Oder hat Mich Elias erkannt im darauf folgenden Feuer? Siehe, also bin Ich auch nicht in jenen Feuereiferern, aus deren Munde nichts als ein Gericht ums andere und eine Verdammnis um die andere sprüht, da sie Gott nur im richtenden Feuer, aber niemals nur in der Liebe erkennen wollen.
HIM|2|420704|8|0|Der wahre Prophet Elias aber hat Mich, den Gott Zebaoth, nur im stillen, sanften Wehen oder Säuseln erkannt, d. h. mit anderen Worten nichts als: Elias hat Mich erkannt wahrhaftig allein nur in der Liebe!
HIM|2|420704|9|0|Wenn du Mich aber ebenso sanft wehend in der alleinigen Liebe erkennst gleich dem Elias, wie bist du demnach ein falscher Prophet? Lasse die Weltpropheten nur reden und rufen wider uns! Am Ende wird sich ja wohl zeigen, wer da heimführen wird die Braut!
HIM|2|420704|10|0|Elias aber ward berufen zu einem Richter über Israel in der Liebe, darum er musste ziehen nach Damaskus und zu Königen salben den Hasael und den Jehu und zum Propheten den Elisa, damit diese erhalten möchten die, welche sich nicht gebeugt haben vor Baal, und mit dem Schwert der Treue absondern die Spreu Baals von Meinem reinen Weizen. Was aber da geschah im kräftigen Vorbild, siehe, das geschieht auch jetzt im Geiste wahrhaftig. Darum am Ende doch die Liebe über alles siegen und zugrunde richten und zu Schande machen soll alle die „Winde“, „Erdbeben“ und alles „Feuer“!
HIM|2|420704|11|0|Nun aber urteile selbst und finde den wahren Propheten aus der falschen großen Menge heraus, die da ist eine Dienerin der Welt.
HIM|2|420704|12|0|Elias also ist ein rechter Prophet. Aber ebenso auch jeder, der da Mich findet, wie Mich Elias gefunden hat – nämlich in der Liebe. Versteht es! Amen.
HIM|2|420706|1|1|Mann und Weib im Rahmen der göttlichen Ordnung – 6. Juli 1842
HIM|2|420706|1|0|So schreibe denn einige Punkte an Elise H., weil sie es wünscht in ihrem Herzen, da Mir wohlgefällt, so jemand allezeit ein großes lebendiges Verlangen nach Mir hat.
HIM|2|420706|2|0|Siehe an, Mein liebes Weib, einen Kreis, wie er ist eine vollkommen rundgezogene Linie um einen Mittelpunkt! Siehe, der Mittelpunkt bin Ich, und der Kreis ist die große Macht Meiner ewigen Ordnung, die da besteht aus Mir ewig. In diesem Kreis stehen alle Geschöpfe.
HIM|2|420706|3|0|Dieser Kreis aber ist in sich geteilt in sieben (konzentrische) Kreise. Auf jenem Mir, dem Mittelpunkt, zunächst liegenden Kreis befinden sich die Menschen der Erde, welche da sind Meine Kinder. Auf dem zweiten Kreis, von innen aus, stehen die Menschen aller Gestirne. Auf dem dritten Kreis stehen die Tiere der Erde. Auf dem vierten die Tiere der Gestirne. Auf dem fünften stehen alle Gewächse der Weltkörper ohne Unterschied. Auf dem sechsten stehen sämtliche Planeten, Monde und Kometen. Und auf dem großen siebenten stehen endlich alle Sonnen, ohne Unterschied ihrer Größe.
HIM|2|420706|4|0|Siehe, das ist Meine Ordnung! Es geht da vom Mittelpunkte aus alles Leben und Sein. Und es geht solches durch alle Kreise bis an den äußersten Kreis. Auf jedem Kreis aber gestaltet es sich zu einem anderen Geist, daraus dann Meine sieben Geister fortwährend entstehen und bestehen. Darum sie auch heißen: die sieben Geister Gottes, welche aber an und für sich nichts sind denn allein geordnete Mächte des Mittelpunktes, wirkend nach ihrer Art der Ordnung aus Mir.
HIM|2|420706|5|0|Nun denke dir aber den ersten, inneren Kreis. Daselbst ist das Weib mit dem Kopf gekehrt nach dem Mittelpunkt – der Mann aber mit dem seinen über den Kreis hinaus, dem Weib sonach gerade entgegengesetzt. Hier fragt sich’s: Warum denn also? Siehe, siehe, so das uranfänglich vom Mittelpunkt ausgehende Leben bis zum siebenten Kreis der Sonnen gelangt, da stoßet es sich und kehrt sodann wieder durch alle Kreise zum Mittelpunkt zurück.
HIM|2|420706|6|0|Wie aber geschieht solche Rückkehr alles Lebens? Nun siehe, der Mensch saugt geistig das zurückkehrende Leben auf durch seine Beschaffenheit und seine Stellung. Ist er einmal geladen mit der Substanz des Lebens, so lässt er es dann ausströmen in seinen wohlgedüngten Gegensatz. Hier wird es genährt und sodann wieder ausgeboren wesenhaft zur größeren Vollendung. Ist es sonach vollendet, sodann kehrt es wieder als ein freies, sich selbst bewusstes Leben nach dem Mittelpunkt zurück. Ein unvollendetes aber wird wieder hinausgetrieben an den heißen Feuerkreis der Sonnen, damit es sich neuerdings kräftige und stärke durch alle die sieben Geister aus Mir!
HIM|2|420706|7|0|Wenn du aber nun diese wahre Stellung betrachtest im Geiste, sage Mir, wer ist da wohl Mir beständig näher, der Mann oder das Weib? Du musst ja sagen: das Weib, indem es gestellt ist innerhalb des innersten Kreises. Nun ziehe aber im Geiste eine Linie vom Mittelpunkt bis hinaus zum äußersten Feuerkreis der Sonnen, was bezeichnet wohl diese Linie? Siehe, diese Linie bezeichnet Meine große Geduld!
HIM|2|420706|8|0|Da aber das Weib sich befindet innerhalb des Kreises und ist somit Mir näher als der mit dem Kopf nach außen des Kreises gekehrte Mann – was muss da wohl natürlich von selbst daraus folgen? Siehe das, dass Meine Geduldlinie, die da zuerst das Weib berührt, doch auch sicher kürzer sein muss als beim Mann, auf den die Linie erst später, vom Weib aus, übergeht!
HIM|2|420706|9|0|Da aber solches in Meiner ewigen Ordnung schon also begründet ist, was folgt hernach fürs Weib für eine Regel? Siehe und höre, dass das Weib auch viel williger sein soll als da ist jeglicher Mann, sonst komme Ich auch viel eher mit einer richtenden Strafe über sie denn über den Mann!
HIM|2|420706|10|0|Wie aber das fromme, willige Weib sein kann eine Wurzel alles Lebens, wie es da war Maria leibhaftig, also kann auch das unfolgsame Weib sein ein Grund alles Verderbens. Daher ist auch fürs Weib Meine Geduldlinie um ein Bedeutendes kürzer denn beim Mann.
HIM|2|420706|11|0|Solches beachte wohl, du Mein liebes Weib, für dich und deine Töchter, so wirst du gesund sein geistig und leiblich allezeit. Amen.
HIM|2|420707|1|1|Verhaltungswinke bei Sonnenfinsternis – 7. Juli 1842
HIM|2|420707|1|0|Da habt ihr eine kleine Vorsichtsmaßregel bezüglich der morgigen Finsternis der Sonne in Hinsicht auf die Gesundheit des Leibes!
HIM|2|420707|2|0|So ihr die Geschichte zur Hand nehmen würdet, allda die Begebenheiten am Firmament aufgezeichnet sind, und sodann die Geschichte großer Sterblichkeiten, so würdet ihr gar bald das merkwürdige Zusammentreffen solcher Umstände finden, dass da fast allezeit auf ähnliche starke Sonnenverfinsterungen auch die erwähnten großen Sterblichkeiten folgen, als z. B. der schwarze Tod, die Schnupfseuche, die bösartige Grippe, verheerender Typhus oder Gedärm-Nervenfieber, schädliche Aussätze, Lausseuche mit Wulsten, da die gewöhnlich erfüllt sind mit Blutläusen, allerlei Ruhren und dergleichen mehr.
HIM|2|420707|3|0|Seht, das Zusammentreffen solcher Umstände ist nicht so ganz und gar ohne Einfluss, wie es die sogenannten aufgeklärten Großen und Reichen und Gelehrten der Welt meinen.
HIM|2|420707|4|0|Fragt die Geschichte aller Zeiten und aller Völker, selbst die der Juden, der weisen Ägypter, der Griechen und alten Römer – und sie wird es euch sagen, dass alle diese Völker nie eine Freude an einer solchen Erscheinung hatten, sondern allezeit nur eine große Furcht, so zwar, dass einige heulten und wehklagten, einige sich furchtsam verkrochen in unterirdische Höhlen, Klüfte und Gemächer der Gebäude. Wenn zwei Völker noch so erbittert gegeneinander zu Felde zogen, so war eine eintretende Sonnenfinsternis hinreichend, um augenblicklich entweder einen langen Waffenstillstand oder wohl auch einen vollen, lang anhaltenden Frieden zu bewerkstelligen. Auch heutzutage gibt es noch bei solchen Gelegenheiten ähnlich handelnde Völker auf der Erde in Menge.
HIM|2|420707|5|0|Welcher nur einigermaßen tiefer denkende Mensch sollte da nicht fragen: Worin liegt denn der Grund, warum fast alle alten und auch noch der allergrößte Teil der jetzigen Erdbewohner nebst fast allen Tieren einen solch großen Respekt vor einer Sonnenfinsternis haben?
HIM|2|420707|6|0|Hört, die Antwort ist sehr leicht zu finden; denn sie liegt auf eines jeden Menschen Zunge und lautet: „Experientia docet!“ – oder: „Die Erfahrung lehrt es!“ – Denn der Mensch konnte ja erst dann also furchtsam werden vor der Erscheinung, so er sich durch das öftere Zusammentreffen solch widriger Umstände zufolge der Erscheinung eine Regel gemacht hatte, dass nämlich solchen Erscheinungen auch allezeit bedeutende Übel folgen.
HIM|2|420707|7|0|Aus diesem Grunde glaubt der Landmann noch jetzt, dass zur Zeit der Finsternis es Gift regne vom Himmel auf die Erde. Sagt Mir verständigerweise, wie kam der Landmann denn auf diesen Gedanken? Hier würden gar manche sagen: weil er es von seinen Eltern gehört hat. Ich frage aber: Von wem haben es dann seine Eltern oder seine Großeltern oder seine Urur- und Ich setze noch hinzu, seine Ururur-Eltern gehört? Kurz, es muss doch irgendein A geben, auf das man, vom Z aus rückgehend, gelangen kann und muss, damit man wisse, wer denn der eigentliche Urheber eines solchen Glaubens war. Was aber wird und kann da am Ende herauskommen? Ich sage euch: Nichts anderes, als dass da jeder dem A das Zeugnis geben muss: „Die Erfahrung lehrt es!“
HIM|2|420707|8|0|Da in Europa zu mehreren Malen auf derartige Erscheinungen der sogenannte schwarze Tod erfolgte, so kamen die Menschen auf den Gedanken, dass da während einer solchen Erscheinung ein grünliches Gift vom Himmel falle, wodurch da vergiftet werden die Brunnen (weshalb später Dächer über dieselben gemacht wurden) und dann durch solch vergiftetes Wasser Menschen und Tiere. Ja, einige gaben vor, dass sie während der Dauer der Erscheinung ein oder mehrere drachenartige Tiere in der Gegend der verfinsterten Sonne haben am Himmel herumziehen gesehen, darum sie dann auch die Vergiftung der Gewässer denselben zugeschrieben haben.
HIM|2|420707|9|0|Es fragt sich aber: Was soll von einer solchen Tradition gehalten werden? Ich sage euch: Nichts anderes als ein vorsichtiges Verhalten bei solchen Gelegenheiten zu dem alten „experientia docet“. Denn diese Sagen sind nicht also leer, wie so manche glauben, sondern es ist im Ernst etwas daran.
HIM|2|420707|10|0|Denn fürs Erste tritt hier schon ein außerordentlicher kosmischer Konflikt ein, dessen Grund und Wirkung nur Mir allein bekannt ist. Solches aber könnt ihr euch wohl denken: Wenn der Segen für alle Natur aus Mir in den Strahlen der Sonne liegt, so wird zur Zeit, wann der Sonne Strahlen eine Unterbrechung von mehr denn 50.000 Meilen erhalten, auch der Strahlensegen eine bedeutende Unterbrechung erhalten – arggeistiger Umtriebe bei solchen Gelegenheiten nicht zu gedenken, die da doch auch eine hauptarge Rolle spielen.
HIM|2|420707|11|0|Wollt ihr aber mit heiler Haut davonkommen, so verseht euch heute noch mit Wasser für die Küche bis zum Mittag des morgigen Tages, nehmt euer Frühstück vor dem Eintritt der Erscheinung und esst und trinkt während der Erscheinung ja nichts und im Freien den ganzen Tag nichts, sondern in den Zimmern, welche während der Erscheinung geschlossen bleiben und gut geräuchert sein sollen mit Wacholderbeeren.
HIM|2|420707|12|0|So ist es auch viel besser, während der Erscheinung in den Zimmern zu bleiben, als im Freien zuzubringen. Wer aber schon ins Freie will, der beschmiere seine Haut mit Baumöl, das mit einigen Tropfen Wacholderöles gemengt sein kann. Auch das Haupt kann er damit bestreichen, welches zu bedecken ist während der Erscheinung. Im Mund aber halte er einige zerkaute Wacholderbeeren und trage auch welche bei sich in den Taschen.
HIM|2|420707|13|0|Vorzüglich aber halte jeder fest in der Liebe, im Glauben und Vertrauen – so darf er furchtlos sein.
HIM|2|420707|14|0|Ergötzen aber soll sich ja niemand daran, sondern denken, dass da solche Erscheinungen noch einen ganz anderen Grund haben als den mathematischen der Astronomen. Sonst dürfte es geschehen, dass für so manchen die Schaugebühr für derlei Weltspektakel ziemlich hoch ausfallen möchte.
HIM|2|420707|15|0|Solches also beachtet wohl, so werdet ihr gesund verbleiben am Leib! Amen.
HIM|2|420707|16|0|NB.! Ich sage es dir und sage es auch allen Meinen Lieben: Du und sie sollen den 71. Psalm Davids, besonders vom 13. bis zu dem letzten, 24. Vers nehmen und beten, so wird euch daraus ein großer Trost und eine mächtige Hilfe werden, schützend euch vor allem, was sich irgend feindlich nahen will. Aber mit großem, vertrauensvollem, wahrem Ernst müssen die Verse in eurer ganzen Wesenheit ausgesprochen werden.
HIM|2|420707|17|0|Solches beachtet ja unerlässlich! Bedenkt, wer Der ist, der euch erteilt solchen Rat und warum Er ihn euch erteilt! Amen. Amen.
HIM|2|420721|1|1|Naturereignisse als Zeitzeichen – 21. Juli 1842
HIM|2|420721|0|0|Bitte des Knechtes: „O Du liebevollster hl. Vater Jesus! Siehe, es geschehen nun so manche Dinge ganz ungewöhnlicher Art, als: große Feuersbrünste, Erdbeben, Wasserhosen, Überschwemmungen und dergleichen mehr. Was soll alles dieses im Geheimen Schilde führen? Ich armer, schwacher Sünder bitte Dich darum, dass Du es mir, wie uns allen, durch wenige Worte nur anzeigen möchtest, was daraus zu entnehmen sein soll?! Aber allezeit und ewig geschehe nur Dein allerheiligster Wille! Amen.“
HIM|2|420721|1|0|So schreibe denn! Was meinst du denn, was pflegt man wohl so allmählich nach und nach mit denen zu tun, die da einen überaus starken Schlaf haben, wenn der werdende Tag schon stark im Anzug ist, so zwar, dass es wahrlich die höchste Zeit ist, zu erwachen, aufzustehen und sich anzukleiden zum neuen Geschäft des neu gewordenen Tages?
HIM|2|420721|2|0|Siehe, solche stark Schläfrige rüttelt, stupft, stößt, schüttelt, kneipt und begießt man mit Wasser und tut solches so lange verstärkt fort, bis derjenige, der sich nicht ganz in den Tod hineingeschlafen hat, wieder erwacht in und für den neuen Tag. Wer da aber unerweckbar ist, für den wird das Grab gemacht!
HIM|2|420721|3|0|Siehe, somit sind all diese Zeiterscheinungen nichts denn solche Rüttler, um so manche starke Schläfer, deren es nun gar viele gibt, aus ihren süßen Weltträumereien zu erwecken, die ganz Toten aber aus dem Weg zu räumen.
HIM|2|420721|4|0|Glaube es fest, eine andere Zeit ist nahe! Daher wird es auch schon immer besser kommen. Und so wirst du in nicht gar langer Zeit auch von einem Begebnis hören, das da in so mancher Hinsicht alle die übertreffen wird, von denen du bis jetzt Kunde erhalten hast. Und da werden dann viele sagen:
HIM|2|420721|5|0|„Wo sind nun jene Erdensöhne, deren stolze Legionen Zwietracht und Krieg in allen Landen hätten anzünden sollen? Die Nacht hat sie versammelt; aber der Tag sieht sie zerrinnen wie schwache Bäche, welche durch einen Platzregen aufgeschwellt wurden, dann zwar über Felsen dahinrauschten und tobten, als sollten diese sich beugen vor ihnen; allein ihre wilden Wogen zerschellten und zerschäumten an den festen Stirnen und eilen nun mit wütender Hast dahin, da des Meeres mächtiger und breiter Arm für sie den sehr nahen Untergang in vollster Bereitschaft hält!“
HIM|2|420721|6|0|Ich sage es dir, habe Acht darauf, wann solches geschieht! Und es soll da niemand bangen davor! Denn je mehr sich da häufen werden solche Begebnisse, desto mehr wird auch von den Strahlen der großen Morgenröte sichtbar werden auf der Erde und in der Erde des Menschen!
HIM|2|420721|7|0|Auf der Hut aber soll da ein jeder sein! Denn ein Gedanke zu spät – und der Dieb wird dringen in die Gemächer und wird rauben, morden, brennen und sengen! – Sieh, das Wasser Funken sprüht, / und das Erdreich wird durchglüht! / Die Sonne hat ihr Maß bekommen / und der „Karmel“ ist erklommen! / Bedenk, bedenk, wie weit, wie weit / noch reicht die arge, finstre Zeit! / Ich sag’ es dir darum noch heut’: / Sie rüstet sich zum letzten Streit!
HIM|2|420721|8|0|Sieh, es ruft die Welt aus ihrem Traum, ja aus einem letzten Traum ruft sie bei sich: „Gott! Was ist denn der Mensch? Ein Wunderding? Ist er eine sich selbst widersprechende Zusammensetzung von lauter Widersprechendem? Ist er ein unauflösliches Rätsel? Oder ist er nicht etwa ein Rest von sich selbst, ein Schatten nur kaum noch seines Ursprungs, ein zerfallenes Gebäude, das da in seinen Ruinen kaum etwas aufweist, das da ein Zeuge sei von seiner früheren Schönheit, Erhabenheit und Größe?“
HIM|2|420721|9|0|Ja, er selbst hat sich vom hohen Gipfel seines freien Willens, den er verdorben hat, herabgestürzt auf die Mauern und ist so auf den Grund gefallen. Siehe, der Traum ist nicht schlecht! Und darum also auch die Begebnisse!
HIM|2|420721|10|0|Ich sage dir, wahrlich, die Menschheit ist zu einer alten, sehr verwitterten und zerklüfteten Ruine geworden. Aber die „Ruinen“ wissen es nicht, dass unter ihrem Schutt noch so manche große Schätze begraben sind. Daher sind jetzt die „Schatzgräber“ gekommen, um die Schätze unter den Ruinen zu suchen. Siehe, das ist der äußerste Entschluss!
HIM|2|420721|11|0|Es muss aber der Herr einen guten Grund haben, darum Er sich nun „an den Karren spannen“ lässt gleich einem Lasttier! Es wird aber endlich alles an die Deichsel kommen müssen und mitziehen an dem Karren und sich schmiegen unter das Joch!
HIM|2|420721|12|0|Siehe, davon zeugen die Begebnisse! Wer da ein Licht hat, der lasse es nun brennen in den vollen Tag hinein! Amen.
HIM|2|420721|13|0|Das sagt der Erste und der Letzte. Amen, Amen, Amen.
HIM|2|420730|1|1|Der Stern im Osten. Gericht der Welt – 30. Juli 1842
HIM|2|420730|1|0|Schreibe nur, schreibe; denn Ich weiß schon, was du möchtest! Lese nach im „Daniel“, dem 3. Kapitel, 14. bis 20. Vers! Da wirst du schon finden, was da betrifft das Reich der Erde, das da eben nun ganz taub geworden ist für die Stimme der armen, am Leibe wie am Geiste nahe zu Tode hungernden Brüder!
HIM|2|420730|2|0|Ich sage dir aber jetzt ohne „Daniel“: Das Land im Meer wird untergehen und die stolze Königin der Wogen wird zerwehet werden wie Spreu, wenn sie sich nimmer wird erweichen lassen von den Tränen der Weheklagenden! Siehe nach Amerika hin! Dort hat der „zahlende Tag“ schon einen Anfang genommen! Hier aber bricht er heran!
HIM|2|420730|3|0|Die Not wird, ja sie muss erst die Völker belehren, dass die Erde ein Gemeingut aller Menschen, nicht aber nur jener verruchten Satanswucherer ist, die sich derselben durch geprägtes Blech und nun gar schon durch beschmierte, allerlumpigste Papierschnitzel bemächtigt haben. Es ist schon ohnehin der Schande genug, dass die Menschen vor den Toren ihrer Häuser Schlösser und Riegel anschlagen, damit sie ja nicht dessen beraubt werden, womit die Hölle gepflastert ist! Verflucht aber sei, wer da in höllischem Eigennutz um seinen vermeintlichen Grund Schranken zieht! Wahrlich, wahrlich! Ich, der Herr des Lebens und des Todes, sage dir: Wer da immer also eigensüchtig ist und karg gegen seine Brüder, den will Ich dereinst an den Schranken und Grenzsteinen nagen lassen, solange diese Sonne dem Weltall leuchten wird! Und ein steinernes Herz soll ihm vorgehalten werden! Wann sich dieses wird von seinen Tränen erweichen lassen, dann erst soll er eine schwache Erbarmung bei Mir finden!
HIM|2|420730|4|0|Gedulde dich nur! Denn dieses sind nur leise mahnende Anfänge von dem, was da kommen wird über die reichen und großen Kinder des Satans! Siehe, das Gericht sitzt ihnen schon am Genick!
HIM|2|420730|5|0|Wahrlich, dieses Geschlecht soll seinen (Menschen-)Namen verlieren! Die Scheusale will Ich zu Krokodilen und Drachen im Pfuhl des ewigen Todes umgestalten! Und der Hölle weitester Schlund soll an ihnen einen zahllosen Zuwachs bekommen! Wahrlich sage Ich dir: Von dieser Nation Landen bekommen täglich zehntausend jenseits den wohlverdienten Lohn schon jetzt; aber es soll schon besser werden!
HIM|2|420807|1|1|Das Gefühl – 7. August 1842 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|2|420807|1|0|Im Gefühl ist’s gelegen, / was das Leben mag begreifen, / und auf allen finstren Wegen / mag das Licht allein nur reifen. / Wenn das Leben im Gefühle / sich dir gibt getreu zur Kunde / unter gläubig lichter Hülle, / treu in jeder Zeit und Stunde,
HIM|2|420807|2|0|magst du reden, disputieren, / was dir immer mag gefallen, / magst dich geistig instruieren, / was das Leben in den Allen; / nimmer doch wirst du es finden, / was in sich da ist das Leben. / Im Gefühl nur wird sich’s künden, / wie das Leben ist gegeben.
HIM|2|420807|3|0|Darum – lebe im Gefühle! / Treu nach alter Lebenskunde, / so in aller Herzensstille / auf dem öden Erdenrunde. / Dann lebst du ein wahres Leben, / selbst ein Leben dir gestellet, / treu und wahr von Gott gegeben, / also auch von Ihm erwählet. / So denn fühlet sich das Wahre / selbst als ein’ge Kraft hienieden, / und einst über Zeit und Bahre / reicht es dir den ew’gen Frieden! Amen.
HIM|2|420808A|1|1|Unsere Sonne – 8. August 1842 [Die natürliche Sonne 1864]
HIM|2|420808A|0|0|Mit der nachstehenden Kundgabe begannen die umfassenden Eröffnungen über die „natürliche“, d. h. naturmäßige Sonne (so genannt im Gegensatz zu den späteren Eröffnungen über die geistigen Sphären der Sonne). Sie wurden fast täglich fortgesetzt bis zum Abschluss, am 21. November 1842, wobei stets Anselm Hüttenbrenner als eifriger Schreiber des durch Jakob Lorber ergehenden Wortes diente.
HIM|2|420808A|1|0|Es wird hier nicht nötig sein, wie allenfalls bei der Darstellung eines anderen Sterns, den Standort ebendieses leuchtenden Sterns näher zu bestimmen, indem solches ja jeder Tag ohnedies überaugenscheinlich tut. Daher wollen wir zuerst die Frage stellen und lösen: Was ist die Sonne? Nach der Löse dieser Frage wird sich alles leicht ordnen und gewiss wunderklärlich dartun lassen. Und somit stellen wir diese Frage noch einmal und fragen: Was ist die Sonne?
HIM|2|420808A|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Die natürliche Sonne“.
HIM|2|420808B|1|1|Väterliche Ratschläge – 8. August 1842
HIM|2|420808B|1|0|Ich will es also, und Mein Grund ist allzeit Liebe und ewiges Wohlwollen, und alle Meine Wege sind voll Lichtes. Daher musst du solches wohl beachten, sonst nehme Ich heute noch Meine Gnade von dir insoweit, dass du von Mir nichts empfangen sollst, außer was da betrifft das Hauptwerk, und selbst von dem nicht mehr als allein sechs Blätter in der Woche, von denen dann außer von dir und von Ans. H.-W. von niemand anderen eher etwas gelesen werden dürfte, als erst zu Ende der Woche!
HIM|2|420808B|2|0|Was ist es denn aber, das du beachten sollst? So höre denn, es sind folgende drei Punkte, und diese lauten also:
HIM|2|420808B|3|0|Nr. 1 sollst du sowohl deiner leiblichen wie auch noch viel mehr deiner geistigen Gesundheit halber kein warmes Frühstück nehmen, und bei deiner Hausfrau schon gar nicht, die da Mir höchst ärgerlicherweise alles auf einen Heller prozentisch berechnet! Mehr brauche Ich dir nicht zu sagen.
HIM|2|420808B|4|0|Ebenso will Ich auch aus demselben Grunde, dass du fürder nicht mehr über Mittag die drei Mahle in der Woche am Tisch dieses Weibes essen sollst. Denn du bist Mein Knecht zur Kundgabe Meines ewigen Reiches, das da ist Meine Liebe. Bist du auch aus dir nichts, so bist du aber dennoch in Meinem Namen alles Meiner Liebe und Erbarmung. Wer dich demnach in Meinem Namen zu Tisch ladet, der hat in dir Mich Selbst am Tisch.
HIM|2|420808B|5|0|Hast du aber noch nie in dir empfunden, wie sehr es Mich allzeit bedrängt hat, so du, besonders in der letzten Zeit, nun auch bedrängt, Speise genommen hast am Tisch der Frau, die Mich und dich nur dann etwas mehr achtend anerkennen möchte, wenn Ich durch dich auf ihren Gartenbäumen möchte blanke Taler und Dukaten in großer Menge wachsen lassen?
HIM|2|420808B|6|0|Da du nun weißt, wer da mit dir zu Tisch sitzet, so vermeide den Tisch, an dem Ich kein Wohlgefallen habe! Verstehe solches und tue darnach, so wird dir Meine Gnade verbleiben bis ans Ende deiner Zeit auf Erden zur Gewinnung Meiner Liebe für ewig. Sonst aber will Ich dir tun, wie da schon gesagt wurde!
HIM|2|420808B|7|0|Der Tisch aber, zu dem Ich Mich mit dir setze, muss ein liebgastlicher sein, also wie bei Meinem lieben Ans. H.-W. Wenn du aber nur Brot essen würdest an den drei Tagen, so wird es dir besser bekommen als ein berechnetes Gericht der wohlschmeckendsten Speise, über der lauter geldwirtschaftliche Reden anstatt Meines Wortes geführt werden. Siehe, das ist der erste Punkt!
HIM|2|420808B|8|0|Nr. 2: Was da die Mitteilung über die Sonne betrifft, die Ich von heute an dir und durch dich auch dem Ans. H.-W. werde zu geben anfangen, so soll sie erst dann von den übrigen nachgelesen werden, wenn sie vollendet sein wird. Denn sonst wird der Magen des Geistes von dem Erhabensten überladen, und diese allerhöchste Speise wird dann also genossen, als wäre sie eine gemeine Alltagskost einer dummen Zeitschrift. Wie aber von den albernen Zeitschriftsspeisen kein Geist gesättigt und dadurch etwa gar lebendig wird, also würde es auch mit diesem Meinem Wort von der „Sonne“ sein, so es alsogleich zur gewöhnlichen Alltagskost würde.
HIM|2|420808B|9|0|Ich gebe mit der „Sonne“ ein größtes Licht. In der Fülle und Gesamtheit wird es jeden durchglühen und durchleuchten, während es, einzelstrahlig genossen, höchstens den Vorwitz erkitzeln, keineswegs aber beleben möchte den Geist und erleuchten seinen Kerker – in welcher alleinigen Absicht Ich dies größte Licht doch nur gebe!
HIM|2|420808B|10|0|Darum auch werde Ich den Segen erst am Ende hinzufügen und nicht im Voraus schicken! Das ist der zweite, wohl zu beachtende Punkt! Alles andere aber kann tagtäglich nachgelesen werden. Unterdessen würde aber jedem zu raten sein, „Die Fliege“, den „Großglockner“ und den ganzen „Saturn“ nachzulesen; denn es gibt da gar viele Punkte, die beim ersten, einzelstrahligen Lesen gar unbedachtsam flüchtig verschluckt worden sind, daher sie bei den wenigen Lesern auch mehr die Neugierde des Verstandes als den wahren, lebendigen Liebehunger nach Meiner Liebe geweckt haben im Geiste!
HIM|2|420808B|11|0|Solches alles ist wohl zu beachten, sonst tue Ich, wie Ich gesagt habe. Wer wird Mich dann zwingen und wer nötigen und betreiben können?!
HIM|2|420808B|12|0|Nr. 3: Gebe es dem gutherzigen J. D., der da auch ist ein Bruder zu dir und ein Freund des Ans. H.-W., liebekund, dass er auch teilnehmen möge derzeit an diesem Meinem Liebelichtmahl. Und Ich werde ihm geben ein fröhliches Herz und werde ihn umgestalten zum ewigen Leben, so dass er hinfort keinen Tod mehr sehen, schmecken und fühlen solle.
HIM|2|420808B|13|0|Denn Ich habe sein Herz angesehen und habe darinnen Biederkeit und Rechtschaffenheit gefunden. Und so soll er nun auch hinzubekommen Mein lebendiges Liebelicht und soll essen an eurer Tafel Mein lebendiges Brot im Wort des Lebens, welches da ist Meine Liebe!
HIM|2|420808B|14|0|Er möge es ja tun, so viel er kann und wann er kann! Es soll alles hochgesegnet sein, was er aufnehmen wird!
HIM|2|420808B|15|0|Glaube es Mir, jetzt sage Ich es dir: Ich habe zu diesem Mann eine große und wohlgenährte Liebe. Darum auch will Ich ihm von jetzt an zeigen, wie lieb er Mir ist!
HIM|2|420808B|16|0|Du fragst Mich, warum erst von jetzt an und warum nicht schon eher? Und Ich sage dir: Aus Liebe! Denn vor den Kleinen bin Ich zurückhaltend, damit sie nicht erschrecken vor Mir, wenn Ich sie berufe. So Ich aber den rechten Zeitpunkt sehe, dann rufe Ich sie auch, und sie hören Meine Stimme und verstehen Mich, Meinem Ruf folgend. Daher habe Ich auch jetzt erst diesen Meinen Mann berufen, damit er nehmen solle des Segens Fülle für sein Herz aus Meiner liebesanften Vaterhand.
HIM|2|420808B|17|0|Solches mitzuteilen hast du auch nicht zu unterlassen! Mein lieber Ans. H.-W. aber wird solches tun und wird diesem Freund täglich die Haustür offen halten, wie er es bis jetzt getan hat. Und Mein Segen wird für ihn nicht unterm Wege verbleiben. Amen. Verstehet es alle!
HIM|2|420815|1|1|Vom Geist der Wahrheit (Teil 1) – 15. August 1842
HIM|2|420815|1|0|Wenn du denn schon durchaus heute etwas schreiben willst, so schreibe aus dem Johannes, 16. Kapitel, 8. bis 15. Vers; schlage es dir aber auf und siehe, wie es allda lautet:
HIM|2|420815|2|0|„Und wenn derselbige kommt, wird er die Welt strafen um die Sünde und um die Gerechtigkeit und um das Gericht. Um die Sünde, dass sie nicht glauben an Mich; um die Gerechtigkeit aber, dass Ich zum Vater gehe und ihr Mich hinfort nicht seht; um das Gericht, dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist. Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten. Denn Er wird nicht von Sich Selbst reden, sondern was Er hören wird von Mir, das wird Er reden, und was zukünftig ist, wird Er euch verkündigen. Derselbe wird Mich verklären; denn von dem Meinen wird Er es nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, ist Mein. Darum habe Ich zu euch gesagt: Von dem Meinen wird Er es nehmen und euch verkündigen.“
HIM|2|420815|3|0|Solches gebe Ich durch dich dem Ans. H.-W. vorderhand unenthüllt, wie auch den anderen, so sie es annehmen wollen. Wer aber annimmt, der soll in sich die wahre, innere Bedeutung dieser freilich wohl etwas schweren Texte suchen und wohl beachten die unterstrichenen Worte.
HIM|2|420815|4|0|Wer es aber annehmen wird, dem will Ich auch ein kleines Lichtlein in sein Herz geben, darum er dann viel Wunderbares entdecken wird in dieser kleinen Aufgabe.
HIM|2|420815|5|0|Nachträglich aber will Ich sie dann auch dir völlig gelöst geben. Solches also möge wohl geschehen! Das sage Ich, Jesus. Amen.
HIM|2|420829|1|1|Vom Geist der Wahrheit (Teil 2) – 29. August 1842
HIM|2|420829|0|0|Gemäß der Voraussage vom 15. August 1842 empfing der Knecht Jakob Lorber zu Joh. Kap. 16,8-15 nachstehende Erklärung über den „Geist der Wahrheit“.
HIM|2|420829|1|0|Wenn der geeinte Geist der Liebe und aller Weisheit und Wahrheit aus ihr kommen wird aus der Höhe in der Menschen Herzen, so wird dadurch zugrunde gehen die Sünde – da die Welt wird überführt werden, dass der Sohn und der Vater vollkommen eins sind, also nur ein wesenhafter Gott aller unendlichen Macht und Kraft und aller Heiligkeit, Liebe und Gewalt vorhanden ist und somit auch ein einiger Herr einer unwandelbaren Ordnung, in der da alle Welt besteht und auch schon gerichtet ist in aller ihrer Herrschaft. Denn nur das wahrhaft Freie ist auch in und bei Mir frei, alles andere aber ist gerichtet und könnte nicht bestehen ohne das Gericht.
HIM|2|420829|2|0|Denn unter dem „Fürsten der Welt“ wird ja verstanden alle wie frei wirkende Macht der Welt. Dessen ungeachtet aber befindet sie sich dennoch in Meiner alleinigen Macht, und es kann ohne Meine Zulassung kein Sonnenstäubchen von der Stelle bewegt werden.
HIM|2|420829|3|0|Da aber „strafen“ so viel heißt, als jemanden werktätig überzeugen, was da ist der Ordnung und was wider dieselbe, so werden ja die Ungläubigen dadurch werktätig ihrer Nacht überführt werden, wenn sie aus den Werken derjenigen, die in Meiner Gerechtigkeit und Ordnung sind, ersehen werden, dass der Sohn und der Vater eins sind und der Sohn aus dem Vater hervorgegangen ist, wie da hervorgeht ein Licht aus hellodernder Flamme.
HIM|2|420829|4|0|Wie aber da Flamme, Licht und Wärme eines sind, also ist auch Vater, Sohn und Geist eines!
HIM|2|420829|5|0|Die Wärme aber, welche hervorgeht aus dem Licht, wie dieses aus der Flamme, ist der Geist, der da an und für sich nichts ist, sondern nur die Einung des Vaters mit dem Sohn und somit alles belebt.
HIM|2|420829|6|0|Daher heißt es auch: „Ich hätte euch noch viel zu sagen, allein ihr würdet es jetzt noch nicht ertragen können. Wenn aber der Heilige Geist kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten.“ – Wer da solches noch nicht versteht, der lasse nur z. B. die Sonne im Winter reden, und er wird in naturmäßiger Hinsicht ganz dasselbe sinnbildlich wahrnehmen. Denn spricht die Sonne im Winter nicht also zu einem Teil der Erde: „Siehe, mein Licht hat aus deinem Boden noch gar viel zu entwickeln, allein in diesem deinem dermaligen Zustand bist du einer solchen Entwicklung gar nicht fähig. Wenn aber mit dem Licht auch die Wärme kommen wird – das ist die tatkräftige Liebe – so wird diese all die zahllosen Formen aus deinem Boden ziehen (oder dich in alle Wahrheit leiten).“
HIM|2|420829|7|0|Wird aber die Wärme des Lichtes etwa neue Formen dem Boden entlocken? O nein, sondern die alten Formen der ewigen Ordnung wird sie entfalten! Also wird auch der Geist nicht von sich selbst reden, sondern Dessen Worte nur, da er ausgeht.
HIM|2|420829|8|0|Wie aber durch die Wärme in den entfalteten Formen das Licht der Sonne verklärt und verherrlicht wird, da es in seinen Urformen sich wieder wie verjüngt erschaut, also wird auch der Geist den Sohn, der da eins ist mit dem Vater, in euch verklären. Denn er wird aus sich nicht sich selbst in euch hervorrufen, sondern Den nur, aus Dem er hervorgeht von Ewigkeit. Darum ist auch gesagt: „Vom Meinen wird er’s nehmen und euch verkündigen!“ – d. h.: Meinen Samen wird er in euch zum Wachstum bringen, und ihr werdet dann in euch Meine Herrlichkeit schauen!
HIM|2|420829|9|0|Solches also besagen diese Texte. Beachtet sie sehr wohl! Denn in ihnen liegt das Wesen der vollen Wiedergeburt. Versteht sie daher wohl im Geiste werktätig! Amen.
HIM|2|420910|1|1|Erklärung zum „Saturn“ – 10. September 1842
HIM|2|420910|0|0|Herr, Du allerliebevollster, heiligster Vater! Lasse nicht unerhört die Bitte eines armen Knechtes! Wie Du mich armen Sünder noch allzeit erhört hast, so ich Dich um etwas gebeten habe, also wirst Du mich ja auch diesmal treulichst erhören! Denn Du allein bist getreu in allen Deinen Verheißungen, da Du sie allzeit erfüllst so gewiss, wie da folgt der Tag auf die Nacht. So denn baue ich auf Deine Güte, Liebe, Barmherzigkeit und Gnade und bitte Dich darum, dass Du mir kundgeben möchtest, wie da zu nehmen ist der kleine Widerspruch in Hinsicht auf die Bewohnbarkeit der Ebenen im Planeten Saturnus, den Du mir allergnädigst enthüllt hast. O Herr, Du mein allerliebster Vater Jesus, lasse nicht unerhört diese meine armselige Bitte und nicht unbeantwortet diese Frage! Doch Dein heiliger Wille geschehe allzeit! Amen.
HIM|2|420910|1|0|Was soll es da mit dem „Widerspruch“? Ich Selbst habe dich ja darauf aufmerksam gemacht! Denn du hast beim Diktieren fürs Erste bei drei Nebenwörtlein überhört und hast es überhören müssen zufolge der Anschauung und – weil Ich es also gewollt habe.
HIM|2|420910|2|0|Warum aber habe Ich solches gewollt? Damit euer Geist einen neuen kleinen Stoß bekommen solle und darum emsiger und lebendiger suchen solle in dem, was Ich also lebendigst gebe aus Meiner Liebgnade; und solle Meine Gabe nicht betrachten als eine Alltagskomödie.
HIM|2|420910|3|0|Fürs Zweite aber ist da ein kleiner Widerspruch entstanden, weil du bei Meiner Vorsprache zufolge einiger vorgefallener äußerer Störungen einen Umstand nachzutragen vergessen hast, da Ich doch laut genug bei der letzten Bewohnbarkeitsanzeige beigesetzt habe und sagte: „Und zwar besonders einiger Kontinentländer, und zwar deren südlichere Teile.“
HIM|2|420910|4|0|Aber du fragst, warum Ich dich denn nicht sogleich darauf habe aufmerksam machen wollen? Siehe, Meine Schule ist eine andere als die der Menschen auf der Welt! Ich lasse daher solches oft geflissentlich zu und lege, wo es immer nur sein kann, den „verworfenen Eckstein“ auf alle Meine Wege, damit daran die Welt ihr Gericht finden solle. So aber dann jemand zu Mir kommt und bittet Mich um die Wegräumung des Ecksteines, so will Ich solches ja auch tun. Aber nur hüte sich da ein jeder vor Bemerkungen!
HIM|2|420910|5|0|Wohl dem, der korrigiert nach Meiner Angabe! Denn der wird das Licht überkommen. Wer aber Mir wollte die Zulassung solch kleiner Widersprüche zum Vorwurf machen, der soll mit dem Unglauben bestraft werden!
HIM|2|420910|6|0|Was immer da geschieht, hat seinen weisen und liebevollsten Grund. Daher soll dir auch an Meinem Urteil mehr als an dem der Welt gelegen sein! Was Ich gebe, das gebe Ich nicht der Welt zu einem Vorteil, sondern nur zum gerichtlichen Anstoß!
HIM|2|420910|7|0|Daher tue, was Ich dir sage; und bedenke nie, was dereinst die Welt dazu sagen möchte! Denn Meine Gabe soll nicht vom Verstand, sondern vom Herzen in den Geist lebendig aufgenommen sein. Allda wird sich die rechte Ordnung schon vorfinden! Versteht solches wohl und beachtet es! Amen.
HIM|2|421013|1|1|Zum Geburtstag – 13. Oktober 1942
HIM|2|421013|1|0|Schreibe für heute etwas an den A. H.-W., das da ihm dienen solle zur Erkenntnis, dass der Vater im Himmel es gar wohl weiß, wann und an welchem Tag ein Mensch dem Fleischleib nach zur Welt geboren worden ist.
HIM|2|421013|2|0|Höre, Mein lieber A. H.-W.! Es ist wahrlich nichts Geringes, wenn ein Mensch aus dem Mutterleib zur Welt geboren worden ist. Denn was dazu gehört, bis eine Menschenseele aus allen Stufen reif wird zur Ausgeburt in die Welt, glaube es Mir, ist fürwahr mehr als du in Ewigkeiten zu fassen imstande sein wirst! Dass die Werdung eines Menschen für Mich Selbst keine solche Kleinigkeit ist, wie sich einige philosophische Toren träumen lassen, beweisen ja alle die Taten und alle die Vorschöpfungen, welches alles allein nur für den Menschen bewerkstelligt und gemacht wurde!
HIM|2|421013|3|0|Demnach aber ist es denn ja auch billig und gerecht, dass selbst der leibliche Geburtstag für jeden Menschen ein wichtiger Tag sein muss, da er kein zufälliger, sondern ein schon von Ewigkeit her wohlberechneter Tag ist. Warum und wie aber ein solcher Tag ein von Ewigkeiten her wohlberechneter ist – soll sogleich gezeigt sein! Und also höre denn:
HIM|2|421013|4|0|In dem endlos tiefen Zeiten- und Ewigkeiten-Raum wurden nach der Zahl 3 und 7 in der endlosesten Zahlenfülle Geister, Mir ähnlich, von Mir aus ins freie Dasein hervorgerufen. Eine Unzahl hat sich durch den Missbrauch ihrer Freiheit von Mir getrennt; aber auch eine Unzahl hat sich mit Mir auf ewig vereinigt. Was sollte denn mit der getrennten Unzahl werden? Sollte sie für ewig zugrunde gehen oder sollte sie, nur Mir allein möglicherweise, zurückgeführt werden?
HIM|2|421013|5|0|Siehe, das war selbst für Mich, den Allmächtigen und allerhöchst endlos weisen Schöpfer, keine so geringe Frage! Denn lasse Ich sie zugrunde gehen, so ist auch in Mir der Tod zu Hause. Führe Ich sie aber zurück, dann ist die unantastbare Heiligkeit Meiner urewigsten Ordnung gefährdet. Was war und ist sonach hier zu tun?
HIM|2|421013|6|0|Siehe, die Löse dieser großen Fragen liegt jetzt noch vor deinen Augen, und gar viele Ewigkeiten werden damit nicht fertig werden!
HIM|2|421013|7|0|Worin aber bestand diese, besteht sie jetzt noch und wird sie ewig bestehen? Die Liebe, als das alleinige Leben in Gott, musste sich gewisserart trennen, die getrennte Unzahl der Geister ergreifen, sie binden mit ihrer Macht und aus ihnen gestalten zahllose Weltenmassen aller endlosen Arten nach der Beschaffenheit der Geister, die darin eingefangen wurden.
HIM|2|421013|8|0|Als nun die Welten von den Urzentralsonnen abwärts ausgebildet waren, da auch erst wurde jedes Welten-Atom genau auf den tausendsten Teil einer Sekunde berechnet, wann es solle gelöst werden. Und war die große Rechnung einmal bestimmt, da erst begannen die organischen Schöpfungen auf den Weltkörpern durch alle Stufen in der allerhöchsten, weisesten, wohlberechneten Ordnung. Und hernach kam endlich erst der Mensch, als ein vollkommenstes Aufnahme-Organ aller ihm vorangegangenen endlosen Stufen und als ein vollkommener Wiedervereinigungspunkt des einst aus Mir gegangenen Lebens!
HIM|2|421013|9|0|Damit es aber bei dieser Neugestaltung der alten Wesen an der Seite Gottes gegen Ihn Selbst keine Widerordnung gebe, musste Gott Sich gewisserart durch Meine Menschwerdung Selbst neu gestalten, hernach bauen einen neuen Himmel und endlich machen, dass da alles neu werde, gleich Ihm!
HIM|2|421013|10|0|Nun siehe, solches alles steckt hinter einem einzigen Geburtstag!
HIM|2|421013|11|0|Beachte daher wohl, was er in sich birgt, damit dir dadurch bald ein neuer großer Geburtstag werde im Geiste!
HIM|2|421013|12|0|Nimm somit diese Enthüllung als einen Glückwunsch zu diesem deinem Geburtstag im Herzen von Mir, deinem liebevollsten Vater, auf, so wirst du an jedem deiner Geburtstage hier wie jenseits eine große Freude habe. Denn auch jenseits erscheinen in entsprechender Form dergleichen Tage glanzvoller denn die anderen, für den, den sie betreffen! Nehme damit aber auch Meinen vollen Vatersegen hin und verharre in Meiner Liebe ewig! Amen.
HIM|2|421030|1|1|Widersprüche in offenbarten Schriften – 30. Oktober 1842 [Die natürliche Sonne 1864]
HIM|2|421030|0|0|O Du mein geliebtester Herr und heiligster Vater in Jesu! Ich armer, allerwertlosester Sünder und träger, unachtsamer Knecht bitte Dich aus dem innersten Grunde meines Herzens, dass Du mir wieder aus einer Verlegenheit helfen möchtest! Siehe, wie es Dir bekannt ist und allzeit war, so hat sich in dem Diktat über die Sonne ein kleiner Zahlenwiderspruch vorgefunden, und das beim letzten Planeten, von dem da anfangs in der Einleitung gesagt ist, als habe er nur drei Monde. Jetzt in der speziellen Behandlung dieses Weltkörpers aber wird gesagt, dass er zehn Monde habe! Wie soll solches genommen werden? Hier bin ich, Herr und Vater, vor Dir und bekenne es aus meinem innersten Grunde, dass mich selbst solcher Zahlenzwist noch nie beirrt hat. Denn ich weiß es nur zu gut und zu bestimmt, dass sich in Dir am Ende alles löst und zur schönsten Harmonie ausgleicht. Aber nicht so steht es mit jemand anderem, den Du, o Herr und Vater, gar wohl kennst! Dieser hat seinem Verstand mittelst eines demütigen und Dir ergebenen Glaubens die Schulspitzen noch nicht genug stumpf gemacht, und es genügt ein ausgelassenes Wörtchen schon, um seinen Glauben wanken zu machen und mich armen Knecht des Truges zu verdächtigen! Also dieses Mannes wegen gebe, o Herr, mir eine Vorlöse des vorliegenden Zahlenwiderspruches. Oder führe mich von da sicher hinweg, wo ich beständig in Gefahr bin, des Truges in Deinem Namen verdächtigt zu werden und gebe diese Gnade irgendwo jemand anderem; mich aber belass in Deiner alleinigen Liebe und Erbarmung! Denn ich bin also nicht sicher vor den Schlingen der Welt. Daher helfe mir entweder auf die eine oder auf die andere Art. Bin ich für dies heilige Amt Deiner großen Gnade zu schwach, da stärke mich entweder in allem oder setze irgendjemand anderen an diese meine Stelle! Denn wahrlich, sie ist mir schon zu einer großen Last geworden, da sie ist ein wahrhaftiges, großes und schweres Kreuz! Aber wie allezeit, so geschehe auch diesmal Dein heiliger Wille! Amen.
HIM|2|421030|1|0|Also schreibe denn, du Sohn Adams, der du noch Feuer vom Himmel rufst, wenn du irgend bemängelt wirst, darum du aus altem Grunde ein wahrer Jakob bist!
HIM|2|421030|2|0|Sehe Mich an, was alles haben die Menschen schon aus Mir gemacht! Wie oft wurde Ich ein Betrüger, ein Volksaufwiegler, ein israelitischer Faulenzer, Vagabund, Sonderling, Narr, ein Zauberer, ja sogar ein Diener Beelzebubs genannt!? Ja selbst in dieser Zeit geht es Mir auf der Erde um kein Haar besser. Man verhöhnt, verlacht und verspottet Mich allerorts. Oder man leugnet Mich ganz und vernichtet dadurch auch sicher bis aufs letzte Häkchen Mein Wort und somit auch alle Meine Gnade und Erbarmung. Wo Mir aber allenfalls noch zum Schein gedient wird, da brauche Ich dir es nicht näher zu bezeichnen, wie ein solcher Dienst an und für sich zuallermeist bestellt ist. Denn solches kennst du wohl schon zum meisten Teil!
HIM|2|421030|3|0|Und siehe, dennoch lasse Ich nicht Schwefel und Feuer vom Himmel regnen! Also sei auch du sanft und bescheiden und sei allzeit voll Liebe, Sanftmut und Geduld gegen deine Brüder und Schwestern, so wirst du mehr ausrichten mit ihnen als durch Schwefel und Feuer vom Himmel!
HIM|2|421030|4|0|Wenn der A. H. W. hier und da so manches beanstandet, so müssen wir ihm darum nicht gram werden. Er tut es ja nicht, um dich zu verdächtigen, sondern nur des Lichtes wegen. Darum also, Mein Jakobus, noch kein Feuer vom Himmel, darum auch ist es noch nicht nötig, dass du Mir deshalb das Amt der Gnade zurückgeben willst. Sondern fahre du nur fort! Es wird das rechte Licht über einen jeden äußerlich scheinenden Widerspruch schon zur rechten Zeit und am rechten Ort vorkommen.
HIM|2|421030|5|0|„Denn so jenes, das Erste, untadelhaft gewesen wäre, würde nicht Raum zu einem anderen gesucht!“ (Hebr. 8,7) Solches sollst du wohl verstehen und beachten, warum das Alte Testament getadelt wird, und wird ihm gesetzt ein Neues! Siehe also auch hier. Drei Körner werden ins Erdreich gesetzt und bringen zehnfältige Frucht. Warum nicht dreifältige? Warum müssen die drei gesetzten Körner in der Erde zuvor vertadelt werden, ja warum zugrunde gehen, um den neuen zehn Kindern freies Emporwachsen zu gewähren?
HIM|2|421030|6|0|Bei euch widersprechen sich drei und zehn wohl eurer Härte willen, aber nicht also ist es bei Mir. Denn in Meinem Reich sind tausend wie eins, und eins gleich einer Zahl des unendlich vielen!
HIM|2|421030|7|0|Daher warte du auch nur geduldig ab und traue es Mir zu, dass Ich im Ernst allerhöchst weise bin. So wird sich am rechten Platz wohl zeigen, warum da im ersten Testament drei, und im jetzigen, gleichsam neuen, zehn Monde stehen!
HIM|2|421030|8|0|Damit du Mir aber nicht wieder in ein unnötiges Feuer gerätst, so sage Ich dir im Voraus, dass da in der Veroffenbarung der Sonne noch ein paar Beschaffenheitswidersprüche vorkommen und sogar noch ein paar vorkommen werden. Wenn aber die Sonne wird vollendet sein, so werden sich alle Widersprüche lösen!
HIM|2|421030|9|0|Daher sollst du nicht feurig und der A. H. W. nicht ängstlich werden! Denn was du empfängst, ist Meine Sache. Und Ich werde schon in allem Sorge zu tragen wissen, dass sie wird, wie sie sein soll. Du aber tust hinreichend, so du erfüllst Meinen Willen!
HIM|2|421030|10|0|Mit dem Verstand aber bleibe ein jeder hübsch ferne von Meiner Gabe! Sonst gleicht er dem Samen, der da aus der Hand des Sämanns fiel unter Dornen und Disteln. Denn im Verstand ist die Wohnung von allerlei Sorgen. Wer demnach Mein Wort mit seinem Verstand statt mit seinem Herzen bemisst, der wird schwerlich je die Früchte aus Meinem Samen ernten.
HIM|2|421030|11|0|Beim Matthäus kommen zwei Weiber zum Grab; ein Erdbeben geschieht, ein Engel erscheint, wälzt den Stein vom Grab, setzt sich darauf und gibt den zwei Weibern Bescheid von Mir.
HIM|2|421030|12|0|Beim Markus kommen drei Weiber, kümmern sich des Steines wegen; dieser wird durch eine unsichtbare Macht hinweggetan, und sie gehen dann ins Grab, finden da einen Jüngling mit einem weißen Hemd zur Rechten sitzen, welcher sie tröstet und ihnen über Mich Auskunft gibt.
HIM|2|421030|13|0|Beim Lukas kommen mehrere ungenannte Weiber, mit Spezereien sogar, und finden den Stein schon abgewälzt, gehen sogleich ins Grab hinein, finden da noch niemanden; nach einer Weile, da sie sich schon gekümmert hatten, treten zu ihnen zwei Männer in glänzenden Kleidern und geben ihnen Auskunft über Mich.
HIM|2|421030|14|0|Beim Johannes kommt nur ein Weib, die Magdalena nämlich, findet das Grab offen, aber niemanden darin. Darum läuft sie zu Petrus, und der Petrus mit den anderen Jüngern kommen eiligst zum Grab und finden außer den zusammengelegten Leintüchern nichts, gehen sodann wieder nach Hause, und hierauf erst guckt die weinende Magdalena ins Grab und erblickt zum Kopf und zu den Füßen zwei Engel in weißen Kleidern, die bloß nur fragen: „Weib, was weinst du?“ — Und nach Beantwortung dieser Frage bin auch Ich schon hinter ihr!
HIM|2|421030|15|0|Wer da äußerlich, rein weltgeschichtlich nach seinem Verstand urteilt, was muss er bei diesen vier sehr verschiedenen Angaben wohl notwendig finden, so er erst spitzkritisch zu Werke gehen will?
HIM|2|421030|16|0|Ich sage dir: Entweder den Tod seines Verstandes oder den Tod seines Glaubens! Den Tod seines Verstandes, so er da ein göttliches Geheimnis ahnt und stellt solches Meiner Weisheit und Allmacht anheim. Den Tod des Glaubens aber, so er spricht: „So das Faktum authentisch wäre, da müssten über dasselbe nicht nur vier, sondern hundert Geschichtszeichner in der Zahl, in der Art, in den Worten und überhaupt in allem völlig übereinstimmen. Von den vier Zeichnern aber sagt jeder etwas ganz anderes! Der welche hat recht? Keiner! Und somit glaube ich auch nichts!“
HIM|2|421030|17|0|Siehe, es soll aber weder der Verstand noch der Glaube getötet werden. Wie aber kann solches geschehen? Ich sage dir: Allein durch Liebe, Demut, Sanftmut und Geduld!
HIM|2|421030|18|0|Wenn diese vier eins werden im Menschen, da wird auch des lebendigen Lichtes in größter Menge werden im Herzen, in welchem sich alle Widersprüche lösen werden!
HIM|2|421030|19|0|Beachtet das, so werdet auch ihr ins Reine und Klare kommen! So ihr aber mit eurem Verstand wollt Meine Schatzgräber sein, wahrlich, ihr sollt nichts denn Unrat finden!
HIM|2|421030|20|0|Denn Meine Gaben sind nur fürs Herz, nicht aber etwa vorerst für den Verstand bemessen! Wer da aber will sein Herz durch den Verstand treiben, der sei versichert, dass er es nur tötet. Denn schwächer ist wohl keine Liebe als die des Verstandes!
HIM|2|421030|21|0|Wer aber das Leben überkommen will, der liebe und glaube sanft und geduldig, und fordere von Mir nicht wie von einem schlechten Sachwalter eine unzeitige Rechenschaft! Denn wahre Kinder lieben den Vater und hadern nicht mit Ihm!
HIM|2|421030|22|0|Solches versteht wohl! Amen.
HIM|2|421104A|1|1|Wahre, lebendige Wissenschaft – 4. November 1842
HIM|2|421104A|1|0|Also schreibe nur, was du schreiben möchtest! Schreibe, dass Ich dem A. H.-W. sagen lasse, dass da des Leibes Geburtstag so manches besagt, was der Mensch in seinem Weltleben nicht erfassen kann, solange er nicht völlig ins geistige Leben übergegangen ist.
HIM|2|421104A|2|0|Sollte Ich es hier etwa völlig kundgeben? Das würde wenig nützen. Denn alle äußere Wissenschaft belebt den Geist des Menschen so wenig, wie da die äußere Luft die Organe der Lunge belebt, so sie nicht eingeatmet wird, oder wie wenig das alleinige Anschauen von allerlei Speisen einen hungrigen Magen sättigt.
HIM|2|421104A|3|0|Wer demnach wahrhaft geistig gesättigt werden will, der muss die Speisen werktätig in sich aufnehmen, damit durch die stets rege innere Tätigkeit der Geist sich übe, dadurch kräftige, stärke, dann durch diese beständige Tätigkeit sich erwärme, erhitze und endlich erbrenne. Wenn solches geschehen ist, dann hat auch der Mensch die wahre, lebendige Wissenschaft überkommen, durch welche er in alle Weisheit geleitet werden kann.
HIM|2|421104A|4|0|Dass unter dem „Erhitzen“ und „Erbrennen“ die Liebe zu Mir, und unter dem „Erwärmen“ aber die Liebe zum Nächsten verstanden wird, braucht kaum erwähnt zu werden. Es steht aber ja schon im Wort: „So du den Nächsten, den Bruder, nicht lieben kannst, den du siehst, wie willst du dann Gott lieben, den du nicht siehst?“ – Heißt das nicht ebenso viel, als so Ich sagen möchte: Wenn da ein Ding, zum Brennen tauglich, nicht erwärmt ist, wird es ohne die nötigst vorhergehende Erwärmung erhitzt werden? – und wie ohne Erwärmung und Erhitzung dann erst erbrennen zum Licht des inneren Lebens und daraus zur inneren, lebendigen Wissenschaft und daraus hervorgehenden Weisheit?
HIM|2|421104A|5|0|Man wird sagen: Das Pulver entzündet sich doch sicher ohne vorhergehende Erwärmung und Erhitzung, und der Blitz zuckt aus kalter Luft und eisiger Wolke hervor! – O ja, sage Ich, aber es ist mit dem Licht des entzündeten Pulvers wie mit dem Blitz eben nicht viel geholfen, da keins für die Dauer taugt, und zudem noch diese beiden Schnelligkeitsentzündungen allezeit verheerend und zerstörend sind. Was immer plötzlich geschieht oder entsteht, vergeht gewöhnlich wieder so, wie es entstand, und lässt sicher nichts als nur die arge Wirkung zurück, wo nicht für bleibend den Tod. Daher gehört zum wahren, wohltätigen Erbrennen die gerechte Erwärmung und Erhitzung zum Voraus, ohne die es nie zu einer inneren Erbrennung und dadurch zum wahren, bleibenden Licht kommen kann.
HIM|2|421104A|6|0|Werde daher auch du, Mein lieber A. H.-W., vollends warm und erhitzt, so wirst du die heilige Wirkung des inneren Erbrennens bald gewahren. Aber das „Welt-Eis“, was da sind die weltlichen Sorgen, musst du aus dir schaffen, sonst wird es mit dem Erwärmen und Erhitzen nicht gut vorwärts gehen. Denn glaube es Mir: Weltsorgen, welcher Art sie auch sein mögen, und Weltschätze sind pur Eis für den Geist. Und des Verstandes Wissen allein ist des Geistes Knechtschaft und Sklaverei!
HIM|2|421104A|7|0|Werde aber gleich dem Kaufmann, der alle seine Schätze für eine echte und schwere Perle hintan gab, so wirst du am Glanz dieser Perle das heilige Morgenrot des ewigen Lebens in dir erschauen. Glaube es Mir, dass es also ist! Denn Ich, dein heiliger Vater, gebe dir ja solches kund für deine Geburtstunde aus Meinem Munde. Amen.
HIM|2|421104B|1|1|Himmlische Zinszahlung – 4. November 1842
HIM|2|421104B|1|0|Dieses gebe Meinem lieben K. G. L., denn es ist ja doch pflichtgemäß, dass die Zinsparteien dem Hausherrn zur rechten Zeit ihre Zimmermiete entrichten. Und so will denn auch Ich desgleichen tun.
HIM|2|421104B|2|0|Schreibe daher, wie folgt:
HIM|2|421104B|3|0|Höre, Mein lieber K. G. L.! Du weißt es, dass Ich dir einmal sagte: Ich will bei dir so ein wenig „mit Sack und Pack“ Mich einquartieren! – Siehe, Ich habe auch Mein Wort gehalten, was du sicher wahrgenommen hast durch so manche, dich äußerlich betrübende Erscheinungen, welche aber dennoch für deinen Geist von für dich unberechenbarem Nutzen waren!
HIM|2|421104B|4|0|Da Ich also sicher bei dir gewohnt habe, noch wohne und noch länger bei dir zu wohnen und dein Haus zu hüten treulichst gedenke, so ist es ja auch für Mich, als manchmal etwas lästige Wohnpartie, nicht mehr als recht und billig, dir als dem Hausherrn zur rechten Zeit den Haus- und Wohnzins zu entrichten.
HIM|2|421104B|5|0|Siehe, hier bin Ich ja schon mit einer guten „Lebensversicherungsbanknote“ in der Hand! Nehme sie nur auf in deine innere hauswirtschaftliche Kasse, und du wirst es mit der Zeit erfahren, wie wunderbar sich dieses seltene himmlische Staatspapier von selbst hundertfältig verzinst!
HIM|2|421104B|6|0|Es steht auf dieser Banknote zwar nichts anderes darauf als bloß nur, mit gut leserlicher Schrift geschrieben, das einfache Wort: Liebe. – Aber du kannst versichert sein, dass dieses Staatspapier in Meinem Reich als die allein gangbare Münze kursiert, ohne welche in diesem Meinem Reich durchaus niemand bestehen kann. Mit dieser Banknote aber im Herzen und in der Hand kommst du leichtlichst durch Mein ganzes Reich und endloses Himmelsland!
HIM|2|421104B|7|0|Liebe also gebe Ich dir, Mein lieber K. G. L., Meine Liebe als das alleinige Pfand des ewigen Lebens in Mir! Lege sie in die gute „Kasse“ deines Herzens und du wirst dich ehestens überzeugen, dass dieses Mein „Staatspapier“ nie einem fallenden, sondern einem ewig ins Unendliche steigenden Kurs unterliegt.
HIM|2|421104B|8|0|Der Liebe ist die ganze Ewigkeit und alle Unendlichkeit zinspflichtig! Daher sind auch ihre ewigen „Lebensprozente“ unendlich.
HIM|2|421104B|9|0|Hast du demnach Meine Liebe, so hast du alles und brauchst dich um nichts mehr zu sorgen. Denn diese Meine Liebe sorgt schon in Sich ewig für alles und hat schon für alles gesorgt.
HIM|2|421104B|10|0|Du wirst nicht sagen können: O Vater! Gib mir daher diese Deine Liebe! – Denn Ich gebe sie dir ja eben jetzt als „Mietzins“. Nehme sie hin und gebrauche sie allzeit eifrigst! Denn du wirst ihrer nicht leichtlich mehr loswerden. Je mehr du sie aber gebrauchen wirst, desto größer und wertvoller wird sie auch, und ihr Wert wird ewig steigend lebendigst bestehen.
HIM|2|421104B|11|0|Für diese Bezahlung aber musst du dir schon auch gefallen lassen, dass Ich noch länger bei dir wohnen werde. Und so es Mir nun stets mehr und mehr noch in deinem Haus gefallen wird, so musst du dir es mit der Zeit schon auch gefallen lassen, dass Ich dein Haus Mir gänzlich zu eigen machen werde durch einen guten Kaufschilling, damit du dann mit Paulo wirst sagen können: Nun lebe nicht mehr Ich, sondern Christus lebt in Mir!
HIM|2|421104B|12|0|Nehme also solches liebreich an aus Meiner Hand, als das teuerste Lebenspfand zu deinem Tag! Denn Ich gebe es dir für ewig. Amen.
HIM|2|421111|1|1|Behandlung eines Halsstarrigen – 11. November 1842
HIM|2|421111|1|0|Schreibe nur, Ich weiß schon, was du hast!
HIM|2|421111|2|0|Mein lieber Andr. H.-W.! Siehe, wie es dir mit deinem dummen alten Onkel geht, also geht es Mir ums Tausendfache ärger noch mit Millionen Menschen, die da nun Meine Geduld schon auf den äußersten Punkt treiben! Aber noch habe Ich die Sonne nicht ausgelöscht und die Wolken von der Erde nicht hinweggerückt, damit diese dann wasserlos werde und sich sofort entzünde an allen Punkten.
HIM|2|421111|3|0|Solange du Mich aber noch also geduldig erblickst, so lange auch lasse du dich deine Geduld nicht gereuen! Lasse dem alten Narren seinen unbeugsamen Willen, denn lange wird es mit ihm ja ohnehin nicht währen. Jenseits aber wird sich für ihn schon ein Platz finden, auf dem seine Halsstarrigkeit wie Wachs geschmolzen wird!
HIM|2|421111|4|0|Gebe ihm, was du ihm bis jetzt gegeben hast. Und du magst auch für die Winterszeit ihm allenfalls ein paar Klafter Holz irgend anweisen – oder ihm monatlich noch einen guten Gulden hinzufügen, so ihm das lieber ist als das Holz; und er möge sich damit dann selbst mit Holz versehen!
HIM|2|421111|5|0|Wenn es ihm recht arg gehen wird, so wird er dir wohl kommen. Und ist er aber da noch immer eigensinnig, so bist du ohne Schuld, und wenn der alte Narr in seinem Zimmer zu Eis erfrieren oder gänzlich verhungern sollte! Denn wahrlich, dieser Mensch ärgert auch Mich!
HIM|2|421111|6|0|So du und der Anselm es aber wollt, da könnt ihr ihn einmal zu euch bestellen, ihm eine vollernste Vorstellung über seinen Eigensinn machen und ihm zeigen, welche Folgen das dereinst mit ihm haben dürfte, so er stets in seinem Eigensinn beharren wird.
HIM|2|421111|7|0|Siehe, der Alte ist noch voll Hochmutes! Darum ist er also unbeugsam! Dass ihm aber diese Eigenschaft jenseits nicht viel Glück bringen wird, brauche Ich dir nicht noch näher darzutun! Und so sind Demütigungen für ihn eine viel größere Wohltat, als so du ihn jede Woche möchtest mit hundert Gulden beschenken.
HIM|2|421111|8|0|Wenn er kein Brot hat, und es hungert ihn, da gebe ihm Brot! Für den Durst aber gibt es eine Menge reiner Wasserquellen, die ihm besser behagen werden als Bier, Wein und besonders der verfluchte Branntwein!
HIM|2|421111|9|0|Solches kannst du tun, und das ist genug! Mit Geld aber sollst du ihn nur, wie gesagt, sparsam unterstützen! Macht er dabei Schulden, so magst du sie berichtigen, so du willst, aber nur dann, wenn ein armer Gläubiger von ihm übervorteilt worden ist. Sonst aber sollst du niemanden auch nur einen Heller erstatten. Denn dadurch wird der Alte nur noch beherzter, zu sündigen auf deinen Beutel.
HIM|2|421111|10|0|Redet er darob schmählich über dich, glaube es Mir, es wird dir darob kein Haar gekrümmt werden. Denn Ich werde dich schon zu rechtfertigen wissen! Also magst du tun und um alles Übrige dich nicht im Geringsten kümmern! Denn Ich kenne ja und sehe, was du tust. Also sei fürder ruhig! Amen.
HIM|2|421116|1|1|Triumph und Fall der Kirche – 16. November 1842
HIM|2|421116|1|0|Siehe, ein anderes Land hat auch ein anderes Band. Aber Brudersinn und reines Christentum ist überall verbannt. Der Unterschied liegt nur im Mehr oder Weniger. Dass aber im Verlaufe von zwei Jahren bei euch im Lande dem Licht die stärksten Fesseln angelegt werden, das könnt ihr mit großer Sicherheit annehmen. Denn der „Drache“ hat schon mehrere „Häupter und Hörner“ über den Erdboden gehoben!
HIM|2|421116|2|0|Bald werdet ihr es erleben, dass man das Toleranz-Patent nebst allen staatskirchlichen Gesetzen nach Rom zur Zensur schicken wird, aus lauter Nächstenliebe und aus reinstem – Christensinne! Was da gestrichen wird, braucht keiner weiteren Erörterung! Das aber wird der sogenannte „Triumph der Kirche“ sein – und bald darauf aber auch ihr Ende!
HIM|2|421116|3|0|Solches aber muss auch geschehen. Denn käme der Drache nicht zum Steigen, so wäre auch sein endlicher Fall nicht möglich. Er wird zwar steigen, aber mit Fesseln angetan, und wird daher nur, wo es ihm zugelassen wird, verheerend wirken.
HIM|2|421116|4|0|Eure Lande werden ihn verkosten. Wann er mächtig wird, wird er nicht schonen der Großen und der Kleinen! Es muss aber das Volk ja von oben bis unten noch einmal auf das Empfindlichste gewitzigt und gezüchtigt werden, da es Mich allzeit verabschiedet hat, so oft Ich es freundlichst heimgesucht habe!
HIM|2|421116|5|0|Es soll einmal den wahren Segen Roms verkosten, da ihm der Meine nicht munden wollte! In seinem Blut soll es empfinden den Unterschied zwischen Meinem Evangelium und dem der großen Babelstadt! Wann solches der Fall sein wird und jeder die Zeiten des Engelkaisers Joseph und ein reines Evangelium mit den Waffen in der Hand laut wieder herbeirufen wird – dann auch wird es erst an der Zeit sein, eine höhere Hilfe und Blitze vom Himmel zu senden.
HIM|2|421116|6|0|So aber ein Volk, durch so viele bittere Erfahrungen zu öfteren Malen geweckt, noch immer schlafen kann im tiefsten Schlamm aller möglichen Hurerei, sagt, wodurch allein kann es geweckt werden? Ich sage: Durch nichts als durch einen allerderbsten Knallstoß!
HIM|2|421116|7|0|Dieser aber wird soeben vor- und zubereitet. Amen.
HIM|2|421119|1|1|Häusliche Seelenpflege – Ein Wort zum Namenstag – 19. November 1842
HIM|2|421119|0|0|O Du lieber guter Vater, der Du heilig bist, überheilig! Wäre es Dir denn nicht wohlgefällig, mir ein kleines Wörtlein nur für die Gemahlin des Ans. H.-W. zu geben? Sie hat sich sicher schon lange darauf gefreut und wird sich heute vielleicht umso mehr freuen, da sie gewiss etwas erwartet am Tag ihres Namens! Wie Du meine Bitte um etwas in Deinem allerheiligsten Namen noch allzeit erhört hast, also hoffe ich auch diesmal mit Zuversicht, dass Du, o heiliger Vater, mich erhören wirst. Doch wie allezeit, also geschehe auch diesmal Dein allerheiligster Wille! Amen.
HIM|2|421119|1|0|Was willst du denn für ein Wörtlein, ein süßes, ein feines, ein artiges, ein französisches; oder ein sanftes, ein weiches, ein schmeichelndes, ein lebendes; oder eine Liebeserklärung, eine Bestellung, eine Botschaft, eine Wahrheit, einen Wünschelbrief? Siehe, das sind lauter Wörtlein! Erkläre dich daher bestimmter, was du willst! Denn Ich sehe in deinem Geist keine Bestimmtheit.
HIM|2|421119|2|0|Was soll Ich dir denn geben, wenn du dich nicht aussprichst in dir, was du möchtest? Wer kein Brot hat, der bitte ums Brot, und er wird es überkommen. Wer ein Weib möchte, der bitte um ein Weib, und es soll ihm werden. Wer die Weisheit will, der bitte um die Weisheit, und sie soll ihm werden. Und um was da jemand bittet, volltrauend, ganz bestimmten Herzens, es solle ihm werden, so es nicht törichter oder unordentlicher Art ist.
HIM|2|421119|3|0|So du aber um ein unbestimmtes Wörtlein bittest, was soll Ich dir da für eines geben? Du sagst: Es wird jegliches das Beste sein, was Ich dir nur immer gebe! – Das ist wahr – aber das Beste ist nicht immer angenehm zu hören. Also ist auch von Mir aus ein Tadel besser als eine einschläfernde Tröstung. Und doch will jeder lieber eine süße Tröstung als einen etwas herberen Tadel vernehmen! Daher erkläre dich nun bestimmter, was du willst, sonst gebe Ich dir nichts!
HIM|2|421119|4|0|Nun gut, du willst beides! So will Ich dir auch beides geben. Und so sage denn in Meinem Namen dem Weib des Ans. H.-W., dass Ich ihr sagen lasse an ihrem Tag:
HIM|2|421119|5|0|Geistige Beschäftigungen, als etwa Betrachtungen über Meine Liebeführungen der Menschen und über Meine väterliche Fürsorge, sind besser und bei weitem viel mehr wert als eine ununterbrochene häusliche Zwirnindustrie!
HIM|2|421119|6|0|Aus dem Grunde wäre es Mir auch lieber, wenn sich Meine liebe Elise H. manchmal vornehmen möchte, ihre Töchter auch ebenso emsig anzuhalten, für Mich ein Paar geistige Socken und Strümpfe, Hemden, Chemisetten, Kleider und dergleichen zu verfertigen – wie sie dieselben manchmal recht strenge anhält, ein materielles Kleid oder sonst etwas dergleichen zu verfertigen!
HIM|2|421119|7|0|Siehe, Meine liebe Tochter, Ich will dir damit keinen Vorwurf machen. Es ist besser, zu arbeiten, als zu faulenzen. Aber solches ist auch wahr, dass es wieder dagegen um vieles besser ist, mehr für den Geist zu tun, als für den Leib.
HIM|2|421119|8|0|Denn wer für den Geist arbeitet, der wird auch für den Geist ernten, der da ewig leben wird. Wer aber mehr für den Leib arbeitet, der wird einst in großer geistiger Armut stecken. Denn jenseits wird jedermann nur das haben, was er sich hier geistig erworben hat, und nicht mehr und nicht weniger.
HIM|2|421119|9|0|Daher sei auch du, Meine liebe Tochter, für dich wie auch für deine Töchter künftig zuerst und mehr besorgt für das, was sie an einem Tag hindurch mehr für den Geist als den Leib gearbeitet haben, so wirst du dir und deinen Töchtern Reichtümer sammeln für die Ewigkeit!
HIM|2|421119|10|0|Siehe, nur kurz und vorübergehend ist aller Weltgewinn und schlecht und bitter noch obendrauf. So du aber für Mich in deinem und deiner Töchter Herzen arbeitest nach deiner Fähigkeit, so wirst du dereinst sogar für Kleines einen überaus großen und ewig bleibenden Lohn haben! Solches sage Ich dir heute und allezeit. Nimm es treu in deinem Herzen auf und lebe darnach, so werde Ich stets eine große Freude haben an dir und den Deinen! Ich, dein lieber, guter Vater! Amen.
HIM|2|421122|1|1|Die geistige Sonne – 22. November 1842 [Die geistige Sonne 1870]
HIM|2|421122|0|0|Als eine Fortsetzung der am 21. November 1842 abgeschlossenen Mitteilungen über die naturmäßige Sonne empfing Jakob Lorber vom 22. November 1842 bis zum 16. Dezember 1843, ebenfalls fast täglich, Eröffnungen über die geistige Sonne, d. h. über die den naturmäßigen Sonnenkörper durchdringenden und umgebenden geistigen Sphären. Als Schreiber des durch Jakob Lorber ergehenden Wortes diente auch hier stets Anselm Hüttenbrenner. Nachstehende Worte bilden den Eingang der großen Enthüllung.
HIM|2|421122|1|0|Bevor wir uns in die eigentliche geistige Sonne begeben können, müssen wir doch sicher zuvor wissen, wo diese ist, wie sie mit der naturmäßigen Sonne zusammenhängt und wie beschaffen sie ist.
HIM|2|421122|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Die geistige Sonne“.
HIM|2|421130|1|1|Einem angefochtenen Ehemann – 30. November 1842
HIM|2|421130|1|0|Dies Wörtlein gebe Meinem lieben Freund A. H.-Willig!
HIM|2|421130|2|0|Am Tag, an dem du den Namen deines Leibes und deiner Seele feierst, will auch Ich deiner gedenken und will dir eine Nebengabe bieten. Nehme sie an, auf dass du genesest am Leib und an deiner Seele! Denn diese zwei Teile an dir sind ein wenig krank. Im Leib haftet etwas zu viel von der Galle, und deine Seele ist zu gedrückt, fürs Erste von dem etwas kränklichen Leib, und fürs Zweite von den allerlei unbedeutenden weltlichamtlichen Sorgen.
HIM|2|421130|3|0|Diese letzteren merkst du zwar wenig, weil du dich ihrer angewohnt hast. Aber sie hören darum nicht auf, das zu sein, was sie sind. Sie sind eine Last der Seele und verhalten sich zu ihr gerade also, wie ein schwerer Lastwagen zu einem Pferd, welches schon jahrelang solchen Wagen gezogen hat. Es fühlt freilich wohl nicht mehr die Last desselben, da es wie eine fühllose Maschine denselben zieht. Aber kannst du darum behaupten und sagen: Der Wagen sei dem Tier keine Last mehr, weil es dieselbe nicht mehr zu empfinden vermag?
HIM|2|421130|4|0|Setzen wir aber den Fall, ein solches Pferd möchte im Gespann vor dem Wagen kränklich werden an irgendeinem Leibesteil. Meinst du wohl, dass es im Zuge davon wird geheilt werden können, weil es die Last des Wagens nicht fühlt? Siehe, solches wissen die Fuhrleute gar wohl. Darum spannen sie es aus und gönnen demselben auf eine Zeit Ruhe und gute Pflege. Das Tier wird darauf wieder gesund, frisch und heiter. Und so es dann wieder an seinen lang gewohnten Wagen gespannt wird, da zieht es denselben wieder also leicht fort, als hätte es nur einen Federflaum zu ziehen!
HIM|2|421130|5|0|Du wirst zwar dieses Bild nicht völlig fassen; doch so Ich dir es nur ein wenig beleuchten werde, dann wird es dir klar sein, was Ich damit sagen will.
HIM|2|421130|6|0|Du meinst nun, dass Ich damit sagen will, du sollst etwa dein staatliches Amt auf eine Zeit lang aus deinen Händen legen? O nein, das meine Ich nicht! Denn darinnen sind deiner Seele Sorgen nicht begraben. Aber in deiner weltlichen Häuslichkeit liegen sie!
HIM|2|421130|7|0|Du hast Not mit Meiner Sache bei den überaus weltlichen Weltanverwandten, da ihnen die Welt alles, Ich aber gänzlich der Niemand bin!
HIM|2|421130|8|0|Allein mache dir daraus lediglich nichts! Denn fürs Erste können sie dir kein Haar auf dem Haupt krümmen. Und fürs Zweite habe Ich sie schon lange vorgemerkt und weiß, was Ich mit ihnen tun will. Denn wahrlich, sie werden Meiner sie stark versuchenden Falle nicht entrinnen! Es sagt aber ja schon ein altes Sprichwort unter euch: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“ – Siehe, also wird es auch allda gehen.
HIM|2|421130|9|0|Ich sage dir aber: Mache frei dein Gemüt! Lass die Esel plärren! Wende deine Ohren von ihnen ab und erheitere dich bloß nur an Mir! Tue denen womöglich Gutes, die dich missachten, und segne die, welche dich heimlich, wie fluchend, verachten!
HIM|2|421130|10|0|Da werden die glühenden Kohlen über ihren Häuptern nicht unterm Wege verbleiben, und du wirst eine große Linderung über dein Herz bekommen! Übergebe diesem großtörichten Weib deine Töchter und opfere sie Mir zuvor auf, dann werde schon Ich ganz heimlicherweise das Ruder wenden. Und geht es dann, wie es geht, dann denke, Ich vermag ja noch eine Hure durch einen Blick zu Mir zu kehren, also werde Ich auch da den Weg nicht verfehlen.
HIM|2|421130|11|0|Übrigens sei ein Herr deines Weibes! Belasse ihr weltlich Tun und Treiben; ihre Zunge aber wende in Meiner Sache allzeit gebietend und männlich kräftig von dir weg! Wenn sie nicht schweigt, so gehe ihr aus der Zunge und zeige ihr, dass du nicht im Geringsten an ihrem Geld hängest, wohl aber sie an deiner getreuen Verwaltung desselben.
HIM|2|421130|12|0|Ist die damit nicht zufrieden, dann lege ganz sorglos ihren ganzen Kram völlig in ihre Hände und Sperre, auf dass sie damit mache, was sie will! Solches jedoch kannst du als äußerstes Mittel betrachten!
HIM|2|421130|13|0|Wirft sie dir deine Geringschätzung gegen sie vor, dann frage sie – höchst ernstlich aber! – welches Achtungsgewicht sie von ihrer Seite aufzuweisen hat in all den dir zugefügten Kränkungen? Dann aber höre sie ja nicht weiter an, sondern gehe ihr geschwind aus der Zunge!
HIM|2|421130|14|0|Wenn sich ein Sturm erhebt am Meer und kommt ein vorüberziehender Gegensturm, da wird Ruhe auf dem Meer. Siehe, also verhält es sich auch mit den „häuslichen Windsbräuten“. Freilich wohl muss ein solcher Gegensturm aus einem zornlosen Herzen kommen, sonst kann er mehr Schaden anrichten denn ein früherer Vorsturm!
HIM|2|421130|15|0|Mein Knecht aber muss baldmöglichst aus dem Welthaus deines Weibes mit Sack und Pack ziehen, so wird dadurch deinem Weib der Mund über die Hälfte verstopft werden! „Mit Sack und Pack“ aber besagt, dass er in deines Weibes Haus gar nicht mehr aus und ein gehen soll. Unterstütze ihn nach seinem kärglichen Bedarf etwa mit zwanzig und fünf Gulden – ganz geheim aber, dass davon niemand außer dir, deinem Bruder und dem Knecht etwas erfährt, so wirst du bald Ruhe haben.
HIM|2|421130|16|0|Mache dir aber aus allem nichts und sei völlig heiteren Mutes, esse und trinke nach deiner Lust und deinem Bedürfnis, mache in Gesellschaft deines Bruders und etwa des Knechtes wöchentlich, nach deiner Zeit, Ausflüge über das mehr unschuldige Land; unterhaltet euch von Mir, und Ich werde mit euch sein und werde euch jeden Atemzug segnen zu eurer dreifachen Gesundheit!
HIM|2|421130|17|0|Und also wirst auch du, Mein lieber A. H.-Willig, ruhiger Seele, heiteren Geistes und freien Herzens dich gar ehestens der besten leiblichen Gesundheit zu erfreuen haben! Siehe, Ich sage dir, es ist das Ganze nichts als eine leere Spiegelfechterei Meines Feindes. Es wird aber der lose Spiegel gar bald durchstoßen sein, und dann wird es wohl auch mit solcher „Fechterei“ ein Ende haben!
HIM|2|421130|18|0|Wo lebt aber ein Mensch oder ein Volk auf der Erde, der oder das da Meinetwegen nicht ein wenig durchgehetzt worden wäre?! Wohl aber dem, der da ist aus Liebe zu Mir ein getreuer Kämpfer für Mein Reich, wahrlich, sein Lohn wird auch unermesslich groß sein! Denn fürs Erste wird er den Tod auf der Erde nimmer schmecken in seinem Geiste. Was aber dann erst in Meinem Vaterhaus seiner harrt, dafür hat die ganze Unendlichkeit zu wenig Ohr, um es gebührend vernehmen zu können!
HIM|2|421130|19|0|Also sei heiter und fröhlich, denn auch dein Kreuz ist eine Gabe von Mir, deinem ewig guten und heiligen Vater!
HIM|2|421130|20|0|Vertraue dich Mir in allem! Und gehe es da in deiner Familie, wie es gehe, so denke, der große Steuermann ist dem Ruder nicht ferne!
HIM|2|421130|21|0|Nehme somit hin Meinen Segen für allezeit und ewig! Amen.
HIM|2|430101|1|1|Der Herr als „prüfende Braut“ – 1. Januar 1843
HIM|2|430101|1|0|„Sucht, so sollt ihr finden, bittet, so wird man euch geben, und klopft an, so wird euch aufgetan!“ – Oder: „Betet ohne Unterlass“ – d. h. habt eure Herzen beständig bei Mir, und das vollkommen, nicht aber stets zur Hälfte auch bei der Welt, so werdet ihr gar bald und leicht finden, was ihr sucht, ebenso leicht und bald empfangen, um was ihr bittet, und die Pforten des Lebens werden euch ohne weiteren Verzug aufgetan werden.
HIM|2|430101|2|0|So aber jemand also beschaffen ist, dass er nur sucht in der „Mauer“, die da angestopft ist voll von heidnischen Schnitz- und Pinselwerken, und bittet vor Statuen und betet vor dem gebackenen Brot und klopft an die Steine, wahrlich, der wird wenig finden, noch weniger empfangen, und die Steine werden sich nicht an sein Klopfen kehren!
HIM|2|430101|3|0|So aber da jemand sagen möchte: „Herr, ich habe schon eine geraume Zeit gesucht, gebeten und geklopft, und es hat sich dennoch nichts Eigentliches finden lassen, noch habe ich etwas Bestimmtes erhalten, noch hat sich vor mir etwas aufgetan!“ – dem sage Ich: Freund, was sprichst du?! Höre und siehe, Ich will dir gute Bilder zeigen, und diese sollen Mich rechtfertigen bei dir, auf dass du dich nicht grämst über Meinen Verzug!
HIM|2|430101|4|0|Siehe, es hatte ein Bräutigam eine reiche und überaus schöne Braut. Die Braut aber war überaus klug und sprach bei sich selbst: „Ich weiß, was ich tun will, damit es sich zeige, ob mein Bräutigam es völlig ernstlich mit mir meine. Ich werde verreisen und er soll nicht erfahren wohin. So ich aber verreise, da will ich es also anstellen, dass ich es nur tue zum Schein und verbleibe in Wirklichkeit dennoch in der Nähe des Bräutigams, damit mir nichts entgehe und ich es genau merke, wie sein Herz beschaffen ist.“
HIM|2|430101|5|0|Da aber die Braut verreist, da sagt der Bräutigam bei sich: „Siehe, meine Braut ist verreist und hat mir die Treue meines Herzens heilig anempfohlen und hat mich auch versichert, sie werde in aller Kürze wiederkommen. Allein statt ihr Wort zu halten, schreibt sie nur einen Brief um den anderen, ermahnt mich stets zur Treue und will selbst doch nicht kommen. Was soll das? Sie vertröstet mich immer und sagt: ‚Ich komme, ich komme morgen‘ – und siehe, sie kommt nicht! Was kann sie wohl haben, darum sie also stets verzieht?“
HIM|2|430101|6|0|Die nahe Braut aber, verkleidet als ein Diener beim Bräutigam, spricht zum Bräutigam: „Mein Herr, erlaube dem Diener ein Wort mit dir zu sprechen, denn ich weiß es genau, was deine Braut verziehen macht. Siehe, deine Braut, welche dir näher steht als du es ahnst, erfährt stets und stets, dass du auch mit einer Hure reizenden Fleisches eine Sache hast und teilst dein Herz zwischen der Braut und der Hure. Und solches ist der Grund, warum deine Braut verreist ist und nun also verzieht. Lasse ab von der Hure, und deine Braut wird nimmer verziehen!“
HIM|2|430101|7|0|Seht das Bild und betrachtet es genau in euch, und ihr werdet es überleicht erraten, dass hier ihr die Bräutigame und Ich die Braut bin. Die Hure aber ist die Welt!
HIM|2|430101|8|0|Ich sage euch aber: Die Braut ist verkleidet unter euch und beobachtet alle eure Schritte und Tritte des Herzens und spricht nun auch zu euch allen: „Lasst völlig ab von der Hure, und die Braut wird nicht mehr verziehen für jene, die sich völlig zu ihr gekehrt haben!“
HIM|2|430101|9|0|Also sucht, bittet und klopft, so wird euch die Braut werden! Sucht, bittet und klopft „aber im Geiste und in der Wahrheit, und nicht in der Mauer und im Schnitz- und Bilderwerk und im gebackenen Brot“, sondern, wie gesagt, im Geiste und in der Wahrheit in eurem Herzen, so werdet ihr es finden, erhalten, und die Braut wird auftun die Tür zu ihrem Gemach!
HIM|2|430101|10|0|Dieses sei euch allen beschieden in diesem neuen Jahr! Amen. Das sagt die Braut! Amen.
HIM|2|430115|1|1|Die törichte und die kluge Jungfrau – 15. Januar 1843
HIM|2|430115|1|0|Schreibe nur, schreibe! Das Bild ist recht, aber die Worte sind noch weltlich und die Anwendung ist schief und somit nicht in allem Gefüge und in jeder Steigerung vom Körperlichen ins Geistige probehältig. Wir wollen aber die Sache also geben, dass sie allen Sphären durchaus entspricht. Und so schreibe das Bild in ein rechtes Gleichnis!
HIM|2|430115|2|0|Wer da auf Meinen Wegen wandelt, der kommt zum Licht. Ja, wer auf Meinen Wegen einhergeht, der wandelt schon im Licht und wandelt schon lebendige Stege. Und Ich bin das Ziel der Wanderschaft auf dem lichten Weg des Lebens.
HIM|2|430115|3|0|Wer aber wandelt die Wege der Welt und ihrer Klugheit, der wandelt in der Nacht. Die Nacht aber ist der Tod, und der Tod ist das Ziel der Wanderschaft in der Nacht.
HIM|2|430115|4|0|Wer mit Mir wandelt, der wandelt recht und wird sein Leben erhalten, und wenn er es auch verlöre tausend Male. Wer aber ohne Mich sucht sein Leben im Dickicht der Weltnacht zu erhalten, der wird es verlieren, und so er es auch besäße tausendfach!
HIM|2|430115|5|0|„Es werden aber zu der Zeit zwei auf dem Feld sein. Der eine wird aufgenommen und der andere im Gericht belassen werden. Und zwei werden in der Mühle mahlen. Der eine wird aufgenommen und der andere gerichtet werden.“ – Also kannst du ohne Mich nichts tun zur Erhaltung deines Lebens. Mit Mir aber bist du ein Allgewaltiger gegen den Tod.
HIM|2|430115|6|0|Seht dafür ein Gleichnis an! Wer Ohren hat, der höre, und ein offenes Auge wende er nicht von Meinem Munde ab!
HIM|2|430115|7|0|Es geschah, dass da in einem Flecken zwei leiblich verwandte Jungfrauen lebten. Die eine war reich an Weltschätzen und die andere daran arm. Doch hatten sie Gemeinschaft untereinander und lebten unter einem Dach. Denn die Reiche war unklug, und es war ihr darum die Klugheit der Armen nötig.
HIM|2|430115|8|0|Solange es friedlich ging im Lande, da ging es wohl an, und sie kamen wohl fort miteinander. Da aber das Land heimgesucht wurde mit Krieg, seines Weltreichtums wegen, da kam auch eine starke Probe über die zwei Jungfrauen.
HIM|2|430115|9|0|Als sich das Kriegsheer dem Flecken nahte, da übermannte die Reiche eine große Angst, dass sie darob ganz verwirrt wurde. Als sie sich aber ein wenig der ersten Angstbetäubung entsann, da raffte sie sobald alle ihre Kostbarkeiten zusammen und vergaß der goldenen Leuchter und Lampen nicht; aber des Brotes und Öles gedachte sie nicht. Damit floh sie in eine Gebirgsschlucht und verkroch sich daselbst in eine finstere Höhle.
HIM|2|430115|10|0|Die Arme aber dachte bei sich: Was soll ich also eilen?! Meine ganze Habe ist ja nur die meines Lebens. Um dieses zu erhalten, brauche ich aber nichts als Brot und, um mich in einer Höhle des nahen schützenden Gebirges zurechtzufinden, ein Licht. Diese nahm daher eine rechte Menge Brotes und nahm eine gute Lampe mit Öl gefüllt und vergaß nicht eines rechten Feuerzeuges.
HIM|2|430115|11|0|Da die Arme aber wusste, wohin ihre Freundin floh, so ging sie ihr nach, um ihr auch da mit ihrer Klugheit zu dienen. Als sie aber zur Höhle kam und gar gute Spuren fand, welche ihr ein sicheres Zeichen waren, dass ihre Freundin sich hier verborgen hatte, da rief sie alsobald dieselbe und suchte sie allerorts mit der brennenden Lampe. Allein nichts war mehr von der reichen Freundin zu entdecken!
HIM|2|430115|12|0|Da dachte sich die Arme wieder: Was will ich denn nun tun? Meine Freundin hat sich vor mir verkrochen. Ich habe Brot und Licht und vorrätiges Öl, also will ich hier verharren, bis zu der Zeit, da das Heer vorüber ist, und dann wieder in meine Wohnung ziehen, will da dann die Nachbarn rufen, und sie werden mir helfen, die Freundin aufzusuchen!
HIM|2|430115|13|0|Nach etlichen Tagen zog das Kriegsheer ab, und die Arme tat, wie sie es bei sich beschlossen hatte. Und siehe, es kamen die Nachbarn mit Fackeln und durchsuchten die Höhle, fanden auch gar bald die Reiche, aber diese – war tot. Denn sie hatte verhungern und ersticken müssen in der Modernacht der Höhle ihres Bergwinkels.
HIM|2|430115|14|0|Die Arme aber überkam sonach alle Schätze der Reichen, „wucherte“ mit denselben und ward bald die Reichste im Lande!
HIM|2|430115|15|0|Wer also das Leben der Welt sucht, der wird es verlieren und wird umkommen unter der großen Bürde desselben. Wer es aber gering achtet und sucht vielmehr das Leben der Seele zu erhalten, durch das lebendige Brot und durch das gerechte Licht, der ist ein Kluger und geschickt zum Himmelreich.
HIM|2|430115|16|0|Sucht daher vor allem das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; alles andere wird euch dann von selbst hinzukommen! Wer mag wohl zweien Herren dienen, die untereinander Feinde sind? Dient daher einem Herrn in der Liebe und Wahrheit!
HIM|2|430115|17|0|Wer so auf dem Feld seine Arbeit tut für den rechten Herrn, den wird der Herr auch erkennen und wird ihn aufnehmen. Wer aber dieselbe Arbeit tut auf dem Feld der Liebe und in der Mühle der Wahrheit, jedoch aus Eigennutz, der wird vom Herrn auch sicher nicht aufgenommen werden.
HIM|2|430115|18|0|Wandelt sonach im Licht und tut, was des Herrn ist, nämlich Seinen Willen, so werdet ihr nicht ersticken und verhungern in der „Höhle der Selbstsucht“. Und der Gewinn, der euch aus dem Tode der Welt wird, wird groß sein, und ihr werdet die Schätze mit keinem Maße bemessen können. Solches versteht und beachtet es geistig und leiblich! Amen.
HIM|2|430116|1|1|Wo bleibt Gott? – 16. Januar 1843
HIM|2|430116|0|0|Nachstehendes sprach Jakob Lorber heute beim Abschied von seiner Mutter zu ihr als ein ihm plötzlich in den Sinn gekommenes Gleichnis zu ihrem Trost, da dieselbe sich mancher bitterer Erfahrungen wegen beklagte.
HIM|2|430116|1|0|Es war ein Mann, den die vielen traurigen Ereignisse auf dieser Welt glauben machten, Gott kümmere Sich nicht viel um die Menschen und sehe ganz ruhig zu, wie die Schwachen von den Mächtigen unterdrückt und die Armen von den Reichen übervorteilt würden.
HIM|2|430116|2|0|Da sandte Gott zu diesem Mann, der ein tugendhaftes Leben führte, einen Engel. Dieser sprach zu ihm: „Du sollst die unbegreiflichen Wege Gottes kennenlernen, folge mir!“
HIM|2|430116|3|0|Da führte der Engel den Mann in einen Palast zu einem sehr reichen Herrn. Diesem schenkte der Engel eine große Geldsumme und viele Edelsteine. Während dieser Beschenkung meldete sich ein Dürftiger beim Reichen. Diesen Armen tötete der Engel. Darauf führte dieser den Mann in ein Dorf zu einer fast morschen Hütte, wo eine zahlreiche, überaus arme Familie wohnte. Diese Hütte steckte der Engel in Brand, und die armen Bewohner retteten nichts als ihr Leben.
HIM|2|430116|4|0|Als der Mann all dieses sah, sprach er zum Engel: „Du bist kein Bote Gottes, sondern ein Bote des Teufels! Du häufst Ungerechtigkeit über Ungerechtigkeit!“
HIM|2|430116|5|0|Der Engel sprach: „Höre, und du sollst bald anders urteilen! Siehe, der Reiche, den ich beschenkte, war stolz und geizig. Als ich aber seinen Reichtum so bedeutend erhöhte, fing er an zu prassen und verschwendete alles, dass er endlich ein Bettler wurde und anfing, sich zu demütigen. Der Bettler, den ich tötete, war auf gutem Wege, er hätte aber noch am selben Tag eine große Erbschaft gemacht, dadurch wäre er hochmütig geworden, hätte ausschweifend gelebt und wäre von Gott gänzlich abgefallen. Die arme Familie, deren Hütte ich in Brand steckte, wurde zuvor im Dorf fast gar nicht berücksichtigt. Das Brandunglück aber erregte nahe und ferne großes Mitleid, und die arme Familie wurde von allen Seiten reichlich beschenkt.“
HIM|2|430202|1|1|Die besten Trostworte der Schrift – 2. Februar 1843
HIM|2|430202|0|0|O Herr, Du allerbester, gnädigster, liebevollster Vater! Welche Stellen in der Heiligen Schrift bieten einem reuigen Sünder vor Dir den sichersten und größten Trost? O solches möchte ich, als ein großer Sünder vor Dir, wohl erfahren, auf dass ich stets mehr und mehr in der Liebe zu Dir, o heiliger Vater, zunehmen möchte, darum ich stets mehr und mehr erschauete Deine große Güte, Liebe, Gnade und Erbarmung! Wenn es Dein heiliger Wille wäre, da möchtest Du mir armem Sünder ja solches wohl anzeigen!
HIM|2|430202|1|0|Dir ist auch am Trost mehr gelegen als an einer Demütigung! Aber es ist die Erde schon also bestellt, dass auf ihrem Boden gar wenig reine Engel fortkommen. Und so bleibt mir freilich nichts andres übrig, als zu trösten da, wo Ich Selbst Mich gedemütigt habe.
HIM|2|430202|2|0|Siehe, die Schwachen stärke Ich mit sicherem Trost. Die Stärkeren aber demütige Ich, damit sie schwach werden – für Meinen lebendig stärkenden Trost. Denn der Trost ist ja schon eine Gnade des ewigen Lebens aus Mir!
HIM|2|430202|3|0|Auf dass du und jeder aber die allertröstendsten Stellen aus der Heiligen Schrift wissest, so will Ich sie dir denn kundgeben. Und so höre denn:
HIM|2|430202|4|0|Im Propheten Jesaia, Kapitel 54, vom 1.-17. Vers, ganz besonders vom 6.-10. Vers, steht namentlich für dich und vom 6.-10. Vers auch für jeden anderen Sünder der größte Trost.
HIM|2|430202|5|0|Im Neuen Testament aber beachte die Stelle, allda Ich gesagt habe: „Kommt alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch alle erquicken.“ – Ich meine, einen größeren Trost kann es für einen reuigen Sünder doch wohl nicht mehr geben. Beachte also diesen und du wirst des Trostes für alle Ewigkeiten in der hinreichendsten Menge haben!
HIM|2|430202|6|0|Glaube, dass es also ist! Ich bin ein guter Hirte, suche das verlorene Schaf und bereite dem verlorenen Sohn ein großes Gastmahl, dass sich darüber die „Gerechten“ ärgern – wenn er nur wieder zu Mir kommt. Und möge er noch so zerlumpt und zerrissen sein, das soll bei Mir keines Unterschiedes sein – wenn er, wie gesagt, nur wieder zurückkehrt!
HIM|2|430202|7|0|Solches also verstehe, und du musst ja dadurch einen ewigen Trost haben. Denn bei Mir ist es wahrlich, wahrlich ewig also und wird es ewig bleiben. Amen.
HIM|2|430213|1|1|Das Vaterunser in mehrfacher Ausdeutung – 13. Februar 1843
HIM|2|430213|1|0|Das ist ein guter Gedanke, denn er ist von oben! Also will Ich denn auch ein rechtes Licht hinzufügen. Wenn aber der A. H.-W. Mir mehr zutraute, so hätte er auch das rechte Licht samt dem Gedanken empfangen.
HIM|2|430213|2|0|Also magst du ja schreiben und aus Mir geben, was zu nehmen aus Mir der A. H.-W. noch nicht den rechten Traumut besitzt. Und so schreibe denn:
HIM|2|430213|0|0|Das Vaterunser bezogen auf „Liebe“
HIM|2|430213|3|0|„Unser Vater.“ – Da der Vater in Sich Selbst die alleinige, ewig unendliche Liebe ist, welche das Grundleben in sich und somit auch das Leben aller Geschöpfe und vorzugsweise der Menschen ist, so wird „unser Vater“ wohl ja auch so viel besagen als: unsere Liebe, oder: unser Leben!
HIM|2|430213|4|0|„Der Du bist im Himmel!“ – Da aber der „Himmel“ an und für sich nichts anderes ist als das Leben des Vaters in Sich Selbst, welches ist die werktätige Liebe oder das lebendige Wort Gottes im Menschen, so wird „der Du bist im Himmel“ so viel heißen als: der Du, Ewige Liebe, wohnst in Deiner Liebe, aus der alles hervorgegangen ist!
HIM|2|430213|5|0|„Geheiligt werde Dein Name!“ – Was solches besagt, das ist wohl überleicht zu erklären! Welchen Namen hat denn die Ewige Liebe? Den alleinigen, ewigen, der da heißt „Vater“. Wenn aber die Liebe und der Vater eins sind und „heiligen“ nichts anderes besagt als: mit der eigenen Liebe werktätig lieben den Vater, so wird „geheiligt werde Dein Name“ nichts anderes heißen als: geliebt werde Du, Vater, als die Ewige Liebe von uns Menschen, deinen Kindern, werktätig, d. h. lebendig, allzeit und ewig ohne Unterlass!
HIM|2|430213|6|0|„Dein Reich komme!“ – Was ist das Reich Gottes? Es ist das, was da ist der „Himmel“! Da aber der „Himmel“ besagt das Wesenhafte der Liebe, weil das Werktätige, somit auch das eigentlich Lebendige der Liebe, welches sich in der Tätigkeit ausspricht, so wird ja „Dein Reich komme“ ebenso viel besagen als: Vater, oder: Du Ewige Liebe, komme zu uns, oder: werde unsere alleinige Tatkraft oder all unser Leben!
HIM|2|430213|7|0|„Dein Wille geschehe wie im Himmel so auch auf Erden!“ – Was diese fünfte Bitte betrifft, so ist sie ganz eigentlich nur eine Bekräftigung der vierten. Denn was ist der Wille der Liebe? Er ist eigentlich die werktätige Liebe selbst. „Im Himmel“ heißt denn so viel als: in sich selbst wesenhaft, oder: in der eigenen, sich selbst gleichen Werktätigkeits-Sphäre. Demnach wird diese Bitte ja für den Geist auch also lauten können: Vater! oder: Liebe! Deine werktätige Liebe werde in unserem Leben (welches verstanden wird unter der „Erde“) oder in unserer Liebe ebenso wesenhaft werktätig, wie Du in Dir Selbst wesenhaft werktätig bist! Denn „in Dir Selbst“ besagt ebenso viel als: „im Himmel“ oder: in Deiner werktätigen Liebe, oder: in Deinem Leben, oder: in Dir als Vater – was alles schon aus dem Obigen zu ersehen ist.
HIM|2|430213|8|0|„Unser tägliches Brot gib uns heute!“ – Diese Bitte ist wieder nichts anderes als nur noch eine größere Bekräftigung der vorhergehenden. Denn unter „Brot“ wird verstanden das Zueigenmachen der werktätigen Liebe. Unter „täglich“ das völlige Zueigenmachen. Sonach kann diese Bitte ja auch heißen: Gib uns, die wir aus Deiner Liebe sind, Deine werktätige Liebe völlig zu eigen, oder: mache unsere Liebe völlig zu der Deinigen, werde völlig unser Vater und mache uns völlig zu Deinen Kindern, oder: lass uns völlig eins sein mit Dir, d. h. sättige uns mit Dir Selbst und lass uns Deine Sättigung sein!
HIM|2|430213|9|0|„Und vergib uns unsere Schulden!“ – Diese Bitte drückt nichts anderes aus als wieder ein lebendigeres Verlangen nach dem Obigen. Denn sie besagt, dass der Vater die eigene (Selbst-)Liebe des Menschen ganz hinwegräumen solle, die da vorderhand das sonderheitlich jedem Menschen zu eigen gegebene Leben ist – und solle dafür ganz Seine Liebe im Menschen werktätig werden lassen. Also könnte der Geist auch sagen: Vater, nimm mir die Welt und schaffe in mir den Himmel!
HIM|2|430213|10|0|„Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ – Dieser Satz bezeigt das werktätige Maß, in welchem die obige Bitte im Menschen erfüllt werden soll – und könnte geistig also heißen: Vater! Lass nur in dem Maße Deine werktätige Liebe uns zu eigen werden, in welchem Maße wir durch Deine Liebe in uns die Welt oder den Tod aus uns hinausschaffen! – oder: Vater! Wiedergebäre uns nach Deiner Liebe, wie diese Deine Liebe in uns mächtiger wird und wir mit ihr uns selbst geräumiger machen zur völligen Aufnahme Deines Reiches, des Himmels oder Deiner werktätigen Liebe oder Deines Lebens!
HIM|2|430213|11|0|„Und führe uns nicht in Versuchung!“ – Auch diese Bitte ist an und für sich wieder nichts anderes als eine noch kräftigere Versicherung des Früheren. Denn das „Führe uns nicht in Versuchung“ besagt nichts anderes als: Belasse uns ja nicht in unserer Eigen- und Weltliebe, oder: lass uns nicht tätig sein ohne Deine werktätige Liebe in uns, oder: ohne den Himmel in uns! Also – halte unsere Liebe nicht außerhalb der alleinigen Deinigen!
HIM|2|430213|12|0|„Sondern erlöse uns von allem Übel! Amen.“ – Und in der letzten Bitte ist nichts anderes als allein der Wunsch, der Wille oder das lebendige Verlangen völlig bejahend über alles das ausgesprochen, um was es sich in der früheren Bitte wie in allen vorhergehenden gehandelt hat, und besagt so viel als: Vater! Mache uns bestimmt völlig frei von uns selbst und werde Du in uns völlig alles in allem, oder: Du alleinige, ewige, werktätige Liebe, mache alle unsere (Eigen-)Liebe zunichte und werde Du allein unsere Liebe, oder: lass uns völlig eins sein mit Dir!
HIM|2|430213|13|0|Das also ist der wahrhaftige himmlische Sinn des Gebetes des Herrn! Solches möge wohl beachtet werden! Denn es ist eine gar köstliche Gabe der Liebe aus dem obersten Himmel! Wohlverstanden?! Amen.
HIM|2|430213|14|0|Dieser lichtvollen Erklärung des Vaterunsers in Bezug auf „Liebe“ folge nun:
HIM|2|430214|1|1|Das Vaterunser bezogen auf „Licht“ – 14. Februar 1843
HIM|2|430214|1|0|Sage hier dem Ans. H.-W., dieser Gedanke ist nicht mehr so gut und so rein wie der erste. Denn es ist schon die Ordnungszahl vergriffen, da unter 2. nicht das „Licht“, sondern das „Leben“ zu stehen kommt. So aber jemand dieses Gebet hat aus dem obersten Himmel, nämlich aus der alleinigen Liebe, so hat er es ja ohnehin schon im allerhöchst vollkommenen Maße. Wie mag er es denn dann auch noch in einem unvollkommeneren haben wollen!?
HIM|2|430214|2|0|Da es aber schon heißt: „Um was immer ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird Er euch geben“ – so muss Ich euch gleichwohl ja auch geben, um was ihr bittet.
HIM|2|430214|3|0|Und so schreibe denn dies Gebet im Licht aus dem Licht, aber schreibe es ohne weitere „Beleuchtung“; denn das Licht bedarf keiner „Beleuchtung“:
HIM|2|430214|4|0|„Unser Licht alles Lichtes! Der Du wohnst in Deinem Licht, als ein alleiniges Licht alles Lichtes, Dein ewiger Strahlenglanz werde von unserer Nacht und von unserem Tag, von unserer Feste zwischen den Gewässern als der alleinig wahre anerkannt!
HIM|2|430214|5|0|O Du alleiniges Licht alles Lichtes, erleuchte unser an sich finsteres Erdsein!
HIM|2|430214|6|0|Deines Strahles Macht wirke auf der Erde, in unserer Feste und in all unsern Gewässern also mächtig und ungeschwächt, wie Du in Dir Selbst ewig wirkst in der endlos vollsten Lichtesstärke!
HIM|2|430214|7|0|Sättige, o ewiges Licht alles Lichtes, unser Erdreich, unsere Feste und all unser Gewässer mit Deinem allmächtigen Strahlenausfluss, auf dass dasselbe belebt werde mit samenreichem Gras, mit Kraut und Bäumen und das Gewässer mit aller Art Fischen und anderem edlem Getier und die Luft mit allerlei Gevögel!
HIM|2|430214|8|0|O Licht alles Lichtes, mache zunichte alle Finsternisse und lass auf unsere Feste und über das trockene Land aufgehen Sonne, Mond und Sterne, auf dass wir gewahren die Zeichen des Tages und der Nacht und der Zeiten und der Jahre!
HIM|2|430214|9|0|Mache also zunichte unserer Erde Nacht und große Finsternis, wie wir diese auf unserer Feste und über unseren Gewässern erkennen mit Hilfe des Lichtes, das Du schon am Anfang gesetzt hast auf unsere Feste, da Du sagtest: „Es werde Licht!“
HIM|2|430214|10|0|O führe uns recht in der Nacht unserer Erde! Lass Deinen Strahl nicht schwächer werden über der Feste des Himmels in unserer Sonnenmitte und lass nicht fruchtlos werden unser Erdreich und nicht ohne Samen das Gras und das Kraut und die Bäume! Und trübe unser Gewässer nicht, auf dass nicht alle die Fische und all das edle Getier umkomme und die Luft nicht verderbe und töte all das Gevögel und ersticke all das Getier unserer Erde,
HIM|2|430214|11|0|sondern, Licht alles Lichtes, mache uns Dir verwandt, auf dass wir leuchten möchten als Dein Licht und seien mit Dir ein Strahlenglanz und werden nicht wieder zu einer Nacht und Finsternis ohne Dich! Amen.“
HIM|2|430214|12|0|Siehe, also lautet das Gebet im „Licht“! – Wer es aber in der Liebe hat, der hat es im Grunde des Grundes, welcher in sich ewig derselbe bleibt, unverrückt, während das Licht ewig und endlos weite Wege tut, welche niemand je wird völlig zu überwandern imstande sein.
HIM|2|430214|13|0|Daher haltet euch nur an die Liebe, dann habt ihr alles wie auf einem Punkt beisammen! Versteht solches wohl! Amen.
HIM|2|430215|1|1|Das Vaterunser bezogen auf „Leben“ – 15. Februar 1843
HIM|2|430215|1|0|„Unser Leben alles Lebens, das da lebt ewig in Seinem Leben! Werde von uns Menschen gelebt in der Befolgung Deines Wortes und in aller Demut und Liebe zu Dir!
HIM|2|430215|2|0|Dein Leben komme zu uns und in uns!
HIM|2|430215|3|0|Dein Leben sei unser Leben, wie in Dir selbst, also auch in uns, auf dass wir möchten vollkommen sein, wie Du, Leben alles Lebens, in Deinem Leben vollkommen bist!
HIM|2|430215|4|0|Dein Leben gib uns und sättige uns mit der Fülle Deines Lebens für und für!
HIM|2|430215|5|0|Nimm uns aber zuvor unser Probeleben; also zwar, wie wir desselben ledig zu werden die große Sehnsucht in uns tragen, da es voll ist von aller Selbstsucht und somit voll des Todes.
HIM|2|430215|6|0|Belass uns ja nicht fürder in diesem unserem Probeleben, auf dass es uns nicht bringe den Tod,
HIM|2|430215|7|0|sondern nimm, o Leben alles Lebens, dieses Probeleben von uns und erfülle uns mit Deinem Leben! Amen.“
HIM|2|430215|8|0|Solches alles ist zu ersehen aus den Texten: „Seid vollkommen, wie der Vater im Himmel vollkommen ist!“ (Mat. 5,48) und: „Wer sein Leben liebt, wird es verlieren, wer aber dasselbe flieht, der wird es erhalten“. (Joh. 12,25)
HIM|2|430215|9|0|Also ist demnach dieses Gebet ein wahres Gebet des Lebens und werde als solches im Leben wohlbeachtet! Amen.
HIM|2|430217|1|1|Das Vaterunser bezogen auf „Kraft“ – 17. Februar 1843
HIM|2|430217|1|0|Der Ausdruck „Kraft“ ist zu wenig besagend. Denn eine Kraft ist in allem vorhanden nach seiner Art. Das aus der Liebe und dem Leben hervorgehende aber ist nicht nur eine lebendige Kraft, sondern es ist eine produktive oder werkliche Tatkraft, welche ist der Zweck der Liebe und des Lebens aus ihr. Und so kann das Gebet nicht in der lediglichen Kraft, wohl aber in der werktätigen „Tatkraft“ gebetet werden und mag denn also lauten:
HIM|2|430217|2|0|„O Du ewige Tatkraft der Liebe und alles Lebens, welche ist auch all unser Leben und all unsere Tatkraft, die Du wahrhaft und ewig tätig bist in und aus Deiner unendlichen Wirkungssphäre! Sei auch völlig allewig unsere Tatkraft nach unserer Liebe zu Dir und unserem Leben aus Dir und in Dir!
HIM|2|430217|3|0|O belebe uns nach Deiner Fülle! Lass uns tatkräftig sein aus Dir in uns, wie Du in Dir es allezeit und ewig bist!
HIM|2|430217|4|0|Erfülle uns und stärke unsere Schwachheit! Mache zunichte unsere Schwäche also, wie wir selbst unsere eigene Nichtigkeit und völlige Kraftlosigkeit in uns demütig erschauen!
HIM|2|430217|5|0|O belass uns ja nicht in unserer Schwachheit, in der wir wie Tote handeln, sondern erfülle uns alle mit Deiner allein wahrhaft lebendigen Tatkraft, damit wir dadurch tätig sein möchten, Dir wohlgefällig allzeit und ewig! Amen.“
HIM|2|430217|6|0|Solches kann entnommen werden aus den Texten: „Ohne Mich könnt ihr nichts tun“ (Joh. 15,5). – „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh. 15,5). – „Es ist nirgends eine Macht denn allein Gott“, und „du hättest keine Macht über Mich, so sie dir nicht von oben zugelassen wäre“ (Joh. 19,11) und dergleichen Stellen mehr.
HIM|2|430217|7|0|Daraus kann aber ja gar wohl ersehen werden, um was es sich in Meinem Gebet ganz besonders handelt. Solches also versteht ebenfalls sehr wohl, und das eben auch völlig tatkräftig! Sonst wird euch das heilige Gebet wenig Früchte und somit wenig des „täglichen Brotes“ bringen! Also beachtet solches wohl allzeit lebendigst! Amen.
HIM|2|430218|1|1|Das Vaterunser bezogen auf „Ordnung“ – 18. Februar 1843
HIM|2|430218|1|0|Sage dem A. H.-W.: Diese „Ordnung“ kommt hier sehr unordentlich zu stehen. Denn die Ordnung ist ja das Endresultat der Liebe, des Lebens und deren Folgen! Ich will ihm aber das Gebet dennoch auch in dieser Deutung geben. Er aber möge es ordnen in sich! Und so schreibe denn:
HIM|2|430218|2|0|„O Du ewige Ordnung, die Du bist in Dir ewig, ewig! Geordnet werde in uns unser Leben, welches Du uns gabst aus Dir, damit wir Dir, o ewige Ordnung, selbst geordnet, völlig nachahmlich getreu zu leben vermöchten!
HIM|2|430218|3|0|Fließe daher als ein mächtiges Licht in uns ein! Sei uns hier der alleinige Lebensweg, wie Du es bist in Dir Selbst ewig!
HIM|2|430218|4|0|Werde, o Du ewige Ordnung, als unser Leben völlig tatkräftig in uns! Werde das alleinige Brot zur Sättigung unseres Geistes!
HIM|2|430218|5|0|Ersticke unsere große Unordnung in uns also, wie wir nach Deiner Erbarmung in uns diese Unordnung erkennen!
HIM|2|430218|6|0|Lass uns ja nicht ins Dickicht gelangen und da in der Nacht den rechten Ausweg suchen! Lass nicht finster werden die Sonne, nehme dem Mond nicht den Schein und lass nicht vom Himmel fallen die Sterne, auf dass wir nimmer möchten den rechten Weg aus dem Dickicht finden,
HIM|2|430218|7|0|sondern Du, ewige Ordnung, führe als eine hellste Sonne des Mittags und des Morgens uns aus dem Dickicht unserer eigenen Unordnung, welche ist das große ‚Übel‘, in Deine heilige Ordnung! Amen.“
HIM|2|430218|8|0|Solches kann entnommen werden aus dem Text: „Wer Mein Wort hört und tut darnach, der ist es, der Mich liebt, zu dem werde Ich kommen und Mich ihm Selbst offenbaren. Und es werden dann seinen Lenden Ströme des lebendigen Wassers entfluten“ (Joh. 14,21; Joh. 7,38).
HIM|2|430218|9|0|Solches also besagt dies Gebet in der Ordnung, in welcher da ist die Vollendung des Menschen oder die völlige Wiedergeburt des Geistes. Und solches sei also wiederum gar besonders wohl beachtet! Amen.
HIM|2|430220|1|1|Das Vaterunser bezogen auf „Freiheit“ – 20. Februar 1843
HIM|2|430220|1|0|Was die „Freiheit“ an und für sich betrifft, so ist sie ein guter Begriff. Nur ist dieser Begriff gleichbedeutend mit der Zusammenfassung des wahren Liebelebens im Vollbesitz der reinen und tiefen Weisheit, welche alles Leben erst wahrhaft frei macht, wie da der Sohn oder das Wort oder die Wahrheit wahrhaft frei macht den Menschen, der sie lebendig, das ist tätig, in sich aufgenommen hat. Darnach ist Freiheit, Weisheit, Licht, Wahrheit, der „Sohn“ oder das ewige göttliche „Wort“ ganz eins und dasselbe.
HIM|2|430220|2|0|Wer demnach im lebendigen Wort betet, der betet auch in der wahren lebendigen Freiheit. Und es ist demnach eine weitere Abfassung dieses Gebetes völlig unnötig, indem es gerade also, wie im Buch, ebenfalls im lebendigen Wort steht.
HIM|2|430220|3|0|Damit es aber der A. H.-W. habe zu seiner Einsicht, so will Ich es ihm geben auch in dem Begriff! Und so schreibe es denn:
HIM|2|430220|4|0|„Unsere Freiheit, die Du wohnst in Deiner ewigen Freiheit! Werde von uns Menschen als solche in aller unserer Demut erkannt!
HIM|2|430220|5|0|Komme ewig und lebendig leuchtend zu uns und in uns! Mache uns völlig frei, also wie Du es bist ewig in Dir Selbst!
HIM|2|430220|6|0|Sei uns das lebendige tägliche Brot als eine wahre Sättigung des Geistes zum ewigen vollkommenen Leben in Dir!
HIM|2|430220|7|0|Befreie uns von unserer Knechtschaft, welche da ist unsere Sünde, also wie wir selbst lebendig streben nach Deinem Wort und wie wir als Brüder uns gegenseitig frei machen durch Deine Gnade!
HIM|2|430220|8|0|Lass uns nimmer in die Gefangenschaft der Lüge, der Nacht und alles Truges geraten, sondern befreie uns alle durch Dein lebendiges, heiliges Wort von allem Übel! Amen.“
HIM|2|430220|9|0|Solches kann entnommen werden der ganzen Fülle des Wortes Gottes nach sonderheitlich aus dem Text: „Die Wahrheit wird euch wahrhaft frei machen“ (Joh. 8,32). Denn solches besagt dieses Gebet in der wahren „Freiheit“.
HIM|2|430221A|1|1|Das Vaterunser bezogen auf „Wahrheit“ – 21. Februar 1843
HIM|2|430221A|1|0|Da die „Wahrheit“ in sich die allereigentlichste Freiheit ist und daher auch alles völlig frei macht, so ist dieses Gebet in der „Wahrheit“ auch ganz vollkommen das, was es ist in der „Freiheit“. Denn wer da betet in der vollen Wahrheit, der betet auch in der vollen Freiheit. Und wer betet in der wahren Freiheit des Geistes, der betet auch in der vollsten Wahrheit und kann demnach sagen:
HIM|2|430221A|2|0|„Unsere ewige Wahrheit, die Du ewig frei wohnst in Dir Selbst! Werde von uns Menschen der Erde als solche in aller Liebe und Demut erkannt!
HIM|2|430221A|3|0|Komm ewig leuchtend zu uns und in uns! Mache uns wahrhaftig frei, also wie Du es bist in Dir Selbst!
HIM|2|430221A|4|0|Sei uns allen als das lebendige tägliche Brot zu einer wahren Sättigung des Geistes zum ewigen, vollkommen freien Leben in Dir Selbst!
HIM|2|430221A|5|0|Befreie uns von unserer Knechtschaft, welche da ist die Nacht und der Tod unserer Sünde, also wie wir lebendig streben nach Deinem Wort und wie wir als Brüder uns gegenseitig frei machen durch Deine Gnade in uns!
HIM|2|430221A|6|0|O lass uns nimmer in die grobe Gefangenschaft der Nacht, der Lüge und alles Truges gelangen, sondern mache uns alle wahrhaft frei durch Dein lebendiges, heiliges Wort allzeit und ewig! Amen.“
HIM|2|430221A|7|0|Wer dies Gebet also betet, der betet es im Geiste und in der Wahrheit, d. h. wenn er es zugleich aus und in der lebendigen Liebe betet – sonst aber ist es nur eine leere Lippenwetzerei, die vor Mir nicht den geringsten Wert hat. Solches alles auch wohl verstanden! Amen.
HIM|2|430216|1|1|An eine schwachgläubige Martha – 16. Februar 1843
HIM|2|430216|1|0|Also magst du ja solches der kleinsündigen „Martha“ am Tag ihres Leibestaufnamens geben!
HIM|2|430216|2|0|„Wer Mich sieht, der sieht den, der Mich gesandt hat.“ – Wahrlich, wahrlich, so du aber einen aufnimmst, den Ich sende, dann nimmst du Mich auf. Wer aber Mich aufnimmt, der nimmt den auf, der Mich gesandt hat; denn Ich und der Vater sind vollkommen eins.
HIM|2|430216|3|0|„Glaube an das Licht, dieweil du es hast, auf dass du ein Kind des Lichtes wirst!“ – Wer da Meine Liebe hat und predigt allezeit dieselbe und liebt auch alle seine Brüder und Schwestern, der ist wohl erkennbar als ein gültiger Jünger aus Mir. Denn es heißt ja in der Schrift: „Daran wird euch jedermann erkennen, dass ihr Meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“
HIM|2|430216|4|0|Wenn du, kleine „Martha“, aber einen rechten Jünger hast, der da, zufolge Meines Wortes, an der Liebe recht erkennbar ist, wie magst du denn oft in deinem Herzen zweifeln über ihn und seinen Worten nicht glauben? Ich sage dir aber: So du mehr der Geistlichkeit traust als einem Jünger von Mir, da bleibe bei deinem Glauben, und Ich werde dich darum ewig nicht richten. Aber also in der Zwieschwebe ist nicht gut sein. Denn zweien Herren lässt sich’s schwer dienen.
HIM|2|430216|5|0|Du bist emsig in der Hauswirtschaft und gehst gerne ins Bethaus. Aber siehe, Ich bin mehr als die Hauswirtschaft und das Bethaus! Du hängst mehr am Fleisch als am Geist und bist eine „Martha“. Aber das Leben wohnt nur im Geist, nicht im Fleisch!
HIM|2|430216|6|0|Trachte also nach dem, was des Geistes ist, so wirst du das wahre, ewige Leben finden. Und willst du Mich lieben, so liebe Mich mit dem geistigen, aber nicht mit dem fleischlichen Herzen!
HIM|2|430216|7|0|Du musst keine Kokette sein und keine Doppelliebe haben, sondern du musst festen Herzens Mich ganz lieben – aber nicht zur Hälfte hier und zur Hälfte dort.
HIM|2|430216|8|0|So du aber fragst, wo Ich sei, so sage Ich dir: Wo die wahre Liebe ist, da bin auch Ich und Mein Reich mit Mir! – Aber in der „Mauer“ bin Ich so wenig wie im alten Tempel zu Jerusalem, da der Vorhang zerrissen ward.
HIM|2|430216|9|0|Solches also verstehe wohl und lebe darnach, so wirst du erst völlig erkennen, woher diese Worte sind, ob von Meinem Knecht oder von Mir.
HIM|2|430216|10|0|Sei fromm im Herzen und gedenke allezeit Meiner! Das ist es, was Ich von dir verlange an diesem Tag wie fortan! Amen.
HIM|2|430221B|1|1|Wende dich zu Mir! – 21. Februar 1843
HIM|2|430221B|1|0|So gebe denn solches nach deinem Wunsch dem Töchterchen des Ans. H.-W., deren Name da auf der Welt ist Wilhelmina! Denn um was immer du oder jemand anders in Meinem Namen bittet, das will Ich dir und jedem ja auch allezeit gerne geben. Aber um Dinge der Welt komme mir ja nicht, denn diese sind der Tod. Ich aber, als das ewige Leben, bin am allerwenigsten geeignet und als Vater aufgelegt, Meinen Kindern den Tod zu geben! Und so schreibe denn von Mir ein zartes Handbillettchen an deine Klientin, und dieses laute also:
HIM|2|430221B|2|0|Höre, Mein Töchterchen! Es kann niemand zu Mir kommen, es sei denn, dass ihn ziehe der Vater, von dem Ich ausgehe. Wer aber vom Vater gezogen wird, den werde Ich auferwecken am „jüngsten Tag“, d. h. in der jüngsten Zeit oder bald ehestens.
HIM|2|430221B|3|0|Diese „Auferweckung“ wird für ihn sein die Wiedergeburt des Geistes. Und dieser „jüngste Tag“ wird für ihn bleiben ein ewiger, lebendiger Geburtstag.
HIM|2|430221B|4|0|Solches alles steht schon in den Propheten Jesaias (54,13) und Jeremia (31,3), also lautend: „Und sie werden alle von Gott gelehrt sein!“ – Wer es nun hört und lernt vom Vater, der kommt zu Mir – d. h.: Wer sich selbst verleugnet, nicht seine Augen der Welt zuwendet und sein Herz an eitle Dinge hängt, sondern die wahre Liebe zum Vater in sich lebendigst erweckt, den zieht der Vater und lehrt im Verborgenen seinen Geist. Wer aber dann in solcher Liebe und Lehre getreu verbleibt, zu dem werde Ich als das lebendige Wort Selbst gar ehestens kommen und werde ihn völlig erwecken.
HIM|2|430221B|5|0|Siehe, Mein Töchterchen, der Vater ist schon gar lange mit dir beschäftigt und zieht und lehrt dich fortwährend; aber du magst noch nicht eine völlige Treue zu Ihm fassen in deinem Herzen und spielst noch zwischen Ihm und der Welt.
HIM|2|430221B|6|0|Ich sage dir aber, als eben dieser Vater: „Lasse die Welt und wende dich allein völlig zu Mir! Und liebe Mich, da Ich dich doch gar so zärtlichst liebe. Und dein jüngster Geburtstag deines Geistes wird bald leichtlich zu deinem ewig lebendig-neuen Geburtstag werden!“
HIM|2|430221B|7|0|Solches gebe Ich, dein lieber Vater, dir, Mein Töchterchen, als ein lebendiges Erinnerungszeichen Meiner großen Liebe zu dir an deinem Leibesgeburtstag. Beachte es und werde Mir Mein liebes Töchterchen, wie Ich dir allzeit und ewig bin ein liebevollster Vater! Das ist Mein Liebewille an dich ewig. Amen.
HIM|2|430222|1|1|Des Herrn „Daheim“ – 22. Februar 1843
HIM|2|430222|0|0|Zu Markus 9. Kapitel, 27. bis 29. Vers.
HIM|2|430222|1|0|Sage zuvor Meiner Tochter, bevor Ich dir den Sinn dieser Texte kundtun werde, dass Mir solche Gedanken von ihr und solche Wünsche ihres Herzens ums Unvergleichbare besser gefallen als alle sonstigen, welche mehr Weltliches im Schilde führen. Wenn sie so fortfährt, da könnte sie wohl gar ehestens ein Zärtling Meiner Liebe werden! Solche Versicherung sei ihr ein sicheres Zeichen Meines Wohlgefallens über ihr Begehren und zugleich ein Zeichen, dass Ich Mich näher zu ihr gemacht habe! Und nun folge die Bedeutung der Texte!
HIM|2|430222|2|0|Dahin der Finger der Zeigerin fiel, wurden drei Texte berührt, nämlich der 27., 28. und 29. Vers des Markus-Evangeliums. Daher wollen nun auch wir diese drei Texte berühren und in der bewussten Absicht ihren Sinn dartun. Und so höre denn!
HIM|2|430222|3|0|„Und da Er heimkam, fragten Ihn Seine Jünger: ‚Warum konnten denn wir ihn nicht austreiben?‘ – Und Er sprach: ‚Diese Art kann mit nichts ausfahren denn durch Beten und Fasten.‘ – Und sie gingen von dannen hinweg und wandelten durch Galiläa. Und Er wollte nicht, dass es jemand wissen sollte.“
HIM|2|430222|4|0|„Da Er heimkam“. – Wo ist Er denn daheim? Allenthalben, wo Seine Jünger sind! Denn wozu man Liebe hat und wo man zugleich Liebe findet, da ist man daheim. Also bin Ich auch bei euch daheim – da Ich euch liebe und ihr Mich liebt! Und wenn ihr dahin ziehen werdet, wo mehr der reineren Liebe zu Hause ist denn hier und Ich im Allgemeinen also auch „mehr daheim“ bin denn hier – da werdet auch ihr desto mehr daheim sein denn hier!
HIM|2|430222|5|0|„Und die Jünger fragten Ihn“. – Auch ihr werdet Mich da leichter und sorgloser fragen können als hier. Denn wo man „mehr daheim“ ist, da kann man sich auch ungehinderter besprechen. Und ihr werdet gleich den Jüngern fragen: „Warum konnten wir ihn nicht austreiben?“ – oder: „Warum verstanden wir Dich früheren Orts nicht also wie hier, und warum warst du dort nicht so freimütig und kräftig wie hier?“
HIM|2|430222|6|0|Und Ich sage euch und werde euch sagen: Fürs Erste bin Ich hier mehr daheim als früheren Orts. Und fürs Zweite hättet ihr für solche Gaben früheren Orts viel beten und fasten müssen, auf dass euch der Feind nicht in die Karte geschaut hätte. Denn wo Ich weniger daheim bin, da ist es der Feind desto mehr! Wo Ich aber mehr daheim bin, da ist es der Feind desto weniger, und es braucht da nicht so viel des Betens und des Fastens oder nicht so viel stetigen Wachens, um die höheren Gaben vor dem Geifer der Schlangenbrut zu verwahren.
HIM|2|430222|7|0|Von da wird es dann auch leicht sein, „durch Galiläa zu wandeln“, und es wird „niemand etwas davon erfahren“. Denn wahrlich, es ist nicht Mein Wille, dass jemand unberufenermaßen vor der Zeit etwas davon erfahre! „Galiläa“ aber bezeichnet die Freiheit. Und „durch Galiläa wandeln“ heißt: einen freien Fuß haben.
HIM|2|430222|8|0|Ich meine aber, dass es kaum nötig sein wird, euch die Sache noch deutscher zu sagen; denn ihr könnt es ja gleich Meiner lieben Textzeigerin nun mit den Händen greifen, wo es mit der Sache hinaus will!
HIM|2|430222|9|0|Daher beachtet solches wohl! Denn wie Ich die Hand Meiner Tochter auf den rechten Fleck im Buch hingeführt habe, also werde Ich auch euch, dieser Anzeige zufolge, auf den rechten Fleck führen, wo Ich „mehr daheim“ bin denn hier. Versteht solches wohl! Denn Ich, euer Vater, gebe euch ja solches kund in dieser Stund. Amen.
HIM|2|430223|1|1|Ein Wink über die jetzige Bibel – 23. Februar 1843 [Worte des Worts 1912]
HIM|2|430223|0|0|Bitte: „O Herr, möchtest Du mir armem Sünder denn nicht kundtun, ob die Lutherische Bibel richtiger ist als die römische Vulgata? Denn siehe, wie ich es entdeckt habe, so gehen die Zahlen der Verse nicht zusammen, und noch so manches andere, darum möchte ich’s schon ganz bestimmt wissen, welches Buch da wohl das richtigere ist? O Du liebevollster Vater, gebe mir doch solches kund, so es Dein heiliger Wille ist!“
HIM|2|430223|1|0|So schreibe denn! Ich sage dir und euch allen: Weder die Vulgata noch die Lutherische Übersetzung ist richtig und ist die eine wie die andere voll Fehler. Ja, ich möchte dir sagen: Die „Zerstörung Jerusalems“ ist in einer wie in der anderen vollkommen anzutreffen. Selbst die griechische ist voll Unordnung und Irrtümern. Darum denn auch in allen den Sekten kein wahrer Glaube und keine rechte Liebe mehr anzutreffen ist, weil allenthalben der Grund verstört ist!
HIM|2|430223|2|0|Diese Verstörung des Grundes aber rührt aus derselben grundeitlen Herrschquelle, aus welcher die ganz entsetzliche Kirchenversammlung zu Nizäa geflossen ist. Wie gestaltig aber war wohl diese schmähliche Quelle?
HIM|2|430223|3|0|Siehe, als Mein Wort durch die Apostel und Jünger schon so vielseitig ausgebreitet ward, da gab es denn auch bald eine Menge Evangelisten, welche das niedergeschrieben haben, was sie entweder aus dem Munde der Apostel oder Jünger selbst vernommen hatten oder was ihnen ist von Augen- und Ohrenzeugen wiedererzählt worden. Solche Aufzeichnungen, entweder in griechischer oder jüdischer Sprache, wären alle anzunehmen, denn da wirkte der heilige Geist und war alles richtig.
HIM|2|430223|4|0|Aber weil dergleichen Aufzeichnungen bald einen guten Handelsartikel zu bilden anfingen, so erstanden bald in allen Winkeln falsche Evangelisten, schrieben Evangelien zu Tausenden, ohne dass sie von der eigentlichen Lehre mehr wussten als jetzt die Chinesen, und behaupteten aber doch, solches aus dem Munde der wundertätigen Apostel selbst vernommen zu haben, und gaben sogar eidlich vor, dass sie dazu von dem Apostel selbst aufgefordert worden seien.
HIM|2|430223|5|0|Ein gewisser, vorher rechtschaffener Mann, namens Arius, war gar ein berüchtigter solcher falscher Prophet und Evangelist. Dieser behauptete am Ende sogar, dass er vom Geist Gottes dazu aufgefordert worden sei, den Menschen klärlichst darzutun, dass Christus kein Gott, sondern nur ein ganz gewöhnlicher Prophet war – und er es nun auch sei, so gut wie Christus!
HIM|2|430223|6|0|Solche Lehre hatte damals besonders unter den Erzjuden und auch unter gar vielen Heiden ein großes und sogar vielfach willkommenes Aufsehen erregt. Und er befand sich dabei sehr wohl, und das eine geraume Zeit hindurch. Diese Lehre machte große Fortschritte und bedrohte bald die anderen alten christlichen Gemeinden.
HIM|2|430223|7|0|Die Bischöfe fingen an, sich untereinander zu beraten, wie dieser Sache abzuhelfen sein solle. Aber Mich besahen sie nicht und ließen Mich aus der Beratung.
HIM|2|430223|8|0|Sie ließen alle Evangelien sammeln und prüften sie mit ihrem Verstand. Dieser aber konnte ihnen nicht zeigen, welches da wäre das rechte. Sie entschlossen sich daher zu einer allgemeinen Versammlung, in der der heilige Geist offenbar zugegen sein würde, ja sein müsste!
HIM|2|430223|9|0|Allein der heilige Geist kam nicht, und so stritt die Versammlung statt um die Wahrheit des Evangeliums nur um das bischöfliche Primat, demzufolge denn auch der Patriarch von Konstantinopel und der Bischof von Rom einander in die Haare gerieten, welche Haarreißerei dann auch das bisher dauernde Schisma zur Folge hatte.
HIM|2|430223|10|0|Da nahm dann auch der Bischof von Rom all die gesammelten Schriften und ließ daraus die Vulgata zusammenschreiben und authentisierte dieselbe. Seine Nachfolger taten noch eine Zeit lang dasselbe und feilten mit Hilfe der sogenannten Kirchenväter über einhundertsiebzig Jahre daran.
HIM|2|430223|11|0|Desgleichen tat auch der Patriarch von Konstantinopel. Da aber der Patriarch seine griechische Bibel wegen der vorgeblichen Ursprache für die authentischere ausposaunte, ward auch die Vulgata allerschnellst geheim ins Griechische übertragen und häufig unter die Griechen verteilt. Solchen Unfug erlaubten sich aber auch die Griechen. Darum ward denn für Rom wieder die lateinische geltend und für die Griechen die griechische.
HIM|2|430223|12|0|Da der Arius aber noch sein Wesen in seinen Schülern forttrieb, trotz der vielfachen Verdammung sowohl von Seiten Roms wie auch von Seiten Konstantinopels, so fing man an, gar bald mit Schwertern in den Arianismus zu schlagen und verbrannte womöglich alle alten Urkunden, so sie nicht entweder mit der Vulgata oder mit der griechischen Bibel übereinstimmten.
HIM|2|430223|13|0|Nun siehe, Luther hatte sonach zu seiner Zeit nichts als diese zwei Bücher, nämlich die von ihm verdächtigte Vulgata und die griechische Bibel, welche freilich wohl in mehreren asiatischen Sprachen zu haben war, dennoch aber stets dieselbe blieb.
HIM|2|430223|14|0|Wenn du nun solches weißt, so wirst du gar leicht einsehen, dass weder die eine noch die andere völlig richtig ist. Die Lutherische jedoch ist der Vulgata in manchem vorzuziehen. Daher rühren denn auch beim Luther die versetzten Textzahlen her, da er dadurch das Abweichende der Vulgata und der griechischen Bibel andeuten wollte.
HIM|2|430223|15|0|Jedoch ist in der Form dieser Bücher die Hauptsache aufbewahrt und für den Geist völlig rein, unter was immer für [einer] Form. Und das aber ist ja auch die Hauptsache.
HIM|2|430223|16|0|Daher kannst du dich an eine oder an die andere halten, und du kannst nicht irren und kannst darum auch ganz ruhig sein. Denn auf den Buchstaben kommt es nicht an, sondern auf den Geist; dieser ist es ja, der da lebendig macht!
HIM|2|430223|17|0|Verstehe demnach solches wohl und sei völlig ruhig! Amen.
HIM|2|430311|1|1|Lieberuf des Vaters – 11. März 1843
HIM|2|430311|1|0|Also gebe denn dies Wörtlein dem Töchterchen Pauline des Ans. H.-W.:
HIM|2|430311|2|0|O Kindchen! Es winkt dir in geistiger Fülle ein göttliches Leben aus Mir, deinem ewigen, heiligen, liebevollsten Vater! Betrachte die herrlichen Morgenstrahlen der ewigen himmlischen Sonne in dir, und du wirst es mit heiterstem Sinne im Herzen voll himmlischer Lust ja leichtlich gewahren, dass Ich dir gar nahegekommen sein muss, da du solches schon ahnst und empfindest in dir!
HIM|2|430311|3|0|Dieses gebe Ich dir zur Erinnerung, dass du möchtest erkennen, wie gut Ich, dein himmlischer Vater, stets bin und gar treulich halte, was Ich dir schon einmal versprochen habe. O nimm dieses Wörtlein gar heil’ger Erinnerung in dein Mich stets mehr liebendes Herz, du Kindchen, nur auf – und du hast mit dem Wörtchen auch Mich aufgenommen!
HIM|2|430311|4|0|Ich werde dich sänftiglichst ziehen und führen zum ewigen Leben durch die stets mehr wachsende Liebe zu Mir, deinem liebevollsten, heiligen Vater. Und bald wirst du in deinem lebendigen Geist erleben einen viel schöneren Geburtstag als dieser da ist deines Leibes.
HIM|2|430311|5|0|Nur liebe, liebe Mich, deinen gar überaus guten und heiligen und liebevollsten Vater, der ewig dich liebt und trägt auf Seinen allmächtigen, heiligen Händen! O liebe Mich, liebe, Mein Töchterchen! Ich segne dich allezeit! Amen.
HIM|2|430314|1|1|Vom Feiertag heiligen – 14. März 1843
HIM|2|430314|0|0|O Herr! Du allerliebevollster, allerbester, heiliger Vater! Siehe, es ist wieder ein Jahr verronnen und somit das dritte, da ich und all die wenigen anderen, Deine Freunde, uns erfreut haben und uns noch stets erfreuen Deiner endlosen Gnade und Erbarmung, der wir alle völlig unwürdig sind und ich schon ganz sicher am allermeisten unter allen. Wie Du, o heiliger Vater, es sicher weißt, so möchten wir heute wieder einen Jahrestag in Deinem Namen feiern und bitten Dich darum, o heiliger Vater, dass Du diese unsere Jahresfreude, so wie es von Deiner Seite bisher der Fall war, auch heute mit Deiner liebevollsten, heiligsten Gegenwart im Wort wie in unserem Herzen beseligen möchtest. O heiligster, gnädigster, allerbarmender, liebevollster Vater Jesus, erhöre diese meine, freilich Deiner wohl höchst unwürdige Bitte, so es Dein Wille ist! Doch wie allezeit, so geschehe auch jetzt Dein allein heiliger Wille! Amen.
HIM|2|430314|1|0|So schreibe denn! Was meinst du, welcher Tag wohl einer der vorzüglichsten ist, also zwar, dass er sich darob zu einem Erinnerungstag am besten schicken möchte, an dem man sich erinnern dürfte, wie Meine Gnade zu euch kam?
HIM|2|430314|2|0|Du meinst, dass der erste Tag solcher heiligen Darniederkunft wohl der beste sei, indem man sich an demselben gewisserart aller anderen auch erinnern möge, an denen der heilige Gnadenstrom, bis jetzt unversiegbar und ununterbrochen, in eure Herzen geflossen ist.
HIM|2|430314|3|0|Du hast einesteils recht, und es ist also die gewöhnliche Ordnung der Dinge auf der Erde, aus welcher hervorgegangen sind alle die wenig nützenden Feiertage aller Art, die da an und für sich nichts sind als, fürs Erste, lauter Tage der Erinnerung an besondere Erscheinungen aus der Zeit Meines leiblichen Seins auf der Erde, oder, im viel schlimmeren Falle, an tausend verschiedene andere Heilige, von denen einige gar nie existiert haben, einige andere aber bis jetzt noch nicht für den Himmel geheiligt worden sind.
HIM|2|430314|4|0|Fürs Zweite aber sind diese Gedächtnistage wahre Faulenz- und Fresstage, an welchen zwar nichts Knechtisches gearbeitet, dafür aber desto mehr gesündigt wird.
HIM|2|430314|5|0|Und endlich fürs Dritte sind solche Gedächtnistage bei so manchem nichts als Langeweiltage. Haben die Menschen allenfalls in ein Bethaus hineingeschmeckt, dann gehen sie nach Hause und wissen sich dann auch, besonders nach dem Essen, vor lauter Langweile nicht zu helfen, ganz besonders noch dann, wenn es nachmittags regnet und dazu noch etwa jemandes Börse für so eine recht massive Nachmittags-Promenade nicht recht probehaltig ist; gleicherweise auch bei manchen Dirnen und Mädchen, wenn sie durch ein Ungewitter verhindert werden, mit ihren Buhlknechten an den verabredeten Orten aus lauter frommer und erbaulicher Erinnerung der Bedeutung des Feiertages zusammenzukommen.
HIM|2|430314|6|0|O es wird Mir oft an derlei „Feiertagen“ so gedient, dass ihr euch keinen Begriff davon machen könnt! Fürwahr, alle diese Feiertage sind oft volle Arbeitstage des Satans. Ihm wird da ein gutes Opfer gebracht, also, dass er sich’s ja gar nicht besser wünschen kann. Denn es wird gefressen, gesoffen, gefaulenzt, Ehre abgeschnitten, sich hoffärtig gekleidet, gelustwandelt in sehr vielfachem Sinne, gespielt, geunzüchtigt mit den Augen, mehr als an einem Werktag, wirklich gehurt, auch geflucht und getanzt. Sagt Mir, ob an einem Feiertag mehr für die Hölle gearbeitet werden könnte, als es ohnehin gearbeitet und dem Satan bestmöglich gedient wird.
HIM|2|430314|7|0|Wenn Ich euch denn nun sage, dass Ich um der Bosheit der Menschen willen ein abgesagter Feind von solchen „Feiertagen“ bin, so meine Ich, dass ihr dieses ganz natürlich finden werdet. Oder möchtet ihr wohl den Tagen Freunde sein, die euch erinnern und sagen möchten: „An diesem Tag sind wir alle oder diese und jene Kinder, Brüder und Freunde von den Räubern und Mördern auf das Grausamste gemordet worden!“?
HIM|2|430314|8|0|Also wende Ich samt allen Meinen Engeln an allen solchen Sonn- und anderen Feiertagen, welche da wahre Hinrichtungstage Meiner Kinder sind, Mein Angesicht völlig von der Erde hinweg und will nicht anschauen die Gräuelszenen, die da an und von der Menschheit vorzugsweise begangen werden.
HIM|2|430314|9|0|Wollet daher auch ihr keinen allfälligen Feiertag mit eurer Jahreserinnerungsfeier unter euch gründen – sondern es sei euch ein jeder Tag ein Ruhetag in Meiner Gnade, Liebe und Erbarmung! Ja ein jeder Tag sei euch ein Festtag, da Ich ja an jedem Tag des Jahres euch stets gleich Meine Gnade, Liebe und Erbarmung erwies.
HIM|2|430314|10|0|Da ihr aber heute schon besserermaßen euch in Meinem Namen versammelt habt, so denkt vorzugsweise dabei an Mich! Kehrt eure Herzen zu Mir, und Ich werde dann nicht ermangeln, unter euch Mich einzufinden. Aber nur macht daraus keine Gewohnheit und haltet diesen Tag nicht für besser als einen anderen! Dann werde Ich mit Wohlgefallen auf euch schauen und allezeit unter euch sein, wann immer ihr euch versammeln werdet in Meinem Namen.
HIM|2|430314|11|0|Ihr wisst ja alle, wie wenig Ich bei Meinem menschlichen Sein auf der Erde auf den alten Sabbat gehalten habe. Und Ich habe darum auch keinen Feiertag eingesetzt, da Ich wohl sah, welche Früchte mit der Zeit die Feiertage tragen würden. Aber die spätere Habsucht der Priester hat dann dennoch zufolge ihres argen freien Willens, schnurgerade Meinem Willen entgegen, eine Menge solcher Feiertage eingeführt, welche nur für sie Gewinntage waren und noch sind. Für Mich aber und für die Menschen sind sie die größten Verlusttage. Darum denn auch auf allen schon gar lange statt Meines Segens nur Mein herbster Fluch ruht.
HIM|2|430314|12|0|So denn aber jemand von euch rein gewohnheitsmäßig an Feiertagen in den Gottesdienst zieht, dem sage Ich, dass er in den Dienst der Hölle zieht. Wer in ein Bethaus geht, der bedenke, warum er dahin geht, will er nicht in die Ehrenlegion des Satans aufgenommen werden; denn ein Bethaus ist jetzt ein wahres Fanghaus des Satans geworden.
HIM|2|430314|13|0|Ihr sollt also gar keinen „Feiertag“ haben, sondern ein jeder Tag sei euch allen ein wahrer Sabbat in werktätiger Liebe zu Mir! Und Ich werde euch dann auch an jedem Tag fortwährend segnen – nicht aber nur etwa alle acht Tage durch die metallene Monstranz in der Hand eines oft habsüchtigen, hochtrabenden, arbeitsscheuen, gleisnerischen, fluchenden, verdammenden, richtenden, finsteren, nicht selten aller Liebe und Barmherzigkeit ledigen Priesters!
HIM|2|430314|14|0|Solches also gebe Ich, euer allerliebevollster Vater, euch allen heute zu guter Beachtung und offenbare es damit euch allen, auf dass ihr alle klar erschauen sollt, welch eine Bewandtnis es nun mit den hochgepriesenen Feier-, Gedächtnis-, Erinnerungs- wie auch Sonntagen hat, und das im Geiste und der Wahrheit bei Mir, dem alleinigen Herrn über Leben und Tod.
HIM|2|430314|15|0|Ihr aber, liebt Mich, da Ich euch so sehr liebe! Wann Mich aber jemand von euch flammend in seinem Herzen lieben wird, dann wird er auch in sich den wahren, lebendigen Sabbat halten und wird den vorbildenden Sabbat der Juden in sich zum allgemeinen, stets mit Meinem Segen erfüllten machen.
HIM|2|430314|16|0|Solchen Sabbat sollt ihr allezeit in euch lebendig heiligen und also in euch den Erinnerungstag festsetzen. Dann werdet ihr diejenigen wahrhaftigen Anbeter Gottes sein, welche überall und allezeit Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten und an jedem Tag Mir ein herrliches Fest in Ihrem Herzen bereiten.
HIM|2|430314|17|0|Solches sei euch an diesem Erinnerungstag eine gute Gegenerinnerung! Beachtet sie, und Ich werde segnend in eurer Mitte sein. Amen.
HIM|2|430316|1|1|Eine rechte Predigt – 16. März 1843
HIM|2|430316|0|0|O Herr, Du mein allerliebevollster, wahrer heiliger Vater, erhöre mich wieder! Denn siehe, ich ganz für mich habe einen kleinen Anstand, weiß mir da nicht zu raten und nicht zu entziffern, was solches besagen soll? Auf diese Bitte erging in etwas heftigem Ton die Antwort:
HIM|2|430316|1|0|Gut, gut! Was schreibst du denn aufs Papier, was du möchtest, als wüsste Ich es nicht anders, als bis du es aufs Papier gebracht hast!? Ich sehe ja in dein Herz! Weißt du denn solches nicht?! Also schreibe denn:
HIM|2|430316|2|0|Was da betrifft das dir bewusste Predigerweib, da sage Ich dir, kümmere dich dessen nicht, indem du an Mir einen ganz anderen Prediger hast, der dir jetzt schon tagtäglich bei drei Jahre lang die innersten, großen Geheimnisse des Lebens predigt und dir noch länger, ja bis zu deinem Erdenlebensende stets heller und heller vorpredigen und dir dann geben will den Lohn der Knechte, so du in der Liebe zu Mir, dem wahren Prediger, und zu deinen Brüdern wachsen wirst also, wie Ich freiwillig in dir wachse in der Fülle Meines lebendigen Wortes, welches ist Meine Liebe, Erbarmung und Gnade in dir wie in jedem, der dieses hören und darnach leben wird.
HIM|2|430316|3|0|So Ich aber nun in dieser bedeutungsvollen Zeit hier und da anfange, Meiner dir gemachten Verheißung zufolge die toten Menschen aus den Gräbern zu rufen und zu erwecken, so sei dir solches ein gutes Zeichen. Doch das Beste sei dir dein eigenes Gnadenlicht.
HIM|2|430316|4|0|Denn wo Ich große Buße verkünden lasse, da stehe Ich als Richter vor der Tür. Wo Ich aber die Liebe predige, da steht der Vater vor der Tür!
HIM|2|430316|5|0|Daher kümmere dich um nichts als nur um Mich, und du kannst versichert sein, dass du ewig nicht wirst zuschanden werden vor jemandem, der vollernstlich wandelt auf Meinen Wegen.
HIM|2|430316|6|0|Wer sich aber über dich ärgern wird, der wird sich auch ärgern über Mich. Lassen wir sie aber sich ärgern, die sich ärgern wollen! Am Ende wird sich dann ja wohl zeigen, was jeder durch sein Ärgern wird erreicht haben.
HIM|2|430316|7|0|Sei versichert, wer da immer etwas anderes sucht und erreichen will als allein, dass er Mich, den alleinigen Herrn, Gott und Vater, über alles liebe in seinem Herzen und seinen Nächsten ums Siebenfache mehr denn sich selbst – der soll entweder leer ausfahren, oder Ich will ihm gleichwohl die Geisterwelt eröffnen, damit so ein törichter Sucher dann von den Geistern verdummt und in zahllosem Falschen gefangen und begründet werden soll!
HIM|2|430316|8|0|Wahrlich, wer Mich liebt eines anderen Zweckes willen und nicht im Grunde des Grundes völlig Meiner Selbst willen, der ist Meiner Gnade nicht wert.
HIM|2|430316|9|0|Wer da aber noch seine Brüder mustert und möchte weiser und besser sein als sie – und wer sich noch dünkt wie ein Herr und kann noch nicht für seine Feind beten und nicht segnen die, so ihm fluchen, wahrlich, der steht noch ferne von Meinem Gnadenleuchter!
HIM|2|430316|10|0|Wenn aber ein reicher und ansehnlicher Bräutigam wüsste, dass eine ihm Liebe zuheuchelnde Braut ihn nur seines Reichtums und Ansehens wegen liebe, fürwahr, er würde zu solch einer Braut sagen: „Hebe dich von mir! Denn du hast Mein Herz noch nie erkannt, sondern nur Meine Schätze fesselten dich heuchlerisch an mich! Ich aber will dir geben nach deiner Liebe, was da tot ist in meiner Schatzkammer ohne mich. Mich jedoch sollst du ewig nimmer zu Gesicht bekommen! Und wann du den Tod verzehren wirst, dann soll Meine Schatzkammer für allezeit vor dir verschlossen werden!“
HIM|2|430316|11|0|Ich aber bin ein gar allwissender Bräutigam! Daher sehe Ich es auch genau, wie jemandes Herz bestellt ist! Und Ich sage daher: Wer zu Mir kommen will Meiner Selbst willen, der komme, und er wird sogleich die ewige Aufnahme finden. Aber ein jeder prüfe sein Herz genau! Denn solange nur noch ein Fünklein fremder Liebe darinnen haust, werde Ich nicht einziehen und Mich völlig finden lassen!
HIM|2|430316|12|0|Ein jeder Liebhaber aber, so er ein echter Liebhaber ist, ist sicher eifersüchtig, und das oft einer Kleinigkeit wegen, weil er ein rechter Liebhaber ist. Denn die Liebe will rein sein und rein haben. Ich aber bin doch von Ewigkeiten her der größte und allerreinste Liebhaber! Daher bin Ich auch überaus eifersüchtig. Und es soll Mich niemand wesenhaft haben, als allein der nur, der Mich allein über alles liebt!
HIM|2|430316|13|0|Siehe, das ist ein echtes Wort, eine echte Predigt! Bei dieser bleibe du und kümmere dich nicht einer anderen, so wirst du daran für ewig genug haben. Denn Meines Mundes Wort wird doch wohl besser sein als das einer verzückten Schwärmerin! Daher lasse sie! Denn Ich weiß, was Ich tue durch derlei Personen!
HIM|2|430316|14|0|Was aber noch deine vier geträumten Schlangen betrifft, von denen dich am Ende die größte in die Oberfläche der Hand biss, so hat solches bloß nur eine Beziehung auf die heutige Rede des Drachen im Hauptwerk und besagt, dass dich diese Rede anfangs etwas verletzen wird. Aber du wirst dann gar bald erwachen aus solcher Verletzung.
HIM|2|430316|15|0|Siehe, das ist alles, was du heute wolltest! Beachte es, liebe Mich und sei ruhig! Amen.
HIM|2|430328|1|1|Priesterliche Sündenvergebung – 28. März 1843
HIM|2|430328|1|0|Du möchtest wohl der ältesten Tochter Marie des A. H.-W. zum leiblichen Namens- und Geburtstag von Mir etwas geben? Ja, Ich möchte ihr ja auch etwas geben, so sie nur ernstlich etwas möchte. Aber sie hat eben nicht das größte Zutrauen zu uns, sondern hängt noch am stärksten an der „Mauer Roms“. Daher ist es auch etwas schwer, ihr etwas Rechtes zu geben, also, dass sie daran ein lebendiges Wohlgefallen fände.
HIM|2|430328|2|0|Damit sie aber sehen möge, was da an der „Mauer Roms“ liegt, so will Ich sie auf den mächtigsten Stützpunkt, worauf Rom fußt, bedeutlich aufmerksam machen. Es ist der 18. Vers des 18. Kapitels aus Matthäus und gleichlautend und -bedeutend auch der 23. Vers im 20. Kapitel aus Johannes.
HIM|2|430328|3|0|Dass aber dieser Stützpunkt ein ganz fälschlicher ist, steht ja doch gar deutlich im ganzen 18. Kapitel des Matthäus und besonders vom 14. bis zum 35. Vers, und noch deutlicher im Vaterunser. Denn da heißt es doch: „Vergib uns unsere Schuld, also wie wir unseren Schuldigern vergeben“ – und steht nicht: „Vergib uns unsere Schuld, wie uns dieselbe die Priester vergeben!“
HIM|2|430328|4|0|Also besagt auch der römische Stützpunkt, der 18. Vers im 18. Kapitel des Matthäus, keineswegs die Sünden vergebende Macht von Seiten eines Priesters, sondern die gegenseitige menschliche und brüderliche Liebepflicht, dass einer dem anderen alle Schuld vergeben solle.
HIM|2|430328|5|0|So die Menschen sich gegenseitig alles vergeben, dann wird ihnen auch von Mir alles vergeben. So sie sich aber gegenseitig ihre Schulden unter sich vorenthalten, da werde denn Ich sie ihnen auch vorenthalten!
HIM|2|430328|6|0|Das ist die rechte Bedeutung dieser lang überaus stark verkannten und ebenso stark missbrauchten Stelle, und es gibt für Mich keine andere gültige! Wer nach dieser Bedeutung leben wird, der wird zu Mir kommen; wer aber nicht, der wird draußen bleiben, und wenn er mit tausend priesterlichen Sündenvergebungen versehen wäre.
HIM|2|430328|7|0|Solches solle denn auch die M. H. bedenken, so wird sie bald einsehen, dass Ich auch ohne Skapuliere und Brevets Sünden vergeben kann. Amen.
HIM|2|430407|1|1|Wie die Liebe, so der Lohn – 7. April 1843
HIM|2|430407|1|0|Schreibe für jedermann ein gutes Wörtlein! Wer es beachten wird, der wird einen „guten Teil“ erhalten, der von ihm nicht wird genommen werden! Das Wörtlein, Lukas 10,40-42, aber lautet also:
HIM|2|430407|2|0|„Martha aber machte sich viel zu schaffen, um Mir zu dienen, darum sie denn auch zu Mir trat und sprach: ‚Herr, fragst denn Du nicht darnach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie auch etwas angreife!‘ – Ich aber antwortete und sprach zu ihr:
HIM|2|430407|3|0|‚Martha, Martha, du hast viel Sorge und Mühe! Eines aber nur ist nötig! Maria hat sich den guten Teil erwählt, der soll nicht von ihr genommen werden!‘
HIM|2|430407|4|0|Wenn aber Ich solches hinsichtlich der Maria, die sich den „guten Teil“ erwählt hatte, zur Martha sagte, die doch Mir diente – was soll Ich dann denen sagen, bei denen von einer „Maria“ nicht nur keine allerleiseste Spur ist, sondern die auch mit der „Martha“ nicht im Geringsten zu vergleichen sind, indem sie nicht Mir, sondern nur der Welt dienen, und das fleißig den ganzen Tag hindurch, und sich vor lauter Weltgedanken und Weltgeplapper nicht einmal so viel Zeit nehmen, dass sie sich im Tag nur eine halbe Stunde, zusammengenommen, mit Mir unterhalten möchten; und wenn sie schon an Mich denken, so denken sie aber doch nur wie an einen vor zehn oder zwanzig Jahren vergangenen Winter.
HIM|2|430407|5|0|Was also soll Ich zu solchen sagen, denen ein Strumpf im Tag hindurch bei weitem mehr zu denken, zu reden und zu handeln gibt als Meine Vaterliebe zusammengenommen in einem Monat, bei manchem wohl auch in einem Jahr?! Was zu denen, die den ganzen Tag messen, zählen und rechnen, wie lang ein Fetzen und in wie viele Falten und Maschen der andere solle gelegt werden? Was soll Ich also – nicht etwa der Maria, sondern bloß nur der Mir dienlich geschäftigen Martha gegenüber – denen sagen, die für ihren Leib nicht selten bis in die späteste Nachtzeit arbeiten und keine Mühe und Sorge allerwachsamst scheuen; so sie aber von Mir etwas hören sollen, da übermannt sie sobald der Schlaf?!“
HIM|2|430407|6|0|Was soll Ich noch ferner sagen denen, die da wohl tagelang bei sich nachsinnen können, so sie irgendein törichter, eitler Weltlaffe über die Straße angesehen hat; und werden sie ob solchem Sinnen an Mich gemahnt, so stehen sie ärgerlich auf und kehren dem Mahner den Rücken!
HIM|2|430407|7|0|Ich rede aber hier nur von denen, von denen noch zu reden ist; denn von den noch ärgeren Weltmenschen rede Ich nicht. Denn diese sind es, die da allzeit nach dem Laufe der Welt gehen und nach dem Fürsten der Welt, der da wohnt in der Luft und herrscht in ihr, d. h. (nach dem Geiste!) der in dieser Zeit ganz besonders sein Werk hat mit den Kindern des Unglaubens, unter welchem sie alle wandeln in den Lüsten ihres Fleisches und ihrer Weltvernunft und darum schon von der Geburt aus Kinder des ewigen Zornes sind.
HIM|2|430407|8|0|Also zu denen rede Ich nicht, sondern zu denen, die sich noch zu Meinen Kindern zählen, aber Mich, den heiligen Vater, ob ihrer kleinlichen Weltgeschäfte dennoch nicht selten im Geiste und in der völligen Wahrheit im Tag nicht sorglich höher in ihrem Herzen stellen als ein altes, abgetragenes Kleid. Da frage Ich: Was soll Ich zu denen sagen? – Ja, Ich sage, da wird eben nicht viel mehr zu sagen sein!
HIM|2|430407|9|0|Damit aber doch etwas gesagt werde, wennschon nicht wie zur Martha, so sage Ich aber dennoch: Wie die Arbeit, so der Lohn! Wie die Liebe, so ihr Preis!
HIM|2|430407|10|0|Wer dem Leib mehr opfert denn Mir, der soll von seinem Leib den Lohn verlangen, so dieser zu Staub und Asche wird! Wen die Liebe und der Beifall der Welt so bedeutend mehr anficht als Ich – gut, ist Mir ja auch recht – der begnüge sich immerhin damit. Aber des kann er auch völlig versichert sein, dass Ich Mich ihm nimmer aufdringen werde!
HIM|2|430407|11|0|Wie die Werke, so wird auch das Leben sein! Wer am Tode eine so große Freude hat, dass es ihm nicht bange wird, so er Tag für Tag in selbem herumwühlt, der tue immerhin, was ihn freut! Er soll am Ende in Seiner Freude auch seinen Trost finden nach seiner Art! Aber Ich werde hübsch ferne davon sein!
HIM|2|430407|12|0|Mehr brauche Ich nicht zu sagen! Es soll aber gar bald eine Zeit kommen, in der solche emsige Diener der Welt beiderlei Geschlechtes noch diesseits ganz gründlich erfahren werden, welch einen „guten Lohn“ sie sich mit ihrer Arbeit erworben haben! Mehr sage Ich nun durchaus nicht!
HIM|2|430407|13|0|Wohl dem, der diese Worte lebendig beherzigen wird. Dem Lauen aber ist schon sein nahes Los, aus Meinem Munde gespien zu werden, ohnehin für ewig sicher vorbehalten. Amen. Das sagt der heilige, vergessene Vater. Amen.
HIM|2|430416|1|1|Vergebliche Einladung – 16. April 1843
HIM|2|430416|1|0|Schreibe nur, denn Ich weiß schon, was du hast, das eben nicht von großwichtigstem Belang ist!
HIM|2|430416|2|0|Siehe, demjenigen, den du in der Anfrage hast, ist vorderhand weder zu raten noch zu helfen; denn er sucht noch fortwährend in der Welt sein Glück und will nur seine weltlichen Umstände gebessert haben, aber an Mir ist ihm im Grunde noch gar wenig gelegen, da er Mich nicht sucht Meinetwegen, sondern nur der tollen Welt wegen.
HIM|2|430416|3|0|Ich habe ihn im vorigen Jahr gar freundlichst eingeladen zu Meinem Tisch und Gastmahl. Allein er hat sich vor lauter Welt noch nie eingefunden, zu tun, was Ich ihm geraten habe, damit er daraus erkannt hätte, warum er so ganz eigentlich, von Mir ausgehend, auf der Welt ist! Er dient und lebt nur der Welt, so muss er sich denn auch mit dem Lohn der Welt begnügen!
HIM|2|430416|4|0|Es kann zwar jeder tun, was er will. Wen Ich lade, der mag kommen oder nicht. Und es ist einmal zwar jeder geladen – ob er darum kommt oder nicht, das ist Mir einerlei. Denn die Welt hat ihre Kinder, und Ich habe die Meinen. Wenn Ich aber die Meinen rufe, und sie hören Mich nicht an und wollen Mich auch nicht verstehen und kommen darum nicht, da sie zu viel mit der Welt zu tun haben, dann lasse Ich sie die Welt so recht verkosten und lasse sie fühlen, wie sie schmeckt.
HIM|2|430416|5|0|Wenn sie sich dann an der Welt hinreichend ein- und ausgekostet haben und der Welt schnödesten Lohn hinreichend haben schätzen gelernt, so werden sie Meinen Ruf dann nicht so leicht wieder in den Wind schlagen, wenn er wieder an sie ergehen wird!
HIM|2|430416|6|0|Ich sage dir aber: Was da in der Sphäre dieses Menschen geschieht, lasse Ich gerade zu seiner Besserung zu. Ich lasse ihn die Welt in größeren Brocken kosten, damit er daraus ersehen soll, welchen Nutzen ihm sein Amt bringt, da er aus lauter Amts- und Welteifer noch nie so recht Zeit gefunden hat, sich dabei auch mit Mir nur manchmal ein wenig zu befassen.
HIM|2|430416|7|0|Da er auch sogleich zu erblinden glaubt, so er etwa manchmal ein Kapitel aus Meinem Buch lesen möchte, so soll er sich darum nur desto mehr in seinen Amtspapieren versuchen, was alles noch seine Augen zu ertragen imstande sind!
HIM|2|430416|8|0|Mir gefällt seine ganze Lebensweise nicht. Er knickt auf der einen Seite, da er die schönste Zeit für Mich gewinnen könnte, und kann dann aber anderseits sogar flott sein, wo’s für Mich keine Zeit gilt und für ihn nichts zu gewinnen ist!
HIM|2|430416|9|0|Daher also ist dem Mann vorderhand nicht zu raten und zu helfen, also wie er es meint, sondern er wird von Mir homöopathisch geheilt, nämlich durch die Welt selbst!
HIM|2|430416|10|0|Solches jedoch will Ich bloß nur dir und allenfalls den drei anderen bemerkt haben. Und sie können ihm darum bloß mündliche Stöße und Rüttler zukommen lassen – es versteht sich von selbst, bei guter Gelegenheit nur!
HIM|2|430417|1|1|Vorsicht mit dem himmlischen Licht – 17. April 1843
HIM|2|430417|1|0|Mit dem Abschreiben der „Sonne“ durch einen Uneingeweihten tut es sich auf keinen Fall! Besonders dann schon am allerwenigsten, so es einer durch sein Alter schon so weit gebracht hat, dass er für ein neues Licht nicht mehr zugänglich ist, indem sein Geist notwendigerweise sich in so manchem Falschen begründet hat, das da mit dem Licht der „Sonne“ wohl gar sehr im Widerspruch steht!
HIM|2|430417|2|0|Siehe, gäbest du aus Meinem neuen lebendigen Wort so einem Menschen etwas zum Abschreiben, der auf der anderen Seite doch bei weitem mehr an den römischen Zeremonien-Verdiensten hängt als an der reinen Lehre des Evangeliums – so würdest du ihn offenbar dadurch nicht besser, sondern nur ärger machen. Denn auf der einen Seite würde er seine Kirche und sein Gewissen in sich zu verdächtigen anfangen, auf der anderen Seite aber wird er gegenüber seiner katholischen Begründung das Abzuschreibende umso mehr verdächtigen, da es seinen alten Begründungen schnurgerade entgegenläuft.
HIM|2|430417|3|0|Der Mann ist aber auch ein Mensch, und es muss Mir daran gelegen sein, dass er nicht zugrunde gehe. Darum soll dergleichen innere Eröffnungen niemand zur Abschrift nehmen, außer er ist ein Sohn Swedenborgischen Lichtes oder selbst ein Geisterseher, oder er ist ein noch sehr beugsamer Jüngling, der in sich selbst den Papismus bezweifelt und ein Blutsverwandter zu dir ist und so auch seelen- und geistverwandt!
HIM|2|430417|4|0|Siehe, dieses Wort ist in sich gar mächtig, entweder zum Beleben oder zum Töten. Daher muss im Anfang damit wohl überaus vorsichtig mit ihm zu Werke gegangen werden. Wen es ergreift, den lässt es nimmer aus – entweder zum Leben oder zum Tode!
HIM|2|430417|5|0|Da es aber ebenso mächtig wie zum Leben, so auch zum Gericht leitet, so lasse Ich es auch nun geschehen, dass eben dieses mächtige Wort den, der es lebendig ergreift, auch lebendig macht und gar gewaltig wiedergebärt – den aber, der es nur ein wenig lau ergreift, sobald hinausstößt und ihn abhält, es ferner aufzunehmen, damit er möglicherweise dadurch noch dem Gericht entgehe!
HIM|2|430417|6|0|Denn es ist besser, von Meiner Liebe nichts zu vernehmen, als diese in sich lau zu handhaben, so sie an ihn einmal in solcher lebendigster Fülle ergangen ist.
HIM|2|430417|7|0|Wer das Licht bekommen hat und wendet sich wieder vom selben, der kommt in die Finsternis. Wer aber die Liebe, als Mein eigenes Leben, bekommen hat und verlässt dann diese wieder, der kommt in den Tod, daraus es umso schwerer wieder zu entkommen sein wird, je mehr der Liebe jemand schon aus Mir in sich aufgenommen hat.
HIM|2|430417|8|0|So sind auch Einzelstrahlen des lebendigsten Liebelichtes tötend für den, der sie aufnimmt in einem unvorbereiteten Zustand – während die alleinigen Gnadenstrahlen für niemanden tötend sind, gleichwie die Strahlen des Blitzes niemanden töten; wenn aber jemand vom Blitz selbst, d. i. von seinem Grundstrahl, getroffen wird, so wird er getötet, so er noch im Naturzustand ist. Ist aber jemand ein Somnambule, so hält er ein ganzes grundelektrisches Meer ohne den geringsten Schaden aus, da er in seinem Zustand demselben als Somnambule völlig verwandt ist.
HIM|2|430417|9|0|Daraus aber sollst du ersehen, warum Ich nicht will und vor der Zeit nicht wollen kann, dass da jemand eine Abschrift von diesem Meinem lebendigen Liebeworte machen soll in unvorbereitetem Zustand, da dadurch seines Geistes Leben in die größte Gefahr käme!
HIM|2|430417|10|0|Du wirst freilich wohl nicht ganz gründlich einsehen, wie solches möglich ist. Bedenke aber: Wenn ein verkrüppelter Baum an einem Felsen sitzt und daselbst ein schwaches Leben hat, wirst du ihm dadurch das Leben retten, so du ihn von seinem mageren Platz nimmst und ihn in ein fettes Erdreich setzt? Also ist es auch besser, die Begründeten da zu lassen, wo sie sind. Denn eine gewaltsame Umsetzung kostet ihnen das Leben!
HIM|2|430417|11|0|Verharre dich aber noch eine kurze Zeit wegen der Abschrift, und du wirst schon noch alles auf einem guten und ganz gefahrlos sicheren Wege erhalten! Solches ist wohl zu beachten! Amen.
HIM|2|430421|1|1|Die Seelenlampe der Selbsterkenntnis – 21. April 1843
HIM|2|430421|1|0|Gebe dieses Meinem lieben A. H. W. an seinem Leibesnamenstag, da er wissen möchte, warum die Schwachheit besser ist denn die Stärke.
HIM|2|430421|2|0|Höre du, Mein geliebter Freund und Bruder in Meiner Liebe zu dir! Was da deine drei dir etwas dunkel vorkommenden Texte Meines lieben Paulus aus dem 12. Kapitel des zweiten Briefes an die Korinther betrifft, so sind sie von Mir auch schon im Evangelium wie auch in den Propheten hie und da ausgesprochen, besonders aber im Hiob, im Jeremias und in den Bußpsalmen Davids.
HIM|2|430421|3|0|Dessen ungeachtet aber sind sie für ein noch etwas schwaches Geistesauge ein wenig dunkel. Daher will Ich dir denn auch nun zu deinem Tag eine kleine Lampe, gefüllt mit dem Gnadenöl aus Meiner Liebe, geben. Diese Lampe wird dir dergleichen Texte so herrlich erhellen, dass sie dir wie von der Sonne durchsichtig erleuchtet vorkommen werden! Und so höre denn! Das aber ist und darin besteht die Lampe:
HIM|2|430421|4|0|Als Ich Selbst einmal zu Meinen Fleischzeiten auf der Erde vor den Juden, Schriftgelehrten und Pharisäern die wahre Rechtfertigung vor Gott darstellte, da sagte Ich folgendes Gleichnis, welches aus dem Leben gegriffen war:
HIM|2|430421|5|0|Ganz vorne vor dem Allerheiligsten brachte ein gar vornehmer Pharisäer dem Herrn sein Dankgebet dar, indem er laut also sprach: „O Herr! Ich danke dir, o Herr, dass Du mir solche große Stärke verliehen hast, derwegen ich seit meinen Kinderjahren Dir allergetreuest dienen konnte und habe mich noch nie an einem Gesetz versündigt gegen Dich, o Herr! Denn ich habe die Gesetze Mosis gehalten bis auf ein Häkchen. Ich verrichtete meine Standespflichten genau, ich opferte Dir allezeit reichlichst und gab von allem den Zehnten pünktlich genau. Ebenso auch verunreinigte ich mich nie, weder am Morgen, noch am Mittag, noch am Abend. Und den Sabbat habe ich ebenfalls noch nie mit einem Finger entheiligt.
HIM|2|430421|6|0|O darum danke ich Dir, mein Gott, nun mit vollster, überzeugender Inbrunst aller meiner von Dir mir gütigst verliehenen Kraft, derwegen ich stets gerecht gewandelt habe vor Dir und bin gerechtfertigt vom Scheitel bis zur Zehe und bin nicht ein Sünder gleich den gemeinen Juden, gleich den Landstreichern, gleich den Tagdieben, Räubern und Mördern, gleich den Hurern und Ehebrechern, gleich den Sabbatschändern und Schweinefressern und nicht im Geringsten gleich all den öffentlichen Sündern, Gauklern, Tänzern, Komödianten, Zauberern, Zöllnern und niedrigen Wucherern und nicht im Geringsten gleich den Samaritern und dergleichen mehr!“ – Das war so etwa das Dankgebet des gerechten Pharisäers.
HIM|2|430421|7|0|Aber ganz im Hintergrund des Tempels stand auch ein sündiger Zöllner. Dieser getraute sich kaum seine Augen aufzuheben und sprach in der völligen Zerknirschung seines Gemütes:
HIM|2|430421|8|0|„O Herr! Ich armer, schwacher Sünder bin nicht wert, Dein Heiligtum zu schauen, nicht wert, auch nur am letzten Platz Deines Tempels zu stehen! Sei, o Herr, mir armem, schwachem Sünder aber gnädig und barmherzig, wenn ich je noch einer Erbarmung im Allergeringsten würdig bin!“ – Hier schlug der Zöllner sich auf die Brust und verließ weinend den Tempel!
HIM|2|430421|9|0|Wer von diesen beiden ging nun wohl gerechtfertigt aus dem Tempel? Ich sage dir jetzt, wie Ich es damals gesagt habe: Keineswegs der prahlerische Pharisäer, der Mir seine Gerechtigkeit vorrechnete und sich für viel besser hielt als alle anderen; sondern der schwache, sündige Zöllner, der sich für schlechter hielt als alle anderen. Darum kam Ich später auch in sein Haus und aß und trank mit ihm und nahm ihn als einen Bruder zu Mir und Meinen Brüdern auf.
HIM|2|430421|10|0|Nun siehe, wenn demnach der Zöllner Mein Freund wurde, der Pharisäer aber gerade das Gegenteil, so wird es doch etwa klar sein, warum Paulus spricht: „Auf dass ich mich nicht der hohen Offenbarung überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich ein Engel Satans (d. i. fleischliche Liebe oder fleischliche Lustbegierde), damit er mich mit Fäusten schlage.“ – Desgleichen spricht auch Hiob:
HIM|2|430421|11|0|Was ist wohl leichter, als sich in einem hohen Amt zu überheben und sich für besser zu halten denn alle seine Brüder, denen ein solches Amt nicht zuteil ward!? Was aber ist für des Menschen Geist wohl auch gefährlicher als eben solch eine gar leicht mögliche Überhebung?!
HIM|2|430421|12|0|Darum also war es auch für Paulus und jeden seines Amtes nötig, eine beständige Mahnung im Fleische zu haben, die so zu ihm sprach: „Siehe, du bist nur ein Mensch und durchaus kein Gott! So oft du fallen wirst vor Mir, will Ich dich wieder aufrichten, damit du gedenkst, dass du nur ein Mensch seiest!“ – Paulus merkte in sich solchen Jammer. Darum bat er Mich auch dreimal heftig, dass Ich ihn von dieser Probe befreien solle.
HIM|2|430421|13|0|Ich aber sprach zu ihm darauf: „Lasse dir an Meiner Gnade genügen, denn Meine Kraft ist nur in den Schwachen mächtig!“ – d. h. so sie ihre Schwäche lebendig erkennen, wie denn auch Paulus darauf bekennt, da er spricht: „Also will ich mich denn am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass allzeit die Kraft Christi bei mir wohne! Und darum denn bin ich, Paulus, nun auch stets guten Mutes in meinen Schwachheiten, in Schmach, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen. Denn ich weiß es ja, dass ich nur dann stark bin, so ich schwach bin!“
HIM|2|430421|14|0|Warum denn also? Weil Paulus wohl wusste, dass Ich dem Schwachen und dadurch Demütigen stets näher bin als einem Starken oder sich wenigstens törichterweise für stark Wähnenden!
HIM|2|430421|15|0|Wer fällt wohl öfter im Gehen als die Kindlein?! Und dennoch sage Ich: „So ihr nicht werdet wie die Kleinen, werdet ihr nicht eingehen in Mein Reich der Himmel!“ – Daraus kannst du auch ersehen, warum sich der Paulus seiner Schwäche rühmte.
HIM|2|430421|16|0|Aber auch daraus kannst du es ersehen, dass der gute Hirte die 99 gerechten Schafe verlässt und geht suchen das hundertste Verlorene, und so Er es findet, es sobald unter der größten Freude auf Seine Achsel legt und es nach Hause trägt! Und endlich kannst du den Schwachheitsruhm des Paulus auch daraus gar deutlich verstehen, dass der Vater nur dem verlorenen Sohn entgegenkam, ihn aufnahm, ihm dann sogar ein großes Gastmahl bereitete, ihn schmückte mit dem Herrnringe und ihn setzte in die größten Ehren!
HIM|2|430421|17|0|Ich meine, Mein Freund und Bruder A. H.-W., mit dieser Lampe beleuchtet, wird es dir nicht mehr schwer werden, dergleichen Texte aus dem Grunde lebendig zu verstehen! Ich, dein Vater und Gott Jesus, sage dir aber noch hinzu:
HIM|2|430421|18|0|Wer da kämpft in seiner Schwäche und siegt, ist Mir ums Tausendfache lieber als ein Starker, dem der Sieg ein Leichtes ist. Wenn der Schwache fällt, da will Ich ihn aufrichten, wie oft er auch immer fällt. Aber der Starke mag sich selbst aufrichten, so er gefallen ist.
HIM|2|430421|19|0|Dies also sei dir ein gutes Bindeband von Mir, Jesus, an deinem Tag! Denn Ich binde dich dadurch in deiner Schwäche an Meine Stärke. Des sei völlig versichert zeitlich wie ewig! Ich, dein lieber Vater Jesus! Amen.
HIM|2|430503|1|1|Das Wesen des Mannes und des Weibes – 3. Mai 1843 [Die Haushaltung Gottes 1882]
HIM|2|430503|0|0|In dem 1840-1844 niedergeschriebenen Hauptwerk „Die Haushaltung Gottes“ werden u. a. die Verhältnisse der auf den Gebirgshöhen wohnenden Nachkommen Adams geschildert. Die Urväter erhalten dabei vom Herrn Enthüllungen über das Wesen des Mannes und des Weibes.
HIM|2|430503|1|0|O Herr, Du allerliebevollster Vater! Gebe uns allen zu unserer Beruhigung über Deine erhabenste Antwort an den Muthael ein größeres Licht; denn in dem Licht über unsere sittlichsten, besten Weiber können wir nicht glücklich, sondern nur unglücklich sein, da sie nach Dir doch unser allergrößtes Gut sind, und wir Dir für dieses ewig nie genug werden danken können.
HIM|2|430503|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Die Haushaltung Gottes“, Buch 3, Kapitel 30.
HIM|2|430506|1|1|Auslegung des Propheten Obadja – 6. Mai 1843
HIM|2|430506|1|0|Der Prophet „Obadja“, das heißt: Der Prophet der Gegenwart und Zukunft, oder: der Prophet des Äußeren und Inneren, wie auch des äußeren Glaubens und der inneren Liebe.
HIM|2|430506|2|0|„Von der Edomiter Strafe und der Israeliten Erlösung“, das heißt: Vom Gericht der Welt und von der Freilöse der Kinder der Liebe Gottes, oder: von der Weltmenschen Verworfenheit und von der Herrlichkeit der wahren Anbeter und Liebhaber des Herrn Gott Zebaoth in Jesu Christo, wie auch: von der Zugrundegehung der Weltkirche und ihrer Diener und der Auferstehung der wahren, lebendigen Kirche in der reinen Liebe zu Gott, dem Herrn in Jesu Christo.
HIM|2|430506|3|0|Vers 1: „Dies ist das Gesicht Obadjas. So spricht der Herr Herr von Edom: ‚Wir haben vom Herrn gehört, dass eine Botschaft unter die Heiden gesandt sei: Wohlauf, lasst uns wider sie streiten!‘“
HIM|2|430506|4|0|Dies ist das Licht der Gegenwart und der Zukunft, des Äußeren und des Inneren, des Weltglaubens und des inneren Liebelichtes im Herrn! Also zeugt der Herr vor der Welt und ihren ungerechten, liebelosen Werken! Wir Kinder im Licht der Liebe zum Herrn wissen es aus Ihm, dass die Welt das Gnadenlicht des Herrn verkehrt in Arges, Geiziges, Selbstliebiges und Hurerisches und achtet des Herrn nicht im Geringsten Seiner Selbst willen, sondern macht aus Ihm nur eine falsche, schlechte Ware, um sie als echte an uns zu verkaufen. Wohl uns, und alle Liebe und Anbetung dem Herrn, da Er uns solches angezeigt hat! Wir wollen uns daher in unserem, von Liebe und Gnade des Herrn erfüllten Herzen aufmachen und kämpfen gegen alles, was der Welt und nicht des Herrn ist!
HIM|2|430506|5|0|Vers 2: „Siehe, Ich habe dich gering gemacht unter den Heiden und sehr verachtet.“
HIM|2|430506|6|0|Höre Welt! Du bist gerichtet! Deine Liebe ist ein kalter Ofen im Winter und dein Licht zur barsten Finsternis geworden, und all dein Tun, Treiben und dein großes Geschrei gleicht einem besoffenen Esel, der mit verbundenen Augen und dicht verstopften Ohren auf dem Eis herumtanzt zur Lache der Zuschauer.
HIM|2|430506|7|0|Vers 3: „Der Hochmut deines Herzens hat dich betrogen, weil du in der Felsen Klüften wohnst, in deinen hohen Schlössern, und sprichst in deinem Herzen: ‚Wer will mich zu Boden stoßen?‘“
HIM|2|430506|8|0|Deine irrwähnige göttliche Machtvollkommenheit hat dein Herz oder deine Liebe von Mir abgezogen und hat es erfüllt mit Hochmut, Stolz, Zorn, Rache, Hurerei und allem Gericht, indem du, als die am meisten gerichtete Hure, auch am meisten richten wolltest und auch gerichtet hast nach deinem eigenen Sinne – weil du glaubtest, dazu darum ein Recht zu haben, da du dein loses Wesen listigerweise auf Mein Wort, missdeutend, gebaut hast wie auf Felsen und Klüfte (verkehrten Wortsinn und unentwirrbare Geheimnisse) und dich trügerischer- und schändlichst eigenmächtigerweise gesetzt hast auf den Thron Meiner Mir allein zukommenden Macht („hohe Schlösser“) und sprichst vom geraubten Thron herab: „Kommt alle zu mir! Denn außer mir ist kein Heil, keine Liebe, keine Gnade, keine Erbarmung, kein Licht und kein Leben! Ich allein wohne auf dem Felsen, und keine Hölle kann mich überwältigen!“
HIM|2|430506|9|0|Vers 4: „Wenn du denn gleich in die Höhe führest wie ein Adler und machtest dein Nest zwischen den Sternen – dennoch will Ich dich von dannen herunterstürzen, spricht der Herr!“
HIM|2|430506|10|0|Ich dein Herr und dein Gott donnere dir nun in dein lange schon verstopftes Ohr und in dein zum Stein verstocktes und verhärtetes Herz von allen Seiten her: Wenn du nun dich auch zum Schein erheben möchtest durch allerlei Künste und möchtest auch Licht predigen und in alle Duldung übergehen und aufgeben all dein scharf sehendes Richteramt und möchtest auch zusammenziehen alle Weisen aus Mir und möchtest dir erbauen eine Wohnung unter ihnen im Bereich Meines Gnadenlichtes – so werde Ich dich dennoch, deiner alten Hurerei willen, ergreifen und hinabschleudern in die Tiefe deines Unflates. Tue, was du willst, Ich will dich aber nimmer ansehen in deiner Art und will dich nimmer erkennen in deinem Gewand, und dein Nest soll eine zeugende Lagerstätte deiner Hurerei verbleiben! Also donnere Ich, dein Gott und dein Herr!
HIM|2|430506|11|0|Vers 5: „Wenn Diebe oder Räuber zur Nacht über dich kommen werden, wie sollst du da zunichtewerden! Ja, sie sollen genug stehlen! Und wenn die Weinleser über dich kommen, so sollen sie dir keine Nachlese übriglassen!“
HIM|2|430506|12|0|In deiner großen Nacht will Ich in deinem Schoß Weise erwecken und will vielen geben heilige Gesichte. Diese sollen deinen alten Schleier lichten und dich aller Kreatur zeigen in deinem wahren Licht und elendem, ärgstem Zustand! Wie wirst du da aus deiner grässlichsten Nacht Meinem allerhellsten Licht aus den Himmeln begegnen?! Ja, Ich sage dir, diese werden dir alle deine kostbaren Kleider ausziehen und du wirst als eine alte, schändliche Hure und Ehebrecherin nackt, von Meinem mächtigen Licht beleuchtet, vor der ganzen Welt dastehen! Deine Kostbarkeiten von großem Wert, die du noch verborgen hältst, werden dir genommen werden. Und zur Zeit der großen Ernte in Meinem Weinberg jenseits soll dir nicht einmal die Nachlese der Gassenbuben übrigbleiben, sondern vom Sand sollst du dich sättigen und am dürren Moos den Durst stillen!
HIM|2|430506|13|0|Vers 6: „Wie sollen sie den Esau ausforschen und seine Schätze suchen!“
HIM|2|430506|14|0|O wie sollst du da ausgeforscht werden, du Weltbuhlerin (Esau)! Und wie wirst du dich selbst aussuchen in allen deinen Winkeln! Aber du sollst nichts finden in dir! Denn was du hattest aus Mir, ist dir genommen worden, du Heidenkönigin! Du wirst umsonst geprüft werden! Denn die dich durchsuchen werden, sollen fürder nichts in dir finden.
HIM|2|430506|15|0|Vers 7: „Alle deine eigenen Bundesgenossen werden dich zum Bunde hinausstoßen, die Leute, auf die du deinen Trost setztest, werden dich betrügen und überwältigen; die dein Brot essen, werden dich verraten, ehe du es merken wirst.“
HIM|2|430506|16|0|Alle deine Anhänger, die du dir zu eigen angebunden hast mit deiner langen Doppelzunge Macht, werden dich in ihren Herzen gar höchlichst verabscheuen. Und diejenigen blinden Leute, auf die du bautest wie auf einen Felsen, werden dich überlisten mit der Macht ihrer Nacht und werden dir nehmen alle deine Macht. Ja sogar deine geweihten Knechte, Diener und Söldner, also deine Geschworenen und Gesalbten, werden dich vor der ganzen Welt enthüllen und dich dem Volk zeigen, wie du bist in deiner Art voll Torheit, voll Lüge und voll Betruges. Du aber sollst es nicht einmal merken, wie es diese anstellen werden, um an dir den lang verdienten Hochverrat zu begehen.
HIM|2|430506|17|0|Vers 8: „Was gilt’s, spricht der Herr, Ich will zu selbiger Zeit die Weisen zu Edom zunichtemachen und die Klugheit auf dem Gebirge Esau.“
HIM|2|430506|18|0|Was gilt es? Also donnert der Herr: Du wähnst unüberwindlich zu sein, weil du dich den Machthabern der Erde aufgedrungen hast und diese dich in den Waffenschutz aufgenommen haben! Und du glaubst, Ich werde dir darum nichts anhaben können, weil du dazu auch noch eine Menge Weiser hast und eine Menge Scharfzüngler, die für deine ewig sein sollenden Rechte sprechen!? Ich, dein Herr, aber will zu dieser deiner letzten Zeit deine Weisen zu Toren machen, die alle Welt auf den ersten Blick erkennen soll, und alle deine Prunkerhabenheit zur allgemeinen Weltlache! Da sehe du dann weiter, was es da mit dir für eine Bewandtnis in Zukunft haben soll! Also deine falsche Liebe (Edom) und all dein falsches Licht (Esau) sollen auf ewig zunichtewerden.
HIM|2|430506|19|0|Vers 9: „Denn deine Starken zu Theman sollen zagen, auf dass sie alle auf dem Gebirge Esau durch den Mord ausgerottet werden,“
HIM|2|430506|20|0|Deine Starken im Wort (zu Theman), welche sich „Gottesgelehrte“ nennen, aber dennoch von Gott noch nie eine Silbe vernommen haben, sondern alle ihre diplomatische Gottesgelehrtheit von der Welt her haben, will Ich ängstigen in ihrem Weltgewissen. Und wenn sie ein Konzilium ihrer doktorlichen Weisheit halten werden, da will Ich sie gerade auf den Scheitel ihrer Weisheit schlagen und sie zugrunde richten lassen von den schwächsten Meiner wahrhaft weisen Kinder in der Wiege Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung!
HIM|2|430506|21|0|Vers 10: „– um des Frevels willen, an deinem Bruder Jakob begangen.“
HIM|2|430506|22|0|Und das will Ich tun des großen Frevels willen, welchen dieses dein „samaritisches Geschlecht“ an Mir und Meinem Wort verübt hat.
HIM|2|430506|23|0|Vers 11: „Zu der Zeit, da du wider ihn stundest, da die Fremden sein Heer gefangen wegführten und Ausländer zu seinen Toren einzogen und über Jerusalem das Los warfen, da warst du gleich wie derselbigen einer. Darum sollst du zu allen Schanden werden und ewiglich ausgerottet sein!“
HIM|2|430506|24|0|Du warst allezeit gleich den ärgsten Heiden. Wenn du auch gewaltig gegen sie kämpftest, da sie Mein Wort zertraten und an dessen Stelle das finstere Heidentum einsetzten und über Mein Wort gleich Tigern herfielen, so bist du aber dennoch, im Besitz Meines Wortes, nicht nur ihnen völlig gleich, sondern ärger um vieles als sie. (Siehe an die Kriege zu Konstantins Zeiten und dann die Kreuzzüge!) Ich aber sage dir: Eben darum sollst du in deiner Wirkung ausgerottet werden ewiglich! Deine Bekenner sollst du an den Fingern zählen und sollst schuldig werden aller Welt!
HIM|2|430506|25|0|Vers 12: „Du sollst nicht mehr deine Lust sehen an deinem Bruder zur Zeit seines Elends und sollst dich nicht freuen über die Kinder Juda zur Zeit ihres Jammers und sollst mit deinem Maul nicht zu stolz reden zur Zeit ihrer Angst!“
HIM|2|430506|26|0|Bis jetzt jubeltest du, so du sahst Meine Bekenner (Antirömlinge, Protestanten, Hugenotten) in irgendeinem Elend und schobst alles als Schuld ihres Ketzertums gegen dich auf sie und nanntest das eine „gerechte Züchtigung“ und stimmtest Lobgesänge an, wenn durch deine Ranglust und arge List tausende Meiner Bekenner getötet worden sind. Aber in der Zukunft sollst du diese Freude nimmermehr haben! Du sollst dich nicht freuen über die Prüfungen der Meinen, und deine Gesandten sollen mit ihnen nichts richten in der Zeit ihrer Probe!
HIM|2|430506|27|0|Vers 13: „Du sollst nicht zum Tor Meines Volkes einziehen zur Zeit ihres Jammers! Du sollst nicht wider sein Heer schicken zur Zeit seines Jammers!“
HIM|2|430506|28|0|Du sollst nicht in das geheime Gnadenlicht eindringen zur Zeit der Heimsuchung Meiner Bekenner! Mit Ekel sollst du erfüllt sein gegen Meine Erbarmung, Liebe und Gnade für Meine Bekenner! Wenn sie an weltlichen Dingen darben und fasten werden, da soll dir alle Lust vergehen, dich zu freuen über Meine Bekenner! Wenn sie von Mir geläutert werden, auch da werden deine Prediger zu großen Schanden werden vor ihnen!
HIM|2|430506|29|0|Vers 14: „Du sollst nicht stehen an den Wegscheiden, seine Entronnenen zu morden! Du sollst seine Übrigen nicht verraten zur Zeit der Angst!“
HIM|2|430506|30|0|Wenn du dich an die Wege stellen möchtest, um in dein Netz zu fangen die Schwachen Meiner Bekenner, da wird dir solches nicht zugelassen werden! Und wirst du dich an die Höfe der Könige wenden, da sollst du abgewiesen werden in deinen verräterischen Forderungen zur Zeit der Umwandlung Meiner Bekenner!
HIM|2|430506|31|0|Vers 15: „Denn der Tag des Herrn ist nahe über alle Heiden. Wie du getan hast, so soll dir wieder geschehen, und wie du verdient hast, so soll dir’s wieder auf den Kopf kommen!“
HIM|2|430506|32|0|Siehe, Mein Tag der Gnade, des Lichtes und der Liebe ist herangekommen über die Meinen; aber als ein Gerichtstag über alle Heiden und umso mehr noch über dich. Wie du es mit anderen getrieben hast, so sollen sie es nun treiben mit dir! Und dein lange schon wohlverdienter Lohn soll über dein Haupt kommen!
HIM|2|430506|33|0|Vers 16: „Denn wie ihr auf Meinem heiligen Berg getrunken habt, so sollen alle Heiden täglich trinken! Ja, sie sollen’s aussaugen und verschlingen, dass es sei, als wäre nie etwas dagewesen!“
HIM|2|430506|34|0|Wie du aber deine Weltmacht auf Mein Wort fälschlich und arglistig gestützt hast und hast dir große Ehre, Gold und Edelsteine verschafft – desgleichen sollen nun deine „Heiden“ dir tun und sollen dich gleich Blutigeln aussaugen bis auf den letzten Lebenstropfen! Ja sie, die durch dich „Heiden“ geworden sind, sollen über dich von allen Seiten herfallen und dich völlig verschlingen, dass du darob sein sollst, als wärest du nie gewesen.
HIM|2|430506|35|0|Vers 17: „Aber auf dem Berg Zion sollen noch etliche gerettet werden, die sollen Heiligtum sein, und das Haus Jakob soll seine Besitzer besitzen.“
HIM|2|430506|36|0|Aber von den Bekennern Meines Wortes, die da sind im Glaubenswahren, werden diejenigen zum lebendigen Wort in ihnen und somit zur völligen Wiedergeburt des Geistes gelangen, die durch ihren Glauben Mich, den Herrn, in der Liebe ihres Herzens werktätig ergriffen haben. Diese sollen dann aber auch ein geistiges Amt (Heiligtum) überkommen und Mein lebendiges Wort. Das Haus Jakobs soll ihrer Glaubens- und Liebe-Gerechtigkeit zu eigen werden, und also das Haus Jakob seine Besitzer besitzen.
HIM|2|430506|37|0|Vers 18: „Und das Haus Jakob soll ein Feuer werden und das Haus Joseph eine Flamme! Aber das Haus Esau Stroh; das werden sie anzünden und verzehren, dass vom Hause Esau nichts übrigbleibe. Denn der Herr hat’s geredet!“
HIM|2|430506|38|0|Das lebendige Wort wird ein Feuer werden in den Herzen derer, die es besitzen werden, und eine leuchtende Flamme denen, an die es aus dem Munde der Besitzer übergehen wird, in dessen Licht sie gleich dem Besitzer schauen sollen die großen Wundergeheimnisse Meines Reiches! Alles menschliche, weltgelehrte Wort aber soll dagegen werden wie ein leeres, dürres Stroh; desgleichen auch alle studierten Mundpredigten und Kanzelreden – wenn das „Haus Jakobs“ und das „Haus Josephs“ über das „Haus Esaus“ kommen werden! Und es soll vom „Hause Esaus“ nach dem Brand nichts mehr übrigbleiben. „Denn der Herr hat es geredet“, das heißt: Solches wird ganz gewiss geschehen, hier zeitlich und jenseits ewig!
HIM|2|430506|39|0|Vers 19: „Und die gegen Mittag werden das Gebirge Esau und die in den Gründen werden die Philister besitzen. Ja sie werden das Feld Ephraims und das Feld Samarias besitzen, und Benjamin das Gebirge Gilead.“
HIM|2|430506|40|0|Die im Licht der inneren, wahren Weisheit sind, die werden auch alle Weltweisheit unterjochen und sie am Ende zunichtemachen. Welche aber in dem Feuer der Liebe stehen, also die eigentlichen Besitzer des „Hauses Jakobs“, aus welchem erst das „Haus Josephs“ hervorgeht, werden in der Fülle gefangen nehmen die falschen Propheten, Lehrer, Prediger, Redner und Gesetzgeber, welche da sind Diener, Knechte und auch Herren im „Hause Esaus“! Ja sie werden das Reich der Liebe und das Reich der Gnade aus Mir besitzen, das heißt: Das Reich der Himmel – und zwar das „Haus Jakobs“ den zweiten, das „Haus Josephs“ den ersten oder untersten Weisheits- und Gnaden-Himmel. Benjamin aber, oder: die reine Liebe zu Mir – das Gebirge Gilead, oder: die Kraft des lebendigen Wortes aus Mir in ihnen, oder: den obersten Liebe- und Unschulds-Himmel. Denn „Benjamin“ bezeichnet Meiner reinsten Liebe Kinder, die da zu Mir kommen sollen und denen solches niemand verwehren soll ewiglich – da „solcher ist das wahre, oberste Reich der Himmel!“
HIM|2|430506|41|0|Vers 20: „Und die Vertriebenen dieses Heeres der Kinder Israel, so unter den Kanaanitern bis gen Zarpath sind, und die Vertriebenen der Stadt Jerusalem, die zu Sepharad sind, werden die Städte gegen Mittag besitzen.“
HIM|2|430506|42|0|Die aber von den Weltklugen und Weltpriestern am meisten gehassten sogenannten „Ketzer“, die darum also genannt werden, weil sie statt des Weltreligionskrames und Tandelmarktes das reine Evangelium ergriffen haben, und nun darum auch nur als Geduldete hie und da unter den Kanaanitern bestehen und ebenso auch die „Altgläubigen“, welche von jeher beim Wort geblieben sind und jetzt gänzlich unbeachtet leben (die „Schismatiker“), sollen in der Weisheit und Liebe geweckt werden, das ist: „die Städte gen Mittag beziehen.“
HIM|2|430506|43|0|Vers 21: „Und es werden Heilande heraufkommen auf den Berg Zion, das Gebirge Esau zu richten! Also wird das Königreich des Herrn sein.“
HIM|2|430506|44|0|Und es werden von allen Seiten, das heißt aus allen Glaubensrichtungen übereinstimmende, im Geiste mächtig geweckte Besitzer des lebendigen Wortes von Mir aufgestellt werden, auf den Berg Zion kommen und werden aller Welt ein neues Licht anzünden und sie somit richten in ihrer grenzenlosen Torheit und sie „strafen“, das heißt, mit ihrem Licht zur wahren Buße und Umkehr bringen.
HIM|2|430506|45|0|Und das wird sein „Mein Reich auf Erden“, oder Ich als der ewige König unter Meinen getreuen Bekennern, Liebhabern, Kindern und wahren Anbetern Meines Namens im Geiste und aller Wahrheit. Und der Tod wird seine Rechte einbüßen, wo der König des Lebens also herrschen wird – das heißt, der Tod des Geistes, aber nicht etwa des Fleisches. Denn dieses muss getötet werden, wenn der Geist lebendig werden soll, da es die eigentliche Erbsünde des unsterblichen Geistes ist, also ein Erbe des Satans – durch Meine Erbarmung aber nur auf eine kurze Zeit zu tragen!
HIM|2|430506|46|0|Das ist also das Verständnis dieses Propheten in weltlicher und geistiger Hinsicht, allgemein betrachtet! Es hat aber alles dieses auch noch einen besonderen Sinn für jeden Menschen. Wer solches fassen will, der nehme sein „Weltliches“ unter „Esau“ und sein „Geistiges“ unter „Jakob“ oder „Israel“, so hat er es ganz für sich anwendbar. Solches ist demnach auch zu beachten! Amen.
HIM|2|430510|1|1|Für geistig Schwerhörige – 10. Mai 1843
HIM|2|430510|0|0|Bemerkung Anselm Hüttenbrenners: Bei Jakob Lorbers Abreise von Graz, die am 18. Sept. 1844 stattfand, haben sich unter seinen, mir zur Ordnung und Aufbewahrung übergebenen Papieren folgende zwei Nebenworte vorgefunden:
HIM|2|430510|1|0|Ich weiß schon, was du möchtest! Aber siehe, es kann diesmal nicht sein. Denn wo junge Pharisäer in solchen Ehren stehen, die Mich doch kreuzigen Tag für Tag und an allem eine größere Lust haben als an Mir und Mich nicht erkennen, sondern nur verkennen lernen in jeder Silbe Meines Wortes – da bleibe Ich ferne. Ist es doch sicher eine böse Lust, sich unter die zu mengen, welche das Henkerhandwerk lernen, um Mich von neuem zu kreuzigen in jegliches Menschen Herz!
HIM|2|430510|2|0|Wer Lust hat mit Tigern, Löwen und Hyänen zu spielen, der habe sie immerhin; aber nur Mich lasse er dabei ungeschoren! Ich bin nicht etwa dagegen. Ein jeder tue nach seiner Lust! Ich jedoch will nicht dabei sein. Denn auch Ich habe Meine eigene Lust – aber nur an den Pharisäern nicht und an denjenigen auch nicht, die da eine so große Lust und Freude an ihnen haben.
HIM|2|430510|3|0|Daher gebe Ich dir auch diesmal nichts für sie und werde dir so lange nichts geben, als in ihnen die gar intime Pharisäerliebe, -freundschaft und -lust dauern wird!
HIM|2|430510|4|0|Komme Mir denn auch mit so etwas nicht sobald wieder! Denn Ich bin kein Gelegenheitsdichter! Verstehe solches! Amen.
HIM|2|430510|5|0|Das Folgende gib der Julie H., so du es willst und wann du es willst. Denn Ich werde hinfort kein Wörtchen an sie richten, da sie Meine letzte väterliche Liebewarnung nicht beachtet hat, die darin bestand, dass Ich ihr anzeigte, wie sie sich zwischen Mir und der Welt zu schwingen hat angefangen.
HIM|2|430510|6|0|Sage ihr, dass vor Meinen Augen kein Ding verborgen ist! Niemand kommt bei Mir auf mit was immer für einer Unwahrheit in seinem Herzen.
HIM|2|430510|7|0|Solches aber missfällt Mir, dass sie stumm wird, da sie für sich anfängt so manche Geheimnisse in ihrem Herzen zu sammeln und dieselben zu verbergen sucht, entweder durch Wortlosigkeit oder durch Worte anderen Sinnes!
HIM|2|430510|8|0|Sage ihr, bis jetzt noch war Ich, der heilige Vater Selbst, ihr großer Schutzgeist, da Ich ihr aus Meiner großen Liebe habe eine Gelegenheit verschaffen wollen, durch welche sie ehestens zur völligen Wiedergeburt des Geistes gelangt wäre. Siehe, da ersah sie jedoch ein paar unbärtige Weltknaben, an denen ihre Augen mehr Wohlgefallen fanden als an Mir! Sie kehrte Mir den Rücken in ihrem Herzen. Und darum auch habe Ich ihr nun an Meiner statt einen mittelstarken Geist beigesellt, der sie in ihrer weltlichen Ordnung leiten und ihren Leib wohlgefällig ausbilden soll für die Lüsternheit der Weltmenschen – was ihr nun auch seit kurzer Zeit zum Allerliebsten geworden ist!
HIM|2|430510|9|0|O siehe, siehe, wie veränderlich und wetterwendisch doch die Menschen sind! Die Mich heute liebend umfangen, die sind des anderen Tages voll Freuden in ihrem Herzen, wenn der Satan wieder die ersten Ketten um ihren Nacken geworfen hat!
HIM|2|430510|10|0|Sage dem Mädchen, das zwar gerne in die Kirche läuft (warum, das weiß Ich) und auch gerne daheim verbleibt (warum, das weiß Ich auch) und gar wenig Lust und Eifer mehr zu Mir und Meinem Wort wie auch zur lieblichen, sanften Sprache der Töne hat (darum ihr auch nicht selten deine Lektionen zu lang werden und ebenso auch die Zeit, wann der Vater aus Meinem lebendigen Wort eine kurze Vorlesung hält) – dieser Tochter kannst du kundtun, dass sie das Gesagte ja gar wohl bei sich erwägen und beachten solle!
HIM|2|430510|11|0|Sonst hat sie hiermit von Mir die letzte Warnung erhalten! Und ihre weltlich gemengten Wünsche darf sie dann auch nur der Welt vorlegen. Denn den Gebeten weltlicher Herzen pflege Ich kein Ohr zu leihen. Solches aber sollen alle Weiber und Mägde erfahren, dass da Meine Geduld mit ihnen um vieles eher zu Ende ist denn mit dem Mann, darum sie schon von jeher waren die Wurzel aller Sünde! Und darum solle sich auch dies Mädchen nicht wundern, so sie solches vernimmt von Mir. Denn die Mädchen und die Weiber sind ja noch allzeit der Fall der Männer gewesen. Und darum auch habe Ich die größte Geduld nicht mit den Weibern und lasse sie viel eher sinken denn einen Mann, wenn sie Meinem Vaterruf nicht folgen wollen.
HIM|2|430510|12|0|Solches kannst du nun also, so du willst, dem Mädchen wohl kundgeben. Aber zur Pflicht mache Ich es dir nicht, da sie Mein letztes Wort an sie nicht beachtet und heimlich deinen oftmals ausgesprochenen Rat an sie verlacht hat! So du also willst, kannst du es ihr ja geben.
HIM|2|430516|1|1|Die Schiffspredigt des Herrn am See Genezareth (Lukas, 5. Kapitel) – 16. Mai 1843 [Schiffspredigt 1893]
HIM|2|430516|1|0|Diese Predigt, aus 64 Versen bestehend, bei der ersten großen Kirchenversammlung verloren ging; hier aber von Wort zu Wort wieder gegeben wird zum Frommen der gläubigen Liebhaber des Herrn. Die Predigt aber lautete mit den 3 vorhergehenden Versen also:
HIM|2|430516|2|0|Es begab sich aber, dass sich das Volk zu Ihm drang, zu hören das Wort Gottes aus Seinem Munde, da Er am See Genezareth stand und vor dem großen Andrang des Volkes nicht Platz hatte, zu stehen am Ufer.
HIM|2|430516|3|0|Er sah aber zwei Schiffe am See stehen, aus denen die Fischer ausgestiegen waren, zu waschen ihre Netze.
HIM|2|430516|4|0|Da trat Er sobald in eines der beiden Schiffe, welches da des Simon war, und bat ihn, dass er es ein wenig vom Land führe. Als solches der Simon voll Ehrfurcht und geheimer Liebe tat, da setzte Sich der Herr alsbald und begann aus dem Schiff das Volk zu lehren. Und Er tat Seinen Mund auf und sprach laut zum Volk:
HIM|2|430516|5|0|„Der Geist des Herrn ist über Mir, darum hat Mich der Herr gesalbt. Er hat Mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu predigen den Gefangenen eine Eröffnung und den Gebundenen eine Erledigung, wie es der Prophet Jesajas (61, 1) gesagt hat.
HIM|2|430516|6|0|So hört denn ihr Elenden und jauchzt! Denn euer Licht geht auf wie die Sonne aus dem Meer, und eure Herzen werden hell leuchten wie die Wogen des Meeres im Licht der aufgegangenen Sonne.
HIM|2|430516|7|0|Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und ein großes Dunkel all die Völker; aber über dir geht auf der Herr, und Seine Herrlichkeit erscheint über dir.
HIM|2|430516|8|0|Und die Heiden werden in deinem Licht wandeln und die Könige im hellen Glanz, der nun über dir aufgeht.
HIM|2|430516|9|0|Freue dich, Zion, deinen Kindern ist ein Erlöser gekommen und allen denen, die sich bekehren werden von der Sünde. Höre, also spricht nun der Herr:
HIM|2|430516|10|0|Wie lange ist es wohl, dass ihr gebunden seid? Und wer aus euch mag die Jahre zählen, die ihr schon von Uranbeginn hier schmachtet?
HIM|2|430516|11|0|Eure Väter weinten, als sie Knechte wurden zu Babel; und die Mütter herzten ihre Kinder und wehklagten.
HIM|2|430516|12|0|Aber hier ist mehr als Babylon! Ich habe die Kinder auferzogen; aber sie haben ihre Heimat vergessen; ihren Vater kennen sie nicht mehr.
HIM|2|430516|13|0|Wehe euch, die ihr euch frei zu sein dünkt! Denn ihr seid des Tempels Knechte geworden. Das ganze Haupt ist krank, und das Herz ist matt geworden.
HIM|2|430516|14|0|Was soll Mir die große Menge eurer blinden Opfer? Solches spricht nun der Herr: ‚Ich bin satt geworden der Brandopfer von Widdern und des Fetten vom Gemästeten. Ich habe keine Lust zum Blut der Farren, der Lämmer und Böcke.
HIM|2|430516|15|0|Wenn ihr aber hereinkommt, zu erscheinen vor Mir, sagt, wer fordert solches von euren Händen, so ihr in Meinen Vorhof tretet? – Ich sage euch: Nicht Ich, nicht Der, der Mich gesalbt hat von Ewigkeit, sondern die Habsucht der Diener des Tempels und des Vorhofes.
HIM|2|430516|16|0|Bringt daher nicht mehr Speisopfer so vergeblich! Das Rauchwerk ist Mir ein Gräuel und der Neumond und der Sabbat, da ihr zusammenkommt und habt nichts davon denn leere Mühe und tote Angst.
HIM|2|430516|17|0|Meine Seele ist feind geworden allen euren Neumonden, Jahreszeiten, Festen und Jubeljahren! Ich bin ihrer Leerheit überdrüssig und bin müde geworden, noch länger zu schauen eure Torheit. Denn so ihr Gott nicht liebt, was sollen da eure toten Opfer Mir, dem Lebendigen?“ (Jes. 1, 11-14)
HIM|2|430516|18|0|Also spricht nun der Herr! So ihr aber den Vater von Herzen lieb habt, wozu dann des Tierblutes und des Rauchwerkes?
HIM|2|430516|19|0|Und Er sagte ihnen darauf dieses Gleichnis:
HIM|2|430516|20|0|‚Es war eine Witwe, die hatte zwei Söhne. Der eine hieß Levi und der andere Josua.
HIM|2|430516|21|0|Die Witwe aber war krank und ächzte und stöhnte auf ihrem Lager, und ihr Angesicht ward blass, und ihre Augen fingen an sich zu verdunkeln.
HIM|2|430516|22|0|Da rief sie ihre Söhne zu sich und sprach zu ihnen: ‚Meine geliebten Söhne, hört mich, eure hinscheidende Mutter! Meine letzte Stunde ist gekommen. Geht aber hin und betet, ob der Herr Sich etwa meiner erbarmen möchte oder möchte zu Sich nehmen meine Seele im Frieden.‘
HIM|2|430516|23|0|Da gingen die Söhne hinaus und weinten. Und der Levi sprach: ‚Wer wird sich unser erbarmen und uns versorgen, wenn die Mutter von uns genommen wird?‘
HIM|2|430516|24|0|Aber Josua sagte: ‚Möchte ich doch lieber nichts haben als Brot und Wasser, wenn ich nur das Grab meiner Mutter nicht sehen dürfte. Lieber Bruder, lass uns hingehen und beten, ob der Herr Sich unser erbarme und sende Seinen Engel, dass Er die Mutter stärke und ihr Rettung bringe von oben!‘
HIM|2|430516|25|0|Und Levi, der Erstgeborene, ging hierauf in den Tempel und sprach bei sich selbst:
HIM|2|430516|26|0|Ich will dem Herrn ein Brandopfer tun zum süßen Geruch, zwei junge Farren, einen Widder, sieben jährige Lämmer. Dazu ihr Speiseopfer, drei Zehnten Semmelmehl mit Öl gemengt zu einem Farren, zwei Zehnten zu dem Widder und je einen Zehnten zu einem Lamm der sieben Lämmer.
HIM|2|430516|27|0|Aber Josua ging hinaus unter die Palmen, kniete dort nieder, faltete seine Hände und betete also:
HIM|2|430516|28|0|‚Ach! Der Du hörst das Seufzen der Betrübten und das Wehklagen des zerbrochenen Herzens, siehe an meine Tränen und mein verfallenes Angesicht und hilf mir, Du lieber, heiliger Vater im Himmel!
HIM|2|430516|29|0|Auf Dich allein hofft meine Seele! Erbarme Dich, du Trost der Elenden, erbarme Dich unser, o du lieber, guter, heiliger Vater!
HIM|2|430516|30|0|Ich kann Dir ja nichts geben als nur dieses mein armes, zerbrochenes Herz, aber ich will Dich lieben mit unendlicher Liebe und auf dem Wege der Gerechtigkeit wandeln mein Leben lang.‘
HIM|2|430516|31|0|Und seht, ein heller Glanz verbreitete sich unter den Palmen und eine Stimme sprach aus der strahlenden Wolke:
HIM|2|430516|32|0|‚Sie lebt! Dein Bruder hat Mir Brandopfer gelobt; aber keine Träne hat seine Augen befeuchtet.
HIM|2|430516|33|0|Du aber hast vor Mir gebetet und geweint und hast Mir dein Herz gegeben. Darum gehe aber auch hin im Frieden.‘
HIM|2|430516|34|0|Und als er hinkam, da trat schon seine Mutter aus der Hütte ihm entgegen, schloss ihn in ihre Arme und segnete ihn.
HIM|2|430516|35|0|Was meint ihr wohl, welcher Sohn da ein ernstes Opfer dem Herrn gebracht hat? – Ihr sprecht: ‚Josua!‘
HIM|2|430516|36|0|Ich aber sage zu euch: Eben darum hängt auch ihr euer Herz nicht an den leeren Tempel und pocht nicht darauf! Denn er ist von Menschenhänden gemacht und wird bald verwittern, da seine Zeit kommen wird, und seine Priester werden sterben.
HIM|2|430516|37|0|Was dünkt euch? Der Tempel ist groß in Jerusalem und das Herz ist klein in der Brust. Aber dieses kleine Herz kann den großen, lebendigen Gott lieben. Ist es darum nicht ein schöneres und herrlicheres Werk als das, welches Salomo baute?
HIM|2|430516|38|0|Habt ihr gelesen, was der Prophet Jesajas spricht? Das ist sein Wort: ‚Ich will Gold anstatt des Erzes und Silber anstatt des Eisens bringen und Erz anstatt des Holzes und Eisen anstatt der Steine und will machen, dass deine Vorsteher den Frieden lehren sollen und deine Pfleger Gerechtigkeit predigen.‘ (Jes. 60,17)
HIM|2|430516|39|0|Aber wo ist der Friede auf Erden? Und wo haust die Ruhe unter den Menschen?
HIM|2|430516|40|0|Seht, das Leben gleicht dem Schifflein im Meer, das stets hin und her wankt und immerdar geschlagen wird von den zornigen Wellen. Sie fahren stolz einher und bäumen sich hoch auf. Aber bald fallen sie zurück ins Meer und werden da zu nichtigem Schaum.
HIM|2|430516|41|0|Ich bin von Gott gesandt, um Frieden zu bringen den Menschenkindern vom Aufgang bis zum Untergang; aber dem ungeachtet ruht der Arge nicht, und der Teufel hat seine Apostel bis zu seiner Zeit.
HIM|2|430516|42|0|Ich bin der Stein des Anstoßes und ein Feld der Ärgernis dem Hause Israel, zum Strick und Falle all den Heuchlern auf Erden, dass ihrer viele sich daran stoßen, fallen, zerbrechen, verstricken und gefangen werden.
HIM|2|430516|43|0|Wehe euch Pharisäern und Sadduzäern, das Licht ist schon vormals Moses erschienen, als der Busch brannte im Feuer; aber ihr verbindet euch selber die Augen.
HIM|2|430516|44|0|Das Gesetz des Herrn ist ewig und steht in eines jeden Menschen Herzen geschrieben; aber ihr, die ihr den Frieden predigen sollt, entzweit die Menschen und verdammt da, wo ihr mit aller Liebe suchen sollt.
HIM|2|430516|45|0|Ihr seid verkehrte Leiter und Führer des Volkes, und eure Kinder und Kindeskinder werden es noch ärger machen!
HIM|2|430516|46|0|Ihr schlagt den Fels; aber er bleibt verschlossen. Ihr küsst noch die Rute Arons; aber sie grünt nicht mehr.
HIM|2|430516|47|0|Hört, die ihr pflanzt die Zeder unter dem Felsen und bindet die Rebe an einen morschen Pfahl! Die Zeder wird dennoch grünen, und die Rebe wird sich an dem Felsen hinaufranken.
HIM|2|430516|48|0|Hebt eure Augen auf und schaut ins Meer! Meint ihr nicht: Die bergehohen Wogen wollen die Sonne verschlingen?
HIM|2|430516|49|0|Ich aber sage euch: Es ist nur der Sonne Bild, das sie brechen; aber die Sonne waltet ganz unbekümmert um dieses Meeres Wogen am hohen Himmel und freut sich ihres vorigen Tages.
HIM|2|430516|50|0|Darum sollt ihr die Herzen nicht binden und plagen mit vergeblichen Worten und nicht schreien: Hier ist eine Schlange und dort ist eine! – da ihr doch selbst keine seht und je gesehen habt.
HIM|2|430516|51|0|Hört daher auf zu lehren das Volk, ihr Heuchler, Hurer und Ehebrecher, sondern lernt selbst von denen, die den Weg des Herrn suchen in der Liebe und Einfalt ihres Herzens.“
HIM|2|430516|52|0|[Und Er sagte ihnen abermals ein Gleichnis:]
HIM|2|430516|53|0|„Nathan, der Alte, war gestorben, hatte zwei Söhne hinterlassen und Malkah, seine Tochter.
HIM|2|430516|54|0|Diese Kinder befragten sich untereinander und sprachen: ‚Was meinte doch unser Vater, als er starb und vor seinem Hinscheiden sagte, wir sollen sein Gedächtnis im Segen erhalten?‘
HIM|2|430516|55|0|Und die Söhne stritten und zankten darüber miteinander von der Früh bis zum Untergang der Sonne.
HIM|2|430516|56|0|Sie wollten ein Denkmal setzen – der eine von Holz, der andere von Marmor. Der eine wollte, dass die Überschrift lang, der andere aber, dass sie kurz sein sollte. Der eine wollte dieses Denkmal in den Garten, der andere aber an der Wegscheide setzen.
HIM|2|430516|57|0|Am nächsten Tag kamen sie wieder zusammen und fingen von neuem an, miteinander zu hadern.
HIM|2|430516|58|0|Um die elfte Stunde aber, als es Abend ward und die Sonne sich neigte, ging Malkah allein zum Grab und kniete da nieder, pflanzte einen Rosenstock auf das Grab des Vaters und benetzte denselben mit den Tränen ihrer Liebe.
HIM|2|430516|59|0|Wahrlich, Ich sage euch: Sie hat das beste Denkmal gesetzt dem Vater und hat allein seinen Willen vollkommen erfüllt.
HIM|2|430516|60|0|Ihr seid gleich den beiden Söhnen! Mit Holz und Steinen, mit Blut und Rauchwerk wollt ihr auch den Vater im Himmel ehren; aber eure Herzen sind ferne von Ihm!
HIM|2|430516|61|0|Ihr könnt lange Gebete auswendig und noch längere tragt ihr auf langen Streifen bei euch, damit die Menschen von euch glauben sollen, als wärt ihr groß, mächtig und angenehm vor Gott.
HIM|2|430516|62|0|Aber das lebendige kurze Gebet im Herzen ist euch fremd, da ihr den Vater nicht kennt und Ihn noch nie erkannt habt.
HIM|2|430516|63|0|Ihr sagt gleichwohl: ‚Wenn ein ungereinigter Sünder vor Gott betet, so sündigt er noch ärger!‘ – O ihr habsüchtigen, mörderischen Betrüger des Volkes! Was sollen demnach eure Gebete sein, da ihr doch stets vom Anbeginn schon voll Gräueltaten, voll Hurerei und Ehebruches wart! Propheten habt ihr gemordet und getötet alle, die euch nicht opferten in großen Massen, und ihr sagt noch: ‚Wir sind Kinder Abrahams, Isaaks und Jakobs!‘
HIM|2|430516|64|0|Abraham, Isaak und Jakob erkannten aber den Vater, als Er zu ihnen kam. Was ist’s denn, dass ihr Ihn nicht erkennt, da Er zu euch gekommen ist? – Weil ihr Kinder des Teufels, aber nicht Kinder Abrahams seid.
HIM|2|430516|65|0|Ich aber sage euch: Diesmal wird es der Vater mit euern Sündern halten und wohnen in ihren Häusern und wird Kost nehmen bei den Zöllnern. Euch aber wird Er schlagen mit der äußersten Finsternis, damit an euch erfüllt werde, was der Prophet Jesajas spricht, indem er sagt:
HIM|2|430516|66|0|‚Wer hat den Gerechten vom Aufgang erweckt, wer rief Ihn, dass Er ging? Wer gab die Heiden und Könige vor Ihm hin, dass Er ihrer mächtig ward, und gab sie Seinem Schwert wie Staub und Seinem Bogen wie zerstreute Stoppeln?‘“ (Jes. 41, 2)
HIM|2|430516|67|0|Viele bekehrten sich durch diese Rede.
HIM|2|430516|68|0|Als aber darunter mehrere Pharisäer und Sadduzäer gewaltig zu schmähen anfingen und Er darum auch aufgehört hatte zu reden, da sprach Er zu Simon:
HIM|2|430516|69|0|„Fahrt auf die Höhe und werft eure Netze aus, auf dass ihr einen guten Zug tut!“
HIM|2|430516|70|0|Das Fernere siehe das 5. Kapitel im Evangelium des Lukas.
HIM|2|430516|71|0|Diese Rede aber haben auch bekommen von Mir: Geiring, Tauler, Tersteegen, Lavater, Stilling und einige andere euch weniger Bekannte; darunter euch nur der Witschel bekannt ist. Rom und andere Höfe haben sie wohl auch; aber sehr entstellt.
HIM|2|430524|1|1|Die Himmelfahrt Christi – 24. Mai 1843 [Schiffspredigt 1893]
HIM|2|430524|1|0|Ein nicht bekanntes Evangelium über die Himmelfahrt des Herrn in Bethanien auf einem Berg, welcher aber zuvor keinen Namen hatte. Er bekam darum erst nach der Auffahrt des Herrn den Namen: die „Höhe des Herrn“, auch „Höhe der Auffahrt“, nach einigen auch „der Weg in die Höhe Gottes“.
HIM|2|430524|2|0|Wie lautete aber dieses freilich wohl nur kurze Evangelium? Also lautete es damals allgemein, erzählt von allen Augenzeugen:
HIM|2|430524|3|0|Nach dem Erscheinen des Herrn am See, da Seine Brüder einen Fischfang taten, verweilte der Herr noch etliche Tage unter ihnen und enthüllte ihnen tiefe Geheimnisse des inneren Lebens.
HIM|2|430524|4|0|Das Er aber in dieser Zeit zu ihnen redete, durfte nicht aufgezeichnet werden, der Menge willen und des Unverstandes der Welt willen.
HIM|2|430524|5|0|Es waren aber da nicht alle Seine Brüder und Jünger zugegen, sondern nur vorzüglich Seine Lieblinge. Solche aber waren: Petrus, Jakobus, Philippus, Jakobus der Kleinere, Andreas, Matthäus und Johannes.
HIM|2|430524|6|0|Zwei Tage aber vor einem Sabbat sprach der Herr zum Petrus: „Simon, da du Mir dreimal in deinem Herzen geschworen hast, dass du Mich liebst, auf dass du weidest Meine Schafe, so gehe denn hin und verkündige es den anderen Brüdern, dass der Herr Herr ihrer harrt!“
HIM|2|430524|7|0|Und der Simon Petrus ging und tat, was ihm der Herr geboten hatte.
HIM|2|430524|8|0|Als aber die anderen Brüder solches erfuhren, da verließen sie sobald Jerusalem und zogen hinaus gen Bethanien und viel Volkes mit ihnen, das da auch glaubte an das Wort des Herrn.
HIM|2|430524|9|0|Da sie aber an die Stelle kamen, da der Herr weilte mit den sechsen, glaubten viele, dass es der Herr sei, der da ist gekreuzigt worden. Aber es waren auch viele unter dem Volk, welche nicht glaubten und hielten den Herrn für einen verkleideten Jünger, der dem Herrn ähnlich wäre von Gesicht und Person.
HIM|2|430524|10|0|Der Herr aber öffnete Seinen Mund und sprach zu Seinen Aposteln:
HIM|2|430524|11|0|„Verwahrt euch noch zehn Tage lang, da werde Ich euch den heiligen Geist senden und geben. Nicht einen fremden Geist werde Ich euch geben, sondern Meinen Geist der Liebe und aller Weisheit werde Ich euch senden und geben, auf dass ihr mächtig werdet durch ihn, wie Ich mächtig war unter euch durch den Vater, der Mich gesandt hat in Seiner Fülle zu euch aus der Höhe aller Heiligkeit Gottes.
HIM|2|430524|12|0|Wie aber der Vater in Mir ist und Ich in Ihm und wir eines sind gewesen von Ewigkeit, also werdet auch ihr und Mein Geist in euch eins sein bis ans Ende der Welt.
HIM|2|430524|13|0|Ich zwar werde euch jetzt sichtbarlich verlassen, und ihr werdet Mich hinfort mit den Augen eures Fleisches nicht mehr sehen. Aber in Meinem Geiste werde Ich bei euch verbleiben bis ans Ende der Welt. Und dieser Mein Geist wird euch in alle Weisheit leiten und wird euch geben alles, das ihr möchtet in Meinem Namen.
HIM|2|430524|14|0|Ich aber kann also hinfort nicht unter euch verweilen, sondern um eures eigenen Heiles willen muss Ich auffahren in die Höhe Meiner ewigen Herrschaft, auf dass Ich euch bereite eine bleibende Wohnstätte im Reich der Himmel.
HIM|2|430524|15|0|Jetzt könnt ihr zwar noch nicht dahin, wohin ihr Mich werdet ziehen sehen; wenn aber eure Stunde kommen wird, da werdet ihr auch dahin ziehen können, dahin Ich nun ziehen werde.
HIM|2|430524|16|0|Wenn ihr aber den Geist aus Mir werdet überkommen haben, dann zieht aus nach allen Landen der Erde und lehrt alle Völker, was Ich euch gelehrt habe und was ihr gesehen habt, und tauft sie dann im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes in euch.
HIM|2|430524|17|0|Und welche da eure Lehre annehmen werden und werden von euch getauft werden, wie Ich getauft ward im Fluss Jordan von Johannes, über die wird auch sobald der heilige Geist aus Mir kommen und wird in ihren Herzen zeugen von Mir vor euren Augen.“
HIM|2|430524|18|0|Nach diesen Worten hauchte der Herr alle Seine Apostel an und sagte darnach zu ihnen:
HIM|2|430524|19|0|„Dies ist Mein Geist! Wie Ich einst dem Adam eine lebendige Seele in seine Nüstern hauchte, also hauche Ich in euch nun Meinen lebendigen Geist zum Voraus, auf dass ihr auch nicht einen Augenblick als Waisen dastehen sollt!
HIM|2|430524|20|0|Nehmt aber hin diesen Meinen Geist, auf dass ihr wissen mögt, wer da ist ein Sünder! Dem Reuigen wird dieser Mein Geist die Sünden erlassen in Meinem Namen; dem Verstockten aber wird Mein Geist in euch die Sünde vorenthalten; desgleichen auch ihr in Meinem Namen.
HIM|2|430524|21|0|Löst also und bindet auf Erden – und es wird desgleichen auch im Himmel gelöst oder gebunden sein.
HIM|2|430524|22|0|Richtet aber jedoch niemanden und verdammt keine Seele, wollt ihr der Rache der Welt nicht zu früh in den Rachen fallen!“
HIM|2|430524|23|0|Nach diesen Worten bestieg der Herr den kleinen Berg, und eine lichte Wolke nahm Ihn auf. Und Er ward sobald unsichtbar vor den Augen aller Anwesenden. Und viele Ungläubige wurden dadurch bekehrt.
HIM|2|430524|24|0|Es kamen aber bald zwei lichte Männer von oben, gaben Zeugnis vom Herrn, verhießen Seine einstige Wiederkunft, verschwanden dann. Und die Brüder und das Volk kehrten frohlockend wieder nach Jerusalem.
HIM|2|430602A|1|1|Der schönste Sieg – 2. Juni 1843
HIM|2|430602A|0|0|Ein Wörtchen für Pauline H.
HIM|2|430602A|1|0|Kein Sieg ist schöner als der, den Liebe und Wahrheit erkämpft. Wer aber möchte wohl zählen alle die Heere von Feinden der himmlischen Liebe und Wahrheit, die verderblichen Waffen alle – und dazu noch berechnen den Grimm der Feinde, mit welchem diese beiden herrlichen Schwestern noch allezeit bedräuet wurden!? Wie ein gewaltiger Sturm brausten die Feinde gegen sie heran und wie Wogen im sturmbewegten Meer tobten sie hin und her.
HIM|2|430602A|2|0|Aber der allmächtige Herr im Himmel wusste noch allezeit ihrer Wut zu spotten. Er Selber schützt das kleine Häuflein, das für Liebe und Wahrheit lebt und streitet. Er gibt ihm Mut, Kraft, Geisteshöhe, Seelengröße, Vertrauen, Ausdauer und Sieg. Und die Feinde mit all ihren Waffen und ihrem Grimm müssen verstummen, als wären sie nie gewesen.
HIM|2|430602A|3|0|Die gute Sache siegt, und ein hoher, heiliger Triumphgesang ertönt von einem Weltende zum anderen. Und dann wird ein jeder Tag ein Festtag des Geistes sein, der da ein Sieger ward in der Liebe und aller Wahrheit aus ihr!
HIM|2|430602A|4|0|Lassen wir daher den Türken seinen Feiertag, den Juden seinen Sabbat und den Namenchristen den Sonntag feiern! Wir aber wollen jeden Tag feiern in der Liebe zum Herrn, unserem allerbesten, heiligen Vater in Jesu Christo! Dadurch werden wir im Licht wandeln und uns allezeit des Sieges erfreuen im Herrn, der da ist die ewige Liebe, Weisheit und Wahrheit Selbst.
HIM|2|430602A|5|0|Sein heiliger Name sei allezeit hochgelobt und gepriesen! Amen.
HIM|2|430602B|1|1|Das Bethaus mit den zwei Wahrzeichen – 2. Juni 1843
HIM|2|430602B|0|0|Für Wilhelmine H. ein kleines, wohlzubeherzigendes Gleichnis.
HIM|2|430602B|1|0|In einem Ort stand ein großes Bethaus, und dieses Bethaus hatte zwei Glockentürme. Der eine war geziert mit einem Kreuz, der andere aber mit einer Wetterfahne.
HIM|2|430602B|2|0|Ein ehrbarer Vater ging in irgendeinem Geschäft mit seiner zwölfjährigen Tochter gerade des Weges an dem doppeltürmigen Bethaus vorüber. Da bemerkte die scharfsichtige Tochter den grellen Unterschied der Zier auf den Türmen und fragte darob den Vater:
HIM|2|430602B|3|0|„Guter Vater! Was hat doch solches wohl zu bedeuten, dass da der eine Turm mit einem Kreuz, der andere mit einer Wetterfahne geziert ist?“
HIM|2|430602B|4|0|Und der Vater erwiderte der Tochter: „Siehe, das ist ein doppeltes Merkzeichen für denkende Menschen! Das Kreuz auf dem einen Turm erinnert uns an die alte Kirche, die da feststand im Glauben und in der Liebe zu Gott. Der Wetterfahne des anderen, neueren Turmes aber gleicht die jetzige Kirche. Sie lässt sich auch durch allerlei Weltwinde umherdrehen und -treiben in ihrer Lehre sowohl als in ihrem Handeln und wird bald selbst nicht mehr wissen, wer in ihr Koch oder Kellner ist!“
HIM|2|430602B|5|0|Die Tochter aber sah dem etwas ereiferten Vater ins Angesicht und sagte darauf: „Lieber Vater! Ereifere dich doch nicht so sehr, denn die Fahne mag ja doch auch ihren Nutzen haben! Zudem habe ich dich selbst schon öfter nach der Fahne als nach dem Kreuz blicken gesehen!“
HIM|2|430602B|6|0|Und der Vater erwiderte: „Ja, ja, du hast recht, mein Kind! Siehe, es ist aber auch notwendig, damit man von der großen Unbeständigkeit des Kirchenwetters nicht benachteiligt wird in der Gesundheit seines Geistes! Verstehst du solches?“
HIM|2|430613A|1|1|Ein denkwürdiges Protokoll – 13. Juni 1843
HIM|2|430613A|0|0|Teils nach mündlicher Erzählung, teils nach kleinen Aufschrieben Jakob Lorbers niedergeschrieben von Anselm Hüttenbrenner.
HIM|2|430613A|1|0|Am 18. Februar 1842, als Jakob Lorber eben am 159. Bogen des Hauptwerkes schrieb und an die Stelle gelangt war, wo die Naëme zu Jehova spricht: „Ich aber bin ja ohnehin eine traurige Frucht der Nacht und der Sünde und trage, als der Sünde allzeit sichere Strafe, schon in mir den ewigen Tod“ – da erschien dem Schreiber des Wortes Gottes sein am 15. September 1841 in einem Alter von 75 Jahren verstorbener musikalischer Freund, der Kapellmeister und Orchesterdirektor Ed. H., sehr düster und blass aussehend, ärmlich, gekleidet, und sprach zu Jakob Lorber:
HIM|2|430613A|2|0|„Lieber Bruder, mir geht es schlecht! Ich und noch mehrere, die mit mir sind, wir gleichen herrenlosen Hunden. Wir müssen gewaltig Hunger leiden. Ich lebe von alten, harten Stückchen Brotes, die ich in meiner Rocktasche finde, so oft mich hungert. Anderen geht es noch viel schlechter, die verzehren faules Holz, ja manche essen sogar ihren eigenen Unrat.“
HIM|2|430613A|3|0|Jakob Lorber ermahnte seinen Freund, dass er sich nur an den Herrn Jesus wenden solle, dann werde er schon mehr und bessere Kost bekommen.
HIM|2|430613A|4|0|Tags darauf, am 19. Februar 1842, kam E. H. wieder zu Jakob Lorber und erzählte ihm, dass er auf einer Schaubühne ein mit einem lieblichen Antlitz versehenes Frauenzimmer von kolossaler Größe erblickt habe. Ihre Füße seien beinahe so dick wie ein Halbstartinfass. Anfänglich sei sie ihm bekleidet erschienen, dann aber habe sie sich ihm ganz nackt gezeigt, und er, E. H., sei immer genötigt, sie anzuschauen.
HIM|2|430613A|5|0|Jakob Lorber bedeutete seinem Freund, dass er seine Augen nur abwenden solle von dieser entblößten Weibsperson und solle dafür gläubig auf den Herrn sehen. Diese nackte Gestalt sei die aus dem E. H. durch Hilfe des Herrn hinausgetretene fleischliche Begierde.
HIM|2|430613A|6|0|Auf die Frage, wie es dort aussehe, wo E. H. sich jetzt befinde, sagte dieser, dass der Ort seines Aufenthaltes ein gar trauriger sei. Man sehe keine Berge, keine Häuser, keine Tiere, keine Pflanzen; alles sei in dichten Nebel gehüllt.
HIM|2|430613A|7|0|Beim dritten Besuch erzählte E. H., dass er endlich ein gar schmales Tal zwischen zwei hohen Bergen entdeckt habe, welches sich aber nach und nach so sehr verengte, dass er nicht weiter wandern könne, sondern bloß durch eine Spalte eine gar freundliche Gegend erblicke. Und würde er auch durch diese Spalte hindurchdringen können, so könnte er doch in jene schöne Landschaft deshalb nicht gelangen, weil er ein tiefes Gewässer zuvor passieren müsste.
HIM|2|430613A|8|0|Beim vierten Besuch, am 21. Februar, berichtete E. H. mit Freuden, dass er glücklich durch die Spalte und übers Wasser in jene anmutige Gegend gelangt sei, woselbst sich ein kleines, artiges Städtchen befinde. Da habe er zu seiner nicht geringen Verwunderung eine Geigenhandlung und in selber die prächtigsten Violinen von Amati, Guarneri und Stradivari angetroffen, Instrumente „zum Küssen“!
HIM|2|430613A|9|0|Jakob Lorber bedeutete ihm darauf, er solle sich in die Anschauung dieser Lieblingsinstrumente nicht vertiefen, sondern einzig und allein an den Herrn denken.
HIM|2|430613A|10|0|Zum fünften Mal, am 22. Februar, kam E. H. wieder und sagte, er sei von jenem Städtchen in eine ziemlich große Stadt gekommen, wo heute eben Händels Kantate „Timotheus“ von einer zahlreichen Musikgesellschaft zur Aufführung komme. Er könne heute nicht lange bei Jakob Lorber bleiben, seine Freunde seien bereits dahin gegangen, wo die Kantate aufgeführt werde, und er müsse bald auch dahin eilen; denn er brenne vor Begierde nach diesem musikalischen Genuss.
HIM|2|430613A|11|0|Jakob Lorber hielt ihn jedoch ab vom Besuch dieses Konzertes und sagte, dass er sich durch keinen wie immer gearteten Genuss vom Suchen des Herrn abhalten lassen solle.
HIM|2|430613A|12|0|Am 23. Februar ist E. H. dem Jakob Lorber nicht erschienen. Dagegen kam er am 24. Februar 1842 zum sechsten Mal zu Jakob Lorber und sagte, dass er gestern wegen Erblindung nicht habe kommen können. Er sei nämlich zu einer brennenden Stadt gelangt, und der starke Qualm habe ihn bis heute der Sehe beraubt.
HIM|2|430613A|13|0|Darauf antwortete Jakob Lorber seinem Besucher: „Wenn du wieder zu der brennenden Stadt kommen solltest, dann spreche nur alsbald folgende Worte, und es wird sogleich besser mit dir werden, und der herbe ‚Qualm‘, wie du sagtest, wird deine Augen nimmerdar erblinden machen. Also aber lauten die mächtigen Worte:
HIM|2|430613A|14|0|‚O Du mein so lange von mir großem Sünder und Toren allergröbst verkannter, allbarmherzigster Herr Jesus! Siehe gnädig auf mich groß irrenden Sünder und Toten herab und helfe mir, freilich Deiner Hilfe unwürdigstem Sünder aus dieser meiner großen Not! O sende nur einen allergeringsten Diener Deiner Erbarmung zu mir herab in diese Tiefe des Verderbens und lasse mich nicht völlig zugrunde gehen, sondern beschütze mich vor den Flammen und dem Qualm dieser großen Stadt! Dein heiliger Wille geschehe! Amen.‘“
HIM|2|430613A|15|0|E. H. fragte darauf: „Was bedeutet denn diese brennende Stadt?“ – Jakob Lorber sagte: „Siehe, lieber Freund, das ist die arge Welt in uns! Sei unbesorgt und vertraue auf den Herrn Jesus, so wird es schon bald besser werden mit dir. Heute wird sicher ein Bote vom Herrn an dich abgesendet werden.“
HIM|2|430613A|16|0|Weiter fragte E. H., ob er auch das „Vaterunser“ beten dürfte. „Jawohl“, antwortete Jakob Lorber, „das versteht sich von selbst! So du das heilige Vaterunser beten kannst, da tue es nur immerhin! Er wird dir großen Nutzen bringen!“
HIM|2|430613A|17|0|E. H.: „Darf ich zu dir kommen, wann ich will?“
HIM|2|430613A|18|0|Jakob Lorber: „Kannst ja kommen, wann du willst! Du weißt ja, dass es mich allzeit freut, wenn du kommst!“
HIM|2|430613A|19|0|E. H.: „Du, aber deine Hausfrau hat wohl gar keinen Glauben!?“
HIM|2|430613A|20|0|Jakob Lorber: „Lassen wir die Hausfrau! In der weiten Schöpfung Gottes wachsen doch allerlei Kräuter mit heilenden Kräften!“
HIM|2|430613A|21|0|E. H.: „Darf ich bei dir bleiben?“
HIM|2|430613A|22|0|Jakob Lorber: „Kannst ja hier bleiben, so lange du magst, kannst und darfst. Ja, ja – du hast noch keinen Geisterverband. Bleibe daher nur. Jetzt aber muss ich wieder an mein Geschäft!“ – (Dieser Besuch am 24. Februar fand von 9 bis ½ 10 Uhr vormittags statt, als Jakob Lorber eben in der Fortsetzung des Hauptwerkes begriffen war.)
HIM|2|430613A|23|0|Am 5. März 1842, vormittags ½ 11 Uhr, erschien E. H. zum siebenten Besuch nur auf einige Augenblicke dem Jakob Lorber, als dieser eben eine Klavierlektion gab – und sagte zu ihm: „Lieber Bruder, ich will dich nicht stören! Ich habe noch immer einen Führer, kann aber tun, was ich will. Vielleicht komme ich heute Abend wieder zu dir.“ – E. H. sah an diesem Tag kleiner aus als die früheren Male. Abends ist er nicht gekommen.
HIM|2|430613A|24|0|Am 7. März 1842, vormittags, kam E. H. zum achten Mal zu Jakob Lorber mit den Worten: „Guten Morgen, guten Morgen, lieber Freund!“ – Jakob Lorber erwiderte diesen Gruß mit ebendenselben Worten und fragte den E. H., wie er mit dem „Führer“ ausgekommen und wie es ihm in der Zwischenzeit ergangen sei.
HIM|2|430613A|25|0|E. H. erzählte, dass sein Führer kein trockener Bruder und nichts weniger als ein Jesuit sei. Er sei ein ganz fideler Gefährte und lasse ihm volle Freiheit, zu tun, was er nur wolle. Er habe mit dem Führer das Theater besucht, auch seien sie in eine Gesellschaft gekommen, wo Quartette gespielt werden. Er, E. H., habe auch ein Solo auf der Violine vorgetragen. Dann seien sie in einen Weingarten geraten, wo die ausgesuchtesten Weine aufgetischt wurden und wo sehr reizende Mädchen zugegen gewesen seien. Er habe aber, nachdem er vom allerbesten Wein getrunken, leider wieder seine Sehkraft verloren, und es wurde um ihn her alles wieder so neblicht und finster wie anfänglich.
HIM|2|430613A|26|0|Jakob Lorber erwiderte hierauf: „Du warst also im Besitz der vollen Freiheit! Hast du dich wohl überall, wohin dich dein Führer geleitete, abgewendet von all den mir erzählten Üppigkeiten und dafür nach meiner Anweisung dich überall an den Herrn Jesus Christus, den Gekreuzigten, gewendet?“
HIM|2|430613A|27|0|Antwort: „Darauf habe ich rein vergessen!“
HIM|2|430613A|28|0|Jakob Lorber: „Ja, mein lieber Freund, siehe, da hast du groß gefehlt! Und dein zweiter Weg wird beschwerlicher sein als der erste! Warum hast du mich denn nicht gehört und bist nicht meinen Worten gefolgt?“
HIM|2|430613A|29|0|E. H.: „Was soll ich jetzt tun?“
HIM|2|430613A|30|0|Jakob Lorber: „Was du jetzt tun sollst? Hast du das Gebetlein noch? (E. H. bejaht es.) Nun gut, so bete es unablässig, ja so lang, bis es wieder helle wird um dich her und dir der Herr vielleicht wieder einen Führer senden wird! Dann aber sei klüger und lasse dich von ihm nirgends mehr hingeleiten denn allein zum Herrn! Wollte Er, um dich zu versuchen, dich irgendwo anders hinführen, dann bitte ihn, dass er dich nur zum Herrn geleiten möge durch Wort, Rat und Tat!“
HIM|2|430613A|31|0|E. H. beteuerte, dass er von nun an bloß den Herrn suchen wolle und dass er selbst dem Erzengel Michael nicht Folge leisten würde, so ihn dieser woanders hinführen wollte als zum Herrn.
HIM|2|430613A|32|0|Jakob Lorber sagte darauf: „Ja, Freund, bleibe ewig treu diesem deinem Vorsatz! Der Herr sei mit dir!“
HIM|2|430613A|33|0|Schließlich fragte E. H., wann er wiederkommen dürfe.
HIM|2|430613A|34|0|Jakob Lorber: „Allzeit, wann du willst! Lebe wohl in Gott! Amen.“
HIM|2|430613A|35|0|Am 18. März 1842, gegen ¾ 7 Uhr abends, saß ich, Ans. H., mit Jakob Lorber im Gasthaus „Zum grünen Anger“. Wir hatten eben ein Gespräch beendet und waren einige Minuten stille und nachdenkend, da ergreift mich Jakob Lorber plötzlich beim Arm und sagt: „Sie, der H. ist wieder da!“
HIM|2|430613A|36|0|Ich betrachtete den Jakob Lorber während seines Schauens und seiner geistigen Unterredung und fand, dass sein Angesicht sich etwas entfärbte und sein Blick sich auffallend veränderte.
HIM|2|430613A|37|0|Die Anwesenheit des Gastes aus dem Hades mochte etwa 5 bis 7 Minuten gedauert haben, da erzählte mir Jakob Lorber den Inhalt seiner Unterredung mit E. H. wie folgt:
HIM|2|430613A|38|0|E. H. fragte: „Wo bist du denn jetzt, lieber Bruder?“
HIM|2|430613A|39|0|Antwort: „Beim grünen Anger.“
HIM|2|430613A|40|0|E. H.: „Bist du allein?“
HIM|2|430613A|41|0|Antwort: „Nein! Dein guter Freund Anselm Hüttenbrenner sitzt neben mir.“
HIM|2|430613A|42|0|E. H.: „Den grüß’ mir recht herzlich!“
HIM|2|430613A|43|0|Ich fragte den Jakob Lorber, wie E. H. aussehe und welchen Platz er einnehme. Jakob Lorber sagte, sein Aussehen sei freundlich und er schwebe über dem rechts neben ihm, Lorber, stehenden Sessel.
HIM|2|430613A|44|0|E. H. erzählte darauf bei diesem seinem neunten Kommen, dass er seinen jetzigen Führer erkannt habe. Es sei sein Ururgroßvater. Das allergrößte Wunder aber sei das, dass Christus Gott und Mensch sei! Er, E. H., werde nun bald in ein Kollegium kommen, wo er über Christus Belehrung erhalten werde. Schließlich sagte er, er sei schwer gestorben, da er ohne Glauben an Christus gestorben sei.
HIM|2|430613A|45|0|Am 20. März 1842, nach 2 Uhr nachmittags, ging Jakob Lorber vom Haus des Ans. H. durch die Wickenburggasse gegen die Kettenbrücke zu. Unterwegs kam E. H. wiederum – es war das zehnte Mal – zu ihm und sagte: „Bruder! Ich fühle mich so schwer beladen! Mein Führer darf es mir nicht sagen, was es ist, das mich so drückt.“
HIM|2|430613A|46|0|Jakob Lorber sagte hierauf: „Ich habe kein Verbot, es dir zu sagen, was dich so belastet. Siehe, es ist das Kreuz Christi! Betrachte es aber für eine große Gnade des Herrn, dass Er dir jetzt Sein Kreuz aufbürdet, da du es in der Welt nicht zu tragen Lust hattest!“
HIM|2|430613A|47|0|E. H. erwiderte: „Ja, ja, ich sehe es schon ein. Ich verstehe es schon, du hast recht!“
HIM|2|430613A|48|0|Am 23. April 1842, nachmittags um ½ 4 Uhr, wusch sich Jakob Lorber die Augen mit Wasser im Schlafzimmer des Ans. H., da erschien ihm E. H. außerordentlich klein, nicht viel über einen Schuh hoch, freundlichen Angesichts. Er sagte bei diesem elften Besuch, dass er noch denselben Führer habe, er sei nicht ferne vom Himmel. Den Herrn habe er aber noch nicht gesehen. Jeder, der auf dieser Erde nicht zum Kind geworden, müsse zum Kind werden, ansonst er nicht zum Herrn gelangen könne. „Unsereinem“, fuhr er fort, „geht es dort gerade so wie einer Hure, die durch den übermäßigen Genuss mit vielerlei Unrat und ansteckenden Stoffen angefüllt wurde. Werden deren Leibesteile nicht völlig gereinigt und wieder in Ordnung gebracht, so kann eine solche Hure nicht Mutter werden. Geradeso steht es mit unserem Geist, der auch von allem Schlamm gesäubert und, da er sich zu sehr ins Sinnliche ausgedehnt hat, erst in die Enge getrieben, d. h. klein werden muss, um dann von neuem wachsen anfangen zu können.“ – Weiter sagte E. H., dass er ein großes Feuer gesehen habe. Jetzt wisse er noch nicht, was dasselbe bedeute. Morgen komme er aber gewiss wieder und werde hoffentlich darüber Aufschluss erteilen können.
HIM|2|430613A|49|0|Am 25. April 1842, nachmittags um 6 Uhr, kam E. H. zum zwölften Mal zu Jakob Lorber und sagte ihm: „Das Feuer, das ich letzthin sah, hat mich umfangen. Und da ich nun in diesem Feuer stehe, sehe ich es nicht mehr. Aber es brennt mich dennoch unaussprechlich stark. Aber ich werde stärker und größer in diesem Feuer! Anfangs war der Schmerz unerträglich. Aber so sehr es mich auch von außen brennt, so aber tut es mir doch überaus wohl im Herzen. Ich sage dir, lieber Bruder, in diesem Feuer möchte ich ewig verbleiben. Doch jetzt muss ich wieder gehen und werde dir nächstens mehreres davon kundgeben. Lebe wohl!“
HIM|2|430613A|50|0|Am 3. Mai 1842, abends nach ½ 9 Uhr, spielte ich, Ans. H., Klavier. Jakob Lorber hörte zu. Und währenddem erschien ihm E. H., wohlaussehend und größer als letzthin.
HIM|2|430613A|51|0|Der Freund sagte, das Feuer, von welchem er umgeben worden, bedeute den Kampf seiner Leidenschaften mit der Liebe des Herrn. Das äußere, brennende Feuer seien die Leidenschaften, das innere, wohltuende Feuer sei die Liebe des Herrn. Nachdem er durch dieses Feuer gereinigt worden, habe er sich in eine ganz öde Gegend versetzt gesehen, nackt und von allen verlassen. Da sei er in einen tiefen Schlaf versunken und in einen gar schönen Traum, der aber nicht Traum, sondern Wirklichkeit sei. Er befand sich an der Grenze des Kinderreiches, wo es so herrlich sei, dass er ewig dableiben möchte.
HIM|2|430613A|52|0|Sein Führer sei zu ihm gekommen und habe gesagt, er, E. H. könne, wenn er wolle, hier mit allen den Geistern sprechen, die er nur immer zu sprechen wünschte, auch mit Beethoven, Händel usf. – E. H. verlangte aber gar nicht darnach, sondern betrachtete nur immer ein gar schönes Licht, das in der Morgengegend des Kinderreiches glänzte. Und er hoffte, in diesem Licht den Herrn zu erblicken. Er wolle nun nichts anderes als den Herrn sehen.
HIM|2|430613A|53|0|Schließlich sagte E. H., dass er nur noch zweimal zu Jakob Lorber kommen werde.
HIM|2|430613A|54|0|Am 8. Juli 1842, nachmittags gegen 4 Uhr, sah Jakob Lorber im Zimmer des Ans. H. den E. H. zum vierzehnten Mal wieder. Dieser erzählte, er sei noch immer an der Grenze des Kinderreiches, in welchem er sehr glänzende Stellen erblicke. Auch sehe er noch immer ein sehr helles Licht über einem Gebirge im Osten des Kinderreiches. Den Herrn habe er aber noch nicht erschauen können.
HIM|2|430613A|55|0|Er habe noch stets denselben Führer. Aber es komme zuweilen noch ein anderer Führer zu ihm, der aber ein ganz gewöhnliches Aussehen habe. Dieser zweite Führer spreche nur mit dem ersten Führer; mit ihm, E. H., spreche er nichts.
HIM|2|430613A|56|0|Jakob Lorber bedeutete dem E. H., er solle auf diesen zweiten Führer (der immer aus dem Kinderreich herkommt) ein ganz besonderes Augenmerk haben.
HIM|2|430613A|57|0|E. H. sagte noch, er dürfe jetzt nur noch einmal zu Jakob Lorber kommen. Sein Aussehen war heiter, die Kleidung gräulichblau.
HIM|2|430613A|58|0|Am 23. August 1842, vormittags um ½ 8 Uhr, kam E. H. zum fünfzehnten und letzten Mal zu Jakob Lorber und sagte, dass er sich in einer Gesellschaft seinesgleichen befinde und dass da jeder seinen Führer habe, der sich aber zuweilen entferne und dann wiederkomme. Mit dem anderen, gewöhnlich aussehenden Führer habe er bisher noch nicht sprechen können. Dieser spreche nur mit den übrigen Führern, die vor demselben eine besondere Hochachtung zu haben scheinen. Ihm, E. H., gehe es übrigens wohl.
HIM|2|430613A|59|0|Jakob Lorber sah diesmal den E. H. nicht, sondern fühlte nur seine Anwesenheit und hörte ihn reden.
HIM|2|430613A|60|0|Da E. H. seit dem 23. August 1842 sich nicht mehr dem Jakob Lorber geistig genaht hat, so wird dieses „Protokoll“ sonach für abgeschlossen angesehen.
HIM|2|430613A|0|0|Graz, am 13. Juni 1843, Ans. H.
HIM|2|430613B|1|1|Kreuzesschule im Jenseits – 13. Juni 1843
HIM|2|430613B|0|0|O Herr! Da unser lieber Freund und Bruder E. H. seit 23. August 1842 nichts mehr von sich hören und sehen lässt, so bitte ich Dich demütigst, Du mögest aus Deiner großen Liebe, Gnade und Erbarmung zu dem über seine 15 Erscheinungen geführten Protokoll, welches ich nun für abgeschlossen betrachte, ein Amen hinzufügen.
HIM|2|430613B|1|0|O ja, das kann Ich schon! Aber da erwartet ja nicht, dass Ich euch etwa unnötige Aufschlüsse über jemanden geben werde, der sich noch lange nicht völlig zu Mir wenden mag und lieber stets von neuem zurücksinkt in seine alte Gewohnheit, die da ist ein wahres „eisernes Hemd voll Rostes“, das sich so bald nicht vom Leib des Geistes schaffen lässt, wie ihr etwa meinen möchtet.
HIM|2|430613B|2|0|Ich sage euch aber daher auch: Legt noch beizeiten eure fleischlichen Gewohnheiten ab, sonst wird es euch um nichts besser ergehen als eurem Freund, der nun zwar auch recht viel Gutes hört und weiß; wenn es aber aufs Handeln darnach ankommt, so macht er es wie ihr und noch manche euresgleichen auf Erden, die da wohl vom Kreuz recht gerne erhaben und würdevoll reden hören – aber nur auf ihre Schultern darf es nicht kommen. Ist das, wenn auch nur leise versuchsweise der Fall, dann fliehen sie gar bald dem Kreuz davon und sind dann nicht leichtlich wieder unter das Joch des Querholzes zu bringen.
HIM|2|430613B|3|0|Solange aber jemand das Kreuz nicht mit großer Freude aufnimmt, so lange ist auch von einer völligen Wiedergeburt des Geistes weder hier noch jenseits eine Rede.
HIM|2|430613B|4|0|Wer da schwach ist hinsichtlich der Fleischliebe – sei es Mann oder Weib – der wird so lange in dieser Schwäche versucht werden, bis er den letzten Tropfen solch unreiner Liebe aus sich verbannt hat. Und solange solches nicht erfolgt ist, kann er nicht eingehen in sein Innerstes, allda das Reich Gottes seiner harrt.
HIM|2|430613B|5|0|Wer da ist ein Schwelger, der wird versucht durch gute Bissen. Solange ihm aber diese überaus gut schmecken und er stets einen starken Appetit nach ihnen hat, wird es mit ihm auf keinen Fall besser. Er muss freiwillig sein Kreuz nehmen, welches besteht aus tüchtigem Fasten, und muss unter diesem für ihn sehr schweren Kreuz aus Liebe zu Mir eine gänzliche Abneigung gegen die guten und wohlschmeckenden Bissen bekommen, wenn es mit ihm besser werden soll.
HIM|2|430613B|6|0|Und so wird jeder in seiner Schwachheit und weltlichen Gewohnheit dereinst sein sicheres Kreuz finden, welches ihm in der geistigen Welt viel zu schaffen machen wird, wenn er es nicht auf dieser Welt mit freilich viel leichterer Mühe völlig oder wenigstens zum größten Teil siegreich über sich gebracht hat.
HIM|2|430613B|7|0|Der reiche Jüngling im Evangelium aber ist ja ein laut sprechender Beweis dafür, wie schwer die Gewinnung des Reiches Gottes ist, wenn das Herz noch mit Weltlichem belastet ist.
HIM|2|430613B|8|0|Seht, also geht es auch dem Freund, um welchen ihr fragt! Derselbe hat einige Gewohnheiten pickfest mit hinübergenommen, von denen er nicht oder nur sehr langwierig und sehr schwer zu befreien ist. Verloren kann er wohl nie werden, solches wisst ihr bereits. Aber wie lange er noch seine bedeutenden Schwächen nähren wird, dies ist eine ganz andere Frage.
HIM|2|430613B|9|0|Denn im Geiste kann jemand, der das Kreuz scheut, alles, wonach es ihn gelüstet, so lange haben, als er frei und unabhängig sein will. Mit einem solchen Geist ist aber nicht viel zu richten. Wenn er aber einmal durch häufige Witzigungen, welche aus seinen Schwachheiten entspringen, erst eines Besseren und Festeren belehrt wird, so kann es schon nach und nach besser mit ihm werden.
HIM|2|430613B|10|0|Wenn ihr den Freund aber jetzt fragen könntet, wie es ihm geht, so würde er euch vollkommen zufrieden antworten. Denn nach seinem Urteil geht es ihm überaus gut. Aber nach dem besseren Urteil des Himmels sicher nicht; denn dieser ist noch so ziemlich ferne von ihm.
HIM|2|430613B|11|0|Warum aber kommt er im Geiste nicht mehr zu euch? Weil er euch in manchen Stücken für „läppisch und dumm“ erkannt hat. Er wird auch fürder nicht leichtlich mehr kommen, da es ihm nach seiner Meinung also besser geht.
HIM|2|430613B|12|0|Betet aber für ihn im Herzen, so werdet ihr ihm dadurch mehr nützen, als so ihr euch ferner nach seinem Zustand erkundigen möchtet.
HIM|2|430613B|13|0|Also stehen die Sachen! Schreibt sie auch werktätig hinter eure Ohren, so sollt ihr daraus Nutzen schöpfen! Amen.
HIM|2|460623|1|1|Von Gottes Langmut – 23. Juni 1843
HIM|2|460623|0|0|O Herr und allerbester, heiliger Vater! Ich erfuhr gestern durch Deinen und meinen Freund A. H.-W., dass eine Mutter ihr Kind über eine Hyäne grausam misshandelt hat – und bedenke aber nun auch dabei, dass dergleichen schändlichste Grausamkeiten im noch viel potenzierteren Maße da und dort ausgeübt werden. Sage mir doch, ob denn Du, als der allgerechteste und allmächtige Gott des Himmels, der Erde und aller Menschen solches achtest oder nicht? Denn siehe, wenn man so die großen Zornschändlichkeiten der Menschen betrachtet, wie sie so ganz ungestraft verübt werden können, da kommt man beim besten Willen auf wenigstens den halben Gedanken, als möchtest Du Dich nicht im Geringsten mehr um die Menschheit der Erde im Allgemeinen wie im Sonderlichen kümmern. Sage mir daher doch, wie verhält es sich denn mit derlei scheußlichen Erscheinungen? Nimmst Du davon Kenntnis, oder lässt Du alles so ganz unbekümmert dahingehen, gehe es, wie es gehe? Oder geschieht das notwendig, und muss es also geschehen? Was soll ich davon halten? O Herr, und allerliebevollster, heiliger Vater aller Menschenkinder auf Erden, gebe mir darüber doch einen hinreichenden Bescheid! Dein Wille geschehe! Amen.
HIM|2|460623|1|0|Zuerst muss Ich dir sagen, dass deine Frage ganz überflüssig und dazu noch sehr dumm ist. Denn so du einen Mir gleichen Gott der Liebe ahnst, wenn auch noch nicht auf Ihn vollkommen vertraust und hoffst und Ihn liebst, so sollte dir schon bei der Ahnung kaum eine so törichte Frage in den Sinn kommen, geschweige erst in deinem Zustand, wo du nun schon über drei Jahre mit Mir in beispielloser Weise zu jeder Sekunde reden kannst wie mit einem Menschen deinesgleichen!
HIM|2|460623|2|0|Fürs Zweite aber habe Ich dir schon zu öfteren Malen die endlose Notwendigkeit des freien Willens der Menschen gezeigt und dir erklärt, wie davon ganz allein das ewige Leben des Geistes im Menschen abhängt und dass Ich, so Ich es erhalten will, eher Selbst sterben muss, als eben diesen freien Willen mit Meiner Allmacht nur im Geringsten anzutasten. Denn die allerleiseste Berührung der Freiheit des menschlichen Willens mit Meinem Willen kostet jeden Menschen ja augenblicklich das Leben!
HIM|2|460623|3|0|Solches alles habe Ich dir schon – wie oft! – gezeigt. Und doch kannst du Mich, den du doch schon kennen solltest, so entsetzlich dumm fragen?!
HIM|2|460623|4|0|Siehe an das Weib Loths! Sie wurde ergriffen von Meines Willens Macht. Was aber ist aus ihr geworden?! Zur Zeit Noahs ergriff Mein Wille die Erde. Wohin kam aber dadurch ihre Bevölkerung, und was musste Ich darauf tun, um den Toten, den Vernichteten wieder das Dasein und das Leben zu bringen?! Soll Ich Mich denn nun bei jeder Zornsünde der Menschen wieder von neuem totschlagen lassen, um ihnen dadurch ein neues Leben zu verschaffen?
HIM|2|460623|5|0|Wie aber liebst du Mich denn, so du Mich fragst, warum die Menschen in ihrer Freiheit so ungestraft Arges tun – und möchtest Mich lieber zu einem Zuchtmeister als zu einem überguten Vater haben – und Mich also von neuem wieder bringen ans Kreuz?! Hast du schon mit Menschen ein gerechtes Mitleid, wie kommt es denn, dass Ich von dir keines verdiene? Soll Ich Mich denn täglich ans Kreuz schlagen lassen?!
HIM|2|460623|6|0|Wenn du eine törichte Mutter oder einen unsinnigen Vater sein Kind misshandeln siehst, da bist du gleich im Harnisch und möchtest sogar hadern mit Mir, dem liebevollsten Vater, und sagst gleich keck heraus: „Aber Herr, wenn Du irgendeiner bist, wie kannst Du solche Gräuel ansehen?!“ – Ich aber sage dir: Gerade das garstige Weib soll dir ein Evangelium sein! Denn es hat dein Gemüt empört, und du hättest sie sogleich mit höllischem Feuer bestrafen, sie also mit einem endlos größeren Torment züchtigen mögen, als womit sie ihr Kind gezüchtigt hat!
HIM|2|460623|7|0|Aber du bedenkst dabei nicht, dass alle Menschen der Erde Meine Kinder sind. Und wenn du schon die schlechte Handlung von solch einer Mutter für gemütempörend fandest, da möchte Ich nicht gerne in dein Herz schauen, was dieses zu Mir sagen würde, so auch Ich ebenso unbarmherzig auf Meine irrenden Kinder bei jedem nur einigermaßen namhaften Vergehen losdreschen möchte?!
HIM|2|460623|8|0|Du willst, dass Ich die Menschen barmherzig machen solle. Ich aber soll schonungslos sogleich jedes irrende Kind totschlagen!? Wahrlich, mit diesen Begriffen von Mir kannst du für die Zukunft schon hübsch fein zu Hause bleiben! Meinst du denn, Ich sehe die Laster auf Erden nicht? O du Tor!
HIM|2|460623|9|0|Ich sehe sie wohl; aber noch ist es nicht an der Zeit, darum die Sonne am Himmel auszulöschen. Es wird diese frühzeitig genug für jedermann ausgelöscht werden!
HIM|2|460623|10|0|Jenseits aber wird ein jeder den Lohn für seine Arbeit finden und bei ganz besonderen Gelegenheiten auch schon hier! Das ist genug, und es braucht nichts mehr dazu!
HIM|2|460623|11|0|Lerne Mich sonach besser kennen und zwinge Mich nicht, zu werden, wie du bist; sondern sei, wie Ich bin, so wirst du klüger urteilen und strafen. Amen.
HIM|2|430624|1|1|Der Geist und sein Leib – 24. Juni 1843 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|2|430624|1|0|In armem Stübchen ruht die Leiche. / Die Freunde stehn um sie herum / und seh’n noch einmal an das bleiche / Gesicht, und weinen, trauern stumm.
HIM|2|430624|2|0|Wohl trocknen sie die heißen Zähren, / doch nicht versiegt der Wehmut Strom; / denn bald soll’n sie gar hart entbehren / den, der da war so gut und fromm!
HIM|2|430624|3|0|Als sie doch aus der Trauerkammer / zurück sich zieh’n ins Schlafgemach, / und da sie hält ihr tiefer Jammer / vom Schlafe los und trauernd wach;
HIM|2|430624|4|0|da zuckt herab ein heller Schatten / zur Bahre hin in Mondesstrahl; / denn eh’ den Leichnam sie bestatten, / will er ihn seh’n zum letzten Mal.
HIM|2|430624|5|0|„So hab ich dich (spricht er) verlassen, / hab wie ein Kleid dich abgelegt; / ich kann ja kaum die Wonne fassen, / in der mein Sein sich nun bewegt.
HIM|2|430624|6|0|Ich – nun ein freies, reinres Wesen, / bin leicht geflügelt, hell und klar. / Ein neu’ Gewand ist mir erlesen, / viel hehrer als dies alte war.
HIM|2|430624|7|0|O Tod! Wie doch so sanft gelinde / hast du im Schlummer mich entrückt; / o – wie ich mich nun seligst finde / und über jeglich Maß entzückt.
HIM|2|430624|8|0|Wie macht mich der Gedank’ nun bangen, / dass nur auf eine kürz’ste Rast / der Leib mich wieder könnt umfangen / mit seiner schweren toten Last!
HIM|2|430624|9|0|Wie zogst du mich zu toten Freuden, / Leib, gegen meinen Willen hin, / wie musst drum oft mit dir ich leiden / für schlecht’sten Lohn, für Tods Gewinn!
HIM|2|430624|10|0|Doch fühl ich jetzt ein Mitleidsbeben, / und muss hier einen Dank dir weih’n; / war matt auch unser einig’s Leben / so konnt ohn dich ich doch nicht sein.
HIM|2|430624|11|0|Du gabst mir wohl auch manche Wonnen, / so sie, die nun der Schlaf umhüllt, / des Hauptes seelenvolle Sonnen / entzückte zarter Schönheit Bild.
HIM|2|430624|12|0|Wenn süße Tön’ das Ohr umflossen, / die Hand gedrückt des Freundes Hand, / wenn meine Arm’ ein Glück – umschlossen / und selbst die Lippe Lieb’ empfand.
HIM|2|430624|13|0|Doch nun bist du allein geblieben, / so sink denn auch allein zur Gruft; / denn ich hab all’s ja schöner drüben, / dort in der Himmel reinster Luft!
HIM|2|430624|14|0|Nur eins stört meinen sel’gen Frieden / und macht mir ein wehmütig Herz; / die, welche ich beließ hienieden, / ergeben sich zu sehr dem Schmerz!
HIM|2|430624|15|0|Ich hör sie mächtig um mich weinen, / der süße Schlaf sie stärket nicht, / wie gern doch möcht ich euch erscheinen / umstrahlt von hellstem, klarstem Licht!
HIM|2|430624|16|0|Wie gern möcht ich euch all’s entdecken, / welch eine Wonne mich umfleußt! / Doch würdet ihr gar sehr erschrecken; / ihr fürcht’t ja den verklärten Geist!
HIM|2|430624|17|0|So will ich harren denn zur Schwelle, / ganz heimlich nur nach euch hinseh’n, / und fließt um euch des Schlafes Welle / mit leis’sten Tritt zu euch dann gehn!
HIM|2|430624|18|0|Da werd zu eurem Haupt ich treten, / umwehen es mit sanftem Hauch, / euch segnen, liebend für euch beten, / denn das ist da der Segensbrauch.“
HIM|2|430624|19|0|Dieses Liedchen ist gut und wahr; daher sollte es wohl recht beherziget werden. Es gibt zwar schon ähnliche Lieder in guten Reimen, aber es klebt ihnen noch so manches Irdische an, darum sie auch minder zu beachten sind.
HIM|2|430624|20|0|Dieses aber ist geistig wahr und rein, darum soll es auch beachtet sein von jedermann, denn es stellt wirklich eine Abschiedsszene eines guten Geistes von seinem Leibe dar.
HIM|2|430624|21|0|Ganz besonders aber sei dieses Liedchen dem Töchterchen J. des A. H. W. zu ihrem Leibesgeburtstage beschieden, damit sie in dieser Kleingabe ersehen möchte, um wie vieles der Geist besser ist als der dem Tode anheimfallende Leib!
HIM|2|430624|22|0|Sie soll aber darum etwa nicht sterben oder einen Tod befürchten, sondern nur daraus den hohen Wert des Geistes vor dem Leibe erschauen. Amen!
HIM|2|430628|1|1|Für den Peter – 28. Juni 1843 [Manuskript]
HIM|2|430628|1|0|Möcht’ nicht auch der junge Peter / haben ein recht schönes Wetter, / um zu treiben seine Spiele / ganz in unbelauschter Stille?
HIM|2|430628|2|0|Und an seinem Namenstage / keine herbe Lehrersplage; / sondern lieber eine Jause / und im Lernen eine Pause?
HIM|2|430628|3|0|Ja, das wär ihm freilich lieber, / als ein trock’nes Sprachlehrfieber! / Aber besser ist die Lehre, / dass Erkenntnis sich vermehre;
HIM|2|430628|4|0|denn das eitel dumme Schmausen, / sei’s zu Mittag oder Jausen, / bringt der Seele keinen Segen; / so ist viel nicht dran gelegen!
HIM|2|430628|5|0|Aber Lernen, Folgen, Beten, / das tut jedermann vonnöten; / also tu auch du desgleichen, / so wirst dir dein Glück erschleichen!
HIM|2|430628|6|0|Bessres kann Ich dir nicht sagen, / du könnt’st solch’s noch nicht ertragen; / wirst du aber fleißig lernen, / werd von dir Mich nicht entfernen;
HIM|2|430628|7|0|sondern werd dich allzeit leiten, / und gar mächtig für dich streiten; / und damit dich nicht sollst irren, / werd geraden Wegs dich führen!
HIM|2|430628|8|0|Das wird besser sein wie Braten, / und zu spielen die Soldaten; / aber nur musst dich befleißen, / schon recht früh ins Buch zu beißen!
HIM|2|430628|9|0|So, Mein lieber junger Peter, / hier hast du ein schönes Wetter, / und die Jause wird auch kommen, / nur das Buch zur Hand genommen! Amen.
HIM|2|430715|1|1|Fluch dem, der anders lehrt! – 15. Juli 1843 [Worte des Worts 1912]
HIM|2|430715|0|0|„Aber wofern wir oder ein Engel vom Himmel euch predigen möchten anders, als was wir euch gepredigt haben – Fluch sei ihm!“ (Gal. 1,8)
HIM|2|430715|1|0|Höre, das ist ein Vers der Verse, der da allein kräftig genug ist, mit einem Hieb das ganze heutige heidnische zeremoniell-kirchliche Wesen zu zersplittern! Aber man muss zuvor den ganzen Paulus in eins zusammenfassen und daraus ersehen:
HIM|2|430715|2|0|Erstens, dass er nie einen Zeremoniendienst eingeführt hat, weil er von Mir gänzlich aufgehoben ward,
HIM|2|430715|3|0|und zweitens, dass er nur eine lebendige innere Kirche geistlich im Herzen der Seele, aber nie und nirgends eine aus rein faulen Priestern bestehende gegründet hat.
HIM|2|430715|4|0|Drittens, dass Paulus nur gleich Mir das alleinige Gebot der Liebe gepredigt, und dieses alleinige Gebot mit demselben Liebesmahl bekräftigt hat und noch dazu dieses Mahl dadurch wohl unterschieden hat von einer gewöhnlichen anderen Mahlzeit, dass er alle teilnehmenden Gemeinden darauf aufmerksam machte, dass sie Meinen Leib, das ist Meine endlos große Liebe, wohl unterscheiden möchten von der Liebe der Menschen!
HIM|2|430715|5|0|Aus dem aber geht hervor, dass Paulus sicher die allerreinste Liebe gepredigt hat, in welcher alle Freiheit des unsterblichen Geistes waltet, welche durch keinen allerleisesten Gesetzesdruck solle gefährdet werden. Kurz und gut, nach Paulus soll der Geist des Menschen, von Mir Selbst erzogen, in der höchsten Freiheit wie ein Blitz, wie eine Weltensonne dastehen, von dem alles abhängt, nach dem sich alles richten muss, der vollkommen eins ist oder sein soll und könnte mit Mir!
HIM|2|430715|6|0|Nun aber bedenke, was der Geist des Menschen durch eine ganz falsche, heidnische Lehre wird! Ein Sklave, ein kaum halb lebendes Wesen! Er, der nach Paulus das Leben des Lebens sein soll, wird ein feiger Knecht des tötenden Gesetzes, ein Diener des Todes – kurz, ein Wesen, das sich nicht einmal aus eigener ihm von Mir auf ewig eingehauchter Kraft nur im Geringsten zu rühren wagen darf, ohne sich dadurch sogleich in ein Meer von lauter tötenden und ihn auf ewig verdammenden Gewissensbissen zu stürzen.
HIM|2|430715|7|0|Siehst du da nicht die Pest für den freien Geist, gegen welche Paulus aus dem gerechtesten Eifer, sogar fluchend, zieht?
HIM|2|430715|8|0|Und doch hat die Sklaverei gesiegt über die ewige Freiheit des Geistes? Wer aber sind die Sieger? Sie sind des Lebens entschiedene Feinde!
HIM|2|430715|9|0|Ich aber sage dir: Die Feinde des Lebens werden in dem Ausspruch Pauli ihren Lohn finden! – Aber alle die von ihnen arg gefangenen Geister werde Ich frei machen in der Fülle. Haben sich die Feinde des Lebens auch diese Erde unterjocht, so habe Ich aber schon noch andere Erden, die da ewig nie ein Eigentum der Lebensfeinde werden sollen!
HIM|2|430715|10|0|Verstehst du Mich? Siehe, Ich bin ein Vater, und kein feiger Richter, ein ewiger Beleber, aber kein Töter des Geistes. Verstehst du solches? Ja, verstehe es, auf dass du lebest ewig! Amen!
HIM|2|430718|1|1|Ein gutes Gebet – 18. Juli 1843 [Worte des Worts 1912]
HIM|2|430718|1|0|Hiermit gebe Ich dir ein gutes Gebetlein für diejenigen, welche sich des Zuges der Welt nicht verwehren können, da er sich ihnen als ganz unschuldig und unschädlich darstellt, während er ein von Meiner Liebe erwärmtes Herz als eine kühlende und somit der weltlichen Sinnlichkeit wohltuende, aber dabei überaus giftige Schlange bekriecht und es durch solche arge, wahrhaft höllisch-schlangenhafte, magnetische Manipulation für Mich und Meine Liebe und Meine Gnade einschläfert, auf dass das Herz ja mit der Zeit von Mir abfallen und in den ewigen Tod übergehen solle.
HIM|2|430718|2|0|Darum also gebe Ich dir dieses mächtige Gebetlein. Wer es lebendig, treu und wahr in sich aussprechen wird, der wird damit diese arge Schlange aus seinem Herzen verbannen! Und so schreibe denn das Gebetlein:
HIM|2|430718|3|0|Heiliger, liebevollster Vater! Sieh mich armen, schwachen, ganz ermatteten Sünder gnädigst an! Du, o lieber Vater, hast mich mit der höchsten, ewig wahren Liebeshitze ergriffen und ziehst mich gewaltig zu Dir! Aber ich, ein laues, ja vom Grunde aus kaltes Wesen, bewege mich nur im alten Element meiner angeerbten Todeskälte munter, freudig und lebhaft. In deinem heiligen Element des Feuers Deiner Liebe aber werde ich sobald träge und hinfällig faul, dass es mir leichter ist und viel behaglicher, mich darin (im alten Element) tage- und wochenlang umherzutreiben, als nur eine Stunde lang in der großen Wärme Deiner Liebe.
HIM|2|430718|4|0|Das lehrt mich die tägliche Erfahrung! Ich sehe aber auch, dass mir dadurch nur der vollkommene Tod des Geistes werden kann, da solcher Sinn aus der Hölle mir eingehaucht wird. So bitte ich Dich, ohne Verzug, o heiliger, liebevollster Vater, treibe aus mir die arge, mich für das Leben des Geistes gänzlich einschläfernde Schlange und hauche mich mit Deinem göttlich väterlichen Trost an, auf dass ich nicht nach und nach stets mehr und mehr verderbe in meinem Element des alten Todes und zugrunde gehe im sanft kühlenden Gift meiner eigenen Weltsinnsschlange, so sie mein von Deiner Liebe erwärmtes Herz, wenn schon wohltuend und weltlich erheiternd, beschleicht und bekriecht.
HIM|2|430718|5|0|O siehe, wie ich mich freue, wenn ich mit meiner weltfreudevollen Gesellschaft irgend zusammenstoße und mich mit ihr belustige über schale, eitle und völlig nichtige Dinge. Aber von Dir, o Vater, zu reden und mein Herz und Angesicht zu Dir zu kehren, da werde ich bald schläfrig und voll langer Weile, und ist mir nicht selten erheiternder der unbedeutendsten Weltarbeit den ganzen Tag, als eine halbe Stunde nur Dir allein zu widmen.
HIM|2|430718|6|0|O Vater! Siehe doch gnädig an diese meine große Not, treibe von mir den argen Welt-Magnetiseur, und erhebe mich zu Dir, und hauche mir einen wahren Ekel vor der Welt ein; aber eine desto größere Freude zu Dir, o Vater, sonst gehe ich zugrunde. O Herr und Vater! Erhöre mich und sei mir armem und überschwachem Sünder gnädig und barmherzig. Deine Liebe belebe mich, Deine Gnade erleuchte mich, und Deine Erbarmung und Milde stärke und ziehe mich stets mächtiger. O Vater, ergreife mich mit Deiner Hand und führe mich in Dein Reich und in Dein Vaterhaus für ewig! Amen.
HIM|2|430729|1|1|Fixe Ideen, deren Heilung und Verhütung – 29. Juli 1843
HIM|2|430729|0|0|O Herr! Wie kann jemand von einer fixen Idee, z. B. dass er der Papst, der Kaiser oder ein Virtuos sei, geheilt werden?
HIM|2|430729|1|0|Was da diese Frage betrifft, so ist der Grund solcher fixen Einbildungen schon bei einer anderen Gelegenheit erörtert worden, und zwar da es gezeigt wurde, wie der Verstand gleich ist einem Ballon und die Liebe gleich einem unteren Schwerpunkt, an dem der Verstand mittelst der Willensschnur gebunden ist. Wenn nun der Verstand zu heftig zieht, dann reißt die Schnur und wird, wie ihr zu sagen pflegt, „das Rädchen laufend“. Nun aber hat der Verstand keine Nahrung; das geistige Dephlogiston [Füllgas] entströmt, und der Verstandes-Ballon fängt an zu sinken.
HIM|2|430729|2|0|Der Mensch aber ist ein Mikrokosmos. So der Verstand nun gesunken ist, dann trifft es sich geistig, dass die abgerissene Willensschnur in dem Mikrokosmos bald auf den einen, bald auf den anderen Gegenstand entsprechendermaßen stößt. Dahin sie stoßt, da auch hängt sie sich an und klebt sich gleich einem Polypen fest (da sie doch eine noch immer lebende Schnur ist) und saugt daraus wie ehedem aus dem wahren Lebensgrund und nährt damit den Ballon.
HIM|2|430729|3|0|Hat die Schnur bei ihrem Niedersinken im Mikrokosmos wie zufällig, freilich nur in entsprechender Weise, z. B. einen Baum, einen Hund, einen Vogel, ein Weizenkorn, einen Stein oder einen wie immer gestellten Menschen erreicht, so wird sich sobald der ganze Mensch als das zu sein wähnen, wovon sein Ballon gesättigt wird.
HIM|2|430729|4|0|Ist der Gegenstand, auf den die abgerissene Schnur zu sitzen kam, fruktiv, so wird dieser fixe Zustand lange dauern. Ist er aber das nicht, so wird der Mensch bald in den sogenannten Kretinzustand übergehen, da sein Ballon samt der Schnur einschrumpfen wird. Und kommt die Schnur über einen anderen fruktiven Gegenstand, so wird dann die fixe Idee gewechselt und der Mensch wird etwas anderes zu sein glauben und geht so von einer Tollheit zur anderen über.
HIM|2|430729|5|0|Ich meine, das wird nun klar ersichtlich sein. Wo aber ist die Hilfe dafür?
HIM|2|430729|6|0|Bei Mir! Denn Ich sehe da sogleich vor, dass im Augenblick, wann ein solcher Bruch geschieht, der an der Liebe zurückgebliebene Schnurteil sich ergreift und sich zuoberst in einen neuen Verstandes-Ballon auszubilden beginnt. Wird der abgerissene Schnurteil auf eine kluge Art von außen her weislich seines Fruktivgegenstandes beraubt, und das so oft, als er sich neu irgendwohin niederlässt, dann schrumpft er bald ein. Und der neue Verstandes-Ballon wächst desto besser fort, aus welchem Grunde der Mensch wieder ganz geordnet zu denken anfängt.
HIM|2|430729|7|0|Wird aber dem alten Ballon der Fruktivgegenstand nicht gehörig aus dem Weg geräumt, so gelangt dann der Mensch in einen Doppelzustand, der da bald geordnet, bald wieder verwirrt aussieht und auch ist. Um diesen Zustand zu heben, nähre der Arzt vorzüglich das Herz des Patienten. Dadurch wird der neue Ballon schnell zunehmen und der Wirkung des alten Ballons energisch entgegenzutreten anfangen.
HIM|2|430729|8|0|Das sind die wirksamsten Mittel für derlei Zustände. Aber gewisse harte Verfahren sind da ganz vergeblich und verschlimmern eher die Sache, als dass sie dieselben besserten; denn durch sie wird das neue Wachstum verhindert. Wird auch dem alten Ballon seine Nahrung benommen, so wird aber doch dem neuen auch keine bereitet, dass er dann samt dem alten verkümmern muss – und der Kretinzustand ist fertig.
HIM|2|430729|9|0|Hier und da wäre auch der Somnambulismus erfolgreich anzuwenden. Er müsste aber von sehr willensstarken Menschen ausgeübt werden, sonst hätten bei solchen Rapporten die Magnetiseure das Überkommen des Zustandes des Kranken zu befürchten. Magnetische Paquete aber werden da wenig nützen, weil das Übel ein seelisches und kein materielles ist.
HIM|2|430729|10|0|Siehe, das wären die Mittel, mit denen man äußerlich diesen Übeln begegnen kann. Aber das beste Remedium vom Grunde aus bin Ich! Wer von Anfang an hübsch bei Mir zu Hause verbleibt und nicht in die Welt hinaus trachtet, bei dem wird ein solcher Bruch nie geschehen.
HIM|2|430729|11|0|Wer aber nur nach dem Weltlichen trachtet, der ist schon mehr oder weniger in einem solchen Zustand, welcher sicher von Tag zu Tag ärger wird, bis die Schnur ganz entzwei wird. Verstehst du solches?
HIM|2|430729|12|0|Ja du sollst es verstehen! Denn auch du hast Kinder, die da ihre Schnur schon recht stark in die Welt gespannt haben. Ziehe sie zurück, sonst dürfte bald das eine oder andere sich in bedeutender Gefahr befinden! Denn Ich kann sie nicht halten und darf es nicht, ihres Heils und ihres Lebens willen, so sie Mich nicht ansehen und an Mein Wort nicht lebendig glauben.
HIM|2|430729|13|0|Solches also beachte auch du, Mein lieber Freund! Amen.
HIM|2|430731|1|1|Zwanglose Botschaft – 31. Juli 1843
HIM|2|430731|0|0|„Wer ist so blind wie Mein Knecht? Und wer ist so taub wie Mein Bote, den Ich sende? Wer ist so blind wie der Vollkommene und so blind wie der Knecht des Herrn?“ – Auf wen, o Herr, zielt diese Weissagung des Jesaja (42,19)?
HIM|2|430731|1|0|Zum ersten zielt diese Weissagung auf Mich und besagt da nichts anderes als: Wer ist so voll Liebe wie Ich, Gott von Ewigkeit, der Ich sogar Knechtsgestalt anziehe, um als Vater allen Meinen Kindern zu dienen auf die allergerechteste Art? Und wer ist so voll Geduld, Langmut, Gnade und Erbarmung und hört nicht an die vielen Lästerungen der Menschen und tut denen Gutes auf der Welt, die Ihn verhöhnen, missachten und alles, was nur immer die Welt hat, lebendiger lieben als Ihn, den Herrn des Lebens?!
HIM|2|430731|2|0|Wer ist so nachsichtig wie der Allsehende? Und wer achtet der Menschen Sünden so wenig wie Ich, der Alleinheilige, da Ich sogar in die Wohnungen der Sünder eingehe und halte mit ihnen ein fröhliches Mahl und lehre sie Selbst die Wege des Lebens und ziehe sie und führe sie und zwinge sie dennoch nicht, aus ihrer äußeren Freiheit zu treten und dieselbe gefangen zu nehmen, um dadurch zur inneren, wahren Freiheit zu gelangen im Geiste – sondern ein jeder kann dabei tun, was er will?!
HIM|2|430731|3|0|Es versteht sich ja von selbst, dass da ein jeder nur durch die freiwillige, völlige Beschränkung seiner äußeren Weltfreiheit, also durch eine völlige Selbstverleugnung, zur inneren Freiheit des Geistes gelangen kann, darinnen begründet ist das ewige Leben. Denn was immer der Mensch tut vergnüglich nach seinem äußeren freien Willen, das zieht ihn ab vom Geist und verrammt ihm den stillen und allzeit schmalen Pfad in den geistigen freien Willen.
HIM|2|430731|4|0|Er mag wohl äußerlich das Wahre, zum inneren Leben Benötigte als solches erkennen. Aber er wird dennoch nie den mächtigen Liebetrieb in sich gewahren, das auch völlig zu tun, sondern wird sich entweder mit dem alleinigen Wissen begnügen oder er wird sein halb hin und halb her – also ein Lauer, der schwerlich je zur inneren, geistigen Freiheit gelangen wird!
HIM|2|430731|5|0|Aber für alles das bin Ich stets taub und blind und lasse einem jeden seine Freude und seine Liebe, bis es sich am Ende zeigen wird, was da jemand mit der äußeren Freiheit sich wird errungen haben, und wäre sie noch so billig vor der Welt.
HIM|2|430731|6|0|Wie es sich aber zufolge dieser Weissagung mit Mir verhält, ebenso verhält es, zum zweiten, sich auch mit einem jeden Knecht und Boten, den Ich sende oder erwecke. Er darf nur lehren, aber niemandem eine Gewalt antun, sondern muss sich in solchem Falle sobald zurückziehen und sich blind und taub machen, damit da jedermann der freie Gebrauch seines Willens bleibe, ob zum Leben oder zum Tode – dafür sei der Knecht nicht verantwortlich und sei er taub und blind, damit einem jeden sein eigenes Verdienst werde, entweder so oder so!
HIM|2|430731|7|0|Darum denn gebe Ich nun auch den Knechten keine andere Wundermacht mehr, außer allein die des Wortes. Wer sich durch dieses wird leiten lassen, der soll zur inneren, geistigen Freiheit gelangen. Wem aber dieses Wunder nicht genügt, der soll ungestört verbleiben in seiner äußeren Freiheit und ihren Folgen!
HIM|2|430731|8|0|Siehe, auf das alles zielt diese Weissagung! Beachte sie, so wirst du zur inneren Freiheit gelangen! Also spricht der Herr! Amen, Amen, Amen.
HIM|2|430825|1|1|Weise Widersprüche – 25. August 1843
HIM|2|430825|1|0|Was du hast, das hast du nicht. Was du aber nicht hast, das hast du.
HIM|2|430825|2|0|Denke an die Zeit, sie ist dein und nicht dein. Dein, wenn sie nicht dein ist; und nicht dein, wenn sie dein ist.
HIM|2|430825|3|0|Das Leben ist dein höchstes Gut. Denn ohne dasselbe bist du nichts und ist alles nichts für dich. Wenn aber das Leben dein ist, dann hast du es nicht; ist es aber nicht dein, dann hast du es.
HIM|2|430825|4|0|So du zu Gott betest, da zeugst du von dir selbst, dass du aus Gott bist. Aber so du betest, so betest du nicht; wann du aber nicht betest, dann betest du.
HIM|2|430825|5|0|Die Wahrheit ist die allein wesenhafte Wirklichkeit. Wer aber mag diese aussprechen für sich? Denn alles ist wahr und alles ist falsch. Ein Ding, wie es ist, ist es nicht; wie es aber nicht ist, also ist es. Wo ist also die Wahrheit, da sie ist, wo sie nicht ist, und wieder nicht ist, wo du meintest, dass sie ist!?
HIM|2|430825|6|0|Suchen ist des Menschen Hauptsinn. Was er aber sucht, wird er nicht finden und wird finden, was er nicht sucht.
HIM|2|430825|7|0|Die Liebe ist das einzige Gesetz alles Lebens, durch sie ist jedes Sein bedingt. Aber wer da liebt, liebt nicht. Wer aber nicht liebt, der ist es, der da liebt. Denn ein jeder Mensch hat ein Leben und hat kein Leben, und hat eine Liebe und hat keine Liebe. Daher lebt er nur, so er nicht lebt, und liebt, so er nicht liebt.
HIM|2|430825|8|0|Wer kann sagen: Ich kenne Gott, so Gott für ihn nicht ist, da er nicht für Gott ist. Wer aber ist für Gott nicht? Der für sich ist! Gott aber ist nur für den, der nicht für sich ist, und ist nicht für den, der für sich ist.
HIM|2|430825|9|0|Also ist auch das Weib kein Weib, so es ein Weib ist. Wenn es nicht ein Weib ist, dann ist es ein Weib. Denn es ist ja ein rechtes Weib in sich auch ein Mann und ein rechter Mann in sich auch ein Weib. Darum ist weder das eine noch das andere für sich das, was es ist, sondern nur, was es nicht ist.
HIM|2|430825|10|0|Also ist auch der Vater kein Vater und die Mutter keine Mutter. So aber der Vater kein Vater und die Mutter keine Mutter ist, dann ist der Vater ein Vater und die Mutter eine Mutter.
HIM|2|430825|11|0|Wer die Wahrheit in ihrer Tiefe fassen will, der verstehe diese Sprüche! Wer sie aber nur mit dem Kopfverstand verstehen wird, der wird sie nicht verstehen; wer sie aber nicht nur mit dem Kopfverstand verstehen wird, der wird sie verstehen! Das ist etwas für den Geist!
HIM|2|430908A|1|1|Anarchie und Not – 8. September 1843
HIM|2|430908A|0|0|O Herr! Was wäre das einfachste, sicherste und kürzeste Mittel, der Anarchie in Spanien und der Not in Irland abzuhelfen?
HIM|2|430908A|1|0|Das sicherste und wirksamste Mittel bin Ich, der Herr des Himmels, aller Welten, aller Völker und Fürstentümer! Wenn die Völker Spaniens und Irlands Mich ergreifen werden, dann wird Friede und Ruhe in ihren Landen sein.
HIM|2|430908A|2|0|Solange das aber nicht der Fall sein wird, soll der Zankapfel von ihren Landen nicht genommen werden. Alle noch so feinen politischen Mittel sollen fruchtlos sein, sie mögen Junten [Regierungsausschüsse] über Junten bilden und Repealversammlungen [Aufhebungsversammlungen] über und über halten, und es soll ihnen solches dennoch wenig oder gar nichts helfen.
HIM|2|430908A|3|0|Denn Ich allein bin der Herr und tue nach Meinem Plan, was Ich will! Meinst du denn, dass Meine Pläne von ein paar Jahren abhängen? O sieh, vor Mir sind tausend Jahre wie ein Tag. Und ein leiblich Unglück der Völker, welches sie wach hält, ist besser als eine glückliche Nacht, in der es kaum jemand der Mühe wert hält, an Mich zu denken und im Herzen zu glauben, dass da alles von Mir abhängt und dass Ich auch ein stets wachender Herr bin aller Völker und Herren der Welt!
HIM|2|430908A|4|0|Meinst du aber etwa, man solle diesen Menschen gute Bücher und geistig geweckte Menschen zukommen lassen, auf dass sie die Wahrheit erschauen möchten!? O siehe, an dergleichen Mitteln habe Ich es noch nie in einem Land fehlen lassen. Wenn aber der Acker ein durchaus schlechter Grund und voll Unkrautes ist, wird da das Weizenkorn wohl aufgehen und eine Frucht bringen? Ja, es werden wohl einzelne Halme aufschießen; aber sie werden wenig beachtet, da ihr Dasein von keinem gemeinsamen Nutzen ist. Wenn aber das Unkraut auf dem schlechten Acker abgemäht wird, da wird äußerlich auf die wenigen einzelnen Halme keine Rücksicht genommen, es müssten nur gar schöne und samenreiche darunter sein, welche der Herr des Ackers durch seine Knechte sammeln ließe wegen des guten Kornes. Denn so ein Halm gute Frucht bringt auf schlechtem Grund, wird er noch eine bessere tragen in fetter, unkrautloser Erde.
HIM|2|430908A|5|0|Aber die schlechten Gründe müssen aufgebrachet [brach liegend gelassen] werden und durchstochen und durchwühlt das Land, damit alles Unkraut verderbe; alsdann erst wird der Acker mit der Zeit fähig werden, einen guten Samen fruchtbringend in sich aufzunehmen.
HIM|2|430908A|6|0|Also werden nun auch die von dir erwähnten Länder aufgewühlt und in die Brache gelegt, damit sie in der rechten Zeit fruchttragend werden mögen. Verstehst du solches? Ja, Ich sage dir: Also muss es geschehen! Denn nun ist die Zeit gekommen, da Ich das Unkraut verderben und die Länder nach der Reihe brach legen lasse.
HIM|2|430908A|7|0|Je mehr des Unkrautes, desto eher soll diese Arbeit vor sich gehen. Auch deinem Land steht ein gleiches Los bevor! Da will Ich alle Lauen aus Meinem Munde speien und alles Unkraut bis in den Grund vernichten im Feuer Meines Grimmes. Das sage Ich, der Herr! Amen, Amen, Amen.
HIM|2|430908B|1|1|Erforsche und leite mich! – 8. September 1843
HIM|2|430908B|0|0|„Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine! Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege!“ (Psalm 139,23 f.)
HIM|2|430908B|1|0|Was da diese Verse betrifft, so sind sie wohl leicht zu erkennen, und ihr Sinn liegt zu offen, als dass Ich darüber eine mächtige Erläuterung zu geben brauchte! Wahrlich, hier möchte Ich zu dir auch sagen: Wie lange werde Ich dich denn noch ertragen müssen in deinem Unverstand? Wie lange werde Ich dir noch vorpredigen müssen, auf dass du verständiger wirst?
HIM|2|430908B|2|0|Weißt du aber, worin der Grund steckt, darum du solch leicht fassliche Stellen noch immer nicht verstehst? Siehe, in deiner nicht seltenen Lauheit des Liebeernstes und in der noch tüchtigen Portion Weltstaubes, der dir noch vielseitig anklebt! Du bist wohl fleißig im Schreiben und Lesen, aber nicht auch gleich ernstlich im Handeln – darum du auch die Unterschiede zwischen dem Geistigen und Weltlichen nicht hell erschauen magst, sowohl bei dir, wie auch bei deiner um vieles mehr weltlichen als geistigen Familie!
HIM|2|430908B|3|0|Siehe, die Welt ist sehr geschmeidig und verstellerisch und weiß ihr totes Zeug mit dem geistig scheinenden so geschickt zu verschmelzen, dass du es, wenn schon nicht als geistig, so aber doch als ganz unschädlich ansiehst! Aber dem ist nicht also! Und Ich sage dir: Das Weltliche ist nirgends und niemals gefährlicher, als so es unscheinbar, ganz unschädlich scheinend und ganz kleinlaut und geringfügig auftritt!
HIM|2|430908B|4|0|Denn so es grell auftritt, dann gewahrt es sogar ein Blinder und kann demselben begegnen. Tritt es aber in ganz leisen und unschuldig scheinenden Graden auf, dann ist es ein schleichendes Gift, das da seine Opfer nimmer auslässt und höchst sicher hinabzieht ins Verderben des ewigen Todes! Es gleicht da einem Vampyr, der seine Beute in einen allersüßesten Schlaf fächelt, um dann ganz ungestört derselben den letzten Blutstropfen auszusaugen!
HIM|2|430908B|5|0|Und siehe nun, gerade diesen überargen Zustand hat auch der David nur gar zu gut gekannt, darum er denn auch ausrief: „Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich, und erkenne wie ich es meine! Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege!“
HIM|2|430908B|6|0|Denn „Erforsche mich, Gott!“ heißt so viel als: Erleuchte mich, Gott, mit Deiner Gnade! Und „Erkenne mein Herz!“ heißt: Siehe, was im Grunde meines Lebens rastet, ob Weltlichgiftiges im Kleid des Geistigen, oder ob wirklich Geistiges? Und „Erkenne, wie ich’s meine!“ heißt: Erleuchte mich, auf dass ich ein rechtes Verständnis überkomme und dadurch erkenne, wie da mein gegenwärtiges Verständnis bestellt ist!
HIM|2|430908B|7|0|Ebenso besagt auch ganz dasselbe der 24. Vers, der heißt: „Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin“ – das heißt: Lass mich sehen, welchen Weg ich wandle? – „Leite mich auf ewigem Wege“ aber heißt doch sichtbar: Lass mich die reingeistigen Wege zum ewigen Leben erkennen und wandeln!
HIM|2|430908B|8|0|Siehe, das ist das überaus leichte Verständnis dieser Verse! Wenn aber schon der überaus geistige und gerechte Seher David, der Mann nach Meinem Herzen, solch einen Respekt vor der im Geheimen schleichenden „Welt“ hatte und sich so manchmal nicht auskannte, wie er so manche unschuldig scheinende Erscheinungen der Welt nehmen sollte – um wie viel mehr ist solches dir in der gegenwärtigen Zeit vonnöten, in der die Welt sogar ihre grellsten Bösetaten also zu beschönigen weiß, dass sie ganz sittlich und in der größten Ordnung erscheinen!
HIM|2|430908B|9|0|Wer von euch wird einen heiratssüchtigen jungen Mann oder desgleichen eine Jungfrau tadeln? Vor der Welt ist solches billigst! Aber siehe, nicht also ist es bei Mir! Denn wer da zuvor nicht lebendigst Meiner süchtig wird, der ist ein Weltgeiler, und die Jungfrau ist Mir gegenüber eine verächtliche Dirne! Denn wer da immer über etwas Flüchtiges Meiner auch nur eine Stunde lang vergessen kann, der ist Meiner nicht wert. Und Ich wende wahrlich sofort Mein Angesicht weg von ihm und sehe ihn nicht eher an, als bis er Mir alles opfern wird, was er hat. Denn Ich bin Gott, von dem alles abhängt, und weiß, warum Ich den Menschen erschaffen habe!
HIM|2|430908B|10|0|Wenn aber dem Töpfer ein Topf nicht gerät, dann schlägt er ihn zusammen. Ich aber bin der Schöpfer und weiß auch, was Ich mit den ungeratenen Gefäßen tun werde. Verstehe, solches! Denn Ich, der Herr, sage es dir!
HIM|2|430927|1|1|Weisheitssprüche – 27. September 1843
HIM|2|430927|1|0|So du willst, kannst ja auch einmal einige Aphorismen schreiben. Aber ja nicht anders, als wie Ich es dir gebe! Denn Ich will nicht prunken wie ein weltgelehrter Naturforscher, sondern will sein wie ein Bänkelsänger, den man überall hinauswirft, wo es nobel zugeht! Verstehe, also will Ich’s in der Welt haben – weil die Welt Mich nicht anerkennen will! Und so schreibe denn!
HIM|2|430927|2|0|Die Unterhaltung ist ein Vergnügen des sterblichen Menschen, durch welches er sich zeitlich den ewigen Tod versüßt. Ja, ein solches Vergnügen ist darum eine wahre Unterhaltung, weil der Geist dabei zuunterst gehalten wird – und die tote Lust des Todes zuoberst!
HIM|2|430927|3|0|Konversation, wie sie in der Welt üblich ist, ist ein barster „Zapfenstreich“ für den Geist! Beim Soldaten folgt zwar auf den Zapfenstreich ein früher Tagesweckruf, weil die Naturwelt dem steten Tag- und Nachtwechsel unterworfen ist. Aber für den Geist gibt es nur einen Tag oder eine Nacht. Wenn für die Nacht des Geistes aber einmal der Zapfenstreich getrommelt wurde, da wird schwerlich mehr ein Tagesweckruf folgen einer unendlichen Nacht. Verstehst du nun die „Konversation der Welt“?
HIM|2|430927|4|0|Die Reunionen, wie sie jetzt gehandhabt werden unter Ballmusik, Fraß und Hurerei aller Art, wenn auch bei dreifacher Wachsbeleuchtung und freiem Eintritt, sind im Ernst wahrhafte Reunionen der Menschen zum ewigen Tode. Denn die Menschen ergreifen hier mit vereinten Kräften das Ruder am Lebensschiff, um desto schneller und sicherer auf die angenehmste Weise von der Welt in den ewigen Tod hinüberzusegeln! Dass sie dieses Ziel nicht leichtlich verfehlen, sorgt schon der Fürst der Nacht und des Todes! Das also ist die „Reunion der Welt“.
HIM|2|430927|5|0|Visiten sind gegenseitige Erkundigungen, ob jemand im Geiste noch tot ist – und sind aber dann auch wieder gegenseitige Komplimente über das ruhige Wohlbefinden im Tode. Denn findet ein Visitant jemanden lebendigen Geistes, da wird er ihm nicht mehr viele Visiten machen. Denn er ist in der Furcht, dass der Lebendige möchte zu ihm sagen, dass er, der Visitant, ein Toter ist! Beim Toten aber hat er das nicht zu befürchten. Verstehst du das?
HIM|2|430927|6|0|Die Gefallsucht ist eine Schlaftrunkenheit des Geistes. Wie der Schlaftrunkene nichts sehnlicher wünscht als ein Schlafbett, so sucht der Gefallsüchtige nichts emsiger als den tödlichen Weltweihrauch, um im Geiste für ewig einzuschlafen. Verstehst du das?
HIM|2|431007|1|1|Königtum und Volksherrschaft – 7. Oktober 1843
HIM|2|431007|0|0|O Herr! Kann es gebilligt werden, dass das griechische Volk im Einverständnis mit dem Militär seinen König in der Nacht aufweckt und ihm eine Konstitution aufdringt? Wird dieses äußerst überraschende Faktum nicht schlimme Folgen für dieses sonst heldenmütige Volk haben?
HIM|2|431007|1|0|Du weißt ja die rechte Norm, wie da ein Staat bestellt sein soll! Siehe, unter was für Bedingungen einst die Juden einen König hatten, also sollte es überall sein. Von einer „Konstitution“ aber kommt nirgends etwas vor in der Schrift. Daher sollte sie auch im Leben nirgends vorkommen.
HIM|2|431007|2|0|Der König ist von Mir aus ja nur zur Demütigung der aufgeblasenen Juden und zur Unterdrückung der wechselseitigen Herrschsucht derselben über Israel gesetzt worden, als es mit Meiner Regierung unzufrieden ward! So aber nun ein Volk nur einen Titelkönig unter sich bestehen lässt, der da ohne den Willen des Volkes gar nichts zu tun und zu befehlen sich wagen darf – was ist das hernach wohl für ein König?! Da ist ja ein Freistaat unter gewählten Richtern unvergleichlich besser als so ein Königtum, wo der König vom Volk, nicht aber das Volk nach Meiner Ordnung vom König abhängt!
HIM|2|431007|3|0|Der rechte König soll wohl weise Räte aus dem Volk um sich haben, mit denen er sich über die gerechte Leitung beraten kann. Aber die Ausführung des Rates soll allein dem Willen des Königs und nicht einmal dem Willen der Räte als mittätig anheimfallen. Denn die Räte sind da bloß nur des weisen Rates, aber nicht auch des Gebietens wegen. Hat ja doch Mein lieber Apostel Paulus sich deutlich ausgesprochen, und das unter der Regierung eines Tyrannen aller Tyrannen, unter dem Kaiser Nero – dass man der weltlichen Obrigkeit in weltlichen Dingen gehorchen solle, ob sie gut oder böse ist. Denn die eine wie die andere habe ihre Gewalt von oben.
HIM|2|431007|4|0|Der König Griechenlands war lange noch kein Nero, warum hat das Volk ihn denn hernach abgesetzt? Das Volk soll nur Mir die Ein- und Absetzung der Könige überlassen, dann wird es besser fahren denn also herrschsüchtig eigenwillig!
HIM|2|431007|5|0|Will Ich ein Volk frei machen, so werde Ich es tun, so das Volk sich zu Mir gewendet  hat. Aber einem stolzen und nur herrschsüchtigen Volk werde Ich die Freiheit noch lange nicht geben!
HIM|2|431007|6|0|Denn es ist besser, ein Knecht sein auf der Welt als ein ewiger Sklave im Geiste! Wer aber den Weg des Geistes gehen will, den werde Ich so lange unter jeder Regierung zu schützen wissen, solange er sich nicht irgendeine Herrschaft öffentlich anmaßen wird. Tut er aber das ohne Meinen ausdrücklichen Befehl, so muss er sich’s auch gefallen lassen, von der Welt gezüchtigt zu werden!
HIM|2|431007|7|0|Also wird es auch den Griechen über kurz oder lang ergehen! Siehe, also stehen die Sachen! Denke aber selbst reiflich darüber nach, und du wirst finden, dass es also sein muss zur Demütigung der Welt! Also verstehe es! Amen.
HIM|2|431009|1|1|Ein Verkünder der Neuoffenbarung – 9. Oktober 1843 [Manuskript]
HIM|2|431009|0|0|Bericht Anselm Hüttenbrenners: Heute erzählte mir die nach Graz gekommene Mutter des Jakob Lorber, dass sie voriges Jahr die Bekanntschaft eines beiläufig siebzigjährigen Bettlers in einem fremden Haus gemacht habe. Dieser rede immer nur über göttliche Dinge, er sei von großer Gestalt, hager, dabei freundlichen Aussehens. Der Sprache und Kleidung nach müsse er ein Illyrier sein. Befragt, woher er sei und wo er sich aufhalte, antwortete er: „Ich bin eigentlich überall und doch nirgends zu Hause!“
HIM|2|431009|0|0|Späterhin (im Sommer 1843) besuchte dieser Greis die Mutter des Jakob Lorber in ihrer Behausung und teilte ihr eine alte Prophezeiung mit, nach welcher Steiermark ein glückliches Land sei, in welchem seinerzeit ein Mann aufstehen werde, aus dem der Geist Gottes sprechen wird.
HIM|2|431009|0|0|Darauf sagte er zur Mutter: „Euer Sohn ist dieser Begnadigte! In einem Schlaf hat er diese Gnade erhalten. Wisst ihr, wie lange euer Sohn schon die Stimme Gottes hört?“
HIM|2|431009|0|0|Die Mutter, von der Offenbarung an ihren Sohn nur halbwegs unterrichtet, sagte: „Ich glaube, ungefähr zwei Jahre!“ – Der Alte sprach: „Seht, das weiß ich besser! Euer Sohn schreibt schon im vierten Jahr. Und wenn das vierte Jahr vollendet sein wird, dann wird er abermals in einen tiefen, bei 24 Stunden anhaltenden Schlaf versinken und wird dann vom Hören ins Schauen übergehen.“
HIM|2|431009|0|0|Weiter sagte der Alte: „Es wäre gut, wenn euer Sohn zur Zeit dieses zweiten Schlafes nicht in der Stadt, wo er jetzt lebt, sondern bei euch in seiner Heimat sich befände.“
HIM|2|431009|0|0|Die Mutter trug dem Alten ein Nachtlager an, da es schon ganz finster war. Er aber sagte, er müsse noch weiterziehen und es würde ihn sehr freuen, wenn er einmal mit ihrem Sohn Jakob sich besprechen könnte. Nach Graz könne er nicht kommen, da habe er keine Bekannten. Als die Mutter zu dem Mann über die Priesterschaft sich ungünstig verlauten ließ, verwies er ihr solches und sagte, sie solle alles gänzlich Gott anheimstellen. Dieser werde schon alles in Ordnung bringen. Man solle nur Ihn allein walten lassen!
HIM|2|431009|0|0|Die Mutter, die den slavischen Dialekt des Alten nicht vollkommen versteht, glaubt, aus seinen Äußerungen auch entnommen zu haben, er habe einst beim Militär gedient. Sie kann aber nicht verbürgen, ob sie recht verstanden habe. Ans. H.
HIM|2|431009|0|0|Anfrage des Knechtes: O Herr! Du liebevollster, heiliger Vater! Was ist wohl mit dem Mann, von dem mir meine Mutter die Nachricht überbrachte? Ist seinen Aussagen zu trauen?
HIM|2|431009|1|0|Schreibe! Dergleichen Männer, jung und alt, werden bald mehrere aufgestellt und von Meinem Geiste erfüllt werden. Daher ist ihnen gar wohl zu trauen.
HIM|2|431009|2|0|Ich Selbst gehe nun nicht selten in solchen Männern einher und bereite die Menschen hier und da auf Meinen nahe bevorstehenden großen Auftritt vor!
HIM|2|431009|3|0|Fürwahr, fürwahr, mit Feuer und Schwert werde Ich die Städte, die Wohnungen der Teufel und ihrer Diener, heimsuchen. Große Teuerung, Hunger und Pest werde Ich über die Städte ausgießen und große Gewässer kommen lassen über alles wucherische Land. Dreimal verflucht sei alle Kleiderpracht der Weiber, die durch sie die Männer verlocken wollen, weil sie sich keines inneren Wertes mehr bewusst sind; und dreimal verflucht sei Mir auch umso mehr der Mann jung und alt, der der Welt und der Weiber wegen der Kleidermode huldigt, und lässt sich wachsen einen großen Bart, einen Schnauzbart, einen Knebelbart, und einen frechen Burschenbart, um sich dadurch vor der Welt und vor den Weibern auffallend zu machen! Fürwahr, fürwahr, derlei Menschen will Ich in Meinem Zornmeer untergehen lassen, und Meine Gnade solle so weit von ihnen abstehen, wie eine Unendlichkeit von der anderen! Mir ist kein Teufel ärger, als der hoffärtige Modeteufel; über den will Ich am Ende mein ganzes Gericht ausschütten! Denn er ist es, der alle Menschheit von Mir abwendet, und alle Welt verpestet mit dem stinkendsten Unflat der Hölle! Siehe, nun trachtet ja schon alles nach der Mode sich zu tragen; man befördert ihre Industrie, man schreitet entsetzlich vorwärts! O Gräuel der Gräuel! O Welt, wie schnell steuerst du dem Untergang zu! Möchtest nicht auch du, Mein Knecht, dir modische Gewänder auf den Leib hängen, auf dass Ich dich verließe, und verdammte?! O sage es denen, die daran Freude haben, wie missfällig sie vor Mir stehen! Siehe, darum kommen jetzt solche Männer; durch diese muss das Landvolk hier und da vorbereitet werden! Dem Städter aber genügen die Weltpriester. Wird er nach ihrem Wort gehen, so werde Ich seiner schonen; will er aber nicht, so sei er verflucht. Ihr aber, denen Ich selbst predige, verliert um desto mehr, so ihr nicht darnach lebt. Das ist eine gültigste Prophezeiung!
HIM|2|431009|4|0|Aber auch der Mann redet aus Meinem Geiste, aber im Schauen ist er nicht völlig. Mit dem „Schlafe“ doch hat es seine Richtigkeit nicht. Denn du musst wach sehend werden.
HIM|2|431010|1|1|Fluch der Kleidermode – 10. Oktober 1843 [Heil-, Diät und Lebenslehr-Winke 1895]
HIM|2|431010|0|0|O Herr, Du liebevollster, heiliger Vater! Gar entsetzlich drohend war Dein gestriges Wort über die Städte, und über die freilich wohl sehr törichte Kleiderpracht. O sage es mir, ist es denn auch gefehlt, wenn man sich also trägt, wie ich, der ich doch nie noch mich beifällig über die stete Neuerung der Kleidermoden ausgesprochen habe, weder in Worten noch in geheimen Gedanken?
HIM|2|431010|1|0|Schreibe! O was sagst du törichter Knecht, und was redest du für Lüge vor Mir?! Sage es dir selbst, wem zollen deine Augen den Beifall, wie kommt dir wohl eine Lust an, so manche Putzdocke bewundernd anzugaffen, und nicht selten darob stehen zu bleiben, während ein ganz schlicht und armselig gekleidetes Bauernmädchen dich ganz ruhig vorbeigehen lässt? Hattest du nicht auch schon so manchen Gedanken gehabt, dich so recht elegant zu bekleiden?
HIM|2|431010|2|0|O wenn Ich dich nicht über einen Heber fest hielte, du ständest schon längst wie ein elendester Modejournalist von Paris gekleidet da!
HIM|2|431010|3|0|Siehe, darum kann Ich von Meiner Drohung und Meiner unwandelbaren Bestimmung nichts zurücknehmen, und wenn du dich auch noch so sehr mitgetroffen fühltest, sondern Ich sage dir nur noch hinzu, dass Ich alle feinen und buntgefärbten Stoffe, alle Seidenzeuge, alle Circas und Merinos, alle Samt- und Manchesterzeuge, alle Spitzen und Bänder und gemachten Blumen, alle gestickten und geschlungenen Kleiderstoffe, und alle Ornamente der Kleider schon lange aus Meiner innersten Grimmtiefe über alles, alles, alles auf das Allertödlichste verflucht habe!
HIM|2|431010|4|0|Und Ich sage dir nun auch zum wiederholten Mal: Über alles verflucht seien mir alle die Fabriken, Kaufleute, Handwerker und die Träger solcher Artikel, so sie mit der allergeringsten Vorliebe daran hängen.
HIM|2|431010|5|0|Ich, der Herr, trug einen einfach gefärbten schafwollenen Rock! Seid ihr arge Menschen denn mehr und besser als Ich? Warum wollt ihr euren Dreck denn also aufputzen zum ewigen Tode, und lasst darob verkümmern euren Geist?
HIM|2|431010|6|0|Ich weiß es, ihr wollt Kaisern und Königen gleichen, aus purer Gefall- und Herrschsucht! Darin aber liegt es, warum Ich solchen Teufelsdreck also sehr verdamme!
HIM|2|431010|7|0|Wahrlich eine Hure und ein Ehebrecher sollen bei Mir eher Erbarmung finden, als solche modische Menschen, die da Freude haben an dem Teufelsdreck! Wahrlich, wahrlich, derer Wohnung soll einst ewig das A. des Satans sein!
HIM|2|431103|1|1|Gratulation – 3. November 1843
HIM|2|431103|1|0|Schreibe nur, denn was du möchtest, das habe Ich schon seit gar lange her bestimmt.
HIM|2|431103|2|0|Höre Mich an, mein geliebter K. G. L.! Auf der Welt ist es unter euch üblich, dass ihr euch zu euren Geburts- und Namenstagen mit allerlei Glückwünschung gegenseitig entgegenkommt, gegenwärtig leider bei weitem mehr mittelst der sogenannten Besuchskarten als mittelst wahrer, liebeerfüllter Herzen!
HIM|2|431103|3|0|Auch die Kinder sagen ihren Eltern Verse auf, und das nicht selten in einer fremden Sprache, die gewöhnlich die Kinder noch gar nicht recht verstehen, mitunter wohl auch so manche Älteren nicht. Was dabei die englisch oder französisch gratulierenden Kinder während ihres marterlichen Versaufsagens empfinden, dürfte wohl demjenigen Urstoff gleichkommen, von dem man sagt, dass Ich aus ihm die Welt erschaffen habe. Also sind die Gratulanten selten der gerührte Teil beim Akt des Gratulierens, da sie diesen Akt allzeit mehr aus einer gewissen Pflicht als aus irgendeinem liebelebendigen Grunde begehen. Nur die Gratulierten sind gewöhnlich auch die Gerührten. Und die Eltern rühren nach dem Anhören einer nicht selten echt türkischen Ode oder gar Dithyrambe in französischer oder englischer Zunge ihren Daumen und Zeigefinger, wodurch dann erst die Herzen der Kinder gerührt werden!
HIM|2|431103|4|0|So auch gratulieren nicht selten die Armen ihren wohlhabenden Wohltätern aus lauter Rührung, aber nicht etwa des Herzens, und beten gar oft um die Erhaltung und Gesundheit solcher Wohltäter, aber nicht aus freier, sondern aus Notliebe!
HIM|2|431103|5|0|So wird denn also in der Welt gewöhnlich gratuliert an den vorbestimmten Geburts- und Namenstagen! Daneben stelle denn aber nun auch Ich für Mich die Frage: Wie soll denn Ich, als euer aller Vater, euch, Meinen Kindern, gratulieren?
HIM|2|431103|6|0|Etwa mittelst nicht ganz leerer Visitenkarten? Das tue Ich wohl täglich, aber man achtet wenig darauf. Siehe, die Blüten, das Laub der Bäume, all das Gepflanze der Erde, die Sterne der Nacht, der Mond, die aufgehende Sonne, wie nun auch die große geistige (Sonne der Neuoffenbarung) – das sind alles Gratulationsbillete von sehr viel bedeutenderer Art, als da sind die eurigen aus gepressten Papierschnitzeln! Allein die Kinder halten wenig darauf. Rühr Ich dabei nicht auch den „Daumen“, so haben diese Meine Billete keinen Wert.
HIM|2|431103|7|0|Ich tue wohl, was da die Eltern tun, so sie von ihren Kindern beglückwünscht werden oder so sie selbst ihren Kindern Glück wünschen. Aber dennoch entdecke Ich nie oder nur sehr selten eine wahre, freie Liebe in Meinen Kindern, sondern zumeist nur eine Notliebe, bei der die Kinder allezeit mehr auf Meinen Daumen als auf Mein Herz ihre Augen heften!
HIM|2|431103|8|0|Ich sehe wohl, dass die Kinder dadurch in der wahren, freien Liebe verlieren – und dennoch tue Ich nach dem Wunsch der Kinder, auf dass sie durch Meine freigebige Liebe zur wahren, freien Liebe zu Mir sollen erweckt werden.
HIM|2|431103|9|0|Und so denn komme Ich nun auch zu dir, du Mein lieber Sohn, als Vater mit starker Herzens- und zugleich Daumen- und Zeigefingerrührung, da ohne diese letztere Meine sonstigen großen Visitenkarten auch bei dir von keinem großen Wert sind!
HIM|2|431103|10|0|Ich, dein heiliger Vater, rühre somit den „Daumen und Zeigefinger“ und segne dich mit dem Daumen Meiner Kraft und Stärke, auf dass du stark werden möchtest in der Liebe wie im Glauben; und segne dich auch mit dem Zeigefinger, um dir den rechten Weg zu zeigen, der dich führen soll in Meine Wohnung, in dein ewiges, endlos großes, heiliges Vaterhaus!
HIM|2|431103|11|0|Nehme sonach diese Meine Gratulation als eine ewig lebendigwahre an! Denn Ich, dein heiliger Vater Jesus, gebe sie dir!
HIM|2|431103|12|0|So ihr euch aber untereinander gratulieret, da wascht euch untereinander die Füße, wie Ich, euer Vater, euch täglich die Füße wasche, d. h. tut euch gegenseitig Gutes, geistig und körperlich, so werde Ich allezeit bei euch sein mit Rührung des Herzens, des Daumens und des Zeigefingers. Und Meine Sonne wird euch erleuchten und erwärmen als eine große und lebendige Visitenkarte. Amen. Das sage Ich, euer Vater Jesus! Amen.
HIM|2|431119|1|1|Der Herr als Liebhaber – 19. November 1843
HIM|2|431119|1|0|Schreibe, denn Ich kenne deinen Wunsch, demzufolge Ich dir schon wieder einen Gelegenheitsdichter machen soll!
HIM|2|431119|2|0|Willst du Verse oder Prosa? Wenn es dir daran liegt, eine äußerliche Namensgratulation zu machen, da würden sich Verse besser schicken als die Prosa. Willst du aber statt der Gratulation einen Aufsatz, der sich mehr auf das innere Wohl deiner Klientin bezieht, so bleiben wir bei der Prosa!
HIM|2|431119|3|0|Du willst also letzteres! So fangen wir auch die Sache ganz prosaisch an. Und unser Glückwunsch laute also ganz kurz:
HIM|2|431119|4|0|Ich bin der Letzte überall! Dein Herz denkt an Mich zuletzt. Wenn du des Tages Geschäfte beendet hast, da wendest du dich zu Mir, manchmal mehr, manchmal weniger in die Welt zerstreut. Am Morgen denkst du wohl an Mich; aber neben manchen leeren Weltsorgen. Auch untertags denkst du an Mich; aber da sind deine Gedanken nicht selten wie eine gewisse Zuspeis’ zum Rindfleisch. Kurz und gut, ganz wie es sich gebühren möchte, magst du deines Herzens Gedanken nimmer zu Mir erheben, nie ganz ohne alle Welt!
HIM|2|431119|5|0|Was ist wohl das, worin liegt da wohl der Grund? Siehe, Ich möchte es dir wohl sagen, aber es würde dich kränken. Daher sage Ich dir bloß, dass Ich ganz außerordentlich eifersüchtig bin und Mich von niemandem etwas mehr kränkt, als so die Meinen Mir dann und wann ein wenig untreu werden!
HIM|2|431119|6|0|Siehe, wer Mich liebt, der muss Mich ganz lieben! Wenn sich die Meinen irgendeiner Weltbelustigung manchmal mehr freuen denn Meiner Liebe, siehe, das kränkt Mich schon! Denn Ich bin ein Todfeind von aller Weltkoketterie!
HIM|2|431119|7|0|Glaube es Mir, ganz kleine Seitenblicke von denen, die Ich zu den Meinigen aufgenommen habe, bereiten Mir schon einen Schmerz! Willst du Mich so recht kennen, da stelle dir so einen recht hitzigen und kreuz und quer eifersüchtigen Liebhaber vor! Dieser liebt seine Braut mit aller Glut seines Herzens, und ihr Leben ist ganz das seinige; aber wehe ihr, so er sie auf irgendeiner Zweideutigkeit ertappt! Wie wird er sie das auf alle mögliche Weise fühlen lassen! Kehrt sie aber wieder um und bekennt dem Liebhaber reuig und offen einen schwachen Seitenblick, so kehrt in dem Liebhaber sobald die alte Glut wieder zurück. Und er liebt seine ihm ein wenig untreu gewordene Braut noch glühender als vorher!
HIM|2|431119|8|0|Siehe, gerade ein solcher Liebhaber bin Ich auch! Freilich wohl habe Ich mehr Geduld und viel öfters Nachsicht als ein sogestaltig hitziger Weltbräutigam. Aber was da die Kränkung anlangt, so trifft sie Mich bei Untreue Meiner Bräute auch ums Vielfache ärger als einen Weltbräutigam, eben da Ich so oft verzeihe und Meinen Bräuten die so oftmaligen Weltkoketterien nachsehe!
HIM|2|431119|9|0|Denke: Liebe, Leben, Gesundheit und Meine Gnade haben die Bräute in jeder Sekunde von Mir! Ich versehe sie sorgfältigst mit allen Wohltaten des Lebens, sie stehen in Meiner alleinigen Verpflegung ewig! Sollte es Mich da nicht kränken, wenn Ich Mich dennoch so dann und wann unter den Liebhabern als der Letzte ansehen muss?!
HIM|2|431119|10|0|Daher aber sage Ich, als der letzte Gratulant an diesem deinem Namenstag, dir auch das als Meinen Wunsch: dass du Mich in Zukunft zum ersten Liebhaber in deinem Herzen an- und aufnehmen möchtest!
HIM|2|431119|11|0|Mit diesem Wunsch aber verbinde Ich auch Meinen Vatersegen – und segne dich und will dich allezeit segnen, so du Mir allezeit völlig treu verbleiben wirst! Ich werde dir ewig nimmer untreu. Daher bleibe du Mir auch treu, und du wirst in dieser Treue das ewige Leben finden!
HIM|2|431119|12|0|Das ist Mein ernster, wahrster Wunsch an dich für ewig! Amen. Das sage Ich, dein liebevollster Vater Jesus!
HIM|2|431129|1|1|Die himmlische Liebesaktie – 29. November 1843
HIM|2|431129|1|0|Schreibe du, Mein Knecht, ein kurzes Handbilletchen an Meinen lieben Freund und Bruder Andr. H.-W.
HIM|2|431129|2|0|Mein Freund und Bruder! Siehe, auch Ich bin schon wieder unter denen, die dir zu deinem Namenstag gratulieren! Was wohl soll Ich dir wünschen?
HIM|2|431129|3|0|Ja, so Ich dir nur bloß etwas wünschen möchte und nichts geben, da wäre Ich, dein Gott, dein Vater, dein Bruder und Freund, um nichts besser als die Menschen, die wohl auch sich gegenseitig nicht selten allerlei, freilich wohl nur zumeist irdisch Gutes, wünschen. Aber so es aufs Geben ankommt, da zieht ein jeder die Hand zurück!
HIM|2|431129|4|0|Ich aber will dir daher gar nichts wünschen, sondern geben, was dir am meisten frommen wird! Und die Gabe bestehe darin, dass Ich dir alle deine Fehler gegen Mich vollkommen nachlasse und dich Meiner Liebe und Gnade völlig versichere! Und das ist aber auch schon Mein ganzes Bindeband, das Ich dir zu diesem Tag wie für alle Ewigkeit darreiche!
HIM|2|431129|5|0|Schlicht und ganz gering scheint zwar die Gabe dem Äußeren nach zu sein. Aber glaube es Mir, deinem Vater: du erhältst damit mehr, als so Ich dir alle Königreiche der Erde schenken möchte!
HIM|2|431129|6|0|Siehe, alles, was du auf Erden nun besitzt, wirst du einst verlassen müssen – und wirst ganz entsetzlich arm jenseits anlangen. Kein Geld und kein Brot wirst du mitbringen, und umsonst wird dir niemand etwas geben. Denn der Geiz dauert über dem Grabe fort. Aber in deiner großen Not wirst du deine Taschen zu durchsuchen anfangen, und siehe, da wirst du eben diese Meine „Liebesaktie“ finden!
HIM|2|431129|7|0|Diese werden zwar die Geizigen jenseits auch nicht respektieren, aber es werden sich auch Meine Engel heimlich an deiner Seite befinden. Diese werden diese Aktie erkennen, werden dich in deiner großen Armut ergreifen samt der Aktie und werden dich in das große Wechselhaus der Himmel aller Himmel führen, in welchem Ich, dein Vater, voll der allerhöchsten Liebe dir mit dem Vaterkuss und -gruß für ewig die heilige Aktie auswechseln werde, so gewiss als Ich sie dir hier jetzt gebe!
HIM|2|431129|8|0|Mit dieser ewig wahren und heiligen Versicherung segne Ich dich mit Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung und beschließe zugleich die Formel dieser Meiner für ewig geltenden Hauptaktie an dich.
HIM|2|431129|9|0|Ich Selbst bin ihr Preis für dich, du Mein Sohn, Bruder und Freund für ewig! Amen.
HIM|2|431215|1|1|Vom Feigenbaum-Gleichnis – 15. Dezember 1843
HIM|2|431215|1|0|Siehe, im Lukas, Kapitel 13, vom 6. bis 9. Vers, steht ein Gleichnis von einem Herrn, der in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt hatte, der aber drei Jahre hindurch keine Früchte tragen wollte!
HIM|2|431215|2|0|Ich sage dir: Dieses Bild enthält für jedermann Großes! Jetzt ist seine Zeit! Betrachtet es in euch, und wohl dem, der sich in diesem Bild finden wird!
HIM|2|431215|3|0|Dieses Bild ist wie ein geheimer, verborgener Schatz. Wohl dem, der ihn findet!
HIM|2|431215|4|0|Doch nun ist’s genug! Mehr sage Ich dir nicht darüber, und du brauchst daher auch nicht mehr zu schreiben. Amen.
HIM|2|431220|1|1|Lesen – und betätigen! – 20. Dezember 1843
HIM|2|431220|0|0|Mit dieser, dem Abschluss des großen Werkes „Die geistige Sonne“ folgenden Kundgabe begann eine Reihe von „Nebenworten“, welche als „Nacherinnerungen zur Geistigen Sonne“ bezeichnet werden. Sie sind in dem Werk „Schrifttexterklärungen“ veröffentlicht.
HIM|2|431220|1|0|Meine lieben Kinder! Mit diesen folgenden „Nacherinnerungen“ will Ich euch eine gar wichtige und nützliche Regel geben, ohne die ihr euch durch die Lesung was immer für geistiger guter Bücher keinen Nutzen verschaffen könnt. Ihr mögt die Heilige Schrift, wie auch dieses neue Wort tausendmal nacheinander durchlesen, so werdet ihr aber dennoch ohne diese Regel stets am alten Fleck stehenbleiben.
HIM|2|431220|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Schrifttexterklärungen“.
HIM|2|440208|1|1|Ein Wort an den Knecht – 8. Februar 1844
HIM|2|440208|1|0|Was kümmert’s dich, so jemand dies oder jenes (mit törichtem Vorwurf) zu dir sagt?! Sieh auf Mich, deinen Herrn, und du wirst alle die Stellungen, die dir nur in einem geringsten Maße zukommen, bei Mir überklar erschauen!
HIM|2|440208|2|0|Siehe an das 7. Kapitel Johannis, Vers 1-5. Da wirst du zur Genüge erschauen, wie selbst Meine gläubigsten Brüder, die Apostel, mit Mir verfahren sind, da es ihnen nicht recht war, dass Ich Mich in Galiläa eine kurze Zeit ruhig verhielt und Judäa floh, wo man Mir nach dem Leben strebte!
HIM|2|440208|3|0|Ich ward von den Aposteln, von Meinen getreuesten Brüdern, der Lauheit und des Nachlasses in Meinem Eifer beschuldigt! Möchtest du etwa besser daran sein als Ich? Schau, schau, wie töricht du denkst!
HIM|2|440208|4|0|Siehe, wärest du ein Schreiblustiger, dann hätte Ich dich nie erwählt! Denn die Schreiblustigen schmuggeln gern und verkaufen unter Meiner echten Ware auch ihre eigene auf Meine Rechnung! Eben darum aber erwählte Ich dich, weil du kein Schreiblustiger bist, um eben dadurch Meine Ware einmal ganz rein vor die Welt zu bringen! Wird sie aber auch noch in dieser Reinheit verkannt, dann wehe in jüngster Zeit der Welt!
HIM|2|440208|5|0|Bei jedem ist Mir der Eifer lieber als die Lauheit. Du aber musst träge sein wie ein Fließpapier, durch das man eine unlautere Flüssigkeit dennoch ganz rein durchfiltrieren kann! Denn in deinem Eifer könntest du so manches aus deinem Kopf unters Meinige bringen. Weil Ich dir aber keinen eigenen Eifer lasse, sondern du alles nur aus Meinem Eifer tun musst, ohne dass dabei dein freier Wille irgendeinen Zwang erhält, so kommt Meine Ware rein ans Tageslicht!
HIM|2|440208|6|0|Darin magst du hinreichend deine Entschuldigung finden. Und darum soll sich aber auch niemand an deinen, sondern allein an Meinen Eifer binden! Wem der nicht genügt, der wird übel fahren!
HIM|2|440208|7|0|Und bei dem hier Gesagten hat es zu verbleiben für allezeit und ewig! Denn niemand wird selig durch den Eifer Meiner Knechte, wohl aber durch Meinen Eifer, welcher ist Meine Liebe zu euch allen! Amen. Verstehe solches wohl!
HIM|2|440216|1|1|Seelisches Ungeziefer – 16. Februar 1844
HIM|2|440216|1|0|So schreibe denn ein paar Wörtlein hin, weil du es schon also haben willst – und glaubst, dass ohne diese Wörtlein die Erde ein Loch bekommen möchte!
HIM|2|440216|2|0|Ich fege stets bei Groß und Klein und Jung und Alt in aller Gestalt! Und so höre Mich denn auch du, kleine Weltmartha, an, was Ich dir sage an diesem Tag!
HIM|2|440216|3|0|Siehe, alles in der Welt vergeht, nur eines bleibt, und das ist die reine Liebe zu Mir und jede Handlung aus ihr!
HIM|2|440216|4|0|So du diese Liebe haben wirst, dann erst werde Ich dich erkennen und vollkommen segnen! So du aber diese Liebe überkommen willst, da musst du zuvor dein Herz ganz rein machen von aller anderen Liebe, die dir jetzt allerlei kleine und gar nichtige Vergnügungen schuf!
HIM|2|440216|5|0|Siehe, von was das Herz erfüllt ist, davon geht der Mund stets über, und die Vögel erkennt man an ihrem Gesang. Höre dich demnach nur einen ganzen Tag selbst an, was alles aus deinem Munde zum Vorschein kommt, und du wirst daraus gar leicht und klar ersehen, wie viel des allerwertlosesten Zeuges dein jugendliches Herz voll ist! Und solange das Herz von solchem Zeug nicht gereinigt ist, kann von einer reinen Liebe zu Mir keine Rede sein!
HIM|2|440216|6|0|Siehe, du bist noch eine unreine Seele und willst ein reines Bett haben zum Schlafen; und es würde dir sehr ekeln, so du dich anstatt in ein reines Bett in eine Kehrichttruhe legen müsstest. Um wie viel mehr muss es dann erst Mir, dem Allerheiligsten und ewig Reinsten, ekeln, so Ich müsste in einem unreinen Herzen Meine Wohnung nehmen!
HIM|2|440216|7|0|Ich will dir aber dadurch nicht sagen, als sei dein Herz etwa eine Wohnung von Drachen, Schlangen und Vipern; o nein, davon bist du weit entfernt! Aber siehe, Läuse, Flöhe und Wanzen unter dem Kehricht sind eben auch nichts Anziehendes!
HIM|2|440216|8|0|Die Menschen sind jetzt in ihren Herzen voll „Läusen, Flöhen und Wanzen“ und halten solche Bescherung noch obendrauf für sehr löblich. Aber Ich bin durchaus nicht dieser Ansicht! Denn Ich war nie ein Freund von solchem Ungeziefer.
HIM|2|440216|9|0|Du wirst aber fragen: „Ja, was sind denn die ‚Läuse, Flöhe und Wanzen‘ des Herzens“? – Höre Mich nur an! Ich werde sie dir sogleich näher bezeichnen!
HIM|2|440216|10|0|Die „Läuse“ sind allerlei alberne, dumme Gedanken, von denen der Kopf voll ist! Vom Kopf steigen diese Läuse gerne ins Gewand und werden da lästiger als am Kopf. So steigen auch öfter dumme Gedanken vom Kopf ins Herz und werden zu peinlichen Weltbegierden! Siehe, das sind die „Läuse“ des Herzens!
HIM|2|440216|11|0|Wenn es warm wird und die Zimmer unrein sind, da entstehen die Flöhe. Und so ist es auch geistig beim Menschen! Wenn er sein von unreinen Begierden angefülltes Herz eben durch diese Begierden erwärmt, so entstehen daraus allerlei nichtige und oft schmutzige Sorgen, die das Herz jucken und stechen und fleißig hin und her und auf und ab springen. Siehe, das sind die „Flöhe“ im Herzen.
HIM|2|440216|12|0|Und was sind denn nun die „Wanzen“? Siehe, wo ein Haus nicht sorgfältig gereinigt wird, da entstehen die Wanzen aus dem Unflat der Gemächer und nisten in allen Klüften und beunruhigen die Schlafenden durch ihr Stechen und durch ihren Gestank! Ebenso geht es auch im Herzen des Menschen zu, wenn er durch allerlei Gedanken, Begierden und Sorgen zu so manchen Vorsätzen und Taten belebt wird! Auch diese stinken schon und geben dem Herzen keine Ruhe mehr. Und solche Vorsätze und Willensstimmungen sind dann die „Wanzen“ des Herzens!
HIM|2|440216|13|0|Dieses alles findet sich auch schon in deinem Herzen vor! Darum sage Ich dir heute an diesem deinem Tag, dass du auf dich selbst recht aufmerksam sein sollst – und sollst von deinem Munde dein eigenes Herz kennenlernen und sonach es sorglich reinigen von allem solchem Zeug, auf dass Ich dann in selbes einziehen kann!
HIM|2|440216|14|0|Hinweg mit alledem – so werde Ich zu dir kommen und Wohnung nehmen in deinem Herzen! Das sage und rate dir Ich, dein liebevollster, heiliger Vater, auf dass du Mir eine recht reine und liebe Tochter werden sollst für ewig. Amen.
HIM|2|440311|1|1|An ein Mädchen – 11. März 1844
HIM|2|440311|1|0|Schreibe nur, Ich weiß ja, wo dich schon wieder der Schuh drückt! Denn die dir heimlich gefällt, die gefällt auch Mir, da sie ihren Vater hochschätzt und liebt und ihre Mutter achtet im Herzen und ist keuschen Sinnes und betet manchmal recht herzlich zu Mir und liebt Mich auch im Geheimen! Darum sage ihr in Meinem Namen zum Tag ihrer Leibesgeburt:
HIM|2|440311|2|0|Ich, dein Schöpfer, dein Vater, dein Erlöser, dein Wiedergebärer zum ewigen Leben, dein wahrer Bräutigam, habe dich recht herzlich liebgewonnen. Wahrlich, mehr als eine Million Sonnen mit aller ihrer Herrlichkeit liebe Ich dich, da du Mich nur ein wenig liebst!
HIM|2|440311|3|0|Wahrlich, möchtest du Mich aber lieben, wie Mich die Magdalena geliebt hat – da würdest du Mich zwingen, zu dir zu kommen sichtbar und dich zu umfassen mit all Meiner Glut und dich zu tragen durch dein ganzes irdisches Leben auf Meinen Armen in Meine ewige Wohnung!
HIM|2|440311|4|0|O du Mein Töchterchen, wenn du wüsstest, wie nahe Ich dir bin und wie sehr Ich dich liebe, du möchtest keine Sekunde lang mehr die Anschauung der Welt ertragen. Aber Ich enthalte Mich, auf dass du leben magst auf dieser Welt!
HIM|2|440311|5|0|Darum aber bitte Ich dich, bleibe Mir getreu und wende stets mehr und mehr dein Herz zu Mir und liebe Mich, deinen ewigen Vater, deinen wahren Bräutigam – und Ich will dich reich machen aus Meinem ewigen Hausschatz und will dir den Tod so ganz hinwegnehmen, dass der Tag einst, da Ich dich von der Erde nehmen werde, dir zu einem allerhöchsten Wonnetag werden soll! Und du sollst nicht fühlen und schmecken je die Gewalt und den gar starken Druck des Todes in deiner letzten Zeit!
HIM|2|440311|6|0|Aber nur das sage und rate Ich dir: Erforsche dein Herz an jedem Tag in der Liebe zu Mir! Und findest du dann und wann eine andere Liebe und Neigung in ihm als die zu Mir, so rufe Mich und zeige Mir dein Herz! Und Ich werde es sogleich reinigen für Mich und jede unlautere Begierde und Lust aus dir treiben!
HIM|2|440311|7|0|Suche ja nicht in der Welt etwas anderes zu erreichen als ganz allein Meine Liebe, so wirst du allzeit und ewig glücklich und selig sein!
HIM|2|440311|8|0|Zähle auch nicht die dummen Jahre deines Leibes und denke nicht, du möchtest im älteren Zustand etwa kein Glück mehr machen! Wahrlich, darum habe Ich dich nicht erschaffen, dass du die Märtyrerin eines unzüchtigen Mannes werden sollst – sondern für Mich allein habe Ich dich erschaffen!
HIM|2|440311|9|0|Ich bin nicht einer, der Jahre zählt – sondern richte allein auf das Herz Meine Augen. Ist dieses schön und rein, dann bist du für Mich ewig jung und schön!
HIM|2|440311|10|0|Glaube daher nie der Welt! Denn wahrlich, so arg ist sie jetzt, dass bei dem besten Teil ein jeder Hauch eine Lüge ist und jeder Herzschlag ein schmählicher Betrug. Aber was Ich dir hier sage, dem traue fest! Denn es sollen eher Himmel und Erde vergehen, als da nur ein Häkchen von dem verrückt werden soll, was Ich dir hier gesagt habe!
HIM|2|440311|11|0|Denn Ich ganz allein bin der ewig Wahrhaftige, dein rechter Vater und dein rechter Bräutigam, der dich mehr liebt als eine Million Sonnen mit aller ihrer Herrlichkeit!
HIM|2|440311|12|0|Diese Meine wahrste und getreueste Versicherung sei dir, du Mein Töchterchen, du Meine Braut, ein lebendiges Bindeband an diesem deinem Tag! Denn Ich, dein Vater und dein Bräutigam, Ich, dein Jesus, gebe es dir durch Meinen Knecht für ewig. Amen, Amen, Amen.
HIM|2|440314|1|1|Segensvolle Gedenkfeier zum vierten Jahresschluss der Neuoffenbarung – 14. März 1844
HIM|2|440314|1|0|Schreibe nur, Ich weiß ja, was du willst! Meinst du denn, dass man auch bei Mir bittschriftlich einkommen muss, so man etwas erhalten will? O nein! Siehe, das Herz allein gilt für die wahre Bittschrift! Wer bei Mir mit der einkommt, der wird erhört ohne Papier, Tinte und bittschriftliche Beilagen! Daher brauchst auch du keine schriftliche Bitte hier voranzusetzen und mit allerlei Exklamationen zu belegen, indem ich Mich allein an dein Herz halte. Und so schreibe:
HIM|2|440314|2|0|Ich weiß es, dass nun wieder ein irdisch Jahr verflossen ist seit deiner Berufung, zu arbeiten in Meinem Weinberg! Allein der Jahrestag zählt bei Mir an und für sich nichts. Denn ein jeder Tag, an dem Ich Mich dir offenbarte, ist ja ein gleich bedeutender Tag Meiner Gnade an dich und an Meine sonstigen Freunde. Und es ist darum der erste Tag nicht vorzüglicher als jeder andere!
HIM|2|440314|3|0|Ich aber sage dir: Ein jeder tut am besten, so er seine schlechten Tage zu Jahresgedächtnistagen macht, seine Untreue zu Mir an solchem Tag überdenkt, sich zu Mir kehrt und solche Tage mit ihren argen Werken aus Liebe zu Mir verabscheut und bereut!
HIM|2|440314|4|0|Wer solches tut, der hält eine wahre, Mir wohlgefällige Jahresfeier, und ganz besonders dann, wenn er solche Jahrestage zu besonderen Liebetätigkeitstagen macht!
HIM|2|440314|5|0|Wohl dem, der sich täglich dankbar Meiner Wohltaten erinnert und ist sonst ohne Fehl und Sünde! Aber 99mal wohl dem, der seiner Irrtage reuig und sich wohl bessernd gedenkt! Wahrlich, dem werde Ich entgegenkommen und werde ihn aufnehmen und werde ihm ein großes Freudenmahl bereiten. Und es soll da mehr Freude sein über einen als über 99 Gerechte!
HIM|2|440314|6|0|So ein Vater einen Sohn hätte, der ihn an einem Tag schwer beleidigt hätte, der Sohn aber erinnerte sich am Jahrestag und spräche zu sich selbst: „O du unheilvoller Tag! In dir habe ich meinem Vater eine große Unbill angetan; aber gerade heute will ich zu ihm gehen, will mich vor ihm, der mir zwar meine Untat schon lange nachgesehen hat, aber dennoch hinwerfen und will also sprechen:
HIM|2|440314|7|0|‚Guter, lieber Vater! Siehe, heute ist wieder ein gar trauriger Erinnerungstag für mich, deinen unwürdigsten Sohn! An diesem Tag habe ich mich soweit vergangen, dass ich vergessen konnte, dass du mein überguter Vater bist allzeit gewesen! Darum komme ich denn nun gerade an diesem Tag in der vollsten Zerknirschung meines Herzens zu dir und bitte dich, dass du dieses schnöden Tages nimmer gedenken möchtest und möchtest mich nur deiner geringsten Gnade würdigen! Denn der böse Tag soll allein für mich ein allezeit trauriger und demütigender Erinnerungstag verbleiben!‘“
HIM|2|440314|8|0|Was wird der gute Vater mit solch einem Sohn wohl tun? Ich sage, er wird zu ihm sprechen:
HIM|2|440314|9|0|„Mein Sohn, es ist wahr, an diesem Tag hast du mein Herz traurig gemacht. Da du aber nun wie sonst keiner dich dieses Tages erinnert hast und kommst zu mir und hast deinen Fehler bekannt – so hast du dadurch eben diesen Tag zu solch einem Freudentag für mich gemacht, wie es sonst keinen gibt! Komm und lasse uns denn über die Maßen fröhlich sein an diesem Tag, an dem ich dich, mein geliebtester Sohn, so vollkommen wiedergefunden habe!“
HIM|2|440314|10|0|Was meint ihr alle, ist solch ein Feiertag nicht mehr wert als tausend andere?! Ja wahrlich, also ist es auch bei Mir! Wer von euch so zu Mir kommen wird, den will Ich ebenso aufnehmen wie der Vater in diesem Gleichnis seinen Sohn!
HIM|2|440314|11|0|Also begeht auch ihr öfter eine solche Erinnerungsfeier bei euch, und sie wird Mir lieber sein als die von zehntausend Sabbaten! Das sei euch allen eine gute Gabe an diesem Tag Meiner Gnade an euch! Tuet danach, so werdet ihr das Leben überkommen wahrhaftig für ewig! Das spreche Ich, der Herr, euer ewiger Schutz und Hort! Amen.
HIM|2|440325|1|1|Falsche und rechte Seelenweide – 25. März 1844
HIM|2|440325|1|0|So die Lämmer auf guter Weide sind, da gedeihen sie. Ihre Wolle wird reichlich und zart, und sie werden fett und munter und stark. Aber so die Lämmer auf schlechter Weide sind, da gedeihen sie nicht; ihre Wolle wird arm und zottig, und sie werden mager, träge und schwach.
HIM|2|440325|2|0|Was ist denn aber das für ein Fall: So Ich den Lämmern eine gute, überfette und reiche Weide gebe; sie jedoch laufen dennoch mit großer Vorliebe auf einen Platz, da eine schlechte Weide ist, und fressen das schlechte Gras und das Steppenmoos, auf dass sie ja nicht fett werden vor Mir, dem Herrn der Herde?!
HIM|2|440325|3|0|Und welch ein Unterschied ist wohl zwischen einem, den Ich Selbst mit Meiner Hand und mit Meinem Geist zu einem rechten Knecht gesalbt habe, und denen, die nur mit der Zeremonie der Welt als solche gesalbt sind, aber Meine Hand und Meinen Geist noch nie gefühlt und geschmeckt haben?! Und dennoch gelten letztere mehr als einer, der von Mir Selbst gesalbt ist mit Meinem Geist! Was ist denn das? Wie ist das zu verstehen?
HIM|2|440325|4|0|Wer sind denn diejenigen, für welche die Liebe eine Sünde ist – und wer ist Der, der die Liebe zum einzigen Gesetz wiederbringt und gibt es einem vom Geist Gesalbten? Und dennoch erbrennen die Herzen vor jenen, die nicht lieben dürfen, weil sie die Zeremonie zu „Knechten der Kirche“ gesalbt hat – aber vor Mir erbrennen sie viel minder und noch minder vor jenem, der mit dem Geist der Liebe gesalbt ist! Das ist eine Sache, die Mir nicht wohl im Munde schmeckt!
HIM|2|440325|5|0|Und siehe, das wünsche Ich, dass da die Lämmer auf der guten Weide verbleiben sollen, auf dass sie Mir bald Wolle brächten und Ich damit bekleidet würde in ihren Herzen, in denen die Flamme stark hin und her flackert, wobei Mir dann in Meinem noch stark nackten Zustand kalt wird, so sich die Flamme abwendet zu denen, die von der Zeremonie gesalbt sind.
HIM|2|440325|6|0|Wahrlich, nackt bin Ich wohl nicht gerne, denn also war Ich am Kreuz!
HIM|2|440325|7|0|Dieses gilt aber nicht bloß für die Tochter, welche du, Mein Knecht, meinst; sondern das gilt für alle Menschen! Die Tochter aber, die du meinst, soll das aus rechter Liebe zu Mir auch recht beherzigen samt ihren Geschwistern und soll nicht zu sehr rühmen, was Mir nicht gefällt; sondern soll sich sättigen auf der fetten Weide Meiner Liebe! Dann wird ihr schon eine „bessere Wolle“ erwachsen!
HIM|2|440325|8|0|Die „Wolle“ aber ist ein lebendiger Glaube, der da ist das Licht aus der Flamme der wahren Liebe. Die Liebe aber ist das ewige Leben. Und dies alles wünsche Ich der Marie H., wie allen, heute und allezeit und ewig. Amen.
HIM|2|440330|1|1|Ein reicher Knicker im Jenseits – 30. März 1844
HIM|2|440330|1|0|Schreibe nur ein ernstes Wort ob des Traumgesichtes der alten C. H., zu der ein armer und sehr schmutziger Geist kam, der ein reicher Knicker war auf der Welt!
HIM|2|440330|2|0|Dieser Geist, dem es sehr schlecht geht in seiner Sphäre, da er aus sich heraus nichts hat als Nacht und eine große Wüste um sich her, und der viel Hunger, Durst und Kälte leidet, ist bei sich der grundirrigen Meinung, sein Geld im Diesseits werde ihm, so es an die Armen verteilt würde, Erleichterung bringen. Darum ward es ihm auch gestattet, sich der Person (C. H.) in dieser Hinsicht zu eröffnen, da er den Bedürftigen ein für alle Mal jede angebettelte Unterstützung aus einer höchst unmännlichen Achtung gegen sein dummes und schmutziges Weib vorenthalten hatte!
HIM|2|440330|3|0|Das ist aber bloß des Geistes Plan, der von Mir noch keine Ahnung hat, sondern sich unter „Gott“ nur die allwaltenden Kräfte der Natur denkt! Da er aber dennoch von der Welt so viel Gefühl und Bewusstsein mitgenommen hat, um sich zu erinnern, dass man durch Unterstützung der Armen sich irgendeinem allfälligen Gottwesen wohlgefällig machen kann, so ist nun solch ein Wille in ihm erwacht, den er in die Ausführung bringen möchte.
HIM|2|440330|4|0|Da er aber zugleich die Unausführbarkeit dieses törichten Planes mitersieht, so macht ihn das ganz überaus unglücklich. Und es wird ihm noch gar lange nicht zu helfen und zu raten sein, da in ihm darum auch ein großer Ärger gegen sein hinterlassenes Weib erwächst, die diesem Traum kein Gehör geben wird, da ihre Ohren mit Erz verstopft sind! Wehe aber dem Weib, so sie in nicht zu langer Zeit dem Mann folgen wird und in die Hände des Mannes gerät! Und wenn sie so bleibt, wie sie jetzt ist, wird sie davor auch gar nicht beschützt werden.
HIM|2|440330|5|0|Das ist also der Zustand dieses Geistes jenseits! Wahrlich, er ist traurig und sehr leidend. Aber noch ums Tausendfache elender wird der des Weibes sein, wenn es sich nicht bei Lebzeiten ernstlich zu Mir wenden und nicht zwei Drittel ihres Einkommens jährlich der notleidenden Menschheit zukommen lassen wird – und das aus reiner Liebe zu Mir und zu den Armen!
HIM|2|440330|6|0|Wahrlich, wahrlich, wer ein großes Vermögen auf der Welt hat und verteilt es nicht bei seinen Lebzeiten unter die armen Brüder und erquickt damit die Herzen derselben, sondern tut das erst an seinem Weltende, der soll als ein Geiziger angesehen werden, und es wird ihm sein Vermächtnis nimmer zugutekommen!
HIM|2|440330|7|0|Wer da auf der Welt Kinder hat und ist nur für ihre Versorgung bedacht, auf dass sie nach seinem Ableben selbständig als gleichfalls reiche Menschen auf der Welt bestehen mögen und gute Heiraten machen können – wahrlich, wahrlich – so viel Pfennige der Vater oder die Mutter den Kindern erspart hat über das ohnehin unrechtmäßige Stammvermögen, so viele Jahre sollen sie jenseits in obbezeichneter Nacht, Armut und Kälte gehalten werden und sollen daraus nicht eher gehoben werden, als bis irgendein letzter Nachkomme ihres Stammes vor Armut den Bettelstab tragen wird!
HIM|2|440330|8|0|Hätte besagter Geist bei Lebzeiten einen „ungerechten Haushalter“ gegen sein dummes Weib gemacht und hätte mit dem großen Vermögen für die Armen gewirtschaftet und nicht für sein dummes Weib und für seine Kinder, so stünde es nun besser mit ihm. Denn darum ward er des reichen Weibes Mann, dass er ihr Vermögen hätte für den Himmel verwenden sollen. Er aber vergaß Meiner und arbeitete nur für sein Weib! Also sucht er nun auch die Hilfe dort, wofür er gearbeitet hat! Für Mich aber hat er nie gearbeitet, da er nur ein Widersacher zu Mir war. Darum erkennt er Mich auch nicht und sucht auch nicht Hilfe bei Mir, der Ich ihm doch nur ganz allein helfen kann.
HIM|2|440330|9|0|Was Hartes wäre es denn, so ein Reicher mit zwei Dritteln seines Einkommens armer Eltern Kindern eine Aussteuer gäbe, dass auch diese heiraten könnten und nicht der Unzucht preisgegeben würden zur Zeit ihrer fleischlichen Reife und der Not? Wahrlich, wer das gar leicht täte, der würde sich dadurch Untertanen für den Himmel züchten, die ihm da eine bessere Lebensernte abwerfen würden, als so er auf der Welt sorgt, dass seine Kinder Herrschaftsbesitzer und darum stolze und unbändige Menschen werden, die sich von Meinem Geist nimmer wollen strafen lassen, der doch so sanft mahnt und aller Kreatur das Leben gibt!
HIM|2|440330|10|0|Das ist Mein Rat! Ein jeder aber tue, was er wolle! Über ein kurzes wird er schon die Früchte erschauen, die ihm seine Werke jenseits bieten werden!
HIM|2|440330|11|0|Ich aber sage noch zu jedem Reichen diesseits: Du kannst es an dir erproben, was du jenseits ernten wirst! Siehe, so du kreuzerweise Almosen gibst, so tut dir das nicht weh, und du machst dir nichts daraus. Wenn du aber um Gulden angesprochen wirst, da siehst du dir den Bettler schon genauer an und schmollst nicht selten darob! Wenn aber jemand zu dir sagen würde: „Freund, Bruder! Du bist reich, gib mir 1.000 oder 2.000 oder 6.000 Gulden, denn ich habe dessen vonnöten, was dir überflüssig ist“ – was für eine Antwort wohl würde so ein kecker Bettler erhalten?!
HIM|2|440330|12|0|Ich aber sage: Mit welchem Maße ihr ausmesset, mit dem Maße wird euch wieder eingemessen werden! – Wenn du auch betest: „Zukomme mir Dein Reich! Gib mir Brot des Lebens! usw.“ – so werde Ich aber dich, reichen Mann, dennoch also anhören, wie du den kecken Tausend-Gulden-Bettler angehört hast! Denn Ich meine, Mein Reich und Mein Brot sollte doch mehr als gar viele tausend Gulden wert sein?!
HIM|2|440330|13|0|Solange demnach jemand hier ist, kann er sich helfen durch sein Vermögen, so er es nach Meinem Willen gebraucht. Wenn er aber drüben ist, so nützt es ihm zu nichts, und wenn Millionen für ihn verspendet würden. Denn ein jeder Mensch wird nach seinen Werken, und nicht nach den Werken anderer, sein ganz eigenes Gericht finden!
HIM|2|440330|14|0|Ich aber brauche eure Opfer nicht, sondern ihr braucht sie! Daher opfert, dieweil ihr opfern könnt! Denn über dem Grab gibt’s keine Opferaltäre mehr!
HIM|2|440330|15|0|Die Armen aber sind die Opferaltäre! Darauf legt reichliche Brandopfer eurer Liebe, so werdet ihr euch Schätze für den Himmel bereiten!
HIM|2|440330|16|0|Fragt daher nicht mehr, wie dem Verstorbenen zu helfen sei. Denn dem kann niemand helfen als Ich allein, wann es an der Zeit sein wird. Und ferne sei es von euch, Mich zur Erbarmung bewegen zu wollen, als wäret ihr barmherziger denn Ich!
HIM|2|440330|17|0|Ein jeder aber kehre vor der eigenen Tür und sorge für sein Auge, so wird er nicht nötig haben, dereinst eitle Hilfe zu suchen bei den Weltmenschen, sondern wird solche finden bei Mir in Überfülle für ewig! Amen. Das spricht der ewig Wahrhaftige. Amen, Amen.
HIM|2|440413|1|1|Die evangelische Kur – Väterlicher Gesundheitsrat für K. G. Leitner – 13. April 1844
HIM|2|440413|1|0|Schreibe nur, Ich weiß, was du hast! Also höre Mich denn diesmal recht folgsam an, du, den Ich so lieb habe, du Mein Freund, Mein Bruder! Ich kenne dein Herz, es ist geschmückt wie eine Braut und so wohlgeschmückt wie ein Brautgemach, darum es Mir auch so wohlgefällt, bei dir mit allerlei Ordenskreuzlein in diesem deinem Herzen einzusprechen.
HIM|2|440413|2|0|Ich möchte wohl ganz und gar in dein Herz einziehen, wie einst in Jerusalem, aber du hältst die Tür in dies Mir wohlgefällige Gemach des Lebens stets sehr enge, so dass Ich mit Meiner Eselin nicht hineinkann. Was aber ist es wohl, das in dir die Tür in dein Herz so sehr beengt? Siehe, es sind die Sinne deiner Seele, welche da ausmachen deinen Verstand; dieser ist zu angestrengt tätig, entzieht dadurch dem Herzen zu viel des Lebensfeuers und verbraucht es im Gehirn um nichtige Dinge. Dafür aber leidet dann dein Herz einen Mangel und wird von außen her beengt, weil es zu wenig des Lebensfeuers rückbehält.
HIM|2|440413|3|0|Es ist wohl dein Innerstes im Herzen in der schönsten Ordnung, allwo des Geistes Wohnstätte ist. Aber weil die äußere Umfassung des Herzens stets beengt wird durch den zu unverhältnismäßigen Lebensfeuerverbrauch und das Herz auch zu Zeiten nicht so viel Lebensfeuer erzeugen kann aus dem Geist, wie dein nicht selten über die Maßen tätiger Verstand zu seiner weltlichen Funktion vonnöten hat, so wird dein Verstand oft schwach in allen seinen Teilen. Und du empfindest dann den Mangel dieses Feuers doppelt, und zwar zuerst durch eine Art Trübung im Verstand oder in den Sinnen der Seele, und dann aber auch durch leere Beängstigungen in deinem Herzen, welche natürlich darin ihren Grund haben, dass durch den Mangel an Lebensfeuer die äußere Umfassung des Herzens sich zusammenzieht, dadurch auf die inneren Lebenskammern einen Druck ausübt und die äußeren Gefäße, selbst des fleischlichen Herzens, strenger und strenger anzuziehen beginnt, woher sich dann auch dein physisches Leiden zu Zeiten und Zeiten datiert!
HIM|2|440413|4|0|Weil vom Herzen aus alle Nerven zuerst ihre Nahrung bekommen müssen, so werden sie natürlich schwach, wenn sie durch den Mangel an Lebensfeuer hungrig werden. Und der zuckende Zustand derselben ist nichts anderes als eine Sprache, eine Forderung an das Herz und lautet: „Wir Bänder und Hebel des organischen Lebens sind hungrig und durstig geworden! Herz! Du sonst gastliche Küche des Lebens, gib uns zu essen und zu trinken und gönne uns auch einmal eine frische und stärkende Luft! Und lasse uns nicht verkümmern unter dem Staub, den deines Verstandes weltliche Werkstätten so reichlich und verderblich erzeugen!“
HIM|2|440413|5|0|Ich aber sage dir: Gib folgsames Gehör den Worten der Nerven, und du wirst gesund sein! Und noch sage Ich zu dir und frage dich: Warum sorgst und kümmerst du dich so viel vergeblich?
HIM|2|440413|6|0|Bin Ich dir doch noch allezeit zur Seite gewesen, und es ist noch alles also gut ausgefallen. Und was Ich je zu dir geredet habe, entweder durch Meinen schwachen Schreiber oder durch ein unmittelbares Einfließen in dein Gemüt, ist es nicht in die pünktlichste Erfüllung gegangen?
HIM|2|440413|7|0|Und dennoch sorgst du dich stets von neuem wieder so, als hinge das Gelingen deiner Arbeit für die Welt lediglich von deiner Tatkraft ab! Warum das? Weißt du ja doch, dass ohne Mich niemand etwas vermag! Warum sorgst du dich denn da vergeblich, wo Ich doch allezeit und überall für dich sorge und vollauf tätig bin?!
HIM|2|440413|8|0|Ich sage dir: Sei in der Zukunft leichtsinnig in allen deinen Weltarbeiten im lebendigen Vertrauen auf Mich! Und Ich werde alle deine Arbeiten segnen, auf dass sie besser werden, als du sie je selbst berichtigt hast! Kehre auf eine Zeit von wenigstens vierzehn Tagen allen deinen Geschäften den Rücken, sorge dich um nichts, lege alle deine Sorgen volltrauig auf Meine Schultern, und es wird alles zur rechten Zeit in der besten Ordnung sein.
HIM|2|440413|9|0|Dabei aber lebe recht gut und lasse dir ein von Mir allzeit gesegnetes Essen und Trinken recht sorglos gut schmecken! Und gebrauche morgens und abends die evangelische Kur, nämlich:
HIM|2|440413|10|0|Nimm roten, ungerichteten Wein und Olivenöl, das rein ist, und reibe dir damit die Brust, die Glieder, den Rücken, das Genick, am Abend auch das Haupt und ganz besonders die Schläfe im Glauben und Vertrauen auf Mich, so wirst du bald wieder ganz stark und gesund werden!
HIM|2|440413|11|0|Doch sollst du in der Zeit dich vom Kaffee und vom schlechten Wein enthalten, weil darinnen arge und unreine Geister hausen, die da stürmisch und sehr unruhig sind.
HIM|2|440413|12|0|Dieses Rezept aus dem Munde deines ewigen Vaters, deines Schöpfers und deines Herrn und Gottes, beachte jetzt und allezeit im sorglosen Volltrauen auf Mich, und es wird mit dir in allem gut, besser und am besten gehen, sein und werden allezeit wie ewig in Meinem Namen.
HIM|2|440413|13|0|Das sagt dir dein Vater Jesus durch des Knechtes Mund! Amen.
HIM|2|440413|0|0|Nachbemerkung des ersten Herausgebers: Diese für K. G. von Leitner gegebene Weisung scheint gut gewirkt zu haben. Denn zu seinem 91. Geburtstag sagte ihm später der himmlische Vater: „Heute sage Ich dir, du kannst bleiben auf Erden, so lange du willst, oder auch heimgehen, wann es dir beliebt.“ Leitner blieb noch ein Weilchen, und dann zog den Hochbetagten die Ewige Liebe heim im Sommer 1890.
HIM|2|440417|1|1|Baalsdienst – 17. April 1844
HIM|2|440417|1|0|Magst ja einige Punkte notieren über ein gewisses Fest, das Ich nicht näher bezeichnen will und das Ich auch nicht angesehen habe. Denn was die Welt tut im Glanze, da ist bei Mir tiefste Nacht. Und Ich will und mag nicht sehen, was da ist und geschieht. Es wird jenseits schon ohnehin alles auf das Allergenaueste offenbar werden, was in der Welt war und geschah!
HIM|2|440417|2|0|Daher werde Ich hier auch nur das von dir Geschaute und Gehörte ganz kurz beachten, weil Ich von diesem Fest nur so viel gesehen habe, wie viel du gesehen hast. Und so schreibe denn!
HIM|2|440417|3|0|Du hast gesehen den „Triumphzug“, der glänzender war als Salomo in all seiner königlichen Pracht! Weißt du aber auch von einem solchen Zug, den Ich als der Herr Himmels und der Erde je gehalten habe – außer dem Einzug auf der Eselin in Jerusalem und dann dem großen Triumphzug mit dem Kreuz auf Golgatha?!
HIM|2|440417|4|0|Du hast ferner gesehen: die „Inselkronen“ der Bischöfe, wie sie glänzten vom Golde! Meinst du wohl, dass die Dornenkrone, die bei Meinem letzten Triumphzug auf Golgatha Mein Haupt zierte, auch also prachtvoll glänzte?!
HIM|2|440417|5|0|Du hast gesehen die „Hirtenstäbe“, für deren Wert man hundert Arme auf Jahre versorgen könnte – und die Edelsteine, mit denen diese Szepter verziert waren?! Ich musste Mich mit einem Schilfrohr begnügen und hatte von der Geburt an nicht einmal einen Stein von der größten Gewöhnlichkeit zu eigen, dass Ich ihn vollrechtlich vor der Welt hätte unter Mein Haupt zu legen vermocht.
HIM|2|440417|6|0|Hätte Ich dich hier wohl nicht auch fragen können wie einst die Jünger und Juden wegen des Täufers Johannes: „Was bist du hinausgegangen zu sehen?“ – Ich meine, die Antwort gibt sich hier von selbst!
HIM|2|440417|7|0|Steht es aber nicht in der Schrift: „Alles, was vor der Welt groß ist, das ist vor Gott ein Gräuel“?! – Was hältst du diesem Satz gegenüber von dem Fest? War es groß und glänzend vor der Welt? Oder war es dem gleich, das Mir einmal der Nikodemus zur Nachtzeit aus Furcht vor den Juden und Hohenpriestern gab – also ganz klein und unbedeutend?
HIM|2|440417|8|0|So wird auch in der Schrift angerühmt die „enge Pforte“! Hast du die Pforte des „Triumphbogens“, durch die der glänzende Zug ging, wohl auch „eng“ gefunden? Mir wenigstens kam sie sehr breit vor!
HIM|2|440417|9|0|Als Petrus bei Meinem letzten Triumphzug dem Knecht Malchus das Ohr abhieb, da sagte Ich: „Petrus! Stecke dein Schwert ein! Denn wer da mit dem Schwert umgeht, der kommt auch durchs Schwert um!“ – Wie gefielen dir demnach die streng bewaffneten Wachen, die da diesen Festzug begleiteten? War das nicht ein Umgang mit gar vielen Schwertern, ganz wortlautig genommen?
HIM|2|440417|10|0|Am Triumphbogen befand sich ein zu Leihen genommenes „Abendmahlsbild“ und war so gestellt, dass es dem Festzug unbemerkbar bleiben musste! Was meinst du wohl: Bin Ich Selbst nicht eine ähnliche Verzierung bei dieser rein heidnischen Sekte?
HIM|2|440417|11|0|Ja, Ich sage dir: Ich bin ihr noch viel weniger! Das Bild hat doch einen reellen Kunstwert. Ich aber habe da gar keinen Wert, außer wenn durch Meinen Namen Gold und Silber zu gewinnen ist!
HIM|2|440417|12|0|Ich könnte dir noch so manches sagen, aber Ich werde zu ärgerlich darob! Darum sage Ich dir nichts mehr. Denn zu groß ist so ein Skandal vor Meinen Augen.
HIM|2|440417|13|0|Und wahrlich! Von nun an will Ich diese Sekte zu schlagen anfangen und alle die mit ihr sind, Groß und Klein, Jung und Alt! Wehe nun allen Liebhabern und Liebhaberinnen der Diener des Baal! Denn Ich fange an, Mein Schwert über sie zu schwingen!
HIM|2|440417|14|0|Wahrlich, die sich heute noch freuen, wenn sie besucht werden von den Baalsdienern, diese sollen in der Bälde mit großer Angst und Trauer erfüllt werden, weil sie Mich nicht erkennen wollen und stets bei den Götzendienern ihr Heil suchen! Amen.
HIM|2|440421|1|1|Der vergangene, zukünftige und gegenwärtige Christus – 21. April 1844
HIM|2|440421|1|0|Schreibe nur, was du hast! Aber auf die gewisse menschliche Art zu gratulieren, ist Meine Sache nicht – sondern zu lehren, zu ziehen, zu führen und den Wanderer auf jene Wege zu lenken, die da führen in Mein Reich (– das ist Meine Art)! Und in der Art will Ich dir auch jetzt für deinen Mann etwas geben!
HIM|2|440421|2|0|Höre du, Mein lieber A. H.-W., recht wohl, was Ich dir nun durch Meinen Knecht kundtun werde! Ich sage dir, es tut dir und deinem Haus not!
HIM|2|440421|3|0|Siehe, du hast wohl einen recht festen Glauben; aber deine Liebe in deinem Herzen ist noch bei weitem nicht so fest wie dein Glaube – und das darum, weil du noch stets deine Liebe an Meine sichtbare Persönlichkeit hängst und suchst Mich irgend zu vernehmen und zu erschauen. Und erst so du Mich irgend erschautest oder wenigstens vernähmest, da würde dann auch dein Herz für Mich vollkräftig entflammen.
HIM|2|440421|4|0|Und siehe, gerade also steht es auch mit deiner Familie! Ihr liebt alle den Christus, der einst lehrte auf der Welt oder der da wiederkommen möchte, zu richten die Welt – also den vergangenen oder den zukünftigen Christus liebt ihr nur!
HIM|2|440421|5|0|Aber das ist gefehlt! Denn bei solcher Verfassung kann Ich Mich euch nicht nahen als euer Vater in der Gegenwart, sondern nur als der der Vergangenheit oder der der Zukunft, und kann euch nicht kräftigen, weil ihr Mich nur in eurer Erinnerung ehrt, aber nicht in eurem Herzen lebendig liebt!
HIM|2|440421|6|0|Wie aber die Erinnerung ihre Gegenstände bald recht lebhaft erfasst und bald wieder ganz fallen lässt, also ist es auch bei euch mit Mir der Fall! Lest ihr gerade etwas Erbauliches von Mir, dann seid ihr wie voll Liebe zu Mir – aber das ist nicht Liebe, sondern nur eine zeitweilige Aufregung eures Erinnerungsvermögens. Sobald ihr euch umkehrt und etwas anderes erschaut, da schließt sich eure Erinnerungskammer im Kopf, und Ich bin draußen, als wäre Ich kaum je darin gewesen.
HIM|2|440421|7|0|Ihr könnt dann Visiten machen, mit der Welt verkehren, euch belustigen mit weltlichen Dingen, allerlei Zeug plaudern, euren Leib zierlich bekleiden. Und so irgendein Freund oder eine Freundin euch besucht, da könnt ihr mehr Freude haben, als je irgend in der kurz dauernden Erinnerung an Mich!
HIM|2|440421|8|0|Denn an alledem hindert euch der vergangene wie der zukünftige Christus nicht, der wohl in euerer Erinnerung, aber nicht in euren Herzen wohnt! Ich aber sage dir und deiner Familie und euch allen: Der vergangene und der zukünftige Christus wird euch wenig nützen, so ihr nicht den gegenwärtigen lebendig in euren Herzen tragt!
HIM|2|440421|9|0|So Ich Meinen Knecht heute von euch nehme, durch den Ich euch bereits vier Jahre lang tagtäglich Erfrischungen zusende und euch so nur ein bisschen von der Weltfreundlichkeit heimsuchen lasse – da werdet ihr Mich nach und nach so schön unvermerkt aus eurer Erinnerung spielen, dass dieser Erinnerung kleine Fünklein euer Herz kaum mehr auf Augenblicke für Mich entzünden werden.
HIM|2|440421|10|0|Ihr freut euch nun wohl allezeit, wenn ihr von Mir etwas vernehmt. Aber eure Freude ist nicht bleibend, weil sie mit eurer Erinnerung gleichen Schritt geht. Und ihr freut euch dann bald darnach auf irgendein vorhabendes weltliches Vergnügen mehr als auf Mich und machet Pläne, was ihr tun werdet, ohne zu bedenken, dass ihr ohne Mich nie etwas tun könnt und noch viel weniger tun sollt.
HIM|2|440421|11|0|Und so Ich euch daran hindern möchte, dann könnt ihr darob sogar traurig werden und sagen: Aber dürfen wir denn gar keine Freude haben?!
HIM|2|440421|12|0|Ich aber sage: Ihr sollt ja Freude haben, und nimmer soll die Freude von euch genommen werden – aber Ich sollte stets eure größte Freude sein!
HIM|2|440421|13|0|Fragt euch selbst: Was bietet euch wohl eure eigengemachte Freude? Wie lange dauert sie? – Wenige Stunden habt ihr wieder unnütz mit der dummen Welt vergeudet, dumm verplaudert und verlacht. Dann steht ihr wieder am alten Fleck! Und nur Meiner endlosen Liebe und Geduld habt ihr es zu verdanken, dass ihr nach einer jeden weltlichen Freude nicht zurück, also dem Tode näher gekommen seid!
HIM|2|440421|14|0|Bei solchen Verhältnissen ist von einem merklichen Fortschritt zu Mir noch lange keine Rede, und Ich bleibe stets noch euer „vergangener“ oder „zukünftiger“ Christus.
HIM|2|440421|15|0|Ich aber sage dir dies alles gerade an diesem deinem Tag, auf dass du mit deinem ganzen Haus für die Zukunft Mir näher kommen mögest, als das bis jetzt der Fall war!
HIM|2|440421|16|0|Du kennst die Wege zu Mir. Willst du aus dem vergangenen oder zukünftigen Christus dir einen gegenwärtigen, lebendigen Christus bereiten, so musst du vollernstlich auf diesen Wegen wandeln und dein Haus mit dir! So wirst du Mich von deiner Erinnerung in dein Herz bringen und wirst dann erst jene Freude überkommen, die dir keine Welt und keine Ewigkeit mehr wird nehmen können auch nur auf einen allerkürzesten Augenblick!
HIM|2|440421|17|0|Diese endlose Freude aber wirst du nicht eher überkommen, als bis du mit Paulus wirst sagen können: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“
HIM|2|440421|18|0|Siehe, alle Welt ist Mein Feind; wie aber kann jemand sagen, dass er Mich liebe, so er andererseits dennoch der Welt die Hand zum Gruße bietet?!
HIM|2|440421|19|0|Beachte daher diese Meine neue Belehrung und Vermahnung, so wirst du bald zu jener Freude gelangen, die niemand mehr von dir nehmen wird! Das sei dir Mein Wunsch und Meine väterliche „Gratulation“ zu diesem deinem Tag! Und Meine Gnade, Liebe und Erbarmung sei mit dir ewig! Amen.
HIM|2|440510|1|1|Missfällige Weltlust – 10. Mai 1844
HIM|2|440510|1|0|Was forderst du immer Dinge von Mir?! Warte doch, bis Ich sie dir aus freien Stücken geben werde. Du wirst doch nicht besser wissen wollen als Ich, wann Ich jemandem etwas geben will und kann zu seinem Besten?!
HIM|2|440510|2|0|Du hast zwar heute schon etwas getan, das Mir gefiel; und so würde Ich dir schon darum etwas geben, so es hier an der Zeit wäre, die Mir gefiele. Aber diese „Zeit“ bei der, für die du etwas möchtest, gefällt Mir nicht. Darum gebe Ich dir auch nichts. Denn Meine Tröstung – und weltliche Lach- und Plauschgratulationen taugen nicht zusammen auf einem Tisch!
HIM|2|440510|3|0|Sage aber deiner „Klientin“, dass es, um sich Meines Wohlgefallens zu versichern, nicht genug ist, wenn man Meine Worte nur gerne und beifällig liest und hört, sondern man muss sich auch lebendig im Herzen darnach kehren!
HIM|2|440510|4|0|Der aber kehrt sich nicht darnach, dem weltliche Verlustigungen und Erheiterungen dann und wann recht sehr am Herzen liegen!
HIM|2|440510|5|0|Genug! Mehr sage Ich nicht. Wer dies Kleine ehrt, sei des Größeren wert! Das sagt der Herr! Amen.
HIM|2|440521|1|1|Religion und Offenbarung – 21. Mai 1844 [Worte des Worts 1912]
HIM|2|440521|1|0|Also schreibe ein ernstes Kriterium über Religion und Offenbarung!
HIM|2|440521|2|0|Die Religion ist eine Wiederbindung des Menschen mit Gott, der ihn aus Sich frei erschaffen hat und hat ihn gestellt wie außer Sich in die materielle Welt, zur Probung und Ausbildung der Freiheit, die allein das Leben des Geistes bedingt, weil sie in sich die Liebe, als das Grundurwesen alles Seins, ist.
HIM|2|440521|3|0|Man sagt, Gott könnte ja durch Seine Allmacht die Menschen so gestalten, dass sie ihrem Beruf allezeit vollkommenst entsprechen könnten. Wozu da dann eine geoffenbarte Religion? Wozu das Geschöpf frei wandeln lassen unter Geschöpfen und Wesen, die es so wenig wie sich selbst erkennt?
HIM|2|440521|4|0|Das könnte Gott wohl, aber dann wäre der Mensch nicht Mensch, sondern nur ein Tier, und wäre gerichtet gleich dem Tier und müsste sich notwendigerweise in den engen Schranken des ewigen Muss bewegen! Hätte aber dann der Mensch nach der Absicht des Schöpfers wohl auch ein selbständiges, freies Leben?
HIM|2|440521|5|0|Nein, das hätte er ewig nimmer! Denn alles eigentliche, selbständige Leben muss als solches frei erworben sein, weil ein jeder Zwang die Freiheit hemmt und somit auch das eigentliche Leben richtet und eben dadurch tötet.
HIM|2|440521|6|0|Die Liebe selbst ist tot ohne Freiheit, daher kann beim Menschen nicht die göttliche Allmacht anstatt der geoffenbarten Religion genommen werden.
HIM|2|440521|7|0|Die darauf sich stützende Notwendigkeit einer göttlichen Offenbarung ist der erste Beweis für die Echtheit einer solchen Offenbarung. Denn ein jedes gerichtete Wesen kommt schon mit allen ihm zukommenden Vollkommenheiten zur Welt und braucht daher keine Offenbarung. Aber ganz anders verhält es sich mit dem Menschen. Dieser kommt in seiner ganzen Sphäre nackt zur Welt und bedarf daher gar wohl einer geoffenbarten Anleitung, nach der er seine ganz freie, durch nichts gebundene Lebenskraft soll auszubilden anfangen, um ein wahrhaft selbständig freies, lebendiges Wesen zu werden.
HIM|2|440521|8|0|Worin aber liegt denn das Kriterium der Echtheit einer wirklich notwendigen göttlichen Offenbarung? Das Kriterium liegt endlich im Handeln nach irgendeiner Offenbarung. Wer da gewissenhaft seiner erkannten Offenbarung getreu lebt, der auch wird zur inneren Freiheit seines Geistes gelangen, ob er ein Jude, ein Türke, ein Brahmine oder ein Christ ist – so wie da ein jeder, der nach einer Schule irgendeine Kunst lernt, sicher ein Meister wird, so er fleißig die Schule studiert und nach ihren Grundsätzen vorwärtsschreitet.
HIM|2|440521|9|0|Also steht es ja auch geschrieben: Wer da tun wird nach Meinen Worten, der wird es erkennen, ob sie von Gott oder ob sie von Menschen sind.
HIM|2|440521|10|0|Darin liegt das Hauptkriterium für die Echtheit einer göttlichen Offenbarung! Denn also muss ein jeder Mensch von Gott gelehrt sein; wer es nicht von Gott lernt, der hat es nicht und weiß es nicht. Das ist ein Hauptkriterium.
HIM|2|440521|11|0|Ein jeder aber lese den ersten Brief Pauli an die Korinther, und zwar das zweite Kapitel! Dort wird er auch ein Hauptkriterium finden. Es sei!
HIM|2|440602|1|1|Der sechste Engel – 2. Juni 1844
HIM|2|440602|0|0|Vor einigen Tagen hörte ich, Ans. H., in einem Traum auf einmal die deutlichen Worte: „Jetzt ist der sechste Engel da!“ – Ich dachte, da ich hierüber erwachte, sogleich an die sieben Engel in der Offenbarung Johannis, welche die sieben Schalen des göttlichen Zorns ausgießen. Jakob Lorber, dem ich dieses Begebnis mitteilte, erhielt vom Herrn nachstehende Erklärung, und zwar über den 12. bis 16. Vers des 16. Kapitels der Offenbarung Johannis.
HIM|2|440602|1|0|Das ist eine rechte Frage, darüber gebe Ich gerne einen Aufschluss!
HIM|2|440602|2|0|Die Stimme, die du, A. H.-W., wie im Traum gehört hast, war richtig und wahr. Denn sie war die Stimme Meines Mundes. Und somit ist der „sechste Engel“ auch da, auszugießen seine Schale.
HIM|2|440602|3|0|Du aber verstehst noch nicht den „sechsten Engel“, so wie du auch die anderen nicht verstehst. Daher will Ich dir diesen „sechsten Engel“ ein wenig beleuchten, auf dass du einsehest, was das Werk dieses Engels anzeigt. Und so höre denn:
HIM|2|440602|4|0|Dieser Engel „goss seine Schale über den ganzen Strom Euphrat aus. Und dessen Wasser vertrocknete, auf dass da bereitet würde der Weg den Königen vom Aufgang der Sonne.“
HIM|2|440602|5|0|Der „Engel“ ist Mein Wille. Und die „Schale“ ist Meine Erbarmung. Und was „ausgegossen“ wird – ist Meine Gnade.
HIM|2|440602|6|0|Der große „Strom Euphrat“ ist das Falsche und Böse der Welt, das die große Hure Babels oder der eigentliche Widerchrist angerichtet hat unter allen Völkern der Erde und das da völlig gleicht dem großen Gebirgsstrom Asiens, der da zu öfteren Malen anschwillt, seine Ufer nicht selten mehrere Ellen hoch überflutet und die größten Verheerungen anrichtet und so das Land auf vielen Stellen versandet und zur öden Wüste macht.
HIM|2|440602|7|0|Und wie dieser Naturstrom böse wirkt, also wirkt auch der arge geistige Strom, der von dem Munde der Hure ausgeht, Böses und Falsches im Land des Geistes.
HIM|2|440602|8|0|Über diesen bösen geistigen Strom also gießt der sechste Engel die Schale aus, dass er vertrockne und dann die rechten „Könige vom Aufgang der Sonne“ wieder zu den Völkern der Erde gelangen möchten und nun auch gelangen werden. Diese „Könige“ aber besagen die rechten und lebendigen Erkenntnisse aus dem Wort.
HIM|2|440602|9|0|Wird aber der „Drache“ oder die „Hure“ damit wohl zufrieden sein, so ihr Hauptstrom vertrocknen wird, wenn ihr Gericht, ihr Einfluss bei den Großen der Welt geschmälert, ja endlich ganz versiegen wird, wenn ihr Machtspruch unter den geweckten Völkern der Erde von der Wirkung sein wird wie das nächtliche Gesumse einer Gelse?
HIM|2|440602|10|0|O damit wird der „Drache“ nicht zufrieden sein! Er wird sich gar gewaltig ärgern und wird seine falschen Propheten aussenden, wie er selbst einer ist im vollsten Sinne. Und diese werden sein gleich drei „Fröschen“, die zur Nachtzeit ganz gewaltig in den Sümpfen und Morästen quaken.
HIM|2|440602|11|0|Wer wohl sind so ganz eigentlich die „Frösche“, diese „unreinen Geister“, diese echten „Teufel“? Ich brauche sie dir nicht namentlich aufzuführen, aber bezeichnen will Ich sie dir, dass du sie leicht erkennen wirst.
HIM|2|440602|12|0|Siehe, die „Frösche“ sind die drei Hauptgesellschaften unter dem Szepter der Hure, die da in der Zeit sich überall hervortun und Demut, Entsagung und die allerstrengste Buße predigen und rufen die „Könige“ und die Großen um Aufnahme und Beistand an, auf dass sie dann leichter herrschen möchten über alle Kreaturen der Erde. Denn demütige, allem entsagende und somit büßende Völker sind leicht zu regieren und gewähren den Herrschern die größten Vorteile!
HIM|2|440602|13|0|Aber eben diese drei Gesellschaften sind selbst die herrschsüchtigsten und sind vorzugsweise der „Strom Euphrat“, über den nun die Schale ausgegossen wird.
HIM|2|440602|14|0|Sie rüsten sich wohl zum „Kampf am Tag Gottes“. Ich aber werde sie alle versammeln im Ort der ewigen Nacht, „Harmagedon“. Und Mein Tag wird sie verschlingen auf immer – also wie der die Diener des Zeus verschlungen hat.
HIM|2|440602|15|0|Dieser große Tag aber ist schon da und breitet sich im Verborgenen aus und kommt heimlich wie ein Dieb.
HIM|2|440602|16|0|Wohl euch, die ihr ihn erkannt habt und euch schon lange sonnt an seinen lebendigen Strahlen!
HIM|2|440602|17|0|Wehe aber denen, die dieser Tag unvorbereitet treffen wird! Wahrlich, die Tiefe des Meeres mit einem Mühlstein am Hals wäre ihnen besser denn dieser Tag, der euch schon so hell leuchtet zum ewigen Leben!
HIM|2|440602|18|0|Das ist der Sinn des „sechsten Engels“! Versteht ihn wohl! Amen.
HIM|2|440606|1|1|Jesuiten, Opernspiel und Hostienkult – 6. Juni 1844
HIM|2|440606|0|0|O Herr! Lass mich armen Sünder einige Fragen tun, auf dass durch deren Beantwortung aus Dir, o heiliger Vater, mein Gemüt erleuchtet und erleichtert werde!
HIM|2|440606|1|0|So stelle denn deine nicht sehr wichtigen Fragen!
HIM|2|440606|0|0|O Herr! Was soll ich von der nunmehrigen Überhandnahme der Jesuiten und auch anderer Orden halten?
HIM|2|440606|2|0|So viel wie von einem Schnee im Monat März, der heute fällt und morgen von den Sonnenstrahlen vernichtet wird! Wenn der Schnee die Gegend bedeckt, da sieht es wohl recht traurig aus und es hat das Ansehen, als hätte sich der tiefe Winter wieder eingefunden. Aber nur wenige Stunden Sonnenschein, und der so mächtig drohende Winter ist nicht mehr!
HIM|2|440606|3|0|Siehe, das ist von der jetzigen Institution dieser Kongregation zu halten! Hast du nicht gesehen, wie die Schmarotzerpflanzen sich an einem Baum ansetzen, als wollten sie dem Lebensschwachen eine neue Lebenskraft verleihen?! Aber gerade sie sind des Baumes voller Tod! Verstehst du dieses Bild?
HIM|2|440606|0|0|Was soll ich, o liebster Herr und Vater, denn von der gestrigen, mich in musikalischer Hinsicht sehr erbauenden Oper halten? Wie soll ich sie nehmen, dass ich mich dabei etwa nicht gegen Deinen Sinn verhalten möchte?!
HIM|2|440606|4|0|Das ist eine rein weltliche Sache, die Mich nichts angeht! Das aber kannst du dir ja merken: Diese Opera, oder besser musikalische Komödie ist wie jegliches Menschenwerk, das da allezeit besteht aus Unrat und Gold! Der „Unrat“ ist das Materielle, und bei der Komödie die schandvolle Handlung. Das „Gold“ ist die geistige Tätigkeit vor jeder materiellen Handlung – wird aber eben durch die Handlung in Unrat verkehrt.
HIM|2|440606|5|0|So ist es auch mit der Musik bei dieser Komödie der Fall! Sie ist ein Gold, mit dem ein Unrathaufe vergoldet ist, der aber dennoch durch das schöne Gold hindurch gar gewaltig stinkt, und das ganz besonders für junge Menschen, deren sinnliche Nüstern sehr empfindlich sind!
HIM|2|440606|6|0|Die Handlung ist zwar in höllischer Art wahr. Denn also (wie in der Komödie) tun rein höllische Geister. Der sogenannte „Don Juan“ ist aus der dritten Hölle, sein Gefährte aus der zweiten und das meiste andere Personal aus der ersten! Nun frage dich selbst, ob solch höllisches Zeug wohl tauglich ist, mit Himmlischem bekleidet zu werden?!
HIM|2|440606|7|0|Vor der Welt erscheint die Sache wohl, als bestünde gerade hier die größte Harmonie zwischen der Handlung und zwischen der Musik. Aber vor Mir ist gerade hier die größte Disharmonie zwischen der Handlung und zwischen der Musik. Denn je abgefeimter irgendeine Handlung ist, desto weniger taugt sie für die edle Musik!
HIM|2|440606|8|0|Du denkst zwar nun und sprichst bei dir: Durch eine solche schändliche Handlung, die ihr höllisches Ziel erreicht, können Menschen ja doch nur eher abgeschreckt, als zu ähnlichen Handlungen verleitet werden.
HIM|2|440606|9|0|Ich aber sage dir: Beispiele sind gleich einem Zugpflaster, das auch die guten Säfte auszieht und die schlechten desto fester in der Haut lässt! Es hört wohl öfter auf ein Zugpflaster der Schmerz auf, aber nicht wegen der Verminderung der schlechten Säfte, sondern nur darum, weil durch das Zugpflaster die Gegend, die früher noch für den Schmerz empfindlich war, zufolge der Entziehung der guten Säfte, förmlich abgetötet wurde.
HIM|2|440606|10|0|Und siehe, gerade also geht es auch mit der sogenannten moralischen Besserung durch die Aufführung höllischer Handlungsweisen! Sie ziehen die edlen Gefühle aus der besseren Seele und töten dann die halbe Seele durch die zurückgelassenen unedlen Gefühle, deren Geburtsort die Hölle ist. Und es braucht dann wieder recht viel, bis die böse Wunde geheilt und die halbgetötete Seele wieder belebt wird!
HIM|2|440606|11|0|Siehe, das ist eine vollkommene „Rezension“ über deine gestrige Musikkomödie. Die Welt würde sie kaum gutheißen; aber in den Himmeln wird nur also geurteilt.
HIM|2|440606|12|0|Wenn jemand aber über Worte Töne setzt, so soll er allezeit nur über Worte aus den Himmeln Töne setzen, aber nie über Weltworte. Weil die Töne an und für sich himmlisch rein sind.
HIM|2|440606|13|0|Am besten aber ist es, die Töne allein zu setzen und sie in ihren melodischen und harmonischen Weisen anzuhören. Denn dann sind sie gleich der Rede in den Himmeln, die sich in einer Zustandsferne auch als die reinste Musik vernehmen lässt!
HIM|2|440606|14|0|Solches also verstehe und beachte wohl!
HIM|2|440606|0|0|Herr, Du heiliger, lieber Vater! Was ist denn mit dem Fronleichnamsfest? Soll man dasselbe wohl also feiern, wie es die römische Kirche haben will?
HIM|2|440606|15|0|Darüber zu reden, bin Ich nicht aufgelegt! Unter diesem Fest wird die Erfindung und Einsetzung der Hostie und dabei auch der Monstranz gefeiert! Was aber ist die Hostie und was die Monstranz – und was demnach das Fest? Bin Ich und die Hostie eins? Und ist die Monstranz gleich dem Himmel, der da ist Mein ewiger Thron?!
HIM|2|440606|16|0|Wenn es aber einen Kaiser gäbe, der da allen seinen Untertanen ein Gedächtniszeichen gegeben hätte, wie Ich dereinst das Liebesmahl mit Brot und Wein – und die Untertanen aber wären mit dem Denkzeichen nicht zufrieden, sondern möchten es ummodeln und so gestalten, dass es mit dem ersten nicht die leiseste Ähnlichkeit mehr hätte, ehrten dann dieses ganz veränderte Denkzeichen mehr als den Kaiser selbst und möchten am Ende nicht den Kaiser als den Kaiser, sondern dafür lediglich das umgestaltete Denkzeichen für den lebendigen Kaiser halten.
HIM|2|440606|17|0|Und wenn der Kaiser selbst käme und fragte: „Was tut ihr? Ist das mein Denkzeichen?“ – Und die Untertanen möchten dann den Kaiser verhöhnen, sich allezeit wider ihn empören und sagen: „Dies Zeichen hat uns der Kaiser also gegeben, und es ist lebendig der Kaiser selbst, und es gibt keinen anderen Kaiser! Wenn du dieses Denkzeichen nicht also anerkennst, wie es das echte und lebendig wahre ist, dann bist du der Kaiser nicht, sondern nur ein allerketzerischster Widerkaiser, ein Fürst der Hölle, und bist des Feuertodes schuldig für ewig!“
HIM|2|440606|18|0|Sage! Wie wohl wird diese Erwiderung ob des Denkzeichens dem wahren Kaiser munden? Siehe, also mundet auch Mir dies Fest!
HIM|2|440606|19|0|Was würde aber ein Kaiser zu seinem Diener sagen, der ihm ins Angesicht sagte: „Dein Reich trete ich mit Füßen und dich selbst habe ich in meiner Gewalt!“ – und möchte dann der Diener dem Kaiser dennoch Feste geben, als hielte er, der Diener, etwas auf den Kaiser – wird der Kaiser diesem Fest wohl beiwohnen und sich ergötzen an demselben?!
HIM|2|440606|20|0|Ich meine, das wird der Kaiser fein bleiben lassen! Und Ich meine aber auch, dass da von Mir aus bei einem ganz ähnlichen Fest derselbe Fall sein wird!!
HIM|2|440606|21|0|Und schließlich meine Ich auch, du wirst an dem bisher Gesagten genug haben. Verberge aber diese Zeilen gut! Denn sie würden denen, die nicht Mich, sondern nur das gewaltig veränderte Denkzeichen für alles halten und setzen, zu sehr missfallen!
HIM|2|440606|22|0|Das alles sage Ich dir wie im stillen Vertrauen nur. Darum teile es nicht vielen mit! Das ist Mein guter, heiliger Wille! Deine Freunde aber dürfen es schon erfahren. Amen.
HIM|2|440609|1|1|Druck des Neuen Wortes – 9. Juni 1844
HIM|2|440609|0|0|O Herr! Siehe, ich habe jetzt schon so viel Gnade von Dir empfangen, dass ich mich ob der großen Menge nicht genug wundern kann. Es ist auch die Bedeutung der gegebenen Gnade so groß und erhaben, dass ich sie nimmer ermessen kann. Soll denn dieses heilige Licht nur allein mir und meinen wenigen Freunden zu eigen verbleiben? Oder soll es nicht vielmehr durch den Druck für alle Menschen in die Welt gehen? Und wenn es in die Öffentlichkeit übergehen soll, da fragt es sich: Wie, wann und wo? O Herr! Darüber bitte ich Dich inbrünstigst um einen Bescheid!
HIM|2|440609|1|0|Dass und worin das, was Ich dir gebe, groß und wichtig ist, das weiß Ich am besten. Das „wie, wann und wo für die Welt“ aber ist eine Frage, für die eine effektive Antwort – so wie die Welt – nicht reif ist! Ich sage dir aber:
HIM|2|440609|2|0|Die Welt ist jetzt wie ein Mensch, der sich bei einer schlechten Mahlzeit gar sehr den Magen verdorben hat, dass ihm dann auch die allerbeste Speise zum Ekel wird. Wenn du sie ihm vorsetzt, da wird es ihm alsbald bis zum Erbrechen übel, und er wird das beste Gericht fliehen!
HIM|2|440609|3|0|Siehe, gerade also erginge es vor der Welt nun Meinem Wort! Die Welt würde es fliehen und sich vielfach ärgern an ihm und würde es verdammen und verwünschen, weil es nicht für ihre Interessen gegeben ist, sondern nur für die Interessen des Geistes, den aber die Welt schon lange nicht mehr hat!
HIM|2|440609|4|0|Es hat aber diese Meine große, lebendige Gnadengabe wohl die Bestimmung in die Welt überzugehen, aber erst dann, wenn die verdorbene Welt den Hunger nach Meiner Mahlzeit wieder bekommen wird!
HIM|2|440609|5|0|Den Hunger aber bereitet nun die römische Kirche! Wie aber? Durch ihre schlechte Mahlzeit und durch die eben durch diese Mahlzeit bewirkte Verschlechterung des seelischen Magens. Dieser wird dann eine Zeit lang jede Kost fliehen und dadurch in den gerechten Hunger gesetzt werden; dann aber mit gar großer Gier nach diesem Meinem wahren Himmelsbrot greifen und sich an ihm sättigen zum ewigen Leben!
HIM|2|440609|6|0|Siehe, also will Ich es haben! Weil die dumme, arge Welt noch nicht genug gewitzigt ist durch alle die namenlosen Tormente [Plagen], die sie von der Hure Babels zu bestehen hatte, und ihr noch immer die Cour [Aufwartung] macht von allen Seiten, aus lauter schändlichen, weltinteresselichen Rücksichten. Darum schlage Ich nun solche Welt mit dreifacher Blindheit, auf dass sie ja desto sicherer ins alte, aber nun neu ausgebesserte und gar kunstvoll aufgerichtete Garn geht, auf dass dann Babel mit solcher gefangenen Welt auf eine Art verfahren wird, wovon die Geschichte kein Beispiel aufzuweisen hat!
HIM|2|440609|7|0|Aber das sage Ich auch, dass dieser Rummel Babels nur höchst kurz dauern und man gar bald vielfach entdecken wird, was die Hure so ganz eigentlich im Schilde führt! Dann aber zehnmal Wehe der großen Hure! Jedem Hund an der Kette soll es besser ergehen als der Hure, wenn man ihr die alte, aber wohlbefestigte Maske abnehmen wird! Eine größere Schande und Schmach hat noch nie jemand auf der Welt erlebt und nie jemand eine härtere Züchtigung!
HIM|2|440609|8|0|Diesmal wird Babel schnell wachsen, denn es hat einen gut gedüngten Boden an den Fürsten der Welt. War der erste Weg mühsam, da Babel erst untersuchen musste mit seinen Knechten, wie es mit dem Boden steht, so wird es aber nun umso schneller emporkommen, weil es sein Territorium gar wohl kennt und aus alter Erfahrung gar wohl weiß, was es zu tun hat, um ans erwünschte Vollherrscherziel zu gelangen! An der baldigen Erreichung dieses Zieles aber liegt auch der ebenso baldige volle Untergang dieser Herrscherin.
HIM|2|440609|9|0|Und siehe, in eben diesem sicheren Begebnis liegt eine Hauptvorbereitung zur Offengabe dieses Meines Wortes. Denn sonst müsste es sich auch, so gut wie alles aus Mir, das Verdammungsurteil von Seiten dieser Hure gefallen lassen, was aber für diesmal und fürder allemal nicht in Meiner Ordnung liegt.
HIM|2|440609|10|0|Du meinst freilich, die Lutheraner wie auch alle anderen Konfessionen würden dies Mein Wort gewiss vielseitig mit der größten Begierde aufnehmen?! Das weiß Ich wohl am besten, wie viele es gibt, die es darnach dürstet! Aber Ich sage ein für alle Mal: Unter vielen Millionen geben etliche Tausende keinen Ausschlag!
HIM|2|440609|11|0|Für die Besseren ist nun allenthalben gesorgt. Daher bedürfen die wenigen Auserwählten dieses Meines Wortes vor der Zeit weniger als der ungeheuer große und überdumme Welttross! Zur rechten Zeit aber wird es schon allen zukommen, die darnach verlangen werden in ihrem Herzen!
HIM|2|440609|12|0|Aber steht es nicht in der Schrift: „Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt!“? – Siehe, also ist es auch hier! Ihr wenigen Auserwählten aber seid über die Maßen froh, dass ihr eben zu den Auserwählten gehört, und freut euch dessen hoch, was ihr empfangen habt! Der Welt aber kümmert euch nicht, ob, wie, wann und wo es diese empfangen wird! Denn wahrlich, diese ist solcher Meiner Gnade noch lange nicht wert!
HIM|2|440609|13|0|Ich sage dir: Wer da würdig ist, der soll erlöst werden, wie dereinst Loth zu Sodom und Noah in seiner Zeit! Für die Unwürdigen aber habe Ich keine anderen Gaben als die nur, die ein jeder irdische Tag mit sich bringt! Zu Abrahams Zeiten habe Ich nur dem Abraham allein die große Verheißung gegeben, obschon die Erde damals schon viele Hunderttausende von Bewohnern zählte. War es damals gut und recht, warum soll es jetzt nicht so sein? Ich aber bin ja noch gleich derselbe, wie in der Zeit Abrahams, und tue also jetzt, wie Ich damals getan habe.
HIM|2|440609|14|0|Ich offenbare Mich allezeit nur wenigen, die da reif sind und denen Mein Wort nicht zum Gericht wird. Wenn aber durch Meine Fürsorge mehrere reif werden, dann will Ich auch sie – wie dereinst die Kinder Abrahams aus der ägyptischen Knechtschaft – befreien zur rechten Zeit!
HIM|2|440609|15|0|Frage daher nicht: Wie, wann und wo? – sondern tue, was du vorderhand zu tun hast; für alles andere werde schon Ich sorgen. Ohne dein Verdienst und ohne deine Sorge habe Ich dir diese Gnade gegeben, denn du warst noch nie ohne Sünde vor Mir! Und also haben es auch deine Brüder empfangen ohne ihre Sorge!
HIM|2|440609|16|0|Also soll es auch bei der Veröffentlichung dieses Wortes gehen! Zuvor aber muss ein großes Wehe über einen großen Teil der Welt ergehen aus der Hure. Wehe allen jenen Staaten, die nun der Hure auf den Thron helfen, und dass sie ihre Throne feste! Wahrlich, diese werden einen Fall von ihrem Thron tun, größer und weiter, als die beiden Pole des Himmels voneinander abstehen! Fürchte dich aber nicht darum! Denn Ich werde die Meinen allezeit schützen, und es solle nie ein Haar auf ihren Häuptern gekrümmt werden.
HIM|2|440609|17|0|Und nun meine Ich, die Antwort auf deine Frage dürfte die hinreichende Ausdehnung haben. Daher begnüge dich mit ihr, denn mehr zu sagen ist in dieser Hinsicht wohl nicht vonnöten! Nur erwähne Ich schließlich noch, dass sich das auch deine Freunde als ein vollgültiges Notabene nehmen sollen. Und auch sie sollen Mich sorgen lassen und Meine Ratungen befolgen, so wird alles den besten Weg gehen in Meinem Namen. Amen.
HIM|2|440623|1|1|Vorbereitung auf das Neue Wort – 23. Juni 1844
HIM|2|440623|1|0|Frage nicht, sondern schreibe! Denn siehe, du hast es vor dir und magst es ja so gut wie förmlich abschreiben, wie für die Protestanten gesorgt wird in dieser Zeit! Schelling, Steffens, Gustav A. und dergleichen mehrere sind dazu schon höhererseits gebildet!
HIM|2|440623|2|0|Damit du aber hier auch etwas erfahrest, wie deren Geist beschaffen ist, so sollen dir einige Stellen aus dem Werke Steffens’, darin er vom „falschen Glauben und von der wahren Theologie“ spricht, ein Licht geben.
HIM|2|440623|3|0|Auf Seite 5 und 6, da Steffens von der „falschen Theologie“ spricht, heißt es:
HIM|2|440623|4|0|„Wir reden hier nicht von einer sogenannten Vernunftreligion, die abgesondert von der Offenbarung sich gestalten will. Ist es nicht erlaubt, das ordnende Prinzip der geselligen Verhältnisse der Menschen, abgesondert von der geschichtlichen Entwicklung des Geschlechtes, durch Reflexionen herauszuheben und ein lediglich aus dem Standpunkt eines reflektierenden menschlichen Bewusstseins erzeugtes Naturrecht zu begründen, so ist eine Religion, die lediglich aus dem Meinen und Denken der Menschen entsprungen wäre, ein noch viel härterer Widerspruch. Alle Religionen ward als Offenbarung, als eine Gabe höherer Geister betrachtet und war nur dadurch Religion.
HIM|2|440623|5|0|Die christliche Religion ist die Offenbarung der ewigen Liebe Gottes, ist, so wie sie den Gläubigen geschenkt ward, die Enthüllung eines seligen höheren Lebens, gegen welches alle irdische Erscheinung erblassen muss, so dass alle Größe der Erde nicht wert ist der Herrlichkeit, die uns einst offenbar werden soll und die wir wirklich hier schon im festen Glauben besitzen!
HIM|2|440623|6|0|Eine Vernunftreligion ist daher gar keine Religion. Und nur ein verirrtes Denken kann in diesem Wort eine Zusammensetzung dulden, die sich selber aufhebt.“
HIM|2|440623|7|0|Weiter kommt auf Seite 109 desselben Werkes eine gar wichtige Stelle vor, die also lautet:
HIM|2|440623|8|0|„Jetzt, da ich mich bis in die innersten Tiefen des Daseins gebunden fühlte, da das Sein in dem verborgensten Mysterium des Daseins, das Denken sich durch das Bewusstsein des Abfalls gefesselt sah, musste ich einsehen, dass nur eine unbedingte Hingebung mich befreien konnte. Wird nicht die Spekulation dann erst lebendig, wenn der Verstand sich in unauflösliche Widersprüche verwickelt sieht, und wird sie nicht im höheren Sinne bestätigt, indem man ihren engeren Standpunkt zu verlassen wagt?
HIM|2|440623|9|0|Die Philosophie ist die absolute Selbsttat. Das Selbstbewusstsein findet in sich selbst alle Schätze des Erkennens. Aber sie vermag nichts; denn der Formalismus des Denkens hat keine erzeugende Kraft. Wird sie (die Philosophie) nicht im höheren Sinne in sich klarer wieder erstehen, wenn der Erbauende heimisch wird in der erhabenen Welt der eigenen Persönlichkeit, wenn er nicht bloß denkt, sondern auch lebt, wo seines wahren Denkens unzweifelbare Quelle gefunden wird? Und so wäre denn die absolute Hingebung in den Willen Gottes die dritte, höchste Stufe der geistigen Entwicklung – aus ihrem stärksten Gegensatz erzeugt!“
HIM|2|440623|10|0|Siehe, das ist eine vorzüglich gute Stelle, über die aber freilich so manche hochweltweise Rezensenten ihre Nasen rümpfen. Aber das tut nichts. Denn es gibt doch Tausende, die sich darnach kehren in ihrem Denken und auch in praktischen Versuchen!
HIM|2|440623|11|0|Gehen wir aber nur weiter und hören wir, was Steffens in seines Werkes 129. Seite spricht! Also lauten die Worte:
HIM|2|440623|12|0|„Der fromme Christ braucht einen Ausdruck, welcher oft angefeindet wird. Er wünscht (nämlich), dass der Heiland Gestalt in ihm gewinnen möge. Man findet diese Äußerung mystisch, fanatisch, schwärmerisch. Wie soll es mir gelingen, euch, meinen Freunden, begreiflich zu machen, dass diese Äußerung recht im Innersten das ausdrückt, was ich die tiefste Seligkeit der Liebe nennen möchte?
HIM|2|440623|13|0|Der Apostel, wenn er die Gemeinde als den Leib des Herrn darstellt, benützt die Glieder des Leibes, die eins sind und alle einander gleich durch die Einheit des Lebens. Dieses Bild ist herrlich; aber seine eigenen flammenden Worte über die Liebe fordern, dass wir es in einem höheren Sinne nehmen.
HIM|2|440623|14|0|Die Organe des Leibes sind, wenngleich dem Ganzen einverleibt, doch gebunden auf eine bestimmte Weise. Das ganze Leben ist in einem jedem Organ, doch aber gefesselt in der besonderen Form. Wir sind frei im Heiland, Kinder Gottes durch Ihn. Daher tritt uns in Ihm die geheiligte Person aller Persönlichkeit, die Urgestalt aller Gestalten entgegen. Und vermögen wir uns Ihm hinzugeben, dann gibt Er Sich auch uns hin ganz und gar, dass wir, wie die Besonderen, so doch auch in Ihm, mit Ihm Er Selbst sind.“
HIM|2|440623|15|0|Siehe, diese Stelle ist noch erhabener und zeigt dem tiefer Denkenden klar, was er zu tun hat, um aus Mir das wahre, ewige Leben zu überkommen!
HIM|2|440623|16|0|Aber Ich lasse es noch weiter gehen, und so schreibe weiter, was dieser Schriftsteller noch Erhabeneres sagt auf Seite 136 seines Werkes. Die Worte lauten also:
HIM|2|440623|17|0|„Das Abendmahl ist der höchste individualisierende Prozess des Christentums. Durch dasselbe versenkt sich das ganze Geheimnis der Erlösung in seiner reichen Fülle in die empfängliche Persönlichkeit. Der fruchtbringende Strom der Gnade, welcher die ganze Natur und Geschichte seit jenen (großen) Zeiten ihrer großen Wiedergeburt durchwallt und reif macht für eine selige Zukunft, nimmt die Gestalt des Heilands an, damit alles in allem für Sein Herz sei.
HIM|2|440623|18|0|Daher das Abwenden vom Bösen, die vereinigende Vergebung, die gänzliche Hingebung! Diese eben ist die Liebe! Nur eine Persönlichkeit kann Gegenstand der gänzlich sich opfernden, den Willen völlig in Anspruch nehmenden Liebe sein.
HIM|2|440623|19|0|Und ewiges Leben durch die Liebe ist die innerste, tiefste Bedeutung des Christentums.
HIM|2|440623|20|0|Was der Geist wohl glaubt, was den Tod überwindet, ihn zugleich zurückdrängt in die Sinnlichkeit, dann wie in ihm schlummert, das wird durch die beseligende Gegenwart des Erlösers, der für ihn ist – ganz ist – hier Gewissheit, Genuss, Nahrung.
HIM|2|440623|21|0|Nur wer das Wesen der Liebe kennt – und der kennt es nur, welcher es erlebt hat – kann jene Innigkeit fassen! Alles, was wir denken und wollen, jede keimende Idee des Geistes, alles, was wir Großes und Herrliches schauen und genießen – jene Züge der Urgestalt, die in der irdischen Erscheinung geheimnisvoll vereint, durch das verworrene Leben gefesselt und gebunden sind, Leib und Seele zu einem höherem, geistigen Bund sich durchdringend, treten uns in dem gegenwärtigen (persönlichen) Heiland entgegen. Alles, was Er der Welt war und sein wird, was er lehrte und litt, gestaltet sich in uns, dass wir dann innewerden: Seine Worte sind Er Selbst – sind Geist und Leben!“
HIM|2|440623|22|0|Aus diesen Stellen kannst du zur hinreichenden Genüge ersehen, wie Ich nun, wie schon gar lange her, für die Protestanten sorge, gesorgt habe und noch sorgen werde und wie Ich sie alle vorbereite auf die große Gabe!
HIM|2|440623|23|0|Du wirst zwar den Stil sehr gelehrt finden. Ich aber sage dir: Wer alle gewinnen will, der muss auch mit allen alles sein. Er muss weinen mit den Weinenden, scherzen mit den Scherzenden, lachen mit den Lachenden, fröhlich sein mit den Fröhlichen, traurig sein mit den Trauernden, leidend mit den Leidenden, gesund mit den Gesunden, krank mit den Kranken, stark mit den Starken, schwach mit den Schwachen, ein Narr mit den Narren und somit auch ein Gelehrter mit den Gelehrten! Denn ein jeder ist nur in seiner Schwäche, die sein Joch, sein Netz und seine Schanze ist, zu fangen!
HIM|2|440623|24|0|Also muss man zuerst auch hier mit den zumeist gelehrten Protestanten gelehrt sprechen und sie so fangen in ihrer Schanze, so man sie für die absolute Stimme des Vaters, der Ewigen Liebe, will empfänglich machen!
HIM|2|440623|25|0|Und siehe, also komme Ich nun allen entgegen mit weit ausgebreiteten Armen und rufe von neuem: „Kommt alle her, die ihr mühselig und beladen seid! Ich Selbst will euch alle erquicken!“
HIM|2|440623|26|0|Darum sollst du dich auch nicht zu sehr sorgen, was mit deinem Empfang geschehen solle! Denn siehe, Ich habe ja eine Menge Arbeiter nun für Meinen Weinberg gedungen, die das Erdreich umgraben und die Stöcke beschneiden!
HIM|2|440623|27|0|Lassen wir daher diese ihre erste Arbeit beenden! Und so dann bald die Triebzeit kommen wird, dann werden wir schon die große Sonne aufgehen lassen, an deren Licht und Wärme alle Frucht die baldige Vollreife erlangen soll. Amen, Amen, Amen.
HIM|2|440624|1|1|Der Herr und der Rezensent – Nachbemerkung zu der Kundgabe vom 23. Juni 1844 – 24. Juni 1844
HIM|2|440624|1|0|Ebendiese angeführten Stellen mit noch einigen mehreren sind schon in der Allgemeinen Zeitung von Jena in Deutschland von einem der puren Vernunftreligion das Wort sprechenden, sauren Rezensenten ganz gewaltig beschnüffelt worden, welcher Rezensent aber eben durch solche seine Rezension an den Tag gelegt hat, dass er trotz seiner scharfen Philosophie noch gar lange nicht fähig sein wird, ein höheres Licht des Geistes zu empfangen und daher auch lange nicht zu verstehen, was der vom Rezensenten genannte „Knabe“ Steffens aus Mir niedergeschrieben hat!
HIM|2|440624|2|0|Er beschuldigt den „Knaben“ zwar des Hegelianismus, gewahrt aber nicht, dass gerade nur aus ihm der Hegel und Strauß spricht, während Steffens und Hegel zwei sich ganz entgegengesetzte Pole sind.
HIM|2|440624|3|0|Der superkluge Rezensent findet darinnen freilich nichts als eine poetische Schwärmerei eines mystisch fanatischen, jugendlichen Gemütes, nichts als Nebel und Firmamentwolken einer mystischen Phantasie und schreit und macht einen großen Lärm darob – und noch so manche mit ihm.
HIM|2|440624|4|0|Aber das tut nichts zur Sache – darum ist Steffens, wie noch mehrere seinesgleichen, dennoch unter den Auserwählten, während der saure Rezensent nicht einmal zu den vielen Berufenen gehört, sondern gleich ist den Schmarotzerpflanzen, die sich an den mächtigen Eichen ansetzen und prangen da auf den hohen Ästen, als wären sie gleich oder gar über der Eiche. Wann aber ein Sturm kommt, dem die Eiche trotzt, so reißt er bald und leicht das lockere Gezweige des Unkrautes vom Stamm. Und lose Buben sammeln dann das zerstreute Gezweige samt der Frucht und kochen daraus einen Leim zum Fange für lockere Zeisige, Finken, Spatzen und Gimpel! Was aber eben nicht viel sagen will, denn der mächtige Aar wird doch ewig solcher Fangstelle zu spotten wissen!
HIM|2|440624|5|0|Solches ist hier auch zu beachten, damit sich da niemand stoße, so ihm irgendwann eine solche Schmarotzerpflanze von einer Vernunftrezension in die Hände fallen sollte!
HIM|2|440624|6|0|Das sage auch Ich, der persönliche Heiland in dir und in deinen Freunden und Brüdern! Amen.
HIM|2|440629|1|1|Übung macht den Meister – 29. Juni 1844
HIM|2|440629|1|0|Also gebe der, die da ein wenig dürstet, dies gute Tränklein! Ich gebe denen ja alles gerne, die sich auf Meine Gabe freuen. Aber die sich auf Meine Gaben fürchten, denen gebe Ich nicht so gerne, weil Ich Selbst durch irgendeinen geheimen Gewissensdruck niemanden in seiner Freiheit beirrt haben will!
HIM|2|440629|2|0|Es fürchtet sich zwar Mein Töchterlein auch ein wenig, aber darum gebe Ich ihr doch gerne etwas, weil sie Mich im Geheimen lieb hat!
HIM|2|440629|3|0|Das aber sei die Gabe! Höre Mich, du Mein liebes Töchterlein!
HIM|2|440629|4|0|So ein kränkelnder und hungernder Mensch, der da gesund und gesättigt werden möchte, eine gute Medizin und einen Tisch voll der besten Speisen vor sich hat, nimmt aber nicht die Medizin und isst nicht von den Speisen, sondern er beriecht nur sowohl die Medizin als auch die Speisen und meint, es werde ihn auch der alleinige Geruch schon heilen und sättigen – meinst du wohl, mein Töchterlein, dass dieser Mensch geheilt und gesättigt wird durchs alleinige Beriechen der Medizin wie der Speisen?
HIM|2|440629|5|0|O nein! Er wird nur schwächer und schwächer werden und wird am Ende so gut Hungers sterben wie einer, der nichts zu essen hatte! Denn der Wohlgeruch stärkt und beseliget wohl den gesunden und gesättigten Menschen, aber wo der Magen noch leer, da ist der bloße Wohlgeruch offenbar zu wenig!
HIM|2|440629|6|0|Siehe, du Mein liebes Töchterlein! Also kranke und hungrige Menschen gibt es aber jetzt eine große Menge auf der Welt. Diese Menschen sind ruhig und haben gute und ehrliche Sitten, aber sie machen sich eigene dumme Gesetze in ihrer Natur, denen zufolge sie wohl an allem Guten und Wahren den besten Geschmack und ihr größtes Wohlgefallen finden. Aber dennoch wollen sie selbst nicht in das Gute und Wahre beißen!
HIM|2|440629|7|0|Sie gleichen auch denen, welche die Künstler allezeit lieben und bewundern. Aber Selbstkünstler wollen sie in keinem Falle werden; denn da bedenken sie die Mühe und haben dann nicht den Mut, ihre Hände ans Werk zu legen. Sie möchten wohl sehr gerne auch selbst Künstler sein, wenn sie andere Künstler hören oder ihre Werke schauen – so das Künstlerwerden nur nicht mit so viel Mühe verbunden wäre!
HIM|2|440629|8|0|Darum aber heißt es denn auch: Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt!
HIM|2|440629|9|0|Siehe, also geht es mit alledem, was des Geistes ist! Ich sage dir: Da ist das Sehen und Hören zu wenig! Dem Künstler genügt das wohl zu seiner Stärkung, aber der Laie wird für sein eigenes Können in einem Konzert wenig ernten!
HIM|2|440629|10|0|Und also ist es auch mit Meinen Gaben! Sie müssten nicht nur gelesen, sondern werktätig geübt werden! Dann werden sie dem Leser und Hörer erst den wahren lebendigen Nutzen bringen.
HIM|2|440629|11|0|Übe du dich daher nur fleißig in der lebendigen Liebe zu Mir und werde darin eine wahre Virtuosin, so wirst du dann erst lebendig in dir erschauen, wie groß jede Meiner Gaben ist für ewig!
HIM|2|440629|12|0|Das ist Mein Wunsch an dich, Mein Töchterlein! Befolge ihn lebendig, so wirst du leben ewig! Amen.
HIM|2|440706|1|1|Geben ist seliger als Nehmen. Ein Wahlspruch des Herrn – 6. Juli 1844
HIM|2|440706|0|0|O Herr! Als Dein Paulus eine Abschiedsrede zu Miletus hielt, da sagte er zu den Ältesten, man müsse eingedenk sein des Wortes des Herrn Jesu: „Seliger ist Geben als Nehmen!“ (Apg. 20,35) Da nun dieses überherrliche Wort in den vier Evangelien nicht vorkommt, so bitte ich Dich, Du allerliebevollster Herr, dass Du uns kundgeben möchtest, bei welcher Gelegenheit Du dies himmlische Vaterwort ausgesprochen habest!
HIM|2|440706|1|0|Mein lieber A. H.-W.! Wie magst du fragen darum? Das muss dir ja doch klar sein, dass Ich im Verlaufe von dreiunddreißig Jahren sicher mehr werde geredet haben, als da enthalten ist in den vier Evangelien! Also kann Paulus gar wohl irgendein Wörtlein von Mir genommen haben, das Ich geredet habe, obgleich es nicht in den vier Evangelien zu finden ist, wohl aber in Taten und Gleichnissen.
HIM|2|440706|2|0|Damit du aber dennoch deine Wissbegierde befriedigst, so wisse, dass dies Sätzlein Mein gewöhnlicher Wahlspruch war, der einer jeden Handlung wie auch so mancher Rede voranging. Daher kann Ich dir hier auch nicht irgendeine bestimmte Gelegenheit anzeigen, bei der ein solches Sätzlein eigens wäre ausgesprochen worden. Denn bei Mir war ja alles, was Ich sprach und tat, eine reichlichste Gabe an die Menschen. Daher ging auch dieses Sprüchlein allezeit voran. Und die Evangelisten nahmen es eben darum nicht in ihren Bericht, weil es ihnen zu alltäglich aus Meinem Munde war!
HIM|2|440706|3|0|Paulus aber konnte damals noch gar sehr wohl wissen von solch einer Eigenheit seines Herrn und gab es daher in seiner Abschiedsrede an die etwas hartherzigen Mileter und dadurch auch euch allen zur strengen Beachtung kund!
HIM|2|440706|4|0|O möchtet auch ihr es lebendig in euch aufnehmen und empfinden – und lebendig fühlen, um wie viel das Geben seliger ist als das Nehmen! Dann würdet auch ihr euch dieses Sätzlein zum lebendigen Wahlspruch machen!
HIM|2|440706|5|0|Aber da ihr noch bei weitem mehr fürs Nehmen als fürs Geben eingenommen seid, so mögt ihr auch die große Seligkeit des Gebens nicht empfinden. So aber soll es nicht sein unter denen, die Ich berufen und erwählt habe!
HIM|2|440706|6|0|Ich sage demnach: Erwählt auch ihr euch diesen Meinen Wahlspruch, und ihr werdet dadurch Meine wahrhaftigen Jünger und Kinder sein allezeit und ewig. Amen.
HIM|2|440815A|1|1|Der reichste Fürst. Ein Gleichnis zur Frage der Vorexistenz – 15. August 1844
HIM|2|440815A|0|0|Frage Ans. Hüttenbrenners: „O Herr, hatte ich schon einmal irgendwo ein Dasein? Dachte, fühlte und handelte ich nicht schon, ehe mich meine Mutter empfing?“
HIM|2|440815A|1|0|Höre du, Mein lieber Freund A. H.-W., ihr sagt öfter: „Das ist eine kitzliche Frage!“ – Und siehe, also muss da auch Ich zu dir sagen: Das ist eine sehr kitzliche Frage!
HIM|2|440815A|2|0|Ein Ja, ein Nein, beides wäre hier gleich, denn du möchtest das eine so gut wie das andere glauben, da dir in diesem deinem irdischen Zustand durchaus weder für noch gegen solche Annahme irgendein einleuchtender Beweis gegeben werden kann und in Rücksicht auf dein freies geistiges Wohl auch nicht gegeben werden darf!
HIM|2|440815A|3|0|Ich aber werde dir dafür ein Bild geben! So du Weisheit besitzt, da wirst du vieles daraus entnehmen können! Und so höre denn:
HIM|2|440815A|4|0|Siehe, es war irgendein großer Fürst, dieser hatte ein überreiches Land an Gold, Silber, Edelsteinen, Äckern, Wiesen, Tieren und Wäldern von der besten Art. Und dieses Land hatte auch eine gerechte Bevölkerung.
HIM|2|440815A|5|0|Daneben aber war ein anderer Fürst, dessen Land bei weitem ärmer war an allen angezeigten Schätzen. Und so gab es noch eine Menge kleinerer Fürstentümer rings umher, und alle waren an allem dem um sehr vieles ärmer als das Land des einen reichen Fürsten.
HIM|2|440815A|6|0|Dieser Fürst aber achtete seiner Schätze nicht, so groß sie auch waren, sondern sein Augenmerk war stets auf die Güter der viel ärmeren Fürsten gerichtet und darauf, wie er solcher habhaft werden könnte.
HIM|2|440815A|7|0|Mitten unter diesen Fürsten lebte ein überaus weiser Mann, der nichts als seine hohe Weisheit besaß. Aber er war dennoch darum der Reichste unter allen, denn ohne seinen Rat getraute sich keiner der Fürsten etwas zu tun.
HIM|2|440815A|8|0|Diesen Mann fragte einmal der überreiche Fürst, was er wohl tun solle, um die Güter der anderen an sich zu bringen, auf dass er die großen Schätze seines Landes, die er nicht achte, an sich selbst schonen könnte.
HIM|2|440815A|9|0|Und der weise Mann sprach zu ihm. „Weißt du was? Siehe, da habe ich einen guten Rat! Willst du deinen ungerechten Wunsch fördern, da werde mir gleich! Gib alles, was du hast, an die, denen du alles nehmen möchtest, so wirst du gleich mir, der ich nichts besitze, aber dennoch alles haben. Und du wirst mit allem verfügen können gleich mir, der ich auch alles hatte, aber eben darum alles hergab, um alles tausendfältig zu gewinnen!“
HIM|2|440815A|10|0|Diese Rede des weisen Mannes gefiel dem reichen Fürsten überaus wohl, und er tat sobald nach dessen Worten.
HIM|2|440815A|11|0|Und als er darum alle die Fürsten zusammenberief, um ihnen sein Land gänzlich abzutreten, da fragten diese ihn voll Staunens, warum er doch solches tue.
HIM|2|440815A|12|0|Und er, der große Fürst, sprach: „Weil ich eben darum die wahre Weisheit überkomme, in der alle diese Schätze tausendfach enthalten sind!“ – Als die anderen Fürsten solches vernahmen, da sprachen sie: „Wenn also, so bist du schon wahrhaft ein überweiser Mann und wir wollen, dass du über uns alle gebieten sollst!“
HIM|2|440815A|13|0|Der Fürst aber sprach: „Nicht also, meine Freunde, ich habe nur erst den ersten Schritt in der Schule der Weisheit getan! Lasst mich zuvor meine Bahn vollenden, und nehmt ihr mein Gut! So ich vollendet aus der Schule wiederkehren werde, dann will ich euch ein rechter Führer sein!“
HIM|2|440815A|14|0|Damit übernahmen die anderen Fürsten das reiche Land. Der reiche Fürst aber begab sich sobald in die Schule der Weisheit zum weisesten Mann.
HIM|2|440815A|15|0|Siehe, das ist ein geheimes Bild, in ihm liegt die Antwort! Strebe diesem Bild nach, so wird dir in allen Dingen Licht werden für ewig. Amen, Amen, Amen.
HIM|2|440815B|1|1|Heilige Lebenslehre – 15. August 1844
HIM|2|440815B|1|0|Tuet den Menschen alles, was ihr wollt, dass sie es auch euch tun sollen!
HIM|2|440815B|2|0|Siehe, darin liegt alle Rechtfertigung einer guten Handlung! Und zur rechten Tugend gehört, dass man die Betrübten tröste, die Zerschlagenen aufrichte in ihrem Gemüt, den Notleidenden helfe, die Gefallenen aufhebe, die im Geiste Gefangenen erlöse, die Schwachen stärke, den Irrenden den rechten Weg zeige, alle Ärgernisse vermeide und denselben bei anderen vorbaue, auf dass, so jemand einen Schatz hat, er ihn nicht für sich behalte, sondern ihn teile bis auf den letzten Tropfen.
HIM|2|440815B|3|0|Denn wahrlich, so lange wird niemand Mein Reich erben, bis er nicht alles wird hergegeben haben, was er hat! Und wahrlich, wer von euch nicht weltlich und geistlich zuvor so arm wird wie eine Kerkermaus, der wird Mein Reich in ihm nicht lebendig überkommen!
HIM|2|440815B|4|0|Denn so jemand zuvor nicht zum Fremdling wird auf der Welt, wird er nimmer einheimisch in Meinem Reich.
HIM|2|440815B|5|0|Wenn da aber jemand meint und spricht: „Herr, so ich auf der Welt nur Ruhe habe durch ein Amt oder durch ein Vermögen und bin versorgt für meine leiblichen Bedürfnisse, dann will ich, o Herr, alle meine Zeit Dir widmen!“ – da sage Ich: Freund! – solche deine Zeit kann Ich zufolge Meiner ewigen Ordnung durchaus nicht brauchen! Denn Ich Selbst habe nicht gelehrt, dass man zuerst die weltliche Versorgung suchen solle, und hat man diese gefunden, sodann erst Mein Reich – sondern gerade umgekehrt! Denn es heißt: „Vor allem sucht das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere hinzufallen!“
HIM|2|440815B|6|0|Darum aber muss jemand zuvor alles von sich geben, so er Mein Reich ernten will! Gebe alles hintan und verteile es unter die Armen und folge Mir nach, so wirst du Mein Reich ernten!
HIM|2|440815B|7|0|Damit ist nun zur Genüge gezeigt, was dazu gehört, um zu wissen, wann man in und aus „Meinem Reich“ handelt und wann Ich so ganz eigentlich ein Wohlgefallen habe an einem vollbrachten Werk!
HIM|2|440815B|8|0|Wenn du Gutes tust und fragst, ob es Mir wohlgefalle, dann hast du Mein Reich wohl äußerlich in dich einfließend, aber innerlich noch lange nicht.
HIM|2|440815B|9|0|Wenn du aber Mein Reich auch innerlich also hättest, wie Ich es dir von außen her gegeben habe, um dir dadurch die Aussicht in die Welt zu verrammen – dann würdest du nach einer Handlung nicht fragen, ob sie eine Eingebung von Mir, somit gerecht und Mir wohlgefällig sei, sondern du würdest, so du auch aus aller Engel Liebe und Weisheit heraus gehandelt hättest, nur sagen: „O Herr! Ich bin ein fauler und unnützer Knecht!“
HIM|2|440815B|10|0|Siehe, also sieht das rechte „Reich Gottes“ aus! Und also musst du handeln aus Meiner Liebe heraus – dann wird alles gut, recht und Mir durchaus wohlgefällig sein.
HIM|2|440815B|11|0|Es war übrigens deine Handlung wohl gut und recht und eine gute Tugend. Lege aber bei dir dennoch keinen Wert darauf, so du willst, dass Ich sie ansehe! Rühme dich auch nirgends damit, willst du Meine Ehre! Denn was deine Rechte tut, das erzähle nicht einmal der Linken! Dann werde Ich dein Werk annehmen und werde dich ehren, weil du Mir die Ehre gabst.
HIM|2|440815B|12|0|Vor allem aber suche Mein Reich auf die vorbesagte Weise in dir lebendig – dann wirst du allezeit wissen, woher und woraus du gehandelt hast und für Wen!
HIM|2|440815B|13|0|Diese Lehre sei dir heilig für ewig! Amen. Das sage Ich, dein guter, heiliger Vater.
HIM|2|440831|1|1|Der Rock von Trier – 31. August 1844
HIM|2|440831|0|0|Herr! Du liebevollster Vater! Was ist wohl mit Deinem vorgeblichen Leibrock, der nun in der Stadt Trier gegen sehr bedeutende Geldopfer und gegen ewige Ablässe gezeigt wird? O Herr, die Sache kommt mir höchst sonderbar vor! Ist da wohl am Rock selbst etwas daran? Und wie kam diese allergeheiligste Reliquie nach Trier?
HIM|2|440831|1|0|Höre! So auch der Rock echt wäre, dann wäre dennoch Christus nicht im Rock! So aber obendrauf der Rock dem fünfzehnten Jahrhundert angehört und in Trier selbst verfertigt wurde, alsodann als eine vorgeblich aufgefundene, außerordentliche Reliquie von gewissen Mönchen aus Jerusalem durch Rom nach Trier gegen ein starkes Opfer gebracht ward und in ihm also Christus sicher nicht zu Hause ist – was wird das wohl sein? Ich meine, da dürfte es wahrlich unnötig sein, diese Sache näher zu bezeichnen!
HIM|2|440831|2|0|Was tun habsüchtige Menschen, so sie gern reich und dadurch mächtig werden möchten, es aber auf eine ehrliche und redliche Weise nicht werden können? Siehe, da fangen sie an zu lügen, zu betrügen, zu stehlen und endlich zu rauben und zu morden!
HIM|2|440831|3|0|Also ward hier mit einer mächtigen Lüge und einem noch mächtigeren tatsächlichen Betrug angefangen! Diesem wird bald folgen Dieberei, Raub und Mord!
HIM|2|440831|4|0|Man wird Mir einen Prachtdom erbauen! Wann aber habe Ich solches je verlangt? Ist es nicht des Menschen Herz nur, in dem Ich zu wohnen pflege, so es liebevoll und von aller Welt befreit ist? Wozu soll da der Dom gut sein, und besonders da Trug sein Grundstein ist?!
HIM|2|440831|5|0|Ich sage aber: Dieser Dom wird dennoch zu etwas gut sein – nämlich zu einem ganz gewaltigen Stein des allgemeinen Anstoßes, und wird ein neues Zeugnis sein für jene, die der Geschichte nicht glauben, wie dereinst in den finstersten Zeiten Rom in Meinem Namen freventlich gehandelt hat – Ich sage, ärger als einst Babel und als die Heiden!
HIM|2|440831|6|0|Denn diese hatten doch irgendeine geheime Furcht vor einem oder dem anderen Götzen! Jene aber haben auch nicht die allergeringste Furcht darum, weil sie keinen Glauben und keine Spur von einer Liebe haben; sondern sie machen sich selbst zu Meinen Herren. Ich muss sein, wie sie Mich brauchen können für ihre großen Gold- und Silberbeutel. Mein Wort wird verboten und dafür der armen Menschheit der niedrigste und stinkendste Unrat geboten! Was wohl ist das?
HIM|2|440831|7|0|Siehe, also muss der „verlorene Sohn“ es nun mit den Schweinen halten und darf nicht einmal mit ihnen das elendste Trebermahl genießen! Also muss der Feind steigen, auf dass er den letzten Fall mache zum ewigen Verderben seiner elenden Natur!
HIM|2|440831|8|0|Ihr aber freuet euch dessen, denn auch das ist der „Feigenbaum“, der da „saftig“ wird, seine Knospen auszutreiben anfängt und zeigt, dass es nun sehr nahe vor der Tür ist!
HIM|2|440831|9|0|O wehe dir, die du lügst und betrügst ohne Ziel und Maß! In der Kürze sollen über dich gewaltige „Diebe, Räuber und Mörder“ kommen, werden dich hernehmen wie reißende Tiere ihre erjagte Beute und werden in dir nicht einmal das Mark der Knochen verschonen!
HIM|2|440831|10|0|O siehe, das tut nicht einmal eine ärgste Hure, was nun diese tun von neuem! Daher sollen sie aber einen eigenen Lohn finden!
HIM|2|440831|11|0|Doch nun nichts mehr weiter davon! Redet aber nicht davon! Denn es ist nicht löblich für den, der den Himmel hat, sich über das, was der Hölle ist, zu beraten! Es ist genug, dass ihr wisst, dass das Kleid falsch und somit ohne Christus ist für alle Ewigkeit.
HIM|2|440831|12|0|Wie aber nun dies Kleid, so ist die ganze Kirche, die es ums teure Geld, wie ein Gaukler seine Künste, sehen lässt!
HIM|2|440831|13|0|Nun weißt du alles! Daher nichts mehr von diesem „Gräuel der Verwüstung“! Amen.
HIM|2|440913|1|1|Die beste Kur – 13. September 1844
HIM|2|440913|1|0|Also sage es dem feinherzigen K. G. L.: Die Glaubenskur aus der Liebe zu Mir, dem Vater über Leben und Tod, ja, die Kur aus dem wahren Liebeglauben zu Mir, eurem Vater, ist die allerbeste!
HIM|2|440913|2|0|Wenn du glaubst in deinem Herzen, dass Ich dir allezeit helfen kann und will, wenn du nur immer Meiner allein rechten und wahren Hilfe vonnöten hast und wann du dich immer lebendig volltrauend darum zu Mir wendest, dass Ich dir helfe – dann soll dir auch allezeit geholfen sein!
HIM|2|440913|3|0|Aber bei Mir und bei der Weltkunst sollst du nicht zugleich Hilfe suchen, denn da kann die Weltkunst nur gerade so viel verderben, wie Ich dir helfe.
HIM|2|440913|4|0|Das Gesundheitsrezept hast du ohnehin vollständig von Mir. Halte dich darnach, so wirst du wenig mit den Weltärzten zu tun haben.
HIM|2|440913|5|0|Den kleinen Ausschlag aber beschmiere in Meinem Namen mit warmem Baumöl, wenn es sich wieder zeigen wird – und es soll dann schon besser werden! Enthalte dich aber in den kalten und nassen Zeiten von hitzenden Getränken und sauren Speisen! Und halte dich mäßig warm, so wirst du wenig Katarrh zu bestehen haben.
HIM|2|440913|6|0|Damit empfange du aber auch Meinen Segen und bleibe Mir getreu in deinem Herzen! Und Ich, dein heiliger Vater, werde dich schützen und schirmen in allen Dingen. Amen! Das sage Ich dir, dein heiliger, liebevollster Vater.
HIM|2|450217|1|1|Trostwort in trüber Zeit an K. G. Leitner – 17. Februar 1845
HIM|2|450217|1|0|Was sucht wohl der Mensch hienieden, dass er darob so sehr umstrüppet sein Gemüt? Was kann die kalte Zeit dem Steuermann bieten, der sein Ruder fruchtlos an den Eisschollen zerschellt? Was bläst der Weltweise über beeiste Bergzinnen hinweg, als wollte er mit seinem Odem den Äther der Himmel durchfegen und die Elemente zügeln wie ein ungewaschener Fuhrmann sein elend Fuhrwerk?
HIM|2|450217|2|0|O siehe, du Mein lieber Herzensfreund, das ist alles eitel! Wer wohl kann Mich bezwingen?! Was nützt es dem weisen Toren, so er es heute schreibt und sagt: „Morgen soll alles weiß sein!“? – In Meiner alleinigen Macht aber steht es, alles schwarz zu machen! Meinst du wohl, dass er neben Mir, dem Herrn, aufkommen wird?
HIM|2|450217|3|0|Man sagt wohl, Ich sei taub und blind geworden. Allein dem ist nicht also! Denn siehe, so der Dieb ins Haus will, da ist er vorher auf der Lauer und ist stille und meldet sich nicht – und da eben behorcht und belauscht er alles am sorgfältigsten und wartet den Augenblick ab, der zu seinem Unternehmen der günstigste sein möchte. Und so alles im Haus schläft, da bricht er ein und würgt und holt sich seinen Raub.
HIM|2|450217|4|0|Wohl da den Wachenden! Die werden den Herrn der Herrlichkeit sicher erkennen, ob Er wohl ein Dieb oder ob Er der wahre Herr sei! Aber den Schlafenden – wehe! Denen wird der in der Nacht Kommende tun, was der Dieb tut, so er zur Nacht ins Haus bricht!
HIM|2|450217|5|0|Diese wenigen Worte betrachte du, Mein Herzensfreund, wenn die stumme, tote Welt dich ärgert – und du wirst eine mächtige Stärkung finden! Denn du wirst daraus ersehen, dass der dir in manchen welttrüben Stunden fern zu sein Scheinende der Welt eben gerade da am nächsten ist, wo sie Ihn am fernsten wähnt! Dieses diene dir wie eine Sonne in der Nacht! Amen.
HIM|2|460126|1|1|Erscheinungen der Seligen – 26. Januar 1846, Greifenburg
HIM|2|460126|0|0|Aus einem Brief an Andreas Hüttenbrenner:
HIM|2|460126|1|0|... Es ist für uns besser, solange wir noch im Leibe zu leben und zu wirken haben, wenn uns die Bürger des Himmels nicht oft erscheinen, weil sie sowohl unsere Freiheit beirren, als auch nicht selten uns dem Leibe nach krank und zum Dienst des Nächsten untüchtig machen und endlich auch aus unserem Glauben, dass wir ewig leben sollen, ein Erfahrungswissen machen, in dem nicht das Leben, sondern der Tod zu Hause ist. Denn es heißt in der Schrift: „Wann du von dem Baum der Erkenntnis essen wirst, dann wirst du sterben!“
HIM|2|460126|2|0|Es wird demnach vom Herrn nur selten zugelassen, dass sich Selige auf die Erde ihren irdischen Freunden rückäußern können. Und wenn es schon dann und wann geschieht, so geschieht es nur eines erloschenen Glaubens halber, um dadurch demselben auf eine solche außerordentliche Weise aufzuhelfen. Und dann bekommen auch nur die Erwählten die Gesichte, weil ihnen die Gesichte nicht mehr schaden können; die anderen aber machen sich das viel Bessere des Glaubens zum fruchtbringenden Nutzen.
HIM|2|460126|3|0|Ihr sie allezeit segnender und ewig liebender Freund. – Jakob Lorber
HIM|2|461209|1|1|Die leidige Zukunft – 9. Dezember 1846
HIM|2|461209|1|0|Also fragte dein Freund und Bruder, was da wohl die Zukunft bringen werde? Das ist freilich wohl eine sehr eitle Frage. Aber gleichwohl will Ich eine Antwort darauf geben. Nun siehe, da ist sie schon:
HIM|2|461209|2|0|Die Zeit ist und bleibt „Zeit“, wie die Welt fortwährend „Welt“ bleibt. Wer da bessere Zeiten und eine bessere Welt erwartet, der irrt sich sehr in seiner irdisch frommen Erwartung! Denn die Welt war allezeit arg und wird es auch sein bis ans Ende aller Zeit.
HIM|2|461209|3|0|Daher kann auf der Welt für die Welt die Zeit nichts als nur Arges bringen! Für den aber, der mit Mir ist und Ich mit ihm, dem wird weder die Welt noch ihre lose Zeit etwas anhaben können – wie euch alle schon die tausendfache Erfahrung hinreichend belehrt hat.
HIM|2|461209|4|0|Es ist mit der Welt nahe also wie mit der Hölle. In ihr finden nur ihre Eigenen die Hölle, nicht aber auch Meine Engel, die zumeist sich daselbst befinden, um die argen Geister zu bessern oder zu strafen.
HIM|2|461209|5|0|Aus dem geht aber für den Geistesverständigen leicht hervor, dass der Gute auf der Welt allezeit nur Gutes, wie der Schlechte allezeit nur Schlechtes zu erwarten hat.
HIM|2|461209|6|0|Wer auf Meinen Wegen wandelt, der wird mit seinen Füßen an keinen Stein stoßen; will aber jemand nur ein wenig die Wege der Welt prüfen, der wird sicher schon beim ersten Tritt auf einen tüchtigen Stein stoßen.
HIM|2|461209|7|0|Was fragt ihr aber: „Werden wir Krieg bekommen? Werden die Polen aufstehen? Was wird Frankreich, was England machen? Was Österreich, was Preußen, was Russland?“ – Oh, das sind eitle Fragen!
HIM|2|461209|8|0|Glaubt denn auch ihr noch an eine Vorbestimmung der Volksschicksale? Sollte Ich etwa sagen und fest bestimmen, so und so wird es diesem oder jenem Volk ergehen!? So Ich das täte, wäre da wohl Liebe in Mir und Geduld und Erbarmung? Oder ist wohl Liebe im Richter, der da über einen Gesetzesübertreter den Stab bricht und dann zu ihm spricht: „Morgen musst du sterben!“? Dasselbe wäre bei Mir ja umso mehr der allerliebloseste Fall, wenn Ich mit den sündigen Menschen der Welt also verfahren möchte, da Mir, als der ewigen Allmacht, doch ewig nie eine sonderheitliche Macht trotzen kann.
HIM|2|461209|9|0|Seht, auf der Welt lasse Ich alles frei walten, was nur immer den Namen Mensch hat! Warum? Das wisst ihr ja schon lange.
HIM|2|461209|10|0|Wäre es wohl recht von Mir, so Ich nun ganz fest bestimmen möchte: „Am 21. März 1847 wird ein überaus blutiger Krieg seinen Anfang nehmen und wird sich zehn Jahre dauernd über ganz Europa erstrecken!“? – So sich nun aber die Menschen im einen oder anderen bessern würden, und Ich ließe dennoch diese Geißel über sie kommen – wäre Ich da wohl ein rechter Richter und ein Vater jedes Menschen?
HIM|2|461209|11|0|O seht, wie eitel doch eure Fragen sind! Ich sehe wohl in euren Herzen eine Kriegslust, durch die ihr gerne anmaßende Herrscher gedemütigt sehen möchtet! Was aber würde wohl die Frucht davon sein? Der eine wird wohl gedemütigt, aber Tausende werden dafür in ihrem Sinnesrausch erbost und werden dann ein noch viel ärgeres Spiel mit der armen und schwachen Menschheit treiben als irgendein jetziger, sich zwar wohl mächtig dünkender Herrscher, der aber dennoch in gewissen Schranken sich zu halten bemüßigt ist, weil er anderen Mächten wie auch seinem Volk doch nicht völlig traut. Wird aber einer oder der andere seine Macht erproben, dann wird auch alle misstrauische Furcht verbannt sein, und er wird dann mit eisernem Szepter seine unterjochten Völker beherrschen, was viel Jammer, Heulen und Zähneklappern mit sich bringen würde.
HIM|2|461209|12|0|Wer Licht sucht und will, dem wird es; wer den Frieden, dem soll er werden! Der Gute und Barmherzige wird Güte und Barmherzigkeit finden, wie der Böse seinen unbarmherzigen Richter. Ihr aber kümmert euch alles dessen gar nicht, sondern eure Frage sei nur: „Herr, Vater, bist Du bei uns?“ – Und Ich sage zu euch dann: „Ja, Meine Kinder!“ – Alsdann lasst nach Krakau Österreicher, Russen oder Chinesen einziehen, und es wird für euch ganz einerlei sein!
HIM|2|461209|13|0|Mag da geschehen, was da wolle, die Meinen werden allezeit sich unter Meinem allmächtigen Schutz befinden, sei es auf der Welt oder in der Hölle. Die Welt und ihre Schwester, die Hölle, aber wird stets das bleiben, was sie ist – bis zu ihrem Gericht.
HIM|2|461209|14|0|Ich aber weiß gar wohl, warum Ich über ein oder das andere Volk dies oder jenes kommen lasse. Euch aber genüge es, zu wissen, dass da von Mir, dem Vater aller Menschen, keine bösen Gaben den Kindern, wie diese auch beschaffen sein mögen, gereicht werden, am wenigsten denen, die Mich suchen, erkennen und lieben. Amen! Das zu eurer Belehrung und Danachachtung!
HIM|2|461210|1|1|Zur silbernen Hochzeit – 10. Dezember 1846
HIM|2|461210|1|0|So schreibe ein kurz Wörtlein darob, dass dein und Mein Freund ein Fest in guter Weise feierte, das ihm und seiner Familie eine seltene Freude machte.
HIM|2|461210|2|0|Ich habe zwar an keinerlei äußerlichen Festen, welche die Menschen auf Erden begehen, irgendeine Freude. Aber wenn Feste zu seltenen Malen begangen werden von solchen, die in Meinem Herzen gezeichnet sind, da freilich wohl bin auch Ich dabei, wie bei der Hochzeit zu Kana in Galiläa, und verwandle das Wasser der Welt in den belebenden Wein des Geistes.
HIM|2|461210|3|0|Das habe Ich wohl auch bei unserem Freund nicht unterlassen – und habe es dadurch sichtbar angezeigt, dass Ich dich zu dieser Zeit in dies Haus brachte und war und bin mit dir sichtlich daselbst eingekehrt. Und wie du da Aufnahme fandest, also habe auch Ich solche, Mich sehr erfreuend, gefunden, nicht nur geistig, sondern sogar leiblich – was aber also, nach dem Evangelium, zu verstehen ist:
HIM|2|461210|4|0|Wer Mich in seinem Glauben bekennt und tut nach Meinem Wort, der nimmt Mich geistig auf, und Ich bin im Geiste bei ihm. Wer aber aus Liebe zu Mir einen Bruder aufnimmt in Meinem Namen, der nimmt Mich in dem Bruder leibhaftig auf.
HIM|2|461210|5|0|Der aufgenommene Bruder ist dann nicht mehr der, der er dem Äußeren nach zu sein scheint. Sondern der aufgenommene Bruder bin dann leibhaftig Ich Selbst in der Fülle Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung. In der Liebe bin Ich’s, weil dem Bruder Liebe erwiesen ward; in der Gnade bin Ich’s, weil der Bruder mit offenem Herzen Aufnahme fand; und in der Erbarmung bin Ich’s, weil da nicht nur ein, sondern mehrere Brüder, die es hungerte, eine barmherzige Aufnahme zur Sättigung ihres Leibes fanden.
HIM|2|461210|6|0|Wenn da aber jemand meinen und sagen möchte: so der aufgenommene Bruder ein schwacher, sündiger und sterblicher Mensch ist, wie wohl reime sich da Meine leibhaftige Gegenwart zu so einem sündigen Bruder – da sage Ich: Wie reimte sie sich denn im Haus des Zachäus?
HIM|2|461210|7|0|Sie reimte sich dadurch, dass der Arzt allezeit nur um die Kranken und nicht um die Gesunden, die Seiner nicht bedürfen, sich aufhält und mit ihnen zu tun hat.
HIM|2|461210|8|0|Wie aber könnte ein Sünder Mein Knecht sein, so Ich nicht bei ihm und in ihm wäre? So Ich aber nur Gesunde, also Nichtsünder, Mir zu Knechten erwählete, fragt euch: wo auf der Erde fände Ich diese wohl?!
HIM|2|461210|9|0|Daher seht dem Bruder nicht die Sünde an, sondern das, was ihm nottut, so werdet ihr in jedem sündigen Bruder ein „Haus des Zachäus“ treffen, in das Ich einziehe und wo Ich Mittag halte an des Sünders Tisch.
HIM|2|461210|10|0|Und siehe nun, du A. H.-W., so habe Ich dir bei deinem Hochzeitsfest die Gnade erwiesen, dass Ich dir den Bruder aus der Ferne wieder zuführte und Selbst mit ihm leibhaftig in dein Haus kam!
HIM|2|461210|11|0|Aber nicht nur in diesem einen Bruder kam und komme Ich, sondern auch durch jeden Armen, der die Flur deines Hauses betritt – und zwar nach dem Grade deiner Erbarmung!
HIM|2|461210|12|0|Dennoch aber hat dieser Bruder das voraus, dass er aus Mir allezeit das Wort hat, das da lebendig macht das Herz und den Geist. Wie aber er gibt, also gebe es Ich. Und wer ihm etwas gibt, der gibt es unmittelbar Mir Selbst.
HIM|2|461210|13|0|Ist auch sündhaft sein Fleisch, wie es da ist alles Fleisch, so ist aber dennoch Mir geheiligt sein Geist, vor dem alle Schätze der Himmel erschlossen sind zur Kundgabe an die, welche darnach trachten in ihren Herzen.
HIM|2|461210|14|0|Aus dem aber wirst du, A. H.-W., wohl ersehen, wie Ich in dem Bruder leibhaftig bei deiner Hochzeit zugegen war. Gleichwie du aber dem Bruder geblieben bist ein Bruder im Werk und zogst ihn wieder an deinen Tisch, so auch bin und bleibe Ich der Alte bei dir heute wie allezeit und werde dein guter Geist sein an jedem Tag, bis du einst der Meinige wirst ewig mit deinem ganzen Haus. Denn Ich will dein Haus nicht von dir trennen – ob deiner Liebe zu Mir, so du in selber verharrst zunehmend bis ans Ende der Zeit.
HIM|2|461210|15|0|Das aber sei das Wahrzeichen deiner sogenannten „silbernen Hochzeit“, dass du in der Liebe wachsest und zunehmest an Demut und Geduld! Denn siehe, das sind Meine Grundeigenschaften selbst im höchsten Vollmaße ewig!
HIM|2|461210|16|0|Wann du nun an deine sogenannte „silberne Hochzeit“ denkst, so erinnere dich dessen allezeit in deinem Herzen kräftig, so wirst du vor Mir allezeit ein würdiges Nachfest begehen und Mein Segen wird bei dir sein und bleiben ewig! Amen. Solches also zu deinem werktätigen Gedächtnis!
HIM|2|461216|1|1|Sprüche des Herrn – 16. Dezember 1846
HIM|2|461216|0|0|Einige Sprüche des Herrn, die in den gewöhnlichen vier Evangelien nicht vorkommen, aber dennoch vom Herrn sehr oft gebraucht wurden:
HIM|2|461216|1|0|Geben ist seliger als Nehmen.
HIM|2|461216|2|0|Lasst uns allem verkehrten Wesen feind sein und dagegen streiten!
HIM|2|461216|3|0|Es müssen die, die mit Mir bekanntzuwerden und an Meinem Reich teilzunehmen verlangen, unter Bedrängnissen und Leiden Mich annehmen.
HIM|2|461216|4|0|So Ich euch auch schon als Tischgenossen und Busenfreunde um Mich versammelt sähe und ihr wolltet Meine Vorschriften nicht beachten, dann würde Ich euch dennoch fortgehen heißen. – „Weg von Mir!“ würde Ich sagen, „Ihr geht Mich nichts an, ihr Lasterhaften!“
HIM|2|461216|5|0|Der Herr sagte einmal zu Petrus: „Ihr werdet sein wie Schafe unter den Wölfen!“ – Darauf antwortete Petrus: „Wie nun, wenn die Wölfe die Schafe zerreißen!?“ – Darauf gab ihm der Herr zur Antwort: „So haben doch die Schafe dann, wenn sie tot sind, weiter nichts von den Wölfen zu befürchten. Und so dürft auch ihr diejenigen nicht fürchten, die euch töten, weil sie euch weiter nichts Böses mehr zufügen können. Ihr aber fürchtet vielmehr den, der nicht nur den Leib töten, sondern auch die Seele zur Hölle verstoßen kann!“
HIM|2|461216|6|0|Behaltet den Leib rein und das Siegel (der Taufe oder des Geistes) unversehrt, damit ihr das ewige Leben davontragt!
HIM|2|461216|7|0|Werdet geschickte Wechsler und treibt Wucher mit Meinen Talenten!
HIM|2|461216|8|0|Worüber Ich euch einst antreffen werde, darüber werde Ich euch richten.
HIM|2|461216|9|0|Bittet um das Große, so wird euch das Kleine als Zugabe geschenkt werden! – Oder: Bittet um das Himmlische, so wird euch auch das Irdische hinzugegeben werden!
HIM|2|461216|10|0|Um der Schwachen willen bin Ich schwach, um der Hungrigen willen hungrig und um der Durstigen willen durstig.
HIM|2|461216|11|0|Wer es genug zu schätzen weiß, der wird im Reich Gottes eine wichtige Stelle bekommen. Und wer diese wohl verwaltet, wird die wahre Ruhe finden.
HIM|2|461216|12|0|Niemals habt ihr Ursache fröhlicher zu sein, als wenn ihr euren Bruder liebreich handeln seht. (Dies hat der Herr sehr oft zu Seinen Jüngern gesagt.)
HIM|2|461216|13|0|Da den Herrn jemand fragte, wann das Reich Gottes kommen werde, gab Er zur Antwort: „Wann einst die Zwei, das Äußere und das Innere, eins sein werden!“
HIM|2|461216|14|0|Salome fragte in ihrer Einfalt einst den Herrn: „Wie lange wohl werden die Menschen auf der Erde noch sterben müssen?“ – Der Herr sagte: „Solange die Menschen in die Welt geboren werden!“ – Da nun die Salome sich zum Verdienst anrechnete, nie ein Kind in die Welt geboren zu haben, erwiderte ihr der Herr weiter: „Es heißt aber im Sprichwort: ‚Iss, was für Kräuter du gerne willst, aber die bitteren lass’ liegen!‘“
HIM|2|461216|15|0|Einmal sagte der Herr: „Ich bin gekommen, die Werke des Weibes zu zerstören.“ – Um die Bedeutung dieser Worte befragt, erklärte Er: „Des Weibes Werke sind die sinnlichen Begierden. Und alles, was sie erzeugen, deren Wirkungen: das Werden und das Sterben – werde Ich einst aufheben.“
HIM|2|461216|16|0|Wehe denen, die sich geben lassen, als ob sie es selbst nicht hätten; oder, so sie aus Eigenem leben könnten, dennoch von anderen lieber nehmen wollen! Aber noch mehr wehe denen, die viel haben und doch nicht geben wollen denen, die nicht haben!
HIM|2|461216|17|0|Einmal sprach der Herr zu den Jüngern: „Gleichwie des Menschen Sohn nicht gekommen ist für viele, sondern nur für jene, die Sein Wort hören und darnach leben – also sende Ich euch auch nicht zu vielen, sondern nur zu jenen, die euch annehmen und anhören werden.“
HIM|2|461216|18|0|Wer da strebt nach dem Höheren, der wird das Niedrige erhalten. Wer aber nach dem Niederen strebt, dem wird das Höhere zuteilwerden.
HIM|2|461216|19|0|So ihr zu dem Geringen keine Sorge tragt, wer wird euch dann das Größere anvertrauen?!
HIM|2|461216|20|0|Schließlich hat der Herr zu den Jüngern gesagt: „Bleibt bei zwölf Jahre um Jerusalem! So sich nun jemand von den Israeliten bekehren will, und zwar dadurch, dass er Mich annimmt und also an Gott glaubt, dem werden die Sünden verziehen sein. Nach zwölf Jahren aber geht mit dieser Einladung zu allen anderen Nationen über, damit dereinst niemand sagen könne, er habe nichts davon gehört!“
HIM|2|461216|21|0|Einst hatte jemand vor dem Herrn eine sehr vernünftige Rede gehalten. Als der Redner damit zu Ende war, sagte der Herr: „Schon lange hätte Ich so etwas hören mögen, und noch nie ist es Mir zu lieb also geworden!“
HIM|2|461220|1|1|Meteor im Preußenland – 20. Dezember 1846
HIM|2|461220|1|0|Du möchtest wissen, was dieses dreifache Zeichen wohl bedeute, das da zu sehen war zuerst in der Gestalt eines Schwertes, dann eines Winkels und endlich eines Kreises, in welcher Gestalt es dann erlosch. Siehe, dies Zeichen am Himmel ist wirklich ein sehr vielsagendes. Aber es versteht dasselbe bisher niemand in dem Land, da es zum Vorschein kam. Sie werden es jedoch in drei bald darauffolgenden Zeiträumen kennenlernen.
HIM|2|461220|2|0|Du wirst unter Schwert wohl Krieg nehmen? Ja, Krieg – aber was für einen?! Unter dem Winkel wirst du eine politische, gelehrte, wohlgemessene Oppugnation [Bestürmung] meinen? Ja, eine solche – aber was für eine?! Und unter dem Kreis wirst du eine Absonderung und Sicheinschließung von allen Seiten meinen? Ja, eine Absonderung und Abschließung von allen Seiten – aber was für eine?
HIM|2|461220|3|0|Ich sage dir: Da wird sein alles wie Kraut und Rüben untereinander: Krieg mit Federn, Krieg mit leeren Taschen, Krieg mit Dieben und Räubern, deren es schon jetzt bloß in B. bei fünfundzwanzigtausend gibt, die lediglich vom Schimpfen, Stehlen, Betrügen, Einbrechen und Rauben leben. Das ist ein Segen des Kommunismus! Dann wirklich Krieg mit dem Schwert, Krieg mit der Not, Krieg mit der Unzucht, Krieg mit dem Teufel, Krieg mit sich selbst, Krieg mit der Sittlichkeit, Krieg mit der Menschheit, Krieg mit der Religion, Krieg mit der Weltweisheit und sogar Krieg mit dem Tode!
HIM|2|461220|4|0|Wenn dann dieser wahre Vielkrieg wird ausgefochten sein, dann wird man das Winkelmaß nehmen und wird alles kritisch und mathematisch ausmessen, was ein jeder Mensch haben, essen und wissen darf, was er reden und was er schreiben darf. Das ist das Winkelmaß, das da allzeit drei Viertel des Kreises auslässt. Das wird die gelehrte Proposition sein, welche aber bald eine ganz gemeine Oppugnation [Bestürmung] finden wird!
HIM|2|461220|5|0|Endlich wird man einen Kreis ziehen und wird sich sondern und wird sich allein als das Vollkommenste betrachten. Das wird der Kreis sein!
HIM|2|461220|6|0|Ich aber werde Mir dann ganz heimlich die Freiheit nehmen und werde solchem närrischen Kreis ein Ende machen – Wie? – das weiß Ich wohl! Das wird dann sein ein Ende eines überaus dummen Liedes dieses Geschlechtes.
HIM|2|461220|7|0|Siehst du aber nicht, wie der nordische Eisbär sich am Eis die Zähne spitzig schleift? Das Seehundefleisch will ihm nicht mehr munden. Ihn lüstet lange schon nach den Rindern und Schafen des Südens. Bald wird er aus den Quetschzähnen seines Hintergebisses lauter Reißzähne geschliffen haben. Dann wehe den fetten Rindern und den feisten Schafen des Südens! Ich sage dir, ihr Fett wird sehr gerinnen an den Eisküsten Sibiriens!
HIM|2|461220|8|0|Siehe, das ist einer, der keine Furcht hat vor den Gänsekielen und verabscheut diese Waffe. Aber sehr viel Gold und Silber, sehr viel Reiter und sehr viel Flinten und Kanonen sind seine Sache! Wehe, wenn er sein Lager verlassen wird! Ich sage dir, er wird siegen durch Macht und tyrannische Großmut! – und das bald, recht bald, sehr bald, wenn sich die Rinder und Schafe des Südens nicht bald in Löwen umgestalten werden, d. h. in Löwen der Weisheit und in Löwen der wahren inneren Kraft.
HIM|2|461220|9|0|Da hast du nun dein Meteor! Nur denke dabei nicht, dass das alles darum schon also geschehen muss, weil Ich es dir also vorgesagt habe. Sondern es kann also geschehen, wenn sich diese Menschen nicht ändern, sondern in ihrer großen Torheit beharren! Und dazu sage Ich dann erst das unerbittliche und unabänderliche Amen.
HIM|2|461221|1|1|Das Sonnenweib – 21. Dezember 1846
HIM|2|461221|0|0|Erklärung zu Off. Joh., Kap. 12, Vers 1, 2, 5: Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: ein Weib, bekleidet mit der Sonne, der Mond unter ihren Füßen, und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen. Und sie ward schwanger, schrie in Kindsnöten und hatte Pein und Wehen der Geburt. Und sie gebar ein Kind, einen Sohn, welcher alle Völkerschaften regieren würde mit eisernem Szepter. Und ihr Kind ward entrückt hin zu Gott und zu dessen Thron.
HIM|2|461221|1|0|Aber Freunde, so etwas Klares und Leichtes nicht zu verstehen, was euch alle doch so nahe angeht und nun schon so klar vor euren Augen ausgebreitet liegt! Wo habt ihr denn euren Geist, wo euren Sinn? Wohin ist der wohl gerichtet?!
HIM|2|461221|2|0|Wenn jemand in der Nacht fragt: „Wo steht nun etwa die Sonne?“, da mag so etwas wohl angehen. Aber hört, am Tag sich nach dem Stand der Sonne zu erkundigen, heißt das nicht blind sein oder sich wenigstens geflissentlich die Augen zuhalten und mit dem Stand der Sonne die sogenannte „blinde Maus“ spielen!?
HIM|2|461221|3|0|Was wohl ist das „Weib“, das am Himmel mit der Sonne bekleidet erscheint? Das „Weib“ ist das edle Bild eines Menschen ohne Zeugungskraft, wohl aber fähig und empfänglich für die Zeugung. Alsonach ist dieses Weib ein vollkommenes Ebenmaß des Menschen, somit kein Zerrbild, kein Unmaß des Menschen.
HIM|2|461221|4|0|Ebenso ist auch Meine Lehre, die doch sicher in dem vollkommensten Himmel erscheint, weil sie in Mir und aus Mir hervorgeht, gleich dem Weib ein vollkommenstes Ebenmaß dem geistigen Menschen, für sich zwar nicht zeugungsfähig, aber der Mensch wird durch sie aufnahmefähig für alles Liebegute, was da ist die reine, himmlische Gottliebe als das ewige Geistleben aus Mir. Das Geistleben der Gottliebe aber ist das „Kind“, mit dem Meine Lehre befruchtet wird im Herzen des Menschen.
HIM|2|461221|5|0|Es ist hier freilich nur von Meiner reinen Lehre die Rede wie von einem vollkommenen himmlischen Weib – also von keiner Irrlehre und von keinem Affenweib. Dass dieses vollkommene Weib oder Meine reine Lehre sicher mit der „Sonne“ oder mit Meinem Licht alles Lichtes „umkleidet“ ist, weil sie aus Mir Selbst kommt, das wird ja etwa doch ganz natürlich sein!
HIM|2|461221|6|0|Weil aber eben dieses vollkommene himmlische Weib oder Meine reine Liebe nur zur Aufnahme der himmlischen Liebe aus Mir fähig ist, so tritt sie den „Mond“, als das unbeständige Symbol der Selbst- oder Weltliebe, mit den Füßen als eine ihrem rein himmlischen Wesen ganz entgegengesetze Polarität – um mit euch ein bisschen gelehrt zu sprechen.
HIM|2|461221|7|0|Und so ist sie auch geziert mit „zwölf Sternen“ oder mit den zehn Geboten Mosis und zuoberst mit den zwei Geboten der (Gottes- und Nächsten-)Liebe – aber nicht etwa mit den zwölf Aposteln und ebenso auch nicht mit den zwölf Stämmen Israels, sondern wie gesagt, geziert mit allen den zwölf Gesetzen des ewigen Lebens.
HIM|2|461221|8|0|Das „Weib“ oder die tätige Lehre aus Mir im Menschen aber wird und ist schon „schwanger“. Womit? Habt ihr nie etwas von der Wiedergeburt gehört!? Heißt es da nicht: „Wer da nicht wiedergeboren wird aus dem Geist, der kann in das Reich Gottes nicht eingehen!“?
HIM|2|461221|9|0|Seht, das „Kind“, womit das Weib schwanger ist, ist die reine Gottliebe, welche aber durch die mannigfache Selbstverleugnung dem äußeren Menschen sehr wehe macht, bis diese himmlische Liebe im Geist des Menschen durch sie reif wird zur herrlichen Wiedergeburt zum ewigen Leben.
HIM|2|461221|10|0|Das Kind aber ist ein „Knabe!“ Warum denn kein Mädchen, also ein Weib in der Entstehung? Weil in dieser Liebe, wie im Mann und nicht im Weib, die schöpferische Zeugungskraft liegt und liegen muss.
HIM|2|461221|11|0|Dieses Kind oder die aus Meiner Lehre geborene Gottliebe im Geist des Menschen wird dann mit „eisernem Szepter“ oder mit der unbeugsamsten Gotteskraft „alle Völkerschaften“ oder alle Forderungen und sinnlichen Leidenschaften der Welt bändigen – und wird dadurch, als Leben aus Mir, den Geist des Menschen und alle seine Neigungen zu Mir hin „entrücken“ und wird seine Wonne schöpfen an Meinem „Thron“, der da ist die wahre Weisheit aus Mir ewig!
HIM|2|461221|12|0|Seht, das ist der überaus leicht fassliche Sinn dieser Verse! Also muss aber alles in diesem allein wahren Licht betrachtet und begriffen werden, sonst ist es ein Zwielicht, das da mit der Zeit jeden Leiter (Führer) in die finsteren Sümpfe und Moräste irreleitet.
HIM|2|461221|13|0|Solches also sehr wohl gemerkt und verstanden! Amen.
HIM|2|470101|1|1|Haussegen – 1. Januar 1847
HIM|2|470101|1|0|Ja, ja, schreibe nur einen kleinen Haussegen den Brüdern und Schwestern, die Mich suchten und noch emsig suchen, Mich liebten und noch lieben in Mir Meine armen Brüder und Schwestern!
HIM|2|470101|2|0|Das ist aber Mein besonderer Wunsch für euch alle, die ihr Mein wart und es noch seid, so ihr es sein wollt – dass ihr alle eine besondere Freude habt an Meinen armen Brüdern und Schwestern und gerne teilt euren Vorrat mit ihnen. Und je zerlumpter und ärmer sie sind, desto teurer sollen sie euch sein, da diese Mir viel näher stehen als jene, die da als weniger arme und dürftige genannt zu werden das Recht haben.
HIM|2|470101|3|0|Fragt den Armen, bevor ihr ihm etwas gebt, aber ja nicht: „Wie bist du in dieses Elend gekommen? Warum hast du zu rechter Zeit nicht gearbeitet und gespart?!“ Oder: „Warum hast du, da deine Vermögensumstände sich schon anfangs so kärglich zeigten, dir noch dazu ein Weib genommen und hast zum größten Nachteil für deine Existenz mit demselben noch Kinder gezeugt?“ und dergleichen lieblose Fragen noch mehr.
HIM|2|470101|4|0|Wahrlich, wahrlich, wer solches tut, der ist es, der da von Meiner Haushaltung Rechnung verlangt! Wer aber von Mir Rechnung verlangt und Mich in Meinem Armen richten will, von dem werde auch Ich, als der ewig allmächtige Gott und Herr alles Lebens und Todes, zu seiner Zeit eine Rechnung verlangen, in der auch der vollkommenste Engel auf tausend nicht eins zu erwidern wüsste, geschweige erst so ein elender Welt-Richter, der die Armen erforschen und richten will, bevor er ihnen etwas gereicht hat.
HIM|2|470101|5|0|Solange ihr noch Arme habt, so lange habt ihr auch Mich und Meinen Segen. So euch aber diese einmal verlassen werden, dann soll die Pest der Hölle über euch hereinbrechen und euch verderben auf ewig! Heißt es denn nicht in der Schrift: „Verkaufe alle deine großen Güter und teile sie alle unter die Armen und folge dann Mir nach, so wirst du einen großen Schatz im Himmel finden!“?
HIM|2|470101|6|0|Ihr mögt wohl sparen für eure Kinder, und doch habe Ich solches nie geboten – wie tut ihr denn dann das so schwer, was doch Mein ausdrücklicher Wille ist!?
HIM|2|470101|7|0|Ich will euch damit aber nicht schelten, als wäret ihr solche Karge, die da solches Fluches wert seien – sondern den rechten Weg nur will Ich euch damit zeigen, auf dass ihr zu aller Zeit erkennen sollt, wie ihr euch in den armen Brüdern und Schwestern Mir wohlgefällig erweisen sollt und sollt nicht tun gleich der Welt, die Mein Gericht hat und den ewigen Tod in allem, was sie tut!
HIM|2|470101|8|0|Wohl den Barmherzigen – sie sollen auch bei Mir Barmherzigkeit finden und sollen vom ewigen Tode womöglich noch gerettet werden!
HIM|2|470101|9|0|Dies gute Wörtlein sei euch allen ein guter „Haussegen“! So ihr es gerne beachtet, da werde auch Ich euer achten zu jeder Zeit und Meine Gnade wird euer sein ewig! Werdet ihr es aber klein achten, so werde auch Ich euer klein achten und werde mit Meiner Gnade Mich ebenso zu euch verhalten, wie ihr euch verhaltet zu den Armen, bei denen Ich auf Erden wohne körperlich!
HIM|2|470101|10|0|Wer Mich sonach suchen will und finden, der suche Mich unter den Armen! Das sage Ich, euer Gott, Herr und Vater für ewig! Amen.
HIM|2|470110|1|1|Von der Cholera – 10. Januar 1847
HIM|2|470110|0|0|Auf die Anfrage ob die kürzlich am kaspischen Meer erschienene Cholera nach Österreich wandern werde und ob das von der Somnambule A. H. im Jahre 1830 im magnetischen Schlaf angegebene Heilmittel gegen diese Seuche von guter Wirkung sei, gab der Herr kund:
HIM|2|470110|1|0|Diese Krankheit wird in der Zeit, in der ein Mensch mäßigen Schrittes den Weg vom kaspischen Meer bis nach Wien, Prag und anderen Städten dieses Reiches zurücklegen würde, so er Tag und Nacht ginge, im Staat Österreich erscheinen und wird hauptsächlich Wien, Prag, Lemberg, Ollmütz und andere Städte mehr oder minder mächtig heimsuchen. Ihre Opfer wird sie diesmal hauptsächlich in den Großen und Reichen und besonders in deren Kindern nehmen. Auch das Militär wird leiden und die Priesterschaft. Wehe den Unzüchtlern und Schwelgern!
HIM|2|470110|2|0|Auch eure Stadt (Graz) wird diesmal nicht mit ganz heiler Haut durchkommen, denn es gibt auch hier schon sehr viele Arme darum, weil die Reichen denselben auf indirektem Wege alles entziehen, ihren ohnehin schon sehr reichen Kindern noch größere Reichtümer bereiten und den Armen nichts oder nur höchst wenig davon geben wollen. Diesen sollen ihre Erben genommen werden, damit die Armen sie beerben können. Ich aber werde den Reichen diesmal schon auf eine solche Art zuheizen, dass sie sicher weich und zum Kreuz kriechen werden.
HIM|2|470110|3|0|Wohl wird anfangs der Arme ergriffen werden, auf dass der Reiche mitleidig werde. Wird er das, so soll diese Strafe gemildert werden. Wird er das aber nicht, da soll das „Schwammweib“ (Cholera) mit tausend Sensen unter ihnen schonungslos zu wüten anfangen – tausend Schober soll es an einem Tag schneiden!
HIM|2|470110|4|0|Siehe, um die Armut zu verringern und den Reichtum der Reichen zu schützen, will man die Ehen der Armen beschränken, und das mächtig beschränken. O das ist die verfluchteste Ausgeburt der Hölle, ein Werk des Satans! Siehe, das ist der Grund aller Pest!
HIM|2|470110|5|0|Durch die Vorenthaltung der Ehe und der gerechten und geordneten Zeugung der Kinder, wo der Trieb da ist, wie auch durch die gewaltige Ausrottung der (wilden) Tiere aller Art sowie der Wälder wird die erlösende Aufnahme der Erdurgeister in die höheren Leitungs- und Läuterungsstufen gehindert. Wenn diese Naturgeister, die sich zuerst im Schimmel und in den (Pilzen oder) Schwämmen zu regenerieren anfangen, durch diese Stufe aufgestiegen sind und die nächste Stufe zu gering finden, so dass sie nicht völlig aufgenommen werden können, dann vereinen sie sich in ein nahezu menschlich aussehendes Wesen, wandern sodann auf der Erde herum und ergreifen die Menschen und auch Tiere und Pflanzen in der Absicht, um in ihnen zu gradieren. Allein da diese Geister noch zu unreif sind, so bringen sie allem den Tod, was sie einmal ergriffen haben.
HIM|2|470110|6|0|Menschen sind ihnen am liebsten, weil sie da auf dem kürzesten Wege ihre völlige Freiwerdung zu erreichen wähnen, was aber wohl freilich für ihre noch höchst materielle Intelligenz ein Irrwahn ist. Weil aber die Menschen selbst (durch den Egoismus) zu dieser Erscheinung die Ursache sind, so lasse Ich es eben auch zu, dass sie für solchen Frevel auf das Allerempfindlichste gezüchtigt werden, und das geistig und leiblich.
HIM|2|470110|7|0|Seht, das ist der verruchte Grund aller Pest, die darum vorzüglich im Orient zu Hause ist, weil dort die ordentliche Zeugung der Menschen auf tyrannisch gewaltsame Weise manchmal sogar durch Verstümmelung unterdrückt wird.
HIM|2|470110|8|0|Wird aber nun auch im noch etwas besseren Europa, der Industrie einiger Reichen wegen, dieser Erlösungsakt für das ganze (Natur-)Geisterreich der Erde ebenfalls unterdrückt, so sollen darum auch die verheerendsten Folgen zum Vorschein kommen – woraus die Übriggebliebenen erkennen sollen, dass Ich die Erde nicht der Industrie, nicht der Eisenbahnen und am wenigsten der Reichen wegen erschaffen habe, sondern lediglich zur Erlösung der in ihr gebannten Urgeister!
HIM|2|470110|9|0|Das versteht ja wohl: Mein Zweck ist ein anderer mit der Erde, als ihn da die gegenwärtige, vom Satan ganz in Beschlag genommene Welt erkennt!
HIM|2|470110|10|0|Die Erdäpfelkrankheit war schon ein Vorläufer! Wie es aber bis jetzt dieser Frucht erging durch Meine Gnade für die Menschen, um diese zu schonen – so wird es bald den Menschen selbst ergehen, so sie sich nicht bessern und ihre Gesinnungen gegen die Armen nicht ändern werden.
HIM|2|470110|11|0|Das angegebene Rezept des N. N. durch dessen Schwester A. H. ist gut. Dennoch aber werde Ich dir zu seiner Zeit ein noch besseres und wirksameres geben.
HIM|2|470110|12|0|Die angezeigten Städte dieses Reiches haben das Eheverminderungssystem schon völlig entwickelt, daher sollen sie auch dafür gehörig belohnt werden. Es wird aber diesmal ganz Europa, besonders in den großen Industriestädten, ganz gewaltig gezüchtigt werden.
HIM|2|470110|13|0|Doch das Ganze kann durch Gebet und gute Werke an den Armen sehr gemildert werden, besonders wo die Ehen nicht gar zu arg und planmäßig unterdrückt werden. Dies zu eurer tieferen Belehrung und Darnachachtung! Amen.
HIM|2|470110|0|0|Der folgende Text ist einem undatieren Brief Jakob Lorbers entnommen.
HIM|2|470110|0|0|Also aber erklärte mir des Herrn Geist in mir:
HIM|2|470110|14|0|Die Cholera ist nicht im Geringsten irgend ansteckend, außer durch die Ausdünstung der Exkremente. Wo die Menschen irgendeiner Gegend kein reines Eisen- oder Glimmerwasser haben können, da sollen sie das Wasser zuvor mit etwas Melissenkraut absieden, auch mit etwas Münzen, es darauf solange stehen lassen, bis es sich abgekühlt und geläutert hat; alsdann sollen sie es erst zum Trinken, Waschen und Kochen gebrauchen, – da wird es ihnen dann völlig unschädlich sein. Auf ein Pfund Wassers genügt ein halb Lot Melissen- oder Münzenkraut.
HIM|2|470110|15|0|Warum aber liegt das Übel im Wasser? Weil mit Ausnahme der vorbenannten zwei Wassergattungen jedes andere Wasser mehr oder weniger Bleiduft (eine Art Oxid) enthält, namentlich aber an jenen Orten, die an großen Flüssen und Strömen sich befinden, die ihren Ursprung in einer Gegend nehmen, wo viele bleihaltige Berge bestehen und ihre mächtigen Quellen auch dann noch ein reichliches Wasser geben, wenn durch die lange Sommertrockenheit die meisten anderen Quellen versiegt sind.
HIM|2|470110|16|0|Auch beim Militär im Feld entwickelt sich dieses Übel dadurch, weil der Soldat sich stets der verzinnten oder eigentlich verbleiten blechernen Feldflaschen bedient und häufig auch in solchen verbleiten Töpfen und Kasserollen seine Menage abkocht und verzehrt. Im Winter macht das weniger, weil der Bleiduft in der Kälte sich schwer entbindet und der Mensch auch nicht so kohlenstoffvoll ist wie im Sommer. Im Sommer aber tritt die Krankheit mehr oder weniger heftig und tödlich auf, je mehr oder weniger ein Mensch eine natürliche Disposition dazu besitzt, d. h. je mehr oder weniger gallsüchtig, leidenschaftlich und furchtsam er ist oder auch je mehr oder weniger des Bleiduftes er in sich bekommt. Sehr furchtlose, gleichgültige, leidenschaftslose, phlegmatische Menschen werden mit dieser Seuche nie viel zu tun bekommen.
HIM|2|470110|17|0|Die so sehr gefürchtete Cholera ist somit nichts als eine Bleikolik. Womit man diese hebt und heilt (wenn man früh genug das reaktive Mittel anwendet) – damit hebt und heilt man auch die Cholera, die in Asien ganz dasselbe Übel wie in Europa ist.
HIM|2|470110|18|0|Die Erde enthält eben allenthalben Blei als den Gegenpol des Lebensstoffes. Und das Blei bekam schon von den Urbewohnern der Erde den Namen „Zivnez“, auch „Sivinez“, später „Z'vinez“, auch „Zivnez“, zu Deutsch: hat kein Leben, will kein Leben – auch: ohne Leben.
HIM|2|470110|19|0|Sonach die bleiernen Wasserleitungen weg! Sich nach den beiden bezeichneten Wasserarten umsehen! Oder ein bleidufthaltiges Wasser nach vorbezeichneter Art unschädlich machen! Alle verbleiten Trink- und Kochgeschirre weg! Kein von schlechten Wässern gebrautes Bier trinken, sondern einen reinen Wein! Und die Cholera ist dann auch vollkommen weg auf alle Zeiten.
HIM|2|470110|20|0|Wo aber das nicht aus dem Weg geräumt wird, dort wird die Seuche auch stets mehr oder weniger heftig auftreten, je nachdem ein Sommer auch mehr oder weniger heiß und trocken auftreten wird und die Menschen sich auch mehr oder weniger von ihren Leidenschaften beherrschen lassen. Durch die Leidenschaften nämlich wird in den Eingeweiden mehr oder weniger des Kohlenstoffes erzeugt, der in der excitativen Verbindung des Bleiduftes das eigentliche, das Blut zerstörende und das Naturleben tötende Element ist.
HIM|2|470110|21|0|Für den Fall der Nichtbefolgung dessen, was Ich geraten habe, hast du allhier nun genug Rezepte.
HIM|2|470110|0|0|Die Rezepte, welche mir hier [in Graz] andiktiert wurden, befinden sich nun, wie vorgesagt, in den Händen des jungen Besitzers der Grazer Landschaftsapotheke im ersten Stock (sein Name ist Leopold Cantily). Er gibt sie in Abschrift für ein der Würde und Wichtigkeit angemessenes Entgelt jedem – nur aber mit dem Bedeuten, dass damit nirgends ein Wucher oder irgendeine anderwärtige Prellerei getrieben wird; denn er selbst will die Medikamente um den billigsten Preis liefern.
HIM|2|470228|1|1|Der Schwefeläther, dessen Gebrauch und Wirkung – 28. Februar 1847 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|2|470228|1|0|Der sogenannte Schwefeläther ist eigentlich nichts anderes als ein reinster Wein- oder auch Obstweingeist, und es ist vom Schwefel kein Atom dabei. Denn was bei der Bereitung die kochende Schwefelsäure von ihrem Gehalt in Dämpfen aufsteigen lässt, das vereinigt sich mit den gleichzeitig aufsteigenden Wasserdämpfen, die in dem noch unreinen Wein- oder Obstweingeist enthalten sind, und fällt als eine schwere, tropfbare, saure Flüssigkeit wieder in die kochende Schwefelsäure zurück.
HIM|2|470228|2|0|Der reine Wein- oder Obstäther geht aber dann frei als eine höchst zarte und reinste Flüssigkeit in die Vorlage über. Diese Flüssigkeit ist dann eben der sogenannte Schwefeläther.
HIM|2|470228|3|0|Jeder Äther, als eine spirituelle spezifische Flüssigkeit, wirkt auf den Nervengeist betäubend; wie auch der Wein, das Bier, der Obstmost und dergleichen noch eine Menge, weil in derlei Flüssigkeiten die seelischen Spezifika schon freier und ungebundener sind als im Wasser und in anderen ungegorenen Flüssigkeiten. Aber natürlich sind die seelischen Spezifika in dem reinen Äther schon nahe ganz frei und können nur in einem festverschlossenen Gefäß festgehalten werden. Wird ein solcher Äther dann durch das Einatmen mit dem leiblichen Organismus, in dem der Nervengeist waltet, in eine innere Verbindung gebracht, so wird er gierigst von dem ihm verwandten Nervengeist aufgefangen und zur Sättigung der inneren Nervenkammern verwendet.
HIM|2|470228|4|0|Wenn aber diese Kammern auf eine plötzliche, unvorbereitete Weise gesättigt worden sind, da werden sie eben durch solche Sättigung aufgebläht gleich einer Blase und sind in solchem aufgeblähten Zustand keiner Reaktion, weder durch äußere Verletzungen, noch durch innere Ergreifungen von Seiten des Nervengeistes, fähig.
HIM|2|470228|5|0|Da aber dadurch auch der Nervengeist seinerseits für den Leib untätig wird, da er sich ob der momentanen Übersättigung der Nervenkammer außer Verband mit demselben gestellt hat – so wird die Seele frei, da sie der Nervengeist in solcher Übersättigungszeit der Nervenkammern nicht bindet an dieselben; aus welchem Grunde dann die Seele auch frei wird und sich in der kurzen Zeit solcher Betäubung der Nerven in jener Sphäre in der Geisterwelt befindet, in welchem Zustand das (betreffende) menschliche Herz oder Gemüt sich befindet.
HIM|2|470228|6|0|Ist dieser Zustand ein guter, so wird die Seele sich auch in paradiesischen Gefilden voll Seligkeit befinden. Ist aber der Gemütszustand ein schlechter, so wird auch die Seele sich für den Moment der sogenannten Narkose (Betäubung, Erstarrung) in dem ihrem Gemüt entsprechenden Zustand befinden.
HIM|2|470228|7|0|Da hier aber Seele und Nervengeist noch im Vollverband wie beim natürlichen Schlaf sich befinden und die Seele die Formen ihrer Anschauung in den mit ihr noch gebundenen Nervengeist überträgt, so kann sie sich dessen, was sie in der Geisterwelt sah, noch recht wohl erinnern, während sie von dem Leib nichts weiß, was unterdessen mit ihm vorgegangen ist.
HIM|2|470228|8|0|Aus einem rein somnambulen Zustand aber wie auch aus einem tieferen natürlichen Traumleben bringt die Seele darum keine Rückerinnerung in den natürlichen Zustand zurück, weil sie da gewöhnlich außer Verband mit dem Nervengeist tritt, indem dieser im Verband mit den Nerven bleibt, welche, weil sie sonst keine Sättigung haben und gewöhnlich schwach sind, ohne den Nervengeist alsbald sterben und sich auflösen würden, was natürlich auch dann des Leibes vollkommener Tod wäre.
HIM|2|470228|9|0|Bei der Äthernarkose aber ist eben der Äther das Substitut des Nervengeistes, wie beim natürlichen Traumleben der Magenäther aus den Speisen. Da kann der Nervengeist sich schon frei machen und völlig allein der Seele zu Diensten stehen, daraus denn auch die Rückerinnerung der Seele von dem, was sie in der Geisterwelt schaute.
HIM|2|470228|10|0|Darin aber liegt sehr leicht begreiflich der Unterschied zwischen diesem Ätherbetäubungszustand und dem sogenannten magnetischen Schlaf, in welchem die Seele ihren Leib beschauen kann, weil der Nervengeist noch mit demselben verbunden ist, was aber bei der Narkose nicht der Fall sein kann, weil da beide außer Verband mit dem Leib sind.
HIM|2|470228|11|0|Die nachträglichen Wirkungen, welche der Narkose mit der Zeit hie und da bei einem oder dem anderen Menschen folgen dürften, sind denen gleich, welche jedermann bei den in Kerkern Gefangenen leicht entdecken kann. Diese wünschen nichts sehnlicher als die Freiheit; und dem es einmal gelungen ist, aus irgendeinem Kerker zu entfliehen durch irgendein Loch, und er wird aber wieder eingebracht, der wird darauf noch einen desto größeren Wunsch in sich hegen, sobald wie nur immer möglich wieder aus dem Kerker zu entfliehen.
HIM|2|470228|12|0|Dasselbe Bedürfnis wird auch der Seele durch die Äthernarkose eingepflanzt. Daher wird bei Menschen sich in gewissen Perioden dieser Seelenentwischungsdurst unter manchen konvulsivischen Zuständen wiederholen, und das besonders bei Nervenstarken, obschon gerade auch davon nicht alle Nervenschwachen ausgenommen sind. Gegen dieses Übel kann dann der Somnambulismus und besser noch eine vollgläubige Handauflegung und Gebet und Fasten als heilendes Gegenmittel angewandt werden.
HIM|2|470228|13|0|Das sonach zu eurer beruhigenden, gründlichsten Wissenschaft über die natürlich-gute Sache des sogenannten Schwefeläthers.
HIM|2|470228|14|0|Wo Ich dabei bin, da schadet auch das Gift der Hölle nicht, geschweige dieser Äther, der natürlich-gut ist und im gerechten Gebrauch gut sei! Amen.
HIM|2|470307|1|1|Das Mädchen aus den Sternen – 7. März 1847
HIM|2|470307|1|0|Ja, ja, schreibe nur! Ich will schon was Rechtes und Gutes sagen. Aber da werden wir uns schon so recht zusammennehmen müssen! Denn dieses Mädchen ist sehr empfindlich und braust gleich auf, wenn man ihm nicht so etwas recht Artiges und Schönes sagt und auf gut Deutsch. Sie hat nun schon recht viele Klassiker gelesen und kennt die dritte Endung sehr von der vierten auseinander und hat mehr Wohlgefallen an der halbvergangenen als an der völlig vergangenen Zeit, und die verbindende Art klingt ihr besser als die anzeigende. Auch liebt sie erhabene Stellen, besonders wenn sie etwas dunkel und unverständlich sind oder witzig.
HIM|2|470307|2|0|Auf diese Stücke müssen wir daher sehr Acht haben, so wir ihr mit diesem Wörtlein irgendeinen Gefallen erweisen wollen. Also nur zugeschrieben, aber gescheit, erhaben und dabei doch etwas pikant und witzig! Sonst werden wir ihr, besonders ob dieser etwas nötigen Vorbemerkungen, eben nicht am besten gefallen. Und somit zur Sache!
HIM|2|470307|3|0|Ein Mädchen auf Erden einst lebte geschmückt im Herzen, so wie da geschmückt ist des Orion strahlender Gürtel. Sie seufzte in Nächten und weinte im Schlaf. Am Tag allein nur sah oft man es lachen und scherzen mit allen den Sternen der Himmel, die es allein am Tag nur konnte erschauen. Zur Nachtzeit der heiterste Himmel kein Sternchen ihm bot, und der Schlaf ohne Träume die nächtlichen Stunden durchschlich.
HIM|2|470307|4|0|O da musste zum Zauber ihm werden ein jeglicher Tag! Denn er gab ihm ja alles, dem seltenen Mädchen, was sonst nur die Nacht, diese nährende Mutter der Erde, den Träumenden gibt. O nun rate, du liebliches Töchterchen, die du entstammest dem Schoße der Sterne, da keine Nacht drückt die bestaubten Gefilde der leuchtenden Welten, wer wohl dieses seltene Mädchen doch ist?
HIM|2|470307|5|0|Sieh, wohl weiß Ich, dass du Mir die Frage nicht leichtlich beantworten wirst. Aber dennoch musste Ich diese Frage hier geben, um dir damit klärlichst zu zeigen den Mantel der Weisheit und wie er nur schwer ist zu lichten im Herzen, in das manche irdische Pflanzen die Wurzel getrieben schon haben.
HIM|2|470307|6|0|Doch sollst du dies seltene Mädchen wohl kennen, denn es ist dir näher, als du es hier glauben wohl möchtest. Darum will Ich Selbst auf die Frage die Antwort dir geben. Und so denn Mich höre, du liebliche Tochter der Sterne! Das seltene Mädchen ist göttliche Liebe im menschlichen Herzen, ist Geist, das ganz eigentlich ewiglebendige Wesen aus Mir.
HIM|2|470307|7|0|Dieser lebte einst völlig im Menschen und webte im Herzen den leuchtenden Faden ins ewige Leben. Das war für dies seltene Mädchen ein herrlicher Tag! Aber nun ist die Nacht ihm geworden, und siehe, es seufzt gewaltig; gar bald wird ein finsterer Schlaf seine Augen beschleichen, und da wird es weinen, das seltene Mädchen, im finsteren Schlaf des Lebens!
HIM|2|470307|8|0|Darum, o Mein liebes Töchterchen, trachte dies seltene Mädchen in deinem gebildeten Herzen stets mehr und stets mehr zu beleben! Dann wirst du am ewig stets heitersten Tag im Herzen stets lachen und fröhlich sein über die Maßen.
HIM|2|470307|9|0|Das wünscht dir dein Vater, dein heiliger Vater, zum ewigen Tag der neuen Geburt aus dem Geiste der Liebe und Wahrheit, in Ewigkeit! Amen.
HIM|2|470314|1|1|Mahnung zur Liebe und Geduld – 14. März 1847
HIM|2|470314|1|0|Liebe Freunde, Brüder und Kinder! Ich, der Herr, euer Gott, Vater, Meister und Bruder, Ich, euer Lehrer und Führer, mache euch kund und zu wissen, dass Ich es allezeit wie jetzt gerne sehe, so ihr irgend zusammenkommt in Meinem Namen und führt da gute Gespräche von Mir und von der Liebe des Nächsten. Denn derlei gute Reden erheitern den Geist und erfreuen das Gemüt, und das ist gut. Denn ihr sollt wohl allezeit fröhlich sein in Meinem Namen und auch euren Leib erquicken mit guter Speise und gutem Trank im gerechten Maß und Ziel.
HIM|2|470314|2|0|Aber hört! Einen, der unter euch war, den hättet ihr wohl auch noch laden sollen, ob er käme oder nicht käme. Es ist zwar einerlei, ob er da ist oder nicht; denn das geht auf seine Rechnung – aber ihr wollt ihn auslassen, das ist wieder eure Rechnung. Und es wird ihn schwer kränken, so er es erfahren wird, entweder hier oder dort. Er benimmt sich wohl so, dass es den Anschein hat, als würdet ihr von ihm gewisserart außer Acht gesetzt sein samt Mir. Allein dem ist nicht völlig also.
HIM|2|470314|3|0|Er selbst beschuldigt sich, an euch gesündigt zu haben, und hat den Mut nicht, euch zu gestehen, was ihn drückt. Darum kostet es ihn auch allezeit eine kleine Überwindung, zu euch zu kommen. Denn dieser euer Bruder hat ein wohlgeziertes Herz, in dem aber nur ein schwacher Geist wohnt; daher der Mann auch mehr Kraft in seiner Seele als in seinem Geist besitzt. Darum aber müsst ihr auch die rechte Nachsicht, Geduld und Liebe mit ihm haben, wollt ihr wahre Wandler auf Meinen Wegen sein.
HIM|2|470314|4|0|Denn seht, Menschen gezierten Herzens, starker Seele, aber schwachen Geistes sind sehr empfindlich und merken oft bei ihren Freunden die kleinsten Gemütsdifferenzen, die ihnen sehr weh tun, weil ihre Seele in ihrer oft ganz isolierten Selbstkraft überaus empfindsam ist.
HIM|2|470314|5|0|So aber jemand dieser Empfindsamkeit Nahrung gibt, der sündigt an seinem Bruder! Denn so schon jemand sieht die Schwäche des Bruders, tut aber vor ihm, als wäre dieser ein starker Geist, und der schwache Bruder ärgert sich darob, so ist solch eine Tat eine Sünde, und wäre sie noch so gerecht in den Augen eines starken Geistes. Denn der Geist kann nicht geärgert werden, aber die Seele kann Schaden nehmen durch Ärgernisse. Darum sind diese aus höchst weisen Gründen zu vermeiden.
HIM|2|470314|6|0|Liebe und Geduld sind aber endlos mehr wert als alle Weisheit und alle Gerechtigkeit! Darum haltet euch stets an die Liebe und an ihre Schwester, die Geduld, so wird euch die Sünde zur Unmöglichkeit werden.
HIM|2|470314|7|0|Nach der Gerechtigkeit wäre es auch wohl recht gewesen, so Ich nach Meinem eigenen, durch Moses gegebenen Gesetz hätte die Ehebrecherin zu Tode steinigen lassen. Denn also lautete ja das offene Gesetz, dass da jede Ehebrecherin solle zu Tode gesteinigt werden. Aber da trat an die Stelle der harten Gerechtigkeit Meine Liebe, Geduld und Erbarmung. Und diese ließen die große Sünderin nicht nur nicht steinigen und töten, sondern schrieben ihre Schuld samt dem harten Gerechtigkeitsgesetz für alle Zeiten des irdischen Lebens in Sand und übertrugen das einstige Gericht der Liebe eines jeden zu sich und über sich, auf dass sich ein jeder selbst finde und richte nach seiner Liebe für ewig.
HIM|2|470314|8|0|Daher weg von eurem Herzen, was nur den leisesten Schein nach einem sogenannten „Revanchieren“ hat! Denn das macht euer Herz gleich anders aussehen als das Meinige; und das soll bei euch, Meinen Kindern, nicht sein.
HIM|2|470314|9|0|Und schließlich noch ein Wörtlein über Meinen Knecht, der euch zu einem großen Segen gegeben und erweckt ward vor sieben Jahren und den Ich auf eine kurze Zeit euer- und seinetwegen von euch weggeführt habe!
HIM|2|470314|10|0|Was ihr ihm getan habt, das habt ihr Mir getan; und was ihr ihm noch tut, das tut ihr auch Mir; und was ihr ihm noch tun wollt, von allem dem wird euch ein großer Schatz werden im Himmel, wie er euch schon in aller Fülle der Liebe und Weisheit geworden ist leibhaftig – darinnen ihr finden und haben sollt für ewig das Reich des Lebens, das da ist Meine große Gnade, die ihr habt und die Millionen vorenthalten ist.
HIM|2|470314|11|0|In dieser Gnade aber mögt ihr auch nun für ewig hinnehmen Meinen Vatersegen, der euch bleiben soll, so ihr lebt nach Meinem Wort. Amen.
HIM|2|470328A|1|1|Rat an ein Mädchen – 28. März 1847
HIM|2|470328A|1|0|Denen gebe Ich ja gerne allezeit zu trinken aus dem Brunnen, da lebendiges Wasser innen ist, die darnach dürsten. Auch ist der Arzt nur für Schwache und Kranke; denn die Starken und Gesunden bedürfen ja des Arztes nicht.
HIM|2|470328A|2|0|Höre du, Meine liebe Pauline! Willst du ehestens deines kindlichen Herzens albernster Bürde loswerden, dann musst du recht viel Ernst anwenden. Denn siehe, die „Schwarzen“ gehen nicht so leicht heraus wie die „Weißen“. Das heißt, finstere und unordentliche Gedanken haften viel mächtiger im Herzen und verfinstern dasselbe und finden schwer den Ausweg, darum, weil sie das Herz finster machen. Die lichten Gedanken aber kommen bald und leicht wieder heraus, weil sie selbst Licht sind und alle Winkel erleuchten und leicht wieder herausfinden, besonders so es ihnen darin neben den „Schwarzen“ etwa nicht bestens gefällt.
HIM|2|470328A|3|0|Das menschliche Herz ist für die schwarzen Weltgedanken ein Himmel. Aber für die himmlischen Lichtgedanken ist es eine Hölle – besonders wenn noch die Winkel des Herzens mit allerlei weltlichen Torheiten vollgepfropft sind.
HIM|2|470328A|4|0|Willst du, Meine liebe Tochter, dein Herz rein machen, auf dass es wohlgefalle den himmlischen Geistern, darinnen für bleibend und siegend zu wohnen, so musst du wie eine weise Gastwirtin all das dumme, faule, schlechte und unnütze Gesinde aus deinem Haus verbannen, ja es gewaltsam hinauswerfen; dann alle Gemächer deines Herzhauses wohl fegen und reinigen, auf dass den neu anlangenden Himmelsgästen die Gaststuben gefallen und sie darinnen eine wohlgefällige Wohnung finden mögen und fortan darinnen bleiben.
HIM|2|470328A|5|0|Meide daher jede Gelegenheit, dem dich zu nahen, was dein Herz verfinstert! So dich aber der besucht, der dir sehr schädlich ist, da halte dich ferne seiner Gesellschaft, im Herzen sowohl als dem Leibe nach! Und er wird ausbleiben! Denn er kommt, so er kommt, nur hauptsächlich deinetwegen, alles andere ist Schein und leerer Vorwand.
HIM|2|470328A|6|0|Ich meine nun, Meine liebe Tochter, das wird doch geradeheraus ein echt „deutscher Rat“ sein! Befolge ihn daher auch redlich deutsch in einem deutschen Herzen, so wirst du auch bald dastehen, wie es sich gebührt für ein deutsches Mädchen!
HIM|2|470328A|7|0|Denn siehe, ein echt deutsches Mädchen ist Mir lieber als tausend römische Klosterjungfrauen!
HIM|2|470328A|8|0|Also handle, Meine liebe Tochter! Ich aber werde dir kräftigst beistehen und dir helfen allezeit und ewig! Amen.
HIM|2|470328B|1|1|Zum Volljährigkeitstag – 28. März 1847
HIM|2|470328B|1|0|Also schreibe an Marie Hüttenbrenner, die Tochter des A. H.-W., die da ist die Älteste und nach eurer Rechnung die sogenannte „Majorennität“ erreicht hat – welche Rechnung freilich ganz unrichtig ist. Denn ein Mädchen ist, sobald es reif und mannbar geworden ist, „majorenn“ dem Leibe nach. Dem Geiste nach aber ist nur der majorenn, der da im selben die volle Wiedergeburt erlangte. Wer diese nicht erlangt, der wird wohl für ewig sehr stark „minorenn“ verbleiben.
HIM|2|470328B|2|0|So ist auch unsere Tochter dem Leibe nach schon etliche Jahre hindurch sehr stark majorenn; aber dem Geiste nach noch ebenso stark minorenn.
HIM|2|470328B|3|0|Da wäre ihr zu diesem ihrem 25. Geburtstag ihres Leibes wohl vor allem hauptsächlich zu wünschen, dass sie sich sehr befleißen möchte, in der wahren, lebendigen Lebensschule es bald dahin zu bringen, um die Majorennität des Geistes zu erlangen. Denn diese hängt von dem freiwilligen Herzensfleiß ab und kommt nicht, wie die des Leibes, mit den natürlichen Erdjahren, sondern, wie gesagt, nur einzig und allein mit dem beharrlichsten Herzensfleiß.
HIM|2|470328B|4|0|Fleiß aber fordert vor allem einen festen Glauben an Mein Wort! Das ist das A-B-C des Lebensbuches!
HIM|2|470328B|5|0|Nach dem rechten Glauben fest und unverdrossen handeln, das ist das Buchstabieren und Syllabieren!
HIM|2|470328B|6|0|Aus dem Handeln zur Liebe zu gelangen und in ihr liebtätig zu leben, das ist das Lesen aus dem Lebensbuch.
HIM|2|470328B|7|0|Durch dieses Lesen kommt man zum Licht des Geistes und zur Gnade Gottes! Gott aber macht den Geist frei, auf dass er eins werden kann mit dem Heiligen Geist in der Gnade Gottes.
HIM|2|470328B|8|0|In dieser Einung kommt dann die Weisheit, in ihr die wahre Gottesliebe und mit ihr das wahre ewige Leben. Und dieses ist die wahre „Majorennität des Geistes“, nach der eben unsere Tochter Marie H. mit allem Fleiß streben soll.
HIM|2|470328B|9|0|Aber es geht die Sache bei ihr etwas hart vorwärts, da sie etwas harthörig ist – im Glaubenstempel ihres Herzens noch bei weitem stärker als in ihren Leibesohren. Es hat sich ihr Gehör wohl gebessert, auch ihr Herz ist etwas gläubiger geworden, und es geht bei ihr wohl etwas vorwärts. Aber freilich beinahe so langsam wie das Korallenwachstum!
HIM|2|470328B|10|0|Darum sammle sie sich emsiglich im Herzen und wachse mit dem Tag! Dann wird sie auch bald den wahren Tag des Lebens erreicht haben.
HIM|2|470328B|11|0|Sie möchte auch wohl schon gerne Weib, Frau und Mutter sein. Das soll sie auch werden und wird es, wenn sie klug ist! Aber ihr Geist ist mehr wert für sie als ein Mann! Daher soll sie an den Geist des Tages öfter denken als an einen Mann – so wird ihr letzterer auch nicht entgehen. Denn was ein gläubig Herz wünscht und will, das wird ihm nimmer entgehen.
HIM|2|470328B|12|0|Ein weises und wohlverständiges Herz aber suche vor allem das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit in sich selbst, so wird ihm alles andere zu einer freien Zugabe werden!
HIM|2|470328B|13|0|Diese kurze, aber überaus wichtige Lebenslehre suche du, Marie H., in deinem Herzen recht fest anzufachen, so wird dein Herz darin bald alles finden, darnach es redlich Hunger hat und Durst.
HIM|2|470328B|14|0|Damit sei dir gegeben Mein Segen, Meine Erbarmung, Meine Liebe und alle Gnade aus ihr für ewig! Amen. Das sage und wünsche Ich, dein heiliger Vater Jesus, dir, der Ich dein Herz und deinen Geist wohl kenne für ewig. Amen.
HIM|2|470402|1|1|Die Kraft des Glaubens – 2. April 1847
HIM|2|470402|1|0|Im Glauben liegt die große Verheißung und die Auferstehung. Wie Ich, der Eine, auferstanden bin aus eigener Kraft und Macht, so wird jeder auferstehen durch die Kraft des Glaubens in ihm, so der Glaube Den erfasst hat, der das Leben Selbst ist. Denn da hat der Glaube das Leben selbst und bedarf nicht, dass ihn jemand erwecke vom Tode, sondern er selbst ist der Wecker in dem, der ihn hat.
HIM|2|470402|2|0|Und so ist es, dass da jedweder „seines Glaubens leben“ wird und leben muss. Denn der Glaube ist der Leib der Liebe. Er ist die reine Seele oder die Intelligenz des Seins.
HIM|2|470402|3|0|Die Liebe ist der ewige Geist in diesem Leib. Und so der Glaubensleib da ist und gebaut aus Dem, der ewig das Leben selbst war, ist und sein wird – wie könnte der ohne Liebe, ohne Geist sein, der der Liebe entwachsen ist, die da ist das Leben selbst?!
HIM|2|470402|4|0|Wer also glaubt an Den, der da kam, kommt und kommen wird von Ewigkeit als ein Leben aus Gott, Selbst Gott, das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende, ohne Anfang und ohne Ende – der hat das ewige Leben schon in sich.
HIM|2|470402|5|0|Niemand aber kann leben ohne einen Glauben, weder zeitlich noch ewig. Ist der Glaube dumm, so ist es auch das Leben; ist der Glaube gerichtet, so ist es auch das Leben. Wer im Glauben gebunden ist, der ist es auch im Leben, außer der Geist macht ihn frei.
HIM|2|470402|6|0|Darum glaubt recht und an Mich, der Ich das Leben und die Auferstehung Selbst bin, so werdet ihr auch auferstehen in euerem Glauben und werdet eueres Glaubens ewig leben! Amen.
HIM|2|470402|7|0|Das spricht, Der die Auferstehung und das Leben Selbst ist. Amen. Amen. Amen.
HIM|2|470411|1|1|Hungersnot als Zuchtrute – 11. April 1847
HIM|2|470411|1|0|Schreibe nur, Ich brauche keinen Bittkopf, Ich weiß ohnehin, was den Irländern fehlt. Diesem Volk fehlt alles. Daher diese Rute, die immerhin besser ist als der ewige Tod! Wenn dem Weisen weniges genügt, so sollst du damit auch schon genug haben; aber der Brüder wegen werde Ich schon noch etwas hinzusetzen müssen.
HIM|2|470411|2|0|So Ich sage, diesem Volk fehlt alles, so heißt das soviel als, dieses Volk hat erstens – keinen Gott, außer blinden Götzen aus Mittel-Welschland und dem Mammon Geld. Die Götzen sind in den Bethäusern und können weder helfen, weil sie tot sind, noch nützen, weil ihr Material schlecht und wertlos ist. Der Mammon aber befindet sich in den Händen der Wucherer und in der „Repealkasse“, die aus lauter Herrsch- und Ranglust zusammengesetzt ist. Das wird doch eine starke Rubrik sein in der Konsignation dessen, was dem Volk fehlt!
HIM|2|470411|3|0|Zweitens fehlen dem Volk Menschen, und das ist auch eine starke Rubrik! O’Connell war noch ihr bester Mensch und war dennoch keinen Galgenstrick wert. Was soll’s hernach mit den anderen Menschen unter ihnen und endlich mit ihnen selbst!? O’Connell ging weg, und die anderen starben weg. Am besten wird es sein, so bald alle weg sein werden. Glück zu auf die Reise ohne Gott und ohne Menschen und ohne „Geld“ für die andere Welt! In der Hölle gibt es der Begebnisse in übergroßer Menge. Aber nur zu in dieser Weise auf die Reise in die Ewigkeit, dort sind lauter „Repealer“ zu Hause!
HIM|2|470411|4|0|Handeln kann das Volk zwar wie es will, aber die Folgen sind unabänderlich in Meiner Hand. Werft soviel Steine als ihr wollt in die Höhe – dass sie wieder herabfallen müssen, das ist Meine Sorge.
HIM|2|470411|5|0|Drittens hat dieses Volk keine Gesetze; und wenn es schon welche hat, so achtet es sie nicht, die weltlichen so wenig wie die göttlichen, die es kaum noch dem Namen nach kennt. Dafür aber hat es desto mehr Wucherer aller Art und stets viel Militär. Und der Segen von alledem ist – die Hungersnot!
HIM|2|470411|6|0|Als dem Volk die Erdäpfel wohlgerieten, da wusste es kaum, was alles es daraus machen sollte: Schnaps, Syrup, Mehl, Stärke, Bier und noch eine Menge derlei Industrieartikel. Ich aber gab diese Frucht nur als ein höchst einfaches Nährmittel, das der Ärmste sich leicht bereiten kann. So aber dieses „Erdbrot für Arme“ ein Industrieartikel für den Luxus und die Geldsäcke der ohnehin Reichen werden sollte, da nur weg mit diesem Nährmittel der Armen!
HIM|2|470411|7|0|In diesem Land gäbe es jetzt noch für etliche Missjahre Geld und Getreide in großer Menge in den Händen der Wucherer, aber eben da muss ja das schnöde Eigentumsrecht aufrechterhalten werden, wenn darob auch Hunderttausende ins Gras beißen müssen! Aber schützt das Eigentum der Wucherer nur noch mehr, stellt Wachen zu ihren Kornspeichern, lasst aber dafür Hunderttausende verhungern – wahrlich, euer Lohn wird groß sein in der Hölle! Verflucht sei der Wucherer und auch das Gesetz, das ihn schützt!
HIM|2|470411|8|0|Ich aber sage: Dem Wucherer hängt einen Stein an den Hals und werft ihn ins Meer, da es am tiefsten ist! – So jemand einen Menschen tötet, den verurteilt ihr auch zum Tode – so aber ein solcher Geldteufel von einem Wucherer Hunderttausende tötet durch seine unersättliche Gewinnsucht, für den habt ihr kein Gesetz! O so geschieht euch, ihr dummen Briten, recht, so ihr alle Hunger sterbt samt Irland! Nur zu mit der Gerechtigkeit, es soll ja alles noch besser werden hier auf Erden!
HIM|2|470411|9|0|Ich meine nun, dass es genug sei, auf dass ihr Irlands Hungersnot, ihre Ursache und ihren Grund einseht.
HIM|2|470411|10|0|Das aber sage Ich euch: Wenn es auch anderswo so wird um die Menschheit wie in Irland, dann wird ihr Los noch ärger sein denn das dieses Landes. Denn da gibt es für die Menschen keine andere Schule als die des Elends! – Das spricht Der, der alle Völker der Erde kennt. Amen.
HIM|2|470425|1|1|Wahres Abendmahl – 25. April 1847
HIM|2|470425|0|0|Frage des Ans. H.-W.: O Herr, Du guter, lieber, heiliger Vater! Sind von Dir aus nur die Priester der christlichen Konfessionen berechtigt, im Gedächtnismahl Dein Fleisch und Blut in Brot- und Weingestalt auszuspenden, oder dürfte auch ein Dich demütig liebender Laie ein Gleiches tun – und das umso mehr dann, wenn er, von Dir erleuchtet, erkennt, dass in der Kirche, in der er erzogen ward, der Abgötterei gehuldigt wird und dass die Klerisei dieser Kirche Finsternis statt Licht verbreitet und mehr darauf sieht, dass ihre Satzungen als Dein heiliges Wort vom Volk beachtet werden?
HIM|2|470425|1|0|In der Schrift steht nur: „Dies tuet zu Meinem Gedächtnis!“ – Wer aber das tun solle im besonderen Sinne, davon steht nichts geschrieben. Dass dies ein jeder, der wiedergeboren ist, d. h. getauft aus dem Wasser und Heiligen Geist in Meinem Namen, tun kann, zeigt ja die Schrift klar, die es allen und nicht einzelnen anratet.
HIM|2|470425|2|0|Wäre es nicht also, so dürfte der Laie ja auch das „Vaterunser“ nicht beten und sonst auch nichts tun, was im Evangelium zu tun geboten ist. Denn von Mir aus haben ja nur die Apostel und Jünger die Lehre und die Gebote erhalten. Ich aber habe nie zu den Aposteln gesagt: „Das tuet ihr besonders, und die Gläubigen dürfen es unter der strengsten Todsünde nicht tun!“ – sondern allenthalben heißt es: „Das tuet!“ – Und das gilt allen gleich, ob Boten oder Schüler! Denn „Einer ist euer aller Meister und Herr, ihr alle aber seid Brüder! An der Liebe aber wird man euch erkennen, ob ihr Meine Jünger seid.“ – Also lautet es in der Schrift.
HIM|2|470425|3|0|Wer das eine tun soll und tun muss, um das ewige Leben zu erreichen, der tue auch das andere! Denn wer das Wort, das Ich gelehrt habe, nicht völlig erfüllt, der ist wie eine Frucht, die mangels des starken Sonnenlichtes nicht zur gewünschten Vollreife gelangen konnte.
HIM|2|470425|4|0|Wie aber jeder gute Christ taufen kann, wenn ein Mensch für die Taufe des Geistes fähig ist, also ist es aber auch eine noch größere Pflicht für jeden rechten, wahrhaft evangelischen Christen, so er es tun kann, den Brüdern und Schwestern zu Meinem Gedächtnis ein rechtes Liebesmahl, bestehend in gutem Brot und Wein, zu reichen – wobei nur zu bemerken ist, dass daran nicht auch die „Schweine“ teilnehmen sollen, die an Mich nicht glauben und Mich nur verhöhnen und verachten.
HIM|2|470425|5|0|Ich aber sage euch: Wahrlich, wahrlich, so oft ihr, die ihr Mich liebt, esst und euch dabei Meiner erinnert, und besonders, so oft ihr arme Brüder in Meinem Namen speist und tränkt, so oft nehmt ihr das rechte Liebesmahl in euch auf und spendet es auch würdigst aus.
HIM|2|470425|6|0|Denn was ihr den Armen tuet, das tuet ihr Mir Selbst! Wollt ihr etwa noch Größeres und Heiligeres tun? Mir, dem Herrn, ist keine größere und heiligere Handlung bekannt!
HIM|2|470425|7|0|Das ist das echte „Hoc est enim corpus meum“, dass ihr wahre Werke der Liebe verrichtet! Denn ein rechtes Liebewerk in Meinem Namen ist Mein eigentlicher, wahrhaftigster „Leib“, der für viele, ja für alle, nicht nur für die Apostel oder Priester, gegeben ist zur wahren Gewinnung des ewigen Lebens.
HIM|2|470425|8|0|Ebenso verhält es sich mit dem Kelch, der da ist Mein „Blut“, d. h. Mein Wort, das an alle Völker, wie das Blut an alle Glieder des Leibes, ausgegossen werden sollte in der ersten Reinheit und Echtheit, also als ein reiner, echter, aber nicht als ein unreiner, allergepanschtester Wein.
HIM|2|470425|9|0|Wo sonach bei einem Liebesmahl Mein Name wahrhaft im Herzen bekannt wird, da wird auch der Kelch im Geiste und in der Wahrheit genossen. Will noch jemand aus euch mehr?
HIM|2|470425|10|0|Was wohl ist besser: Liebe oder Hostie oder sogenannter konsekrierter Wein? – Ich sage euch: Wo Ich nicht bin in der Liebe der Menschen und in Meinem Wort, da ist Brot und Wein eine Null! – Wo Ich aber bin in der Liebe und im Wort, da bin Ich auch als fortwährendes ewiges Abendmahl in jedes Menschen Herz, Seele und Geist – ohne alle priesterliche Konsekration! Amen. Amen. Amen.
HIM|2|470502|1|1|Beichte und Sündenvergebung – 2. Mai 1847
HIM|2|470502|1|0|Schreibe nur! Zwischen einer Beichte, bei der Sünden vergeben werden in der römischen Kirche – und einer Beichte, in der sich ein durch Mein lebendiges Wort gereinigter und mit dem Heiligen Geist getaufter Mensch irgendeinem Priester zeigt bloß des äußeren Kultus wegen, ist ein himmelweiter Unterschied.
HIM|2|470502|2|0|Denn im ersten Falle wird eine in der Schrift nirgends angeordnete Handlung begangen ob der vermeintlichen Sündenvergebung. Im zweiten Falle aber ist der Sünder lange schon völlig gereinigt und hat sich lediglich nur irgendeinem vernünftigen Priester zu zeigen, welches Sichzeigen eben auch in einer Art Beichte bestehen kann, in welcher der sich Zeigende dem Priester angeben kann, was, wie und wann er gesündigt und seit wann er diese Sünden durch Meine Gnade völlig abgelegt hat und sie nicht mehr beging.
HIM|2|470502|3|0|Der vernünftige Priester wird ihm dann auch die gewöhnliche äußere Absolution erteilen, nach welcher der die Beichte also Verrichtende die kultusmäßige Kommunion empfangen kann, um den äußeren Forderungen der Kirche, in der er sich befindet, Genüge zu leisten.
HIM|2|470502|4|0|Es versteht sich aber von selbst, dass, so da jemand an einen dummen Priester käme, der ihm die Absolution verweigern wollte, man von ihm sich zu entfernen hat, und zwar mit dem besten Gewissen. Denn wem Ich Selbst die Sünden erlasse, dem sind sie schon erlassen, und wenn sie ihm tausend Priester vorenthalten würden!
HIM|2|470502|5|0|Der Zurückgewiesene soll sich auch wegen der Kommunion keinen Skrupel machen! Denn wer Mich Selbst im Geiste der Liebe, Gnade und Erbarmung im Herzen trägt, der kann wohl auf die äußere bloße Kultuskommunion leicht vollen Verzicht leisten!
HIM|2|470502|6|0|Das beste Mittel zur Nachlassung der Sünden aber ist, die Sünden nicht mehr zu begehen, die begangenen aber wahrhaft zu bereuen, dafür den Armen aus Liebe zu Mir Almosen zu geben und all seinen Feinden von Herzen zu vergeben und für sie zu beten im Geiste und in der Wahrheit. Denn wenn es einen gereut, dass er gesündigt hat, da gereut es auch Mich, dass Ich ihn darob strafen wollte. Das Almosen aber bedeckt ohnehin die größte Menge der Sünden. Und dem, der vergibt, wird auch vergeben werden, und hätte er Sünden, wie da ist des Sandes im Meer und des Grases auf der Erde!
HIM|2|470502|7|0|Das sind demnach die einzigen Mittel, durch die jedweder Sünder ohne alle Beichte die Sündenvergebung erhalten kann, und sonst gibt es keine!
HIM|2|470502|8|0|Hat aber jemand auf diese Weise die rechte und allein gültige Sündenvergebung von Mir aus erhalten, so er den vorgeschriebenen evangelischen Bedingungen werktätig im Geiste und in der Wahrheit nachgekommen ist, dann kann er sich, so er will, des äußeren Kultus wegen ja einem vernünftigen Priester zeigen. Aber als „Bedingung zur Seligkeit“ habe dieser Rat keine Geltung! Sondern er ist euch lediglich darum gegeben, damit ihr durch dessen ganz unschädliche Beachtung in eueren irdischen Verhältnissen desto unbeanstandeter durchkommen mögt!
HIM|2|470502|9|0|Ihr dürft alles tun, was der äußere Kultus verlangt, um niemandem irgendein Ärgernis zu geben. Denn das sind ja die Zeichen der Wiedergeburt eures Geistes, dass auch ihr mögt die Schlangen und Skorpionen dieser Zeit angreifen, und sie werden euch nicht schaden, und mögt auch den vergifteten Becher trinken (d. h. die Lehre Babels anhören), und das Gift wird euch nicht verkümmern.
HIM|2|470502|10|0|Ich meine, das wird doch deutsch genug sein!? Darnach tut und lebt! Amen.
HIM|2|470516|1|1|Materielle und geistige Teuerung – 16. Mai 1847
HIM|2|470516|1|0|Also schreibe ein Wörtlein über die gegenwärtige Teuerung der materiellen Lebensmittel!
HIM|2|470516|2|0|Siehe, zu allen Zeiten der Welt war es also und wird es also bleiben, dass die materiellen Lebensmittel stets gleichen Schritt halten mit den geistigen. Die Israeliten wurden oft mit Misswachs, Teuerung, Hungersnot und Pestilenz gestraft, wenn ihr Herz und Geist von Mir abließ und sich anderen Göttern zuwandte. In den heutigentags abgöttischen Ländern herrscht fortwährend Not und Pest mehr oder weniger. Warum denn? Ob der Abwesenheit Meines Geistes!
HIM|2|470516|3|0|Solange im verschieden-sektisch christlichen Europa das Volk allgemein sich mehr um Mich bekümmerte und nach Meinem Geist strebte, solange gab es Engel in die große Menge unter den Menschen. Dadurch wurden nicht nur die Menschen, sondern auch der Erdboden gesegnet, so dass er stets reichliche Ernten trug. Aber diese Ernten brachten die Völker auf lauter industrielle Gedanken – und die Gedanken an Mich sind gesunken!
HIM|2|470516|4|0|Anstatt der echt geistigen Schriften, die man sowohl von Seiten Roms als auch von Seiten der niederen Staatspolitik stets mehr zu verpönen, ja förmlich als ketzerisch zu verbieten angefangen hat, hat man nun die Welt mit einer Legion sinn- und gehaltloser Journale und anderer Schriften angestopft. Man hängt wieder Reliquien aus und ordnet Wallfahrten an, gründet wieder Orden und dergleichen Gräuel mehr.
HIM|2|470516|5|0|Es ist dadurch für den Geist eine große Hungersnot ob der vorangegangenen, stets größer werdenden Teuerung der geistigen Nahrungsmittel eingetreten. Die Engel haben sich von dem Erdboden wieder mehr und mehr zurückgezogen, da ihnen die stets größer werdende Finsternis der Erde durchaus nicht mehr zusagt und sie die große Hurerei der Menschen, besonders der römischen, schon gar nicht anzieht. So ist daher ja auch leicht begreiflich, dass der Erdboden in der stets größeren Ermangelung der himmlischen Arbeiter auch im selben Verhältnis magere Ernten bei einer oder der anderen Fruchtgattung abgeben muss.
HIM|2|470516|6|0|Im vorigen Jahr habe Ich nur die Erdbirnen hie und da etwas über die Hälfte geschlagen, und seht, nahezu ganz Europa seufzt! Was wird denn aber dann sein, so Ich nebst den Erdbirnen auch das Korn, den Mais und die Gerste schlagen möchte und sehr wahrscheinlich auch schlagen werde, wenn die Menschheit in diesem ihrem Finsternis-, Hurerei-, Unzuchts- und allerlei Industrieeifer fortfährt und Meiner noch mehr vergisst?! Dann erst werdet ihr von großem Jammer und großer Not und vom tiefsten Elend lesen und hören, dass euch darob die Haare zu Berge stehen werden!
HIM|2|470516|7|0|Ich wollte wohl die Cholera nach Europa kommen lassen. Aber es „gereute“ Mich; denn Ich entdeckte recht viele Wohltäter unter so manchem Volk. Aber zugleich entdeckte Ich auch eine noch größere Masse Wucherer, unmittelbar der Hölle entsteigend, die in ihnen im Vollmaße ist. Diese Teufel in noch menschlichen Larven müssen Meine Strafrute fühlen nach dem Maße ihrer Frevel. Daher sollen allerlei Übel die Erde nun nach der Ordnung beschleichen. Bis diese Brut vertilgt ist und es auf der Erde lichter wird, will Ich den Erdboden nicht segnen, außer dort örtlich nur, wo irgend Menschen leben, die Mich wahrhaft in ihren Herzen tragen und glauben, dass Ich bei ihnen bin und sie auch mit wenigen Broten bestens erhalten und ernähren kann.
HIM|2|470516|8|0|Fürchtet daher auch ihr diese Zeit nicht! So ihr auf Mich wahrhaft vertraut, wird euch nirgends hungern. Habt ihr wenig, so will Ich das Wenige segnen, und es wird für euch ein großer Überfluss vorhanden sein. Aber so ihr, im Bewusstsein Meines Segens, euch noch sorgen und kümmern würdet und würdet fragen: „Was werden wir essen und womit werden wir uns kleiden?“ – dann würde Ich euch sorgen lassen und würde Mich etwas zurückziehen und Meinen armen und doch wieder sehr reichen Knecht und Bruder von euch nehmen. Dann versorgt euch mit hundert Metzen Mehl und allerlei essbaren Dingen – und ihr werdet dennoch hungern, als hättet ihr wochenlang nichts gegessen!
HIM|2|470516|9|0|Denn wie überall, so ist auch hier an Meinem Segen alles gelegen! Darum bleibt gleichfort ganz voll Vertrauen auf Mich; möge sich die Zeit gestalten, wie sie will, so werde Ich euch nimmer verlassen, und euch soll nicht hungern, weder geistig noch leiblich. Und wenn da schon der Knecht verreiste, so werde aber dennoch Ich stets gleich segnend bei euch sein so lange, als ihr euch nach diesem Wörtlein verhalten werdet.
HIM|2|470516|10|0|Also wohlgemerkt: Nicht gesorgt, gefürchtet und gekümmert solange Ich bei euch bin; es wird euch nichts geschehen! Niedergedrückt, traurig und ängstlich dürft ihr nicht sein; denn das wäre ein Aushängeschild des Herzens, das da besagen würde: „Siehe, der Herr ist wohl da; aber Er schläft und mag uns nicht helfen!“ – Weg also auch mit diesem Aushängeschild! Denn wo Ich bin, muss Freude und volle, seligste Ergebung in Meinen Willen und nicht Furcht, Kleinmut und Traurigkeit herrschen! Dann herrsche auch Ich kräftigst in solchem Herzen und in solchem Haus! Amen.
HIM|2|470516|11|0|Das sage Ich, euer aller segnender Gott, Herr und Vater. Amen.
HIM|2|470517|1|1|Wahre Lebenskunst – 17. Mai 1847
HIM|2|470517|1|0|Die Tugend ist eine Fertigkeit des menschlichen Gesamtwesens, das Gute frei zu wählen und danach, ohne sich durch irgendetwas im Geringsten beirren zu lassen, fest und getreu zu handeln. Hat irgendein Mensch in sich diese harmonische Fertigkeit erlangt, derzufolge er alle seine vielen Bedürfnisse und Begehrungen nunmehr völlig in eins vereint hat, wonach er dann handelt, so ist er völlig tugendhaft.
HIM|2|470517|2|0|Wenn es aber irgendein Mensch noch nicht dahin gebracht hat und nur hie und da so in einzelnen Punkten tatfertig ist, in anderen aber wie ein laues Wasser, so ist er im Einzelnen etwas, aber im Ganzen dennoch nichts. Denn so schon ein in allem völlig Tatfertiger zu sich sagen sollte: „Ich bin ein unnützer Knecht!“, was soll dann der mit noch sehr viel Lauheit Unterspickte von sich aussagen? Ein solcher aber ist denn auch noch lange nicht tugendhaft, sondern ein armseliger Stümper in all seinem Tun und Lassen. Er ist gleich einem Gärtner, der seinen Garten mit lauter Weidenreisern besteckt, weil diese am leichtesten, fast ohne alle Mühe und weitere Gartenpflege, aufgehen; aber niemand kann von ihnen irgend genießbare Früchte sammeln.
HIM|2|470517|3|0|Es sind darum schon alle Pflanzen zur Belehrung der Menschen also eingerichtet, dass diejenigen, die am wenigsten des menschlichen Fleißes benötigen, auch entweder gar keine oder nur sehr schlechte und für den Menschen wertlose und völlig unbrauchbare Früchte zum Vorschein bringen. Ebenso steht es denn auch mit einem Menschen, der nach der Lehre des Evangeliums das eine wohl tut, dagegen aber wieder das andere zu tun völlig unterlässt.
HIM|2|470517|4|0|Er ist im Pflanzenreich des ewigen Lebens nichts als eine eitle Weide, die zwar mit den edlen Fruchtbäumen viel Ähnlichkeit hat – denn sie hat gute und feste Wurzeln in der Erde, hat einen schönen Stamm, grünt, treibt schöne, anmutige Äste und Zweige und treibt recht viele Blätter und auch eine Blüte – aber die Frucht, die Frucht, wo ist diese?! Ein nichtiger Same, den der leiseste Hauch verweht, ist alles, was man von diesem Baum haben kann, der aber für nichts anderes taugt als schlechtweg kaum für die eigene Fortpflanzung. Das Holz selbst ist sogar für das Feuer zu schlecht und taugt noch weniger zum Häuserbau und am wenigsten zur Anfertigung nützlicher Hausgerätschaften. Man setzt daher diese Bäume auch nur an Bäche und Flüsse, damit ihrer viele mit ihren festen Wurzeln, die das Beste an ihnen sind, die Ufer vor der Zerstörung durch große Gewässer schützen müssen. Dieser Dienst wird aber von ihnen auch oft noch schlecht genug versehen.
HIM|2|470517|5|0|Also ist, wie schon gesagt, ein Mensch, der das eine wohl recht genau tut, das andere aber unterlässt, nichts als eine eitle Weide, die zufolge ihrer nieder stehenden Äste höchstens irgendeinem Judas Ischariot zum Selbstmord behilflich sein kann, aber sonst nur zu sehr wenig taugt.
HIM|2|470517|6|0|Wer demnach recht tugendhaft sein will, der darf nichts unbeachtet lassen, was das Evangelium zu beachten vorschreibt. Er sei in allem nicht ein eitler Hörer und Halbtäter des Wortes, wohl aber ein eifriger Volltäter desselben. Dann wird er gleich sein einem Gärtner, der mit allem Fleiß, keine Mühe und Arbeit scheuend, in seinem Garten lauter gute und edle Fruchtbäume zieht, die ihm seine Arbeit hundertfältig ersetzen werden. Und er wird nicht gleichen jenem dummen Pflanzer, der in seinem Garten, um Mühe und Arbeit zu ersparen, Weidenreiser steckte, deren Frucht dann die Winde verzehren.
HIM|2|470517|7|0|Auch wird er nicht gleich sein dem Weidenbaum selbst, dessen Nützlichkeit oben beschrieben wurde, sondern er wird gleich sein einer edlen Rebe, die, von ihrem kräftigen Weinstock getrieben, die herrlichsten und wohlschmeckendsten Trauben voll des geistigsten Saftes bringen wird, aus denen für Mich, den Herrn und Vater des Weinberges, für alle Ewigkeiten der köstlichste Wein ausgekeltert wird; die Liebe für die Liebe, das Herz für das Herz, das Leben für das Leben, der Geist für den Geist!
HIM|2|470517|8|0|„Tugend“ – ein großes Wort! Wohl dem, der sie besitzt! Er ist ein wahrer Künstler des Lebens im Leben geworden.
HIM|2|470517|9|0|Welche Mühe gibt sich mancher Mensch, um in irgendetwas auf der Erde ein Künstler zu werden! Jahrelang übt er sich mit allem Fleiß täglich stundenlang, um nur sein vorgestecktes Künstlerziel zu erreichen! Kann aber ein Mensch eines irdischen Vorteiles wegen sich so großen Selbstverleugnungen unterziehen und alle seine Kräfte einem harmonischen Tatpunkt zuwenden, warum denn nicht ebenso leicht und noch viel leichter der viel höher, ja endlos höher stehenden Künstlerschaft im allerhöchsten Fach des ewigen Lebens?!
HIM|2|470517|10|0|Dazu bedarf es keiner Glieder- und Kehlenverrenkungen, keiner Augenmarter, keiner Bauch- und Lungenanstrengung, sondern nur einer sehr geringen Gedächtnisanstrengung. Alles aber kommt da an auf den Glauben dessen, was das Wort lehrt, und dann auf den rechten Liebewillen aus und nach dem Wort. Durch eine leichte Übung kann es jeder darin bald zu der hervorragendsten Fertigkeit bringen; denn Mein Joch ist ja sanft und Meine Bürde leicht.
HIM|2|470517|11|0|Die Regeln der Lebensschule sind überleicht begreiflich und ebenso leicht ausführbar. Warum werden sie denn so wenig beachtet? Weil sie die Eigenliebe scheinbar ausschließen, während doch jeder mit verbundenen Augen einsehen sollte, dass da ein jeglicher dem Reich Gottes ernstlich Nachstrebender – wenn er die Werke der Liebe übt und seinen Bruder leiblich unterstützt – an jedem Bruder nur einen edelsten Fruchtbaum im Garten seines eigenen Lebens pflegt, der ihm für alle Ewigkeiten die reichsten Früchte tragen wird; denn dieser wird sicher zu keinem Weidenbaum werden, da er als solcher nie gepflanzt worden ist, indem in dem Garten des Wortes Gottes derlei Gewächse nimmer vorkommen können – sowenig wie Distelknospen auf einer edlen Weinrebe.
HIM|2|470517|12|0|Gebt also alle nichtigen, kleinen Perlen her, so ihr die eine große, unschätzbare finden und kaufen könnt! Werdet rechte Gärtner und wachst nicht auf wie Weidenbäume, sondern wie edle Reben am Weinstock, so werdet ihr Künstler des Lebens werden nach der gegebenen Schule des Lebens. Und Ich, euer Herr, Gott und Vater, werde Mich dann ewig ergötzen an den mannigfaltigsten, herrlichsten Produktionen des Lebens Meiner geliebten Kinder und Kinderchen!
HIM|2|470523|1|1|Gebt Gott, was Gottes, und dem Kaiser, was des Kaisers ist (Mat. 22,21) – 23. Mai 1847 [Aehrenlese 1856]
HIM|2|470523|1|0|Es gibt jetzt gar viele in der Welt, die da keine Grenze finden können, was Gottes ist und was des Kaisers. Ja manche sind sogar in jeder Hinsicht Republizisten, d. i. sowohl gegen Gott und gegen den Kaiser. Von solchen sei hier die Rede mitnichten. Denn der da über sich nichts Höheres anerkennen will und sich selbst genügt, der hat in sich schon jene höchste Wahnstufe erreicht, auf der er wohl schwerlich je wird eines höheren und reellen Aufschwunges fähig werden.
HIM|2|470523|2|0|Selbstsucht, Selbstliebe, eigenmächtiger Eigendünkel von Eigengröße und Eigenfülle an Weisheit – also echter Stoizismus in der allertrockensten Bedeutung des Wortes und Sinnes, sind eine wahre Blausäure für den Geist. Welcher Geist damit vergiftet ist, der wird wohl auch schwerlich je unterscheiden können, was für ein Unterschied da ist zwischen den Pflichten eines rechten Menschen gegen Gott und gegen den Kaiser!
HIM|2|470523|3|0|Darum sei das hier Gesagte auch nur an jene gerichtet, die da suchen, aber dennoch das Rechte nicht finden können, weil sie noch so manches weltliche Irrlicht in ihrem Herzen daran hindert.
HIM|2|470523|4|0|Um aber solche Irrfunken im Herzen auszulöschen, so sei hier der Pflichtunterschied in aller Kürze gezeigt, der da zwischen Gott und Kaiser obwaltet, und was der Mensch dem einen und was dem anderen zu geben schuldig ist. Und so hört denn und merkt wohl auf, was da ist, das der Herr darüber spricht!
HIM|2|470523|5|0|Der Mensch besteht aus Geist, Seele und zeitweilig aus einem materiellen Leib. Die Seele ist der eigentliche Mensch zwischen Geist und Leib und muss mit ihrem Verstand und ihrer Vernunft sorgen gleich wie für den ewigen Geist, also auch für den zeitweiligen Leib.
HIM|2|470523|6|0|Was aber braucht der Geist, und was der Leib? Das ist nun jedem aus euch sicher mehr als über die Maßen bekanntgegeben worden, und es wäre gleich einem leeren Strohdreschen, wenn hier all das viele darüber Gegebene sollte förmlich aller Länge und Breite nach wiedergekäut werden. Daher nur das Nötigste in aller Kürze!
HIM|2|470523|7|0|Gebt also dem Geist, was rein des Geistes ist, und dem Leib, was des Leibes ist – aber also nach der Ordnung, dass darob dem Geist kein Nachteil werde! Also dem Geist das Seinige und dem Leib das Seinige!
HIM|2|470523|8|0|Wer sieht hier nicht auf den ersten Blick, dass alles, was vom Geist kommt, als das Wort Gottes, der Glaube, die Liebe und das festeste Vertrauen auf Mich, den Herrn, rein Geistiges ist und dem Geiste angehört;
HIM|2|470523|9|0|irdische Speise und Trank, Kleidung, Wohnung und Künste und Gewerbe, insoweit sie zum Ernährungserwerb brauchlich, sind aber Angehör des Leibes und daher auch dem Leib zu verabreichen auf die Art, wie er dieselben anzunehmen fähig ist im gerechten Maß und Ziel – die Speise und der Trank in seiner Art, die Kleidung in ihrer zweckdienlichen Art, die Wohnung desgleichen und die nötige Fertigkeit und Geschicklichkeit zur natürlichen Ausübung von Künsten und Gewerben.
HIM|2|470523|10|0|Seht, da ist Gott und Kaiser nebeneinander gestellt, und jeder aus euch kann daraus überleicht ersehen, was er als reiner Seelenmensch dem einen und was dem anderen zu geben schuldig ist.
HIM|2|470523|11|0|Wie sich aber die beiderlei Pflichten bei und in einem und demselben Menschen verhalten, ebenso verhalten sie sich auch im weiteren Sinne zwischen Mir, Gott dem Herrn, und zwischen einem weltlichen Oberhaupt, das lediglich von Mir aus irdisch bemächtigt ist und keine andere Macht hat, als die ihm von Mir, dem Herrn aller ewigen und unendlichen Macht und Kraft, verliehen ist, so oder so, süß oder bitter, nach dem Bedürfnis der Menschen, die da sind entweder gut oder böse.
HIM|2|470523|12|0|So ein weltliches Oberhaupt ist und bleibt stets eine Zuchtrute in Meiner Hand. Und jeder Mensch ist daher ihm das zu geben schuldig, was er ordentlicherweise seinem eigenen Leib schuldet.
HIM|2|470523|13|0|Aber was er seinem Geist schuldet, das geht das Staatsoberhaupt nichts an. Und wenn dieses darin auch über seine Grenze Forderungen an die Menschen stellt, so wird es darin auch sein unvermeidliches Gericht finden.
HIM|2|470523|14|0|So aber irgendein Monarch durch leiblichen Zwang auch den Geist der Menschen in Fesseln ziehen und ihm aus der Materie vorschreiben will, welche Gebühr er Mir, dem Herrn, zu entrichten schuldig sei, so entrichte der Aufgeforderte des Kaisers willen auch solche, damit er ihn nicht ärgere. Aber im Herzen kehre er sich nicht daran, sondern gebe Mir da im Geist und in der Wahrheit, was Mein ist, so werde Ich dann schon ein sicheres Mittel treffen, den Kaiser also zu richten, wie er es ob seiner missbrauchten Gewalt an der Menschheit verdient hatte.
HIM|2|470523|15|0|Niemand aus den einer kaiserlichen Gewalt Untergebenen aber soll sich unterfangen, in irgendetwas den Kaiser richten zu wollen, ob er gut oder böse handelt! Denn solches habe Ich Mir ganz allein vorbehalten.
HIM|2|470523|16|0|Alles aber, was jemand für den Kaiser tun kann aus gutem Herzen, das tue er und bete häufig für den auf eine hohe und harte Probe gestellten Bruder, so wird er im Vollmaß dem Kaiser geben, was er demselben schuldig ist, und in solcher allgemeinen Nächstenliebe auch sicher Gott, was Gottes ist.
HIM|2|470523|17|0|Was darunter oder was darüber – ist Sünde. Wer da aus speichelleckerischen, eigennützigen Absichten unter dem patriotischen Deckmantel den Kaiser förmlich anbetet und mit ihm eine wahre Abgötterei treibt, der sündigt, indem er dem Kaiser gibt, was allein nur Gott dem Herrn gebührt. Wer aber dem Kaiser die geziemende Ehrfurcht versagt, ihm ungetreu dient und andere Pflichten, die der Kaiser von ihm fordert, durch allerlei Schleichwege vorenthält, der sündigt eben auch und gleicht einem Menschen, der gegen seinen Leib fortwährend mit ganz ernsten selbstmörderischen Ideen umgeht – wie der erstere, der dem Kaiser zu viel gibt, gleich ist einem, der an und in seinem Leib einzig und allein den Gegenstand findet, dem er alles zuwenden muss, da dann ist einer ein größerer Sünder als der andere und jeglicher in seiner Art gleich.
HIM|2|470523|18|0|Aus dieser sehr klaren Mitteilung wird sicher jeder von euch einsehen, was er so ganz eigentlich Gott und was er dem Kaiser schuldig sei – und was für ein leicht begreiflicher Unterschied da ist zwischen diesen beiden Hauptpflichten eines jeden Menschen, welche sich am Ende dennoch in den zwei Hauptgeboten der Liebe ganz vollkommen wiederfinden.
HIM|2|470523|19|0|Da ihr aber solches versteht, so tut auch darnach im Geiste des Evangeliums, der hier gezeigt ist, körperlich, so werdet ihr wahrhaft selig leben zeitlich und ewig. Amen, Amen, Amen.
HIM|2|470528|1|1|Zum Namenstag – 28. Mai 1847
HIM|2|470528|0|0|Aus einem Brief an Wilhelmine Hüttenbrenner:
HIM|2|470528|1|0|Ich wandte mich für Sie an den Herrn, um für Sie von Ihm ein heiliges Wörtlein zu bekommen. Allein diesmal war Er, wenigstens für diesen Augenblick oder gerade für diesen Tag, durchaus nicht dazu zu bewegen. Nur zu mir sagte Er nach einer Weile:
HIM|2|470528|2|0|„Was willst denn du, alberner Dummkopf, Mich stets zu einem Namenstagsgratulanten gebrauchen? Warum soll denn gerade allezeit der Namenstag dazu bestimmt sein, dir für deine Mädchen gratulative Nebenwörtchen zu geben? Ich will von den Geburtstagen des Leibes nichts sagen, aber was gehen Mich eure dummen Namenstage an?! Ich habe es dir schon einmal gesagt, dass Ich die irdischen Namenstage nicht leiden kann, und dennoch kommst du Mir schon wieder mit so etwas!
HIM|2|470528|3|0|Was ist ein Namenstag? Siehe, das ist der erste Eitelkeitstag – für die Eltern zuerst, da sie gar nicht wissen, auf was für einen allerschönsten Namen sie ihr Kind taufen lassen sollen; und dann für das Kind auch, wenn es einmal so viel Auffassungskraft besitzt, die Schönheit seines Namens einzusehen.
HIM|2|470528|4|0|Komme Mir daher nur nicht bald wieder mit so einem ersten Eitelkeitstag, sonst werde Ich dir gratulieren, und das nicht auf die sanfteste Art! Das merke du dir vorderhand, auf dass du dich künftig zu benehmen weißt, wenn wieder irgendwo ein Namenstag im Anzug sein sollte.
HIM|2|470528|5|0|Ich habe dir sonst wohl auch an solchen Tagen deiner gutmütigen Dummheit wegen Wörtlein gegeben; aber da waren die „zehn Buchstaben“ des Hauptwerkes noch nicht enthüllt. Nun sie aber enthüllt sind, da verlange Ich von dir wie von jedem, für den sie enthüllt sind, eine genaue Überlegung dessen, um was du zu Mir kommst.
HIM|2|470528|6|0|Ich will aber darum nicht härter sein, sondern nur genauer. Und so werde Ich wohl bei einer anderen Gelegenheit dem Töchterchen des A.H.-W. auch etwas geben, was ihm wohl zustattenkommen wird. Aber jetzt zum Namenstag gebe Ich durchaus nichts, außer Meine alltägliche, gewisse Lebensgnade.
HIM|2|470528|7|0|Nebstdem aber verlange Ich in der Zukunft auch von jedem, der von Mir einen besonderen Rat oder Trost haben will, dass er sich zuvor vollernstlich in seinem Herzen an Mich wende und nicht an dich, da es dann zur Hälfte herauskäme, als so du ein willkürlicher Ausspender Meiner Gnaden wärest und brauchtest zu Mir nur zu sagen: „Herr, tue dies und tue das!“ – und Ich müsste dann etwa gar tanzen nach deiner Pfeife?!
HIM|2|470528|8|0|O das tue Ich nicht mehr, sondern von nun an musst du dich von Mir ziehen lassen, so du selbst weiterkommen willst. Wenn aber du oder jemand anderes etwas aus dem Wort näher enthüllt haben will, da bin Ich noch stets der gleiche, allezeit bereitwillige Geber. Aber nur keine Namenstagsgratulation mehr!
HIM|2|470528|9|0|Also für deine Klientin nächstens etwas, wenn sie Mich Selbst darum recht liebeernstlich zuvor angehen wird und Ich dich dann Selbst dazu auffordern und antreiben werde – aber sonst nicht! Das merke dir nun ein für alle Mal! Amen. Verstehe das wohl! Amen.“
HIM|2|470528|10|0|Sehen Sie, aus welchem Grunde ich für diesmal nichts als bloß nur für mich einen recht derben Putzer von dem lieben, besten Herrn bekommen konnte! Nehmen Sie sich aber das auch recht ernstlich zu Herzen, wenn Sie vom Herrn etwas haben möchten!
HIM|2|470528|11|0|Bitten Sie Ihn zuvor ja recht herzernstlich, so wird Er Ihnen sicher etwas geben. Für diesmal aber müssen Sie sich schon mit meinem guten Willen fürs Werk begnügen, so wie ich mit meinem Kardinalputzer.
HIM|2|470528|12|0|Befolgen Sie sonach meinen Rat, so Sie vom höchsten Geist Gottes etwas haben wollen! Mich aber betrachten Sie als ein stummes Werkzeug, das allezeit bereit ist, im Namen des Herrn jedermann zu dienen. Solches sagt zu Ihnen, Ihres Namenstages wohl im Herzen eingedenk, Ihr Freund und Bruder im Herrn, Jakob Lorber.
HIM|2|470530A|1|1|Hast Du mich lieb? Bist Du mir gut? Zwei Fragen eines Mädchens – 30. Mai 1847
HIM|2|470530A|1|0|Erste Frage: O Herr, Du lieber, heiliger Vater, hast Du mich wohl lieb?!
HIM|2|470530A|2|0|Antwort: Allerdings vieltausendmal lieber als du Mich, mein Töchterchen! Denn Ich, dein Gott und Vater, sorge in jedem Augenblick für dein ganzes Leben. Du aber denkst nicht so fleißig an Mich, sondern nur dann und wann, so du dir dazu Zeit nehmen willst. Täte Ich mit dir, wie du mit Mir, dann wäre es, Mein Töchterchen, um dein Leben wohl schon lange geschehen! Aus dem aber kannst du schon sehen, dass Ich dich vieltausendmal lieber habe, als du Mich, Mein Töchterchen! Ich meine aber, du wirst Mich von nun an stets lieber haben!?
HIM|2|470530A|3|0|Zweite Frage: Bist Du, liebster, heiliger Vater, nicht grämlich auf mich, weil ich fast alle Sonntage zu meiner Tante gehe und mich dort ein wenig unterhalte?
HIM|2|470530A|4|0|Antwort: Ja, Mein liebes Töchterchen, das ist Mir wohl freilich nicht sehr angenehm, weil du dadurch stets mehr Sinn für die Welt in dich aufnimmst, durch den du mit der Zeit Mich stets mehr und mehr vergessen könntest, was Mich dann wohl sehr schmerzen würde, so du Mir endlich völlig untreu werden möchtest.
HIM|2|470530A|5|0|Daher wäre es Mir wohl lieber, wenn du gerade nicht an jedem Sonntag dich zur Tante abholen ließest, sondern nur dann und wann, wenn du schon die Tante besuchen musst, von der du außer einem kleinen Imbiss und einigen sehr wohlfeilen, nichtssagenden Spielereien eben nicht viel Besseres bekommst. Wenn du aber in deinem Herzchen so manchmal, statt allezeit zur Tante, zu Mir kämest, da könnte Ich dir mit etwas viel Besserem aufwarten als deine Tante, die sehr eitel ist.
HIM|2|470530A|6|0|Siehe also, du Mein liebes Töchterchen, mit deinem regelmäßigen Zur-Tante-Gehen bin Ich schon nicht so recht einverstanden, verbiete es dir aber auch nicht im Geringsten, dahin zu gehen. Du kannst tun, wie es dir Freude macht. Denn siehe: Mich erfreut ja eine erzwungene Liebe nicht, sondern nur eine freie.
HIM|2|470530A|7|0|Wenn du Mich manchmal frei deiner Tante vorziehen wirst, dann wird es Mich freuen. Aber so Ich dich dazu zwingen möchte oder müsste, da würde Mich deines Herzens Opfer nicht freuen! Gerade wie es dich auch nicht freuen möchte, so dich jemand nur dann lieb hätte, so du ihn dazu zwingen müsstest – gerade also ist es auch bei Mir!
HIM|2|470530A|8|0|Die sind Mir stets die Liebsten, die von selbst zu Mir kommen, Mich allezeit im Herzen aufsuchen und Mich dann von ganzem Herzen über alles lieb haben. Sie habe aber dann auch Ich über alles lieb und eröffne ihnen alle Schätze Meiner Himmel!
HIM|2|470530A|9|0|Tue du, Mein liebes Töchterchen, denn auch also, so wirst du bald in Meiner großen Liebe groß werden und wirst sehen, wie übergut und überreich Ich, als dein wahrer Vater, bin und was alles Ich denen geben kann, die Mich über alles lieben!
HIM|2|470530A|10|0|Das beherzige du, Mein liebes Töchterchen, nur recht von ganzem Herzen, dann wirst du bald ganz in Mein Vaterherz kommen! Das sage und verheiße Ich, dein lieber Vater, dir! Amen.
HIM|2|470530B|1|1|Vor Gott ein Gräuel – 30. Mai 1847
HIM|2|470530B|0|0|„Da sagte Er zu ihnen: ‚Ihr seid Leute, die sich selbst vor den Menschen als gerecht hinstellen. Gott aber kennt eure Herzen! Denn was von den Menschen als groß angesehen wird, ist ein Gräuel vor Gott.‘“ (Luk. 16,15)
HIM|2|470530B|1|0|An diesem Text haben sich wohl schon sehr viele Große und Kleine auf das Gewaltigste gestoßen. Denn natürlich gilt dieser Ausspruch den Menschen und nicht den Dingen und Tieren. Und so sind es da auch besonders die Menschen von weltlich hohem Rang, denen dieser Text widriger klingt als die allerverstimmteste Musik!
HIM|2|470530B|2|0|Aber dessen ungeachtet kann dieser Ausspruch dennoch ewig nimmer zurückgenommen und als ungültig erklärt werden. Dieser Text ist ein Eckstein, den die gewöhnlichen Bauleute tatsächlich verwerfen und über den sie oft ganz gewaltig herfallen und sich dabei scheußlich zerschlagen – oder, was noch ärger ist, der Eckstein fällt über sie; da erst werden sie ganz zermalmt!
HIM|2|470530B|3|0|In gar vielen Ländern, wie in Frankreich, Spanien, den Niederlanden und in noch manch anderen, ist dieser Eckstein schon öfters den sich groß dünkenden Bauleuten – natürlich und geistig – auf den Kopf gefallen und hat sie samt ihrer Wahngröße ganz entsetzlich zermalmt. Diabolus autem non in pace suam habet requiem! [Der Teufel hat auch im Frieden keine Ruhe!] Daher werden diese dennoch nimmer durch solche Erfahrung klug, sondern sind gleich dummen Sperlingen, die sich bald wieder auf denselben Ast setzen, von dem sie eine Minute früher ein Jäger durch einen scharfen Schuss bis über die Hälfte herabsubtrahierte.
HIM|2|470530B|4|0|Ja, gar viel mehr würde Ich bei den Großen gelten, so Ich diesen Ausspruch nicht getan hätte. Da Ich ihn aber eben dennoch gemacht habe, wohlwissend, dass er den Weltgroßen nicht munden werde, so bin Ich für Mich Selbst bei ihnen nicht am besten angeschrieben. Sie behandeln Mich daher auch nur als eine moralisch-politische Person, der sie des gemeinen Volkes und „Pöbels“ wegen die Göttlichkeit belassen, ja der sie goldene sogenannte Gottesdienstfeste halten und, eben wegen des Volkes und „Pöbels“, oft selbst um Geld diesen Dienst verrichten. Aber ihr Herz ist (meist) so ferne von Mir, als da entfernt sind die äußersten Polarsterne der Weltschöpfung.
HIM|2|470530B|5|0|Daher sage Ich allezeit zu ihnen: Wehe euch, ihr hochmütigen Pharisäer, die ihr Mücken säugt, dafür aber Kamele verschlingt – euch wird dieser Eckstein dreifach schwer treffen! Wehe euch, ihr argwöhnischen Großen, die ihr euch für groß und mächtig dünkt und drückt durch eure Gräuellast den Geist und das Fleisch der Kleinen und Armen! Euch wird der Eckstein zehnfach schwer treffen und wird euch zermalmen wie der Mühlstein das Korn und zerschmeißen wie der Sturm eine leichte, wertlose Spreu!
HIM|2|470530B|6|0|Warte nur, du reicher und durch dein Geld mächtiger Prasser in den Gelüsten der Welt, der du deinen Knecht und deine Magd schlägst und tötest, so sie dir gestehen, dass auch sie Menschen sind! Dein Gericht wird wie ein glühendes Erz über dich ausgegossen werden. Und es wird sich zeigen, ob du Mir auf tausend eins wirst antworten können!
HIM|2|470530B|7|0|Die aber auf der Welt des Volkes wegen groß sein müssen, als Kaiser, Könige, Herzoge und Fürsten – diese geht unser Text nicht an, so sie ihn nicht verachten. Verachten sie ihn aber, dann geht er auch sie an, obschon sie Meine gesalbten Machtträger auf Erden sind!
HIM|2|470530B|8|0|Alle aber, die sich groß dünken und nicht gesalbt sind – weder irdisch und noch viel weniger geistig – als da sind Reiche an Geld und Gütern und Reiche an allerlei weltlichen Wissenschaften und sonstigen Geld und Auszeichnungen tragenden Geschicklichkeiten, als etwa allerlei Doktoren, Meister (Professoren), Gaukler, Schauspieler, Dichter, Maler, Tonkünstler und noch eine Menge derlei, so sie Brotneider und Ehrabschneider an allen ihres Gelichters sind – diese alle sind, je größer und geachteter sie sich dünken und je mehr sie ihresgleichen in den Staub herabzudrücken sich bemühen, desto mehr Gräuel vor Mir, dem Herrn!
HIM|2|470530B|9|0|Jede Vollkommenheit kommt von Mir und ist als eine Gabe Meines Geistes zu betrachten. Wer sie demütig und zum Nutzen seiner Brüder (Mitmenschen) verwendet und nicht damit giert nach Geld und Ehre der Welt, dem soll sie ein rechter Segen sein zeitlich und ewig! Wer aber damit das Gegenteil tut, der ist wie ein Sünder gegen den Heiligen Geist und somit buchstäblich ein Gräuel vor Mir, der Ich ihm solche Gabe verliehen habe.
HIM|2|470530B|10|0|Herrscher und Amtleute sollen sich bemühen, Männer nach Meinem Herzen zu sein, im Geiste und in der Wahrheit! Reiche sollen für die Armen pure Sachwalter sein! Doktoren (Gelehrte) sollen Meine Gnade fassen! Künstler sollen aus ihrer Kunst Mich erkennen! Und alle sonstigen irdischen Meister sollen bloß Mich als den alleinigen Meister in allen Dingen anerkennen, dann das, was sie sind, in Meiner Ordnung sein – alsdann wird aller Gräuel vor Meinen Augen verschwinden für ewig! Amen. Amen. Amen.
HIM|2|470531|1|1|Die Macht im Schwachen. Eine kleine Gleichnisgeschichte – 31. Mai 1847
HIM|2|470531|1|0|Es war dereinst eine Witwe, der drei Männer im Verlaufe von kurzen Zeitfristen gestorben waren. Als sie zum dritten Mal Witwe ward, da überlegte sie bei sich tief trauernden Herzens, was sie tun solle: ob sie noch einen Mann nehmen solle, so man zum vierten Mal um sie werben sollte?
HIM|2|470531|2|0|Sieben Tage lang überlegte sie diese Sache. Am achten Tag aber siegte ihr Herz über ihre Gedanken, und sie sprach zu sich: „Ich habe nun die Überzeugung in mir gefunden, dass, so ich mir den vierten Mann nehme, auch dieser sterben würde in der Bälde, denn ich bin zu sehr mit weiblichen Reizen ausgestattet und diese bringen jedem Mann den Tod. Daher will ich nun Witwe verbleiben bis an mein Lebensende, und kein Mann soll mehr den Tod in meinen Reizen finden! Also beschlossen und also getan muss es sein! Denn ich sehe, dass ich für die Männer nicht geschaffen bin.“
HIM|2|470531|3|0|Am neunten Tag nach solchem festen Beschluss aber kam ein Freier und warb um ihre Hand. Und die Witwe gedachte ihres Beschlusses und sprach zu dem Werber: „Freund, was willst du von mir? Soll ich auch dir den Tod geben? Hast du denn nicht gehört, wie bald die drei, denen ich Weib war, gestorben sind, da sie meinen Reizen nicht widerstehen konnten – und alle waren Männer von großer Stärke?! Du aber bist ein Schwächling und willst mich zum Weib! Wirst du nicht schon in den ersten Tagen unter meinen Reizen als ein Opfer deiner Schwäche fallen?!“
HIM|2|470531|4|0|Aber der schwache Bewerber um die Hand der Witwe sprach mit gemessenen Worten: „Schönstes Weib! Wohl weiß ich das Schicksal der drei Männer, denen du ein Weib warst und von denen du eine dreifache Witwe bist. Aber siehe, nicht von der Art dieser deiner drei früheren Männer bin ich. Mir werden deine Reize nichts anhaben, denn ich kenne mich ebenso gut, wie du dich selbst kennst! Was deinen früheren Männern zum Tode gereichte, das wird mir zum Leben gereichen! Und du sollst nicht verantwortlich sein, so ich auch stürbe an deiner Seite. Wohl aber sage ich dir: Siehe, ich werde deinen Leichnam eher ins Grab legen, als du den meinigen! Versuche es nur, und du wirst dich überzeugen, dass ich, als der „Schwache“, am Ende dennoch stärker sein werde als du und deine drei ersten, aber nun im Grab modernden Männer, die an deinen Reizen den Tod fanden.“
HIM|2|470531|5|0|Als die Witwe solches von dem schwachen Mann vernommen, wurde sie erbost in ihrem Herzen und sprach zum schwachen Bewerber: „Wohl denn, weil auch du ein Feind deines Lebens bist, so nimm hier meine Hand – und stirb! Ich bin nun dein Weib, dein Tod!“
HIM|2|470531|6|0|Und der Mann nahm der Witwe Hand, drückte sie an sein Herz und sprach: „Ich habe gesiegt! Wohl ist Tod in dir, dein Blut ist Gift und Pest dein Hauch und dein Fleisch wie das der Nattern. Aber doch sollst du mir nicht den Tod geben!“
HIM|2|470531|7|0|Als die Ehe ein Jahr gedauert hatte, ward das Weib zum ersten Mal gesegnet und verwunderte sich darob, dass der Schwache solches vermochte, was die drei früheren nicht vermocht hatten, da sie allezeit eben daran starben.
HIM|2|470531|8|0|So kam auch das zweite Jahr, und wieder war das Weib gesegnet; und das dritte und das vierte Jahr, und jedes war neu gesegnet. Und das Weib staunte über ihres Mannes Kraft und Vermögen und ward schwach, krank und starb.
HIM|2|470531|9|0|Als sie aber dann zum Grab gebracht wurde, da ließ es der Mann nicht zu, dass sie begraben würde, sondern ließ den Sarg öffnen und legte seine Hand auf das Herz des Weibes. Und siehe, da fing es an, sich zu regen. Und sie richtete sich auf und ward wieder völlig lebend.
HIM|2|470531|10|0|Und der Mann sprach zum wiederbelebten Weib: „Siehst du nun, wie viel Kraft in dem ‚schwachen‘ Mann ist! Nicht nur stirbt er nicht und wird ewig nimmer sterben, sondern er kann auch die beleben, die schon gestorben an seiner Hand und seinem Herzen!“
HIM|2|470531|11|0|Da sprang das Weib aus dem Sarg und hüpfte und sprang vor Freude um ihren wunderkräftigen Mann und sprach: „Wer bist du, der du solches vermagst wie keiner vor dir?“
HIM|2|470531|12|0|Und der Mann sprach: „Ich bin das Alpha und Omega, den du, Welt, lange verkanntest! Aber eben Der, den du am Ende für nichts hieltest, ist es, der dir das wiedergab, was du vermisstest an denen, die zuvor deine Hand und dein Herz hatten und denen du zum Tode warst! Da du aber nun erwecket bist und wieder lebst und nimmer sterben wirst und hast aus Mir gezeugte lebendige Frucht zutage gefördert, so sollen auch die wieder leben, die an dir gestorben sind! Es werde!“
HIM|2|470531|13|0|Diese kleine Geschichte soll erst nach einiger Zeit näher enthüllt werden. Amen.
HIM|2|470601|1|1|Von der Weisheit und Güte Gottes. Eine Gleichnisgeschichte – 1. Juni 1847
HIM|2|470601|1|0|Es war ein Hausherr, der hatte einen großen Garten, darin viele und verschiedene Obstbäume standen. Unter diesen waren einige, die ein frühreifes Obst trugen, andere wieder trugen ein etwas später reifendes und wieder andere trugen ein noch späteres. Und endlich waren auch Bäume da, die ihre Frucht nur sehr spät zur mäßigen Reife brachten, und diese musste darum den halben Winter abliegen, bis die genießbar war.
HIM|2|470601|2|0|Dieser Hausherr hatte aber auch viele Diener und mehrere Kinder. Die Kinder und die Diener aber hielt er gleich und sandte sie fleißig in den großen Garten, zu warten die Bäume und zu sehen, wie die Früchte stehen und ob sich hie und da etwas Reifes zeige.
HIM|2|470601|3|0|Die Kinder und Diener erfüllten genau des Hausvaters Willen. Und als sie auf den Frühbäumen etliches reife Obst entdeckten, da rannten sie eilends und voll Freude zum Hausvater und zeigten ihm solches an.
HIM|2|470601|4|0|Da ging der Hausvater hinaus und besah die etlichen, schon sehr früh reif gewordenen Früchte der Frühbäume und gebot den Dienern, sie herabzunehmen und sie den Kindern, die sich schon sehr darauf freuten, zu geben.
HIM|2|470601|5|0|Und die Diener taten nach dem Wort des Hausvaters. Als aber die Kinder dieses Erstlingsobst der Frühbäume verkosteten, da machten sie ganz saure und wässerige Gesichter und sprachen zum Vater: „Wahrlich, mit dieser Frucht ist unsere Mühe nicht belohnt! Das Obst sieht wohl recht herrlich und schön aus, aber hier trügt der Schein.“
HIM|2|470601|6|0|Und der Hausvater sprach: „So lasst dieses Obst und wartet noch einige Tage, bis die Glut der Sonne es mehr würzen wird! Dann wird es schon wohlschmeckender sein. Denn wir wissen es ja schon seit lange her, dass allenthalben die Erstlinge nicht viel heißen.“
HIM|2|470601|7|0|Und Diener und Kinder gaben sich mit diesem Bescheid zufrieden und verließen mit dem Hausvater den Garten. Nach einigen Tagen aber kehrten sie wieder in den Garten zurück und fanden schon eine Menge wohlreifes Frühobst und gingen und zeigten solches dem Hausvater an. Und dieser ging sogleich mit ihnen hinaus in den Garten, besah das Obst und sprach zu den Dienern: „Nun geht und holt allerlei Körbe ob der verschiedenen Gattungen, dass sie nicht vermengt werden! Und löst alles Vollreife herab, auf dass wir dann eine rechte Mahlzeit halten!“
HIM|2|470601|8|0|Und die Diener taten, wie es ihnen der Hausvater geboten hatte. Als das Obst nun gelöst und im Haus auf den großen Tisch gesetzt war, da segnete es der Hausvater. Und Kinder und Diener setzten sich an denselben Tisch und nahmen die Früchte und aßen dieselben mit großer Lust – und wurden gesättigt.
HIM|2|470601|9|0|Als sie aber satt waren, dankten sie dem Vater und sprachen: „Vater! Nun hat das Obst wohl einen viel besseren Geschmack. Aber siehe, nun ist auf einmal so viel da, dass sich ob der Menge und dadurch bewirkten Übersättigung der gute Wohlgeschmack am Ende verliert! Wäre es denn nicht besser, so die Erstlinge so wohlschmeckend wären, wie nun dieses vollreife Obst? Welche Erquickung würden sie gewähren!“
HIM|2|470601|10|0|Der Hausvater aber sprach: „Ihr habt recht! Aber wisst, was da zu tun ist? Seht, fürs Erste: eine rechte Mäßigkeit! Und fürs Zweite: eine rechte Geduld! Früchte nie früher von den Bäumen nehmen, als so sie vollreif sind, und dann nur so viel, als es ein einmaliges Bedürfnis erheischt! Darum wollen wir bei der zweiten Fruchtgattung diese Regel beachten, und es wird euch dann alles sehr wohl schmecken.“
HIM|2|470601|11|0|Und siehe, es kam die Reife der zweiten Obstgattung, und es wurde des Hausvaters Regel beachtet. Und alles Obst schmeckte den Kindern und Dienern wohl! Der gleiche Fall war es mit der dritten Gattung.
HIM|2|470601|12|0|Als aber die späteste Gattung zur Reife gelangte, da sprachen die Kinder und Diener zum Hausvater: „Siehe, die Tage werden kalt, und die letzte Frucht hängt wohl sehr reichlich an den Bäumen, sieht gut aus, aber so man sie verkostet, da zieht ihre Säure den Mund zusammen, so dass man alle Lust verliert, sich an ein zweites Obststück zu machen. Was aber sollen wir da tun?“
HIM|2|470601|13|0|Und der Hausherr sprach: „Also ist der Zeitenlauf vollendet! Ich weiß wohl, dass diese letzte und späteste Gattung nicht zur Vollreife gelangen konnte auf dem Baum, da das Licht und die Wärme schon so sehr abgenommen haben und die Nächte lang und die Tage kurz und kalt geworden sind. Dennoch aber wollen wir die nicht zur Vollreife gekommenen Früchte nicht auf den Bäumen zur Beute des alles tötenden Winters werden lassen, sondern geht und holt mir allerlei Gefäße für die verschiedenen Gattungen und löst mir dieses Spätobst mit vierfacher Behutsamkeit von den Bäumen! Dieses Obst wollen wir in erwärmten Gemächern abliegen lassen, und dann soll es besser werden als alle die früheren Gattungen, die durch des Sommers Glut schon auf den Bäumen die Vollreife erlangt haben.“
HIM|2|470601|14|0|Und Kinder und Diener taten, wie es ihnen der Hausvater geboten. Und siehe, also war es gut, und der Winter fand, als er kam, nichts als Laub an den Bäumen, aber eine Frucht fand er nimmer, dass er sie tötete!
HIM|2|470601|15|0|Und so war am Ende dennoch alles gut. Und Kinder und Diener lobten gleich des Hausvaters Weisheit und Güte.
HIM|2|470601|16|0|Was diese kleine Geschichte etwa doch für einen Sinn hat – darüber denkt in euerem Herzen nach, auf dass ihr auch aus dem Bild der Natur es lernt, wie die Geheimnisse Gottes bestellt sind.
HIM|2|470601|17|0|Seid jedoch nicht zu eilfertig mit euerer Auffassung! Denn auf einen Hieb fällt kein Baum von Bedeutung! Nach einiger Zeit will Ich euch dazu die Enthüllung geben. Amen.
HIM|2|470603|1|1|Gott über alles! – 3. Juni 1847
HIM|2|470603|0|0|Bitte der Wilhelmine Hüttenbrenner: „O Du allerheiligster, allerliebster und allerzärtlichster Herr Jesus, mein Gott, mein Vater! Wie soll ich es denn anstellen, was tun, um Dich, du ewige, purste Liebe, über alles lieben zu können? Denn siehe, ich kann mich noch so zusammennehmen und mich im Gemüt fassen, so kräftig ich es nur immer vermag, und kann es dennoch nicht dahin bringen, dass ich Dich mehr lieben könnte als so manches in der Welt, das mir in seiner Art irgend wohlgefällt und mein Herz besonders anzieht. Ich weiß aber, dass es also gefehlt und nicht in der Ordnung ist. Darum wende ich mich an Dich, dass Du mir durch Deinen Knecht den rechten Weg zeigen möchtest. Vergib mir diese meine vielleicht recht dumme Dreistigkeit! Dein allein heiliger Wille geschehe!“
HIM|2|470603|1|0|Meine liebe Tochter! Diese Anfrage, wenn sie so recht vollernstlich aus deinem Herzen gekommen wäre, wie sie da oben steht, gefiele Mir um gar vieles besser als dein Namenstag. Aber siehe, da hat’s, wie ihr zu sagen pflegt, eben einen kleinen „Haken“!
HIM|2|470603|2|0|Ich weiß wohl, dass du Mich, wenn es so ziemlich leicht sein könnte, so recht von ganzem Herzen über alles lieben möchtest. Aber das ist eben der „hakliche“ Umstand, dass dieses nicht ganz so leicht sein kann, wie du es dir, größerer Bequemlichkeit wegen, wünschen möchtest.
HIM|2|470603|3|0|Mich über alles zu lieben, ist eine recht schwere Lebensaufgabe – weil Ich nicht so, wie allenfalls ein junger Mensch, in geschmeidigen Kleidern sichtbar bin, Mich auch nicht darauf verstehen kann, euch Mädchen im sogenannten guten Ton den Hof zu machen. Auch bin Ich weltlicherseits ein rechter „Schroll“, der sich auf die feine Sprache eigentlich nie verlegt hat und die Gegenwart von manchmal sehr empfindlichen Kindern auch gar nicht brauchen kann. Ich rede, so Ich rede, so hübsch derb von der Leber weg; meine es aber damit freilich wohl allezeit am allerbesten.
HIM|2|470603|4|0|Aber das will nicht jedermann gefallen. Und darum geschieht es denn auch gar so leicht, dass sich junge, wohlgestaltete und wohlgesittete Mädchen leichter in irgendeinen jungen Weltmenschen verlieben können, besonders wenn er so recht nett zusammengestutzt ist – als in Mich, einen rauen Zimmermannssohn, der dieses Handwerk bis in sein dreißigstes Jahr ausgeübt hat, um Sich und Seinen irdischen Eltern, Brüdern und Schwestern das tägliche, kümmerliche Brot zu verdienen, und der sehr grobe Hände hatte, mit vielen Arbeitsblattern versehen, und durchaus keine feine Rede; wohl mitunter fürs gemeine Volk recht herzlich, aber nie fein.
HIM|2|470603|5|0|Siehe, so wie Ich aber war, bin Ich noch: weltlich ungeschliffen, geraden, aber stets ewig wahren Wortes, ein Feind aller Weltpracht, die den Geist verdirbt; und schaue auf sonst nichts, als bloß nur aufs Herz und auf dessen Werke!
HIM|2|470603|6|0|Nun siehe, so du nun wissen möchtest, wie du es anfangen sollst, um Mich so recht über alles zu lieben, da frage dein Herz, wenn du so einen recht durch und durch arbeitsmüden Tagwerker, in grobe Kleider gehüllt, von der Sonne verbrannt, im Gesicht voll Bart und grober Arbeitsfalten und Striemen, siehst, – ob du dich in ihn so recht von ganzem Herzen verlieben könntest, darob, dass er Mir, so sein Herz in Ordnung ist, am nächsten steht?
HIM|2|470603|7|0|Wirst du finden, dass du so einem Taglöhner, wie Ich Selbst einer auf der Erde war, recht von Herzen vor der ganzen Welt gut sein könntest, so werden auch wir uns in dem Grade nähern, als du in dir selbst die Möglichkeit gefunden hast, dich im Herzen also zu demütigen. (Obschon Ich wieder nicht verlange, dass jemand das wirklich in der Tat ausführen solle, wozu er im Herzen die lebendige Befähigung hat! Denn da bin Ich vollkommen durch den demütigen Willen zufrieden.)
HIM|2|470603|8|0|Wer Mich recht lieben will, der muss Mich als gemeinen Taglöhner und Zimmermannsgesellen zu lieben anfangen und so emporsteigen zum Herrn, zum Vater und dann zum Gott. Dann wird er Mich bald und leicht „über alles“ lieben. Aber wohlgemerkt! Allezeit beim gemeinen Zimmermannsgesellen anfangen! Sonst geht es schwer oder gar nicht!
HIM|2|470603|9|0|Das nehme dir, du Mein liebes Töchterchen, recht wohlüberleglich zu Herzen – dann wird dir das schon werden, was dir nun noch abgeht! Amen. Das sagt dir der gemeine „Zimmermannsgeselle“ und voll zerarbeitete „Taglöhner“! Amen. Amen. Amen.
HIM|2|470605|1|1|Ein Nocturno – 5. Juni 1847
HIM|2|470605|1|0|Siehe, viele weltliche Dichter schrieben und schreiben „Nocturnos“ und haben doch keinen rechten Grund dazu. Daher werde doch wohl auch Ich irgendein Nocturno zuwege bringen, da Ich nun gar viel Grund dazu habe.
HIM|2|470605|2|0|Was ist denn eigentlich ein „Nocturno“? Es ist ein Nachtstück oder ein Stück, das in der Nacht spielt oder nur in der Nacht gegeben wird. Ein solches Stück wird etwa doch nicht schwer zu geben und noch leichter zu machen sein, da nun auf der Erde überall die größte Nacht herrscht und alles, was da vorkommt, ein wahrstes Nocturno ist!
HIM|2|470605|3|0|Komme Ich Selbst zu den Menschen durch den Geist Meiner Liebe, so kommt dieser, Mich tragend, allezeit ins größte Nocturno der Menschen! Denn einige wenige glauben es zwar wohl, aber sie machen den Glauben nicht lebendig durch die Werke und haben nur wenig oder wohl gar kein Vertrauen aus ihrem Sologlauben an Mich! Daher ist da sehr viel Nocturno!
HIM|2|470605|4|0|Andere glauben nichts, tun, was sie wollen, und setzen all ihr Vertrauen auf Silber, Gold und Bankaktien. Da ist noch bei weitem mehr Nocturno!
HIM|2|470605|5|0|Andere wieder sind voll Glaubens, voll Eifers, voll guten Willens und haben Liebe und Vertrauen – solange ihr Leib so recht kerngesund ist. Wenn Ich aber ihr Fleisch nur ein wenig heimsuche, so ist auch bei ihnen alsbald alles Nocturno. Wenn auch der Glaube noch eine Zeit anhält, so geht aber die heilige Liebe zu Mir und ihr festes Vertrauen auf Mich ins barste Nocturno über. Denn da jammern sie bald entsetzlich und trauen Mir in ihrem Herzen gerade so viel, wie einem Arzt, der noch nie so glücklich war, irgendeinen Patienten von einer Krankheit zu retten, sondern einen jeden, der sich ihm anvertraute, in die andere Welt expedierte! So etwas wird doch ein ganz echtes Nocturno sein?!
HIM|2|470605|6|0|Wieder gibt es Menschen, die nur dann recht begeistert von Mir reden und Mich nur dann loben, wenn sie so ein wenig vom Wein oder Bier begeistert worden sind. Ist aber dieser Geist verflogen, dann bin Ich zu einem ganz trockenen Patron ihres Herzens geworden. Da ist kein Enthusiasmus, keine liebeglutsprühende Rede und kein diamantenes Vertrauen mehr zu verspüren! Ist das etwa nicht auch ein Nocturno?!
HIM|2|470605|7|0|Und so hie und da Mein Wort so trocken behandelt wird, wie da ist der Sand der Wüste Sahara in Afrika, daneben aber irgendein überaus dummer und fader Roman wie eine Heilquelle – das wird doch etwa auch ein echtes Nocturno sein, wenn man den Dreck für Gold, das Gold aber, das echte Gold, für einen baren Dreck ansieht!? O das ist ein wahres Nocturno-Solo!
HIM|2|470605|8|0|Wenn Menschen aus Gewohnheit oder aus Politik in die Bethäuser laufen und darinnen entweder schlafen oder ihresgleichen begaffen und bekritteln, lüsterne Blicke auf üppige Dirnen werfen, und diese umgekehrt die Schnauzbärte und Modefräcke der Stutzer beliebäugeln und gar nicht bedenken, dass Meine Häuser Bethäuser sind und nicht Modebazars und ebenso wenig Schlaf-, Ausricht- und Stelldicheinhäuser – so etwas wird doch auch wieder ein allerbarstes Nocturno sein?!
HIM|2|470605|9|0|Oh – und das ist ein Nocturno nonplusultra, wenn man sich in der christlich sein wollenden Kirche für allerlei gottesdienstlich sein sollende Handlungen ganz wuchermäßig zahlen lässt und gegen Zahlungsunfähige sogar Exekution führt – was vorzugsweise dann geschieht, wenn einem verstorbenen Bruder ein sogenannter kirchlich-christlicher Liebedienst (als da ist eine Beerdigung und das Beten für ihn) erwiesen wird, der Tote nachweislich kein Geld hatte und seine Hinterlassenen, das nicht wissend, ihn doch etwas besser als irgendeinen Selbstmörder wollten beerdigen lassen. Da erscheint dann bald der Kirchendiener mit einem Konto, wie ein Fleischer am Ende des Jahres bei einer Herrschaft, der er das ganze Jahr hindurch auf Rechnung geliefert hat! Ob das nicht auch ein ganz entsetzlich grobes Nocturno ist?!
HIM|2|470605|10|0|Und was etwa ist das, wenn so manche Große alles Licht von ihren schwächeren Brüdern durch allerlei finsteres Blendwerk mit Gewalt hintanhalten?! O das wird sicher auch ein ganz sonderlich gewaltig starkes Nocturno sein?!
HIM|2|470605|11|0|O Nocturno über Nocturno in allen Winkeln der Erde! Nocturno in der Religion, Nocturno in aller Wissenschaft, Nocturno im Glauben, Nocturno in der Liebe zu Mir und zum Nächsten, Nocturno in allem Tun und Lassen, Nocturno im Handel und Wandel, Nocturno in aller Freundschaft, Nocturno in der Treue, Nocturno im Halten des Versprechens, Nocturno in der Beharrlichkeit zum Guten und Wahren – und dergleichen Nocturnos noch eine unzählige Menge!
HIM|2|470605|12|0|Daher aber auch von Mir aus ebenso viele Nocturnos gegen die Menschen! Ihre Gebete sind für Mich Nocturno und werden nicht erhört. Die große allseitige Not – Nocturno, Ich kenne sie nicht! Ihr Jammer und ihre große Trübsal – Nocturno, Ich sehe sie nicht! Seuche, Hungersnot, Pestilenz – Nocturnos, Ich will Mich alles dessen nicht annehmen! Die Aussicht auf ein einstiges ewiges Leben in Meinem Reich – sehr starkes Nocturno mit Begleitung des Heulens und Zähneklapperns! Ich kümmere Mich dessen kaum! Und so noch eine Menge Nocturnos von Mir aus!
HIM|2|470605|13|0|Nocturno her – also auch Nocturno hin! Und somit Nocturno für Nocturno! Seht aber zu, dass bei euch nicht auch irgendein Nocturno einreißt, da Ich dann genötigt wäre, ihm auch mit einem Kontra-Nocturno zu begegnen! Dieses beherzigt recht tief! Amen.
HIM|2|470607|1|1|Ein falscher Volksführer – 7. Juni 1847
HIM|2|470607|1|0|Siehe du, Mein Knecht, so lohnt die Erde jene Geister, die das Evangelium in die Materie setzen, in dieser ihr Heil suchen und dann solch ein Wahnheil auch ihren Nebenmenschen aufbürden unter mannigfachen Lasten, die sie auf ihren eigenen Rücken nur dann legen, wenn dadurch entweder ein großer Ehr- oder Goldgewinn herausschaut, oder so ihnen derlei Lasten von irgendeinem mächtigeren Gericht, wie das Joch dem Ochsen, an den Hals gebunden werden.
HIM|2|470607|2|0|Was hat nun dieser Mann, dessen Name auf der ganzen Erde viel ausgedehnter als der Meinige genannt wird, von all seiner irdischen Ruhmgröße, darnach er so ganz eigentlich gegiert hat – von seinen großen materiellen Reichtümern, die er sich gleich einem Salomo in überschwänglicher Fülle erworben hat?! Was hat er nun von all seinen hochtrabenden, prahlerischen Reden, was von seinem ultramontanen, allerschwärzesten Jesuitengeist, wie er jetzt beschaffen ist und mit geringer Ausnahme auch allezeit beschaffen war?!
HIM|2|470607|3|0|Nichts als den Lohn der Erde, der in dem besteht, dass der Name in den Zeitungen zum Überdruss mancher Leser noch einige Male vorkommen wird. Wird dieser einmal den Zeitungsschreibern gar keine Milch mehr tragen, dann wird er noch in mehreren Biographien vorkommen, die schon sehr wenig gelesen werden. Darauf werden ihm die Geschichtsschreiber noch ein Plätzchen in ihren Geschichtsbüchern einräumen, und irgendein Bildhauer wird ums teure Geld auch ein heidnisches Monument meißeln und aufsetzen, währenddem sein Herz in Rom in goldenem Gefäß zu Staub und sein anderer Leichnam in Irland zu Asche wird!
HIM|2|470607|4|0|Das Alleraußerordentlichste, was ihm nach Verlauf von mehreren Jahren noch passieren kann, ist, dass er von Rom aus heiliggesprochen werden, sein Name dann in irgendeiner Litanei für Irland vorkommen und unter der alten, höchst nichtigen Formel: „Heiliger O’Connell, bitt für uns!“ angerufen wird aus dem Munde der Blinden!
HIM|2|470607|5|0|Das ist aber dann auch schon das Nonplusultra des Erdlohnes – und nur bis hierher, und dann um kein Haar mehr weiter! Denn was es drüben, im Reich wahrer, lebendiger Geister, mit solchen irdisch-jesuitischen „Großgeistern“ für eine Bewandtnis haben wird, das lässt sich von jedem im höheren Geisteslicht nur ein wenig Bewanderten leicht herausleiten.
HIM|2|470607|6|0|Ich will dir das nur durch eine ganz leicht fassliche Analyse zeigen. Und so höre! Dieser Mann wollte aus lauter heimlicher Herrschsucht Irland von der nun rechtmäßigen Herrschaft Englands trennen und es dann im Sinne der Jesuiten beherrschen. Frage: Wie viel Leben für den Geist liegt in der Herrschsucht?
HIM|2|470607|7|0|Dieser Mann war sehr reich an Geld und an Grundbesitz und tat, selbst in der Zeit der Not, nicht, was Ich vom reichen Jüngling verlangte. Was aber sagte Ich damals zu den Aposteln, als der Reiche weinend von Mir schied, weil Ich die Austeilung seiner Güter unter die Armen von ihm verlangte, ihm aber dafür den ewigen Lebensschatz der Himmel anbot? Ich glaube, das Gleichnis vom Kamel und dem Nadelöhr wird dir bekannt sein!
HIM|2|470607|8|0|Der Mann (O’Connell) trachtete nach dem größten Weltruhm, der ihm auch mit großem Übermaße zuteil ward. Wie aber und was ist das vor Mir, was vor der Welt groß ist?
HIM|2|470607|9|0|In der Schrift heißt es: „Wer unter euch der Erste sein will, der sei der Letzte unter euch und sei euer aller Knecht!“ – War das wohl dieser Mann, der mit seiner Weisheit das ganze englische Parlament wie eine Mücke zerquetschen wollte und bei jeder Gelegenheit kräftigst bemerkte, wie er nur zu winken brauche, und Millionen werden sich seinem Wink mit Blut und Leben fügen?! Wahrlich, aus derlei Beteuerungen schaut doch sicher überaus wenig Demut heraus, ohne welche niemand das ewige Leben erreichen kann!
HIM|2|470607|10|0|Hätte der Mann kein Licht gehabt, so wäre es so schlimm nicht um ihn. Aber er hatte Licht, wandte aber sein Gesicht dennoch freiwillig der Finsternis zu, um nur seine Weltgröße zu befestigen. Frage: Wie viel des ewigen Lebens schaut da heraus?!
HIM|2|470607|11|0|Freilich wohl sind bei Mir gar viele Dinge möglich, die bei den Menschen nicht als möglich gedacht werden können. Aber neben dem bleibt der Ausspruch doch ewig stehen, demzufolge ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr geht als ein solcher glanzreicher Advokat ins Himmelreich.
HIM|2|470607|12|0|Dieses sei aber darum dennoch nicht als ein Gericht von Mir ausgesprochen, demzufolge dieser Mann verloren sein müsste; sondern es sei dir und deinen Freunden nur gezeigt, wie Mein Wort in seiner Forderung und Wirkung fortwährend gleich verbleibt und wie es den Mann in ihm selbst richtet, der es weiß und nicht befolgt!
HIM|2|470607|13|0|Hätte dieser Mann Liebe zu Gott und zum Nächsten, rechte Untertänigkeit und vollste Demut gegen die rechtmäßige weltliche Obrigkeit, ob sie gut oder böse sei, gepredigt und hätte er das Volk auf Mich allein zu vertrauen gelehrt und ihm gezeigt, wie man das Kreuz ergreifen und Mir nachfolgen muss, um das ewige Leben zu gewinnen – so stünde sein Name mit großen, glänzenden Buchstaben im Buch des Lebens geschrieben. So aber steht er wohl sehr oft schwarz auf weiß in den Schriften der Welt, aber im Buch des Lebens ist blutwenig von ihm zu sehen!
HIM|2|470607|14|0|Von der „Repealsteuer“ und von den großen „Meetings“-Schmausereien steht in der Bibel sicher kein Jota – ausgenommen die Fresserei des reichen Prassers mit ihren jenseitigen sehr schlimmen Folgen! Darum müssen nun aber ebenso viele Hungers sterben, als wie viele bei den vielen „Meetings“ unnötigerweise samt ihrem weltlichen Freiheitsapostel geschwelgt haben. Jedem gar zu tollen Streich folgt die Strafe allezeit auf der Ferse. Dieser irische aber war schon einer der allertollsten – daher auch die scharfe Rute nicht unterm Weg bleiben konnte!
HIM|2|470607|15|0|Ich aber handle stets gleich. Wenn Ich am entferntesten zu sein scheine, da bin Ich am nächsten, entweder lohnend oder strafend! Und wenn jemand am sichersten zu sein wähnt, wird er von Mir ergriffen, entweder zum Lohn oder zur Strafe!
HIM|2|470607|16|0|Wehe dem, der da hat, wie dieser Mann, und schweigt in seinem Herzen zur Not seines Nächsten und macht sich am Ende physisch oder geistig aus dem Staub! O Mir wird er nicht entgehen – wir werden gerade am rechten Ort zusammenstoßen!
HIM|2|470607|17|0|Und des sei versichert auf ewig: Ich werde Mir nicht wehe tun, so Ich mit ihm zusammenstoßen werde – aber er wird zerstoßen werden jämmerlichst! Denn alles Harte, Große und Schwere wird auch einen harten, großen und schweren Stoß zu erleiden haben – in der Zeit wie in der Ewigkeit. Amen.
HIM|2|470607|18|0|Das sage Ich dir, der Ich das Schwert wie den Lohn in Meiner Rechten halte. Amen.
HIM|2|470608|1|1|Allerlei Müßiggänger – 8. Juni 1847
HIM|2|470608|1|0|Wer ist ein Müßiggänger und wird den Lohn als solcher ernten, nämlich den Lohn dessen, der sein Talent vergrub?
HIM|2|470608|2|0|Jeder ist ein barster Müßiggänger, der nicht beachtet das Wort des Lebens vom Anfang bis zum Ende, auf dass er in sich auffinden möchte den Brunnen Jakobs, darinnen das lebendige Wasser ist für die rechte Taufe – in der Wiedergeburt des Geistes – aufbewahrt zum ewigen Leben!
HIM|2|470608|3|0|Wer da sucht viel irdische Güter zu erwerben und ist voller Tätigkeit darum, der ist der größte Müßiggänger in Meinem Reich. Und wüsste er auch die ganze Heilige Schrift von Wort zu Wort auswendig, so wäre das für ihn umso schlechter, wenn er dennoch lieber das tut, was die Welt als „vornehm“ und „ehrbar“ bekennt und woraus ein pur irdischer Nutzen herausschaut, Mein Wort aber nur insoweit beachtet, als es mit seiner weltlichen Tätigkeit vorteilhaft vereinbar ist, alles andere darin aber tatsächlich rein verwirft, und das nicht selten mit der ganz leichten Entschuldigung: „Das kann der Herr damit nicht gemeint haben! Und hat Er das gemeint, so kann Er weder die Menschen noch ihre Bedürfnisse gekannt und richtig vorgesehen haben!“
HIM|2|470608|4|0|Ich, der Herr, aber sage darauf: Für dich, du weltsüchtiger Faulenzer in Meinem Reich, habe Ich es gemeint, gerade also wie du es wähnst, dass Ich es nicht gemeint habe! Du barster Müßiggänger aber gleichst vollkommen jenem Toren, der sein Haus auf Sand baute, und als da kam ein Sturm und ein mächtiger Regen und stieß an das lose Haus, da fiel es alsbald und ward fürder keine Spur mehr davon zu entdecken, wie und wo es gestanden! So wird auch deines kurzen Daseins Spur für die Ewigkeit verwischt werden, da du auf Erden (Mir) ein barster Müßiggänger und ein leichtsinniger blinder Tor warst und wolltest lieber auf Sand denn auf einen Felsen das Haus deines Lebens bauen!
HIM|2|470608|5|0|O es gibt überaus fleißige Menschen für die Welt, die Tag und Nacht sinnieren, was sie tun sollen, wie ihre Güter verwalten und bearbeiten lassen, damit sie desto reichlichere Prozente abwerfen, und wie sie ihre vielen Gelder auf die sicherste und einträglichste Art irgend anlegen sollen, und sie beten sogar auch zu Mir, dass Ich ihnen solches ihr Unternehmen ja doch so reichlich als nur immer möglich segnen möchte. Sie üben auch eben darum mäßige Werke der anscheinlichen Nächstenliebe. Aber das alles entbindet sie nicht von der geistigen Müßiggängerschaft.
HIM|2|470608|6|0|Sie sind und bleiben dennoch doppelte Müßiggänger im Reich des Lebens, weil sie Meinen Segen obendrauf noch haben wollen, dass er ihnen noch mehr bringen solle, was ihnen den Geist dreifach tötet, einmal schon gleich diesseits. Denn ihr Sinn ist die Welt, alles andere aber, was sie vorgeben, ist Lüge. Sie leben nicht nach dem Wort, auf dass ihnen das ewige Leben würde; sondern, so sie auch in irgendeinem oder dem anderen Stück nach dem Wort leben, so tun sie das auch nur der Weltglückseligkeit wegen – wodurch ihr Geist natürlich schon in dieser Welt ganz tot wird. Ist aber dieser schon in der und für die Welt tot, so ist er auch ewig tot für den Himmel.
HIM|2|470608|7|0|Also derlei ehrbare und weltfleißige Menschen sind dennoch die größten Müßiggänger fürs Himmelreich und werden dort in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden, da ewiges Heulen und Zähneknirschen sein wird – darum, weil sie auf eine gar so entsetzlich leichtsinnige Art ihr Talent (für den Himmel) in die Furchen der Welt verscharrten.
HIM|2|470608|8|0|Es gibt zwar noch andere Müßiggänger, die weder für die Welt, noch für den Geist etwas tun. Es sind das die sogenannten „Lumpen und Vagabunden“, „Pflastertreter und Tagediebe“. Diese Klasse Müßiggänger ist, obschon natürlich zum Himmelreich nicht tauglich, dennoch viel besser daran, als die erste (geistig betrachtet). Denn sie hängt fürs Erste schon bei weitem weniger an der Welt, und das, woran sie noch hängt, wird von der ihnen bevorstehenden Armut leicht vollends herabgestreift.
HIM|2|470608|9|0|Fürs Zweite haben recht viele von diesen „Pflastertretern“ nicht selten das beste Herz, und wenn sie die Mittel hätten, würden sie die halbe Welt – nach ihrer Idee – glücklich machen. Eine bald darauf folgende Armut macht aus ihnen nicht selten die rarsten Menschen, die schon leicht zu Mir zu wenden sind. Denn die eigentliche „Welt“ war nie ein Magnet für ihre Herzen.
HIM|2|470608|10|0|Fürs Dritte sind diese „Lumpen“ gewöhnlich Freunde der Glückseligkeit und der Freigebigkeit. Hat ihnen die darauf folgende Armut den dabei starken Anteil von Dummheit herabgestreift (und sie also weiser gemacht), und hat ihr Herz so recht derb die Härte der Weltmenschen verkostet, dann wenden sie sich, voll Galle gegen die Welt, zu Mir. Und Ich sage, sie sollen an Meinem Tisch speisen, auf dass erfüllt werde, was die Pharisäer zu Mir sagten: „Siehe, das soll der Messias sein!? Mit Sündern, Zöllnern, Huren und Ehebrechern geht er um und ist selbst ein Sabbatschänder!“
HIM|2|470608|11|0|Allein das macht Mir weder heiß noch kalt, und Ich tue, wie und was Ich will, und sage allezeit Meinen Dienern: Da die Geladenen nicht kommen wollen, so sollen sie auch ewig draußen bleiben! Ihr aber geht hinaus an die Zäune, Straßen und Gassen und treibt herein, wen ihr da antrefft, also alles „Lumpenpack“! Von den Geladenen aber soll keiner Mein Lebensmahl verkosten, außer er ist auch unter dem „Lumpengesindel“ anzutreffen da draußen an den Zäunen, Straßen und Gassen.
HIM|2|470608|12|0|Du fauler Feigenbaum aber, der du nichts trugst als Laub (Werke für die Welt), so dass, als Ich hungrig zu dir kam, du keine Frucht der reinen Liebe auf deinen vielen Zweigen hattest, damit Ich Mich hätte sättigen können, sei verflucht! Denn ewig solle von dir niemand mehr eine Frucht genießen im Reich des Lebens!
HIM|2|470608|13|0|Diesem Feigenbaum völlig gleich sind alle jene hier in dieser Kundgebung zuerst bezeichneten Müßiggänger fürs ewige Leben des Geistes, und sein Los wird auch das ihrige sein, so sie in solchem ihrem Müßiggang bis ans Ende verharren werden.
HIM|2|470608|14|0|Eine dritte Art Müßiggänger für Mein Reich sind auch die vielen Weltgelehrten in allerlei Sach und Fach, darunter meistens Brotgelehrte und nur selten allein der reinen Wissenschaft wegen Gelehrte. Solche gleichen zumeist den „törichten Jungfrauen“, die erst dann ihr Öl kaufen gingen, als der Bräutigam sich schon dem Haus näherte, und die dann Einlass verlangten, als der angekommene Bräutigam schon alle Tore versperrt hatte.
HIM|2|470608|15|0|Oh, so ihr sagt: „Solange wie hier leben, müssen wir tun, was die Welt will, auf dass wir Brot haben! Wann wir nachher Drüben sein werden – wenn nämlich irgendein „Drüben“ ist – dann werden wir auch tun, was des Drübens ist“ – da werde Ich, der Herr Jesus, aber sagen: Dann wird es zu spät sein! Denn wer nicht hier bittet, sucht und anklopft, dem wird Drüben nicht aufgetan werden – außer die Pforten der Finsternis!
HIM|2|470608|16|0|Was jedermanns eigentliche Liebe ist, das wird auch sein ewiges Drüben sein!
HIM|2|470608|17|0|Das spricht Der, der das Gericht – sei’s zum Leben oder zum Tode – in Sein Wort ewig unabänderlich gelegt hat! Amen. Amen. Amen.
HIM|2|470610|1|1|Von der Heiligkeit der Ehe – 10. Juni 1847
HIM|2|470610|0|0|Sagt Er zu ihnen: Moses hat euch eurer Herzenshärtigkeit wegen gestattet, eure Weiber zu entlassen; von Anfang aber ist es nicht so gewesen. Ich sage euch aber: Wer seine Frau entlässt, es sei denn wegen Unzucht, und eine andere heiratet, bricht die Ehe. – Sagen zu Ihm die Jünger: Wenn das Recht zwischen Mann und Frau so ist, dann ist es nicht gut heiraten. – Er aber sagte zu ihnen: Nicht alle fassen dieses Wort, sondern die, welchen es gegeben ist. Denn es gibt Verschnittene, die so geboren sind von Mutterleib her, und gibt Verschnittene, die von den Menschen verschnitten wurden, und gibt Verschnittene, die sich selbst verschnitten haben um des Reichs der Himmel willen. Wer es zu fassen vermag, fasse es. (Mat. 19,8-12)
HIM|2|470610|1|0|In dieser Stelle des Evangeliums wird hauptsächlich der Ehebruch angezogen und was alles als ein Ehebruch angesehen werden kann, wenn die Gesetze der Ehe vorher entschieden und hinreichend bekanntgegeben sind; denn ohne eine solche Entscheidung und Bekanntmachung der Ehegesetze hört natürlich auch der Ehebruch auf, als eine bare Sünde zu gelten.
HIM|2|470610|2|0|Wer für die Ehe völlig untauglich ist aus einem oder dem anderen Grund, der da im Matthäus Kap. 19, Vers 12, angeführt ist, der kann auch keinen Ehebruch begehen, indem er völlig zeugungsunfähig ist. Wer immer aber zeugungsfähig ist, ob ledigen Standes oder ob verehelicht, kann ein Ehebrecher werden, so er ein Weib beschläft, das da verehelicht ist, ob sie mit dem Mann lebt oder vom selben durch einen Scheidebrief getrennt ist.
HIM|2|470610|3|0|Dasselbe ist auch von einer ledigen oder verehelichten Weibsperson der Fall, wenn sie mit einem verehelichten Mann eine Sache hat, der schon ein Weib hat – außer das Weib wäre entschieden unfruchtbar. In diesem Falle kann der Mann auch eine oder mehrere Mägde mit der Einwilligung des rechtmäßigen Weibes beschlafen, um sich aus ihnen Kinder zu zeugen. Aber ohne Einwilligung des rechtmäßigen Weibes begeht er ebenfalls den Ehebruch, so wie jede Dirne, die sich wider den Willen des rechtmäßigen Weibes dem Mann hingibt.
HIM|2|470610|4|0|Das Weib aber bricht allezeit die Ehe, so sie mit einem anderen eine Sache macht – es müsste nur sein, dass der Mann erweislichermaßen die im Evangelium angezeigten Gebrechen hätte und das Weib hätte vor der Ehe nichts davon gewusst, oder der Mann hätte sich, als er schon verehelicht war, ohne Wissen des Weibes selbst verschnitten oder verschneiden lassen. Wenn aber das jemand an dem Mann gewaltsam verübt hätte aus was immer für argem Grund, so wird das Weib zur Ehebrecherin, so sie sich ohne Wissen, Willen und Verlangen des unglücklich gemachten Mannes hätte von jemanden beschlafen lassen. Wenn aber der Mann solches will und verlangt, so begeht das Weib auch keinen Ehebruch, so sie sich von einem Ledigen oder einem reinen Witwer beschlafen lässt; ließe sie sich aber von einem Verehelichten beschlafen, dann würde sie auch die Ehe brechen mit dem, von dem sie sich beschlafen ließe.
HIM|2|470610|5|0|Ließe sich aber ein Weib bloß der Wollust wegen beschlafen, sei es von wem immer, dann begeht sie neben dem Ehebruch auch die Sünde der Hurerei und der völligen Unzucht, wodurch sie sich dann eine dreifache Strafe an den Hals zieht, und sie wäre nach Moses mit dem Feuer zu bestrafen.
HIM|2|470610|6|0|So aber ein Lediger mit einer Ledigen Unzucht treibt, und es vermeiden beide die Zeugung, dann begehen beide das Verbrechen des Kindesmordes und sollen danach bestraft werden. Möchten aber beide einen Nachkommen zeugen, da soll dem ledigen Mann die Dreiviertelverpflegung des Kindes zufallen nebst der Verpflichtung, das Mädchen ehestmöglich zu ehelichen oder wenigstens alle Sorge zu tragen, dass das Mädchen an seiner Stelle einen Mann bekommt – und er soll nicht ehelichen, bis das Mädchen verehelicht ist; lässt er aber das Mädchen im Stich und ehelicht eine andere, so wird er einst als ein Ehebrecher gezüchtigt werden in der Hölle!
HIM|2|470610|7|0|So ein Lediger oder ein Witwer aber einem Mädchen die Liebe zusagt unter eidlichen Beteuerungen und das Mädchen hat es angenommen, er aber heiratet dennoch eine andere, so begeht er auch ein Ehebruch – außer das Mädchen hätte ihn verlassen, in welchem Falle aber dann sie sich des Ehebruchs schuldig macht, so sie ihm ihre Liebe entgegen beteuert hatte.
HIM|2|470610|8|0|Solche aber, die im sogenannten freien Zölibat leben und nicht verschnitten sind, aber dennoch Weiber und Mädchen beschlafen, diese sind allezeit die gröbsten Ehebrecher, indem sie allezeit ihr freies Gelübde brechen. Denn jede Brechung eines Gelübdes ist ein Ehebruch, außer das Gelübde wäre ein erzwungenes oder ein im Rausch gemachtes, das niemand zu halten schuldig ist, außer er habe sich nachträglich dazu bekannt oder weltliche Gesetze verlangen es wegen des allgemeinen Wohles.
HIM|2|470610|9|0|So aber irgend Verschnittene geilen möchten, da sollen sie mit Ruten gezüchtigt werden, indem sie wohl sehen sollen, dass da in ihnen keine Zeugungskraft mehr vorhanden ist.
HIM|2|470610|10|0|„Aber“, wird jemand sagen, „da sieht für den gesunden Verstand nirgends ein haltbarer Grund heraus, warum die Menschheit gerade in diesem Punkt gar so sehr eingeschränkt sein soll wider alle Anforderungen der Natur! Fürs Pissen und Kotlassen gibt es kein Gesetz, und das sind doch auch hässliche Verrichtungen, die die Natur verlangt! Gerade für diesen Akt nur, den ebendieselbe Natur verlangt, gibt es Regeln und Gesetze, dass man darob zu einem Narren werden möchte!“
HIM|2|470610|11|0|Ich aber sage darauf: Eben in diesem Punkt kommt es darauf an, worauf das Evangelium mit den Worten hindeutet: Wer es fassen mag, der fasse es!
HIM|2|470610|12|0|Ist denn nicht der Mensch der Kulminationspunkt aller Schöpfung?! So er aber das doch unleugbar ist, kann da seine Zeugung ein gleichgültiger Akt sein?!
HIM|2|470610|13|0|Die Zeugung der Tiere ist eine gerichtete und kann darum nicht anders als in der strengsten Ordnung verrichtet werden. Die Zeugung des Menschen aber ist eine freie; durch sie soll schon der erste freie Same in den Embryo gelegt werden, aus dem wieder ein freier Mensch hervorgehen soll. Wie soll aber dieser heilige Zweck erreicht werden, so mit diesem allerersten und allerwichtigsten Akt, bei dem es sich um das Allerhöchste handelt, die barste Schindluderei zu treiben gestattet wäre?! Durch Pissen und Kotlassen wird nichts erzeugt; aber bei dem Akt der Zeugung handelt es sich um die Werdung des Kulminationspunktes der ganzen Schöpfung!
HIM|2|470610|14|0|Es handelt sich um das Wunder aller Wunder; um einen freien Menschen handelt es sich, der berufen ist, für ewig als ein Gott mit Gott zu leben und zu verrichten Gottes Taten!
HIM|2|470610|15|0|Solch ein Akt, solch ein großer Akt sollte unter gar keiner Regel, in gar keiner Ordnung ausgeübt werden?! O du kurzsichtiger Menschenverstand, der du dich gesund nennst und bist dennoch über und über voll Beulen und Geschwüren!
HIM|2|470610|16|0|Die Ehe ist ja eben die erste Ordnung, in der die Menschheit gezeugt werden muss, so sie je in eine höhere Ordnung eingangsfähig werden soll! Die Ehe ist eine freie Einung zweier Herzen, zweier Seelen, zweier Geister, aus welcher einst die große Einung in Mir und mit Mir Selbst hervorgehen soll als ein Endzweck alles Seins.
HIM|2|470610|17|0|Wie und wann aber sollte das erreicht werden, wenn dazu nicht der erste Same durch eine wohlgeordnete, rechte Ehe und durch die durch sie bedingte geordnete Zeugung gelegt werden soll?!
HIM|2|470610|18|0|Also fasse es, wer es fassen kann! Durch Unzucht, Geilerei und Hurerei des Fleisches, also durch Ehebruch aller Art, kann für Gott keine Frucht gezeugt werden! Darum ist derlei Sünde über Sünde! Denn Ich, Gott der Herr, bin die allerhöchste und vollkommenste Ordnung und kann daher nicht zugeben, dass der Mensch, als der Schluss all Meiner Schöpfung, gleich den Fröschen in stinkenden Pfützen gezeugt werden soll!
HIM|2|470610|19|0|Das fasse, wer es fassen kann! Amen.
HIM|2|470614|1|1|Törichte Klagen – 14. Juni 1847
HIM|2|470614|1|0|Manche Menschen klagen und sagen: „Herr, wir beten zu Dir und bitten Dich um so manches, das uns recht und gut dünkt – und Du benimmst Dich dabei wie einer, der schwer oder gar nicht hört! Du lässt alles gehen, wie es geht, und scheinst Dich eben nicht viel zu kümmern um uns. Und so bleibt alle Sache so hübsch beim Alten. Es wechseln die Jahre und die Jahreszeiten wohl regelmäßig miteinander ab; jedes Jahr bringt seine alten Früchte, bald reichlich, bald spärlich – und die Menschen bleiben fort und fort die gleichen Sünder. Die Großen führen Kriege und die Kleinen reiben sich, wo nur möglich, und übervorteilen sich gegenseitig bei jeder Gelegenheit.
HIM|2|470614|2|0|Statt des Lichtes, das Du verheißen hast, kommt nur stets mehr Finsternis (in geistigen Dingen) von allen Seiten zum Vorschein! Stets mehr Götzentempel werden errichtet, und die Bilder fangen an, eine stets größere Rolle zu spielen. Sie haben schon jetzt Dich beinahe ganz hinausgespielt, werden Dich noch mehr hinausspielen und werden an Stelle Deiner früheren Bekenner entweder Atheisten oder ganz absurde Abergläubige hinsetzen!
HIM|2|470614|3|0|Siehe Herr, das alles siehst Du wie mit ganz gleichgültigen Augen an und scheinst Dich dessen kaum zu kümmern! O Herr, was wird, was soll daraus werden? Wir gehen offenbar zugrunde, so Du Dich unser nicht mehr annimmst, als es bisher augenscheinlich der Fall war!“
HIM|2|470614|4|0|Auf diese Klagen gebe Ich folgende Antwort, die also lautet: Es ist richtig also – wenn du die Sache nach der äußeren Erscheinlichkeit beurteilst! Aber im Innern, was den Geist und die Wahrheit betrifft, ist es ganz anders! Die Menschen beten und bitten wohl mit den Lippen um und für allerlei, das ihnen recht und gut dünkt, aber ihr Herz hängt nicht an Mir, sondern an dem nur, um was sie beten und bitten. Daher gebe Ich ihnen das nicht, um was sie beten und bitten, damit sie sich dadurch nicht von Meinem Herzen noch mehr entfernen.
HIM|2|470614|5|0|Also bleibt dem Äußern nach auch wohl alles, wie es war, beim Alten und geht seinen gerichteten Gang fort. Was würden aber auch die Menschen für Gesichter machen, wenn Ich einige gewaltige Veränderungen in der äußeren Schöpfung vornehmen würde!? Wenn Ich z. B. auf einmal alle die bisherigen Früchte vertilgte und ganz neue und anders aussehende an ihre Stelle setzte?! Wer wohl würde sich’s getrauen, von solchen neuen, wunderlichen Gewächsen zu essen?! Wie viele würden da aus Schreck, Furcht und Gram sterben, wie viele aus Hunger?!
HIM|2|470614|6|0|O siehe, wie schrecklich wäre das für das schwache Gemüt des Menschen, so Ich ein „Neuerer“ wäre und alle Tage eine andere Mode in Meiner Schöpfung hervorbrächte!? Daher muss eurer Schwäche wegen alles hübsch beim Alten verbleiben. Erschreckt die Menge oft schon ein kleiner Komet und macht sie eine Finsternis ängstlich, was würde sie tun, so sie auf einmal sechs Monde und drei Sonnen aufgehen sehen würde!? Daher, wie gesagt, muss alles beim Alten verbleiben.
HIM|2|470614|7|0|Dass die Menschen sind, wie sie immer waren, das ist auch wahr. Aber ist es nicht besser, dass die Menschen dem Äußeren nach so sind, wie sie allezeit waren, als dass sie fort und fort revoltieren würden und sogleich jedem den Kopf herunterschlügen, der es nicht mit derlei fortwährenden Progressisten (Fortschrittlern) hielte!? O es gab schon solche Zeiten und Menschen; aber wer lobt sie, wem gefällt die Inquisition Spaniens, wem Frankreichs Revolution?!
HIM|2|470614|8|0|Dass das Licht des Geistes nicht so reichlich da ist, wie das Naturlicht, das liegt bei jedem einzelnen Menschen. Denn das Geistlicht kommt bei jedem einzelnen innerlich, und nie äußerlichen Schaugepränges, wie das natürliche Sonnenlicht. Einzeln und innerlich aber kommt es fort und fort zu jenen, die ernstlich darnach trachten. Allgemein aber wird und kann es darum ewig nie zu den Menschen kommen, weil dasselbe nur jeder in sich zu suchen und zu finden hat.
HIM|2|470614|9|0|Dass da äußerlich viele Götzentempel entstehen und dieselben eher im Zu- als im Abnehmen sind, weiß Ich wohl am besten! Ich weiß es auch, dass auf dem Weizenacker fast mehr Unkraut als Weizen wächst. Aber da ist eben durch Mein Wort im Evangelium auch vorgesagt von dem Feind, der unter den Weizen das Unkraut säte, und auch was dann zu geschehen hat und stets geschieht und allezeit geschehen wird!
HIM|2|470614|10|0|Und du Menschenkind kannst daraus ersehen, wie ungegründet, wie lose und seicht jede Klage ist, mit der du Mich zu einer gewissen Art Rechnung ziehen möchtest! O Ich bin allezeit bereit, euch über Meine Haushaltung Rechnung zu legen, und ihr werdet Mir auf tausend nicht eins antworten können. Wie wäre es aber, so Ich von euch Rechnung verlangte, würdet ihr Mir auch also Bescheid geben können? Ich meine es kaum!
HIM|2|470614|11|0|Daher klagt und jammert nicht ob Meiner Haushaltung! Denn diese geht in der größten Ordnung. Sondern lebt nach Meiner Lehre getreu, so werdet ihr auch Meine rechte Ordnung gar wohl erkennen zum ewigen Leben. Amen.
HIM|2|470618|1|1|Bergwanderung – 18. Juni 1847
HIM|2|470618|1|0|Viele Täler durchwanderte ein Freund der Schöpfung und fand da nicht selten recht sonderlich schöne Gegenden und gar manche reizende Partien. Die schönsten jedoch waren für ihn jene, die mit Seen geschmückt waren oder mit ziemlich ansehnlichen Bächen oder Flüssen, und die daneben auch mit hohen Bergen umfasst waren. Ganz große Flachländer gefielen dem Wanderer nicht, wie auch jene Gegenden nicht, deren Boden mit großen Städten bedeckt war.
HIM|2|470618|2|0|So sehr es aber unseren Wanderer gar oft gelüstete, auf einen oder den anderen hohen Berg zu steigen und von seinen Zinnen einmal eine großartigste Aussicht zu genießen, so konnte er aber dennoch nie den Mut dazu gewinnen, sich auf irgendeine bedeutende Höhe hinaufzuschwingen. Denn bald glaubte er, es würden ihm seine Füße den Dienst dazu versagen, bald wieder fand er keine nach seiner Idee verlässlichen Führer, bald wieder war ihm die Unbeständigkeit des Wetters auf solchen Höhen ein sehr bedenkliches Hindernis, bald steile, ungebahnte Wege, bald die breiten und dichten Wälder, die gewöhnlich schon am Fuße solcher Alpen beginnen und nicht selten über 5-6000 Fuß hinaufgehen – und dergleichen Hindernisse mehr.
HIM|2|470618|3|0|Einmal jedoch, als er in eine kleine, aber sehr niedliche Ortschaft kam, die gerade am Fuße einer gar schönen und sehr hohen Alpe lag, und eine gar schöne Witterung ihm sehr günstig zu sein schien, bekam er eine gar mächtige Lustanwandlung, mit gewählten und gar wohlerfahrenen Führern diese Alpe zu besteigen, um doch endlich auf seinen vielen Reisen einmal zu jenem vielgepriesenen, wahrhaftigen Hochgenuss zu gelangen, der sich den Bergbesteigern auf eine unbeschreibliche Weise in stets überschwänglicher Fülle darbietet – was aber natürlich unser Wanderer nur vom sogenannten Hörensagen und aus manchen gelesenen Gebirgsreiseskizzen kannte.
HIM|2|470618|4|0|Fest ward also der Entschluss gefasst, koste es nun, was es wolle, nimmer solle nun diese Vornahme durch was immer für eine möglich vorkommende Kalamität als aufgegeben und unausführbar betrachtet sein! – „Also, frisch auf!“, sprach der Wanderer. „Bald, bald, du stolze Spitze, sollst du von meinem schwachen Fuß gedemütigt werden! Ein Sterblicher wird dich, einer Ewigkeit trotzen Wollende, überragen und von dir in weite Fernen hinausschauen und einen Anblick genießen, der dir viele Jahrtausende deines stolzen Daseins hindurch versagt war und fürder versagt bleiben wird!“
HIM|2|470618|5|0|Die Bergführer standen bereit, mit allem Nötigen versehen. Der Wanderer überließ sich ganz ihrer Leitung, und so ward die Bergreise mutig angetreten. Die erste Stunde ging es gut; denn da war noch recht viel Abwechslung, bald eine Bergkeusche, bald eine Herde mit ihrem Hirten und bald eine Wiese, die ein Bächlein gar behände durchrieselte. Aber nun begann der Wald, anfangs nur spärlich aussehend; je höher hinauf aber ein stets steiler und rauer werdender Weg unsere Gesellschaft führte, desto dichter auch wurde der Wald und desto mehr wurde er von nicht selten nahezu undurchdringlichem Gestrüpp durchzogen.
HIM|2|470618|6|0|Drei Stunden hatten die Wanderer mit der Besteigung des Berges bloß durch den Wald zugebracht, und noch wollte er kein Ende nehmen. Da fragte der Wanderer die Führer, wie lange wohl der Wald noch dauern werde. Und diese sprachen: „Noch ein paar Stunden Weges!“ – Da ward der Wanderer unwillig und sprach: „Das ist ja entsetzlich! Wahrlich, so der überaus beschwerliche Wald noch ein paar Stunden dauern sollte, da kehre ich lieber um und will unten im Tal einen förmlichen Eid ablegen, mit diesem höchst ermüdenden Versuch für alle meine Lebzeiten jede künftige Bergbesteigungslust auf das Vollkommenste abgekühlt zu haben!“
HIM|2|470618|7|0|Aber die Führer sagten: „Freund, das tun Sie ja nicht! Wir sind nun dem Ziel, das wir hier verfolgen, näher, als Sie glauben! Daher wäre es sehr unmännlich, nun umzukehren ob dieser kleinen Strecke Waldes. Machen wir uns daher nur recht mutig wieder auf den Weg, und bald werden wir auf die freien Alpentriften gelangen, wo jeder Schritt von neuen Wundern gewürzt sein wird!“
HIM|2|470618|8|0|Diese Rede gefiel dem Wanderer, und er setzte mit seinen Führern den Weg durch den noch übrigen Wald mutig fort. Nun ward der Wald dünner, die Bäume wurden klein und verkrümmt, und schon wurden hie und da die weitgedehnten blassgrünen Alpenmatten, glitzerndes Steingeröll und vermoderte übereinanderliegende Urbaumstämme ersichtlich. Endlich ward auch der letzte Rest des Waldes hinter den Rücken gelegt, und die Gesellschaft gelangte auf die ganz freien Alpentriften und nahm da Rast und einige Stärkung für die noch allerbeschwerlichste weitere Besteigung der höchsten Spitze.
HIM|2|470618|9|0|Man rastete bei einer halben Stunde, erhob sich dann und wollte weiter aufwärtsziehen; aber siehe, da kam – was auf derlei Höhen nichts Ungewöhnliches ist – plötzlich ein heftiger Wind, und die höchste Kuppe wurde von dichtem Gewölk umlagert. Da machten die Führer bedenkliche Mienen, und der Wanderer verwünschte jeden Gedanken, der ihn dazu bewogen hatte, diesen Berg ersteigen zu wollen; denn die schon sehr schöne Aussicht von den hohen, freien Alpentriften war ihm durchaus zu wenig Lohn für seine große Mühe. Da der Wind aber stets heftiger ward und die Nebel tiefer und tiefer herabfielen, da beschloss die Gesellschaft, den Weg von der Alpe auch so schleunig als möglich wieder zurückzumachen, um einem sicheren Hochgewitter zu entgehen.
HIM|2|470618|10|0|Schnellen Schrittes ging es nun abwärts, und das Tal ward in der halben Zeit erreicht, welche die Gesellschaft zur Ersteigung dieser Alpe brauchte. Als sie alle, die Führer und der Wanderer, wieder in der Ortschaft ankamen, siehe, da kam ein anderer Wind, und alle Bergspitzen standen wieder kristallrein vor den Augen der müden Wanderer.
HIM|2|470618|11|0|Da bereute es auch unser Wanderer, dass er sich von einem kleinen Wetter hatte einschüchtern und entmutigen lassen und beschloss, bei einer künftigen ähnlichen Gelegenheit klüger und ausdauernder zu sein.
HIM|2|470618|12|0|Ein alter Mann aber, der gehört hatte, wie der Wanderer vor dem Abmarsch gar stolz den Berg angeredet hatte, sagte zu ihm: „Wenn du wieder einen Berg besteigen willst, so musst du dich vorher recht klein, aber nicht recht groß machen; denn siehe, jede Höhe ist rein und geheiligt! Daher will sie auch in der Demut und nie im Hochmut erstiegen sein. Wehe aber dem, der sie im Hochmut ersteigt; der wird einen mächtigen Fall tun und wird sich zerschellen, und sein Fleisch wird hängenbleiben an den schroffen Spitzen emporragender Felsen!
HIM|2|470618|13|0|Wenn du aber ein rechter Wanderer sein willst, dann lass dich fürder nicht abschrecken von den Höhen und besteige sie sattsam, so wirst du erst recht innewerden, wie herrlich, groß und mächtig Der sein muss, dem es ein Leichtes war, eine so große und herrliche Erde bloß durch Sein ‚Werde‘ hervorzurufen! Es sind wohl die Täler, die du schon überhäufig bereist hast, auch demselben allmächtigen ‚Werde‘ entsprossen, aber es ist dennoch ein großer Unterschied zwischen ihnen und den Bergen. Die Aussicht in dem Tal ist beschränkt und eingeengt, auf den Bergen aber frei und oft unübersehbar. Es gleicht das Tal einem ganz gewöhnlichen Menschen, der außer den natürlichen Bedürfnissen keine höheren kennt; die Berge aber sind daneben gleich einem Weisen, der über alle die weltlichen Bedürfnisse erhaben sein Herz und Haupt hoch emporhebt und seine Augen nur dorthin richtet, wo er die großen heiligen Denkmäler Dessen erschaut, den sein Herz so ehrfurchtsvoll und dabei aber doch auch ebenso heilig kindlich froh „Lieber, heiliger Vater!“ nennt.
HIM|2|470618|14|0|Siehe, du mein lieber Freund, also reise du, und also besteige du gerne die Berge, dann werden dir deine Reisen einen großen Gewinn für dein Leben bringen zeitlich und – verstehe – dadurch auch ewig! Denn wir alle sind Wanderer und wandern von der Wiege bis zum Grabe manchen beschwerlichen Weg. Da geht es manchmal steil, holpericht, manchmal wie auf dem Glatteis. Die meisten Lebenswanderer gleichen dir und bleiben lieber in den Tälern ihres Tierwesens, als dass sie sich einmal die Mühe nähmen, einen Berg zu besteigen, um da wenigstens die Aussicht zu einem wahren Menschen zu bekommen. Also aber soll es nicht sein!
HIM|2|470618|15|0|Wir sollen wohl in den Tälern der Demut wohnen; aber darin sollen wir nicht vergessen, dass die Berge der freien Gott- und Menschenerkenntnis zu besteigen sind – was von Gott Selbst vorgeschrieben ist!“
HIM|2|470618|16|0|Dessen gar wohl eingedenk ging unser Wanderer seinen Weg weiter, fand die Worte des alten Dorfweisen richtig und nachahmungswert und – fand das Leben!
HIM|2|470618|17|0|Wollet ihr es auch finden, so folgt seinem Beispiel! Amen.
HIM|2|470620|1|1|Törichte Jungfrauen – 20. Juni 1847
HIM|2|470620|0|0|Herr, siehe, die beiden Töchterlein des A. H.-W., Pauline und Julie, bitten nun schon seit einiger Zeit um ein tröstend und stärkend Wörtlein von Dir, du allgütigster, liebvoller, heiligster Vater! Ich bin nun, wie allezeit, bereit, Deine Gnade hier mit dem steten Bewusstsein meines Nichts vor Dir niederzuschreiben. O Herr, gib mir für die beiden ein Wörtlein, wofür, wie für alles, Dich mein und der beiden Herz allezeit und ewig loben und preisen soll! Dein heiligster Wille geschehe allezeit und ewig! Amen.
HIM|2|470620|1|0|Nun denn, so schreibe, da du schon durchaus etwas schreiben willst! Ich weiß, Ich weiß es wohl, dass die beiden schon seit einiger Zeit den Wunsch in sich tragen, von Mir wieder irgendein Wörtlein zu bekommen. Aber siehe, dieser Wunsch hat sich bis jetzt noch bei keiner so recht lebendig im Herzen ausgesprochen. Darum Ich denn mit einer solchen Gabe bis jetzt noch äußerlich zurückhielt, obschon Ich innerlich bei jeder unaufhörlich gleichfort einfließe und sie wiedergebäre zum ewigen Leben des Geistes und der Seele – bei welcher Arbeit sie Mir aber mit noch allerlei weltlichen Dingen kleine Hindernisse in den Weg legen, so dass Ich mit ihnen ohne Beirrung ihres freien Willens nicht jene schnellen Fortschritte machen kann, wie Ich gern machen möchte.
HIM|2|470620|2|0|Es kommt da bald dies, bald jenes, und Ich verhalte Mich da wie einer, der zu seinem dürftigen Freund kam, um ihm zu helfen, worüber dieser zwar eine große Freude hatte; da aber der helfenwollende reiche Freund mit seinem armen Freund reden und sich besprechen wollte über dessen Lage, hatte der Arme allerlei kleine Verrichtungen in seiner Dürftigkeitshütte vorzunehmen und ließ seinen reichen Freund vielfach allein sitzen im kläglichen Gemach.
HIM|2|470620|3|0|Dem reichen Freund ging da die liebe Geduld schon nahe gänzlich aus, und er stellte es seinem armen Freund ganz ernstlich vor, so er wolle, dass ihm geholfen werde, da solle er endlich einmal da verharren, wo allein ihm Abhilfe zuteilwerden könne, und nicht alle Augenblicke zu seinen nichtigen Geschäftlein davonspringen, die ihm nicht ein warmes Wasser abgeben können.
HIM|2|470620|4|0|Dasselbe möchte Ich wohl auch zu diesen zwei Töchtern sagen, wenn sie das nicht in sich selbst gewahren möchten. Sie gewahren es freilich wohl und sollen also daran auch nur erinnert sein. Und sie sollen das unterlassen, was Mir keine Freude ist!
HIM|2|470620|5|0|Ich gab ja ohnehin einer wie der anderen Verhaltungsregeln, wie sie es machen sollen und was meiden, so sie leiblich und geistig recht gesund werden wollen. Aber siehe, sie halten sich nicht eifrig darnach! Wie soll Ich ihnen nun ein neues Rezept geben, so sie das frühere noch nicht recht und nicht völlig beachtet haben?!
HIM|2|470620|6|0|Meine Rezepte sind nicht wie die der weltlichen Ärzte, wo, so eines nicht hilft, vielleicht ein zweites helfen mag. Meine Rezepte müssen nach der Ordnung gebraucht werden. Und da hilft ein zweites nichts, so das erste nicht völlig beachtet wurde.
HIM|2|470620|7|0|Darum sage den beiden: Lest eure früheren Gaben recht aufmerksam durch und beachtet genau, was euch darin angeraten ist, sodann wird schon ehestens ein zweites Rezept folgen!
HIM|2|470620|8|0|Die eine hüte ihr Herz und nehme nicht so viel Tabak! Und die andere hüte ihren Leib und ihren Magen und sei mehr Maria als Martha! Und keine putze sich zu sehr auf die Hochzeit! Amen.
HIM|2|470624|1|1|Vertrauen, Mut und Frieden – 24. Juni 1847
HIM|2|470624|0|0|„Frieden lasse Ich euch, Meinen Frieden gebe Ich euch! Nicht wie die Welt gibt, gebe Ich ihn euch! Euer Herz werde nicht unruhig noch furchtsam!“ (Joh. 14,27)
HIM|2|470624|1|0|Wenn jemand diesen Text nicht versteht, obwohl er überaus klar ist, so liegt der Grund lediglich darin, dass er seiner eigenen Zunge (Muttersprache) nicht völlig mächtig ist und nicht weiß, was so eigentlich der Friede ist.
HIM|2|470624|2|0|Wer den Frieden für eine Ruhe hält, sowohl im Gemüt als auch im gegenseitigen Handeln der Menschen, der ist in einer sehr großen Irre. Wenn z. B. zwei Völker miteinander Krieg führen, wann wohl werden sie Frieden machen? Sicher nicht eher, bis der Mut des einen Teils den anderen besiegt hat, welch besiegter Teil sich dann dem Sieger unterwirft, wodurch dann beide Teile Ruhe haben und in dieser Ruhe erst den Frieden.
HIM|2|470624|3|0|Wenn ein Schwacher zur Nachtzeit durch einen Wald geht, so wird er voll Furcht und sein Gemüt voll Unruhe, und er wird im größten Unfrieden seiner Seele die nächtliche Wanderung durch den Wald machen. Wenn aber ein vollkommen geharnischter Riese Goliath denselben Weg um die Mitternachtszeit macht, so hat er nicht nur keine Furcht, sondern nur die größte Beherztheit und in ihr den unerschütterlichsten Mut, es mit allem vollkommen siegreich aufzunehmen, was ihm nur irgend feindlich entgegenkommen möchte. Dieser vollste Mut gibt seinem Gemüt die größte Ruhe und Furchtlosigkeit und der Seele den unbestreitbarsten Frieden, den ihm kein begegnender Feind wegnehmen kann.
HIM|2|470624|4|0|Wenn irgendein armer, mittelloser Mensch in das Haus eines reichen Weltherrn käme und möchte da um die Hand einer Tochter dieses reichen Weltherrn anhalten, wie wird er da zaghaft sich dem Haus nähern. Sein Gemüt wird voll Unruhe sein und voll Furcht seine Seele, so dass er an Ort und Stelle kaum ein Wort wird herauszubringen imstande sein ob des starken „Unfriedens“ seiner Seele! Aber mit welch ganz anderer Gemütsbeschaffenheit wird sich ein ebenbürtiger Fürstensohn diesem Haus nähern! Voll Mut und voll der sichersten Überzeugung wird er in dies Haus treten, wohl wissend, dass er in diesem großherrlich reichen Hause nur mit der größten Zuvorkommenheit aufgenommen wird, ob seiner noch größeren Schätze, seiner Macht und seines Ansehens.
HIM|2|470624|5|0|Sonach aber stellt sich nun heraus, dass der Friede nichts anderes ist als der volle Mut der Seele, den sie aus der Zuversicht schöpft, aus der sie sich solcher Fähigkeiten bewusst ist, mit denen sie jeder wie immer geartet sein sollenden, möglicherweise vorkommenden feindlichen Begegnung siegreich entgegensieht. Wem demnach diese Fähigkeiten fehlen, dem fehlt natürlich auch das Vertrauen und die Zuversicht auf solche Fähigkeiten. Wo aber kein Vertrauen und keine Zuversicht, da ist auch kein Mut und also auch kein Friede.
HIM|2|470624|6|0|Wenn Ich daher im Evangelium sage: „Frieden lasse Ich euch, Meinen Frieden gebe Ich euch“, so heißt das so viel als: Meine Fähigkeiten, Mein zuversichtliches Vollvertrauen auf dieselben und somit Meinen vollsten Mut lasse und gebe Ich euch; natürlich einen Mut, den die Welt nicht kennt, nicht hat und also auch nicht geben kann.
HIM|2|470624|7|0|Die Wirkung dieses Mutes aber sei, dass euer Herz nicht furchtsam und nicht unruhig werde bei was immer für feindlichen Begebnissen, die euch hie und da begegnen können. – Ich meine, das wird doch klar genug sein!
HIM|2|470624|8|0|Trachtet daher aber auch ihr nach solchen Fähigkeiten, aus denen euch ein gleicher evangelischer, wahrer Friede werden soll! Das sagt der wahre „Held des ewigen Friedens“. Amen.
HIM|2|470625|1|1|Die Schnecke als Lebensbild – 25. Juni 1847
HIM|2|470625|1|0|Der Mensch, wie er sein soll und wie er auch nicht sein soll, ist gleich einer Schnecke!
HIM|2|470625|2|0|Die Schnecke, ein gar elend Tierchen, ist ein Doppelbild, das zu allen Zeiten und, außer an den Polargegenden, fast an allen Orten der Erde vorkommt unter mannigfach veränderten Gestalten und Größen und den Menschen darum auch hauptsächlich so recht zur Beobachtung nahe gestellt ist, auf dass sie von ihr lernen möchten, wie sie sein sollen und wieder auch wie sie nicht sein sollen.
HIM|2|470625|3|0|Die Menschen sollen ihre Augen ebenso sorgsam, wie die Schnecke ihre Fühl- und Sehrüsselchen, von der Welt abziehen und in sich kehren, so diese ihnen, den Menschen nämlich, ihre Lockungen vorhält und sie damit blenden will. Aber sie sollen wieder nicht wie die Schnecke ihre Augen von sich hinaus in die Welt treiben, wo sie dann nichts als die Welt nur sehen mit all ihren Lockungen und für Mich kein Auge mehr haben!
HIM|2|470625|4|0|Die Menschen sollen, gleich den Schnecken, vier Augen haben, von denen die zwei großen Seelenaugen – Vernunft und Verstand – nach oben zu Mir, Gott dem Herrn, und nur die zwei ganz kleinen Leibesaugen nach unten zur Welt gerichtet sein sollen. Und dennoch sollen sie wieder nicht gleich den Schnecken die großen Augen in die Welt hinausstecken, auf ihre vielen sinnlichen Bedürfnisse schauen und nur mit den kleinen Augen den so über alles wichtigen Lebensweg betrachten, was (NB.!) jetzt wohl bei gar so vielen Menschen der Fall ist.
HIM|2|470625|5|0|Die Menschen sollen ferner wieder ebenso vorsichtig sein wie die Schnecken und sollen nur, so es nottut, ihr inneres Wesen über ihr naturgemäßes Gehäuse (den Leib) hinausstellen und da zeigen, dass sie keine leeren Gehäuse sind – und sollen dasselbe, gleich den Schnecken, auch alsogleich wieder ins Gehäuse zurückziehen, so demselben von der Welt her irgendeine Gefahr droht. Aber sie sollen wieder ihr Inneres nicht, gleich der Schnecke, bloß sinnlicher Bedürfnisse wegen entäußern; oder die Menschen sollen nicht ihre geistigen Talente dazu verwenden, um sich durch dieselben irdische oder weltliche Vorteile zu verschaffen!
HIM|2|470625|6|0|Wieder sollen die Menschen die Geduld von der Schnecke nehmen und also ihr Ziel mit einer schneckischen Geduld und Beharrlichkeit verfolgen und sollen allezeit bedenken, dass da auf einen Hieb kein Baum von einiger Bedeutung zum Fall kommt! Aber den Weg des geistigen Lebens sollen sie nicht mit der Schneckenpost verfolgen! Und so es sich darum handelt, den Dürftigen und Notleidenden zu helfen, auch da sollen sie sich nicht mit der unendlich geduldigen Trägheit der Schnecken auf die Beine machen, sondern da sollen sie eilen wie ein Hirsch und springen wie ein Löwe!
HIM|2|470625|7|0|Ferner soll der Mensch sein irdisch Haus nur so wie die Schnecke für ein einfaches Bedürfnis ganz einfach bauen und einrichten, auf dass dessen Bürde nicht das innere, geistige Leben erdrücke! Aber wieder sollen die Menschen nicht gleich der Schnecke an ihrem leiblichen Gehäuse hängen, auf dass, so es ihnen abgenommen wird, sie dann nicht in ihrer Seele also den Tod erleiden wie die Schnecke, so ihr das Gehäuse zertrümmert wird!
HIM|2|470625|8|0|Wiederum sollen die Menschen durch den stets unversiegbaren Ausfluss ihrer alles an sich ziehenden und ankleben machenden Liebe tun, wie es die Schnecke mit ihrem reichlich aus ihr hervorquellenden Saft tut, mittelst dem sie sich an alle Gegenstände klebt und sie dadurch gewisserart an sich zieht, auf dass sie ihr zur Unterlage des Lebens dienen. Aber es sollen die Menschen auch nicht mit ihren schmutzigen und ehrabschneidenden Worten also auf allen ihren Wegen alles besudeln und beschmieren, was ihnen nur immer unterkommt, wie die Schnecke mit ihrem Schlammsaft ihren Pfad, den sie bekreucht!
HIM|2|470625|9|0|Dergleichen Bilder könnten von der Schnecke noch mehrere gegeben werden, doch für euch genügen diese vollkommen, so ihr sie für euer Leben beachten wollt. Daher sage Ich euch noch einmal: Seid und handelt wie die Schnecken, und seid und handelt auch wieder nicht wie die Schnecken, so werdet ihr leben wie rechte Menschen! Amen.
HIM|2|470705|1|1|Welt-, Tempel- und Gottesdienst – 5. Juli 1847
HIM|2|470705|1|0|Machen auch wir einige „Aphorismen“ – aber natürlich ganz eigener Art! Und so schreibe:
HIM|2|470705|2|0|Es dehnen sich Häuser, es blühen die Städte, und eiserne Straßen befahren dem Wasser entfesselte Geister und treiben mit Flügeln der Winde gar mächtige Lasten die ehernen Bahnen entlang.
HIM|2|470705|3|0|O dafür aber gräulich verkümmern die Herzen der Menschen, die einzig alleinigen Wohnungen Gottes auf Erden! Und nimmer will jemand die Mühe sich nehmen, zum Bau der einzigen, heiligen „Gottesstadt“ einige gute Bausteine, bestehend aus christlichen Werken der Liebe zum Nächsten, beizuschaffen und ebenso wenig die Wege, die lange Ich Selbsten gebahnt, mit leichtester Mühe ein wenig nur aufrechtzuerhalten, auf dass denn doch einige bessere Wanderer zum ewigen Leben am Weg nicht möchten ersticken im endlosen Kot der Welt.
HIM|2|470705|4|0|Es wird wohl die Industrie dieser Welt fleißigst betrieben, um schneller den Geist zu ertöten und möglicherweise auch ganz zu vernichten die ohnehin kärgliche Aussaat des Samens zum ewigen Leben! Vom Gegenteil hört man nichts; keine Industrie will sich erheben, in welcher man eigene „Manufakturen“ errichten wohl möchte, Ich meine „Fabriken“, in denen nur Werke der christlichen Liebe, der Demut und lieblichsten Sanftmut erzeugt werden möchten und nimmer die Werke der Hölle, des Todes, des Satans.
HIM|2|470705|5|0|Es reisen jetzt Künstler, Gelehrte und allerlei Forscher zu Land und zu Wasser. Sie reisen zu Haufen auf allen nur möglichen Wegen und Stegen. Was wird wohl der Zweck ihrer Mühe doch sein? O der ist gar nicht schwer zu erraten! Was reimt sich auf „Welt“? Siehe, „Geld“! Ja, das Geld, das verfluchte, bewegt nun alle die Künstler, Gelehrte und allerlei sonstige Forscher zu Land und zu Wasser. Und keiner von all den Genannten bereist die Erde aus höheren Gründen: aus Liebe zu Mir und aus Liebe zum Nächsten.
HIM|2|470705|6|0|Die weltliche Ehre, ob welcher in früheren Zeiten auch manche gar seltene Taten verübten, ist nun auch dem Tode verfallen. Es ist zwar kein Schade um sie, denn gar oft hat sie Brüder gegen Brüder entzündet, und zahllose Kaine erschlugen die Abel. Doch diese Triebfeder zu gräulichen Taten ist nun beinahe gänzlich verschwunden. Das Geld hat nun die Stelle der Ehre übernommen; wer dieses besitzt, dem wird alles zuteil! Ob’s ewige Leben auch?! Dieses wird einstens sich zeigen! Wohl möglich bei manchen – unmöglich bei vielen.
HIM|2|470705|7|0|Geschmückt sind die römischen Kirchen und Tempel mit Türmen und Kuppeln, das Innere prunkt mit Gold und Silber und viel Edelgesteinen. In allen den Türmen erschallen gewaltig die ehernen Glocken zu allen besonderen Zeiten der Tage, der Wochen und Jahre. Im Inneren der Kirchen und Tempel ertönen die Orgeln und manchmal Posaunen, Trompeten und Pauken und Pfeifen. Und Sänger wetteifern, wer eh’ sich aus ihnen die Kehle und Lunge zersprengen wohl könnte. Und Menschen bedrängen sich mächtig, wenn Messen in goldenen Gewändern und teuer bezahlt, vorgeblich zu Meiner Ehr aufgeführt werden. Denn so eine Messe wird „Opfer“ benennet und ist für die römischen Christen der allervornehmste, erhabenste, heiligste Dienst, der Mir einzig allein wohlgefällt, und am meisten, wenn er so prunkvoll und teuerst bezahlt wird gegeben!
HIM|2|470705|8|0|O Zeiten, o Sitten, o Menschen! Wo steht es denn geschrieben: Bethäuser mit Türmen, mit Kuppeln, mit Gold und mit Silber und Edelgesteinen zu schmücken, mit teuren Glocken zu läuten, mit Orgeln, Trompeten, Posaunen und Pauken und Pfeifen und sonstigem Geplärr voll des gräulichsten Unsinns, Mich, euren Gott, zu verehren – ums Geld noch dazu?!
HIM|2|470705|9|0|O das ist noch ärger, als was der Prophet Jesaias gesprochen, indem er da sagte: „Dies Volk Mich verehrt mit den Lippen; sein Herz doch ist ferne von Mir!“ – Doch hier wäre es noch gut, so man nur das von allen römischen Christen alleinig aussagen wohl könnte. Doch hier muss man sagen: Dies Volk Mich verehrt mit gemauerten Kirchen und Türmen, mit Glockengeläute, mit Orgeln und allerlei Pfeifen, mit Klingel und Klangel, mit Büscheln und Bändern, mit Weihrauch und brennenden Kerzen, in goldenen Gewändern für Geld und für Gold und für Silber, für Wein und für Braten in allen Gestalten. Mit Lippen jedoch macht sich’s dabei nicht viel zu schaffen. Es hat dafür Glocken und andere geweihte Werkzeuge! Wozu dann noch Lippen abwetzen? Das tut man zum Schein nur lateinisch ein wenig.
HIM|2|470705|10|0|Ums Herz darf man da nicht mehr fragen, ob’s nah oder ferne Mir ist. Denn das kennt Mich nicht und hat nie Mich erkannt! Oder haben wohl Mauern und Türme und Glocken und Orgeln und Büschel und Bänder, vergoldete Götzen und allerlei Schnitzwerk und Rauchfass und Weihbrunn und Kerzen und Lüster und Lampen, Altäre und goldene Gewänder und allerlei andere geweihte Werkzeuge auch Herzen?
HIM|2|470705|11|0|O Zeiten, o Sitten, o Menschen! Wohin seid gekommen ihr Tollen, ihr Blinden, ihr Armen, ihr Toten allesamt?! Heißt denn das – Gott im Geiste und Wahrheit anbeten?! Erwacht doch einmal und macht’s nicht ärger noch, als es vor Zeiten gemacht haben einzig allein nur die finstersten Heiden!
HIM|2|470705|12|0|Wer wagt es zu sagen: „Ich kenn’ den allmächtigen Gott, den dreiein’gen, den ewig Getreuen“ – und will doch nie anders als einzig allein nur ums Geld Mich lateinisch anbeten! – O das wird doch etwa die Krone der Lüge wohl sein?!
HIM|2|470705|13|0|O seht, wer Mich kennt im Herzen als Gott und als Vater, der wird auch im Herzen alleinig durch Liebe Mich ehren und so nur in „Wahrheit“ und „Geist“ Mich anbeten – weil Ich als Gott und als Vater durch Meinen allerheiligsten Geist nur in den Herzen derjenigen wohne, die Mich als das kennen, was Ich von Ewigkeit war und als was Ich Selbst Mich auf Erden habe zu erkennen gegeben!
HIM|2|470705|14|0|So das aber einzig die ewige Wahrheit nur ist – was wohl wird dann das Übrige sein: All die Kirchen und Tempel und Türme und Glocken und Orgeln und Pauken, Trompeten und Pfeifen und Messbuch und Weihrauch und Rauchfass und Klingel und Klangel und Büschel und Bandel und aller der götzische Plunder?!
HIM|2|470705|15|0|Ich meine, die Antwort wird jeder leicht finden. Darum nichts mehr weiter von allen den Werken der Nacht und des Todes für ewiglich! Amen.
HIM|2|470708|1|1|Rom und das Kommen des Gottesreichs – 8. Juli 1847
HIM|2|470708|0|0|O Herr, Du ewiger Lenker der Wege, Stege und Zustände der Menschen! – was haben wir armen, sündigen Menschen von Rom aus zu erwarten in dieser Zeit, und zwar infolge der mir in manchen Stücken recht weise vorkommenden Regierung des gegenwärtigen Hierarchen Pius IX.? Wird es lichter oder noch finsterer werden? Und was hätten wir in letzterem Fall in und für diese Welt zu tun? O Herr, so es Dein heiligster Wille wäre, so wolle uns aus Deiner endlosen Liebe- und Weisheitsfülle einige Winke geben; aber nur Dein heiligster Wille geschehe allzeit wie ewig! Amen.
HIM|2|470708|1|0|Von Rom aus wird es nie licht, und möge da als kirchlicher Regent Petrus oder Paulus auf dem Hierarchenstuhl sitzen! Denn ihr wisst es ja, dass das wahre Licht als eigentliches Gottesreich nie äußerlich mit materiellem Schaugepräge, sondern nur ganz in aller Stille innerlich im Menschen vorkommt, ganz unbeachtet – wie ein Senfkörnlein, so es in die Erde gesät ist, dann auch vom Innern der Erde als ein zartestes Pflänzchen zum Vorschein herauskommt, dann wächst und größer und fester wird und dann Äste und Zweige treibt, so dass sogar, wenn es erwachsen ist, des Himmels Vöglein darunter Wohnung nehmen.
HIM|2|470708|2|0|Auch kommt das Gottesreich, wie ein Kind aus dem Mutterleib, aus dem Herzen des Menschen hervor und durchströmt dann den ganzen Menschen und fasst Wurzeln in allen seinen Teilen und macht, dass der ganze Mensch endlich ein ganz neues Wesen wird und unsterblich in allen seinen Teilen!
HIM|2|470708|3|0|Dieses Licht, dieses wahre Gottesreich, kann sonach nie von Rom ausgehen, und möchte der Papst auch ein Engel sein – sondern allezeit nur von jedem einzelnen Menschen selbst, so er in der Schrift unterrichtet und darnach getauft ist durch Werke und durch das kräftigst wahrnehmbare Zeugnis des Heiligen Geistes. Wo dieses mangelt, da hilft weder Rom noch Jerusalem und weder Papst noch Wassertaufe und Bischof und Konfirmation!
HIM|2|470708|4|0|Der gegenwärtige Papst aber ist ein recht feiner Weltmann und sorgt mehr für die politische als für die äußerlich kirchliche Konsistenz seines Regimentes. Er gebraucht das Kirchliche zu rein politischen Zwecken. Wird er diese erreichen, dann wird er tun, wie es seine Vorgänger taten, d. h. er wird auch hie und da äußerlich etwas Besseres säen. Aber seine Nachfolger werden es schon wieder zugrunde richten, wie es noch allezeit der traurige Fall war.
HIM|2|470708|5|0|Was der Papst als Mensch Gutes tut im Verborgenen und nicht in alle Welt ausposaunen lässt, davon wird er auch den ewigen Lohn ernten. Aber von seinem kirchlichen Wirken wird im Himmel wenig oder gar keine Notiz genommen werden, außer eine solche wie von aller Weltäußerlichkeit.
HIM|2|470708|6|0|Das erste Zeichen des ankommenden Gottesreiches aber ist die rechte, ewig nie eine scheinbare und noch weniger eine sogenannte Kurial- und Pontificaldemut, laut der sich ein Papst wohl einen „Knecht der Knechte“ nennt, sich aber daneben gleich wieder gegen Mein Wort und Gebot „Heiliger Vater“ titulieren lässt und dadurch ein Herrscher der Herrscher sein will – in welchem Stück ein Papst dem anderen ebenso ähnlich ist wie ein Auge dem anderen.
HIM|2|470708|7|0|Es fehlt demnach dem Papst sogar das allererste Zeichen des Gottesreiches, ohne das niemand ewig je zum Licht der Himmel gelangen kann. Wo aber das A völlig mangelt, woher soll dann das B und noch weniger das C, D und E kommen? Das wäre gerade also, als sollte ein Weib je schwanger werden und gebären, wenn sie sich, aus lauter Stolz und Hochmut, nie so tief herablassen wollte, sich von einem Mann beschlafen zu lassen, auf dass er in ihr einen Samen hätte erwecken können.
HIM|2|470708|8|0|Woher aber sonach ewig nie ein Licht zu erwarten ist (aus den obenangeführten allertriftigsten Gründen), von dorther kann alsonach nur Finsternis kommen. Und es lasse sich da keiner berücken, wenn es auch so und so aussieht!
HIM|2|470708|9|0|Denn was da geschieht, ist pur Äußerliches. Das Innere dagegen wird als ein „Geheimnis aller Geheimnisse“ bescheidet und ist so gut wie gar nicht da. Und wäre es auch da, so müsste es aber doch ewig ohne Wirkung bleiben gleich dem Keim in einem Samenkorn, das nie ins Erdreich gesät wird. So ein Keim muss dann freilich wohl auch ein „ewiges Lebensgeheimnis“ verbleiben, weil er nie ins Leben übergehen kann, da ihm das Mittel, durch das er sich entwickeln und zum Leben manifestieren sollte, für alle Zeiten abgeschnitten ist.
HIM|2|470708|10|0|Wo Gott, der da ist der ewige Grundquell alles Lebens, ein „Geheimnis“ ist – was soll da das Leben und dessen Licht sein?!
HIM|2|470708|11|0|Gott ist in allem der Grund, die erste Bedingung alles Seins, also auch das Hauptlicht alles Lichtes und muss zuerst angenommen und erkannt sein, so alles andere, das aus Ihm ist, soll erkannt werden. So aber Gott ein Geheimnis, also eine barste Nacht ist, was soll dann alles andere sein? Wo das Licht schon die barste Finsternis ist, was soll dann erst die eigentliche Hauptfinsternis selbst?
HIM|2|470708|12|0|Ich meine, so Ich bei euch nur ein wenig Licht im Hause bin, so werdet ihr aus dem leicht entnehmen können, was zu allen Zeiten von Rom zu erwarten ist, solange es bleibt, wie es ist und wie es war.
HIM|2|470708|13|0|Das aber glaubt ja nicht, dass es je von Rom abhängen wird, ob Licht oder Nacht – sondern das alles hängt rein von Mir ab! Wann es die rechte Zeit sein wird, so wird es Licht wie am Tag. Und Rom wird dem „großen Tag des Geistes“ so wenig Schranken zu setzen imstande sein, als jemand imstande ist, der Sonne den Aufgang zu verwehren.
HIM|2|470708|14|0|Daher bleibt nur ganz unbesorgt! Wer am und im Tag wandelt, hat von der Nacht nichts zu befürchten. Aber wehe denen, die in die Hände der Räuber fallen! Amen.
HIM|2|470709|1|1|Von den kirchlichen Mysterien und Zeremonien – 9. Juli 1847
HIM|2|470709|0|0|O Herr, was sind denn so ganz eigentlich die „Geheimnisse“, mit denen besonders unsere römische Kirche so überaus vollgestopft ist und worauf sie sich viel zugutetut und sozusagen ihr Hauptansehen stützt? So es Dein heiligster Wille wäre, gib uns darüber einige Winke!
HIM|2|470709|1|0|„Geheimnisse“ (Mysterien) sind nichts anderes als Nacht und Finsternis in eben den Dingen, die als ein Geheimnis betrachtet werden. Und so sind auch die kirchlichen „Geheimnisse“ die barste Blindheit der Seele und ein völliger Tod des Geistes.
HIM|2|470709|2|0|Und wieder sind die „Geheimnisse“ eine Bosheit! Denn die Menschen hüllen gewöhnlich das in Geheimnisse, womit sie sich nicht offen ans Licht getrauen, weil da die anderen den Betrug erschauten und dann Rache nehmen möchten an den Betrügern – was sich eben auch nicht zu selten schon ergeben hat! Jeder Betrug aber ist eine allergröbste Sünde und somit eine größte Bosheit. Und somit ist ein „Geheimnis“, das da nichts ist als ein Betrug, auch eine barste Bosheit.
HIM|2|470709|3|0|Weiter ist ein „Geheimnis“ auch ein Mörder und ein Totschläger! Denn nichts tötet den Geist so sehr, als eben die „Geheimnisse“. Daher sind sie denn auch geistige Räuber, Mörder und Totschläger. Denn über alles hat der Mensch mehr Mut als über ein Geheimnis – aus welchem Grunde in der früheren Zeit auch der Aberglaube so ausgebreitet wurde, da niemand den Mut hatte, hinter die Augendecke Mosis zu greifen, um sich zu überzeugen, was denn so ganz eigentlich hinter derselben liegen könnte! Jeder betrachtete die „Geheimnisse“ als rein unerforschlich und blieb und bleibt dabei stehen, weil er am Ende nicht nur das Geheimnis, sondern auch dessen Enthüllung fürchtete und noch fürchtet.
HIM|2|470709|4|0|Jedes Geheimnis aber gebiert ein anderes, und das andere ein drittes, und das so fort, bis endlich alles ein „Geheimnis“ wird, das ganze Leben samt dem Tode. Um also die Menschheit geistig völlig zu töten, braucht man sie nur in recht viele und recht derbe Geheimnisse zu treiben, so kann man seiner Sache gewiss sein, natürlich von der höllischen Seite her.
HIM|2|470709|5|0|Aber in der Nacht ist es einträglich, auf den Raub auszugehen; im Trüben ist gut fischen. Die Blinden lassen sich leicht führen. Und die Toten kann man überhaupt tragen, wohin man will, und sie sieden und braten noch oben darauf, und sie werden sich nicht rühren. Daher gibt es ja kein besseres Mittel als recht viele große „Geheimnisse“, und ein Volk ist auf ein Jahrtausend zerschlagen und lässt alles aus sich machen.
HIM|2|470709|6|0|Dergleichen „Geheimnisse“ dürfen dazu nur noch mit einigen taschenspielerischen Wundern, mit großem Pomp und glänzender Zeremonie begleitet sein und mit recht viel Rauch und schrecklichen Historien, so haben sie dann eine gewaltige Macht, der selbst die beherztesten Menschen keinen Widerstand zu leisten imstande sind.
HIM|2|470709|7|0|Ja, da ist dann die Trübsal so stark, dass sie selbst den Auserwählten schaden könnte, so diese möglicherweise ohne Meinen besonderen Beistand in ihr Gebiet könnten geleitet werden. Daher auch nun alle die Christen, bei denen „Geheimnisse“ walten, über das Wesen des Lebens nach des Leibes Tode im völligen Tode wandeln. Denn sie wissen davon nichts und glauben an dasselbe, wenn es gut geht, nur ungefähr also, wie ein Lottospieler auf einen Terno [drei richtig getippte Zahlen], der möglicherweise wohl herauskommen könnte, aber höchstwahrscheinlich nicht herauskommen wird!
HIM|2|470709|8|0|Wie viel aber ist solch ein verfluchter Glaube wert? Ich sage: Er ist nicht einmal des Auslachens und Anpfeifens wert! – Denn er kann niemanden vom Tode erretten. Daher solche Schwachgläubige auch alle dahinsterben, als wären sie nie dagewesen, und zu Schemen und Phantomen der Geisterwelt werden, denen sogar die Fähigkeit mangelt, Meinen Namen auszusprechen – was alles eine Frucht der „Geheimnisse“ ist!
HIM|2|470709|9|0|Was Gott, was Ich, Jesus, was der Heilige Geist, was also diese Dreieinigkeit, was das Abendmahl, was das Wort Gottes ist, davon wissen sie gerade so viel wie der nächste beste Stein! Sie beten zwar wohl Gott an; aber einen Gott, der nirgends ist und sein kann. Der Vater aber, der ihr allerbekanntester und allernächster Erzieher sein sollte, ohne welchen niemand das ewige Leben erhalten kann, ist das geheimnisvollste und somit entfernteste und also auch ein völlig nichtdaseiendes Wesen! Frage: Wie kann zu solch einem Vater je eine Liebe erweckt werden, von der doch alles abhängt, was nur immer das ewige Leben bedingt?!
HIM|2|470709|10|0|Es kann wohl für Laien Geheimnisse geben – wie für Schüler, solange sie noch in der Schule sind und lernen müssen. Aber bei Menschen, bei wahren Menschen sollen keine Geheimnisse sein! Denn ihr wisst es nun, dass der rechte Geist Gottes, so er im Menschen ist, auch in Meine Tiefen dringt, wie es Mein Paulus aus Mir gelehrt hat.
HIM|2|470709|11|0|Hinweg daher mit allen „Geheimnissen“! Sie gehören der finsteren Welt an!
HIM|2|470709|12|0|Bei euch aber sei es Tag in euren Herzen! Denn darum lasse Ich stets so viel Licht zu euch, auf dass ihr für ewig aus der harten Gefangenschaft der „Geheimnisse“ erlöst werden sollt! Amen.
HIM|2|470712|1|1|Stellung zur Kirche – 12. Juli 1847
HIM|2|470712|0|0|O Herr, Du liebevollster Vater und Schöpfer der Geister- und Naturwelt! Siehe, wenn von keiner äußeren Kirche etwas für den Geist zu erwarten ist, außer die alles verdunkelnden Mysterien – was sollen denn die Menschen dann tun, woher den ersten Unterricht im Evangelium erhalten? Man kann doch nicht annehmen, dass da Engel aus den Himmeln herabsteigen werden, um die Kinder in den ersten Grundlehren des Katechismus zu unterweisen oder Dein Evangelium den wilden Völkern zu verkündigen? Und so scheint es mir denn doch, dass wenigstens für den Anfang eine äußere Kirche ebenso notwendig ist wie die darauffolgende innere für den Geist zur unfehlbaren Gewinnung des ewigen Lebens. Was ist da so ganz eigentlich Rechtens? O Herr und Vater, lass uns auch darin nicht in der Dunkelheit – aber nur nach Deinem heiligsten Willen! Amen.
HIM|2|470712|1|0|Diese Anfrage ist zwar gut und in gewisser Hinsicht, besonders in dieser Zeit, wichtig. Aber die Antwort ist auch schon gegeben worden und somit auch, was jeder von der äußeren Kirche zu halten und zu nehmen hat. In diesen Verhaltungsregeln steht das Beste und Notwendigste. Was darunter oder darüber ist, ist nicht in Meiner Ordnung.
HIM|2|470712|2|0|Wer aber dessen ungeachtet noch nicht weiß, was er so ganz eigentlich tun solle, der lese das Evangelium, allda wird er finden, was er darüber für sein Heil zu wissen braucht!
HIM|2|470712|3|0|Siehe, also fragten Mich auch einmal die Apostel und viele Jünger, als Ich sie alle vor den Hohenpriestern, Pharisäern und Schriftgelehrten gar weidlichst warnte. Sie sprachen: „Herr, was sollen denn wir dann tun? Siehe, Moses, den Gott verordnet hatte unter großen Wundern, hat buchstäblich von Gottes Willen aus eine solche Ordnung eingeführt, wie sie heute eben auch noch buchstäblich, obschon wohl höchst äußerlich, erfüllt wird. Wenn aber das unverbrüchlich wahr ist, warum willst Du nun das wieder zerschmeißen, was Du gewisserart Selbst aufgebaut hast?“
HIM|2|470712|4|0|Da Ich aber der Jünger Not gar wohl merkte, so sprach Ich zu ihnen: „Wahrlich, auf dem Stuhl Mosis sitzen die Hohenpriester, Schriftgelehrten, Leviten und auch die strengen Pharisäer, so sie aus dem Stamme Levi sind. Was sie euch lehren aus der Schrift, das haltet und befolgt! Aber ihren Taten folgt nicht und ihren eigenen Satzungen auch nicht! Denn diese sind nicht von Gott, sondern sind eitles Menschenwerk gegen den Willen Gottes, weil sie, diese Mosisnachfolger, dadurch nur ihre eigenen irdischen Vorteile und nicht im Geringsten die Erfüllung des göttlichen Willens bezwecken wollen.“
HIM|2|470712|5|0|Seht nun aber auch ihr und merkt es: Eben das, was Ich den Aposteln und Jüngern dereinst in Bezug auf die Hohenpriester und Schriftgelehrten sagte, dasselbe sage Ich nun auch euch in Bezug auf jede äußere Kirche und ihre Diener:
HIM|2|470712|6|0|Folgt ihrer Lehre, wo sie Mein Wort und die Demut und die Liebe verkündigen. Aber ihren Werken und Satzungen folgt nicht, so sie wider Mein Wort gerichtet sind und nur der Priester irdische und weltliche Vorteile im Schilde führen; und lasst euch von denselben nicht beirren und irgend breitschlagen!
HIM|2|470712|7|0|Es ist wohl ganz wahr, dass die Rinde an einem Baum tot ist, und je äußerlicher, desto toter. Und niemand kann aus solch toter Rinde eine Lebensnahrung ziehen. Aber so man diese tote Rinde einem Baum nehmen würde, besonders zur Winterszeit, da würde der Baum entweder einen großen Schaden leiden, oder würde ganz und gar zugrunde gehen. Gerade so aber steht auch die äußerliche Kirche zur inneren, wie die äußere Rinde des Baumes zum inneren, in seiner Art lebendigen Baum!
HIM|2|470712|8|0|Von der äußeren Kirche wird freilich wohl ewig nie das Gottesreich kommen, welches da ist das eigentliche innere, ewige Geistesleben. Aber diese äußere Kirche ist nach Meiner Fürsehung und Sorge ein Schutz für die innere Kirche, die jedermann leicht finden kann, wenn er sie nur suchen und finden will.
HIM|2|470712|9|0|Und dabei ist es gleich, in welcher äußeren Kirche er sich befindet – so sie nur irgend Meinen Namen und Mein Wort verkündigt! Denn es ist nicht vonnöten, dass da jemand die ganze Bibel im Kopf haben müsse, um damit Mein Reich und Mich zu finden. Sondern dazu genügen auch wenige Texte und ein genaues Beachten und Leben nach denselben.
HIM|2|470712|10|0|Wer also tut, zu dem wird sich das Gottesreich bald also kehren und vernehmen lassen, wie es im Evangelium steht und also lautet: „Ei du getreuer Knecht, dieweil du im Kleinen getreu warst, so sollst du nun über vieles und Großes gesetzt werden!“
HIM|2|470712|11|0|Wer sich aber in irgendeiner äußeren Kirche befindet und hört da Mein Wort verkünden und vermeint, es sei das Wort falsch und tot, weil in der Kirche sonst so viel Lug und Trug vorkomme, beachtet es darum nicht und verwirft so „das Kind samt dem Bad“ und flucht dem ganzen Baum, weil dessen äußere Rinde tot ist – der gleicht dem, der sein Talent vergrub, und wird dereinst auch also gerichtet werden.
HIM|2|470712|12|0|So aber jemand in der inneren Kirche schon in aller Fülle wäre, da wird es ihm dennoch nie zur Sünde gerechnet werden, so er die Bethäuser der äußeren Kirche besucht. Denn es ist ihm besser, ein Bethaus als oft unnötigerweise ein Gasthaus zu besuchen. Nur soll er darin kein Ärgernis nehmen ob der götzischen Ausstattungen, wohl aber Mich bitten, dass Ich dieses dunkle Gemach mit Meinem Licht erhellen möchte – so wird er in seinem Herzen den Armen im Geiste ein lieber Bruder sein, der darob den ewigen, großen Lohn ernten wird. Amen.
HIM|2|470712|13|0|Das spricht der Herr der äußeren und der wahren inneren Kirche! Amen. Amen. Amen.
HIM|2|470713|1|1|Väterlicher Rat für eine junge Tochter – 13. Juli 1847, vormittags
HIM|2|470713|1|0|Pauline, Mein liebes Töchterchen! Da du von Mir gern erfahren möchtest, ob du zu deiner Welttante nach Obersteier auf ihre Herrschaft gehen oder daheimbleiben sollst, um als Gesunde gesund zu werden, sage Ich dir: So du Mich mehr liebst als deine Welttante, dann bleibe du zu Hause bei deinen Eltern und glaube, dass nicht die obersteierische scharfe Luft, sondern allezeit nur Ich dir helfen kann – wie Ich dir bisher auch ohne die obersteierische Herrschaftsluft geholfen habe und gemacht, dass du jetzt recht gesund bist, und gesünder, als du es selbst glaubst.
HIM|2|470713|2|0|Warum aber hast du ohne Meinen Rat deine Tante besucht und gebeten darum? Siehe, das war nicht recht, weil du dadurch derselben eine große Weltfreundschaftspflicht auferlegt hast, der sie nun nachkommen will, weil sie es dir einmal zugesagt hat und noch der Meinung ist, dir damit einen Hilfsdienst zu erweisen, während sie dir dadurch nur einen Schadendienst erweisen würde, so du davon einen Gebrauch machen möchtest.
HIM|2|470713|3|0|In der Zukunft fange daher alles mit Mir an, so wirst du auch leicht alles mit Mir beenden!
HIM|2|470713|4|0|Nun aber danke deiner Welttante weltlich und sage ihr, dass du nun völlig gesund bist und daher lieber daheim bleibst bei den lieben Eltern und Geschwistern, deren längere Entbehrung dir als ein leidiges Heimweh mehr schaden als nützen würde, wie es dir „ein geschickter Arzt“ (der Ich Selbst es bin, aber namentlich nicht der Welt zu nennen) sagte – und auch riet, dass dir die obersteierische schärfere Sauerstoffluft nicht dienen würde wegen deiner schwachen Brustnerven, denen nur eine milde, südlichere Süßluft zuträglich ist.
HIM|2|470713|5|0|Also entschuldige dich mit der Wahrheit und bleibe daheim, so du es willst! Willst du aber lieber dem Ruf und der Einladung deiner Welttante folgen, so kannst du das auch tun. Aber es wird dir nicht dienen, dieweil du dir wohl leicht denken kannst, dass Ich auf Herrschaften, Schlössern und Burgen ebenso wenig zu Hause bin wie Gold in den Kloaken – und daher auch ferne mit Meiner Hilfe.
HIM|2|470713|6|0|Tue also, was du willst, Ich werde dir darob nicht gram sein. Aber mit dir auf die „Herrschaft“ gehe Ich auf keinen Fall. Wäre deine Tante gleich deiner Mutter eine Bürgerin geworden statt einer „Herrschaftsinhaberin“, so wäre sie Mir recht lieb. Aber als „Herrschaftsinhaberin“ steht sie Mir ferne und soll von Mir nur das haben, was Ich aller Welt gebe durch Meine Geister, nämlich Boden, Sonnenschein, Regen, Wind, Schnee und endlich den Tod des Leibes und, wenn sie sehr „herrschaftlichen“ Sinnes wird, auch den Tod der Seele und des Geistes.
HIM|2|470713|7|0|Gehe du aber daheim morgens und abends in die Luft, entweder auf den Schloßberg oder auch irgendwo anders hin in die Freie! Und halte dein Herz im Zaum, so wirst du gesund werden wie ein Fisch im Wasser – besonders so du, wie bis jetzt, dich von dem dummen und hässlichen Tabakschnupfen sorglich enthältst, nicht zu heiß und zu gäh [schnell] isst, auch nicht zu fett und zu sauer, dafür aber dann und wann einen guten, reinen Wein mit etwas Wasser trinkst und dazu ein frisches Brot isst, das wohl ausgebacken ist.
HIM|2|470713|8|0|Ich meine, dieses Rezept wird dir keinen bitteren Mund machen und keine Übligkeit im Magen. Beachte es allezeit geistig und auch leiblich, so wirst du dir dadurch selbst die größte Wohltat erweisen in Meinem Namen für Zeit und Ewigkeit. Amen. Das sage Ich, dein wahrer und bester Arzt.
HIM|2|470715|1|1|Gesegnete Bergbesteigung – 15. Juli 1847
HIM|2|470715|0|0|Auf Anfrage der Marie und Wilhelmine Hüttenbrenner wegen Besteigung des Berges Schöckel:
HIM|2|470715|1|0|Auf Berge gehen ist wohl gut und recht, aber nicht zu jeder Zeit! Und wer von der Besteigung eines Berges einen Nutzen haben will für Leib, Seele und Geist, der muss es in Meinem Namen tun und am Berg recht von ganzem Herzen zu Mir beten und Mir allein die Ehre geben. So werde Ich ihn segnen und machen, dass er auf der Höhe nur von den reinsten Geistern umhütet wird, wodurch dann sein Leib, seine Seele und Geist über die Maßen erheitert und dreifach gestärkt wird.
HIM|2|470715|2|0|Es muss aber auch eine rechte Zeit sein, wie solches schon oben bemerkt wurde. Die rechte Zeit aber ist der halbe Monat September und von da weiter bis zum halben Oktober; und im Frühling vom halben Mai bis zum halben Juni. Um diese Zeit beziehen die reinsten Geister die Höhen und segnen alles, was sich da befindet in Meinem Namen.
HIM|2|470715|3|0|Aber vor und nach dieser Zeit, als etwa im Winter oder im hohen Sommer, ist es nicht gut und rätlich die Berge zu besteigen. Fürs Erste, weil da auf den Höhen gewöhnlich nur die unreinen Geister ihr Wesen und allerlei heimlichen, argen Mutwillen treiben und eine große Freude haben, jemandem irgendeinen Leck anzuhängen. Und fürs Zweite, weil zu der Zeit die Höhen nicht in Meinem Segen stehen und demnach dem Wanderer und Besucher sind wie eine Stiefmutter ihren Stiefkindern!
HIM|2|470715|4|0|So aber jemand eines sehr frommen Gemütes ist und hat nötige Geschäfte auf irgendeinem Berg zu verrichten, der gehe in der Nacht hinauf und gehe wieder zurück, wann die Sonne untergegangen ist – und eile weder hinauf noch zurück und bete mehrmals zu Mir, so wird es ihm nichts machen, so er auch im Sommer oder im Winter auf die Berghöhen ginge. Am besten aber kommen da natürlich jene Menschen davon, die ohnehin zu allen Zeiten auf den Bergen wohnen.
HIM|2|470715|5|0|Aber Menschen, die tiefgelegene Städte und Dörfer bewohnen, die sollen außer an den obbenannten zwei günstigen Zeitpunkten nicht die Höhen der Berge besuchen, außer in einem dringend notwendigen Fall, und dann nur unter Gebet und gerechtem Fasten, d. h. mäßig gefüllten Magens – sonst holen sie sich wenigstens für den Leib eine Krankheit, die sich allezeit darauf in einem Vierteljahr hervortut und dem Fleisch viel zu schaffen macht.
HIM|2|470715|6|0|Starke Rheumatismen, Gicht, Zahn- und Halsschmerzen und auch nicht selten Nervenfieber sind die gewöhnlichen Folgen einer unzeitigen Bergbesteigung. Bei Frauenzimmern auch Lungenentzündung, Lungensucht und Blutgang. Dass dabei Seele und Geist wenig oder nichts gewinnen, versteht sich von selbst.
HIM|2|470715|7|0|Jedermann aber kann in der für höhere Gebirge ungünstigen Besteigungszeit kleinere und niedere Berge mit viel Nutzen bereisen. Jedoch viel höher als dreihundert Klafter dürfen sie nicht sein, denn was darüber ist, gehört schon der Alpenwelt an, die in obgenannten Zeiten Meines besonderen Segens völlig entblödet ist und je höher hinauf desto mehr.
HIM|2|470715|8|0|Hier habt ihr die Regeln, wie und wann die Berge mit Nutzen zu besteigen und zu bereisen sind! Will aber jemand aus was immer für einem Nebengrund auch zu den als ungünstig bezeichneten Zeiten auf diesen oder jenen schon bedeutend hohen Berg gehen, so muss er es sich selbst zuschreiben, so er sich dabei wenigstens für seinen Leib einige nachträgliche Leiden abholt.
HIM|2|470715|9|0|Wie aber gesagt, schon gewohnte Bergbesteiger können es wohl zu allen Zeiten wagen: es wird ihnen wenig machen, besonders wenn sie in Meinem Namen wandeln. Sind sie aber pure Naturmenschen, dann sind sie mit den Berggeistern nahe ohnehin gleichen Gelichters. Und da gesellt sich Gleich und Gleich gern und beschädigt einander selten mit etwas anderem, als dass solche Wanderer entweder früh graue Haare bekommen oder manchmal gar kahlköpfig werden.
HIM|2|470715|10|0|Nun sich aber die Menschen durch ihren Weltverstand allein bewegen und sich von der alten Weisheit ganz losgemacht haben, wissen sie auch nichts mehr von der alten Ordnung der Dinge und tun, was sie wollen und wie und wann es ihnen am gelegensten ist und gutdünkt. Denn da fragt niemand mehr um Meine Zeit, sondern lediglich um seine eigene. Und keiner fragt, ob es Mir wohlgefällig wäre – sondern jedem genügt sein eigen Wohlgefallen, und er tut dies und jenes, wie es ihm sein Sinn, seine Zeit und seine Gesellschaft gibt.
HIM|2|470715|11|0|Darum aber entstehen auch von Jahr zu Jahr stets mehr und neue Übel, leiblich und geistig, unter den Menschen, und die Ärzte wissen dafür kein Rezept!
HIM|2|470715|12|0|Tut daher, was ihr wollt – aber vergesset Meiner nicht und Meiner Zeit nicht!
HIM|2|470715|13|0|Ich verbiete euch damit nicht im Geringsten, zu dieser noch stark ungünstigen Zeit auf euren beabsichtigten Berg zu gehen. Und so ihr geht, wird es euch auch zu keiner Sünde gerechnet, so wenig wie jemanden, der in die Freie geht, so ein Hagel aus den Wolken stürzt. Aber euretwegen kann Ich aus dem Juli dennoch keinen September machen, also Meine Zeit und Ordnung nicht ändern!
HIM|2|470715|14|0|Nun wisst ihr genug und könnt ohne Gewissensangst tun, was ihr wollt. Aber ob dabei euer Leib sozusagen einen „Buckel voll Schläge“ bekommt – dessen werde Ich Mich nicht allzu sehr kümmern. Amen. Das sagt Der, der in allen Dingen Seine Zeit und Ordnung hat. Amen.
HIM|2|470718|1|1|Das Wettrennen. Ein Gleichnis des Weltlebens – 18. Juli 1847
HIM|2|470718|1|0|Heute produziert die nun in dieser Stadt anwesende sogenannte Kunstreitergesellschaft ein Wettrennen zu Pferd, und zwar auf dem Glacis. Jeder Reiter muss die elliptische Bahn in wenigen Minuten dreimal durchreiten; und wer aus der ganzen Reitergesellschaft in der kürzesten Zeit die Rennbahn dreimal durchreitet, bekommt eine Ehrenfahne als Siegesprämie und sonst nichts als seine gewöhnliche Gage. Also zeigt es der Kündzettel an.
HIM|2|470718|2|0|Diese an sich ganz wertlose und Mir höchst zuwidre Sache ist aber dennoch ein treffliches Bild der Menschheit und ihres Strebens in dieser Zeit.
HIM|2|470718|3|0|Der Wirkungskreis der jetzigen Menschen ist gleich einer solchen Wettrennbahn, in der jeder nach Kräften sich zu Tode rennt, aber dennoch nicht um ein Haarbreit weiterkommt. Denn von dem Standpunkt (des Todes nämlich), von wo er ausläuft, auf demselben Standpunkt bleibt er auch stehen – gewöhnlich für die ganze Ewigkeit.
HIM|2|470718|4|0|Das dreimalige Herumrennen aber entspricht dem dreifachen Weltrennen der Menschheit. Es ist gleich dem, wie da ein Mensch in seiner frühen Jugendzeit einmal einen fleischlichen Sündenzyklus in aller Eilfertigkeit und mit überaus großem Leichtsinn durchtobt mit Fressen und Saufen, Mode und Hurerei, Tanzen und Spielen und dergleichen mehr. Nach diesem ersten Rennen kommt der sogenannte männliche, zweite Zyklus, bestehend aus Lug und Trug, Neid und Geiz, Scheelsucht und Ehrabschneidung, Stolz, Hochmut und Herrschsucht, Gewinn-, Gold- und Geldlust, Lieblosigkeit, Unbarmherzigkeit, Unglaube und endlich volle Gottlosigkeit und dergleichen mehr.
HIM|2|470718|5|0|Darauf kommt dann das dritte Rennen, wenn so ein „Weltwettrenner“ sich nicht schon beim ersten oder zweiten Durchrennen seiner Weltwirkungs-Kreisbahn zu Tode gerannt hat. Dies dritte Rennen heißt die Altersschwäche des Leibes und noch mehr der Seele und gar am allermeisten des Geistes und ist nur im tempo moderato von den ersten zweien unterschieden. Es entspricht auch dem alten Sprichwort „Jung gewohnt – alt getan“.
HIM|2|470718|6|0|Und so gleicht ein „Rennen“ dem anderen auf ein Haar. Und der Mensch, der solche Bahn durchlaufen hat, bleibt sich gleich und ist dann im Alter auch selten um ein Haar besser, als er es in seiner Jugend war.
HIM|2|470718|7|0|Der Lohn, eine wertlose (Ehren-)Preisfahne bei der heutigen Wettrennerei, ist eben auch völlig dieser gleich – nur mit dem Unterschied: der Wettrenner bekommt sie in die Hand und gibt sie daheim wieder ab für einen ferneren gleichen Zweck; der Weltwettrenner aber wird damit zugedeckt, aber auch nur zum Schein; denn am Grab wird diese Ehrenfahne (das verschiedengradig eitelverzierte Bahrtuch) ihm ebenfalls wieder abgenommen für einen ferneren gleichen Zweck bei einem anderen Weltrenner! Diese Fahne ist dann bei gar vielen auch ein Siegeszeichen und Aushängeschild, dass der Tod über sie gesiegt hat, und nicht sie über den Tod! Ein trauriger Preis für so viel eitle Mühe und Arbeit in dieser Welt – für diese Welt!
HIM|2|470718|8|0|Ganz am Ende kommt noch das: „sonst nichts als die gewöhnliche Gage!“ Diese ganz gewöhnliche Gage für all die eitel törichten Weltrenner ist das jedermann wohlbekannte Grab, die Verwesung, und anstatt der Auferstehung der ganz gewöhnliche ewige Tod oder die Hölle!
HIM|2|470718|9|0|Und seht, da haben wir dann unsere „Weltrennerschaft“ und „Weltkunstreiterei“ samt Preis und „sonst nichts als die gewöhnliche Gage“ so schön beisammen unter dem Bild der heutigen Kunst- und Wettrennproduktion, dass wir es uns nicht schöner wünschen und malen könnten! Geht hin, so ihr wollt, und betrachtet aus einiger Ferne ihr loses Getriebe, und ihr habt die enthüllte Welt vor euch, oder, so ihr es lieber annehmt, auch die enthüllte Hölle!
HIM|2|470718|10|0|Nur der Unterschied ist anbei noch zu bemerken: Diese Kunstreitergesellschaft sorgt durch dieses ihr halsbrecherisches Unternehmen und eitles Mühen doch wenigstens für ihren irdischen Lebensunterhalt, wenn auch für sonst nichts. Aber die Weltrenner sorgen meistens nicht einmal für das, weil sie in diesem Punkt gewöhnlich ohnehin versorgt sind. Sie sorgen daher lediglich nur für das, was da ist des ewigen Todes. Denn vom Leben wissen sie nichts und sorgen sich daher auch nicht um selbes. Und so sie auch irgendwann an selbes gemahnt werden, so glauben sie aber dennoch nicht und bleiben nach wie vor „Weltkunstreiter“ und „Weltrenner“ für obigen Preis und gewöhnliche Gage.
HIM|2|470718|11|0|Hütet euch daher vor solchen (darunter entsprechend gemeinten) Weltkünsten, die einen so schnöden Preis zur ewigen Folge haben! Das sage Ich, der Allgewaltige! Amen.
HIM|2|470720|1|1|Blindenheilung zu Bethsaida (Mk. 8,22-26) – 20. Juli 1847
HIM|2|470720|1|0|Ich weiß es nur zu überaus gut, wie sehr diese etwas saumselig scheinende Heilung des Blinden von Bethsaida gar vielen zu einem Stein des Anstoßes geworden ist und noch fürder bleiben wird. Aber Ich weiß es auch, warum und wes Grundes Ich eben diesen Blinden also behandelte, zum ewigen Zeugnis wider die arge Welt. Diese aber soll sich nur stoßen nicht nur an dieser, sondern an noch tausend anderen Stellen, auf dass sie sich zerschelle.
HIM|2|470720|2|0|„Bethsaida“ stellt hier die äußerste „Welt“ dar, in der nur einer für die Welt blind war. Aber eben diese Blindheit für die Welt war der Grund, aus dem dieser einzige für die Welt Blinde es merkte, dass Ich nach Bethsaida kam, und darum die Weltsehenden bat, dass sie ihn zu Mir führten, auf dass Ich ihn heilte und ihm wiedergebe das Licht der Welt.
HIM|2|470720|3|0|Da von Mir aber gemäß der vollen Willensfreiheit jeder haben kann, was er will, Gift und Balsam, wie sie auf der Erde vorkommen, so konnte auch dieser haben, was er wollte. Er wollte anfangs das Weltlicht, darum führte Ich ihn außerhalb des Fleckens und spützte allda in seine Augen zum Zeichen Meines gerechten Abscheus vor der Welt und ihrem Licht, legte ihm aber auch Meine Hände auf zum Zeichen, dass er, wie jeder in der Welt, sich in der Macht Meiner Hände befindet, ob er es merkt oder nicht, und Anteil hat an Meiner Gnade und Erbarmung, so oder so, d. h. entweder für den Himmel oder, so es ihm lieber ist, auch bloß für die Welt!
HIM|2|470720|4|0|Aus eben diesem Grunde ließ Ich diesen einzigen Blinden von Bethsaida nicht sogleich allerklarst weltsichtig werden, sondern nur wie durch einen Schleier, und fragte ihn dann, ob er etwas sehe. Und der für die Welt Blinde blickte in der Welt auf und sprach: „Ich sehe die Menschen wie Bäume wandeln!“
HIM|2|470720|5|0|Diese Aussage ward zu einem Zeichen und Zeugnis, wie die Weltmenschen aussehen ihrer inneren Natur nach, und was sie darnach sind, nämlich: sie sehen aus wie wandelnde Bäume, die kein Leben mehr haben, da ihre Wurzeln in keiner Erde mehr stecken, dass sie Nahrung bekämen, sondern in der Luft hängen – weil sie von den Orkanen ihres Weltsinns und ihrer Weltleidenschaften sich haben aus dem Erdreich Meiner Liebe, Weisheit und Ordnung reißen und gänzlich entwurzeln lassen!
HIM|2|470720|6|0|Da der Weltblinde durch dies Bekenntnis der Welt ein richtiges Zeugnis angesichts Meiner und Meiner Brüder gab und in sich gewahr wurde, was an der Welt und ihrem Licht ist, so legte Ich ihm nun aus rechter Gnade und Erbarmung abermals die Hände auf, damit er das, was er nur wie durch einen Schleier sah, auch in der vollen Klarheit schauen solle. Und Ich spützte ihm darum auch nicht mehr auf die Augen, zum Zeichen, dass Mir ein rechter, wahrer Blick in die Welt angenehm ist, demzufolge die Welt einen solchen Richtigseher nicht mehr in ihre tausendmaltausend Schlingen fangen kann zum ewigen Verderben.
HIM|2|470720|7|0|Durch diesen puren Gnadenakt der Händeauflegung ohne vorhergehende Anspützung wurde der Blinde erst völlig hergestellt. Als er aber also hergestellt war, da sprach Ich zu Ihm: „Gehe nun in dein Haus“, d. h. in das Haus deines Geistes, deines inneren Lebens. Wenn du aber in den Flecken gehst, d. h. wenn du in der Welt etwas zu tun hast, so lasse sie es nicht merken, dass du von Mir aus sie nun in ihrem wahren Höllenlicht beschaust, auf dass du Ruhe habest vor ihr und sie dir kein Leid zufügen könne. Dies besagt das freundliche Verbot: „und sage es niemand, sondern behalte es in dir!“ Denn die Zeit der Ausbreitung Meines Reiches in der Welt ist noch nicht da, darum, weil die (Erden-)Welt noch immer „Welt“ ist und (die „Welt“) solches in sich bleiben wird ewig!
HIM|2|470720|8|0|Siehe nun, also ist dieses evangelische Faktum zu verstehen und lässt eine andere Deutung nicht zu, außer eine rein himmlische, darnach der Weltblinde die Seele des Menschen, der Flecken Bethsaida sein Leib und das Haus des Weltblinden sein eigener Geist ist, und zwar unter entsprechenden gleichen Verhältnissen.
HIM|2|470720|9|0|Da Ich dir nun aber dies gewichtige Bild enthüllt habe, so verstehe es auch also tatsächlich! Denn du weißt es, dass das Wissen allein niemand etwas nützt, sondern lediglich das Tun. Also tue du zuerst darnach stets gleichfort wie bis jetzt. Denn siehe, noch ist die Welt stetsfort gleich dem Flecken Bethsaida. Daher enthalte sich jeder in allem von ihr und lasse es sie nicht merken, dass er sie kennt in ihrer wahren Gestalt, auf dass er von ihr keinen Schaden bekomme, weder leiblich und noch viel weniger geistig! Das sage Ich, der wahre Augenarzt, dir für ewig! Amen.
HIM|2|470723|1|1|Von den Politikern – 23. Juli 1847
HIM|2|470723|1|0|Also schreibe auch du heute etwas Humoristisches, aber es versteht sich von selbst: in re vera [wahrheitsgemäß]!
HIM|2|470723|2|0|Politik ist eine Hülle, durch welche sich selbst am meisten berücksichtigende Menschen so manche Unternehmungsaktionen zu ihrem eigen Besten so viel als möglich zu verbergen suchen, weil sonst bei deren Bloßheit denn doch ein der Wahrheit und Rechtlichkeit beflissener Menschenfreund sich die Freiheit nehmen könnte, so einen industrieösen Sichselbstliebhaber zu fragen: Quid agis, amice? [Was machst du, mein Freund?] – und, so der Gefragte keine Antwort gäbe, der Menschenfreund ihn dann wie einst Kisehel den Lamech beim Schopf nehmen könnte, welches Begebnis dem politischen Sichselbstliebhaber freilich etwas unangenehmer sein könnte, als so er ganz fein politischerweise oder fast ganz inkognito jemandem einige Scheffel Goldstücke herauszupraktizieren vermöchte.
HIM|2|470723|3|0|Da die Politik sonach eine Hülle oder Decke besonders über Sünden der Selbstsucht und Eigenliebe ist, sind die Politiker samt und sämtlich als eine „verdeckte Speise“ zu betrachten, nur mit dem Unterschied, dass eine verdeckte Speise gewöhnlich eine gute Speise, ja ein Leckerbissen ist, während die Politiker ein ganz überaus schlechtes Gericht sind, an dem sich viele arme, gute Menschen den bürgerlichen Tod essen.
HIM|2|470723|4|0|Die Politiker, als verdeckte Speise, überraschen zwar auch ihre leidigen Konsumenten, aber nie auf eine angenehme, sondern allezeit auf eine unangenehme Weise und verursachen oft die größten Wehen in einer bürgerlichen Gesellschaft. Daher auch vor ihnen jedermann mit Recht einen gewissen heimlichen Respekt hat, der jener fieberhaften Ehrfurcht gleichkommt, die so manche schwachnervige Antizoologinnen beim Anblick einer mit der Doppelzunge blitzelnden und sie ganz entsetzlich unheimlich anglotzenden Boa constrictor empfinden – welcher sonderbare Respekt aber auch ganz in der Ordnung ist, da ein solcher Politiker auch im Ernst geistig nichts anderes ist als eine Boa constrictor, die bekanntlich ihren Raub zuvor erdrückt, um ihn dann ohne alle Sorge und Furcht in einem wehrlosesten Zustand nach Lust zu verzehren.
HIM|2|470723|5|0|Aus diesem Grunde suchen denn auch die Politiker ihre ausersehenen Opfer durch allerlei Giftmittel zu betäuben, zu ersticken, zu erblinden und sie dadurch, wie eine Boa constrictor ihre Beute, völlig wehrlos zu machen, um sie dann leichter, wie man zu sagen pflegt, „bei Butz und Stängel“ aufzufressen.
HIM|2|470723|6|0|Daher nehme sich jeder wohl in Acht, so er mit einer solchen „verdeckten Speise“ von einer „Boa constrictor“ zu tun hat, sonst wird er bald gewahr werden, dass die Politiker schon lange vor Jackson den Schwefeläther erfunden haben, um harmlose Menschen zu Tode zu narkotisieren – was für sie auch wirklich nicht schwer war, da sie ja zu allernächst dem Schwefelpfuhl entstammen – ihr wisst schon welchem!
HIM|2|470723|7|0|Daher noch einmal gesagt, nehmt euch in Acht vor den Politikern, wollt ihr nicht narkotisiert werden zeitlich und auch ewig! Amen.
HIM|2|470813|1|1|Übertritt in die geistige Welt – 13. August 1847 [Bischof Martin 1896]
HIM|2|470813|0|0|Mit der nachstehenden Kundgabe begannen die umfangreichen Eröffnungen über „Bischof Martin“. Sie wurden fast täglich fortgesetzt bis zum Abschluss am 11. Oktober 1848.
HIM|2|470813|1|0|Ein Bischof, der auf seine Würde große Stücke hielt und ebenso viel auf seine Satzungen, ward denn einmal zum letzten Mal krank.
HIM|2|470813|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Bischof Martin“.
HIM|2|470927|1|1|Einhalten göttlicher Ordnung, Dankbarkeit für Heilung und Treue zu Gott als Garanten für Gesundheit – 27. September 1847
HIM|2|470927|1|0|So schreibe denn wieder einmal deinem Wunsch gemäß ein Wörtlein für deine kleine Martha, die auch Meine Martha und Mein liebes Töchterchen ist, weil sie auf Mich und dich mehr hält als manche ihrer Geschwister, die da noch mehr auf das Außerordentliche und geistig Unterhaltende als auf das Liebenützliche dieser Meiner großen Geistesgabe sehen. Schreibe dieser unserer Martha daher also:
HIM|2|470927|2|0|Höre, du Mein Töchterchen Ich, dein Herr und dein Vater, habe dich überaus lieb, darum Ich dich auch von allen deinen leiblichen Übeln befreit habe, so dass du nun vor lauter Gesundheit völlig strotzt. Und Ich habe eine Freude an dir darum, dass du darob Meiner nicht vergisst, wie so manche andere, denen Ich auch geholfen habe; da sie aber gesund wurden, da fingen sie an, sich alsbald so sehr in die Welt hinein zu freuen, dass sie dann bald Meiner so vergaßen, als hätten sie Mir nicht das Kleinste, sondern alles nur ihrer Natur und den Weltärzten zu verdanken.
HIM|2|470927|3|0|Verbleibe du, Mein liebes Töchterchen, aber auch fortwährend in der gleichen Verfassung deines Herzens, so wirst du nie über Mangel an Gesundheit dich zu beklagen haben und wirst mehr und mehr Meiner Liebe und Gnade dich erfreuen, je mehr du mit dem ganzen Herzen treu an Mir hängen wirst.
HIM|2|470927|4|0|Und siehe, diese Treue wird dir nichts nehmen, was sonst dein Herzchen irgend redlich wünscht; sondern sie wird dir nur deine Wünsche segnen und beleben, auf dass sie ehestens in die vollste Erfüllung gehen sollen. Denn siehe, niemand gibt Mir aus dem Schatz seines Herzens etwas, das er nicht zehn und hundertfältig wieder im Vollmaß zurückbekäme!
HIM|2|470927|5|0|Aber so du Mich von ganzem Herzen liebhast, da musst du dich auch so mancher leiser Überbleibsel von für deinen Leib schädlichen Gewohnheiten so sorgsam als möglich enthalten, so wirst du stets gesünder und heiterer werden. Es ist zwar keine Sünde, so du dann und wann eine offene Tabakdose beriechst oder dich manchmal um den Leib etwas zu fest gürtest; wie auch noch manche deiner Gewohnheiten gerade keine Sünde sind. Aber siehe, dergleichen ist deinem Leib nicht gut. Und so der Leib nicht in der Ordnung ist, da sieht es dann auch bald mit der Seele trübe aus und mit der Entwicklung des Geistes noch trüber.
HIM|2|470927|6|0|Siehe, so die vielen törichten Menschen Meine Gebote hielten, was ihnen viel leichter wäre, als zu halten die Gesetze ihrer eigenen, alten, dummen Weltgewohnheiten, da gäbe es auf der Erde auch keine Krankheiten. Weil aber die törichten Menschen auf ihre Satzungen und alten, bösen Gewohnheiten mehr halten als auf Meine Gebote, die nichts als die reinste Liebe sind, so sind sie auch selbst Urheber von tausend Übeln und Krankheiten, die sie zu leiden haben und an denen sie oft leiblich und geistig sterben.
HIM|2|470927|7|0|Würden sie von ihren Narrheiten ablassen und die Gesetze Meiner Ordnung anziehen, so würden sich alle eines hohen und gesunden Alters zu erfreuen haben, und des Leibes Tod wäre bloß ein süßes Einschlafen des alten Leibes und ein heiterstes und seligstes Erwachen der Seele und des Geistes zum ewigen Leben!
HIM|2|470927|8|0|Beherzige demnach du, Mein liebstes Töchterchen, diese Wörtlein, so wirst du dich stets der besten leiblichen und geistigen Gesundheit zu erfreuen haben und Meine Liebe und Meine Gnade wird stets im Vollmaß bei dir sein zeitlich und ewig. Amen. Das sage Ich, dein heiliger, liebevollster Vater dir. Amen.
HIM|2|471201|1|1|Zahnwehrezept und Mundwasser – 1. Dezember 1847
HIM|2|471201|1|0|So schreibe ein kleines Rezeptlein für unsere kranke Wilhelmine-Gabiela!
HIM|2|471201|2|0|Mein liebes Töchterlein! Du hast wohl ein rechtes Kreuzlein mit deinen morschen Zähnen; aber habe nur Geduld noch eine kurze Zeit, dann wird es schon besser werden. Siehe, weil Ich dich mit solchen, dem Leben nicht gefährlichen Krankheiten heimsuche, so bleibst du verschont von solchen Krankheiten, die zwar weniger schmerzhaft, aber dafür dem Leibesleben desto gefährlicher sind.
HIM|2|471201|3|0|Nimm nur noch ein paar Tage hindurch recht fleißig zum Abführen ein und iss eine Zeit lang kein Obst, weil es dir das Blut dick und sauer macht! Halte dir die Füße warm, iss nie zu heiß und meide die Zugluft! Gehe auch nun, da du von diesem Leiden befallen bist, nicht zu frühe aus deinem Bett, weil allezeit der Morgenschweiß gegen solche rheumatische Leiden das beste Heilmittel ist! So wird es dir wieder recht bald und dauernd besser gehen.
HIM|2|471201|4|0|Auch musst du den leidenden Zahn nicht reiben, nicht mit der Zunge um ihn herumfahren oder den Zahn besaugen, weil derlei Verrichtungen die nackten Nerven zu sehr irritieren – so wird auch der Schmerz desto eher sich verlieren.
HIM|2|471201|5|0|Auch musst du dir im Winter, wie auch bei sonstiger windiger und nasser Witterung, die Ohren mit Baumwolle sogestaltig verstopfen, dass du aus reiner Baumwolle zwei lockere Klümpchen machst, in ein jedes Klümpchen ein grießkorngroßes Stückchen Kampfer hineinwickelst und dir dann mit diesem Klümpchen die Ohren zustopfst. Das wird dich nebst Meiner Hilfe vor künftigen Rheumatismen schon recht wohl verwahren.
HIM|2|471201|6|0|Du kannst dir mit der Zeit aber wegen deiner Furcht zu Hause die faulen Wurzeln auch herausziehen lassen, wobei du wenig Schmerz empfinden wirst. Dann wirst du in der Zukunft von deinem Leiden ganz verschont sein, obschon du, so du diese einfachen Regeln beachtest, fürder nicht viel mehr leiden wirst. Ein wenig Leiden so manchmal aber schadet gar keiner Seele!
HIM|2|471201|7|0|Wenn du aber heftige Schmerzen hast, so lege dir Meerrettich ins Genick und auf die Fußsohlen! Und so jemand magnetische Kraft besitzt, der tauche den Ringfinger in ein frisches Wasser und beschreibe dir abends sieben Ringe hinter den Ohren, so wird der Schmerz sogleich nachlassen.
HIM|2|471201|8|0|Hauptsächlich aber habe auf Mich ein recht lebendiges Vertrauen, so wirst du bald und für immer ohne Schmerzen sein!
HIM|2|471201|9|0|Auch musst du dich nicht so oft erzürnen wegen nichtiger Dinge, so wirst du zu einem reinen Blut gelangen.
HIM|2|471201|10|0|Schließlich noch ein gutes Mundwasser: Nimm eine kleine Handvoll Salbeiblätter und verkoche sie in einem Halbseidel Wasser. Wenn das Wasser grünlich geworden ist, dann seihe es ab, lass es laulich werden und spüle dir damit den Mund aus! Das aber täglich, dann wirst du nie mehr Zahnschmerzen bekommen, besonders so du auch die obige, ganz einfache Diät beachten wirst.
HIM|2|471201|11|0|Nun hast du ein gutes Rezept, nicht nur für dich, sondern auch für deine Geschwister und andere an solchen Übeln Leidende. Aber dieses Rezept wird erst dann recht gute Dienste leisten, so dein Vertrauen zu Mir recht lebendig wird. Das sage und gebe Ich, dein bester Arzt, dir! Amen. Amen. Amen.
HIM|2|471213|1|1|Politische Priesterränke – 13. Dezember 1847
HIM|2|471213|1|0|Also schreibe denn ein wohlzubeachtendes Wörtlein Meinem lieben Andreas H.-W, nach dem er ganz getrost und besten Mutes handeln soll! Und es wird die rechte Wirkung nicht unterwegs verbleiben.
HIM|2|471213|2|0|Ich habe es dir, du lieber Andr. H.-W., ja schon im vorigen an dich gerichteten Wörtchen gesagt, dass diese verkehrte Art nun alle Minen wird sprengen und kein Mittel unversucht lassen, durch das es ihr deucht, ihren finsteren und herrschsüchtigen Zweck zu erreichen. Aber darob mache du dir nur keine Skrupel! Denn siehe, alles, was sie nun ergreift, führt sie nur eine Stufe näher zu ihrem Untergang, also, wie es gerade Mein Wille ist. Denn siehe, mit den eigenen Zähnen wird sich diese Natter zerfleischen!
HIM|2|471213|3|0|Auf dass du dich aber bei allen künftigen Begebnissen, die da vorkommen können und auch werden, zu richten und zu benehmen wissest, so merke, was Ich dir nun sagen werde!
HIM|2|471213|4|0|Es wird sich ergeben, dass diese nach Rache lechzenden Diener Baals, da sie keinen rechten Grund irgend fassen können, das Gubernium [Verwaltungsbehörde] und den Magistrat wie die Polizei bei Hofe zu verdächtigen, selbst Hand ans Werk legen, im verborgenen Krawalle und demonstrative Meutereien gegen sich selbst anzetteln, sich dies und jenes antun lassen und dann sagen werden: „Seht, das sind die Früchte, die durch lauter weltliche hohe Staatsbehörden an uns Jüngern Gottes verübt werden! Das tut ein gottloses Gubernium, das ein Magistrat, dessen Beamte von A bis Z lauter gotteslästerliche, verdammliche Ketzer sind, die alle der Hölle und dem Teufel angehören!“ – und dergleichen Geschrei mehr an das dumme, blinde Volk durch Predigten, im Geheimen, in den Beichtstühlen, wie auch womöglich an die harmlose Schuljugend während der Katechisierstunden.
HIM|2|471213|5|0|So werden sie es auch nicht unterlassen, Mietlinge zu dingen, die dieser Stadt und ihren weltlichen Behörden wie auch ihren Vorständen ein „Lebehoch“ darbringen werden in anderen Städten, und zwar an solchen Plätzen, an denen ein solch demonstratives Benehmen irgendeinem Hofmann zumeist auffallen muss.
HIM|2|471213|6|0|Daher habe Ich dir schon letzthin eine strenge Überwachung dieser Baalsknechte anbefohlen, weil Ich wohl sehe und sehr genau weiß, was da diese Verruchtheit alles zu tun imstande ist, um ihre Rache zu kühlen und dadurch zu ihrem herrschsüchtigen Zweck zu gelangen.
HIM|2|471213|7|0|So werden sie auch anonyme Blätter unter allerlei Entstellungen über das hier nicht nach ihrem Sinne erfolgte Begräbnis einsenden, um womöglich die weltlichen Behörden dieser Stadt zu verdächtigen und sie so irgendeiner Verantwortung zu unterziehen, ja sie womöglich sogar aus dem Amt zu entfernen, oder das Staatsoberhaupt wenigstens dahin zu vermögen, dass es ihnen die Gewalt einräume, solchen „ketzerischen“ Landes- und Stadtbeamten ein zweites sogenanntes lebendiges Glaubensbekenntnis abzunehmen, indem solche Beamte weder Kirchen zu besuchen und noch weniger der Beichte obzuliegen pflegen und somit Kirche und Staat nicht mehr wissen könne, in was für verruchten Händen sich die weltliche Amtsgewalt befinde.
HIM|2|471213|8|0|Ich aber sage und rate dir: Sammle dir eine gerechte Beschwerde, lasse sie von recht vielen Zeugen bewahrheitskräftigen, suche auch den Gouverneur dazu zu vermögen, ein gleiches zu tun; und getraute er sich nicht, so tue es für dich! Solche gegründete Beschwerde reicht höchsten Ortes ein und bittet auf euere Kosten um eine völlig unbefangene Hofkommission, so werdet ihr den Baalsdienern die Wege abschneiden, auf denen sie euch bei Hofe zu verdächtigen emsigst bemüht sind – was ihnen aber freilich nicht gelingen wird, da dies Meine Sorge ist.
HIM|2|471213|9|0|Denn es sehen die da oben nun wohl recht gut ein, dass ihnen in dieser politischen Geistlichkeit eine große Laus im Pelz sitzt. Aber sie können ihrer darum nicht loswerden, weil sie sich in ihre eigenen Lebensfibern eingefressen hat. Wird sie getötet (das heißt, in ihrem finsteren Wirken), so fürchten sie, mit ihr mitgetötet zu werden. Und lassen sie diese Laus aber wuchern in ihrem Lebensorganismus, dann sehen sie wohl auch ein, dass solch eine Laus sie am Ende selbst auffressen muss.
HIM|2|471213|10|0|Darum aber sind sie (die obersten Staatsbehörden) auch still und sagen zum Ganzen nichts und warten bloß beobachtend ab, wohin am Ende nach einer Zeit die Waage den größeren Ausschlag geben wird.
HIM|2|471213|11|0|Die Pfaffen spüren das wohl, wie viel geringer ihr Gewicht gegenüber dem Gerechten ist, das sich in deiner Waagschale befindet. Darum aber tragen sie nun auch nach all ihren Kräften allerlei Unflat in ihre leere Schale, um damit euer gerechtes Gewicht zu vernichten. Aber ihre Schale ist glühend vor Zorn und verzehrt bald von selbst, was sie hineinlegen. Daher sie denn auch bisher noch nichts ausgerichtet haben!
HIM|2|471213|12|0|Tue du, Mein lieber Freund, aber nur, was Ich dir geraten habe! Und sei hier sehr wachsam auf jede meuterisch riechende Bewegung! Ahnde streng und gerecht jeden, der da auf irgendwie immer gestaltete Demonstrationen offen sinnt und sich über die Ausführung derselben bespricht! Und schone da niemand, weder Geistliche noch Weltliche – auf dass sie keine Sache wider dich irgend finden und dann sagen sollen, du seiest lau oder gar heimlich mit den Demonstranten einverstanden. Denn siehe, alles das rührt von ihnen her!
HIM|2|471213|13|0|So ein Volk selbst um seine Rechte kämpft, da erweckt es Mein Wille in großer Masse – und nicht in verächtlichen nächtlichen Klubs, die allezeit von den „Schwarzen“ herrühren. Gegen solche muss kräftigst zu Felde gezogen werden.
HIM|2|471213|14|0|Es wäre auch gut, so die Geistlichkeit des Landes durch die Bezirksobrigkeiten genauer überwacht würde als bis jetzt. Sonst wiegeln diese Geistlichen in ihren Pfarreien das Landvolk zu Demonstrationen auf und werden dann die Schuld auf die Hauptstadt schieben und sagen: „Seht, das sind die Früchte, wenn ein Land Ketzer zu höchsten Landesbeamten hat! Exempla trahunt! [Beispiele reißen mit!] Weil in der Hauptstadt uns Geistlichen Gubernium und Magistrat nicht gehorchten, so tut nun das gemeine Landvolk auch desgleichen!“
HIM|2|471213|15|0|Kurz und gut, diese verkehrte Art muss nun unter ein strenges Augen- und Ohrenmerk gestellt werden, sonst wird sie unter der Hülle ihres Schafpelzes wühlen wie eine Schermaus im Finstern und kann dem Land einen großen Schaden zufügen. Denn Ich kann und darf nicht mit Meiner Allmacht ihren Willen brechen. Und Mein Licht würde sie töten, wie das Leuchten des Blitzes die Krebse, so sie sich zuvor nicht in ihre Sumpflöcher verkriechen, bevor ein Wetter kommt.
HIM|2|471213|16|0|Darum rate Ich euch hier die rechte Klugheit an, die oft mehr vermag als eine Heeresmacht von vielen hunderttausend Kriegern!
HIM|2|471213|17|0|Ich aber werde dieser Art nur noch eine ganz kurze Zeit zusehen, ob sie sich bessere. Dann aber werde auch Ich ein „Kriegsheer“ gegen sie anrücken lassen, desgleichen die Welt noch nicht geschaut hat!
HIM|2|471213|18|0|Über alles aber sei du voll guten Mutes! Ich werde stets dir zur Seite sein und dir kein Haar krümmen lassen. So klug wie diese sind, werde wohl etwa auch Ich sein! Alles dessen sei du, mein lieber Andr. H.-W., völlig versichert! Das sage Ich, der allsehende Jesus, dir! Amen.
HIM|2|471221|1|1|Das Haupt des Mannes, des Weibes und Christi – 21. Dezember 1847
HIM|2|471221|0|0|„Ihr sollt aber wissen: Jeglichen Mannes Haupt ist Christus; das Haupt des Weibes ist der Mann; das Haupt Christi ist Gott.“ (1. Kor.11,3)
HIM|2|471221|1|0|Dieser Text ist ein ganz natürlich-leicht zu fassender, wie sobald kein anderer. Nur muss man hier wohl wissen, wer und was da ein „Mann“ ist.
HIM|2|471221|2|0|Der „Mann“ ist die Polarität des Göttlichen, das da ist das Allerhöchste, nämlich der Kulminationspunkt des Gotteslichtes. Dieses Gotteslicht aber ist Christus, der da in die Welt kam als ein Licht, das erleuchtete die Finsternis der Welt (d. h. der Weltmenschen). Wie aber da ist Christus ein Licht des Lichtes, also ist auch das Haupt das Licht des Menschen und ist dessen oberste, also positive Polarität.
HIM|2|471221|3|0|Ein Haupt aber, das da blind ist und taub und stumm, ist für des Menschen Leib kein Licht, also auch keine oberste positive Polarität. Ebenso steht es auch mit der christlichen Männlichkeit! Ein Mensch ist erst dann ein „Mann“, wenn er im Lichte Christi ein Mann oder wenn Christus des Menschen eigentliche positive Polarität ist – ohne welches Licht kein männlicher Mensch ein eigentlicher Mann, sondern nur eine schale Gestalt ist.
HIM|2|471221|4|0|So aber Christus des rechten Mannes Licht ist, so ist er auch desselben „Haupt“ (weil das Haupt das Licht des Menschen ist). Ich meine, das dürfte wohl mit den Händen zu greifen sein!
HIM|2|471221|5|0|Und dass hernach der in Christo erleuchtete Mann ebenso des Weibes Haupt oder Licht ist, wie da Christus ist das Haupt und Licht des Mannes, das gibt schon die Natur der Dinge, da der Mann an und für sich der positive Pol, also der Lichtpol des Weibes ist.
HIM|2|471221|6|0|Dass aber Gott das Haupt Christi ist, das scheint freilich etwas sonderlicher zu klingen, ist aber dennoch ein und dasselbe Verhältnis.
HIM|2|471221|7|0|Denn „Gott“ oder die „Liebe“ ist in Sich das Urfeuer und das Urlicht und ist alsonach auch das eigentliche Feuer und Licht in dem Gottmenschen Christus Jesus. Durch dieses Lichtes endlose Fülle wohnt die „Fülle der Gottheit“ in Ihm, Christus, körperlich, d. h. wirklich, und nicht nur durch die Überstrahlung, wie etwa die Sonne in einem Spiegel. Denn in Christus ist die (Gottheits-) Sonne Selbst und nicht etwa bloß ihr Abbild!
HIM|2|471221|8|0|Wie aber die naturmäßige Sonne ist das Haupt oder das Licht oder der positive Pol aller anderen Weltkörper, also ist die Gottheit als das wesenhafte Grundlicht alles Lichtes, als das Grundsein alles Seins auch das Haupt Christi, der da ist der eigentliche vollkommenste Gottmensch und somit Gott in aller endlosen Fülle dieses allerhöchsten Begriffes!
HIM|2|471221|9|0|Christus aber wäre ohne Gott nicht Christus, und Gott ohne Christus nicht Gott – gleichwie der Mensch ohne Haupt kein Mensch wäre, und das Haupt ohne Mensch ein Unding!
HIM|2|471221|10|0|Und so ist auch der Mensch oder Mann ohne Christus kein Mensch und kein Mann. Und Christus ohne den Menschen – wer sollte Den denken können?! Wäre wohl das Weib ohne Mann ein Weib? Sicher nicht! Denn wo nichts Positives da ist, da kann auch kein Negatives gedacht werden. Und wo das Negative fehlt, da kann auch das Positive niemals sich äußernd auftreten. Gleich wie, wenn einem Menschen das Haupt abgeschlagen wird, dann weder das eine noch das andere für sich fortleben kann, obschon beide ganz eigene Lebensfunktionen für sich besitzen – desgleichen kann auch kein Mensch, so er sich von Mir in seinem Herzen getrennt hat, ein Leben haben.
HIM|2|471221|11|0|Ich meine, dieser Text dürfte euch nun wohl klar und einleuchtend sein. Beachtet ihn aber nun auch nach dieser seiner Klarheit! Amen.
HIM|2|480202A|1|1|Brustkatarrh – ärztlicher Rat – 2. Februar 1848
HIM|2|480202A|1|0|Sage es dem Weib des Ans. H.-W., dass Ich ihr sagen lasse und also rede:
HIM|2|480202A|2|0|Höre du, Meine liebe Tochter Elisabetha! Du musst nicht ängstlich sein ob deines kleinen Brustleidens! Denn siehe, es ist nicht so viel daran, wie du meinst, da dein Arzt eine bedenklich scheinende Miene dazu gemacht hat!
HIM|2|480202A|3|0|Die Ärzte machen zu kleinen leiblichen Übeln darum bedenkliche Mienen, um dann, so das Übel mehr von selbst als durch die Hilfe des Arztes wich, sagen zu können: „Da seht! Diese und jene habe ich vom Tode errettet!“ Solches aber sagen sie ganz natürlich aus dem Grunde, um sich desto mehr Zutrauen und dadurch auch desto mehr Kunden zu verschaffen.
HIM|2|480202A|4|0|Und siehe, da ist ein Arzt wie der andere! Rede mit einem oder mit Tausenden, so wird sich dir ein jeder als „Lebensretter“ anpreisen, wie er diesem und jenem, den schon alle Ärzte aufgegeben haben, durch ein nur ihm bekanntes Mittel vollständig, und das in der kürzesten Zeit, geholfen habe.
HIM|2|480202A|5|0|Manche Ärzte aber machen oft aus einem kleinen Übel auch darum viel Lärmens, um den Patienten zur genauen Befolgung ihrer Vorschriften zu nötigen, wodurch dann der Patient auch zur reichlicheren Honorierung des Arztes bestimmt wird, so ihn dieser von einem Übel befreite, an dem er sonst unfehlbar, d. h. nach des Arztes Worten, zugrunde gegangen wäre.
HIM|2|480202A|6|0|Wie aber mit äußerst geringer Ausnahme nun fast alle Ärzte beschaffen sind, also ist es auch der deinige, der zwar durch Erfahrung so manches gegen andere, jüngere Ärzte voraushat, aber in allen anderen ärztlichen Politiken den Ärzten so gleichsieht, wie ein Auge dem anderen.
HIM|2|480202A|7|0|Ich sage dir das aber darum, dass du den Ausspruch eines Arztes nicht für eine von Mir unterschriebene Wahrheit halten sollst und sollst Mir mehr glauben als einem Arzt, der dich allezeit lieber länger als kurz dauernd krank haben möchte. Verstehst du das?
HIM|2|480202A|8|0|Dein Brustübelchen aber ist nichts als eine Verkühlung, also ein leichter Brustdrüsenkatarrh, der hauptsächlich durch die unpassenden Medikamente erst zu seiner gegenwärtigen Konsistenz gediehen ist.
HIM|2|480202A|9|0|Halte dich aber nun warm und belege deine Brust mit gestoßenem warmem Leinsamen öfters im Tag und lasse solch einfaches Pflaster auch durch die Nacht auf der Brust. Trinke daneben einen guten Blutreinigungstee morgens und abends! Enthalte dich von zu sauren Speisen und Getränken! Hauptsächlich aber sei nicht ängstlich und vertraue fest auf Mich, so wird dein Übelchen sich bald verlieren. Nimm dann und wann, etwa alle 14 Tage die Wintermonde hindurch, ein leichtes Abführmittel zu dir, so wirst du auch von deinen Halsübeln befreit sein.
HIM|2|480202A|10|0|Aber auf Mich musst du stets mehr vertrauen als auf die Arzneimittel, die Ich dir hier angeraten habe – sonst möchten sie dir wenig oder nichts nützen. Denn alle Arzneien bekommen erst durch Mich ihre volle Heilkraft.
HIM|2|480202A|11|0|Hauptsächlich aber, wie gesagt, darfst du nicht ängstlich sein. Dann werde Ich dir schon helfen und deinen Leib wieder völlig gesund machen, wie Ich ihn schon öfters gesund gemacht habe. Des sei völlig versichert in Meinem Namen! Das sage Ich, der rechte Arzt, dir. Amen. Amen. Amen.
HIM|2|480202B|1|1|Das Beste für jedermann – 2. Februar 1848
HIM|2|480202B|0|0|An Alexandrine Hüttenbrenner:
HIM|2|480202B|1|0|Ich bin das Beste dir und jedermann, so du Mich erwählst für dein Herz auf ewig und nicht dabei denkst: „Mit diesem oder mit jenem könnte ich vielleicht auch glücklich sein.“
HIM|2|480202B|2|0|Ich sage dir: Alle „diese und jene“ sind gleich wie ein falscher Schmuck. Sie prunken wohl und scheinen etwas zu sein. Aber im Grunde sind sie alle dennoch nichts – gleichwie da nichts ist ein falscher Schmuck, für den dir kein Wechsler etwas gibt, so du, durch Not gedrängt, ihn verkaufen müsstest.
HIM|2|480202B|3|0|Wer aber Mich erwählt hat und denkt nicht: „Dieser und jener könnte auch mein Glück sein“ – der hat einen echten, wertvollsten Schmuck sich angeschafft. Und so er dann alles verlöre, als: Reichtümer und alle seine kostbaren Freunde – so ist er aber dennoch überglücklich bei all’ solchem Verlust. Denn er hat ja noch den kostbarsten Schmuck im Kasten seines Herzens, dessen endlosen Wert alle Ewigkeiten nimmer aufzehren werden.
HIM|2|480202B|4|0|Mein Töchterlein! Da heute dein Geburtstag ist, so kann Ich, als dein wie aller Menschen und Engel Vater, dir nichts anderes wünschen, als dass du vor allem dich um solch einen Schmuck vollernstlich umsehen solltest. Alsdann erst wirst du auch alles andere erlangen können. Und was du dann erlangen wirst, das wird echt sein. Was du aber ohne solchen Hauptschmuck erlangen wirst, wird ein falscher Schmuck sein, für den dir zur Zeit der Not die Wechsler des Himmels nichts geben werden.
HIM|2|480202B|5|0|Also das Beste dir und jedermann! Erwähle Mich vollkommen für dein Herz, so hast du dir für ewig und auch zeitlich schon das Beste erwählt!
HIM|2|480202B|6|0|Diesen Wunsch heute wie ewig dir und jedermann! Amen. Das sagt dein Vater dir! Amen. Amen. Amen.
HIM|2|480213|1|1|Brustkatarrh – weiterer Rat – 13. Februar 1848
HIM|2|480213|1|0|Das kleine Brustübelchen wird sich nach und nach schon verziehen, so das angeratene Mittel fleißig angewendet wird – natürlich hauptsächlich durch ein lebendiges Vertrauen auf Mich, den Arzt der Ärzte! Das Mittel muss aber auch recht angewendet sein, sonst zersetzt es die in der Brust angehäuften untauglichen Spezifikalpotenzen entweder nur sehr langsam oder auch wohl gar nicht.
HIM|2|480213|2|0|Also aber muss das angeratene Mittel recht zubereitet und angewendet werden: Der Leinsamen muss womöglich ein frischer, und nicht ein 4-5 Jahre alter sein; bei den Kräutlern, auch in der S..apotheke ist er schon zu bekommen. Solch frischer Leinsamen muss gut zerstoßen sein und dann mit frischem Wasser zu einem Teig gemacht werden, welcher in einem eigens dazu gemachten Säckchen über einer Wärmpfanne vor dem Gebrauch zu erwärmen ist, und zwar so, dass es ein wenig zu dampfen anfängt, allwann es dann sogleich auf die kranke Brust zu legen ist und dann eine Stunde darauf liegen soll, nach welcher Zeit dann ein frisches aufzulegen ist.
HIM|2|480213|3|0|Oben erwähnter zerstoßener Same kann, wenn dann und wann wegen eines bevorstehenden Wetterwechsels sich mehr Schmerzen in der Brust vernehmen lassen, wohl auch mit Eibisch-, Geißpappel- und Himmelbrand-Tee zu einem Teig gemacht und sodann auf die vorbeschriebene Art verwendet werden. Ebenso können unter den Leinsamen auch ein viertel Teil Kamillenblüten gestoßen werden, was die Schmerzen noch eher stillen wird. Aber allezeit muss ein solches Sackpflaster wohl erwärmt sein.
HIM|2|480213|4|0|Es sollen aber wenigstens für einen Tag vier gleiche Säcklein in Bereitschaft sein, die sich nach der Ordnung von Stunde zu Stunde abzulösen haben. Für den nächsten Tag aber müssen vier frische in der Bereitschaft sein. Am dritten Tag können dann schon wieder die ersten vier Säcklein gebraucht werden, aber natürlich müssen sie zuvor gereinigt und dann mit einem frischen Teig gefüllt werden.
HIM|2|480213|5|0|Wenn die Säcklein gegen Abend schon trockener geworden sind, dann räuchert man sie vor dem Gebrauch mit Kamillen, gemengt mit etwas Zucker und Weihrauch.
HIM|2|480213|6|0|Da aber in der Nacht das Auflegen neuer erwärmter Säcklein mit viel Beschwerlichkeit verbunden ist, so kann anstatt dieser Säcklein auch eine Auflage von Hanfwerg [Hanffasern] wohldienlich sein, welches Werg aber ebenfalls vor dem Gebrauch mit den früher erwähnten drei Spezies durchzuräuchern ist.
HIM|2|480213|7|0|Den Blutreinigungstee aber nimm auch in der S..apotheke, und nicht in der am Graben, allwo dergleichen Medikamente alt und abgestanden sind! Über solchen Tee ist bloß ein siedendes Wasser zu gießen. Nach dem Aufguss muss der Tee 12 Minuten lang wohl verdeckt stehen gelassen werden und erst nach dieser Zeit in eine Tasse abgeseiht und mit Zucker versüßt, eine halbe Stunde vor dem Frühstück und abends eine halbe Stunde nach dem Abendessen getrunken werden.
HIM|2|480213|8|0|Das eine kurze Zeit also genau gebraucht, wird dir, du Meine liebe Elsba, die volle Gesundheit schon wieder geben.
HIM|2|480213|9|0|Aber eins musst du dabei noch dazu beachten, nämlich: Wenn es dir noch nicht wohl ist und draußen ein starkes Tauwetter ist, musst du deine Wohnzimmer nicht waschen lassen, sonst wird dir Mein Rat nicht helfen können in kurzer Zeit. Denn für derlei gichtisch-rheumatische Übel taugen feuchtgemachte Zimmerböden wohl noch schlechter als die Fäuste auf die Augen!
HIM|2|480213|10|0|Es ist dir viel gesünder, beim schlechtesten Wetter vier Stunden in der Freie herumzuwaten, als nur eine Viertelstunde in einem feuchtlichen Zimmer zu sein. Das musst du dir hauptsächlich merken, so du recht gesund sein willst. Gebrauche also dies alles, wie Ich es dir nun bestimmt habe, so wirst du schon wieder ehestens gesund werden.
HIM|2|480213|11|0|Wenn nun schöne Tage kommen, kannst du auch schon täglich unter Mittagszeit auf eine halbe bis eine Stunde in die frische Luft gehen. Dies wird dich stärken. Und Ich werde dich auch stärken! Amen.
HIM|2|480217|1|1|Besser Liebe als Furcht – 17. Februar 1848
HIM|2|480217|1|0|Aha, Ich weiß schon, was du möchtest! Aber siehe, deine „Martha“ hat diesmal keine absonderliche Sehnsucht darnach, weil sie sich wegen ihres stets wiederkehrenden dummen Tabakschnupfens fürchtet vor Mir – obschon sie wohl bedenken sollte, dass Ich, fürs Erste, kein zornsüchtiger Schreckbartel bin und dass, fürs Zweite, Ich wohl niemandem, und schon am wenigsten jenen, die Mich lieb haben, je einen Rat oder ein anderes Wort gebe, als das Meiner höchsten Milde und Vaterliebe nur! Und für solche Gabe ist wohl jede eitle Furcht läppisch und einfach kindisch.
HIM|2|480217|2|0|Es soll das Marthchen nur Meine früheren Gaben fleißig durchlesen und sich darnach halten, so wird es nicht nötig haben, vor Mir eine unnötige Furcht in sich auftauchen zu lassen. Es fehlt aber dem Marthchen ein recht fester Glaube! Darum auch kann sie das so schwer beachten, was Ich ihr doch allein zu ihrem Besten geraten habe und ihr noch als der gleiche und unverändert gute Vater rate.
HIM|2|480217|3|0|Da sie nun aber schon eine Furcht vor Mir hat, so warten wir auf eine furchtlosere Zeit! In dieser wollen wir ihrer dann schon wieder reichlicher gedenken.
HIM|2|480217|4|0|Das aber sage ihr, dass Mir die Liebe um sehr vieles lieber ist als die Furcht! Denn wer Mich wahrhaft liebt, der hat keine Sünde vor Mir. Denn die Liebe löscht jede Sünde und lässt keine werden.
HIM|2|480217|5|0|Wer Mich aber fürchtet, der fällt leicht in eine Sünde. Denn Furcht schützt ebenso wenig vor Sünden wie ein dornig Gestrüpp einen Flüchtling vor den Kugeln seiner ihm nachjagenden Feinde.
HIM|2|480217|6|0|Die Liebe aber ist gleich einer festen Burg auf einem Felsen, den kein Feind je besiegen kann.
HIM|2|480217|7|0|Daher sage der kleinen Martha, sie solle sich ja nicht fürchten vor Mir, sondern solle Mich nur lieben aus allen ihren Kräften, so wird sie sich vom Tabakschnupfen leicht enthalten – und Ich werde ihr, sobald sie es wünscht, und was sie wünscht, geben.
HIM|2|480217|8|0|Das sage Ich, ihr allerbester und liebevollster Vater. Amen.
HIM|2|480220|1|1|Ehelustigen zur Beachtung – 20. Februar 1848
HIM|2|480220|0|0|Für Wilhelmine-Gabiela Hüttenbrenner:
HIM|2|480220|1|0|Schreibe nur, es ist schon recht! Denn Ich gebe gern, ja Ich gebe sehr gern, Ich gebe überaus gern denen, die etwas Rechtes wollen! Das volljährig gewordene Töchterchen hat aber auch gern etwas Rechtes. Daher soll ihr so etwas auch sehr gern gegeben sein!
HIM|2|480220|2|0|Am liebsten wäre ihr wohl so ein recht ansehnlicher, guter und in Jahren nicht zu sehr vorgerückter Mann. Aber da muss Ich nun schon offen gestehen, dass Ich im Ernst in dieser Beziehung wenig oder nichts tun kann. Denn da gegenwärtig bei Ehebestimmungen nicht der Mensch, sondern nur seine Wohlhabenheit dem Menschen gegenüber als ein Wert angesehen wird, und also nur das Geld den Mädchen Männer und den Junggesellen Weiber verschafft, so bin Ich rein überflüssig in diesen Angelegenheiten und habe das alles der Welt überlassen und sorge Mich darum gar nicht mehr, außer es müsste nur sein, dass sich jemand vollernstlich an Mich wendete und die Welt gänzlich aus dem Spiel ließe. Da freilich würde Ich solch eine Ehe segnen und fürs Fortkommen sorgen.
HIM|2|480220|3|0|Aber wenn sich zwei einander ehelichen Wollende fragen und sagen: „Wie viel hast du? Und wie viel Du? Und welche Ehrenstelle bekleidest du? Von was lebst du? Und wer sind deine Eltern? Sind sie etwa vom Adel, oder sonst einem ehrbaren Stand?“ – da ist es denn auch schon rein aus bei Mir! Denn das sind ja lauter Mir allerwidrigste, weltliche Dinge! Und es wird von Mir doch niemand verlangen wollen, dass Ich noch jemandem zu dem helfen solle, was ihn von Mir ganz abzieht und rein der Hölle zuwendet, von der gar viele nur höchst schwer und viele auch wohl gar nicht mehr entbunden werden können!
HIM|2|480220|4|0|Du siehst alsonach leicht, dass, so Mich eines oder das andere um einen Mann bittet, Ich solche Bitten nicht erhören kann, besonders wenn sich jemand schon etwas ausgesucht hat, will es aber dann dennoch von Mir haben. Wer sich’s schon genommen hat, wie sollte Ich dem das noch geben können, was er ohnehin schon hat?!
HIM|2|480220|5|0|Ich aber sage dir, du Mein Töchterchen, suche du vor allem nur Mich, trachte nach all’ deinen Kräften mit aller „Welt“ fertig zu werden und erwarte dann von Mir alles andere – aber vollgläubig! – so wirst du mit allem versorgt werden!
HIM|2|480220|6|0|Denn du weißt es, dass da niemand zwei Herren dienen kann! Und so kann es auch Ich Selbst nicht, Mir und dem Satan zugleich, sondern bloß nur Mir durch die Liebe – dem Satan aber durch das schärfste Gericht!
HIM|2|480220|7|0|Wer aber demnach von Mir etwas will, der muss auch rein nur das Meinige wollen und nicht danebst auch einen Anteil des Teufels!
HIM|2|480220|8|0|Aber nun ist schon einmal alle Welt „rein des Teufels“. Daher kann Ich nur sehr sparsam hie und da Meine Gnade anbringen, zumal sich die meisten Menschen der Welt gegenüber ihrer schämen!
HIM|2|480220|9|0|Du wohl gehörst ja nicht zu dieser Welt und schämst dich Meiner Gnade nicht. Aber dessen ungeachtet wirkt die Welt auch in dich ein und hat vieles, das da deine Sinne lockt. Ich aber rate dir:
HIM|2|480220|10|0|Mache du mit deinen Sinnen eine festen Bund wider die Welt, so werde Ich mit dir alsbald einen neuen, himmlischen Bund errichten!
HIM|2|480220|11|0|Du sagst freilich, das sei so wohl nicht leicht möglich! – Ich aber sage dir: Das alles weiß Ich wohl, ob die Sache leicht oder etwas schwerer geht. Aber ob es dir leicht oder schwer falle, so muss Ich Meiner ewigen, unverletzbaren Ordnung dennoch getreu bleiben und kann niemanden eher über einen Berg sehen lassen, als bis er sich die Mühe genommen hat, des Berges Spitze zu erklimmen.
HIM|2|480220|12|0|Denn siehe, solange die Materie das bleibt, was sie ist – ist und bleibt sie auch undurchsichtig. Also Mühe hin, Mühe her! Kein Berg ist durchsichtig. Wer über den Berg sehen will, muss hinaufsteigen, wie hoch es auch immer gehe!
HIM|2|480220|13|0|Diese guten Sentenzen überlege dir, du Mein Töchterchen, recht oft, bis du dich in ihnen zurechtfinden wirst – so wirst du alle deine Gedanken und Wünsche in eine gute Ordnung bringen und sonach in der Wahrheit geistig „majorenn“ werden. Amen.
HIM|2|480220|14|0|Das ist Mein Wunsch für dich, wie für alle, zu deinem Geburtstag! Den behalte treu und lebendig!
HIM|2|480228|1|1|Bleichsuchtsdiät – 28. Februar 1848
HIM|2|480228|1|0|Ich kenne die Bleiche wohl und auch, aus was Ursache sie bleich ist. Aber es ist etwas schwer mit ihr umzugehen, da sie nicht gerne folgt dem, was ihr geraten wird, und nicht unterlässt, was ihr schadet.
HIM|2|480228|2|0|Also sage ihr: Lasse den Kaffee, solange du bleich bist, und nimmer iss gar die gebrannten Giftkörner! Denn solange du das nicht lassen willst, sollst du nicht rot werden. Frage nicht, warum du solche Giftkörner nicht essen dürftest! Denn der Grund würde dich unsittlich berühren und dir eine Entdeckung machen, die zu wissen sich für dich noch nicht fein geziemt. Also folge dem Rat und frage nicht – willst du gesund sein; ansonst du für jedes Giftkorn eine Woche länger bleich verbleiben wirst.
HIM|2|480228|3|0|So musst du dich auch von fetter Speise enthalten und von fetter Milch! Denn das Fett belebt die geilen Geister, und finden diese ihre Befriedigung nicht, so dringen sie ins Blut, durchwühlen dasselbe und machen es müde, faul, träge und schwer, wodurch dann die sogenannte Bleichsucht entsteht, die allezeit eine Folge ist der zu frühen geilen Geisteraufregung, die nicht befriedigt werden kann.
HIM|2|480228|4|0|Willst du aber ehestens gesund sein, dann beachte folgende Diät: Zum Frühstück nimm entweder eine leichte Schokolade, noch besser einen Kakaokaffee von gerösteten Kakaoschalen oder auch einen Maistee mit leichter (entrahmter) Milch und etwas Zucker. Zu Mittag iss eine gute frische Suppe mit gebähter Semmel, nicht zu stark gesalzen. Dann auch ein mageres Rindfleisch mit etwas Senf oder auch frischem, aber gezuckertem Meerrettich, den man zuvor mit Essig und Öl anmacht. Auch Kälbernes ist gut. Sollte dir aber solches Fleisch weniger schmecken, so iss gedünstete Äpfel mit Semmel. Aber vor allen Würsten und Käsen musst du dich sorglichst hüten; ebenso auch vor Kohl und Sauerkraut, weniger vor roten und weißen Rüben, dagegen vor gelben Rüben, überhaupt vor allen blähenden Speisen, weil diese ebenfalls die geilen Geister erwecken. Abends aber begnüge dich entweder auch mit dem, was du des Morgens genießt, oder mit einer Suppe mit gebähtem Brot. Du kannst auch mäßig einen guten Wein mit Wasser genießen. Sonst aber trinke Wasser, das nicht zu kalt ist.
HIM|2|480228|5|0|Zu allem dem aber gebrauche eine sogenannte Latwerge, die zu dem Behuf in der Apotheke zu haben ist; oder auch die Pillen zu dem gleichen Zweck! Und mache dazu vormittags eine Stunde vor dem Essen eine Bewegung im Freien, am besten an der Mur, wo in dieser Zeit die Luft am reinsten ist – aber nur nicht in einer Allee von wilden Kastanien, die eine schädliche Ausdünstung (für dich) haben.
HIM|2|480228|6|0|Zu allem dem aber musst du auch hauptsächlich auf Mich vertrauen und recht heiter sein, so wirst du bald wieder rot und gesund sein.
HIM|2|480228|7|0|Ich habe dich wohl sehr lieb; aber du musst Mich auch sehr lieb haben, so wirst du schon fein gesund werden und verbleiben! Wenn du aber eigensinnig wärest und hättest ein erregbares Gemüt, da würdest du jahrelang bleich verbleiben.
HIM|2|480228|8|0|Nun, Mein Töchterchen, weißt du vorderhand alles, was dir nottut. Tue darnach, so wirst du den Segen Meines Rates ernten! Amen. Das sagt, Der dich sehr lieb hat. Amen.
HIM|2|480312|1|1|Himmlische und irdische Liebe – 12. März 1848
HIM|2|480312|0|0|An Pauline Hüttenbrenner:
HIM|2|480312|1|0|Höre du, Mein liebes Töchterlein! Die erste Bedingung alles Seins ist und bleibt ewig die Liebe – aber wohlgemerkt, die rechte Liebe nur, wie Ich, als die Ewige Liebe Selbst, sie alle Menschen gelehrt und uranfänglich jedem Menschen für sich selbst in das Herz gelegt habe. So jemand diese wahre Liebe in seinem Herzen auszubilden sucht nach Meiner Lehre, dann wandelt er den vollkommen rechten Weg zur wahren Wiedergeburt seines Geistes.
HIM|2|480312|2|0|Hat jemand diese erreicht, so hat er auch das eigentliche, wahre Ziel seines Lebens erreicht. Um aber dieses allerwichtigste Ziel zu erreichen, muss man auf dem Bildungsweg seines Herzens recht sehr behutsam sein und muss sich bei jeder Neigung seines Herzens fragen, ob in solch einer Neigung nicht irgendetwas vom bösen Samen der Eigenliebe neben der rechten Liebe enthalten ist.
HIM|2|480312|3|0|Rechte Liebe ist durchgehends leidenschaftslos. Sie ergreift wohl alles mit der größten Macht und Kraft und lässt, was sie einmal ergriffen, ewig nimmer aus. Aber dessen ungeachtet ist solcher wahren Liebe Wirken durchgehends ein überaus sanftes, begleitet von der größten Duldsamkeit.
HIM|2|480312|4|0|Das Wirken der Eigenliebe, obschon an und für sich höchst ohnmächtig, tritt aber nur zu bald als ein Handeln auf, dass da sogleich alles zerstören möchte, was ihm ungünstig in den selbstsüchtigen Weg treten möchte. Und dieses Benehmen ist eben die Leidenschaftlichkeit, die da in der Eigenliebe zuhause ist.
HIM|2|480312|5|0|Daher, wie gesagt, muss jeder bei der Bildung seines Herzens sehr behutsam sein, ob dasselbe wohl mit wahrer Liebe oder ob mitunter auch mit kleinen Portionen von Eigenliebe genährt wird. Und eben darauf musst auch du, Mein liebes Töchterlein, recht sehr bedacht sein, so du ehestens den wahren Geburtstag deines Geistes erleben willst.
HIM|2|480312|6|0|Siehe, Menschenliebe ist wohl gut und recht, wenn man die Menschen liebt, weil sie Menschen sind, und nicht Unterschiede macht – außer insofern, ob jemand zufolge seines geistigen Standpunktes Mir näher oder ferner ist. Denn da ist ein Unterschied gerecht. Es kann ja niemand zwei Herren dienen, d. h. einem guten und einem schlechten zugleich! Aber irgendwie aus weltlichen Gründen entstandene Bevorzugung wegen gewisser weltlicher Würden und Werte des Menschen ist schon Eigenliebe, weil das Herz darin am Ende, wenn schon ganz heimlich, aber dennoch sicher seine eigene Erhöhung sucht. Und wo ein solches Bestreben, wenn auch noch so leise, sich kundgibt, da ist schon nicht mehr die Demut, sondern ein in solcher Liebe versteckter Hochmut die Triebfeder der sittlichen Bewegung des Herzens.
HIM|2|480312|7|0|Wenn daher dein Herz etwas ergreift, so frage du allezeit, ob damit nicht dein irdisches, der sogenannten höheren Welt untergeordnetes Ehrgefühl in Anspruch genommen wird. Findet dieses bei einem Unternehmen deines Herzens seine Sättigung, so ist das schon ein Zeichen der Eigenliebe, die sich auf dem Bildungsweg deines Herzens wie ein arger Buschklepper hinter einem Dickicht gelagert hat und mit der Weile als ein geheimer Abgesandter der Hölle alles Edle verderben will.
HIM|2|480312|8|0|Denn die Eigenliebe ist selbst in ihren unscheinbarsten Vorkommnissen nichts als ein böser Same, den der Feind des Lebens unter den edlen Weizen streut, damit dieser in seinem Emporkeimen verkümmert oder womöglich wohl auch ganz und gar vernichtet werde.
HIM|2|480312|9|0|Daher muss man bei der Liebe der Menschen sorgfältig prüfen und das Herz in einem fort fragen: Warum liebst du diesen und jenen, diese und jene, oder auch (bei Sachen) dieses und jenes?
HIM|2|480312|10|0|Wird dabei das Herz aus der Demut antworten, dann ist die Liebe recht und führt dich der geistigen Vollendung zu. Antwortet das Herz aber aus einer angestammten weltlichen Eitelkeit heraus, dann ist die Liebe nicht mehr Liebe, sondern eitle Selbstsucht nur, die wohl zum Schein mit dem Lämmergewand der Liebe angetan, inwendig aber nur ein reißender Wolf ist, der am Ende alles Edle im Herzen zerreißt und den Geist, wo möglich, zu erdrücken strebt.
HIM|2|480312|11|0|Ich gebe dir, du Mein liebes Töchterchen, diese kleine, aber dabei dennoch überaus wichtige Lehre und wahre Lebensregel als dein überaus guter Vater wie einen guten Zehrpfennig auf deiner irdischen Lebensreise, auf dass du mit sorglicher Benützung desselben gar leicht das eigentliche und wahre Ziel deiner irdischen Lebensreise erreichen kannst.
HIM|2|480312|12|0|Hast du dieses erreicht, dann erst wirst du in aller Fülle einsehen, wie endlos gut Der ist, der dir nun dieses Wörtlein zu deinem leiblichen Geburtstag gibt, auf dass du desto eher den Geburtstag deines Geistes erreichen möchtest.
HIM|2|480312|13|0|Liebe Mich über alles, wie Ich dich über alles liebe, und lass dein Herz nicht verblenden von der Welt, so wirst du einen leichten und sanften Weg zu wandeln haben!
HIM|2|480312|14|0|Das sage dir Ich, dein guter Vater! Amen.
HIM|2|480507|1|1|Brustkatarrh – Mahnung zur Geduld – 7. Mai 1848
HIM|2|480507|1|0|Du möchtest wohl schon gern gesund sein, Meine Tochter?! Aber siehe, es kann nicht alles so geschwind gehen, wie so manches Herz es wünscht! Denn siehe, auch Ich habe so manche Wünsche für die freien Menschen auf der Erde übrig; aber die Menschen wollen solchen Meinen besten Wünschen auch nicht nachkommen.
HIM|2|480507|2|0|Ich selbst leide schon seit sehr vielen Jahren in der Brust, die da übervoll ist von Liebe zu euch Menschen. Aber die berufenen Säuglinge wollen nicht kommen und Meine Vaterbrust von der Überbürde Meiner Liebe zu euch, Meinen Säuglingen, entlasten! Nichts bleibt Mir übrig als die Geduld! Werde also auch darin Meine Nachfolgerin, willst du Meine rechte Tochter sein!
HIM|2|480507|3|0|Betrachte einen Fruchtbaum! Siehe, die Kinder betrachten ihn, ob er bald schon reife Früchte tragen möchte. Und so sich an einem Kirschbaum einige Kirschbeeren nur ein wenig zu röten anfangen, da meinen die Kinder, sie seien schon reif und völlig gut zu essen. Aber da sagt der Gärtner den Kindern: „Nur Geduld, meine kleinen Freunde! Noch drei Wochen, und die Kirschen werden vollreif sein!“
HIM|2|480507|4|0|Eine Mutter gibt sich alle Mühe mit ihrem Säugling. Sie lernt ihn gehen; sie legt ihm leicht aussprechbare Wörtlein in den Mund; sie misst ihn und hat eine Freude, so ihr Liebling auch nur um einige Linien gewachsen ist. Und sehnsüchtig harrt sie jener Zeit entgegen, in der sie ihn als einen vollreifen Jüngling vor sich erblicken wird. Aber trotz aller Sehnsucht lässt sich die Zeit nimmer übers Knie brechen. Und es kommt da schon wieder alles auf die Geduld an.
HIM|2|480507|5|0|In dieser Sturmzeit, in der alle Menschheit wie eine Hölle gärt, hat manch friedlich Herz ganz unschuldig eine mächtige Wunde erhalten und wünscht sehnsüchtig nichts so sehr als einer guten Ordnung baldigste und vollkommenste Herstellung. Aber kein Gebäude kann so schnell wieder gebaut werden, wie geschwinde man ein früheres niederriss. Daher heißt es da denn nun auch hier wieder – sehr viel Geduld haben!
HIM|2|480507|6|0|Und so musst du, Meine liebe Tochter, auch noch recht viel Geduld haben, musst des Sommers bessere Tage voll Wärme abwarten! Diese werden deine Geschwulst schon ganz ausheilen.
HIM|2|480507|7|0|Unterdessen aber gebrauche du nur dein Pflaster und deinen Tee! Das wird deine Geschwulst schon nach und nach entweder zum Aufbruch bringen oder dieselbe, so du dich diät hältst, verdunsten und verteilen – was dir noch heilsamer sein wird, obschon etwas länger dauernd.
HIM|2|480507|8|0|Die Diät aber besteht darin, dass du nichts Saures oder keine zu fetten Speisen genießt, ebenso den (Kakaoschalen-)Kaffee lieber mit frischer Milch als mit fetterem Rahm trinkst und nicht stark, kein Schweinefleisch oder zu hartes und zu gesalzenes Rindfleisch isst, so auch nicht saures Kraut oder Kohl, auch keine fetten und herben Brühen, sondern Spinat, Milch Meerrettich, Mandel-Meerrettich und dergleichen.
HIM|2|480507|9|0|Übers Pflaster lege du bloß erwärmte Tücher, zuvor ein wenig durchräuchert mit Weihrauch und Wachholderbeeren. Aber feuchte Sachen sollst du nicht übers Pflaster legen, diese schwächen die Wirkung desselben. Sie schaden zwar im Grunde nicht, aber sie verzögern die Wirkung des Pflasters. Nur auf Wärme musst du sehen! Denn in der Kühle zeitigt so ein katarrhalisches Schleimgeschwür lange nicht, sondern verhärtet eher innerhalb der Schleimhäute.
HIM|2|480507|10|0|Wenn nun noch kalte Tage sind, da bleibe du lieber im Bett. An warmen Tagen aber gehe spazieren und komme in einen recht tüchtigen Schweiß! Der wird dir gute Früchte bringen.
HIM|2|480507|11|0|Es wäre dir aber schon viel besser, so du dich nicht im vorigen Monat in Bezug auf dein Übel einige Mal sehr verkühlt hättest! Daher musst du nun dafür schon ein bisschen mehr Geduld haben, dann wird dein Schleimgeschwür schon wieder gut werden.
HIM|2|480507|12|0|Auch darfst du keine Furcht haben ob der Ereignisse dieser Zeit! Denn von nun an werden sie die Städte weniger bedräuen denn das Land, allwo die Landleute einer starken Sichtung unterworfen werden. Doch davon sollst du nächstens Näheres und Umständlicheres erfahren. Daher sei nun ohne Furcht! Es wird alles besser gehen als du nun erwartest. Also keine Furcht, Tochter! Wo Ich bin, da geschieht nichts Arges! Amen.
HIM|2|480512|1|1|Die Zeit ist da! – 12. Mai 1848
HIM|2|480512|1|0|Die „große Zeit der Zeiten“ ist nun – „an der Zeit“! Daher siehe, dass sie gedruckt wird in einigen hundert Exemplaren, ja auch in tausend und etwas darüber. Denn dies Lied wird bald viele Abnehmer finden. Teuer aber soll es nicht sein, damit sich’s viele anschaffen könne. So es zwanzig Kreuzer kostet, dann ist es weder zu teuer noch zu wohlfeil. Nur werde Ich zu dem einleitenden Kopf noch ein Köpfchen als Vorleitung hinzufügen, was du leicht über der jetzigen Einleitung in einigen Zeilen anfügen kannst.
HIM|2|480512|2|0|Zugleich musst du in einer kürzesten Bemerkung aber auch das Wesen einer Hülsenglobe erläutern, ansonst kein Leser diesen Begriff verstehen würde. Der Ertrag soll dir zugutekommen.
HIM|2|480512|3|0|Darauf aber kann sogleich das von euch sogenannte „Hauptwerk“ und darauf Meine „Jugendgeschichte“ folgen. Und dann „Sonne und Planeten“, „Die Erde“ und verschiedene „Naturzeugnisse“. Den Titel, unter welchem ein noch folgendes Werk herausgegeben werden soll, werde Ich schon zur rechten Zeit hinzufügen.
HIM|2|480512|4|0|Benützt die Zeit, denn sie ist nun da, die Ich für die Veröffentlichung dieser neuen Offenbarung bestimmt und tauglich gemacht habe. Scheut nun keine Mühe und anfänglich auch keine kleinen Kosten! Ich sage euch, ihr werdet dabei alle einen tausendfachen Gewinn haben geistig!
HIM|2|480512|5|0|Die Zeit also, von der Ich dir anfangs sagte, dass sie in Kürze kommen wird, in der die Welt dieses Meines neuen Wortes bedürfen wird, ist nun da! Die „Hure“ ist geworfen; des Drachen Geifer ist unschädlich geworden. Daher hinaus nun mit dem neuen, großen Tag! Amen. Amen. Amen.
HIM|2|480629|1|1|Ausheilung und Vorbeugung – Eine ärztliche Weisung – 29. Juni 1848
HIM|2|480629|1|0|Wenn du immer um Rezepte kommen wirst, so werde Ich Mich noch ehestens müssen zu einem Doktor graduieren lassen, sonst werden Mich die Doktoren der Welt am Ende noch vor ein Gericht zitieren! Aber da Ich vor den weltlichen Richtern gerade keine Furcht habe, so kann Ich deiner bis auf eine Wundnarbe ganz gesund gewordenen Patientin ja gleichwohl ohne Furcht vor der Polizei so viel sagen, dass sie bis auf die nach einigen Wochen sich nahe völlig verlierende Geschwürnarbe völlig gesund ist.
HIM|2|480629|2|0|Ich meine, über diese Medizin geht keine! Übrigens kann das Pflaster noch einige Zeit fortgebraucht und die Wunde beim Wechseln (des Pflasters) mit lauem Eibischtee oder Eibischwasser gereinigt werden, worauf dann wieder das Pflaster aufzulegen ist. Wenn das des Tages einmal geschieht, so ist es hinreichend.
HIM|2|480629|3|0|Auch den Reinigungstee kannst du ihr alle anderen Tage zu trinken anraten; aber alle Tage braucht sie ihn nicht zu trinken. Sonst soll sie die bekannte Diät im Essen und Trinken beibehalten. Nur soll sie sich abends nicht zu lange im Freien aufhalten! Denn die Abende dieses Jahres sind besonders in den flachen, tiefer liegenden Gegenden voll unreiner Geister, als Vorboten von einer leichteren Art Cholera, welche in nicht gar zu langer Zeit diese Gegenden hie und da beschleichen wird.
HIM|2|480629|4|0|Die von dieser Krankheit verschont werden wollen, müssen sich daher schon jetzt vor der Abendluft recht in Acht nehmen, besonders Weiber, Mädchen und Kinder jedes Geschlechtes. Auch Männer tun besser, wenn sie möglicherweise des Abends vor zehn Uhr im Haus sich befinden. Wird diese Krankheit auch schon nicht so gefährlich sein wie die eigentliche Cholera, so wird sie aber dennoch große Schwächen im Fleisch zurücklassen bei denen, die aufkommen werden.
HIM|2|480629|5|0|Segnet aber abends euere Zimmer und Betten in Meinem Namen und räuchert sie mit Wachholderbeeren! Und so sich die Krankheit hierher verlaufen sollte, da besteckt die Fenster auch mit frischen Wachholderbeerstauden, so werdet ihr völlig sicher sein vor ihr. Aber nur die Abendluft ein wenig meiden!
HIM|2|480629|6|0|Dies Rezept also gut beachtet! Denn ihr wisst es schon, dass das selten ausbleibt, was Ich euch vorhersage, weil die Menschen nun nicht darnach sind, dass sie Mich zur Rücknahme Meiner angedrohten Gerichte nötigten. Daher habt auf alles wohl Acht, was Ich euch sage! Amen.
HIM|2|480709|1|1|Kur für Skrofulöse – 9. Juli 1848
HIM|2|480709|1|0|Wie oft wirst du Mir noch mit Rezepten kommen? Glauben, glauben und ein volles Vertrauen, das ist besser denn alle Rezepte und Medizinen! Denn weißt du, bei den Fleischkuren werden wir unsere Rechnung nicht finden. Ich rate wohl jemandem, der schwach im wahren Glauben ist, für sein leidig Fleisch gern ein Mittel. Beachtet er es genau, so wird es ihm wohl besser. Ist er aber zu bequem, alles genau zu beachten, und macht Mein angeratenes Mittel dann nicht schnell die erwünschte Wirkung, so wird unser Patient noch schwächer im Glauben, als er früher war. Und siehe, so eine Kur bringt Mir sodann den erwünschten geistigen Nutzen nicht, welchen du dadurch zu erreichen wähnst. Wir aber arbeiten nur für den Geist und nicht für das Fleisch! Daher habe Ich es auch nicht gerne, so du Mir um Medizinen für irgendein Fleisch kommst.
HIM|2|480709|2|0|Das Mädel soll nicht saure Sachen essen sowie auch keine blähenden Speisen wie Kohl, Bohnen und dergleichen, da sie ein skrofulöses Fleisch hat. Warum hat sie denn für ihren Skrofelkropf den Jodgeist gebraucht? Sie hat auch in den Füßen verborgene Skrofeln, und vom Hals haben sie sich nun auf die Brust gelegt. Hätte sie ihren Hals, nach deinem öfteren Rat, mit nüchternem Speichel gerieben, so hätte sie nun eine freie Brust. Nun aber, ist es etwa besser, so sie den Skrofelkropf samt dem guten Jodgeist an der Brust hat? Nun sollen wir beide wieder Wunder wirken? Wäre freilich gut, wenn der rechte Glaube da wäre. Aber der ist nicht da, und somit wird es auch mit einem Wunder etwas schwergehen.
HIM|2|480709|3|0|Es wird ihr demnach vorerst ein rechter Glaube, dann eine recht breite Geduld anempfohlen. Dann aber sollte sie nicht so viel singen, reden und nicht in einem fort ihre Freundinnen küssen, was die Skrofelsucht vermehrt. Also solle sie auch besonders abends gleich nach dem Untergang der Sonne in ihrem Zimmer sein und die Zugluft besonders im Zimmer meiden – und nicht gleich nach dem Tisch sich an den Nähtisch setzen, was ihr sehr schadet. Ebenso soll sie auch das rohe Obst meiden, sonst wird sie viel leiden.
HIM|2|480709|4|0|Nun soll sie aber frischen Leinsamen stoßen, daraus leichte Breiumschläge machen und etwas erwärmt auflegen. Dann des Tages zweimal einen Reinigungstee nehmen, unter Tags auch fleißig Wasser trinken, aber keinen Wein, kein Bier und auch keinen Kaffee, sondern zum Frühstück eine Suppe oder einen schwachen Kakao. Am besten aber wäre ein Maisabsud mit etwas Milch und ein wenig Zucker. Überhaupt würde ihr Maisgrütze in einer Fleischbrühe sehr gut zustattenkommen. Wenn sie das gläubig gebraucht, so wird es schon wieder besser werden. Amen.
HIM|2|480815|1|1|Gottes Rat – 15. August 1848
HIM|2|480815|0|0|Schreiberin: Pauline Hüttenbrenner
HIM|2|480815|1|0|Man sagt: „Guter Rat ist teuer“. – Diese „Taxe“ ist richtig, unter den Menschen ganz besonders, weil wohl kein Mensch dem anderen einen wahrhaft guten Rat geben kann, und das darum, weil kein Mensch gut ist.
HIM|2|480815|2|0|Einen wahrhaft guten Rat kann nur der erteilen, der in sich selbst durchaus wahrhaft gut ist. In sich selbst aber wahrhaft gut ist niemand als Ich allein, spricht der Herr. So demnach Ich als der Herr jemandem einen Rat erteile, so ist dieser Rat einzig und allein gut, weil Ich als der Erteiler des Rates durchaus vollkommen gut bin.
HIM|2|480815|3|0|Es fragt sich aber hier weiter: Warum ist denn solch ein Rat teuer? – Ein solcher guter Rat ist fürs Erste darum teuer, weil er wegen seiner Abstammung und Herkunft und wegen der in ihm enthaltenen ewigen Wahrheit von überaus großer Köstlichkeit ist. Fürs Zweite ist er teuer, weil er selten ist; alles aber, was selten ist, ist eben darum köstlich und daher auch teuer.
HIM|2|480815|4|0|Gleichwie Diamanten und große Perlen und Gold wegen ihrer Seltenheit köstlich und teuer sind, ebenso ist auch ein Rat aus Mir sehr köstlich und teuer, weil er eben sehr selten ist. Warum ist aber Mein Rat ein seltener?
HIM|2|480815|5|0|Weil es nur sehr selten auf der Welt irgendeinen Menschen gibt, der sich durch ein freilich nur so kaum halbwegs nach Meinem Wort geregeltes Leben jene Befähigung verschafft hat, die ihn in den Stand setzt, von Mir einen guten Rat vernehmen zu können, auf dass er dann diesen guten Rat für sich sowohl als für seinen Nächsten in die Anwendung bringen könne.
HIM|2|480815|6|0|Würden sich viele Menschen durch eine besondere zeitweilige Selbstverleugnung der Befähigung teilhaftig machen, dass sie von Mir bei jeder kritischen Gelegenheit ihres Lebens einen guten Rat aus Mir haben und vernehmen könnten, da käme solch ein wahrhaft guter Rat freilich wohl nicht gar so teuer zu stehen, und es könnte da ein jeder fortwährend einen guten „Haus-Rat“ haben. Aber da dies leider nicht der Fall ist, da unter mehreren Millionen Menschen oft kaum einer ist, der solch eine Befähigung besitzt, so kommt ein wahrhaft guter Rat auch nur sehr selten unter die Menschen und muss daher auch in jeder Hinsicht sehr teuer sein.
HIM|2|480815|7|0|Ich als der alleinige gute Ratgeber sehe gar wohl, dass die Menschen mit einem guten Rat aus Mir beinahe geradeso verfahren wie Kinder, denen die Eltern Spielereien geben, die da bestehen möchten aus geschliffenen Glasperlen, mitunter aber auch aus echten Diamanten. Die Kinder unterscheiden das gemeine Glas nicht vom köstlichen Diamanten, kennen seinen Wert auch nicht und behandeln daher beides gleich. Da also solches, wie gesagt, und zwar besonders in dieser Zeit, bei den Menschen der Fall ist und die Menschen den Wert Meines Rates gar nicht beurteilen können – und so es auch einige könnten, da wollen sie es aber dennoch nicht, weil ihnen die Welt mehr am Herzen liegt als Ich und Mein guter Rat (dessen Befolgung allezeit etwas schwer ist, weil er nie für, sondern allezeit nur gegen die Welt gerichtet ist) – so muss es Mir am Ende ja doch auch mehr oder weniger gleichgültig sein, den Menschen einen guten Rat zu geben, da Ich doch sicher voraussehe, dass er um kein Haar besser befolgt wird, als so ihn der nächste beste Platzfeger und Straßenreiniger gegeben hätte.
HIM|2|480815|8|0|Wer sonach von Mir einen wahrhaft guten Rat haben will, der prüfe zuvor sein Herz, ob es, fürs Erste, eines Rates aus Mir würdig ist; und fürs Zweite, ob ein solches Herz Meinen Rat vollernstlich befolgen will; und fürs Dritte, ob ein solches Herz wegen der vielen in ihm wohnenden Welttümlichkeiten solchen Rat auch befolgen kann.
HIM|2|480815|9|0|Wenn im Herzen diese drei Bedingungen vorhanden sind, dann komme der Mensch zu Mir und verlange einen guten Rat, und Ich werde solchen guten Rat keinem vorenthalten, dem es ernst ist, darnach zu handeln. Ist aber dieser Ernst nicht da, so versteht es sich auch von selbst, dass Ich Meinen allein guten Rat für nichts und wieder nichts den Menschen nicht erteilen werde, die ihn entweder nicht befolgen wollen oder nicht befolgen können, weil ihr mehr oder weniger an der Welt hängendes Herz dafür nicht befähigt ist.
HIM|2|480815|10|0|Darum musst du, gegenwärtige Schreiberin dieses Nebenwortes, dich ebenfalls auch recht vollernstlich fragen, ob du vollkommen fähig bist, einen guten Rat von Mir vollernstlich zu befolgen. Dann werde Ich dir auch einen solchen geben.
HIM|2|480815|11|0|Sagt dir aber dein Herz: Ich werde ihn schwer oder, darnach der Rat ist, vielleicht auch gar nicht befolgen können – da wäre ein Rat von Mir für dich ja ebenso gut wie gar keiner.
HIM|2|480815|12|0|Ich gebe dir aber hiemit dennoch einen überaus guten Rat, der darin besteht, dass du dein Herz prüfen sollst und sollst solche Prüfung zu einer Hauptregel deines Lebens machen! Sodann wirst du Meinen Rat sicher um sehr vieles billiger haben können als bis jetzt. Das sagt der Geber des allein guten Rates. Amen.
HIM|2|480926|1|1|Freies, freudiges Gottvertrauen – 26. September 1848
HIM|2|480926|1|0|Höre du, Mein lieber Ans. H.-W., also spricht der Herr, dein Gott und dein Vater:
HIM|2|480926|2|0|Warum bist du nun gar so ängstlich und hast eine ärgerliche Furcht vor deiner angeschwiegerten Welt, als hänge von ihr allein das Heil deines Hauses ab? Was bin denn hernach Ich, der Herr über das Leben deines Weibes, aller deiner Kinder, über dein und deiner Schwiegerschaft Leben und Vermögen?!
HIM|2|480926|3|0|Hast du Mich lieb und hast du Mich aufgenommen, wer soll dir da schaden können? Wen willst oder magst du noch fürchten an Meiner Seite?! Ich rede zu dir durch Meinen Knecht und rede zu dir durch das Mädchen, dem du deine Hände auflegst. Ja, Ich gehe in deinem Haus beinahe sichtbar aus und ein! Ich poche auch an dein Herz, Ich stärke dich mit Meiner Hand, Ich vergebe dir und habe dir schon lange vergeben deine Sünden und deines Fleisches Schwächen! Aber das genügt dir noch nicht; noch bist du voll heimlicher Furcht, voll Ängstlichkeit, voll Kleinmut, und Ich sage es dir, auch voll Kleingläubigkeit!
HIM|2|480926|4|0|Siehe, das ist nicht recht! Du leidest dabei am meisten, weil du noch immer nicht vertrauensvollen, freien Gemütes zu Mir im Ernst sagen kannst: „Herr, Vater! Dein Wille geschehe!“
HIM|2|480926|5|0|Du musst dich über alles das erheben, in den Kreuz enthaltenden Erscheinungen in deinem Haus musst du Meinen Willen erkennen, der dich aufrichten und von allem geistigen Übel erlösen will, nicht aber etwa erdrücken und zugrunde richten! Dann wirst du freien und leichten Gemütes einhergehen und wirst dich unter allen Erscheinungen des Daseins erfreuen, weil du aus und in ihnen den besten Willen deines Erlösers, deines Gottes, deines Vaters erkennen und ersehen wirst.
HIM|2|480926|6|0|Du musst Mir zuliebe alles verlassen können! So Ich dir auch alles nähme: Weib, Kinder und Vermögen – so musst du noch mit Hiob sagen: „Herr, Du hast es mir gegeben, Du kannst auch alles wieder nehmen! Dein Wille allein ist heilig!“ – Wenn du also in dir reden wirst, da werde auch Ich zu dir umso wirksamer sagen:
HIM|2|480926|7|0|Bruder, weil du Mich mehr liebst als dein Weib, deine Kinder und viel mehr als ein irdisches, nur zu vergängliches Vermögen, so will Ich dir aber auch alles vielfach wiedergeben, was deinem Herzen nach Mir noch irgend teuer ist! Denn Ich allein bin ja nur der Besitzer der Unendlichkeit, Mir allein gehört alles. Ich allein kann geben und nehmen und das Genommene hundertfach wiedergeben.
HIM|2|480926|8|0|Ich sehe eure Gebrechen und wähle die tauglichsten Mittel, euch zu helfen, zuerst geistig und dann auch leiblich, so das Geistige geordnet ist. So du aber das weißt, wie kannst du denn ängstlich sein?!
HIM|2|480926|9|0|Ich sage dir, du bist nicht wegen der Wissenschaft ängstlich, sondern nur wie einst Meine Jünger am Meer, als ein Sturm dessen Wogen stark an das Schiff trieb. Sie wussten wohl, dass Ich sie erretten könne, so Ich wach wäre. Aber weil Ich gewisserart schlief, da wurden sie aus ihrem Kleinglauben heraus voll Angst und schrien: „Herr, wache auf und hilf uns, sonst gehen wir zugrunde!“ – Sage, war dieser Angstruf nicht ein eitel dummer? Denn wer kann sich fürchten an der Seite des allmächtigen Schöpfers der Unendlichkeit, so irgendein Stürmchen weht, das vom selben Schöpfer ausgeht, der das Meer erschaffen hat?! Siehe, das kann nur ein Kleingläubiger tun! Und so bist auch du kleingläubig und daher ängstlich!
HIM|2|480926|10|0|Dir fehlt es nicht an der gegründetsten und durch viele Erfahrungen gefesteten Wissenschaft. Aber am wahren, festen Großglauben fehlt es dir! Und darum hast du noch immer eine starke Furcht vor der Welt – weil du den irdischen Unterhalt viel mehr in den Händen der Welt als in den Meinigen der Wahrheit nach wähnst und erwartest.
HIM|2|480926|11|0|Glaube es Mir, Ich kann und will dich und deine Kinder auch dann erhalten, so dir alle deine Habe genommen würde, und kann dir auch irdisch eine zehnfach größere bereiten und geben. Aber du musst fester sein in deinem Herzen, als du bis jetzt es warst! Du musst dich nicht fortwährend mit der Schwäche deiner Natur entschuldigen! Denn deine Natur ist viel stärker, als du es glaubst.
HIM|2|480926|12|0|Am schwächsten ist bei dir nur die Seele, weil sie noch mehr an der Welt als an Mir hängt! Klammere dich aber in der Zukunft nur recht fest an Mich an, dann wirst du gleich sehen, ob deine Natur schwach oder stark ist.
HIM|2|480926|13|0|Ich sage dir: Sei froh und heiter, denn Ich bin bei dir! Iss und trinke (aber einen echten Wein, natürlich mäßig, mit Wasser)! Denn von Mir hängt es ab, ob dir Speise und Trank dienen oder nicht.
HIM|2|480926|14|0|Ich sage dir, du magst fasten und seufzen und trauern, so werde Ich dir darum dennoch nicht helfen. Aber durch den Vollglauben und durch deine wahre Liebe zu Mir und daraus zu deinen Brüdern werde Ich dir allezeit helfen!
HIM|2|480926|15|0|Wenn du voll Angst und Kleinmut sprichst: „Herr, Dein Wille geschehe!“ – so gilt das bei Mir nichts. Aber so du das mit freiem und freudigem Herzen sprichst, da wirst du allezeit Hilfe finden. Denn nur in einem in Meinem Namen freien und freudigen Herzen wohne Ich kräftig; in einem bedrückten, seufzenden und ängstlichen aber ebenfalls bedrückt, seufzend und ohnmächtig.
HIM|2|480926|16|0|Oder kann ein Baumeister auf einem zu weichen, feuchten und sandigen Boden ein kräftiges und starkes Haus erbauen? Ich meine, ein Felsgrund wird dazu wohl tauglicher sein. Also muss auch dein Herz und der Glaube im Herzen zu einem Felsen werden; sonst findet Meine Kraft in dir keinen so festen Stützpunkt, dass sie, sich an ihn stemmend, nach deinem und Meinem Wunsch vollkommen wirksam äußern könnte.
HIM|2|480926|17|0|Sei also mutig und freien, freudigen Herzens und glaube wahrhaft ohne Scheu vor der Welt, dass Ich dir und deinem Weib nicht nur helfen kann, sondern auch helfen will und werde – so wird es auch geschehen, wie du glaubst und in Meinem Namen willst. Aber mit einem ängstlichen und dadurch kleingläubigen Herzen wirst du nicht viel ausrichten – außer mit der Zeit dich, dein Weib und deine Kinder noch schwächer und ängstlicher machen, als es bis jetzt der Fall war.
HIM|2|480926|18|0|Siehe, Ich bin wahrhaft bei dir und helfe auch deinem Weib! Also sei nicht ängstlich! Entschließe dich im Herzen, Mir alles zu opfern, und Ich werde dir alles geben! Denn Meine Liebe zu dir ist größer um sehr vieles als die deine zu Mir.
HIM|2|480926|19|0|Du weißt es ja, dass Ich also geredet habe, dass jener Meiner nicht wert ist, der noch irgendetwas in der Welt mehr liebt als Mich. Also liebe Mich wahrhaft über alles, und Ich werde dir dann auch alles über alles geben!
HIM|2|480926|20|0|Die Krankheit deines Weibes aber betrachte als eine wirkende Arznei gegen den sinnlichen Krebsschaden deines Fleisches, dem Ich dadurch helfen will und werde, auf dass du ein vollkommener Geist werden könnest. Dann wirst du leichter atmen, weil du darin nur Meine große väterliche Liebsorge für dein und deiner Kinder Wohl klar ersehen wirst!
HIM|2|480926|21|0|Wohl leidet dein Weib dabei naturmäßig; aber ihre Seele wird dadurch mächtig gestärkt und ihr Geist frei gemacht, was du aus ihrer Geduld und großen Beharrlichkeit gar leicht entnehmen kannst. So du aber das doch unwidersprechlich einsehen und Mein Wirken in deinem Haus erkennen musst, so darfst du dich ja nur gewaltig freuen und nicht ängstlich werden.
HIM|2|480926|22|0|Lasse die Welt reden und staunen und drohen oder kneipen und keifen! Ich bin ja bei dir! Und so Ich bei dir bin, wer soll dir da etwas anhaben können? Glaube alsonach und vertraue auf Mich mit freiem und freudigem Herzen, und Ich werde dir hier und jenseits, also zeitlich und ewig von allem Übel helfen! Amen. Amen. Amen.
HIM|2|481127|1|1|Robert Blums Erdenlaufbahn – 27. November 1848 [Robert Blum 1898]
HIM|2|481127|0|0|Mit der nachstehenden Kundgabe begannen die umfangreichen Eröffnungen über „Robert Blum“. Sie wurden fast täglich fortgesetzt, bis zum Abschluss am 2. Januar 1851.
HIM|2|481127|1|0|Dieser Mensch der deutschen Zunge kam unter den dürftigsten Umständen auf diese Erde und hatte bis auf einige seiner letzten Jahre stets mit der natürlichen, irdischen Lebenserhaltungsnot zu kämpfen, was ihm aber aus (der Welt freilich gänzlich unbekanntem) gutem Grund zuteilward, weil seine Seele und sein Geist von jenem Planeten herstammte, von dem ihr aus der Enthüllung der ,natürlichen Sonne‘ (siehe ,Die natürliche Sonne‘) wisst, dass seine Einwohner mit ihrer hartnäckigsten Beharrlichkeit ganze Berge versetzen und, was sie leiblich nicht vollbringen, das setzen sie sogar nach und nach als Geister ins Werk.
HIM|2|481127|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Robert Blum“.
HIM|2|481100|1|1|An Justinus Kerner, den ersten Herausgeber des Neuen Wortes – Gegen Ende 1848
HIM|2|481100|0|0|Aus einem von Anselm Hüttenbrenner an Justinus Kerner, Doktor der Heilkunde in Weinsberg bei Heilbronn am Neckar, im damaligen Königreich Württemberg, gerichteten Schreiben:
HIM|2|481100|1|0|Euer Wohlgeboren! In beiliegenden Schriften erhalten Sie eine große Gabe Gottes, nämlich die in unseren Tagen geoffenbarte „Geschichte des Menschengeschlechtes“ von der Erschaffung des ersten Menschenpaares an bis zum Tode Noahs und noch etwas darüber hinaus.
HIM|2|481100|2|0|Der Herr Jesus spricht in einem hier lebenden armen, anspruchslosen Mann, namens Jakob Lorber, seit dem 15. März 1840 beinahe Tag für Tag. Dieser schreibt das Gehörte nieder oder diktiert es einem seiner vertrauten Freunde.
HIM|2|481100|3|0|Außer diesem beiliegenden Werk besitzen wir noch die vollständige Enthüllung unserer Sonne in mehr als 50 Heften, ferner die enthüllte naturmäßige und geistige Erde, die Beschreibung des herrlichen Planeten Saturnus, die vollständige Jugendgeschichte des Herrn, dann eine Menge Erklärungen wichtiger Texte des Alten und Neuen Bundes, eine Offenbarung über Besessenheit, 9 Szenen aus dem Geisterreich, wovon die letzte, bereits über tausend Quartseiten betragend, ihrer Vollendung entgegengeht; endlich eine Menge Antworten des Herrn über gestellte Anfragen betreffend die außerordentlichen Begebenheiten unserer Zeit, auch mehrere Gedichte, von denen das beiliegende in der hierortigen Kienreich’schen Buchhandlung unlängst erschien.
HIM|2|481100|4|0|Wir hätten diese heiligen Schätze schon lange gern der Welt mitgeteilt, aber wir durften nicht. Erst seit kurzem erhielten wir des Herrn Auftrag zur Veröffentlichung. Er lautet: „Die Zeit, in der die Welt dieses Meines neuen Wortes bedürfen wird, ist nun da! Die ‚Hure‘ ist geworfen; des Drachen Geifer ist unschädlich geworden. Daher hinaus mit dem neuen, großen Tag!“
HIM|2|481100|5|0|Dass ich mich in dieser wichtigen Angelegenheit vorerst an Euer Wohlgeboren wende ... (Hier ist aus dem Folianten des „Geistigen Tagebuches“, welcher die Wiedergabe dieses Schreibens enthält, von unbekannter Hand ein Blatt entfernt. Auf der nächsten Seite geht dann der unterbrochene Text weiter mit den folgenden Schlusswendungen des Briefes:) ... um wahrhaft zu leben, mein liebes, braves Weib, mit dem ich ... Jahre sehr glücklich lebte. Dieses Ereignis hat mich gewaltig erschüttert und ist Ursache, dass meine Antwort so spät erfolgt.
HIM|2|481100|6|0|Könnte ich doch vor meinem Ende noch so glücklich sein, Ihnen in friedlichen Tagen einen Besuch in Weinsberg zu machen! Alles, was ich zwanzig Jahre hindurch als Magnetiseur Wunderbares hörte und schaute, möchte ich vor allem Ihnen mitteilen und dann am Grab der frommen Dulderin von Prevorst den Kuss der Liebe und Verehrung an Ihre edle Stirne drücken!
HIM|2|481100|7|0|Haben Sie im kommenden Jahr, das Ihnen und all Ihren Lieben heilbringend sein möge, einige freie Minuten, o so erquicken Sie nur mit wenigen Zeilen Ihren in größter Hochachtung verharrenden Anselm Hüttenbrenner.
HIM|2|490123|1|1|Aufgabe der Jugend – 23. Januar 1849
HIM|2|490123|0|0|Anfrage des Felix Hüttenbrenner über Mat. 22,14: „Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt.“
HIM|2|490123|1|0|Mein lieber Studiosus Felix! Ich habe dich recht lieb, und es freut Mich, dass du Meiner schon öfter zu gedenken anfängst und wünschst von Mir auch „Nebenwörtlein“ zu bekommen. Aber du bist noch zu wenig reif für derlei.
HIM|2|490123|2|0|Aber sei du vorderhand nur recht fleißig in deinen Studien und reinige deinen Lebens- und Erkenntnisbaum von der äußersten, faulen und toten Rinde, von dem Moos und von den hie und da vorkommenden Raupennestern – da werde Ich dann den Kern deines Baumes schon beleben und stärken zur Tragung edlerer Früchte. Und so wirst du ein Auserwählter sein, was nur wenigen beschieden ist.
HIM|2|490123|3|0|Wirst du aber nicht gut und genau erfüllen, was dir deine gegenwärtigen Studierpflichten zu erfüllen auferlegen, und wirst also nicht fleißig reinigen deinen Lebens- und Erkenntnisbaum von der äußersten, toten Rinde, vom Moos und von den Raupennestern, darunter verstanden werden die eigenen Geister der Trägheit – da wird dann der Kern deines Baumes schwach und matt verbleiben, und du wirst kein Auserwählter werden und verbleiben, sondern bloß nur ein ganz einfach Berufener, wie es deren gar viele Tausende gibt.
HIM|2|490123|4|0|Siehe, wenn im Winter ein Brunnen stark gefroren ist, so muss die Eisdecke zuerst durchgebrochen werden, ehe man zum Wasser gelangen kann. Ebenso musst auch du zuerst durch einen rechten Fleiß das Eis deines Verstandes durchbrechen. Dann erst muss es sich zeigen, ob dein inneres Lebenswasser entweder zum Kochen oder allein zum Waschen der schmutzigen Wäsche taugt. Das Kochwasser ist ein „Erwähltes“, und das Waschwasser ein „Berufenes“. Schaue demnach, dass du ein „Kochwasser“ wirst!
HIM|2|490123|5|0|Es gibt aber noch gar vieles Wasser, das da weder zum Kochen noch zum Waschen taugt, sondern allein zum Tragen großer Lasten und zur Aufnahme alles Weltunflates, wie exempli gratia [zum Beispiel] das Meerwasser. Daher schaue ja und sieh dich gut vor, dass sich in deinem Lebensbrunnen nicht ein „Meerwasser“ ansammle! Denn das ist vorderhand weder berufen und noch weniger erwählt, sondern allein nur gerichtet.
HIM|2|490123|6|0|So viel es dir nun vonnöten ist, deinen angeführten Text zu verstehen, habe Ich dir jetzt zu verstehen gegeben. Wenn du aber reifer wirst, dann wirst du eine reifere Erläuterung erhalten. Das also zu deiner Darnachachtung! Amen.
HIM|2|490218A|1|1|Einem Gottesliebling zum Namenstag – 18. Februar 1849
HIM|2|490218A|1|0|Meine kleine „Martha“! Nicht deine irdische Mutter, die allerseligst bei Mir, sondern Ich Selbst, als dein liebevollster Vater aus allen Himmeln, gratuliere dir ausnahmsweise zu deinem Namenstag, und das darum, weil du Mich lieb hast mehr denn deine Geschwister und mehr als dein irdischer Vater, der Mich wohl viel besser kennt als du Meine liebe kleine Martha, aber sein Herz ist dem Meinen bei weitem nicht so nahe wie das deinige. Denn er lässt sein Herz nun zu sehr von allerlei weltlichen Eindrücken hin und her lenken, auf dass es dann ja nicht zu jener gemessenen Ruhe gelangen kann, in der allein Meine wahre Liebe im selben auch die wahren Lebenswurzeln schlagen kann.
HIM|2|490218A|2|0|Du aber hast diese Ruhe und denkst weniger daran, was nun geschieht in der Welt und lässt Mich ganz ruhig schalten und walten und richten die Welt. Daher aber kann auch deine Liebe zufolge der viel geringeren Beirrungen deines Herzens mehr und mehr wachsen zu Mir, deinem lieben Vater.
HIM|2|490218A|3|0|Und die Wirkung davon ist, dass Ich dich denn auch überaus lieb habe und nicht der kleinen Fehlerchen gedenke, die so manchmal dein Außenwesen bekriechen gleichwie die Fliegen eine reine Fensterscheibe, die sie wohl auf der Oberfläche beschmutzen, aber darum der inneren Reinheit des Glases dennoch nicht den allerleisesten Schmutzschaden zufügen können. Denn so das Glas dann wieder auch nur mit einem feuchten Lappen abgewischt wird, da ist es wieder also rein, als wäre es nie beschmutzt gewesen.
HIM|2|490218A|4|0|Und siehe, dieser dein Wesen von all den kleinen Besudelungen stets reinigende Lappen ist – deine Liebe zu Mir!
HIM|2|490218A|5|0|Wachse nur recht in dieser Liebe, so wirst du Mir ein über alles liebes Töchterlein werden. Und Ich werde dir dann auch alles geben, darnach dein Mir gar allerliebstes Herzchen sich nur sehnen mag und kann. Ich habe auch wohl deine Geschwister sehr lieb, da sie Mich auch recht lieb haben. Aber Ich sehe an Ihnen mehr Welttümliches als an dir, du Meine liebste kleine häusliche Martha – und Magdalena aber dennoch auch dabei! Darum aber sage Ich dir auch ganz unumwunden, und das gerade ausnahmsweise zu deinem Namenstag, dass du Mir unter deinen Geschwistern die allerliebste bist.
HIM|2|490218A|6|0|Ich meine, dies Mein Bekenntnis an dein Herzchen wird dir doch sicher nicht unangenehm sein. Aber Ich sehe es auch, dass dies Mein offenes Bekenntnis an dein Herz deinen Geschwistern nicht so gut gefallen wird wie dir. Aber sie sollen Mich nur auch recht über alles zu lieben anfangen und ein wenig mehr das Urteil der Welt außer Acht lassen, sondern sich lediglich nach Meinem Herzen richten – da werde Ich sie auch so lieb haben wie dich.
HIM|2|490218A|7|0|Ich habe sie aber dessen ungeachtet, obschon sie ihre Augen mehr nach der Welt kehren als du, sehr lieb und fließe stets in ihre Herzen ein und vermehre darin die Liebe zu Mir eben also wie in dir. Und so mögen sie in dieser Versicherung auch einen gar mächtigen Trost finden!
HIM|2|490218A|8|0|Ich liebe ja sogar jene Menschen, die Meine abgesagtesten Feinde sind. Um wie viel mehr euch, die ihr Meine Freunde und Freundinnen seid!
HIM|2|490218A|9|0|Ich sage euch: Obschon ihr noch dem Leibe nach auf der Erde wandelt, so seid ihr dennoch dem Geiste nach als Engel auch schon bei Mir! Aber es gibt auch Unterschiede in der Liebe, sogar der reinen Engel in den Himmeln; wie sollten sie unter euch nicht sein, die ihr noch im Fleische wandelt?!
HIM|2|490218A|10|0|Aber die Engel, die Mich am meisten lieben, die sind auch am nächsten bei Mir.
HIM|2|490218A|11|0|Weil Mich die Magdalena am meisten liebte, so war sie auch die Erste, die Mich nach Meiner Auferstehung zu sehen bekam. Und so sage Ich auch zu dir: Weil du Mich am meisten liebst, so bist du Mir auch am nächsten.
HIM|2|490218A|12|0|Befolge alle die Vorschriften, die Ich dir habe zukommen lassen! Halte dein Herz und auch deinen Leib rein! Wenn manchmal irdische Gedanken und Begierden es besudeln wollen, gleich wie die Fliegen ein reines Glas, da ergreife nur schnell den feuchten Lappen Meiner Liebe – und dieser wird dich allezeit rein erhalten und rein machen!
HIM|2|490218A|13|0|Das sagt dein lieber, heiliger Vater dir. Amen. Amen. Amen.
HIM|2|490218B|1|1|Kundgabe einer Seligen – 18. Februar 1849
HIM|2|490218B|0|0|Am 18. Februar 1849 zeigte sich dem Knecht während einer anderweitigen geistigen Beschäftigung die im November 1848 verstorbene Elisabeth Hüttenbrenner, Gattin Anselm Hüttenbrenners, um durch ihn ihren Töchtern Julie und Wilhelmine mütterliche Ermahnungen zu vermitteln. Über diese Unterredung schrieb Jakob Lorber Nachstehendes nieder:
HIM|2|490218B|1|0|Elisabeth: „Mein lieber Jakob! Ich bin auch da, ich bin auch da, und möchte auch meiner Julerl und auch der Minerl ein wenig gratulieren!“
HIM|2|490218B|2|0|Rede ich, Jakob Lorber: „Ja so, ja so! Nun, nun, das freut mich sehr, dass Sie, meine seligste Elisabeth, mich auch einmal wieder besuchen! Sie darf man wohl nicht fragen, wie es Ihnen geht!? Denn dort, wo Sie sind, kann es jedem Glücklichen nur unendlich gut gehen. Daher zur Sache! Ich bin schon bereit alles zu schreiben, was Sie nur immer wollen – aber nur so hübsch kurz, bitte ich, weil die lumpige Zeit mich auch schon ein wenig drängt! Ein nächstes Mal will ich Ihnen, meine allerliebste Frau – („Nicht ‚Frau‘ sagen!“ spricht inzwischen die Elise) – Elisabeth einen ganzen Vormittag zu den allerbereitwilligsten Diensten stehen. Wenn Sie aber nur nicht gar so himmlisch schön wären, da könnte ich auch leichter schreiben! Aber so ich Sie anschaue, da möchte ich Sie um sehr vieles lieber umarmen und in solch einer himmlischen Umarmung sterben, als auf dem Papier mit der Feder hin und her wackeln!“
HIM|2|490218B|3|0|Spricht Elisabeth: „Nur nicht so schlimm sein, mein lieber Jakob! Denn das schickt sich nicht. Aber weil Sie denn doch noch ein wenig schwach sind, so werde ich mich hinter Ihren Rücken stellen. So, nun bin ich schon hinter Ihrem Rücken! Schauen Sie sich nicht um und schreiben Sie fleißig, sonst kriegen Sie einen Schupfer!“
HIM|2|490218B|4|0|Rede ich: „Bin schon in der Ordnung! Aber ich bitte, mich nicht mit ‚Sie‘, sondern mit ‚Du‘ anzureden.“
HIM|2|490218B|5|0|Spricht Elisabeth: „Ja, ja, aber da musst du mich auch so anreden! Aber nun schreibe, sonst wird die Zeit noch kürzer!“
HIM|2|490218B|6|0|Elisabeth diktiert: „An meine Julerl und Minerl! Meine lieben Töchter! Wenn der Herr bei euch ist, da bin auch ich bei euch. Denn ich bin nun stets beim Herrn, und mein Glück ist unendlich, meine Seligkeit unaussprechlich!
HIM|2|490218B|7|0|Meine Julerl! Bereichere nur stets mehr und mehr dein Herz mit der Liebe zum wahren himmlischen Vater, so wirst du ebenso glücklich und selig werden und vielleicht schon auf Erden sein, wie ich nun im Himmel. Denn der Herr hat dich sehr lieb – wie du heute auch das unaussprechliche Glück hattest, vom Herrn Selbst die gleiche Versicherung zu bekommen. Aber tue auch alles, was dir der heilige, liebevollste Vater schon gar so oft angeraten! Da kannst du noch sehr leicht eine wahre Braut Seines innersten Herzensgrundes werden. Und das ist der Seligkeiten höchste, die nur sehr wenigen zuteilwird.
HIM|2|490218B|8|0|Aber auch du, Minerl, befleißige dich dieser heiligen Liebe! Denn der heiligste Vater hat auch dich sehr lieb, wie alle die anderen und auch meinen Anselm. Aber nur denkt nicht so sehr in gewissen Zeiten und Stunden an die weltlichen Dinge, wie z. B. ans leidige Heiraten, an das nach mir von Seiten der Großeltern an euch entfallende Erbe und so noch an manche anderen unnötigen Dinge; sondern allein der heiligste Vater sei der einzige, eure Herzen allertiefst beschäftigende Gegenstand – so werdet ihr zur rechten Zeit von Ihm schon alles bekommen, was euch nottut und euren Seelen gut und nützlich ist!
HIM|2|490218B|9|0|Denkt öfter an mich, eure irdische Mutter, die ich auch öfter allerlei Wünsche hatte und mich freute, mit euch irgendwo auf dem Land meine letzten Tage zu beschließen. Allein was ist aus all diesen Wünschen geworden?! Ich brauche es euch nicht zu wiederholen, denn das Grab und der Leichenstein wird es euch sagen.
HIM|2|490218B|10|0|Ich sage euch: Der Erde Boden ist nichts als ein großes Leichenhaus, ein echter Friedhof. Die Berge auf der Erde sind Leichensteine. Und so kann wohl niemand im Haus der Toten ein Glück erhoffen, außer ein solches, wie es meinem Leib zuteilward.
HIM|2|490218B|11|0|Aber ich, die ich den Herrn Vater Jesus über alles liebte, bin nicht ins Grab gelegt worden zur Verwesung, sondern war allerlebendigst vom Herrn Vater in Seinen Himmel aufgenommen worden, wo es gar so unbeschreiblich schön ist, wo sich alle Menschen so inniglichst lieben, dass es auf der Welt nicht einmal einen Gedanken gibt, der solche Schönheit und Liebe nur annähernd beschreiben könnte!
HIM|2|490218B|12|0|Anstatt auf der Erde irgendwo eine Bäuerin zu sein, bin ich nun im Himmel der Himmel, begabt mit der höchsten Freiheit! Was, dünkt euch, ist wohl besser? Ja, der Himmel, der Himmel, das ist der wahre Aufenthalt für alle, die Gott lieben! Das ist alles Wirklichkeit und Wahrheit – während die ganze Erde nur eine Erscheinlichkeit ist, die nur zu bald vergeht. Daher trachtet denn auch vor allem nach dem Reich Gottes, so wird euch auch alles andere werden.
HIM|2|490218B|13|0|Dies nun von mir, eurer Mutter, an euch gerichtete Wörtlein beachtet wohl, so werdet ihr ewig glücklich sein! Des Herrn Vaters Segen, Liebe und Gnade sei mit euch allen in des Herrn Vaters Namen! Amen.“
HIM|2|490218B|14|0|Elisabeth gab mir nun einen Klopfer auf den rechten Arm und sagte, dass ich den Mädchen sagen möchte, dass sie heute Abend um 9 Uhr zusammen ein gutes Gebetlein beten sollen. Dann werde sie unsichtbar, aber dennoch leise fühlbar, zu ihnen kommen und sie alle segnen. Darauf verschwand sie.
HIM|2|490314|1|1|Die Angst- und Furchtkur – 14. März 1849 [Heil-, Diät und Lebenslehr-Winke 1895]
HIM|2|490314|1|0|Schreibe nur, schreibe an ein furchtsames Lämmlein: Der Herr Gott Jehova Zebaoth hat das Lämmlein sehr lieb; darum schickt Er demselben auch manchmal so ganz kleine Kreuzlein von kleinen Leibeskrankheiten, aus denen sich das liebe sanfte Lämmlein ja nicht viel daraus machen sollte; denn ihre Bedeutung besagt nichts anderes, als dass der Herr, des Lämmleins liebevollster heiliger Vater, das Lämmlein ganz überaus lieb hat.
HIM|2|490314|2|0|Was tut wohl so ein recht feuriger Liebhaber mit seiner Geliebten? Siehe, er drückt sie oft so stark vor purer reiner Liebe, dass die Geliebte vor Schmerzen laut schreien möchte; ja sie bekommt gar oft sogar blaue Schlagbeulen, und empfindet manchmal so eine zu heftige Liebesumarmung mehrere Tage lang recht schmerzlich; aber da macht sich die Geliebte nichts daraus; denn diese Schmerzen verursachte ihr ja Der, der sie so heiß liebt, und allein in ihrem Herzen lebt; und siehe, du Mein frommes Lämmlein, gerade so ein ganz außerordentlich feuriger Liebhaber bin denn auch Ich.
HIM|2|490314|3|0|Die Ich so recht eisenfest liebe, bei denen kommt Mich denn die eben nicht seltene Lust, die der Liebe ganz eigen ist, auch so recht massiv an; Ich ergreife sie mit allem Feuer Meiner göttlichen Liebe, und drücke sie so recht herzlich fest an Meine Vaterbrust; und da geschieht es manchmal, dass Ich jene, die Mir so die Liebsten sind, zuweilen ein wenig zu viel an Meine Brust drücke, und da empfinden Meine sehr Geliebten dann freilich wohl manchmal sogar leiblich einen Schmerz, was Ich wohl sehr gut weiß; aber Ich weiß dann einen solchen Mir gar so teuren Schmerz schon auch wieder zu heilen; denn an allerlei Liebesheilpflästerchen fehlt es in Meiner großen Himmelsapotheke nicht.
HIM|2|490314|4|0|Mache du, Mein zartes Lämmlein, dir daher in der Zukunft ja nichts mehr daraus, so du manchmal hie und da an deinem Leib einen kleinen Schmerz verspürst; denn da denke dir: Aha, da war sicher schon wieder mein heiliger Liebhaber bei mir, und hat mich so ein bisschen gar zu lieb gehabt; aber das macht nichts; Er wird ja sogleich wieder mit einem Heilpflästerchen zu mir kommen.
HIM|2|490314|5|0|Hat das liebe fromme Lämmlein denn nie gehört, dass es hie und da in manchen Orten sogar solche sich überaus heftig liebende Ehegatten gibt, wo das Weib in allem Ernst von ihrem geliebtesten Mann zum Beweise seiner brennenden Liebe förmlich mit einer Rute gezüchtigt sein will; und so der Mann dem Weib diese Art Liebe nicht bezeigt, das Weib dann auch zu zweifeln beginnt an der Stärke der Liebe ihres Gemahls?
HIM|2|490314|6|0|Ja, es gibt wirklich solche Liebende, die sich förmlich aus lauter Liebe schlagen und kratzen und kneipen; und siehe, Ich gehöre manchmal sogar auch zu der Klasse dieser Liebenden. Denn die Ich so recht eisen- und stahlfest liebe, die werden von Mir gar nicht selten so recht empfindlich durchgeprügelt; aber sie bekommen denn auch für den geringsten Schlag, den Meine große Liebe ihnen versetzt hatte, schon einen Lohn, dessen Größe keine irdische Zunge auszusprechen vermag. Was werden sie erst für die stärkeren Liebesschläge bekommen?!
HIM|2|490314|7|0|O du Mein frommes liebstes Lämmlein, du kennst Meine Eigenheiten bisher nur noch nicht, und bist darob manchmal ein wenig zu ängstlich gleich den Kinderchen, die von ihren eigenen Eltern vor der Tür mit einer tiefsten Brummstimme geschreckt werden; aber so dann die Eltern die Tür öffnen, da kommen die erschreckten Kindlein auch alsbald aus ihren Winkeln hervor, und hauchen an der liebenden Brust der Eltern ihre leere Furcht bis auf den letzten Tropfen aus, und erkennen nur zu bald, dass der sie aus purstem Liebesscherz erschreckende Wauwau niemand anderer war, als ihre sie über alles liebenden Eltern.
HIM|2|490314|8|0|Und siehe, du Mein Liebchen, du Mein Töchterchen! Ebenalso brumme Ich auch manchmal vor der Tür Meiner geliebten Kindlein, und diese fürchten sich dann sehr gewaltig; aber so Ich dann die Tür öffne, o da ist dann auch bald alle Furcht von ihnen gewichen; denn sie sehen es ja nur zu bald und zu leicht ein, dass Ich ihr allerliebevollster Vater es war, Der vor der Tür manchmal, so die Kindlein dann und wann ein wenig zu lebhaft werden, ein wenig brummt, als wäre Er ein sogenannter Wauwau.
HIM|2|490314|9|0|Und siehe, gerade einen solchen Charakter hat deine dein Herzlein nicht selten beschleichende Furcht; aber so in der Zukunft dich wieder manchmal so eine geheime Angst und Furcht beschleichen solle, da rufe in deinem Herzchen Mir nur geschwind entgegen: „Nur herein, nur herein, allerliebster Herr Vater! O Dein Töchterchen weiß es schon, dass Du es wieder ein wenig schrecken möchtest aus purster Liebe.“ Und Ich werde dann auch sogleich zu dir kommen, und werde dich trösten und stärken.
HIM|2|490314|10|0|Wenn du Mich mit deinen leiblichen Augen auch nicht sehen wirst, da mache dir auch nichts daraus; denn es wird schon dein Herzchen dir sagen, dass Ich bei dir bin, und auch bleiben werde für ewig. Amen. Das sagt zu dir, durch Seinen Knecht, dein wahrer dich über alles liebender heiliger Vater. Amen. Amen. Amen.
HIM|2|490610|1|1|Nochmals: Kaiser und Gott – 10. Juni 1849
HIM|2|490610|1|0|Als Mich die Pharisäer durch ihre und durch die von Herodes an Mich in den Tempel gesandten Diener mit allerlei verfänglichen Fragen fangen wollten, um einen Grund zu Meiner Gefangennehmung zu bekommen, da fragten Mich eben diese pfiffigen Apostel, ob es recht wäre, dass die Juden an den Kaiser nach Rom, trotzdem sie ohnehin dem Landespächter Herodes einen kaum erschwinglichen Tribut zahlen mussten, auch den verlangten Zins zahlten; denn der Kaiser habe ja ohnehin vom Herodes den ganzen Landestribut zu erheben, wofür dem Herodes dann das Recht eingeräumt sei, das Land nach seiner Willkür zu besteuern und Erpressungen zu bewerkstelligen, die den Juden kaum den Bettelstab übriglassen. Dazu komme nun noch der Kaiser selbst und verlange einen eigenen Zins!
HIM|2|490610|2|0|Deshalb handle es sich nun darum, dass Ich, als der bezeichnete Messias, es endlich bestimme, ob man dem Kaiser noch den außerordentlichen Zins zahlen solle oder nicht. Die Frage war somit im Ernst eine sehr verfängliche, da der Kaiser, der dem Herodes alle Rechte gegen einen großen Pachtzins abgetreten hatte, nun auch mit einer außerordentlichen, aber freilich rechtlichen Zinssteuer zum Vorschein kam.
HIM|2|490610|3|0|Jedem, der alle Verhältnisse nicht Mir gleich durchschauen konnte, die da zwischen den Juden, dem Pächter Herodes und dem Kaiser bestanden, wäre da eine rechte Antwort, um sich nicht ein- oder anderseits verfänglich zu machen, sicher im Halse stecken geblieben. Aber das konnte bei Mir nicht der Fall sein, da Ich alle die Verhältnisse nur zu klar kannte, die da in Meiner irdischen Zeit zwischen Volk und Kaiser sowohl im Geheimen, als auch zwischen dem Pächter und Kaiser und Volk offenkundig bestanden.
HIM|2|490610|4|0|Der Pächter Herodes hatte unter vielen Rechten auch das, Geld unter seinem Namen und Bild zu prägen. Das Geld war damals, wie nun, ein Tauschmittel; und alle Geschäftsleute, alle Händler und Wechsler gebrauchten dasselbe als eine „conditio sine qua non“ [notwendige Bedingung]. Um aber dieses Tauschmittels habhaft zu werden, mussten sie es entweder gegen rohes Metall oder gegen andere Stoffe guter und edler Art in der Herodianischen Münze kaufen, in welchem Falle sie dann auf fünfzig Jahre vollkommen Eigentümer des Herodischen Geldes wurden.
HIM|2|490610|5|0|So konnte aber auch sonst jeder Mensch, der entweder ein gutes Pfand hinterlegte oder ein Grundstück hatte und dasselbe an die Münze verschrieb, Herodisches Geld bekommen, das er als Tauschmittel besonders mit den Griechen gebrauchte. Aber auf diesem Gelderreichungswege musste er dann dem Herodes jährlich von je hundert Groschen oder Pfunden zehn Groschen oder zehn Pfunde als Zins bezahlen, und zwar mit der Verpflichtung, das also entliehene Geld erst in fünfzig Jahren zurückzahlen zu dürfen; und wäre er da zahlungsunfähig, entweder ein ewiger Schuldner (eine Art Sklave) zu verbleiben und die Zinsen fortwährend zu entrichten; oder der Herodes wie auch dessen Erben hatten das Recht, solchem Schuldner Grund, Vieh, Weib und Kinder zu verkaufen, was da nicht gar zu selten geschah.
HIM|2|490610|6|0|Dass aber die Juden durch solche Mäkeleien des Herodes sehr schlecht bestanden, lässt sich leicht denken, sowie dass dabei gar viele höchlichst verarmen mussten und viele zu verkauften Sklaven wurden. Dieser üble Umstand aber führte denn auch die Juden bald auf die Idee, zu erfahren, ob der Kaiser auch Gelder gegen Pfand und Verschreibung leihe, und wie viel vom Hundert er dann nehme. Die tatsächliche Antwort aber ging dahin, dass auch der Kaiser sein Geld jedem seiner Untertanen gegen Pfand oder Verschreibung leihe, doch keines verkaufe, was für die Wechsler eben nicht erfreulich war.
HIM|2|490610|7|0|Der Kaiser verlangte aber von edlem Geld aus Gold und Silber fürs Jahr fünf und fürs unedle Geld aus Kupfer und Erz nur ein bis einundeinhalb Prozent.
HIM|2|490610|8|0|Die Folge davon war ganz natürlich, dass das Volk sich nach Möglichkeit der Herodianischen Schuldigkeit entledigte und durch die Vermittlung des römischen Landpflegers auch die Herodianischen Leihkontrakte zu Gunsten des Kaisers annullierte und Geld vom Kaiser auf obbesagte Art entlieh, dass er es nach Belieben abzahlen mochte, wann er es nur immer wollte und konnte.
HIM|2|490610|9|0|Nun, das war denn aber auch für die Pharisäer, die sich hauptsächlich mit dem Wechseln, Kaufen und Verkaufen abgaben, wie auch für den Herodes, der ihnen dazu das Geld prägte, eine ganz verzweifelt zuwidere Sache, indem ihre Geschäfte natürlich sobald ins Stocken geraten mussten, als das viel billigere Geld des Kaisers im Land unter dem Volk in den Umlauf kam.
HIM|2|490610|10|0|Aus diesem nun bekanntgegebenen Umstand aber datiert sich denn auch die kitzliche Frage, die, um Mich zu versuchen, Mir eben von den Pharisäern und von den Beamten des Herodes zur Beantwortung vorgelegt wurde.
HIM|2|490610|11|0|Wer diese richtigen Umstände näher erwägt, der wird es denn aber auch von selbst gar leicht finden, was diese beiden in ein Horn stoßenden Parteien durch diese Frage bei Mir nach ihrer Meinung ganz unfehlbar bezwecken wollten, nämlich: dass Ich Mich entweder zur Partei der Kaiserlichen schlagen werde, wo sie dann gesagt hätten: „Nun, so bist du kein Messias! Denn du trittst die Rechte der Juden mit Füßen und machst mit vielen Treulosen eine Sache wider dein Volk. Du bist nach Moses, Samuel und David des Todes schuldig!“ – Hätte Ich aber gesagt: Dem Kaiser gebührt kein Zins, sondern aller dem Herodes, der das Volk Gottes von den Heiden jährlich durch einen starken Tribut loskauft – so hätten sie Mich dann als einen Widersacher des Kaisers deklariert und hätten Mich an die römischen Richter überantwortet.
HIM|2|490610|12|0|Ich aber ließ Mir die Münze des Kaisers vorweisen, auf der des Kaisers Bild und Unterschrift deutlich zu ersehen war, und fragte sie: „Wessen ist dies Bild und Unterschrift? Ist es des Herodes, dessen Geld ihr Gottesgeld nennt, oder ist es des Kaisers, der auch das Recht hat, seine Gelder seinen Untertanen zu leihen, besonders so es die Untertanen selbst verlangten?“ – Die bekannte Antwort war: „Das ist des Kaisers Bild und Unterschrift!“
HIM|2|490610|13|0|Worauf Ich denn ganz leicht und natürlich nach Recht und Billigkeit sagte: „Nun, so gebt dem Kaiser, was da sein ist!“ (das heißt: „Gebt dem Kaiser den bedungenen Zins von seinem Gelde!“) – Und gebt aber auch dem, der euch das Gottesgeld geliehen, aus der Gottesmünze, was ihm gebührt!“ – Oder kurz: „Gebt dem Kaiser, was dessen ist, und Gott, was dessen ist!“ – Und die Fragenden waren somit abgefertigt und konnten nichts dawider entgegnen.
HIM|2|490610|14|0|Aus dem aber geht anderseits auch von selbst klar hervor, was so ganz eigentlich „des Kaisers“, und was in diesem Verstande „Gottes“ ist.
HIM|2|490610|15|0|So die Untertanen mit dem Kaiser rechtlich stipulierte Verbindlichkeiten eingegangen sind, mögen diese nun tausend Jahre oder ein Jahr alt sein, so müssen sie diese halten. Ausgenommen davon sind Zwangsstipulationen, die kein erweisliches Wohl der Untertanen bezwecken, sondern lediglich das der gewaltigen Diktatoren nur. Ist aber bei einer Zwangsstipulation ein Untertanenwohl und des gewalttragenden Stipulators guter Wille erweislich, so sind die Untertanen ebenfalls verpflichtet, die Stipulationen als rechtliche anzuerkennen und denselben treulich nachzukommen.
HIM|2|490610|16|0|Ebenso verhält es sich mit der Gottessache, darunter nicht allein zu verstehen ist die besondere innere Liebeverpflichtung gegen Gott, sondern auch die gegen alle Menschen, als da sind Gläubige, Wohltäter, Lehrer, Führer, Gottesdiener und Knechte, dann alle Diener und Mägde und alle gedungenen Arbeiter, denen allen man eben das zu geben verpflichtet ist, was ihnen gebührt, wie dem Kaiser, was ihm gebührt.
HIM|2|490610|17|0|Alle diese Privatverpflichtungen sind die eigentliche Schuldigkeit an Gott – so wie alle, wo des Kaisers Name darunter steht, Schuldigkeiten an den Kaiser genannt werden und einzuhalten sind.
HIM|2|490610|18|0|Das ist also der eigentliche äußere, politisch-moralische Sinn dieses Textes, der aber freilich auch einen inneren, rein geistigen hat, welcher jedoch nicht hierher gehört, sondern auf ein ganz anderes Blatt. Daher davon ein andermal! Das gibt euch kund der erste und größte Politiker aller Welt. Amen.
HIM|2|490620|1|1|Ein widerchristliches Schriftchen – 20. Juni 1849
HIM|2|490620|0|0|Anfrage des Jakob Lorber:
HIM|2|490620|0|0|(1.) Über ein in Leipzig bei Kollmann 1849 erschienenes Werk, betitelt „Historisch wichtige Enthüllung über die Todesart Jesu“, nach einem zu Alexandria aufgefundenen Manuskript eines Zeitgenossen Jesu; und (2.) über die in Weimar gedruckte, von Dr. Wohlfarth zu Kirchhasel verfasste Widerlegung vorerwähnter Broschüre.
HIM|2|490620|1|0|So schreibe denn! Das erste ist eine Spekulation der Dichter und Buchhändler, denen jetzt der Faden ausgeht, etwas Anlockendes zu erfinden, womit sie ihre ziemlich luftig gewordene Börse wieder etwas weniger luftig machen könnten.
HIM|2|490620|2|0|Und das zweite ist eine Frucht von gleichem Gehalt. Es ist darinnen kein Kern. Und wer also ruft und sagt: „Herr, Herr!“, den kenne Ich nicht. Und es ist da ein Judas wie der andere. Denn beide arbeiten, verraten und beraten ums Geld!
HIM|2|490620|3|0|Der erste sagt: „Bruder B.! Ich werde nun eine kleine antichristliche Spekulation in die Welt senden, diese wird von Tausenden begierig gekauft und gelesen werden. Du aber schreibe dann sogleich eine Gegenbeleuchtung, die dann auch ebenso begierig gekauft und gelesen wird. Der Verkauf wird uns ein rundes Sümmchen eintragen, mit dem wir dann etwas Größeres werden unternehmen können. Vielleicht erleben wir sogar mehrere Auflagen. Dann, Brüderchen, Viktoria! Hoch! Dann, sage ich dir, werden wir mit den Verlegern ganz anders reden!“
HIM|2|490620|4|0|Und der B. sagt dann ganz wohlgefällig über den guten Einfall des A.: „Bruder, die Idee ist sehr gut, aber woher wirst du den Stoff nehmen, damit du der Welt etwas anscheinend Glaubbares vormachen wirst?“
HIM|2|490620|5|0|Spricht der A.: „Darob sei du nur ganz unbesorgt, du weißt es ja, wie ich so ziemlich mit allen Salben geschmiert bin! Da sieh her, am Trödelmarkt habe ich um einige Groschen einen Rousseau, einen Helvetius, einen Dr. Strauß und den ganzen Hegel gekauft. Den Dr. Barth und Heß hast du. Da sollte es dann doch mit dem Teufel hergehen, so man aus diesen Autoren nicht ein antichristliches Broschürchen herausbrächte. Und da sieh her, da habe ich schon eine vollkommene Skizze!“
HIM|2|490620|6|0|Der B. ist nun ganz beruhigt und hilft dem A. Und wie das Werk des A. die Presse verlässt, so hilft dann der A. dem B. an der Gegenbeleuchtung arbeiten.
HIM|2|490620|7|0|Siehe, so entstehen solche weltwunderliche Werkchen, schön kurz, dass sie nicht viel Arbeit und Unkosten verursachen und dass sie auch um einen desto wohlfeileren und daher auch desto anlockenderen Preis können verkauft werden.
HIM|2|490620|8|0|So sind denn auch deine zwei „Wunderwerkchen“ entstanden, und es ist daher weder das eine noch das andere zu etwas nütze. Denn das Ganze ist eine geldspekulative Spiegelfechterei!
HIM|2|490620|9|0|Das erste wird keinen nur einigermaßen geweckten Geist von Mir abwenden, indem es zu elend und dumm und seicht ist. Denn ein jeder Meiner echten Bekenner weiß, aus welcher Quelle er die vollste Wahrheit zu schöpfen hat und was in eines Menschen Herzen den unumstößlichsten Beweis für Meine Göttlichkeit lebendig und beschaulich gestaltet und darstellt.
HIM|2|490620|10|0|Wer aber nicht Mein ist durch die Liebe und durch die Werke nach Meinem Wort, für den gibt es dann aber auch keine Überzeugung, weder innerlich noch äußerlich und weder pro noch contra. Denn solche Menschen gleichen dem Staub und den Wolken, die dahin ziehen, wohin der Wind geht. Sie haben keine Selbständigkeit und somit auch kein tieferes und ernsteres Urteil über die Vorkommnisse dieser Welt. Sie haben auch keinen Geist und können sonach auch nicht beurteilen, welches Geistes Kind irgendein Produkt ist. Aus diesem Grunde nehmen sie denn auch bald und leicht etwas an, wenn es gerade ihren Sinnen zusagt. Aber in etlichen Tagen ist alles auch wieder verraucht. Und viele wissen dann kaum noch, dass und was sie so ganz eigentlich gelesen haben.
HIM|2|490620|11|0|Aus diesem Grunde aber ist für derlei Menschen auch eine Widerlegung ganz überflüssig.
HIM|2|490620|12|0|Da hast du nun eine rechte Beleuchtung deiner beiden Büchlein. Und Ich erlasse dir eine weitere Mühe, dagegen etwas zu schreiben. Denn diese Feindlein richten uns nicht den geringsten Schaden an, eher noch einen Nutzen. Und daher lassen wir sie denn auch leben! Amen.
HIM|2|490626|1|1|Heiligende Liebe. Worte zum Geburtstag – 26. Juni 1849
HIM|2|490626|1|0|Schreibe nur ein recht nettes Wörtlein an unsere kleine, geliebte Julie-Martha H.! Denn die uns beide liebt und lieb hat, die müssen auch wir lieben und sehr lieb haben.
HIM|2|490626|2|0|Meine geliebteste Julie-Martha! Da der heutige Tag ein für dich besonders bedeutender ist, weil er dir den Jahrestag deiner Eingeburt in die Welt wie in einem Echo wieder in deine Erinnerung zurückgibt und du darob eine gar wohl begründete Freude haben kannst, indem du an solch einem Tag durch die Macht Meines Liebewillens in die Reihe Meiner Kinder, also in die Reihe der Gotteskinder, aus der stumpfen Reihe der gerichteten Geschöpfe aufgenommen worden bist – so will aber auch Ich, als ein wahrer Lebensvater, dir solche deine gerechte Freude nicht etwa schmälern, sondern für dein Mir allerliebstes Herzchen nur gar sehr erhöhen dadurch, dass Ich dir hiermit die wiederholte, für dich sicher teuerste Versicherung zukommen lasse, dass du Mir ein allezeit allerliebstes Töchterchen bist, das Mir so pick- und nagelfest ans Herz gewachsen ist.
HIM|2|490626|3|0|Ich meine, Mein liebstes Töchterchen wird mit dieser Meiner Zusicherung auch sicher über alles zufrieden sein können! Denn überglücklich sind jene für ewig, die von Meinem Vaterherzen aus einer solchen Zusicherung für wert befunden werden. Aber leider nur wenigen wird eine solche zuteil!
HIM|2|490626|4|0|Desto mehr aber kannst du dich darob freuen, da du als Mein allerliebstes Töchterchen solch einer höchsten Gnade für wert befunden wirst in Meinem Herzen.
HIM|2|490626|5|0|Du darfst dir aber darum ja etwa nicht einbilden, als käme dir solch eine Gnade aus irgendeinem Verdienst zu! Sondern Ich ganz allein für Mich, ohne dein Verdienst, habe dich so lieb, weil du Mich auch gar so sehr lieb hast und bist manchmal sogar in Mich ein wenig verliebt, und das eben ist eine ganz besondere Heiligung deines Herzchens. Denn wie könnte ein unheiliges Herz Mich, den Heiligsten, lieben?! So Mich aber ein Herz liebt, der Ich heilig bin, wie möglich könnte in solch heiliger Liebe das liebende Herz selbst unheilig verbleiben?
HIM|2|490626|6|0|Also ist aber auch dein Herzchen durch und durch geheiligt, weil es Mich liebt. Und da Ich es darum wieder gar überaus sehr liebe und Meine heilige Liebe in dasselbe stets mehr und mehr einfließen lasse und es dadurch zu einem Gefäß der Fülle Meiner heiligsten Liebe mache, welche Liebe da heilig ist überheilig, so ist das Gefäß dadurch nicht nur „geheiligt“, sondern selbst „heilig“. Denn Ich, als der Alleinheilige, kann nicht im Unheiligen, sondern nur im Heiligen wohnen!
HIM|2|490626|7|0|Fahre du, Mein allerliebstes Töchterchen, in solcher deiner Liebe zu Mir nur treulich fort, so wirst du bald einen zweiten, viel höheren Geburtstag erleben, als dieser heutige deines Leibes es ist.
HIM|2|490626|8|0|Aber so manche eitle Dinge musst du von dir schaffen, als z. B. deine manchmal etwas übertriebene Zimmerreinlichkeitsliebe, den manchmal zu starken Appetit nach einer Prise Schnupftabak, dann den Reif im Unterrock und manchmal zu sehr gesteifte Unterröcke, die dich viel zu dick aussehen machen, was weder schön noch sittig ist.
HIM|2|490626|9|0|Kleide dich immer recht reinlich, nett und schön! Aber ein zu übertriebenes Stärken ist nicht schön, nicht sittig und für den Leib sogar nicht gut, weil gestärkte Kleider zu wenig die Haut berühren und durch die Berührung keine wohltätige Frottierung zuwege bringen können, anderseits aber auch zu viel kühlende Luft an die mit Schweiß gefüllte Haut treten lassen, die dann den Schweiß oft zurücktreibt und hie und da in den Gefäßen verhärten macht und die Ausdünstung der Haut nicht durchlässt, woraus dann gar leicht allerlei rheumatische Leiden entstehen.
HIM|2|490626|10|0|Tue also das weg, was unnötig und zwecklos ist, so wird deine Seele dann gleich mehr Zeit bekommen, an der Freimachung des Geistes zu arbeiten. Überhaupt musst du dich des manchmal zu überflüssigen Marthatums entschlagen, das dich nicht selten in allerlei bekümmerliche Pensereien [Gedanken] und manchmalige Ärgerlichkeiten versetzt – so wirst du dann viel freier den wahren Weg zum ewigen Leben verfolgen können, was denn doch die einzige Bestimmung eines jeden Menschen sein soll.
HIM|2|490626|11|0|Also musst du dich auch über nichts ärgern und keine übertriebenen Sorgen in dir aufsteigen lassen und alle deine Wünsche in Mein Herz legen! Da werde Ich dir auch alles gar ehestens geben können, was dein Herz verlangt. Aber nur musst du das recht gern und getreu befolgen, was Ich dir nun geraten habe!
HIM|2|490626|12|0|Und nun, Mein liebes Töchterchen, nimm mit dieser Meiner Lebensgabe auch Meinen Vatersegen in dein Herzchen auf! Dieser wird dir von selbst getreuest sagen, dass du Mir ein allerliebstes Töchterchen bist zeitlich nun, wie dereinst ewig! Amen. Das sagt zu dir dein wahrer und einziger Vater. Amen.
HIM|2|500919|1|1|Johannes in der Kapelle. Traumerklärung – 19. September 1850
HIM|2|500919|0|0|In der Nacht vom 17. auf 18. September 1850 träumte mir, Anselm Hüttenbrenner, lebhaft von einer Kapelle, in deren Vordergrund, in der Höhe, das Christuskind, von Engelchen umgeben, schwebte und auf mehrere Engelchen freundlich herabblickte, die zu dem Christuskind mit seligen Mienen hinaufschauten. Plötzlich fingen alle diese herrlichen Statuen aus weißem Stein, die ich als Kunstwerke über alle Maßen bewunderte, sich zu regen und zu bewegen an. Und ein unten in der Mitte stehender Engel rief laut: „Ich bin Johannes der Täufer!“ – Da sagte ich zu einem neben mir stehenden Freund: „Sehen Sie, da haben wir ein helles Wunder vor uns!“ – Darauf erwachte ich, bedauernd, dass das Wunder leider nur ein Traum gewesen.
HIM|2|500919|1|0|Mein lieber Anselm H.-W.! Dein gestriger Traum von der schönen Kapelle ist, so du es fassen willst, nicht ohne eine gar tüchtige Entsprechungsbedeutung für dich, für die Welt, für diese Zeit und am Ende für die gesamte Menschheit.
HIM|2|500919|2|0|Die Kapelle stellt den äußeren Menschen in seiner kirchlichen Stellung dar.
HIM|2|500919|3|0|Wie die Kapelle von innen geziert ist mit allerlei schön geformten Statuen, die da Porträts verschiedener seliger Menschengeister vorstellen, ja zuoberst sogar Mein Abbild – aber natürlich alles tot – ebenso befinden sich im kirchlichen Menschen allerlei geoffenbarte Lehren und Begriffe. Der kirchliche Mensch glaubt wohl an sie und bewundert ihre Herrlichkeit – aber da er sie nicht in sein Leben aufnimmt, so bleiben sie gleich den Statuen, an und für sich zwar schön glänzend weiß aussehend und Licht enthaltend, aber dennoch tot.
HIM|2|500919|4|0|Aber jeder Mensch hat ein von Mir ihm verliehenes Gewissen, das da gleich ist dem Täufer Johannes. Während alle anderen Begriffe, Lehren und Eigenschaften im Menschen wie tot schlafen, wird das Gewissen zuerst wach und kündigt sich als solches an!
HIM|2|500919|5|0|Dadurch werden dann auch oft alle die anderen Lehren, Mahnungen, Begriffe und Eigenschaften wach. Achtet nun der Kirchenmensch darauf, tut Buße und bessert er sich, so wird dann bald alles lebendig in der Kapelle.
HIM|2|500919|6|0|Tut aber der Mensch das nicht und lässt den wachgewordenen Johannes einen „guten Mann“ sein, dann wird der Johannes auch wieder zur Statue – und alles in der Kapelle ist dann wieder völlig tot!
HIM|2|500919|7|0|Und das gilt, wie schon oben bemerkt, für alle Welt, für diese Zeit, für dich, wie für jedermann! Der Johannes ist überall zu Hause, und zwar zuunterst in eines jeden Menschen kirchlichem Gemütsteil.
HIM|2|500919|8|0|Wer nur einigermaßen auf diesen Johannes sein Augenmerk tätig richtet, dem wird dieser Johannes von größtem Nutzen sein. Wer aber das Lebendigwerden des Johannes unbeachtet lässt und hört nicht auf ihn, sondern nur auf die lustigen und freudemachenden Dinge dieser Welt, dem wird seine Hauskapelle keine Früchte des Lebens bringen.
HIM|2|500919|9|0|Das ist kurz die richtige Bedeutung deines Gesichtes! Beachte sie, so wirst du leben! Amen.
HIM|2|501014|1|1|Rechte Geburtstagsfeier – 14. Oktober 1850 [Manuskript]
HIM|2|501014|1|0|Mein lieber Freund A.H.W.! Der Geburtstag des Fleisches, wie du gestern den deinen feiertest, hat nur als derjenige irgendeinen Wert, der für einen Menschen der wirkliche Geburtstag ist. Jeder darauf folgende dreihundertfünfundsechzigste Tag ist nur eine Erinnerung und hat als solcher nur dann irgendeine Bedeutung, so der Mensch an solch einem Tag sich seiner Geburt in seinem Herzen gegen Mich dankbar erinnert und sich in Meinem Namen gute und feste Vorsätze macht, sein künftiges Leben stets mehr und mehr nach Meinem Willen und nach Meiner Ordnung einzurichten und Mich dabei um die Kraft und Hilfe bittet, die Ich sicher niemandem vorenthalte, der Mich nur einigermaßen darum lebensernstlich anfleht.
HIM|2|501014|2|0|Wer den Erinnerungstag seiner irdischen Geburt also begeht, der hat wohlgetan und hat solch einem Tag vor Meinem Angesicht auch einen reellen Wert verliehen. Alles andere, als: Glückwünsche, Präsente und dergleichen sind vor Mir gänzlich ohne Wert, ja manchmal sogar Meinem Wohlgefallen zuwider, besonders bei solchen Menschen, die darauf große Stücke halten und sich an einem solchen Tag mehr und besser zu sein dünken als an einem anderen.
HIM|2|501014|3|0|Nun bei dir, Mein Freund, ist das letztere wohl nicht der Fall. Und es ist Mir lieb, dass du von deinem Geburtstag nichts weiter hältst, als dass du um ein Jahr älter geworden bist.
HIM|2|501014|4|0|Freilich wäre es Mir sehr lieb, so du auch schon einen vollen geistigen Geburtstag hättest! Aber da happert es bei dir nun noch ein wenig. Wenn es auf der Welt keine schönen Mägde gäbe, da hättest du lange schon einen vollen geistigen Geburtstag; aber zufolge der schönen Töchter Evas bleibst du noch immer beim halben.
HIM|2|501014|5|0|Weil du sonach keinen ganzen, sondern nur einen halben geistigen Geburtstag hast, so gratuliere Ich dir immerhin auch zu diesem halben. Denn auch der halbe geistige ist besser als tausend irdische.
HIM|2|501014|6|0|Trachte aber nun darnach, dass du bald zu einem ganzen geistigen Geburtstag gelangst! Der wird dir alles geben, darnach der bessere Teil deiner Seele dürstet.
HIM|2|501014|7|0|Siehe, es werden nun Zeiten kommen, in denen große Not und Drangsal herrschen werden, und Krieg, Hunger und Pest wird kommen. Aber die sich an Mich halten und die Ich Mein nenne, haben von allem dem nichts zu befürchten. Denn wo Mein Segen waltet, kann der Hölle Wut den Samen der Pest aller Art nicht ausstreuen und ihr Gifthauch die Bäumchen, die Ich gepflanzt habe, nimmer verderben.
HIM|2|501014|8|0|Aber die Bäume der Welt und alle Einrichtungen, die bisher die Welt zu ihrer vermeintlichen Ruhe und Sorglosigkeit gesetzt hat, werden in Kürze den weidlichsten Schiffbruch erleiden. Die Herren der Erde sollen es erkennen, dass Ich noch immer der Herr bin und durch alle ihre Rechnungen einen Strich ziehen werde!
HIM|2|501014|9|0|Verstehe solches! Aber fürchte dich darum nicht! Denn du gehörst ja auch Meiner Pflanzschule zu. Und Mein Feuer kann dich nur beleben, dich seliger machen mehr und mehr und nicht töten wie diejenigen, die Mich schnöd auf die Seite setzen, selbst herrschen wollen und Gesetze geben Meinen Kindern, die sie nicht erschaffen und denen sie kein Leben gegeben haben. Wehe solchen, so sie Mein Feuer ergreifen wird! Das wird ihnen eine böse Zeit geben! Ich bleibe noch bis zum nächsten Sabbat (19. Oktober) auf dem dir bekannten Hügel und werde während der Zeit noch ein paar andere Punkte besuchen. Besuche in der Mitte dieser Woche, so du Zeit hast, diesen Hügel; es solle dir dort eine Stärkung werden. Ich werde aber diesem Hügel eine Kraft hinterlassen, durch die Gläubige von manchen Übeln sollen geheilt werden; Ungläubige aber werden von ahnungsvollen Gefühlen ergriffen werden, die sie zum Denken nötigen werden. Schlechte Menschen aber werden sich nicht wohl befinden auf dieser durch Meine geistige wesenhafte Gegenwart geheiligten Höhe. Wann Ich aber wesenhaft diese Höhe verlassen werde, wird euch schon näher im Verlaufe dieser Woche bekannt gemacht werden.
HIM|2|501014|10|0|Lebe mäßig! Trinke nicht Wein und Bier untereinander, sondern einen guten Wein nur, so wirst du dein Fleisch vor Krankheiten und deine Seele vor fleischlicher Sinnengier bewahren. Das sage Ich dir als dein größter Freund. Amen.
HIM|2|501227|1|1|Vom Kommen des Tausendjährigen Reiches – 27. Dezember 1850
HIM|2|501227|0|0|Ein Schreiben des Jakob Lorber an Dr. Zimpel, s. Zt. in Meran, enthielt außer eigenen Worten Lorbers nachstehende Worte des Herrn:
HIM|2|501227|1|0|Lieber Freund und Bruder! Wundere dich nicht darob, dass Ich dich also auszeichne! Denn du weißt ja, dass es in der Guten Botschaft lautet: „Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt.“
HIM|2|501227|2|0|Die Berufenen sind Kinder der Welt, können aber, so sie der Berufung folgen, Meine lieben Kinder und Kindlein werden. Aber die wenigen Auserwählten sind Meine Brüder und sind weder der Seele und noch weniger dem Geiste nach von dieser Erde, sondern von dorther, von wannen her Ich Selbst bin.
HIM|2|501227|3|0|Du bist von dannen her, von wannen Ich bin, und bist deshalb ein rechter Bruder Meines Herzens. Das dünke dir aber durchaus nicht eitel! Denn siehe, Ich selbst bin ja von ganzem Herzen demütig! Wie sollen es dann Meine lieben Brüder nicht sein!?
HIM|2|501227|4|0|Was Ich dir gebe, das ist dir ein Leben des Lebens. Und du wirst leben ewig, und den Abfall deines Fleisches wirst du je weder fühlen noch schmecken. Denn Meine Brüder sind frei! Frei wählten sie in Meinem Licht aus großer Liebe zu Mir des Fleisches harten Weg. Und wieder frei werden sie das Fleisch ablegen und ihre alten und dennoch ewig neuen Burgen in Meinem ewigen Jerusalem beziehen und allda mit Mir herrschen über die Unendlichkeit.
HIM|2|501227|5|0|Frage du aber nicht viel um den Beginn des „Tausendjährigen Reiches auf Erden“! Denn ein solches wäre ja ein Gottesreich mit äußerem Schaugepränge! Ein wahres Gottesreich aber kann es nimmer geben in der Materie, sondern allein nur im Geiste. Und so kommt das „Tausendjährige Gottesreich“ nicht irgend äußerlich beschaulich, sondern ganz still und prunklos in den Herzen der Menschen, die eines guten Willens sind.
HIM|2|501227|6|0|Frage auch nicht: wann und wie? – Denn die Ankunft des „Tausendjährigen Gottesreichs“ ist die allzeitige und stets gleiche, volle Wiedergeburt des menschlichen Geistes.
HIM|2|501227|7|0|Der „gefesselte Drache“ sind die gezähmten Gelüste des Fleisches. Und die kurze, einmalige und „letzte Freilassung“ desselben ist die endliche Ablegung des Fleisches, die so manchem Geist denn doch noch immer das ist, was da ist das Verlassen einer Wohnung, deren jemand sich längere Zeit bedient hat.
HIM|2|501227|8|0|Die Materie zu einem allgemeinen Gottesreich auf Erden in den Herzen der Menschen aber hast du nun schon vielfach in deinen Händen. Mache, dass sie bald in die Hände vieler gelangt, und du wirst darin das wahre „Tausendjährige Gottesreich auf Erden“ erschauen! Amen.
HIM|2|501227|9|0|Meine Gnade und Meinen Segen dir zum Voraus, und darauf den Segen von Millionen Glücklichen unter glücklichen Fürsten voll Gnade und Weisheit! Amen.
HIM|2|510802|1|1|Des Urlichtes Kommen in die Welt – 2. August 1851 [Das große Evangelium Johannes 1871]
HIM|2|510802|0|0|Mit der nachfolgenden Kundgabe begannen die umfangreichen Eröffnungen über die dreijährige Lehrtätigkeit Jesu, genannt „Das große Evangelium Johannes“. Sie wurden fast täglich fortgesetzt bis zum Abschluss am 19. Juli 1864.
HIM|2|510802|0|0|Ev.Joh.1,1. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
HIM|2|510802|1|0|Dieser Vers hat schon eine große Menge von allerleigestaltigen Irrdeutungen und Auslegungen zur Folge gehabt; ja, es bedienten sich sogar barste Gottesleugner eben dieses Textes, um mit dessen Hilfe Meine Gottheit umso sicherer zu bestreiten, da sie die Gottheit im Allgemeinen verwarfen. Wir wollen aber solche Finten nicht wieder vorführen, wodurch die Verwirrung nur noch größer statt kleiner würde, sondern sogleich mit der möglich kürzesten Erklärung ans Tageslicht treten; diese, als selbst Licht im Lichte des Lichtes, wird von selbst die Irrtümer bekämpfen und besiegen.
HIM|2|510802|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Das große Evangelium Johannes“.
HIM|2|551106|1|1|Brief an Joh. Busch – 6. November 1855 [Das Wort, 1922, Heft 6]
HIM|2|551106|0|0|In einem an Joh. Busch gerichteten Brief aus dem Jahr 1855 ergreift nach geschäftlichen Mitteilungen der Herr das Wort und diktiert Jakob Lorber folgendes:
HIM|2|551106|1|0|Mein lieber Freund, du suchst Mich, weil du Mich liebhast, und ein Leichtes ist es darum dir, Mein Gebot der Liebe lebendig wirksam zu befolgen.
HIM|2|551106|2|0|Siehe, die Menschen erfinden nun allerlei und glauben auch allerlei, und Menschen, die recht viel erfunden haben, glauben am Ende gar nichts mehr – außer an das, was sie erfunden haben, und welch möglich größten Gewinn es ihnen abwirft! Das sind Kinder der Welt, die in manchem oft klüger sind als die Kinder des Lichtes! Aber Meinen wahren Herzenskindern gebe Ich dennoch ganz andere Dinge, von denen den klugen Weltkindern nie etwas in ihren verdorbenen Sinn kommen wird!
HIM|2|551106|3|0|Siehe, Mein Knecht (Lorber) ist wahrlich Mir zulieb arm; denn er könnte sehr reich sein, da er als Tonkünstler auch durch Meine Gnade die eminentesten Fähigkeiten dazu besitzt. Aber er schlägt Anstellung und sehr vorteilhafte Anträge aus – alles aus sehr großer Liebe zu Mir; und hat er 2 Gulden Geldes, so begnügt er sich mit 40 Kreuzern, und 1 fl. 60 verteilt er unter die Armen. Darum aber habe Ich ihm auch alle Schätze der Himmel eröffnet; jeder noch so weit entfernte Stern ist ihm so bekannt wie diese Erde. Er kann mit dem Auge des Geistes jene beschauen und bewundern nach Herzenslust; aber ihn kümmert nun derlei wenig, weil Ich ihm alles in allem bin! Und siehe, das ist der allein rechte und richtige Weg zu Meinem Herzen.
HIM|2|551106|4|0|Der reiche Jüngling im Evangelium beachtete gerne das Gesetz von Jugend an und sollte dadurch auch das ewige Leben haben, – aber es kam ihm vor, als hätte er solches noch nicht. Er kam darum zu Mir und fragte, was er tun solle, um das ewige Leben zu erreichen. Und Ich sagte: „Halte die Gebote!“ – Er aber beteuerte, solches von Kindheit an getan zu haben! „Freund“, sagte Ich, „willst du mehr, so verkaufe deine Güter, verteile den Erlös unter die Armen, dann komme und folge Mir, und des Himmels Schätze werden dir zu Gebote stehen!“
HIM|2|551106|5|0|Siehe, dieses aber sage Ich jedem nun: Wer von Mir vieles haben will, der muss Mir auch vieles opfern, – wer aber alles haben will, nämlich Mich Selbst, der muss Mir auch alles opfern, auf dass wir eins werden! Du aber hast Mir schon vieles geopfert und sollst auch darum vieles bekommen! Die reine, uneigennützige Liebe aber ist vor Mir das Höchste! Dies wenige, Freund, zu deinem Trost. Amen.
HIM|2|551106|0|0|(Nachschrift Lorbers:) O Freund! Auf diese Worte muss ich verstummen! J. Lorber
HIM|2|580216|1|1|Das lebendige Wort – 16. Februar 1858
HIM|2|580216|0|0|An einen Freund schrieb Lorber im Jahre 1858 über die in ihm redende Geistesquelle, die er als die Stimme Jesu Christi, das lebendige Wort Gottes empfand:
HIM|2|580216|0|0|Innig geliebter Freund und Bruder im Herrn!
HIM|2|580216|0|0|Bezüglich des inneren Wortes, wie man dasselbe vernimmt, kann ich, von mir selbst sprechend, nur sagen, dass ich des Herrn heiligstes Wort stets in der Gegend des Herzens wie einen höchst klaren Gedanken, licht und rein, wie ausgesprochene Worte, vernehme. Niemand, mir noch so nahe stehend, kann etwas von irgendeiner Stimme hören. Für mich erklingt diese Gnadenstimme aber dennoch heller als jeder noch so laute materielle Ton. Das ist aber nun auch schon alles, was ich Ihnen aus meiner Erfahrung sagen kann. Aber es wandte sich jüngste eine dem Herrn höchst ergebene Frau durch mich an Ihn, und es ward ihr folgende Antwort zuteil, die ich Ihnen hier wörtlich mitteile. Sie lautete:
HIM|2|580216|1|0|„Das, was nun Mein irdisch sehr armseliger Knecht tut, sollten eigentlich alle Meine wahren Bekenner tun können. Denn allen gilt das Evangeliumswort: ‚Ihr müsst alle von Gott gelehrt sein! Wen nicht der Vater zieht, der kommt nicht zum Sohn!‘ – Das aber besagt soviel als: Ihr müsst von eurer werktätigen, lebendigen Liebe zu Mir und daraus zu jedem bedürftigen Nächsten zur inneren Weisheit aus Gott gelangen! Denn eines jeden wahre, werktätige Liebe bin ja eben Ich Selbst gleich also in seinem Herzen, wie der Sonne lebendiger Strahl wirkend ist in jedem Tautropfen, in jeder Pflanze und in allem, was die Erde trägt. Wer Mich sonach wahrhaft über alles aus allen seinen Kräften liebt, dessen Herz ist auch voll von Meiner Lebensflamme und deren hellstem Licht! Dass dadurch zwischen Mir und dem Mich über alles liebenden Menschen ein steter und hellster Verkehr entstehen muss, ist ebenso klar, wie dass ein gesundes Weizenkorn in fruchtbarer Erde unter dem warmen Sonnenstrahl zur segensreichsten Frucht emporwachsen muss. Dass dieses aber mit den Menschen durch Erfüllung der im Evangelium gestellten Bedingungen wirklich möglich ist, dafür steht dieser Mein Knecht als ein Zeuge vor dir! Aber das sage Ich dir auch: Mit einer bloßen Verehrung und noch so tief andächtigen Bewunderung Meiner göttlichen Vollkommenheit ist’s da nichts! Solcher sogenannter frommer Christen gibt es eine Menge in der Welt, und doch erreichen sie wenig oder nichts. Alles aber liegt an dem, dass jemand, der zu Meinem lebendigen Wort in sich gelangen will, vollkommen ein Täter Meines Wortes ist. Dies zur Darnachachtung für dich und jedermann!“
HIM|2|580216|0|0|Hier, lieber Freund, haben Sie Ihre Frage so erschöpfend als möglich beantwortet. Und es wäre vermessen von mir armem Sünder, Ihnen noch ein mehreres darüber zu sagen. Jakob Lorber.
HIM|2|590000|1|1|Kinderprüfung im Tempel zu Jerusalem – 1859, Beginn der Niederschrift
HIM|2|590000|0|0|Mit der nachstehenden Kundgabe begannen die Eröffnungen über die dreitägige Unterredung des zwölfjährigen Jesusknaben mit den Priestern und Schriftgelehrten im Tempel zu Jerusalem, zusammengefasst in der Schrift „Die Dreitagesszene“.
HIM|2|590000|1|0|Es war Sitte und vorgeschriebener Gebrauch im ganzen Reich der Juden, dass sie ihre Kinder, wann sie einmal das zwölfte Jahr zurückgelegt hatten, nach Jerusalem bringen mussten, allwo sie im Tempel von den Ältesten, Pharisäern und Schriftgelehrten ausgefragt wurden über alles, was sie bis zu diesem Alter besonders in der Lehre von Gott und den Propheten [sich zu] eigen gemacht hatten.
HIM|2|590000|0|0|Für den vollständigen Text siehe „Drei Tage im Tempel“.
HIM|2|591115|1|1|Brief an Leopold Cantily
HIM|2|591115|0|0|Nebenwort für Leopold Cantily, Apotheker in Graz, aus einem Brief vom 15. November 1859 [Briefe Jakob Lorbers 1931]
HIM|2|591115|1|0|Du feierst heute deinen Namenstag, an dem freilich wohl nicht viel gelegen ist, aber da einmal auch in der Welt ein jeder Mensch einen Namen haben muss, so hast du auch einen. Wer ihn einst als Erster getragen hat, das ist ganz gleichgültig. Doch ein jeder Name kann durch den, der ihn trägt, geheiligt werden, wenn der Träger Mich liebt und nach Meiner wahren Lehre lebt.
HIM|2|591115|2|0|Weil du Mich aber liebst und an Meinem Wort ein rechtes Wohlgefallen hast, so ist bei Mir auch dein Name ein geheiligter, wenn er von seinem ersten Träger bei Mir es auch durchaus nicht war. Warum? – das wird dir die Geschichte sagen. Und sieh, dass Ich dir das sage, kannst du schon auch als eine vollkommene Gratulation zu deinem irdischen Namenstag annehmen. Einst bei Mir wirst du schon einen anderen Namen bekommen.
HIM|2|591115|3|0|Nun aber noch etwas: Du bist noch und noch leiblich kränklich. Willst du aber ganz gesund werden, was leicht werden kann? Siehe, dazu gehört etwas mehr Geduld in der nötigen Selbstwartung und liebwillige Befolgung in Hinsicht auf den richtigen Gebrauch der dir angeratenen Heilmittel und dann ein recht lebendiges Vertrauen auf Mich in Liebe und Geduld. Denn Ich lasse niemanden verkümmern, der recht lebendig auf Mich vertraut und baut. Tue also das recht genau, was dir auch die Meinen raten, sonst wirst du ein alter Hektikus werden, was sicher nicht das Angenehmste in dieser Welt ist.
HIM|2|591115|4|0|Und nun noch eine Kleinigkeit: Lasse dich von dem alten Fuchs und deinen erblindeten Geschwistern nicht ins Bockshorn treiben! Ich werde sie segnen – und du, benütze, was Ich dir in die Hände geschoben habe. Ich will dir aber nächstens auch noch eine nähere Weisung geben, doch rede zuvor mit deinem Advokaten! Denn kein gerechtes Gericht kann eine Unterschrift als rechtskräftig anerkennen, die jemand einem Räuber leisten musste. Das muss dem Fuchs aber erwiesen werden – was hier nicht schwer ist. So sei du immerhin ein rechter Leo-poldus [Löwen-held]. Mein Segen dir! Amen.
HIM|2|600000|1|1|Mitteilung an Johannes Busch – 1860
HIM|2|600000|1|0|Höre du Mein lieber Freund und Mitarbeiter in Meinem Weinberg!
HIM|2|600000|2|0|Ich habe dich wahrlich recht lieb, weil Ich sehe, dass auch du Mich wahrhaft lieb hast, was nun in der Welt selten geworden ist! Studiere du aber vor allem die Wesenheit und die Wirkung der sieben Geister in Gott, und also auch in einem jeden Menschen und Engel; denn in dem gezeigten rechten Verhältnis der sieben Geister im Menschen liegt auch dessen endliche Lebensvollendung für die Ewigkeit! Darum also studiere dir die sieben Geister wohl ein, und du wirst dadurch selbst in die Tiefen meines Gotteswesens eingeführt werden. Solcher Tiefen Winke kannst du buchstäblich ersehen in dem, was Ich Meinem Knecht über die Hülsengloben und den großen Schöpfungsmenschen gesagt habe. Woraus du aber auch gewahr werden wirst, dass ein Mensch, der Mich über alles liebt, noch um gar vieles größer ist, als der beschriebene endlos große Schöpfungsmensch, dessen Nerven die zahllos vielen und in unmessbaren Abständen voneinander entfernten Hülsengloben sind, von denen jede für sich für jeden Menschenverstand nie ermessbar groß ist. Solche Tiefen und Größen kann aber nur der ganz klar durchblicken, der vollends in Meiner Liebe steht, und in sich die sieben Geister wohl geordnet hat! Daher studiere du Mein lieber Freund nur recht die sieben Geister, und ordne sie in dir nach Meiner Ordnung, und du wirst zur wahren Weisheit gelangen.
HIM|2|600000|3|0|Was dir Mein Knecht von den beiden Dingen sagte, so enthüllte Ich sie ihm schon vor etlichen Jahren. Halte sie für eine ausgemachte Wahrheit, und du kannst dich darum verwenden in Meinem Namen; denn der Knecht hat dergleichen nicht erfunden, sondern Ich habe es ihm gezeigt! Aber die Sache ist leicht und bald zu verstehen, darum seid behutsam, dass sie euch die Welt nicht stiehlt.
HIM|2|600000|4|0|Befolge, Freund, Meinen Rat, und Meine Liebe und Mein Segen sei dein und deines Hauses. Amen!
HIM|2|640309|1|1|Liebe und Wahrheit, Leben und Licht – 9. März 1864 [Arkana 1894]
HIM|2|640309|1|0|Ohne Liebe gibt es kein Leben, und ohne Licht keine Wahrheit! Jede Wirkung, die ein aufmerksamer Beobachter in was immer für einer Sphäre des Daseins und in welchem Reich der Natur entdeckt, stammt von der Liebe und vom Licht her.
HIM|2|640309|2|0|Die wahre Liebe, die man das Leben nennt, ist jene ewige Wärme aus dem göttlichen Zentrum, welches Ich, der Herr, mit dem Ausdruck „Vater“ bezeichne. Und aus diesem „Vater“ geht infolge der ewig gleichen Lebenswärme das Licht, welches Ich Selbst (als „Sohn“) bin, in alle Unendlichkeit aus.
HIM|2|640309|3|0|Wer demnach von Mir das Licht, das in Meiner Lehre besteht, tätig aufnimmt, der nimmt auch die Liebe oder das Leben des Vaters auf. Hat er diese aufgenommen, so hat er auch den göttlichen Geist zum ewigen Leben in sich erweckt – alles Wirkung der wahren Liebe und des wahren Lichts.
HIM|2|640309|4|0|Es gibt aber neben dem allein wahren Licht, das aus der wahren Liebe entspringt, besonders auf eurer materiellen Erde, eine unzählige Menge von Liebe- und Licht-Arten, die zwar auch Produkte bewerkstelligen; aber diese Produkte sind ebenso vergänglich als wie die Liebe- und Licht-Arten und hinterlassen stets mehr oder weniger böse Folgen. Besonders äußerst häufig dann, wenn sie in Selbstsucht und Eigenliebe ausarten und ihr vermeintes Licht in geistiger Beziehung zur barsten und dicksten Finsternis wird, indem solche Menschen dann unter das Tierreich hinabsinken und nicht selten dahin kommen, dass sie manche Tiere für weiser halten als sie selbst sind.
HIM|2|640309|5|0|Und sie haben in dieser Hinsicht nicht Unrecht, und es steht mit ihnen wahrlich nicht anders, wenigstens mit dem besseren Teil von ihnen, wie mit dem falschen Naturpropheten Bileam, der sich von seinem Esel musste belehren lassen, wie es mit den geistigen Dingen stehe. Also derart Menschen haben gar keine Liebe, somit kein Leben und kein Licht, wissen nicht einmal, dass sie eine Seele haben und dass diese unsterblich ist.
HIM|2|640309|6|0|Jene vielen Menschen, besonders in dieser Zeit, die es in solcher Welt- und Selbstliebe und somit in der Lebensfinsternis so weit als nur immer möglich gebracht haben, diese werden jenseits auf eben dem Punkt wieder anfangen und werden nach Umständen immer ärger und materieller. Und so wahr Ich der Herr bin, der dieses sagt, sie werden wieder in die tote Materie übergehen, und zwar durch einen unsäglich schmerzlichen Prozess, und das durch lange und lange Zeiten, bis sie also selbst wieder zur harten, starren Materie werden, endlich in viele Teile zerteilt und nach langen Zeiten wieder zu Menschen oder zu Geschöpfen, entweder auf dieser Erde oder auf anderen Weltkörpern, gestaltet werden. Denn bei Mir sind tausend Erdjahre wie ein kurzer Tag.
HIM|2|640309|7|0|Was sich vermöge des ihm innewohnenden freien Willens Meinem allen Menschen geoffenbarten Willen nicht unterordnen will, das geht darum nicht verloren, aber es hat eine große und langwierige Korrektion zu erwarten.
HIM|2|640309|8|0|Es leben gegenwärtig Menschen auf dieser Erde bereits das siebente Mal, und es geht mit ihnen nun das siebente Mal besser. Sie werden aber noch einige Weltkörper mit einem leichten leiblichen Überwurf durchzumachen haben, bis sie in eine rein geistige Sphäre aufgenommen werden, welche ihr das „untere Paradies“ nennen könnt, aus dem es noch viele Stufen gibt bis in das innere, wahre Himmelreich, in welchem die Liebe des Vaters, das Licht des Sohnes und die Kraft des ewigen Geistes waltet und jeden Geist als Engel durch und durch belebt.
HIM|2|640309|9|0|Darum bedenkt diese Meine Worte wohl! Erkennt und liebt Mich als Gott, den Herrn, über alles dadurch, dass ihr euren Nächsten möglich noch mehr liebt als euch selbst, so habt ihr dann schon die wahre Liebe als das wahre Leben und das wahre Licht als die ewige Wahrheit für Zeit und Ewigkeit in euch und seid so dem Geiste nach schon hier – dort wo Ich bin, denn also bleibe Ich ja bei euch bis ans Ende der Welt!
HIM|2|640309|10|0|Das sage Ich euch, den ihr aus Seiner Sprache und ihrem Sinne wohl erkennen mögt! Amen.
HIM|3|400502|1|1|Die Musik – 2. Mai 1840 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|3|400502|1|0|So ihr wollt wissen, was die Musik ist, so merkt, was Ich euch sage, so wird euch klar werden manches, so nicht Musik, sondern „Handlung der reinen Liebe“ ist in sich selbst, ohne der Hinzutat der Weisheit, sondern wie es ist in der Liebe in ihrer Blindheit.
HIM|3|400502|2|0|Siehe, ihr habt kein reineres Bild als die Musik, welche besser blinde Liebe heißen sollte, von der reinen Liebe in Mir, welche ist ein Zusammenfluss der sieben Geister der Gottheit, welche sich da vereinen in der gegenseitigen Begegnung ihres steten ruhigen Waltens.
HIM|3|400502|3|0|Und diese Begegnung gebiert den Ton siebenfach nach der Beschaffenheit des sich selbst begegnenden Geistes, und der Ton wächst dann von dem Grundton fort und fort durch alle sieben Geister, und so hat dann jeder Geist seinen eigenen Ton nach der Ordnung der euch bekannten Leiter.
HIM|3|400502|4|0|Und da aber ein jeder der sieben Geister durchdringt alle sieben, so sind auch alle sieben in jedem einzeln vorhanden und ergießen sich dann alle wieder einträchtig und wohlklingend ineinander, welches dann ist die große Wonne der Gottheit in ihrer Liebe.
HIM|3|400502|5|0|Und so ist der Ton dann eine Schwingung, und diese Schwingung durchzittert die Geister, und die Geister erkennen sich, und das Erkennen gibt sich kund nach dem Verhältnis der Schwingungen, und die Schwingungen werden wahrgenommen in der Liebe gemeinschaftlich, und diese Gemeinschaft ist dann die rechte Harmonie. Und wenn sodann in dieser großen, reinsten Harmonie die Liebe wonnig erbebt, so strömt dann dieses Erbeben zurück in die Gottheit, und da gibt es dann ein Gedränge, und in diesem Gedränge erwärmen sich die Geister und entzünden sich dann in der Liebe, und dieses Entzünden ist das Licht, und in diesem Licht werden erkannt die zahllosen Formen, welche entstehen aus den Schwingungen.
HIM|3|400502|6|0|Nun wisst ihr, was der Ton und die Musik ist, wie sie entsteht, wozu sie und was sie ist. Und also ist die euch auch gegeben als ein geheimes Zeichen schweren und großen Inhalts, das erst ganz gelöst werden kann in der reinsten Liebe zu Mir; und also sollt ihr sie auch erlernen, betrachten, gebrauchen und genießen in der Darbringung eures allerhöchsten Ruhmes und allertiefsten Dankes zu Mir, daran ja nichts Unreines kleben soll.
HIM|3|400502|7|0|Aber wie wird diese Gabe aus dem allerhöchsten aller Himmel von euch gebraucht? O der großen Schande! Ich habe euch gezeigt durch Männer das Reine in Oratorien und Sinfonien, ihr aber übergoldet damit Kot und tretet sie dann gar mit Füßen. Daher bedenket, was die Musik und wozu sie ist, und entheiliget nicht die Wonne in Mir! Ich, die reinste Liebe in Gott, JEOUA. Amen, Amen, Amen!
HIM|3|400525|1|1|Worte aus der Weisheit – 25. Mai 1840
HIM|3|400525|0|0|Jakob Lorber bat den Herrn um einige Worte aus Seiner Weisheit.
HIM|3|400525|1|0|Daher soll deine Neugierde gestillt werden; aber sehe zu, was dein Verstand begreifen wird aus Meiner Weisheit, die nie ein geschaffener Geist im geringsten Teil je erforschen wird ewig. So aber dir dein Herz schwer werden wird, dann gedenke, dass Ich nur durch Liebe zugänglich bin und ewig nie in der Weisheit Meines Verstandes.
HIM|3|400525|2|0|Das sind aber Worte Meiner Weisheit:
HIM|3|400525|3|0|(I.) Ich bin und bin nicht, Ich war und war nicht, und Ich werde sein und nicht sein die Ewigkeit ein Punkt unendlich eine Linie aus der Mitte der Enden ohne Enden mit Enden ohne Enden groß wie ein Nichts und klein wie die Unendlichkeit.
HIM|3|400525|4|0|(II.) Ich bin eine Vielheit im Nichts und bin nichts in der Vielheit, Ich bin ein unendliches Nichts, und die Unendlichkeit ist ein Nichts in Mir ewig in der Zeit und zeitlich in der Ewigkeit, damit Ich nicht Alles bin um Alles zu sein, und bin blind im Angesichte aller Dinge aus Mir, neben Mir und in Mir, damit ich Alles sehe, das Große klein und das Kleine groß, da es ist und nicht ist durch und durch.
HIM|3|400525|5|0|(III.) Ich bin ein Gott ohne Gott, Ich bin die Liebe ohne Liebe, Ich bin die Weisheit ohne Weisheit, ein ungeschaffenes Geschöpf in den Geschöpfen, die nicht geschaffen sind, und doch sind um geschaffen zu werden zu Nichts, um zu sein Etwas, und um Etwas zu sein, um Nichts zu werden durch Mich in sich und in sich ohne Mich, damit Ich sei Alles, um nichts zu sein, und Nichts sei, um Alles zu sein. So ist der Mensch, dass er nicht sei, um etwas zu sein in Mir ohne Mich aus Mir, damit er lebe und kein Leben habe um zu leben ewigzeitlich und zeitlichewig, räumlich ohne Raum, und unräumlich im Raum.
HIM|3|400525|6|0|Da hast du jetzt drei Worte Meiner Weisheit; aber denke nie darüber nach, da alles dieses für deinen Verstand ewig unerfassbar bleiben wird. Denn so wenig du die Erde je wirst wie einen Ball in deine Hand nehmen und mit den Sonnen spielen wie mit Erbsen, – um noch viel weniger wird je ein geschaffener Geist diese drei Worte erfassen in ihrer ganzen Tiefe. Du brauchst dir deswegen auch nichts daraus zu machen; denn das Unmögliche ist selbst Mir unmöglich. Ich Jehova Die ewige Weisheit Gott Der Allerheiligste, Der Allerhöchste. Amen!
HIM|3|400615|1|1|Die Erlösung – 15. Juni 1840 [Erlösung]
HIM|3|400615|1|0|Das ist eine Frage an Meine Kinder, welche sie tiefst in sich gehend in aller Ruhe ihres Herzens beantworten sollen, damit auch darüber ihnen geöffnet werde ein kleines Pförtchen in die geheimen Gemächer ihrer Liebe, zu erkennen sich und Meine Liebe, und zu erbrennen in derselben gewaltig zu Mir, der Ich nur allein die Seele erlösen kann durch die Wiedergeburt des Geistes, und durch denselben dann der ganzen Kreatur.
HIM|3|400615|2|0|Das aber ist die wichtigste und größte Frage: Wie bedingt das mosaische Gesetz die Freiheit des Willens durch Liebe, durch Liebe die Wiedergeburt, und durch Wiedergeburt das ewige Leben? Warum war die Erlösung nötig an der Spitze des mosaischen Gesetzes, da zur Wiedergeburt nichts als die Haltung des Gesetzes aus reiner Liebe zu Mir benötigt wird? Was ist somit die Erlösung, und inwieweit ist sie für den Menschen, und wie kann er Teil daran nehmen?
HIM|3|400615|3|0|Die Beantwortung dieser Frage wird jedem sehr schwer werden, der nur seines Verstandes Schärfe daran abzustumpfen wird versuchen; wer aber erbrennen wird in der Liebe und aller Demut zu Mir, der wird die volle Antwort finden treu in seines Herzens Kämmerlein. Meinem armen schwachen Knecht Jakob aber werde Ich die volle Beantwortung geben, damit ihr dann vergleichen könnt die eurige und prüfen euer Herz und die Tiefe der Gemächer der Liebe darin. Ich, der große Meister in allen Dingen. Amen!
HIM|3|400617|1|1|Antwort (Die Erlösung) – 17. Juni 1840
HIM|3|400617|1|0|Das ist die volle Antwort auf die von Mir am Montag gegebene größte und wichtigste Frage, deren Größe und Wichtigkeit erst in dieser gegenwärtigen Beantwortung leuchtend ersichtlich wird.
HIM|3|400617|2|0|Damit die Antwort völlig eingesehen werden möchte, ist es nötig, dass da gezeigt werde das Wesen des Menschen in dessen Natur- und geistiger Sphäre, ohne welche Vorkenntnis es umsonst wäre zu predigen, da das Ganze an den Geist nur gerichtet ist, wieder lebendig zu werden in der Liebe, welche dessen Mutter ist. Und damit eurem Geist die erste Regung gegeben werde, gab Ich euch auch eben diese Frage, woran das Leben des Geistes, dessen Wiedergeburt, und sodann erst das ewige Leben der Seele in der allerhöchsten Freiheit beruht.
HIM|3|400617|3|0|Seht, der Mensch ist zusammengesetzt aus einem naturmäßigen Leib, der da ist ein Gefäß, darin sich durch die verschiedenen Organe eine lebendige Seele ausbilde; denn im Entstehen durch die Zeugung wird nur das alleinige Wesen des Leibes konstruiert. Und erst im siebenten Monat, wenn schon das leibliche Wesen organisch, wenn auch nicht ganz der Form, doch aber all den Teilen nach ausgebildet ward durch das vegetative Leben der Mutter, so erst wird in der Gegend der Magengrube ein für eure Augen nicht wahrnehmbares, vom Zeuger herrührendes Bläschen, darin die Substanz der Seele enthalten ist, geöffnet und teilt sich diese dann dem ganzen Organismus durch die Verbindung der Nerven mit, umwandelt ein in allen Nerven vorfindliches magnetisches Fluidum in das seinige und dringt hieraus in aller elektrischen Schnelle bald auch in alle übrigen Organe, namentlich aber zuletzt erst in die Herzmuskeln, was gewöhnlich erst am siebenten Tag, bei einigen manchmal etwas später geschieht.
HIM|3|400617|4|0|Dann fängt ganz langsam das Herz an sich auszudehnen durch die allmähliche Füllung mit der Seelensubstanz, und wenn es so nach und nach voll geworden ist gleich einer elektrischen Flasche, so entladet es sich dann in die Adern durch eine obere Kammer. Dieses entladene Fluidum teilt sich allen dort befindlichen Säften mit, zwingt sie in alle Gefäße und so auch die in den Gefäßen selbst vorhandenen Säfte zur Bewegung weiter in die Venen und durch dieselben wieder zum Herzen zurück, während welcher Zeit das Herz schon wieder geladen wird und die dahin kehrenden Säfte sogleich wieder weiterbefördert.
HIM|3|400617|5|0|Und so beginnt dann der Pulsschlag, die Zirkulation der Säfte und etwas später die des daraus hervorgehenden Blutes. Dadurch bildet sich nun, durch derart bewirkten beständigen Verkehr und Austausch der Säfte – und zwar durch den des Blutes — die Masse des Leibes, und durch die in den feinen Säften enthaltene Substanz die Solidität der Seele elektromagnetisch aus. Und wenn dann erst der Magen vollends ausgebildet wurde für die Aufnahme von gröberen Säften aus dem Leib der Mutter, zur Unterstützung der für diese Bestimmung verwendeten Säfte und des Blutes, dann wird der Mensch abgelöst von den Nährbanden im Mutterleib und wird geboren in die Außenwelt, begabt mit fünf naturmäßigen äußeren Sinnen, um aufzunehmen die Sinnenwelt oder eigentlich die verschiedenen Substanzen, als des Lichtes, des Schalles, des Geschmackes, des Geruchs und endlich des allgemeinen Gefühls, welches alles nun bestimmt ist, auszubilden die Seele und nach deren Bedürfnis wachsen zu lassen den Leib, was dann mehrere Jahre nacheinander geschieht. Und so sind nun zwei Menschen in einem, nämlich zuerst ein materieller und in dem ein substantieller.
HIM|3|400617|6|0|Hier merkt wohl auf, – gleich ungefähr drei Tage vor der Geburt wird aber aus der allerfeinsten und zugleich solidesten Substanz der Seele in der Gegend des Herzens ein anderes unendlich feines Bläschen gebildet, und in dieses Bläschen wird ein einst böse gewordener Geist, der da ist dem Wesen nach ein Funke der göttlichen Liebe, hineingelegt; gleichviel ob der Körper männlich oder weiblich ist, so ist doch der Geist ohne geschlechtlichen Unterschied und nimmt erst mit der Zeit etwas Geschlechtliches an, welches sich durch die Begierlichkeit kundgibt.
HIM|3|400617|7|0|Nun ist aber dieser Geist noch tot, wie er schon in der Materie gebannt seit langen und langen Zeiten es war; die Seele aber ist ein imponderables, substanzielles Wesen, einfach und somit unzerstörbar, und ihre nun nach und nach vollends ausgebildeten Sinne, als da sind gleich den Ohren die Vernunft, gleich den Augen der Verstand, gleich dem des Geschmacks das Behagen an den empfangenen Eindrücken des Schalles und des Lichtes, dann gleich dem Geruch die Wahrnehmung von Gut und Böse und endlich gleich dem allgemeinen Gefühl das Bewusstsein des naturmäßigen Lebens in ihr, welches bewirkt wird durch die beständigen Evolutionen der feinsten Substanzen in ihren denen des Leibes entsprechenden Organen.
HIM|3|400617|8|0|Wie aber zuvor Säfte des Leibes zirkulierend die Wesenheit der Seele ausbildeten durch die ihr von der Außenwelt zugeführten Substanzen, ebenso soll und wird durch die Zirkulation der feinsten Substanzen in deren Organen der in dem Bläschen eingeschlossene Geist genährt so lange, bis er selbst reif wird, das Bläschen zu zersprengen und somit auch nach und nach alle Organe der Seele zu durchdringen – und wie die Seele im Leib, so auch er in der Seele ein vollkommener dritter Mensch zu werden durch die Nahrung aus dem Denken der Seele, was auf folgende Weise geschieht:
HIM|3|400617|9|0|Der Geist nämlich hat eben auch wie der Leib und die Seele entsprechende geistige Organe, als gleich dem Gehör und der Vernunft die Empfindung oder Wahrnehmung, gleich dem Licht und dem Verstand den Willen, gleich dem Geschmack und dem Behagen an den empfangenen Eindrücken des Schalles und des Lichtes die Aufnahmefähigkeit alles Welttümlichen in entsprechenden Formen, gleich dem des Geruchs und der Wahrnehmung von Gut und Böse die Einsicht von Wahrem und Falschem und endlich gleich dem allgemeinen Gefühl und Bewusstsein des naturmäßigen Lebens die aus diesem allen hervorgehende Liebe.
HIM|3|400617|10|0|Und wie nun die Kost des Leibes ist durch all die Sinne, so ist auch die der Seele und endlich auch die des Geistes. Ist die allgemeine Kost schlecht, so wird am Ende alles schlecht und somit auch verwerflich; ist aber die allgemeine Kost gut und annehmbar, so wird am Ende auch alles gut und annehmbar. Nun seht, das sind die natürlichen Bestandsverhältnisse zwischen Leib, Seele und Geist; — und fragt es sich nun, was da eine schlechte und was da eine gute Kost ist.
HIM|3|400617|11|0|Seht, alles Weltliche ist da schlecht, weil es den Geist wieder zur Welt wendet, aus deren Todeskerkermacht Ich ihn der Materie entriss und gelegt habe in das Herz der Seele, damit er da wieder lebend und geläutert werde von allem sinnlich naturmäßig materiell Weltlichen, und damit er da endlich fähig würde zur Aufnahme des Lebens aus Mir. So nun ihm aber gereicht wird schlechte Kost, so wird er wieder weltlich, sinnlich und endlich materiell und dadurch tot wie vor der Geburt; so auch die Seele mit dem Leib, da sie dadurch selbst leiblich geworden ist.
HIM|3|400617|12|0|Wird nun aber gegeben dem Geist gute Kost, welche ist Mein geoffenbarter Wille und die Vermittlung durch die Werke der Erlösung – oder Meine Liebe im Vollbestand durch den lebendigen Glauben, so wird in dem Herzen des Geistes ein neues Bläschen gestaltet, in welchem ein reiner Funke Meiner Liebe eingeschlossen wird. Und wie es früher ging bei der Zeugung der Seele und aus derselben der des Geistes, ebenso geht es auch mit dieser neuen Zeugung des Heiligtums. Wird es nun vollends reif, dann zerreißt diese heilige Liebe die lockeren Bande des Gefäßes und strömt wie das Blut des Leibes oder wie die feinsten Substanzen der Seele oder wie die Liebe des Geistes in alle Organe des Geistes über, welcher Zustand dann die Neugeburt genannt wird, so wie der der Einlegung dieses Lebensbläschens ist und genannt wird die Eingeburt.
HIM|3|400617|13|0|Und siehe, zu gleicher Zeit aber werden auch von der Hölle schon bei der Zeugung, besonders wenn diese als sündhaft auf rein tierische Befriedigung abgesehen war, eine Menge höllischer Liebe-Bläschen in der Gegend des Wanstes und der Geschlechtsteile gelegt, welche dann auch mit Meiner Liebe fast zu gleicher Zeit ausgeboren werden – wie die Raupen im Frühjahr, wenn die Wärme der natürlichen Sonne kommt, so auch diese Brut durch die aufgehende Wärme Meiner göttlichen im Geist des Menschen.
HIM|3|400617|14|0|Seht, daher kommen dann auch die Versuchungen, da ein jedes dieser ausgeborenen Wesen der Hölle unablässig Versuche macht, irgend wo nur immer möglich ins Leben der Seele einzugreifen. Und wenn dann der Mensch nicht kräftig mit der neugeborenen Liebe aus Gott selbstwillig den Bestien entgegentritt, so strömen sie dann in alle Organe der Seele und setzen sich da gleich saugenden Polypen fest an den Stellen, da der Geist einfließt in die Seele, und verhindern so der Seele die Aufnahme des Lebens aus dem Geist und so auch durch ihn des Lebens der göttlichen Liebe. So nun der Geist sieht, dass er sich nicht erweitern kann, um eine Fülle des neuen Lebens aus Gott in sich aufzunehmen, so zieht er sich wieder zurück in sein stummes Bläschen – und so in ihm auch noch umso mehr Meine Liebe, die da ist der Gott im Menschen.
HIM|3|400617|15|0|Und ist das in dem Menschen vor sich gegangen, dann wird er wieder rein naturmäßig und überaus sinnlich, und auch verloren, weil er nicht weiß, dass solches in ihm vorgegangen ist, da die Bestien ganz gemächlich wohltuend anfangs die Sinne des Menschen bestechen und ihn so nach und nach ganz gefangen nehmen, so dass er von allem, was des Geistes ist, lediglich nichts mehr weiß, hört, sieht, schmeckt und riecht und empfindet. Das ist dann eine Trübsal, dergleichen vom Anfang bis zum Zeitpunkt der Gegenwart nicht war – und auch hinfort nicht mehr sein wird, wenn nämlich der Mensch nun seine Zuflucht zu Gott nimmt äußerlich durch Beten, namentlich Meines Gebetes, Fasten und Lesen des Wortes aus der Schrift und dadurch eine große Sehnsucht bekommt, befreit zu werden aus der großen Trübsal.
HIM|3|400617|16|0|Und hat der Mensch das ernstlich genommen, da er sieht in sich der finsteren Zweifel in großer Menge, so fange Ich dann an, von außen her zu wirken als ein Überwinder des Todes und der Hölle durch die Werke der Erlösung und gebe dann dem Menschen aus Meiner Erbarmung Kreuz und Leiden nach Meiner Weisheit. Dadurch werden dann dem Menschen die Welt und ihre Freuden bitter, so, dass er einen barsten Ekel davor bekommt und sich zu sehnen anfängt nach der Befreiung aus dem Leben der Leiden. Und sieh, da nun dadurch diese Bestien keine Nahrung in der Seele mehr bekommen von der sündenvollen Außenwelt, so werden sie dann schwach und vertrocknen beinahe ganz in den Organen der Seele und geraten dadurch in einen sich ganz unbewussten Zustand.
HIM|3|400617|17|0|Da aber nun die außenwirkende seelenerlösende Barmliebe Jesu Christi in die kranken Organe sowohl des Leibes als auch der Seele einzufließen anfängt, die Organe erleuchtet und der Seele in sich als mahnendes Gewissen der Sündenbestien Unzahl wahrnehmen macht, dann erschrickt die Seele, was sich durch die Beklemmung des Herzens und auch wie durch eine innere Zusammenschnürung der Brust in der Magengegend kundgibt, und bittet dann in diesem demütigen Schmerz, welcher sich durch die wahre Reue ausspricht, zu Gott in der gekreuzigten Liebe um Gnade und Erbarmung, – und siehe, dann gewahrt es der Geist und fängt wieder an sich zu regen im Bläschen, dahin er sich zurückgezogen hat.
HIM|3|400617|18|0|Da werden nun dem Menschen durch die Barmliebe Gottes die Gesetze Mosis ernstmahnend stark ins Gedächtnis gerufen vom ersten bis zum letzten und wird ihm aufgetragen die strengste Befolgung derselben, damit er sich demütige und verleugne bis in den innersten Grund, und zwar aus derselben Ursache, als wie eine Wäscherin ihr Tuch so lange balgend in die engsten Gewinde presst, damit ja selbst die kleinsten Schmutzteile durch das inhaftende Wasser beim Entweichen sollten mitgenommen werden, welches so oft wiederholt wird, als nur noch irgendeine Trübe am Wasser zu bemerken ist. Dann erst wird eine solche Wäsche unter die Strahlen der Sonne gegeben, damit dieselben noch die letzte Spur des Schmutzes verdunstend hinwegnehmen, so dass er von den reinen Winden nach allen Seiten vernichtet und verweht werde.
HIM|3|400617|19|0|[Arkana 1894] Und seht, so sind die Gesetze Mosis aus Gott der Zahl nach zehn, die eine Zahl Gottes ist, und zeigen, dass der Mensch zuerst glauben muss, dass Ich bin, so er in die Trübsal geraten ist, dass er dann vor Mir die höchste Achtung habe, ja dass er sogar glaube, dass er schuldig ist, aus den sieben Tagen den angeratenen Sabbat zu wählen und denselben zu heiligen in der Ruhe als einen wahren Ruhetag des Herrn, damit er sich verleugnen und immer tiefere und tiefere Blicke in sich zu tun lerne, um dadurch zu erkennen seine Einwohner und sich dann an Mich zu wenden, damit Ich sie auf die besagte Art vernichte und austreibe aus seiner Seele Organe.
HIM|3|400617|20|0|Und hat er sich bis dahin gedemütigt tief unter Meiner Größe, Macht und Stärke, so kommt es nun auf das Wäschebalgen an – das ist und wird verstanden durch genaue Haltung der sieben noch übrigen Gebote, wodurch er sich sogar tief unter seinesgleichen erniedrigen soll, und soll gefangen nehmen alle seine bösen Begierden, und soll brechen ganz und gar seinen Willen und untertan machen alle seine Begehrungen und also auch die leisesten Wünsche seines Herzens Meinem Willen; dann werde Ich kommen mit der Liebe und erwärmen die Wohnstätte seines Geistes, wie eine Henne ihre noch nicht ausgeborenen Küchlein. Und seht, dann wird der Geist, der sich früher schon hatte zu regen angefangen, durch die Wärme der göttlichen Liebe neu wieder geboren und strömt wieder alsobald in alle Teile der gereinigten Seele über und schlürft begierig die außenwirkende Barmliebe aus den gereinigten Organen der Seele in sich, wodurch er dann kräftiger wird.
HIM|3|400617|21|0|Und so denn nun die Liebe Meiner Erbarmung eingedrungen ist in die Tiefe dessen Herzens, allwo noch das gar außerordentliche Bläschen der göttlichen Urliebe ruht, dann springt neu das rein göttliche Bläschen wieder, in dem verschlossen war das große Heiligtum der Liebe des ewigen heiligen Vaters, angeregt von der Liebe des Sohnes, die da nun erlösend gereinigt hat die Seele – und strömt dann, sich mit dieser ganz intim vereinend, alsbald in großer Klarheit gleich einer aufgehenden Sonne in den ganzen Geist über und somit auch in die Seele und durch diese auch in das abgetötete Fleisch. Sodann wird der Mensch lebendig durch und durch, und dieses totale Lebendigwerden ist dann die Auferstehung des Fleisches.
HIM|3|400617|22|0|Und so dann nun alles durchdrungen wird vom Vater, so wird dann der Sohn vom Vater aufgenommen in den Himmel, das ist in das Herz des Vaters; der Sohn aber nimmt den Geist des Menschen, und dieser die Seele, und die Seele den Leib, das ist, den euch schon bekannten Nervengeist, denn alles Übrige sind nur Exkremente desselben.
HIM|3|400617|23|0|Und so nun denn der Vater, das ist, die Liebe des Vaters waltend im Menschen wird, dann wird’s licht in selbem Menschen, da die Weisheit des Vaters nie getrennt ist von dessen Liebe, so wird dann auch der Mensch wie voll Liebe, voll Weisheit und Macht und dadurch nun völlig wiedergeboren in aller Liebe und Weisheit. [Erlösung] Seht nun, welche Mühe, Langmut und große Geduld es Mich allezeit kostet, aus Tausenden kaum einen erlösen zu können, und wie oft werden selbst von einem solchen Meine Bemühungen verkannt, verachtet, geflucht und mit Füßen getreten, – und seht, doch lasse Ich nie ab, euch beständig zuzurufen: Kommt alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch alle erquicken!
HIM|3|400617|24|0|Doch den Tauben und Blinden ist hart zu predigen. Da sie sich in die Trübsal der Welt in vollstem Maße gestürzt haben und dadurch ihre Erde, welche ist ihr Fleisch, beschmutzt mit dem Fluchkot der stinkenden Hölle, welcher Gestank ist eine wahre Pestilenz der Seele, so muss Ich allzeit wieder eine Sündflut aus den Himmeln regnen lassen, worunter verstanden werden die bitteren Werke der Erlösung. Und ist dadurch dann wieder ganz gewaschen worden das fluchbesudelte Erdreich der Seele, und sind durch die Winde der Gnade wieder ausgetrocknet worden die Sümpfe und Moräste, dann erst ist wieder eine Möglichkeit vorhanden, euch wieder predigen zu können die Wege zum Leben aus Mir.
HIM|3|400617|25|0|Und so Ich euch nun schon eine geraume Zeit predige, so folgt Meiner Stimme und kehrt zurück in den Stall Meiner geliebten Lämmer, damit Ich euch werde führen als der alleinige gute Hirte auf die Weide des Lebens und ihr Mir dann Wolle gebt, so weiß wie der Schnee, und Ich euch daraus dann bereiten werde ein Kleid, welches euch schmücken wird in alle Ewigkeit.
HIM|3|400617|26|0|Und nun betrachtet weiter den Erfolg dieser Meiner beantwortlichen Lehre und seht:
HIM|3|400617|27|0|Wenn aber ein Landmann hat einen kleinen Baumgarten und sieht, dass die Bäumchen darin sind lauter Wildlinge, dann denkt er sich, was soll ich tun? Reiße ich sie aus der Erde, so wird mein Garten leer werden, und so ich auch dafür andere hinsetze, so werden es anfangs auch nur Wildlinge sein, und vielleicht nicht einmal so kräftig wie die schon bestehenden. Somit will ich also diese sorgfältig reinigen von all dem bösen Gewürm und deren Nestern und will und werde dann zu rechter Zeit suchen edle Zweiglein von guten Bäumen darauf zu pfropfen. Und so werden diese Wildlinge, die sonst frisch und kerngesund sind, mit Hilfe von Oben gewiss noch alle zurechtkommen, die Mir dereinst noch sicher recht viele gute, süße und edle Früchte bringen sollen. Und seht, der kluge Landmann, da er tut, wie er sich weise gedacht hatte, erhält dafür schon in wenigen Jahren eine reiche, freudenvolle Ernte.
HIM|3|400617|28|0|Und seht, ihr Eltern seid lauter solche Landleute, auf deren irdischem oder leiblichem Grund durch die sorglose hurenartige Weise in aller Unzucht Sodoms und Babels gänzliche und lauter Wildwüchse der Hölle entstanden sind. Daher sollt ihr hernach doppelten Eifers diese Gesträuche reinigen von all dem tausenderlei Ungeziefer, welches darin besteht, dass ihr die größte Sorgfalt verwendet auf all die Wünsche und Begehrungen, welche alle aus dem innewohnenden Höllengeziefer ihren Ursprung nehmen, und sollt vertilgen dieselben alle durch die wahre, von Mir aus schon klar angezeigte Weise, und beschneiden auch gleich anfänglich schon die nutzlosen Seitentriebe des öfter gut scheinenden, aber doch stets das Leben des Stammes schwächenden Eigenwillens, so werdet ihr bald einen gesunden und kraftvollen Stamm erziehen. Und so dann die Zeit des Pfropfens kommen wird, das da ist die Bekanntmachung und Einpfropfung des aus Meiner höchsten Liebe ergangenen Gesetzes durch Moses, so werdet ihr unter Meiner kräftigen Mithilfe gewiss sicher erwarten können, dass eure auf diese Art gereinigten und sorgfältig gepflegten Wildlinge gewiss kräftig Meinen Willen ergreifen werden, nachdem ihnen der ihrige zuvor gänzlich genommen wurde, und werden aus demselben in kürzester Zeit in überüppiger Fülle die schönsten und wunderherrlichsten Früchte bringen aller Art, so ihr sie dazu noch eifrig begießen werdet mit dem Wasser des Lebens, damit ihre Häupter bald recht hoch zum Himmel emporwachsen möchten, wodurch dann ihr geistiger Gesichtskreis selig wird und sie stets mehr und mehr Gnadenlichtes einsaugen werden, welches in großer Fülle beständig ausströmt aus der Gnadensonne, welche entstanden ist durch das Werk der Erlösung, aus deren Licht und Wärme alle Kreatur erst neu- und vollends wiedergeboren werden kann zum ewigen Leben.
HIM|3|400617|29|0|Das aber ist die Erlösung, dass erkannt werde der heilige Vater und die Liebe, die – die ganze Welt sühnend und wieder heiligend – am Kreuz blutete und selbst den Missetätern durch den letzten Lanzenstich ins Herz der ewigen Liebe die heilige Pforte zum Licht und zum ewigen Leben öffnen ließ. Und wie da einer sehend ward und lebendig im Glauben und in der Liebe, so können alle sehend und lebend werden im Glauben, welches ist der wahre Anteil an der Erlösung, damit dann das Bläschen der ewigen Liebe befruchtet werde von neuem durch die Strahlen der Gnadensonne und aufgehe in euch die alte Liebe des Vaters durch die Werke des Sohnes in aller Kraft und Macht des allerheiligsten Geistes aus beiden in der reinen Liebe eures wiedergeborenen Herzens.
HIM|3|400617|30|0|Was übrigens das Werk Meiner Erlösung bedeutet und ist, so sage Ich euch: Fürs Erste ist es das allergrößte Werk der ewigen Liebe, da hierdurch Ich der Allerhöchste in aller Fülle Meiner Liebe und in der unendlichen Fülle Meiner Gottheit selbst Mensch, ja euch allen sogar Bruder wurde, die ganze Masse der Sünden der Welt auf Meine Schultern nahm und die Erde reinigte vom alten Fluch der unantastbaren Heiligkeit Gottes. Fürs Zweite ist es die Unterjochung der Hölle unter die Kraft Meiner Liebe, die früher nur in der Macht der zornergrimmten Gottheit stand und somit entfernt war von allem Einfluss Meiner Liebe, welche aber ist die furchtbarste Waffe gegen die Hölle, da sie das allerblankste Gegenteil ist, wodurch dieselbe auch schon bei der liebevollen andächtigen Nennung Meines Namens in eine ganze Unendlichkeit zurückgetrieben wird. Und endlich fürs Dritte ist sie die Eröffnung der Pforte des Himmels und ewigen Lebens und der getreue Wegweiser dahin; denn sie versöhnt euch nicht nur wieder mit der Heiligkeit Gottes, sondern sie zeigt auch, wie ihr euch vor der Welt erniedrigen müsst, so ihr wollt erhöht werden von Gott. Sie zeigt euch ferner, alle Verspottung, Leiden und Kreuz aus Liebe zu Mir und euren Brüdern zu ertragen in aller Geduld, Sanftmut und Ergebung eures Willens, – ja sie belehrt euch, eure Feinde zu segnen mit der göttlichen Liebe in ihren Herzen.
HIM|3|400617|31|0|Da nun also die Welt nichts ist als blanke Außenform der Hölle und die durch die Erlösung wieder gesegnete Erde auf diese Art zum abermaligen Träger der Hölle würde, so hat sich die Welt über die Erde erhoben und wohnt in hohen Gebäuden im Glanz der Selbstsucht, des Selbsttruges, der Eigenliebe, Wollust, des Wohllebens, Reichtums, des Geizes, Wuchers und der allgemeinen eigennützigen Herrschsucht. Damit nun aber die Erde nicht schmählich wieder beschmutzt werden möchte, so ist sie geheiligt worden durch das Blut der ewigen Liebe. Und wenn auch irgendwo die Schlange sich ihres Unrats entledigt entweder durch Kriege oder durch Rechtshändel, oder durch Räubereien, oder Unzucht, Hurerei, Gottesleugnung und Ehebrecherei, naturmäßig und geistlich, – so wirkt dann sogleich die erlösende Sündflut der gekreuzigten Liebe durch Erweckung von Männern und Sehern Gottes, die dann wieder den Unrat der Schlange vertilgen von der Erde, nachdem sie denselben aufsuchen und in die Vorratskammern der Weltgroßen werfen. Dann ergötzt sich das Weltherz an solchem Schatz, – aber Meine Kinder müssen dann eine kleine Zeit Not leiden, da die Erde auf diese kurze Zeit unfruchtbar wird. So sie aber sich dann flüchten unter Mein Kreuz und hören Meine Stimme reden vom neuen Leben durch den Mund oder die Rede Meiner Seher und begießen das mager gewordene Erdreich fleißig mit dem Wasser aus dem Brunnen Jakobs, dann wird die Erde gleich wieder gesegnet und trägt Früchte von der schönsten Art, – und diese Früchte sind dann wieder der Anteil am großen Werk der Erlösung, vollbracht am Kreuz.
HIM|3|400617|32|0|Schließlich muss Ich euch, namentlich den Eltern, diesen Meinen väterlichen Rat noch hinzufügen, dass ihr eure Söhne ja nicht eher ehelichen lassen sollt – und wären sie dazu auch in allem weltlichen Erhaltungsvermögen, sei es im Amt oder Habe wohl versehen – bevor sie nicht wenigstens zur Hälfte wiedergeboren worden sind, damit dann ihre Weiber durch sie geheiligt werden möchten, um gesegnete Früchte zur Welt zu bringen, die da bald selbst leicht ein Segen des Himmels einer ganzen großen Generation werden, wodurch ihr dann auch ein großes Reich gleich dem des Abrahams in den Himmeln gründen und worüber ihr euch freuen werdet ewig mehr und mehr über die stets sich mehrenden Herrlichkeiten, hervorgehend aus eurem gesegneten Samen.
HIM|3|400617|33|0|Eure Töchter aber gebt Meinen Söhnen, die da sind gekommen aus Meiner Liebe zu euch und haben auf der Welt Mich wohl erkannt, und sich ziehen lassen von Meiner Liebe und leiten von Meiner Weisheit, da sie allezeit hören Meine Stimme und ihre Augen geheftet haben nach Meinem Herzen. Dadurch werdet ihr Mich zum segnenden Schwiegervater eurer Töchter machen. Und Ich sage euch, da ihr Mich dadurch gemacht habt zum nächsten Anverwandten, so könnt ihr euch wohl leicht von selbst denken, dass Ich Meine Mitschwieger dereinst nicht zugrunde gehen lassen werde; und so Ich sage, dass sie in Meinem Haus wohnen werden und an Meiner Haustafel allezeit speisen und gewiss große Freude haben sollen mit den überschönen Enkeln Meiner lieben Söhne und ihrer durch sie gesegneten Töchter, und sie an Meiner Vaterhand in alle Meine Reiche geführt und da schauen werden Meine großen Herrlichkeiten, – dann erst werden sie es fassen, was es heißen will, Mich zum Mitschwieger zu haben!!
HIM|3|400617|34|0|Nun seht, das ist eine vollständige Beantwortung. Sie ist zwar nicht gelehrt, aber was viel mehr ist, sie ist aus der ewigen Liebe und Weisheit eures heiligen, überguten Vaters in aller ewigen Weisheit treu gegeben gleich einem großen Lichtstrom, einer großen Sonne am hohen Morgen entströmend, der euch durch und durch leuchten wird, so ihr ihn erst nach und nach ganz aufgenommen haben werdet in euren noch ziemlich unerhellten Herzen, welches ihr umso deutlicher empfinden werdet, so ihr eure noch sehr schwachen Antworten dagegenhalten – und daraus gewiss klar ersehen werdet, wie viel euch noch mangelt, und wie tief ihr schon gedrungen seid.
HIM|3|400617|35|0|Endlich aber sage Ich euch noch, dass eure Antworten noch tiefer sind als eure Herzen; denn Ich habe sie, eurem besseren Teil angemessen, euch unbewusst in euer Herz gelegt. An Meiner Antwort werdet ihr erst das Wahrzeichen finden, so ihr dadurch in eurer Antwort einen tieferen Sinn entdeckt, als welchen seichteren ihr hineinzulegen gedachtet. Das aber wird euch ein sicheres Zeichen sein, wie tief Ich in euch und wie seicht ihr noch in Mich gedrungen seid.
HIM|3|400617|36|0|Darum kommt alle zu Mir, denn Ich will euch alle erquicken und vollmachen mit Meiner Gnade! Amen. Ich die ewige Liebe und Weisheit. Amen, Amen, Amen!
HIM|3|400623|1|1|Der Engel – 23. Juni 1840 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|3|400623|0|0|Vorwort, wozu am 23. Juni 1840 geschah des Herrn Wort zu Seinem Knecht Jakob Lorber in Graz, also:
HIM|3|400623|1|0|Hier will Ich euch ein erhabenes Nebenwort geben, damit ihr sehen sollt die Größe eines Fünkchens Meiner ewigen Liebe unendliche Stärke, Macht, und der Gottheit urewige Kraft und Herrlichkeit in Mir, und dadurch aber auch eure euch so heilsame Nichtigkeit in allem, was ihr seid, tut, macht, denkt, schreibt und dichtet aus euch. Zugleich aber sollt ihr auch daraus ersehen, was ihr werden könnt durch Mich.
HIM|3|400623|2|0|Doch, was Ich euch hier sagen werde, sollt ihr vernehmen in einem bescheidenen Lied nach des Himmels höchster Weise. Und werden da auch der Rede erhabenste Formen gestalten den Neubau einer Überweltgröße, so sollt ihr das nicht, wie bei menschlichen Liedern, für einen poetischen Schwung halten; denn bei Mir gibt es keinen solchen, sondern nur die allerreinste Wahrheit, und Mein Name ist schon für sich der allerhöchste Schwung alles Singens. Nun folge das Lied, und das Lied ist ein Engel, und der geht aus Mir, und bringt euch eine gute und übergroße Botschaft, wie da folget:
HIM|3|400623|3|0|1 / An aller Welten Sonnen fernstem großen Morgen stand / ein großer Engel, streckend seine nackte Riesenhand / in Meiner Weltenschöpfung endlos tiefer Tiefen Mitte, / und wollte eine Sonne da aus ihrem Leuchtgebiete / gleich einem Herzen kühn aus aller Welten Mitte reißen / und sie dann, gleich so einer Nuss, in seinem Mund zerbeißen.
HIM|3|400623|4|0|2 / Und dieses tät er bloß, um zu versuchen seine Kraft, / die er aus Meiner Liebe sich gar treu verschafft. / Doch dachte er bei sich nach wohlgeratner Engelssitte: / „Was soll ich das versuchen, da ja unter meinem Tritte / schon mehr als Millionen solcher Sonnentrümmer ruhn, / deshalb will ich besinnen mich und etwas Größres tun.
HIM|3|400623|5|0|3 / „Ich will daher mein Auge wenden hin zum großen Morgen / und da für meine Sehe hellsten Glanzes Strahlen borgen, / um zu erschauen dann aus aller Welten nicht'gem Staube, / bevor noch wird ein solches Stäubchen kurzer Zeit zum Raube, / ein Stäubchen, welches einst das Allerhöchste hat getragen, / Des Namen wir mit unsrer Zunge nicht zu sprechen wagen.
HIM|3|400623|6|0|4 / Denn will ich Großes sehen, um mich selbsten zu erbauen, / so kann ich ja in meiner großen Brüder Werkstatt schauen, / wo sie in aller Liebe eine Ruhestätte planen / für ausgedienter Weltenreste tote Riesenmanen, / wie auch der Alle fernbegrenzte große Hülsengloben, / in deren jeder Milliarden Sonnen sind geschoben.
HIM|3|400623|7|0|5 / Auch ist das Messen dieser Räume eine wahre Lust, / da dann vergrößert wird die kleine Welt in unsrer Brust. / Was sind sonst tausend solcher Alle meiner Augen Blicken, / da selbe Milliarden solcher Globen nicht entzücken? / Wohl aber sind die Räume zwischen dieser Hülsen Heeren / zu messen eine Lust in ihres Lichtes tiefen Meeren.
HIM|3|400623|8|0|6 / Denn wenn man so von einer Hülse hin zur andern misst, / und dann der großen Ferne wegen seiner selbst vergisst / und denkt: Wie klein doch so ein Räumchen gegen einen Funken, / der aus des Herren Auge ist als Weltenstoff gesunken, – / o dann möcht’ ich zum kleinsten aller Weltenstäublein werden, / ja selbst, wenn möglich gar – ein Menschenkind auf Erden!
HIM|3|400623|9|0|7 / Und so ich ferner denke über Gottes ew’ge Größe / und so vergleiche meine Engelwesens nicht’ge Blöße, / so steigt dann tief aus meines weiten Herzens Grunde / ein großer Lichtgedanke mir zu einer großen Wunde, / dass ich dem Herrn auch nicht im Kleinsten je werd’ gleichen, / so lang selbst Weltengloben meiner Größe müssen weichen.
HIM|3|400623|10|0|8 / O was ist aller Wesen Engelgröße, Macht und Stärke, / so sie nicht schauen kann des Herren kleinste Liebeswerke. / Was nützt’s mit starren Blicken messen die Unendlichkeit / und zählen aller Globen Heer’ in Ewigkeit, / wenn man sich dadurch Gott doch niemals nähern kann und wird, / und so das Größte aller Größen durch die Größ’ verliert.
HIM|3|400623|11|0|9 / O dann fall’ nieder ich auf meine Knie und rufe laut, / so dass vor meiner Stimme einer Welten-Unzahl graut: / O großer Gott! In Deiner Himmel unermessnen Höhen, / erhöre gnädig eines Engels, Deines Dieners Flehen! / Ich möcht’ gar gerne Deiner Liebe Wohnung sehen, / und seh’n da meine toten Brüder wieder auferstehen!
HIM|3|400623|12|0|10 / O nimm mir meine Größe, Herr! und mach mich möglichst klein, / damit ich da, wo Deine Kinder, kann bei ihnen sein, / und zeugen da von Deiner Allmacht großen Dingen, / und mit denselben froh dann Deiner heil’gen Liebe singen / und als ein Bruder führen sie nach Deinem heil’gen Willen / und leiten sie in unsrer Weise liebend stets im Stillen.
HIM|3|400623|13|0|11 / Und ist auch Deine Liebe stets den Kleinen zugewandt, / so denk – auch ich ging klein dereinst aus Deiner Schöpferhand / und wurde groß als Weltenlenker ja nach Deinem Willen / und führte, wie Du siehst, dieselben stets nach Deinen Zielen; / dass ich ein wenig groß gedacht hab jüngst von meiner Kraft, / dafür hast Du mich ja schon liebevoll bestraft!
HIM|3|400623|14|0|12 / Nun wende wieder Deine Heil-Barmherzigkeit zu mir / und mache mich zum Menschen auf der kleinen Erd’ dafür, / damit auch ich so klein, wie sie, Dich einst dürft’ ‚Vater‘ rufen / von den Dir wohlgefäll’gen allerd’ringsten Gnadenstufen! / O Herr! Erhöre Deines großen Dieners fromme Bitte / und mach’ mich klein und setze mich in Deiner Kleinsten Mitte!“
HIM|3|400623|15|0|13 / Und sieh, so hörte Ich des großen Engels Klageworte / erschallen laut, dass seiner Stimme Ton ins Herz Mir bohrte, / und ließ darauf durch eines sanften Donners fern’res Rollen, / so einem Echo ähnlich, seine Bitte wiederholen, / zum Zeichen, dass Ich seine Wünsche alle wohl vernommen, / und bin denselben, wie sich zeigen wird, zuvorgekommen.
HIM|3|400623|16|0|14 / Denn während er noch betend lag auf seinen breiten Knien, / hab’ Ich schon einem Weibe hier die hohe Gnad’ verliehen / und für ein Menschenkind in sie gelegt den Samen, / bevor zu Meines Engels Ohr gedrungen ist das Amen! / Und als das große Amen er vernommen in den Räumen, / so sah er auch die Erde schon zu seinen Füßen säumen.
HIM|3|400623|17|0|15 / Und sieh, da nahm die Erde er behutsam in die Hand / und drückte einen Kuss auf dieses Mir so teure Pfand. / Und als er dieses hat getan in liebendem Entzücken, / so lag die Erde auch schon ganz enthüllt vor seinen Blicken – / und sah er gleich ein Weib gar schön, die ihm entgegenkam, / und sah, wie sie als Mutter ihn sogleich ins Herz aufnahm.
HIM|3|400623|18|0|16 / Und als er nun im Herzen seiner Mutter sich bewegte, / da er die Engelsarme liebend aus demselben streckte, / da kam ein andres Weib, die Engelsmutter zu begrüßen, / und wie’s mit deren Frucht wohl stünd’, das wollte sie auch wissen. / Eh’ aber noch die Letzt’re öffnen konnt den Mund, / so sprach in Erst’rer schon der Engel laut und gab ihr kund,
HIM|3|400623|19|0|17 / indem im Herzen er auf diese Weise hat begonnen / zu reden klar: „O Mutter! Sieh die Mutter aller Sonnen, / sie trägt in ihrer Brust, was alle Himmel nicht umfassen. / Daher, o Mutter, sollst dich nicht von ihr begrüßen lassen! / Denn Der mich einst zum großen Weltenlenker hat gemacht, / hat eben freundlich mich aus ihrem Herzen angelacht.“
HIM|3|400623|20|0|18 / Und als die Mutter klar im Herzen solches hat vernommen, / ward sie von Füßen bis zum Haupte durch und durch beklommen. / Da merkte es die Mutter, Meines Leibes reinstes Wesen, / Und konnt ihr selbst nicht ein so großes Rätsel lösen. / Und sieh, da fing die Liebe Gott’s sich an in ihr zu regen / und sprach: „Johannes, schweige noch von Meiner Mutter Segen!
HIM|3|400623|21|0|19 / Es kommt gar bald die Zeit, in der vor Mir du werdest gehen, / um zu bereiten Meine Wege und ein Land zum Stehen. / Da wirst du viele taub’ und blinde Menschenkinder finden, / und denen erst sollst du von Meiner Ankunft laut verkünden, / dass Ich als Gotteslamm gekommen bin in ihren Plagen, / um aller Menschen Sünden schuldlos treu für sie zu tragen!
HIM|3|400623|22|0|20 / Und wie du groß warst auch in deiner Engels-Wirkungssphäre, / so war doch jene Größ’ ein Tröpfchen kaum zu der im Meere, / in welchem sich dein Herr, vor Dem die Weltenräume beben, / als Bruder dir zu sehen gibt im schwachen Menschenleben, / damit das Schwache möcht durch Meine Lieb’ gestärkt erstehn, / wenn auch die Welten alle einst durch Meine Macht vergehn!“
HIM|3|400623|23|0|21 / Und sieh, da fing vor Freuden an im Mutterleib zu hüpfen / Johannes, da er sah mit – – Nichts sich Meine Größe knüpfen. / Maria aber, Meines Leibes Mutter reinsten Herzens / bemerkte es gar bald, wie da Elisabeth voll Lebens / errötete, indem sie wohl gedachte ihres Altersstandes / und auch der Sitte alter Weiber des Gelobten Landes.
HIM|3|400623|24|0|22 / Da sprach Maria ganz gerührt in ihrer lichten Seele: / „Elisabeth, du schämst dich ja auf dieser heil’gen Stelle? / Bedenk, was uns geworden ist von Gottes höchsten Gnaden, / das soll sich nimmer rot in allzu großer Schame baden; / denn was in deinem Leibe hüpft von übergroßen Freuden, / ist groß vor meinem Leben – drum freue dich bescheiden!“
HIM|3|400623|25|0|23 / Elisabeth, sich wohl gemahnend vor Marias Höhe, / gedachte nun, wie es mit ihr und mit Marien stehe, / und fiel darob auf ihre Knie nieder vor der Reinen / und fing vor übergroßen Freuden liebend an zu weinen / und sprach: „O Mutter voll der Gnaden, sei hoch benedeiet / und deine Frucht, durch welche wird die Welt vom Fluch befreiet.
HIM|3|400623|26|0|24 / Denn was ich trage unter meinem Herzen, ist gar klein; / wie könnt es auch, und wär es weltengroß, noch etwas sein / von deiner Gnade, deren Größe alle Himmel nicht / umfassen mögen und ertragen ein so helles Licht, / das noch, wenn alle Sonnen schwinden, allen hell wird lichten, / die treuen Herzens sich nach seinen Wegen werden richten.
HIM|3|400623|27|0|25 / O Gott! Woher kommt mir wohl diese unbegrenzte Gnade, / dass die Mutter meines Herrn mich über steile Pfade / besucht, nicht scheuend hoher Berge Zinnen, noch die Ferne!? / Es leuchten wohl ganz unbegreiflich hell die lieben Sterne / am hohen Himmel dort, und auch dem Laub der fetten Palmen / entsäuselt, ganz verständlich mir, ein Lob in hohen Psalmen!
HIM|3|400623|28|0|26 / O Mutter! Nun begreif ich erst in meinem Herzen klar, / die ganze große Erde bringet dir ein Opfer dar, / was recht und billig ist, da niemand es begreifen wird, / wie uns, dem armen Volke, die wir schwach und ganz verwirrt, / in unsrer Nacht der Sünden konnt ein solches Wunder werden: / Der Herr, Gott Abrahams, nimmt an die menschlichen Beschwerden!“
HIM|3|400623|29|0|27 / Und sieh, da trat Maria hin zur Mutter des Johannes / und sprach: „Elisabeth! Am wüsten Ufer des Jordanes / wird das, was du im Herzen trägst, zur Stimme eines Rufers / und wird da ebnen Steige längs des Flusses stein’gen Ufers, / er wird, wie da geschrieben steht, der Engel sein des Herrn / und wird zur Wassertauf’ die Buße streng vom Volk begehrn.
HIM|3|400623|30|0|28 / Und so glaub mir, wird anfangs nur durch ihn bestimmt / erkannt das Lamm, das aller Welt hinweg die Sünden nimmt. / Und da wird auch geschehen, dass der Herr von ihm auf Erden / im Wasser unter offnem Himmel wird getaufet werden. / Auch werden er und viele, die da horchten seinen Lehren, / ein großes Zeugnis von dem Lamme aus den Himmeln hören.
HIM|3|400623|31|0|29 / Und werden sehen da den Geist vom Himmel niedereilen / und selben leuchtend überm Haupte unsres Herrn verweilen, / und sehen Gott sich mit dem Menschen völligst einen, / damit befreiet wird die Welt von allen Sünden-Peinen! / Befreit auch, der mühselig und beladen ist geworden, / vom Tod und aus der Hölle und von deren Horden.
HIM|3|400623|32|0|30 / Und nun, Elisabeth, vernehme heiter noch zum Schluss / aus meinem Herzen einen dir noch unbekannten Gruß: / ‚Johannes, Mein getreuer Engel aus des Lichtes Sphären! / Wie einst die Sonnen du nach Meiner Ordnung musstest kehren, / so sollst du bald die Herzen Meiner Kinder Mir bereiten / und mutig wie ein Löwe gegen alle Höllen streiten.
HIM|3|400623|33|0|31 / Denn sieh, von allen, die geboren waren und noch werden, / war keiner größer je, wie du, von Mir gesandt auf Erden; / denn alle Väter und Propheten in dem heil’gen Lande / hab Ich erwecket aus der kleinen Engel Liebesstande. / Du aber bist gekommen in das kleine Israel – / ein Fürst der Engel, leuchtend mit dem Namen Michael!
HIM|3|400623|34|0|32 / Doch sieh, und wer auch klein wird heißen einst in Meinem Reiche, / wird größer sein wie du als Fürst ohn allem Maßvergleiche. / Und willst du groß auch werden, wie die kleinsten Kinder hier, / so musst auch du wie sie geboren werden neu aus Mir; / denn sieh, von nun wird jeder Engel müssen hier auf Erden / gleich Mir dem Schöpfer wohl ertragen menschliche Beschwerden.
HIM|3|400623|35|0|33 / Und wer sich scheuen wird, zu wandeln Meiner Liebe Wege, / und nicht betreten so der Kinder harte schmale Stege, / der wird, wie du dereinst, nur tote Weltenbahnen schlichten; / doch einer neuen Schöpfung Lebensfülle Anker lichten, / o sieh, wird nimmer einem urgeschaffnen Engelsgeiste / gegeben, als nur dem, der an dem Kindertische speiste,
HIM|3|400623|36|0|34 / den Ich auf dieser Welt den Kindern reichlich geben werde. / Mein reicher Tisch wird sein, o höret’s ohne Angstgebärde, / ein schweres Kreuz auf dieser Erde, da ein Makelfreier / den Menschen lichten wird der Höllenmächte Sündenschleier / und waschen wird die Erde von dem Kot der Satansbrut / mit seinem unter bittrem Leiden still vergossnen Blut.
HIM|3|400623|37|0|35 / Durch dieses werden Menschenkinder vollends neu geboren – / und Engel nur, wenn sie Mein Kreuz sich haben frei erkoren / und sind aus ihrem alten Himmel auf die Erd’ gestiegen, / um da für sich, wie Ich für all’, die Hölle zu besiegen. / Dadurch erst werden sie dann Mir und Meinen Kindern gleich, / zu nehmen gleich denselben das von Mir bereit’te Reich.‘
HIM|3|400623|38|0|36 / Und nun spricht ‚Amen‘ Gott in meines Herzens Lebensfülle, / und jedes Wort, das nun geflossen ist in aller Stille, / sei dir ein großes Siegel der Verschwiegenheit und Treue / von dem, was dir gesagt nun ward aus meines Herzens Freie. / Denn sieh, durch mich gab dir der Herr zu merken Seinen Willen, / so auch behalte ihn und handle, ihm getreu, im Stillen.“
HIM|3|400623|39|0|37 / Und sieh, nachdem Maria dieser gab den Schluss, / da bot Elisabethen sie die Hand zum Abschiedsgruß / und ließ die Hochbetagte so in stiller Andacht ruhn, / und eilte schnell nach Haus, um wieder Gutes da zu tun. / Und als des halben Weges sie gegangen war am Morgen, / da fing sich Josef an daheim für sie gar stark zu sorgen.
HIM|3|400623|40|0|38 / Er ließ die Arbeit stehn und sattelte die Eselin, / um seinem Weibe, seines Herzens reiner Königin, / entgegen eil’gen Laufes über Ebnen, Berg und Graben, / auf Mich vertrauend, wohl bepackt mit Früchten, froh zu traben. / Doch eh’ Mein lieber Josef sich erfertigt hat zur Reise, / da hielt Maria ihn gefangen schon in ihrem Kreise,
HIM|3|400623|41|0|39 / den sie geschlungen hat mit ihren sanften Armen / um ihn, der sich gesorgt für sie, mit ihrer Lieb’ zu warmen. / Und Josef, als er dies gewahrte, fing drauf an zu weinen, / denn er war freudetrunken ja nun wieder bei der Seinen, / die er erst jüngst aus Furcht verlassen wollt’ in reiner Liebe, / da er nicht konnt begreifen Meines Segens frühe Triebe!
HIM|3|400623|42|0|40 / Dieselbe drückt nun Josef treu an seine weite Brust, / ganz eingedenk der hohen Gnad’ in ihr – und wohl bewusst, / was ihm erst kurz vorher ein Engel hat getreu verkündet, / indem er sagte: „Josef, fürchte nicht, die dir verbündet / ganz rein von oben ward; denn was in ihr lebendig ist, / von Gott gezeugt, sollst Jesus heißen du, das ist der Christ.
HIM|3|400623|43|0|41 / Darum ward auch der reine Josef sehr ergriffen, / als er nun sah Mariam voll von höchsten Gnaden triefen / und sah die hohe Reise-Müde liebend ihn umfangen, / und hörte, wie die Engel hohe Psalmen um sie sangen; / in seiner Liebe engem Kreise sah er sich verschlungen, / von aller Engel weiten Reih’n als Glücklichster besungen.
HIM|3|400623|44|0|42 / Da fiel aus großer Liebe nieder er vor Meiner Gnade / und pries so seinen Gott in dieser neuen Bundeslade / und sprach: „O Herr, nimm gnädig auf die Arbeit meiner Hände / und gib mir altem Manne Kraft als eine Gnadenspende, / damit ich Dir und Deiner Mutter schaffen könne treu / ein nahrhaft Brot in aller Liebe, ganz von Schulden frei!“
HIM|3|400623|45|0|43 / Und was er sich von Meiner Gnade treulich hat erbeten, / ward ihm gewährt in allen Orten, die er musst betreten. / Nun seht, Ich gab euch hier in dieses Liedes rechten Zeilen / gar deutlich zu verstehen, wo ihr gerne sollt verweilen, / so werd't auch ihr erfahren Meiner Engel weises Trachten / und werd't wie sie gar bald die Weltengröß’ um euch verachten.
HIM|3|400623|46|0|44 / Was würde euch wohl nützen selbst ein noch viel größres Wesen / als des euch schon bekannten Engels. Könnt es euch erlösen? / Und könnt es euch wohl aus des Todes harten Banden reißen? / Denn seht die großen Welten dort in ihren Bahnen gleißen / und sagt, wozu die toten Massen einem Geiste wären? / Ich sag: zu nichts, als nur den Tod im weiten Kreis zu mehren!
HIM|3|400623|47|0|45 / Und machet eure Augen auf und horchet mit dem Herzen, / da ihr schon wisst, dass selbst in Liedern Ich nie pfleg zu scherzen, / so will Ich euch noch hier ein übergroß’s Geheimnis lichten / und so in euch des Irrtums Allergrößtes rein vernichten, / euch zeigen Meiner Wunder größtes klar in reinen Zügen, / damit ihr sehet, wie die Großen sich gar sehr betrügen.
HIM|3|400623|48|0|46 / Nun seht, vor der Erlösung war die Hölle bis zur Liebe / des großen Gottes vorgedrungen gleich dem tücken Diebe, / der so bei sich gar heimlich dacht: Könnt ich ins Haus nur schleichen, / ich würd’ mein Ziel ohn große Müh’ gar sicherlich erreichen! / Ist nur die Liebe mit der List von ihrem Sitz vertrieben, / das andre wird sich fügen dann nach unserem Belieben.
HIM|3|400623|49|0|47 / Die Liebe aber merkte solcher Räuber tück’sches Sinnen / und wusste weise ihrer List aus Liebe zu entrinnen. / Die Erd’, vom Satan meist verhasster Platz, ward auserkoren / von Mir, um auf derselben alles, was da ward verloren, / durch Meine Kleindarniederkunft getreulich wiederz’finden / und so in Meiner Liebe da ein neues Reich zu gründen.
HIM|3|400623|50|0|48 / Und da der Satan gar gewaltig sich geirret hat, / da ward’s ihm bange, da er nicht vollführen konnt die Tat. / Und sieh, da suchte er Mich auf in aller Schöpfung Räumen / und fand als Menschen Mich allhier bei Meinen Kindern säumen. / Da dachte er Mich Schwachen durch Versuchungen zu locken; / doch nur ein Blick von Mir hat seine Macht gebracht ins Stocken!
HIM|3|400623|51|0|49 / Denn seht, vor Meiner Werdung durch’s Barmwort zum Fleische, / ihr könnt es glauben, denn Ich red’ zu euch ohn alle Täusche, / war Mein und aller Geister Wohnung über allen Sternen / erhaben, ja für euch in unbegreiflichst großen Fernen, / und ward dadurch die ganze Welt, um euch es zu erschließen, / gleich einem Schemel unter Meiner Gottheit heil’gen Füßen.
HIM|3|400623|52|0|50 / So ging denn auch von Meiner allerhöchsten heil’gen Höhe / durch aller Geister Heere in die Welten Meine Sehe, / so auch Mein Wort ward stets getragen nur von einem Engel, / um irgendeiner Welt dadurch zu zeigen ihre Mängel / und auch zu offenbaren irgendeinem frommen Manne / der ewigen Liebe da noch sehr geheim gehaltne Plane.
HIM|3|400623|53|0|51 / Nun sehet und begreifet wohl des Satans Zornestücken! / In seinem Zorngrimm hat er Mich woll’n ganz erdrücken, / und schlüg’s ihm fehl, so würd’ er Mich von einer Ewigkeit / zur anderen verfolgen bis in die Unendlichkeit. / Dadurch hätt’ er zum Herrscher aller Welten sich bestimmt / und so auch alles, was da lebt, nach seinem Fluch bestimmt.
HIM|3|400623|54|0|52 / Und so er das erreichet blind in seinem Wahne hätte / und hätt’ verdrängt der Gottheit Lieb’ aus ihrer heil’gen Stätte, / so hätt’, bedenkt es wohl, die Gottheit sich ergrimmt entzündet / und all’s vernichtend dann sich neu mit ihrer Lieb’ verbündet; / sodann wär ewig nie mehr irgendwas erschaffen worden / und all’s Vernicht’te blieb erstarrt in Gottes ew’gem Norden!
HIM|3|400623|55|0|53 / Allein als solches schon die Gottheit hatt’ bei sich beschlossen, / da dauerte der Liebe, dass sie ganz in Leid zerflossen, / und sieh, da merkte es die Gottheit stark in ihrer Mitte / und sprach zu Mir: Wozu das Leiden, und wozu die Bitte? / Soll Meine Heiligkeit noch länger allen Teufeln dienen? / Daher will morgen Ich an dem Zerstörungswerk beginnen!
HIM|3|400623|56|0|54 / Und sieh, da sprach die Liebe in den Zeiten, die ihr kennet, / da Abrahams, des Frommen, euch von Moses wird erwähnet: / „O Vater, hab Erbarmen mit den Kindern Deiner Liebe, / und lass besiegen Ihn durch Demut alle bösen Triebe, / und gründen Dir, o Vater, eine neue heil’ge Stätte / und so zerstören aller Teufel böser Rotten Kette!
HIM|3|400623|57|0|55 / Denn sieh, o Vater, tief in Meines Herzens inn’rem Grunde, / es sei den Völkern auf der Erde heute noch zur Kunde, / will Ich, o Vater, eine heil’ge Stätte Dir bereiten, / will Selbst geg’n alle Macht des stolzen Höllenfürsten streiten, / will alle unsre Feind’ besiegt zu Füßen legen, / und keine Macht soll je die Heiligkeit in Dir anregen.
HIM|3|400623|58|0|56 / Ich Selbst will nun hinab zur Erde schmalsten Weges gehen / und da aus eines Weibes Leibe als ein Mensch erstehen; / und will als solcher wohl in aller Demut engsten Bahnen / geduldig unsre Kinder treu an Deinen Namen mahnen / und in Meinem Blute diese sündbefleckte Erde sechten / und waschen sie – und sichten dann das Gute von dem Schlechten.
HIM|3|400623|59|0|57 / Und wenn dann so gereinigt von dem Satansfluche / die Erd’, und aufgezeichnet wird in einem heil’gen Buche / von menschgewordnen Engeln Deiner Gnade heilig Wort, / so werd Ich alles, was verloren war, an Stell’ und Ort / versammeln unter einem Dach die Schafe Meiner Herde / und sorgen, dass dann nur ein Hirt und eine Herde werde.
HIM|3|400623|60|0|58 / Und dann, o Vater, will Ich einen neuen Himmel gründen / und eine neue Erde makellos und frei von Sünden / aus Meines Herzens liebevollster, heilerfüllter Tiefe. / Dann soll das Böse fort unendlich fallen in die Riffe / des endlos großen Raumes, der erfüllt von Deinem Grimme / in Ewigkeit wird bleiben; – hör, o Vater, Meine Stimme!“
HIM|3|400623|61|0|59 / Und sieh, da sprach der Vater stark aus allen Schöpfungsräumen: / „Und willst Du, Mein geliebtes Wort, zum reinsten Menschen keimen, / so musst dazu nach Meinem Will’n Dich recht und bald entschließen, / willst Du nicht sehen morgen schon die Welt in Nichts zerfließen. / Denn Ich bin müd’ geworden von der Würmer tollen Sünden, / drum sollst Du heute noch der Erde Deine Ankunft künden!
HIM|3|400623|62|0|60 / So sende denn dahin der Engelsgeister Legionen, / ja sende sie in aller Welten finstre Regionen / und lasse fegen da die Erd’ von allem Kot der Schlange, / und wasche sie durch Pest und Krieg vom sündigen Anhange, / damit in Dir des Vaters Heiligkeit erkennet werde / von einer anfangs kleinen, doch getreuen Lämmerherde!
HIM|3|400623|63|0|61 / Und so dann, was als Liebe Du in Mir nun hast gesprochen, / vollbracht wird sein – und alle Macht der bösen Nacht gebrochen, / dann will Ich kommen und die Wohnung Mir bereitet schauen. / Und wird sie sein erbaut in Meiner Heiligkeit Vertrauen, / dann will Ich ja in aller Fülle Meiner Heiligkeit / die Wohnung nehmen da – ein Gott in alle Ewigkeit!
HIM|3|400623|64|0|62 / Die Hoffart und die Lüge aber sollen ewig fallen / endlosem Raum entlang tief unter allen Welten-Allen, / wo nichts als Meines Grimmes ew’ge Zornesfluten wallen / und statt der Liebe Meines Fluches ew’ge Donner hallen. / Dahin soll fallen allen Reichtums nicht’ger Schlangensamen; / das muss geschehen, Mir dem Gott, der heilig, heilig. Amen!“
HIM|3|400623|65|0|63 / Und sieh, wie da beschlossen, ward auch völligst ausgeführt, / was Ich schon oben treu in aller Kürze hab berührt. / Nun seht, der Engel dieses Liedes ist zu euch gekommen / und hat euch, wie dereinst, die Sünd’ durch eure Buß’ benommen / und zeiget euch das Lamm der Welt sich euren Herzen nahen; / so hebt empor das Herz, und seht, was einst die Völker sahen!
HIM|3|400623|66|0|64 / Und seht, was die Apostel, eure Brüder, wollten sehen / und doch nicht sahen, ihre toten Brüder auferstehen, / die heil’ge Stadt herniedersteigen, Meine Sonne strahlen, / und höret Worte voll des Lebens überall erschallen; / bereitet eure Herzen, freuet euch, die ihr beklommen / noch seid in Sünden, seht, Ich bin zu euch herabgekommen!
HIM|3|400623|67|0|65 / Ja Ich, hört Völker, Ich der Vater in dem Menschensohne! / Ich komm’ zu euch und all Mein Reich mit Mir für euch zum Lohne; / denn ausgeronnen ist die Zeit, gebrochen ist die Macht, / Ich hab in Meinem Herzen Meines Bundes wohl bedacht. / So freut euch, die ihr nach Mir habt sehnsuchtsvoll verlanget, / seht auf, wie hoch schon dort am Morgen Meine Sonne pranget!
HIM|3|400623|68|0|66 / Der Vater – denkt! – der Vater hat das Lied an euch gerichtet, / hat je ein solches, denket, suchet, auch ein Mensch gedichtet? / Versucht – und prüfet euch, wie weit wohl euer Wissen reichet / und eurer Hände Werk, versucht, ob’s wohl dem Meinen gleichet? / Und so in diesem Lied’ ihr wohl vernehmen werd’t ein heil’ges Wehen, / da denket, dass vor eurer Türe große Dinge stehen!
HIM|3|400623|69|0|67 / O lasst den Engel ja nicht unverrichtet von euch scheiden / und hört sein Rufen, wie zur Buße er euch mahnt bescheiden, / und hört ihr Tauben, seht ihr Blinden Meinen großen Engel, / Johannes das Gewissen ist, euch zeigend eure Mängel. / Wer treu befolgen wird die Stimme seines inn’ren Rufers / in seines kahlen Lebensstromes starrer Sünden Ufers, –
HIM|3|400623|70|0|68 / verruchte Wüstensteppen werden Rosen gleich erblühen, / und statt der Wassertaufe wird die Taufe Meiner Mühen / sogleich erleuchten seines Irrsals höllenfinstre Pfade; / und dann wird gleich erschauen er nach seiner Liebe Grade / die große Wirkung überströmend dann aus Meiner Gnade, / aus der geöffneten des neuen Bundes heil’ger Lade!
HIM|3|400623|71|0|69 / Die Lade war versiegelt bis zur heut’gen Lebensstunde; / es half vorhin kein Rechnen auf der ganzen Weltenrunde, / um zu erschließen, was Ich Mir bis jetzt hab vorbehalten. / Und nun seht, wie die Wunder alle sich vor euch entfalten, / wie dieses alles nun geschieht durch Meiner Liebe Walten; / o Kinder, seht durch Mich in euch nun alles neu gestalten!
HIM|3|400623|72|0|70 / Und sagt und sprecht, woher so große Dinge mögen kommen? / Und habt doch einmal so ihr Meine Liebe wahrgenommen, / so auch begriffen Meines heil’gen Geistes sanftes Wehen / und habt gesehen Meine Bäume voll im Safte stehen, / dann Kinder, kniet nieder, freuet euch und singet alle, / und auch ihr Völker in den Sternen, Meiner Gottheit Halle:
HIM|3|400623|73|0|71 / O großer, ew’ger, heil’ger Vater! Ehre, Preis und Ruhm / komm’ Dir von uns entgegen rein aus Deinem Heiligtum; / in uns’rem Herzen hat es Dir gefallen einzunehmen / für Dich, o großer Gott, die kleine Wohnung Deiner Liebe. / So segne denn dies kleine Land und dessen heil’ge Triebe, / und lass den Segen, so wie uns, auch alle wohl vernehmen.
HIM|3|400623|74|0|72 / O mög’ es Dir, Du bester Vater, wohlgefallen hier, / damit Du bleiben möchtest da in uns denn für und für. / Wie gut bist Du, o Vater, wer könnt Deine Lieb’ ermessen! / Du kommst, uns arme Sünder, statt ganz wohlverdient zu strafen, / nur zu erquicken und in uns die Herzen umzuschaffen! / Daher werd nie von uns Dein heil’ger Name je vergessen!
HIM|3|400623|75|0|73 / O Vater! Heil’ger Vater, höre unser kindlich Flehen, / Du lieber Vater Du, lass auch die Toten auferstehen! / Du weißt ja, lieber Vater, wer am Tod der Brüder schuldet! / Daher lass, bester Vater, wie bei uns Du ließ’st geschehen, / auch dort, o liebevollster Vater! Gnad’ für Recht ergehen! / Denn Du hast ja für sie so gut wie für uns all’ geduldet.“ Amen.
HIM|3|400623|0|0|Nachwort
HIM|3|400623|76|0|Da habt ihr nun den Engel, wie er leibt und lebt in euch und außer euch, in Mir und außer Mir. Hört allezeit seine Stimme in euch; denn zuvor Ich komme, kommt allezeit Mein Johannes mit der Zuchtrute in der Hand und einer sehr scharfen Stimme in der Brust, – wie die Stimme des großen Predigers in der Wüste. Aber habt ihr euch bekehrt durch eine wahre und ernste Buße, dann erst folgt das große Abendmahl vor dem großen Tag der Erlösung, und endlich die Auferstehung von dem Tode. Amen, das sagt euer liebevollster heiliger Vater! Amen, Amen, Amen!
HIM|3|400713|1|1|Zum Gedicht „Der Engel“ – 13. Juli 1840
HIM|3|400713|0|0|Dieses Wort des Herrn ist im Hauptwerk Die Haushaltung Gottes (Band 1, Kap. 34, Vers 37) enthalten. Das auf den „Engel“ bezügliche Wort erfolgte vier Tage früher als das an Carl Ritter von Leitner gerichtete Nebenwort vom 17. Juli 1840 (Himmelsgaben, Nummer 1.400717C).
HIM|3|400713|1|0|Bevor Ich euch noch in dieser Meiner Haushaltung weiterführen werde, will Ich euch kurz etwas bezüglich Meines Engels sagen, – namentlich aber denjenigen, welche fast in jeder Zeile einen sogenannten Grammatikalanstand genommen haben der Welt wegen. Da ihr Herz dabei nicht schalkhaft ist, so sollen sie, wo Mein schwacher Geheimschreiber Meines neuen Wortes irgendein N-Strichel zu viel oder zu wenig gemacht hat zufolge einer in ihm schon alten, unaufmerksamen Gewohnheit, es nach ihrer Einsicht ergänzen, so auch das Unorthographische und die I-Tüpfel; aber wer es da wagen würde, auch nur ein Wort zu versetzen oder einen besseren Reim zu suchen oder irgendeinen abgängigen Fuß unnotwendig zu suchen, den werde Ich mit ärgerlichen Augen ansehen. Sucht nicht das Wort im Sinne, sondern den Sinn im Worte, wollt ihr zur Wahrheit gelangen; denn im Geiste ist die Wahrheit, aber nicht in der Wahrheit der Geist, was unmöglich sein könnte, da der Geist frei ist und jeder Regel voranging, Wahrheit aus sich schöpfen lassend. Da ihr das schon sogar von euren Genies sagt, warum seht ihr hernach Meinen Geist mit gar kritischen Augen an, als wenn euch ein Schulknabe irgendein schlechtes Pensum gegeben hätte zur Korrektion?! Daher, so jemand glaubt, Ich tauge mit dem Kleide nicht in die Welt, der behalte Mich daheim; es wird aber jedem verdienstlicher sein, Meiner Schrift eine aus ihr entnommene Regel hinzuzufügen als eine Weltkritik, – denn viel seliger ist Geben als Nehmen! Dieses versteht wohl! Amen.
HIM|3|400721|1|1|Ein kleines Notabene – 21. Juli 1840 um die Mittagszeit.
HIM|3|400721|0|0|Hier zur rechtfertigenden Korrektion ein kleines Notabene.
HIM|3|400721|1|0|So Ich euch dumm nenne, so heißt das in der Entsprechung soviel als: Ihr habt das Vollmaß Meiner Liebe – und seid blind im Lichtmeer Meiner großen Gnade, gleich einer Nachteule oder auch gleich einem Arrestanten, der nach 30 Jahren aus des Kerkers dickster Nacht ans helle Tageslicht gekommen ist; welcher Zustand ‚die Dummheit‘ heißt, so wie derjenige ‚dumm‘ ist, der sich in einem solchen Zustand befindet. Und Ich sage: Wohl euch, da ihr würdig seid, von Mir dumm genannt zu werden; denn wahrlich sage Ich euch, wer nicht zuvor dumm wird in Meiner lichten großen Gnade, der wird nimmer schauen Meine heilige Stadt! Er müsste denn zuvor dumm werden in aller Liebe und Demut. Amen.
HIM|3|400721|2|0|Eine gleiche Bewandtnis hat es mit dem Unsinn, welches besagt: So jemand seine weltlichen Sinne mehr und mehr abgezogen hat von der Welt und die geistigen Sinne noch nicht völlig erschlossen sind, dann befindet sich der Mensch im Zustand des Unsinns, was die Welt dann eine ‚Narrheit‘ nennt. Doch Ich aber sage: Freut euch, wenn euch euer großer heiliger Vater Unsinnige nennt, denn dann wisst, dass Mein Reich sehr nahe zu euch gekommen ist! Denn wahrlich sage Ich euch: Bevor jemand nicht unsinnig geworden ist in Meiner Barmliebe, wird er in Mein Reich nicht eingehen zum Leben.
HIM|3|400721|3|0|Daher seid froh und über die Maßen fröhlich, so Ich euch dumm und unsinnig nenne, und hebt eure Häupter empor und seht Meinen Geist schweben ob denselben! O überglücklich seid ihr, die Ich so benenne; denn das ist der große Segen eures Vaters, in dem ihr alle das ewige Leben finden werdet.
HIM|3|400721|4|0|Aber traurig sei der, von dem Ich wegbleiben werde mit dieser Meiner großen Gnadenbenennung; denn da hat er auch sein Kinderrecht bei Mir verloren und wird dereinst ein strenges Gericht vor dem Angesichte Gottes zu bestehen haben! Doch Meine Kinder werden nur das selige Gericht Meines liebevollsten Vaterherzens schmecken, Amen.
HIM|3|400721|5|0|Wohlverstanden – das sage Ich euer liebevollster, heiliger Vater. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|400726|1|1|Der Fels am Schloßberg – 26. Juli 1840 [Kleinere Naturgeheimnisse 1906]
HIM|3|400726|0|0|Der hier redende Fels befindet sich am Schloßberg zu Graz rechts vom gotischen Wohngebäude in dem vormals Dr. Höltn’schen [Gödl’schen?] Garten; man gelangt zu ihm durch ein Hinterpförtchen in der Nähe eines kegelförmigen Türmchens. Man überblickt von diesem Felsen aus die westliche Gegend von Graz.
HIM|3|400726|1|0|Nach der Rechnung der menschlichen Zahl war die Erde sieben Millionen Jahre vor der Schöpfung des Menschen gegründet und kreiste wirr in dem Raum um die mattschimmernde Sonne. Sie war ein Wasserball, in dessen Mitte sich nach und nach, nach dem Willen des Schöpfers, eine feste Masse zu bilden anfing. Und diese feste Masse vermehrte sich durch die ihr innewohnende Anziehung mehr und mehr, so zwar, dass nach und nach schroffe, ungeteilte kristallartige Spitzen über die Oberfläche des Wassers zu ragen anfingen. Dadurch wurde die Erde immer schwerer und schwerer vermöge des Nahrungsstoffes, den sie aus der Barmliebe Gottes zog (doch worin diese Kost bestand, das ist noch nicht an der Zeit euch kundzugeben).
HIM|3|400726|2|0|Und als nun die Erde auf vielen Seiten anfing, in ihrem Festen über die Fläche der Wasser zu ragen, dann fingen Winde an zu wehen über dieselbe und fingen die Wogen an zu spülen über die harten Spitzen, lösten dadurch Teile und Teile ab und setzten dieselben als weiche Teile in die Klüfte der großen Kristalle ab. So erst ward die Erde nach und nach fähig zur Aufnahme der Vegetation der Kräuter, Gräser, Gesträuche und Bäume, und zwar zuerst derjenigen unter dem Wasser und dann erst der auf der Feste der Erde; welcher Alleinzustand des Pflanzenwachstums über 70.000 Jahre gedauert hatte. Dann erst begann die Schöpfung der untersten Tierklassen und sodann immer von 2.000 zu 2.000 Jahren eine Stufe höher, bis endlich die große Zeit zur Schöpfung des Menschen herankam, welche vielmehr eine Entbindung desselben aus der Materie war.
HIM|3|400726|3|0|Jedoch nach Verlauf von einigen Jahren wurde der Mensch Gottes Geboten ungehorsam, wodurch in dem Grimm der Gottheit die ganze sichtbare Schöpfung beinahe ganz im Feuer und Sturm Gottes zertrümmert wurde, so dass vom Mittelpunkt der Erde bis zur Oberfläche derselben nicht ein Stein beisammenblieb, sondern zerbröckelt wurde in kleine und kleine Stücke. Und selbst diese Stücke würden vernichtet worden sein, wenn sie nicht von der Liebe zusammengehalten worden wären.
HIM|3|400726|4|0|Da dann die erbarmende Liebe mit der Gottheit wieder eins wurde durch eine vermittelnde Darstellung aus ihrem innersten Grund, so gefiel es der Gottheit, die Schöpfung wieder neu zu ordnen; jedoch behielt diese von jener Zerstörung deutlich leserliche Spuren und Merkmale an sich, wie auch „ich Fels“ mich hier in eurem Angesicht noch zeige. Jedoch 1.800 und eben auch 40 Jahre nach der Schöpfung (des Menschen), gleich der Zahl nach der Menschwerdung des großen Gottes bis zu eurer jetzigen Zeit, seht, da war dieses Land oder vielmehr der ganze Erdteil, den ihr Europa nennt, noch größtenteils unter den stürmenden Fluten des Meeres begraben; jedoch Gottes Liebe sah das Zukünftige in großer Klarheit vor sich und wusste wohl, dass von dieser Zeit an nach einer ebenso langen Zeit die Menschen sich sehr und sehr vermehren werden. Da entzündete sie meilentief unter der Erde mit dem Feuer ihrer Liebe die Erde hie und da, in größeren und kleineren Teilen derselben, und das Feuer brannte gewaltig und hob die festen Schichten, sie auseinanderreißend, in die Höhe. Und da das Feuer durch die innewohnende Kraft Gottes sich immer größere und größere Räume machte unter den Schichten der Erdrinde, so arbeitete sich dasselbe an vielen Stellen furchtbar gewaltig bis zur Oberfläche herauf und schleuderte da Massen auf Massen über den Spiegel der Fluten und zwar nach allen möglichen Richtungen. (Wohlgemerkt, dies geschah um die besagte Zeit, nämlich etwa 1.840 Jahre nach der Schöpfung des Menschen.)
HIM|3|400726|5|0|Und seht, wie ihr die Richtungen der Berge auf diesem Festland jetzt seht, so könnt ihr euch die verschiedenen Strömungen des unterirdischen Feuers denken; denn da zog die große Liebe des Herrn kreuz und quer in den Tiefen der Erde und bereitete für die zukünftigen Menschen eine fruchtbare Wohnstätte. Jedoch nicht gleich zur selben Zeit wie alle diese großen Erhöhungen, die ihr jetzt hier allenthalben hoch über die Ebenen emporragen seht, habe ich Fels meinen Ursprung genommen, sondern um beinahe 1.000 Jahre später, da die Überfülle der Wässer sich nach und nach in die größten Tiefen der Erde verlor und an diesem Punkt, da ihr mich emporragen seht, die Ebene nur noch mit dem Wasser überdeckt war.
HIM|3|400726|6|0|Da befand sich 2.000 Klafter tief unter der Erde noch ein festes Gestein, und es senkte sich die Liebe des Herrn auch in die Mitte desselben. Es war zwar nur ein kleiner Funke dieses göttlichen Kraftfeuers, aber er war stark genug, um diese Massen, wie ich bin vor eurem Angesicht, aus der Tiefe emporzuheben und sie in der gegenwärtigen Höhe über die Fluten ragen zu machen. Jedoch nicht auf einmal entstand ich, wie ich jetzt bin, sondern nach wiederholten solchen göttlichen Kraftausbrüchen. Freilich in kleinerem Maßstabe bin ich entstanden und zu stehen gekommen an der Stelle, da ihr mich seht, wie auch dieser ganze Berg, von dem ich ein kleiner Teil bin, welchen Berg die Menschen jedoch vor nicht langer Zeit um einige Klafter niederer gemacht haben. Denn an der obersten Stelle ragten fast in einem Kreis sehr hohe und steile Felsen kronenartig empor, welche später durch die Menschen zerstört wurden, um eine mehr ebene Oberfläche auf diesem Berg zu gründen. Selbst ich, ein unterer Teil des Berges, zwar noch von Urzeit hier stehend, habe so manches an meiner früheren Form sowohl durch die Zeit wie durch die Hände der Menschen erlitten; denn vor mehreren 1.000 Jahren spülten die Wogen des Meeres noch an meiner Stirn, ja es hauste sogar manches Ungetüm des Meeres in meinem Schoß.
HIM|3|400726|7|0|Allein nach dem Willen des Schöpfers geschah in den Tiefen der mittäglichen Gegend der Erde eine große Erhöhung des Festlandes auf dieselbe Art durch das Feuer der göttlichen Liebe aus der Tiefe der Erde. Seht, da sank dann das Meer allmählich in diesem Land, so zwar, dass hier nur noch große Seen, die ihr Binnenmeere nennt, stehen geblieben sind. Und sodann geschah es, nachdem diese Binnenmeere einige hundert Jahre gestanden sind, dass der Herr aus Seiner barmliebevollen Fürsorge den einen mittägigen Teil, den ihr jetzt Amerika nennt, hat auf diese Art über die Fläche der Wässer treten lassen, dass diese Binnenmeere so hoch über die eigentliche Fläche des Meeres zu stehen gekommen sind, dass die Schwere der Wässer, die eine Sehnsucht nach ihrem Ursprung hatten, sich den Weg durch die weicheren Teile der Berge zu öffnen anfing.
HIM|3|400726|8|0|Und seht, da brausten dann, als die Wässer die Weichen der Berge zerrissen, 500 Jahre lang große stürmische Fluten an mir vorüber; denn was ihr jetzt das obere Land nennt, wurde in der Gegend, da ihr eine Brücke über den Fluss gemacht habt und auf dem Berg ein altes Schloss steht, ein Berg, der um 100 Klafter höher war, als er jetzt zu sehen ist, von der großen Masse des Wassers durchbrochen. Die Fluten des Oberlandes ergossen sich dann in den großen See, dessen Fluten meinen Fuß umspült hatten und erhoben dieselben wieder bis an meine Stirne und mehrten das Wasser so sehr, dass ein Berg, der einige Stunden weit von hier im Unterland, auf dem ebenfalls später ein Schloss erbaut ward und ein Markt steht, links und rechts zerrissen wurde. Und die Fluten bahnten sich den Weg auf diese nämliche Weise fort und fort; wo sie immer einen Widerstand fanden, zerrissen sie die Weichen desselben und füllten mit denselben die Vertiefungen aus, die früher in dem Meer waren.
HIM|3|400726|9|0|Wie hoch diese Fluten gegangen sind, werden euch noch überall die Spuren der losgelösten Steine zeigen, welche durch das untere Fortrollen eine gerundete Form angenommen haben. Die erste Flut ging hoch über meinem Haupt, und erst nach einem Jahrhundert hat der Strom eine Niederung erhalten und ging dessen Spiegel bis zu mir herauf. Und wieder nach einem Jahrhundert fiel er so nieder, dass er nur ein Klafter über die ganze Ebene, die ihr von mir aus seht, von einem Berg zum anderen ging. Und nach einem weiteren Jahrhundert verlor sich der Strom so sehr, dass er nur die dreißigmalige Breite des gegenwärtigen noch hatte.
HIM|3|400726|10|0|Und als auch die Berge vollkommen mit Bäumen und Gräsern bewachsen wurden, so verlor sich ein verfolgtes Menschengeschlecht in dieses Land und wohnte auf den Höhen, die da noch nicht Berge, sondern „Tauren“ hießen. Und als dieses Volk durch ein später nachziehendes entdeckt wurde, bekam es erst den Namen als Bergbewohner, welches Volk endlich wieder durch ein stärkeres Volk, welches vom Abend herkam, aus seinen Sitzen vertrieben wurde; und es blieben nur noch wenige auf den fast unzugänglichen Höhen Wohnende bis auf die heutige Zeit. Und so ist heute schon ein drittes Volk mehr denn 1.000 Jahre in diesem Land.
HIM|3|400726|11|0|Jedoch ich, wie ich dastehe, war durch lange und lange Zeiten ein sehr gefürchteter und gefährlicher Punkt in diesem großen Strom, denn an mir arbeiteten die Fluten mutwillig und schienen Furcht und Grausen erregend jedem, der mich von ferne anblickte, zu toben. Und als später die Menschen des Oberlandes eine Art Schiffe erfunden haben, welche aus einigen aneinander befestigten Bäumen bestanden, so waren von denen nur wenige so glücklich, die nicht an meiner Stirne den Untergang gefunden hätten; denn obschon die Fläche des Stromes nur meinen Fuß bespülte, so schlugen aber doch dessen Wogen, den Sterblichen Grauen erregend, bis an meine Stirne empor. Und diese Gegend, die ihr jetzt so reizend und schön findet, war damals ein Schrecken der Menschen.
HIM|3|400726|12|0|Erst zu den Zeiten, als da eine große Stadt, Rom genannt, erbaut wurde, verminderten sich die Fluten dieses Stromes allmählich, und die Brandung an diesem kleinen Berg wurde immer geringer, und so verlor sich endlich das Wasser an meiner Morgenseite ganz und gar, und nur zu seltenen Malen erhob sich die Flut bis zur Höhe meiner Morgenseite, was ihr jetzt das „Glacis“ nennt. Und so bin ich denn dadurch – als auch das bis zu diesen Zeiten aus meinem Inneren hervorlodernde Feuer aufgehört hatte – den Menschen zugänglich geworden.
HIM|3|400726|13|0|Da also mein Scheitel frei war von allen Gesträuchen und Bäumen, so benützten mich später in dieses Land einfallende Römer zu einem Punkt, von dem aus sie über die ganze Fläche ihre Beobachtungen und Betrachtungen machten, und suchten also auch Wege auf, um in das Oberland zu kommen, welches damals nicht mehr den Namen der Bergbewohner hatte, sondern Norika oder Noricum geheißen wurde, das heißt, Menschen, die auch schon die Ebenen bewohnt und sich dann auf die Füße der Berge gemacht haben, da deren Scheitel unwirtbar geworden sind, weil die damaligen Fluten ihnen alles Erdreich abgespült haben und dasselbe in die Tiefen oder an die Füße der Berge angelehnt haben.
HIM|3|400726|14|0|Seht, ich bin Zeuge gewesen, wie diese Oberland- und auch schon Unterlandeinwohner dieses Landes von dem verwegenen römischen Volk auf das Grausamste sind besiegt worden. An meiner Stirne selbst fanden mehr denn 100 Kinder, von ihren eigenen Müttern hingeschleudert, den Tod. Jedoch, was bei mir nur im Kleinen vor sich ging, davon würden euch größere Felsen im Oberland wie auch im Unterland die größten schauerlichsten Beispiele aufzählen können. Doch ich als plumper Stein bin nicht berufen und bestimmt, euch einen Geschichtsschreiber zu machen, und will euch lieber noch ein wenig noch meine eigene Umgebung näher beleuchten, insoweit mein Gesichtskreis reicht.
HIM|3|400726|15|0|Dass dieser ganze, jetzt sogenannte Murboden nur ein aufgeschwemmtes Land ist, davon könntet ihr euch dadurch überzeugen, so ihr 100 Klafter, stellenweise wohl auch 1.000 Klafter tief graben würdet, allwo ihr mehrere meiner Kameraden, welche durch das Feuer in die Fluten geschleudert worden sind, finden würdet. Auch würdet ihr da, könntet ihr dieses ganze angeschwemmte Land abheben, nichts als lauter Felsen entdecken, in welchen ihr viele versteinerte Ungetüme des Meeres antreffen würdet.
HIM|3|400726|16|0|Jedoch an diesen Stellen – als die Linie ist da oben, wo das alte Schloss steht, bis auf den gegenseitigen Berg – würdet ihr gleich auf den Stein kommen, da früher ein Gebirgsrücken war unter den Fluten. Weiter unten, da ihr einige Zeit Steine gebrochen habt – in der Linie, da ein kleiner Berg in der Nähe sich befindet, an welchem ihr das Zeichen des Kreuzes aufgerichtet habt, und in dieser Linie fort bis an den übrigen Berg, den ihr „Plabut“ [Plabutsch] nennt, dürftet ihr auch nicht zu lange graben, um auf den Stein zu kommen. So auch mehrere Stunden weiter unten, da wo jetzt ein Markt steht, den ihr Wildon nennt, da würdet ihr auch links und rechts bald Steine finden. Aber auch noch selbst in jenem Teil dieses Murbodens, an welchem Täler in denselben münden, würdet oder könntet ihr ebenfalls auch bald auf Gestein kommen, welches mit denselben Insignien des Meeres bezeichnet ist hie und da, die ich schon früher erwähnt habe. Und solche Stellen könnte ich euch noch in der ganzen Länge des Flusses zu Hunderten anzeigen.
HIM|3|400726|17|0|Jedoch solltet ihr noch einen Blick auf diese kleineren und größeren benachbarten Berge werfen, und da sollt ihr wissen, dass noch nicht mehr als höchstens 2.000 Jahre verflossen sind, als diese meine kleineren und größeren Brüder noch in vollen Flammen gestanden sind. Und es gibt in diesem Land auch nicht einen Berg, der nicht ursprünglich auf diese Weise entstanden wäre.
HIM|3|400726|18|0|Nur einzig und allein in eurem Wiegenland, welches ihr Asien nennt, findet sich noch Urgebirge, welches unmittelbar gleich nach der Hauptzerstörung zur Wohnung der begnadigten Menschen angewiesen war. Hier in diesem Land aber, wo ihr euch die Zeit und Mühe nehmen würdet, so würdet ihr auf einer hohen Alpe, die von hier aus zwischen Mittag und Abend liegt, auch noch Steine finden, die bei der großen Zerstörungsszene, welche nach dem Fehltritt des ersten Menschenpaares erfolgt ist, dahin geworfen wurden, und auch solche von mehreren Planeten finden, die wesentlich unterschieden sind von meiner Art.
HIM|3|400726|19|0|Dies ist nun alles, was ich euch sagen darf aus meiner natürlichen Sphäre. Und um das tiefere, geheimnisvolle Wesen sollt und habt ihr euch nicht zu kümmern; denn diese Geheimnisse liegen in der Tiefe der göttlichen Erbarmung und gehen euch wenig oder gar nichts an, sondern dies habt ihr alles von der Gnade des Herrn zu erwarten, insoweit es euch nottut zur Veredlung und Unsterblichmachung eures frei gemachten Wesens. Amen!
HIM|3|400809|1|1|Eine Parabel – 9. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|3|400809|1|0|Schließlich gebe Ich euch noch ein kleines Notabene (1) bezüglich einer Untat, die hier vor 30 Jahren verübt ward. (2) Doch sollt ihr davon keinen weiteren Gebrauch machen. (3) Ein Besitzer dieser Realität hatte ein rechtmäßig nach euren Rechtsgesetzen ihm angetrautes Weib, (4) mit welchem Weib er einer ihm wohlgefälligen Hure wegen in dreijähriger Zwietracht lebte. (5) Er hatte ein Haus in der Stadt und war ein Bürger daselbst; (6) ließ aber seiner Unzucht halber sein Weib mit seinem Kind allhier wohnen. (7) Und da er durch seine liederliche Lebensweise sein Vermögen vergeudet hatte, da wollte er das Vermögen der Frau oder des Weibes auch angreifen; (8) weil ihn die reizende Hure nicht mehr erhören wollte in seinem durch sie verarmten Zustand.
HIM|3|400809|2|0|(9) Daher kam er nun eines Tages heraus und quälte sein Weib unablässig, dass sie ihm ihr Vermögen einräume. (10) Da sie aber dieses nicht tun wollte, auch unter gar keiner von ihm erheuchelten Bedingung, (11) so glaubte er, endlich solches durch eine Misshandlung aus ihr herauszupressen.
HIM|3|400809|3|0|(12) Es war gerade fast um die jetzige Jahreszeit und um die neunte Stunde abends, als er sie zu misshandeln anfing; (13) jedoch sie wehrte sich eben auch so gut, als sie nur immer konnte. (14) Da dieses alles nichts half, so nahm er einen Strick, warf denselben seinem Weib um den Hals und würgte sie, (15) in der Meinung, sie werde, von der Todesangst genötigt, ihm ihr Vermögen vermachen.
HIM|3|400809|4|0|(16) Allein sie hatte den festen Entschluss gefasst in der frommen Einfalt ihres Herzens eher zu sterben, als ihn in seiner Hurerei zu unterstützen. (17) Deshalb hat er sie auch bis Mittemacht gewürgt, allwann sie unter vielen Schmerzen sich Mir anbefehlend ihren Geist aushauchte.
HIM|3|400809|5|0|(18) Als er nun sah, dass sie wirklich tot war, (19) so erschrak er, dass er auf eine Zeit lang seine Besinnung verlor. (20) Endlich aber fasste er aus Furcht vor dem Gericht einen pfiffigen Entschluss, (21) nahm Licht, Krampe und Schaufel, (22) machte eine fünf Schuh tiefe Grube, (23) warf sie hinein, wie sie angezogen war, (24) und verscharrte sie daselbst, (25) und zwar gerade das alles unter der Weinpresse, (26) da am wenigsten jemand hingelangen konnte. (27) Seinen Bekannten aber log und erzählte er trauernd vor, dass ihm sein Weib abhandengekommen sei.
HIM|3|400809|6|0|(28) Es wurden wohl auch von dem damals sehr lauen Gericht nun auf sein Begehren hie und da briefliche Nachforschungen angestellt; (29) allein die Tote war unter den Sterblichen freilich nicht mehr ausfindig zu machen. (30) Und diese Tat hat zu jener Zeit umso leichter können verheimlicht werden, (31) da man, wie ihr zu sagen pflegt, ohnedies in diesem Land nicht recht gewusst hatte, wer der Herr oder der Diener, oder wer der Koch oder der Kellner ist.
HIM|3|400809|7|0|(32) Nun da habt ihr auch diese Begebenheit. (33) Jedoch was die Namen dieser Personen anbetrifft, daran soll euch wenig gelegen sein; (34) denn in Meinem Buch ist alles aufgezeichnet, (35) und auch der Flügel einer Mücke geht ewig nicht verloren. Amen. Ich, die ewige Weisheit. Amen.
HIM|3|400809|8|0|Nachbemerkung. Diese Zeilen enthalten Großes, aber sie sind hart zu kauen. Darum spart eure Zähne – und übereilt euch nicht an dieser Nuss; nur noch eine kleine Zeit, bis die Zähne stark werden. Amen. Ich, die ewige Weisheit. Amen.
HIM|3|400824|1|1|Erklärung der Parabel – 24. August 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|3|400824|1|0|(1) „Notabene“ besagt: Merke wohl; wenn Ich euch nun sage notabene, so will Ich dadurch nicht die Aufmerksamkeit auf irgendein lange verübtes Verbrechen von euch leiten, sondern nur die Gelegenheit und die Ähnlichkeit eines solchen auf euch nützend anwenden. „Untat“ zeigt hier euer erstes Weltleben, welches große wohlbezügliche Ähnlichkeit hat auf euren Geist. „Hier“ besagt eure doppelte Gegenwart, nämlich naturmäßig und geistig. „30 Jahre“ bezeichnen einen zurechnungsfähigen Zustand eurer Seele, da das Tor des Lebens wie das des Todes geöffnet wird, welches besteht in der Erkenntnis von „gut“ und „wahr“, und „böse“ und „falsch“. „Verübt“ bezeichnet, Falsches in sich aufnehmen und daraus schlecht handeln. Die halbvergangene Zeit besagt, dass ihr noch nicht in der Ordnung seid.
HIM|3|400824|2|0|(2) Besagt fürs Erste, dass an der Parabel kein natürlicher Gerichtswert ist, und fürs Zweite aber, dass Ich euch eure Fehltritte nachgesehen habe.
HIM|3|400824|3|0|(3) Das ist euer Weltverstand im Sinne der Parabel; das Kirchliche aus dem Wort wird unter „Realität“ verstanden, die Religion unter „Weib“, „rechtmäßig nach Rechtsgesetzen“ heißt: nach der Billigkeit der äußeren Form, „angetraut“ besagt: ans Herz gebunden durch den freien Willen.
HIM|3|400824|4|0|(4) Notabene. Ob der A. H. nichts merkt, wo es eigentlich hinauswill? Welttum ist die „Hure“, „wohlgefällig“ besagt hier Sinnliches und Fleischlichweltliches der Eigenliebe, „Zwietracht“ Gewaltiges, Schwerstes, „lebte“ heißt, sich zuständlich befinden, „Weib“ wie oben.
HIM|3|400824|5|0|(5) „Stadthaus“ ist die Weltphilosophie, „ein Bürger daselbst“ besagt: der Philosophie anhängen, und zwar namentlich der sehr schlechten Kantischen.
HIM|3|400824|6|0|(6) An der Welt hängen heißt: Unzucht treiben, „Unzucht halber“ besagt somit, aus Liebe zur Welt. „Das Weib mit dem Kind“ besagt das Kirchliche samt der Werktätigkeit als Frucht des Glaubens. „Allhier“ besagt ebenfalls das gegenwärtige Kirchliche, „wohnen“ bezeichnet soviel als: unbeachtet bestehen.
HIM|3|400824|7|0|(7) „Liederlich“, tatlos sein aus dem Wort, „Lebensweise“ bezeichnet einen unbehaglichen Zustand daraus, „Vermögen vergeuden“ heißt: ganz los werden von allem Geistlichen, „Vermögen des Weibes angreifen“ besagt Kirchliches lästern, insoweit es nicht zusagt der Eigenliebe, und zwar aus Unmut.
HIM|3|400824|8|0|(8) Besagt: man kommt mit der Weltweisheit zu keiner Ruhe und „Hure“ oder die Welt einem nicht mehr stichhält. „Verarmter Zustand“ besagt die Blindheit durch das Welttum.
HIM|3|400824|9|0|(9) „Kommen“ heißt, bei sich beschließen, „Tag“: überhaupt irdische Zeit hinsichtlich eines inneren Irrlichtzustandes. „Quälen“ besagt eines nach dem anderen verwerfen, „unablässig“ heißt: ohne alle Rücksicht, „Vermögen einräumen“ besagt die Kirche umgestalten wollen nach seiner Ansicht und Bequemlichkeit.
HIM|3|400824|10|0|(10) Besagt: die Unmöglichkeit einsehen, wie wenig da mit allem Räsonieren zu erzwecken ist unter was für immer einer tollen Verstandesknifferei, da Mein Wille stärker ist als die schwache Schnur des Weltverstandes; woher denn auch oft zweckwidrige Gebete und Anrufungen zur Erreichung ihrer Absichten, die ein solcher für die besten hält, da er Meine wohlberechneten Wege nicht kennt.
HIM|3|400824|11|0|(11) Besagt: gänzliche Missachtung und Verkennung innerer Schätze; dadurch ferner das sich selbst Schuld- und Schadloshalten aus seiner inneren, besseren Überzeugung, freilich nur aus eigener Idee, und durch das Sichfinden in anderen Ideen der großen Ähnlichkeit wegen.
HIM|3|400824|12|0|(12) „Die jetzige Sommerszeit“ bezeichnet einen ähnlichen hitzigen Gemütszustand. „Das Jahr“ besagt das naturmäßige Leben des Menschen, „die neunte Stunde abends“ bezeichnet den kläglichen Zustand (in dieser Parabel) alles Äußerlichen und zeigt dadurch den Übertritt der Dämmerung in die wirkliche Nacht. „Misshandeln“ wie oben, wie auch „anfangen“.
HIM|3|400824|13|0|(13) Besagt: das innere Erwachen des Gewissens und das Sträuben gegen dasselbe.
HIM|3|400824|14|0|(14) Bezeigt: Hartnäckigkeit des Gewissens, „einen Strick nehmen“ heißt: sich mit Trugschlüssen beschwichtigen. „Selben dem Weib um den Hals werfen und würgen“ besagt: sein Gewissen bezüglich alles Kirchlichen, unter dem man sich in politischer Hinsicht notwendig befindet, gänzlich ersticken wollen; denn unter Hals werden kirchliche Staatsverhältnisse verstanden, „würgen“ besagt: sich mit Widerwillen an das Staatskirchliche aus politischen äußeren Rücksichten halten.
HIM|3|400824|15|0|(15) „In der Meinung“ besagt: glaubenslosen Zustand, „Todesangst“ bezeichnet den Zustand näher, „Vermögen vermachen“ besagt: sich losmachen von allen inneren Vorwürfen und sehen, aus dem Kirchlichen Weltliches zu gewinnen.
HIM|3|400824|16|0|(16) Besagt: nach näherem Prüfen gewahr werden, dass solches Kirchliche weder fürs eine noch fürs andere taugt; daher lieber ganz weg mit diesem Plunder. „Fromme Einfalt“ bezeigt Geistliches, und „Hurerei“ wie oben, „unterstützen“ besagt: zweckdienlich sein.
HIM|3|400824|17|0|(17) Besagt: gänzliche Neutralisation des Gewissens, „Mitternacht“: innerer atheistischer Zustand, „Schmerzen“: furchtbare Bemühungen des Gewissens, „sich Mir empfehlen“ heißt: verstummen, „den Geist aushauchen“ heißt: sich völlig zur Ruhe legen.
HIM|3|400824|18|0|(18) Besagt: kurzen zufriedenen Zustand.
HIM|3|400824|19|0|(19) Besagt: erschrecken, gänzliches Losreißen von allem Geistlichen und sich sozusagen über alles hinaussetzen, „Zeitlang“: unbestimmte Dauer des Zustandes, „seine Besinnung verlieren“ heißt: vom Geistigen nichts mehr wissen und ahnen.
HIM|3|400824|20|0|(20) „Endlich“ besagt schon das Gefühl des Todes in sich, „Entschluss fassen“ heißt: sich eine Richtung geben, „aus Furcht vor dem Gericht“ besagt: aus zeitlich politischen Rücksichten, „pfiffig“ besagt: weltklug.
HIM|3|400824|21|0|(21) Besagt: Verstand, Wille, Liebe des weltlich Ansehnlichen wie des äußerlich Nützliches Hervorbringenden, und da ist „Licht“ weltrichterliche Tätigkeit, „fleißiges Verscharren“, „Schaufel“: weltliche Hilfe durch was immer.
HIM|3|400824|22|0|(22) Besagt: verhältnismäßige Klugheit darin aus polizeilichen Rücksichten; denn wie Zolle ein geistiges Maß bezeichnen, so bezeichnen „Schuhe“ das Maß in welttümlichen Rücksichten, so eben auch die Zahl „fünf“, „Grube“ besagt Versicherung.
HIM|3|400824|23|0|(23) Besagt: sich verwahren durch Juridisches vor ketzerischen Mutmaßungen von kirchlicher Seite aus polizeilicher Engbrüstigkeit.
HIM|3|400824|24|0|(24) Besagt: Kirchliches vermengen mit Weltlich-Richterlichem und es als solches ansehen, um es bloß juridisch zu gebrauchen.
HIM|3|400824|25|0|(25) Besagt: geistlichen Staatsdruck, „gerade“ bezeichnet: aus Staatsrücksichten, „unter“ bezeichnet: politisches Gesetz, „Weinpresse“ bezeichnet: durch Kirchliches Staatsrichterliches bekräftigen fürs Volk.
HIM|3|400824|26|0|(26) Besagt: die tiefste Politik, wo der Staat am kitzligsten ist des Volkes wegen und sorglos sündigen kann, auf die Dummheit desselben rechnend.
HIM|3|400824|27|0|(27) Besagt: die Belletristik, „lügen und trauernd erzählen“ heißt: schöngeistig tun, „sein Weib abhandenkommen“ heißt: Kirchliches oder die Religion in die Belletristik versetzen.
HIM|3|400824|28|0|(28) Besagt: öfteres Nachdenken bei sich selbst und das Befragen juridischer Taktik über den eigentlichen Zweck der Religion. „Laues Gericht“: die Schwäche des juridischen Gewissens, „auf Begehren“ besagt: aus eigener Weltnot, „hie und da“ bezeichnet soviel als dann und wann, „brieflich“ besagt hier: wenig lebendig bekümmert, „Nachforschungen anstellen“ besagt: manchmal Blicke in sich tun.
HIM|3|400824|29|0|(29) Der „Tod“ besagt: das einmal erloschene Gewissen in allem Kirchlichen, „unter den Sterblichen“ heißt: unter dem Weltwisstümlichen, „ausfindig machen“ heißt: geistlich zu beleben.
HIM|3|400824|30|0|(30) Besagt: Dieser Zustand blieb umso leichter unangeregt von etwas Kirchlichem.
HIM|3|400824|31|0|(31) Besagt: weil Kirchliches und Politisches ineinandergeschmolzen war, so entschuldigte eines das andere, oder es sprach eines dem anderen das Urteil, – und war eins wie das andere, da kein Geistiges inne war, schlecht und ohne zu etwas nütze.
HIM|3|400824|32|0|(32) Besagt: wieder geistiges Wachwerden durch Meine Gnade, da gerade keine große Bosheit hinter dem Falschen steckte.
HIM|3|400824|33|0|(33) Besagt: das Äußerliche der Kirche und deren Diener und ihr Name.
HIM|3|400824|34|0|(34) Besagt: Im Geiste werdet ihr alle Dinge erkennen.
HIM|3|400824|35|0|(35) Besagt: Da hat noch das Allergeringste eine gar große Bedeutung. Amen.
HIM|3|400815|1|1|Der Weg zur Wiedergeburt – Verhaltensregeln – 15. August 1840, abends
HIM|3|400815|1|0|Hier gebe Ich euch ganz kurze Verhaltungsregeln, welche genau und wohl zu beachten sind, so ihr wollt sicher vor allen Nachstellungen der Welt sein und auch den kürzesten Weg einschlagen, um baldmöglichst zum Besitz Meiner Gnade und daraus zur völligen Wiedergeburt zu gelangen. Diese Regeln aber sind geordnet folgende:
HIM|3|400815|2|0|Erstens muss jedweder was immer für ein politisches Gesetz seinem ganzen äußeren Wesen nach aufs Genaueste befolgen und sich jeden prüfenden Druck wohl gefallen lassen; denn es besteht nirgends eine Macht als nur in Mir und durch Mich. Alles ist Mir untertan entweder (selten) bewusst oder (meistens) unbewusst; denn da herrschen gute und harte Fürsten je nach dem Verhältnis des Lebens der Untertanen, denn das alles hängt von Mir ab. Wenn aber irgend unter dem Volk alle Laster noch gang und gäbe sind, wie bei euch im hochverdammlichen Grad es der Fall ist, wie sollte Ich euch uneigennützige Regenten geben, welche noch mehr Hurenfutter unters Volk kommen ließen, damit die Menschen dann völlig ersöffen in aller Unzucht? Wehe daher jedem Aufwiegler; der soll nicht nur alsogleich mit dem zeitlichen, sondern auch mit dem ewigen Tode bestraft werden.
HIM|3|400815|3|0|Denn Herrscher stehen zu hoch, als dass sie aus sich sein könnten, was sie sind dem Volk; und da ist keiner etwas ohne Meinen gerechten Willen, und es ist der gute und sanfte ein Trost und der harte und habsüchtige eine gerechte Geißel in Meiner Hand. Wer ihm widerstrebt, der setzt sich wider Meine Geißel und wird hart löcken gegen den Stachel. Jedoch wer da lebt in Meiner Liebe und daraus fließenden Gnade, dessen Rücken wird nie unter den scharfen Hieben Meiner Geißel bluten, sondern er wird erstarken wie eine Eiche unter dem harten Wehen der stürmenden Winde. Wohl aber dem reinen Wiedergeborenen; denn der wird eine große Wonne finden in den großen Ausflüssen Meiner Liebe.
HIM|3|400815|4|0|Mein Reich ist nicht von dieser Welt, daher gebt dem Kaiser, was sein ist, und Mir, was Mein ist – nämlich euer Herz in gehorsamer, reiner Demut. Um alles Übrige kümmert euch nicht, denn Ich euer Vater bin ja mitten unter euch. Daher seid gehorsam eurem Fürsten; nehmt willig ohne Murren das leichte Kreuz auf eure Schultern und folgt, euch selbst verleugnend, in aller Liebe und Sanftmut Mir nach, so werdet ihr leben und lebendig machen in Meiner Gnade, was ihr nur immer anblicken werdet in Meinem Namen. Amen.
HIM|3|400815|5|0|Zweitens: Was die äußere herrschende Kirche betrifft, so steht jeder ihr einverleibte Glaubensuntertan in den nämlichen Verhältnissen zu ihr, solange er ihres äußeren Glaubens hinsichtlich aller ihrer Anordnungen ist, wie die Untertanen zu ihrem Fürsten, nur mit dem Unterschied, dass eine Desertion nicht wie im Staat sträflich, sondern straflos zu tolerieren ist. Jedoch aber setze Ich hinzu, dass Ich den mit zornigen Augen ansehen werde, welcher seine irdische Glaubensmutter verlassen wird, und es soll ihm dereinst nicht viel besser ergehen als einem wahnsinnigen Selbstmörder. Denn da ihr einen Leib habt, durch welchen die ersten Eindrücke zur Seele gelangen und dieselbe nähren, so muss es ja auch eine äußere Speisekammer geben, was die äußere Kirche ist, damit durch dieselbe euer böser Leib durchgebrochen und bearbeitet werde gleich einem Kind im Mutterleib. Wer nun seinen Mutterleib aber zu früh verlässt, sagt, was wird oder was kann aus einem solchen werden? Gehorsam und Demut ist die Nahrung der Seele zur Wiedergeburt des Geistes. So euch aber die Römische solches lehrt und das ganz vorzüglich, was treibt euch dann weg von eures Leibes Glaubensmutter?
HIM|3|400815|6|0|So bleibe denn ein jeder getreu seiner Kirche, und sei Mir ein Römischer 99 Mal gesegnet, so er entspricht im Gehorsam seiner Kirche, und jeder andere nur einmal, da er ein eigenliebiger Rechtler ist, da keine Demut und ganz entsetzlich wenig Liebe herausschaut. Wahrlich sage Ich euch, es wird nicht leicht jemand zu Meinem lebendigen Wort gelangen in irgendeiner Sekte, als nur in der römischen Kirche, allda Gehorsam und die äußerste Demut über Hals und Kopf nach Meinem Willen gepredigt wird. Was aber die Zeremonien in ihr betrifft, so soll sich niemand daran stoßen; denn da ist für den Lebendigen alles lebendig, für den Reinen alles rein, dem Gehorsamen alles recht und dem Demütigen alles geheiligt. Nur eine Sau wälzt sich im Schlamm und sucht Lebensluft im eigenen Kot wühlend. Und so wird der Tote alles tot finden und voll Schmutzes, während der Reine mit ganz anderen Augen schaut.
HIM|3|400815|7|0|Wie kann aber jemand rechten über die Verhältnisse der Kirche und des Staates, der in Meinem Licht sich zu sein wähnt? Meint er denn, dass Ich nicht so viel Einsicht und Macht habe, Verhältnisse zu ändern, so sie nicht zusagen möchten Meinem Willen? O solche Richter stehen tief unter einem auch nur schwachen Gläubigen, so sie meinen, dass Ich ihres richterlichen Beistandes benötigte! Wahrlich sage Ich euch, solche Dinge sind Mir ein Gräuel. Denn da geschieht alles zur rechten Zeit, und Ich allein bin der Richter aller Dinge und Verhältnisse, denn Ich allein bin heilig und liebegerecht, – ihr alle aber seid Lügner und voll Hurerei. Daher folgt eurer Kirche in ihrem Begehren, und lasst eure Herzen von Mir ziehen, dann werdet ihr sehr bald zum Leben der Gnade und dadurch zur Wiedergeburt des Geistes gelangen und eure äußere Kirche beleben in eurem Leib. Amen.
HIM|3|400815|8|0|Drittens: Was die Zeremonie betrifft, so liegt an dieser weder etwas Beseligendes, noch eben auch etwas gerade Tötendes. Da in der Welt alles unter einer gewissen Zeremonie geschieht, was da ein Prozess genannt wird, so kann auch die Kirche in ihrer Äußerlichkeit ganz wohl Zeremonien haben. Nur soll niemand darinnen etwas Verdienstliches suchen, das da tauge zum ewigen Leben, denn da hilft nichts als ein zerknirschtes demütiges Herz, voll von Meiner Liebe und Gnade, – was dann die lebendige Kirche in euch ist, in und durch welche erst die tote Kirche lebend und voll tiefen Sinnes wird – entweder so oder so, vom Tode erstehend oder vom Leben in den Tod zurücksinkend. Das heißt: Ihr könnt entweder durch den Gehorsam in ihr in die Demut und dadurch zur Gnade und durch die Gnade zur Wiedergeburt gelangen, oder ihr könnt euch in die tote Zeremonie begraben gleich den Heiden und so zugrunde gehen in ihrem eitlen, hilfelosen Geflimmer.
HIM|3|400815|9|0|Denn wie ein Baum wächst, Äste und Zweige treibt, dann Knospen, Blätter, Blüte und in derselben weibliche und männliche Staubfäden, was mit der Zeit alles wegfällt als wert- und nutzloses Zeug, damit die Frucht frei und wirksam gedeihe in aller Kraft ihrer geordneten Wesenheit – das ist auch der Fall bei der zeremoniellen Kirche. Würde sich jemand nun hermachen und alles zusammen essen, so würde er zugrunde gehen bei solch unreifer Kost; sondern da ist nur die reife Frucht segnend genießbar, obschon nicht selten auch schon in der Blüte sich öfter heilsame Kräfte bewährt haben, die euch in so manchen Krankheiten ganz gut zustattengekommen sind. Nun seht, diese vegetativen Vorgänge sind gleich der toten Zeremonie; aber müsst ihr nicht sagen: Sie sind der Ordnung wegen doch notwendig, denn wenn die Bäume blütenleer stehen, wird wenig Frucht zum Vorschein kommen?
HIM|3|400815|10|0|Die jüdische Kirche war eine vorbildende, rein zeremonielle, als Blätter und Blüte zur lebendigen Frucht des Wortes der ewigen Liebe. Nun frage Ich: War sie nicht recht, wenn sie war, was sie hat sein müssen? Wenn euch Kinder gegeben werden, womit wollt oder könnt ihr sie Mich und Meinen Willen besser als eben durch Hilfe der zeremoniellen Anschauung erkennen lehren?
HIM|3|400815|11|0|Ihr alle seid anfangs nichts als Juden und Kinder und bedürft daher sehr wohl kirchlicher Zeremonie, solange ihr noch Kinder seid, nur – was sich von selbst versteht – hat es bei derselben nicht zu verbleiben; sondern wer die Elementarklasse durchgemacht hat, der trete in eine höhere Klasse und lerne da lesen und schreiben und endlich rechnen in Meiner Liebe und handeln in der Gnade Meiner Weisheit. Und dessen Herz liebend rein geworden ist, der komme dann in Meine Schule, in der er erst zum ewigen Leben gelangen wird durch die Wiedergeburt. Wer aber, sein Inneres unbeachtend, an der Zeremonie hängenbleibt, die an sich tot ist, der wird selbst tot werden, da er so dumm finster war, in äußeren sinnlichen Mitteln den Zweck zu suchen, was der größte Unsinn ist, ja ein Unsinn, der an die krasseste Tollheit grenzt. Wenn jemand ein Kind samt dem Bade wegwirft, so ist er ein toller Narr; wer aber das Kind unbeachtend verwirft und das Bad behält, der ist schon tot aus seiner abergläubischen Bosheit. Der Weise aber behält das Kind mit der Wanne und schüttet nur das Bad weg – das Kind, da es eine lebendige Frucht ist, und die Wanne, um das Kind noch öfter baden zu können.
HIM|3|400815|12|0|Daher, so ihr aber wollt wahre Kinder Meiner Liebe und Gnade werden, so lasst euch nicht von der Blüte ärgern; denn sehe die Blüte aus, wie sie wolle, was kümmert euch das? Denkt an die Frucht, so wird euch auch die Blüte geheiligt erscheinen, da ihr wisst, dass es bei den Blättern und der Blüte nicht zu verbleiben hat. Aber so jemand zur Frucht gediehen, so fehlt er nicht, wenn er sich öfter umsieht und da die Werdung seines geistigen Lebens wohl achtend durchgeht; wohl aber ist Mir der nicht angenehm, der, seine Kinderschuhe verachtend, sich gleich einem Geier stolz erhebt und dann von schwindelnden Höhen mörderisch die bescheidenen Taubenhäuser anblickt und gierig auf deren Fall hinsieht, um dadurch etwas zu gewinnen!
HIM|3|400815|13|0|Denkt, dass ohne Meine Zulassung nichts geschieht und ewig nichts geschehen kann, so wird euch augenblicklich alles ganz anders vorkommen! Jeder Mensch hat zwar die volle Freiheit seines Willens; aber die Führung der Völker ist Mein Werk. Dieses habe Ich euch gesagt, damit ihr volle Ruhe haben mögt in eurem Herzen, ohne welche ihr zu nichts Höherem tüchtig werden mögt. Die Ruhe des Sabbats sei euch der höchste Segen; denn die wahre Liebe ist ein schwangeres Weib, die Ruhe nötig hat in ihrer Entbindung! Darum sage Ich euch dieses, damit ihr die volle Ruhe habt in Mir, eurem Vater, der da allzeit heilig, heilig, heilig ist in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.
HIM|3|400815|14|0|Viertens: Ein ferneres Verhältnis ist das Lesen der sogenannten verbotenen Bücher. Hier sage Ich nicht, ihr sollt sie gar nicht lesen, so sie euch in die Hände kommen, sowenig Ich jemandem untersage, den Namen des Lügenfürsten auszusprechen und wo es nottut, seiner warnend zu erwähnen. Aber nun fragt euch selbst, wozu euch all das schon Gelesene dient! Was steht in den Büchern, die vom stolzen Menschenverstand herrühren? Ich sage euch, nichts als Unsinn und über Hals und Kopf tolles Faselzeug, und hat kein nütze, sondern hat euren Kopf angestopft mit allerlei Irrlicht und euer Herz mit allerlei Unrat und euch dadurch vielfältig verschlossen und finster gemacht euren Geist. Oder sagt: Tut der recht, wenn Ich ihm zurufe: Komme zu Mir, so du mühselig und beladen bist, Ich will dich erquicken; bitte, so wird es dir gegeben; suche, so wirst du es finden, und klopfe an, so wird dir aufgetan; wenn Ich ihm noch ferner zurufe: Was du immer den Vater in Meinem Namen bitten wirst, wird Er dir geben unverzüglich, und suche vor allem Mein Reich, alles andere wird dir eine freie Zugabe werden!
HIM|3|400815|15|0|Wie ist’s denn aber, so ihr dieses wisst und doch nicht zu Mir kommt, damit ihr es von Mir empfangen mögt und lernen von Mir die großen Wege Meiner Gnade und das ewige Leben empfangen aus Meiner Hand, – es ist denn, dass ihr Mich, gleich euch, für einen baren Lügner haltet, oder haltet Mich für so harthörig und hartherzig, euch zu geben Mein lebendiges Wort, und lasst euch lieber von der Welt etwas vorlügen und verhungern in ihrer Tollheit, als dass ihr im Vertrauen aus wahrer Liebe zu Mir kämet und empfinget da die Wahrheit alles Lebens und Seins aus dem Urborne, statt zu suchen das Leben im Tode. O ihr Narren, Ich gebe euch das Brot des Lebens, und ihr wollt beißen in die harten toten Steine; Ich rufe euch laut zu, zu Mir zu kommen, und ihr rennt tollen Hunden nach und gebärdet euch wie sie. Ich schreie über einen Nachtwächter euch Tag und Nacht eure Ohren voll, allein ihr verlegt euer Ohr mit ganzen Ballen von unratvollen Büchern, damit ihr ja von Meiner Stimme nichts vernehmen möchtet, und sucht gleich Schlaftrunkenen das Leben auf den geschwärzten geleimten Lumpen! Welcher Ausdruck sollte da wohl bezeichnen solche Narrheit? O Ich sage, ihr werdet in Ewigkeit über eure Tollheit weinen, dass ihr, das Gold missachtend, das Blei erwählt habt, während euch so viel des Edlen geboten wird!
HIM|3|400815|16|0|Daher lest wenig, aber betet desto mehr, so werde Ich zu euch kommen und euch in einer Minute mehr geben, als alle Bibliotheken der ganzen Welt aufzuweisen haben, – wovon Ich euch schon hoffentlich so manche sehr stark sprechende Beweise gegeben habe.
HIM|3|400815|17|0|Bekümmert euch daher auch wenig über das Verbot der Bücherfreiheit; denn vor dem Ich das große Buch Meiner ewigen Gnade aufgeschlagen habe, der wird das Lesen verbotener Schriften ganz wohl entbehren können, da Mein Buch sich nach keiner Weltzensur richtet; denn es wird allzeit im Herzen der Getreuen aufgeschlagen, wohin kein Weltzensorblick zu dringen vermag und auch keine Schranken gezogen werden ewig. Amen.
HIM|3|400815|18|0|Fünftens: Was aber jedoch die Heilige Schrift betrifft, so soll darinnen lesen, der eines einfältigen Herzens ist und hat da ein gehorsames und folgsames Gemüt; und soll es nicht lesen aus Vorwitz oder Neugierde, denn da wird er finden den Tod kleben am Buchstaben, sondern der es liest, der soll es lesen als einen Wegweiser zum lebendigen Wort und danach handeln – und soll auch nicht grübeln und forschen darinnen, sondern danach alsogleich leben und in der Liebe zu Mir emporwachsen. Alsdann wird ihm zur rechten Zeit gegeben werden die Erkenntnis und wird in seinem Herzen enthüllt werden des Geistes und des ewigen Lebens himmlischer Sinn, gerade wie es bei dir, Meinem Knecht, der Fall ist, da du noch nie dieses heilige Buch ganz durchgelesen hast und bist doch ein Professor der Professoren darinnen in jedem Punkt desselben durch Meine Gnade geworden. Das aber, was du bist und verstehst, kann jedem werden, so er nicht nach eitlem Wissen trachtet, sondern nur nach der Erkenntnis Meiner Liebe und der daraus fließenden Gnade in und durch die fromme, demutvolle Einfalt seines Herzens.
HIM|3|400815|19|0|Ebenso verhält es sich auch mit jenen mystischen Schriften, deren Lesen euch ebenso wenig fruchtet und nützt, als irgendein dummer, eselhafter und saudreckvoller Roman, der sich allzeit ganz wohl mit einer Schlammpfütze vergleichen lässt, wenn ihr davon in euch zu keiner Überzeugung gelangen könnt; denn mit all dem beschwert ihr nur euer Gedächtnis als das Maul eures hochmütigen Verstandes. Statt ihn für Liebe und Weisheit hungrig und durstig zu machen, füttert ihr ihn nur mit allerlei Dreck und benehmt ihm dadurch den Appetit nach der Speise des Lebens. O ihr abermaligen Narren!
HIM|3|400815|20|0|Ich bin die Heilige Schrift lebendig und Leben gebend, Ich bin der beste Ausleger derselben und bin zugleich der allertiefste Mystiker! Daher lest wenig, aber handelt danach, dann wird euch alles werden. Denn das Senfkörnlein ist klein, aber es kann da ein gar großes Gewächs daraus werden, unter dessen Zweigen sogar die Vögel des Himmels Wohnung nehmen werden. Amen.
HIM|3|400815|0|0|Der Weg zur Wiedergeburt – Fortsetzung am 18. August 1840
HIM|3|400815|21|0|Sechstens: Was die Priester betrifft, da sage Ich: Es gibt deren mehrerlei; darunter es nur äußerst wenige gibt, so diesen Namen verdienen. Denn es gibt solche, die da Priester sind des Ansehens und der Macht wegen, die da anekelt an ihnen selbst Meine große Armut und gänzliche Machtlosigkeit in weltlichen Dingen, da Ich nicht wollte ein Fürst, sondern nur ein Retter der Welt sein. Und es gibt andere, die da Priester sind der geistlichen Kastenwürde halber. Diese maßen sich an, allein die Kirche zu sein, und verdammen dann aus eifersüchtiger Willkür alles von Mir durch irgendeinen armen Fischer Ausgehende und lehren Meinem Willen schnurstracks entgegen und sagen, ihren Bauch weit aufblähend: Ich offenbare Mich niemandem als nur der Kirche, welche sie zu sein wähnen. Auf diese schändliche Art versperren sie dann auch vielen Tausenden und Tausenden die Türen zu Meinem lebendigen Wort.
HIM|3|400815|22|0|Wahrlich sage Ich euch, diese verräterische Art ist Mir ein Gräuel; denn sie ist Mein Feind, da sie sich ärgert Meiner herablassenden Liebe zu den Sündern wegen. Ich aber sage euch: Diese werden nie ein anderes Wort von Mir vernehmen als das große: Weichet von Mir, ihr Verfluchten, denn Ich habe euch niemals erkannt; denn ihr wart allzeit Verächter Meines lebendigen Wortes und widerstrebtet allzeit dem heiligen Geiste! Mein geschriebenes Wort belegtet ihr mit der ewigen Verdammnis, damit sie euch erwarte. Ihr hattet Mich zum Lügner gemacht, denn es steht geschrieben: „Wer Meine Gebote hält, der ist’s, der Mich liebt; wer aber Mich liebt, der liebt auch Den, der Mich gesandt hat, nämlich den heiligen Vater, und Wir werden zu ihm kommen und Wohnung nehmen bei ihm und Uns ihm selbst offenbaren.“ Das habe Ich zu jedermann geredet; allein ihr flucht und lästert diese Meine allzeit ewig wahre Verheißung und widerstrebt darinnen Meinem heiligen Geist; darum treffe euch ewig Mein Fluch, denn ihr seid sicher allzeit Diener des Satans gewesen. Darum weichet von Mir und empfangt den Lohn von dem, dem ihr gedient habt in seiner Kapelle, die er sich errichtet hat an der Schwelle Meines Heiligtums!
HIM|3|400815|23|0|Seht, das sind die sogenannten Priester der geistlichen, gotteslästerlichen Kastenwürde.
HIM|3|400815|24|0|Wieder gibt es andere, die Priester werden ihres Bauches wegen, um auf einer sogenannten guten Pfründe sich recht mästen zu können. Diese Art hat keinen Geist und ist um eine fette Sau oder um einen gemästeten Ochsen für alles zu gebrauchen. Vor solchen Priestern ekelt es Mir, denn deren Gott ist ihr Bauch, und das Gegrunze ihrer fetten Schweine, das Geblöke ihrer Schafe und Ziegen, das Gebrüll ihrer feisten Kühe und wohlgemästeten Ochsen ist ihnen tausendmal lieber, als zu hören Mein lebendiges Wort, welches ihnen gewiss ganz verzweifelt ungelegen käme, so Ich es sie wollte vernehmen lassen. Sie haben aber in dieser allein belebenden Hinsicht auch wirklich nichts zu besorgen, da Ich den Schweinen nie pflege Meine Worte als Perlen vorzuwerfen. Und für den schlechten Dienst, den sie Mir verrichteten, werden sie etwa doch gut genug bezahlt worden sein, da Ich ihnen um fast nichts im Überfluss gab, wonach ihr Herz so sehnsuchtsvoll durchs ganze Erdenleben gedürstet hat. Da sie so genügsam waren, so sollen sie auf solche Bauchstrapazen sich denn auch nach dem Erdenleben in die ewige Ruhe des Todes legen und warten alldort, bis die letzte Sonne verglimmen wird, auf die Auferstehung ihrer Fleischmasse und ihres Bauches!
HIM|3|400815|25|0|Wieder gibt es andere, die da Priester sind des Geldes wegen. Diese erteilen dann Ablässe ums Geld und verkaufen den Himmel nach Jochen, Klaftern, Schuhen und Zollen; doch sind sie mit der Hölle und dem sogenannten Fegefeuer viel freigebiger als mit dem Himmel. Wenn ihre Kassen leer geworden, da halten sie Hölle und Fegfeuer recht weit offen, und wer da keinen Ablass kauft oder sonst recht viele Messen zahlt, der wird ohne Gnade und Erbarmung hineingeworfen, damit es dann wieder etwas zu erlösen gibt, nämlich recht viele klingende Seelen – und zwar aus der Hölle die Füchse und aus dem Fegfeuer die Schimmel.
HIM|3|400815|26|0|Seht, solche zerreißen sich fast das Maul auf ihren Kanzeln und schlagen mit den Händen wie Besessene herum, um dadurch noch irgend einen letzten Groschen aus seiner Ruhe in der Tasche eines Bettlers aufzuschrecken und ihn zu fangen in ihre verdammnisvollen Schlingen. Solche eifrige Beförderer Meines Wortes werden einst sehr viel Lohn erhalten; da soll ihr Himmel sein ein goldenes Herz, eine silberne Seele und ein kupferner Leib, und so viel Leben in diesen toten Metallen ist, ebenso viel sollen sie auch haben ewig.
HIM|3|400815|27|0|Wieder gibt es andere, die da sind förmlich asketische Gleisner und Heuchler, um dadurch das Augenmerk eines Hirten auf sich zu ziehen, sich in seine Gunst zu setzen und dadurch sich bald möglichst in den Besitz irgendeiner sehr namhaften Pfründe versetzt zu sehen. Diese drehen sich fast die Augen vor lauter Andacht und Demut aus; ihren Leib biegen sie fast allzeit bis zur Erde nieder; verrichten ihr Opfer außerordentlich langsam, und ihre Lippen bewegen sie fast immer, als wenn sie beteten, reden kaum mit halber, stets gebrochener Stimme; wenn sie Meinen Namen aussprechen, da bringen sie sich fast um; sie fasten und beobachten das Äußere des Äußeren wegen auf das Pünktlichste vor den Menschen, – jedoch bei sich lachen sie über alles, und ihr Herz ist fest wie ein Stein, so dass sie vor lauter Andacht der armen Brüder gar nicht gewahr werden, die knapp an ihnen vorbei flehend ziehen. Und wie sie taten als Kapläne und wollten dadurch bald Pfarrherren werden, so tun sie als Pfarrherren, um Dechanten zu werden; und sind sie solche geworden, dann ist ihr Augenmerk auf eine glänzende Domherrenstelle gerichtet, und so weiter bis zur Bischofswürde; und selbst da schwebt ihnen noch immer der Kardinalshut vor den Augen, wo nicht gar die Tiara selbst. Was aber Mich in der Wahrheit betrifft, um das haben sie sich nie gekümmert. Von Meinem lebendigen Wort wollten sie nie etwas wissen und versetzten Mich – als das Leben alles Lebens – lieber mit Haut und Haaren in die tote Zeremonie und hatten einen förmlichen Abscheu vor der Heiligen Schrift.
HIM|3|400815|28|0|Seht, solche Schleicher gibt es besonders jetzt sehr viele in der römischen Kirche. Sie sind zwar Priester, die dem Volk gerade kein Ärgernis geben, aber sie bringen auch nur äußerst wenig gute Früchte, da ihr Wort ist gleich einer Frucht, da kein Lebenskern innen ist und geht verfaulend zugrunde in der Erde, welche ist: die Herzen des Volkes. Ich lasse solche öfter erreichen ihr Ziel, während Ich nie ermangeln lasse innere Mahnungen, die ihnen beständig zurufen: Nehme dein Kreuz auf deine Schulter und folge Mir nach, so wirst du leben und wahrhaft beleben die toten Herzen deiner dir anvertrauten Herde! – Statt aber das anzuhören und danach zu tun, kaufen sie lieber, wenn es noch gutgeht, ein sogenanntes Kruzifixlein, hängen oder nageln es irgendwo an und blinzeln vor demselben dann und wann, so sie jemand sieht, mit ihren frömmelnden Augen; doch wenn es auf sie ankäme, hätte das Kruzifixlein lange gut ruhen. Und auf diese leichtere Art halten sie ihre zarten Schultern frei. Auch senden sie sogar inbrünstige Gebetlein, teils schriftlich unters Volk, vielfältig aber auch bei sich aus dem Stegreif um die baldige Abrufung irgend eines würdigen, verdientermaßen Höherstehenden aus purer Nächstenliebe – durch irgendeinen Heiligen – zu Mir.
HIM|3|400815|29|0|O seht, auch diese Art ist Mir ein Gräuel. Diese werden einst sehr große Augen machen, wenn sie sehen werden, welche merkwürdige Scheusalsgestalt ihr Leben jenseits nehmen wird.
HIM|3|400815|30|0|Und noch wieder gibt es andere, die da geiler sind als Hunde und Böcke und da treiben Unzucht aller erdenklichen Art und verscharren ihre Kinder oft lebendig in die Erde, um nicht bei irgendeinem würdigen Bischof in einem verabscheuungswürdigen Licht zu erscheinen, wie auch vor dem viel besseren Volk, dem er als ein leitendes wahres Ungetüm gegeben wurde. Ich sage, diese werden einst sehr stark links zu stehen kommen; wahrlich mit ihnen sollen einst der Huren brennende Kleider gefüttert werden.
HIM|3|400815|31|0|Und dergleichen mehrere gibt es noch eine Menge, die da alle Priester heißen; allein Ich habe sie noch nie als solche erkannt, besonders aber in den Klöstern, wo sie oft aus lauter Bruder- und Nächstenliebe miteinander leben wie wilde Hunde und Katzen und jeder dem anderen oft jeden Bissen abneidet.
HIM|3|400815|32|0|Jedoch gibt es doch auch wieder Priester, die da wohlverdienen diesen segenvollen Namen. Diese sind freundlich und liebevoll gegen jedermann. Was sie haben, geben sie den Armen. Sie verdammen niemanden, sondern sie suchen nur sorgfältig zu retten das Verlorene. Sie trösten die Betrübten, sie beherbergen die Fremden und geben ihnen ein weiches Lager und legen sich selbst aus wahrer Liebe einen Stein unter ihr geheiligtes Haupt. Sie lassen sich keine Opfer zahlen, sondern sagen zu dem, der solches tun möchte: Bruder, das Opfer ist heilig und von unschätzbarem Wert; denn es stellt das große Werk der Erlösung im Glauben und in der Liebe wieder lebendig dar. Daher kann es nicht bezahlt und zum Wohle eines einzelnen verrichtet werden, sondern wie durch die Macht der großen Erlösung alle können und sollen wiedergeboren werden zum ewigen Leben, so eben wirkt auch die Kraft des von Christus Selbst zu dem Zweck eingesetzten Opfers. Daher opfere deine Gabe zuvor als Hilfe einem armen Bruder, und hast du dann noch etwas erübrigt, so bringe es getreu und lege es auf den Altar des Herrn und bete für deine Feinde; dann wird der große Herr dein Opfer im heiligsten Opfer aus meinen Händen mit Wohlgefallen ansehen und dir geben, was dir nottut.
HIM|3|400815|33|0|Seht, das ist Mir ein wahrer Priester, dessen Opfer Mir unendlich angenehm ist. Wahrlich sage Ich euch, da geht hin und hört seine Predigt, denn nicht ein Wort ist sein, sondern lebendig Mein! O dieser aber wird bald erfahren, wie groß der Lohn wird, der seiner harrt, – wahrlich sage Ich: Er wird bei Mir, seinem heiligen Vater, wohnen ewig! – Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen; an ihren Werken aber werdet ihr sie leicht erkennen, wie einen Baum aus seiner Frucht.
HIM|3|400815|34|0|Seht, hier habe Ich euch gezeigt die ganze Krankheit des römischen Priestertums, wie sie sind an und für sich; doch sage Ich, das alles geht euch wenig an und – kehre ein jeder vor seiner eigenen Tür und nie vor der seines Nächsten und am allerwenigsten vor der eines Priesters, sondern seid allzeit willig und gehorsam und lasst euch von dem Schlechten nicht ärgern und verführen durch sein Beispiel, sondern befolgt als Kinder die Lehre, die da doch sein muss im katholischen Geiste recht, – und soll auch Unkraut sogar dazwischengekommen sein, so wird es zu seiner Zeit schon vertilgt werden. Und rechtet nicht über die Wege eines solchen Priesters; denn Ich, der wahre Rechter, sitze einem solchen schon ohnehin auf dem Genick, und ehe er sich’s versehen wird, wird ihm dasselbe gebrochen werden. Nur lasst euch von niemandem als Ohrenbläser gebrauchen; denn verflucht sei ein Postenträger und Draschler [Schwätzer], denn er ist gleich dem bösen Sämann, der da Unkraut unter den Weizen mengte. Der schlechte Priester wird einst rechten für sich und für euch; ihr aber werdet rechten nach eurem Gehorsam und wahrer demütiger Nächstenliebe nur für euch selbst.
HIM|3|400815|35|0|Daher sollt ihr euch selbst darum nicht stoßen an der Kirche der Priester wegen, da es darunter doch auch recht viele redliche und getreue gibt. Am wenigsten aber sollt ihr euch stoßen an irgendeinem Bischof. Da ein solcher schon höhersteht und vorsteht einem Volk, so könnt ihr euch auch schon ziemlich gut denken, dass er nicht ganz allein dasteht, sondern dass jeder seiner Schritte und Worte und Taten von Mir sehr genau gezählt wird; und es soll durch ihn doch allzeit der äußere Stand der Dinge in guter Ordnung erhalten werden.
HIM|3|400815|36|0|Doch was euer Inneres betrifft, so wisst ihr ja ohnedies, dass es da allzeit nur auf euch selbst ankommt und hernach auf Meine Gnade, welche euch weder ein Engel des Himmels noch irgendein Bischof, noch wer immer geben kann, sondern zunächst ihr euch selbst durch die wahre Liebe zu Mir und den Nächsten durch genaue Haltung der Gebote – oder als Sünder durch eine ernstliche Buße.
HIM|3|400815|37|0|Denn aus allem, was ihr tut, leuchte Meine und des Nächsten Liebe heraus. Kümmert euch also wenig und denkt gar nicht um einen schlechten Priester, und haltet brüderliche Gemeinschaft in allem Guten unter euch, so werde Ich zu euch kommen und euch lebendig machen durch und durch. Liebt, die euch hassen und verfolgen, und segnet durch Gebete die, welche euch fluchen und verdammen; dann werdet ihr anfangen, große Wirkungen Meines Lichtes in euren finsteren Herzen wahrzunehmen. Amen.
HIM|3|400815|38|0|Siebtens: Was schließlich noch die sogenannte Ohrenbeichte und die sieben heiligen Sakramente betrifft, so sage Ich euch und bitte euch sogar, stoßt euch nicht daran, gebraucht alles gerecht und im rechten lebendigen Sinne, so werdet ihr leben! Denn da ist dem Rechtler nichts recht, dem Gerechten aber alles gerecht und heilig; sogar das Nest eines Vogels wird seinem Herzen ein Lob entlocken, und doch ist es nur ein totes Nest eines Vogels. Um wie viel mehr könnet ihr euch denken, dass Dinge, so da errichtet worden sind zu eurer Heiligung, nicht aus der Luft gegriffen werden, – sondern da hängt es allzeit von euch ab, wie ihr sie gebraucht.
HIM|3|400815|39|0|Wer da beichtet und bekennt seine Sünden dem Priester, der hat dadurch seine Sünden öffentlich vor der Welt bekannt, und es wird ihm dereinst ein solches Bekenntnis nachgesehen werden, so er hinfort nicht mehr sündigt. Wer aber sündigt nach wie vor der Beichte, der hat die Beichte zu einer Sündensparkasse gemacht, die ihm dereinst zur Hölle hohe Zinsen tragen wird. Daher, wer da beichtet und wahre Buße wirkt und sofort nicht mehr sündigt, der tut ja sehr recht; jedoch wer das alles für so ganz null und nichtig hält, der wird sich einst sehr täuschen, denn er wird eine Kluft finden, über die er schwerlich je wird springen können.
HIM|3|400815|40|0|So ihr aber sagt: Hätten wir es wie zu den Zeiten der Apostel, dann würden wir gewiss ganz andere Menschen sein, da wir mit eigenen Händen (gleich einem Judas!) könnten in die Schüssel greifen! – Allein Ich sage aber, diese schrien aus vollem Halse nach einem geregelten Gottesdienst und einer sichtbaren Besserungsanstalt gleich dem israelitischen Volk nach einem König, während sie oft wie Wölfe und Bären bei ihren Abendmählern zu raufen gekommen sind.
HIM|3|400815|41|0|So Ich euch nun gegeben habe Regel, Ordnung und System, was ist es denn, das euch darinnen nicht zusagt? Gebraucht es gerecht, und achtet es, wie ihr es habt, und wünscht euch es nicht anders; denn wie schon gesagt, am Äußerlichen ist wenig gelegen, sondern alles an euch, wie ihr es nehmt! So gut es sein kann und wahr, so schlecht aber kann es auch sein und falsch, wenn ihr es so gebrauchen wollt oder nicht. Wenn aber unter der Sonne heilsame und giftige Kräuter wachsen, so denkt: Es liegt nicht an der Sonne, so oder so, sondern allzeit an der jeweiligen inneren, entweder guten oder schlechten Beschaffenheit der Pflanze, ob da Segen oder Gift. Daher liegt es allezeit an euch, ob gut – oder schlecht – Amen. Ich euer lieber Vater. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|400815|0|0|Das aber ist der kürzeste Weg zur Wiedergeburt.
HIM|3|400815|42|0|Zwar steht es mit dem gerechten Menschen in dieser Hinsicht wie mit einem Baum, dessen Frucht auch nicht auf einmal reif wird, sondern nach und nach; aber wenn der Frühling lau und heiter war und der Sommer anhaltend warm, mit kleinen Regen abwechselnd, so sagt ihr: Dieses Jahr werden wir eine Frühreife haben. – Seht, ebenso ist es bei euch, wenn ihr eure Jugend heiter in sanfter Liebe zu Mir zugebracht habt, dann wird auch der Sommer allbelebend warm werden, abwechselnd mit Gnadenregen vom Himmel, und ihr könnt versichert sein, dass der ewige goldene Herbst zur ewigen Reife der unsterblichen Frucht nicht mehr ferne sein wird. Denn soweit jemand von Mir wiedergeboren sein will, soweit muss er seine Sünden erkennen und selbe zu seiner Demütigung öffentlich bekennen, das ist: ernstlich durch die Beichte äußerlich, und innerlich Mir, und muss Mich bitten um Vergebung, wie es in Meinem Gebet angezeigt ist, und muss gleich einem Petrus wahre Reue und Trauer und Angst empfinden und weinen über den so unschätzbaren Verlust Meiner Gnade, und muss sich den allerernstesten Willensvorsatz machen, ja in alle Ewigkeit nicht mehr sündigen zu wollen.
HIM|3|400815|43|0|Dann muss er sich ganz fest vornehmen, mit der Welt ganz zu brechen, und sich ganz Mir übergeben und in seiner Liebe eine große Sehnsucht haben nach Mir – und muss in dieser großen Sehnsucht tagtäglich sich von der Welt und allen Geschäften in ihr zurückziehen und wenigstens 7 Viertelstunden lang bei verschlossenen Türen und Fenstern weder beten noch etwas lesen, sondern er muss diese Zeit in der völligen Ruhe, bloß nur sich in seinem Innersten mit Mir beschäftigend, zubringen. Und allzeit aber, sooft sich jemand in diese Ruhe begeben hat, soll er folgende kleine anregende Rede halten in seinem Herzen an Mich im allerfestesten Ernst und sagen:
HIM|3|400815|44|0|Herr! Hier bin ich. Ich ließ Dich, o liebevollster heiliger Vater, lange warten, da Du mir schon seit meiner Kindheit unablässig zugerufen hast: Komm zu Mir, Ich will dich erquicken! – Nun, o Vater, ist die Zeit gekommen, dass sich mein Ohr geöffnet und mein sonst starrer Wille ganz in den Deinigen ergeben hat voll Demut und Gehorsam vor Dir, wie auch nach Deinem Willen zu allen meinen besseren Brüdern. Daher komme Du, mein allerliebster Jesus, zu mir und erquicke meine kranke Seele mit dem Balsam Deiner unendlichen Liebe; lass mich finden meine große Unbild [im rechtlich-sittlichen Sinn: Ungerechtigkeit, Sünde, Bosheit] in Deinem bitteren Leiden und Sterben; lasse mich sehen die heiligen fünf Wundmale und erkennen darinnen meine große Missetat! O Jesus, Du Überwinder des Todes und der Hölle, komme zu mir und lehre mich Deinen Willen erst recht verstehen; lehre mich erkennen mein völliges Nichts und Dein Alles!
HIM|3|400815|45|0|O Du mein süßester, liebevollster Jesus, Du Herr aller Heerscharen, komme zu mir Armem, – komme zu mir Schwachem, – komme zu mir Blindem, – komme zu mir Taubem, – komme zu mir Aussätzigem, – komme zu mir Gichtbrüchigem, – komme zu mir Lahmem, – komme zu mir Krummem, – komme zu mir Besessenem, – ja o mein, mein, mein allerliebster Jesus! komme, komme, komme zu mir Totem und lass mich nur anrühren Dein heilig Kleid, so werde ich leben. Herr, lasse Dir ja nicht Zeit, denn ich habe Deiner unendlich nötig; ich kann ja nicht mehr ohne Dich sein, da Du mir Alles und alles andere aus Liebe zu Dir zunichte geworden ist! Ohne Dich kann ich nicht mehr leben; daher, o mein liebster Jesus, komme alsobald zu mir! Doch wie allezeit, so geschehe auch diesmal Dein heiliger Wille. Amen.
HIM|3|400815|46|0|Nach dem begebt euch zur Ruhe und wachst in der Sehnsucht und Liebe zu Mir. So ihr das nur eine kurze Zeit üben werdet, so sage Ich: Ihr werdet bald blitzen sehen und donnern hören; aber dann erschreckt nicht, und werdet auch nicht ängstlich; denn nun komme zu jedem Ich erst als Richter unter Sturm, Blitz und Donner, und hernach erst in sanftem, heiligen Wehen als Vater!
HIM|3|400815|47|0|Wer da will im wahren Sinne eine sogenannte Generalbeichte verrichten, der wird vieles vorhaben, weil dazu mehr Demut und Selbstverleugnung erfordert wird. Das heißt, sehr wohlgemerkt, es muss dabei ein Totalvorsatz sein, nicht mehr zu sündigen, und muss das heilige Abendmahl im lebendigen Glauben aus reinster Liebe zu Mir genommen werden; dann erst werden sich wunderbare Wirkungen desselben in euch augenblicklich verspüren lassen, welche sich alsobald in übergroßer, unbegreiflicher Freude und himmlischer Wonne kundgeben werden.
HIM|3|400815|48|0|Seht, das ist der kürzeste und wirksamste Weg zur reinen Wiedergeburt, in welcher allein das ewige Leben zu gewinnen ist. Jeder andere Weg dauert länger und ist unsicherer, da es sehr viele Diebeswege gibt, allwo hinter dem Straßengebüsche arglistige Diebe, Räuber und Mörder lauern; wer da nicht wohl gepanzert ist und bewaffnet kreuz und quer, der wird hart ans Ziel gelangen. Bedenkt wohl, wer Der ist, der euch das sagt!
HIM|3|400815|49|0|Daher meine Ich, statt der weltlichen Ressourcen und Unterhaltungen und sehr schmutzigen Gesellschaften könntet ihr füglich Meine Ruhe und Sabbat-Ressourcen wählen und da umsonst ohne Entrée euch mit Mir unterhalten und das andere Entrée zu etwas Besserem verwenden!
HIM|3|400815|50|0|Was meint ihr, was da besser wäre und Mir um desto wohlgefälliger? Denn seht, wie Ich schon zu den Aposteln einst gesagt habe: dass niemand zweien Herren dienen kann, – daher bedenkt wohl, wer daran euch mahnt! Amen. Ich euer heiliger Vater von Ewigkeit bin es Selbst. Amen, amen, amen.
HIM|3|400815|51|0|Und ich Knecht sage Halleluja, Ehre und Preis und Ruhm Gott in der Höhe als dem Vater, Sohn und Heiligen Geist. Amen.
HIM|3|400815|0|0|Siehe dazu das Beiwort vom 20. August 1840, Himmelsgaben, Nummer 1.400820
HIM|3|400905|1|1|Größe der Schöpfung und der Liebe Gottes – 5. September 1840
HIM|3|400905|1|0|Kubischer Inhalt der Erde. Ihr Durchmesser 1.720 Meilen; somit ist ihre Peripherie 5.160 Meilen. Ihre Oberfläche wäre demnach das Produkt des Durchmessers und der Peripherie, somit 8.875.200 Quadrat-Meilen Oberfläche der Erde. Zum Kubus erhoben mit dem Durchmesser macht 15.265.344.000 Kubik-Meilen als ganzer Inhalt der Erde. Macht in Kubik-Klaftern 976''982016'000000000000 / Kubik-Zolle der Erde 364''''734 279'''587568''000000'000000 / Kubik-Linien 137'''''172733''''875252'''338664''000000'000 000.
HIM|3|400905|2|0|Es sollen genommen werden auf eine Kubiklinie 10 nackte Greiskörner, so macht das für den Inhalt der ganzen Erde: 1371'''''727338''''752523'''386640''000000'000000
HIM|3|400905|3|0|Es soll aber nun noch ein jedes Greiskorn in eine Million Teilchen zerteilt werden, welches Teilchen schon so klein wird, dass es nur unter dem schärfsten Mikroskop noch ganz leise wahrgenommen wird. Sonach besteht die ganze Erde aus: 1371''''''727338'''''752523''''386640'''000000''000000'000000
HIM|3|400905|4|0|Seht, diese Rechnung habe Ich Meinem Knecht eingegeben, um euch zuerst die Erde mechanisch in die kleinsten Teile zu zerteilen, ohne welche Zerteilung ihr unmöglich von der totalen Enthüllung euch irgendeine richtige Vorstellung je machen könntet.
HIM|3|400905|5|0|Wolltet ihr nun noch die Sonne auf die Weise zerteilt haben, so müsstet ihr noch die Produkte überall mit 1.000.000 vervielfachen, das heißt, ihr hättet da nur überall 6 Nullen anzuhängen, und es wird euch der ganze Inhalt derselben bekannt sein, insoweit es euch nottut; denn es kommt da nicht auf eine sogenannte mathematische Genauigkeit an, welche nur Mir allein bekannt ist, sondern nur auf die größtmögliche Annäherung.
HIM|3|400905|6|0|Daraus könnt ihr dann euch eine ganz gute Anschauung verschaffen, für wie vieles Ich zu sorgen und aus Liebe beständig zu wachen habe; denn es hängt da die weise Erhaltung des Kleinsten, wie dadurch des Größten, von der mächtigen Ordnung ab – und da hängt die Erhaltung des Ganzen von der Erhaltung auch nur eines einzigen Atoms ab. Ja, Ich sage euch, so jemand imstande wäre, zu vernichten auch nur eine Monade, die ganze sichtbare Schöpfung würde bald zunichtewerden. Jedoch ist das nur Gott möglich, so Er die Liebe nicht hätte, – aber im Vollbesitz dieser will und kann daher auch nicht handeln Ich gegen Meine Liebe, welche Liebe Meine eigentlichste göttliche Ordnung ist, außer und ohne welche nie etwas hätte erschaffen werden können und auch nur den trillionsten Teil einer Sekunde lang bestehen.
HIM|3|400905|7|0|Seht, daher gab Ich euch nun diese Rechnung und zeigte euch die große Zahl einer Milliarde, – und Ich sage euch, in eine Sonnenhülsenglobe sind wirklich eine Milliarde Sonnen geschoben (siehe ‚Der Engel‘). Nun denkt ein wenig nach über das weite Revier des Todes! Denkt euch aber noch hinzu, dass erstens von einer Globe bis zur anderen eine Milliarde Globen Platz hätten, und denkt euch ferner, dass eine Milliarde Milliarden solcher Globen erst Eins ausmachen, und dass ferner Meine Zahlen der Schöpfung fortwachsen, und dass die ganze Unendlichkeit so gearteter Schöpfungszahlen in Meiner Hand gleich einem Tautropfen ruht, und dass es solcher Tropfen wieder zahllose gibt, – so wird euch einleuchten, wie groß Ich, wie groß Meine Sorge und wie groß erst Meine Liebe sein muss, die dieses alles wie einen Punkt erhält und Leben haucht über alles nach Bedarf des Seins!
HIM|3|400905|8|0|Seht, Ich bin ein gar großer Vater, der sehr vieles hat, und Meine lieben Kinder sollen dereinst über ein Kleines nicht zu kurz kommen! Wohlgemerkt! – die Mich lieben – denn Mein Haus hat viele Wohnungen. Amen. Das sage Ich, der große heilige Vater. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|401016|1|1|Die Größe des Menschenherzens. Gefühl und Verstand – 16. Oktober 1840
HIM|3|401016|0|0|Ein kurzes Beiwort zur Darstellung des Südpols.
HIM|3|401016|1|0|Seht, klein zwar ist das Herz des Menschen, aber desto größer der Horizont seiner Gefühle, so jemand ist in der Kraft des Glaubens aus der reinen Liebe zu Mir. Ich sage euch, es ist kein Ding so verborgen, dass es nicht von den Strahlen des reinen Gefühls erreicht werden möchte; und haben dann die reinen Strahlen des Gefühls irgendetwas erfasst, so fragt euch selbst, ob es noch möglich wäre, die Sache anders zu erfassen, als sie an und für sich wirklich ist und besteht.
HIM|3|401016|2|0|Ganz anders verhält es sich freilich mit den Verstandesmenschen. Diese haschen mit dieser kurzen Hand (des Verstandes) nach allen Dingen, gleichwie unmündige Kinder nach dem Mond und anderen sehr ferne gestellten Sachen. Diese Menschen ziehen dann ihr Gefühl in ihren engen Verstand und lassen es dann in diesem hochmütig herumtappen gleich einem Blinden, der sich niedergesetzt hat auf einen mit Hieroglyphen übermeißelten Steinblock und auf demselben herumgreift, ohne dass ihm auch nur eine leise Ahnung zulispeln möchte, dass das lauter Hieroglyphen sind, und noch weniger, dass diese Schrift eine geheimnisvolle entsprechende Sprache ist aus den hellen Strahlen des reinen Gefühls.
HIM|3|401016|3|0|Seht, so verhält es sich auch mit diesen Meinen euch gegebenen Mitteilungen und Offenbarungen Meiner Gnade. So ihr sie mit den Strahlen eures Gefühls prüfen und beleuchten werdet, so wird euch deren Wahrheit alsobald einleuchtend werden, und ihr werdet euch alsobald finden, als wenn die Sache euch wie lange bekannt gewesen wäre. Mit dem Verstand aber besehen, wird es euch immer mehr und mehr zu befremden anfangen; denn wie gesagt, der Verstand hat nur sehr kurze Arme, welche noch dazu sehr schwach sind, und vermögen daher große Dinge, so sie ihnen auch sehr nahe wären, nicht zu erreichen, noch weniger aber ferne Sachen zu erreichen, sie dann an sich zu ziehen – und dann gar Sonnen in ihr enges Schneckenhaus zur blinden Betastung ihres genotzüchtigten Gefühls zu schieben.
HIM|3|401016|4|0|Seht, das geht durchaus nicht. Und da der Verstand aber mit der Zeit doch gewahr werden muss, dass solches unmöglich ist, da wird er zornig, lässt alles stehen, räumt alles unnötige Zeug aus seinem Schneckenhaus und genügt sich in seinen eigenen Abstraktionen, verabschiedet endlich sogar das genotzüchtigte Gefühl und wird kälter denn der Nordpol selbst und fängt an, sich selbst in seiner allerhöchsten Dummheit als einen Gott anzustaunen, wo nicht gar selbst anzubeten, da er es endlich so weit gebracht hat, dass er zu wissen anfängt, dass er nichts weiß, und in diesem Nichtwissen doch alles zu wissen wähnt. Das ist denn hernach der größte Triumph, ja ein Triumph, für welchen das harmloseste Kind keinen Heller gäbe – und jedem noch so geringen Engel davor ekelt.
HIM|3|401016|5|0|Daher sollt auch ihr euren Verstand unter den Gehorsam des reinen Gefühls im lebendigen Glauben aus der Liebe zu Mir vollends gefangen nehmen, so werdet ihr alle Dinge schauen, wie sie sind; und dann erst werdet ihr klar und deutlich einzusehen anfangen, wo die ewige Sonne der Wahrheit und Wirklichkeit leuchtet.
HIM|3|401016|6|0|Dieses Wenige sei euch gesagt, damit ihr in der Zukunft merken sollt, mit welchem Maßstab Meine Offenbarungen zu bemessen sind. Amen. Das sage Ich, der große Meister in allen Dingen. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|401017|1|1|Das Streben der Liebe nach Vereinigung und die Bewahrung der Individualität – 17. Oktober 1840 [Kleinere Naturzeugnisse 1906]
HIM|3|401017|1|0|So schreibe noch ein Beiwort, und dieses Beiwort erhelle noch so manchen dunklen Winkel des Südpols.
HIM|3|401017|2|0|Was die anziehenden Kräfte anbelangt, so entsprechen diese der Liebe, die stets hungert nach friedlicher Vereinigung, und was sie einmal ergriffen hat, nicht mehr auslässt, sondern ihren ergriffenen Gegenstand so lange von allen harten Teilen reinigt, dass sogar das kleinste Stäubchen Sandes hinaus muss vom lieberfassten Gegenstand, damit der Gegenstand werde weich durch und durch – wie die Liebe selbst, um dadurch der möglichst innigsten Vereinigung fähig zu sein.
HIM|3|401017|3|0|Dass sich dieses aber so verhält, könnt ihr ja sehr leicht daraus ersehen, so ihr beachtet ein liebendes Paar, welches sich gegenseitig erfasst und sich so lange und eng aneinander presst und drückt, wie es nur immer möglich ist. Und bestände nicht zwischen beiden die feindliche abstoßende Materie, als Haut, Fleisch und Knochen, so würden sich die zwei Liebenden bis zu einem Punkt vereinen; und wenn dann erst Liebende sich geistig völlig glichen, so würde die Einswerdung nach einer noch größeren Intimität streben.
HIM|3|401017|4|0|Seht, daher sind von Mir aus stets weise Schranken gesetzt in allem und jedem, damit trotz aller Liebe demungeachtet nie eine Individualität die andere zu sehr verschlinge. Und diese Maßregeln als Schranken sind die abstoßenden Kräfte in allem und jedem. Daher geschieht es selbst bei den Engeln im demutvollsten allerhöchsten Unschuldshimmel, dass ihrer großen Liebe Zustandswechsel zugelassen werden zur stetigen Verwahrung ihrer Individualität, und diese haben eine ähnliche Bewandtnis geistig, als wie Abspannung und Mattwerden des Fleisches nach einem Zeugungsakt. Und wäre dieses alles nicht so von Mir eingerichtet, und das alles zwar aus Meiner ewigen Ordnung heraus, so würde endlich alles Fleisch und aller Geist zugrunde gehen. Denn die Liebe für sich hätte kein Ziel und kein Maß, und möge sie schon wie immer geartet sein, welches alles euch erst bei den späteren Enthüllungen der Geisterwelt, des Himmels und der Hölle klar und vollkommen deutlich gezeigt werden wird, und zwar wenn alle schon tiefer werden in sich gedrungen sein werden, das heißt: bis ins Zentrum ihres Lebens aus Mir.
HIM|3|401017|5|0|Nun seht, genauso verhält es sich zwischen den Erden und der Sonne, welche Weltkörper nur dem Auge des Fleisches als solche erscheinen. Doch aber wer sie da beschauen könnte mit den Augen des Geistes, der würde alsobald statt der Weltkörper entsprechende Geister in den verschiedensten Liebe-Abstufungen erschauen – in jedem Tropfen Wassers, der Luft, des Äthers; ja in einem Sandkörnchen würde er ganze Vereine von gleichliebenden und dadurch gleichgesinnten Geistern entdecken. Ja er würde endlich gewahr werden, dass er selber ganz angestopft und umlagert von lauter Geistern ist, die mit ihm liebeverwandt sind, und würde auch in der Sonne erdverwandte Geister, und so auch umgekehrt, erblicken.
HIM|3|401017|6|0|Seht, darauf gründet sich eigentlich alle Anziehung und Bewegung, und so auch alle Abstoßungs-, Trieb- und Wurfkraft. So ziehen sich denn entgegengesetzte Pole an, weil die Liebe nur das ihr Gegenüberstehende ergreifen kann und zieht es an sich der schönen Ähnlichkeit wegen: der Ähnlichkeit wegen deshalb, weil die Liebe sich im Gegenstand erblickt, und schön deshalb, weil jeder Gegenstand in seiner Absolutheit eine gewisse Rundung annimmt, durch welche er seinem primitiven Wesen angenehm wird, da dieses die Leere empfindet, da sich ein Teil seiner Liebe absolut gemacht hat. Und wie das primitive Wesen empfindet seine Leere, ebenso empfindet auch das absolute Wesen sein selbständiges unbeständiges Alleiniges und hat nicht eher Ruhe, als bis es sich wieder vereinigt hat mit der Primität. Werden dann aber gegen solche Vereinigungen gewisse Schranken gezogen, so entstehen daraus polarische wie auch geschlechtliche Unterschiede, die doch beständig das Einungsbedürfnis empfinden und sich immerwährend gegenseitig nachstreben.
HIM|3|401017|7|0|Und wie es sich also verhält mit der Liebe, so verhält es sich mit dem Gegensatz, da das Selbst sich abstoßt und verabscheut, da es ein abstraktes Gleiches ist und sich daher so wenig einen kann wie ein gleiches Fass mit dem anderen.
HIM|3|401017|8|0|Seht, dieses wenige und viele sei euch wieder ein kleines Flämmchen; nehmt es auf in euer Herz, damit es euch erhellen möchte noch so manche dunklen Stellen des Südpols der Erde, ganz besonders aber des fleischlichen Südpols eurer Liebe. Amen. Ich, die ewige Liebe und Weisheit. Amen, Amen, Amen, der da heißt Jesus-Jehova. Amen.
HIM|3|401124|1|1|Anfrage wegen des „siebenten Jüngers“ – 24. November 1840, Nachmittag
HIM|3|401124|0|0|Wie haben wir uns gegen den vermeintlichen „siebenten Jünger“ zu benehmen, da er Deine ihm von uns vorgehaltene Ermahnung für eitles Menschenmachwerk hält und der falschen Meinung ist, wir wollten seiner los werden, da es nur unser aufrichtiger Wunsch ist, ihn näher an uns zu ziehen und für Dein heiliges Reich mit Deiner kräftigen Beihilfe zu gewinnen?
HIM|3|401124|1|0|Was den sehr Schwachen betrifft, so seid alle ganz unbesorgt; dieser sehr Schwache wird sich in euch mit der Zeit schon wiederfinden. So aber der Wille schwach ist, so ist er schwach in allem; wenn er aber nur willig ist in seiner Schwäche, da werde Ich ihn ja wohl mit der Zeit stark machen! Nehmt auf euch den sehr Schwachen und macht ihn fest durch eure Liebe; dann werde schon Ich kommen und stark machen, was schwach ist.
HIM|3|401124|2|0|Liebt, vertraut und glaubt fest, denn darin liegt das große Geheimnis alles Gelingens für euch. Mehr braucht ihr für diesmal nicht, sondern alles zu seiner Zeit und nichts vor derselben. Amen, das sage Ich der allein Heilige. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|401202|1|1|Anfrage wegen des sehr Schwachen – 2. Dezember 1840, Nachmittag
HIM|3|401202|0|0|Herr! Bester, heiligster Vater! Was soll da mit dem sehr Schwachen werden, der da nicht anerkennen will Deiner ewigen Liebe süße Mahnung und sucht Rechtfertigung vor der Welt und fängt an, ein Verräter zu werden Deiner geheimen inneren Gnade, die doch nach Deinem Willen bis zur Zeit Deines Gefallens möchte verborgen gehalten werden? Wir alle bitten Dich in unserer demutvollen Wissenschaft über unsere große Schwäche und Unlauterkeit unseres Herzens, dass Du uns anzeigen möchtest, was da ferner geschehen solle, damit Dein heiliger Name nicht möchte entheiligt werden vor den Menschen, die da leben der Welt und nicht dem Geist. O Vater, erhöre gnädigst unsere Bitte! Amen.
HIM|3|401202|1|0|So schreibe! Seht, das sind die Folgen, wenn nicht genau nach Meiner Vorschrift gehandelt wird. Warum tatet ihr nicht, wie es angeordnet war? Daher sollt ihr bei allem, was ihr tut, allzeit darauf sehen, was es für Folgen haben könnte, so ihr nur im Geringsten abweicht, nach dem zu handeln, wie Ich es euch doch allzeit genau gebe! Ihr wisst ja, dass Ich nur raten und erleuchten kann und mag, aber niemals einen freien Menschen zu etwas nötigen; sondern da geschehe, so er es annehmen will!
HIM|3|401202|2|0|Was aber habt ihr mit dem zu tun, den Ich nicht kenne? Für den habe Ich nichts gegeben. Habe Ich jemandes Namen berührt? Seht, wie hätte Ich es für den gegeben? Hättet ihr aber gehandelt nach der Vorschrift, so hättet ihr wohl erfahren, wer darunter zu verstehen ist; denn Ich wäre da alsobald in jedem von euch aufgetreten und hätte euch wohl gezeigt den sehr Schwachen, und ihr hättet ihn auch alsogleich wohl erkannt. Und wäre der auch, den ihr vermeintet, zugegen gewesen, so hätte er sich nicht einmal gewagt, ein solches Heiligtum auf sich zu beziehen; und hätte er sich auch hie und da getroffen gefühlt, so hätte es dann gedient zu seiner Besserung, und er wäre binnen kurzer Zeit gewonnen gewesen. Allein so ist es, wenn jemand nicht genau befolgt Meinen Rat und Meine Ordnung. Es geht dann alles unter, und es wird der gute Same am Wege zertreten, dass er keine Frucht bringe!
HIM|3|401202|3|0|Jetzt fragt ihr freilich, was da zu tun? Ich sagte ja letzthin: Liebe, Sanftmut und Geduld wird alles wieder gutmachen; und was Ich euch damals sagte, das sage Ich euch auch heute, nur mit dem Beisatz, dass der vermeintliche sehr Schwache nicht ist der, den ihr meintet, noch seid es ihr, – sondern Ich Selbst bin es in euch und nehme unter diesem Bild alle eure Mängel auf Mich, um sie für euch zu tragen, zu leiden und zu sterben und zu töten dadurch eure Schuld in Mir, – dann wieder, den Tod besiegend, in euch zu erstehen als Überwinder des Todes und der Hölle, welche Auferstehung im Menschen die eigentliche Wiedergeburt ist. Ich Selbst aber wäre dadurch der siebente Jünger durch die Wiedergeburt unter euch geworden, das heißt, in der großen Verständlichkeit eures Herzens. Denn seht, das Bild ist euch darum also gegeben, als enthielte es förmlich die Lebensgeschichte eines euch bekannten Menschen, wenn auch der Tat nach nicht gänzlich, wohl aber dessen Gemütszustand gemäß, was auch bei euch jedem selbst am meisten zu beachten ist, das heißt, bei jedem für sich selbst.
HIM|3|401202|4|0|Dass aber dieses also gegeben ist, hat, wohlgemerkt, den Grund: Ihr wisst, dass all das Böse und Falsche herrührt von den im Menschen wohnenden argen Geistern, die sämtlich danach streben, den Willen des Menschen für sich zu gewinnen, um sich mittels desselben auch endlich seiner Liebe zu bemächtigen, – wodurch dann der Mensch selbst ein Eigentum der Hölle würde und auch sehr häufig wird, wenn er nicht sorgsam Acht gibt auf sein mahnendes Gewissen, welches dadurch im Menschen entsteht, dass Ich alsobald nach der Tat das Herz zuschnüre – und somit die Liebe oder das Leben im Menschen verwahre, dass es die argen Geister nicht an sich reißen können. Daher und darum dann auch die Unlust nach der Tat und die Reue als ein im Herzen geschrieben gefundenes Wort aus Meiner Liebe, die solches bewirkt hat im Menschen.
HIM|3|401202|5|0|Wenn nun aber jemand sich wohl zu kehren nach Meinem Wort äußerlich und innerlich hat angefangen, so werden diese Geister tückisch und still im Menschen und warten nur eine günstige Gelegenheit ab, allwo sie sich vereint wie in einem Aufruhr dann erheben würden, so sie merkten, dass Ich da käme offenbar zum Menschen. Daher lenke Ich des schadenfrohen argen Gesindels Aufmerksamkeit durch eine äußere entsprechende Gleichnisgabe, worin sich aber heimlich bei sich jeder im Herzen wohl erkennen kann – und kann sich dann beschauen und sich reinigen durch solche besondere Gnadengabe. Ich aber komme dann selbst – wenn das Gesindel nach außen wohl fröhlich merkt, aber nach innen schläft – von innen ganz geheim als ein barer Dieb, und da weiß niemand, von wannen Ich gekommen bin und wo Ich hin will. Und nun seht, da hat das Gesindel es mit Mir zu tun, damit euch der zu große Kampf erspart würde, in dem ihr allzeit unterliegen würdet, so Ich solches auf diese kluge Art nicht auf Mich nehmen würde und euch erlöste von solcher Not.
HIM|3|401202|6|0|Dass Ich da heiße der „Sehr Schwache“, kommt daher, dass Ich da klug sein muss und darf nicht auftreten als ein starker Held, sondern muss auftreten in der Kraft eurer Liebe, damit dann das Gesindel über Mich herfällt und mit Mir tut, was dereinst die Juden, Pharisäer, Schriftgelehrten und Hohenpriester taten. Ich lasse dann auch mit Mir machen, was damals zu Jerusalem geschah, welcher Zustand des Menschen dann auch der betrübendste ist. Aber hat dann der Mensch sich während dieser Zeit treu und tapfer gehalten in seiner Liebe, so erstehe Ich alsobald in großer Kraft und Herrlichkeit im Menschen, mache Wohnung bei ihm, und so ist er dann durch diese Meine Auferstehung in ihm selbst im Geiste auferstanden mit Mir, nimmt sich selbst ein in und durch diese Meine Auferstehung. Und da dadurch alle seine Feinde besiegt, getötet und aus ihm geschafft sind, so ist er dann auch vollends wiedergeboren und lebendig durch und durch, da er das Leben alles Lebens in sich trägt. Aber freilich geht das oft leider nicht auf einmal, sondern Ich schleiche Mich gar oft als Dieb in euch, – aber ihr könnt nicht eine kurze Zeit wachen in eurer Liebe dann mit Mir, und es zeigt sich da allzeit noch, dass euer Geist zwar willig, aber das Fleisch schwach ist. Darum sollt ihr dann beten, um in der Versuchung zu bestehen, und sich nicht zerstreuen mehr, wenn der Hirt geschlagen wird, und nicht verleugnen den Meister gleich dem Petrus, sondern gleich dem Johannes Mir vorsichtig bis zum Kreuz folgen und dann führen das anbefohlene Weib als die stark hergenommene Liebe in Gewahrsam – und erwarten daselbst Meine baldige Auferstehung!
HIM|3|401202|7|0|Seht, nun wisst ihr alles, wie sich die Sachen verhalten. Was aber ferner sonderheitlich das Bild aussagt, will Ich euch nächstens durch den Knecht von Punkt zu Punkt in die Feder sagen, worüber ihr euch alle hoch erstaunen werdet. Was aber den bewussten sehr albernen und höchst unklugen Menschen betrifft, so habt fürs Erste Geduld und Nachsicht mit seiner Narrheit, denn er ist blöden Geistes, und sagt ihm, dass ihn davon auch nicht ein Sonnenstäubchen zu eigen angeht. Lasst ihn zu euch kommen und sagt ihm, wie sich die Sachen verhalten und dass nur ihr in eurer Meinung euch wieder einmal geirrt habt, und er somit dadurch nicht im Allergeringsten beteiligt wird. Sagt ihm aber auch, dass derjenige, der sich eher entschuldigt, als er noch bestimmt weiß, dass er der Angeklagte ist, sich nicht selten dem Gericht preisgibt! Beherzigt alles dieses nun vorderhand, und macht euch bald ans Werk; alles andere wird dann folgen. Hört und seid sanft und klug! Amen. Das sage Ich der Siebente. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|401205|1|1|Meinen, Meinung – 5. Dezember 1840, abends
HIM|3|401205|1|0|Ihr meint öfter, und der Meinung seid ihr oft, dass Meinen so ein halbes Glauben sei. Ihr irrt euch aber allzeit, so ihr da die Meinung zur Idee und als ein Dafürhalten achtet. Denkt, wie unrichtig müsst ihr manchen Sinn erfassen, und wie sinnlos manchen Satz verfassen, so ihr denkt: Meinen sei soviel, als ohne Prüfung irgendein verworrenes Urteil von sich geben – oder so die äußeren Umstände nur Wahrscheinliches verbürgen, seht, so denkt ihr in eurer unbegriffenen Meinung, nah der Wahrheit auf der Spur zu sein.
HIM|3|401205|2|0|Doch hört, dieser Meinung bin Ich durchaus nicht! Ja, denkt nur ein wenig nach und leitet dieses Wörtlein richtig ab, so werdet ihr leicht doch finden, wo und wie die kleine Zungenpflanze ist gewachsen. Kann sie je vom Glauben hergekommen sein als halbgereifte Frucht? O ja, vom Menschenglauben wär’s wohl möglich, die da glauben, was dem Eigensinn schmeichelt und in eigener Idee die Wahrheit wähnen oder sie am Ende dafür halten, als wenn Wahrheit dann nur Wahrheit wäre, so auf eigenem Grund und Boden sie gewachsen ist. Doch solchen Glauben, solche Wahrheit kann das reine Herz nicht brauchen; sondern redlich nehmen gute Gaben, gute Sagen, und dann wieder redlich geben echte Früchte, echte Liebe, echte Wahrheit.
HIM|3|401205|3|0|Seht, meinen aber kommt her von mein, und so ihr sagt: Ich meine, sagt ihr soviel, als wenn ihr sagen möchtet: Seht, das ist mein Urteil, wie auch: Ich denke das aus mir ohn’ alle Rücksicht auf das Urteil eines Zweiten, Dritten, Vierten; sondern wie ich’s hab zuerst in mir empfunden, geb’ ich es als rein nur selbst erzeugte Ware wortgetreu von mir. Und seht, so ihr sagen möchtet: Höre Freund, was meinst denn du? – so habt ihr recht gefragt, wenn ihr da sagen wolltet: Freund! was gehen dich die Urteile an, die da auf meinem Grunde sind gewachsen? Doch so ihr sagt oder wollt sagen: Freund! lass hören das Urteil, so da gewachsen ist auf deinem Grunde – hört! – da redet baren Unsinn ihr, denn wie soll denn ein Zweiter meinen können oder aussprechen ein Urteil des Ersten, ohne es gehört zu haben als ein eigenes, ohne dass es je gewachsen wäre auf eigenem Grund und Boden!
HIM|3|401205|4|0|Nun, so seht hier die deutsche Sprache, wie sie sich verbessert hat seit alter Zeit und Sitte, da ihr wohl aus Eigenliebe noch geblieben ist das Meinen; doch das Zeitwort deinen, seinen, das gebräuchlich war in einter Zahl, ist lange, lange schon aus allem Kurs gekommen. Und so da denn jemand recht wollt fügen dieses Wort, müsst sagen er: Ich meine, du deinst, er seint, wie auch: er seinet. Und wie es da gibt eine Meinung dann, so soll’s auch geben eine Deinung, wie auch eine Seinung. Und obschon da jeder hat für sich die Meinung, aber wenn er sagen soll des Zweiten oder Dritten Urteil – hört! – da soll er reden von der Deinung oder Seinung, aber nicht von einer Meinung eines Zweiten, Dritten oder wohl gar Vierten und so weiter. Ebenso ist’s auch gefehlt, so da jemand sagt: meine Meinung, da die Meinung ja schon ohnehin die Eigentümlichkeit des Redners zur Genüge kündet – nun, wozu hernach das meine? Unsinnvoller ist hernach die Rede erst, so jemand sagt: Deine oder seine Meinung! Hört, solche Sprachalbernheiten gäb’ es eine große Menge noch auf eurer Zunge, ja da wäre noch gar viel zu richten und zu ebnen; aber da der Unsinn gang und gäbe ist geworden bei den Menschen und geworden ist zur harten Kruste um den Stamm der Völker schon seit Babels Zeiten, so wird’s hart sein gegen solche alte Narr- und Bosheit streiten!
HIM|3|401205|5|0|Sprecht also wie ihr sprecht nach gewohnter Sitte, aber allzeit doch versteht, was ihr redet oder was von Mir zu euch geredet wird im Stillen. Und da vom Sprachirrtum allhier geredet wird, so füg Ich schließlich noch hinzu, dass unter allen Sprachen die französische die dümmste ist und ist die slawische und ungarische ganz unvergleichlich besser. Denn wo eine Sprache anders wird geschrieben und ganz anders dann gesprochen und hat doch kaum einen Laut, der da auf eigenem Grund und Boden wär gewachsen, seht, solche Sprachen sind meist voll von Trug und Lügen, wie die Menschen, deren Zungen sich danach bewegen. Solche Sprachen gleichen jenen finsteren Heiden, die die Götter schnöd besiegter Völker aufgenommen haben ins Kollegium des eignen unsinnvollsten Götterheeres unter mehr und bald auch weniger Veränderung der Namen, ohne zu bedenken, was der Name gründlich mochte sagen.
HIM|3|401205|6|0|Seht, und doch gibt es heutzutage Tausende und Tausende von noch viel größeren Narren unter Meinem deutschen Volk, die da ihre eigene Muttersprache rein aus vaner Eitelkeit und Prahlerei verschlechten und verscheißen, um den anderen Narren glaubhaft gar zu machen, dass sie auch Franzosen oder gar Engländer oder Türken seien. Hört, mit welchen Namen soll Ich solche Narren taufen?
HIM|3|401205|7|0|Ja, Ich sage, o Unendlichkeit, du großes Wort, wohl würdig groß genannt zu werden aus dem Munde Dessen, der dich ewig schuf; doch trägst du sicher nicht in deinen ew’gen Räumen irgendeine Tafel, da geschrieben stünde solcher Narren nimmer aussprechbarer Name, die da statt der Herzenssprache lernen reden eine Sprache, deren sich nach Meinem Sinn der dümmste Esel schämen möchte. Doch mein’ Ich hier nicht jene, die darinnen sind geboren, oder solche, die zum Dolmetsch sind erkoren, sondern jene nur, ihr kennt sie schon, Ich will zum zweiten Male nimmer solcher Narren mehr erwähnen, wo ein Deutscher will zum Deutschen gar französisch, englisch oder türkisch reden.
HIM|3|401205|8|0|Dieses merkt euch alle wohl, dass Ich nur eine Sprache spreche und nur diese eine Sprache wohl verstehe! Diese ist die Sprache eines reinen, liebevollen Herzens, welche ist die Sprache aller Himmel, so wie aller Engel. Möchte sie auch bald die eure werden, Amen; ja, das sage Ich, der beste Meister aller Sprachen. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|401206|1|1|Der ‚Sehr Schwache‘. (Der siebente Jünger) – 6. Dezember 1840, Vormittag von 1/2 10 bis 3/4 12 Uhr
HIM|3|401206|0|0|Schreibende: C. L., S., And. u. Ans. H.
HIM|3|401206|0|0|Heute offenbarte der Herr Nachstehendes durch den Mund Seines Knechtes, nachdem früher das Nebenwort „An den sehr Schwachen“ gelesen wurde:
HIM|3|401206|1|0|Ihr werdet alle doch wohl verstehen, dass nicht Ich als das allerhöchste Wesen, als Gott von Ewigkeit und als Vater aller Menschen, Geister und Engel solche Dinge, wie die eben erwähnten es sind, in der Wirklichkeit selber begehe, um Mir hernach in eurem Angesichte gleich einem Doppelgänger solche Vorwürfe zu machen und Mich gewisserart Selbst zu ermahnen, Mich in allem diesem zu bessern, das Ich doch niemals begangen habe. So ihr über dieses wenig Gesagte nachdenkt, – wird euch nicht von selbst die fast undenkliche Frage sich aufwerfen: Ja, kann denn Gott auch sündigen, da Er doch Gott ist, wie in Seinem Heiligtum so auch in Seiner Weisheit und ebenso in Seiner Liebe? Woher demnach eine solche Beschuldigung gegen Sich Selbst? Allein, sagt ihr nicht selbst, dass Meine Wege unergründlich und Mein Rat unerforschlich ist? Ja, seht, so ist es auch! Es hat von der ganzen Ewigkeit her noch nie jemand Meinem Rat beigewohnt, und keines Engels Auge wird je schauen die geheimen Wege Meiner Weisheit und Meiner Liebe.
HIM|3|401206|2|0|Damit ihr aber diesen siebenten Jünger wohl begreifen mögt, so will Ich auf einen kurzen Augenblick eure Gefühle zurückführen in die große Zeit der Menschwerdung Meiner Liebe. Und wie von dort aus alles Licht und alle Hilfe in die Welt gekommen ist, so soll auch eben dieses Licht euch wohl erleuchten das Inwendige einer kleinen Haselnuss, die Ich, euer Vater, in diesem siebenten Jünger oder in dem Sehr Schwachen euren Zähnen zum Aufknacken unterschoben habe.
HIM|3|401206|3|0|So fragt auch da Meine Liebe: Du reinstes Wesen Gottes, das nie auch nur des allergeringsten fehlerhaften Gedankens fähig ist, wie ist es und wie war es möglich, Dich vom Vater zu trennen, um Dich mit allen Sünden und mit aller ihrer Scheußlichkeit auf der Welt zu beladen, um Deinem Vater oder der Heiligkeit Gottes zu erscheinen in einem ärgeren Licht als derjenige selbst, durch den alle Bosheit in die Welt gekommen ist? Wie konntest Du zum Mörder aller Mörder werden? Wie konntest Du zum Ehebrecher aller Ehebrecher werden? Wie konntest Du zum Lügner aller Lügner werden? Ja, wie konntest Du zum größten Verächter der Heiligkeit Gottes werden? Ja, wie konntest Du alle großen und kleinen Sünden auf Dich nehmen vom Anfang der Welt und bis ans Ende derselben, da Du doch die Liebe Gottes Selbst warst, und der Vater in Dir, wie Du im Vater, und der Gott in Dir, wie Du in Gott? Und wie konnte die Gottheit vor aller Welt aus den Himmeln bei Deiner Taufe im Jordan zu Dir sagen: Das ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören!?
HIM|3|401206|4|0|Seht, ihr könnt da denken, wie ihr wollt, so werdet ihr nichts Verständliches herausbringen. Und wird euch nicht, je tiefer ihr die Sache verfolgt, auch um desto rätselhafter werden, so ihr das recht ans Licht zieht und so recht tief in euch denkt, wie es möglich ist, dass gerade das allerreinste Wesen Gottes, ja das Leben in Gott Selbst, welches ist das Leben alles Lebens und das Licht alles Lichtes, sich wohl so arg beladen mochte mit dem Tode alles Todes und mit der Finsternis aller Finsternis?
HIM|3|401206|5|0|Seht, wenn ihr das begreifen könnt, so wird euch diese kleine gebotene Haselnuss so leicht verständlich vorkommen, als wäre sie ganz enthüllt vor euer Herz gelegt worden. Allein, das ist der große Schritt, den ein jeder in seinem Herzen zu machen hat und helfe, der ewigen Liebe das Kreuz tragen, damit er dereinst Teil haben möchte an dem großen Werk der bis jetzt noch immer unbegriffenen Erlösung, der Überwindung des Todes und der Auferstehung. Darum habt Acht und begreift zuerst dieses große Geheimnis, und ihr werdet darinnen jede einzelne Pore des Sehr Schwachen hell erleuchtet erblicken.
HIM|3|401206|6|0|Dass die Welt von Anbeginn in allerlei Argem war, wisst ihr; – und durch wen und wie sie in solches gekommen ist, wisst ihr auch. Aber wie die Welt in ihrem Argen hätte bestehen können vor Gott, das ist eine andere Frage. Seht, die Welt war also tot in ihrer Bosheit und konnte sich somit unmöglich mehr selbst richten nach der unantastbaren Heiligkeit Gottes. Sie musste daher beständig aus der Barmliebe Gottes gerichtet werden, damit sie bestehen mochte als das wenigstens, was sie war; aber sagt ihr selbst, wie ist ein gerichtetes Ding, ist es tot oder lebendig?
HIM|3|401206|7|0|Da kann Ich euch nichts anderes sagen, als euch mit einer Frage behilflich entgegenkommen: Ist ein Automat tot oder lebendig? Eure Antwort kann unmöglich anders ausfallen, als dass ihr sagt: Ein Automat ist tot, und seine Bewegung ist nichts als eine künstliche Richtung des Mechanikers. Und seht, gerade so verhielt es sich auch mit der argen Welt vor der Erlösung. Sie war bloß ein durch Meine Barmliebe immer gerichteter Automat. Aber so ihr einen sonst recht possierlich schönen Automaten vor euch hättet, dem die Kunst des Bildners sowohl, als die des Mechanikers alles gegeben hätte, dass ihm nichts abginge als nur das selbständige Leben, um ein Mensch in aller Vollkommenheit zu sein, – ja würdet ihr da nicht sehnlichst wünschen nicht nur das künstliche Leben diesem Automaten, sondern ein wirkliches selbständiges Leben? Und wäret ihr fähig, wie Ich es bin, so würdet ihr euch mit eurem Leben im Geiste selbst hineinziehen in den Automaten und würdet somit alle seine Mängel und innerlichen Gebrechen notwendig an euch ziehen und euch gewisserart mit denselben bekleiden.
HIM|3|401206|8|0|Seht, wie war es denn nun da zu tun, da Ich nur allein das Leben bin und das Leben habe in und aus Mir, um der beständig zu richtenden Welt ein wahres freies und nicht bloß mechanisches Leben zu geben?
HIM|3|401206|9|0|Seht, da musste die Liebe sich trennen von Gott oder der urewigen heiligen Kraft, aus der sie ewig geboren ward und die Kraft Gottes ewig aus ihr. Also dieses ewige Leben aus sich selbst oder aus der urewigen Kraft Gottes musste einen Bruch machen mit Gott und musste sich niedersenken zur toten Welt und anziehen das Sterbliche derselben, damit das Sterbliche dadurch die Sterblichkeit verliere und wieder frei lebendig werde in und aus dem Leben aus Gott, welches ist das Leben alles Lebens, da Gott Selbst ist in diesem Leben und das Leben selbst in Gott. Und so ist aber das Leben von Gott ausgegangen, hat sich mit der Sterblichkeit des Fleisches bekleidet, damit dadurch alles Fleisch möchte frei lebendig werden in sich durch das Leben aus Gott, wie Gott Selbst lebendig ist von Ewigkeit durch dasselbe ewige Leben der Liebe in Sich.
HIM|3|401206|10|0|Seht, das ist nun das große Geheimnis, warum die Liebe Gottes im Menschen sich selbst gemacht hat zur allerartigen Verbrecherin und Sünderin, damit da nicht nur ein Fleisch, sondern alles Fleisch mit dem Leben aus Gott durchwirkt werden mochte. Und diese nun so mit aller Schuld überladene Liebe musste sich dann im Gegensatz vor der Heiligkeit Gottes vermöge der an sich genommenen allgemeinen Schuld oder Sterblichkeit eben auch bis auf den alleräußersten Punkt aller Punkte demütigen und musste ertragen jeden erdenklichen Vorwurf, um dadurch sich mit Gott wieder vereinigen zu können, wie auch alles das dem Vater oder der Heiligkeit Gottes lebendig wieder anheimzustellen, was zwar lebendig dereinst aus Gott gegangen ist, aber sich tot gemacht hat durch die eigenwillige und hochmütige Losreißung von Gott – oder von Seiner ewigen Ordnung.
HIM|3|401206|11|0|Seht, nachdem ihr dieses doch so ziemlich mochtet begriffen haben, so will Ich euch nun auch ein wenig mit den Vorwürfen bekannt machen, die Mir da notwendigerweise von der Heiligkeit Gottes gemacht wurden, damit ihr da etwas erfahrt, was die Welt bis zur gegenwärtigen Minute noch nicht erfahren hat.
HIM|3|401206|12|0|Ihr wisst, dass alles, was da erschaffen wurde in der ganzen Unendlichkeit, laut des Zeugnisses Meines lieben Johannes durch Mich gemacht und erschaffen wurde. Nun nehmt aber die böse gewordene Welt, die dadurch von der Heiligkeit Gottes immer verdammt ward, dass Ich als der Hervorbringer solcher Verdammlichkeit somit auch von der Heiligkeit Gottes diesen Vorwurf notwendig teilen musste, da die Welt und alles, was in ihr ist, nicht durch sich, sondern durch Mich einzig und allein ins Dasein gerufen wurde. Da also die Welt schnurgerade entgegen war der Heiligkeit Gottes, wie war hernach das Bestehen der Liebe, die solches hervorgerufen hatte, das die Heiligkeit Gottes verdammen musste, anders als ein selbstverdammliches? Nun denkt euch all die namenlosen Taten der Menschen. Seht, aller dieser Taten wegen musste Ich verdammt sein von der Heiligkeit Gottes, weil die Taten selbst verdammt waren als Erscheinungen in der Welt, die aus Mir hervorgegangen ist. Was war da zu tun?
HIM|3|401206|13|0|Seht, nur zwei Wege standen Mir offen, nämlich der Weg nach oben, und der Weg nach unten, das heißt: Ich kehre zu Gott zurück, werde Eins mit Ihm und vernichte durch die Kraft Seiner Heiligkeit alles das, was aus Mir hervorgegangen ist – oder aber Ich trenne Mich mit allem Vorwurf beladen, mit der höchsten Verdammlichkeit, von Gott, belebe und heilige da Meine Werke und tue in Meiner unendlichen Demütigung Genüge der ebenso unendlichen Heiligkeit Gottes. Seht, wenn Ich nicht die ebenso unendliche Liebe selbst wäre, wie Gott die unendliche Heiligkeit selbst ist, so hätte Ich freilich das erste getan. Allein Meine Liebe vermochte das Unaussprechliche aussprechlich zu machen, verleugnete ihre Heiligkeit und machte sich unheilig, da sie sich belastete mit aller Schuld, und somit auch mit des Todes schwerster Bürde.
HIM|3|401206|14|0|Allein, ihr wisst die Begebenheit, als Ich in dem Garten Getsemani an dem sogenannten Ölberg zu Gott, von dem Ich Mich der Welt wegen getrennt habe, betete. Seht, da erst erwachte vollends die große Blindheit Meiner Liebe und sah mit dem entsetzlichsten Grauen zwischen Sich und Gott die unendliche Kluft; allda bereute Ich im Ernst, dass Ich Gott verließ und zum toten Werk Meiner eitlen Lust Mich gewendet habe, – und damals stand die ganze Schöpfung in der großen Schwebe zwischen Sein und dem ewigen Nichtmehrsein. Denn entweder trinke Ich den Kelch, so besteht die Welt und alles, was auf ihr ist – oder Ich setze den Kelch zur Seite und die Welt und alles unter ihr wird zunichte in dem Augenblick, da Ich den Kelch zur Seite setze.
HIM|3|401206|15|0|Aber seht, eben da, wo die Liebe und das Leben in der unendlichen Entfernung von Gott schwach geworden ist, da erbarmte sich Gott Seiner Liebe selbst, stärkte Sie und gebot Ihr, den vorgesetzten Kelch zu leeren, und sprach insgeheim zu Ihr: „Noch sind zwischen Mir und Dir die Extreme der Unendlichkeit nicht berührt; daher senke Dich hinab in die äußerste Tiefe des Todes, welcher ist die äußerste Grenze im Gegensatz zu Meiner Heiligkeit, damit Ich Dich da wieder erfassen kann, da der ewige Kreis Meiner Heiligkeit sich schließt.“ – Seht, so ging Ich dann geduldig diesem Ziel entgegen, allwo Ich in dieser unendlichen Entfernung von Gott am Kreuz ausrief: „Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du Mich verlassen?“ – und ferner: „Es ist vollbracht!“ und „In Deine Hände empfehle Ich Meine Seele“ – oder die Seele alles Lebens, oder die Seele, aus der alles, was da ist, hervorgegangen ist.
HIM|3|401206|16|0|Seht, nun werdet ihr, so ihr dieses ein wenig bedenkt, wohl einsehen, wie Ich bei euch Sündern der Sehr Schwache bin, und wie Ich Mir noch immer muss von der Heiligkeit Gottes an eurer statt in irgendeiner vorgestellten menschlichen schwachen Beschaffenheit Vorwürfe machen lassen, um euch jeden sonderheitlich neuerdings wieder zu erlösen und einzuführen lebendig in die Heiligkeit des Vaters. Seht, ein solcher Mensch, dessen Ich Mich bediene und gewisserart seine Wesenheit anziehe, um dadurch eure Mängel verhüllt zu tragen, gleicht dem Simon von Cyrene und könnte ebenfalls großen Lohn erreichen, so er Mir willig auf eine kurze Zeit nur hätte das Kreuz ein wenig tragen helfen. Allein der Mensch ist schwach und fürchtet jede Last, am allermeisten aber die Last des Kreuzes; und daher bleibt Mir denn wieder nichts anderes übrig zu tun, als was Ich dereinst tat, nämlich für alle das Kreuz Selbst zu schleppen.
HIM|3|401206|17|0|Es muss euch demnach in dem Nebenwort an den ‚Sehr Schwachen‘ ebenso wenig beirren das persönlich anpassend Scheinende, als es euch beirren möchte, so ihr zum Beispiel die ganze Lebensgeschichte des Hohenpriesters Kaiphas oder die des Pilatus, oder die des Iskariot, oder sogar die eines römischen heidnischen Kaisers Nero, und anderer ähnlicher größerer und kleinerer Sünder nicht zu gedenken, vernehmen möchtet; denn seht, mit allen diesen Vorwürfen musste Ich Mich von jeher beladen lassen. Und ebenso bin Ich nun für euch wieder beladen mit allen euren Schwächen und Mängeln und trage sie für euch in dieser euch etwas fremdartigen Umhüllung, damit, wie ihr schon wisst, euch nicht Schaden geschehe an eurer Seele, so ihr wissentlich, das heißt, eurem Fleische nach gleich einem Judas Iskariot mit Mir in die geheimnisvolle Schüssel des zu bewirkenden Lebens greifen möchtet.
HIM|3|401206|18|0|So ihr aber wollt, so nehmt dieses Nebenwort unter dem Namen des ‚Sehr Schwachen‘ zu euch; geht es – wohlgemerkt! – in eurem Herzen von Punkt zu Punkt durch und erklärt es euch nach dem, was ihr jetzt vernommen habt. Ich habe euch nun gegeben den Schlüssel gleich einem Petrus zu Meinem Reich. Dieser ‚Sehr Schwache‘ ist Mein verhülltes Reich in euch. Eröffnet es mit diesem Schlüssel, und ihr werdet Wunder schauen, und wahre geistige Wunder in und an euch entdecken.
HIM|3|401206|19|0|Sollte jemandem darinnen trotz alles seines Prüfens noch immer etwas verhüllt erscheinen und hart, wie einst den Aposteln die euch bekannte harte Lehre, so wendet euch in aller Liebe zu Mir, und seid versichert, dass Ich euch nicht im Stich lassen werde. Denn nun sage Ich nicht mehr: Geht zu Meinem Knecht und vernehmt in diesem Punkt durch seinen Mund Meine Gnade, sondern nun sage Ich: Kommt treuen Herzens zu Mir, damit Ich Selbst euch die Gnade gebe und euer Mund ebenfalls ausspreche das geheiligte Verständnis eures Mir zubereiteten Herzens. Obschon es euch freisteht, sich zu erkundigen beim Knecht, so werdet ihr aber doch aus seinem Munde nichts erfahren als das, was Ich in euch durch eure Liebe zu Mir Selbst aussprechen werde. Amen. Das sage Ich der Wahre Siebente. Amen.
HIM|3|410102|1|1|Ein Traum (vom 29. Dezember 1840) – 2. Januar 1841 [Manuskript]
HIM|3|410102|0|0|O Herr! Dass die Erzählung genau und fruchtbringend würde, sei mir armem schwachem Knecht behilflich; denn sind auch Träume öfter nichts als leere Schäume, so aber mögen doch immer derart Träume eine eigene Gnadenzulassung von Dir sein, daher sie auch nicht verlorengehen sollen, sondern uns behilflich sein in der schwachen Beschauung unseres Inwendigen und dienlich dann unserem Herzen, damit wir stets mehr und mehr Deinen allerheiligsten Namen durch unsere wachsende Liebe verherrlichen möchten. Darum, o Herr, sei mir behilflich und entziehe mir nicht Dein heiligstes lebendiges Wort. Es ist in der Höhe wie in der Tiefe ja nichts, das da nicht wäre nach Deinem Willen. So sicher auch dieser Traum, und so geschehe denn auch allzeit Dein heiligster Wille. Amen.
HIM|3|410102|1|0|Nun so erzähle und schreibe, wie Ich es dir geben werde.
HIM|3|410102|2|0|Siehe, Ich will deshalb dir erzählen dein nächtliches Gesicht, damit du nicht nötig haben möchtest, als Erzähler in der ersten Person aufzutreten und dich selbst zu verherrlichen durch Mich, sondern dass Ich verherrlicht werden möchte durch dich. Daher verstehe wohl, wenn Ich sage: Ich durch dich, aber derzeit nicht du durch Mich; denn es wird niemand verherrlicht werden eher von Mir, bevor nicht Ich durch ihn bin verherrlicht worden. Denn der Mich bekennen wird vor der Welt, den werde Ich erst dann bekennen im Angesichte Meines Vaters, da er dann schauen wird Meine unendliche Macht und Herrlichkeit und wird dann selbst verherrlicht werden in dieser Meiner Herrlichkeit.
HIM|3|410102|3|0|Und nun schreibe deinen Traum! Siehe, so träumte es dir:
HIM|3|410102|4|0|Du gingst mit zwei dir wohl Bekannten und mit drei dir Unbekannten und mit dem Ans. H. aus einem nordwestwärts gelegenen Graben etwas schräg aufwärts gegen Südost, und zwar auf der abendlichen kegelförmigen Abdachung eines kleinen Berges, dessen Scheitel ziemlich dicht mit jungen Nadelholzbäumen bewachsen und von dem freien, etwas mager bewachsenen Wiesengrund durch einen unordentlichen und schon stark schadhaften bäurischen Staketenzaun umfangen war. Und das geschah vorbildend um die siebente Stunde abends, und zwar um die Zeit des Frühherbstes.
HIM|3|410102|5|0|Als du mit deiner bekannten und unbekannten Gesellschaft sonach deinen Weg knapp am Saum des Wäldchens verfolgtest, siehe, da gelangtest du alsobald gegen Süden mit deinen Genossen an einen Punkt, allwo der ziemlich schmale und sehr wenig betretene Doppelweg auf einmal mit allerlei Stangen, Bäumen und Brettern verpalisadiert war, so zwar, dass darüber zu kommen dir und vorbildend allen deinen Genossen eine bare Unmöglichkeit schien.
HIM|3|410102|6|0|Nun fingen deine zwei ersten bekannten Genossen an, dich etwas schmählich mit Worten anzugreifen, indem sie sagten: Nun, du Halbprophet, du Wolken- und Regenbändiger und wohlkonditionierter Flugmaschin-Erfinder, was siehst du nun diese Barrikade so verblüfft an wie eine junge Kuh ein neues Tor! Was willst du nun machen? Gelt, jetzt wird das Sprichwort wahr, welches also lautet: Da stehen nun die Ochsen am Berge – und zwar unter der Leitung eines prophetischen Esels!
HIM|3|410102|7|0|Auf welche ziemlich starke Verunglimpfung du folgende kleine Bemerkung dir erlaubtest und sprachst: Freunde, ihr habt ja recht gesprochen, mögt ihr immer das bleiben, was ihr euch nanntet. Aber was den prophetischen Esel betrifft, seht, da muss ich euch schon um Vergebung bitten und getraue mich nicht, eine so große Auszeichnung anzunehmen; denn ihr kennt sicher den Propheten, vor dem ein Esel weissagte, und die Eselin, die den Herrn trug am Palmsonntag, – seht, daher kann ich eine solche Auszeichnung nicht annehmen. Wäre ich vor Gott würdig, ein solcher Esel zu sein – o Freunde, dann würde ich mit meinem großen Reiter vor übergroßen Freuden aufspringen und mit meinen wohlgenährten Hufen euch eure unbändigen Hörner wohl von euren Ochsenhäuptern herunterarbeiten! Und dein Genosse H. sprach auf diese deine Erwiderung: Fiat, et pereat cornu bovis, et laus gloriaque maxima Domini nostri Jesu Christi orbem caelumque totum infundat! [Es geschehe und gehe zugrunde das Horn des Ochsen, und Lobpreis und höchster Ruhm unseres Herrn Jesus Christus überschütte den Erdkreis und das ganze Himmelreich.] Na, aber das heiße ich doch den Nagel mit der Demut mit einem Hieb ins Brett treiben; aber woher haben Sie das so schnell genommen?!
HIM|3|410102|8|0|Und als dein Genosse H. so geredet hatte, siehe, da traten die drei Unbekannten hervor und sagten einhellig: Weißt du denn nicht mehr, dass dir die Gabe des freien Fluges verliehen ist? Nun aber ist es an der Zeit, die Frevler zu beschämen; denn sieh die wütenden Stiere, wie sie aus der Tiefe heraufrennen und vereint dann mit diesen zwei Genossen ihre Hörnerspitzen in deinen Eingeweiden herumwühlen möchten. Daher ergreife deinen Genossen H. und hebe dich schnell von hier!
HIM|3|410102|9|0|Und als du solches vernommen hast unzweideutig, da ergriffst du alsobald den H. und erhobst dich mit ihm. Die zwei Ochsen mit den wütenden Stieren aber brüllten vergebens nach dir, da du in der Höhe frei geborgen warst. Und einer von den Ochsen brüllte höhnisch nach dir, sagend: Seht doch, seht doch, unter den neuen Propheten gibt es auch gar listige Vögel; wenn sie einsehen, dass ihre Schnäbel der Gediegenheit unserer Hörner nicht stichzuhalten vermöchten, dann fliegen sie aus lauter prophetischer Kraft auf und davon! Es ist doch jammerschade, dass wir nicht die Sprache des Geflügels verstehen, was würden uns diese armseligen Kernbecker, Wurmzwicker und Aasfresser schon all für herrliche Dinge prophezeit haben!
HIM|3|410102|10|0|Seht nur an den luftigen Falken, wie er uns stolz aus der Höhe mustert, als hätte er im Sinne, einem oder dem anderen von uns die Augen auszubecken! Aber komme nur herunter, du Vogel von einem Propheten, wir werden dir deine Weisheit schon herunterarbeiten! Oh, das heißen wir eine prophetische Kraft, wenn ein solcher beim Anblick von kräftigen und mutvollen Stieren sich aus lauter göttlicher Macht gleich einem Hasen aus dem Staube macht – hahaha, das ist ein Machtbote des Herrn, der, statt dieser Barrikaden sich zu bemeistern, nur als ein Vogel davonfliegt! Oje, oje, oje!
HIM|3|410102|11|0|Und als du solche listige Schimpfereien eine Zeit lang angehört hattest, da gedachtest du Meiner und ersuchtest Mich, dass Ich dir solle Blitze senden vom Himmel, damit du dann vermöchtest, mit diesem tödlichen Feuer die Frevler zu vernichten. Und siehe, was vernahmst du da für eine Stimme von Oben? Lautete diese nicht also: „Was rufst du Feuer? Das Feuer, das diese Frevler zerstören würde, siehe, dieses Feuer würde auch dich ergreifen und samt den Frevlern verzehren; denn im Zornfeuer Gottes kann keine Kreatur bestehen. So du aber willst mächtig sein und stark in Meiner Gnade, dann musst du nur segnen, wo gegen dich geflucht wird. So du aber mächtige Flügel hast zum Fliegen, wozu dann noch ein Feuer, in dem dein Flügelpaar untauglich zum Fliegen werden möchte? Darum segne und fliege!“ – Und siehe, als du solches vernommen hast unzweideutig, da erst flogst du gegen Morgen von dannen.
HIM|3|410102|12|0|Und dein Genosse H. fragte dich im raschen Fluge beständig, wohin du denn so nun den Flug richten werdest. Allein du gabst ihm lange keine Antwort. Da er dich aber endlich fragte, warum du ihm keine Antwort gebest, da erst sagtest du: Wie kann ich dir antworten auf eine solche Frage? Frage zuvor dein Herz, was darinnen weht für ein Wind und wohin du möchtest, so werden wir alsobald dort sein, da deine Liebe gefesselt ist am noch ziemlich starken Tau, das am Anker noch so ziemlich mannigfacher Welthoffnungen im Meer der Weltsorgen befestigt ist.
HIM|3|410102|13|0|Er aber erwiderte: Höre! aber wie kann oder soll ich denn mein Weib und meine Kinder verlassen? Sollte ich mich nicht um sie sorgen, da ich nun nicht weiß, wie es ihnen geht? Diese Sorge ist ja meine größte Pflicht, und Gott selbst hat sie mir auferlegt. Wer kann mir hernach verargen, wenn ich meinen Vaterpflichten nachstrebe? Daher wisse, dass ich zu den Meinigen möchte! Bist du mir ein wahrer Freund, so bringe mich schnell dahin, da gewiss mein Weib, meine Pauline, und alle meine lieben Kinder mit großer Besorgnis und Sehnsucht meiner harren!
HIM|3|410102|14|0|Darauf sagtest du dann: Nun siehe, Freund, was hätte es dir genützt, so ich dir auch den Plan meines von Oben scharf bezeichneten Weges zum großen Ort aller menschlichen Bestimmung auf deine wiederholten Fragen treulich angegeben hätte, du aber wärst mir dann durch deine neuerwachte Liebe und Sorge für die Deinen zu schwer geworden, dass ich dich nicht länger hätte in der Höhe zu erhalten vermocht, wodurch ich dann hernach doch genötigt gewesen wäre, dich entweder fallen zu lassen oder aber mit dir selbst zu fallen. Daher aber, da du dich nun selbst kundgabst in deiner Hauptliebe, bist du nun auch leichter, und mein Flug wird dich alsobald an Ort und Stelle bringen, dahin die Magnetnadel deines Herzens weist!
HIM|3|410102|15|0|Sieh Freund, noch ist die Liebe zu Gott in dir eine Liebe durch die Deinen. Sie ist nur ein dankbares Gefühl, an dem aber auch noch so manche Sorgen kleben, da eine solche Liebe zuerst ausgeht von deinem Herzen zum Herzen der Deinen – und von da weg erst dankbar zum Herzen Gottes. Sieh, da wird die Liebe dann mit allerlei Sorgen und Dingen und Sachen beschwert und dann gleichsam verkehrt; denn da wird deine Liebe in und zu und durch die Deinen positiv polarisch und nährt so dankbar den auf diese notwendig entgegengesetzten Pol deiner Liebe in Gott. Aber sieh nur recht genau, ob diese Liebe der göttlichen Ordnung auch vollends gemäß ist?
HIM|3|410102|16|0|Du fragst Mich nun freilich in deinem Herzen, ja wie sollte demnach die rechte Liebe beschaffen sein? Siehe, darauf antworte Ich dir also: Die rechte, freie, sorglose Liebe aber ist solcher Liebe gerade entgegengesetzt, denn sie geht vom Herzen des Menschen zunächst in Gott über, da sie gereinigt wird durch das sanfte Gnadenfeuer, und von da in klarem Bewusstsein und voll des höchsten Vertrauens selbstkräftig, sorglos und frei erst zur Welt und dem Weib und all den Kindern wieder zurückkehrt.
HIM|3|410102|17|0|Siehe, da dadurch alles in solcher Liebe Gott anheimgestellt wird, so bildet dann der so liebende Mensch mit Gott vereint den positiven Pol und alles der Naturwelt den negativen. Du weißt aber, dass der negative Pol ein notwendiger und nur der positive ein freier ist. Wenn aber jemand möchte stärken durch das Negative das Positive, siehe, welche Kraft wird da herauskommen? Es wird gerade sein, als ob jemand möchte plus 2 und minus 2 zusammenaddieren, wo dann am Ende nichts zum Vorschein kommen wird. Und noch ärger aber ist es, wenn durch solche verkehrte Liebe die unendliche Potenz Gottes negativ auftreten muss, dass Sie gesättigt werde durch ein miserables Plus; denn dann erst kommt ein Verhältnis heraus, welches noch viel löblicher ist, als die Summe, so jemand da addieren möchte plus 1 und minus Unendlich, wo dann die Summe lautete: 1, weniger als unendlichmal nichts. So aber der positive Pol unendlich kräftig ist in und durch Gott, siehe, da ist es dann gerade, als ob jemand stärkt den positiven Pol mit der ihm verwandten Kraft. So braucht er dann gar nicht zu sorgen für den negativen Pol, sondern dieser wird in dem Augenblick sorglos genährt in dem unwandelbaren Verhältnis – je nach der Nahrung des positiven Pols.
HIM|3|410102|18|0|Siehe, das musste ich dir, mein freundlicher Genosse, erst zeigen, damit du darob leichter wurdest und ich mit meinem Flügelpaar dich leichter bringen kann wieder in dein Haus zu den Deinen.
HIM|3|410102|19|0|Nun siehe, als du solches ausgeredet hattest, da erst flogst du wieder weiter gegen Südost, und zwar hinab zum Fuß eines dem früheren Berg benachbarten Berges, auf dessen südwestlichem Abhang dann also das Haus deines Genossen H. sich befand. Als ihr nun alldort angelangt wart, so wolltest du alsogleich weiterfliegen. Allein dein Genosse H. bat dich so lange, und auch dessen Weib und einige seiner Kinder, dass du bei ihnen verbleiben möchtest, und so kehrtest du mit ihnen ins Haus.
HIM|3|410102|20|0|Als du nun aber vollends die Gemächer betreten hattest, da kam alsobald jemand zum Weib des H. auf einen Besuch. Sie aber verließ alsobald auf eine kurze Zeit mit Visitanten das besagte Eintrittsgemach. Der Genosse H. aber legte sich in ein nebenanstoßendes Zimmer ein wenig zur Ruhe und ersuchte dich, dich einstweilen wohltätig mit seinen Kindern zu unterhalten. Nachdem du nun solches vernommen, setztest du dich alsobald an einen Tisch, als wolltest du selbst ein wenig ausruhen.
HIM|3|410102|21|0|Allein deine Ruhe währte nicht gar zu lange, denn es kam die Tochter namens Wilhelmine, setzte sich neben dich zu Tisch und machte neugierige Versuche, mit dir ein fragendes Gespräch anzuknüpfen. Allein du machtest dich taub und stumm und schienst auf das Mädchen nicht zu achten, worüber dann diese in einem etwas ärgerlichen Ton, der ihr bei solchen Gelegenheiten auch ganz eigen ist, dich etwas scharf anfassend fragte: Aber sagen Sie mir doch einmal, was ich Ihnen denn Schlechtes getan habe, dass Sie mich weder eines Blickes noch einer Antwort würdigen! Denn ich kann mir das nicht zusammenreimen, wie ein sonst so frommer oder doch wenigstens als fromm gelten wollender Mann gar so ärgerlich stolz sein könnte! Dass ich jetzt tanzen lerne, ist denn das gar so etwas, nachdem Sie doch wissen, dass wir das nur aus Gefälligkeit für die Tante gewisserart tun müssen, ohne dass gerade unser Herz und Leben gar so daran hängt, wie Sie vielleicht glauben. Und wenn Sie deshalb auf mich gerade so ärgerlich sind, so weiß ich wirklich nicht, was ich von Ihnen halten soll! Ehedem versicherten Sie mir stets, dass ich Ihnen lieb wäre. Jetzt aber sehen Sie mich gar nicht mehr an, als wenn ich durch diese Gefälligkeit gegen die Tante schon, Gott weiß, wie schlecht geworden wäre. Ich weiß wohl, was die Ursache ist, und sage es Ihnen gerade ins Gesicht: Es ist bei Ihnen nichts als eine ärgerliche Eifersucht, durch welche Sie mich stillschweigend einer Untreue, sich rächend, beschuldigen wollen, als wenn ich schon einmal, Gott weiß, wie stark in Sie verliebt gewesen wäre, was mir bis jetzt wirklich noch nicht einmal im Traume eingefallen wäre. Pfui, schämen Sie sich!
HIM|3|410102|22|0|Und da dich die letzte Phrase etwas ärgerlich machte, so standest du auf und wolltest gehen. Allein, als die ziemlich dreiste Rednerin solches merkte, ergriff sie dich bei der Hand und ließ dich bittend und weinend nicht von der Stelle, sagend: Ich bitte Sie um Gottes willen, vergeben Sie mir, wenn ich Ihnen etwas Ungerechtes gesagt habe, und vergeben Sie mir meine voreilige Unart! Ich sehe schon, dass ich gefehlt habe. Bleiben Sie hier! Was würden der Vater und die Mutter sagen, wenn Sie, mich jetzt verlassend, davongingen!
HIM|3|410102|23|0|Und du öffnetest darauf den Mund, fingst endlich an zu reden und sagtest zuerst etwas ärgerlich: Na, das ist ja eine recht schöne Unterhaltung für den guten Dienst, den ich durch die Gnade des Herrn meinem Freund erwiesen habe. Nimmt sich das zarte Töchterlein die holdselige Freiheit, mich über einen Kurierstiefel zu putzen und auf einen solchen sonderbaren Glanz herzustellen, dass dagegen die Anzüglichkeiten von Seiten der Ochsen am Berge nur als ganz kleine niedliche Burlesken erscheinen! Nein, das ist gar nicht übel, eine solch zarte Unterhaltung möchte ich mir denn doch bald wieder ausbitten! Die schmiert so mir und dir nichts einem auf die unschuldigste Weise von der Welt die allerschönsten Grobheiten ins Gesicht, als wenn sie’s gedruckt hätte und dafür wirklich bezahlt würde! Und damit der ganzen Geschichte am Ende die Krone aufgesetzt würde, spuckt sie einem zu guter Letzt am Ende solcher Unterhaltung noch quasi ins Gesicht. Ganz gehorsamster Diener, die könnte mich denn doch ganz sonderbar gerne haben! Meine liebe W., bei und durch solche unterhaltende Raritäten wird’s wohl mit dem Verliebtsein von meiner scharf geputzten Seite seine wohlgeweisten Wege haben, und mir wird nicht viel anderes zu tun übrigbleiben, als Sie für die Zukunft höflichst zu ersuchen, mich mit derlei äußerst anzüglichen Gesprächsunterhaltungen ein wenig liebreich gütigst verschonen zu wollen. Für diesmal aber leben Sie wohl! Amen.
HIM|3|410102|24|0|Siehe, da wolltest du denn wieder gehen. Allein es geschah wie früher, dass du denn doch wieder bliebst und dich ganz langsam zum Tisch wieder niederließest und folgende Worte zu deiner Entschuldigung an die W. zu richten anfingst: Wilhelmine! jetzt aber seien Sie ruhig und hören Sie mich an, denn wenn Sie Mutmaßungen in sich wider mich hegen, so gestaltet zwar, dass ich offenkundig daraus ersehen muss, dass Sie sich in Ihrem Herzen ganz grundfalsch berichtet haben, so ist es nun meinerseits nichts mehr als eine brüderliche Pflicht, Sie in Ihrem gewaltigen Irrtum getreu zu berichtigen. Sehen Sie mir so recht fest ins Gesicht, ja in mein offenes gesundes Auge sehen Sie mir, und fragen Sie sich dann selbst, ob ich denn wohl so faustdick hinter den Ohren halte! Meinen Sie denn, ich würde Sie deshalb mit Verachtung ansehen, weil Sie derzeit etwas gewisserart tun, was wenigstens derzeit mit meinen Grundsätzen aus reiner Liebe zum Herrn sich nicht gar wohl vereinigen lässt? O sehen Sie mir in mein offenes Auge, schaut denn da wirklich etwas so Verächtliches heraus? Hätten Sie meine Augen, so würde Ihnen gewiss ganz sonderbar zumute, so Sie Ihre Brüder und Schwestern sähen mit verbundenen Augen frohwandeln über unabsehbaren Abgründen und Klüften, daraus an eine Erlösung sehr schwer mehr zu denken ist für den unglücklichen Blinden, der da hinabgestürzt ist!
HIM|3|410102|25|0|So Sie jemanden sähen einen Giftbecher ergreifen, dass er ihn austränke bis auf den letzten Tropfen des Todes, wie würde es Ihnen dann zumute, besonders wenn Sie schon einige Spuren der tödlichen Wirkung durch die Adern des Trinkers bemerkten! Nun, was meinen Sie, was würde das wohl für Wirkungen auf Ihr Gemüt bringen? Oder so Sie mit diesen meinen Augen jemanden sähen auf dem Eis eines gefrorenen Stromes sich ganz unbesorgt herumtummeln, während die Fluten unter dem Eis zu wachsen anfängen und die Eisdecke hier und da zu bersten begönne, und der Mensch wegen seiner Taub- und Blindheit weder Ihre Stimme noch das Krachen der Eisschollen vernähme, ja, und wenn Sie noch dazu bemerkten von ferne her schon hohe Fluten über dem Eis Bergen gleich daherwogen! Fragen Sie sich, wie es Ihnen dann zumute würde und was alles Sie dann tun möchten zur Rettung des fröhlichen Tauben und Blinden. Würden Sie nicht sehnlichst wünschen und beten, dass der Mensch sich nur dem Ufer nähere, dass Sie ihn ergriffen und abzögen von solcher Gefahr, die mit jeder Minute und Sekunde drohender und drohender wird!?
HIM|3|410102|26|0|Aber was sind alle diese seichten Beispiele in aller ihrer Schauerlichkeit gegen den leisesten Gedanken nur, der mir einflüstert: Siehe, dein Bruder oder deine Schwester hat nun einen Weg betreten, der von Gott abführt und zur Welt des Todes, ja des ewigen Todes lenkt! – Sie sagten freilich, es hänge Ihr Herz und Leben nicht eben so sehr daran, als ich vielleicht meine. Ich aber frage Sie: Warum hat denn der Herr den Aposteln nicht nur geboten, die Welt und ihre Wege zu fliehen, sondern Er sagte ihnen: „So ihr in eine Stadt einkehrt und nicht aufgenommen werdet, allda bleibt nicht, sondern da ihr hineingegangen seid, da kehrt alsobald zurück, nehmt euren Frieden mit und schüttelt den Staub vor dem Tor von euren Füßen“ (Mat.10,14).
HIM|3|410102|27|0|So aber der Herr den Aposteln gebot, den ganz unschuldig scheinenden Staub abzuschütteln, der an ihren Füßen kleben blieb, da sie doch als Seine Boten voll heiligen Geistes in Seinem Namen eine solche Stadt betraten, was glauben Sie wohl, liebe W., was der Herr sagen wird zum Staub, der am Fuß eines Tänzers oder einer Tänzerin kleben bleibt, der da erzeugt wird in der Reitschule des Satans!? Oder lehrt uns nicht schon die Natur selbst, eine wie geringe Portion Giftes schon hinreicht, dem Menschen das Leben zu nehmen, während in der ganzen Natur uns auch nicht ein Mittel bekannt ist, das da eine ebenso große Heilkraft besäße, um den Kranken ebenso schleunig gesund zu machen, wie schnell ein Gran Giftes den Gesunden tötet? Und von einem Mittel aber, den Toten wieder lebendig zu machen, schweigt die ganze Natur, während sie doch zahllose tödliche in unabsehbarer Menge besitzt.
HIM|3|410102|28|0|Und sehen Sie, wie uns schon der Herr durch die Natur lehrt, so lehrte Er einst die Apostel und lehrt Seine Liebhaber noch zur Stunde im Geiste laut sprechend, indem Er uns noch dieselben heiligen Worte beständig zuruft: „Hört, ihr finsteren Menschen dieser Welt, Ich allein bin der Weg und das Leben, wandelt auf Meinem Weg! Niemand kann zum Vater gelangen anderswo denn durch Mich; denn Ich allein bin der rechte Weg und die Tür zum Herzen des Vaters – und bin das Herz oder die ewige Liebe des Vaters Selbst.“
HIM|3|410102|29|0|Sehen Sie, daraus aber geht ja doch übersonnenklar hervor, dass es somit fürs ewige Leben nur einen Weg und nur ein Mittel gibt, weil der Herr, der ganz allein nur der Weg und das Lebens-Mittel ist, nur ein einziger Herr, nur ein Vater, ein Christus und ein und derselbe heilige Geist aller Macht und Kraft und Liebe und allen Lebens ist, – während es unzählige und unendliche Scharen der Satane und Teufel als Herren der Verdammnis oder des ewigen Todes gibt, von denen jeglicher seine eigenen listigen Wege zum Tode führend besitzt.
HIM|3|410102|30|0|Wenn man aber nun diese ewig unumstößliche Wahrheit so recht betrachtet, so wird es hernach gewiss nicht schwer werden, zu begreifen, warum der liebevollste Herr des Lebens die Apostel vor dem Staub gewarnt hatte, und warum sich jeder christlich sein sollende Mensch noch unendlichmal mehr vor jenem Staub hüten soll, der gar so unglaublich tödlich in des Satans Reitschule aus dem vertrockneten Schlamm aller Unzucht und Hurerei und in so unglaublicher endloser Menge aufgestampft wird mit den verächtlichsten Füßen aller Heuchelei, alles Truges und aller erdenklichen Verführung!
HIM|3|410102|31|0|O sehen Sie nun, liebe Freundin, wer mit innerer Sehe des Geistes diese Verhältnisse so durchschaut, der braucht eben nicht verliebt zu sein, um mit gesenktem Haupt stumm und voll oft trostlosen Mitleides den tödlichen Staub an den Füßen seiner Brüder und Schwestern betrachtend, so manche Fragen irgendeiner im Geheimen schon ziemlich bestaubten Schwester zu überhören! Was Sie mir aber vom leidlichen Verliebtsein etwas scharf vorgeworfen haben, so wäre es für mich wohl sehr schwach, wenn ich Ihnen deshalb sollte mich rechtfertigende Einwendungen machen oder Dinge widerlegen, denen ich an anderen feind bin wegen ihrer ruchlosen Verkehrtheit und sollte sie an mir selbst dulden zum eigenen Verderben, da ich dann bald alles verlieren würde durch meine eigene blinde Torheit.
HIM|3|410102|32|0|Es ist aber ein himmelhoher Unterschied zwischen Liebe und dem verabscheuungswürdigen Verliebtsein: das erste ist uns von Gott geboten, wie das zweite unter dem Namen Hurerei uns auf das furchtbar Strengste verboten ist. Sehen Sie nun, so ich aber so wäre, wie müsste ich mich dann als ein berufener Knecht unter den Augen des großen Herrn ausnehmen?
HIM|3|410102|33|0|Sehen Sie nun wieder, einen wie sehr gewaltigen Hieb ins Blaue Sie da gegen mich, sich selbst ärgernd, gemacht haben!
HIM|3|410102|34|0|So ich Sie aber gar oft meiner Liebe versichert habe, wie desgleichen auch jeden anderen würdigen Bruder und jede achtbare Schwester, die mir vermöge ihrer inneren Beschaffenheit näherstehen als manche andere, Gottes und alles Sittliche vergessende Menschenlarven, so habe ich fürs Erste nichts anderes getan, als was ich als christlicher Mensch schuldig bin besonders der unmündigen Menschheit, deren inneres Auge noch lange nicht geöffnet ist, dass sie ins Herz des Bruders oder der Schwester sehen möchte, ob sich da im Ernst wohl eine wahrhaft christliche Liebe gehaltschwer werktätig vorfindet.
HIM|3|410102|35|0|Und fürs Zweite aber suchte ich Sie auch dessenthalben etwas höher zu meinem Herzen heraufzuziehen, da ich sah, dass die Empfänglichkeit für weltliche Nichtigkeiten bei Ihnen weit vorherrschender ist als die Empfänglichkeit für geistige Erhabenheit. Denn ich sah und sehe noch das Monument Gottes fein beschrieben mit Seinem allerheiligsten Willen in Ihrem Herzen.
HIM|3|410102|36|0|Sehen Sie, so aber jemand irgendein weltliches Denkmal gesetzt hätte und hätte da hinein einen Stein gelegt, darauf viel Schönes und Rühmliches stünde von Dem, dem das Denkmal gelten soll, – mit der Zeit aber fiele dieser beschriebene Stein durch irgendein kleines Erdbeben vom Monument, so zwar, dass er sonst unbeschädigt mit der Schrift nach auswärts zu stehen käme am Boden. Wenn nun aber der Stein von irgendeinem Freund nicht alsobald hoch genug auf das bestehende Monument gesetzt wird, sagen Sie selbst, was dürfte es da mit dem schönen, glatten, beschriebenen Stein alsbald für eine traurige Bewandtnis haben, so die böswillige, schadenfrohe und zerstörungslustige Welt seiner am Boden liegend ansichtig wird? Werden sie nicht alsobald hinzueilen und ihn mit allerlei Schändlichkeiten zu bekritzeln anfangen, so, dass gar bald von der herrlichen Inschrift nichts mehr zu sehen sein wird, und somit diese würdige Lebenstafel und edler Taten Marke endlich einem jeden rohen, nichtssagenden Stein gleichen und am Ende sogar zerschlagen und gänzlich zerstört und vernichtet wird.
HIM|3|410102|37|0|Sehen Sie, auch Ihr göttliches Monument habe ich schon öfter von diesem herrlichen Stein entblößt getroffen, denselben aber dann liegend auf dem schmutzigen Boden weltlicher Leidenschaftskeime. Um aber diesen Stein wieder zu vereinen mit dem Monument Ihres Herzens und einig mit sich selbst zu machen, tat ich als ein wahrer Freund durch eine besondere Gnade von Oben, was ich tat, aber nicht, dass Sie mir darob Schande über mein Gesicht rufen sollen!
HIM|3|410102|38|0|Und was und wie ich war vorher, so werde ich sein fürder. Aber nehmen Sie sich ja in Acht vor dem bewussten Staub und dass die besagte Tafel nicht Schaden leiden möchte. Denn wären Sie auch, daher die Kinder Gottes sind, so sollen Sie aber doch desto mehr gedenken, dass Sie sich jetzt auf der giftigen Welt befinden, die mit lauter tödlicher Stickluft umgeben ist – bis zur kleinen Stelle, da der Brunnen Jakobs Lebensluft um sich haucht. Amen.
HIM|3|410102|39|0|Und siehe, als du diese von Mir dir auch im Traum eingegebene Rede vollendet hattest, da kam das Töchterchen Julie, verfolgt von den zwei Knaben ins Zimmer, da der Paul ein kleines schwarzes Hündchen gegen eine Tür auf sie hetzte, so dass das Hündchen die J. beinahe in den Fuß gebissen hätte, darum du dann aufstandest und wecktest den noch schlafenden Genossen H., der dann alsbald herbeikam und den Knaben P. mit zwei Fingern an den Haaren fasste und ihn strafend ein wenig schippelte. Es blieben aber die Haare, die er gefasst hatte, in der Hand. Als er darauf aber dieselben besichtigte, so waren diese ganz den Haaren eines Esels ähnlich, worüber der H. zu lächeln anfing und sagte: Na, das heiß’ ich doch die Dummheit aus dem Kopf eines unbändigen Studenten ziehen! Ah, diese Haare muss ich mir aufbewahren. Bald darauf kamen alle herbei, und du aber wurdest wach.
HIM|3|410102|40|0|Siehe, damit ist getreu dir wiedergegeben dein Traum als eine freie Zugabe zur Bereicherung Meiner Gnade in dir und allen jenen, die ihn in ihren Herzen fruchtbringend gleich dem besagten Stein hoch aufrichten werden, – dass sie dadurch dann sich und die Welt in sich gar leicht werden erkennen, was gerade jetzt umso mehr nottut, da Meine siebente und letzte Ankunft knapp vor der Tür steht. Seht nur an den Feigenbaum, und ihr werdet es finden, dass es also ist! (Mat. 24,32. Luk. 21,29)
HIM|3|410102|41|0|Wer die Welt nun noch liebt und Mich neben ihr, wahrlich, wahrlich, der wird nicht aufgenommen werden von den zweien auf dem Feld, in der Mühle und im Bett! (Mat. 24,40 f.)
HIM|3|410102|42|0|Darum bewahrt eure Füße vor dem Staub der Welt, damit nicht alsobald die Pforten Meines Reiches vor euch abgeschlossen werden auf ewig. Denn so ihr schon heiklig seid mit den frisch gewaschenen Böden eurer Gemächer, da ihr doch voll Schmutzes seid außen und innen, um wie viel mehr werde Ich mit Meiner heiligen Stadt es sein! Das bedenkt wohl, ihr Weltbestaubten, und wer der ist, der solches redet! Amen. Denn Ich, der Anfang und das ewige Omega selbst bin es! Amen, Amen, Amen. (Joh. 4,10. Off.1,8)
HIM|3|410107|1|1|Die Träume – 7. Januar 1841 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|3|410107|0|0|Vorbemerkung
HIM|3|410107|0|0|O Du mein allerbester, allerliebster Herr Jesus, so Dein heiligster Wille es wäre, möchtest Du mir denn nicht gnädig anzeigen, was denn doch eigentlich die Träume sind, und was man davon halten solle, denn gar oft hat der Mensch bedeutende und oft auch wenigstens unbedeutend scheinende Träume; und wenn man nicht weiß, wie, wann, was und wodurch und warum, so würdigt man vielleicht einseitig diese Erscheinung gar nicht oder zu wenig oder oft leichtlich zu viel. Daher, o Du allerbester, allerliebster Herr Jesus, möchtest mir armem Sünder anzeigen auch darinnen das rechte Verständnis! Nehme aber ja nicht ungnädig auf diese vielleicht zu vorwitzige Frage; denn Dein Wille bleibe allzeit heilig, heilig, heilig und über alles Deine Macht und Stärke. Daher geschehe nur Dein Wille, denn ich möchte lieber ewig nichts wissen, als etwas, so da nicht wäre nach Deinem allerheiligsten Willen. Amen, nur in Deinem heiligsten Namen. Amen.
HIM|3|410107|0|0|So schreibe:
HIM|3|410107|1|0|Wenn noch das Kind im Mutterleibe ruhig sauget / des Blutes Säfte, da für solch’s nichts andres tauget, / da saugt des Seele auch schon himmelsreine Lüfte / und weidet sich ihr Geist auf Meiner Gnadentrifte. / Und das der Leib dem Mutterleibe hat entnommen, / und was daselbst in Geist und Seele ist gekommen, / das bildet sich hernach im weltlich Außenleben, / so ihm im Mutterleibe ward von Mir gegeben.
HIM|3|410107|2|0|So aber du der finstren Kammer Lichtgebilde / da schauest, Bäume, Häuser, Wesen und Gefilde, / so solches in der Kammer nirgends ist zu finden; / nun sieh, das ist, worauf sich alle Träume gründen. / So sieht der Leib durchs Auge nichts als seinesgleichen, / da seinem Lichte all der Seele Bilder weichen; / und wenn der Körper schlafend finster ist geworden, / so sieht die Seele ihresgleichen dann in Horden.
HIM|3|410107|3|0|Wenn aber auch die Seel’ zur Ruh’ sich hat begeben / und so dem Geist’ anheimgestellet wird das Streben, / wie auch das Regen in des eignen Lichtes Sphären, / da kann der Geist dann auch zum Geistigen sich kehren. / Und was der Geist geschauet hat im Vaterhause, / das kann die Seel’ gewahren auch in ihrer Klause. / Und wenn der Leib dann wach geworden ist vom Schlafe, / gewahrt er öfter noch des Geistes Gnad’ und Strafe.
HIM|3|410107|4|0|Doch ist bei Menschen, die ein weltlich Leben führen, / von reinen Geistesträumen nie gar viel zu spüren. / Da träumt die Seele nur der Welt entnomm’ne Dinge – / und meist, daran das Herz am Tage leidlich hinge; / und da sind solche leere, bunte Seelenträume / wohl nichts, als was da sind des faulen Wassers Schäume. / Nur wenn der kranken Seele sich oft Bilder zeigen, / sind manchmal sie zu rütteln und zu ängsten eigen.
HIM|3|410107|5|0|Und es sind solcher Träume fähig selbst die Tiere, / und heller oft, obschon entlehnt dem Nachtreviere. / Doch solcher Träume Sinn ist stets nur wüst und öde, / voll Trug und Arg, und demnach jede Deutung schnöde. / Nur wenn die Träume euren Erdensinn entwirren / und euch auf kurz in Meiner Gnade Reich entführen, / dann sollt ihr merken solche Träume euch hienieden / und fassen sie ins Herz zu eurer Seele Frieden.
HIM|3|410107|6|0|Denn wenn ihr träumet so von eitlen Erdendingen, / so ist das nichts, als was euch eure Wünsche bringen, / und was am Tage euch begehret hat im Herzen, / das wird gar los’ im Schlaf mit eurer Seele scherzen, / und wenn ihr oft am Tage Meiner habt bedenket / und alles Tun und Trachten stets zu Mir gelenket, / dann wird, wenn Leib und Seel’ sich hat zur Ruh’ begeben, / dem Geist auf kurze Zeit im Himmel Kost gegeben.
HIM|3|410107|7|0|Nun merket das zum Schlusse noch, ihr wen’gen Treuen, / die rechten Träume werden stets euch wohl erfreuen. / Nur wenn die Seel’ im Schwanken sich befind’t auf Erden, / so wird die Himmelskost euch manchmal bitter werden; / denn wer noch nicht durch Liebesfeuer ist gegangen, / dem möcht vor solcher Feuerskost ein wenig bangen. / Doch wer da denket: Einmal muss ich’s doch empfangen, / der wird nicht schwer zu Meinem Gnadenweg gelangen.
HIM|3|410107|0|0|Nachwort
HIM|3|410107|8|0|Dieses Wenige, wohl überdacht, wird vorderhand genügen zu wissen, was du wissen möchtest. Doch ist in Träumen nichts Verdienstliches, noch etwas Sträfliches, und sind die guten und echten eine freie Hinzugabe ohne alle Rechnung; wer darnach sich kehrt, der tut wohl; doch wer da lebet Meiner Offenbarung treu gemäß, der tut besser, denn die Träume gebe Ich nur Meinen tauben Liebhabern. Doch wem des Herzens geistige Ohren sind durch das Feuer der Liebe aufgetaut und geöffnet worden, der höre nur recht fleißig in sich Mein lebendiges Wort predigen, durch welches allein er nur zum Leben gelangen wird. Was aber die Wesenheit der Träume sonderheitlich anbelangt, so wird ihrer bei der Enthüllung des Menschen schon ohnehin ausführlich erwähnt werden; zuerst kommt das Kleine, dann das Große, und endlich das Allergrößte, Amen. Das sage Ich, der da angerufen wurde. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|410305|1|1|Sprichwörter und Denksprüche – 5. März 1841, Nachmittag
HIM|3|410305|1|0|So schreibe denn einige Denksprüche und Sprichwörter. Diese soll jeder bei sich tragen – das heißt im Herzen, denn auf dem Papier bloß sind sie wie alles dergleichen fruchtlos, tot und segenlos. Siehe die Wirkung der Amulette und anderer dergleichen Insignien; was nützen sie ohne Glauben entweder des Spenders oder des Empfängers? Nichts! Ich sage aber, so der Glaube lebendig mit der Liebe Hand in Hand geht, wozu dann die Mittel des toten Aberglaubens? Ich frage: Kann außer Mir jemand oder etwas helfen? Wozu dann der Amulette und Skapuliere? Daher, so Ich dir und euch allen nun Denksprüche und Sprichwörter gebe aus Mir von Oben, sollt ihr dieselben ins Leben fassen und also bei euch im Herzen tragen, nicht aber in einen Rockzipfel gehängt oder genäht oder in der Tasche oder auf einer Schnur. Und also schreibe die Denksprüche und Sprichwörter in Meinem Namen! Amen.
HIM|3|410305|2|0|(1.) Dieses Erdenlebens Schein, o Bruder, ist nicht dein; doch wohnt im Schein ein großes Sein, – daher traue nicht dem Schein, sondern nütze dieser Erdenfackel matt Geflacker, dass du findest das wahre Sein in dir.
HIM|3|410305|3|0|(2.) Suche nicht, das da schlechter oder besser wäre auf der wirren Lebens matt erhellten Bahn, sondern denke: Eines ist nur gut und wahr – und das bin Ich und Meine Liebe; alles andere ist eitel, schlecht und falsch.
HIM|3|410305|4|0|(3.) Eine Kirche ist nur Kirche, wenn sie lehrt Meinen Willen und das Leben predigt aus der Liebe, die am Kreuz für die ganze Erde, ja für die ganze Schöpfung blutete. Aber eine Kirche, die sich nur segnet und alles andere verflucht, ist ein Geizhals, der allen den Tod wünscht, damit er dann aller Habe habhaft werden möchte. Es wird aber ein Kamel eher durch ein Nadelöhr traben, denn ein solcher in den Himmel.
HIM|3|410305|5|0|(4.) Tue, was du tust, in Meinem Namen, und Meine Liebe sei die Triebfeder deiner Glieder, so wird im festen Trauen dir gar wohl gelingen jedes deiner Werke; aber Unzucht aller Art und Hurerei, durch diese solle nie entheiligt werden je Mein Name.
HIM|3|410305|6|0|(5.) Ihr kauft zu vielen Ellen teure Zeuge, um modest zu zieren eure fleisch’gen Gräber, und achtet dabei zwanzig Taler viel geringer als so viele Kreuzer nur, zu spenden Meinen armen Brüdern. Ich aber sage: Tuet solches umgekehrt, so werdet ihr euer Leben schmücken.
HIM|3|410305|7|0|(6.) Wer da preist Dichter, Künstler, Komödianten und macht Elogen eitlen Erdenfratzen, Siegern, Feldherren, Wüterichen aller Art, wie ist dieser doch ein großer Tor. Er umklebt den Dreck mit allerlei eitlem Zeug und ehrt so der Braut stinkenden Unrat; so er aber ihre Stimme nur von ferne vernimmt, da flieht er einem Wahnsinnigen gleich! Hütet euch zu treten in seine Fußstapfen! – und wenn ihr Elogen macht, so macht sie Mir, dem großen Künstler des Lebens und dem Feldherrn der Unendlichkeit – und ein unvergänglicher Ruhm wird euer Anteil sein ewig.
HIM|3|410305|8|0|(7.) Wer aber da preist die Tänzer und die Gaukler, wahrlich, dieser ist ein Fürst der Mörder, Hurer und Selbsttöter. Da, wo des großen Feuermeeres ew’ger Wirbel braust hinab mit Donnerheulen in des Zorntodes ew’ge Tiefen, will Ich solche Sänger bald auf neue Kunstentdeckungsreisen senden, – denn wer die Sünde lobt, ist ärger denn tausend Täter. Ihr aber hütet euch, desgleichen zu entschuldigen nur.
HIM|3|410305|9|0|(8.) So ihr einen Baum betrachtet, wie im Frühling er voll Blüten steht, da sagt ihr: Wenn dies alles zur Reife kommen würde, der Baum ertrüge nimmer solche Last! So ist es auch mit all den guten Vorsätzen der Welt, aus denen wenige nur zur Reife kommen, und die reifen selbst nur wilde Beeren sind! So ihr aber eure Blüte retten wollt am Baum eures Lebens, da müsst begießen ihn gar emsig mit dem Wasser Meiner Liebe.
HIM|3|410305|10|0|(9.) Wenn du schaust ferne Dinge, zeigt ein blaues Gebirg sich dir als eine flache Wand, doch kommst du in die Nähe, wird die flache Wand zu weitgedehnten Ländereien. Also ist’s auch mit den geistigen Dingen: wo dein Auge eins erschaut, Ich sage dir, da sind Trillionen.
HIM|3|410305|11|0|(10.) Es folgt der Nacht der Morgen – Mittag diesem – Abend beiden – und die Nacht aus allen dreien, denn so lang ist sie wie Morgen, Mittag, Abend. Wenn du aber bist am Morgen deines Lebens, o dann frage nicht nach Mittag, Abend und der Nacht; denn nur am Morgen kommt das Leben und schließt, besiegt, die anderen drei in sich. Hüte dich, dass du nicht ähnlich wirst der Zeit der Welt!
HIM|3|410305|12|0|(11.) Es steckt in jeder Pflanze auch ein anderer Same, und auf tausend Arten Bäume reifen auch so viel verschiedene Früchte. Kennst du wohl den Nutzen aller? Sicher nicht. O sieh, es artet so sich auch des Geistes Leben in den Menschen, die da eines guten Willens sind, – die Art und Gattung, wenn sie auch verschieden sind, macht keinen Unterschied; es fragt sich nur, wiefern da alle nützlich sind. Daher sollt niemanden verdammen ihr, sondern dafür kennenlernen Meine Wege.
HIM|3|410305|13|0|(12a.) Seid sparsam im Haus, aber außer demselben voll Freigebigkeit, so wird eure Schwelle von schmutzigen Bettlern verschont bleiben.
HIM|3|410305|14|0|(12b.) Macht euer Haus zu einer Krankenherberge, so wird der Arzt bei euch aus und ein gehen.
HIM|3|410305|15|0|(12c.) So ihr euch wascht, da wascht zuvor die Hände denn das Angesicht, damit dasselbe nicht beschmutzt werde und eure Waschung darob unnütz sei.
HIM|3|410305|16|0|(12d.) So ihr betet, da betet nicht nach der Elle oder nach der Stunde, sondern im Herzen voll Liebe geistig und wahr.
HIM|3|410305|17|0|(12e). Die Kinder lehrt gehorchen blind, so habt auf rechten Weg ihr sie gebracht; aber nur vergesst der Wurzel des Gehorsams nicht, die da Meine Liebe ist.
HIM|3|410305|18|0|(12f.) Da wo ihr Fünkchen seht, da sollt ihr Feuerlärmen machen, so wird die Flamme nie das Dach ergreifen.
HIM|3|410305|19|0|(12g.) Haltet kleine Dinge nicht für unbedeutend; ein Fünkchen hat gar oft schon große Städt’ vernichtet.
HIM|3|410305|20|0|(12h.) Wenn die Kinder lachen, sollt ihr weinen; wenn sie weinen, habt ihr Grund euch zu erfreun.
HIM|3|410305|21|0|(12i.) Im Scherz liegt der Schmerz begraben, wie in diesem heitre Freude.
HIM|3|410305|22|0|(12k.) Es ist besser Hunger leiden, als mit vollem Bauch zugrunde gehen. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|410403|1|1|Eine Parabel – 3. April 1841, von 6 bis 10 Uhr abends
HIM|3|410403|0|0|Schreibende: Marie H., Wilhelmine H., Pauline H. u. A. H.
HIM|3|410403|0|0|Themen (gewählt von den drei Schwestern): Was ist die Wespe für ein Sinnbild? – Was bedeutet der Abendstern? – Was ist die Unschuld?
HIM|3|410403|0|0|Der Herr antwortete allergnädigst hierauf durch Seinen Knecht:
HIM|3|410403|1|0|Es war einmal ein Vater, welcher drei Kinder hatte; alle drei Kinder waren weiblichen Geschlechts. Der Vater selbst aber war ein großer Weltweiser und war wohlerfahren in allen Erdwissenschaften wie auch in der Rechenkunst und konnte daher wohl berechnen die Bewegungen der Gestirne. Und da er auch in der inneren entsprechenden Erfahrungswissenschaft wohlbewandert war, so wusste er auch allerlei Deutungen aus den verschiedenen Bewegungen und Stellungen der Planeten und anderer Gestirne zu entziffern. Diese zuletzt erwähnte Wissenschaft war eben auch diejenige, die sozusagen sein Steckenpferd war.
HIM|3|410403|2|0|Damit ihr aber dieses Gleichnis desto leichter fasst, so denkt euch diesen weltweisen Vater um dreitausend Jahre früher, als die Zahl eurer gegenwärtigen Zeit lautet, und denkt euch noch dazu, dass dieser Mann ein Heide war, der von Mir nicht viel mehr wusste denn ein neugeborenes Kind.
HIM|3|410403|3|0|Es ereignete sich aber einmal, dass er mit seinen schon ziemlich erwachsenen drei Töchtern in tiefster Nachtzeit aus seiner unansehnlichen Hütte trat, um an den Konstellationen im Beisein seiner drei Töchter neue Entdeckungen im erwähnten Deutungsgebiet zu machen. Als er auf diese Art den lichtpunktierten Himmel zu seiner Genüge durchgafft hatte und für ihn nun nichts Neues mehr von dem gestirnten Himmel zu gewinnen war, da wollte er umkehren und mit seiner mageren Beute beladen in seine Hütte zurückkehren.
HIM|3|410403|4|0|Allein solcher Gesinnung waren seine drei Töchter nicht. Denn da nach desselbigen Landes Sitte nach dem Sonnenuntergang nie ein Mädchen aus der Hütte treten durfte, so war dieser erste Anblick des gestirnten Himmels mit einem zu großen Reiz für ein sehr empfängliches jugendliches Mädchenherz überzogen, als dass sich dasselbe so schnell von dem so prachtvoll erleuchteten Himmel hätte trennen können. Daher auch baten die drei Töchter den Vater, nur diesmal bis zum Sonnenaufgang in der glänzenden Halle zu verbleiben.
HIM|3|410403|5|0|Es bedurfte des Bittens eben nicht gar zu viel, und der Vater gewährte seinen geliebten Töchtern, danach sie verlangten. Wie es aber schon zu gehen pflegt, dass die Kinder, wenn ihnen ein Finger gereicht wird, sogleich nach der ganzen Hand greifen, so war es eben hier auch der Fall. Die Töchter begnügten sich nicht nur mit der stummen Anschauung allein, sondern eine jede fing da alsobald an zu fragen, wie ihr die Zunge gewachsen war und wie ihr der Sinn in aller Wissbegierde eingab.
HIM|3|410403|6|0|Und seht, wie diese Töchter ihrem weisen Vater gar so manche diamantene Brocken haben aufzubeißen hingeworfen. Was meint ihr wohl, o liebe Kinder, um was die erste ihren Vater hat gefragt? Die Frage war fürwahr so übel nicht, denn sie drehte sich um nichts Geringeres, als bloß um die kindlich närrische Kleinigkeit: wer wohl diese lichten Pünktlein samt diesem weiten Himmelsgewölbe gemacht habe. Die Antwort des Vaters war: „Meine lieben Töchter, wir haben wohl eine Lehre, die da sagt, es solle irgendwo über allen diesen Sternen ein mächtiges Wesen wohnen, von dem alles, was ihr seht, solle einmal gemacht worden sein. Allein, unter uns gesagt, das ist nur eine altertümliche Sage, die aber keine Realität hat, denn die Wissenschaft lehrt darüber ganz etwas anderes.“ – Und wieder fragte eine Tochter: „Wie lautet denn dieses ‚ganz etwas anderes‘?“ – Der Vater antwortete: „Also, meine Lieben, dass alles dieses, was ihr da seht, schon von Ewigkeit her also besteht, wie ihr es jetzt seht.“
HIM|3|410403|7|0|Allein die Töchter waren mit dieser Antwort nicht zufrieden, sondern fragten den Vater wieder, was das heiße: von Ewigkeit her. Worauf der Vater antwortete: „Von Ewigkeit her heißt soviel, als dass ein Ding nie zu sein und zu werden angefangen hat.“ – Allein diese Antwort war für die Töchter noch unbefriedigender denn die frühere, und somit musste sich der Vater schon gefallen lassen, von seinen Töchtern mit noch kritischeren Fragen gehetzt zu werden. Und so war eine alsogleich mit der Frage fertig, welche also lautete: „Aber, lieber Vater, gilt diese Lehre allen Dingen – oder nur den Sternen allein?“
HIM|3|410403|8|0|Hier wurde der Vater schon ein wenig verlegen und wollte sich dadurch aus der Schlinge ziehen, dass er seine Lehre nur auf die Sterne bezog. Allein, er machte dadurch seine Lage nicht besser, denn ein anderes Töchterchen war mit einer neuen Frage schon wieder fertig, welche also lautete: „Auf diese Art ist die Erde nicht von Ewigkeit, wenn sich deine Lehre nur auf die Sterne bezieht.“ – Hier wusste der Vater schon nichts anderes mehr zu sagen, als dass er sich entschuldigte, in der Übereilung der Erde vergessen zu haben. Allein dieser Scheingrund gab den Töchtern nur wieder eine neue Gelegenheit, den Vater noch enger zu umstricken.
HIM|3|410403|9|0|Und so ward alsobald wieder eine neue Frage aufgetischt, nämlich: wie denn das zu verstehen sei, dass die Erde – die da bestehe aus Lehm, Steinen, Bergen, Wasser, Sand und anderen allerlei gearteten Dingen – nie zu sein angefangen habe, während doch viele Dinge auf ihr entstehen und wieder vergehen. „Ja selbst wenn ich schon öfter ein kleines Lackchen Wasser beobachtete, wie dasselbe von den Sonnenstrahlen zunichte gemacht wurde und mir dabei dachte, wenn die Sonne noch heißere Strahlen zur Erde senken würde, könnte sie wohl auch einen See vernichten, – so möchte ich doch einmal wissen, wie das zu nehmen sein soll: dass fürs Erste etwas da sein kann, was nie zu sein hat angefangen, und wenn es aber da ist, doch vergehen kann trotzdem, dass es schon früher von Ewigkeit dagewesen sein solle?“ – Hier war der Vater wie in einen siebenfachen Sack eingenäht und konnte nichts anderes darauf sagen als: „Meine lieben Kinder! Solches kann der Mensch nicht wissen!“ – Und sogleich fragte wieder eine: „Wenn aber nach deiner Lehre der weise Mensch solches nicht wissen kann, wer soll’s denn hernach wissen, wenn der Mensch schon das höchste Wesen ist?“ – Und eine andere fügte noch eine andere Frage hinzu, welche also lautete: „Wenn nach deiner Lehre alle Bäume, Gesträuche, Pflanzen, Tiere und Menschen sich selbst fortpflanzen, da habe ich mir manchmal auch schon den Kopf zerbrochen, ob es denn nie Erstlinge gegeben hat? Denn mir kommt es immer vor: Wo nie ein Erstes war, da kann ja doch unmöglich je ein Zweites entstehen – nicht wahr, lieber Vater? Denn also lehrt uns ja deine Rechenkunst!“
HIM|3|410403|10|0|Seht, jetzt war der Vater rein fertig und wusste nichts anderes anzufangen, als seinen Töchtern zu sagen: „Liebe Kinder, ich höre soeben ein gewaltiges Gesumse von stechenden Wespen, ihr wisst, wie sehr ihr Stachel brennt. Daher wollen wir diese ungebetenen Gäste nicht abwarten, sondern da soeben der Morgenstern schon über den Horizont gestiegen ist und den nahen Aufgang der Sonne ankündigt, wollen wir uns in unsere Hütte begeben, damit uns niemand treffe ungebührlicherweise im Freien und noch dazu von Wespen übel zugerichtet.“ – Und sobald erhoben sie sich auch. Aber es wollte nicht recht gut vorwärts gehen, denn als sie ihrer Hütte sich nahten, wurden sie von einem seltenen Feuermeteor zurückgeschreckt und getrauten sich nicht auch nur hinzublicken, da die Hütte stand; denn dieser Meteor bestand in einer blitzenden großen Feuersäule und hatte ein außerordentlich drohendes Aussehen.
HIM|3|410403|11|0|Als sich die Gesellschaft denn nun wieder an der vorigen Stelle befand, hat sich ihre Furcht verringert, und die Töchter fragten den Vater, warum er sich denn vor dieser Feuersäule gefürchtet habe – und ob diese Feuersäule auch von Ewigkeit her sei. Auf welche Frage der Vater abermals die Antwort schuldig blieb und sagte bloß von der Furcht: „Der Mensch sollte sich zwar nicht fürchten, allein bei einer so außerordentlichen Gelegenheit fürchtet man sich denn doch; denn es ist eine solche Furcht heilsam dem Menschen, da sie ihn von einem Unglück abhält.“
HIM|3|410403|12|0|Er hat sich aber durch diese Erklärung in eine neue Verlegenheit geworfen, denn sobald war eine neue Frage da, nämlich: „Woher kommt denn bei solchen Gelegenheiten diese gute, schützende Furcht in den Menschen; denn da sie etwas Gutes ist, kann sie doch nicht von dem ausgehen, davor sich der Mensch entsetzt?“ – Auf diese Fragen sagte endlich der weise Vater: „Liebe Kinder! Vermöchte der Mensch auf jede Frage eine befriedigende Antwort zu finden, so wäre er, liebe Kinder, – ich weiß selber nicht, was er wäre! Mehr als ein Mensch müsste er auf jeden Fall sein.“
HIM|3|410403|13|0|Und eine neue Frage, welche darin bestand, warum alle Sterne nicht gleich stark glänzen und die Menschen nicht gleichviel wissen, hat den weisen Vater beinahe zur Verzweiflung gebracht, – und endlich die Frage, welcher Unterschied zwischen dem schönen Morgenstern und dem von ihnen schon einmal gesehenen Abendstern von gleich starkem Licht wohl sein möchte, brachte den Vater zu einer etwas ärgerlichen Beantwortung, welche also lautete: „Kein anderer, denn der zwischen euren Fragen und eurer Unschuld.“
HIM|3|410403|14|0|Nun, Meine lieben Kinder, in dieser Parabel habt ihr alles das erläutert, wonach ihr gefragt habt. Ihr habt nicht um das Wesen, sondern nur um die Bedeutung gefragt, und diese ist euch hier auch zur überfließenden Genüge gegeben. Denkt darüber im Herzen, und es wird euch alles sonnenklar werden, Amen. Das sage Ich, euer Vater. Amen.
HIM|3|410405|1|1|Ein Wort an Ans. Wortemsig – 5. April 1841, abends um 10 Uhr, nachdem Jakob Lorber die 58. Strophe der ‚Erlösung‘ niedergeschrieben und dem Ans. H. vorgelesen hatte.
HIM|3|410405|0|0|Ans. H. sagte zu Jakob Lorber, dass jede Tat des Herrn die größte sei, und dass Seine Tatengröße nicht mit der Elle des menschlichen Verstandes und Herzens gemessen werden könne; es sei die Menschwerdung des Herrn so groß wie Sein Lehramt, und dieses so groß wie Sein Kreuzestod, und dieser so groß wie die Sendung des Heiligen Geistes, und diese so groß wie das Wohnen des Herrn im Herzen Seiner armen und schwachen Getreuen. Hierauf wurden Jakob Lorber folgende vier Verse in die Feder gegeben:
HIM|3|410405|1|0|Du Emsiger im Worte musst dich nicht in leeren Zank versinken, / o sieh, ein schuldlos Kindlein wird die große Wahrheit treulich euch zuwinken!!! / Daher musst dich in nichts begründen, / dann wirst das Große du schon finden. / Ich Amen, Ich Amen, Ich Amen.
HIM|3|410506|1|1|Unsittliche Amtsverwaltung (Die Landratsstelle an And. H.) – 6. Mai 1841
HIM|3|410506|1|0|Schreibe nur, denn Ich weiß es schon, dass du und alle der Welt lauter Unzüchtler und Hurer und Ehebrecher seid. Wer da hat ein Amt, der hat es ja der nützlichen Amtierung wegen, nicht aber etwa des Gehaltes oder der Bequemlichkeit wegen. Sucht aber jemand ein bequemes Amt, so ist er ein Unzüchtler, da er wohlleben möchte, ohne wohlzutun – gleich einem, der die Ehe flieht und scheut sich zu sorgen für Weib und Kind, aber dafür aller Weiberwelt den Hof macht und am Ende seines Fleisches Lust und Begierde sich entweder mit den schmutzigsten Huren oder wohl durch Selbstbefleckung stillt.
HIM|3|410506|2|0|Wer ein gutes Amt hat, da er recht viel Gutes wirken mag, sucht oder möchte aber eines, in welchem wahrlich nichts denn die allerbarste Hurerei getrieben wird, der ist gleich einem, der sich möchte von seinem Weib darum scheiden, um dann mit einer bedungenen Hure nach der anderen sein Wesen zu treiben, ohne darob von seinem Weib die gerechtesten Vorwürfe anhören zu müssen. Wer aber sein Amt vertauschen will gegen ein anderes, hat der nicht geistig ehebrecherische Gesinnungen? Und das noch vorzugsweise bei einem solchen Amt, da man ist eine wahre Obrigkeit des Gesetzes, die aus Mir besteht, – mit einem Amt, das da keine Obrigkeit, sondern nur eine Prozesse führende Behörde ist, und das vorzugsweise nur für den Adel und Priesterstand, und hat wenig oder gar nicht mit Meinem armen, gemeinen Volk zu tun.
HIM|3|410506|3|0|Es ist aber ein jeder Prozess die allerbarste Hurerei, weil da das Gesetz benützt wird zur Unterstützung der Eigenliebe, gleichwie einer benützt das große Naturgesetz der Zeugung zur wollüstigen Frönung seiner unzüchtigen Eigenliebe, – und es ist dann ein solcher Prozesse ausarbeitender Amtsmann nichts denn ein Hurenunterfänger und Anmannbringer, wo es dann allzeit heißt: Wer’s Geld hat, der führt die Hure ins Bett. – Denn die advokatische Drehung, Wendung und Benützung des Gesetzes gleicht ganz vollkommen jener schändlichen Art, wo der Unzuchtsbuhler von seiner Hure alle möglichen Stellungen verlangt, um dadurch zu irgendeiner neuen Reizesmacht zu gelangen, um auch eben dadurch noch den letzten Tropfen Lebens zu verspritzen, wie ein Prozess-Ausarbeiter des Gesetzes letzten Machtfunken aufs Papier mit der Tinte verspritzt.
HIM|3|410506|4|0|Siehe, Mein lieber A.W., geradeso verhält es sich mit dem Amt, das du möchtest. Ich sage dir aber, willst du recht und wohl tun, so bleibe, da du bist; denn dein Amt ist ein altes Amt, und es ist dessen Macht und Gewalt aus Mir; aber das andere ist Mir ein Gräuel! Willst du lange leben, so bleibe und sorge als treuer und gerechter Richter nach dem Gesetz für das Wohl der Untergebenen und widerrate aufs Dringendste alles Prozessieren. Wenn dich aber der Kaiser übersetzen möchte in ein anderes Amt oder du auch in der jetzigen Stellung eine höchste Amtsstufe möchtest, so kannst du es wohl annehmen und nach der zweiten verlangen; aber aus dir meide du die Prozesse führende Landratsstelle. Ich werde dich überall segnen, nur da nicht, außer der Kaiser hätte dich dazu berufen. Übrigens aber will Ich dadurch deinem freien Willen keine Fesseln angelegt haben, denn Ich zeigte dir nur die Sache, wie sie bei Mir steht. Findest du aber dessen ungeachtet noch Beweggründe, die die Sache rechtfertigen, so magst du immer noch tun, wie es dir behagt. Aber von der inneren Ernte magst du dir dann nicht zu Großes versprechen; denn der Anblick eines vorliegenden Prozesses gleicht dem einer nackten Hure, da es gewiss jedem schwer wird, sich von unkeuschen Gedanken zu enthalten – wohlverstanden – Amen – sage Ich – Amen, Amen, Amen.
HIM|3|410516|1|1|Der Ton – die lebende Seele des Wortes – 18. Mai 1841, Vormittag
HIM|3|410516|0|0|O Herr, Mein Gott und Vater, der Du voll Liebe, Erbarmung, Langmut, Sanftmut und Freigebigkeit bist und lässt niemanden vergebens bitten um etwas, der nur eines ein wenig treuen und traulichen Herzens ist – siehe, Dir hat es gefallen, mir die Musik zu geben und mich selbe von meiner Jugend auf erlernen zu lassen. Daher möchte ich nun gerne in einem verständlichen Wort von Dir erfahren, was fürs Erste die Musik im Grunde sei, und fürs Zweite: Sollte man diese mir gar so überaus herrlich vorkommende Kunst auch, wenn man Gelegenheit hat, mit allem Fleiß erlernen? Und endlich, welchen Nutzen fürs Leben gewährt sie? O Herr! sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig und nehme auf und erhöre meine Bittfrage gnädigst und erquicke meine Seele mit einem Wort voll Lebens und Liebe aus Dir! Amen; Dein allzeit heiliger Wille. Amen.
HIM|3|410516|1|0|Nun, so schreibe und schreibe und schreibe. Der Liebe innerstes Wort, das ihr Musik nennt, schreibe die Tiefe der Tiefen, schreibe die Macht der Mächte, die Kraft der Kräfte! Ich will dir geben ein Wort der Liebe, doch in einem hohen Lied nur; denn zu hoch und erhaben ist’s, danach du fragst. Ich gebe es dir, und dann begreife wohl, was du empfängst! Und nun schreibe und schreibe und schreibe ein hohes Lied, welches also laute:
HIM|3|410516|2|0|Es wohnt in den heiligen ewigen Tiefen der Liebe verborgen / ein nie noch im Grunde von Engeln und Menschen geahneter Morgen. / Ihr nennt es gar töricht „Musik“, was als innerstes Wort sich bekundet! / Was soll denn dies schaleste Wort, das den grundlosen Toren nur mundet? / Soll lehren es dich zu begreifen ein Wunder der Tiefe der Liebe? / Willst Großes du fassen, da fasse der Liebe allinnerste Triebe.
HIM|3|410516|3|0|Der Ton ist die lebende Seele des Wortes, selbst Leben und Wesen; / was wäre ein Wort ohne Ton? Könnt’s Gedanken des Herzens dir lösen? / Der Buchstab’ ist nur ein verkrüppelter Ton ohne Klang und Bedeutung. / Du kannst mit dem Zeichen wohl schreiben das Wort nach der inneren Leitung, / doch nimmer die Tiere von ihrem betäubenden Schlafe erwecken; / denn solches kann nur der belebende Ton allzeit sicher erzwecken.
HIM|3|410516|4|0|Das innerste heilige Wort ist nur Ton ohne züngliche Trübung. / Dies heilige Wort magst du finden in rohesten Dingen ohn Übung / in allen Metallen und festeren Steinen und Wasser und Erden, / in Tieren und Pflanzen, in allen luftigen sumsenden Herden. / Ich sage dir, horche und lausche mit offenen Herzen und Ohren, / und du wirst bald merken, dass ohne den Ton wird kein Wesen geboren.
HIM|3|410516|5|0|Und so wohnt im Tone auch einer ganz leise nur sumsenden Fliege / ein Grund, eine Tiefe, du möchtst sie nicht fassen! Das Kind in der Wiege, / fürwahr kannst Mir glauben, es sagt mit seinem eintönigen Weinen / unendlichmal Höh’res denn Salomo und all die Weisen und Reinen. / Und so auch ein raschelndes Laub und die sprudelnde muntere Quelle, / sie birgt in dem plätschernden Tone des Lebens gar heil’ge Juwele!
HIM|3|410516|6|0|Nun denke ein wenig im Herzen doch nach und begreife und fühle, / was alles die Harmonie reiner gebildeter Töne verhülle, / besonders wenn sie aus den Herzen der Frommen gar reinlich entschweben; / Ich sag dir, aus ehernen Saiten entwinden sich zahllose Leben, / in den Oratorien und Symphonien und andren Gesängen / sich Leben an Leben, wie Woge an Woge, gar herrlich durchdrängen.
HIM|3|410516|7|0|Möchtst du wohl den Nutzen harmonisch gebildeter Töne erfahren, / da frage dich selbst nach dem Nutzen des Lebens, und du wirst gewahren / und finden, dass nichts da wohl wichtiger sei als ein seliges Leben. / Was außer dem Tone der Liebe kann solches im Himmel dir geben; / Musik ist die innerste Sprache der Himmel, der seligsten Reinen. / Fürwahr, die da feinden die hehre Musik, die rechne Ich nicht zu den Meinen.
HIM|3|410516|8|0|Die Trägen und Feinde und die sie wählen zu niedrigsten Zwecken, / die werd Ich zum inneren Leben des Geistes wohl schwerlich erwecken; / doch welche die Herrliche achten und lieben in wonniger Freude / aus Mir und zu Mir, und sie hätten auch manches auf schuldiger Kreide / bei Mir – wahrlich! Ich werde sie richten nach ihren empfundenen Tönen. / Daher mögt die Kindlein ihr zeitlich und fleißig an solche gewöhnen!
HIM|3|410516|9|0|Aus diesem hohen Lied dürfte deine Frage wohl gelöst sein, wenn du es recht erwägst. Denke, dass der unartikulierte Ton nichts ist und sein kann als das allerreinste geistige Wort im höchsten himmlischen Sinne, so wird dir nach und nach die sogenannte Musik in ihrer inneren Wesenheit immer klarer und herrlicher werden. Rate das auch deinen Freunden und Freundinnen, und es wird für sie von großem Nutzen sein, Amen. Das sage Ich, der ewige Grundton aller unendlichen Töne, Amen, Amen, Amen.
HIM|3|410619|1|1|Ursache und natürlicher wie auch geistiger und geistig-politischer Grund der entsprechend für diese Jahreszeit ungewöhnlich kühlen Witterung – 19. Juni 1841, von 1/2 4 Uhr nachmittags bis 3/4 8 Uhr abends
HIM|3|410619|0|0|Schreibende: Andr. und Ans., Wilhelmine und Pauline H.
HIM|3|410619|1|0|Ihr werdet beobachtet haben, dass sich in diesem Jahe schon frühzeitig eine ungewöhnlich warme und trockene Witterung eingestellt hat; auch werdet ihr bemerkt haben, dass während der anhaltend trocken-warmen Zeitperiode beständig mehr südliche Lüfte wehten und dadurch die Luft dem Strahl der Sonne erwärmen halfen; auch werdet ihr bemerkt haben, dass in dieser warmen Zeit sehr wenig elektrische Wetter zum Vorschein kamen, und dass es nach jedem dieser wenigen elektrischen Wetter allzeit ein oder auch zwei Tage trübe blieb und auch mitunter regnete. So jemand ein sogenanntes Barometer hat, wird sicher, wenn er anders mit den Regeln dieses Instrumentes vertraut ist, die Erfahrung gemacht haben, dass es in einem hohen Stand der Silbersäule so gut wie in einem mittleren und niederen auch während des Steigens oder Fallens geregnet hat.
HIM|3|410619|2|0|Seht, so jemand alles dieses genau beobachtet hätte und hätte dabei seinen Forschungsgeist geweckt, er würde nicht weit vom Ziel geschossen haben, da er fürs Erste sich doch wohl fragen mochte: Wohin kommt denn die immer von Süden nach Norden strömende Luft, wohlgemerkt, wenn dieselbe von allen mittäglichen Gegenden um die ganze Erde eben nach Norden strömt? Und die Antwort wäre ebenfalls sehr leicht, besonders wenn man noch voraussetzt und voraussetzen muss, dass die Luft ein gewichtiger Körper ist, welcher einer Ansammlung fähig ist, davon euch ein jeder Blasebalg einen Lehrer abgeben kann, wie eure Lunge selbst bei jedem einzelnen Atemzug.
HIM|3|410619|3|0|Dieser Forscher müsste nun notwendigerweise herausgebracht haben, weil die Luft von allen mittäglichen Gegenden der Erde sich gegen Norden bewegte, dass dadurch eben über dem bedeutenden Nordpol eine große Luftansammlung und Aufladung stattgefunden haben muss. Seht, was unser Forscher schon alles für richtige Entdeckungen gemacht hat. Nun fragen wir den Forscher, so er übrigens nur ein wenig mit den Luftdruck-Experimenten vertraut ist: Was wird denn nun geschehen, wenn über dem eisigen Nordpol sich solche Massen der Luft übereinander lagern und dadurch eine Schicht die andere mehr und mehr zu drücken anfängt? Und der Forscher wird nach einem nicht gar zu langen Denken Folgendes zur Antwort bringen: Wenn mich übrigens die Erfahrung nicht trügt, was sicher nicht leichtlich der Fall sein wird, so muss die Aufschichtung der Luft über dem Nordpol ja dieselbe Wirkung hervorbringen, als so man zwei große Blasebälge mit ihren Luftausströmungsmündungen gegeneinander kehrt und an der Stelle, da sich die beiden Luftströme hartnäckig begegnen, ein Wasser durchträufeln lässt, wobei dasselbe alsobald zu einem Hagelkügelchen gefriert; und wenn die gegenseitige Strömung der Luft in ihrer Heftigkeit noch vergrößert wird, man da alsobald eine Menge kleiner Feuerfünkchen gleich den elektrischen nach allen Seiten zucken sieht, und zwar unter einem bekannten elektrischen Funkengeknister. Wenn demnach, sagt unser Forscher weiter, die gedrückte Luft stets dieselbe Erscheinung und Wirkung zum Vorschein bringt, so muss ja über dem Nordpol vom Anfang solcher Luftansammlung an die Kälte eben auch mehr und mehr zugenommen haben, und zwar in demselben Verhältnisse, als die unterste Luftschicht von den sich stets mehr anhäufenden oberen Schichten mehr und mehr gedrückt wurde. Und hat der Druck den höchsten Grad erreicht, so muss ja die Luft sich alldort in ihrer untersten Lage ebenso gut entzündet haben, wie im kleinen zwischen den zwei großen Blasebälgen. Seht, unser Forscher ist im Ernst nicht uneinsichtig, denn seine Schlussfolge ist richtig.
HIM|3|410619|4|0|Also war es auch in naturmäßiger Hinsicht genommen. Die Sonne hat mit ihrem Strahl von allen Erdgegenden die Luft von Süden nach Norden getrieben, und das darum, weil eben die Sonne in dieser frühwarmen Zeit durch ihre großen und vielen neugebildeten Feuerkrater ihr Licht mehr denn ums Tausendfache potenziert hat, was natürlicherweise nicht alle Jahre der Fall ist. Die Luft häufte sich nun über dem Nordpol und bewirkte dadurch die größtmögliche Kälte, so zwar, dass das den Nordpol umfließende Meer über hundert Meilen weiter herab gegen Süden bis auf den Grund zu Eis geworden ist und dadurch an manchen Stellen, wo das Meer sehr tief ist, dem Eis eine oft mehrere tausend Klafter weitgedehnte Tiefe gab.
HIM|3|410619|5|0|Nun aber muss Ich euch auf eine Erscheinung noch aufmerksam machen. Könnt ihr euch noch des Tages erinnern, als in dem Zimmer des A. H. W. ein kleines freihängendes Pendulum ohne alle jemandem bewusste Veranlassung zu schwingen anfing? Seht, gerade um diese Zeit hat die Luftschicht über dem Nordpol unter der naturmäßig großartigsten Explosion sich entzündet, welche Explosion von einer solchen Heftigkeit war, dass sie mit einem Stoß beinahe das sämtliche Eis, das den Nordpol zu hundert und hundert Meilen weit umlagerte, zersplitterte und durch die nachfolgenden fortdauernden Entzündungen das Eis von dem Pol in nicht selten ländergroßen Stücken in die südlicheren Gegenden schob, davon bis jetzt einige sogar den Äquator erreicht haben. Eine solche Explosions-Szene würde euch, so ihr derselben bloß nur zusehen und ihr groß donnerndes Geknalle von ziemlich weiter Entfernung anhören möchtet, dem Leibe nach unfehlbar töten; denn davon könnt ihr euch keinen Begriff machen, welche für euch unbegreiflichen Naturkraftäußerungen allda zum Vorschein kommen.
HIM|3|410619|6|0|Fürwahr, so ihr euer ganzes Kaisertum möchtet durchaus tausend Klafter hoch mit eurem Pulver anschütten und dann entzünden, so wäre dieses gegen eine solche polarische Erscheinung und auch in Beziehung auf die ganze Erde gerade so viel, als so ihr auf einem Tisch ein einziges Pulverkörnchen entzünden möchtet. Gerade in dem Verhältnis steht die Explosionswirkung des Nordpols gegen die des entzündeten großen Pulverhaufens, wie die Explosion ebendieses Haufens sich verhält zu der des einzelnen Körnchens. Da ihr euch dadurch nun einigermaßen die Explosion versinnlichen mögt, so könnt ihr euch auch von dem allgemeinen Knall einen leisen Begriff machen, welcher von mehr denn einer Trillion gleichzeitig bewirkter Blitze hervorgebracht wurde. Solchen Stoß empfindet die ganze Erde, wie ihn auch empfunden hat das euch bekannte Pendulum.
HIM|3|410619|7|0|Wenn ihr nun dieses zusammenfasst und danach schließt, so wird euch die gleich darauf eingetretene Kälte in euren schon ziemlich südlichen Gegenden sicher nicht mehr rätselhaft vorkommen. Denn wenn fürs Erste die Luftmasse vom Nordpol aus über alle oft über hundert Meilen weitgedehnten Eisfelder wieder gegen den Äquator zu strömen anfängt und auf ihrer Rückreise auch mehrere tausend und tausend berge- und ländergroße Stücke mit sich führt, so wird es euch etwa doch begreiflich sein, dass die Luft also vom Norden wiederkehrend nicht warm sein kann, als käme sie vom brennenden Äquator.
HIM|3|410619|8|0|Aus diesem Grunde haben sich bei euch auch wenige elektrische Wetter eingefunden, und das Steigen und Fallen des Silbers im Barometer ist bis jetzt noch nicht eine Folge der inneren Erdrinde-Erhöhungen, sondern wird bloß dadurch bewirkt, da bald eine größere und bald eine geringere Portion Luft vom Norden sich über die Erdfläche hinzieht und dadurch vermöge ihrer größeren oder geringeren Schwere auch das Fallen und Steigen des Silbers in der Röhre bewirkt.
HIM|3|410619|9|0|Seht, also kann es auch allzeit regnen, mag das Quecksilber in der Röhre stehen, wie es wolle, oder mag es fallen oder steigen, da die Luft allzeit kühl ist und die Erdtemperatur aber warm. Und dadurch auch allzeit dieselbe Erscheinung, die ihr im Kleinen schon an euren Fensterscheiben bemerken könnt, wenn es außen kalt wird und ihr eure Zimmer beheizt, allda sich eben auch der Sauerstoff der kälteren Luft mit dem Stickstoff, welcher in den Zimmern eine Folge der Beheizung ist, verbindet und an der Scheibe als tropfbares Wasser zum Vorschein kommt.
HIM|3|410619|10|0|Wie hoch die Luft sich über dem Nordpol angehäuft hat, mögt ihr sehr leicht aus der lange anhaltenden Abenddämmerung erkennen, vermöge welcher ihr noch sogar gerade um die Mitternacht gegen den Norden einen bedeutenden Lichtschimmer entdecken mögt, und dieser Lichtschimmer ist nichts anderes als die erleuchtete weitgedehnte Luftsäule über dem Norden. Wer rechnen kann nach der Kreisbiegung und nach der Zahl der Grade von euch bis zum sogenannten Polarkreis, der kann mit ziemlicher Sicherheit nach Meilen die Höhe der Luftsäule bestimmen, welche sich über dem Nordpol auf dem schon bekannten Weg aufgeschichtet hat. Vorläufig aber sage Ich euch, dass dieses Mal die Luftsäule eine Höhe von siebentausend Meilen erreichte. Nun hättet ihr den naturgemäßen Grund dieser Erscheinung, insoweit ihn euch auch ein wohlverständiger, sogenannter Naturforscher hätte bekannt geben können.
HIM|3|410619|11|0|Aber wie sieht es denn mit dem geistigen Grund aus, welcher der eigentliche Hauptgrund ist, wo ein jeder Naturgelehrte das für ihn traurige „Bis hierher und nicht mehr weiter“ aussprechen muss?! So ihr die Erklärung über den Nordpol nachsehen wollt, wie auch noch manche andere sowohl aus dem Gebiet des Mineral-, Pflanzen- und Tierreiches, namentlich aber auch jene Erklärung über das Erdbeben, so möchte euch der geistige Grund schon so ziemlich bekannt sein. Nur ist hier der unterschiedliche Umstand zu berücksichtigen, da für diesmal, was freilich nur selten der Fall ist, eine allgemeine Geistergefangennehmung – wie auch Erlösung – der lange schon im Eis des Nordens Harrenden stattgefunden hat. Die Gefangenen sind diejenigen, die von Süden gegen Norden geführt wurden, und darum dahin geführt wurden, weil sie ansonsten zu großes Unheil angerichtet hätten über alle südlichen Erdgegenden.
HIM|3|410619|12|0|So ihr einen Blick machen mögt auf all die kriegerischen und aufrührerischen Bewegungen all der südlichen Völkerschaften, so möchte euch der Grund solcher allgemeinen Gefangennehmung nicht ganz undeutbar sein. Und so ihr nun sagt: Solches hat allerdings viel für sich und erscheint uns höchst wahrscheinlich, so kann aber anderseits doch wieder nicht ebenso leicht begriffen werden, warum denn im Gegenteil dadurch auch wieder ebenso viele stark Abgekühlte aus dem Norden frei wurden – und wurden und werden noch bis jetzt geführt in des Südens wärmere Gegenden, zum Teil in großen Eismassen und zum Teil in der zurückströmenden Luft selbst. Allein hierüber sage Ich euch, dass wer das eine begreift, kann ebenso leicht auch das andere begreifen.
HIM|3|410619|13|0|Ein kleines Beispiel soll euch das Ganze aufhellen. Was meint ihr wohl, welches das beste Mittel sei, um Raufbolde in einer warmen Stube baldmöglichst zu besänftigen? Ich sage euch: Begießt sie mit eiskaltem Wasser oder schafft sie hinaus in den Schnee, und ihr könnt vollkommen versichert sein, dass die Abgekühlten wenigstens für diese Zeit nicht mehr Hand aneinander legen werden. Also ist es auch im Großen der Fall. Hätte Ich nun solches nicht zugelassen und dadurch die weltlich machthabenden Hitz- und Raufbolde durch die friedlichen Geister abgekühlt, so wäre nun der ganze südlichere Erdkreis über Hals und Kopf in Krieg, Aufruhr, Hunger und Pest verwickelt. So aber ließ Ich kalte Lüfte wehen. Diese aber kühlen nicht nur eure Haut ab, sondern da sie an und für sich nur friedliche oder doch wenigstens gefriedete Geister sind, so üben sie auch dasselbe auf die Gemüter aus, was der kalte Wind äußerlich auf die Haut wirkt. Wisst ihr, von wie vielen Menschen es oft abhängt, dass gegenseitig ganze Völker in Kriege verwickelt werden?
HIM|3|410619|14|0|Ihr braucht nur einen Blick in die Vergangenheit zu werfen, und ihr werdet uranfänglich selten mehr als zwei gegenseitig hochgestellte Hitzköpfe antreffen. Werden diese brennend, so verhalten sie sich zum Volk geradeso wie ein Funke zu einem dürren Wald, der da hinfällt auf einen leicht entzündlichen Körper, der alsobald lichterloh aufbrennt und in kurzer Zeit den ganzen Wald in Brand steckt. Der Funke ist zum Beispiel irgendein brennender Minister, der sehr zündbare Gegenstand ist entweder der Monarch selbst oder das militärische Volk, und der dürre Wald ist das gesamte übrige Volk, welches oft körperlich und geistig unter dem Druck irgendeiner zu eigennützigen Regierung schmachtet. Der raufsüchtige Minister erachtet den Krieg für höchst notwendig, natürlich zufolge eigener Herrsch- und Gewinnsucht. Der Monarch und das kriegerische Volk werden nicht minder vom gleichen Beweggrund hingerissen, und das arme Volk muss da mitbrennen, will es oder will es nicht, und sagt auch dann gewöhnlich: Hin bin ich so oder so, – und so liegen sich dann ganze Völker durch zwei einzige Funken mörderisch in den Haaren. Wenn aber der brennende Funke durch einen fallenden Regentropfen noch eher gelöscht wird, bevor er den zündbaren Gegenstand des Waldes berührt hat, bleibt da nicht der ganze Wald verschont?
HIM|3|410619|15|0|Seht, also beschaffen ist auch diese gegenwärtig anhaltend kühle Witterung und macht, dass sich die Großen, statt gegenseitig sich zu reiben, dafür die Hände rippeln, nicht aber ihren hitzigen Kopf, damit er desto eher aufflammen möchte.
HIM|3|410619|16|0|Aus diesem nun angeführten Beispiel mögt ihr wohl füglich schließen, wie Ich gar wohl verstehe, durch jede euch bloß natürlich vorkommende Erscheinung so manches geistige Übel hintanzuhalten. Wenn ihr aber tiefer denkt, so werdet ihr ja ohnedies in den gesamten Naturerscheinungen spottwenig Natürliches finden, nachdem Ich als der Urheber jeglicher Naturerscheinung doch gewiss in dem allervollkommensten Sinne jeglichen Wortes und jeglicher Bedeutung nach ein Geist, aber keine äußere sinnliche Natur bin, welche an und für sich nichts ist, als wie euch schon bekanntgegeben, Meine gehaltene Idee oder Mein gefesteter Gedanke.
HIM|3|410619|17|0|So ihr aber nun solches wisst, da mögt ihr ja auch noch hinzu wissen und begreifen, dass so Ich irgend Meine Gedanken in eine kleine Bewegung setze, Ich solches nicht tue der Gedanken wegen, als wollte Ich sie gleichsam auslüften und bewahren vor den Motten wie ein Kürschner seine Häute, sondern Ich bewege Meine Gedanken allzeit nur derentwillen, die nun mehr als Meine alleinigen Gedanken sind; diese sind, was ihr seid, nämlich freie, selbsttätige Wesen, die da Meine Kinder werden sollten. So aber einer oder der andere ein guter Vater seiner Kinder ist, führt er nicht sein ganzes Hauswesen seiner Kinder wegen und arbeitet und wirtschaftet und denkt und spart für sie?
HIM|3|410619|18|0|So ihr, die ihr unvollkommen seid, solches tut für eure Kinder, wie möchtet ihr denn hernach denken, Ich als der allerweiseste und allerliebevollste Vater aller Menschenkinder werde auch nur ein kleinstes Wölkchen aus purer Unterhaltung von den Winden durch die Lüfte tragen lassen, geschweige erst eine solche großartige Nordpolexpedition für nichts und wieder nichts aus purer Unterhaltung bewerkstelligen – und dadurch sein gleich euch, die ihr nur gar oft Dinge für nichts und wieder nichts begeht und manchmal nicht unähnlich seid den windlustigen Knaben, die eine Schlüsselbüchse laden und sich dann ergötzen an dem dampfenden Pulverpflutscher, an dem doch nach eurer Beurteilung gewiss nichts Ersprießliches gelegen ist.
HIM|3|410619|19|0|Schließlich mache Ich euch noch bei dieser Gelegenheit auf jene bei euch bestehende knallende und klingende Gottesverehrung aufmerksam. Solche ist nicht zu vergleichen mit dem vom Wind getragenen Wölkchen, noch weniger mit jener großartigen Erscheinung des Nordpols, sondern ist noch um siebenmal weniger sagend als die Schlüsselbüchsenpflutscherei der windlustigen Knaben, welche sich aber doch dabei wenigstens außerordentlich belustigen, – während durch solche Meinen Namen verherrlichen sollende Knallerei und Metallschlägerei und anderartige Klingerei sogar niemand erheitert, noch belustigt wird. Sondern alles dieses geschieht nach einer gewissen Vorschrift wie instinktmäßig, und der Mensch wird dadurch geradeso erbaut, wie ein Baum neben dem anderen, wenn von dem einen ein Ast abgeschlagen wird, wohlverstanden!
HIM|3|410619|20|0|Seht, solche Erscheinungen rühren nicht von Meinen Gedanken, sondern von den nichtssagenden der Menschen her. Damit aber diese zu solcher Gedankenrührung gelangen möchten, die Meiner würdig ist, werde Ich wohl gar bald genötigt sein, einen größeren Gedanken in Bewegung zu setzen! Versteht es wohl. Amen. Das sage Ich, der alleinig große Gedankenbeweger. Amen!
HIM|3|410826|1|1|Sei unbesorgt deiner Brüder wegen – 26. August 1841
HIM|3|410826|0|0|Jakob Lorber, seiner Brüder wegen besorgt, wandte sich an den Herrn und empfing folgendes tröstliche Wort:
HIM|3|410826|1|0|Was kümmert dich der Gerechten? Lass sie wandeln ihre geraden Wege, denn Ich sage dir: Wer da glaubt und nichts hört und nichts sieht und doch fest und ungezweifelt glaubt, dass Ich Jesus der Christ wahrhaftig bin der Sohn Gottes und Gott Selbst von Ewigkeit, dessen Verdienst in Meinem Namen steht höher denn das eines Apostels, der seine Finger in Meine Wundmale legte und dann erst glaubte, da er hat gesehen, gefühlt und gehört! Wahrlich sage Ich dir, das Lob der gerechten Blinden ist Mir lieber denn die Danklieder der Sehenden und Hörenden. Was ist denn schwerer, zu sehen und zu folgen dem Führer oder als Blinder zu folgen aus Liebe Dem, den er nicht sieht und nicht hört, sondern Ihm allein folgt durch den Glauben, durch das Vertrauen und durch die Liebe?
HIM|3|410826|2|0|Darum sei dermal unbesorgt deiner Brüder wegen; denn so gut Ich dir ein hör-, fühl- und nicht selten innerlich sichtbarer Führer bin, bin Ich es unvernehmbar und unsichtbar noch umso mehr deinen Brüdern. Denn für die Schwachen bin Ich ein kämpfender und schützender Held, wie Ich den Sehenden bin ein freundlicher Führer und Lehrer! Seliger zwar ist das Schauen; aber höre, darum nicht verdienstlicher denn der umschleierte feste Glaube. Darum also sei unbesorgt. Amen.
HIM|3|410800|1|1|Das Licht der Höhen – Geschrieben in Greifenburg, im August 1841
HIM|3|410800|1|0|Wende hin deines Auges Apfel zu den lichtumstrahlten Höhen und lese die großen Zeichen der Allmacht deines Gottes! Wie – du bestaubter Wurm zitterst vor dem Rauschen eines Abendlüftchens, das leise nur durch die dürren Äste morscher, abgelebter Tannen und Fichten dahinsäuselt, und wagst es nicht zu erheben dein lichtscheues Auge hinauf zu den heiligen Höhen?
HIM|3|410800|2|0|Du freier Geist wagst es nicht?! Im Hinterhalt doch, in der Sünde dunklen Kammern kannst dich wohl erheben, Gewalt und Vernichtung brüten in deiner sicher gewähnten Frechheit, und es dünkt dich groß, mit deiner faulen Lunge Pesthauch Erden zu Atomen zu zermalmen; – da bist du frei, ja überfrei in der großen Finsternis deines Wahns. Jedoch aufzublicken zu den lichtumstrahlten Höhen lässt dir Wahnstarkem dein eigener dich vernichtender Höhenschwindel nicht zu!
HIM|3|410800|3|0|O Wurm, du krümmest dich umsonst, der glitzernde, dich umgebende Staub fällt von dir, und du bist nackt in aller deiner Scheußlichkeit! Du suchst dir mühsam ein schützendes Grab auf der weiten bluttriefenden Erde; und siehe, sie hat all ihr gähnendes Geklüfte geschlossen und ihr Gewässer gemacht zum harten Stein, – wo willst du denn noch hinkriechen, dass dir eine Herberge werde?
HIM|3|410800|4|0|Die auf der Erde wandeln, haben dich erkannt und haben einen großen Abscheu vor dir; meinst du wohl, du Wahngroßer, sie werden dir in ihren Gräbern Raum gönnen zur schmählichen Rast oder dich in die alten Särge kriechen lassen, auf dass dir unschädlich werde und dich nicht ereile das große Licht aus den heiligen Höhen und dich nicht offenbar mache vor aller Sterne Augen? Umsonst schlichtest du nun den alten Frevel, entlarvt ist deine Pestpuppe, fauler Lügner die lange Nacht hindurch; verzehre noch den schnöden Rest deiner aus dem Heiligtum geraubten Goldkörner.
HIM|3|410800|5|0|Siehe, das heilige Licht rauscht gewaltig und unaufhaltsam über die Höhen herab; Berge zeugen mit Donnerstimmen wider dich und verschließen ihr Geklüfte vor dir, und versiegen machen sie all ihr fruchtend Gequelle, da du sie umkriechen möchtest. Wo ist deine Größe nun, die du dir in deiner Totenkammer geträumt hast? Sieh, wie kleiner und stets kleiner du wirst, wie alles dich flieht, verabscheut und sich verschließt vor dir Wahngroßem, – selbst der Rachen der Hyänenbrut will dir kein Lob mehr spenden und treibt dich vom blutenden Land, und des Meeres Drache zerreißt die Segel deiner gemauerten Schiffe! Was schreist und wimmerst du in die heiligen Lüfte, in die lichterfüllten; und der Tiger und die Klapperschlange, sonst dein getreues Gefolge, rufen wider dich und begehen mörderischen Hochverrat in deinen eiternden Eingeweiden!
HIM|3|410800|6|0|Siehe, wie der Sonne Strahl der Pontinischen Sümpfe böse Nebelluft zerstört, wird das Licht der Höhe dir tun, und du wirst nimmerdar wiederkehren. Siehe, das wirkt das Licht aus der Höhe, zeigend den Großen Tag, den Letzten, den Unendlichen. Amen.
HIM|3|411024|1|1|Ein neues Licht im neuen Lichte – 24. Oktober 1841, Sonntagvormittag
HIM|3|411024|1|0|Fort, fort mit euch – die Berge schwinden, die Wässer versiegen in den Tiefen; fort, fort mit euch, die Zeit ist platt gedrückt, es weht vom zeitenlosen Sein ein vernichtender Hauch über das matt gewordene Geklüfte der Erde, und das eisstarre Meer gähnt dem Feuer des Zornes entgegen – fort, fort mit euch!
HIM|3|411024|2|0|Das zweischneidige Schwert, das ihr auf Zions Höhen geraubt habt, befindet sich allerschärfst wieder in der Hand der ewigen Allmacht und wird nun geschwungen über des Tieres siebentes Haupt, damit der Drache nimmerdar fresse das süße Blut der Unschuld, – nimmerdar verfolge das arme gerechte Weib in der Wüste, und ihr Kind, der Herr im Wort, lebe lebendig in jedem Sandkorn den ewigen großen Tag hindurch.
HIM|3|411024|3|0|Die Erde solle gleich gestellt sein zwischen Pol und Pol, und kein Tag mehr länger und kürzer. Ich will die Wässer zurücktreiben, ja über die höchsten Berge will Ich Wogen auftürmen bis zu den Sternen, zu ersäufen all das Gestein, und Feuer wird fallen bis in den Abgrund und wird da entzünden all die faulen Gewässer und ihr Dampf sodann verpesten alles Gewürm der Erde!
HIM|3|411024|4|0|Daher fort mit dir, du Drache, – wohin mit dir, du Schwerer? Ins Feuer, in dein Feuer, in das Feuer, damit du lange gesengt hast das demütige Gras auf der großen Wiese des Lebens und hast dafür bestreut den öden Boden mit glühenden Steinen, auf dass sich die Ameisen unter dem Boden zu Tode schwitzen sollen. Allein diese hart geprüfte Kreatur ist nicht ausgestorben; sie lebt, ja sie muss leben, um dich elenden Wurm nach gerichteter Art im Staube deiner Nichtigkeit zu zermalmen!
HIM|3|411024|5|0|Es soll euch heiß werden, ihr Berge, und euch Wolken will Ich von einem Ende der Welt zum anderen hin mit Blitzen jagen und treiben in schwindelnden Wirbeln, darum ihr Hagel zeugen sollt, zu erschlagen alles Hohnfutter für die Tiere des Tieres und decken den glühenden Boden der Schwachen mit Eis bis zu den Sternen, damit der Erde blinder Wahn auf ewig zum Tode erstarre. Denn Ich bin der Herr aller Macht, Mir muss alles weichend freien Platz machen; – wenn Ich komme, wo Ich komme, da kommt keiner mehr nach Mir, wie vor Mir keiner war und keiner gezeigt hat den weiten Weg durch die Unendlichkeit! Amen.
HIM|3|411025|1|1|Noch ein neues Licht im neuen Lichte – 25. Oktober 1841, Nachmittag.
HIM|3|411025|1|0|Siehe ein Haus, es ist neu erbaut, am Dach ein Stein, in der Kammer ein Stein und im Keller ein Stein. Wer da wandelt am Dach, dem wird der Stein am Wege sein und wird ihn hindern, vorwärts zu schreiten. Wer aber wandelt in der Kammer, in der dunklen, der wird sich hart stoßen am Stein, dass er darob ein großes Leid tragen wird. Wer aber endlich wandelt im Keller, der da ist voll Finsternis, der wird fallen über den Stein und wird zerschellen am harten Stein all sein lebend Gesicht und wird sein voll Beinbrüche an Händen und Füßen und wird nicht mehr sehen, noch greifen und halten, noch stehen, gehen und frei wandeln können.
HIM|3|411025|2|0|Wer aber Ohren hat, der höre, und wer da Augen hat, der sehe. Es wird aber fürder sein also mit den Häusern und wird in keinem mehr sein des Bleibens. Wer da erreicht hat ein offenes Feld, der kehre ja nicht um und kümmere sich um keines der Häuser mehr.
HIM|3|411025|3|0|Denn wer Mich bekennt, der soll Mich offen bekennen im Geiste und in aller Wahrheit, frei ohne Haus, Fach und Dach; denn Ich habe einen großen Ekel bekommen vor all den Häusern. Daher kein Haus mehr, da jedes ist mehr und mehr ein Totenhaus. Ihr aber wisst, wo da ist die Wohnung des Lebens, in der allein zu bestehen sein wird ewig. Daher sucht nicht und sagt nicht: Siehe da, siehe dort; sondern inwendig in euch kommt das Reich des Lebens, das Reich der Himmel, die ewige Wohnstätte des Heiligen Geistes!
HIM|3|411025|4|0|Wehe all den Häusern, die da sind voll Steine, voll Dunkels und voll Finsternis, in ihnen wohnt der Geist des Todes; aber das Leben ist frei in Mir und muss es also auch sein in euch ewig! Amen.
HIM|3|411128|1|1|Auf Fragen von Ans. H. – 28. November 1841, am 1. Adventssonntag, nachmittags [Manuskript]
HIM|3|411128|0|0|J. L. forderte Ans. H. auf, Fragen zu stellen, die er im Namen des Herrn beantworten werde.
HIM|3|411128|0|0|O Herr! Was bedeutet das oftmalige, gar so tiefe Aufseufzen beim Lesen Deines heiligen, neuen, lebendigen Wortes?
HIM|3|411128|1|0|Antwort: Was bedeutet denn das leere Windaufstoßen bei einem hungrigen Magen? Warum schluchzen denn die Kinder, welche gerne essen, wenn sie nicht sogleich eine erwünscht große Portion Brotes bekommen? Warum aber gibt es ihnen der Vater nicht?
HIM|3|411128|0|0|Fängt es in meinem Weib nicht schon zu dämmern an?
HIM|3|411128|2|0|Antwort: O ja; aber es ist noch eine Dämmerung gleich der, wo die Morgenstrahlen noch mit dem Reif der Welt zu tun haben.
HIM|3|411128|0|0|Ist das ein guter Spruch, den ich mir aufzeichnete: Wende dich nicht ans Ross, sondern an den Reiter?
HIM|3|411128|3|0|Antwort: Es kommt nur darauf an, wie der Reiter beschaffen ist. Manchmal wäre das Ross dem Reiter vorzuziehen. Der beste Spruch aber ist: Wende dich an den Herrn! Denn Er ist Ross und Reiter zugleich!
HIM|3|411128|0|0|Nach einem Fall fühle ich gewöhnlich erst am dritten Tag die Wiederkehr geistiger Kraft. Wie könnte ich mich schneller erheben?
HIM|3|411128|4|0|Antwort: Schneller erheben? Wenn du besser gar nicht fielest, dann ginge es am schnellsten! Wer aber noch schwach auf der Brust ist, der muss dann freilich wohl eine Zeit lang keuchen, bis er sich wieder erhoben hat nach einem widrigen Fall. Wer aber gut auf der Brust ist, der fällt nicht oder wenigstens sehr schwer und selten, kann sich aber sogleich wieder aufrichten. Denn wie die Brust, so die Füße!
HIM|3|411128|0|0|Ist der Prophezeiung des Bug von Milhas in den Pyrenäen zu glauben, nach welcher das bald kommende Jahr 1842 für England und Frankreich ein sehr verhängnisvolles sein solle?
HIM|3|411128|5|0|Antwort: Wie das Volk, so die Prophezeiung, und die Prophezeiung wie das Volk. Mehr braucht ihr nicht. Wozu für Taube eine Predigt und für Blinde ein Drohlicht, – möchte sich wohl jemand danach kehren?
HIM|3|411128|0|0|Habe ich nicht gefehlt, meinem Bruder Andrä in Deinem heiligen Namen ein Trostwort zu verfassen in der Form, wie Dein Knecht schreibt?
HIM|3|411128|6|0|Antwort: So du Glauben hast und Liebe, was macht dich zweifeln? Oder hast du deinen Bruder mit deinem oder mit Meinem Namen getröstet?
HIM|3|411128|0|0|Dürfen wir dich, Herr Jesus, auch unter dem Namen Abedam anrufen?
HIM|3|411128|7|0|Antwort: Seid denn auch ihr aus der grauen Urzeit? Oder nicht vielmehr Früchte aus der großen Zeit der Zeiten? Wenn ihr Jesus habt, wozu dann noch Abedam?
HIM|3|411128|0|0|Spiegelt nicht Deines Knechtes äußere Erscheinung Deiner unwürdigen Jünger inneres Wesen ab?
HIM|3|411128|8|0|Antwort: Es steht aber nirgends, dass der Knecht aus einer Spiegelfabrik erwählt wurde, sondern selbst aus der Finsternis der Welt; er ist nur zum Lichtdurchlassen gleich einem Brennglas, aber kein Spiegel. Spiegel, ja lebendige Spiegel sollt ihr nur sein und ein guter Zunder, leicht feuerfänglich durch die vereinten Strahlen des Brennglases!
HIM|3|411128|0|0|Kannst Du es uns verargen, o Herr, dass auch wir die größte Sehnsucht fühlen, Dich als Asmahael, Emanuel oder Abedam unter uns zu erblicken und zu Deinen heiligen Füßen Dir unseren kindlich-einfältigen Dank zu stammeln?
HIM|3|411128|9|0|Antwort: Könnt ihr etwa solches euren Kindern? Allein die rechte Liebe steht höher denn alle Anschauung! Doch bin Ich schon öfter sichtbar unter euch gewesen, doch bis jetzt habe Ich von euch in Meiner Sichtbarkeit nur ein sparsames Almosen empfangen! Versteht ihr solches? Ich will im Herzen zuvor gefunden sein!
HIM|3|411128|0|0|Welches ist das sicherste Mittel, Menschen zu erkennen?
HIM|3|411128|10|0|Antwort: Die Liebe – alles andere ist undurchsichtiges Glas! Gut verstanden, Amen.
HIM|3|411128|11|0|Der bei euch, unter euch und in euch ist und lebt und euch leben macht, sagt Amen.
HIM|3|411129|1|1|Abermals zehn Fragen, auf Verlangen des Knechtes geschrieben vom Ans. H. – 29. November 1841, nachmittags [Manuskript]
HIM|3|411129|0|0|O Herr! Wie kann im Rückblick auf begangene Sünden wohl reine Seligkeit in Deinem Reich sich finden?
HIM|3|411129|1|0|Antwort: Das ist eine Frage! Was betest du denn in Meinem Gebet, dass Ich dir die Sünden vergeben möchte, wie du deinen Schuldnern? Und heißt es nicht in der Schrift, dass der Hirt neunundneunzig Schafe verließ und ging suchen das hundertste verlorene? Wie lautet es hernach weiter? Solches wirst du wohl wissen!
HIM|3|411129|0|0|Wie sich da unterscheidet Dein alt und neues Licht, fürwahr, Du liebevollster Herr, ich weiß es nicht!
HIM|3|411129|2|0|Antwort: Solches kannst du von dir gestehen? Gibt es denn einen alten und neuen Gott? Wie liest du aber im Johannes vom Wort, was es sei? Alt und neu aber bezieht sich nicht aufs Wort, sondern auf den Menschen, der es in sich aufnimmt. Da wird aus dem alten Menschen ein neuer, und dann ist er auch ein Wort – und somit freilich ein neues!
HIM|3|411129|0|0|Ist nicht von aller Heilmethod’ die Wasserkur die beste für erkrankte leibliche Natur?
HIM|3|411129|3|0|Antwort: Ja wohl, aber besonders für leidende Naturen der Fische. Aber für Menschen gibt es noch eine einfachere und wirksamere – du wirst es wohl verstehen, welche Ich meine?!
HIM|3|411129|0|0|Ein mildes, kühles, heil’ges Wehen um den Kopf, ist’s Deine Näh’? Gib kund mir armem Tropf!
HIM|3|411129|4|0|Antwort: Nicht das Wehen um des Leibes Kopf, ob es mild, sanft und kühlend sei, kann dir zeigen Meine Nähe, sondern allein ein demütiges, zerknirschtes Herz. Oder möchtest du Mich etwa gar unter die zarten Spukgeister versetzen? Was du empfindest, kommt von dir und den dich manchmal umgebenden Geistern besserer Art.
HIM|3|411129|0|0|Die Höhen des Nordens rein, der Osten ganz verhüllt, was wollte uns denn gestern sagen dieses Bild?
HIM|3|411129|5|0|Antwort: Die Erkenntnis ziemlich rein, aber Liebe nicht gar fein – solches zeigt dir mild dein beschautes Bild!
HIM|3|411129|0|0|Damit man nicht lebendig wird begraben, welch’ Vorsicht sollten da die Ärzte haben?
HIM|3|411129|6|0|Antwort: Sorgst du dich darum? Wer der Welt frühzeitig stirbt, wird wohl solches nie erleben. Solche Vorsicht aber sollen Ärzte haben, dass sie die Toten nicht zu schnell begraben!
HIM|3|411129|0|0|Dass endlich die Berliner Philosophen die Nacht in sich erschauen, ist’s nicht zu hoffen?
HIM|3|411129|7|0|Antwort: O zu hoffen gibt es allzeit etwas – freilich nicht immer dasselbe, auch nicht immer etwas Gutes! Aber da von deinen Philosophen ist für diesmal nicht gar viel zu hoffen!
HIM|3|411129|0|0|Ein gutes, bied’res Volk erscheinen die Chinesen; wie sind im Kampf mit Briten sie so feig gewesen?
HIM|3|411129|8|0|Antwort: Was Chinesen / einst gewesen / da nicht stritten / sie mit Briten, / sind sie nimmer, / arg’s Gewimmer!! / Lass in Frieden / sie hienieden!
HIM|3|411129|0|0|Du gingst in öde Orte, Herr, um da zu beten. Ist uns das nicht ein Wink, dass wir desgleichen täten?
HIM|3|411129|9|0|Antwort: Zu viel euch zu winken, macht den Mut euch sinken. Darum achtet nur der Liebe, sie hat ja die besten Triebe. Alles könnt ihr nicht tun, was Ich tat, sondern nur so viel ihr könnt.
HIM|3|411129|0|0|Was zeigen wohl die Himmelreichsschlüssel an, die du dem Simon Petrus gabst, dem Felsenmann?
HIM|3|411129|10|0|Antwort: Keine Bratwürste auf Sauerkraut sicher nicht; was für eine Frage! Notabene – mit einem ganzen Bund Schlüssel in der Hand!
HIM|3|411201|1|1|Auf Fragen von Ans. H. – 1. Dezember 1841, nachmittags
HIM|3|411201|0|0|Du sagtest, o Herr, dass Du schon öfter sichtbar unter uns gewesen. Wir haben Dich aber nicht erkannt. Solltest Du wieder einmal sichtbar zu uns kommen, so sage uns gnädigst an, wie wir Dich erkennen können – ob an Deinem Blick, an Deiner Rede oder an sonst etwas?
HIM|3|411201|1|0|Antwort: Solche Frage! – An nichts als allein an der Liebe, und mit nichts als allein mit dem Herzen. Denn ein Bettler hat und trägt keine Ordenszeichen als allein die der blanken Armut!
HIM|3|411201|0|0|Wer Dich, Du heiliger Vater, erkannt hat und über alles liebt, hört der nicht gleichsam auf, dem Weib Mann, den Kindern Vater zu sein? Wird dann nicht das Weib seine Schwester und die Töchter und Söhne seine Schwestern und Brüder?
HIM|3|411201|2|0|Antwort: Solches ist dir ja ohnehin schon gesagt worden und treulich kundgegeben! Der Wiedergeborene aber ist ja schon im Himmel, welcher ist das ewige Leben, welches kommt aus der Liebe und dem lebendigen Glauben daraus. Wie steht aber in der Schrift von den ehelichen Verhältnissen und diesen zufolge auch von allen übrigen, wie liest du? Wo nur ein Vater ist, was ist da alles andere?
HIM|3|411201|0|0|Woher kommen Scheu und Abneigung vor stolzen Reichen und Machthabenden, da man doch im Herzen Mitleid für sie fühlt?
HIM|3|411201|3|0|Antwort: Daher, woher die gegenseitige Polarität des Magnets, da sich auch die Pole stets soweit als möglich entfernen. Dessen ungeachtet aber wird doch die Polarlinie nicht aufgehoben. Das liegt schon also in der ewigen Ordnung!
HIM|3|411201|0|0|Wenn die unschuldigen, dem Menschen zum Genuss dienenden Tiere bei ihrer Tötung Schmerz empfinden, wäre es da nicht besser, dass der Mensch bloß von Vegetabilien lebte?
HIM|3|411201|4|0|Antwort: Wegen des Tierschmerzens wird niemand verlorengehen, wohl aber wegen des Bruderschmerzens, so jemand dessen in seinem Herzen nicht achtet. Mutwille aber ist sogar an Steinen sträflich, somit sicher auch an den Tieren. Tierquäler aber sind auch dem Menschen gefährlich!
HIM|3|411201|0|0|Waren das furchtbare Gewitter und die gewaltigen Orkane, die unlängst in Rom um die sieben Hügel tobten, nicht ein Zeichen für den Pontifex maximus?
HIM|3|411201|5|0|Antwort: Was den Ort der Erde betrifft, da antworte Ich nicht. Lass aber toben der glühen Orkane Macht und Sonnen groß und hell die Blitze dahin Welten zermalmend stürzen – und keines wird vernommen von den metallenen Ohren! Denn der Pontifex ist ein metallener Götze! Verstehe und schweige.
HIM|3|411201|0|0|Werden die Völker deutscher Zunge je zu brüderlicher Einheit gelangen?
HIM|3|411201|6|0|Antwort: Hier schwerlich je, aber viele jenseits; denn hier huldigen zu viele der alten Lüge und der starren Habsucht!
HIM|3|411201|0|0|Ist es nicht ungerecht, dass in manchen Ländern, so wie bei uns, keine Juden bleibend wohnen dürfen?
HIM|3|411201|7|0|Antwort: Geht es Mir, dem Erzjuden, besser? Wo Ich nicht als Schacherartikel diene, da berät man schon lange sich über Meinen Einlass! Doch was am Juden geschieht, ist ein Zeichen für sie; was aber dem Juden geschieht, das ist der Gräuel der Verwüstung, von dem Daniel spricht!
HIM|3|411201|0|0|O Herr, vergib mir den Fürwitz und sage gnädigst, wie Deine jungfräuliche Mutter, die Mutter voll der Gnaden, aussah?
HIM|3|411201|8|0|Antwort: O du weibersüchtiger Mensch, möchtest du sie nicht auch auf irgendeinem Spaziergang halbsinnlich angaffen? Siehe, solches ist dir nicht vonnöten. Wenn du aber vollends rein sein wirst, dann soll auch dein Fürwitz befriedigt werden! Sie war durchaus schön! Verstehe.
HIM|3|411201|0|0|Dürfen wir auf die Freude hoffen, einst alle zu sehen, die Dich liebten, als Du wandeltest auf Erden, so zum Beispiel eine Magdalena, eine Maria von Bethanien, einen Johannes, Zachäus usf.?
HIM|3|411201|9|0|Antwort: Warum hast du denn in der Frage zwei Weiber und nur auch zwei Männer deiner Sehnsucht angeführt, während Ich doch viel mehr mit Männern denn mit Weibern verkehrt habe? Siehe, solches ist nicht in der Ordnung. Mir ist es lieber, dass der Mann sich erkundigt um seinesgleichen, aber den Weibern hilft in Meinem Namen, meinst du solches nicht mit Mir? Die aber bei Mir wohnen werden, warum sollen sich diese nicht sehen und erkennen? Sind sie denn nicht auch eure Brüder und Schwestern?
HIM|3|411201|0|0|O Herr, warum durfte jener von bösen Geistern durch Dein Machtwort Erlöste Dir nicht nachfolgen?
HIM|3|411201|10|0|Antwort: Wegen Meiner Liebe, die ihn erhalten, nicht aber zerstören wollte, denn ein gereinigtes Wohnhaus des Satans ist nicht sogleich fähig, dem heiligen Geist als Wohnung zu dienen, – denn gezwungene Erlösung ist nicht hinreichend zum ewigen Leben, sondern nur eine freie, vom Erlösten selbst mit betätigte, nämlich die freie Wiedergeburt!
HIM|3|411203|1|1|Die Aufnahme von Propheten und Gerechten – 3. Dezember 1841 [Supplemente 1883]
HIM|3|411203|1|0|„Wer einen Propheten aufnimmt in eines Propheten Namen, der wird eines Propheten Lohn empfangen; und wer einen Gerechten aufnimmt in eines Gerechten Namen, der wird eines Gerechten Lohn empfangen.“ (Mat. 10,41) Um aber solches im Geiste der Wahrheit zu erfassen, muss zuvor erkannt werden, wer im eigentlichen Sinne ein Prophet ist.
HIM|3|411203|2|0|Im gedehnten Sinne ist jeder Mensch ein Prophet, so er zu seinem Bruder oder zu seiner Schwester spricht um Meiner Liebe und daraus der Verherrlichung Meines Namens willen, der da Jesus der Gekreuzigte heißt. Denn es steht ja geschrieben: „So jemand in Meinem Namen einem Bedürftigen auch nur einen Trunk Wassers reichen wird, solches wird ihm nicht unbelohnt bleiben.“
HIM|3|411203|3|0|Also in diesem Sinne kann jeder Mensch ein Prophet sein. Wer ihn in Meinem Namen aufnehmen wird, entweder geistig oder leiblich, der solle auch gleich dem Propheten entweder den geistigen oder leiblichen Lohn empfangen; wer ihn aber geistig und leiblich aufnimmt, dessen Lohn soll auch geistig und leiblich sein, so wie des Propheten, der da spendete geistige und leibliche Gaben in Meinem Namen.
HIM|3|411203|4|0|Wer aber karg ist gegen den Propheten und hat einen metallenen Geist, dessen Lohn auch wird sein gleich der Aufnahme!
HIM|3|411203|5|0|Wer aber aufnimmt einen Propheten des Eigennutzes wegen, der hat seinen Lohn schon genommen am Propheten selbst – und wird ihm kein anderer mehr werden.
HIM|3|411203|6|0|Das also ist die Bedeutung im gedehnten Sinne dieses Textes.
HIM|3|411203|7|0|Im engeren und eigentlichen Sinne aber ist nur der ein Prophet, der nicht mit eigenem Munde, sondern aus Meinem Munde pur Meines spricht. Wer also diesen Propheten in was immer verleugnet, der verleugnet nicht den Propheten, sondern der verleugnet Mich; denn wo ein solcher Prophet ist, da ist nicht er, sondern da bin Ich.
HIM|3|411203|8|0|Wer also einen solchen selteneren Propheten aufnimmt, der nimmt Mich auf, wie es geschrieben steht; und da, wie ferneres gesagt, Ich Selbst des Propheten Lohn bin, so werde Ich es auch sein dem, der Mich im Propheten aufnimmt.
HIM|3|411203|9|0|Jedoch solle niemand einen solchen Propheten verdingen anders, denn allein im Namen Dessen, in dessen Namen er Prophet ist. Wehe aber denen, die ihn verkürzen und eigennützig verkümmern wollen; wahrlich, das alles tun sie Mir, nicht dem Propheten. Auf sie wird wenig des Prophetensegens fallen, und am Ende wird sie des Prophetengeistes Feuer verzehren!
HIM|3|411203|10|0|Und also verhält es sich auch mit den Gerechten. Derjenige aber ist ein Gerechter, der da ist in der wahren Liebe zu Mir und daraus zum Nächsten im engeren Sinne; im gedehnteren aber ist’s jeder Bruder dem anderen in Meinem Namen, vorzugsweise ein um Meines Namens willen Armer und Verfolgter.
HIM|3|411203|11|0|Wahrlich, deine Ungerechtigkeit solle dir des aufgenommenen Gerechten willen nachgesehen werden; und sein Lohn solle auch der deinige sein.
HIM|3|411203|12|0|Wehe aber, so du einen Gerechten aufgenommen des Eigennutzes wegen! Ich sage dir, du wirst unter die Räuber und Mörder gezählt werden; besser wäre es, du hättest ihn nicht aufgenommen!
HIM|3|411203|13|0|Also sind die Texte für alle Zeiten der Zeiten zu verstehen in der Tat. Amen!
HIM|3|411203|14|0|„Jetzt ist Meine Seele betrübt. Und was soll Ich sagen? Vater, hilf Mir aus dieser Stunde! Doch darum bin Ich in diese Stunde gekommen.“ (Joh. 12,27) Dass du den Matthäus nicht richtig erfassen konntest, ist begreiflich, denn du wusstest nicht, was in der Wahrheit ein Prophet ist; aber von Dem da Johannes spricht, der sollte dir doch bekannt sein?
HIM|3|411203|15|0|Wer und was ist „Meine Seele“? Siehe, so du es noch nicht wissen solltest, das ist Meine Liebe. Konnte diese im Angesichte der treulosesten Kinder anders, denn durch und durch betrübt sein, und das bis zum Tode, das heißt, bis zur Nacht des Todes, welcher alle Kinder so hart gefangen hielt?
HIM|3|411203|16|0|Und ferner, da es heißt: Und was soll Ich sagen? Was möchtest du denn sagen, so dir alle deine Kinder fluchten und dich verdammten?
HIM|3|411203|17|0|Siehe, in solchen Fällen hat auch die reinste Liebe einen Stachel, wider den es hart zu löcken ist; denn so lange und hart verschmähte Liebe schmerzt nicht nur in menschlicher, sondern auch in der göttlichen Brust! Solches erwäge und verstehe es wohl!
HIM|3|411203|18|0|Darum denn auch nur ein Gefühl noch in der göttlichen Brust übrig bleibt, nämlich das Vatergefühl; dieses solle der Liebe ihren Stachel benehmen! Und das Vatergefühl rührte die verschmähte Liebe, und diese spricht dann in diesem Gefühl: Dein Wille; darum kam Ich – Liebe – ja in diese Stunde, um Ein Vater zu sein allen, die zu Mir rufen werden „Abba“!
HIM|3|411203|19|0|Verstehst du nun den Text? Also sollst du ihn verstehen und den Vater preisen. Amen!
HIM|3|411204|1|1|Ströme des lebendigen Wassers – 4. Dezember 1841
HIM|3|411204|0|0|(Jakob Lorber) Heute Morgen fand ich in mir: „Es geziemt sich nicht, dass der Bräutigam die Braut wäscht; die Braut muss sich selbst waschen!“ Habe ich damit, o Herr, nicht einen guten Fund gemacht?
HIM|3|411204|1|0|Allerdings – und das kann sie auch wohl, da ihr der Bräutigam dazu ganze Ströme des lebendigen Wassers zufließen lässt. Verstehst du solches? Siehe, auch in dir ist lebendiges Wasser, aber gebrauchen musst du es im ganzen Haus. Amen.
HIM|3|411208|1|1|Von der Trauer um Verstorbene – 8. Dezember 1841, morgens
HIM|3|411208|0|0|O Abba Emanuel! Sende aus Deinem liebevollsten Herzen durch Deinen Knecht gnädigst ein väterliches Trostwort an unseren Bruder Carl, dessen Seele betrübt ist über den traurigen Zustand, in dem sich sein vom Schlag gerührter Ohm befindet! Dein heiligster Wille. Amen!
HIM|3|411208|1|0|Ja also ist es mit sehr vielen Menschen jetzt, wie es auch schon war mit seltenen Ausnahmen von Adams Zeiten her, dass ihnen einschläfernde Tröstungen lieber waren denn ein das innere Leben erweckender leichter Schmerz. Und also ist es auch noch in einem gemäßigten Zustand wohl mit dir, du lieber C. L., doch siehe, da Ich schon für dich von dir aus, wie von deinem Bruder A. H. W. aus um eine Tröstung angegangen wurde, so will Ich dir auch eine wahre geben und dabei dir aber auch zeigen den stets rechten Weg zu ihr, auf welchem wandelnd du sie nicht leichtlich verlieren wirst. Und solltest du auch solches, da doch wird dir leicht sein das Wiederfinden derselben. Aber Ich will dir mit der Tröstung keinen Schlaftrank, sondern einen Wecktrank reichen, ja einen wahren Wecktrank zum ewigen Leben!
HIM|3|411208|2|0|Und so höre denn und vernimm es mit dem Herzen, was Ich, dein liebevollster Vater, dir nun sagen werde: Siehe, so du einen Trost suchst, dann, wie allzeit, komme du voll Liebe und Vertrauen zu Mir, deinem heiligen guten Vater, ja zu Mir, deinem Jesus, komme, und du wirst allzeit vollkommene tröstende Ruhe für dein leicht leidlich bewegbares Herz finden.
HIM|3|411208|3|0|Dass deinem Ohm solches geschah und du darum in deinem Herzen voll ängstlicher Wehmut bist, siehe und erkenne es in dir, solches ist Mein Wille und Meine Ordnung. Denn wie Ich bestimmt habe die Zeitigung und danach die Zeit der leiblichen Ausgeburt eines Kindes aus dem Mutterleib, also nicht minder habe Ich auch die Zeit sicher überaus liebweise vorgesehen, in welcher der lebendige Geist aus dem Leib des Todes genommen und vollkommen freigestellt werden sollte.
HIM|3|411208|4|0|So du nun weißt, dass solches alles von Mir herrührt und auch ewig von nirgend woanders herrühren kann denn allein von Mir – wie magst du trauern in deinem Herzen und kleinmütig sein in deiner Seele, so du Mich, deinen und auch sicher deines glücklichen Ohms allerliebevollsten, heiligen, allerbesten Vater kennst? Glaubst du etwa, der, um den dein Herz klagt, leidet irgendeinen brennenden Schmerz – oder er sei tot? O glaube es Mir treu im Herzen, der liebevollste heilige Vater hat keine Freude an den Schmerzen der Kinder – und zu den Toten kommt aber kein lebendiges Wort, wie auch unendlich schwerlich für die Toten, denn allein das ihnen schon gegebene Wort, das sie richtet. Ich aber sage dir nun lebendigen Wortes, dass dein Ohm nun zahllosmal schon glücklicher ist denn du und alle deine noch auf der Erde totem Boden wandelnden Brüder!
HIM|3|411208|5|0|Siehe, darum sollst du nicht trauern in deinem Herzen, darum Ich deinen Ohm zu Mir nehmen will! Oder hätte Ich ihn etwa gleich einem Cahin sollen ewig auf der Erde mit dem toten Leib herumsterben lassen? Oder möchtest du für dich wohl den Fluch aus Meinem Munde vernehmen, dir sei ewig auf der Erde dem Tode zu leben?!
HIM|3|411208|6|0|Glaube es nur recht fest und ungezweifelt, wer immer auf die Art deines Ohms von Mir zuletzt besucht wird, der ist von einem lebendigen Feuer der Liebe heimgesucht worden, darum auch in der Vorzeit von den Alten solche Todesart der göttliche Streich oder der göttliche Tod benannt wurde. Ja es ist auch also, denn der Scheidende leidet hier auch nicht den allerleisesten Schmerz und erwacht plötzlich von diesem Erdentraumleben ins hellste Leben des Geistes vollkommen.
HIM|3|411208|7|0|Doch eines soll bei dieser Art des Übertrittes berücksichtigt werden: dass es nämlich auch neben dieser Art eine Afterart gibt, welche durch den törichten Genuss von allerlei Leckereien und durch die Schwelgerei im Saufen und Huren leiblich herbeigeführt wird. Bei dieser Art aber verhalte Ich Mich wie beim Selbstmord; denn alle Schwelger, Lecker, Säufer und Hurer entleiben sich selbst und sind sich auch selbst den Tod schuldig. Mit denen habe Ich nichts zu tun, denn sie haben ja ihren eigenen Tod gemästet, damit er sie dann zur schuldigen Danksagung schnell und kräftig in seine Arme aufnehmen solle!
HIM|3|411208|8|0|Und so ist dann der Lohn der Arbeit ja auch angemessen. Doch diese Art ist kein göttlicher Streich zum Leben, sondern ein tödlicher zum Tode und ist überaus angstquälend und schmerzlich oft noch bis ins Grab bei vollster Gewahrung des Todes selbst und all der vergänglichen äußerlichen Dinge.
HIM|3|411208|9|0|Doch, da Ich dir in dieser Rede deinen Ohm einen Glücklichen nannte, so wirst du doch etwa nicht das Schlimme auf deinen Ohm beziehen?!
HIM|3|411208|10|0|Ich sage dir aber: Sorge dich gar nicht und freue dich in Mir, ob dein Ohm wieder zurückkehren wird in des Todes Haus, oder ob er schon vollends verbleiben wird bei Mir, da er nimmer nötig haben wird, in einem Irrenhaus oft kleinmütig genug zu wohnen; denn Ich – höre es wohl und verstehe es in dir – Ich, Ich, dein allmächtiger, liebevollster Vater, Ich, dein geliebter Jesus, will es ja also; und wie Ich es will, wird es wohl doch sicher am besten sein? Glaubst du es nicht also mit deinem Herzen in Mir? O glaube es, denn es ist wahrlich also!
HIM|3|411208|11|0|Dass aber du wie andere Menschen einen Schmerz um die heimgeschiedenen nahen Verwandten empfindest, auch solches ist in der Ordnung gegründet. Doch da wäre ein Freudenschmerz besser denn ein undankbarer Trauerschmerz; denn der Trauerschmerz gleicht fast jenem Neidschmerz der gerechten Kinder des Vaters, darum er überfreudig dem wieder zu Ihm nach Hause gekehrten verlorenen Sohn ein großes Freudenmahl bereitete! Verstehst du solches wohl?!
HIM|3|411208|12|0|Der meisten Menschen Traurigkeit um die Hingeschiedenen aber ist auch zumeist eine Gewohnheits-Traurigkeit, darum sie dann auch um die zumeist trauern, an die sich ihr Herz auch am allermeisten schon von Jugend auf gewöhnt hatte. Es ist aber jede alte Gewohnheit schmerzlich für den, der sie verlassen muss; wie soll es die des Herzens nicht sein?
HIM|3|411208|13|0|Aber dessen ungeachtet ist die Trauer keine Tugend und wohnt näher der Eigenliebe denn Mir. Denn wäre sie eine Tugend, so müssten die Menschen ja um jeden hingeschiedenen Bruder und jede hingeschiedene Schwester gleich trauern, da Ich doch allen Ein und Derselbe Vater bin. Allein also ist es nicht, und darum die Verwandten um die Verwandten auch mehr eine Gewohnheitstrauer denn eine Tugendtrauer empfinden.
HIM|3|411208|14|0|Ich sage aber, es fehlt niemand, wer da trauert, – doch wer Mich recht erkannt hat in seinem Herzen, der wird nimmerdar trauern. Und so erkenne auch du Mich, deinen allmächtigen liebevollsten Vater, Mich, deinen Jesus, im Herzen, so hast du den sichersten Trost voll des ewigen Lebens in dir für alle Ewigkeiten gefunden! Amen. Bedenke, woher dies Wörtlein, und du wirst im Herzen freudig sein. Amen.
HIM|3|420130|1|1|Kurze Blicke über das Wesen der Eisenbahnen – 30. Januar 1842
HIM|3|420130|1|0|Überdenke die Punkte genau, und du wirst das Arge mit verbundenen Augen sehen und überaus leicht vollends begreifen.
HIM|3|420130|2|0|Wie groß ist der Unterschied zwischen der armen dürftigen Menschheit und den reichen Prassern, Wucherern, – und dann auch jenen wohl und reich Bemittelten, welche doch noch wenigstens den hundertsten oder manchmal sogar den fünfzigsten Teil ihres Herzens mit der Nächstenliebe ausgefüllt haben? Ich sage dir, es verhält sich der Unterschied kaum wie Hundert zu Eins! Sage Mir aber, wer wird denn gewinnen bei diesem großartigen Industriezweig? Der übergroße Teil der Armut und Dürftigkeit sicher nicht, auch gar nicht der jetzt besser gesinnte Bürger des Landes, sondern einzig nur der eigenliebige, wollüstige, prachtsüchtige Prasser im Festverband mit dem gewinnsüchtigen Wucherer. Warum denn also?
HIM|3|420130|3|0|Wer die Kuh bezahlt, dem gehört auch die Milch, ist schon ein uraltes Sprichwort. Wer baut diese Straße? Du sagst, der Staat mit Hilfe derjenigen, welche vorderhand schon so viel Wucherreichtum besitzen, damit sie eine Summe, welche Ich nicht aussprechen will, dem Staat zu dem Behufe vorstrecken. Gut! Was muss aber der Staat entgegentun? Du sagst: Er muss ihnen wohlverzinsbare Schuldscheine ausgeben und nahe auf Leben, Tod, Brand und Mord ihr klingendes Darlehen sichern. – Auch wieder gut. Wer aber wird endlich das große Darlehen samt den starken Zinsen zurückzahlen? Oho, zuckst du schon hier mit den Achseln? Ja, du hast recht, dass du zuckst! Es wird aber dann auch eine Zeit kommen, wo gar viele ungeheuer stark mit den Achseln und endlich mit dem ganzen Leib zu zucken anfangen. Und ganz besonders wird der Magen bei vielen zu zucken anfangen und wird klagen über seine Leere!
HIM|3|420130|4|0|Siehe, darum aber du mit den Achseln zucktest, will Ich dir eine Antwort geben, und sie lautet also: Damit der Staat dann gleich einem Pilatus sich ruhigen Gewissens die Hände waschen kann, wenn gar bald solche Bahnen wurmstichig werden, so wird er sie schon früher bei gesünderem Holz den Händen des Wuchers nahe ganz zu eigen übergeben müssen. – Sage Mir, welche Arme und Dürftige werden da wohl etwas gewinnen, wo der scharfzähnige Wucher heißhungrig am toten Gerippe nagen wird und wird auch nicht für einen hohlen Zahn mehr Fleisch daran finden! Aber du meinst: Anfangs wird diese Kuh gleich so viel Milch geben, dass von deren großem Überfluss auch allen wird geholfen werden können! – Ich aber sage dir und frage dich: Sahst du noch nie, wie man zur Sommerszeit die Fliegen fängt? Man setzt ihnen ein köstlich duftendes Gericht vor und mischt Gift darunter; da schwärmen dann die armen Fliegen freudig in Massen hin und essen sich voll am köstlichen Gericht. Was aber gleich darauf ihr Los ist, brauche Ich dir nicht zu sagen.
HIM|3|420130|5|0|Also wird es auch da gehen in äußerer leiblicher bürgerlicher Hinsicht und noch unverhältnismäßig mehr aber erst in innerer geistiger Hinsicht! Ich sage dir, diese Kuh wird lediglich dem Wucher übergeben werden, welcher sie auch gehörig ausmelken wird und wird auf den Armen nicht einmal die letzte Molke kommen. Wohl aber wird es kommen, dass am Ende der Arme dieser Kuh wird all sein Futter reichen müssen, so ihrer Milch stets weniger und weniger wird, damit sie wieder für den Wucher milchreich würde! Doch, sei versichert, diese Kuh werde Ich nimmer segnen, darum sie ist eine Kuh im Stall des Wuchers!
HIM|3|420130|6|0|Wie aber der Handelsmann jetzt schreit: Glückliche Länder, wo auf eisernen Bahnen gefahren wird; ebenso wird er gar bald ein entgegengesetztes Thema kläglich anstimmen! Eure schönsten Ochsen werden hinausgeführt werden, ihr aber werdet um teuren Preis an mageren Schöpsen [Hammeln] nagen. Euren guten Wein wird man draußen verzehren, ihr aber werdet dafür aus den Kloaken euch stärken können um teuren Preis. Euer schönes Obst und Getreide wird man draußen verzehren und wird euch dafür keinen Ersatz bieten. Eure holzreichen Berge werden nackt werden; Ich aber werde darum den Winter nicht aufheben. Ihr werdet zwar von draußen Tücher aller Art und andere Kleidungsstoffe wohlfeil und leicht bekommen, aber die Bürger eures Landes, das nur ein ärmeres ist, werden wehklagen, weinen und viele den Bettelstab ergreifen und viele als unfähige Schuldenzahler in den Schuldenarresten fluchen!
HIM|3|420130|7|0|Es werden sogar viele können in kürzerer Zeit weite Reisen machen und werden manche können mit großer Leichtigkeit anderer Städte Theater, Bälle und dergleichen besuchen, – es wird einen wahren Zentralkonflikt der Unterhaltungen und Belustigungen aller Art geben. Aber was und wie viel Ich und Mein Reich dabei gewinnen werden, höre, das ist eine ganz andere Frage!!! Luxus aller Art, neue Weltbedürfnisse, Stolz, Hoffart, Pracht, böse fremde Sitten, Unzucht, Hurerei, Gottesvergessenheit, Eigenliebe, Gewinnsucht, Fraß, Völlerei bei den Prassern, Vaterlandsgeringachtung, Geringschätzung alles dessen, was Mich betrifft, Kaltsinn gegen der Brüder Armut, Geringachtung sogar aller Staatsgesetze, wenn sie sich etwa auf Gewinnbeschränkungen erstrecken sollen, daraus Unzufriedenheit im Allgemeinen! Doch von den weiteren schönen Folgen daraus – lasst uns für jetzt noch schweigen. Die Erfahrung aber wird euch erst die Quittung über diesen baren Empfang mit blutroter Schrift unterzeichnet von zahllosen Armen übergeben!
HIM|3|420130|8|0|Wie demnach ein solch industriöses Unternehmen und erst vollends das Gelingen desselben bei Mir angeschrieben ist, könnt ihr euch sehr leicht vorstellen!
HIM|3|420130|9|0|Die Apostel haben Mein Wort ohne Eisenbahnen in alle Erdteile überbracht. Das war doch sicher der allerwichtigste Artikel für jeden Menschen, dem an Mir und am ewigen Leben etwas gelegen ist. Und Meine Erwählten kamen zu Mir und fanden Mich sicher ohne Eisenbahnen! Aber wer weiß, zu was alles noch die Eisenbahnen dienen werden? Es gibt zwar in allen Meinen Himmeln bis jetzt noch keine Eisenbahnen, aber – es könnte leicht sein –, dass am Ende Ich Selbst werde den Himmel also mit lauter Eisenbahnen für die Zukunft überziehen lassen, dass er da ganz wieder metallen wird, wie er ward zu den Zeiten Noahs und Lots! Dann aber auch werde ich Meine jetzigen Lots aus den Städten führen und den Städten geben den Teil Sodoms und Gomorras!!! Verstehe es wohl. Amen.
HIM|3|420208|1|1|Drei beliebige Texte zusammenhängend erklärt – 8. Februar 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420208|0|0|[Schreibende: Marie H., Wilhelmine H., Pauline H.]
HIM|3|420208|0|0|Apg. 12,8: Da sprach der Engel zu ihm: Gürte dich und binde dir die Sohlen an! Er tat es. Und da sprach er zu ihm: Lege dir dein Gewand an und folge mir! – Mark. 6,51: Und er trat zu ihnen in das Schiff, und der Wind legte sich. Und sie erstaunten über die Maßen. – Apg. 20,10: Paulus stieg hinab zu ihm, legte sich über ihn, umfasste ihn und sprach: Seid ruhig, seine Seele ist noch in ihm!
HIM|3|420208|0|0|Die Gnade des Herrn gab darüber Folgendes kund:
HIM|3|420208|1|0|Also trägt auch manchmal, dem Auge der Menschen wie zufällig scheinend, im Herbst ein kleiner Wirbelwind das Laub von verschiedenen Bäumen zu einem Häufchen zusammen, – und eben also auch kommen nicht selten sich ganz fremde Menschen zusammen, dass es dem Außen nach den unbezweifelten Schein des Zufalls in sich trägt; wie es auch hier den Schein des Zufalls hat, dass diese drei verschiedenen Stellen, davon jede eines bei weitem anderen Ursprungs ist, allhier von euch, Meine lieben Kindlein, gewählt wurden. Aber es ist dem nicht also. Dass diese vorbenannten Blätter verschiedener Bäume durch den Wirbelwind genötigt nun ein Häufchen bilden, die drei sich gegenseitig fremden Menschen eine wohlfreundliche Gesellschaft bilden, und also auch diese drei verschiedenen Stellen dem Neuen Testament entnommen wurden, dem liegt eine schon von Ewigkeit her von Mir wohlüberdachte und wohlgeordnete Ursache zugrunde.
HIM|3|420208|2|0|Was ist wohl mehr, ein tauber Sperling auf dem Dach, ein schäbiges Haar auf dem Haupt oder drei mit ewigem Leben erfüllte Stellen aus Meinem Buch?
HIM|3|420208|3|0|Wenn Ich Mich aber schon um einen tauben Sperling kümmere und die schalen Haare auf eines jeden Menschen Haupt in jedem Augenblick genauest überzähle, damit ohne Meinen Willen auch nicht ein Sperling vom Dach fällt und auch nur ein Haar auf dem Haupt gerüttelt werde; um wie viel mehr wird es Mir daran gelegen sein, was euch frommt zum ewigen Leben! Und so lasst uns denn sehen, inwiefern diese drei verschiedenen von euch gewählten Stellen ganz vollkommen ordentlich zusammenhängen.
HIM|3|420208|4|0|Seht, da Mein Apostel ein Gefangener war und im Gefängnis durch seinen lebendigen Glauben wie durch seine große Liebe Mich als Gefangener lobte und pries und anrief Meinen lebendigen Namen, in welchem da verborgen liegt die größte Macht, Kraft und Gewalt, da sandte Ich alsobald einen Boten des Himmels zu ihm, auf dass er ihn befreien solle aus dem Kerker. Nun merket wohl, in einem ähnlichen Kerker befindet sich mehr oder weniger ein jeder gute Christ, das heißt, ein vollständiger Bekenner Meines Wortes und Meines Namens in seinem Herzen.
HIM|3|420208|5|0|Die Welt ist dieser Kerker, und in diesen finsteren Kerker sende Ich auch unablässig erlösende Boten aus dem Himmel. Und diese Boten haben noch bis auf diese Stunde ein und denselben Auftrag, dass sie allen den Gefangenen zurufen: Gürtet euch mit der Selbstverleugnung und bindet die Sohlen der Demut an eure Füße, und legt dann an das Gewand der Unschuld und der Liebe, – und endlich: Folgt Mir mutig und getrost auf dem schmalen Weg und durch die enge Pforte aus dem finsteren und todvollen Kerker der Welt! Welche da gleich dem Apostel sobald folgen in allem dem Ruf des himmlischen Boten, diese werden auch alsobald an das Ufer des großen Meeres der Erbarmung und der Gnade geleitet werden, da sie sehen werden große Wogen dieses Meeres an das Ufer schlagen, da ihrer das Schiff zur Überfahrt ins ewige Leben harrt. Es wird sie freilich wohl noch eine große Furcht anwandeln, so sie sehen, wie sehr das für sie bestimmte Schiff noch wankt über den Wogen des heiligen endlosen Meeres Meiner Erbarmung und Gnade. Und der brausende Wind über den Wogen wird nicht minder ihre Herzen erfüllen mit zitternder Furcht.
HIM|3|420208|6|0|So sie aber dann von dem Boten geleitet das Schiff betreten werden und werden Mich Selbst sehen zu ihnen kommen in das Schiff und wird sich sobald legen der Wind und wird sich beruhigen das Meer, – wie sehr übermäßig werden sie da erstaunen, gerade daselbst schon das allervollste und überseligste ewige Leben gefunden zu haben, allwo sie in großer Angst und Furcht den Untergang ihres Seins wähnten.
HIM|3|420208|7|0|Seht, also hätten wir die zwei Stellen schon also aneinandergepasst, als wären sie schon von Ewigkeit her auf das Allerinnigste miteinander verbunden gewesen.
HIM|3|420208|8|0|So wollen wir denn nun auch versuchen, die dritte Stelle den zwei vorhergehenden Stellen vollkommen anzupassen. Damit ihr aber solches auch nützlicherweise versteht, so müsst ihr vorher noch dem Zustand auf dem Schiff einen aufmerksamen Rückblick widmen.
HIM|3|420208|9|0|Der Zustand auf dem Schiff, und zwar im Angesichte Meiner Selbst, gleicht oder ist vielmehr der Zustand der gänzlichen Zerknirschung vor Meiner unendlichen göttlichen Heiligkeit. Obschon dieser Zustand für die endliche Gewinnung des allerfreiesten ewigen Lebens unumgänglich notwendig ist, so ist er aber dessen ungeachtet doch ein freilich wohl allerletzter, alles Weltliche rein ertötender Fall in die Tiefe der eigenen Nichtigkeit, durch welchen der Mensch alles Weltliche in sich tötet, das heißt, alle Gedanken, alle Begierden, und kurz alles bis auf den letzten Heller, was ihm nur immer irgend in der Welt sich angeklebt hatte. In diesem Zustand erscheint er dann als vollkommen tot. Was aber macht ihn nun wieder lebendig? Seht, dasjenige, was die dritte Stelle hier besagt: Paulus, welcher da ist ein Lehrer der Liebe, und so viel besagt als Meine zum Leben erweckende Liebe selbst, steigt zu ihm hinab, legt sich über ihn, umfasst ihn ganz durch und durch, und sagt dabei zu den übrigen Furchtsamen, welche diesen letzten Fall noch nicht gemacht haben: Seid ruhig und fürchtet euch nicht, seine Seele, welche erfüllt ist mit Meinem Geist des ewigen Lebens, ist noch vollends in ihm und wird auch fürder und fürder verbleiben ewig im Schoß Meiner unendlichen Vaterliebe.
HIM|3|420208|10|0|Und seht, dass sich die Sache also verhält und dieser zweite und letzte Zustand notwendig ist, könnt ihr dadurch ja deutlich erkennen, dass so jemand an dem einen Ufer ein Schiff besteigt, er doch sicher auf ein entgegengesetztes Zielufer fahren will. Dieser letzte Zustand aber ist das letzte Zielufer, welches jeder dem Apostel gleich biedere Christenbruder erreichen soll; denn wer dieses letzte Ufer nicht also erreichen wird, der wird auch nicht in Meinen Schoß dereinst aufgenommen werden.
HIM|3|420208|11|0|Nun seht, Meine lieben Töchterlein, wie schön und gewiss ordnungsmäßig diese drei verschiedenen Stellen aneinanderpassen, so zwar, dass sie zur Erreichung des ewigen Lebens ewig unzertrennlich beisammenbleiben müssen; nicht wahr, das gefällt euch wohl?
HIM|3|420208|12|0|Nun aber sage Ich euch: Passt auch ihr diese Stellen lebendig eurem Leben an, dann erst werdet ihr in der Überfülle erfahren, wie überaus gut, liebevoll und barmherzig Ich, euer wahrer, heiliger Vater bin! Mein Segen mit euch. Amen!
HIM|3|420213|1|1|„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ – 13. Februar 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420213|1|0|Dieser Text scheint für viele ein äußerst leicht fasslicher zu sein. Allein solches ist mitnichten der Fall. Dieser Text wird erst dann vollends begriffen, so er bei jemandem ins tätige Lebensverhältnis übergegangen ist. Dessen ungeachtet aber soll hier doch das wahre Verständnis dieses Textes folgen.
HIM|3|420213|2|0|Um diesen Text aber gründlich zu erfassen, muss man zuerst in die Wissenschaft seines inneren Gefühls dringen, wer vorerst der Johannes oder das Ich, und wer diesem nach das eigentliche Er ist, das da wachsen solle, wie das Ich abnehmen.
HIM|3|420213|3|0|Johannes ist das Sinnbild des äußeren Menschen, welcher da der Buße bedarf, die an und für sich nichts anderes ist, als die lebendige Umkehrung des Menschen von der Welt hinüber zu Gott. Also hat auch der Johannes die Buße gepredigt, damit die Menschen ihr Weltliches ablegen und das Geistige anziehen sollten. Er selbst war das Sinnbild der strengsten Buße.
HIM|3|420213|4|0|Was ist sonach bei den Menschen der Johannes? Der Johannes bei den Menschen ist das eigentliche, recht gestaltete Ich oder das Leben des Fleisches, wenn der Geist und die Seele noch nicht für sich, sondern für das Fleisch leben. Es würde hier freilich wohl manchen bedünken können, solches Leben kann doch unmöglich ein rechtes, Mir wohlgefälliges Leben sein. Allein es ist in der Natur und Ordnung aller Dinge nicht anders möglich. Um diese Wahrheit vollends zu erkennen, darf jeder nur seine Augen selbst zu der Pflanzenwelt hinwenden, und er wird auch da das Ich und das Er gar deutlich ersehen.
HIM|3|420213|5|0|Betrachte was immer für eine Blüte, was wird wohl aus der Frucht werden, so die Blüte nicht abnimmt und verwelkt? Seht hier das Ich und das Er. Wenn ferneres schon die Blüte ganz abgefallen ist und der Leib der Frucht oder die eigentliche Schale, in welcher die Frucht verborgen liegt, zunimmt und wächst, da ist von der inwendigen Frucht, in welcher das Er eingeschlossen ist, immer noch wenig zu sehen. Wenn aber die Schale als dieser zweite Leib auch anfängt abzunehmen, also dass er verdorrt und somit tot wird, dann erst wächst und reift in dem Verhältnis, wie das äußere Ich abnimmt, das innere Er, welches ist die lebendige Frucht.
HIM|3|420213|6|0|Seht nun, dass hier zuvor das Leben der Seele und des Geistes nach außen wirken musste, habt ihr bei der Blüte und der nachherigen Fruchtschale gesehen; dass es aber bei diesem Leben nach außen hinaus nicht zu verbleiben hat, mochtet ihr ja wohl bemerkt haben an dem Vergehen der Blüte und endlich an dem der Schale. So jemand dieses Gleichnis recht auffasst, so wird er den Johannes wohl nicht gar zu schwer in sich finden.
HIM|3|420213|7|0|Seht, solches aber ist der Johannes: So jemand liest das Wort vom Anfang bis zum Ende, da hat er es doch zunächst gelesen mit den Augen, dann mit dem Mund und also auch mit den Ohren. Seht, so er das mit großer Aufmerksamkeit getan hat, da waren ja Seele und Geist nach außen hinaus gerichtet und achteten auf das Fleisch, wie dieses das Wort dem Buchstaben nach in sich aufnahm. Seht, ist das nicht die Blüte? Was geschieht aber hernach, so das Wort schon gelesen wurde? Seht nur eine Blüte an, so da anfängt ein Frühlingshauch ihre Kelche langsam zu bewegen. Fallen da nicht die befruchteten Stäublein von den äußeren männlichen Blütenfäden hinauf auf die weibliche Blütenfaser, wodurch dann erst der neue Lebenskeim zur Bildung der eigentlichen inneren Frucht in die kaum sichtbare Entstehung der Schale gelegt wird?
HIM|3|420213|8|0|Seht, das ist die Aufnahme des Wortes in das innere Gefühlsleben. Wenn das Wort da Wurzel gefasst hat, so fängt es an zu wachsen und wird größer und größer und bildet auf diese Weise vorerst einen Leib, das ist – einen Leib der Buße, in welchen Leib also das Alles des äußeren Leibes übergegangen ist. Dieser Leib ist dann der eigentliche Johannes.
HIM|3|420213|9|0|Aber möchte hier nicht jemand fragen, warum soll denn dieser edle Leib auch wieder abzunehmen anfangen, und was ist das dadurch wachsen sollende Er? Seht, so das Wort ausgewachsen ist in dem Leben des Gefühls, was wird da rege oder wohin zielt das Gefühl? Kann sich das Gefühl wohl selbst genügen? Oder muss es nicht einen anderen Gegenstand haben, den es ergreift und endlich ganz in ihn übergeht?
HIM|3|420213|10|0|Damit ihr dieses wieder um so gründlicher fasst, so will Ich zu dem Behuf ein neues Gleichnis geben. Eine Braut bekommt von fernem Land ein Schreiben von ihrem Bräutigam. Sie liest jedes Wort mit großer Aufmerksamkeit durch. Wenn sie aber den Brief durchgelesen hat, so hat sich auch sogleich darauf aus diesem Wort ein Wesen in ihr gebildet – nämlich ein Gefühlsmensch gleich dem ihres Bräutigams, in welchen Menschen nun ihr ganzes äußeres Blütenleben übergegangen ist, so zwar, dass sie jetzt lediglich in diesem zweiten Menschen lebt, atmet, denkt und fühlt.
HIM|3|420213|11|0|Seht, dieser Mensch ist sonach auch ein Johannes in dieser Braut, der sie durch seine Bußpredigt genötigt hat, sich von aller anderen Welt abzuziehen und sich zu vereinen mit diesem neuen Menschen in ihr. Nun frage Ich weiter: Wird die Braut wohl zufrieden sein mit diesem in ihr gebildeten Menschen, welcher da noch immer das Ich ausmacht? Nein, sondern sie wird in diesem neuen Menschen gar bald die lebendige Frucht der Liebe gar mächtig zu dem Er wahrzunehmen anfangen, so zwar, dass sie ganz in diese Liebe zum Er übergehen wird. Aus diesem Er wird sich ihr Verlangen immer lebendiger und lebendiger nach dem eigentlichen Er aussprechen und wird nimmer ruhen, bis nicht der wirkliche Er gekommen und sie vollkommen eins mit ihm geworden ist.
HIM|3|420213|12|0|Seht, also ist es auch der Fall mit dem Wort im Menschen, da es vorher in das lebendige Fleisch übergegangen ist. Es wird keine Ruhe in dem neuen Gefühlsmenschen, als bis er das eigentliche große und heilige Er in sich gefunden hat. Wenn er aber dieses Er in sich gefunden hat, sagt und urteilt selbst, wird er nicht wollen in dieses Er vollends übergehen? Seht, solches ist ja in der Natur aller Dinge gegründet, und es ist zwischen ihnen und den Menschen kein anderer Unterschied, als dass bei den Dingen dieses vor sich gehen muss, bei dem freien Menschen aber bleibt es nur willkürliche Bedingung seines Lebens.
HIM|3|420213|13|0|Und also muss das Ich abnehmen, damit das Er wachse im Menschen. Und wenn das Ich nicht abnimmt, so wird alles nach außen in die Rinde, Blüte und Schale übergehen, aber die Frucht des Lebens wird nimmerdar zum Vorschein kommen.
HIM|3|420213|14|0|Ihr möchtet wohl die schönsten Blumen in die Erde streuen, aber da wird nie eine Frucht zum Vorschein kommen, sondern sie alle werden zunichte verwesen in der Erde. So ihr aber das reife Samenkorn nehmt und legt es in die Erde, da werdet ihr euch ja doch sichtbar überzeugen, dass das vollkommene ganze Außenleben in dieses Samenkorn übergehen musste, denn wäre solches nicht der Fall, wie möchte da aus dem Samenkorn dieselbe Pflanze wieder zum neuen lebendigen Vorschein kommen?
HIM|3|420213|15|0|Wenn ihr dieses recht bedenkt, so werdet ihr auch diesen Text der Schrift vollkommen gut einsehen, welcher also lautet: Wer sein Leben liebt, der wird es verlieren; wer es aber flieht, der wird es erhalten. Also ist hier die Art und Weise durch den Johannes in jedem Menschen gezeigt, wie das Leben zu fliehen ist. Tut also darnach, lasst auch euer Ich abnehmen, so werde auch Ich in euch wachsen und zunehmen ins Unendliche, wie der hier zugrunde liegende Schrifttext es euch lehrt! Amen.
HIM|3|420220|1|1|Noch eine Beleuchtung der Versuchung des Herrn in der Wüste (Luk. 11,1-13) – 20. Februar 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420220|1|0|Sieh, da sind wieder sehr leichte Stellen der Schrift, und ihr versteht sie nicht. Warum aber versteht ihr sie nicht? Dieweil ihr noch immer mit dem großen Wörteraufschlagbuch des Lebens, welches allein die Liebe ist, nicht umzugehen wisst. Wenn ihr das Wesen der Liebe erfassen möchtet, wahrlich, bis in den Mittelpunkt der Erde gäbe es auch nicht ein sandkorngroßes Plätzchen, das sich euch nicht sobald als eine vollkommen enthüllte Welt darstellen möchte. Allein, es ist leichter zu zerstreuen als zu sammeln; ihr auch seid noch stark darinnen vertieft, wo die Strahlen zerstreut werden. Aber nur im Brennpunkt ist das Wesen vollkommen vorhanden, in der Zerstreuung aber nur atomenweise.
HIM|3|420220|2|0|Also ist auch das Wort durch den Buchstaben in der Zerstreuung der Welt gegeben, in welcher Zerstreuung da wohl niemand den Brennpunkt des Wortes ersehen kann. So aber jemand dieses zerstreute Wort in sich zu sammeln anfängt, so leitet er dadurch alle diese zerstreuten geistigen Strahlen auf einen gewissen Punkt in seinem Herzen. Und dieser Punkt ist ein Brennpunkt und entzündet das empfängliche Herz in der Liebe zu Mir und erleuchtet dann durch die Flamme der Liebe das große Geheimnis Gottes in ihm selbst. Was aber ist dieses Geheimnis Gottes? Nichts anderes als die ewige Liebe. Was aber ist diese Liebe? Sie ist der Geist Gottes im Menschen, durch welchen allein alles Leben kommt, und besonders das ewige Leben des Menschen. So ihr nun dieses wisst, dass der Geist Gottes nichts anderes ist und sein kann als die ewige Liebe in Gott, da habt ihr den wahren Brennpunkt schon in euch, mit welchem ihr die Tiefen der Gottheit erleuchtet beschauen könnt.
HIM|3|420220|3|0|Was sind denn die Tiefen der Gottheit? Das ist das zerstreute Wort Gottes in dem Buchstabensinn vor euch, in welchem niemand ohne den Geist Gottes den inneren Sinn oder die Tiefen der Gottheit erforschen kann. Sagt ihr aber ja doch selbst schon in weltlichen Dingen, dass die Liebe ein goldener Schlüssel ist, vor welcher kein Schloss sicher ist. Seht, dieses alte, in eurer Zeit schon freilich mehr verklungene Sprichwort ist ein wahres vox populi [Volkes Stimme] und vox Dei [Gottes Stimme]; denn die Liebe ist wahrhaft derjenige Schlüssel, mittelst welchem jedermann sogar bis in das Zentrum Meines Herzens dringen kann.
HIM|3|420220|4|0|Da wir nun dieses wissen, so lasst uns versuchen, ob dieser Hauptschlüssel auch nicht das vorliegende Geheimnis Meines Wortes durch den Mund Lukas erschließt.
HIM|3|420220|5|0|Vorerst aber muss eine Stelle vorausgehen, damit dadurch alles andere erleuchtet wird. Diese Stelle lautet also: „Und der Geist Gottes kam sichtbar über Ihn.“ Diese wenigen Worte sind der Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis der vorliegenden Stellen. Also ist aber solches zu verstehen:
HIM|3|420220|6|0|Bis zu dieser Zeit war Jesus ein Mensch, welchen der Vater ganz vollkommen für Sich erzog, und dieser Mensch Jesus war der Sohn Gottes darum, weil ihn Gott unmittelbar für Seine allerhöchste Aufnahme durch eine Jungfrau geboren werden ließ und ihm auch von Seiner allerhöchsten Seite Selbst die gehörige Erziehung gab. So war dieser Jesus bis auf diesen ersten Auftrittszeitpunkt weiter nichts als ein noch unbekanntes fleischgewordenes Wort Gottes und musste als Mensch sich freitätig gleich jedem anderen Menschen durch die alleräußersten Selbstverleugnungen auf das Allertüchtigste vorbereiten zum bevorstehenden Vollempfang des Geistes Gottes.
HIM|3|420220|7|0|Nun eben am Fluss Jordan, da Johannes die allerstrengsten Werke der Buße predigte, musste auch Er Sich hinbegeben, gleich also, als wäre Er einer unter den vielen Sündern. Und so hat Jesus als der ewige reinste Gottmensch gewisserart Sich Selbst also gedemütigt, dass Er daselbst unter die Scharen der Sünder trat und Sich ihnen gleich die Taufe der Buße geben ließ. Was geschieht aber nun bei dieser Seiner ersten größten Demütigung?
HIM|3|420220|8|0|Der Geist Gottes kommt sichtbar über Ihn, das heißt, die Liebe Gottes des ewigen Vaters nimmt nun volle Wohnung im Menschen Jesus und spricht Sich auch bei dieser Handlung jedermann vernehmlich aus, indem Sie von Oben die Worte zu jedermanns Ohren sendet: „Dieser Mensch Jesus ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich ein Wohlgefallen habe“ – das heißt, mit welchem Ich Mich jetzt auf ewig unzertrennlich in Eins verbinde. Diesem Menschen Jesus sollt ihr von nun an folgen und hören Sein Wort!
HIM|3|420220|9|0|Seht, hier ist Jesus Eins mit dem Vater, so zwar, dass da zwischen Ihm und dem Vater es keinen Unterschied mehr gibt. Und dieses vollkommene Eins ist nun ja doch unmöglich etwas anderes als die Liebe, nicht aber irgendeine Zerstreuung; denn die Liebe ist eine Vereinigung, welche hier doch für jedermann sichtbar geschieht, und kann nimmer eine Zerstreuung sein, in welcher ewig nimmer die Einung denkbar ist.
HIM|3|420220|10|0|Wenn es denn nun heißt: „Jesus wurde vom Geist in die Wüste geführt“, so wird das etwa doch so viel heißen als: Er wurde, von der allerhöchsten Liebe aus Sich Selbst getrieben, in die öde, wüste Welt der Menschen hinausgeführt. Wenn es da heißt: „Damit Er versucht würde vom Satan“, so ist das ja doch mit der Voraussetzung der Liebe überaus leicht zu verstehen und heißt mit anderen Worten nichts anderes, als dass diese ewige unendliche Liebe selbst das Allerverworfenste aus Sich nicht ausschließt, sondern sie stellt Sich ihm dar, damit auch dieses erkennen möchte, dass in Gott seiner grundirrigen Idee zufolge nicht die allerhöchste Hoffart, sondern nur die allerhöchste Demut wohnt.
HIM|3|420220|11|0|Wodurch aber konnte eben die ewige Liebe dem Satan zeigen, dass in Ihr die höchste Demut zu Hause ist? Diese Frage beantwortet sich von selbst, so ihr die dem Teufel zugelassenen drei Versuchungen nur einigermaßen mit dem geistig aufmerksamen Auge beleuchtet.
HIM|3|420220|12|0|Aus Liebe fastet der Gottmensch und lässt über Sich Selbst einen großen Hunger kommen und zeigt dann bei der ersten Versuchung, dass die wahre Liebe auch bei dem größten eigenen Bedürfnis sich noch gar wohl verleugnen kann – und ist ihr mehr jegliches Wort der Liebe für die Erhaltung aller geschaffenen Wesen denn die eigene Sättigung selbst. Darum auch in der Antwort gezeigt ist: Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, sondern vielmehr von jeglichem Wort aus dem Mund der Liebe Gottes.
HIM|3|420220|13|0|Wer wird hier verkennen, was der Geist Gottes seinem Gegner und Abtrünnigen auf das Allerfasslichste vorstellt, da Er ihm den Weg zur Umkehr zeigt und ihm sagt im Geiste: Siehe, dahier ist auch der Platz für dich, nehme auf die Liebe aus Mir und lasse fahren das harte steinige Brot der Welt, so wirst auch du leben!
HIM|3|420220|14|0|Und wieder bei einer anderen Versuchung, da der Gegner noch einmal die Demut in dem Gottmenschen prüft, so wird es ihm entgegen bedeutet, dass auch er von der Liebe berufen ist, in ihr nicht die Demut zu prüfen, sondern dafür lieber selbst ihr zu dienen.
HIM|3|420220|15|0|Und wieder bei einer anderen Versuchung wird ihm sein Werk hart verwiesen und ihm abermals gezeigt, dass er umkehren soll und solle Gott dienen und Ihn nicht versuchen.
HIM|3|420220|16|0|Wer wird da wohl so blind sein und nicht sehen wollen, was der Geist Gottes hier ohne die geringste Beschränkung des freien Willens Seines Gegners bewirken wollte, nachdem Er ihm hier gezeigt hatte, dass Ihn nur die höchste Liebe zu ihm geführt hatte? Und dann aber auch ihm auf der Seite der höchsten Liebe zu zeigen, sprach ebenfalls dieselbe Liebe, dass es nicht in der Ordnung ist und unmöglich sein kann, dass sich Gott demütigen könnte vor einem Seiner Geschöpfe, sondern dass solches allezeit der umgekehrte Fall sein müsse.
HIM|3|420220|17|0|Wenn ihr nun dieses nur einigermaßen gehörig durchdenkt, so werdet ihr ja doch unmöglich wieder fragen können, was da verstanden wird unter dem Geiste Gottes, und wie und warum Dieser Jesus geführt hat in die Wüste.
HIM|3|420220|18|0|Wohl aber könnt ihr fragen, wie steht diese Begebenheit zu uns? Diese Frage ist ebenso leicht zu beantworten, so ihr die Wüste eures Lebens nur ein wenig betrachtet: wie Ich Mich von Meiner Vaterliebe in diese eure Wüste führen lasse und da oft gar lange fasten muss und werde von euch harten Gegnern wohl öfter als dreimal versucht und muss da lange in der größten Dürftigkeit und in der größten Armut warten und harren, bis die Geister eures Herzens zu Engeln werden, auf dass sie Mir dann zu dienen anfangen.
HIM|3|420220|19|0|Daher beachte auch ein jeder die Worte, die in diesen drei Versuchungen an den Satan gerichtet sind. Denn ein jeder Mensch ist zuvor ein Leibeigener des Satans, als er erst wird ein Eigentum Meiner Liebe. Damit er aber das werde, so komme Ich ja zu jedem in seine eigene Wüste durch den Geist der Liebe und lasse Mich lange von ihm in allerlei versuchen, damit er dadurch Meine endlose Liebe und allergrößte Demut erkennen solle. Wer da aber verharrt gleich dem, der Mich in der Wüste versucht hatte, was Wunders wird es sein, wenn er am Ende auch die Worte aus Meinem Mund vernehmen wird müssen: Weiche von Mir, Satan! – Solches beachtet wohl und überdenkt es in eurem Leben, so werdet ihr das Leben haben durch einen und denselben Geist Gottes ewig. Amen!
HIM|3|420226|1|1|Weitere drei beliebige Texte zusammenhängend erklärt – 26. Februar 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420226|0|0|Hosea 5,10: Die Fürsten Juda sind gleich denen, die die Grenzen verrücken; darum will Ich Meinen Zorn über sie ausschütten wie Wasser. – Amos 7,6: Da reute den Herrn das auch, und der Herr Herr sprach: Es soll auch nicht geschehen. – Micha 4,6: Zur selbigen Zeit, spricht der Herr, will Ich die Lahmen versammeln und die Verstoßenen zuhauf bringen und die Ich geplagt habe.
HIM|3|420226|0|0|Über diese von den Anwesenden gewählten Texte, die so wie zufällig zusammenkamen, gab uns der Herr durch Seinen Knecht nachfolgende Erklärung:
HIM|3|420226|1|0|Damit ihr diese Texte recht vollkommen verstehen mögt, welche im Ernst schon wieder von der größten Wichtigkeit sind, so müsst ihr zuvor wissen, was da unter den Fürsten von Juda verstanden wird; und dann wieder, was da verstanden wird unter dem Ausdruck: die Grenze verrücken.
HIM|3|420226|2|0|Unter den Fürsten werden hier nicht gewisserart königliche Abkömmlinge verstanden, sondern solche Menschen, welche Mein Wort handhaben entweder nach prophetischer Art innerlich lebendig oder nach priesterlicher Art äußerlich dem Buchstaben nach.
HIM|3|420226|3|0|Seht nun, Meine lieben Kindlein, wenn dann solche wie immer geartete Inhaber Meines Wortes mit demselben vermöge ihres freien Willens in einem oder dem anderen Stück mit ebendiesem Meinem großen Schatz wider Meine göttliche Absicht eigenliebig nach ihrem Gutdünken handeln, – wenn die ersten zu Meinem Wort ihr eigenes mengen, und die zweiten den Sinn des Wortes, das da geschrieben ist, herrschsüchtig und eigennützig in Naturmäßiges und Weltliches verkehren, so verrücken sie die Grenzen, das heißt die Grenzen Meiner ewigen Ordnung, darum Ich dann auch Meinen Zorn über sie ausschütte wie Wasser, so sie sich nicht zurückbegeben in die bestimmten Grenzen der göttlichen Ordnung.
HIM|3|420226|4|0|Was ist aber dieser Mein Zorn, welchen Ich über solche treulose Fürsten von Juda oder eigennützige Handhaber Meines Wortes allezeit sicher ausschütte gleich einer trüben Wasserflut? Seht, das ist die allezeit sicher eintreffende gänzliche Blindheit ihrer Herzen, darum sie dann dastehen gleich den Wahnsinnigen, Blinden und Tauben und mit ihren verhärteten Herzen nicht empfinden, mit den scheinbar offenen Augen nichts sehen und mit den Ohren nichts hören und verstehen, was da ist des Geistes der Liebe und alles Lebens aus ihr. So sie auch mit äußeren körperlichen Sinnen Mein geschriebenes Wort lesen, so verstehen sie aber doch lediglich nichts davon, weil sie in Meinem Zorn sind.
HIM|3|420226|5|0|Meine lieben Kindlein, in heutiger Zeit gibt es gar außerordentlich viele solche Fürsten von Juda; sie befinden sich noch bis auf diese Stunde in Meiner Reue, worunter verstanden wird Meine Geduld, Milde, Sanftmut und Erbarmung. In dem, was also Meine Reue betrifft, soll es auch nicht geschehen, dass die Erde je also verwaist dastehen solle, als so alles von Meinem Zorn überflutet würde. Denn darum steht allhier der Herr, der da spricht aus Seiner Reue doppelt, – einmal um anzuzeigen, dass Ich der Herr im unendlichen Sinne Himmels und der Erde und somit der ganzen unendlichen Schöpfung geistig und körperlich; und zum zweiten Mal aber einer und derselbe Herr bin in eines jeden Menschen einzelnem Herzen, welcher dasselbe zu Mir gekehrt hat. Und also bedeutet das zweimalige Wort Herr sowohl Meine äußere als auch Meine inwendige Gegenwart, da die äußere gleich ist der ewigen Weisheit und die zweite gleich der ewigen Liebe Gottes, welche da spricht im Herzen und handelt im selben und zieht dasselbe.
HIM|3|420226|6|0|Seht, dieser zweite Herr ist’s eigentlich, der da sprach und noch immer spricht und auch soeben jetzt spricht in Seiner Reue: Es soll auch nicht geschehen trotz der vielen Fürsten von Juda in dieser Zeit, dass Ich diejenigen möchte als Waisen lassen, die Mich suchen, – sondern also will Ich bei ihnen und jeglichem verbleiben bis ans Ende der Welt, das heißt bis zu der Zeit, wann die Welt bei ihm ein vollkommenes Ende genommen hat, von welcher Zeit an er dann zu Meiner vollkommenen und ewig verbleibenden Anschauung und Besitznahme des unvergänglichen Lebens gelangt, welches hier besagt ist in dem dritten von euch gewählten Text, welcher also lautet:
HIM|3|420226|7|0|Zur selbigen Zeit will Ich die Lahmen versammeln und die Verstoßenen zu Haufen bringen und diejenigen, die von Mir geplagt worden sind. Das heißt: Zu der weltlosen Zeit eines jeden einzelnen Menschen sollen alle seine darniederliegenden Kräfte geweckt werden und vereinigt zu einer Kraft der Liebe und des ewigen Lebens in ihm; und die verstoßenen und zerstreuten Begierden sollen auf einen Haufen, das heißt, unter ein und dasselbe Dach der Liebe gebracht werden. Und endlich die von Mir Geplagten sind die verschiedenartigen Prüfungen und Versuchungen, welche da ganz natürlicherweise ein ewiges Ende nehmen. Denn so da in jemandem spricht und wirkt der Herr und ihn lehrt und zieht, der ist in gewisser Hinsicht doch nur ein leidender Mensch, da er sich nicht selbst zieht, sondern von Mir gezogen wird, welches ebenso viel heißt als geplagt werden.
HIM|3|420226|8|0|Wenn sich aber der Mensch bis zu Ende seiner Welt hat ziehen lassen und ist somit verharrt bis ans Ende, sodann tritt der Herr Herr in ihn, welches da ist die volle Erlösung, die Geistestaufe mit dem Feuer oder die vollkommene Wiedergeburt, wodurch der Mensch vollends erfüllt wird mit Meinem heiligen Geist in aller Liebe, Kraft, Macht und Gewalt, darum er dann auch vollkommen Eins wird mit Mir. Welche Versuchungen wären da wohl noch denkbar möglich, wo doch ebenso undenkbar möglich mehr irgendeine Schwäche im Menschen obwalten kann, und zwar aus dem einfachen Grund, weil ein solcher wiedergeborener Mensch und Ich vollkommen Eins sind, und er dann auch mit Meinem Paulus ausrufen kann: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“ – Christus aber ist der Herr Herr!
HIM|3|420226|9|0|Seht, das ist das wahre innere Verständnis dieser Texte. Überdenkt es wohl und nehmt es lebendig auf in euer Herz; denn es ist wahrlich nicht genug, solches dem Äußeren nach zu wissen gleich den Fürsten von Juda, die da auch sagen: Herr, Herr, – aber der Herr Herr wird nimmer in ihrem Herzen Einzug halten. Sondern alles dieses muss mit dem Herzen und im Herzen lebendig gelesen und verstanden sein; alsdann erst kommt der Herr und endlich der Herr Herr, wie im Verlaufe dieser Offenbarung gezeigt worden ist, in den Menschen und macht ihn aus Sich durch und durch lebendig.
HIM|3|420226|10|0|Tut ihr darnach, so werdet auch ihr überaus sicher und gewiss, und zwar in der kürzesten Zeit die Feuertaufe des Geistes schmecken. Amen. Meinen Segen mit euch allen, jetzt und ewig. Amen.
HIM|3|420303|1|1|Der 60. Psalm Davids, 8-14 Vers – 3. März 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420303|1|0|Um solcherlei Verse zu verstehen, muss man vorerst wissen, was unter David im Verlaufe von dessen Psalmen verstanden wird. Denn solange jemand hinter dem David nichts als einen König des Altertums, welcher Psalmen schrieb, versteht, so lange ist auch vom Verstehen solcher Texte durchaus nicht die allerleiseste Rede.
HIM|3|420303|2|0|So aber da jemand versteht dem geistigen Sinn nach, was da ist der David, der versteht auch, was da besagt Sichem, das Tal Suchot, Gilead, Manasse, Ephraim, Moab, Edom und Philistäa.
HIM|3|420303|3|0|So lasst uns denn sehen, was hinter dem David steckt!
HIM|3|420303|4|0|Seht, Meine lieben Kindlein, hinter dem David steckt nichts mehr und nichts weniger als Ich Selbst. Nun habt ihr schon einen Schlüssel. Wie ist aber dieses zu verstehen, dass der David zugleich ein Mensch ist wie ein jeder andere, welcher aus Seele und Leib zusammengesetzt ist, – und wie ist er demnach auch Ich, da er doch vor Mir gesündigt hat?
HIM|3|420303|5|0|So hört denn, und wir wollen sehen, auf welche Weise Ich und der David Eins werden; denn in diesen Versen redet doch offenbar der David zu Gott – und Gott zu David.
HIM|3|420303|6|0|Seht und merkt nun wohl: Unter dem Gesichtspunkt Davids wird verstanden die herniedersteigende Liebe Gottes, und unter Gott wird verstanden die endlose Weisheit des Geistes.
HIM|3|420303|7|0|Da ihr nun solches wisst, so wird es nicht mehr schwer sein zu verstehen, was der achte Vers des 60. Psalms besagt, der da lautet: Gott redet in Seinem Heiligtum – oder Gott redet in Seiner Liebe und nicht in Seiner Weisheit, sondern die Weisheit in Seiner Liebe; des bin Ich froh und will zerteilen und nicht allzu sehr beachten die Weisheit, welche verstanden wird unter Sichem, aber dafür will Ich wohl abmessen das Tal Suchot oder die wahre Demut und die reine Liebe aus ihr; des bin Ich froh. – Es wird kaum nötig sein zu erwähnen, wer da unter dem Ich verstanden wird, der da froh ist, oder voll der Liebe, und warum? Wegen der Einung der unendlichen Weisheit mit der ebenso unendlichen Liebe durch die Erbarmung Gottes.
HIM|3|420303|8|0|Da ihr nun den achten Vers sicher versteht, so werdet ihr auch nicht minder den folgenden neunten verstehen, welcher nur eine Zergliederung des ersten ist, gleichwie auch der zehnte und der elfte es ist. Seht, da Suchot die Demut besagt und ihr zufolge die Liebe, in der Liebe aber die Weisheit nun als vollkommen Eins wohnt, so wird ja etwa doch Gilead wie Manasse Mein sein, – Gilead, die Weisheit oder das Licht, welches wandelbar ist und unstet, und Manasse das ewig Bleibende.
HIM|3|420303|9|0|Ephraim ist die Macht Meines Hauptes, und Juda Mein Fürst. – Seht, so ihr dieses buchstäblich nehmen möchtet, so käme da der größte Unsinn heraus, weil dadurch der David fürs Erste einen ganzen jüdischen Urstamm, fürs Zweite ein gleichnamiges Land und fürs Dritte eine gleichnamige Stadt hätte müssen entweder in seinem Kopf oder auf seinem Kopf herumtragen und dazu noch mit aller Kriegsrüstung wohl versehen. Dessen ungeachtet aber wäre der also mächtige König David dennoch dem Fürsten Juda untertänig, darum er spricht: Juda ist mein Fürst, was ebenso viel besagt als: Juda ist mein Herr. – Seht ihr nun schon ein wenig ein, welcher Unsinn da aus dem bloßen Buchstabensinn herauswachsen möchte, so da nicht ein pur geistiger Sinn zugrunde läge?
HIM|3|420303|10|0|Da aber Gilead Mein ist und Manasse Mein, da ist Ephraim als das Licht der Liebe freilich wohl die Macht aller Weisheit, welche ist Mein Haupt, und Juda wahrhaft ein Fürst in Mir, welches da ist der Liebe lebendiges Wort von Ewigkeit her, durch welches alle Dinge erschaffen worden sind, und welches da durch den David mächtig sich über die Erde zu ergießen anfing. Seht, Meine lieben Kindlein, ob dieser Vers, besonders von Ephraim angefangen, nicht einen viel weiseren Sinn hat, als wie er dem Äußeren nach im Buchstaben erscheint?
HIM|3|420303|11|0|Also wird auch im zehnten Vers unter Moab die demütigste Liebe, welche ist gleich der Reue im menschlichen Herzen, allhier zu einem Waschtopf; und der Schuh, welcher ist das naturmäßige Welttümliche, wird über Edom gestreckt, welches ist die Nacht des Todes. Und Philistäa jauchzet zu Mir, oder die geläuterte Liebe wird Eins mit Mir. So aber die geläuterte Liebe nun Eins ist mit dem Licht und hat dasselbe in sich eingeschlossen, welches ist der alleinige Führer aller Dinge, so ist hier im elften Vers eine scheinbare Frage gestellt, darum das Licht in der Liebe verschlossen ist, nämlich: Wer will Mich führen in eine feste Stadt? Und wer geleitet Mich bis nach Edom? Allein in dieser scheinbaren Frage liegt schon die Antwort offenkundig da, so ihr unter Wer Meine Liebe und unter Mich die Weisheit und unter der festen Stadt ein wohl zubereitetes Herz versteht, und unter Edom aber ein Herz, welches voll angestopft ist von Weltlichem und somit auch mit allem, welches ist des Todes.
HIM|3|420303|12|0|Wie es sich aber verhält mit der Frage des elften Verses, gerade also verhält es sich mit der mehr erklärenden Frage des zwölften Verses, nämlich: Wirst Du es nicht tun, Gott, der Du uns verstoßest, und ziehest nicht aus, Gott, auf unser Heer? Welches auf verständlich Deutsch so viel besagt als: Du Licht der Liebe wirst Mich führen zur Zeit, da Ich herniedersteigen werde zur Erde; Du wirst zwar nicht ausziehen auf der Macht des Lichtes, sondern auf unser Heer wirst Du ausziehen, welches ist die Macht der ewigen Liebe.
HIM|3|420303|13|0|Damit ihr aber dieses recht innerlich versteht, so mache Ich euch darauf aufmerksam, dass so von der göttlichen Weisheit die Rede ist, diese allezeit, wenn sie für sich allein dargestellt wird, in der einfachen Zahl genannt wird. Die göttliche Liebe aber wird darum häufig in der vielfachen Zahl genannt, weil alles, was da ist in der ganzen Unendlichkeit und Ewigkeit, aus Ihr hervorgegangen ist.
HIM|3|420303|14|0|So ihr nun das Vorhergehende versteht, so wird es nicht schwerhalten, die gleichlautenden letzten zwei Verse zu verstehen, welche nichts als eine lebendig demütige Wiederholung des Früheren sind und also lauten: Schaffe uns Beistand in der Not – oder: Du ewiges Licht, sei und bleibe der ewige Führer deiner Liebe, denn Menschenhilfe ist kein nütze, oder: Die Liebe taugt nicht allein für sich, da jegliche Liebe ohne das heilige Licht nur eine pure, sich selbst verzehrende Eigenliebe ist.
HIM|3|420303|15|0|Daher lasse, Gott, die Liebe durch Dich alle Taten verrichten, so wird die Finsternis als der größte Feind des Lebens auf ewig unterjocht werden. Solches ist aber der Liebe Feind, dass sie blind ist ohne Gott. Mit Gott oder mit dem ewigen Licht vereinigt aber ist sie die allerhöchste Macht, Kraft und Gewalt, welcher die ganze Unendlichkeit auf den allerleisesten Wink ewig gehorchen muss.
HIM|3|420303|16|0|Schließlich sage Ich euch noch hinzu, dass diese enthüllten Verse eine doppelte Beziehung haben, und zwar gerade also, wie sie sich beziehen auf Mich, also auch beziehen sie sich auf jeden einzelnen Menschen. Erfasst sie daher recht tief, ja allertiefst in euren Herzen, so wird euch ein großes Licht in der Nacht eures Herzens werden. Amen.
HIM|3|420303|17|0|Meine Gnade, Liebe und Erbarmung mit euch allen! Amen.
HIM|3|420328|1|1|Die vier Evangelien über die Auferstehung – 28. März 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420328|0|0|Frage: Wie kann man die nachfolgenden Abweichungen in den Erzählungen der vier Evangelisten von der Auferstehung des Herrn auf beruhigende Weise untereinander ausgleichen als: 1. hinsichtlich der Frauen, welche das Grab besuchten; Matth. 28,1. Mark. 16,1. Joh. 20,1; 2. hinsichtlich der Anzahl der sichtbar gewordenen Engel und des Ortes, wo sie saßen; Matth. 28,2. Mark. 16,5. Lukas 24,4. Joh. 20,11-12; 3. hinsichtlich des Umstandes, ob die Frauen, wie bei Matthäus, Markus und Lukas, oder ob Petrus und Johannes, wie bei Johannes, zuerst in die Gruft traten; 4. hinsichtlich der weiteren Mitteilung der Nachricht; Matth. 28,8. Mark. 16,8. Lukas 24,9. Joh. 20,10-18.
HIM|3|420328|1|0|Schreibe nur, schreibe! Statt am Abend soll es hier heißen: zu Ende des Sabbats; da bei den Juden, wie ihr doch sicher wissen werdet, jeder frühere Tag bis zum Aufgang der Sonne des nächsten Tages gedauert hatte. Das wäre sonach gleichlautend mit den anderen dreien.
HIM|3|420328|2|0|Die Zahl der Weiber betreffend aber ist gar keine Angabe richtig, denn es waren ihrer sieben, und Lukas berührt sie unbestimmt mit dem Beisatz: Und die anderen. Und bei Johannes sagt die Magdalena zu Petrus: Wir wissen nicht, wo sie Ihn hingetan haben. Was aber die Ursache dieser ungleichen Zahlangabe der Weiber betrifft, so hat sie fürs Erste ihren Grund in der Unkenntnis, der zufolge die Evangelisten selbst die ganze Vollzahl nicht wussten – und fürs Zweite, auf dass die Weiber der Welt zu einem Anstoß werden sollten – und fürs Dritte, dass da niemand die Göttlichkeit Meines Wortes aus der Weiberzahl, sondern lediglich aus der lebendigen Tätigkeit vom Grunde seines Herzens erfahren solle!
HIM|3|420328|3|0|Was aber das vom Matthäus allein erwähnte Erdbeben betrifft, so hat es damit seine Richtigkeit auch buchstäblich, aber jedoch soll es vorzüglich geistig genommen werden und bezeichnet die volle Erschütterung des Herzens, bevor des Himmels Zeichen dem Menschen ankündigen sollen, dass Ich aus seinem Grab auferstanden bin. Warum aber die anderen drei des Erdbebens nicht erwähnen, hat seinen Grund, dieweil sie das besagte Erdbeben allein geistig nahmen und es durch die geschilderte Furcht der Weiber nur leise andeutend bezeichneten. Es war eben eine zierlichere Redensart der damaligen Zeit, irdische Fakta zu verschweigen und sie bloß aus dem Gemütszustand betreffender Menschen entsprechend erkennen zu lassen. Doch an derlei Mückenfängereien liegt wenig, alles aber an dem Tun Meines Willens!
HIM|3|420328|4|0|Was aber da bei Matth. 28,2-3 den blitzgestaltigen und Stein wegwälzenden Engel betrifft, und bei Mark. 16,5 auch zwar einen, aber schon im Grab sitzenden Jüngling, und was bei Lukas 24,4 die zwei Männer in glänzenden Kleidern und bei Johannes zwei Engel in weißen Kleidern betrifft, so hat dieser scheinbare Widerspruch fürs Erste seinen Grund, was die Zahl betrifft, darin, dass von den höchst gewissensgebundenen Evangelisten nach der altjüdischen Art darum nur eines Engels erwähnt wird, weil die zwei eine Tat verübten und auch nur ein Wort führten. Und fürs Zweite, weil nicht all die sieben Weiber zwei Engel sahen, sondern allein die ersten drei Benannten, die anderen vier aber nur einen, und somit dann auch ihre Aussagen von denen der Apostel und Jünger verschieden waren, darum denn auch Matthäus und Markus als höchst skrupulöse Schreiber sich nicht getrauten, die vielfache Zahl zu nehmen, um sich vor den schriftgelehrten Judenchristen nicht eines Schreibfehlers wegen als untüchtige Schreiber bloßzustellen, als ob sie nicht wüssten, wann von zwei handelnden Wesen die einfache und wann die vielfache Zahl gebraucht werden solle. Lukas und Johannes aber, da sie das Wort um vieles später niedergeschrieben haben, waren über diese Sprachkleinigkeiten hinaus und gaben die Aussage der ersten drei Weiber völlig kund.
HIM|3|420328|5|0|Und endlich liegt ein dritter Grund noch darinnen, dass Ich es also haben wollte der blinden Welt wegen, darum sie Mich verstoßen hat, auf dass sie sich zu Tode stoßen solle an den Weibern und an der Zahl ihrer Weltgeister. Und endlich noch des geistigen Sinnes wegen, darum die bloße Hör- und Schaugier nur einen mahnenden Geist hat zur Erweckung des Glaubens; die Liebe Magdalenas aber ersieht auch den höheren Geist der Liebe und des Lebens, der da ist feurig und glänzenden Kleides. Und somit wäre auch dieser Widerspruch ausgeglichen geschichtlich und geistig.
HIM|3|420328|6|0|Was aber die ungleiche Gestalt der Engel betrifft, so entsprach diese dem Inneren der sieben Weiber; Magdalena sah sie feurig und glänzend, die anderen aber nur mit weißen Kleidern angetan. Die Ursache ist die feurige Liebe der Magdalena, und bei den anderen ihre stille Sanftmut und Trauer.
HIM|3|420328|7|0|Matthäus gibt somit allein nur das Gesicht der Magdalena aus der schon bekannten Ursache in der einfachen Zahl an. Markus noch skrupulöser als der Matthäus hält sich an die Mehrheit der Stimmen zwar, aber was da die Zahl betrifft, pflichtet er dem Matthäus bei. Lukas gibt die Aussage der Magdalena getreu an, nur gebraucht er statt des Wortes weiß das die Sache mehr erhöhende Wort glänzend, das heißt weiß, soviel wie schneeweiß oder blendend weiß, und schweigt darum vom feurigen Gesicht, um die Doppelaussagen mehr in ein gerundetes Ganzes zu bringen, und endlich aber auch zufolge Meines Willens, damit dadurch der Übergang vom alleinigen Glauben zur lebendig tätigen Liebe angedeutet würde, wie solches auch wahrlich zu ersehen ist aus der Ordnung der vier Evangelisten. Johannes spricht nur von zwei in weißen Kleidern sitzenden Engeln. Die Ursache liegt hier lediglich im Geistigen seiner evangelischen Ordnung nach, wodurch da angedeutet wird die Unschuld der Liebe und die leidenschaftslose Ruhe des gewonnenen ewigen Lebens; und so verschweigt er als der sonst allerfeurigste Schreiber das Feuer der Magdalena und somit auch ihre weltlich leidenschaftliche Liebe zu Mir, die zwar gerecht war, aber dennoch nicht ganz getreu der himmlischen Ordnung.
HIM|3|420328|8|0|Und somit wäre auch dieser Widerspruch ausgeglichen. Und so bleibt uns nur noch ein Widerspruch bezüglich der Engel auszugleichen übrig, und zwar der ihrer verschiedenen Stellung wegen.
HIM|3|420328|9|0|Bei Matthäus kommen sie vom Himmel, und bekannt ursächlich in der einfachen Zahl, wälzen den Stein vom Grab oder vielmehr von der Tür des Grabes, und der Engel und die Weiber gehen in das Grab. – Bei Markus ist zwar bei der Ankunft der Weiber das Grab noch verschlossen; aber sobald gewahren sie, dass der Stein abgewälzt wird, wo sie dann das Grab betreten. – Bei Lukas betreten sie eher das Grab, welches schon offen ist; sodann erst kommen die Engel und geben den Weibern Bescheid. – Bei Johannes guckt allein die Magdalena ins Grab und bekommt von den verschiedenorts sitzenden Engeln den tröstenden Bescheid; und solches geschieht nachdem erst, da der von ihr geholte Petrus und unser Evangelist Johannes schon das Grab verlassen hatten.
HIM|3|420328|10|0|Die scheinbare Verschiedenheit der Aussagen rührt fürs Erste, wie alle die früheren Punkte, vorzugsweise nach Meinem Willen wegen und von der heiligen entsprechenden geistigen und himmlischen Ordnung her, in welcher vom äußeren Glauben bis zur innersten Wiedergeburt des Geistes die vier Evangelisten aufeinander folgen.
HIM|3|420328|11|0|Dieser Hauptursache zufolge aber dann von der verschiedenen Angabe der sieben Weiber, da eine jede nach der Beschaffenheit ihres inneren Zustandes gesehen hatte, entweder was da aussagt der Matthäus, Markus, Lukas oder der Johannes. Was aber da ausgesagt wird von den vieren, ist geschehen und gesehen worden, aber nur mit den geistigen Augen; diese aber sind ja allezeit gerichtet, wie da gerichtet ist das innere Leben aus der Liebe, dieweil des Geistes Schauen nicht ist gleich dem irdischen Schauen, da einer sieht gleich dem anderen, sondern jedweder sieht nur, was und wie es in ihm ist, und also es sich denn auch gestaltet.
HIM|3|420328|12|0|Dass die Abholung des Petrus und Johannes nur vom Johannes selbst erwähnt wird, hat die Ursache, weil der Johannes eigens gemahnt wurde, da er auch verschweigen wollte, diese Begebenheit beizusetzen, damit in ihm alles solle offenbar werden zum geistigen Zeugnis, dass die wahre innerste lebendige Liebe alles von sich gibt und auch sogar das allerunbedeutendste Geheimnis nimmerdar verschweigen will. Oder erprobt man auf der Welt die echte Liebe etwa nicht schon dadurch, dass der Liebbewerber sieht auf das offene Herz seiner Gewählten; wenn sie aber vor ihm wird heimlichtun und wird ihrer Nachbarin ins Ohr wispeln, was wird er von ihrem Herzen halten!
HIM|3|420328|13|0|Seht, sonach ist ja schon wieder alles in der schönsten Ordnung. Was die ersten drei an der Mitteilung für geringfügig halten, das muss der Vollendete dennoch bekennen und es aussagen! Ist nun noch irgendein Widerspruch vorhanden? Und also bliebe schließlich nur noch Meine Erscheinung den Weibern zu erwähnen übrig.
HIM|3|420328|14|0|Beim Matthäus erscheint Jesus nur der Magdalena und der anderen Maria, als sie schon auf dem Weg sind zu den Aposteln und Jüngern, unweit des Grabes.
HIM|3|420328|15|0|Beim Markus erscheint Er zuerst der Magdalena und wird nicht gesagt, ob Er auch den anderen erschienen ist, sondern es wird solches nur unbestimmt dadurch angedeutet, da gesagt ist, zuerst der Magdalena, und dann von selbst verstanden werden solle, hernach den anderen.
HIM|3|420328|16|0|Beim Lukas erscheint den Weibern Christus gar nicht; und der Petrus eilt ohne Johannes erst nach der Nachricht zum Grab.
HIM|3|420328|17|0|Beim Johannes kommt gar nur die Magdalena allein zu den Jüngern und sagt ihnen, dass der Stein abgewälzt ist; und nachdem der Petrus und Johannes wieder zurückkehren, da erst erscheint allein ihr der Herr und verbietet der Zudringlichen die Anrührung und ist da weiter von keiner anderen die Rede.
HIM|3|420328|18|0|Wie alles Frühere, so hat auch dieses alles ganz besonders vorzugsweise einen inneren, allein geistigen Grund. Was daran das Geschichtliche betrifft, so haben eigentlich nur Magdalena zuerst und dann auch die Maria Johanna Jesus gesehen, und zwar die Magdalena zuerst, wo sie dann sogleich über Ihn herfallen wollte, aber zurückgewiesen ward. Darauf Ihn dann erst auch die Maria Johanna ersah und dann mit der Magdalena zu Seinen Füßen hinfiel und diese gemeinschaftlich umfasst wurden von beiden. Maria Jakob und die Salome sahen zwar nichts, sondern empfanden nur die Nähe des Geistes des Herrn. Die drei noch anderen aber merkten von der Erscheinung des Herrn nichts und waren unterwegs sogar sehr bemüht, den zweien ihr Gesicht als ein reines Werk ihrer erhitzten Einbildung darzustellen.
HIM|3|420328|19|0|Was die erste Benachrichtigung an den Petrus betrifft, so ist da wirklich nur allein die Magdalena Botin davon gewesen, und alle anderen sind im Garten geblieben, in dem das Grab in einen Felsen gehauen war; und haben also fünfe den Petrus und den Johannes übersehen. Und nur die Maria Johanna sah den Petrus kommen und abgehen, aber den flinken Johannes hatte auch sie übersehen und hätte auch den Petrus sicher übersehen, so sie nicht die fast außer Atem daherkeuchende Magdalena sobald darauf aufmerksam gemacht hätte. Dass sich aber weder der Petrus noch der Johannes lange am Grab aufgehalten haben, erklärt sich wohl aus der großen Furcht, welche sie da vor den Juden hatten.
HIM|3|420328|20|0|So ihr nun dieses alles zusammenfasst, da kann es euch doch unmöglich mehr schwer werden, den Grund dieser sich scheinbar widersprechenden Angaben der vier Evangelisten mit den Händen zu greifen. Denn je nachdem die Angaben waren von Seiten der verschieden sehenden Weiber an die Apostel und Jünger, also waren auch die Aufzeichnungen nach dem Glauben der Schreiber verschieden; denn obschon sie unter der Leitung Meines Geistes alles dieses geschrieben haben, so war aber ihr Wille dennoch ganz frei und so auch ihr Urteil und ihre Annahme darnach. Und so selbst ihr Wille durch die erfolgte Wiedergeburt ein gerichteter gewesen war, da war aber demnach ihre Mitteilung, was noch mehr ist, ja vollkommen Meinem Willen gemäß. Und so ihr dieses alles wisst, da lasst euch durch solche Mückenklüfte nicht mehr beirren, sondern werdet dafür eifrige und wahre Täter des Wortes, so werdet ihr gar bald an keinen Widerspruch mehr stoßen.
HIM|3|420328|21|0|So ihr aber nur bloße Hörer des Wortes seid und möchtet dasselbe unter die träge Ordnung eures Verstandes bringen, da werdet ihr freilich gerade da die größten und die ärgsten Widersprüche finden, da es sich gerade um eure ewige Auferstehung handelt! Wenn ihr aber durchaus kritisch zu Werke gehen wollt, da fasst zuerst die Ordnung der aufeinanderfolgenden Evangelisten und vergleicht sie mit den vier Hauptzuständen des Menschen, das heißt, von seinem äußersten Glauben bis zur innersten Wiedergeburt; oder da der Mensch am Abend beginnt, durch die Nacht versucht wird, bis dann die Morgendämmerung anbricht und also diese stets zunimmt bis zum Aufgang des ewigen Lebenstages durch Johannes! Verstehet ihr das, so werdet ihr ewig an keinen Widerspruch mehr stoßen.
HIM|3|420328|22|0|Doch wer da noch irgendeinen Zweifel hätte und könnte sich nicht helfen, der tut immer besser, so er fragt, solange jemand da ist, der mit Licht versehen ist; es wird euch aber schon noch übel ergehen, und ihr werdet eure Untiefen erschauen, so Ich den Leuchter hintanrücken werde. Dann erst werdet ihr alle erfahren, wie blind ihr alle wart, dass ihr alle die Worte des Leuchters so wenig mochtet achten. Wer aber kennt und versteht den Leuchter? O wie blind doch aber seid ihr noch! Warum aber seid ihr also blind? Weil in euch noch keine Ordnung ist und also auch keine Festigkeit, darum ihr auch stets schwebt zwischen Nacht und Dämmerung und erkennt darum auch gerade das am allerwenigsten, wodurch ihr zur Wiedergeburt des Geistes gelangen sollt und einzig und allein zur innersten Erkenntnis alles dessen, was des Geistes und somit auch des ewigen Lebens ist!
HIM|3|420328|23|0|Ich aber sage euch, bis jetzt habt ihr das Wort nur gelesen, und alle eure Tat war eine getriebene Tat durch die gewisserart göttlich magische Kraft des Wortes an und für sich selbst. Werdet aber in der Zukunft keine getriebene mehr, sondern freiwillige Täter Meines Wortes, und ihr werdet sofort an keine Widersprüche mehr stoßen! Solches alles aber schreibt euch tiefst in euer Herz, wer Der ist, von Dem diese Worte kommen an euch Grübler, so werdet ihr leben. Seht aber zu, dass euch der noch gänzlich unbekannte Leuchter nicht entrückt wird, da es euch allen dann wieder schlecht gehen möchte; denn ihr seid bisher nur Leser, aber bei weitem keine Täter des Wortes. Wisst ihr euch aber eines alten Liedes zu erinnern, das also anfängt: Einst schien die Sonne über unserem Haupte sanft und mild, / da floh’n vor ihrem Licht wir in die Löcher unsrer Becher; / doch bald verschwand dies herrlich leuchtend göttlich Sonnenbild, / und nun drückt uns der Nacht und aller Todespfeile Köcher usw.
HIM|3|420328|24|0|Seht, das Lied des Ameisenlöwen ist nicht schlecht und passt recht wohl auf den Zustand des Menschen, da er ein Zweifler ist, während er schon lange ein Seher sein könnte. Solches also beachtet auch überaus wohl. Amen; und NB. Wer es sagt. Amen. Amen. Amen!
HIM|3|420610|1|1|Die erweckende Kraft der Liebe. Segen eines gläubigen Vaters und einer frommen Mutter – 10. Juni 1842, Vormittag
HIM|3|420610|0|0|An den Andr. H. W.
HIM|3|420610|1|0|Höre und siehe du, Mein geliebter Andr. H. W., denn Ich habe dir etwas Tröstendes zu sagen!
HIM|3|420610|2|0|Dich hatte eine Mitteilung, welche Ich Meinem Wortschreiber zur nötigen Beruhigung habe zukommen lassen, in ein etwas zu ängstliches Nachdenken gebracht und hat dich zudem noch etwas kleingläubig in Rücksicht dessen gemacht, was da anbelangt die volle Sterblichkeit der Lauen, und das vorzugsweise darum, da du dein freilich wohl sehr weltlich gesinntes und geartetes Weib darunter verstandest und in nicht sehr entfernten Distanzen auch deine Kinder mit ihr. Allein Ich sage es dir, du hast wohl sehr vollkommen recht, solches zu beherzigen. Was aber da gesagt ist in dem Beiwort an den Schreiber, so hat aber dennoch solches nur einen allgemeinen Sinn, nicht aber, als hätte Ich dadurch gewisserart auf dein Haus heimlich etwas abmünzen wollen.
HIM|3|420610|3|0|Damit du aber solches klärlich ersehen magst, so habe gut Acht auf das, was Ich dir nun über diesen Punkt sagen werde!
HIM|3|420610|4|0|Siehe, wo immer beide Ehegatten gleich lau wären im Geiste und daher ganz in die Materie verkehrt und sorgten auch also für ihre Kinder, da träte auch die volle Geltung des Beiwortes an Meinen Schreiber ein. Wo aber da ist ein Gatte gläubig, besonders wenn es der Mann ist, und voll Liebe zu Mir, da ist sein Weib, da sie ein Fleisch mit ihm, geheiligt durch den Glauben und durch die Liebe des Mannes, was auch wohl im umgekehrten Falle gelten kann.
HIM|3|420610|5|0|Also verhält es sich auch von Seiten eines gläubigen Vaters gegenüber seinen Kindern, da sein Segen noch übergehen kann bis ins dritte, manchmal bis ins siebente und manchmal gar bis ins siebenundsiebzigste Glied, darum sie da jenseits erweckt werden können durch ein überreiches Leben solch eines Vaters, was soviel besagt, als dass sie wieder vollends belebt werden können!
HIM|3|420610|6|0|Solches kann zwar auch ein sehr frommes Leben der Mutter bewirken. Allein, da doch jedes Weib einen Mann haben muss, wenn sie Mutter werden will, so gehört schon geschlechtlich dem Mann, mehr somit noch geistig der offenbare Vorzug! Ist ihr Gatte gleichen Geistes mit ihr, da sind sie ohnehin vollends eins; und was demnach gilt vom Mann, das gilt auch von dessen Weib.
HIM|3|420610|7|0|Wenn aber der Mann wäre ungläubig, das Weib aber gläubig und fromm, da freilich ist sie dann die Erweckerin sowohl des Mannes – so dieser samt den Kindern allein nur lau, aber auch zugleich böse war – wie der Kinder. Bei dieser Gelegenheit aber erstreckt sich dann der große Segen der Mutter nur bis ins dritte Glied im ausgedehntesten Falle. Ihr Mann aber und ihre Kinder können gar wohl erweckt werden durch ihr Leben und sind somit geheiligt durch sie; aber in dem Falle hat dann der also geweckte und geheiligte Mann kein weiter belebendes Vermögen in sich, sondern nur, dass er lebt im Leben seines Weibes durch ihre Liebe zu Mir und daraus zu ihrem Gatten. Also aber ist demnach auch das Leben des Weibes, welches an und für sich zwar tot ist durch seine Lauheit, dass es da lebt im Leben des Mannes durch dessen Liebe zu Mir und daraus zu seinem Weib. Dass solch ein mitbelebtes und mitgeheiligtes Weib auch an und für sich kein weiteres Belebungsvermögen in sich hat, sondern nur dass es lebt das Leben des Mannes, braucht hier nicht noch ferner erörtert zu werden.
HIM|3|420610|8|0|Da du aber sicher fragen würdest, wie das zu verstehen ist – wie lebt demnach also eines in oder aus dem oder durch das andere? –, so will Ich dir ja auch recht gerne solches vollends kundgeben, und so höre es denn:
HIM|3|420610|9|0|Siehe, du hättest dein Weib sicher nie geehelicht, so du dich nicht zuvor im Herzen verbunden hättest mit ihr. Durch diese innere Verbindung ist aber ihres Geistes Abbild lebendig in deine Seele aufgenommen worden und lebt jetzt stets fort in dir ganz ähnlich deinem äußeren wirklichen Weib, nur mit dem Unterschied, dass, während das äußere wirkliche Weib nur der Welt lebt, ihr Abbild in dir stets lebendiger und geistig veredelter wird durch deine Liebe, Treue und Glauben zu Mir.
HIM|3|420610|10|0|Setzen wir nun den Fall, dein äußeres wirkliches Weib stirbt dem Leibe nach vor dir, so ist zwar zufolge ihres Welttums und ihrer Lauheit all ihr Leben zugrunde gegangen. Sie ist da ganz vollkommen für sich für alle Ewigkeiten gestorben, allein ihr lebendiges Abbild lebt fort in deiner verherrlichten Seele. Du betest dann für dein verstorbenes Weib. Was geschieht dann? Siehe, hier geschieht dann ein wahres geistiges Wunder! Dieses dein lebendiges veredeltes Bild deines Weibes tritt sodann frei aus dir (was du dadurch gewahren würdest, wenn dich fast alle Traurigkeit um dein verstorbenes Weib verlassen hätte) und tritt zu der toten Materie des verstorbenen Weibes, durchglüht dann dieselbe und erweckt und läutert dann deren ganz gefestete Seele und nimmt in sich auf den verdorrten Geist und befeuchtet ihn mit seiner aus dir zwar entnommenen, aber nun ihm schon ganz eigenen Liebe. Dadurch wird der wahrhaft tote Geist des verstorbenen Weibes wieder belebt, geht dann ganz in das Leben deines lebendigen Abbildes über und wird vollends eins mit ihm. Also lebt dann das Weib ein gewisserart zweites Liebeleben aus dem Mann, was auch allerdings in doppelt umgekehrter Hinsicht der Fall sein kann.
HIM|3|420610|11|0|Was aber hier zwischen den Ehegatten der Fall sein kann, dasselbe gilt auch bezüglich der Kinder von Seiten der guten und frommen Eltern. Im Grunde aber sind diese sonderheitlichen Erscheinungen, von denen schon Mein Apostel Paulus Erwähnung macht, nichts anderes als ein Miniaturgemälde dessen, was Ich Selbst im Großen, ja im Unendlichen tue, denn da wird ja auch durch Mein Ebenbild in euch, das da ist Meine Liebe oder Christus in euch, euer toter und verdorrter Geist wieder erweicht und belebt und dadurch wiedergeboren zum ewigen Leben, nachdem er vorher durch das Liebefeuer ebendieses Meines Ebenbildes in euch ist von der toten Materie ausgelöst worden, welcher Akt dann und darum eben ja die Erlösung heißt!
HIM|3|420610|12|0|So du, Mein geliebter Andr. H. W., dieses sicher einsehen und vollends begreifen wirst, da wirst du ja auch ebenso leicht einsehen, wie bei Mir alle Dinge möglich sind! Und wie Ich sogar imstande bin, nicht nur ein, sondern tausend Kamele auf einmal durch ein Nadelöhr zu treiben!
HIM|3|420610|13|0|Aber alles dessen ungeachtet bleibt das Beiwort des Knechtes doch wahr, sobald entweder beide Ehegatten lau sind oder eines ist dem anderen nicht um vieles an Lebenstugend überlegen, oder sie sind gegenseitig vorsätzlich Ehebrecher, darum das eine nicht dem anderen folgen will in allem!
HIM|3|420610|14|0|Dass aber eine Erweckung von Mir aus besser und unendlich vollkommener ist denn eine solche Aftererweckung, das leuchtet ja schon daraus, dass Ich Selbst doch sicher vollkommener bin, als jeder von Mir geschaffene Geist. Wie aber da jeder von Mir Erweckte ewig abhängig bleiben muss von Mir, welche Abhängigkeit eben ganz allein das ewige allerseligste Leben des Geistes ausmacht, – also wird auch der Aftererweckte ewig abhängig bleiben von dem, der ihn wieder erweckt hat, und wird daher auch nimmerdar vermögend werden, unmittelbar von Mir abzuhängen und daher auch zu Meiner unmittelbaren Anschauung zu gelangen, sondern nur mittelbar durch den, der ihn aus Meiner Liebe in ihm selbst erweckt hat! Solches sollst du recht begreifen, und es wird dir großen Trost geben in deinem Herzen!
HIM|3|420610|15|0|Schließlich sage Ich dir noch bezüglich deiner Kinder, dass du ihnen etwas zu viel freien Willen lässt; siehe, dazu sind sie jetzt noch bei weitem nicht reif. Daher beuge ihn jetzt, da er sich noch beugen lässt, sonst würden sie dir gar bald auf der Erde so manchen Kummer bereiten, was dich dann kleinmütig machen könnte! Halte sie daher zu allem, was du sie lernen lässt, nur recht ernstlich an und dass sie vollends gehorchen ihren Lehrern ohne Widerrede, so wirst du bei ihnen gute Früchte erzielen. Denn in jedem Ernst liegt das Leben des Geistes zugrunde, da Ich allzeit knapp hinter dem Liebernst einhergehe! Solches also beachte auch, und Ich, dein lieber Vater Jesus, werde keinen aus den Deinen zugrunde gehen lassen. Mein Segen mit deinem Geiste ewig. Amen.
HIM|3|420711|1|1|Der Siegelring – 11. Juli 1842 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|3|420711|1|0|Ein scheinbar unbedeutend, nichtig Ding / erscheint dem Aug’ ein eh’rner Siegelring, / doch wenn ein Fürst ihn trägt an seiner Hand, / hat er ein groß Gewicht fürs ganze Land. / So ist ein Ring, den da ein Fürst getragen, / ein großer Wert, danach in spätsten Tagen / so manche Tatenforscher eifrig fragen / und emsigst nach solch altem Schatze jagen.
HIM|3|420711|2|0|Es gibt ein Amt sogar in manchem Staat, / das da den Namen „Siegelwahrung“ hat, / und dem da ist ein solches Amt vertraut, / auf den der Fürst auch sicher Großes baut. / Nur eines Landes alterprobte Treuen / ermächtiget der Fürst nach dem zu freien; / ein andrer mag sich da zu Tode schreien, / nie doch wird er des Amtes sich erfreuen.
HIM|3|420711|3|0|So mancher Fromme auch von Mose spricht: / „Er war des Herren Ring, ein großes Licht!“ / Fürwahr, er ist dies noch zu dieser Stund, / ein Siegel Gottes für den alten Bund, / den Gott in Abraham schon hat gestellt; / und was Er diesen weislich hat erhellt, / hat Er, zu künden aller Welt, erwählet / den Mosen, ihn hat Er mit Sich beseelet.
HIM|3|420711|4|0|Wenn solches aber denn von Mose gilt / und ist in jeglichem Propheten Moses Bild, / nachdem in solchem Geiste jeder spricht, / dem Volk ist er ein unerforschlich Licht. / Wenn nun so hoch ein Moses, der vergangen, / warum da nicht nach dem, was da, verlangen, / warum an Mose nur hochachtend hangen, / warum nicht auch, was da, also umfangen?!
HIM|3|420711|5|0|So merk es denn, du eitle Gegenwart, / Ich sag es dir: Du bist in dir so hart, / erkennest nicht bei dir den Siegelring, / er scheint dir, wie dem Aug’, ein nichtig Ding. / Doch so des Fürsten Ring du hältst in Ehren, / der sich doch pflegt nach Weltlichem zu kehren; / o sieh, wie magst du dich denn so betören, / so schwach in Meinem Ringe Mich zu ehren?!
HIM|3|420711|6|0|Ist auch an sich schon jeder Siegelring / ein nichtig, unbedeutend kleines Ding, / so ist doch Der, der selben braucht und führt, / erhaben hoch und voll der höchsten Würd’. / Die da demnach den Fürsten ehren wollen, / die müssen auch dem Ringe Achtung zollen; / so aber jemand möcht dem Ringe grollen, / wird der nicht auch des Fürsten Ehre schmollen?
HIM|3|420711|7|0|Es sei, und wär der Ring von schlechtem Erz, / gesteckt an Meinen Finger durch das Herz, / er ist es nicht, wohl aber der ihn trägt, / doch wert, dass man fürs Siegel Achtung hegt. / Es soll darum da niemand weise streiten, / nicht betend gar zu Meinem Ringe schreiten; / doch einem Ringe trübe Zeit bereiten, / dadurch wird niemand viel von Mir erbeuten.
HIM|3|420711|8|0|Was da gesagt, dem biete niemand Trutz, / wohl aber mach’ sich jeder solch’s zu Nutz’! / Kannst du nicht achten, was dein Auge sieht, / wie ehren dann, das stets dein Auge flieht? / Was da von Mir zum Ringe ist gestaltet, / ist er auch gleich dem Moses nicht veraltet, / so wird durch ihn doch alles neu umstaltet, / so da durch ihn die Lieb’ der Liebe waltet. Amen.
HIM|3|420711|9|0|Das ist etwas allein für dich. So du es jemandem zeigen willst, kannst du es ja tun, Pflicht jedoch sei dir solches nicht. Es gebührt zwar solches dir Meinetwegen! Für dich selbst aber doch ist es besser zu dulden und zu haben, wie bisher, ein demütiges Herz! Darum sei es dir keine Pflicht, solches auch sogleich den anderen mitzuteilen. Amen.
HIM|3|420712|1|1|Erklärung zum Lied ‚Der Siegelring‘ – 12. Juli 1842 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|3|420712|0|0|O Herr, Du allergeduldigster Lehrer und Führer der gesamten Menschheit, siehe, das Lied ‚Der Siegelring‘ ist im Ganzen wie im Einzelnen etwas zu geheimen Sinnes. Ich verstehe es nicht, denn auf meine Person kann ich das ja nicht beziehen; wie soll ich solches denn nehmen? O Herr, zürne nicht mir Wurm im Staube aller Nichtigkeit vor Dir, und auch nicht, wie ich bin viel geringer denn alle meine Brüder und Freunde und um vieles schlechter denn sie, darum ich nun frage um solches Dich, – sondern sei mir armem Sünder barmherzig und gnädig! Wenn es Dein heiliger Wille wäre, so könntest Du wohl ein leuchtendes Fünklein Deiner Gnade noch hinzufügen! Aber nur – so Du es willst. Amen.
HIM|3|420712|1|0|Ich sage dir: Du und der Siegelring habt miteinander nichts zu tun, außer dass durch dich dieser neue Siegelring aus Mir gegeben wird.
HIM|3|420712|2|0|Der Siegelring aber ist das Wort und nicht du, – selbst dann nicht, wann Ich rede durch deinen Geist mit deiner Zunge. Daher hat die ausgesprochene Achtung auch nichts mit dir, sondern allein mit dem Worte zu tun. Damit aber ein jeder solches verstehe wohl und genau, so solle er wissen, dass unter einem Propheten nie dessen Person und Wesenheit, sondern allein Ich in dem Worte verstanden werde; ist aber auch das Wort selbst an und für sich Meine eigentliche Wesenheit nicht, so ist es aber doch der darin euch oder auch allen anderen Menschen geoffenbarte Wille aus Mir, dargestellt zur Beschauung entweder durch Worte aus dem Munde eines von Mir dazu berufenen Menschen oder durch Zeichen, die er entweder selbst aufzeichnet oder von jemand anderem aufzeichnen lässt.
HIM|3|420712|3|0|Der Wille ist ja demnach der Siegelring, aber nicht der, der Mir dient selbst nur zum Werkzeuge!
HIM|3|420712|4|0|Also ist ja das gegenwärtige Wort, welches Ich durch dich nun zur Erde hinabsenke, der vorstehende Siegelring, aber nicht du; dieses ist vom selben Finger, wie das zur Zeit Mosis. Moses aber musste sein Gesicht verhüllen, um anzuzeigen, dass da nicht er, sondern allein Ich im Worte und Gesetze der alleinige Prophet bin, und nicht er.
HIM|3|420712|5|0|Wenn aber Moses solches tun musste, wie kann es dir demnach auch nur im Traume einfallen, den Siegelring auf deine Person zu beziehen? Siehe, wie blind du für deine Person auch noch bist trotz allem dem, was du schon vernommen hast! Dass Ich aber solches mehr für dich als jemand anderem gab, hast du also zu verstehen, weil eben du selbst über so manche Gabe aus Mir nicht im Reinen warst und so manchen Punkt weniger beachtetest für dich, denn die anderen für sich!
HIM|3|420712|6|0|Siehe, darum auch habe Ich den „Siegelring“ also gestellet, dass des Sinn aussieht, als bezöge er sich auf deine Persönlichkeit, um dir dadurch einen neuen Probierstein für dich selbst zu geben, auf welchem du das Gold deiner Erkenntnis prüfen sollest, ob es probehaltig ist für das, was Ich tagtäglich durch dich gehen lasse. Wenn aber du bei dir so manchmal den Ring getrübt hast, welche Beute soll dir selbst dereinst denn werden aus ihm?
HIM|3|420712|7|0|O sieh, das haben auch manche andere Berufene getan und haben über das Empfangene gegrübelt, während sie es vor allem hätten ausüben sollen durch den allerlebendigsten Glauben, und Ich habe ihnen darum ähnliche, ja noch viel stärkere Fallen gelegt. Die, welche da sich, wie du jetzt, an Mich gewendet haben, denen habe Ich auch sobald die Lösung gegeben; die aber das auf die eigene Person nahmen, denen ging es am Ende wie dem weisen Salomo.
HIM|3|420712|8|0|Demnach also bezeichnet der Siegelring das neue Wort, wie es äußerlich scheint, das zwar niemand an sich anbeten sollte, aber achten doch in allem und jedem, darum es ist ein wahrer Siegelring an Meinen Finger der Erbarmung gesteckt durchs Herz – oder durch Meine große Barmliebe!
HIM|3|420712|9|0|Verstehe nun solches wohl, denn Ich habe es darum vorderhand ja auch nur dir gegeben, darum du solches auch also fassen sollest, wie dir nach jeder im gerechten Sinne. Das sage Ich, die ewige Wahrheit und Weisheit. Amen, Amen, Amen!
HIM|3|420725A|1|1|Zu des Knechts des Herrn Namenstag – 25. Juli 1842 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|3|420725A|1|0|So gebe Ich dir denn ein Liedchen an deinem Tage, so der Welt wegen du auch keine Gratulations-Billete bekommst. Ich meine aber, dieses Billet wird länger dauern denn die der Welt. Dem Offenen aber werde Ich allezeit offen sein und freigebig und aufmerksam, dem Zurückhaltenden aber werde auch Ich sein ein sparsamer Geber; daher denke darum nicht nach, so heute niemand mochte dein Zimmer finden an deinem Tage. Dafür aber komme Ich doppelt zu dir, wie fürs Ohr, also auch fürs Auge; siehe: hier bin Ich!
HIM|3|420725A|2|0|Und so schreibe denn nun, in dieser Meiner für dich sichtbaren Gegenwart, dies Liedchen unter dem Namen:
HIM|3|420725A|0|0|Des Baumes letztes Blättchen
HIM|3|420725A|3|0|(1) An eines Waldes dicht umstrüpptem Saum / erblickst du einen seltnen dürren Baum, / ein Blättchen nur, ganz fahl, denselben ziert; / doch nicht am Zweig hängt mehr dies letzte Blatt, / an einer Spinne Faden nur ganz matt, / so lang, bis es ein West der Haft entführt!
HIM|3|420725A|4|0|(2) Sieh an die Welt, wie sehr dem Blatt sie gleicht! / Auch sie da hängt, ganz dürr und leicht, / am gleichen Faden, an des Lebens Baum. / O sieh! Schon regt sich dort ein rauer West, / er führt für diese Zierd’ das End, den Rest, / schon schwirrt er um des Waldes dorn’gen Saum!
HIM|3|420725A|5|0|(3) O Baum, o Baum! Du toter Rest am Wald! / Du brüstest dich mit deiner Scheingewalt; / warum, du Tor? Ist nicht der Tod dein Los? / Ja tot, ganz tot bist du, o Baum, schon lang! / Darum wird’s dir vor Meiner Näh’ nicht bang, / nicht angst in deines Grabes finstrem Schoß!
HIM|3|420725A|6|0|(4) Das letzte Blatt, ganz los von deiner Haft, / ziert dich nur noch durch eines Fadens Kraft, / den da gesponnen hat ein schnödes Tier, / und du willst prunken noch damit vor Mir / auf diesem alten Todes-Jagdrevier? / O sieh! Der West ist da mit großer Gier!
HIM|3|420725A|7|0|(5) Du trillerst schon, du einsam fahles Ding, / tust wohl daran, von Mir nur einen Wink – / geschehen ist’s, o Baum, um deine Pracht! / Magst ahnen nicht, wer hier nun bei dir steht, / ja, ja, der West um deine Äst’ schon weht, / nicht merken lässt er dir die große Macht!
HIM|3|420725A|8|0|(6) Wozu allhier, o West, so große Kraft? / Ein dürres Blatt nur zwischen Zweigen klafft, / verhängt am schwächsten Faden einer Spinne! / Darum kannst wehen du ganz sanft und mild, / ganz leicht wirst fertig du mit diesem Bild, / das tot ist ganz und gar, im vollsten Sinne!
HIM|3|420725A|9|0|(7) O merke, merk auf dieses Bild, du tote Welt, / darum dich nur noch mehr dein Wahn beseelt, / das ist dein Sein in dieser letzten Zeit! / Vernimm den letzten Ruf aus Meinem Mund: / Kehr um zu Mir dich noch in dieser Stund, / eh’ dich ereilen wird die Ewigkeit!
HIM|3|420725A|10|0|Höre, verstehe, folge! Amen.
HIM|3|420725B|1|1|Schon steht im Osten ein Stern. Das Liebelicht des neuen Wortes wird der göttlichen Liebe die Bahn brechen – 25. Juli 1842, nachmittags
HIM|3|420725B|0|0|„Schon steht im Osten ein Stern, welcher dem Orion die Bahn brechen wird, und das Feuer des großen Hundes wird sie alle verzehren.“ (Die Haushaltung Gottes, Band 1, Kapitel 1, Vers 12)
HIM|3|420725B|1|0|Was ist der Ost, was der Stern, was der Orion, was das Feuer, was der große Hund? Wer sind die, welche verzehren wird des großen Hundes Feuer?
HIM|3|420725B|2|0|Der Ost ist das innere lebendige Wort und durch dieses das wahre Verständnis der Heiligen Schrift des Alten wie des Neuen Bundes.
HIM|3|420725B|3|0|Der Stern ist das Liebelicht in diesem Wort selbst.
HIM|3|420725B|4|0|Der Orion ist die Liebe Gottes.
HIM|3|420725B|5|0|Das Feuer des großen Hundes bedeutet die große Treue dieser Liebe, weil der Hund ist ein Zeichen der Treue. Die aber, welche das Feuer verzehren wird oder zuschanden machen, sind alle Weltmenschen.
HIM|3|420725B|6|0|Also heißt obiger Satz mit anderen Worten nichts anderes als:
HIM|3|420725B|7|0|Das Liebelicht des neuen Wortes wird der göttlichen Liebe die Bahn brechen, und die Treue dieser Liebe wird alle Frevler, alle Ungläubigen und Lauen zuschanden machen, denn der Ost ist frei, und der Stern der Liebe steht schon hoch!
HIM|3|420725B|8|0|Das ist das leichte Verständnis dieser etwas nur höher gestellten Worte. Da Ich sie aber nun noch mehr enthüllt habe, so sollen sie auch umso mehr beachtet werden. Amen!
HIM|3|420725B|9|0|Das sagt der große Orion durch Seinen großen Hund. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|420804|1|1|Antwort auf einige Fragen – 4. August 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420804|0|0|a) [Ans. H.:] O Herr! Vor dreißig Jahren sah ich im Stifte R-n, als ich mich zu Bett legte, einen kolossalen Mann zu Pferd in meinem Schlafgemach, worüber ich in große Angst geriet. War diese Erscheinung eine Täuschung, oder war es eine wirkliche Geistererscheinung?
HIM|3|420804|1|0|Antwort: Kannst du das bezweifeln? Ich frage dich aber: Was ist wohl verständiger und weiser, anzunehmen, dass ein vollkommenes Nichts unter der Form deines gesehenen Ritters zu Pferd in irgendeine Erscheinung trete oder die geschaute Form sei im Ernst etwas, das da ist ihr wahrer gehaltvoller Grund?
HIM|3|420804|2|0|Du redest von einer Täuschung! Was ist denn eine Täuschung? Wenn du zwei für fünf ansiehst oder schwarz für weiß oder einen Baum für einen Turm, den Mond für die Sonne, einen Planeten für einen Fixstern oder ein Weib für einen Mann – siehe, das ist eine Täuschung, die ihren Grund in der Schwäche der Sinne hat und ist daher nur eine Verkennung des geschauten Wesens, aber unmöglich eine Anschauung des Nichts unter einer Form, was wohl der größte Unsinn ist, den ein Mensch je nur zu denken vermag!
HIM|3|420804|3|0|Daher bleibe du bei dem, was du gesehen hast, und denke, dass selbst die Traumwesen nicht ganz so leere Nichtse, sondern recht tüchtige Etwasse sind. Verstehe es!
HIM|3|420804|0|0|b) [C. L.:] Ist das Wiederaufleben und die abermalige Ausbreitung des Jesuitenordens für die Menschheit heilsam oder nicht?
HIM|3|420804|4|0|Antwort: Allerdings, das heißt für die Menschheit der Jesuiten selbst. Was aber die übrige Menschheit betrifft, da wird es mit den heilsamen Wucherprozenten einen sehr sandigen Grund haben. Es ist übrigens auch nicht eben gerade zu löblich, schwarz bekleidete Himmelsboten durch die Bank anzunehmen; obschon bei Mir auch eben nicht der Rock den Mann gibt, sondern nur wessen Geistes Kind er ist! Verstehst du solches? O ja, du verstehst es recht wohl!
HIM|3|420804|0|0|c) [Elise H.:] Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird selig sein? (Röm. 10,13)
HIM|3|420804|5|0|Antwort: Des kannst du vollends versichert sein trotz aller Verdammungsurteile und Beichtspiegel römischer Mönche. Wahrlich, wer Mich anruft in seinem Herzen, der wird nicht verlorengehen, selbst wenn ihn nicht nur die Römlinge, sondern auch alle anderen Sekten zugleich für alle Ewigkeiten auf das Allerbitterste verdammt hätten; denn weltliche Sekten-Eifersucht ist noch nie ein Urteil der ewigen Liebe in Gott gewesen! Verstehe du, Meine liebe Tochter, solches wohl. Amen.
HIM|3|420806|1|1|Wichtige Aufklärungen über zehn Fragen – 6. August 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420806|0|0|Zehn Fragen auf Verlangen des Knechtes (nach freier Wahl der Freunde) aufgeschrieben.
HIM|3|420806|0|0|O Herr! Ich kann das nicht begreifen, dass im mosaischen Gesetz auf so viele Handlungen die Todesstrafe festgesetzt war, und dass so manche Volksstämme samt deren Hab und Gut von den Israeliten in Deinem Namen schonungslos vertilgt wurden, während Du Selbst als Jesus sprachst: Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet, verdammt nicht, auf dass ihr nicht verdammt werdet!
HIM|3|420806|1|0|Antwort: Siehe, unter Moses und nach Moses dauerte der Alte Bund bis zu Meiner Darniederkunft. In diesem Alten Bund war der alleinige Glaube gesetzt zur Rechtfertigung, da die alte Liebe von Noah abwärts stets mehr und mehr in die pure Weisheit überzugehen anfing. Und so lautete auch das mosaische Gesetz nur auf den Glauben; die Liebe aber ist zur inneren, geheimen, gewisserart unbewussten Bedingung allein durch den strengen Gehorsam geworden, denn da die Weisheit sich losgemacht hatte von der Liebe, so musste sie auch stets strenge gerichtet werden, damit sie nicht treten möchte aus dem Kreis der ewigen Ordnung. Und so war diese Periode von Moses bis auf Christus eine harte Periode des vorbildenden Gerichts, darum auch Ich am Ende das Gericht und aller seiner Satzungen Bürde habe auf Mich nehmen müssen und tilgen das Gericht und an die Stelle des kalten Glaubens wieder einsetzen die alte Liebe. Siehe, das ist ein Grund.
HIM|3|420806|2|0|Ein anderer, noch tieferer Grund des ersten Grundes selbst aber ist das, weil damals der Fürst des Todes und der Lüge noch nicht gerichtet, sondern noch völlig frei war! Warum, ist leicht zu erraten, denn er wollte sich selbst damals durch des alleinigen Glaubens Weisheit und Gericht vollenden. Allein diese seine Richtung ging in alle Abgötterei über, und so musste von Meiner Seite gegen sein Gericht auch wieder mit demselben Maße verfahren sein.
HIM|3|420806|3|0|Siehe, darum sah es damals also grausam aus. Da Ich aber darniederkam, da ward er gerichtet, und die alte Liebe ward wieder zum alleinigen Gesetz. Wenn denn nun auch Arges geschieht, so geschieht es aus dem eigenen bösen Willen der Menschen durch dämonische Einflüsterungen; aber in Meinem Gesetz liegt kein Grund mehr dazu. Siehe, das ist der Grund.
HIM|3|420806|0|0|Ist das Eheband ein ewig unauflösliches?
HIM|3|420806|4|0|Antwort: Allerdings, wenn es aus wahrer reiner Liebe sowohl hauptsächlich in Anbetracht Meiner, wie dann auch in Anbetracht des gegenseitigen Menschenwertes geschlossen wurde oder wenigstens nachderhand vollends also manifestiert ward. Ist aber solches nicht der Fall, dann hat das, was die Ehe genannt wird, für den Himmel gar keinen Namen und Wert, aber einen oft desto stärkeren und größeren für die Hölle. Verstehe es jeder!
HIM|3|420806|0|0|Wenn ich sage, ich gehe in mich, ich will mich erforschen, – geht da der Geist in die Seele oder die Seele in den Geist? Erforscht da die Seele den Geist oder der Geist die Seele? Denn die Seele kann nicht in die Seele und der Geist nicht in den Geist gehen. Wer ist demnach das „ich“ und wer das „mich“?
HIM|3|420806|5|0|Antwort: Ich sage dir aber, dass hier weder das eine noch das andere der Fall ist, – sondern unter dem In-sich-gehen wird nur verstanden, dass da der Geist oder die Liebe ihren freien Willen einziehe und ihn allein auf das richte, was da ist Meines Willens. Wenn aber die Liebe dem Willen alle Zügel schießen lässt, dann wird der Wille bald stärker denn die Liebe zu Mir und zieht dann diese nach außen, schwächt sie und somit auch sich selbst, als Meine Kraft, nach außen zu wirken, in ihr! In-sich-gehen heißt sonach: die Strahlungen des Willens in sich ziehen. Und sich erforschen heißt: mit der Liebe zu Mir die Strahlen des Willens durchschauen, ob da alle zu Mir gerichtet sind. Siehe, also ist es!
HIM|3|420806|0|0|Was bedeutet der vorgestern von mir auf der Höhe des Schloßberges gesehene freudige Wirbelflug zahlloser Schwalben um den Siebenglockenturm?
HIM|3|420806|6|0|Antwort: Die arg dummen Menschen der Welt, die auch ums blitzende Metall mehr flattern als um die lebendigen Bäume des Lebens und können sich nicht trennen von dem, was übertot ist und den ewigen Tod bringt, wie nicht selten auch diesen Tierchen ein solcher mit elektromagnetischem Fluidum überfüllter vergoldeter Turmknopf. Siehe, solches bedeutet dein geschautes Bild!
HIM|3|420806|0|0|Ist der Angabe einer Somnambulen Glauben beizumessen, dass einige Menschen eine zackenförmige und einige eine kugelförmige Ausdünstung haben, und dass erstere mehr geistlich und letztere mehr weltlich gesinnt seien?
HIM|3|420806|7|0|Antwort: Die Somnambulen sehen nicht allezeit richtig. Was aber diese Angabe betrifft, so ist sie wohl so ziemlich richtig in der Erscheinlichkeit, aber nicht auch also in der Bedeutung. Durch die Erscheinlichkeit werden nur die magnetischen oder vielmehr seelischen Polaritäten, keineswegs aber die entweder mehr geistigen oder weltlichen Eigenschaften des Geistes oder des eigentlichen Liebewillenlebens dargestellt. Daher können die Kugeln so gut himmlisch sein wie die Zäckchen; es kommt da nur auf die Liebe an. Siehe, das ist richtig.
HIM|3|420806|0|0|Ist die Behauptung einer anderen Somnambulen richtig, dass jedem Menschen bei seiner Geburt eine gewisse Zahl gegeben werde? So hätten zum Beispiel C. und ich die Zahl Fünf.
HIM|3|420806|8|0|Antwort: Wenn du es glauben willst, dann ist es also, wie du’s glaubst; sonst aber wird niemand gezählt, außer nach der Größe und Stärke seiner Liebe. Diese aber ist allezeit die Zahl Eins mit Mir! Alles andere aber hängt am puren Glauben, das ist rein, gut und wahr.
HIM|3|420806|0|0|Ist der Tod des Herzogs von Orleans wohl als ein Ereignis von so großer Wichtigkeit anzusehen?
HIM|3|420806|9|0|Antwort: Für die Welt gleichwohl, aber in den Himmeln wird selbst das Aufhören eines Sonnengebietes für gering gehalten. In der Zeit aber müssen ja allerlei Zeichen geschehen; so solle auch das ein Zeichen sein, dass Ich durchaus kein Freund einer konstitutionellen Dynastie bin. Denn wenn einen Wagen mehrere Kutscher verschiedenwillig lenken wollen, wohin wird da das Fuhrwerk kommen? Oder werden durch solche Lenkungen die Pferde nicht scheu gemacht und am Ende das ganze Fuhrwerk zerrissen? Siehe, darum für solch ein Volk auch solche Zeichen. Also ist das zu nehmen.
HIM|3|420806|0|0|Sagt nicht oft der Blick mehr als das Wort, und liegt nicht oft im Blick mehr Macht als im Wort?
HIM|3|420806|10|0|Antwort: O ja, wenn durch den Blick der Geist spricht! Also aber hättest du fragen sollen: Ob im geistigen Wort mehr Macht liegt denn im Wort der Zunge? – So hättest du deine Frage alsogleich verstanden. Siehe, das ist der rechte Grund.
HIM|3|420806|0|0|O Herr! Wie ist die Stelle im 19. Kapitel, 17. und 18. Vers der Offenbarung Johannes zu verstehen: Kommt, sammelt euch zum großen Mahl Gottes, dass ihr essen mögt das Fleisch der Könige und das Fleisch der Heerführer und das Fleisch der Starken und das Fleisch der Rosse und derer, die darauf sitzen, und das Fleisch aller, der Freien und der Knechte, der Kleinen und der Großen?
HIM|3|420806|11|0|Antwort: O du Mein lieber Freund! Solches verstehst du nicht?! Sieh, sieh! Das große Mahl hast du ja schon vor dir, und du kannst dennoch fragen wie einer, der etwas sucht, während er es in der Hand trägt!? Meine Liebe, diese heilige Stadt, ist ja das große Mahl, die mit der Zeit alles Welttümliche verzehren wird. Sieh, das ist das große Mahl Gottes, zu dem ihr soeben geladen werdet! Siehe, also ist der Sinn der Himmel allhier kundgetan. O Freund, komme, komme zu dem Mahl ganz!
HIM|3|420806|0|0|Kann ich auf jemanden, der in Frankreich ist, so einwirken, dass er von einer Handlung dadurch abgehalten oder zu einer Handlung angeregt wird?
HIM|3|420806|12|0|Antwort: Ich sage dir, durch die Liebe und durch den aus ihr kommenden lebendigen Glauben zu Mir nicht nur auf jemanden in Frankreich, sondern wohl auf jemand noch viel weiter Entlegenen – und wäre er im Sirius oder noch endlos weiter entlegen; denn mit Mir vermagst du ja alles, nichts aber ohne Mich! Solches wird dir sicher nicht fremd sein? Daher liebe und glaube, so wirst du allzeit siegen. Amen.
HIM|3|420816|1|1|Erklärung verschiedener kleiner aber wichtiger Schrifttexte — 16. August 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420816|1|0|Ich will dir und den anderen etwas sehr Beachtenswertes geben und solle solches stets bei sich getragen und in sich aufgenommen sein völlig; auch den reiferen Kindern sei solches beschieden. Wer solches wohl beachten wird in seinem Herzen, der wird des Lebens Gerechtigkeit haben und wird wandeln dessen geraden Weg, der da führt voll Lichtes zu Mir. Und so schreibe denn: „Der Knecht ist nicht größer denn sein Herr, noch der Apostel größer denn Der ihn gesandt hat.“ (Joh. 13,16) Wie ist demnach der heutige Knecht- und Apostelstand bestellt, da man den Knechten Altäre errichtet hat und ehrt die Apostel, als wären sie mehr denn Ich! Da man Mir ferner alle Gewalt nimmt und alle Ehre an sich reißt – und Ich sein muss, wie der Knecht und der Apostel es wollen, aber nicht dass sie wären nach Meinem Willen! Und doch dabei betet: „Dein Wille geschehe!“ – Was etwa doch solches besagt? Heißt das nicht Gott leugnen mit jeder Faser und Fiber?
HIM|3|420816|2|0|„Mein Joch ist sanft, und leicht Meine Bürde.“ (Mat. 11,30) Wie kommt es aber, dass sich die Menschen zur Gewinnung des Joches [Todes?] lieber ganze Berge auf ihren Schultern unter dem Druck eines eisernen Joches wollen gefallen lassen, als nur eine Federflaume Meines Liebewillens? Weil sie tot sind und daher nicht merken, wie und was sie drückt! O der entsetzlichsten Tollheit der Welt!!!
HIM|3|420816|3|0|„Des Menschen Sohn ist es, Christus, der da allein guten Samen ansät.“ (Mat. 13,37) Dieses beweist zur Übergenüge, wessen Geistes Kinder diejenigen sind, die da sagen: Was nicht von einer gewissen Stadt und nicht von einem gewissen menschlichen Oberhaupt herrührt oder wenigstens von dort approbiert wird, ist ein Werk des Satans. – Wenn demnach des Menschen Sohn nicht tut nach dem Willen dieser Stadt, da Er es doch unmöglich tun kann, was ist Er sodann? O Hure, was treibst du mit Mir für ein arges Spiel!
HIM|3|420816|4|0|„Es werden nicht alle, die zu Mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern nur, die den Willen tun Meines Vaters im Himmel.“ (Mat. 7,21) So wird auch das Dominus tecum [Der Herr ist mit dir], das Dominus nobiscum [Der Herr ist mit uns] und das Domine exaudi orationem meam [Herr, höre mein Gebet], also werden weder das tecum [mit dir], noch das nobiscum [mit uns] und am allerwenigsten aber das exaudi [höre] das Himmelreich bewirken! Das versteht sich von Meiner Seite betrachtet. Ich meine aber, solches geht nur den Herrn der Welt an; denn Ich sehe nur auf die Werke, aber nicht auf das Dominus tecum, – nobiscum und auf das exaudi!
HIM|3|420816|5|0|„Wer den Willen tut Meines Vaters im Himmel, derselbe ist mir Bruder, Schwester und Mutter.“ (Mat. 12,50) Daher wäre viel besser zu sagen: Amate fratres [liebe Brüder] als orate fratres [betet Brüder], wodurch das stumme Plappergebet dann als ein Werk der Liebe angesehen wird, alles andere Liebetun aber für nichts geachtet, außer allein die Rührung des Daumens und des Zeigefingers fürs orate fratres! O das sind, das wären doch sonderbare Mütter, Schwestern und Brüder! Wahrlich, die stehen mit Mir in gar keinem Grad der inneren Verwandtschaft!
HIM|3|420816|6|0|„Der Meine Gebote hat und hält sie, der ist es, der Mich liebt.“ (Joh. 14,21) Das heißt: Wer die Liebe hat und bleibt in der Liebe getreu und beständig, der liebt sicher Mich und seinen Nächsten; denn das sind ja Meine Gebote, dass da die Menschen sollen Gott lieben über alles und ihre Brüder und Schwestern aber wie sich selbst lieben. Wie liebt aber da nun ein Bruder den anderen, so er ihm ist Herr und Richter? Wie aber kann er überhaupt lieben einen Menschen als Bruder, so er nicht zuvor den großen heiligen Vater erkennen und lieben will? Was ist ohne Den ein Mensch dem anderen! Ich sage: Nichts als ein naturmäßig moralisch sein sollendes Lasttier, das da um den schlechtesten Sold dienen soll dem Reichen und dadurch auch dem Mächtigen, und dieser dann als ein Herr und Richter herrsche über ihn, den armen Bruder! Solche Herren und Richter aber halten doch sicher Meine Gebote nicht, so wie dann auch die moralisch sein sollenden Lasttiere nicht, da sie sind voll Ärgers, voll Neid und voll Rache gegen die, welche da sein sollen ihre Richter und ihre vollkommenen Herren über Leben und Tod. O Gräuel über Gräuel! Wahrlich, diese sollen nimmer das Angesicht des Vaters schauen im Himmel! Und Ich werde nie zu ihnen kommen und Mich ihnen offenbaren!
HIM|3|420816|7|0|„Darin wird der Vater geehrt, dass ihr viel Frucht bringt.“ (Joh. 15,8) Was ist die Frucht, die da soll vielfach gebracht werden, worin besteht sie? Die Werke der Liebe und aller Demut aus ihr sind diese Frucht, die da Mir gebracht werden solle. Auf welchem Bäumen aber solle diese Frucht wachsen, so der ihr angehörige Baum der Liebe und des Lebens von der Wurzel nur vertrocknet und somit völlig ausgestorben ist?
HIM|3|420816|8|0|„Das gebiete Ich euch, dass ihr euch untereinander liebt“ (Joh. 13,34), aber nicht verurteilt und richtet – und dann mehr Freude habt, wenn ein Bruder, der sich verirrt hat, in eine gesetzliche Strafe verfällt, statt dass ihr euch seiner erbarmt und ihn setzen möchtet auf den rechten Weg. Wahrlich, so Ich geboten hätte: Beraube einer den anderen und schlage ihn tot, so würde solch ein Gebot sicher sehr vielen Beifall in aller Tätigkeit gefunden haben; aber nur lieben will niemand seinen Bruder und seine Schwester! O du überarge Welt! Da wird viel des allerärgsten Feuers nötig sein, um dich von deiner Härte loszumachen!
HIM|3|420816|9|0|„Wenn aber das Licht, das in dir ist, eine barste Finsternis ist, wie groß muss dann erst deine Finsternis für sich sein!“ (Mat. 6,23) Das heißt, so der Mensch schon das Falsche liebt, um dadurch einen desto freieren Spielraum für seine Bosheit zu bekommen, wie groß muss dann erst die Liebe zum Bösen selbst sein! Seht, das ist die gepriesene Weisheit der Welt, die aufgeklärte Vernunft: Regeln zu erfinden, damit unter ihnen der Mensch desto freier sündigen könne! Aber Meine Regel, welche da ist die Liebe, hält man für läppisch und unwürdig eines Mannes, der da sein will ein vollkommener Schüler der Vernunft, welche die Liebe tadelt und Rühmliches redet über den Selbstmord! O Welt, O Gräuel!
HIM|3|420816|10|0|„Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Kinder Gottes heißen.“ (Mat. 5,9) Wo sind wohl diese nun? Hinter den Kanonen, Schwertern und Spießen sicher nicht. Wo aber lebt nun ein friedsames Volk, das da im Frieden der wahren Bruderliebe hinter Meinen Schutzwaffen miteinander lebt? Sondern, wo irgendein Friede ist, da ist er nur aus Furcht vor den Kanonen, Schwertern und Spießen. O wie wenig leben daher nun auf der Erde, die da gerecht Kinder Gottes heißen möchten, wie wenig Selige! Denn alles zieht nun mit Waffen aus, entweder mit Waffen in der Hand oder mit spitziger zweischneidiger Zunge! Wo sind sonach die Friedfertigen, wo die Seligen, wo die Kinder Gottes?!
HIM|3|420816|11|0|„Wenn das Salz dumm ist, womit soll man salzen?“ (Luk. 14,34; Mat. 5,13) Dieser Fragetext gilt vorzugsweise für die gegenwärtige Zeit, wo nahe alles Salz schal, taub und dumm geworden ist, indem man es nicht mehr aus den Bergen der Liebe gräbt, sondern es nur aus den Kloaken der Selbstsucht bereitet. Sagt Mir doch, welchen Geschmack werden wohl die unreifen und unzeitigen Weltfrüchte mit diesem Salz gewürzt bekommen? Oder lässt jetzt nicht schon jeder Vater seine Kinder der einstig zu geziemenden Selbständigkeit und des damit verbundenen Brotes wegen mit diesem Drecksalz ganz durch und durch salzen?! Oh, es solle ihnen dereinst auch in Meinem Reich Selbständigkeit für ewig in großer Fülle werden! Auch Ich werde sie also selbständig und allein für sich zu stellen wissen, dass sich ihnen sicher nie etwas nahen wird. Denn Ich werde sie zu Statuen machen gleich dem Weib des Lots und sie dann stellen in ewig einsame verlassene Gegenden; da sollen sie ihr Salz der Selbständigkeit wahren unbeeinträchtigt für ewig! Versteht ihr nun das dumme Salz?
HIM|3|420818|1|1|Erklärung verschiedener kleiner aber wichtiger Schrifttexte (Fortsetzung) – 18. August 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420818|1|0|„Wenn du fastest, da salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, auf dass du nicht prunkst vor den Leuten mit deinem Fasten.“ (Mat. 6,17) Dieser vielsagende Vers taugt ebenfalls ganz besonders für diese Zeit, in der die Gleißnerei aller Art den höchsten Gipfel erklommen hat. Einige laufen in die Kirchen, bloß nur um als fromme Menschen gesehen zu werden und dass sie darum bei einem oder dem anderen Geistlichen so recht in die Gnade kommen möchten, andere, um in der Kirche ein wenig faulenzen zu können, wieder andere, um allda in irgendeinem Kirchenwinkel mit ihren bestellten Liebhabern zusammenzukommen und sich da über eine oder die andere vorhabende Gelegenheit zu sündigen gegenseitig zu verständigen. Andere wieder, um mit einem Nachbarn oder einer Nachbarin die Menschen auszurichten oder zu sehen, mit was für Kleidern dieser und jener oder diese und jene angetan sind. Ein anderer geht wieder wegen seiner frömmelnden Anverwandten, um sich dadurch bei ihnen recht in die Achtung zu setzen, damit sie ihn lobten und ihn manchmal auch beschenkten. Mancher geht in die Kirche, um dadurch so manchem argen Verdacht, der auf ihm rastet, zu begegnen. Der Beste geht ebenfalls mit einem halben Glauben, besser Aberglauben, in das Bethaus, um sich zwar seltener von Mir, aber dennoch von irgendeinem Heiligen einen zeitlichen Vorteil zu erbitten; aber keiner, dass er Mir die Ehre gebe!
HIM|3|420818|2|0|Ja, es gibt noch manche Rücksichten, warum die Menschen in die Bethäuser rennen; nur Ich bin dabei am allerwenigsten der Grund, darum die Menschen in die Bethäuser laufen. Siehe, das sind lauter ungewaschene Faster und haben kein gesalbtes Haupt! Also fasten die Menschen auch nur aus Furcht vor Rom, aber nur aus Liebe zu Mir mag niemand fasten weder in einem noch im anderen. Niemand will sich wahrhaft verleugnen, das Kreuz auf seine Schulter nehmen und Mir nachfolgen. Es will ein jeder nur scheinen, aber nicht sein, darum – da zum Weltdienst ja auch der Schein genügt. Wozu denn also das beschwerliche Sein?! Wozu die Salbung des Hauptes, und wozu die Waschung des Angesichtes? Denn der Welt genügt ja der Schein! Ich bin ja ohnehin der Niemand dabei! Doch es wird gar bald für jedermann die Zeit kommen, da die Ungewaschenen und Ungesalbten werden wie Spreu vom Weizen gesondert werden. Da wird der Schein von ihnen weichen, und in ihrer Nacktheit werden sie ins Feuer des Drachen geworfen werden. Versteht solches wohl!!!
HIM|3|420818|3|0|„Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet!“ (Mat. 7,1) Ich meine, dieser Verstext steht jetzt mit so manchen anderen gerade also im Buch des Lichtes und des Lebens wie ein fünftes Rad am Wagen! Wer dieses etwa übertrieben finden sollte, der beliebe nur die Millionen Weltgesetze und Verordnungen durchzugehen und dann noch die gegenseitigen bürgerlichen Rücksichten, was alles vor den Weltgerichten abgehandelt, beurteilt und verurteilt werden kann und sogar, politisch genommen, muss, – so wird ihm das fünfte Rad am Wagen so klar werden wie die Sonne am hellen Mittag. Anderer gegenseitig richterlicher Rücksichten nicht zu gedenken, da ein Mensch dem anderen ein steter Richter ist! Soll Ich etwa darum solche fünften Wagenräder von den Texten aus der Schrift löschen? O nein, das wird nicht geschehen; eher sollen Himmel und Erde vergehen, ehe Ich nur ein Häkchen auslösche der Bosheit der Menschen wegen! Es werden aber eben solche Texte dereinst die Menschheit richten und werden ihr verrammen den Weg zum Leben; daher nichts mehr weiter von dem fünften Rad!
HIM|3|420818|4|0|„An der Frucht erkennt man den Baum.“ (Mat. 12,33) Auch dieser Text gehört jetzt schon mehr in das Reich des fünften Rades am Wagen. Du sagst: Wieso denn? — So höre denn, es ist allerdings wahr, dass man den Baum nur an der Frucht erkennt, ob er ein guter oder ein arger Baum ist. Sage Mir aber, woraus man denn einen solchen Baum erkennt, der da dumm ist und keine Früchte trägt? Oho, wie bist du denn jetzt um eine Antwort verlegen?! Siehe, ein Baum lässt sich ja auch aus den Blättern erkennen; denn also erkannte Ich Selbst den fruchtlosen Feigenbaum, welcher da der einzige war, den Ich verflucht habe, weil er gar keine Früchte trug denn allein die des Schweines [Scheines] zur Speise der Würmer und des Moders der Erde! Siehe, auf diesem Baum steht mit eherner Schrift geschrieben das Los der jetzt lebenden lauen, fruchtlosen Menschheit! Versteht alle solches!
HIM|3|420818|5|0|„Wessen das Herz voll ist, davon geht der Mund über.“ (Mat. 12,34; Luk. 6,45) Siehe, das ist der wahre Richter. Nur fragt es sich auch hier in dieser Zeit: Von was geht denn der Mund dann über, wenn das Herz ganz leer ist zufolge der großen Lauheit der Menschen, die sogar zum Sündigen zu träge – durch das frühere zu fleißige Sündigen – geworden sind, geschweige, dass sie etwa dazu gar noch gute Früchte tragen sollen! Es heißt auch: Nach deinen Werken wirst du gerichtet werden. – Das ist einerlei; wie wird denn bei denen das Gericht dann ausfallen, die gar keine Werke haben? Ich sage dir: Alles nach dem Schein auf die Art des oben angeführten Feigenbaumes, denn was tot ist, das ist ja auch schon gerichtet, es braucht da nichts als eines Fluches zur Vertilgung der Schmarotzerpflanzen auf den edlen Fruchtbäumen! Verstehst du solches? O ja, du verstehst es!
HIM|3|420818|6|0|„Ein jeglicher Schriftgelehrter, zum Himmelreich gelehrt, ist gleich einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorträgt.“ (Mat. 13,52) Warum denn? Weil es schon also von Ewigkeit her in Meiner Ordnung gegründet ist, dass da schon aus jeglichem Samenkorn sowohl eine frische Frucht wie ebenfalls wieder derselbe Same, wie er zuvor in die Erde gesät wurde, zum Vorschein kommt, und ohne den älteren Baum keine neue Frucht denkbar ist. Wenn irgendetwas entstehen soll, so muss ja doch ein Grund vorhanden sein. Also ist auch ein älteres Wort der Grund zu einem neueren und eine ältere Lehre der Grund zu einer neuen, wie das Vorleben ist ein Grund des Nachlebens. Solches also fasse; denn darnach wird Mein Wort beurteilt in seiner Wahrheitsfülle, ob es hat den wahren alten Grund! Verstehst du solches? Ja, solches musst du vorerst am meisten verstehen!
HIM|3|420818|7|0|„Die wahrhaftigen Anbeter werden den Vater anbeten im Geiste und in der Wahrheit.“ (Joh. 4,23) Das heißt, lebendig durch die Werke der Liebe! Denn niemand kann sagen: Vater unser, so er durch die Werke der Nächstenliebe nicht offen aus seinem Herzen dartut, dass er alle Menschen als seine Brüder und Schwestern ansieht. Wer aber demnach die Werke der Liebe tut, der ist es, der da im Geiste und in der Wahrheit den Vater anbetet. Versteht solches gar wohl und gar lebendig tief!
HIM|3|420818|8|0|„Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ (2. Kor. 3,6) Das heißt, es nützt dir kein Wissen und kein Glauben ohne Tat! Was nützt einem Hungrigen ein Speisezettel! Ein Stück ordinärsten Brotes wiegt für ihn eine ganze Bibliothek voll der reichhaltigsten Speisezettel und Kochbücher auf! Daher hängt das Leben nur am Werk selbst, nicht aber an der leeren Erkenntnis des Wortes. Solches also besagt dieser Vers!
HIM|3|420818|9|0|„Die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Joh. 8,32) Wie und wann denn? Wenn sie wird ein lebendiges Licht in eurem Herzen, welches dem Feuer der lebendig tätigen Liebe entflammt! Und dieses Licht kann auch nur allein mit dem vollsten Recht Wahrheit genannt werden; sonst aber gleicht jede mit dem Verstand begriffene Wahrheit einer gemalten Frucht, die wohl recht schön fürs Auge ist, aber für einen hungrigen Magen ist sie eine pure Fopperei und so gut wie eine barste Lüge. Versteht es!
HIM|3|420819|1|1|Erklärung verschiedener kleiner aber wichtiger Schrifttexte (Fortsetzung) – 19. August 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420819|1|0|„Wer seine Hand an den Pflug legt und zieht zurück, der ist nicht geschickt zum Himmelreich.“ (Luk. 9,62) Die Hand ist der Wille, der Pflug ist das Wort Gottes, das Himmelreich ist das liebwerktätige Leben nach dem Wort. So da jemand das Wort Gottes zwar wohl ergreift und tut auch zur Hälfte darnach, aber zur Hälfte verwendet er dasselbe ins Weltliche und sagt: „Solange ich in der Welt lebe, so lange auch muss ich mit ihr leben. Daher kann ich auch nicht völlig brechen mit ihr, sondern bin ihretwegen ja doch genötigt, so manches mitzumachen des Scheines halber wenigstens, damit sie nicht dies oder jenes von mir denke oder gar laut sage! Denn man kann die Welt ja nicht anders machen, als sie ist, und so bleibt einem doch nichts übrig, als mit ihr das mitzumachen, was man gerade nicht als absolut schlecht erkennt. Im Übrigen aber kann man ja bei sich dennoch tun und denken und glauben, was man will!“ – Siehe, solches aber heißt ja eben die Hand an den Pflug legen und ihn zurückziehen, um von ihr nicht gekreuzigt zu werden!
HIM|3|420819|2|0|Es fragt sich aber: Wie wird bei dieser Ackerung der Acker für die Saat des Lebenssamens bestellt werden? Wahr ist es übrigens sicher, dass das Zurückziehen des Pfluges einen viel weniger Anstrengung kostet als das Vorwärtsschieben. Allein, der solches tut, ist, wie der Text aussagt, durchaus nicht geschickt zum Himmelreich; denn bevor du der Welt nicht den letzten Heller, den du von ihr entlehnt hast, zurückgegeben haben wirst, wirst du nicht eingehen in das Reich der Himmel! Beachtet dieses wohl und seid vollkommene Ackerleute!
HIM|3|420819|3|0|„Das Schwerste im Gesetz ist die Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue.“ (Mat. 23,23) Seht, das ist ein Hauptknoten, wer wird den entwirren, und wie? Denn strenggenommen schließt Gerechtigkeit und die ihr fest angebundene Treue ja alle Barmherzigkeit aus, da gerecht handeln nichts anderes heißt, als dem Gesetz treu handeln; während barmherzig sein so viel besagt, als jemandem das Gesetz erlassen. Wie ist demnach aber das zu verstehen? Seid barmherzig, so werdet ihr auch Barmherzigkeit erlangen? Wie kann jemand barmherzig und gerecht sein? Ich sage euch: Nichts leichter als das; man sei gerecht gegen sich und barmherzig gegen den Bruder, so lebt man in der vollkommenen Ordnung Gottes und ist vollkommen gerecht, barmherzig und getreu. Solches ist wohl zu beachten und lebendig zu verstehen!
HIM|3|420819|4|0|„Selig ist der Knecht, wenn der Herr kommt und findet ihn (seine Pflicht) tun.“ (Luk. 12,37) Es fragt sich hier, was für eine Pflicht denn? Nichts anderes als allein nur Meinen Willen, der da besteht einzig und allein nur in der anbefohlenen Liebe; wodurch dann im Geiste und in aller Wahrheit lebendig gebetet wird: Dein Wille geschehe! Versteht solches zum ewigen Leben!
HIM|3|420819|5|0|„Man fasst Most in neue Schläuche, so werden beide erhalten (nämlich Most und Schlauch).“ (Mat. 9,17) Also kann das lebendige Wort auch nur in solche Herzen eingehen, welche durch Selbstverleugnung vollends neu geworden sind. Würde es sich aber künden in den alten unratvollen und dadurch auch morschen Herzen, so würde es mit ihnen gerade das machen, was da macht der neue Most in den alten schwachen Schläuchen – nämlich, dass er sie zerreißt und dann mit ihnen selbst zugrunde geht. Aus eben dem Grunde solle man auch nicht die Perlen den Schweinen vorwerfen. Solches ist ebenfalls äußerst wohl zu beachten.
HIM|3|420819|6|0|„Die Weisheit rechtfertigt sich bei ihren Kindern.“ (Mat. 11,19) Also ist es treu und wahr. Aber darum sollen sich diese nicht kümmern, wenn sie von der Welt nicht verstanden werden; denn anders sind die Wege der Nacht und wieder viel anders die des Tages. Wer am Tag wandelt, der weiß, wohin er geht; aber die Gäste der Nacht rennen durcheinander wie Irrsinnige und weiß keiner, warum und wohin. Daher solle sich der Tag nicht kümmern um das Urteil der Nacht; sondern der Tag rechtfertigt den Tag! Solches sollt ihr auch recht wohl verstehen.
HIM|3|420819|7|0|„Wer da hat, dem wird’s gegeben, dass er in der Fülle hat.“ (Mark. 4,25; Mat. 13,12) Das scheint fast wie eine Ungerechtigkeit; aber dem ist nicht also. Denn es heißt ja nur so viel als: So jemand seine Kraft geübt hat und kann nun größere Lasten tragen, der wird dadurch nicht schwächer, sondern fortwährend stärker. Wer aber seine kleine Kraft nie hat üben wollen, der wird bald auch diese Kraft verlieren, sobald er sie verwenden wird zur Tragung einer wenn auch noch so geringen Last und wird gar bald erschöpft hinsinken in den vollen Tod. Daher auch übet ihr beständig all die Kräfte des Geistes, so wird er einst in der Fülle der ewigen Lebenskraft dastehen und wird auf seinen Schultern die größten Lasten Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung gar wohl zu tragen imstande sein. Also wird dem, der da hat, gegeben in der Fülle; wer aber nicht hat, der wird aber auch noch das verlieren, das er hatte von seinem Grunde aus. Versteht ihr solches? Ja, solches müsst ihr wohl verstehen!
HIM|3|420819|8|0|„Johannes sagte zu Mir: Meister, wir sahen einen, der trieb auch Teufel in Deinem Namen aus, welcher uns aber nicht nachfolgte, und wir verboten es ihm darum, dass er uns nicht nachfolgte. Jesus aber sprach: Ihr sollt es ihm nicht verbieten; denn es ist niemand, der da eine Tat tue in Meinem Namen und möge bald übel reden von Mir.“ (Luk. 9,49-50) Dieser Text sei dir allezeit eine Schutzwehr gegen alle Angriffe der Welt! Denn wer nicht wider Mich ist, der ist für Mich. Solches wirst du wohl verstehen? Nur eines tut not, und dieses eine ist Mein Salz und Mein Friede in euch! Versteht es alle wohl. Amen! Das sage Ich Jesus allezeit getreu und wahrhaftig. Amen. Amen. Amen!
HIM|3|420918|1|1|Auslegung von Matthäus 6,34 – 18. September 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420918|1|0|„Darum seid nicht besorgt für den morgenden Tag, denn der morgende Tag wird besorgt sein für das Seine. Genug, dass jeder Tag seine eigene Plage habe.“ (Mat. 6,34) Also schreibe! Dieser Text hat zwar zunächst nur eine natürliche Bedeutung; aber dessen ungeachtet hat er dennoch einen tiefen himmlisch-geistigen Sinn, also wie jedes Wort, das aus Meinem Munde geflossen ist, da er auch aus Meinem Munde kam.
HIM|3|420918|2|0|Was sonach dieser über alles zu beachtende Text in der natürlichen Hinsicht besagt, das lehrt dessen Buchstabensinn. Was er aber in himmlisch-geistiger Weise fasst, das ist endlos groß, und es wird euren Geist eine tüchtige Anstrengung kosten, nur den kleinsten Teil desselben halbwegs zu erfassen.
HIM|3|420918|3|0|Ihr werdet sagen: Wie kann solches wohl möglich sein? Denn wir haben ja doch schon manches Schwere begriffen; wie sollte denn gerade das also unbegreiflich sein?! – Ich aber sage: Nur Geduld! Einige kleine anspielende Proben werden euch davon alsogleich überzeugen, wie schwer der himmlische geistige Sinn dieses Textes zu erfassen ist für jene, welche noch nicht völlig in dem Himmel sind.
HIM|3|420918|4|0|Es gibt zwar noch viele solche Texte, aber dieser gehört zu den schwersten, weil er pur die allerhöchste Weisheit zum Grunde hat. Also zur Probe:
HIM|3|420918|5|0|„Sorgt nicht!“ heißt so viel als: Weissagt nicht. „Für den morgigen Tag“ heißt: für die allerhöchste Weisheit des ewigen Geistes aus Gott. „Denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen“, das heißt: diese Weisheit benötigt keines Helfers. „Es ist genug, dass ein jeder Tag seine Plage hat", das heißt: Es genügt euch, dass da jedem mit der Liebe zum Vater erfüllten Geist ein wohlgemessener Teil der Weisheit nach der Stärke seiner Liebe gegeben ist!
HIM|3|420918|6|0|Solches aber ist der leichter zu fassende Sinn. Aber hört nun einen anderen, der also lautet: Kümmert euch nicht um die Fülle künftiger Ewigkeiten, denn sie sind schon erfüllt in Meinem Geiste; es ist genug, dass vor euren Augen die Gegenwart unendlich ist.
HIM|3|420918|7|0|Seht, dieser Sinn ist schon schwerer zu fassen in seiner Fülle. Wir wollen aber die Bedeutungen noch tiefer verfolgen; und so achtet ferner, was alles der Text besagt.
HIM|3|420918|8|0|Solches aber besagt er ferner: Die Liebe trage keinen Kummer um die Weisheit; es ist genug, dass sich die höchste Weisheit um die Liebe kümmert, denn die Liebe ist ja der Grund aller Weisheit. Seht, das ist schon wieder schwerer zu fassen in der innersten Tiefe.
HIM|3|420918|9|0|Ferner: Das Leben frage nicht nach dem Tag des Todes, denn der Tod sorgt schon für seinen Tag; euch aber genüge der Tag des Lebens. Seht, das ist schon wieder um vieles tiefer!
HIM|3|420918|10|0|Wir aber wollen noch tiefer dringen, und da lautet es: Brennet nicht am Tag das Öl in der Lampe, denn der Tag hat seine Leuchte; aber in der Nacht lasst das Öl nicht ausgehen und plagt euer Herz mit dem Schimmer der Lampe, damit in selbem nicht ausgeht die Leuchte zum Tag des Lebens. Seht, um wie vieles tiefer und schwerer schon wieder dieser Sinn liegt!
HIM|3|420918|11|0|Aber gehen wir nur noch etwas weiter, es wird schon noch besser kommen. Und also heißt es ferner: Ein freies Wort suche nicht sein Wesen, denn Wort und Wesen sind Eins; es ist aber ja ohnehin jedem Wort sein Wesen eigen! Versteht ihr solches in der Fülle?! Solches wird wohl schwerhalten!
HIM|3|420918|12|0|Aber hört nur noch weiter. Eine Gabe ist gerecht, wenn der Geber ein weiser Geber ist, seid daher nicht um die Gabe, sondern um den Geber besorgt; denn durch den Geber wird die Gabe geheiligt. Seht, das ist schon wieder um vieles tiefer!
HIM|3|420918|13|0|Ich will euch aber noch einen tieferen Sinn geben, damit ihr daraus die endlose Tiefe erschaut, welche in diesem Text steckt; und so vernehmt denn noch, denn also lautet es ferner: Wollt nicht Richter sein am großen Rad der Unendlichkeit, denn es ist genug, dass da ein ewiger Richter ist; euch aber ist gegeben ein eigenes Rad – seht, dass dieses im Geleise des Lebens verbleibt!
HIM|3|420918|14|0|Seht, also birgt bei solchen Texten immer ein Sinn den anderen ins Unendliche fort, und jeder enthüllte Sinn hat wieder in sich, das heißt an und für sich wieder Unendliches. Darum kann ein solcher Text mit Recht schwer fasslich genannt werden, weil dessen Fülle unendlich ist.
HIM|3|420918|15|0|Daraus aber kann auch eben die reine Göttlichkeit und die große Wichtigkeit solcher Texte erkannt werden, wenn sie solch Unendliches in sich bergen.
HIM|3|420918|16|0|Aus dem Grunde sollt ihr auch nicht die leichten Texte für leicht nehmen; denn je offener der Buchstabensinn sich ausspricht, desto tiefer liegt der geistig-himmlische Sinn. Daher sollen solche Texte aber auch sorglichst selbst dem Buchstabensinn nach beobachtet werden, damit durch sie der Geist lebendig werde für die Tiefen der Himmel. Solches bedenkt überaus wohl – und Wer Der ist, der euch solches rät durch den Knecht! Amen.
HIM|3|420919|1|1|Das Gebet des Herrn – 19. September 1842 [Supplemente 1883]
HIM|3|420919|1|0|Schreibe heute einen würdevollen Gegenstand, nämlich den Anruf in Meinem Gebet, der da lautet:
HIM|3|420919|2|0|Vater unser, der du bist im Himmel!
HIM|3|420919|3|0|Solchen Anruf machen nun täglich Millionen Menschen, aber nur sehr wenige bedenken darunter, was sie damit sagen, und noch weniger darunter beten solches im wahren himmlischen Sinne; und doch sollen sie solches im himmlischen Sinne beten, indem ja der Vater im Himmel ist, zu dem sie beten.
HIM|3|420919|4|0|Wie lautet aber demnach dieser Anruf im himmlischen Sinne? Es ist hier nicht der Ort, diesen Sinn durch Entsprechungen analytisch zu zerlegen, sondern zur Stelle will Ich euch nur in der rein himmlisch geistigen Weise zeigen – und zwar mit den natürlichen Worten, weil ihr des Geistes Sprache nicht versteht, wie solches aus dem Munde reinster Geister lautet. Und so hört denn, also lautet es:
HIM|3|420919|5|0|Ewige unendliche Liebe, die du wohnst im Licht deiner Heiligkeit!
HIM|3|420919|6|0|Das ist eine Weise und ein Sinn; aus diesem aber geht folgender noch tiefere Sinn hervor, und dieser lautet also:
HIM|3|420919|7|0|Leben alles Lebens, das da wohnt in unserem Herzen!
HIM|3|420919|8|0|Seht, dieser Sinn liegt schon wieder tiefer! Wir wollen aber noch weiter sehen, was da hinter diesem noch Tieferes steckt. Und so hört denn, also lautet es tiefer:
HIM|3|420919|9|0|Mensch der Menschen, der du im Menschen wohnst!
HIM|3|420919|10|0|Seht, um wie vieles tiefer schon wieder dieses ist. Aber hört nur weiter, wie es wieder tiefer lautet:
HIM|3|420919|11|0|Wort alles Wortes, das du wohnst in deinem Grundwesen, und wir in ihm, und dasselbe in uns!
HIM|3|420919|12|0|Um wie vieles tiefer liegt schon wieder dieses! O beachtet solchen Sinn, denn in ihm wohnt die Fülle des heiligen Geistes! Hört aber nur weiter und tiefer, denn allda lautet es also:
HIM|3|420919|13|0|O unbegreifliche Mitte der Unendlichkeit in aller Liebe, Kraft, Macht, Gewalt und Heiligkeit, die du allein umfasst dein endloses Wesen!
HIM|3|420919|14|0|Weiter hört es mit offenem Herzen; allda lautet es:
HIM|3|420919|15|0|Ewiger unbegrenzter Gott, der du wohnst im Geiste Deiner unendlichen Fülle und Klarheit!
HIM|3|420919|16|0|Seht, welche Tiefe hier waltet, und doch hat diese auch selbst hier noch kein Ende, sondern die Tiefen der Tiefen steigern sich auch hier ins Unendliche, so dass ein jeder noch so vollkommenste Engel stets einen neuen und tieferen Anfang darinnen erschaut, und sieht auch, dass in jedem tieferen wieder an und für sich Unendliches liegt, welches in alle Ewigkeit nicht in der Fülle wird erfasst werden.
HIM|3|420919|17|0|Nun denkt aber einmal über euch, so ihr diesen Anruf samt den darauf folgenden Bitten oft genug ganz maschinenmäßig herplappert, was sich dabei wohl die Engel denken müssen, die da gar wohl wissen und einsehen, dass sie mit dem alleinigen Anruf in Ewigkeiten nicht fertig werden können in der Tiefe der Tiefen, – und dann erst Ich, auf den dieser Anruf gerichtet ist?! O ihr noch stark Toten, dass euch solches noch nie eingeleuchtet hat!
HIM|3|420919|18|0|Wacht nun auf, und ruft im Geiste und in der Wahrheit: „Vater unser, der Du bist im Himmel!“ – so werdet ihr das Leben finden in der Tiefe wie in der Höhe; denn in diesem Anruf selbst liegt ja schon das ganze Gebet, und gleicht da jede Bitte demselben.
HIM|3|420919|19|0|Daher denkt in Zukunft, was und wie ihr betet, so wird euer Gebet erhört werden. Solches also versteht wohl für alle Ewigkeiten! Amen!
HIM|3|421217|1|1|Folge Mir, willst du leben! – 17. Dezember 1842, Vormittag [Manuskript]
HIM|3|421217|1|0|Ich weiß schon, was du hast; daher magst ja einige Worte schreiben. Aber solches sage Ich dir, dass Ich es nicht gerne tue; denn wo ein Mann dem Weib und der Welt mehr gehorcht denn Mir, da fällt mein Rat allzeit auf den Sand und schadet Meiner Sache mehr als es nützt! Da du aber schon etwas willst, so gebe Ich es dir auch, wie du es willst. Aber siehe zu, dass es nicht merkt das Mir überaus widerliche Weib; denn sie hat sich fest vorgenommen, Mich öffentlich zu verfolgen! Dagegen aber habe auch Ich Mir vorgenommen, sie zu züchtigen vom Scheitel ihres Kopfes bis zur kleinen Zehe! Solches magst du dem A.H.W. kundgeben aus Meinem Munde: Mir ist überaus ärgerlich zu sehen, so ein Mann des Weibes Wort über sich kommen lässt. Wer sein Weib, seine Kinder, ja sogar seine Eltern mehr liebt denn Mich, der ist Meiner nicht wert! Wie magst du Mich aber wollen mit der Welt einherziehen? Bin Ich nicht mehr denn alle Welt? Wie kann dir noch der Welt Unflat behagen, so Ich dir Kost aus allen Himmeln darreiche? So Ich dir rate und die Welt dir rät und du folgst dem Rat der Welt, was bin Ich da wohl dir? Siehe, entweder einer, der nicht ist, – oder einer, dem nicht zu trauen ist, also ein Lügner!
HIM|3|421217|2|0|Wenn Ich dir helfen will, da muss Ich dir, wie jetzt, den Dreck der Welt segnen, damit du nicht verderbest! Ist solches aber auch löblich von dir? Und doch lässt du Mich stets also handeln mit dir und zwingst Mich, für dich aus der Welt Dreck heilsames reines Gold zu machen!
HIM|3|421217|3|0|Du weißt wohl, wie gut und langmütig und geduldig Ich bin, so tust du solches. Aber Ich sage dir, auf diesem Wege wirst du wenig lebendige Schätze finden, denn siehe, Ich dulde gar vieles; aber glaube es Mir, in dieser Meiner Duldung ist gar wenig Leben vorhanden!
HIM|3|421217|4|0|Ich dulde auch dein Weib, das Mir ärgerlicher ist denn Iskariot, aber es ist trotz dieser Meiner Duldung gar lange vom Grunde aus tot, – und dennoch magst du sein Wort über dich erheben lassen und in großer Furcht sein Meinetwegen vor ihm! O siehe, was das für Dinge sind!
HIM|3|421217|5|0|Ich sage dir aber nun: Habe Acht, dass Mir dein Weib nicht schade! Werde ein Mann und kein Weichling deines Weibes! Wende gänzlich ab dein Angesicht von ihrem Weltgott und verberge wohl Meine Sache vor des Weibes und aller deiner verdorbenen Kinder Augen, – sonst wird sich aus der Brust des Weibes ein Orkan erheben, der Meiner Sache bedeutend nachteilig sein könnte und Mich endlich nötigen würde, einen gewaltigen Strich durch ihre Rechnung zu machen!
HIM|3|421217|6|0|Du bist am Scheideweg – also zwischen Mir und der Welt. Du hast den freien Willen – folge Mir oder der Welt! Bis jetzt bist du der Welt gefolgt und hattest Meinen Rat, nun aber hast du der Welt Rat, so folge Mir, willst du leben! Verstehe es wohl! Amen.
HIM|3|430116|1|1|Mein Rat ist kein Gebot und zwingt niemanden – 16. Januar 1843, abends
HIM|3|430116|0|0|Auf eine Anfrage Ans. H. wegen Übersiedelung.
HIM|3|430116|1|0|Also sage Meinem Freund, darob er sich fragend an Mich gewandt hat: Mein Rat ist kein Gebot und zwingt daher niemanden zu irgendeiner Handlung; aber dessen ungeachtet soll ihn der, dem er zuteil ward, nicht zu leicht nehmen, wenn er wahrhaft glücklich fahren will.
HIM|3|430116|2|0|Ich habe schon zu mehreren Malen Mein gerechtestes Missfallen über alles Stadtleben in jeglicher Hinsicht dargetan. Ich habe gezeigt, wie die Städte nun bereits ohne Ausnahme im vollkommensten Antichristentum leben und nirgends mehr in denselben etwas anderes wohnt als: Eigenliebe, Geiz, Neid, Betrug aller Art, Hurerei aller Art, Geilheit, Sinnlichkeit, Wucher, Fraß, Völlerei, Verderbtheit aller besseren Sitten und überhaupt aller Art Laster unerhörter Weise!
HIM|3|430116|3|0|Was ist da wohl natürlicher, als dass Ich von solch einer gemeinschaftlichen Wohnstätte alles Lasters Mein Angesicht gar ehest wegwenden werde, ja ganz gewiss völlig wegwenden werde, und werde ein starkes Gericht über solch eine Satanswohnung ergehen lassen! Ob es da geheuer sein wird zu bleiben, das magst du, Mein Freund, nun selbst beurteilen!
HIM|3|430116|4|0|Daher sage Ich dir: Ziehe dich gar ehest der Stadt entlang, verlasse die Wohnung des Lasters, denn Ich will sie gar ehestens heimsuchen mit großer Teuerung, mit großer Finsternis will Ich sie schlagen und will sie ganz in alle Hurerei übergehen lassen, auf dass sie ersticke im Schlamm der Nacht und ihres Mir gar ärgerlichsten Weltlebens.
HIM|3|430116|5|0|Also rate Ich dir, aus der Stadt zu ziehen; aber Ich gebiete es dir mitnichten. Ich meine aber, so jemand von Mir weiß, dass es in einem Haus darum nicht mehr geheuer ist zu verbleiben, da ihm der nahe Einsturz drohe, so ist er ein großer Tor, wenn er dem Rat Dessen nicht folgen will, der es nur zu gut weiß, welch eine Bewandtnis es mit dem Haus hat!
HIM|3|430116|6|0|Also führte Ich ja auch das israelitische Volk aus Ägypten, denn Ich wusste es ja, wie es mit diesem Land stand. Also musste Lot aus der Stadt, denn Ich wusste es, wie es mit der Stadt stand. Also ließ Ich die Meinen auch alle eher aus Jerusalem entfliehen, als Ich sie richtete, diese alte Ehebrecherin.
HIM|3|430116|7|0|Siehe, also ist allezeit Mein Rat beschaffen; wer ihn befolgt zur rechten Zeit, der wird vom Gericht nicht gestreift werden, – denn dieses wird kommen wie ein Blitz ganz unerwartet!
HIM|3|430116|8|0|Aber du fragst: Wohin soll ich – Dir, o Vater, wohlgefällig übersiedeln? – Ich sage dir nicht: Siehe, dahin oder dorthin! Dahin du den Sinn hast, dahin ziehe auch, und Ich werde, dich segnend, bei dir sein und ziehen mit dir! Ob das Land Kärnten das rechte ist, frage nicht; so du aber dahin ziehst, werde Ich bei dir sein.
HIM|3|430116|9|0|Aber im Steirerland sollst du dich nicht leichtlich irgendwo ansiedeln, dessen Herz die Stadt ist, da du wohnst; denn wie das Herz, so auch der Leib!
HIM|3|430116|10|0|Kärnten, die Schweiz und Württemberg aber sind noch immer die besten Lande. Tirol wäre auch so übel nicht, wenn die Täler nicht so voll der Nacht wären, – aber besser ist es um vieles denn die Steiermark und andere Lande Österreichs. Darum will Ich es auch noch verwahren eine Zeit lang vor der kommenden Pestilenz!
HIM|3|430116|11|0|Was aber sollst du deinen reichen Anverwandten sagen, so sie dich fragten, warum du solches tätest? Fürs Erste bist du ein Herr deines Willens und kannst tun, was du willst; fürs Zweite aber ist es besser, auf Mich denn auf die Verwandten zu hören! Lasse den Toten den Toten begraben, du aber folge Mir!
HIM|3|430116|12|0|Zur Zeit aber, wann du Meinem Rat zu folgen gedenkst, werde Ich es dir schon buchstäblich geben, was du zu sagen hast, und es wird dich niemand hindern an deinem Mir wohlgefälligen Unternehmen. Verlängere aber nicht zu sehr den Termin; denn Mein Geschütz ist geladen und wohlgerichtet!
HIM|3|430116|13|0|Ich werde aber auch Meine anderen Freunde beschützen. Wie? Das weiß Ich! Also beachte diesen Rat, so du willst. Amen.
HIM|3|430118|1|1|Dr. Strauß – 18. Januar 1843 [Dr. Strauß]
HIM|3|430118|1|0|Siehe, solches ist vorderhand nötig zu wissen, was dieser Mann ist, und dass es sich darum handelt, diejenigen Texte Meines Buches näher zu bestimmen, an denen derselbe einen widersprechenden Anstoß nimmt und wodurch er die Ungöttlichkeit Meines Wortes zu beweisen strebt.
HIM|3|430118|2|0|Es gibt wohl derlei Texte in großer Menge in Meinem Buch, die der Mann als Waffe gegen Mich gebraucht. Allein wir werden an den Texten, welche schon vorbereitet daliegen, zur Genüge haben, um das Wesen unseres Gegners ganz zu erschauen und somit auch seinen großen Irrtum.
HIM|3|430118|3|0|Du aber fragst: Wer ist Strauß? Warum tut er solches? – Also merke, Ich will es dir kundtun!
HIM|3|430118|4|0|Strauß ist ein Prophet jetziger Zeit und Welt. Er ist ein Baumeister, der aus Edelsteinen ein großes Gebäude auf dem Flugsand der Welt erbauen will; ja ein solches Gebäude, das der Ewigkeit trotzen soll. Aber welch ein Widerspruch, welch eine Torheit solches ist, dies wird sich eben aus den betreffenden Texten ganz klar dartun. Der Mann wird sich verbauen, er wird seine Torheit einsehen; wenn da kommen werden Regen und Winde, so wird sein Prachtgebäude untergehen! Aber auf dem Sand werden dann viele Sucher die edlen Steine finden, werden sie tragen auf die Felsen und werden aus ebendiesen vorgefundenen Edelsteinen unter Meiner Leitung ein solches Prachtgebäude aufführen, welches dann allen ewigen Zeitenstürmen trotzen wird.
HIM|3|430118|5|0|Siehe, es musste also auch ein Strauß kommen, einer der größten Gegner Meines Wortes, damit Mein Heiligtum bis zum letzten Häkchen bekämpft werden und die äußerste Grenzlinie der Nacht bestimmt werden möchte, auf dass nun alle gelehrte Welt erschaue, wie groß da ist der Horizont ihrer Erkenntnis, und sie gründlich und buchstäblich sage: Bis hierher und nun nicht mehr ein Haar weiter! – Also ist Strauß ja auch ein notwendiger Prophet!
HIM|3|430118|6|0|Es gibt aber schon eine Menge Sammler der Edelsteine auf dem Flugsand dieses Propheten, und es steht schon nahe vollendet ein anderes Gebäude auf einem starken Felsen! Daher lassen wir diesen Mann in seiner Sphäre; er ist nötig für uns, denn er streut zuvor den Samen der Nacht aus. Dieses Unkraut wird gesammelt und auf unserem Acker verbrannt werden, damit derselbe durch dessen Asche auf das Vorteilhafteste gedüngt werde.
HIM|3|430118|7|0|Nun wirst du hoffentlich wissen, wer der Strauß ist und warum er solches tut? Da du nun aber solches weißt, so ärgere dich nicht seinetwegen, denn auch er ist ein Arbeiter für Mich und muss es sein! Verstehe solches sonach gar wohl. Amen!20. Januar 1843. Vormittag. (Dr. David Friedrich Strauß, Fortsetzung)
HIM|3|430120|1|1|Dr. Strauß (Fortsetzung) – 20. Januar 1843 [Dr. Strauß]
HIM|3|430120|0|0|Viertes Buch Mose, 22. Kapitel, Verse 28-30 ff.
HIM|3|430120|1|0|Wer mag dieses Bild wohl verkennen? Wer ist der Prophet Bileam? Und wer seine ihn zuvor allzeit willig tragende Eselin?
HIM|3|430120|2|0|O wie klar liegt solches doch vor jedermanns Augen, und doch mag es niemand recht erkennen! Siehe, Bileam bezeichnet alle naturmäßige Gelehrtheit der Welt, und die Eselin bezeichnet die Natur, auf welcher alle diese Gelehrten reiten.
HIM|3|430120|3|0|Solange diese Gelehrten diese Eselin ihres weltlichen und eigentlich naturmäßigen Zweckes willen reiten, so ist dieses Lasttier stets geduldig. Wollen sie aber sich auf diesem Lasttier schmählich in das innere geistige Heiligtum wagen, da wird diese Eselin störrig. Und so sie dasselbe mit Gewalt bezwingen wollen, so wird die Eselin sogleich redend und spricht: Was habe ich euch getan, darum ihr mich also misshandelt und wollt von mir erzwingen, das unmöglich ist? Ihr mögt mich ja zerstören und zu Atomen zermalmen, so werdet ihr es über mir doch nicht um ein Haar weiterbringen; denn nicht ich, sondern die Kraft Gottes stellt sich hier euch entgegen und lässt euch nicht weiter dringen, weil ihr tut, was wider Seine göttliche und ewige Ordnung ist. – Oder ist es nicht also?
HIM|3|430120|4|0|Was tut Strauß oder der allereigentlichste Prophet Bileam dieser Zeit? Er reitet eben auf dieser Eselin, um Mich vor Meinem Volk zu verdächtigen allerorten. Er will das Lasttier, die naturmäßige Erde, zwingen, dass sie ihm dazu dienen solle, Mich und alle Meine Offenbarung zugrunde zu richten. Aber dieses sonst so geduldige Lasttier spricht zu ihm: Bis hierher und um kein Haarbreit weiter! So du aber die Ehre Gottes verkündigen willst, so werden die Augen dir aufgetan werden, und dein Lasttier wird dich tragen dahin, da du reden wirst von deinem Lasttier das Wort Gottes und wirst verkündigen Seine Ehre!
HIM|3|430120|5|0|Bileam verstand sein Lasttier; aber Strauß, der große Gelehrte, versteht es noch nicht. Er wird es aber auch so lange nicht verstehen, solange er ein naturmäßiger Reiter des naturmäßigen Buchstabens bleiben wird. Wenn er aber bedenken möchte, dass die Natur noch ganz andere Kräfte in sich birgt, welche von keiner äußeren Form enthüllt werden können, so dürfte es ihm dann ja auch wohl klar werden, dass hinter dem Buchstaben des Wortes Gottes sicher noch etwas anderes verborgen liegt, als allein die für ihn ersichtliche tote Form!
HIM|3|430120|6|0|Ich meine aber, es wird auch für ihn noch einmal die Zeit kommen, wo er sein störriges Lasttier gleich einem Bileam verstehen wird! Versteht ihr nun solches?
HIM|3|430121|1|1|Dr. Strauß (Fortsetzung) – 21. Januar 1843 [Dr. Strauß]
HIM|3|430121|0|0|Das Buch Josua, 10. Kapitel, Verse 12-14
HIM|3|430121|1|0|Wenn so manche Gelehrte mit der Eselin Bileams besser umzugehen verständen, so würde dieses geduldige Lasttier ihnen auch hier den gehörigen Aufschluss gar verständlich redend geben; aber dieses Tier ist nun unter dem gar groben Knittel des neuen, allereigensinnigsten Propheten sogar maulstörrig geworden und lässt sich lieber zu Tode abknitteln, als das Maul aufzutun!
HIM|3|430121|2|0|Ich aber frage: Wer hat denn die Sonne, den Mond und die Erde gemacht? Und wer hat denselben die Bewegung gegeben? Wer hat alle Gesetze in die Weltkörper gelegt? – Ich setze nun den Fall, ein solcher gelehrter Prophet käme in die Werkstätte eines Mechanikers, welcher da gerade das Pendel einer astronomischen Uhr auf eine dem Gelehrten noch unbekannte Weise auf eine Zeit lang zum Stehen brächte, da meine Ich, dass es wohl nichts Alberneres geben könnte, als so der Gelehrte zum Mechaniker sagen würde: Freund, wie kannst du solches tun und magst das eigentlich sich bewegende Pendulum nicht da zum Stillstand bringen, da es sich zumeist bewegt, sondern greifst dafür nur ganz geheimnisvoll in das doch bei weitem ruhigere Werk und bringst also auf eine mir unerklärliche Weise das sich bewegende Pendulum zum Stillstand?
HIM|3|430121|3|0|Was würde der Mechaniker einem solchen allwissend sein wollenden Gelehrten wohl für eine Antwort geben? Besonders, wenn dieser dem Mechaniker darob alle mechanische Kenntnis streitig machen wollte, weil derselbe einen dem Gelehrten völlig unbekannten Kunstgriff tat, um das Pendulum zum Stillstand zu bringen. – Er würde den Gelehrten entweder mitleidig bedauern oder würde ihm die Tür weisen. Ich meine aber, dass, so gut der Mechaniker sein Werk kennt, so gut werde Ich wohl auch das Meine kennen, kann daher wohl in die Sonne greifen und dabei aber dennoch das sich um die Sonne bewegende Pendulum Erde auf eine Zeit lang zum Stillstand bringen, ohne dass dadurch die andere Schöpfung nur im Geringsten beirrt wird.
HIM|3|430121|4|0|Es heißt aber ja im 14. Vers: „Und es war niemals zuvor und darnach ein so langer Tag gewesen, als da der Herr der Stimme eines Menschen gehorchte; denn der Herr stritt da für das israelitische Volk.“
HIM|3|430121|5|0|Heißt aber dieses nicht so viel als: Der Herr tat in Seiner Schöpfung der Unkenntnis mit der Ordnung der Weltkörper von Seiten eines Menschen Genüge und erfüllte in der Erscheinlichkeit den Wunsch des Menschen, welcher nicht wusste, was er sprach!
HIM|3|430121|6|0|Ich meine aber, wenn der neue Bileam alles aus Meinem Wort so schlecht für Mich bemessen kann, da könnte er ja auch also messen, wie Ich es jetzt gezeigt habe! Ja, er könnte es wohl, aber sein Lasttier ist störrig geworden, und darum ist er auch blind in Meiner Sphäre.
HIM|3|430121|7|0|„Sonne“ aber bezeichnet auch die Weisheit und der „Mond“ die Liebe!
HIM|3|430121|8|0|Allein Strauß nimmt ja nichts Geistiges an; daher wollen wir ihn auch mit dem inneren Sinn dieser Texte verschonen. Versteht solches also auch ihr wohl, selbst im Sinne des Buchstabens. Amen!
HIM|3|430123|1|1|Dr. Strauß (Fortsetzung) – 23. Januar 1843 [Dr. Strauß]
HIM|3|430123|0|0|Zweites Buch Mose, 11. Kapitel, Vers 2, und 12. Kapitel, Vers 36
HIM|3|430123|1|0|Hier frage man den gelehrten Mann, woher denn die Fürsten und Könige das Recht haben, Steuern von ihren Untertanen zu verlangen und die Priester den Zehnten? Warum soll ein rechter Staatsbürger denn geben dem Kaiser, was dessen und Gott, was dessen ist? Warum heißt es denn: Seid der weltlichen Macht untertan; denn es besteht nirgends eine Macht, außer in Gott. So aber Macht ist einem gegeben, so ist sie ihm ja aus Gott gegeben, mag sie nun so oder so beschaffen sein! Wie mag denn nun solches den Mann beirren?
HIM|3|430123|2|0|Ich meine aber, dass das, was der Herr tut und getan hat, doch recht getan sei, indem der Herr doch sicher ein vollkommener Herr ist und somit ganz allein der vollkommenste Inbegriff allen Rechtes über alle Dinge und alle Seine Geschöpfe. Sollte etwa dagegen der Mann auch etwas einzuwenden haben? So ein Nachbar zum anderen sagte: Freund, ich verlange von dir jährlich ein Drittel deiner Ernte! – Was wird dazu der Nachbar wohl sagen? Ich sage, er wird dem also Fordernden gar übel begegnen und wird ihn gar ernstlich fragen: Mit welchem Recht verlangst du solches von mir? Ziehe ab von mir mit solcher Forderung, wenn du von mir nicht verderbt werden willst!
HIM|3|430123|3|0|Wenn aber der Monarch ein Gebot veröffentlichen lässt, das da lautet: Ein jeder meiner Untertanen muss mir künftig die Hälfte seiner Ernte abtreten; wer sich dagegen sträuben wird, der soll als ein Meuterer behandelt werden, und wer da nichts geerntet hat und hat doch Haus und Grund, dem soll alles weggenommen werden, damit ich zu meiner Hälfte komme. – Warum spricht denn da der Untertan nicht also, wie er ehedem zu seinem Nachbar gesprochen hatte? Du antwortest: Weil solches der mächtige Landesherr gebietet.
HIM|3|430123|4|0|Gut – so aber der Landesherr durch seine Macht ein Recht hat, sein Volk unmäßig zu besteuern, und es getraut sich niemand, ihm dasselbe zu bestreiten, da solches Tun in brüderlich menschlicher Hinsicht doch offenbar ungerecht ist, allda ernten zu wollen, wo man niemals einen Kern ausgestreut hat, da meine Ich, dass dem Schöpfer aller Dinge doch eher ein Recht zukommen dürfte, den Israeliten zu sagen, dass sie das Gold und Silber der übermütigen Ägypter nehmen sollen, indem sie ehedem denselben gar lange hatten fronen müssen, als da ferner ein Feldherr das Recht hat, eine eroberte Stadt zu plündern. Daher möge sich der Mann über Meine ewigen Alleinrechte zuvor besser bescheiden lassen und dann erst urteilen, ob Meine Führungen göttlich oder nicht göttlich sind!
HIM|3|430123|5|0|Übrigens besagen auch die goldenen und silbernen Gefäße noch ganz etwas anderes, – allein solches ist nicht für unseren Mann; daher für ihn bloß das Schwert des Buchstabens. Amen!
HIM|3|430125|1|1|Dr. Strauß (Fortsetzung) – 25. Januar 1843 [Dr. Strauß]
HIM|3|430125|0|0|Zweiter Korinther, 11. Kapitel, Verse 13-15
HIM|3|430125|1|0|Siehe, kurz gesagt, ist auch gut gesagt! Strauße, alle gewinnsüchtigen Priester, je höheren Weltranges, desto ärger, und zwar von was immer für einer Konfession, dann alle eigennützigen und dadurch herrschsüchtigen Gesetzgeber und Machthaber sind lauter solche Afterapostel und sehr betrügende Arbeiter in Meinem Weinberg. Gestalten sie sich auch von außen, als wären sie Meine Apostel, so sind sie aber dennoch nichts anderes als reißende Wölfe in Schafspelzen, oder noch mehr verdolmetscht, sie sind Satane, die sich eines sicheren Fanges wegen zu äußeren Engeln des untrüglichen Lichtes gestalten. Und es ist ja dann auch nichts Sonderliches, dass die Diener in der Sphäre ihrer auszuübenden Gerechtigkeit gleich sind ihren Herren. Ich aber sage: Ihr Lohn wird nach ihren Werken sein!
HIM|3|430125|2|0|Wer aber ist besser aus dem Terno? Siehe, Strauße sind an sich besser, denn die Priester und Gesetzgeber; denn die Strauße verlangen nichts für ihr Licht und den angerichteten Schaden, die anderen aber verlangen dafür noch einen mächtigen Tribut!
HIM|3|430125|3|0|Wer da Arges tut, ohne das Arge zu sehen, der ist nur ein blinder Führer des Blinden, und sein Gericht wird mäßig sein. Wer aber ein Sehender sein will und führt den Blinden ins Verderben, tötet ihn und beraubt ihn dazu noch seiner kleinen Habe, nun dies wird doch wohl ein arger Satan sein?
HIM|3|430125|4|0|Ich meine, dass dieses Wenige dir wohl genügen wird; denn es ist leicht zu fassen, wie Ich es meine! O Priestertum, o Gerechtigkeit! Du große Trübsal der Welt bis ans nahe Ende! Dein Lohn wird groß sein! Amen!
HIM|3|430126|1|1|Dr. Strauß (Fortsetzung) – 26. Januar 1843 [Dr. Strauß]
HIM|3|430126|0|0|Evangelium Johannes, 7. Kapitel, Verse 3-5
HIM|3|430126|1|0|Solches taugt für das Prophetentum des Dr. Strauß.
HIM|3|430126|2|0|Siehe, so der Herr nicht tut nach dem Sinn, besser Unsinn der Menschen, so mag niemand an Ihn glauben. Sagen nicht auch jetzt die Brüder, mehr als zu Meiner Zeit, zu Mir: Mache Dich auf von dannen, ziehe nach Judäa, auf dass auch die Jünger sehen die Werke, die Du tust! Wer tut denn etwas im Geheimen, so er will offenbar werden? Du tust aber solche Werke, so tue sie vor der Welt, auf dass auch Deine Jünger glauben an Dich!
HIM|3|430126|3|0|Wer sind die Brüder? Ein jeder, der an Mich glaubt und hört Mein Wort, der ist Mein Bruder; denn auch Ich habe ja das Menschliche darum angenommen und wollte daher und daraus geboren werden, daraus und daher ein jeder andere Mensch geboren wird.
HIM|3|430126|4|0|Glauben diese Brüder aber völlig an Mich? Nein, sie glauben nicht! Warum glauben sie aber nicht? Weil Ich als Gott und Schöpfer ihnen wollte ein wahrer Bruder sein, und weil Ich als solcher nicht nach ihrem Unsinn tue, weil Ich die höchste Weisheit bin von Ewigkeit.
HIM|3|430126|5|0|Was verlangen aber die Brüder dennoch von Mir? Sie verlangen, dass Ich als Gott Mich vor allen Schweinen der Welt manifestieren solle! Und tue Ich solches nicht, so wollen sie Mir nicht glauben und sagen: Was solle es da mit solch einem Gott, welcher Sich nicht ans Tageslicht getraut und zieht Sich beständig zurück wie der Fuchs in sein Geschleif? Sind denn nicht alle Menschen Seine Geschöpfe? Warum treibt Er denn Sein Wesen nur mit Einzelnen und achtet der Gesamtheit nicht? Warum geht Er denn nicht dorthin zu den Mächtigen, zu den Hohepriestern, die Er doch bis jetzt im Wohlstand geduldet hat, sondern schleicht wie ein Furchtsamer in den verborgenen Schlupfwinkeln herum, macht da Fischer und allerlei anderes nichtssagendes Gesindel zu Seinen Freunden und Brüdern und will wirken mit ihnen? Aber diejenigen, die Er unter Donner, Blitz und Erdbeben unter Moses zu Seinen Dienern gemacht hat, lässt Er nun sitzen, verachtet sie wohl gar, schimpft über sie und weicht ihnen aus, wo Er nur kann.
HIM|3|430126|6|0|Seht, das ist der alte Vorwurf, und Strauß samt der ganzen ungläubigen Welt machen Mir stets den gleichen Vorwurf! Und dennoch will Ich Mich nicht ändern! Findet ihr dies nicht sonderbar? Mir sind die armen Lumpen lieber als die honetten Reichen, die da sind eine wahre Weltehre und Glanzzierde. Ist das nicht sonderbar? Mir ist die Magdalena lieber als die züchtigste Klostervestalin.
HIM|3|430126|7|0|Ja, es gäbe noch eine Menge solcher Sonderbarkeiten, aber was nützt es, darüber zu räsonieren, so Mir ein Kind lieber ist als der gelehrteste Strauß! Ich bin denn einmal so und nicht anders. Wem Ich also nicht zusage, der soll Mich anders machen, wenn Er kann. Ich aber werde schon auf ewig in dieser Verfassung bleiben. Warum? Weil es Mir gerade so am besten gefällt.
HIM|3|430126|8|0|Solches verstehe ein jeder Strauß. Amen!
HIM|3|430127|1|1|Dr. Strauß (Fortsetzung). Die Welt und der Zeitgeist – 27. Januar 1843 [Dr. Strauß]
HIM|3|430127|0|0|Daniel, letzte Zeit, der Antichrist, 11. Kapitel, ins 12. Kapitel übergehend, Verse 37 und 38.
HIM|3|430127|1|0|Auch hier wollen wir uns kurz fassen und mit wenigen Worten zeigen, wie es mit der Sache steht. Wer ist der König und wer der Gott „Mäusim“? Der König ist die Welt, und der Gott Mäusim der sogenannte Zeitgeist! Wieso denn, sagst du. So sehe denn hin und urteile selbst, ob es nicht also ist.
HIM|3|430127|2|0|Achtet die gegenwärtige Menschheit eines Gottes? Ich sage dir, ohne Gold und Silber nicht einmal die besseren Priester. Wie sieht es denn mit der Frauenliebe aus? Sage Mir, welche noch so gottesfürchtige, züchtige und dabei auch noch reizende, sogar schönste Jungfrau hat denn noch vor den Weltmännern einen Wert ohne Geld? Wer nimmt eine arme Dirne zum Weib? Wenn sie eine Hure machen will, so wird sie bezahlt sein für die Entblößung, und will sie dies aus Liebe zu Mir nicht, da wird sie als eine Irrsinnige betrachtet und ist vor den Augen der Welt verächtlich.
HIM|3|430127|3|0|Siehst du nun ein, dass der König richtig bezeichnet ist? Und sein Gott, der Zeitgeist, lehrt ihn Gold, Silber, Edelsteine und andere geldeswerte Gegenstände zu suchen und ihn mit denselben zu ehren!
HIM|3|430127|4|0|Was aber ist die Wesenheit dieses Gottes? Solches besagt schon sein Name „Mäusim“, nämlich: Meineid, Eigenliebe, Selbstsucht, Ruhm, Pracht, Herrschsucht, Stolz, Verachtung alles dessen, was der Selbstsucht zuwider ist. Kennst du nun den Gott? Siehe, also ist er nun buchstäblich da vor deinen Augen!
HIM|3|430127|5|0|Du sagst: Ja, o Herr, also ist es richtig bis auf ein Haar vor unseren Augen; aber was hat denn der Strauß mit dem Mäusim zu tun? – Ich sage dir: Sehr vieles; denn in ihm personifiziert sich ja dieser Gott von der einen Seite gerade also, wie er sich auf der anderen im gegenwärtigen hohen Priestertum personifiziert, und das zwar ohne Ausnahme in der ganzen Welt.
HIM|3|430127|6|0|Strauß leugnet Christus durch seine Schriften, das hohe Priestertum aber durch seine Taten. Strauß verkauft seine Schrift oder den Nicht-Christus ums Geld; das hohe Priestertum tut alles für Christus ums Geld. Ohne Geld und Ruhm aber würde es für Christus ebenso wenig tun, so wenig Strauß je einen Nicht-Christus geschrieben hätte, wenn er dafür nicht recht viel Geld bekommen hätte. Also Christus oder Nicht-Christus, das ist gleich, wenn er nur Geld einträgt so oder so, dann kann man ja alles für ihn tun.
HIM|3|430127|7|0|Und siehe, dieser Christus oder Nicht-Christus ist der personifizierte Mäusim oder der allereigentlichste Antichrist. Ich meine aber nun, du wirst die Sache endlich einmal verstehen; verstehe aber auch, warum hier das 11. Kapitel so stark ins 12. übergeht, wie die Nacht in den Tag, so wirst du das ganze hohe Geheimnis enthüllt erschauen. Solches wohl zu beachten und zu verstehen sei euer Sinn. Amen!
HIM|3|430128|1|1|Dr. Strauß (Fortsetzung) – 28. Januar 1843 [Dr. Strauß]
HIM|3|430128|1|0|Also schreibe noch ein kurzes Nachwort zu Dr. Strauß.
HIM|3|430128|2|0|Du bist noch mit der in Daniel dargestellten Frauenliebe nicht so ganz im Reinen und sagst: Was hat denn wohl diese mit Dr. Strauß zu tun? – Ich sage dir, sehr vieles! Wie? Dies soll sogleich erörtert werden.
HIM|3|430128|3|0|Siehe, Strauß oder Nicht-Christus, ist einerlei. Nun, du hast den wahren Christus. Was sagt aber dieser? Du sagst: Der wahre Christus sagt: „Sucht vor allem das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit (welche ist die Liebe), alles andere wird euch hinzugegeben werden! Sorgt auch nicht für den kommenden Tag und fragt nicht, was werden wir essen, und womit werden wir uns bekleiden; denn nach allem dem trachten ja nur die Heiden. Seht aber die Vögel in der Luft, sie säen nicht und ernten nichts in die Scheunen, und der h. Vater ernährt sie doch, und seht die Lilien auf dem Feld an, sie spinnen und weben nicht, und doch war Salomo in all seiner königlichen Pracht nicht herrlicher gekleidet als sie.“
HIM|3|430128|4|0|Du hast gut geantwortet. Nun aber sage Mir dann: Wie verhält sich demnach dein wahrer Christus und die gegenwärtige allgemeine Volksindustrie? – Du sagst: O Herr, dies verhält sich ja gerade wie Himmel und Hölle! – Gut bemessen, sage Ich dir, nun aber gebe Acht!
HIM|3|430128|5|0|Siehe, du kennst nun und hast den wahren alten Christus bei dir und durch deinen Glauben an Ihn in dir! Gehe du nun aber als ein lediger, noch gar heiratbarer Mann in ein noch dazu sogenannt recht christliches Haus, das da eine heiratbare Tochter hat, und halte, da du ja Mich hast, und also demzufolge den ewigen Lebensschatz, allda um die Hand der Tochter an. Was meinst du wohl, wie die Antwort auf solch eine Frage ausfallen wird? Siehe, Ich will sie dir buchstäblich sagen.
HIM|3|430128|6|0|Das Elternpaar wird zu dir sagen: Guter Freund, es ist recht löblich und schön von Ihnen, dass Sie, der Sie uns als ein ehrbarer und schätzenswerter Mann wohlbekannt sind, Ihre achtbaren Augen unserer Tochter zugewandt haben. Allein Sie als ein erfahrener Mann werden sicher doch auch wissen, dass man in der gegenwärtigen Zeit entweder etwas sein oder haben muss, um ein Weib erhalten zu können. Sie aber sind nichts und haben unseres Wissens auch nichts als allein Ihre sonst schätzenswerten Eigenschaften, von denen sich aber bei der jetzigen Zeit freilich wohl nichts herunterbeißen lässt. Also werden Sie als ein vernünftiger Mann auch wohl einsehen, dass wir unser Kind unter solchen Aussichten nicht hergeben können. Unsere Tochter wird wohl heute oder morgen auch ein schönes Vermögen haben und kann daher nur wieder jemanden wählen, der es ihr auf die eine oder andere Art erwidern kann. Wir sind Ihnen übrigens sehr verbunden und werden uns allezeit geschmeichelt fühlen, wenn Sie uns als Freund besuchen wollen, aber nur in der gegenwärtigen Absicht nicht; denn da müssten wir Sie im Ernst bitten, unser Haus zu meiden.
HIM|3|430128|7|0|Hier hast du es buchstäblich, und kannst noch fragen, was der Strauß mit der Frauenliebe zu tun hat? Siehst du denn nicht, wo Christus ist, da ist kein Geld; wo aber Geld ist, da ist kein Christus. Strauß aber leugnet Christus, also ist er fürs Gold. Habe du daher Strauß oder Gold, so wirst du auch Frauenliebe haben; ohne Strauß wirst du aber immer dieselbe Antwort bekommen.
HIM|3|430128|8|0|Frauenliebe ist demnach zweifach zu nehmen: erstens, dass ein Mann mit der nun seltensten Ausnahme ein Weib nicht ansieht, so es ihm nicht ebenbürtig ist, entweder dem hochgehaltenen, vorteilhaften Stand oder dem Vermögen nach; oder zweitens hat ein Weib in sich selbst keine Liebe, außer diejenige des Dr. Strauß, d. h. auf Deutsch – Gold.
HIM|3|430128|9|0|Dass aber solch ein Christentum, welches eigentlich ein allerinnigstes Brudertum sein soll, ein ebenso gutes Christentum ist, als dasjenige, was Strauß beschrieben hat, kannst du gar leicht daraus ersehen, wenn du den wahren alten Christus mit dem gegenwärtigen Geld-Christus vergleichst und ebenso, dass dieser Geld-Christus samt dem Straußschen Nicht-Christus der allereigentlichste, wesenhaft personifizierte Antichrist ist.
HIM|3|430128|10|0|Ich meine, dass Ich dir solches kaum näher darzutun brauche; und so sei denn damit zufrieden. Amen!
HIM|3|430407|1|1|„Die Perlen werft nicht vor die Schweine“ (Mat. 7,6) – 7. April 1843, abends
HIM|3|430407|0|0|O Herr, Du sprachst ja zu den Deinen: „Die Perlen werft nicht vor den Schweinen!“ Doch ließest Du, kostbarste Perle, zertreten Dich durch Priesterkerle?!
HIM|3|430407|1|0|Ja, also ist es auch im vollsten Ernst, aber nur muss hier gar wohl unterschieden werden, wer Ich bin – und wer die Apostel und Jünger sind.
HIM|3|430407|2|0|Du bist ein Herr in deinem Haus und kannst mit deinen Schätzen tun, was du willst, und hast niemandem darum eine ausweisliche Rechnung zu legen, warum du also tust, wie es dir gut dünkt. So du aber einen Knecht in deinem Haus bestellst, wirst du ihm wohl auch die Vollmacht geben, zu tun mit deinen Schätzen, was er will, ohne dich nur im Geringsten um Rat zu fragen oder sich irgend an deine Vorschrift zu halten?! Ich meine aber, du wirst deinem Knecht nur gar wohlpflichtigst auftragen, dass er zu aller Zeit treulichst wache über dein Haus und jeglichen Dieb abhalte sorgfältig, dass er nicht seine klebrige Hand lege an deinen Schatzkasten!
HIM|3|430407|3|0|Wenn du aber schon also vorsichtig handeln möchtest für dein Haus, da wird es doch etwa auch bei Mir nicht unweise gehandelt sein, so Ich Meinen Knechten aufgetragen habe, Mein Wort nicht den Schweinen zu predigen, da es doch der allerlebendigst größte Schatz Meiner Liebe und Erbarmung ist!
HIM|3|430407|4|0|Es handelt sich demnach nur darum, so ganz eigentlich zu wissen, wer die Schweine – und wer also die eigentlichsten Diebe sind. Ein Schwein treibt alles in seinen Bauch und verwendet es da natürlich zu seiner Ernährung; also stiehlt auch ein Dieb alles, was er sich nur immer zunutze machen kann.
HIM|3|430407|5|0|Das ist sicher sonnenklar. Demnach aber sind die Priester nicht als Schweine und Diebe zu betrachten, denn sie wollten Meine Schätze ja nicht; daher sie wohl wahre Mörder, aber somit nicht als Schweine und Diebe Meines Wortes zu betrachten sind!
HIM|3|430407|6|0|Aber es hat zu allen Zeiten gewisse Zauberer, Magier, falsche Propheten und eigennützige, schändlich verschmitzte betrügerische Wundertäter gegeben. Diese konnten alles zu ihrem gewinnlich Besten gebrauchen. Mein Wort aber, welches in sich selbst allmächtig ist, wäre diesen Schweinen und Dieben wohl das beste Wasser auf ihre Mühlen gewesen, wenn sie es irgend hätten bekommen können. Für diesen Fall also gab Ich den Aposteln das Vorsichtsgebot, Meine Perlen solchen Schweinen und Dieben nicht vorzuwerfen!
HIM|3|430407|7|0|Solche Schweine und barsten Diebe aber sind auch heutzutage alle jene, welche Meine Lehre zu einem barsten Handelsartikel machen und sich für jegliches Wort des Evangeliums zahlen lassen und so auch die Worte des Lebens in ihren Unrat mengen, um daraus eine neue wundertätige und sehr viel Geld eintragende Substanz zu bereiten.
HIM|3|430407|8|0|Blicke hin auf alle die Wunderbilder in den nahe zahllos vielen steinernen, tönernen und hölzernen Bethäusern; sind sie nicht alle mit Meinen Perlen unterspickt? Siehe an alle die zeremoniellen Gegenstände; da ist aber auch nicht eines, bis zum Kirchenstaub selbst, das da nicht mit eben den Perlen wo nur möglich kleinst umwunden und durchwebt wäre! Ich meine, es wird kaum nötig sein, dir mehr darüber zu sagen.
HIM|3|430407|9|0|Die ersten Apostel haben dieses Gebot auch sorgfältigst beachtet; aber bei der stets größeren Ausbreitung des Wortes war es denn wohl unmöglich zu verhindern, dass nicht auch auf der offenen Erde Schweine und Diebe in Meinen großen Weinberg hätten gelangen sollen. Also war auch das Gebot in sich selbst allzeit beachtet worden.
HIM|3|430407|10|0|Da aber doch auch Schweine und Diebe lebendige Geschöpfe sind, welche auch ihren freien Willen haben, so konnten sie auch wohl in den großen Weinberg geraten und da begehen einen unziemlichen Raub! Sie haben daher auch nur, was sie gestohlen und geraubt haben – aber nicht, was ihnen wäre gegeben worden.
HIM|3|430407|11|0|Was sie aber haben, ist darum tot und nützt ihnen nicht zum Leben, sondern nur zum Tode, indem sie voll der schmählichsten Unlauterkeit ihre Hände in Meine Schüssel tauchen. Wer die Perle hat und hat sie nicht von Mir lebendig, sondern anderswoher, der ist ein Dieb, ein Räuber und ein Schwein; diesen wäre aber auch ein Mühlstein am Hals in des Meeres Tiefe besser, als solch eine Perle! Denn diese werden ihrem Richter nicht entgehen, den sie doch in sich tragen.
HIM|3|430407|12|0|Wer es aber von Mir, dem Vater, erlernt und das Wort hat lebendig, der hat es gerecht; aber er habe ebenfalls Acht, dass er dann die Perlen nicht den Schweinen vorwerfe! Also ist solches zu verstehen, und also verstehe es du, Mein Sohn, Amen.
HIM|3|430503|1|1|Eine kurze Antwort des Herrn auf eine Frage bezüglich der Satana und ihres Anhanges – 3. Mai 1843
HIM|3|430503|0|0|Frage: O Herr! Wie behandelt denn die Satana die ihr anhängenden Geister? Haben diese Liebe zu ihr oder Furcht vor ihr?
HIM|3|430503|1|0|Antwort: Auf diese Frage kann Ich dir nichts anderes sagen, als dass die Schlange sich ganz neutral verhält und „behandelt“ niemanden; sondern ein jeder lebt auf seinem eigenen Grund und Boden nun. Alle höllische Liebe aber ist inwendiger Hass, alles Wohltun ist Eigenliebe, und jede Großmut ist der stinkendste Hochmut! Mehr brauche Ich dir darüber nicht zu sagen, denn du kannst an dem zur Übergenüge haben. Amen.
HIM|3|430526|1|1|Erklärung des 93. Psalms Davids – 26. Mai 1843
HIM|3|430526|1|0|Schreibe für heute etwas über den 93. Psalm Davids, damit so mancher daraus ersehen soll, um welche Zeit es nun in dieser Zeit sei. Siehe, das ist wohl einer der kürzesten Psalmen des Mannes nach Meinem Herzen, denn er besteht nur aus respektive fünf Versen; aber er ist seiner Bedeutung nach gerade für diese gegenwärtige Zeit und ihre Zukunft einer der größten Gesänge des Sängers im Geiste der ewigen Ordnung aus Mir! Wie aber solches gar wohl der Fall ist, soll sogleich in aller Kürze folgen – und so schreibe und höre denn und schaue!
HIM|3|430526|0|0|Psalm 93
HIM|3|430526|0|0|(1.) Der Herr ist König, und das gar herrlich geschmückt.
HIM|3|430526|2|0|Das heißt: Ich, der Herr Jesus Christus, bin der alleinige Gott aller Himmel und Welten in aller endlosen ewigen Fülle der göttlichen Macht, Kraft, Gewalt, Heiligkeit, Gnade, Liebe und Erbarmung, welches alles ist Meine ewige Ordnung, Weisheit oder die göttliche Gerechtigkeit. Der Herr ist geschmückt und hat ein Reich angefangen, so weit die Welt ist, das heißt: Ich habe Mich aus Meiner Ordnung der Menschen der Erde erbarmt und will sie aufrichten in ihrem Geist, und ihr Geist soll ein Herr sein in ihrer Seele und in ihrem Fleisch; – und hat es zugerichtet, dass es bleiben soll, heißt: Ich gebe es aus den Himmeln dem Geist im Menschen; das lebendige Wort soll von nun an bleiben im Menschen fort und fort, und der Tod soll keine Gewalt mehr haben.
HIM|3|430526|0|0|(2.) Von dem an steht Dein Stuhl fest; Du bist ewig!
HIM|3|430526|3|0|Heißt: Von der Zeit an, da Ich durch das lebendige innere Wort den Geist des Menschen erwecken werde, wird Meine Liebe bleiben im Menschen, und es wird niemand der Geweckten mehr zweifeln an Mir und Meinen Verheißungen; denn Ich werde dem Geist zeigen die endlosen Wunder Meiner Liebe, Weisheit, Heiligkeit und Macht in der Tiefe der Tiefen für alle Zeiten der Zeiten bleibend.
HIM|3|430526|0|0|(3.) Herr! Die Wasserströme erheben sich, die Wasserströme erheben ihr Brausen, die Wasserströme heben empor ihre Wellen.
HIM|3|430526|4|0|Heißt: Ich bin der alleinige Gott; es werden sich zwar anfangs dagegen sträuben die Weltmenschen, und die Weltgelehrten werden dagegen schreien und schreiben, und die Machthaber werden mit zornigen Füßen gewaltig dagegen strampfen und werden sich dagegen gewaltsam auflehnen.
HIM|3|430526|0|0|(4.) Die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen gräulich; der Herr aber ist noch größer in der Höhe!
HIM|3|430526|5|0|Heißt: Das Priestertum der Welt wird gar mächtig dagegen zu Felde ziehen und wird verdammen mit großem Zorn und großer Wut das neue Reich im Menschen; aber es wird sich niemand mehr daraus etwas machen und sich kehren an das Geplärr der Elenden, da sie nur als ohnmächtige Zornspeier plärren werden. Ich aber werde dennoch gar mächtig mit Meiner Liebe und Weisheit aus den Himmeln im Geist der Menschen durchdringen und werde vertrocknen und gänzlich versiegen machen die Ströme und werde über das Meer (priesterliches Heidentum) ausstrecken Meinen mächtigen Arm, auf dass es ohnmächtigst erstarren solle auf ewig!
HIM|3|430526|0|0|(5.) Dein Wort ist eine rechte Lehre; Heiligkeit ist die Zierde Deines Hauses ewiglich.
HIM|3|430526|6|0|Heißt: Mein lebendiges Wort im Geiste ist eine wahrhaftige Predigt, Lehre, Kirche; es ist eine wahrhaftige, heilige Wohnstätte Gottes im Menschen, das wahrhaftige Reich Gottes in und unter den Menschen der Erde. Dieses Wort (Heiligkeit) ist die Wahrheit, (Zierde) der Weg und das ewige Leben in der reinen Liebe zu Mir!
HIM|3|430526|7|0|Siehe, das ist die Grundbedeutung dieses Psalms, nach dessen Weissagung soeben die Zeit begonnen hat und wird mächtige Fortschritte tun, wennschon anfangs im Geheimen mehr. Wenn aber in kurzer Zeit die Herzen durchwärmt und durchleuchtet werden, dann wird aber denn auch Meine Hand einen Gewaltstreich gegen alle Welt ausführen und erstehen machen im großen Herzensglanz die Geweckten und mit Meinem lebendigen Geist Getauften; und Ich Selbst werde nicht selten wieder sichtbar unter den Meinen anzutreffen sein und werde sie bereichern mit großer Macht über alle Dinge. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|430628|1|1|Der Morgen – 28. Juni 1843 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|3|430628|1|0|Hehr naht des Tages Mutter! – Dunkelheit / umflorte eher Land und Meer; / wie herrlich strahlt sie nun im Glanzeskleid / und spendet Freude rings umher!
HIM|3|430628|2|0|Mit ihr erneute Lebenskraft erwacht, / wie regt sich alles in der Welt, / wie herrlich strahlt die Flur in Morgenpracht, / von mächt’ger Sonnenglut beseelt!
HIM|3|430628|3|0|Also auch kommt der Herr! Erst Dämmerung, / dann hell’res Morgenrot, dann Licht; / bis endlich voller Tag, rein, frisch und jung / des Herzens dichte Nacht durchbricht!
HIM|3|430628|4|0|Solang am Himmel dort die Sonne brennt, / erfreut das Herz ihr wärmend Licht; / so auch, wie lang das Herz Mich treu bekennt, / ermangelst du der Freude nicht!
HIM|3|430628|5|0|Willst leben du ein gutes Leben hier, / so sprech’ in deiner Brust getreu, / die nächste Stroph’ lebendig stets in dir, / und diese laute also frei:
HIM|3|430628|6|0|„O strahl du ew’ge Morgensonne doch / den ganzen Lebenstag in mir, / gar heiter trag ich dann dies ird’sche Joch / erquickt und hoch erfreut in Dir!“
HIM|3|430000|1|1|Ein persönliches Wort über laue Töchter – Nachtrag eines Nebenwortes vom Sommer 1843
HIM|3|430000|1|0|Höre aber wohl! Was da deinem Herzen eine kleine Missbilligung abnötigt, das hat schon seit dem Konzert im ersten Stock Meinen völligen Abschied zuwege gebracht, weil zuvor Meine große Missbilligung!
HIM|3|430000|2|0|Siehe, so sind die besseren Menschen gegen Mich! Ich wollte sie zeitlich und ewig so glücklich als möglich machen und habe ihnen darum schon übergroße Wohltaten erwiesen und die zuverlässigsten Verheißungen gemacht. Aber weil Ich nicht schon am nächsten Tag gab, was Ich verhieß, so suchen sie selbst sich zu entschädigen.
HIM|3|430000|3|0|Lassen wir ihnen aber ihre eitel törichte Weltfreude, lassen wir ihnen ihre abendlichen Spaziergänge, die ihnen nun um vieles lieber sind, als so sie anhören müssen noch dann und wann Mein lebendiges Wort, so es ihnen unser Freund A. H. W. vorliest. Lassen wir ihnen ihre römische, Mir aber über alles feindliche Priesterliebe und auch die Liebe solcher, die ihnen solche Priester unter allerlei Freundschaftsvorwänden zuführen.
HIM|3|430000|4|0|Wir beide aber werden uns, verstehst du Mich, bei dieser Gelegenheit mit unserer Gnade und Liebe und unserem Segen so hübsch weit zurückziehen. Und die Folge wird sie dann schon lehren, und sie werden es erkennen, wenn schon zu spät, welchen Tausch sie gemacht haben und Wer sie in uns beiden verlassen hat.
HIM|3|430000|5|0|Siehe, Ich und du sind darum zu eifersüchtigen T-n geworden, weil wir uns unterstanden haben, den Gewissen einige unbilligende Bemerkungen zu machen! Von nun an aber wollen wir das unterlassen und sie ganz ihrem Weltsinn und ihrer Heiratslust überlassen, – dass wir aber bei derlei Hochzeiten nicht zugegen sein werden, verstehe, des kannst du wohl versichert sein.
HIM|3|430000|6|0|Bisher habe Ich dem A. H. W. geraten, dass er ihnen vorlesen möchte Mein Wort. Er hat es auch redlich getan. Von nun an aber rate Ich ihm solches nicht mehr, denn seine älteren Töchter halten es insgeheim nur für eine alberne Dichtung aus dir und achten es nicht mehr und hören es auch nur mit einem leisen Widerwillen an.
HIM|3|430000|7|0|So sie nicht auf das Eifrigste auf uns zugehen werden, werden wir sie lassen, wie sie sind, und werden uns ihrer nicht im Geringsten kümmern. Denn schläfrig und gelangweilt hören sie Mein Wort an; aber desto heiterer und lebendiger sind sie in der Gesellschaft derjenigen, die ihnen zu Gesichte stehen. Daher lassen wir sie gehen, und wir wollen keine Sache mit ihnen haben, um nicht mehr als eifersüchtige T-n und Fadiane vor ihnen zu erscheinen! Verstehst du Mich? Also geschehe es. Amen.
HIM|3|431013|1|1|Segen der Heimsuchung – 13. Oktober 1843
HIM|3|431013|1|0|Schreibe nur, schreibe, denn Ich weiß es schon, um was es sich handelt!
HIM|3|431013|2|0|Mein lieber Ans. H. W., siehe, die Stunde, in der du leiblich geboren wurdest, ist Mir gar wohl bekannt. Ich habe dich damals gesegnet und segne dich jetzt wieder, auf dass du stets gesund am Geist wie auch nebenbei am Leib, soviel es zu deinem Heil vonnöten ist, verbleiben sollst. Halte aber jedoch nicht zu große Stücke auf die Gesundheit des Leibes, denn sie schadet dem Geist mehr, als sie ihm nützt.
HIM|3|431013|3|0|Sieh an eine frische grüne Nuss auf dem Baum! Solange diese fest, frisch und grün verbleibt, so lange auch wird der Kern nicht zeitig. Wenn aber die äußere grüne Schale anfängt sich zu bräunen und flott und vertrocknet zu werden um die Nuss, dann ist es ein Zeichen, dass die Nuss innerhalb der Schale reif geworden ist.
HIM|3|431013|4|0|Aus dem Grunde lasse Ich die Meinen auch stets dem Leibe nach dann und wann ein wenig kränkeln, damit sie sich ja mit der Welt nicht zu sehr vermengen sollten in einem zu gesunden Leibeszustand. Denn ist da jemand dem Leibe nach so recht löwenmäßig gesund, da kommt ihm nicht der leiseste Gedanke, dass er einst doch diese Trugwelt wird verlassen müssen; denn da gefällt ihm auf der Welt alles viel zu gut, ein jedes Blümchen, ein jeder Bissen, eine jede Dirne, eine jede Gegend, und er hat den sehnlichsten Wunsch, nur ewig also auf der Erde zu leben, und bekommt nie das heilige Heimweh nach dem ewigen Vaterhaus im Himmelreich.
HIM|3|431013|5|0|Wird aber sein Leib krank, da erinnert sich der Mensch, dass es auf der Erde keines Bleibens sein wird, und fängt dann und wann doch etwas ängstlich an nachzudenken, was da nach dem Tode des Leibes etwa doch sein und kommen dürfte. Und das ist dem Geist schon heilsamer, als alle noch so unschuldigen Vergnügungen bei kernfrischem und gesundem Leib.
HIM|3|431013|6|0|Siehe, so du einen Sohn in die Fremde schicken möchtest, und es ginge ihm aber dort ausgezeichnet gut, meinst du, dass er zu dir heimkehren wird? Meinst du, er wird etwa Heimweh bekommen nach seinem väterlichen Haus? O nein, des kannst du wohlversichert sein! Denn er wird sagen: Da müsste ich ein rechter Narr sein! Hier habe ich ja alles, was immer nur mein Herz verlangt, und man ehrt mich noch obendrauf allerorts, wo ich nur immer hinkomme. Komme ich aber nach Hause, da muss ich wieder um jede Kleinigkeit bittend zum Vater kommen, und dann erst besinnt er sich, lange genug, ob er mir wohl das Erbetene geben solle oder nicht. Hier bin ich ein angesehener Herr für mich, dort zu Hause aber, an der Seite meines Vaters, der Niemand; daher bleibe ich hier!
HIM|3|431013|7|0|Siehe, das ist die buchstäbliche Äußerung desjenigen Sohnes in der Fremde, dem es zu gut geht auf fremdem Boden! Wird ihn der Vater auch nach Hause zitieren, so wird er aber dennoch fürs Erste nur mit großem Unwillen nach Hause sich begeben, und fürs Zweite wird er zu Hause sich also benehmen, dass es eine barste Schande sein wird. Denn es wird ihm alles zu enge und elend und schlecht vorkommen, mit einem Wort gesagt, er wird nimmer guttun daheim! Geht es aber einem Sohn in der Fremde nicht am besten, sondern so ziemlich kümmerlich oder oft gar elend, da wird er es bald machen gleich dem verlorenen Sohn!
HIM|3|431013|8|0|Daher also sage auch Ich dir heute das, auf dass du, so Ich dich mit kleinen leiblichen Unpässlichkeiten heimsuche, dich erinnern solltest und wissen, dass derlei leibliche Unpässlichkeiten lauter Handbilletchen sind, durch welche Ich Meine Kinder an ihr väterliches Haus und an ihre Heimkehr erinnere, auf dass sie sich ja nicht in der fremden Welt zu fest ansiedeln sollten! Ich will dich aber darum etwa sicher noch nicht so bald von der Fremde abrufen, sondern nur an deine Heimat erinnern! Dass du danach alle Unannehmlichkeiten deines irdischen Lebens bemessen sollst, das wünsche Ich, dein heiliger Vater, dir heute wie allezeit in aller Fülle Meiner Liebe und Gnade, – beachte es darum auch lebendigst. Amen.
HIM|3|431017|1|1|Die Verklärung Mariens – 17. Oktober 1843
HIM|3|431017|0|0|Aus einem Nebenwort bezüglich der Himmelfahrt Mariä.
HIM|3|431017|1|0|Dessen ungeachtet aber will Ich dir doch sagen, wie Maria starb.
HIM|3|431017|2|0|Maria starb zwölf Jahre nach Meiner Heimkehr zu Bethania im Haus des Lazarus, der Martha und der Maria. Johannes allein war Augenzeuge von ihrem Hintritt; ihre Krankheit aber war die stets wachsende Liebe zu Mir, – und die Flamme dieser Liebe hatte Mariam aufgelöst und für ewig verklärt. Aber von einer sichtbaren Auffahrt gen Himmel ist keine Rede; Maria war – und war nicht mehr! Und das ist genug für deine Wissbegierde. Amen.
HIM|3|431029|1|1|Der Herr schützt Sein Werk – 29. Oktober 1843
HIM|3|431029|0|0|O Herr und liebevollster Vater! Wie ist der Fall mit jemandem zu nehmen, der meines Wissens ein starker Verächter und förmlicher Widersacher Deiner heiligen, an uns gerichteten Gnade war und sie als eine Torheit verhöhnt hat zu jeder Zeit?
HIM|3|431029|1|0|Du kannst ja schreiben ein paar Wörtchen zu deiner Ruhe! Siehe, also pflege Ich stets Mein Werk zu schützen! Sagte Ich dir nicht schon einmal bei der Gelegenheit, als ihr alle ein falsches Warnungsbriefchen erhieltet, wie Ich allen jenen sofort begegnen werde, die sich Mir ernstlich werden in den Weg stellen wollen?! Siehe, das ist die Art und Weise, wie Ich pflege Meine Feinde unschädlich zu machen! Vor kurzem habe Ich einem sehr bedeutenden Feind, der gerade auf dem Sprung war, Mir ganz ernstlich entgegenzutreten, seinen Lohn gegeben; das ist der zweite, aber der solle noch etwas geselcht werden! Was Ich damit sagen will, wirst du in der Folge verstehen!
HIM|3|431029|2|0|Ich aber sage dir: Wer immer an irgend Weltlichem mehr Behagen findet denn an Mir, dem werde Ich von nun an nur ganz kurz zusehen; kehrt er sich nicht bald um, so solle er gerichtet sein! Du weißt, was Ich damit sagen will! Wahrlich, wahrlich, wer dir oder jemandem, der in Meinem Namen etwas spricht, eine nur einigermaßen steife Widerrede tun wird, entweder offen oder heimlich, dir gegenüber oder von dir entfernt, dem werde Ich die Zunge auf eine solche Art zu lähmen wissen, dass er sicher nimmer mit ihr eine wie immer geartete Widerrede zuwege bringen soll! Frage Mich aber nicht, wie! Es ist genug, dass Ich dir solches geschworen habe. Mein Mitleid mit Meinen Feinden ist zu Ende; daher sei ein jeder gerichtet, der Mir widerstreben will im Kleinen wie im Großen! Amen, Amen, Amen.
HIM|3|431029|3|0|Das sage Ich, der Allgewaltige, Amen, Amen, Amen.
HIM|3|440626|1|1|Ein lustig’s Wörtlein für die „kleine Martha“ – 26. Juni 1844
HIM|3|440626|1|0|Schreibe nur, Ich weiß schon, was du wieder hast. Ich soll dir schon wieder einen Gelegenheitsdichter abgeben? Nun ja, da will Ich es gleichwohl tun, obschon Mir die Maria lieber war als die Martha, aber nicht etwa irgendeine gegenwärtige Maria, sondern die Schwester des Lazarus! Denn die gegenwärtigen Marien unter allerlei Ausschweifungen und Verkehrungen dieses Namens sind ebenso ausschweifend und verkehrt wie ihre Namen! Und so schreibe denn ein lustig’s Wörtlein!
HIM|3|440626|2|0|Höre du, Meine kleine Martha! An diesem deinem Tage Ich zu dir sage: Du bist in einer Lage, die da ist voll eitler Plage und führst darob gleichfort Klage an jedem Tage! – Sieh, das will Mir nicht gefallen allzumalen: wenn die Mutter klaget übern Kaffee, dann tut’s dir auch schon weh; und ist die Suppe matt, dann wirst du glatt. Es zwicket dich ganz jämmerlich, so jemand zu dir spricht, was dich ein wenig sticht!
HIM|3|440626|3|0|Sieh, das soll nicht sein bei Groß noch Klein, und es macht Mir oft darum ein starkes Leid, dass du mit Waschen und mit Bodenreiben hast so große Freud! – Im Hühnermist du manchmal ganz vergraben bist; das bringt dir manchmal wohl ein Ei, doch der Himmel ist da nicht dabei. So was musstest du doch einmal büßen, drum hat ein Iltis dir die Freud’ zerbissen; du hast dich da erstaunt gar stark über solchen blut’gen Mark. Doch solch dein traurig Stutzen kam heilsam dir zum Nutzen, denn das benahm dir deine Hühnerfreud’ und Mir ob solcher deiner Freud’ Mein Herzeleid!
HIM|3|440626|4|0|Nun lass auch nach in deiner Priesterlieb’, denn sie ist dir kein geist’ger Trieb; dann wirst du Mir vor allen schier am besten wohl gefallen! – Sieh, die Geistlichkeit ist nicht vom Fleisch befreit und macht Mir wenig Freud’, drum hab Ich’s gerne nicht, so dein Aug’ nach Priestern sticht. Wende du dafür dein Herz zu Mir in Freud und Schmerz, das wird dir nützer sein und dich um vieles mehr erfreu’n, als so Kaplän’ sich vor dir bücken und dir manchmal die Hände drücken!
HIM|3|440626|5|0|Es ist das freilich eben keine Sünd’; doch ist’s auch nicht der beste Wind auf deines jungen Lebens Meer, denn er treibt das Lebensschiff oft weit umher und verliert gar oft des Lebens Ziel, – das sag’ Ich dir ganz still!
HIM|3|440626|6|0|Befolg nur Meinen Rat und lieb Mich in der Tat, dann wirst du besser fahren; denn Ich am besten kenne die Gefahren, die oft solcher Schiffer harren, denn wo sie sich’s am wenigsten versehen, ist’s um sie auch oftmals schon geschehen!
HIM|3|440626|7|0|Siehe, das sind deine kleinen Sünden, die musst’ Ich dir verkünden. Wirst du sie künftig meiden – so ganz fein und ganz bescheiden, werd’ Ich dir nehmen alle Leiden und dir schenken viele Freuden! Denn Ich hab dich überlieb fürwahr, das sagte Ich zu dir noch alle Jahr; drum sage Ich dir nun auch das wie einen ernstlich guten Spaß! Nimm du ihn aber ernstlich nur, er bringet dich auf gute Spur, an der das ew’ge Leben klebet, das von allem Leide dich enthebet.
HIM|3|440626|8|0|Das sage Ich zu deinem Tage: Werd’ Mir ernstlich treu und frei, und fürder nicht mehr klage! Amen, Amen, Amen; das sagt dein guter Vater. Amen.
HIM|3|440825A|1|1|Winke bei der Mission – 25. August 1844 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|3|440825A|0|0|Auf eine Anfrage durch Jakob Lorber, Graz, 25. August 1844.
HIM|3|440825A|1|0|O ja, dem, der da dürstet, werde Trank gereicht; aber es gibt auch geistige Saufbolde, denen ist es nicht gut, derlei zu geistige Dinge zu reichen, weil sie dann dumm und oft böse werden wie böse Narren. Zumeist aber sollen die Perlen den Schweinen vorenthalten werden!
HIM|3|440825A|2|0|Wenn du aber doch jemandem nützen willst, der dir geeignet scheint, so tust du am besten, so du ihm mündliche Berichtigungen erteilst und ihn erst dann etwas lesen lässt oder besser selbst vorliest, wenn du ihn vollends deines Geistes erkannt hast, denn sonst könnte ihm das Lesen mehr schaden denn nützen!
HIM|3|440825A|3|0|Predigen aber ist besser als das Lesen, da es besser eindringt und hernach auch eher haften bleibt als etwas Gelesenes. Den Grund wird dir die Erfahrung von allen Zeiten zeigen.
HIM|3|440825A|4|0|Tue demnach auch du gelegentlich danach, und es wird gut und recht sein! Amen.
HIM|3|440825A|5|0|Das sage Ich dir, der Ich auch gepredigt habe in der großen Zeit der Zeiten! Amen! Amen! Amen!
HIM|3|440825B|1|1|Cherubim und Seraphim – 25. August 1844 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|3|440825B|0|0|O Herr! Was ist wohl für ein Unterschied zwischen Cherubim und Seraphim?
HIM|3|440825B|1|0|Die Cherubim bedeuten und sind der ewige Ausfluss der göttlichen Liebe und die Seraphim der Ausfluss der göttlichen Weisheit; das ist der Unterschied. Darum sagte man vor alters: „Dieser ist liebeglühend wie ein Cherub und weise wie ein Seraph.“ – Also wird durch „Cherubim“ die göttliche Liebe und durch „Seraphim“ die göttliche Weisheit in ihrem gesamten grundhimmlischen Wirken verstanden. Dein Vater in Jesu.
HIM|3|450210|1|1|Nur Mein Lohn dauert ewig! – 10. Februar 1845, Greifenburg
HIM|3|450210|0|0|An Julie Martha H. zum Namenstag.
HIM|3|450210|1|0|Also magst du reden zu der, um die du zu Mir kamst: Man sagt in der Welt: Leiern ist besser als Feiern. Doch also soll es nicht bei Mir sein; denn bei Mir gilt das eine so wenig wie das andere.
HIM|3|450210|2|0|Das Himmelreich leidet allzeit Gewalt; die es nicht mit Gewalt an sich reißen, die werden es nicht besitzen! Darum nützt da das Leiern so wenig wie das gänzliche Feiern. Der aber leiert um Mein Reich, der da im weltlichen Eifer für Mich nur so viel tut, dass er Meiner gerade nicht ganz vergisst und Mich neben der Welt mitziehen will, – wenn er aber Meiner in Weltgeschäften oft ganz vergisst, der ist es, der da feiert!
HIM|3|450210|3|0|Ich aber bin nicht, dass Ich dem Leirer wie dem Feirer Mein Reich auf den Rücken nachwürfe; sondern wer Mein Reich, welches da ist das ewige Leben, besitzen will, der muss es ohne Leiern und Feiern vollernstlich angehen. Sonst wird er auch den Lohn der Leirer und Feirer überkommen, der gleich sein wird der Ernte dessen, der den Samen am Weg, auf Steine und unter die Dornen gesät hatte.
HIM|3|450210|4|0|Also magst du deiner Freundin dieses bekanntgeben und sagen, dass das Mein einiger und ewiger Wunsch und Wille ist, dass sie sich auch samt ihren Geschwistern nicht an das Leiern und noch weniger an das Feiern wenden solle; denn aller Welt Sold ist gering und dauert kurz, nur Mein Lohn dauert ewig!
HIM|3|450210|5|0|Was aber hast du, so du den ganzen Tag hindurch der Welt um einige Groschen gedient hast? Ich sage dir, der nächste Tag wird sie dir wieder nehmen, und das so fort bis ans Ende deines Erdenlebens – und am letzten Abschiedstag von der Welt aber wirst du blanker dastehen als eine Bethausmaus! Was dann mit dir?
HIM|3|450210|6|0|Darum sammle dir vielmehr Schätze, die weder der Rost noch die Motten zerstören und die Erdentage nicht verzehren, so wirst du am Tag des Abschiedes, am Tag der Auferstehung einen reichen Schatz in Meinem Reich finden für ewig. Amen! Das sagt der Herr, der Wahrhaftige für ewig. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|450211|1|1|Was du den Armen tust, das tust du Mir! – 11. Februar 1845, Greifenburg
HIM|3|450211|0|0|An Andr. H. W.
HIM|3|450211|1|0|Mein lieber Andr. H. W., was du den Armen und was du Meinem Knecht tust, das tust du wie ganz unmittelbar Mir Selbst; denn in den Armen bin Ich Selbst arm in der Welt, und in Meinem Knecht aber wohne Ich für euch alle wie in der Fülle der Kraft des Wortes aus Meiner ewigen Liebe und Weisheit, die zwar in der Welt auch in der Armut einhergeht, – wann und wo sie kommt, aber desto reicher ist im Geiste der ewigen Liebe aus Mir!
HIM|3|450211|2|0|Ist diese Liebe auch gefangen in den Kerkern der Welt, welche da sind die harten Herzen, so dient sie aber dennoch allen zur Erlösung vom ewigen Tode. Und ist diese Liebe auch arm vor der Welt, so gibt sie aber dennoch allen alles. Wird sie auch verachtet und verspottet, so teilt sie aber dennoch die größten Ehren für ewig aus. Wird sie von vielen auch gar getötet, so gibt sie aber dennoch allen das Leben. Wird sie zerrissen und gemartert, so gibt sie aber dennoch alles vollkommen, was sie gibt! Für Krummes gibt sie Gerades, für Ungleiches das Gleiche, für Unebenes das Ebene, für Bitteres das Süße, für Essig den besten Wein, für die Nacht den Tag – und so überall das Gute fürs Schlechte und das Edle fürs Unedle!
HIM|3|450211|3|0|Wenn die Liebe aber schon für Schlechtes Gutes gibt, was erst kannst du, ein Geber des Guten, von dieser Meiner Liebe erwarten?! Darum tue Meinem Knecht, der diese Meine Liebe in sich hat, was er wünscht, so soll dein Lohn auch übergroß sein in dieser Meiner Liebe im Knecht für ewig. Amen! Das spricht die Ewige Liebe. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|450327|1|1|Brief an Andreas Hüttenbrenner in Graz über den Beginn der Niederschrift des Briefwechsels Jesu mit König Abgarus – 27. März 1845, Greifenburg [Briefwechsel Jesu 1851]
HIM|3|450327|0|0|... Ich will Ihnen einen Briefwechsel zwischen dem Könige Abgarus und dem Herrn Jesus mitteilen, welcher geschehen ist zu den irdischen Lebzeiten des Herrn. Und so vernehmen Sie die beiden Briefe!
HIM|3|450327|0|0|Der Brief des Abgarus an den Herrn lautet also:
HIM|3|450327|1|0|Abgarus, Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heiland (Arzt), der in dem Land um Jerusalem erschienen ist, alles Heil.
HIM|3|450327|2|0|Ich habe von Dir gehört und von Deinen Gesundmachungen, wie Du sie ohne Arzneimittel und Kräuter verrichtest. Denn die Rede geht, dass Du die Blinden sehen machst, die Lahmen gehen, dass Du die Aussätzigen reinigst und die unreinen Geister austreibst und diejenigen heilst, die mit langwierigen Krankheiten kämpfen, und endlich sogar die Toten auferweckst.
HIM|3|450327|3|0|Nachdem ich alle diese Dinge von Dir gehört habe, so habe ich demnach bei mir selbst geschlossen, eines von beidem müsse wahr sein: entweder Du seist Gott, vom Himmel herabgekommen – oder Du, der diese Dinge tut, seist doch zum Wenigsten ein Sohn des großen Gottes!
HIM|3|450327|4|0|Ich ersuche Dich daher durch dieses Schreiben, Dich zu mir zu bemühen, um die Krankheit, die ich habe, zu heilen!
HIM|3|450327|5|0|Ich habe auch gehört, dass die Juden wider Dich murren und Dir Böses zufügen wollen. – Ich aber habe eine zwar kleine, aber wohlgeordnete Stadt, welche für uns beide hinreichend sein wird. Daher komme Du, mein überaus hochgeachtetster Freund Jesus, zu mir und bleibe bei mir in meiner Stadt und in meinem Land; da sollst Du von jedermann auf Händen und im Herzen getragen sein. – Ich erwarte Dich mit der größten Sehnsucht meines Herzens!
HIM|3|450327|6|0|Gesandt durch meinen treuesten Knecht Brachus.
HIM|3|450327|0|0|Antwort des Herrn auf diesen Brief des Königs Abgarus.
HIM|3|450327|7|0|Abgarus, du bist selig, weil du Mich nicht gesehen und doch an Mich geglaubt hast; denn siehe, es steht von Mir geschrieben, dass die, welche Mich gesehen haben, nicht an Mich glauben werden, auf dass die, welche Mich nicht gesehen haben, glauben und leben mögen in Ewigkeit!
HIM|3|450327|8|0|Was aber das betrifft, darum du Mir schriebst, dass Ich solle zu dir kommen, da Ich hier im Judenland verfolgt werde, da sage Ich dir: Es ist nötig, dass alles das, um dessentwillen Ich gekommen bin in die Welt, an diesem Ort an Mir erfüllt werde und dass Ich, nachdem dieses alles in der Kürze an Mir erfüllt wird, zu Dem aufsteigen werde, von Dem Ich ausgegangen bin von Ewigkeit!
HIM|3|450327|9|0|Sei aber geduldig in deiner leichten Krankheit. – So Ich aber in den Himmel werde aufgenommen sein, da werde Ich einen Jünger zu dir senden, damit er deine Krankheit heile und dir und allen, die bei dir sind, die wahre Gesundheit gebe!
HIM|3|450327|10|0|Geschrieben durch Jacobum, einen Jünger des Herrn Jesu Christi, und übersandt durch Brachum, des Königs Boten aus der Gegend Genesareth.
HIM|3|450327|0|0|Liebster Freund und Bruder im Herrn! Ich glaube, diese Mitteilung wird Ihnen lieber sein als alle die Schweizer Wirren, die nichts Erhebliches für den Himmel in sich bergen. Solche Briefe zwischen Jesus und dem König Abgarus sind mir noch sechs angezeigt. Wenn ich wieder nach Graz kommen werde, will ich sie Ihnen nebst vielem anderen mitteilen ... J. L.
HIM|3|450428|1|1|Segne die Feinde und behalte die Freunde im Herzen – 28. April 1845, Greifenburg
HIM|3|450428|0|0|Anselm H. zum Namenstag. Mein lieber, getreuer Ans. H. W., also spricht der Herr:
HIM|3|450428|1|0|Meine Liebe, Gnade und Erbarmung deinem Haus allezeit; denn du bist ein emsiger Bürger Meines Reiches, welches da ist das ewige Leben! Aber du hast manchmal ein heftig Gemüt in deinem Haus, und zuzeiten lässt du erheitern dein Herz durch den leeren Anblick einer schlanken Stadtdirne. Allein Ich sage dir: Das alles taugt nicht in Meinem Vaterhaus; denn an allem dem klebt irdisches Interesse der Welt, und das taugt nicht ins Haus des Herrn alles Lebens, ins Haus des ewigen Vaters! Darum lasse ab von dem, und du wirst Mir um viele Stufen näher kommen!
HIM|3|450428|2|0|Also hast du auch eine Lust daran, aus den Zeitungen zu erfahren, was da alles in der Welt geschieht, und machst dabei nicht selten einen Parteigänger, wünschst deiner Partei den Sieg und der dir widrigen die Niederlage. Ich aber sage dir, dass da auch solches nicht gut ist; denn wird deine Partei geschlagen, so wirst du voll Ärgers und Ingrimms. Und siehe, das ist nicht ersprießlich für ein Herz, in dem Meine Liebe wohnen soll; denn diese muss Freunde und Feinde mit gleicher Glut umfangen – gleichwie die Sonne ihre Wärme und ihr Licht über alles ausströmt, ob es gut oder böse ist.
HIM|3|450428|3|0|Siehe, alle Menschen sind ja mehr oder weniger Sünder und sind ungerecht in ihren Urteilen. Willst du aber gerecht sein, so muss dich der Menschen Ungerechtigkeit nicht ärgern! Segne die Feinde und behalte die Freunde im Herzen, so wirst du Mir gleichen, der Ich am Kreuz die segnete, die Mich gekreuzigt haben!
HIM|3|450428|4|0|Diese Belehrung sei dir eine köstliche Gabe – befolge sie, so wirst du einen großen Nutzen haben zeitlich und ewig.
HIM|3|450428|5|0|Meine Liebe, Gnade und Erbarmung deinem Haus – und ein kleines Kreuzlein, das Ich dir werde zukommen lassen aus Meiner Liebe. Amen.
HIM|3|450915|1|1|Meine Liebe ist das kräftigste, wahre Heilmittel – 15. September 1845, Greifenburg
HIM|3|450915|0|0|An C. L. Also aber spricht der Herr:
HIM|3|450915|1|0|Höre, du Mein schwacher Sohn Meiner Gnade! Willst du zur wahren Gesundheit gelangen – wie des Geistes und so auch zeitlich des Leibes, so salbe dein Herz fleißig mit Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung und räuchere deine Brust mit dem ewigen Weihrauch des lebendigen Volltrauens zu Mir, deinem ewig lebendigen allmächtigen Vater, dann wirst du zur wahren zeitlichen und ewigen Gesundheit gelangen!
HIM|3|450915|2|0|Glaube ja nicht in deiner Brust, dass Ich dir nur durch eine gesegnete Medizin helfen kann, sondern glaube vielmehr, dass Ich dir wie jedermann auch frei helfen kann.
HIM|3|450915|3|0|So du lebendig allein bei Mir Hilfe suchst, so wirst du vollkommen gesund werden; denn da wirst du in Meiner Liebe das kräftigste Heilmittel gegen jedes Übel in deiner eigenen Brust tragen, welche Arznei ein alleiniges Universalmittel ist!
HIM|3|450915|4|0|Denn siehe, alle irdischen Arzneien gleichen in Hinsicht ihrer Wirkung wie ein Kampf der Höllengeister untereinander und sind daher allezeit ein wahres malum contra malum [Böses gegen Böses]. Meine Hilfe aber ist in jeder Hinsicht ein wahres bonum contra malum [Gutes gegen Böses], daher dasjenige wahre Heilmittel, durch das der Mensch allein von jeglichem Übel aus dem Grunde für ewig geheilt werden kann!
HIM|3|450915|5|0|Hast du aber schon ein zu geringes lebendiges Vertrauen zu Mir und suchst Meinen Segen mehr in der Natur als in Mir, dem Urheber der Natur, so magst du ja die ‚evangelische Salbe‘ gebrauchen, aber mit größter Ruhe des Gemütes, so wird es wohl auch besser werden mit deinen Nerven, denen du nur höchst selten eine stärkende Gebirgsluft zum Verspeisen zukommen lässt.
HIM|3|450915|6|0|Mache dich auf einige Wochen von deinem Weltgeschäft los und mache eine Reise in Meine freie Schöpfung, das wird dich stärken in allem. Denn siehe, in den Städten der Welt bin Ich wie ein ganz kleines, oft ganz versiegendes Bächlein, auf dem freien Land bin Ich wie ein Strom, und über den Bergen bin Ich wie ein Meer – und das der Menschen wegen.
HIM|3|450915|7|0|Daher gehe zum Strom, gehe zum Meer, so dir das Bächlein manchmal versiegt! Da wirst du viel Heilung und Stärkung finden. Ich habe es euch ja allen gesagt, dass ihr gerne auf die Berge gehen sollt. Warum befolgt ihr so wenig Meinen Rat und wollt lieber krank als gesund sein im Geist wie im Leib!
HIM|3|450915|8|0|Meine Lehre ist allezeit eine gar heilsame Lehre, wer sie befolgt, der wird niemals Not leiden und nie zu klagen haben. Befolge daher auch du genau Meine Lehre! Hänge nicht zu ängstlich an der Wohlfahrt deines Leibes, sondern sei stets volltrauig heiteren Herzens in Meinem Namen, so wirst du gesund sein zeitlich und ewig. Amen – in Meinem Namen. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|451228|1|1|Nimm Mich zu deinem wahrsten Vater in dein Herz – 28. Dezember 1845, Greifenburg
HIM|3|451228|0|0|An Elise H.
HIM|3|451228|1|0|Ich weiß um deinen Tag und um den deiner Geburt, aber du weißt auch, dass Ich ein Feind des Gratulierens bin. Darum auch sende Ich dir so spät als möglich nach deinem Tag dieses Wörtlein und sage dir darin auch weiter nichts, als dass Ich dich recht lieb habe! – mit welchem Wörtlein du, Meine liebe Tochter, aber auch vollends zufrieden sein kannst.
HIM|3|451228|2|0|Du wirst zwar für eine kurze Zeit ein kleines Kreuzlein überkommen, das wohl nicht mit irdischen Diamanten besetzt sein wird, aber desto reichhaltiger an denen Meiner Vaterliebe und Gnade wird es sein! Nimm Mich vollends zu Deinem wahrsten Vater in dein Herz, so wirst du des Kreuzleins Bürde kaum wahrnehmen.
HIM|3|451228|3|0|Enthalte dich der Welt, die nichts als Tod und Verderben feilhat, und halte fest an Meinem Herzen – und zweifle ja nicht, dass Ich es bin, der dir das sagt, so wirst du zeitlich und ewig selig sein in Mir, deinem Herrn und Vater!
HIM|3|451228|4|0|Alle deine Sorgen und unnötigen, dich so manchmal beklemmenden Gedanken lege nur fein auf Meine Schultern, dann wird alles gutgehen, und wir werden allezeit zum rechten Ziel gelangen!
HIM|3|451228|5|0|Aber was dich nur immer in der Welt anlächelt, das fliehe im Herzen; denn wo du nun auf der Welt hintrittst, Ich sage dir, da ist alles Maske, hinter welcher allerlei arges Geschmeiß steckt! Ich sage dir: Ärger war die Welt auch zu Noahs Zeiten nicht, als sie jetzt in gar sehr vielen Stücken ist!
HIM|3|451228|6|0|Das nehme dir in aller Liebe zu Mir so recht lebendig zu Herzen und ertrage alles geduldig und gelassen sanft, so wirst du wachsen wie eine Zeder in Meiner Gnade!
HIM|3|451228|7|0|Klage aber auch nicht über die Welt, sondern opfere alles Mir auf! Ich werde zur rechten Zeit alles so machen und gestalten, wie es am allerrechtesten sein wird. Siehe, es hat die Welt ihren Lauf, der Himmel den seinen, und kein Tag gleicht dem anderen. Das alles ist so in der Ordnung; denn auch an aller Welt muss die Weissagung erfüllt werden, so wie sie an Mir erfüllt ward!
HIM|3|451228|8|0|Daher aber mag auch ein jeder, der Mich liebt, in vollster Ruhe sein in seinem Herzen; denn er kann es ja förmlich mit Händen greifen, dass da überall Meine ewige Ordnung vorherrscht. Das Leben ist ein fortwährender Kampf; daher lasse dir den Weltkampf nicht zum Grauen werden; denn wenn du in Meiner Liebe bist, da wirst du mit diesem Kampf wenig zu tun haben! Ich allein bin für alle die Meinen der allmächtige Kämpfer in Ewigkeit.
HIM|3|451228|9|0|Damit gebe Ich dir aber auch Meinen lebendigen Segen und Meine Gnade. Amen.
HIM|3|460212|1|1|Ich will segnen, die du segnest! – 12. Februar 1846, Greifenburg
HIM|3|460212|0|0|An Julie H.
HIM|3|460212|1|0|Deine Freude ist gerecht, dass Ich Mich Selbst freue in deiner Freude. Daher will Ich auch segnen, die du segnest! Die kleine Martha ist auch Mir recht lieb, denn ihre Seele ist freier bei Mir denn die mancher anderen, die viel beten durch den Mund, aber wenig durch das Herz. Sage ihr daher, dass Ich sie recht lieb habe. Und diese Meine Versicherung sei ihr ein teuerstes Bindband zu ihrem irdischen Namensfest!
HIM|3|460212|2|0|Was sie von Mir erbitten wird, das will Ich ihr auch geben, so sie in der Liebe zu Mir verharren wird. Amen.
HIM|3|460421|1|1|Dein Maß in Meinem Reich – 21. April 1846, Greifenburg
HIM|3|460421|0|0|An Anselm H. zum Namenstag.
HIM|3|460421|1|0|Du, den Ich im Mutterleib zu einem guten Gefäß geschaffen habe aus Lehm, Wasser und Geist, den Ich nahm aus dem Odem Meines Herzens, siehe, Ich bin dein Gott und dein göttlicher Vater! Was gabst du Mir zuvor darum, dass Ich dich gebildet habe? Ich tat es frei und hatte nie einen Ratgeber, noch einen Helfer – also schuf Ich jedes Ding, wie Dich, ohne Rat, Hilfe und Entgelt.
HIM|3|460421|2|0|Da aber schon Meine Liebe und Weisheit so große Dinge tat an den Menschen, warum schätzen sich dann die Geschaffenen unter sich? Wer da sagt, dieser ist besser und jener vorzüglicher, der tut Mir zuvor; denn das Urteil über ein Werk trifft den Werkmeister und nicht das Werk.
HIM|3|460421|3|0|Wie tun aber die Menschen – so ein Vater, so eine Mutter? Sagen sie nicht: Siehe, mein Sohn, du bist von besserer Geburt! Dir taugt die gemeine Dirne nicht zum Weib, nimm dir eine Ebenbürtige! Und du, meine Tochter, was hast du mit diesem Mann niederen und dürftigen Standes zu tun? Siehe, es gibt Edle und Reiche, für die deine Hand und dein Herz geschaffen. – Was meinst du wohl, geht diese Klassifikation Mich, den Werkmeister, oder den Menschen, die alle gleich Mein Werk sind, an? Ich meine, das Urteil trifft Mich!
HIM|3|460421|4|0|Die Folge davon wird sein eine große Musterung über dem Grab; denn Ich als der ewig unendlich Vollkommenste kann es doch nicht über Mich nehmen, dass Mich Meine Werke also als unvollkommen schelten durch solche Urteile.
HIM|3|460421|5|0|Darum sage Ich dir: Willst du auf der Erde des Himmels Vollkommenstes schauen, so schaue das Allergeringste an, – denn das Höchste auf der Erde wird drüben das Unterste und Elendeste sein.
HIM|3|460421|6|0|Willst du einen Maßstab haben, der dir dein Maß in Meinem Reich zeigen kann, dann suche, wer dir gleichkommt – welchen Hauses Tochter soll dein Sohn nehmen dereinst, und von welchem Gewicht soll der Mann für deine Tochter sein? Frage dich aber streng im Herzen, so wirst du es ganz genau finden, wie viel dir noch übrigbleibt vor dem Innersten Meines Reiches. Denn da ist es nicht genug zu sagen, siehe, mir sind alle Menschen gleich, und der Niederste ist meinem Herzen am nächsten, sondern das muss lebendige Wahrheit sein im Geiste, umseelt mit dem festesten Willen; dann auch ist Mein Reich im Menschen lebendig. Aber wo noch wie immer gestaltete Grade über den Wert des Menschen (wohlverstanden Menschen und nicht Räuber, Hurer, Ehebrecher, Diebe, Geizhälse, Totschläger und dergleichen, die nicht Menschen, sondern Teufel sind) im Herzen auftauchen, wo sich die Natur noch dagegen sträubt, da ist Mein Reich um noch ebenso viele Grade entfernt, als um wie viele Grade sich jemand bei sich aus was immer für Rücksichten für besser und vorzüglicher hält.
HIM|3|460421|7|0|Bis jemand nicht die allerunterste Stufe in allen Außeninteressen seines Herzens wird erreicht haben, wird er in Mein Reich nicht eingehen können; denn Ich habe Mir Selbst das Niedrigste erwählt!
HIM|3|460421|8|0|Siehe, das ist eine gute Lehre und Gabe – sie ist der unfehlbarste, schnurgeradeste und somit kürzeste Weg zu Mir, der als ein Angebinde für deinen Tag wohl am besten taugt. Nimm ihn lebendig auf in deinem Herzen, so wird er dir auch die lebendige Frucht Meines Wortes in dir bringen. Und wirst du Mein Wort haben, dann hast du auch Mein Reich ewig. Amen. Das sagt, Der dich im Mutterleib aus Lehm, Wasser und Geist gebildet hat. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|460911|1|1|Im Kreuz keimt das ewige Leben für Seele und Geist – 11. September 1846, Greifenburg
HIM|3|460911|0|0|An Carl R. v. Leitner.
HIM|3|460911|1|0|Höre Mich, du Mein Freund und Bruder, aus deinem wohlgezierten Herzen! Mache dir aus deinem etwas geschwächten Fuß nicht viel, mit der Zeit wird es schon besser werden mit ihm. Siehe, alles ist gut, was Ich gebe; aber das Beste unter allen Meinen Gaben ist das Kreuz, denn in diesem keimt das wahre ewige Leben für Seele und Geist!
HIM|3|460911|2|0|Wenn die Bäume viel Blätter treiben, dann kommt wenig oder wohl gar keine Frucht zum Vorschein; sehen aber die Bäume mehr mager und kränklich aus, dann geben sie viel Frucht. Siehe, also ist es auch mit dem Menschen, solange er lebt auf dieser Erde. Ist sein Leib recht frisch und gesund, da fühlt er wenig von einem Bedürfnis nach Mir und lässt Mich bald, wie die Welt sagt, einen sogenannten ‚guten Mann‘ sein. Aber bei einer kleinen Leibeskrankheit, besonders wenn diese die irdischen Ärzte nicht beheben können, wird der Mensch wie mit einem Band an Mich wieder angezogen und fängt wieder an, bei Mir Hilfe zu suchen, was für seinen Geist sehr heilsam ist. Denn also fängt dieser wieder an zu wachsen von innen und arbeitet an künftigen Fruchttrieben fürs ewige Leben, was in sich viel besser ist, als ein vollends gesunder Leib mit einem nahe toten Geist, aus dem keine Frucht zum ewigen Leben knospet.
HIM|3|460911|3|0|Siehe, aus dem Grunde belasse Ich auch dir dein kleines Fußübelchen, das wahrlich in nichts anderem besteht, als in einem ganz leichten Bändchen, das Ich ganz sanft nur um deinen Fuß geschlungen habe, auf dass Ich sozusagen eine Handhabe in Meiner Hand habe, um dich wahrhaft am Gängelband über die Pestgefilde der Welt hin zum ewigen Leben zu leiten! Daher ist auch dieses Bändchen etwas hartnäckig und lässt sich weder so ganz durch eine Salbe wegschmieren, noch durch ein Bad wegwaschen! Wann es aber an der Zeit sein wird, werde Ich dich schon ganz gratis vollkommen freilassen.
HIM|3|460911|4|0|Das diene zu deiner Beruhigung und zu deinem großen Trost, auf dass du zeitweise nicht kleinmütig werdest, so Ich manchmal das Bändchen etwas straffer halte. Du aber denke dabei allezeit, so du im Fuß eine leise Unbehaglichkeit verspürst: Nun hat wieder mein guter Vater im Himmel das Bändchen zu meinem Heil angezogen! Ihm alle meine Liebe darum!
HIM|3|460911|5|0|So du das öfter tun wirst im Herzen, werde Ich auch stets mehr nachlassen am Band des Fußes und werde dagegen fester ergreifen das Band des Herzens, – aber die Fußwaschung ist das Erste bei der Wiedergeburt des Geistes!
HIM|3|460911|6|0|Damit sei dir Mein Segen, Meine Liebe, Gnade und Erbarmung ewig. Amen.
HIM|3|461228|1|1|Beginn der Niederschrift des Werkes ‚Die Erde‘ unter dem Titel: Natürliche und metaphysische oder geistige Darstellung des Mittelpunktes der Erde – 28. Dezember 1846, Graz [Die Erde 1856]
HIM|3|461228|0|0|Schreiber: Ans. H. (nach dem Diktat des Herrn an Jakob Lorber)
HIM|3|461228|1|0|Wenn ihr einen Körper, wie gestaltig er auch immer beschaffen sein mag, mit prüfendem Geiste und Auge betrachtet, so werdet ihr leicht und bald gewahr, dass an diesem Körper drei Dinge beobachtet werden, und zwar zuerst seine bildliche Außengestalt, d. i. seine Form mit all den natürlichen Attributen, als da sind sein Umfang, seine Oberfläche nach allen Seiten und die Färbung dieser Oberfläche; fürs Zweite werdet ihr an diesem Körper notwendig ein gewisses Volumen wahrnehmen, das irgendeinen Durchmesser nach der Länge, Breite und Dicke hat, welches Volumen des Körpers nach seiner Art irgendein Gewicht oder eine Schwere nach irgendeiner Richtung hin ganz besonders erkennen lässt.
HIM|3|461228|0|0|Für den vollständigen Text siehe Die Erde.
HIM|3|470103|1|1|Nochmals drei beliebige Texte zusammenhängend erklärt – 3. Januar 1847 [Supplemente 1883]
HIM|3|470103|0|0|Mark. 9,11: Und sie fragten Ihn und sprachen: Was sagen denn die Pharisäer und Schriftgelehrten, dass Elias müsse zuvor kommen? – Joh. 7,13: Doch redete keiner frei von ihnen aus Furcht vor den Juden. – Joh. 3,12: Wenn Ich zu euch von dem Irdischen rede und ihr nicht glaubt, wie solltet ihr glauben, wenn Ich zu euch von dem Himmlischen rede?
HIM|3|470103|1|0|Siehe, das ist die rechte Form, wie die Welt gewöhnlich fragt bei allen Verheißungen aus den Himmeln, ob sie von den Wundern, die sich die Welt in ihrer großen Torheit darstellt, vorbereitet werden. Die in alle Blindheit verfallene Welt begründet sich demnach stets mehr in ihrer Torheit und malt sich die verheißenen Erscheinungen am Ende auf eine solch materielle Art aus, wie sie in einem Engelssinn nie hätte aufkommen können. Kommen dann aber die vorgesetzten Zeichen sicher in einer ganz anderen Gestalt, als sich selbe die dumme Welt ausgemalt hat, da wird geradeso gefragt und der Elias wird, wie bei den Juden, allezeit vermisst.
HIM|3|470103|2|0|Also geht es nun mit der Verheißung von Meinem tausendjährigen Reich; man erwartet es materiell in Meiner persönlichen Gegenwart. Siehe, dieses Reich ist schon lange da im Geiste und im Herzen der guten Menschen. Aber weil der materielle Elias – oder die von der Verheißung voreingebildete Dummheit – nicht also zum Vorschein kommt, wie sich selbe eben die Welt in ihrer Blindheit ausgemalt hat, so geht es nun Mir und Meinem Reich genau also, wie es Mir vor neunzehnhundert Jahren ergangen ist.
HIM|3|470103|3|0|Nicht einen, sondern wohl tausend Eliasse habe Ich seither, das Volk der Erde auf Meine Ankunft als Vater vorbereitend, auftreten lassen, aber es geht ihnen nun um nicht vieles besser als dem Johannes in der Wüste. Dir aber, du Mein junger Frager, diene das zur wahren Prüfung des Wortes: Willst du Mein Reich finden, da suche du den kommen sollenden Elias in dir, der da ist ein rechter Wandel nach Meinem Wort, dann wird Mein Reich schon kommen in aller Kraft und Herrlichkeit inwendig in dir selbst.
HIM|3|470103|4|0|Ich bin aber also auf diesem vorgesagten rechten Weg wohl schon bei vielen, die sich alle schon in Meinem Reich befinden; aber diese Vielen gleichen jenen guten Juden, die sich aus Furcht vor den bösen großen Weltjuden nicht frei von Mir zu reden getrauten. War schon die Furcht der Juden gewisserart eine wechselseitige, wo sich der Große vor dem Kleinen und also umgekehrt scheute, in dem ist aber nun ein Unterschied; denn nun fürchtet stets der Kleine den Großen. Doch das wird nur noch eine kurze Zeit dauern, dann wird die Furcht sehr gewaltig verkehrt werden.
HIM|3|470103|5|0|Wenn dieses geschehen wird, dann wird jeder Meines Reiches bestens verstehen, was der kommen sollende Elias für ein Mann ist; dann wird auch das Mädchen, das jetzt Irdisches schwer begreift, auch mit großer Leichtigkeit die himmlischen Dinge fassen, wenn sie ihr auch nicht von irgendeinem selbstsüchtigen und sehr eigennützigen Schulschwestern-Kollegium nach der Kapuziner Art erklärt werden. Denn das alles wird Mein Geist tun bei den Kleinen und Schwachen. Aber deshalb wird die Welt doch stets sehr blind und dumm bleiben; denn diese wird den wahren Elias nicht erkennen, wie sie ihn noch nie erkannt hat.
HIM|3|470103|6|0|Ihr aber sollt den Elias erkennen und habt ihn auch schon erkannt; denn er ist schon lange bei euch. Wie ihr ihn aufnehmt, so nehmt ihr auch Mich auf, aber wohlverstanden hauptsächlich geistig. Amen.
HIM|3|470131|1|1|Die Perle – 31. Januar 1847 [Psalmen und Gedichte 1898]
HIM|3|470131|1|0|In des Meeres tiefem Grund, da wo die mächtige Woge erregt von grauser Windsbraut nimmer wühlt im tiefgelegenen Meeressand und wohl leicht nicht trübt den kargen Schimmer, der – ein Strahl der Sonne – noch die feuchte Meerestiefe trifft und des Lichtes letzte Spitzen taucht in Haies Falkenauge, – da ruht ganz still in festgeschlossener Mutter eine hehre Frucht, die Edelste der Tiefe, die, herauf ans Sonnenlicht gebracht, der Sonne wird zum Spiegel – und glänzt und prangt gleich mit ihr als Edelste mit der Edelsten. Da schmückt mit ihr der König seinen Herrscherthron, die Fürstin ihren Arm, Kopf und Hals. Der großen Perle großen Wert weiß selbst ein Salomo genug zu schätzen nicht. Die Edelsteine müssen erst geschliffen werden, sonst zieren sie die Kronen nicht, doch keines Schliffes bedarf die Perle mehr, wie sie der dunkle Meeresgrund gegeben, so ist sie schon die herrlichste Juwele!
HIM|3|470131|2|0|O Menschen! Ja in euch auch ist ein Meer, in seinen Friedenstiefen bergend solchen Schmuck, damit der Himmel Fürsten reichlich schmücken ihre Stirnen, Brust und Lenden!
HIM|3|470131|3|0|Kennt ihr Menschen ihn, kennt ihr die Perle, die der Armut Herz im armen Bruder birgt, und die herrlicher und größer sich gestaltet in des Gebers liebend-warmem Herzen, das da allzeit Gutes übt im stillen Meeresgrund seines Liebefriedens – und edler wird und hehrer als der Sonne lichterfüllte Sphäre? O seht, das ist des Himmels Werden und seine Lichtgestalten in dem tiefsten Lebensgrund; Mein Gotteswort mit Fleisch bedeckt zwar noch, doch ziemlich wirkend, weil selbst der Himmel über alle Himmel, also Himmel zeugend, schaffend, Licht gebärend aus der Mutter, die da ist die Liebe – Gottesliebe, Bruderliebe, allumfassend, all’s ergreifend, an sich ziehend und in ihrem Adel selbst das Allertiefstgesunkene noch bemüht ist, in Edles zu verkehren, gleichwie die Perle des tiefen Meeres Schlamm in ihren hohen Adel zieht und ihn verkehrt in ihr edles Wesen.
HIM|3|470131|4|0|Nicht richtet die Perle den Schlamm, den sie verkehrt in ihr Wesen durch ihr stilles Wirken, das die Welt nicht sieht und nicht bemerkt, wo doch so viel Edles wird gezeugt, dass die Welt den großen Wert nicht einmal kennt, noch ihn zu schätzen weiß, – und es wird da das Edelste und Köstlichste im engsten stillsten Raum gezeugt.
HIM|3|470131|5|0|Also auch soll spiegeln sich ein wahrer Mensch in der Perle eigenem Schimmer, der da lieblicher wohl ist als des Orions Feuerpracht, dann wird in sich er finden, was seines Lebens Meerestiefe birgt.
HIM|3|470131|6|0|Der Weg ist offen, schlummernd hat der Sturm sich gelegt; wer mag da zaudern noch?! Handelt! Handelt nach dem Wort! Werdet echter Perlen echte Fischer! In eures Herzens Meer der Barmherzigkeit senkt eures Willens Taucherglocke, und spannt eurer Bruderliebe Netz über den Schlamm der Armut, da werdet ihr einen guten Fang tun; denn Ich Selbst werde als Perle der Perlen sein unter den Perlen, die ihr in das Brudernetz eurer Liebe gefangen habt; denn wie die Perle in des Meeres stiller Tiefe wird, so werde Ich in eurem Herzen eine Lebensperle, die euch nimmer genommen wird ewig.
HIM|3|470131|7|0|Ein Licht ist diese Perle, ein Leben ist sie, ein lebendiges Wort, ein Himmel, Ich Selbst, die Perle der Perlen. Daher geht und sammelt die Perlen, und so ihr die große findet, da gebt alles her und kauft euch diese, denn Ich Selbst bin diese große Perle, – wer die hat, der hat alles; denn ihr Wert wird ewig, ewig unschätzbar bleiben! Also spricht ein Gott von Gott aus Gott, der Mensch ward, um die Menschen zu Göttern zu machen. Werdet also durch die Perle der Perlen selbst zu Perlen; werdet Götter durch Mich, euren Gott und Vater für ewig! Amen! Amen! Amen!
HIM|3|470214|1|1|Sorget nicht, die Sorge beschwert das Herz! – 14. Februar 1847
HIM|3|470214|0|0|Für Alexandrine und Julie H.
HIM|3|470214|1|0|Schreibe nur, Ich weiß es schon, was du hast! Deine beiden Klienten möchten von Mir ein Wörtlein, darum, dass die eine geboren ward, und die andere, dass ihr Taufnamenstag naht, wovon der Tag der Geburt freilich für jeden Menschen um sehr vieles mehr gilt als der römische Taufnamenstag.
HIM|3|470214|2|0|Ich will aber darum deinen beiden ein Gleiches geben, denn siehe, sie haben uns ja eben heute früh das Haustor geöffnet. Darum müssen wir ihnen schon auch etwas recht Schönes geben, daran sie eine rechte Herzensfreude haben sollen – und das als eine Entschädigung für den heutigen Schreck an der Hausflur, von dem sie zwar nichts mehr wissen, weil Ich ihnen das zu ihrem Besten wieder aus der Seele nahm. Aber das macht nichts. Sie werden derlei geistige Auftritte zwischen Mir und ihnen dereinst schon gewahr werden und dann erst so recht erkennen, wie nahe, wie gut Ich ihnen immer war, wie stets besorgt um ihr geistiges, seelisches und auch leibliches Wohl.
HIM|3|470214|3|0|Und so schreibe denn zuerst der kleinen Martha, dass Ich ihr durch dich sagen lasse, sie solle in ihrer Liebe zu Mir verbleiben und Mich zum Hauptgegenstand ihrer Liebe machen in ihrem Herzen, so wird sie mehr gewinnen in einer Minute, als mit all ihrem Martha-Kümmern in tausend Jahren. Ich will aber ihren häuslichen Fleiß nicht tadeln, sondern lediglich nur das, was dabei oft unnötig ist, wegwünschen.
HIM|3|470214|4|0|Dergleichen Unnötiges taugt nicht zum Geschäft der Hauswirtschaft, das Ich gar wohl kenne; denn auch Ich habe einst auf Erden im Hause Joseph allerlei häusliche Geschäfte besorgt und verrichtet. Recht und fleißig handeln ist gut, aber sich übertrieben um etwas sorgen, das ist nicht recht; denn wer Mich kennt und liebt, der muss alle Sorgen auf Mich legen, denn die Sorge beschwert das Herz und drückt es da oft nieder, wo es sich zu Mir erheben soll.
HIM|3|470214|5|0|Also aber muss das Herz fortwährend frei sein, damit es sich allezeit frei und leicht zu Mir erheben kann, durch welche Erhebung es von Tag zu Tag geistiger und lebendiger werden kann.
HIM|3|470214|6|0|Noch eine Unnötigkeit besteht in einer etwas übertriebenen Reinlichkeitsliebe im irdischen Hauswesen. Die Reinlichkeit ist wohl überall recht, aber nur eine oft eitle Besorgnis darum ist nicht in der rechten geistigen Ordnung. Denn alle Sorge taugt nicht fürs Herz des Menschen und ist eitel, weil sie das Herz schwer macht. Sorge ist nur Meine Sache! Du, Meine liebe kleine Martha, aber sorge dich gar nicht, denn siehe, alles was du tust, kannst du auch ganz sorglos tun und wirst dabei geistig und leiblich gesund sein. Ob du dich sorgst oder nicht, deswegen wird dennoch alles geschehen; denn so Ich es will, geschieht es ohne deine Sorge, – will Ich es aber nicht, so magst du dich tausend Jahre Tag und Nacht sorgen, so wird es dennoch nicht geschehen, darum, weil Ich es nicht will!
HIM|3|470214|7|0|So sich aber jemand schon sorgen will, da sorge er sich allein um Mich und Mein Reich (das ist die Liebe), alles andere wird ihm gratis hinzugegeben werden.
HIM|3|470214|8|0|Nun aber noch etwas, Meine liebe Martha, du musst deinen Tabakgusto verbannen; denn siehe, das ist fürs Erste hässlich, und fürs Zweite ist es für deine Natur sehr schädlich. Daher musst du dich Mir zuliebe in diesem Stück schon recht bezähmen, sonst wirst du noch lange nicht völlig gesund werden. Denn siehe, der abscheuliche Tabak ist ein Gift und entsteht aus dem Teufelsdreck, wie auch die alten Weisen diese Giftpflanze benannt haben. Daher musst du dich darin wohl bezähmen, sonst könnte Ich es neben dir mit der Zeit vor lauter Gestank ja nicht aushalten. Denn siehe, dieses Unkraut stinkt besonders in dieser Zeit für Mich ganz besonders, weil durch dasselbe gar so überaus viel Unheil angestiftet wird. Daher lasse du in Zukunft das Schnupfen; es ist genug, dass die sich dieses Unkrautes bedienen, die sich schon von Jugend auf daran gewöhnt haben. Aber auch für diese wäre es besser, wenn sie es bleibenließen.
HIM|3|470214|9|0|Und siehe, das ist es aber auch, was Ich dir – oder besser von dir nicht nur zu deinem Namenstag, sondern allezeit wünsche! Und wirst du diesem Meinem Wunsch in deinem Herzen entsprechen, so wirst du ehestens am Geist und am Leib gesund werden in der Fülle. Amen. Das sage Ich, dein lieber heiliger Vater. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|470214|10|0|Und nun schreibe also noch ein Wörtlein für die Schwester der kleinen Hausmartha, die heißt Alexandrine.
HIM|3|470214|11|0|Von dir, du Meine liebe Alexandrine, verlange ich nichts – als die Liebe. Denn siehe, die Schönen gefallen auch Mir; und du bist schön, darum gefällst du Mir auch überaus wohl. Aber du musst da etwa nicht deinen Leib darunter verstehen, sondern dein Herz nur, das gegen Meine armen Brüder und Schwestern sehr schön ist, was Mir an dir überaus wohl gefällt.
HIM|3|470214|12|0|Aber dennoch habe Ich etwas wider dich, und das ist, dass du manchmal in deinem Äußeren etwas eitel tust und gerne sozusagen pitzelhaftig wirst. Siehe, derlei Krenwürzlein müssen aus dem Leib heraus, sonst verbittern sie mit der Zeit das Herz, und ein bitteres Herz mag nicht annehmen Meine Liebe! Das musst du ganz ablegen, wie du schon wirklich einen bedeutenden Teil abgelegt hast, dann wirst du dich ganz für Meine Liebe eignen.
HIM|3|470214|13|0|Auch musst du dich nicht zu sehr auf die Frisierkunst verlegen, denn ein zu sehr in Zöpfen verwickelter Kopf ist zumeist ein Aushängeschild des Herzens und zeigt an, dass dieses auch zumeist so verflochten ist wie der Kopf mit seinen Zöpfen.
HIM|3|470214|14|0|Nummer drei aber will Ich dir, du Mein liebstes Seelchen, noch etwas sagen: Da du nun noch recht jung und natürlich zart und üppig bist, so meide die Fensterluft und setze dich nie zu nahe an die Fenster, so wirst du nie einen Ausschlag, weder im Gesicht des Leibes, noch im Gesicht deiner schönen Seele bekommen.
HIM|3|470214|15|0|Das alles wünsche Ich dir nicht nur für den Geburtstag deines Leibes, sondern für deine ganze Lebenszeit. Dann wirst du vollends Meine Geliebte sein und Ich dein lieber heiliger Vater zeitlich und ewig. Amen. Das sage Ich in aller Meiner zärtlichsten Liebe zu dir. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|470418A|1|1|Alles, was von Mir ausgeht, ist eine Gabe – 18. April 1847
HIM|3|470418A|1|0|Du möchtest schon wieder eine gewisse Gratulation, und zwar für deinen Freund und Bruder Anselm H. W. – aber siehe, was bei Mir einmal gilt, das gilt allezeit und ewig. Ich bin nicht, dass Ich jemandem gratulierte gleich den albernen Menschen zum Geburts- oder Namenstag. Denn das tun eben nur dumme Menschen, die nichts geben können oder zumeist nichts geben wollen, so sie auch noch etwas geben könnten, oder solche, die fürs Gratulieren etwas bekommen wollen oder wenigstens möchten.
HIM|3|470418A|2|0|Ich aber, der Ich nur geben und nicht von jemandem irgendetwas nehmen kann, da ja ohnehin alles Mein ist, was je irgendein Mensch zu besitzen wähnt, kann niemandem gratulieren, denn alles, was von Mir ausgeht, ist eine Gabe und unmöglich je eine Gratulation!
HIM|3|470418A|3|0|Wem könnte Ich wohl irgend ein rechtes Glück wünschen und ihm es nicht geben, sondern, wie gesagt, bloß nur wünschen, wie es die Menschen tun? Oder wie könnte Ich jemandem zu irgendeinem Glück gratulieren, als hätte er es etwa nicht von Mir erhalten?
HIM|3|470418A|4|0|So du aber jemandem etwas geben möchtest und gingest dann aber selbst zu dem Beteilten und möchtest ihm dann noch obendrauf gratulieren darum, dass er so glücklich war, von dir eine solche Glücksgabe zu bekommen, – müsstest du darob nicht zuerst dich selbst auslachen ob solcher großen Dummheit, und müsste dich der Beteilte nicht selbst für einen nahe Irrsinnigen halten, so du ihm zu dem, was du ihm gegeben, noch obendrauf selbst gratulieren möchtest? Das können wohl andere, aber nicht der Geber selbst tun.
HIM|3|470418A|5|0|So es aber schon bei den Menschen und unter den Menschen sehr läppisch und dumm wäre, so etwas zu tun, was für ein Gesicht hätte das aber erst dann, so Ich, der Herr und alleinige wahrste Geber aller guten Gaben, so etwas täte? Würden darob nicht alle Kühe, Ochsen, Kälber, Pferde, Esel und Schafe auf alle Spitzen der Bäume steigen und Mich und alle Welt auslachen? Siehe, siehe, so etwas von Mir zu verlangen, ist wohl noch sehr albern und läppisch von dir.
HIM|3|470418A|6|0|Ich will und kann dem A. H. W. wohl etwas geben, wie Ich ihm gar sehr vieles schon gegeben habe; aber für eine Gratulation soll solch eine Gabe weder von dir, noch von jemand anderem angesehen werden; denn wie schon gesagt, Ich kann nur geben, aber ewig nie gratulieren. Daher folge hier auch eine Gabe, aber keine Gratulation.
HIM|3|470418B|1|1|Eine Gabe für A. H. W. – 18. April 1847
HIM|3|470418B|1|0|Höre du, Mein lieber und sehr fleißiger Abschreiber Meiner Liebegaben für Geist, Herz und Verstand, der da ist eine Sehe der Seele! Du beklagst dich immer über allerlei Schwächen deines Fleisches; bald ist dein Kopf nicht in der Ordnung, bald deine Füße, manchmal auch dein Magen, den du öfter einer gewissen Blödheit beschuldigst. Aber siehe, das kann nicht anders sein; denn du bist noch immer ein kleiner Schwelger und trinkst Bier und Wein durcheinander und isst dazu bald dies, bald jenes, was dir gerade dann und wann schmeckt. Meinst du wohl, dass das deinem Leib dient? O mitnichten! Das alles ist ein Gift für deinen in Jahren schon etwas vorgerückten Leib.
HIM|3|470418B|2|0|Versuche nur einmal und gib von allem, was du in einer Woche isst und trinkst, nur einen kleinen Teil in einen Topf und berieche nach acht Tagen dieses Topfes Inhalt, und du müsstest sehr abgestumpfte Geruchsnerven haben, so dieser Gestank dir nicht sogleich einen großen Ekel erzeugen würde.
HIM|3|470418B|3|0|Wenn aber derlei Allerhanddurcheinander in einem kalten Topf so üble Mefitika erzeugt, was muss es dann erst im warmen Magen alles für böse Dünste erzeugen, die sich dann mit dem Blut vereinen und die Nerven des Leibes bösartig narkotisieren, woher dann allerlei leibliche Schwächen erwachsen müssen!
HIM|3|470418B|4|0|Wenn du aber dann und wann etwas mehr kränklich wirst, so bleibst du zu Hause und wirst wieder gesund. Da kommt dir die häusliche Diät wohl zustatten. Wird sie dir wohl schaden, wenn du gesünder bist? Ich meine es nicht.
HIM|3|470418B|5|0|Willst du recht gesund sein und alt werden, so bleibe du schön fleißig bei deiner Hausdiät! Bestelle dir abends zu Hause ein einfaches, dir gut schmeckendes Abendmahl, aber nicht zu sauer und zu stark gesalzen, du magst etwas Wein mit Wasser genießen und zuvor einen guten Gang ins Freie tun, so wirst du gesund und stark verbleiben. Du magst auch dann und wann an schönen Tagen irgendwohin gehen, da ein guter Wein ist, aber das schlechte Lumpengesöff von einem Bier meide! Denn das hat alle schlechten Eigenschaften, nur keine guten – besonders in dieser betrügerischen Zeit, in der Hopfen und Malz rein verdorben sind.
HIM|3|470418B|6|0|Wenn noch irgendein reines Gersten- und Hopfenbier zu haben wäre, so wäre davon ein mäßiger Genuss gerade nicht nachteilig, wenn auch eben nicht zu heilsam, weil es nur träge und sehr herabstimmende Spezifika in sich enthält. Aber ein Bier, wie es hier in diesem Ort fast allgemein bereitet wird, Ich sage es dir, ist ein barstes Gift. Denn es nährt nicht und löscht nicht den Durst, sondern es betäubt nur und erzeugt noch mehr Durst, damit die Leute desto mehr zu trinken genötigt werden.
HIM|3|470418B|7|0|Aber nicht nur für den Leib, sondern noch bei weitem mehr für Seele und Geist ist das abendliche Gasthausschmausen bei Bier und Tabakdampf überaus schädlich, da dabei durch die schlechte Kost in den Leib allerlei scheußliche Spezifika aufgenommen werden, die dann Seele und Geist trübe machen. Zu dem gesellt sich aber noch die Nacht der Erde, in der auch das allerschlechteste psychische Spezifikalgesindel in den Luftraum der Erde aufsteigt und im selben wo und wie nur möglich durch das Fleisch, das es augenblicklich durchdringt, die Seele mit allerlei Scheußlichkeiten besudelt und nicht selten mit unkeuschen Gedanken und Begierden erfüllt.
HIM|3|470418B|8|0|Siehe, du Mein lieber Freund A. H. W., Ich bin auch ein leiblicher Arzt; wirst du Meinem Rat folgen, dann wirst du stets recht gesund und stark in deinem Leib wie in deiner Seele sein, und dein Geist wird leicht Meister derselben werden.
HIM|3|470418B|9|0|Dieses Rezept sei dir daher auch eine angenehme Gabe von Mir zu deinem irdischen Namenstag. Befolge es, und sein Segen soll nicht unterm Wege bleiben! Das sage Ich, Dein heiliger bester Vater dir. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|470510|1|1|Über den Wiedergeburtstag des Geistes – 10. Mai 1847
HIM|3|470510|0|0|An die Elise H.
HIM|3|470510|1|0|Also wäre wieder ein Geburtstag da. Es kommen zwar die weltlichen Geburtstage auch von Mir, dem Herrn alles Werdens und Seins, aber trotzdem sind Mir die Geburtstage des Geistes mit den Sterbetagen des Fleisches lieber als eben die nun gar häufig überaus misslichen, ledigen Geburtstage des Fleisches.
HIM|3|470510|2|0|Ich will aber damit nicht andeuten, als sollte da jemand ob des Wiedergeburtstages des Geistes und dessen Seele auch schon wirklich dem Leibe nach sterben und somit alles Zeitliche urplötzlich verlassen – o mitnichten, das verlange Ich nicht, und es ist die gute Sache auch nicht also zu verstehen. Sondern mit dem Sterbetag des Fleisches will Ich nur das Vergehen von allerlei weltlichen Gelüsten und Begehrnissen ganz wohl gemeint und verstanden haben, weil keines Menschen Geist und Seele völlig wiedergeboren werden können zum wahren Himmelreich, solange irgend weltliche Bekümmernisse an der leidigen Seele haften.
HIM|3|470510|3|0|Denn es geht mit der Wiedergeburt des Geistes und der Seele fast gerade also, wie mit dem Aufsteigen eines schon gefüllten sogenannten Luftballons. Dieser wird während des Füllens mit Seilen, Stricken und allerart Schnüren an in die Erde eingeschlagenen Pfählen befestigt, damit er nicht mit der halben Füllung aufsteige und dann in der niederen Luftregion von allerlei Winden hin und her getrieben leicht an irgendeinem harten Baumast sich verhänge und Risse bekomme. Wenn er aber vollgefüllt ist und fähig, in die höchsten Regionen aufzusteigen, so müssen alsbald alle Seile, Stricke und Schnüre, die den Ballon früher an die Erde festhielten, abgeschnitten werden. Sonst wird der Ballon wohl an den Bindemitteln zerren, aber zum Aufsteigen in die freien Höhen wird er nicht kommen, bis nicht die letzte Schnur abgerissen ist.
HIM|3|470510|4|0|Dieses Gleichnis aber lehrt, dass ein Mensch, wenn er auch noch so voll guter, wahrer christlicher Werke ist und sein Herz voll Liebe zu Mir und seinem Nächsten, er zwar alle Fähigkeit in sich trägt, die volle Wiedergeburt des Geistes zu erlangen, aber es halten ihn daneben so einige Schnürchen mit der Welt auch noch im Verbande! Solange diese Schnürchen aber nicht völlig abgeschnitten sind, so lange kann auch sich der sonst selbst beste Mensch ebenso wenig in die freie Höhe Meines Lebensreiches aufschwingen, wie ein vollgefüllter Ballon, den aber noch gewisse Schnüre an die Erde binden.
HIM|3|470510|5|0|Siehe du, Meine allerliebste Tochter Elisabeth, das aber ist eben auch bei dir, wie bei deinem Mann und deinen Kindern besonders der Fall. Du bist zufolge deiner Mir überaus angenehmen Werke in deinem Herzen vollends fähig, die zweite Geburt zu erlangen. Aber siehe, eine gewisse Zahl von Weltschnüren hält dich noch mit der Welt im Verbande und hindert dich an der endlichen völligen Aufsteigung in Mein Reich bei deinen Leibeslebzeiten, die dir zwar nach der einstigen Ablegung des Leibes nicht entgehen wird, aber dir nun noch nicht eigen ist in der praktischen Fülle ob der erwähnten immerhin lästigen, wennschon an sich mehr unbedeutenden Weltschnürchen. Daher Ich dir zu diesem deinem Leibesgeburtstag auch nichts angelegentlicher wünschen kann, als die baldige völlige Losschälung von allem dem, was dich noch irgendwo an die Welt bindet.
HIM|3|470510|6|0|Prüfe dich aber nur recht sorgfältigst selbst, und du wirst nach und nach leicht und bald alles finden, was dich bei deinen Leibeslebzeiten die völlige Wiedergeburt nicht in der Fülle erreichen lässt.
HIM|3|470510|7|0|Von Mir aus aber bist du wohl schon wiedergeboren, und es fehlt dir sozusagen fast gar nichts mehr als bloß die Aufsteigung. Diese aber ist aus überaus weisen Gründen jedem Menschen selbst überlassen. Daher bemühe dich nur recht emsig, von der Welt auch in den kleinsten Fäden los zu werden, so wirst du leicht und bald jenen zweiten, vollkommenen Geburtstag für alle Ewigkeit erleben, der dir nimmer wird genommen werden!
HIM|3|470510|8|0|Das ist der getreueste und wahrste Wunsch Dessen, der dich schon eher geliebt hat, als die Erde noch gegründet ward, – der dein wahrer Vater ist und bleiben wird von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|470518|1|1|Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt – 18. Mai 1847 [Supplemente 1883]
HIM|3|470518|1|0|Diese Stelle des Evangeliums wird, wie nicht leichtlich eine andere, ganz grundfalsch bei nahe allen christlichen Religionskonfessionen verstanden, denn fast alle sind der Meinung und bei den Römischen sogar des auf allen Predigerkanzeln verkündeten Glaubens, dass bloß die wenigen Auserwählten in den Himmel kommen werden, alle anderen als die vielen Berufenen aber werden unfehlbar nach dem ebenso grundfalsch verstandenen jüngsten Gerichtstag schnurgerade in die Hölle, und zwar auf ewig verworfen werden.
HIM|3|470518|2|0|Damit aber dieser Satz des Evangeliums gründlich verstanden werden möge, so will Ich euch ihn in einem Bild dartun in der Art, wie er so ganz eigentlich im Geiste und in der Wahrheit verstanden werden solle. Und so vernehmt denn das Bild, welches also lautet:
HIM|3|470518|3|0|Es war im Morgenland ein großer, mächtiger und weiser König. Sein Reich war groß, und viele Völker beugten sich unter sein Zepter. Dieser König beschloss einmal bei sich, um seiner Untertanen mannigfache Fähigkeiten näher kennenzulernen, ein überaus großes Gastmahl zu geben, zu dem alle Hausväter mit ihren ältesten Söhnen und Töchtern zu erscheinen geladen wurden, auf dass der König die weisesten und geistreichsten Söhne aus den vielen Geladenen erwählte für seinen mannigfachen Hof- und Staatsdienst, und die Töchter, so sie wohlgestaltet und wohlgebildet wären, zu seinen Weibern und sonstigen Gesellschafterinnen.
HIM|3|470518|4|0|Da aber die Untertanen solche Einladung vernommen hatten, entsetzten sie sich heimlich, da sie meinten, das werde nur ein schlauer Vorwand des mächtigen Königs sein, um sie alle in die Residenz zu locken, und wenn sie dort wären, sie dann alle übel umzubringen, und also seine Augenweide zu haben am Blut seiner Untertanen. Daher ließ sich ein jeglicher entschuldigen, und es kam niemand von den Geladenen in den königlichen Palast.
HIM|3|470518|5|0|Als der König aber merkte, aus was für heimlichem Grunde die vielen Geladenen zu seinem großen Gastmahl sich nicht zu kommen getrauen, da sagte er zu den Einladern: „Was soll ich nun tun? Seht, das große Gastmahl ist bereitet, wer soll es verzehren? Ich sehe aber dennoch viele Neugierige auf den Gassen und Straßen und viele, die auf die Zäune steigen und dort warten und passen, um zu sehen, was ich mit den Geladenen und zum Gastmahl Kommenden etwa tun werde. Geht daher mit großer Macht hinaus an die Zäune, Gassen und Straßen, und wen immer ihr da trefft, den treibt herein, auf dass mein großes Mahl verzehrt werde! Seht dabei auch nicht auf die geziemende Bekleidung, ob hochzeitlich oder nicht, das ist nun gleich; denn nun handelt es sich vor allem um die Aufzehrung des Mahles, auf dass es nicht verderbe. Ist dieses geschehen, dann erst wollen wir untersuchen, was mein Gastmahl für Gäste hatte, und ob sie wohl alle würdig waren, an dieser meiner Tafel teilgenommen zu haben.“
HIM|3|470518|6|0|Als die vielen Diener von ihrem großen König solches Gebot erhalten hatten, da eilten sie zu allen Toren jählings hinaus und trieben alle, die sie trafen, aus Gassen, Straßen und Zäunen, zum Gastmahl des Königs, und darunter waren auch viele die geladen waren.
HIM|3|470518|7|0|Da diese Gäste aber die große Güte und Freundlichkeit des Königs merkten, da verging ihnen bald die große törichte Furcht, und sie wurden fröhlich, lobten und priesen dann über die Maßen die große Güte und Weisheit des Königs und konnten nicht begreifen, wie sie zu einer solch törichten Furcht vor ihm haben gelangen können.
HIM|3|470518|8|0|Als das Mahl aber verzehrt war, da ging der König unter diesen vielen Gästen gar freundlich herum und besprach sich mit den Vätern und mit den Jünglingen und besah wohl die Töchter; und wer ihm in seiner Art besonders gefiel, den wählte er aus der ganzen großen Gästegesellschaft für seinen Hofdienst und ließ jedem Gewählten sogleich königliche Gewänder antun. Das aber machte gar viele der Gäste traurig, darum, dass ihnen nicht auch solche Ehre widerfuhr.
HIM|3|470518|9|0|Der König aber wandte sich sobald zu den traurig Gewordenen und sagte zu ihnen: „Warum trauert ihr deshalb, dass ich einige aus euch und euren Kindern für meinen Hofstaat erwählt habe, darum, weil ich sie vermöge der an ihnen entdeckten Eigenschaften wohl gebrauchen kann; sind sie nicht eure Kinder? Warum also beneidet ihr trauernd sie um ihr Los? O seht, sie haben nichts denn eine größere und oft sehr verantwortliche Arbeit euch vor, in allem Übrigen sind sie nichts mehr und nichts weniger denn ihr, meine Freunde, so sie beachten mein Gesetz. Denn sie alle, die ich da gewählt habe, haben das gleiche Gesetz und die gleiche Freiheit wie ihr und können, so sie wollen, demselben zuwiderhandeln und in solcher Handlung ein entsprechendes Gericht finden gleichwie ihr. Mir, dem Herrn, aber steht es zu, das Gesetz für sie, wie für euch, so ihr weise seid, völlig aufzuheben, auf dass in meinem
HIM|3|470518|0|0|ganzen großen Reich allenthalben eine große Freiheit herrsche sowohl an meinem Hofstaat als auch ganz besonders bei allen weisen Untertanen meines großen Reiches! Darum beruhigt euch ob der Erwählten; denn ich, euer Herr und König, bedarf auch vorzugsweise der Untertanen, derentwegen ich so ganz eigentlich diese Hofdiener erwählt habe.“
HIM|3|470518|10|0|Als die Gäste solches vom König vernommen hatten, da wurden sie überaus froh, und priesen die große Güte und Weisheit ihres Königs. Da aber die gar sehr vielen Gäste also jubelten, fand sich unter ihnen auch ein räudiges Schaf von einem Gast; indem — während alle anderen jubelten und frohlockten und dem großen König „Hosianna“ zuriefen — dieser anfing den König zu schelten und verfluchte solch eigenwillige gemeinste Herablassung des Königs zu seinem Volk.
HIM|3|470518|11|0|Diesen Einen aber ließ der König sobald ergreifen und ihn vor sich stellen. Als dieser einzige Schmäher vor dem König in garstigen Lumpen und Fetzen dastand, so fragte ihn der König erbittert: „Elender Schmäher und Verflucher meiner Güte und großen Liebe zu meinem Volk, wie kommst du in solch unwürdigstem Anzug in meine königlichen Gemächer? Weiß ich doch, dass du von jeher all meiner Güte und Weisheit widerstrebtest! Du wohl hast noch nie ein Hochzeitsgewand vor mir angetan. Darum ergreift ihn, ihr meine getreuen Diener, und werft ihn in den finstersten Kerker; allda soll er heulen und gewaltigst knirschen mit seinen Zähnen!“
HIM|3|470518|12|0|Seht, nur von diesem Einen ist die Rede, dass er in den Kerker geworfen ward, aber von den Geladenen nicht. Bei diesen wird nur ihre weltliche Dummheit und nicht ihre Bosheit gerügt; aber das eine räudige Schaf kommt hier als gerichtet vor. Darum lernt es nun durch dies Bild, was da ist der rechte innere Sinn dieses oben angeführten Schrifttextes und haltet darum nicht nur die Auserwählten, sondern auch die Berufenen für Meines Reiches würdig und wert. Amen. Amen. Amen!
HIM|3|470521|1|1|Nähere Beleuchtung der vorhergehenden Parabel und eine neue Parabel – 21. Mai 1847 [Supplemente 1883]
HIM|3|470521|1|0|Das Morgenland ist das Reich Gottes, welches das rechte Reich des Lebens oder das ewige Leben in sich selbst ist. Der König bin Ich, der Herr und Schöpfer aller Wesen und Dinge von Ewigkeit.
HIM|3|470521|2|0|Das große Gastmahl ist Meine Menschwerdung und das an sie gebundene große Werk der Erlösung, zu deren Teilnehmung gar viele, ja überaus viele berufen sind, und vorerst die Hauptstämme Israels, die aber alle bekanntlich bis zur Stunde noch nicht dazu erscheinen wollten, teils aus Furcht vor dem nichtverstandenen mosaischen Gesetz, und teils aber auch ob der Hartnäckigkeit ihres Herzens und dessen vollstem Unglauben.
HIM|3|470521|3|0|Die fähigen Söhne, die für Meinen Dienst sollen auserwählt werden aus den vielen Berufenen, sind die gewissen und bevorstehenden Verkündiger Meines Wortes. Und die schönen und wohlgebildeten Töchter, die da zu Weibern und Beischläferinnen sollen erwählt werden, sind die noch hie und da rein gebliebenen alten Lehren, Sitten und Gebräuche, die ihre Knie noch nie vor Baal und Mammon gebeugt haben.
HIM|3|470521|4|0|Die Einlader sind zum Teil Engel, Propheten und zuletzt alle die Apostel, Jünger und Evangelisten, und endlich alle jene Knechte, die Mein Wort und Meine Lehre ganz unverfälscht an die Menschen ausgebreitet haben und solches noch tun und noch tun werden.
HIM|3|470521|5|0|Und die auf den Gassen, Straßen und Zäunen sind alle Menschen, die auf der Erde gelebt haben, noch leben und in Zukunft noch kommen werden, und zwar die auf den Gassen – jene, die noch auf Erden leben und wohl in irgendeiner christlichen Sekte stecken, aber dessen ungeachtet mit allen Torheiten der Welt behaftet sind und das rechte Licht nicht ergreifen mögen oder wollen, auf dass sie ja nicht das wahre ewige Leben überkämen und völlig frei und selig würden.
HIM|3|470521|6|0|Die auf den Straßen sind jene, die zwar auch noch auf der Erde leben, sich aber in irgendeinem jedermann mehr oder weniger bekannten Heidentum befinden; und endlich die auf den Zäunen sind jene, die dem Leibe nach schon gestorben sind und sich in der geistigen Welt – ihren Seelen nach – befinden und dort eben auch gleichfort noch zum großen Gastmahl der Erlösung durch die rechten Umkehrmittel geladen werden.
HIM|3|470521|7|0|Und endlich der unter allen Geladenen und nun vielmehr förmlich mit Gewalt (der Liebe) zum Gastmahl Getriebenen und Gezogenen befindliche Eine ohne Hochzeitsgewand ist zunächst der Satan, und im weiteren Sinne alle diejenigen, welche ihm getreu geblieben sind und durch gar kein Mittel zur Umkehr zu bewegen waren; deren Los, wie die Parabel sagt, jener Kerker sein wird, darinnen ewige Finsternis herrscht, und der voll ist des Heulens und Zähneknirschens, was so viel heißt als: Unter dem Heulen ist Grundfalsches, dem Himmel Entgegengesetztes, und unter dem Zähneknirschen Grundböses und Zornglut der Hölle zu verstehen, weil, wenn jemand von der höchsten Zornwut entbrannt ist, er mit den Zähnen zu knirschen und zu kläffen anfängt gleich einer gereizten Hyäne oder gleich einem vor Wut entbrannten grimmigen Tiger.
HIM|3|470521|8|0|Mit diesen wenigen Worten ist nun die ganze Entsprechung zwischen dem materiellen Bild und seinem geistigen Inhalt enthüllt. Wer aber die Sache noch tiefer fassen wollte und möchte, der tue gleich einem weisen Pflanzenforscher und Sammler, der mit sich Rat hält und bei sich spricht:
HIM|3|470521|9|0|„Was soll ich nun tun? Das Pflanzen- und Gräserwerk der Äcker, Wiesen, Gärten, Wälder und Felder, Berge und Täler etc. kenne ich genau; denn was auf den Alpen wächst, habe ich erforscht, und auch was die Sümpfe treiben und selbst was der Meere Gewässer decken, ist mir nicht unbekannt. Von alledem
HIM|3|470521|0|0|kenne ich genau Namen, Platz, Wurzel, Stängel, Blatt, Blüte und Frucht. Was soll ich mit dieser Wissenschaft denn nun noch weiter tun? Siehe, nun fällt es mir bei! Mein Auge will ich stärker und stärker bewaffnen und mit ihm das innere Gebäu der Röhrchen, Fasern und Zellen durchgehen, da werde ich sicher hinreichend Stoff zur ferneren Ausbildung meines Geistes finden.“
HIM|3|470521|10|0|Gut gedacht und noch besser getan! Der Botaniker hat völlig recht. Also wer die Materie kennt und ihren Weg, oder wer das Wort kennt und dessen Zweck, der tue gleich dem Botaniker, so wird er in die Tiefen des Geistes dringen. Aber, fragt da jemand, wie solle ich fürs tiefere Verständnis des Gotteswortes meine geistige Sehe bewaffnen, um mit ihrer seltenen Hilfe dahin dringen zu können, wo nun für mein gegenwärtiges Sehvermögen tiefe Nacht rastet?!
HIM|3|470521|11|0|O Freunde, das ist leichter, als ihr es euch vorstellt. Der Glaube ist die gewöhnliche unbewaffnete Sehe des Herzens. Der Glaube aber erwecke die Liebe, die ist das Feuer, die Wärme und das Licht, welche drei Dinge in der einen Liebe alles ausdehnen, erweitern, stets mehr vergrößern und endlich völlig entfalten, gleichwie das Feuer, die Wärme und das Licht der Sonne es schon natürlich ersichtlich jährlich vor jedermanns Augen ausüben.
HIM|3|470521|12|0|Mit der Liebe geselle sich die Geduld, das ist der Dünger; dann die Demut, das ist der fruchtbare Regen; und die Sanftmut, Erbarmung, Treue und Wahrhaftigkeit, das sind die guten Winde, die alle bösen Ungewitter vertreiben.
HIM|3|470521|13|0|Diese Dinge selbstwillig ins Herz gefasst und darnach getan – und die außerordentliche Bewaffnung der Geistessehe ist in aller Fülle zustande gebracht, mittelst welcher jeder aus euch, der keines griesgrämigen Magens ist, in der Fülle die inneren endlosen Wunder Meines gegebenen Wortes für ewig stets klarer und tiefer wird beschauen können, wozu jedermann geladen und berufen ist für ewig. Amen! Amen! Amen!
HIM|3|470525|1|1|Du bist Petrus – 25. Mai 1847 [Aehrenlese 1856]
HIM|3|470525|0|0|Du bist Petrus (ein Fels), auf diesen Felsen will Ich Meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen! Dir will Ich die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du lösen wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gelöst sein, und was du binden wirst auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden sein. (Mat. 16,18-19)
HIM|3|470525|1|0|Dieser Schrifttexte wegen herrscht noch bis jetzt in allen christlichen Bezirken auf der Erde der größte Irrtum und Wahn; denn alle ohne Ausnahme halten sich mehr oder weniger für den Kirchfelsen Petri und vermeinen, die wirklichen Schlüssel zum Reich Gottes zu haben und dasselbe für die Hineinkommenwollenden nach Belieben zu öffnen oder zu schließen, d. h., das Wort des Evangeliums nach Willkür zu geben, zu verstümmeln, vorzuenthalten, zu untersagen, dafür willkürliche Gebote zu geben und darauf die ewigen Strafen zu legen, die Menschen durch dergleichen Gebote zu möglichst vielen Sünden zu verleiten, diese dann nach Willkür nachzulassen oder vorzuenthalten und gegen gewisse Bußwerke sogar vollkommene oder unvollkommene Ablässe für alle begangenen Sünden zu erteilen oder wohl auch vorzuenthalten!
HIM|3|470525|2|0|Hätte da jemand nur ein Atom groß reinen Verstandes, so müsste er’s um Meiner Gottheit willen ja doch einsehen, dass Ich, der Ich lediglich nur das Gesetz der allgemeinen Bruderliebe bei jeder Gelegenheit predigte, unmöglich dem Apostel Petrus wie allen anderen Aposteln konnte eine solche Vollmacht gegeben haben und eine solche Bestimmung, die sich doch offenbar mit der Nächstenliebe gerade also verhält, wie Hölle und Himmel!
HIM|3|470525|3|0|Wer Gesetze gibt, der gibt auch das Gericht; ist das Gericht Liebe? Ich nahm ja darum alles Gericht am Kreuz auf Mich, auf dass den Menschen allein die Liebe bliebe; ist aber diese wohl denkbar, wo eine Milliarde Richterstühle unter den sein sollenden Brüdern aufgerichtet sind und wo man hinsieht, nichts als Gesetze über Gesetze erblickt?! Ist das Petrus der Fels, auf dem Meine Kirche, welche nichts ist und sein soll als bloß nur Liebe und wieder Liebe, erbaut werden solle?!
HIM|3|470525|4|0|Jeder, der Mich wie Petrus erkennt und liebt, ist ein rechter Fels, auf dem Ich Meine wahre Kirche, die wahre Liebe und Weisheit aus Mir, erbauen kann und auch vollernstlich wirklich erbaue. Wie aber soll dann irgendeine große oder kleine Gemeinde unter irgendeinem Oberhaupt ein Fels sein, da jeder denkt und glaubt, was er will; wo der eine mit den Lippen unverständliche Worte murmelt und solche Murmelei für ein nützliches Gebet verkauft, der andere darüber flucht und spottet und lacht, ein dritter als Richter auftritt und alles in den tiefsten Grund der Hölle hinein verdammt?! Kann solch eine Gemeinde oder ihr Vorstand der Fels sein, auf dem Meine Kirche gebaut ist, die die Pforten der Hölle nimmer überwältigen sollen?!
HIM|3|470525|5|0|Ich sagte: An der Liebe, so ihr euch untereinander liebt, wie Ich euch liebe, wird man erkennen, dass ihr wahrhaft Meine Jünger seid! – Die Liebe also gab Ich als das alleinige Kennzeichen, aus dem man erkennen kann, ob jemand ein wahrer Fels ist, auf dem Meine Kirche erbaut ist. Wie soll aber dann der nun so vervielfältigte Richterstuhl unter den sein sollenden Brüdern ein Kennzeichen des von der Hölle nicht überwundenen Felsens Petri sein und Meiner darauf erbauten Kirche?! O du entsetzlich blinde Dummheit der Menschen dieser Zeit, die du dich von der Hölle unüberwunden hältst und befindest dich allem deinem Handeln nach schon lange, lange, lange mitten darin!
HIM|3|470525|6|0|Hätte Ich wollen eine sichtbare Kirche damit stiften, so hätte Ich wohl zu allen Aposteln und Jüngern gesagt: Ihr alle seid Petrus. – Allein solches sagte Ich ja doch gar zu handgreiflich allein zu Petrus darum, da er der erste war, der Mich Meiner göttlichen Natur nach erkannte! Er war sonach auch der erste, dem Ich in seinem Glauben und Vertrauen die Schlüssel zum Himmelreich gab, welches da ist ein Reich der Liebe zu Gott im Herzen der Menschen und daraus erst die wahre Liebe zum Nächsten, zu welcher Liebe aber niemand ohne vorgehender Erkenntnis Gottes gelangen kann, da doch sicher jedermann den zuerst kennen muss, bis er ihn lieben kann.
HIM|3|470525|7|0|Diese Gottes- und Nächstenliebe ist also das wahre Reich Gottes, die einzig wahre lebendige Kirche, die auf dem Felsen der richtigen Erkenntnis und des daraus abgeleiteten festen und unerschütterlichen Glaubens und Vertrauens erbaut ist, die freilich keine Hölle mehr zerstören kann.
HIM|3|470525|8|0|Aber äußeres gemeinschaftliches zeremonielles Parade- und Prunkwerk von einer sein sollenden unüberwindlichen Kirche Christi auf irgendeinem goldenen und silbernen Felsen Petri ist ebenso wenig Kirche und Fels Petri, als die Hölle ein Himmel oder der Kot eines Schweins ein Diamant. Oder habe Ich wohl je gesagt: Am Gold, Silber, an Edelsteinen, kostbaren Messkleidern, an großer irdischer Macht und am größten irdischen Ansehen, an den prachtvollsten Kirchengebäuden, Glocken und Orgeln, an der lateinischen Sprache und dergleichen mehr wird man erkennen, dass ihr Meine Jünger seid? – Wahrlich, wahrlich, sowas ist von Mir nie als Kennzeichen Meiner wahren Kirche vorbezeichnet und vorhergesagt worden; durch Johannes wohl in der Offenbarung, wo von der großen Hure die Rede ist. Diese aber wird doch etwa der Fels Petri nicht sein?!
HIM|3|470525|9|0|Simon Jona, der ein wahrer Petrus war, sagte zu einem, den er mit Meinem wahren Geist in ihm gesund machte: Gold und Silber habe ich nicht, aber was ich habe, das gebe ich dir! – Ob das nun wohl auch mit gutem Gewissen, ohne sich vor der ganzen Welt lächerlich zu machen, der sein wollende und sollende Nachfolger Petri in Rom, die Bischöfe in England, manche Superintendenten in Deutschland und der mächtige Patriarchissimus aller Griechen von sich aussagen könnten?! Ob sie etwa wohl auch keine Säcke, keine Schuhe und keine Stecken haben? O seht, wie war Petrus und wie war seine Liebekirche auf dem Felsen seines Herzens gebaut, und was war ihr Grund, und wie sind nun all die gegenwärtigen Kirchen gebaut, und was ist ihr Grund? Ich meine, das muss sogar ein Blinder begreifen und auch sehen, geschweige erst einer, dem die Augen doch schon ziemlich geöffnet sind.
HIM|3|470525|10|0|Es kommt die Zeit, wo man Gott allenthalben im Geist und in der Wahrheit anbeten wird, und nicht zu Jerusalem und nicht auf dem Berg Garizim! Also lest ihr auch in der Schrift. Demnach aber ist dann ja Geist, Wahrheit, rechte Erkenntnis, Glaube, Vertrauen und wahre Liebe zu Gott und dem Nächsten in jedes einzelnen Menschen Herzen der einzig und alleinig wahre Fels und die dann von Mir Selbst darauf lebendig erbaute Kirche, die allein der Hölle Trotz bieten kann ewig. Alles andere aber ist ein eitles Werk der Menschen und gilt für ganz und gar nichts und gibt gegen die Hölle nicht den allerleisesten Schutz, wenn der wahre Fels und die wahre lebendige in jedem einzelnen Menschen erbaute Kirche dabei mangelt.
HIM|3|470525|11|0|Es ist daher auch eine eitle Frage, welch äußere, sichtbare Kirche unter den vielen, die Meinen Namen führen, die rechte sei. Die Antwort darauf lautet und kann ewig nie anders lauten als: Gar keine! – Nur die Kirche im Herzen, das Ich gemacht habe, ist die alleinig rechte und vor der Hölle für ewig gesicherte; alles andere hat die Welt ausgeheckt, gehört ihr an und gilt vor Mir ewig nichts!
HIM|3|470525|12|0|Sonach sind auch die Schlüssel zu Meinem Reich nur in der lebendigen, allein wahren Kirche, nie aber in irgendeiner kirchlichen Gemeinde oder bei deren Vorstand zu suchen. Was jemand dann aus dieser seiner eigenen, von Mir in seinem Herzen erbauten lebendigen Kirche für sich lösen oder binden wird auf der Erde seines Naturlebens und des Lebens seiner Brüder, das ist schon auch im Himmel gelöst oder gebunden, weil diese allein wahre Kirche ja schon der eigentliche Himmel selbst ist – oder noch deutscher gesagt: Was immer jemand in und aus solcher seiner mächtigen Liebekirche verrichten wird, das wird auch im Himmel verrichtet sein für ewig.
HIM|3|470525|13|0|Das sind demnach auch die rechten Schlüssel zum Himmelreich, dass ihr Mich als euren heiligen wahrsten Gott und Vater erkennt, über alles liebt und eure Brüder und Schwestern wie euch selbst. Ist das bei euch der Fall, so habt ihr Petrum, die wahre Kirche voll ausgebaut und die echten Schlüssel zum Himmelreich; alles andere aber ist eine Null! Dies versteht also wohl und lebt darnach. Amen, Amen, Amen!
HIM|3|470529|1|1|Du bist Petrus (Fortsetzung) – 29. Mai 1847 [Aehrenlese 1856]
HIM|3|470529|0|0|So aber da jemand unter euch fragen möchte ob des Felsen Petri und sagen: Ja, wenn dieser Fels also rein geistig zu nehmen ist und nur in jedem Menschen einzeln zu suchen und im Vorstand einer Gemeinde wie in der ganzen Gemeinde nicht zu verstehen ist, warum lässt denn da der Herr zu, dass sich Jahrhunderte hindurch die Gemeinden in den Haaren sind und einander fort und fort oft auf das Grausamste zerzausen bloß wegen der rechten Felsenschaft Petri, da jede Gemeinde fest glaubt, in ihr sei Petrus der Fels zu Hause?!
HIM|3|470529|1|0|Der Grund solcher Zulassung liegt um gar vieles tiefer, als es jemand aus euch auf den ersten Blick meinen möchte. Es soll freilich wohl nicht also sein, wie es ist, – und doch muss es wieder also sein, weil alles andere noch so ist! Dem Abraham ist ein rechter Nachkomme erweckt worden geistig ohne sinnlichen Beischlaf, desgleichen ward Johannes gezeugt, die Maria, und in der Urzeit geschahen solche Zeugungen häufig, und so manche Propheten wurden auf diese Art gezeugt.
HIM|3|470529|2|0|Diese Zeugung ist freilich die rechte und kommt noch jetzt nicht selten ohne Wissenschaft der Eltern vor; aber diese Art ist des Himmels und taugt für die Welt nicht, die aber doch auch ob der möglichen Teilnahme an der Erlösung sein muss. Was bleibt da aber dann anderes übrig, als der Welt ihre sinnliche Zeugungsweise zu belassen, und sonach die alte Sünde nebst der völligen Erlösung fortbestehen zu lassen, auf dass jede gefangene Naturseele in das Reich der Gnade und Erbarmung den ungehinderten Weg habe so oder so? Also müssen auch äußere Petrusse bestehen, an denen sich die Kinder der Welt so oder so zurechtfinden mögen.
HIM|3|470529|3|0|Wie dem Geist nur das behagt, was seiner Natur ist, so behagt auch der Welt nur, was ihrer Natur ist. Da ist das Sprichwort am rechten Platz, das da besagt: Gleiches gesellt sich am liebsten mit Gleichem. – Es wäre auch von den Bäumen und anderen Pflanzen zu wünschen, dass sie anstatt der vorhergehenden Blüte und noch mancher anderen gewisserart zeremoniellen Erscheinlichkeit lieber sogleich reife Früchte zutage förderten. Allein es geht die Sache einmal nicht anders, so aus dem großen Wesenkreis alles, das noch zuunterst ist, endlich nach oben solle gerichtet werden und da zur ewigen Freiheit gelangen!
HIM|3|470529|4|0|Also muss es auch zugelassen sein, dass neben dem einzig rechten Geistweg der Welt auch ihre verschiedenen Seiten- und manchmal sogar die grellsten Irrwege belassen werden, auf denen sie mit der Zeit dennoch entweder hier oder dort auf den rechten Weg geleitet werden kann. Oder könnten wohl die Erstlinge, die von unten her kommen, sogleich in die allein wahre innere Kirche des Geistes eingetauft werden? Das ginge ebenso wenig, als eine sogleich reife Frucht ohne der vorgehenden Blüte von einem Baum.
HIM|3|470529|5|0|Der Fürst der Nacht und des Todes muss also neben der rechten Kirche, die auf dem Felsen Petri erbaut ist, auch seine Weltkapelle haben. Aber aus dieser Kapelle geht dennoch ein Weg in die rechte Kirche, und er kann niemanden daran hindern, der von dieser Kapelle in die rechte Kirche übergehen will, so wie er euch nicht hindern konnte, aus der gleichen Kapelle in Meine rechte Kirche überzugehen und in selber zu verbleiben für ewig!
HIM|3|470529|6|0|Stellt euch aber unter der rechten Kirche die Maria und unter der Weltkapelle die Martha vor, die viel Lärmens macht um pur Weltliches, während die Maria mit ihrem besten Teil zu Meinen Füßen Meine Lehre, die da allein ist Licht und Leben, behorcht und sie in ihr Herz aufnimmt! Als aber ihr Bruder im Grab war, da weinten dennoch beide gleich, und beide kamen zu Mir, dass Ich ihn erweckte, der tot – im Grab – gebunden und voll Gestanks modernd lag!!!
HIM|3|470529|7|0|Doch darüber nichts weiter mehr! Ich meine, ihr werdet aus dieser Gabe gar leicht entnehmen können, warum neben der rechten Kirche Petri im Herzen auch äußere zugelassen sind; daher davon etwas Weiteres zu sagen auch völlig überflüssig wäre. Darum beachtet dieses wohl im Herzen. Amen!
HIM|3|470527|1|1|Deine Freunde und Brüder. Erklärung der zehn Buchstaben in ‚Haushaltung Gottes‘, 1. Band, 3. Kapitel, 12. Vers nach ihrem geistigen Sinn – 27. Mai 1847
HIM|3|470527|1|0|Vers 12: „Siehe, Ich will sie dir alle beim Namen: H1, L, V1, T, S, S, A, A, S, S nennen. Sie sollen alle Meinen Vatergruß empfangen und heute noch, wenn sie wollen, sollen ihnen die Pforten der Himmel geöffnet werden, das die Augen ihres Geistes sind, und Ich will noch heute wohnen in ihren Herzen. Nur eines noch sollen sie mit Beharrlichkeit tun, nämlich ihr Fleisch sollen sie reinwaschen aus dem Brunnen, da lebendiges Wasser innen ist, und einen Stab sollen sie nehmen, der zur Hälfte schwarz und zur Hälfte weiß ist; den sollen sie zur Hälfte abbrechen, und den schwarzen Teil sollen sie der Welt unter die Füße werfen und den weißen Teil für sich behalten zum Zeichen, dass sie mit der Welt und mit ihrem Fleische auf immer gebrochen haben.“
HIM|3|470527|2|0|Was diese von Anfang an bisher noch nicht verstandenen zehn Buchstaben betrifft, so liegt fürs Erste das Heil der Sonne und des Mondes nicht daran, und die Sterne gehen auch ihren Weg fort, ohne sich durch das Unverständnis dieser zehn Buchstaben beirren zu lassen. Jeder von euch aber weiß, dass fürs ewige Leben nur eines nottut; wer auf das sieht und danach trachtet, hat für seinen Geist den besten Teil erwählt, – alles andere kommt zur rechten Zeit als eine freie Zugabe hinzu. Und so hätte auch ein jeder von euch seinem Geiste nach dies kleine Geheimnis schon lange enthüllt haben können, so er sich darum ernstlich und volltraulich in seinem Herzen fragend an Mich gewandt hätte. Stattdessen aber habt ihr wohl öfter schon nachgegrübelt – mit eurem Verstand bei weitem mehr als mit dem Herzen – und daher rührt es dann aber auch, dass ihr dies leichte Geheimnis noch nicht versteht, und das darum, weil dergleichen Dinge für den Verstand nicht gegeben sind, sondern lediglich nur für das Herz und für den Geist!
HIM|3|470527|3|0|Auf dass aber euer noch stark unverständiges Herz in rein geistigen Dingen nicht noch länger den leidigen Verstand als Auskundschafter in das geistige Geheimnisrevier aussenden soll wie einen blinden Jäger, der ihm noch nie irgendein fettes Wild heimgebracht hat, sondern allezeit nur ein halbvermodertes Aas, so will Ich euch gleichwohl die unter diesen zehn Buchstaben bezeichneten symbolischen Freunde näher bekanntgeben; und so hört es, und fasst es wohl!
HIM|3|470527|4|0|H1 bezeichnet die Hölle als fleischliches Angehör der Seele; die Zahl 1 bedeutet die Hoffart, Herrschsucht und den Hochmut eben der Hölle in jedem Menschen und somit auch in euch. Die Hölle ist aber jedes irdischen Menschen innigster Freund, indem sie ihm alles verschafft, was seiner Natur schmeichelt und dieselbe mit allerlei fleischlich behaglichsten Reizen erfüllt.
HIM|3|470527|5|0|Will Ich nun einen Menschen in Mein Reich aufnehmen und ihn erziehen zum ewigen Leben, so muss Ich auch seine Freundschaft aufnehmen, von der sich der Mensch, solange er auf der Erde lebt, nie völlig zu trennen imstande ist; darum auch die Sünde, als Angehör dieses Freundes, vor Meinen Augen als völlig getilgt erscheinen muss, ohne welche Erscheinlichkeit eine weitere Erziehung eures Geistes nicht denkbar ist und sein kann. Mit anderen Worten gesagt: So Ich euch erhalten will, muss Ich auch um eure Haushölle Meine heiligen Vaterhände schlingen und so euch samt eurer noch bis jetzt sehr intimen Freundin in Meinen Schoß erheben! Da habt ihr nun den ersten Buchstaben, dessen Enthüllung Ich euch bisher verschwiegen habe, und das aus wohlweisen Gründen.
HIM|3|470527|6|0|Das darauffolgende L bezeichnet alle möglichen Leidenschaften, die eben aus H hervorgehen. Dass die Leidenschaften auch Freunde des Menschen sind seiner fleischlichen Natur nach und alle von Mir ergriffen, erhoben und in Edles verkehrt werden müssen, wenn des Menschen Geist genesen soll zum ewigen Leben, das wird sich etwa doch wohl allerklarst von selbst verstehen?!
HIM|3|470527|7|0|V1 bedeutet die Vernunft, gepaart mit dem Verstand, wie ihn die Welt oder die Hölle dem äußeren Naturmenschen gibt. Dass dieses alle Welt beherrschende Ehepaar nebst der Hölle in jegliches Menschen größter freundschaftlicher Gunst steht, braucht kaum näher erwähnt zu werden; denn alles lässt ein Mensch eher fahren als diese seine besten und intimsten Hausfreunde. Ist ein Mensch manchmal auch mit seiner anderen inneren Weltfreundschaft eben nicht am zufriedensten, so hat er aber doch gegen diese zwei fast nie oder nur höchst selten etwas Kleinlichstes einzuwenden.
HIM|3|470527|8|0|Will Ich aber den Menschen zu Mir erheben, so bleibt nichts anderes übrig, als auch diesen seinen intimsten Hausfreunden volle Amnestie zu geben. Ich meine, das dürfte wohl auch jedem von euch sehr einleuchtend sein, indem auch ihr noch bis heute sehr große Stücke auf diese eure alten Hausfreunde haltet, obschon ihr nebstbei wohl einseht, wie weit man mit ihnen im Land des Geistes zu kommen imstande ist!
HIM|3|470527|9|0|Das T bezeichnet das mit dem Verstand gleich emporkeimende Talent, durch welches der Mensch zu allerlei Glanzstufen gelangen kann, auf denen das S (Selbstsucht) vorzugsweise zu Hause ist und mit dieser das zweite S als Schadenfreude, – lauter Hausfreunde des Menschen von der Welt, die Ich auch mit aufnehmen muss, wenn Ich seinen Geist retten will!
HIM|3|470527|10|0|Aus diesen geht heraus die treue Anhänglichkeit an allen Weltglanz und der Antrieb, stets höher in der Weltgunst und in ihrem Vorteil zu steigen und sich herrschend so viel als möglich über alles in seiner Art zu erheben, wozu ihm sein Freund T den Weg gebahnt hat!
HIM|3|470527|11|0|Es versteht sich schon wieder von selbst, dass bei der Aufnahme des Menschen nach seinem Geiste die beiden Freunde A, A nicht zurückbleiben können und müssen zur Umkehr und wahren geistigen Veredlung mit aufgenommen werden. Und so schon alles aufgenommen ist, da können auch die beiden letzten S, S, als allerlei fleischliche Sinnlichkeit, die bei jedem Menschen legionfach ist, und endlich die jedermann wohlbekannte weltliche, überdumme Sittlichkeit, als Mode, Komplimente usw., nicht zurückbleiben.
HIM|3|470527|12|0|Seht, das sind die im Hauptwerk angeführten Freunde und Brüder in euch, so wie in Meinem Knecht, unter dem aber jedermann verstanden wird. Diesen sollt ihr in euch laut verkünden, dass Ich nach ihnen Meine Hände ausgestreckt habe und habe ihr Böses gewaschen, die Sünde hinweggetan und sie mit den wahren Interessen eures Geistes in Einklang gebracht, auf dass ihr nun, so ihr wollt, ganz ungehindert den treu gezeigten Weg des Lichtes und des Lebens fortwandeln könnt.
HIM|3|470527|13|0|Wollt ihr aber alles dessen ungeachtet diesen euren alten Freunden treuer verbleiben denn Mir, der Ich euch ohne euer Zutun diese große Gnade und heiligste Vaterhuld erwies, so steht es euch auch frei. Auch davon wird das Heil der Sonne und des Mondes nicht abhängen, und die Sterne werden ihren Weg nicht verfehlen! Denn das wisst ihr ja lange schon, dass von Mir aus für den Geist kein Muss besteht! Ich meine aber, da Ich für euch schon so viel getan habe, so werdet ihr auch das Wenige tun, nämlich fortan stärker und stärker mit eurer Liebe Mir anhangen und eure Brüder nicht im Stich lassen!
HIM|3|470527|14|0|Ich hätte euch aber die zehn Freunde eures irdischen Lebens im Fleische wohl schon lange erklären können, wenn das für euch heilsam gewesen wäre; aber da Ich wohl sah, dass diese eure alten Freunde in euch einen starken Lärm geschlagen hätten, so Ich sie euch vor der Zeit mehr als bloß nur dem Anfangsbuchstaben nach bekanntgegeben hätte, und da nur in der Person des Knechtes, so habe Ich solche nähere Bestimmung bisher verzögert.
HIM|3|470527|15|0|Da ihr sie aber nun habt, so ist es nun auch an euch, sehr ernstlich darüber nachzudenken und den im Hauptwerk verlangten Auftrag, soviel es nur immer eure Kräfte vermögen, an eben diese zehn Buchstaben auszurichten; denn solange ihr die nähere Bedeutung dieser Buchstaben nicht kanntet, da tat Ich für euch, was Ich in der Person des Knechtes vom Knecht selbst und von jedem aus euch verlangte und noch verlange.
HIM|3|470527|16|0|Nun euch aber dieses Geheimnis enthüllt ist, seid ihr selbst verpflichtet, diesen Auftrag an euch zu erfüllen, ansonst ihr nicht völlig geschickt zu Meinem Reich sein könntet, – denn hier heißt es die Hand an den Pflug legen und sich dabei nicht nach rückwärts kehren! Ich habe aber euch dennoch auf anderen Wegen stets gezeigt, was im Naturmenschen ist, und was er zu tun hat, den Naturmenschen nach und nach in den geistigen zu verkehren. Und so konntet ihr diese gegenwärtige Enthüllung bisher schon entbehren und seid darum um nichts verkürzt worden und habt den rechten Weg ohne Anstand fortwandeln können, was auch fürder der Fall sein wird, so ihr das treu beachtet, was zu beachten Ich euch treulichst zeige.
HIM|3|470527|17|0|Vor allem aber haltet euch an die Liebe; die wird euch nicht verlassen! Alles kann vergehen, nur die Liebe bleibt ewig! Wo aber diese ist, da ist alles; denn die Liebe erhält alles und ist überall der Grundstein alles Seins! Seid daher nicht kleinmütig, nicht traurig, nicht mürrisch, nicht grämig, sondern in allem beherzt, heiter, fröhlichen Mutes und angenehmen und gefälligen Sinnes, Herzens und Geistes, so werdet ihr leichten Weges wandeln und die Pforten des Himmelreiches stets weit geöffnet vor euch haben, wodurch ihr dann ein leichtes Spiel haben werdet, eure vorenthüllten Weltfreunde veredelt in Mein Reich einzuführen, was der heißeste Liebewille Dessen ist, der euch hier durch den Knecht diese große Gnade erweist. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|470612|1|1|Wer alles treibt Ehebruch, Hurerei, Geilerei und Unzucht? – 12. Juni 1847
HIM|3|470612|1|0|Um die vorhergehende Gabe noch gründlicher zu verstehen, sollen hier die Umstände noch näher beleuchtet werden, unter denen Ehebruch, Hurerei, Geilerei und also die barste Unzucht getrieben wird und was dergleichen zumeist veranlasst.
HIM|3|470612|2|0|Ein Mensch, ob männlich oder weiblich, treibt schon Hurerei durch allerlei Schwelgen und Prassen und überhaupt durch alles, wodurch er seinem Fleisch einen besonderen Lustreiz zubringen will. Dergleichen sind die zahllosen öffentlichen Belustigungen, bei denen sich die Menschen schon überhaupt freier und frecher benehmen als sonst in ihrer gewöhnlichen Verfassung, durch die eben dem Fleisch am meisten auf die lustigste Art gedient wird. Wer dergleichen Belustigungen aufsucht und an denselben teilnimmt, treibt schon Hurerei, weil er dadurch seinem eigenen gefährlichsten Hausgötzen, seinem Fleisch, opfert; zugleich aber begeht er auch einen Ehebruch mit Mir, dem wahren Lebensbräutigam, indem er dadurch das Gelübde seines Glaubens bricht. Zugleich aber ist er auch ein Geiler und Unzüchtler; ein Geiler, weil er dem Fleisch frönt, und ein Unzüchtler, weil durch solche Handlungen nur der Tod, aber nicht das Leben gezeugt wird.
HIM|3|470612|3|0|Ferner treiben alle jene die barste Hurerei, die ihren Leib in moderne weiche Kleider hüllen. Denn so da jemand sagt: Man lebt in der Welt und muss also auch der Welt wegen nach der Mode sich tragen, ansonst man für einen Tropf gehalten würde, der nicht Sitte und Anstand beachtet. O du Tor! Wer ist denn mehr, Ich oder die Welt? So Ich dir aber sage, dass, so du der Welt huldigst, Ich dich verstoßen werde auf ewig, – wird dir dann auch noch deine dumme Welt mehr sein als Ich, der dir das Leben gab und dir dasselbe wieder nehmen kann, wann Er will, auf ewig? Den Anstand der Welt magst du wohl berücksichtigen; aber der Anstand, den Ich, dein Gott und Herr, von dir zu fordern wohl das erste Recht habe, ist dir wie nichts, und du meinst, Ich werde dir das schon durch die Finger sehen. Oh – solche Meine Nachsicht wird dir bald ganz entsetzlich teuer zu stehen kommen. Der ewige Abgrund wird es dir zeigen, wie viel Nachsicht Ich mit solchen Welteseln hatte! Da spricht ein Weltesel zum anderen und eine Weltsau zur anderen: Aber höre, wo hast du denn deinen Frack und dein Beinkleid machen lassen? Ah, dieser herrliche Schnitt, wie angegossen! Vortrefflich, ausgezeichnet! Du bist aber auch gewachsen wie ein Adonis, dir steht alles überaus gut – und alles nach der letzten, somit neuesten Mode! Nein, das muss ich dir gleich nachmachen, denn nur mit solch gewählter Eleganz kann man bei dem schönen Geschlecht als Sieger erscheinen!
HIM|3|470612|4|0|Noch mehr Modephilosophie besitzt das weibliche Geschlecht, denn dieses kann Stunden, Tage und Wochen mit nichts als Moden-, Kleiderstoffe-, Bänder- und Spitzengeplauder zubringen, ohne nur einmal dabei zu bedenken, ob solch ein tollstes hurerisches Geplauder Mir etwa doch missfallen könnte! Ich aber sage: O nur zu und fortgefahren in solch dümmster Mode- und Kleiderhurerei, in diesem gewebten Götzenopfer für euer stinkendes Fleisch, fürs Totenhaus eurer Seele und eures Geistes. Gerade so recht gezierten Fleisches werdet ihr dem Satan am besten gefallen; denn das ist seine Hauptsache, dass die Gräber übertüncht und die Schmeisshaufen vergoldet werden. Aber bei Mir, der Ich nur an der Zierde des Geistes Mein Wohlgefallen habe, werden solche erpichte Mode- und Kleiderhurer nie einen Einlass finden, denn Ich habe vor nichts einen größeren Ekel, als vor den sogenannten Modehelden und vor den Modeheldinnen!
HIM|3|470612|5|0|Wahrlich, so ihr Menschen nach dem Pariser Tone nackt einherginget und trüget offen eure Scham, da könntet ihr noch gar wohl selig werden. Da ihr aber euer Totenhaus so sehr ausschmückt, werdet ihr im selben zugrunde gehen ewiglich! Denn das alles ist die barste Hurerei, der barste Ehebruch, die schnödeste Geilerei und Unzucht am eigenen Wesen. Es ist ein geistiger Selbstmord, für dessen Heilung selbst in den Gärten des Himmels kein Kräutlein wächst! Denn wer da ob seines starken Triebes eine Dirne beschläft, der kommt nach dem Akt gewöhnlich wieder zu sich und fühlt nicht selten Reue über seine sündige Tat; dem ist daher auch zu verzeihen, da er einsieht, dass er gefehlt hatte.
HIM|3|470612|6|0|Aber so ein Modeaas, so ein Zierluder kommt nie zur Besinnung, nie zur Reue, und hält das schändliche, hoffärtige, selbstsüchtige, überhurerische Aufputzen seines Totenhauses noch obendrauf nicht nur für keine Sünde, sondern für ehrbar und geziemend und schämt sich aber dabei nicht selten des dürftigen Bruders, der armen Schwester, ja – hört es! – es schämt sich nicht selten seiner armen Eltern, – es schämt sich Meiner! – Es schämt sich, bloß weil es einen nach der neuesten Mode gezierten Mottensack herumträgt, zu Mir zu beten, es schämt sich, Meinen Namen öffentlich zu bekennen!!!
HIM|3|470612|7|0|Ich frage hier, ob es noch eine größere Art von Hurerei gibt, als da ist die Mode- und Kleiderhurerei? Ich aber sage dazu: Jeder Sünder wird bei Mir eher Eingang finden, als solch ein dümmster Zierlümmel und eine modistische Ziersau. Für diese, wie sie sind in ihrer echten Pariser Art, solle der Himmel wohl ewig nie geöffnet werden. Wer Mich lästert, vor den kann Ich hintreten und ihm zeigen, wie er Mich ohne Grund gelästert hat, und er wird sein Irren einsehen und wird weinen, darum er Mir Unrecht tat, – und Ich werde ihm vergeben, und er wird Mir ein Paulus werden!
HIM|3|470612|8|0|Was ist aber mit dem zu machen, der sich Meiner offenbar schämt? Wahrlich, für den weiß Ich kein Mittel! Denn dessen sich jemand schämt, dem weicht er ewig sorgfältiger aus als der Pest; und das ist eben die Hauptnatur des Satans – das hochgepriesene Schamgefühl nämlich!! Eltern, prägt euren Kindern nur recht viel Scham- und Ehrgefühl der Welt ein, dann werdet ihr sie schon auf den besten Weg zur Hölle setzen, von dem sie dann später nicht leicht mehr um ein Haarbreit abweichen werden! Lehrt die Mädchen ja recht streng und ernstlich, ihre Füße aus purer Scham zu verbergen, aber dafür den A... recht auszuschoppen, Brust und Arme aber dennoch nach der Mode mehr bloß zu tragen, – nur zu also! So ist es gerade recht, um der Hölle vollends versichert zu sein! O ihr dümmsten Menschen, was ist denn am Leib ehrbarer oder schändlicher? Ist denn nicht der ganze Leib Mein Werk? Wo aber steht es geschrieben, dass Ich auch Schändliches dem Leib angefügt habe?!
HIM|3|470612|9|0|Ihr seid schändliche Mode- und Kleiderhurer, die ihr bloß, weil es Mode ist, einige Teile eures Leibes schändlich und andere ehrbar findet. Und würde es Mode sein, den nackten A... zur Schau zu tragen und das Gesicht zu verhüllen bis auf die Augen, so würdet ihr es tun und würdet den Steiß für den ehrbarsten Teil eures Leibes halten! O ihr großen Narren, ihr überdummen Esel und barsten Schweine, seht ihr denn nicht ein, dass ihr eben durch die elende Mode in euren Kleidern von der Hölle aus die am allerscheußlichsten Gefoppten seid?! Daher lasst einmal ab von dieser größten aller eurer Torheiten, die allein hinreichend ist, euch den Himmel auf ewig zu vernageln!
HIM|3|470612|10|0|Würden die Menschen nackt untereinander umhergehen, da würden sie viel demütiger und züchtiger sein; da sie aber ihren Leib zieren, auf dass er sich gefälliger ausnehmen möchte, so brennen sie fortwährend nach fleischlicher Lust und verdammen sich selbst stets tiefer und tiefer in den ewigen Tod hinein. Wer wird sie daraus befreien können, so sie sich des ewigen Befreiers stets mehr zu schämen anfangen, je feiner sie ihren Leib bekleiden nach der Mode? Wahrlich, eher werden Räuber und Mörder und die nackten Sodomiten Mein Angesicht schauen, als die Zierbengel und alle die Putzdocken. Das sagt der arme, nur in nötige Kleider gehüllte, aber allmächtige Herr Jesus. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|470613|1|1|Wer alles treibt Ehebruch, Hurerei, Geilerei und Unzucht? Nachtrag – 13. Juni 1847 [Manuskript]
HIM|3|470613|1|0|Nach den Modehelden und ihren Genossinnen treiben noch die Industrieritter eben auch die barste Hurerei, Ehebruch und dergleichen. Diese sind im Grunde noch ärger als die Modehelden und Modeheldinnen, denn sie sind schon buchstäblich des Satans rechter Arm und tragen auch als solche sein Zeichen auf der Stirn und in der Hand. Diese Zeichen verschaffen ihnen die mannigfache Einsicht, und Geld und Fleiß legen sie ihnen in die Hand. Dann erbauen sie große künstliche Werkstätten, in denen statt dürftiger Menschen Maschinen arbeiten und in kurzer Zeit eine große Menge allerlei neuer Waren erzeugen, wie allerlei moderne Stoffe für Kleider und andere Hausverzierungen und andere tausenderlei Dinge für die sogenannte moderne galante Welt! Darauf studieren die Schneider Tag und Nacht, um irgendeinen neuen Schnitt zu erfinden, um ihre Kunden mehr anzulocken. Und die Modistinnen tun desgleichen und suchen stets neuere, auffallendere und schreiendere Formen und locken dadurch ihre Kunden und preisen ihre Produkte allzeit als etwas Außerordentliches an!
HIM|3|470613|2|0|Diese nun stets häufiger und zahlreicher werdende Art Menschen sind zumeist ohne Glauben, ohne Religion, ohne Gewissen und ohne die leiseste Nächstenliebe; ihnen gilt der Mensch gar nichts, sondern nur als Käufer und reichlicher Abnehmer ihrer Artikel, wenn er seine Zahlungen richtig leistet. Ist das aus gewissen Gründen aber öfter nicht der Fall, so wird gegen ihn sogleich die schonungsloseste Exekution verhängt, und deckt diese die Forderung nicht, so wird über den Zahlungsunfähigen auch noch der Kerker verhängt! – ganz nach Meinem Wort, da Ich sagte: „So ihr aber euer Geld ausleiht, so leiht es den Armen, die es euch nicht wiedererstatten können, so werdet ihr in Meinem Reich einen ewigen Schatz finden! Und sorget nicht, was ihr essen und trinken werdet und womit euren Leib bekleiden, nach allem dem trachten die Heiden. Ihr aber suchet nur vor allem das Gottesreich und Seine Gerechtigkeit, (welche da ist Liebe und Erbarmung), alles andere wird euch als eine freie Gabe hinzugegeben werden!“ – Das ist Mein Wort, das ist Gottes Wort, das ist Mein Wille, das ist Gottes Wille!
HIM|3|470613|3|0|Wie verhält sich zu diesem die oben gezeigte industrielle Weltsatanshurerei? Sie verhält sich gerade, wie unterste Hölle und oberster Himmel sich gegeneinander verhalten; daher es auch gar nicht nötig ist, den Lohn für solche Werke und sogenannte zeitgeistige Fortschritte in dem ewigen großen Jenseits näher zu bestimmen. Denn derlei Menschen stehen schon zu tief in der Hölle, als dass Meine Heiligkeit mit ihnen in eine nähere Berührung treten könnte! Auch sind sie Mir zu elend und schlecht, als dass Meine Liebe ihnen ein „Wehe euch“ zurufen könnte; denn es würde sie nicht erschrecken, und sie würden darum keine Buße tun, sondern noch mehr fabrizieren und noch mehr kaufen und verkaufen!
HIM|3|470613|4|0|Wahrlich, diesem Geschlecht sollen bald seine Krämerstühle und Buden auf das Schmählichste umgestoßen und sie selbst mit glühenden Stricken hinausgetrieben werden in das ewige Feuermeer Meines Zornes! Ich will aber jedem Sünder gnädig und barmherzig sein; aber dieses Geschlecht solle schonungslos behandelt werden, weil es wie kein anderes mit dem größten Gleichmut Meinem Wort zu allen Zeiten den tatsächlichsten Hohn spricht. Die Seele eines solchen Krämers ist aber auch das Scheußlichste alles Scheußlichen, sie ist ein stinkendster Polyp, der mit tausend Rachen fortwährend alles zu verschlingen bemüht ist, was er nur immer erreichen und ergreifen kann. Dass so ein Scheusal noch weniger taugt als das Arschloch zum Reden, versteht sich von selbst. Daher zeigte Ich es auch im Tempel, wie angenehm Mir dies Geschlecht ist!
HIM|3|470613|5|0|Ich schonte sicher jedes Sünders – der Ehebrecherin Schuld schrieb Ich in den Sand; von einer Buhldirne ließ Ich Mir die Füße salben; bei einem Zöllner und öffentlichen Sünder speiste Ich; die voll Aussatzes der Geilerei waren, reinigte Ich; Meinen Verräter begrüßte Ich als einen Freund; den Mörder am Kreuz nahm Ich ins ewige Paradies auf, und für alle, die Mich kreuzigten und kreuzigen ließen, bat Ich am Kreuz sterbend den heiligen Vater um Vergebung. Nur die Industrieritter wurden ohne Rücksicht und Schonung aus dem Tempel mit Stricken getrieben, und der reiche Prasser musste zur Hölle! Aus dem könnt ihr schon den Maßstab finden, wie dies Geschlecht bei Mir in Gnaden steht und stehen wird ewig. Amen, amen, amen.
HIM|3|470615|1|1|Noch einiges von der Menschen mehrfacher Klage – 15. Juni 1847
HIM|3|470615|1|0|Besonders viel wird heute über die römisch-katholische Kirche geklagt, und vielseitig wird ihre endliche gänzliche Niederlage erwartet und das Aufhören ihres Wirkens, ihres Götzentumes und ihres gesamten finsteren Getriebes. Der eine hält ihr die Geschichte vor die Nase und zeigt ihr alle die Millionen Gräuel aus allen Zeiten, die sie allorts durch ihre Pfaffen verübt hat. Ein anderer hält ihr die ganze Bibel weit geöffnet unters Gesicht und beweist ihr haarklein mit hundert Texten, dass ihr Papst noch weniger von Petrus abstamme als der chinesische Kaiser von der Sonne, und dass er linea recta [in gerader Linie] statt Christi Stellvertreter nur ein Stellvertreter des Drachen sei und zeigt ihm mathematisch auf Jahr, Tag und Stunde seinen sicheren Untergang. Und wenn die Zeit kommt und das Jahr verstreicht und der Tag und die Stunde und der Drache Babels will noch nicht zur Hölle fahren, da ist entweder die Rechnung unrichtig oder die Offenbarung Johannis ist schlecht übersetzt – oder ist gar nicht authentisch – oder nur ein finsterer Auszug aus den alten Propheten – oder die ganze Bibel ist ein pures halb moralisches, halb altpolitisches Werk, das in diese neuen aufgehellten Zeiten nicht mehr passe. Andere wieder verdammen bloß die Zeremonie und billigen die sonstige Einrichtung dieser Weltkirche. Einigen sind die Mönche ein Dorn im Auge, anderen bloß die sogenannten Jesuiten, wieder anderen der lateinische Ritus, andere verfluchen den Zölibat und wieder andere die Ohrenbeichte, und ein jeder etwas anderes. Alle aber wünschen zum Teil heimlich und zum Teile öffentlich, dass es mit dieser Hure bald ein Ende nehmen möchte!
HIM|3|470615|2|0|Aber nichtsdestoweniger will sie einmal ein so vielseitig erwünschtes Ende nehmen, sondern besteht immer fort und fort wie zum ärgernisvollsten Trotz aller ihrer stets mehr werdenden Feinde und allerunbarmherzigsten Richter. Ich aber sage: Nicht nur Rom, sondern jede äußere Kirche ist schlecht, wenn sie das Heil nur in die Äußerlichkeit setzt und nicht bedenkt, dass Mein Reich nicht von dieser Welt, sondern von einer ganz anderen Welt ist, und dass die rechte Kirche nur im Menschenherzen und sonst nirgends anzutreffen ist, durch die allein, alles andere ausschließend, der Mensch zum ewigen Leben seines Geistes gelangen kann. Für jede andere bloß äußere Weltkirche, ob römisch oder protestantisch oder griechisch, aber gilt ohnehin für ewig, was Ich im 51. Kapitel, Verse 36-39, des Propheten Jeremias vorausgesagt habe, und das ganz besonders durch die oben angeführten vier Verse des 51. Kapitels, allda es lautet:
HIM|3|470615|3|0|„Darum spricht der Herr: Siehe, Ich will deine Sache ausführen und dich rächen; Ich will ihr Meer austrocknen und ihre Brunnen versiegen lassen. Und Babel soll zum Steinhaufen und zur Drachenwohnung werden, zum Wunder und zum Anpfeifen, dass niemand darin wohne. Sie sollen miteinander brüllen wie die Löwen und schreien wie die jungen Löwen. Ich will sie mit ihrem Trinken in die Hitze treiben und will sie trunken machen, dass sie fröhlich werden und einen ewigen Schlaf schlafen, von dem sie nimmer aufwachen werden, spricht der Herr!“
HIM|3|470615|4|0|Diese Texte, die eben nicht schwer zu fassen sind, zeigen zur Genüge, wie es mit Rom und jeder anderen äußeren Kirche steht und was ihr Los ist für ewig.
HIM|3|470615|5|0|Ich will deine Sache, das ist, deinen Trug und deine lügenhaften Anmaßungen nach außen kehren, auf dass das Innere des Menschen unversehrt bleibe und dadurch rettbar sein Geist und seine Seele; und eben dadurch sollst du äußere Kirche Meine Rache in dir haben, welche ist der ewige Tod. Deine Bosheit (das Meer von Falschem und Bösem) will Ich ohnmächtig machen und deine reichen goldenen Brunnen stets mehr und mehr versiegen lassen, auf dass deine Macht zum Bösen vermindert werde stets mehr und mehr und vielfach mehr.
HIM|3|470615|6|0|Dadurch wird jedes Babel von selbst zu einem toten Steinhaufen werden und zur Wohnung des Drachen, der da ist ein Symbol des ewigen Todes, und eben dadurch zum Spott aller in sich Lebendigen, welcher Spott angedeutet wird durch Wunder und durchs An- oder Auspfeifen. Und der da lebendig geworden ist im Geiste, wird ewig nimmer wohnen unter deinem Dach; ob sie, solch äußerlicher Kirche Diener, wie Löwen brüllen werden vor Zorn und Wut und bald darauf schreien vor Hunger wie junge Löwen, wenn die Alten mit dem Fraßraub zu lange ausbleiben, so wird das aber dennoch keinen Lebendigen mehr erschrecken, und kein Wiedergeborener wird auf ihr Geschrei merken. Die aber blind und tot sein wollen, die sollen trinken aus dem Kelch den Wein des Todes, den Wein allen Truges und aller Lüge und Anmaßung, und sollen trunken werden davon und dann einschlafen in dieser Trunkenheit, aus welchem Totenschlaf sie nimmerdar erweckt werden sollen weder zeitlich noch ewig!!!
HIM|3|470615|7|0|Was also in Jeremias von derlei Babels vorhergesagt wurde, das geschieht an Rom buchstäblich, wie an allem äußeren Kirchentum; oder was da geschieht mit aller Äußerlichkeit, das geschieht auch fortwährend mit Rom und allen anderen Kirchen, insoweit sie bloß äußerlich sind, – sie welken ab und verdorren und werden zu toten Steinhaufen. Soll denn noch mehr geschehen, als was zu geschehen bestimmt ist?
HIM|3|470615|8|0|Daher sind also auch derlei klagliche Besorgnisse nicht auf rechtem Platze.
HIM|3|470615|9|0|Jeder aber besorge nur seine innere lebendige Kirche und überlasse Mir getrost das Gericht der äußeren Kirchen; dann wird alles in der ewigen gleichen Ordnung fortgehen, wie es sonst auch geht, wenn es die Blindheit der stets klagenden und richtenden Menschheit auch nicht merkt. Amen. Das und also spricht der Herr. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|470621|1|1|Das Stadtleben – 21. Juni 1847 [Manuskript]
HIM|3|470621|1|0|Dieses Thema macht sich. Es ist dir gelungen, von Mir darüber eine Erläuterung dir zu erbetteln. Möchtest du nicht bei einer anderen Gelegenheit Mich auch übers Abtritträumen befragen, und wann der Dreck am ärgsten stinkt, ob in der Zeit seiner Frische, oder so er in den Abtritten abgelegen ist? Meinst denn du, Ich sei etwa wie ein Mikroskop, mit dem die Gelehrten bald einen Tropfen Goldtinktur, gleich darauf aber wieder den Kopf einer Schmeißfliege betrachten? O nein, das bin Ich nicht!
HIM|3|470621|2|0|Ich soll dir das Stadtleben etwa gar schildern, wie es ist in seiner ganzen Scheußlichkeit? Das tue Ich nicht! Lieber möchte Ich dir alle Schmeißhaufen und alle Äser beschreiben, die nur irgend auf der Erde vorkommen, als dein dümmstes Stadtleben, wie es nun ist in seiner Art! Steige zur Hölle hinab, dort wirst du es auf ein Haar auseinandergesetzt finden; aber im Himmel findest du derlei nicht, und bei Mir schon am allerwenigsten. Packe daher zusammen mit deinem Stadtleben, denn über dieses Thema werde Ich sicher sehr wenig Worte verlieren!
HIM|3|470621|3|0|Was siehst du in der Stadt? Viele große und prächtige Häuser, Paläste, heidnische Tempel, mit Götzen angestopft, eine Menge Kaufläden mit einer unendlichen Auswahl von lauter Satansdreckwaren zum Verlocken, Verführen und Verpesten der Menschen, eine Menge Wucherer aller Art, scheinheilige Pfaffen bei weitem mehr, als wirkliche Priester mit einem menschlichen Herzen und Geist; allerlei Lumpen und Betrüger, Spieler, Spielhäuser, Huren in großer Menge und eine noch größere Menge Hurer aller Art, Ehebrecher aller Art, Geldmakler, Advokaten aller Art, eine große Menge Beamte, von denen die jungen den alten aus lauter Nächstenliebe einen möglichst baldigen Tod von ganzem Herzen wünschen, damit sie dadurch bald zum Vorrücken kommen möchten!
HIM|3|470621|4|0|Spitäler und Armenhäuser auf sogenannte Regimentsunkosten (Staatskosten). Also gibt es auch allerlei Steuern, direkte und indirekte; von den landesfürstlichen wollte Ich gerade nichts sagen, aber eine Steuer zur Stadtverschönerung ist einzig in ihrer Art. Also auch die Armensteuer, die doch sicher zunächst aus der christlichen Nächstenliebe entspringt! Das wird etwa doch schon schlecht genug sein, so die gesetzlichen rechtmäßigen Behörden es für notwendig finden, den harten Herzen der meisten Stadtbewohner ein Muss aufzuerlegen, um von ihnen für die arme Menschheit einen allernotwendigsten Zehrpfennig herauszupressen!
HIM|3|470621|5|0|Also sieht man auch Komödienhäuser und darin täglich Komödien, Sauf- und Fresshäuser, allerlei Fabriken, in denen für die Hölle am allerfleißigsten gearbeitet wird. Ebenso sieht man auch eine Menge Tanzsäle, Gärten und Alleen, die, mehr als sonst ein nützlicher Wald, die Menschen zum Putz und anderartiger Geilerei auffordern; und also noch eine Menge dergleichen sehr löbliche Anstalten.
HIM|3|470621|6|0|Meinst du wohl, Ich solle dir da etwa in geistiger Weise eine entsprechende Schilderung geben? O Ich könnte es wohl! Aber so Ich das täte, da käme in dieser Nacht noch ein furchtbarstes Erdbeben über diese Stadt und viele andere Städte, wo es dann mit ihnen tausendfach ärger ginge, als einst mit Sodom und Gomorrha! Daher bleibe du mit deinem schönen Stadtleben hübsch fein zu Hause, und komme Mir nicht mehr damit zum Vorschein, sonst sollst du sehen, wie es einer Stadt ergehen wird, so Ich von ihrem Leben zu reden anfangen möchte.
HIM|3|470621|7|0|Mit dem begnüge dich für diesmal, und sei in Zukunft keusch und vorsichtig im Handeln und Fragen, sonst könntest du eine sonderliche Lektion von Mir bekommen. Amen.
HIM|3|470626|1|1|Personenbeschreibung des Lazarus – 26. Juni 1847 [Supplemente 1883]
HIM|3|470626|0|0|Bitte: O Herr, Du heiliger, liebevollster Vater! Wenn es Dein heiliger Wille ist, so erfreue unser Herz durch eine Personenbeschreibung Deines Freundes Lazarus, des Bruders der Maria und Martha, welchen Du zum Ärgernis der geistlichen Machthaber in Jerusalem vom Tode erwecktest, und mit dem Du nach seiner Erweckung zu Tisch saßest.
HIM|3|470626|1|0|Mein lieber Wortemsig, du bist doch kein Porträtmaler, dass du gerade eine Personenbeschreibung des Lazarus, eines Bruders der Maria und Martha, von Mir wünschst! Aber weil du Mich schon darum gebeten hast, so kann Ich sie dir ja geben.
HIM|3|470626|2|0|Siehe, Lazarus sah gerade deinem Bruder Andreas sehr ähnlich; nur war er um zehn Jahre jünger (als dein Bruder jetzt, 1847), und war den äußeren Gütern nach noch bei weitem reicher als dein Bruder, und sein Herz hing noch mehr am äußeren Reichtumsglanz als das Herz deines Bruders, das aber zu gewissen Zeiten auch sehr stark daran hängt, oft bei weitem stärker als an Mir.
HIM|3|470626|3|0|Lazarus besaß mit seinen beiden Schwestern eben auch überaus große Reichtümer und verwaltete sie sehr gut und war dabei sehr gerecht und höchst gewissenhaft und besorgte die äußeren Geschäfte mit derselben Sorglichkeit, wie seine Schwester Martha die häuslichen.
HIM|3|470626|4|0|Er war ein vollkommen gesetzeskundiger Mann und lebte auch streng als ein echter Jude nach dem Gesetz. Er hielt große Stücke auf den kommenden Messias, hatte aber von Ihm nur eine unter den Juden ganz gewöhnliche, sehr materielle Vorstellung. Aber nichtsdestoweniger hielt er dennoch sehr große Stücke auf Jesus, d. h. also auf Mich, und hielt Mich nach Elias wohl für den größten Propheten, manchmal wohl auch höher als Elias, und hatte wohl die größte Freude an Mir; und wenn Ich zu ihm kam, da legte er jedes Geschäft beiseite und widmete seine Zeit bloß Mir und besprach sich sehr gerne über die Propheten und besonders über den kommen sollenden Messias. Nur konnte er es nicht so recht fassen und völlig annehmen, dass Ich der verheißene Messias sein solle, da Ich ihm irdisch viel zu arm war, aus welchem Grunde er Mir wohl mehr als einmal den Antrag machte, dass, so Ich wirklich der Messias wäre und als solcher der weltlichen Schätze benötigte, Mir sein ganzer großer Reichtum völlig zu Gebot stünde.
HIM|3|470626|5|0|Doch nachdem Ich ihn vom Tode erweckt hatte, und er ganz neu belebt Mich wiedererkannte, da wichen dann wohl alle Zweifel über Meine Messiaswürde, und er pries frei zum größten Ärger der Schriftgelehrten und Pharisäer in Mir Gott! Darum aber wurde er besonders nach Meiner den hohen Priestern überaus ärgerlichen Auferstehung eben von den Hohenpriestern, Pharisäern und Schriftgelehrten dergestalt verfolgt, dass er in ein paar Jahren darauf all seine Güter an die Römer verkaufte und sich dann nach Ägypten mit seinen beiden Schwestern zog, wo er ein ganz Mir geweihtes Leben führte, viele Ägypter zu wahren Christen machte und im obersten Hinterägypten eine Gemeinde stiftete, die noch heutigen Tages besteht.
HIM|3|470626|6|0|Lazarus aber war schon zu allen Zeiten überaus wohltätig und gab viele Gastmähler, mehr an Arme denn für Reiche, obschon auch letztere nicht ausgeschlossen waren. Dazu lebte er keusch und stets im ledigen Stand, desgleichen auch seine beiden Schwestern, obschon sie sehr schön waren und überaus reich. Maria hatte vor Meiner Bekanntschaft wohl etwas mehr gelebt als die Martha; aber als sie Mich erkannte, da erlosch sobald alle Welt- und Wollust in ihr, und in ihrem Herzen fand neben Mir nichts mehr Raum.
HIM|3|470626|7|0|Wenn du den Lazarus nun ganz in seiner Persönlichkeit vor dir sehen willst, da stelle dir deinen oben erwähnten Bruder in altjüdischer Tracht vor, mit einem dunklen Bart, so kannst du dir wirklich ein vollkommenes Ebenbild von ihm malen lassen. Mehr kann Ich dir von der Persönlichkeit dieses vielbedeutenden Bruders nicht sagen, weil du nur um dessen Persönlichkeit gefragt hast, die aber auch gut ist und du sie dir zunutze machen kannst. Amen!
HIM|3|470628|1|1|Pontius Pilatus und dessen Weibes Traumgesicht – 28. Juni 1847 [Supplemente 1883]
HIM|3|470628|1|0|Das ist eine gute Frage, die einer guten Antwort wert ist, und also soll auch die Antwort folgen.
HIM|3|470628|2|0|Pontius Pilatus, ein vollkommener Römer, ward unter Tiberius Landpfleger vom Judenland und residierte in Jerusalem.
HIM|3|470628|3|0|Dieser Römer, ein Feind der überaus hochmütigen jüdischen Priesterschaft, sah daher alle jene Menschen mit einem wennschon geheimen, aber dennoch ganz besonderen Wohlgefallen an, die solcher ihm über die Maßen verhassten jüdischen Priesterkaste bei Gelegenheiten so recht derb die Wahrheit ins Angesicht zu schleudern verstanden. Und so die Priesterschaft dann darob bei ihm ihr Recht suchte, da richtete sie gewöhnlich wenig oder gar nichts aus, sondern musste meist unverrichteter Sache mit Schanden abziehen, was auch ein tüchtiges Stück des Grundes war, warum Pilatus und Herodes fast in beständiger feindlicher Spannung miteinander lebten; denn die hohe Priesterschaft stand mit Herodes stets auf bestem Fuße und sparte es daher auch nie, Pilatus beim Herodes zu verdächtigen.
HIM|3|470628|4|0|Aus eben dem Grunde aber hielt diese hohe Priesterschaft gar oft Rat, wie sie Mich aufgreifen und effektvoll dem römischen Gericht überliefern solle; aber sie konnte nie zu einem triftigen Grund kommen.
HIM|3|470628|5|0|Nur als Ich den bekannten Einzug hielt, bald darauf die Krämer aus dem Tempel trieb und den Lazarus erweckte, und alles Volk Mir Hosianna zuzurufen anfing, da war es der hohen Priesterschaft zu viel! Da beschloss sie, Mich ernstlich zu greifen und dem Pilatus als einen Staatsrebellen vorzuführen. Wird er Mich richten, dann solle er ungerochen bleiben; richte er Mich aber nicht, so wollen sie (die Priesterschaft) ihn beim Kaiser selbst als einen verdächtigen Menschen bezeichnen, bei welchem Geschäft ihnen Herodes mit Freuden an die Hand gegangen wäre.
HIM|3|470628|6|0|Dem Pilatus blieb dieser Plan zwar nicht geheim, nur wusste er nicht, wie er ihm vorbauen solle; daher beschloss er bei sich, diese Sache näher abzuwarten. Aber während er noch mit sich selbst kalkulierte, was er tun werde, so die hohe Priesterschaft ihm mit dem berüchtigten Jesu im Ernst den Streich spielen solle, siehe, da kam sie schon mit dem Gefangenen und verlangte unverzügliches Gericht! Pilatus, ganz wie aus den Wolken gefallen, fragte freilich mit einer Donnerstimme: „Was hat dieser Gerechte, an dem ich keine Schuld finde, verbrochen?“ – Aber die Priesterschaft und ihr bezahlter Anhang schrie noch zehnmal ärger: „Dieser ist ein Volksverführer, ein Aufwiegler, ein Sabbatschänder, ein Gotteslästerer und gibt sich für den Sohn des lebendigen Gottes aus! Das alles ist nach unseren Gesetzen, die Rom respektiert, und auch nach des Kaisers Gesetzen des Todes im höchsten Grade wert; daher richte ihn, lasse ihn kreuzigen, oder du bist des Kaisers Feind!“
HIM|3|470628|7|0|Dieser Ausruf machte Pilatus allerdings stutzen, und er wusste im Ernst nicht, was er da tun solle. Hier, dachte er in der Eile bei sich, ist nichts anderes zu tun, als zu solch zu wenig vorgesehenem bösen Spiel eine gute Miene zu machen und im Namen des unergründlichen Fatums dem zu willfahren, was diese ihm nun über alles verhasste Priesterrasse von ihm verlangt!
HIM|3|470628|8|0|Aber eben da ließ ihn sein Weib Tullia Innocentia rufen und vermeldete ihm insgeheim, wie sie gesehen mit klaren Augen, dass dieser Jesus auf den Wolken der Himmel daherschwebte, begleitet von zahllosen Myriaden von den herrlichsten Genien (Engeln), – alle schrien mit Donnerstimme: „Heil unserem großen Gott! Heil dem ewigen allmächtigen Überwinder des Todes und der Hölle! Wehe aber Jerusalem; wehe euch, die ihr darinnen wohnt, euer Los wird sein der ewige Tod, die ewige Vernichtung, darum ihr Jesus nicht erkennt und Ihn richtet und Ihn kreuzigt! Dem allein Gerechten aller Gerechtigkeit sei ewig Ehre, Ruhm und alles Heil! Darauf blickte dieser Jesus nach der Erde herab, und siehe, da erbrannte der ganze Erdkreis, und es war alles ein Feuer, und alles, was da atmet, wurde von diesem Feuer verzehrt! Daher, lieber Pilatus, habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten!“
HIM|3|470628|9|0|Diese Erzählung machte den Pilatus, der als Römer große Stücke auf derlei Erscheinungen hielt, gar mächtig stutzen, so dass er bei sich selbst beschloss, mit Jesu nichts weiteres mehr vorzunehmen, als Ihn dem Gericht des Herodes anheimzustellen, der in solch fraglichen Dingen wohl auch ein Ius gladii [Schwertrecht, d. h. die Vollmacht, die Todesstrafe auszusprechen] hatte, laut dem er auch Johannes konnte enthaupten lassen. Herodes aber roch hier den Braten und wusste gar wohl, dass ihm alles Volk wegen Johannes aufsässig ist; würde er nun auch Christus töten, so würde ihn das Volk zerreißen. Daher sandte er Jesus, den viele für Christus hielten, fein wieder zu Pilatus zurück.
HIM|3|470628|10|0|Pilatus versuchte nun alle Mittel, Jesus frei zu machen; aber es war alles vergebliche Mühe, bis er endlich in höchster Entrüstung sich öffentlich die Hände wusch und sprach: „Ich will keine Schuld haben am Blut dieses Gerechten! Ihr aber habt selbst ein Gesetz; nehmt ihn und richtet ihr ihn!“ – Da schrien dann die hohen Priester: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder! Wir aber dürfen unsere Hände nicht mit Blut besudeln; daher gebe uns römische Soldaten!“
HIM|3|470628|11|0|Als Pilatus das vernahm, da gedachte er der alten Sitte, laut der er dem jüdischen Volk zu seinem Paschafest einen Verbrecher freigeben musste. Er wandte sich daher nochmals zu der Menge der Jesusfeinde und bekannte, wie er an Jesu zufolge so kurzer Untersuchung durchaus keine Schuld finden könne, dass es daher nötig sei, um ein richtiges und vollgerechtes Urteil zu schöpfen, diesen Menschen länger zu verhören und in allen Stücken zu untersuchen. Zugleich aber sei es ohnehin Sitte, am Fest einen Verbrecher dem Volk freizugeben; nun stelle er ihnen Jesus, dessen Schuld noch nicht erwiesen ist, und Barabbas, den berüchtigten Raubmörder, zur freien Wahl, welchen aus beiden sie wollten. Sie alle aber schrien: „Barabbas!“
HIM|3|470628|12|0|Das aber war es eben, was eigentlich Pilatus wünschte und wohl wusste, dass diese aufgereizte Priestermenge nicht Jesus freirufen werde; denn nur dadurch glaubte er Ihn frei zu machen, dass, so sie Barabbas frei haben werden, sodann Jesus an seiner Stelle ins Gefängnis kommen werde, und so könnte dann allem mit der Zeit geholfen sein. Denn fürs Erste wäre dadurch den Priestern das Maul gestopft, und er könnte fürs Zweite dadurch den Priestern beim römischen Hof bedeutende Schanzen legen, die sie schwerlich durchbrechen würden.
HIM|3|470628|13|0|Der Gedanke und der Wille des Landpflegers waren gut; aber als der ganze Haufe nach Freilassung des Barabbas nur umso hartnäckiger auf der Kreuzigung bestand und von der Einkerkerung Jesu nichts hören wollte und ihn, Pilatus, einen Feigling nannte, da ward er im höchsten Grad entrüstet und sprach: „Da – ihr Elenden! Nehmt euren Verbrecher, der gerechter ist, als ihr es seid, und da sind die Schergen! Zieht ab, macht mit Ihm, was ihr wollt; mein Zeugnis über Ihn und über euch wird von mir eigenhändig folgen!“
HIM|3|470628|14|0|Mit diesen Worten entfernte er sich und überließ ihnen Jesus, den die Hohepriesterschaft dann durch die Schergen ergreifen und kreuzigen ließ, wie bekannt.
HIM|3|470628|15|0|Was Pilatus weiter tat, ist auch bekannt, und dass er den Freunden Jesu willfahrte, was sie von ihm verlangten. Aber dass Pilatus und sein Weib später heimlich selbst Christen wurden, und dass eben Pilatus sehr viel dazu beitrug durch seine genaue Beschreibung des sehr verdächtigen jüdischen Priestertums, dass in einem Zeitraum von etlichen 30 Jahren darnach Jerusalem von den Römern gänzlich zerstört wurde und die Juden in alle Welt zerstreut, das dürfte nun wohl nur sehr wenigen auf Erden bekannt sein.
HIM|3|470628|16|0|Das aber sei euch darum bekanntgegeben, auf dass ihr nicht gleich Tausenden und Millionen in einem fort den armen Pilatus verdammt, obschon ihr nun auch das ganz überaus wohl wissen sollt, was da alles hatte geschehen müssen nach Meinem ewigen Ratschluss, wie Ich es auch den zwei nach Emmaus wandelnden Jüngern ganz offen heraus gesagt habe, um ihnen zu zeigen, was Gott wollte, und sie darum ihren unbegrenzten Hass gegen die Priester mäßigen sollten.
HIM|3|470628|17|0|Ihr hasst zwar Pilatus nicht, aber er kommt euch dessen ungeachtet dennoch als ein etwas verdammter Kerl vor, der Mich leicht hätte retten können, so er es nur gewollt hätte, so recht ernstlich – und bedenkt aber dabei nicht, dass Sich Gott durchaus nicht von dem armseligsten schwachen Menschen aus irgendeiner Gefahr retten zu lassen braucht! Oder glaubt ihr wohl im Ernst, dass Pilatus so etwas hätte zuwege bringen können, Den zu retten, der dem Meer und Winden gebot, und Der der alleinige ewige Retter aller Menschen und Geister ist?
HIM|3|470628|18|0|O seht, das und noch so manches ist bei euch wohl noch sehr schwach und noch ziemlich stark babylonisch! Die Schrift musste ja erfüllt werden, und so ward am Kreuz allen, die da nicht wussten, was sie taten, vergeben. Wenn das, so lasst in Zukunft den armen Pilatus doch auch ein wenig mehr leben, als es bei euch bis jetzt der Fall war. Amen! Das sage Ich euch, auf dass ihr fürder auch Pilatus nicht richtet. Amen, Amen, Amen!
HIM|3|470702|1|1|Vom Lesen des Gotteswortes – 2. Juli 1847 [Aehrenlese 1856]
HIM|3|470702|0|0|Wie manche das Wort Gottes lesen – und wie dasselbe von den Menschen gelesen oder angehört werden soll mit Nutzen für Seele, Geist und Leben.
HIM|3|470702|1|0|Es gibt allerlei Leser des Wortes Gottes, des lebendigen, ja desjenigen, durch das alles, was da ist, gemacht wurde.
HIM|3|470702|2|0|Einige lesen es wie die alte Geschichte des Prinzen Piripinker, wie die Geschichte der Genovefa, des daumlangen Hansel und die der vier Haimonskinder! Die Bibel — sagen viele — ist ein altes, aus allen Zeiten zusammengestoppeltes Werk, das sich mit der neuen Literatur nicht mehr messen kann. Es enthalte eine große Menge mystischer Wundermärchen, welche mit einer alten, manchmal sehr saftlosen Moral unterspickt sind, manchmal mit historischen Skizzen und am häufigsten mit Droh- und Strafpredigten und prophetischen Unglücksverheißungen, die aber nicht viel besser wären als die Witterungsvoranzeigen in den Bauernkalendern, von denen auch sicher jede richtig wäre für irgendeinen bestimmten Teil der Erde; denn regne es hier nicht, so kann es ja in China oder auf Tahiti oder Otahaiti regnen, in Kamtschatka oder in Südamerika. Ebenso stände es auch mit den Prophezeiungen in der Bibel. Treffen sie in Europa nicht ein, so gäbe es ja noch Asien, Afrika, Amerika, Australien und eine zahllose Menge großer und kleiner Inseln im großen Weltmeer, allwo auf einer oder der anderen so eine Prophezeiung sicher und ungezweifelt in Erfüllung gehen muss!
HIM|3|470702|3|0|Bei solchen Lesern macht das Wort aber auch eine Wirkung, o eine herrliche Wirkung! Es macht, dass sie gähnen und bald darauf zu schlafen beginnen, leiblich und geistig für ewig, d. h., sie gehen so recht sanft in den ewigen Tod über! Denn wer nach dem Wort nicht tätig wird, der stirbt für ewig geistig und leiblich mit.
HIM|3|470702|4|0|Ich aber habe für solche schon zu öfteren Malen das Wort des Alten wie Neuen Bundes durch verschiedene Seher und Knechte klar enthüllen lassen, d. i. durch Meinen heiligen Geist in ihnen. Aber da macht die Enthüllung denselben Effekt, und man sagt dazu: die alte Bibel sei wie ein Proteus und wie ein Chamäleon, das in allen Gestalten und Farben brauchbar ist, und ein geweckter Kopf kann daraus machen, was er will, wie ein geschickter Bildner aus der rohen Materie. – Mit dieser Kritik werden für den Geist des Menschen wohl sicher keine goldenen Berge im Reich des Lebens erwachsen!
HIM|3|470702|5|0|Wieder gibt es andere Leser, diese haben zwar wohl einen gewissen Respekt vor der Bibel und lesen wohl auch manchmal recht aufmerksam darinnen; aber da sie denn doch gar vieles darin nicht fassen, und manchmal sogar auf buchstäbliche Widersprüche stoßen, da sagen sie dann gewöhnlich bei sich, und manchmal wohl in Gegenwart ihrer Freunde: Wenn Gott durch die Bibel seinen Willen an die Menschen hätte offenbaren wollen, so müsste es Ihm ja doch vor allem daran gelegen gewesen sein, fürs Erste von jedermann und fürs Zweite zu allen Zeiten verstanden zu werden und, um den letzten Zweck zu erreichen, dahin Sorge zu tragen, dass solch ein heiligst sein sollendes Kleinod aller Menschen auch für alle Zeiten unverfälscht erhalten werden möchte.
HIM|3|470702|6|0|Diese Kritik ist zwar um ein Haar besser als die obige, aber sie hält nicht Stich; denn um was sich so ein Kritiker abmüht, für das ist ohnehin tausendfältig gesorgt. So er aber blind ist und solches nicht merkt, so kann er sich nur selbst zuschreiben, wenn er dabei ein Esel bleibt und seines Geistes Kräfte um eine Eselskost vergeudet!
HIM|3|470702|7|0|Wer heute politische Weltsachen vor Augen hat, morgen allerlei andere Dinge, am dritten Tag Geldgeschäfte, am vierten Mist- und Heugabeln, am fünften allerlei Obstbäume und Rebenverbesserungen, am sechsten Tag schöne Mädchen, Theater und dergleichen, am siebenten Tag vor lauter Welt nicht weiß, wo ihm der Kopf steht, am achten sich allenfalls in einem Gasthaus mit seinen Weltfreunden über allerlei Welt bespricht, um sich doch ein wenig zu zerstreuen und auszuheitern, am neunten Tag nichts als bloß denkt und simuliert, was ihm der elfte, zwölfte, dreizehnte und vierzehnte Tag alles für Arbeiten geben und machen wird, und höchstens am fünfzehnten Tag ein paar Verse aus der Bibel auf die Art verschluckt, wie ein Reisender ein paar Löffel Suppe, wenn der Postillion schon zur Abfahrt das Zeichen gibt; – frage, kann der wohl verlangen, dass ihm, wie ihr zu sagen pflegt, etwa gar des heiligen Geistes gebratene Vögel ins Maul fliegen sollen? Da ist’s, wie es heißt: Von Dornen und Disteln erntet man nie Feigen und Trauben.
HIM|3|470702|8|0|So wenig als Lilien und Rosen auf Brennnesseln und Stechäpfeln wachsen, ebenso wenig kann in einem mit allen Weltangelegenheiten angepfropften Gemüt das innere geistige Verständnis Meines Wortes je emporkommen und noch weniger zur Reife gelangen! Und so kann sich ein solcher Weltweiser dann ja auch keineswegs darüber aufhalten, wenn er dem Geiste nach ein Esel verbleibt, zeitlich und gar leicht auch ewig.
HIM|3|470702|9|0|Womit aber jemand umgeht, darin wird er mit der Zeit auch klug. Wer mit der Welt umgeht, der wird mit der Zeit weltklug; aber fürs Gottesreich bleibt er ein Tor voll Blindheit. Wer mit Pferden umgeht, der wird ein kluger Stallmeister, wer mit der Malerei, der wird ein Maler, wer mit der Musik, der wird ein Musiker, und dergleichen mehr. Wer aber vor allem mit Meinem Wort umgeht und darnach tut, der wird klug in Meinem Reich des ewigen Lebens, das da jedermann verkündet ist im Wort und was er zu tun hat, um selbes zu erlangen.
HIM|3|470702|10|0|Aber so jemand sozusagen nur zu allen heiligen Zeiten einige Stellen aus der Bibel oder sonstiger Offenbarung liest wie ein beschriebenes Stück Papier, darein ein Stück Käse gewickelt war, oder wie mancher am Abtritt halbzerrissene Intelligenzartikel aus Langerweile wie einen sogenannten Rebus entziffern will, da – wahrlich wahr, ist der heilige Geist wohl so hübsch ferne, etwa wie die zwei äußersten Pole der endlosen Schöpfung.
HIM|3|470702|11|0|Bei Mir ist nichts mit einem Deus ex machina [Gott aus der Maschine], sondern lediglich nur aus einer diligentia [Achtsamkeit] des Geistes ausschließend in rebus divinis [göttlichen Dingen]; wo diese ausschließliche diligentia mangelt wegen allerlei machinis Mundi [Weltmaschinen], da ist auch nichts oder nur sehr wenig mit dem Deus in nobis [Gott in uns] und daher auch ebenso viel mit dem wahren Verständnis des alten oder neu geoffenbarten Wortes Gottes!
HIM|3|470702|12|0|Dergleichen Menschen sind Mir aber auch wahrlich wahr am zuwidersten, weil sie lau sind für das Allerwichtigste und das verheißene ewige Leben gerade mit der Zuversicht betrachten wie ein Lotteriespieler sein Lotterielos: Ist was und kommt was, so ist’s gut; ist aber nichts und kommt nichts, so ist es so auch gut. – Ja wahrlich, bei denen wird’s wohl ewig so auch gut sein, wenn’s mit dem ewigen Leben nichts wird und auch nichts kommen wird, was ihnen dazu verhelfen könnte.
HIM|3|470702|13|0|Wer aber Mein Wort liest, der lese es aufmerksam und behalte es wohl im Herzen und tue nach seiner Kraft nach dem Wort und sei nicht bloß ein eitler Leser oder Hörer desselben, sondern ein wahrer und lebendig warmer Täter, so wird er auch die rechten Früchte ernten, wie sie im Wort der alten und neuen Offenbarung verheißen sind. Aber das denke sich ja keiner, dass Ich jemandem, der Meine Sache also behandelt wie einen Alten-Weiber-Prozess oder höchstens wie eine dumme Prise Schnupftabak oder wie ein Flickschuster-Konto, Mein Reich, Meine Gnade und Meine große Erbarmung an den Rücken nachwerfen werde! O nein, das werde ich sicher ewig nicht tun.
HIM|3|470702|14|0|Glaube aber ein jeder in seiner Torheit, was er will; Ich aber werde tun, was Ich will, und werde Mich von der Dummheit der Menschen ewig nicht beirren lassen; denn Ich brauche euch Menschen nicht, wohl aber braucht ihr Mich! Ich aber werde der Menschen Dummheit mit einer Plage heimsuchen und werde sehen, wie lange sie Mir trotzen werden. So endlos gut Ich aber dem bin, der Mich ernstlich sucht, ebenso unerbittlich bin Ich auch dem, der Mich in seinem Herzen der Welt gegenüber nicht viel besser als eine Prise Schnupftabak betrachtet. Amen, wahrlich, wahrlich, Amen, Amen, Amen!
HIM|3|470713|1|1|Gleichnisse zur Gottes- und Selbsterkenntnis – 13. Juli 1847 [Supplemente 1883]
HIM|3|470713|1|0|Niemand kommt so weit, dass er nicht noch weiter kommen könnte, und niemand ist so glücklich, dass er nicht noch glücklicher zu werden vermöchte, – aber auch niemand, so er zu Fall kommt, fällt so tief, dass er nicht noch tiefer fallen könnte; denn es ist der geistige Raum wie der naturmäßige gleich unendlich, und das Meer der Ewigkeit hat auch ewig nirgends einen Grund. Wer in dasselbe fällt, kann ewig tiefer und tiefer sinken; wer aber in ihm emporsteigt, wird auch ewig nie die Oberfläche desselben erreichen, sondern ewig in stets größeren und mächtigeren Zügen die endlose Wonnefülle desselben einschlürfen, je weiter aufwärts er steigen wird.
HIM|3|470713|2|0|Darum ist das Reich Gottes gleich einem Samenkorn, das ins Erdreich gelegt wird, dann aufgeht und schon beim ersten Aufgang hundertfache Frucht bringen kann, und wenn diese wieder in die Erde gelegt wird, so werden vermittelst der zweiten Einlegung der hundert Samenkörner, die von dem ersten Samenkörnlein hervorgebracht wurden, schon zehntausend Samenkörner, bei einer dritten Einlegung eine Million, bei der vierten hundert Millionen und so fort bis ins Unendliche, welcher Verunendlichfältigung ewig kein Ziel gesetzt ist.
HIM|3|470713|3|0|Also geht es auch mit der geistigen Vervollkommnung im ewigen Leben, da nimmer ein Geist jene Stufe erreichen wird, auf der er sagen könnte: Jetzt habe ich alles! – Jeder selige Geist wird zwar stets alles haben, was er haben kann, vollkommen, aber dennoch dabei fortwährend auch einen ewigen Mangel, den er nie in aller Fülle wird ersättigen können. Es wird jeder vollkommene Geist Mir gleich sein, wie ein Bruder dem anderen, aber dennoch ewig nie Meine Fülle erreichen.
HIM|3|470713|4|0|Es kann zwar der Sohn erreicht werden, denn es heißt: „Ihr werdet noch Größeres tun denn Ich!“ – Also kann auch der Vater erreicht werden, denn es steht geschrieben: „Ihr sollt vollkommen sein, wie da euer Vater im Himmel vollkommen ist.“ – Aber der Vater und Sohn als vollkommen Ein Wesen haben in Sich den heiligen Geist, welcher ist Gott heilig, heilig, heilig, und das eigentliche Gottleben im Vater wie im Sohne, die vollkommen Eins sind, und das Leben alles Lebens, das Licht alles Lichtes, die Kraft aller Kräfte, die Macht aller Mächte, die Liebe aller Liebe, die Weisheit aller Weisheit, die Tiefe aller Tiefen, die Größe aller Größen, die Ewigkeit der Ewigkeit und die Unendlichkeit der Unendlichkeit in allen Dingen und Wesen der Unendlichkeit.
HIM|3|470713|5|0|Daher es auch kommt, dass so jemand den Sohn anstrebt, es ihm vergeben wird, und wer den Vater anstrebt, ihm auch verziehen wird, aber wer den Geist anstrebt, dem wird nicht verziehen weder zeitlich noch ewig; denn es kann wohl Vater und Sohn erstrebt werden, aber ewig nie der unendlichste Geist des Vaters und des Sohnes, die da Eins sind, wie ein Mensch und seine Liebe oder sein Herz auch vollkommen Eins sind und Eins werden können mit Vater und Sohn, so diese in des Herzens Liebe aufgenommen worden sind; denn der Geist ist unendlich in allen Dingen, und somit ewig unerreichbar und unerstrebbar!
HIM|3|470713|6|0|Gleichwie aber ein Mensch, der vom Dach fiele, am Boden liegen bliebe und also wieder geheilt werden könnte, so er nicht zu derb gefallen wäre, oder wer in ein Wasser fiele, auch noch rettbar ist, so sein Fall bemerkt würde; aber wer da fiele von der Erde in die Unendlichkeit hinaus, wer wohl könnte den retten? Oder so er fiele in ein Feuermeer, wer wird ihn schützen vor dem Verbrennen und gänzlichen Verzehrtwerden?!
HIM|3|470713|7|0|Darum betet und wachet, auf dass ihr nicht in Versuchung fallt; denn es ist erschrecklich, in die Hand des Geistes Gottes zu gelangen durch die Aufblähung, Stolz und Hoffart! Wer da fällt, der wird fallen in Ewigkeit; aber wer da steigt, der wird steigen ewiglich von Licht zu Licht! Amen!
HIM|3|470722|1|1|Die Verklärung Christi – 22. Juli 1847 [Supplemente 1883]
HIM|3|470722|1|0|Meine Verklärung auf dem Berg Tabor wird von vielen als etwas Ergötzliches gelesen, aber von überaus wenigen verstanden, und gar entsetzlich viele haben auch nicht die allerleiseste Ahnung, was alles hinter dieser Verklärung steckt!
HIM|3|470722|2|0|Die Ursache von solchem Unverstand aber liegt wie allezeit lediglich in der Welt und in ihrer zerstückten Dreieinigkeitslehre. Denn wer da nicht glaubt in der Fülle an den alleinigen Sohn, der da vollkommen Eins ist mit dem Vater, der in Ihm ist wie Er im Vater, gleichwie der Geist im Menschen und der Mensch im Geiste, der den ganzen Menschen durchdringt und der eigentliche Mensch selbst ist, der ist zertragen in seinem Gemüt und ist gleich einem trüben Wasser, durch das dann kein Lichtstrahl zu dringen vermag und erhellen die Tiefen desselben.
HIM|3|470722|3|0|Die Verklärung aber birgt ein gar überaus stark verborgenes Licht oder eine gar mächtig stark verhüllte geistige Bedeutung in sich, daher sie auch von den wenigsten Schriftgelehrten dieser wie aller früheren Zeit richtig verstanden ward und wird.
HIM|3|470722|4|0|Auf dass ihr aber nicht gleicht dem trüben Wasser der Welt, das nur oberflächlich beschienen werden kann, und also auf der Oberfläche wohl auch glänzt wie ein vergoldetes Grab, in sich aber nichts als Nacht und Tod birgt, so will Ich euch in aller Kürze für die oben angeführte Verklärung ein kleines Lichtlein geben, durch das ihr klar ersehen mögt, was da hinter derselben steckt. Und so hört denn:
HIM|3|470722|5|0|Der Berg Tabor stellt vor die höchste und zugleich tiefste Erkenntnis Gottes im Geiste und in der Wahrheit. Auf diesen Berg des allerhöchsten Erkenntnisses führe allein Ich Selbst nur Meine Lieblinge! Petrus, Jakobus und Johannes waren das im vollsten Maße; zugleich aber stellen diese drei auch einen jeglichen Menschen vor, wie er sein solle in der wahren himmlischen Ordnung.
HIM|3|470722|6|0|Petrus ist der äußere Mensch, der aber sein ganzes Wesen durch allerlei Prüfungen ganz nach innen richtet. Jakobus stellt die Seele des Menschen vor, die da rein ist und in allem sich nach dem Herrn richtet, aber dennoch samt dem äußeren Menschen viele Prüfungen zu bestehen hat, um den Außenmenschen ganz für sich zu gewinnen und mit ihm vereint im Geiste sich unsterblich zu machen. Johannes endlich stellt den Geist des Menschen dar, der da völlig eins ist mit Mir, also Meine Liebe, von welchem Jünger Ich Selbst zu Petrus sagte, dem es etwas ärgerlich war, dass er Mir gleich ihm folgte: Was kümmert dich das, so Ich sage: Er lebe! – was so viel heißt als: Nur der Geist lebt, und wer nicht von seinem Geiste sich verfolgen, ergreifen und durchgreifen lässt, der wird kein Leben haben; denn der Geist allein ist es, von dem Ich sage, dass er lebe ewig!
HIM|3|470722|7|0|Aus alledem aber geht hervor, dass wie Ich die drei auf den Berg führte, Ich entsprechend jeden Menschen, der in seinem Dreiwesen Meine vorgezeichnete Ordnung beobachtet, auf den Berg der wahren und lebendigen Erkenntnis Gottes führen kann, allwo er dann auch im Gefühl seines ganzen Wesens ausrufen wird: Herr! hier ist gut sein, hier lasse mich ewige Wohnung machen, bestehend in den drei Hütten der Liebe, der Weisheit und der Macht aus beiden!
HIM|3|470722|8|0|Aber mit dieser Erkenntnis ist noch kein Bleibens, solange die drei Hütten, und Ich, Moses und Elias nicht völlig Eins sind im Menschen, oder solange nicht die Liebe, die Weisheit und die Macht in sich wie in einer und nicht in drei Hütten aufgenommen werden. Daher aber ertönt auch alsbald aus einer Wolke, die da ein Bild ist der allerhöchsten himmlischen Erkenntnis: „Dieser allein ist Mein geliebter Sohn, diesen allein müsst ihr hören!“ – was so viel heißt als: Dieser allein ist der einzige Gott; nicht in drei, sondern in Ihm allein müsst ihr wohnen, so ihr wollt das ewige Leben haben!
HIM|3|470722|9|0|Darauf oder nach dieser mächtigen Durchgreifung der Gotteskraft erst erwachen die drei und sehen nun in der Fülle der Klarheit weder Moses noch Elias mehr und vernehmen auch keine andere Stimme mehr, denn allein Mich und Mein Wort! Aber letzteres verbietet ihnen, von solcher Erkenntnis vorher etwas zu melden der Welt, als bis alles vollendet ist, das heißt im engeren Sinne, bis Ich in jegliches Menschen Herzen nach vielen Proben und Prüfungen seiner Seele auferstanden bin in aller Macht und Kraft der Liebe und Weisheit. Und im weiteren Sinne: Bis nicht die Welt in dem Menschen gekreuzigt und getötet und der Geist im Menschen auferstanden ist und dadurch aus dem Menschen ein neues Geschöpf wird in der Ordnung, wie sie angezeigt ist durch Petrus, Jakobus und Johannes, kann er auf den Berg der tiefen und höchsten Erkenntnis Gottes und des ewigen Lebens nicht geführt werden.
HIM|3|470722|10|0|Das ist die heilige Bedeutung Meiner bisher stets als geheimnisvollst betrachteten Verklärung auf dem Berg Tabor. Es gibt aber freilich wohl noch eine viel gedehntere, unter der durch Moses, Elias und voraus durch Mich, und durch die Stimme aus der Wolke, wie durch die drei Jünger Hauptführungs- und Bildungsepochen der Menschheit angedeutet werden; allein diese Erkenntnis verschafft niemandem das ewige Leben, wie noch weniger die damit verflochtenen endlosen Begriffe von Zeit, Raum, Ewigkeit, Unendlichkeit, Licht, Geist und Dasein.
HIM|3|470722|11|0|Sucht aber vor allem Mich, Mein Reich und Meine Gerechtigkeit, welche da ist die Liebe, so wird euch alles andere als eine freie Zugabe gegeben werden. Aber so ihr nur die Weisheit sucht und ihre Kraft, da wird es euch ergehen wie dem, der sein Talent vergrub, und ihm dann noch das genommen ward, das er hatte, und sein Anteil die Finsternis ward! Das beachtet darum überaus sehr tief, so ihr der Verklärung teilhaftig werden wollt! Amen.
HIM|3|470747|1|1|Einleitung zu den Sterbeszenen – 27. Juli 1847
HIM|3|470747|0|0|Mit der nachstehenden Kundgabe begannen die elf ‚Sterbeszenen‘, die den Übertritt Sterbender in die geistige Welt schildern.
HIM|3|470747|1|0|Der Bruder A. möchte wissen, wie sich der Übertritt aus dem materiellen ins geistige oder sogenannte jenseitige Leben gestaltet.
HIM|3|470747|0|0|Für den vollständigen Text siehe die Bücher Sterben und Hinübergehen, Bischof Martin (9. Szene) und Robert Blum (11. Szene).
HIM|3|480817|1|1|Das rechte, lebendige Heilmittel – 17. August 1848
HIM|3|480817|0|0|An Elise H.
HIM|3|480817|1|0|Meine liebe Tochter! So du und so mancher andere auf Mich ein vollstes und lebendiges Vertrauen hättest, da hättest du auch keine unnötige Furcht bei diesem deinem Brustübel und würdest auch nicht fortwährend ein anderes besser und schneller wirken sollendes Mittel von Mir dir erbitten; denn da wäre das erste so gut wie das letzte.
HIM|3|480817|2|0|Aber weil dein Übel, das eine Ablagerung von einer Menge alter Übel und ärztlicher Arzneien ist, nicht so schnell vorübergehen kann wie irgendein leichter Schnupfen, da durch dasselbe eine Menge schlechter Substanzen sich einen Ausweg gebahnt hat, so hast du eine große Furcht nun. Ich aber frage dich: warum denn? Meinst du denn, dass Ich dir etwa nicht helfen könnte, und wäre dein Übel noch tausendmal größer, als es ist?
HIM|3|480817|3|0|O siehe, für Mich ist wohl noch nie ein Übel so groß gewesen, dass Ich es nicht hätte zu bändigen vermocht! Und so könnte Ich etwa wohl auch mit deinem zurechtkommen in aller Kürze, aber dazu bist du zu furchtsam und ängstlich und suchst Mittel und Mittel. Aber aufs Hauptmittel setzt du zu wenig lebendiges Vertrauen, was du aus deiner Furcht und Angst selbst entnehmen kannst, und das verzögert die volle Heilung deiner Brust.
HIM|3|480817|4|0|Ich sage dir, du magst Erde oder Wasser, Öl oder Wein oder Honig oder Balsam oder Kräuter oder Pflaster oder Milch und Brot oder auch Schwefel und andere Mineralien und mineralische Wässer auf deine Brust legen – hast du zu Mir ein lebendiges Vertrauen, so werden dir alle dienen; hast du aber Furcht und Angst, was da zeigt, dass dein Vertrauen zu Mir kein volles ist, da musst du dir denn auch selbst zuschreiben, dass die Heilung deiner Brust sich genau nach euer aller Vertrauen richtet.
HIM|3|480817|5|0|Ihr schaut und beurteilt nur das Mittel, ob dieses wohl etwa von Mir oder vielleicht nur allein von Meinem Schreiber stamme, ob es daher wohl richtig helfen werde oder nicht – oder so es etwa doch nicht von Mir, sondern bloß vom Schreiber wäre, ob es da das Übel nicht verschlimmern würde?
HIM|3|480817|6|0|Siehe, das sind so eure geheimen Skrupel, durch die ihr, wie gesagt, stets nur das angeratene Mittel beurteilt unter dem Gesichtspunkt eines halben Glaubens. Mich aber beurteilt ihr da gar nicht, weil ihr eben glaubt oder doch wenigstens der Meinung seid, dass Ich nur durch ein einziges Mittel, welches das tauglichste wäre, helfen könnte oder wollte – als ob Ich nicht mächtig genug wäre, durch jedes Mittel, ja bei einem lebendigsten Glauben auch ohne alle Mittel jedes Übel heilen zu können. Was liegt denn am Mittel?
HIM|3|480817|7|0|Ich bin das rechte lebendige Mittel, ohne dieses wirkt keines, mit diesem aber ein jedes!
HIM|3|480817|8|0|Wollt ihr in Zukunft die Gesundheit eures Leibes erzielen, so müsst ihr nicht so sehr auf ein passendes Mittel, sondern nur darauf sehen, dass euer lebendiges Volltrauen auf Mich es passend mache, dann wird jedes Mittel recht sein, bestehe es, worin es wolle. Ohne diese Manipulation aber wird der beste Balsam ebenso wenig helfen wie das Wasser einer Pfütze!
HIM|3|480817|9|0|Brauchet euer Pflaster, aber mit Volltrauen auf Mich, so wird es den starken Eitersack, der mit dem Eiter auch hätte herauskommen sollen, wie bei einer Geburt das Kindbettchen, und der nun wie ein Fremdkörper in der Wunde steckt und herausschwärt, schon herausziehen. Aber wohlgemerkt, das Pflaster selbst wird das nicht tun.
HIM|3|480817|10|0|Wollt ihr aber einen Arzt, so könnt ihr ihn auch nehmen. Habt aber dabei nicht so sehr auf den Arzt, sondern vielmehr auf Mich allein ein wahres, lebendiges und somit angst- und furchtloses Vertrauen, so werden des Arztes Mittel heilsamst wirken. Habt ihr aber mehr Vertrauen auf den Arzt als auf Mich, so wird er euch wenig oder nichts nützen.
HIM|3|480817|11|0|Eure Furcht und Ängstlichkeit aber sei euch ein sicherer Ansager, ob ihr Mir volltrauet oder nicht; denn jede Furcht und jede Angst ist eine Folge schwachen Glaubens und Vertrauens auf Mich.
HIM|3|480817|12|0|Bin Ich nicht Der, der den vier Tage im Grab modernden Lazarus wieder ins Leben zurückrief? So ihr aber glaubt, dass Ich Derselbe bin und rede mit euch nun durch den zwar in sich schwachen, aber sonst treuherzigen Knecht schon einige Jahre, – warum ist denn da schwach euer Glaube und warum unrein eure jeweilige Meinung, derzufolge Mein euch wieder gegebener Knecht aus sich auf Meinen Namen Mittel gäbe, die dann nicht helfen könnten, weil sie vielleicht doch nicht von Mir, sondern vom Knecht seien?
HIM|3|480817|13|0|Wisst ihr denn nicht, dass Ich den Knecht alsbald verwerfen würde, so er so etwas sich erlauben würde? Für einen so argen Sünder müsst ihr Meinen Knecht nicht halten! Er hat wohl andere Schwächen, meist aber gegen sich selbst; aber in Meinem Namen ist er getreu und stark und scheut die Menschen nicht und sieht auch nicht auf die Vorteile der Welt, obschon er irdisch arm ist.
HIM|3|480817|14|0|Also nur mehr Glauben und Vertrauen, dann wird schon alles gut werden; sonst aber noch hübsch lange nicht. Amen. Das sage Ich, als das beste Heilmittel für ewig. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|480903|1|1|Mein Wort und der lebendige Glaube sind das beste Heilmittel – 3. September 1848
HIM|3|480903|0|0|Für Elise H.
HIM|3|480903|1|0|Schreibe nur, Ich weiß schon, was es ist. Es handelt sich schon wieder um einen Trost oder um ein Arzneirezept. Ich sage dir, wie Ich dir schon gar oft gesagt habe, dass Ich dich nicht erwählt habe zu einem Arzt des Fleisches; sondern nur zu einem Schreiber für die Offenbarung Meines Wortes habe Ich dich berufen, welche Ich gebe dem Geist und nicht dem Fleisch. Aber dennoch kommst du Mir immer wieder von neuem mit Dingen des Fleisches. Magst du denn noch nicht unterscheiden die Wege des Fleisches – und die Wege des Geistes?
HIM|3|480903|2|0|Muss denn nicht ein jeder Mensch an seinem Fleisch gekreuzigt werden, so er im Geist lebendig werden solle?
HIM|3|480903|3|0|Also ist es auch mit dem Weib des A. H. W. der Fall. Daher ist es Mir nicht angenehm, so du wider Meine gestellte Ordnung kommst und verlangst Dinge von Mir, die Ich stets ungern tue, und das darum, weil Ich dich zu keinem sogenannten Wunderdoktor berufen habe, sondern lediglich zu einem Schreiber Meines lebendigen Wortes. Ich gebe dir wohl auch – und gab dir schon – medizinischen Rat, wenn du Mir damit kommst, aber du musst daraus keine Regel machen.
HIM|3|480903|4|0|Ich gebe wohl jedem gern, um was er Mich gläubig und vertrauensvoll bittet; aber um sehr vieles lieber, was zur Heilung des Geistes gehört als zur Heilung des Fleisches.
HIM|3|480903|5|0|Wer da Mein Wort liest und lebt danach und hat einen starken, festen Glauben, dem wird das Wort durch seinen Glauben helfen, wie es in den Evangelien gar oft zu ersehen ist. Fehlt aber der rechte, lebendige Glaube, da wird das „Stehe auf und wandle!“ nur von geringer Wirkung sein.
HIM|3|480903|6|0|Alsonach sind Mein Wort und der lebendige Glaube allezeit das beste Heilmittel auch fürs Fleisch, und es hat keine Apotheke ein besseres. Aber der Schwäche eures Glaubens und der ängstlichen Mattigkeit eures Vertrauens genügt diese reinste Medizin nicht und kann nicht genügen, weil ihr noch zu ängstlich am Leben des Fleisches haltet und werdet nur zu bald überkleinmütig und schwachgläubig, so über dasselbe etwas kommt. Daher verlangt ihr nebst Meinem Wort auch eine Arznei, also entweder Lehm oder das Wasser des Teiches Siloah; ohnedem kann euch nicht geholfen werden.
HIM|3|480903|7|0|Und da eben liegt der böse Hund begraben, wie ihr zu sagen pflegt; denn so Ich es zulasse, dass Arzneien eure Krankheiten heilen, so schwächt das euren Glauben an Mein Wort. Helfe Ich euch aber trotz der Schwäche eures Glaubens und Vertrauens bloß durchs Wort, da wärt ihr gerichtet und gefangen, und das im Geiste, aus welcher Gefangenschaft euch dann nur ein übergroßes Kreuz wieder befreien könnte, wie es auch bei den ersten Christen, die zumeist durch Wunder genötigt Mein Wort annahmen, der Fall war, dass sie hernach durch eine mächtige Prüfung erst ihres Gerichtes ledig werden konnten. Fragt euch daher selbst, was Ich hier tun soll, um euch zu erhalten.
HIM|3|480903|8|0|Jede Arznei ist schwächer denn Mein Wort. Aber Mein Wort kann und darf da nicht allein wirken, weil euer Glaube noch viel zu schwach ist, was ihr gar leicht aus eurer großen Liebe zu dem irdischen Leben entnehmen könnt, denn der lebendig Gläubige sehnt sich mit Paulus nach der Auflösung, was bei euch noch lange nicht der Fall sein wird, da euch noch viel zu sehr manche Dinge der Welt am Herzen liegen. Daher müssen eures Heiles willen auch hier Arzneien neben Meinem Wort wirken, was natürlich die Heilung verzögert, besonders so das Vertrauen darauf ein mehr oder weniger ängstliches ist.
HIM|3|480903|9|0|Ich habe aber ja schon im vorigen Wort gezeigt, wie die Medizinen wirken und wie die Ärzte. Habt ihr zu einer Medizin oder zu einem Arzt zu wenig Vertrauen, so nehmt eine andere Medizin, desgleichen ist auch mit dem Arzt zu tun; denn Ich sage euch noch einmal: Nicht die Medizin und nicht der Arzt helfen im eigentlichen Sinne allein, sondern hauptsächlich das festere Vertrauen. Ja, der Arzt wie die Medizin sind zumeist gleichgültig, und beide wirken nur, wenn die ruhige, vertrauensfeste Seele sich die Zeit und Mühe nimmt oder nehmen kann, die in der Arznei vorhandenen Spezifika dorthin zu verwenden, wo sie zweckdienlich sind. Ist das bei der mehr oder weniger geängstigten Seele nicht der Fall, so wirken die besten Medizinen nicht nur gar nicht, sondern oft ganz verkehrt, weil sie von der unruhigen und vertrauensschwachen Seele nicht selten an einen anderen Ort geführt werden, als wohin sie hätten geführt werden sollen.
HIM|3|480903|10|0|Die Arzneien haben zufolge ihrer Spezifika wohl allezeit eine Wirkung im Fleisch. Gehen irgendwo im Fleisch gewisse Spezifika ab, so können sie aus einer guten Arznei wohl ersetzt werden und dadurch ein krankes Fleisch gesund machen, so sie von der Seele dahin verwendet werden. Werden sie aber von einer ängstlich konfusen Seele irgendwo anders hingeführt oder manchmal sogar dem Zufall überlassen, da sie dann hinkommen, wo sie das stumme Blut hinführt oder die noch stummeren Magensäfte, – dann lässt sich auch schon von selbst erraten, wie es dabei mit der Heilung des Fleisches aussieht.
HIM|3|480903|11|0|Ich sage, da gleicht die Heilung des Fleisches der Herstellung eines schadhaften Hauses, wo die Bewohner aus zu großer Furcht, im Haus erschlagen zu werden, so es zusammenfiele, anstatt sich im schadhaften Haus umzusehen, wo es fehlt und wie zu helfen sei, nur in einen Winkel sich verkriechen, wo sie sich noch am sichersten glauben, oder manchmal wohl auch in aller Eile das Loch suchen, durch das sie am ehesten ins Freie kämen.
HIM|3|480903|12|0|Ist so etwas bei einer Seele der Fall, da können freilich alle Ärzte der Welt zusammenkommen, und sie werden beim besten Willen und Wollen einen kranken Leib dennoch nicht gesund machen können, weil eben diese Seele nicht mitwirkt.
HIM|3|480903|13|0|Daher sind die magnetischen Kuren auch allen anderen darum vorzuziehen, weil durch sie die Seele zu jener guten Ruhe gelangt, in der sie sich Zeit nimmt, ihr Fleischhaus näher zu beschauen, wo es demselben fehlt und wie und womit ihm zu helfen ist. Wird dann dem Leib jenes Mittel beigebracht, welches die ruhige Seele im Schlaf des Fleisches als ein zweckdienliches bezeichnete, so erkennt es die Seele auch als solches und verwendet es dann auch zumeist dahin, wohin es zu verwenden ist. Und die Herstellung des Leibes geschieht dann meistens mit gutem Erfolg und manchmal durch Mittel, bei deren Namhaftmachung sicher jeder reine Verstandesarzt Reißaus nähme!
HIM|3|480903|14|0|Aber trotzdem wirken die seltenen Mittel dennoch, aber nicht darum, weil sie etwa die allein rechten wären, sondern darum nur, weil sie von der Seele als der allein rechten Baumeisterin ihres Fleischhauses am rechten Ort und mit rechter Intelligenz verwendet werden.
HIM|3|480903|15|0|Würde die Seele der Elisabeth H. ebenso ruhig sein wie die Seele so mancher Somnambulen, da wäre ihr Übelchen schon lange gut. Aber da das nicht der Fall ist und sie immer von der Furcht vor ihren Eltern, weil sie keinen Arzt aufsucht – und wieder von der Furcht vor einem Arzt, was dieser tun oder sagen würde, so sie ihn nähme, ob er ihr wohl helfen oder das Leben absprechen würde – und endlich auch von der Furcht vor dem möglichen Leibestode hin und her getrieben wird, wie soll da ihre Seele Zeit haben, dort tätig zu sein, wo sie tätig sein soll? Bei solchen Umständen muss dann aus einem Übelchen freilich ein förmliches Übel werden.
HIM|3|480903|16|0|Sie gebraucht mit ihren Händen, mit ihrem Willen wohl freilich so ziemlich genau die angeratenen Mittel, aber ihre ängstliche und manchmal mehr und manchmal weniger furchtsame Seele tut es nicht und kann es auch nicht tun, weil sie fortwährend zwischen dreifacher Furcht herumspringt, wovon sie schwerlich los wird.
HIM|3|480903|17|0|Hier heißt es, entweder alles Heil in Meine Hände legen und nicht denken: So ich am Ende dennoch sterben müsste, was werden da meine Eltern zu meinem Mann und was zu meinen Kindern sagen? Am Ende sie etwa gar enterben? Was wird da aus ihnen werden? Welchem Jammer werden sie preisgegeben sein? Denn Ich allein bin der Herr auch über diese Eltern und kann deine Kinder auch ohne die Hilfe deiner Eltern vollends glücklich machen!
HIM|3|480903|18|0|Wenn die Elisabeth so denken wird, und ihr alle mit ihr, da wird ruhig werden ihre Seele und wird an der Heilung ihres Leibes arbeiten können. Da wird dann auch die Heilung leicht und bald erfolgen, sonst aber nur langsam und schwer, auch – bei erhöhter Furcht – gar nicht, weil da nur der Zufall wirkt. Denn ergreifen die wirkenden Fleischgeister aus dem Medikament die rechten Spezifika, dann geht die Heilung etwas vorwärts; ergreifen sie aber die unrechten Spezifika aus dem Arzneimittel, wie allenfalls ein blinder Maler die Farben, so geht dann die Heilung wieder rückwärts.
HIM|3|480903|19|0|Kann die kranke Elisabeth ein solches Vertrauen zu Mir fassen und auch A. H. W. samt den Kindern, dass ihr euch dadurch von dem großelterlichen Haus als vollends unabhängig stellt in euren Herzen und euch denkt:
HIM|3|480903|20|0|„Herr! Geschehe da, was da wolle, Du allein bist unser Vater zeitlich und ewig. Von Dir und von niemand anderem hängt unser künftiges Wohl ab; denn wir wissen es ja, dass aller Menschen Hilfe, wer sie auch sein mögen, zu nichts nütze ist. Dein Wille geschehe! Wir wollen niemand fürchten, außer allein Dich, o Herr, und von niemand eine Hilfe erwarten, als allein von Dir, o Du guter Vater! Dein wollen wir ganz sein im Leben dieser Welt und ebenso in ihrem notwendigen Tode, der uns frei machen wird vom Fleisch und uns dann endlich führen zu Dir hin, der Du bist unsere alleinige lebendige Hoffnung durch den Glauben und unsere alleinige Liebe im erweckten Leben unseres Geistes!“
HIM|3|480903|21|0|Ist euch aber diese gänzliche und vollste Hingebung an Mich nicht möglich, in der allein der alles bewirken könnende lebendige Glaube zuhause ist, da ergreift ein anderes passendes Mittel, wodurch die Ruhe der Seele bewerkstelligt werden kann. Nehmt zum Beispiel einen Arzt, um euch dadurch der großelterlichen Furcht zu entledigen, oder nehmt zum Magnetismus eure Zuflucht, was noch besser sein wird, weil dadurch die Seele die nötige Ruhe erlangen wird.
HIM|3|480903|22|0|Tut, was ihr wollt; aber tut alles, was ihr tut, ganz und in Meinem Namen, so werdet ihr leicht zu einem erwünschten Ziel gelangen. Aber mit der Halbheit wird euch nirgends und niemals geholfen sein.
HIM|3|480903|23|0|Ich als die höchste Vollkommenheit wirke nur im Vollkommenen vollkommen, im Unvollkommenen aber wie die Sonne im Winter! Daher seid alle vollkommen in allem, wie auch Ich, euer Vater, vollkommen bin, so werdet ihr leicht überall Hilfe finden, so euch irgendetwas fehlt.
HIM|3|480903|24|0|Aber auf eine rein wunderbare Hilfe von Mir fürs Fleisch dürft ihr alle nicht rechnen, denn dazu gehört entweder ein nagelfestester Glaube, mit dem ihr nahehin Berge versetzen könntet, oder aber die volle Wiedergeburt des Geistes, was aber bei euch weder das eine noch das andere der Fall ist. Denn euer schwacher Glaube möchte eben darum Wunder, um durch sie vermeintlich stark zu werden, was aber gerade der umgekehrte Fall wäre; denn nichts schwächt den wahren Glauben so sehr wie ein Wunder, da es den ganzen Menschen aus dem Zustand der Freiheit gewaltsamst herausreißt und ihn in den Zustand der unausweichlichen Nötigung versetzt, welche da ist ein Tod für den Geist. Und nichts stärkt den Glauben mehr als das Kreuz; denn nur durch Kreuz und Leiden dieser Welt wird der Glaube genährt und gestärkt.
HIM|3|480903|25|0|Ob ihr aber als im Geiste vollends Wiedergeborene eines Wunders, als unschädlich für euren Geist, fähig seid, – Ich meine, darüber kann euch schon eure noch sehr schwache und in manchem Stück sinnliche Natur treulichst belehren. Aber Ich helfe euch dennoch mit und in der Natur wie ganz natürlich, nur müsst ihr euch also verhalten, wie es die Ordnung der Natur erfordert, sonst kann Ich euch selbst bei Meinem besten Willen niemals helfen außer zeitlich durch ein Gericht, womit aber in der Wahrheit sicher keinem Menschen gedient sein wird.
HIM|3|480903|26|0|Auf dass ihr aber auch seht, warum Ich das Eitergeschwür der Elisabeth ein Übelchen nannte, so sage Ich: Dies Übelchen bestand anfangs bloß in einigen wenigen unordentlichen Spezifiken, welche, als nicht zum Wesen gehörig, ihren Ausweg suchten, weil sie schon seit einigen Jahren durch ungeschickte Arzneien in das Fleisch der Elisabeth gekommen sind. Sie waren früher im Fleisch zerstreut, aber nun haben sie sich gerade in der Brustgegend gefunden, vereinigt, und brachen da gewaltsam durch. Als sie sich den Ausweg bahnten, da hätte die Seele tätig mithelfen sollen, dass sie alle samt ihrem bösen Nest hinausgekommen wären. Da wäre alles schon lange gut. Aber da war die Seele zum Teil von Freude, zum Teil aber auch heimlich von einer kleinen Furcht beunruhigt und beschäftigte sich zu wenig damit, alles Fremde aus ihrem Haus zu schaffen.
HIM|3|480903|27|0|Dieses Fremde ist nun hartnäckig geworden und will nicht hinaus, weil es zu hart und sonach nicht so leicht mehr zu Paaren zu bringen ist. Aber dessen ungeachtet wird es sich doch fügen müssen, wenn die Seele recht energisch wirken wird. Aber ohnedem kann es sich auch noch lange halten, besonders in der ohnehin sehr hartnäckigen Fleischnatur der Elisabeth; denn alles Fleisch, das im tieferen Norden gezeugt wird, ist hartnäckiger, fester und dauerhafter, als das im Süden gezeugte, daher aber auch bei Krankheiten schwerer zu heilen. Daher soll auch die Elisabeth nicht ängstlich sein, wenn sie länger zu leiden hat; denn fürs Erste sind die Leiden ihrem Geist heilsam, und fürs Zweite aber ist ihre Natur danach – und besonders, so die Seele keine rechte Ruhe hat. Diese aber muss sie sich verschaffen so oder so, da wird es ihr aber auch sicher besser werden.
HIM|3|480903|28|0|Ich könnte euch eine Menge guter Mittel ansagen, die alle bei der gehörigen Ruhe der Seele die entschiedenste Wirkung täten, aber auch bei der kleinsten Furcht nicht nur keine Wirkung hervorbrächten, sondern die Sache noch verschlimmern würden. Daher bekümmert euch zuvor um die volle Ruhe der Seele, entweder auf die eine oder auf die andere angeratene Art, dann werde Ich euch leicht helfen können. Amen. Das sage Ich, der Ich jedermann helfen kann und will, der Meinen Rat vollends befolgt. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|481014|1|1|Befreiung – 14. Oktober 1848
HIM|3|481014|0|0|Anfrage des Ans. H. über einen im Traum gesehenen Blitzstrahl.
HIM|3|481014|0|0|O Herr, Du heiligster Vater! Heute früh um 1/2 4 Uhr sah ich im Traum senkrecht vor mir einen äußerst mächtigen Blitzstrahl in die Erde fahren, worüber ich außerordentlich erschrak und sogleich erwachte und unwillkürlich an meine Brust schlug. Diesem Blitz, der dem plötzlichen Sturz eines Engels vom Himmel glich, folgte aber kein Donner. Wie soll ich, o Herr, diese Erscheinung mir erklären? Mein Weib und die Alexandrine hörten diese Nacht einen so starken Schlag ans Fenster, dass darüber beide zugleich erwachten. Hat dieser Schlag mit dem Blitzstrahl irgendeinen Zusammenhang?
HIM|3|481014|1|0|Mein Freund Ans. H. W., was dir heute im Traum als ein Blitz von oben nach unten fahrend zu Gesichte kam, hat durchaus keine missliche Bedeutung, sondern es ist für deinen Geist und für deine Seele etwas sehr Gutes und dir heilsam Dienliches, – es ist das Hinabsinken und das Hinwegfallen deines Fleischgeistes, der dir bisher sehr hinderlich war an dem lebendigen Aufschwung in Mein Reich.
HIM|3|481014|2|0|Dein unwillkürlicher Handschlag auf die Brust aber war nichts als ein von deiner Seele eigens geleiteter Mea-culpa-Schlag und zeigte dir an, dass du nun an dir selbst bekennst, dass eben dein Fleischgeist dich bisher am meisten gefangen hielt, und dass Ich dich auch ebendieses deines Fleischgeistes wegen mit so manchem Kreuz heimsuchen musste, um dich vor größeren geistigen Übeln zu bewahren. Aber nun habe Ich dir dieses Geistes Hauptmacht abgetrieben, und du wirst nun auch darob mit deinem Fleisch um ein sehr bedeutendes weniger Anfechtungen haben. Ganz aber ist der Geist des Fleisches dir dennoch nicht benommen, sondern nur dem zum Argwirken strebenden Hauptteil nach. Solches tat Ich dir aber deines Geburtstages wegen, auf dass du nun leichter dem neuen Geistesgeburtstag zuschreiten kannst, besonders so du dein weiblich Hauskreuz in aller Ergebung, Geduld und Liebe zu Mir erträgst und dich ohne Furcht und Bangen in alles fügst, was Ich dir zusende.
HIM|3|481014|3|0|In der wahren Geisterszene des Bischofs Martin hast du wohl gesehen, welch ein Meer er auszufischen hatte, um sich also nach und nach von allen irdisch-fleischlichen Anhängseln zu reinigen. Also würde es einst auch dir ergehen.
HIM|3|481014|4|0|Aber auf dass du von allem Tode frei werden möchtest, so hast du nun auf dieser Welt schon das Martinsche Meer in ein Hauskreuz umgewandelt vor dir, das nun für dich arbeitet geistig, und so wirst du dann jenseits keine solche Arbeit mehr finden.
HIM|3|481014|5|0|Dein Mir sehr liebes Weib muss nun freilich dem Fleische nach sehr hart leiden, aber es muss schon alles also sein, – denn deines Weibes Seele stammt nicht von dieser, sondern von einer anderen großen Erde (Sonne) ab. Daher verfährt ihre eigene Seele mit dem ihr noch stets fremden Fleisch also und will es reinigen; und ihr Fleisch und Blut muss auch also gereinigt werden, ansonst es einst nicht völlig tauglich wäre zur geistigen Umkleidung einer reineren und edleren Seele aus den Himmelsregionen. Das Zuwiderste aber ist bei allen solchen Menschen der notwendig durchaus stärkere Nervengeist, da ein gewöhnlicher die in sich zu zarte Himmelsseele nicht an das grobe Fleisch dieser Erde zu binden vermöchte.
HIM|3|481014|6|0|Dieser starke Nervengeist ist denn auch darum die Ursache, dass die Heilung was immer für eines Fleischübels viel härter und langsamer vor sich geht, als es bei rein diesirdisch normalen Personen der Fall ist. Wegen des starken Nervengeistes sind solche Personen auch für den Magnetismus schwer geeignet, halten aber dabei doch viel mehr aus als irdisch normale Menschen. Aber nur Geduld und furchtloses Vertrauen, dann wird schon alles wieder gut werden!
HIM|3|481014|7|0|Es ist zwar wohl aus einem Übelchen ein Übel geworden, weil beim ersten Aufbruch zu wenig Sorge getragen wurde, den argen fremden Fleisch- und Blutgeist völlig aus der Brust zu treiben; aber deswegen kann schon jetzt auch noch geholfen werden, so ihr nach Meinem Rat durch die Somnambule genau handelt. Sonst aber wird das Übel noch lange dauern.
HIM|3|481014|8|0|Der von deiner Tochter wie auch von deinem Weib zugleich vernommene Schlag ans Fenster hängt mit deiner Erscheinung durchaus nicht zusammen und ist nichts als eine mutwillige Anmeldung eines Wanderers aus dieser in die andere Welt. Wer es aber war, das braucht ihr nicht gar so schnell zu wissen und das kranke Weib am allerwenigsten, weil so etwas ihre ohnehin schwache Seele noch mehr schwächen würde und des Fleisches Heilung noch mehr verzögern. Mit der Zeit aber werdet ihr es ohnehin erfahren, wie viel daran gelegen ist.
HIM|3|481014|9|0|Nun habe Ich dir alles gesagt, was die Erscheinungen, die du, dein Weib und deine Tochter vernommen haben, bedeuten. Ziehe dir daraus die rechte Moral; sie wird dir gut zustattenkommen. Amen.
HIM|3|481118A|1|1|Trost am Kreuze irdischer Leiden – 18. November 1848
HIM|3|481118A|0|0|Trostwort an Elisabeth H. zu ihrem Namenstag.
HIM|3|481118A|1|0|Meinen Vatersegen und Meine Liebe Meiner liebsten Tochter Elisabeth! Mein allerliebstes, lammfrommes und sehr geduldiges Töchterchen! Wenn du wüsstest, wie endlos lieb Ich dich habe, weil du aus Liebe zu Mir dein großes Kreuzlein so geduldig trägst, da möchtest du es wohl keine Minute auf der finsteren und überaus kalten Erde mehr aushalten. Aber sei getrost in deinem Leiden; Ich bin ja stets bei dir und stärke dich und tröste dich! Ich werde dir auch helfen zur rechten Zeit – und helfe dir immerwährend.
HIM|3|481118A|2|0|Freilich sind die dir von Mir angeratenen Mittel, die dir schneller geholfen hätten, stets zu spät in Anwendung gekommen oder auch gar nicht angewendet worden. Aber da habe auch Ich Selbst gewisserart eine kleine Schuld daran, und das aus übergroßer Liebe zu dir, denn du weißt es ja, dass Ich die am meisten prüfe und reinige, die Ich am meisten lieb habe. Und so mache Ich es auch mit dir, dafür aber bist du auch ganz Mein; und wenn du deinen Leib verlassen wirst derzeit und dereinst, so wirst du nimmer den Tod fühlen noch schmecken, sondern wirst sehend und alles vernehmend im hellsten Bewusstsein in Meinen Vaterschoss aufgenommen werden.
HIM|3|481118A|3|0|Daher verschwinde auch auf ewig alle Furcht vor einem Tode aus dir, denn wahrlich, du wirst jetzt und dereinst und ewig nimmer sehen und fühlen und schmecken den Tod; denn wer Mich, wie du, liebt auch am Kreuz irdischer Leiden, der stirbt schon, so er leidet, – und so er aber dann eigentlich sterben soll, da wird er dafür erweckt von Mir alsogleich zum ewigen vollkommensten Leben! Also bist du nun auch schon gestorben mit Mir am Kreuz, und so du auf dieser Erde noch viele Jahre in wiedergenesenem Fleisch lebtest, so wird dir dieser gegenwärtige Tod am Kreuz deines Fleisches angerechnet, und du wirst daraus auch schon auf dieser Erde zum wahren Leben übergehen und wirst fürder nimmer sterben, sondern im stets klarsten Bewusstsein in Mein Reich übergehen!
HIM|3|481118A|4|0|Diese ewig unwandelbare Zusicherung gebe Ich, dein dich segnender und über alles liebender Vater, dir zu deinem Namenstag als ein Angebinde, dass es dich heilen, stärken und trösten solle in aller Meiner Liebe und Wahrheit. Amen. Mein Vatersegen sei dir für ewig. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|481130|1|1|Zum Heimgang einer Mutter – 30. November 1848
HIM|3|481130|0|0|Trostwort nach dem Hinscheiden der Elisabeth H. am 29.11.1848.
HIM|3|481130|1|0|Ein Trost und eine Stärkung an Meine Kinder.
HIM|3|481130|2|0|Hört, ihr alle Meine lieben Kinder und Kindlein! Denn so spreche und rede Ich, euer Herr und lieber Vater, zu euch allen, die ihr nun seid voll Trauer und Bangigkeit in euren betrübten Herzen, dieweil Ich eure irdische Leibesmutter wahrhaftigst zu Mir für ewig genommen habe und habe sie dadurch auch für immer erlöst von ihrem Leiden, das sie aus großer Liebe zu Mir allerstandhaftigst und überaus geduldig ertragen hat.
HIM|3|481130|3|0|Ich aber sage euch: Weint und klagt nicht so sehr um die in Mir für ewig Auferstandene, denn sie ist mit Mir und in Mir am Kreuz starker Leiden gestorben dem Leibe nach – und ist aber auch im selben Augenblick, als sie für euch dem Leibe nach sichtlich starb, in Mir und an Meiner Seite für ewig zum wahren ewigen Leben auferstanden!
HIM|3|481130|4|0|Ihre Freude war unbegrenzt, als sie Mich gleich erkennend ihr zur Seite erschaute, und zwar in einem solchen Kleid, in dem Ich ihr sogleich gar wohl erkenntlich war, – und das umso leichter, da Ich sie auch sogleich Meine Wundmale erschauen ließ, was nur jenen zuteilwird, die durch schwere Leiden geprüft in aller Liebe zu Mir ihren Leib verlassen. Sie freute sich auch über die Maßen und konnte gar nicht begreifen, wie sie – da sie doch so lange gelitten – nun so plötzlich gar so überaus gesund habe werden können. In der höchsten und wonnevollsten Entzückung Mir zu Füßen fallend, dankte sie Mir inbrünstigst, dass Ich ihr eine so große Gnade erwiesen habe, und bat Mich, Meine geringste Magd sein zu dürfen. Ich aber sagte zu ihr, wie Ich es nun auch zu euch sage:
HIM|3|481130|5|0|„Nicht so, Meine liebe Tochter! Ich sage dir, die Mägde sind jene, die durch klösterliche harte Zucht zu Mir getrieben werden, und ihr Glaube und ihre Liebe zu Mir ist eine harte Schule. Du aber hast Mich frei zum einzigen Gegenstand deines Herzen erwählt, daher sollst du auch nicht Magd, sondern Meine wahre geliebteste Tochter sein, – und siehe, alles, was Ich habe, und alles, was Mein ist, das wirst auch du haben und wird auch alles dein sein für ewig. Du wirst auch nicht getrennt sein von deinen irdischen Zurückgelassenen; was dein Herz in Meinem Namen ihnen zu tun wünscht, das wirst du ihnen auch allezeit im Vollmaß tun können. Denn alle Meine Töchter haben sich solcher Kraft aus Mir zu erfreuen für ewig, auf dass sie allen Wünschen ihres liebevollsten Herzens nachkommen können.“
HIM|3|481130|6|0|Sie aber bat Mich darauf inbrünstigst und sprach: „O Du, Mein überguter, bester, heiligster Vater Jesus! Du mein Gott und mein Herr! Aus allen Kräften meines Herzens danke ich Dir für solche große Gnade; aber ich weiß, dass Du all meinen Hinterlassenen endlos besser willst als ich, die ich noch lange nicht weiß und einsehe, was ihnen wahrhaft gut und nützlich ist. Was Du, o mein Vater Jesus, willst, das ist das Beste, – darum geschehe allzeit und ewig nur Dein heiligster Wille! Mich lasse nun, o Herr und heiliger Vater Jesus, Dich ungestört stets mehr und mehr ewig lieben, denn ich bin nun über-, über-, überselig! Nur um das Einzige bitte ich Dich, dass Du meinen Hinterlassenen ja recht bald ihre große Trauer um Mich wegnehmen möchtest und ihnen dafür geben einen recht festen und lebendigen Glauben, und dass sie Dich alle ganz erkennen und über alles lieben möchten im Geiste und in der Wahrheit! O Du mein liebster Vater Jesus, nur das Einzige tue ihnen nach Deinem alleinigen Wohlgefallen!“
HIM|3|481130|7|0|Hierbei drücke Ich sie an Mein Vaterherz und sage zu ihr: „Meine nun für ewig erlöste Tochter! Ich werde alles tun, was du wünschst, des sei du für ewig versichert. Dass aber nun deine Hinterlassenen trauern und weinen um dich, das ist auch gut, denn Ich Selbst gebe ihnen Tränen zur Ableitung ihrer Trauer. Und so hart es für sie nun auch ist, da Ich dich nun schon lieber vollends zu Mir nahm, als dass Ich dich noch auf der nun überfinsteren Erde längstens noch ein paar Jahre hätte dahinsiechen lassen, – so wird es ihnen aber bald auch ebenso leicht werden, so sie mehr nüchtern erst recht klar erkennen werden, wie gut es dir nun ergeht. Komme aber nun auch alsogleich in Mein Haus; dort wirst du alle deine Vorangegangenen treffen, und die Maria, Meines Leibes Mutter wird dir nebst deiner leiblichen Mutter vier schon ganz großerwachsene und gar wohlerzogene Kinder entgegenführen, an denen du viel Freude haben wirst. Diese haben Mich auch am meisten gebeten, dass Ich dich bald zu ihnen bringen möchte, und so habe Ich auch getan, was Ich sonst erst in zwei Jahren getan hätte. Sie möchten wohl auch die anderen alle bei sich haben, aber sie stellen sich nun schon zufrieden, dass sie nur endlich einmal dich bekommen.
HIM|3|481130|8|0|Als Ich ihnen eröffnete, dass Ich Selbst nun dich abholen gehe, da war es völlig aus bei ihnen. Sie wollten alle mit Mir dir entgegenziehen, aber sie ließen sich endlich doch beschwichtigen, da Ich ihnen die volle Versicherung gab, dass Ich dich diesmal ganz bestimmt mitbringen werde, – denn es hätte dir irdisch auf ein paar Jahre wohl noch geholfen werden können, wenn alles auf ein Haar wäre befolgt worden, was Ich durch den Knecht und durch die Tochter Lori angeraten habe. Aber Mir Selbst ist es also auch viel lieber, da du sonst auf der Erde noch gar viel hättest zu erleiden gehabt. Leiblich wärest du stets siech und schwach geblieben, und in deinem Gemüt hättest du auf der nun überargen Welt gar wenig heitere Stunden mehr durchlebt, daher meine Ich, dass es nun für dich also besser ist.“
HIM|3|481130|9|0|Spricht sie: „O ja, o ja, Du mein liebster Vater Jesus! Weil ich nur Dich habe, da frage ich um nichts mehr. Mir ekelt es nun gar stark, so ich die Erde tief unter mir anschaue. O Jesus, ich danke Dir über alles, dass Du mich so sanft von meinem schlechten Fleisch erlöst hast! Dein heiliger Wille geschehe!“
HIM|3|481130|10|0|Nun führe Ich sie in Mein Haus und tue euch das zu wissen, auf dass ihr wisst, wie es eurer Mutter geht, was euch tröste und stärke in Meinem Namen. Amen. Das sei euch in vollster Wahrheit gesagt. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|481202A|1|1|Euer aller Trost – 2. Dezember 1848
HIM|3|481202A|0|0|An Andr. H. W. am Begräbnistag der Elisabeth H.
HIM|3|481202A|1|0|Tröste deinen Bruder, dessen Weib Ich zu Mir nahm! Er und sein Haus trauern nun, da Ich Meine liebe Tochter zu Mir zurücknahm. Ich sehe ihre Trauer und habe Freude an ihren Tränen; aber Ich will sie alle trösten und stärken mit Meinem Geist, mit Meiner großen Liebe! Darum sollen sie fürder nicht weinen; denn Ich werde sie sehr trösten und stärken und werde machen, dass sie sehr jubeln werden und frohlocken in Meiner großen Liebe, – denn Ich allein bin es, der da gibt Traurigkeit und Freude, da Ich ein Herr bin aller Herzen und was in ihnen ist.
HIM|3|481202A|2|0|Wohl hätte Ich sie noch länger können auf der Erde lassen, denn bei Mir sind alle Dinge gar wohl möglich. Aber was würdest du wohl tun, so du eine Tochter irgendwo hättest in der Fremde zur Ausbildung, die Tochter aber sendete dir einen brennendsten Liebesseufzer um den anderen zu und gäbe dir aufrichtigst kund, wie endlos gern sie zu dir nach Hause käme, obschon ihr die Reise auch noch so beschwerlich scheine? Siehe, du würdest trotz aller Bitten ihrer guten Erzieher in der Fremde am Ende dennoch den Bitten deiner Tochter all dein Gehör schenken und würdest ihrer großen Sehnsucht Gewähr leisten. So ist es auch hier. Was Ich hier tat, das tat Ich nicht so sehr Meinet- als vielmehr der großen Sehnsucht Meiner lieben Tochter willen.
HIM|3|481202A|3|0|Darum sagt auch nicht, dass Ich hier hart und unerbittlich gewesen wäre, – o nein, gerade das Gegenteil; denn so viele bitten, die einen hin, die anderen her, so gewähre Ich allezeit die Bitte nur dem Teil, der mit der stärkeren Liebe zu Mir bittet. Die schwächer Bittenden aber sollen den Trost haben, dass Ich auch ihre Bitten in das Buch des Lebens zeichne und sie einst auch in aller Fülle werde gewähren lassen. Das aber sei euer aller Trost, dass Ich wahrhaft bei euch bin und verbleibe für ewig. Amen.
HIM|3|481213|1|1|Drei Worte: Stehe, gehe, falle – 13. Dezember 1848
HIM|3|481213|0|0|O Herr! Dem A. H. W. kamen gestern Morgen beim Erwachen plötzlich, als er an K. F. J. dachte, die drei Worte in den Sinn: Stehe, gehe, falle! – Da wir sie nicht zu deuten wissen, so bitten wir Dich, o heiligster Vater, dass Du uns darüber, so es Deinem heiligsten Willen nicht zuwider wäre, ein kleines Lichtlein geben wollest!
HIM|3|481213|1|0|So schreibe! An dem Trilogon liegt eben nicht gar so viel, als ihr es meint, da es einen ganz naturgemäß richtigen Erscheinungszustand ausdrückt, der wohl jedem Menschen zuteilwerden kann, so er diesem ganz natürlichen Trilogon gemäß handelt.
HIM|3|481213|2|0|Wisst ihr denn nicht, dass Ich jedem Menschen durch ein und dasselbe Gebot der Liebe auch eine und dieselbe endliche Bestimmung gestellt habe und habe ihm somit auch ein und dasselbe unwandelbare Ziel gesetzt, das er einzig und allein zu verfolgen, zu erreichen und endlich fest zu ergreifen und für ewig in den vollsten Empfang zu nehmen hat? Ich meine, das dürfte euch ohne weitere Erläuterung klar sein. Nun aber, so jemand – sei er irdisch ein Bettler oder ein Kaiser – das Ziel wohl kennt, es eine Zeit lang verfolgt und dann aber, da er an dasselbe kommt, vor ihm stehenbleibt und es nicht ergreift, als ob es ihn gereute, dass er es erreicht hat – der fällt, weil er vor dem Ziel stehenbleibt und es nicht ergreift.
HIM|3|481213|3|0|Der aber ist es, der da steht, so er die Mittel vollauf in seinen Händen hat und ergreift sie nicht und gebraucht sie nicht, was dann der sichere Grund ist, dass er fällt; denn so ein Hungriger eine Speise sucht und sie auch findet, – so er sie aber gefunden hat und sie nicht genießt in der Meinung, dass sie ihm Schaden bringen könnte, da muss er sich dann aber ja auch selbst die Schuld zuschreiben, so er vor Schwäche zusammensinkt und stirbt.
HIM|3|481213|4|0|Da aber derjenige, der am Ziel, ohne es zu ergreifen, stehenbleibt, schon fallen muss, um wie viel mehr erst der, der übers Ziel hinausgehen will. Wer aber ist es, der da übers Ziel hinaus weitergeht? Ich sage es euch, der ist es, der seine von Mir ihm gegebene Bestimmung zu anderen Zwecken benützt oder benützen will, als wozu Ich sie ihm gegeben habe. Ein solcher fällt dann umso eher und leichter, weil er nach der Überschreitung des gegebenen und gestellten Ziels auf ein grund- und bodenloses Feld sich begibt, auf dem er nimmer einen festen Standpunkt finden und nehmen kann.
HIM|3|481213|5|0|Alsonach besagt das für euch so rätselhafte Trilogon nichts anderes als: So Ich, dein Herr und Gott, dir so viel Gnade erwies und stellte dich schon vor das sonst schwer zu erreichende Ziel und du erkennst es, bleibst aber vor ihm stehen wie ein eitler Geck voll Hunger vor einer vollen Schüssel, da verhungere, falle und stirb! Und bist du also am Ziel und erkennst, dass es das rechte ist, ergreifst es aber nicht, sondern gehst an demselben nur also hochtrabend und herrschsüchtig vorüber, als wäre die Beherrschung und Tyrannisierung der ganzen Unendlichkeit dir und deiner Macht beschieden, da ist der Fall desto mächtiger und desto voller jeglichen Unheils, und es ist dann auch sogar unmöglich, solch einem Gefallenen wieder aufzuhelfen und ihn zurück ans wahre Ziel zu bringen, wie solches auch Paulus in einem Brief an die Hebräer (6,4-8) zeigt, da er also spricht:
HIM|3|481213|6|0|„Denn es ist unmöglich, dass die, so sie einmal erleuchtet sind und geschmeckt haben die himmlische Gabe und teilhaftig geworden sind des heiligen Geistes und geschmeckt haben das gütige Gotteswort und die Kräfte der künftigen Welt, wenn sie dennoch abfallen und wieder in ihnen selbst von neuem kreuzigen den Sohn Gottes und ihn verspotten, – dass sie dann wieder sollen erneuert werden zur Buße (d. h. zur gültigen und wirksamen Rückkehr). Denn nur die Erde, die den Regen trinkt, der oft über sie kommt, und gutes Kraut denen trägt, die sie bebauen, empfängt Segen von Gott. Welche aber Dornen und Disteln trägt, die man hernach verbrennt, ist kein nütze und dem Fluch (d. i. dem Falle) nahe.“
HIM|3|481213|7|0|Ich meine nun, ihr werdet auf diese gründliche Erläuterung euer ominöses Trilogon wohl verstehen und somit auch einsehen, wie es zu nehmen ist für jedermann, ob er ein Kaiser oder ein Bettler ist, – denn vor Mir ist einer wie der andere gleich. Übernimmt sich ein Kaiser, wie es schon mit gar vielen der Fall war, da seht Napoleon an und erseht die Folgen solch herrschsüchtigsten Übermutes. Und übernimmt sich ein Bettler in zu großer Würdigung und geheimer Hochschätzung seiner Armut und wird darum zudringlicher, als es ihm gebührt, da muss er sich’s dann auch selbst zuschreiben, so er von der Tür gewiesen wird, vor der er zu stark betteln wollte.
HIM|3|481213|8|0|Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen, denn alles andere, was daraus noch für die Zeit und für die Ewigkeit folgen kann, werdet ihr ohne weitere Erläuterung wohl von selbst sehr leicht zu folgern imstande sein. Nur das sei euch allen gesagt, dass ihr das alles auch zuvörderst an euch beachtet, so werdet auch ihr zu dem Erdreich gehören, das da von Mir gesegnet wird, da es ein gutes und bequemes Kraut denen bringt, die es mit allem Fleiß besäen. Amen. Das spricht der allezeit Wahrhaftige. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|491017|1|1|Stärkung der Nerven – 17. Juli 1849
HIM|3|491017|0|0|Auf die Anfrage des C. L.
HIM|3|491017|1|0|Der betreffende Lebensdüsterling ist zufolge seiner zu übertriebenen mit der Ehre seines Standes im Verband stehenden Gewissenhaftigkeit in seinen innersten Seelenverbandsnerven geschwächt worden. Diese Nerven, die die Seele gewisserart umhüllen und sie vor den zu nackten Eindrücken von Seiten der Außenwelt schützen, können ihr nun keinen kompletten, sondern nur einen partiellen Schutz bieten, daher sie denn auch bald in einer, bald wieder in einer anderen Lebensbeziehung von außen her notwendig zu heftig berührt wird.
HIM|3|491017|2|0|Solch eine zu wenig durch besagte Nerven bedeckte und gedämpfte Berührung vibriert dann in der äußerst erregbaren Seele oft Tage, ja oft sogar Wochen und Monate lang fort, und zwar in derselben Vibrationsform, in der sie zuerst erregt wurde. Diese Vibration versetzt aber dann auch alle anderen normalen, aber natürlich schwächeren Eindrücke von der Außenwelt in ein verworrenes unbestimmtes Mitbeben, aus welchem Grunde dann die Seele in jeder ihrer sonst ganz geordneten Lebensbeziehungen und jedem Verhältnis beinahe geradeso beunruhigt wird wie das Auge, so es auf den Grund eines noch so reinen Wassers schaut, wenn dessen Oberfläche von allerlei Kreuz- und Querwellen durchfurcht wird.
HIM|3|491017|3|0|Das Auge erschaut da wohl auch noch Gegenstände auf dem Grund, kann aber nimmer mit Bestimmtheit entnehmen, was die Gegenstände sind, weil ihre eigentliche Form durch zu starke und zu unbeständige Strahlenbeugungen zu sehr zerrissen und verunstaltet zu dem sorglich spähenden Auge gelangt. Oft wird da durch die Konvexierung des obersten Wasserspiegels ein kleines Steinchen zu einem Koloss, oft wieder durch Konkavierung des Wasserspiegels ein ganzer Fels zu einem kaum faustgroßen unförmlichen Klumpen.
HIM|3|491017|4|0|Und siehe, geradealso ergeht es einer auf die beschriebene Art verwirrten Seele. Sie ersieht dann in solcher ihrer Vibration aus dem Eindruck, den ihr eine Mücke verursachte, ein furchterregendes mammutgroßes Monstrum, und ein Elefant sinkt nicht selten zur Mückengröße herab. Solche Menschen sind dann auch stetige Skrupulanten. Wenn ihnen an ihrem Rock ein Knopf reißt, so erscheint ihnen das, als wenn ein Weltkörper aus seiner Bahn geworfen worden wäre, während sie den Einsturz eines ganzen Hauses oft kaum bemerken.
HIM|3|491017|5|0|Solch ein physiko-psychisches Übel kann daher, weil es mehr ein physisches als so ganz eigentlich psychisches zu nennen ist, auch zuerst durch ein taugliches Naturmittel geheilt und behoben werden. Dergleichen Mittel wären zum Beispiel etwa ein fünf bis sechs Wochen langer Urlaub vom täglichen Geschäft, Umgang mit heiteren Menschen, häufiger Genuss von reiner Gebirgsluft, Stahlbäder und andere eisenhaltige Mineralbäder, nur keine Schwefelbäder. Auch Meeresbäder wären gut. Essen und Trinken, was einem schmeckt. Ein guter Wein ist jedoch besser als Bier und eine frische Brühe besser als der Kaffee, der schwarze taugt am schlechtesten. So wäre auch der Genuss eines reinen Alpenwassers sehr zu empfehlen, wie überhaupt ein durch ein paar Wochen andauernder Aufenthalt auf einer Alpe mit ein paar guten, heiteren Freunden.
HIM|3|491017|6|0|Wenn auf diese Art die Seele wieder durch die rechte Stärkung der sie umgebenden Nerven zu ihrer natürlichen Ruhe gelangt, dann kann auch leicht wieder durch gute und weise Worte auf sie eingewirkt werden, was jetzt beinahe eine fruchtlose Mühe wäre. Überhaupt aber soll betreffender Leidling auch vom Beischlaf so viel als möglich eine gute Zeit lang sich enthalten, so wird seine Heilung desto eher und leichter erfolgen. Auch der Gebrauch der evangelischen Öl- und Weinsalbe würde ihm gute Dienste tun, und dabei recht viel Bewegung in freier reiner Luft, besonders nach einem Gewitter.
HIM|3|491017|7|0|Das also Meinem lieben Freund und Bruder zu seiner Einsicht, Beruhigung und möglichen Darnachachtung unter Meinem Segen und Schutz. Amen.
HIM|3|501004|1|1|Anfrage Jakob Lorbers wegen der geistigen Erscheinung des Herrn am Reinerkogel (zur Zeit der Niederschrift des Jenseitswerkes Robert Blum) – 4. Oktober 1850, nachmittags 1/2 5 Uhr
HIM|3|501004|0|0|Herr! Du bester Vater! Ich möchte hinziehen auf des Hügels Spitze, die Du heute beziehen wirst, um Dich da zu erwarten; aber mich durchdringt eine große Furcht, denn zu heilig dünkt mich der Ort, da ich ein Sünder bin! Was soll ich tun?
HIM|3|501004|1|0|Heute nicht! Verstehe, heute nicht; denn es gibt heute eine große Menge unlauterer Geister, diese müssen zuvor abgefertigt werden. Aber morgen Nachmittag um 1/2 6 Uhr komme du und wer noch mit dir kommen will; da werde Ich euch persönlich Selbst segnen. Die Stelle werde Ich dir schon oben anzeigen.
HIM|3|501004|2|0|Kommt Mir heute aber wie allezeit nur in eurem Herzen entgegen und empfangt Mich also, und Mir wird es lieber sein, als wenn ihr euch heute auf dem Berg bei Meiner Ankunft einfinden würdet.
HIM|3|501004|3|0|Betrachtet aber um diese Zeit von ferne diesen Hügel und gebt auf alles Acht! Ihr werdet es schon merken können, wenn Ich ankommen werde. Mein Segen zum Voraus an euch alle, die Mich erkennen, lieben und Mein Gesetz der Liebe beachten. Amen!
HIM|3|501004|4|0|(Ich befinde Mich jetzt in der Gegend bei Straßengel.)
HIM|3|501005|1|1|Denkwürdiges am Reinerkogel – 5. Oktober 1850 [Robert Blum 1898]
HIM|3|501005|0|0|Was sich an den in vorstehender Kundgabe erwähnten beiden Tagen, dem 4. und 5. Oktober 1850, am Reinerkogel bei Graz an Denkwürdigem zugetragen hat, erfahren wir in dem Diktat an Jakob Lorber, das über die Jenseitsführung des Robert Blum simultan berichtet:
HIM|3|501005|1|0|(Der Herr:) … Nach dieser Begebenheit ziehen wir denn ganz gemach unter mannigfachen Besprechungen weiter und gelangen genau um sechs Uhr abends, den 4. Oktober 1850, zu dem vorbestimmten Platz – um welche Zeit ihr, Meine Freunde, euch am Schloßberg befandet und durch allerlei vorübergehende Zeichen in der Form, dann durch ein in euch gewecktes Gefühl, das euch stärkte, durch die Ruhe der Natur, durch die ehrfurchtsvolle Stellung der Wolken, wie auch durch die freundliche Beleuchtung und Reinigung des Hügels Meine Ankunft überaus gut und wohl verspürbar habt merken können.
HIM|3|501005|2|0|Gleich bei Meiner Ankunft fingen Massen von Geistern aller Art an, sich an den Hügel zu drängen. Viele darunter ganz böser Art – diese wurden jedoch schnell gegen Abend hin gedrängt. Die Verdunklung des Plabutschberges durch schwarze Dünste benachrichtigte eure Sinne sogar davon. Ja sogar Satana war unter diesem Auswurf. Mehr um den Fuß des Hügels lagerten sich bessere Wesen und baten um eine Verbesserung ihres Loses, die ihnen auch gewährt ward. Nach der Gewährung zogen sie dankbar ab.
HIM|3|501005|3|0|Darauf kam vom Schöckelberg her eine ganze Legion Geister, noch sehr dem Naturreich angehörend. Ihre Ankunft mochtet ihr durch eine Feuerröte an der rechten Seite gegen dreiviertel auf sieben Uhr recht deutlich ausnehmen. Diese verlangten ganz ungestüm die volle Erlösung vom beschwerlichen Bergdienst. Sie wurde ihnen zum Teil gewährt. Und sie gaben sich zufrieden, was ihr durch das Verschwinden dieser Helle habt abnehmen können.
HIM|3|501005|4|0|Darauf kam eine Menge Geister von allen Gegenden der Umgebung dieses Ortes und sie baten um die Segnung dieser ganzen Gegend. Sie wurde ihnen auch noch vor der siebenten Stunde gewährt. Ihr habt diese Segnung mitempfangen und habt sie durch einen regenbogenfarbenen Lichtausguss übers flache Land sehr wohl merken können.
HIM|3|501005|5|0|Der Freund And. H. W. hat auch in Gestalt von Sternchen die Anwesenheit der vielen Monarchen gesehen, die sich gegen Süden hin am Berg gelagert haben. Du, Mein Knecht, aber hast gegen Osten hin ganz auf der Höhe einen weißen Lichtschimmer gesehen. Das war Ich zwischen den vier Quartiermachern und den drei Aposteln.
HIM|3|501005|6|0|Durch die Nacht hin ist noch eine Menge unzufriedener Geister beruhigt und abgefertigt worden und sie haben sich mehr zur Ruhe begeben, was auch bald die für euch sichtbar heitere Nacht zur Folge gehabt hat, wie auch den heutigen reinen Morgen und darauf folgenden Tag. Es werden sich zwar immer Wolken zeigen; das sind Geister, die noch immer etwas mehr wollen, als sie schon empfangen haben. Aber ihre Liebe ist noch schwach, daher auch ihr Gewinn nicht stärker.
HIM|3|501005|7|0|Und heute, den 5. Oktober, um halb 10 Uhr, kam eine Schar starker Geister durch die Luft, gab Mir Ehre, Lob und Preis und errichtete Mir schnell ein erhabenes Wohnhaus. „Denn“, sagte ihr Anführer, „es ist nicht fein, den Herrn der Herrlichkeit am schmutzigen Erdgrunde weilen zu lassen.“
HIM|3|501005|8|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Lasst ab von eurem Eifer! Ich weiß, warum Ich so handle und warum Ich nun die Erde berühre mit Meinen Füßen. Zieht ein dies Gezelt! Wollte Ich eine Wohnung, so stünde sie sogleich Meiner würdig da. Erbaut aber dafür lieber in eurem Herzen Mir ein rechtes Haus, das werde Ich dann schon zur Wohnung nehmen …
HIM|3|501006|1|1|Jakob Lorber und seine Freunde im Gesichtskreis der heiligen Gesellschaft – 6. Oktober 1850 [Robert Blum 1898]
HIM|3|501006|1|0|(Robert Blum fragt den Herrn:) „…Aber was wollten denn gestern Abend nach dem irdischen Kalender die zwölf, die so gegen halb sechs Uhr von der Stadt zu uns heraufkamen? Einen kenne ich wohl schon. Das ist der, der da in Deinem Namen Brot und Wein mit sich brachte. Das ist so ein schwaches irdisches Knechtlein von Dir und schreibt, was Du ihm durch irgendeinen Engel in Deinem Namen in die Feder diktierst. Aber die anderen waren mir ganz fremd.“
HIM|3|501006|2|0|Sage Ich: „Das waren eben diejenigen wenigen Freunde in dieser Stadt, derentwegen wir hauptsächlich von Wien aus diesen Abstecher gemacht haben. (Namen der zwölf: Jakob Lorber, Andreas Hüttenbrenner, Anselm Hüttenbrenner und dessen sechs Kinder: Wilhelmine, Julie, Alexandrine, Angelika, Peter und Felix; dann Cölestin Hüttenbrenner und die zwei Frauen: Mathilde Esswein und Eleonore Irschinger) Siehe, diese lieben Mich und haben einen guten Glauben, obschon sie Mich nicht sehen. Hätte Ich Mich ihnen gezeigt, so hätten sie aus Liebe zu Mir sogleich das Leben ihres Leibes am Berg gelassen. Aber das darf nicht sein in dieser Zeit, sie haben auf der Welt noch manche Arbeit in Meinem Namen zu verrichten. Und Ich habe sie lieb und lasse ihnen noch manche Zeit auf der Erde zu ihrer Vollendung.
HIM|3|501006|3|0|Sie werden mit der Zeit diese unsere Handlung der Welt kundtun in kurzer Zeit. Da werden viele ihr Heil darinnen finden. Aber viele der reinen Weltkinder werden sich darob auch sehr ärgern, werden aber dabei zugrunde gehen physisch und moralisch. Denn solche werden fürder kein Licht unmittelbar aus den Himmeln irgendwo mehr finden…“
HIM|3|540224|1|1|Über Tischrücken, Tischklopfen und Schreiben – 24. Februar 1854 [Tischrücken 1869]
HIM|3|540224|1|0|Ob die bei Tieren und Menschen die materiellen Glieder in beliebige Bewegung setzende Seelenkraft in dem wohlkonstruierten Organismus des an und für sich toten Leibes allerlei wunderbare Wirkungen lediglich durch den Willen zustande bringt, oder ob der lebensfrohen Seele Lebenskraftteilchen durch irgendein taugliches Leitmittel in einen anderen außer dem Menschenleib befindlichen, obschon an und für sich eigentlich toten Gegenstand geleitet und alldort wie für sich, wennschon auf eine natürlich etwas plumpe Art tätig werden, weil ein solcher grobmaterieller Gegenstand des tauglichen Organismus entbehrt, den ein wohlorganisierter Leib zu den verschiedenen Lebensverrichtungen besitzt, — so ist das im Grunde dennoch fast ein und dasselbe und demnach da von einem rein geistigen Einwirken noch lange keine Rede.
HIM|3|540224|2|0|Ein oder auch anderer Gegenstand wird demnach desto heftiger in eine gewisse plumpe Tätigkeit versetzt werden, je lebenskräftiger irgend Menschenseelen sind, die – durch eine Kette vereint – den Überfluss ihrer aus der Natur in sich aufgenommenen Lebenskraft demselben mitteilen. Bilden sie (die Kette) aber Menschenseelen, die zufolge ihrer ausschweifenden Lebensweisen keinen Überfluss an der seelischen oder magnetischen Lebenskraft besitzen, so wird in dem berührten Gegenstand entweder gar keine oder eine nur höchst schwach übergegangene oder überwirkende Lebenskraft sich verspüren lassen. Aus diesem Grunde bewirken Kinder, deren Seelen – abgesehen von ihrem oft sehr schwachen Leib – eine große Menge überflüssiges Lebensfluidum besitzen, nicht selten mehr des Staunenerregenden, und das in oft kürzester Zeit, als dem Leibe nach allerstärkste Männer.
HIM|3|540224|3|0|Die Ursache dieser Erscheinung aber liegt ganz einfach darin: Bei leibesstarken Menschen werden die sogenannten überflüssigen Lebenskräfte der Seele zur Robustierung des Leibes gleichfort verwendet, aus welchem Grunde die Herkulesse in ihrer Intelligenzsphäre auch zumeist am Scheideweg sich die Köpfe zerbrechen, was sie tun sollen, während leibesschwache Menschen, deren Seelen ihre überflüssige Lebenskraft nur zu ihrer geistigen Kraft verwenden, zumeist intelligenzhell in einer oder der anderen Sphäre sind.
HIM|3|540224|4|0|Dass solche Menschen, besonders des weiblichen Geschlechts und vorzugsweise in der Jugend, wo die Seele solche in ihr ruhenden überflüssigen Lebenskräfte noch nicht einmal zur Bildung ihrer Intelligenzsphäre zu sehr zu verwenden angefangen hat, bei den nun zu erläuternden Tischrückungs-Experimenten stets die staunenerregendsten Erscheinungen zustande bringen, wird auf Grund des bisher Gesagten hoffentlich nicht schwer zu begreifen sein. Und das umso leichter, wenn man ganz folgerichtig annehmen muss, dass bei jedem Menschen fortwährend ein Ausfluss oder besser ein Ausströmen seiner überflüssigen Lebenskraft in jeder Sekunde stattfindet, wodurch sogar außer den Menschen eine odisch-magnetische Lebenssphäre gebildet wird, ohne welche kein Mensch aus der ihn umgebenden Luft seine Lebensspezifika an sich ziehen könnte, aus welchen eben die Seelenbestands- und Lebenssättigungsteile durch den Nervenäther endlich als gewisserart naturgemäß substantielle Sättigung der eigentlichen Seele zugeführt werden.
HIM|3|540224|5|0|Durch diesen jeden von außen her umgebenden seelischen Lebensätherkreis ziehen sich die Menschen, wie sogar auch die Tiere äußerlich an, oder stoßen sich auch ab, je nachdem irgendein Lebensäther-Ausfluss irgendeiner Seele mit dem einer anderen korrespondiert oder nicht.
HIM|3|540224|6|0|Von der Qualität dieses Lebensäthers, der wie gezeigt die Außenlebenssphäre eines Menschen bildet, hängt auch zumeist die geschlechtliche Liebe ab, und es geschieht auch darum öfter und leichter, dass ein Mann in ein Weib, als umgekehrt, ursprünglich verliebt wird, weil das Weib einen stets größeren und kräftigen Außenlebensätherkreis um sich gebildet erhält als der Mann, der doch seinen Lebensäther-Überfluss häufiger zu seiner inneren intelligenten Lebensausbildung verwendet und darum nach außen hin nur einen dürftig notwendigen und seltener einen überflüssigen Lebensätherkreis unterhalten kann.
HIM|3|540224|7|0|Wird aber ein Weib sehr hochgebildet und gelehrt, so wird es auch wenig Anzügliches [Anziehendes] darzubieten imstande sein, weil ihr äußerer Lebensätherkreis ein darum magerer wird, weil ihr innerer sich gleich dem männlichen zu ihrer intelligenten inneren Seelensättigung verwenden lassen muss.
HIM|3|540224|8|0|Es wird aber auch ebenso ein Mann, der sich mit geistigen Dingen wenig oder gar nicht abgibt, einen kräftigen Außenlebensätherkreis um sich erhalten und dadurch das weibliche Geschlecht um vieles mächtiger als ein geistiger Mann zur geschlechtlichen Liebe an sich ziehen. Und das alles ist Wirkung des Lebensäther-Überflusses einer Menschenseele, aus dem ein stärkerer oder schwächerer Außenäther-Lebenskreis bei dem Menschen, natürlich ohne ihr besonderes Zutun, gebildet wird.
HIM|3|540224|9|0|Wenn aber oft Männer, die zwar für ihre innere intelligente Seelenbildung viel getan und dadurch unwillkürlich die Robustierung ihres Leibes beiseite gesetzt haben, in ein vorgerückteres Alter kommen, indem sie für die weitere Ausbildung ihrer Seele aus einer gewissen Bequemlichkeitsliebe nichts Besonderes mehr tun, so bildet sich dadurch bei ihnen auch wieder ein starker Außenlebensätherkreis, aus dem heraus und durch den sie dann viele Fähigkeiten besitzen, besonders auf das Weib od-psycho-elektromagnetisch einzuwirken, und das Weib kann durch die Berührung in den sogenannten magnetischen Schlaf gebracht werden. Der Mann aber wird dadurch sicher zur gesellschaftlichen Liebe erregt und am Ende verliebt bis über die Ohren, besonders wenn er durch öfteres und anhaltendes Verharren in weiblichen Außenlebensätherkreisen seinen Außenlebensätherkreis zu sehr mit dem weiblichen amalgamiert hatte.
HIM|3|540224|10|0|Würde ein solcher Mann in solcher Periode sich möglichst zurückziehen, so würde am Ende solch ein mächtig angewachsener Außenlebensätherkreis die Seele sehr stark ziehen, gleichwie ein gut gedüngter Boden den Keim zur künftigen Lebensfrucht, und der in der Seele ruhende Gottesfunke – Athma, Geist – würde in der Seele frei und voll göttlicher Tatkraft. Und das wäre dann die fürs ewige Leben der Seele des Menschen bedungene Wiedergeburt im Geiste, und der Mensch würde dadurch erst zu einem vollkommenen Menschen, dem die ganze Natur in allem und jedem ohne irgendeinen möglichen weiteren Schaden für sein ganzes Wesen zu Gebote und zum vollen Genusse stände. Aber diesen endlos großen Vorteil alles Lebens beachten solche Menschen nicht. Sie schwelgen lieber im Vollmaß ihres Außenlebensäthers, verpuffen ihn gewisserart, und lassen dadurch ihr Athma verkümmern.
HIM|3|540224|11|0|Da wäre es denn gezeigt, warum eigentlich bei den Menschen sich fortwährend ein äußerer psycho-od-ätherischer Außenlebensätherkreis bildet. Aus diesem Kreis nimmt die Seele ihre substantielle Seelenleibes-Nahrung. Und ist in dem Fleischleib der Seelenleib vollends ausgebildet und lebenskräftig, dann erst geht die weitere Lebensausbildung auf den Geist über. Denn in der großen Gottesschöpfung geschieht nirgends ein Sprung, sondern es zeugt immer sukzessive eins das andere, und eines geht aus dem anderen hervor.
HIM|3|540224|12|0|Der Mensch beginnt aus dem Samenkeim im Mutterleib zu werden und zu wachsen. Sind nach Verlauf der ordnungsmäßigen Zeit alle Bedingungen erfüllt, so wird der gewordene Mensch von den Banden seiner engen Werdenswelt gelöst und ausgeboren in die große Außenwelt. Im Augenblick verändern sich auch alle früheren Lebensverhältnisse. Der Mensch fängt an, Nahrung zu sich zu nehmen von der Außenwelt, und das doppelt fürs Wachsen und Gedeihen des Leibes und dessen zum Gebrauch notwendigen Naturleben durch den Magen, und für das Wachstum und fürs Gedeihen der Seele durch alle die am Leib befindlichen Sinnesorgane, die ihre ihnen zusagende Kost aus dem od-psycho-ätherischen Außenlebenskreis nehmen.
HIM|3|540224|13|0|Anfangs wird freilich das meiste zum Gedeihen des Leibes und dessen Naturlebens, das hauptsächlich im fleischlichen Herzen seinen od-elektromagnetischen Sitz hat und so lange fortdauert, als die kleine od-elektromagnetische Lebensbatterie die gerechte und hinreichende Nahrung hat, verwendet. Ist der Leib einmal ausgebildet, dann erst wird die Seele freitätiger und verwendet den Außenlebensätherkreis zu ihrer eigenen freien Ausbildung.
HIM|3|540224|14|0|Geht nun die Seele nicht in eine gewisse träge Genusssucht über, sondern arbeitet tätigst an ihrer inneren Ausbildung, so belebt sie den Keim des Athma in sich, und dieser wächst dann schnell, wird endlich in der Seele selbst ausgeboren und nimmt sodann die ganze Seele in sich auf und wird eins mit ihr. Die also veredelte und vergöttlichte Seele wirkt dann auf den Leib zurück, veredelt dessen ätherische Lebensteile und macht sie zu den ihrigen, was dann eine wahre Auferstehung des Fleisches ist.
HIM|3|540224|15|0|Ein solcher Leib, der schon bis auf seine allergröbsten Materieteile mit der Seele vollends unsterblich ist, veredelt und vergöttlicht dann aber auch den jeden Menschen von außen her umgebenden Lebensätherkreis, wodurch dieser dann zum intelligenten Leben wird und sich, wie die Fäden einer Spinne, nach allen Richtungen als intellektuell-lebendig fühlend ausdehnt.
HIM|3|540224|16|0|Durch diesen Lebenskreis kann dann die Seele sich in die weitesten Fernen hin gewisserart intellektuell ausdehnen und alles fühlen, hören und sogar schauen, was selbst die entferntesten Schöpfungsräume für sie vordem verborgen hielten.
HIM|3|540224|17|0|Menschen, die noch ein sehr einfaches Naturleben führen und bei denen der besprochene Außenlebenskreis aus ganz natürlichen Gründen eine große Ausdehnung erhalten hat, fühlen die Annäherung irgendeines Feindes auf viele Meilen Entfernung, ebenso einen herannahenden Sturm und können aus der Erfahrung Tag und Stunde bestimmen, wann er eintreffen werde. So haben auch Tiere, z. B. besonders Hunde, eine außerordentlich starke Sensitivität in ihren Geruchsorganen, vermöge welcher sie den Außenlebenskreis ihres Herrn auf viele Stunden als bestimmt den ihres Herrn erkennen, nach dem Hauptzuge desselben fortlaufen und so ihren Herrn ganz sicher finden.
HIM|3|540224|18|0|Die schottischen Hunde besitzen die stärkste Sensitivität und sind daher als Menschenretter am besten zu gebrauchen. Man könnte solche Hunde auch dazu verwenden, dass sie angäben, ob ihr verstorbener Herr wirklich oder nur scheintot ist. Läuft ein solcher Hund bis zum Grab seines verstorbenen Herrn nach, so ist die Seele des Herrn noch nicht völlig aus dem Leib und der Verstorbene kann füglich als scheintot betrachtet werden. Kümmert sich aber so ein Hund gar nicht mehr um seinen Herrn, so ist dieser dem Leibe nach auch wirklich völlig tot.
HIM|3|540224|19|0|So wir nun aus dieser kurzen Darstellung der Lebenskraft-Verhältnisse nur irgendeinen Begriff von den Ursachen der Wechselerscheinungen des Lebens erhalten haben, so wird es nun sicher durchaus keine besonderen Schwierigkeiten mehr haben können zu begreifen, worin so manche für den unerfahrenen und unkundigen Menschen in der transzendentalen Sphäre der vereint wirkenden rohen Natur- und reiferen Lebenskräfte gespenstisch-geisterhaft scheinende Erscheinungen und Vorkommnisse ihren Grund haben.
HIM|3|540224|20|0|Wie schon gleich anfangs berührt wurde, so kann und wird das sogenannte Tischrücken lediglich durch die vereinte Kraft von mehreren mit starker Außenlebensätherkraft versehenen Menschen, die solche Kraft irgendeinem Objekt mitteilen, auf eine ebenso unfehlbare Art bewerkstelligt, als wie die vielfach erprobte mannigfache Wirkung der in einer sogenannten Leidener-Batterie angesammelten elektrischen Fünklein, die aus dem einfachen Konduktor nahe wirkungslos hervorspringen. Nur ist das benannte elektrische Fluidum eine noch ganz rohe, wennschon auch in die transzendente Sphäre überragende Naturkraft; wogegen die od-psycho-elektromagnetische Außenlebenskraft eine weitere, geläutertere und daher schon mit einer ihrer selbst bewussten Intelligenz versehene ist.
HIM|3|540224|21|0|Die intelligente Sphäre der durch eine Menschenkette in einem Objekt konzentrierten Außenlebenskraft aber potenziert sich ganz natürlich, so in der Kette ein oder auch mehrere Menschen sich befinden, deren Außenlebenssphäre aus bereits bekanntgegebenen Gründen sehr stark und intensiv ist.
HIM|3|540224|22|0|Befände sich gar ein im Geiste Wiedergeborener in der Kette, so würden die intelligenten Erscheinungen, als etwa das sogenannte Tischklopfen oder Tischschreiben, sich auf eine höchst wunderbar scheinende Weise zeigen, weil die durch nahe endlos weit nach allen erdenklichen Richtungen hinauslaufenden Außenlebens-Radien auf allen Raum- und Zeitfernen schnelle Erkundigungen einholen können und solche im Augenblick einer gegebenen Frage auf die verlangte und dem Behufe vorbereitete Weise den Fragestellern kundtun.
HIM|3|540224|23|0|Dass bei so bewandten Umständen auch mehr oder minder verlässliche Erkundigungen aus der wirklichen Geisterwelt eingeholt werden können, kann durchaus nicht in Abrede gestellt werden. Aber sollen diese einen vollen Glauben verdienen, so müssen sie von der vereinten Außenlebenskraft geistig wenigstens zur Hälfte wiedergeborener Menschen ausgehen. Denn eine wenn noch so starke od-psycho-elektromagnetische Außenlebenskraft, wenn sie nicht durch das Athma gereinigt und veredelt ist, hat noch lange das Vermögen nicht, in den allersubtilsten reinen Geisterlebenssphären etwas zu erspähen und das Gefühlte dem Frager der Wahrheit gemäß kundzugeben. Da kommt entweder keine Antwort oder eine höchstens aus der noch sehr materiellen Naturgeister-Sphäre, die heute so und morgen anders lauten kann, weil da ein jeder Mensch eine von der eines anderen Menschen verschiedene Außenlebenssphäre um sich gebildet hat, je nach der Beschaffenheit seiner Liebe und seines ganzen Lebenssensoriums.
HIM|3|540224|24|0|Wenn dergleichen noch stark naturmäßige Menschen auch dann und wann aus dem Gebiet der groben Materie nicht selten überraschende Aufschlüsse zustande brächten, so wäre ihnen in Bezug auf die Geisterwelt dennoch kein Glaube zu geben, weil ihr Außenlebenssensorium als noch selbst mehr materiell denn geistig wohl die ihm ebenbürtige grobe Materie befühlen und beschauen kann, aber nicht also auch das innerste, rein geistige Element der reinen Geisterlebenssphäre.
HIM|3|540224|25|0|Ein solches Unternehmen von im Geiste wenigstens nahe völlig Wiedergeborenen bewerkstelligt, kann freilich in der rein geistigen Sphäre ganz reine und glaubwürdige Resultate liefern. Aber dass da die schon in der reinen Geisterwelt lebenden Wesen – als Engel und Dämonen – könnten zitiert und zum Reden gebracht werden, ist gänzlich falsch und kann und darf vermöge der unwandelbaren göttlichen Ordnung nicht stattfinden.
HIM|3|540224|26|0|Da ist denn nun die in dieser Zeit so wunderlich scheinende Erscheinung des Tischrückens, Schreibens und Klopfens erläutert, wie sie ist und besteht. Jede andere Erklärung darüber aber bewegt sich auf hohlem Grunde, und es ist oft kein wahres Wort daran. Kerner und Ennemoser aber sind der Wahrheit am nächsten gekommen.
HIM|3|540224|27|0|Es bildet sich nun die Frage, ob es fürs Erste ratsam sei, die Experimente mit dem sogenannten Tischrücken, Tischschreiben oder Klopfen vorzunehmen, und ob die Menschheit pro secundo [fürs Zweite] für ihre geistige Bildung etwas gewinnt.
HIM|3|540224|28|0|Darauf diene folgende, wennschon etwas gedehnte Antwort.
HIM|3|540224|29|0|Die Astronomie ist gewiss eine sehr löbliche Wissenschaft vom rechten Standpunkt aus betrachtet und betrieben und nützt allen Menschen, wenngleich die meisten davon keine Kenntnis besitzen. Denn irgendeinen Kalender schafft sich fast jeder ordentliche Mensch an und nimmt da heraus, was er für sich braucht. Aber wann da eine Mond- oder Sonnenfinsternis eintritt oder welchen Lauf irgendein Komet nimmt, oder wie weit ein Planet von der Erde entfernt und wie groß er ist, wie viele Monde er hat und hunderterlei tiefere Berechnungen, die gehen die
HIM|3|540224|0|0|Menschheit wenig oder gar nichts an; sie [die Menschen] hören davon oder lesen solche Berechnungen und glauben solche Angaben ohne Anstand den fachkundigen Astronomen, weil sie wissen, dass die Berechnungen noch allzeit nahe bis auf ein Haar genau und richtig eingetroffen sind, bis auf die Witterungsanzeigen, die aber darum von der nur etwas gebildeteren Volksklasse auch durchaus nicht geglaubt werden.
HIM|3|540224|30|0|Was aber sollte am Ende aus allen Menschen und aus der lieben Erde werden, wenn alle Menschen sich auf die Astronomie verlegten, ließen Pflug und Spaten stehen und möchten sich ausschließlich nur mit den schweren Berechnungen in der höheren Astronomie beschäftigen!?
HIM|3|540224|31|0|Ein jeder sieht hier auf den ersten Blick ein, dass der Glaube von Millionen an einen einzigen geschickten und in seinem Fach kenntnisreichen Astronomen auch um eine Million mehr wert sei, als so da ein jeder Mensch ein völlig durchgebildeter Astronom selbst wäre. Ja, die reine Wissenschaft würde dabei am Ende auch notwendig zu Schaden kommen, weil man denn doch ganz sicher annehmen müsste, dass mit der Zeit die vielen Astronomen miteinander in einen Streit geraten könnten, wodurch sie dann der hohen Wissenschaft sicher bei weitem mehr schaden als nützen müssten. Und ungefähr so steht es denn auch mit den vorliegenden Experimenten.
HIM|3|540224|32|0|Diese sollten nur von dazu geeigneten und in der transzendentalen Dynamik wohlerfahrenen Menschen vollzogen werden, wobei Laien besserer Art höchstens als Zeugen zuzulassen wären. Denn verrichten solche Experimente auch solche, die in jeder tiefer stehenden Wissenschaftssphäre Laien sind, so kann daraus zum wahren Nutzen der Menschheit nie etwas Ersprießliches zum Vorschein kommen; denn ein Esel bringt nur wieder einen Esel und der Affe einen Affen zur Welt.
HIM|3|540224|33|0|Kommen mit diesen Experimenten die Kundigen auch hinter große, zuvor kaum je geahnte tiefe geistige Wahrheiten, aus denen die blinde Welt viel Licht schöpfen könnte, so werden diese Wahrheiten aber von dem Heer der in jeder höheren Wissenschaftssphäre total unkundigen Experimentanten sogleich verlacht und als null und nichtig erklärt, weil sie sich bei dem gleichen Experimentieren davon nicht haben überzeugen können. Und so wird dann die gute Sache gleich in ihrem Entstehen auf das Abgeschmackteste besudelt und kann sich dann nur sehr schwer mehr zu ihrer würdevollen Reinheit emporheben.
HIM|3|540224|34|0|Darum ist die Allgemeinheit in dergleichen tiefen Dingen nie das so Wünschenswerte, als manche Menschen meinen.
HIM|3|540224|35|0|Die alten Römer, obgleich Heiden, hatten in der Hinsicht einen guten Spruch. Und solcher lautete: „Quod licet Iovi, non licet bovi [Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt]“, und das sollte auch für die Menschen angenommen sein. Ein jeder sollte in seiner Sphäre tüchtig sein; was er ist, das soll er ganz sein, dass er den Glauben, der ihm gezollt wird, rechtfertige.
HIM|3|540224|36|0|So wird ein Mensch dem anderen zum unerlässlichen Bedürfnis, und es würde dadurch ein Leuchten und Gegenleuchten unter den Menschen bestehen. Aber so da in einer für den ungebildeten Pöbelverstand sehr schweren oder zumeist wohl gar nicht begreifbaren Sphäre des transzendentalen inneren Wissens in Bezug auf die od-psycho-elektromagnetischen Lebenskraft-Äußerungen ein jeder Schuhflicker experimentieren und dann mit der Fülle seines Unverstandes über die Sache selbst irgendein lächerlich dummes Urteil schöpfen und daraus Folgerungen ziehen will, dann muss die gute Sache, wie bedeutungsvoll sie auch in sich sein mag, offenbar ungeheuer verlieren und am Ende ins vollkommen Lächerliche übergehen – zumal, wenn sie sogar von den gelehrt sein wollenden Tagschreibern in ihren geistlosen und aller Wahrheit baren Quodlibetschriften, die in der Welt nun zumeist gelesen werden, als ein lächerliches Unding verschrien wird.
HIM|3|540224|37|0|Die Frage hernach, ob die betreffenden Experimente der Welt etwas nützen können, kann fürs Allgemeine nur mit Nein beantwortet werden, weil sie – ehe sie von Kundigen gehörig beleuchtet werden – durch die Unkunde des Plebs teils ins Lächerliche und Nichtige gezogen und teils von der Dummheit am Ende gar verteufelt werden.
HIM|3|540224|38|0|Man hat nun gar Tausende von den sogenannten prophetischen Tischen für die Menschen sogar durch den Handel bestellt, und jedermann, der dreißig Gulden entbehren kann, kauft sich einen solchen, macht dann Experimente und gibt dem Tischchen Fragen über ihm wenigstens gut mutmaßlich bekannte Dinge und Sachen.
HIM|3|540224|39|0|Ist der Fragesteller ein eskamotorisch pfiffiger Mensch, so leitet er unvermerkt das Tischchen so, dass dasselbe mittelst der im Fuß befindlichen Stifte auf dem unterlegten Bogen Papier, natürlich auf eine etwas plumpe Weise, notwendig dieselbe Antwort schreiben muss, die sich der Tischchenmagnetiseur gedacht hat. Und haben nun, wie gewöhnlich, zwei Magnetiseure ihre Hände auf das Tischchen gelegt, so leitet gewöhnlich der Stärkere dasselbe und das Tischchen schreibt dann, was der stärkere Magnetiseur will. Fragt nun ein Dritter um etwas Verborgenes, für was der stärkere Magnetiseur keine auch nur annähernde Wahrheits-Ahnung hat, so kommt sicher notwendig entweder gar keine oder eine höchst dumme und von der Wahrheit fixsternweit entfernte Antwort zum Vorschein, durch die dann der vielleicht zum Glauben schon halbwegs geneigte Fragesteller gänzlich abgestoßen wird und die ganze Sache als etwas Lächerliches verwirft.
HIM|3|540224|40|0|Ebenso ist es auch töricht, Kinder zu Experimentanten zu machen. Obgleich hier das Experiment einen ganz anderen Charakter annehmen wird, so wird es dennoch zu keiner Belehrung taugen. Denn wenn die Kinder auch durch die eigentliche Od-psychobis-Dynamie den Tisch in eine Bewegung versetzen, wer aber kann dann auftreten und die wunderliche Erscheinung genügend erklären? Die experimentierenden Kinder sicher nicht und die Zuseher auch nicht. Und die Beobachter und Experimentanten stehen dann gleich den müden Ochsen am Berg da und verlassen am Ende noch unbefriedigter das Experiment als die, welche durch einen recht pfiffigen Eskamoteur an einem Abend bei einem vollen Weinbecher so recht weidlich heidnisch breitgeschlagen worden sind.
HIM|3|540224|41|0|In den ernsten Wissenschaften Bewanderte werden freilich auch bei einem noch so geschickten Eskamoteur wissen, woran sie sind. Sie lachen und ergötzen sich am Gelingen des gewisserart unschädlich scheinenden Betrugs. Aber die größere Zahl der Laien halten den Eskamoteur stets für einen Magier oder wenigstens für einen Menschen, der mit geheimen Kräften im Bunde seine Experimente auf dem Wege der unglaublichsten Geschwindigkeit vollführt.
HIM|3|540224|42|0|Was gewinnen aber beide Teile daraus? Nichts! Denn der Gelehrte weiß es zwar wohl, dass das alles auf einem ganz natürlichen Wege zustande gebracht wird, aber die eigentliche Art bleibt dennoch mehr oder weniger ein Rätsel. Der Laie aber sieht ohnehin den Wald vor lauter Bäumen nicht und hält in der Nacht seiner Intelligenz einen Baumstock entweder für ein Gespenst oder für einen Bären. Und so haben am Ende beide – der Gelehrte und der Laie – den Eskamoteur, wennschon aus verschiedenen Beweggründen, bewundert, aber gelernt von ihm keiner irgendetwas.
HIM|3|540224|43|0|Und geradeso verhält es sich auch bei unseren vorliegenden Tischexperimenten. Werden sie von pfiffigen eskamotorisch gesinnten Menschen vollführt, so ergötzen sie die Zuseher so lange, als der Eskamoteur keinen tisch-prophetischen Bock geschossen hat. Werden die benannten Experimente aber von Kindern von stark psychischer Außenlebenskraft vollführt oder auch von anderen Menschen, die ein starkes Außensensorium besitzen, so ist trotz des gelungenen Experiments am Ende dennoch kein sachverständiger Mensch dabei, der die wahre Ursache des wunderbaren Gelingens in ein rechtes Licht zu stellen verstände. Und es entfernen sich dann vom noch so gelungenen Experiment die Gelehrten wie die Laien mit gleichem Gewinn; denn beide Teile haben daraus wenig oder nichts gelernt.
HIM|3|540224|44|0|Da fragt am Ende der Laie den Gelehrten: Nun, was sagen Sie dazu? – Der Gelehrte zuckt die Achsel und sagt, so er klug ist, gar nichts, weil er füglichermaßen auch nichts sagen kann. Der Laie aber hält darauf den Gelehrten, in dieser Sache wenigstens, für dumm und sich am Ende selbst für klüger als den Gelehrten, der ihm keine Antwort gab, und glaubt in seiner Einfalt die Sache zu verstehen, so er das Gelingen des Experimentes dem Einfluss von unsichtbaren Dämonen zuschreibt.
HIM|3|540224|45|0|Ich meine, aus dem bisher Gesagten dürfte wohl ein jeder, der dies mit nur etwas mehr Aufmerksamkeit als etwa einen alten Roman vom Prinzen Piripinker durchgelesen hat, mit Händen zu greifen imstande sein, dass bei dieser ernsten Sache das allgemeine Experimentieren von durchaus schlechten Folgen begleitet sein muss, sowohl für den Leib bei manchem, wie nahe bei allen für Seele und Geist.
HIM|3|540224|46|0|Denn was der Mensch nicht versteht, das soll er ruhen lassen wenigstens so lange hin, bis er sich in der Sache die hinreichenden Kenntnisse verschafft hat. Sonst muss es ihm notwendig so ergehen, als wenn ein Landmann in eine Apotheke ginge und sich vornähme, nach einem vorliegenden Rezept in abgekürztem, oft kaum leserlichem Latein für den kranken Kunden eine Medizin zusammenzumischen, was sicher sehr schwer gehen würde. Welchen Nutzen aber dann eine solche aus den nächsten und somit besten Flaschen in ein Medizinfläschchen zusammengemengte Arznei erst für den Kranken hätte, lässt sich hoffentlich leicht begreifen.
HIM|3|540224|47|0|Wie aber nun der wohlunterrichtete Apotheker es versteht, was da nach dem vorliegenden Rezept dem Kranken für eine Arznei zu bereiten ist, also soll denn auch in dieser gar eigens wichtigen Sache, durch die im Grunde des Grundes nun eine Brücke zwischen der Sinnen- und Geisterwelt bewerkstelligt werden soll, sich kein Laie aus einer bloßen albernen wundersüchtigen Neugierde beifallen lassen, Experimente zu bewerkstelligen, wozu ihm die Grundelemente noch fremder sind, als einem Astronomen ein Komet, der erst etwa nach tausend Jahren dieser Erde zum ersten Mal sichtbar wird.
HIM|3|540224|48|0|Aber Sachkundige und ernstlich vom besten, nach Wahrheit und Licht dürstenden Willen Belebte sollen darum die Experimente mit allem Fleiß durchführen und nicht ruhen, bis sich ihnen nicht nur der Vorhof, sondern auch der ganze Tempel des Lichtes aufgetan hat, um bei einem jedesmaligen künftigen Experimentieren auf sichere Resultate und auf die Fülle der Wahrheit zum Besten der Menschheit rechnen zu können; dann werden sie dadurch auch aller Welt geistig und auch physisch einen unberechenbaren Nutzen verschaffen.
HIM|3|540224|49|0|Denn in der tot scheinenden Materie schlummern nun noch ganz wunderbare Kräfte, zu deren Kenntnis die Welt nur auf diesem Wege gelangen kann und auf keinem anderen.
HIM|3|540224|50|0|Aber guter Ernst! Was nützt auch all dies Mein Diktieren und Schreiben? Werden es die Menschen befolgen? Oh, sicher kaum; denn wo man die Nacht will in einem Gemach, da verschließt man die Fenster und der Sonne Strahlen mögen da noch so mächtig auf des Hauses Außenwände fallen und auf die dicht verschlossenen Fensterbalken, so wird es im Gemach dennoch finster bleiben, und die Ratten und Mäuse können darin ihre Mahlzeit halten. Wenn es dem Menschen nur ums nächtliche Naschen und Nagen zu tun ist, dann haben sie auch vollkommen recht, das wahre Tageslicht von den Gemächern hintanzuhalten; denn in der Nacht der Seele begeht man leichter und mit viel ruhigerem Gewissen eine Todsünde um die andere, denn am hellen Tage im Angesicht der Menschen.
HIM|3|540224|51|0|Aber was frommt am Ende das aller Welt!? Die Menschen mehren sich und tausend neue Bedürfnisse mit ihnen. Frage: Werden da wohl die dienlichen Mittel in den stockfinsteren Gemächern entdeckt und zum weiteren Gebrauch berechnet werden können? Ich meine, dass dies wohl sehr schwer der Fall sein dürfte.
HIM|3|540224|52|0|Darum sucht, wenn dergleichen Erscheinungen aus dem Gebiet der Lebenskraft unter den Menschen auftauchen, sie in den wohlerhellten Gemächern mit dem rechten Verständnislicht zu beleuchten, und forscht emsig nach ihrem wahren Grund, so wird daraus bald großer Segen für alle Menschen dieser Erde erwachsen. Aber den gewissen schmutzvollen Tieren sollen die Perlen nicht zum gemeinen Fraß vorgeworfen werden.
HIM|3|540224|53|0|Wer aber forscht, der forsche mit Geist und Ruhe und kehre nicht zu seinem Kot zurück, sondern bleibe beim Geist und habe den rechten Mut. Wem das mangelt, bleibe in seiner Weltpfütze und bade sich darin nach seiner Lust; aber nach dem, was des Geistes ist, greife er nicht!
HIM|3|540224|54|0|Denn das Geistige will anders behandelt sein als wie ein Acker, auf dem von selbst allerlei Unkraut für die Fresswürmer wächst. Wer die Hand einmal an den Pflug gelegt hat und dabei stets nach rückwärts statt nach vorwärts, wo der Pflug geht, seine Augen richtet, der – sagt das Evangelium – ist nicht geschickt zum Reich Gottes.
HIM|3|540224|55|0|Die Wahrheit aber in allen Dingen ist das rechte Gottesreich, das den Geist des Menschen frei macht. Darum soll man dieses Reich vor allen Dingen auch ernstlich suchen; wer es aber flieht, der wird sich’s am Ende nur selbst zuschreiben müssen, so er eine Beute des ewigen Todes wird.
HIM|3|540224|56|0|Niemand verwerfe daher was immer für eine Erscheinung aus dem Gebiet der Lebenskraft, sondern lasse sich von Sachkundigen darüber belehren, sonst ist er ein Feind des Lebens seiner eigenen Seele, ohne zu wissen, dass und wie er einer ist. Aber wie gesagt, wer da nicht selbst schon ein Element des Lichtes ist, der greife das Licht ja nicht an, sonst wird er sich mächtig verbrennen.
HIM|3|540224|57|0|Ich meine, aus dem Gesagten wird ein recht geistiger Mensch sich leicht zurechtfinden; ein dummer aber soll auch dies Gesagte ungelesen lassen, denn er wird daraus nicht um ein Haar klüger oder besser. Der Schuster bleibe bei seinem Leisten und der Landmann beim Pflug und wolle kein Kalendermacher sein.
HIM|3|540224|58|0|Dies wenige den Weisen.
HIM|3|550102|1|1|Sprüche der rechten Lebensweisheit – 2. Januar 1855
HIM|3|550102|1|0|Dem lieben jungen Sohn sage, dass Ich es ihm sagen lasse, dass er die nachfolgenden Sprüche der rechten Lebensweisheit recht frohen Herzens wohl und öfter überdenken solle, so werden ihn seine Herzbeklommenheiten bald für immer verlassen. Ja, er soll nach und nach die folgenden Sprüche sogar auswendig lernen, damit er sie stets bei der Hand habe, wann er ihrer benötige.
HIM|3|550102|2|0|Die Sprüche aber lauten:
HIM|3|550102|3|0|(1) Mein Sohn, stecke dich nicht in mancherlei Sorgen; denn wo du dir mancherlei vornimmst, wirst du nicht viel gewinnen. Wenngleich du fest danach ringst, so erlangst du es doch nicht, und wenngleich du hier und da flickst, so kommst du doch nicht heraus.
HIM|3|550102|4|0|(2) Mancher lässt es sich sauer werden und eilt zum Reichtum (materiell oder wissenschaftlich, das ist gleich) und hindert sich nur selbst daran. Dagegen tut mancher gemach, der wohl Hilfe bedürfte und dazu schwach und arm ist; aber den sieht Gott an in Gnaden und hilft ihm aus dem Elend und bringt ihn zu Ehren, dass sich dann seiner viele verwundern.
HIM|3|550102|5|0|(3) Es kommt einmal alles von Gott, Glück und auch Unglück, Leben und Tod, Armut und Reichtum.
HIM|3|550102|6|0|(4) Den Frommen gibt Gott Güter, die da bleiben, und was Er beschert, das bleibt immerdar.
HIM|3|550102|7|0|(5) Mancher kargt und spart und wird dadurch auch reich und denkt, er habe etwas vor sich gebracht und spricht: Nun will ich ein gut Leben haben und will essen und trinken von meinen Gütern! – aber er weiß nicht, dass sein Stündlein gar so nahe ist, in dem er sterben und alles anderen, die nichts gearbeitet haben, wird überlassen müssen.
HIM|3|550102|8|0|(6) Bleibe du in Gottes Wort und übe dich darin und beharre in deinem Beruf und lasse dich nicht beirren, wenn du die Kinder der Welt siehst nach allerlei Gut trachten.
HIM|3|550102|9|0|(7) Vertraue du allein auf Gott und bleibe bei deinem Stande; denn es ist Gott ein gar leichtes, einen Armen geistig oder materiell reich zu machen.
HIM|3|550102|10|0|(8) Gott segnet allzeit der Frommen Güter, und wenn die rechte Zeit kommt, gedeihen sie.
HIM|3|550102|11|0|(9) Sprich nicht: Was hilft es mir, und was habe ich unterdessen? Also sage auch nicht: Ich habe genug, – was kann mir fehlen?
HIM|3|550102|12|0|(10) Wenn es dir wohl geht, so gedenke, dass es dir leicht wieder übel gehen kann; und geht es dir übel, so gedenke, dass es dir wieder wohl gehen kann, so wirst du nie übermütig und nie kleinmütig werden. Denn der Herr kann jedem leicht vergelten, entweder schon in diesem und ganz bestimmt aber im anderen Leben jenseits des Grabes, wie ein Mensch es sich hier verdient hat.
HIM|3|550102|13|0|(11) Macht nicht eine böse Stunde, dass man aller genossenen Freuden vergisst? Jeder Mensch aber wird erst im Absterben des Leibes vollkommen innewerden, wie er und warum er in der Welt gelebt hat. Darum rühme weder dich noch jemand anderen vor dem Ende; denn da erst wird es jedem klar, wer er war und wie er seine Zeit verwendet hatte. Und seine Nachkommen werden manches davon entweder zum Lob oder zum Tadel der Welt überliefern können.
HIM|3|550102|14|0|Diese alle, aber guten und sehr weisen Sprüche überdenke du, Mein Sohn, recht eifrigen und stets freudigen Herzens, so wirst du nie mehr dich irgendeiner bleibend beklommenen Stunde zu beklagen haben. Und was du jemandem in Meinem Namen Gutes tust, das werde Ich dir hier und jenseits tausendfach ersetzen.
HIM|3|550102|15|0|Siehe, du hast zuzeiten einen leisen Hang nach einem irdischen Berühmtwerden, und dieser Hang in sich ist dein Feind und quält dich manchmal. Lasse das, denn so Ich es will, kann Ich dich über Nacht berühmt machen, also, dass alle Welt von dir reden wird. Aber was würde es dir nützen, so Ich daran keine Freude hätte?
HIM|3|550102|16|0|Übe du daher dich nur stets mehr in der Liebe zu Mir, deinem ewig großen und heiligen Vater, dadurch, dass du nach deinen Kräften dich der Liebe des Nächsten befleißigst und dabei heiteren Gemüts seist, so werde Ich dir auch alles andere geben eher, als du es erwartest.
HIM|3|550102|17|0|Rechne aber nicht du selbst stündlich nach, wann es kommen werde, sondern vertraue und stelle dich damit vollkommen zufrieden, dass Ich stets für dich rechne und eine ununterbrochene Sorge trage, dann wirst du heiter sein und alles leicht erwarten.
HIM|3|550102|18|0|Das also, Mein lieber Sohn, zu deiner vollen Beruhigung. Amen.
HIM|3|560000|1|1|Nur eines tut not! – Anfang 1856
HIM|3|560000|0|0|Ein Wort des Herrn an Johannes Busch, in einem Brief Jakob Lorbers im Jahr 1856 übermittelt.
HIM|3|560000|1|0|All das überaus viele nützt dir nichts, sei es Geistiges oder Materielles, denn ob einer viel weiß oder viel hat, ist eines; wenn er davon nicht den vollkommen rechten Gebrauch macht, so bleibt die Seele dennoch gleichfort arm.
HIM|3|560000|2|0|Es genügt, dass Mich jemand über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst, denn zu dem werde Ich kommen und werde Mich ihm Selbst offenbaren. Dann wird er durch das große Licht Meines Geistes, der da eins mit seiner Seele geworden ist, in alle Weisheit geleitet werden und wird dann Dinge erschauen und erkennen, von denen bis jetzt in keines Weltweisen Sinn je etwas gekommen ist.
HIM|3|560000|3|0|Es geht das zwar in dieser Zeit schwer, weil die Menschen schon im Mutterleib durch die Geilheit des Fleisches sowohl des Weibes wie des Mannes verdorben werden in ihrem Gehirn und dadurch später auch in der vollends ordnungsmäßigen Ausbildung der anderen physischen Lebensorgane.
HIM|3|560000|4|0|Es muss nun ein Mensch sich in der Liebe zu Mir und daraus in der Liebe zum Nächsten äußerst lebenswarm und sehr tätig bestreben, muss sich in vielen Lebensstücken gar sehr verleugnen und in allem überaus geduldig und vollkommen demütig sein, so bildet die Seele mit der Hilfe Meines Geistes zuerst den leiblichen Organismus zur erforderlichen Ordnung aus – und ist dann erst fähig, Meines Geistes Gnadenlicht in sich vollkommen aufzunehmen und sodann erst in die wahre Weisheit einzugehen, da ihr dann alles hell und klar wird, was ehedem in ein vollkommenes Nachtdunkel verhüllt war.
HIM|3|560000|5|0|(Von Jakob Lorber hinzugefügt:) Diese wenigen Worte aus dem Munde des Herrn werden Ihnen, liebwertester Freund, gewiss sehr viel Trost geben, aber zugleich die überzeugende Versicherung, dass in dieser höchst verdorbenen materiellsten und lieblosesten Zeit, in der nur der äußerste, allergröbst materielle Verstand den Herrscherstab alles Wissens führt, das Reich Gottes eine große Gewalt (Liebewillenstatkraft) braucht, und nur die es sich zu eigen machen, dieses mit Gewalt an sich reißen! Die Gewalt aber besteht nicht im puren Glauben, sondern hauptsächlichst nur in der wahren und lebendigen Liebe zum Herrn und zum Nächsten. Beobachten Sie das und Sie werden sich ehest im selben Licht aus sich und in sich befinden, in welchem ich mich nun schon bei 16 Jahre lang befinde.
HIM|3|560427|1|1|Große Dinge benötigen eines großen Raumes – 27. April 1856
HIM|3|560427|0|0|An und für den Freund L. C.
HIM|3|560427|1|0|Ausharrung und Geduld in allen Dingen hilft einem Menschen vieles Glück erringen.
HIM|3|560427|2|0|Wenn es Nacht ist, kannst du dir den Tag nicht vorstellen; ist es aber Tag geworden, dann ist es leicht der Nacht vergessen. Große Dinge benötigen eines großen Raumes, und eine Weltgeschichte dauert länger als eine elende Theaterkomödie. Also ist auch ein jeder Anfang schwer, und ein neuer Bundschuh drückt den Fuß stets mehr als ein alter und nach allen Seiten ausgetretener.
HIM|3|560427|3|0|Meine Freunde müssen sich schon immer gefallen lassen, ein Stückchen Meines Kreuzes wenigstens eine kurze Zeit hindurch auf ihre Schultern zu nehmen, auf dass sie leichter und eher stark werden in Meinem Namen. Zur rechten Zeit nehme Ich ihnen dann die kleine Last schon wieder ab, und sie können dann aus voller Brust frohlocken in Meinem Geiste.
HIM|3|560427|4|0|Du hast Mir in Meinem Knecht Gutes getan, es ist eingetragen in Meinem Hauptbuch, und es wird dir geistig und auch materiell vergolten werden. Und also sei heiter und fröhlich, denn Ich verlasse die nie, die Mich liebend suchen. Amen.
HIM|3|560811|1|1|Sorgt euch nicht! – 11. August 1856
HIM|3|560811|1|0|Also schreibe für Meinen Freund und für deinen Freund L. C., denn was Ich verheiße, das erfülle Ich auch.
HIM|3|560811|2|0|Wer da sucht vor allem das Reich Meiner Liebe, das da ist ein wahres Gottesreich auf Erden, der soll sich nicht sorgen, ob und wie die nötigen Güter dieser Lebensprüfungswelt ihm zukommen werden, denn Ich sorge da schon für alles. Zur rechten Zeit kommen auch diese unversehens – und alles, dessen ein mir wohlgefälliger Sohn benötigt.
HIM|3|560811|3|0|Lege alle deine Sorgen volltrauig auf Meine Schultern und halte fest an Meinem Namen und an Meinem Gebot der Liebe, du Mein junger Freund, du Mein Sohn, das andere werde schon Ich machen.
HIM|3|560811|4|0|Was du jemandem in Meinem Namen Gutes getan hast, wird dir erstattet werden hundertfältig hier und tausendfältig jenseits dereinst in Meinem Reich.
HIM|3|560811|5|0|Wenn dein Fleisch dich manchmal juckt, da sei du recht froh und denke, dass Ich das bewirke und zeige dir dadurch an, dass Ich deinen Leib recht gesund mache und es in deinen Adern recht gesund zuzugehen anfängt. Wasche dich abends kalt vor dem Schlafen und liege nicht auf dem Rücken – und gedenke, dass Ich Selbst da dein Fleisch zurechtbringe, so wird der Drang gleich nachlassen.
HIM|3|560811|6|0|Ich sage es dir. Amen.
HIM|3|560917|1|1|Wider den Zweifel und die Schwermut – 17. September 1856
HIM|3|560917|1|0|Sage du durch diese wenigen Zeilen dem jungen Freund C., dass Ich es ihm treuherzigst sagen lasse und nun Selbst sage: Verbanne alles, was dich aus der Kinderschuhzeit daran mahnt, als könntest du Mich beleidigen durch irgendeine Sünde, am Ende sogar durch die sogenannten sündhaften Gedanken, die oft freiwillig kommen und also wieder gehen.
HIM|3|560917|2|0|Habe Ich denn je nach der Art eines Ignatius von Loyola ein Sündenregister verfasst und es den Menschen zur strengsten Beachtung oktroyiert? Nur die Liebe zu Gott und ebenso zum Nächsten ist von Mir geboten, und alles, was dem zuwiderläuft, verboten. Dies aber kann doch niemanden missstimmen, sondern nur ganz selig zeihen.
HIM|3|560917|3|0|Ich werde doch keinen Menschen erschaffen, um über ihn Meinen Zorn ausschütten zu können, sondern allen zu sagen: Kommt alle zu Mir, die ihr irgend mühselig und beladen seid, denn Ich will euch ja alle erquicken!
HIM|3|560917|4|0|Denke du nur fleißig daran und lasse fahren auch den letzten Funken deiner römisch-todsündlichen Gedanken, und du wirst in keine Schwermut je mehr verfallen, sondern stets vollkommen heiter sein. Wer Mich wahrhaft kennt und liebt, der kann wahrlich selbst in den bittersten irdischen Momenten nie gar zu traurig werden; denn es müssen ihn ja doch schon viele der augenfälligsten Beweise überzeugt haben, dass Ich den, der stets und lebendig wahr in seiner Liebe sich an Mich um was immer für ihn wahrhaft Gutes und Nützliches gewendet hat, noch nie unbefriedigt und ungesegnet gelassen habe. Um wie viel weniger dich, da Ich dich doch ganz besonders liebhabe, indem Ich gar wohl kenne dein Herz und recht wohl weiß, was du nun selbst bei deinen immerhin noch etwas beschränkten Geldmitteln Mir in Meinem Knecht und anderen Armen aus purer Liebe zu Mir getan hast, was alles Ich dir vielfach ersetzen werde – in jüngster Zeit hier zeitlich schon und einst drüben in Meinem Reich und in Meinem Haus aber gar unbeschreibbar.
HIM|3|560917|5|0|Alle Deine zuweilen Zweifel aber findest du ja ohnehin gelöst im ‚Johannes‘; lies nur recht emsig darin, denn da teile Ich euch als Meinen jüngsten und somit liebsten Kindern ja ohnehin alles mit, was Ich selbst den Erzengeln noch nicht mitgeteilt habe – bis auf Raphael, der später aber auch das Fleisch angenommen hat.
HIM|3|560917|6|0|Sei heiter in Meinem Namen, denn Ich, dein wahrer Vater voll Liebe, will es mit dir also, und fürchte die römischen Sünden nicht. Amen.
HIM|3|570000|1|1|Die wahre Lebensrichtung – Im Jahre 1857
HIM|3|570000|1|0|Die Mich suchen, die sind es, die vom Vater gezogen werden; denn es heißt in der Schrift: „Ihr alle müsst aus Gott gelehrt werden, der es nicht von Gott lernt, der kommt nicht zum Licht, und nicht kommt jemand zu Mir, dem Sohn, so ihn nicht zieht der Vater!“
HIM|3|570000|2|0|Das besagt nach dem Verständnis dieser Zeit: Niemand kann gelangen zum wahren inneren Lebenslicht, das da gleich ist dem Sohn, ohne wahre tätige Liebe, die da ist das, was du Vater nennst.
HIM|3|570000|3|0|Die Liebe ist sonach der Vater, und die Weisheit ist der Sohn. Da aber im Sohn die Liebe als das eigentliche Gottwesen ist, ohne welche es kein Lebensfeuer, keine Flamme, somit auch kein Licht und keine göttliche Lebensweisheit gäbe, so ist eben in Mir – dem Sohn – auch ganz allein die göttliche persönliche Wesenheit vereint, zu der niemand irgend durch was und wo anders gelangen kann, als allein durch die Liebe zu Mir. Die Liebe zu Mir aber muss werktätig sein nach eines jeden Kraft und Vermögen, darum ist denn auch die Liebe zum Nächsten, Dürftigen gleich der Liebe zu Mir. Wer da sagt, dass er Mich liebe über alles, der liebt auch werktätig den Nächsten mehr denn sich, hilft ihm – und zwar aus Liebe zu Mir – aus der Not.
HIM|3|570000|4|0|Hast du aber solche Liebe zu Mir, so hast du ja auch Meine Liebe in dir, auf die du Berge des Glaubens setzen kannst, und es wird dir sicher werden, was du aus solcher Meiner Liebe in dir willst und wünschest. Denn der Macht Meiner Liebe kann ewig keine andere Macht hinderlich entgegentreten, weil sich jede zu ihr gleich wie Nichts zur Unendlichkeit verhält.
HIM|3|570000|5|0|Du brauchst Mich nicht erst zu fragen, ob es Mir also recht und genehm wäre, so oder so, sondern Meine Liebe in deinem eigenen Herzen wird es dir sagen. Denn dessen Herz voll Liebe ist zu Mir, wie sollte denn der anders als nur recht handeln können, da ja doch niemand wider seine Liebe und wider den aus der Liebe zu erkennenden Willen handeln kann?!
HIM|3|570000|6|0|Wer da voll Weltliebe ist, der wird auch dieser gemäß handeln; und wer voll Meiner Liebe ist, der wird auch dieser gemäß handeln und kann dabei ebenso wenig fehlen, als die Magnetnadel die Gegend des Nordens je verfehlen kann, weil sie eben vom Nordpol also angezogen wird.
HIM|3|570000|7|0|Sei du, Mein Kind, daher unbesorgt! Solange du Meine Liebe in dir eben dadurch sicher in dir fühlst, weil du Mich suchst und liebst, so lange wird sie dein getreuester Lebensleitstern sein.
HIM|3|570000|8|0|Was sonach dein Herz dir sagt, so es erfüllt ist mit Meiner wahren tätigen Liebe, das tue! Wolle und zweifle nicht in deiner Seele am Gelingen. Prüfe dich aber zuvor selbst, ob dein Herz Mich vollends liebt nach Meinem Wort im Evangelium! Suche dem vollends nachzukommen, was Ich als das Gebot der Liebe allen Menschen gab, und du hast im Vollmaß alles aus Meiner Liebe. Amen! Das sage Ich, deine Liebe dir. Amen.
HIM|3|580420|1|1|Korrespondenz mit der reinen Geisterwelt – 20. April 1858 [Tischrücken 1869]
HIM|3|580420|0|0|Schlüssel, mit der Geisterwelt in eine offenbarliche Korrespondenz treten zu können
HIM|3|580420|0|0|Diktat von L. Haiela am 1. April 1858
HIM|3|580420|0|0|Es ist bei uns nun auch eine förmliche Not darin eingetreten, sich in besonderen Fällen nur den Menschen dieser Erde zu ihrem Besten mitzuteilen; alles rennt wie hundertfach besessen mit allen Lebenskräften stets tiefer und tiefer und tiefer in die Welt hinein, so dass der gute Same, der auf gutes Erdreich fällt und hundertfältig Frucht bringen sollte, nun eine solche Seltenheit geworden ist; wie da die Erscheinung der großen Kometen.
HIM|3|580420|0|0|Ja es gibt dir noch hie und da Menschen, die das im Licht aus unserem Reich Geoffenbarte mit großer Begierde annehmen, und sich eine Zeit lang daran höchlichst erquicken, wie bei der Lesung eines Romans; aber bald werden sie ins Weltgewühl hingerissen, und da erstickt dann all’ das Gute und Wahre, was sie je irgend vernommen haben, und sie erinnern sich kaum dann und wann mit größter Gleichgültigkeit dessen, was sie einst gar sehr erfreute und erbaute!
HIM|3|580420|0|0|Nun, diese Menschen hätten bei nur einiger Tätigkeit nach dem Wort des Herrn in kurzer Zeit zu ihrem Nutz und Trost in eine offenbarliche Korrespondenz treten können; aber es lässt das in ihnen die Welt und die eitle nichtige Furcht vor ihr nicht zu, und so haben wir außer dir, sage in ganz Europa kaum hundert Menschen, mit denen wir, wenn schon nicht offen wie mit dir, aber dennoch oft durch allerlei Leitmittel in eine Besprechung treten können.
HIM|3|580420|0|0|Daher sollen die wenigen hierortigen Freunde des Herrn das wohl sich recht zu Herzen nehmen, und die schon oft gegebenen Weisungen recht ernstlich benützen, wie sie wenigstens als Anfänger mit uns sich in eine Verbindung setzen können!
HIM|3|580420|0|0|Geht es anfänglich auch aus ganz natürlichen Gründen oft noch so unscheinbar und wie effektlos her, so sollen sie aber dennoch die Geduld ja nicht verlieren; denn erst eine längere eifrige Übung macht ja erst den Meister. Ich will dir hier eine Regel geben, nach der ein jeder nur einigermaßen geistig geweckte Mensch zur stets helleren Korrespondenz mit uns treten kann. Die Regel lautet: Das erste unumgänglich Notwendigste ist auf jeden Fall eine besondere Aufmerksamkeit auf alles noch so kleinlich Scheinende, das sich irgend den Sinnen auf was immer für eine Art zur Wahrnehmung darbietet, das zweite wohlgemerkt und begriffen, heißt es sogleich, auf ein wie instinktmäßig ohne vorhergehender Verstandes-Gedanken-Konsultierung entstandenes Urteil eine besondere Aufmerksamkeit zu richten, und es sogleich aufzuzeichnen, ohne nachher gleich darüber mit aller Wucht von äußeren Verstandes-Reflexionen herzufallen, das oft Vernommene korrigieren und es nach diesweltlicher Art ordnen zu wollen.
HIM|3|580420|0|0|Dafür komme das dritte Notwendige als dringend notwendig zur Beachtung. Man suche leicht zu findende Entsprechungen, die sich nahe ebenso wie die freien instinktartigen Urteile ins Gemüt ergießen werden, und löse durch sie die Urteile auf, und verbinde sie dann leicht in ein Ganzes; dann erst lege man sie unter das Urteil des äußeren Verstandes, und dieser wird es nur zu bald einsehen, dass eine derartige Wahrnehmung auf einem viel tieferen und geistigeren Boden gewachsen ist, denn alles, was er aus sich je Geistiges an das Tageslicht gefördert hatte.
HIM|3|580420|0|0|In dem besteht die Vorübung; hat es jemand darin durch einigen Fleiß zu einiger Fertigkeit gebracht, da wird es dann leicht weiter gehen, und ein Mensch, so er recht ernstlich will, kann es in etlichen Jahren dahin bringen, dass er mit uns reinen Geistern ebenso umgehen und reden wird, als wie mit noch leiblichen Menschen auf der Erde; aber natürlich darf er sich von der Materie nicht fangen und in was immer irreleiten lassen. Durchaus wird ein jeder dann auch den Weg zum allerhöchsten Geist des Herrn finden, wie auch du nur durch die weisheitsvolle Leitung der dich oft besucht habenden Geister am Ende zum Geist des Herrn Selbst gelangt bist.
HIM|3|580420|0|0|Diktat von L. Haiela am 14. April 1858 (Fortsetzung)
HIM|3|580420|0|0|Ich habe jüngsthin gleich Anfangs die Bemerkung gemacht, dass eine besondere Aufmerksamkeit auf gar alles, selbst auf ein geringfügigstes und unbedeutsamstes Faktum, das sich nur irgendeinem Sinn darbietet, zu richten ist; und dann gleich ein instinktartiges Urteil darüber, dazu aber dann auch die Aufmerksamkeit darauf, ob dieses instinktartige Urteil mehr vom Gehirn oder mehr wie vom Herzen komme. Kommt es, was leicht zu merken ist, vom Gehirn, so ist darauf eben nicht ein besonderes Gewicht zu legen; kommt es aber vom Herzen, so ist es schon allzeit von Bedeutung.
HIM|3|580420|0|0|Nun erst wird sich ein Antrieb von selbst aufdringen, das instinktartige vom Herzen kommende Urteil der Prüfung des diesseitigen natürlichen Verstandes zu unterziehen und durch Vergleichung mit etwa schon dagewesenen Ansichten anderer zu berichtigen, und so sie gut sind, auch festzuhalten, je nachdem offenbar auch die eigene oder eine fremde Ansicht als die richtigere vorkommt.
HIM|3|580420|0|0|Nun aber kommt eine Hauptsache! Ideen, die sich der Seele von Zeit zu Zeit in den Stunden der Ruhe darbieten, und bei bewährten und gewandten Denkern den Anfang zu einer Reihe von Forschungen und Überlegungen bildeten, die ihnen ganz sicher nur von einem jenseitigen vollkommenen Geist zugeführt, und gleichsam in den Weg geworfen sind (insoweit sie nicht irgend von wo wie von Außen her stammen, von anderen Menschen herrühren, was manchmal allerdings etwas schwer zu unterscheiden ist, besonders so in einer früheren Zeit sehr häufige und sehr viele von daher stattgefunden haben und als solche dem Gedächtnis derart entschwunden sind, dass der Denker nicht mehr so recht weiß, ob er sie irgend einmal gelesen, oder von jemandem erzählen gehört habe), sind vor gar allem in eine vollends ganz geistig kritische Erwägung zu ziehen; denn das ist nun alles eins, ob in dem Falle ganz eigene oder fremde, es rührt da dann doch schon alles von einem jenseitigen Geist her, der, wenn auch alle Nebenumstände wie eine Hülse der Seele entfallen sind, den Kern und den wahren Sinn in seinem unvertilgbaren Gedächtnis festgehalten hat, und es dann einer Seele zur sicher rechtesten Zeit vergegenwärtigt. Denn wir Geister haben nicht ein so kurzes Gedächtnis, wie die Menschen auf dieser Erde. Es ist darum sehr darauf zu sehen und zu achten, wenn dem Menschen oft plötzlich Facta aus seiner frühesten Jugend, als Geschichten im Elternhaus, aus der Schule, ja sogar gehabte Träume aufstoßen, auf die die Seele schon lange vergessen hatte; da ist allzeit ein jenseitiger Geist, der solches getan hat.
HIM|3|580420|0|0|Was aber hast du nun darauf zu tun, um dich darüber mit einem jenseitigen Geist in eine überaus und sicher stets höchst belehrende Korrespondenz zu setzen? Richte sogleich eine Frage in deinem Herzen an den sicher dir höchst gegenwärtigen jenseitigen Geist etwa also: „Unsterblicher Freund und Bruder im Herrn! Zeige mir in meinem Herzen an, was du mir damit hast sagen oder andeuten wollen?“ – und ich stehe dir dafür, dass der Geist dir im Moment die Antwort, wenn anfangs auch sehr gedrängt ins Herz legen wird. Man kann sich sogar um den Namen des Geistes erkundigen, und auch der wird einem nicht verschwiegen bleiben. Aber man nehme stets den ersten, weil ein zweiter schon leicht eine Fiktion der eigenen Seele durchs Gehirn und somit nicht mehr richtig ist. Die Klarheit, Bündigkeit und Gediegenheit aber stellt sich eben dadurch stets wahrnehmbarer und ersichtlicher hervor, wenn der jedem Menschen höchst eigene Geist durch die tatsächliche Beobachtung der Lebenslehre des Herrn von Seiten der alleinigen Seele eben mit der höchst eigenen Seele in eine stets innigere Verbindung tritt, und teils aber dann auch durch eine recht emsige und unverdrossene Übung, durch die der eigene jenseitige reine Urgeist aus Gott dem Herrn als ein Strahl aus dem Gottesherzen dann auch stets mehr und mehr in die Seele einfließen und sie stets heller und wahrhaft lebendiger machen muss, so lange hin, bis endlich ein jeder Funke von einem Todesgefühl in ihr erlischt. Ist das einmal bei einem Menschen erfolgt, so ist die Seele schon völlig eins mit ihrem ewigen jenseitigen Geist aus Gott geworden, und die Besprechung mit uns ist dann eine so ganz leichte und natürliche, dass sich ein Mensch eigentlich nichts Natürlicheres vorzustellen vermag.
HIM|3|580420|0|0|Eines jeden Menschen jenseitiger (Geist) – als der eigentliche mechanische Bildner der Seele, und durch diese auch des Leibes – aber kümmert sich niemals um die freie geistige Entwicklung und Bildung der Seele, sondern vereinigt sich mit ihr nur insoweit, als diese durch die ganz freiwillige, tatsächliche Beobachtung der Gesetze des Herrn sich ihrem Geist ähnlicher und ähnlicher gemacht hat. Darum aber hat auch der Herr selbst als der Erste und höchste Lebenskundige nur für die Seelen der Menschen, und nicht etwa für deren jenseitige schon ohnehin vollendete Geister, die Gebote des Lebens und respektive der reinsten und uneigennützigsten Liebe zu Ihm und zum Nächsten gegeben, auf dass eine jede Seele sie annehme und ihr Tun und Lassen darnach einrichte. Solches war im höchsten Grad nötig, weil ohne dem keine Seele je den Weg zu ihrem eigenen jenseitigen Geist gefunden hätte. Es geht aber das noch immer etwas schwer, und gehört da sehr viel Selbstverleugnung dazu; denn die Seele ist eigentlich aus der Materie, und möchte auch stets mit derselben mehr und mehr sich vereinen. Ihre natürliche Anziehung ist sonach die Materie. Wenn sich die Seele, wohl ermahnt durch die Lehre des großen Lebensmeisters, nicht freiwillig von diesem Zuge abwendet, so ist sie offenbar tot und somit verloren, weiß dann von was rein Geistigem nichts, und kann dann, wie man sagt, halbe Ewigkeiten lang harren, bis sie wieder irgend einmal zu einer selbstständigen Willensfreiheitsprobe zugelassen wird. Ihren jenseitigen Geist aber geniert das ebenso wenig, als wie es den Sonnenstrahl genieren kann, ob er von einem Weltkörper als wirksam angenommen wird oder nicht. Aber die freiwillige praktische Anwendung der Lehre des Herrn, und dass sie sich wo nur möglich in ihrem Denken und Trachten nach all dem, was geistig ist, lehrt, so ist denn ihr jenseitiger Geist aus Gott auch schon bei der Hand, und fängt gleich an sich mit der Seele insoweit zu einen, als diese dafür Fähigkeiten in sich fasst.
HIM|3|580420|0|0|Wie aber das einmal der Fall ist, so kommt es nebst dem nur auf eine fortgesetzte Übung dessen an, was ich nun in zwei ziemlich gedehnten Diktaten gezeigt habe, und jedermann, der auf den reinen Wegen des Wortes des Herrn sich bewegt hat und sich gleichfort bewegt, wird leicht in einer ganz kurzen Zeit dahin kommen, dahin eigentlich ein jeder wahrhafte Nachfolger des göttlichen Willens schon in diesem Leben kommen soll.
HIM|3|580420|0|0|Aber das lasst euch alle, die ihr einmal auf dem Weg des wahren Lebens aus Gott und dessen reinster Erkenntnis habt zu wandeln angefangen, sagen: Keiner kehre sich um nach der Materie! Denn es ist für einen Grundmaterialisten leichter ein ganz gediegener wahrer Spiritualist zu werden, denn ein auf dem halben Weg des Geistes zur alten Materie Zurückgekehrter. Denn der reine ursprüngliche Materialist wird auf dem neuen geistigen Weg einen wahren Ekel und Widerwillen zur Materie in sich zu fühlen anfangen, während der auf dem halben Weg des Geistes zur alten Materie Zurückgekehrte anfangen wird, stets mehr und mehr das rein Geistige fade, anwidernd, für ein leeres vages Zeug und als einen Trug und eine Verirrtheit des menschlichen Verstandes anzusehen, und ist er einmal abgewendet, so wird er sich sehr schwer umkehren.
HIM|3|580420|0|0|Da habt ihr nun in aller Kürze den allerwahrsten Schlüssel zur Geisterwelt, den du für dich freilich nicht mehr zu brauchen hast, aber desto besser für die anderen, die an den Herrn und auch an uns fest und nicht von heute bis morgen glauben.
HIM|3|580420|1|0|Es ist in dieser Zeit etwas schwer – selbst für jemand, der in allen möglichen Wissenschaften wohlbewandert ist, eine solche Theorie aufzustellen, durch die der Begriff Entsprechung vollends klargemacht werden könnte, weil die einst gar sehr hohe und von den Alten sogar für heilig gehaltene Wissenschaft der Entsprechungen ganz verlorengegangen ist, so wie die Lesung der Hieroglyphen und der Keilschrift.
HIM|3|580420|2|0|Mein gar liebes Kind Lotte Haiela hat aus Mir eine ganz gute Theorie euch gegeben, wie sich jemand mit der reinen Geisterwelt in eine fürs Heil der Seele sehr ersprießliche Korrespondenz setzen könnte. Nun, diese Theorie musste jedem in ein paar Punkten etwas unklar werden, so richtig sie auch ist, weil eben der Begriff Entsprechung für euch nicht ganz in seinem Geiste klar ist. Ich will euch denn anstatt einer immerhin schwer zu verstehenden Theorie die Sache ganz einfach durch ein paar leicht fassliche Beispiele erörtern, und die Theorie wird sich dazu schon von selbst leicht finden lassen.
HIM|3|580420|3|0|Es heißt also in einem Diktat: „Man suche leicht zu findende Entsprechungen und löse durch sie die (instinktartigen) Urteile auf!“ – Nun seht, das geht so: Jemand aus euch, entweder ruhend in seinem Wohnzimmer oder irgendwohin im Freien mit oder ohne Geschäft wandelnd, bekommt plötzlich einen Gedanken, als ginge er einem großen Berg zu, der bis über seine halbe Höhe sehr dicht bewaldet und am Fuß mit allerlei Gestrüpp umwachsen ist; — über dem Wald hoch aber ersieht er dennoch Bergbauerngehöfte und Äcker und Wiesen und über diesen hoch erst mächtige steile Felsenspitzen und -zacken, studiert und sucht aber dann auch gleich irgendwo einen möglich guten Aufweg durch das Gestrüpp und durch den dichten Wald.
HIM|3|580420|4|0|Er umgeht mit seinen Gedanken den ganzen Berg bald, findet aber nirgends etwas von einem Aufweg, wird dadurch ordentlich gedankenmissmutig und lässt bald den ganzen Gedanken fahren, obwohl dieser so teilweise noch wieder auftaucht wie ein im Erlöschen begriffenes Lampenlicht, so das Öl schon auf den letzten Tropfen steht. Seht nun, diesen Gedanken oder vielmehr dieses recht lebhafte Gedankenbild hat der Seele ein jenseitiger Geist gleichsam in den Weg gelegt. Was fühlt die Seele aber dabei? Sicher eine Art Unbehaglichkeit, ganz ähnlich mit jener bei einem wichtigen, aber mit einer Menge schwer zu überwindenden Schwierigkeiten [verbundenen Vorhaben]. Und eben dieses unbehagliche drückende Gefühl ist schon das gewisse instinktartige Urteil, das durch die leicht und bald zu findende Entsprechung also aufgelöst werden kann:
HIM|3|580420|5|0|Ein irgend größeres geschäftliches Unternehmen gleicht einem im Gedanken geschauten Großberg, dessen weitgedehnter Fuß mit allerlei nahe undurchdringlichem Gestrüpp bewachsen und dessen Brust überaus dicht bewaldet ist. Der weitgedehnte, dicht umstrüppte Fuß entspricht der großen Schwierigkeit des Anfangs der Unternehmung, und das Gestrüpp entspricht den übervielen und stechenden Sorgen. Der dichte Wald entspricht der sehr beschränkten Vorteilsaussicht bei dem Unternehmen und dass es einer langen und beharrlichen großen Mühe bedürfen wird, um bei dem Unternehmen zu einer reinen und vorteilbringenden Aussicht zu gelangen.
HIM|3|580420|6|0|Und gelangt man dann auch nach vielen Mühen und Anstrengungen dahin, so zeigen sich diese nur gering entsprechend den Bergbauerngehöften, den mageren Äckern und Wiesen. Am Ende kommen noch gar steile Felsenwände, Spitzen und Zacken, und diese entsprechen wieder dem förmlich unmöglichen Höhersteigen zur Gewinnung vorteilhafter und größerer Aussichten, weil die sehr mühsame (kostspielige) Erreichung der Vorteilsaussichten, wie das Gedankenbild zeigte, schon an und für sich eine nur ganz geringe war.
HIM|3|580420|7|0|Was wollte nun ein höherer Geist dem Wandler durch dieses Gedankenbild sagen? Das wird nun die Prüfung des äußeren und geordneten Verstandes bald heraushaben, und die Folgerung wird also ganz kurz lauten: Lass deine vorgehabte Unternehmung stehen, denn du wirst damit wenig Gewinnes erzielen und dich am Ende des großen Kostenaufwandes und der vielen Mühen und Sorgen mit nur sehr mageren Vorteilen begnügen müssen, mit denen du dir keinen höheren Aufschwung wirst verschaffen können.
HIM|3|580420|8|0|Ganz geistig aber wird dann der obige reine Verstandessatz also lauten: Siehe, du nur um irdischen Gewinn besorgte Seele, also zahlt die Welt ihre Diener und Knechte!
HIM|3|580420|9|0|Nun, durch dieses Bild wird ein jeder sich leicht selbst eine Regel zur doch sicher helleren Einsicht dessen, was ein instinktartiges Gemütsurteil – als vom Herzen kommend und nicht vom Gehirn – an und für sich ist, was eine Entsprechung ist und wie sie zur Löse des Gemütsurteiles zu verwenden ist, bilden können. Ich werde dir aber in dieser Woche gelegentlich noch ein paar solcher Beispiele geben, woraus dann ein jeder schon nahe für alle möglichen Fälle sein Licht wird schöpfen können. Mein Segen mit euch, Amen.
HIM|3|580422|1|1|Korrespondenz mit der reinen Geisterwelt (Fortsetzung) – 22. April 1858 [Tischrücken 1868]
HIM|3|580422|1|0|Also schreibe noch ein paar weitere Beispiele zur Ergänzung des Verständnisses der Entsprechungen.
HIM|3|580422|2|0|Jemand geht am Tag oder in der Nacht irgendeines Weges so ganz in der natürlichsten und so wenig als möglich bewegten Gemütsverfassung. Auf einmal stößt er mit einem Fuß an etwas auf dem Weg Liegendes und wird dadurch schon erregter und aufmerksamer. Der Gegenstand, der am Weg lag, bestand in einem Stück morschen Holzes, das irgendein Arbeiter dahin warf und dann gleichgültig liegen ließ, was für unsere Sache aber von keiner Bedeutung ist.
HIM|3|580422|3|0|Unser Wanderer geht seines Weges weiter, und als er seiner früheren Erregung schon wieder mehr und mehr ledig ist, kommt ein Hund dahergesprengt, der, irgend zurückgeblieben, nun seiner Herrschaft nachrannte. So ganz unschuldig für sich auch diese zweite Erscheinung war, so hatte sie aber doch auf unseren Wanderer einen schon mächtigeren Eindruck gemacht, denn er dachte sich: Wenn der Hund etwa wütend gewesen wäre, vielleicht hätte er mich gar sehr beschädigen können!
HIM|3|580422|4|0|Von nun an bleibt unser Wanderer schon gemütswach und sieht sich fleißig nach allen Seiten um und kommt nun ohne einen weiteren Anstand ganz wohlbehalten an sein Ziel, wo er ein Geschäft abzumachen hat.
HIM|3|580422|5|0|Nun, was wäre denn da für unseren Geschäftswanderer aus diesen zwei Erscheinungen und Begegnungen herauszunehmen auf dem Wege der Entsprechungen – oder was hat ein höherer jenseitiger Geist ihm dadurch sagen wollen?
HIM|3|580422|6|0|Sehen wir nur gleich auf das instinktartige Urteil des Gemüts. Wie lautet es oder in was äußert es sich? In einer Art von ein wenig mit Ärger und Ängstlichkeit untermengter Spannung. Nun, dazu lässt sich ja augenblicklich die unfehlbarst richtige lösende Entsprechung finden und heißt Vorsicht und Wachsamkeit. Und was sagt denn dann das äußere Verstandeskriterium dazu? Nichts als das: Auf dem Weg und bei einem Geschäft kann man nie zur Genüge vorsichtig und wachsam bei jedem Tritt und Schritt sein!
HIM|3|580422|7|0|Nun, hat man das, so hat man auch die Sprache eines wahren Geistes schon völlig verstanden, denn die dürfte dann also lauten: Der Mensch, mit dem du ein Geschäft abmachen willst, gleicht dem Weg (das ist dann die Hauptentsprechung), den du als der Beispiels-Mensch zum Geschäftemachen gewandert bist. Er, der andere Mensch, wird dir zuerst einen Vorteil für dich zum Besten vorspiegeln, der dich überraschen und aus deiner ruhigen Verfassung bringen wird, aber du sei vorsichtig und halte nichts darauf, denn der gezeigte Vorteil ist gleich dem Stück faulen Holzes am Weg! Solches wirst du mit einigem Verstand bald einsehen.
HIM|3|580422|8|0|Aber er wird dir dann auch den Nachteil ganz beredt zu zeigen anfangen, der für dich erwachsen kann, wenn du mit ihm das Geschäft nicht abmachst. Aber auch darin liegt nichts Wahres. Seine Beredsamkeit ist nichts als ein ihm allein treuer und nachrennender Hund, der dich zwar sehr überrascht, aber du bei einigem Denken sogleich dahinterkommen musst, dass die sich erweisen sollende Gefahr so gut wie gar keine ist und du bei der Abmachung des Geschäftes mit Vorsicht und Wachsamkeit vorzugehen hast.
HIM|3|580422|9|0|Die rein geistige Entsprechung aber ist: Wachet und betet, auf dass ihr nicht fallet in die Versuchung und in ihre böse Macht.
HIM|3|580422|10|0|Ich zeigte euch hier die richtige Entsprechung als Sprache eines reinen jenseitigen Geistes darum nur bei einer unscheinbarsten natürlichen Begegnung, damit jeder aus euch daraus entnehmen kann, wie die reinen guten Geister selbst bei den geringfügigsten Begegnungen auf dem Lebensweg allzeit um das Wohl des Menschen bekümmert sind und reden mittelst Entsprechungen am liebsten mit den Menschen, so diese nur einigermaßen, wenn auch nur ganz dumpf und instinktartig, sie verstehen.
HIM|3|580422|11|0|Geht es auf diese Weise aber schon durchaus nicht, so wirken sie auf die Gedanken und auf die daraus entstandenen Gefühle, wie Ich euch gestern einen solchen Fall gezeigt habe. Nun, geht es aber auch damit nicht vorwärts, so bearbeiten sie die ihnen zur Leitung anvertrauten Menschen durch Träume und auch durch andere Zeichen und wachgerufene Ahnungen.
HIM|3|580422|12|0|Aber auch diese sind nur selten so zu nehmen, wie sie sind und was sie darstellen. Nur in außerordentlichen und äußerst dringenden Fällen haben sie ihre ganz bildlich dargestellte natürliche Bedeutung und erwahren sich dann ohne Entsprechung auch also in der Wirklichkeit. Aber in weniger dringenden Fällen sind auch so manche Träume und Ahnungen und gewisse mehr geisterhafte Zeichen nur auf dem Wege der Entsprechungen für den äußeren Menschenverstand zu lösen, so wie die meisten Bücher des Alten und auch des Neuen Testaments.
HIM|3|580422|13|0|Nehmen wir noch einen Traum von ganz geringer Gattung. Es träumt jemandem, dass er sich in einer großen Stadt befindet, gassenauf und gassenab wandert und das Gesuchte nicht finden kann. Alles ist fremd und verkehrt, und die Gassen nehmen kein Ende und werden oft so enge, dass man gar nicht durchkommen kann. Durch das vergebliche Suchen und Auf- und Abrennen der Gassen und durch das lästige Engwerden derselben wird die Seele geängstet und erweckt dann gleich den Nervengeist und darauf durch diesen auch den Leib und sucht ihn nun wach zu erhalten, um ja nicht im Schlaf noch einmal in die lästige Stadt zu geraten. Was hat denn ein weiser jenseitiger Geist damit der Seele besagen wollen?
HIM|3|580422|14|0|Betrachten wir gleich das Urteil des Gemüts. Es heißt: Ängstlich drückendes Gefühl und Abscheu. Was ist dazu eine lösende und leicht zu findende Entsprechung? Ich sage darum leicht zu findende Entsprechung, weil sie schon im ersten instinktartigen Gemütsurteil wurzelt. Verabscheuung eines wirren, das freie Lebens- und Erkenntnisgefühl beengenden Zustandes.
HIM|3|580422|15|0|Nun kommt der äußere Verstand dazu und findet nun gleich in solch einer Stadt das getreue Abbild materiellen Welttreibens, durch das die freie geistige Tätigkeit der Seele das ihr eigentümliche Heimische um keinen Preis mehr finden kann trotz allen Suchens und dass sie in der Gefahr steht, von der Materie verschlungen zu werden, was die stets enger werdenden Gassen anzeigen.
HIM|3|580422|16|0|Was sagt dann also ein weiser jenseitiger Geist der Seele damit? – „Im Gewühl der Welt und ihren wirren Gängen und Gassen findest du deine eigenste Heimat und ihren Frieden nicht!“ – Und als weitere Folge dieses Satzes lautet es: Also begebe dich nicht in die verlockenden Gefahren dieser Welt; denn bist du einmal in ihren Irrgängen, so wirst du dich schwerlich wieder ganz zurechtfinden.
HIM|3|580422|17|0|Ganz geistig aber lautet die Sache: Fliehe die Welt und suche nur das, was des Geistes ist!
HIM|3|580422|18|0|Seht, also könnt ihr überall und bei jeder Gelegenheit und bei jeder Erscheinung anfänglich mit der Geisterwelt der reinsten Art zu reden anfangen. Geht das im Anfang auch spießig und holperig, mit der Zeit und durch fleißige Übung kann ein jeder es zu einer großen Fertigkeit und sogar zur Anschauung der Geister und wörtlicher Korrespondenz mit ihnen und auch mit Mir Selbst bringen. Ich werde aber noch ein paar größere Beispiele geben. Für jetzt Meinen Segen euch Meinen Kindern, Amen.
HIM|3|580423|1|1|Korrespondenz mit der Geisterwelt (Fortsetzung) – 23. April 1858 [Tischrücken 1869]
HIM|3|580423|1|0|Also noch ein paar Entsprechungsbeispiele zur klareren Einsicht der Entsprechungen zwischen Natur- und Geisterwelt.
HIM|3|580423|2|0|Habt nur recht Acht darauf, was da gesagt wird! Es gibt Menschen auf der Welt, die oft vor den unbedeutsamsten Dingen und Erscheinungen eine gewisse unvertilgbare Furcht, einen Abscheu und ganz sicher aber eine mindere oder größere Antipathie haben. Der eine wird fiebrig angeregt beim Anhören gewisser fein kreischender Töne, ein anderer beim Anfühlen einer rauen Fläche, ein dritter kann ein gewisses Rauschen wie etwa mit dem Papier nicht vertragen, ein vierter wird misslaunig, so jemand hinter ihm geht oder fährt, und einige Menschen gibt es, die vor gewissen Tieren, besonders Reptilien, eine ungemeine Abscheu haben, wie auch Menschen, die gewisse Physiognomien anderer Menschen nicht vertragen können, denn sie sind ihnen widerwärtig und oft unerträglich.
HIM|3|580423|3|0|Alle solche wie immer gearteten Antipathien gegen verschiedene Dinge und Erscheinungen sind im Grunde auch instinktartige Urteile des Gemüts, das stets wach erhalten wird von einem jenseitigen sogenannten Schutzgeist. Verstünden diese Menschen, durch Entsprechungen solche Urteile aufzulösen und sie dann prüfend weiter auszudehnen, um zu den reineren geistigen Entsprechungen zu gelangen, da würden sie gleich nach allen Seiten hin recht gut einzusehen anfangen, wie sie erstens mit solchen Gefühlen daran sind und was ihnen damit ihre Schutzgeister sagen und anzeigen wollen, und zweitens würden sie aus dem dann auch Heilmittel gegen solche Gemütsunannehmlichkeiten in sich selbst wohl erkennen und sich davon befreien können. Ohnedem aber ist ein höherer Schutzgeist dann in einem fort genötigt, das unangenehme Gefühl in der Seele zu unterhalten, damit die Seele sich allzeit entfernt halte, was teils ihrem Leib und teils aber auch ihr selbst einen Schaden bringen könnte.
HIM|3|580423|4|0|Der eigentliche Grund aber liegt darin: Die Disposition der Naturgeister der Leibesmaterie ist eben eine solche, die eine verborgene Neigung zu eben jenen Dingen und Erscheinungen hat, die dem Leib schon bei einer nur einigermaßen intensiveren Berührung bald einen empfindlichen Schaden bringen würden. Darum sorgt dann der Geist, dass die Seele vor solchen Schwächen ihres Leibes und Nervengeistes eine bleibende Antipathie hat und daher sich bei solchen ihr widrigen Dingen und Erscheinungen bald aus dem Staub macht und sich vor größeren nachteiligen Wirkungen schützt und anderen leicht entstehen könnenden Gefahren ausweicht.
HIM|3|580423|5|0|Wir wollen aber eine solcher Erscheinungen nun ein wenig durch das geistige Fernrohr der Entsprechungen beschauen und sehen, was da herauskommen wird.
HIM|3|580423|6|0|Nehmen wir zum Beispiel einen Menschen, der hinter sich keinen fahrenden Wagen und auch so keinen Hintergänger vertragen kann. Sein Gemüt fühlt allzeit Missbehagen mit einiger Furcht und mitunter auch Ärger vermengt. In eines solchen Menschen Leib wohnen Naturgeister, deren Bestreben ein antipositiv-polarisches, somit ein hinterhältiges und gewisserart hinterlistiges ist, welche natürlich ganz unverschuldete Eigenschaft der Leibesnaturgeister sich dann auch zunächst durch die Affektion der Nerven dem Nervengeist mitteilt und dadurch in eine fühlbare Korrespondenz mit der Seele tritt.
HIM|3|580423|7|0|Geht nun ein solcher Mensch auf einer Straße und hinter ihm fährt wenn auch noch in einer ziemlichen Entfernung ein Wagen daher oder es geht hinter ihm her ziemlich eiligen Schrittes ein Mensch, so werden dadurch sogleich die eigenschaftlich ähnlichen Leibesnaturhinterhaltsgeister infolge des Assimilationsdranges erregt und durch sie dann auch die Nerven und ihr Lebensäther oder Geist. Das merkt die Seele alsbald, wirkt da gleich entgegen und schiebt ihren Leib auf die gefahrlose Seite und wartet sogar ab, bis alles Hinterhaltige vorgefahren oder vorgegangen ist, und es ist dann damit auch alles Missbehagen verschwunden.
HIM|3|580423|8|0|Damit wäre nun so zum Teil der natürliche und zum Teil transzendental natürliche Grund von der in der Rede stehenden Lebenserscheinung dargetan. Aber wie sieht es da mit der Entsprechung aus?
HIM|3|580423|9|0|Das Gemütsurteil darüber ist: Missbehagen, Furcht, Ärger. Was entspricht dem gegenüber? Natürlich das, was ihm hilft, Schutz gibt und das Gemüt wieder beruhigt, und das besteht nach dem äußeren Verstandesurteil darin: Fürs Erste den Rücken sicheren Orts seiner Schwäche wegen decken, dann fürs Zweite der Gefahr mutig das Gesicht zuwenden und endlich ganz geduldig abwarten, bis die Gefahr vorüber ist.
HIM|3|580423|10|0|Was kommt nun endlich für eine entsprechende Schlussfolgerung heraus? Den noch so geringen Feinden im Rücken ist niemals zu trauen! Kehre dem Feind das Angesicht zu, stelle dich sicher und habe einen Mut mit Geduld, so wirst du über alle deine hinterlistigen Feinde den Sieg davontragen.
HIM|3|580423|11|0|Daneben kommt hier auch eine sittliche Entsprechung heraus und diese lautet: Besser zehn offene Feinde vor dem Angesicht als ein Hinterlistiger – und ein reißender Wolf im Schafspelz ist gefährlicher als ein offener in seinem Wolfsbalg.
HIM|3|580423|12|0|Dies ist nun hiermit möglichst klar dargetan worden, und wir hätten sonach nur noch einen Fall zu erörtern, und zwar jenen der Ahnungen und etwas unheimlichen Zeichen. Dies wird sich auch besser durch ein kurzes Beispiel zeigen lassen, als durch was immer für eine noch so gründliche Theorie.
HIM|3|580423|13|0|Jemand bekommt auf einmal ein banges Gefühl und denkt hin und her und kann dazu keine Ursache finden. Er fühlt sich wie verlassen oder wie einer, der es erfährt, dass einer seiner besten Freunde plötzlich, ohne sich irgend beurlauben zu können, hatte eine weite Reise unternehmen müssen. Ist das Gefühl so geartet, so wende man sich liebernst fragend an den sicher gegenwärtigen Schutzgeist, gebe Acht entweder in außerordentlichen Fällen auf den ersten klar ausgesprochenen Namen oder sicher auf ein anderes plötzlich entstandenes Gedankenbild. Mit dem verfahre man auf die vorbeschriebene Art, und es wird im außerordentlichen Fall entweder der Name eines leidenden oder gar verstorbenen nahen Anverwandten oder guten Freundes durch einen schützenden jenseitigen Geist ohne Entsprechung klar ausgesprochen werden – oder der von irgendeinem schweren irdischen Ungemach getroffene Freund oder Anverwandte wird aus den ihm sehr ähnlichen Gemütsentsprechungen sehr leicht zu erkennen sein.
HIM|3|580423|14|0|Gewöhnlich aber kommen solche Andeutungen in den Träumen vor, wo sie dann noch leichter zu lösen sind.
HIM|3|580423|15|0|Es hat zwar alles, was nur irgend auf der Erde im Angesicht eines oder des anderen Menschen geschieht, irgendeine tiefere, ins Geistige übergehende oder auch ganz rein geistige Bedeutung, die man auf dem Wege der Entsprechungen finden kann, wenn schon manchmal anfangs nicht ganz sicher, aber annähernd immer. Es ist aber auch gar nicht nötig, dass jemand gar zu allem die Entsprechung finden soll. Nur bei ganz besonderen Anlässen kann er sich in dieser ersten Vorschule der Korrespondenz mit den Geistern üben.
HIM|3|580423|16|0|Ist diese erste Stufe [einmal so ziemlich begriffen und durchgeübt, dann erst kommt eine zweite und endlich gar dritte und höchste Stufe], zu der sich entweder die Anleitung mit einiger Mühe von selbst wird finden lassen, oder Ich Selbst werde sie so wie diese nun geben und das meiste davon schon in eines jeden Herz legen.
HIM|3|580423|17|0|Sollte aber jemand hie und da noch nicht ganz im Klaren sein, so werde er darum nicht ängstlich, denn dies kommt schon mit der Zeit; unter der Zeit aber steht jedem Meiner lieben Freunde und Kinder der Frageweg zu Meinem Herzen offen. Mein Segen und Meine Gnade mit euch, Amen.
HIM|3|620510|1|1|Kürzeste Grundbelehrung des ewigen Wortes – 10. Mai 1862
HIM|3|620510|0|0|Auf eine Anfrage von Johannes Busch.
HIM|3|620510|1|0|Johannes 8,31. Ich sagte zu den Juden, die an Mich glaubten: So ihr bleibt in Meiner Lehre (nicht Rede) – nicht nur, dass ihr sie behaltet im Gedächtnis, sondern auch im Tun danach, dann erst seid ihr Meine wahren Jünger und werdet also in euch erkennen, dass Meine Worte aus dem Munde Gottes kommen und in sich die ewige und lebendige Wahrheit sind, die euch wahrhaft frei machen wird von der Nacht jeglichen Zweifels.
HIM|3|620510|2|0|Johannes 11,25 und 26. Als Mich die Jünger und andere Glaubende fragten: Wann werden wir nach des Leibes Tode wieder zum Leben auferstehen? sagte Ich: Wie mögt ihr Mich denn nochmals darum fragen? Ich bin die Auferstehung und das ewige Leben! Wer an Mich glaubt in der Tat, der ist in Mir schon auferstanden und wird der Seele nach gleichfort leben, so er dem Leibe nach, so es möglich wäre, stürbe tausendmal; denn wer da nun lebt und glaubt an Mich in der Tat, der wird nimmermehr sterben (nämlich der Seele nach).
HIM|3|620510|3|0|Johannes 14,6. Dass ich allein der Weg (durch Meine Lehre), die Wahrheit und das Leben bin, das wird ein jeder in sich finden, der an Mich in aller Tat lebendig glaubt und also auch im Herzen zu Mir kommt; wer aber also zu Mir kommt, der kommt zum Vater, der in Mir wohnt und Eins ist mit Mir. Wer aber nicht auf besagte Art zu Mir kommt, der kommt sicher auch nicht zum Vater, der die ewige Liebe ist.
HIM|3|620510|4|0|Johannes 14,23. Als man Mich fragte, wie man Mein Wort, d. i. Meine Lehre, leicht in der Tat halten könne, da sagte Ich: Wer Mich liebt mehr denn alles in der Welt und den Nächsten wie sich selbst, der hält wahrhaft Mein Wort, und der Vater, die Liebe in Mir, wird ihn lieben! Und so werden Wir – der Vater als die Liebe in Mir, Ich als die ewige Weisheit (oder der Sohn) und der Heilige Geist als die ewige und endlose Macht und Kraft Meines Willens zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen, und er wird dann also vollkommen sein, wie der Vater im Himmel, der Mein Herz, vollkommen ist. So ist das zu verstehen.
HIM|3|640317A|1|1|Erklärung schwieriger Schrifttexte. Vom unklugen und klugen Bauherrn – 17. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640317A|1|0|Schreibe ein gar wichtiges Wörtlein, in welchem Ich euch noch so manches aus dem, was Ich zu Meiner Zeit den Aposteln gelehrt habe, näher erklären werde.
HIM|3|640317A|2|0|Die Texte aus der Schrift werden euch nicht unbekannt sein, wo da zwei Menschen angeführt sind, von denen der eine sein Haus im Tal auf dem Sandgrund gebaut hatte, den wir den Unklugen nennen wollen; der andere aber suchte sich einen festen Felsen auf, und wir wollen ihm den Namen der Kluge geben.
HIM|3|640317A|3|0|Da der Unkluge aber sah, dass sein kluger Nachbar sein Haus auf einen Felsen gebaut hatte, so sagte er zu ihm: Hättest du da im Tal nicht mit viel weniger Unkosten gebaut als auf dem Felsen da oben, dahin du dir erst einen Weg bahnen und mit mancher Beschwerde das Baumaterial hinaufschaffen musstest? Sieh, wie prächtig mein Haus da im Tal steht und wie leicht der Zu- und Abweg ist! Dein Haus hingegen steht auf dem Felsen gleich einem Adlernest, und du hast einen beschwerlichen Zu- und Abweg.
HIM|3|640317A|4|0|Der Kluge aber sagte: Warte du nur ein wenig; wer weiß, ob du nicht bald mich darum loben wirst, dass ich mein Haus auf einen festen Felsen erbaut habe?
HIM|3|640317A|5|0|Und seht, in nicht gar langer Zeit darauf erhoben sich heftige Winde, gingen in einen furchtbaren Orkan über, und es kam dazu ein mächtiger Wolkenbruch, zerstörte das schöne Haus im Tal, auf das sich der Unkluge so viel eingebildet hatte, und damit er sein Leben rettete, seine Zuflucht bei seinem Nachbar auf dem Felsen suchen musste.
HIM|3|640317A|6|0|Nun sah er wohl ein, dass sein kluger Nachbar wohlgetan hatte, sein Haus auf dem Felsen zu bauen, und der vormals Unkluge entschloss sich denn auch, nimmer ein Haus in einem sandigen Tal zu bauen.
HIM|3|640317A|7|0|Und nun frage Ich, was dieses Bild im Grunde des Grundes wohl zu bedeuten hat?
HIM|3|640317A|8|0|Denn an dem, wie es die Priesterschaft aller euch bekannten Sekten bis auf einige wenige, die in der Lehre Swedenborgs und anderer und ihrer im Geiste geweckten Vorgänger stehen, zu ihren Gunsten auslegen – und eine Auslegung der anderen ebenso ähnlich sieht wie eine Faust dem Auge – da ist nicht ein wahrer Funke daran.
HIM|3|640317A|9|0|Wieso, werdet ihr fragen. Weil [diesen Text] jede Sekte, sage Ich, nicht der von Mir ausgehenden Wahrheit nach, sondern also wie vieles andere zu ihren Gunsten auslegt.
HIM|3|640317A|10|0|Ich aber sage: Alle Sekten gehören samt ihren Anhängern in den Bereich des Unklugen, der sein Haus auf Sand im Tal gebaut hatte. Und nur allein derjenige, der auf Mich und auf Meine reine Lehre baut, danach tut und handelt, gehört zu dem seltenen Klugen, der sein Haus auf dem Felsen erbaute. Und als da kamen der Zeiten Stürme, so blieb sein Haus fest stehen; aber das Haus und gar viele Häuser, die im Tal am Sand standen, wurden hinweggeschwemmt.
HIM|3|640317A|11|0|Wie muss aber der Mensch beschaffen sein, der sein Haus auf den Felsen erbaut? Der muss durchgehends nicht leicht- noch abergläubisch sein, sondern allein die Wahrheit in allem suchen, die allein ihn frei und wohlerleuchtet machen kann.
HIM|3|640317A|12|0|Ja, wird mancher fragen, wie soll man denn das anstellen?
HIM|3|640317A|13|0|Die Antwort liegt ebenfalls in Meiner Lehre, die Ich Meinen Aposteln gegeben habe, und lautet ganz kurz also:
HIM|3|640317A|14|0|Wer an Mich glaubt, nach Meiner Lehre lebt und handelt, zu dem werde Ich Selbst kommen und Mich ihm gerade also getreuest offenbaren, wie nun euch.
HIM|3|640317A|15|0|Dass darin auch das einzige Kriterium der Wahrheit Meiner Lehre liegt, habt ihr nun selbst mehr als handgreiflich in mehreren noch lebenden Beispielen vor euch; denn Ich sagte darum ja auch zu Meinen Aposteln, als sie selbst nicht so recht im Klaren waren, für wen sie Mich eigentlich halten sollten:
HIM|3|640317A|16|0|So ihr an Mich glaubt und nach Meiner Lehre handeln werdet, dann erst werdet ihr auch vollends in euch erkennen, dass die Worte, die Ich zu euch geredet habe, nicht Menschenworte, sondern Gottes Worte sind.
HIM|3|640317A|17|0|Und wieder sagte Ich einst zu Meinen Aposteln: Nicht nur ihr, sondern in der Folge ein jeder Mensch, der wahrhaft zu Mir kommen will, muss von Gott aus gelehrt sein. Denn den der Vater oder die ewige Liebe in Mir nicht zieht, der kommt nicht zu Mir – oder mit anderen, für euch fasslicheren Worten gesagt: Wen die wahre Liebe zur Wahrheit und zum Licht nicht anzieht, und er in seiner Trägheit und Schläfrigkeit ganz behaglich verharrt und sich in der Welt so viel als möglich allen Vergnügungen und Zerstreuungen in die Arme wirft, wird der wohl irgendeinmal zum Licht der Wahrheit gelangen?
HIM|3|640317A|18|0|Ich sage euch, ebenso wenig, als aus einem trägen Studierenden, der seine Studien zuallermeist in den Gast- und Kaffeehäusern, auf den Tanzböden und in den Gemächern der feilen Dirnen macht, ein großer Astronom wird; denn um das zu werden, dazu gehört von Jugend auf ein überaus großer Fleiß und eine große Menge von allerlei Selbstverleugnungen. Doch mit der großen Liebe zu solch einer erhabenen und schweren Wissenschaft kann er mit der Zeit dahin kommen, Dinge zu berechnen, von denen der gewöhnliche Weltmensch sich nichts kann träumen lassen. Und also zeigt sich’s da wieder:
HIM|3|640317A|19|0|Wen der Vater nicht zieht, der kommt nicht zum Sohn; denn der Sohn ist ja das Licht, ausgehend aus der Flamme und dem Feuer der Liebe oder des Vaters.
HIM|3|640317A|20|0|Geht aber hin zu den meisten sogenannten christlichen Sekten und betrachtet besonders ihre Priesterschaft und fragt sie: Welche Liebe hat denn euch zu eurer vorgeblichen Wahrheit, die ihr predigt, gezogen? – Und leider vielfach werdet ihr auf ihren Gesichtern und ihren Bäuchlein geschrieben finden: die möglichst beste zeitliche Versorgung und also epikuräisch wohl besetzte Speisetische mit allerlei bestbereiteten Leckerbissen, die auf der lieben Erde irgendwo anzutreffen sind; und je höher sich solche Priesterschaft hinaufschwingen kann, desto epikuräischer wird auch ihre Tugend und damit auch ihre Selbstsucht und Herrschlust.
HIM|3|640317A|21|0|Solche sein wollende Nachfolger Meiner Apostel und Jünger befolgen das sicher nicht, was Ich zu Meinen Aposteln und Jüngern gesagt habe, dass sie nämlich nicht für den kommenden Tag sorgen sollen, was sie zu essen und zu trinken haben und womit sie sich bekleiden werden, sondern bloß zu suchen Mein Reich und seine Gerechtigkeit; alles andere, dessen sie benötigen, wird ihnen hinzugegeben werden.
HIM|3|640317A|22|0|Als Ich Meine Jünger aussandte, sagte Ich zu ihnen: Ihr sollt nicht anhaben und tragen zwei Röcke und in eurer Bekleidung nicht eingenäht haben Säcke, um allerlei euch dargebotene Dinge einzustecken; auch sollt ihr nicht tragen Stöcke, um euch zu verteidigen; denn so ihr Mich lebendig bei euch habt, so seid ihr ohnehin für dies- und jenseits mit allem versorgt.
HIM|3|640317A|23|0|Wären mit dieser Versorgung etwa in gegenwärtiger Zeit die Priester auch zufrieden, die unter allerlei Gottesstellvertreterschaften ihr Wesen treiben, ums Geld scheinbare gottesverdienstliche Werke verrichten, an die sie selbst oft nicht einen Funken Glauben haben? Werden sie zufrieden sein mit einem Rock ohne Säcke, die in mit Gold verbrämten Kleidern einhergehen und das Volk durch ihren Glanz zu blenden aufs Eifrigste bemüht sind?
HIM|3|640317A|24|0|Ein gegenwärtiger Bischof will ein Nachfolger irgendeines Apostels sein! Geht er ohne Stock einher? O mitnichten! Verkauft einen solchen Stock, und ihr könnt eine arme Familie auf längere Zeit hin bestens versorgen. Ein ganzes Land könnte sich damit auf viele Jahre lang bestens mit allem versorgen, so es sich nur eine päpstliche Tiara und mehrere Kardinalshüte aneignen könnte; denn eine solche Tiara, aus reinstem Gold und den größten und kostbarsten Edelsteinen als Diamanten, Rubinen und Smaragden und großen Perlen bestehend, dürfte wohl schier so viele Millionen wert sein, als Ich Apostel zählte, und ein Kardinalshut kostet 80.000 Dollar! Wäre das nicht ein so ganz respektables Sümmchen für ein armes Land?
HIM|3|640317A|25|0|Aber lassen wir sie bei ihrer sogenannten triumphierenden Kirche; sie haben dennoch ihre Häuser und Tempel nicht auf Felsen erbaut, und der große Sturm steht vor der Tür, der ihnen zeigen wird, wie klug sie waren! Wenn der Sturm aber kommen wird, da wird es viel Heulens und Zähneknirschens geben, und da wird es wohl heißen:
HIM|3|640317A|26|0|Wehe allen, die da die Flucht ergreifen wollen und suchen sich auf festen Felsen anzusiedeln; denn wer da nicht haben wird, wie alle diese, dem wird auch genommen werden, was er hatte, und sie werden nicht kommen zum Licht, sondern durch Meinen Sturm hinausgestoßen werden in die äußerste Finsternis, und es wird daselbst dann noch mehr Heulens und Zähneknirschens geben oder, mit anderen Worten gesagt, noch mehr gegenseitige Verfolgungen und Verwünschungen. Denn die betrogenen Gläubigen werden über ihre Himmelsverschaffer herfallen und sie durchaus um nicht viel besser behandeln, als ein grimmiger Feind seinen Gegenfeind. Denn ein Betrogener lässt sich den Betrug nur so lange gefallen, als er noch so blind ist, den Betrug nicht einzusehen, merkt er aber einmal diesen, dann wehe dem Betrüger!
HIM|3|640317A|27|0|Und dieses Wehe steht nun knapp vor der Tür!! Der Scharfschützen gibt es schon eine große Menge, und sie werden ihr Ziel nicht verfehlen. Ich meine, die von Mir am Anfang angeführten Texte aus Meinem Wort werden euch hiedurch zur Genüge einleuchtend sein.
HIM|3|640317B|1|1|Seid gehorsam der Obrigkeit, die Gewalt über euch hat – 17. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640317B|1|0|Der Text, von dem gestern unter euch die Rede war, demnach man jeder Obrigkeit gehorchen solle, gleich ob sie ganz gut oder böse sei, da sie keine Macht hätte, wenn sie ihr nicht von oben gegeben wäre, – dieser Text ist zwar richtig an und für sich, aber ein Beisatz, den Ich gestellt habe bei einer Gelegenheit, so wie im Apostel Paulus, ist hinweggelassen worden. Der Beisatz aber lautet: Solange der Besitz des Geistes der Wahrheit aus Mir den Obrigkeiten innewaltet.
HIM|3|640317B|2|0|Werdet ihr erkennen, dass dies nicht mehr der Fall ist, dann ist es auch Zeit, solchen von der Höhe aus nicht mehr inspirierten Obrigkeiten auf das Empfindlichste den Rücken zu kehren; denn wäre das nicht der Fall, so müsste Ich auch allen Ernstes gesagt haben: Seid allen Teufeln untertänig und gehorsam! – Das werdet ihr von Mir doch wohl nicht erwarten, indem Ich doch ausdrücklich gesagt habe, dass ihr alles prüfen und nur das Gute und Wahre behalten sollt.
HIM|3|640317B|3|0|Überhaupt ist aber bei dem Text, der, wie Ich schon gezeigt habe, schlecht übersetzt ist, das zu bemerken, dass es statt gut oder böse — mild oder strenge heißen soll. Und so ihr das nun wisst, so werdet ihr damit doch wohl einsehen, dass Ich nicht gesagt habe, ihr sollt auch den Teufeln gehorchen. So ihr dieses recht beachtet, so werdet ihr wohl einsehen, dass ein solch krasser Unsinn niemals aus Meinem Munde gegangen ist und nie gehen wird.
HIM|3|640317B|4|0|So jemand aus euch noch irgendetwas in der Schrift findet, das mit der reinen Vernunft nicht im Einklang steht, der komme mit einem solchen Text zum Vorschein, und es soll ihm darüber Licht gegeben werden. Amen.
HIM|3|640317C|1|1|Fragen über scheinbare Widersprüche im Text der verschiedenen Evangelisten, infolge dieser oben gnädigst gegebenen Aufforderung des Herrn – 17. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640317C|1|0|Matthäus 1,25. „Und erkannte sie nicht, bis sie ihren ersten Sohn gebar; und hieß seinen Namen Jesus.“ Lukas 2,7. / Matthäus 13,55. „Ist er nicht eines Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria? und seine Brüder Jakob und Joses und Simon und Judas?“ Lukas 4,22. / Matthäus 13,56. „Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt ihm denn das alles?“ – Diese Stellen gaben Veranlassung zur Annahme, dass Maria mehrere Kinder gehabt habe.
HIM|3|640317C|2|0|Matthäus 12,42. „Die Königin am Mittag wird auftreten am jüngsten Gericht gegen dieses Geschlecht ...“ / Matthäus 13,49. „Also wird es auch am Ende der Welt gehen ...“ / Matthäus 16,27. „Denn es wird je geschehen, dass des Menschen Sohn komme in der Herrlichkeit des Vaters mit seinen Engeln ...“ / Matthäus 19,28. „Jesus aber sprach zu ihnen ...: Ihr werdet auch sitzen auf den zwölf Stühlen und richten die zwölf Geschlechter Israels.“ Matthäus 25,30-34. – Diese Stellen gaben zur Annahme eines Jüngsten Tages und Gerichtes Veranlassung.
HIM|3|640317C|3|0|Matthäus 4,1. „Da ward Jesus vom Geist in die Wüste geführt, auf dass er von dem Teufel versucht würde.“ Markus 1,2-11. Markus 1,12-13. Lukas 4,2-13.
HIM|3|640317C|4|0|Matthäus 5,39. „Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern so dir jemand einen Streich gibt auf deinen rechten Backen, dem biete den anderen auch dar.“ Vers 40. „Und so jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem lass auch den Mantel.“ Lukas 6,29. / Matthäus 10,34. „Ihr sollt nicht wähnen, dass Ich gekommen sei, Frieden zu senden auf Erden. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“ / Vers 35. „Denn Ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater, die Tochter wider ihre Mutter und die Schnur wider ihre Schwieger.“ / Vers 36. „Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“ / Matthäus 10,16. „Siehe, Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“ / Vers 17. „Hütet euch aber vor den Menschen ...“ Lukas 12,51-53. – Buchstäblich sind dies Widersprüche und im menschlichen Leben so nicht anwendbar; denn dadurch würde einerseits die Gewalt des Starken sanktioniert, der Minderstarke zum Sklaven, der Hochmütige nur noch anmaßender und jedem Unrecht die breiteste Basis gegeben. Anderseits ist aber wieder der Kampf gegeben und also wieder die Wehrlosigkeit des Schafes gegenüber seinem Feind.
HIM|3|640317C|5|0|Matthäus 12,40. „Also wird des Menschen Sohn (gleich Jonas) drei Tage und drei Nächte mitten in der Erde sein.“ / Matthäus 17,23. „und am dritten Tage wird er auferstehen ...“ Matthäus 20,19. Lukas 13,32. Matthäus 26,61. Johannes 2,19-21. / Matthäus 27,63. „Ich will nach drei Tagen auferstehen.“ / Matthäus 28,1. „Am Abend des Sabbats aber, welcher anbricht am Morgen des ersten Feiertags der Sabbater, kam Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen.“ Markus 16,1-2. Lukas 24,1-6. Johannes 20,1. / Matthäus 28,2. „Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben ...“ / Matthäus 28,6. „Er ist nicht hier ...“ / Markus 10,34. „... und am dritten Tage wird er auferstehen.“ / Markus 16,6. „Er ist auferstanden und ist nicht hier.“ / Lukas 23,44-46. – Diese Verse angeführt in betreff der Todesstunde gegen die Zeit der Auferstehung und Johannes 19,31. Kreuzesabnahme. Wie stimmt hier die Zeit des Todes mit der Auferstehung nach den verschiedenen Versen? Lag der Leichnam des Herrn drei Tage im Grab, wie oft angenommen wird, oder ist, so die Grablegung nach unserer Annahme am Freitag geschah, die Auferstehung am Sonntag früh, also am dritten Tag erfolgt?
HIM|3|640317C|6|0|Matthäus 12,40. „Denn gleichwie Jonas war drei Tage und drei Nächte in des Walfisches Bauch...“ – Was war dies für ein Fisch, oder ist der Fisch nur ein geistiger Entsprechungsausdruck? / Matthäus 22,11-12. „Da ging der König hinein, die Gäste zu besehen, und sah allda einen Menschen, der hatte kein hochzeitlich Kleid an ...“ / Markus 14,51. „Und es war ein Jüngling, der folgte ihm nach, der war mit Leinwand bekleidet auf der bloßen Haut; und die Jünglinge griffen ihn.“ / Vers 52. „Er aber ließ die Leinwand fahren und floh bloß von ihnen.“ – Wer ist der Jüngling, und warum erwähnt ihn nur Markus allein?
HIM|3|640318|1|1|Erläuterung vom Herrn zur ersten Frage – 18. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640318|1|0|Was die erste Frage betrifft, so ist in ihrer Hinsicht schon eine kleine Erläuterung im eigentlichen Johannes-Evangelium berührt worden. Allein um euch diese Sache noch um vieles heller zu machen, müsst ihr wissen, dass der Evangelist Matthäus erst dann von Mir aufgenommen wurde, als Ich ihn bei Meiner Reise nach Kis in einer Mittelstation zwischen Kapernaum und Kis als einen in römischen Diensten stehenden Zöllner antraf; darum Mir auch der Vorwurf gemacht wurde, Ich gehe mit Zöllnern und Sündern umher.
HIM|3|640318|2|0|Da aber dieser Matthäus gut bei der Feder war und sich von Mir nicht mehr trennen wollte, so ward er von Mir als Schreiber aufgenommen, aber nur mehr für die Tatsachen, während Mein Johannes das Wort, d. h. was Ich lehrte, aufzuzeichnen hatte, und Matthäus mitunter weniger geistige Teile Meiner Lehre und Predigten für sich aufzeichnete, dieselben jedoch allzeit bei Gelegenheiten vom Johannes sich korrigieren ließ; denn Matthäus hatte für Tatsachen ein gutes Gedächtnis, aber für die Lehre ein schwaches.
HIM|3|640318|3|0|Von Meinem Familienverhältnis wusste er, solange er mit Mir herumging, sehr wenig, und was er wusste, teilten ihm bei Gelegenheit Jakobus, Simon und Johannes mit, das er sich jedoch nicht auf der Stelle aufzeichnete, sondern erst einige Jahre nach Meiner Auferstehung, als er statt dem Judas Ischariot zum Apostel gewählt wurde.
HIM|3|640318|4|0|Dieser Apostel Matthäus selbst, als der Evangelist, hatte sein Evangelium ganz ordentlich und richtig zusammengestellt und machte dann damit seine Reise in die südöstlichen Gegenden Asiens.
HIM|3|640318|5|0|Es haben sich aber dann in Jerusalem, in Galiläa, in Samaria, dann in Tyrus und Sidon fünf Matthäusse hervorgetan, und es schrieb ein jeder ein Evangelium Matthäi; darunter das zu Sidon erschienene unstreitig noch das allerannehmbarste war.
HIM|3|640318|6|0|Die anderen vier wurden bei der großen Kirchenversammlung zu Nicäa, als mit diesem gar nicht, wie auch untereinander nicht übereinstimmend, als völlig apokryphisch verworfen, und das Sidonische als möglichst echt erhalten. Und so ist auch dieses teilweise apokryph, obschon der Schreiber sich alle erdenkliche Mühe gab, die Sache so wahr als möglich darzustellen.
HIM|3|640318|7|0|Er selbst schrieb eigentlich – statt diesem einen – vierzehn Evangelien, je nachdem ihm irgend die Sache von sein wollenden Augenzeugen ist bekanntgegeben worden. Aus diesen vierzehn schrieb er dann ein fünfzehntes, das nach der Beurteilung vieler Sachkundiger als das wichtigste und wahrste erklärt wurde.
HIM|3|640318|8|0|Und dieser Pseudo-Matthäus, der eigentlich l'Rabbas hieß, ist der Schöpfer des heutigen Matthäus-Evangeliums.
HIM|3|640318|9|0|Das wirkliche aber befindet sich heutzutage noch in einer großen Bücher- und Schriftensammlung einer bedeutenden Bergstadt Hinterindiens, welche Schriften- und Büchersammlung wohl die größte und reichhaltigste nach der verbrannten alexandrinischen auf der ganzen Erde ist. Sie besteht aus mehreren Millionen Exemplaren Büchern und Schriften aller Art, zu welcher Sammlung aber leider nur die hohen Priester, die unter dem obersten Priester Brahmas stehen, Zutritt haben. Die Birmanen allein besitzen eine echte, aber sehr abgekürzte Abschrift.
HIM|3|640318|10|0|Ihr möchtet wohl auch wissen, was es mit dem Apostel Matthäus in diesen Ländern Indiens für ein Ende genommen hat?
HIM|3|640318|11|0|Er ist daselbst ganz gut gehalten worden, durfte aber seine Lehre nur den Priestern und keinem anderen Menschen mitteilen. Er fand jedoch in seinen alten Tagen von Meinem Geiste geleitet eine Gelegenheit, zu den Birmanen zu entkommen, lehrte sie allerlei Weisheit und schrieb für sie dann auch das schon vorhin erwähnte kurze Evangelium.
HIM|3|640318|12|0|In einigen besseren Traditionen wird dieser Apostel und noch ein Gefährte die „Apostel Indiens“ genannt.
HIM|3|640318|13|0|Aus dem werdet ihr wohl leicht entnehmen können, wie es sich mit dem euch bekannten Evangelium Matthäi verhält, wie auch mit dem angeführten 13. Kapitel, wo es heißt, ob Ich nicht der Sohn des Zimmermanns Joseph sei, ob Meine Mutter nicht Maria heiße und Meine Brüder nicht Jakob, Joses, Simon, Judas und Johannes? und – „seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher kommt Ihm denn das alles?“
HIM|3|640318|14|0|Um dieses zu verstehen, muss man wissen, was schon im Johannes erwähnt ist, dass Ich einmal nach Nazareth kam, dort in der Synagoge lehrte und gar manches Zeichen wirkte; und als darüber sich sogar Meine Apostel und Jünger aufzuhalten anfingen, Ich zu ihnen sagte: „Der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterland“, und so denn Nazareth verließ und nachher nicht wieder dahin kam.
HIM|3|640318|15|0|Was aber Meine sogenannten Brüder und Schwestern betrifft, so waren sie wohl Kinder Josephs aus seiner ersten Ehe, aber nicht Kinder Marias, deren einziger und nicht erster, d. i. wohl erster, aber einziger Sohn Ich war.
HIM|3|640318|16|0|Was aber die Schwestern anbelangt, so waren sie nicht Töchter Josephs, sondern dessen arme Anverwandte, und man benannte sie darum auch Schwestern, indem sie ganz nach dem Sinn und Willen Josephs wie auch der Maria lebten und handelten.
HIM|3|640318|17|0|Drei von diesen Brüdern zogen mit Mir, nämlich Jakobus, Simon und Johannes; zwei aber blieben daheim und betrieben des Josephs Handwerk fort und pflegten die Maria bis dahin, als Ich sie dem Johannes zur weiteren Verpflegung übergab.
HIM|3|640318|18|0|Die nämlichen scheinbaren Widersprüche werdet ihr auch in den Evangelien des Lukas finden; denn dieser Evangelist schrieb erst 50 Jahre nach Mir das Evangelium und eben also auch die Apostelgeschichte. Aber auch sein Evangelium ist ein Zusammentrag von dem, was er durch eifrige Erkundigung über Mich und die Apostel zustande gebracht hat.
HIM|3|640318|19|0|Alles, was er geschrieben, hat er seinem bekannten Freund Theophilus nach Athen gesendet, welcher Theophilus dann wieder ein Evangelium aus dem Evangelium des Lukas schrieb, und selbes mit manchen Zusätzen bereicherte, aber mitunter auch so manche Unrichtigkeit in dasselbe hineinmengte, aus der sich dann so manche Widersprüche ergaben, besonders im naturmäßigen Buchstabensinn – namentlich Mein höchst tyrannisches Auftreten im sogenannten Jüngsten Gericht, die mit dem einzig nun noch allerrichtigsten kurzen Evangelium Johannes durchaus nicht übereinstimmen, doch geistig immerhin eine Beleuchtung zulassen – und wir werden über dieses und noch mehreres andere im nächsten Wort reden. Und somit gut für jetzt. Amen.
HIM|3|640319|1|1|Erläuterung vom Herrn (Fortsetzung). Vom Jüngsten Gericht – 19. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640319|1|0|Ich habe euch schon gestern erwähnt, dass von dem außerordentlichen Jüngsten Gericht im Evangelium Matthäi (l'Rabbas) und noch mehr im Evangelisten Lukas eine ausführlich große Erwähnung gemacht ist, und dass eben dieses Jüngste Gericht vielseitig schuld war und noch ist, dass sich gar viele Menschen von Meiner Lehre ganz abgewendet, sich selbst Lehren aus der reinen Vernunft nach ihren Verstandeskräften gebildet, nach denselben ihre Nebenmenschen gelehrt, selbst gehandelt und gelebt haben, und von des Schreckenstages Lehre und Propheten nichts mehr hören und wissen wollten.
HIM|3|640319|2|0|Denn sie sagten, und zwar nicht mit Unrecht: Wie kann ein endlos weiser ewiger Gott, aus dessen großen und kleinen Geschöpfen sicht- und fühlbar nur die Liebe atmet, eben die größte Anzahl der Menschen einzig darum nur ins Dasein gerufen haben, um sie nach einem kurzen Leben auf einer materiellen Welt, die ohnehin von lauter Tod und Elend zusammengesetzt ist, nach dem Hintritt ins Jenseits ewig zu quälen und zu plagen für die Vergehen, die sie in ihrem Leib auf der Welt begangen haben?
HIM|3|640319|3|0|Ich sage euch, solches wäre nicht einmal dem höchsten und bösartigsten Tyrannen auf der Welt möglich. Denn es ist sicher so manchem aus euch aus der Geschichte der Ur-, Vor-, Nach- und Jetztzeit nicht unbekannt, dass sich zu große Tyrannen am Ende vor sich selbst zu fürchten angefangen – und gar manche aus ihnen sich geflüchtet haben, ohne einen besonderen anderen Grund, als aus einer sich stets steigernden Furcht vor sich selbst, und fanden auf solcher Flucht auch gewöhnlich ihren Untergang.
HIM|3|640319|4|0|Allein hier kann Ich euch in Bezug solcher Auswürflinge der menschlichen Bosheit das hinzusagen, dass sie nach einer gewissen Zeit ihrer tyrannischen Herrschaft von stets mehr und mehr bösen oder ungegorenen Dämonen in Besitz genommen wurden und diesen als Werkzeuge ihrer dämonischen Rache, die sie gegen ein Volk hegten, dienen mussten.
HIM|3|640319|5|0|Wenn man diese Tyrannen, die vor den Augen der Welt wahrlich Gräueltaten auf Gräueltaten gehäuft haben, darum schon für ewig in die Hölle verdammen sollte, so wäre man als Richter ja selbst ein größerer Tyrann, als solche es waren. Nie könnte Derjenige, der Ich Selbst war, den Vater als die ewige Liebe in Mir unter den größten Schmerzen Meines Leibes für alle diejenigen, die Mich gekreuzigt und kreuzigen haben lassen, bitten, dass Er ihnen vergeben solle, indem sie nicht wüssten, was sie täten!
HIM|3|640319|6|0|Denn von den Pharisäern, vom Hohenpriester Kaiphas angefangen bis zu den Schergen, die Meinen Leib ans Kreuz geheftet haben, wusste wahrlich keiner, mit wem sie so ganz eigentlich es an Mir zu tun hatten. Denn die Pharisäer hielten Mich trotz aller Meiner Taten und Lehren erstens für einen Hauptmagier aus der Schule der Essäer, die bei ihnen über die Maßen verhasst waren, und fürs Zweite hielten sie Mich für einen Judenaufwiegler, als der Ich den Römern eine Gelegenheit bereite, damit sie denselben alle Freiheit und am Ende sogar ihren Religionskultus verböten. Je größere Zeichen Ich demnach wirkte, um desto mehr wuchsen Meine euch wohlbekannten Feinde.
HIM|3|640319|7|0|Was aber die Schergen betrifft, so waren die meisten Soldaten der Römer als Söldlinge von allen Nationen des Römischen Reiches zusammengerafft und waren den Römern umso lieber und wünschenswerter, je grausamer und herzloser sie sich in den Schlachten und auch kleinen Exekutionen zeigten; denn ein gefühlvoller römischer Soldat wäre ein wahres Unding für den kriegerischen Sinn der Römer gewesen. Aus dem geht aber auch sicher hervor, dass die gemeinen römischen Söldlinge noch weniger wussten, was sie taten, als Meine euch schon bekannten Erzfeinde selbst.
HIM|3|640319|8|0|Und es lässt sich hier wieder fragen, ob es nach Meiner göttlichen Weisheit wirklich recht und gerecht gewesen wäre, alle diese für das, was sie an Mir getan haben, für ewig in die Hölle zu verdammen und sie zu werfen in die ewige Marter, Qual und Pein.
HIM|3|640319|9|0|Habe Ich etwa den linken Schächer, der Mich bekanntlich am Kreuz verhöhnte, darum verdammt? Dies steht wahrlich nirgends geschrieben. Aber dem anderen Schächer, der Mich als einen Gerechten erkannte und dem linken Schächer wegen seiner Höhnerei einen guten Verweis gab, gab Ich dafür die Versicherung, dass er noch am selben Tag bei Mir im Paradies sein werde, obschon er des Raubes und Mordes wegen am Kreuz sterben musste.
HIM|3|640319|10|0|Wo bleibt denn da der so schrecklich geschilderte Gerichtstag, an welchem etwa kaum ein Dezillionstel der Menschen in den Himmel kämen, alle anderen aber für ewig in die Hölle?!
HIM|3|640319|11|0|Wie kann Der von einem solchen Schreckenstag gepredigt haben, der im Tempel der Ehebrecherin Schuld in den Sand schrieb, und ein anderes Mal in Gegenwart vieler anwesender Sünder laut ausrief: „Kommt alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken!“
HIM|3|640319|12|0|Wieder sagte Ich einstens, als Mich ein Schriftgelehrter fragte, der so einen halben Glauben an Mich bezeugte: „Meister! Ich erkenne, dass Du recht und gerecht lehrst, und man kann dem, was Du lehrst, nichts einwenden; doch sagtest Du in Deiner Lehre: Wer an Dich glaubt und nach Deinen Worten handelt, der wird das ewige Leben haben – auch dann, so er stürbe, wenn es möglich wäre, zum hundertsten Mal in der Welt! Nun betrachte Du aber die Völker und Menschen auf dieser Erde, die von Dir und Deiner Lehre sicher in 2.000 Jahren und darüber nichts werden vernommen haben! Wie werden sie an Dich glauben und nach Deinen Worten leben? Werden diese nahe zahllos vielen Menschen alle in den ewigen Tod übergehen, weil sie an Dich nicht glauben konnten und nicht halten Deine Wort?“
HIM|3|640319|13|0|Da dieser Schriftgelehrte bei einer Gelegenheit zur Nachtzeit solche Frage an Mich stellte, so zeigte Ich ihm mit zwei Fingern hinauf an das mit Sternen vollgepfropfte Firmament: „Da sehe hinauf, dies ist das Haus Meines Vaters! Und in diesem endlos großen Haus gibt es gar viele Wohnungen. Der Mich hier nicht konnte kennen lernen und vernehmen Mein lebendiges Wort, für den wird sich schon in diesem großen Haus irgendeine Gelegenheit finden zu dem Zwecke seines ewigen Lebens! Darum sorge du dich nicht für jene, welche nun und auch in später Folge von Mir dahier nichts werden vernehmen können; denn Mein Vater kennt sie alle und hat auch nicht einen aus ihnen zum ewigen Fall, sondern zur ewigen Auferstehung aus Seiner Liebe und Weisheit ins Dasein gerufen! Und du hast dadurch an Mich zwar eine weise scheinende, aber darum doch eitle Frage gestellt.“
HIM|3|640319|14|0|Habe Ich darum den schlechten Haushalter seines Herrn, was ihr im Grunde alle mehr oder weniger seid, wegen seiner schlechten Haushalterei verdammt, weil er seinen Herrn betrog, aber dabei dessen Schuldnern eine Wohltat erwies, und das noch dazu deshalb, weil er wohl wusste, dass ihn sein Herr vom Dienst entlassen werde? Ich sagte da nicht: Werdet solch einem Haushalter nicht gleich, sondern – tut desgleichen, wie auch er getan hat, und jene, denen ihr auf Rechnung Meines Namens geistige und leibliche Wohltaten erwiesen habt, werden euch dereinst in ihre himmlischen Wohnungen aufnehmen!
HIM|3|640319|15|0|Wo sieht bei solch einer Lehre der schreckliche einstige jüngste Gerichtstag heraus, in welchem die zwei euch bekannten Nach-Evangelisten – als der l'Rabbas statt des Matthäus und der Theophilus statt des Lukas – so manches wider Meine Liebe und Weisheit sich haben zuschulden kommen lassen?
HIM|3|640319|16|0|Das meiste und Schaudererregendste aber ist erst nach der großen Kirchenversammlung zu Nicäa – sowohl von Seiten der griechischen, noch mehr aber der römischen Oberbischöfe geschehen. Denn diese haben sich alle Mühe gegeben, zum Teil aus dem heidnischen Tartarus und zum Teil aus dem alten jüdischen Scheol dem jüngsten Gericht, dem Fegefeuer und der Hölle die lebhaftesten Farben zu verleihen und haben aus Mir in einer Person den euch bekannten Äakus, Minos und Rhadamantus, die das jenseitige Richteramt über die Seelen der Verstorbenen führten, gemacht. Und Ich müsste demnach allerunerbittlichst und unbarmherzigst alles richten, verdammen und auf ewig in die Hölle verfluchen, was sich nicht den Anordnungen und Befehlen des sogenannten Heiligen Vaters in Rom fügt.
HIM|3|640319|17|0|Ich meine euch hiermit zur Genüge gesagt zu haben, dass weder Ich noch irgendeiner Meiner echten Evangelisten die Erfinder und Lehrer alles dessen sind und sein können. Denn Ich kann doch von Mir nicht selbst behaupten, dass Ich heute die höchste Liebe und Erbarmung bin und morgen die höchste Rachgier, unerbittlichste Unbarmherzigkeit und ewige Straf- und Martersucht gegen Meine Kinder ob ihrer Vergehen, an denen sie grundursächlich oft nicht den hundertsten Teil der eigentlichen Schuld tragen.
HIM|3|640319|18|0|Denn Ich bin ja nicht gekommen, um das, was verloren war, noch mehr verloren zu machen, sondern es in aller Liebe aufzusuchen und wieder an das Licht zu bringen, damit es nicht verlorengehe. Als Heiland kam Ich ja nur der Kranken und nicht der Gesunden wegen in die Welt. Hätte Ich die Kranken etwa noch kränker machen sollen, als sie es ohnedies schon waren? Das ginge wohl nach der Lehre und nach dem Sinne der Pharisäer und besonders der vielen sogenannten heiligen Väter Roms, aber nie nach Meinem Sinne, der Ich Selbst als Mensch Mich von anderen Menschen nicht einmal ‚guter Meister‘ benamsen ließ. Da geht das unmöglich; denn Ich sagte: Was heißet ihr Mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. Also sollt ihr auch niemanden ‚Vater‘ nennen, außer euren Vater im Himmel. Und niemand ist heilig, denn euer Gott allein.
HIM|3|640319|19|0|Was ist hernach von einem solchen sein wollenden Stellvertreter Gottes auf Erden zu halten, der sich selbst „Heiliger Vater“ und „Euer Heiligkeit“ titulieren lässt, – und was von dem am meisten von ihm ausgehenden jüngsten und vorhergehenden besonderen Gericht, Fegefeuer und Hölle zu halten?!
HIM|3|640319|20|0|Ich sage euch, ebenso viel als von seiner Heiligkeit, von seinen ihm untergeordneten Eminenzen, vom Stuhl Petri in Rom, welche Stadt Petrus nie gesehen hat, und von den Kreuzpartikeln etwa desjenigen Kreuzes, auf dem Ich gekreuzigt wurde, das sich aus höchst wohlweisen Gründen auf der ganzen Erde ebenso wenig als echt irgend mehr vorfindet, als wie wenig Mein Leibrock, der zu Trier in Deutschland zu öfteren Malen gezeigt wurde, echt ist oder die Gebeine der Leiber der Drei Könige in Köln oder die drei eisernen Nägel in Mailand, da es deren in allen römischen und griechischen Kirchen zusammen eine solche Anzahl gibt, dass man mit ihnen eine kleine Eisenbahn herstellen könnte.
HIM|3|640319|21|0|Das Weitere könnt ihr euch wohl selbst denken, und Ich brauche euch darüber nicht viel mehr zu sagen. Dass man bis jetzt bereits über drei echte Köpfe Johannes des Täufers gefunden hat, wird euch mehr oder weniger bekannt sein sowie auch, dass man in der Grotte Meiner Geburt noch fortwährend versteinerte Milch Meiner Mutter Maria auffindet und ums Geld an die frommen Pilger verkauft nebst vielen anderen heiligen Reliquien.
HIM|3|640319|22|0|Haltet euch daher nur an den Evangelisten Johannes, denn dieses Evangelium sowie seine Offenbarung sind von seiner Hand geschrieben. Was aber die zwei anderen Evangelisten betrifft, als den Matthäus und Lukas, so habe Ich euch schon gezeigt, welche Bewandtnis es mit diesen beiden Evangelien hat. Nach Johannes ist Markus noch am meisten zu berücksichtigen, denn das, was er in aller Kürze gibt, hat er zumeist aus den Schriften und Lehren des Apostels Paulus geschöpft.
HIM|3|640319|23|0|Und somit [Schluss] in puncto des allerschrecklichsten, am Ende aller Zeiten kommen sollenden jüngsten Gerichtstages — Amen!
HIM|3|640320|1|1|Erläuterung vom Herrn (Fortsetzung). Zum Verständnis des vierzigtägigen Aufenthaltes Jesu in der Wüste – 20. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640320|1|0|Fortsetzung der Erklärung jener Verse, die schon seit lange her allen Gelehrten und auch vielen Theosophen selbst vom besten Schrot und Korn ein Stein des Anstoßes waren.
HIM|3|640320|2|0|Unter diese Verse, deren es besonders im Matthäus- und Lukas-Evangelium eine Menge gibt, gehören auch diejenigen, in denen die Rede ist, wie Ich vom Geiste in die Wüste geführt wurde, daselbst vierzig volle Tage und Nächte fastete und Mich endlich vom Teufel dreimal versuchen ließ, da es Mich schon sehr gehungert habe.
HIM|3|640320|3|0|In naturmäßiger Hinsicht ist diese Erzählung ganz natürlich ein barster Unsinn, denn als ein purer Mensch kann niemand so lange ohne Speise und Trank verbleiben, da ein Viertel von solcher Zeit für jeden Menschen hinreichend wäre, das physische Leben einzubüßen. Ferner wird wohl jeder einsehen, ob man in einer wirklichen Wüste auch nur für den äußersten Notfall etwas zu essen und zu trinken bekommen könnte! Man müsste sich höchstens mit hie und da vorkommendem dürrem Moos, verdorrten Distelstauden und dergleichen mehr begnügen und stundenlang gehen, bis man irgendein faules Wasser anträfe, um sich den Durst zu stillen.
HIM|3|640320|4|0|Es ist daraus ersichtlich, dass ein solches Fasten in natürlicher Hinsicht höchstens nur bei jenen Tieren stattfinden kann, die dem Winterschlaf unterworfen sind, nie aber bei Menschen, von denen niemand über acht Tage hinaus ohne Speise und Trank das physische Leben erhalten kann.
HIM|3|640320|5|0|Man wird aber hier von einer gewissen zelotischen Seite her die Einwendung machen: Ich war aber nicht nur purer Mensch, sondern auch Gott zugleich, und die Gottheit in Mir habe Meinen Leib vollkommen gut vierzig Tage und Nächte ohne Speise und Trank am Leben erhalten können. – Ich aber sage dagegen: Wenn das der Fall war, so habe Ich nicht gefastet; denn die natürliche Speise hat auch nur von Gott aus verordnet die Kraft, den menschlichen Leib zu ernähren und zu erhalten. Ist das demnach nicht alles eins, ob jemand mittelbar oder unmittelbar durch die göttliche Kraft und Macht ernährt, erhalten und gekräftigt wird?!
HIM|3|640320|6|0|In Asien, namentlich in so manchen Grotten des hohen Indien, gibt es heutzutage noch eine eigentümliche Luftgattung, in welcher ein Mensch viele Wochen lang ohne Speise und Trank zubringen kann, man heißt sie daher auch die Lebensgrotten. Sie haben eine so stärkende und nährende Ausdünstung, die den menschlichen Leibesorganismus ebenso gut ernährt, als eine magere Speise und verhältnismäßiger Trank.
HIM|3|640320|7|0|Diese Grotten, auch das sie umgebende Erdreich auf eine ziemlich sie umgebende Strecke, wurden und werden zum Teil noch für heilig gehalten und dienen vielen armen Menschen, die dahin wallfahrten, zur oft monatelangen Unterkunft; denn fürs Erste werden sie in solchen Grotten genährt und besonders Kranke auf eine eigentümliche Weise gestärkt und dadurch wieder geheilt. Wenn oft die vorfindbaren Grotten nicht hinreichen, so werden in das schon vorbesagte Erdreich Gräber gemacht und die Kranken und Hungrigen werden da hineingelegt, manche in einer Art von durchlöcherten Särgen, die meisten jedoch ganz nackt, bloß den Kopf in ein Tuch eingehüllt, und darauf mit etwa einem Schuh Erde überdeckt, wo sie dann in solch einem Grab ebenfalls mehrere Wochen lang aushalten können und darauf, wie von einem magnetischen Fluidum gestärkt und von ihren mannigfachen Krankheiten geheilt, sich in ihre Heimat begeben können, natürlich unter Hinterlassung etwelcher kleiner Opfer an die diese Grotten und Gräber bewachenden Priester. Und fürs Zweite ziehen solche genährte und geheilte Pilger als lebendige Zeugen von diesem Wunder, das sie in sehr lebendigen Farben zu schildern verstehen, gar leicht viele Fremde an, dass diese dann mit größeren Schätzen beladen zu diesen Wundergrotten und Gräbern hin wallfahrten und den dortigen Priestern für die von ihnen ausgeführten Heilproben ganz erkleckliche Summen Goldes und Silbers hinterlassen.
HIM|3|640320|8|0|Jetzt geschieht erst die Frage: Woher nehmen diese Grotten und das sie umgebende Erdreich solchen Nährstoff? Die Antwort wird für einen wissenschaftlichen Forscher sicher nicht schwer zu verstehen sein.
HIM|3|640320|9|0|Das hohe Tibet ist im Besitz weithin gedehnter Reihen der höchsten Gebirge der ganzen Erdoberfläche. Diese vielen überaus hohen Gebirgs- respektive Gletscherspitzen ziehen denn auch fortwährend die stärkste Portion des elektromagnetischen Fluidums zum größten Teil von Norden und als Austausch auch vom Südpol an sich. Das elektromagnetische Fluidum vom Norden (als positiv) verbindet sich besonders in den schon mehr südlich gelegenen Teilen dieses großartigen Gebirgsstockes mit dem aus Süden herströmenden negativen Fluidum und bildet daselbst einen ganz eigentümlichen Lebensstoff, der oft so mächtig ist, dass von den Bäumen abgehauene Zweige auf das Erdreich gelegt gar nicht vertrocknen, sondern gleichfort grünen, in das Erdreich neue Wurzeln treiben und abermals zu Bäumen werden, aus welchem Grunde man in jenen Gegenden noch auf Höhen von 14.000 Fuß über der Meeresfläche eine so üppige Gras- und Gesträuchvegetation findet, wie sonst auf der ganzen Erdoberfläche nirgends.
HIM|3|640320|10|0|Ich habe dieses Beispiel darum hierher gesetzt, um euch zu zeigen, dass es sich im fernen und hohen Indoasien, in welchem doch auf Höhen von 5.000 bis 8.000 Fuß über der Meeresfläche noch die üppigsten Weingärten gebaut werden, wohl vierzig Tage und Nächte lang fasten ließe. Allein in einer Wüste, allenfalls des steinigen Arabiens und besonders in der afrikanischen Wüste Sahara soll es jemand nur versuchen, vierzig Tage und Nächte zu fasten, und Ich stehe ihm dafür, dass er in dieser Zeit schon zu einer vollkommenen Mumie wird.
HIM|3|640320|11|0|In der Gegend Galiläas wie auch Kanaans und Samarias gab es zu Meiner Zeit keine solche Wüste, in der man, um sich zu sättigen, nötig gehabt hätte, aus Steinen Brot zu machen. Und Ich als Gott und Mensch hätte, um Mich zu erhalten, wie schon gesagt, das nicht nötig gehabt; denn hätte Ich natürliche Speise zu der Zeit, wenn auch noch so mager, zu Mir genommen, da hätte Ich nach dem Begriff der Zeloten nicht gefastet, – und hätte Ich Mich von der Gottheit in Mir wunderbar erhalten und kräftigen lassen, so hätte Ich ebenso wenig gefastet wie die Pilger in den vorhin beschriebenen hochtibetanischen Grotten. Und es ist somit dieses Mein in dem wahren Pseudo-Matthäus beschriebene Fasten ebenso wie vieles andere ein gänzlich missverstandener Griff, sowie die am Ende dieser Fasten buchstäblich erzählte Versuchung des Teufels, die Ich aus irgendeinem Grunde über Mich hätte kommen lassen, – und Ich wüsste auch bei aller Meiner unendlichen Weisheit wahrlich nicht, aus welchem Grunde.
HIM|3|640320|12|0|Denn was ist eigentlich der Teufel oder der Satan? Es ist die tote Materie und die in sie gebundenen und dadurch oft eine überaus lange Zeit hin gerichteten Geister, die nirgends starrer und gerichteter sind als eben in einer Wüste, in der es stets am meisten des Todes und am wenigsten des Lebens gibt.
HIM|3|640320|13|0|Wenn demnach aber der Teufel oder der Satan das ist, und Ich Selbst von Ewigkeit aus die höchste Liebe und Weisheit – aus welchem Grunde hätte Ich Mich denn sollen vom Satan auf eine solche Weise versuchen lassen, über die ein nur ein wenig heller denkender Mensch augenblicklich den Kopf schütteln muss? Ich hätte auch ohne seinen Rat Mir Brot und Trank verschaffen können, um damit Meine leibliche Person zu ernähren, da Ich doch so oft nachher imstande war, ein paar Male viele Tausende mit sehr wenigen Broten zu sättigen und gar viele Male die leeren Speisekammern mit Brot, Mehl und dergleichen vollzupfropfen und die leeren Weinschläuche in den Kellern zu füllen.
HIM|3|640320|14|0|Und warum hätte Ich Mich sollen von dem Versucher auf die Zinne des Tempels zu Jerusalem stellen lassen? Es hätte zu diesem Zweck ja irgendeine hohe Felsenwand auch gedient, wo Ich nicht von gar vielen Menschen, die stets um den Tempel waren, hätte gesehen und beobachtet werden können. Wäre Ich wirklich auf einer hervorragenden Zinne des Tempels gestanden, so hätte Mich sicher einer oder mehrere gefragt, wie Ich da hinaufgekommen sei und was Ich da oben machte und suchte, und man hätte Mich von dieser Stelle nicht gar zu leichten Kaufes in die Wüste wieder zurückziehen lassen, und es wäre von Jerusalem aus über ein solches Faktum sicher eine Notiz und von dieser eine Weitererzählung gemacht worden.
HIM|3|640320|15|0|Am Ende wünscht der Teufel auf der Spitze eines hohen Berges, dessen Name der Evangelist nicht angibt – wahrscheinlich aus dem einfachen Grunde, weil der Sidonier das Innere Galiläas oder Kanaans zu wenig kannte und demnach auch irgendeinen dem Namen nach unbekannten Berg zu Leihe nahm, auf dem Ich als Besitzer der ganzen Unendlichkeit gestanden sein soll, um für die Beschenkung mit den Reichen dieser Erde, die in ihrem ganzen Bereich für Mich ein völliges Nichts ist, ihm die Anbetung zu zollen, worauf Ich ihm dann erst das consilium abeundi [den Rat, wegzugehen] gegeben habe.
HIM|3|640320|16|0|Ja, es liegt an dieser, aber in eurem Evangelium ganz missgegriffenen und missverstandenen Erzählung des wirklichen Evangelisten Matthäus wohl etwas, aber sie ist nicht im Geringsten materiell.
HIM|3|640320|17|0|Ich habe Mich von dem Haus Josephs als Mensch wirklich auf vierzig Tage lang entfernt und ging in die Nähe, allwo Johannes der Täufer bald hier und bald dort in der Gegend des Jordans seine Bußpredigten hielt; und Ich bereitete Mich auch in Meiner menschlichen Natur für das vor, was Ich effektiv bald darnach antrat. Dass Ich als Mensch bei dieser Gelegenheit nur ganz mäßig lebte, versteht sich von selbst, da Ich doch als Zimmermann nie ein Schwelger war.
HIM|3|640320|18|0|Ich durchdrang mit Meinem Geiste nicht nur diese ganze Erde, sondern die gesamte unendliche materielle Schöpfung. Zu dem Behuf, wie es am ehesten und leichtesten wäre, allen in der Materie gefangenen Geistern die volle Freiwerdung ihres Ichs und die vollste Selbständigkeit ihres ganzen geregelten Wesens zu bewerkstelligen; dazu habe Ich eben diese Prüfung in Verbindung Meines Leibes mit Meinem Geiste vorgenommen. Und seht, es zeigten sich Mir Selbst in Mir drei vollkommene Möglichkeiten:
HIM|3|640320|19|0|Die erste, darin bestehend, die ganze materielle Schöpfung in einem Moment aufzulösen und den darin gefangenen Geistern eine geschöpfliche Existenz zu geben, in welcher sie Mich wohl erkennen, aber Mir dennoch nie völlig ähnlich werden sollten.
HIM|3|640320|20|0|Zweitens, sie in der Materie noch zu belassen auf eine kurze Zeit, aber sie dann auferstehen zu lassen ohne die vielen Stufenvorgänge; sie dann in gewisse Vereine abzuteilen und so fortbestehen zu lassen. Aber in diesem Falle hätten sie sich so gestaltig und geartet in ihren Vereinen, mit größerer Intelligenz begabt, leicht von den hohen Zinnen ihrer Erkenntnis hinabstürzen können, und Mir bliebe dann wieder eine zweite Gefangennehmung in eine gefestetere Materie als notwendig übrig.
HIM|3|640320|21|0|Fürs Dritte zeigte sich auch eine Möglichkeit darin, alle die gefangenen Geister wieder auf einmal zu erwecken und sie auf die Stufe der urgeschaffenen großen Geister, aber separiert, zu stellen. Dies hieße aber so viel, als sie dem Urhochmut preiszugeben, und es wären dadurch aus dem einen verlorenen Sohn zahllose Äonen geworden, die viel schwerer die wahre Heimkehr gefunden hätten. Und es blieb darum diese große Idee als untauglich von Mir hintangewiesen, und der Weg, nämlich dadurch, dass Ich die Materie Selbst in Meiner vollen Göttlichkeit durchbräche und durchwandere, derjenige für alle Ewigkeit angenommene und endgültige, auf dem alle Kreatur zu ihrer vollsten Freiheit und Selbständigkeit, Mir ähnlich, gelangen kann.
HIM|3|640320|22|0|Und seht, darin besteht geistig Mein Fasten und die von dem Evangelisten zu materielle Erzählung der Versuchung des Teufels an Meiner Person.
HIM|3|640320|23|0|Also ist diese evangelische Sache auch anzunehmen, zu glauben und zu verstehen. Wer sie aber nach der materiellen Darstellung annimmt, der wird auf die Erklärung und das Verstehen schon im großen Jenseits warten müssen; und dergleichen zu warten Habende gibt es ohne ihre Schuld gar viele. Daher wird ihnen solches auch nicht als ein Übel angerechnet werden, sondern sie werden in einem helleren seelischen Zustand schon eines Besseren innewerden. Denn wie sollte man den vielen stockblinden Menschen das auch für ein Übel annehmen, an dem sie nicht die geringste Schuld haben?
HIM|3|640320|24|0|Es ergeben sich hier noch wie von selbst zwei leicht zu beantwortende Fragen.
HIM|3|640320|25|0|Die erste: Warum habe Ich, als allwissender und allmächtiger Gott und Herr, es denn zugelassen, dass Mein reines, zu den Aposteln und sogar vielen anderen Menschen gebrachte Wort von diesen und von so vielen Evangelisten nicht selten auf die widersprechendste Art überliefert wurde, und dass von Mir gar wenig Wahrnehmbares dem entgegen unternommen wird?
HIM|3|640320|26|0|Diese Frage ist ebenso, als so man Mich fragte, warum Ich auf dieser Erde nicht lauter Weizen, Korn und Gerste und edle Obst- und Fruchtbäume habe aus dem Boden der Erde wachsen lassen. Ich glaube, diese Frage bedarf wohl keiner näheren Beantwortung, da schon seit langer Zeit die Menschen durch ihr Forschen die Erfahrung gemacht haben, dass es nicht ein Unkraut auf der ganzen Erde gibt, aus dem bei gerechter Anwendung nicht etwas Nützliches und Heilsames bereitet werden könnte. Die Apotheker und Ärzte werden das wohl am besten verstehen, dass man aus dem puren Weizen, Korn und Gerste kein Fieber heilen, keinen Ausschlag vertreiben und kein Bauchgrimmen stillen kann!
HIM|3|640320|27|0|Wie es sich hier verhält, dass also alles seinen Nutzen und Zweck hat, so haben auch die vielen irr- und abergläubigen Menschen auf dieser Erde Nutz und Zweck. Denn wären gleich alle, wie sie schon auf die Welt kommen, einem Erzengel Raphael gleich erleuchtet, aber noch mit ihren trägen Leibern behaftet, so würde auch kein Mensch sich rühren, über etwas nachdenken und bemüht sein, die reine Wahrheit zu suchen und zu finden. Es träte da bald eine allgemeine Lethargie ein, da kein Mensch dem anderen etwas nützen und schaden könnte. So aber werden die mit einem helleren Verstand begabten Menschen erst durch die dummen recht mit in den Eifer gesetzt, der Dummheit und der Finsternis, je mehr sich diese auszubreiten drohen, desto eifriger und energischer entgegenzutreten, und haben dann eine große Freude daran, so sie durch ihren Eifer eine Menge blinder Tölpel auf den Weg des Lichtes gebracht haben.
HIM|3|640320|28|0|Und zu dem Behuf taugen dann auch die sich im materiellen oder Buchstabensinn widersprechenden Evangelien. Den reinen Geist enthalten sie dennoch, den ein jeder von Mir nur ein wenig Erleuchtete schon herausfinden kann.
HIM|3|640320|29|0|Was aber die sogenannte gemeine Menschheit betrifft, die in ihrer blinden Einfalt den Kindern gleich auch einen messingnen Tantes [Tand aus Messing?] für einen vollen Dukaten annimmt, so schadet ihr das nicht; denn ihr wisst ja, dass es in Meines Vaters Haus gar viele Wohnungen und Schulen gibt, in denen solche hier geistig verarmte Seelen zu einem rechten Licht gelangen können und auch werden. Und darin liegt auch der Grund, warum Ich mit den sogenannten verstand-, vernunft- und sinnlosen Statthalterschaften Gottes auf dieser Erde Geduld habe und trage. Aber es hat hier dennoch alles seine Zeit und Dauer. Was heute noch blüht und besteht, kann morgen schon verdorren und vergehen! Das wäre also die Antwort auf die erste Frage.
HIM|3|640320|30|0|Die zweite Frage aber besteht darin: Wie konnte Ich, als die höchste Weisheit von Ewigkeit, darin mit Mir Selbst gewisserart einen Mich Selbst versuchenden Rat halten, auf welche Art und Weise alle in der Materie gebundenen Geister auf das Zweckdienlichste in ihre Freiheit und Selbständigkeit übergehen könnten?
HIM|3|640320|31|0|Nun, diese Frage scheint freilich schwieriger zu beantworten zu sein, denn die erste. Allein Ich aber sage: Sollte denn Ich als das ewig höchstweise Wesen nicht auch zuweilen Mir das Vergnügen gönnen, bei gar großen und wichtigen Schöpfungsangelegenheiten mit Meiner inwendigen Liebe ein wenig zu beraten, wie dies oder jenes besser und zweckdienlicher wäre? Solche Beratung ist für Mich eine erhöhte Seligkeit, so wie auch für alle Mir ähnlichen höchst weisen Engelsgeister in der ganzen Unendlichkeit! Dient ein tieferes Nachdenken über einen hochwichtigen Gegenstand ja einem guten und weisen Menschen dieser Erde schon zu einem großen ihn beseligenden Vergnügen, warum sollte dann Ich – als der Urschöpfer aller zahllosen Gedanken und Wünsche in den Menschen und Engeln – des Vergnügens, göttlich zu denken, gänzlich entbehren?
HIM|3|640320|32|0|Ich hätte auf der Erde alles auch so einrichten können, dass die Früchte, die da erst nach und nach reif werden, schon reif gleich dem Regen, Hagel und Schnee entweder auf die Erde fielen gleichwie dereinst das Manna für die Israeliten in der Wüste, oder sie sollten wenigstens auf den Bäumen und Gesträuchen von heute bis morgen reif werden. Ich aber meine, dass es eben auch nach Meinem Ratschluss also alles am besten auf dieser Erde eingerichtet ward, wie es eben eingerichtet ist. Und die Menschen haben am Ende über einen blühenden Baum eine ebenso große Freude wie über einen schon mit reifer Frucht behangenen.
HIM|3|640320|33|0|Es gleichen dergleichen Fragen, die hie und da mit der Zeit irgendein hochweiser Gelehrter aufwerfen könnte, so ziemlich demjenigen Streit der alten absurden Weltweisen, die da die hochwichtige Frage aufwarfen: Was die Gottheit eher erschaffen habe, das Ei oder die Henne? Denn ohne das Ei könne weder ein Hahn noch eine Henne auf die Welt gekommen sein, und ohne die Henne und einen Hahn aber konnte kein befruchtetes Ei in die Welt gesetzt werden! – Ich aber frage da entgegen: Ob zur Geburt einer Zentral- oder anderen Sonne oder einer Erde auch ein vorhergehendes Ei notwendig war? Wer sonach diese großen Dinge aus Sich hervorrufen kann, Dem wird von der hohen Gelehrtheit der Menschen dieser Welt aus auch erlaubt sein, entweder die Eier oder die Hühner mit dem Hahn zuerst ins Dasein zu rufen.
HIM|3|640320|34|0|Das erste Menschenpaar bedurfte auch keines Eies, um aus demselben hervorzukriechen. Der Mensch ward von Mir so wie jede andere Kreatur sogleich vollkommen in die materielle Welt gesetzt, und zwar mit der alsogleichen Verleihung der nachherigen Fortpflanzungsfähigkeit, welcher Akt ein viel natürlicherer ist, als dass Ich auf der Erde zuvor lauter Eier gelegt hätte, aus denen aller Art Kreaturen durch die Sonnenhitze herausgehegt hätten werden sollen.
HIM|3|640320|35|0|Ich meine, mit dem werdet ihr auch über die zweite Frage im Reinen sein; und somit nichts mehr Weiteres über Mein vierzigtägiges und nächtliches Fasten und über Meine Teufelsversuchung in der Wüste. Somit gut für jetzt, und nächstens wieder einen anderen mit dem reinen Verstand und der reinen Vernunft nicht übereinstimmenden Text aus den Evangelien. Amen.
HIM|3|640322|1|1|Erläuterung vom Herrn (Fortsetzung). Anmerkung – 22. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640322|1|0|Eine Anmerkung. Zu der im Evangelium vorkommenden Versuchung des Teufels in der Wüste, auf der Zinne des Tempels und auf der Spitze eines hohen Berges diene noch Folgendes zur gänzlichen Erkenntnis dieser für alle Welt mystischen Angelegenheit, die aber nicht in der naturmäßigen, sondern bloß nur in der geistigen Welt zu nehmen und zu verstehen ist.
HIM|3|640322|2|0|In jener Zeit von vierzig Tagen der Vorbereitung zu Meinem Lehramt ließ Ich es zu, dass an einem oder dem anderen Tag allerlei gute und auch schlechte Seelen verstorbener Menschen sich Mir nahen und ihre Anliegen vorbringen konnten.
HIM|3|640322|3|0|Da kam gegen das Ende denn auch eine Seele aus der Urzeit zu Mir. Sie war einst ein gar arger und böser Herrscher und sprach zu Mir die bekannten Worte, die im Evangelium aufgezeichnet sind, und stellte sich eben im Geiste auf die bekannten drei Punkte.
HIM|3|640322|4|0|Darum sagte Ich dieser noch sehr armen Seele, die einst auch auf der Erde als Mensch gewandelt und gehandelt hatte: Der Mensch lebt nicht allein vom Brot, sondern auch von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes kommt. – Und auf der Zinne des Tempels (eben auch nur im Geiste): Du sollst Gott allein dienen und Ihn also nicht versuchen, wie du Ihn einst als Mensch auf der Welt versucht hast. – Und auf der Spitze des Berges, wo der Geist dieses bösen Königs alle Reiche zu geben versprach, über welche er einst zu gebieten hatte, so Ich ihm eine göttliche Verehrung gäbe, darauf Ich ihn dann von Mir hinwegschaffte. Denn es war der Geist oder die Seele dieses Königs eine ganz ähnliche, wie da war der Geist oder die Seele des babylonischen Königs Nebukadnezar, der das, was er in seinem Namen beurkundete, von seinem Volk auch bei Lebensstrafe verlangte. Sein Name aber besagte: Es gibt außer mir Zar keinen Gott! Mich müsst ihr anbeten und als euren Gott mit kostbaren Opfern höchst verehren. – Dass Ich dem Nebukadnezar ein ganz seltsames consilium abeundi [den Rat, wegzugehen] gab, braucht ihr nur in der Schrift nachzuschlagen und nachzulesen.
HIM|3|640322|5|0|Ein solcher Mensch oder Geist verdient auch nichts Besseres mehr als Hebe dich weg Satan! – unter dieser Gestalt nie mehr vor Mein Angesicht zu kommen.
HIM|3|640322|6|0|Diese kurze Anmerkung mag euch noch als berichtigende Erklärung zu Meinem vierzigtägigen und nächtlichen Fasten in der Wüste und zu der teuflischen Versucherei dienen. Und nun mögt ihr mit einem anderen evangelischen Widerspruch zum Vorschein kommen. Ich werde ihn berichtigen.
HIM|3|640321A|1|1|Erläuterung vom Herrn (Fortsetzung). Zum Backenstreich und Mantel – 21. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640321A|1|0|Was das 5. Kapitel und den 39. Vers (Matthäus) betrifft, worin es heißt, dass sie nicht widerstreben sollen dem Übel, sondern so jemand jemandem einen Backenstreich gäbe, so solle er ihn nicht vergelten mit einem Gegenbackenstreich, und Vers 40: „So jemand rechten will mit dir um deinen Rock, da gebe ihm lieber auch noch den Mantel dazu“, ist folgendes zu bemerken:
HIM|3|640321A|2|0|So jemand nur ein wenig helleren Denkens ist, so wird er das wohl auf den ersten Blick einsehen, dass dieses von Mir Gesagte nicht von fernhin dem materiellen Sinne nach seine Anwendung finden soll und finden kann; denn Ich habe dieses zwar gesagt bei einer Gelegenheit, als man Mich fragte, ob des Moses Anordnungen durch Meine pure Liebespredigt aufgehoben seien. Ich aber sagte: „Ich hebe kein Jota vom Gesetz Mosis auf und erfülle es insoweit, als es die Liebe in sich enthält. Es ist wohl wahr, dass zu den Alten durch Moses ist gesagt worden: ‚Aug’ um Aug’ und Zahn um Zahn! Und wer einen totschlägt, der solle auch wieder durch den Tod bestraft werden‘; aber unter euch, Meinen Jüngern, soll es anders sein!“
HIM|3|640321A|3|0|Und eben da habe Ich das Beispiel von dem Backenstreich und von dem Streit über den rechtmäßigen Besitz eines Rockes gegeben, das freilich wohl nicht ganz richtig niedergeschrieben wurde. Und dazu kamen noch die nachweiligen Übersetzungen von der hebräischen Sprache in die griechische, von der in die römische und lange darauf von den drei erstgenannten Sprachen erst in die deutsche, die in der Übersetzungszeit noch sehr wortarm war und für manchen Ausdruck in den drei Sprachen nicht ein Wort hatte, um ihn richtig zu geben.
HIM|3|640321A|4|0|Und es sollen demnach diese Verse genauer also lauten: „So du mit einem Bruder oder Nachbarn einer kleinen Sache wegen in einen Streit geraten bist und er schlagheftig dir entgegentrat, so werde du nicht noch heftiger, sondern reiche ihm freundlich die Hand und vergleiche dich im Frieden mit ihm, auf dass die alte Freundschaft unter euch wieder belebt werde!“
HIM|3|640321A|5|0|Darin ist also von einer Ohrfeige keine Rede. Eben dadurch hätte Ich dem Stärkeren ein Recht eingeräumt, seinem schwächeren Bruder oder Nachbarn, sooft es ihm beliebt hätte, nicht nur mit einem, sondern mit zwei Backenstreichen aufzuwarten. Und ebenso verhält sich die Sache auch mit dem Rechten um einen Rock. Um aber dieses Rechten eines Rockes wegen richtiger zu verstehen, muss man in den jüdischen Haussitten und Gebräuchen eine wenigstens halbwegs genügende Kenntnis haben.
HIM|3|640321A|6|0|Es war unter ihnen von alters her Sitte und Gebrauchsform: So jemand zu einer Zeit, da er gewöhnlich kein Geld hatte, auch keine verkaufbaren Haustiere, bedurfte aber dennoch eines Rockes oder Mantels oder beider Kleidungsstücke zugleich, so ging er zu einem oder dem anderen Kleidermacher seiner Gemeinde oder des Ortes hin, stellte ihm seine Lage vor und bestimmte ihm den Zahlungstermin.
HIM|3|640321A|7|0|Nun geschah es aber sehr häufig, dass so mancher seinen Zahlungstermin entweder nicht einhalten konnte oder gar oft auch nicht wollte. Und der Rock- und Mantelsteller war zwar verpflichtet, ihm noch bis zu einem nächsten – zweiten, ja sogar bis zum dritten und letzten [Termin] — aber gegen ein kleines Interesse, zu warten, bis endlich der dritte und letzte Termin verflossen. Nach dem dritten Termin hatte der Rock- und Mantelsteller das Recht, das Bedungene von dem zu verlangen, dem er den Mantel und Rock gestellt hatte; und da ging es vor einem Richter oft nicht selten sehr hitzig her. Der Rocksteller wollte sein Bedungenes; der Besitzer des Rockes und des Mantels aber brachte allerlei Gründe vor, nach denen er auch nach dem abgelaufenen dritten Termin seinen Gläubiger nicht befriedigen könne.
HIM|3|640321A|8|0|Für diesen Fall bestand bei den Juden ein Gesetz, dass im Falle einer wirklichen Zahlungsunfähigkeit die Gemeinde verpflichtet war, den Kleidungssteller zu entschädigen und ihn dadurch erwerbsfähig zu erhalten. Sie hatte dafür aber das Recht, mit der Zeit sich an dem zahlungsunfähigen Gemeinde-Insassen zu entschädigen, so sie gewahr würde, dass dieser zahlungsfähig geworden ist, was aber unter zehn solcher Schuldner oft kaum einer werden wollte und für seine permanente Zahlungsunfähigkeit allerlei Gründe vor die Gemeinde zu bringen verstand.
HIM|3|640321A|9|0|Dadurch kam es oft zu jahrelangen Streitigkeiten in einer solchen Gemeinde, und Ich wurde einmal darüber befragt, was da Rechtens wäre, um solchen Übeln zu begegnen. Und da eben sagte Ich: Das beste und wirksamste Mittel bestehe darinnen, erstens nach dem Gesetz Mosis vollkommen redlich und ehrlich sein, nach dem niemand etwas begehren oder verlangen solle, was seines Nächsten ist. Da es sich aber um das Rechten eines Rockes handelt, so möge das für den Schuldner und den Gläubiger gelten: zum wenigsten ein- bis zweimal lieber den Rock – und am Ende auch noch den Mantel hin sein zu lassen, als die ganze Gemeinde in viele unnütze Streitigkeiten und Zwistigkeiten zu verleiten.
HIM|3|640321A|10|0|Nun, wer das weiß, wird Mir unmöglich Unrecht geben können, dass Ich solchen Rat erteilt habe, damit für die Folge Friede und Einigkeit unter ihnen erhalten werde. Der Evangelist hat aber schon an und für sich solches, da ihm das Schreiben etwas lästig geworden ist, mit so wenig Worten als möglich wiedergeben wollen, um Zeit und Mühe zu ersparen; denn das Schreiben ging in jener Zeit nicht so hurtig vor sich, sondern nur sehr mühsam und langsam. Und zu einer solchen Schreibseite, die gegenwärtig ein nur mäßig fertiger Schreiber in der Zeit von 20 bis 30 Minuten niedergeschrieben hat, brauchte ein l'Rabbas in Sidon, ein Lukas in Jerusalem und ein Theophilus zu Athen, Korinth oder Syrakus, wo er sich oft zeitweilig aufhielt, bei allem Fleiß etwa acht Tage; denn entweder musste er seine Buchstaben mit stählernem Griffel in dazu eigens verfertigte harte Steinplatten eingraben, oder er musste sie mit einem feinen Malerpinsel auf Pergament förmlich hinmalen.
HIM|3|640321A|11|0|Für den geübten Maler oder Schreiber mit einem Pinsel ging es mit dem Aufzeichnen der Buchstaben freilich um etwas geschwinder, aber auch nicht um ein sehr Bedeutendes als mit dem alten Griffel. Und das war denn auch der Grund, warum sich die Schreiber zu Meiner Zeit so kurz fassten. Und ein l'Rabbas, bis er sein letztes, d. i. fünfzehntes Evangelium auf dem Pergament vor sich hatte, benötigte zu solch einer Arbeit nahe an fünfundzwanzig Jahre, und er war dabei noch sehr fleißig und eifrig. Dass dann dergleichen Schreiber so kurz als möglich sich fassten, nur die Hauptworte gewisserart berührten und die Nebensachen zur Erklärung der Hauptbegriffe hinweg ließen, wird euch nun begreiflich sein.
HIM|3|640321A|12|0|Aber, fragt da schon leicht noch jemand: Moses und auch andere Propheten aus der Vorzeit haben doch ausgedehnte Bücher geschrieben; wie lange hat denn hernach Moses gebraucht, um nur die bekannten fünf Bücher zu schreiben mit Hinweglassung des 6. und 7. Buches nebst einem bedeutenden prophetischen Anhang?
HIM|3|640321A|13|0|Da sage Ich euch darauf, dass nach seiner damaligen Schrift alle die von ihm geschriebenen Bücher dem ganzen Volumen nach nahe nicht mehr ausmachten, als ein Evangelium des Johannes; denn Moses schrieb noch in der ihm wohlbekannten ägyptischen Hieroglyphenschrift. Und erst in der Zeit der Richter, die in dieser Schrift noch wohlbewandert waren sowie in deren Entsprechungen, wurden die Bücher Mosis mit den althebräischen Lettern aufs Pergament gebracht, das man in der alten Stadt Pergamus wohl zu bereiten verstand.
HIM|3|640321A|14|0|Aber selbst diese Schrift war den meisten zu Meiner Zeit lebenden Juden unverständlich, weil die Vokale zwischen den Konsonanten nicht vorkamen; und man fand sich genötigt, eine neue Abschrift zu machen, an der sich die sogenannten alten Schriftgelehrten über zweihundert Jahre lang beteiligten. Und der Name Schriftgelehrter rührte denn auch daher, nicht als ob er den rechten Sinn der Schrift verstände, in welchem Stück die meisten Schriftgelehrten samt den Pharisäern die pursten Schafsköpfe waren, sondern weil sie die alte vokallose Schrift aus den Zeiten der Richter lesen konnten. Daher es euch auch nicht Wunder nehmen soll, dass es zwischen Mir und solchen Schriftgelehrten stets zu einem Wortkampf kam, an dem sie ihrer erwiesenen Blindheit halber kein Wohlgefallen hatten. Mit diesem werden die beiden oben fraglichen Texte begreiflich dargetan.
HIM|3|640321B|1|1|Erläuterung vom Herrn (Fortsetzung). „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen auf die Erde.“ – 21. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640321B|1|0|Aber nun kommt das 10. Kapitel (Matthäus) mit dem 34., 35., 36. Vers, allwo es heißt:
HIM|3|640321B|2|0|„Ihr sollt nicht wähnen, dass Ich gekommen sei, Frieden auf Erden zu streuen. Ich bin nicht gekommen, euch den Frieden dieser Welt zu geben, sondern das Schwert zum Kampf. Denn Ich bin nur gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater, die Tochter wider ihre Mutter und die Schnur wider ihre Schwieger. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“
HIM|3|640321B|3|0|Wer diese drei Verse buchstäblich nimmt, die noch dazu sehr mangelhaft übersetzt sind, der kommt notwendig in ein Labyrinth von Irrtümern, aus denen er auch mit dem Licht einer Urzentralsonne nicht herauskommen kann. Denn wie aus dem Vorhergehenden ersichtlich, lehre und begehre Ich alle erdenkliche Nachgiebigkeit, Friedlichkeit und Freundlichkeit unter den Menschen; und Moses selbst lehrt in seinem vierten Gebot aus Meinem Munde: „Ehre und achte und liebe Vater und Mutter, auf dass du lange lebst und dir es wohlergehe auf Erden.“
HIM|3|640321B|4|0|Wie könnte Ich dann alledem schnurstracks entgegen eine Lehre aufgestellt haben, nach der der Sohn mit seinem Vater, die Tochter mit ihrer Mutter, die Schnur mit ihrer Schwieger usw. mit dem Schwert in der Hand in fortwährendem Unfrieden, in einem Haus noch dazu, miteinander leben sollten!
HIM|3|640321B|5|0|Um diese Texte, die ursprünglich richtig von Mir sind, zu verstehen und sie als Meine Lehre zu würdigen, muss man zuerst wissen, bei welcher Gelegenheit Ich sie ausgesprochen habe und wie infolge einer richtigen Übersetzung.
HIM|3|640321B|6|0|Die Gelegenheit war, als Ich in einem Ort Galiläas das Volk lehrte die Pflichten, die sie Gott und sich selbst untereinander schuldig seien. Und Ich sagte zu ihnen: „Ich lehre euch nichts anderes, als was Mich Mein Vater von Ewigkeit her gelehrt hat, von dem ihr zwar auch sagt, dass Er euer Vater sei, den ihr aber dennoch nie erkennt und erkannt habt. Denn würdet ihr Ihn kennen, so würdet ihr auch Mich kennen, da Mich dieser Vater zu euch gesandt hat.“
HIM|3|640321B|7|0|Sie sagten darauf: „Was machst du aus dir selbst; sind wir nicht Kinder Abrahams und sagte Gott nicht zu Abraham, dass wir alle, die von ihm abstammen, Seine Kinder sind?“
HIM|3|640321B|8|0|Da aber wurde Ich erregt und sagte: „Ihr sollt ja nach der Abstammung von Abraham Gottes Kinder sein; aber ihr seid es schon lange nicht mehr, sondern euer Vater ist der Satan, eure Mutter ist die Legion von allen Teufeln, und eurer Schnur Schwieger ist eure kaum ermessbare Blindheit, Trägheit und Bosheit. Und diese größten Menschenfeinde sind eure eigenen Hausgenossen! Und wer aus euch wieder zur wahren Kindschaft Gottes gelangen will, der ergreife das Schwert der Wahrheit, die Ich zu euch rede, und kämpfe so lange wider solche seine Hausgenossen, bis er sie besiegt hat.“
HIM|3|640321B|9|0|Da fragte freilich das Häuflein Pharisäer und Schriftgelehrte, wie Ich es wagen könnte, sie für Kinder des Satans, aller Teufel und ihrer eigenen Blindheit, Trägheit und Bosheit zu erklären, indem sie erwiesenermaßen alle aus dem Stamme Levi abstammten!
HIM|3|640321B|10|0|Ich aber sagte: „Dem Fleische nach wohl, aber dem Geiste nach seid ihr nicht dem Levi gleich von oben her, von wo auch Ich her bin, sondern von unten her; darum ihr Mich denn auch nicht erkennt, sondern hasst und verfolgt.“
HIM|3|640321B|11|0|Aus dem wird jedem einleuchtend sein und besonders einem tüchtigen und wohlbewanderten hebräischen Schriftkundigen, dass Ich diese von dem Pseudo-Evangelisten Matthäus oder besser von dem euch schon bekannt gegebenen l'Rabbas in Sidon aufgeschriebenen drei euch auffallenden Verse im 10. Kapitel eben nur bei der Gelegenheit ausgesprochen habe, die Ich euch soeben bekanntgab, und wörtlich in der Weise, wie Ich sie euch nun wiedergegeben habe. Denn jene in der Übersetzung, die ihr als ganz widersprechend mit Meinem Geiste aus dem Evangelisten herausgehoben habt, würden ja selbstverständlich Meine Hauptlehre von der Nächstenliebe, wie auch das Gesetz Moses schnurstracks zunichtemachen.
HIM|3|640321B|12|0|Wer aus euch allen, so er nur einen Funken Glauben an Mich und Meine Lehre besitzt, kann es Mir zumuten, dass Ich heute auf das Heiligste allen Menschen ans Herz legte, Gott über alles zu lieben und zu erkennen und seinen Nächsten wie sich selbst, und morgen mit einem anderen Gebot käme und sagte: Hasst und verfolgt euch gegenseitig nach Möglichkeit mit dem Schwert in der Hand. – Ich meine, dass man solch einen Lehrer aus dem Reich der Barbaren offenbar in eine starke Sicherheitsanstalt zu bringen genötigt finden müsste, da so ein Lehrer doch offenbar ins Tollhaus gehörte.
HIM|3|640321B|13|0|Und da Ich euch nun diese Texte im rechten und wahren Geiste erklärt habe, so werdet ihr doch einsehen, dass Ich dadurch nicht im Geringsten Meiner göttlichen Weisheit widerstrebt habe und somit auch kein Tollhäusler bin, als was Mich schon so manche Schriftsteller der neuen Zeit erklärt haben, was Mich aber dennoch mit keinem Grimm wider sie erfüllt, sondern Ich vergebe es ihnen, weil sie wirklich nicht wissen, was sie tun. Und somit über diese fraglichen Verse gut für jetzt. Amen.
HIM|3|640322A|1|1|Erläuterung vom Herrn (Fortsetzung). „Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.“ – 22. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640322A|1|0|Schreibe: Was da betrifft den 16. und 17. Vers des 10. Kapitels aus dem Evangelium Matthäus, so ist darüber schon im von Mir diktierten Werk ‚Johannes‘ nicht nur einmal, sondern mehrere Male die Rede gewesen. Dessen ungeachtet will Ich euch darüber noch eine nähere Erklärung geben.
HIM|3|640322A|2|0|Ich sagte dieses zu den Aposteln schon damals, als Ich sie zum ersten Mal vor Mir hin ausgesandt habe, und das war schon in Meinem ersten Lehrjahr, in welcher Zeit im Allgemeinen die Menschen noch wenig von Mir Selbst wussten. In Galiläa wohl hie und da, in Samaria auch, aber in der Gegend Jerusalems wusste man noch wenig von Mir, und wer auch etwas wusste, hielt die Sache aus Furcht vor den Pharisäern so geheim als möglich bei sich. Und darum sagte Ich zu den von Mir nur auf eine kurze Zeit vorausgesandten Aposteln:
HIM|3|640322A|3|0|„Seht, Ich sende euch nun wie Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen, dabei aber doch ohne Falsch gleich den Tauben. Hütet euch vor den gewissen hohen Weltmenschen, denn diese sind es, die euch wo möglich zu verderben trachten werden. Kommt ihr in eine Stadt, wo ihr dergleichen Menschen antreffen werdet, da bleibt nicht, sondern zieht alsbald von dannen und schüttelt noch den Staub von euren Füßen über selbe Stadt zurück. Denn verfolgen sie Mich, wie euch bekannt ist, als den Herrn, um wie viel mehr werden sie euch nicht als Engel Gottes begrüßen.
HIM|3|640322A|4|0|So Ich euch zum zweiten Mal aussenden werde in alle Welt, so werdet ihr um Meines Namens willen alle mögliche Verfolgung zu erleiden haben, und man wird euch den Gerichten überantworten. Allein fürchtet euch niemals vor denen, die wohl den Leib töten, aber der Seele weiter keinen Schaden zufügen können. Und so man euch in den Gerichten examinieren wird, so fürchtet nicht, wie und was ihr antworten werdet; denn es wird euch da die Antwort in den Mund gelegt werden, gegen die die Richter nichts werden einzuwenden vermögen.
HIM|3|640322A|5|0|Ich sage es aber, es wird Mein Wort noch lange nicht zu allen Menschen gekommen sein, als Ich wieder unter euch treten und das Volk richten werde, das sich Mir und euch allezeit feindlich entgegenzusetzen bemüht war.“
HIM|3|640322A|6|0|Mit dem ist zuerst die Weissagung auf den Untergang Jerusalems gerichtet und für spätere Zeiten auf alles wie immer geartete Heidentum der Hure Babels.
HIM|3|640322A|7|0|Hier fragten Mich die etwas eingeschüchterten Jünger respektive Apostel, ob sie auch schon diesmal vor die Gerichte von allerlei Machthabern gezogen würden. Und Ich sagte ihnen: „Diesmal werdet ihr wenig mit den Feinden des Lichtes zu tun bekommen. Aber wenn Ich dereinst leiblich diese Erde werde verlassen haben, so werdet ihr um Meines Namens willen namentlich von den Juden und ihren Priestern viel zu erdulden bekommen.
HIM|3|640322A|8|0|Allein denkt euch allezeit, dass Ich euch niemals allein lassen und euch auch zuvor die Kraft und Macht erteilen werde, euch im höchsten Notfall gegen Meine und eure Feinde auf das Kräftigste verteidigen zu können. Und die Wölfe, unter die Ich euch senden werde, wie Ich euch auch jetzt sende, werden euch wenig oder nichts anhaben können, so ihr wahrhaft in Meinem Namen klug sein werdet gleich den Schlangen, dabei aber jedoch ohne Falsch gleich den Tauben.
HIM|3|640322A|9|0|Ihr werdet auf Schlangen, Skorpionen und Salamandern einhergehen, und sie werden euch nicht schaden können, und so man euch Gift zu trinken geben wird, so wird es keine Wirkung haben. Dieses zu eurem Trost! Verlasst euch allezeit auf Mich, und Ich werde also auch euch niemals verlassen, sondern im Geiste bei euch verbleiben mit aller Meiner Liebe, Weisheit, Macht und Kraft, was für euch die größte und wirksamste Hilfe sein wird gegen einen jeden wie immer gearteten Feind.“
HIM|3|640322A|10|0|Darauf zogen dann Meine Apostel paar-und-paarweise nach verschiedenen Richtungen hin und predigten Meinen Namen und wie das Reich Gottes nahe zu den Menschen gekommen ist. In das Gebiet von Jerusalem aber kamen sie nicht, wohl aber in das Gebiet von Sidon, Tyrus und Joppe, Galiläa, und ein paar drangen sogar bis nach Syrien vor.
HIM|3|640322A|11|0|Es dauerte aber diese ihre Aussandtschaft von Mir eben nicht gar zu lange. Als Ich bei Meinen einzelnen Wanderungen nach Kis zu Kisjonah kam und daselbst nach einigen Tagen Meines Dortseins in Gesellschaft dieses Meines Freundes und mehrerer seiner Hausgenossen einen ziemlich hohen Berg bestieg, so ließ Ich auf bekannt wunderbare Weise alle Meine zwölf ausgesandten Apostel durch Meine unsichtbaren Diener durch die Luft auf diesen Berg bringen, auf welchem Ich Mich befand, und ließ Mir von ihnen so manches erzählen. Und seht, sie erzählten Mir, dass sie bei allen Teilen gut ausgekommen sind, und bloß an einem Ort einen besessenen Knaben angetroffen haben, dessen böse Geister ihrer Anforderung keine Folge leisteten.
HIM|3|640322A|12|0|Also beschwerten sie sich auch über den euch schon bekannten Johannes in Samaria, der aus freiem Antrieb Meinen Namen und Meine in Samaria vernommene Lehre predigte und in Meinem Namen auch Wunder wirkte; und Ich fragte sie dann, ob er für Mich oder wider Mich sei. Und sie sagten: Für Dich! – und Ich sagte dann: Da lassen wir ihn ungestört wirken.
HIM|3|640322A|13|0|Dieser Johannes ist ebenderselbe, der später in Damaskus derart wirkungsreich Mein Wort und Meinen Namen predigte, dass er in dieser großen Weltstadt viele Tausende zu Mir bekehrte und der Paulus, vormals Saulus, noch im Dienste der Pharisäer stehend, es für nötig fand, sich mit einer Rotte nach Damaskus zu begeben, um auch daselbst die Christen auf die grausamste Art zu verfolgen.
HIM|3|640322A|14|0|Allein, da habe Ich Mich Selbst ihm entgegengestellt und ihn, wie euch bekannt, derart umgewandelt, dass er schon nach zwei Tagen darauf einer Meiner allereifrigsten Apostel wurde und er selbst in dieser Hinsicht auf die Ausbreitung Meiner Lehre, namentlich unter den Heiden, ein mehreres und Entschiedeneres wirkte, denn alle anderen zwölf Apostel und deren viele Jünger, die zwar wohl in viele der bekannten Reiche der Erde sich verfügten, aber wenig leisteten, selbst im großen Judenland, wo sie durch zwölf Jahre lang nach Mir Gemeinden stifteten wie zu Laodicea, Sardes, Tyrus, Smyrna und noch andere; aber diese Gemeinden schon in kurzer Zeit sich so weit in den Grundprinzipien von Meiner Lehre entfernten, dass Ich dann notwendigerweise durch Johannes in seiner Offenbarung die meisten als verwerflich darstellen musste.
HIM|3|640322A|15|0|Petrus selbst, bevor er noch von Jerusalem abzog, allwo er sich besonders im Haus des Lazarus oder im Haus des Nikodemus oder in dem des Joseph von Arimathäa aufzuhalten pflegte, fand sich genötigt, eben in Jerusalem eine sogenannte Kirchenversammlung zu halten, in der er an diese Gemeinden hinausschrieb, was sie teilweise als noch Juden und teilweise als Christen strenge zu beobachten hätten, welche Kirchenversammlung durch den Evangelisten Lukas auch ganz kurz berührt ist und wenig Früchte trug, worüber wieder bei einer Zusammenkunft Paulus dem Petrus ganz scharfe Vorwürfe machte, da er mit den Juden noch vollkommen ein Jude sein wolle und auf ihre Satzungen, die Ich aufgehoben habe, einen zu großen Wert legte und den an Mich gläubigen Juden das Gewissen erschwere; so er sich aber allein unter den Heiden befand, über die von Mir aufgehobenen Gebräuche und Sitten der Juden schmähte und mit ihnen hielt.
HIM|3|640322A|16|0|Aus diesem Grunde berief Ich Petrus hernach Selbst, dass er sich zum römischen Obersten Cornelius verfügen solle, weil dieser es wünsche, um ihn sowie auch seine ganze Familie in Meinem Namen zu taufen und sie dadurch zu befähigen in Meinem Geiste, als in ihnen wirkend, zu Mir zu kommen.
HIM|3|640322A|17|0|Petrus ging, und als er beim Haus des Cornelius ankam, das in der Mitte eines großen Gartens stand, da hungerte es ihn sehr, und er bat Mich, dass Ich ihn für sein bevorstehendes Amt auch dem Leibe nach stärken möchte. Und seht, Ich entsandte für Petrus sichtbar einen Engel aus dem Himmel, der ihm, in einem weißen Tuch eingewickelt, Speisen brachte, deren Genuss den Juden verboten war. Petrus sagte darauf, als er die Speisen besah: Herr! Das sind ja lauter den Juden verbotene unreine Speisen, wie kann ich sie zu mir nehmen? – Ich aber sagte zu ihm: Was Ich gereinigt habe, das ist auch für die Juden rein; daher esse sie, und gehe dann hin und verrichte, was dir aufgetragen ist!
HIM|3|640322A|18|0|Petrus verzehrte darauf die unreinen Speisen und ging sodann zum Cornelius, allwo er wieder gegen Mich darum etwas unwillig wurde, weil Ich Selbst unterdessen die Taufe an Cornelius und seiner Familie verübt hatte und also Petrus sie alle im Besitz des heiligen Geistes antraf.
HIM|3|640322B|1|1|Erläuterung vom Herrn (Fortsetzung). Über die Zeit der Auferstehung des Herrn – 22. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640322B|1|0|Über die fraglichen Punkte in Betreff der Zeit Meiner Auferstehung diene euch Folgendes zur vollgültigen Aufklärung: Fürs Erste sprach Ich schon vorher zu öfteren Malen zu Meinen Aposteln und Jüngern, dass Ich am dritten Tage – und nicht erst nach vollends vorübergegangenen drei Tagen – aus eigener Macht also auferstehen werde, wie Ich auch die Macht habe, das Leben des Leibes freiwillig von Mir zu lassen, auf dass alle Kreatur zur Seligkeit gelangen könne.
HIM|3|640322B|2|0|Was diese Varianten in der Angabe der Evangelisten betrifft, so basieren sie alle auf demselben Grunde, auf welchem die euch schon erklärten anderen Widersprüche basieren. Was Johannes spricht, ist allein vollkommen richtig.
HIM|3|640322B|3|0|Es wäre auch ebenso vollkommen richtig, was die anderen Evangelisten und Apostel über diese Angelegenheit gesprochen haben; doch mit dem echten Evangelium Matthäus wisst ihr schon, was es mit demselben für eine Bewandtnis hat.
HIM|3|640322B|4|0|Der Pseudo-Evangelist Matthäus war zwar ein vollkommen ehrlicher und Wahrheit suchender Mann und war höchst eifrig im Forschen nach der Wahrheit dessen, was da geschah, ungefähr zwanzig Jahre lang, bis er sein Evangelium zusammenzustellen und zu schreiben anfing. In dieser Zeit war im Judenland kein Apostel von Mir mehr anzutreffen, obschon es an anderen Zeugen für diese Zeit nicht absonderlich fehlte.
HIM|3|640322B|5|0|Wie es aber bei solchen Gelegenheiten schon zu gehen pflegt, so wussten gar viele Menschen aus all den vielen Orten, die Ich besuchte, Verschiedenes von Mir zu erzählen; gewöhnlich aber nur das, was sie selbst in ihren Orten von Mir gesehen, gehört und erlebt haben. Und so ist es denn auch begreiflich, dass es einem l'Rabbas wie auch anderen vielen Evangelisten selbst beim redlichsten Willen unmöglich war, über alles von Mir Getane, Gelehrte und an Mir Vollbrachte ins vollkommen Klare zu kommen.
HIM|3|640322B|6|0|Ja, wird man hier fragen: Warum habe denn nicht Ich Selbst solche Menschen heller erleuchtet, auf dass sie dann imstande gewesen wären, nur die vollkommen reine Wahrheit auf das Pergament zu bringen?
HIM|3|640322B|7|0|Ich aber sage, dass Ich bei ganz ehrlichen Menschen, die dieses Bestreben hatten, es an dem auch nie habe fehlen lassen. Was aber später die schon sehr selbstsüchtig gewordene Welt aus solchen ehrlichen Überlieferungen gemacht hat, dafür kann Ich nicht, da ein jeder Mensch seinen vollkommen freien Willen hat. Dass Ich es aber nie an Sichtungen habe fehlen lassen, zeigen euch seit – sozusagen schon [von] Meiner Zeit [an] alle die großen und kleinen Versammlungen, denen durch Meinen Geist die Aufgabe gestellt war, die eingeschlichene Lüge von der Wahrheit zu scheiden und sie zu verwerfen vor der ganzen Gemeinde. Obschon aber das Unkraut allerorten unter dem Weizen wucherte, so gelang es ihm doch nicht, dasselbe völlig zu vertilgen. Und so geschehen auch in dieser Zeit wie hier und auch anderorts gar gewaltige Sichtungen, und der Feind der Wahrheit wird gegen sie nichts mehr auszurichten imstande sein.
HIM|3|640322B|8|0|Ich baue daher nun großartige Dämme gegen jede Flut der Lüge und stelle den wahren Felsen Petri auf, den die Pforten der Hölle nicht überwinden werden.
HIM|3|640322B|9|0|Es wird zwar noch viel des Streitens und Kämpfens auf dieser Erde unter den Menschen vorkommen, bei welchen Streitigkeiten und Kämpfereien die Lüge gleichfort das Kürzere ziehen wird, und das so lange hin, bis für eine ganze große Fuhre Heues, aus lauter Unkraut bestehend, kein Mensch mehr auch nur einen Heller bieten, und jedermann an den Strahlen des wahren Lichtes aus den Himmeln seine höchste Freude haben wird.
HIM|3|640322B|10|0|Was ferner noch die geistige Erklärung über die Art Meiner Auferstehung betrifft, so ist diese schon seit lange her von Mir gegeben sowie auch, wie es ein jeder Mensch mit der Dreieinigkeit zu nehmen und zu halten hat. Was die Erweckung des Lazarus betrifft, so werde Ich davon im Verlaufe der weiteren Mitteilungen im Evangelium Johannes sprechen wie auch noch über gar manches andere.
HIM|3|640322B|11|0|Man stellt zwar jetzt von einer gewissen gelehrten Seite die Behauptung auf, dass das Evangelium Johannes nicht von seiner Hand geschrieben sei. Freilich, solange er als Apostel mit Mir herumreiste, verfasste er nur Bruchstücke, indem er das Denkwürdigste aufzeichnete. Aber in seiner sogenannten Verbannung auf der Insel Patmos (die für ihn aber durchaus keine Verbannung war, indem ihn durch diesen Akt nur ein redlicher und machthabender Römer der Verfolgungswut der Juden entzogen hatte) konnte er in der euch schon aus dem großen Evangelium Johannes bekannten Veste des Griechen Cado, der zeitweilig auch in Jericho lebte, an der Seite der Maria unbeanstandet sein Evangelium in eine rechte Ordnung bringen und gab darin für die Nachwelt so viel kund, als sie zu ihrer Beseligung nötig hat. Von allem anderen aber sagte er am Ende, dass Ich noch gar vieles getan und gelehrt habe, was nicht in diesem Buch geschrieben ist, und würde jemand das in die Bücher schreiben, so würde solches die Welt nicht fassen. Und mit dieser triftigen Bemerkung schloss er sein Evangelium, nahe gerade um die Zeit, als Jerusalem von den Römern zerstört wurde, worauf Johannes noch eine geraume Zeit lebte und seine Gesichte unter dem Titel ‚Offenbarung Johannes‘ aufs Pergament brachte.
HIM|3|640322B|12|0|Bei dieser Gelegenheit ward er wohl zu öfteren Malen von einem ihm über die Maßen geneigten Freund im Schreiben unterstützt, da er in dieser Zeit schon über hundert Jahre Alters zählte. Dieser sein Freund führte auch den Namen Johannes, den er sich aber vom Johannes bei der Gelegenheit geben ließ, als der Evangelist ihn taufte und Meinen Geist über ihn ausgoss, denn von Geburt aus war dieser Johannesfreund ein Grieche und führte natürlich auch einen ganz anderen Namen, an dem für uns wenig oder nichts gelegen ist, weil er durchgehends keine historische Berühmtheit war, obschon er zu der Dienerschaft des Griechen Cado gehörte.
HIM|3|640322B|13|0|Wer da Zeit und Vermögen besitzen würde, könnte sich noch heutigentags von dem Aufenthalt Johannes im Südosten dieser asiatisch-griechischen Halbinsel überzeugen, welche Halbinsel aber zur Zeit der Flut des Meeres nahe ganz eine vollkommene Insel darstellt, indem sie nur durch eine äußerst schmale felsenriffige Landzunge mit dem Festland Asiens zusammenhängt.
HIM|3|640322B|14|0|Und so wissen wir nun auch das, wie es sich mit dem Johannes der Wahrheit nach verhält; er ist, er war und bleibt Mein Liebling, und wer nach seinem Evangelium lebt und handelt, wird von Mir aus ihm gleich gehalten werden.
HIM|3|640322B|15|0|So für euch in den Evangelien sich noch irgendetwas scheinbar Widersprechendes findet oder sich vorfinden sollte, so wendet euch darob an Mich, und Ich werde es euch erklären, so wie Ich bis jetzt es euch liebewillig erklärt habe. Ich meine aber, dass ihr darin nicht viel Anstößiges mehr finden werdet; denn vieles ist bereits schon im ‚Johannes‘ erklärt, und das am meisten für alle Gelehrten dieser Welt Anstößige kann Ich euch jetzt erklären.
HIM|3|640322B|16|0|Ich werde aber in dieser Zeit noch ganz kuriose Weltgelehrte über Mich losziehen lassen. Ich mache euch darauf aufmerksam, auf dass ihr euch an ihren Schriften nicht stoßen sollt, so sie euch zu Gesichte kommen werden; denn Ich lasse solches zu, um der heidnischen Pfafferei allseitig ein Ende zu machen. Denn wenn ihr Salvator mundi zunichte gemacht wird, was werden sie selbst dann sein und ihre kirchlichen Einrichtungen? Am Ende nichts Weiteres mehr als sich zahlen lassende Totengräber; und bei denen wird es dann gelten: Lasst den Toten durch die Toten begraben, ihr Lebendigen aber folgt Mir nach! Amen.
HIM|3|640401A|1|1|Drei Fragen zu Schrifttexten. Über den Walfisch des Propheten Jonas – 1. April 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640401A|0|0|Über die drei Anstände: Den Walfisch des Propheten Jonas, über den Menschen ohne das hochzeitliche Kleid bei der von Mir veranstalteten Mahlzeit, und über den flüchtigen Jüngling bei der Gelegenheit Meiner Gefangennehmung am Ölberg im Garten Gethsemane.
HIM|3|640401A|1|0|Was den Walfisch betrifft, so hat es damit sowohl seine naturhistorische als auch geistige Richtigkeit; denn es muss da sowohl das eine als das andere richtig sein, da ohne diese Richtigkeit oder ohne die naturhistorische Unterlage das Geistige keine Entsprechung hätte.
HIM|3|640401A|2|0|Um aber den naturmäßigen Teil zu verstehen, muss man wissen, dass es in jener Zeit, besonders in dem Mittelmeer, eine Art Riesenfische gegeben hat, die von einigen, namentlich den Ägyptern, den Namen Leviathan und bei den Altgriechen zu den Zeiten des bekannten Schriftstellers Herodot den Namen Phalos hatten. Diese Fischgattung, von welcher auch im Buch Hiob die Rede ist, ist bald nach dem Durchbruch des Meeres (bei Gibraltar) verschwunden und dann im Atlantischen Ozean durch dessen gewaltige Meeresströmungen nach Süden hin verschleppt worden, wo sie dann zum größten Teil in den kalten Gewässern gleich anderen großen Festlandstieren vollends zugrunde gegangen ist.
HIM|3|640401A|3|0|Sie hatten fürs Erste einen ungeheuer großen Rachen, welcher mit ihrem ebenso großen Magen durch eine weite Öffnung verbunden war. Sie hatten keine Zähne, auch keine Zunge, aber dafür gleich den heutigen Nordwalfischen eine große Anzahl Finnen, die bei einem vollkommen ausgewachsenen Phalos nicht selten eine Länge von zwei bis drei Klaftern hatten und dem Riesenfisch dazu dienten, wie dem Elefanten sein Rüssel.
HIM|3|640401A|4|0|Sie ergriffen mit diesen Finnen ihre Nährbeute und schoben sie ganz unbeschädigt in ihren großen Magen hinein, der kein Wasser enthielt, sondern an den inneren Wänden eine Art Saft ausschwitzte, der nach einigen Tagen die in diesem Magen noch lebende Fraßbeute aufzulösen begann und sie nach und nach völlig zerstörte.
HIM|3|640401A|5|0|Zur Fluchtergreifung dieses Riesenfisches, der auch ein Säugetier war, lebendige Junge zur Welt warf und gleich dem gegenwärtig nördlichen Walfisch atmen und sich häufig auf der Meeresoberfläche erhalten musste, um nicht zu ersticken, diente die große Menge von auch sehr riesigen Haifischen, die früher im Nordmittelmeer lebten, sich aber beim Durchbruch der euch schon bekannten Deukalischen Landenge, aus der demnach die jetzige Meerenge von Konstantinopel und der Dardanellen entstanden ist, in dem gegenwärtigen Mittelländischen Meer eingebürgert haben. Diese großartigen Meereshechte fingen an, eine starke Jagd auf die großen Phalosse zu machen, bissen ihnen die Finnen ab und auch die anderen nicht unbedeutenden Extremitäten, zu denen besonders die großen Brüste [gehörten], wie auch die zu beiden Seiten dieser Brüste, einer Menschenhand nicht unähnlichen riesigen Schwimmflossen.
HIM|3|640401A|6|0|Diese Extremitäten konnten die Haifische zu ihrer Nahrung recht gut brauchen, und die Phalosse ergriffen denn auch stets mehr und mehr die Flucht und gehörten in	dem Mittelmeer stets mehr zu einer seltenen Erscheinung, und zu Jonas Zeit waren in dem benannten Meer kaum mehr ein paar hundert Stück noch zu Hause. Und Jonas, als er bei sehr unruhig gewordenem Meer über Bord geworfen wurde, hatte noch – durch Meine Zulassung – das Glück, von einem solchen Phalos verschlungen zu werden und darauf drei Tage in dessen Magen zuzubringen. Und Ich ließ es ferner aber auch zu, dass eben dieser Phalos, von Haifischen verfolgt, seine Zuflucht an ein asiatisches niedriges Ufer nahm und bei dieser Gelegenheit sich seiner im Magen liegenden Speise entledigte – was auch eine Eigenschaft dieser Riesenfische war, dass sie nämlich ans Land stiegen, wenn sie im Wasser eine große Gefahr witterten, und ihre Jungen, die sie gewöhnlich an einem seichten Meeresufer hegten und pflegten, gewisserart besuchten und sie mit Nahrung entweder aus ihren Brüsten oder auch mit einer schon in dem Magen befindlichen, aber noch lebenden Fraßbeute versahen. Denn sie ließen ihre Jungen nicht eher in das tiefere Meer, als bis diese die gewisse Größe, Kraft und Stärke erreicht hatten.
HIM|3|640401A|7|0|Bei dieser Gelegenheit kam denn auch unser Jonas an die asiatische Küste, und als er von dem Phalos aus dem vorangezeigten Grund an das seichte Ufer ausgespien wurde, so raffte er sich schnell zusammen, floh vollends ans Land, wohin ihn weder der alte Phalos noch eines von seinen vier Jungen weiter verfolgen konnten.
HIM|3|640401A|8|0|Da habt ihr also die natürliche Sache dargestellt, wie sie zu jener Zeit war – und jetzt und auch seit gar lange her nicht mehr ist.
HIM|3|640401A|9|0|In den vormaligen Museen, besonders zu Alexandria, fanden sich noch Überreste von Rippen dieses einstigen Riesenfisches vor, sind aber in der späteren Zeit ebenso wie die Bücher von den Sarazenen zerstört worden. Etliche wenige Stücke befinden sich aber noch heutigentags in London wie auch in Paris vor, und man hält sie für Gerippe von einstigen überaus riesigen entweder Land- oder Wassertieren; jedoch mehr für aus dem Wasserreich herstammend, weil man sie gewöhnlich hie und da an den sandigen Strecken in der Nähe des Meeres auffindet. Eine Hauptrippe eines solch ausgewachsenen Phalos hatte nicht selten eine Länge von fünf bis sieben Klaftern und eine Schwere von zwanzig bis dreißig Zentnern. Gegenwärtig ist, wie gesagt, diese Riesenfischgattung gleich den anderen großen Landtieren gänzlich ausgestorben, und es findet sich seit nahe dreitausend Jahren kein lebendes Stück mehr vor.
HIM|3|640401A|10|0|Man verstehe unter Phalos oder Leviathan ja etwa nicht den gewissen Kraken, der dann und wann im Altantischen Ozean – besonders in der Gegend, in der vor der allgemeinen, euch bekanntgegebenen Flutung die Inselreihe Westafrikas bis an die östliche Spitze des heutigen Brasilien in einer ziemlich geraden Linie sich hinzog und wo sich heutzutage noch in dieser Richtung große und weitgedehnte Sandbänke vorfinden – zum Vorschein kommt und kleineren Schiffen nicht selten gefährlich wird.
HIM|3|640401A|11|0|Dieser Kraken ist durchaus kein Fisch, sondern nur ein großartigster Meerespolyp, der sich aus den im Meer befindlichen Sandbänken und ihrem Schlammgehalt gleich den anderen Polypen entwickelt und so lange am Grund des Meeres festsitzt, bis er nicht durch irgendeine unterseeische Meereseruption an die Oberfläche des Meeres gebracht wird und dann nicht selten einer schwimmenden kleinen Insel gleicht.
HIM|3|640401A|12|0|Mit dem nach der Bibel schwer zu glaubenden Walfisch des Mittelländischen Meeres wären wir somit zu Ende. Alles Weitere über diesen Propheten kann jeder in der Bibel finden. Und so gehen wir nun zu dem Menschen ohne hochzeitliches Kleid beim Gastmahl über.
HIM|3|640401B|1|1|Drei Fragen zu Schrifttexten (Fortsetzung). Der Mensch ohne hochzeitliches Kleid – 1. April 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640401B|1|0|Der Gastgeber bin natürlich Ich Selbst, und die Speisen dieses Gastmahles bestehen in Meiner Lehre. Die Menschen in den Gassen und an den Zäunen sind jene, die Meine Lehre angenommen und auch befolgt haben und darum auch mit einem geistigen Hochzeitskleid angetan sind.
HIM|3|640401B|2|0|Unter dem einen aber, der kein Hochzeitskleid anhatte, werden verstanden die Juden und Pharisäer, die zum Schein an Meiner Lehre auch teilnahmen, aber nicht ihrer Besserung wegen, sondern dass sie Mich nur ausspionierten, um daraus einen Grund zu formulieren, Mich zu einem Verbrecher vor Gott und der menschlichen Obrigkeit darzustellen und dann ihre Rache an Mir auszuüben.
HIM|3|640401B|3|0|Ich als der Gastgeber aber habe solch einen Spion doch etwa gar sicher nur zu bald erkannt, mit anderen Worten: Ich habe die scheinheilige Pharisäerschaft nur zu bald bis in ihre innerste schlechte Wurzel durchschaut und sie bei jeder Gelegenheit, wo sie sich zu Meiner Mahlzeit einschleichen wollte, schnell ergriffen und in die äußerste Finsternis ihrer eigenen Herzensnacht hinauswerfen lassen.
HIM|3|640401B|4|0|Den Hauptbezug hat dieses Bild auf die Zerstörung Jerusalems und Hinausverstoßung der Juden unter alle Völker der Erde, da sie bis zur Stunde fürs Erste kein eigenes Land, keinen eigenen König und somit auch keine Heimat haben und allenthalben, wo sie sich immer aufhalten, verfolgt und missachtet werden. Und diese Juden stellen demnach sämtlich jenen Menschen dar, der zu Meiner Mahlzeit erschien und kein hochzeitliches Kleid anhatte.
HIM|3|640401B|5|0|Und fürs Zweite, es hatte auch der, der als Bild in die äußerste Finsternis hinausgestoßen wurde, in der er sich bis zur Stunde noch immer befindet, hie und da wohl auch den Schein eines Christen erheuchelt, um bei dieser Gelegenheit sich den Christen anheischig zu machen und also von ihnen Materielles zu gewinnen. Und wie der Jude hier lebt und handelt, so lebt und handelt jenseits seine Seele auch fort; daher sich die Juden im Jenseits entsprechend auch also ausnehmen, wie fortwährend wühlende Schweine im Schlamm der Erde. Sie bilden darum jenseits auch einen ganz eigenen Verein, in welchem nicht leichtlich ein anderer hinzugelassen wird, und es gilt bei den Juden das Zeugnis, das ihnen Petrus gegeben hat, welches also lautet: Das Schwein kehrt stets zu seiner Pfütze zurück, in der es gewühlt hat, und ein Hund zu dem von ihm in zu großer Hast verschlungenen und wieder ausgespienen Fraß. Und nach Paulus gilt das, dass ein Baum, der gefällt worden ist, also liegen bleibt, wie er gefallen ist; er wird denn ausgearbeitet und entweder verbrannt oder zu etwas anderem Materiellen benutzt.
HIM|3|640401B|6|0|Da wir nun wissen, wie wir mit dem hochzeitlichen Gast an Meiner Tafel daran sind, so wollen wir noch dem bei der Gelegenheit Meiner Gefangennehmung im Garten Gethsemane die Flucht ergreifenden Jüngling eine kleine Aufmerksamkeit schenken.
HIM|3|640401C|1|1|Drei Fragen zu Schrifttexten (Fortsetzung). Der flüchtige Jüngling – 1. April 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640401C|1|0|Dieser Vorfall wird auch nur in aller Kürze von dem Evangelisten Markus berührt, hätte aber auch wohl ganz gut ohne Schaden für sein Evangelium wegbleiben können, indem er nahe gar keinen moralischen Wert hat.
HIM|3|640401C|2|0|Um aber dieses wirkliche Faktum und dessen Grund näher zu verstehen, muss man wissen, dass sich zu jener Meiner Zeit ein gewisses Kollegium von jungen Menschen zusammengerottet hatte, die einerseits das Pharisäertum verachteten und ihre Wunder auf taschenspielerische Art ganz getreulich nachzumachen verstanden und nicht selten in gewissen Zirkeln ihresgleichen Produktionen machten, durch die sie das Pharisäertum als sehr lächerlich darstellten, und die andererseits sich bei den Römern, die das gerne sahen, beliebt machten und daher eine geheime Protektion besaßen, die Frömmelei und Wundertäterei der Pharisäer besonders im Angesichte der Römer und Griechen ungestraft ins Lächerliche zu ziehen.
HIM|3|640401C|3|0|Bei einem solchen Klub befand sich denn auch ein Jüngling, der Mich einige Male in Jerusalem angehört und beobachtet hatte und an Meiner Lehre und Meinen Taten ein besonderes, ernstes Wohlgefallen fand und mit seinen Kollegen darin nicht übereinstimmen wollte, die durch allerlei Mittel auch Meine Wundertaten nachzuahmen versuchten. Dieser Jüngling verwies ihnen solches und zeigte ihnen, dass Meine Lehre und Meine Taten von einem ganz anderen Geiste herrühren als die der dummen und blinden Pharisäer. Seine Kollegen aber lachten ihn darüber aus und sagten zu ihm bei mehreren Gelegenheiten: Wenn der galiläische Wundertäter nicht irgend unter einer besonderen Protektion der Römer steht, so wird er der Rache der Templer so wenig entgehen, als wir derselben entgehen würden, so wir nicht die Römer und Griechen zu unseren sicheren Beschützern hätten.
HIM|3|640401C|4|0|Und seht, diese Jünglinge nun passten sehr darauf, bis Ich wieder nach Jerusalem käme, um zu sehen, was da mit Mir geschehen würde nach der ihnen wohlbekannten Mir geschworenen Rache von Seiten der Templer. Als Ich zu der euch wohlbekannten Zeit nach Jerusalem kam, daselbst verraten und durch Meine eigene Zulassung gefangengenommen und den strengen Gerichten überantwortet wurde, da war denn dieser Jünglingsklub auch, wennschon etwas von ferne, gegenwärtig. Und als dieser wohl merkte, was mit Mir vor sich ging, da holten einige aus diesem Klub auch den einen Mir zugetanen Jüngling, der sich in einem benachbarten Haus schon zur Ruhe begeben wollte, zogen ihn herbei, um ihm zu zeigen, wie mit Mir ihre Voraussage und Behauptung eingetroffen sei.
HIM|3|640401C|5|0|Als der herbeigezogene Jüngling, der in der Eile nur ein Leintuch von seinem Bett um den Leib gehängt hatte, solches an Mir geschehen ersah und dabei auch der Meinung war, dass seine Kollegen etwa auch ihn den Juden zur Bestrafung ausliefern möchten, da riss er aus, lief, was er nur laufen konnte, und verbarg sich in der Nacht vor seinen Kollegen, von denen er der Meinung war, dass sie ihn verfolgen würden, was sie aber ihres eigenen Heiles willen nicht taten und auch nicht leichtlich getan hätten.
HIM|3|640401C|6|0|Da habt ihr den eigentlichen, ganz mit Händen leicht zu greifenden Grund der Erscheinung, deren der Evangelist Erwähnung macht, die aber an und für sich gar nichts besagt als nur, dass dieser Jüngling zum Teil aus Furcht vor seinen Kollegen, zum größten Teil aber aus Furcht vor der übergroßen Rachsucht der Pharisäer sein Heil in der Flucht suchte; doch später, als er von Meiner Auferstehung Kunde erhielt, wieder ein fester Anhänger Meiner Lehre wurde, sich aber dennoch in Jerusalem nicht aufhielt, sondern zu den Essäern überging, denen er zuerst die Kunde überbrachte, was mit Mir geschehen sei.
HIM|3|640401C|7|0|Diese sandten darauf selbst Boten nach Jerusalem, die sich allergründlichst zu erkundigen hatten, was mit Mir vorgefallen sei. Sie erhielten davon denn auch bald die Kunde, da von Jerusalem bis in die halbarabische Gegend des heutigen Suez eben keine zu weite Strecke war, die bei sehr mäßigem Fortschreiten in drei Tagen zurückgelegt werden konnte.
HIM|3|640401C|8|0|Als die Essäer auf diesem Wege die volle Bestätigung von dem erhielten, so säumten sie auch keinen Augenblick, diese Kunde dem römischen Oberstatthalter Cyrenius nach Tyrus zu hinterbringen, bei welcher Mission auch unser Jüngling beteiligt war. Cyrenius hatte diese ganze Gesandtschaft sehr gut aufgenommen und behielt den Jüngling an seinem Hof, der dem alten Greis vieles zu erzählen wusste, was er selbst von Mir gesehen und gehört hatte.
HIM|3|640401C|9|0|Dieses erfüllte den Cyrenius wie auch später seinen Bruder Cornelius mit einer allerbittersten Rache gegen alle jüdische Priesterschaft, so dass beide einen Schwur machten, alles Mögliche beizutragen, diese Untat an Mir an allen Erzjuden auf das Allerunerbittlichste zu ahnden.
HIM|3|640401C|10|0|Pilatus, der Landpfleger in Jerusalem, hatte dadurch auch bald das consilium abeundi [den Rat, wegzugehen] bekommen, durfte nicht einmal mehr völlig nach Rom zurückkehren, sondern er musste seine Heimat in der Nähe des heutigen Neapel und zwar in einer Klause unweit von dem untergegangenen Pompeji aufrichten, allwo man noch heutzutage einen in Felsen gehauenen Gang mit der Aufschrift „Behausung des Pontius Pilatus“ aufgefunden hat und in einer ziemlich tiefen in den Felsen hineingehauenen Nische, die man vermauert antraf, mehrere Schriften, die auf Mich Bezug hatten und sich gegenwärtig in einer Bibliothek von Neapel befinden, aber kaum brauchbar sind, weil sie in einem halbverkohlten Zustand angetroffen wurden.
HIM|3|640401C|11|0|Das war sonach die erste Rache des Cyrenius, die er an Pilatus nahm. Die zweite geschah an Kaiphas, als dieser nach der bestimmten Zeit die Hohepriesterschaft ablegen und einem anderen überlassen musste, da ein Hohepriester nur auf drei Jahre lang sein Amt verwalten durfte. Diesem Kaiphas wurden schon im Verlaufe von wenigen Jahren alle seine vielen Güter um Jerusalem herum weggenommen und an die Römer verkauft, und er musste am Ende seine Zuflucht an den Grenzen der arabischen Wüste suchen und nahm daselbst ein elendes Ende.
HIM|3|640401C|12|0|Was die anderen Pharisäer betrifft, so wurden sie dem neuen Landpfleger zur strengsten Aufsicht anempfohlen, was er denn auch nicht sparte. Und dieser tat das umso lieber, da er aus der bekannten Familie Agricola herstammte und auch bei seinen Unterschriften diesen Namen führte, obschon er sonst Antonius hieß.
HIM|3|640401C|13|0|Dass dieser neue Landpfleger auch dem Herodes Antipas alle erdenklichen Prügel unter die Füße zu werfen verstand, beweist sich schon daraus, dass er nur zu bald so viele Römer und Griechen nach Palästina zu locken verstand, dass dadurch die Einkünfte des Herodes sehr geschmälert wurden und er sich am Ende genötigt fand, seine letzte Zeit in einem starken Kastell am Mittelländischen Meer zuzubringen, indem er sich in Jerusalem nicht mehr völlig sicher fühlte.
HIM|3|640401C|14|0|Diesem Landpfleger stand auch der bekannte Hauptmann Pelagius, der über mehrere Städte auf dem Aurangebirge zu gebieten hatte, mit allen Hilfsmitteln zu Gebote und noch mehr der Oberst Cornelius, der über ganz Galiläa und einen großen Teil von Syrien bis nach Damaskus hin zu gebieten hatte.
HIM|3|640401C|15|0|Und die beiden Brüder Cyrenius und Cornelius hätten ihrer Rache noch mehr Luft gemacht, so nicht Ich ihnen bald nach Meiner Auferstehung persönlich erschienen wäre und sie davon abgehalten hätte, indem Ich ihnen haarklein im Voraus sagte, dass ihr Vorhaben an Jerusalem und im ganzen Gelobten Land schon in vierzig Jahren vor sich gehen werde, und zwar eben auch durch die Macht der Römer.
HIM|3|640401C|16|0|Wie den beiden genannten Römern erschien Ich gar vielen nach Meiner Auferstehung und hielt sie von einer zu strengen Rachenahme an den Juden und Pharisäern ab. Und hätte Ich das nicht getan, so wäre in kurzer Zeit nach Mir in diesem Land ein Blutbad angerichtet worden, wie es die Menschheit noch nie gesehen hätte.
HIM|3|640401C|17|0|Den bewussten Jüngling aber, den Ich beim Cyrenius antraf, segnete Ich und machte ihn Meines Geistes teilhaftig. Und er ward darauf auch ein tüchtiger Jünger in Meinem Namen, ging wieder zu den Essäern und breitete von dort aus über einen großen Teil Nordafrikas Meine Lehre aus. Er zeichnete sich besonders durch ein liebreiches Leben aus und wirkte viele Zeichen in Meinem Namen.
HIM|3|640401C|18|0|Das Eigentümliche von ihm aber war, dass er keinen persönlichen Namen annehmen wollte. Sein Titel war: „Allerunwürdigster Knecht des Allerhöchstwürdigsten Gott-Meisters“. Auch gab er sich zuweilen den Namen „Der Knecht der Knechte“, welchen Titel sich auch die alten, von Karthago aus nach Rom übersiedelten sogenannten Kirchenväter sowie nach ihnen auch zum Teil die Päpste beilegten, aber der Tat nach nie beobachteten.
HIM|3|640401C|19|0|Markus wusste das wohl, aber er machte davon keine weitere Erwähnung, denn er begnügte sich mit dem, dass er diesen Jüngling bloß einfach anführte, wie er die Flucht ergriff.
HIM|3|640401C|20|0|Das Weitere, was ihr von diesem Jüngling wissen wolltet, erzählte er mündlich; daher denn auch verschiedene mündliche Überlieferungen darüber, wer dieser Jüngling sein mochte, besonders in der römischen Kirche gang und gäbe wurden, darunter eine der allerdümmsten jene war und zum Teil noch ist, darnach man aus diesem Jüngling den Apostel Johannes zu machen bemüht war. Und nun wisst ihr auch von diesem Jüngling das Sicherste und Wichtigste. Und somit begnügt euch mit dem allem in Meinem Namen. Amen.
HIM|3|640326|1|1|Das Tausendjährige Reich – 26. März 1864
HIM|3|640326|1|0|Ich habe dafür gesorgt, sorge jetzt und werde auch künftig sorgen, dass Ich als der allein wahre Christus bei den Menschen zur wahren inneren Lebensgeltung gelangen werde, wie Ich schon jetzt vielseitig dazu gelangt bin, und werde Mich fürderhin von keiner Macht mehr aus Meinem Lichtfeld vertreiben lassen. Und das wird sein der wahre Fels, den die Macht der Hölle nicht überwinden wird. Ich werde sein der Eckstein, den die vielen Bauleute nach kreuz und quer verworfen haben. Wehe dem, der sich an diesem Eckstein stoßen wird, der wird zerschellen wie ein zerbrechlicher Topf; über den aber der Eckstein herfallen wird, der wird zu Staub und Asche zermalmt werden! Und mit dem wird da kommen Mein bis jetzt ganz missverstandenes Tausendjähriges Reich.
HIM|3|640326|2|0|Denn wer besonders die Gestalt der alten arabischen Ziffern nur mit einiger Aufmerksamkeit betrachtet, der wird in ihrer Gestalt auf dem Wege der Entsprechung ganz etwas anderes ersehen, als nur die tausend Einheiten bei der Zahl Tausend, sondern wie Ich sagte, ganz etwas anderes.
HIM|3|640326|3|0|Die Zahl 1.000 stellt mit ihrem Einser Mich in der menschlichen Persönlichkeit dar; und die drei auf den Einser folgenden Nullen stellen Mich in der Fülle Meiner göttlichen Dreifaltigkeit dar. Und so ist der Ausdruck „Tausend Jahre“ dahin zu verstehen, dass die Zahl 1.000 Mich Selbst in der Fülle Meiner Göttlichkeit entsprechend darstellt (Jesus – Jehova – Zebaoth Immanuel). Das Wort „Jahr“ aber stellt die Zeit vor, in welcher Ich bis ans Ende an der Spitze der Herrschaft verbleiben werde und zum Teil Selbst und zum Teil aber durch viele Meiner neu erweckten Knechte die Völker dieser Erde leiten und führen werde. Sie (die Menschen in solch gesegneter Periode) werden zwar auch ihre Freiheitslebensprobe durchzumachen haben, so wie jetzt, und werden mit der Materie viel zu kämpfen haben. Aber nach überstandenen Kämpfen werden sie mit dem Kleid der Unsterblichkeit angetan werden; und ihr steht sonach in der großen Übergangszeit.
HIM|3|640326|4|0|Wohl jedem, der solches in seinem Herzen gläubig annimmt und sich nicht ärgert wegen der vielen nun in dieser Welt vorkommenden Teufeleien, denn sie werden nicht lange währen, – denn Ich werde sie Meiner Auserwählten wegen sehr abkürzen, und sie werden darob Mich loben und sehr frohlocken. Ich werde darum gerechte Herrscher oder Länderbeglücker nicht von ihren Thronen verstoßen, sondern sie mit Meinem Geist erfüllen, und es wird dadurch Eine Herde und Ein Hirte sein, auf dass alles in Erfüllung gehe, was Ich bei Meiner irdischen Lebenszeit den Menschen geweissagt habe.
HIM|3|640326|5|0|Ich aber werde stehen an der großen Eingangspforte zum ewigen Leben und werde allen zurufen: „Kommt alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch alle erquicken; euer von Mir euch auferlegtes Joch solle fürder gar sanft und Meine Bürde sehr leicht werden!“ – Das gebe Ich als euer lieber Herr und Vater hiermit euch kund und zu wissen. Amen.
HIM|3|640329|1|1|Näheres über die Lage der Orte in Palästina, welche im Evangelium Johannes und im Alten Testament genannt sind – 29. März 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640329|1|0|Da du Mich schon einige Male gefragt hast, ob die Ortsnamen und auch ihre Lagen also gestellt sind, wie sie einige Reisebeschreiber und Landkartenfabrikanten angeben und namentlich in dem grünen Büchlein, in dem du eben jetzt täglich einige Zeit liest, vorkommen, – da muss Ich dir sogleich das bemerken, dass von Meiner Zeit her nahe nicht ein Ort irgend mehr sich vorfindet, den Meine Füße und die Meiner Apostel betreten haben, und das im ganzen Judenland, mögen also die Orte und Ortschaften nun auch Namen haben, was für welche sie wollen. Denn viele Orte sind von den vielen späteren Heiden, die in diese Ländereien drangen, derart zertreten worden, dass nun niemand mehr nur von fernehin sagen kann, siehe dies ist der Ort, an oder in dem der Herr dies und jenes im Beisein Seiner Apostel gelehrt und getan hat.
HIM|3|640329|2|0|Das einzige – Bethlehem – befindet sich noch so ziemlich an derselben Stelle, und über das Tal herüber auf einem Berg die einstige von Mir beschriebene Burg Davids, von der aber auch nur hie und da noch einige lockere Steine vorfindig sind. In dieser Zeit steht an der Stelle ein Kloster mit einer Kirche, dessen braunbekuttete Inwohner sich wohl darauf verstehen, die frommen Pilger gegen Geld mit allerlei Reliquien zu beteilen.
HIM|3|640329|3|0|Was die Lage Jerusalems betrifft, so ist nicht mehr als ein Achtel von der Stelle, wo einst das große Jerusalem stand, als wahr anzunehmen. Von dem Ort Bethania ist keine allerleiseste Spur mehr anzutreffen. Auf dem Ölberg steht noch eine kleine Behausung mit einigen Ruinen, die man Bethania nennt. Zu Meiner Zeit hieß von einigen Juden die dem Lazarus gehörige Behausung und Herberge auf dem Ölberg Klein-Bethania, welche Ortschaft aber früher den Namen Bethphage führte. Also ist auch von Emmaus bei Jerusalem keine Spur mehr vorhanden.
HIM|3|640329|4|0|Wie sehr sich die Ortslage Jerusalems verändert hat, beweist das, dass nun der Ölberg, der jetzt auch schon eine ganz andere Gestalt hat als damals, sich jetzt beinahe ganz im Osten von dem neuen türkischen Jerusalem befindet, während sich das alte Jerusalem zum größten Teil mehr östlich als westlich vom Ölberg befand.
HIM|3|640329|5|0|Es hat in einer ziemlich geraumen Zeit nach Mir ein morgenländisch römischer Kaiser namens Justinianus den Juden die Erlaubnis und sogar den Befehl erteilt, das Jerusalem samt dem Tempel, von dem sie die Grundsteine sicher noch finden würden, ebenso wieder aufzubauen, wie es zu Meiner Zeit erbaut war. Da begab sich aus allen Gegenden eine große Anzahl sehr wohlhabender Juden mit vielen Bauleuten und Arbeitern an die Stelle vom vormaligen Jerusalem und wollten da alles wieder aufzubauen anfangen, wo sie die sicheren Spuren vom Stand des einstigen Jerusalem auffanden. Sie wurden aber von einem in dieser Gegend lebenden frommen Mann, der nach der Lehre des Apostels Philippus lebte und das Evangelium predigte, nach der Weissagung eines Propheten gewarnt, ihr Vorhaben stehenzulassen, da sie, wenn sie seinen Worten keine Folge leisten, sicher sehr übel bedient werden würden.
HIM|3|640329|6|0|Sie aber verlachten diesen Propheten und fingen an allen Orten, wo sie Spuren des alten Jerusalem antrafen, an zu graben und den Schutt wegzuräumen. Und siehe, kaum einen halben Tag dauerte diese Arbeit, so entstand ein starkes Erdbeben, und bald darauf brach aus dem Innern der Erde über die ganze Stelle des alten Jerusalem ein vulkanartig heftiges Feuer aus und zerstörte eben den wichtigsten Teil des alten Jerusalem derart, dass wahrlich nicht ein Stein und irgendein Fels unzerstört blieb. Steine und Felsen wurden zu einer Art Schotter zermalmt und von der Stelle stundenweit hintangeworfen, welche Stätte noch heutigentags wie eine Wüste aussieht, daher niemand vermuten kann, dass an dieser Stelle einst das alte Jerusalem gestanden hat. Bei Gelegenheit des Ausbruchs dieses vulkanartigen Feuers sind viele Tausende von arbeitenden Menschen zugrunde gegangen.
HIM|3|640329|7|0|Dieses Wunder wurde durch diejenigen, die sich durch jähe Flucht retteten, in Rom dem Kaiser bekanntgegeben und beschworen, dass es richtig so geschehen ist. Er glaubte dieses Wunder, aber nach zwei Jahren wollte er dennoch an dieser Stelle ein großartiges Denkmal errichten, um durch dasselbe den Nachkommen anzuzeigen, an welcher Stelle sich einst das große Jerusalem befunden habe.
HIM|3|640329|8|0|Es kamen wieder Bauleute und Bildhauer an die Stelle von Jerusalem und fingen an, sich einen Platz auszusuchen, der für solch ein Monument der tauglichste wäre. Sie fanden einen solchen Platz und fingen an, den Grund zu graben. Allein es erging ihnen nicht viel besser als den früheren; es schlug alsbald wieder Feuer aus dem Innern der Erde hervor und beschädigte mehrere; die aber noch zur rechten Zeit die Flucht ergriffen, kamen ohne Schaden davon, und es ward fürder nichts mehr unternommen, um das alte Jerusalem aufzubauen.
HIM|3|640329|9|0|Erst nach mehr als sechshundert Jahren kamen die Sarazenen aus der Gegend von Bagdad in diese Gegend, und was sie auf ihrem Weg von den alten Städten und Flecken vorfanden, zerstörten sie alles; selbst die alten Städte, die hie und da noch von den Römern verschont wurden, mussten zu Ruinen werden. Und die Stätte Jerusalems besaß damals nichts weiteres mehr, als auf einem Berg, dem man später ganz fälschlich den Namen Zion gab, einen alten römischen Festungsturm und eine Kapelle aus Holz gebaut, die man schon zu selbiger Zeit ebenfalls ganz fälschlich für die Stelle Meines einstigen Grabes angab und verehrte, auch bis auf den heutigen Tag noch verehrt und dadurch viele Hunderttausende von Pilgern in den tiefsten Aberglauben hineintreibt.
HIM|3|640329|10|0|Die Sarazenen haben später westlich vom Ölberg eine ganz neue Stadt unter dem Namen Jerusalem erbaut, in welcher Zeit auch die vorbenannte Kapelle ein geräumigeres und besseres Aussehen erhielt, in und an der sich die frommen Pilger alljährlich mit ihren Knitteln und Stöcken aus lauter Frömmigkeit nicht selten derart durchprügeln, dass es dann auf dem äußeren Platz um die Kapelle herum nahe nicht anders aussieht wie auf einem Schlachtfeld. Und das geschieht gewöhnlich infolgedessen, weil eine jede Sekte den Christus, den sie als Gott verehrt, einer anderen zu verehren untersagt. Die Griechen wollen von dem römisch-katholischen Christus nichts hören und wissen, und das auch umgekehrt. Und so viele Sekten, als es da gibt, so viele Feinde stehen sich gegenüber und würden sich bei ihrem Glaubenseifer ganz aufreiben, wenn bei diesen Gelegenheiten nicht die türkischen Soldaten Ruhe und Ordnung aufrechterhielten. Diese tun das darum, weil ihnen solche Spektakel auch so manches Trinkgeld in ihre Taschen schieben.
HIM|3|640329|11|0|Das ist so die heutige Wirtschaft an den sogenannten heiligen Orten. Und weil Ich solches sicher voraussah, so habe Ich denn auch, besonders in Galiläa, woselbst Ich Meine irdische Lebenszeit am meisten zubrachte, alle die in den Evangelien benannten und bekannten Orte derart zugrunde richten lassen, dass sie nun ein noch so bibelfester Geograph nimmer finden kann.
HIM|3|640329|12|0|Von der einzigen Stadt Tiberias am Galiläischen Meer sind noch einige Überreste, aber von allen anderen Orten, die zu Meiner Zeit an den Ufern dieses Meeres standen, ist keine Spur mehr vorhanden. Zudem ist das Galiläische Meer auch von allen Seiten derart zurückgewichen, dass es nun mehr als ein gutes Drittel weniger Wasserfläche hat als zu Meiner Zeit.
HIM|3|640329|13|0|Von Meinem Wohnort Nazareth ist ebenso wenig eine Spur mehr; nur in einem Tal westlich vom Galiläischen Meer, gegenwärtig einige Stunden entlegen, befindet sich ein ganz elendes türkisches Dorf, das der gewinnsüchtige Glaube der dortigen Christen und auch Türken als Meinen einst wahren Wohnort angibt und bezeichnet.
HIM|3|640329|14|0|An der Stelle Meines fälschlich angegebenen einstigen Wohnhauses steht nun auch eine Kirche mit einem kleinen Kloster, in der die dortige Priesterschaft noch allerlei Reliquien aus der Werkstätte des Zimmermanns Joseph vorzeigt, aber dabei dennoch bei den meisten Sekten wenig Glauben findet, weil jede Sekte vorgibt, sich selbst im Besitz dieser Reliquien zu befinden, besonders die Katholiken, die da vorgeben, dass sich sämtliche Reliquien aus dem Haus Josephs zu Rom in der Sixtinischen Kapelle befinden, dahin sie von den Engeln durch die Luft gebracht worden seien. Die anderen Sekten haben ohnehin geringeren Glauben an dergleichen Reliquien, und so macht das heutige Nazareth nur ganz schwache Geschäfte mit seinen Heiligtümern.
HIM|3|640329|15|0|An der Küste des Mittelländischen Meeres ist Joppe noch der wohlerhaltenste Ort; Tyrus und Sidon sind vollkommene Ruinen sowie Sardes und Laodicea. An der Stelle dieser alten Weltstädte befinden sich gegenwärtig nur ganz dürftige Fischerhütten. In den Ruinen hält sich allerlei Wild auf, der Schakal und die Hyäne sind da nicht seltene Erscheinungen, und die armen Fischer müssen immer bis an die Zähne bewaffnet ihre Fische fangen.
HIM|3|640329|16|0|Von all den von Mir besonders im letzten Jahr Meiner Lehrzeit besuchten Städten sind am östlichen Ufer des Galiläischen Meeres und Jordantales nur noch einige dann und wann von den Beduinen bewohnbare Ruinen vorhanden, und das darum, weil sie aus lauter alten, überaus harten Basaltsteinen erbaut sind, und schon zu Meiner Zeit ein Alter von nahe zweitausend Jahren hatten und zum größten Teil von Römern und Griechen bewohnt wurden.
HIM|3|640329|17|0|Also finden sich auch noch im oberen Syrien einige von Mir besuchte Orte vor; allein auf die haben die Menschen darum kein Augenmerk geworfen, weil sie ihnen erstens zu entlegen sind, und fürs Zweite in den gegenwärtigen vier Evangelien namentlich gar nicht vorkommen.
HIM|3|640329|18|0|Und somit kannst du mit Meiner Benennung der Orte von ganz Palästina beruhigt sein; denn Ich habe sie eben der schon vorausgesehenen Abgötterei wegen aus dem Dasein derart völlig hinweggewischt, dass in dieser Zeit keine nur annähernde Spur mehr von ihnen vorhanden ist.
HIM|3|640329|19|0|Das Richtigste ist noch die Benennung des Kisjontales an der Karawanenstraße, die einst von Damaskus über Kapernaum nach Tyrus und Sidon führte. Aber dieses Tal, das einst knapp am Galiläischen Meer sich befand, befindet sich jetzt mindestens drei bis vier Stunden davon entfernt und ist eine gänzlich unfruchtbare Sandsteppe.
HIM|3|640329|20|0|Ebenso steht es mit der Ebalbai und dem Ebaltal, allwo sich dereinst der Flecken Genezareth befunden haben soll; es ist nun eine ziemlich weitgedehnte Sandwüste und vom Spiegel des Galiläischen Meeres nahe zwei Stunden entlegen. Zu Meiner Zeit hatte dieses Meer dort einen Abfluss, und zu den Zeiten der Kanaaniter war das ein Hauptabfluss des Jordans, und wo er jetzt abfließt, war in jener alten Zeit nur ein Bach. In den späteren Zeiten wurde dieses alte Jordantal derart durch die Erdrevolutionen, die in dieser Gegend sehr häufig vorkamen, verlegt und verrammt, dass es in der Jetztzeit wohl keinem Reisenden und Forscher nur im entferntesten Sinne einfallen könnte, dass da einstens der Jordan sein Bett hatte. Zu Meiner Zeit war dieses Tal noch mehr frei, und es ging ein Arm des Jordans durch dasselbe; allein durch die großen Erdbeben und Erdrevolutionen nach Mir ging jede Spur davon verloren.
HIM|3|640329|21|0|Durch solche Erdrevolutionen aber hat namentlich in der Gegend des Galiläischen Meeres, und zwar das Becken dieses Meeres selbst, an manchen Stellen eine mehr als 200 Klafter tiefere Senkung erfahren, und so ist der See denn auch seiner Oberfläche nach kleiner geworden, und der Jordan musste sich dort seinen Hauptabfluss schaffen, wo ihm die Erdrevolutionen ein weiteres Tor aufgemacht haben. In den ungefähr tausend Jahren nach Mir ist das ganze Jordantal bis zu seiner Ausmündung ins Tote Meer im Ganzen bei hundert Fuß eingesunken, und das auf das Tote Meere selbst, und man kann nicht leichtlich mehr sanften Ufers zu diesem Meer gelangen, welches jetzt von sehr hohen und steilen Felsenklippen ordentlich strotzt, so dass man nur an sehr wenigen Stellen zur Betrachtung dieses leblosen Meeres, das ungefähr die dreifache Größe des Bodensees in der Schweiz hat, gelangen kann.
HIM|3|640329|22|0|Was Ich dir nun hierüber gesagt habe, das ist Wahrheit; alles andere ist zum allergrößten Teil menschliche Dichtung und Mutmaßung. Übrigens liegt in dem dir von Mir diktierten Evangelium Johannes wenig oder gar nichts daran, wie die Orte geheißen und wo sie gelegen haben; sondern alles liegt da an der Lebenslehre und Wahrheit, die darin enthalten ist.
HIM|3|640329|23|0|Es gibt nun noch viele Narren, die sich darum streiten, wo das einstige alte Paradies sich befunden habe, und wohin Adam aus demselben schnurstracks geflohen sei, und in welchem Land Kain den Abel erschlug, wohin er nachher floh, und wo sich später Adam selbst angesiedelt habe. Da gibt es so verschiedene Angaben, dass nach ihnen selbst ein der Vollendung nahestehender Geist irregeführt werden könnte; allein das ist ein Streit über den Wert einer Schafwolllocke! Was der Wahrheit nach davon zu halten ist, findet sich in Meiner „Haushaltung“, wie auch teilweise im „Johannes“ vor. Alles andere ist wertlos, indem zu jener Zeit die Erde eine ganz andere Gestalt und Einrichtung hatte, die nach Noahs Zeiten um ein Bedeutendes verrückt wurde. Und wollte man nach der gegenwärtigen Gestalt der Erde die Wohnsituation der Urerzväter bestimmen, so würde man mit solch einer Bestimmung sehr ins Blaue hineinhauen, denn in jenen Zeiten war das heutige Sibirien, besonders gegen Osten, wie auch das Mittelasien bis an die Marken Chinas hin, ein äußerst gesegnetes und fruchtbares Land.
HIM|3|640329|24|0|Seht es euch heutzutage an, und ihr werdet allenthalben das schroffste Gegenteil finden. Sibirien hat nahe nichts als ewigen Schnee und ewiges Eis aufzuweisen, und das einst so gesegnete Mittelasien scheuen nun sogar die wildesten und reißendsten Bestien, indem sie da nichts als Sand und Stein antreffen, und darum auch den nach Sibirien verbannten russischen Untertanen die Flucht zu ergreifen und über diese weitgedehnten Wüsteneien wenigstens die Vorgebirge und Ausläufer des großen tibetanischen Gebirges zu erreichen unmöglich ist, indem diese Wüsten Mittelasiens zum größten Teil ebenso arg sind, als wie die große Wüste Sahara in Afrika.
HIM|3|640329|25|0|Aus dem aber geht hervor, dass diese Erde zumeist durch den Übermut der Menschen eine große Veränderung erlitten hat, und es wird sich nun wohl kein Geologe, wäre er selbst ein hundertfacher Alexander Humboldt, zurechtfinden. Was aber jedermann zum besseren Verständnis der Bücher Mosis zu wissen und zu verstehen notwendig ist, habe Ich dir schon vor zwanzig Jahren in die Feder diktiert und tue dasselbe nun auch im „Johannes“ über die Orte in dem Land, wo Ich gelebt und gelehrt habe. Alles andere und weitere ist eitel und, mit anderen Worten gesagt, nichts anderes als leeres Stroh dreschen.
HIM|3|640329|26|0|Mit dieser Meiner Bescheidung kannst du und jeder andere Gläubige vollkommen zufrieden sein. Die sogenannten verstandesvollen Weltmückenreiter aber sollen sich am Staub der alten Ruinen satt lecken; es wird ihnen aber solches wenig nützen, da sie daran wenig Nahrhaftes finden werden.
HIM|3|640329|27|0|Ich aber bleibe der Herr und verändere die Erde nach Meinem Wohlgefallen und nach Meiner Weisheit; denn solche hochweisen Verständigen, die selbst das Gras wachsen hören, und es auch schon einige gegeben hat, die die Pflanzen bei ihrem Atemholen schnarchen gehört haben wollen, sollen nur das Tal eines Flusses bis auf seinen Grund ausräumen, und sie werden da viel Nahrung für ihren Verstand finden! Sie werden das aber sicher bleibenlassen und sich lieber mit dem Belecken der feuchten Steinwände begnügen; denn da kann doch jeder Mensch solchen Hochgelehrten zurufen: Freunde! Nur bis daher, wo einige Tautropfen hängen, werdet ihr es mit eurer Zunge bringen. Aber etwa mit einem Wunderstab in eurer Hand werdet ihr gleich dem Propheten Moses keine Quelle aus dem Inneren eines harten Felsens hervorlocken, von deren Reichtum sich Millionen Menschen und Tiere den brennenden Durst stillen konnten.
HIM|3|640329|28|0|Der Wunderstab Mosis aber bleibe noch immer Ich – und niemals der eitle ruhm- und selbstsüchtige Verstand eines auf den hohen Universitäten graduierten Doktors sämtlicher Weltweisheit.
HIM|3|640329|29|0|Das zur Beruhigung aller derer, die an Mich glauben, Mich über alles lieben und ihre Nächsten wie sich selbst.
HIM|3|640329|30|0|Das sage wieder Ich als euer Vater, Herr und Meister. Amen.
HIM|3|640407|1|1|Der Evangelist Lukas, sein Evangelium und seine Apostelgeschichte – 7. April 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640407|1|0|Ich kenne deine weiteren vier Punkte, über die du eine nähere Auskunft haben möchtest, und so will Ich dir auch in möglichster Kürze etwas darüber sagen.
HIM|3|640407|2|0|Was den Evangelisten Lukas anbelangt, so habe Ich dir bei verschiedenen Gelegenheiten schon ohnehin dies und jenes gesagt.
HIM|3|640407|3|0|Was sein Evangelium anbelangt, so ist es von ihm aus eine Datensammlung, die ihm durch sein Forschen sowohl in als um Jerusalem über Mich und Meine Taten und Lehren durch verschiedene Menschen in seine Erfahrung gekommen ist. Er selbst hat sie hernach in seiner Art und Weise geordnet und also in Kapitel und Verse eingekleidet, wobei er sich ganz natürlicherweise nicht an die Zahl der Kapitel und Verse eines anderen Evangeliums hat binden können, daher bei ihm so manches in einem ganz anderen Kapitel und Vers vorkommt, als bei den anderen Evangelisten, was ein jeder von euch leicht beim Vergleich der angezeigten Parallelstellen erfahren kann.
HIM|3|640407|4|0|Was seine Persönlichkeit betrifft, so war er ein Formenmaler und Zeichner, mit welchen Produkten seiner Hand er die Weber, Tuch- und Teppichmacher versehen konnte; auch die Zeichnungen der jüdischen Schals und Vorhänge rührten häufig von seiner Hand her. Danebst war er auch ein Schriftenmaler und auch Schreiber, besonders so jemand etwas vollkommen schön und regelmäßig geschrieben haben wollte, und verstand und sprach griechisch, lateinisch und hebräisch und konnte zur Not auch in den anderen Sprachen, die um Judäa herum gang und gäbe waren, sich mitteilen und verständlich machen.
HIM|3|640407|5|0|Zudem war er, wie es dergleichen mehrere Menschen gibt und gegeben hat, ein erpichter Neuigkeitskrämer und erkundigte sich daher um alles, was besonders zu Meiner Zeit geschah und unter den Menschen viel Redens und Aufhebens machte, und hatte seine Freude daran, den vielen neugierigen Menschen, mit denen er im Verkehr stand, etwas außerordentliches Neues erzählen zu können, wobei er durchaus keinen Eklektiker machte, sondern ihm war das nächste Beste recht, wenn es nur den Schein von etwas Außerordentlichem hatte.
HIM|3|640407|6|0|In der ersten Zeit ist bei seinem Erzählen auch vieles, besonders in Ermangelung wirklicher Daten, auf seinem eigenen Grund und Boden gewachsen. Erst in der Zeit, als der Apostel Paulus Mein Wort in Griechenland hie und da gepredigt hatte, ward er von seinem Freund Theophilus, der auch in Griechenland wohnte, ernstlich aufgefordert, über Mich verlässliche Erkundigungen einzuziehen, sie aufzuzeichnen und sie ihm dann zu übersenden, denn er, Theophilus, habe über den gewissen Nazaräer sowohl von Seiten der Juden als auch von Griechen so Verschiedenartiges gehört, dass er daraus nicht klar werden könne, was so ganz Eigentliches an diesem Menschen sei. Es frage sich aber, ob er entweder ein überirdisches Wesen oder gleich nur so ein in mannigfacher Weisheit aus den Büchern wohlerfahrener Mensch sei.
HIM|3|640407|7|0|Als Lukas dieses Schreiben in Jerusalem in seine Hände bekam, dann erst nahm er sich der Sache ernstlicher an und erkundigte sich über alles, was besonders Meine Person und Meine Lehre betraf, bekam aber auch, was er aufschrieb, nicht leichtlich aus dem Munde Meiner wirklichen Jünger, sondern zumeist von anderen auf Mich und Meine Lehre haltenden Menschen, die Mich zum Teil noch persönlich gekannt und zum größten Teil aber von Meinen Jüngern Kunde über Mich erhalten hatten. Denn zwischen Meinem Dasein als Mensch dieser Erde und der Vollendung des Evangeliums Lukas verstrichen nahe fünfunddreißig Jahre, nach welcher Zeit er dasselbe erst an seinen Freund Theophilus nach Griechenland absenden konnte; welches Evangelium dann dieser Theophilus mit seinen Aufzeichnungen verglich.
HIM|3|640407|8|0|Wie es aber mit seinem Evangelium steht, so steht es noch mehr mit seiner Apostelgeschichte, die er ebenfalls auf Aufforderung seines Freundes Theophilus aufs Pergament brachte, und zwar erst in seiner letzten Lebenszeit, also in einer Zeit, in der sich nicht einer Meiner ersten Apostel und Jünger mehr in Jerusalem befand.
HIM|3|640407|9|0|Auch diese Apostelgeschichte bekam in den Händen seines Freundes so manche Abänderung, und selbst die von ihm im Judenland zusammengebrachten Daten waren vielseitig Dichtungen solcher Jünger und Ausbreiter Meines Wortes, die häufig ohne inneren Beruf sich als solche den Menschen vorstellten und ein jeder aus ihnen das Bessere wissen wollte.
HIM|3|640407|10|0|So geschah es denn auch, dass sowohl in dem Evangelium des Lukas, wie noch mehr in seiner nachträglichen Apostelgeschichte Dichtungen und Übertreibungen vorkamen, von denen Meine wirklichen Apostel und Jünger selbst wenig oder nichts wussten; denn sie hielten sich in Jerusalem sehr wenig auf und hatten ihr Wesen mehr in Galiläa, Samaria und in den anderen von Jerusalem weiter entlegenen Landschaften.
HIM|3|640407|11|0|Wenn ihr nun dieses wisst, so werdet ihr wohl einsehen, dass das gewisse Erdbeben und die Finsternis bei Meinem Kreuzestod, die eröffneten Gräber im Tal Josaphat, Meine Himmelfahrt auf zwei sich widersprechenden Bergen, wie auch die gewisse Sendung des Heiligen Geistes zum allergrößten Teil ein Werk der damaligen Phantasie Meiner verschiedenartigen Anhörer und Verehrer sind und auch sogar sein müssen, indem der verlässlichste aller Evangelisten (Johannes), der doch bei jeder wichtigsten Gelegenheit zugegen sein musste, von alledem keine Erwähnung tut, auch der Lukas nicht kundgibt, ob er selbst bei der Ausgießung des Heiligen Geistes persönlich zugegen war oder nicht.
HIM|3|640407|12|0|Sein Evangelium und seine Apostelgeschichte waren bei der großen Kirchenversammlung zu Nicäa auch ganz nahe daran, als apokryph erklärt zu werden. Aber die abendländischen Bischöfe sträubten sich dagegen, und somit war auch alles vom Lukas Geschriebene als authentisch erklärt, und dieser Lukas besteht denn heutigentags noch unter der Zahl der glaubwürdigen Evangelisten und wird von ihm bis zur Stunde noch mehr Aufhebens gemacht als vom Johannes.
HIM|3|640407|13|0|Allein alles, was da unrichtig ist, wird sich mit der Zeit selbst ausstreichen, und würde das nicht geschehen, so würde schwerlich je eine Zeit kommen, davon Johannes spricht, dass in ihr ein Hirt und eine Herde werde.
HIM|3|640407|14|0|Übrigens liegt auch in diesen Episoden, wie Ich schon gesagt habe, etwas geistig Gutes und Wahres. Aber in der naturmäßigen Erscheinlichkeits-Sphäre sind sie freilich um kein Haar besser als die Bilder des hohen Liedes Salomons, nach denen die Tochter Zions eine Gestalt hätte, an der nie ein Mensch auch nur das geringste Wohlgefallen fände. Aber inwendig sieht es dann im Geiste wohl ganz anders aus.
HIM|3|640407|15|0|Warum hätte Ich denn sollen bei Meinem Tode die Sonne gänzlich finster machen, und das durch volle drei Stunden hindurch?! Und wäre das der Fall gewesen, so müsste in jener Zeit die Sonne auch in Indien, China, Japan, Amerika etc. nicht geleuchtet haben, was die Schriftkundigen jener Völker sicher aufgezeichnet hätten. So aber wissen sich sogar die römischen Geschichtsschreiber einer solchen Begebenheit nicht zu erinnern; es müsste die Sache demnach nur in Jerusalem ihre Geltung haben, dass durch Meine Zulassung daselbst alle anwesenden Menschen auf drei Stunden lang blind geworden sind, und es müsste Johannes allein sehend geblieben sein, weil er von solch einer Sonnenverfinsterung keine Kunde gibt.
HIM|3|640407|16|0|Wie es sich aber mit der Sonnenverfinsterung verhält, so verhält es sich auch mit Meiner in dieser Welt erscheinlichen Himmelfahrt; denn wo sollte denn wohl dieser Himmel sein, in den Ich aufgefahren bin?! Oder wohin sollte der Allgegenwärtige hinfahren, um den Menschen dadurch anzuzeigen, wo er eigentlich zu Hause ist?!
HIM|3|640407|17|0|Ich meine aber, dass Ich in der ganzen Unendlichkeit überall so hübsch gleich zu Hause sein werde, da Ich in allem und jedem das Urbelebungs- und Erhaltungsprinzip bin und ohne Mich nirgends etwas ist und besteht! Sonach ist der Himmel allenthalben, wo Meine Liebe und Weisheit waltet, und in der starren Materie besteht allenthalben das von der Macht Meines Willens ausgehende Gericht und der scheinbar ewige Tod. Und es heißt darum denn auch, der Himmel ist Mein Thron und die Erde, durch die die sämtliche Materie dargestellt ist, der Schemel Meiner Füße. Nun wird sich doch niemand vorstellen wollen, dass der räumlich endlose Himmel nichts anderes darstellt als Meinen Sitzthron, und damit Ich beim Sitzen nicht müde werde, Mir die Erde zum Schemel Meiner Füße gemacht habe!
HIM|3|640407|18|0|Ja, es besteht wohl im Reich der reinen Geister eine geistige Sonne, in der Ich mit den Meinen persönlich wohne. Diese Sonne ist aber räumlich allenthalben allen jenen Engeln und Geistern sichtbar, die Mich durch die Liebe in ihrem Herzen besitzen. Für die anderen ist sie aber auch nirgends ersichtlich und auffindbar und sollten sie solche auch durch den ganzen unendlichen Raum suchen und finden wollen; denn bei denen das Herz blind ist, ist auch ihre geistige Sehe blind, und sie sehen von der geistigen Sonne noch weniger als ein Stockblinder auf dieser Erde von der natürlichen etwas.
HIM|3|640407|19|0|Ich bin aber durch diese Sonne überall gegenwärtig und kann auch in die Erscheinlichkeit treten und wirken, wann und wo Ich will, und brauche vorher Mich mit niemandem zu beraten, weder in der Welt der Geister und noch weniger in der Welt der Materie; wohl aber beraten sich zuvor alle seligen Engel und Geister mit Mir, so sie irgendeine große Tat in Meinem Namen zu vollbringen haben. Was dagegen ihre gewöhnlichen Handlungen in Meinem Reich betrifft, so finden sie die Anweisungen für immerfort in ihren himmlischen Wohnungen. Wie aber diese beschaffen sind, darüber habt ihr schon in der geistigen Sonne die Kunde erhalten.
HIM|3|640407|20|0|Was das Geistige unseres Evangelisten Lukas betrifft, so war er voll Eifers um Meine Sache, und es wäre sogar gut gewesen, so er sich mit seinem Eifer um einige Staffeln tiefer angestellt hätte. Allein er war, ist und bleibt ein tüchtiges Rüstzeug Meiner Liebe- und Gnadenerweisungen für seine Zeit sowohl als für die Jetztzeit; denn er war in den Schriften des Alten Bundes besser bewandert als irgendein seine Nase hochtragender Schriftgelehrter des Tempels und konnte daher auch leicht Meine Taten, von denen er Kunde erhielt, als wahr beurteilen und sie auch den anderen, die ihn darum angingen, darstellen.
HIM|3|640407|21|0|Wollet darum euch nicht ärgern über diesen Mann ob mehrerer Unrichtigkeiten, die in seinen Schriften vorkommen; denn fürs Erste war nicht er von allem der eigentliche Schöpfer, sondern vielmehr seine nachträglichen Korrektoren, von denen Ich euch mehr denn ein ganzes Dutzend anführen könnte. Und fürs Zweite war er besonders in seinen späteren Zeiten voll guten Willens und voll Ernstes, der Nachwelt möglichst die vollste Reinheit in seinen Schriften zu hinterlassen.
HIM|3|640407|22|0|Allein dafür kann er nicht, was die späteren habsüchtigen Gemeindevorsteher aus ihm gemacht haben. Sie haben Unkraut unter seinen Weizen gesät, welches mit dem Weizen aufging. Den Weizen verstanden sie recht wohl für ihre Scheuern zu sammeln, das Unkraut aber brauchten sie dann zum Nährfutter ihrer Herden und brauchen es noch. Diese Herden aber bestehen nun nicht aus Meinen Lämmern und Schafen, sondern aus Eseln, Ochsen, Schweinen und anderem dummen Getier, das sich mit den Disteln und Dornen begnügt.
HIM|3|640407|23|0|Lassen wir sie darum vorderhand bei dieser Kost. Wenn sie ihnen einmal ernstlich zuwider wird, so werden sie sich selbst um eine andere Kost umsehen, bei der ihnen ihre dumme andere Gestalt verändert wird und sie auch mit Wolle edler Schafe in Meinen Schafstall werden aufgenommen werden können, wo es dann nur einen wahren Hirten und eine rechte Herde, mit der rechten Kost versehen, geben wird.
HIM|3|640407|24|0|Mit dem habt ihr nun zum Voraus, was ihr vom Lukas zu halten habt, das Weitere wird euch schon bei der versprochenen Gelegenheit mitgeteilt werden. Amen.
HIM|3|640408|1|1|Unsere Erde kam aus der Urzentralsonne – 8. April 1864, nachmittags von 1/2 4 bis 3/4 7 Uhr
HIM|3|640408|0|0|Anfrage von Leopold Cantily. Schreibender: Leopold C.
HIM|3|640408|1|0|Es ist zur Beseligung des Menschen nicht unbedingt notwendig, dass er mit seinem natürlichen Verstand in alle Meine Schöpfungsverhältnisse eindringen solle; aber es steht auch geschrieben, dass ein Mensch von Geist und Verstand alles prüfen und davon das Gute und Wahre behalten soll. Und so erteile Ich denn auch einem jeden, den es danach dürstet, über derlei Fragen zwar immer nur ein kurzes, aber ein rechtes Licht, welches den eigentlichen Weltweisen und Weltverständigen als eine Torheit vorkommt, aber für die, so an Mich glauben, dennoch eine Weisheit aller Weisheit ist, von der es den Weltweisen und Weltverständigen noch nie etwas geträumt hat.
HIM|3|640408|2|0|Um aber zu verstehen, wie sich die Urstoffe sowohl im Mineralreich der ganzen Erde, dann die aus ihnen hervorgehenden Pflanzenstoffe und weiter die aus den Pflanzen hervorgehenden Tierstoffe zueinander verhalten, muss man vorerst wissen, wie die Entwicklung dieser Erde vor sich gegangen ist und woher sie in ihrem Urentwicklungssein in die Region dieser Sonne gekommen ist. So jemand das weiß durch den Glauben an Mein Wort, dem wird auch da gar bald alles andere klar und begreiflich werden.
HIM|3|640408|3|0|Seht, alle die anderen Planeten, die mit ihren Nebenkörpern um die Sonne bahnen, sind bis auf einen einzigen Kometen Kinder ebendieser Sonne, aber diese Erde samt ihrem Mond nicht. Sie ist ein Kind aus der Ursonne, wurde aus deren großartigem Inneren schon als ein ziemlich kompakter Körper mit unsäglicher Kraft in den weiten Hülsenglobenraum hinausgeworfen, natürlich vor für euch undenklich vielen Erdjahren. Einer ähnlichen Abkunft hatte sich auch jener größere Planet zu erfreuen, von dem ihr wisst, dass er von innen aus zerstört worden ist. Aus diesem Grunde aber ist diese Erde auch so höchst mannigfaltig kompliziert, dass in ihr, auf ihr und über ihr alle jene Urstoffe vorkommen, welche freilich im größten Maßstabe nur in der Urzentralsonne vorkommen und vorkommen müssen, weil sie die Ernährerin und Leiterin der zahllos vielen Nebenzentralsonnen und der Planetarsonnen und ihrer Planeten ist.
HIM|3|640408|4|0|Diese Erde ist somit, was die Urdaseinsstoffe anbelangt, der Urzentralsonne völlig ähnlich und daher auch zur Ausbildung für die Menschenseelen, die zu Gotteskindern berufen sind, vollkommen tauglich.
HIM|3|640408|5|0|Nun wird jemand freilich fragen: Wie kam diese Erde denn zu ihrer Atmosphäre und zu ihrem allerartigen Gewässer? Und Ich sage darauf: So wie mehr oder weniger jeder andere Planet und diese Sonne selbst, nämlich durch ihre immerwährende, nahe siebenfache Reise um die Urzentralsonne.
HIM|3|640408|6|0|Die erste (an sich zweite) Reise nämlich macht sie um die Sonne, wie ihr seht, und die eigentlich erste Reise aber durch ihre eigene Umdrehung; die dritte, viel größere Reise macht sie mit der Sonne um die Zentralsonne, wie ihr schon wisst, in ungefähr 28.000 Erdjahren; die vierte Reise, die noch ungeheuer größer ist und länger dauert, macht sie mit dem Sirius, der eigentlich die Zentralsonne dieses Sonnengebietes ist, um eine viel größere Sonnengebiets-Zentralsonne; die fünfte Reise macht sie mit all den vielen Sonnengebiets-Zentralsonnen, welche zusammen ihr ein Sonnen-All nennen könnt, um eine noch viel größere Sonnenall-Zentralsonne, welche Reise natürlich zwar schon eine ungeheuer schnelle ist, aber dessen ungeachtet viele Billionen Erdjahre andauert, bis sie einmal vollbracht wird; die sechste Reise macht sie mit den großen Sonnenall-Zentralsonnen um die Urzentralsonne selbst; die siebente Reise, zu der gar lange dauernde Perioden gehören, ist die Wechselreise, bei der eine Sonnenall-Zentralsonne bald näher an die Urzentralsonne und bald wieder näher an die Hülse der großen Globe gelangt und dadurch einem ganzen übergroßen Sonnen-All die hinreichende Nahrung erteilt wird: in der größeren Nähe der Urzentralsonne die positive und in der Nähe der Hülse der Globe die negative. Und ist ein Weltkörper von diesen beiden psycho-elektromagnetischen Urstoffen hinreichend gesättigt, so kann er dann auch aus sich selbst alles hervorbringen und ernähren, was hervorzubringen und zu ernähren in seiner ursprünglichen Kraft und Wesenheit schon embryoartig zugrunde liegt. Einem Weltkörper wie dieser Erde liegt aber unendlich vieles zugrunde, daher kann er auch nahe unendlich vieles in naturmäßiger Hinsicht aus sich entstehen lassen.
HIM|3|640408|7|0|Die eigentlichen beiden Urstoffe sind die dieser Erde innewohnenden beiden elektromagnetischen Potenzen, und zwar im höchsten Grade, aus welchem Grunde sie auch einer der dichtesten Weltkörper ist. Und vermöge dieser beiden Urlebenspotenzen besitzt sie denn auch die Fähigkeit, aus all den Sonnen der ganzen Hülsenglobe durch den Äther sich nahe endlos verschiedenfältiger Stoffe zu ihrem Gedeihen zu bemächtigen.
HIM|3|640408|8|0|Eine Art Urkalk, wie auch Kreide und Schwefel gehören zur Urmaterie der Erde. Durch diese hat sie bei ihrer großen Reise schon als Komet aus dem weiten Ätherraum sowohl eine große Menge von Wasser enthaltenden Dünsten an sich zu ziehen vermocht, welche Dünste sich mit den Zeiten verdichteten und zu Wasser wurden, durch die innere Kraft sich dann aber wieder auch in Dünste auflösten, welche über dem eigentlichen Wasserspiegel schwebten und nach und nach die atmosphärische Luft bildeten, zu deren gegenwärtiger Reinwerdung wohl gar sehr viele Millionen von Jahren notwendig waren.
HIM|3|640408|9|0|In den ersten Zeiten bildeten sie hauptsächlich nur die Urmineralien, die nun aber freilich in dieser Zeit die innere Feste dieser Erde ausmachen und eigentlich auf die Oberfläche dieser Erde nur äußerst selten oder wie jetzt beinahe gar nicht mehr zum Vorschein gelangen.
HIM|3|640408|10|0|Die zweite Periode bildete schon der Niederschlag in den Tiefen der Meere. Und als dieser die gehörige Dichte und Schwere erreichte, da wurde durch solchen Druck das Innere der Erde auch stets erhitzter und erhitzter und setzte die schwefeligen Stoffe in Brand, wodurch zum Teil die anderen Urstoffe in ein teilweises Schmelzen gerieten und vielseitig über die Oberfläche des Wassers emporgetrieben wurden, verschafften aber dadurch dem Wasser den Eintritt in das Innere der Erde und daselbst eine notwendige Abkühlung.
HIM|3|640408|11|0|Die dabei entwickelten Gase strömten aber bei solcher Gelegenheit durch diese zahllos vielen Löcher zur Oberfläche herauf und schwängerten sowohl die Dunstatmosphäre wie auch das Meer – was wir noch Gewässer der Erde nennen wollen – mit dem, was die Chemiker jetzt Kohlensauerstoff nennen, der, wie ihr leicht begreifen könnt, aber schon an und für sich kein einfacher und unteilbarer Stoff sein kann, da ihm schon zuerst die positive und negative Elektrizität und der Urschwefel, Urkalk und die Kreide seine primitive Entwicklung verschafft haben. Aber dieser Stoff ist dennoch ein sehr hungriger zu nennen und ist fortwährend im höchsten Grad begierig, eine Menge anderer Stoffe an sich zu ziehen und sich mit ihnen zu vereinigen. Ist dieses geschehen, so wird er produktiv, und seine geistigen Lebensteile sind dann auch schon imstande, wenn auch noch in einem sehr plumpen Zustand, ohne eine vorhergehende Samenlegung auf den über den Wassern befindlichen festeren Teilen der Erde Wesen hervorzubringen. Sie bewirken nämlich eine Art Gärung, und aus dieser entwickelt sich bald ein plumpes Gewächs, ungefähr nach der Art, wie sich heute noch eine Unzahl von allerlei Schwämmen ohne vorhergehende Samenlegung auf jenen mehr sumpfigen Punkten der Erde entwickeln, die von den starken Winden besonders in den dichten Wäldern wenig heimgesucht werden, daher auch bei einiger Wärme in eine Gärung übergehen, auf welche dann bald das Erscheinen der verschiedenartigen Schwämme bei einem günstigen Wärmegrad ersichtlich wird.
HIM|3|640408|12|0|Einen ähnlichen, nur viel großartigeren Entstehungsgrund haben denn auch jene euch mehr oder weniger bekannten riesigen Urgewächse dieser Erde, die ihr hie und da noch jetzt als schwarze Glanzkohle antrefft.
HIM|3|640408|13|0|Es könnte zwar jemand hier die Bemerkung machen, warum die Schwämme der Jetztzeit als Produkte des Kohlenstoffes nicht in jene schwarze Kohle übergehen und sich versteinern. Das tut sich jetzt nicht mehr; denn zu jener Zeit bestand die atmosphärische Luft, besonders in der Umgebung des Erdbodens wie des Meeres, bis zu einer Höhe von mehr als einer Meile noch aus 8/10 Teilen Kohlenstoff und nur sehr wenig gemengt mit Sauerstoff und Wasserstoff.
HIM|3|640408|14|0|Wo aber irgend auf einem Punkt der Erde der mit wenig anderen Stoffen verbundene Kohlenstoff sich allein befindet, da werden auch wenig oder gar keine Tiere und Pflanzen zum Vorschein kommen. Kommt aber ein Tier oder eine bessere Pflanze in solch eine Gegend, so sterben sie bald, verwesen eigentlich gar nicht, sondern was eine Pflanze oder ein Tier an anderen Stoffen, die ihr kennt, in sich besitzen, das wird von dem Kohlenstoff bald aufgezehrt. Und was an der Pflanze oder am Tier als Kohle vorhanden ist, geht auch in das über, und man findet in solchen Tälern und Klüften schon nach einem Jahr nichts anderes mehr als ein wenig dunkelgraue und mitunter auch dunkelbräunliche Asche, wovon euch gewisse Begräbnisstätten im neapolitanischen und sizilianischen Gebiet auf das Vollkommenste überzeugen können.
HIM|3|640408|15|0|Selbst in den euch gar nicht fernen Karstgegenden, in denen das wenige Erdreich, das sich da vorfindet, von den dortigen Bewohnern zum Anbau für ihre Nährpflanzen verwendet wird, findet ihr armselige Pfarreien, deren Friedhof in einer nahe liegenden Grotte besteht. In diese Grotte wird der Leichnam des Verstorbenen gelegt, verliert bald allen üblen Geruch und verwest in zwei Jahren so vollkommen, dass man von ihm nichts anderes vorfindet als allenfalls ein spärliches Gewand, in das er gehüllt war, oder es ist von dem Leichnam nichts anderes mehr vorzufinden, als was Ich schon früher von Neapel und Sizilien bemerkte. Das bewirkt demnach der mit den Schwefeldünsten vereinigte Kohlenstoff, und die Totengräber müssen sich bei Einsetzung einer Leiche (zum Schutz) den Mund mit einem in Essig getauchten Tuch verbinden.
HIM|3|640408|16|0|Da aber die vorbesprochenen riesigen Urgewächse der Erde zum allergrößten Teil nur pur Kohlenstoff waren, so konnten sie auch nicht verwesen, sondern liegen bis auf den heutigen Tag noch unverwest. Man pflegt auch noch heutzutage Holzpfähle, die man tiefer in die Erde steckt, außen herum im Feuer mit einer Kohlenkruste zu umgeben, weil diese beim übrigen Holz eine zu baldige Verwesung verhütet, welche allzeit eine Folge einer inneren Erdgärung ist, bei welcher sich der Kohlenstoff mehr oder weniger wirksam entwickelt. Findet er den Holzpfahl mit Kohle umgeben und in ihm seinesgleichen, so ist er ihm unschädlich; findet er aber das nicht, so wird der Holzpfahl nicht sehr lange in der Erde als brauchbare Stütze bestehen können.
HIM|3|640408|17|0|Wenn ihr nun das wisst und so gewisserart mit Händen greifen könnt, so werdet ihr daraus schon vieles andere auf dieser Erde Vorkommende begreifen können. Je mehr nach dem Lauf der Zeiten der eigentliche Kohlenstoff mit den anderen Stoffen sich gemengt hat, desto weniger vermochte er auch den vielfachen anderen Produktionen als Hindernis erscheinen. In der Erde sammelten sich wieder durch das innere Feuer kompliziertere Gase, die schon selbst zum größten Teil durch die innere Erdelektrizität entzündbar wurden, hoben durch ihre explosive Kraft ungeheuer große Stücke des schon festen Meeresbodens zu einer oft enormen Höhe über den Wasserspiegel und lehnten sie gewisserart aufrecht und unterstützten sie durch nachgehobene innere Teile des Erdkörpers. In Zeiten von mehreren tausend Jahren waren die dadurch entstandenen weiten und tiefen Meeresbodenverwundungen mit neuem Schlamm angefüllt, der sich nach und nach wieder also festigte wie ein erster, und die Oberfläche der Erde war dann schon zur Hervorbringung einer größeren Menge von großartigen Bäumen, Gesträuchen und Kräutern fähig. Bei dieser Gelegenheit war auch schon wenn nur wenigen, aber dafür großen Tieren das Entstehen möglich.
HIM|3|640408|18|0|In dieser Periode bildeten sich nach und nach besonders in den hohen Erhöhungen des früheren Meeresbodens – welche wir nun schon als die Urgebirge der Erde bezeichnen wollen – großartige kristallinische Bildungen, dem heutigen Tropfstein ähnlich. Und durch diese Bildung und durch die Pflanzen wurde denn auch der Grund zu allerlei metallischen Bildungen gelegt, worunter in jener Zeit vor allem das Gold den Anfang machte, besonders in jenen Teilen der Erde, die schon anhaltender von den Strahlen der Sonne beschienen werden konnten.
HIM|3|640408|19|0|Dieser Periode folgte bald eine vierte, der auch natürlich großartige Feuereruptionen vorangingen. Da wurden diese vielen Bäume und Kräuter samt den Tieren wieder begraben und verwesten auch sehr wenig, wurden bald mit Wasser, bald mit Schlamm überdeckt und werden noch heutigentags als Erdkohle in weiten Ausdehnungen hin aufgefunden. In manchen Ländern hat man auch Gerippe jener Urwelttiere aufgefunden und sie mit Namen belegt.
HIM|3|640408|20|0|Nach dieser Periode kam – nach einer verhältnismäßig langen Zeit – wieder eine Vorbereitungsperiode, welche schon im hohen Grade produktiv geworden ist. In dieser entstehen schon eine ungeheure Menge von Pflanzen und Tieren sowohl im Wasser wie auf dem Trockenen der Erde und in der Luft, und so endet diese Periode.
HIM|3|640408|21|0|Und da sehen wir auch schon den ersten Menschen und nach ihm in kaum zweitausend Jahren eine sechste Erdveränderungsperiode, in der ihr selbst noch lebt. Und dass sich die Produktivität der Erde durch alle diese euch bekannten sechs Perioden in einem ungeheuren Maße in der verschiedenartigsten Weise gemehrt hat, davon zeugt alles gegenwärtige Gewässer der Erde, ihre trockene Oberfläche und die Luft.
HIM|3|640408|22|0|Und nun geht die Frage also um die Urstoffe alles dessen, was nun in und auf der Erde, in den Gewässern und in der Luft sich befindet, besteht und fortpflanzt.
HIM|3|640408|23|0|Da wird sich jemand denken, um diese Fragen zu beantworten, werden sehr viele Worte nötig sein. O mitnichten! Denkt nur, woher die Erde stammt und was sie alles von ihrer großen Mutter als Erbe mitgebracht hat, so werdet ihr leicht einsehen, aus welcher Quelle solches alles auf dieser Erde entstehen und bestehen kann.
HIM|3|640408|24|0|Jeder eigentliche Urstoff ist gebundenes Geistiges, und wie es irgend frei wird, wird es in seiner Art auch tätig und bildet sich seine Form und seine Beschaffenheit mit steter Ein- und Beiwirkung eines entsprechenden jenseitigen Geistes. Diesen Geist wollen wir positiv-elektromagnetisch nennen und ihm auch den Namen Sideralgeist beilegen; jenen in der Erdmaterie, sowohl des festen Erdreichs wie des Wassers sowie der Luft, wollen wir den negativ-elektromagnetischen Stoff nennen oder den gerichteten diesirdisch gebundenen Naturgeist, der durch seinen entsprechenden jenseitigen Sideralgeist erst geweckt und in die seiner ihm innewohnenden Intelligenz entsprechende Tätigkeit gesetzt wird.
HIM|3|640408|25|0|Da diese naturgeistig partikulären oder speziellen Intelligenzen aber ebenso vielfältig und mannigfach sind, als wie vielfältig und mannigfach sie in der Urzentralsonne vorhanden sind, aus welcher alle Sonnen und anderen Weltkörper in dieser Hülsenglobe abstammen, – so gibt es auch eine ebenso große Anzahl der positiven Sideralgeister, durch welche die in dieser Erde haftenden Naturgeister nach und nach zur stets freieren Tätigkeit geweckt werden. Die Intelligenz eines diesirdischen Naturgeistes ist immerhin nur eine einfache, wird aber durch den Sideralgeist zu einer vielfachen. Nehmen wir die gebundensten Geister im Mineralreich an. Sie würden aus sich auch nur höchst einfache und einstoffige Zusammenklumpungen hervorbringen; aber durch die auf sie einwirkenden entsprechenden Sideralgeister werden sie gewisserart in ihrer Intelligenz erweitert, sie werden gewisserart fühlend und in ihrer Art sehend und fangen an, von dem unendlich Vielen, was in der Erde aus der Ursonne schon vorhanden ist, das ihnen Zusagende zu sammeln und an sich zu ziehen, und seht: Auf diese Weise entstehen dann die verschiedenartigen Mineralien, Metalle und edlen Steine, die gewisserart, materiell genommen, die Augen dieser Geister bilden und sich die Einwirkung des Lichtes aus der Sonne und aus zahllos vielen anderen Gestirnen zunutze machen.
HIM|3|640408|26|0|Fragt nun nach den Elementar-Urstoffen all der vielen Mineralien und der Metalle und ihr werdet überall dieselben finden, nur in dem Verhältnis: Im Wie-viel-Mehr oder -Weniger des Positiven und ebenso des Negativen liegt der Unterschied, und das Plus oder Minus des einen oder des anderen geht selbstverständlich ins Unendliche. Daher ihr auch die Produkte wie bei den Mineralien so noch ins ungeheuer Vervielfältigte und ins Mannigfaltigste gehend beim Pflanzenreich antreffen werdet.
HIM|3|640408|27|0|Aus dem negativen Prinzip entsteht durch die Erweckung des Sideralgeistes die eigentliche Wurzel und der Stamm der Pflanze und selbstverständlich die lebendig werdende diesirdische Naturseele. Diese aber wird durch den Sideralgeist in ihrer Intelligenz- und Tätigkeitssphäre vervielfältigt und bildet alles das, was ihr an irgendeiner Pflanze über den Erdboden hinaus erseht. Alles ist also nichts anderes als eine Wirkung des Minus und des Plus der beiden sich stets mehr und mehr vereinenden Geister.
HIM|3|640408|28|0|Wie in der Pflanzenwelt, so ist es auch in der höheren Stufe, im Tierreich. Die Gesamteinung aller dieser spezial-seelischen Intelligenzen mit ihrem jenseitigen Sideral- oder Lichtgeist geht aber erst im Menschen vor sich, bei dem es auch, besonders in seiner moralischen Sphäre, auf das Plus oder Minus, entweder von unten oder von oben, am allermeisten ankommt. Endlich müssen freilich alle – was von oben herrührt – ins Plus überkommen, aber es wird dazu auch eine hübsch lange Zeit erforderlich sein. Wo aber beim Menschen das geistige Plus von oben schon vorherrschend ist, da wird eine Vollendung sowohl dies- als jenseits gar leicht und bald möglich sein, je nach dem Grad des Liebefeuers der beiden geistigen Lebenspotenzen.
HIM|3|640408|29|0|Aus dem euch nun hier Mitgeteilten habt ihr alles, was eure Fragen in sich fassen, und noch um sehr vieles darüber. Die Naturkunde und gegenwärtige Chemie aber kann ewig arbeiten, so wird sie zu diesem Endresultat dennoch nie gelangen. Denn fürs Erste hat sie kein Bindungsmittel, um die negative und positive Elektrizität zu einem festen Körper zu verbinden, und noch weniger zur Hervorbringung des einen oder des anderen Elements das Mittel, um das Plus oder Minus miteinander zu verbinden, und so ist sie genötigt, das Bestehende zu zerlegen, aber vermag nichts Neues daraus zu schaffen.
HIM|3|640408|30|0|Man kennt die Bestandteile des Wassers. Aber man säe in ein und dieselbe Erde tausenderlei Pflanzen und begieße sie mit dem gleichen Wasser, und aus jedem Samenkorn wird seinem inneren Geiste entsprechend die betreffende Pflanze hervorwachsen. Worin besteht der Urstoff einer jeden? In nichts anderem als in dem Plus oder Minus dessen, was Ich euch gezeigt habe.
HIM|3|640408|31|0|Ein Tiefereres und Innereres kann Ich euch nicht kundgeben, indem Ich euch hiermit ohnedies das für euch möglich Fassliche kundgegeben habe. Begnügt euch darum mit dem in Meinem Namen. Amen.
HIM|3|640410|1|1|Über das Wesen des Phosphors – 10. April 1864, nachmittags
HIM|3|640410|0|0|Auf eine Anfrage des Apothekers Leopold Cantily. Schreibender: Leopold C.
HIM|3|640410|1|0|Wo kommt denn der Phosphor am allermeisten vor? Sicher nur in jenen Erdstrichen, wo die positive oder sideralische Elektrizität am meisten daheim ist, von welcher dann in einem geringen Teil sogar die Mineralien und noch mehr die Pflanzen und am meisten die Tierarten, der Mensch dem Fleische nach nicht ausgenommen, durchdrungen werden und sich in diesen Körpern durch die Anwesenheit des Kalkes und des aus dem Kalk hervorgehenden Salzes in eine Verbindung setzen und gewisserart körperlich werden.
HIM|3|640410|2|0|Auf der südlicheren Erdhälfte, beinahe tausend Meilen unter dem Äquator, werdet ihr Phosphor weder in den Mineralien noch in den Pflanzen und Tieren antreffen, aber desto häufiger und intensiver auf der nördlichen Erdhälfte, und zwar am intensivsten in der halben nördlichen heißen und gemäßigten Zone. In der mehr und mehr kalten Nordzone findet er sich zwar wohl auch noch vor, aber weniger mit den Körpern als mit der Polarluft im Verein, wo er sich dort mit dem Sauerstoff leicht und gerne verbindet, aber auch nur bis zu einem gewissen Grad. Denn ist die Nordluft und ihr großer Sauerstoffgehalt einmal zu übersättigt, so ist er entzündbar und ist das eigentliche leuchtende Element beim Erscheinen des sogenannten Nordlichtes. Es wird zwar von ihm eine große Portion vom Nordpol selbst verzehrt, weil er die eigentliche Hauptnahrung der Erde ausmacht; aber dessen ungeachtet bleibt noch eine übergroße Dosis mit der den Sauerstoff reichhaltig enthaltenden atmosphärischen Luft übrig und entzündet sich durch die schwere Masse und durch den ausübenden Druck der Luft, welche Erscheinung den Bewohnern der Nordländer in der langen Winternacht sehr gut zustattenkommt.
HIM|3|640410|3|0|Die Erscheinung des Nordpolarlichtes wird darum in den Südpolarländern und namentlich gegen den Südpol zu nie statthaben. Es kommt zwar dort auch bläuliches Leuchten hie und da vor, aber nicht in der Weise wie in den Polarländern, sondern in Gestalt von bläulich-violett oder grünlich leuchtenden Kugeln, die gleich den Leuchtmeteoren – die sich hier aus den Sümpfen erheben und wieder in diese niedersinken – sich dort auch aus der Tiefe erheben, eine Zeit lang auf der Oberfläche dahinfahren und bald wieder in die Tiefe hinabsinken, ähnlich auch so manchen Sternschnuppen, die ihr auf dieser nördlichen Erdhälfte schon zu öfteren Malen in der Luft habt dahinschweben sehen und bis auf die Färbung beobachtet haben werdet. Die weißere Färbung rührt auch hier von dem vorhandenen Phosphor in der Luft her.
HIM|3|640410|4|0|Dass die Luft das erste Aufnahmeorgan für diesen ursideralischen Stoff ist, könnt ihr an vielen Erscheinungen beobachten. Ihr dürft die Luft nur irgendeinem übermäßig starken Druck preisgeben, so wird sich die positive Elektrizität oder der ureigentliche Phosphor in ihr entzünden und seine sideral-geistige Kraft zu erkennen geben. Die Elektrisiermaschinen geben dem schon seit lange her ein Zeugnis. Denn durch das Herumdrehen einer Glasscheibe oder eines Glaszylinders oder auch eines Harzkuchens mit einer dazu eigens bereiteten Platte, welche die Verbindung mit dem Glas oder Harzkuchen herstellt, wird die dazwischenkommende Luft gedrückt, und der in ihr leicht entzündbare Phosphor wird besonders von metallenen Spitzen angezogen und kann durch eine weitere Leitung in den gewissen Flaschen angesammelt werden, d. h., wenn sie innen ebenso wie auch außen mit Metall belegt sind. Auf die gleiche Weise entzündet sich der in der Luft überschwänglich vorhandene sideral-elektromagnetische Stoff ebenfalls nur durch die Reibung der gegeneinander strömenden Luft, und ihr habt diesem Stoff die gefürchteten Blitze und den Donner zu verdanken.
HIM|3|640410|5|0|In der heißen Zone nimmt dieser Stoff einen oft sehr gefährlichen und verheerenden Charakter an, besonders in jenen Gegenden, die wenig oder gar keine Gebirge, kein Wasser und auch keine Pflanzenvegetation besitzen. Denn er ist dann der eigentliche zerstörende und verheerende heiße Flammenwind, den die Reisenden solcher Gegenden nicht selten zu verkosten bekommen haben und man nachher wie noch bis heute ganze Karawanen mit dem heißen Wüstensand bedeckt wie verkohlt angetroffen hat.
HIM|3|640410|6|0|Dieser Stoff gibt sich auch zu erkennen, wenn man zwei harte Körper aneinander reibt oder stößt. Wieder gibt sich dieser Stoff auch nicht selten auf der Oberfläche des Meeres in einer weiten, unabsehbaren Fläche durch das euch bekannte Meeresleuchten kund, bei welcher Gelegenheit sogar Stricke und andere Gegenstände, die mit dem Wasser in Berührung kommen, zu leuchten anfangen. Desgleichen gibt sich dieser Stoff besonders an langen und heißen Tagen auch kund an einer Menge Art von Insekten und Würmern, die vermöge ihrer körperlichen Beschaffenheit und Einrichtung die Eigenschaft haben, solch einen Stoff gleich einer kleinen elektrischen Leidener Flasche an sich zu ziehen.
HIM|3|640410|7|0|In Asien, Afrika und in der arabischen Wüste kommt ein größeres Insekt vor, wie auch im nördlichen Teil Amerikas, das man den Laternenträger nennt. Wenn es zur Nachtzeit auffliegt, beleuchtet es wie ein Kerzenlicht die Umgebung, und die Araber fangen solches Insekt nicht selten und gebrauchen es zur Beleuchtung ihrer finsteren Hütten, die gewöhnlich aus einem Filz und Kamelhaaren angefertigt sind. In den mehr tropischen Gegenden dienten daher auch ein paar trockene aneinandergeriebene Holzstücke zum Feueranmachen, und man könnte sich mit diesem Mittel auch am Ende hier im Notfall ein Feuer anmachen, aber freilich nicht mit so geringer Mühe wie in den tropischen Ländern.
HIM|3|640410|8|0|Nun wisst ihr, was im Grunde des Grundes der Phosphor, der zumeist in den Knochen der Tiere und auch der Menschen vorhanden ist, für ein eigentlicher Stoff ist. Es wäre jetzt nur noch eine Frage ganz kurz zu stellen und zu beantworten: nämlich warum dieser Urstoff in den tierischen und menschlichen Knochenteilen in der Jetztzeit als besonders vorherrschend angetroffen und durch die Wissenschaft der Chemie fast rein in körperlicher Form gewonnen wird und der Zusatz, wie schon bemerkt, bloß in etwas Sauerstoff in Verbindung mit Urkalk, der eigentlich die Hauptgrundlage für das menschliche Knochensystem ausmacht, besteht.
HIM|3|640410|9|0|Diese Frage zu beantworten ist ganz leicht. Seht, jene Vorwelttiere, die präadamitischen Menschen mit eingerechnet, hatten sehr wenig Phosphorgehaltes in sich, dafür aber desto mehr Kohlensauerstoff in Verbindung mit dem Urkalk. Daher verwesten sie in der Erde auch ganz schwer und langsam, und ihre Knochen aber gar nicht, sondern gingen in eine Art Versteinerung über. So auch die präadamitischen Menschen, wenn man sie so nennen will.
HIM|3|640410|10|0|Nun aber die Erde nach allen Richtungen hin dem Einfluss und dem Zuströmen der Sideralgeister allenthalben und zum größten Teil freigestellt ist, so hat sich dieser Urstoff auch in einem außerordentlich reichen Maße mit der atmosphärischen Luft der Erde in eine ununterbrochene Verbindung gesetzt. Und dieser Stoff ist dann der kräftige Mithelfer, dass tierische und menschliche Leichname umso leichter und umso schneller verwesen, wodurch dann die Seele, besonders des Menschen, umso eher mit dem sich vereinen kann, was ihr Leib aus der Sphäre des Sideralgeistigen und darum der Seele Angehörigen in sich hatte. Und ihr werdet jetzt nicht mehr so leicht versteinerte Tierknochen aus der jüngeren Zeit irgendwo antreffen.
HIM|3|640410|11|0|Das Hauptvaterland des Phosphors sind und bleiben demnach von der Urzentralsonne angefangen auch alle anderen Sonnen in einer und derselben Hülsenglobe, und mehr braucht ihr über den Stoff nicht zu wissen. Darum diene euch das zur mannigfachen Belehrung als genügend. Amen.
HIM|3|640424|1|1|Über die Evangelien – 24. April 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640424|1|0|Gelt ja, du Mein lieber Knecht, der auf einem Ohr taube Bär in deinem Traum hat dich auf einen großartigen evangelischen Widerspruch geführt, auf den du früher, von deiner Kindheit an, trotz deines oftmaligen Durchlesens des Neuen Testaments nicht gekommen bist.
HIM|3|640424|2|0|Ich Selbst hätte dich in der Folge schon aufmerksam darauf gemacht. Aber besser ist es für dich und auch für viele andere, dass diese Sache schon jetzt an das Tageslicht gekommen ist, auf dass ein jeder erkenne und einsehe, dass Ich im Geiste nun wieder ganz besonders wahrnehmbar auf diese Erde gekommen bin, um die letzten Arbeiter in Meinen Weinberg zu dingen und aufzunehmen. Diese Arbeiter sind eben diese weltklugen und weltweisen Philosophen, die sich soeben in dieser Zeit vollernstlich die Mühe nehmen, Mich, wie Ich unter den sogenannten christlichen Sekten jetzt bestehe, ganz auszumerzen und zu vertilgen samt jenen Evangelisten, die erst nach zwei- bis dreihundert Jahren nach Mir das geworden sind durch die heidnischen und jüdischen Machinationen, was sie jetzt noch sind.
HIM|3|640424|3|0|Die blinde Menschheit, die nichts prüft und noch nie etwas geprüft hat, glaubt teilweise noch jetzt an ein solches zum größten Teil heilloses Machwerk in Meinem Namen.
HIM|3|640424|4|0|Ich will deswegen weder den Lukas, Markus noch Matthäus richten; denn sie haben sich zu ihrer Zeit zum wenigsten die Mühe gegeben, aus dem vielen schon vielfach Verunstalteten Meiner Lehre das Reinste und Beste herauszusuchen. Aber was die materiellen Fakta anbelangt, da haben zum Teil sie selbst gedichtet und zum größten Teil mussten sie dann doch am Ende aus dem etwas nehmen, was sie aus dem Munde solcher Menschen vernommen haben, die da oft genug dreist und keck vorgaben, dass sie von diesem und jenem Augen- und Ohrenzeugen waren. Darauf verglichen sie das mit den ihnen bekannten Stellen aus den alten Propheten und fanden es übereinstimmend, was sie geschrieben haben, und damit war für sie das Kriterium für die Wahrheit dessen, was sie niedergeschrieben haben, vollkommen fertig und gültig.
HIM|3|640424|5|0|Wenn es mit diesen Evangelien noch bei dem geblieben wäre, so wäre es allerdings noch um vieles besser, als es jetzt ist. Denn in diesen Evangelien stand viel zu wenig des Wunderbaren, des Grausamen und des Schrecklichen für die Menschheit, daher man es später für notwendig gefunden hat, besonders zum Teil unter den Judenchristen, Griechen und Römern schon hundert Jahre vor der großen Kirchenversammlung zu Nicäa, viele Beisätze zu machen – besonders jene, die stark nach Wundern riechen und die ein ungeheuer starkes, strafgerichtliches Gesicht haben, und Mich als den Beglücker der Menschen, der den Menschen nichts so teuer ans Herz gelegt hat als die Liebe und Wahrheit, gerade zum Gegenteil zu machen.
HIM|3|640424|6|0|Ich habe nie gegen die rechte Wissenschaft der Menschen geeifert, sondern bei vielen Gelegenheiten die Menschen über gar vieles Selbst belehrt, darin sie früher in der vollen Unwissenheit und Blindheit gestanden sind; darum Mich denn auch die betrugssüchtigen Pharisäer am meisten hassten, weil Ich das Volk in allem belehrte, worin sich früher die Pharisäer die größte Mühe gegeben haben, dasselbe nach Möglichkeit zu verdummen zu ihren losen Zwecken,
HIM|3|640424|7|0|und haben es auch wirklich dahin gebracht, dass — als ein hoher Priester Hannas oder auch Kaiphas, um das Volk zu größerer Opferwilligkeit zu bewegen, im Tempel mit grimmiger Stimme ausgesagt hat, dass im Bach Kydron durch drei Tage lang nichts als Blut fließen müsse und die Sonne einen ganzen Tag hindurch nicht scheinen dürfe, das Volk solchen Unsinn glaubte, sich aus lauter Furcht vor solcher Strafe in ihre innersten Zimmer verkroch, und wenn die Strafzeit vorüber war, voll Furcht, Angst und Zittern den Kydron besichtigen ging, ob noch Blut fließe. Und hatte der Kydron sein natürliches Wasser, so hatte das Volk nichts Emsigeres zu tun, als schwere Opfer in den Tempel zu bringen und selbe den Priestern vor die Füße zu legen.
HIM|3|640424|8|0|Die Sonne hat freilich auch an einem solchen Tag fortgeschienen und im Bache Kydron ist kein Tropfen Blutes geflossen, wovon die gescheiten Juden wohl sich von selbst überzeugt haben und davon auch die armseligen und zu abergläubischen gemeinen Juden belehren wollten, aber meistens ohne Erfolg; denn diese haben in ihrer Einbildung und Furcht Blut fließen und auch die Sonne nicht scheinen gesehen einen ganzen Tag lang.
HIM|3|640424|9|0|Und wie das gemeine Volk zu jeder Zeit in dem allerblindesten Aberglauben sich befand, so befindet es sich heutzutage auch noch. Ihr könnt solchen Menschen die absurdesten Wundermärchen erzählen, und sie werden glauben. Und so es diese ihren Nachbarn weitererzählen, so werden sie noch vieles dazusetzen, es auch noch ins Wunderbare verkehren, so ihnen von Seiten des ersten Erzählers etwas zu wenig wunderbar vorgekommen ist. Aber von irgendeiner Wahrheit ist mit ihnen nichts anzufangen.
HIM|3|640424|10|0|Darum war es auch zu Meiner Zeit überaus schwer, die eigentlichen Stockjuden zur Erkenntnis der Wahrheit zu bringen; es musste denn ein Wunder geschehen, durch das sie von ihrem Schlaf wachgerüttelt wurden und dann bei sich ein wenig nachzudenken anfingen, was Ich doch mit dem oder jenem gesagt habe.
HIM|3|640424|11|0|Ich habe aber den Aposteln schon zu Meiner Zeit zu mehreren Malen gesagt, dass sie bei Weiterverbreitung Meiner Lehre viel weniger von Meinen Wundern als vielmehr von der inneren Wahrheitstiefe Meiner Lehre reden und predigen sollen.
HIM|3|640424|12|0|Nur der einzige, Johannes, blieb dieser Mahnung getreu, alle die anderen um vieles weniger; sie fingen lieber gleich bei den Wundertaten und dann erst vom Reich Gottes und der inneren Wahrheit zu reden an, so die Zuhörer schon vorher mit den Wundertaten umgarnt waren.
HIM|3|640424|13|0|Die Sucht, Wunder zu erzählen, stieg dann von einem Dezennium zum anderen so sehr, dass eine große Anzahl von teils geschriebenen und noch mehr von traditionellen Evangelien derart anwuchs, dass daraus kein Mensch mehr klug werden konnte.
HIM|3|640424|14|0|Lukas wie auch der Pseudo-Evangelist Matthäus (l'Rabbas) haben ihre Evangelien eben nicht gar zu sehr viele Jahre nach Mir aufzuzeichnen angefangen und sich aber dennoch in manchem derart verstiegen, dass am Ende unter ihnen selbst in so manchen ganz wichtigen Dingen der größte Widerspruch ans Tageslicht kommen musste.
HIM|3|640424|15|0|Vom Prüfen war in jener Zeit ohnedies keine Rede; denn ein jeder Evangelist hatte seine gewissen Leser und Zuhörer und hat sich um einen anderen Evangelisten wenig bekümmert, und die Evangelisten selbst hielten sich auch nur an das, was sie niedergeschrieben haben und hatten sogar mitunter eine rechte Freude an dem, so ein anderer Evangelist das in seinem Evangelium nicht hatte, was der eine oder andere in seinem Evangelium besaß.
HIM|3|640424|16|0|So kümmerte sich denn auch l'Rabbas wenig oder gar nicht um den nach dem achten Tag der Geburt im Tempel beschnittenen Jesus, und so auch nicht um die drei Weisen aus dem Morgenland, um die Flucht nach Ägypten und den grausamen Kindermord durch Herodes in Bethlehem.
HIM|3|640424|17|0|L'Rabbas (Pseudo-Matthäus) hat solche Kunde zu Tyrus und Sidon erhalten und in seiner Art auch aufgezeichnet, aber da er selbst, wenigstens ehedem, mehr Heide als Jude war, so kümmerte er sich auch wenig um die Beschneidung des Kindes Jesu. Und so weisen diese beiden Evangelisten einen der merkwürdigsten Widersprüche unter sich auf, während sie in vielen anderen Stücken bis auf die Orts- und Zeitangabe miteinander harmonieren.
HIM|3|640424|18|0|Nach Lukas besteht sodann ein allen jüdischen Gesetzen und Gebräuchen vollkommen entsprechend beschnittener Jesus, der zu Bethlehem in einem Schafstall geboren und nur von den Hirten begrüßt wurde, den Besuch von den drei Weisen aus dem Morgenland gar nicht erhielt, nicht nötig hatte, nach Ägypten zu fliehen, sondern dafür ganz gemütlich nach Nazareth zurückzukehren, daselbst ganz ruhig sein zwölftes Jahr ohne irgendwelcher Verfolgung von Seiten des Herodes abzuwarten und dann mit seinen Eltern nach Jerusalem eine Wanderung zu machen.
HIM|3|640424|19|0|Beim Matthäus sehen wir Jesus in einem ordentlichen Haus zur Welt kommen, der von den Hirten nicht begrüßt wird, dafür aber von drei Weisen aus dem Morgenland, von denen dem Lukas in seinem Evangelium nichts geträumt hatte, wie auch gar nichts von der Flucht nach Ägypten, nichts von dem grausamen Kindermord zu Bethlehem durch Herodes und auch nichts von der Rückkehr Jesu aus Ägypten nach Galiläa unter dem König Archelaus. Dafür aber hatte der Matthäus von der Beschneidung Jesu im Tempel nach acht Tagen und von so manchem anderen, was da vor sich gegangen ist, nichts geträumt. Und so habt ihr nach den Schriften dieser beiden Evangelisten einen beschnittenen Juden-Christus und einen unbeschnittenen Heiden-Christus!
HIM|3|640424|20|0|Mit dem zwölften Lebensalter Jesu fangen die beiden Evangelisten wieder an einstimmig zu werden bis auf einige minder bedeutende Nebenumstände.
HIM|3|640424|21|0|Nun frage sich ein jeder: Welcher aus den beiden Evangelisten für sich ist da bei der Wahrheit geblieben? Und die Antwort darauf lautet: An und für sich keiner! Denn ein jeder gab nur von dem Kunde, von dem er reden gehört hatte. In Jerusalem getraute sich niemand aus Furcht vor der Strafe von der übermäßigen Grausamkeit des Herodes zu reden; zu Sidon und Tyrus im damaligen Koilesyrien aber hasste man Herodes mehr als den Tod und verschwieg seine Grausamkeit nicht, wie auch die Veranlassung nicht, die ihn zu dieser geführt hatte.
HIM|3|640424|22|0|In gleichem Maße würdet ihr bei genauer vergleichender Durchlesung der beiden Evangelien noch auf so manche gar bedeutende Widersprüche und Unebenheiten gelangen, die sich aber dennoch eher in einem gewissen Grad ausgleichen und berichtigen lassen als der jüdisch beschnittene und heidnisch unbeschnittene Jesus.
HIM|3|640424|23|0|Darum muss aber eben in dieser Zeit sowohl der alte und noch mehr der neue Unsinn in allem Mir Widersprechenden aus diesen Evangelien völlig ausgemerzt werden, und sogar Ich Selbst mit ihm, auf dass das einzige und bleibend wahre Evangelium Johannes in sein vollstes Licht trete.
HIM|3|640424|24|0|Denn ein jeder wird es leicht verstehen und begreifen, dass Ich unter dem Gesichtspunkt dieser vier nun bestehenden Evangelien, auch so mancher Briefe des Paulus und der anderen Apostel für die Länge der Zeit nicht mehr bestehen kann, weil darinnen ein jeder vorkommende Widerspruch Mich vor den Gelehrten der Welt Selbst zum Widerspruch macht – gleich also wie bei den gegenwärtigen Christensekten, von denen auch jede Sekte ihren eigenen Christus hat, der sich die Freiheit nimmt, jeden anderen Christus einer anderen Sekte kreuz und quer zu verdammen.
HIM|3|640424|25|0|Wer das nicht glauben will, der sehe nur irgend wenigstens die katholischen Übertrittsformeln an, z. B. so ein Protestant in die katholische Kirche übertreten will. Er lese sie, und er wird sich von dieser gegenseitigen Christusverdammnis vollkommen überzeugen, denn in der muss der Übertretende seine noch protestantischen Eltern, seine Geburt mit allem und jedem und auch alle seine protestantischen Glaubensdinge bis in den tiefsten Grund der Hölle verdammen; dann erst wird er in die Gemeinschaft der Gläubigen Roms unter allerlei Zeremonien aufgenommen.
HIM|3|640424|26|0|Und so steht es zumeist zwischen den Hauptsekten. Wie soll da einmal ein Hirt und eine Herde werden, wo die Sekten-Christusse selbst ärger übereinander erbost sind als die reißendsten und wildesten Tiere der Wälder?
HIM|3|640424|27|0|Also alles das muss weg, und dafür habe Ich schon die Arbeiter in Meinem Weinberg bestellt, und sie arbeiten emsig und fleißig, und es werden bald gar viele noch nach ihnen kommen, die noch emsiger, fleißiger und wirksamer arbeiten werden, auf dass dann Ich in der Wahrheit zu den Menschen kommen kann als wahrer Christus und Gott von Ewigkeit, und nicht als solcher wie jetzt, der Ich nach dem Wohlgefallen einer jeden Sekte im Ganzen nichts anderes zu tun habe, als in einem fort zu richten und zu verdammen und nur diejenigen im Himmel beglücken und beseligen kann und darf, die von ihren Sektenvorstehern und Stellvertretern Gottes dazu als würdig und fähig befunden werden.
HIM|3|640424|28|0|Wer sich z. B. in der Gnade eines solchen Stellvertreters, besonders durch ausgezeichnete Opfergaben, befindet, der muss sich dann – nach ihrer Lehre – auch in Meiner Gnade befinden! Ihr seht das nun wohl selbst ein, dass ein solch heilloser Unsinn, nachdem Ich nun einmal schon als Blitz am Firmament aufgegangen bin, für die Folge hin trotz aller Konkordate sich nicht mehr halten kann.
HIM|3|640424|29|0|Darum lassen wir der Wissenschaft nun ihren Spielraum; denn sie ist nun ein wirksames Feginstrument, um den Unrat aus der Welt zu schaffen, und zugleich ein kräftiger Riese Herkules, der den großen Stall des Augias von seinem Mist zu reinigen verstand, was als eine gute Fabel des urgrauen heidnischen Altertums noch in dieser Zeit ganz gut zu gebrauchen ist.
HIM|3|640424|30|0|Dieses nun euch Gezeigte und Gegebene überdenkt wohl und lasst euch damit erleuchten; denn es ist euch gegeben von Mir, dem allein wahren Christus, und von keinem Pseudo-Christus, dem die Wahrheit ein verdammlicher Gräuel ist. Amen.
HIM|3|640425|1|1|Die Entstehung des Neuen Testaments – 25. April 1864 [Supplemente 1883]
HIM|3|640425|1|0|Ich habe dich schon gestern noch auf eine Menge andere kleinere Widersprüche aufmerksam gemacht, die sich in den drei Evangelien des Matthäus, Lukas und Markus begegnen. Und Ich will dich noch auf einige andere aufmerksam machen, die sich in der späteren Zeit nicht nur unter diesen bekannten drei Evangelisten, sondern noch bei weitem mehr unter der Menge der anderen, sowohl jüdischen und auch heidnischen Weiterverbreiter Meiner Lehre, die man auch Evangelisten nannte, in den verschiedenen Gemeinden derart eingewurzelt haben, dass schon in kaum dreißig Jahren nach Mir wegen der Verschiedenheit der Aussagen in den Schriften von Mir förmliche Kriege und sonstige Schlägereien sich erhoben haben; unter denen gleich jene zu Neros Zeit in Rom zwischen den vielen Judenchristen und paulinischen Heidenchristen derart feindselig ausgebrochen sind, dass es Nero für notwendig erschien, die große und überwiegende Anzahl der Judenchristen in Rom samt einem großen Anteil der von ihnen bewohnten Stadt zu vertilgen und sogar jener Römer nicht zu schonen, die das Panier des Judenchristentums gewisserart als Kennzeichen öffentlich zur Schau trugen.
HIM|3|640425|2|0|Aber es hat auch selbst diese grausame Verfolgung der Judenchristen von Seiten Neros wenig gefruchtet; denn unter den späteren Nachfolgern dieses Kaisers wussten sich die Juden dennoch wieder in Rom einzuschmuggeln und machten aus Rom ein zweites Jerusalem gleichwie die Griechen aus Konstantinopel. Und wie das geschehen war, so wurde besonders das römische Jerusalem (Rom) stets mächtiger, fabrizierte sich zum Teil aus den Judenevangelien, zum Teil mit der Annahme der alten jerusalemischen Tempelgebräuche und auch mit der der römischen Heiden, nämlich was das römische Pontifikat betroffen hat, seinen Ritus.
HIM|3|640425|3|0|Die Römer waren demnach im Besitz aller möglichen Judenevangelien sowie der alten Judenschriften und auch der Heidenevangelien und stellten da gewisse gelehrte sogenannte Kirchenväter auf, welche die Hauptfabrikanten der römischen Dogmen waren, die aber den griechischen Evangelien oft schnurstracks entgegen standen, und das umso leichter und umso mehr, weil der römische Oberhirte nichts Emsigeres zu tun hatte, als auch die Griechen mit seinen Missionaren zu beschicken, was nach 300 Jahren (325) nach Mir unter den Gläubigen eine solche Verwirrung hervorgebracht hatte, dass da viele der Griechen wieder anfingen, die heidnischen Altäre und Tempel aufzurichten und darinnen (in den Tempeln) der Göttin Minerva, dem Gott Apollo, dem Jupiter und der Ceres ihre Opfer darzubringen.
HIM|3|640425|4|0|Kaiser Konstantin, der für sich ein eifriger Christ war, beschloss diesem Unfug dadurch Schranken zu setzen, dass er in der Stadt Nicäa als dem Hauptsitz der verschiedensten Glaubensmeinungen eine große Kirchenversammlung zusammenberief, zu der auch der Oberbischof von Rom geladen wurde. Er selbst führte den Vorsitz und zeigte ihnen die üblen Folgen, die sich in jüngster Zeit aus der großen Glaubensverschiedenheit über Christus erheben müssten.
HIM|3|640425|5|0|Er schlug ihnen denn eine vollkommene Sichtung sowohl der geschriebenen Evangelien, wie noch mehr jener der traditionellen vor und sagte, dass man aus den vielen sich einander völlig widersprechenden Evangelien nur eines einzigen, und zwar dessen des Johannes sich bedienen solle, damit die Christen im Glauben einig würden und sich nicht mehr wegen der Glaubensverschiedenheit gar so verfolgten wie die wilden Tiere – und die Heiden lieber wieder zu ihrem alten Heidentum zurückkehrten, als so verbleiben unter einer solchen Lehre, von der man bei dem besten Wissen und Willen nirgendwo Wahres und Rechtes mehr erfahren kann.
HIM|3|640425|6|0|Denn so es in der Christenlehre irgendeinen Stifter gegeben habe, so muss er nur Einer gewesen sein, der auch nur eine Lehre den Menschen überliefert hat. Und diese eine Lehre müsse einen Sinn und einen Geist haben. So aber gebe es schon seit lange her eine große Menge der von Mund zu Mund überlieferten [Evangelien], von denen ein jedes von ihrem [seinem] ganz eigenen Christus spreche, der mit den anderen Christussen oft nur geringe Ähnlichkeit hat.
HIM|3|640425|7|0|Es würden demnach alle die vielen Evangelien bis auf eines, welches wohl das älteste sein dürfte, vollends zu verwerfen sein. Und so dieses von den Bischöfen nicht sollte genehmigt werden, so werde er sich selbst von dem Christentum ganz abwenden und allenthalben in seinem großen Reich das alte Heidentum wieder aufrichten lassen, das für sich trotz der vielen Götter um vieles einiger war als ein solches zerklüftetes Christentum.
HIM|3|640425|8|0|Da schlugen ihm die griechischen Bischöfe vor, dass die Namen Matthäus, Markus und Lukas auch in die alte Christenheit zurückfallen und nicht irgend doppelt oder auch noch mehrfach unter einem und demselben Evangelisten-Namen erscheinen. Und der Kaiser willigte dazu ein unter der Bedingung, dass man dazu auch die Lehre des heidnischen Apostels Paulus in Anbetracht ziehen sollte und mit ihr alle die anderen Evangelien fegen.
HIM|3|640425|9|0|Man machte ihn darauf aufmerksam, dass Paulus sich in seiner Lehre auch nicht immer gleich geblieben sei, indem er an die Heiden ganz andere Briefe schrieb und an die Juden wieder andere, die sich im Sinne und Geiste nicht völlig ähnlich wären. Und Konstantin sagte, dass dies eben nichts mache; denn Paulus habe doch am meisten bewiesen durch Worte und Taten, dass er keinen falschen Christus predigte, sondern nur Den, dessen Geist ihm vor Damaskus wunderbar das Amt eines wahren Apostels gegeben hat.
HIM|3|640425|10|0|Nach mehr als dreißigjähriger Beurteilung verwarf man endlich doch alles bis auf die vier noch gegenwärtig vorhandenen Evangelien samt der Apostelgeschichte des Lukas und den Briefen des Paulus und einigen wenigen Briefen weniger alter Apostel Christi mit der Offenbarung des Johannes, schrieb das alles nach der Ordnung in ein Buch und hieß es infolge der beiden Briefe des Paulus an die Hebräer: „Das neue Testament“ – welches dann von allen Bischöfen angenommen ward, das man aber in späteren hundert Jahren darauf doch wieder dahin umgemodelt hatte, dass man den Evangelisten Johannes in den Hintergrund schob und Matthäus, Lukas und Markus voransetzte, auch in den Kapiteln und Versen eine kleine Abänderung machte und überall vorzeichnete, an welchem Festtag ein oder das andere Evangelium dem Volk vorzutragen sei, wonach sich die Griechen noch heutigentags richten wie auch manche anderen christlichen Sekten.
HIM|3|640425|11|0|Rom aber hat für sich dennoch eine eigene Einteilung gemacht und in den späteren Zeiten fürs Volk ein kurzes Auszugs-Evangelium für Sonn- und Feiertage fabriziert. Das ganze Evangelium aber, wie auch die alten Bücher der Juden hat es dem Volk auf das Strengste verboten zu lesen und die Übertreter dieses Gebotes sogar mit dem Tode bestraft.
HIM|3|640425|12|0|Auf diese Weise ist also das gegenwärtige Neue Testament entstanden und wurde nach und nach auch als solches von den Christen vor ungefähr dreizehnhundert Jahren angenommen, das aber besonders von den römischen Bischöfen noch allerlei Abänderungen und mitunter auch eigenmächtige Zusätze erhielt, wie solche in der römischen Vulgata, besonders aus den von den römischen Kirchenvätern herrührenden Exegesen zu ersehen und zu erkennen sind und ein jeder nur ein wenig helldenkende Mensch es bald innewerden kann, wessen Geistes Kinder sie sind.
HIM|3|640425|13|0|Da kommt besonders eine solche Zusatzlehre vor, nach der die Seelen der Verstorbenen bis an den Jüngsten Tag hin zu schlafen haben, welche Lehre man mit dem griechischen Ausdruck Psychopanechia – d. i. Seelenschlaf – bezeichnete.
HIM|3|640425|14|0|Diese Lehre aber erhielt sich nur so lange, bis ein Papst das heute noch bestehende römische Messopfer einführte und dieses mit allem Pomp den römischen Christen erklärte, dass es als ein unblutiges Opfer die völlig gleiche Kraft und Macht habe als wie das einstige blutige Opfer Christi am Kreuz, und dass sich also Christus auf diese Weise wundersam für die wahren Christgläubigen der römischen Kirche Seinem Vater im Himmel aufopfere, und dass ein rechtgläubiger Christ, der ein solches Opfer zu seiner Heiligung für Darbringung eines kleinen diesweltlichen Opfers lesen lassen würde, alsogleich nach dem Tod des Leibes ohne langen Seelenschlaf von Christus erweckt und zur ewigen Glückseligkeit berufen werden kann. Und sei der Christ nicht ganz vollkommen, so kann er mehrere solcher Opfer für sich darbringen lassen, wird dadurch der ewigen Verdammnis entgehen und nach einer kleinen Läuterung jenseits im sogenannten Fegefeuer dennoch in den Himmel gelangen.
HIM|3|640425|15|0|Also ging das Dogma von dem Seelenschlaf, mit dessen Beibehaltung das neu erfundene Messopfer nichts eingetragen hätte, nach und nach selbst schlafen wie auch jenes überaus lächerliche Dogma, das da ernstlich lehrte, dass Gott nur einen geringen Teil der Menschen für den Himmel, den größten Teil derselben aber für die Hölle erschaffen habe.
HIM|3|640425|16|0|Diese beiden dummen Lehrsätze hat man mit der Zeit endlich ganz aufgehoben, aber dafür die bekannten fünf Kirchengebote und etliche neu kreierte Sakramente eingeführt, die Ich euch nicht eigens zu sagen brauche, da sie ein jeder an und für sich leicht erkennt.
HIM|3|640425|17|0|Obschon dadurch die christliche Lehre auf den strengen Rat des Kaisers Konstantin sehr vereinfacht wurde, so ist aber dennoch des Kehrichts in überflüssiger Menge in ihr zurückgeblieben trotz der oftmals zugelassenen und vorgenommenen Sichtungen, von denen eine jede eine gewisse Sektenabtrennung zur Folge hatte, wodurch dann wieder mehrere Christusse entstanden sind, die bis zur Stunde einander als gegenseitige Erzfeinde sich bei den Haaren ziehen.
HIM|3|640425|18|0|Darum muss nun die letzte und größte Sichtung vor sich gehen, und – wie schon früher bemerkt – die Sichtungsmaschine heißt: die Wissenschaft.
HIM|3|640425|19|0|Die sich anfeindenden Christusse müssen hinaus samt allen ihren Anhängseln, auf dass der Eine vom Johannes gepredigte Christus unter den Menschen erscheinen und Wohnung nehmen kann.
HIM|3|640425|20|0|Es wird zwar das so manchen harten und schweren Kampf mit sich bringen, von dem aber eben die wahren Anhänger Christi nichts zu befürchten haben; denn sie werden in allem vielfach gestärkt werden, woraus dann auch den anderen bis jetzt noch minder Gläubigen ein Licht aufgehen wird, welches auszulöschen sie nicht mehr imstande sein werden.
HIM|3|640425|21|0|Und Ich, der Herr, der dieses einst schon durch den Mund des Johannes zu euch geredet hat, werde die Erde auf allen Orten und Punkten mit allerlei Gericht und Kalamitäten, als durch gewaltige Kriege, durch große Teuerung und Hungersnot, durch allerlei Pestilenz unter den Menschen und Tieren, durch große Erdbeben und andere Erdstürme, durch große Überschwemmungen und auch durch verschiedene Feuer heimsuchen. Aber die Meinen werde Ich in der großen Liebe erhalten, und sie werden an nichts Mangel zu erleiden haben.
HIM|3|640425|22|0|Wer Mich aber nun in dieser Meiner zweiten Ankunft wird wie und wo immer zu verfolgen trachten, den werde Ich von der Erde zu vertilgen verstehen.
HIM|3|640425|23|0|Was aber die anderen Widersprüche in den vier vorhandenen Evangelien betrifft, so werden sich die von selbst im Johanneswerk verlieren, und Ich werde dafür wie gesagt am Ende noch einen eigenen Anhang hinzufügen, durch welchen alles Unrichtige vollends gründlich erkannt wird.
HIM|3|640425|24|0|Und somit begnügt euch vorderhand mit dem, was Ich euch gegeben habe und arbeitet fleißig am lebendigen Studium des Johannes; denn in dem werdet ihr noch zu einer Überfülle des Lichtes gelangen. Hat aber jemand noch etwas für sich, das er wissen möchte, so mag er fragen, und Ich werde also bereit sein, ihm darüber ein kurzes und helles Licht zu geben.
HIM|3|640509|1|1|Über die Wärzchen des Herzens und der Zehen – 9. Mai 1864
HIM|3|640509|0|0|Schreibender: L. Cantily.
HIM|3|640509|0|0|Frage von Leopold Cantily: Im ‚Mittelpunkt der Erde‘ [Die zwölf Stunden] heißt es, dass die Erde das Wärzchen des kleinen Zehs am linken Fuß sei, und im ‚Johannes‘ wird gesagt, die Erde sei das positive Zentralwärzchen der linken Herzhälfte. Wie ist das zu verstehen?
HIM|3|640509|1|0|Für einen rechten Denker, der zwischen dem, was materiell und was geistig ist, einen rechten Unterschied zu machen verstünde, wäre zwar die Sache für sich selbst begreiflich. Allein, wer da den Unterschied noch nicht aus der vollen Tiefe heraus zu begreifen imstande ist, dem muss das freilich als wenigstens ein scheinbarer Widerspruch vorkommen.
HIM|3|640509|2|0|Im ‚Mittelpunkt der Erde‘ ist hauptsächlich nur von der materiellen Erde die Rede und von der geistigen nur insoweit, als sowohl die Naturgeister und auch die Seelen der vielen Verstorbenen in der Sphäre dieser Erde und noch ziemlich weit über sie hinaus ihre Wohnung haben.
HIM|3|640509|3|0|Im ‚Johannes‘ ist pur nur von der geistigen Erde die Rede, und somit kommen denn auch in Bezug auf den Großen Weltenmenschen zwei sich scheinbar widersprechende Lebenserläuterungen vor.
HIM|3|640509|4|0|Die Füße des Menschen sind zwar die untersten Teile bei ihm, aber dessen ungeachtet, was ein jeder leicht begreifen kann, für die Existenz des Menschen die wichtigsten. Denn stellt euch die Menschen ohne Füße vor, was würden sie mit allen ihren anderen Fähigkeiten ausrichten, so sie sich nicht leicht und behände von einem Ort zum anderen mittels ihrer Füße bewegen könnten? Mit ihren Händen allein würden sie nicht weit kommen. Bewegung ist aber ja die Hauptsache des Lebens; denn je mehr ein Mensch oder auch ein Tier die Bewegungsfähigkeit in seinen Gliedern verliert, desto näher sind sie auch dem Tode, das heißt, was das natürliche, physische Leben betrifft.
HIM|3|640509|5|0|Denn was das geistige Leben an und für sich betrifft, so ist es die alles belebende und schaffende Kraft selbst, die durch nichts zerstört werden kann. Das physische Leben aber ist nur ein durch den Einfluss der äußeren Kräfte bewirktes, wenn der physische Organismus so gebaut ist, dass er für die Aufnahme und für die Wirkung der freien Kräfte taugt. Ist er für diese Einwirkung einmal untauglich geworden, so begeben sich die Lebenskräfte wieder in ihre Freiheit und Ruhe und der Organismus zerfällt wieder in sein früheres Elementarwesen.
HIM|3|640509|6|0|Das Wärzchen unter der kleinen Zehe am linken Fuß entspricht demnach dem innersten positiven Wärzchen im Rückenteil des Herzens im Menschen und das am rechten Fuß dem negativen, und es hängt von der Gesundheit, dem Fortbestand dieser gegenseitigen Entsprechung die ganze Bewegung der Füße ab.
HIM|3|640509|7|0|Wer an diesen beiden allerunbeachtetsten Extremitäten durch was immer einen Schaden erlitten hat, der wird bald krumm werden und sich schlecht fortbewegen können. Es wird dadurch nicht die volle Bewegungslosigkeit eintreten, weil das vorbenannte Wärzchen auch auf den Vorderballen der anderen Zehen, so auch an den Hinterballen, wovon die Zehen die Ausläufer sind, wie danach an der ganzen Fußsohle und an der Ferse seine Endausläufer hat. Aber dessen ungeachtet würde der Mensch bei Verlust einer der beiden kleinen Zehen, besonders am linken Fuß, im Gehen eine ganz gewaltige Lähmung gewahr werden.
HIM|3|640509|8|0|Wenn daher von einem solchen Wärzchen die Rede ist, so ist darunter allzeit nur das Wärzchen im Herzen zu verstehen, und wo dieses hingehört, da gehört auch das Wärzchen des Zehs hin. Der Unterschied ist nach Umstand der Sache denn nur ein verbaler und kein reeller; denn die Geltung für das Geistige und Wahre hat nur das, was in sich selbst geistig und wahr ist und von dem das Leben abhängt. Und somit ist denn auch unter den beiden von Mir gezeigten Wärzchen, sowohl im ‚Mittelpunkt der Erde‘ als dann im ‚Johannes‘ so gut fürs große Ganze als gar kein Unterschied. Alles ist nur geistig zu nehmen, was in materieller Beziehung durch die entsprechenden Ausläufer allenthalben wirkt.
HIM|3|640509|9|0|Wer dieses richtig in seiner wahren Tiefe erfasst, der wird sich auch danach halten und keinen Unterschied mehr finden; denn das Leben ist überall Leben, aber sein Hauptstammsitz ist dennoch dort nur, von wo es ausgeht.
HIM|3|640509|10|0|Ich Selbst als der Urquell alles Lebens wohne gleichfort in Meinem urewigen Zentrum, aber Ich bin dessen ungeachtet als das gleiche Leben in der ganzen Unendlichkeit gegenwärtig. Das gleiche Leben, welches das Herz erweckt, bewegt auch den ganzen Leib. Wer das versteht, der versteht auch alles andere, und Ich brauche dir darüber nichts weiteres mehr zu sagen. Amen.
HIM|3|470719|1|1|Über Spekulanten und Wucherer – 19. Juli 1847
HIM|3|470719|0|0|O Herr, Du lieber heiliger Vater! Siehe, Du hast für uns unwürdigste Sünder dieses Jahr mit allem dergestalt gesegnet, dass nach der Kunde von allen Erdgegenden man sich kaum irgendwann eines so überaus gesegneten Jahres erinnert, als nun da ist dieses gegenwärtige Jahr 1847. Überall Obst in großer Menge, die Feldfrüchte überreich, auch die Erdäpfel versprechen bis jetzt eine sehr reiche und gesunde Ernte, und der Weinstock ist auch allenthalben reichlichst beladen und lässt mit Deiner Gnade ebenfalls eine reichliche Fechsung (Ernte) erwarten. Also ist auch fürs Futter der Tiere gesorgt. Kurz und gut, dies von Dir über und über gesegnete Jahr lässt nichts zu wünschen übrig, was da betrifft Deinen Segen.
HIM|3|470719|0|0|Aber siehe, o heiliger gerechtester Gott und Vater! trotz dieser Deiner Segnung fängt hie und da schon wieder ein neuer, grässlichster Wucherwurm sein rein höllisches Metier zu treiben an. Er kauft um hohen Preis die heurigen Kornfechsungen zusammen, um dadurch fürs Erste wo möglich den hohen Getreidepreis aufrechtzuerhalten und seinen alten Vorrat um den wahrsten Sündpreis an den Mann zu bringen; und fürs Zweite, um dadurch für die Zukunft eine künstliche Getreidenot zu erzielen und damit die Getreidepreise so hoch als nur immer möglich zu heben! O Herr! – hast Du denn für diese allerechtesten Teufel von Wucherern keine Blitze mehr und keine Pest?! Wie lange wirst Du an ihnen denn noch Deine Geduld erproben?
HIM|3|470719|1|0|Schreibe nur Meine gerechte Zornantwort als Vorhersage dessen, was Ich ehestens tun werde.
HIM|3|470719|2|0|Siehe, du Mein armer Knecht, Blitze würden weniger erzwecken bei dieser Sache, als dir ein schlechtes Pfennigstück zum Ankauf einer Herrschaft, und die Pest würde die Unschuldigen mit den Schuldigen treffen. Und würde Ich ob einiger Auswürflinge der Hölle die Erde verfluchen, da ginge es alsogleich auf der ganzen Erde zu wie zu den Zeiten Noahs und zu den Zeiten Lots!
HIM|3|470719|3|0|Aber Ich habe etwas ganz Eigentümliches beschlossen, das Ich ehestens tun werde allen Wucherern und anderen Spekulanten; einen Lohn werde Ich ihnen geben, über den sich der Satan selbst samt allen seinen Engeln hoch verwundern solle!!!
HIM|3|470719|4|0|Wahrlich, wahrlich, wer jetzt lacht in seiner Fülle und seinem Reichtum, während zahllose Arme nicht wissen, woher sie morgen einige Kreuzer fürs Brot erbetteln sollen, der solle Mir in kurzer Zeit auf eine Art weinen, von welcher Art zu weinen die Welt noch nie ein Beispiel gesehen hat!!! Ich sage dir, das wird mehr und unaussprechlich ärger sein allen diesen Spekulanten und Wucherern und Häuser- und Wohnungsmaklern und Industriehelden und allen großen Grundkäufern, Verkäufern und Besitzern und allerlei Baumeistern und Großplanmachern und Wechslern – als Blitz, Pest und Krieg!!!
HIM|3|470719|5|0|Die Brandfackel Meines gerechten Zornes ist bereits in die Erde gesteckt; mit einem Feuermeer Meines Zornes will Ich Meinen alten Rachedurst stillen!!! Die Höllenbrut, dieses alte Natterngezücht solle es fühlen, wer Ich, der lange vergessene Gott, bin!!! Sie, diese Brut, die den Vater schon lange missachtete und gänzlich leugnete, nun von Tag zu Tag nur noch stets mehr leugnet, wird sich wohl müssen den ewigen allmächtigen Richter gefallen lassen; aber wie gesagt auf eine Art, von der noch keiner Hölle und keiner Welt je etwas geträumt hat!!! Ich sage dir aber nicht wie und bestimmt – wann, auf dass Ich desto leichter und desto erschrecklicher in die Häuser der angeführten Frevler an Meiner Gnade und Erbarmung als ein allerschonungslosester Dieb, Räuber und Mörder zur tiefsten Nachtzeit werde einbrechen können!!!
HIM|3|470719|6|0|Siehe, für Blitze hat man nun schon die besten Ableiter erfunden, für Pest Kordone und verschiedene Arzneien von Wirkung, und den Krieg führt man nun mit Federn und mit dem Munde in den Kammern; aber gegen Mein neues Gericht trägt die Erde kein Gegenmittel, außer das Gebet derjenigen, mit denen Ich umgehe wie mit dir, du Mein armer Knecht. Diesen aber werde Ich für die Zukunft schon sagen, wann und für wen sie zu beten haben und unter welchen Bedingungen, auf dass Mich ja nichts behindern solle, Mein Gericht, das Ich lange zurückhielt, nun einmal in aller Schwere die Frevler kosten zu lassen, so keine Besserung geschieht!!!
HIM|3|470719|7|0|Damit begnüge dich; denn diesmal sollst du einem Jona gleich kaum umsonst Mein Gericht vorhergesagt haben. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|471121|1|1|Meine Lehre lehrt Liebe und verbietet das Gericht – 21. November 1847
HIM|3|471121|0|0|(Über Pettauer und Grazer Begräbnisse)
HIM|3|471121|0|0|O Herr, Du bester Vater! Was sollen wir von der letzthinnigen Begebenheit (am 18. November) halten – und von jener auch, die sich unlängst in Pettau ereignet hatte? Was soll daraus werden? Was haben wir bei so bewandten Umständen zu erwarten?
HIM|3|471121|1|0|So vernimm ein Wort der Weisheit und schreibe!
HIM|3|471121|2|0|Wo der Feind gesät hat, da möchte er nun auch eine reiche Ernte halten, denn er meint, die Frucht sei reif; er täuscht sich aber gewaltig! Die Reife ist nur eine Scheinreife, und so da die Sichel an die Saat gelegt wird, wird kommen ein großer Sturm und wird mit sich führen Krieg, Hunger und Pestilenz. Und dieser Sturm wird sein die Stimme des Rufers in der Wüste, die da Mir bereitet die Wege. Was da krumm ist, soll eben werden und nieder das Hohe, das vor Mir ist ein Gräuel!
HIM|3|471121|3|0|Der Hure nächtliche Arbeit soll ihren Lohn finden, und mit den Gottverkäufern wird Rechnung gehalten werden, und die Rechnung wird eine strenge sein, und die Völker werden sich ums Kapital samt den lange schon fälligen Zinsen mit einer mächtigen Stimme melden. Alte Gläubiger werden kommen und sagen: Hure! So viel haben wir dir geliehen auf dein ehrlich aussehend Gesicht; gib uns nun, was du verheißen!
HIM|3|471121|4|0|Da wird die Hure nackt dastehen in großer Schmach und Schande und wird sich winden wie eine Viper im heißen Sand. Aber die Gläubiger werden sich ihrer nicht annehmen, sondern werden glühende Steine schleudern nach ihr, auf dass sie zugrunde gehe, die so viele in den Abgrund gestürzt hat!
HIM|3|471121|5|0|Meine Lehre lehrt Liebe und verbietet das Gericht! Diese aber predigen Hass und Verfolgung und Tod und wollen aller Welt Richter sein und Herren aller Herrscher und aller Herrlichkeit. Solches aber ist der eigentliche vollkommenste Antichrist, dessen Zeit des Sturzes nun herbeigekommen ist!
HIM|3|471121|6|0|Was aber nun geschieht hie und da, das sind nur Gewitterwölkchen, die da anfangen, ihre Häupter über den Horizont von allen Seiten her zu heben und zu ziehen. Wenn sie sich erst völlig berühren werden, das heißt, wenn alles sich gegenseitig mitgeteilt wird, wie da allenthalben die Jünger der Nacht mit ihren Schafen verfahren, dann werden sich die Schafe in Löwen verwandeln und werden sie zerfleischen, die sich so lange ohne Scheu vor Mir mit ihrem Fleisch gemästet haben und ihren Durst gestillt mit dem Blut der duldsamen Herde!
HIM|3|471121|7|0|Wahrlich, auf diesem Boden solle kein Zweig mehr grün werden, und verflucht sei der Baum, der wohl ein reichlich Laub trägt, aber keine Frucht hat, Mich zu sättigen, so Ich komme und es Mich hungert!
HIM|3|471121|8|0|Siehe, da gehen sie herum mit frechen und herrschsüchtig stolzen Gesichtern, verachtend den rechtmäßigen König und dessen Gesetz, verachtend jedermann, der nicht willfährig nach ihrer gold- und ruhmsüchtigen Pfeife tanzen will, und verachtend Mein Wort, und verachtend Mich Selbst! Aber es solle bald ein anderer Pfeifer kommen, dessen Pfeife Ton sie also erschrecken soll, dass sie darob sterben werden!
HIM|3|471121|9|0|Ich sagte wohl einst: „Auf dem Stuhle Mosis sitzen die Hohenpriester und Schriftgelehrten; was sie euch lehren, das haltet, aber seid nicht Nachahmer ihrer Werke, die da eitel böse sind!“ – Nun aber sage Ich: Höret auch ihre Lehre nicht, denn sie ist voll des Gerichtes und voll Hölle!
HIM|3|471121|10|0|Wohl aber den wenigen Priestern, die noch die alte Liebe und den alten Jesus nicht gegen den Antichrist getauscht haben, und wohl auch euch allen, die ihr an Mir hanget! Aber dreifaches Wehe der Brut der Hure amen! Das spricht, der alle Macht hat. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|471130|1|1|Ein Wort dem And. H. W. – 30. November 1847
HIM|3|471130|1|0|Wachet und betet, auf dass ihr nicht fallet in die Versuchung! Nie wohl bäumt und krümmt sich der Wurm wütender, als so er seiner finsteren Larve plötzlich beraubt ans Licht hervorgehoben wird. Der Viper Biss ist nie unheilbarer als im grellsten Sonnenlicht, und nie ist ein Drache wütender, als so er am Tag aus seiner finstersten Hölle gehetzt wird! Daher wachet und betet, auf dass ihr nicht in die Versuchung der Hölle fallet, die nun ihren Rachen weit aufgesperrt hat, um alles zu verderben und zu verschlingen, was gegen sie sich irgend auflehnen würde.
HIM|3|471130|2|0|Diese Hölle, dieser offenbarst über alle Begriffe herrschsüchtige Drache aber ist nun die Römerin bei euch. Diese will herrschen über Hölle, Erde und Himmel und scheut auch die schändlichsten Mittel nicht, um damit dieses Ziel zu erreichen, was aber von ihr freilich wohl ewig nie erreicht wird, und nun umso weniger, da ihre Zeit nahe völlig zu Ende ist. Das sieht sie heimlich bei sich wohl ein; aber sie lässt davon freilich wohl nichts merken und wehrt sich auch eher auf Leben und Tod, als dass sie ihre große Schande in der Fülle solle aufdecken lassen, – denn sie weiß es bei sich wohl, wie groß ihre Schande ist und wie voll des giftigsten Pestilenzeiters ihre Scham! Ich aber lasse nun zu, dass sie allenthalben, wo sie sich nur immer festsetzen will, entlarvt wird und verfolgt von allem Licht. Das erfüllt sie allenthalben aber auch mit der unersättlichsten Rache, dass sie Tag und Nacht nun rastlos nichts als einzig nur Pläne schmiedet, durch die sie sich an jedermann, der nicht vollends ihres Gelichters ist, nun auf eine allerunerhörteste Weise rächen könnte!
HIM|3|471130|3|0|Daher sage Ich dir, du Mein lieber A. H. W., wie euch allen: Wachet und betet, auf dass ihr nicht in die Versuchung der Hure fallet! – das heißt, habt genau Acht auf alle ihre Bewegungen, geheimen Anordnungen; überwacht ihre Predigten und besonders ihre Beichtstühle! Denn Ich sage dir und euch allen: Da werden die sogenannten Beichtkinder Lehren, Ermahnungen und Ermunterungen bekommen, vor denen euch allen die Haut schaudern würde, so ihr hinter alles kommen könntet.
HIM|3|471130|4|0|Sie werden Hass gegen die politischen Obrigkeiten von den Kanzeln verkünden und Rache in den Beichtstühlen lehren und auch werktätig fordern von jenen, die eine vollkommene Lossprechung von all ihren Sünden erlangen wollen. Die aber da sich weigern werden, ihren Anforderungen zu entsprechen, werden mit einem heimlichen Bannfluch belegt werden und somit von ihnen aus dem Teufel und der Hölle übergeben, – wodurch manche Schwache verzweifeln werden, aber viele etwas Stärkere abfallen, was Ich nun auch haben will!
HIM|3|471130|5|0|Die Hure wird sich dadurch selbst wohl den größten Schaden zufügen, der sie aber nicht klüger, sondern nur stets desto ergrimmter und rachsüchtiger machen wird, so dass sie sich am Ende meuchelmörderisch über ihre vermeintlichen Feinde hermachen wird und sich auf solchen Wegen bestreben, ihre Feinde aus dem Weg zu räumen. Und werden ihr solche Versuche nicht gelingen, so wird sie sich auf die allerabgefeimteste politische geheime Verleumdung verlegen und wird auf diesem Weg suchen, sich allertätigst ihrer vermeintlichen Feinde zu entledigen, so wie sie es auch nicht versäumen wird, durch energische und kunstvoll bewerkstelligte Wunder sich wieder in ihr altes inquisitorisches Ansehen zu setzen, wo Kaiser und Könige vor ihr gezittert haben!
HIM|3|471130|6|0|Darum wachet wohl und betet, auf dass, so euch auch die Schlange beißen wird, euch ihr Gift doch nicht schaden wird. Und so sie vergifteten Wein euch vorsetzen werden, da werdet ihr ihn erkennen und werdet ihn nicht genießen; wenn ihr aber damit begossen und besudelt werdet, da wird kein Nachteil an euch haften bleiben. Könntest du nun in die Herzen der Baalspfaffen schauen und sehen, wie es da kocht, saust und braust und tobt, du würdest viel ärger erschrecken, als so du am Rand des größten feuerspeienden Berges stündest! Diese Pfaffen werden nun alles unterminieren, und wenn endlich für sie alle Stricke reißen sollten, an denen sie sich nun noch einzelweise irgend halten, dann erst werden sie auf einmal alle ihre höllischen Minen sprengen lassen, um dadurch entweder einen vollkommenen Sieg für sich zu ernten oder vollends zugrunde zu gehen, welch letzteres auch der sichere endliche Erfolg sein wird.
HIM|3|471130|7|0|Wehe aber da dennoch vielen! Denn wo immer ein großer und schwerer Stein von einer großen Höhe herab in die Tiefe fällt, da richtet er stets eine desto größere Verheerung an, je größer und schwerer er selbst ist. Durch euer sorglich Wachen und Beten aber könnt ihr diesen Stein, ja diesen großen, aber übermorschen Fels schon in seiner Höhe zerbröckeln; und so er dann herabrollen wird in die Tiefe, wird er wenig Schaden anrichten können!
HIM|3|471130|8|0|Daher wachet allezeit und betet – und beobachtet den Feind in seinen geheimsten Schlupfwinkeln und legt einen kräftigen Damm, wo immer er wird durchzubrechen versuchen; sonst wird er dem Licht noch große und bittere Kämpfe bereiten. Habe keiner von euch, und du Mein A. H. W. besonders, irgendeine Furcht, denn Ich, euer aller Herr und Vater, werde euch nicht verlassen und werde es nicht zulassen, dass euch auch nur ein Haar gekrümmt werde. Aber wachen und beten müsst ihr dennoch, so ihr so mancher Versuchung entgehen wollt. Denn seht, in der Hölle werden auch die Engel nicht selten heftigst angefochten und müssen stets auf der größten Hut sein. Hier aber ist nun auch Hölle; daher ist es auch nun an euch, wohl zu wachen und zu beten!
HIM|3|471130|9|0|Bin Ich auch bei euch alle Tage, wie Ich war bei den Aposteln, als aber da kam die äußerste Stunde, da behieß Ich auch die Apostel, dass sie wachen und beten sollen, um nicht in die Versuchung zu fallen. Darum segne Ich euch nun alle und sage zu euch auch noch einmal: Nun wachet und betet ernstlich; denn Ich sage euch einen großen Trost damit, dass Ich euch anzeige: Es naht Babels letzte Stunde!
HIM|3|471130|10|0|Dieses beachtet wohl, und du, Mein A. H. W., ganz besonders, und haltet euch danach, und seid aber dabei guten Herzens und voll Erbarmung, so werden an euch die Merkmale Meines Wortes in aller Tat und Kraft ersichtlich werden. Amen. Das sage und rate Ich, euer Herr und Vater. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|480217|1|1|Seid wachsam! – 17. Februar 1848
HIM|3|480217|0|0|Anfrage des Knechtes wegen eines anonymen Drohbriefes.
HIM|3|480217|1|0|Der Brief, den du heute gelesen, und noch eine Menge gleichen Inhaltes, rührt von einem böswilligen Winkeladvokaten und zwar unter beifälligem Mitwissen einiger Pfaffen her. Sie wollen damit keine Revolution, sondern nur eine Verdächtigung der beiden Staatsdiener bezwecken, auf dass diese dann etwa ihrer Stellen enthoben werden könnten, was aber freilich nicht geschehen wird. Zugleich aber wollen sie wohl auch das Volk dadurch auskosten, wie es etwa gesinnt ist. Aber es geht dem Verfasser dieses Briefes etwas schlecht damit vonstatten, denn es steigen ihm schon sehr stark die sogenannten Grausbirnen auf, und er bereut es schon, dass er sich zu solcher Schriftstellerei hat gebrauchen lassen.
HIM|3|480217|2|0|Es werden wohl noch einige Briefe ähnlichen Inhaltes nachkommen, aber ihr Effekt wird dem gleich sein, der da keiner ist.
HIM|3|480217|3|0|Um aber jedoch bei den ziemlich gewissenlosen und häufig sehr hartherzigen Bewohnern dieser Stadt eine bessere Stimmung zu bewerkstelligen, rate Ich, mit der Zinskreuzersteuer nicht zu rasch zu Werke zu gehen und die Einhebung derselben nicht eher ins Werk zu setzen, als bis bezüglich der ärmeren Klasse einige notwendige Modifikationen getroffen werden, weil sonst einige sehr Missvergnügte dadurch im Ernst zu tätlichen Demonstrationen angefeuert werden könnten. Zugleich aber solle an das Volk durch die Zeitung oder auch durch ein eigenes Blatt noch eine sehr gründliche Erklärung gegeben werden, wozu derlei Steuer verwendet wird, daneben aber auch eine gerechte Androhung gegen jene, die da rein böswillig solchen höllischen Samen ausstreuen. Woneben aber freilich auch die Wachen sehr zu verdoppeln sind, was da nottut, so irgend die Hölle ihr Spiel anbinden will.
HIM|3|480217|4|0|Die Post ist dahin anzuhalten, keinen Brief durch den Einwurfkasten anzunehmen, sondern solchen Kasten in solcher Zeit außer Gebrauch zu setzen und jeden Brief, ob frankiert oder unfrankiert, nur aus der Hand des Überbringers anzunehmen. Es versteht sich das von jeder Post im Land.
HIM|3|480217|5|0|Wenn sich derlei Fälle von Zusendungen solcher bösen Briefe häufen, so solle wie bei Geldbriefen kein versiegelter Brief irgendwo von einer Post angenommen werden. Bei solcher im Falle der Not nötigen und gerechten Wachsamkeit werden solche anonymen Schriftsteller wohl leicht entdeckt werden. Ich könnte sie euch freilich beim Namen nennen, aber das würde euch wenig nützen, da ihr keine sonstigen weltgerichtlichen Beweise gegen sie hättet. Aber bei einer energischen Wachsamkeit werdet ihr ihrer schon ohnehin leicht habhaft werden in aller Kürze.
HIM|3|480217|6|0|Zugleich invigilieret [bewacht] auch streng die sogenannten Stadt- und Landboten, die manchmal auch derlei Briefchen sub tectis obscuris [verdeckt] mitnehmen. Also gibt es hier in der Stadt auch mehrere halbfranzösische, halbwelsche und halbungarische und polnische Einwohner, wo besonders auf die Ersten ein Auge zu richten ist; es versteht sich von selbst, sub tectis obscuris.
HIM|3|480217|7|0|Diese Mittel sind zwar an und für sich auch ein Übel, aber wenn damit ein großes Unheil zu verhüten ist, dann sind sie gut in Meinem Namen. Denn so Mir die Hölle selbst dienen muss, die doch böse ist, umso mehr können das die weltlichen Gerichtsbarkeiten, die ich zur Aufrechterhaltung der Ordnung verordnet habe.
HIM|3|480217|8|0|Das alles sonach wohlgemerkt und nötigenfalls danach gehandelt, wird alles wieder ins Gleichgewicht bringen. Es sei! Das spricht der beste Ratgeber: Es sei, es sei, es solle sein!
HIM|3|480304|1|1|Seht euch vor! – 4. März 1848
HIM|3|480304|0|0|O Herr! Wir, die wir auf Dich allein halten und allezeit glauben, was Dein heilig Wort uns übergnädig lehrt, bitten Dich, dass Du uns in dieser bedrängten Zeit zum Voraus anzeigen möchtest, was da alles für Elend über uns kommen kann und höchstwahrscheinlich auch sicher kommen wird, auf dass wir uns samt und sämtlich richten könnten nach Deinem allerheiligsten Rat zur Sicherung unserer geistigen Schätze, mit denen Du, o heiligster Vater, uns alle so überreichlich versehen hast, für die wir Dir freilich ewig nie genug werden danken können! O Herr, o Vater Jesus, erhöre diese unsere Bitte! Dein heiliger Wille geschehe!
HIM|3|480304|1|0|Also schreibe denn: Ich habe euch es ja schon bei der Gelegenheit des Begräbnisses des magistratlichen Beamten N. angedeutet, was da in Kürze über die Welt kommen wird, wie auch bei anderen Gelegenheiten. Daher dürft ihr euch nun nicht zu sehr verwundern, so das vorhergesagte böse Wetter sich nach und nach, wo die Gewitterwolken am höchsten gestiegen sind, freilich noch immer nur teilweise zu entladen beginnt. Denn noch haben alle die Sturmwolken, die nun schon von allen Seiten freilich ziemlich hoch über den Horizont gestiegen sind, nicht zusammengegriffen. Aber nun will Ich über die Meiner gänzlich vergessende Welt ein Gericht ergehen lassen, das da seinesgleichen suchen solle!
HIM|3|480304|2|0|Herrscher, die heute noch studieren, wie sie Meine armen Völker noch schmählicher geistig und naturmäßig unterdrücken möchten, werden in diesem Jahr noch Dach und Fach suchen, – und Ich sage euch: Wahrlich, wahrlich, sie werden es nicht finden, weil sie vollends vergessen haben, dass Ich allein der Herr bin, und dass alle Menschen ihre Brüder sind! Wehe euch, ihr Herren der Welt, eure letzte Zeit ist herbeigekommen! Umsonst rüstet ihr euch, umsonst zieht ihr euch fluchende und zur Hölle verwünschende Soldaten in großen Mengen zusammen, umsonst verkündet ihr Standgerichte, umsonst errichtet ihr Festungen und heimliche Galgen.
HIM|3|480304|3|0|Ich, der alte ewige Gott und Herr über euch Natternbrut und Otterngezücht, habe einen Feind über euren Häuptern erweckt, der euch züchtigen solle für alle die alten Gräuel, die ihr an Meinen Völkern verübt habt. Der du heute noch im Golde prangst, sollst morgen als ein Bettler einhergehen und dir gleich einem gehetzten Wild ein Loch suchen, das dein Leben zu schirmen tauglich sein möchte!
HIM|3|480304|4|0|Wehe euch allen, die ihr in euren reichen Wohnungen nicht verspürt die große Not der armen Brüder und Schwestern, die darum zum größten Teil arm sind, weil ihr von Mir aus unrechtmäßigster Weise zu reich seid! Ich sage euch: Diesmal will Ich den Armen die Schlüssel zu euren Schätzen in die Hände geben und ihnen euren zu großen Vorrat überantworten!
HIM|3|480304|5|0|Meinen denn diese großen und mächtigen Herren der Welt, der alte Gott und Herr habe etwa gar aufgehört zu sein, weil Er so lange mit der größten Geduld ihrem argen Tun und Treiben zugesehen hat?! O diese Weltherren haben sich sehr geirrt! Ich bin noch, was Ich war von Ewigkeit – ein Vater denen, die Mich kennen, lieben und Meine Gebote halten, und ein unerbittlicher Richter denen, die Mich in der Wirklichkeit schon lange verworfen haben und haben an Meiner statt ein blindestes Heidentum errichtet zur vollsten Unterdrückung der eigens dazu blind gemachten Völker!
HIM|3|480304|6|0|Ich sage aber nun euch, die ihr Meine Freunde seid, tut Gutes den Armen leiblich und gebt ihnen einen rechten Trost, so werdet ihr vom bevorstehenden Gericht verschont bleiben. Wer von euch viel hat, der gebe auch viel; der aber wenig hat, der gebe auch nach seinem Vermögen; und der nichts hat, der nehme dankbar, was ihm gegeben wird. Wenn ihr im Hinblick auf Mich also handeln werdet, da solle euch Meine Hand schirmen vor jeglichem Schlag des Gerichtes. Wer sich aber dieser Regel nicht fügen wird, die da nichts Neues ist, sondern ein reinstes altes Gebot der Liebe nur, von dem werde Ich Meine schirmende Hand zurückziehen und mit ihm geschehen lassen, wie das Gericht es gestalten wird und machen seine großen Forderungen!
HIM|3|480304|7|0|Ihr fragt wohl und sagt: O Herr, was wird denn so ganz eigentlich bestimmt geschehen? O das sage uns, auf dass wir uns werden vorsehen und danach richten können! – Ich aber sage: Fragt nicht so sehr, was da geschehen wird, sondern fragt vielmehr, ob euer Herz freudig Mein Gebot der Liebe erfüllen wird! Wird es dasselbe erfüllen, da mag schon geschehen, was da wolle; es wird auf eurem Haupt dennoch kein Haar gekrümmt werden.
HIM|3|480304|8|0|Wer aber in dieser Zeit das Gebot der Nächstenliebe nur lau betrachten und nicht in der Tiefe bei sich bedenken wird, wie schwer es dem Bruder fallen muss und wie elend der Schwester, die nichts haben und auch nirgends etwas zu bekommen wissen und nicht wissen, was sie morgen essen werden und womit ihren Leib bedecken, – der wird zur Zeit des sehr nahen Gerichtes hart hergenommen werden!
HIM|3|480304|9|0|Aber Ich sage euch noch etwas: Es ist nicht genug, dass ihr nur gebt, was die Liebe erheischt, sondern sucht auch noch mehr Jünger in der emsigen Ausübung der Nächstenliebe zu bekommen, so wird das Gericht sehr gemildert werden; denn je mehr wahre Liebtäter sich nun erheben werden, desto weniger auch der im höchsten Grad nun wahrhaft Elenden werden sich erheben und euch bedrängen in eurem Besitztum!
HIM|3|480304|10|0|Ich sage euch: Betrachtet dies Wörtchen mit sehr ernsten Augen und denkt nicht, es wird etwa doch nicht so arg werden; der Herr wird das Gericht schon wieder mildern. – Ja, Ich werde das wohl tun wenigstens örtlich, wenn ihr das tut, was Ich will; tut ihr aber das nur lau, so werdet ihr euch sehr bald überzeugen, wie nur gar zu übertreffend wahr das alles eintreffen wird, was Ich euch damit andeute, dass nun über beinahe alle Lande Krieg von der tollsten Art ergehen wird und Meuterei an allen Orten und Teuerung, Hungersnot und allerlei Pestilenz. Und werden entstehen Anarchien über Anarchien, und klein wird das Haus eurer Herrscher werden und wird ihr Reich leicht mit der Elle bemessen werden können!
HIM|3|480304|11|0|Denkt nun nicht, wie ihr eure Kinder versorgen werdet; Ich sage euch, dadurch werdet ihr ihnen den Tod geben, – sondern vor allem trachtet stets mehr und mehr nach Meiner Freundschaft, so werden auch eure Kinder eine ungestörte Versorgung finden.
HIM|3|480304|12|0|Ich sage euch: Nun ist es gekommen, dass wer dem armen Bruder helfen wird, der wird sein Kapital sicheren Ortes anlegen und wird es bald mit guten Zinsen wiederbekommen. Wer aber sein irdisch Kapital nun auf Zinsen ausleihen wird, der wird in Kürze verlieren das Kapital samt den Zinsen. Und sollte es auch durch weltkluge Maßnahmen jemand retten vor der Welt, so wird er es aber doch nicht retten vor Mir!
HIM|3|480304|13|0|Denn also wie die Welt sich nun wucherisch und selbst- und herrschliebig gestaltet hat, kann die Menschheit auch nicht mehr bestehen! So einer alles an sich reißen will, wovon sollen denn dann Millionen leben?! Also kann es nicht länger mehr bestehen; daher seht euch durch gute Werke vor; alles andere werde dann schon Ich machen und werde schirmen alle eure weltlichen und ganz besonders die geistigen Schätze und Güter!
HIM|3|480304|14|0|Gedenkt aber auch der Bedürfnisse Meines euch wiedergegebenen Knechtes, der euch ist wie ein Heil und ein guter Bote, der euch unermüdlich lebendige Kunden aus den Himmeln zuträgt gleichwie ein Lasttier und begnügt sich gleich einem Esel mit geringem und schlechtem Futter, während er euch doch die größten Schätze zuträgt!
HIM|3|480304|15|0|Ich sage euch, dass Ich den Schwachen liebhabe, und weil Ich ihn liebhabe, so prüfe Ich ihn mit der Armut bis zur rechten Zeit. Aber dessen ungeachtet sage Ich euch aber dennoch: Wahrlich, was ihr ihm tuet, das tut ihr unmittelbar Mir Selbst, – und es soll euch alles zu seiner Zeit wohl wiedererstattet werden! – Denn wo der Herr ist, da hat Er auch mit Sich den Knecht; und wo der Knecht ist, da auch ist der Herr nicht ferne! Gedenkt also auch des Knechtes, so werde Ich bei euch durch den Knecht sein. Amen, das sage Ich euch allen wahrlich, wahrlich, wahrlich. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|480319|1|1|Allerlei Wirren – 19. März 1848
HIM|3|480319|0|0|Schreibe in abgeteilten Versen, was Ich dir hier im Geiste der Vorhersehung geben werde in Bezug auf diese und eine nächstkünftige Zeit.
HIM|3|480319|1|0|(1) Was will das tolle Durcheinanderrennen, was das leere Waffenspiel der unbärtigen Jugend? Wollen denn die Menschen in die Rechte Gottes greifen?
HIM|3|480319|2|0|(2) So es Kranke gibt, werden diese wohl gesund von solchem blinden Lärm? Werden gesättigt die Hungrigen und bekleidet die Nackten?
HIM|3|480319|3|0|(3) So ihr nachts Kerzen an die Fenster stellt, mit Fackeln Gasse auf-, Gasse abwärts zieht und mit Feldmusik, – werden damit wohl die Tränen der Armen getrocknet und erleuchtet ihre Seele?
HIM|3|480319|4|0|(4) O Ich sage euch, das sind tolle Narrenpossen und führen zu nichts als zum Verderben!
HIM|3|480319|5|0|(5) Früher sind Mücken geseiht worden, nun aber werden Kamele verschlungen werden! Wird die tolle Bewaffnung wohl den Frieden bringen? Wird sie reicher machen den, der nichts hat, und sättigen den Hungrigen und bekleiden den, der völlig nackt ist?
HIM|3|480319|6|0|(6) Wird sie dem Blinden Licht geben und Weisheit dem, der durch ein halbes Jahrhundert nur stets dümmer und dümmer gemacht wurde?
HIM|3|480319|7|0|(7) Siehe, dies leere Getue der Stadt wird das Land, das da über alle Maßen dumm und finster ist und nimmer versteht, wohin das führen solle, nur noch mehr aufregen und wird es bald dahin bringen, dass es sich gegen die Städte verschwören wird im tätlichsten Vollmaße!
HIM|3|480319|8|0|(8) Frage, was wird da die Stadt tun? Wird sie mit ihren Kinderspielwaffen wohl das aufgestandene Land zu zähmen imstande sein?
HIM|3|480319|9|0|(9) Ich sage: Eines tut not, nämlich rechte Liebe und ein wahres Licht; alles andere würde sich von selbst geben. Weg mit den zu übermäßigen Steuern, besonders mit herrschaftlichen, und weg mit dem Heidentum, sonst wird es nimmer besser, sondern nur ärger von Stunde zu Stunde!
HIM|3|480319|10|0|(10) Anstatt der Bänder und Kokarden sollen die reichen Städter lieber unter sich reiche Sammlungen machen und damit den armen Landbewohnern schnellst zu Hilfe eilen, so werden diese beruhigt werden und die Bewegungen in den Städten als eine Wohltat ansehen.
HIM|3|480319|11|0|(11) Aber so ihr ihnen statt barer Hilfe nur hochgeschriebene, für sie unverständliche Proklamationen zusendet, aus denen sie für sich mehr Schlechtes als Gutes entziffern, da treibt ihr euch selbst das Unglück auf den Hals.
HIM|3|480319|12|0|(12) Meint ihr wohl, dass sich die Sache also wird ausfechten lassen? O Ich sage euch, ohne Mich werden die Städter keine weiten Schritte tun!
HIM|3|480319|13|0|(13) Wo ist denn einer, der nun Buße täte? Wo dann erst ein Volk, das sich zu Mir wendete zur Zeit der Drangsale?!
HIM|3|480319|14|0|(14) Ich aber sage: Wer nun durch andere Mittel als durch Mich nur suchen wird, sich Recht und Hilfe zu verschaffen, der wird untergehen, da er steht, und hätte er hundert Waffen um sich gestellt!
HIM|3|480319|15|0|(15) Wer will Mich denn nötigen, dieses Jahr zu segnen? Und segnete Ich es nicht, wer wird euch dann schützen vor Hungersnot und vor der Rache des Pöbels?
HIM|3|480319|16|0|(16) Ich gab euch im Vorjahr ein gesegnetes Jahr, und ihr habt dem Wucher keine Grenzen gesetzt und habt nicht darauf gesehen, dass das Brot größer würde und wohlfeiler das Fleisch.
HIM|3|480319|17|0|(17) Die elendvollste Verzehrungssteuer blieb, und noch andere Steuern wurden vergrößert. Was Wunder dann, dass die Völker fragen: Wohin ist der Segen des so schönen Jahres? Wer verschlang ihn, dass wir darum in ein noch größeres Elend versetzt werden?
HIM|3|480319|18|0|(18) Wenn aber die Völker mit Recht schon über den großen Segen des vergangenen Jahres also fragen, wie erst wird ihre Stimme lauten, so Ich ob der gänzlichen Verkehrtheit ein kommendes Jahr nicht segnen möchte?
HIM|3|480319|19|0|(19) Wahrlich sage Ich euch: Das, was nun geschieht, wie Ich es euch öfter schon vorhergesagt habe, ist nur ein leises Vorspiel.
HIM|3|480319|20|0|(20) Das Eigentliche wird erst nachfolgen, dieweil die aberwitzig-stolzen Städter glauben, ihre Waffen, ihre Kokarden und ihre unklugen Petitionen werden ihnen Heil bringen, wenn sie schon Meiner vergessen!
HIM|3|480319|21|0|(21) Druckfreiheit ist wohl recht, und manches andere ist nicht schlecht; aber das Recht, Vorgesetzte zu wählen und wieder fortzuschaffen, so sie nicht tanzen nach eines jeglichen Pfeife, – das ist schlecht. Denn Vorgesetzte zu salben und sie abzurufen, habe nur Ich allein das Recht!
HIM|3|480319|22|0|(22) Ich würde solches auch sicher tun durch außerordentliche Zeichen, wie Ich es in anderen, besseren Landen auch tue und in der Zukunft noch ersichtlicher tun werde; aber so ein hochtrabendes Volk Meiner völlig vergisst bei solchen auffallenden Gelegenheiten, da werde Ich auch des Volkes vergessen.
HIM|3|480319|23|0|(23) Oder möchte wohl jemand meinen aus euch, die Patrouillen von einigen aufgeblähten Jungen – die da sind voll Schlafes geistig und körperlich, und sind sie schon leiblich wach, untereinander nichts als nur die unflätigsten Reden führen und sich in den Schenken vollsaufen – werden die Stadt schirmen, so sie heimgesucht wird?
HIM|3|480319|24|0|(24) Meint ihr etwa, so die Patrouillen zu schwach wären, da werden dann schon die Kanonen ihnen zu Hilfe kommen?
HIM|3|480319|25|0|(25) Ich aber sage: So Ich nur eine halbe Million Heuschrecken über euch sende, so lauft ihr samt all euren Kanonen zum Plunder, geschweige so Ich euch eine solche Masse Volkes über den Hals senden werde!
HIM|3|480319|26|0|(26) Was braucht ihr aber nun all das kriegerische Zeug, so die Hauptsache schon ohnehin in der Kaiserstadt abgemacht wurde? All euer Getue ist nun eine eitle Prahlerei, die ihrer Züchtigung nicht entgehen wird.
HIM|3|480319|27|0|(27) Nur einige Tage noch und das Landvolk wird die Stadtgardisten erkennen und ersehen, dass sie nicht für selbes, sondern wider seinen Sinn sind; da wird es dann angehen!
HIM|3|480319|28|0|(28) Die sich jetzt voll Mut zeigen, werden bald die geheimsten Winkel suchen, um sich vor der Wut des Landvolkes zu verbergen.
HIM|3|480319|29|0|(29) Die Stadt jubelt nun gar sehr und tut wie ein Sieger; o das ist sehr eitel! So viel Jubel nun, so viel Wehe bald!
HIM|3|480319|30|0|(30) Ihr wisst, dass ohne Mich nichts ist und nichts werden kann. Ich aber sage euch: Unter diesen Tollen bin Ich nicht, durchaus nicht mit diesen Säbelbehängten; was wohl werden sie tun ohne Mich?
HIM|3|480319|31|0|(31) Die Herren dieser Stadt geben sich wohl viele Mühe, aber sie wird eine fruchtlose sein; denn sie tun es nicht mit Mir!
HIM|3|480319|32|0|(32) Einer wohl ist darunter, der Mein Freund ist, aber die Stadt achtet nicht sehr auf ihn, und er muss nun tun, was sie will. O das wird der Stadt zu keinem Segen gereichen, obschon Ich ihn gesegnet erhalten werde!
HIM|3|480319|33|0|(33) Gebt Acht und rechnet genau, jede Anordnung von der höchsten Behörde wird bald mit viel Schmach bedeckt werden, da sie Meinen Geist nicht hat und nicht kennt und baut nun nur auf den jüngst und eitel geschaffenen Geist der Gewalt, für die zwanzig Wölfe hinreichen, um sie zu zerstäuben!
HIM|3|480319|34|0|(34) Was soll das wohl heißen, ein gewisses Werk beginnen und dann selbst wider dasselbe zu Felde ziehen? Wollt ihr den Zöllner machen, auf dass das Landvolk desto eher über euch komme?
HIM|3|480319|35|0|(35) Ich sage euch aber, die ihr Meine Freunde seid, geht mit Mir zu den Armen und nicht ohne Mich zu den Ansehnlichen, so werde Ich euch in der Zeit der Gefahr auch schirmen, ansonst ihr bei euren Ansehnlichen und Holden Schutz suchen müsstet. Ob ihr ihn findet, weiß Ich euch zu sagen nicht!
HIM|3|480319|36|0|(36) Denn wahrlich, Ich sage es euch: Ich habe kein Wohlgefallen an denen, die nach der Mode sich kleiden in diesen Zeiten, in denen gar so viele kaum ihre Scham mit den schlechtesten Fetzen bedecken können.
HIM|3|480319|37|0|(37) Wie weit will es denn die Welt mit dem sogenannten Nobeltun, Visitemachen, Nobelkleiden und allerlei Komödiespielen noch treiben, wo du doch überersichtlich Meine strafende Hand über ihren Häuptern ersiehst?
HIM|3|480319|38|0|(38) O ihr tollen Menschen! So ihr nur ins Haus eures Nachbarn tretet, da zieht ihr euch schon an, als ginget ihr in die Gemächer eines Königs, und macht dadurch euren Nachbarn noch toller, als er es ehedem war. Und so er dann zu euch kommt, treibt er’s noch ärger denn ihr und will euch übertreffen.
HIM|3|480319|39|0|(39) Ich aber sage euch: So ihr euren Nachbarn besucht, da zieht euch einfachst an, auf dass ihr ihn nicht hochmütiger macht in seinem Herzen, als er es ehedem war.
HIM|3|480319|40|0|(40) Besucht aber lieber die Armen häufig, und Ich werde euch schützen und schirmen in jeglicher Not!
HIM|3|480319|41|0|(41) Also nehmt auch nicht teil an dieser gegenwärtigen Bewaffnung. Ich sage euch, sie wird euch wenig Schutz bieten; denn sie steht nicht unter dem, der mit Mir wandelt! Die aber nun ihre Leiter sind, kenne Ich nicht, wie auch sie Mich nicht kennen!
HIM|3|480319|42|0|(42) Ich sage euch, diese blinden, hochmütigen Leiter werden über kurz oder lang selbst übereinander herfallen, da einer wird weiß und der andere schwarz wollen!
HIM|3|480319|43|0|(43) Vertrauet ihr alle aber nur auf Mich und richtet euch nach Meinem Willen, so werde Ich euch und eure Habe schützen und schirmen vor jeglichem Anfall; denn Ich weiß, dass ihr redlichen Geistes und Herzens seid. Daher Mein kräftigster Segen mit euch allen. Amen.
HIM|3|480321|1|1|Kommunalpolitische Ratschläge – 21. März 1848
HIM|3|480321|0|0|An Meinen lieben Freund A. H. Willig.
HIM|3|480321|0|0|Motto: Der Gerechte darf niemanden scheuen, und der Gute im Herzen ist seines Lohnes wert.
HIM|3|480321|1|0|Mein Freund und Bruder! Ich kenne all dein Handeln und sage dir, dass es gut und recht ist. Wenn es die über alle Maßen habsüchtige, arge, böswillige, herrschgierige und schadenfrohe wahrhafteste Gemeinwelt auch nicht einsieht und häufig nicht einsehen will, so ändert das an der Sache dennoch nichts. Denn es gibt neben den vielen Bösen und Dummen eben eine gleiche Anzahl Gute, das heißt Bessergesinnte, die dein rechtes Wirken und hauptsächlich deinen guten Willen anerkennen. In deren Angesicht wird die böse Gegenpartei aber schon ohnehin ehestens ihren vermeintlichen Sieg ganz aufgeben müssen.
HIM|3|480321|2|0|Ändere du deine Arbeiten, die du gestern Meinem Knecht vorgelesen hast, ein wenig um in den Ausdrücken, durch die in jedem Falle die zum Teil lauen, faulen und mitunter auch wirklich bösen Gemeinde- und Armenvorstände, in welcher Art sie es auch seien, etwas zu scharf bezeichnet sind und lasse sie (deine schriftlichen Arbeiten) dann samt und sämtlich öffentlich bekanntmachen, und du wirst dadurch der Welt nicht nur vielen Nutzen bereiten, sondern wirst in lobender Anerkennung bei den Besseren steigen. Und die Widersacher werden am Ende selbst gestehen müssen, dass sie dir Unrecht getan haben durch ihre losen Reden und böswilligen Drohungen.
HIM|3|480321|3|0|Fürchte dich nicht, denn Ich bin bei dir und werde dich schützen, und es wird dir wie bis jetzt auch in der Zukunft nichts Arges begegnen. Es werden wohl noch gar arge Stürme kommen; aber wo Ich bin, werden sie nichts auszurichten imstande sein. Je heftiger aber irgendein Sturm auftritt, desto kürzer dauert er; dann aber kommt bald ein ganz anderer Wind!
HIM|3|480321|4|0|Du möchtest wohl auch wissen, ob du diese deine gegenwärtige Stelle beibehalten sollst oder nicht. Da sage ich dir: Solange die Sache wie nun steht, da bleibe du, was du bist. Mit der Zeit aber berufe die Besseren und Ansehnlicheren der Stadt zusammen und frage sie um ihren Rat in dieser Hinsicht, und was sie dann sagen werden, das tue! Ich meine, sie werden dich nicht vor den Kopf stoßen, denn sie sehen deine Tauglichkeit nur zu gut ein.
HIM|3|480321|5|0|Zu solcher Zeit aber, wie du es bald erfahren wirst, wird der gegenwärtige dumme Wind auch sehr bedeutend umschlagen, wie schon jetzt die Windfahne sehr unstet wird, und dann wirst du dreimal fester sitzen denn je. Es müsste nur allhier die arge Partei sich nimmer dem besseren Willen fügen wollen, wozu ihr wohl auch der freie Wille nicht genommen werden kann; dann freilich müsstest du deine Stelle zurücklegen, denn da wäre sie deiner auch nimmer wert. Dann aber gib Acht, mit welchem Gericht Ich diese Stadt heimsuchen werde! Ich sage dir: Sodom und Gomorrha sollen dagegen im großen Vorteil sein! – Denn du weißt es, dass Ich eine übergroße Geduld habe, aber ohne Grenzen ist sie nicht. Wehe dem elenden Volk, über dem Meine Geduld bricht! Wahrlich, Ich sage es dir, diesmal hängt Meine Geduld über Groß und Klein nur an einem schwächsten Faden mehr!
HIM|3|480321|6|0|Schließlich bemerke Ich dir noch das: So du etwa im Monat Mai deine Tochter mit einem Preußen verehelichen willst, so tue du das so geheim als möglich oder verschiebe das noch eine längere Zeit, denn es gibt hier einige Bösgesinnte, die sich dadurch beeinträchtigt fühlen und wollen am Hochzeitstag deiner Tochter und ihrem Bräutigam Übles antun. Das sage Ich dir zu deiner Richtschnur. Am besten aber wäre es, so du diese Sache wenigstens vorderhand ganz suspendieren könntest. Denn Ich sage es dir, es wird das Land, dahin deine Tochter heiratet, mit drei gar mächtigen Plagen heimgesucht, da es Meine häufigen, gar friedlichen Heimsuchungen nicht erkannt hat!
HIM|3|480321|7|0|Dein zukünftiger Schwiegersohn aber würde am besten tun, so er in seinem Land sein Gut verkaufte und kaufte sich hier in diesem Land irgendwo etwas an; denn sein Gut wird im Sturm dieser Zeit bald sehr verwüstet aussehen.
HIM|3|480321|8|0|Ich habe dir, du Mein Freund und Bruder, wie ein wahrer Freund und Bruder seinem liebsten Freunde und Bruder alles in aller Kürze angezeigt, was dir und deinem ganzen Hause frommt. Du aber tue danach, so wirst du guten Weges wandeln, und Ich werde mit dir sein und werde dich allezeit segnen. Amen. Das sage Ich, dein Vater, Freund und Bruder dir. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|480325|1|1|Beten oder Flucht? – 25. März 1848
HIM|3|480325|0|0|Der Marie H.
HIM|3|480325|1|0|Kindlein! Ich sage euch, nun betet, auf dass ihr nicht fallt in die Versuchung und in das Gericht der Welt! Denn nun ist des Satans letzte Freilassung und das große Weltgericht vor der Tür, welches Gericht auch heißt das Ende der Welt, – das heißt nicht etwa das Ende der Erde und aller Kreatur auf ihr, sondern das Ende der Welt auf der Erde, welche Welt da ist die nunmalige Vollherrschaft der Hölle auf der Erde, die zwar nicht lange dauern, aber an Grässlichkeit alles übertreffen wird, was seit Anfang der Schöpfung auf dieser Erde derart sich ereignet hat!
HIM|3|480325|2|0|Das lieblose, von Mir nichts wissende und nichts wissen wollende überdumme Volk dieser Stadt setzt sich selbst das Messer ans Herz, da es ohne Gesetze sein will und schon jetzt gegeneinander zieht. Und es wird in der nächsten Zukunft einen noch schrofferen Gegensatz bilden, was eigentlich gut sein wird; denn da wird sich die Schlange selbst zerstören. Wenn es aber arg kommen würde, da freilich würde es rätlich sein, aufs Land zu ziehen, da in den Städten lange Zeit keine Ordnung herrschen wird. Darum betet für die Erhaltung der Ordnung und der jetzigen Gesetzesaufrechterhalter. So diese durch gute Gebete erhalten werden, da wird es noch gut sein, – so es aber dem arggesinnten Pöbel gelingen dürfte, diese Gesetzerhalter zu entfernen, da betet doppelt und flieht in Meinem Namen auf das Land. Denn da wird die Stadt zu einer Mörder- und Räuberhöhle und wird geschlagen werden durch ein schreckliches Gericht. Aber Ich werde euch dennoch schützen, so ihr alle in Mir verbleibt, wie Ich bei euch und in euch!
HIM|3|480325|3|0|Diesen Rat für euch alle gebe Ich dir, Mein Töchterlein, zu deinem Namenstag als ein gutes Angebinde. Befolgt ihn aber auch alle, so es nottun wird. Amen. In Meinem Namen. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|480404|1|1|Gefahrvolle Lage – 4. April 1848.
HIM|3|480404|0|0|O Herr, Du allezeit wie ewig bester, wahrster und liebevollster Vater aller Menschen und Engel! Du alleiniger allmächtiger Lenker aller Wesen, aller Dinge, aller Welten und Sonnen! Du siehst und hast von Ewigkeit schon vorgesehen, wie die Dinge auf der Erde sich nun gestalten. Ganz entsetzlich düster und drohend sieht es hier aus. Ein Aufstand gibt dem nächsten die Hand, die Gesetzlosigkeit nimmt zu von Stunde zu Stunde, indem den rechtmäßigen Gesetzesaufrechterhaltern alle Mittel genommen sind, eben die Gesetze, durch die die Ordnung bedingt ist, aufrechtzuerhalten. Was sollen denn wir, die wir allezeit uns an Dich gehalten haben und uns ewig allein an Dich halten wollen und werden, nun tun in Deinem allerheiligsten Namen? Wohin gleich einem Lot sollen wir fliehen, so Du diese erbärmliche Stadt mit einem Gericht heimsuchen wirst, weil sie von Dir völlig abgefallen zu sein scheint? O Vater! wir alle bitten Dich in unserem Herzen flehentlichst, gib uns armen Sündern einen Rat, einen heiligen Wink! Wir wollen ja alles aus allen unseren Kräften gerne tun, was immer Dein heiligster Wille uns anzeigen möchte. O Vater! vergib uns unsere Sünden, wie wir allen unseren Beleidigern und Feinden vergeben, und führe uns nicht in die Versuchungen der Hölle, sondern erlöse uns von allen den Übeln!
HIM|3|480404|1|0|Schreibe! Wie diese Zeit beschaffen ist und was nun die Menschen denken, trachten und tun, weiß Ich und weiß auch, was Ich tun werde, so wie Ich es euch schon zu öfteren Malen vorhergesagt habe, und ihr es also auch wisst, was da kommen wird, wenn das überdumme und blinde Volk dieser Stadt auch in die entschiedene Bosheit übergehen wird, wovon es nun wirklich um kein Haarbreit mehr entfernt ist.
HIM|3|480404|2|0|So aber das in Kürze über diese Stadt wie auch über andere nicht minder arge Orte und Städte dieser wie auch anderer Provinzen kommen wird – nämlich ein Gräuel der Verwüstung, da flieht entweder nach Kärnten oder auch in diesem eurem Land wenigstens acht bis zehn Meilen weit von dieser Stadt entweder nach Unter- oder Obersteier, und ihr werdet dort dann schon eine Unterkunft finden gegen eine mäßige Miete. Ich will euch aber darum nicht einen bestimmten Ort anzeigen, weil in jedem Ort willensfreie Menschen wohnen, die heute so und morgen anders sein können. Es genüge euch, dass Ich euch dort, dahin ihr unterdessen ziehen wollt, vor allem Übel beschützen will und werde. Aber bereithalten zum Abzug von hier müsst ihr euch für jeden Tag wohl; denn so Ich zu euch sagen werde, morgen zieht von hier, da wartet nicht bis zum dritten Tag! Daher trefft nun mit euren Sachen eine gute und rechte Ordnung.
HIM|3|480404|3|0|Ich will aber euretwillen und noch einiger dieser Stadt willen wohl sieben bis vierzehn Tage noch zugeben zur Besserung und Rückkehr zu Meiner Ordnung im Sinne der gegenwärtig sie zur Buße rufenden römischen Kirche. Wird diese Stadt sich aber daran ganz und gar nicht kehren, was ihr leicht sehen und erkennen werdet, dann werde Ich obigen Termin schwerlich noch einmal setzen, und ihr werdet daraus ersehen, dass die Zeit zum Abzug vor der Tür ist.
HIM|3|480404|4|0|Es werden aber nun wohl noch manche sogenannte Spektakel vorfallen, die euch jedoch nicht allzu sehr ängstigen sollen, indem Ich ja doch bei euch bin; ansonsten es euch ergehen könnte wie dem Petrus, als er zu Mir über das bewegte Meer kam.
HIM|3|480404|5|0|Ängstigt euch auch nicht, so ihr von hier ziehen müsstet, sondern tut alles freudig und in festem Vertrauen zu Mir, da werden wir bald und leicht einen Ort finden, der uns taugen wird für eine Zeit. Mein Knecht aber ist ja ohnehin bei euch, durch den Ich stündlich mit euch reden kann, schriftlich und mündlich, für euren augenblicklichen Bedarf, wie nicht minder auch durch eure eigenen Herzen, so ihr da Meiner Rede harren wollt. Und so könnt ihr ganz unbesorgt sein, da Ich also doppelt bei euch bin stündlich!
HIM|3|480404|6|0|Der liebe Bruder Andrä, der nun seiner Familie nach Wien folgt, aber soll in dieser Stadt sich samt den Seinigen nicht zu lange aufhalten; denn da wird es auch bald ganz absonderlich aussehen, da niemand mehr wissen wird, wer da der Herr, der Koch und der Kellner ist. Besonders so auch diese Stadt in ihrem hoch- und herrschsüchtig bösen Wahn wie bis jetzt fortfahren wird und wird nichts oder wenig tun obererseits und zu unmäßig viel und zu Törichtes verlangen untererseits, was sehr in Aussicht gestellt ist, da keine Partei nun mit sich einen mäßigen Handel machen lässt. Die Besitzung im Untersteierland, Merlhof, soll ihm ein sicheres Asyl sein, wie auch für euch ersten, allfälligen nötigen Augenblicks, von wo aus der sichere Weg nach Kärnten – dem sichersten Ländchen dieses Reiches – führt, obschon es auch nicht ganz ohne Exzesse durchkommen wird.
HIM|3|480404|7|0|Niemand von euch traue Wien, denn da werden noch gar seltsame Dinge vor sich gehen! Ich sage es euch wie im Vertrauen: Da stehe Ich für nichts, was da von heute bis morgen geschehen kann! Denn diese Stadt ist nun von Mir aus vogelfrei, wie es war die Stadt der Franzosen. Versteht ihr das?! Daher mache sich vorderhand auch ein jeder auf alles gefasst! Sie kann steigen mächtig, wenn sie ihre Zeit erkennt, aber auch fallen tiefst, so sie ihre Zeit nicht erkennt! Das zu eurer geheimen Wissenschaft und Darnachrichtung! Schließlich aber empfehle Ich euch nun wie allezeit Meinen Knecht. Vergesst seiner nicht, und Ich werde euer nicht vergessen und werde euch ersetzen vielfach, was ihr ihm tut und tun könnt; denn weltlich hat er außer seiner Musik wirklich bis jetzt noch nichts. Mein Segen euch allen. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|480507|1|1|Politischer Rat – 7. Mai 1848
HIM|3|480507|0|0|O Herr! Am Schluss Deiner früheren Gabe erwähntest Du diese gegenwärtige Zeit und dass man auf dem Land nun mehr zu fürchten hätte – ob einer gewissen Sichtung der Landleute – denn in den Städten. So es Dein Wille ist, sage mir darob etwas Näheres, aber nur, so es Dein heiliger Wille ist!
HIM|3|480507|1|0|Hast du denn kein Gesicht, keine Berechnung? Siehst du denn nicht ein, wie die Menschen in den Städten sich nun zu sondern anfangen und nüchterner werden, da sie durch Mangel an Erwerb in einen stets fühlbareren Notstand gesetzt werden und daher schon so manche an Mich zu denken anfangen? Auch wird schon wieder ganz tüchtig gebetet in einigen Häusern, was da ein gutes Zeichen ist.
HIM|3|480507|2|0|Es gibt wohl noch sehr viel Unkraut unter der besseren Frucht, aber dazu sind die Schnitter auch schon unterwegs, die mit dem Unkraut bald fertig werden; dann werden die Städte zu Eden, das Land aber hie und da zur Wüste! Nun aber höre auch, warum das Land nun stark gesichtet wird, und wie.
HIM|3|480507|3|0|Siehe, das zuallermeist überdumm gemachte Volk, das allen Steuern von jeher feind war, hat nun von einer Freiheit etwas gehört und vom Nachlass der grundherrlichen Gaben. Es ist ihm dadurch ein Finger gezeigt worden, aber es will nun die ganze Hand haben; es will Herr sein! Es will die Städter zu seinen Füßen und bitten und betteln sehen, auf dass es diesen um teures Geld etwas verkaufe von den zum Leben nötigen Landfrüchten. Es wird sich betrinken und toben gegen den Städter und wird übel vertreiben die Beamten des Landes, und es wird sein, wie es schon ist, überroh und grob gegen jeden städtisch Gekleideten, so dieser ihm nicht gewähren wird auch die absurdesten Dinge und nicht selten die ausgelassensten Wünsche.
HIM|3|480507|4|0|Also wird es auch dem Grundherrn übel begegnen, zuerst natürlich dem härteren und ungerechteren, am Ende aber dem besseren und gerechteren. Ja das Landvolk wird auch lange kein besseres Glaubenslicht annehmen und wird gegen jeden reiner und freier Denkenden tödlich zu Felde ziehen, besonders gegen Menschen fremder Zunge.
HIM|3|480507|5|0|Du siehst nun ein, dass Ich dies ungebärdige Volk gar hart werde heimsuchen müssen, um es wieder in eine Ordnung zu führen. Also wirst du aber auch einsehen, warum das dumme und nun wirklich zumeist böse Landvolk eine tüchtige Sichtung vonnöten hat – und Ich sage es dir, ganz besonders nächst dem Ungarn das Steirer-Landvolk, und da das deutsche so gut, wo nicht mehr noch, denn das viel scharfsinnigere slawische im Allgemeinen. Oder sahst du nicht, wie hier eine Slawin ihrer Nation halber nur drei schmale Bänder ausgehängt hatte und wurde darum von allen Deutschen insultiert, während die Slawen gar häufig die deutsche Fahne aushängen und deutsche Abzeichen tragen und es keinem Deutschen verwehren, sein Nationalzeichen zu tragen?
HIM|3|480507|6|0|Was meinst du wohl, welches Volk ist da nun besonnener und nachgiebiger? Ich meine, die Antwort wirst du leicht finden, aber auch, wo die meiste Sichtung vonnöten sein wird, – denn Ich sehe nicht auf die Zunge, sondern nur auf die Herzen aller Meiner Kinder! Bei Mir hat der Deutsche nichts vor dem Slawen und der Slawe nichts vor dem Deutschen voraus! Wer sich aber nun erhöhen will, den werde Ich tief erniedrigen. Amen; das sage Ich. Amen.
HIM|3|480521|1|1|Des Kaisers Flucht aus Wien – 21. Mai 1848
HIM|3|480521|0|0|(Abreise des Kaisers nach Innsbruck am 17. Mai 1848.)
HIM|3|480521|0|0|O Herr, Du liebevollster Vater! Wir bitten Dich, gib uns nach Deinem alleinigen Wohlgefallen und allerheiligsten Willen irgendeine Kunde, was wir von der geheimen Abreise unseres Kaisers aus der Residenzstadt Wien, vorgeblich nach Innsbruck in Tirol, zu halten haben und was davon zu erwarten. So es Dein heiliger Wille, da gib uns einige Winke!
HIM|3|480521|1|0|So schreibe! Habt ihr denn nicht in einer früheren Kundgabe gelesen, da Ich euch zum Voraus erklärt und gezeigt habe, dass die Kaiserstadt freigegeben wird wegen ihres tollen Treibens? Seht, nun ist das über sie gekommen, was über sie gesagt wurde. Die nächstkünftige Zeit dieser Stadt wird die Früchte in schwerer Menge aufzuweisen haben, die ihr diese wahre Vogelfreiheit erzeugen wird.
HIM|3|480521|2|0|Ich sage euch, diese Stadt will keinen Kaiser, der über sie herrschen solle; denn herrschen will nun die Stadt selbst. Sie will bloß einen Kaiser des Glanzes und der Habsucht wegen und einen Kaiser, der künftighin fast keine Steuern verlangen soll, sondern aus höchsteigenen Mitteln alle Staatsbedürfnisse decken möchte und daneben als Kaiser mit dem glänzendsten Hofstaat jährlich nur in Wien und sonst nirgends wenigstens fünfzig Millionen verzehrte, wofür ihm dann bei verschiedenen Gelegenheiten papierne Triumphbogen und mehrere Schusterbubenvivats zuteilwürden nebst mehreren patriotisch klingenden Gedichten. So ein Kaiser wäre den Wienern wohl am meisten erwünscht.
HIM|3|480521|3|0|Da sie eben aus diesem Kaiser einen solchen machen wollten, der nichts mehr zu reden hätte, sondern nur zu gehorchen dem souveränen Volk, – so tat der Kaiser recht, dass er sich aus dem Staub machte, da er zu einer Null herabgemacht wurde! Dieses übermütige Wienervolk muss ein Gericht bestehen und in eine große Not versinken, sonst wird sein Geist nie zu einem folgerechten Gemeinwirken sich erheben.
HIM|3|480521|4|0|Glaubt, was Ich euch sage: Solche Menschen, an die das Los von Millionen gebunden ist, als da eben sind Kaiser, Könige, Herzöge usw., hängen in ihrem Handeln nicht von ihnen selbst, sondern allezeit von Mir ab, der Ich am besten sehe, wie alle Herzen des Volkes beschaffen sind, und daher auch gar wohl weiß, wie der Sinn des rechtmäßigen Regenten beschaffen sein muss, damit er als ein dem Volk angemessener Leiter dasteht.
HIM|3|480521|5|0|Ich werde daher auch nie einen Regenten ob seiner Handlungen zur Rechenschaft ziehen; denn jeder Regent tut, wozu er von Mir angetrieben wird. Ich aber werde mit den Regenten wohl auch rechten in der Zeit, aber nicht wegen ihrer Handlungen, sondern ob sie sich selbst die Macht angemaßt haben, oder ob sie Mir darum die Ehre gaben; denn es besteht nirgends eine Macht in den Händen eines irdischen Herrschers, außer die Macht aus Mir. Daher soll auch jedermann dem rechtmäßigen Kaiser oder König gehorchen; denn der Ungehorsame ist nicht dem Herrscher, sondern Mir Selbst ungehorsam und wird darum Meiner Rute nicht entgehen!
HIM|3|480521|6|0|Und also wird auch Wien gezüchtigt werden, weil es nicht bei Mir, sondern in seiner eigenen Faust Hilfe gesucht hat. Oder habt ihr bei den vielen Schriften, deren Zahl bald den Sand am Meer übertreffen wird, wohl auch schon einen Aufruf zu Mir um Abhilfe gelesen? Ich weiß nichts davon. Lassen wir sie daher nur Beschlüsse machen und Petitionen zu Tausenden, – Ich aber bin allein der Herr und weiß, was Ich tun werde. Ich sage euch, alle diese Projekte, alle Reichstage, all ihre Beschlüsse und Gesetze will Ich zerschmeißen und zuschanden machen!
HIM|3|480521|7|0|Der Kaiser ist aus Wien abgereist in aller Stille, – merkt, es war Mein Wille. Er zog in gutes Land, dessen Volk um sehr vieles besser ist als die vielen Wiener. Er wird von diesem Land auch nicht eher nach Wien zurückkommen, als bis Ich es wollen werde.
HIM|3|480521|8|0|Es gibt in Wien wohl auch noch viele, die da besser sind und sind keine Speichellecker, keine Aristokraten, sondern Freunde der Wahrheit, der Ordnung und ehrlicher Sitten. Diese Besseren wünschen den rechten Fortschritt des Geistes; sie sind keine finsteren Pfaffenfreunde, obschon sie in diesen Lehrern der Nacht den Menschenwert nicht außer Acht lassen. Sie verfolgen auch die Adeligen nicht, so diese den rechten Menschensinn in ihren Herzen haben. Wohl bedauern sie die Dummen und beten für sie; aber so ehrlich gut es auch diese meinen, so werden sie aber von der Masse dennoch nicht beachtet und auch nicht gehört.
HIM|3|480521|9|0|Sie seufzen gewaltig über den vollends verkehrten Sinn der großen Masse, die sich nun lediglich durch Säbel, Schießprügel, Kokarden und Uniformen und Bänder und Fahnen und Rossschweife helfen will. Aber Ich sage euch: Ich werde sie nicht lange mehr seufzen lassen, sondern eine Hilfe senden, über die alle die sogenannten Großproletarier steifer werden vor Angst als der ewige Nordpol selbst! Da werden diese jetzt so stark sich Dünkenden schwächer werden denn ein Schilfrohr; aber die jetzt Schwachen werden zu einem herrlichen Sieg erstehen und werden sich freuen einer rechten Freiheit – nicht einer solchen, wie die jetzige nun ist, sondern einer wahren des Geistes in Meinem Namen!
HIM|3|480521|10|0|Diese gegenwärtige Bier-, Tabakrauch-, Kaffeehaus- und Hurenfreiheit wird doch etwa keinem wahren Christen als wünschenswürdig erscheinen? Daher muss sie aus der Wurzel ausgerottet werden. Glaube aber ja niemand, als wollte Ich Meine Kinder abermals geknechtet haben. O Ich sage euch, sie sollen wahrhaft in der und durch die Wahrheit frei werden. Aber das denke auch niemand von euch, dass je jemand durch diese Pamphlete und durch die Säbel und Kokarden aus dem Joch der Knechtschaft gelangen wird. Im Gegenteil, dadurch wird die echte Sklaverei nur gefördert.
HIM|3|480521|11|0|Diese sogenannten Volksfreunde werden bald demaskiert werden, und es wird sich nur zu klar zeigen, von welchem Schrot und Korn solche Volkstribune sind, die zu allen Zeiten ums Geld sich nur zu leicht zu allem gebrauchen lassen. Schlagt die Geschichte auf und seht, und ihr werdet es finden, dass die größten Tyrannen allezeit aus den sogenannten Volkstribunen hervorgegangen sind. Daher werde Ich solche Wesen nun auch nimmer emporkommen lassen, sondern da sie sich erheben werden, da auch werden sie fallen!
HIM|3|480521|12|0|Ich will Ordnung, Gehorsam und volle Ergebung in Meinen Willen, der allein gut ist; wehe aber denen, die sich diesem widersetzen wollen, sie werden hart gegen den Stachel zu löcken haben! Ist nicht die Demut die erste Bedingung zur Freiwerdung des Geistes? Wo aber steckt diese bei den jetzigen sogenannten Volksbefreiern? Etwa in der Uniform, im Säbel, im berossschweiften Tschako, im Bier, in den Zigarren, in den Kokarden, Bändern und Fahnen, in Kaffeehäusern, in frechen Liedern, im Geilen mit den Huren?
HIM|3|480521|13|0|Seht, ihr Meine Freunde – wo aber sicher keine Demut als aller Liebe Grund zu Hause ist, wo soll da die Liebe herkommen? Wart ihr nicht selig in eurer Jugend, so ihr ein zartes Mädchenherz gefunden habt, das euch warm und in schnelleren Pulsen entgegenschlug? Erquickte euch nicht allezeit ein sanfter Blick aus einem holden Auge? Ja, er weckte euch sogar zu manchem Guten, Schönen und Erhabenen und begeisterte euch zu edler Tätigkeit, durch die ihr einst euch in den Vollbesitz eines zarten Mädchens versetzen könntet. Ich sage euch, das war edel und gut und brachte auch bald segensreiche Früchte. Wer sollte nicht Freude haben an den zart gestalteten jungen Müttern Meiner werdenden Kinder?
HIM|3|480521|14|0|Wo aber ist nun diese edle Liebe anzutreffen? Kennen diese jetzigen jungen Völkerbefreier sie? Ich sage euch, diese Liebe ist ihnen ganz fremd, denn sie sind ja nun lauter Herrscher. Die Herrscher aber heiraten ja selten aus Liebe, sondern gewöhnlich nur aus Politik und durch Prokuration. Da diese nunmaligen jungen Vielherrscher aber auf ihre Throne nicht heiraten können, so verachten sie ganz stoisch das zarte Geschlecht und befassen sich lieber mit der Volksbefreiung durch Säbel, Helm, Bier, Tabak, Katzenmusik und so weiter. Ich meine, ihr werdet aus dieser Meiner Darstellung leicht entnehmen können, dass diese Art von einer Volksfreimachung ewig nie zum rechten Ziel führen kann; daher erwartet auch nichts von ihr.
HIM|3|480521|15|0|Aber das merkt, dass so der Frühling naht und auch schon da ist, seine ersten Monate allezeit die stürmischsten und dümmsten sind. Also ist es auch bei der Ankunft des geistigen Frühlings, diesem werden auch noch manche dumme Stürme vorangehen. Sie erzeugen zwar nicht den Frühling, was allein nur die Sonne tut; aber wenn die Sonne zu wirken beginnt, da werden freilich die Schmeißfliegen früher wach, als die Lerchen und Nachtigallen. Aber lassen wir sie auch erwachen, nur halten wir uns nicht an ihr Gesumse.
HIM|3|480521|16|0|Fragt nicht: Was haben wir zu erwarten? – Ihr wisst es ja lange schon, dass der Gute allezeit nur Gutes und der Schlechte nur Schlechtes zu erwarten hat. Also fragt auch nicht, ob und wann der Kaiser wieder nach Wien zurückkommen wird. Daran liegt wenig nur. Fragt lieber nach Meiner An- und Wiederkunft; diese allein kann euch helfen! Der Kaiser aber wird tun, wie Ich es will, darum er Kaiser ist, ob stark oder schwach, das ist gleich. Amen. Das sagt der Herr aller Herren. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|480614|1|1|Die wahre Friedenssonne – 14. Juni 1848
HIM|3|480614|0|0|Ein kleines Bildchen.
HIM|3|480614|1|0|Der Erde droht eine große Gefahr. Ihr Feind hat einen kurzdauernden freien Spielraum erreicht und lacht höhnisch nun Zwietracht in der Menschen Herzen! Aber es kann nun nicht anders sein; denn so das Sieb nicht mächtig gedreht, gerüttelt und geschüttelt würde, da käme die Spreu nimmer vom Weizen. Oder so die Luft vollgefüllt ist von bösen Dünsten, so dass allem Leben Gefahr zu drohen beginnt und das Licht die finsteren Massen nimmer zu durchdringen vermag, da taugt ein sanfter Abendwind nicht mehr, solche Luft zu säubern, sondern da müssen Orkane kommen und flammende Blitze, auf dass sich die argen Geister vor ihnen beugen.
HIM|3|480614|2|0|Die Engel selbst dürfen mit den Teufeln nicht als Engel, sondern müssen als Gegenteufel handeln, sonst würden sie mit ihnen wenig ausrichten. So du aber einen Acker hast, wird er wohl Früchte tragen, so er zuvor nicht klein durchwühlt würde mit dem Pflug? Also ist es auch hier nun. Der Satan tut das Seine, die Engel das Ihrige und Ich das Meine, und also wird der Weizen wohl rein werden.
HIM|3|480614|3|0|Es werden aber noch große Stürme kommen und werden gar viele große Felsen und Berge zerschmeißen. Wie Spreu werden sie die Starken, Hohen und Großen in den Lüften zerstreuen, so dass man suchen wird und wird nimmer finden die Stelle auf der Erde, da sie hingeworfen wurden. Da wird sein ein mächtig Toben und Brausen und werden sich viele Gemüter gar sehr fürchten und gewaltig ängstigen. Aber das muss alles kommen, und muss mächtig kommen, um das Mächtige zu besiegen.
HIM|3|480614|4|0|Wenn eine Mücke geboren wird, da freilich erbebt der Erdboden nicht und ist allenthalben Friede; denn eine Mücke braucht nicht viel. Wenn aber Berge gezeugt werden, da freilich sieht es ganz anders aus auf der Erde. Aber überaus stürmisch muss es sein, so alte verhärtete Berge zerbrochen werden! Gleichwie es da auch nicht so viel Dröhnens macht, so ein Fürst eine neue Festung erbaut; aber wenn er als Feind eine alte Festung schleift, da geht es sehr erschrecklich zu – und siehe, also ist es auch nun der Fall.
HIM|3|480614|5|0|Fragt aber nicht, wer da siegen wird; denn da wird niemand eher siegen, als bis das Licht der alten Wahrheit die Gemüter der Kämpfer zerstreuen wird. Glaubt ja nicht, dass der Reichstag ein Tag der Ausgleichung werden wird, o nein! Dieser Tag wird erst das rechte Sturmfeuer anfachen. Fürchtet euch aber darob nicht, denn Ich werde für euch Sorge tragen. Aber die Sorge sollt ihr nun auch tragen, dass Mein Licht ehestens in die Hände der Menschen gelangen möchte. Ich sage euch, das würde der Welt bald helfen und euch reich machen doppelt. So ihr aber nun lau werdet, was soll das dann der Welt und euch nützen?
HIM|3|480614|6|0|Ihr müsst nun auch mitstürmen. So ihr aber stürmt und kämpft um Meinetwillen, da stürmt und kämpft ihr einen gerechten Kampf, und der Sieg solle euch leicht werden. Denn eure Mühe verlangen nicht eures Fleisches Glieder, in denen Wollust, Hochmut und Geiz kämpfen und stets die alleinige Ursache aller Kriege sind, – sondern Ich in euch verlange es von eurem Geist, dem allein nun am Ende der Sieg gegeben wird und der Friede, der da ist eine Frucht der rechten Gerechtigkeit und wird gegeben denen, die in sich diesen Frieden haben und halten. Ich sage euch aber auch, dass ihr ja damit nicht sucht eine Freundschaft mit der Welt zu erreichen; denn wer der Welt ein Freund ist, der ist Mein Feind, und wer da sucht der Welt Freundschaft, der sucht in einem Meine Feindschaft.
HIM|3|480614|7|0|Ihr müsst euch daher aus einer gewissen kritischen Weltanfeindung nichts machen, denn so diese dem zuteilwird, das ihr für Mich tut, da seid ihr eben dadurch auch Meiner innigsten Freundschaft versichert. So die Welt Mein Werk, das ihr herausgeben sollt, kritisch belächeln und beschimpfen wird, so freut euch dessen, denn eben das wird ihr den vollen Untergang und euch den Sieg geben!
HIM|3|480614|8|0|Daher sage Ich euch noch einmal: Sucht euch die Welt, wie und wo sie euch auch immer entgegenkommen möchte, nicht zu eurem Freund zu machen; denn der Welt Freundschaft ist Meine barste Feindschaft. Wer Mein wahrer Freund sein will, der muss der Welt gegenüber elend sein und muss viel Leid tragen. Der Welt Lache muss in Weinen und der Welt Freude in Traurigkeit verkehrt werden. Niemand aber kann etwas Gutes tun, außer er tut Meinen Willen, der allein gut ist. So aber jemand diesen kennt und tut nicht danach, der sündigt, weil er nicht tut Meinen Willen. Daher seid auch ihr emsig in der Ausübung Meines Willens, wollt ihr nicht sündigen vor Meinem Angesichte.
HIM|3|480614|9|0|Es wird aber auf der Welt noch gar viel Kämpfens sein und wird viel Fleisch getötet werden; aber Meinen Freunden und den eifrigen Tätern Meines Willens solle dabei nichts Übles begegnen. Wie groß wohl würde sich ein Fürst dünken, den Ich zum Lenker der ganzen Erde stellte, und wie groß, dem Ich die Führung einer Sonne in die Hände legte? Aber was ist die Erde, was alle Sonnen gegen die Größe Meiner Gnadensonne, die Ich euch gegeben habe, dass ihr derselben mächtigstes und lebendigstes Liebelicht aller Welt könnt erstrahlen lassen!? Ihr seht daraus, zu was Großem Ich euch berufen und erwählt habe!
HIM|3|480614|10|0|Da ihr aber das doch offenbarst einsehen müsst, so müsst ihr aber nun auch danach handeln, dass ihr euch solch eines allerhöchsten Amtes als würdig erweist. Aber das bemerke Ich euch auch, dass die Buchdrucker dieses Ortes, diese Kreuzerjäger, durchaus schlecht taugen für die schnelle Veröffentlichung Meiner Werke. Daher wären die Sachsen, Hamburger, Württemberger und auch noch andere deutsche Buchverleger den hiesigen in jeder Hinsicht bei weitem vorzuziehen; denn ihr könnt es nun schon beurteilen, wie lange im Verhältnis mit dem Lied ‚Die große Zeit der Zeiten‘ ein hiesiger Verleger mit dem Werk ‚Meine große Haushaltung‘, von euch ‚Hauptwerk‘ benannt, zu tun hätte – drei Jahre würden zu wenig sein. Was wohl möchte das euch und der Welt nütze sein? Daher müsst ihr und namentlich der Bruder A. H. Willig darauf sehen, dass dieser alleinigen Friedenssonne ein anderortiger schnellerer Aufgang bereitet wird; denn glaubt es Mir, solange diese unterwegs bleiben wird, wird es nicht zum Frieden kommen auf der Erde!
HIM|3|480614|11|0|Im Gegenteil wird es nur stets stürmischer und stürmischer werden, so dass am Ende ein jeder seines Lebens kaum mehr sicher sein wird und wird verlieren alle irdische Habe, so er irgendeine besitzt. Denn so die Liebe erkaltet und der Verstand für sich allein so kalt wie der Nord- oder Südpol dastehen wird, da wird auch bald jeder Funke von Rechtsgefühl verschwinden, und der festeste sogenannte Kommunismus wird an die Stelle allen Rechtes treten und wird gewaltigst zerbrechen alle Schranken zwischen Mein und Dein. Daher seht, dass die Friedenssonne ehestens der Welt verschafft wird, sonst wird eben diese Welt euch um all das Eurige bringen; denn die Welt ist und bleibt stets gleich Welt!
HIM|3|480614|12|0|Der Welt fehlt nun alles geistige Licht, denn die Diener Baalams haben ihr auch den letzten Funken genommen und haben ihn erstickt auch in den Herzen der ohnehin wenigen, die noch irgend einen schwachen Glauben hatten. Nun ist eine vollste Nacht geworden. Niemand weiß mehr zu raten und zu helfen. Daher halten sie Rat über Rat und wählen in einem fort Wähler über Wähler, um dadurch auf die Weisesten des Landes zu gelangen. Aber sie sind nun alle blind und sehen und erkennen die Weisen nicht, da sie sich nur an die Angesehensten halten und an jene, die eine starke Stimme haben. Daher aber werden sie auch stets mehr Elend hervorrufen und Raub und Mord und großes Blutvergießen, wie es sich nun schon an mehreren Orten zu zeigen anfängt.
HIM|3|480614|13|0|Es ist sonach hohe Zeit, mit dem rechten Licht zu kommen, da sonst zu viel Elend über die Welt kommen würde und müsste, um vor der völligen Zerstörung gesichert zu sein. Ich habe wohl auch anderorts schon Leuchten gestellt und hie und da eine tüchtige Bahn gebrochen, daher dies euch gegebene Licht nicht auf ungebahnten Wegen in die Welt hinaus seine Reise antreten wird dürfen. Es ist sonach alles Mögliche vorbereitet, und so kommt es nun nur auf euren Eifer an, so ihr der großen Völkersegnung wollt gewärtig werden.
HIM|3|480614|14|0|Wahrlich, wer jetzt zaudert, wer sich nicht aus seiner angewohnten Lebensweise gewaltsam herausreißt, wer jetzt spart und nicht alles aufs Spiel setzt, der wird in Kürze alles verlieren. Wer aber nun alles wagt, der wird vieles gewinnen; denn Meine Staatspapiere werden nimmer zum Fallen kommen, und Meinen Weingarten wird ewig nimmer ein Hagelschlag treffen und ein Reif versengen. Daher spekuliert nun fleißig mit Meinen Staatspapieren und pflegt sorgsam Meinen Weingarten, so werdet ihr viel Gewinn haben zeitlich und ewig. Amen. Das sage Ich, euer Herr und Vater, euch allen. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|480711|1|1|An alle! – 11. Juli 1848
HIM|3|480711|0|0|Ermahnung zum Wachen und Beten wegen bevorstehender großer Gefahr.
HIM|3|480711|1|0|Wachet und betet, auf dass ihr nicht in Versuchung fallet; denn der Satan geht umher nun wie ein wütender Löwe und sucht alle Menschen zu verschlingen. Kein Mittel wird er unversucht lassen, um seine große Rache zu kühlen, weil man nun seinem treuen Anhang, der herrschenden Hydra, auf den Kopf getreten. Er wird Völker entzweien, dass sie sich zu Haufen erwürgen werden, wie sie es schon jetzt zu machen anfangen; Ich sage eigens: anfangen – denn das alles, was bis jetzt geschah, ist nur ein Anfang des Beginnens.
HIM|3|480711|2|0|Ich sage, kein Mittel wird er unversucht lassen, um seine große Rache zu kühlen. Er wird jeden Menschen bei seiner schwächsten Seite ergreifen und wird ihn erwürgen und verderben, so der Mensch auch nur eine Minute sich von Mir entfernt in seinem Herzen. Daher gilt es nun im vollsten Ernst – Leben oder Tod! Denn es soll nun alles durchreutet werden auf das Allergewaltigste, und was da des Teufels ist, das soll des Teufels bleiben, und was Mein ist, das soll Mein sein ewig!
HIM|3|480711|3|0|Wer nun einen Funken Hochmut hat, diesen Funken wird der Satan zu einem Bergbrand anfachen und aus solch einem Menschen einen Satan machen. Hütet euch also vor dem kleinsten hochmütigen Zornfünkchen, wollt ihr keine Teufel werden; denn der Satan lauert und lässt keine Gelegenheit ungenutzt.
HIM|3|480711|4|0|Also wachet sehr und betet, auf dass ihr nicht in die Versuchungen des Fleisches fallet; denn so jemand nun da fällt, der ist ohne Rettung verloren. Denn so wahr Ich der Herr und euer Gott und Vater bin in Jesu, dem Gesalbten, so wahr auch ist das alles, was Ich euch hier verkünde!
HIM|3|480711|5|0|So irgendein Vater Töchter hat und hat in sich einen Stachel des Fleisches, wahrlich, wahrlich! – der Satan wird aus diesem Stachel ein glühend Schwert zeugen und wird die Väter zu Blutschändern machen, und die Söhne werden die Mütter beschlafen, und vor den Brüdern werden die Schwestern nicht sicher sein. Also wird auch bei vielen die stumme sodomitische Sünde erwachen und die Tierschändung, so dass es zehnfach ärger sein wird, als es war zu Sodom und Gomorrha.
HIM|3|480711|6|0|Denn weil die große Hure Babels geschlagen wird, die gebuhlt hatte im Geiste, darum eine solche Rache des Satans, auf dass alles Fleisch bis in den tiefsten Grund verderbt werden solle. Aber Ich habe auch Mein Schwert nun sehr scharf gemacht und werde ein größtes Gericht über die Häupter aller Frevler gewaltigst schwingen!
HIM|3|480711|7|0|Meidet daher nun übersorgfältig alles, was nur irgend das Fleisch reizt. Meidet den Wein, in dem der Geist der Unzucht wohnt. Meidet solche Orte, wo euch freundliche reizende Dirnen begrüßen. Betet allezeit und haltet Fasten, besonders im Wein und Biere, und führt keine unreinen Worte, sonst seid ihr alle nicht sicher vor den Versuchungen des Satans.
HIM|3|480711|8|0|Du irdischer Vater, Ich sage dir für diese und für jede Zeit, so du Töchter hast, so liebe sie wie ein Christ, aber nicht wie ein eitler Liebhaber, sonst bist du gefangen im Netz des Satans. Denn wenn auch dein Geist deine Töchter als Töchter erkennt, was nützt dir aber das, so dein Fleisch dennoch von dem Fleisch deiner Töchter geradeso wie vom Fleisch anderer Dirnen gekitzelt wird und deinen Geist betäubt und in deinen Nieren die unlautersten und verdammlichsten Begierden erweckt, die dich töten auf ewig?!
HIM|3|480711|9|0|Glaubt es Mir, wer in dieser Zeit nicht alles aufbieten wird, um dem freigelassenen Satan in Meinem Namen kräftigst zu begegnen, der geht verloren, und wenn er schon tausend Bücher des lebendigsten Wortes gelesen und geschrieben hätte. Denn weder das Lesen noch das Schreiben nützt etwas, sondern allein das Tun, – gleich als so jemand auch zehntausend der besten Klavierschulen gelesen und abgeschrieben hätte, so er sie aber nicht übt und studiert mit seinen Fingern auf einem Klavier, sage, wird er wohl auch nur einen Takt eines Musikstückes darauf spielen können?
HIM|3|480711|10|0|Haltet alle nun überfest an Mir, wie Ich euch auch überfest halte, so werdet ihr in Kürze die herrlichste Ursache haben, euch als Meine reinen Kinder in einer besten Zukunft zeitlich noch, wie dann auch ewig über die Maßen zu erfreuen! Sucht auch mit einiger Behutsamkeit mehrere Jünger für Mein Reich zu gewinnen; das wird euch viel Segen bringen. Sucht aber vorerst mit Meinem Namen anzuklopfen, wird da „Herein“ gesagt, da baut weiter. Wo aber das Herein nicht oder nur mit Achselzucken gegeben wird, da lasst den Bau und geht weiter.
HIM|3|480711|11|0|Hütet euch aber auch vor Geiz, Neid, Kleinmut, Ärger und gar vor Zorn; denn wie schon gleich anfangs gesagt, es wird der Satan keine, auch die geringste Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, in den Menschen zu dringen und ihn zu verderben.
HIM|3|480711|12|0|Aber auch die Weiber und Mädchen sollen nun sehr ernstlich sich an Mich anschließen, sonst werden sie allerartige gewaltigste Schiffbrüche erleiden. Der Satan hat nun auch Legionen fleischlich unreinster Geister flottgemacht, welche nichts eifriger zu tun haben werden, als in die Bäuche der Weiber und Mädchen zu fahren und diese dann auf das Elendste zu plagen. Was bald ausbrechende Seuchen nicht töten werden, das wird von dieser Brut entweder heimlich oder wohl auch offenbar geplagt werden. Daher sollen besonders die Mädchen bald nach dem (Sonnen-) Untergang sich in die Stuben zurückziehen und allda zu Mir beten, so werden sie vor allen den Plagen gesichert sein.
HIM|3|480711|13|0|Haltet nun das alles wenigstens nur ein halbes Jahr genau, dann werdet ihr von allem und dem größten Übel befreit sein und bleiben. Amen. Das sage Ich als euer liebevollster und geduldigster Vater, der euch ewig erhalten und nimmer zerstören will. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|480723|1|1|Politischer Rat. Über die Zeitverhältnisse – 23. Juli 1848
HIM|3|480723|0|0|An Andreas H. W.
HIM|3|480723|1|0|Es ist ein anderes, so sich einzelne Menschen gegen ihre Herrscher auflehnen, was eine Sünde ist, und ein ganz anderes, so ganze Völker durch Meinen Geist getrieben sich gegen ihre zu gewissenlos gewordenen Herrscher erheben und sie von ihren Thronen heben samt ihren tyrannischen Gesetzen!
HIM|3|480723|2|0|Und sieh, das ist doch ganz unverkennbar soeben der Fall. Daher musst du nun nicht mehr an den alten Kram dich anklammern, der nimmer zurückkehren wird und darf. Oder steht es nicht im Evangelium: „Man tut den Most in neue Schläuche und nicht in die alten, die er bald zerrisse und somit samt den Schläuchen zugrunde ginge“ – wie man auch auf den Riss eines alten Rockes keinen neuen Fleck setzt, wo der Rock schon beim Aufnähen mit jedem Stich einen neuen Riss bekäme. Siehe, daher wäre es nun auch im höchsten Grad unklug, so du mit dem alten verrosteten Staatsgesetzkram der neu erwachten Menschheit gegenüber auftreten möchtest und wünschen frühere sklavische Ruhe und Ordnung, sondern tritt du nun wie ein neu Erwachter auf!
HIM|3|480723|3|0|Fasse diese Zeit, halte weder mit der alten Dynastie, noch mit den alten Gesetzen und schon gar nicht mit den Aristokraten, welche ein alter Krebsschaden in der Menschheit sind; sondern halte nun fester als je mit Mir und mit dem Volk, dessen Not dir mehr als jemand anderem bekannt ist. So wirst du gut fahren und all dein irdisches Vermögen in aller Fülle gesichert haben. Sonst aber muss Ich dir leider im Voraus verkünden, dass du, in deiner jetzigen Lage verharrend, dein bedeutendes Vermögen bald wirst mit allen Laternen suchen können und wirst es kaum wiederfinden.
HIM|3|480723|4|0|Besser aber ist es, du glaubst Mir jetzt, als dass du späterhin sagen würdest: Ja, nun glaube ich’s, dass der Herr durch Seinen armen Knecht doch allezeit die reinste Wahrheit geredet hat und hat es nicht zugelassen, dass dieser etwa seine eigene Ware für eine göttliche ausböte, daher sie auch weniger Berücksichtigung verdiente, besonders in den gewissen Nebenworten.
HIM|3|480723|5|0|Lieber Andreas, Ich sage dir: Du musst jetzt hier sein, die Zeit studieren und deine Gelder hier verwalten und damit Gutes tun, so wirst du viel gewinnen. Aber drunten in dem Schneckenhaus wirst du in keinem Fall irgendeine Progression machen, weder irdisch noch geistig.
HIM|3|480723|6|0|Denn siehe, Ich Selbst heilte auf dem Land wohl manche Bresthafte und trieb allda die Teufel aus; aber den Triumpheinzug hielt Ich dennoch in Jerusalem und das Abendmahl und die Erlösung und die Auferstehung! Willst du alles dessen nun teilhaftig werden, so musst du dich im Ort des Lebens der Menschen und nicht im Ort des Lebens der Schnecken, Schildkröten und Krebse aufhalten.
HIM|3|480723|7|0|Ich sage dir: Diese Zeit wird etwas ganz anderes bringen, als du es je erwarten würdest! – Ich sage dir, so du es fassen kannst: Wind-, Wasser- und Feuerhosen! Sturm, Feuer, großes Geheul! Rache, Blut, Tod! Volksherrschaft, Freiheit, Segen! Amen. Das sage Ich dir zu deiner Beachtung, Ruhe und vollsten Sicherheit. Amen, Amen, Amen!
HIM|3|480803|1|1|Politischer Rat. Sieh nicht zurück und wandle den Weg, wie er sich auch gestalte – 3. August 1848
HIM|3|480803|0|0|An Andreas H. W.
HIM|3|480803|1|0|Mein lieber Andreas H. W.! Du möchtest wohl wissen, was du nun tun sollst, da man dich wieder ins Amt zurückberief. Ich sage dir, nimm vorderhand alles an, was man dir bietet, und das ohne viele Umstände; denn längstens binnen einem halben Jahr wird ein ganz anderer Wind wehen, und alle bisherige Staatsordnung wird ein anderes Gesicht bekommen.
HIM|3|480803|2|0|So du aber im nun äußerst wichtigen Amt stehen wirst, da schaue nicht zurück, sondern geradeaus und vorwärts, denn du weißt es ja, wie es in der Schrift also lautet: „So aber jemand am Pflug ist und zurücksieht, ist er wenig geschickt zum Reich Gottes.“ – Also musst auch du als ein rechter Jünger Meiner Gnade, Liebe und Erbarmung nun vollends nach vorwärts deine Augen richten, so wirst du sehr viel Gutes stiften und in Kürze zu großen Ehren gelangen.
HIM|3|480803|3|0|Wie es aber war, wird es nimmer werden; denn die Menschheit würde in dem alten Hurenschlamm gänzlich zugrunde gehen. Es muss eine neue Ordnung kommen. Um aber diese zu bewerkstelligen, müssen solche Gewitter über die geistige Erde kommen, durch die sie von der alten Pestilenzluft gereinigt wird.
HIM|3|480803|4|0|Es werden nun freilich gar viele wehklagen, besonders die dem alten Hurenbabel Dienenden; aber es kann nun nicht anders sein, da es doch besser ist, dass die Hure zugrunde gehe, als so da zugrunde ginge die Erde.
HIM|3|480803|5|0|Wer aber in dieser Zeit sich eine gute Stätte bereiten will, der tue nicht, wie dereinst getan haben die stockblinden Juden, die Mich kreuzigten, um den Moses zu retten. Was aber hat ihnen Moses bis jetzt genützt? Nahe zweitausend Jahre sind verronnen und die alten Moseshelden, einst der Erde erstes Volk, stehen nun da ohne Land, ohne Heimat und ohne Meine Gnade und können in ihrer alten Lade nirgends mehr einen Grund fassen auf den Gewässern ihres alten toten Meeres!
HIM|3|480803|6|0|Daher, Mein lieber Freund, tue nach Meinem Rat, gleichwie einst Meine wenigen Brüder es taten, so wirst du besten Weges fahren.
HIM|3|480803|7|0|Frage nicht viel nach dem Kaiser, der aus Wien zur Hälfte vertrieben und zur Hälfte von sich selbst genötigt ging. Hat das Volk auch nicht recht an ihm gehandelt, so hat aber auch er, das heißt in seinem Hoftum, sehr gefehlt gegen das Volk; denn ein rechter Hirt soll die Schafe nicht verlassen, wenn er den Wolf kommen sieht. Wenn dann in seiner Abwesenheit der Wolf in der Herde Schaden anrichtet, wer sonst als der laue und zu furchtsame Hirt hat da die Schuld?
HIM|3|480803|8|0|Daher sieh nicht zurück und frage weder ums eine noch ums andere, sondern wandle den Weg, wie er sich auch gestalte! Ich aber werde dich begleiten auf allen den Windungen des Weges und dich schützen und all deinen Besitz zeitlich und ewig. Aber sieh nun auch, dass Mein lebendig Wort bald in die bessere Welt kommt. Amen. Das sage Ich dir zu deinem Trost und zu deiner Ruhe. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|480830|1|1|Ein Zeichen am Himmel und seine Bedeutung – 30. August 1848
HIM|3|480830|0|0|Jakob Lorber, dem am 17. August 1848 innerlich angezeigt wurde, dass in der Nacht des 29. August zwischen elf vor und eins nach Mitternacht sich ein Meteor zeigen werde, begab sich am 29. August auf die Höhe des Schloßberges, und zwar in die östlich gelegene Windhütte. Eine Viertelstunde vor Mitternacht sah er über dem Sieben-Turm ein karminrotes Fünkchen, das sich im Verlaufe von einer Sekunde zu einer Scheibe in Vollmondgröße ausdehnte. Der Meteor, dessen Licht immer blendender wurde, bewegte sich anfangs langsam in schlangenförmigen Windungen, dann aber pfeilschnell gegen Südwest und verschwand hinter dem Buchkogel bei Sankt Martin. Diese Naturerscheinung währte im Ganzen etwa fünf Sekunden. Nach dem Verschwinden des Meteors folgte auf den sehr lauen Südwestwind plötzlich ein eiskalter Nordwind, und der östliche Horizont hellte sich auf wie eine Stunde vor Sonnenaufgang. Diese Helle im Osten hielt ungefähr drei Viertelstunden an. Am 30. August 1848 wandte sich Jakob Lorber an den Herrn und fragte um die Bedeutung dieser Erscheinung. Der Herr sprach:
HIM|3|480830|1|0|Das bedeutet zuerst Krieg, dann Hungersnot und schwere, d. i. pestähnliche Krankheiten, – endlich wird Friede werden!
HIM|3|480830|2|0|Ich meine, diese Erklärung ist kurz und gut, und ihr wisst, was ihr zu tun habt, um überall mit heiler Haut durchzukommen. Seid aber überhaupt nicht zu ängstlich um euren Leib besorgt, der früher oder später seinen Weg wird gehen müssen, sondern sorgt vielmehr für die Seele und für den Geist, auf dass diese nicht zugrunde gehen. Denn was würde es euch nützen, die ganze Welt zu gewinnen und tausend Jahre, die vor Mir wie ein Tag sind, zu leben im Fleische, so ihr aber Schaden hättet für Seele und Geist?
HIM|3|480830|3|0|Ist es daher nicht besser, also sein Haus zu bestellen, dass so Ich jemanden von dieser irdischen Haushaltung abrufen möchte, er dann getrost sagen kann: Herr! Vater! Ich bin bereitet, Dein heiliger Wille geschehe! – als dass er alsbald zu zagen anfinge, als gäbe es für ihn nur ein Leben auf dieser Welt, nach diesem aber ewig etwa keines mehr?
HIM|3|480830|4|0|Wahrlich, wer da vor dem Erstehen aus diesem Leben der Vergänglichkeit in das helle Leben des Geistes eine Furcht nur hat, der soll gestärkt werden zur rechten Zeit. Aber wer da verzagen würde aus zu großer Liebe für dies irdische Leben und aus zu großer Angst vor dem Abfalle des Leibes, der zeigt, dass er an Mich und Mein Wort nie geglaubt und es auch nie lebendig in sich aufgenommen hat; daher er aber auch kein geistiges Leben in sich fühlen kann, sondern nur des Geistes Tod!
HIM|3|480830|5|0|Solche Menschen werde Ich denn auch wegen ihrer möglichen Rettung vom ewigen Tode alle Schrecken des Fleischtodes besonders zu solch einer Zeit fühlen lassen, in der das sehr sicher eintreffen wird, was Ich in der aufgedeckten Bedeutung des gestrigen Meteors angezeigt habe.
HIM|3|480830|6|0|Ich will euch aber damit nicht sagen, als wollte Ich euch schon diese Nacht oder morgen von dieser Erde abrufen, sondern Ich sage euch das nur darum, dass ihr furchtlos sein sollt bei allem, was da über diese arge Welt kommen wird. Denn konnte Ich Noah erretten, als die Erde mit Wasser bedeckt war, so werde Ich wohl auch euch zu schützen und zu bewahren imstande sein, wenn ihr euch Meines Schutzes und Meiner Gnade, Liebe und Erbarmung durch eure Liebe, durch euren Glauben und euer festes und lebendiges, unerschrockenes Vertrauen als würdig erweisen werdet, – denn Ich bin noch immer Der, der Ich zu den Zeiten Noahs war. Amen. Das sage Ich euch nicht zur Vermehrung, sondern zur Verminderung eurer Furcht in diesen Zeiten der großen Trübsal. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|481001|1|1|Gericht der Lieblosigkeit – 1. Oktober 1848
HIM|3|481001|1|0|Also schreibe, wie es nun ist und sein wird.
HIM|3|481001|2|0|Nun ist erst der eigentliche Anfang! Ich habe den Völkern, all den Großen, Mächtigen und Reichen und all den Kaufleuten, Künstlern und Gewerksleuten hinreichend Zeit und Muße gegeben zur Besserung durch die mannigfachen Zeichen, als da sind die kleinen Volksaufstände, kleinere Kriege, durch tausend Petitionen, Plakate und aller Art Zeitschriften, also auch durch Seuchen, ortsweise Hungersnöte, durch Geld- und Arbeitsmangel sowie auch durch Hagelschlag und Überschwemmung.
HIM|3|481001|3|0|So habe Ich auch geschehen lassen, dass einige zu hab- und herrschsüchtig harte Könige und Fürsten vom Volk über die Maßen gedemütigt worden sind.
HIM|3|481001|4|0|Ich habe Reichstage angeordnet und habe die vielen dummen Adelsbriefe zerrissen, habe über die Hure eine scharfe Rute geschwungen und ihre Diener auspeitschen lassen zu großen Haufen.
HIM|3|481001|5|0|Wer sollte bei all solchen mehr als handgreiflichen Zeichen meinen, sie werden es nicht erkannt und begriffen haben, woher diese Zeichen kommen, auf dass man sich zu Mir kehren möchte allerseits und von Mir durch eine wahre Buße und ernsthafte Gebete und durch eine rechte Umkehr zu Meinem Wort – das da geschrieben steht im Buch des Neuen Testamentes – Gnade, Erbarmung und Errettung von allen den kommenden Übeln erflehen möchte? Aber siehe, von alldem ist keine Spur vorhanden.
HIM|3|481001|6|0|Die Großen und Mächtigen holen sich nun Rat aus der Hölle und wollen durch künstlich erregte Bürgerkriege sich wieder auf ihren alten Thronen festsetzen, aber Ich sage, da wird nichts daraus, denn ihr Reich der Wollust, Geilheit und Hurerei ist zu Ende! Denn sie haben nun alle mehr der großen Wollust, Geilheit und der schändlichsten Hurerei wegen geherrscht und machten die armen Völker zum gedrücktesten Schandlager ihrer Unzucht, und einer Hure wegen müssen Tausende und abermals Tausende ihr Blut und Leben opfern. Darum Fluch und ewige Schande solchen Lenkern der Völker! Sie sollen verweht werden wie Spreu.
HIM|3|481001|7|0|Den Reichen, den Künstlern und Kaufleuten (Fabrikanten) und den wohlhabenden Gewerksleuten (darunter sind zu verstehen alle Gutsbesitzer, große Realitäten- und Erzwerksbesitzer) habe Ich in dieser Zeit Tausende von Armen zugeführt. Allein, statt sie mit weichen, mitleidigen Herzen zu empfangen, wies man sie mit Schwert und Feuer von den Türen. Das schreit zu Mir um Rache, und Ich werde sie auch nehmen hundert- und tausendfach! Denn so viele Gulden sie den Armen vorenthielten, da sie ihnen gar leicht von ihrem großen Überfluss solch eine Kleinigkeit hätten mögen zukommen lassen, ebenso viele Hunderte oder Tausende werden sie nun mit Gewalt einbüßen.
HIM|3|481001|8|0|Wohl denen, die ihre Herzen vor ihren armen Brüdern nicht verschlossen haben, die werden auch in den höchsten Stürmen unter Meinen Händen ein sicheres Asyl finden. Wer aber all sein Vermögen einbüßen und verlieren will, der fange jetzt an, hart und sparsam zu werden. Wahrlich, ehe der Mond siebenmal sein Licht wechseln wird, wird er all seines Vermögens ledig sein und dastehen wie ein Bettler, gestützt am schwachen und gebrechlichen Stab der Verzweiflung nach allen Seiten hin!
HIM|3|481001|9|0|Habt Acht nun ihr Großen, Mächtigen, Reichen, Künstler und Kaufleute, eure Zeit ist gekommen! Denn euer Maß, euer schändlich Maß ist voll geworden von allerlei Hurerei, Unzucht, Fraß, Völlerei, Herrschsucht, Hass, Geiz, Neid, Herzenshärte, Unbarmherzigkeit und vollster Lieblosigkeit. Ich will und werde euch daher aber auch ein Gericht über eure stolzen Häupter senden, desgleichen die Erde noch nicht geschmeckt hat, dieweil der Glaube an Mich und die Liebe zu Mir und euren Brüdern so gar und gänzlich aus euren Herzen entschwunden ist!
HIM|3|481001|10|0|Der erbittertste allgemeine Krieg, darauf und danebst Hunger, Pestilenz und Feuer vom Himmel wird euch also verwehen und aufreiben, als wäret ihr nie dagewesen! In wenigen Jahren wird man eure Namen nimmer finden; denn ihr werdet aus dem großen Lebensbuch gestrichen werden durch dieses größte, von euch wohlverdiente Gericht.
HIM|3|481001|11|0|Wahrlich, kein Fleischer verfährt mit seinem Schlachtvieh unbarmherziger und schonungsloser, als die Völker mit euch verfahren werden, darum ihr Meine Warnung nicht erkennen wolltet und trachtetet selbst in diesen Tagen des großen Elends der armen Brüder, das ihr ihnen bereitet habt, ihr Elend nur noch zu vergrößern statt zu verringern!
HIM|3|481001|12|0|Du, der du dein Vermögen nach Hunderttausenden zählst, kennst die Not dessen freilich nicht, der schon tagelang keinen Heller in seiner armen Tasche hatte; aber in der Zukunft sollst du sie hundertfach kennenlernen!
HIM|3|481001|13|0|Du reicher Prasser, der du aus lauter frevelndem Übermut nicht mehr weißt, mit welchen allerfeinsten und teuersten Leckerbissen du dein elendes Fleisch nähren sollst, um es desto wollüstiger und für Buhldirnen tauglicher zu machen, während tausend deiner armen Brüder, die du gemeine Bestien und Kanaillen nennst, kaum des gröbsten, kaum genießbaren Brotes so viel haben, um ihren brennenden Hunger zu stillen. O du elender, gefühllosester, reicher Schwelger, der du dir vor lauter Speck und Fett kaum mehr zu helfen weißt, dein Magen weiß nicht, wie es dem geht, der stets Hunger leidet! Aber du wirst es in der Zukunft kennenlernen!
HIM|3|481001|14|0|Hundertfaches Wehe aber euch allergefühllosesten Dienern der großen Hure! Ich will und werde euch schlagen aufs Haupt, da ihr selbst in dieser Zeit Mich nicht erkennen wollt und wiegelt das Volk nur aus eurer allerschmählichsten Herrsch- und Habsucht gegen diejenigen auf, die zur Aufrechterhaltung der äußeren Ordnung gestellt sind, und gegen die rechten Bekenner Meines Wortes; euch solle das Gericht am härtesten treffen!
HIM|3|481001|15|0|Denn Ich Selbst werde nun den Völkern Krone und Szepter und Schwert geben, und diese werden euch hinausfegen wie eine Windmühle die Spreu vom Weizen, und Ich werde auf euer unsinniges Gekrächze nicht mehr hören und werde euch zugrunde gehen lassen ohne Unterschied.
HIM|3|481001|16|0|Aber freut euch ihr wenigen Gläubigen und ihr Wohltätigen in Meinem Namen besonders in dieser Zeit, denn euer harrt ein schönes Los, so ihr bei Mir verharren werdet in diesen Tagen der großen Versuchung; denn nachher wird euch keine Versuchung und Prüfung mehr heimsuchen. Amen.
HIM|3|481001|17|0|Das spricht der Erste und der Letzte, der nun führt das Schwert der Gerechtigkeit und des Feuers und des Todes. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|481117|1|1|Friedensarche in geistiger Sündflut – 17. November 1848
HIM|3|481117|1|0|Schauet und trauet aber nun außer Mir niemandem. Das spricht zu euch, der euch erschaffen, erlöst und geheiligt hat durch Sein Wort und durch Seinen Geist!
HIM|3|481117|2|0|Über die Erde geht nun eine geistige Sündflut, wie einst vor viertausend Erdjahren zu den Zeiten Noahs eine materielle gegangen ist. Jene tötete das Fleisch, und diese tötet aber beides, das heißt Seele und Leib. Die Seele tötet diese Flut durch den Geist der Herrschsucht, der nun, wie einst die Wasserwogen, zum Teil aus dem Erdinnern und zum Teil aus der Luft, das heißt, aus deren bösen Geistern sich ergießt und die Seelen, die er leicht überflutet, mit der Herrschsucht verdirbt.
HIM|3|481117|3|0|Und diese Flut ist wie ein Feuer – und ist ebendasselbe Feuer, von dem es geschrieben steht, dass die Welt durch dasselbe zum zweiten Mal wird gerichtet werden allgemein. Wollt ihr aber von dieser argen Feuerflut nicht ergriffen werden, so bleibt fest bei Mir und urteilt ja nicht bald so und bald so, und sagt auch nicht: Dieser oder jener – oder diese oder jene Partei – oder die Großen oder die Kleinen haben recht; denn Ich sage euch: Nun hat niemand recht als bloß der nur, der sich weder hin noch her neigt, sondern ganz kerzengerade und felsenfest bei Mir verbleibt und alles Mir ganz allein überlässt, – was darüber ist, Ich sage es euch offen heraus, ist Sünde.
HIM|3|481117|4|0|Dies alles musste also kommen des Gotteswortes wegen, welches ist Mein Wort, das Ich Selbst vor Jerusalem geredet habe über Jerusalem und desgleichen auch, wie ihr es wisst, über die ganze Welt.
HIM|3|481117|5|0|Es werden noch gar große Dinge geschehen, und viel Arges werdet ihr noch sehen und werdet davon reden hören, und es wird ein Volk das andere verdammen. Eine Partei wird der anderen Galgen erbauen; die noch vor kurzem sich als Freunde begrüßten, werden sich gegenseitig verraten, der Sohn den Vater und der Vater den Sohn.
HIM|3|481117|6|0|Fällt aber ihr über niemanden ein Urteil, sondern überlasst alles Mir allein, so werdet ihr euch in Meiner Friedensarche befinden, in der euch nichts Arges dieser Zeit wird erreichen können.
HIM|3|481117|7|0|Wer aus euch hat wohl eine Macht, etwas zu wirken in der Welt und auszurichten in ihr? Urteilt er wider die eine Partei – so sie aber siegt, wird sie dann nicht kommen und ihn ergreifen und Rechenschaft fordern von ihm? Und hält er es aber mit der anderen und siegt die erstere, wird diese nicht auch tun, wie die andere mit dem, der wider sie war? Darum, da Ich bis jetzt noch keiner Partei den Sieg vorbestimmt habe, als allein derjenigen, die mit Mir hält, so enthaltet euch jedes Lobes, wie auch jedes Tadels, denn ihr wisst es nicht, wen ihr loben oder tadeln sollt. Solches weiß allein Ich und werde jedem geben nach seinem Werk.
HIM|3|481117|8|0|So aber eine Macht siegt, da gehorcht eben der Macht, die da gesiegt hat; denn sie wäre keine Macht, so sie es nicht wäre aus Mir, denn Ich allein gebe Macht und Ohnmacht. Die Macht siegt, und die Ohnmacht unterliegt. Oder war Ich, als Mich Pilatus richtete, nicht so wie jetzt und ewig der alleinige Herr der Unendlichkeit? So Ich das Gericht des Pilatus annahm und widersetzte Mich nicht demselben, da es sich doch um Meine eigene Haut handelte, also murrt auch ihr nicht in eurer Sicherheit über das, was nun geschieht. Denn so ohne Meinen Willen kein Sperling vom Dach fällt und sogar alle Haare eures Hauptes gezählt sind, wie sollen nun diese Dinge geschehen können so ganz ohne Meinen Willen? Ist aber das also Mein Wille, und das darum, weil es die Welt selbst also wollte und noch will, so ist es aber dabei auch Meine Sorge, die zu bewahren, die fest an Mir halten und alles Mir überlassen. Wisst ihr denn nicht, dass Meine Ratschlüsse unerforschlich und Meine Wege unergründlich sind?
HIM|3|481117|9|0|Seht, Ich sende Wolkenbrüche, Blitze, Donner und Hagelschlag über die zumeist friedlichen Alpenbewohner, und die Fluten rauben ihnen Ochsen, Kühe, Schafe und Ziegen, und ihre Hütten reißen sie fort in die Abgründe, und ihrer Hände mühevolle Werke werden verwüstet, während dem reichen Städter kein Haar gekrümmt wird. So ihr da urteilen möchtet nach euren Rechtsbegriffen, wie wäre da Mein Handeln vor euren Augen? Ich aber urteile und handle also, wie es recht ist in der Wahrheit.
HIM|3|481117|10|0|So irgend die reineren Berge eine Geistespest beschleichen will, so wasche Ich sie mit den rechten Mitteln hinweg, und die Alpe wird wieder rein. Der reiche Städter aber als kein Kind der Höhe hat in seinem ungestörten Wohlleben aber auch zuallermeist seinen Lohn dahin. Der Bessere aber wird schon auch gewaschen, wennschon nicht durch einen Wolkenbruch, so aber doch durch allerlei andere Gewässer, – denn ungewaschen kommt niemand in Mein Reich.
HIM|3|481117|11|0|Ich brauche euch nicht wieder vorzusagen, was da alles sonderheitlich noch geschehen wird; denn es kann noch sehr viel geschehen, aber auch sehr wenig mehr – danach die Menschen sich zu Mir oder von Mir wenden werden.
HIM|3|481117|12|0|Das Schwert hat schon viel zu tun gehabt und hat arg gehaust; aber so die Menschen noch länger in der Herrschsuchtsflut sich herumtreiben werden, so werde Ich noch einen anderen Engel senden, nämlich den Hunger- und zugleich den Pestengel. Diese Lehrer werden den Menschen sicher ganz andere Rechtsbegriffe beibringen als jene, von denen sie jetzt belebt sind.
HIM|3|481117|13|0|Euer Wahlspruch aber sei: Gebt dem Kaiser, was sein ist, und gebt vor allem aber Mir, was Mein ist, so werdet ihr mit der Welt und mit Mir Selbst am allerbesten darauskommen. Der Zöllner hatte wohl auch kein Recht, von Mir und dem Petrus einen Mautzins zu verlangen, denn wir waren keine Fremden, sondern einheimische Kinder. Was aber Ich als der Herr und euer aller Vater tat, das tuet auch ihr, so werdet ihr in allem wahrhaft Meine Kinder sein. Amen.
HIM|3|481117|14|0|Das sage Ich als euer Vater voll Weisheit und Liebe. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|481118B|1|1|Geisterkampf Gefallener – 18. November 1848
HIM|3|481118B|0|0|Jakob Lorber sah am 17. November zwischen 11 Uhr vor Mitternacht und 1 Uhr nach Mitternacht nordwestlich den Himmel sehr stark gerötet und wurde durch dieses Feuerzeichen in Angst versetzt. Er stellte daher an den Herrn folgende Frage: O Herr! War das große Zeichen am Himmel, das ich gestern sah, nur ein sogenanntes Nordlicht oder ist es ein prophetisches Wahrzeichen eines künftigen, etwa noch größeren Blutvergießens? O Herr, so es Dir genehm wäre, da möchte ich wohl überaus gern aus Deinem allerheiligsten Munde erfahren, was es im Grunde ist und ob und was es etwa doch bedeutet.
HIM|3|481118B|1|0|Gut, gut, schreibe nur, Ich will es dir wohl sagen; aber zage nicht, so Ich dir es enthüllen werde.
HIM|3|481118B|2|0|Das gestrige Licht- und Feuerzeichen am Himmel war wohl der äußeren Erscheinung nach ein natürliches, sogenanntes Nordlicht; aber der Grund dessen war und ist kein so natürlicher, als wie die Erscheinung in sich selbst, die freilich auch nur geistig ist, aber von den kurzsichtigen und nun zuallermeist blinden Menschen in ihrer wahren Wesenheit überaus stark verkannt wird, da sie bloß als eine Art elektrische Emanation und nicht als ein Geisterkonflikt betrachtet wird. Ich aber sage dir und euch allen, dass diese Erscheinung in sich selbst auch ganz geistig ist und daher auch etwas ganz anderes bedeutet als das, was die Menschen meinen.
HIM|3|481118B|3|0|Siehe, alle sogenannten Hitz- und Feuergeister, die in diesen Kriegen um ihre Leiber kommen, sind nun über die Maßen erbost und zornig ob der Gewalttaten, die ihnen zugefügt worden sind. Da aber alle Geister von solch heftigem Gemüt nach dem Abfall des Leibes unter die Hut der Friedensgeister des Nordens der Erde kommen, so versteht es sich auch von selbst, dass die zu empörten Geister der in den Kriegen derzeit Verstorbenen ebenfalls dahin kommen, um die Schule des Friedens, der Ruhe und der Versöhnlichkeit durchzumachen.
HIM|3|481118B|4|0|Dass bei allen Neuangekommenen diese Schule anfangs eine noch größere Empörung erzeugt, als mit welcher sie von der Welt angelangt sind, lässt sich sicher leicht denken und begreifen, da ein unruhiger Geist erst dann in vollstem Maße unruhig wird, wenn ihm Ruhe geboten wird, gleichwie bei einem noch hier lebenden Ruhestörer, so er eingefangen wird.
HIM|3|481118B|5|0|Ist auch sein Leib wegen der angedrohten argen Folgen ruhig, so ist aber doch der innere Mensch desto wutentbrannter, der, so er Macht hätte, sicher die schauderhafteste Rache an seinen Bezwingern nehmen würde. Also ist es aber auch umso mehr bei den ihrer Leiber ledig gewordenen Geistern der Fall, weil sie doch eine gewisse Freiheit genießen, vermöge der sie tun können, wie sie wollen, freilich nur erscheinlich und nicht effektiv.
HIM|3|481118B|6|0|Diese Geister also, von denen nun der Norden wie überfüllt ist, dringen daher weiter gegen Mittag und erregen da alle in diesen Regionen schon mehr friedlich gewordenen Geister und beginnen mit ihnen einen förmlichen Kampf, so dass sich diese zur Gegenwehr stellen. Wenn dann da ein solcher Kampf beginnt, so wird es erscheinlich rothell in der Atmosphäre. Und wenn dann bald die Friedensgeister kommen und die zu hitzigen Unholde gewisserart einfangen, so gibt das die Erscheinlichkeit, als flögen weißliche Bündel nach allen Richtungen durch die glührot aussehende Atmosphäre, und das so lange, bis das Rot endlich ganz in ein mattes Weißgelb übergeht, worauf dann auch die ganze Erscheinung bald verschwindet.
HIM|3|481118B|7|0|Dass aber solche außerordentlichen geistigen Eruptionen und die daraus hervorgehenden Geisterkämpfe auch bei den noch auf der Erde in den Leibern lebenden gleichgestimmten Geistern eine ganz gleiche Rach- und Kampfgier erregen und erwecken, das könnt ihr umso bestimmter annehmen, als ihr wisst, wie sehr in allem alle Außenwelt und ihre Außenerscheinungen von der alleinigen Geisterwelt, mag sie gut oder böse sein, abhängen. Und so könnt ihr auch diese außerordentliche Erscheinung als einen Grund annehmen, dem besonders von der norddeutschen Seite her gar blutige Bewegungen nachfolgen dürften!
HIM|3|481118B|8|0|Freilich bin Ich im Hintergrund auch da, der Ich entweder das Veto oder das Fiat dazu donnere – und das danach, wie die Menschen sind und sich verhalten. Aber die Menschen sind nun noch zumeist gar arg und voll Bosheit, Hochmut und herrschsüchtiger Rache, und so dürfte wohl eher ein Fiat als ein Veto von Mir erfolgen.
HIM|3|481118B|9|0|Ich sage euch: Sehr viel unschuldiges Blut schreit gewaltig um Rache zu Mir, und das klingt schlecht an Meinen Ohren. Daher bedenkt selbst, was Ich als der allein gerechte ewige Vergelter werde zu tun bemüßigt sein.
HIM|3|481118B|10|0|Ich sage es euch: Großes Wehe allen, die Meine ihnen verliehene Macht und Meine große Geduld und Langmut missbrauchen zum Untergang ihrer Brüder! So Ich sie schlagen werde, da werden sie geschlagen sein für ewig.
HIM|3|481118B|11|0|In aller Kürze wird es kommen, dass ihr euch’s nicht versehen werdet; ja es wird sein wie ein Blitz, und sie werden vergeblich die Fuchsgeschleife und Löcher suchen, um sich zu verbergen; aber es wird umsonst sein. Denn vor Meinen Augen und Händen sich zu verbergen, dürfte wohl etwas schwer sein. Das sage Ich der Allgegenwärtige und Allsehende. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|481202B|1|1|Ich allein kann wahrhaft nehmen und wahrhaft wieder geben – 2. Dezember 1848
HIM|3|481202B|1|0|An Meinen lieben Andr. H. W. – So dich, wie nun gar manche, Kümmernisse dieser Erde treffen, wenn die Welt gefegt wird und gesäubert vom Unkraut Mein Acker, wenn allerlei Stürme über der Erde Gefilde dahin rauschen und brausen und toben und die Menschen verzagen in großer Furcht vor der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen, und ratlos werden die Fürsten und voll Zitterns und Bebens, da tröste dich und sage es laut in deinem Herzen: Der Herr ist es, der da führt ein solches Gericht mit denjenigen Völkern, die alle ob der Welt Seiner vergaßen, sich selbst zu Göttern machten und schätzten ihre Größe, Macht und Herrlichkeit nach der Größe ihres Mammons.
HIM|3|481202B|2|0|Darum aber litten Meine wenigen Kindlein zu viel und mussten darben und sehr verachtet sein. Ich aber habe ihre Bitten erhört und habe Schnitter gesandt zur Erde, da der Weizen samt dem vielen Unkraut reif geworden, auf dass sie sammeln beides, den Weizen für Meine Scheuern und das viele Unkraut zum Verbrennen in dem mächtigen Feuer Meines Zornes, Meines Eifers und Meines großen Eifers.
HIM|3|481202B|3|0|Auf dass du und auch ihr alle, Meine lieben und getreuen Freunde, nun wie allezeit die rechte Stärkung findet in solchen Nöten und Drangsalen, da ruft mit David nach seinem 46. Psalm und sagt:
HIM|3|481202B|4|0|„Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns dennoch nicht, wenn auch die Erde unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm alle Berge einstürzten.
HIM|3|481202B|5|0|Dennoch soll die Stadt Gottes (Gottes Wort im Herzen) lustig bleiben mit ihren Brünnlein (reine Erkenntnisse aus dem Wort Gottes), da die heiligen Wohnungen (die Liebe zu Gott) des Höchsten sind. Gott wohnt in dieser Stadt, darum wird sie verbleiben; denn Gott hilft ihr früh.
HIM|3|481202B|6|0|Die Heiden (Mammons Diener) aber müssen verzagen und die Königreiche (Herrschsüchtigkeiten) fallen; das Erdreich (Selbstsucht) muss vergehen, wenn Gott Sich hören lässt.
HIM|3|481202B|7|0|Der Herr Zebaoth aber ist mit uns; der Gott Jakobs ist unser Schutz.
HIM|3|481202B|8|0|Kommt her und schaut die Werke des Herrn an, der auf Erden solches Zerstören anrichtet, der den Kriegen steuert in aller Welt, der den Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Kriegswagen mit Feuer vernichtet.
HIM|3|481202B|9|0|Seid stille und erkennt, dass Ich Gott bin. Ich lege nun Meine Ehre ein bei den Heiden, und lege sie auf Erden ein (spricht der Herr).
HIM|3|481202B|10|0|Der Herr Zebaoth ist mit uns; der Gott Jakobs ist unser Schutz.“
HIM|3|481202B|11|0|Wenn du solchen Psalm in deinem Herzen wohlverständig sagen wirst, so wird dich alle Furcht und Angst verlassen; denn Ich Selbst werde sie dir nehmen und werde dich wieder aufrichten, wie ein fruchtbarer Regen das welke Gras, – denn Ich allein kann wahrhaft nehmen und wahrhaft wieder geben. Und Ich werde auch dir geben und werde noch hinzugeben mehr, als Ich dir genommen. Aber gib auch du, so du hast, gern Meinen Brüdern und deinen Brüdern; denn obschon Ich bin Gott und Herr, der Ewige, so bin Ich aber dennoch auch dein Bruder und der Bruder deiner Brüder. Amen.
HIM|3|481230|1|1|Gottesbund im Völkergericht – 30. Dezember 1848 [Kennzeichen unserer Zeit]
HIM|3|481230|0|0|Anfrage Jakob Lorbers betreffend die damaligen höchst verwirrten und betrüblichen Zeitverhältnisse und Bitte um eine Enthüllung der nächsten Zukunft.
HIM|3|481230|1|0|So schreibe denn! Von diesen Zeiten habt ihr wenig oder nichts zu erwarten, dafür aber desto mehr von Mir, dem Herrn aller Zeiten, so ihr bei Mir verbleibt, alles Mir überlasst, nicht selbst stets urteilt und sagt: So und so wird und muss es geschehen! – Denn so ihr selbst einen so sicheren Takt habt und schon im Voraus eine oder die andere Partei siegen lasst und segnt die eine und verdammt die andere, was wohl soll Ich dann dabei zu tun haben? Bin Ich nicht der Herr, der es am besten weiß, wo Er die Rute, wann den Stock und wo und wann Er das Schwert zu gebrauchen hat?
HIM|3|481230|2|0|So Ich aber das weiß und zähle in jeder Sekunde Meine Völker und bemesse jegliche Tat der Kriegshelden und sehe jedes gefällte Urteil mit Meinem Maße ein, – was ereifert ihr euch da, als läge es an euch, die Sachen anders zu machen, als sie sind und sein müssen? Was wollt ihr denn für eine Herrschaft, so ihr an der Meinigen so viel zu fegen und zu feilen habt?
HIM|3|481230|3|0|Ich gab der Erde einen langen Frieden. Da schliefen die Fürsten, ihre Minister raubten und bedrückten das Volk, und das Volk pfiff und tanzte dabei und vergaß Meiner samt den Fürsten und Ministern. Ich aber schlief nicht und bedrückte nicht und hatte wahrlich keinen Grund, zu pfeifen und zu tanzen; denn ein wahrer Vater kann nicht jubeln, so eine arge Seuche kommt und ihm ein Kind ums andere tötet. Aber so die Seuche lange ihren Mutwillen treibt, da kann der Vater nur von gerechtem Zorn ergriffen werden; und da dieser Vater auch ein Herr über alle Seuchen ist, so ist es nun an der Zeit, der Seuche den Kopf zu zertreten über ganz Europa, ja über die ganze Erde hin!
HIM|3|481230|4|0|Es ist daher sehr läppisch, Mich zu fragen, was da von den österreichischen Feldherren zu erwarten sein dürfte, wie auch von mehreren anderen. Fragt vielmehr, was die Welt von Mir zu erwarten hat, und Ich werde euch zur Antwort geben: Alles Gute, so sie sich zu Mir wenden wird; im Gegenteil aber auch das Allerschlimmste, so sie bei dem verharrt, wie sie nun ist, denkt, trachtet und handelt. Denn was liegt Mir an einer Welt voll Teufeln? Kann Ich Mir denn nicht tausend Welten voll Engeln dafür erschaffen?!
HIM|3|481230|5|0|Was ist Mir Deutschland, was Frankreich, was Italien und was Ungarn und sein prahlerischer Diktator? Ich sage euch, die ganze Erde ist Mir nichts. So Deutschland, Frankreich, Italien, Ungarn und alle Lande der Erde nicht in Sack und Asche Buße tun werden, so sollen sie aufgerieben werden gegenseitig! Die Feldherren will Ich scharf machen wie die Bartmesser und ihre Herzen härter denn einen Diamant, und sie sollen wüten wie Tiger und brüllen wie junge Löwen und sollen zerfleischen das Fleisch Meiner Gegner, wie da zerfleischen die Adler ein Aas!
HIM|3|481230|6|0|„Das ist aber ein rechtes Fasten in Sack und Asche, das Ich erwähle: Lasst los, die ihr mit Unrecht gebunden habt; lasst ledig, die ihr beschwert habt; gebt frei, die ihr bedrängt habt, und tut hinweg allerlei Last vom Nacken der Schwachen! Brecht den Hungrigen euer Brot, und die, so im Elend sind, führt in euer Haus. So ihr einen Nackten seht, so entzieht ihm nicht, was eurem Fleisch geziemt, und bekleidet ihn! Alsdann wird Mein Licht wieder hervorbrechen wie eine Morgenröte, und eure Besserung wird schnell wachsen; eure Gerechtigkeit wird dann vor euch einhergehen, und Meine alleinige Herrlichkeit wird euch zu sich nehmen! So ihr dann rufen werdet, so werde Ich antworten, und so ihr schreien werdet, da werde Ich sagen: Seht Kinder, hier bin Ich, euer Vater!“
HIM|3|481230|7|0|So ihr aber von jemandem übel redet und mit den Fingern auf ihn zeigt und sprecht: Der ist ein Täter des Übels und verdient die Strafe und solle sehr gezüchtigt werden, – da richtet ihr nicht den, der solches tut, sondern Meine vermeintliche Saumseligkeit und Fahrlässigkeit und fragt euer Herz, das da erbost ist: Wie kann der Herr solche Gräuel zulassen und mitansehen? Warum züchtigt Er die Täter solcher Übel nicht? – Wahrlich, so ihr euer Herz von solch einem Richtergeist beherrschen lasst, da seid ihr ja mehr denn Ich, und Ich kann euch nicht antworten, so ihr Mich ruft; und so ihr auch noch so schreien möchtet, da kann Ich nicht sagen: Hier bin Ich, euer Vater! – Denn Kinder können von ihrem Vater doch unmöglich denken, dass er ungerecht sei.
HIM|3|481230|8|0|Ich sage euch insbesondere, die ihr noch mit eurem Glauben bei Mir seid: Fragt nicht nach dem überblinden Deutschland, was es mache, oder was es machen wird; denn wahrlich, so es nach links seinen Weg einschlagen wird, da soll es in Kürze sein völliges Ende finden und untergehen, als wäre es nie gewesen. Wird es sich aber rechts wenden, d. h. zu Mir und zu Meiner Ordnung zurück, da soll es bestehen, aber nicht als ein großes stolzes Reich, sondern als ein kleines demütiges Land, das seine Größe nach seinem inneren Geist, nicht aber nach dem Umfang der Länder und nach der Zahl seiner Völker, Schwerter und Spieße bemisst.
HIM|3|481230|9|0|Also fragt auch nicht nach Frankreich, was es mache und machen werde. Wahrlich Ich sage es euch: Dies Land und Volk steht am Rande des Abgrundes, und es wird schwer halten, dass es sich bekehre und zu Mir sich wende; denn seine Städte sind voll Unglauben und zu erfüllt von aller Art Gräuel, und das Land ist wie eines der finstersten Heiden.
HIM|3|481230|10|0|Das Italien, diese alte H-lager, was soll aus ihm werden? Was soll aus einem H-neste und aus einer Räuberhöhle wohl anderes werden, als dass man es zerstöre und vom Grunde ausrotte? Es wird umsonst um seine Freiheit kämpfen und keine andere erreichen, als die der Toten in den Gräbern und der Erschlagenen auf den Schlachtfeldern, deren Fleisch die Raben und die Geier verzehren! Denn dies Volk ist Mir zum Ekel geworden, und ist nicht wert, dass man es anpfeife und anpisse! Daher will Ich seinen Namen aus Meinem Munde speien.
HIM|3|481230|11|0|Also fragt auch nicht nach Ungarn und seinen Diktatoren; denn Ich sage es euch: Wäre dieses Land und sein Volk in Meinen Wegen gewandelt, so hätte Ich nicht eine so mächtige Zuchtrute über selbes geschwungen. Dies Land trieb Gräuel aller Art, und hurte und buhlte schon lange mit allem Fleisch, mit der Herrschsucht, mit dem Reichtum der Welt und mit dem Vorrang unter allen Völkern. Ich aber sage euch: Wer immer der Erste sein will, der soll zum Letzten werden! Wenn es sich zu mir kehrt, so soll ihm auch nach Recht und Billigkeit geholfen werden; wendet es sich aber, wie es bis jetzt noch stets der Fall war, nur mehr und mehr von Mir ab, und tut nicht Buße in Sack und Asche, so soll es gezüchtigt und über die Maßen gedemütigt werden! Denn Ich werde ihm den großen Mut nehmen und sein Gemüt mit aller Angst und Furcht vor dem Feind erfüllen, dass es fliehen solle zu Hunderten vor einem einzigen feindlichen Krieger, wie tausend Raben vor einem Jäger! Denn Ich allein bin es, der da verleiht Mut und Sieg den Gerechten; Mutlosigkeit, große Furcht und Angst aber gebe Ich in die Herzen derer, die alles ohne Mich sogar mit der Hilfe der Hölle ausrichten wollen!
HIM|3|481230|12|0|Also frage auch nicht, ob Österreich recht oder unrecht handelt und maßt euch kein Urteil an; denn ganz Österreich befindet sich so gut wie jedes andere Reich unter Meinem Gericht. Wer aber im Gericht ist, der kann weder was Gutes noch was Rechtes tun, sondern muss handeln wie er gerichtet ist. Vom Volk aber hängt es ab, ob Ich das Gericht früher oder später zurücknehme, oder es auch belasse. Denn wahrlich, für alles das, was noch bis jetzt in diesem Reich zur Verbesserung der Staatseinrichtung getan wurde, habe Ich nicht den entferntesten Anteil, und kann daher auch nichts segnen. Man berät wohl dies und jenes, und es gibt da viel Heulens und Zähneknirschens; aber ob das Volk an Mich glaubt und Meine Gebote hält, an das denkt weder der Reichstag, nicht der Minister, noch der junge Kaiser! Daher sollen sie raten und zanken nur fort ohne Mich; wahrlich, es wird da wenig Segen herauskommen! Wo sie ein Loch zustopfen werden, da werden sich auf der anderen Seite zehn öffnen. Wohl betet der alte, wie der neue Kaiser viel; das ist noch das Beste. Aber der Reichstag ist ein Gräuel der Verwüstung, da er unter sich uneiniger ist als die Bauleute des Turmes zu Babel! Daher erwartet wenig oder gar nichts Gutes und Ersprießliches von ihm, sondern allein von Mir, der Ich in Kürze alle Reichstage auseinander stäuben werde und werde eine ganz andere Ordnung verkünden lassen, die gar vielen nicht am besten munden wird.
HIM|3|481230|13|0|Alles, was bis jetzt groß und herrlich sich dünkte, werde Ich sehr erniedern; aber das bis jetzt Niedere und Verachtete werde Ich erheben und obenan setzen! Ich habe noch im Osten wie im Westen ein Völklein, das bis jetzt ganz unbeachtet blieb. Wer kann es Mir verwehren, dass Ich es erhebe und über alle Völker und Länder Europas setze? Wahrlich, ein Volk, das noch an Mir und Meinem Wort hängt und Meinen Namen bekennt, – wenn es auch noch so klein und unbeachtet ist, so will Ich es erheben und frei machen, wenn alle die Abtrünnigen werden im Gericht untergehen.
HIM|3|481230|14|0|Ihr wenigen aber, die ihr bis jetzt an Meinem Namen und an Meinem Wort gehalten habt, fürchtet euch nicht und richtet auch niemanden, so werde Ich euch erhalten und nicht fallen lassen. Erwartet nichts von der Welt und ihren unsinnigen Räten; denn Ich sage euch: Das alles wird untergehen, was sich nicht an Mich anhält; ihr aber werdet bleiben, wie Ich, in Ewigkeit!
HIM|3|481230|15|0|Ich allein bin der Herr und ein vollkommener Richter. Alle Richter der Welt aber sind pure Geißeln in Meiner Hand. Wohin Ich aber die Geißel schwinge, dorthin fällt sie auch und verwundet und tötet. Aber wer auf Mich hält, den trifft Meine Geißel nicht, denn Ich weiß, über welche Ich diese Waffe zu schwingen habe, und alle Meine Engel wissen es auch. Aber die Teufel sind alle blind und können Meinen Hieben nicht ausweichen. Die Sehenden aus Meiner Gnade bedürfen aber des Ausweichens nicht, denn Ich Selbst schone sie, und Meine Engel schonen sie auch, denn sie kennen gar wohl ihre lieben Brüder auf dieser Erde.
HIM|3|481230|16|0|Aber wehe all den großen und reichen Städten, weil sie mit Meinem Namen ein schmählich Gespött haben zu treiben begonnen! Ich sage es euch: sie werden bald ganz klein und sehr arm werden. Wohl aber euch kleinen Städten und Ländern, die ihr noch stets zum halben oder wenigstens viertel Teil an Meinem Namen gehangen seid, euch soll ein besseres Los beschieden sein. Blut solle nicht fließen auf eurem Boden, und es solle euch eine schöne Morgenröte aufgehen! Ich sage euch, dass ihr beschirmt werden sollt.
HIM|3|481230|17|0|Fragt aber ja nicht nach diesem und jenem Völkerbund, sondern nach dem alleinigen Bund mit Mir, der da ist ein rechter Bund der Liebe, so werdet ihr wahrhaft groß, stark und mächtig werden durch und in Meinem Namen für Zeit und Ewigkeit Amen. Wohl dem, der sich an Mir nicht ärgert; denn das spricht der Herr Jesus Zebaoth. Amen, amen, amen.
HIM|3|490106|1|1|Parlamentarismus und Kaiserwahl – 6. Januar 1849
HIM|3|490106|0|0|Anfrage Jakob Lorbers wegen der bevorstehenden Wahl eines deutschen Kaisers.
HIM|3|490106|1|0|Nun, so schreibe! Du stupfst Mich schon dergestalt, so dass Ich am Ende doch wieder über Dinge zu dir reden muss, die Mir wahrlich wahr nun schon zum großen Ekel geworden sind; denn wie sehr Ich die Reichstage und ihre Beschlüsse achte, das wirst du noch lange nicht in der Fülle einsehen. Aber das kann Ich dir wohl sagen, dass das Reichstag- und Reichsrathalten eine Hauptbeschäftigung der Hölle ist. Denn diese hat nun schon über eine Dezillion Reichstage abgehalten und befindet sich dennoch stets in der dicksten Nacht und hat es durch all ihre nun schon ins völlig zahllos gehenden vielen Reichstage nicht einmal zum Begriff, was eigentlich ein Tag ist, gebracht. Dass sie nach jedem Reichstag um etwas schlechter geworden ist, das ist die vollste Wahrheit; aber von einem Besserwerden nach einem solchen höllischen Reichsratstag war noch nie die allerleiseste Spur zu entdecken.
HIM|3|490106|2|0|Ganz ähnlich den höllischen aber sind in allem die nunmaligen Reichstage auf Erden; und ihre Produkte, sie mögen in was immer bestehen, können daher auch kaum besser sein als jene diesen irdischen auf ein Haar entsprechenden der Hölle.
HIM|3|490106|3|0|Warum aber, fragst du in dir, sollen denn diese Reichstage gar so schlecht sein? Es sitzen ja doch lauter sehr gelehrte und intelligente Köpfe da beisammen und kontrollieren mit aller Schärfe ihres Verstandes jeden Vorschlag und nehmen ihn nicht eher als rechtskräftig und gesetzlich geltend an, als bis er sich an allen gelehrten Köpfen ganz gehörig abgestoßen und abgeschliffen hat.
HIM|3|490106|4|0|Ja ja, Mein Lieber, so sieht die Sache wenigstens wohl aus, aber sie ist nicht also, wie sie aussieht, sondern ganz anders – und zwar also: Wohl kommen auf einem Reichstag wenigstens zu einem Drittel die allerpfiffigsten, zu einem Drittel gewöhnlich ganz- und halbdumme und zu einem schwachen Drittel sehr hochmütige, mitunter auch sehr harte und starrsinnige Köpfe zusammen. Die letzteren finden es natürlich unter ihrer, meist aristokratischen Würde, sich mit den gemeinen und nach ihrer Meinung stinkend dummen Pöbeldeputierten abzugeben und sie an sich zu ziehen.
HIM|3|490106|5|0|Das wissen und benützen dann die pfiffigen Köpfe, geben sich also mit dem Plebs ab und gewinnen ihn für sich. Daher es denn auch gewöhnlich geschieht, dass ihre Amendements [Änderungsanträge zu Gesetzesentwürfen] ob vota maiora [durch Stimmenmehrheit] angenommen werden müssen, wenn sie an sich auch noch so schlecht und elend wären. Das muss die gewöhnlich aristokratische Rechte gar bald empören und sie auf heimliche, die verhasste Linke züchtigende Mittel sinnen machen. Damit beginnt dann das rein höllische Intrigieren, oder noch besser, der eigentliche höllische Reichstagsdeputiertentanz! Da herrscht dann eine Liebe und Eintracht, wie sie der Satan für seine Zwecke nie ersprießlicher wünschen kann. Ich meine, du verstehst Mich.
HIM|3|490106|6|0|Nun, weil du Mich verstehst, so urteile dann selbst weiter und sage, welche Früchte aus solch einer Saat hervorwachsen müssen?! Du sagst in dir: O Herr, die elendesten von der Welt! – Richtig, sage Ich dir, also ist es und also würde es auch sein; aber Ich habe für die Saat eine eigene Art Motten erfunden, die ihr sehr schaden wird. Ich will dir vorderhand diese Meine Erfindung nicht näher bezeichnen, aber du wirst sie dennoch bald und leicht erkennen, so sie aus Osten ihren Einzug halten wird, vielleicht auch von Westen.
HIM|3|490106|7|0|Wenn aber die deutsche Kaiserkrone vom deutschen Reichstag aus verliehen wird, so wirst du nun wohl schließen können, welches Geistes Gabe sie sein wird und was von ihr zu erwarten ist.
HIM|3|490106|8|0|Weißt du aber, was ein rechter himmlischer Reichstag wäre? Siehe, ein rechter und wahrer himmlischer Reichstag wäre Mein Wort und dessen Beobachtung in aller Menschen Herzen.
HIM|3|490106|9|0|Die Regenten aber sollen bleiben, wie sie nun sind, aber auch als treueste Befolger Meines Wortes, so würden sie alle wie ein Salomo groß werden in Meinem Namen. Aber so sie, wie auch ihre Völker, von den Reichstagen ihr Heil erwarten werden, da wird es ihnen sehr schlecht ergehen.
HIM|3|490106|10|0|Der Herrsch- und Kronsüchtigste aus allen aber wird am schlechtesten zum Teile kommen, – denn Ich sage es dir: So er nicht haben wird ein ehernes Haupt und einen Leib aus Stein, so wird er diese alt-neue Krone, die ganz weißglühend sein wird, wohl nicht gar zu lange tragen; und es dürfte aus solch einem neuen großen deutschen Kaiser nur zu bald ein kleines deutsches Kaiserlein und bald darauf bloß ein Herzoglein und noch ein wenig später ein barstes Nichtslein werden!
HIM|3|490106|11|0|O etwas ganz anderes wäre es, so diese Krone ein schon seiender Kaiser auf sich nimmt, wodurch keine Personen- und Charaktererhöhung möglich sein kann, was diesseits für jeden Menschen, wessen Standes er auch sei, am allergefährlichsten ist. Darum auch von Mir nichts so sorglichst verhütet wird, als die Statuierung neuer Kaiser- oder Königreiche, weil dadurch die Herrschlust in zu vielen Gemütern rege würde und mit ihr notwendig Kriege und ihre argen Folgen, aus welchem Grunde Ich sogar auch alle Wahlfürsten verbannte, weil auch diese Wahlen stets die gleichen Folgen nach sich zogen.
HIM|3|490106|12|0|Es soll daher der ein Kaiser bleiben, der schon lange ein Kaiser ist, und der König ein König. So aber ein König nach einer Kaiserwürde strebt und sie erreichen will, so wird er es dann mit Mir zu tun bekommen, besonders aber, so der Reichstag in Frankfurt ihn zum Kaiser macht! Wahrlich, es solle ihm noch ärger ergehen als einem einstigen Kaiser der Franzosen! Verstehst du das? Ja, ja, du verstehst es, daher brauche Ich dir auch nichts Weiteres mehr zu sagen; denn es wird dich die jüngste Zeit schon ohnehin über alles das aufklären.
HIM|3|490106|13|0|Dies also zu deiner und euer aller Darnachachtung. Amen.
HIM|3|490113|1|1|Über Papst Pius IX. – 13. Januar 1849
HIM|3|490113|0|0|Auf eine Anfrage des Ans. H.
HIM|3|490113|1|0|Mit dem Papst kann es sein gut und schlecht. Wird er sich rein nur an das Geistige wenden und die weltliche Herrschaft niederlegen, dann wird es mit ihm gut werden und er wird zum reinen Licht kommen. Wird er aber wieder ein Weltfürst, da wird es ihm schlecht ergehen samt allen, die durch den Glauben Roms mit ihm verbunden sind, und es wird mit Rom sein und werden, wie es der Prophet Jesajas geweissagt hat, als er über Babel und Assur also redete:
HIM|3|490113|2|0|„Zu der Zeit, so der Herr den Kindern Ruhe geben wird von deinem Jammer und Leid und von dem harten Dienst, darin du stets gewesen bist, so werden die Kinder ein solches Sprichwörtlein führen wider den Beherrscher Babels (Roms) und sagen: Wie ist es mit deinem Treiben gar so aus, und der Zins hat sein Ende!
HIM|3|490113|3|0|Der Herr hat die Rute deiner Gottlosigkeit zerbrochen und zunichte gemacht die deiner Weltherrschaft, die die Völker schlug in deinem steten Grimm ohne Aufhören und mit Wüten herrschte über die Heiden (alle Katholiken und andere Konfessionen) und verfolgte sie stets ohne alle Barmherzigkeit.
HIM|3|490113|4|0|Wie ruht alle Welt und ist stille und jauchzt fröhlich! Sogar die Tannen über dir und die Zedern auf dem Libanon freuen sich und sagen: ‚Weil du liegst, da kommt niemand herauf, der uns abhaue.‘
HIM|3|490113|5|0|Wohl erzitterte sogar die Hölle drunten vor dir, so du ihr entgegenkamst. Sie erweckte dir ihre Toten, wie auch alle Böcke der Welt, und heißt alle Herrscher der Heiden (Irrgläubige aller Konfessionen) von ihren Thronen für dich aufstehen; aber diese werden zueinander sagen und zu dir reden: ‚Siehe, (was sollen wir tun?) du bist geschlagen wie wir, und es geht dir gleichwie uns. Deine Pracht ist hinunter zur Hölle gefahren samt dem Klang der Harfen. Also werden die Motten auch dein Bett und die Würmer deine Decke sein!‘
HIM|3|490113|6|0|Wie bist du als ein schöner Morgenstern denn nun vom Himmel gefallen, wie (als eine schönste Zeder Libanons) zur Erde gefällt worden, die du doch selbst eine Richterin warst allen Heiden?
HIM|3|490113|7|0|Gedachtest du doch stets in deinem Herzen: ‚Ich allein kann in den Himmel steigen und meinen Stuhl über alle Sterne Gottes erhöhen! Ich allein will mich setzen auf den Berg des Stifts an der Seite gegen Mitternacht und will über die hohen Wolken fahren und gleich sein dem Allerhöchsten!‘ (Als Stellvertreter Gottes!)
HIM|3|490113|8|0|Aber der Herr spricht: Ja, zur Hölle fährst du, zur Seite der Grube. Wer dich dann ansehen wird und anschauen, und hell ansehen, der wird sagen: ‚Ist das der Mann, der die Welt erzittern und die Königreiche beben machte? Der den Erdboden wüste machte und die Städte auf selbem zerbrach und nimmer losgeben wollte seine Gefangenen?
HIM|3|490113|9|0|Wohl liegen wir Könige der Heiden auch darnieder, aber doch mit Ehren, ein jeglicher in seinem Haus; du aber bist verworfen von deinem Grab wie ein verachteter Zweig, wie ein Kleid der Erschlagenen, so mit dem Schwert erstochen sind und dann hinunterfahren zu den Steinhaufen der Hölle, wie eine zertretene Leiche.‘
HIM|3|490113|10|0|Du wirst nicht begraben werden wie die Könige der Heiden, denn du hast dein Land verderbt und erschlagen dein eigen Volk; darum wird man auch deines boshaftigen Samens nimmer gedenken.
HIM|3|490113|11|0|(Zu den Engeln aber wird der Herr sagen:) ‚Richtet nun zu, dass man seine Kinder schlage und schlachte um seiner Väter Missetaten wegen, auf dass sie nimmer aufkommen, noch ihr Land wieder erben und den Erdboden voll Städte machen.‘
HIM|3|490113|12|0|Und Ich, spricht der Herr, will über sie kommen und zu Babel (Rom) ausrotten ihr Gedächtnis und ihre Übrigen (Kardinäle) und Neffen (Erzbischöfe) und Nachkommen (alle Bischöfe und Untergebenen) und will sie machen zu Erben der Igel und zu einem Wassersee und kehren mit dem Besen des Verderbens, spricht der Herr; – denn der Herr Zebaoth hat geschworen und gesagt: Was gilt es, es soll gehen, wie Ich denke, und solle bleiben, wie Ich es im Sinne habe, dass Assur (das Papsttum) zerschlagen werde in Meinem Land (das reine Gotteswort) und Ich ihn zertrete auf Meinen Bergen (die rechten Erkenntnisse aus dem Wort), auf dass sein Joch (Roms finsteres Heidentum) von ihnen genommen werde und seine Bürde (Richteramt Roms) von ihrem Hals komme.
HIM|3|490113|13|0|Das ist der Anschlag, den der Herr hat über alle Lande, und das ist die ausgestreckte Hand Jehovas über alle Heiden. Der Herr Zebaoth hat es beschlossen; wer will es wehren? Und Seine Hand ist ausgestreckt; wer will sie wenden?“
HIM|3|490113|14|0|Ich meine, Mein alter Prophet Jesajas spricht hier so ziemlich klar, was es für die Zukunft mit dem Papsttum für eine Bewandtnis haben werde, so es sich nicht vom Grunde aus bessert und rein zu Mir ganz allein zurückkehrt und also auch nur von Mir ganz allein Hilfe erwartet. Wird sich aber der nun schon vertriebene Fürst Roms an die Könige der Erde wenden, da wird er auch von ihnen gerade jene Hilfe und Aufrichtung erlangen, wie sie der Prophet Jesajas schon vor zweitausend Jahren vorherverkündigt hatte. Denn lauteten damals seine Worte auch gegen das wirkliche alte Babel dem naturmäßigen Sinne nach, so lauten und beziehen sie sich nun im geistigen Sinne aber auch auf das neue geistige Babel (Rom), das in der Entsprechung vollends der alten Welthure gleicht.
HIM|3|490113|15|0|Kurz und gut, wird sich Rom bessern, so solle es ihm ergehen wie dem verlorenen Sohn; wird es sich aber nicht bessern, dann solle ihm das Los des reichen Prassers zuteilwerden, wie auch all seinen blinden Anhängern und seinen Helfern. Mehr braucht ihr nicht zu wissen. Betet aber für den Kranken, dass ihm geholfen werde, da werdet ihr ein gutes Werk verrichten und dafür eines rechten Segens teilhaftig werden für ewig. Amen. Das spricht der Herr. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|490302|1|1|Ein Gesicht – Am 2. März 1849 [Worte des Worts 1912]
HIM|3|490302|0|0|Jakob Lorber sah am 28. Februar 1849 abends gegen 1/2 10 Uhr im Gasthaus zum römischen König zwei auf einem leeren Tisch freundlich nebeneinanderstehende und bald darauf wie nach einer gegen Norden führenden Gasse wandelnde Kälber, wovon das linke lichtblau und das voraneilende rechte kanariengelb aussah. Beide Tiere schwenkten sehr emsig ihre Schweife hin und her. Diese Vision währte eine Minute lang.
HIM|3|490302|1|0|So schreibe, aber nicht viel, denn es liegt auch an der ganzen Erscheinung nicht viel.
HIM|3|490302|2|0|Das blaue Kalb bedeutet die wahre Religion, die da beständig ist und gemessenen Schrittes vorwärtsschreitet, daher auch stets etwas hinter dem gelben Kalb sich zeigt, das die frühere politische Staatsreligion darstellt. Dass das gelbe Kalb nun mit dem blauen einhergeht, ist ein gutes Zeichen, denn es besagt die Duldsamkeit für die echte Religion, die früher der Staatsreligion nicht eigen war. Aber es kann sein inneres Streben nach einem gewissen Vorrang dennoch nicht ganz verbergen, daher ein Anflug von Eifersucht noch immer durch das duldsame Weiß sticht, und so auch durch das Voreilen sich nur zu leicht kennbar kundgibt, dass die frühere Staatskirche nur zu gern noch immer die erste und vorderste sein möchte.
HIM|3|490302|3|0|Aber das tut nun nichts zur Sache, da beide Religionen am Ende doch einen und denselben Weg einschlagen, und zwar eine gewisse Straße nach Norden, was so viel besagt als den rechten Weg des Fleisches durch die Probe der Freiheit in dem wahren Kleid der Demut wandeln; denn der Norden stellt die Welt dar und zwar in der Sphäre ihrer sie prüfenden Demütigung.
HIM|3|490302|4|0|Wer diesen Weg bis zu einem bestimmten Ziel durchmacht und dabei nicht verdrießlich und mürrisch wird, der wird sich dann auch gar bald rechts wenden können, wo der Weg gen Morgen sich wendet, aus welchem Grunde das gelbliche Kalb sich auch rechts gestellt hat, um dem blauen das bisschen von einem vermeintlichen Vorzug dadurch abzugewinnen, um desto eher sich am Ziel rechts gen Morgen wenden zu können.
HIM|3|490302|5|0|Aber das beirrt das blaue Kalb nicht, denn es weiß, dass es sich nach der Wende an der Seite des eigentlichen Morgen befinden wird, während das rechte Kalb an der mittägigen Seite fortwandeln wird. Die Munterkeit beider die irdische Religion darstellenden Tiere bezeichnet den guten Willen und den daraus bald hervorgehenden Frieden; denn bisher sind noch die meisten Volksaufstände und Kriege am Herd der Religionen ausgekocht worden, was aber in der Folge kaum mehr der Fall sein wird, so die Religionen wie die beiden Kälber wohlverträglich miteinander einhergehen werden.
HIM|3|490302|6|0|Das emsige Hin- und Herschwenken mit den Schweifen besagt das fleißige Von-sich-Schaffen allerlei weltlicher Versuchungen, die sich in der Geisterwelt wie Fliegen aller Art ausnehmen.
HIM|3|490302|7|0|Dass aber im Geisterreich auf dem Wege der Entsprechungen die Religion unter der Gestalt von Kälbern dargestellt wird, rührt daher, weil diese Tiere zugleich ein Symbol der Demut sind, durch die allein die wahre Religion bedingt werden kann. Also werde auch Ich Selbst unter dem Bild eines Lammes dargestellt, welches in sich die größte Demut anzeigt, deren nur Ich allein fähig bin; das Kalb aber stellt auch die Demut vor, aber nur also, wie die Menschen derselben fähig sein können.
HIM|3|490302|8|0|Verstehst du nun deine Vision? Ja, du verstehst sie nun; aber du wirst zu dieser ehestens eine andere hinzubekommen, die noch viel denkwürdiger sein wird als diese. Aber die werde Ich dir nicht eher erklären, als bis du selbst dich versucht haben wirst, sie dir zu enträtseln. Teile das aber auch allen unseren Freunden mit; es sei!
HIM|3|490305|1|1|Es muss alles neu werden! Blick in die nächste Zukunft – 5. März 1849
HIM|3|490305|0|0|O Herr! Gar sonderbar sieht es nun am politischen Horizont aus. Einerseits kommt es mir vor, als wäre nun überall alles auf die höchste Spitze gestellt, und die Spannung der Völker scheint auch den Kulminationspunkt erreicht zu haben und man meint vielseitig, es bedürfe bloß nur eines kleinen Druckes mehr und alle Saiten des menschlichen Lebens und dessen Geduld müssen auf einmal reißen, wo dann notwendig alles drunter und drüber gehen müsste. Andererseits aber scheint es doch wieder, wenn man die Sache mit etwas mehr ruhigem Blute beobachtet, als wollten sich nun alle noch so aufgeregten politischen Völker- und Staatenelemente ganz friedlich ausgleichen und legen wie die Meereswogen nach einem großen Sturm. Kurz und gut, die Sachen der Menschen sind nun so gestellt, dass wahrlich wahr sich nun auch der allernüchternste Denker nicht mehr auskennt, wohin alles das führen und was daraus werden wird.
HIM|3|490305|0|0|O Herr! Du weißt alles, Du hast mir und Deinen anderen Freunden und Brüdern schon mehrere Male so manches voraus kundgegeben, was hernach auch allezeit richtig eingetroffen ist. Das hat uns sehr getröstet, und wir konnten uns danach gar wohl also richten, dass uns mit Deiner Gnade und Hilfe auch wahrlich nichts Arges begegnet ist. O so sei auch diesmal so gnädig und barmherzig und gib uns nur so gewisse Winke, auf dass wir durch Deine Gnade der Zukunft auch ruhiger entgegengehen könnten! Dein heiliger Wille geschehe allezeit und ewig, und Dein allein heiliger Name werde geheiligt. Amen.
HIM|3|490305|1|0|So schreibe, aber nur kurz und nicht viel.
HIM|3|490305|2|0|Friede allen, die eines guten Willens sind und auf Mich vertrauen in ihrem Herzen! Ihre frommen Wünsche und ihre guten Hoffnungen sollen nimmer zuschanden werden; denn wer sich in dieser Prüfungs- und Läuterungszeit an Mir nicht geärgert hat und ist Mir treu verblieben in seinem Herzen, der solle in der Zukunft hundert- bis tausendfältig gesegnet werden in allem Guten seines Herzens. Denn Ich werde Meinen Bekennern ein ganz anderes Kalifornien eröffnen, als jenes starre des äußersten Abendlandes; ja ein Kalifornien des ewigen Morgenlandes will Ich ihnen eröffnen, das sie mit unvergänglichen Schätzen bereichern solle!
HIM|3|490305|3|0|Aber den Meuterern und allen, die sich diese Meine Heimsuchung nicht wollen gefallen lassen und nach nichts als nur nach allerlei Herrschaft trachten, die sollen noch ein gar starkes Feuer zu bestehen haben.
HIM|3|490305|4|0|Ich sage es euch: Von nun an sollen die Friedlichen den rechten Frieden und die Zänker und Haderer aber Krieg und alle Verfolgung überkommen, und es solle ihnen nicht eher Ruhe zuteilwerden, als bis sie diese vollernstlich wünschen, wollen und suchen werden.
HIM|3|490305|5|0|Alles Alte wird vergehen mit seinen schlechten und unflätigsten Formen. Alle Staaten werden sich erneuen, und die alte Kirche wird auch in eine neue übergehen. Wer aber am Alten hängen wird, der wird das Schicksal der Juden an sich erleben entweder schon hier oder aber ganz gewiss jenseits.
HIM|3|490305|6|0|Ich sage es euch: Von nun an wird das „Ite, missa est“ nicht viel mehr tragen und gelten, aber wohl das: „Herr, hier ist es gut sein! Lasse uns Hütten erbauen, Dir eine, dem Moses eine und dem Elias eine!“ – Denn nun ist die Zeit der Verklärung alles dessen herbeigekommen, was bis jetzt vor den Augen der Völker verborgen gehalten werden musste. Nun sollen gar viele auf dem geistigen Berg Tabor Dinge zu Gesichte bekommen, von denen sie früher keine Ahnung hatten; denn die Not wird sie dazu antreiben, das heißt: die Not des Geistes!
HIM|3|490305|7|0|Aber das sage Ich euch auch, dass gerade jene Völker und Staaten, die nun die ersten waren und werden wollten, geradewegs die letzten werden, weil sie die Zeit ihrer Heimsuchung nicht erkannt haben, weil sie dieselbe nicht erkennen wollten. Was aber bis nun niedrig und verachtet war, das solle erhoben werden bis zur Sonne hinan; aber alles, das sich bisher groß nannte, merkt es euch gar wohl, das wird bald sehr klein werden.
HIM|3|490305|8|0|Die Weisheit der Welt wird einen mächtigen Schiffbruch erleiden; dafür aber wird die innere Weisheit des Herzens auf den Thron des Lichtes erhoben werden.
HIM|3|490305|9|0|Es wird wohl noch ein Hauptsturm nachkommen, aber er wird nicht verderben, sondern ebnen und beruhigen, was jetzt noch aufgeregt ist. Dieser Sturm wird sein gleich einer Egge, die die Furchen ebnet, die der scharfe Pflug aufgeworfen hat.
HIM|3|490305|10|0|Euch Friedlichen wird ein rechter Friede und den Feinden des Friedens ein rechter Krieg werden; denn es muss nun alles ein neues Kleid bekommen und neue Waffen, denn das alte Kleid ist vollends zerrissen, und die alten Waffen sind voll Rost geworden. Das also zu eurem Trost und zu eurer Richtschnur. Amen. Sagt aber auch ihr alle dazu: O Herr! O Vater! Ja, ja, in Deinem Namen, der allmächtig ist, Amen, Amen, Amen!
HIM|3|490319|1|1|Gedenkblatt zum 15. März – 19. März 1849
HIM|3|490319|0|0|Eine besondere Gabe zum Gedächtnisse an den wichtigsten Tag Meiner Darniederkunft durch Wort und Tat geistig am Morgen des 15. Tages des Monates März im Jahre 1840.
HIM|3|490319|1|0|Ich, der große und allezeit wahrhaftige und getreueste Geber aller guten Gaben und der großen Offenbarung aus den Himmeln, sage und rate es euch, dieses Tages allezeit zu gedenken; denn er ist eigens dazu ausersehen, dass da an diesem Tag von Mir Großes den Völkern der Erde gegeben wird – entweder eine große Gnade oder ein großes Gericht: Gnade, so die Menschen durch ihren liebegerechten Wandel sich derselben verdient und würdig gemacht haben, ein Gericht, so die Völker von Mir gänzlich abfallen und so ganz eigentlich an gar keinen Gott mehr glauben und denselben verwerfen.
HIM|3|490319|2|0|Ich habe es euch im Verlaufe dieser neun Jahre – innerhalb welchen Zeitraumes euch gar überaus viel gesagt, gezeigt und gegeben wurde – eben auch gar oft angedeutet, was da in der Folge alles geschehen werde. Und ihr habt nun Gelegenheit in schwerer Menge gehabt und werdet sie noch fürder haben, euch von dem baldigen und richtigen Eintreffen all des Vorangedeuteten zu überzeugen und daraus zu entnehmen, dass Meine Worte sicher von einem anderen Gewicht sind, als die Worte der kurzsichtigen und meist wohl gänzlich blinden Menschen dieser Welt, die heute noch wirkt wie einst Sodom und Gomorrha, aber morgen schon den Untergang finden kann.
HIM|3|490319|3|0|Da ihr aber das mächtige Gewicht Meiner Worte also tatsächlich habt kennengelernt und habt euch von ihrer vollsten Wahrheit überzeugt, so habt denn nun auch fürderhin Acht auf das, was da noch geschehen wird.
HIM|3|490319|4|0|Ich sage es euch – und ihr könnt es schon wissen, dass unser Feind, der Satan, die Gefilde der Sonne betreten hat, um daselbst dem Gehorsam zu obliegen. Er gehorcht nun auch, aber sein Gehorsam ist ärger denn seine Frechheit; er ist wohl äußerlich ruhig, aber desto argtätiger in seinem Inwendigen.
HIM|3|490319|5|0|Als er sich nach seiner argen Lust mehr äußerlich regen durfte, da erregte er die Gemüter und erweckte sie zum gegenseitigen alles zu verheeren drohenden Kampf. Und seht, die Gemüter erwachten, griffen nach Feuer und Schwert und begannen einen Kampf gleich jungen Löwen. Da triumphierte der Satan, denn er betrachtete sein Werk für gelungen.
HIM|3|490319|6|0|Da es aber in seinem Plan lag, die Gemüter so lange gegeneinander zu empören, bis sich die Menschen unter dem furchtbarsten gegenseitigen Hass gegenseitig bis auf den letzten Mann aufreiben würden und nach den Menschen aber dann auch die anderen Geschöpfe, die die Unendlichkeit trägt, so ward er von der Erde in die Sonne entrückt und wollte dort auf einer breitesten Basis sein arges Werk fortsetzen. Aber da ward er zum Gehorsam und zu einer bleibenden Ruhe genötigt, in der er sich nun äußerlich noch befindet.
HIM|3|490319|7|0|Aber ganz anders sieht es in seinem Inneren aus. Da glüht es lichterloh. Bald will er durch seine Ruhe die ganze Welt in die Ruhe der Gräber versetzen. Da er aber sieht, dass auch in den Grüften das Leben nicht völlig zu ersticken ist, so fängt er nun wie an dem Räderwerk der Urordnung zu rütteln an und will, wennschon äußerlich seinen Standpunkt nicht um ein Haarbreit verlassend, die ganze sichtbare Schöpfung aus den Angeln heben und sie zu Atomen zerstören.
HIM|3|490319|8|0|Seht, wie aber nun des Satans Gemüt beschaffen ist, so spiegelt es sich auch in der ganzen Natur aller Dinge ab. Die Witterung des Winters war wie ein Frühling, denn die bösen Geister der Luft begaben sich in eine ähnliche falsche Ruhe, wie die da ist ihres Meisters. Durch solche Ruhe aber wollten sie der Erde eine große Trockenheit und einen vollen Misswachs bereiten; denn es hätte durch die ungestörte Wärme des Winters alle Frucht bis zur Blüte getrieben werden sollen, dann aber zur Unterdrückung eines plötzlichen Aufstandes der bösen Geister in der Luft durch die Friedensgeister eine starke alles erstarren machende Kälte eintreten sollen, wodurch dann freilich die meisten Früchte der zumeist bewohnbaren Erde wären zugrunde gerichtet worden; aber siehe da, der Satan hat sich verrechnet!
HIM|3|490319|9|0|Ich ließ die Früchte nicht zur Blüte kommen und sandte die stärksten Friedensgeister in den Tagen des Winters, in denen des Sonnenlichtes Wärme die tätigen Geister in den Pflanzen schon zur Arbeit anfachen könnte, zur Erde herab, und diese nahmen und nehmen noch alle die falsch-ruhigen bösen Geister der Luft ohne alle Gnade und Schonung gefangen und treiben sie an, jählings zu betreten den gerichteten Weg der Ordnung, aus der allein einst für sie die wahre Freiheit erstehen kann. Daher falle euch diese gegenwärtige Witterung auch nicht lästig, denn sie ist ein guter Segen für alle Früchte der Erde.
HIM|3|490319|10|0|Gleichwie aber diese Witterung gewisserart ein Aushängeschild ist dessen, was des Lebens Feind vorhatte und noch vorhat und wie er von Mir aus dagegen traktiert wird, ebenalso ist diese Märzwitterung als ein prophetisches Zeichen gegenüber der politischen nun beinahe über die ganze Erde ausgebreitet.
HIM|3|490319|11|0|Der 15. März war es, als Ich euch Meine Gnade gab. Der 15. März war es, als sich beinahe alle Völker der Erde erhoben, da sie also vom Geist der Welt angestachelt wurden zur alles verheeren machen sollenden Bewegung, welcher Geist da ist des Lebens Feind. Aber da sandte Ich ihm starre und sehr harte Friedensgeister entgegen, bevor noch die rechte Blüte den edelsten Zweigen des Lebens entstammte. Daher ist nun allerorts eine Art Erstarrung mit untermengten Stürmen eingetreten, und es sieht das politische Wetter recht böse aus, als wollte es alles zerstören. Aber fürchtet euch deshalb ja nicht!
HIM|3|490319|12|0|Denn ein 15. März kam zu euch von Oben und in ähnlicher Weise zu noch anderen Brüdern ganz im Geheimen und harrt nun einer wirklichen Erstehung. Wieder kam ein 15. März, der alle Völker wie Spreu durcheinandertrieb und die Großen von ihren Thronen. Und wieder kam ein 15. März recht kalt und frostig, als möchte er alle Saat des vorigen Jahres verderben. Aber befürchtet das ja nicht! Nur dem Gefühl kommt er also vor, der Wirklichkeit nach aber ist er ganz anders. Er schützt nur die edle, noch nicht aufgebrochene rechte Blüte der Ordnung, des Lebens und der wahren Freiheit des Geistes.
HIM|3|490319|13|0|Kümmert euch daher nicht, was nun geschieht! Lasst sie stürmen, die für den Sturm geschaffen, und lasst die knechten, die an der Knechtschaft hängen.
HIM|3|490319|14|0|Ich aber sage euch: Eben daraus wird das wahre Leben auf einmal wie ein hellster Blitz aus der schwarzen Wolke hervorbrechen – und die Wolke wird vergehen, aber der Blitz wird sein Licht nimmer zurücknehmen, sondern leuchten fort und fort!
HIM|3|490319|15|0|Wie aber der 15. März nicht fern ist dem Frühling, da ihn nur sieben Tage von ihm trennen, also wird auch der geistige Frühling nicht fern sein von seinem Vorgänger, nämlich dem geistigen 15. März.
HIM|3|490319|16|0|Des seid vollends gewiss und sicher, denn also wird und also muss es werden. Amen. Das sage Ich, euer Herr, euch zu eurem vollen Trost. Amen, Amen, Amen.
HIM|3|490406|1|1|Das große Morgenrot oder der Voraufgang zur Ankunft des Herrn – 6. April 1849
HIM|3|490406|1|0|Wer ein Licht hat, der stelle es nicht unter einen verhängten Tisch, allwo es vergeblich leuchtet, da sein Schein nur kaum die Fußspitzen einiger weniger und müßiger Tischlagerer spärlich erleuchtet, was zu gar nichts taugt, indem dabei doch das ganze Gemach finster ist und die am Tisch lagern nicht sehen, was auf dem Tisch ist oder was sie sonst umgibt; – sondern ein jeder nur mit einigem Licht Begabte stelle sein Lämpchen auf den Tisch und lasse es brennen und erleuchten den Tisch und das Gemach. Und so auf die Art recht viele Lichtlein am Tisch brennen und leuchten, so wird es hell im Gemach und sehr hell am Tisch, also, dass sich darob jeder eintretende Gast verwundern wird und wird sagen: „Ei, wie ist’s da doch so hell und wie wohl tut uns, die wir eine lange Nacht hindurch gewandelt haben, diese Helle nun! Ja, sie kommt uns vor als wie ein Morgenrot.“
HIM|3|490406|2|0|Da also das Licht so sehr erquickt das Leben und dasselbe wahrhaft erweckt, sogar auf eine künstliche Art erzeugt, das heißt auf dem Wege der reineren Vernunft und des geläuterten Verstandes, wie sehr nötig ist es daher, dass in dieser Zeit ein jeder, der nur irgendein gutes und brauchbares Lämpchen besitzt, dasselbe nun hervorholt, es wohl reinigt, es reichlich mit Öl versieht und dann anzündet, auf den Tisch der reineren Erkenntnis stellt und allda leuchten lässt allen, die an diesem Tisch lagern, und auch den Nebengästen, die sich nur immer in diesem Gemach befinden.
HIM|3|490406|3|0|Der Gang dieser Zeiten zeigt allerklärlichst an, woran es nun am meisten gebricht, nämlich an Licht. Was nützt es da von der Liebe predigen, was von der Haltung der Gottesgebote, so diejenigen, denen gepredigt wird, sich in aller Finsternis befinden und dem Prediger ins Gesicht sagen: Was redest du von dem, was du ebenso wenig je gesehen und empfunden hast als wir? Was würdest du wohl zu uns sagen, so wir dir vom Licht und von den wohlerleuchteten Dingen vorpredigen möchten und verlangen von dir, dass du uns den vollsten Glauben beimessen sollst in allem, was wir dir nur immer vorsagen wollten, da wir doch samt dir niemals ein Licht und ebenso wenig erleuchtete Gegenstände gesehen haben?
HIM|3|490406|4|0|Siehe, du würdest uns das Gleiche entgegnen und am Ende sagen: Was plappert ihr Jünger der Nacht daher und wollt mir Dinge glauben machen, die ihr nie gesehen und gefühlt habt? Schafft daher eher ein Licht auf den Tisch und betrachtet es und gebt alles genau an, was ihr seht und bemerkt, so werde ich es euch leicht glauben können; denn eurer Lampen Schein wird auch erhellen mein Kämmerlein. Siehe, ebenalso zünde du zuvor selbst ein Licht an, bevor du predigst, alsdann werden auch wir glauben, dass das wahr ist, was du uns nun in der vollsten Nacht glauben machen willst.
HIM|3|490406|5|0|Daher sei hier nicht nur allen, die eines besseren Willens sind und der Lehre vom wahren Leben bedürfen, sondern auch allen Lehrern gesagt, dass sie alle ihre Lämpchen nun reinigen sollen und sie versehen reichlich mit gutem Öl; und so die Lämpchen mit Öl reichlich versehen sind, dass sie dann auch sogleich angezündet werden und gestellt auf den gastlichen Tisch der rechten Einsicht und Erkenntnis. Denn der Tag ist herangerückt, an dem die letzte große Verheißung in die Erfüllung gehen wird!
HIM|3|490406|6|0|Es steht geschrieben von dieser Zeit, wie sie beschaffen sein wird, und seht, die vorhergesagten Erscheinungen sind nun da im Vollmaße; wer kann sie verkennen?
HIM|3|490406|7|0|Sind aber nun allerunzweideutigstermaßen die vorhergeweissagten Erscheinungen eingetroffen, wer mag noch fernerhin zweifeln daran, dass nun nicht auch in der Bälde jener große Tag eintreffen werde, der eine abermalige größte, letzte und daher bleibende Ankunft Dessen mit sich bringen wird, von Dem die beiden Engel aus den Himmeln an der Stelle, an der Er hinauffuhr in Sein Reich, aussagten zu denen, die Ihm nachweinten: „Was weilt ihr nun traurig da und schaut Dem nach, der aufgefahren ist in Sein Reich? Seid getröstet und zieht nach Hause; denn dieser Jesus, den ihr nun gesehen habt auffahren in die Himmel aller Himmel, wird einst so, wie Er nun aufgefahren ist, wieder herniederkommen und richten alle Geschlechter der Erde! Wohl denen, die Er als gerecht finden wird; diese werden Seine Kinder und Er ihr Herr und Vater sein. Wehe hingegen aber allen, die in aller Ungerechtigkeit verharrt sind; wahrlich, ihre Verantwortung wird ihnen zum Mühlstein am Hals werden!“
HIM|3|490406|8|0|Was diese beiden Engel Gottes und was Ich als der Herr und Gott Selbst von der einstigen Wiederkunft Christi vorhergesagt habe, das ist nun zur Reife gekommen und wird geschehen in der Bälde; denn die Vorbereitungen sind nun schon beinahe alle ins Werk gesetzt worden. Der Menschen Herzen sehen nun aus wie diese Zeiten mit ihren grauenhaften Erscheinungen. Sie sind voll Herrschsucht, Geiz, Neid, Fraß, Völlerei und Hurerei, voll Hader, Zank, Schmähsucht, voll Raub, Krieg, Mord und Pestilenz jeglicher Art. Der Unfrieden und die Lieblosigkeit und vollste Unbarmherzigkeit hat sich ihrer bemächtigt, und dadurch ist nun auch solch eine Trübsal über die Erde gekommen, wie ihresgleichen ebendiese Erde noch nicht getragen, gefühlt und geschmeckt hat. Es ist daher nötig, dass dieser trübseligsten Zeit bald ein Ende gesetzt werde, da sonst noch jene, die bisher zu den Auserwählten gezählt wurden, Schiffbruch leiden könnten.
HIM|3|490406|9|0|Bevor aber Ich als der Herr und Schöpfer alles Lebens wiederkommen kann, muss der Erdboden von allem Unkraut gar fein gereinigt werden; und diese Reinigung geht soeben auf allen Punkten der Erde vor sich. Wer nun an seiner Seele wissentlich krank ist und nicht trachtet, dass seine Seele gesund werde, der wird nicht lange machen, bis er zugrunde gehen wird!
HIM|3|490406|10|0|Die Zeit der Reinigung aber wird dauern kürzestens vier Wochen; denn es wird nun Stunden geben, in denen mehr geschehen wird als ehedem in einem Jahrhundert. Ein längerer Termin ist gesetzt auf vier Monate; denn es wird nun Tage geben, von denen einer mehr bedeuten wird als ehedem ein volles Jahrhundert. Noch ein weiterer Termin ist gesetzt auf vier Vierteljahre; denn es wird nun in einer Woche mehr geschehen als in der Vorzeit in einem vollsten Jahrhundert. Und noch ein weitester Termin ist gesetzt auf vier Jahre und noch eine Kleinigkeit der Zeit hinzu; denn es werden nun Monde kommen, in denen mehr geschehen wird als in der Vorzeit in sieben Jahrhunderten!
HIM|3|490406|11|0|Diese Zeit aber ist nun wie ein Morgenrot zu jenem Tag, der da kommen wird entweder zum Heil für die Gerechten und für alle jene, die eines sanften und guten Herzens sind und liebhaben ihre Brüder und Schwestern in Meinem Namen; aber dieser Tag wird auch kommen wie ein Dieb über alle jene, die Meiner nicht achten und haben ein hartes und stolzes Herz und halten sich für besser und angesehener als ihre Brüder in was immer und wegen was immer.
HIM|3|490406|12|0|Wer aus euch in was und wegen was immer sich für besser hält als seinen Bruder, der wird an diesem kommenden Tag gar sehr zuschanden werden; denn von diesem Tag an soll aller äußere Unterschied aufhören, und in großen Ehren werden nur stehen, die nun um Meines Namens willen verachtet oder gewisserart nur mitleidig als ehrliche Menschen geduldet werden, aber so sie in irgendeiner Gesellschaft etwa auch etwas gelten wollten, da werden sie sogleich in ihre nichtssagenden Schranken zurückgewiesen. Solche Menschen werden aber an diesem Tag groß und glorreich hervorgehen, während die gegenwärtigen Honoratioren in was immer sehr klein werden bedacht werden. Meine Erwählten aber werden glänzen mehr als die Sonne am Mittag!
HIM|3|490406|13|0|Es zeigt aber ein natürliches Morgenrot keinen günstigen schönen Tag an, denn man sagt: Des Morgens Rot ist des Tages Not und des Abends Tod! – Aber also wird es beim geistigen Morgenrot nicht sein, wohl aber ganz umgekehrt; denn wie das natürliche Morgenrot alle Herzen erquickt, so wird dies geistige große Morgenrot alle Herzen mit großer Furcht und Bangigkeit erfüllen; denn es wird seine Farbe vom Blut und vom großen Brand der Welt, darunter zu verstehen sind die großen und kleinen Kriege, nehmen.
HIM|3|490406|14|0|Aber wie das natürliche Morgenrot ein ungünstiges Zeichen für den darauffolgenden Tag ist, so wird aber das an sich selbst schlimme geistige Morgenrot nur als ein sehr günstiger Vorläufer des kommenden großen Tages des Heils zu betrachten und zu nehmen sein.
HIM|3|490406|15|0|Dieses alles habe Ich so eingerichtet und lasse nun alles also geschehen, wie es geschieht. Wer aus euch aber will Mir in den Weg treten und sagen: Herr! Du bist ein grausamer Gott, hast eine Freude am Blut der vielen Hingeschlachteten und handelst wie ein ewiger Tyrann?
HIM|3|490406|16|0|Zu dem sei es gesagt: Der Meister ist nicht da, dass Ihn da richteten Seine Werke; sondern Er wird sie richten recht und gerecht. – Ihr sollt daher auch nicht sagen: Siehe, dies Volk hat recht und jenes hat unrecht; und dieser oder jener Feldherr tut Fluchwürdiges oder seine Vorgänge sind gesegnet. – Also sollt ihr auch weder eine Freude noch eine Trauer haben, so ihr erfahret, dass diese oder jene Partei entweder gesiegt hat oder weidlichst geschlagen wurde. Überhaupt sollt ihr euch gar nicht viel kümmern, ob das, was nun geschieht, recht oder unrecht sei; denn Ich lasse alles das also geschehen, wie es geschieht, und Ich meine, dass Ich doch Herr genug dazu bin und bin weise genug und bin gut genug!
HIM|3|490406|17|0|Wer aus euch aber nun anders denken und urteilen will, der muss daher aber auch mehr Herr sein wollen, als Ich es bin, und muss notwendig weiser und besser sein als Ich. So aber jemand das zu sein wähnt, wenn auch gerade nicht in seinen Gedanken, aber dennoch durch seine Reden und Taten, der bändige aber hernach auch die Elemente, zeichne den Sternen ihren Gang vor, gebiete den Winden, dem Meer und dem mächtigen Feuer im Inneren der Erde; er gebiete den Wolken und schaffe der Sonne und dem Mond, dass sie besser der Erde dienen, als wie es manchmal der Fall ist.
HIM|3|490406|18|0|Denn wer sich für hinreichend weise hält, den Bewegungen der freien Menschen sein Urteil anzupassen und mit einer gewissen hartnäckigen Bestimmtheit zu sagen: „Die Herrschaft Österreichs ist arg und böse, seine Kriege, Siege und Gesetze sind eine Schmach; Russland handelt unter aller Kritik; nur von Frankreich und Deutschland hängt das Heil der Völker ab“ – o zu dem sage Ich: Gut, gut! Weil du so weise bist und gar so gründlich alle Handlungen, Gesetze, Verfügungen, Verhältnisse und Bewegungen der verschiedenen Völker zu beurteilen imstande bist, was sogar für die weisesten Engel schwerer ist, als ein ganzes Sonnengebiet in der strengsten Ordnung zu erhalten, so solle so ein verständigster und weisester Richter über alle Völker denn sich auch an die Leitung der Sonne und des Mondes machen; er solle den lästigen Winter abschaffen und solle auch das Loch verstopfen, von wannen die kalten Winde herkommen.
HIM|3|490406|19|0|So ihm aber die Sonne im Sommer doch etwas zu warm werden sollte, da wird seine Weisheit ja doch auch imstande sein, ein Mittel zu finden, um der Sonne ihre zu große Hitze auszutreiben. Ist ihm die zu starke Anhäufung des Polareises etwa zuwider, nun – so kann er ja das unterirdische Polarfeuer recht anfachen, und das wird schon seine alten auflösenden Dienste tun!
HIM|3|490406|20|0|Und wenn am Ende etwa doch Altersschwäche oder andere Krankheiten so affront [beleidigend] sein sollten und beschleichen den Leib eines solchen Völkerweisen, nun, das wird für ihn etwa doch ein wahrer Spaß sein, sich augenblicklich wieder zu verjüngen und sein Fleisch unsterblich zu machen.
HIM|3|490406|21|0|Sollten aber solche weise Völkerrichter bei sich etwa doch verspüren, dass ihnen die Leitung und Besorgung des Universums unausführbar sein solle, was gegen die Leitung der freien Völker freilich wohl nur etwas ganz Leichtes wäre, da sollen sie dann aber auch ganz demütig in ihre sündige Haut zurückkriechen und sagen: Herr! Ich habe gar gewaltig gesündigt vor Dir; sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig! – Da sollen sie dann aber auch wieder Gnade und Erbarmung finden, und es solle ihnen ein rechtes Licht gegeben werden, das sie auf der rechten Erkenntnis Tisch stellen sollen und auch stellen werden, bei welchem Licht sie aber dann auch bald und leicht erkennen werden, ob ihre Urteile über die verschiedenen Völker recht oder unrecht waren.
HIM|3|490406|22|0|Ich sage euch: Mengt euch in nichts und bleibt fein zu Hause, auf dass, so Ich in der Bälde kommen werde, Ich euch auch daheim antreffe, euch tröste, stärke und aufnehme in Mein neu zu gründendes Reich auf Erden und in allen Sternen!
HIM|3|490406|23|0|Aber so Ich euch nicht daheim antreffen werde, so mögt ihr es euch dann selbst zuschreiben, so ihr an dieser Meiner größten und letzten Ankunft entweder gar keinen oder nur einen sehr geringen Teil haben werdet.
HIM|3|490406|24|0|Ich sage euch: Ich allein bin der Herr der ganzen Unendlichkeit, und sonst gibt es ewig keinen! – Was ihr seht, denkt, wahrnehmt, empfindet und fühlt und noch endlos mehr, was vor euch verborgen ist, das alles ist allein Mein Werk.
HIM|3|490406|25|0|Bedenkt – denn also spricht der Herr Jehova Zebaoth: Was könnt ihr Mir sagen, wenn Ich es mit denen halte, die ihr verachtet? Was wollt ihr Mir sagen, so Ich eine Hure an Mein Herz drücke und eine betschwesterliche fromme Sitten- und Sündenrichterin von Mir weise? Was wollt ihr Mir sagen, so Ich in der Zukunft bei lauter Zachäussen einkehren werde und werde allen sogenannten Gottesdienern den Rücken kehren? Was werdet ihr Mir ferner sagen können, so Ich künftighin, wie es auch vorher war, eure wohlerzogenen Töchter von Meiner Tür weisen werde und werde dafür die gemeinsten Gassendirnen aufnehmen und sie zu Meinen Gesellschafterinnen machen?
HIM|3|490406|26|0|Ja wahrlich, Ich sage es aller Welt: Eine Martha, eine Magdalena, eine Ehebrecherin, ein samaritisches Weib und eine Hure, die sich zehntausendmal hat beschlafen lassen, wird Mir angenehmer sein als alle die fein und überaus sittlich erzogenen Töchter, die bloß deshalb keine Huren sind, weil das vor der Welt eine Schande wäre; denn was würde die Welt dazu sagen?! – Wenn die Welt so etwas erführe, da wäre es ja nur zu sicher um das erhoffte irdische Glück geschehen. Oh, so es aber auf Mich ankäme und die Welt vor den Augen der Menschen kein gültiges Richteramt ausübte, dann wäret ihr mit euren Kindern bei weitem nicht so heikel als nun!
HIM|3|490406|27|0|Ich sage euch aber das nicht etwa darum, als hielte Ich dafür, dass es schlecht wäre, die Kinder fein und sittsam zu erziehen – o nein, das will Ich damit gar nicht gesagt haben; aber dass ihr eure Kinder viel mehr der Welt als Meinetwegen fein und sittlich erzieht und bringt ihnen dadurch eine bei weitem zu große Überschätzung ihres sogenannten besseren Menschenwertes bei, welche Überschätzung eine Grundwurzel allen Hochmutes ist, das ist vor Mir ein Gräuel! Und da muss Ich offen und klar gestehen, dass Mir eine von aller Welt verachtete und von allen Fleischsünden stinkende Hure bei weitem lieber und angenehmer ist, als eine ganze Million eurer allerfeinst und allersittlichst gebildeten Töchter und Söhne.
HIM|3|490406|28|0|Ich will damit aber auch nicht sagen, dass Mir die Hurerei etwa lieber sei, als ein tugendhafter reiner Lebenswandel; denn nichts Unreines kann in Mein Reich eingehen! Aber das sage Ich, dass, so mit der feinen und zarten Sitten- und Religionsbildung zugleich ein die geringere Menschheit geringschätzender, ja manchmal sogar verachtender Hochmut in der engsten Verbindung steht, Mir jede bis zur letzten Zehenspitze herab verachtete und unter alle Kloaken hinab gedemütigte Hure um sehr vieles lieber und angenehmer ist, als eure vor der Welt hochansehnlichen Kinder. So wie Mir auch jener Hauptlump von einem Zöllner – der in den Tempel kam, allda sein schmähliches Leben nur zu sehr fühlte an geheiligter Stätte und darum bei sich gewisserart also sprach: „Nein, ich bin doch ein zu heilloser Lump für diesen geheiligten Ort! Gar nicht würdig bin ich, meine zu sündhaften Augen dort hinauf zu erheben, wo die Gerechten sich freuen vor dem Heiligtum Gottes; daher ist es auch billig, dass ich diesen Ort sogleich verlasse und ihn nicht entheilige!“ – lieber war, als jener mit sich überaus zufriedene Pharisäer, der Gott nicht genug loben und preisen konnte, weil Er ihn gar so rein und fehlerfrei gemacht habe.
HIM|3|490406|29|0|Ich sage es hier nun allen der vollsten Wahrheit gemäß, die allein jeden Menschen wahrhaft frei machen kann: Es gibt vor Mir im Grunde des Grundes nur so ganz eigentlich eine einzige Sünde, welche die Mutter aller anderen Sünden ist, und diese Sünde heißt: Hochmut!
HIM|3|490406|30|0|Aus dem Hochmut aber geht dann alles andere, was nur immer Sünde heißt, hervor – als da ist: Selbstsucht, Herrschlust, Eigenliebe, Neid, Geiz, Wucher, Betrug, Dieberei, Raub, Zorn, Mord, Trägheit zur rechten Arbeit, der süße Müßiggang auf Kosten der unhochmütigen Arbeiter, Hang zum Wohlleben und Großtun, Geilheit des Fleisches, Unzucht, Hurerei, Gottesvergessenheit und endlich wohl auch oft eine gänzliche Gottlosigkeit und mit dieser der vollste Ungehorsam gegen alle Gesetze, mögen sie göttlichen oder bloß politischen Ursprunges sein.
HIM|3|490406|31|0|Betrachtet jede dieser aufgezählten Hauptsünden für sich ganz analytisch, und ihr werdet am Grunde einer jeden den Hochmut ersehen. Wer dann aller seiner vermeintlichen tausend Sünden wie mit einem Schlag los sein will, der sehe allein darauf, dass er seines wie immer gearteten Hochmutes ledig werde, so wird er auch ledig sein aller seiner anderen Sünden. Denn viele Sünden sind ohne Hochmut gar nicht denkbar, und das darum, weil er der alleinige Grund dieser Sünden ist.
HIM|3|490406|32|0|Sünden aber, die ohne Hochmut begangen werden, sind keine Sünden, weil sie den Grund zur Sünde nicht in sich bergen.
HIM|3|490406|33|0|Es würde aber jemand sein, der sonst gerecht wäre und niemand zu ihm sagen könnte: Siehe, dieser und jener Sünden hast du dich schuldig gemacht, aber er täte sich darauf viel zugute und achtete sich für viel besser als jene, die er als grobe Sünder erkennt. Wahrlich, da nützte ihm alle seine Gerechtigkeit nichts. Denn da er sich auf seine Gerechtigkeit und Unbescholtenheit etwas zugute täte, so wäre er schon vom Hochmute befangen und somit vor Mir schlechter als einer, der sein Leben lang – aber natürlich ohne allen Hochmut – in seinem Fleische gesündigt hätte, was an und für sich wohl auch eine starke Sünde ist, aber selbst mit dem geringsten Hochmute in gar keinem Vergleiche steht.
HIM|3|490406|34|0|Daher lasse sich aber nun auch ein jeder durch dieses Morgenrot ganz scharf durch und durch erleuchten und spüre ja sorgfältigst in seinen erleuchteten Lebenswinkeln und Kammern fleißig nach, ob er nicht irgendwo etwas antreffen möchte, was so mit dem Hochmut irgendeine Ähnlichkeit haben könnte. Trifft er so etwas in seinem Inneren an, so verabscheue er es augenblicklich und strebe alsbald mit allen Kräften danach, dass er seines noch so gering scheinenden Hochmutes loswerde, sonst wird dieser mit der Zeit zu wachsen anfangen wie eine Schmarotzerpflanze am sonst gesunden Ast eines Fruchtbaumes und den sonst edlen Menschen ebenso zugrunde richten geistig, wie die Schmarotzerpflanze den sonst ganz gesunden Baum.
HIM|3|490406|35|0|Der Hochmut, wie immer geartet er auch sein möchte und von wo immer er seinen Ursprung nehmen mag, ist für Seele und Geist eine allergiftigste Stickluft aus der Hölle, durch die in kurzer Zeit alles Leben zugrunde gehen muss. Daher noch einmal für tausendmal gesagt:
HIM|3|490406|36|0|Hütet euch vor allem nur vor dem Hochmut, wollt ihr vor Mir als gerecht und gerechtfertigt erscheinen, und wollt ihr am kommenden großen Tag euch Meiner sichtbaren Gegenwart erfreuen!
HIM|3|490406|37|0|Aber so nur ein Atom irgendeines Hochmutes in euch verbleibt, so werdet ihr von Mir zwar sagen hören, dass Ich auf der Erde zu Meinen Freunden gekommen bin; so ihr aber rufen werdet: „Herr! Herr! Komme auch zu uns!“ – da werde Ich dennoch nicht zu euch kommen, dieweil ihr nicht allem Hochmut entsagt habt.
HIM|3|490406|38|0|Wohl wisst ihr vieles, was Millionen nicht einmal zu ahnen vermögen; aber darum seid ihr nicht um ein Haar besser als jene, die von alldem keine Ahnung haben, was bei euch schon ein erfahrungsreiches Wissen, ja manchmal sogar ein förmliches Schauen geworden ist. Aber so ihr mit eurem Wissen auch die rechte Demut vereinigt, dann wird euch freilich das tiefe Wissen im Bereich des rein Geistigen von einem unberechenbar großen Nutzen sein.
HIM|3|490406|39|0|Auf dass sich aber ein jeder Mensch richten kann und erforschen sein ganzes Wesen, so will Ich zu dem Behufe eine sonderheitliche Anleitung geben, nach der man gar leicht wird ersehen können, an welche Eigenschaften sich der schändlichste Hochmut beim Menschen anklebt und allda fortwuchert.
HIM|3|490406|40|0|Manche Menschen beiderlei Geschlechts haben gewisserart von Geburt an ein züchtigeres Fleisch und enthalten sich demnach auch um vieles leichter von all den sinnlichen Gelüsten des Fleisches. Diese Menschen triumphieren dann aber gewöhnlich nicht über sich selbst, sondern hauptsächlich über ihre Nebenmenschen, deren Natur nicht aus so keuschen Substantialspezifiken zusammengesetzt ist. Diese also um vieles leichter keusch lebenden Menschen aber verachten dann gewöhnlich diejenigen, die es wirklich einen großen Kampf kostet, um sich der fleischlichen Werke zu enthalten. Ja, solche Menschen können oft beim besten Willen nicht das in die Ausführung bringen, was den anderen ein Leichtes ist.
HIM|3|490406|41|0|Wenn nun solche sich der fleischlichen Werke leicht enthaltenden Menschen über die in diesem Punkt Schwachen sich lustig machen, sie schmähen, oft verfluchen und ihnen die Hölle an den Hals schleudern, da sie sich natürlich für besser und unfehlbarer halten als ihre schwächeren Brüder und Schwestern, – da verfallen solche fleischlich ohne ihr besonderes Verdienst Reineren schon dem Hochmut und sind dadurch schon bei weitem größere Sünder in sich selbst als ihre schwachen Nebenmenschen. Denn jedes sich für Mehr-, Höher-, Besser- und Vorzüglicherhalten als seinen Nebenmenschen in was immer rührt schon vom Hochmut her und ist an sich vor Mir schon schlechter, als was ein Hochmütiger in was immer als schlecht bezeichnen möchte. Denn schon die geringste Art des Hochmutes ist bei weitem ärger, als jede andere Sünde für sich.
HIM|3|490406|42|0|Denn jede Sünde, einfach für sich genommen, ist nur wie das Fleisch eines Apfels oder einer Pflaume oder einer Birne, das an und für sich keiner Fortpflanzung und Vermehrung fähig ist. Aber der Hochmut ist das Samenkorn oder die fabelhafte Büchse der Pandora, aus dem wie aus dieser alle erdenklichen Übel erwachsen können und sich dann aber auch also vermehren wie das Gras auf dem Erdboden und der Sand im Meer. Denn wer von sich selbst in was immer eine zu gute Meinung hat, der verlangt, dass auch andere von ihm das meinen sollen.
HIM|3|490406|43|0|Nun aber setzen wir den Fall – der sich leider nur gar zu oft ergibt –, dass andere solch eine ihre eigenen Fähigkeiten überwiegende Vortrefflichkeit anerkennen und sehr beloben, so wird dann der vortreffliche A noch lobbegieriger. Er wendet bald alles an, um seine Vortrefflichkeit noch mehr zu heben. Es gelingt ihm, er wird ein Virtuose, will dann schon viel mehr Weihrauch. Man streut ihm Blumen und Kränze. Er fühlt sich als eine Art Gott, wird am Ende selbst von Bewunderung über sich, sozusagen, ganz hingerissen. Und wenn dann aber etwa doch jemand so keck wäre und sagte zu ihm: „Freund! Du überschätzt dich, es ist nicht so viel an dem, was du bist und leistest. Siehe, einige interessierte Lobhudler und Weihrauchstreuer haben dich mit ihrem ganz leeren Lobgequake trunken und verwirrt gemacht, und du warst so uneinsichtig und nahmst ein glänzendes wertloses Geflitter für bares gediegenes Gold an. Werde aber nun nüchtern und beschaue deine vermeinte außerordentliche Vortrefflichkeit mit klaren Augen, und du wirst finden, dass daran neun Zehntel rein zu verwerfen sind.“
HIM|3|490406|44|0|Auf solch eine recht weise Belehrung wird dann der vortreffliche A erbost und wird dem recht weisen Belehrer auf eine Art übers Maul fahren, wie man zu sagen pflegt, dass sich dieser für alle Zeiten den Gusto wird vergehen lassen, ihm je wieder einmal mit einer weisen Belehrung zu kommen. Und seht, so wuchert dann der Hochmut fort und verzehrt endlich alles Edle, was sonst der Geist vermöge seiner besseren und ausgezeichneteren Talente hätte zum Frommen vieler schwächer begabten Menschen zustande bringen können.
HIM|3|490406|45|0|Wenn jemand recht viel gelernt hat und hat seinen Verstand mit recht tüchtigen Wissenschaften ausgerüstet, so dass andere, ungelehrte Menschen im Fach des Wissens als bare Nullen gegen ihn sich verhalten, und wenn es nun einem Ungelehrten einfiele, dem Hochgelehrten gegenüber zu behaupten, dass er auch etwas verstehe und es sogar eine Schande wäre, so jemand, der etliche zwanzig Jahre nichts als studiert hat und sich mit Wissenschaften über Wissenschaften beschäftigte, nicht mehr verstünde als einer, der dazu weder Vermögen noch Gelegenheit hatte, – ja da wäre es aus beim Herrn Doktor! Der würde so einem naseweisen Lümmel ganz kurios begegnen und ihm zeigen, ob er das Recht habe, ihm gegenüber solch impertinente Bemerkungen zu machen.
HIM|3|490406|46|0|Seht, das ist schon wieder Hochmut, der aus dem Herrn Doktor statt des Segens nur einen Fluch für die arme Menschheit zieht. Wie viel Gutes könnte ein demütiger Gelehrter stiften, und wie gesegnet wären alle seine Arbeiten, die er mit Mir zum Frommen der armen Menschheit vollführte! Wie würde er wahrhaft geschätzt, geliebt und gesucht sein!
HIM|3|490406|47|0|Ja, je weniger er aus sich machte, desto mehr würden die anderen aus ihm machen. Aber nein, der Hochmut als Eigendünkel der meisten Gelehrten versengt und verbrennt all das Edle und Gute, das aus ihnen hätte hervorgehen können, da er sie, je älter und größer er wird, für die arme und bedürftige Menschheit ganz unzugänglich macht.
HIM|3|490406|48|0|Desgleichen steht es auch mit den meisten Beamten, die gewöhnlich auf ihre Amtswürde ein so großes Gewicht legen, dass sie die anderen, ihnen untergeordneten Menschen nicht selten für nahe weniger als nichts betrachten. Diese nicht mit dem Amt, das etwas Nützliches ist, verbundene, sondern eigenmächtig geschaffene Amtserhabenheit des Beamten ist gleichfalls wieder nichts als ein barster Hochmut, der dem Amt nie einen Segen, sondern allezeit nur ganz notwendig den Fluch bereitet. Wer kann da aufstehen und sagen, dass es nicht also sei?
HIM|3|490406|49|0|Der Priester, der ein Vorbild aller Demut sein sollte, bildet sich Himmel und Erde ein, hascht nach Gold und Silber, um sein vermeintes himmlisches Ansehen auf einen Glanz zu stellen, vor dem sogar die Sonne, so es möglich wäre, sich weidlichst schämen müsste.
HIM|3|490406|50|0|Ein Lehrer oder Professor der Jugend macht nicht selten förmliche Studien, wie er den jungen Würmern so recht handgreiflich zeigen könnte, was Außerordentliches da hinter ihm stecke. Es liegt ihm meistens weniger daran, dass seine Schüler von der Nützlichkeit seiner Stellung überzeugt werden möchten, als dass sie nur zittern vor ihm und seiner professorlichen Amtsautorität.
HIM|3|490406|51|0|Es ist allerdings wahr, dass bei manchen Kindern ein ziemlicher Ernst angewandt werden muss, um sie vom Nutzen und von der Notwendigkeit dessen, was sie lernen müssen, zu überzeugen und sie dadurch mit Liebe zu den zu erlernenden Gegenständen zu erfüllen. Aber es ist demgegenüber auch das sehr wahr, dass ein Lehrer, der seine Schüler mit der rechten uneigennützigen Liebe zu behandeln versteht, mit ihnen bei weitem mehr ausrichten wird als ein Ehren- und Ansehenschnapper.
HIM|3|490406|52|0|Ich sage euch: Sucht, sei es in was immer, nie die Ehre der Welt; denn diese ist eine Pest für Seele und Geist, und ihre Folgen kommen früher oder später, die Erde verheerend, zum Vorschein.
HIM|3|490406|53|0|Betrachtet die gegenwärtigen Kriege, in denen sich viele Tausende der Ehre wegen müssen totschlagen lassen. Wenn Herrscher, Heerführer und ihre was immer für Namen habenden Völker anstatt des Hochmutes der lieben himmlischen Demut dienten, – würden oder könnten die Völker je zu solch einer gegenseitigen Wut entflammt werden? Wahrlich, bei demütigen Völkern wäre ein Krieg eine allerpurste Unmöglichkeit!
HIM|3|490406|54|0|Da aber bei diesen Völkern anstatt der Demut nur der alleinige Hochmut großgewachsen ist, demzufolge sich ein Volk für besser, angesehener, älter, berechtigter und wer weiß es, für was noch alles hält, so sind auch diese gegenwärtigen, alles verheeren wollenden Kriege eine ganz natürliche Folge der gegenwärtigen Großzucht des Hochmutes. Denn ein Krieg ist im Großen das, was im Kleinen die sogenannten Raufhändel sind, die auch gewöhnlich viel seltener aus irgendeiner haltbaren Ursache herrühren, als meistens bloß aus gekränkter Ehre. Denn kommt unter eine Gesellschaft ein Dieb oder ein Betrüger oder ein bekannter Räuber, so wird die Gesellschaft mit derlei gefährlichen Individuen ohne alle Händel und blutigen Exzesse fertig werden. Man wird sie mit vereinter Kraft gefangen nehmen und sie dem ordentlichen Gericht überliefern.
HIM|3|490406|55|0|So aber einer in einer Gesellschaft etwa einem Großtuer zu nahe tritt, da gibt es dann nur zu bald und gewiss einen beleidigenden Wortwechsel. Diesem folgen bald ganz ernstliche Drohungen und diesen als ganz natürliche Folgen eines gereizten Hochmutes Schläge aller Art, blutige und oft sogar tödliche. Denn da will dann ein jeder mit der Faust oder mit dem Stock seine Ehre retten und stiftet dadurch Feindschaften, Rachedurst und eine Menge Übel aller Art auf lange Zeiten in einer Gegend oder oft in einem ganzen Land.
HIM|3|490406|56|0|Ah, etwas ganz anderes ist es, so irgendein äußerer habsüchtiger oder mutwilliger Feind in ein friedliches, von lauter demütigen und untereinander sehr verträglichen Menschen bewohntes Land oder Reich einfiele, um allda eine Beute zu machen. Da hätten freilich wohl die Bewohner solch eines Landes oder Reiches das Recht, einen solchen schändlichen Feind mit allem Ernst zu empfangen und ihn auf das Empfindlichste zu züchtigen, bei welcher Gelegenheit Ich als der Herr Himmels und der Erde Mich dann aber auch sogleich an die Spitze stellen möchte; und der arge Feind würde da nur zu geschwind erfahren, welches Lohnes seine Handlung wert war. Schwerlich dürfte er je wieder den Mut fassen, ein solches Land heimzusuchen.
HIM|3|490406|57|0|Aber leider ist nun dem nicht also. Ein Volk will nun größer sein als das andere, also auch ein Reich größer und mächtiger als das andere.
HIM|3|490406|58|0|Der Deutsche will der Erste sein. Der Slawe spricht dieses Recht für sich an. Den Franzosen darf man schon gar nicht mehr fragen, welche Nation auf der Erde etwa doch die erste, gebildetste und in jeder Hinsicht die erste wäre. Der Russe misst mit dem größten Maßstab nur sich; alles andere ist für ihn eine kaum beachtenswerte Bagatelle.
HIM|3|490406|59|0|Der Engländer hat bereits die Einbildung der Chinesen und Japaner im höchsten Grad überflügelt. Denn hält der Chinese und Japaner auch dafür, dass sich sein Reich in der Mitte aller Reiche der Erde befinde, so ist der Engländer de facto gewisserart der Gesetzgeber und Vorteile-Einsauger der nun bekannten ganzen Erde, – und ist er gerade schon auf der ganzen Erde und in all ihren Reichen es nicht ganz, so bildet er sich aber dennoch ein, als wäre er es. Und findet er irgendwo Verletzungen dieser seiner Meinung, so wird er gewiss alles aufbieten, um das zu verwirklichen, was bei ihm bis jetzt nur eine großartige Einbildung war.
HIM|3|490406|60|0|Der Amerikaner betrachtet europäische Staaten kaum für so viel, wie einige Gassenjungen, die das Pflaster einer großen Stadt betreten, zu deren Erbauung sie freilich nie auch nur ein Sandkörnchen beigetragen haben, die auf den Alleebäumen hie und da vorfindlichen Spatzennester. Er braucht nur mit einer amerikanischen Flotte sich dem winzigen Europa bloß auf hundert deutsche Meilen zu nahen, so muss dasselbe schon untergehen.
HIM|3|490406|61|0|Der Afrikaner hält nur sich für einen Menschen, und da selbst nur den Reichen, Starken und somit auch Mächtigen. Alles andere ist bei ihm menschenähnliches Lasttier und kann wie jedes andere Vieh verkauft werden.
HIM|3|490406|62|0|Frage nun bei den obwaltenden Verhältnissen zwischen Völkern und Völkern, Reichen und Reichen, Staaten und Staaten, in denen der Hochmut solche Entzweiungen hervorgerufen hat, die die Erde selbst vor der Sündflut nicht gekannt hat, jeder sich selbst, ob es wohl noch möglich wäre, dass Ich als der Herr Himmels und der Erde solchen Gräueln noch länger hätte ganz ruhig zusehen sollen oder können?!
HIM|3|490406|63|0|Der Herr spricht: Nein, das war nicht mehr möglich! Der Hochmut der Völker hat alles Maß überschritten, bis in den höchsten Himmel stieg schon der Dampf der Hölle! Die Erde selbst bat Mich, dass Ich die arge Brut des Satans doch endlich einmal ausmerzen solle. Und seht, die Zeit ist da; sie ist nun enthüllt vor euren Augen: ein Volk zieht wider das andere; und fragt ihr, warum? – so sage Ich es euch: Aus purem Hochmut!
HIM|3|490406|64|0|Denn von einer Not oder Notwendigkeit war da nirgends eine Spur; denn hätten die Menschen sich gedemütigt – natürlich alle ohne Ausnahme, wie es die Niniviten einst getan haben, so hätten alle an allem zur Übergenüge. Aber weil sie alle der Hochmut aufgetrieben hat, wie einst zu Jerusalem das verfluchte Wasser diejenigen, die es zur Probe ihrer Schuld oder Unschuld trinken mussten und dabei aber schuldig waren, – so ist es denn aber nun ja auch wohl ganz naturmäßig gerecht, dass sie nun alle an dem Pestwasser ihres Hochmutes zugrunde gehen!
HIM|3|490406|65|0|Denn Ich sage es euch: Die Zeiten sind aus, wo das Schwert zwischen Ehre und Schande, wie zwischen Tugend und Untugend den Schiedsrichter machte; denn das Schwert war nie eine Waffe der Demut, sondern allezeit nur der Ehre und des Ansehens, wie leider auch nur zu oft einer tyrannischen Herrschaft.
HIM|3|490406|66|0|Aber forthin solle es nicht mehr also sein! In der Zukunft wird nur die Demut mit den Waffen der Liebe die Völker beherrschen, d. h. freilich jene Völker nur, die für diese Waffe aus den Himmeln für würdig befunden werden. Die Unwürdigen aber werden in dieser Zeit schon ohnehin den Lohn erhalten, den sie sich schon lange verdient haben. Ich werde zwar wohl noch immer dem besseren und gerechteren Teile den Sieg zuteilwerden lassen; aber so er darauf erbost und hochmütig wird, dann wehe auch ihm!
HIM|3|490406|67|0|Denn von nun an soll niemand mehr geschont werden, der nur einen Funken Hochmutes als Triebfeder seiner Handlungen in sich besitzt. Jede Handlung, wobei nur irgendetwas von einem Ehrgeiz sich verspüren lässt, soll ohne allen Segen fortan verbleiben. Jede Handlung aber, die bloß der Nützlichkeit wegen begangen wird mit demütigem Gemüt, soll von Mir über und über gesegnet werden.
HIM|3|490406|68|0|Von nun an muss eine andere Ordnung unter den Menschen eingeführt werden. Die sich aber diese Ordnung nicht werden von ganzem Herzen gefallen lassen und werden dabei noch immer alte verrostete Bedenklichkeiten in sich auftauchen lassen, denen sollen die bittersten Folgen ehestens die genügendste Kunde verschaffen, ob sie dadurch für oder wider Meine Ordnung waren.
HIM|3|490406|69|0|Man sagt nun häufig: Ich möchte dies und jenes wohl tun, denn ich machte mir nichts daraus; aber was würde die Welt dazu sagen? Dieser würde sich vor Galle umkehren, jener ein Zetergeschrei anfangen, und so würde mein guter Hausname darunter einen großen Schaden leiden.
HIM|3|490406|70|0|Ich als der Herr Himmels und der Erde sage dir nichts als das: Alles, was Welt heißt, das ist Hölle!
HIM|3|490406|71|0|Was ist ein guter Hausname vor der Welt? Ich sage es dir und will und muss es dir sagen: Sieh, du blinder Tor! Ein guter Hausname, von dem die Welt sagt: „Das ist ein gutes Haus“ – ist ein Zeugnis aus der Hölle. Denn die Welt kann doch unmöglich etwas gutheißen, was ihr nicht zusagte. Was aber der Welt zusagt, da lies nur das reine Evangelium, ob dieses irgendwo sagt, dass das auch vor Gott etwas gelte. Steht es nicht geschrieben: „Was immer vor der Welt groß ist, das ist vor Gott ein Gräuel.“
HIM|3|490406|72|0|So ihr aber das doch mit überaus klaren Worten in der Schrift lest, wie möglich kann da jemand, der mit der Schrift vertraut ist, sagen: Ich für mich würde wohl ohne alles Bedenken dies und jenes tun; aber was würde die Welt dazu sagen?
HIM|3|490406|73|0|Ich aber sage es euch nun in dieser Zeit: Wer nun dies und jenes Gute der Welt wegen zu tun unterlassen wird, der tue also der Welt wegen, was ihm gut dünkt. So er aber dann zu Mir kommen wird mit dem guten Weltzeugnis, werde Ich zu ihm sagen: Der dir dies gute Zeugnis gegeben hat, zu dem gehe auch hin und verlange deinen Lohn; denn Mein Name steht in diesem Zeugnis nicht geschrieben! Ich kenne dich nicht, denn du hast der Welt wegen dies und jenes getan und wolltest nicht die Mir allein wohlgefälligen Wege der wahren christlichen Demut wandeln. Es gefiel dir und schmeichelte deinem Ehrgeiz, so die Welt von dir sagte: „Siehe, das ist ein Ehrenmann!“ – So wird es dir auch gefallen müssen, dass du in Meinem Reich wahrlich zu sehr geringen Ehren gelangen wirst.
HIM|3|490406|74|0|Ich will aber damit nicht sagen, als solle da jemand also handeln, dass die Welt mit Fingern auf ihn zeigte und sagen solle: „Sieh, das ist ein böser Mensch; er ist ein Hurer, ein Ehebrecher, ein Betrüger, ein Lügner, ein Gottesleugner, er hält in seinem Haus die schlechteste Ordnung und Zucht und ist ein Lump und ein Schwelger.“ – O das verlange Ich ewig nicht! Aber das verlange Ich, dass ihr das wahrhaft Gute – und möge die Welt dazu sagen, was sie wolle – ohne die geringste Scheu vor ihr vollbringen sollt. Und das darum, weil es gut ist, und weil Ich es also haben will!
HIM|3|490406|75|0|So ein vermögliches Elternpaar einen Sohn hat, der schon erwachsen ist, und dieser, da er ein Amt überkommt mit einem erklecklichen Auskommen, will ein armes Mädchen zum Weib nehmen aus Liebe, weil ihm das Mädchen wohlgefällt, – da er aber dieses seinen Eltern kundtut, so fangen diese sogleich einen Mordsspektakel an und sagen zu ihrem Sohn: „Aber Sohn! Pfui der Schande! Was ist dir denn da um Himmels willen eingefallen? So ein hundsgemeines Bauernmensch willst du, der du von einem so guten Haus abstammst, zum Weib nehmen? Bedenke doch, sie hat nichts außer ihr bisschen bäuerisches Affengesicht. Ihre Eltern sind ganz gemeine, rohe, ungebildete, nach Ochsen- und Kuhmist stinkende Leute. Und ihre Tochter respektive schon eine Hure von Geburt an, wird doch nicht etwa gebildeter sein als ihre ochsenmistigen Eltern? Wir wollten aber wegen der Bildung und ihrer allfälligen Aufführung noch nicht so viel sagen, – aber bedenke deine und dann ihre Geburt! Pfui, wo denkst du hin?! Wir müssten uns ja noch im Grabe schämen! Du ein Edler von – und jene ein gemeinstes Kuhmistmensch!“
HIM|3|490406|76|0|Ich aber werde zu solchen Eltern sagen: „Pfui der ewigen Schande mit euch! Wie habt ihr als Menschen je so tief herabsinken können, dass ihr auch nur einen Augenblick des großen Wertes eines jeden Menschen habt vergessen können? Wer ist die für euch zu gemeine Bauerntochter, die eures Sohnes gar so unwürdig war? Seht und hört! Sie ist Mein Kind, Meine allerhöchsteigene Tochter; und diese war euch zu schlecht, zu gemein und zu gering?!
HIM|3|490406|77|0|Habt ihr denn nie gelesen, dass fürs Erste Ich als der urewige allmächtige Schöpfer aller Himmel und aller Welten, aller Engel und Menschen Selbst nur im Kleide der größten Niedrigkeit in diese Welt kam und lehrte die Menschen durch lebendige Worte und durch die klarsten Taten, dass sie gleich Mir – so sie Meine Kinder sein wollen – die Welt mit all ihrer Größe und Pracht fliehen sollen und sollen nicht die breite Straße des irdischen Glanzes, der allezeit vergeht, sondern den schmalen Pfad der Demut, der zum ewigen Leben führt, wandeln?
HIM|3|490406|78|0|Und dass fürs Zweite alles, was vor der Welt groß ist, vor Mir ein Gräuel ist? Dass Ich nur das Kleine und von der Welt Verachtete ansehe, das Große aber für ewig von Mir weise?
HIM|3|490406|79|0|Wenn ihr das je gehört habt und wusstet, welchen Weg Ich Selbst allen Meinen wahrhaftigen Kindern zur treuen Nachahmung vorangegangen bin, da sagt Mir nun, aus welchem vor Mir dem Herrn alles Lebens allein gültigen Grunde habt ihr es nimmer zugegeben, dass das arme Bauernmädchen eures Sohnes Weib geworden wäre? Ihr steht nun stumm und abermals stumm vor Mir und wisst nun nichts zu erwidern auf Meine Frage.
HIM|3|490406|80|0|Nun denn, da ihr Mir nichts zu erwidern wisst und euer himmelschreiendes Unrecht einseht, so will Ich euch zwar nicht richten und verdammen also, wie ihr Meine Tochter gerichtet und verdammt habt; aber für jede Minute eures irdischen Lebens sollt ihr hier im Reich der armseligsten Geister ein komplettes irdisches Jahr in der größten Niedrigkeit weilen. Und ebendiejenige Meine Tochter, die ihr auf der Erde so tief verachtet habt, soll – so sie will – euch in ihre himmlische Wohnung aufnehmen. Da sollt ihr erst allertiefst beschämt diejenige vollkommen kennenlernen, die ihr auf der Erde für euren Sohn gar so unwürdig gefunden habt, – und nun weicht von Mir an den Ort, der für euch bestimmt ist!“
HIM|3|490406|81|0|Ich sage euch: Wahrlich, wahrlich, also wird es in der jüngsten Zeit sein schon hier und ganz besonders jenseits. Und so sie, die auf der Welt gar so viel auf ihr sogenanntes gutes Haus hielten, Mich bitten werden und sagen: „Herr! Herr! Das wussten wir ja nicht so, wie wir es nun wissen und einsehen, denn wir waren ja von unseren Eltern selbst also erzogen und gebildet; daher lasse uns Gnade für Recht ergehen“ – da werde Ich aber zu ihnen sagen: „Ich weiß, wie es mit der Bildung eures Herzens steht. Wäret ihr allein schuld daran, dass es so hart und hochmütig war, da wäre euer Los die Hölle; denn diese ist erbaut aus dem Hochmut und aus des Herzens Härte! Da ihr aber nicht ganz selbst schuld an solch schmählicher Verbildung eures Herzens seid, so ist euch eben aus purer Gnade das beschieden, was Ich als euer Gott und Herr über euch ausgesprochen habe. Denn bevor nicht das letzte Atom des Hochmutes eure Herzen verlassen wird, sollt ihr Mein Antlitz nicht zur Anschauung bekommen. Und so hebt euch von hinnen!“
HIM|3|490406|82|0|Ich sage euch: Wahrlich, wahrlich, also wird es sein! Jeder Sünder soll von Mir nachsichtiger behandelt werden, als wie einer, der in was immer einen ersichtlichen Hochmut nur einmal an den Tag gelegt hat, hat aber denselben nicht sogleich aus seinem Herzen mit wahrer Reue und tiefster Verabscheuung verbannt für immer. Denn wie schon öfter bemerkt:
HIM|3|490406|83|0|Es gibt vor Mir nur eine wahrhaft verdammliche Sünde, und diese ist der Hochmut.
HIM|3|490406|84|0|Denn so ihr Sünden hättet so viel, als es da gibt des Grases auf der Erde und des Sandes an den weiten Ufern des Meeres, und hättet aber dabei keine Spur von einem Hochmut, so wären alle diese Sünden wie gar keine vor Mir! Denn wo kein Hochmut ist, da ist die Liebe, die in sich birgt alle Demut; Liebe und Demut aber tilgen alle Fehler und Sünden, so ihrer noch so viele wären, – denn Liebe und Demut töten alle Sünden! Aber so nur ein Atom des Hochmutes hinter den anderen Sünden steckt, die die Menschen begehen in der Zeit der Probe ihrer Freiwerdung, so belebt dieses Atom alle Sünden, ja sogar die kleinsten. Und solche Geister werden einst, wie auch schon hier, sehr gewaltig zu kämpfen haben, um auch nur eines Atoms des Hochmutes loszuwerden.
HIM|3|490406|85|0|Es lässt sich aber der Hochmut der Menschen nirgends in einem so hohen Grad merken als gerade dort, wo es sich um die Vergebung des vermeintlichen Standesansehens handelt.
HIM|3|490406|86|0|Ich könnte eine Million und abermals eine volle Million Menschen vorführen, die sogar recht sanft, liebreich, mildtätig und voll Gerechtigkeit sind. Ja, ihr Gerechtigkeitssinn geht oft so weit, dass sie es für ein großes Verbrechen hielten, jemanden auch nur um eine Sperrnadel Wertes zu hintergehen; aber nur bei der Ehre ihres Standes darf sie beileibe niemand angreifen – dann ist es aus!
HIM|3|490406|87|0|Vergeben sie aus einer Art Großmut dem Betaster ihrer Ehre auch sozusagen ganz und gar, so bleibt aber dennoch etwas zurück, das dem Betaster ihrer Ehre heimlich denn doch gemerkt wird. Und wäre er auch ehedem des Hauses bester Freund gewesen und hätte die an ihrer Ehre Gekränkten auch tausendmal um Vergebung gebeten, so wird er aber dennoch nimmermehr ganz imstande sein, jenen Fleck vollkommen auszulöschen, den er entweder durch eine Unbesonnenheit oder auch im Wege früherer zu intimer Vertrautheit dem Haus zugefügt hatte.
HIM|3|490406|88|0|Man will zwar darüber ganz hinausgehen und tun, als wäre da nie etwas vorgefallen, aber dessen ungeachtet wird man im Reden doch kürzer gefasst. Man macht sich nicht mehr so viel daraus, so der Freund auch längere Zeit nicht ins Haus kam. Man erkundigt sich seltener nach seinem Befinden und dergleichen mehr.
HIM|3|490406|89|0|Worin liegt aber da der Grund von solch einem Benehmen? Seht, daran sind bloß drei Atome Hochmutes schuld, und diese drei Atome genügen, dass Ich bei solchen Menschen, mögen sie sonst auch von einer sehr schätzbaren Art sein, so lange nicht werde einziehen können, als bis nicht das letzte Atomchen Hochmutes aus ihren Herzen weichen wird.
HIM|3|490406|90|0|Darin liegt besonders in dieser Zeit auch der Grund, dass da gar so wenige Mich zu Gesichte bekommen und von Mir Selbst gelehrt und zu Meinen Kindern gezogen werden können.
HIM|3|490406|91|0|So gibt es auch gute Häuser, was soviel ist als wohlhabende Familien. Diese Familien tun den Armen recht viel Gutes und haben ein recht teilnehmendes und mitleidiges Herz; aber wenn ein solcher Armer denn zufällig doch einmal seine Guttäter durch irgendetwas beleidigen möchte, ja da weiß Ich Selbst nicht, wie es ihm bei einer solchen Familie erginge. Da käme es wirklich nur auf das Temperament des beleidigten Wohltäters an, ob der Beleidiger entweder bloß mit einigen Verweisen und mit der Beschränkung der genossenen Wohltat oder sogar mit einigen Prügeln und mit dem gänzlichen Verlust der Wohltat davonkäme.
HIM|3|490406|92|0|Aber wie ganz anders stünde es mit diesen Wohltätern bei Mir, so sie dem gewöhnlich nicht boshaften, sondern nur zu wenig besonnenen Beleidiger aus dem Herzen heraus sagten: „Lieber Freund! Wir haben Sie sehr lieb und sind bereit, Ihnen alles zu tun, was nur in unserem Vermögen steht. Aber seien Sie auch gegen uns so gut und tun Sie in Zukunft nicht mehr, was uns nicht angenehm sein kann. Wir sind aber deshalb durchaus nicht etwa böse auf Sie. Im Gegenteil werden wir Ihnen die gleiche Freundschaft ungeschmälert angedeihen lassen, und Sie dürfen uns zu Ihren herzlichst allerbesten und unveränderlichsten Freunden rechnen. Aber tun Sie auch uns das, was vor Gott und allen guten Menschen recht und billig ist.“
HIM|3|490406|93|0|Seht, wenn der sonst gewöhnlich gutmütige Arme solch eine sanfte Zurechtweisung von seinen Wohltätern vernehmen wird, wie wird er ergriffen und gerührt werden, und schwerlich wird er je wieder einer solchen Familie etwas Unannehmliches verursachen. Und sollte er sich denn doch etwa noch einmal so weit vergessen, nun – so soll die Familie das gar nicht beachten und denken, wie gar leicht und oft die besten Menschen fehlen können vor Mir, und dennoch lasse Ich Meinen Feinden so wie Meinen Freunden alle Wohltaten des Lebens ungeschmälert zukommen. Warum sollen dann die Menschen alles auf die Haarwaage legen?
HIM|3|490406|94|0|Wahrlich, wer aus euch so denken und handeln möchte, bei dem würde Ich doch sicher täglich aus und ein gehen und würde ihm tun, wie er tut den armen Brüdern. Aber Menschen, die es die Armen fühlen lassen, so diese manchmal einen halben Tritt über die Schnur der Gebührlichkeit getan haben, sind noch sehr fern von der Gnade, dass Ich Mich als Gast bei ihnen einfinden möchte, und werden auch noch lange zu warten haben jenseits, bis Ich Mich bei ihnen einfinden werde!
HIM|3|490406|95|0|Also gibt es noch ferner wirklich recht gute Menschen, die das Glück haben, mit recht guten und schönen Kindern begabt zu sein. Auf diese Kinder, besonders so sie schon erwachsen sind, bilden sie sich aber dann schon einen solchen Fleck ein, dass es gerade aus ist. Solche Kinder finden dann nach der starken Einbildung ihrer Eltern schon kaum wo ihresgleichen. Sind die Eltern, was sehr oft der Fall ist, auch noch recht wohlhabend dazu, dann haben sie natürlich einen desto größeren Wert.
HIM|3|490406|96|0|Aber solche Überschätzung der Kinder ist nicht Meiner Ordnung gemäß und daher Mir nicht im Geringsten wohlgefällig; denn die rechte Liebe der Eltern zu ihren Kindern solle sein wie ein rechtes Licht und die Liebe zu den armen Kindern anderer, armer Eltern wie ein großer Feuerbrand, dann wird sie sich Meines allzeitigen und ewigen Wohlgefallens und Segens zu erfreuen haben. Aber solch eine Liebe, wie sie oben gezeigt wurde, ist Mir sehr zuwider, daher Ich sie auch nie segnen werde weder hier noch dort.
HIM|3|490406|97|0|Wer von euch Menschen aber ein Amt hat, der bilde sich darauf ja nichts ein als Mensch, sondern er versehe das Amt nach der Instruktion demütig, getreu und gewissenhaft und gehorche seiner Amtsvorstehung ohne Murren. Sollte die Amtsvorstehung aber hie und da Unbilliges verlangen, was gar wider Meine Gesetze der Ordnung wäre, so kann der Beamte ihr in aller Achtung und Liebe gegründete Vorstellungen machen. Gibt sie diesen Gehör, so ist es wohl; gibt sie ihnen aber aus Hochmut kein Gehör, so handle der Beamte zwar nach dem Verlangen der Amtsvorstehung – er wird vor Mir ohne Schuld dastehen; aber Ich und die Amtsvorstehung werden sogleich miteinander Rechnung halten. Aber das Amt solle kein Beamter verlassen, bis Ich es ihm nicht abnehme.
HIM|3|490406|98|0|Also solle sich auch keiner außer in den ersichtlich dringendsten Fällen pensionieren lassen; denn ein zu frühzeitiger Pensionist ist gewöhnlich entweder ein Verächter seines Dienstes, weil er keine höhere Stufe erreichen kann, oder er ist ein fauler Knecht in Meinem Weinberg, scheut die Arbeit, und das rechtliche Wohl seiner Brüder liegt ihm nicht am Herzen. Solche Diener werden in Meinem neuen Reich einen schlechten Lohn erhalten.
HIM|3|490406|99|0|Lacht auch nicht zu gewaltig über so manche Dummheit der Schwachen; denn auch in einem solchen Lachen liegt der eigene Hochmut versteckt und erbittert das Herz des Ausgelachten oft mehr als eine ganz ernste Rüge. Also seid auch keine Freunde von den sogenannten Bonmots und anderen beißenden Reden und Bemerkungen, wodurch bestimmte Menschen heruntergemacht werden. Denn darin liegt auch wieder Hochmut als ein Grundübel aller Übel.
HIM|3|490406|100|0|Wollt ihr aber schon Dummheiten und Schwächen der Menschen lächerlich machen, so redet im Allgemeinen, zu einzelnen aber nie anders als unter vier Augen. Und nützt das nicht, dann nehmt erst einen oder zwei, höchstens drei Zeugen hinzu; und sollte das auch noch nichts nützen, dann kann solches erst einer Gemeinde kundgetan werden. Aber bei keiner Rüge solle je die Person eines Menschen, sondern lediglich nur seine Dummheit, Schwäche oder Sünde zwar wahr, aber sonst so schonend und gelinde als möglich gerügt werden.
HIM|3|490406|101|0|Die vollste Liebe und stete Achtung des Menschen muss überall wie eine Sonne hervorleuchten.
HIM|3|490406|102|0|Saget auch nicht: Dies Haus, dieser Grund und dieses Vermögen gehören mir. In meinem Haus bin ich der Herr, und auf meinem Grund habe ich zu schaffen. – Seht, in solchen Äußerungen steckt eine große Portion Hochmut! Wahrlich, die also denken, reden und handeln, bei denen werde Ich nimmer Einzug halten, weil sie nicht Mich als den Herrn, dem allein alles wahrhaftigst und vollkommenst zu eigen ist, sondern nur sich als den Herrn ihrer ihnen von Mir nur auf eine sehr kurze Zeit geliehenen Sache ansehen. O darin liegt ein großer Hochmut, der der alleinige Erzeuger aller Kriege im Kleinen wie im Großen ist.
HIM|3|490406|103|0|In Meinem künftigen Reich wird das alles ganz anders gestaltet werden müssen: denn da wird es keinen Haus- noch Grundherrn mehr geben; denn da werde Ich sein Alles in Allem. Und am besten wird der daran sein, bei dem Ich Wohnung nehmen werde!
HIM|3|490406|104|0|Aber das sage Ich euch nun auch, dass vor Meiner Ankunft auf dieser Erde noch sehr viel Unkraut und dürres Gras und allerlei untaugliches und unfruchtbares Gestrüpp wird mit der größten Gerichtsschärfe vertilgt werden; denn wo zwei sind, wird schier einer angenommen und der andere ausgeschieden werden – also eine gewaltige Sichtung bis über die Hälfte!
HIM|3|490406|105|0|Noch einmal aber warne Ich euch gar ernstlich, dass ihr Mir in dieser Zeit ja nicht weder links noch rechts Parteigänger macht! Denn wer zum Kampf gerufen wird, der kämpfe dort, wo er gerufen ist, nicht auf eigene Faust etwa gar verräterisch, sondern auf die Faust dessen getreu, der ihn in den Kampf gerufen, – aber wer da siegen solle, und wer da siegen wird, das steht allein in Meiner Hand!
HIM|3|490406|106|0|Niemand aus euch sage: Dieser kämpft mit Recht und jener mit Unrecht, also verräterisch an jenem, der nach eurem Urteil das Recht haben soll, sondern eure Sache sei, zu beten für Freund und Feind; was darüber ist, ist Sünde! Denn durch solche Parteigängerei zieht ihr den Hochmut derjenigen Partei, die nach eurem Wunsch siegen solle, in euch und wünscht dann aus diesem Hochmut dem Widerpart den vollen Untergang. Fragt aber dabei euer Herz, ob die, welche untergehen sollen, nicht ebenso gut eure Brüder sind wie jene, denen ihr den Sieg wünscht?
HIM|3|490406|107|0|Wie verträgt sich aber solch ein Wunsch, der voll geheimer Rachgier und Schadenfreude ist, mit Meinem Wort, da Ich Selbst alle Menschen doch ausdrücklichst lehrte, für die zu beten, die euch hassen, die zu segnen, die euch fluchen, und denen Gutes zu tun, die euch Übles wollen?
HIM|3|490406|108|0|Daher noch einmal gesagt: Lasst sie kämpfen, die da kämpfen! Betet für alle und habt nie Freude weder an der einen noch an der anderen Niederlage, so werdet ihr Meinen Engeln im Himmel gleichen, die ihr Antlitz verhüllen, so ihre Brüder auf der Erde sich erwürgen; denn die Gefallenen sind ja doch ebenso gut eure Brüder wie die Sieger, welcher Partei sie auch immer angehören mögen.
HIM|3|490406|109|0|Das merkt euch aber: Dies Morgenrot vor Meiner Ankunft wird noch viel röter werden, als es jetzt ist; und es wird sich erst am Ende alles Würgens zeigen, dass weder die eine noch die andere Partei der nun Kämpfenden einen eigentlichen Sieg erkämpfen wird, – denn der rechte Sieger wird erst kommen!
HIM|3|490406|110|0|Denn wo nun der Hochmut kämpft, da wird dann die Demut zu kämpfen anfangen, und ihrem Schwert wird kein Wüterich entrinnen und kein Richter, der sein Ansehen mit dem Blut harmloser Gefangener auf den größten Glanz herzustellen bemüht war. Wer auf dem Feld kämpft mit Gegenkämpfern, dem solle das Blut der Gefallenen nicht angerechnet werden; aber verflucht sei der, welcher waffenlose Gefangene tötet, und dreimal verflucht die Kindermörder! Ihr Los soll ein erschreckliches sein!
HIM|3|490406|111|0|Ich als euer guter Vater, der Ich schon so vieles gegeben habe, gebe euch nun auch dieses für euer künftiges Wohl und Heil allerwichtigste Wort. Haltet es getreu und genau, so werdet ihr alles Wohl zeitlich und ewig finden. Werdet ihr es aber, wie schon so manches andere von Mir euch Gegebene, nur so für etwas Gewöhnliches annehmen, daran ihr euch mit der Zeit schon gewisserart gewöhnt habt, und dabei aber dennoch tun nach eurer alten Gewohnheit und Sitte, so werdet ihr es euch dann nur selbst zuzuschreiben haben, so ihr an Meiner Wiederkunft entweder nur einen sehr geringen oder aber wohl auch gar keinen Teil haben werdet.
HIM|3|490406|112|0|Denn was hier geschrieben steht durch Meinen Knecht, das wird unwiderruflich in Erfüllung gehen.
HIM|3|490406|113|0|Wohl euch und jedem, der diese und auch andere ähnliche Mahnungen nicht in den Wind schlagen wird, – wahrlich, in dessen Hause werde Ich Einzug halten hie und da! Wer aber dieser Mahnung und Belehrung – und dieser ähnlich in vielen anderen Orten – wenig Gehör und Willen schenken wird, in dessen Hause wird es nur zu bald sehr öde, traurig und verlassen aussehen, – denn so Ich komme, da werde Ich nur zu den wahrhaft Meinen kommen und werde sie segnen leibhaftig über und über für ewig!
HIM|3|490406|114|0|Wehe aber dem, dessen Hauses Flur Meine Füße nicht betreten werden; sein Anteil wird bloß das traurige und verhängnisvolle Morgenrot sein und bleiben, aber die heiligen Strahlen des kommenden großen Tages werden nicht über ihn kommen. Amen. Das sage Ich, der da kommen wird. Amen, Amen, Amen!
HIM|3|490829|1|1|Der Toten Rache – 29. August 1849
HIM|3|490829|0|0|O Herr! Nun wären nach vielem Blutvergießen unsere Kriegssachen zu Ende, und mit Recht erhoffen wir nun wieder den goldenen Frieden und dessen geistige wie auch – insoweit es das Heil unserer Seelen zulässt – physische Vorteile. Werden unsere Hoffnungen in der Tat gerechtfertigt werden? Oder sollte etwa alles das nur ein jammervolles Vorspiel zu einem größeren Weltschreckensdrama sein? Oder wird der Friede etwa dem im Kerker oder wohl gar dem im Grabe gleichen? Kurz, o Herr! Was steht uns bevor? Was haben wir zu erwarten? Gott, Herr und Vater! Dein Name werde geheiligt, und Dein allein heiliger Wille geschehe!
HIM|3|490829|1|0|Schreibe! Wer auf Mich baut und vertraut, dem solle kein Haar gekrümmt werden weder geistig noch leiblich. Alle aber, sie mögen sein, wer sie wollen: hoch oder nieder, König oder Bettler, die auf ihre eigene Macht bauen und auf die Selbsthilfe vertrauen, werden untergehen, und es wird heißen: Heute mir, morgen dir! – Die in den Gräbern liegen, werden aus denselben erstehen und werden heimsuchen alle, die sie ins Grab gestürzt haben! Wer Augen hat, der sehe, und wer Ohren hat, der höre! Das wird sein eine rechte Erstehung der Toten aus den Gräbern ihres leiblichen und geistigen Todes.
HIM|3|490829|2|0|Wehe aber dann allen, die an ihrem Tode Schuld getragen! Sie werden nicht so sehr mit Feuer und Schwert, aber dafür mit desto mehr freigelassenen Teufeln zu tun haben, und wir werden dann sehen, wie sie mit diesen ohne Meine Hilfe fertig werden. Am Morgen werden sie aufstehen und werden tun nach ihrem Belieben – aber der Abend wird sie nicht wieder sehen.
HIM|3|490829|3|0|Wer sind denn die Feinde? Siehe, sie sind Menschen! Und wer sind denn die Freunde? Siehe, sie sind auch Menschen. Die Menschen aber sollen sein wie Brüder und Schwestern. Aber sie wüten wie Panther, Hyänen, Tiger und Löwen, und der Stärkere rühmt sich der Niederlage seiner Brüder, die er erwürgt hat. Und aus den Gräbern dampft Fluch und Pest den Siegern zu Meinen Himmeln empor und schreit: Rache, Rache, Rache und Vergeltung allen, die mit dem Blut ihrer Brüder gefrevelt haben!
HIM|3|490829|4|0|Und Ich sage dazu Amen; denn wer nicht mit Mir sammelt, kämpft und siegt, der zerstreut und mordet und siegt zu seinem eigenen Verderben, gleichwie es tut die Hölle von Urbeginn her. Ich aber sage weder Ja noch Nein; denn wie sie sich betten, so werden sie auch schlafen.
HIM|3|490829|5|0|Ich gab den Menschen ein Gesetz, und das heißt Liebe! Sie aber lachen darüber und morden und schlachten ihre Brüder der Welt willen. Daher wird sie auch die Welt richten und die Erde sie verschlingen in der Bälde! Denn Ich bin mit denen nicht, die mit Mir nicht sind.
HIM|3|490829|6|0|Wer wird sie erhalten, so Ich sie loslassen werde? Ich und Mein Wort aber sind Eins, und des Wortes Laut bin Ich, und das Gesetz bin Ich. Wer nicht nach Meinem Wort handelt, der handelt wider Mich und wider Mein Gesetz, das da ebenfalls Ich bin! Kann Ich wohl mit dem sein, der wider Mich ist im Bekenntnis, im Wort und in der Tat?
HIM|3|490829|7|0|Wenn Ich den Krieg gleichwie die Liebe, Demut und wahre einfältige Sanftmut geboten hätte, da würde Ich sein Werk auch segnen; aber da der Krieg von Mir aus nie geboten ward, außer gegen die Hölle, so diese Mein Heiligtum bedräut, so wird er von Mir aus sich auch ewig keines Segens zu erfreuen die Ursache haben!
HIM|3|490829|8|0|Daher freue sich auch niemand des Sieges, denn dessentwegen solle keine Kreatur gesegnet werden; denn was das Schwert gewann, das und noch viel mehr wird das Schwert auch wieder verzehren.
HIM|3|490829|9|0|Glaube ja niemand, dass die im Grabe verwesen, tot sind – o nein! Sie leben tausendfach mächtiger, als da sie das Grab noch nicht verschlungen hatte! Wohl mögen Schwert und Feuer der Erde furchtsames Gewürm darniederhalten; aber die in den Gräbern leben ein Leben des Hasses, des Zornes und der ewigen Rache, die hält und fesselt keine irdische Macht mehr! Ich allein nur kann sie halten und zähmen. So Ich sie aber freilasse, sage, vor welcher Waffe werden sie noch beben und von welchem Feuer sich darniederhalten lassen? Die Herren der Erde geben ihren Waffen die Ehre für die erfochtenen Siege, und der Soldat ist nun die Stütze und die Zierde der Throne. Meiner aber gedenkt man wenig oder gar nicht! Gut, wir werden es sehen, wenn die Toten kämpfen werden, welche Stütze die Soldaten den Thronen ohne Mich gewähren werden.
HIM|3|490829|10|0|Ich habe alle Menschen samt ihren Herrschern nun hart heimgesucht, und ein jeder hätte darin die handgreifliche Mahnung finden sollen zur wahren Buße und Besserung. Aber dem ist leider nicht also, sondern man tut noch, wie man getan hatte. Der Große und der Reiche sieht den Armen nicht und lässt ihn darben. Und mit Meinem verdrehten Wort will man die Völker wieder in den Kerker der Nacht und des Todes werfen!
HIM|3|490829|11|0|Aber diesmal sage Ich: Nur eine sehr kurze Frist sei euch noch gegönnt! Wohl euch, Menschen der Erde, so ihr diese zur rechten lebendigen Erhebung der Herzen der Völker benützen werdet, da solle über die grausamsten Werke des Krieges eine versöhnende Decke gezogen werden. Aber so die Großen die Kleinen am Geiste werden zu erdrücken beginnen, um dadurch ihrer desto leichter Meister zu sein, dann gebt aber wohl Acht, welches Feuer der Rache aus allen Gräbern über die ganze Erde sich wird auszubreiten beginnen! Und es solle dies ebendasselbe Feuer sein, von dem es geschrieben steht, dass durch dasselbe die Erde ein letztes Gericht wird zu bestehen haben.
HIM|3|490829|12|0|Betet aber, ihr alle Meine Kinder, auf dass ihr nicht in Versuchung fallet und euch das Heer aus den Gräbern keinen Schaden zufügen möge, so es zu erstehen genötigt sein sollte; denn die mit Mir wandeln, die werden auch bei Mir den gerechten Schutz finden. Amen. Das spricht der Herr, der Wahrhaftige, Amen, Amen, Amen!
HIM|3|491001|1|1|Ankündigung der Lichterscheinungen am 9., 13. und 27. November 1849 – 1. Oktober 1849
HIM|3|491001|1|0|Merkt den 9., 13. und 27. November dieses Jahres. In der Nacht dieser Tage werden seltene Erscheinungen vorkommen, wie auch in der Zwischenzeit. Wer sie beobachten wird, soll eine Stärkung überkommen. Amen.
HIM|3|491001|0|0|NB. Laut Abendblatt der Grazer Zeitung vom 22. November 1849 zeigte sich in Wels am 15. November 1849 um 7 Uhr abends ein leuchtender Meteor, der trotz eines dichten Nebels eine große Helle wie ein starker Brand über die dortige Gegend verbreitete. Am 27. November 1849 hatte es abends 6 Grad Kälte, und der Mond hatte einen großen Hof in Lämmerwolken. In der Sonne zeigten sich im November 1849 bei 20 große Sonnenflecken in der Nähe des Zentrums.
HIM|3|491013|1|1|Wehe den rachsüchtigen Siegern – 13. Oktober 1849
HIM|3|491013|1|0|Mein lieber Freund und Bruder Ans. H. W.! Nicht unbekannt ist es Mir, deinem dich sehr liebenden Bruder, Vater und Herrn, dass am heutigen Tag du deines Leibes Geburtstag feierst, und Ich habe daran Selbst eine rechte Freude darum, weil du selbst in Mir eine Freude hast. Ich segne dich und dein Haus und werde den heutigen Tag vorzüglich in deiner Gesellschaft und in deinem Haus zubringen. So Mich deines Fleisches Augen auch nicht sehen werden, da wird Mich aber doch dein Herz sehr wohl wahrnehmen, wie es Mich schon am Morgen dieses Tages wahrgenommen hat, denn Ich Selbst war es, der dich heute vom Schlaf weckte.
HIM|3|491013|2|0|Heute ist dein Haus von guten Wächtern umgeben und ihm widerfährt ein großes Heil. Darum sei du froh und heiter, denn wo Ich bin, da dürfen keine Tränen fließen außer Freudentränen, und diese sind ein Segen des Herzens und sind der Seele ein belebender Tau aus Meinen Himmeln.
HIM|3|491013|3|0|Was aber zieht Mich denn heute so sehr an dich? Siehe, es ist dein wahres Mitgefühl mit dem Elend der Elenden, das da in dieser Zeit groß ist. Aber glaube es Mir: Die da nun gerichtet werden und erschossen und gehängt, sind bei weitem so elend nicht wie jene, die sie richten, hängen und erschießen lassen. Aber ärgere dich auch über diese Elenden nicht, denn siehe, Ich stehe ihnen schon am Genick. Ihr hochmütigster Rachedurst wird sie brennen wie ein unauslöschliches Feuer, und dies Gericht wird niemand von ihnen nehmen.
HIM|3|491013|4|0|Verflucht sei, wer da tötet seine Brüder, und verflucht der Richter, der seinen Bruder zum Tode verurteilt, und verflucht sei auch der, der ein Gesetz eigenmächtig gab und gibt, nach dem Menschen von Menschen ein Todesurteil überkommen dürfen! Vor dem Schwert der Herren der Welt sind solche Gesetzgeber und Richter wohl geschützt; aber vor Meinem Gesetz, das ewig bleibt, und vor Meinem Schwert wird sie wohl niemand schützen können!
HIM|3|491013|5|0|Mein Gesetz heißt: Liebe auch gegen die Feinde! – Ich untersagte jedes Gericht und verfluchte, die da fluchen, und verdammte, die da verdammen, und machte keine Ausnahme außer bei denen, die da ob ihrer zu niedrigen Bildungsstufe nicht wussten, was sie taten.
HIM|3|491013|6|0|Diese Gesetze sind heute noch dieselben für Kaiser und Könige, wie für jeden anderen Menschen. Wer sich gegen dieselben versündigt, ist verdammt, weil er selbst aus eigener Macht verdammt hat. Und dieser Mein Urteilsspruch wird ewig währen und nimmer abgeändert werden, – und so kannst du auch mit aller Ruhe deines Herzens stets auf Mich schauen und dir dabei denken: was dein Mir ergebenes Herz fühlt bei all diesen Gräueln, das fühlt auch das Meine. Und darum wird auch ehestens ein schwerstes Gericht über diese Herrscher und alle ihre herzlosesten Richter und Willensvollstrecker aus allen Sternen darniederstürzen!
HIM|3|491013|7|0|Wie sie nun, um ihre Weltherrlichkeit zu schützen und zu erhalten, allenthalben den ärgsten, allerunmenschlichsten und von Mir in die unterste Hölle verfluchten Belagerungszustand proklamieren und denselben nicht eher aufheben wollen, als bis sie ihre beleidigte Größe mit Tausenden blutiger Opfer werden gesühnt haben, – ebenso erkläre Ich heute an diesem deinem Geburtstag über sie einen ewigen Belagerungszustand, dem schwerlich je eine Amnestie folgen wird!
HIM|3|491013|8|0|Himmel und alle Welten können vergehen, aber Meine Worte und die Menschen ewig nimmer!
HIM|3|491013|9|0|Sie werden es nicht lange machen, weil sie als Sieger kein Ziel und kein Maß ihrem Rachedurst setzen können und sich gar so entsetzlich übernehmen in ihrem Übermut. So solle es über sie aber auch ehestens kommen, dass man hernach fragen wird: Wo sind sie? – und sie werden nicht mehr sein.
HIM|3|491013|10|0|Siehe an die Türken, diese alten Fanatiker! Sie sind aber Menschen – und Mir darum einer lieber denn zehntausend solcher Christen. Sieh an die kalten Russen, sie fühlen Erbarmen über den Besiegten! Sieh an die Chinesen und Japaner, sie sind duldsam, streng und nach ihrer Art gerecht, und Rache ist ihnen fremd. Die Großmut ist eine Hauptzierde ihres Charakters, daher sie Mir als Halbheiden lieber sind um tausend Male, denn solche Christen!
HIM|3|491013|11|0|Wahrlich sage Ich dir: Wer einen solchen einen ‚christlich Gesinnten‘ nennt, begeht nun eine grobe Sünde wider den Heiligen Geist! Denn wie soll der eine christliche Gesinnung haben oder etwa gar selbst ein Christ sein, der seine Brüder, die sich gegen ihn versündigt haben, verdammt und tötet ohne alle Erbarmung?! Ob er ein Kaiser, König oder Bettler ist, das ist vor Mir gleich, denn Ich habe für alle ohne Unterschied des irdischen Standes nur ein Gesetz ohne die allergeringste Ausnahme gegeben; wer sich gegen dasselbe versündigt, der ist schon gerichtet durch Mein ewiges Wort in ihm.
HIM|3|491013|12|0|Lasse sie daher nur toben und wüten; Ich sage es dir: Wahrlich, wahrlich, sie werden bald ausgewütet und ausgetobt haben, und jenseits erwartet sie ein Los, das Ich dir durch Meinen schwachen und irdisch armen Knecht in keiner Geisterszene beschreiben möchte! Aber denke ja nicht, dass Ich ihnen ein solches Los bereithalte – o das tue Ich nimmer! Aber sie selbst bauen und bereiten es sich durch ihre Taten. Mein Gesetz der Liebe verhöhnen sie; was bleibt ihnen dann übrig, als das Gericht und die Verdammung? Was sie wollen und tun, das solle ihnen auch zuteilwerden.
HIM|3|491013|13|0|Dies treue und offene Bekenntnis aus Meinem höchst eigenen Munde nimm du, Mein lieber Freund und Bruder, als ein gutes Angebinde hin – und nimm es dir zu Herzen, so wird es dir leichter werden in deiner Seele; denn Ich schlafe nicht und sehe alle die Gräuel! Die Guten sollen gesegnet sein, Amen; und Mein Segen dir, Amen, Amen, Amen.
HIM|3|491105|1|1|Thema: 1850 – 5. November 1849
HIM|3|491105|0|0|(Die Endreime sind gegeben)
HIM|3|491105|1|0|Was ist es wohl, das sonderbar mein Auge sah / an einem düstern, grauumwölkten nahen Ort? / War etwa schon des Zeitenstromes Ende da? / O nein, das kann nicht sein, ich sah ja Menschen dort!
HIM|3|491105|2|0|Die einen kamen heiter, fröhlich mir ganz nah; / die andern standen düster, ein’ge eilten fort. / Des Zeitenstromes Feuerende ist nicht da, / ich sehe ja ein reges Treiben hier wie dort.
HIM|3|491105|3|0|Doch horch! Ich hör’ wie ferner Klänge Hall! Ah, ah! / Es kommt der Hall herüber ja vom düstern Nord, / und doch so hehr! Nein, nein, das Ende ist nicht da; / im Reich der Toten – keine Harmonien dort!
HIM|3|491105|4|0|Es ist ja nur des Zeitenstromes Panama, / das beiderseits der Enge bietet sichern Hort. / Der Brandung Feuer, das sich zeiget hie und da, / bewirkt der Zeiten Ende weder hier noch dort.
HIM|3|491105|5|0|Die noch so rasche Flut, des Feuerlands Lava / vernichtet nicht der weiten Ufer sichern Port; / und so verbleibet gleich der Zeiten Waltung da, / wie in den fernsten Gottesschöpfungsräumen dort!
HIM|3|491111|1|1|Lichterscheinungen – 11. November 1849
HIM|3|491111|0|0|Jakob Lorber sah am 9. November 1849 in der Nacht vom Schloßberg aus mehrere sehr flüchtige Lichterscheinungen am Himmel zwischen 8 und 10 Uhr. Auf seine Anfrage über die Bedeutung dieser Erscheinungen erhielt er nachstehende innere Antwort:
HIM|3|491111|1|0|Diese wie die noch kommenden Erscheinungen haben eine sehr großwichtige Bedeutung für die Menschheit der Erde und sind also in geistiger Hinsicht viel denkwürdiger als in natürlicher. Aber Ich werde dir die Erklärung erst dann geben, wenn du sie alle – also auch die am 13. und 27. bis 28. dieses Monats wirst beobachtet haben. Vorderhand aber begnüge dich bloß damit, dass sie ebenso großwichtige und außerordentliche Dinge anzeigen, als wie großwichtig und außerordentlich ihr Einfluss auf die Natur der Erde selbst ist, den aber die Gelehrten dieser Erde noch lange nicht zu bemessen verstehen werden.
HIM|3|491111|2|0|Naturmäßigerweise aber kommen, wie es dir schon bekannt ist, alle diese in der obersten Atmosphäre der Erde vorkommenden Lichterscheinungen aus der Sonne, darunter einige sich mit der größten Schnelligkeit fortbewegen. Ihre Reise von der Sonne bis zur Erdatmosphäre dauert oft kaum etliche 20 bis 30 Minuten. Ihre verschiedene Richtung hat einen geistigen Grund und sehr wenig Naturgemäßes.
HIM|3|491111|3|0|Das die Einleitung, das Ausführliche kommt später.
HIM|3|500308|1|1|Geistesdruck und seine Folgen – 8. März 1850 (in Jahring)
HIM|3|500308|1|0|Die Menschen haben sich seit langer Zeit eine schlechte Ordnung zusammengestellt, die das Gepräge des ägyptischen Kastenwesens nur zu deutlich an sich trug. Die Menschheit aber fühlte und ward inne, dass ihr Wert nicht in den Kastenstufen, die von den Regenten geschaffen wurden, sondern nur in der Ausbildung ihrer inneren geistigen Kräfte liege. Und es fing die Menschheit darob über die Großen und Regenten zu murren an; aber die Großen und die Regenten wollten dies gerechte Murren nicht verstehen und stopften gewaltsam jedem den Mund, der es mit seinem Murren zu offen und zu laut trieb. Dies eigenmächtige Geschäft der Großen und der Regenten nannte die Menschheit Geistesdruck und ward sehr erbost über solche Eigenmächtigkeiten der Großen und der Regenten.
HIM|3|500308|2|0|Da die Menschheit mit ihrem Murren nicht weiterkam und sah, dass die Großen und Regenten gar nicht darauf achteten, so fing die Menschheit laut zu klagen an und verwünschte tausendfältig die rücksichtslosen Eigenmächtigkeiten der Großen und Regenten. Aber diese hatten ihre Ohren mit ihren vielen Soldaten verstopft und achteten nicht darauf. Da ward grimmig die Menschheit, trat keck, den Tod verachtend, vor die Großen und Regenten hin und forderte mit gewaltiger Stimme ihr urangestammtes Recht. Da erbebten die Großen und diese Regenten am meisten, die es sich zu einem Grundsatz gemacht hatten, die Menschheit bis aufs Blut zu drücken und zu verdummen durch jedes Mittel, dem sie nur irgendeinen scheinbaren allgemeinen Zweck unterschieben konnten.
HIM|3|500308|3|0|Einige Große und Regenten speisten ihre Völker mit eitlen Versprechungen ab, und diese gaben sich halbwegs zufrieden. Wieder andere wollten auch nichts versprechen, und die Folge davon war, dass sie vom Volk von ihren goldenen Herrscherstühlen vertrieben wurden und bis zur Stunde noch auf fremdem Boden herumirren müssen. Aber nun kommt es auf jene Großen und Regenten, die ihren Völkern allerlei beschwichtigende Versprechungen gemacht haben, von denen aber bis zur Stunde noch keine in der Art als erfüllt folgte, wie sie in der bedrängten Stunde gegeben wurde.
HIM|3|500308|4|0|Nun fängt allenthalben das Volk wieder an zu fragen und sagt: Was ist das wohl? Weiß hat man uns versprochen, und nun sehen wir, dass anstatt Weiß nur überall Schwarz gegeben wird. Man enthob uns zwar des lästigen Kastenwesens, aber dafür will man uns nun allgemein mit Sklavenketten belegen. Man gibt uns Religionsfreiheit ohne Religion. Also gibt man uns auch eine Menge hochgestellter und gut besoldeter Beamter; aber ein weises Gesetz bleibt unterwegs, und das, was noch kommt, ist so gestellt wie ein delphischer Orakelspruch, den man so und so brauchen kann.
HIM|3|500308|5|0|Die Regierung besteht nun aus einem Kaiser, der den Stein der Weisen noch nicht gefunden hat, oder aus einem König, Herzog oder Fürsten. Diese gekrönten Häupter erwählen dann ein Ministerium selten wie es sein soll, sondern lediglich nach ihrer Gunst nach dem alten Sprichwort „Des Regenten Gunst macht den Philister zu einem Minister“. Und dann wird oft ein Schmiedemeister Minister der Schneiderzunft, obschon ihm dies Handwerk ganz fremd ist, und ein Lederer wird Minister über die Bäcker, ein Schuster Minister über die Juweliere, ein Politiker wird Minister der Justiz und ein Advokat wird Minister im Fach der Politik, und so beinahe durch die Bank ein jeder in etwas anderem, als dem er gewachsen ist. Daraus folgt aber dann auch eine notwendig allgemeine Unzufriedenheit, weil in einer solchen Verfassung die gröbsten Ungereimtheiten ans Tageslicht gefördert werden müssen, deren Durchführung beinahe ebenso wenig möglich ist, als so da Blinde den Sehenden Unterricht in der Farbenmischung und deren Effekte geben wollten.
HIM|3|500308|6|0|Solange solche Meister nicht stützig werden und den Sehenden auch etwas gelten lassen, so frettet (windet) sich die Sache noch so durch, als wie da jemand in einem Bett schläft, das voll Flöhe und Wanzen ist. Werden aber die Meister dann stützig und behaupten auf Leben und Tod, dass von nun an das Weiß schwarz ist und das Schwarz weiß und dass der Arme nicht arm und der Reiche nicht reich sei und dergleichen allerevidenteste widersinnigste Dinge mehr, – dann wird bei solch einer Regierung von A bis Z alles unzufrieden und am Ende verwegen, wild und toll.
HIM|3|500308|7|0|Was aber daraus in jüngster Zeit, so solchem Übelstand nicht ehestens abgeholfen wird, schon für Folgen entstehen müssen, kann ein jeder sehr leicht an den Fingern nachzählen. Aufstände, allerlei Renitenzen bei Groß und Klein, Raub, Mord und Totschlag werden von Tag zu Tag allgemeiner; die Gewissenlosigkeit muss überhandnehmen; das Eigentum der Wohlhabenden wird stets mehr und mehr gefährdet.
HIM|3|500308|8|0|Die äußeren Mächte werden Kenntnis erhalten von solch üblen Zuständen eines so unklug bestellten Staates und werden dessen Schwäche nur zu gut zu ihren Gunsten zu benutzen verstehen. Und ehe man sich’s noch recht versehen wird, da wird auch schon alles drunter und drüber gehen, und niemand wird da dem anderen raten können und sagen, tue dies oder jenes, und es wird dir besser bekommen.
HIM|3|500308|9|0|Darum ihr wenigen, die ihr noch an Mir hanget, klammert euch künftig kräftiger an Mich durch die Liebe zum Nächsten, durch Worte und Taten nach Meinem Wort, so sollt ihr zeitlich und ewig vor jedem Schaden verwahrt werden. Und wo tausendmal Tausende verlieren werden, sollt ihr gewinnen, und wo der schwarze Tod seine Ernte halten wird, sollt ihr verschont werden, und wo das Schwert rasen wird und die Kugeln sausen, werdet ihr mit heiler Haut durchkommen.
HIM|3|500308|10|0|Aber das müsst ihr alle getreu beachten und euch Meines Wohlgefallens würdig bezeigen, – dann solle euch auch Mein Schutz in der Fülle zuteilwerden. Amen. In Meinem Namen, Amen, Amen, Amen.
HIM|3|500525|1|1|Geistige Gewitterschwüle – 25. Mai 1850
HIM|3|500525|1|0|Schreibe nur, Ich kenne dein Anliegen. Vor großen Gewittern wird die Luft gewöhnlich am ruhigsten, aber zugleich auch drückend schwül. Hie und da nur bemerkt der forschende Wanderer über der mit lästigem Staub überfüllten Straße kleine Windspielereien in unscheinbarer Wirbelform. Kaum achtend dieser luftigen Spielereien geht er, obschon vom Schweiß triefend, beinahe ganz sorglos seinen staubigen Weg fort; denn von einem Gewitter kann ja doch noch lange keine Rede sein, da er keine schweren Wolken am Himmel entdeckt.
HIM|3|500525|2|0|Aber siehe da, ruhiger und schwüler wird es von Minute zu Minute. Ein dröhnender Knall dringt auf einmal an des Wanderers Ohr, und ehe er sich’s versieht, entwurzelt ein mächtigster Orkan hinter des Wanderers Rücken schon die schwersten Eichen und spielt mit ihnen in hoher Luft wie das Abendlüftchen mit leichten Blütenfäden in den abendlichen letzten Strahlen der untergehenden Sonne.
HIM|3|500525|3|0|Der Wanderer erschrickt unnennbar stark und fängt an zu beben vor Angst und großer Bangigkeit. Er will fliehen, ängstlich nach einem festen Ort mit seinen müden Augen spähend; aber zu spät!
HIM|3|500525|4|0|Er achtete eher der kleinen Windspielereien nicht; nun sind sie plötzlich zu einem mächtigsten Orkan angewachsen, der zu sehr große und verheerende Schritte macht. Dem zu entfliehen oder ihm gar Einhalt tun zu können, ist wohl keine Möglichkeit mehr, denn zu mächtig und zu pfeilschnell ist sein Zug.
HIM|3|500525|5|0|‚Der Wanderer‘ aber sind die eigentlichen Weltmenschen und hauptsächlich die Lenker des sogenannten Staatsruders; sie wandern auf ihren staubvollsten Systemen einher, nicht achtend jener Stimmen, die sich hie und da warnend vernehmen lassen. Aber über sehr kurz vereinen sich diese zu einem furchtbarsten Massengeschrei, und um die Wanderer ist es geschehen.
HIM|3|500525|6|0|Was nun auf der Erde am sogenannten politischen Horizont geschieht, gleicht den obbesagten wirbelnden Windspielereien. Diese sind an und für sich wohl freilich von keiner Bedeutung; aber nur aufgepasst! Sie werden bald einen ganz anderen Charakter annehmen; dann aber wehe allen Harten und allen gefühllosen Wanderern! O wie plötzlich doch werden sie dem Orkan zur Beute!
HIM|3|500525|7|0|Ich sage es dir: Bisher war noch keine Flucht dagewesen, aber nun wird sie kommen in der Bälde, von der in den Evangelien mehrmals die Rede ist. Verstehe aber das wohl! Ich lasse Meine Kinder wohl prüfen, aber verschmachten und verzweifeln lasse Ich sie nimmer. Amen. Das sagt der Herr. Amen, Amen, Amen!
HIM|3|501202|1|1|Kriegsgewölk – 2. Dezember 1850, nachmittags
HIM|3|501202|0|0|Wie, wann, was, warum, jetzt, morgen, übermorgen?
HIM|3|501202|1|0|Ich sehe, du möchtest es von Mir erfahren: Wie, wann, was, warum, jetzt, morgen, übermorgen? – Aber Ich bin gerade heute nicht aufgelegt, dir das alles so ganz auf ein Haar vorauszusagen, was da nun aus all diesen Vorbereitungen, die unverkennbar nach einem blutigsten Krieg riechen, am Ende herauskommen wird. Aber Ich will dir hauptsächlich deiner und Meiner Freunde wegen ganz kurze Andeutungen geben, aus denen ihr wohl, so ihr Ohren zum Hören und Augen zum Sehen habt, klug werden mögt.
HIM|3|501202|2|0|Frage die Millionen voll Unzufriedenheit in ihren Herzen! Sie beten nicht und segnen nicht; aber dafür fluchen sie desto mehr. Nur in der Schweiz beten sie, riechen den Braten und haben bereits im Geheimen dreihundertvierundvierzigtausend (344.000) Mann kriegsfertig auf den Beinen; aber die Kabinette haben davon kaum eine dumpfe Kenntnis. Sardinien und Frankreich aber beten weniger, fluchen aber eben auch nicht zu übermäßig. Sardinien aber hat bereits auch über zweihunderttausend Mann geheim schlagfertig in Bereitschaft, – und Frankreich eben auch ganz geheim sechsmalhunderttausend Mann als sich schlagfertig zu halten konsigniert. Wozu wohl etwa solch eine Rüstung dienlich sein soll?
HIM|3|501202|3|0|Wie Österreich und Russland und ganz Deutschland sich rüsten, ganz besonders Preußen, das wisst ihr bereits. Zu was? Österreich fürchtet nicht Preußen, und Preußen fürchtet nicht Österreich; beide aber samt Russland fürchten die massenhaft von Tag zu Tag sich mehrenden Demokraten, für deren Werkstätte die Schweiz und Frankreich und Sardinien angesehen werden.
HIM|3|501202|4|0|Wer Ohren hat, der höre, und mit offenen Augen schaue er! Das alles aber ist ein Werk des Drachen, der alles ausgerottet haben will, was nicht zu seiner Fahne schwören und halten will.
HIM|3|501202|5|0|Die düsteren Tage aber sagen euch auch, wie es nun steht. Man verflucht die Wahrheit der Himmel und flieht und verbietet das Licht; dafür aber geizt und sorgt man sich um die Schätze der Motten und des Rostes. Oh, oh, diese Frucht wird bald ihren Segen ernten zur misslichsten Reife!
HIM|3|501202|6|0|Ich wollte es nicht, habe aber dennoch müssen mit Meinen Füßen an die Erde stoßen, und das wird ihr zu einem Gericht werden, weil sie den Tritt Meiner Füße nicht beachtet hat.
HIM|3|501202|7|0|Wehe allen, die sich an die Welt halten; sie werden eine schlechte Ernte machen. Wohl aber denen, die ungeschwächt sich an Mich halten – wahrlich, ihre Ernte wird so gesegnet sein, wie seit dem Beginn der Welt noch nie eine gesegnet war! Denn nun solle der Unterschied zwischen Meinen Kindern und den schwarzen Kindern der Welt und der Hölle ein klarer werden.
HIM|3|501202|8|0|Ich sage es euch aber nicht, wie, wann, was, – sondern wer da Ohren hat, der höre, und mit offenen Augen schaue er, und er wird es finden. Über Rom aber solle es zu lesen sein mit klarer Schrift. Meine Knechte in England werden die Schreiber sein.
HIM|3|501202|9|0|Ich sage es euch: Dies finstere Gewölk wird nicht vergehen, bis ein gewaltiger Sturm von Oben kommen wird. Die aber, die da beherrschen der Erde Gewässer, haben bereits den Hebel in die große Schleuse gesteckt. So ihr einen fernen Donner in der Nacht vernehmen werdet, wird der Hebel seinen Dienst getan haben. Merkt, das hat euer Vater euch gesagt aus den Himmeln! Amen.
HIM|3|501206|1|1|Staatsbürgerlicher Opfersinn – 6. Dezember 1850, Nachmittag
HIM|3|501206|1|0|Murrt nicht über so manche bittere Erscheinungen und Erfahrungen, die ihr nun zwar nicht so sehr mit eurer Haut, als vielmehr nur mit eurem Geist mitgemacht habet. Ich sage euch, an allem dem schuldet die Härte der Menschen. Wären die Menschen weich, sanft und wohltätig, so gäbe es keine Teuerung, keinen Mangel und sicher keinen Unfrieden in der Welt. So wie aber ein Wucherer zehn Wucherer gebiert, zehn Hunderte, hundert Tausende und Tausende Zehntausende, also zieht auch ein Wohltätiger Wohltätige in stets verzehnfachtem Maßstab nach sich.
HIM|3|501206|2|0|Wozu esst ihr mit silbernen Löffeln? Der Staat benötigt nun dieses Metalls. Bringt dem Staat ein Opfer, und ihr werdet demselben und im selben am meisten euch selbst eine große Wohltat erweisen. Was jemand frei tut, das macht ihm Freude und Ehre. So er aber später zu etwas genötigt wird, so wird ihm das viel Kummer, Verdruss, Sorgen und Ärger machen, und es wird dabei viel geflucht werden. Dem Fluch aber folgt nie ein Segen, sondern allezeit nur ein noch ärgerer Fluch.
HIM|3|501206|3|0|Ihr sorgt euch wohl um eure Kinder und sagt: Wir können und dürfen unsere Kinder nicht verkürzen des Staates wegen, – aber wie wird es denn hernach sein, wenn der Staat notgedrungen euch und eure Kinder gar gewaltig zu verkürzen gedrängt sein wird? Macht also, dass da mehrere mit einem guten Beispiel lobenswert vorangehen, und es wird sich bald eine Menge Nachahmer finden in allen Landen, und ihr werdet die Ehre haben, Großes und Gutes zum Besten aller im Staat getan zu haben. So ihr wollt, so tut das; an Meinem Segen solle es nicht fehlen. Amen.
HIM|3|611231|1|1|Neujahrssegen – 31. Dezember 1861
HIM|3|611231|1|0|Also schreibe! Am Schluss des Jahres gebe Ich euch, die ihr an Mich noch haltet und glaubt, ein Fünklein dahin, was das kommende Jahr bringen wird.
HIM|3|611231|2|0|Das Beste ist, dass alle, die ihr an Meinem Namen haltet, Meine stete Liebe und Gnade zu gewärtigen haben sollt. Wer aber das hat, der sehe nicht auf die Welt, was diese tut und tun will; denn Ich allein bin wahrhaft der Herr, und alle Geschicke der Menschen, ob groß oder klein, reich oder arm, mächtig oder ohnmächtig, liegen in Meiner Hand und Macht.
HIM|3|611231|3|0|Die Wolke, aus der nun der alles durchleuchtende Blitz vom Aufgang bis zum Untergang allwaltend in einem fort von neuem ausfahrt, steht unverwandt am Firmament des Geistes, und der alte babylonische Aberglaube und dessen Lüge und Trug sinkt unaufhaltsam in den Abgrund. Muss Ich nicht durch die Not die Regenten dahin führen, dass auch sie erleuchtet werden und dann dem Reich der Finsternis, des Gerichtes und des Todes keinen Schutz mehr zu leisten vermögen? Darum lasst euch denn auch eine noch ganz kurze Zeit der Not gefallen! In wenigen Monden wird alles ein ganz anderes Gesicht haben, vor dem ihr nicht erschrecken werdet.
HIM|3|611231|4|0|Denkt nur, dass Ich alles also geschehen lasse wie den heutigen Tag, der euch auch nicht gefällt, aber dabei doch voll Segens für diese Erde ist. Kurz und gut, wer sich in Meinem Licht befindet, der hat auch nichts zu besorgen!
HIM|3|611231|5|0|Ich aber will und werde nun den Hochmut und die arge Hoffart auf eine Weise heimsuchen, an die noch niemand gedacht hat, – sie wird sich in ihrer Überbietung selbst zugrunde richten müssen gleichwie die alte Hure Babels; denn beide sind Kinder eines und desselben Geistes und müssen sich selbst zugrunde richten.
HIM|3|611231|6|0|Alle aber, die ihr da mühselig und mit allerlei unnötiger Furcht beladen seid, kommt im Herzen beladen mit der Liebe zu Mir, und Ich werde euch alle erquicken! Nehmt mit diesem Wort Meinen Segen für das kommende Jahr und für noch länger und für ewig hin. Amen. Das sage Ich euch.
PSG|1|1|1|1|Die Gedichte
PSG|1|1|1|1|Eine kleine Morgenandacht des Jakob Lorber
PSG|1|1|0|0|Am 15. September 1840
PSG|1|1|0|0|O Du heiliger Vater! Sieh mich armen Sünder gnädig an, wie ich in einer großen Armut des Herzens stecke; mein Glaube wanket, meine Hoffnung sinket und meine Liebe wird schwach, so Du Dich nur einen Augenblick lang von mir abwendest, o heiliger bester Vater! Wende daher ja nie mehr auch nur einen Augenblick Dein heiliges Auge weg von mir armen Sünder, und behalte mich stets in Deiner wahrhaft allein nur seligmachenden Gnade, Liebe und All-Erbarmung! Amen.
PSG|1|1|1|0|Lass an jedem Friedensmorgen / mich um nichts als Dich nur sorgen, / lass mir mein getreu Gewissen / nicht vom Satan je versüßen.
PSG|1|1|2|0|Lass mich allzeit treu verkünden / Deine Gnade, – Liebe finden / lass, o Vater, stets mich Armen; / habe nur mit uns Erbarmen!
PSG|1|1|3|0|Lasse allzeit Deinen Willen / uns, die Kinder, treu erfüllen, / dass verherrlicht möchte werden / stets Dein Name hier auf Erden;
PSG|1|1|4|0|Und dass jeder möcht erfahren / und die große Gnad’ gewahren, / so lass alle Gnade finden, / und mit Liebe an Dich binden.
PSG|1|1|5|0|Amen, sag ich – Vater, Amen! / Amen, Heil durch Deinen Namen!
PSG|1|2|1|1|Zu einem von Jakob Lorber verfassten Tonstücke, betitelt: Der neue Frühlings-Morgen
PSG|1|2|0|0|Am 6. Februar 1842
PSG|1|2|1|0|Wenn die Töne einfach klingen, / dann die Wahrheit sie besingen; / nicht in dem verworr’nen Bauen / ist das Göttliche zu schauen!
PSG|1|2|2|0|Nicht im kunstvoll’n Tongedränge / und harmonischem Gepränge; / nur im Kleinen liegt verborgen / aller Wahrheit ew’ger Morgen!
PSG|1|2|3|0|Also auch in diesen Tönen / wirst die Wahrheit du erkennen!
PSG|1|3|1|1|Morgenlied
PSG|1|3|0|0|Empfangen von oben durch Jakob Lorber, Graz, am 30. Mai 1842
PSG|1|3|1|0|Welchen Dank soll, lieber Vater, ich Dir bringen, / welches Loblied Dir, o heil’ger Abba, singen? / Gar so gut bist Du, voll Lieb’ und voll Erbarmen, / diesen Tag ließ’st Du erleben ja mich Armen, / dass in ihm ich neue Gnaden möcht empfangen, / neu von Dir nach meiner Liebe treu’m Verlangen! / O wie gut bist, Vater, Du, und wie voll Liebe, / ihr erwacht ich heut mit neuem Lebenstriebe; / darum möcht ich heut auch Dir ein Loblied singen, / das so neu wie dies mein Leben soll erklingen!
PSG|1|3|2|0|Doch wo soll ich denn beginnen, und wo enden! / Welchen Dank, o Vater, Dir, ich Schwacher senden? / Dein ist alles ja im Himmel und auf Erden, / Dein mein Odem selbst und meiner Lieb’ Gebärden, / Dein ist dieser Tag, und Dein das Licht der Sonne, / Dein ist auch mein Wort und meines Herzens Wonne, / Dein nicht minder auch so mancher Kummer, / Dein der Schlaf und Dein des Auges süßer Schlummer! / Wie kann’s da, wie soll’s mir Schwachem denn gelingen, / dass ich könnte Dir ein neues Opfer bringen?
PSG|1|3|3|0|Dort aus jenen unermess’nen Schöpfungstiefen / selbst, von Dir noch heil’ge Spenden strahlend triefen, / und wohin der Geist auch immer furchtsam schauet, / überall aus Dir, o Vater, Liebe tauet! / Ja, ich kann mir eines um das andre denken, / doch das Du nicht möchtst mit Deiner Liebe lenken, / wahrlich, solches ist wohl nimmerdar zu finden, / alles pflegst durch Deine Liebe Du zu binden! / O wie soll ich demnach, Vater, Dich denn preisen, / wie Dir meine Lieb’ und Dankbarkeit beweisen?
PSG|1|3|4|0|Soll ich Dich in meinem Herzen zitternd loben, / etwa wie die Sterne leuchtend hoch da droben, / oder wie Dich sel’ge Geister allzeit preisen / in des ew’gen Lebens überlichten Kreisen? / Wer, o wer kann solches mir wohl zeigen, / und wer sagen, wie vor Dir sich Engel beugen? / Und wer künden, wie ich solches mag gewahren, / wo die wahre Lebensweise treu erfahren? / Wie zu Dir auf dieses Lebens finstren Stufen / treu, gerecht und wahr in meinem Herzen rufen?
PSG|1|3|5|0|Ach was hör ich, was rauscht da für eine Welle? / Horche, horche treu, du meine arme Seele! / Worte, Worte sind’s, wie sanft und mild sie klingen! / Hör, vom Himmel sie mir eine Botschaft bringen! / Eines Seraphs oder Gottes Stimme? Höre! / Ach wie hehr es tönt in meines Herzens Leere! / Worte, Worte, ach sie lauten, o sie lauten: / „Wenn die Sterne und die Engel dir’s vertrauten, / wahrlich, nimmer andres könnten sie bekennen, / als dass sie Mich stets ‚den guten Vater‘ nennen!
PSG|1|3|6|0|Also magst auch du im Herzen treu Mich nennen, / Mich, den guten Vater, geistig wahr bekennen, / stets nach Meinem Willen Meiner Liebe leben, / das ist alles, was du Kindchen Mir vermagst zu geben. / Willst du aber beten, da sollst also sagen: / ‚Guter Vater, hilf mir meine Schwächen tragen! / Wie in all den Himmeln, da Du pflegst zu thronen, / möcht es Dir gefallen, auch in mir zu wohnen! / Lasse Deinen Willen also auch durch mich erfüllen, / wie es Deine Engel machen stets im Stillen!‘
PSG|1|3|7|0|Siehe, das ist alles, solches magst du beten / allzeit, wann du willst, in Freud und Schmerzensnöten. / Dass der gute Vater leichter ist zufrieden, / als so mancher Arme irrig meint hinieden, / könnt ihr, Meine Lieben, ja daraus erschauen, / dass nicht Ich die stein’gen Tempel ließ erbauen! / Nur im Herzen gilt’s, die wahre Kirch’ zu gründen, / dort sollt ihr die wahre Lieb’ zu Mir entzünden!“
PSG|1|3|0|0|Amen.
PSG|1|4|1|1|Das Reich Gottes
PSG|1|4|1|0|Des Weltgewühles laute Stimme schweigt, / wir schaun empor zu stillen Geisterhöhen, / und des Gemüts verklärte Blicke sehen, / wie sich der Wahrheit Reich zur Erde neigt; / um unsre Seele spielt sein Himmelslicht, / durch unser Wesen strömt sein heilig Feuer, / und aus des Herzens innern Quellen bricht / das innre Leben zu des Bundes Feier.
PSG|1|4|2|0|Wie wundergroß ist dieses Reichs Gebiet! / Es dehnt sich aus in aller Zeiten Ferne, / umschlingt die Erd’ und zahllos viele Sterne, / und ist, wo nur ein Herz fürs Gute glüht! / Wer hat in ihm die Bürgerzahl erspäht? / Wer kennet seiner Kräfte Füll’ und Regen, / die Saaten all, unendlich hier gesäet, / und des Gedeih’ns und Reifens goldnen Segen?
PSG|1|4|3|0|Hier weht der Geist des Vaters still und rein; / hier ist in vollster Kraft der Freiheit Walten, / die Hoffnung blüht und Glaubens Lichtgestalten / ergehn sich in der Liebe Frühlingsschein. / Das Hochvertraun blickt zur Vollendung hin, / die Demut in ihr eignes Licht errötend; / in tiefstem Frieden ruht versöhnter Sinn, / es kniet die Andacht, hochbegeistert betend!
PSG|1|4|4|0|Des Reiches Sonne ist des Vaters Geist! / Wie sich die ew’gen Geister um Ihn schwingen, / sich stets Ihm nah’n in engern Ringen, / bis ganz ihr Leben in das Seine fleußt. / Wer wird nicht seiner Kindschaft sich bewusst? / Wer fühlt nicht schmerzlich, was im Staub ihm fehle? / Ein tiefes Heimweh glüht in unsrer Brust, / nach ihrem Urquell lechzt die durst’ge Seele.
PSG|1|4|5|0|Doch ach! Wer leitet wieder uns hinan? / Des Herzens Urlicht ward von Nacht umflossen, / sich düster zwischen uns und Gott ergossen, / verdecket uns der stillen Heimat Bahn. / Der Weg zum Vater geht nur durch den Sohn, / wie Er aus Seinen Tiefen rein geboren. / Drum kehre wieder, was der Brust entfloh’n, / und unser ist das Reich, das wir verloren.
PSG|1|4|6|0|Nie sauer lass drum werden dir die Müh’! / Durch treues Forschen wirst du wieder finden, / das dir der Zeiten Nacht nicht kann verkünden, / des innern Lebens heil’ge Harmonie! / Sei fest und wanke in dem Glauben nicht! / Und liebe Gott und all die armen Brüder, / dann wirst bald schaun in dir das Gotteslicht / und auch des heil’gen Gottesreiches Glieder.
PSG|1|4|0|0|Amen.
PSG|1|5|1|1|Der Mensch ist ein Denker
PSG|1|5|1|0|Der Mensch ist ein Denker / doch Ich nur – ein Lenker. / Der heiterste Morgen / bringt jedem noch Sorgen, / doch wem da beschieden / ein Abend im Frieden – / der denke am Ziele: / Es war so – Mein Wille!
PSG|1|6|1|1|Glaube, Hoffnung und Liebe
PSG|1|6|1|0|Es wankt der Pilger an dem schroffen Felsgestade, / da grüßt kein wirtlich Haus des Heißbetränten Blick. / Wo bleibet wohl der Stern, der auf dem finstren Pfade / mit sanftem Strahl erheitern möchte sein Geschick?
PSG|1|6|2|0|Nur hart empfängt die Nacht die sturmbewegten Wogen, / kein sich’rer Hafen winkt am uferlosen Meer. / Der Sehnsucht trüglich Licht hat schon gar oft betrogen, / und ratlos schwankt das schwache Lebensschiff umher.
PSG|1|6|3|0|Da leucht’t auf einmal mild, gleich vielen kleinen Sternen, / aus freien Himmelshöh’n ein Segensstrahl herab. / Vertrau ihm fest, so wirst du Glauben kennen lernen, / der wird dem Schmerz ein mächt’ger Trostesrettungsstab.
PSG|1|6|4|0|Du kennst den leisen Klang, der in des Herzens Tiefen, / so süß, so rein und mild, wie Engelsstimme tönt, / die hehren Bilder weckt, die in der Seele schliefen, / und, lieblich tröstend, dich selbst mit dem Schmerz versöhnt.
PSG|1|6|5|0|Den heil’gen Himmelsklang, den jedes Ohr verstehet, / dem heiße Sehnsucht still in Morgenträumen lauscht, / der sanft wie Frühlingshauch erquickend dich umwehet, / also, wie da ein Bach durch blum’ge Fluren rauscht.
PSG|1|6|6|0|O sieh, die Hoffnung ist’s, mit ihrem Saitenspiele, / den Pilger sehr erheiternd auf der dunklen Bahn; / sie zeigt voll Huld und Mild’ am fernen Wanderziele / den lichten Siegeskranz, den wir eh’ trüb nur sah’n.
PSG|1|6|7|0|Kennst auch den warmen Quell, der lebenbringend fließet / im duft’gen Blumenkelch, wie in des Menschen Brust, / ins eb’ne Friedenstal sich klar und sanft ergießet, / uns allzeit segnend tränkt, mit süßer Himmelslust?
PSG|1|6|8|0|Der lächelnd sich in bunte Blumenufer windet, / wie so ein Silberband auf dem smaragd’nen Grün, / in dem ihr treues Bild die Unschuld wieder findet, / wenn still gerötet hehr die zarten Wangen glühn.
PSG|1|6|9|0|Es ist die Liebe, die da unter Blütenbäumen / als ein gar fröhlich Kind in süßen Träumen lebt, / das heiter blickt nach jenen lichten Himmelsräumen, / aus denen sie – die Lieb’ – zu uns herab geschwebt.
PSG|1|6|10|0|O möcht des Glaubens Stern stets deine Nacht verschönen, / sein heil’ger Gnadenquell dein hoffend Herz erfreun, / und möcht der Liebe heller Klang in dir ertönen, / so wird das höchste Glück mit dir den Bund erneu’n!
PSG|1|7|1|1|Vorwort, wozu am 23. Juni 1840 geschah des Herrn Wort zu Seinem Knechte Jakob Lorber in Graz, also:
PSG|1|7|0|0|Hier will Ich euch ein erhabenes Nebenwort geben, damit ihr sehen sollet die Größe eines Fünkchens Meiner ewigen Liebe unendliche Stärke, Macht, und der Gottheit urewige Kraft und Herrlichkeit in Mir, und dadurch aber auch eure euch so heilsame Nichtigkeit in allem, was ihr seid, tut, macht, denkt, schreibt und dichtet aus euch. Zugleich aber sollet ihr auch daraus ersehen, was ihr werden könnet durch Mich!
PSG|1|7|0|0|Doch was Ich euch hier sagen werde, sollet ihr vernehmen in einem bescheidenen Liede nach des Himmels höchster Weise. Und werden da auch der Rede erhabenste Formen gestalten den Neubau einer Überweltgröße, so sollet ihr das nicht – wie bei menschlichen Liedern – für einen poetischen Schwung halten; denn bei Mir gibt es keinen solchen, sondern nur die allerreinste Wahrheit, und Mein Name ist schon für sich der allerhöchste Schwung alles Singens.
PSG|1|7|0|0|Nun folge das Lied, und das Lied ist ein Engel, und der geht aus Mir, und bringt euch eine gute und übergroße Botschaft, wie da folget:
PSG|1|7|1|0|An aller Welten Sonnen fernstem großen Morgen stand / ein großer Engel, streckend seine nackte Riesenhand / in Meiner Weltenschöpfung endlos tiefer Tiefen Mitte, / und wollte eine Sonne da aus ihrem Leuchtgebiete / gleich einem Herzen kühn aus aller Welten Mitte reißen / und sie dann, gleich so einer Nuss, in seinem Mund zerbeißen.
PSG|1|7|2|0|Und dieses tät er bloß, um zu versuchen seine Kraft, / die er aus Meiner Liebe sich gar treu verschafft. / Doch dachte er bei sich nach wohlgeratner Engelssitte: / „Was soll ich das versuchen, da ja unter meinem Tritte / schon mehr als Millionen solcher Sonnentrümmer ruhn; / deshalb will ich besinnen mich und etwas Größres tun.
PSG|1|7|3|0|Ich will daher mein Auge wenden hin zum großen Morgen / und da für meine Sehe hellsten Glanzes Strahlen borgen, / um zu erschauen dann aus aller Welten nicht’gem Staube, / bevor noch wird ein solches Stäubchen kurzer Zeit zum Raube, / ein Stäubchen, welches einst das Allerhöchste hat getragen, / Des Name wir mit unsrer Zunge nicht zu sprechen wagen.
PSG|1|7|4|0|Denn will ich Großes sehen, um mich selbsten zu erbauen, / so kann ich ja in meiner großen Brüder Werkstatt schauen, / wo sie in aller Liebe eine Ruhestätte planen / für ausgedienter Weltenreste tote Riesenmanen, / wie auch der Alle fernbegrenzte große Hülsengloben, / in deren jeder Milliarden Sonnen sind geschoben.
PSG|1|7|5|0|Auch ist das Messen dieser Räume eine wahre Lust, / da dann vergrößert wird die kleine Welt in unsrer Brust. / Was sind sonst tausend solcher Alle meiner Augen Blicken, / da selbe Milliarden solcher Globen nicht entzücken? / Wohl aber sind die Räume zwischen dieser Hülsen Heeren / zu messen eine Lust in ihres Lichtes tiefen Meeren.
PSG|1|7|6|0|Denn wenn man so von einer Hülse hin zur andern misst / und dann der großen Ferne wegen seiner selbst vergisst / und denkt: Wie klein doch so ein Räumchen gegen einen Funken, / der aus des Herren Auge ist als Weltenstoff gesunken, –/ o dann möcht ich zum Kleinsten aller Weltenstäublein werden, / ja selbst, wenn möglich gar – ein Menschenkind auf Erden!
PSG|1|7|7|0|Und so ich ferner denke über Gottes ew’ge Größe, / und so vergleiche meine Engelwesens nicht’ge Blöße, / so steigt dann tief aus meines weiten Herzens Grunde / ein großer Lichtgedanke mir zu einer großen Wunde, / dass ich dem Herrn auch nicht im Kleinsten je werd gleichen, / so lang selbst Weltengloben meiner Größe müssen weichen.
PSG|1|7|8|0|O was ist aller Wesen Engelgröße, Macht und Stärke, / so sie nicht schauen kann des Herren kleinste Liebeswerke. / Was nützt’s mit starren Blicken messen die Unendlichkeit / und zählen aller Globen Heer’ in Ewigkeit, / wenn man sich dadurch Gott doch niemals nähern kann und wird, / und so das Größte aller Größen durch die Größ’ verliert.
PSG|1|7|9|0|O dann fall nieder ich auf meine Knie und rufe laut, / so dass vor meiner Stimme einer Welten-Unzahl graut: / O großer Gott! In Deiner Himmel unermessnen Höhen, / erhöre gnädig eines Engels, Deines Dieners Flehen! / Ich möcht gar gerne Deiner Liebe Wohnung sehen / und seh’n da meine toten Brüder wieder auferstehen!
PSG|1|7|10|0|O nimm mir meine Größe, Herr! und mach mich möglichst klein, / damit ich da, wo Deine Kinder, kann bei ihnen sein / und zeugen da von Deiner Allmacht großen Dingen, / und mit denselben froh dann Deiner heil’gen Liebe singen / und als ein Bruder führen sie nach Deinem heil’gen Willen / und leiten sie in unsrer Weise liebend stets im Stillen.
PSG|1|7|11|0|Und ist auch Deine Liebe stets den Kleinen zugewandt, / so denk – auch ich ging klein dereinst aus Deiner Schöpferhand / und wurde groß als Weltenlenker ja nach Deinem Willen / und führte, wie Du siehst, dieselben stets nach Deinen Zielen; / dass ich ein wenig groß gedacht hab jüngst von meiner Kraft, / dafür hast Du mich ja schon liebevoll bestraft.
PSG|1|7|12|0|Nun wende wieder Deine Heil-Barmherzigkeit zu mir / und mache mich zum Menschen auf der kleinen Erd’ dafür, / damit auch ich so klein wie sie Dich einst dürft ‚Vater‘ rufen / von den Dir wohlgefäll’gen allerd’ringsten Gnadenstufen! / O Herr! Erhöre Deines großen Dieners fromme Bitte / und mach mich klein und setze mich in Deiner Kleinsten Mitte!“
PSG|1|7|13|0|Und sieh, so hörte Ich des großen Engels Klageworte / erschallen laut, dass seiner Stimme Ton ins Herz Mir bohrte, / und ließ darauf durch eines sanften Donners fern’res Rollen, / so einem Echo ähnlich, seine Bitte wiederholen, / zum Zeichen, dass Ich seine Wünsche alle wohl vernommen, / und bin denselben, wie sich zeigen wird, zuvorgekommen.
PSG|1|7|14|0|Denn während er noch betend lag auf seinen breiten Knien, / hab ich schon einem Weibe hier die hohe Gnad’ verliehen / und für ein Menschenkind in sie gelegt den Samen, / bevor zu Meines Engels Ohr gedrungen ist das Amen! / Und als das große Amen er vernommen in den Räumen, / so sah er auch die Erde schon zu seinen Füßen säumen.
PSG|1|7|15|0|Und sieh, da nahm die Erde er behutsam in die Hand / und drückte einen Kuss auf dieses Mir so teure Pfand. / Und als er dieses hat getan in liebendem Entzücken, / so lag die Erde auch schon ganz enthüllt vor seinen Blicken –/ und sah er gleich ein Weib gar schön, die ihm entgegen kam, / und sah, wie sie als Mutter ihn sogleich ins Herz aufnahm.
PSG|1|7|16|0|Und als er nun im Herzen seiner Mutter sich bewegte, / da er die Engelsarme liebend aus demselben streckte, / da kam ein andres Weib, die Engelsmutter zu begrüßen, / und wie’s mit deren Frucht wohl stünd’, das wollte sie auch wissen. / Eh’ aber noch die Letzt’re öffnen konnt den Mund, / so sprach in Erst’rer schon der Engel laut und gab ihr kund,
PSG|1|7|17|0|indem im Herzen er auf diese Weise hat begonnen / zu reden klar: „O Mutter! Sieh die Mutter aller Sonnen, / sie trägt in ihrer Brust, was alle Himmel nicht umfassen. / Daher, o Mutter, sollst dich nicht von ihr begrüßen lassen! / Denn Der mich einst zum großen Weltenlenker hat gemacht, / hat eben freundlich mich aus ihrem Herzen angelacht.“
PSG|1|7|18|0|Und als die Mutter klar im Herzen solches hat vernommen, / ward sie von Füßen bis zum Haupte durch und durch beklommen. / Da merkte es die Mutter, Meines Leibes reinstes Wesen, / und konnt ihr selbst nicht ein so großes Rätsel lösen. / Und sieh, da fing die Liebe Gott’s sich an in ihr zu regen / und sprach: „Johannes, schweige noch von Meiner Mutter Segen!
PSG|1|7|19|0|Es kommt gar bald die Zeit, in der vor Mir du werdest gehen, / um zu bereiten Meine Wege und ein Land zum Stehen. / Da wirst du viele taub’ und blinde Menschenkinder finden, / und denen erst sollst Du von Meiner Ankunft laut verkünden, / dass Ich als Gotteslamm gekommen bin in ihren Plagen, / um aller Menschen Sünden schuldlos treu für sie zu tragen.
PSG|1|7|20|0|Und wie du groß warst auch in deiner Engels-Wirkungssphäre, / so war doch jene Größ’ ein Tröpfchen kaum zu der im Meere, / in welchem sich Dein Herr, vor Dem die Weltenräume beben, / als Bruder dir zu sehen gibt im schwachen Menschenleben, / damit das Schwache möcht durch Meine Lieb’ gestärkt erstehn, / wenn auch die Welten alle einst durch Meine Macht vergehn!“
PSG|1|7|21|0|Und sieh, da fing vor Freuden an im Mutterleib zu hüpfen / Johannes, da er sah mit – – Nichts sich Meine Größe knüpfen. / Maria aber, Meines Leibes Mutter reinsten Herzens / bemerkte es gar bald, wie da Elisabeth voll Lebens / errötete, indem sie wohl gedachte ihres Altersstandes / und auch der Sitte alter Weiber des Gelobten Landes.
PSG|1|7|22|0|Da sprach Maria ganz gerührt in ihrer lichten Seele: / „Elisabeth, du schämst dich ja auf dieser heil’gen Stelle? / Bedenk, was uns geworden ist von Gottes höchsten Gnaden, / das soll sich nimmer rot in allzu großer Schame baden; / denn was in deinem Leibe hüpft von übergroßen Freuden, / ist groß vor meinem Leben – drum freue dich bescheiden!“
PSG|1|7|23|0|Elisabeth, sich wohl gemahnend vor Marias Höhe, / gedachte nun, wie es mit ihr und mit Marien stehe, / und fiel darob auf ihre Knie nieder vor der Reinen / und fing vor übergroßen Freuden liebend an zu weinen / und sprach: „O Mutter voll der Gnaden, sei hoch benedeiet / und deine Frucht, durch welche wird die Welt vom Fluch befreiet.
PSG|1|7|24|0|Denn was ich trage unter meinem Herzen, ist gar klein; / wie könnt es auch, und wär es weltengroß, noch etwas sein / von deiner Gnade, deren Größe alle Himmel nicht / umfassen mögen und ertragen ein so helles Licht, / das noch, wenn alle Sonnen schwinden, allen hell wird lichten, / die treuen Herzens sich nach seinen Wegen werden richten.
PSG|1|7|25|0|O Gott! Woher kommt mir wohl diese unbegrenzte Gnade, / dass die Mutter meines Herrn mich über steile Pfade / besucht, nicht scheuend hoher Berge Zinnen, noch die Ferne!? / Es leuchten wohl ganz unbegreiflich hell die lieben Sterne / am hohen Himmel dort, und auch dem Laub der fetten Palmen / entsäuselt, ganz verständlich mir, ein Lob in hohen Psalmen!
PSG|1|7|26|0|O Mutter! Nun begreif ich erst in meinem Herzen klar, / die ganze große Erde bringet dir ein Opfer dar, / was recht und billig ist, da niemand es begreifen wird, / wie uns, dem armen Volke, die wir schwach und ganz verwirrt, / in unsrer Nacht der Sünden konnt ein solches Wunder werden: / Der Herr, Gott Abrahams, nimmt an die menschlichen Beschwerden!“
PSG|1|7|27|0|Und sieh, da trat Maria hin zur Mutter des Johannes / und sprach: „Elisabeth! Am wüsten Ufer des Jordanes / wird das, was du im Herzen trägst, zur Stimme eines Rufers / und wird da ebnen Steige längs des Flusses stein’gen Ufers; / er wird, wie da geschrieben steht, der Engel sein des Herrn, / und wird zur Wassertauf’ die Buße streng vom Volk begehrn.
PSG|1|7|28|0|Und, so glaub mir, wird anfangs nur durch ihn bestimmt / erkannt das Lamm, das aller Welt hinweg die Sünden nimmt. / Und da wird auch geschehen, dass der Herr von ihm auf Erden / im Wasser unter offnem Himmel wird getaufet werden. / Auch werden er und viele, die da horchten seinen Lehren, / ein großes Zeugnis von dem Lamme aus den Himmeln hören.
PSG|1|7|29|0|Und werden sehen da den Geist vom Himmel niedereilen / und selben leuchtend überm Haupte unsres Herrn verweilen, / und sehen Gott sich mit dem Menschen völligst einen, / damit befreiet wird die Welt von allen Sünden-Peinen! / Befreit auch, der mühselig und beladen ist geworden, / vom Tod und aus der Hölle und von deren Horden.
PSG|1|7|30|0|Und nun, Elisabeth, vernehme heiter noch zum Schluss / aus meinem Herzen einen dir noch unbekannten Gruß: / ‚Johannes, Mein getreuer Engel aus des Lichtes Sphären! / Wie einst die Sonnen du nach Meiner Ordnung musstest kehren, / so sollst du bald die Herzen Meiner Kinder Mir bereiten / und mutig wie ein Löwe gegen alle Höllen streiten.
PSG|1|7|31|0|Denn sieh, von allen, die geboren waren und noch werden, / war keiner größer je, wie du, von Mir gesandt auf Erden; / denn alle Väter und Propheten in dem heil’gen Lande / hab Ich erwecket aus der kleinen Engel Liebesstande. / Du aber bist gekommen in das kleine Israel – / ein Fürst der Engel, leuchtend mit dem Namen Michael!
PSG|1|7|32|0|Doch sieh, und wer auch klein wird heißen einst in Meinem Reiche, / wird größer sein wie du als Fürst ohn allem Maßvergleiche. / Und willst du groß auch werden, wie die kleinsten Kinder hier, / so musst auch du wie sie geboren werden neu aus Mir; / denn sieh, von nun wird jeder Engel müssen hier auf Erden / gleich Mir dem Schöpfer wohl ertragen menschliche Beschwerden.
PSG|1|7|33|0|Und wer sich scheuen wird, zu wandeln Meiner Liebe Wege, / und nicht betreten so der Kinder harte schmale Stege, / der wird, wie du dereinst, nur tote Weltenbahnen schlichten; / doch einer neuen Schöpfung Lebensfülle Anker lichten, / o sieh, wird nimmer einem urgeschaffnen Engelsgeiste / gegeben, als nur dem, der an dem Kindertische speiste,
PSG|1|7|34|0|den Ich auf dieser Welt den Kindern reichlich geben werde. / Mein reicher Tisch wird sein, o höret’s ohne Angstgebärde, / ein schweres Kreuz auf dieser Erde, da ein Makelfreier / den Menschen lichten wird der Höllenmächte Sündenschleier / und waschen wird die Erde von dem Kot der Satansbrut / mit Seinem unter bittrem Leiden still vergossnen Blut.
PSG|1|7|35|0|Durch dieses werden Menschenkinder vollends neu geboren – / und Engel nur, wenn sie Mein Kreuz sich haben frei erkoren / und sind aus ihrem alten Himmel auf die Erd’ gestiegen, / um da für sich, wie Ich für all’, die Hölle zu besiegen. / Dadurch erst werden sie dann Mir und Meinen Kindern gleich, / zu nehmen gleich denselben das von Mir bereit’te Reich.‘
PSG|1|7|36|0|Und nun spricht ‚Amen‘ Gott in meines Herzens Lebensfülle, / und jedes Wort, das nun geflossen ist in aller Stille, / sei dir ein großes Siegel der Verschwiegenheit und Treue / von dem, was dir gesagt nun ward aus meines Herzens Freie. / Denn sieh, durch mich gab dir der Herr zu merken Seinen Willen, / so auch behalte ihn und handle, Ihm getreu, im Stillen.“
PSG|1|7|37|0|Und sieh, nachdem Maria dieser gab den Schluss, / da bot Elisabethen sie die Hand zum Abschiedsgruß / und ließ die Hochbetagte so in stiller Andacht ruhn, / und eilte schnell nach Haus, um wieder Gutes da zu tun. / Und als des halben Weges sie gegangen war am Morgen, / da fing sich Josef an daheim für sie gar stark zu sorgen.
PSG|1|7|38|0|Er ließ die Arbeit stehn und sattelte die Eselin, / um seinem Weibe, seines Herzens reiner Königin, / entgegen eil’gen Laufes über Ebnen, Berg und Graben / auf Mich vertrauend, wohl bepackt mit Früchten, froh zu traben. / Doch eh’ mein lieber Josef sich erfertigt hat zur Reise, / da hielt Maria ihn gefangen schon in ihrem Kreise,
PSG|1|7|39|0|den sie geschlungen hat mit ihren sanften Armen / um ihn, der sich gesorgt für sie, mit ihrer Lieb’ zu warmen. / Und Josef, als er dies gewahrte, fing drauf an zu weinen, / denn er war freudetrunken ja nun wieder bei der Seinen, / die er erst jüngst aus Furcht verlassen wollt’ in reiner Liebe, / da er nicht konnt begreifen Meines Segens frühe Triebe!
PSG|1|7|40|0|Dieselbe drückt nun Josef treu an seine weite Brust, / ganz eingedenk der hohen Gnad’ in ihr – und wohl bewusst, / was ihm erst kurz vorher ein Engel hat getreu verkündet, / indem er sagte: „Josef, fürchte nicht, die dir verbündet / ganz rein von oben ward; denn was in ihr lebendig, ist / von Gott gezeugt, sollst Jesus heißen du, das ist der Christ.“
PSG|1|7|41|0|Darum ward auch der reine Josef sehr ergriffen, / als er nun sah Mariam voll von höchsten Gnaden triefen / und sah die hohe Reise-Müde liebend ihn umfangen, / und hörte, wie die Engel hohe Psalmen um sie sangen; / in seiner Liebe engem Kreise sah er sich verschlungen, / von aller Engel weiten Reih’n als Glücklichster besungen.
PSG|1|7|42|0|Da fiel aus großer Liebe nieder er vor Meiner Gnade / und pries so seinen Gott in dieser neuen Bundeslade / und sprach: „O Herr, nimm gnädig auf die Arbeit meiner Hände / und gib mir altem Manne Kraft als eine Gnadenspende, / damit ich Dir und Deiner Mutter schaffen könne treu / ein nahrhaft Brot in aller Liebe, ganz von Schulden frei!“
PSG|1|7|43|0|Und was er sich von Meiner Gnade treulich hat erbeten, / ward ihm gewährt in allen Orten, die er musst betreten. / Nun seht, Ich gab euch hier in dieses Liedes rechten Zeilen / gar deutlich zu verstehen, wo ihr gerne sollt verweilen. / So werd’t auch ihr erfahren Meiner Engel weises Trachten / und werd’t wie sie gar bald die Weltengröß’ um euch verachten.
PSG|1|7|44|0|Was würde euch wohl nützen selbst ein noch viel größres Wesen / als des euch schon bekannten Engels. Könnt es euch erlösen? / Und könnt es euch wohl aus des Todes harten Banden reißen? / Denn seht die großen Welten dort in ihren Bahnen gleisen / und sagt, wozu die toten Massen einem Geiste wären? / Ich sag: zu nichts, als nur den Tod im weiten Kreis zu mehren.
PSG|1|7|45|0|Und machet eure Augen auf und horchet mit dem Herzen, / da ihr schon wisst, dass selbst in Liedern Ich nie pfleg zu scherzen, / so will Ich euch noch hier ein übergroß’s Geheimnis lichten / und so in euch des Irrtums Allergrößtes rein vernichten, / euch zeigen Meiner Wunder größtes klar in reinen Zügen, / damit ihr sehet, wie die Großen sich gar sehr betrügen.
PSG|1|7|46|0|Nun seht, vor der Erlösung war die Hölle bis zur Liebe / des großen Gottes vorgedrungen gleich dem tücken Diebe, / der so bei sich gar heimlich dacht: Könnt ich ins Haus nur schleichen, / ich würd’ mein Ziel ohn große Müh’ gar sicherlich erreichen; / ist nur die Liebe mit der List von ihrem Sitz vertrieben, / das andre wird sich fügen dann nach unserem Belieben.
PSG|1|7|47|0|Die Liebe aber merkte solcher Räuber tück’sches Sinnen / und wusste weise ihrer List aus Liebe zu entrinnen. / Die Erd’, vom Satan meist verhasster Platz, ward auserkoren / von Mir, um auf derselben alles, was da ward verloren, / durch Meine Kleindarniederkunft getreulich wiederz’finden / und so in Meiner Liebe da ein neues Reich zu gründen.
PSG|1|7|48|0|Und da der Satan gar gewaltig sich geirret hat, / da ward’s ihm bange, da er nicht vollführen konnt die Tat. / Und sieh, da suchte er Mich auf in aller Schöpfung Räumen / und fand als Menschen Mich allhier bei Meinen Kindern säumen. / Da dachte er Mich Schwachen durch Versuchungen zu locken; / doch nur ein Blick von Mir hat seine Macht gebracht ins Stocken!
PSG|1|7|49|0|Denn seht, vor Meiner Werdung durchs Barmwort zum Fleische, / ihr könnt es glauben, denn ich red’ zu euch ohn alle Täusche, / war Mein und aller Geister Wohnung über allen Sternen / erhaben, ja für euch in unbegreiflichst großen Fernen, / und ward dadurch die ganze Welt, um euch es zu erschließen / gleich einem Schemel unter Meiner Gottheit heil’gen Füßen.
PSG|1|7|50|0|So ging denn auch von Meiner allerhöchsten heil’gen Höhe / durch aller Geister Heere in die Welten Meine Sehe, / so auch Mein Wort ward stets getragen nur von einem Engel, / um irgendeiner Welt dadurch zu zeigen ihre Mängel / und auch zu offenbaren irgendeinem frommen Manne / der ewigen Liebe da noch sehr geheim gehaltne Plane.
PSG|1|7|51|0|Nun sehet und begreifet wohl des Satans Zornestücken! / In seinem Zorngrimm hat er Mich woll’n ganz erdrücken, / und schlüg’s ihm fehl, so würd’ er mich von einer Ewigkeit / zur anderen verfolgen bis in die Unendlichkeit. / Dadurch hätt’ er zum Herrscher aller Welten sich bestimmt / und so auch alles, was da lebt, nach seinem Fluch bestimmt.
PSG|1|7|52|0|Und so er das erreichet blind in seinem Wahne hätte / und hätt’ verdrängt der Gottheit Lieb’ aus ihrer heil’gen Stätte, / so hätt’, bedenkt es wohl, die Gottheit sich ergrimmt entzündet / und all’s vernichtend dann sich neu mit ihrer Lieb’ verbündet. / Sodann wär ewig nie mehr irgendwas erschaffen worden / und all’s Vernicht’te blieb erstarrt in Gottes ew’gem Norden.
PSG|1|7|53|0|Allein als solches schon die Gottheit hatt’ bei sich beschlossen, / da dauerte der Liebe, dass sie ganz in Leid zerflossen, / und sieh, da merkte es die Gottheit stark in ihrer Mitte / und sprach zu Mir: Wozu das Leiden, und wozu die Bitte? / Soll Meine Heiligkeit noch länger allen Teufeln dienen? / Daher will morgen Ich an dem Zerstörungswerk beginnen!
PSG|1|7|54|0|Und sieh, da sprach die Liebe in den Zeiten, die ihr kennet, / da Abrahams, des Frommen, euch von Moses wird erwähnet: / „O Vater, hab Erbarmen mit den Kindern Deiner Liebe, / und lass besiegen Ihn durch Demut alle bösen Triebe / und gründen Dir, o Vater, eine neue heil’ge Stätte / und so zerstören aller Teufel böser Rotten Kette!
PSG|1|7|55|0|Denn sieh, o Vater, tief in Meines Herzens innrem Grunde, / es sei den Völkern auf der Erde heute noch zur Kunde, / will Ich, o Vater, eine heil’ge Stätte Dir bereiten, / will Selbst geg’n alle Macht des stolzen Höllenfürsten streiten, / will alle unsre Feind’ besiegt zu Füßen legen, / und keine Macht soll je die Heiligkeit in Dir anregen.
PSG|1|7|56|0|Ich Selbst will nun hinab zur Erde schmalsten Weges gehen / und da aus eines Weibes Leibe als ein Mensch erstehen; / und will als solcher wohl in aller Demut engsten Bahnen / geduldig unsre Kinder treu an Deinen Namen mahnen / und in Meinem Blute diese sündbefleckte Erde sechten / und waschen sie – und sichten dann das Gute von dem Schlechten.
PSG|1|7|57|0|Und wenn dann so gereinigt von dem Satansfluche / die Erd’ und aufgezeichnet wird in einem heil’gen Buche / von menschgewordnen Engeln Deiner Gnade heilig Wort, / so werd Ich alles, was verloren war, an Stell’ und Ort / versammeln unter einem Dach die Schafe Meiner Herde / und sorgen, dass dann nur ein Hirt und eine Herde werde.
PSG|1|7|58|0|Und dann, o Vater, will Ich einen neuen Himmel gründen / und eine neue Erde makellos und frei von Sünden / aus Meines Herzens liebevollster, heilerfüllter Tiefe. / Dann soll das Böse fort unendlich fallen in die Riffe / des endlos großen Raumes, der erfüllt von deinem Grimme / in Ewigkeit wird bleiben; – hör, o Vater, meine Stimme!“
PSG|1|7|59|0|Und sieh, da sprach der Vater stark aus allen Schöpfungsräumen: / „Und willst Du, Mein geliebtes Wort, zum reinsten Menschen keimen, / so musst dazu nach Meinem Will’n Dich recht und bald entschließen, / willst du nicht sehen morgen schon die Welt in nichts zerfließen. / Denn Ich bin müd’ geworden von der Würmer tollen Sünden, / drum sollst Du heute noch der Erde Deine Ankunft künden!
PSG|1|7|60|0|So sende denn dahin der Engelsgeister Legionen, / ja sende sie in aller Welten finstre Regionen / und lasse fegen da die Erd’ von allem Kot der Schlange, / und wasche sie durch Pest und Krieg vom sündigen Anhange, / damit in Dir des Vaters Heiligkeit erkennet werde / von einer anfangs kleinen, doch getreuen Lämmerherde.
PSG|1|7|61|0|Und so dann, was als Liebe Du in Mir nun hast gesprochen, / vollbracht wird sein – und alle Macht der bösen Nacht gebrochen, / dann will Ich kommen und die Wohnung Mir bereitet schauen. / Und wird sie sein erbaut in Meiner Heiligkeit Vertrauen, / dann will Ich ja in aller Fülle Meiner Heiligkeit / die Wohnung nehmen da – ein Gott in alle Ewigkeit.
PSG|1|7|62|0|Die Hoffart und die Lüge aber sollen ewig fallen / endlosem Raum entlang tief unter allen Welten-Allen, / wo nichts als Meines Grimmes ew’ge Zornesfluten wallen / und statt der Liebe Meines Fluches ew’ge Donner hallen. / Dahin soll fallen alles Reichtums nicht’ger Schlangensamen; / das muss geschehen, Mir dem Gott, der heilig, heilig. Amen!“
PSG|1|7|63|0|Und sieh, wie da beschlossen, ward auch völligst ausgeführt, / was Ich schon oben treu in aller Kürze hab berührt. / Nun seht, der Engel dieses Liedes ist zu euch gekommen / und hat euch, wie dereinst, die Sünd’ durch eure Buß’ benommen / und zeiget euch das Lamm der Welt sich euren Herzen nahen; / so hebt empor das Herz, und seht, was einst die Völker sahen!
PSG|1|7|64|0|Und seht, was die Apostel, eure Brüder, wollten sehen / und doch nicht sahen, ihre toten Brüder auferstehen, / die heil’ge Stadt herniedersteigen, Meine Sonne strahlen, / und höret Worte voll des Lebens überall erschallen; / bereitet eure Herzen, freuet euch, die ihr beklommen / noch seid in Sünden, seht, Ich bin zu euch herabgekommen!
PSG|1|7|65|0|Ja Ich, hört Völker, Ich der Vater – in dem Menschensohne! / Ich komm’ zu euch und all Mein Reich mit Mir für euch zum Lohne; / denn ausgeronnen ist die Zeit, gebrochen ist die Macht, / Ich hab in Meinem Herzen Meines Bundes wohl bedacht. / So freuet euch, die ihr nach Mir habt sehnsuchtsvoll verlanget, / seht auf, wie hoch schon dort am Morgen Meine Sonne pranget!
PSG|1|7|66|0|Der Vater – denkt! – der Vater hat das Lied an euch gerichtet, / hat je ein solches, denket, suchet, auch ein Mensch gedichtet? / Versucht – und prüfet euch, wie weit wohl euer Wissen reichet / und eurer Hände Werk, versucht, ob’s wohl dem Meinen gleichet! / Und so in diesem Lied ihr wohl vernehmen werd’t ein heil’ges Wehen, / da denket, dass vor eurer Türe große Dinge stehen.
PSG|1|7|67|0|O lasst den Engel ja nicht unverrichtet von euch scheiden / und hört sein Rufen, wie zur Buße er euch mahnt bescheiden, / und hört ihr Tauben, seht ihr Blinden Meinen großen Engel, / Johannes das Gewissen ist, euch zeigend eure Mängel. / Wer treu befolgen wird die Stimme seines innren Rufers / in seines kahlen Lebensstromes starrer Sünden Ufers, –
PSG|1|7|68|0|verruchte Wüstensteppen werden Rosen gleich erblühen, / und statt der Wassertaufe wird die Taufe Meiner Mühen / sogleich erleuchten seines Irrsals höllenfinstre Pfade; / und dann wird gleich erschauen er nach seiner Liebe Grade / die große Wirkung überströmend dann aus Meiner Gnade, / aus der geöffneten des neuen Bundes heil’ger Lade!
PSG|1|7|69|0|Die Lade war versiegelt bis zur heut’gen Lebensstunde, / es half vorhin kein Rechnen auf der ganzen Weltenrunde, / um zu erschließen, was Ich Mir bis jetzt hab vorbehalten. / Und nun seht, wie die Wunder alle sich vor euch entfalten, / wie dieses alles nun geschieht durch Meiner Liebe Walten; / o Kinder, seht durch Mich in euch nun alles neu gestalten!
PSG|1|7|70|0|Und sagt und sprecht, woher so große Dinge mögen kommen? / Und habt doch einmal, so ihr Meine Liebe wahrgenommen, / so auch begriffen Meines heil’gen Geistes sanftes Wehen / und habt gesehen Meine Bäume voll im Safte stehen, / dann Kinder, kniet nieder, freuet euch und singet alle, / und auch ihr Völker in den Sternen, Meiner Gottheit Halle:
PSG|1|7|71|0|O großer, ew’ger, heil’ger Vater! Ehre, Preis und Ruhm / komm’ Dir von uns entgegen rein aus Deinem Heiligtum; / in unsrem Herzen hat es Dir gefallen einzunehmen / für Dich, o großer Gott, die kleine Wohnung Deiner Liebe. / So segne denn dies kleine Land und dessen heil’ge Triebe, / und lass den Segen, so wie uns, auch alle wohl vernehmen.
PSG|1|7|72|0|O mög’ es Dir, Du bester Vater, wohlgefallen hier, / damit Du bleiben möchtest da in uns denn für und für. / Wie gut bist Du, o Vater, wer könnt Deine Lieb’ ermessen, / Du kommst uns arme Sünder, statt ganz wohlverdient zu strafen, / nur zu erquicken und in uns die Herzen umzuschaffen. / Daher werd nie von uns Dein heil’ger Name je vergessen!
PSG|1|7|73|0|O Vater! Heil’ger Vater, höre unser kindlich Flehen, / Du lieber Vater Du, lass auch die Toten auferstehen! / Du weißt ja, lieber Vater, wer am Tod der Brüder schuldet! / Daher lass, bester Vater, wie bei uns Du ließ’st geschehen, / auch dort, o liebevollster Vater! Gnad’ für Recht ergehen! / Denn Du hast ja für sie so gut wie für uns all’ geduldet.“ – Amen.
PSG|1|7|0|0|Nachwort
PSG|1|7|0|0|Da habt ihr nun den Engel, wie er leibt und lebt in euch und außer euch, in Mir und außer Mir. Höret allezeit seine Stimme in euch; denn zuvor Ich komme, kommt allezeit Mein Johannes mit der Zuchtrute in der Hand und einer sehr scharfen Stimme in der Brust, wie die Stimme des großen Predigers in der Wüste. Aber habt ihr euch bekehret durch eine wahre und ernste Buße, dann erst folgt das große Abendmahl vor dem großen Tage der Erlösung, und endlich die Auferstehung von dem Tode. Amen, das sagt euer liebevollster heiliger Vater! Amen, Amen, Amen!
PSG|1|8|1|1|Hohes Lied des Meduhed
PSG|1|8|1|0|Höret wohl, ihr alle späten Kinder Meiner Gnade, / höret, wie Ich euch zum großen Mahle alle lade, / kommet alle treuen Herzens her in Meine Mitte, / lobet fröhlich alle Meinen Namen nach der Sitte, / welche Meduhed gar fromm und treulich euch gelehret, / da als Erster er nach Mir im Herzen hat begehret.
PSG|1|8|2|0|Sehet alle auf sein Beispiel reinen, guten Sinnes, / sehet seine Augen, Mund und Ohren und des Kinnes / sanften weißen Bart als frommer, weiser Rede Zeichen, / seht, in allem diesen sollt ihr all ihm vollends gleichen, / wollt ihr später Meine lieben, treuen Kinder werden, / ganz befreit von allen Übeln böser Schlagenherden.
PSG|1|8|3|0|Seht, Ich werde bald die Erde rein von Gräueln waschen, / Sünder werden da umsonst nach Meiner Liebe haschen! / So ihr aber fromm und treu im Herzen werdet bleiben, / werd Ich schonend euch vorüber Meine Fluten treiben, / euch verbergen wohl auf dieser Erde hohen Landen, / so Ich Meinen Zorn werd lösen von den schweren Banden.
PSG|1|8|4|0|Seht, da werden heulen auf der Erde all Geschlechter! / Hört, da wird verstummen all der Großen Hohngelächter! / Und der Wässer hohe Fluten, rauschend über Berge, / werden tragen wen’ge Kinder, Meiner Liebe Zwerge! / Die da sind geworden klein wie Kinder einer Mücke, / weil die Liebe hinkend ward und ging auf einer Krücke.
PSG|1|8|5|0|Seht empor zu Meiner Himmel lichterfüllten Räumen, / seht zu Meinen Sternen, Meiner Gnade Strahlensäumen, / seht die Sonne still erleuchten dieser Erde Fluren, / seht den Mond die Erd’ geleiten ohne alles Murren, / seht, wie all die Welten still gehorchen Meinem Willen: / Nun – so tut auch ihr all eure Werke stets im Stillen!
PSG|1|8|6|0|Wollt ihr wissen, was wohl diese Sterne sind für Wesen? / Hört! Ich sag: Die Lieb’ wird euch genau die Frage lösen. / Wenn die Liebe rein im Herzen sein wird ohne Makel, / werd Ich geben euch zur Leuchte Meiner Gnade Fackel; / dann wird jeder lesen leicht in heller Flammen Zügen / eine große Schrift des Namens Gottes ohne Trügen!
PSG|1|8|7|0|O du kleines Herz, in einer engen Brust geschlossen, / kenntest du den Quell, aus dem du bist so groß entsprossen, / o du würdest nimmer fragen nach den toten Massen, / ja, du würdest sie ganz unbekümmert schweben lassen, / da der Schöpfer aller dieser kleinen, nicht’gen Dinge / gegen einem Herzen – liebend Selbst an selbem hinge.
PSG|1|8|8|0|Was ihr schwachen Menschenkinder oft für Großes wähnet, / o wie klein doch wird von Meiner Liebe das benennet! / O wie gar nichts sind die Dinge in den weiten Räumen, / wie auch Menschen, deren Herzen nicht aus Liebe keimen! / Haltet darum nichts für groß als Meiner Liebe Treue / und, was ihr am nächsten kommt: des Sünders wahre Reue!
PSG|1|8|9|0|Ich allein bin groß durch Meiner Liebe mächtig Walten, / und ein freier Geist, der fest am Bande sich erhalten; / aber Meiner Sonnen euch ganz unbekannte Bahnen, / die euch so wie alles nur an eure Schwäche mahnen, / was sind sie in Meiner Gottheit endlos großer Fülle? / Nichts als einer Milbe abgefall’ne, leichte Hülle.
PSG|1|8|10|0|Wenn zu aller Welten Mitte ihr da möchtet klimmen / und da hören aller Sphären raschen Fluges Stimmen, / da ermessen aller Sonnen hellsten Lichtes Stärke / und begreifen aller Meiner Allmacht größten Werke, / würdet ihr dann wohl euch Meiner großen Liebe nahen? / Nein, sag Ich; in alle Zweifel würd’t ihr euch da verjahen.
PSG|1|8|11|0|Könntet ihr auch lenken dort des Himmels großen Wagen / und als große Geister schnell nach allen Sternen jagen, / könnt’t aus eurem Munde ihr auch helle Sonnen hauchen, / ja, sie gleich der Meinen in des Meeres Fluten tauchen; / so wär alle eure Kraft, mit Meiner wohl verglichen, / nichts als Sand und Staub an alten Lehm- und Steinebrüchen.
PSG|1|8|12|0|Sehet hin gerade nach des Himmels blauem Bande, / sehet über Wogen auch zum Meeres fernen Rande; / glaubt es Mir, Ich sag es euch: Es gibt dort keine Grenzen, / wo bei Tag die Sonne, nachts der Sterne Unzahl glänzen, / und des großen Meeres Fülle ist nicht zu vergleichen / einem Tropfen nur in jener Sterne kleinsten Reichen.
PSG|1|8|13|0|Seht daher auf Mich, den Großen, kleine Menschenscharen, / und des Wissens Zierde pflegt allein auf Mich zu sparen! / Meine Liebe suchet kreuz und quer in allen Enden, / wo ihr immerhin auch mögt die Augen forschend senden; / Meines Namens Zeichen werdet überall ihr finden, / aber lasst euch ja von nichts als Meiner Lieb’ nur binden!
PSG|1|8|14|0|Frohe Botschaft wird von Mir euch selbst das Gras verkünden, / so ihr euch enthalten werd’t von all den Hanochssünden; / aber so ihr lieben werd’t euch treu als wahre Brüder / und zu aller Wohl gebrauchen werdet eure Glieder, / dann wird kommen eine große Gnad’ zu euch von oben / und euch liebvollst zeigen, wie ihr sollt den Vater loben!
PSG|1|8|15|0|Und nun fallet hin zur Erde, eurer Sünden Mutter, / schüttelt ab den Staub, der Schlange nichtig Todesfutter, / dankt in eurem Herzen Mir, dem Retter, froh von Neuem, / lasst die Mir geweihte Zeit euch niemals je gereuen; / lasset allzeit Meiner Liebe Macht in euren Herzen schalten, / so wird einst der Gnade Licht euch alle neu gestalten.
PSG|1|9|1|1|Die Träume
PSG|1|9|0|0|Vorbemerkung, Jakob Lorbers Bitte, am 7. Januar 1841
PSG|1|9|0|0|O Du mein allerbester, allerliebster Herr Jesus, so Dein heiligster Wille es wäre, möchtest Du mir denn nicht gnädig anzeigen, was denn doch eigentlich die Träume sind und was man davon halten solle, denn gar oft hat der Mensch bedeutende und oft auch wenigstens unbedeutend scheinende Träume; und wenn man nicht weiß, wie, wann, was und wodurch und warum, so würdigt man vielleicht einseitig diese Erscheinung gar nicht oder zu wenig oder oft leichtlich zu viel. Daher, o Du allerbester, allerliebster Herr Jesus, möchtest mir armen Sünder anzeigen auch darinnen das rechte Verständnis! Nehme aber ja nicht ungnädig auf diese vielleicht zu vorwitzige Frage; denn Dein Wille bleibe allzeit heilig, heilig, heilig, und über alles Deine Macht und Stärke. Daher geschehe nur Dein Wille, denn ich möchte lieber ewig nichts wissen als etwas, so da nicht wäre nach Deinem allerheiligsten Willen. Amen, nur in Deinem heiligsten Namen. Amen.
PSG|1|9|0|0|So schreibe:
PSG|1|9|1|0|Wenn noch das Kind im Mutterleibe ruhig sauget / des Blutes Säfte, da für solch’s nichts andres tauget, / da saugt des Seele auch schon himmelsreine Lüfte / und weidet sich ihr Geist auf Meiner Gnadentrifte. / Und das der Leib dem Mutterleibe hat entnommen / und was daselbst in Geist und Seele ist gekommen, / das bildet sich hernach im weltlich Außenleben, / so ihm im Mutterleibe ward von Mir gegeben.
PSG|1|9|2|0|So aber du der finstren Kammer Lichtgebilde / da schauest, Bäume, Häuser, Wesen und Gefilde, / so solches in der Kammer nirgends ist zu finden; / nun sieh, das ist, worauf sich alle Träume gründen. / So sieht der Leib durchs Auge nichts als seinesgleichen, / da seinem Lichte all der Seele Bilder weichen; / und wenn der Körper schlafend finster ist geworden, / so sieht die Seele ihresgleichen dann in Horden.
PSG|1|9|3|0|Wenn aber auch die Seel’ zur Ruh’ sich hat begeben / und so dem Geist’ anheim gestellet wird das Streben / wie auch das Regen in des eignen Lichtes Sphären, / da kann der Geist dann auch zum Geistigen sich kehren. / Und was der Geist geschauet hat im Vaterhause, / das kann die Seel’ gewahren auch in ihrer Klause. / Und wenn der Leib dann wach geworden ist vom Schlafe, / gewahrt er öfter noch des Geistes Gnad’ und Strafe.
PSG|1|9|4|0|Doch ist bei Menschen, die ein weltlich Leben führen, / von reinen Geistesträumen nie gar viel zu spüren. / Da träumt die Seele nur der Welt entnomm’ne Dinge / und meist, daran das Herz am Tage leidlich hinge; / und da sind solche leere, bunte Seelenträume / wohl nichts als was da sind des faulen Wassers Schäume. / Nur wenn der kranken Seele sich oft Bilder zeigen, / sind manchmal sie zu rütteln und zu ängsten eigen.
PSG|1|9|5|0|Und es sind solcher Träume fähig selbst die Tiere, / und heller oft, obschon entlehnt dem Nachtreviere. / Doch solcher Träume Sinn ist stets nur wüst und öde, / voll Trug und Arg, und demnach jede Deutung schnöde. / Nur wenn die Träume euren Erdensinn entwirren / und euch auf kurz in Meiner Gnade Reich entführen, / dann sollt ihr merken solche Träume euch hienieden / und fassen sie ins Herz zu eurer Seele Frieden.
PSG|1|9|6|0|Denn wenn ihr träumet so von eitlen Erdendingen, / so ist das nichts als was euch eure Wünsche bringen, / und was am Tage euch begehret hat im Herzen, / das wird gar los’ im Schlaf mit eurer Seele scherzen, / und wenn ihr oft am Tage Meiner habt bedenket / und alles Tun und Trachten stets zu Mir gelenket, / dann wird, wenn Leib und Seel’ sich hat zur Ruh’ begeben, / dem Geist auf kurze Zeit im Himmel Kost gegeben.
PSG|1|9|7|0|Nun merket das zum Schlusse noch, ihr wen’gen Treuen, / die rechten Träume werden stets euch wohl erfreuen. / Nur wenn die Seel’ im Schwanken sich befind’t auf Erden, / so wird die Himmelskost euch manchmal bitter werden; / denn wer noch nicht durch Liebesfeuer ist gegangen, / dem möcht vor solcher Feuerskost ein wenig bangen. / Doch wer da denket: Einmal muss ich’s doch empfangen, / der wird nicht schwer zu Meinem Gnadenweg gelangen.
PSG|1|9|0|0|Nachwort
PSG|1|9|0|0|Dieses wenige wohl überdacht wird vorderhand genügen zu wissen, was du wissen möchtest. Doch ist in Träumen nichts Verdienstliches, noch etwas Sträfliches, und sind die guten und echten eine freie Hinzugabe ohne alle Rechnung; wer darnach sich kehrt, der tut wohl; doch wer da lebet Meiner Offenbarung treu gemäß, der tut besser, denn die Träume gebe ich nur Meinen tauben Liebhabern. Doch wem des Herzens geistige Ohren sind durch das Feuer der Liebe aufgetaut und geöffnet worden, der höre nur recht fleißig in sich Mein lebendiges Wort predigen, durch welches allein er nur zum Leben gelangen wird. Was aber die Wesenheit der Träume sonderheitlich anbelanget, so wird ihrer bei der Enthüllung des Menschen schon ohnehin ausführlich erwähnt werden; zuerst kommt das Kleine, dann das Große und endlich das Allergrößte, Amen. Das sage Ich, der da angerufen wurde. Amen, Amen, Amen.
PSG|1|10|1|1|Sodom und Gomorrha
PSG|1|10|1|0|Dahin die alte Sage lautet von dem toten Meere, / dass Sodom und Gomorrha einstens dort gestanden wäre. / Die Sage lautet treu und wahr, und zeigt des Lasters Stätte, / sie ist ein dumpfes Ferngeklirr von Meines Feindes Kette. / Doch was die tote Flut auch immer da verschlungen hatte, / was nichtig’s ist in Meiner Weisheit freiem tiefen Rate / dagegen, wo das Licht des Heils getötet ist geworden / von Meines Volkes racherfüllten bösen blinden Horden!
PSG|1|10|2|0|Es gehet Sodom und Gomorrha ganz erträglich immer, / es ruhn da unter toten Fluten taub des Lasters Trümmer; / es taucht da keine Stimme mehr empor, die lang verklungen, / als dass ein kleines Lied darob von Mose ward gesungen. / Doch an der höchsten Gräueltaten gift’ger wüster Stelle, / da soll nicht spielen gleich ob Sodom eine laue Welle, / da solle über Zions Trümmern und des alten Mauern / noch manches Volk den alten Frevel tief und hart betrauern.
PSG|1|10|3|0|Habt ihr denn nicht vernommen, das der treue Zeug’ gesprochen, / wie lang und hart da werden soll das Judentum gerochen. / Seht, so ein alter Feuerspeier einstens wüst entbrannte / und da so manches Unheil über Feld und Fluren bahnte, / da sehet hin, wie kahl und wesenleer des Zinnen klaffen, / als wäre nie geworden da ein Gräschen nur erschaffen, / und so wüst, – wie könnte, da Mein größter Feind gelegen, / wohl walten Meine Gnad’ und Liebe und ihr großer Segen!
PSG|1|10|4|0|Zu Sodom und Gomorrha ward das Laster voll begraben, / die Zahl war groß und vollends reif die Ausgeburt der Raben, / es gab des Aases nicht so viel, um all die Brut zu nähren, / daher war besser da, der Brut den Untergang zu g’währen. / Doch da dereinst Mein auserwähltes Volk Mich schnöd verhöhnte / und Mich zum Spott als einen König mit den Dornen krönte, / seht, dieser Spott, die Dornen, so wie all die Vorkreuzleiden / sind hier der Grund, dass diese Stell’ verwüstet wird von Heiden.
PSG|1|10|5|0|O wär zu Sodom das gescheh’n, was Zion widerfahren, / die Raben würden heute dankbar noch durch Lüfte fahren; / Gomorrha säß’ als Königin der Erde Mir voll Treue / und täte Buße noch und übte, ob des Lasters, Reue. / Doch Mein erwähltes Volk, das will sich nimmerdar bekehren / und pflegt nur Laster aller Art in sich zu mehren. / O hört, da soll an dieses Vulkans heißer Lagerstätte / noch lange klirren um die Völker Muslems Sklavenkette!
PSG|1|10|0|0|Nachwörtlein
PSG|1|10|6|0|Wenn der Jud sich wird bekehren, / Mich als seinen Gott wird ehren, / werd Ich Zion ihm bescheren, / werd dem Feinde es verwehren, / sich von Meinem Volk zu nähren; / seine Macht werd Ich betören, / seine Städte all zerstören, / meinem Volk werd Ich gewähren / jede Bitte – jed’s Begehren, / so es Meine Stimm’ wird hören. / Doch bis dieses nicht geschehen, / wird dem Land kein Heil erstehen. / Amen, das sollt ihr verstehen, / Amen, nicht den Sinn verdrehen. / Amen, hört die Winde wehen, / Amen, große Ding’ zu sehen!
PSG|1|11|1|1|Poesie des Himmels
PSG|1|11|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber, Graz, 9. Juni 1840
PSG|1|11|0|0|Vorwort
PSG|1|11|0|0|Das ist ein gutes Nebenwort an den Geheimschreiber [Karl Gottfried Leitner] des Landes blinder Würde und stummer Macht, die da ist gefestet in der albernen Einbildung der blinden Vorzüglichkeit einiger dummer Müßiggänger, die „Stände“ genannt werden und sich besser dünken als andere, da sie das Recht, Narren zu sein, urschriftlich in Händen haben, von einem herrschsüchtigen Monarchen, für den sie zum Heile der eigenen Haut wegen, vorgeblich aber aus Vaterlandsliebe und außerordentlicher Anhänglichkeit an dessen gesalbte Person, irgendeinen pfiffigen Streich ausgeführt haben, durch die tüchtigen Fäuste meistens ihrer Knechte, Knappen oder Sklaven, die da Soldaten heißen.
PSG|1|11|0|0|Da dieser K. G. L. auch ist ein Dichter nach der besten menschlichen Weise und hat ein wohlbereitetes Herz und ist ein Mann voll guten Willens gegen Mich und Freude hat an Meiner Liebe und ein großer Freund ist Meiner Weisheit und sehr fröhlich ist, so er hört Mein neues Wort und liest Mein altes; so will Ich ihm zeigen die Poesie des Himmels, welche ist eine Umgangssprache daselbst und lautet, wie da folgt ein kleines Beispiel:
PSG|1|11|1|0|In der Himmel reinen weiten Kreisen, / nach der Engel liebevollen Weisen, / singen alle übersel’gen Brüder / reine, Mir allein geweihte Lieder.
PSG|1|11|2|0|Erstens singen sie von Meiner Liebe, / aus des Herzens reinstem heil’gem Triebe, / dann erbrennen sie in höchster Wonne, / so sie sehen Mich als Gnadensonne.
PSG|1|11|3|0|Und wenn deren reinste Lichtesfülle / ganz durchleutet ihres Geistes Hülle, / dann durchschauen sie in schönsten Normen / zahllos Meiner Liebe Wunderformen.
PSG|1|11|4|0|Wonne drängt da Wonne in die Herzen, / reich an wohlbekannten süßen Schmerzen, / welche sind des Himmels höchste Gaben, / da sie wonnemüde Engel laben.
PSG|1|11|5|0|Wenn dann überselig sie geworden, / sammeln rein sie sich in fromme Horden, / dann ertönt ein Lied aus aller Munde, / das Ich hier euch sag zur treuen Kunde.
PSG|1|11|6|0|„Vater!“ singen sie ganz liebetrunken, / „Vater!“ singen sie in Mich versunken, / „Vater!“ ist das Wort auf jeder Zunge, / „Vater!“ ist der Hauch aus jeder Lunge.
PSG|1|11|7|0|„Groß ist Deine Macht und groß die Ehre, / zahllos Deiner Liebeschöpfung Heere, / ungemessen Deiner Wege Tiefe, / unbegreiflich Deiner Allmacht Griffe.
PSG|1|11|8|0|Wer hat je geschaut der Gottheit Augen? / Wer kennet all der Wesen weises Taugen? / Wo ist wohl ein so verständig Wesen, / das da könnt die Schrift der Wunder lesen?
PSG|1|11|9|0|Sehet hin in nie geahnte Tiefen, / wie sie voll von neuen Wundern triefen. / Sehet dort des Vaters Liebe walten, / sehet Seine Weisheit sich entfalten.
PSG|1|11|10|0|Seht hinab zur Hölle, seht die Toten, / seht dahin, die Menge guter Boten / tragen frohe Kund’ in ihren Händen, / um auch dort Verlorne zu vollenden.“
PSG|1|11|11|0|Und wenn sie sonach betrachtet haben / Meiner Liebe große Wundergaben, / Meiner Weisheit heil’ge Gnadenspenden, / ja zur Hölle selbst die Engel senden;
PSG|1|11|12|0|dann entbrennen sie in Lieb’ von Neuem, / dass darob selbst Sonnen sich erfreuen / und dann heller leuchten in die Welten, / was auch heitre schöne Tage melden.
PSG|1|11|13|0|Dann ergießen sich durch alle Kehlen / einer Stimme süßen Klanges Wellen, / lautend bald wie großer Wasser Rauschen, / bald, als wenn die Winde sich durchtauschen.
PSG|1|11|14|0|Singend so nach dieser schönen Weise, / sagend Mir die kleine Stroph’ zum Preise: / „Lieber Vater! Sieh in Deiner Gnade / auch der armen Brüder dunkle Pfade.
PSG|1|11|15|0|Sieh hinab der Erde Kinder wallen, / hör, o Vater, ihre Klagen schallen. / O befreie diese schwachen Brüder / von der grausam bösen gift’gen Hyder!
PSG|1|11|16|0|Vater! Mache auch der Schlange Kinder, / ja, so möglich, selbst den Erzerfinder / alles Trugs und Fürsten aller Lügen, / sich bescheiden Deiner Allmacht fügen!
PSG|1|11|17|0|Und so nur Dein Wille uns beschiede, / was da nötig, dass der heil’ge Friede / in der Welten Tiefe mög’ erstehen, / Vater, lass geschehen, das wir flehen!
PSG|1|11|18|0|So sind wir bereit zu dienen allen / Brüdern auf dem finstren Erdenballen; / o erhöre unser kindlich Flehen, / lass die Toten gnädig auferstehen!“
PSG|1|11|19|0|Seht, das sind die reinen frommen Weisen, / wie ihr sollt den heil’gen Vater preisen, / schauen Seiner Allmacht große Werke, / loben Seiner Liebe heil’ge Stärke.
PSG|1|11|20|0|So wird euer Treiben, Tun und Dichten / euch so manche große Zweifel lichten; / wann ihr aber tut nach eurer Weise, / bleibt ihr Narren, selbst als hohe Greise.
PSG|1|11|21|0|Wenn nun alt geworden sind die Bäume / und ganz leer des Lebens heitre Räume, / dann ist’s wohl zu spät, erst auszugleichen / Krummgemachtes aus der Jugend Streichen.
PSG|1|11|0|0|Nachwort
PSG|1|11|22|0|Und sieh, Mein lieber Karl, Ich habe eine große Liebe zu dir, da du suchest Meinen Namen eifrig zu reinigen und zu verherrlichen in deinem Herzen; aber etwas habe Ich wider dich, das da ist, dass dich noch erbauen Reden menschlicher Weisheit. Denn siehe: Der Geist erbauet den Geist, die Liebe – die Liebe, der Mensch – den Menschen, so auch die Welt – die Welt, wie ein Flitter den andern. So du aber nun geschaut hast in Meine Tiefen, so lass das überseichte Zeug der Welt, daran nichts als unreife Tollkirschen hängen, die da kein nütze sind.
PSG|1|11|23|0|Ich sage dir, tue nur, das Ich dir rate; denn Ich bin schon sehr nahe gekommen deinem Herzen; und so du glaubest und willst sollst auch du Mir bald ein tüchtig Rüstzeug werden und schauen selbst nie geahnte Tiefen, die Ich legen will in dein eigen Herz.
PSG|1|11|24|0|Dann erst wirst du ein wahrer Dichter werden und ein Mann nach Meinem Herzen! Amen. Ich, dein lieber Jesus, Amen!
PSG|1|12|1|1|Zur Eingeburt
PSG|1|12|0|0|Am 3. November 1840
PSG|1|12|0|0|Ein gar kurzes Wörtlein zum Tage der Eingeburt des C. L., nicht als er ist ein Diener der Welt, sondern als er ist ein Weinzierl Meines Weinberges, damit er wisse, dass Ich allezeit seiner gedenke; und so sei dieses kurze Wörtel folgendes:
PSG|1|12|1|0|Beharrlichkeit und Unerschrockenheit / in Liebe – freuen Mich in Ewigkeit. / Daher auch tue du, was dir beschieden, / ganz unerschrocken liebetreu hienieden.
PSG|1|12|2|0|So wirst du auch dereinst Mein Ritter werden / und zwar ein andrer, als dahier auf Erden. / So jemand wahrhaft liebt, ist dreist und keck / in seinem Trachten und erreicht den Zweck.
PSG|1|12|3|0|Dazu wenn noch beharrlich er verbleibet, / auch alle Hindernisse leicht vertreibet. / Denn wahre Liebe lässt sich niemals spotten, / sie bietet leichten Trutz all den Geboten!
PSG|1|12|4|0|So mach’s auch du, Mein lieber Weinzierl Mein, / und pfleg den Stock und zeug Mir guten Wein, / so wirst auch du der Liebe Sieg entbinden / und dich auch bald in Meiner Gnade finden.
PSG|1|12|5|0|Ist dir bisher auch dunkel manche Stelle, / so sei getrost, du stehst gar nah der Schwelle, / an der dir, so wie vielen, wird gelingen, / gar bald ins Gnadenflammenmeer zu dringen!
PSG|1|12|6|0|Nur musst dich niemal bangend trübe sorgen, / wenn trüb die Nacht, – doch folgt ein heitr’er Morgen! / So gibt’s auch manche Dinge, wohlbegriffen, / ja, so du steigest über Felsgeriffen,
PSG|1|12|7|0|die viele Mühe kosten, sie zu klären, / und Schweiß, den Schaukreis sich zu mehren. / Doch wer beharrlich denkt, beharrlich steigt, / vor dem auch bald sich Chimborazo beugt!
PSG|1|12|8|0|Das sagt dir, den du mehr und mehr wirst kennen, / so du von Ihm wirst hören Amen nennen! / Das sag Ich Vater heilig, dir zum Namen, / und sage allzeit Amen, Amen, Amen.
PSG|1|13|1|1|Ein Gebet für jeden, wann er fällt, wankt oder zweifelt
PSG|1|13|1|0|Sieh, o Vater, meine Schwächen, / sieh, wie mich die Zweifel stechen, / hilf mir überschwachem Armen, / hab mit meinem Geist Erbarmen; / denn ich steck in großer Not, / steck in aller Sünd’ und Tod!
PSG|1|13|2|0|Will ich einsam zu Dir beten, / Dir vortragen meine Nöten, / da werd ich bald schlaff und träge / auf des Geistes Lebensstege. / Sieh, ich steck in großer Not, / steck in aller Sünd’ und Tod!
PSG|1|13|3|0|Wann zu Dir ich „Vater“ rufe / von des Lebens finstrer Stufe, / da werd ich vom Schlaf gemahnet, / der zum Fall den Weg mir bahnet; / oh, ich steck in großer Not, / steck in aller Sünd’ und Tod!
PSG|1|13|4|0|Wenn ich sehe einen Armen / und hab bald mit ihm Erbarmen, / da wird karg die Gab’ bemessen, / manchmal sein auch ganz vergessen; / sieh, ich steck in großer Not, / steck in aller Sünd’ und Tod!
PSG|1|13|5|0|Wenn das Aug’ zur Welt ich drehe / und da Deine Werk’ besehe, / da auch späht des Fleisches Auge / darnach, was ihm sinnlich tauge; / oh, wie groß ist meine Not / und wie hart die Sünd’ und Tod!
PSG|1|13|6|0|Manchmal möcht ich Weises hören, / möcht mein Herz nach Dir nur kehren – / da fängt bald mir an zu bangen / und nach Weltlichem verlangen; / oh, wie groß ist meine Not / und wie hart die Sünd’ und Tod!
PSG|1|13|7|0|Will zu Dir ich mich erheben, / um nach Deiner Lieb’ zu streben, / dann kommt schon auch – ungebeten / so ein Gast in Krankheitsketten; / oh, ich steck in großer Not, / steck in aller Sünd’ und Tod!
PSG|1|13|8|0|Wenn ich abends schlafen gehe / oder morgens früh aufstehe, / um mit Dir mich zu befassen, / mich sobald die Sinn’ verlassen, / dann steck ich wie stumm und tot / in des Lebens trübster Not!
PSG|1|13|9|0|Will ich segnen, die ich liebe, / da wird oft ums Herz mir trübe, / dass ich dann vor lauter Schwäche / kaum des Segens Wort ausspreche; / sieh doch, Vater, meine Not, / wie ich steck in Sünd’ und Tod!
PSG|1|13|10|0|Wenn ich manchmal fröhlich merke, / dass mich Dein Erbarmen stärke, / dann auch merk zur andern Seite, / wie ich bin der Sünde Beute. / Vater! Sieh mich in der Not, / mach mich frei von Sünd’ und Tod!
PSG|1|13|11|0|Lass doch einmal mich besiegen / alle Sünd’ und all ihr Trügen, / lass im Geiste mich erstehen / und von Deiner Kraft durchwehen; / nimm von mir die große Not, / nimm von mir die Sünd’ und Tod!
PSG|1|14|1|1|An den Herrn
PSG|1|14|1|0|Lieber Jesus, allzeit mein, / lass mich Deines Herzens sein, / lass mich Deiner Lieb’ mich freun, / nur Du Liebe nenn mich Dein!
PSG|1|14|2|0|„Musst wohl Meiner Liebe traun / und auf Meine Treue bau’n, / suchen nicht in andern Gau’n, / stets auf Meine Lieb’ nur schaun!
PSG|1|14|3|0|Blick’ mit Mir nur himmelwärts, / achte nicht der Gauner Scherz.“ – / Schenke mir Dein reines Herz, / lind’re meiner Sehnsucht Schmerz!
PSG|1|14|4|0|Reiche mir als treues Pfand, / liebster Freund Du, Deine Hand, / reich’ zu binden mir das Band, / Liebe Dir fürs bessre Land!
PSG|1|14|5|0|Ob ich reich bin oder arm, / schlägt mein Herz für Dich doch warm; / darum meiner Dich erbarm, / schließe mich in Deine Arm’!
PSG|1|14|6|0|War wohl je der Bettelstab / reinster Liebe Todesgrab? / Drum sieh stets auf mich herab / und mit Liebe mich erlab.
PSG|1|14|7|0|Sieh, o holder Jesus, mich, / sieh, wie heiß ich liebe Dich / so von Herzen inniglich / jetzt und fürder ewiglich!
PSG|1|14|8|0|Darum spare nicht den Bund / reinster Lieb’ auf andre Stund, / gebe treu sobald mir kund, / dass mich liebst, aus Deinem Mund!
PSG|1|14|9|0|Zögre nicht zu sagen mir, / dass mich treulich liebest hier; / denn ich sage wahrlich Dir, / lang schon lieb ich Dich dafür!
PSG|1|14|10|0|Sei nicht sparsam mit dem Wort, / stammst mit mir von selbem Ort, / stehest vor derselben Pfort’, / bautest auf derselben Hort!
PSG|1|14|11|0|Vater Dein auch Vater mein, / darum sollst mir treulich sein / geh mit mir in Liebe ein, / mir mein liebend Herz erfreun.
PSG|1|14|12|0|Jesus, Du kannst zaudern noch? / Schmähst denn nun der Liebe Joch? / Oder bist Du gar so hoch? / Sag herein doch, wenn ich poch’!
PSG|1|14|13|0|O Du winkst zu warten mir, / wahrlich, muss ich sagen Dir, / lang, gar lang schon wart’ ich hier, / ja mein halbes Leben schier!
PSG|1|14|14|0|Darum, Jesus, hör mich bald, / eh ich noch werd schwach und alt / klein-gefurcht und ungestalt’t, / wie in meiner Liebe kalt.
PSG|1|14|15|0|Liebster Jesus, allzeit mein, / lass mich Deines Herzens sein, / lass nach Deiner Lieb’ mich frei’n, / nur Du Jesus nenn mich Dein.
PSG|1|14|16|0|Eigentlich sollte statt Jesus „Brüder“ gesetzt sein, und statt dir Ich, der Herr; so wirst du hören, wenn Ich dir beständig zurufe, Mich zu lieben. Amen!
PSG|1|15|1|1|Postulatum von der Höhe
PSG|1|15|1|0|Diese fünfzehn Verselein / zeigen dir gar klein und fein, / wie Liebe soll beschaffen sein, / willst du gehn ins Leben ein!
PSG|1|15|2|0|Musst mit Mir um Liebe zanken, / nie in deiner Treue wanken, / trag’n Mich in all’n Gedanken, / und ums Kreuz dich liebend ranken.
PSG|1|15|3|0|Dann werd Ich schon sagen „Amen“, / dir verkündend Meinen Namen, / sein mit dir in eins beisammen / als dein Jesus ewig. Amen.
PSG|1|16|1|1|Des Menschen lebendige Pflicht
PSG|1|16|1|0|Was weilt ihr am Wege? / So müßig und träge / zur Arbeit und Müh! / Wer bloß da nur sinnet, / doch nimmer beginnet, / der endet auch nie.
PSG|1|16|2|0|Beiseits mit dem Zaudern, / ganz weg mit dem Plaudern / vom Tatengefühl! / Denn nicht durchs Empfinden, / durchs Handeln nur finden / wir einmal das Ziel.
PSG|1|16|3|0|Ist sehr auch zu lehren / nur Tugend zu ehren, / die Sünde zu fliehen; / Doch hehrer, wenn Saaten / schon reifender Taten / den Handler umblühn!
PSG|1|16|4|0|So Freude mit Segen / auf düsteren Wegen / die Reise verkürzt, / und Tugend, im Kleide / der Unschuld, die Freude / vielfältig ihm würzt.
PSG|1|16|5|0|Ihr sollt das ihr schwören, / sie stets so zu ehren / durch Taten und Sinn; / sie fest zu umfassen, / sie nimmer zu lassen / um keinen Gewinn.
PSG|1|16|6|0|Vollendete blicken / herab mit Entzücken / auf solchen Entschluss, / zu größeren Werken / die Tät’gen zu stärken / mit himmlischem Kuss!
PSG|1|16|7|0|Auf, Hände in Hände! / Und wollet behände, / zu enden den Lauf, / dann nehmen die Gatten / der Himmel euch Matten, / Vollendeten auf. / Was nützt euch das Reden / auf Kanzeln und Böden / in Kirche und Schul’? / Nur eins ist vonnöten: / Durch Taten zu beten, / all’s andre ist null!
PSG|1|16|8|0|Die Trägheit nur sinnet / und nimmer beginnet / zu führen die Tat; / ohn Suchen will finden / sie, Leben ergründen, / das nimmer sie hat!
PSG|1|16|9|0|Drum auf und behände, / gebrauchet eure Hände / zu säen die Saat, / dann werdet ihr’s merken, / wie Gott euch wird stärken / für himmlische Tat!
PSG|1|16|10|0|Das hat euch beschieden / der Vater im Frieden, / drum wachet und tut; / und denkt, dass durchs Schlafen / und Bücher begaffen / nicht kommet der Mut!
PSG|1|16|11|0|Der allzeit zu Taten / beseelet die matten / Bewohner der Welt / und machet den Schwachen / in all seinen Sachen / zum tapferen Held.
PSG|1|16|12|0|Drum weilt nicht am Wege / so müßig und träge / zur Arbeit und Müh! / Wer bloß nur da sinnet / und nimmer beginnet, / der endet auch nie.
PSG|1|16|0|0|Sit bene notandum! Dixi Dominus. Amen.
PSG|1|17|1|1|Der Wille Gottes als Schlüssel zur Geisterwelt
PSG|1|17|0|0|Empfangen vom Herrn durch Jakob Lorber am 2. Sept. 1840, nachmittags
PSG|1|17|0|0|Höre! Du schriebest vor Jahr und Jahren ein kleines Gedicht unter dem Titel: Der Wille Gottes als Schlüssel zur Geisterwelt. Siehe, das ist ein rechtes Gedicht, und ist dir zwar nicht vorgesagt worden, wie es jetzt zu geschehen pflegt; aber Ich habe es dir ins Herz gelegt von Wort zu Wort, und es ist nicht ein Buchstabe von dir, sondern von Mir. Daher sollst du es auch nicht als dein Werk betrachten, sondern sollst selbes Mir wieder geben, und Ich werde die Worte wieder beleben, und es wird eine große Kraft aus ihnen an alle übergehen. Würdest du sie aber als dein Werk betrachten, dann werden sie verderben wie ein gesundes Weizenkorn in schlechter Erde; daher gebe sie Mir zurück und schreibe es wortgetreu hieher, und – wie schon gesagt – es wird eine große Kraft in dasselbe gelegt werden, die ein jeder alsobald empfinden wird, der es als eine große Gnadenspende von Mir betrachten, lesen und sich darnach kehren wird. Amen. Das sage Ich, der große Gnadenspender. Amen. Amen. Amen!
PSG|1|17|1|0|Gottes Wille / ist so stille, / dass ihn viele überhören, / und nur jene, die begehren / solchen zu vernehmen, / werden nach und nach erkennen, / dass sich Gottes Wille / nur in heil’ger Stille / jenem treulich offenbaret, / der mit Sehnsucht auf ihn harret.
PSG|1|17|2|0|Viele Brüder / singen Lieder. / Das ist schon der Bessern Sitte; / selten doch aus deren Mitte / wird wohl einem kaum gelingen, / in die Geisterwelt zu dringen. / Darum will Ich’s wagen, / euch den Weg zu sagen; / doch auch allen wohl verkünden: / Geisterwelt ist schwer zu finden.
PSG|1|17|3|0|Tief im Herzen, / wo nicht Schmerzen, / liegt die Geisterwelt verborgen. / Nur durchs Beten, Fasten, Sorgen / für den Geist durchs ganze Leben / könnt ihr diesen Schleier heben; / dann wird offen werden / jedem hier auf Erden, / dass in euch die Geister wohnen, / aller Monde, Erden, Sonnen.
PSG|1|17|4|0|Gott als Sonne / ist die Wonne, / haucht das Leben in die Wesen; / doch der Geist nur kann es lesen, / er allein kann Geister sehen, / Gottes Bild in sich erspähen. / Dringt in euch, ihr alle / auf dem Erdenballe! / Leben nur wird Leben finden, / Tod die Seinen ewig binden!
PSG|1|17|5|0|Keiner glaube, / dass die Traube / nur durch Sonnenkraft gedeihe. / Es bedarf da höh’rer Weihe, / um dies Rätsel zu ergründen; / nur der Geist wird’s euch verkünden, / dass in allen Früchten / Geister, Geister richten, / den Geschmack, Geruch gestalten, / Farbe selbst wird durch ihr Walten.
PSG|1|17|6|0|All Gebilde, / noch so milde, / ist ein Werk der Geisterheere, / sei’s auf der Erd, in Luft, im Meere, / ja in allen Schöpfungsräumen / wohnen Geister in den Keimen, – / sucht, ihr werdet’s finden! / Ja in euch ergründen, / welchen Weg die Geister gehen, / wie sie Erden, Sonnen drehen.
PSG|1|17|7|0|Nicht am Rande / löst die Bande, / euren Geist dann zu befreien / und dem Tod das Leben weihen. / Sehet – ewig ist verloren, / der im Geist nicht neugeboren; / dieses kurze Leben / muss die Zweifel heben. / Wollt ihr dieses sicher finden, / müsst ihr früh den Geist ergründen.
PSG|1|17|8|0|All’s Bewegen, / alles Regen / kommt von einem geist’gen Leben. / Ruhe selbst ist nur ein Streben / zweier Kräfte nach Bewegung; / kommt zu einem eine Stärkung, / muss die Schwäche weichen. / O ihr armen Reichen, / geistig lahm und lebend Steifen / könnt auch das ihr nicht begreifen!?
PSG|1|17|9|0|Ihr wollt leben / ohne Streben / nach des Geisteslebens Himmel / ewig so in eurem Tümmel! / Merkt denn: Nur die Kraft wird siegen / und dem Tod nicht unterliegen; / die da überwunden, / ewig auch entschwunden / aus der reinen Lebensphäre, / ihr Bestehn wird zur Chimäre.
PSG|1|17|10|0|O ihr Freunde / der Gemeinde, / die nach hellem Schauen ringet! / Wohl euch, jedem, dem’s gelinget / in die Geisterwelt zu dringen, / wo die Engel Weisheit singen, / wo kein Denken trüget, / niemand euch belüget; / wo der Geist im klarsten Schauen / alles wird auf Liebe bauen.
PSG|1|17|11|0|Auf zum Streite! / Ich’s geleite / jedem, der schon hat begonnen / stark zu kämpfen, bald werd kommen / Ich, ein starker Held zu richten / diese Welt und all’s zu schlichten; / was da krumm auf Erden / muss gerade werden. / Berge werden alle weichen / und den Tälern völlig gleichen.
PSG|1|17|12|0|Nachwort hiezu: Nun hast du es Mir gegeben, und so gebe Ich auch Meinen Segen darauf, und so gesegnet gib es Meinen Freunden und sie werden es alsogleich als die wahre Stimme des alleinig guten Hirten erkennen, der Ich Selbst es bin, war und sein werde ewig. Amen. Das sage Ich, der alleinig gute Hirt. Amen. Amen. Amen.
PSG|1|18|1|1|Das Gefühl
PSG|1|18|1|0|Im Gefühl ist’s gelegen, / was das Leben mag begreifen, / und auf allen finstren Wegen / mag das Licht allein nur reifen.
PSG|1|18|2|0|Wenn das Leben im Gefühle / sich dir gibt getreu zur Kunde / unter gläubig lichter Hülle, / treu in jeder Zeit und Stunde,
PSG|1|18|3|0|magst du reden, disputieren, / was dir immer mag gefallen, / magst dich geistig instruieren, / was das Leben in den Allen;
PSG|1|18|4|0|nimmer doch wirst du es finden, / was in sich da ist das Leben. / Im Gefühl nur wird sich’s künden, / wie das Leben ist gegeben.
PSG|1|18|5|0|Darum – lebe im Gefühle! / Treu nach alter Lebenskunde, / so in aller Herzensstille / auf dem öden Erdenrunde.
PSG|1|18|6|0|Dann lebst du ein wahres Leben, / selbst ein Leben dir gestellet, / treu und wahr von Gott gegeben, / also auch von Ihm erwählet.
PSG|1|18|7|0|So denn fühlet sich das Wahre / selbst als ein’ge Kraft hienieden, / und einst über Zeit und Bahre / reicht es dir den ew’gen Frieden! Amen.
PSG|1|19|1|1|Der Schmerz
PSG|1|19|0|0|Empfangen vom Herrn durch Jakob Lorber am 4. Aug. 1841, nachmittags
PSG|1|19|0|0|Siehe, ein rechtes Thema und wert eines höheren Wortes. Nehme dir nur die Mühle, du wirst schon im Herzen etwas finden, das da fein tönend den Schmerz besingen wird; denn Ich habe in selbes schon ein ausgearbeitetes Liedchen geleget. Suche nur, und du wirst es gar bald finden und auch zugleich erkennen, woher es ist und aus welcher Feder geflossen!
PSG|1|19|1|0|Wild toset des Sturmes gar mächtiges Walten; / der furchtsame Wandrer wähnt – neu zu umstalten / die Erde, der Orkane Macht ist gekommen! / Er zittert darob, und wie wird er beklommen / im Herzen durchs ahnende Schauen der Dinge, / nicht anders als wenn wahr die Erd’ zu Grund ginge! / So auch der Mensch von dem Schmerze befallen, / da sieht er sich schon in finsteren Hallen / des Grabes! Doch nicht ist’s also; denn im Wüten / des Schmerzes nur Engel euch treulich behüten / vor Lüsten des Fleisches und andren Gefahren; / drum sollt ihr im Schmerz nicht zu ängstlich beharren!
PSG|1|19|2|0|Es brennt zwar der Schmerz gewaltig die Nerven / und tobet als möcht er die Muskeln zerkerfen, / ergreift oft gewaltig erschütternd das Leben, / dass darum nicht selten die Knochen erbeben. / Dann fängt der Mensch an im Herzen zu zagen, / nicht selten auch über Mein Walten zu klagen; / doch wie ist unklug da ein solches Benehmen / und töricht im Schmerze den Tod schon zu wähnen! / Der Schmerz ist als Feger von Mir euch gegeben; / er läutert den Leib und die Seele vom Streben / nach eitlen nichtigen irdischen Dingen, / und hilft euch ein schmerzloses Leben erringen.
PSG|1|19|3|0|Im Schmerze schon wirst du ja weltlich geboren, / wer hat durch den Schmerz noch etwas verloren? / Muss eh’ nicht verwittert ein Stein gänzlich werden, / durch allerlei drückende Lösungsbeschwerden, / durch Feuer und Fluten wird er abgenützet / und noch durch allartige Mächte geritzet, / doch sage, verlieren dabei was die Steine, / wenn sie dadurch werden zum Baue der Weine / als fruchtbares Erdreich vom Leben durchdrungen, / wann hätten sie das wohl als Stein sich errungen? / Und seht, also ihr auch die Schmerzen betrachtet / und sie als vom Leben durchdrungen beachtet!
PSG|1|19|4|0|Wo irgend sich lässet ein Leben verspüren, / da pflegt vorher selbes das Tote zu rühren. / Dem schlafenden Tode will das nicht behagen; / denn er ahnet noch nichts von lebendigen Tagen. / Doch hat mal das Leben den Tod erst gerüttelt / und ihm seine Narrheit zu Staube geschüttelt, / alsdann fängt der Tote erst an zu verspüren / die Wohltat des Lebens und sein mächtiges Rühren. / Also auch der Schmerz-Engel alle euch wecket / vom Tode zum Leben, für euch unentdecket; / doch einst in des ewigen Lebens Lichtsphären / werd’t ihr zu den Toten so liebend selbst kehren. [* Als liebe dienstbare Geister, Schmerz und Leben bringend den noch toten Brüdern auf den Erdkörpern; – wohlverstanden – denn in Meinen großen Reichen gibt es auch gar viele Wohnungen, sowohl für Lebendige als auch für zu erweckende Tote! Wohl überdacht und auch wohlverstanden! *]
PSG|1|19|5|0|Je tobender euch wann die Schmerzen umfangen, / zu leben auch stärker wird euer Verlangen; / im Schmerze, da nehmt ihr zum Leben Arzneien, / und um von des Leiden euch selbst zu befreien / die Mittel, sie helfen euch wohl einzuschlafen, / doch wahre Gesundheit sie nimmer euch schaffen. / Ihr möchtet wohl klagen, dass so sich’s verhaltet, / dass keine Arznei euch zum Leben umstaltet. / Doch sparet die Klage; aufs Kreuz aber schauet, / von da herab euch nur das Leben zutauet. / Dies schmerzliche Kreuz ist vom Leben durchdrungen; / Ich Selbst hab am Kreuze euch solches errungen!
PSG|1|19|6|0|Ihr mögt euch zwar immer vom Schmerze befreien, / durch heilsame Kräuter und gute Arzneien. / Doch denket zu Ende: Für Schmerzen gar letzen / die Regen im Gärtchen kein Kräutlein mehr netzen. / Der letzte von allen den tobenden Schmerzen / wird euch erst erwecken in euerem Herzen, / so euch nicht zuvor schon Mein Wort hätt’ erwecket / und so statt des Schmerzes das Leben bezwecket; / denn die noch Atome des Tods in sich tragen, / die können empor über Schmerzen nicht ragen. / Nur die aus der Liebe Geist wiedergeboren, / die haben die Wecker vom Tode verloren! [* Weil sie deren nicht mehr bedürfen; denn wer da wiedergeboren ist, ist auch vollkommen lebendig und braucht nicht mehr zum Leben erweckt zu werden. Doch ist ein Unterschied zwischen den Wiedergeborenen aus dem Glauben und denen aus der Liebe, davon die ersten noch schmerzfähig, die zweiten aber gänzlich schmerzunfähig sind. Wohl überdacht und sehr wohl verstanden! *]
PSG|1|19|7|0|Doch suchet ihr euch vom Leid zu befreien, / so tut das durch Glauben mehr, denn durch Arzneien. / Seht, muss Ich die Kräuter für euch denn nicht segnen / und euch also heilend durch selbe begegnen? / Fürwahr, so ihr glaubt, Ich könnt anders euch heilen, / ohn Kräuter, ohn alles, möcht’t ihr bei Mir weilen! / Doch so euch die Welt manchmal stark noch anziehet / und ihr ja berücket ihr eilig nachfliehet, / da ist noch gefestet genug nicht der Glauben / und muss das erst werden durch schmerzliches Schrauben. / Da müsst ihr dann freilich zur Kräuterkur fliehen, / denn gläubig möcht’t ihr euch zu viel dann ermühen!
PSG|1|19|8|0|O haltet die Ordnung in weltlichen Dingen, / nach Essen und Trinken in Maß und Ziel ringen, / und so auch, was weltlich, versteht es in allen, / so werdet ihr selten vom Schmerze befallen. / Wenn feuchtende Winde die Lüfte durchziehen, / dann ist es auch besser ins Trockne zu fliehen, / und wenn sich die Mondzeichen ordentlich tauschen, / sollt ihr euch nicht liebend im Weine berauschen. / So werdet der Schmerzen ihr wenig dann klagen / und selten nach heilenden Kräutern noch fragen. / Doch so euch die Schmerzen besuchen, da denket, / der heilige Vater euch solche zulenket. [* Um euren Tod ins Leben zu brechen; wohl verstehet es! Amen! Das sage Ich, der große liebevolle Schmerzen- und Lebenbringer. Amen, Amen, Amen. *]
PSG|1|20|1|1|Die Sonne, ein Vorbild derselben
PSG|1|20|1|0|Der Wesen Millionen um die Strahlenmutter kreisen / und hocherfreut in lichter Wärme Mich den Schöpfer preisen. / Nicht unbekannt ist auch der Vater manchen Strahlengästen, / auch nicht so manchen ausgedienten alten Weltenresten, / die da in denen weitgedehnten Sonnenmeerestiefen / von eingesog’nen Strahlensegen sonnehauchend triefen.
PSG|1|20|2|0|Die Sonnenerde, nicht so hart wie viele ihrer Kinder, / ist lebend gleich des Weibes Brust und kennet ihren Gründer. / Es ist da sanft der Boden und gar weich die weiten Triften, / die höchsten Berge ohne Fels und tiefgeritzte Klüften, / und ist der Boden, wie die Berge voll belebt von Wesen, / die durch des Lichtes Macht der Erden Todesbande lösen.
PSG|1|20|3|0|Die Sonnenwelt der Sonne kreist in Äthers leicht’sten Fluten; / wie hell und stark das Licht allda, mag niemand wohl vermuten, / und wer in diesem höchsten Strahlenglanze pflegt zu leben, / das war zu schauen keinem fleisch’gen Auge noch gegeben. / Ja, ungewohnte Wundertiefen in dem Lichte wallen, / die nimmerdar hinaus auf kleinrer Welten Triften fallen.
PSG|1|20|4|0|Wer kann mit seinem Aug’ allhier das Licht der Sonne tragen, / und wer, woher dies mächt’ge Licht, Mir wohl recht kundig sagen? / O sieh, auf dieser lichten Sphäre ist gar hehr zu wohnen, / nur allerreinster Kindlein Geister pflegen hier zu thronen, / und eine allerhöchste Mutter thront in ihrer Mitte / und lehret diese da des Vaters Lieb’ und Weisheit Sitte.
PSG|1|20|5|0|O Sonne, Sonne, Trägerin der tiefsten Wundergrößen, / die nie noch hat des größten Engels Geist erschöpft bemessen! / Da sieh hinab zur dritten Tochter, deiner kleinen Erde, / da weidet sich auf mag’ren Triften eine arme Herde; / Ich will darum aus deines Lichtes überreichen Tiefen / belassen einen Tropfen nur hinab zur Tochter triefen.
PSG|1|20|6|0|Und dieser Tropfen wird da wohl zu reichlich nur genügen, / dass alle Kindlein deiner Tochter in den stärksten Zügen / daran zu trinken sollen haben für all Zeit der Zeiten, / und sollen sich darum nicht mehr ums Lebenswasser streiten. / O sieh, die Tagesmutter, wie ihr leuchtend Haupt sie neiget / und Mir dadurch gehorsamlichst die alte Treu bezeiget!
PSG|1|20|7|0|O freue dich, du ganze Erde, auf das Licht der Sonne; / in diesem Lichte wohnt fürwahr der Weisheit höchste Wonne! / Es freut ja schon die Kindlein, in ein Werk der Kunst zu blicken, / Ich weiß, wie sehr die Räder einer Uhr sie all entzücken. / Drum will Ich hier ein gar kunstvolles Werk euch zeigen / und auch das Schönst’ und Größte darum nicht verschweigen.
PSG|1|20|8|0|Da werd’t ihr schauen, was zuallermeist euch wird beglücken, / wie sich da eure Kindlein hehr mit Lieb’ und Weisheit schmücken, / und wie sie sich da gegenseitig pflegen zu belehren; / auch dies sollt ihr so gut wie mit den eignen Ohren hören. / Und endlich will Ich euch den hehren Trost auch nicht entziehen, / wie eure Kindlein hier um euer Heil sich stets bemühen.
PSG|1|20|9|0|Doch solches wird euch erst der größre Sonnenfunke bringen, / mit ihm werd’t ihr erst dann in all die Wundertiefen dringen; / dies Lied ist nur ein Vorgesang zu jenen großen Gaben, / an deren Fülle ihr euch stärken werd’t und wonnigst laben. / Drum nehmet dieses Vorlied an mit wahren Liebesfreuden, / denn Ich, der Vater, pflege euch ja solches zu bescheiden.
PSG|1|21|1|1|Musik oder der Liebe innerstes Wort, die Tiefe der Tiefen, die Macht der Mächte, die Kraft der Kräfte, gegeben im Worte der Liebe in einem hohen Liede
PSG|1|21|1|0|Es wohnt in den heiligen ewigen Tiefen der Liebe verborgen / ein nie noch im Grunde von Engeln und Menschen geahneter Morgen. / Ihr nennt es gar töricht „Musik“, was als innerstes Wort sich bekundet! / Was soll denn dies schaleste Wort, das den grundlosen Toren nur mundet? / Soll lehren es dich zu begreifen ein Wunder der Tiefe der Liebe? / Willst Großes du fassen, da fasse der Liebe allinnerste Triebe.
PSG|1|21|2|0|Der Ton ist die lebende Seele des Wortes, selbst Leben und Wesen; / was wäre ein Wort ohne Ton? Könnt’s Gedanken des Herzens dir lösen? / Der Buchstab’ ist nur ein verkrüppelter Ton ohne Klang und Bedeutung. / Du kannst mit dem Zeichen wohl schreiben das Wort nach der inneren Leitung, / doch nimmer die Tiere von ihrem betäubenden Schlafe erwecken; / denn solches kann nur der belebende Ton allzeit sicher erzwecken.
PSG|1|21|3|0|Das innerste heilige Wort ist nur Ton ohne züngliche Trübung. / Dies heilige Wort magst du finden in rohesten Dingen ohn Übung / in allen Metallen und festeren Steinen und Wasser und Erden, / in Tieren und Pflanzen, in allen luftigen sumsenden Herden. / Ich sage dir, horche und lausche mit offenen Herzen und Ohren, / und du wirst bald merken, dass ohne den Ton wird kein Wesen geboren.
PSG|1|21|4|0|Und so wohnt im Tone auch einer ganz leise nur sumsenden Fliege / ein Grund, eine Tiefe, du möchtst sie nicht fassen! Das Kind in der Wiege, / fürwahr kannst mir glauben, es sagt mit seinem eintönigen Weinen / unendlichmal höh’res denn Salomo und all die Weisen und Reinen. / Und so auch ein raschelndes Laub und die sprudelnde muntere Quelle, / sie birgt in dem plätschernden Tone des Lebens gar heil’ge Juwele!
PSG|1|21|5|0|Nun denke ein wenig im Herzen doch nach und begreife und fühle, / was alles die Harmonie reiner gebildeter Töne verhülle, / besonders wenn sie aus den Herzen der Frommen gar reinlich entschweben; / Ich sag Dir, aus ehernen Saiten entwinden sich zahllose Leben, / in den Oratorien und Symphonien und andren Gesängen / sich Leben an Leben, wie Woge an Woge, gar herrlich durchdrängen.
PSG|1|21|6|0|Möchtst du wohl den Nutzen harmonisch gebildeter Töne erfahren, / da frage Dich selbst nach dem Nutzen des Lebens, und Du wirst gewahren / und finden, dass nichts da wohl wichtiger sei als ein seliges Leben. / Was außer dem Tone der Liebe kann solches im Himmel dir geben; / Musik ist die innerste Sprache der Himmel, der seligsten Reinen. / Fürwahr, die da feinden die hehre Musik, die rechne Ich nicht zu den Meinen.
PSG|1|21|7|0|Die Trägen und Feinde und die sie wählen zu niedrigsten Zwecken, / die werd Ich zum inneren Leben des Geistes wohl schwerlich erwecken; / doch welche die Herrliche achten und lieben in wonniger Freude / aus Mir und zu Mir, und sie hätten auch manches auf schuldiger Kreide / bei Mir – wahrlich! Ich werde sie richten nach ihren empfundenen Tönen. / Daher mögt die Kindlein ihr zeitlich und fleißig an solche gewöhnen!
PSG|1|22|1|1|Die Zwischentöne
PSG|1|22|1|0|Liebeleien / euch nur freuen; / doch ihr Tönen / mögt verhöhnen; / o du Tor / an Aug’ und Ohr!
PSG|1|22|2|0|Töne fliehen, / sich nicht mühen; / lieber tanzen / auf den Schanzen; / o du Tor / an Aug’ und Ohr!
PSG|1|22|3|0|Fliegen fangen, / Fetzicht prangen, / deine Sinne Bauchgewinne; / o du Tor / an Aug’ und Ohr!
PSG|1|22|4|0|Fetzen nähen, / dich aufblähen, / dich beschmutzen, / Abtritt putzen; / o du Tor / an Aug’ und Ohr!
PSG|1|22|5|0|Lerne leben, / Töne weben, / Armen geben, / Zweifel heben; / bist nicht Tor / an Aug’ und Ohr!
PSG|1|22|6|0|Aus diesem hohen Liede und den darauf folgenden fünf Zwischentönen dürfte deine Frage wohl gelöset sein, wenn du es recht erwägst. Denke, dass der unartikulierte Ton nichts ist und sein kann als das allerreinste, geistige Wort im höchsten himmlischen Sinne, so wird dir nach und nach die sogenannte Musik in ihrer inneren Wesenheit immer klarer und herrlicher werden. Rate das auch deinen Freunden und Freundinnen, und es wird für sie von großem Nutzen sein. Amen. Das sage Ich, der ewige Grundton aller unendlichen Töne. Amen, Amen, Amen.
PSG|1|23|1|1|Christus heutzutage
PSG|1|23|1|0|Christus liebte bis zum Tode, Christus ist auch auferstanden, / all die Seinen wollt Er binden an Sein Herz mit Himmelsbanden. / Aber ach! wohl Millionen haben sich von Ihm geschieden, / suchen Rausch und Erdentäuschung und verschmähen Seinen Frieden.
PSG|1|23|2|0|Losgeklügelt, losgezweifelt, losgesündigt, losgeblendet / steht so mancher, der einst freudig zu dem Meister sich gewendet. / Torheit ist das Wort vom Kreuze, Torheit ihm ein Christusleben, / Torheit ihm die Himmelskunde: nach dem Himmel selbst zu streben.
PSG|1|23|3|0|Losgerissen von dem Glauben steht der Mensch auch los vom Lieben, / Christum hat er aus dem Herzen, Christum aus dem Haus getrieben. / Sagt, wie soll des Himmels Gabe, sagt, wie soll noch Glück und Segen / als ein grünes Reis von oben sich um Herz und Stirn ihm legen?
PSG|1|23|4|0|Seht die Ehe – keine Treue! Seht die Werkstatt – kein Gedeih’n! / Seht die Kinder – keine Tugend! Seht die Taten – all’s nur Schein! / Seht auf Wiegen, Zucht und Särge, Kanzel, Tauf’ und Abendmahl, / selten nur reift Christussonne Himmelsfrucht im Erdental.
PSG|1|23|5|0|Christus ja Du wirst vertrieben tausendmal in jedem Jahr / von dem Knaben schon und Jüngling, von dem Greis im Silberhaar, / von dem Hirten, von der Herde, von dem Höfling an dem Throne; / Überdruss und Langeweile findet man am Gottessohne.
PSG|1|23|6|0|Wirst vertrieben, Herr, von denen, die Du bis zum Kreuzesstamme / liebtest, wie noch keiner liebte, mit des Herzens Orionflamme. / Wirst vertrieben, Herr, von denen, die Du unter Schmerz und Lust / als ihr Bruder, als ihr Führer zogest an die reinste Brust!
PSG|1|23|7|0|Doch wohlan! Du bist und bleibest, Göttlicher! was Du gewesen, / alle Engel jauchzen „Amen“, und im Himmel wird man’s lesen. / Nun wohlan! Du Sohn des Höchsten, mag dich hier der Mensch vertreiben, / Dein Verdienst und Deine Krone und Dein Reich wird ewig bleiben.
PSG|1|23|8|0|Treibt Ihn denn aus euren Herzen, Menschen – toll in Nacht und Wahn, / treibt Ihn fort aus eurem Hause, fort von eurer Lebensbahn, / fort von Wiegen, fort von Särgen, fort von Kanzel und Altar. / Wehe, wehe, ruft’s vom Himmel, das Gericht wird offenbar!
PSG|1|23|9|0|Nun wohlan! Du Sohn des Höchsten, mag Dich auch der Mensch vertreiben, / Dein Verdienst und Deine Krone und Dein Reich wird ewig bleiben. / Welten, Reiche, Throne fallen, und der Lüge Macht zerbricht, / nur Dein Wort und Deine Gnade, Ewiger, die brechen nicht.
PSG|1|23|10|0|Also ist’s, wie Du gesprochen; viele sind berufen, / wenige doch nur erwählt für Deines Thrones Gnadenstufen. / Nun wohlan, Du lässt sie fahren, die von Dir nichts hören wollen! / Einstens wird sich zeigen wohl der große Wahn der Tauben, Blinden, / suchen werden Deine Gnad’ sie, – und sie dennoch nimmer finden.
PSG|1|23|11|0|Was Du einst geredet, Herr, wird ewig treu und wahr sich zeigen, / Deine Gnade wird zu denen, die Dich lieben, stets sich neigen. / Den Verächtern Deines Worts nur wird Dein Antlitz schrecklich strahlen, / Deine Treuen werden „lieber Vater!“ Dir entgegen lallen.
PSG|1|23|12|0|Komm darum zu uns, o Vater, nun in diesen harten Tagen, / und vernimm der Millionen Tränen, Seufzen, ihre Klagen! / Richte, Herr, die Dich aus ihrem Herzen schnöd vertrieben haben, / aber all die armen Guten lass an Deiner Lieb’ sich laben.
PSG|1|23|13|0|Gebe bald, o Herr, für diese kalte, magre, finstre Erde, / dass ein Hirte wird und eine Dir allein getreue Herde! / Und Ich sage: „Amen!“ – und die Guten all mit mir zusammen / rufen: „Lob und Ehr’ und Liebe Dir allein und Deinem heil’gen Namen!“
PSG|1|23|0|0|Amen.
PSG|1|24|1|1|Stille Einkehr
PSG|1|24|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 26. August 1840
PSG|1|24|0|0|Bevor noch zu Meiner „Haushaltung“ solle geschritten werden, sei euch ein Lied beschieden, aus dessen geheimnisvoller Weise ihr sollet im Geiste und in der Wahrheit beten; denn wer das nicht kann, der ist noch nicht geschickt zu Meinem Reiche, daher ist es nötig, euch davon eine kurze Meldung zu tun. Das kurze Lied soll es euch lehren wie folgt:
PSG|1|24|1|0|Der Leibesstimme Hauchgewimmer / das dringt zu Meinen Ohren nimmer, / und ein Gebet – nur von dem Munde / sei niemals eurer Bitten Kunde.
PSG|1|24|2|0|Im Herzen nur soll reden lernen, / auf Erden so wie in den Sternen, / der da mit Mir will Rede führen, / ansonsten wird er sich verirren.
PSG|1|24|3|0|Denn einmal pfleg ich laut zu reden, / hört’s wohl, ihr allzeit Herzensspröden! / Nur so in heiliger Stille leise / Ich rede stets in liebster Weise.
PSG|1|24|4|0|Und wenn ihr möcht’t Mein Wort vernehmen, / sollt ihr an Stimme euch nie stemmen, / im Herzen müsst ihr Worte bauen / und nur in dessen Innres schauen.
PSG|1|24|5|0|Ihr nehmt zum Beispiel „Unser Vater“, / und sprecht es matt und immer matter, / am Ende lasst ihr weg die Stimme, / horcht nur noch auf des Geist’s Gewimme;
PSG|1|24|6|0|gleich einem Echo werd’t ihr finden / sich Worte sanft dem Geist entwinden, / und geht’s – wie schwer auch – im Beginnen, / nicht lasset ab, ihr werd’t gewinnen!
PSG|1|24|7|0|Gleichwie die Kinder anfangs lallen, / um ihren Willen euch zu malen, / so ist es auch mit innrer Sprache, / Gewöhnung kläret wohl die Sache.
PSG|1|24|8|0|Zu allem – hört! – gehöret Schule, / sonst wird gar all’s zu einer Nulle, / darum muss Obiges geschehen, / sonst könnt ihr nie den Geist verstehen.
PSG|1|24|9|0|Und habt ihr das in euch gewonnen / und seit zu beten gern gesonnen, / dann sollt derart im Geist ihr flehen, / Ich werde euch gar wohl verstehen.
PSG|1|24|10|0|Und wenn’s dann eurem Geist wird gehen, / wohl fertig seine Zung’ zu drehen, / recht klar und deutlich all’s zu sagen, / könnt ihr auch Mich um etwas fragen.
PSG|1|24|11|0|Und nach der Kraft der reinen Liebe / ihr werd’t gewahren heil’ge Triebe; / dann forschet ganz gelassen stille / wie sich da kündet Gottes Wille.
PSG|1|24|12|0|Ihr werdet’s klar und deutlich hören, / was da nun ist Mein leicht’s Begehren: / Nur auszustreuen guten Samen, / das soll geschehen allzeit! Amen!
PSG|1|24|0|0|Der euch dies Lied hat gegeben, der ist heilig, heilig, heilig. Amen, Amen, Amen!
PSG|1|25|1|1|Ein Wunsch fürs allgemeine Wohl
PSG|1|25|0|0|Ein Liedchen für J. von Jakob Lorber, ohne Eingebung am 1. Juni 1843
PSG|1|25|1|0|Vater, der im Lichte wohnet, / Vater, sieh uns freundlich an, / wenn wir nach Erleuchtung streben / auf der dunkeln Lebensbahn! / Jesus Christus, unser Führer, / sei geliebt und höchst geehrt, / Deine Lehre sei uns heilig / und Dein Beispiel überwert!
PSG|1|25|2|0|Jeder falsche Glaube sinke; / jede Torheit sei verbannt; / nur durch Wahrheit und durch Liebe / herrsche Friede in dem Land. / Blicke segnend auf uns nieder, / Vater der Barmherzigkeit, / und auf diesem Erdenrunde / sei Dir jedes Herz geweiht!
PSG|1|26|1|1|Das Holzscheibchen an der Spindel
PSG|1|26|1|0|Wer das Ding gezogen, hätt’s nicht klüger können machen, / dem’s gehört, ist’s Beste wohl aus allen seinen Sachen, / kein noch treu’res Menschenbild lässt finden sich und denken, / keins wie dies so schaulich kann ein weltlich’s Leben lenken.
PSG|1|26|2|0|An des Außenlebens schwacher Spindel bunt sich drehet / eitles Sinnen, eitles Trachten; niemand es verstehet. / Niemand weiß, woher und was den Schwung ihm hat gegeben. / Sieh das Spindelscheibchen, wie es malt ein ähnlich’s Leben.
PSG|1|26|3|0|Ganz getreu und klar und wahr kannst du daraus ersehen, / wie um was verdummt die Menschen sämtlich sich nun drehen. / Sieh, so lang des Drehens Kraft das schwache Spielzeug treibet, / auch dasselbe wie belebet froh und munter bleibet.
PSG|1|26|4|0|Doch wenn dann des Drehers Hand sich von der Spindel wendet, / ist des toten Scheibchens muntres Leben auch beendet; / totes Scheibchen ist an toter Spindel wohl zu sehen, / doch ins Leben mag der Tod die Toten nimmer drehen!
PSG|1|26|5|0|Ja, an ähnlich toter Spindel nun die Menschheit stecket, / in dem tollsten Drehen wähnt sie sich vom Geist erwecket! / Doch nun ist’s der letzte Dreher; sieh, das Spielzeug wanket, / wenig, wenig Lebens nur empor zum Lichte ranket!
PSG|1|26|6|0|Sieh das Männervolk, es dreht sich um der Schlange Kinder, / um die Huren dreht es sich, um diese Lusterfinder! / Ach, ums üpp’ge Fleisch sogar die Kinder springen, / ihre Herzen schon dem Fleische zarte Lieder singen!
PSG|1|26|7|0|Sieh, dein Spielzeug, sieh, wie treu es dir bezeiget / diese lose, arge Zeit, und nichts von ihr verschweiget. / Ja, an deinen eignen Kindern kannst du es ersehen, / um was einzig nur sich ihre fleisch’gen Herzen drehen!
PSG|1|26|8|0|Sieh, nicht eines mag aus Lieb’ zu Mir die Welt verachten, / zeig Mir eins nur, das nach Weltlichem nicht möchte trachten; / solche Scheibchen an des Wirbels matter Spindel / drehen sich zahllose nun, vereint zu einem Bündel!
PSG|1|26|9|0|Es ist zwar das Leben selbst ja nur ein ew’ges Drehen, / Ich der Dreher mit der Spindel, all’s um mich muss stehen; / wer mit dieser Spindel ist, dem Scheibchen gleich verbunden, / der hat freilich wohl das wahre Leben treu gefunden.
PSG|1|26|10|0|Aber nicht um diese Spindel dreh’n sich auch die Erden, / Sonnen auch und Alle, die aus ihrem Feuer werden. / Sieh, dies Tanzen locket auch den Tod aus seinen Schranken; / auch an Sonnen kannst ersehen du des Scheibchens Wanken!
PSG|1|26|11|0|Ich bin nicht die Weltenspindel, solches musst verstehen, / eine Schlange ist’s, um die sich sieche Erden drehen. / O ihr argen Menschen, ihr seid diese siechen Welten; / was der Spindel, hört, das soll gar bald euch allen gelten!
PSG|1|26|12|0|Ich allein bin stark, an Meiner Spindel sollt ihr stecken, / Ich allein kann drehend euch ins ewige Leben wecken. / So ihr aber an der Weltenspindel bleibet kleben, / wird euch Meine Hand wohl nie zum Lebensdreher heben.
PSG|1|26|13|0|O du loses Weibervolk, du glatte Brut der Schlangen, / schwache Weltenspindel, magst vor Mir du nicht erbangen? / Du bist gleich hier dieser schwachen holz’gen Spindelscheibe, / was die trägt in sich, trägst tot auch du in deinem Leibe.
PSG|1|26|14|0|Nehmt zur Hand, ihr Weiber, diese tote Spindelscheibe, / macht, dass eure Hand sie wirbelnd um die Spindel treibe. / Seht der muntern zu und achtet, was aus ihr wird werden, / hört, dies Spielzeug zeig euch eurer Eigenlieb’ Gebärden;
PSG|1|26|15|0|Männer wollt zu Dutzenden ihr um euch lüstern zählen. / Könnt ihr solches, o ihr Argen, Meinem Aug’ verhehlen? / Seht des toten Scheibchens tote Spindel, euren Spiegel, / hört, es drückt auf euren Nacken euch des Todes Siegel.
PSG|1|26|16|0|Oh, die ihr der Menschheit Wert schon lange habt verkennet / und des Mannes heil’ges Haupt gar schnöd in euch verhöhnet! / Seht das Scheibchen sterbend an der schnöden Spindel wanken, / euch wird einst allein der edle Mensch den Tod verdanken!
PSG|1|26|17|0|Wie mögt ihr Mariens Namen euch zu nennen wagen, / diesen reinsten Namen, jetzt, in euern Hurentagen!? / Diese Lebensspindel einer andern heil’gen Scheibe, / bleibe ferne stets von eurem unzuchtsvollsten Leibe!
PSG|1|26|18|0|Hört, dies Scheibchen hier sei euer letzter Lebensbote, / nehmt ihr all es hin, als eure weise Lebensnote. / Wahrlich! Eher will Ich euch nicht hören und nicht sehen, / bis des Mannes höher’n Wert darin ihr werd’t erspähen!
PSG|1|26|19|0|Lasset Mich, und so den Mann, als Lebensspindel walten! / Lasset in euch sich ein neues Leben wahr gestalten; / euch geziemt als Scheibchen treu sich um den Mann zu drehen / und an ihm des Lebens wahren einz’gen Wert erspähen!
PSG|1|26|20|0|Aber weh’ euch, Männer, euch, ihr Unzuchtshunde, / seht, das Scheibchen zeigt auch euch des Lebens letzte Stunde. / Werd’t ihr nicht umkehren und zu Mir nicht bald euch wenden, / hört, so werd’t ihr mit dem Lauf des Scheibchens auch verenden.
PSG|1|27|1|1|Ein Mahnruf
PSG|1|27|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 28. Juni 1843
PSG|1|27|0|0|Schreibe nur: Ich weiß schon, was du möchtest. Ich soll dir schon wieder einen Gelegenheitsdichter machen, auf dass du dich dadurch bei einem Mädchen, das dir nicht missfällt, in angenehme Gunst setzen möchtest. Aber das bedenkst du dabei nicht, dass Ich Mich dazu durchaus nicht gerne gebrauchen lassen will, besonders wo Ich sehe, dass an Meiner statt nur die Welt zu gewinnen und so ziemlich stark überhand zu nehmen anfängt!
PSG|1|27|0|0|Ich sehe die Gedanken und Begierden, und die Worte zähle Ich alle; aber Ich komme da selten vor, und wenn Ich schon vorkomme, so komme Ich so flüchtig vor, wie ein matter Blitz in einer dichtumwölkten Herbstnacht, allda er schon selbst eine große Seltenheit wird.
PSG|1|27|0|0|Fürwahr, wo die Menschen lieber zum Fenster hinaus, da die tote Welt ist, als in sich hinein, da Ich zu Hause bin, im Geiste schauen, da mache Ich nicht gerne einen Gelegenheitsdichter!
PSG|1|27|0|0|Auch bei Menschen, die sich mehr freuen, so sie ausgehen, als wenn sie nach Hause ziehen, die sind Meine Freunde nicht, da Ich stets nur ein zu Hause seiender Patronus bin.
PSG|1|27|0|0|Also gerne gebe Ich dir nicht, was du möchtest; aber so du schon durchaus etwas haben möchtest, so will Ich dir für dein Mädchen gleichwohl einige Verslein geben.
PSG|1|27|0|0|Wird sie dieselben beachten, so wird sie wohl tun, und wird sie das nicht, so wird die Sonne darum ihr Licht nicht einbüßen. Und so schreibe die Verslein:
PSG|1|27|1|0|Nur gar zu leicht erlischt im Weltgewühl / des jungen Herzens besseres Gefühl; / des ew’gen Geistes Ruf wird überhört, / im Keim des heil’gen Wortes Saat zerstört. / Und wer verbürgt dir denn die künft’ge Zeit, / die dir allein Ersatz fürs Leben beut, / fürs Liebeleben dieser toten Welt, / das dir so übermenschlich wohl gefällt?!
PSG|1|27|2|0|Und in der Menschheit Nacht, die tot und kalt / um dieser Erde tollen Schlaf sich breitet, / am Ufer, das die dunkle Flut umwallt, / wankst du erfreut in zierlicher Gestalt, / von banger eitler Liebenot geleitet. / Was willst du denn, was sucht dein sehnend Herz? / Willst Mich du finden, wo die Welt sich freuet? / Mich, in der Menschheit tollem Gassenschmerz?! / O sieh, du findst Mich nicht, Ich wohn im Schmerz, / allda, wo man ein Irr und Fehl bereuet.
PSG|1|27|3|0|Erschein Mir Lieb’, Ich bin’s, der dieses spricht, / gewahrst Mich schon im Windessausen nicht. / Gewöhnlich, hör es wahrst, pfleg Ich wohl nicht / gar strenge einzugreifen in die Welt, / noch zu erfüllen Selbst des Menschen Pflicht, / solang er selbst die Kraft dazu behält. / Jedoch, wo treue Menschen durch Natur / an eigner Kraft und Macht gar sehr verarmen, / da fühlt man allzeit Meiner Hände Spur / und Meiner Liebe Gnad’ und Mein Erbarmen.
PSG|1|27|0|0|Nachwort
PSG|1|27|0|0|Die Verslein sind gut und sagen, dass an Mir alles gelegen ist. Wer etwas will, der komme zu Mir und wolle da nichts denn Mich, so werde Ich ihm geben, was des Rechtens ist. Wer aber selbst sucht und hascht, der soll das sein Leben lang, und es wird sich am Ende ja zeigen, was alles für tolles Zeug er erhascht hat.
PSG|1|27|0|0|Wer selbst sucht, dem werde Ich nicht finden helfen; nur wer etwas sucht mit Mir, der ist es, der es finden wird.
PSG|1|27|0|0|Wer sein Leben liebt, der wird es verlieren; der es aber flieht, der wird es gewinnen. So eine Jungfrau möchte einen Mann, da muss sie ihn fliehen und sich verbergen vor ihm, da wird er ihr nacheilen und sie suchen.
PSG|1|27|0|0|Sucht sie aber den Mann, da wird er fliehen vor ihr und wird sich verbergen, und sie wird ihn nimmer finden. Das also magst du derjenigen geben, die dich darum gebeten hat.
PSG|1|28|1|1|Die Weisen aus dem Morgenlande
PSG|1|28|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 8. Januar 1841
PSG|1|28|0|0|O Herr! Sieh mich wieder gnädig an in der Nacht meiner Sünde, die da ist zum Roten Meere geworden, darüber Du Dein Volk führtest, und ließest umkommen dessen Herrschaft unter seinen Fluten, und habe Erbarmen mit dem beständigen Durste meines vertrockneten Herzens! Denn siehe, Du Herr und mein großer heiliger Gott, Dein Wasser ist süß und bitter und hat einen köstlichen Geschmack, daher kann man sich damit nimmer den Durst der Liebe löschen, denn so der Durst gelöscht wird, ist der gelöschte nur genährt worden, und mir ist es, dass ich ewig trinken möchte aus dem unerschöpflichen Brunnen Deiner unendlichen Liebe und Gnade. Siehe, mir geht es wie dem Prasser im Feuer Deines Gerichtes, da schon wieder Meine Zunge lechzet nach einem Morgentautropfen Deiner Gnade. Aber lasse mich im Angesichte des Schoßes Abrahams vor Deinem Lazarus nicht verschmachten, sondern komme Du, dessen Name meine Zunge kaum und in großer Furcht nur wagt zu stammeln, komme und lasse wieder einen Tropfen, wie Du schon gar viele ließest auf die Zunge meines Herzens fallen, auf dass ich wissen und begreifen möchte zu Deiner alleinigen Ehre und Verherrlichung Deines allerheiligsten Namens, wer denn doch die Weisen aus dem Morgenlande waren und was es mit ihnen für eine Bewandtnis hat und was wir davon halten sollen; und auch von dem Sterne, der ihr Wegweiser war dahin, da es Dir dereinst wohl gefiel, im Fleische Deine Erde anzublicken aus Deiner unermesslichen Erbarmung. O Herr, erhöre gnädigst meine alleruntertänigste Bitte! Allein wie überall und allzeit geschehe auch jetzt Dein heiligster Wille. Amen.
PSG|1|28|0|0|Das ist nun einmal wieder etwas, das Mir lieber ist als zehn weltsorgliche Fragen; daher schreibe auch ein wohlgeschmücktes Lied, das Ich dir wohlklingend einhauchen werde, wie da folge und geschehe:
PSG|1|28|1|0|Die da sind gekommen aus dem weiten fernen Morgen, / waren herrlich, frei und hatten keine Erdensorgen. / Doch, so manche sie für hohe Erdensöhne halten, / sieh, da muss die Sache freilich anders sich gestalten: / Diese Weisen, die da kamen hin zur heil’gen Stätte, / waren Väter aus der Erde früher Menschheit Kette, / nicht als wären sie im Fleische dazu auferstanden, / lösend frei der alten Gräber eh’rne feste Banden, / sondern, da den Welten-Allen ist ein Licht geworden, / kamen Väterengel hin zur Erd’ in frohen Horden.
PSG|1|28|2|0|Diese Väterengel und an ihrer Seite Scharen / waren Menschen aus der Erde Ur- und Vorzeitjahren, / welche, als das Leben sich der toten Erde nahte, / da so lange schon gar arg der Tod geherrschet hatte, / damals durch besondre Gnade auferstanden waren / von dem langen langen Tode, um da zeugend zu erfahren, / was da ihnen anfangs schon ist treu verheißen worden / von dem niedern Südpol an bis hin zum hohen Norden. / Solcher Wunderart denn waren auch die Morgenweisen, / die zu Mir den Weg sich von dem Sterne ließen weisen.
PSG|1|28|3|0|Adam, Kain, Abraham, das waren „die drei Weisen“, / Weihrauch, Gold und Myrrhen brachten sie, um Mich zu preisen, / und an ihrer Seite standen Scharen im Geheimen, / hoch frohlockend sah’n sie Mich denn nun auf Erden säumen. / Sichtbar doch den Augen, so im Fleische sind begraben, / waren Adam, Kain, Abraham mit ihren Gaben, / doch die weit gedehnten Reihen aus der Väter Horden / sind dem Fleischesauge damals sichtbar nicht geworden. / Nur die freien Hirten fromm auf offnem weiten Felde / hörten hohe Psalmen singen Mir, dem Lebenshelde!
PSG|1|28|4|0|Und der Stern, der da erweckt sie hat vom langen Tode / und dann treu sie führte hin auf sich’rer Hode, [* Von dem Griechischen οδός – der Weg. *] / war derselbe, den die Seher haben oft besungen, / da des Ode durch den Geist ist tief in sie gedrungen. / Dieser Stern leucht’t jedem Wandrer noch zur Stunde, / heute, morgen und fortan am ganzen Erdenrunde. / Wer des Lichte folgen wird ganz liebend treu im Herzen / und nicht achten wird der Wand’rung mancher Sorge Schmerzen, / der wird bald gelangen auch, dahin die Weisen kamen; / dies sag Ich, euer liebevollster Vater. Amen.
PSG|1|28|0|0|Nachwort
PSG|1|28|0|0|Das ist alles für den, der liebt und glaubt, und hinreichend bis zur Zeit, da ohnehin davon noch ausführlich in Meiner großen Haushaltung gesprochen wird. Seht, solches sage Ich euch gerne, aber so ihr fraget um den Kurs eurer Staatsnoten in eurem Herzen, so sage Ich euch: Wie jene steigen, so fallen die Meinigen. Wer aber mit Meiner großen Nationalbank Geschäfte zu machen hat angefangen, der solle sich nicht fürchten; denn in Meiner Bank steigt der Kurs des Lebens, der Liebe und aller Gnade ewig, da an kein Falliment zu gedenken ist. Amen. Das sage Ich, der allerbilligste und gerechteste Wechsler, der alles umsonst gibt. Amen, Amen, Amen.
PSG|1|29|1|1|Der Abend und die Nacht
PSG|1|29|1|0|O herrlicher Abend, wie schön und wie mild / ist heute dein purpurgold’n strahlendes Bild! / So sollst du dem müden Erdwandrer stets kommen, / wann er hat den Lebenspfad mühsam durchklommen.
PSG|1|29|2|0|Wie schön hinter Bergen die Leuchte noch strahlt, / die Mutter des Tages, wie herrlich sie malt! / Die Wölkchen im rosigen Golde da prangen, / und wecken nach dort in mir heißes Verlangen!
PSG|1|29|3|0|O Abend, o Abend, wie schön bist du doch, / du goldner Befreier vom irdischen Joch! / Dir folgt zwar die Nacht – als Schatten der Erde, / des Todes verwandter, getreuer Gefährte.
PSG|1|29|4|0|Doch so nenn die Mutter der Ruhe ich nicht, / denn mir gab ihr Schoß noch stets reichliches Licht! / Wie viele der Sonnen hat mein Aug’ da erschauet, / wie oft ihr Glanz meinen Geist tiefest erbauet.
PSG|1|29|5|0|Darum ist die düstere Mutter gar hold / und ist allen Müden ein herrlicher Sold. / Ihr Sternengewand, das soll uns nicht schrecken, / vielmehr soll’s in uns die Begierd’ nur erwecken,
PSG|1|29|6|0|zu schmücken gleich ihr uns mit Demutsgewand, / verachtend, wie sie, allen farbigen Tand, / der oft wohl den irdischen Sinn kann berücken, / doch niemals in Wahrheit den Geist mag entzücken.
PSG|1|29|7|0|Das kann nur die herrliche schimmernde Nacht; / sie ist für das Bessre im Menschen bedacht! / Darum pflegt der Abend zur Freud’ mich zu stimmen; / mit ihm kann den Tempel der Ruh’ ich erklimmen,
PSG|1|29|8|0|und diese gibt mir in gar festem Volltraun / ins Herz, auf den Schöpfer gar gläubig zu bau’n. / Drum ist auch meist gar so herrlich der Abend, / das Herz und den Geist gar so himmlisch oft labend,
PSG|1|29|9|0|weil er mir als Vorbot’ zur Ruh’ gibt den Wink / und zeigt mir die Dinge, an denen ich hing, / wie nichtig und wertlos da ist all ihr Wesen; / sie können mich nicht von dem Tode erlösen,
PSG|1|29|10|0|wohl aber kann solches die nächtliche Ruh’, / sie führt uns durch Träume dem Geistigen zu, / dem geistigen Leben, das tief liegt verborgen / in uns, wie in Nacht der neuwerdende Morgen.
PSG|1|29|11|0|Wer hat nicht schon oft in den Träumen geschaut, / dass er dann am Tag kaum den Sinnen getraut, / ob das, was im Traum er so hell hat gesehen, / nicht etwa in Wirklichkeit so möcht bestehen.
PSG|1|29|12|0|Und wahr, die Vermutung ist hier nicht so leer, / das Schauen im Traume, das ist wohl gar hehr; / es ist ja das Schaun mit unsterblichen Augen, / wozu unsre fleischlichen nimmermehr taugen.
PSG|1|29|13|0|Darum ist wohl herrlich die nächtliche Ruh’, / sie führt uns auf Stunden dem Heimlande zu, / das tief, ja sehr tief in uns lieget begraben, / bis uns wird der geistige Morgen ertagen!
PSG|1|29|14|0|Und so will ich loben den Abend, die Nacht; / sie haben mich näher dem Geist’gen gebracht. / Wie oft hab ich müssen gar kummervoll ringen / nach jenen heimatlichen geistigen Dingen.
PSG|1|29|15|0|Der Abend, die Nacht haben mir es gezeigt, / wie tief sich die Heimat in uns hinein beugt, / darum ist der Abend, die Nacht mir so teuer, / sie zeigten zuerst mir des Heimlandes Feier!
PSG|1|30|1|1|Der Morgen
PSG|1|30|1|0|Hehr naht des Tages Mutter! Dunkelheit / umflorte eher Land und Meer; / wie herrlich strahlt sie nun im Glanzeskleid’ / und spendet Freude rings umher!
PSG|1|30|2|0|Mit ihr erneute Lebenskraft erwacht, / wie regt sich alles in der Welt, / wie herrlich strahlt die Flur in Morgenpracht, / von mächt’ger Sonnenglut beseelt!
PSG|1|30|3|0|Also auch kommt der Herr! Erst Dämmerung, / dann hell’res Morgenrot, dann Licht; / bis endlich voller Tag, rein, frisch und jung / des Herzens dichte Nacht durchbricht!
PSG|1|30|4|0|So lang am Himmel dort die Sonne brennt, / erfreut das Herz ihr wärmend Licht; / so auch, wie lang das Herz Mich treu bekennt, / ermangelst du der Freude nicht!
PSG|1|30|5|0|Willst leben du ein gutes Leben hier, / so sprech’ in deiner Brust getreu, / die nächste Stroph’ lebendig stets in dir, / und diese laute also frei:
PSG|1|30|6|0|„O strahl du ew’ge Morgensonne doch / den ganzen Lebenstag in mir, / gar heiter trag ich dann dies ird’sche Joch / erquickt und hoch erfreut in Dir!“
PSG|1|31|1|1|Die innere Welt
PSG|1|31|0|0|Vorbemerkung an den Knecht
PSG|1|31|0|0|Das Liedchen, das du einmal für dich nach einem andern Sänger etwas für dich verändert niederschriebst unter dem Namen „Die stille Welt“, siehe, das ist ein gutes Liedchen und wird von guter Wirkung sein, besonders für jene, denen ihr Herz allerlei zu schaffen gibt, darum sie nicht Kinder der Welt sind; die Welt aber um sie desto geschäftiger ist, sich dieselben anzueignen!
PSG|1|31|0|0|Aber etwas verändert muss es werden, denn wie es ist, klebet noch manches Unreine daran, und hätte darum keine wirkende Kraft.
PSG|1|31|0|0|Statt dem bestehenden Titel aber schreibe „Die innere Welt“, und der A. H. W. kann dann darüber sogar Töne setzen, die er, von Mir gegeben, in sich finden wird zum ersten Male; und so wird dies Liedchen seinen guten Zweck nicht verfehlen!
PSG|1|31|0|0|Und also schreibe denn: Ich sage dir: Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert, und so du redlich arbeitest und ohne Gewinnsucht, wie bis jetzt, so wird auch für dich ein der Arbeit gemessener Lohn zu rechter Zeit in der Bereitschaft stehen.
PSG|1|31|0|0|Doch denke nie an den Lohn, sondern stets nur an Mich und an die Arbeit von Mir aus, so hast du schon den größten Lohn in dir; wo aber der ist, da ist alles, und darum schreibe nur zu. Amen.
PSG|1|31|1|0|So recht tief im Menschenherzen / eine Stell ganz ohne Schmerzen / ist von heil’gem Licht erhellt, / da ruht still die innre Welt.
PSG|1|31|2|0|Da nur schweben ohne Klage / matte Schatten herber Tage, / werden endlich sonnenhell / an des Lebens heil’gem Quell.
PSG|1|31|3|0|Hier erst weiset wahres Gute / dir die flüchtige Minute, / ja, sie trägt, vom Trug befreit, / wahre Lebensseligkeit!
PSG|1|31|4|0|Und den wahren Freundschaftsstunden / wird ein ew’ger Kranz gewunden, / selbst der Ton, den Schmerz erzwang, / löst sich auf in froh’stem Sang.
PSG|1|31|5|0|O die Welt in eurem Herzen! / Nur am heißen Tag der Schmerzen / findst du die verborg’ne Tür, / findst den schmalen Pfad zu ihr!
PSG|1|31|6|0|So dich nun des Lebens Schwere / drückt, und schreckt der Welten Leere, / die dir auch kein Sternlein hellt, / flieh in diese innre Welt!
PSG|1|31|7|0|Wenn auf deines Lebens Höhen / schwarzen Zweifels Stürme wehen / und an nichts dein Glaube hält, / flieh in diese innre Welt!
PSG|1|31|8|0|So dein Herz was Teures hatte, / dich nun schreckt der schwarze Schatte / da er sich vor dir hinstellt, / flieh in deine innre Welt!
PSG|1|31|9|0|Wenn so dann am Wanderziele / wohl dir wird, und sanft und stille, / so des Lebens Schleier fällt, / wirst Mich finden in der Welt.
PSG|1|31|10|0|Diese Welt musst du dir wählen, / sie wird dir dein Selbst erhellen, / sie ist Meine Welt in dir, / deines Lebens Lichtrevier.
PSG|1|31|11|0|Wie’s die Kindlein schuldlos lallen, / kannst du diese Welt bemalen, / sie ist frei von jedem Schmerz; / nur in Liebe schwimmt das Herz!
PSG|1|31|12|0|Was dein Aug’ noch nie gefunden / und dein Herz niemal empfunden, / baut die Welt als Lebenspfand / dir aus heil’ger Vaterhand! Amen.
PSG|1|31|0|0|NB. Dieses Lied ist vom Herrn berichtigt aus dem „Die stille Welt“.
PSG|1|32|1|1|Abschiedsszene eines guten Geistes von seinem Leichname
PSG|1|32|0|0|Dieses Liedchen ist gut und wahr; daher sollte es wohl recht beherziget werden. Es gibt zwar schon ähnliche Lieder in guten Reimen, aber es klebt ihnen noch so manches Irdische an, darum sie auch minder zu beachten sind. Dieses aber ist geistig wahr und rein, darum soll es auch beachtet sein von jedermann, denn es stellt wirklich eine Abschiedsszene eines guten Geistes von seinem Leibe dar.
PSG|1|32|0|0|Ganz besonders aber sei dieses Liedchen dem Töchterchen J. des A. H. W. zu ihrem Leibesgeburtstage beschieden, damit sie in dieser Kleingabe ersehen möchte, um wie vieles der Geist besser ist als der dem Tode anheimfallende Leib! Sie soll aber darum etwa nicht sterben oder einen Tod befürchten, sondern nur daraus den hohen Wert des Geistes vor dem Leibe erschauen. Amen!
PSG|1|32|1|0|In armem Stübchen ruht die Leiche. / Die Freunde stehn um sie herum / und seh’n noch einmal an das bleiche / Gesicht, und weinen, trauern stumm.
PSG|1|32|2|0|Wohl trocknen sie die heißen Zähren, / doch nicht versiegt der Wehmut Strom; / denn bald soll’n sie gar hart entbehren / den, der da war so gut und fromm!
PSG|1|32|3|0|Als sie doch aus der Trauerkammer / zurück sich zieh’n ins Schlafgemach, / und da sie hält ihr tiefer Jammer / vom Schlafe los und trauernd wach;
PSG|1|32|4|0|da zuckt herab ein heller Schatten / zur Bahre hin in Mondesstrahl; / denn eh’ den Leichnam sie bestatten, / will er ihn seh’n zum letzten Mal.
PSG|1|32|5|0|„So hab ich dich (spricht er) verlassen, / hab wie ein Kleid dich abgelegt; / ich kann ja kaum die Wonne fassen, / in der mein Sein sich nun bewegt.
PSG|1|32|6|0|Ich – nun ein freies, reinres Wesen, / bin leicht geflügelt, hell und klar. / Ein neu’ Gewand ist mir erlesen, / viel hehrer als dies alte war.
PSG|1|32|7|0|O Tod! Wie doch so sanft gelinde / hast du im Schlummer mich entrückt; / o – wie ich mich nun seligst finde / und über jeglich Maß entzückt.
PSG|1|32|8|0|Wie macht mich der Gedank’ nun bangen, / dass nur auf eine kürz’ste Rast / der Leib mich wieder könnt umfangen / mit seiner schweren toten Last!
PSG|1|32|9|0|Wie zogst du mich zu toten Freuden, / Leib, gegen meinen Willen hin, / wie musst drum oft mit dir ich leiden / für schlecht’sten Lohn, für Tods Gewinn!
PSG|1|32|10|0|Doch fühl ich jetzt ein Mitleidsbeben, / und muss hier einen Dank dir weih’n; / war matt auch unser einig’s Leben / so konnt ohn dich ich doch nicht sein.
PSG|1|32|11|0|Du gabst mir wohl auch manche Wonnen, / so sie, die nun der Schlaf umhüllt, / des Hauptes seelenvolle Sonnen / entzückte zarter Schönheit Bild.
PSG|1|32|12|0|Wenn süße Tön’ das Ohr umflossen, / die Hand gedrückt des Freundes Hand, / wenn meine Arm’ ein Glück – umschlossen / und selbst die Lippe Lieb’ empfand.
PSG|1|32|13|0|Doch nun bist du allein geblieben, / so sink denn auch allein zur Gruft; / denn ich hab all’s ja schöner drüben, / dort in der Himmel reinster Luft!
PSG|1|32|14|0|Nur eins stört meinen sel’gen Frieden / und macht mir ein wehmütig Herz; / die, welche ich beließ hienieden, / ergeben sich zu sehr dem Schmerz!
PSG|1|32|15|0|Ich hör sie mächtig um mich weinen, / der süße Schlaf sie stärket nicht, / wie gern doch möcht ich euch erscheinen / umstrahlt von hellstem, klarstem Licht!
PSG|1|32|16|0|Wie gern möcht ich euch all’s entdecken, / welch eine Wonne mich umfleußt! / Doch würdet ihr gar sehr erschrecken; / ihr fürcht’t ja den verklärten Geist!
PSG|1|32|17|0|So will ich harren denn zur Schwelle, / ganz heimlich nur nach euch hinseh’n, / und fließt um euch des Schlafes Welle / mit leis’sten Tritt zu euch dann gehn!
PSG|1|32|18|0|Da werd zu eurem Haupt ich treten, / umwehen es mit sanftem Hauch, / euch segnen, liebend für euch beten, / denn das ist da der Segensbrauch.“
PSG|1|33|1|1|Wiedergeburt und die werktätige Liebe des Geistes im Leben
PSG|1|33|1|0|In der dunklen heut’gen Christensekte Mitte / ist zu firmen die Getauften fromme Sitte, / solches wird an Jungen meistens nur vollzogen, / und von Hirten zwar in neuen Synagogen / wird der Geist der Kraft und Macht gar prompt beschieden, / dieses zwar durch Backenstreich und Salz im Frieden, / Öl und Psalmen werden auch dazu benützet; / doch wird niemand’s Herz dabei für Mich erhitzet. / Gleichwie kalter Schnee von Wolken pflegt zu fallen, / so auch da der heil’ge Geist aus kalten Schalen.
PSG|1|33|2|0|Ist der heil’ge Geist nicht Wahrheit, Kraft und Leben? / Wie soll Backenstreich und Silber solches geben? / Oder Psalmen, Salz und Öl in goldnen Schalen? / O des Irrtums, o des Trugs in Mauerhallen! / Saget alle, die ihr seid gefirmet worden, / von dem Südpol bis zum kalten Norden! / Welche Wirkung habt ihr denn an euch erfahren / von der Sohle bis hinauf zu euren Haaren? / Seht die kalte Flocke von den Wolken fallen, / sie ist mehr denn solcher Trug der finstren Hallen!
PSG|1|33|3|0|Wenn zur Erde sind gefallen kalt die Flocken, / um daselbst in ihrem weichen Schoß zu locken / manch Geheimnis, manchen Frieden, manches Wunder, / wie der Welt der Pflanzen eignen Lebenszunder, / und dass dieses alles weder Trug noch Lüge, / zeigt ein blütenreicher Frühling ja zur G’nüge. / Aber deute Mir der Firmung Lebensblüten, / zeige Mir das Gras des Lebens um die Hütten / und die junge Frucht des Glaubens und der Liebe! / Höre! Solche Firmung hat nicht Lebenstriebe!
PSG|1|33|4|0|Wer die Worte tut getreu, wie Ich befohlen, / glaubt und liebt, bekennt Mich allzeit unverhohlen, / dieser wird bekommen Meinen Geist in Fülle; / fallen wird sobald von seinem Aug’ die Hülle, / welche euch den Weg zum Lichte hart verwehret / und dafür mit Angst und Zweifel euch beschweret. / Aber Backenstreich und Öl und Salz und Psalmen / werden euch versehen nicht mit Lebenspalmen! / Schnee ist Schnee und Eis in gleichen fest’ren Massen; / wer dem gleicht im Tun, o glaubt’s, der ist verlassen.
PSG|1|33|5|0|Sagt ihr nicht: Wenn einmal kalte Winde wehen, / wird der harte Winter bald gar trüb erstehen, / und der trüben Wolke reich entfall’ne Flocken / bringen selbst den regen Bach und Fluss zum Stocken! / Dann ist traurig wohl die Erde anzuschauen, / und der Landmann kann die Äcker nicht bebauen. / Wahr ist’s! auf dem Eise wachsen keine Blumen, / aber wenn zur Firmung ladend Glocken summen, / hör! da g’wahre Ich noch vielmal kält’re Winde, / die Mein Licht gefrieren macht zur Augenblinde.
PSG|1|33|6|0|Solches Eis ist wahrhaft Eis für Geist und Leben, / seine starre Decke wird die Liebe heben / schwerlich je, wie gleich der Wintersonne Strahlen / auch an Eises starre Fläche tatlos prallen. / So ihr saget: Schiefes Licht hat keine Wärme, / wahr ist’s, solches gilt auch von dem blinden Lärme. / Wenn der Firmung Glaubensfolgen ihr wollt schauen, / saget, wird des Glaubens Schieflicht wohl die Blind’ auftauen? / Euren Geist beleben? Nimmer sag Ich, Amen, / wenn nicht Wort und Werke treulich sind beisammen!
PSG|1|34|1|1|Etwas aus der Weisheit
PSG|1|34|0|0|August 1840
PSG|1|34|1|0|Es reden leichte Dinge schwere Worte in den Räumen, / auf den Pfützen oft die schönsten reinsten Blümchen keimen, / am fernen Himmel sieht des Auges Waffe helle Lichter, / und murrt der Sonne Licht am Morgen, wenn es dichter –
PSG|1|34|2|0|verscheucht das nächtlich Mattgeflimmer ferner Infusionen, / was staunt der Forscher so an nicht’gen matten Staub-Äonen, / das Heiligtum der Gegenwart beachtet nicht der Späher, / schaut trunken nur hinauf – hinab, hinweg der blinde Seher.
PSG|1|34|3|0|Doch nahe liegt dem kurzen Auge eine Blindensalbe, / wie einem Kind der Mond, und fliegend hoch auch eine Schwalbe; / darum nicht weit gegriffen und nur schön zu Hause bleiben, / da nehmen eine Reute [* ein grobes Sieb *] und da sieben Mehl von Kleiben,
PSG|1|34|4|0|da legen Mehl in Körbe, merket was Ich euch da sage, / da machet Teig und machet Brot und backet es am Tage. / Wohl euch des Tages Meiner Gnade, sehet Wolken fluten – / da flutet Leben aus dem Leben aus der Sonne Gluten.
PSG|1|35|1|1|An den Stern der Sterne
PSG|1|35|1|0|In der Schöpfung weitgedehnten Räumen / wird wohl viel noch Unenthülltes säumen. / Lasst euch nun der Arbeit nicht gereuen, / euch in Meiner Gnade zu befreien / von des Geistes finstrer Augensperre, / wie durch Liebe von der Herzensleere; / denn in Meiner Schöpfung weiten Räumen / wohl noch viel verborg’ne Wunder säumen. / In des Geistes Leben liegen Keime! / Manches künden euch schon hell’re Träume.
PSG|1|35|2|0|Möget ihr das Heer der Sterne zählen, / euch den letzten dann zum Freunde wählen? / Höret, nimmer würdet ihr erreichen / je das Ziel, und so dem Fuchse gleichen, / der den Mond im Wasser hat gesehen; / nach der Fabel werd’t ihr’s wohl verstehen. / Darum lasset dort in weiter Ferne / schimmern all die zahllos vielen Sterne. / Habt ihr Mich in euch nur aufgenommen, / habt der Sterne Stern ihr schon bekommen.
PSG|1|35|3|0|Könnet alle Sterne ihr bereisen / nach so mancher Geister eitlen Weisen, / wenn ihr Ewigkeiten dann verwendet, / wäre euer Wissen wohl vollendet? / Nur die Oberfläche würd’t ihr sehen, / doch vom innern Grunde nichts verstehen. / Darum lasset dort in weiter Ferne / schimmern all die zahllos vielen Sterne. / Habt ihr Mich in euch nur treu gefunden, / habt ihr all die Wunder auch entbunden!
PSG|1|35|4|0|Ich bei euch – Ich unter euch – Ich in euch.
PSG|1|36|1|1|Ein wahrer Lobgesang
PSG|1|36|1|0|Wo ist wohl jemand, der Mir möchte gleichen? / Welten und Sonnen vor ihm möchten weichen? / Wo ist der Engel, der Mich könnt ermessen? / Seiner aus Liebe zu Mir ganz vergessen? / Wo eine Welt, und dann wo eine Sonne? / Wo eine Herrlichkeit, wo eine Krone? / Alles in allem bin Ich nur alleine / alles aus Mir, und so all’s ist das Meine. / Ich bin die Wahrheit, der Weg und das Leben; / dem, der Mich liebt, will Ich treu Mich auch geben!
PSG|1|36|2|0|Kann wohl ein Mensch dem andern sich geben? / Kann er das Leben vom Tode erheben? / Wer kann da sterbend dem Spötter verzeihen? / Grausam misshandelt, die Mörder noch weihen?! / Wo ist ein Vater von so großer Liebe, / dass er des Sohnes Blut gäbe für Diebe! / Ich bin der Vater, und ihr Meine Kinder! / Niemand ist vor und niemand euch minder. / Ich bin der Herr und der Hirte voll Leben, / um es euch liebenden Kindern zu geben.
PSG|1|36|3|0|Kann ohne Meiner wer Tote erwecken? / Oder ohn Meiner was Gutes bezwecken? / Wer kann da töten den Menschen zum Leben? / Wer kann die Toten zur Liebe erheben?! / Wer mag das Licht in die Gräber noch spenden? / Ja, selbst zur Hölle die Engel noch senden!? / Ich nur allein kann das alles vollbringen, / Mein ist der Wille und Mein das Gelingen. / Kinder! O glaubet, um euch zu vollenden / trage Ich euch auf den segnenden Händen!
PSG|1|37|1|1|Das Verbergen des Herrn
PSG|1|37|0|0|Da schreibe nicht „das Verbergen des Herrn“; denn wohin solle sich der Unendliche und Allgegenwärtige verbergen? Sondern schreibe dafür als Thema:
PSG|1|37|0|0|Das jeweilige periodische Blindsein der Menschen
PSG|1|37|0|0|Woher dieses rührt beim Menschen? Wann bei den Bessern und warum manchmal sogar bei Frommen?
PSG|1|37|1|0|Es widmet sich ein Mensch den Wissenschaften aller Fächer, / ein andrer leert dafür der Wollust tödlich gift’gen Becher, / ein dritter wähnt vor lauter Recht und tief erprobter Tugend / ein Heil’ger gar zu sein, und schilt dabei der heitern Jugend. / Und so ist jeder, wen’ge ausgenommen, eignes lobend, / dahier ein Narr und dort vor lauter Hochmutsfrevel tobend! / Es gibt gar viele, die den Bauch als ihren Gott verehren, / und andre, die sich nur nach eitler Pracht der Kleider kehren, / auch viele, die bald dies, bald jenes sich zur Lieb’ erkoren! / O solche werden aus dem Geiste wieder nie geboren.
PSG|1|37|2|0|Wenn aber du voll Heiterkeit den reinen Tag genossen, / ja, ob der Wunder Meiner Schöpfung manche Trän’ vergossen, / dich emsig auch beweget hast den ganzen Tag in Freuden / und mochtest den Gedanken, auszuruhen, wohl vermeiden; / und wenn der kühle Abend dann gesenkt sich hat zur Erden / und dich zur Ruhe zieh’n des Tages heitere Beschwerden, / wenn du hernach gar bald im Schlaf die Augen hast geschlossen, / o sage Mir, wohin, sich bergend, ist die Welt geflossen? / O sieh, nicht diese Szenen haben sich vor dir verborgen, / dein Aug’ vor ihnen nur; denn wieder siehst du sie am Morgen.
PSG|1|37|3|0|Wer möchte wohl sein Auge unverwandt zur Sonne wenden / und seine Blicke stets ins Zentrum alles Glanzes senden? / Ja, wer das größte, stärkste Licht der Lichter wohl ertragen / und sich mit seinem schwachen Licht mit Mir zu kämpfen wagen? / Der Sonne Frühlingswärme mag wohl jeder gut erleiden, / es liegen auch in solcher Wärme nur der Himmel Freuden. / Doch wer da dächt’: Die Engel schauen stets das Licht der Lichter / und wenden unverwandt nach Mir die sel’gen Angesichter, / der möchte sich gewaltig irren; Licht ist nur zum Leuchten, / zum Schaun die Liebe nur. Das fasst, ihr Glaubensseichten!
PSG|1|37|0|0|Nachwort
PSG|1|37|4|0|Siehe, in dieser einfachen, aber liebevollen Sangesweise ist die Ursache über das Verborgensein meines Wesens vom Anfange bis zum Schlusse vollkommen gezeiget. Es ist gezeigt, dass die nicht Wiedergeborenen Mich gar nie sehen können und werden, so wenig die Ungeborenen das Licht der Welt; dass selbst die Ein-, Neu- und Wiedergeborenen in ihrer Tatenmüde Mich auch nicht sehen, so sie sich auf eine Zeit lang schlafen legen im Geiste, und die Engel nicht der Vorbereitung zum Empfange höherer Seligkeiten wegen. Siehe, darin liegt alles. Liebet! so werdet ihr es empfinden, und glaubet, so werdet ihr es erschauen, dass es also ist. Amen. Das sage Ich, der sich nicht und nie verbirgt. Amen, Amen, Amen.
PSG|1|38|1|1|Warnung vor Neckereien
PSG|1|38|0|0|Am 20. Juli 1842
PSG|1|38|0|0|Es ist kein Wörtlein so gering, als dass es nicht solle zu beachten sein; daher gebe auch diese Wörtleins, so da jemand ist neckend mutwilligen Geistes.
PSG|1|38|1|0|Warum du so spitzig / und manchmal gar hitzig? / Warum da verdrehen / die Zeichen der Höhen?
PSG|1|38|2|0|Bist ärglich im Herzen, / was macht dir die Schmerzen? / Schau, schau, wie du wandelst, / mit Brüdern du handelst?
PSG|1|38|3|0|Was willst denn erzwecken / mit deinem Vernecken? / Willst Fehler bedecken, / um Liebe zu wecken?
PSG|1|38|4|0|Der Weg führt gerade; / auf brechendem Rade / die göttliche Spende / die Liebe zu Ende,
PSG|1|38|5|0|und jegliche Gabe / zum finsteren Grabe. / Drum lasse das Necken! / Magst niemand erwecken.
PSG|1|38|6|0|Wohl freu dich der Liebe / stets segnenden Triebe, / so besser wirst’s machen / als durch dein Belachen.
PSG|1|38|7|0|Und so sei nicht spitzig / und nimmerdar hitzig – Amen.
PSG|1|39|1|1|Eine kleine Szene
PSG|1|39|0|0|Empfangen vom Herrn durch Jakob Lorber am 6. Sept. 1840
PSG|1|39|0|0|Da du gerade etwas schreiben willst, so schreibe an die Meines Namens frohe Gemahlin des Bruder A. H., da sie eine Freude hat an Meinem Worte, diese folgende kleine Szene; und sie möchte darüber nachdenken und erforschen in ihrem Herzen, was Ich damit meine.
PSG|1|39|0|0|Sie solle jedoch nicht zu viel denken, sondern nur recht stark fühlen, und so wird sie dann schon finden, was Ich damit sagen will. Darum aber gebe Ich es verhüllt und ein wenig gleichnisweise, damit sie desto leichter finden möchte den schmalen Weg zu Meiner Liebe und der daraus fließenden Gnade! Amen.
PSG|1|39|0|0|Das aber ist die kleine Szene:
PSG|1|39|1|0|Es lebte einst ein überreicher Mann zufrieden, / und war ihm auch ein liebes, treues Weib beschieden, / und hatte er gezeuget Kinder, männlich – weiblich, / doch war’n die meisten, wie begreiflich – fleischlich.
PSG|1|39|2|0|Nur eines, das ein Mädchen, war von Mir entsprossen; / jedoch zu wissen das war nicht in sie gegossen. / Darum war auch der Liebling nicht dies bessre Kind; / denn es war nicht so schön, so glatt und so gelind!
PSG|1|39|3|0|Doch aber war es folgsam, liebend sein’ Geschwister, / und horchte wenig auf derselben falsch Geflüster. / Es unterschied sich von den andern nur darin, / dass es sich macht der Eltern Liebe zum Gewinn.
PSG|1|39|4|0|Doch selten nur konnts diesem lieben Kind gelingen, / erfreut zu Tränen in der Mutter Herz zu dringen, / was selten nur – Ich sag es euch für wahr und klar – / geschah, und zwar oft nur zehn Mal in einem Jahr!
PSG|1|39|5|0|Doch was die andern Kinder allzeit mocht’ besagen, / so wussten diese wenig nur von Kinderplagen. / Sie hatten’s alle leicht und weniger zu tun / und durften rüglos fröhlich – wann sie wollten – ruhn.
PSG|1|39|6|0|Und seht, da ließ Ich’s denn aus Liebe einst geschehen, / damit die Liebe aus dem Glauben möcht erstehen, / dass so ein armer Mensch von Mir empfing das Licht, / zu schauen innre Dinge, so ein „zweit’s Gesicht“!
PSG|1|39|7|0|Da kam denn dieser Mann ins Haus in Meinem Namen / und fand – wie zu geschehen pflegt’ – sie all beisammen; / bemerkte aber auch und wurd’ es bald gewahr, / dass eins der Kinder Meiner Lieb’ entsprossen war.
PSG|1|39|8|0|Da fragt er Mich: „Du großer Vater aller Frommen, / o sag – wie dieses Kind zu diesen ist gekommen?“ / Und seht, da gab zur Antwort Ich dem armen Knecht: / „Was da geschehen – frage nicht, es ist Mein Recht!
PSG|1|39|9|0|Denn was Ich jemandem aus Liebe hab verliehen, / das macht dem so Beteilten anfangs allzeit Mühen; / nur erst, wenn so zur Erd’ ein Engel wird verbannt, / wird dann von solchen Eltern Meine Lieb’ erkannt.
PSG|1|39|10|0|Darum lass solche Kinder Ich ein wenig toben, / damit die andern sollten Meinen Namen loben. / Ich lasse solche manchmal auch unartig sein, / um so die andern von der Hoffart zu befrei’n!
PSG|1|39|11|0|Doch soll ein solches Kind verzogen Mir nicht werden, / noch auch gerad’ erdrückt von menschlichen Beschwerden; / es soll den andern gleich belehrt gehalten sein, / darüber wird sich dann des Kindes Vater freun!“
PSG|1|39|12|0|Und als der Knecht von Mir nun solches hat vernommen, / so ward in seinem Herzen er alsbald beklommen; / und wusste nicht, ob er auch das soll geben kund, / und fragt’ Mich, ob er des soll öffnen seinen Mund.
PSG|1|39|13|0|Und „Nein!“ vernahm in sich das Wort er deutlich sagen: / „Das sollst du ohne Meinen Willen nimmer wagen, / denn Meine Gabe soll verborgen sein der Welt / zur Zeit, bis selbe Mich durch Liebe hat erwählt.
PSG|1|39|14|0|Doch wenn du unbemerkt mit solchem Kind im Stillen / dich wann befindest, sollst ihm melden Meinen Willen. / Denn es wird Freude haben, hörend was von Mir; / doch soll’s nicht wissen, wo entsprossen – sag Ich dir!
PSG|1|39|15|0|Auch sollst du dieses niemand andern bald verkünden, / sie sollen es in ihrem eignen Herzen finden. / Denn solch verdeckte Speisen geb’ Ich allzeit nur / dem Knecht, als Braut für seines Herzens lichte Flur.
PSG|1|39|16|0|Es ist nicht eine Braut für dieser Welt Getümmel, / es ziert die Braut als Weib den Knecht im Himmel. / Doch wenn ein Weltlicher zuvor sie hätt’ erwählt, / wird er von ihr zur Strafe bis zum Tod gequält.
PSG|1|39|17|0|Darum, um solches allzeit sicher zu vermeiden, / beteil’ Ich solche Kinder oft mit manchen Leiden / und mache sie ein wenig dumm und minder schön, / damit sie solch Versuchen leichter widerstehn.
PSG|1|39|18|0|Doch in geheimen Stunden mach Ich sie bescheiden / und gönne ihnen dann so manche stille Freuden. / Und wenn zu Mir gewendet haben solch’ ihr Herz, / so soll benommen werden ihnen aller Schmerz.
PSG|1|39|19|0|Und sollen auch erleuchtet werden mit den Flammen, / die allzeit helle lodern aus der Liebe Namen, / durch den allein das Leben einem Sünder wird, / der ihm da sagt, dass Ich nur bin ein guter Hirt.“
PSG|1|39|20|0|Nun sieh, du Mutter, dir hab Ich es auch gegeben, / doch du verstehst noch nicht ein solches höh’res Leben. / Sollst auch nicht fragen – wie, warum, woher und wann; / in dir wirst dieses du aus Meiner Lieb’ erfah’n.
PSG|1|39|21|0|Nun, da zu lieben du Mich auch hast angefangen, / nur darum geb’ Ich dir auch solch ein süßes Bangen, / doch weiter Mich zu forschen ist noch nicht die Zeit; / darum mach für die Zukunft Mir dein Herz bereit.
PSG|1|39|22|0|Dann werd Ich dir schon zeigen klärlich Meinen Willen / und werde dir „die kleine Szene“ ganz enthüllen. / Doch vorderhand sei nur allein dir das bekannt, / dass Ich nicht Freude hab an eitler Fetzen Tand.
PSG|1|39|23|0|Doch aber, wenn du wirst nach Meinem Reiche trachten / und wirst aus Meiner Lieb’ in dir die Welt verachten, / so werd Ich zeigen dir den Bräutigam, den Mann, / den deine Tochter in den Himmeln wird empfah’n.
PSG|1|39|24|0|Nun, deinem Herzen sei empfohlen diese Szene, / erwärme sie daselbst wie Küchlein eine Henne; / dann wirst du finden Meiner Gnade lichten Pfad, / daran dich speisen wirst zum ew’gen Leben satt!
PSG|1|39|25|0|Und endlich sag Ich „Amen“, der Ich das gegeben, / und sage Amen, Liebe-Amen sei dein Streben; / denn Ich, der heil’ge Vater, bin das große Amen, / darum sprich allzeit fromm des großen Vaters Amen!
PSG|1|39|0|0|Und ich, Knecht, sage Dir, o heiliger großer Vater, allzeit: Halleluja, halleluja, halleluja, Amen, in aller Namen, Amen!
PSG|1|40|1|1|Bitte des Knechts des Herrn
PSG|1|40|0|0|Jakob Lorber am 27. Dezember 1840
PSG|1|40|0|0|O Herr! Sehe gnädig herab auf mich armen Sünder und gebe mir kund, wie bei Dir angezeichnet ist der Ort Graz, in dem ich mich nach Deinem heiligen Willen befinde und furchtsam aufzeichne, was mir Unwürdigstem Deine heilige Gnade bescheret durch die Sprache des Geistes.
PSG|1|40|0|0|O Herr! Es ist nirgends, weder in der Höhe, noch in der Tiefe etwas, das da wäre ohne Deinen allerheiligsten Willen. Daher geschehe auch allezeit Dein heiligster Wille!
PSG|1|40|0|0|Antwort des Herrn: So schreibe:
PSG|1|40|0|0|Ein kleines Liedchen
PSG|1|40|1|0|Was fragst du Mich um solche argen Dinge! / Das klingt, als ob dein Herz an ihnen hinge! / Mein Weg gedenket nimmer solcher Stellen. / Was liegt dem Meere wohl am Ort der Quellen? / Da mag die Stelle sein so schmutzig, öde, / so groß, so klein wie möglich, – und so blöde / auch das Gestein, dem sie entspringen möge; / dies alles Ich wohl nie zu achten pflege.
PSG|1|40|2|0|So aber du die Pflanzen schaust auf Erden, / siehst nicht beisammen gut und schlechte werden? / Wie kannst du fragen nach des Ortes Klasse, / wo Ich noch Meine Sonne leuchten lasse! / Es gibt, wie überall, auch hier gar viele, / allwelchen nur ein Gräuel ist Mein Wille, / doch möchtst du wissen treu Mein Wohlgefallen, / so merk – wohin der Sonne Strahlen fallen!
PSG|1|40|3|0|So lang du sehen wirst von Meiner Sonne / erleuchten noch der Erde jede Zone, / so lange – glaub es nur – ist jede Stelle / Mir einerlei, ob finster oder helle, / in ihrer Erdenhandlung Außensphäre; / und was im Herzen Ich dir wohl beschere, / ist nicht für Ort und Stadt, in der du lebest, / ist nur dass du nach Meinem Reiche strebest.
PSG|1|40|4|0|Doch möchtest dir du hier ein Weib bereiten – / o sieh, das wirst du hier dir kaum erstreiten; / denn wo an einem Ort die Welt regieret / und wo die Nacht den Tag so leicht verführet – / da, sag Ich, schaue nicht ein Weib dir teuer / und werde nicht des Flitters eitler Freier. / Und glänzt auch über deren Haupt die Sonne, / so gibt’s für dein Herz hier doch keine Krone!
PSG|1|40|5|0|Doch so du Mich nur hast getreu gefunden, / was liegt am Ort, am Weib, an heitern Stunden? / Ich hab der Engel ja in großer Menge, / so dir es frommt – Ich geb’s dir ohne Strenge, –/ nicht wie die Welt, die nur nach Eitlem trachtet / und so den Wert der Menschen stets verachtet; / Ich gebe gerne dir viel Tausend Legionen / die all bei dir gar gerne möchten wohnen!
PSG|1|40|6|0|Doch erst musst du dein Werk getreu vollenden, / bevor kann Ich nicht Engel zu dir senden, / auf dass du sähest ihre schönsten Leiber, / viel schöner als die schönsten aller Weiber. / Und so dein Sinn noch möchte irdisch bleiben, / dass dir behagten dieser Erde Kleiben, / so werd Ich sicher wohl die rechte finden / und sie für ewig dann zum Weib dir binden.
PSG|1|40|7|0|Doch jetzt sollst du um nichts dich ängstlich sorgen, / bis aufgegangen ist durch dich der Morgen, / des Sonne – Ich – der langen Nacht entsteige, / darum sollst ängstlich du nicht sein und feige. / Denn wenn dich hier die Nacht verfolgen sollte / und dir verwehren Meine Stimm’ gar wollte, / so sehe nur empor, wohin die Strahlen / der Sonne irgend reichlich möchten fallen!
PSG|1|40|8|0|Da ziehe hin, in Meinem mächt’gen Namen, / ich werde stets – mit dir gar wohl beisammen – / was hier Ich gebe, dir allorts auch geben, / so du nach Meinem Reich wirst treulich streben. / Darum gedenke nicht des Orts, der Stelle, / es scheint die Sonn’ ja überall noch helle; / Ich binde Mich ja nicht an „hier“ und „dorten“, / solang die Sonne scheint an allen Orten!
PSG|1|40|9|0|Wohl aber bind Ich Mich auf g’naue Treue / bei dem, dem Ich die Liebe stets vorschreie; / und kommen dann und wann wohl auch Versuche, / zu schmähen Mich, das Wort im heil’gen Buche, / so denk: Das Öl verbindet sich gar schwer / mit kaltem Wasser; ist denn jetzt wohl mehr, / als da Ich leiblich bin zur Erd’ gekommen, / da man Mir Selbst das Leben hat genommen!
PSG|1|40|10|0|Daher magst du von nichts dich drängen lassen, / doch jeden Frevler recht ins Auge fassen; / dann wird bald jeder hier entmutigt sinken, / um – wie gewohnt – aus sich den Tod zu trinken. / Magst lieben auch, was deinem Herzen nahet, / doch nur, damit dein Licht es da empfahet; / und so du bist nicht mehr ein dummer Sklave, / nicht mehr in einer Satzung strenger Clave,
PSG|1|40|11|0|so du die Liebe dir gemacht zu eigen, / kannst leichtlich dann von dem Gebote schweigen, / und so auch jeder, den die Liebe ziehet, / dass er um selbe sich getreu bemühet, / und der da höret Meine Liebe nur / und folget treulich ihrer sanften Spur, / wird schwerlich irgend mehr Gesetze finden, / dass sie ihn noch zum Sklaven möchten binden!
PSG|1|40|12|0|In Mir ist kein Gebot, als das der Liebe, / in Mir ist keine Macht, als die der Liebe, / in Mir ist keine Kraft, als die der Liebe, / in Mir ist eins nur frei und das – die Liebe, / und Meine Heiligkeit – sie folgt der Liebe, / und so die Weisheit – sie entstammt der Liebe, / und so das Leben, so die Gnade - Amen! / Ja, in der Lieb’ find’t alles sich beisammen!
PSG|1|40|13|0|Überdenke dieses Liedchen wohl und du wirst gar bald ein großes Lied des Lebens darin entdecken. Amen! Das sage Ich, den du kennst. Amen! Amen! Amen!
PSG|1|41|1|1|Die arge böse Zeit
PSG|1|41|0|0|Vorwort 
PSG|1|41|0|0|Für heute schreibe ein kleines Lied, und das Lied heiße: „Die Zeit, die arge Zeit, die böse Zeit!“ Denn es tut euch not, von Mir etwas zu vernehmen von der Zeit, damit ihr euch zu benehmen wisset in der argen, bösen Zeit, wenn sie euch versuchen sollte in dem oder in dem. Denn fürwahr: So arg und böse ist eure Zeit, dass sie noch nie ärger und böser war denn jetzt; Ich kann nun zu niemandem mehr kommen denn allein im leisesten Worte! Und daher dieses Lied, welches euch zeigen soll:
PSG|1|41|1|0|Fast aus aller Menschen Herzen / ist die Lieb’ entschwunden; / Männer mit der Treue scherzen, / Liebe wenig Stunden / währet, – selbst bei einem Weibe. / Sie will nur gefallen, / lieben bloß zum Zeitvertreibe; / also geht’s bei allen!
PSG|1|41|2|0|Herren, die am Ruder stehen / haben kleine Ohren, / dass sie niemanden verstehen / als nur der geboren / Ihnen gleich ward, um zu prangen, / darf vor ihnen lallen / irgendein verblümt’s Verlangen; / also geht’s bei allen!
PSG|1|41|3|0|Reichen Klötzen in Palästen / widern arme Brüder; / Hund und Huren fett zu mästen, / das ist nicht zuwider / und gemein für solche Herren, / die von Golde strahlen, / doch die Armen von sich kehren; / also geht’s bei allen!
PSG|1|41|4|0|Jungen Mädchen liegt am Herzen / nichts als Modekleider, / fremd sind ihnen Liebeschmerzen, / nur zu wahr ist’s leider! / Die Bestimmung sie nicht kümmert, / wenn sie nur gefallen, / ob ihr Heil auch wird zertrümmert; / also geht’s bei allen!
PSG|1|41|5|0|Jungen Burschen will nichts frommen, / als nur stets zu spielen; / sind sie in die Schul’ gekommen, / haben’s keinen Willen / etwas Nützes zu erlernen. / Doch sich weise prahlen, / wie sie können Gott entfernen; / fast so geht’s bei allen!
PSG|1|41|6|0|Kleine Kinder, die kaum stehen, / wird der Stolz gelehret, / Worte, die sie nicht verstehen – / wird auch’s Herz verheeret – / müssen Kinder radebrechen, / wenn’s auch türk’sche wären! / Höret, wenn die Fliegen stechen, / muss ein Wetter gären!
PSG|1|41|7|0|Hütet euch, ihr wen’gen Treuen, / mit der Welt zu tauschen, / sich mit ihr des Trugs zu freuen / und sich zu berauschen / aus der Wollust Schandebecher. / Lang wird’s nicht mehr währen, / alle diese Weltenzecher / werd Ich bald verheeren!
PSG|1|41|8|0|Babels Hure mag sich rüsten, / drohen allen Staaten, / schreien von den Steingerüsten, / selbst Mein Wort ermatten! / Hört, sie hurt zum letzten Male / zu gar niedern Preisen; / schon wird’s leer in ihrer Halle, / Pest in allen Kreisen!
PSG|1|41|9|0|Wie der Drache sich auch winde / und den Reiz entfalte, / Glätte seine Bohon-Rinde / und des Laub entfalte; / doch umsonst ist all sein Mühen, / seine Macht gebrochen, / bald wird all’s, ihm fluchend, fliehen, / so er’s auch bestochen!
PSG|1|41|10|0|Meine Kleider hast zerrissen, / Babels große Hure, / hast Mein Himmelsbrot zerbissen, / acht’st nicht Meiner Murre. / Nun sollst nackt du vollends werden, / Pestgestank nur sprühen; / so wirst bleiben auf der Erden, / dich muss alles fliehen!
PSG|1|41|11|0|Hör, du Wohnstätt’ der Banditen, / höre – Schlangenfutter, / du dich wähnst in Meiner Mitten / als der Seelen Mutter; / deinen Balsam will Ich schütten / in den Pfuhl der Gräuel, / und all deine losen Bitten / sei’n ein Lasterknäuel.
PSG|1|41|12|0|Deine Liebtat will ich preisen, / wie ein Fürst Rebellen, / geben dir, in Feuerkreisen, / Licht, dich zu erhellen; / Meine Kinder hast verbrennet / auf den Scheiterhaufen, / sei mit Fluch denn nun belehnet, / magst den Tod dir kaufen!
PSG|1|41|13|0|Kurze Zeit noch wart’t ihr wen’gen, / lauscht der Schlange Zischen; / müsset euch in nichts nun mengen / und in nichts euch mischen, / was die Zeit auch möcht erzeugen, / bös sind ihre Wege. / Was ihr habt, sei euch nur eigen: / Meine Weg’ und Stege!
PSG|1|41|14|0|Wenn dann sie sich wird verkriechen, / dieser Zeiten Schlange, / schon fängt an, die Hur’ zu siechen, / dann sei euch nicht bange, / Meine Wege auszubreiten; / bis da werdet voll ihr’s haben – / wollt auf Meinem Weg ihr schreiten / und an Mir euch laben.
PSG|1|41|15|0|Rechnet nach der Zahl der Gelsen, / die euch lästig stechen; / Horcht! schon braust’s in Bergehälsen / als ein Wagenbrechen. / Tücke, Ruhe vor dem Sturme, / sie ist eingetreten; / trauet nicht dem Totenwurme, / Ich werd euch erretten!
PSG|1|41|16|0|Es tut euch allen not, auf dass euch niemand verführe, dass Ich euch dieses gegeben; glaubet es, Ich, euer großer Meister und Lehrer, gebe euch dadurch eine sichere Vorwaffe, die euch vor dem Pesthauche der Zeit schützen solle, auf dass ihr unversehrt bleiben möget bis zur nahen Zeit der Endlöse. Amen. Das sage Ich, der euch über und über liebt, mehr, denn ihr Ihn, Amen!
PSG|1|42|1|1|Drei Blumen an einem Strauche, und jede zu andrem Gebrauche
PSG|1|42|0|0|Am 29. Juni 1841
PSG|1|42|0|0|Erste Blume
PSG|1|42|1|0|Prachtvollste Blume, am dornigen Strauche, / Auens Geweihte vom heiligen Hauche! / Unter den Blumen, der Liebe geweihet, / lebst nur du Rose, wohlduftend erfreiet
PSG|1|42|2|0|immer als schönstes Symbol reinster Liebe; / nur musst du duften – ob schön oder trübe / etwa sich zeige der werdende Morgen. / Heiter und munter in Kummer und Sorgen
PSG|1|42|3|0|über die Sterne hinauf zu den Höhen / treuesten Herzens, – von dorten dir wehen / traulich entgegen gar mildsüße Lüfte / ewigen Lebens aus heiliger Trifte!
PSG|1|42|4|0|Nichtige Dinge der Erde verschmähe, / nur deinen Schöpfer im Herzen verstehe; / ewig wird dich dann das Leben erfreuen, / Rose, das dir wird der Vater anfreien!
PSG|1|42|0|0|Zweite Blume
PSG|1|42|5|0|Pflegest du, Mohn, wohl auch Felder zu schmücken, / Anger und Gärten manch Auge berücken, / Unheil du birgest in deiner Samkrone, / laue gebrauchend das Licht Meiner Sonne.
PSG|1|42|6|0|Unter den Schlafenden magst du wohl prangen, / setz’st nicht ins Leben dein tödlich Verlangen. / ––– / Heiter und munter in Kummer und Sorgen
PSG|1|42|7|0|über die Sterne hinauf zu den Höhen / treuesten Herzens, – von dorten dir wehen / traulich entgegen gar mildsüße Lüfte / ewigen Lebens aus heiliger Trifte!
PSG|1|42|8|0|Nichtige Dinge der Erde verschmähe, / nur deinen Schöpfer im Herzen verstehe; / ewig wird dich dann das Leben erfreuen, / Ros-Mohn, das dir wird der Vater anfreien!
PSG|1|42|0|0|Dritte Blume
PSG|1|42|9|0|Peinliche Distel, du Marter der Blumen, / einige Käfer dich kosend umsummen, / tragest des Honigs als Speise der Bienen / Duft’s auch gar wenig in deinem Nachsinnen.
PSG|1|42|10|0|Unter den Blumen als letzte geschaffen, / sehe, dass dich nicht zu Tod selbst wirst strafen! / Gott und Gehorsam musst du dir erwählen – / eins nur ist nötig, das musst dir bestellen;
PSG|1|42|11|0|hoffe als Knabe, und glaube und liebe! / Ohne dies eine wirst du zum Tagdiebe; / Ruhe der Arbeit und Ruhe dem Fleiße, / geistliche Tugend nach höchstem Geheiße
PSG|1|42|12|0|hat nur die horchende Ruhe beschieden, / ehre sie – willst du gelangen zum Frieden! / Du musst jetzt lernen, nicht spielen nach Willen, / ehre den Vater und preis Ihn im Stillen;
PSG|1|42|13|0|Mutter und Schwester musst allzeit du lieben, / Vater und Mutter und Schwester nie trüben, / alles recht gerne und willig ertragen, / treiben nicht Possen, die Brüder nicht klagen,
PSG|1|42|14|0|einmal wirst du dann den Lohn schon empfangen, / rechtlich und gut, ganz nach deinem Verlangen! / Das sind die drei Blumen an einem Strauche, / gestellet doch jede zu andrem Gebrauche,
PSG|1|42|15|0|doch sollen sich einstens gar alle vereinen / und göttlich in Liebe sich friedlich bereinen! / Darum ist gegeben für alle zusammen / dies letzte, gar mächtig stets wirkende Amen!
PSG|1|43|1|1|Ein neues Licht im neuen Lichte
PSG|1|43|0|0|Durch Jakob Lorber zu Greifenburg im August 1841
PSG|1|43|1|0|Hör in diesen letzten Tagen / all die Menschen heulend klagen,
PSG|1|43|2|0|hör, was sie verzweifelnd sagen: / „Nimmer können wir’s ertragen
PSG|1|43|3|0|langen Truges schnödste Plagen; / mögen Blitze uns erschlagen,
PSG|1|43|4|0|wenig woll’n wir darum fragen, / nur lass’ nicht mehr höhnend jagen,
PSG|1|43|5|0|die da frevelnd Goldzeug tragen / und anfüllen ihren Magen
PSG|1|43|6|0|mit der Armut Tränenfluten, / unserm Geiste nach, zum Guten
PSG|1|43|7|0|nur dem Tode – nicht dem Leben, / wie die Lügner es vorgeben!
PSG|1|43|8|0|Waren’s ja wohl unsre Brüder, / die da sangen Todeslieder
PSG|1|43|9|0|und in zahllos Feuerbränden / ließen treue Menschen enden;
PSG|1|43|10|0|und mit Fluchen, wildstem Toden / gaben vor, Dich treu zu loben!
PSG|1|43|11|0|Sieh, die Erd’ ist voll von Sünden, / wer darf frei Dich nun verkünden?
PSG|1|43|12|0|Wo mit Waffen freche Scharen, / deiner Kinder grimmig harren,
PSG|1|43|13|0|was nützt jemand Dein Erbarmen, / was Dein Licht dem Schwachen, Armen,
PSG|1|43|14|0|darf er Dich ja kaum mehr nennen / und die Treu zu Dir bekennen?
PSG|1|43|15|0|Öffentlich, wer darf es wagen, / Dir nach, Kreuz und Leid zu tragen?
PSG|1|43|16|0|Möcht sich jemand Deiner rühmen, / wie’s dem Kind doch sollte ziemen,
PSG|1|43|17|0|o dann gibts schon tausend Ohren / derer, die die Nacht geboren,
PSG|1|43|18|0|dann nur noch ein Wort gesprochen, / wird Dein Kind mit Blut gerochen,
PSG|1|43|19|0|blind’ster Wahn wird dann zum Richter, / und des Truges schwarz Gelichter –
PSG|1|43|20|0|darfs zum Holz auch nicht mehr greifen / und das Licht zum Brande schleifen –,
PSG|1|43|21|0|spricht das Urteil doch; auf Straßen / und von Dächern wird erlassen,
PSG|1|43|22|0|dass Dein Kind der Satan führet / und er’s durch und durch verwirret.
PSG|1|43|23|0|Dann des Volkes blinde Menge / hinzu strömet im Gedränge,
PSG|1|43|24|0|um des Wahn’s Geschrei zu hören / und dem Licht den Weg zu sperren.
PSG|1|43|25|0|Was kann uns Dein Licht dann zeigen? / Nichts, als still von Ihm zu schweigen!
PSG|1|43|26|0|Magst Du Pest und andre Plagen / schicken uns in diesen Tagen,
PSG|1|43|27|0|gerne wollen’s wir ertragen / und Dir Dank dafür noch sagen,
PSG|1|43|28|0|doch von Schergen uns zu jagen / geistig lassen in den Tagen,
PSG|1|43|29|0|so lass länger uns nicht plagen; / Blitze mögen uns erschlagen,
PSG|1|43|30|0|nur Dein reinstes Licht lass ragen / über Wahn in diesen Tagen!“
PSG|1|43|31|0|Hast Du es nun wohl vernommen, / wie da klagen bess’re Frommen!
PSG|1|43|32|0|Siehe, wie soll solches Schreien / noch den guten Gott erfreuen;
PSG|1|43|33|0|soll Er wohl noch länger lassen / von dem Wahn die Wahrheit hassen?
PSG|1|43|34|0|Und die treue Lieb’ ertöten / von des Trugs und Lüge Nöten?
PSG|1|43|35|0|Solches soll nicht mehr geschehen, / eh’ möcht alle Welt vergehen!
PSG|1|43|36|0|Sehe hin nach allen Seiten, / wie die Treuen redlich streiten,
PSG|1|43|37|0|wie schon fast in allen Landen / flüchtig sind des Truges Banden,
PSG|1|43|38|0|wie der Lüge Reiche schwinden, / wie sich Völker ihr entwinden!
PSG|1|43|39|0|Siehe, das sind tücht’ge Zeichen, / denen aller Wahn muss weichen;
PSG|1|43|40|0|wer wird da noch horchend trauen, / da nichts mehr denn Schutt zu schauen!
PSG|1|43|41|0|Oder kann je Friede wehen, / kann ein Licht da je erstehen,
PSG|1|43|42|0|wo die Brüder sich in Kasten / grimmentbrannt und ohne Rasten
PSG|1|43|43|0|knechtisch unterjochend bannen, / statt sich liebend zu ermahnen,
PSG|1|43|44|0|sich in Nöten beizustehen, / liebreich, lehrend sich verstehen,
PSG|1|43|45|0|nur Mein Wort gar schnöd verdrehen, / dass ihr Trug möcht fest bestehen?!
PSG|1|43|46|0|Alter Sturm, hast ausgetobet! / Mich hast nie, nur dich gelobet!
PSG|1|43|47|0|Was du mir mochtst opfernd bringen / waren eigennütz’ge Schlingen,
PSG|1|43|48|0|um die Menschheit arg zu fangen, / war dein einziges Verlangen;
PSG|1|43|49|0|Gold, dein Gott, dem hast gedienet, / Mich allzeit verkleint, verdünnet!
PSG|1|43|50|0|Ausgespielt ist deine Rolle / von dem Süd- bis Nordens Pole!
PSG|1|43|51|0|Nun sollst du mir also welken, / langsam sterbend, gleich den Nelken,
PSG|1|43|52|0|die im Herbste wüste blühen / und zu prangen sich bemühen,
PSG|1|43|53|0|um noch jemand zu berücken, / ihn, gleich Frühlings, zu entzücken;
PSG|1|43|54|0|darum ist der Reif gekommen / und dir aller Reiz benommen,
PSG|1|43|55|0|bald wird Schnee zur Erd’ dich drücken, / dann wirst niemand mehr berücken!
PSG|1|43|56|0|Bleich, dem Opfer gleich an Farbe, / stinkend aus des Truges Narbe,
PSG|1|43|57|0|tot längst du vor aller Augen; / sag, wozu möchtst du noch taugen?
PSG|1|43|58|0|Wartest, meinst, wirst dennoch siegen, / wirst dem Licht nicht unterliegen;
PSG|1|43|59|0|ja, im Tode wirst du siegen, / tot wohl niemand mehr belügen;
PSG|1|43|60|0|doch wirst nimmerdar erstehen / eh’ denn Erde wird vergehen!
PSG|1|43|61|0|Also ist’s und wird’s geschehen! / Schlange, du wirst nicht bestehen!
PSG|1|43|62|0|Alter Satan – ausgerungen, / lang zu arg die Erd’ bezwungen,
PSG|1|43|63|0|Fürst und Priester musst dir weichen, / hier, wie in des Geistes Reichen;
PSG|1|43|64|0|lange hab Ich zugesehen, / ob du dich zu Mir mögst drehen,
PSG|1|43|65|0|was Mein sehnsuchtsvolls Verlangen, / wenn auch Gräuel zu Mir drangen,
PSG|1|43|66|0|die du Böser hast verrichtet, / Meine Kirche fast vernichtet.
PSG|1|43|67|0|Und mit Wahn die Erd’ geschlagen / und mit andern Trugesplagen;
PSG|1|43|68|0|doch dir ward ein Maß gegeben, / voll ist’s nun, durch Tatenleben,
PSG|1|43|69|0|das voll Arges war, voll Gräuel / ein verworr’nster Trugesknäuel!
PSG|1|43|70|0|Kannst ihn lösen nun, du Schlange? / Oder tun, was Ich verlange?
PSG|1|43|71|0|Sieh, das Lied ist ausgesungen, / Satan, dir ist’s nicht gelungen
PSG|1|43|72|0|deinen Gott gar zu verschlingen / und auf Seinen Thron zu dringen!
PSG|1|43|73|0|Hast die Freizeit schlecht verwendet / und dein Werk gar nicht beendet;
PSG|1|43|74|0|deine Zeit ist abgelaufen, / langsam zwar sollst zu versiegen, / lange krank, dem Tod erliegen.
PSG|1|43|75|0|Doch was hier, wer wird’s begreifen? / Merk – die Zeit, sie wird es reifen;
PSG|1|43|76|0|was der Welt ist, soll ihr bleiben, / leeres Stroh und nicht’ge Kleiben.
PSG|1|43|77|0|Wer das Licht hat, der wird sehen, / wann die Flucht da wird geschehen;
PSG|1|43|78|0|doch ob hier, ob dort, ob unten, / sei noch niemandem entbunden.
PSG|1|43|79|0|Eins nur lasst euch nimmer rauben, / dies ist Lieb’ und festen Glauben!
PSG|1|43|80|0|Da der Vater eure Leiden / kennt, so seid getrost, bescheiden,
PSG|1|43|81|0|ohne Furcht und ohne Sorgen; / froh erwartet jenen Morgen,
PSG|1|43|82|0|der aus heil’gen Höhen steiget. / Doch für jetzt nur kurz noch schweiget,
PSG|1|43|83|0|bis auf Meines Sieges Wegen / Ich den Feind in Staub werd legen,
PSG|1|43|84|0|dann wird alles sein gewonnen / und die böse Zeit verronnen!
PSG|1|43|85|0|Nicht auf dies und jen’s zu raten, / sollt dabei ihr euch ermatten,
PSG|1|43|86|0|wo vom Bösen ist die Sprache, / sucht nicht anderswo die Sache.
PSG|1|43|87|0|Wen Ich nenn beim argen Namen, / der muss, der wird bald erlahmen;
PSG|1|43|88|0|und mit ihm, die ihm gedienet, / und mit ihm den Tod verdienet.
PSG|1|43|89|0|Also müsst ihr das erfassen / und von aller Deutung lassen!
PSG|1|44|1|1|Ein gutes Angebinde fürs Leben
PSG|1|44|0|0|Jakob Lorber am 30. November 1841
PSG|1|44|1|0|Leicht zu finden ist des Geistes Leben, / welches ist des Menschen größtes Gut, / leicht ist solches sicher zu erstreben, / fehlet dir nur nicht des Glaubens Mut. / Wie am Morgen fahle Nebel ziehen / auf zum Lichte aus des Tales Grund, / also auch des Lebens Triebe fliehen / aus der Tief’ hinauf zum lichten Bund!
PSG|1|44|2|0|Ja, hinauf zum lebenslichten Bunde / flieht Gedanke, flieht der Liebe Trieb, / dort in hehrer Sonnen hellster Runde / fällt der Baum gar oft auf einen Hieb! / Sieh, ein Rätsel, wie sich’s herrlich malet; / was ist’s wohl? Es fällt vom Himmel blind; / horch, wie treu es dir entgegenlallet, / dir’s enthüllend – ein sprachloses Kind!
PSG|1|44|3|0|Ob des Rätsels Lösung leicht zu finden, / magst und kannst du denn nun zweifeln noch? / Soll vom Dach die Taube dir’s verkünden, / was da ist des Lebens sanftes Joch? / Sieh, ein Hase läuft erschreckt von dannen, / wenn des Jägers Schuss ihn hat gefehlt, / lässt darinnen sich nichts Größres ahnen / als die Furcht ums Leben dieser Welt?
PSG|1|44|4|0|Wenn das Kind noch unterm Mutterherzen / zu der leidig bangen Mutter spricht: / „Sieh, die Zeit ist nah, mit ihr die Schmerzen, / ich muss fort, hinaus ans Tageslicht!“ / Alsdann fanget an das Herz zu beben, / schwache Mutter still dann schluchzt und weint, / doch – als sie geboren neu ein Leben, / wird der Schmerz ihr nicht zum treusten Freund!
PSG|1|44|5|0|Ja, sie wird sich überhoch erfreuen, / da für Schmerz ihr ward ein Kind zum Lohn, / arge Welt wird sie nicht mehr zerstreuen, / jubelnd spricht sie ihr gerechten Hohn! / Also auch muss jeder es bestehen, / wann er auch um Weltlich’s sich bewirbt, / er wird nicht die Maid zum Weib erstehen, / so er nicht in Lieb’ in ihr erstirbt!
PSG|1|44|6|0|Sieh, das Rätsel ist getreu gelöset, / wahrlich! dir ein herrlich reicher Fund. / Mache, dass ein Kranker dir geneset, / warte nicht auf Zeit und andre Stund, / wie das Leben sich auch immer windet / und die Kraft des höh’ren Lichts oft schweigt, / leicht sich endlich all’s doch wieder findet, / wenn der Liebe Thermometer steigt!
PSG|1|45|1|1|Die Fliege
PSG|1|45|1|0|Es sumset die muntere Fliege in luftiger Weise / ein artiges Liedchen Mir, mächtigem Schöpfer, zum Preise; / sie sumset in wonniger Freude gar sinnig von Liebe / und kreiset im Meere derselben aus innerem Triebe / und redet gar deutlich vernehmliche Worte der Gnade / und kündet und zeiget zu gehen euch ärmliche Pfade.
PSG|1|45|2|0|Nun sehet das Tierchen, wie munter und fröhlich es kreiset, / und wie es ganz sorglos gehorsam dem Triebe sich weiset / in dankbarer Haltung der Richtung, die Ich ihm gegeben; / und nie wird sie, so wie ihr, nach dem Verbotenen streben. / Ich sage, umsonst ist es nicht euch so nahe gestellet, / und ob auch das Mittel wohl klein, ist’s von Mir doch erwählet!
PSG|1|45|3|0|Ein Flügelpaar, zart, gleich dem Äther, hab Ich ihr gegeben, / damit sie sich sollte gar leicht in die Lüfte erheben / und kreisen da munteren Flugs in den Strahlen der Sonne / und saugen da Licht mit den Äuglein der goldenen Krone, / dann tragen dasselbe zum Leben der toten Gebilde / und zeugen der Härte von Meiner belebenden Milde.
PSG|1|45|4|0|So hab auch gegeben Ich weise ihr sechs leichte Füße / und hab ihr gegeben, damit sie empfinde die Süße / des Lebens, zum Saugen der Kost einen tauglichen Rüssel. / Und seht, was Ich nun euch gesaget, nehmt es als Schlüssel / und denket im Herzen wohl über die Fliege; / Ich sage: die Fliege, die Fliege, sie singt euch vom Siege.
PSG|1|46|1|1|Ein Trost aus der hohen Weisheit, der allhier zu lösen ist
PSG|1|46|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 6. März 1842
PSG|1|46|1|0|Solches ist bei sich zu tragen, / Wahrheit allezeit zu sagen, / dies ist gar ein gutes Ding, / einzudringen in den Ring, / der sich allzeit ernst dort dreht, / da die lichte Wahrheit weht!
PSG|1|46|2|0|Wie die Pfeife – so der Ton, / wie die Arbeit – so der Lohn; / wie der Berg – also des Krümme, / wie das Herz – also des Stimme! / Wer mag dies in sich begreifen? / Wem wird dieser Ölzweig reifen?
PSG|1|46|3|0|Wahrheit ist ein Licht dem Lichte, / Licht dem Lichte zum Gerichte. / Kannst du nun um Sonnen freien, / wie im Licht die Erd’ entweihen? / Finstrer Zweifler – fliehe! fliehe! / so Ich Sonnen niederziehe! / Sieh, die Hirsche rennen Wette, / magst du heben diese Kette? / Magst der Wahrheit Spur nicht finden, / wer wird dich der Nacht entbinden?
PSG|1|47|1|1|Gedenke Mein
PSG|1|47|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 24. Mai 1842
PSG|1|47|0|0|Dies gebe der, die da Mich und dich lieb hat, und ist eine Tochter des A. H. W. und heißet Julie Martha.
PSG|1|47|1|0|Gedenke Mein und traue Mir, / dein Herz Mir weihe für und für; / und was du immer möchtst erlangen, / es soll dir darob nimmer bangen, / Ich werd’s dir treu und sicher geben, / das tauglich ist fürs ew’ge Leben. / Und deines Herzchens edle Triebe, / die reine wahre Bruderliebe,
PSG|1|47|2|0|soll dir gleich einer Morgensonne / erstehn zu einer ew’gen Wonne. / Doch wie Ich oben hab erachtet, / das sei von dir recht tief betrachtet: / Gedenke Mein und traue Mir! / Dein Herz Mir weihe für und für, / dann was du immer möchtst erlangen, / Ich sag’s: du wirst’s von Mir empfangen. Amen.
PSG|1|48|1|1|Zu des Knechts des Herrn Namenstag
PSG|1|48|0|0|Am 25. Juli 1842
PSG|1|48|0|0|So gebe Ich dir denn ein Liedchen an deinem Tage, so der Welt wegen du auch keine Gratulations-Billete bekommst. Ich meine aber, dieses Billet wird länger dauern denn die der Welt. Dem Offenen aber werde Ich allezeit offen sein und freigebig und aufmerksam, dem Zurückhaltenden aber werde auch Ich sein ein sparsamer Geber; daher denke darum nicht nach, so heute niemand mochte dein Zimmer finden an deinem Tage. Dafür aber komme Ich doppelt zu dir, wie fürs Ohr, also auch fürs Auge; siehe: hier bin Ich!
PSG|1|48|0|0|Und so schreibe denn nun, in dieser Meiner für dich sichtbaren Gegenwart, dies Liedchen unter dem Namen:
PSG|1|48|0|0|Des Baumes letztes Blättchen
PSG|1|48|1|0|An eines Waldes dicht umstrüpptem Saum / erblickst du einen seltnen dürren Baum, / ein Blättchen nur, ganz fahl, denselben ziert; / doch nicht am Zweig hängt mehr dies letzte Blatt, / an einer Spinne Faden nur ganz matt, / so lang, bis es ein West der Haft entführt!
PSG|1|48|2|0|Sieh an die Welt, wie sehr dem Blatt sie gleicht! / Auch sie da hängt, ganz dürr und leicht, / am gleichen Faden, an des Lebens Baum. / O sieh! Schon regt sich dort ein rauer West, / er führt für diese Zierd’ das End, den Rest, / schon schwirrt er um des Waldes dorn’gen Saum!
PSG|1|48|3|0|O Baum, o Baum! Du toter Rest am Wald! / Du brüstest dich mit deiner Scheingewalt; / warum, du Tor? Ist nicht der Tod dein Los? / Ja tot, ganz tot bist du, o Baum, schon lang! / Darum wird’s dir vor Meiner Näh’ nicht bang, / nicht angst in deines Grabes finstrem Schoß!
PSG|1|48|4|0|Das letzte Blatt, ganz los von deiner Haft, / ziert dich nur noch durch eines Fadens Kraft, / den da gesponnen hat ein schnödes Tier, / und du willst prunken noch damit vor Mir / auf diesem alten Todes-Jagdrevier? / O sieh! Der West ist da mit großer Gier!
PSG|1|48|5|0|Du trillerst schon, du einsam fahles Ding, / tust wohl daran, von Mir nur einen Wink – / geschehen ist’s, o Baum, um deine Pracht! / Magst ahnen nicht, wer hier nun bei dir steht, / ja, ja, der West um deine Äst’ schon weht, / nicht merken lässt er dir die große Macht!
PSG|1|48|6|0|Wozu allhier, o West, so große Kraft? / Ein dürres Blatt nur zwischen Zweigen klafft / verhängt am schwächsten Faden einer Spinne! / Darum kannst wehen du ganz sanft und mild, / ganz leicht wirst fertig du mit diesem Bild, / das tot ist ganz und gar, im vollsten Sinne!
PSG|1|48|7|0|O merke, merk auf dieses Bild, du tote Welt, / darum dich nur noch mehr dein Wahn beseelt, / das ist dein Sein in dieser letzten Zeit! / Vernimm den letzten Ruf aus Meinem Mund: / Kehr um zu Mir dich noch in dieser Stund, / eh’ dich ereilen wird die Ewigkeit!
PSG|1|48|8|0|Höre, verstehe, folge! Amen.
PSG|1|49|1|1|Der Siegelring
PSG|1|49|0|0|Empfangen vom Herrn durch Jakob Lorber am 11. Juli 1842
PSG|1|49|1|0|Ein scheinbar unbedeutend, nichtig Ding / erscheint dem Aug’ ein eh’rner Siegelring, / doch wenn ein Fürst ihn trägt an seiner Hand, / hat er ein groß Gewicht fürs ganze Land. / So ist ein Ring, den da ein Fürst getragen, / ein großer Wert, danach in spätsten Tagen / so manche Tatenforscher eifrig fragen / und emsigst nach solch altem Schatze jagen.
PSG|1|49|2|0|Es gibt ein Amt sogar in manchem Staat, / das da den Namen „Siegelwahrung“ hat, / und dem da ist ein solches Amt vertraut, / auf den der Fürst auch sicher Großes baut. / Nur eines Landes alterprobte Treuen / ermächtiget der Fürst nach dem zu freien; / ein andrer mag sich da zu Tode schreien, / nie doch wird er des Amtes sich erfreuen.
PSG|1|49|3|0|So mancher Fromme auch von Mose spricht: / „Er war des Herren Ring, ein großes Licht!“ / Fürwahr, er ist dies noch zu dieser Stund, / ein Siegel Gottes für den alten Bund, / den Gott in Abraham schon hat gestellt; / und was Er diesen weislich hat erhellt, / hat Er, zu künden aller Welt, erwählet / den Mosen, ihn hat Er mit Sich beseelet.
PSG|1|49|4|0|Wenn solches aber denn von Mose gilt / und ist in jeglichem Propheten Moses Bild, / nachdem in solchem Geiste jeder spricht, / dem Volk ist er ein unerforschlich Licht. / Wenn nun so hoch ein Moses, der vergangen, / warum da nicht nach dem, was da, verlangen, / warum an Mose nur hochachtend hangen, / warum nicht auch, was da, also umfangen?!
PSG|1|49|5|0|So merk es denn, du eitle Gegenwart, / Ich sag es dir: Du bist in dir so hart, / erkennest nicht bei dir den Siegelring, / er scheint dir, wie dem Aug’, ein nichtig Ding. / Doch so des Fürsten Ring du hältst in Ehren, / der sich doch pflegt nach Weltlichem zu kehren; / o sieh, wie magst du dich denn so betören, / so schwach in Meinem Ringe Mich zu ehren?!
PSG|1|49|6|0|Ist auch an sich schon jeder Siegelring / ein nichtig, unbedeutend kleines Ding, / so ist doch Der, der selben braucht und führt, / erhaben hoch und voll der höchsten Würd’. / Die da demnach den Fürsten ehren wollen, / die müssen auch dem Ringe Achtung zollen; / so aber jemand möcht dem Ringe grollen, / wird der nicht auch des Fürsten Ehre schmollen?
PSG|1|49|7|0|Es sei, und wär der Ring von schlechtem Erz, / gesteckt an Meinen Finger durch das Herz, / er ist es nicht, wohl aber der ihn trägt, / doch wert, dass man fürs Siegel Achtung hegt. / Es soll darum da niemand weise streiten, / nicht betend gar zu Meinem Ringe schreiten; / doch einem Ringe trübe Zeit bereiten, / dadurch wird niemand viel von Mir erbeuten.
PSG|1|49|8|0|Was da gesagt, dem biete niemand Trutz, / wohl aber mach’ sich jeder solch’s zu Nutz’! / Kannst du nicht achten, was dein Auge sieht, / wie ehren dann, das stets dein Auge flieht? / Was da von Mir zum Ringe ist gestaltet, / ist er auch gleich dem Moses nicht veraltet, / so wird durch ihn doch alles neu umstaltet, / so da durch ihn die Lieb’ der Liebe waltet.
PSG|1|49|0|0|Amen.
PSG|1|49|0|0|Anmerkung
PSG|1|49|0|0|(Auf die Bitte des Knechts um Aufklärung des Sinnes vorstehenden Gedichtes.)
PSG|1|49|9|0|Ich sage dir: Du und der Siegelring habt miteinander nichts zu tun, außer dass durch dich dieser neue Siegelring aus Mir gegeben wird.
PSG|1|49|10|0|Der Siegelring aber ist das Wort und nicht du, – selbst dann nicht, wann Ich rede durch deinen Geist mit deiner Zunge. Daher hat die ausgesprochene Achtung auch nichts mit dir, sondern allein mit dem Worte zu tun. Damit aber ein jeder solches verstehe wohl und genau, so solle er wissen, dass unter einem Propheten nie dessen Person und Wesenheit, sondern allein Ich in dem Worte verstanden werde; ist aber auch das Wort selbst an und für sich Meine eigentliche Wesenheit nicht, so ist es aber doch der darin euch oder auch allen andern Menschen geoffenbarte Wille aus Mir, dargestellt zur Beschauung entweder durch Worte aus dem Munde eines von Mir dazu berufenen Menschen oder durch Zeichen, die er entweder selbst aufzeichnet oder von jemand anderem aufzeichnen lässt. Der Wille ist ja demnach der Siegelring, aber nicht der, der Mir dient selbst nur zum Werkzeuge! Also ist ja das gegenwärtige Wort, welches Ich durch dich nun zur Erde hinabsenke, der vorstehende Siegelring, aber nicht du; dieses ist vom selben Finger, wie das zur Zeit Mosis. Moses aber musste sein Gesicht verhüllen, um anzuzeigen, dass da nicht er, sondern allein Ich im Worte und Gesetze der alleinige Prophet bin, und nicht er.
PSG|1|49|11|0|Wenn aber Moses solches tun musste, wie kann es dir demnach auch nur im Traume einfallen, den Siegelring auf deine Person zu beziehen? Siehe, wie blind du für deine Person auch noch bist trotz allem dem, was du schon vernommen hast! Dass Ich aber solches mehr für dich als jemand anderem gab, hast du also zu verstehen, weil eben du selbst über so manche Gabe aus Mir nicht im Reinen warst und so manchen Punkt weniger beachtetest für dich, denn die anderen für sich!
PSG|1|49|12|0|Siehe, darum auch habe Ich den „Siegelring“ also gestellet, dass des Sinn aussieht, als bezöge er sich auf deine Persönlichkeit, um dir dadurch einen neuen Probierstein für dich selbst zu geben, auf welchem du das Gold deiner Erkenntnis prüfen sollest, ob es probehaltig ist für das, was Ich tagtäglich durch dich gehen lasse. Wenn aber du bei dir so manchmal den Ring getrübt hast, welche Beute soll dir selbst dereinst denn werden aus ihm? O sieh, das haben auch manche andere Berufene getan und haben über das Empfangene gegrübelt, während sie es vor allem hätten ausüben sollen durch den allerlebendigsten Glauben, und Ich habe ihnen darum ähnliche, ja noch viel stärkere Fallen gelegt. Die, welche da sich, wie du jetzt, an Mich gewendet haben, denen habe Ich auch sobald die Lösung gegeben; die aber das auf die eigene Person nahmen, denen ging es am Ende wie dem weisen Salomo.
PSG|1|49|13|0|Demnach also bezeichnet der Siegelring das neue Wort, wie es äußerlich scheint, das zwar niemand an sich anbeten sollte, aber achten doch in allem und jedem, darum es ist ein wahrer Siegelring an Meinem Finger der Erbarmung gesteckt durchs Herz – oder durch Meine große Barmliebe! Verstehe nun solches wohl, denn Ich habe es darum vorderhand ja auch nur dir gegeben, darum du solches auch also fassen sollest, wie dir nach jeder im gerechten Sinne. Das sage Ich, die ewige Wahrheit und Weisheit. Amen, Amen, Amen!
PSG|1|50|1|1|Die krumme Straße, die einzelne Nachtlaterne, ein unausgebautes Haus und ein neues rot angestrichenes Wasserrad
PSG|1|50|0|0|Jakob Lorber am 5. Okt. 1842
PSG|1|50|1|0|Es richtet sich die Straße nach des Berges Krümme, / also wie nach der Kehle eines Sängers Stimme; / man kann ja über Berge, die gar sehr zerklüftet, / gerade Zeilen schwerlich führen, und gelüftet / wird der Saum nur mühsam werden, / wo des steinige Gebärden / bald des Ebners Hand erlahmen / und Lawinen ihn verdammen!
PSG|1|50|2|0|Doch was die Krümme einer Straße uns versaget, / das soll die Leuchte, die ein Stock da einsam traget, / durch ein gar reines Licht ersetzen und ergänzen, / damit des Wandrers Auge sehen könnt die Grenzen, / wie vom Anfang bis zum Ende / sich die krumme Straße wende, / doch die Leuchte ist verkümmert / wie ihr seichter Grund zertrümmert!
PSG|1|50|3|0|Ein neues Haus, noch unvollendet, dort am Rande, / es steht zwar wohl mit seinesgleichen im Verbande / und will als Zierd’ der krummen Straße sich gestalten, / also als sollt’s durch Zeiten Nacht gar nie veralten. / Doch der Berg und Straße sagen / und die Leuchte lässt nicht fragen: / Prange nur, du Haus am Rande, / uns gleich steht du auch am Sande!
PSG|1|50|4|0|Nicht weit von dir, gen Untergang, am falschen Bache, / (o schwaches Haus, wird dir zu einer argen Sache) / wird rot gefärbt ein überschlächtig Rad errichtet, / der Werkmann weiß, was durch dasselbe wird geschlichtet. / Sieh, die Zeit, dem Rad sie gleichet, / wie sie um die Erde schleichet; / dieses Rad Zerstörung führet, / alles fällt, durch das berühret!
PSG|1|50|5|0|Da ahnest nicht den falschen Bach, den Zweig am Strome, / und die verschmutzte Leuchte auch nicht, was die fromme, / es wird der Strom geschwängert bald den Bach entrüsten, / da wird der Bach das rotgefärbte Rad verwüsten, / das der Flut zuwider gehet; / dann wirst du auch wohl erspähet, / Haus am Rande! Regen fallet, / eine starke Stimm’ schon hallet!
PSG|1|50|6|0|Ja, eine überstarke Stimme dröhnend hallet, / es ist die letzte der Posaunen, die da schallet. / Du krumme Straß’ am Berge! Magst du nicht vernehmen, / und nicht, du Leuchte, dich zum hellern Licht bequemen? / O du schnödes Haus am Sande! / Deine schwachen, sand’gen Bande / sind vom alten Rost bedecket, / bist so gut wie schon zerbröcket!
PSG|1|50|7|0|Und ihr, die ihr dies Bild in diesem Liede leset, / begreifet es, damit ihr allesamt geneset, / die Straße, Leuchte, Haus und Rad sind nicht gemeinet, / wohl aber Kirche, Lehre, Babels Dienst bereinet. / Babel will sich neu erbauen, / will das Heil sich neu antrauen, / doch es baut auf schnödem Sande, / baut an seines Abgrunds Rande!
PSG|1|50|8|0|Am falschen Bach erweichet es ganz, gleich dem Rade, / ein überschlächtig Rad, das zeigen soll die Pfade / der Nächstenlieb’ durch Farbe und durchs widre Drehen: / Durch Trug und List will Babel wieder neu erstehen! / Nein, das wird nicht mehr geschehen, / nimmermehr wirst du erstehen, / ehe wird die Sonn’ vergehen, / eh’ du wieder wirst erstehen!
PSG|1|51|1|1|Niemand kann zwei Herren dienen
PSG|1|51|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 24. Dezember 1841
PSG|1|51|0|0|An die, welche Mich liebt und sucht und zu Mir betet; aber Mich doch noch immer nicht gefunden hat, darum – weil sie Mich nicht gefunden hat.
PSG|1|51|1|0|Die Welt hält dich noch stark gefangen, / zu schwach nach Mir ist dein Verlangen; / eitle Sorgen um die Deinen / nöt’gen dich mit ihr sich einen.
PSG|1|51|2|0|Du merkest, was die Kinder machen, / was deren Hand erzeugt für Sachen; / doch wie ihre Sinne wehen, / solches magst du nicht verstehen.
PSG|1|51|3|0|Ist’s nötig denn, die Mich erkennen, / dass sie sich noch an Weltlich’s lehnen? / Wem Ich nicht allein genüge, / der ist ferne noch vom Siege.
PSG|1|51|4|0|Mit Menschen kannst dich wohl befrieden, / es schadet solch’s dir nicht hienieden; / doch in Meiner Liebe Reiche / walten andere Gebräuche.
PSG|1|51|5|0|So jemand Mich da will erfassen, / der muss, was Welt ist, ganz verlassen; / Mir und auch der Welt zu leben, / wird dich schwer zu Mir erheben.
PSG|1|51|6|0|Du meinst, an Mir ein Wohlgefallen / im Herzen haben, nütze allen; / nach und nach wird sich’s wohl finden, / was Mich dir wird fest verbinden.
PSG|1|51|7|0|Doch wer ist denn ein Herr der Zeiten? / Soll Ich noch länger mit dir streiten? / Warum Mich in weltlich’ Trieben, / gleichwie arge Mägde lieben?
PSG|1|51|8|0|Wer sich da scheut Mich zu bekennen, / werd Ich auch scheun Mich, ihn zu nennen; / Mich allein musst du dir wählen / und in nichts dein Herz verhehlen.
PSG|1|51|9|0|Du sollst von Mir zur Welt nicht sprechen, / darum sie dich bald möcht zerstechen; / solch’s von dir Ich nicht verlange, / darum sei dir auch nicht bange.
PSG|1|51|10|0|Vor eigner Welt nur Mich bekennen / und nicht an sie und Mich sich lehnen; / solch’s nur hier will Ich dir sagen: / Nicht nach Weltlichem zu fragen!
PSG|1|51|11|0|Du möchtst von Mir gar lieber hören, / so Ich dir möcht ein Lob bescheren. / Doch hier lob Ich selbst die Reinen / nicht; ’s ist besser, so sie weinen!
PSG|1|51|12|0|Was Ich dir hier getreu beschieden, / versteh’s, das bringet wahren Frieden; / freilich nicht, den Welt dir gebet, / sondern der zu Mir dich hebet.
PSG|1|51|13|0|Und so lass denn die Welt nur laufen, / bei Mir allein musst Schätze kaufen; / für die Deinen geistig sorgen / sei die Pflicht zum Lebensmorgen!
PSG|1|51|14|0|Vom Brot, das du schon viel gelesen, / lass auch die Kinder öfters essen; / solches sollst du weise achten: / Lern’ in Mir die Welt verachten.
PSG|1|51|0|0|Amen!
PSG|1|52|1|1|Die Hoffnung, ein guter Satz, betrachtet am rechten Platz
PSG|1|52|0|0|Am 14. Januar 1842
PSG|1|52|1|0|O Hoffnung, du bist wohl ein goldener Traum, / du findest in aller meist Ärmeren Herzen Raum; / selbst Reichen, die dich achten gering, bist du hold, / doch Armen du zollst nur schnöden Minnesold. / Darum dich als Tugend kenn ich fast nicht mehr, / ob auch allerwärts du blickst hold hin und her; / doch will dich jemand sanft am Arme fassen, / so fängst du dafür an, den Armen zu hassen! / Darum Brüder hoffet nicht, / in der Hoffnung ist kein Licht; / nur im Glauben keimt es klein, / darum lasst uns gläubig sein. / Es hat zwar der Glaube auch recht schwere Plagen, / doch aber sind leichter sie alle zu tragen; / wer da kühnen Glauben hegt, darf niemals zagen, / einmal wird und muss ihm Erfüllung wohl tagen! / Eines lasst euch nimmer rauben, / nie den Grund vom heil’gen Glauben; / auf die Liebe baut den Glauben, / keine Zeit wird dann ihn rauben! / Baut auf Lieb’ und Gott zu allen Zeiten, / solch’s nur kann uns dauernd Glück bereiten!
PSG|1|53|1|1|Schlüssel zur Schrift
PSG|1|53|0|0|Jakob Lorber am 13. April 1840
PSG|1|53|1|0|Da, wo Ich am wenigsten zu sagen scheine, da sage Ich am meisten; und wo Ich aber am meisten zu sagen scheine, da sage Ich nur so viel, als ihr zu ertragen im Stande seid. Das sei euch ein Schlüssel zu dieser Meiner Schrift – „das neue lebendige Wort“.
PSG|1|54|1|1|Warum – Darum
PSG|1|54|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 27. Dezember 1841
PSG|1|54|0|0|Ein Lied zum neuen Jahr an zwei Mädchen.
PSG|1|54|0|0|Schauet auf Mich und habet kein Wohlgefallen an der losen Welt, wollet ihr wahrhaft glücklich sein. So ihr aber, wenn schon heimlich, eure Herzen der Welt überliefert, und flieht darum Mein Wort und so auch Mich, so solle euch auch die Welt glücklich machen; allein Ich werde an eurem Glücke sicher nie ein Teilnehmer sein! Darum aber geb’ Ich dies Lied, damit ihr daraus ersehen sollet, das an euch Mir nicht gefällt.
PSG|1|54|1|0|Ihr habt euer Herz erfüllt mit Heimlichkeiten, / was ist’s denn, das ihr damit euch wollt bereiten? / Glaubt ihr etwa, dass ihr da ein Glück gefunden, / euch bereitet etwa spät’re frohe Stunden? / Oh, ihr seid in eine starke Irr gekommen, / euer Herz hat ganz das Weltliche erklommen! / Euren Vater mög’t ihr scheuen, / euch bei Fremden nur erfreuen? / Fremde Lügen / euch vergnügen; / doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|2|0|So der Vater euch mit Ihm zu gehn beheißet, / Ihr dann euch vergrämt geheim in euch zerbeißet. / Was macht euch wohl ärg’lich dann? Des Vaters Willen? / Häuslichkeit und Tugend nicht! Ihr wisst’s: Im stillen / Trachten hin zu Mir; Ich würd’ es wohl gewahren. / Seid ihr nicht wie begraben jetzt in euren Jahren? / Euch nur andre Sachen freuen; / drum, ihr mögt den Vater scheuen. / Fremde Augen / euch nur taugen! / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|3|0|So ihr etwas habt in eurem blinden Herzen, / das euch Kummer macht, wohl gar geheime Schmerzen, / warum mögt ihr solch’s dem Vater nicht vertrauen? / Warum lasst ihr Ihn nicht euer Herz beschauen? / Wisset, weil ein trüb’s Gewissen euch bedrücket; / darum listig auch den Vater ihr berücket! / O ihr Kinder, o ihr Schlauen! / Wollt auf Sand ihr Häuser bauen?! / Heimlich lieben, / so im Trüben! / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|4|0|Ihr möcht’t schon verheiratet sein mit einem Manne, / möcht’t schon führen so der Frauen Herrscherfahne, / möcht’t genießen auch die Weiberlust der Ehe, / ob’s euch Segen brächt, ob Wohl, ob hartes Wehe? / Ist nicht solches eures Herzens heimlich Sinnen? / Möcht’t ihr anders was, denn einen Mann gewinnen? / Müsst darum den Vater scheuen? / Werd’t ihr solches nie bereuen? / Solches Werben / bringt Verderben! / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|5|0|Da ihr spinnet wie Verschworene im Geheimen, / denkt und sagt, was kann daraus für euch erkeimen? / Trug und Täuschung, Spott und Schand’ ihr könnt gewinnen; / so Ich euch nicht halte, könnt ihr dem entrinnen? / Wahrlich sag Ich euch: Ich werde frei euch lassen, / dass ihr da nach eurer Lust die Welt könnt fassen; / darum ihr verargt Mein Mahnen, / könnt ja wandeln eigne Bahnen. / Euch zum Frommen / wird’s nicht kommen! / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|6|0|So ihr wollt, könnt sicher auch dies Wort verneinen, / seht, die Welt wird keine Trän’ darüber weinen, / sondern wird sich eures Witzes nur erfreuen, / da ihr’s klug gemacht, für sie euch zu befreien. / Meinen Knecht könnt einen Narren ihr auch schelten, / darum er aus Mir da mag euch solches melden! / Doch mit ihm werd’t schwer ihr streiten, / schwer ihn einer Lüge deuten. / Wird nichts nützen / euer Schmitzen! / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|7|0|Seht, um Mädchen, die voll’ Welt in ihren Herzen, / werden Meine Jünger nie bewerbend scherzen, / wer der Welt ist, mag auch treu der Welt verbleiben, / mag sich, wie er’s kann, mit ihr die Zeit vertreiben. / Wer da Mich in seinem Herzen hat erkoren, / für den sind der Engel viele auch geboren; / darum dürft ihr euch nicht sorgen, / Geist’gen tagt ein andrer Morgen! / Wollt euch putzen / euch zum Nutzen? / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|8|0|Ihr habt schon gar überviel von Mir gehöret; / welche Lehren hab Ich all’s schon euch bescheret; / habt ihr je darum in euch nach Mir verlanget? / Oder je bei Meinem Ruf in euch erbanget? / Langeweil nur, die pflegt euer Herz zu schweren, / so ihr sollt von Mir etwas Lebend’ges hören; / darum kehrt zur Welt die Ohren, / sie hat euch für sich erkoren. / Mit Weltaugen / Freuden saugen. / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|9|0|Weil da euer töricht Herz es heiß verlanget, / euch darum in eurer Blindheit auch nicht banget / vor dem Abgrund, der euch eh’stens mag verschlingen! / Merkt es wohl, Ich sag’s, es wird dem Feind gelingen, / ihr habt euch zu sehr von ihm umstricken lassen; / bald, gar bald werd’t ihr vor seiner Macht erblassen. / Die ihr weltlich liebgewonnen, / haben listig schon begonnen, / euch zu fangen, / ihr Verlangen! / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|10|0|Vierzehn Tage will Ich euch noch hüten, / höret! vierzehn Tag’ durch Meines Knechtes Sitten! / So ihr euch nicht reuig schnell zu Mir bescheidet, / nicht sogleich das list’ge Haus ganz rein vermeidet, / will Ich euch nicht mehr beschützen, nicht mehr halten, / sondern lassen über euch die Feinde walten. / Dann werd’t ihr es wohl erfahren, / wer euch wird vor Unglück wahren! / Ich mitnichten / werd es lichten! / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|11|0|Meinen Knecht, der euch so lang ein Freund gewesen, / wie doch habt im fremden Haus ihr ihn verlesen? / Eurer Torheit muss „ein dummer Talg“ er heißen, / euch beschön’gend, müsst ihr seinen Ruf zerbeißen? / Denn so ihr zu seiner Gunst möcht’t etwas sprechen, / würd’ das eure Jünglingsliebe nicht zerstechen? / Sehet, den Ich euch gegeben, / welches Lob muss er erleben! / Nimmer lange / sei euch bange! / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|12|0|Diesen Freund werd Ich gar bald von dannen führen, / nicht mehr lange soll er eure Lust beirren! / Der euch mehr den eignen Brüdern hat gedienet; / hat er das für seine Lieb’ an euch verdienet? / Dass sein Name soll von euch beschmähet werden / dort im lust’gen Haus, mit Worten und Gebärden? / So dies Haus ihr nicht werd’t meiden, / werd von euch ihn bald bescheiden! / Solch’s verdienet! / Euch besinnet! / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|13|0|Den Ich treulich licht- und lieb’voll euch gegeben, / euch zu wecken, euch zu zeigen ew’ges Leben, / diesen kann Ich anderwärts auch weislich brauchen, / euch, ihr Blinden, soll der Stern dann untertauchen, / so ihr ihn dies letzte Mal nicht werdet hören / und der Welt dadurch in euch den Eingang wehren! / Werd’t ihr länger euch entschließen, / wahrlich teuer sollt ihr’s büßen! / Mich verraten, / welche Taten! / Doch warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|14|0|O ihr armen Mägde! Wie konnt’t ihr vergessen, / was so wahr und treu Ich hab für euch bemessen? / Mich und eure Eltern konnt’t ihr hintergehen? / Wer gab euch des Feindes Sprache zu verstehen? / Kehrt zurück, wo möglich ihr’s noch seid im Stande, / löset, so ihr könnt, des Feindes eh’rne Bande. / Ich mag euch nun nicht mehr ziehen, / wollt nicht selbst den Feind ihr fliehen! / Euch besinnet! / Was gewinnet! / Und warum? / Ich sag’s: Darum!
PSG|1|54|15|0|Hört, ihr zwei, ihr seid schon ziemlich tief gefallen, / sollen diese Worte an euch fruchtlos prallen, / euer Herz hab Ich dem Knechte aufgeschlossen, / ihm sei nichts verborgen, was in euch entsprossen. / Er soll euch zur selben Stund getreu verkünden / was ihn wird für je von euch sobald entbinden, / so ihr euch nicht werd’t umkehren / und sogleich den Rat erhören! / Oh, ihr denket, / wie ihr henket? / Doch warum? / Ich weiß: Darum.
PSG|1|55|1|1|Die reine stille Liebe, im Gegensatze der Eigenliebe
PSG|1|55|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 1. Januar 1842
PSG|1|55|1|0|Was in raschem Zeitenfluge ich verloren, / wieder war es freundlichst mir geboren / durch der reinen hehren Liebe Kraft; / diese sauge ich nun aus den Blüten, / welche mir die heil’gen Stunden bieten, / eine Liebe ohne Leidenschaft!
PSG|1|55|2|0|Leidenschaft verheeret Herz und Sinne, / sie verschlingt in tückischem Beginne / alles Göttliche mit wilder Glut; / wahre Liebe schafft in reinsten Kreisen, / sie belebt die Kinder wie die Weisen, / sie erst macht uns wahrhaft groß und gut!
PSG|1|55|3|0|Leidenschaft verzehrt im Feuerneide / ihres Lieblings kaum gewährte Freude, / sie liebt sich nur in des andern Bild; / reine Liebe acht’t nicht eigner Leiden, / gleich den Blümchen fügt sie sich bescheiden. / Wahrlich, solche Liebe führet mild.
PSG|1|55|4|0|Leidenschaft ist ohne alle Grenzen, / nur genießen will sie und nur glänzen, / ihr zur Folge zehrt die Eifersucht! / Reine Liebe gehet im Vertrauen / in den Wüsten noch auf blum’gen Auen, / sie nur zeugt des innren Friedens Frucht.
PSG|1|55|5|0|Wahre Liebe wird uns nie betrüben, / und so, Freunde, lasst euch alle lieben, / ferne, nahe, ja wie Blick an Blick; / euch im Stillen innigst zu verehren, / dieses könnt ihr mir ja nie verwehren! / Denn die Liebe ist mein stilles Glück.
PSG|1|55|6|0|Auch die Mädchen brauch ich nicht zu scheuen, / innigst kann ich mich mit ihnen freuen, / o sie sind ja unseres Lebens Lust; / doch im reinen Sinn, also im Stillen, / mir allein nur darf ich es enthüllen, / mir allein das Heil’ge in der Brust!
PSG|1|55|7|0|Also soll ein jeder wahrhaft lieben, / dann wird ihn die Liebe nie betrüben, / sondern ihm verleihen höh’re Kraft; / doch, so Leidenschaft mit ist im Spiele, / bleibt stets unerfüllt der gier’ge Wille, / dann ist schon in uns, was Leiden schafft!
PSG|1|55|8|0|Wer um solche Liebe sich beeifert, / ist mit schwarzer Niedrigkeit begeifert, / ihn verzehrt der Eigenliebe Gram; / doch die Reinen sind davon befreiet, / da sie nie für Lieb’ um sich gefreiet, / ihnen auch gebührt des Segens Stamm!
PSG|1|55|0|0|Fiat! Amen!
PSG|1|56|1|1|Im neuen Lichte
PSG|1|56|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 5. Februar 1842
PSG|1|56|0|0|Ein Trost an die Familie Wortemsig.
PSG|1|56|1|0|Lasst uns immerhin die Reichen / ganz vergnügt ihr Geld einstreichen, / lasst sie sich nur glücklich wähnen, / so sich ihre Schätze dehnen; / an je mehr des Geld’s sie hängen / und in ihre Säck’ es zwängen, / desto mehr wird auch der’n Seele / einst verdammt zur ew’gen Hölle!
PSG|1|56|2|0|Die nach weltlich’ Gütern ringen / und dem Mammon Lieder singen, / die nach Mir nur laulich fragen, / wollen auch kein Kreuzlein tragen, / die sind niemal zu beneiden / in all ihren weltlich’ Freuden; / denn sie dauern ja nicht lange, / darum sei dir auch nicht bange.
PSG|1|56|3|0|Kehr daher nach Mir die Augen, / denn die Welt möcht schlecht dir taugen, / hast du eh’stens Mich gefunden, / leicht, gar leicht in wenig Stunden, / wirst auch leicht den Reichtum missen, / leicht den Ruhm der Welt einbüßen; / denn Mich wirst du zum Ersatze / seh’n noch auf dem Erdenplatze.
PSG|1|56|4|0|Aber treu musst du mir bleiben, / nicht mit Welt die Zeit vertreiben, / dann werd Ich auch dich erwählen, / werd dir nichts von Mir verhehlen, / und werd dir den Reichtum geben, / der da heißt: Das ew’ge Leben! / Aber treu musst du Mir bleiben, / nicht mit Welt die Zeit vertreiben!
PSG|1|56|0|0|Amen.
PSG|1|57|1|1|An Pauline, Tochter des H. Wortemsig
PSG|1|57|0|0|Jakob Lorber am 7. März 1842
PSG|1|57|1|0|Ein frommer Sinn / sei dein Gewinn, / treu verharre / durch die Jahre / deiner Jugend / voll der Tugend. / In der Liebe / reinstem Triebe / hin zu Mir / auf Erden hier, – / dann bist du Mein, / des kannst dich freun!
PSG|1|57|2|0|Ja ewig Mein, / wirst’s nie bereun, / Mein zu werden / auf der Erden, / ganz von Herzen / ohne Schmerzen, / schon hienieden / ganz im Frieden, / ist das viel? / Dem Ich’s enthüll’, / wer kann rauben / solchen Glauben?!
PSG|1|57|3|0|Ja diesen Glauben / wird nimmer rauben / eitler Zeiten / arges Streiten; / darum baue / und vertraue / auf den Glauben / ohne Schrauben, / er ist treu / und macht dich frei, / zeitlich hier / durch Lieb’ zu Mir!
PSG|1|57|4|0|Darum sei dir / auf Erden hier / Meiner Gnade / Bundeslade / in dem Herzen / ohne Schmerzen, / Lieb für Liebe / Trieb dem Triebe, / Ich in dir / wie du in Mir, / kannst dich freun / wirst ewig Mein!
PSG|1|57|5|0|Und wie gesagt, / sei’s nicht vertagt, / du wirst’s sehen / selbst verstehen / was Ich sage / und ertrage / dir zuliebe / all’s für Hiebe! / Darum sei / Mir allzeit treu, / dann bist Mein, / des kannst dich freun!
PSG|1|57|0|0|Amen.
PSG|1|57|6|0|Diese fünf Verslein möchten wohl beachtet werden, denn sie enthalten einen großen Schatz. Also wohl beachtet! Amen.
PSG|1|58|1|1|Tirols Schneenot
PSG|1|58|0|0|Am 28. Februar 1843
PSG|1|58|1|0|Das Land in Geistesnacht begraben, / haltend fest des Wahnsinns Bund, / ist wohl dem Boden nach erhaben; / geistig doch hat’s keinen Mund!
PSG|1|58|2|0|Dies Land, so reich an Geisteshallen, / mag derselben achten nicht; / des Volk will stets nur Unsinn lallen, / forschen nicht nach heller’m Licht.
PSG|1|58|3|0|Es flieht des Geistes hehre Flamme, / spricht dem hellen Auge Hohn / dies Volk. So tönt sein finstrer Name / kläglich denn vor Gottes Thron.
PSG|1|58|4|0|Wie eisig es die Brüder pfleget, / die nicht seines Wahnes sind / und stets Verdacht ge’n jeden heget, / der nicht ist der Torheit Kind,
PSG|1|58|5|0|so eisig auch nun Geister wehen / durch dieses finstre Land einher / und all die tollen Toten drehen / wirbelnd in ein schneeig Meer.
PSG|1|58|6|0|Und große Heere stürzen nieder, / wie’s keinem Mann gedenkt im Land, / mit eisig starkem Schneegefieder / decken sie des Wahnsinns Tand.
PSG|1|58|7|0|Und wo an hoher Berge Zinnen / sich die kalte Brut gesetzt, / um da gemächlich zu zerrinnen, / wird sie mit Gewalt gehetzt,
PSG|1|58|8|0|sich jählings nun hinabzustürzen / in der engen Täler Grund, / um da dem Volk das Brot zu würzen / und zu stopfen dessen Mund!
PSG|1|58|9|0|Ja der Mund, dem Wahnsinn schmecket, / soll sich laben nun daran; / denn was dies Land nun hart bedecket, / ist des Volks gefangner Wahn.
PSG|1|58|10|0|In schweren Eis- und Schneelawinen / stürzt der Wahn hinab ins Tal; / von schaurig steilen Bergeszinnen / mit des Donners Widerhall.
PSG|1|58|11|0|Doch soll’s dem Volk noch ärger gehen, / lässt’s nicht fahren seinen Wahn; / Ich will es in die Fluten drehen / ohne Kleid und ohne Kahn!
PSG|1|58|12|0|Also ist dies Bild zu nehmen, / wie’s mit diesem Lande steht; / es wird des Unglück niemand hemmen, / weil’s dem Wahn des Volks entweht!
PSG|1|58|0|0|Wohlverstanden! Amen!
PSG|1|59|1|1|Der Komet
PSG|1|59|0|0|Jakob Lorber am 27. März 1843
PSG|1|59|0|0|Bitte: O Herr! Ist dieser neue riesige Komet, / der bis zum Hasen sich erstreckt / und meist von Wolken ist bedeckt, / ein Segen oder Unheil kündender Prophet?
PSG|1|59|0|0|Antwort: Also schreibe; aber nicht viel in dieser Hinsicht:
PSG|1|59|1|0|So hör, Mein Sohn! Der neue riesige Komet, / der bis zum Hasen sich erstreckt / und meist von Wolken ist bedeckt / ist durchaus kein Unheil kündender Prophet!
PSG|1|59|2|0|Denn so am Himmel sich ein solches Zeichen zeigt, / das manchen tiefen Schläfer weckt / und manchen groben Sünder schreckt / und manchen zwingt, dass er dem eignen Tod entsteigt,
PSG|1|59|3|0|das ist doch sicher wohl ein arges Zeichen nicht! / Er kommt und zeugt von Meiner Macht, / die nun von vielen wird belacht, / und weckt die Demut als des Menschen erste Pflicht.
PSG|1|59|4|0|Es zeigt dem Frevler Meine Näh’, wenn auch verhüllt, / und füllt mit Recht so manches Herz / mit herber Ahnung dumpfem Schmerz. / Ist das nicht gut, wenn es die Welt mit Furcht erfüllt?
PSG|1|59|5|0|O das ist gut; ein gutes Zeichen ernstlich winkt / und in so manches Herzen schreit: / Zeigst du vielleicht der Gottheit Streit? / Ganz als Erscheinung leer bist sicher nicht bedingt!
PSG|1|59|6|0|Und so ist’s recht, was kommen muss, das kommt gewiss; / also ist auch das Zeichen gut, / es mahnt zu sein euch auf der Hut. / So seid’s und glaubt’s, dass Ich die Meinen nie verließ.
PSG|1|59|7|0|Und so ist dieser neue riesige Komet, / des Rute bis zum Hasen geht, / den Kopf im Eridanus dreht, / durchaus kein Unheil kündender Prophet!
PSG|1|59|8|0|Um was gefragt, / wird hier gesagt, / nicht mehr gefragt, / nicht mehr gesagt.
PSG|1|59|0|0|(Dieser Komet erschien sichtbar in Graz am 18. März 1843 zwischen 7 und 9 Uhr abends, und zwar nur der Schweif sichtbar.)
PSG|1|60|1|1|Himmel, Erde, Luft, Meer
PSG|1|60|0|0|Auf gegebene Worte durch Jakob Lorber am 31. Mai 1843
PSG|1|60|1|0|Dir, Herr, sei Preis, Anbetung, Dank und Ehre; / Dein ist die Erde und das Sternenfeld! / Dir schlägt mein Herz; Dir donnern Luft und Meere! / Dein ist das Reich und Dein die große Welt! / Vom Aufgang bis zum Niedergang erschallet / Dein Lobgesang, der durch die Himmel hallet!
PSG|1|60|2|0|Du rufst die Sonne und sie kommt im Glanze / wie eine Braut aus ihrem Purpurzelt; / Du winkst dem Mond und aus dem Sternenkranze / blickt er in heil’ger Ruhe auf die Welt. / Wir sind getrost! Du, Herr, bist unsre Stärke, / Dein ist die Kraft und groß sind Deine Werke.
PSG|1|60|3|0|Gott! Welch ein Licht, das Deinen Thron umstrahlet, / welch stille Pracht im Land der Seligkeit! / Du ew’ge Liebe, die kein Dank bezahlet, / Anbetung Dir! Dein ist die Herrlichkeit! / Die Sonnen glänzen freudig in die Runde / und ewig währet jene goldne Stunde.
PSG|1|60|4|0|Die Himmel, Erde, Luft und alle Meere, / sie preisen Dich und loben Deine Stärke, / so lass auch bringen mich Dir eine Ehre, / die ich vor Dir in meinem Herzen merke; / es ist die Lieb’! O Vater über Sternen, / nimm sie zu Dir durch all die blauen Fernen.
PSG|1|60|5|0|Nimm an, o Vater, hier mein kindlich Lallen, / lass preisen Dich gefällig auch von mir, / nicht kindisch will vor Dir ich prahlen, / ein kindlich Opfer bringe ich Dir hier. / O nimm es an mit Deinem Wohlgefallen / und lass Dein Kind stets also vor Dir lallen.
PSG|1|61|1|1|Zwei Ströme wie Mur und Drau. Eine Ode
PSG|1|61|0|0|Jakob Lorber am 11. Juni 1843
PSG|1|61|1|0|Es tropfet und perlet vom Felsen herab; / auf die dampfende moorige Trift / fällt ein ewiger Regen in dumpfem Geplätscher / und gähnende Klüfte die saugen / mit brennender Gierde die fallenden Tropfen / hinab in den finsteren Grund.
PSG|1|61|2|0|Im finsteren Grunde sich sammelnd zur Flut, / brausen Orkanen gleich in der Nacht / all die zahllosen Tropfen, es bebet der Boden; / es dröhnet der Nachhall gar schaurig, / die dichten und mächtigen Wälder hindurch, / von dem Sturze der Fluten gezeugt!
PSG|1|61|3|0|Herab über Felsen und schaurige Wänd’ / stürzen donnernde Bäche ins Tal, / und die Bäche, sie kommen aus finsterem Grunde, / in den sie als Tropfen gelangten; / im Tale sie ruhiger werden und sanfter, / im ebneren, freieren Bett.
PSG|1|61|4|0|Da murret der Bach durch das wogige Tal / und es rauschen in seinen rollenden Schoß / andre muntere Brüder voll bebender Lust / und vereinen sich treulichen Bundes / zu einem gar mächtigen wogenden Strome, / der dann ferne Gebiete durchzieht.
PSG|1|61|5|0|Doch wie da ein mächtiger Strom hehr entspringt / einem schaurigen felsigen Ort, / auch ein anderer mächtiger Bruder erscheinet, / nach seinem Erscheinen stets mächtiger / wird, und durchziehet gleich seinem Gefährten / ein weites, gedehntes Gebiet.
PSG|1|61|6|0|Und wie da zwei mächtige Feldherrn es tun, / also tun’s auch die wogenden Ström’; / o es treibt sie gar mächtig stets näher / zu kommen auf offenem Felde! / Nicht lange, sie stoßen zusammen voll Freude / zu einer gar mächtigen Flut.
PSG|1|61|7|0|Da werden sie kräftig und groß in der Macht, / und es freut sich der steuernde Mann / auf der mächtigen wogenden Fläche von Herzen, / zu lenken sein lustiges Schiff / ohne Sorg’ und Gefahr auf der mächtigen Flut / hin ans lohnende winkende Ziel.
PSG|1|61|8|0|Also auch im Menschen zwei Ströme entstehn, / in dem Geiste der eine voll Kraft, / in der Seele der andre voll Mut, auch voll Zagen; / sie strömen oft lange vereinzelt / und können einander nicht raten und helfen / in ihrem geeinzelten Sein.
PSG|1|61|9|0|Doch werden am Felde der Liebe sie eins, / an der Mündung des Lebens voll Kraft; / dann auch schifft sich’s sorglos und frei in die Ferne / des Lebens im Lichte aus Gott! / Ja in ewige selige Fernen des Lebens, / ins Leben voll Liebe und Licht.
PSG|1|62|1|1|Aneiferung
PSG|1|62|0|0|Am 28. Juni 1843
PSG|1|62|0|0|Das gebe dem Sohne zum Namensgeschenke, auf dass er emsiger werde in seinen Vorstudien.
PSG|1|62|1|0|Hehr naht des Tages Mutter! Dunkelheit / umflorte eher Land und Meer; / wie herrlich strahlt sie nun im Glanzeskleid / und spendet Freude rings umher!
PSG|1|62|2|0|Mit ihr erneute Lebenskraft erwacht, / wie regt sich alles in der Welt, / wie herrlich strahlt die Flur in Morgenpracht, / von mächtiger Sonnenglut beseelt.
PSG|1|62|3|0|Also auch kommt der Herr! Erst Dämmerung, / dann hell’res Morgenrot, dann Licht; / bis endlich voller Tag, rein, frisch und jung / des Herzens dichte Nacht durchbricht.
PSG|1|62|4|0|So lang am Himmel dort die Sonne brennt, / erfreut das Herz ihr wärmend Licht; / so auch, wie lang das Herz Mich treu bekennt, / ermangelst du der Freude nicht!
PSG|1|62|5|0|Willst leben du ein gutes Leben hier, / so sprich in deiner Brust getreu / die nächste Stroph’ lebendig stets in dir, / und diese laute also frei:
PSG|1|62|6|0|„O strahl’ du ew’ge Sonne doch / den ganzen Lebenstag in mir! / Gar heiter trag ich dann dies irdisch Joch / erquickt und hoch erfreut in dir.“ Amen.
PSG|1|63|1|1|Die drei Sterne
PSG|1|63|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 13. Juni 1843
PSG|1|63|0|0|Schreibe auch noch ein Liedchen, dergleichen schon da ist; aber zumeist noch zu wenig rein, und somit der Wahrheit gemäß. Das Liedchen habe eben auch Glaube, Hoffnung und Liebe im Schilde.
PSG|1|63|1|0|Es wankt der Pilger an dem schroffen Felsgestade, / da grüßt kein wirtlich Haus den heiß betränten Blick. / Wo bleibet wohl der Stern, der auf dem finstern Pfade / mit sanftem Strahl erheitern möchte sein Geschick?
PSG|1|63|2|0|Nur hart umfängt die Nacht die sturmbewegten Wogen, / kein sichrer Hafen winkt am uferlosen Meer; / der Sehnsucht trüglich Licht hat schon gar oft betrogen, / und ratlos schwankt das schwache Lebensschiff umher!
PSG|1|63|3|0|Da leucht’t auf einmal mild, gleich vielen kleinen Sternen, / aus freien Himmelshöh’n ein Segensstrahl herab, / vertrau ihm fest, so wirst du Glauben kennenlernen, / der wird dem Schmerz ein mächt’ger Trostes-Rettungsstab.
PSG|1|63|4|0|Du kennst den leisen Klang, der in des Herzens Tiefen / so süß, so rein und mild wie Engelsstimme tönt, / die hehren Bilder weckt, die in der Seele schliefen / und lieblich tröstend dich selbst mit dem Schmerz versöhnt!
PSG|1|63|5|0|Den heil’gen Himmelsklang, den jedes Ohr verstehet, / dem heiße Sehnsucht still in Morgenträumen lauscht, / der sanft wie Frühlingshauch erquickend dich umwehet, / also wie da ein Bach durch blum’ge Fluren rauscht.
PSG|1|63|6|0|O sieh! Die Hoffnung ist’s, mit ihrem Saitenspiele, / den Pilger hehr erheiternd auf der dunkeln Bahn; / sie zeigt voll Huld und Mild’ am fernen Wanderziele / den lichten Siegeskranz, den wir eh’ trüb nur sah’n.
PSG|1|63|7|0|Kennst auch den warmen Quell, der Leben bringend fließet / im duft’gen Blumenkelch, wie in des Menschen Brust, / ins eb’ne Friedenstal sich klar und sanft ergießet, / uns allzeit segnend tränkt mit süßer Himmelslust.
PSG|1|63|8|0|Der lächelnd sich um bunte Blumenufer windet, / wie Silberband auf dem smaragd’nen Grün, / in dem ihr treues Bild die Unschuld wieder findet, / wenn still gerötet höh’r die zarten Wangen glühn.
PSG|1|63|9|0|Es ist die Liebe, die da unter Blütenbäumen / als ein gar fröhlich Kind in süßen Träumen lebt, / das heiter blickt nach jenen lichten Himmelsräumen, / aus denen sie, die Lieb’, zu uns herabgeschwebt!
PSG|1|63|10|0|O möcht des Glaubens Stern stets deine Nacht verschönen / sein heil’ger Gnadenquell dein hoffend Herz erfreun, / und möcht der Liebe heller Klang in dir ertönen, / so wird das höchste Glück mit dir den Bund erneu’n.
PSG|1|64|1|1|Liebe, Wort und Lehre
PSG|1|64|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 27. Mai 1844
PSG|1|64|0|0|Der, die lang schon hat von Mir ein Wort begehrt, / sei dieses kleine, gute, wahre Lied beschert!
PSG|1|64|1|0|Die Liebe ist der Grund von allen Dingen, / dies alte Wort muss überall erklingen, / dies Wort, der Grund von jeder heil’gen Lehre, / ist auch der Grund von aller Welten Schwere! / Denn aller Schöpfung Last und reges Leben / ist in die Tiefe dieses Worts gegeben.
PSG|1|64|2|0|Das Wort, aus Liebe erst erstand’nes Leben, / dies heil’ge eignen Seins bewusste Streben, / ist auch der Dinge hehr gestaltig Wesen; / in allen Dingen kannst du’s finden, lesen. / Der Wesen Schrift sind ihre Wunderformen, / sie sind der ew’gen Liebe heil’ge Normen.
PSG|1|64|3|0|Die Lehre, heil’ge Ordnung in den Dingen, / sie ist des Wortes Kraft und treu’s Gelingen. / Und so ist dann der Liebe heilig Wirken / in all den endlos großen Weltbezirken / des Wortes Ordnung in den ew’gen Kreisen, / wie’s dir all die Geschöpfe treu beweisen.
PSG|1|64|4|0|Und so bist du, wie all geschaffnen Dinge, / ein wörtlich Teil am großen Wesenringe; / doch nicht im Zwang sollst selben du umkreisen! / In freier Ordnung musst du dich erweisen, / wie du der freien Ordnung bist entsprossen, / gleich all den andern freien Raumgenossen.
PSG|1|64|5|0|Dein Auge wende nicht nach jenen Triften, / die Meine Ordnung stets in dir zerklüften; / denn dann ist Meine Tröstung, Meine Lehre / dir nichts als eine leere Wort-Chimäre! / Nur wenn du frei da tätig bist im Stillen, / erfüllst du zwanglos Meinen heil’gen Willen.
PSG|1|64|6|0|Nur in der Freiheit weht das wahre Leben, / im Zwange kannst den Tod dir nur erstreben. / Darum sei Liebe, Wort und Lehr’ beschieden / Dir – so wie jedermann – aus Mir hienieden; / durch diese drei musst du getauft erst werden / im Geiste treu und wahr aus Mir auf Erden!
PSG|1|64|7|0|Wirst du aus Mir die Tauf’ nicht überkommen, / da wird das Kinderrecht dir wenig frommen; / wirst müssen einstens dahin wieder fliehen, / wohin dich dein Geschöpfliches wird ziehen! / Darum beachte Liebe, Wort und Lehre, / die drei sind lebend Eins, – und nicht Chimäre!
PSG|1|64|8|0|Wer Verständnis hat, der soll dir’s deuten, / dann wirst den wahren Sinn du schon erbeuten. / Amen, Amen, Amen.
PSG|1|65|1|1|Liebe, Weisheit, Himmel, Beständigkeit, Glaube, Hoffnung, Demut
PSG|1|65|0|0|Am 30. Mai 1844
PSG|1|65|0|0|Für die Angelika H. W.
PSG|1|65|1|0|In diesem kleinen Wörterringe / ruhn tief verborgen große Dinge; / willst sie in ihrer Tiefe schauen, / da musst der Liebe dich vertrauen!
PSG|1|65|2|0|Im ersten Wort die andern stecken, / das erste musst du treu erwecken, / dann auch wirst leicht die andern finden, / denn Liebe selbst wird sie dir künden.
PSG|1|65|3|0|Die Liebe wird dir Weisheit geben, / den Himmel treulich auch daneben; / Beständigkeit wird dir auch werden / durch festen Glauben schon auf Erden.
PSG|1|65|4|0|Und deiner Hoffnung stilles Sehnen / wird bis zu Meinem Thron sich dehnen; / in deines Herzens Liebewalten / wird dir das Leben sich entfalten.
PSG|1|65|5|0|In diesem Leben wirst du finden, / das wird dann alles dir verkünden, / was da in deinem Wörterringe / all’s ruhn für große, schöne Dinge!
PSG|1|65|6|0|Jetzt freilich wirst’s noch nicht verstehen, / was alles da für Sachen stehen, / doch mit der Zeit wirst es schon finden, / was dir diesmal nicht ist zu künden!
PSG|1|65|7|0|Doch wirst dich fleißig täglich üben, / recht treu Mich fort und fort zu lieben, / so wirst du dann schon bald verstehen, / was alles da für Sachen stehen.
PSG|1|65|0|0|Amen, Amen, Amen.
PSG|1|66|1|1|Ein Stärkungslied
PSG|1|66|0|0|Jakob Lorber am 3. Juni 1844
PSG|1|66|0|0|Dies Liedchen gib der kleinen Martha J.; das solle sie täglich in ihrem Herzen singen, da wird sie eine große Stärkung überkommen.
PSG|1|66|1|0|O Jesus mein, erwecke meine Liebe, / erweck in mir zu Dir die heil’gen Triebe, / auf dass ich über all’s Dich lieben könnte / und dass Dein Wort in meiner Seel’ ertönte!
PSG|1|66|2|0|O Jesus mein, erweck auch meinen Glauben, / lass nimmer mir durch eitlen Tand ihn rauben, / auf dass durch dieses Licht ich inne werde, / wie Du mir alles bist auf dieser Erde!
PSG|1|66|3|0|O Jesus mein, lass mich lebendig hoffen, / lass fühlen mich, wenn Du mein Herz getroffen / mit Deiner Liebe hast, auf mein Vertrauen; / denn nur auf Dich will ich mein Leben bauen.
PSG|1|66|4|0|O Jesus, meine Liebe, all mein Hoffen! / In Dir hab ich des Lebens Grund getroffen; / so lass denn auch in diesem Grund mich weilen / und Dir mit meiner Lieb’ entgegeneilen!
PSG|1|66|5|0|O Jesus mein, mit Deiner Gnade mich beschütze; / sei allzeit meines schwachen Lebens Stütze! / Mit Deiner heil’gen Lieb’ mich allzeit führe, / dass ich mich nicht in meiner Nacht verirre.
PSG|1|66|6|0|O Jesus, lass auch Deine Braut mich werden, / durch meine heiße Lieb’ zu Dir auf Erden, / o lass mich dieses heil’ge Ziel erringen, / lass mich zu Deinem heil’gen Herzen dringen!
PSG|1|66|7|0|O Jesus mein, Du wirst mich wohl erhören, / wirst stillen ja nach Dir mein heiß’ Begehren?! / O ja! – In meinem Herzen hör ich’s klingen: / „Die liebe Ich, die also zu Mir singen!“
PSG|1|66|8|0|Darum Amen, Amen, Amen, / In Meinem mächt’gen heil’gen Namen.
PSG|1|67|1|1|Der Traum, eine kleine Satire
PSG|1|67|0|0|Jakob Lorber, zu Greifenburg am 6. Dezember 1844
PSG|1|67|1|0|Man sagt schier allgemein vom Traum: / „Nichts ist er, als ein leerer Schaum! / Was wir am Tag geseh’n, gedacht, / hat uns den nächt’gen Traum gemacht.
PSG|1|67|2|0|Im Blute liegt der Träume Sitz, / der’n Bildnerin heißt Fieberhitz’; / sie ist’s, die stets in uns erzeugt / den Schlaf und was im Traum sich zeigt.“
PSG|1|67|3|0|Fürwahr, das ist ganz rar erklärt, / wer hat uns den Verstand beschert?! / Wie klug doch jetzt die Menschen sind! / Wer weiß, ob etwa nicht ein Kind
PSG|1|67|4|0|der Fieberhitz’ ist ihr Verstand, / dem solche Ding’ also bekannt?! / Die alten Weisen lehrten schier / ganz anders über Träume hier.
PSG|1|67|5|0|Sie sagten von dem Traum gar hehr: / „Es zeig der Traum das Leben mehr / als wie der Tag, worin’s besteht, / um was sich seine Achse dreht.“
PSG|1|67|6|0|Sie sehen in dem nächt’gen Traum / der Isis heil’gen Schleiersaum, / durch den sie oftmals klar ersah’n, / was da für einen seltnen Plan
PSG|1|67|7|0|die stummen Götter hätten g’faßt, / wie er für Menschen kläglich passt. / Und sieh, das waren Heiden nur, / die hatten schon die bessre Spur.
PSG|1|67|8|0|Und wir, die Christenname ehrt, / sind so abscheulich hochgelehrt, / dass wir allein der Fieberhitz’ / verdanken aller Träume Sitz
PSG|1|67|9|0|und Sein; wie man’s ganz klar versteht, / um was sich d’ jetz’ge Weisheit dreht, / ums Fressen, Saufen und um Dreck, / der ist ja unsers Strebens Zweck.
PSG|1|67|10|0|Warum dann tiefer denken hier / auf dieses Schwelgens Jagdrevier? / Nach fettem Braten, Wein und Brot / kommt man ja nie zur Traumesnot,
PSG|1|67|11|0|man schläft und schnarcht darauf gesund, / und wird so fett und kugelrund. / Gar schön und hehr ist dieser Grund / und ist der Weg zum schönsten Bund,
PSG|1|67|12|0|des jetz’gen Weisen vollends wert, / da man von ihm nur’s Fleisch begehrt. / Doch nicht so in der bessren Weis’, / die allzeit noch das Bessre weiß.
PSG|1|67|13|0|Bei der ist heute noch der Traum / des geist’gen Lebensschleiers Saum, / den ja schon mancher Weise hob / und so sein Aug’ ins Geistland schob,
PSG|1|67|14|0|und gab den vielen Gläub’gen kund / des bessren Lebens ew’gen Bund. / In Fieberhitz’, im fleisch’gen Blut / fand Josef nicht des Seraphs Glut,
PSG|1|67|15|0|die ihn erweckt, wie Freundes Hand, / und hieß ihn zieh’n in fremdes Land. / So hat auch Jakob kaum geseh’n / die Himmelsleiter fiebrig stehn.
PSG|1|67|16|0|Wohl aber war sein heller Traum / des Gotteslandes heil’ger Saum, / durch den er klärlichst hat geseh’n / wie Gottes Dinge Jenseits stehn.
PSG|1|67|17|0|Darum sei mir ein jeder Traum / stets mehr als bloß ein leerer Schaum, / und mehr als alle Fieberhitz’ / sei mir der alten Weisheit Sitz.
PSG|1|68|1|1|Für Pauline
PSG|1|68|0|0|Jakob Lorber am 12. März 1847
PSG|1|68|1|0|O schreibe nur, schreibe, / die Zeit dir vertreibe; / wohl weiß es der Geber, / der Weltenurheber,
PSG|1|68|2|0|was du damit willst, / wes Durst damit stillst./ Ohn einige Seelenbeschwerden, / denn alles muss leiden Gewalt, / zu gewinnen des Himmels Gestalt!
PSG|1|68|3|0|Drum will Ich dies Wörtlein ihr geben, / um das, was nicht gut ist, zu heben; / dass sie muss sich kräftiglich hüten, / dem Mäusim ihr Herzchen zu bieten.
PSG|1|68|4|0|In Zukunft muss so sie es treiben: / Im Herzen stets Mir treu verbleiben, / Mich lieben und Meiner sich freuen; / das wird sie von allem befreien, / was ihr nun das Herze bedrückt / und die leidigen Sinne berückt. / Gar lieb wär Mir sonst diese Seele, / wär eine gar schöne Juwele,
PSG|1|68|5|0|der Himmel gar herrliche Zierde, / so sie da ablegte die ärgliche Bürde. / Gar klein scheint ihr freilich die Sünde, / in trauliches Priestergebünde.
PSG|1|68|6|0|Bei Mir doch ist anders die Sache, / Ich halte fürs Leben die Wache / und weiß es am besten vor allen, / was Mir nur allein kann gefallen.
PSG|1|68|7|0|Die Ordnung lass überall schalten / und walten in allen Gestalten; / dein Herz darf sich nimmer hinneigen, / wo Weiberfluch führet den Reigen.
PSG|1|68|8|0|Denn die da verfluchet euch haben, / wie könnt ihr im Herzen sie laben? / Wie könnt ihr sie mehr als Mich lieben, / die finsteren Fischer im Trüben?!
PSG|1|68|9|0|Sieh, Meine geliebte Pauline, / und werde des einmal recht inne: / Der Cölebs hat Mir es geschworen, / als Rom ihn zum Priester erkoren,
PSG|1|68|10|0|die drum dich gebeten, / liegt noch in den Ketten / der törichten Neigung gefangen / nach ihres ganz eigenen Herzens Verlangen.
PSG|1|68|11|0|Des wird sie bald ledig nicht werden, / die Weiber für ewig zu fliehen, / weil sie aus der Hölle nur blühen! / Ist das nicht ein Fluch in der Seele / des, der ihn geschöpft aus der Quelle,
PSG|1|68|12|0|die Babel in finstersten Stunden / durch höllisches Suchen gefunden? / Darum musst dein Herz du frei machen / von solchen gar törichten Sachen,
PSG|1|68|13|0|sonst kannst du Mir nicht wohlgefallen, / was wünschen du solltest vor allen. / Hat jemand als Cölebs geschworen, / so bleib er darin ungeschoren;
PSG|1|68|14|0|ihm folge der Lohn seines Eides, / er freue sich solchen Bescheides, / der ihm diesen Segen gegeben, / den Himmel allein (solus) zu erstreben!
PSG|1|68|15|0|Du aber, Mein Liebchen, Mich wähle / zum Bräutigam für Deine Seele. / Dann wirst du nicht düster Mir träumen / und seufzend in Winkeln oft säumen,
PSG|1|68|16|0|die lauliche Zimmerluft fragen, / wann sie ihn wird her wieder tragen. / O frage Mich lieber dafür, / ob Ich eh’stens komme zu Dir!
PSG|1|68|17|0|Und Ich werd zur Antwort dir geben: / Ich komme schon – siehe, soeben! / Das wünsch Ich von dir: Meine Liebe / allein nur dir gebe die Triebe,
PSG|1|68|18|0|die allzeit zu Mir dich erheben / und wahre Seligkeit geben, / im Leib schon den Himmel auf Erden! / Da finden sich keine Beschwerden,
PSG|1|68|19|0|die Seufzer sind alle verschwunden / und du lebst im Geist ungebunden. / Das wünscht dir dein heiliger Vater, / und saget dazu Sein allmächtiges Amen!
PSG|1|69|1|1|Der Weltmensch
PSG|1|69|0|0|Jakob Lorber April 1847
PSG|1|69|1|0|In früh’rer Zeit / hat’s mich gefreut, / hinaufzuschauen, / wo lichte Auen / noch traulich kreisen / in alten Weisen.
PSG|1|69|2|0|Auf Gott vertraun, / auf Ihn nur bau’n, / war meine Sitte; / in meiner Hütte, / in meiner Brust / war’s höchste Lust.
PSG|1|69|3|0|Frei war mein Herz, / in ihm kein Schmerz. / Doch als die Welt / mich hat erwählt, / da ging zu End / mein früh’s Talent.
PSG|1|69|4|0|Der Himmel schwand; / und sein Gewand / ward nur zu bald / mir gar zu alt. / Auch Gottes Walten / schien zu veralten.
PSG|1|69|5|0|So wurd’ der Welt / ich dann ein Held / und tat in allem, / ihr zu Gefallen, / das sie nur wollt, / gar treu und hold.
PSG|1|69|6|0|Was ihr gebühret, / nurmehr mich rühret, / das sie erfreut, / auch mir gedeiht. / Mich freut nun nicht / mehr Christenpflicht,
PSG|1|69|7|0|und Mond und Sterne, / die sind mir ferne; / nur Welt, nur Welt / mich unterhält. / Der Menschheit Wert, / ein fremder Herd,
PSG|1|69|8|0|mir kaum noch beut / ein stumpfes Leid, / und Menschenlieb’, / die ich betrieb, / mit der ist’s gar / auf immerdar.
PSG|1|69|9|0|Nur Mädchen, Frauen / kann ich noch schauen, / wenn jung und schön / sie vor mir stehn. / Die armen Leut’ / (ich wär nicht g’scheit) / ohn Brot und Hemd, / die sind mir fremd.
PSG|1|69|10|0|Auch mein Gewissen / ist lang schon z’rissen; / hab ich nur Geld, / das mir gefällt, / dann bleib Gewissen / nur stets zerrissen!
PSG|1|69|11|0|Der Armut Not, / der helfe Gott! / Ich bin kein Narr, / zu glauben gar / der Armen Not / mich brächt’ zu Gott.
PSG|1|69|12|0|Drum leg ich bloß / in meinen Schoß, / was ich erwerb / und sonsten erb. / Der lump’gen Armen / soll sich erbarmen / wer immer will; / ich bleibe still / in meinem Haus,
PSG|1|69|13|0|und sterb ich auch / nach altem Brauch, / vielleicht recht bald / und werd nicht alt, / dann sei’s auch gar / auf immerdar!
PSG|1|69|14|0|Mein Himmelszelt / war ja die Welt; / dies Paradies / war mir gewiss. / Was nach dem Tod / mir gäb’ ein Gott,
PSG|1|69|15|0|dafür fürwahr / ich geb’ kein Haar, / ein Gläschen Bier / ist lieber mir. / Der ist ein Narr, / der das für wahr
PSG|1|69|16|0|kann albern halten, / dass einst gestalten / ein neues Leben / sich soll, erheben / aus altem Mist, / o armer Christ!
PSG|1|69|17|0|Was hier vergangen / darf uns nicht bangen; / nie mehr ersteht, / was hier verweht.
PSG|1|69|18|0|Nur wer hienieden / gelebt zufrieden, / hat’s Himmelreich / gehabt zugleich.
PSG|1|69|0|0|Nachwort
PSG|1|69|19|0|O armer Tropf / ohn Herz und Kopf, / mit dir ist’s gar, / das nur ist wahr; / ganz auf ein Haar / wie das gemeint / sei es bereint.
PSG|1|69|20|0|Wenn deine Seel’ / einst in der Höll’ / sich wird befinden, / wirst andres künden! / Amen, Amen, Amen!
PSG|1|70|1|1|Zu zwei von Jakob Lorber gezeichneten Landschaften
PSG|1|70|0|0|Am 18. November 1841
PSG|1|70|0|0|Eine Gegend in Asien am Ararat
PSG|1|70|1|0|In der Höhen fernem Hintergrunde / siehst du hier im schroff erhabnen Bunde / eine Gruppe steiler Felsen stehen, / um den Scheitel reine Lüfte wehen. / Nicht in solcher Täler sand’gen Auen / sollst du dir ein Haus erbauen, / sondern auf den Höhen, Felsen, Spitzen / sollst du fest im eignen Hause sitzen.
PSG|1|70|0|0|Eine Gegend am Sinai
PSG|1|70|2|0|Hast in deines Lebens bessren Stunden / nie auf solchen Höhen du empfunden, / welch Gefühle sich dem Herzen kunden, / wo der Tiefen Schlamm du dich entwunden? / Schaue darum nimmer solche Höhen, / sollst auch nimmer sie beängst’t umgehen, / sondern dich hinauf zu ihren Spitzen schwingen / und Mir da ein liebereines Loblied singen.
PSG|1|71|1|1|Post nubila Phöbus (Nach den Wolken kommt die Sonne)
PSG|1|71|1|0|So weit und warm die Sonne scheint, / wo find’t sie den, der’s ehrlich meint? / Der eine falsch, der andre hohl, / die Welt lieblos, man weiß es wohl.
PSG|1|71|2|0|Die Wahrheit – eine Witwe, nicht? / Und wo ist, der da für sie spricht? / Ein Rennen, Jagen, fort und fort, / vergessend ganz das Gotteswort!
PSG|1|71|3|0|Sie schmieden oft gar frechen Scherz / zur falschen Münz auch’s blinde Herz. / Darum der Himmel oft verhüllt / und sich sein Aug’ mit Tränen füllt;
PSG|1|71|4|0|es muss ihm selbst am Ende grauen, / dies arme Leben anzuschauen. / Warum dem Herzen dann so leicht, / schon wenn der Wolkenschleier weicht,
PSG|1|71|5|0|der ew’ge Dom blau aufgetan, / uns Sterbliche schaut freundlich an? / Ist es die Wärme? Sonnenschein? / Was uns so sehr erquickt? – O nein!
PSG|1|71|6|0|Ach, ein Geheimnis froh bestellt, / das alter Glaube noch erhält. / Still Herz, noch lebt der alte Gott; / das Licht besiegt den Trug, den Spott!
PSG|1|71|7|0|Darum die Sonn’ so golden scheint: / Sie einen fand, der’s ehrlich meint!
PSG|1|71|8|0|Was will ich denn mit dem Gedicht? / Bemessen etwa ’s Weltgericht? / O nein, es ist nur diese Zeit, / die nicht der Menschen Herz erfreut!
PSG|1|71|9|0|Doch hinter Bergen – hab’s erschaut, / wie schon ein neuer Morgen graut! / Darum sei still, mein Herz, sei still! / Also gescheh’s, wie’s einer will!
PSG|1|71|0|0|Greifenburg, 1845. Jakob Lorber.
PSG|1|72|1|1|Ein Strafgedicht über Vorwitz
PSG|1|72|0|0|Am 11. Aug. 1840
PSG|1|72|1|0|Zum Halten hab ein klein’ Gebot Ich liebend euch gegeben, / in kurzer Zeit hätt’ ohnedies erfüllt Ich euer Streben; / jedoch da euch an Meiner Lieb’ gar wenig war gelegen, / so suchtet ihr euch Licht auf wohl von Mir verbot’nen Wegen! / Es sei das letzte Mal gesagt von Mir zu euren Herzen / (denn wie euch schon gesagt, Ich pflege nur einmal zu scherzen),
PSG|1|72|2|0|so ihr euch noch einmal durch Vorwitz sollt’t verleiten lassen, / mit euren ungeweihten Händen und gar ohne Meinen Willen / je einen noch so kleinen verbot’nen Apfel anzufassen, / so werd Ich euch mit Meinem Trost verlassen ganz im Stillen,
PSG|1|72|3|0|dann werdet ihr umsonst zu Mir empor die Hände ringen / und eurer Stimme Rufen wird an Mein Ohr nur dringen / als wie das Licht der allerfernsten und allerkleinsten Sonne / zur lichtverwaisten, kalten, nackten, stummen Südpols-Zone.
PSG|1|72|4|0|Auch Meinem Knechte werd Ich dann ein andres Plätzchen geben / und so euch ernstest strafen für ein derartig Bestreben / nach einer Frucht, die Ich für euch noch nicht gesegnet habe. / Recht wohl gemerkt, ihr Katzen, Luchse und auch gar schlauen Füchse, / die Weisheit liegt da wohl verwahrt in einer goldnen Büchse;
PSG|1|72|5|0|sie werde nie ein Eigentum der schnöden Wissbegierde, / nur Meinen Schwachen geb’ Ich sie zur wahren Seelenzierde. / Wer nur nach eitlem Wissen strebt allhier auf eurer Erden, / da sag Ich wahrlich: dem wird nie Mein Licht gegeben werden!
PSG|1|72|6|0|Wohl aber stillen, demut- wie auch liebevollen Seelen / werd Ich, der gute Vater, auch das Kleinste nicht verhehlen; / daher denn lasset euch von Mir noch einmal warnend sagen: / Verbotenes zu tun sollt ihr in Zukunft nicht mehr wagen!
PSG|1|72|7|0|Ich sage „Amen“. Merket wohl, wer da zu euch gesprochen; / sonst werden eurem Geiste einst die Augen ausgestochen, / da ihr in großer Finsternis durch lange Ewigkeiten / euch gar ein schmählich, herbes Los voll Zweifel werd’t bereiten!
PSG|1|72|8|0|Nun merket, ihr stummen, tauben und blinden Vorwitzlinge! Meinet ihr denn, dass Ich ein Märchenerzähler bin, wie ein altes Weib, oder ein alberner Schwätzer, wie ihr es seid, da unter tausend Worten, mit denen ihr die Luft missbraucht, kaum ein halbnützes ist?! Sehet, das bin Ich durchaus nicht, sondern Meine Worte sind Kraft und Leben und wesenhaft wahr; daher suchet euch selbst darinnen, in der Demut und wahren Liebe zu Mir. Amen.
PSG|1|73|1|1|Auf den Bergen
PSG|1|73|0|0|In sieben Stunden zu Greifenburg im Drautale geschrieben, den 19. – 21. August 1841 von Jakob Lorber
PSG|1|73|1|0|Auf, nur auf! Die düstre Nacht entschwand, ihr Brüder! / Horcht, schon schallen von den Höhen hehre Lieder; / Töne, gleich dem Sphärensange, hört sie schallen / durch des Gottestempels weitgedehnte Hallen! / Oh, ein großes Echo dort sich bricht am Steine; / hört doch, wie des Nachhall schwindet durch die Haine! / Weitgedehnte Fluren, Freude jauchzend, beben; / alles scheint zu sein voll Lust und Leben! / Und der Berge eisbesäte, steilste Spitzen – / ja, sie leben! „Leben“ hallt’s aus ihren Ritzen!
PSG|1|73|2|0|Hier steh ich, ein Gotteszeuge, wonnetrunken, / schaue stumm, wortlos, so ganz in mich versunken; / hehre, heil’ge Schauer meine Brust durchziehen, / riesige Gestalten über Berge fliehen! / Doch ich fasle; Nebel nur die Höh’n umgürten, / ihre regen Schatten mir mein Aug’ beirrten. / Diese scheinen nun von Berg zu Berg zu springen, / gleich als solle ihnen gar ein Kampf gelingen. / Oh, Du Großer, dem die Sterne all gehorchen, / herrlich ist es, nur allein auf Dich zu horchen!
PSG|1|73|3|0|Dort gen Mittag halt mein Aug’ ich nun gewendet, / hinter Riesenalpen ragt, wie ganz noch unvollendet / ein beeister, stein’ger Riese, unbeschreibbar / hoch empor, dem Auge nahe unerreichbar. / Wie doch gar so sonderbar, dass blanke Wände / zu verkünden scheinen aller Dinge Ende; / nichts als eis’ge Trümmer über Trümmer hängen, / nichts als Felsen nur an Fels sich dräuend drängen, / Ritze, Klüfte, tief- und weitgedehnte Spalten / sind’s, die schaurig düster diesen Berg gestalten!
PSG|1|73|4|0|Wer mag wohl mit kalter Brust solch Wunder schauen? / Wahrlich, den da nicht befällt ein heilig Grauen, / nicht ein Sehnsuchtsfieber nach den lichten Höhen, / der ist tot und wird vom Tode nie erstehen! / Oh, der blinden Toren, die die Welt durchrennen / Geldes wegen, aber Heiliges verhöhnen! / Da komm her, du Sklave deiner tollen Gierde, / lege nieder deiner Narrheit schwere Bürde, / send nur einen freien Blick zu diesen Höhen / und du musst und wirst den bessern Schatz ersehen!
PSG|1|73|5|0|O des schönsten Tales, das mein Aug’ gesehen / jemals hat! Wer mag des hehres Bild verstehen? / Segensvolle Triften, Äcker, Wiesen, Auen / wechseln stets mit furchtbar schroffen Felsengauen; / da ein Wildbach über mächt’ge Steine rauschet, / mit der Drau bald seine stieren Wogen tauschet, / dort von einer schwindlen Höhe wieder stürzet / einer steilsten Wand entlang, mit Glanz umschürzet, / tobend wild, zerschäumt, zerstäubt und ganz zerrissen, / nicht ein Bach, ein Strom fürwahr, auf mein Gewissen!
PSG|1|73|6|0|Wer kann solche großen Wunderdinge schauen / ohne Bangen, ohne Lust und heil’ges Grauen?! / Wahrlich wahr, Gebet ist da in jedem Zuge / leicht’ren Odems ohne alle Täusch’ und Truge. / Wer wohl könnte da des Betens sich enthalten, / wo vor ihm so große Wunder sich entfalten? / Einen Blick nur braucht man hier emporzusenden, / wo die Berg’ in eisumstarrten Spitzen enden, / die gar hoch noch über Silberwölkchen ragen; / ob ein Gott? – magst immer noch du zweifelnd fragen?
PSG|1|73|7|0|Wen des Heimatlandes Hügel zweifelnd lassen, / hierher komm er, um da jählings zu erblassen / vor den vielen, großen, mächt’gen Gotteszeugen, / wahrlich, seine Zweifelzunge wird da schweigen, / wo der Erde Riesen Donnerworte sprühen, / sagend: „Staub! betracht’ dein eitel, tolles Mühen, / was vermagst du denn durch all dein loses Sinnen? / Kannst dadurch ein ew’ges Sein du wohl gewinnen? / Sieh, wie stolz und mächtig wir vor dir auch stehen, / wird uns doch der Zeiten Hauch dereinst verwehen!
PSG|1|73|8|0|Und du schwaches Würmchen, zitternd vor uns Großen, / die wir Gottes Feuerwillen sind entsprossen, / kannst in deiner engen Brust noch Zweifel tragen / und nach einem Gotte, deinem Schöpfer fragen?! / Sieh herauf zu unsern eisumstarrten Spitzen; / sieh, wie wir aus unsern Klüften, Spalten, Ritzen / standhaft betend unsern großen Schöpfer preisen, / so du Wölkchen siehst um unsre Stirne kreisen! / Darum komm herauf, nicht scheuend manchen Riegel, / Zweifler; finden wirst du hier der Allmacht Siegel!
PSG|1|73|9|0|Gott, der mächtig Ew’ge, hat es scharf gestochen; / tief und rein sind unsre Stirnen durchgebrochen. / Dieses Siegels Zeichen wirst du leichtlich lesen, / keine Hieroglyphen sind’s, kein täuschend Wesen, / sondern klare Zeichen leuchtend wirst du finden, / die dir, Zweifler, deinen Gott getreu verkünden! / Diese Zeichen sind in weit gedehnten Reihen, / um dir einen Gottesglauben zu verleihen, / hingestellt von mächt’ger Hand der ew’gen Liebe; / lese sie und ordne deine finstern Triebe!“
PSG|1|73|10|0|Ja, auf dieser Berge lichtumfloss’nen Höhen / rein’re, Gottes-Geist-erfüllte Lüfte wehen! / Kahle Wände, eis’ge Zacken, tiefe Klüfte, / mächt’ge Quellen, Wasserfälle, moos’ge Trifte, / Steingerölle, hohe Seen, alte Bäume, / morsch zerstreuet, schneeumflorte Felsensäume, / tiefer liegend, vollbelegte Alpenweiden, / wechselnd hie und da mit grau bemoosten Haiden, / und noch tiefer, dichte Wälder; das sind Zeichen, / denen jeder Glaubenszweifel schnell muss weichen!
PSG|1|73|11|0|Möcht da jemand weislich mir entgegen sagen: / „Solche Zeichen ja auch kleinre Dinge tragen! / Muss man denn gerad auf hohe Berge gehen, / um der Gottheit Allmachtszüge zu erspähen? / Auch in einer Milbe magst du solche finden / und Atome müssen dir den Gott verkünden!“ / Wahr ist’s, wahr! Doch kleine Schrift ist schwer zu lesen, / leichter viel der großen Zeichen deutlich’s Wesen; / wer da einmal ist im Herzen blind geworden, / was sind dem der kleinsten Zeichen matte Horden?!
PSG|1|73|12|0|Wenn dem Gottesforscher schon genügt das Kleine, / wenn ihn schon erfreun sehr bunt belebte Haine, / darum er ein Forscher ist so ganz im Stillen, / zu erkennen seines Gottes heil’gen Willen; / so doch sind darum die hohen großen Zeichen, / nicht als überflüssig etwa auszustreichen, / sondern mehr und mehr gar treu und wohl zu achten, / denn auf solchen Höh’n und innren tiefen Schachten, / welche nie noch hat der Sonne Strahl durchdrungen, / wird ein fester Glaube leichter stets errungen.
PSG|1|73|13|0|Kleine Zeichen, möcht sich mancher Klügler dünken, / die dem Forscher zu Äonen Scharen winken, / reichen hin, der Gottheit Weisheit zu erkennen / und dadurch sich selbst nach ihr allein zu sehnen. / Aber ist das eines Menschen rechtes Streben? / Freunde, was zuerst die Lieb’ nicht mag erheben, / nicht des wahren Lebens Quell in uns erwecken, / wird auch wahre Weisheit schwerlich je erzwecken! / Darum ist an großen Zeichen viel gelegen; / Segen dem, der liebend treu sie mag erwägen!
PSG|1|73|14|0|Auf der alten Feste, Greifenburg benennet, / die zu sehen lang ich mich schon hab gesehnet, / hab ich klein und groß recht klärlich unterschieden, / hier erst ward mir neu ein herrlich’s Licht beschieden, / und dies Licht hat solches treulich mir bekundet: / „Wo die Zeichen klein und völlig abgerundet / deinem Aug’ erscheinen, sind zu unterscheiden / schwerer sie; des Glaubens aber höchste Freuden / und des wahren Liebelebens goldnen Frieden / findest du auf diesen stillen Höh’n hienieden!“
PSG|1|73|15|0|Wahrlich wahr, wie still und lautlos ist das Leben / und wie gar so himmelwärts des Geistes Streben, / auf den eisumstarrten, schroffen Bergeshöhen, / wo da nimmer ist ein Kräutlein zu erspähen! / Doch nicht nur auf Bergeshöh’n und eis’gen Triften, / als wie auch auf Gletscherspalten, Felsenklüften, / magst allein du deine Gottesliebe wecken, / all den Glaubenszweifel in die Klüfte stecken, / sondern mir am Fenster schon benannter Veste / sich der letzte, dunkle Zweifelsschleier löste.
PSG|1|73|16|0|Stets zwar, wo du willst, kannst Gottes Wunder schauen; / doch genießen kannst sie nur in solchen Gauen, / da ein ewig stiller Friede scheint zu walten / und die Allmacht Wundergroßes zu gestalten, / wenn schon auch die zarten Blümchen dich beglücken / und dein kindlich Auge fromm belebt entzücken. / Doch dabei musst aber du ja nicht vergessen, / wie der Herr für Männer hat die Kost bemessen: / An der Milch allein die Kinder sich erlaben; / Mann! – du musst zur Kost ein festes Brot ja haben!
PSG|1|73|17|0|Hier in Greifenburg in übergroßen Brocken, / ob auch manchmal hie und da ein wenig trocken, / gibt der Herr dem Manne Brotes zu genießen, / wo aus stein’gen Triften reine Bäche fließen, / wo gebirgsumkränzte Täler Segen hauchen, / wo wohl stets aus Bergen neue Leben tauchen. / Da, o Freunde, darf der Geist nicht Hunger leiden, / sondern stets genießen heilig’s Brot in stillen Freuden! / Kommet her und teilet es mit mir zufrieden; / größres könnt ihr nicht genießen je hienieden!
PSG|1|73|18|0|Wahrlich, das ist ein gelobtes Land der Erde, / da das Herz sich freut in jeglicher Beschwerde; / wenn auch Milch und Honig, wie im Morgenlande, / da nicht fließet, so doch fließt zum Liebesbande / ein Gefühl der Freundschaft aus den wärmsten Herzen, / Lind’rung triefend für so manche Seelenschmerzen! / Hier möcht ich mit Petrus und Jakobus rufen: / Herr, auf diesen Deiner Allmacht heil’gen Stufen / ist gut sein; so lass drei Hütten mich erbauen / und in selben mehr und mehr mich Dir vertrauen!
PSG|1|73|19|0|Glaube, Hoffnung, Liebe sind der Hütten Namen; / diese drei Gebäude fand ich hier beisammen. / „Brauchst sie ängstlich nicht erst irgend aufzubauen“, / klingt’s im Herzen, „lang schon stehn sie auf den Auen. / In den schlichten Hütten ist ein Herd gestellet, / für den Herd ein treues Feuer auserwählet; / siehe, wie empor zum Himmel steigt die Säule, / sie entsteigt dem warmen Herd in heil’ger Eile, / dampfend düster zwar, doch heilig ist ihr Wehen. / Sieh, Mich sollst als Koch nur bei dem Herd du sehen!“
PSG|1|73|0|0|Nachwort
PSG|1|73|0|0|Nicht gelehrtes Forschen, nicht verschmähte Liebe, ja auch nicht was sonsten irgendeinen Wanderer möchte herbescheiden zu besuchen diese hehre Gegend; nein! – all dieses ist für mich kein Hebel, sondern einzig und alleine nur der Geistessättigung zuliebe und aus Liebe zu der Liebe meiner Brüder kam ich hergezogen. Doch was ich erwartet, war nicht klein in meiner Brust; der Herr hat aber meine Rechnung unterstrichen und statt einer Fliege einen Elefanten mir gegeben! Jeder wird es leicht erraten, was ich damit sage. Dem Herrn alles Lob, Dank und Ehre ewig! Amen.
PSG|1|74|1|1|Auf der Kleinalpe
PSG|1|74|0|0|Am 15. Juli 1841
PSG|1|74|0|0|Am 14. Juli 1841 bestiegen L. B. J. und A. H. bei günstiger Witterung die höchste Spitze der Kleinalpe, und verweilten – eines anhaltenden kalten Sturmes aus Westen ungeachtet – drei Stunden auf der Höhe, von wo aus die bedeutendsten Hochgebirge der Obersteiermark, wie auch die Städte Judenburg und Leoben deutlich erblickt werden konnten. Am 15. Juli erging dann an den Knecht des Herrn folgende Mahnung:
PSG|1|74|0|0|Schreibe, es ist ein lieblich Wort, wohl zu vernehmen von den Höhen der Berge auf den freien schönen Höhe der Kleinalpe:
PSG|1|74|1|0|Was starrst du, müde Schar, dahin nach jener Berge Reihen, / da schroffe Scheitel Mir, dem Schöpfer, ihre Düfte weihen? / Erkenne deine Schuld und lern es wohl von diesen Helden, / was all’s sie dir von deinem Vater, ihrem Schöpfer, melden, / wie kühn und mächtig sie da stehen, diese großen Zeugen, / und wollen nimmer, so wie ihr, von Meiner Größe schweigen! / Um ihre heil’gen Spitzen häufig frohe Nebel kreisen / und helfen dankend ihnen still den großen Vater preisen. / Und heitre Winde rauschen mächtig über hohe Zinnen, / um anzuzeigen, dass die Felsen da Mein Lob beginnen.
PSG|1|74|2|0|Es banget dir, du matter Seher, vor den ries’gen Höhen, / du schauerst, wenn der Alpe reine Geister dich umwehen, / als kühle Winde deinem Auge manche Trän’ entlocken. / Doch wenn du sehen möchtest, da Äonen weißer Flocken / sie emsig aus den müden Wolken freudig formen, bilden, / und dann sie sorglich streu’n auf all den hohen Moosgefilden, / und möchtest sehen noch all dies mit deines Geistes Augen / und schaun, wozu all diese Geisterarbeit möchte taugen – / sodann erst möcht’st du rufen: Wer da achtet Gottes Werke / hat eitle Lust; sie zeigen ihm des heil’gen Vaters Stärke!
PSG|1|74|3|0|Ihr habt geseh’n des Oberlandes kühn gestellte Berge / und auch geschaut auf deren Schoß die niedren, stein’gen Zwerge, / den hohen „Schwab“ und „Reiting“ saht ihr alle duftend prangen, / den „Pred’gerstuhl“ und andre Berge, die mit Wolken rangen, / o höret diese seltnen hohen Berggebilde sprechen, / vernehmt ihr Wort in eures stein’gen Herzens sand’gen Schwächen! / Es lautet kurz also: „Du schwacher Mensch auf dieser Erde, / du schaust ganz wonnetrunken, stumm für unsere Beschwerde / die hehre Pracht an uns; doch würdest du uns näher treten, / dann möcht’st du schauern wohl vor unsern schweren Prüfungsketten!“
PSG|1|74|4|0|Und also weiter legen Worte euch ans Herz die Berge, / also verständlich: „Seht uns an und schaut die alten Särge, / wie wir da stehn und majestätisch in die Lüfte ragen, / also auch eine Unzahl Toter stets in uns wir tragen, / und wenn die Barmlieb’ Gottes uns nicht möchte kühlen, / fürwahr: des Grimmes Wüten würde bald das Land erfüllen, / denn die wir fest in unsern harten Leibern müssen halten, / die möchten flammend hier in einer Stund die Erd’ umstalten! / Doch solches zu verhüten und zu wahren euch den Frieden, / da tragen wir an eurer statt die große Last hienieden!“
PSG|1|74|5|0|O lasst der Berge mächt’ge Worte tief ins Herz euch bohren, / denn wieder weiter legen sie die Zung’ an eure Ohren, / also vernehmlich: „Wenn die Nebel uns behänd umkreisen, / verhüllend unsre hohen Scheitel; sehet, da beweisen / gar hehre Wesen mächtig uns schon alte Totenwächter / und sänften da mit ihrer Lieb’ in uns die Gottverächter / durch ungezählter Tränen Menge aus der Liebe Augen. / Die da in uns der Liebe Spende sorglich in sich saugen, / die werden dann erweckt, auch zu erstehn ins freie Leben / und nach und nach ins höh’re, wie’s euch Menschen ist gegeben.“
PSG|1|74|6|0|Und da der Berge Mund für euch schon einmal offen stehet, / so horcht noch ferner, was der Hohen Hauch zu euch hinwehet: / „Wenn mächtig über unsre Häupter frische Winde eilen, / dass ihr darob auf uns nicht lange könntet forschend weilen, / da ist’s, dass Legionen neue Leben sich erheben / und sorglich eilend nach den pflanzenreichen Eb’nen streben, / um solches vorbestimmte Ziel baldmöglichst zu erreichen, / vereinen sie zu Nebeln sich nach alten Lösgebräuchen / und fallen dann als leichter Regen über Pflanzentriften, / allda sie neubelebend selbst sich in das Leben lüften!
PSG|1|74|7|0|Und wenn im spät’ren Herbst die frühen Flocken uns bekleiden, / darob uns dann all warmes reges Leben pflegt zu meiden, / ja selbst so manche heitre Quelle eisig stockt im Fallen / und also all’s verstummt auf unsren freien Lebenshallen, / da winkt dir, Forscher, eine neue Zeit, ihr treu zu bleiben / mit deinem Aug’ und Ohre. Denn da fängt sich’s an zu treiben / hinauf, hinab; nach allen Seiten siehst du nichts als Streben / nach einer festen Form, um so zu künden sich als Leben. / Denn solches ist die Heimwehzeit, da alles sich möcht finden, / darum da jeder Geist sich gerne lässt durch andre binden.
PSG|1|74|8|0|Und wenn dann erst der volle treue Winter ist gekommen, / alsdann wird nicht gar selten unsre feste Brust beklommen, / denn da ereilen uns des hohen Nordens Friedensrichter, / bestreuen unsre tiefen Furchen bald durch ihr Gelichter / von tiefem Schnee und starrstem Eise, uns zur Probe drückend; / o seht, dann ist’s auf unsren Höh’n zu wandeln nicht entzückend, / denn da wird jedes freie Leben also hart ergriffen, / dass es wohl nimmer fühlen mag der Liebe süßes Triefen. / Und wenn des Frühlings Hauch zerreißet auch des Nordens Bande, / da kehrt kein Leben mehr zurück zum frühern Heimatlande!
PSG|1|74|9|0|Nur wenn das stumme Schnee- und Eisgelichter ist gewichen, / allwann ein warmer Frühling hat den Winter weggestrichen, / da kehret dann das Pflanzenleben wohlgestärket wieder; / doch nimmer wiederkehren da erfror’ner Vöglein Lieder, / selbst Menschen, die auf unsrem Rücken hat der Nord erdrücket, / die werden schwerlich mehr von unsrer Sonne Strahl erquicket. / Doch so ein freies Leben hier gefährdet ist geworden / durch ein zu friedsam’s Walten unsres übertreuen Norden, / da soll darob wohl niemand gar zu sehr uns Berge klagen, / denn solch Gefangnen fängt ein andres Leben an zu tagen!“
PSG|1|74|10|0|Und so mag dieses Liedchen euch zu einer Fahne dienen, / mit der ihr all der Berge Sinn könnt überleicht gewinnen, / und leichter zu verstehen auch, das Ich euch noch werd geben; / fürwahr, ihr werd’t durch diese Fahne manchen Zweifel heben, / denn leichter ist’s auf Berge gehn und von da andre schauen, / als zu verstehn, woher auf selben rührt solch wonnig Grauen. / Darum denn gab Ich vor der größren Gabe diese Fahne / zu Handen euch, damit sie euch getreu zuvor ermahne, / dass Meine nächste Gabe sich in Weisheit wird ergießen, / die ihr durch diesen Schlüssel doch gar leichtlich werd’t erschließen!
PSG|1|74|11|0|Ich der Herr / euch das bescher! / Wollt ihr mehr, / so kommt nur her;
PSG|1|74|12|0|der gibt gerne, / der da lenkt die Sterne / in der weiten Ferne, / der gibt gerne!
PSG|1|74|13|0|Der heil’ge Vater – gut / jedem Kind gern Gutes tut, / weil allein der Vater gut, / darum keins wie Er es tut.
PSG|1|74|14|0|Am Himmel wohnen / viele Sonnen; / Engel thronen / in den Sonnen,
PSG|1|74|15|0|auf den Sonnen, / um die Sonnen / ruhn die Kronen / aller Zonen!
PSG|1|74|16|0|Darum ist der Vater heilig, groß und gut, / da er solche große Ding’ euch künden tut, / und sagt auch allzeit Amen / als guter Vater. Amen.
PSG|1|75|1|1|Zum Neujahr. An Andr. H. von seinem Neffen H. H.
PSG|1|75|0|0|Von Jakob Lorber am 25. Dez. 1841
PSG|1|75|1|0|Guter Onkel! Ihnen hier zum neuen Jahre / lustvoll bring ich dankend meines Herzens Ware. / Über Gold und Silber hab ich nicht zu walten, / christlich gut jedoch mit meiner Lieb’ zu schalten;
PSG|1|75|2|0|könnt ich Ihnen, teurer Onkel, Reich’res bieten / und mit Bess’rem Ihre Vaterhuld vergüten, / nur zu gerne möcht ich solches Ihnen bringen! / Doch, da nichts mir als ein dankbar Herz beschieden
PSG|1|75|3|0|schon von meiner armen Wiege ward hienieden, / eben drum kann Ihnen auch nichts Bess’res geben. / Gottes Segen soll Sie freudig stets erheben, / ewig Seine Gnade Ihren Weg erleuchten,
PSG|1|75|4|0|nimmer soll je eine Trän’ Ihr Aug’ befeuchten; / von dem Himmel komme jegliches Gelingen! / Oh, der gute Vater in dem Himmel wohnend, / nur zu sicher allzeit edle Herzen lohnend,
PSG|1|75|5|0|oh, Er wird auch Ihres Herzens nicht vergessen, / breit und weit wird Er für Sie den Lohn ermessen! / Eins am End zum Wunsch lasst, Onkel, mir noch binden, / nämlich: stets in Ihnen, Onkel, auch den Vater finden.
PSG|1|76|1|1|Wie es war, so soll es bleiben
PSG|1|76|0|0|Von Jakob Lorber selbst, 1841
PSG|1|76|1|0|Onkel! Wie es war, so soll’s auch fürder bleiben, / wahres Glück für Sie soll nie die Zeit zerreiben; / selbst, so wir einst werden müssen trauernd scheiden, / soll dies wahre Glück Ihr gutes Herz nicht meiden.
PSG|1|76|2|0|Mögen Zeitenstürme miteinander ringen, / mögen tobend sie der Welt Verheerung bringen, / edler Menschen Herzen werden Segen finden, / schützend wird Sie Gott mit Seiner Liebe binden,
PSG|1|76|3|0|wenn die Erd’ sich selbst im Feuer möcht erneuern / und im Sonnenbrande einen Sabbath feiern! / Und so lasst von mir Euch solches wünschend sagen: / Meine Schwäch’ noch ferner duldig zu ertragen,
PSG|1|76|4|0|durch der Schulen nütze Bahn mich lassen laufen, / ja, mit hehrem Geist und Feuer mich zu taufen! / Solches sei mein innrer Wunsch: Mit euch zu essen / geist’ges Brot! Mag auch die Wissenschaft erpressen
PSG|1|76|5|0|einen Nutz, genügend für der Weisen Sieben, / möcht darum doch ich die Wissenschaft nicht üben. / So ich solches täte, müsst ich’s nicht bereuen? / Soll die Wissenschaft um irdisch Brot nur freien? / Wissenschaft für sich soll mich allein nur ziehen,
PSG|1|76|6|0|darum will ich künftig jede Trägheit fliehen! / Ihnen, Onkel, wünsch ich’s bald in mir zu schauen, / wie der Herr der Waisen Herzen pflegt zu bauen. / Dieses sei für Sie und mich der höchste Segen: / Gott möcht bald in uns ein neues Leben legen!
PSG|1|77|1|1|Der Gratulationswunsch
PSG|1|77|0|0|Jakob Lorber, 1841
PSG|1|77|1|0|Häuslich’s Glück, Gesundheit, Gnad’ und Gottes Segen, / lesen wir, dass allzeit all’s daran gelegen, / vor tausend Jahren war bei allen Frommen / nach der Weise, die vom Himmel ist gekommen;
PSG|1|77|2|0|grün also, wie nur die Hoffnung wird gemalen, / fleißig gleich dem Fluge heitrer Sonnenstrahlen, / deren Schnelle unsre Sinne nicht erreichen, / Vater, sieh, all diesem möcht ich vollends gleichen!
PSG|1|77|3|0|Licht, ein heilig’s Licht aus denen heil’gen Höhen – / herrlich soll’s herab in unsere Herzen wehen! / Allen unsres Kreises soll dies Glück erstehen, / meines Herzens Wunsch sollst du darin ersehen,
PSG|1|77|4|0|tausend Jahre, so es möglich wär, zu leben, / oh, der heil’ge Vater möcht es dir nur geben! / (Bei den Alten war’s nichts Neu’s so was zu hören.) / Heiter doch, und kann dem Alter man nicht wehren,
PSG|1|77|5|0|fröhlich stets in jene lichte Zukunft schauen; / oft, ja überoft kommt mir ein heimlich’s Trauen / von der Zukunft, die so mild und herrlich strahlet, / die uns Gott so schön in unsre Herzen malet.
PSG|2|0|1|1|Die Psalmen
PSG|2|0|0|0|Als Vorwort zu den Psalmen kam Folgendes durch J. Lorber, am Ostersonntag, 27. März 1842:
PSG|2|0|1|0|Schreibe einmal einen kurzen Psalm, wie aus dir. Warum solle denn Ich in der Zeit weniger denn zur Zeit Davids eines Psalms wert sein? Darum sollst du Mir nebenbei noch mehrere Psalmen schreiben; aber – wie aus dir; werde aber Ich redend angeführt, da setze allezeit voraus: Also spricht der Herr; oder: Also sprach der Herr. Den Psalm aber wirst du schon allzeit in dir finden. Und so schreibe: (Amen.)
PSG|2|0|0|0|Seid erfüllt mit dem heiligen Geiste, aufmunternd einander in Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern, mit Wort und Gesang preisend den Herrn in euerem Herzen, dankend allezeit für alles Gott und dem Vater, im Namen unseres Herrn Jesu Christi! – Paulus an die Epheser 5, 18–20
PSG|2|1|1|1|I. Psalm. Am Morgen zu singen dem Herrn
PSG|2|1|1|0|Gelobet, ja über und über gelobet sei Du, unser heiliger liebvollster Vater!
PSG|2|1|2|0|Es zeigen die Erde, die Sterne, der Mond und die Sonne, wie groß Du, o heiliger Vater, wie herrlich, wie gut und wie gnädig und liebvoll Du bist!
PSG|2|1|3|0|O drum will ich loben und preisen Dich über die Maßen, denn Du nur allein bist würdig des einzigen größesten Lobes der Menschen der Erde, und aller der Engel der Himmel.
PSG|2|1|4|0|Es lobt Dich das Würmchen im Staube, es preist Dich die Fliege, es jauchzt Dir der Sperling am Dache voll dankbarster Freude entgegen!
PSG|2|1|5|0|Es preisen Dich der Adler und alle die Tiere der Wälder; sie ahnen im Dunkel der Nächte Dich gütigster Vater, Dich Schöpfer, Dich mächtigen, ewigen Gott!
PSG|2|1|6|0|Und die Erde und all ihre Meere, und Feuer und Winde, sie wissen und kennen den großen, den mächtigen Gott, und – dass Er sie geschaffen zu Seiner höchst eigenen Ehre und Seinem unendlichen Ruhme nur hat!
PSG|2|1|7|0|Und die Himmel im ewigen Lichte der endlosen Liebe des heiligen Vaters sind voll Seiner ewigen Ehre und größesten Güte und zeugen von Seiner unendlichen Macht.
PSG|2|1|8|0|Und die Engel, sie singen mit wonn’erfülltesten Herzen: O heilig, o heilig, o heilig bist Du, lieber Vater; – wie gut, o wie gut ist bei Dir es zu sein!
PSG|2|1|9|0|O so lobe und preise denn du auch, du meine für ewiges Leben und Liebe ins Dasein gerufene Seele, o lobe und preise in Jesus den heiligen Vater, der dir so gütigst am Kreuz hat die Kindschaft gegeben.
PSG|2|1|10|0|Und du auch mein Leib, wenn schon einstens dem Tode gegeben, – du zeitlicher Träger des ewigen Lebens aus Gott, auch du lob und preise den Vater, den heiligen, den guten; denn du wirst auch ewig nicht bleiben im Schoße der Erde, und sollst mir verkläret einst werden zum ewig unsterblichen Kleide!
PSG|2|1|11|0|Denn so spricht der Herr: Diesen Tempel, den ihr da abbrechet, will Ich in drei Tagen vollst wieder aufbauen!
PSG|2|1|12|0|O Leib, du mein Leib, sieh, du bist ja der Tempel des heiligen Geistes. Wirst du auch zerbrochen, des sei dir nicht bange; denn Der dich zerstöret, zerstört dich mitnichten zum Tode, wohl aber, damit du zum ewigen herrlichsten Kleide mir werdest umstaltet, im Schoße der ewigen Liebe des heiligsten Vaters!
PSG|2|1|13|0|Und so sei gelobet, mein süßester liebvollster Jesus und heiliger Vater, aus all meinen Kräften der Seele und so auch des Leibes. Ich Geist aber bin es, der solches hier schreibet, demütigst, zu Deiner alleinigen Ehre, o Jesus, Du heiliger Vater!
PSG|2|2|1|1|II. Psalm. In der Not zu singen dem Herrn
PSG|2|2|1|0|O Du Mein Gott, Du mein liebvollster Vater! Wie herrlich bist Du, wie mild und wie sanft, und bist voll der größten Geduld!
PSG|2|2|2|0|Sieh, o mildester, heiligster Vater, die Nacht dieser Erd’ ist gar trübe geworden; die Menschen, sie toben und wühlen gleich Füchsen und Wölfen und Schweinen und Bären, Hyänen und Löwen in derselben herum.
PSG|2|2|3|0|Nur gar selten ein Bruder des Bruders noch achtet, darum er „ein Bruder“ ihm ist. O wie gar so weit sind denn die Menschen gewichen zurück von dem heiligst-lebendigen Ziele!
PSG|2|2|4|0|Sie haben das Höchste, das Größte, das Beste verloren! Doch keinen fast kümmert des ewigen Lebens mehr hier; und Du, heiliger Vater, wie bist du so gänzlich erloschen im Herzen von zahllosen blindesten Brüdern und Schwestern!
PSG|2|2|5|0|Und so denn ist Habsucht der herrschende Geist, obwohl jeder in sich es gar bündigst erfahren stets mag, dass das irdische Lämpchen des tollesten Lebens am Grabe erlischt.
PSG|2|2|6|0|O ihr Zeiten, ihr ärgesten finstersten Zeiten! Den „Vater“, den heiligen Vater, den ewigen Gott habt ihr können aus so vielen Herzen verdrängen! –
PSG|2|2|7|0|Und habt diese Herzen erfüllt mit Unrat des Satans und allem dem Nichtigsten, dieses so finsteren Reiches der Welt und des Todes aus ihr!
PSG|2|2|8|0|O du liebvollster Vater, erbarme, erbarme Dich unser! denn sonst gehn wir ja eh’stens gar alle zu Grunde.
PSG|2|2|9|0|Denn siehe, die Männer sind weibisch geworden und lassen von Weibern die Köpf’ sich zerstoßen und liegen und kriechen gleich Schlangen, zertreten zur Hälfte von Füßen der Weiber!
PSG|2|2|10|0|O Gott, Du heiliger Gott, kannst solch höllischen Frevel auf Erden noch länger geduldig Du schauen? Der Mann ist zur kriechenden Natter geworden!
PSG|2|2|11|0|O wann wirst erlösende Stunde, du heilige Stunde denn kommen, um frei diese Erde zu machen, von dieser so lang schon anhaltenden dichtesten Nacht, von der Nacht alles Todes?!
PSG|2|2|12|0|Und wann wirst den Fürsten der Lüge und Bosheit Du endlich gefangen denn nehmen? Wie lang noch zu fangen und töten die Menschen der Erde wirst Du ihm gestatten?!
PSG|2|2|13|0|O Vater, o heiligster liebvollster Vater! Mach Ende, mach einmal ein Ende dem tollesten Treiben des Satans, sonst sind wir verloren!
PSG|2|2|14|0|Gedenke, gedenke der größesten Not dieser Erde; erhöre dies Flehen, dies ängstliche Jammergeschrei!
PSG|2|2|15|0|Lieber Vater, erlöse, erlöse uns alle von diesem allbittersten Übel der ewig mir dünkenden Nacht! Doch Dein heiliger Wille geschehe stets. Amen.
PSG|2|3|1|1|III. Psalm. Zu singen dem Herrn in großer Betrübnis
PSG|2|3|1|0|Mächtigster Herr, der Du allzeit bist voll der Gnade aus endloser Lieb’ und Erbarmung zu uns, sieh doch gnädig herab auf uns ärmlichste Sünder!
PSG|2|3|2|0|Es ist ja doch traurig, ja schrecklich zu leben auf dieser so finstren und boshaften Welt, da man ehrlicherweise sich scheuen gar müsst zu bekennen Dein lebendiges inneres Wort!
PSG|2|3|3|0|Man begünstigt ein weltlich Getriebe nach allen erdenklichen Arten, und teilt Belobungen aus – den Förd’rern der Moden, des Luxus, der weltlichen Pracht, und all’s dessen, was immer nur möglich die Selbstsucht zu stärken vermag.
PSG|2|3|4|0|Aber wehe dem ehrlichen friedlichen Manne, der allzeit sich trauet sein Herz nur zu Dir zu erheben, und zieht von der tollesten Welt sich aus dem Grunde zurück, um zu folgen dem inneren heiligen Rufe aus Dir, lieber heiliger Vater!
PSG|2|3|5|0|O Vater, o liebvollster heiligster Vater, erbarme Dich unser; Du süßester Jesus, o komm, o komme doch einmal – zu richten die sündvollste Welt, ja zu richten die finsteren Herzen der Brüder – zu Dir, lieber heiliger Vater!
PSG|2|3|6|0|O Erde, o Erde, du finstere Wohnung des Gräuels, wie wirst du bestehn vor den Augen Dessen, Der dich mit eigenem heiligsten Blute zur Sonne der Sonnen hat liebevollst waschen und reinigen wollen?! Der eigenen Fußes dich finstre, dich tote, so väterlich duldig betrat?
PSG|2|3|7|0|O ihr Ohren, ihr argen Weltohren, in denen der heiligste mächtigste Name nur lächerlich klinget, o wehe euch, wehe euch! Wann Er wird kommen zu rechten mit euch?! Einen bleiernen Heller geb ich dann für tausend Pfund weltlichen Goldes nicht her!
PSG|2|3|8|0|Aber wann wirst du kommen, du schrecklich erfreulicher Tag? O nicht zaudre, nicht zaudre so lange, du lang schon erwartete heilige Löse der Gräuel der Erde, du erster, du jüngster der heiligen Tage der Erde!
PSG|2|3|9|0|Wie oft wirst du würdige Sonne denn eher noch spenden der trugvollsten Erde die lieblichen herrlichen Strahlen aus dir, bis da kommen wird jener der Tage auf Erden, an welchem zum ersten Mal würdig die finstersten Länder der Schöpfung der Erde an sich werden saugen die milderen Strahlen aus dir; o so sage, o sag es, du heilige Sonn’, oder klage und weine mit mir!
PSG|2|3|10|0|Und du tückischer Mond, du getreuer Gefährte des finstern Elends der Erde, wie lang wirst du noch wechseln dein trüglich gestohlenes Licht? Weiche, weiche zurück! denn sonst wirst verschlungen noch ehstens du werden von unserer Erde alldichtester tödlichster Nacht!
PSG|2|3|11|0|Und ihr Sterne, ihr feurigen Blumen des Himmels, wann werdet mit eurem herrlichen Lichte den sündigen Boden der Erde ihr decken, damit dann die Freien des heiligen Vaters auf euren Gefilden des friedsamsten Lichtes als ewige Brüder sich möchten erkennen?
PSG|2|3|12|0|O Vater, Du heiligster Vater, o lasse, o lass gar bald Deine heiligsten Worte in endliche heil’ge Erfüllung ergehen, sonst gehn wir zu Grunde! Dein heiliger Wille geschehe auf Erden also, wie im Himmel stets ewiglich. Amen.
PSG|2|4|1|1|IV. Psalm. Zu singen dem Herrn zur Zeit der Versuchung
PSG|2|4|1|0|Sehe doch gnädig herab, o Du heiliger liebvollster Vater, von Deiner allleuchtendstens Höhe der Himmel auf uns, Deine mühsamen, kraftlosen, sterblich und sündhaft geborenen Kinder!
PSG|2|4|2|0|Wir flehen und beten zu Dir: O Du liebvollster Vater, verschone uns alle von jeder Versuchung und mache uns frei von den Banden des tödlichen Übels der Sünde!
PSG|2|4|3|0|So beten wir täglich zu Dir; o erhöre doch einmal dies kläglich Geschrei Deiner sterbenden Kinder und lasse nicht zu, dass des Vaters allbitterster Feind uns eh’ vollends erdrossle, bevor Du zur tätigsten Hilfe uns kämest!
PSG|2|4|4|0|Es fallen zu Tausend in Scharen hinab in die Tiefe der Tiefen des ewigen Todes in wen’gen Minuten, gefangen von Deinem allärgsten Feinde; o Vater, Du heiliger Vater, wirst Du uns denn nimmer erretten von dieser unendlich verderblichen Plage und größesten Not?
PSG|2|4|5|0|O Du liebvollster Vater! So nehme doch einmal gefangen die tötende Macht dieses Fürsten des Todes und bind ihn auf ewig mit Deinen allmächtigsten Ketten der ewigen endlosen Liebe an einen für ihn bestens tauglichen Ort; und verhindre dadurch, dass er nimmer uns fange und ziehe hinab in die Tiefe der Tiefen des ewigen Todes!
PSG|2|4|6|0|O heiliger liebvollster Vater, Du hast uns ja nicht für den Tod und nicht für den Satan erschaffen, auch nicht uns erlöst fürs Verderben; wohl aber fürs ewige Leben hast Du an dem Kreuze geblutet, um uns, Deinen Kindern, zu öffnen die Pforten des ewigen Lebens!
PSG|2|4|7|0|Daher nimm, o Jesus, Du heiligster Mittler, die schwer zu bestehende Prüfung von unseren Herzen, und gib uns dafür einen reineren Sinn und den lang schon verheißenen Geist Deiner Liebe und Gnad’ und Erbarmung – ja, Deinen verheißenen heiligen Geist!
PSG|2|4|8|0|Lieber Vater, in Jesu, dem Herrscher in Liebe, Erbarmung und Gnade, Du hast ja geredet die ewige Wahrheit: Der Geist ist zwar willig, doch schwach ist das Fleisch!
PSG|2|4|9|0|O so nimm denn die Schwäche von unserem Fleische und lass in demselben erstarken den ewig unsterblichen Geist; und lass endlich in diesem so schwächlichen Hause zum Herrn und stetigen Meister ihn werden, den starken und mächtig sein sollenden Geist!
PSG|2|4|10|0|Denn was nützen uns Werke und Lehren, wenn wir mit denselben zu wecken den Geist nicht vermögen, darum uns die finsteren Prüfungen täglich heimsuchen, und rauben das heil’ge Senfkörnlein tückisch uns stets aus dem Herzen.
PSG|2|4|11|0|Wenn solches denn immer geschehen muss fürder und fürder, wann wird dann der winzige Same denn einmal zu einem mächtigen Baume erwachsen, dass unter des Ästen und Zweigen die Vögel des Himmels sich möchten einfinden, um allda zu wohnen?
PSG|2|4|12|0|Doch höre, nun höre du meine umdüsterte Seele, und du auch, mein ewiger Geist; denn also spricht der Herr:
PSG|2|4|13|0|„O nicht klaget und weinet ihr Kinder, die ihr als den wahren und heiligen, liebvollsten Vater in eueren Herzen Mich habet erkannt; denn nicht Ich, liebe Kindlein, hab euch mit den Ketten der Knechtschaft umschlungen, die Welt und ihr selbst habt euch solches getan!
PSG|2|4|14|0|Wer gab euch denn Gesetze? Die Welt? oder ihr? oder Ich euer Vater? Nun sehet, die Prüfung, die liegt im Gesetze, wie auch der verheerende Tod; doch ihr sollet nicht schmachten da unter dem Joche des harten und toten Gesetzes! Darum ja bin Ich in die Welt gar gekommen, um euch vom Gesetz zu befreien, an dessen Stell euch die einzige Lieb’ ward gegeben. Nun folget der Liebe! so seid ihr von allen Versuchungen frei. Also ist es im Ernste bei Mir. Amen.“
PSG|2|5|1|1|V. Psalm. Gar tröstend am Tag der Versuchung zu singen dem Herrn
PSG|2|5|1|0|Und höre nun weiter, du meine doch immer noch traurige Seele, was all’s der liebvollste erbarmende, heilige Vater da spricht:
PSG|2|5|2|0|„Arme Kinder, durch euere eigen verschuldete Blindheit! Wer hat euch denn je so etwas in die Herzen gehauchet, als ließe Ich ganz nach der eigenen Willkür des Satans ihm zahllose Menschen zur sicheren tödlichen Beute gar werden?!
PSG|2|5|3|0|O weiset in all Meinen Worten und heiligen Lehren Mir so etwas nach, und Ich will es ja gerne sobald widerrufen, was immer nur so möchte lauten, als wär Ich ein launiger Gott und ein treuloser Vater, dem alles ein Gleiches da gelte, ob zahllose Menschen und Kinder das Leben verlieren im Geist, oder ob sie’s gewinnen für ewig im Geiste der reinsten Liebe aus Mir.
PSG|2|5|4|0|Doch ihr werdet wohl schwerlich je finden so etwas im heiligen Buche, im Buche der Liebe und aller Erbarmung aus ihr, ja im Buche des einzig wahrhaftesten ewigen Lebens!
PSG|2|5|5|0|Es ist zwar wohl untrüglich wahr, dass das geistige Leben ganz fleißig geübet muss werden, bevor es für ewige Dauer sich eigne und tauge für eine vollkommenste Freiheit.
PSG|2|5|6|0|Doch solche Umstände sind keine Versuchung, durch welche das geistige Leben stets fester und fester muss werden, wohl aber der heiligen ewigen Liebe entstammende väterlich-göttliche Prob’lektionen, durch welche der schmachtende Mensch hier gefestet muss werden für eine allewige künftige Dauer des Lebens!
PSG|2|5|7|0|Was würd’ es dem Satan wohl nützen, so er auch die Menschen möcht alle verführen? Wie würde und könnte er siegen im eitelsten Kampfe mit Mir?!
PSG|2|5|8|0|O der läppischen Torheit! Wer ist denn ein Herr alles Lebens und Todes? Bin Ich es denn, oder ist solches der Satan?
PSG|2|5|9|0|Am Ende der Dinge der prüfenden Welt, ja da wird sich’s wohl zeigen, wie viel Ich, als einziger Herr aller Wesen und Dinge, zu schaffen und ordnen im Reiche des Lebens und Todes alleinig nur habe, und wie alle Mühe des Satans eine ganz völlig vergebliche war.
PSG|2|5|10|0|Wahrlich, das könnet ihr glauben: Von allen den Läst’rungen, welche gegen Mich auf der Erde von den blöden Wesen und Menschen und Kindern je wurden begangen, ist keine wohl größer und ärger als diese, wo Mir, als dem heiligsten liebvollsten Vater, noch ärgere Dinge als einem allärgsten Tyrannen da werden zu eigen besaget!
PSG|2|5|11|0|O sehet, darin liegt der Satan begraben, dass Ich, als der liebvollste Vater, also aus dem Munde der Lehrer und Priester und falschen Propheten als ein allerärgster Tyrann werd gezeigt den Kindern der Menschen und Wesen.
PSG|2|5|12|0|O leset doch einmal bedachtsamen Herzens die vier Evangelien durch, und dann zeigt Mir die Stelle, in welcher es laute, als hätt’ Ich euch all’samt dem Satan verschrieben!
PSG|2|5|13|0|Und Ich werd euch zeigen und öffnen den andern Sinn, und ihr alle werdet ganz hell erschaun, dass der heilige Vater nicht prüfet und übet die Menschheit zum Tode, wohl aber aus endloser Lieb’ und Erbarmung zum ewigen Leben!
PSG|2|5|14|0|So aber die freiwilligen Menschen als Brüder sich schlagen und zausen, soll Ich da die Schuld etwa tragen, dieweil Ich so frei hab geschaffen und übervollkommen die Menschheit im Geiste aus Mir, und darum Ich so überlangmütig, geduldig, voll Lieb’ und Erbarmung und Gnade stets bin?
PSG|2|5|15|0|Was wollt ihr denn noch mehr? Seht, Ich sorge, und führe und leite durch all die für euch unerforschlichen Wege die Menschheit zum heiligen Ziele des ewigen Lebens! Was wollt ihr noch mehr? Seht, Ich lasse die Freiheit in rechtlichen Schranken dem Satan sogar. Sagt, was wollt ihr noch mehr? Seht, Ich richte wohl ewig da niemand zum Tode, wohl aber nur allzeit fürs ewige Leben in aller Freiheit. Sagt, was wollt ihr noch mehr?
PSG|2|5|16|0|Hab Ich jemanden je schon verdammt zum ewigsten Tode? Wo ist der, wer ist der, dass Ich vor ihm hätte verschlossen Mein Herz? Wo ist wohl der verlorene Sohn, den Ich nimmer möcht freudigst annehmen, so er sich nur kehret im Herzen zu Mir? Sagt, was wollt ihr noch mehr?“
PSG|2|6|1|1|VI. Psalm. Zu singen dem Herrn ob Seiner großen Güte und Erbarmung
PSG|2|6|1|0|O Herr, Du bist gütig und voll der Erbarmung, und gnädig und voll von der größten Geduld; o Du ewiger, heiliger liebvollster Vater! Darum will ich loben Dich allzeit bei Tage und Nacht.
PSG|2|6|2|0|Selbst im kranken Zustande des Leibes, so da irgendetwas die Nerven, die Fibern, die Muskeln und sonstigen Teile desselben mir drücket und ziehet und reißet, dass mir darob alles Sehen und Hören vergehet, so will ich Dich, heiliger Vater, doch loben und preisen, darum Du durch all diese Übel zum ewigen Leben mich prüfest und reinigst und zeitigst!
PSG|2|6|3|0|O heiligster, liebvollster Vater, Du bist ja in allem geg’n uns und für uns nur alleinig die ewige endlose Liebe, und lehrtest und lehrest uns nichts, denn allein nur die Liebe, die heiligste ewige Liebe – aus Dir und in Dir, o Du heiliger, liebvollster Vater.
PSG|2|6|4|0|Darum auch will allzeit und ewig Dich loben und preisen ich armer und sündiger Mensch; denn nur Du bist alleinig es würdig, gelobt und gepriesen zu werden von allen den Engeln und Menschen und Sonnen und Erden und all den Geschöpfen, die Dich als den heiligen Schöpfer erkennen.
PSG|2|6|5|0|Dich lobt ja das Gras, und die Bäume sind voll Deines Ruhmes; und alle die Berge, sie dampfen und rauchen, um würdigst zu preisen, o Gott, Deine Größe und Macht; und die Blumen der Wiesen und Fluren und Berge und Täler und Gärten, wie streun sie so emsig Dir, heiliger Vater, sehr duftende Psalmen durch alle die Lüfte entgegen.
PSG|2|6|6|0|Und so auch die lieblichen Vöglein, an Zweiglein der Bäume sich wiegend, welch herrliche, muntere, reinste Lieder sie singen aus ihren befiederten Kehlen; und jegliches all dieser Lieder ist reich an dem herrlichsten Lobe und Preise für Dich nur, Du heiliger, liebvollster Vater!
PSG|2|6|7|0|Ja alles, was ich nur ansehe, ist voll Deiner endlosen Ehre und voll Deines größesten Ruhmes.
PSG|2|6|8|0|O heiliger, liebvollster Vater! So lass denn auch mich armen Sünder Dich immerdar loben und preisen und lieben aus all meinen Kräften des Geistes, der Seel’ und des sterblichen Leibes.
PSG|2|6|9|0|Und gebe mir stets dieser Kräfte so viel, dass dadurch ich vermögend dann würde und bliebe, zu tun Deinem heiligsten Willen gemäß aus der einzigen Macht Deiner Liebe in Dir zum Lobe, zur Ehre und ewigem Ruhme, Du heiliger, liebvollster Vater.
PSG|2|6|10|0|Ich denke zwar täglich darnach und darum, und bei all meinem Gehen und Drehen und Stehen tracht ich nur allein Dir zu leben; doch was ist dies all’s gegen dem, was ich Dir, o Du gütigster Vater, für eine alleinige Lebensminute nur schulde?!
PSG|2|6|11|0|Doch wenn ich dann wieder bedenke und so bei mir sage: Und könnte ich Dich mit all den wohlklingendsten Harfen der obersten Engel gar preisen, so wär doch mein Lob Deiner Würde nicht näher denn jetzt, da ich gleich den mundlosen Kindlein entgegen Dir lalle ein ärmliches Lied.
PSG|2|6|12|0|O dann werde ich glücklich und preise und lobe Dich, heiliger Vater, durch jeden Gedanken, der mir aus der Tiefe des Geistes entsteigt, weil Du, heiliger Vater, so überaus gut und liebevollst bist; darum ewiges Lob Dir, o heiliger Vater, von uns allen. Amen.
PSG|2|7|1|1|VII. Psalm. Zu singen dem Herrn beim Empfange einer geistigen Gabe, welche da ist das wahre tägliche Brot des Lebens
PSG|2|7|1|0|O heiliger, liebvollster Vater! Sieh, so wir gar täglich von Dir da empfangen des ewigen Lebens unschätzbarstes heiliges Brot in so reicher Fülle – wie sollen, wie können wir danken dafür, o Du heiliger Vater, wir armen, wir finsteren Sünder?
PSG|2|7|2|0|Die Gabe ist groß, ist wunderbar mächtig und überaus kräftig, ist heilig und voll der Lieb’ und des heiligsten Lichtes, und also auch voll alles Lebens aus Dir. O Du heiliger liebvollster Vater, wie können, wie sollen Dir danken dafür, wir armen, wir elenden Sünder?
PSG|2|7|3|0|Denn trotz dass wir auch schon so viel von Dir haben empfangen, so sind aber unsere Herzen doch immer noch finster und neidisch, und voll des Misstrauens geg’n Dich und Dein Wort und geg’n unsre oft nächsten und treuesten Brüder, und das all’s aus Furcht vor der Welt.
PSG|2|7|4|0|O Du heiligster Vater, wie sollen, wie können wir danken Dir wahrhaft dafür, dass so gnädig uns allen Du bist, da doch unsere Herzen so weltlich unlauter noch sind und so voll alles weltlichen Sinnes und Treibens?
PSG|2|7|5|0|Mit solchen zertragenen Herzen, voll noch so manchen Unrates der Welt, sieh, o heiliger Vater, ist’s schwer Dir zu danken im Geiste der innern lebendigen Wahrheit, da eben dadurch auch unsern Herzen zum würdigen Danke die Hauptsache fehlt, ja die erste Hauptsache: die Demut, ohne welche ein Gräuel von unseren Herzen der Dank ist vor Dir, o Du heiliger Vater.
PSG|2|7|6|0|Daher schaffe bald, ja recht bald, ja sogleich unsere sündigen Herzen neu um und befreie dieselben doch einmal ganz völlig von all dem uralten Unrate der todvollsten Welt, dass wir dadurch doch einmal im Stande da wären, in diesem noch irdischen Leben mit reineren Herzen und reineren Sinnen zu danken Dir, heiliger Vater, für solche unendliche heilige Gaben, die wir jetzt noch gar so unwürdig von Dir in so reichstem Maße empfangen.
PSG|2|7|7|0|Denn wer kann Dir danken im Tode, und wer in der Hölle Dich loben und preisen? So aber da unsere Herzen erfüllt noch sind von so manchem Unrate der todvollsten Welt, und dadurch auch noch voll von der Hölle, die da ist als mächtig noch herrschende Selbstsucht in uns; o Du heiliger Vater, da sind wir im Tode ja noch und gefangen gehalten von gar vielen Schlingen der Hölle. Wie wär es wohl möglich, da würdig und recht lebendig zu danken Dir, heiligem Vater, für solche hochheilige Gaben?
PSG|2|7|8|0|Wie kann der Unheil’ge dem Heil’gen fürs Heilige danken – und wie der Unreine, der finstere Sünder der Erde Dich, ewige Liebe und reinstes Licht, denn wohl loben und preisen und rühmen mit seiner unlautersten Stimme?
PSG|2|7|9|0|Denn loben und ehren und preisen und rühmen heißt würdevollst zieren Dein göttliches Wesen auf Erden, also wie im Himmel dasselbe von allen den Engeln und reinesten Geistern gezieret stets wird. O wie können wir solches da tun, wie Dich zieren und schmücken in aller der Nacht unserer Sünden?
PSG|2|7|10|0|Daher, o Du liebvollster Vater, umstalte ja bald, ja recht bald, ja sogleich unsere Herzen! Und mache sie frei einmal vollends von all dem uralten Unrate der todvollsten Welt, dass wir einmal dadurch doch im Stande da wären, in diesem noch irdischen Leben mit reineren Herzen und Sinnen Dir heiligem Vater für solche unendliche heilige Gabe zu danken, die wir jetzt noch gar so unwürdig von Dir, o Du heiliger Vater, so ernstlichst empfangen.
PSG|2|7|11|0|Für jetzt aber, heiligster Vater, da wir doch noch all’samt gar zu unwürdig dastehen, um Dir einen reineren und für die heilige Gabe mehr würdigen Dank darzubringen, nimm gnädig dies reu’ge Bekenntnis und unsere Ohnmacht so auf, als ob solches da wär von uns Sündern ein Dank für die heilige Gabe, wie er nur von reineren Wesen Dich preisend und lobend stets dargebracht wird! Kann ich loben und preisen auch nicht nach Gebühr Dich, o heiliger Vater, so lass Dich doch liebend umfassen aus all meinen Kräften, von mir armen Sünder, Du heiliger, liebvollster Vater! Dein heiliger Wille geschehe stets. Amen.
PSG|2|8|1|1|VIII. Psalm. Vorzutragen dem Herrn um Heilung der leiblichen Krankheiten
PSG|2|8|1|0|O Herr, Du bist gütig und voll der Geduld und voll der Liebe und Gnad’ und Erbarmung: So sehe denn mild auf mich leidendes und im Staube der Erde gar krankhaft und schmerzlich hin und her wälzendes Würmchen, von Deinem erhabensten göttlichen Throne herab.
PSG|2|8|2|0|Sieh, es quält mich gar ärglich ein lästiges Übel, und macht unbehilflich und gänzlich unfähig den Leib, diese ohnehin lästige Hülle des Geistes, darum ich nichts tun und nichts wirken da kann, was zum ewigen Leben und Heile mir nützend da wäre.
PSG|2|8|3|0|Schon fängt mich an alle Geduld zu verlassen, da Du, lieber Vater, mich Leidenden nicht zu erhören nun scheinest, da ich Dich aus meinen alltiefesten Nöten anrufe.
PSG|2|8|4|0|O zaudre nicht, zaudre nicht, liebvollster, heiliger Vater, und helfe mir armem, mir schwachen, mir leidenden Sünder, denn sonst geh’ ich wahrlich zu Grunde am Geist und an meiner mitleidenden Seele, so Du mir nicht ehestens hilfst aus der Trübsal des Leibes.
PSG|2|8|5|0|Ich war wohl selbst schuld, und hab selbst mir das Übel des Leibs zugezogen, darum ich nicht lebte der heiligen Ordnung gemäß, die Du liebevollster Vater als einzige Richtschnur fürs Leben des Geists wie des Leibes so treu uns dereinst hast gegeben durch Moses am heiligen Sinai.
PSG|2|8|6|0|Ja, hochgefehlt wars von mir; doch nun kann ich’s nicht anders mehr machen, nicht ungeschehen mehr die gar töricht verübeten Taten, nicht nehmen von mir nun die brennende tötende Sünde. Darum denn erbarme Dich meiner, Du liebvollster Vater, und nehme die Sünde von mir, und mach wieder mich leben für bessere Tat; ja für Liebe und Ordnung, erteil die Gesundheit des Leibes mir krankem, mir schmachtendem, leidendem Wurme im Staube vor Dir!
PSG|2|8|7|0|O Gesundheit, du einzig nur reinste Quelle der Freuden des Lebens, wann wirst du denn wieder ganz eigen mir werden? Wann wirst du balsamischer goldener Tropfen entträufen der heiligen Gnade des himmlischen Vaters und Heilung und Stärkung mir bringen in dies mein zerrissenes Leben der Welt?
PSG|2|8|8|0|Ach, du säumest, du himmlische Wolke, magst nimmer mir bringen, von heiligen Winden getragen, den stärkenden heiligen, heilenden Tropfen des Balsams der Gnade von oben, vom heiligen Vater?
PSG|2|8|9|0|O Schmerz, o du doppelter Schmerz, weiche, weiche von mir, und nicht quäle mich Armen so lang und so stark, und gib Raum mir zu beten und zu bitten um Lind’rung von oben, vom heiligen, liebvollsten Vater, damit ich erstarke im Glauben, dass Er nur, der heilige Vater, gar sicher bald helfen wird aus der Qual und der Angst, die ich leide in diesem zerrissenen Leibe!
PSG|2|8|10|0|O Vater, Du heiliger, liebvollster Vater, erhöre, erhöre doch einmal mein ängstliches Flehen und mache mich wieder gesund; denn ich kann ja nicht lieben, nicht loben und preisen Dich, heiliger Vater, nach Würde und Recht und Gebühr in dem kranken zerrissenen Leibe.
PSG|2|8|11|0|O Jesus, du mächtigster Name, Du hast ja die Toten dem Grabe entsteigen gemacht; o so sprich denn zu mir auch ein mächtiges Wort, und ich werde ganz sicher genesen von allem dem Übel des Leibs, wie der Seel’ und des Geistes, durch Dein allerbarmendes mächtiges Wort!
PSG|2|8|12|0|Doch sollt ich wohl nicht würdig mehr sein Deiner heiligen Gnade, nicht wert mehr der göttlichen Hilfe aus Dir – o so sei doch bedacht meiner sündigen Seele und meines stark schwankenden Geistes, und gib mir Geduld in der Tragung des Kreuzes, das Du mir zur Tilgung der Sünden hast mild auferlegt. Und so denn geschehe Dein heiliger Wille, o Jesus, Dein heiliger Wille stets. Amen.
PSG|2|9|1|1|IX. Psalm. Zu singen dem Herrn im Herzen nach einer genossenen Freude des Lebens
PSG|2|9|1|0|O Gott, Du allmächtiger, heiliger, liebvollster Vater! Wie gnädig und wie voll der Erbarmung bist Du, und gut selbst dem törichten Sünder.
PSG|2|9|2|0|In aller der Mitte des sündigen weltlichen Treibens lässt Du uns erleben so manche gar herrliche Freuden, damit auch der törichte Sünder erfahren es soll und fühlen ganz tief in dem Herzen, wie gut und wie liebvollst Du bist.
PSG|2|9|3|0|Aber wo ist derjenige sündige Schmecker der Freuden des Lebens, der nach genossener Freude des Lebens Dir heiligem, Dir liebvollstem Geber gebührend darbrächte ein ziemendes Lob?
PSG|2|9|4|0|O Menschen, o Menschen, wie könnt ihr inmitten erhebender Freuden des heiligen Gebers vergessen?
PSG|2|9|5|0|Wenn hehr und erhaben und freundlichst dich liebend zur Seite dir wandelt ein gastlicher Freund, eine muntere Schwester, voll Anmut und Freude, wenn du dich da freuest am lieblichen Wege und dich dann erquickest am gastlichen Tische des Freundes und saugest tief atmend in mächtigen Zügen die würzende Liebe der lieblichen Schwester in dein wonniges Herz –
PSG|2|9|6|0|Höre Bruder! Wie ist es wohl möglich, dass du nach so wonnigst genossener Freude des Lebens, des heiligen freundschaftlichsten Gebers solch himmlischer Gaben vergessen je kannst?
PSG|2|9|7|0|O du teurer Bruder, bedenke, bedenke, dass solche erhebende Freuden des Lebens die magere Erde nicht beut, wohl aber ein liebvollster, heiligster Vater sie hauchet gar freundlichst in unsere sündigen Herzen sogar, und macht fähig dieselben für höh’re Genüsse des Lebens.
PSG|2|9|8|0|Wenn solches zu leugnen du nimmer vermagst, wenn dir jede vor Freude und Wonne erbebende Fiber des Lebens es saget:
PSG|2|9|9|0|Ein Gott, ein allmächtiger, heiliger Vater, lässt wehen aus allen den Sternen, aus allen den lichtvollen Räumen, aus allen den Sonnen und allen den Zonen der Erde gar freundliche Lüfte, um dich zu erquicken und fähig zu machen für stets nur noch höhere Freuden dein sonst stumpfsinniges Leben, dein starres unbeugsames Herz, –
PSG|2|9|10|0|O dann falle zur Erde du nieder und sage im Herzen: Du heiliger, liebvollster Vater! Mich Sünder vor Dir und der Erde hast Du nun getränket mit himmlischer Freude.
PSG|2|9|11|0|Mit Wonne der Engel des Himmels hast Du nun erfüllet mein Herz; alle Sterne der Himmel erglühten in hellerem Lichte, die Lüfte der Erde umwehten harmonisch mein heitres Gesicht.
PSG|2|9|12|0|Aus den Augen der lieblichen Schwester hast Du mich gar ärmlichen Sünder von ihrem Schutzgeiste so mild und sanft anschauen lassen; wie strahlt aus denselben so sehr ein unsterblicher Geist, voll der süßesten wonnigsten Liebe.
PSG|2|9|13|0|Und wie gar so gut hast Du heiliger Vater das Herz eines freundlichen Bruders gestimmet. Wie war er bemüht, die Engel des Himmels nachahmend, mit allem zu dienen mir ärmlichem Sünder, womit er nur immer die Freude des Lebens erhöhen mir konnte.
PSG|2|9|14|0|O Vater, dies all’s und noch unnennbar andres, hast Du mir, dem Sünder, so sehr und so wonnig bereitet.
PSG|2|9|15|0|So nimm denn auch gnädigst von mir armen Sünder vor Dir meinen wertlosen Dank also an, vor Dir für so herrliche Gaben, als doch irgendetwas; und lass allzeit mich loben und preisen Dich heiligen Vater, Dich liebvollsten Geber allein. Dir sei Dank und die Ehre, der Ruhm und die Liebe von mir armen Sünder dafür ewig. Amen.
PSG|2|10|1|1|X. Psalm. Zu singen dem Herrn an einem trüben Tage
PSG|2|10|1|0|Wie trüb da auch möchte ein Tag sich gestalten vom frühesten Morgen bis hin in den spätesten Abend; ein Bild, ja ein herrlichstes Bild bleibt er dennoch für ein Dich nur liebendes Herz, o Du heiliger Vater.
PSG|2|10|2|0|Was kann uns wohl treuer die jetzige arge und trugvollste Zeit vor den sinnlichen Augen darstellen, als eben ein so recht trübester Tag, da das herrliche Licht aus der Sonne nur mühsam und endlos gebrochen und gänzlich zerrissen sich durch all die Massen und Massen und Schichten und Schichten zerarbeiten muss, um dem Boden der treulosen Erde doch einigen wenigen Trost zu gewähren.
PSG|2|10|3|0|Wer kennt nicht die endlosen Massen und Schichten von Wolken fürs Herz, für den Geist und fürs geistige Leben, die jetzt allenthalben die Himmel lebendigen Glaubens gar dichtest umtrüben?
PSG|2|10|4|0|Darum bist du trübester Tag mir willkommen, willkommen, ein gastlicher Freund; denn du predigst ganz furchtlos und ohne Rücksichten die reinste Wahrheit den Kleinen und Großen grell unter die Augen, damit sie erschauen doch sollen, wie jetzt ihre Herzen beschaffen wohl sind.
PSG|2|10|5|0|Aber so wir uns wollen beleuchten und zeigen einander, wie es um die Lieb’ und den Glauben nun stehet, da trauet sich keiner ganz voll mit der reinsten Wahrheit heraus; denn er muss ja stets Rücksichten nehmen und allzeit bedenken, mit wem er da spricht.
PSG|2|10|6|0|O ihr Zeiten, ihr Zeiten, wie schwer ist mit euch nun streiten! Die Brüder erkennen einander nicht mehr, und will keiner den anderen hören, indem sich da jeder mehr dünket als da ist sein Bruder, und trauet auch keiner dem andern. Und möcht auch der Weis’re dem weniger Weisen was künden, so muss er dabei stets auf tausend Rücksichten wohl achten; sonst hat er im Bruder den Richter gefunden.
PSG|2|10|7|0|Und ist solches geschehn, dann wehe dem armen, dem weiseren Bruder; denn dann wird auch er rücksichtslos zu gesetzlichen Strafen verdammet, entweder mit drohenden Worten, ja nicht selten gar in der Tat.
PSG|2|10|8|0|Für die schmeichelnden Lügen, für diese nur werden stets reichliche Prämien erteilt; aber für eine reineste Wahrheit will niemand den schnödesten Heller bezahlen.
PSG|2|10|9|0|Darum bist, o trübester Tag, mir so teuer, indem du ganz ohne Rücksichten die reineste Wahrheit verkündest und zeigest im klarsten Spiegel, der da ist gebildet aus den Massen und Massen von dichtesten Wolken, dem weiseren Auge zum wenigsten, wie da beschaffen nun ist all die trugvollste Welt.
PSG|2|10|10|0|O Du heiliger, liebvollster Vater! Wie soll ich Dir danken für solche erhabenste Gnade, dass Du mich erkennen hast lassen so einen getreuen Propheten in diesem unfreundlichst mir scheinenden Tage?!
PSG|2|10|11|0|Nun werd ich wohl keinen der düsteren Tage unfreundlich mehr nennen; denn sie sind ja Boten von Dir und verkünden mit deutlich vernehmbarer Stimme der sündvollsten Erde, was sie für Geschlechter wohl trägt, wie da gar so viele dem trübesten Tage hier gleichen, und manche die Sonne des Lebens wohl suchen, doch sie sind stets außer dem Stande, zufolge der Trübe den Standpunkt derselben zu finden.
PSG|2|10|12|0|Obschon aber wir durch ein inneres Licht es wohl sehen, wie es um die Menschheit der Erde nun stehet, so ist dennoch ein solch ermahnender Bote uns allzeit willkommen; denn er sagt ja in einer Sekunde uns mehr, als wir mühsam in vielen den säumenden Stunden uns kärglich zu zeigen vermögen.
PSG|2|10|13|0|So nimm denn, o heiligster Vater, dafür auch den innigsten Dank. Denn Du bist ja stets allzeit die reinste Liebe, und alles, was Du uns da spendest, ist gut; also auch so ein düster umtrübeter Tag. O lass öfter der Erde solch Tage nur werden; sie sind ja gar treuliche Hüter und Lehrer der Menschen, die nichts denn die Welt nur schön finden. Dir dank ich, o heiligster Vater, darum für den düsteren Tag auch. Amen, Amen.
PSG|2|11|1|1|XI. Psalm. Zu singen dem Herrn in der Armut des Geistes
PSG|2|11|1|0|Umdüstert und schwach liegt darnieder mein Geist, und die Seele, ein körperlich Kleid für den ewigen Geist, ist zerrissen von elenden nichtigen Sorgen der Welt.
PSG|2|11|2|0|O wie dürftig und schwach ist der ewige Geist doch in mir! Er, der ewig soll leben, ist krank, ja sehr krank, da das Fleisch ihm die Seele, sein Kleid, hat entrissen, und hat ihm dadurch auch entrissen die nötigste Kost, ja die dürftigste Nahrung zum ewigen Leben, die Liebe zu Gott, ja die Liebe zum heiligsten Vater im Himmel.
PSG|2|11|3|0|O welch eine schreckliche Armut! Der Geist, der unsterbliche Geist, als die Quelle der Liebe, das Ebenmaß Gottes in mir, ist versiechet, ist nahe ganz leblos geworden. Wie groß ist die Armut in mir.
PSG|2|11|4|0|Denn ich höre die Worte, lebendige Worte des ewigen Lebens, nicht mehr; wie ein äußerer sinnloser Schall sie nun gleiten an meinen von weltlichen Dingen betäubeten Ohren vorüber. Harmonische Töne, die einst mein Auge mit Tränen anfüllten und machten vor Freuden das Herz in dem Leibe mir hüpfen, die gehn wie ein Alltagsgeplärr an mir Stumpfen vorüber.
PSG|2|11|5|0|Die Träne der Armut, die heiße, die brennende Träne des leidenden flehenden Bruders, dies Heiligtum Gottes im Auge des Bruders, – es rührt mich nicht mehr; nur mit kaltem, gefühllosem Herzen geb ich ihm im äußersten Fall eine kargst ausgemessene Gabe.
PSG|2|11|6|0|Auch lässet mich gänzlich gefühllos und stumpf ein gar redlich mir bessere Liebe zuwinkendes Auge von einer, wenn auch noch so lieblichen Schwester! Denn meine Empfindung ist tot, ja ganz tot ist die innerste Faser des Herzens geworden in mir.
PSG|2|11|7|0|Und die zahllosen Wunder an jeglichem Tage aus Dir, lieber heiliger Vater, die gehen gar sehr unbeachtet vor meinem erblindeten Geiste vorüber; der herrlichste Aufgang der Sonne ist mir gleich der wandernden Nacht.
PSG|2|11|8|0|Selbst das schreckliche Rauschen und Toben des Todes, das tägliche Sterben der Brüder, das jammernde Totengeläute, die klagenden Lieder am Sarge und Grabe getöteter Brüder und Schwestern sind mir zum alltäglichen ganz unbeachteten Schauspiel geworden, das weder den Beifall, noch einen gegründeten Tadel von meinem verarmten Geiste verdient.
PSG|2|11|9|0|O du schreckliche Größe der Armut des Geistes in mir; wann, o wann werd ich deiner los werden, und wann wieder leben ein reichliches Leben der Liebe in mir?
PSG|2|11|10|0|O mein Jesus! Du ewig allmächtiger Meister des Lebens, Du heiliger, liebvollster Vater! Erbarme doch einmal Dich meiner und wecke, in Liebe, in mir den zum Tode sich neigenden Geist, damit wieder ich fühlen doch möchte ein reichlicher werdendes Leben in mir.
PSG|2|11|11|0|O mein Jesus, mein heiliger Vater! Erwecke doch einmal zum völligen Leben den ganz in die größeste Armut und Schwäche versunkenen Geist, – und lass finden Dich einmal von mir, o Du heiliger Vater!
PSG|2|11|12|0|Denn in solcher Armut ist’s wohl nimmer möglich, zu Dir sich zu heben und geben alleinig Dir Ehre und Preis, denn der stumme, beinahe ertötete Geist ist des gänzlich unfähig; darum denn umstalte mein schmutziges Herz! und auch wolle gedenken des täglichen Brotes zum ewigen Leben, so werd ich bald wieder erstehen mit gänzlich erneuten Kräften, um Dich, heiliger Vater, zu loben und zu preisen mit einer unsterblichen Zunge im Munde des wiedergeborenen Geistes. Dein heiliger Wille geschehe stets ewiglich. Amen.
PSG|2|12|1|1|XII. Psalm. Dem Herrn zu singen, so Babels Umtriebe den freien Geist bedräuen
PSG|2|12|1|0|O Herr! Sieh doch einmal herab in das finstere trugvollste Treiben und Schreien und Fluchen der Menschen, sieh an, wie die Knechte und Diener des Baal sich gar emsigst bemühen, zu schlagen und brennen die Menschheit, die arme, die schwache mit eiserner Nacht.
PSG|2|12|2|0|O sieh Vater, Du ewige endlose Lieb’ und Erbarmung, Dein Name, Dein heiligster Name wird ärglichst mit Füßen getreten; es werden gar schalste Gebete verkauft und für kränkliche Hunde wird Opfer verrichtet um schnödesten Sold!
PSG|2|12|3|0|O Du heiligster Vater! kannst solches Du länger noch duldig ansehen? Elias, der große Prophet, musste schlachten dereinst all die finsteren frevelnden Diener und Priester des Baal, und jetzt lässt Du sie treiben gar frei all den Frevel, den einstens die große Stadt Babel hat ärglichst getrieben.
PSG|2|12|4|0|Warum, ach warum muss denn solches geschehen? Hast Du denn für Trug und für Bosheit der Menschen geg’n Menschen die Menschheit auf diese gar finstere Erde gesetzt? Soll’n Brüder die Brüder betrügen, verdammen und fluchen? Ist das denn die Liebe des Nächsten, des Bruders zum Bruder, dass so ein Baalsdiener die ihm nicht nachfolgenden Brüder verdammen gar solle zum ewigen Tode der Hölle?!
PSG|2|12|5|0|Nein, nein, das kannst nimmer Du wollen, Du ewiger heiliger Vater! Dafür hast Du, ewige Liebe, am Kreuz nicht geblutet, und hast nicht für jene noch sterbend um Gnad’ und Verzeihung gebeten die Allmacht der Gottheit in Dir, dass da jetzt so ein geistlich sein wollender Bruder in Deinem allerheiligsten Namen die Brüder zu Tausend in Scharen zum ewigen Tode der Hölle verdammen gar solle.
PSG|2|12|6|0|Und einzig darum nur verdammen, weil man ihm allein nicht die göttliche Ehr’ will bezeugen dadurch, dass ohn Zweifel man glaube, was er aus des Truges allfinsterster Kammer zum eigenen weltlichen Besten zu glauben und handeln gebietet.
PSG|2|12|7|0|O Vater! Du heiliger Vater, mach einmal ein Ende dem lange, gar lange schon waltenden Truge der Brüder geg’n Brüder. Lass einmal doch tätigst mit Liebe durchwehen den Geist; Deinen heiligen Geist lass erkennen den finsteren Brüdern, dass sie auch erschauen da möchten, dass Du nicht zu tödlichen Richtern sie habest berufen, wohl aber zu liebsanften Führern der Brüder zu Dir, lieber Vater!
PSG|2|12|8|0|O lass nicht vergeblich mich rufen und schreien zu Dir, lieber heiliger Vater! Erleucht und erwärme doch einmal die Herzen der Brüder geg’n Brüder, zerstöre vom Grunde diejenigen Sitze und Stühle, auf denen die Brüder die Brüder zum Tode der Hölle verdammet gar haben;
PSG|2|12|9|0|und lass nun dafür Deine ewige Lieb’ und Erbarmung zur ewigen Richterin werden in jeglichem Herzen, was immer für Menschen und Bruders.
PSG|2|12|10|0|O lass die emsigen Diener des Baal zu ebenso emsigen Dienern der Liebe erstehen und nehme die gräuliche Decke des finstersten Selbsttrugs von allen den Augen der Diener des Baal, lass einmal sie schauen das heilige, freieste Licht Deiner göttlichen Liebe und Milde und Gnad’ und Erbarmung, damit sie doch einmal zu fluchen möchten aufhören, um dafür zu segnen gar alle die Menschen und Brüder auf Erden.
PSG|2|12|11|0|Erhöre, o liebvollster Vater, doch einmal mein Rufen und Schreien, und mache uns frei von den lang schon anhaltenden Banden der Hölle auf Erden! Dein heiliger Wille stets nur geschehe. Amen.
PSG|2|13|1|1|XIII. Psalm. Zu singen dem Herrn am Abende des Tages
PSG|2|13|1|0|Gesunken, gesunken hinab ist die herrliche Sonne, hinab in das Meer; unter alle die tückischen Wogen und Wirbel verbarg sich die leuchtende Mutter des Tages.
PSG|2|13|2|0|Die sorgsame Träg’rin so vieler Kinder, sie segnet, wenn auch schon verborgen, noch lange, nachdem sie gesunken hinab in schaurige Tiefen, die losesten Kinder der finsteren Erde durch ihre gar herrlichen Strahlen der Dämmerung des Abends.
PSG|2|13|3|0|Gar lange noch währet der Segen der Mutter des Tages, und friedliche Wölkchen am golden bestrahlten Abende spenden ergötzlich so manchmal noch reichliche Gaben des leuchtenden Segens der herrlichen Mutter herab in die finsteren Täler der Erde.
PSG|2|13|4|0|Nur wenige Kinder der Erde es merken und achten, wie solches geschieht, wie der heilige Vater voll Liebe so schön und so gut hat erschaffen die Dinge, damit sie da, neben dem Nutzen, die Menschen erquicken und segnen auch sollen.
PSG|2|13|5|0|Wer achten nur möchte des strahlenden Segens der untergegangenen Sonne, der herrlichen Glorie des Abends, wie möchte erfüllt da werden sein Herz mit der süßesten Wonne der Himmel; mit heiliger Liebe zu Gott würd’ erfüllet da werden sein Herz. – Aber niemand will achten der heiligen Ordnung des heiligen liebvollsten Vaters und Retters der Menschheit.
PSG|2|13|6|0|Gesunken, gesunken darum ist die Sonne des Lebens hinab in die schaurigen Tiefen der Meere, der tückischen Wogen und Wirbel und Strudel der finsteren Zeiten; denn niemand mehr will achten vor lauter bloß weltlichen Sorgen, was da die heiligen Strahlen, die letzten der untergegangenen Sonne des Lebens noch bieten.
PSG|2|13|7|0|Darum hört es, Brüder und Schwestern, die ihr noch die Strahlen, die letzten des Abends in euerem Herzen bemerket, erinnert euch alle des heiligen Abends, an welchem der Vater mit den zwei Brüdern gen Emmaus gewandelt, und hat sie da endlich gesegnet, nachdem Er das Brot hat gebrochen.
PSG|2|13|8|0|O denket, o denket, ihr Brüder und Schwestern, an jedem der Abende, denket an diesen so heiligen Abend und rufet mit den zwei trauernden Pilgern nach Emmaus: O bleibe, o bleibe bei uns, Du heiliger Vater! Denn siehe, es ist da gar sehr in unserem Herzen schon Abend geworden.
PSG|2|13|9|0|Und dann wird der heilige Vater euch segnen und sagen: „O Kindlein, seid ruhig und fürchtet euch nicht; denn Ich bleibe bei euch ja bis ans Ende der Welt.“ Und wann solches wird kommen, der letzte der Tage des irdischen Lebens, dann wird euch der heilige Vater erwecken zum ewigen Leben in Ihm.
PSG|2|13|10|0|O so achtet denn, Brüder und Schwestern, des Abends, ja achten wir alle des herrlichsten Bildes der untergegangenen Sonne, damit uns dereinst im Schoße des heiligen Vaters im Himmel ein neuer, ein ewiger Morgen des ewigen Lebens ja möchte erstehen. O heiliger Vater, es werde geheiligt Dein Name; Dein heiliger Wille, Dein heiliger Wille geschehe stets. Amen.
PSG|2|14|1|1|XIV. Psalm. Zu singen dem Herrn bei der Betrachtung der stets mehr und mehr hereinbrechenden wogenden Flut der Sünde, der Nacht und alles scheußlichen Truges in ihr
PSG|2|14|0|0|(Nach dem 93. Psalm, 4. V. Davids.)
PSG|2|14|1|0|Die Wogen des Wassers im Meere sind groß und gar gräulich, sie brausen; der Herr doch ist größer noch dort in der Höhe!
PSG|2|14|2|0|Es sausen und toben die mächtigen Stürme ganz nah schon an meinem vergeistigten Ohre vorüber; doch näher dem Ohre denn all die nächtlichen Stürme ertönt die Posaune der Himmel, die helle, die klare, zu künden der Erde des Menschen den wahren, den ewigen Frieden.
PSG|2|14|3|0|Die Staaten, die Völker, die Mächte der Erde, sie schreien und schreiben und rechnen gar mächtig, es beben die Berge schon hie und da stark vor gar ängstlicher Furcht der Erwartung der Dinge, die ehestens kommen da sollen;
PSG|2|14|4|0|doch schreiet und schreibet und rechnet da oben noch Einer, der mächtiger ist als die Staaten, die Völker und alle die Mächte der Erde: Die Zeit ist verronnen, Ich komme, ein mächtiger Richter, dir schmutzige, finsterste Erde zu geben den Lohn in dem Pfuhle, und all deinen mächtigen Kindern mit dir.
PSG|2|14|5|0|O die Stimme ist kräftiger, stärker und mächt’ger, als all das weltliche Toben und Sausen und Brausen, und Schreien und Schreiben und Rechnen und Treiben der Meere, der Stürme, der Staaten, der Völker und aller der trotzigen Mächt’gen der Erde!
PSG|2|14|6|0|O reiß und zerstör nur du tückischer, mächtig herwogender Strom deine Ufer, vernichte die göttlichen Saaten am Acker des Wortes aus Gott in den wenigen Herzen der Menschen. O werde zum Meere, ersäufe die Berge und treibe dann hoch über alle die himmlischen Wolken hin deine all’s Leben erstickenden tobenden Wogen.
PSG|2|14|7|0|Doch nimmer wirst du die herrlichen Sterne erreichen, deren endloses Feuer dort lodert im ewigen endlosen Raume, treu harrend des leisesten Winkes des Einen dort oben, um dann wie ein schnellster Gedanke zu stürzen herab auf dich scheußlichste Wohnung der Gräuel in einem Momente, und schneller, als da sich verzehret ein Tropfen am glühenden Eisen, dich machen für ewig zunichte.
PSG|2|14|8|0|O Menschen, o Brüder, wie könnt ihr der Lüge, der Hure, die euch gar so oft hat geblendet und ärglichst betrogen, noch trauen und glauben?
PSG|2|14|9|0|Wie könnt ihr dem krassesten Tollsinn den Stempel der göttlichen Wahrheit aufdrücken? O merkt doch und achtet des Sinnens und Treibens der Hure, die nächtlich die Gassen und Straßen der Erde beschleichet, damit sie noch jemanden fange, der dann mit ihr buhle und endlich drauf zahle für die mit ihm scheußlich gepflogene ewige Schande.
PSG|2|14|10|0|O merket und achtet es doch! – und ihr müsst es ja leichtlich im schnellsten Momente erschauen, wes’ Geistes die Lehre voll ist, die das Göttliche, Heil’ge und Wahre und Gute aus schändlichster Herrsch- und Habsucht tiefst herab in den finstersten schlammigsten Grund frechst und gräuelhaft’st ziehet, und schändlichst die Höll’ für den Himmel verkaufet.
PSG|2|14|11|0|O Herr! Du allmächtiger Freund edler Geister und Menschen, verwehe, verwehe doch einmal die argen Betrüger und Töter der Menschheit auf Erden!
PSG|2|14|12|0|Lass nimmer gefangen uns werden vom Drachen der Hölle, ersticke ihn eh’stens im Pfuhle des Todes, damit er nicht mehr noch uns quäle und weiter und länger noch fange mit höllischer Klaue die Kinder der Erde. O Vater, Du liebvollster, heiliger Vater, erhöre doch einmal dies Jammergeschrei und lass nimmer umsonst zu Dir rufen: O Vater! Führ nicht in Versuchung uns mehr, sondern mache uns einmal doch rein von dem größesten Übel! Dein heiliger Wille geschehe stets ewiglich. Amen.
PSG|2|15|1|1|XV. Psalm. Zu singen dem Herrn am Tage der Heimsuchung
PSG|2|15|1|0|O Herr! Wie Du mir hast gegeben ganz sonders beschaffen mein Wesen, so lehrest und ziehest und leitest Du mich auch nach Deinem allheiligsten weisesten Willen, zu wandeln den Weg der Gerechten.
PSG|2|15|2|0|Wie köstlich und löblich zu wandeln ist doch solch ein Weg, den Du Vater, Du heiligster Vater, als Schöpfer und Herr alles Lebens, uns –Deinen Geschöpfen – Selbst weisest, auf dass wir auf solch einem Wege voll göttlichen Lichtes und Lebens als schwache Geschöpfe das ewige Leben voll freiester Kraft möchten seligst erlangen aus Dir, o Du heiligster Vater.
PSG|2|15|3|0|Doch wie Du, o heiligster Vater und Schöpfer der Engel und Menschen, hier über die zeitliche wandelnde Erde so zahllos verschiedene Blumen und Gräser und Bäume und Sträucher hast weisest geschaffen, da keines dem andern da gleichet an Farbe, Gestalt und Geruch und Geschmack, und doch jegliches jenem hochheiligen Zwecke, den Du ihm gestellet, vollkommenst entspricht;
PSG|2|15|4|0|oh – so wirst Du auch, heiligster Vater, uns Menschen, die wir auf der schwebenden schwankenden Erde, vom Tode zum Tode als Deine Erlösten, hier trauernd und hoffend fortwandeln, den einstigen ewigen heiligen Zweck, den Du Selbst uns gesetzt und gezeigt, uns treu helfend erreichen und finden wohl lassen.
PSG|2|15|5|0|Es gleicht, wie ich’s sehe und allzeit erfahre, wohl freilich ein menschliches Leben dem anderen nicht; denn fast jeder da handelt und wandelt, als hätt’ er schier einen ganz eigenen Schöpfer und Gott, dessen innern heimlichen Winken zu folgen er scheint.
PSG|2|15|6|0|Aber da ruft die Erde und all ihre göttliche Schöpfung mir zu: „O du törichter Forscher und Sucher in Dingen und Wegen, die Gott hat geordnet, bevor noch im endlosen Raume geleuchtet hat eine der zahllosen Sonnen, sieh, selbst auf dem einen und nämlichen Baume nicht ein Blatt dem andern gleichet in Fülle! – Wie willst du die freiest geschaffene Menschheit gemodelt wohl haben?“
PSG|2|15|7|0|Wenn solch’s ich vernommen von aller der irdischen Schöpfung wie einen gar endlos vielstimmigen Chor zum erstaunlichsten Lobe des ewig fortschöpfenden Vaters, der heilig ist, zahllosmal heilig, da werd ich voll seligster Freude und stimme, wie ein schon dem Grabe entstiegener seligster Geist, in den großen harmonischen Jubelakkord aller endlosen Schöpfung, und singe:
PSG|2|15|8|0|„O heiliger, ewig allweisester, liebvollster Vater! Wie gut, ja wie überaus gut musst Du sein, dass Du mir, dem noch sterblichen Wandler auf dieser vergänglichen Erde, so klärlich magst zeigen, wie endlos viel Wege voll Lichtes und ewiger Wahrheit geschaffen Du hast, dass auf denen wir hier, als angehende Kinder und schwächliche Schüler des Lebens, die Pfade zu Dir, o Du heiligster Vater, ja nimmer verfehlen wohl könnten.
PSG|2|15|9|0|Dich loben die Engel, die Sonnen und Welten und alle die Kräfte der Himmel und Welten als ihren allmächtigsten, gütigsten, weisesten Schöpfer, denn Du bist ihr einiger Herr und ihr einiger Gott!
PSG|2|15|10|0|O so lass denn, Du heiligster Vater, auch mir, wenn schon nur als einem gar nichtigen Wurme im Staube vor Dir, Dich loben und preisen, wie Du mich geschaffen aus Deiner allheiligsten Ordnung zu Deinem unendlichen Lobe und Preise da hast.“
PSG|2|15|11|0|Denn was kann ich, was soll ich Dir sonsten wohl geben, o Vater im Himmel, ’s ist alles ja Dein, was ich habe und bin; aber loben und preisen, o heiligster Vater, mit Handeln und Wandeln und Worten nach solcher gar heiligen Ordnung, die Du mir hast darum und so nur gegeben, das kann ich, das muss ich, – denn diese gar heilige Ordnung in mir ist ja eben die göttliche Freiheit des ewig unsterblichen Geistes, den Du mir aus Dir hast gegeben, dass demnach durch ihn ich in Dir kann erkennen den ewigen heiligen Vater.
PSG|2|15|12|0|Ich hab Dich erkannt und gefunden, Du heiliger Vater, und habe erkannt und gefunden die heilige Ordnung der ewigen Liebe in meinem unsterblichen Geiste, den Du mir aus Dir hast gegeben, wie sonderlich er auch sein mag vor dem Geiste der andern Menschen und Brüder.
PSG|2|15|13|0|So will ich denn auch Dich, o heiliger Vater, wie ich Dich gefunden, auf dem mir beschiedenen Wege, im Geiste der Ordnung, die Du mir gegeben, stets loben und preisen. Und so sei, o Vater, voll Güte und Liebe und Weisheit, im Geiste und in der Wahrheit gelobt und gepriesen Dein heiliger Name in Ewigkeit. Amen.
PSG|2|16|1|1|XVI. Psalm. Zu singen dem Herrn bei der Betrachtung der großen herrlichen Natur auf einem Berge, in der freien endlosen Raumhalle Gottes
PSG|2|16|1|0|Wie ein Würmchen vom Staube der Nichtigkeit prüfend erklimmet gar mühsamen zögernden Zuges den stachligen Stamm einer Distel, so auch hab gar mühsam erklommen ich sündiger Wandrer den mächtigen Stamm und den Gipfel derjenigen großen Gewächse der Erde, die nicht wie eine Tag’sfliege von heute bis morgen nur währen, die Tausend und Tausend von Jahren getrotzet schon haben.
PSG|2|16|2|0|Der Mensch nennet da diese gar mächtigen Pflanzen der Erde wohl „Berge“; doch ich nenn das, was aus der Hand meines Gottes geflossen, nur Pflanze. Denn wir, als die freiest belebten Wesen, sind selbst ja nichts anders als Pflanzen und Reben im Weinberg des Herrn und im Acker, da Er hat gesäet den Weizen in uns, als die Saat für das ewige Leben.
PSG|2|16|3|0|So sind denn auch Sonnen und Welten und Berge nur Pflanzen, zu deren Dasein Er den kräftigen Samen gestreut hat durch alle die endlosen Räume;
PSG|2|16|4|0|und hat auf die nämliche göttliche Art dann auch sicher gesorgt auf den reifer geword’nen Welten, und hat in die feurigen Tiefen der Erden zuerst wohl geleget gar kräftigen Samen voll hebenden Feuers, aus dem dann in Zeiten und Zeiten der feurigsten Stürme die Berge dem qualmenden Boden der Erde entwuchsen.
PSG|2|16|5|0|Wohl mag es da Szenen beim Werden der Riesen auf dieser nun ruhiger werdenden Erde, die wir bewohnen, von nie zu beschreibender Weise gegeben ja haben, von denen der forschende Geist keinen Traum je gehabt.
PSG|2|16|6|0|Aber Größe, und so auch Nicht-Größe bei werdenden Szenen der Dinge nach unserem menschlichen Sinne, das alles ist Eins in den Augen des großen Urhebers; denn Ihm ist es Eines zu schaffen den Samen für Sonnen und Welten, wie jenen, aus dem wir die Infusorien zu Dezillionen in einem Tautropfen entstehen erspähen.
PSG|2|16|7|0|Und so stehe ich denn dahier auf der klüftigen Spitze so einer recht alten Weltpflanze und führ mir beim weiten Umblicke der vielen um mich herum bis in den Äther aufragenden ersten Gewächse der Erde ihr feuriges mächtiges Werden recht anschaulich vor meine Sinne.
PSG|2|16|8|0|Und wenn ich mich tiefer so in die urweltlichen Szenen des Werdens der großen Gewächse im Geist’ hab verloren und alles so stille wird rings um mein lauschendes Ohr, o da sink ich im Geiste zusammen und bete:
PSG|2|16|9|0|„O Vater! Du großer, Du heiliger Vater! Geheiligt werde Dein heiliger Name; denn Du bist es ja, der da diese so mächtigen Berge als erste Gewächse aus Deinem gar kräftigen Samen voll Feuers aus Deinem allmächtigen Willen dem bebend gehorchenden Boden der Erde entkeimen hast lassen.
PSG|2|16|10|0|O leg auch in dies mein ohnmächtiges Wesen so einen gar kräftigen Samen voll Feuers von Deiner lebendigen ewigen Liebe, auf dass auch aus mir, wenn auch unter manch tobendem Sturme, solch feste und bleibende Früchte stets möchten erwachsen, wie diese, die ihre heiligen Spitzen zu Dir empor da strecken, als mächtige Zeugen von Deiner unendlichen Macht, Liebe, Weisheit und Stärke.“
PSG|2|16|11|0|O Vater! Wie herrlich und groß sind doch all Deine Werke, wie groß ist die Lust jener Seele, die allzeit wohl achtet darauf!
PSG|2|16|12|0|O so lass mich denn allzeit drauf achten mit all meinen Sinnen, denn es sind wohl wert Deine heiligen Werke, dass man sie zu jeder Zeit achtet und lernet von ihnen in wonnigster Freude, Dich heiligsten Vater stets mehr und stets tiefer erkennen!
PSG|2|16|13|0|Dich loben die Engel, die Sonnen, die Welten, die Berge und alle Geschöpfe; so lass denn auch dies mein gar geringstes Lob mit dem Lobe des Berges, auf dem ich nun betend stehe, zu Dir, o Du heiliger Vater aufsteigen! Dir einzig alleinig sei Lob, Ehr’ und Preis ewig! Amen.
PSG|2|17|1|1|XVII. Psalm. Zu singen dem Herrn am Morgen des Tages
PSG|2|17|1|0|Die Sterne am Himmel noch feierlich glühen, der Abend umlagert noch ist mit dem nächtlichen Dunkel, umdüstert der Nord wie der Süden; doch so ich mein Auge dem Morgen zuwende, da hebt sich die sehnende Brust und die Lunge schöpft tiefere Züge aus der von dem Zeuger des kommenden Tages herwehenden Luft.
PSG|2|17|2|0|O es wird mir so wohl und so leicht um das Herz, wenn das Auge die ersten, die zartesten Strahlen des werdenden Tages zu saugen beginnet.
PSG|2|17|3|0|Da denk ich in solch einer Stunde des frühesten Morgens: O Menschen, o Brüder, die da noch der leidige Bruder des Todes, der sündige Schlaf hält gefangen, erstehet, erstehet! zu schauen die heiligen Szenen des Morgens, wie alles demselben zueilet, die Wölkchen, sie ziehen mit sichtbarer Freude dem herrlichen Morgen entgegen.
PSG|2|17|4|0|Die Vögel, die munteren Sänger, wie schwellen sie ihre befiederte Brust, zu begrüßen den werdenden kommenden Tag, und zu loben den heiligen Vater des Lichtes, den sie zwar nicht kennen, also wie der Mensch; aber ihre geheiligte Ahnung lässt nimmer sie ruhen, sie fühlen die Liebe, die heil’ge des Schöpfers, und loben und preisen dieselbe durch ihre unnennbare Freude.
PSG|2|17|5|0|Die Blümchen der Gärten und Felder und Wiesen erstehen und streuen sehr duftend aus ihren allzartesten Kelchen in zahllosen klarsten Wölkchen die Opfer des Dankes und Lobes hinauf zu den Sternen, die da noch wie scheidende Freunde vom heller stets werdenden Himmel herab auf die Erde, sie segnend, noch hie und da blicken.
PSG|2|17|6|0|Der Mensch nur, der Mensch ja kann noch da schlafen und träumen vom Tode, wo all die zahllosen Scharen mit wonn’erfülltesten Brüsten den kommenden Strömen des Lebens zueilen.
PSG|2|17|7|0|Die Wölkchen, die Blumen und zahllosen Heere von Tieren und Tierchen, die eilen erweckt vom ersten der Strahlen des goldenen Morgens, nicht wissend woher und wohin, um zu loben und preisen aus all ihren Kräften den Schöpfer, den heiligen Vater, den sie nur zu ahnen, doch nicht zu erkennen vermögen.
PSG|2|17|8|0|Die Menschen, die seienden Kinder des heiligen Vaters, begabt mit der höchsten der Gnaden des Lebens, begabt mit unsterblichem Geiste, die wollen den heiligen Vater nicht fröhlich erwarten am werdenden Tage, nicht loben und preisen den heiligen, liebvollsten Geber des ewigen Lebens.
PSG|2|17|9|0|O schämet euch Kinder; der Schlaf ist euch lieber, der Bruder des Todes, denn alle die nur gar zu herrlich vom Morgen her rauschenden Ströme des Lebens am werdenden Tage!
PSG|2|17|10|0|Erwachet, erwachet! O all ihr Brüder, erwachet! und freut euch des endlich doch einmal einbrechenden Morgens zum werdenden heiligen Tage, im Lichte der ewigen Sonne aus Gott! O nicht drehet euch mehr in dem Bette der Selbstsucht zum tödlichen Schlafe; vernehmet das Rauschen der Ströme des Lebens vom goldenen Morgen! Der Vater, der heilige Vater Selbst kommt ja im sonnigen Kleide, in Wolken des Himmels, in heiligster Liebe zu uns! So erwachet denn einmal doch, Brüder und Schwestern!
PSG|2|17|11|0|Hört, Brüder und Schwestern, es kommt ja der Vater, der heilige, liebvollste Vater kommt Selbst an diesem so lang schon ersehneten Morgen zu uns! So erwacht denn, erwachet aus der langen, der tödlichsten Nacht, und empfanget das ewige Leben am Morgen des werdenden heiligen Tages in Gott; sonst erreicht euch im Schlafe des Bruder, der ewige Tod! O Du heiliger Vater, Du ewige Sonne des Lebens, erwecke, erwecke doch einmal die schlafenden Brüder und lass sie schöpfen das Leben am heiligen Strome des ewigen Morgens der Liebe zu Dir, o Du heiliger Vater! Dein heiliger Wille geschehe!
PSG|2|18|1|1|XVIII. Psalm. Zu singen dem Herrn zu jeder Zeit als Vater der Menschen
PSG|2|18|1|0|O heiliger Vater, in Jesu dem Herrn, und dem Schöpfer der Welten, der Sonnen, der Menschen und Engel, Dich lobt meine Seele, Dich liebet und preiset mein Geist, und mein Herz ist voll heißester Sehnsucht zu Dir, o Du heiliger, liebvollster Vater!
PSG|2|18|2|0|Dich loben und preisen ja endlos und ewig unzählige Heere von Wesen, vom feurigsten Cherub herab bis zur nichtigen Milbe, der schon ein Moosblättchen zu einer Welt wird, ja zu einer gar wunderbarst größesten Welt.
PSG|2|18|3|0|O so lass Dich denn, heiligster Vater, auch loben und preisen von mir, einem größesten Sünder vor Dir! O ich weiß wohl und fühl es nur gar zu lebendig, wie wertlos vor Dir, o Du heiliger Vater, ein schmutziger, todvoller Sünder erscheint. Doch ich kann mir nicht helfen, so Dich mein allsündigstes Herz will ergreifen, als wäre es sündlos vor Dir, o Du heiliger Vater; denn Du bist ja ewig die reineste Liebe gar Selbst!
PSG|2|18|4|0|O darum wirst Du sicher ja gnädigst ansehen der Sünder tieftraurige Herzen, wenn solche sich kehren zu Dir durch die Liebe, und loben und preisen Dich, heiliger Vater, in aller Zernichtung und Demut des Geistes!
PSG|2|18|5|0|O liebvollster Vater, sieh gnädigst auf uns arme Sünder herab und erbarme Dich unser, nicht achte der Sünden, die wir schon begangen da haben in unserer Schwachheit; vergib uns die Schulden und nehme die Opfer aus unserem Herzen, lass loben und preisen Dich, heiliger Vater dafür!
PSG|2|18|6|0|Hör, o heiliger Vater! Ich hab schon so manchmal gesündigt vor Dir, aber nie fühlt’ ich stärker die Reue ob meiner begangenen Sünden, als eben zur Zeit, da vor Dir ich gesündiget habe.
PSG|2|18|7|0|O Vater! Wie war denn wohl solches doch möglich? Gerade so ich durch die Sünde von Dir gar treulos entfernet mich habe, da war auch mein Herz, wie sonst selten, von einer alltiefesten Reue ergriffen und wollte nicht selten zerspringen aus Liebe zu Dir.
PSG|2|18|8|0|O des Wunders der Wunder! Wie kann sich ein sündiges Herz Dir, o heiliger Vater, noch nahen; wie möchte ich Tränen der Reue und Liebe in meiner leibhaftigen Hölle doch weinen!
PSG|2|18|9|0|O horch! O horche mein sündiges Herz, eine heilige Stimme des Vaters, des heiligen, liebvollsten Vaters, die rufet zu Dir und in Dir, und die Worte, die heiligen, lauten also; denn also spricht nur Er, ja nur Er spricht also als die ewige reinste Liebe:
PSG|2|18|10|0|„O Kindlein! Ich suche nur, was da verloren, und helfe erstehen von Neuem dem, der da gefallen; darum folgt der Sünde gar baldig die Reue und sehnende Liebe zur Mir!
PSG|2|18|11|0|Aber dem also Ich hab geholfen, der soll dann fürder verbleiben also in der sehnenden Liebe zu Mir und soll nimmer berücken sich lassen von einer wertlosesten Welt!
PSG|2|18|12|0|Sonst könnt es wohl einmal geschehen, dass er so tief fiele, ja tiefst in die Hölle des ewigen Todes, da nimmer dann möchte die Reue und sehnende Liebe, als Meine getreueste Hand, ihn erfassen und führen zurück in das ewige Leben in Mir! Solches fasse – und lebe und handle darnach ewig! Amen.“
PSG|2|19|1|1|XIX. Psalm. Zu singen ein Lob dem Herrn (und vom verschobenen Sabbat)
PSG|2|19|1|0|Erwach! erwache, mein immer noch schlafender Geist ja nur eiligst, erwache; denn er ist gekommen, gekommen ein herrlicher Tag, ja gekommen der heilige Ruhtag des Herrn, des heiligen liebvollsten Vaters der Menschen.
PSG|2|19|2|0|Der heilige Tag ist noch immer derselbe, der siebente, den sich der Herr hat erkoren; die Menschen nur haben also wie sich selbst, also auch die Tage verkehret.
PSG|2|19|3|0|Der heilige Tag ist der knechtlichen Arbeit verfallen, und jener der Tage, von Gott Selbst am meisten zur Arbeit auf Erden bestimmt, indem Er an selbem ersichtlicher Weise gar Selbst gearbeitet hat, ward zum Ruhtag umstaltet.
PSG|2|19|4|0|Doch dies soll beirren wohl nimmer dich, meinen unsterblichen Geist; für dich soll die Ordnung, die heil’ge, verbleiben also, wie der Herr sie gestellt hat von Ewigkeit her. Denn der Herr ist nicht veränderlich, gleichwie die Menschen, Er weiß, warum Er die Tage von ewig also hat geordnet.
PSG|2|19|5|0|Und so denn erwache mein Geist zu dem süßen Geschäfte, in heiliger Ruhe den heiligen liebvollsten Vater zu loben und preisen aus all deinen Kräften; denn Er ist so gut und so liebvollst erbarmend geg’n all Seine Kinder. Darum soll gelobt und gepriesen Er werden von Dir, meinem Geiste.
PSG|2|19|6|0|Ich ärmliche Seele empfinde nun solches gar lieblich gemahnend, und rufe darum zum Erwachen dich, meinen unsterblichen Geist.
PSG|2|19|7|0|O mein innerstes Leben, du Liebe aus Gott, du erwachest in mir, o wie hell strahlt dein Auge voll Glorie hinaus in die endlosen Tiefen des ewigen Lebens! Ich bin nicht mehr ich, sondern Du bist nun alles in mir, o so lobe denn du mit unsterblicher Zunge den heiligen Vater, der uns hat geeint und gegeben das ewige Leben in Ihm!
PSG|2|19|8|0|Ja, ich Geist bin erwacht: Dank dir, meine ingleichen unsterbliche Seele, darum du erwecket mich hast, zum Geschäfte des Lobens und Preisens am Tage der heiligen Ruhe, am ewigen heiligen Tage des Herrn; – ich will Ihn ja loben aus all meinen Kräften, und immerdar lieben und preisen den heiligen Vater in dir, meine sorgliche Seel’!
PSG|2|19|9|0|O mein heiliger, liebvollster Vater, Du ewiger Schöpfer der Welten, der Menschen, der Geister und Engel und aller der ewig endlosesten Himmel! Dich lobet und preist schon die Milbe, deren kümmerlich Leben Minuten nur zählet in seiner gar flüchtigen Dauer!
PSG|2|19|10|0|Dich lobet und preiset das Würmchen im Staube, und zahllose Heere gar munterer Vöglein durchzucken die bläuliche Luft, Dir, o heiliger Vater, lobsingend!
PSG|2|19|11|0|Ja alles, was atmet und lebet, bringt Dir, o Du heiliger, liebvollster Vater, in einer namlosesten Freude des göttlichen Lebens ein festliches Opfer gebührendsten Dankes in seiner Art dar.
PSG|2|19|12|0|Nur der Mensch, der unsterbliche Mensch kann da schlafen und ruhen, wo alle Geschöpfe wetteifern die Ersten zu sein, um zu loben Dich, gütigsten Geber lebendiger, süßester Speisen, Dich überall mächtigen Schöpfer, Dich ewig unendlichen Gott!
PSG|2|19|13|0|O so sei denn geliebt und gelobt und gepriesen von mir, dem unsterblichen Geiste, an diesem so heiligen Tage der Erde, am Tage der Ruhe, wie allzeit und ewig, darum Du, o heiliger Vater, so gut und so überaus gnädig mir bist!
PSG|2|19|14|0|O die allerhöchste Ehre sei Dir als dem Vater im Sohne und Deinem allerheiligsten Geiste, da Du mich erschaffen, erlöst und wieder zum ewigen Leben geheiliget hast also gnädigst durch Deine unendliche Güte, Erbarmung und ewige Liebe; ja ewiger Dank und ein ewiges Lob sei Dir, heiliger Vater, dafür von mir sündigem Geiste! Dein heiliger Wille geschehe stets ewiglich, Amen; geheiliget werde Dein Name in uns ewig. Amen.
PSG|2|20|1|1|XX. Psalm. Zu singen dem Herrn am Schlusse des Jahres
PSG|2|20|1|0|Vollendet hat wieder die Erde gar eiligen Fluges den Lauf um die leuchtende Mutter der Tage.
PSG|2|20|2|0|Die Reise ist weit, und gar groß ist der mächtige Kreis, den die Erde, die kreisende Mutter so vieler Gestalten und Wesen, in dreihundert sechzig fünf Tagen durchwandert.
PSG|2|20|3|0|Wohl hätte der Mensch viele Tausend von Jahren zu steigen auch eiligsten Schrittes, bis er vollenden gar möchte einmal die alljährliche Reise der Erde;
PSG|2|20|4|0|doch wie da auch immer die Dauer der Zeit solcher Reise beschaffen sein mag und wie weit auch die kreisige Bahn sich dehne, so ist doch die Folge gewiss und gar sicher, dass nämlich auf jeglicher Bahn ist gesetzt ein endliches Ziel.
PSG|2|20|5|0|Also hat es gemacht aus gar weisesten Gründen der Herr, der allmächtige Schöpfer der Engel und Menschen, der Sonnen und Erden; sie kreisen und bahnen und wirken in ihren gegebenen Sphären. Doch all dem Kreisen und Bahnen und Wirken ist treulich und weislichst gesetzet ein Ziel, hier ein endlich’s und dort gar ein ew’ges.
PSG|2|20|6|0|Vom nichtigen Punkte beginnt die Erde die weithin gedehnte Bahn zu durchkreisen, und endet dieselbe am nämlichen Tage stets wieder.
PSG|2|20|7|0|Also auch der Mensch auf der Erde im Staube den Kreis seines Wirkens beginnt, und endet dann wieder im nichtigen Staube denselben. Die Welten und Sonnen vergehen, wenn ganz sie vollendet einst haben die weitesten Kreise im endlosen Raume, und werden dann wieder atomischer nichtiger Hauch! Und die Menschen, die großen und stolzen, die werden zum Futter der Würmer, und diese dann endlich zur Nahrung des nichtigen Staubes.
PSG|2|20|8|0|Und wer kann es leugnen und sagen: Also ist es nicht! Denn es lehrt ja die stete Erfahrung, dass alles dem nichtigen Punkt oder Staube entsteiget, und endlich stets wieder zu selbem rückkehret.
PSG|2|20|9|0|Und doch mag der Mensch, der gar blinde Bewohner des Staubes, sich höchlichst erheben und tun, als ob er im ewigen Zentrum der ewigen Allmacht und göttlichen Herrschaft sich befände.
PSG|2|20|10|0|Du armer Bewohner des Staubes, gedenk doch am Schlusse der Bahn der Erde, am Schlusse des Jahres, wie all’s mit der staubigen Welt seine endliche Bahn beschließt, und das auf dem Punkte des Nichts, da der herrlichst dir scheinende Flug ward begonnen, so wirst du ersehen dein törichtes Treiben und Jagen im Staube, als Staub nach dem Staube.
PSG|2|20|11|0|Wie töricht wäre doch der, der im schwankenden Nachen noch möchte verweilen, so er in diesem ein Ufer erreichte, und möchte in selbem ein Walten anfangen, als wär er ein mythischer Gott über Wogen und Fluten.
PSG|2|20|12|0|Ist’s anders mit dir, mein hochtrabender, mächtig dich dünkender Bruder? O siehe, mitnichten, du bist nur ein Tor und ärgerlichst blind, drum magst nicht erschauen die nackteste Wahrheit und nimmer begreifen, dass diese sehr schwankende Welt ja doch nichts als ein ebenso schwankender Nachen nur ist; dieser Nachen kann tragen dich staubigen Bruder entweder ans Ufer des Lebens, und ebenso gut an das staubige lockere Ufer des Todes, aus dem du nicht leichtlich erstehen mehr wirst.
PSG|2|20|13|0|O so mache denn einmal ein bleibendes Ende dem staubigen Jagen und Treiben; bedenke, dass Einer nur über dem Staube der Welten frei lebet und herrschet, und Dieser ließ staubig uns werden, damit wir die Ohnmacht des Staubes fürs ewige Leben hier sollten verkosten, um dadurch stets mächtiger Ihm nachzustreben und treten mit unseren Füßen den nichtigen Staub!
PSG|2|20|14|0|Und wann solches du werdest erkennen, so wird dir der nichtige Wechsel der Zeiten kein Wechsel mehr sein, denn du wirst dann erhaben im Geist und der Wahrheit hoch über den dampfenden Trümmern der guten Zeiten dastehen und sagen: Ich habe im schwankenden Nachen das Ufer erreicht, das Ufer des Lebens, und habe gefunden den heiligen Vater voll Lieb’ und Erbarmen. So strebet mir nach, all ihr Brüder; denn hehr ist zu wohnen im Schoße des Vaters!
PSG|2|21|1|1|XXI. Psalm. Zu singen dem Herrn in mannigfacher Drangsal
PSG|2|21|1|0|Es wogen und stürmen die Zeiten; und Brüder, die rüsten sich untereinander zum blutigen Kampfe.
PSG|2|21|2|0|Die Jungfrau ist treulosen Herzens geworden; nicht lieben, nur siegen will sie, und verachten dann alle die leicht zu besiegenden Herzen in weibisch gewordener männlicher Brust.
PSG|2|21|3|0|Und ist sie unter vielen den männlichen Schwänen doch irgend auf ein echt männliches Herz noch geraten, das nicht wie ein Schilf sich vom trüglichen Blicke der Schlange im treulosen Herzen der Jungfrau berücken hat lassen,
PSG|2|21|4|0|da weinet sie bittere Tränen, nicht irgend aus Reue, sondern nur ob des misslungenen Sieges, und dass ihre Macht sich nicht über all’ männliche Herzen arg siegend erstrecket.
PSG|2|21|5|0|O Zeiten, o Menschen und Sitten! Das Weib will mit männlichen Herzen nur spielen.
PSG|2|21|6|0|Der Mann mit dem Weib sich die sinnliche Zeit nur vertreiben; nur sich mag er lieben im Herzen des Weibes und wühlen gleich Schweinen in ihrem zart wallenden Fleische.
PSG|2|21|7|0|Der Herrscher ist nicht mehr zur Leitung und Führung der Völker ein leuchtender Bruder den Brüdern; er ist nur ein Herr allen Brüdern, ein völlig allein nur Rechthaber,
PSG|2|21|8|0|ein stolzer schwertmächtiger Herr ganz allein über Güter und Leben und Tod seiner schmachtenden Brüder.
PSG|2|21|9|0|Der reiche gesetzlich befugte Betrüger von vielen der Brüder genießet Ansehen, Lobpreisung und Ehre, und wird von dem Armen um nichtigen Sold noch auf den Händen getragen.
PSG|2|21|10|0|Der Arme hingegen wird allzeit vom Reichen mit höhnlichst verachtenden Blicken betrachtet und als ein schmarotzig’s Gesinde zur Türe gewiesen. O heiliger Vater im Himmel, wie lang wohl wird solches noch währen?
PSG|2|21|11|0|Wann werden die Berge den Tälern wohl gleichen? Wann werden Kain und Abel sich küssen?
PSG|2|21|12|0|Wann wird wohl die Jungfrau rückkehren zur einfachen heiligen Würde des Engels in Weibesgestaltung, um hehr zu beglücken das lange schon trauernde männliche Herz?
PSG|2|21|13|0|Und wann werden der Herrscher ruhmsücht’ge Begierden, der eiserne Druck ihrer Brüder, die Ketten der Sklaven und zahllose andre Tormente denn enden?
PSG|2|21|14|0|Wann wird der Thronsitzer ein Bruder den Brüdern doch werden? Wann wird er sie lehren und führen und leiten als so ein Erzengel durch weise Gesetze die Brüder zu Dir, o Du heiliger Vater von allen den Menschen auf Erden?
PSG|2|21|15|0|Und wann wird der Priester ablegen die schmähliche Maske voll ehrsüchtigen Scheines und Truges, und seinen Brüdern verkünden das reine lebendige Wort Deines heiligen Geistes, o Vater im Himmel?!
PSG|2|21|16|0|„So hör denn du Geist, im lebendig noch pochenden Herzen! Ich will dir aus Meinem vollgöttlichen Munde nun künden die Antwort der Freude, des Trost’s und der Wahrheit und Liebe aus allen den Himmeln.
PSG|2|21|17|0|O sag Mir, dem Vater der Engel im Himmel und Menschen auf Erden! Wann werden die Kindlein im Hause der Eltern zu zanken und hadern aufhören, so ihnen das Alter und Bildung noch mangelt?
PSG|2|21|18|0|Du sprichst: So da alt und gebildet und weiser und reiner sie werden im Denken, im Tun und im Wollen und aller der Liebe im Herzen der Seele.
PSG|2|21|19|0|Ganz richtig und weise gesprochen; doch siehe, so aber die Erde nichts andres als eine räumige Stube der Kinder nur ist, wenn im ernsteren Sinne genommen, wie kannst du dann fragen, wann’s anders wird werden auf Erden?
PSG|2|21|20|0|Lass reifer und älter nur werden die Kinder in der stets sich schaukelnden Stube für die Embryonen der Engel; und du wirst die klarste Antwort auf deine wehmütige Frage im hellesten Lichte erschauen! Die Kindlein der Wiege sind schreiender ja als die Muntern im Grase des Lebens.“
PSG|2|21|21|0|O heiliger, liebvollster Vater, jetzt ist mir ein mächtiges Licht aufgegangen; nur mit solchen Augen betrachtet lässt sich all das bunte und lose Getriebe der Menschen auf Erden erklärlich betrachten. Darum aber sei Dir, o Vater, all Ehre und Liebe und Dank ewig! Amen.
PSG|2|22|1|1|XXII. Psalm. Zu singen dem Herrn nach einer überstandenen Krankheit des Leibes und der mit ihm gebundenen Seele
PSG|2|22|1|0|Die Krankheit, ein brennendes Feuer im sterblichen Fleische, ja eine gar mächtige Prüfung der leidenden Seele im Glauben, im Hoffen und Lieben, kommt so, wie all himmlische Gaben, vom liebvollsten, heiligen Vater im Himmel,
PSG|2|22|2|0|der mittelst derselben die wandernden Kinder auf dieser sie lehrenden und getreulich prüfenden irdischen Schule des Lebens also, wie mit eigener heiligster Hand, von so manchen noch tödlichen irdischen Schlacken loswaschet,
PSG|2|22|3|0|auf dass dann nach einer, wenn manchmal auch lange andauernden Krankheit, der Mensch von so manchen Stocksünden, wie Golderz durchs Feuer, von Schlacken und Steinen gereiniget werde,
PSG|2|22|4|0|was sonst der Mensch im gesunden Zustande schier niemals erreichen wohl möchte, denn so man gesund ist im Fleische, da merket man nicht, inwieweit etwa wohl schon der tödliche Weltkrebs hat feindlichst durchzogen die Fibern des Lebens,
PSG|2|22|5|0|wie tief in die Wurzeln des innern geistigen Lebens sich dieser all elendste Feind alles Lebens, wie so ein Polyp mit viel Armen und tausend Säugrüsseln schon hat eingegraben.
PSG|2|22|6|0|Allein – da kommt eben der Herr dem zwar fleischlich gesunden, doch geistig hinsiechenden Menschen mit eigner, höchst heiliger, mächtigster Hand treu zur Hilfe, ergreifend, ausreißend das Übel aus all den Stammwurzeln des Lebens; dann merkt erst der klagende Mensch, inwieweit schon der Krebs seine Wurzeln ins innere Leben getrieben.
PSG|2|22|7|0|Denn alle die Stellen dann brennen und jämmerlich schmerzen im fleischlichen Wesen des Menschen, in denen sich früher die tödlichen Wurzeln des Feindes des Lebens befanden.
PSG|2|22|8|0|Doch nimmer wohl achtet der heiligste Vater des Lebens des Fleisches des Menschen, ob dieses da brenne und triefe vom blutigen Schweiße aus Angst und aus Furcht vor dem irdischen Tode;
PSG|2|22|9|0|hat Er nur das Leben des Geistes, der Seele gerettet – was liegt da am Fleische, an dieser gar morschen Bekleidung der Seele des Geistes!
PSG|2|22|10|0|Ist’s recht nach dem heiligsten Willen des Vaters, dann wird’s ja leicht wieder genesen. Und ist es nicht recht nach dem heiligsten, weisesten Willen des heiligsten Meisters des Lebens, so wird es wohl sicher am besten schier sein, dass Er väterlich liebvollst den Krebs samt der morschen und seichten Behausung wegreißet.
PSG|2|22|11|0|So zeigte Er Selbst, der Größte, der heiligste Dulder am Ölberg, als knieend und betend die ewige Liebe im Vater im blutigen Angstschweiß Er bat: „So Du, Vater, Du ewige Liebe, es willst, o so nehme den Kelch Du von mir! Doch nicht mein, sondern allzeit geschehe Dein heiliger Wille.“
PSG|2|22|12|0|Hier zeigte der ewige heilige Meister des Lebens es Selbst, wie wir allzeit am Leben des Fleisches, wenn Leiden dasselbe beschleichen, verhalten uns sollen, wenn’s Leben der Seele, des Geistes erhalten wir wollen.
PSG|2|22|13|0|Ist uns aber so ein hochheiligstes Muster gestellt, da können wir allzeit frohlocken und singen aus unserem kindlich erquicktesten Herzen:
PSG|2|22|14|0|O heiligster, liebvollster Vater der Engel und Menschen, Du ewiger Meister des Lebens, Du gabst uns das Leben; den Leib nur als zeitliche Hülle des Geistes und Werkzeug der Seele.
PSG|2|22|15|0|Du sendest uns Freuden und Leiden nach Deinem Gefallen, nach Deinem allweisesten, heiligsten Willen; also denn geschehe auch allzeit Dein heiligster Wille! Du Selbst hast ja uns gelehret zu leben durch Worte und Taten, und so wollen wir denn auch leben, und allzeit Dich loben und preisen in Freuden und Leiden; denn Du bist ja einzig der Geber von stets guten Gaben. Dir Ehre und Preis ewig! Amen.
PSG|3|1|1|1|Poesie in Prosa
PSG|3|1|1|1|Die Musik
PSG|3|1|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 2. Mai 1840
PSG|3|1|1|0|So ihr wollt wissen, was die Musik ist, so merket, was Ich euch sage, so wird euch klar werden manches, so nicht Musik, sondern „Handlung der reinen Liebe“ ist in sich selbst, ohne der Hinzutat der Weisheit, sondern wie es ist in der Liebe in ihrer Blindheit.
PSG|3|1|2|0|Siehe, ihr habt kein reineres Bild als die Musik, welche besser blinde Liebe heißen sollte, von der reinen Liebe in Mir, welche ist ein Zusammenfluss der sieben Geister der Gottheit, welche sich da vereinen in der gegenseitigen Begegnung ihres steten ruhigen Waltens.
PSG|3|1|3|0|Und diese Begegnung gebieret den Ton siebenfach nach der Beschaffenheit des sich selbst begegnenden Geistes, und der Ton wächst dann von dem Grundton fort und fort durch alle sieben Geister, und so hat dann jeder Geist seinen eigenen Ton nach der Ordnung der euch bekannten Leiter.
PSG|3|1|4|0|Und da aber ein jeder der sieben Geister durchdringt alle sieben, so sind auch alle sieben in jedem einzeln vorhanden und ergießen sich dann alle wieder einträchtig und wohlklingend ineinander, welches dann ist die große Wonne der Gottheit in ihrer Liebe.
PSG|3|1|5|0|Und so ist der Ton dann eine Schwingung, und diese Schwingung durchzittert die Geister, und die Geister erkennen sich, und das Erkennen gibt sich kund nach dem Verhältnisse der Schwingungen, und die Schwingungen werden wahrgenommen in der Liebe gemeinschaftlich, und diese Gemeinschaft ist dann die rechte Harmonie.
PSG|3|1|6|0|Und wenn sodann in dieser großen, reinsten Harmonie die Liebe wonnig erbebet, so strömt dann dieses Erbeben zurück in die Gottheit, und da gibt es dann ein Gedränge, und in diesem Gedränge erwärmen sich die Geister und entzünden sich dann in der Liebe, und dieses Entzünden ist das Licht, und in diesem Lichte werden erkannt die zahllosen Formen, welche entstehen aus den Schwingungen. Nun wisset ihr, was der Ton und die Musik ist, wie sie entsteht, wozu sie und was sie ist.
PSG|3|1|7|0|Und also ist die euch auch gegeben als ein geheimes Zeichen schweren und großen Inhalts, das erst ganz gelöst werden kann in der reinsten Liebe zu Mir; und also sollet ihr sie auch erlernen, betrachten, gebrauchen und genießen in der Darbringung eures allerhöchsten Ruhmes und allertiefsten Dankes zu Mir, daran ja nichts Unreines kleben soll.
PSG|3|1|8|0|Aber wie wird diese Gabe aus dem allerhöchsten aller Himmel von euch gebraucht? O der großen Schande! Ich habe euch gezeigt durch Männer das Reine in Oratorien und Sinfonien, ihr aber übergoldet damit Kot und tretet sie dann gar mit Füßen.
PSG|3|1|9|0|Daher bedenket, was die Musik und wozu sie ist, und entheiliget nicht die Wonne in Mir! Ich, die reinste Liebe in Gott, JEOUA. Amen! Amen! Amen!
PSG|3|2|1|1|Die Perle
PSG|3|2|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 31. Januar 1847
PSG|3|2|1|0|In des Meeres tiefem Grunde, da wo die mächtige Woge erregt von grauser Windsbraut nimmer wühlt im tiefgelegenen Meeressande und wohl leicht nicht trübt den kargen Schimmer, der – ein Strahl der Sonne – noch die feuchte Meerestiefe trifft und des Lichtes letzte Spitzen taucht in Haies Falkenauge, – da ruht ganz still in festgeschlossener Mutter eine hehre Frucht, die edelste der Tiefe, die, herauf ans Sonnenlicht gebracht, der Sonne wird zum Spiegel – und glänzt und pranget gleich mit ihr als Edelste mit der Edelsten.
PSG|3|2|2|0|Da schmückt mit ihr der König seinen Herrscherthron, die Fürstin ihren Arm, Kopf und Hals. Der großen Perle großen Wert weiß selbst ein Salomo genug zu schätzen nicht. Die Edelsteine müssen erst geschliffen werden, sonst zieren sie die Kronen nicht, doch keines Schliffes bedarf die Perle mehr; wie sie der dunkle Meeresgrund gegeben, so ist sie schon die herrlichste Juwele!
PSG|3|2|3|0|O Menschen! Ja, in euch auch ist ein Meer, in seinen Friedenstiefen bergend solchen Schmuck, damit der Himmel Fürsten reichlich schmücken ihre Stirnen, Brust und Lenden!
PSG|3|2|4|0|Kennet ihr Menschen ihn, kennt ihr die Perle, die der Armut Herz im armen Bruder birgt, und die herrlicher und größer sich gestaltet in des Gebers liebend warmem Herzen, das da allezeit Gutes übt im stillen Meeresgrunde seines Liebefriedens und edler wird und hehrer als der Sonne lichterfüllte Sphäre?
PSG|3|2|5|0|O sehet, das ist des Himmels Werden und seine Lichtgestalten in dem tiefsten Lebensgrunde; Mein Gotteswort mit Fleisch bedeckt zwar noch, doch ziemlich wirkend, weil selbst der Himmel über alle Himmel, also Himmel zeugend, schaffend, Licht gebärend aus der Mutter, die da ist die Liebe, Gottesliebe, Bruderliebe, allumfassend, all’s ergreifend, an sich ziehend und in ihrem Adel selbst das Allertiefstgesunkene noch bemühet ist, in Edles zu verkehren, gleichwie die Perle des tiefen Meeres Schlamm in ihren hohen Adel zieht und ihn verkehret in ihr edles Wesen.
PSG|3|2|6|0|Nicht richtet die Perle den Schlamm, den sie verkehret in ihr Wesen durch ihr stilles Wirken, das die Welt nicht sieht und nicht bemerkt, wo doch so viel Edles wird gezeuget, dass die Welt den großen Wert nicht einmal kennt, noch ihn zu schätzen weiß, und es wird da das Edelste und Köstlichste im engsten stillsten Raume gezeugt.
PSG|3|2|7|0|Also auch soll spiegeln sich ein wahrer Mensch in der Perle eigenem Schimmer, der da lieblicher wohl ist als des Orions Feuerpracht, dann wird in sich er finden, was seines Lebens Meerestiefe birgt.
PSG|3|2|8|0|Der Weg ist offen, schlummernd hat der Sturm sich gelegt; wer mag da zaudern noch?! Handelt! Handelt nach dem Worte! Werdet echter Perlen echte Fischer! In eures Herzens Meere der Barmherzigkeit senkt eures Willens Taucherglocke, und spannet eurer Bruderliebe Netz über dem Schlamme der Armut, da werdet ihr einen guten Fang tun. Denn Ich Selbst werde als Perle der Perlen sein unter den Perlen, die ihr in das Brudernetz eurer Liebe gefangen habt; denn wie die Perle in des Meeres stiller Tiefe wird, so werde Ich in eurem Herzen eine Lebensperle, die euch nimmer genommen wird ewig.
PSG|3|2|9|0|Ein Licht ist diese Perle, ein Leben ist sie, ein lebendiges Wort, ein Himmel, Ich Selbst, die Perle der Perlen. Daher gehet und sammelt die Perlen, und so ihr die große findet, da gebet alles her und kaufet euch diese, denn Ich Selbst bin diese große Perle, – wer die hat, der hat alles; denn ihr Wert wird ewig, ewig unschätzbar bleiben!
PSG|3|2|10|0|Also spricht ein Gott von Gott aus Gott, der Mensch ward, um die Menschen zu Göttern zu machen. Werdet also durch die Perle der Perlen selbst zu Perlen; werdet Götter durch Mich, euren Gott und Vater für ewig! Amen! Amen! Amen!
PSG|3|3|1|1|Cherubim und Seraphim
PSG|3|3|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 25. August 1844
PSG|3|3|1|0|Die Cherubim bedeuten und sind der ewige Ausfluss der göttlichen Liebe und die Seraphim sind der ewige Ausfluss der göttlichen Weisheit; das ist der Unterschied. Darum sagte man vor alters: „Dieser ist liebeglühend wie ein Cherub und weise wie ein Seraph.“ Also wird durch „Cherubim“ die göttliche Liebe und durch „Seraphim“ die göttliche Weisheit in ihrem gesamten grundhimmlischen Wirken verstanden. Dein Vater in Jesu.
PSG|3|4|1|1|Ein Vorwort zum Diktat über das Bild des Herrn
PSG|3|4|0|0|Durch Jakob Lorber, Graz, 30. Mai 1840, auf dessen Anfrage wegen W. Maler
PSG|3|4|1|0|Es kann nicht gleich sein, wie du es dir wünschest, sondern der rechte Zeitpunkt ist nur Mir allein wohlbekannt; so Ich an jemanden ein Nebenwort richten will – was gehet es dich an?
PSG|3|4|2|0|Die Zeit dessen ist noch nicht zur vollen Blüte geworden, an den Ich richten möchte ein Nebenwort, daher noch eine kurze Zeit, und bevor Wasser des Lebens aus dem Brunnen Jakobs! Dann klein sein und groß sehen, gut hören und stumm in der Rede sein; dann nicht nur Sonnen zählen, sondern mehr noch das bescheidene Gras der Erde; und nicht nur steigen auf des Mondes Berge, sondern vielmehr sich verweilen in den Tälern der Erde!
PSG|3|4|3|0|Sieh, mit Kindern rede Ich kindlich, mit Männern als Mann, mit Herren als Herr, mit Fürsten als Gott, mit allen Hohen als der Allerhöchste, mit Machthabern als der Mächtigste, mit den Großen als der Unendliche, mit den Sündern als Hirt und Richter. Und so rede Ich mit jedem nach seiner Art als ein unerreichbarer Gott, aber mit dem Mich Liebenden in aller Demut rede Ich als Vater, Mich wie eine Braut zu ihm hinunterlassend von der Höhe aller unermesslichen Höhen, als Allerhöchster in all Meiner unendlichen Fülle.
PSG|3|4|4|0|Daher nur noch eine kurze Zeit, da das Eisen zu Gold wird durch den werktätigen Aufguss des lebendigen Wassers, als Beize des Eisens zum Golde! Amen. Ich, der rechte und allein Wahre, Jesus Jehova Immanuel, Sohn Davids. Amen, Amen, Amen!
PSG|3|4|0|0|Ein vollkommenes Bild als inhaltschwerer Anfangsbuchstabe dieser Werke
PSG|3|4|0|0|Empfangen durch Jakob Lorber am 11. August 1840.
PSG|3|4|5|0|Was den frommen Wunsch betrifft, den schon seit lange hat der Maler, mehr im Kopf als in der Brust und deren Eingeweiden, so sage Ich, dass Mir gar kein Bild, weder aus Farbe, noch weniger aus Holz oder gar aus Metall oder Stein, angenehm ist. Denn sehet, dieses alles ist nichts als eine Materie und somit tot. So ihr Mich aber bildlich darstellet in der Materie, so stellet ihr Mich im Tode dar als ein Wesen ähnlich Meiner Haut-Außenform, das da oft schon ausgezogen hat den Lebendigen aus euren Herzen und hat an dessen Stelle hingeheftet ein totes Bild Meiner Haut.
PSG|3|4|6|0|Daher sollet ihr vielmehr trachten nach dem lebendigen Bilde Meiner Liebe und Meiner Gnade in euren Herzen, als nach dem getreuen Abdruck Meiner Haut! Gleich aber wie euer Leben nicht in der Haut, sondern nur im Herzen wohnet, gleich also geht auch aus Mir alles Leben nicht von Meiner Haut, sondern aus Meiner tiefsten Tiefe in euch über, so wie naturmäßig alles Licht und alle Wärme der Sonne ausgehet aus ihrem Zentrum, da ein kleiner Funke Meiner Gnade und Barmliebe ruhend wohnet. Sehet, das ist die Wahrheit.
PSG|3|4|7|0|So ihr aber dennoch wohl wollet ein Bild Meiner Haut, so will Ich es euch auch geben wie dem israelitischen Volke einen König.
PSG|3|4|8|0|Wehe jedoch denjenigen, die es anzubeten sich unterstehen möchten! Deren Seele wird matt werden, und deren Geist wird Mein Leben schwerlich je mehr finden voll in sich. Das ist aber die Gestalt Meiner Haut, und zwar die des Kopfes, als der Haare, Augen, Nase, des Mundes, der Ohren, des Kinnes und Halses.
PSG|3|4|9|0|Der Kopf sei 10 Zoll hoch ohne die Haare, und 7 Zoll, da er ist am breitsten, ohne die Haare. Die Stirne habe 2/5 der ganzen Länge des Gesichts, und seien dann der Nase 1 1/2 Fünftel und so von der Nase bis zum Ende des Kinnes ebenfalls 1 1/2 Fünftel gegeben. Die Stirne sei eiförmig gebogen, ohne Falten, in der Farbe sehr licht, voll göttlicher Erhabenheit gegen die Haare, die da lichtgoldblond sein sollen. Die Augen sollen sein groß, blau die Iris, und die Pupille sehr schwarz verhältnismäßig zum Blau, die Winkel weiß und rein, die Wimpern frisch, die Brauen stark und dunkelbraun. Die Nase gerade und edel, weich und nicht zu breit, auch nicht zu schmal. Der Mund voll Würde und Anmut, halb offen wie beim Reden eines Liebenden zu seiner Braut, nicht zu schmal, noch zu weit, sondern gerecht, so die obere und so die Unterlippe, weich in den Winkeln und sanft in der Mitte. Ein etwas hervorstehendes Kinn, nicht zu breit, noch zu enge, wohlgeschmückt mit einem etwas dunkler als die Haare gehaltenen Barte, letzterer abgeteilt gerecht in der Mitte des Kinnes. Der Bart soll sich eitel wenig verlieren längs den beiden Kinnladen und soll nicht mehr als 1/5 von der Wange einnehmen. So soll auch der Obermundbart sein gerecht, so dass weder die Lippen noch die beiden Mundwinkel beeinträchtigt werden. Das Ohr aber soll sein genau nach dem Verhältnisse der Nase und solle sein frei von Haaren, welche hinter demselben eine Handbreit sanft gewellt über den Nacken fallen sollen. Der Hals aber sei mittellang, vollkommen, wie der einer Jungfrau.
PSG|3|4|10|0|Der Ausdruck soll darstellen einen Bräutigam voll Liebe im wehmütigen Anblicke seiner ungetreuen Braut, ähnlich dem Abschiednehmenden mit dem liebevollsten Herzen, mit einer Abschiedsträne der so reinen und wahren Liebe, – angetan mit einem himmelblauen, israelitischen, weiten Faltenrocke mit weißen, fingerbreiten Brämen, stehend, barfuß, die rechte Hand ausstreckend nach euch Sündern, gleichsam sagend: „Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und belastet seid, Ich will euch erquicken!“ – und die linke aufs Herz legend, gleichsam sagend: „Kinder, da ist der Weg des Lebens, da ist die Türe zum Vater! Wer nicht da durchgeht, der kommt nicht zum Vater!“
PSG|3|4|11|0|Dieses nun genau beschriebene Bild solle stehen wie auf einem sanften Hügel, hinter dem eine große Glorie aufgeht, zu Meiner rechten und linken Seite sollen sein zwei große Pfeiler, geziert mit zwei feurigen Cherubim. Und in der Mitte der Pfeiler befinde sich eine Gebottafel, getragen von einem Seraph. Von diesen zwei Pfeilern ziehe sich eine starke Mauer fort. Unter dem Hügel in der Ebene sollen dargestellt sein mehrere Menschengruppen, von denen wenige ihre Augen nach Mir wenden, die meisten aber sich abwendend von Mir stehen auf klein zerbrochenen Gebottafeln. Ganz im Winkel zur Linken befindet sich eine Rotte, Leitern an die Mauern legend und selbe erstürmen wollend, während die Leitern viel zu kurz und zu schwach sind, davon mehrere zerbrochene Stücke zeugen sollen. Hinter Meinem Haupte zeigen sich ganz schwach – wie von lichtem Dunst umfangen – Teile der neuen Stadt der Heiligkeit Gottes, die soeben herabzusteigen hat angefangen vor euch.
PSG|3|4|12|0|Sehet, das ist dann ein vollkommenes Bild, wenn es wird, wie Ich es getreu angegeben habe. Aber es wird schwer sein, dasselbe recht zu machen ohne Meine Gnade. Wenn es aber der Maler, der eiserne, will machen aus reiner Liebe zu Mir, dann wird die Gnade nicht unterwegs bleiben und das Bild wird in Erstaunen setzen alle, die es ansehen werden, wenn auch nur aus Vorwitz, und wird zerbrechen manch steinern Herz, da es dann nicht sein wird ein bloßes Bild, sondern als solches ein inhaltschwerer Anfangsbuchstabe des neuen Jerusalems, und als solches auch allein angesehen werden solle! Amen! Ich, Jesus, der wahre Christ voll Liebe und Weisheit! Amen! Amen! Amen!
PSG|3|5|1|1|Winke bei der Mission
PSG|3|5|0|0|Auf eine Anfrage durch J. Lorber, Graz, 25. Mai 1844
PSG|3|5|1|0|O ja, dem, der da dürstet, werde Trank gereicht, aber es gibt auch geistige Saufbolde, denen ist es nicht gut, derlei zu geistige Dinge zu reichen, weil sie dann dumm und oft böse werden wie böse Narren. Zumeist aber sollen die Perlen den Schweinen vorenthalten werden!
PSG|3|5|2|0|Wenn du aber doch jemandem nützen willst, der dir geeignet scheint, so tust du am besten, so du ihm mündliche Berichtigungen erteilest und ihn erst dann etwas lesen lassest oder besser selbst vorlesest, wenn du ihn vollends deines Geistes erkannt hast, denn sonst könnte ihm das Lesen mehr schaden denn nützen!
PSG|3|5|3|0|Predigen aber ist besser als das Lesen, da es besser eindringt und hernach auch eher haften bleibt als etwas Gelesenes. Den Grund wird dir die Erfahrung von allen Zeiten zeigen!
PSG|3|5|4|0|Tue demnach auch du gelegenheitlich danach, und es wird gut und recht sein! Amen.
PSG|3|5|5|0|Das sage Ich dir, der Ich auch geprediget habe in der großen Zeit der Zeiten! Amen! Amen! Amen!
PSG|3|6|1|1|Zweiter Nachtrag zum Engel
PSG|3|6|0|0|Am 17. Juli 1840
PSG|3|6|1|0|Hinsichtlich Meines Engels sage dem aufrichtigen C. L., er kann ja aus Liebe zu Mir mit seiner extrafeinen Welt-Sprachbildung versuchen, Mein großes Lied umzuarbeiten nach seiner Einsicht und nach seinem Urteile.
PSG|3|6|2|0|Und hätte er es nachdem so zum Stande weltlichen Glänzens gebracht, dann möge er sich’s vorlesen und auch euch allen, damit ihr den Unterschied merket und merken sollet.
PSG|3|6|3|0|Ich sage, es wird wohl eurem Kopfe behagen, aber eure Herzen werden kälter werden, je mehr ihr abweichen werdet von der Urschrift.
PSG|3|6|4|0|Denn sehet, die Sachen verhalten sich so: Wenn man spricht zum Ohre, dann ist eine gebildete Sprache nach weltlicher Art ja recht, da das Ohr weltlich ist. So ihr redet zum Auge, so müsset ihr in gutbeleuchteten Bildern reden nach weltlicher Art, da das Auge weltlich ist. Ferner, so ihr redet zu den Füßen, muss eure Rede sein geläufig, um zu heben die weltlichen Füße. Redet ihr zum Gaumen oder Magen, da muss eure Rede süß sein, wenn sie euch behagen solle. Und wenn ihr zum seichten, wasserlosen Herzen eines Mädchens redet, dann muss auch eure Rede sein gleich ihrem Herzen, äußerlich voll Blümchen, innerlich aber voll Unsinns, welche Art euch natürlich nicht viel Mühe kosten wird, denn da heißt es – je dümmer und unsinniger, desto schöner und beliebter!
PSG|3|6|5|0|Allein unter allen diesen Bedingungen habe Ich euch dieses Mein Gedicht nicht gegeben, sondern nur unter der alleinigen Bedingung der Liebe eures Geistes in der Seele und in deren Leibe, aber nicht in deren Exkrementen.
PSG|3|6|6|0|Daher sollet ihr es auch dort erfassen, für wo es euch gegeben ist, und ferne mit eurem Weltverstande sein, der ein wahrer Krebs ist dem Geiste, da er verzehret die Liebe und tötet den Willen. Wie aber das Mark genährt wird aus dem Herzen, so soll auch euer Verstand wachsen aus der Liebe und sein eine gute Frucht aus dem Leben des Stammes, nicht aber wie er ist gleich einer Schmarotzerpflanze an den Ästen des Lebens, dasselbe zu untergraben, zu ersticken und endlich gar zu vernichten.
PSG|3|6|7|0|Das merket euch, ihr Wissbegierigen! Was liegt Mir an aller Wissenschaft und Bildung der Welt! Fraget euch, ob ihr auch nur einen Grashalm damit zuwege bringen möget!? Ja, es liegt sogar an der Weisheit nichts, sondern allein an der Liebe!
PSG|3|6|8|0|Daher liebet Mich – das ist Mein Reich, alles andere wird euch gegeben nach Maßgabe eurer Liebe! Amen!
PSG|3|6|9|0|Ich, die ewige Liebe und Weisheit! Amen, Amen, Amen!
PSG|3|7|1|1|Bemerkungen über das Gedicht „Der Engel“
PSG|3|7|0|0|Am 19. und 20. Juli 1840
PSG|3|7|1|0|1. Vers 6. Z.: Gehört das „so“ nicht auf einen andern Platz? Durch „so“ wird eine Geringfügigkeit einer für euch zwar unbegreiflich großen, doch für einen solchen Engel nur kleinlichen Handlung ausgedrückt. Wohlverstanden!
PSG|3|7|2|0|4. V. 4. Z.: Manen (Geister) oder Mannen (Männer)? Wie kann man da nachfragen? Gibt es denn auch männliche und weibliche Weltkörper? Oder sind denn Geister und Manen dasselbe? Manen aber sind nur bewusstlose Reste von Dingen und Taten, als da sind die Asche und alter Taten Gedenkmäler, denen die rohe Fantasie der Menschen etwas Geisterartiges angedichtet hat. Wohlverstanden!
PSG|3|7|3|0|6. V. 6. Z.: „so möglich wäre“ mangelt der Nominativ. Das heißt doch noch schwach sein! Hätte Ich denn sollen euch ein so’s vormachen? Oder liegt der Nominativ nicht als Sinn im Worte und Satze? Wohlverstanden!
PSG|3|7|4|0|12. V. 1. Z.: 5. Fuß fehlt die kurze Silbe. Ihr zählt die Silben nach den Zeichen, Ich aber nach dem Klange, um jede Härte, den Sinn unbeschadet zu vermeiden; denn eure Sprache ist hart und verunstaltet, wie euer Leben, daher klingt das Himmlische in ihr wie Steine und dürres Holz. Barm, Herrn, Zorn, gern, Stern, fern, und dergleichen mehr gelten bei Mir für – –. Wohlverstanden!
PSG|3|7|5|0|12. V. 4. Z.: Die Kürzung g’rügsten ist sonst nicht zulässig, weil dies in der populären Sprache gebräuchlich ist. Höret! Bei Mir ist aber zwischen der populären und Schulsprache kein Unterschied, sondern nur im Geiste nach dem Grade der Liebe; alles andere ist Asche und Spreu in den Wind. Wohlverstanden!
PSG|3|7|6|0|15. V. 5. Z.: Soll es wirklich heißen „ein Weib gar schön“? Ja, es muss wirklich heißen „ein Weib gar schön“, da ihr Herz wirklich gar schön war, wie das eure noch lange nicht wird, wenn ihr Mich so albern und dumm fraget. Wohlverstanden!
PSG|3|7|7|0|16. V. 1. u. 2. Z.: „Bewegte“ – „streckte“; solche Reime sind sonst unzulässig. Höret! Das geht Mich wenig an und kümmert Meine Weisheit wenig eure Schule voll Unsinns! Der dem Menschen gab eine Zunge zum Reden, wird doch nicht die Menschen um Rat fragen müssen, wie Er reden soll. Wohlverstanden!
PSG|3|7|8|0|17. V. 2. Z.: „Ja zu reden an“, wozu gehört das „an“, da man sagt „anzureden“? Das „an“ ist hier ganz am Rechtungsplatze und gehört erklärend zum „begonnen“ und nicht zum „reden“. Oh, saget nicht, dass ihr Deutsche seid, denn ihr versteht eure Muttersprache nicht. Wohlverstanden!
PSG|3|7|9|0|18. V. 3. Z.: Woher der Dativ „reinstem Wesen“? O ihr Blinden! Daher, weil es so viel heißt, als: Maria merkte an dem reinsten Wesen Meines Triebes. Nun, daher der Dativ, denn konnte wohl die Maria der Elisabeth anmerken, was in ihr selbst vorging? O wie grob dumm! Wohlverstanden!
PSG|3|7|10|0|18. V. 5. Z.: Ist wie in mehreren späteren Zeilen beim Zeitworte „anfangen“ das „an“ ausgelassen? O nein, es ist nicht ausgelassen, sondern es ist nur geflissentlich weggelassen, weil es wirklich der größte Unsinn wäre, wenn es dabei oder irgendwo getrennt stände, da sich eigentlich die Liebe fangen (aber ja nicht anfangen) in der Demut muss, bevor sie lebensrege wird! Denkt doch ein wenig nach und eure Fragen müssen euch ja vorkommen, als wenn ihr lauter Fratzen wäret. Wohlgemerkt!
PSG|3|7|11|0|19. V. 1. Z.: Steht das „vor“ auf der richtigen Stelle? Diese Frage ist doch zu dumm, um darauf eine Antwort zu geben! Ist denn der Herr ein Quartiermacher Seiner Knechte? Wohlverstanden!
PSG|3|7|12|0|20. V.: Sind die Zeilen 2 und 3 ganz richtig? Von Mir aus sind sie richtig, wenn ihr sie aber unrichtig versteht, das ist eure eigene Schuld; beziehet alles gerecht, dann wird auch alles richtig sein. Wohlverstanden!
PSG|3|7|13|0|21. V. 3. u. 4. Z.: Mangelt der Reim. Oho, wieso denn? Ich glaube, der Reim im Herzen steht über dem Reim des Ohres? Ich werde euch bald glauben, statt euch zu durchschauen müssen; „ens“ und „ens“ reimt sich wenigstens bei Mir, und ist männlich – weiblich. Wohlverstanden!
PSG|3|7|14|0|21. V. 6. Z.: Ist nicht „die Sitte“ ein Fügungsfehler? Ist ein Fehler Meines unaufmerksamen Schreibers und muss heißen „der“.
PSG|3|7|15|0|22. V. 4. Z.: Warum ist „Scham“ männlich gebraucht, oder ist es ein Fehler? Fürs Erste, Meine Gestrengen, habe Ich Mir die Freiheit genommen, es männlich zu gebrauchen, da ihr schon sagt, so ein Mädchen reif ist geworden, sie sei mannbar; warum sagt ihr nicht, sie sei weibbar? Da sich das Mädchen vorzüglich nur vor Männern schämt, und vor Weibern nur ihrer Männlichkeit wegen, so ist füglich die Scham das Männliche im Weibe, oder die männliche Kraft im Weibe, die sie darnieder drückt, so sie sich erheben wollte. Wohlverstanden. Beim Manne ist es aber darum weiblich und heißt die Schande. Wohlgemerkt!
PSG|3|7|16|0|23. V. 1. Z.: Ist „gemahnend“ richtig? Allerdings, denn ihr könnt jemanden ermahnen, sich selbst aber ganz richtig nur gemahnen. Wohlverstanden!
PSG|3|7|17|0|24. V. 3. u. 4. Z.: Das beziehende Fürwort „deren“ passt nicht zu dem Nachsatze, welcher beginnt „und ertragen“. Warum denn nicht? Wenn Ich, die höchste Weisheit, fragen darf! Ja, sage Ich, es passt ganz unvergleichlich gut dahier, aber nur die Frage passt ganz schlecht daher. Wenn es sich handelt, die Größe Meiner Gnade zu bestimmen, die bei euch freilich noch nicht gar groß ist, hätte Ich sollen dafür einen Bären hinstellen? Wohlverstanden!
PSG|3|7|18|0|24. V. 5. u. 6. Z.: Mangelt der Reim. Darüber ist schon oben gesagt worden.
PSG|3|7|19|0|27. V. 5. u. 6. Z.: Soll der Reim nicht vielleicht weiblich sein? Nach Meiner Art ist er weiblich, denn eure Schulfuchserei geht Mich nicht an, denn Ich bin die wahre Schule des Lebens. Wohlverstanden!
PSG|3|7|20|0|28. V. 2. Z.: Steht „hinweg“ auf der rechten Stelle? Bei Mir steht alles auf der rechten Stelle, nur bei euch nicht, da ihr die rechte Stelle noch gar nie erkannt habt. Denn Ich lasse da geflissentlich die Verse stockend fließen, wenn irgend von Sünde die Rede ist, um den Vers nicht zu einer Sündflut zu machen. Darum müssen da die –– fast wie –– klingen. Wohlverstanden!
PSG|3|7|21|0|29. V. 2. Z.: Mangelt auf dem letzten Fuße die kurze Silbe. Siehe oben, ist schon gezeigt worden warum.
PSG|3|7|22|0|33. V.: Ist der 4. Vers richtig? Wohin gehört „Lebensfülle“, welches ohne Fügung dazustehen scheint? Das ist der Nominativ, wenn Ich auch gelehrt sprechen darf, da Ich nicht auf eurer Universität die Jure absolviert habe, und heißt so viel als: Die Lebensfülle einer neuen Schöpfung lichtet den Anker Meiner Gnade. Der Satz liegt nicht in eurer Gewohnheit, darum etwas hart, aber richtig, was der Gedankenstrich anzeigt. Wohlverstanden! * S. hat recht verstanden, es ist der Nominativ mit dem Infinitiv.
PSG|3|7|23|0|34. V.: Die 1. Zeile scheint noch im Zusammenhang mit dem 33. Vers? Allerdings – und das sehr rechtlich.
PSG|3|7|24|0|37. V. 3. Z.: Scheint mir nicht richtig gefügt, weil man nicht sagt „ich verlasse ruhn“, sondern: „ich lasse ruhn“, oder soll „ruhn“ mit großem R geschrieben werden? Dahier hat Mein Schreiber aus erwähnter Ursache „ver“ statt des Bindewortes „und“ geschrieben.
PSG|3|7|25|0|37. V. 6. Z.: Ist wieder „fing“, statt „fing an“. Kann man sich anfangen? Wohl aber kann sich der Mensch selbst fangen oder gefangen nehmen. Wohlverstanden!
PSG|3|7|26|0|38. V. 4. Z.: Soll es nicht heißen „zu traben“? So denkt und fragt euch doch einmal selbst, was ihr mit eurer Gewohnheit „zu“ sagen wollt? So man jemand „entgegen“ trabet, warum sollte man ihm denn auch noch „zu“ traben; denn da kann niemand beides zugleich tun, da das eine nur von der Ferne, das andere aber von der Nähe geschehen kann. „Zu“ aber bloß als ein Infinitivpartikel gebrauchen, ist eine angewohnte Narrheit. Wohlverstanden!
PSG|3|7|27|0|38. V. 5. Z.: Ist „er fertigt“ richtig? Warum soll es nicht richtig sein, frage Ich. Wodurch wollt oder könnt ihr denn sonst ein gänzliches Fertigsein von innen nach außen ausdrücken? Ihr Sprachverderber! Wohlverstanden!
PSG|3|7|28|0|39. V. 2. Z.: Ist „warmen“ richtig, da man doch „wärmen“ schreibt? Allerdings, denn je abgeleiteter, desto entfernter von der Wahrheit und von Mir. Wohlverstanden!
PSG|3|7|29|0|43. V. 2. Z.: Ist „in allen Orten“ richtig? Hier sage Ich nichts als Ja. Den in der 3. u. 4. Zeile gegebenen Wink versteh ich auch nicht ganz.
PSG|3|7|0|0|Dass ihr den Wink nicht ganz erfasst, kommt daher, weil euch Meine Armut noch nicht ganz behagt. (2. Korinth. 8, 9) Dann fragt sich, ob das Wort „so“ in der 5. Z. richtig sei. „So“ aber heißt: Auf diese Weise. Wohlverstanden!
PSG|3|7|30|0|45. V. 3. Z.: Darf in „übergroß’s“ das ’s nicht wegbleiben? Ja, es darf nicht nur, sondern es muss dabeistehen, weil Ich es habe hinsetzen lassen der 4. Endung wegen. Ist 4. Z. „allergrößtes“ richtig? Allergrößtes ist richtig, weil Ich dadurch das Böse im Irrtum will verstanden haben. Ihr habt es freilich nicht verstanden, da ihr noch in gar großen Irrtümern stecket. Wohlverstanden!
PSG|3|7|31|0|47. V. 5. Z.: Mangelt „zu“ (finden)? Darüber habe Ich Mich deutlich genug ausgesprochen.
PSG|3|7|32|0|49. V. 1. Z.: Mangelt die kurze Silbe auf dem 6. Fuße. Siehe oben.
PSG|3|7|33|0|51. V. 1. Z.: Mangelt wieder die kurze Silbe auf dem letzten Fuße, und in der 2. Z. auf dem 3. Fuße. Sind die Zeilen 3 und 4 richtig, da es doch heißen sollte: „hätte es ihm fehlgeschlagen, so würde – verfolgt haben“. Über die kurze Silbe habe Ich schon oben gesagt. Alle übrigen Bemerkungen sind eben durch ein kleines Misstrauen auf die Echtheit dieses Meines Wortes entstanden. Ihr kennt 5 Arten und 5 Zeiten der Zeugeworte, oder schlecht: „Zeitworte“. Ich aber kenne noch eine bedingende Art. Muss Ich euch um Erlaubnis bitten, um diese gebrauchen zu dürfen? Daher lernet es von Mir, wollt ihr leben. Wohlverstanden.
PSG|3|7|34|0|52. V. 4. Z.: Ist „all’s“ richtig, da eine solche Elision sonst unzulässig ist? Ebenso ist es mit den beiden Elisionen der 6. Zeile. Bei Mir allerdings; jedoch muss Ich euch schon wirklich um Verzeihung bitten, dass Ich Mir als Herr und Schöpfer der Unendlichkeit die dreiste Freiheit genommen habe, wider eure unsinnige Schulweisheit zu handeln! Sind solche Elisionen auch bei euch nicht üblich, so gehen sie doch bei Mir gar wohl an. Ich werde euch schon noch in der Zukunft auch um die Erlaubnis fragen, wo vielleicht nicht gar bitten müssen, wann Ich die Sonne hell auf- und niedergehen lasse! Wohlverstanden!
PSG|3|7|35|0|54. V. 4. Z.: Ist „ihr“ und „Diebe“ richtig? „Ihr“ und „Diebe“ sind ganz richtig, denn „ihr“ bezieht sich auf Liebe; „Diebe“ aber bezeichnen die individuelle Wesenheit eurer bösen Triebe, der es noch gar viele in euch gibt.
PSG|3|7|36|0|54. V. 6. Z.: Wohin bezieht sich „Kette“ zunächst? „Kette“ drückt hier die Verwandtheit in der Bosheit der Teufel aus und bezieht sich auf eines, wie aufs andere. Wohlverstanden!
PSG|3|7|37|0|55. V. 6. Z.: Ist „anregen“ richtig? Bei Mir ja, weil durch jede Nennung Meines göttlichen Namens Meine Heiligkeit angeregt wird, daher nun kein finsterer Geist im Stande ist, Meinen Namen auszusprechen. Wohlverstanden!
PSG|3|7|38|0|57. V. 4. Z.: Gehört „Stell’ und Ort“ zu verloren oder versammeln? Versammeln hat auch 2 Nominative „alles“ und die „Schafe“; sind vielleicht die Unterscheidungszeichen unrichtig? Ist ein Fehler Meines Knechtes als Schreiber, und muss heißen: So werd Ich alles, was verloren war, an Stell’ und Ort versammeln unter einem Dach die Schafe Meiner Herde. Wohlgemerkt!
PSG|3|7|39|0|59. V. 3. Z.: Ist die Elision Will’n richtig? Sonst nichts als Ja. Wohlverstanden, wie oben.
PSG|3|7|40|0|59. V. 5. Z.: „Müd’“ wird bei abstrakten Gegenständen gewöhnlich mit dem Genitiv gefügt. Ist schon da der Genitiv; denn die Sünden ermüden Mich nicht, sondern die sündigenden Würmer. Der Ablativ zeigt hier nur die Ursache des Müdewerdens an den Würmern, bei euch freilich etwas ungewohnt, da ihr nicht gerne Schuldner seid. Wohlverstanden.
PSG|3|7|41|0|60. V. 4. Z.: „Anfange“ ist eigentlich gegen die Scansion. Wenn von Sünden die Rede ist, wie oben wohl gemerkt. Warum hat L. dasselbe nicht auch in dem 59. V. 4. Z. bemerkt? Wohlverstanden; wo immer von Sünden geredet wird, ist gleiche Regel.
PSG|3|7|42|0|62. V. 2. Z.: Ist „endlos“ und „Allen“ richtig? Das ist der Macht wegen ungeändert, da alles Endlose keine Endung hat und haben kann, besonders wenn Ich als Richter rede. Das merket und unterscheidet wohl!
PSG|3|7|43|0|62. V. 3. Z.: „ew’ge Zornfluten“ mangelt inzwischen die kurze Silbe. Wie oben.
PSG|3|7|44|0|66. V. 5. Z.: Geht eigentlich „ihr“ ab, auch ist die Elision „werd’t“ nicht gebräuchlich. Was den versteckten Nominativ und die Elision betrifft: wie oben.
PSG|3|7|45|0|67. V. 6. Z.: Ist „kahlen“ richtig und sind alle Endsilben der Zeile richtig? O ja, da ein guter Taten loses Leben wirklich kahl ist, wie ein Schädel ohne Haare, da ein Strom die Taten bezeichnet. Nur statt „in“ kann „im“ sein, des Dativs wegen; wohlgemerkt aber besser „in“ vor dem Genitiv.
PSG|3|7|46|0|68. V. 3. Z.: Worauf bezieht sich „seines Irrsals“ und im 4. V. das „er“? Zunächst auf eure Dummheit und dann erst auf wer des 67. V. 5. Z., so auch das „er“. Recht sehr wohl verstanden und gemerket!
PSG|3|7|47|0|72. V. 1. Z.: Mangelt der Nominativ. Ist schon oben gesagt worden, aber hier unnütze. Wohlverstanden!
PSG|3|7|48|0|Da habt ihr nun alles und fraget nicht weiter, sondern erkennet den Unverstand eures Herzens. Und bekrittelt in der Zukunft ja nicht mehr Meine so übergroße Gnade zu euch in Meiner unbegrenzten Liebe; sonst werdet ihr Meine Geduld brechen und euch dadurch einen großen Schaden zufügen.
PSG|3|7|49|0|Versteht ihr etwas nicht, dann fraget Mich in der Liebe und Demut, und Ich werde es euch sagen und erklären; aber mit der Weltkritik bleibet Mir in der Zukunft ferne, und mit der Liebe nahe, sonst werde Ich euch Meinen Donner vernehmen lassen. Amen. Das sage Ich, euer liebevollster, heiliger Vater. Amen, Amen, Amen.
PA|0|0|0|1|Die große Zeit der Zeiten, darunter begriffen wird die Erlösung als das größte Werk Gottes.
PA|0|0|0|1|Vorleitung (12. Mai 1848)
PA|0|0|0|0|Also sprach und spricht der Geist Gottes durch den erweckten Geist eines Menschen zu den Menschen, die eines guten Herzens und Willens sind, durch ein schlichtes Lied, dessen Name es nur zu klar zeigt, wie so ganz eigentlich es für diese Zeit gegeben ward. – Daher säume nun niemand es zu lesen und in sich aufzunehmen, denn es ist kein Werk eines menschlichen, sondern eines göttlichen Geistes durch den menschlichen.
PA|0|0|0|0|Dieser göttliche Geist aber sprach und spricht also:
PA|0|0|0|1|Einleitung (29. März 1841)
PA|0|0|0|0|Es soll aber dieses große Lied heißen „Die große Zeit der Zeiten“, welche da ist eine Zeit der Erlösung; darum wird aber auch dieses große Lied gegeben, auf dass ein jeder, so er sich darinnen werktätig als in der Quintessenz Meiner Liebe findet, der Erlösung in sich alsobald teilhaftig wird, d. h., es wird ihm eine neue Frucht gegeben werden, und er wird dieser neuen Frucht leben fürder und ewiglich. Daher solle niemand an diesem Liede etwas ändern, sondern da es ihm unverständlich scheinen wird, soll er eingehen in seine Demut, so wird er die lebendige Frucht finden.
PA|0|0|0|0|Wie es aber ist bei einem Baume, da gerade da, wo die Rinde am unebensten wird, eine befruchtende Knospe hervorbricht, also wird es auch sein dahier.
PA|0|0|0|0|Daher wohl dem, der sich an manchen Unebenheiten nicht stoßen wird; denn er wird darinnen finden, das er noch nie geahnet hat, d. h. er wird finden die lebendige Frucht aus der großen Zeit der Zeiten, oder den freien Anteil an der Erlösung zur wahren Wiedergeburt, und es wird an ihm offenbar werden, dass er den Tod nicht schmecken und sehen wird ewig. Amen.
PA|0|0|0|1|Die größte Tat
PA|0|0|1|0|Was meint ihr kleinen Völker auf der Erde fernen Zonen / und ihr Geschlechter alle, die ihr seid, um Sterne zu bewohnen? / Was meint ihr Erden, Mond’, und all ihr großen Sonnen, / und ihr auch, die ihr über allen Sonnen pflegt zu thronen? / Die welche aus der Gottheit zahllos größten Liebetaten / als allergrößte sich im treuen Herzen möcht verraten? / O ratet nicht auf die Unendlichkeit, erfüllt von ihren Werken, / obschon der Größe nicht einmal die größten Engel merken! / Auch ratet nicht auf der Atome Zahl in all den Räumen / und wie unendlich viel im Endlosen da möchten säumen.
PA|0|0|2|0|O ratet nicht auf zahllos Milliarden Hülsengloben, / in deren jeder Milliarden Sonnen sind geschoben, / o ratet nicht auf jene Zahl von großen Geister-Heeren – / und lasst euch selbst von Engelsgrößen nicht zu leicht betören, / obschon nun eines Engels Auge spottet allen Globen, / denn Größres fasst des Wimper schon, als all die Welten loben! / O denket nicht, wie viel in einer Stund sich Leben mehren / in all’n endlosen Räumen, ja in allen Äthers Meeren. / O denket, dass in allen diesen nicht wird zu erraten / da sein der ew’gen Liebe größte aller größten Taten.
PA|0|0|3|0|Ihr möget raten hin und her und auf und ab gleich Blitzen / und eure Phantasie in aller Sonnenglut erhitzen – / und tun dergleichen fort und fort durch alle Ewigkeiten, / des ungeacht’t werd’t ihr der Wahrheit Spur nicht näher schreiten; / wohl aber euch entfernen mehr von ihr zu Trillionen / und werd’t verlieren noch, da ihr zu zählen habt begonnen. / Daher auch suchet nimmer ihr in all den Schöpfungsräumen, / ihr werd’t nicht finden, wo der Liebe Größtes pflegt zu keimen. / Es deckt der kleine Finger aber an das Aug’ gehalten / schon mehr, als du in allen Ewigkeiten möchtst entfalten.
PA|0|0|4|0|Und bin Ich auch unendlich schon in einer Milbe Leben / und größer noch in jenen Punkten, die in Räumen schweben, / von da ihr Licht zu euch durch ungemessne Fernen blitzet, / wenn euch der Nächte Dunkel mild vor grell’ren Strahlen schützet. / Und möcht’t ihr alle die Unendlichkeiten ängstlich treu summieren / und wie am Staube, so an Sonnen Meine Größ’ probieren; / wie schon gesagt, es würd’ euch dieses alles wenig nützen / und möcht’t ihr euch in Milliarden Tropfen auch zerschwitzen. / Nur eines ist, auf das ihr alle gar getreu sollt merken, / und dieses ist: Den Größten schaun in Seinen kleinsten Werken!
PA|0|0|5|0|Was meinst du treuer Forscher in der Gottheit Wunderhallen, / das welche Wunder ist das größte wohl in allen? / Du sagst: „Das Licht ist wohl das größte, das ein Aug’ mag schauen, / denn ohne Licht wär’s eine Torheit, eine Welt zu bauen!“ / So übel war, du Forscher, deine Antwort wohl mitnichten; / denn nur im Lichte pflegt der Große alle Werk’ zu richten. / Doch wenn das Licht du möchtest als der Wunder größtes preisen / und so der Wirkung statt dem Grunde deine Treu erweisen, / wär das nicht so, als wenn da jemand ernstlich möchte sagen: / Der Tag ist größer denn die Nacht, gemacht das Licht zu tragen.
PA|0|0|6|0|O wahrlich, nicht das Licht ist es, das unter allen Taten / als aller Wunder größtes sich in Meiner Größe möcht beraten; / denn wär im Lichte wohl zu finden Meiner Taten größte, / auf dass sie dir daselbst der Knoten allverworrnsten löste, / so wär der kleinste Funke, der dem Lichte ist entsprossen, / als Licht dem großen Lichte gleich, das allorts ausgegossen / ist über Sonnen, Welten und in allen freien Räumen, / in welchen erst zu neuen Sonnen große Samen keimen. / O sieh, wie arg du treuer Forscher so dich hast gefangen! / Daher du sollest richten nach was andrem dein Verlangen.
PA|0|0|7|0|Was meinst du trauter Späher, wühlend in der Sterne Bahnen, / was dünkt als Größtes dir, daran dich deine Sterne mahnen? / Du sagst: „Der Raum ist es, in dem sich alle Größen messen, / in dem am End’ doch aller Größen größte wird vergessen.“ / Auch du hast übel nicht, Ich sag es dir, das Ding beraten, / denn in dem Raum sind ja vollbracht von Mir die größten Taten; / ja ohne Raum möcht niemand auch nur eine Milb’ erschaffen, / nicht einmal ein gar kleinstes Atom von der Stelle schaffen. / Doch wenn den Raum du als das Allergrößte magst bekennen, / mit welchem Namen wirst du denn die Ewigkeit belehnen?
PA|0|0|8|0|O sieh, wie gröblich wieder du an Mir dich hast betrogen, –/ nicht Mich, nicht andre, höre! – dich nur hast du angelogen! / Denn wär der Raum das Größte, wie du irrig pflegst zu meinen, / o siehe, alle Engel würden solche Größ’ beweinen! / Sie würden sagen: Wo zwei gleiche Größen sich aufwiegen, / wie soll da eine wohl der andren weichend unterliegen? / Denn wo der Tatengrößen sich als Größte soll bekunden, / da wird von Raum und Zeit und Licht fürwahr nicht viel empfunden; / denn außer Raum und Zeit gestellt ist schon des Geistes Leben, / wie soll denn der besiegte Raum dir das Bedungene geben?!
PA|0|0|9|0|Was möchtst du heller Seher Mir als Größtes denn besingen / und so als hoher Fragen Preis die Weisheit dir erringen? / Doch merk, nur eines darfst aus deiner Kammer du Mir nennen; / denn zwei kann niemand je als eine Größe gar bekennen! / Du sagst: „Es ist ja die Unendlichkeit!“ – Ich bin zufrieden, / denn Größres mag dein Mund wohl nennen nicht im Raum hienieden. / Und wahr ist es, es wieget die Unendlichkeit die Größen / sowohl in Zeit und Raum, und alles wird nach ihr bemessen. / Doch eines hätten wir, Mein heller Seher, bald vergessen! / Wornach die Fruchtbarkeit der Infusorien wird gemessen?!
PA|0|0|10|0|Spricht denn Endloses sich in Zeit und Raum nur aus hienieden? / Was ist denn jeder Teilung dann hernach für Los beschieden? / Und findst Endloses du bei eines Stäubchens Teilung walten / und siehst, dass solches eigen ist den niedrigsten Gestalten, / wie mochtst du wohl erwähnet haben, das nicht löst die Frage, / in welcher Ich für dich und alle Kinder Liebe trage! / Und wär Unendlichkeit das Größte, was du Mir magst nennen, / o sieh, was möcht Mich dann, wie dich, vom losen Staube trennen? / Und möcht ein Ding so klein und kleiner als ein Punkt dir scheinen, / Unendlichkeit ist’s innen, glaub, sonst wirst dein Irr’ beweinen.
PA|0|0|11|0|O sieh, was zahllos Dingen ist zu gleichen Graden eigen, / wie könnt in solchem sich denn Meine größte Größe zeigen, / wo eines vor dem andren nicht hat ein Atom zuguten, / wie wär darinnen Meiner Taten größte zu vermuten!? / Ist denn ein Unterschied von einer Welt zu einer Milbe? / O sag ein endlos Mehr aus beiden Mir in einer Silbe! / Und kannst du solches nicht zur Stell gar leicht zuwege bringen, / Ich sag, wirst leichtlich nicht zur Lösung Meiner Frage dringen. / Denn wahrlich, im Endlosen ist das Größte nicht begraben, / daher wirst du schon müssen an was andrem dich erlaben.
PA|0|0|12|0|Und du, Mein lieber Priester, stehend auf des Lebens Stufen, / zu lehren vom Katheder Weisheit allem Volk berufen, / was möchtst in deiner Lehr’ von Mir als Größtes du erfassen / und solches treulich künden dann der Kreatur auf allen Straßen? / Doch nimm, Ich sage dir, bei aller Treu dich wohl zusammen / und nenn Mir nicht den Frühern gleich den nächsten schlechten Namen; / denn sieh, Mein Priester, Tiefres kannst und sollst du Mir verkünden / denn all die Frühern. Schande dir, kannst du das nicht entbinden, / darinnen du als Größten Mich dem Volke möchtst besingen. / Nun sage denn, das klug dir deucht, ohn etwas zu erzwingen!
PA|0|0|13|0|Nun gut, Ich hab vernommen deines Mundes treue Kunde. / Du hast wohl überdacht in Treue „Meines Herzens Wunde“; / Ich bin zufrieden, hast das Größte du auch nicht getroffen, / so kannst du aber doch in deiner Antwort Größres hoffen. / Doch sieh, in Meiner Seitenwunde liegt nicht viel zu Grunde, / als Tat von Mir zu künden sei wohl ferne deinem Munde. / Wie möcht sich ein Erschlagner denn wohl seiner Wunden rühmen? / O solcher Ruhm möcht sich im Herzen wie ein Wurm nur krümmen; / wenn Mir der Schergen einer hat das treue Herz durchstoßen, / o sag, hab solches Ich getan, hab Ich Mein Blut vergossen?
PA|0|0|14|0|O sieh, Mein lieber Priester, kannst du solches Mir ansinnen / als eigne größte aller Taten, das ein Scherge konnt beginnen, / und dann gar zeugen noch von Mir in aller Erde Zonen / und sagen, dass die solches Glaubens werden bei Mir wohnen? / Ist denn das eigne Tat, so jemand wird erhängt am Galgen? / O wahrlich, sieh, nach solcher Taten Ruhm gar neidig balgen / wird niemand sich; wie magst du solches denn von Mir verkünden / und als der Gottheit Taten größte noch dazu entbinden?! / Weißt du den Unterschied denn nicht von Tat und bittrem Leiden? / Du tuest besser, still zu sein, magst solches nicht entscheiden.
PA|0|0|15|0|Doch weil du näher denn die andern bist der Spur gekommen, / so werde dir den andern gleich nicht aller Mut benommen; / Ich will dir zeigen denn, was dich noch hält in Irr’ gefangen, / es soll dir aber nicht vor Meiner großen Treue bangen! / Du hast das Mittel statt den Zweck allein nur auserkoren / und hast dadurch auf eine Zeit die größte Tat verloren; / nun denke so dem Zwecke nach und lass das Mittel laufen – / und wirst dann bald erfahren, wie Ich pfleg mit Geist zu taufen. / Und wann du selbsten wirst von Meinem Geist getaufet werden, / da wirst denn bald ersehen doch der Liebe Größ’ auf Erden!
PA|0|0|16|0|Du frommer Dulder, siehe her, dir liegt der Preis vor Augen! / Sag du Mir auch etwas, das möcht für Meine Größe taugen; / was ist’s aus Meiner Taten Fülle, das zumeist dir dünket, / vor dem die größte Großtat rein ins Nichts hinuntersinket? / Denn sieh, du hast gut raten, da von dir Ich nicht verlange, / wie von den erst’ren Weisen; rede und sei des nicht bange, / ob du Mir recht, ob nicht die beste Antwort werdest finden. / Fürwahr, ob so, ob so sich finden wird in deinem Künden, / dein Heil, Ich sage dir, wirst darum nimmermehr verlieren / und möchtest du in deiner Antwort noch so weit dich irren.
PA|0|0|17|0|Recht gut, Mein frommer Dulder, ist die Antwort ausgefallen! / Fürwahr, es liegt in deiner Silbe Größres denn in allen / erdachten Größen, ausgesprochen von den frühern Weisen, / obschon sie ihre Worte schöpften aus so edlen Kreisen; / denn ist „das Kreuz“ auch für sich nur als kleines Ding zu schauen, / so kann man aber doch gar Großes auf dasselbe bauen. / Es war darum auf selbem auch vollbracht zu großen Teilen, / dadurch so viele Kranke könnten ihre Übel heilen! / Und so war auch darauf fürwahr die größte Tat vollzogen; / doch diese Tat wird nimmer durch das Kreuz nur aufgewogen.
PA|0|0|18|0|Denn wär die Kreuzigung die größte aller Meiner Taten, / so hätt’ Ich, um Mich so des Selbstmords schuldig zu verraten, / doch selbsten solches Schauderwerk an Mir vollziehen müssen! / O wahrlich, solches würde Meinen Ruhm nicht sehr versüßen. / So aber jemand zu dem Tode ist verdammet worden / und dann gekreuzigt von der Juden schlechter Schergen Horden – / o sage, hat denn der auch eine große Tat vollzogen, / so ihn der Freimann an den bittren Galgen hat gezogen? / O sieh, wie irr auch du von Mir die größte Tat befunden! / Doch dulde nur, du wirst das Wahre bald in dir erkunden.
PA|0|0|19|0|Und du Mein stiller Wandrer auf den Wegen Meiner Gnade, / was hältst denn du fürs Größte wohl in Meiner Taten Lade? / Dir soll’s bei deinem Gnadenlicht fürwahr so schwer nicht werden, / zu künden Meine größte Tat dem Volke auf der Erden; / denn wer wie du mit Recht in Meiner Gnade sich kann freuen, / den soll des rechten Urteils wahrlich nimmermehr gereuen. / Was zauderst denn, du gnaderfüllter Wandrer Meiner Wege, / ist’s billig nicht, wenn reine Wahrheit Ich in dir nur hege? / So gebe denn, was du auf Meinen Wegen hast gefunden – / die größte Tat, Ich sage dir, hier Mir gar hell zu Kunden!
PA|0|0|20|0|Nun sieh, Ich wusst es ja, du wirst das Ziel nicht weit verfehlen, / warum sollst du, mit Licht erfüllt, Mir denn so was verhehlen? / Gewiss und wahr, du hast den Nagel auf den Kopf getroffen – / in der „Erlösung“ magst du wohl der Größen größte hoffen; / doch frage dich, was ist’s, was du Erlösung magst benennen? / Nichts andres denn die Kreuzigung, die alle Gläub’gen kennen. / So aber du, wie andre, auch darin das Größte findest / und Mir auf diese Art den größten Irrtum treu verkündest – / fürwahr, da kann auf dieser Erd’ Ich nicht gar viel mehr fragen, / will Ich für euch das schwere Kreuz nicht noch einmal ertragen!
PA|0|0|21|0|O sieh, du lichtbegabter Wandrer auf des Heiles Wegen, / wie magst du Meine größte Tat denn gar so schlecht erwägen? / Wär es also, wie du vor Mir hast fälschlich ausgesprochen, / o sieh, desgleichen haben Meine Jünger auch gerochen – / und wär da Unterschieds wohl zwischen Mir gar viel und ihnen? / Gewiss, auf diese Art würd’ Ich nicht viel des Ruhms gewinnen! / Daher Mein lichtbegabter Wandrer magst wohl Bessres raten; / denn das du sagst, gehöret wahrlich nicht zu jenen Taten, / aus denen du die größte Mir gar treu hätt’st sollen künden / und so dein Gnadenlicht lebendig dieser dann verbinden.
PA|0|0|22|0|Was meinst denn du, voll Lieb’ zu Mir in deinem treuen Herzen, / da du schon oft erprobet hast der Liebetaten Schmerzen, / was wohl das Größte ist, das Ich für dich hab treu verrichtet / und so des Todes Anker hin zum Leben hab gelichtet? / O scheu dich nicht zu sagen, was als Bestes du gefunden, / du darfst nichts fürchten; denn du bist mit Meiner Lieb’ umwunden! / Und mögst auch du das Größte wahrlich Mir nicht voll erweisen, / so wirst deshalb du doch an Meinem Kindertische speisen; / daher versuche nur getrost auch etwas kund zu geben, / denn dich werd Ich am ersten deines Irrtums überheben.
PA|0|0|23|0|Nun sieh, fürwahr aus allen hast am besten du geraten, / obschon auch du die größte Tat nicht mochtest ganz erraten: / In Meiner Liebe ist das Allergrößte wohl verborgen, / denn solches kündet dir der neu in dir erwachte Morgen, – / doch sieh in Meiner Weisheit hellsten heil’gen Lichtes Strahlen, / wie sich die Lieb’ nur pflegt als heil’ger Taten Grund zu malen – / und wahrlich, nur zu bald, zu leicht und klar wirst du’s begreifen, / wie knapp dein Urteil, Lieber, mag an reinste Wahrheit streifen! / Doch musst die Liebe selbst als eine Tat dir nicht erwählen, / wohl aber dich mit ihr als reinstem Tatengrund vermählen!
PA|0|0|24|0|Und hast du solches dann nach Meinem Rat an dir vollführet, / o sieh, du hast denn auch den wahren Grund schon voll berühret. / O säume nicht, du treue Liebe, Meinem Rat zu trauen, / denn dieses Größte wirst du bald in dir gar hehr erschauen; / und denke, bei dem Fleiße aller deiner Liebetaten / wird sich der Liebe größte Tat von selbst gar bald verraten. / Denn was den Weisen dieser Welt ist übertief verborgen, / das zeigt dem Kinde jeder heitre neu erwachte Morgen; / daher auch achte du des Morgens, der dir aufgegangen, / fürwahr, darin wird Stillung dir für jegliches Verlangen!
PA|0|0|25|0|Und du Mein kleines Volk auf dieser mag’ren finstren Erde! / Was meinst denn du in deiner Not und großer Leidbeschwerde, / was sich denn wohl als Taten-Größtes dir an Mir möcht zeigen? / Denn hör, des Volkes Wort muss göttlich sich zur Wahrheit neigen! / Und wüssten Einzelne Mir solches nicht getreu zu künden, / so müssten alle doch, fürwahr, die Wahrheit treulich finden! / Doch sieh, das Volk, es zaudert, mag nach Meiner Tat nicht raten, / wer wird’s dann raten, so die Völker stumm darob ermatten? / Der eine dies, der andre das, was sind denn das für Gaben? / Ich sehe schon, im Volke ist die Wahrheit nicht begraben!
PA|0|0|26|0|Ich sehe schon, bei all den Menschen wird sich’s wohl nicht finden, / darum will Ich die Erde nun zur Lösung denn verbinden! / So sag du düstrer Kerker, sag du Grab von all den Toten, / was sah dein weites Meeres-Aug’ und dessen feuchte Boten, / und was vernahmst wohl du in deine weit geklafften Ohren, / die da nicht selten tief und weit in deine Gräber bohren? / O donnre du aus deinen überweiten Feuerschlünden! / Ob du nicht magst der Taten größte bebend Mir ergründen? / Dass deine läst’gen Gäste darob alle zittern sollen, / da sie Mir auf die Frage keine Antwort geben wollen!
PA|0|0|27|0|Auch du in allen deinen Meeren, Feuerschlünden, Klüften / bist still wie eine Maus auf ihres Feindes wohlbekannten Triften; / du faule Trägerin von einer Unzahl höchster Gräuel, / auch du magst lösen nicht als Zeugin Meiner Liebe Knäuel?! / So fahr denn hin zufrieden über deine finstren Bahnen, / so schnell du magst, aus Meinem Aug’ und Licht von dannen! / Denn wenn dein weites Aug’ und vielfachs Ohr nichts mocht erspähen, / um was sich Meiner Taten größte allzeit pflegt zu drehen, / da bist du Erde selbst in alle Sünden übergangen / und schwer wirst sagen je: Ein Licht ist neu mir aufgegangen!
PA|0|0|28|0|Du weinest – blasse Sündenmutter – über Meinen Eifer! / O weine nur, doch werd in deiner Fassung mürb und reifer, / zu zeugen dann von Mir, wenn solches Ich von dir entbitte, / nicht starrend taub im trotz’gen Schein auf deinem Kreisgebiete! / Weißt du zu reden nicht von Meiner Tatengröß’ hienieden, / bekenn die Nacht in dir, und sieh, Ich werd damit zufrieden! / Doch stumm Mich lassen lang genug auf eine Antwort harren, / darum möcht lassen Ich sobald dein wogend Aug’ erstarren; / und wenn du fernerhin Mir keine Antwort mögst erfinden, / so magst doch deine Dummheit treu ergeben Mir entbinden!
PA|0|0|29|0|Da Mich der Staub, die Erd’ genannt, nicht recht scheints hat verstanden, / so wend Ich Mich zu dir, du Sonn’, gelöst von deinen Banden; – / du große lichtumflossne Weltenfackel magst Mir sagen, / die größte Tat von Mir vollzogen ward in welchen Tagen? / Denn du, so vieler Erden Tagesmutter in den Kreisen, / wirst leichtlich doch an dir der Tage größten Mir erweisen! / Denn als Ich wandelte dir treu zur Kunde auf der Erde / und trug als Mensch auf selber treulich jegliche Beschwerde, / da warst du Zeuge ja von allen Meinen großen Werken, / selbst Meinen Tod hast du beweint und konntst den Tag dir merken!
PA|0|0|30|0|Nun sieh, du starrer Erdenweiser, hin zu Meiner Sonne / und horch der großen lichtbegabter Erden Tages Krone, / wie sie aus allen ihren zehen Erden weiten Schlünden / ihr Licht beginnt zu treiben, um dadurch Mir zu verkünden, / wenn auch die Tatengröße nicht, doch jene Zeit der Zeiten, / in welcher – höre! – alle Toten um das Leben freiten. / Auch lerne Achtung, du bestaubtes Nichts! – aus lichten Tiefen, / mit [Mir] zu reden aus der Demut, nicht in Hochmuts-Kniffen; / denn wenn die große Mutter bessrer Kinder vor Mir bebet, / was ist es dann, das dich, du Nichts! in deinem Stolz belebet?
PA|0|0|31|0|Nun hör! Sie spricht in ehrfurchtsvoll gemessnen schönen Tönen, / die wie ein Globen-Sphärensang zu Meinem Ohr sich dehnen! / Vernimm die großen Worte, die aus fernen Tiefen hallen, / hör! wie die großen Welten gleichwie Kindlein lallen; / denn diese klein Belebten wissen, Wer da fragt nach Taten; / nur ihr, die Meine Kinder seid, konnt’t unter Mir ermatten! / Die Sonne spricht: „O großer Gott und Schöpfer überheilig! / O fordre nicht von mir die große Antwort gar zu eilig; / gewiss, o Herr, die Frag’ wird selbst die größten Engel schlagen – / gleich mir, dem Staub; sie werden über ihre Blindheit klagen!
PA|0|0|32|0|O Herr! Ich sah aus meinen weiten Flammen gleichen Augen, / ich sah Dich, meinen Schöpfer, an der Brust der Erde saugen; / mein Licht, es floh fürwahr in meinen weiten Schoß erschrocken / vor dem gewalt’gen Erdenglanz, gleich Kindlein musst ich’s locken; / ich wusste nicht, was dieses soll für hohe Deutung haben, / warum mein Licht vor Furcht anfängt in mir sich zu begraben? / O Herr, es fing gar große Angst mich da zu übermannen, / als selbst die Erden da getreten sind aus ihren Bahnen! / Es war auf meiner weiten Fläch’ damals kein Punkt ohn Beben, / ja selbst in meinen alten Kratern zuckte neues Leben!
PA|0|0|33|0|O Herr! als so ich Staub vor Dir war meiner Lösung nahe / und meinen Untergang ins Nichts vor mir gar ängstlich sahe, / da kam ein wonnemüder Engel schnell zu mir geflogen / und hat mich armes Stäubchen aus der Todesangst gezogen, / indem er sprach: ‚O fürchte nichts, du treuerfüllte Sonne! / Denn sieh, was deine alten Krater beben macht, ist Wonne, / ja übergroße Wonne! Nicht der Erd’ nur – allen Sternen / ist aufgegangen gar ein mächtig’s Licht aus heil’gen Fernen; / o sieh, der große Gott, dein Schöpfer, hat die Erd’ erkoren / und ward von einem Weib alldort als schwaches Kind geboren!‘
PA|0|0|34|0|O Herr vergib, als solche Gnad’ der Erd’ ich hab vernommen, / dass ich damals aus frommem Neid ins Zanken wär gekommen; / denn, dacht ich mir: In meinen lichterfüllten weiten Räumen / möcht würdiger doch eine solche heil’ge Frucht erkeimen! – / Doch, sprach der wonnetrunkne große Engel lieblich weiter: / ‚Fürwahr, du treue Sonne zankst, und kennest nicht die Leiter, / auf welcher unsres großen Gottes Liebe pflegt zu gehen, / gar wenig achtend, wie dabei sich solche Sonnen drehen; / denn so der Herr die größte aller Taten will vollziehen, / da braucht Er wahrlich nicht zu dir – du neid’ge Sonn’ – zu fliehen!‘
PA|0|0|35|0|Als solches aber ich vernommen hab vom Engels-Munde, / da ward ich hoch erfreut ob solcher großen heil’gen Kunde; / und all mein Licht verließ gedankenschnell die Zufluchtstellen, / ergoss sich dann nach allen Seiten erdengroß in Wellen / und glänzte dann wie neu gezeugt hinab zur kleinen Erde / und horchte auch gar furchtsam froh dem Wort, dem neuen Werde – / mit der höchstschärfsten Achtsamkeit gar tief und froh entgegen. / Doch sieh und hab Erbarmen mit mir Armen! Von dem Segen, / der damals von der Erd’ zu übergroß ist ausgegangen, / konnt ich darob des Kleinstes nur zur Schau fürs Aug’ empfangen.
PA|0|0|36|0|Daher, o großer Gott, verlange nicht von Deiner Sonne, / was Engel nicht erfassen selbst in ihrer höchsten Wonne; / wie könnt und möcht von Deiner größten Tat ich vollends künden, / da ich für Deine kleinste nimmer Lösung möchte finden?! / O sieh, obschon auf meines Glanzes weit gedehnten Triften / sich ganze Erdenheere räumlichst könnten fröhlich lüften / und wohnen oft zu Tausenden in meinen Äther-Quellen, / und ob mein Licht auch fernste Tiefen reichlich mag erhellen; / doch was so die endlosen Räum’ und Engel nicht erfassen, / o Gott, wirst gnädigst ja vom nicht’gen Staub nicht künden lassen!“
PA|0|0|37|0|O Sonne! wahrlich du bist nicht die kleinste unter Sonnen; / denn sieh, Der Brüste einstens Ich gesogen, zu bewohnen / hat Diese dich aus Trillionen freudig auserkoren, / und da im Geist zu warten die, so kaum noch sind geboren! / Denn gleichwie du als stille Hüterin die Deinen führest / und dich mit deinem Licht in ihre Gräber gar verlierest, / o sieh, desgleichen sorgt auf deinem Boden voll der Gnaden / auch eine andre Sonne noch, mit Kindlein voll beladen! / Hast du dem Erdenkindlein treu geleuchtet in den Zeiten, / wird’s Kindlein dir wohl auch dereinst ein herrlichs Los bereiten!
PA|0|0|38|0|O hört und seht, ihr groß- und allbelebten Menschenlarven, / die klein belebte Sonn’, sie preiset Mich mit Engelsharfen! / Doch ihr geweckte Kinder, stete Zeugen Meiner Liebe, / könnt’t stehlen nur im Heiligtum als lose faule Diebe! / Ihr wisst, wie gut der heil’ge Vater ist den treuen Seinen. / Ihr wisst, an Seinem Herzen hört man nie die Kinder weinen! / O ihr verstockte Satansknechte! Was treibt euch von dannen? / Warum denn wollt euch kehren nicht zu Meiner Liebe Fahnen? / O seht, wie schnell die Zeiten sich verschlingen, nicht mehr kommen! / Ihr Zeit- und Weltgesinnten, hört! – die Zeit hat euch erklommen!
PA|0|0|39|0|An wen soll nun denn Ich ob Meiner Größe fragend wenden / Mein liebend Wort, wohin den großen Preis der Lösung senden? / Wen soll die Liebe denn noch fragen und die Lösung suchen? / In jenen, euren Augen fernen Licht- und Feuerkuchen? / Fürwahr, wenn nahe Zeugen solches nicht erweisen mögen, / woher dann sollen erst die fernen treue Lösung hegen? / Doch Meiner Größe halber werd die Mittelsonn’ noch fragen, / sie wird in ihrer Größe und in ihren großen Tagen / wohl nicht zu schwer des großen Schöpfers größte Tat erzielen / und wird auf ihren weit’sten Flammentriften nichts verhüllen.
PA|0|0|40|0|So horch, du großer Feuerherd, du alte Mittelsonne, / der du im Hunde prangst als deiner Sonnen Glanzes Krone; / was hast denn du mit deinen endlos weit geworfnen Strahlen / von Mir, das allzumeist dir dünkt, erschaut in deinen Allen? / Denn sieh, zu Trillionen Sonnen, jeder Monde, Erden, / Kometen beigefügt zu Millionen, dich umfährten, / dass jede als ein All in ihrer Sphäre könnte walten, / da wohl aus jeder zahllos Werke sich gar hehr entfalten; / daher wirst du in allen diesen endlos vielen Werken / wohl auch Mein größtes unter denen irgend weilend merken!
PA|0|0|41|0|O lass dir Zeit, dein Schöpfer kennt den weitgedehnten Boden; / auf deinen Billionen Meilen weiten Feuerhoden, / auf deinen Trillionen Meilen g’raumten Flammentriften, / wie auch aus deinen tausend Sonnen weiten Ätherklüften / lässt sich so schnell die große Antwort nicht zusammen finden, / doch sollst du Mir darob dieselbe nicht zu spät verkünden! / Willst du die große Antwort auf die Frage schneller treffen, / da musst die vielen Sonnen, deine Kinder, du nicht äffen; / dafür in deinen Mittelpunkt des Feuergeistes dringen, / von da wirst du gar bald und schnell die rechte Antwort bringen.
PA|0|0|42|0|O hört, ihr starren Völker, eines tiefen Donners fernes Rollen, / da sehet hin, ein Feuermeer durch Ätherwogen grollen, / wie schnell die große Sonnen-Mutter treu sich hat gefunden; / die Trillionen Meilen Ferne bringt schon in Sekunden, / das alle Völker dieser Erd’ so lang nicht finden wollten, / doch dafür lieber faul und träge Meiner Liebe schmollten! / Doch hört die große Antwort nun zu euch herüber wehen / aus jenen fernen stillen licht- und trosterfüllten Höhen; / und wird in selber auch getreu Vollendung sich nicht künden, / doch wird sie euch den stolzen Mund gar jämmerlich verbinden!
PA|0|0|43|0|Und nun, so lass denn hören, was du Große hast gefunden, / und was du alles deinen ungemessnen Tiefen hast entbunden? / Doch merk, in allzu sanften Tönen sollst du Mir’s nicht künden, / denn sieh, auf diesem Erdenstaube gibt’s gar harte Sünden; / darum gebrauch du nur die starke Sonnenwelten-Stimme / und meld bei der Gelegenheit auch was von Meinem Grimme! / Auch Feuerbrände, groß genug die Erde zu entzünden, / magst füglich auch an deine groß und starken Worte binden; / denn Ich muß Meinen Blinden ohnehin ein Feuer bringen, / so tu im Voraus du, und gib, wonach die Toten ringen!
PA|0|0|44|0|„O großer Gott und Schöpfer, welche Gnad’ hab ich gefunden! / Du hast mein weites Flammenfeld mit Deinem Wort umwunden, / und eine Frage hast Du Heil’ger mir zur Lös’ gegeben! / Was bin ich denn vor Dir, dass Du so groß mich willst beleben? / O sieh, was soll ich winz’ger Staub vor Dir Endlosem machen / und meine Fünklein gar zum nicht’gen Wort vor Dir anfachen? / O gnädig ja, barmherzig sei mir armem Sonnenstaube / und leg mich Nichts vor Dir nicht unter Deiner Allmacht Schraube. / Fürwahr, zu klein und wertlos hab ich mich vor Dir befunden; / denn eine solche Kost, fürwahr, geziemet nicht den Hunden!“
PA|0|0|45|0|O hör, du treue alte vielerfahrne Sonnen-Mutter, / auch treuen Hunden wird gereicht gar oft ein nährend Futter; / darum, wenn dir dein Herr die große Gnade hat erwiesen / und dich zur Deutung Seiner Tatengröße auserkiesen, / sollst da ohn all’s Entschulden, wie auch ohne all Bedenken / sobald, das Ich begehrt, herab zur finstren Erde lenken! / Denn Ich, dein Herr, kenn ohnedies ja deine Feuerblößen / und hab darob die Frag’ genau nach deiner Kraft bemessen; / so tu getrost, und handle nach des Schöpfers heil’gem Willen, / und wie zu jeder Zeit auch diesmal Mein Gebot erfüllen!
PA|0|0|46|0|„Es sei, Du Mächt’ger, wer kann Deinem Worte widerstreben!? – / da schon vor Deinem leis’sten Hauche alle Engel beben. / Ich will daher getreu mich nun nach Deinem Worte richten / und was in meinen Kräften steht, der Erde Irrtum schlichten. / Doch, wenn als Mittelsonn’ ich werd der Erde Worte führen, / die nur von meiner mächt’gen angeschaffnen Größe rühren – / fürwahr, o großer Gott, nicht Eitelkeit wird’s mir entlocken, / nur weil’s Dein Wille, will vor Deiner Erde ich frohlocken, / damit so diese dann durch meinen großen Feuereifer / für Deiner großen Kinder Wohnung möchte werden reifer.
PA|0|0|47|0|Du weißt, o Herr, aus jenen überalten Zeitgebieten, / als noch die Hartgefangnen um die Lebensfreiheit stritten; / als Du aus Deiner Lieb’ Dein großes Mitleid ließest fließen, / daraus wir noch in dieser Zeit all unsre Kinder grüßen / und ihnen zu Äonen vielen noch die Nahrung geben, / die wir damals empfingen aus des Mitleids heil’gem Leben, / das Deinem Vaterherzen unbegreiflich ist entflossen! / Recht bald nach dieser Zeit ward ich von Deiner Macht gestoßen, / da zuckten zahllos Fünklein über meine Flammengauen / und sind als Kindlein noch gar lieb um mich herum zu schauen!
PA|0|0|48|0|Ich weiß gar wohl, dass ich sogar und alle meinesgleichen / noch selbsten größre Mütter haben in den tiefren Reichen; / doch hier sag ich so viel nur, was aus mir all’s ward genommen / und nur so viel davon dem Stäubchen Erde möchte frommen! / O Herr! – Du weißt und kennst den Sand an meinen Lichtgestaden, / wer möcht ihn zählen, wer summieren seine Menge zu Triaden? / Doch muss ich sorgsam hüten, dass auch eins mir nicht entfalle / und leicht dadurch zermalme eine Tochtersonn’ im Alle. / Wie groß demnach zu stehn die Erd’ auf meinem Grund möcht kommen? / Ich weiß es nicht; ich hab sie nie erschaut und wahrgenommen!
PA|0|0|49|0|O Herr! Ich möcht es wissen – dieser Deiner Erde Größe, / bevor ich noch nach Deinem Wort dieselbe gar zerstöße; / denn, wenn ein glühend Stäubchen ich zur selben möchte senden, / o sag, wird’s nicht zu schwer, zu schnell die arme Erd’ zerenden? / Doch Herr, ich seh das Nicht’ge meiner eitelvollen Fragen, / das Stäubchen, welches Deine Vaterhände schützend tragen, / es wird so klein nicht sein; daher will ich mich bald entschließen / und einen glühen Punkt von meinem Grund nach selbem schießen. / Und soll zu groß und schwer der Punkt dasselbe treffend rühren; / die Hand, die selbes trägt, wird alles schon zurechte führen.
PA|0|0|50|0|So hör denn du Atom von einer Welt, du nicht’ge Erde, / du tolles Nichts, dich weidend unter meiner Kinder Herde; / was bist du denn vor mir, du Staub des Staubes meiner Kinder, / du scheuß’ger Boden, der nichts trägt denn tiefst gefallne Sünder? / O sag, ist’s wahr, dass du den Allerhöchsten hast getragen, / du eitles Nichts, vernimm! – nicht zweimal lass dich darum fragen! / Wie ist’s denn möglich, dass der Allerhöchste, dich zu retten, / zerreißen konnte Seiner Allmacht ewig mächt’ge Ketten? / Zu sagen [suchen?] dich, die nie und nirgends etwas ist gewesen / und dich zudem noch für die größte Tat gar auszulesen! – ? –
PA|0|0|51|0|Zu was das Fragen, Wortverschwenden, Sünde-Boden rühren? / Und käm die Antwort auch, gewiss ich würd’ sie nicht verspüren; / darum will lieber ich durch alle Räume donnernd künden – / und möcht auch meine Antwort allen Weltenstaub entzünden, / es wird mich wenig stören; könnt dem Herren ich nur bringen, / das Ihm gefiele, könnt ich Seine größte Tat besingen; / gar wenig würd’ ich da nach allen Erdatomen fragen / und möchte ihre Größ’ selbst meine Punkte überragen. / Ist ohnehin ja an der Klumpen Größe nichts gelegen – / warum soll da dem Staube ich denn noch Erbarmung hegen?
PA|0|0|52|0|So sei’s denn! – Hört ihr Sonnen in den weit’sten Räumen, / ja hört ihr, meine Kinder, hört’s in eures Lichtes Keimen! / Der Allerhöchste, der Unendlichewige, der Gott! – / der heilig, heilig, heilig ist, – der mächt’ge große Gott, / vor dem die stärksten größten Engel ehrfurchtzitternd beten, / vor dessen Hauch wie Spreu zerstäuben unsre Angelketten, – / derselbe große Gott, den Ewigkeiten nicht erfassen, / hat Sich von Seinen ew’gen Höhn zum Staub hinabgelassen! / Ja Er, vor dem die ew’gen wesenvollen Räume beben, / verbarg Sich gar in eines Sünders endlos schwaches Leben!
PA|0|0|53|0|Noch mehr, wie ich’s vernommen hab von meinen Kindern allen, / ließ Sich der Allerhöchste Seiner Lieb’ zur Folg’ gefallen – / bedenket wohl ihr alle Myriaden und Äonen, / bedenkt es wohl ihr alle übergroßen Muttersonnen! / Was meint ihr wohl, woselbst der Allerhöchste so verborgen / erscheinen ließ des größten ew’gen Tages Lebensmorgen? / Fürwahr, sag ich’s euch nicht, ihr werd’t es ewig nicht ergründen; / da seht hinab, in finstrer Tiefe ist ein Punkt zu finden, / des Größ’ kaum den äonsten Teil von meiner Fläch’ möcht decken! / Dort wohnte Er – der große Gott, um Tote zu erwecken!
PA|0|0|54|0|Ein nicht’ger Staub, die Erd’ genannt, bewohnt von schmutz’gen Wesen, / ward auserwählt, um da die toten Klumpen zu erlösen / und sonach diesen finstren Wesen eine Größ’ zu geben, / vor welcher selbst die größten Engel ehrfurchtsvoll erbeben! / Und hört, ich sag es euch, so treu und wahr ich’s hab vernommen; / als dort der Allerhöchste zu den Toten ist gekommen / und hat daselbst gar deren Niedrigkeit auch angezogen – / o glaubt, was ich euch künd, denn keine Silbe ist erlogen –, / da hat die Erd’ – nicht Erd’ – denn so was hat ja keinen Namen, / des Höchsten Lieb’ zum Tod verdammt, und die zu Ihm da kamen!
PA|0|0|55|0|Was hätte ich und ihr getan, so ER zu uns wär kommen? / Fürwahr, mit Millionen Psalmen würd’ ER aufgenommen! / Ich hätt’ aus allen meinen Myriaden Flammen-Schlünden, / aus allen meinen tiefsten Feuergeistes glüh’sten Gründen / in größter Unzahl neue Sonnen weit von mir getrieben, / auf dass ein solcher Gast, wenn kurz auch, wär bei mir geblieben! / Doch da ER vor den nicht’gen, schmutz’gen bösen Scheusalshorden / noch bis zu dieser Stund trotz aller Tat verkennet worden / in aller Seiner Liebe ist! – da wohnt ER noch bei ihnen!! / Und will sogar ihr Vater – Bruder – sein nach allen Sinnen!!
PA|0|0|56|0|O hört ihr alle meinesgleichen, hört ihr alten Sonnen, / o hört selbst ihr, die ihr im ew’gen Zentrum pflegt zu wohnen; / es mag der Herr noch neue endlos große Räum’ erschaffen, / ja Ewigkeiten selbst auf einen Punkt zusammenraffen, / auch unermesslich große Engel aus dem Nichts gestalten, / ja selbst in Milliarden machen Seine Stärke walten! / Fürwahr, in jeder Tat wird ER Sich immer überbieten, – / jedoch, als Gott zu werden – Vater, Bruder, – Liebe bieten / dem Staub, dem Nichts, den Tod in aller Sanftmut dulden, leiden! / Ich sag’s: Das Größte ist’s! – O Sonnen, glaubt es mir in Freuden!
PA|0|0|57|0|Und Du, mein großer Gott und Schöpfer, gnädig sei mir Armen / und hab mit meinem kleinen Dienst, ohn allen Wert, Erbarmen; / ich weiß, wie unerforschlich Du in Deinem Rat und Wegen / und unergründlich bist in Deinen Tiefen – voll von Segen! / Daher nimm gnädigst auf, das ich Dir treulich hab besungen / und so auf Deiner Erde auch ins neue Leben bin gedrungen; / denn Größres könnt ich kleine Sonne nimmermehr ermessen, / auch allen meinen Tiefen nicht ein größres Wort erpressen. / Denn wahrlich, was als Größtes ich da treulich mocht benennen, / will ich in meiner tiefsten Tief’ als ewig wahr bekennen!“
PA|0|0|58|0|Gewiss und wahr, du treue Sonne, du hast wohl gesprochen / und hast dabei der Erde Völker Übel hart gerochen; / Ich sag, wie niemand bist der Wahrheit du zur Spur gekommen, / und wie du sagtest, ist getreu und wahr aus Mir entnommen. / Doch was da Meine größte Tat im Geist’ möcht anbelangen, / das hast auch du mit keiner Silbe treffend angefangen; / denn was du sagtest, ist die Folge nur von solchen Taten. / Doch dass du nimmer möchtest fälschlich dich von Mir beraten, / so will Ich sagen dir ein sinnvoll Wörtlein im Vertrauen: / Der Große wird in sich das Größte wahrlich nimmer schauen!
PA|0|0|59|0|Ihr habt vernommen, was die euch am nächsten stehnde Sonne / für eine treue Rede hat geführt in hoher Wonne; / ihr habt das große Wort der großen Mittelsonn’ vernommen, – / seid ihr dadurch zur Lösung Meiner Frage wohl gekommen? / Müsst ihr nicht selbsten sagen doch bei euch: Fürwahr mitnichten, / denn selbst die große Mittelsonne wusste nicht zu schlichten / die Zweifel alle, die an euer Herz gelegt sich haben. / O welche Torheit ist’s, zu suchen Meine großen Gaben, / da Ich sie nicht verwahret habe, in den weit’sten Räumen! – / statt treu zu suchen, forschen, wo Ich liebend pfleg zu säumen.
PA|0|0|60|0|Um euch so recht zu zeigen doch, wie Großes sich nicht eignet, / zu fassen Meine größte Tat, so es sich auch verleugnet, / will Ich euch zeigen noch die größte Sonne in der Globe; / auch dieser große Kern soll euch verkünden was zur Probe. / Bevor Ich ihn doch werd mit Meiner großen Frag’ belegen, / will Ich vor euren Blicken leis nur seine Größ’ zerlegen. / Doch nicht darum, als sollte sie von Meiner Größe zeugen, / denn wahrlich, Milliarden müssten darob furchtsam schweigen; / wohl aber, dass ihr so recht hell möcht’t treu in euch erschauen, / wie wenig da auf alle toten Klumpen ist zu bauen.
PA|0|0|61|0|Nun seht, wollt euch von solcher Sonnengröße Wahres denken, / müsst ihr zu einer übergroßen Feuerkugel lenken / all eure Blicke, Sinne und Gedanken und bemessen / mit des Gefühles tiefsten Gründen, und ja nicht vergessen, / die Klumpengröße solcher Körper, die im Zentrum stehen, / nach Meilen nicht bemessen; nie ein End’ würd’t ihr ersehen! / Wohl aber mit des Lichtes Schnelligkeit könnt ihr’s probieren, / da zählt auf die Sekunde achtsam, ohne sich zu irren, / gerade fünfundvierzig Erdenweiten für die Einheit, / so werd’t gelangen ihr gar bald und treu zur reinen Wahrheit.
PA|0|0|62|0|Da wär der größte Feuerball ganz nah vor euren Blicken / gestellt zu überschauen; doch um euch nicht zu erdrücken, / noch fern genug, o glaubt’s, es sind Äonen Sonnenweiten! / Von seinem Süd- und Nordpol hin den Lichtstrahl zu verbreiten, / möcht eure Zeit zu Trillionen Jahren kaum ausreichen. / Nun könnt ihr mit der Einheit dieser Sonne Größ’ vergleichen, / es wird nicht fehlen, euch wird’s schauderhaft zumute werden, / ihr werd’t verschwinden ganz samt eurer Sonn’ und allen Erden; / und möcht die ganze Glob’ voll Sonnen auf den Koloss fallen, / wie schütt’re Flocken nur möcht das des Fläch’ bemalen!
PA|0|0|63|0|Es ist genug, nehmt zehen Trillionen, zu bestimmen, / wie lang von Pol zu Pol der schnelle Strahl da hätt’ zu klimmen; / doch wär noch größer eine Sonne wo als eine Globe, / könnt mehr sie tun zu Meinem allgerechten größten Lobe? / Gewiss und wahr in Ewigkeiten, all die Weltenmassen, / sie sind zum eignen Nutz der Körperwelt so groß gelassen; / doch dass sie darum, weil Ich sie so groß da hab geschaffen, / ein größres Zeugnis Meiner Macht und Größe möchten schaffen / denn eine Milbe – hört, um Meine Herrlichkeit zu heben, / müsst klein Ich werden, und noch vielmal kleiner euer Leben!
PA|0|0|64|0|So ihr doch aber fragen möchtet, wie die Ding’ erhalten, / geordnet werden von dem endlos mächt’gen Liebeswalten? / Und das von dem Atome an bis zu den Weltenheeren? / Und wie das Licht der ältern Sonnen stets sich pflegt zu mehren, / so zwar, dass alles Licht von Nebensonnen in der Globe / zu Milliarden so auf einen Punkt gedrängt zur Probe, / nicht einmal einem Fünkchen nahe käme jener Sonne, / von der Ich eben spreche? – Hört, das sag Ich euch zur Wonne; / urteilt, was leichter ist, entweder Sonnen ordnend schaffen, / denkt, – oder eine Mücke zu beleben und zu strafen?
PA|0|0|65|0|Ist denn für Den, der’s hat, eins schwerer denn das andre? / Was ist der Aar, ob über nahe oder weit er wandre? / Er hat das Flügelpaar nicht über Kiesel nur zu fliegen, / auch über Meere, Alpen, Berge kann er damit siegen! / So aber Ich, der Herr und Schöpfer aller dieser Dinge, / unendlich bin und all’s mit Meiner Gegenwart durchdringe, / was soll für Unterschied wohl sein, ob Sonnen oder Milben / hervor Ich ruf mit einem Worte oder mit drei Silben? / Darum zeig Ich die Größen nur, um euch recht klein zu machen / und euer Aug’ zu lenken dann auf größre heil’ge Sachen.
PA|0|0|66|0|Ich will euch nicht mehr zeigen, ob bewohnt sind solche Sonnen, / denn solches könnt ihr denken wohl, umsonst sind nicht Äonen / von solchen Klumpen – oder nur fürs Licht erschaffen worden; / doch Näh’res euch zu künden von den dort’gen Wesenhorden, / ist hier der Ort nicht und die rechte Zeit dafür beschieden. / Auch nichts von großen Ländern, Stürmen, Meeren, Wesenfrieden, / denn das gehöret alles nicht zur Sache, nicht zum Zwecke, / des Übergröß’ Ich euch allhier vor eure Augen stecke, / wohl aber, euch zu zeigen nun die große Zeit der Zeiten, / muss Ich durch Meiner Schöpfung Weiten so euch vorbereiten.
PA|0|0|67|0|Nach all dem Vorgegangnen will zur Probefrag’ Ich schreiten, / doch müsst ihr euch auf eine große Antwort nicht bereiten. / Wird auch der große Sphärendonner euch das Mark erdrücken, / so wird des Schwere doch in euch anfüllen nicht die Lücken, / die noch in eurem Herzen nach des Geistes Leben trachten / und sehnsuchtsvoll – o hört! – nach der Erlösung schmachten. / Doch haltet auch nicht für gar zu gering der Sonne Sprache – / fürwahr, Geringes wird genommen nicht zur großen Sache; / gewiss, wenn Sonne, Mond das Licht verlieren, Sterne fallen / herab zur Erde! – kann ein solches Bild Geringes malen?!
PA|0|0|68|0|Und nun, du einsam’s Wesen, flammend in der Welten Mitte, / du sahst den Schöpfer doch – und bebtest unter Seinem Tritte, / als Er herab zur tiefst gesunknen Erd’ Sich hat begeben, / um da den Toten zu bereiten hehr ein neues Leben? / So hör, dein großer Gott und Herr gibt dir die große Frage, / woraus Des größter Taten Ruhm, das Größte glänzendst rage? / Was ist’s, das dir am meisten dünkt, du wirst es Mir wohl sagen, / da du aus deiner Mitte leuchtend alles kannst erjagen; / denn bist auch weit von allen deinesgleichen du gehalten, / so musst zuerst aus dir sich doch der Weltenstaub gestalten!
PA|0|0|69|0|Nun horcht, schon rollen ferne Donner bebend durch die Welten, / die große Antwort tragend zu des Staubes Neubeseelten; / wie beben sie von tiefster Ehrfurcht durch und durch ergriffen, / dass sie sich kaum getraun herabzusenken in die Tiefen, / in denen Ich mit Fleischesaugen Meine Werk’ geschauet / und eine neue Wohnung Mir da leidend hab erbauet, / ja gar ein bleibend Haus erbaut aus Lieb’ und treuem Glauben / und ward zum Weinstock gar mit vielen Reb’n und reifen Trauben! / Doch horcht, der Donner naht der kleinen Erde sich bescheiden! / Vernehmt die Antwort, nehmt die fromme Botschaft auf mit Freuden!
PA|0|0|70|0|„O großer, überheil’ger Gott und Schöpfer aller Dinge! / Wie soll ich Nichts vor Dir! – Ich bin zu klein und zu geringe! / Ich kann’s nicht wagen, nur ein einzigs Wort von Dir zu sagen, / Dir eine Frag’ zu lösen, zeigen Dir aus allen Tagen / den größten Tag, die große Zeit aus allen ew’gen Zeiten! / O großer Gott, – wie könnt ich das aus meinem Staub erbeuten, / was alle Ewigkeiten nimmer mögen je erfassen?! / Daher möchtst gnädigst Du die große Antwort mir erlassen / und nicht verlangen, dass ich Deine Kinder solle lehren, / von denen eins mit einem Blick mich gänzlich könnt zerstören!
PA|0|0|71|0|Erhöre Heil’ger Du, erhöre Deiner Urka Flehen, / o lasse Gnade mir von Deiner heil’gen Erde wehen! / Bin ich auch klein und nichtig unter Deinen zahllos vielen Wesen, / kann auch mit Deinen Lebenskleinsten ewig mich nicht messen; / doch als die Großen Du gesetzet hast auf ihre Thronen, / bin arme Urka ich aus Deiner Hand ja auch geronnen! / Darum vernicht mich Schwache nicht vor Deiner großen Erde, / erlös auch mich von meiner Not und großen Angstbeschwerde; / Du weißt ja ohnehin, wie viel des Lebens mir zuteile / geworden ist, – o halt nicht ferne mich der Erde Heile!
PA|0|0|72|0|Doch dass Du Heil’ger Deine Urka nicht also möchtest finden, / als wär sie ungehorsam, lass sie etwas Dir verkünden, / wodurch sie ihretwegen Dir möcht ihre Ehrfurcht zeigen, / die sie vor Deiner Erde hegt und nimmer mag verschweigen. / Es war zur Zeit, als Du vollendet hast Dein Haus auf Erden / und Deine großen Kinder lehrtest Dir ganz gleich zu werden, / da zuckten Deine großen Engel oft an mir vorüber, – / noch schauderts mich, noch bebt mein Ganzes durch ein heilig’s Fieber, / wenn ich gedenk, wie ein Atom der Erd’ auf mich gefallen, / gebracht von einem Engel, mich beinahe hätt’ zermahlen!
PA|0|0|73|0|Am Fuße eines solchen Boten musst das Heil’ge kleben, / ohn dass er’s merkte so in seines Amtes eil’gem Streben. / Im Anfang merkt ich’s nicht, es war zu klein und nicht zu sehen; / in kurzer Frist doch fing es an aus sich da zu erstehen / und anzuwachsen so zu einer unerhörten Größe, / dass es gar bald anfing zu überdecken meine Blöße, / mit seinem Licht zu unterjochen all mein matt Geflimmer / und mich zu brechen allenthalben in bestaubte Trümmer. / Mit aller meiner Kraft, die alle Sonnen überbietet, / wär ich erlegen, hätt’ ein großer Geist mich nicht behütet!
PA|0|0|74|0|Ein Engel war der große Geist, zur Rettung mir beschieden, / er kam zur Hilfe mir und brachte mir den heil’gen Frieden. / Ich weiß, er ward von Dir gesandt, die Urka zu beschützen / und solche heil’ge Last zu etwas Bessrem zu benützen. / Als ich nun frei geworden bin von dieser mächt’gen Klammer, / beendet war auf meinen Triften der Vernichtungsjammer, / da zeigte mir ein Engel dann nicht ferne von mir stehend, / sich eine mächt’ge Sonne neu im freien Wirbel drehend. / O Herr, wenn Erd-Atome schon die arme Urka drücken, / wie sehr müsst dann sie erst sich vor der ganzen Erde bücken!
PA|0|0|75|0|Darum, weil solches ich, o Herr! von Deiner Erd’ erfahren, / bewahr Du guter Schöpfer mich vor ferneren Gefahren! / Und lass nicht zu, dass tiefe Blicke Deiner Erd’ mich treffen, / noch weniger, dass ich die Weisheit derer sollte äffen, / die Deine Kinder sind in Deiner ew’gen Kraft der Liebe – / und eines stärker schon denn alle meine Sonnentriebe. / O Herr, Du großer Gott und Schöpfer heilig überheilig, / erlass zu reden mir von dem, was Engeln ist zu heilig, / und lass mich Arme friedlich ruhn in meiner fernen Tiefe, / da ich im Stillen stets von Deiner großen Gnade triefe.“
PA|0|0|76|0|Habt ihr vernommen, wie die großen Werke mit Mir reden? / Und auch vernommen, welche Demut in dem All, ihr Spröden? / O glaubt’s, die großen Sonnen allesamt in ew’gen Räumen, / auch sie nicht minder auch für Meine große Liebe keimen. / Es wird noch kommen, ihr werd’t euch gar treulich überzeugen, / dass diese großen Lämmer aus den Triften werden säugen / die Lebensmilch, auf welchen viele sind zugrund gegangen, / die da berufen waren, hatten aber kein Verlangen, / das Leben zu erlangen, da sie sich lebendig dachten / und sagten: Sieh, das Leben braucht des Lebens nicht zu achten!
PA|0|0|77|0|Du aber, Meine große Urka, brachtest rechte Gaben, / du sagtest mehr denn alle Räume fassen, – und erhaben / war jede Silbe, würdig Deinen Schöpfer zu besingen. / Es wird so tief in Mich zu dringen wenigen gelingen, / denn bist du größer auch denn jede Sonne deinesgleichen / und muss dir jede Weltengröße tief erschauert weichen; / doch weil du deiner Übergröße nicht gedenkst, dich prahlend, / wohl aber in der tiefsten Demut, gleich dem Kindlein lallend, / Mir zeigst, wie wenig alle eitle Größ’ vor Mir mag gelten, / so bist die Größte du aus allen endlos vielen Welten!
PA|0|0|78|0|Auf deinen Quintäonen Sonnen weiten Flammengründen, / die da noch alle frei sind von der Erde frechen Sünden, / will Ich dereinst uns wohl auch eine große Stadt errichten / und dann in selber all’s nach Meiner Liebe weise schlichten. / Und Meine weisen Kinder werden diese dann bewohnen / und werden sitzen da auf deiner Demut goldnen Thronen, / damit sie nebst der Weisheit auch die Demut sollen schmecken / und fliehn vor deiner Größ’ – in sich gleich mühevollen Schnecken. / Und so werd Ich auf deinem Boden eine Schul’ errichten, / da all die Weisheitstoren werden ihren Irrtum lichten.
PA|0|0|79|0|Doch denen Deinen, die da leben auf den Freigebieten, / auf denen nicht, wie auf den andren Stellen, Flammen wüten, / o siehe, diesen körpergroßen, geisteskleinen Wesen / werd Ich auch Meine Liebe bieten und sie dann erlösen, / und das auf eine Art, von der das Kleinste keine Großen, / ja nicht einmal die Engel ahnen! – Werd setzen neue Sprossen / aus Meiner Liebe Ich, die werden deine großen Weisen / gar sanft in aller Liebe ganz lebendig unterweisen, / und selbe führen dann in Meiner Liebe freie Kreise / und ihnen zeigen Meine Werke auf der Lebensreise.
PA|0|0|80|0|Nun seht, Ich habe angefangen alles neu zu machen; / Ich will umstalten geistig alle alten Ding’ und Sachen! / Muss Ich denn nicht alljährig alles Gras und Bäum’ erneuen? / Fürwahr, was Ich da tu, wird ewig niemals Mich gereuen. / Würd’ aber Ich die Bäume nicht erneu’n, woher dann Früchte? / Daher muss all’s umstaltet werden neu in Meinem Lichte, / damit es einst nicht fruchtlos solle vor den Kindern stehen. / O hört, wie schon von allen Seiten andre Winde wehen, / wie sie die Wetterfahne nach dem ew’gen Morgen drehen; / o merkt, ihr werdet bald die neue große Zeit erspähen!
PA|0|0|81|0|Nun habt ihr auch vernommen, was die allergrößte Sonne / von Mir geredet hat in ihrer Demut Glanzes Krone; / auch diese konnte nicht erraten Meine größte Tat der Taten. / Was meint ihr wohl, wer ist’s, den Meine Frag’ nicht wird ermatten, / an wen soll Ich mit Meiner Frage Mich noch ferner wenden, / wer wird in seiner Antwort Meine Frage treu vollenden? / Ihr meint, die sel’gen Engel werden sich hierin nicht irren, / sie werden sicherst Meines Kleides Saum zuerst berühren. / Nun wohl, es sei! – Auch diese sollen ihre größte Probe / bestehn und raten durch die größte aller Globen Globe!
PA|0|0|82|0|Doch wenn auch diese es nicht treffen sollten in der Tiefe / und lösen nicht der großen Frage heil’ge Liebeskniffe – / o sagt, was wird da uns noch übrig bleiben? Wen dann fragen? / Wer wird uns dann aus der Unendlichkeit das Rechte sagen? / O ja, wenn Ich euch sage, werd’t das Rechte wohl erfahren; / denn Ich der große Meister möcht es wohl in Mir verwahren! / Allein – zu wissen nur, was Ich als Größtes hab verrichtet, / wie Ich durch Meinen Tod den Tod der Hölle hab zernichtet – / o hört, das würd’ euch wenig heil’ge Lebensfrüchte tragen, / und wär dann sicher besser, ewig nie darnach zu fragen!
PA|0|0|83|0|Es sollte aber solches sich in Meinen Kindern zeigen / und ihren Herzen solches übergroße Heil entsteigen; / dann würde es des höchsten Segens Lebensfrüchte bringen / für jene, welche wahrhaft nach der Lebenspalme ringen! / So aber solches ihr nur möcht’t zur Wissenschaft erkunden, / dann könnt ihr noch nicht sagen: Sieh, das Leben ist gefunden! / Daher, Ich sag es euch, ist besser solches nicht zu wissen, / als nur zu wissen und dadurch das Leben einzubüßen! / Es sei denn, dass durch Meine Fragen jemand möcht erwachen, / o ja, der wird bald finden in der Tat die größten Sachen!
PA|0|0|84|0|Dem wird’s nicht schaden dann, wenn Ich das Größte möcht verkünden, / dem wird’s fürwahr das Leben nur aus seinem Schlaf entbinden. / Allein zu tauchen nur mit Mir, dem Judas gleich, die Hände / in Meine Lebensschüssel, wahrlich, dem wird jenes Ende / zuteile werden, welches Mein Verräter hat erfahren / zur Zeit, als Satan ist in seinen Leib und Seel’ gefahren! / Doch da Ich solches zu euch Kindern treu und traulich sage, / mit denen Ich das größte Mitleid habe, Liebe trage; / ihr sollet darum euch nicht allzu sehr und groß erschrecken, / denn euch will Ich dadurch zum ew’gen Leben nur erwecken.
PA|0|0|85|0|Und nun, es sei die Frage denen Engeln noch gegeben, / auch sie soll neue Frucht und Liebe neu und groß beleben; / wir wollen sehen noch, was diese alles von Mir wissen, / in ihren Händen wird sich solche Kunde doch nicht missen! / Sie werden sicher Meine größte Tat getreu besingen / und leicht mit ihrem schärfsten Blick in Meine Tiefe dringen! / Doch eins muss Ich vorerst vor euch gar treulich noch enthüllen, / und dieses ist: Den freien Engeln bleibt ihr freier Willen, / um das nur, was sie wollen und auch können, zu verkünden / und so nicht Fremdes, sondern Eigenes nur zu entbinden.
PA|0|0|86|0|So sagt ihr übertreuen Boten Meines Willens all zusammen / des Vaters größte Tat im Sohne, nennt Mir ihren Namen! / Ihr wart doch Zeugen, habt durch der Propheten Mund gesprochen, / ihr halft in Liebe Meinem David seine Psalmen kochen. / Selbst zu der Jungfrau musstet ihr die mächt’gen Grüße bringen / und dann sie zu Äonen treu geleitend stets umringen; – / und als sie vollends erst geboren hat das Licht der Erde / in einem Stalle unter Schmerz und großer Angstbeschwerde, / da waret ihr, nicht einer ausgenommen, all zugegen, / lobsingend solche Tat auf all den lichterfüllten Wegen!
PA|0|0|87|0|Daher, o säumet nicht, sollt’s nun den Menschen auch verkünden, / was sie nicht können, und die ganze Schöpfung nicht, ergründen! / Doch merkt: In eurer hohen Weise müsst ihr nicht beginnen, / auch nicht zu lange gar nach einer niedren wirre sinnen. / Ihr wisst die Art der Menschen ja, und alle ihre Weisen, / ihr kennet wohl und wisset auch, wie Mich die Kindlein preisen; / auf solche Art, Ich sag es euch, werd’t leicht verstanden werden / von allen frommen Menschen, euren Brüdern auf der Erden. / Und nun beginnet eure Stimmen auf die Erd’ zu streuen, / und macht, dass eure Brüder sich der Liebe möchten freuen.
PA|0|0|88|0|„O heil’ger Vater! So Du uns zur Hölle möchtst bescheiden, / Du weißt es, heil’ger Vater, solches tun wir ja mit Freuden. / Ja, wenn wir alle Menschen müssten stets auf Händen tragen, / in aller Liebe täten wir’s! – nie nach Erholung fragen, / obschon Du sie zu unsrer größten Wonne hast bestimmet, / in welcher nichts als nur Dein heil’ger Name wird gerühmet! / O heil’ger Vater! sieh, kein Opfer soll zu schwer uns fallen / im Himmel, wie in allen Deinen großen Schöpfungs-Allen! / Denn Deine Vaterliebe ist zu voll von Süßigkeiten, / wer könnt derselben widerstehen je in Ewigkeiten!?
PA|0|0|89|0|O heil’ger Vater! Lass uns alle die Atome zählen, / die Fünklein alle in der größten Sonnen Flammen-Wellen; / o lass uns Lieberfüllten alle Deine Globen schütteln / und zu Atomen sie in einem Nu zusammenrütteln; / lass Welten uns gleich Erbsen scherzend durcheinander schmeißen, / ja selbst die ganze Höll’ mit ihrer Brut in Stück’ zerreißen – / und noch dazu den Fürsten selbst so ganz zunichte machen, / dass Ewigkeiten nichts mehr finden sollen von dem Drachen! / Denn Deine Macht, in der wir alle leben, wollen, fühlen, / muss alles ja im Augenblick auf einen Punkt erfüllen!
PA|0|0|90|0|Doch Deiner größten Frage durch die Antwort Lösung finden, / Dir sagen etwas, das die Ewigkeiten nicht ergründen, / die größte Deiner größten Taten treulich zu besingen, / dieselbe wohlverständlich unsern Brüdern zu verdingen – / o heil’ger Vater, Dir ist’s ja bekannt, was wir vermögen, / denn was wir haben, haben wir ja nur von Deinem Segen! / O sicher hast Du nur, um Deine Lieb’ in uns zu mehren, / uns gnädigst wollen eine solche große Frag’ bescheren! / O nehme gnädigst diese große Last von unsren Lenden, / denn ewig nimmer würden wir vor Dir sie je vollenden!
PA|0|0|91|0|Wer möchte Deine Taten mustern, eine größer finden / denn eine andre, wer die Tiefen Deines Rats ergründen? / O heil’ger Vater, da wir sehn vom Kleinsten bis zum Größten, / wie all’s unendlich ist, womit dann sollen wir uns trösten? / Womit die ew’gen Kreise Deiner Taten-Größe messen? / Mit welcher Zahl bestimmen solche Fülle und vergessen – / dass man ja selbst zur großen Zahl gehört! – O Worte, Worte! / Ihr kleinen Worte, leicht zu hören hier am heil’gen Orte, / doch wer wird je in euch die Tiefe, Fülle, Größ’ ergründen! / O Vater! Du allein nur kannst in uns das Licht entzünden!
PA|0|0|92|0|Dass Du Dich Selbst zu einem Erdenmenschen hast umstaltet / und da mit aller Deiner Macht und Heiligkeit gewaltet; / und hast als Mensch die allergrößte Niedrigkeit erwählet, / wie gänzlich auch aus größter Lieb’ die Herrlichkeit verhehlet; / auch hast nicht zugelassen, dass Dir jemand solle dienen, / wohl aber dientest Du den Armen treu, sie zu gewinnen / für Deine heil’ge Liebe; – wolltest sterben gar für Sünden, / um so für die Verlornen ein ganz neues Reich zu gründen! / O heil’ger Vater! Das ist alles, was wir sagen können, / doch, was das Meiste ist darunter, können wir nicht nennen!“
PA|0|0|93|0|O Meine lieben treuen Diener, ihr habt es genennet, / ihr habt ganz unbewusst der größten Tat getreu erwähnet. / Doch wenn ihr’s nicht bestimmt und klar in euch wohl mögt erschauen, / worin das Größte ist verborgen, harret im Vertrauen; / Ich werd euch allesamt hinab zur kleinen Erd’ bescheiden, / dort werd’t zu eurer größten Wonne ihr gewahr in Freuden, / fürwahr, dergleichen ihr bis jetzt noch niemals habt empfunden; / von euch gewählt ein Kindlein wird das Größte euch bekunden! / Und hört, was allen Ewigkeiten blieb bis jetzt verborgen, / o kleinste Welt! für dich ward aufgespart der große Morgen!
PA|0|0|94|0|Denn was den Weisen aller Sphären Ich voll Recht verborgen / und sie ergründen nimmer mögen trotz der Weisheit Sorgen, / das hab den Schwachen und den Kindlein treu Ich vorbehalten, / und legte selbst in ihre ersten Tränen schon ein Walten, / das größer ist und mächtiger denn aller Weisen Zungen; / denn sie sind nicht wie diese Dünste – mühsam nur erzwungen, / wohl aber wahr, so rein sie da schuldlosem Aug’ enttriefen, / allwo sie ihrer Alten Lieb’ und Sorgfalt perlend prüfen. / In solche kleine Zartgefäße hab Ich es verscharret, – / wohl dem, der diese Schätze nirgends denn nur da gewahret!
PA|0|0|95|0|Nun eilt herbei, ihr treuen wonnerfüllten Liebediener, / kommt alle, die ihr seid aus Meiner Liebe weis’ und kühner / in euren Haaren schon, denn alle Weltenmacht der Weisen, / die nur zum eignen Frommen möchten alle Welt bereisen, / um aus der Schöpfung Wunderfülle dann nach Licht zu haschen / und statt der Lebenskost nur Weisheitsleckereien naschen. / Daher, da weiser, kühner ihr, denn alles Licht der Welten / und wart vor aller Welt der Lieb’ und Weisheit treue Helden, / so kommt herbei ihr alle, euch ein zartes Kindlein wählend; / o kommt und seht, wie ohne Mich und euch die Welt ist elend!
PA|0|0|96|0|Doch wenn sie erst von Mir und euch wird bald und kurz erfahren, / woran es liegt, dass sie sich nicht aus allen den Gefahren / entwinden mag und statt des Lebens nur den Tod verlanget, / nicht ahnend, dass das wahre Leben nicht in Weisheit pranget, / wohl aber in der Liebe samt der Weisheit ist verborgen, / und dass in Liebe nur verborgen ist der Weisheit Morgen, / wie alle Lebenswonne und des Gnadenlichtes Wunder – / darum will Ich nun geben allen einen Lebens-Zunder; / wer sich vom selben in dem Herzen wird entzünden lassen, / fürwahr, der wird dann nimmer vor dem ew’gen Tod erblassen!
PA|0|0|97|0|Und wenn sie solchen wird in aller Wahrheit Geist empfangen / und auch dadurch nach Liebe, nicht nach Weisheit ein Verlangen, / so wird der Elenden gegeben, was sie nicht mocht ahnen – / Ich sage: mehr, denn aller weiten Schöpfung Reich’ umspannen! / Doch vorderhand sei’s wenigen nur treulich anvertrauet, / und das zwar jenen, die schon früh auf Meine Lieb’ gebauet; / doch wenn die Zeit der Weltenreife wird vor euch erscheinen, / die ihr erkennen werd’t an aller Erdenvölker Weinen, / da nehmt den jetzt gereichten Zunder, zündet alle Erden, / und lasst so lang sie brennen, bis die Frevler Asche werden!
PA|0|0|98|0|Und nun, da ihr zugegen seid auf dieser kleinen Erde / und sehet auch die große Not auf diesem Sündenherde, / auf welchem schon so mancher Gräuel ist gekochet worden / von Mein und eures Feindes bösen fluchbeladnen Horden, / so bringet schnell ein Kind hierher von etwa sieben Jahren, / doch muss es sein voll Armut, ja sogar nicht reich an Haaren! / Ich sage euch – mit großer Lieb’ und Achtung müsst ihr’s führen / hierher zu Mir; denn bald werd’t alle ihr gar stark verspüren, / welch einen großen Lehrer ihr mit Händen habt umfangen – / fürwahr, aus seinem Mund werd’t ihr die größte Lehr’ empfangen!
PA|0|0|99|0|Und ihr auch, Meine lieben Kinder, eilt, ihr dürft nicht fehlen / dahier; denn wahrlich, dieser Lehrer wird euch nichts verhehlen! / Wie alle Engel, so auch ihr, mit offnen Ohren, Augen / müsst sorgsam nun die größte Wahrheit in das Herz einsaugen, / so werd’t auf einen Wunderschlag die größte Tat ihr schauen, / so wunderschnell und hell, dass ihr den Sinnen kaum werd’t trauen! / Fürwahr, Ich werd euch ferner nicht zu zeigen nötig haben, / dass nur darin die größte Tat, Gelingen, Zweck und Gaben / verborgen sind, als reinste größte Folge Meiner Liebe – / der Mittagssonne gleich werd’t ihr in euch erschaun die Triebe!
PA|0|0|100|0|Ich sage euch: Die Triebe, solche ihr noch nie empfunden, / auch Engel nicht, denn solches gab Ich keinem Geist zu Kunden / auf diese Zeit – ihr könnt es glauben, wie’s geschrieben stehet: / Wann aber kommen wird die Lösezeit, dies wohl verstehet! / Die große Stunde, weiß wohl niemand weder auf der Erde / noch in den Himmeln, denn nur DER da trägt das große Werde – / und der auch, dem’s der Vater offenbaren wird im Geiste; / doch keinem, der zuvor nicht an dem Kindertische speiste! / Und nun, der großen Kunde Zeit ist nah zu euch gekommen, / erwachet nun ihr Toten, lasst euch Meine Liebe frommen!
PA|0|0|101|0|Nun seht, da ist das Kindlein schon in Meiner Engel Mitte, / wie furchtsam fromm es tut, noch ungewohnt der Himmel Sitte; / da sehet hin, wie sorgsam es die Engel mustert, prüfet / und horcht, ob nicht ein Wort vom Vater durch die Scharen triefet! / O seht, in keinem Engel will den Vater es erkennen, / es weint, es schreit, es mag der Engel sich nicht angewöhnen! / Es sucht den wahren Vater, ja den Liebsten sucht das Kleine, – / o seht, wie emsig es die Augen drehet, dieses reine, / unschuld’ge Kindlein! – Hört, o hört es weinend „Vater“ rufen! / O Engel, führt es her zu Meines Thrones Liebestufen!
PA|0|0|102|0|O seht, wie kaum es sich von einem Engel lässet lenken! / Es trägt zu folgen ihm im Herzen ein gar groß Bedenken; / nur da er sagt: „O komm! Ich will dich ja zum Vater führen“, / lässt sich das Kleine von der öden harten Stelle rühren! / O hört, wie es den Engel fragt: „Bist du ein gutes Wesen? / Bist wohl, um mich zu führen, nur vom Vater auserlesen? / Und bist du das, so zeig mir, wo der gute Vater weilet! / Ich hör Des Stimme schon! Wo kommt sie her? O eilet, eilet! / O zeigt mir schnell! – wo weilet Er? Ich muss zu Ihm ja kommen, / o führt mich hin, o führt mich schnell, ja schnell, ihr lieben Frommen!“
PA|0|0|103|0|Nun gebet Acht, Ich werd’s beim rechten Liebenamen rufen, / wie schnell wird’s Meine Stimm’ erkennen, laufen zu den Stufen / des wahren Vaters ew’ger Liebe unter lautem Jubel, / denn selbst die Engel scheinen ihm behaft’t zu sein vom Übel, / darum misstraut es ihnen; nur den Vater will es haben / und sich an Seiner angewohnten ew’gen Liebe laben! / Und nun: So komme, komme lieber Pathiel geschwinde, / lass wehen dich zu Mir von Meiner Stimme Liebewinde; / o sieh, schon lange harr Ich deiner mit gestreckten Händen! / So komm, und helfe Mir all deine Brüder nun vollenden!
PA|0|0|104|0|„O Vater, Vater, Vater, lieber Vater! – O mein Vater! / Wo bist Du denn gewesen, lieber Vater?! – Bester Vater! / Ich hab so lange weinend Dich schon überall gesuchet / und konnte Dich nicht finden, – hab die Fremden auch ersuchet, / dass sie zu Dir mich armen Pathiel schnell möchten bringen, / doch keiner wollte alsobald mir dieses Opfer bringen. / Nur einer schien mich Schwachen in der Liebe zu verstehen, / und als ich einmal suchend fiel, macht dieser mich erstehen; / o lieber Vater, musst mich nimmer, nimmer von Dir lassen! / Behalte mich bei Dir – musst nimmer, nimmer mich verlassen!“
PA|0|0|105|0|O schauet her, ihr großen Scharen, höret all ihr Frommen! / Vernehmt ihr Menschen alle, dieses Kind, von euch genommen, / von eurer Erde! – wie gar schnell hat es ohn alles Fragen / vor euch und Mir ohn alle Scheu, ihr werd’t es kaum ertragen, / o höret, staunt und weint! – die allergrößte Tat gefunden! / Was Ewigkeiten, Menschen, Sonnen, Engel nicht empfunden, / das hat der kleine Pathiel im ersten Wort bekennet, / als er vor Überfreude Mich als „Vater“ hat benennet! / O wahrlich, wahrlich, wahrlich! – Keiner kann Mich größer preisen, / im Vater nur lässt Tat, Gelingen, Zweck sich größt erweisen!
PA|0|0|106|0|Doch, dass ihr klarer möchtet schauen und getreu begreifen / und nicht wie sonst gewöhnlich an der Wahrheit nur zu streifen, / so will zum Überfluss den Kleinen Ich vor euch noch fragen, / auf dass er möchte, was zumeist an Mir ihn dünkt, da sagen. / Und so denn merket! – Pathiel! Ich werd dir etwas geben / in einer Frage; sagst du Mir’s, wirst alle Brüder heben! / Was hältst du denn an Mir fürs Größte, sag, was dich erfreuet / am allermeisten, sag, was dich von aller Angst befreiet? – / „O lieber Vater, wissen das die Großen nicht, die Brüder, / dass Du der gute Vater bist? O das sind arme Brüder!
PA|0|0|107|0|Ich lernte das auf Erden schon im Vaterunser kennen, / da muss ja jeder doch zuerst Dich ,unser Vater‘ nennen! / Du warst wohl Gott von Ewigkeit voll Liebe und Erbarmen, / doch Vater bist geworden erst durch Jesum Du mir Armen! / Und das ist mehr, als wenn Du ewig Gott nur wärst geblieben / und hätt’st als solcher alle Kinder weit von Dir getrieben!“ / Nun Pathiel, wo ist denn dein bezeugter Jesus? Sage! / Wo ist er hingekommen? Gebe Antwort noch der Frage! – / „O lieber Vater, was ist das für Frag’! – Ist ja Dein Name, / denn Du und Jesus ist – wie ich und Pathiel – ein Name!“
PA|0|0|108|0|Hör Pathiel, und sage Mir: Ist denn die Welt nicht größer / und alle Sonnen, – war dein Erdenvater denn nicht besser / als Ich? O sage Mir, Ich möcht es wissen, was du glaubest! – / „O lieber bester Vater, so Du gnädigst mir erlaubest, / ein wenig schlimm zu sein, will gerne ich es Dir ja sagen, / dass Du in Deiner Liebe – ich getrau mir’s kaum zu sagen! – / dass Du – ich will es denn doch sagen – mich willst liebend necken, / um mich dadurch vor Dir dahier ein wenig zu erschrecken! / Denn was soll mehr und größer sein, denn Du mein lieber Vater, / ist das nicht mehr denn alle Welt: Du bist mein lieber Vater?!
PA|0|0|109|0|Und – ob Du besser bist?! – Ist das doch eine seltne Frage! / Wer soll denn besser sein, denn Du? Nur das mir jemand sage! / Mein Erdenvater war ein Mensch wie ich so schwach und elend; / das Beste war an ihm, dass er, wie wen’ge nichts verhehlend / von Dir, Du bester Vater! – mich schon früh Dich kennen lehrte / und so in mir die Lieb’ zu Dir von Tag zu Tag vermehrte. / Wenn aber das allein an ihm nur ist für gut zu nennen, / dass er mich Dich, den wahren Vater, früh schon lehrte kennen, / wie möcht er irgend besser sein? O das wär ein Verlangen! / Hat doch, so gut wie ich, ja er auch all’s von Dir empfangen!
PA|0|0|110|0|Ich weiß so gut wie andre, dass die Sonne Du erschaffen, / wie auch den Mond und Erde hast, zum Wachen und zum Schlafen / für die, so noch auf Erden wohnen; doch was klein gefunden / sogar mein kleines Aug’ schon hat und allzeit wohl empfunden, / wie alle diese Dinge einem nie den Hunger stillen, / wohl aber umgekehrt den Leib mit Hunger nur erfüllen. / Und Vater! wenn auf Erden ich recht hungrig bin gewesen / und hatte nicht auch nur ein kleines Stückchen Brot zu essen, / o dann ließ ich die Sonne, Mond und Sterne traurig gehen / und wandte mich zu Dir, um – Vater! – Dich um Brot zu flehen!
PA|0|0|111|0|Die Erde, Sonne, Mond und Sterne, das sind kleine Dinge, / der stirbt gewiss vor Hunger, dessen Herz an ihnen hinge; / sie haben keine Lieb’ und wahrlich durchaus kein Erbarmen, – / ich mag sie nicht, sie geben ja kein Brot den schwachen Armen! / Nur wenn ich dachte: Über euch wird wohl mein Vater wohnen, / und wo die meisten Sterne sind beisammen, wird ER thronen, / da sind sie freilich mir, ich sag es rund heraus, o Vater, / gar lieb gewesen; doch wenn ich in mir die Hungersnatter / verspürte, wollt ich lieber einen nahen Vater sehen, / denn dieser möcht mich leichter denn der ferne doch verstehen!
PA|0|0|112|0|Als mir einmal mein Erdenvater Deines Tod’s erwähnte / und mir die bittre Art desselben noch dazu benennte, / da dacht ich mir: O einen bessren Vater kann’s nicht geben / denn Dieser, der für böse Menschen gibt des Sohnes Leben! / Denn damals wusst ich nicht, dass Sohn und Vater Eines seien, / auch nicht, dass Du im Sohne kamst, um uns für Dich zu freien! / Doch als ich später hab von einem armen Mann erfahren, / dass Vater, Sohn und Geist als nur Ein Vater sich erwahren, / dass dieser Eine Vater ist ein überguter Vater; / da ward das Herz mir heiß vor Lieb’ zu Dir, mein guter Vater!
PA|0|0|113|0|Doch einmal weiß ich, sieh, da ist zu uns ein Mann gekommen, / fürwahr, der hätt’ beinah mir alle Lieb’ zu Dir benommen! / Der sagte mir, Du wärst ein schrecklich grausam strenger Richter – / Du wärst der schwachen Sünder selbst ein ewiger Vernichter. / O lieber Vater, sieh, da bin in meinem schwachen Herzen / gewiss und wahr geworden ich ganz voll von Angst und Schmerzen. / Doch bald darauf ist jener arme Mann zu mir gekommen / und hat mir wieder alle Angst und leere Furcht benommen; / denn, sagte er: Wärst Du so arg, als jener Dich verschrien, / gewiss, wer könnte lieben Dich, und beten auf den Knien?!
PA|0|0|114|0|Und weiter hat er mich und meinen Vater noch belehret, / und dieses hat mein Herz dann ganz und gar zu Dir gekehret! / Denn, sagte er: Nicht um der G’rechten, Frommen, Treuen willen / ist Gott in aller Liebe, um die Erd’ mit Gnad’ zu füllen, / als Mensch und Vater und Erlöser in die Welt gekommen. / Wohl aber hat Er aller Sünder Schuld auf Sich genommen; / um deren willen Er allein gekommen ist zur Erde, / und ging mit ihnen um, trug duldend jegliche Beschwerde. / Er lud zu Sich, die da mühselig waren und beladen, / und nahm gar jeden Sünder auf in aller Lieb’ und Gnaden!
PA|0|0|115|0|Noch ferner sagte er, der gute fromme arme Alte: / O sieh, mein lieber Knabe, dass da Gott mit Sündern halte, / musst nimmer denken dir; doch wie Er mit den Sündern handelt, / soll dir ein kleines Beispiel zeigen: Es hat sich einst gehandelt, / dass eine große Sünderin hätt’ soll’n gesteinigt werden; / sie ward gar schnöd zum Herrn gebracht, versteht sich, auf der Erden. / Die Richter fragten listig Ihn: Was soll mit der geschehen? / Da schrieb in Sand Er ihre Schuld und sprach: Werd’t Mich verstehen? / Wer ohne Sünde ist aus euch, soll sich den Arm nur schärfen, / um nach der Sünderin gerecht den ersten Stein zu werfen!
PA|0|0|116|0|Und, sprach der Arme weiter: Keiner wollt den Rücken beugen, / um durch den ersten Wurf der Sünderin die Schuld zu zeigen! – / Da sprach der Herr: Lasst ihr sie frei, will Ich sie auch nicht richten. / Nicht um zu richten und die ganze Erde zu vernichten / bin Ich gekommen, sondern das Verlorne aufzusuchen; / nicht so wie ihr, will Ich der armen schwachen Sünder fluchen, / wohl aber trösten, stärken, retten alle, die gefangen / im harten Joch der Sünde, doch im Herzen oft verlangen / befreit zu werden, – alle will Ich auf die Schulter nehmen, / sie bergen in Mein Herz, und so den Weg der Sünde hemmen!
PA|0|0|117|0|O lieber bester Vater! – Als da solches ich gehöret, / hat sich die Lieb’ zu Dir in mir unendlichmal vermehret. / Ich mochte schlafen nimmer, denn die Liebe ließ nicht ruhen, / noch essen mich und trinken, noch was Weltliches zu tuen; / nur immer fragte ich: Wo ist denn dieser gute Vater? / Ich muss Ihn finden, diesen überguten, guten Vater! – / Da sprach der alte Arme, wieder kommend zu mir Armen: / O suche nicht den Vater, denn du ruhst in Seinen Armen; / denn kannst mit deinen Augen, Kleiner, du Ihn auch nicht sehen, / doch wohl verspüren magst du Seine Liebe um dich wehen.“
PA|0|0|118|0|O sieh, Mein lieber Pathiel, du hast Mir viel erzählet / und hast in deinen Worten Mir das Kleinste nicht verhehlet; / darum sollst du bei Mir in deiner Unschuld ewig bleiben / und da in deines Vaters Hause dir die Weil vertreiben. / Das ist, Mein lieber Pathiel, nicht so wie auf der Erden, / allda die meisten Kinder töricht nur verdorben werden / durch nicht’ge eitle Dinge, sondern würdig zu belehren / all deine Brüder, um dadurch die Liebe zu vermehren / auf Erden wie im Himmel; sieh, so wirst dich unterhalten, / indem du wirst so manches Bruderherz ganz neu umstalten.
PA|0|0|119|0|Doch da der Sünden du nun auch getreulich hast erwähnet / und hast sogar die Sünderin aus Meiner Zeit genennet, / so sage Mir: Die welchen Menschen hältst denn du für Sünder? / Und sind denn Sünder schon wie du so junge kleine Kinder? – / „O lieber, guter Vater! – Ich hab oft gehört den Namen! / Doch nie konnt ich erfahren, wie die Menschen dazu kamen. / Da kam der arme Alte wieder, den hab ich gefraget, / auf dass er sage mir, was denn ,ein Sünder‘ wohl besaget? – / Da sprach er: Siehe, deren Herz den Vater nicht will lieben, / sind Sünder, wenn auch Kinder, weil sie Dich nicht, wie ich, lieben!“ –
PA|0|0|120|0|Wie wusste denn der arme Alte, wie du Mich geliebet / in deinem Herzen hast? – „O Vater! wenn mich was betrübet / auf Erden hat, so weinte ich, weil ich Dich nicht konnt finden, / um meine Not und Liebe Dir, dem Vater, zu verkünden. / Und klagte meinem Erdenvater ich das Leid im Herzen, / so fand ich ihn bedrängt von selber Not und selben Schmerzen! / Und wenn’s uns beiden öfter dann recht schlecht anfing zu gehen, / so durften lange wir um uns fürwahr wohl niemals spähen; / der arme Alte kam gewiss, um unser Herz zu trösten, / und stärkte uns so lang, bis vollends wieder wir genesten!
PA|0|0|121|0|Und wenn dann wir in unsrem Herzen wieder uns gefunden, / da sprach der Alte: So ist’s recht! Wer Gott also umwunden / mit seiner Liebe hat, wie ihr in eurer Not und Leiden, / an dem hat Gott, der gute Vater, wohl die größten Freuden! – / Und wenn dann solches ich vernommen hab zur frohen Kunde / aus meines lieben armen Alten liebefrommem Munde, / da fing ich bald zu hüpfen an aus Lieb’ zu Dir vor Freuden; / fürwahr, ich glaubte oft, die Engel müssten mich beneiden! / Wenn ich so recht in meinen Liebestaumel bin gekommen, / da hätt’ der Tod mir nimmer meine Fröhlichkeit benommen!“
PA|0|0|122|0|Fürwahr, also war’s recht, wie dir der Alte hat verkündet; / denn wer sich so wie du zu Mir in seiner Lieb’ entzündet, / der hat in seiner Liebe schon das Höchste treu gefunden / und hat den Tod schon lang in Meiner Liebe überwunden. / Doch sieh, Mein lieber Pathiel, – wenn Ich zur Erde schaue, / da seh Ich viele Menschen gleich dem lockern Morgentaue, / sie glänzen wohl durch manche Tugend an dem Lebensfaden, / allein, will prüfend Ich sie überliebend zu Mir laden, / da fallen sie vor Mir, dem Vater, all die schlechten Kinder / und werden nach und nach recht arge liebelose Sünder!
PA|0|0|123|0|Ja lieber Pathiel! – Es gibt noch andre auf der Erden, / die Mich anstatt zu lieben nur verachten! – Solche werden / wohl schwerlich je, wie du, zu Meinen Kindern aufgenommen, / zu denen werd Ich einstens wohl als strenger Richter kommen! / Was meinst du wohl, was solche bösen Kinder denn verdienen? – / „Fürwahr, o lieber Vater, Deine Lieb’ wohl nicht; doch ihnen, / wie mir, wirst Du zur rechten Zeit so einen Alten senden, / und dieser wird sie dann, wie mich, in Deiner Lieb’ vollenden. / Hab ich ja auch nie etwas Gutes sonderlich verrichtet, / und Du, o lieber Vater, hast mich dennoch nicht gerichtet!“
PA|0|0|124|0|Das ist wohl wahr, Mein lieber Pathiel, hast wohl entschieden, / doch was soll jenen denn geschehen, die der Liebe Frieden / samt Mir gar fluchend fliehen und von Mir nichts hören wollen? – / „O Vater! Gibt’s denn solche?! – Diesen könnt ich selber grollen! / Doch wenn auch diesen Du den rechten Lehrer möchtest senden, / sie sind ja Kinder auch, er möchte sie gewiss vollenden! / Was wär vielleicht aus mir, hätt’st Du mich nicht geführt, geworden? / Gewiss ich wär vielleicht der Ärgste liebeloser Horden! / Nur Deine übergroße Lieb’ hat mich zum Kind erhoben! / So lass geschehen, dass, wie ich, Dich alle möchten loben!“
PA|0|0|125|0|Mein lieber Pathiel, du hast bisher all’s wohl bezeuget, / wenn aber du es wüsstest, wer an Meiner Lieb’ noch säuget / und Mir in allem Ernste nach dem Leben listig trachtet / und Meine große Lieb’ mit wahrem festem Hohn verachtet – / was möchtest du dazu denn sagen, wie mit ihm verfahren? – / „O lieber Vater, gäb’s auch irgend so ein arg’s Verharren, / was wird es einem solchen blinden Toren denn wohl nützen? / Hat er die Liebe nicht, worauf will seine Macht er stützen? / Fürwahr, lass kommen ihn, dem will ich seine Torheit brechen / und ihm den blinden Groll aus seinem bösen Herzen stechen!“
PA|0|0|126|0|O lieber Pathiel, der Feind, auch keiner Macht gewärtig, / ist überlistig doch und gleich mit was recht Bösem fertig. / O sieh, wenn Meine Macht ihn nicht zurücke halten möchte / und ihn zum starren Tod’s Gehorsam gleich den Steinen brächte – / die Engel alle wären lange schon verleitet worden / und glichen seinen überbösen Satansengel-Horden! / Doch das nicht möglich ist in Meiner neuen Waltungssphäre, / denn Meine Lieb’ hat ihm schon lange angelegt die Sperre; / doch auch in ihm wallt freies Leben, dieses muss ja bleiben / und möcht er wüten gleich den Löwen und noch Ärgres treiben.
PA|0|0|127|0|O sieh, auch dieser Feind war einst ein Kind von Meiner Gnade, / er kennt sogar all Meiner Lieb’ und Gnad’ Erbarmungspfade, – / doch sieh, nicht Ich und alle Engel können ihn bekehren, / nur stets und stets pflegt er geg’n Mich den bittren Hass zu mehren. / Denn als Ich einstens ihn wie dich zum Kinde machen wollte, / auf dass er Mir wie du jetzt hier der Freuden höchste zollte; / als da, zu lösen ihm die Freiheit, Ich von Mir ihn wandte / und ihn voll Licht in Meines Lebens freie Schule sandte, / da hat er sich voll Stolz und großer Eigenlieb’ entzündet – / und hat dadurch von Meiner Liebe ewig sich entbündet!
PA|0|0|128|0|Was sagst du nun, Mein Pathiel, was hat er wohl verdienet – / und umso mehr, da er sich nie der Bosheit hat besinnet, / die er an Mir und allen deinen Brüdern hat verübet, / wodurch er höhnend Mich am Kreuze gar noch hat betrübet! / Nun sage, Pathiel, was soll nun aus dem Feinde werden? / Soll länger tragen Ich des Kreuzes Tod-Beschwerden? / Denn siehe, so wie jetzt die Dinge stehen, kann’s nicht bleiben, / nicht länger soll der Böse seinen großen Frevel treiben! / Darum, Mein lieber Pathiel, versuche zu entscheiden, / was da geschehen soll, – geh, geh und mache Mir die Freuden!
PA|0|0|129|0|„O lieber guter Vater! Dass der Feind so arg! so böse! / konnt ich nicht wissen; gäb’s ein Mittel nur, dass er genese, / ich wär viel froher, als dass Du ihn werdest richten müssen – / fürwahr, würd’ besser er, ich möchte alles für ihn büßen! / Wie sieht er denn doch aus, der Arme, dürft ich ihn wohl sehen?“ – / O ja, in Meinem Schoß wird dir von ihm nichts Leid’s geschehen! / Da sehe hin, auf Meinen Ruf wird er sogleich erscheinen, / und zwar in seiner großen Bosheit harten Feuer-Peinen. / Doch musst dich fürchten nicht zu sehr und schrecken vor dem Bösen; / nur aber musst du schauen ihn, nicht seine Zunge lösen!
PA|0|0|130|0|Nun sieh, da kommt er schon, belast’t von schwersten Feuerketten! – / „O Vater! Vater! wie gar schrecklich! welch Gestalt! – die – Ketten! / Es sieht ja keinem Menschen gleich, voll Eiter, Schwür’ und Beulen! / Wer wird und möcht ihn wohl zu einem g’sunden Menschen heilen? / O wie er gar so schrecklich grimmig tut mit seinen Augen! / Fürwahr, der möchte nimmer doch für Deine Himmel taugen! / O wie er nun anfängt gar fürchterlich an sich zu reißen, / sogar als wenn er wütend wär, ach! ach! um sich zu beißen; / auch möcht er schreien gar! Was ist’s, er fängt sich an zu krümmen? / O weh, er heulet ja, es ist, als hört ich tausend Stimmen!
PA|0|0|131|0|O lieber Vater! lass dies Schreckensbild von hier entweichen / und ihm den Ort, von Dir für ihn bestimmt, sobald erreichen; / denn, lieber Vater, Du bist heilig; – mir wird angst und bange! / Für diesen – nein – o Vater – ich wohl keine Lös verlange! / Denn wäre diesem je an Deiner Lieb’ etwas gelegen, / gewiss, er wäre nicht so trotzig fürchterlich verwegen! / O lieber heil’ger Vater! Ist denn der noch nicht gerichtet? / Ach ja, er lebt ja noch, so ist er auch nicht voll gerichtet! / Oh! Oh! – jetzt geht er, wie um ihn der Rauch und Flammen schlagen! / O schrecklich, schrecklich! Was sind das für unerhörte Plagen!?“
PA|0|0|132|0|Nun lieber Pathiel! Was sagst du jetzt zu Meinem Feinde, / taugt dieser ewig je in unsre heilige Gemeinde? / Für den Ich Ewigkeiten Meine Liebe hab verschwendet! / O sieh, wohin des ungeacht’t sich dieser hat gewendet! / Da alles nichts gefruchtet hat bei diesem bösen Kinde, / ob streng Ich war zu ihm als Vater, oder ob gelinde; / so werd Ich bald das Letzte tun und ihn mit allen richten, / die solche Tat wie er in Meinem Angesicht verrichten, – / denn sieh, gar viele Millionen hat er schon zerrissen / und mehre noch als hasserfüllter Drache Mir zerbissen!
PA|0|0|133|0|O sieh, Mein Pathiel, bei solchen Dingen tut’s vonnöten, / durch ein Gericht all solche Frevler durch den Fluch zu töten; / das heißt: denselben alle Gnade, Macht und Kraft benehmen / und sie dadurch für Ewigkeiten in der Bosheit hemmen, / und sie dazu noch über alles schmerzempfindlich machen / und um die Nackten ein stark brennend Feuer anzufachen – / zum Lohne, dass sie allzeit Meiner Liebe mochten höhnen, / da sollen sie im ew’gen Feuer schmerzvoll brennen. / Vielleicht wird ihnen Meiner Gottheit Zorn dann mehr behagen / und ihnen Meine Rache mehr denn Meine Gnad’ zusagen!
PA|0|0|134|0|Nicht wahr, Mein Pathiel, – also wird’s recht wohl sein entschieden? / Und soll mit Mir auch sein die Bosheit noch so unzufrieden, / so wird Mein Urteil sie doch ewig nimmer ändern können / und schwerlich ewig je mit Meiner Liebe sich versöhnen! / Was sagst du, Pathiel? – Bist doch mit Mir ganz einverstanden?! – / „O ja, mein liebster Vater, – bin mit Dir ganz einverstanden!“ – / Doch Pathiel, Ich sehe, deine Augen sind voll Tränen, / was fehlet dir? Möchtst das Mir, deinem Vater, nicht bekennen? / Du hast etwas an deinem kindlich lieberfüllten Herzen; / o sage Mir nur, was dich drückt, bekenn Mir deine Schmerzen!
PA|0|0|135|0|„O lieber Vater, sieh, ich bin mit Dir ganz einverstanden, / nur eines muss ich sagen Dir, das hab ich nicht verstanden; / und dieses ist, dass Du den argen Feind willst ewig strafen. / Wenn er schon tatlos ist geworden, warum ihn noch strafen? / Ich weiß, Du guter Vater hast nicht Freud’, wenn Kinder leiden; / Du sagst, hast Freude nur an aller Deiner Kinder Freuden! / So lass den bösen Feind auch bloß nur tat- und schadlos werden; / erlasse ihm die ew’ge Strafe, lass nur tot ihn werden! / O lieber Vater! – tue, was Dir bestens möchte dünken, / doch lass den Bösen nicht noch tiefer in die Bosheit sinken!“
PA|0|0|136|0|O hört und seht ihr Engel, Menschen, Sonnen, alle Welten! / Vernehmt es ihr auch alle treu aus Meiner Gnad’ Beseelten! / Des heil’gen ew’gen Vaters Liebe-Tiefe widerstrahlen / aus dieses armen Kindleins Herzen in die Sonnen-Allen! / O Liebe, große heil’ge Liebe, Du Mein eigen Wesen, / du kannst, du wirst noch selbst den Tod vom Tode einst erlösen! / O Pathiel, Mein Kind, Mein Sohn! aus deinem Aug’ die Tränen, / wie groß sind sie! wie heilig fromm ihr sanft gerechtes Sehnen! / O sei nur ruhig, sieh, was hart in dir du mochtst empfinden, / wird übersanft dereinst des großen Vaters Lieb’ entbinden!
PA|0|0|136|1|(22. April 1842)
PA|0|0|137|0|Und nun, Mein lieber Pathiel, bist wohl mit Mir zufrieden; / denn du magst nun schon ahnen, wo dahin sich kehrt Mein Frieden, / der Frieden Meiner Liebe, der an alle ist ergangen, / die nur ein wenig je zur innren Lebensfreiheit drangen, / die doch wohl freilich nur in hehrer Fülle dir ist eigen – / und allen deinesgleichen, die Mir deine Liebe zeigen. / Doch aber kann sie jeder, wär er auch ein großer Sünder, / durch Buß und Reu erreichen, wenn genommen er den Zünder, / den Ich gestreuet hab getreu durch Wort und Tat auf Erden, / damit die festen Glaubens sind, schon können selig werden.
PA|0|0|138|0|„O lieber Vater! – Lass Dich auch von mir ein wenig fragen, / Du wirst wohl leichter doch, denn ich, so was in Dir ertragen. / O sieh, noch bin ins Klare ich wohl keineswegs gekommen, / darum ist mir die Angst und Furcht auch ganz noch nicht benommen. / Da Du allhier mit Deiner Lieb’ die meine hast erwecket / und hast auch Deine Gnad’ gar weit hinab nach mir gestrecket, / so mach zufrieden mich und höre meine schwache Stimme, / die da hervor noch geht aus einer kleinen Herzenskrümme; / denn vordem wusst ich nicht, was all’s im Herzen ist verborgen, / und lerne solches nun allhier im ew’gen Lebensmorgen.
PA|0|0|139|0|Was wird dann nach gar langen Zeiten aus dem Feinde werden? / O sage, lieber Vater mir, erleichtre die Beschwerden, / die noch mein kindisch Herz gar sehr in engen Grenzen halten; / o sag, wird er im Tod verhärten oder nur veralten? / Wird wohl nach Ewigkeiten werden er ein bessres Wesen, / wird je Deine Barmherzigkeit vom Tode ihn erlösen? / Was wird mit denen, die er hat verdorben, wohl geschehen, / o werden diese einstens von dem Tode auch erstehen? / Und gibt es eine Zeit, der Qualen Dauer zu bemessen? / O sage Vater mir! Musst Letztes aber nicht vergessen!“
PA|0|0|140|0|O lieber Pathiel, du schuldlos Kind! In deinen Fragen / wird ohne Antwort schon die schönste Antwort lieblich tagen. / Nicht wie auf Erden dient allhier, die Dauer zu bestimmen, / die flücht’ge Zeit nach Stunden, Tagen, Monden, Jahresprimen; / denn hier ist keine Zeit, wohl aber wonnevollstes Leben, / nach diesem wird der Dauer Maß-Zustand getreu gegeben. / Nun denke dir im Herzen, was die Liebe mag erfinden / in höchster Lebenswonne, wird der Freuden Maß verkünden; / von einer Edeltat zur andern wird allhier bemessen / die Dauer höchster Freuden – und wird nicht des Feinds vergessen.
PA|0|0|141|0|Daher kann nicht nach Zeit allhier bestimmt die Löse werden; / doch soll so lang der Staub geläutert werden auf der Erden, / bis aus derselben alles Lebens letzte Spur genommen / und endlich alles Geist’ge ist ans Gnadenlicht gekommen. / Das Wesenböse aber wird sich in dem Feuer lösen / wie eine harte Schrift, die unverstanden ward gelesen, / in einem Flammenherzen, das die Lebenskeime treibet, / in welchem sich am End die harte Schal’ zu Nichts zerreibet, / da sie zu nichts mehr nütze, muss auch selbst zunichtewerden. / Wie mit der Schale, so dereinst mit Sonnen und mit Erden!
PA|0|0|142|0|Hast Mich verstanden, lieber Pathiel, und wohl begriffen? / Gefunden dich in Meiner Weisheit endlos tiefen Tiefen? / O sag Mir nur, du darfst vor deinem Vater dich nicht scheuen, / denn jede Antwort deines Herzens kann Mich nur erfreuen; / darum sollst ohne Scheu Mir alles, aber treulich sagen, / so wirst du nimmerdar in deinem Herzen weinend klagen! – / „Ob ich’s verstanden hab; – kann Dich nicht jeder so verstehen? / Ich hab’s aus allem dem gar hell und überklar entnommen, / dass Du der liebe, gute Vater bist! hab ich entnommen; / mehr kann und darf und brauch ich ewig nimmer zu verstehen!
PA|0|0|143|0|Ich denke jetzt, und werde ewig so im Herzen denken: / Du, lieber Vater, wirst wohl all’s zum rechten Ziele lenken! / Was möchte und was könnte wohl dem schwachen Menschen frommen, / hätt’ er endlose Höhen auch in Deinem Licht erklommen; / wenn er Dich aber dennoch ewig nimmer mag erreichen, / auf dass er vollends Dir in allen Dingen möchte gleichen! / Und wer das täte, würde der den Feind nicht übertreffen, / indem er diesem gleich die Macht des Vaters möchte äffen? / Fürwahr, der Satan sucht vielleicht bis jetzt gar noch Dein Ende, / wie töricht muss er sein, nicht ahnend, dass in Dir kein Ende!
PA|0|0|144|0|Ist’s nicht also, Du lieber Vater, wer die Lieb’ erwählet, / hat sich gewiss mit Deinem Gnadenlichte auch vermählet; / wer aber nur nach Deinem Gnadenlichte möchte trachten, / dabei die Liebe aber als ein nutzlos Ding verachten, / dem wird gewiss des Gnadenlichtes möglichst sparsam werden, / sowohl allhier im Reich des Geistes, als zuvor auf Erden. / Daher will ich nie mehr und weniger von Dir erkennen, / als nur: Mein lieber Vater – Dich in aller Lieb’ zu nennen; / und soll dazu noch nötig sein, zu schaun des Lichtes Helle, / wird schwer nicht sein für den, der allzeit sitzet an der Quelle!“
PA|0|0|145|0|Mein lieber Pathiel, erst jetzt hast du es ganz erraten, / das ist die größte aller Meiner großen Liebetaten, / dass Ich der endlos ewig große Gott mit Kindern wandle, / ja Selbst als liebevollster Vater mit den Sündern handle, / der Ich doch heilig, heilig, heilig bin durch Ewigkeiten, / und stehe doch den Sündern bei, sie alle zu geleiten / dahin Ich Selbst gegangen, um das Größte zu vollbringen, / als Herr der Ewigkeiten mit dem Tode selbst zu ringen. / O sehet alle Engel, Menschen, Erden, Monde, Sonnen! / Das Größte ist, dass Ich bei kleinen Kindern pfleg zu wohnen!
PA|0|0|146|0|Ein Leichtes ist, zahllose Sonnenheere zu erschaffen, / ein Leichtes ist, die Faulen mit der’ Nichtung zu erstrafen, / was Leichtes ist’s, aus Sich zu rufen aller Arten Wesen, / dem übermächt’gen Gott ist alles dieses leicht zu lösen; / Er braucht nicht mehr, als auszusprechen nur den heil’gen Willen, / und jeder Raum wird gleich zahlloses Sein in sich verhüllen. / Zu geben doch die Freiheit Meiner Lieb’ erschaffnen Wesen / und sie vom Drucke Meiner ew’gen Macht Selbst zu erlösen, / darum als Gott ein Mensch zu werden auf dem Weltenstaube, / zu sterben schmählich gar! – Das zeug als Größt’s von Mir der Glaube.
PA|0|0|147|0|Damit ihr aber dieses möchtet vollends klar erfassen / und so von allem eurem alten Irrtum gänzlich lassen, / so sag Ich euch fürs Erste: Alles, was allhier Ich fragte, / wenn selbes auch bei weitem über eure Sinne ragte, / als Menschen, Erden, wie auch alle euch bekannten Sonnen, / auch alles Volk der Himmel, Kind, und eure Lebenszonen, / ist nur in euch zu suchen; da müsset ihr die Weisen finden! / Die Erde wie die Sonnen werdet ihr im Kopf entbinden, / wie auch die Weisen in den Augen, Ohren, Mund und Nasen; / befragt sie nur, ihr werd’t erkennen sie an ihrem Rasen!
PA|0|0|148|0|Die „Engel“ sind Erkenntnisse in euch aus Meinem Worte, / sie lehren, führen euch zu Meines Reiches Gnadenpforte; / doch wenn’s aufs Leben kommt, wie möchten sie euch solches geben!? / Dasselbe muss die reine Liebe erst in euch erheben. / Und diese Liebe ist „das Kind“, in ihr ist es verborgen, / in ihr die große Zeit, in ihr des Lebens ew’ger Morgen – / und da in ihr der ganzen Schöpfung Zweck nur ist vorhanden, / erlöset schon durch Meine größte Tat von allen Banden, / so ist die größte Tat darin ja nun erschöpft vollendet, / wofür der ganzen Schöpfung Zwecke sind für Eins verwendet!
PA|0|0|149|0|So aber Ich als Gott, der ewig heilig ist ohn Ende, / euch, den Geschöpfen, nun als Vater biete Herz und Hände, / ja selbst, um euch aus Lieb’ als solcher möglich doch zu werden, / Mich Selbst gefangen nehme, um mit euch ein Mensch auf Erden / zu sein, und das der Fülle Meiner Gottheit unbeachtet, / so wird fürs Zweite schwer nicht werden, so ihr das betrachtet, / auf einen Blick zu finden, wo die größte Tat sich kündet; / gewiss nur da, wo sich die Lieb’ ein neues Haus gegründet! / Ist nur ein fertig’s Haus des Bauwerks größte aller Taten, / so seht auf Meine Liebe denn – sie wird euch all’s verraten!
PA|0|0|150|0|Und da ihr solches habt erfahren, sollt ihr fröhlich beten: / „O lieber Vater, komm zu uns, wir haben Dein vonnöten, / kein andrer denn Dein Wille soll in uns die Herzen lenken, / auf dass dadurch Dein Name in dieselben sich möcht senken, / um da geheiliget zu werden in dem neuen Hause; / auch Brot des Lebens gib uns, Vater, zu dem Liebeschmause! / Vergesse nicht, o Vater! Sünder sind auch Deine Kinder, / vergebe uns! Wir alle sind vor Dir ja nichts denn Sünder! / Mit gar zu harten Proben wolle gnädigst uns verschonen / und lass dafür uns all in Deiner Vaterliebe wohnen!“
PA|0|0|151|0|Wenn ihr also gebetet habt in Meiner Liebe Namen, / so werde Ich hinzu als lieber Vater sagen Amen. / Doch müsset ihr barmherzig sein gen alle eure Brüder, / dann werd Ich allzeit freundlich hören eure Lobeslieder! / Was ihr, erbarmend euch der Brüder, möcht’t in Meinem Namen, / o glaubt’s, fürwahr, dazu werd mächtig sagen Ich das Amen! / Und wenn ihr mehre seid vereint für was in Meinem Namen, / um was ihr immer bitten werdet, werd Ich sagen Amen! / Und endlich, dass ihr trauen möcht’t der Macht in Meinem Namen, / sag Ich als euer Vater heilig liebevollst das Amen.
FL|0|0|1|1|Vorbereitendes Wort
FL|0|0|1|1|Am 3. September 1840
FL|0|0|1|0|Es ist gut, öfter auf so manches seine Gefühlsaugen zu richten und zu gewahren da Meine Liebe und Weisheit – und wäre der zu betrachtende Gegenstand noch so gering; denn es liegt doch immer etwas Unendliches darin, und so ist es auch würdig eines geistigen Blickes, da alles, worin sich Unendliches birgt, von Mir ein Atom ist, in dem ein ewiges Sein waltet.
FL|0|0|2|0|So Ich euch nun in einem kleinen Lied eine unbeachtete Fliege etwas vorsumsen lasse, so denkt, dass auch dieses geringfügige Tierchen nicht zu den Ungezählten gehört; denn so Mir die Atome des Lichtes und die Monaden des Äthers durch alle Unendlichkeiten und Ewigkeiten genau zahlenweise bekannt sind, wie soll es eine Fliege nicht sein, zu deren Bildung doch mehr als eine ganze Milliarde der Atome nötig ist! Daher lassen wir eine Fliege ein wenig sumsen.
FL|0|0|3|1|Die Fliege
FL|0|0|3|0|Es sumset die muntere Fliege in lustiger Weise / Ein artiges Liedchen Mir, mächtigem Schöpfer, zum Preise; / Sie sumset in wonniger Freude gar sinnig von Liebe / Und kreiset im Meere derselben aus innerem Triebe / Und redet gar deutlich vernehmliche Worte der Gnade / Und kündet und zeiget zu gehen euch ärmliche Pfade.
FL|0|0|4|0|Nun sehet das Tierchen, wie munter und fröhlich es kreiset, / Und wie es ganz sorglos gehorsam dem Triebe sich weiset / In dankbarer Haltung der Richtung, die Ich ihm gegeben; / Und nie wird es, so wie ihr, nach dem Verbotenen streben! / Ich sage, umsonst ist es nicht euch so nahe gestellet, / Und ob auch das Mittel wohl klein, ist's von Mir doch erwählet!
FL|0|0|5|0|Ein Flügelpaar, zart, gleich dem Äther, hab’ Ich ihr gegeben, / Damit sie sich sollte gar leicht in die Lüfte erheben / Und kreisen da munteren Flugs in den Strahlen der Sonne / Und saugen da Licht mit den Äuglein der goldenen Krone, / Dann tragen dasselbe zum Leben der toten Gebilde / Und zeugen der Härte von Meiner belebenden Milde.
FL|0|0|6|0|So hab’ auch gegeben Ich weise ihr sechs leichte Füße / Und hab’ ihr gegeben, damit sie empfinde die Süße / Des Lebens, zum Saugen der Kost einen tauglichen Rüssel. / Und seht, was Ich nun euch gesaget, nehmt es als Schlüssel / Und denket im Herzen wohl über die Fliege; / Ich sage: die Fliege, die Fliege, sie singt euch vom Siege!
FL|0|0|7|0|Seht, das sei euch unterdessen eine kleine Aufgabe; diese sollt ihr in freier, Mir geweihter Zeit ausarbeiten. Dieses kleine unbedeutende Thema habe Ich euch gegeben, damit eure Demut eine gute Nahrung fände; im Folgenden aber wird euch dieses Tierchen von Mir ohnehin ein Zeugnis der Natur vorführen vom Grunde aus, Amen. Ich, dem alle Dinge wohlbekannt sind, gebe euch dieses. Amen, amen, amen.
FL|0|1|1|1|Entstehung der Fliege
FL|0|1|1|1|Am 8. März 1842
FL|0|1|1|0|Die Fliege, ein kleines Tierchen zwar und nicht selten lästig dem Menschen wie auch vielen anderen lebenden Geschöpfen der Erde, besonders zu jener Zeit des Jahres, da der Sonne Strahlen heftiger den Boden der Erde berühren, ist aber dennoch in der Ordnung der Dinge so unbedeutend nicht und auch nicht so zwecklos, als sie eben zu sein scheint.
FL|0|1|2|0|Um das alles vollkommen und nützlich einzusehen, wollen wir eine kleine Vorbetrachtung über die natürliche Beschaffenheit dieses Tierchens machen.
FL|0|1|3|0|Es wäre wohl überflüssig, euch die Gestalt der eben zu besprechenden Fliege der Form nach kundzugeben, nachdem ihr doch schon ganz sicher werdet mehrere Fliegen gesehen haben; aber ihre denkwürdigen Einzelheiten und die Art ihrer Entstehung sind da auf keinen Fall zu umgehen, sondern mit recht vielem Fleiß und aufmerksamen Geistes zu beachten.
FL|0|1|4|0|Wie entsteht demnach die Fliege?
FL|0|1|5|0|Es wissen zwar Naturgelehrte, dass die Fliege eine Art Eier lege, welche so klein sind, dass sie vom menschlichen Auge kaum wahrgenommen werden, und haben daher auch ein so geringes Gewicht, dass sie gleich dem Sonnenstaub sich gar leicht in der Luft schwebend erhalten können.
FL|0|1|6|0|Wohin aber legt die Fliege ihre Eierchen, da die Zahl dieser von einer Fliege gelegten Eierchen nicht selten Millionen übersteigt, und wo und wie werden sie ausgebrütet? Ihr habt sicher noch nie eine junge Fliege gesehen; die Mücklein aber sollet ihr ja nicht für junge Fliegen ansehen.
FL|0|1|7|0|Seht, die Fliege legt ihre Eier, so sie einmal legreif geworden ist, überall hin, wo sie sich nur immer hinsetzt, und kümmert sich dann weiter gar nicht mehr, was mit ihnen geschieht. Millionen werden von den Winden in alle Weltgegenden geführt und zerstreut; Millionen kommen in das Wasser; ja ihr könnt euch beinahe kein Ding auf der Erde denken, das da verschont bliebe von den Eiern der Fliege, so wie der Fliege selbst kein Ding gewisserart zu heilig ist, darum sie sich nicht auf dasselbe setzen und dasselbe beschnüffeln möchte. Also ist außer der glühenden Kohle und der lodernden Flamme auch beinahe kein Ding, das sie nicht mit ihren Eierchen beklecksen möchte.
FL|0|1|8|0|Wohin sonach die Fliege ihre Eierchen legt, und wie sie aussehen, wüssten wir jetzt schon; wie sie aber ausgebrütet werden und wie viele von den unzählbar gelegten, davon soll sogleich die Rede sein.
FL|0|1|9|0|Alle diejenigen Eierchen, welche entweder an feuchten Mauerstellen der Häuser, vorzugsweise der Tierstallungen, oder an faulem Holz, oder was immer anderem Moderfeuchtigkeit Haltendem gelegt werden, kommen fast meistens davon; was aber da ein Raub der Winde und des Wassers geworden ist, davon werden freilich wohl unbeschreiblich wenige zu Fliegen ausgebrütet, — obschon dessen ungeachtet nichts verlorengeht, dass es eine andere weise Bestimmung verfehlen sollte, ja sogar diejenigen nicht, welche von Menschen und Tieren nicht selten zu Millionen mit einem Atemzug eingeatmet werden. Doch lassen wir diejenigen, welche den anderen vielen Bestimmungen zugeführt werden, und wenden uns sobald zu denjenigen, welche da ausgebrütet werden.
FL|0|1|10|0|Wie also werden denn diese ausgebrütet?
FL|0|1|11|0|Seht, wenn die Sonne einmal hinreichend die Erde zu erwärmen anfängt, da fangen diese Eierchen auch an zu wachsen, bis sie einmal so groß werden, dass sie auch ein mittelmäßig scharfes Auge zu entdecken imstande ist, und zwar als einen weißlich-blauen Blumenstaub, natürlich an den Stellen nur, da sie von der Fliege hingelegt wurden. Das ist dann die Zeit der Ausbrütung, welche also vor sich geht:
FL|0|1|12|0|Die Eierchen springen da auf, von den erwachten Geistern der in einem solchen Eichen angesammelten ordnungsmäßigen Vorgangstierchen genötigt. Diese Geister vereinigen sich in der Gestalt eines kaum sichtbaren kleinen weißlichten Würmchens zu einem Leben. Dieses Würmchen nährt sich dann einige Tage von der Feuchtigkeit der Stelle, da es ausgebrütet wurde, welche Nahrungszeit eben nicht gerade bestimmt ist, sondern allzeit von dem Umstand der Reichlichkeit des vorhandenen Nahrungsstoffes abhängt.
FL|0|1|13|0|Jedoch bis daher geht es mit der Zeugung der Fliege ganz natürlich vor [sich].
FL|0|1|14|0|Ich habe euch aber gleich anfangs gefragt, ob ihr noch nie eine junge Fliege gesehen habt. Seht, darin liegt das eigentliche Wunder dieses Tierchens begraben. Es ist auf einmal da, und ganz vollkommen ausgebildet, und niemand weiß nun, woher es kam, und wo dessen Geburtsort ist.
FL|0|1|15|0|Wie geschieht denn dieses Wunder?
FL|0|1|16|0|Ihr habt vielleicht schon dann und wann gehört von alten Leuten sagen: Die Fliegen entstehen zum Teil aus einer Art Staub und zum Teil aus den zerstäubten Körperteilen alter, toter Fliegen. Dem Anschein nach ist es wohl so, aber der Wirklichkeit nach freilich wohl nicht.
FL|0|1|17|0|Denn so das Würmchen einmal die rechte Größe erhielt, welche ungefähr die Ausdehnung hat, wie ein kleiner Beistrich bei einer mittelmäßig großen Schrift, sodann zerplatzt das Würmchen und zerlegt dadurch das Innere nach außen; allwann dann die frühere Außenhaut des Würmchens zum eigentlichen Leib der Fliege sich ausdehnt, wohlversehen mit allen den inneren Verdauungsgefäßen; die frühere Innenseite des Würmchens aber dann die äußeren sichtbaren Teile der Fliege hervorbringt, welche, sobald diese Umkehrung vor sich ging und sie mit der äußeren Luft in Berührung kommen, binnen längstens fünf bis sieben Sekunden zu ihrer vollkommenen Ausbildung gelangen, bei welcher Gelegenheit die Fliege auch ganz vollkommen fertig ist.
FL|0|1|18|0|Seht, das wäre demnach die Geburt oder vielmehr die gewiss nicht wenig merkwürdige Entstehung der Fliege, und [sie] muss jedem Beobachter wunderbar genug vorkommen. Allein dieses alles ist dessen ungeachtet noch das am wenigsten Wunderbare bei diesem Tier. Was da noch folgen wird in der möglichen Kürze, darüber werdet ihr euch erst groß erstaunen und verwundern. Und so lassen wir dieses Merkwürdige an einem nächsten Tag folgen.
FL|0|2|1|1|Warum die Fliege auf glatten senkrechten Flächen gehen kann
FL|0|2|1|1|Am 11. März 1842
FL|0|2|1|0|Es wird euren Augen nicht entgangen sein, und gar oft werdet ihr schon bemerkt haben, wie die Fliege mit ihren sechs Füßchen auf einer aufrechtstehenden, allerfeinst polierten Fläche ebenso behände forttrippelt wie auf einem Tisch, der sich in horizontaler Lage befindet.
FL|0|2|2|0|Wie ist aber solches diesem Tier möglich, nachdem seine Füße, obschon jeder in zwei sehr kleine spitzige Krallen auslaufend, dennoch äußerst glatt sind?
FL|0|2|3|0|Seht, das ist schon etwas Wunderbares, wenn ihr bedenkt, dass auf einer aufrechtstehenden polierten Fläche ohne ein klebriges Bindungsmittel nicht einmal das allerleichteste Federflaumchen hängenbleibt, wie demnach der Fliege solches möglich sein kann, ohne Beihilfe eines klebrigen Mittels.
FL|0|2|4|0|Es haben aber einige sehr tätige Naturforscher mittels stark vergrößernder Kleinschauwerkzeuge gefunden, dass die Fliege und alle Tiere ihres Geschlechts an ihren Füßen zwischen [den] zwei Krallen eine Art sehr elastischer hohler Glöckchen angebracht haben, welche sie gleich reinen Luftrezipienten zum Verdünnen der Luft gebrauchen dürften, und zwar auf folgende Weise: Wenn da eine Fliege den einen oder den andern Fuß an eine aufrechtstehende Glasscheibe setzt, so saugt sie sobald die im Glöckchen befindliche Luft in sich, wodurch dann der mit dem luftleeren Glöckchen versehene Fuß von der Schwere der das Glöckchen von außen umgebenden Luft sobald an der besagten Fläche festgehalten wird.
FL|0|2|5|0|Allein zu dieser Verrichtung müsste dann jede Fliege in sich eigene Luftpumpen haben! Und in welcher Schnelligkeit müssten diese von einem unaussprechlich gewandten Mechaniker gehandhabt werden, damit sie dem äußerst geschwinden und allerunbestimmtest launigen Getrippel der Fliege völlig Genüge leisten sollten?!
FL|0|2|6|0|Seht, solches ist nicht leicht denkbar, obschon die Fliege ganz richtig im Besitz solcher scheinbaren Luftglöckchen ist! Wenn aber demnach die Fliege nicht auf die von den Naturforschern vermeinte Art sich mit den Füßen auf der besagten Fläche erhält, auf welche Art erhält sie sich hernach? Die Antwort wird aus der nachfolgenden Darstellung sehr leicht zu entnehmen sein.
FL|0|2|7|0|Wenn ihr nur einmal eine Fliege recht aufmerksam betrachtet habt, so müsst ihr ja wohl bemerkt haben, dass die Fliege allenthalben an ihrem kleinen Körper mit kleinen Härchen und anderen kleinen hornartigen Spitzen versehen ist, ja sogar das Flügelpaar an den äußersten Rändern mit einer Unzahl strahlenförmig auslaufender Spitzfederchen.
FL|0|2|8|0|Wozu der Fliege alles dieses? Seht, jetzt werden wir die erwünschte Antwort bald heraus haben!
FL|0|2|9|0|Diese Härchen und Spitzchen sind lauter wohltaugliche Elektrizitätssauger, und diese dadurch von der Fliege in sich gesogene Elektrizität strömt dem negativen Teil nach, welcher zugleich auch der anziehende oder zusammenziehende ist, unablässig fort durch die Füßchen in die schon bekannten Glöckchen, wodurch dann diese Teile sehr hungrig nach der positiven Elektrizität werden. Da sich aber diese vorzugsweise an den polierten Flächen aus der Luft ansammelt, so ist dann ja auch ganz natürlich, dass die Fliege auf jeder wie immer gestellten polierten Fläche zum Behufe ihres Gehens haften bleiben muss, indem schon altbekanntermaßen entgegengesetzte Polaritäten sich immerwährend anziehen.
FL|0|2|10|0|Seht, das ist demnach die Antwort auf die obige Frage.
FL|0|2|11|0|Aber ihr werdet sagen: Da geht es dann ja ganz natürlich zu, wie ist es demnach ein Wunder? Worauf Ich euch freilich wohl nichts anderes zur Antwort geben kann als: Je natürlicher euch eine Sache vorkommt, desto wunderbarer ist sie auch darum, weil es kein vergängliches und darum auch wenig nützendes, sondern ein bleibendes und demnach stets und für alle Zeiten wohlnutzendes Wunder ist für den, der es in Meinem Namen beachten will! Denn ihr braucht nur ein wenig nachzudenken, und es muss euch sobald einleuchtend werden, an welchem Wunder da mehr gelegen ist, ob an dem Durchzug der Israeliten durch das Rote Meer, oder ob an der Beständigkeit eines fruchttragenden Baumes, der heutzutage noch dieselben Früchte trägt, die er getragen hat zu den Zeiten Adams, und an unserer Fliege, die heutzutage noch dieselbe ist, als wie sie um sehr viele Millionen Jahre vor Adam war! Urteilt nun selbst, welches Wunder sonach größer und wichtiger ist!
FL|0|2|12|0|Wenn demnach die Fliege, sowohl vermöge ihrer Entstehung als vorzugsweise zufolge ihres Fortbestehens und allerzweckdienlichsten Gebrauches aller ihrer lebensfähigen Bestandteile und ganz besonders zufolge ihrer noch bis jetzt ganz unbekannten doppelten Nützlichkeit, eine wunderbare, ja großwunderbare Erscheinung von Mir benannt wird, so kann ja das Gehen einer Fliege auf einer polierten Fläche mit bei weitem größeren Recht ein Wunder genannt werden – wovon sich jeder Mensch noch täglich überzeugen kann, wenn er je nur einigermaßen diese Erscheinung in seinem Herzen gewürdigt hat – als der Einsturz der Mauern Jerichos durch den Posaunenschall unter Anführung Josuas.
FL|0|2|13|0|Denn das erste geschieht noch tagtäglich zahllosfach vor euren Augen, während vom zweiten außer in der Schrift auf der ganzen Erde keine Spur mehr vorhanden ist. Wer demnach von dem wunderbaren Einsturz Jerichos einen Nutzen schöpfen will, der muss dieses Faktum vorerst schwerfällig blindlings glauben, während er an einem Sommertag von mehr denn tausend solchen Großwundern erster Art heimgesucht wird, die ihm alle oft schon überlästig zurufen: „Sieh, du stolzer, hochmütiger Mensch, wie reichlich hat der große heilige Schöpfer lebendige Wunder um dich geschaffen, und lebendig erkenne in dir, wie nahe dir der Herr des Lebens ist!“
FL|0|2|14|0|Urteilt demnach wieder selbst, welches Wunder da in Beziehung auf euch größer und wichtiger ist! Ich meine aber, eine an euren Ohren vorübersummende Fliege, eine zirpende Grille, ein zwitschernder Sperling und ein bescheidenes Frühjahrsveilchen singen einem liebeverständigen Herzen nicht minder ein erhabenes hohes Lied zu Meinem Lob denn Salomon in all seiner Weisheit und königlichen Pracht!
FL|0|2|15|0|Salomons Weisheit ist wohl eine hohe Weisheit denen, die selbst in der Weisheit Salomons sich befinden; aber in dem Lied der lebendigen wie auch stummen Natur liegt Größeres und auch endlos Tieferes denn in aller Weisheit des Sohnes Davids.
FL|0|2|16|0|Und so erzählt euch eine Fliege in ihrem raschen Flug wunderbar, welche heilige Kraft ihre leichten Schwingen in Bewegung setzt und trägt durch diese wohlgemut das Wundertierchen nach allen möglichen Richtungen hin und her, auf und ab, und sagt euch noch allzeit hinzu: „So der heilige Vater schon solches endlos erhaben Wunderbares tut an mir winzigem, verachtetem Tierchen, was wird Er erst an euch, Seinen Kindern, alles tun!“
FL|0|2|17|0|Ist solches nicht Weisheit über Weisheit und Wunder über Wunder?
FL|0|2|18|0|Der letzte Verlauf dieser Mitteilung aber wird euch erst völlig das Wunder enthüllen; und so lassen wir für heute des Guten und Wahren zur Genüge sein.
FL|0|3|1|1|Die Fliege als Ausgleicher der Luftelektrizität
FL|0|3|1|1|Am 15. März 1842
FL|0|3|1|0|Was wir somit bis jetzt haben von der Fliege kennengelernt, ist doch sicher wunderbar, ja überaus wunderbar; aber eines der viel größeren Wunder dieses Tierchens liegt in seiner Bestimmung, und mit dieser auch in der Art und Weise, wie es seiner Bestimmung entspricht.
FL|0|3|2|0|Wie vielfach aber ist die Bestimmung dieses Tierchens? Kann sie wohl einfach sein? Und so sie es wäre, wie wenig wäre das! Kann sie vielfach sein?
FL|0|3|3|0|Es gibt in der ganzen Schöpfung nirgends ein Ding, das da mehr als zwei Polaritäten hätte, nämlich eine bejahende und eine verneinende. Und so gibt es auch nur ein Oberes und ein Unteres, welches sich einander gegenübersteht; denn das Mittlere ist nichts denn eine Verbindung des Oberen und Unteren. Und also gibt es auch ein Äußeres und ein Inneres, ein Materielles und ein Geistiges, ein Gutes und ein Böses, ein Wahres und ein Falsches.
FL|0|3|4|0|Wenn demnach von dem Zweck des Daseins eines Wesens die Rede ist, so kann dieser sich auf nirgend anderswohin erstrecken als nur auf eine dieser zwei Polaritäten. Und so lasst uns denn sehen, für was alles die Fliege taugt.
FL|0|3|5|0|Nehmen wir einmal den äußeren Pol.
FL|0|3|6|0|Es muss euch ja auffallen, warum zur Winterszeit nur wunderselten irgend ein solches Tierchen zu ersehen ist, während doch zur warmen Sommerszeit alles schwirrt und wimmelt von derlei kleinen beflügelten Bewohnern der Luft.
FL|0|3|7|0|Seht, Meine lieben Kindlein, wir werden jetzt sogleich wieder ein Wunder unserem Tierchen entlocken!
FL|0|3|8|0|Wie die Fliege also voll Härchen und Spitzchen ist, haben wir schon bei der Entdeckung des ersten Wunders gesehen, da Ich euch ihr Gehen erläuterte. Allein das ist nicht die einzige Ursache, darum dieses Tierchen so behaart und bestachelt ist. Ihr werdet sobald erfahren, wozu jedem dieser Tierchen auch ein Flügelpaar zum Fliegen verliehen ist.
FL|0|3|9|0|Seht, dieses Tierchen wird durch das Einsaugen des elektrischen Stoffes (auf die schon bekannte Weise) so leicht, dass es gegen die Anziehungskraft der Erde nicht das allergeringste Gewicht mehr äußert und darum von seinem kleinen Flügelpaar dann gar leicht in allen Richtungen der Luft herumgetragen wird.
FL|0|3|10|0|Warum wird es aber also herumgetragen, oder warum muss die Fliege, je wärmer es ist, auch desto hurtiger nach allen Richtungen hin und her fliegen? Gebt nur recht schön Acht; jetzt werden wir es bald herausbekommen!
FL|0|3|11|0|Seht, diese Millionen und Millionen Fliegen sind allda beauftragt, das von der Sonne zu reichlich ausgeströmte, sogenannte elektrische Feuer aufzuzehren und es auf diese Weise zu schwächen, damit es sich nicht durch die eigene Überladung in sich selbst entbinde und dadurch einer ganzen Welt einen Garaus mache! Denn seht, dieses elektrische Feuer ist ein überaus mächtiges Feuer, – es versteht sich von selbst, in seiner bejahenden Sphäre! Solange die verneinende Elektrizität eines Erdkörpers im Gleichgewicht zu der bejahenden steht, die da entwickelt wird aus den Strahlen der Sonne, so lange ist keine Entbindung der bejahenden Elektrizität möglich. Wenn aber die bejahende nur um ein Tausendstel die verneinende übersteigt, so ist auch eine freie Entbindung der bejahenden so gut als gänzlich unverhinderlich. Wie wird sonach einem solch allgemein verheerenden Übel vorgebeugt?
FL|0|3|12|0|Seht nun unsere Tierchen an, wie sie da allerfleißigst nach allen möglichen Richtungen hin und her schießen und saugen in ihrem schnellen Flug die Mehrheit der bejahenden Elektrizität in sich, allwo ihre Polarität sobald verkehrt wird, indem diese Tierchen das Positive, das da gleich ist dem Sauerstoff, in sich verzehren, den negativen Teil aber also wieder aushauchen wie der Mensch den Stickstoff der in sich gesogenen atmosphärischen Luft, sobald die Lunge den Sauerstoff aus derselben zur Ernährung des Blutes aufgenommen hat.
FL|0|3|13|0|Aber ihr möchtet Mich da fragen: Ja, vermögen denn diese Tierchen wohl so viel auszurichten?
FL|0|3|14|0|Und Ich sage euch darauf: O ja, Meine Lieben! Denn seht, eine einzige Fliege verkehrt an einem heißen Sommertag so viel bejahender Elektrizität in sich, dass – so diese könnte in ein Gefäß gesammelt werden – sie hinreichend kräftig genug wäre, in einem Augenblick einen zehnmal größeren Berg, als euer Schloßberg ist, in Staub zu verwandeln, – also wie auch mit der Menge der Luft, welche ein Mensch in einem Tag aus- und einhaucht, wenn sie sich entzünden würde, ganz Europa könnte also zerstört werden, dass es seine jetzige Gestalt so ganz und gar einbüßen würde, darum dann niemand erkennen möchte, dass es einstens war, oder wie es jetzt ist, ein wohlbevölkertes und fruchtbares Land.
FL|0|3|15|0|Damit euch dieses aber nicht zu fabelhaft klingt, so mache Ich euch aufmerksam auf die geringfügige Ursache (in naturmäßiger Hinsicht betrachtet) eines großen Erdbebens, welches nahe auf einer ganzen Erdhälfte und darüber verspürt wurde. Seht, solcher Grund lag in tausend Kubikfuß eingeschlossener Luft, welche sich durch die bekannten äußeren Druckumstände entzündete!
FL|0|3|16|0|Nehmt ihr nun an, dass ein Mensch in viermaligem Atmen einen Kubikfuß Luft verzehrt oder vielmehr verkehrt und austauscht, denkt euch, wie oft der Mensch des Tages Atem holt, und ihr werdet euch erstaunen vor dem Volumen der Luft, welche nur ein Mensch des Tages hindurch – oder bestimmter gesagt – im Verlauf von 24 Stunden verzehrt oder vielmehr verkehrt hat. Wenn ihr dieses dann nach dem Vorhergesagten nur wenig beurteilt, so wird es euch dann sicher nicht mehr zu wunderlich klingen, so Ich vorher durch den Atem, den der Mensch des Tages ein- und aushaucht, ganz Europa zerstörbar darstellte.
FL|0|3|17|0|Also muss es euch auch nicht wundern, was Ich von der Elektrizität, die eine Fliege in einem Tag verkehrt, gesagt habe. Und so eine Fliege schon solches verrichtet, was werden da erst so viele Millionen und Millionen ausrichten?!
FL|0|3|18|0|Nun, Meine lieben Kindlein, ist das nicht ein Wunder, dass Ich durch so unbedeutend kleine Tagwerker eine ganze Erde vor dem plötzlichen Untergang behüte?!
FL|0|3|19|0|Doch dieses alles ist nur ein kleiner Nebenzweck dieses Tierchens, und somit noch nicht das größte Wunder. Geduldet euch aber nur, die Hauptsachen werden erst kommen, – und so lassen wir's für heute wieder gut sein.
FL|0|4|1|1|Weiterer Nutzen der Fliege
FL|0|4|1|1|Am 16. März 1842
FL|0|4|1|0|So hätten wir denn gesehen, wie dieses Tierchen seiner Bestimmung entspricht für den negativen Pol. Doch das bereits Bekannte ist nicht der ausschließend negative Zweck dieses Tierchens, sondern da gibt es noch eine Menge Nebenzwecke also gestaltet, wie gestaltet ein weiser Hausherr seinen Arbeitern nicht nur eine zu verrichtende Bestimmung gibt, sondern einem jeden Arbeiter neben der Hauptarbeit noch allerlei Nebenverrichtungen verschafft, damit da keine Wendung der Arbeiter unnutzbringend sein soll. Und so wollen wir denn, bevor wir auf einen anderen Hauptteil der Verrichtung dieses Tierchens übergehen, noch einige solcher Nebenverrichtungen dieses Tierchens kennenlernen.
FL|0|4|2|0|Seht, Meine lieben Kleinen, es wird euch im Sommer öfter wohl recht lästig werden, wenn so in einem Zimmer recht viele Fliegen herumfliegen und euch belästigen, besonders wenn sie so recht zudringlich werden. Allein deswegen soll dieses Tierchen niemand schelten; denn an eben solchen Tagen verrichtet es einen sehr wichtigen kleinen Nebendienst, und zwar am allermeisten nützend dem Menschen wie auch anderen Tieren des Hauses, welche der Mensch zu seinen Diensten verwendet. Ihr möchtet wohl schon gerne wissen, worin dieser nützliche Nebendienst besteht? Aber nur eine kleine Geduld, denn es gehört noch eine kleine Erinnerung voraus, – dann aber sollt ihr es sogleich haben.
FL|0|4|3|0|Seht, Meine lieben Kindlein, an einem solchen sehr warmen Sommertag, besonders zu einer Zeit, wo ihr irgend bemerkt, dass das Quecksilber in der Wetterröhre sehr nieder steht, werden zahllose Milliarden und Milliarden von atomischen Tierchen aus dem niederstehenden Äther in die atmosphärische Luft ausgeboren, denen zufolge ihr nicht selten die Luft also bläulich verdichtet erseht, dass es euch schwer wird, auch nur einige Stunden entfernte Gegenden auszunehmen.
FL|0|4|4|0|Wenn ihr da dann Atem holt, so spazieren bei solcher Gelegenheit allzeit mehrere Trillionen in euch. Obschon aber diese Tierchen so klein sind, dass ihr tausend Millionen auf einem Haufen noch gar nicht bemerken würdet, so macht aber dessen ungeachtet die Summe von mehreren Dezillionen, die ein Mensch manchmal an einem solchen Tag einatmet, doch schon etwas ziemlich Bedeutendes aus und könnte ganz vollkommen genügen (da diese Tierchen dem leiblichen Leben höchst gefährlich sind), um den Menschen sodann plötzlich das naturmäßige Leben zu nehmen. Denn die dem naturmäßigen Leben unzuträgliche Beschaffenheit dieser Tierchen ist nahe das, was da ist die allervollkommenste Blausäure.
FL|0|4|5|0|Nun, solches wissen wir jetzt; was aber dabei die Fliege zu tun hat, solches wissen wir noch nicht. Allein eben das ist der schon früher besprochene Nebendienst dieser Tierchen, den ihr nach dieser Vorausschickung nun sogleich haben sollt.
FL|0|4|6|0|Seht, derjenige Teil dieser „atomischen Äthertierchen“, welche der Mensch einatmet, ist seiner Gesundheit gerade nicht der gefährlichste, weil er sobald von dem zu dieser Zeit ohnehin am nötigen Sauerstoff armen Blut begierig und wohldienlich aufgenommen wird; aber ganz anders verhält es sich mit demjenigen Teil, der sich an der äußeren Haut ansetzt und vorzüglich an denjenigen Stellen, wo die Poren zumeist offen stehen.
FL|0|4|7|0|Wenn daselbst diese Tierchen hineindringen, so nehmen sie gegen die vom Blut aufgenommenen einen positiven Charakter an. Solange dieser äußere Pol den inneren Pol nicht überwiegt, so lange ist auch keine Gefahr vorhanden, was z. B. bei einer mittleren Temperatur der Fall ist. Überwiegt aber dieser äußere Pol den inneren nur um ein Millionstel, dann ist es mit dem naturmäßigen Leben auch schon die höchste Gefahr, da sich bei dieser Gelegenheit in dem Menschen entweder eine Polverkehrung veranstalten könnte, welches dann ebenso gut wäre, als so jemand sich mit einer Nadel stechen möchte, die er zuvor getaucht hätte in die allerdichteste Blausäure.
FL|0|4|8|0|Würde aber der äußere positive Pol plötzlich bis zu einem hundertsten Teil überwiegend gegen den inneren negativen Pol, sodann geschähe plötzlich eine sichtbare elektrische Entladung, durch welche der Mensch binnen wenigen Augenblicken also vernichtet werden möchte, dass da von seinem ganzen Leib nichts als eine halbe Handvoll übelriechender Asche übrigbliebe.
FL|0|4|9|0|Was den ersten Fall anbelangt, da seht die Pestkrankheiten an; diese sind nichts als lauter solche Folgen. Was aber den zweiten Fall anbelangt, so kommt dieser wohl freilich seltener vor, aber gänzlich unerhört sind die sogenannten Selbstverbrennungen nicht, besonders in den südlichen Ländern.
FL|0|4|10|0|Da wir nun solches wissen, so machen wir denn einen Blick auf unsere kleinen Hausarbeiter und beobachten sie, was sie da tun.
FL|0|4|11|0|Seht, unsere Fliege hat auch ein Augenpaar, welche [Augen] für dieses Tierchen so groß sind, dass sie nahe den siebenten Teil seines ganzen Wesens ausmachen. Ein jedes Auge für sich ist aber nicht etwa ein einzelnes Auge, sondern besteht wieder aus mehr denn tausend kleinen Augen. Diese Augen sind so ordnungsmäßig aneinandergereiht wie die Zellen eines Bienenstockes und laufen, ein jedes für sich kegelförmig zugespitzt, endlich alle auf einen gemeinsamen Sehpunkt zusammen und dienen auf diese Weise dem Tierchen als ein für euch unbeschreiblich stark vergrößerndes Mikroskop, mit dessen Hilfe dann dieses Tierchen sogar jedes einzelne der vorerwähnten atomischen Tierchen sehen kann.
FL|0|4|12|0|Zudem ist aber auch ihr Magen so eingerichtet, dass ihnen eben diese Tierchen eine Hauptnahrung geben. So dann eine oder die andere Fliege an der Haut des Menschen einen ganzen Klumpen vorerwähnter atomischer Tiere ersieht, so fliegt sie sobald dahin und gibt nicht leichtlich eher nach, als bis sie den ganzen Fund aufgezehrt hat.
FL|0|4|13|0|Nebst den Augen aber hat dieses Tierchen auch noch ein Paar kleine Fühlhörnchen, welche ihm statt der Nase dienen; und da es die Augen nur in kurzen Distanzen gebrauchen kann, so dienen ihm diese Fühlhörnchen oft auf sehr weite Distanzen, ja Ich sage euch: Es gibt einige Fliegen, die mittels dieser Fühlhörnchen irgendeine ihnen wohlschmeckende Nahrung stundenweit riechen.
FL|0|4|14|0|Seht nun, Meine lieben Kindlein, da haben wir ja schon wieder ein Wunder dieses Tierchens oder einen besprochenen Nebenzweck dessen Daseins.
FL|0|4|15|0|Ist das nicht ein gar nützlicher Dienst dieses Tierchens? Ja, Ich sage euch, solches könnt ihr euch wohl merken: Wenn an irgendeinem Ort, besonders zur Sommerszeit, sich dieses Tierchen plötzlich verliert, dann könnt ihr solches als ein sicheres Zeichen annehmen, dass sodann Ich mit einer gewaltigen Zuchtrute nicht ferne bin!
FL|0|4|16|0|So wie aber dieser Nebendienst dieses Tierchens nun wohl erkennbar dasteht, auf eine gleiche Weise stehen diesem Tierchen noch mehrere solcher wohlnützlichen Dienste zu.
FL|0|4|17|0|Wollten wir alles samt und sämtlich kennenlernen, so müsste Ich euch mehrere Jahre davon diktieren; ihr könnt es aber sicher annehmen, dass alles, was da ist, und somit sicher auch die Fliege, nicht für einen, sondern für tausenderlei gute Zwecke da ist.
FL|0|4|18|0|Um somit unsere Sache nicht so sehr in die Länge zu dehnen, will Ich euch, bevor wir auf den positiven Pol dieses Tierchens übergehen, nur noch zwei solche nützliche Nebenzwecke zur Bestätigung dieser Meiner Kundgebung ersichtlich machen, – und so lassen wir es wieder für heute bei dem bewendet sein.
FL|0|5|1|1|Fernerer nützlicher Nebenzweck der Fliege
FL|0|5|1|1|Am 17. März 1842
FL|0|5|1|0|Ihr werdet an einem warmen Sommertag schon zu öfteren Malen die Erfahrung gemacht haben, dass besonders an einem schwülen Nachmittag sich nicht selten des müden Menschen ein süßer Schlaf bemächtigen will. Der noch in der vollen Jugend ist, der kann sich denselben wohl durch allerlei Mittel vertreiben, dergleichen da wären besonders leibliche Bewegungen oder sonstige unterhaltende Stellungen, in welchen der jugendliche Mensch also geweckt wird, dass der Schlaf ihn nicht so leicht bemeistern kann.
FL|0|5|2|0|Aber ganz anders verhält es sich mit schon ganz bejahrten Menschen, deren Glieder schon vieles mitgemacht haben und daher auch steifer, mühseliger und schläfriger geworden sind. Wenn bei denen die sie umgebende Luft an einem solchen Tag ihres Lebensstoffes hinsichtlich auf ihren Bedarf ermangelt, so tritt dann auch sobald die erwähnte Schläfrigkeit ein, und ein solcher Mensch vermag sich da nicht aufrechtzuerhalten. Damit ihr aber das Nachteilige solchen Schlafes vollkommen ersehen mögt, so ist es notwendig, einen Blick vorher auf den natürlichen Schlaf des Menschen zu werfen.
FL|0|5|3|0|Warum wird denn der Mensch natürlicherweise zur Nachtzeit schläfrig und nicht also am Tag? Die Ursache ist zwar ganz natürlich; aber da gar viele das Gebiet der natürlichen Sphäre noch nicht erkannt haben, so ist ihnen auch zumeist die Ursache des natürlichen Schlafes unbekannt.
FL|0|5|4|0|Und so seht denn: Wenn das Licht der Sonne als der positiv polarische Teil des natürlichen Lebens seine Strahlen auf eine oder die andere Erdhälfte nicht mehr spendet, so wechselt auf der Erde die Polarität auch immerwährend, so zwar, dass sooft für irgendeinen Teil der Erde die Sonne untergegangen ist, derselbe auch schon sogleich anfängt, negativ polarisch zu werden.
FL|0|5|5|0|Der negative Pol des Lebens aber entspricht ganz vollkommen dem gleichen der Erde. Wie dieser aber an und für sich der natürlichen Lebenstätigkeit widerstrebt, also auch der entsprechende im Menschen, indem er die positive Elektrizität im Menschen mehr und mehr aufzehrt, und dieser somit die äußere Lebenstätigkeit auch mehr und mehr verliert, – bei welcher Gelegenheit dann zuerst jene zarten beweglichen Teile, als z. B. die Augenlider sind, diesen Nachlass verspüren und sich darum auch nicht mehr aufrechtzuerhalten vermögen und bald nach ihnen sonach auch alle anderen Teile des Leibes in denselben geschwächten Zustand übergehen, welcher Zustand dann den natürlichen nächtlichen Schlaf bei den Menschen ausmacht. Fängt dann wieder der Morgen und der Aufgang der Sonne sich zu nähern an, so vermehrt sich auch oder wird stets stärker und stärker der positive Pol, und der Mensch wird geweckter und geweckter, d. h. sein Schlafzustand wird schwächer, welches Abnehmen der negativen Polarität und verhältnismäßige Zunehmen der positiven so lange andauert, bis der Mensch vollkommen wach wird.
FL|0|5|6|0|Es fragt sich jetzt nur noch einzig darum, in welchem Verhältnis der natürliche Schlaf mit dem vorerwähnten Tagesschlaf steht. Ist dieses begriffen, so haben wir schon nahe die ganze bedungene Sache.
FL|0|5|7|0|Dieser Tagesschlaf ist dem natürlichen Schlaf ganz entgegengesetzt, nachdem er nicht von einer Abnahme der positiven Elektrizität herrührt, sondern nur von der Übersättigung derselben, – und Übersättigung aus dem Grund, weil ein weniger regsamer Körper all die aufgenommene Elektrizität nicht mehr aufzuzehren oder vielmehr auszutauschen vermag in die gerechte Vielheit der negativen.
FL|0|5|8|0|Wenn sonach das Positive anfängt überwiegend zu werden, so fängt dann auch das Negative in demselben Verhältnis an, sich zu vermindern. Was ist nun die Folge davon? Solches ist sehr leicht zu begreifen.
FL|0|5|9|0|Wenn ihr betrachtet, wie zwei ungleich kräftige Menschen miteinander ringen: Je schwächer der Schwächere wird, desto mehr Gewalt bekommt der Stärkere über ihn. Ist aber einmal der Schwache vollends besiegt, so hat es auch mit der Stärke des Stärkeren ein Ende, da er nichts mehr hat, auf das er seine überwiegenden Kräfte stützen könnte. Jede Kraft aber sobald wie keine Kraft ist, so sie keinen Stützpunkt hat oder nichts, an das sie sich lehnen könnte.
FL|0|5|10|0|Seht nun, Meine Lieben, gerade also verhält es sich auch mit dem Menschen, so er am Tag vom Schlaf befallen wird, das heißt und wohlgemerkt, an einem mit Elektrizität überfüllten schwülen Sommertag. Was haben aber da denn schon wieder unsere Fliegen zu tun?
FL|0|5|11|0|Seht, da wird wieder sogleich ein sehr bedeutender Nebenzweck dieser Tierchen von großer Nützlichkeit herauskommen, und zwar einer von den zwei schon gestern im Vorhinein besprochenen [versprochenen].
FL|0|5|12|0|Seht, diese Tierchen umschwirren und umsumsen und umtrippeln gar sorgfältig einen solchen Tagschläfer und saugen durch ihre Füße und ihre sonstigen Härchen und Spitzchen die zu viele positive Elektrizität in sich, damit dadurch bei dem Schläfer diese positive Elektrizität – ungeachtet ihres übermäßigen Vorhandenseins – nicht gänzlich die negative unterdrücken und demzufolge dem schlafenden Menschen sein natürliches Leben auch fort erhalten werden kann.
FL|0|5|13|0|Wenn aber solches nicht der Fall wäre, dass da solche unbeachteten Regulierer dieses natürlichen Lebensstoffes tätigst das möglichste Gleichgewicht aufrechterhielten, so wäre es mit dem natürlichen Leben auch im selben Augenblick aus, sobald die positive Elektrizität die negative gänzlich besiegt hätte.
FL|0|5|14|0|Der schlafende Mensch treibt diese lästigen Erwecker, solange er nur immer kann, zwar fleißig weg, – allein das tut nichts zur Sache, denn solange er noch diese kleinen Belästiger von seinem Leib abzuwehren vermag, so lange ist auch keine Gefahr für sein Leben vorhanden. Hat ihn aber der Schlaf vollends gelähmt, da haben auch dann diese Belästiger ganz freien Spielraum und verhüten unfehlbar, dass dem Schlafenden etwas sein Leben Gefährdendes zustoßen könnte. Hat sich mit der Zeit und manchmal allein durch die tätige Mitwirkung dieser Belästiger die gegenseitige Polarität wieder mehr und mehr ausgeglichen, alsdann wird der Schläfer wieder wach und treibt emsig diese gewisserart kleinen Naturlebensschutzgeister von seinem Leib. Allein da mag er sie auch immerhin wegtreiben; denn so er wieder wach geworden ist, ist auch alle Gefahr so gut wie vollkommen vorüber.
FL|0|5|15|0|Nun, Meine lieben Kleinen, wie gefällt euch diese Nebenverrichtung dieses Tierchens? Ihr müsst ja sagen, dass solches überaus weise und gütig von Mir eingerichtet ist, und Ich sage euch noch hinzu: Wenn ihr dereinst erst den vollkommenen Zweck eines solchen Tierchens im Geiste werdet überschauen können, dann werdet ihr euch erst wundern und sagen: „Wie groß und gut bist Du, o heiliger Vater, da Du schon in solche unbedeutend scheinende Geschöpfe solche unergründlich wohlweisen Zwecke gelegt hast! Wer kann Dich auch nur für eine Fliege genug loben und preisen! Woher werden wir erst Worte, Gedanken und Empfindungen nehmen, um Deine Erhabenheit, endlose Liebe und Weisheit in einem Deiner vollkommeneren Geschöpfe zu beloben, zu empfinden und dankbarst anzuerkennen!“
FL|0|5|16|0|Ja, Meine lieben Kindlein, in einer Sonne liegt freilich wohl noch Größeres denn in einer Fliege. Wer aber Mich erkennen will, der muss zuerst in die kleine Schule gehen und in dieser den lieben Vater zu erkennen anfangen. Ist er in dieser bestanden, so wird er sicher auch hernach in der größeren bestehen und wird sich freuen über die Maßen, da er daselbst erkennen wird, dass derselbe liebevollste heilige Vater, der selbst die kleine Fliege lenkt und leitet in ihrem Wirkungskreis, dort Sonnen führt durch ungemessene Bahnen und den erhabensten, mächtigsten und vollkommenen Geistern vorschreibt Gesetze der ewigen Liebe.
FL|0|5|17|0|Seht, Meine Lieben, solches alles werdet ihr erst dereinst vollkommen erkennen, und so lasst uns denn wieder zurückkehren in diese engen und bis jetzt noch völlig unbeachteten Wirkungskreise, d. h. lasst uns wieder zurückkehren zu unserer kleinen Fliege und an derselben noch einen wohlnützlichen Nebenzweck beachten.
FL|0|6|1|1|Weitere Nützlichkeit der Fliege
FL|0|6|1|1|Am 18. März 1842
FL|0|6|1|0|Ihr werdet sicher schon bemerkt haben, dass die Fliegen sich vorzugsweise gern an jene Orte setzen, wo es etwas zu naschen gibt, aus welchem Grund sie auch bei einer Mahlzeit als ungebetene Gäste sehr gern in großer Menge sich einfinden und daselbst mit großer Begierde über die Speisen und deren Überbleibsel sich hermachen. Ihr werdet auch bemerkt haben, dass sich diese Gäste bei einer Mahlzeit dann um so häufiger einfinden, wenn die Tage recht schwül werden und die Zimmer, da gespeist wird, nieder und moderduftend sind.
FL|0|6|2|0|Aber jetzt entsteht denn schon wieder eine Frage, und es werden viele sagen: „Ja, sollten wir denn diese Schmarotzer auch da haben, wenn sie unsere Mahlzeit verunreinigen und uns bei jedem Bissen, den wir in den Mund stecken, nicht selten bis zur Unausstehlichkeit lästig werden?“
FL|0|6|3|0|Allein, Ich sage euch darauf: So fragt, urteilt und ärgert sich nur der höchst kurzsichtige Mensch! Denn könnte er sehen und völlig begreifen die große Wohltat, die ihm eine Fliege dadurch erweist, so sie sich auch nur auf zwei Augenblicke lang auf den Bissen oder Löffel setzt, den er zum Mund führt, – wahrlich er täte nicht zu viel, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, die Fliege vergolden ließe!
FL|0|6|4|0|Denn seht, alle Speisen, mit sehr geringer Ausnahme, haben vermöge ihres in sich enthaltenden Zuckerstoffes das Eigentümliche, dass sie namentlich an einem so recht schwülen Tag aus der verdorbenen Luft allen Stickstoff an sich ziehen. So da die Speise nur eine kurze Zeit irgend stehenbleibt, so wird diese arge Luft in ihr dadurch sogleich bemerkbar, dass fürs Erste die Speise leicht in eine Säure übergeht, oder über mancher wird sobald ein Schimmel bemerkt, oder manche ändert ihre Farbe, oder manche wird am Ort, da sie am wenigsten dicht ist, ein mattbläuliches Aussehen bekommen. Seht, das sind lauter Wirkungen der verdorbenen Luft!
FL|0|6|5|0|Ja, was tun denn aber die Fliegen dabei? Seht, da die Fliege, wie wir schon wissen, vermöge ihrer Einrichtung eine kleine herumfliegende elektrische Flasche ist, so ist sie auch nach allem begierig, was in ihr natürliches Gebiet einschlägt.
FL|0|6|6|0|Diese verdorbene Luft ist negativ-elektrischer Art und sondert daher alle positive Elektrizität oft in einem so hohen Grad ab, dass da nicht selten entweder in einem solchen Zimmer oder noch mehr in den in einem solchen Zimmer genossenen Speisen sich kein Fünkchen positiver Elektrizität mehr befindet.
FL|0|6|7|0|Jetzt kann sich dann ein jeder denken: Wenn in einem solchen Zimmer nicht häufig diese Elektrizitätsträger sich einfinden würden, wie würde es da bald aussehen mit der leiblichen Gesundheit des Menschen? Aber das wäre noch das Wenigste; denn solange die verdorbene Luft sich noch in dem ganzen Raum des Zimmers aufhält, da hat sie auch noch immer so viel Spannkraft, dass sich wenigstens die Lunge bei der Einatmung derselben auszudehnen vermag. Wird aber diese Luft einmal aller ihrer Spannkraft ledig, so fällt sie dann als ein schmutzig dunstiger Tau namentlich auf die ihr verwandten Teile, als da die Speisen es sind, nieder. Wenn sodann ein Bissen, den der Mensch genießen will, schon mehrfach betaut ist, so setzen sich dann auch gerne eine oder mehrere Fliegen dahin und lassen vom Überfluss ihrer positiven Elektrizität über den Gegenstand ausströmen, den sie bekriechen.
FL|0|6|8|0|Was ist nun die Folge dieses Aktes? Ich sage: Nichts mehr und nichts weniger, als dass dadurch diese niedergeschlagene Luft gewisserart sobald wieder belebt wird und flüchtig; sie entsteigt dann dem zu genießenden Bissen oder der noch in einer Schüssel befindlichen Speise, durch welchen Zersetzungsprozess die Speise wieder unschädlich genießbar wird, wo im Gegenteil oder in Ermangelung dieser kleinen lästigen Chemiker nicht selten an einem solchen schwülen Tag, besonders in einem vorerwähnten Zimmer, selten ein Mensch über die Mahlzeit hinaus leben dürfte.
FL|0|6|9|0|Wie gefällt euch nun dieser Nebendienst? Ist das nicht wieder ein Wunder, welches heutzutage noch also wirksam ist, wie es war in den urältesten Zeiten, in welchen Menschen gelebt haben?
FL|0|6|10|0|Aber ihr werdet euch vielleicht denken und dann sagen: „Nein, das geht aber doch etwas ins zu Außerordentliche über! Eine Fliege soll solch einen Wirkungskreis haben?!“
FL|0|6|11|0|Und Ich sage euch darauf: Nicht nur einen solchen Wirkungskreis, von dem ihr jetzt erst ganz etwas Unbedeutendes kennt, sondern einen solchen Wirkungskreis hat dieses unscheinbare Geschöpfchen, dass er für eure Begriffe so gut wie unendlich ist. Denn sollte Ich euch alles kundgeben, was dieses Tierchen betrifft, so würden hunderttausend Schreiber in einer Million von Jahren nicht fertig werden, so sie auch Tag und Nacht ohne Unterlass schreiben möchten.
FL|0|6|12|0|Also wundert euch nicht zu hoch über diese etlichen Punkte nur, die Ich euch bekanntgegeben habe! Wer aber da einen richtigen Weg gehen will, der denke, dass von Mir aus jedes noch so unscheinbare Ding einen unendlichen Wert hat.
FL|0|6|13|0|Solche Gedanken werden jedem Menschen sehr gut zustattenkommen, da sie fürs Erste ihn im beständigen Zustand der Demut erhalten, andererseits aber auch klärlich zeigen werden, auf welchem Standpunkt sich sonach erst ein gerechter Mensch befindet, an dem doch sicher mehr gelegen sein wird als an einer ganzen Trillion von Fliegen.
FL|0|6|14|0|Doch da wir uns nun im Gebiet der Fliegen befinden, so wollen wir denn auch nicht den Wert eines Menschen ermessen, sondern wollen dafür diesem schon besprochenen Nebenzweck der Fliege noch eine kleine Aufmerksamkeit schenken.
FL|0|6|15|0|Ihr werdet auch bemerkt haben, dass die also gesättigten Fliegen dann sehr gern auf glänzende Gegenstände fliegen und dieselben nicht selten ganz gewaltig beschmutzen. Da werdet ihr, Meine lieben Kleinen, auch wohl untereinander fragen: „Sollte etwa das gar auch noch etwas Nützliches sein?“
FL|0|6|16|0|O ja, sage Ich euch; dieses ist gar sehr nützlich, und es wäre ohne dem die vorher besprochene chemische Arbeit dieser Tierchen nur zur Hälfte nützlich, so dieser zweite geringfügig scheinende Akt nicht sobald erfolgen würde.
FL|0|6|17|0|Wir wissen schon aus dem Früheren, dass die Fliege zuallermeist eine negativ-elektrische Nahrung zu sich nimmt, und ist somit ein wahrer Giftsauger, sowohl aus der Luft, von Menschen und von Tieren, und von all den Speisen, die der Mensch genießt.
FL|0|6|18|0|So kann demnach auch ihr Unrat, wenn gerade auch nicht mehr schädlich-giftig, aber doch rein negativ elektrisch sein. Wir wissen aber auch, dass die positive Elektrizität sich zumeist an die polierten Gegenstände drängt. – Seht, jetzt werden wir es bald heraushaben! – Damit sich dann aber in einem an positiver Elektrizität armen Gemach die wenige Elektrizität, die da an den polierten Gegenständen sich aufhält, gehörig verteilt, so bekleistern diese Chemiker sorgfältig solche polierten Gegenstände, wodurch dann diese an der Kraft stets mehr und mehr verlieren, die nötige und der Zimmerluft unentbehrliche Elektrizität anzuziehen. Wenn ihr etwa dieses schwer glauben sollt, so stellt nur vergoldete Gegenstände in ein solches Zimmer, und ihr könnt versichert sein, dass sie von diesen Chemikern binnen kurzer Zeit also bekleistert werden, dass ihr gar wenig vom Gold mehr werdet durchblitzen sehen.
FL|0|6|19|0|Ja, warum haben aber diese Tierchen gerade auf das Gold eine solche Passion?
FL|0|6|20|0|Darauf sage Ich euch nichts anderes als: Warum vergoldet ihr denn eure Blitzableiter?
FL|0|6|21|0|Ihr müsst darauf antworten: Weil das Gold namentlich die positive Elektrizität außerordentlich stark an sich zieht. Aber, werdet ihr sagen, die Fliegen beschmutzen auch die Fensterscheiben, und das Glas zieht bekannterweise die Elektrizität nicht an!
FL|0|6|22|0|Das ist zwar wahr, aber Ich frage euch dagegen: Warum verwendet man denn gläserne Scheiben oder Zylinder als wohltaugliche Mittel, um die in der Luft freie Elektrizität durch eine geringe Reibung ersichtlich zu machen?
FL|0|6|23|0|Seht, jetzt habe Ich euch schon wieder gefangen und gebe euch zur Antwort: Weil die Elektrizität sich eben an den Glasscheiben vorzugsweise gern ansammelt, und wenn diese dann nur ein wenig gerieben werden, so wird sie auch sobald ersichtlich.
FL|0|6|24|0|Da wir nun solches wissen, so können wir ja auch füglich unsere kleinen Chemiker dahin schmutzen lassen, damit diese Elektrizitätshalter stets rauer werden und daher stets untauglicher, die Elektrizität an sich zu halten, und diese dadurch gezwungen wird, sich mit der anderen Zimmerluft gerechter zu vermengen.
FL|0|6|25|0|Nun, was sagt ihr jetzt dazu, so ihr das Gesagte nur ein wenig aufmerksam durchgeht? Seht, also nicht einmal ein alter, unbedeutender Fliegenschmutz ist ohne Meine Weisheit und Vorsehung an die Stelle gelegt, da er sich befindet, da er doch nur ein purer Unrat eines solchen unbedeutenden Tierchens ist.
FL|0|6|26|0|Was soll man dagegen denn einem Menschen für eine Antwort geben, der mit seiner hohen Vernunft die Bestimmung des Menschen selbst annulliert? O der entsetzlichen Torheit!
FL|0|6|27|0|So Ich schon also sorge, dass das Allerunscheinbarste eine überaus nützliche Bestimmung in sich birgt, und einer unbedeutendsten Fliege alle ihre unscheinbarsten Verrichtungen also wohl nützend vorschreibe, um wie viel mehr werde Ich für den Menschen sorgen, der da nicht nur ein Geschöpf, sondern ein wahrhaftes Kind Meiner Liebe ist oder es zum Wenigsten werden soll, das heißt: dass er erkennen soll, dass Ich ihm ein Vater bin und nicht nur ein Schöpfer wie den Steinen und Erdklötzen.
FL|0|6|28|0|Es muss aber ja schon ein nur einigermaßen kindlich frommes Herz sagen, dass Ich sogar väterlich sorge für das stumme Gras des Feldes – und solches ist wahr, ja überaus vollkommen wahr; denn nur der Vater gibt Speise und Trank allen Dingen, die auf was immer für eine Art speise- und trankfähig sind. Wenn Ich aber auf diese Weise schon für die stummen Dinge also väterlich sorge, da werde Ich doch sicher für diejenigen Wesen umso mehr als Vater sorgen, die Ich wahrhaft nach Meinem Ebenbild als Kinder aus Meiner Liebe hervorgehen ließ!
FL|0|6|29|0|Solches beachtet wohl! Und es ist sicher der Mühe wert, Meine väterliche Sorge an den kleinen Dingen zu beachten, damit es dem Zweifler doch einmal klar werden möchte, dass Ich nicht ein allesfressender, unbegreiflicher Macht-Gott bin, sondern dass Ich nur einzig und allein ein wahrer Vater bin allen Meinen lieben Kindern, und bin kein verschwenderischer Vater, sondern ein überaus wirtschaftlicher, der Ich sogar den Unrat einer Fliege zum Besten Meiner Kinder zu verwenden weiß.
FL|0|6|30|0|Ja, Ich sage euch, da gibt es noch zahllose und viel unbedeutendere Dinge, und doch lasse Ich das Allerunendlichgeringe nicht zugrunde gehen! Da Ich demzufolge doch sicher nicht ein alles auffressender Gott, sondern ein selbst das Geringste erhaltender Vater bin und wirtschafte also überaus getreu für Meine Kinder, – wie groß muss demnach die Blindheit der Menschen sein, die Mir Meine unablässige, allerkümmerlichste Vatersorge um Meine Kinder streitig machen wollen?!
FL|0|6|31|0|O meine lieben Kindlein! Glaubt es Mir sicher, Ich bin Tag und Nacht sogar für das Wachstum eines jeden Härchens auf eurem Leib besorgt, was doch gar bald samt dem Leib in die Verwesung übergehen wird; um wie viel mehr erst werde Ich dann sicher besorgt sein für eure unsterbliche Seele und euren ewigen Geist aus Mir!
FL|0|6|32|0|Ja, ja, Meine Lieben! Beachtet nur diese kleine Fliege, sie singe euch wahrlich vom Siege, welchen ihr aber erst vollkommener in der nächstfolgenden positiv-polarischen Darstellung deutlicher und deutlicher erkennen werdet!
FL|0|6|33|0|Und so lassen wir es für heute bei dem bewendet sein!
FL|0|7|1|1|Schöpfungszweck der Fliege
FL|0|7|1|1|Am 19. März 1842
FL|0|7|1|0|Nachdem wir bereits den negativ-polarischen Teil dieses Tierchens haben kennengelernt, welcher eigentlich der materielle ist, so wollen wir uns nun zu dem positiv-polarischen Teil dieses Tierchens wenden, um allda erst das hauptsächlich Wunderbare mit einigen aufmerksamen Blicken zu erschauen.
FL|0|7|2|0|Wer je eine Fliege gesehen hat, der wird doch unmöglich ihr das Leben abstreiten, und wird vielmehr sagen müssen: Dieses Tierchen ist nicht nur lebendig, sondern was sein Leben betrifft, so hat es in naturmäßiger Hinsicht sogar ein vollkommeneres Leben als so manche Tiere, die sich schon auf einer bei weitem höheren Stufe der Vollkommenheit befinden. Ja, er wird am Ende noch sagen: Wahrhaftig wahr, so ich meine übrigen Eigenschaften beibehalten könnte, so wäre ich als Mensch der Erste, der mit dem sehr bequem eingerichteten Leben einer Fliege tauschen möchte.
FL|0|7|3|0|Wenn nun ein Mensch solches Zeugnis einem Tierchen geben muss, so wird da etwa doch nicht eines näheren Beweises vonnöten sein, um daraus erst ersehen zu müssen, dass die Fliege ein vollkommen lebendiges Tierchen ist?!
FL|0|7|4|0|Also die Fliege lebt, das wüssten wir bereits; aber wie sie lebt, und warum sie lebt, seht, Meine lieben Kleinen, das ist eine ganz andere Frage! Damit ihr aber dieses so viel als möglich gründlich begreifen mögt, so wird es notwendig sein, zuvor einen allgemeinen Blick über das Leben selbst zu werfen.
FL|0|7|5|0|Und so hört denn: Das ganz eigentlichst freieste Leben ist nur in Mir, welches Leben aber also beschaffen ist und in einer also überschwänglich großen Vollkommenheit besteht, dass es in seiner Sphäre ewig nie kann von einem geschaffenen Wesen ergriffen und erfasst werden; darum es ist ein heiliges Leben, und da es ist ein heiliges Leben, so ist es auch ein ewiges und ein unendliches Leben.
FL|0|7|6|0|Denkt euch die ganze Unendlichkeit oder einen Raum, in dem sich ein Mittelpunkt befindet, von welchem nach allen Seiten endlose Strahlen auslaufen, deren Anfang zwar der Mittelpunkt, aber deren Ende ewig nirgends mehr anzutreffen ist.
FL|0|7|7|0|In diesem Zentrum ist alle lebende Kraft der ganzen Unendlichkeit vereinigt und geht von diesem Zentrum wieder in die ganze Unendlichkeit aus. Damit aber diese lebende Kraft sich nicht zu sehr in das Allerunendlichste zerstreue und daher in sich selbst schwächer werde, so hat sie sich durch die ganze Endlosigkeit des ewigen Raumes auch endlos viele Lebenssammelpunkte geschaffen, in welchen sich das Leben gewisserart selbst auffängt und sodann wieder zurückkehrt zu seinem urewigen Zentralsitz.
FL|0|7|8|0|Seht, Meine lieben Kleinen, jetzt habe Ich euch ein gar außerordentlich großes Geheimnis enthüllt, – ja, Ich sage euch, ein Geheimnis, welches, solange die Erde von Menschen bewohnt ist, nur sehr wenigen und selbst dann nur dunkel angedeutet wurde.
FL|0|7|9|0|Aber so ihr dieses Geheimnis ein wenig versteht, da wird auch in jedem Fall sich die bedeutungsvolle Frage von selbst aufwerfen, welche also lauten wird: Ja, aber warum muss denn solches geschehen? Kann denn Gott je schwächer werden in Seinem Leben?
FL|0|7|10|0|Und Ich sage euch darauf: Solches ist freilich wohl unmöglich, solange Gott in Sich Selbst allein verbleiben will und will durchaus keine Geschöpfe in Sich und aus Sich schaffen und formen.
FL|0|7|11|0|Wenn aber dem Bedürfnis Seiner unendlichen Liebe zufolge, Er schon – wenigstens für eure Begriffe – von vielen Ewigkeiten her erschaffen hat Geschöpfe überaus mannigfacher Art, vom vollkommensten Geist abwärts bis zum allerunbedeutendsten atomischen Tierchen, und allen diesen überaus endlos zahllosen Wesen das Leben gab, jedem nach seiner Art, – sagt Mir einmal, durch welches Leben hat denn der Schöpfer diese zahllosen Wesen belebt, belebt sie jetzt noch und wird sie ewig beleben!?
FL|0|7|12|0|Hat Er irgendwo außer Sich ein Privatleben, mit welchem Er alle diese Wesen belebt, ohne deshalb nötig zu haben, sie aus Seinem eigenen Leben zu beleben? Ich bin der Meinung, eine solche Annahme möchte etwa doch schon einem Stein undenkbar möglich vorkommen. Da der Schöpfer also kein solches Privatleben hat, so wird es ja etwa doch klar sein, dass Er alle diese geschaffenen Wesen aus Sich belebte und beleben muss.
FL|0|7|13|0|Wenn demnach alle diese Wesen mit ihrem erhaltenen Leben sich ewigfort hinaus vom Zentrum weg bewegen würden, so würde dadurch ja doch ganz natürlicherweise sich die Zentralkraft offenbar nach und nach schwächen müssen, obschon sich das Leben zwar als solches ewig nie verlieren könnte, da es ein unendliches Leben ist; aber doch könnte es statt ewigfort stärker, ebenalso schwächer werden, da es sich dadurch selbst einer unendlichen Teilung aussetzen würde.
FL|0|7|14|0|Damit ihr ein solches Schwächerwerden noch inniger versteht, so mache Ich euch nur auf die endlose Teilbarkeit der Materie selbst aufmerksam; denn ihr könnt euch zufolge dieser Teilung selbst noch in einem Atom endlos viele Teile denken. Aber wird das Atom dadurch stärker, so ihr es endlos teilt, oder umgekehrt? Ihr könnt zwar das Atom durch eine ewig fortdauernde Teilung nicht aufheben, aber solches mögt ihr auch verstehen, dass sodann das also unendlich geteilte Atom nicht mehr die Stärke haben wird, als es sie gehabt hat vor der Teilung.
FL|0|7|15|0|Wenn ihr nun solches einigermaßen begreift, so wird sich euch wieder eine Frage aufwerfen, und ihr werdet da sagen: Ja, wenn es also ist, da hätte ja der Schöpfer besser getan, so Er von Ewigkeiten her nichts erschaffen hätte.
FL|0|7|16|0|Allein statt euch hier mit einer Gegenantwort zu kommen, will Ich euch Selbst um etwas ziemlich vielen Menschen Bekanntes fragen.
FL|0|7|17|0|Warum werden denn diejenigen Menschen gewöhnlich – wenigstens naturmäßig – stärker, welche schon von Jugend auf durch allerlei schwere Arbeit ihre Kräfte geübt haben? Das ist Nummer eins.
FL|0|7|18|0|Nummer zwei: Warum hängt man denn einem Hufeisenmagnet nach und nach immer größere Gewichte an?
FL|0|7|19|0|Nummer drei: Durch welche Mittel wird denn ein Mensch zu einem Künstler und Virtuosen in einer oder der anderen Kunst?
FL|0|7|20|0|Geht euch bei diesen sehr bedeutungsvollen Fragen noch kein Licht auf?
FL|0|7|21|0|Warum wird denn das gehämmerte Metall stärker und bekommt eine desto größere Spannkraft, wenn es gehämmert wird, als das gleiche ungehämmerte?
FL|0|7|22|0|Warum wird von einem und demselben Baum das Holz fester und unzerstörbarer, je mehr irgend ein Baum den Stürmen ausgesetzt war?
FL|0|7|23|0|Seht nun, und merkt es denn, warum in der weiten Unendlichkeit so endlos viele Lebensaufhaltspunkte gesetzt worden sind. Seht, hört, und versteht es: Damit sich das urewige Leben selbst immer mehr und mehr übe und sonach an der endlosen Kraft auch ewig und endlos zunehme, und das aus dem Grund zwar, weil auf diese Weise das von dem Mittelpunkt ausgehende Leben stets vervollkommneter und intensiver in das Zentrum zurückkehrt.
FL|0|7|24|0|So wir dieses wissen und verstehen, so werden uns, Meine lieben Kleinen, auch die ersten zwei gestellten Fragen, wie und warum nämlich die Fliege lebt, so gut als wie schon vollkommen beantwortet sein. Denn wie sie lebt, beantwortet sich schon aus dem, dass sie ebenfalls ein solcher gestellter Sammelpunkt für das ausgehende Leben aus dem Zentrum ist und nimmt daher in sich sammelnd gleichsam das Leben von einer Unzahl Vorgangstierchen in sich auf.
FL|0|7|25|0|Also die erste Frage muss selbst einem Blinden schon ersichtlich klar sein.
FL|0|7|26|0|Es wird aber demzufolge nun auch sicher niemandem mehr schwerfallen, schon im Voraus ganz klar zu bestimmen, warum sie lebt, nämlich: Damit die Summe ihres Lebens übergehe und somit zurückkehre in ein vollkommeneres und schon intensiveres Leben, und also fort und fort aufwärts bis zur Seele des Menschen, welche da zugleich auch in sich zur Aufnahme des intensivsten Lebens aus Mir fähig wird, welches Leben sich da mit Mir – wie ihr wisst – durch die Liebe nun wieder vollends zu einer Kraft vereinigen kann.
FL|0|7|27|0|Wenn ihr nun unser Tierchen von diesem Standpunkt aus betrachtet und nicht ausruft: „Die Fliege, die Fliege, die singt uns vom Siege“, so müsst ihr mit dreifacher Blindheit und Taubheit behaftet sein.
FL|0|7|28|0|Doch das bisher Gesagte über dieses Tierchens positive Polarität diene euch nur als eine tüchtige Vorleitung, damit ihr das, was da noch folgen wird, desto gründlicher verstehen mögt. Überdenket es wohl; die nächste Fortsetzung wird euch erst etwas näher in das Wesen dieses Tierchens hineinsehen lassen, – und somit lassen wir es für heute gut sein!
FL|0|8|1|1|Von der Lichtwirtschaft in der Schöpfung. Entstehung der Kometen und Planeten. Entstehung des pflanzlichen und tierischen Lebens und die Rolle der Fliege dabei
FL|0|8|1|1|Am 20. März 1842
FL|0|8|1|0|Damit ihr aber das folgende Großwichtige gründlich versteht, so wird es noch nötig sein, auf das bereits Gesagte einen kleinen Rückblick zu machen, d. h. nur auf den positiv-polarischen Teil unserer Fliege, wie sie ist ein Sammelpunkt des Lebens.
FL|0|8|2|0|Werft einen wohlbeachtenden Blick zur Sonne! Wer aus euch kann es wohl ermessen, bis wie weit hinaus von ihr die letzten Strahlen reichen? Gewiss wird das keine unbedeutende Distanz ausmachen. So ihr das Alter der Sonne auf mehr denn hunderttausend Dezillionen Jahre ansetzt, binnen welchem für euch undenkbar langen Zeitraum die Sonne fortwährend ihre Strahlen in den unendlichen Raum hinausgeschickt hat, so zwar, dass diejenigen Strahlen, welche zuerst von ihr ausgingen, noch bis jetzt auf dem schnellen Wege in die weite Unendlichkeit hinaus sind, dafür aber auch noch zahllos mehrere Strahlen zu ihr wieder von den Punkten zurückgekehrt sind, von denen sie aufgefangen wurden, so werdet ihr das voraus Gesagte über die Lebensansammlungspunkte umso sicherer und gründlicher einsehen, da euch die tagtäglich scheinende Sonne überlaut sagt: „Seht, so lange schon spende ich meine Strahlen in die weite Unendlichkeit hinaus, und dennoch ist mein Licht um nichts schwächer geworden, als es war vor für euch undenklich langen Zeiten.“
FL|0|8|3|0|Aber ihr werdet hier leicht fragen: Wie wird denn die Sonne diejenigen Strahlen wieder zurückbekommen, welche seit ihrer ersten Entstehungsperiode noch immer im Ausgehen in die unendlichen Raumfernen begriffen sind?
FL|0|8|4|0|Und Ich sage euch aber, dass solches der Sache so viel als gar nichts schadet; denn mögen sich die Strahlen noch dezillionenmal weiter entfernen, als sie sich schon entfernt haben, so werden sie doch einmal sicher einen Punkt finden, der ihnen den Weg versperren wird, und wird sie nötigen zum Rückzug.
FL|0|8|5|0|Aber möchtet ihr vielleicht sagen: Wie ersetzt sich denn das Sonnenlicht, nachdem vermöge der weiten Reise des Lichtes und zufolge der wenigen sichtbaren Aufhaltungspunkte das ausgegangene Licht sicher nur sehr spärlich zurückkehrt?
FL|0|8|6|0|Allein auch dieses schadet unserer Sache gar nichts; denn dafür, dass die Sonne ihre eigenen ausgeschickten Strahlen nur spärlich zurückbekommt, ist sie aber andererseits selbst ein Sammelpunkt und nimmt als solcher von mehr denn einer Milliarde Sonnen die Strahlen auf, lässt dieselben in sich intensiv werden und spendet sie dann wieder in dichter Masse aus.
FL|0|8|7|0|Nun seht, wenn ihr dieses ein wenig beachtet, so werdet ihr ja doch schon mit den Fingern leicht finden, wie gestaltet von Mir aus von Unendlichkeit zu Unendlichkeit die Wirtschaftung des Lichtes eingerichtet ist, und dass auf diese Weise auch nicht das allerkleinste Atom in dem endlosen Äther der Unendlichkeit zwecklos schwimmt.
FL|0|8|8|0|Solches ist für den Großes zu denken ungewohnten Geist wohl etwas schwer zu fassen; aber ein schöpferisches Beispiel, das Ich euch noch hinzufügen will, wird euch von der Zurückkehr und dem wirtschaftlichen Austausch der Strahlen sicher für das Verständnis eures Geistes einen überaus guten Dienst leisten.
FL|0|8|9|0|Und so seht denn: Allda in den für eure Begriffe freilich wohl sehr weiten Zwischenräumen die Strahlen zweier Sonnen sich begegnen, allda auch werden eben diese ausgehenden Strahlen sich nach und nach selbst zum gegenseitigen Aufnahmepunkt.
FL|0|8|10|0|Ihr fragt jetzt schon: Wie und auf welche Weise denn?
FL|0|8|11|0|Diese Frage ist wohl sehr leicht und verständlich zu beantworten, so ihr doch sicher annehmen müsst, dass der ausgehende Strahl, da er in Zeit und Raum enthalten ist, doch sicher etwas wenn auch noch so unwägbar Subtiles, aber dennoch Materielles ist.
FL|0|8|12|0|Wenn dann solche Strahlen zweier Sonnen sich begegnen, so sind sie auch natürlich als Strahlen der Sonne von gleicher Polarität. Ihr wisst aber, dass sich gleiche Polaritäten nimmerdar anziehen, sondern stets abstoßen. Nun, so ihr nur ein wenig gutes Verständnis im Herzen besitzt, so müsst ihr ja zufolge des bereits Gesagten mit den Händen greifen, dass wenn also sich begegnende Strahlen sich gegenseitig abstoßen, sie sich somit auch selbst gewisserart, wie ihr zu sagen pflegt, zu Heimtreibern dienen.
FL|0|8|13|0|Was geschieht aber, wenn sich die Strahlen mehrerer Sonnen ganz natürlich notwendigerweise in einem solchen von all diesen Sonnen nahe gleich fernen Zwischenraum begegnen, so zwar, dass von allen möglich denkbaren Seiten sich die Radien begegnen?
FL|0|8|14|0|Das ist jetzt freilich eine ein wenig etwas andere Frage. Um euch aber vor der Hauptsache jedoch nicht so lange aufzuhalten, so sage Ich es euch alsogleich offen hin, was ihr auch bei nur einigermaßen gediegenerem Nachdenken gefunden haben würdet, dass an dieser Stelle sich ein Strahlenkonflikt bildet, und zwar aus dem Grund, weil auch ein Teil der Strahlen die Linie des anderen Teiles ganz gerade durchschneidet und sich allda begegnet, – welche Kreuzung der Strahlen ihr euch also vorstellen müsst, als so ihr mehrere solche Kreuze also übereinander gelegt hättet, dass da von einem Mittelpunkt eine Menge auslaufender Strahlen ersichtlich würde.
FL|0|8|15|0|Diese durchlaufenden Strahlen neutralisieren notwendigerweise die Polarität und werden dadurch hinderlich, dass die anderen, ihnen gerade in die Quere laufenden Strahlen sobald wieder ihren Rückzug antreten möchten. Sonach geschieht hier mit der Länge der Zeiten ein Strahlen-, oder für euch noch verständlicher, ein Lichtknäuel, welcher mit der Länge der Zeiten solcher Strahlenansammlung eine Art feindunstiger Dichtigkeit bekommt und somit auch immer schwerer und schwerer wird.
FL|0|8|16|0|Es kommt nun darauf an – da die Sonnen sich ebenfalls gleich den Planeten um einen anderen Zentralkörper bewegen –, welche Sonne auf ihrem weiten Weg diesem Lichtknäuel näher kommt; und die Folge ist, dass sie auch dann ganz natürlicherweise eben diesen Knäuel in ihr Gebiet zieht und ihn somit verspeist.
FL|0|8|17|0|Da ihr nun dieses wisst, so sage Ich euch, dass dieses die ganz allereigentlichste Entstehungsart der Kometen ist!
FL|0|8|18|0|Aber Ich vernehme schon wieder eine Frage in euch, welche also lautet: Ja, wie kommt es denn aber hernach, dass solche Kometen fortbestehen und somit von der Sonne, die sie angezogen hat, mitnichten gänzlich aufgezehrt werden?
FL|0|8|19|0|Ihr könntet die Antwort zwar schon aus dem Gesagten heraussehen; allein um euch die Mühe des vielen Nachdenkens zu ersparen, sage Ich euch lieber alsogleich, dass der Grund in der vorerwähnten Neutralisierung der Strahlen liegt. Denn seht, durch diese Neutralisierung der Strahlen, oder – für euch noch verständlicher gesprochen – Abspannung nehmen die also sich angesammelten Strahlen einen negativen Charakter an und bilden also schon der Sonne gegenüber einen polarisch entgegengesetzten Punkt, welcher dann nach dem ewigen Gesetz Meiner Ordnung schon fortwährend imstande ist, ihm begegnende positiv-polarische Sonnenstrahlen aufzunehmen, sie abzuspannen und sie also zu gebrauchen für seine eigene Nahrung.
FL|0|8|20|0|Dass ein solcher Komet solches tut, bezeugt euch hinreichend fürs Erste sein oft sehr weitgedehnter, ihn umgebender Dunstkreis, welcher sich gewöhnlich auf der der Sonne entgegengesetzten Seite in einen weiten, sogenannten Schweif ausdehnt. Was ist aber eigentlich dieser Schweif?
FL|0|8|21|0|Seht, dieser Schweif ist an und für sich nichts anderes als eine Verzögerung der von der Sonne auslaufenden Strahlen, welche durch die negative Polarität in ihrem ursprünglichen, von der Sonne ausgehenden Wurfschwung gehemmt werden, und durch den Rücktritt ihres Weges zu dem sie anziehenden Körper als eine überaus zarte Dunstmasse sichtbar werden.
FL|0|8|22|0|Seht nun, dadurch ist der Sonne zwar ein neuer Kostgänger hinzugewachsen, und wird gar viele Strahlen speisen, bis er zu einer planetarischen Dichtigkeit gelangen wird. Hat er aber diese einmal erreicht, so gibt er dann, durch seine eigene Zentralschwere genötigt, der Sonne unbeschadet seiner Wesenheit ihre Strahlen zahllosfach zurück, nachdem er bei seiner planetarischen Stellung nicht nur die Strahlen derjenigen Sonne aufnimmt, in deren Gebiet er sich befindet, sondern die Strahlen zahlloser Sonnenkörper, die ihn von allen Seiten umgeben, saugt er in Massen auf und führt sie dann gewisserart seiner Mutter zu.
FL|0|8|23|0|Nun, das wüssten wir jetzt; aber in euch wird schon wieder eine Frage rege und ihr fragt: „Ja, was wird denn aber unsere kleine Fliege mit dieser Kometenbildung und Sonnenstrahlenzurücksendung zu tun bekommen?“
FL|0|8|24|0|Ich aber sage euch darauf: Nur noch eine ganz kleine Geduld, und wir wollen sie dann sogleich hinter dem großen Brausen eines also neu entstandenen Weltkörpers einhersumsen lassen.
FL|0|8|25|0|Bevor wir aber doch solches füglichermaßen tun können, müssen wir ja notwendigerweise einen flüchtigen Blick auf die Strahlen, die da einer Sonne entströmen, selbst werfen und da ersehen, was denn eigentlich diese einer Sonne entströmenden unwägbaren Lichtteilchen an und für sich sind.
FL|0|8|26|0|Zum Teil wisst ihr solches zwar schon ohnehin; dessen ungeachtet aber wird es der Sache keinen Schaden bringen, so hier eine kleine Wiederholung geschieht, und so hört denn: Diese ausgehenden Lichtatome sind auch zugleich, wie ihr schon wisst, die erste Stufe und der Entstehungsgrund der euch schon einmal bekanntgegebenen Lichttierchen.
FL|0|8|27|0|Seht nun, diese Ansammlung solcher Strahlenatome zu einem späterhin werdenden Planetenknäuel sind auch zugleich Ansammlungen des tierischen Lebens, nämlich in einem solchen Planetenknäuel.
FL|0|8|28|0|Wie äußert sich aber dieses tierische Leben zuerst auf einem solchen neuen Planeten?
FL|0|8|29|0|Das tierische Leben äußert sich da notwendigerweise zweifach, und zwar zuerst in einem negativen Leben, welches da ist das Pflanzenleben. Hat dieses Leben einmal die gehörige Sättigung bekommen und vermag nicht mehr alles vorhandene polarische Leben in sich aufzunehmen, so bildet sich ja natürlicher- und notwendigerweise ein positiv-polarisches Leben aus und hat zufolge der Übersättigung des negativen Lebens dann eine hinreichende Nahrung für sich.
FL|0|8|30|0|Wie gestaltet aber äußert sich dieses erste positiv-polarische Leben?
FL|0|8|31|0|Nehmt nur ein Mikroskop zur Hand und beschaut entweder irgendeinen durch beigemischte Pflanzenteile faulenden Wassertropfen, oder betrachtet selbst den Saft ausgepresster Pflanzen, und ihr werdet da zu eurer nicht geringen Verwunderung ganze Heere erblicken, wodurch es euch nach dieser Erklärung ohne große Mühe sobald klar wird, wie sich der negative Lebenspol umwendet und dann übergeht in das positiv-polarische Leben.
FL|0|8|32|0|Seht nun, Meine lieben Kleinen, so sich nun allda das tierische Leben zu bilden anfängt, so kann es dann auch nicht mehr in eine Stockung übergehen, sondern beginnt seinen Rücktritt allmählich wieder – dem Urzentrum alles Lebens zu.
FL|0|8|33|0|Da aber der ewigen Ordnung zufolge überall ein Stufengang beobachtet wird, welcher an und für sich nichts anderes ist als wie eine stets vollkommenere und größere Dichterwerdung des Lebens – was auch ganz natürlich also hergeht wie mit den rückkehrenden Strahlen, die auch natürlicherweise stets intensiver werden, je näher sie ihrem ursprünglichen Ausgangspunkt rücken –, so ist demnach ja auch natürlich, dass das Leben nicht in dieser Zerstreutheit seinem Ursprung wieder zueilen kann, sondern sammelt sich stets in immer dichteren Formen und kehrt also wieder seinem ewigen Ursprung zu.
FL|0|8|34|0|Welches ist aber demnach die nächste Stufe, in welcher sich dieses erste positiv-polarische Leben konsolidiert?
FL|0|8|35|0|Nun, Meine Lieben, lassen wir unsere Fliege auftreten! Seht, das ist das erste Tierchen, von welchem ein also neu entstandener Planet bevölkert wird; denn wie ihr wisst, nimmt dieses Tier noch heutigentags solche Nahrung zu sich, durch welche ein trillionenfaches Leben in ihr zu einem Leben wird! Und so werdet ihr es nun wohl begreifen, warum Ich früher sagte: Nur noch eine kleine Geduld, und wir werden unsere Fliege bald hinter dem gewaltigen Rauschen unseres neuen Planetenklumpens einhersumsen hören.
FL|0|8|36|0|Auch werdet ihr das Höhere begreifen, wie die Fliege demnach wird zu einem Sammelpunkt des Lebens.
FL|0|8|37|0|Ich sage euch aber noch hinzu, dass in dieser Betrachtung als Sammelpunkt des Lebens eine einzelne Fliege mehr zählt als unser ganzer früher gebildeter Planetenklumpen! Und wenn ihr solches beachtet, so werdet ihr auch einsehen, wie hoch das Leben selbst nur schon in einem ersten Fünkchen über die äußere Materie erhaben ist, und werdet demnach auch einsehen, um wie vieles das Leben eines einzelnen Menschen höher steht als alle Sonnen und Planeten einer ganzen euch bekannten Hülsenglobe.
FL|0|8|38|0|Und so ihr dieses begreift, so wird es euch auch nicht schwer werden zu begreifen, warum Ich als das Urleben des Lebens, als Vater und Erlöser kam zur Erde und habe da den Menschen Mir zum Kind gemacht und ihm einen Weg bereitet zu Meinem Herzen. Und endlich werdet ihr auch daraus wieder um ein Tüchtiges mehr begreifen können, warum Ich zu euch sagte: Die Fliege, die Fliege, die singt euch vom Siege!
FL|0|8|39|0|Der Sieg ist zwar noch nicht vollkommen da, aber die Nachfolge und die fernere Mitteilung wird euch klärlich ersehen lassen, wie viel des Sieges schon allhier vorhanden ist, – und so lasst es für heute wieder gut sein.
FL|0|9|1|1|Ursache und Wesen des Lichtes
FL|0|9|1|1|Am 22. März 1842
FL|0|9|1|0|Wir haben in der vorhergehenden Mitteilung unsere Fliege somit als erstes Tier hinter einem neu gebildeten Planeten einhersumsen gehört.
FL|0|9|2|0|Es wird nötig sein, diese Redefigur näher zu erklären, jedoch kann manches Schwächeren willen beigefügt werden, dass dieses nur zeitlich, aber nicht räumlich zu nehmen ist, wodurch dann jemand auf die Idee gelangen könnte, als würde ein ungeheuer großer Fliegenschwarm gleich einem Kometenschweif einem solchen Planeten nachjagen; also solches ist nur zeitlich zu verstehen, wie da aus einer Vorbildungsperiode eine entwickeltere und vollkommenere folgt.
FL|0|9|3|0|Solches wüssten wir also bereits; ihr aber werdet nun meinen: „Was wird denn von der armseligen Fliege noch für Höheres und eigentlich Siegreicheres abzugewinnen sein? Denn wir haben sie jetzt, dieser Enthüllung zufolge, vom Ursprung aus gesehen und haben an ihr bei all den wunderbaren außerordentlichen Verhältnissen am Ende doch nur nichts mehr und nichts weniger als eine der göttlichen Ordnung zwar wohl entsprechende, aber sonst nur eine gewöhnliche Fliege gefunden, dergleichen wir zur Sommerzeit in großen Schwärmen zur Genüge zu Gesicht bekommen.“
FL|0|9|4|0|Seht, das ist eine wohlgeratene Bemerkung und taugt sehr gut, um auf diesem Grund ein neues, festes Gebäude aufzuführen.
FL|0|9|5|0|Bevor wir uns aber doch über das Gebäude selbst hermachen wollen, müssen wir zu einem tüchtigen Vorbau schreiten, um uns gehörig vor dem Angriff zu verwahren; denn sonst dürfte unser armes Tierchen nicht gut durchgehends mit dem Leben davonkommen, besonders in dieser Zeit, wo es gar so viele gelehrte Mückenfänger und tiefwissenschaftliche Fliegenpracker gibt.
FL|0|9|6|0|Wo werden wir aber unsere Schanzen aufwerfen? Seht, das wird hier schwer auszumitteln sein.
FL|0|9|7|0|Da es allzeit dort die meisten Missmeinungen oder insgemein Hypothesen gibt, wo es dem kurzsichtigen Menschenverstand am wenigsten gestattet ist, in die lichte Sphäre der Wirklichkeit hineinzublicken, da auch werden die allerverschiedenartigsten Theorien aufgeführt, von denen immer, wie eine französische Kleidermode, die letzte die herrschende Oberhand führt.
FL|0|9|8|0|Worin besteht aber dieses, worüber in dieser gelehrten Zeit insgemein nahe ebenso viel Theorien existieren, als es Gelehrte selbst gibt?
FL|0|9|9|0|Seht, das liegt und besteht im Licht.
FL|0|9|10|0|Darum sollen wir einige aufmerksame Blicke auf das Licht selbst werfen, und das wird der Vorbau sein, und sodann erst zu unserer Fliege übergehen.
FL|0|9|11|0|Wir wollen somit die Hauptfrage stellen: Was ist das Licht an und für sich selbst, und wie pflanzt es sich fort?
FL|0|9|12|0|Um dieses darzutun, wird es keineswegs nötig sein, was immer für eine bestehende irrige Theorie namentlich anzuführen, sondern wir stellen unsere Erklärung auf, und diese mag euch und jedem zu einem Probierstein dienen, um auf demselben zu erproben, wie viel des edlen oder unedlen Metalls in all den anderen angeführten Theorien sich befindet.
FL|0|9|13|0|Was ist also das Licht?
FL|0|9|14|0|So ihr das Licht, wie es in der Zeit und im Raum zur Erscheinung kommt, wohl und gründlich erfassen wollt, da müsst ihr dasselbe weder ganz materiell noch ganz geistig betrachten, sondern materiell und geistig in Verbindung und es ansehen als eine also gestellte Polarität, da der geistige Teil den positiven, der materielle aber den negativen Pol ausmacht.
FL|0|9|15|0|Diese Polarität ist aber so gestellt, dass sie sich nicht verhält wie Vorderes und Hinteres, sondern wie Inneres und Äußeres, allda dann ist das Innere der positive und das Äußere der negative Pol.
FL|0|9|16|0|Wie kommen aber diese beiden Polaritäten sonach als Licht zur Erscheinung?
FL|0|9|17|0|Seht, diese Schwierigkeit soll bald gehoben sein. Wenn ihr einen sogenannten Feuerstein nehmt und streicht mit einem gehärteten Eisen darüber hinweg, so werdet ihr auch alsobald eine Menge sprühender Funken der Stelle entfahren sehen, an welcher das gehärtete Eisen den Stein bestrich. Diese Funken waren Licht; wo haben sie denn das Leuchten hergenommen – aus dem Stein oder aus dem Eisen? Oder aus beiden zugleich?
FL|0|9|18|0|Es ist nicht nötig, hier noch näher zu erwähnen, dass bei diesem Akt die Fünklein lediglich vom Eisen herrühren, von welchem äußerst kleine Teile durch den harten Stein abgeritzt wurden und sich dadurch entzündeten, da die in den Poren des Eisens eingeschlossenen Luftteilchen nicht dem durch das Streichen bewirkten Druck ausweichen konnten und sich daher entzündeten und die also abgelösten Eisenteilchen sobald in den Weißglühzustand versetzten.
FL|0|9|19|0|Dieses wüssten wir; aber auf welche Art und Weise wird denn die also gequetschte Luft entzündet, und was ist demnach das Leuchtende bei dem Akt der Entzündung der Luft?
FL|0|9|20|0|Hier kann die Sache unmöglich mehr anders erklärt werden, als wie es euch zu wiederholten Malen kundgegeben wird, dass da die Luft nichts anderes ist als ein materieller Leib der in ihr enthaltenen intellektuellen Geister. Die Physiker würden es zwar lieber hören, wenn Ich hier anstatt Geister „freie, ungebundene Kräfte“ gesetzt hätte; allein, da wir gründlich gehen wollen, so nehmen wir auch statt der Eigenschaft die mit der Eigenschaft behaftete Sache selbst, welche da ist der Geist selbst oder, nachdem wir hier nicht mit einem, sondern mit sehr vielen Geistern zu tun haben, alsonach die Geister selbst.
FL|0|9|21|0|Da wir nun solches festsetzen, so können wir jetzt der Sache alsogleich auf die alleruntrüglichste Spur kommen, und so vernehmt es denn: Da der Geist eine positiv-polarische Kraft ist, so strebt er fortwährend nach der allerungebundensten Freiheit und ist im gebundenen Zustand nur so lange ruhig, bis er von der ihn umgebenden negativen Polarität oder – noch verständlicher – von seiner Hülse keine ungewöhnliche Beeinträchtigung erfährt. Erleidet er aber von außen her was immer für einen Druck, so wird der Geist sobald von seiner angewohnten Beengungssphäre geweckt und gibt sein Dasein durch seine ausdehnende Bewegung zu erkennen, welches Erkennen sich dann allzeit durch das euch bekannte Phänomen des Leuchtens kundgibt.
FL|0|9|22|0|So weit hätten wir es nun gebracht; aber dessen ungeachtet wird ein jeder sagen: Solches mag wohl richtig sein; aber was das eigentliche Leuchten an und für sich ist, wissen wir denn doch noch nicht.
FL|0|9|23|0|Ich aber sage: Nur noch eine kleine Geduld; denn ihr wisst es ja alle, dass eine bejahrte, umfangreiche Eiche nicht auf einen Hieb fällt!
FL|0|9|24|0|Wir werden somit auch mit dem ganz eigentlichen Leuchten demnach ja wohl noch zurechtkommen.
FL|0|9|25|0|Was ist demnach dieses Leuchten an und für sich?
FL|0|9|26|0|Ein Beispiel wird euch die Sache anschaulich machen. Was bemerkt ihr an einem Menschen, dessen Herz noch voll Hochmut ist, so er von irgendwoher einen so recht derben, demütigenden Stoß erhält? Wird er nicht sobald über die Maßen in Zorn geraten, also zwar, dass er darob am ganzen Leib vor Grimm zu beben wird anfangen und seine Augen glühend werden, als wäre hinter ihnen eine Feueresse angebracht, und seine Haare werden sich sträuben nach allen Seiten? So er sich in seiner gleichgesinnten Umgebung befindet, wird diese nicht auch sobald, wenn auch nicht in diesem hohen Grad, aber dennoch nach dem Grad der Befreundung, entweder mehr oder minder mit zornig werden?
FL|0|9|27|0|Ich bin der Meinung, diese Erscheinung bedarf hier keiner näheren Erklärung, sondern ihr braucht nur auf ein Kriegsheer eure Augen zu richten, und es kann euch unmöglich entgehen, wie diese Zornausstrahlung oder dieses „Grimmfieber“ Tausende und abermals Tausende ergreift und sie mitreißt in das blutige Gefecht.
FL|0|9|28|0|Nun, so ihr dieses nur einigermaßen innerlich betrachtet, so hätten wir unser Leuchten an und für sich ja so gut wie vollends erläutert; denn der in der negativen Polarität eingeschlossene positiv-polarische Geist gerät durch einen Stoß ebenfalls in einen Zorn, welcher da ist ein Innewerden seiner Gefangenschaft. Durch dieses Innewerden erwacht in ihm die große Begierde, sich auszudehnen oder frei zu machen.
FL|0|9|29|0|Da aber seine äußere, negative, ihn umgebende Polarität so beschaffen ist, dass sie zwar bis zu einem gewissen Grad wohl ausdehnbar, sonst aber dennoch unzerstörbar oder vielmehr unzerreißbar ist, so dehnt sich der frei werden wollende Geist in derselben zwar insoweit aus, als es tunlich ist; da er aber dessen ungeachtet nicht durchbrechen kann, so zieht er sich schnell wieder zurück und versucht aber dann wieder mit – irrig vermeinter – erneuerter Kraft seine Hülle zu zerreißen, welchen Akt mancher Geist in einer Sekunde viele tausend Mal zu wiederholen imstande ist. Dieser Akt wird der „Grimm“ genannt und ist begleitet von dem stets wachsenden Zorn.
FL|0|9|30|0|Was ist aber alsonach die ersichtliche Folge dieses Aktes, welcher an und für sich das wahrhafte „Grimmfieber“ genannt werden kann?
FL|0|9|31|0|Nichts anderes, als dass die einem solchen zornergrimmten Geist nahe stehenden anderen, noch ruhigen Geister dieses Fieber wahrnehmen, nachdem sie an ihrer äußeren Polarität in ein ähnliches Mitfieber gesetzt werden, welche Fortpflanzung der Mitfieberung natürlicherweise umso schneller fortgesetzt werden kann, da die negativen Umhüllungen der Geister, aus denen eigentlich die Luft besteht, knapp aneinanderliegen.
FL|0|9|32|0|Nun haben wir eigentlich schon das Ganze. Denn eben dieses Fiebern eines solchen Geistes wird vom Auge sowohl der Tiere als auch vorzugsweise des Menschen wahrgenommen – und diese Wahrnehmung ist eigentlich das, was ihr „Leuchten“ nennt –, weil das Auge so eingerichtet ist, um diese allerleisesten Schwebungen wahrzunehmen. Und zwar aus dem Grund, weil auch jegliches Auge mehr oder weniger an und für sich selbst ist zur Hälfte geistig und zur Hälfte materiell und hat mit dem, was da „Licht“ genannt wird, eine ganz gleiche Polarität, darum es dann auch alles ihm Verwandte aufnehmen und empfinden kann.
FL|0|9|33|0|Wenn dann auf diese beschriebene Weise irgendeine solche Polarität in sich erbrennt, so findet auch dabei allzeit der Akt der Beleuchtung statt. Die Beleuchtung aber ist dann an und für sich wieder nichts anderes als das Mitergriffensein derjenigen geistigen Polaritäten, welche sich in der Nachbarschaft einer solchen in sich erbrannten geistigen Polarität befinden, – welche Fortpflanzung je nach dem Grad der Größe und Heftigkeit einer entzündeten geistigen Polarität entweder nähere oder weitere Distanzen ergreift und sie, wenn schon nicht in einen zu heftigen, aber doch empfindlichen Fieberzustand versetzt. Natürlicherweise wird das Fiebern immer schwächer, je entfernter dem Raum nach sich andere geistige Polaritäten von der eigentlichen in sich erbrennenden Hauptpolarität befinden.
FL|0|9|34|0|Nun werdet ihr sagen: „Über das Leuchten wären wir wohl im Klaren, aber noch nicht über das, warum wir beleuchtete Gegenstände ihrer Form nach erschauen, und auch noch nicht über die Beschaffenheit des verschiedenartigen Lichtes, namentlich des Lichtes der Sonne.“
FL|0|9|35|0|Allein Ich sage euch hier noch so viel, dass solches wohl keine große Kunst mehr sein wird, nachdem wir in dieser Hinsicht ganz gründlich schon die allergrößte Schwierigkeit besiegt haben.
FL|0|9|36|0|Was demnach die Anschauung der Gegenstände betrifft, so ist diese an und für sich nichts anderes als eine durch die materielle, feste Form eines Gegenstandes ihr vollkommen entsprechende Verhinderung solcher uns schon bekannten Fortpflanzung, oder sie ist eine verdoppelte Rückkehr von irgendeinem Gegenstand, von welchem sie einen Afterstoß erhielt oder, so ihr es leichter versteht, einen Gegenstoß.
FL|0|9|37|0|Was aber das Licht der Sonne anbelangt, so ist ihr Leuchten mit dem Leuchten eines uns bekannten Fünkchens gleichartig. Der Unterschied liegt nur darinnen, dass das weiße Licht der Sonne dem Beben der Liebe fast auf dieselbe Weise entstammt, wie das euch bekannte rötliche Brandlicht dem Beben des Zornes; und da das Licht der Sonne dem Beben der Liebe entstammt, so ist auch dessen Fortpflanzung unterschieden von der Fortpflanzung des Lichtes, welches dem Beben des Zornes entstammt.
FL|0|9|38|0|Worin aber dieser Unterschied besteht, und wie demzufolge wir zu unserem Sieg hinsichtlich unseres Tierchens gelangen werden, soll euch nächstens klärlich gezeigt werden.
FL|0|9|39|0|Und somit lassen wir es für heute wieder gut sein.
FL|0|10|1|1|Wesen des Äthers und des Sonnenlichts
FL|0|10|1|1|Am 23. März 1842
FL|0|10|1|0|Ihr werdet vielleicht schon dann und wann gehört haben, dass je tiefer eine Gegend der Erde ist, desto dichter auch die Luft in derselben ist. Dieses ist eine ganz natürliche Folge, nachdem nicht nur die Luft, sondern alle Dinge, je näher sie strahlenförmig dem gemeinsamen Mittelpunkt rücken, auch desto dichter werden. Je mehr sie sich aber von diesem Mittelpunkt entfernen, desto lockerer kommen sie auch nebeneinander zu stehen.
FL|0|10|2|0|Was an und für sich die einen Weltkörper umgebende Luft ist, wüssten wir sonach schon zum Teil aus dem Verlauf der gegenwärtigen Mitteilung, noch mehr aber aus anderen schon lange gegebenen Erläuterungen über die Dinge der naturmäßigen Welt.
FL|0|10|3|0|Um euch, Meine Lieben, aber doch eines längeren Nachsuchens zu entheben, so sage Ich es noch einmal, dass die Luft, wie alle gesamte Materie, nichts anderes als ein geistig-materieller und materiell-geistiger Konflikt ist, und dass alle diese geistigen Potenzen, je tiefer sie liegen, desto ärger sie auch sind, und je höher über den Planeten sie sich aufhalten, desto lieblicher, friedsamer und beständiger sind sie auch.
FL|0|10|4|0|So wir nun dieses wissen, da wird es uns doch nicht schwer fallen, wenigstens in einem allgemeinen Umblick die Erde samt der sie umgebenden Luft nach ihrem Gehalt zu erkennen und darob mit leichtem Mut zu sagen: Das Gesamtwesen des Erdkörpers samt der ihn umgebenden Luft, soweit hinaus auch diese reicht, ist nichts als eine Gradation der Geister, welche sich in einem solchen Planeten gesetzt hat, um den uns schon bekannten Rückweg anzutreten.
FL|0|10|5|0|Ja, werdet ihr fragen, was erfüllt denn den weiten Raum zwischen der Sonne und einem Planeten?
FL|0|10|6|0|Die Naturforscher lassen hier einen äußerst leichten und nachgiebigen Äther auftreten. Was werden aber die Physiker sagen, so sie ersichtlich dartun müssten, was denn dieser Äther an und für sich ist?
FL|0|10|7|0|Wahrlich, eine solche Frage würde schwer sich einen Preis von fünfzig Dukaten erringen! Denn fürs Erste lässt sich der Äther durch kein Mikroskop betrachten, nachdem schon die viel dichtere Luft von keinem Mikroskop mehr partiell empfunden wird; aber chemisch könnten die Physiker den Äther untersuchen, so sie in ihre Retorten irgend einen bekommen könnten. Aber da die Region des eigentlichen Äthers erst bei einer Höhe von zwei, drei, vier und bis gegen den Nordpol gar erst zehn deutsche Meilen hoch über der Erde beginnt, so wird es wohl allen Naturforschern etwas schwer werden, sich zum Behuf ihrer Untersuchung bei ihrem Leibesleben von dorther einen Äther zu verschaffen.
FL|0|10|8|0|Wir aber wollen einen viel bequemeren und sicheren Weg gehen, nämlich den des inneren Vertrauens und den Weg der wahren Liebe. Auf diesem Weg steht einem Ochsen- und Schafhirten der Sirius beschaulich näher, als auf dem finsteren Weg des überaus kurzsichtigen Forschens von Seiten des menschlichen Verstandes ein Regentropfen, der dem überaus mathematischen Naturforscher auf die Nase gefallen ist.
FL|0|10|9|0|Und so sagen wir: Der Äther ist ebenfalls ein geistiges Wesen, welches sich zwar zu allen Planeten positiv, zu den Sonnen aber negativ verhält.
FL|0|10|10|0|Den Äther bilden somit äußerst reine, friedliche und duldsame Geister; denn wären sie das nicht, wie schwer würden da die Weltkörper es haben auf dem Weg um die Sonne, welcher da ist eine weitgedehnte Bahn, durch welche der Planet mit außerordentlicher Geschwindigkeit sich bewegen muss.
FL|0|10|11|0|Da aber diese Äthergeister alsonach äußerst reine, friedsame und nachgiebige Geister sind, so findet an ihrem Dasein nichts irgendein Hindernis in seiner Bewegung, – und möge das sich bewegen wollende oder sich zu bewegen genötigte Wesen oder Ding noch so gering und unscheinbar sein.
FL|0|10|12|0|Seht nun, Meine Lieben, da wir nun dieses wissen, so wird es wohl nicht mehr schwer sein, das Leuchten einer Sonne und die Fortpflanzung ihres Leuchtens zu ermitteln! Jedoch bevor wir noch solches zu tun vermögen, müssen wir gegenüber den Planeten auch der leuchtenden Sonne einige Augenblicke schenken und uns fragen: Wie sieht es da aus, und was geschieht daselbst?
FL|0|10|13|0|Solches ist ja doch notwendig; denn sonst müsst ihr über kurz oder lang euch ja doch selbst fragen: Wie kann man jemandem die Wirkung erklären, so man ihm die Ursache der Wirkung verschweigt?
FL|0|10|14|0|Dass die Sonne ein äußerst stark leuchtender Weltkörper ist, braucht niemandem näher erklärt zu werden; denn solche Erklärung geben jedem seine eigenen gesunden Augen.
FL|0|10|15|0|Wie aber wird sie also überaus stark leuchtend? Und wie sieht es auf ihrer Oberfläche aus und also auch bis zu ihrem Mittelpunkt?
FL|0|10|16|0|Seht, das ist eine ganz andere Frage, welche noch bevor in aller Kürze beantwortet sein muss, bis wir zu unserem Hauptthema fruchtbringend zurückkehren können.
FL|0|10|17|0|Es muss euch bei den Sonnen zuallererst schon ihre außerordentliche Größe auffallen, derzufolge eine Sonne nicht selten eine, ja mehrere Millionen Male größer ist denn ein oder der andere ihrer Planeten.
FL|0|10|18|0|Was ist sonach die Sonne für sich selbst?
FL|0|10|19|0|Die Sonne für sich selbst ist ein Planet von vollkommenem Zustand, und alle Planeten sind nur Trabanten dieses großen und vollkommenen Planeten.
FL|0|10|20|0|Woher rührt denn hernach das außerordentliche Licht, das einen solchen vollkommenen Planeten umgibt?
FL|0|10|21|0|Das Licht rührt von der geistigen Liebefreude der diesen vollkommenen Planeten umgebenden Geister her.
FL|0|10|22|0|Sind diese Geister etwa schon vollendete Geister?
FL|0|10|23|0|Diese Frage muss wieder geschieden werden, und zwar in sieben verschiedene Punkte, welche aber dessen ungeachtet nicht zu schwer gründlich zu verstehen sein dürften, da sie sich in der schönsten Ordnung nebeneinander befinden.
FL|0|10|24|0|Diese sieben Punkte sind demnach sieben verschiedene Geistergattungen in der Sonne, welche miteinander gemeinschaftlich das große Licht der Sonne bedingen.
FL|0|10|25|0|Wollt ihr die innere Natur dieser Geister näher erkennen, so blickt auf die sieben Gebote der Nächstenliebe und – diesen sieben Geboten zur Unterlage – die drei, durch welche der Mensch sein Verhältnis zu Gott, seinem Schöpfer, erkennen soll, so habt ihr dann sobald den vollendeten Zyklus des Geisterverbandes auf einem Sonnenkörper. Auch die Farben eines Regenbogens geben euch diese Ordnung zu erkennen.
FL|0|10|26|0|Was folgt aber nun aus dieser Vorerinnerung?
FL|0|10|27|0|Aus dieser Vorerinnerung folgt nichts anderes, als dass die Sonne ein Sammelplatz ist in ihrer inneren Sphäre von siebenfachen Geistern. Darunter sind solche, welche erst von der Sonne zur Prüfung hinaus in die Planeten versetzt werden, und wieder solche, welche als vollendet zurückgekehrt sind, und es bildet dann die erste, noch zu vollendende Klasse des Sonnenkörpers inneren Gehalt, die zweite, aber schon vollendete, des Sonnenwesens äußere lichte Umhüllung.
FL|0|10|28|0|Seht, so ihr ein bisschen scharf zu sehen imstande wärt, so wäre eigentlich der Stein des Anstoßes schon gehoben; aber da ihr noch immer von schwachen Augen und daneben auch etwas harthörig seid, so muss Ich euch schon noch hinzusetzen, dass diese Geister es sind, welche durch ihre Liebe und Wonneleben das eigentliche Leuchten der Sonne ausmachen.
FL|0|10|29|0|Was aber die Fortpflanzung dieses Lichtes betrifft, so mache Ich euch bloß nur auf die noch zu vollendenden Geister aufmerksam, die da sich noch immerwährend von der Sonne entfernen müssen, – so habt ihr ja diejenige Fortpflanzung des Lichtes auf ein Haar erläutert, davon schon bei der Bildung des Planetenknotens vorerst die Rede war, und habt ihr auch hiermit das Wesen der euch schon oft erwähnten, von der Sonne ausgehenden atomischen Tierchen, durch welche die Schwingungen der schon vollendeten Geister als eine stärkende Gabe auf die Reise ihrer Vollendung mitgegeben werden.
FL|0|11|1|1|Grund und Zweck des ausstrahlenden Sonnenlichtes. Alle Materie ist im Grunde Geistiges. Die Fliege als Licht- und Lebenssammler
FL|0|11|1|1|Am 24. März 1842
FL|0|11|1|0|Ihr werdet euch wohl auch fragen und sagen: „Es ist alles gut und wahr; aber was treibt denn die Geister der ersteren Art, die noch unvollendet sind, hinaus von der Sonne in die weiten, endlosen Räume?“
FL|0|11|2|0|Und Ich gebe euch darauf zur Antwort: Nichts anderes als Meine ewige Ordnung, vermöge welcher diese aus der Sonne wandernden Geister zwar eine positiv-polarische Sättigung haben, aber vom Grunde aus an und für sich nur negativ sind.
FL|0|11|3|0|Was geschieht denn aber dann, so zwei gleiche Pole sich nahe zu stehen kommen? Nichts anderes, als dass sie sich so lange abstoßen, bis der bloß nur positiv genährte, aber doch im Grunde an und für sich nur negative Pol alles Positive hintangegeben hat.
FL|0|11|4|0|Nun seht, also sind diese uns bekannten atomischen Wesen im Grunde negative Wesen und können so lange in der Sonne bleiben, solange sie lediglich diesen Charakter beibehalten. Nehmen sie aber allzu gierig eine Lichtsättigung aus dem positiven Polgebiete der Sonnengeister an, dass sie sich dadurch dem Wesen des Lichtes nach sehr wenig mehr unterscheiden von den eigentlich positiv-polarischen Geistern, welche schon vollendet sind, so werden sie dann auch sobald von den positiv-polarischen Wesen hinausgetrieben, und das zwar mit einer wahrhaft geisterhaften Geschwindigkeit.
FL|0|11|5|0|Diese also hinausgetriebenen Geister sind das eigentliche ausstrahlende Licht der Sonne, welches, wenn es auf einen Weltkörper fällt, sich, dem positiven Teil nach, demselben mitteilt, und welches alsonach das mitgenommene Licht oder vielmehr die noch fortdauernde Liebfreudebebung der vollkommenen Geister ist.
FL|0|11|6|0|Dem negativen Teil nach aber werden, besonders bei der Annäherung zu einem Weltkörper, diese ausgehenden atomischen Wesen bald ledig ihres positiven Teiles und kehren dann als antipolarische Wesen wieder zur Sonne zurück, – und das ist das Zurückstrahlen des auffallenden Lichtes aus der Sonne. Und da diese Wesen vermöge ihrer großen Schnelligkeit allzeit in einer geraden Linie sich bewegen, so wird es auch erklärlich, warum vom Sonnenlicht beleuchtete Gegenstände überaus klar zu sehen sind, besonders wenn in der atmosphärischen Luft keine Aufregungen stattfinden.
FL|0|11|7|0|Wie aber eine solche erleuchtete Form allen ihren Teilen nach vollkommen gesehen werden kann, das rührt wieder daher, weil jede Materie, aus welcher eine Form gebildet ist, ebenfalls – wie ihr schon wisst – nichts als ein Konflikt geistiger Potenzen ist.
FL|0|11|8|0|Wenn sonach diese schnellen Lichtträger aus der Sonne an eine Form stoßen, so nimmt die Form – je nachdem sie ihrem inneren Gehalt nach beschaffen ist – sobald die ihr zusagenden Teile an sich und lässt das für sie Unbrauchbare wieder in der allerhöchsten Schnelligkeit nach allen Richtungen hin von sich weggehen.
FL|0|11|9|0|Sonach ist denn das Auge nur ein Aufnahmeorgan für die mannigfachen Unterschiede des Haupt- oder des zurückgeworfenen Lichtes; und diese mannigfachen Unterschiede des Lichtes sind dann auch natürlicherweise die Bildner aller der verschiedenen Dinge in dem für solche Lichtunterschiede tauglichen Auge.
FL|0|11|10|0|So ihr nun dieses wisst und, so viel es euch mit leiblichen Sinnen nur möglich ist, begreift, so muss es euch ja endlich doch klar werden, dass somit alles, was sich nur immer materiell darstellt, im Grunde dennoch nichts Materielles, sondern lauter Geistiges ist; nur könnt ihr das Geistige nicht schauen, weil ihr noch nicht in der geistigen Polarität seid. Werdet ihr euch aber einmal in der geistigen Polarität befinden, alsdann wird sobald die entgegengesetzte Erscheinlichkeit eintreten, vermöge welcher ihr dann nur das Geistige schauen werdet, aber alles Materielle euch werdet müssen also hinzudenken, wie jetzt das Geistige zum Materiellen; darum es euch nun auch nicht allzu sehr wundernehmen muss, so ihr im Verlauf dieser Mitteilung hie und da auf Punkte trefft, die euch nicht allzu klar werden können. Denn sollen euch nun schon alle diese Verhältnisse ganz vollkommen klargemacht werden können, so müsst ihr ganz aus der Materie ins rein Geistige hinübertreten, welches für jetzt noch nicht an der Zeit ist.
FL|0|11|11|0|Aber so viel es nur möglich ist zu erfassen, das Geistige hinein ins Materielle, ist euch im Verlauf dieser Mitteilung auch zur Genüge gezeigt, welch einen seichten Weg diejenigen einschlagen, welche nichts als die Materie vor sich haben; und wie unverständlich auch werden hingegen diejenigen, welche bei ihren Forschungen überall weit über die Materie hinaus ihre Weisheitssprünge machen.
FL|0|11|12|0|Nachdem wir somit im kurzmöglichsten Blick die Unterschiede zwischen Licht und Licht, Leuchten und Leuchten dargestellt und, so viel möglich, euch gründlich verständlich gezeigt haben, so haben wir auf diese Weise auch den schon besprochenen Vorbau zu unserem Siegesgebäude gemacht und wollen uns sonach wieder zu unserem bereits schon ganz in Vergessenheit geratenen Tierchen wenden.
FL|0|11|13|0|Aber Ich sehe schon wieder eine neue Frage in euch, und diese lautet also: „Ja, was wird denn aber jetzt auf einmal unsere arme Fliege zwischen Sonnen und Erden und zwischen all diesen jetzt aufgeführten Licht erzeugenden und Licht tragenden Geistern zu tun bekommen?“
FL|0|11|14|0|Diese Frage soll bald beantwortet werden, so ihr da sagt: „Zwischen Licht erzeugenden und Licht tragenden Geistern, was soll da die Fliege?“
FL|0|11|15|0|Die Fliege, sage Ich, soll hier ein Medium machen und soll zum Licht sammelnden Geist werden.
FL|0|11|16|0|Seht, hier liegt der große Knoten begraben!
FL|0|11|17|0|Könntet ihr je sagen: Wir begreifen nun dieses Wesen! und müsstet euch dabei selbst das Zeugnis geben, dass ihr nicht wisst, auf welchem Standpunkt es sich befindet, – was wäre dabei euer Verstehen?
FL|0|11|18|0|Ja wahrlich sage Ich euch: Es wäre da wenig Unterschied zwischen dem, wie ihr die Fliege oder ein anderes Ding seht, oder wie dieses Tierchen gesehen wird von einem anderen Tier, außer dass ihr es benennen könnt und sagen, dass es sechs Füße habe, zwei Flügel, einen Leib, einen Kopf und gehöre in das Reich der fliegenden Insekten, – und dann noch einige falsche Beobachtungen und zwei oder drei Hypothesen darüber.
FL|0|11|19|0|Also der Standpunkt eines Dinges ist hernach die Grundbasis, von welcher aus das Ding betrachtet erst in seiner vollen Wahrheit erscheint.
FL|0|11|20|0|Was aber ist die Wahrheit eines Dinges?
FL|0|11|21|0|Seht und hört! Das Geistige eines Dinges ist die Wahrheit! Solange dieses nicht ermittelt ist, gleicht alles einer tauben, hohlen Nuss, da nichts innen ist.
FL|0|11|22|0|Also der Standpunkt ist die Basis. Solches haben wir ausgesprochen und muss sich bewähren. Seht also unsere Fliege auf diesem Mittelstandpunkt.
FL|0|11|23|0|Ist sie allein geistig oder allein materiell?
FL|0|11|24|0|Nein, müsst ihr sagen, sie ist materiell zu einem Teil – und, darum sie lebt, geistig zum anderen Teil. Sie befindet sich wie zahllose andere Wesen zwischen den zwei Hauptpolaritäten, nämlich zwischen der positiv lebendigen Polarität der Sonne und zwischen der negativen des der Sonne gegenüberstehenden Planeten.
FL|0|11|25|0|Das will so viel sagen: Sie ist somit neutral, das heißt, weder ganz positiv, noch ganz negativ. Ja also ist es richtig, gut und wahr: weder alleinig Lichterzeuger, noch alleinig Lichtträger, sondern Lichtsammler.
FL|0|11|26|0|Was ist aber das Licht?
FL|0|11|27|0|Solches wissen wir, dass es sich repräsentiert aus der Beweglichkeit des Lebens; also ist Licht und Leben eines und dasselbe, und ist das Licht nur eine Erscheinlichkeit des Lebens.
FL|0|11|28|0|Da aber unsere Fliege ein Sammler ist des Lichtes, wessen Sammler ist sie dann noch? Oder vielmehr: Ist sie dann nicht – ein Sammler des Lebens?
FL|0|11|29|0|Wie äußert sich dieses Leben in der Fliege nun? Äußert es sich etwa auch noch in einem prunkenden Licht?
FL|0|11|30|0|Ihr müsstet blind sein oder ein phantastisches Auge haben, so ihr je von einer Fliege behaupten könntet, als hättet ihr sie gleich einem Johanniskäferchen selbstleuchtend herumfliegen gesehen. Ja, die Fliege bewahrt ganz musterhaft das Leben in sich, sie lässt es nicht mehr ausstrahlen, und ein dunkles Kleid hat sie angezogen, damit das Leben ja nur desto mehr sich vermehren könnte in ihr.
FL|0|11|31|0|Seht nun, Meine Lieben, wer das Wesen der Demut an der Fliege nicht erkennt, der muss mehr denn dreimal hintereinander blind sein.
FL|0|11|32|0|Ihr wisst ihre vielseitige Nützlichkeit; aber das Licht der Welt erkennt sie nicht. Und so muss die fleißige, die emsige, durch jede ihrer Bewegungen nützende Fliege aller Verachtung preisgegeben sein. Warum denn aber das? Weil die Fliege ein Lebenssammler ist und lieber das Leben in sich vermehrt, als mit demselben, sich selbst zerstörend, prunkt.
FL|0|11|33|0|Seht ihr nun den Standpunkt, wie von ihm aus nun Strahlen nach allen Richtungen ausschlagen, damit ihr wohlerleuchtet ersehen möchtet den Sieg, welchen dieses Tierchen allzeit mutig erkämpft?
FL|0|11|34|0|Was ist aber eigentlich dieser Sieg?
FL|0|11|35|0|Gehen wir nur auf unseren Standpunkt zurück und beachten wir wohl alle Punkte, die wir bisher vernommen haben! Ja, vom ersten Entstehungsgrund des Lichtes ausgehend, alles vom Licht Kundgegebene wohl beachtend, müssen wir ja doch mit Händen und Füßen zugleich begreifen, dass unter allen denkbaren Aufgaben die Aufgabe am schwersten zu lösen ist, nämlich:
FL|0|11|36|0|Wie lässt sich das freie Leben binden, und wie vorher das frei herumschwärmende Leben sammeln?
FL|0|11|37|0|Wir haben bei der Bildung des Planeten gehört, dass da die Fliege als erstes sichtbares Geschöpf einen solchen Planeten bewohnt. Wir sehen also die Fliege zuerst das zerstreute Leben in sich versammelt aufnehmen; jetzt nach dem Licht sehen wir die Fliege wieder zwischen Sonne und Planeten als Lebenssammler.
FL|0|11|38|0|Was ist der Unterschied zwischen jetzt und derjenigen Urzeit, da noch die Fliege der alleinige Bewohner war eines Erdkörpers?
FL|0|11|39|0|Einerseits gar keiner, denn heute noch wie damals entspricht sie vollkommen ihrer Natur und Ordnung; aber andererseits wieder ein unendlicher, denn sie steht nun auf der untersten polarischen Spitze nicht nur der Sammlung des Lebens, sondern auch der Umkehr desselben zu stets größeren und innigeren Potenzen und endlich bis zur allerhöchsten Potenz des Urlebens selbst.
FL|0|11|40|0|Damals war zwischen ihr und zwischen der unendlichen Potenz noch eine unendliche Kluft; jetzt ist sie ausgefüllt durch das Wesen des Menschen, wie durch die fast endlose Vorreihe der Wesen vor dem Menschen. Ist solches nicht als ein endloser Unterschied zwischen damals und jetzt zu betrachten?
FL|0|11|41|0|Damals ist es auch gezeigt worden, was dieses Tierchen da war; jetzt wird euch zwar auch dasselbe gezeigt, – aber in demselben wird euch auch der Sieg gezeigt. Und darum ist auch ein endloser Unterschied zwischen damals und jetzt. Denn damals hätte euch noch keine Fliege können vom Sieg singen; jetzt aber kann sie solches. Und so ist auch zwischen ihrem damaligen und jetzigen Lied ein endloser Unterschied.
FL|0|11|42|0|Und was ist dieser endlose Unterschied selbst?
FL|0|11|43|0|Das ist eben der Sieg!
FL|0|11|44|0|Und was ist denn der Sieg?
FL|0|11|45|0|Hier öffnet eure Hand und ergreift den Sieg bei eurer eigenen Nase! So ihr’s aber noch nicht merken sollt, da muss Ich es euch ja geradeheraus sagen: Das erhaltene Leben ist der Sieg!
FL|0|11|46|0|Wie aber behielt die Fliege das Leben?
FL|0|11|47|0|Sie behielt es durch ihre große Tätigkeit; denn das Leben will geübt sein! Sie behielt es ferner durch ihre große Demut; denn das Leben will gesammelt sein! Sie behielt es durch die blindeste Unterwerfung in Meinen richtenden Willen; denn alles Leben muss gerichtet werden, wenn es sich dereinst gewisserart selbst finden und sich selbst bewusst erkennen soll!
FL|0|11|48|0|Wenn ihr nun diese Punkte betrachtet und betrachtet die Gesetze, welche von Mir aus an euch ergangen sind für die ewige Erhaltung des Lebens, und vergleicht dieses alles wohl miteinander, stets vor Augen habend, was der Sieg ist, so werdet ihr doch auch endlich einmal erkennen, was da gemeint ist unter den Anfangsstrophen der Fliege, allda es lautet: „Die Fliege, die Fliege, die singt euch vom Siege!“
FL|0|11|49|0|Denn dieses schon vor längerer Zeit euch gegebene Liedchen, aus wenigen Strophen bestehend, kann vom Anfang bis zum Ende nur als eine Anfangsstrophe zu diesem euch nun gegebenen großen Lied betrachtet werden. Da ihr in diesem großen Lied erst das eigentliche Siegeslied der Fliege erkennt, und da wir nun den Sieg erkannt haben, so lasst uns [jeder] bei sich selbst diesen Sieg erschauen und wohl beachten, damit wir dadurch fähiger und fähiger werden, uns gegenseitig stets mehr und mehr näher zu kommen und also den endlichen allergrößten Sieg zu erfahren an sich, welcher Sieg da ist die Wiedervereinigung jedes einzelnen Lebens mit Meinem urewigen Leben.
FL|0|11|50|0|Wie aber solches ohne die allergeringste Beeinträchtigung vor sich gehen wird, wodurch jedes Leben sich selbstständig bleibt ewiglich, ungeachtet es mit dem Urleben in der innigsten Verbindung steht, darüber soll uns in der nächsten und letzten Mitteilung die Fliege noch ein kleines Liedchen singen.
FL|0|12|1|1|Die Fliege als Symbol der Demut. Weltmensch und Himmelsmensch. Ewiges Leben und ewiger Tod. Vergeistigung des Lebens und Rückkehr zu Gott
FL|0|12|1|1|Am 25. März 1842
FL|0|12|1|0|Was unter dieser Beeinträchtigung verstanden wird, habt ihr zwar schon im Verlauf dieser Mitteilung zur Genüge gehört, ja nicht nur im Verlauf dieser, sondern mehrerer anderer Mitteilungen habt ihr es schon zu öfteren Malen empfangen, wie man dessen ungeachtet für sich allein dastehen kann, wenn man sich auch in seinem Herzen auf das Innigste vereinigt mit seinem Schöpfer; so ist es aber auch dessen ungeachtet noch immer dunkel ums Gefühl, und der Glaube hat noch ein hartes Feld, und die Seele nimmt es schwer auf, wie der Mensch im Geiste ein vollkommen freies, selbstständiges Leben haben könne, welches aber doch also gebunden ist mit dem Urleben des Schöpfers, dass es mit diesem vollkommen nur ein Leben ausmacht.
FL|0|12|2|0|Ja, wahrlich solches in der irdischen Beschränktheit zu erfassen, ist wohl außerordentlich schwer, und Ich sage euch: Wer es nicht lernt von dem bescheidenen Liedchen der Fliege, oder nun noch deutlicher gesprochen, wer es nicht lernt aus der wahren, allerinnersten Demut auf dem Weg des Kreuzes, ja noch deutlicher und heller gesprochen, wer es nicht lernt von Mir, dem Vater, der Ich die allerhöchste und allerinnerste Demut Selbst bin, der wird es nicht begreifen, und sicher auch zu häufigen Malen ewig nimmerdar verstehen, nämlich, wie Vater und Kinder vollkommen Eins sein können.
FL|0|12|3|0|Damit ihr euch aber davon eine gegründete Vorstellung machen könnt, so wollen wir die Blicke noch auf zwei große Dinge richten, nämlich auf einen großen Menschen, der da heißt „Welt“, und auf einen anderen großen Menschen, der da heißt der „Himmel“.
FL|0|12|4|0|In Hinsicht auf diesen ersten Menschen, in formell-materieller Hinsicht betrachtet, sind ganze Hülsengloben voll Sonnen und Welten kaum Nervenwärzchen seines Wesens zu nennen, und so dieser Mensch auch in dieser seiner Größe sich vollkommen als ein Leben ansieht, wie ihr euch als ein Leben anseht, besteht er darum wirklich nur aus einem Leben?
FL|0|12|5|0|Ich meine, um das einzusehen, dass dieser große Weltmensch ein gar vielfaches Leben lebt, brauche es weiter gar nichts, als nur einen Schwarm Fliegen anzusehen, und sie werden es durch ihr Gesumse kundgeben, dass sie schon sogar als erste Tierlein für sich ein abgeschlossenes Leben haben. Um wie viel mehr muss der Mensch für sich dasselbe bekennen, und noch mehr eine ganze Erde voll Völker und anderer lebender Wesen zahlloser Arten, und noch bei weitem viel mehr eine Sonne mit ihren vollendeten Wesen, und noch bei weitem viel mehr eine Zentralsonne um die andere mit ihren allervollkommensten und allermächtigsten Geistern, und noch mehr eine abgeschlossene Hülsenglobe für sich, die doch ein nahe endloser Inhalt ist sogar schon von zahllosen Weltkörpern, geschweige erst von den Wesen auf denselben.
FL|0|12|6|0|Und doch sind all diese Hülsengloben, alle Zentralsonnen, alle Nachzentralsonnen, alle Planetarsonnen und alle anderen Nebensonnen mit ihren Planeten und all den Wesen auf denselben nichts als, in eigentlichster Hinsicht betrachtet, Körperteile dieses großen Weltmenschen, der für sich ein so gut abgeschlossenes Leben hat wie jeder Mensch von euch auf der Erde und samt dieser in diesem großen Weltmenschen.
FL|0|12|7|0|Seht, das ist nun die Betrachtung von der materiellen Seite.
FL|0|12|8|0|Nun lenken wir unseren Blick auf den Himmelsmenschen, gegen dessen Größe sich dieser vorhin ausgesprochene große Weltmensch gerade so verhält, wie ein trillionster Teil eines Atoms gegen die Größe des vorbekannten Weltmenschen.
FL|0|12|9|0|Ja, der Himmel in seiner menschlichen Hinsicht ist so groß, dass alle die zahllosen Milliarden der Hülsengloben, aus denen dieser große Weltmensch besteht, sehr bequem in dem Rohr eines Härchens auf seinem Leib Platz hätten, so zwar, dass sie alle ihre Bewegungen im selben machen könnten, ohne nur je die Wände dieses Haarröhrchens zu berühren.
FL|0|12|10|0|Nun denkt euch, wie viel Leben hat nun dieser Himmelsmensch schon in einem Haarröhrchen oder wenigstens in einem dem Haarröhrchen entsprechenden anderen Leibesteil, und wie viel Leben muss er erst dann in einem Glied haben, wie viel in seinem Herzen erst, und wie viel in seinem ganzen Leibeswesen, – und doch denkt dieser ganze Himmelsmensch für sich nur als ein einfacher, für sich allein bestehender Mensch, während doch in ihm zahllose Milliarden und Milliarden von den allervollkommensten Engeln und Geistern alle also abgeschlossen für sich denken und leben wie der große Himmelsmensch.
FL|0|12|11|0|Ja, in diesem Himmelsmenschen gibt es noch andere Verhältnisse, durch welche vollkommen gleichdenkende und gleichliebende Wesen einen Verein bilden, der, für sich genommen, entsprechend einem irdischen Weltkörper oder wenigstens einem Teil desselben, vollkommen einen Menschen darstellt, welcher wieder auch ganz vollkommen für sich denken und fühlen kann, so als wäre er nur ein einzeln für sich dastehender Mensch.
FL|0|12|12|0|Ja, Ich sage euch noch hinzu: Es gibt in Meiner Unendlichkeit sogar mehrere solche Himmel, und jeder Himmel ist für sich ein vollkommener Mensch, und alle die Himmel bilden erst zusammengenommen wieder einen also unendlichen Menschen, welcher von niemandem gedacht und empfunden werden kann denn allein von Mir, da er eigentlich Mein Leib selbst ist oder der Gott in Seiner Unendlichkeit, der da Seine Selbst- und Alleinheit gewiss auf das Allerbestimmteste und Allerklarste denkt und fühlt, – und doch welche Vielheit des Lebens in Ihm!
FL|0|12|13|0|Wenn ihr diese zwei Bilder nun nur ein wenig vergleicht und dann im Geiste durchgeht, so wird es euch ja doch nimmer entgehen können, dass in einem ewigen und unendlichen Leben sich zahllose Leben frei bewegen können und genießen da die allerhöchsten Wonnen des Lebens vollkommen, während sie doch nur Teile des einen Hauptlebens in Gott sind.
FL|0|12|14|0|Seht, solches singt also die Fliege in der Demut; und die Demut ist die eigentliche wahre Hauptfliege des Menschen selbst! Denn wie die Fliege im Weltteil anfängt, in sich den Sieg über das Leben zu gewinnen, also fängt auch die Demut im Menschen an, auf dieselbe Weise das allerfreieste Leben aus Gott aufzunehmen und es einzuschließen in sich und dann durch ihre Beharrlichkeit und durch ihren Mut groß und stark zu ziehen in sich dieses ewige Heiligtum, welches da ist der lebendige Christus in einem jeden wahren Menschen. Und wenn dessen Leben übergegangen ist in alle Teile der Seele und durch die Seele auch in den fleischlichen Leib, so ist dann solche Erscheinlichkeit ja doch ein Sieg, ja wahrlich der allerhöchste Sieg, welchen je ein Mensch sich erkämpfen konnte; denn durch diesen Sieg hat er ja in sich das allerhöchste Leben Gottes gefangengenommen, hat es sich zu eigen gemacht durch die Liebe und wurde nun Eins mit dem ewigen Gott, dem Vater aller Liebe.
FL|0|12|15|0|Sagt Mir, ist solches nicht ein Sieg, von dem euch die Fliege singt?
FL|0|12|16|0|Wollt ihr aber die Fliege, die euch da singt von diesem Siege, recht verstehen, da fragt die eigene wahre Fliege in euch, welche da ist die wahre Demut, und diese wird euch die große Antwort geben: Ja, durch sie werdet ihr es empfangen, was da ist ein rechter wahrer Sieg.
FL|0|12|17|0|Wie aber die Liebe ist eine Frucht der Demut, so ist die ewige Wahrheit oder das Licht allen Lichtes eine Frucht der Liebe; und so die Liebe wächst aus der Demut und die Wahrheit aus der Liebe, so ist das ein rechtes Wachstum und ist ein wahrer Baum des Lebens und ein wahrer Baum aller heiligen Erkenntnis des Lebens, und alles, was desselben ist zeitlich und ewig.
FL|0|12|18|0|Wer aber da will die Geheimnisse des Lebens etwa gar durch seinen Weltverstand ermitteln, der wird wohl nimmer dieselben irgend finden, sondern wird durch den Verstand noch das wenige Leben verlieren, das er sich ehedem in seiner Kindheit erwirtschaftet hatte. Denn wahrlich sage Ich euch: Wer solches innere Wort, wenn es sich kundgibt – entweder in eines jeden bessergesinnten Menschen Herzen durch mahnendes Gewissen oder als vernehmliches Wort durch den Mund eines Geweckten –, nicht kindlich einfältig-frommen Sinnes glaubt und dann aber nicht nur ein bloßer Hörer solchen Wortes verbleibt, und sich höchstens bloß verwundert, bald über dieses, bald über jenes, was darinnen vorkommt, – sondern wird ein Täter desselben, da sage Ich euch noch einmal: Wahrlich, wahrlich, es wird das Hören und Sehen niemanden in den Himmel bringen, sondern allein das Tun!
FL|0|12|19|0|Ihr habt aber im Verlauf dieser Mitteilung vernommen, dass das Leben nicht eher zurückkehren kann, bevor es nicht gerichtet ist; und zugleich müsst ihr auch wissen aus dem Evangelium, allda es heißt: „Nicht Ich, sondern das Wort, das Ich zu euch geredet, wird euch richten.“
FL|0|12|20|0|Seht, sonach ist das Wort ein Richter für den, der es tut, zum ewigen Leben – und für den, der es nicht tut, zum ewigen Tod; denn niemand kann zur Gewissheit gelangen außer auf dem tätigen Weg des Kreuzes nach dem Wort, welches da nichts als die Demut und die Liebe predigt. Wer aber da ist ein bloßer Hörer und tut nicht nach dem ihn zum Leben richten sollenden lebendigen Wort, der wird sich auch nicht vereinigen können mit der positiv-lebendigen Kraft desselben, sondern wird verbleiben in seiner negativen Polarität des Todes, aus welcher da wohl schwerlich ewig je sich wieder ein positiv-polarisches Leben entwickeln wird.
FL|0|12|21|0|Was sind aber die ersten Kennzeichen eines solchen Gerichtes zum Tod bei einem Nichttäter des Wortes?
FL|0|12|22|0|Die ersten Kennzeichen sind die Zweifel an der Echtheit eines oder des anderen Teiles göttlicher Offenbarung.
FL|0|12|23|0|Was ist aber ein solcher Zweifel denn an und für sich?
FL|0|12|24|0|Ein Zweifel ist da nichts anderes als eine Ohnmacht des inneren Lebens, zufolge welcher der Geist in sich zurücksinkt und in der Seele kein anderes denn ein mattes naturmäßiges Zwielicht scheint, wo ein Teil des Lichtes noch von den matter und matter werdenden Strahlen des Geistes, ein Trugteil des zunehmenden Lichtes aber von der alle Sinne täuschenden Welt herrührt.
FL|0|12|25|0|Wohin hernach solche Geistesohnmachten führen müssen, das wird keiner großen Erklärung mehr bedürfen, so der Geist nicht bald erweckt wird wieder von Neuem durch ein kräftiges Tun nach dem Wort.
FL|0|12|26|0|Wer aber da im Verlauf dieses Lebens nicht wird übergehen in die wahre positive Polarität des ewigen Lebens, der wird sich selbst richten für die negative Polarität, aus welcher er ewig nimmerdar erstehen wird.
FL|0|12|27|0|Es verhalten sich aber diese beiden Polaritäten wie Geistiges und Materielles, oder wie lebendige innere Frucht und wie tote äußere Schale.
FL|0|12|28|0|Wer da übergehen wird in die Frucht, der wird übergehen ins Leben; wer aber da wird übergehen in die Schale, der wird übergehen in den Tod.
FL|0|12|29|0|Ihr wisst aber ja schon, dass in jeglichem Ding, und also auch sicher umso mehr in Gott, sich zwei Polaritäten befinden; und wie das göttliche Sein ein ewiges ist, also müssen auch diese zwei Polaritäten ewig sein.
FL|0|12|30|0|Wer da durch das Wort gerichtet wird, oder sich vielmehr selbst richtet nach dem Wort, der nimmt das Leben in sich auf und entspricht der göttlichen positiven Polarität, welche da ist das allerfreieste und unumschränkteste Sein.
FL|0|12|31|0|Welcher aber das Wort nicht tatsächlich aufnimmt in sich, sondern lässt es bloß nur durch seinen negativen Verstand laufen, den wird aber das Wort selbst richten hin zur negativen Polarität, welche da ist das Grundprinzip alles Materiellen und somit alles Todes und alles Beschränktseins; – woraus da hervorgeht, dass die naturmäßige Welt ebenso wenig ewig je mehr ein Ende nehmen wird als die geistige, sondern wird bleiben als eine ewige negativ-polarische Unterlage alles Geistigen und Freien. Welches Los demnach das glücklichere ist – für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten entweder der negativen oder positiven Polarität Gottes einverleibt zu werden, oder: ein ewig wonnevollst freiester Engelsgeist zu sein, oder ein gebannter Satan in einem toten Stein –, solches mögt ihr nun selbst entscheiden.
FL|0|12|32|0|Wahrheit ist zwar für den Lebendigen überall, aber für den Toten gibt es in der ganzen Ewigkeit nirgends ein Licht.
FL|0|12|33|0|Und solches ist bei sich zu tragen, solches, was da allzeit die Wahrheit soll besagen; und eben solches ist ein überaus gutes Ding, ja das ist der ewige Ring des Lebens, in den ihr eindringen sollt, der sich aber nicht nur zur Unterhaltung des Verstandes, sondern ernst in der Tat nur dreht, und durch diese erst die Wahrheit als das wahre Lebenslicht in ihm ersteht und ihn durch-und-durchweht.
FL|0|12|34|0|Seht, wenn ihr nun dieses erfasst, da werdet ihr auch wohl begreifen, dass der Ton ist wie die Pfeife, oder das Licht wie das Leben, und der Lohn wie die Arbeit, oder die Erkenntnis oder das Selbstbewusstsein des ewigen Lebens in sich wie die Tat nach dem Wort; und wie der Berg, also dessen Krümme, oder wie geartet das Leben, so gestaltet auch der Pol desselben; und wie das Herz, also auch dessen Stimme, oder wie die Demut im Herzen, also auch das lebendige Wort im selben.
FL|0|12|35|0|Nun werdet ihr wohl kaum mehr fragen: Wer mag dies in sich begreifen; wem wird dieser Ölzweig reifen? Denn ihr wisst aus dem Verlauf dieser Mitteilung, was die Wahrheit und was das Licht ist, und werdet demnach auch wissen und leicht begreifen, wie die Wahrheit ist ein Licht dem Lichte zum Gericht, d. h. entweder zum Gericht, das da kehrt das Leben zum Leben, oder umgekehrt, wie ihr es schon wisst.
FL|0|12|36|0|So ihr alles das Gesagte wohl überdenkt, mögt ihr da die Frage noch nicht verstehen: Kannst du nun um Sonnen freien, wie im Licht die Erd' entweihen? Oder auf deutsch gesagt: Kannst du zweien Herren dienen?
FL|0|12|37|0|Denn wer da um Sonnen oder um lebendige Vollendung freit, wie kann der mit diesem Licht sich zur Außenwelt wenden, um durch dieselbe sich zu bevorteilen?! Oder damit ihr es noch deutlicher versteht: Wie will der durch seinen Verstand göttliche Wahrheiten ziehende Mensch dadurch zum ewigen Leben gelangen, so er nicht das Wort in sich zur Tat will kommen lassen?
FL|0|12|38|0|Er ist ja ein solcher, der im geraubten Licht das Erdreich, auf welchem er fürs Leben tätig sein soll, durch seine Trägheit entweiht! Oder wissen solches nicht schon sogar die Physiker, dass sich gleiche Polaritäten nie anziehen, sondern allzeit abstoßen? So aber die Erde faul und träge ist für sich, wird sie da wohl je können durch Untätigkeit belebt werden?
FL|0|12|39|0|Daher ist dieses ja klar, dass man zweien Herren nicht dienen kann, – also nicht zugleich dem müßigen Verstand und der lebenden Tat.
FL|0|12|40|0|Wer aber da um Sonnen freien kann, der soll ja mit dem Licht die Erde nicht entweihen, sondern sie vielmehr segnen durch seine Tat, damit ihm da auch aus der Erde eine Sonne wird.
FL|0|12|41|0|Und also ist der Aufruf an den finstern Zweifler, dass er fliehen soll, wenn Ich Sonnen niederziehe, vollgültig. Aber wohin soll er fliehen?
FL|0|12|42|0|Die Fliege mag er fragen, und sie wird es ihm sagen, welchen Zug das Leben nimmt, und wie es dann zurückkehren soll, ausgerüstet mit großen Wucherprozenten; aber die Fliege wird ihm auch noch sagen, wohin er noch fliehen kann, ja vielmehr fliehen muss, so er nicht zurückkehren mag durch die Tat des Wortes zum ewigen Leben alles Lebens.
FL|0|12|43|0|Wer da nur schon ein wenig seine Augen geöffnet hat, der wird auch gar nicht lange zu suchen brauchen, um die ganze Unendlichkeit voller Hirsche zu erblicken, die da wahrlich um die Wette rennen zum Urziel, dahin das Leben schon in unserer Fliege seine Richtung nahm; denn „Hirsche“ und „stets freier werdendes Leben“ bezeichnen ein und dasselbe.
FL|0|12|44|0|Wisst ihr nun das, so wisst ihr auch, wer und wie er da heben kann die endlose Kette der Wesenreihe, die da aufsteigt zum Urborne alles Lichtes und alles Lebens.
FL|0|12|45|0|Es ist aber die Frage hier gestellt an den Verstandesmenschen, ob auch er, der Tatlose, zu heben vermag diese Kette, und gleicherweise auch die zweite und letzte Frage: Magst du der Wahrheit Spur nicht finden, nämlich durch die Tat, wer wird dich sonach der Nacht des ewigen Todes entbinden?
FL|0|12|46|0|Ich meine, diese letzte Frage bedarf wohl keiner Erläuterung mehr, sondern es wird euch wohl doch schon aus dem Verlauf dieser Schrift hinreichend bekannt sein, dass, um sich der Nacht des ewigen Todes zu entbinden, man ein lebendiger Täter des Wortes sein müsse, — und nicht bloß Hörer oder gar Kritiker, ja was noch mehr, nicht gar ein Verächter und sodann gar ein Leugner Meines Wortes.
FL|0|12|47|0|Wer aber da sein will ein wahrer Täter des Wortes, dem muss dasselbe also vollkommen ernst sein, darum er dann mit Meinem lieben David aussprechen kann: „Gott ist mein rechter Ernst; ich will singen und dichten; das ist auch meine Ehre. Wohlauf denn, ihr Psalter und Harfen! Ich will frühe auf sein. Ich will Dir danken, Herr, unter den Völkern und will Dir lobsingen unter den Leuten; denn Deine Gnade reicht, soweit die Himmel sind, und Deine Wahrheit, soweit die Wolken gehen. Erhebe Dich, Gott, über den Himmel, Deine Ehre über alles Land; auf dass Deine lieben Freunde erlediget werden, hilf mit Deiner Rechten und erhöre mich!“ (Psalm 108)
FL|0|12|48|0|Singt hier nicht der David, dass Gott sein rechter Ernst ist?
FL|0|12|49|0|Wie kann aber sonst Gott bei dem Menschen sein als im Wort? Also das Wort muss dem Menschen ein Ernst sein, darum er es „singen“ soll oder hören und dann „dichten“ oder tun; und das ist die Ehre oder das Licht des Menschen selbst.
FL|0|12|50|0|Wohl ruft hier der David Psalter und Harfen auf und will früh aufstehen, um was denn zu tun?
FL|0|12|51|0|Nichts als das Wort; denn wer das Wort in sein Herz aufnimmt und tut danach, der dankt und lobsingt Mir auf den besten Psaltern und Harfen, – und tut solches unter Völkern und unter Leuten, oder er befindet sich in der Mitte der zwei schon bekannten Polaritäten und strebt mitten hindurch zu Gott empor, und lässt sich weder irremachen von den Völkern, noch von den Leuten, oder von seinem Verstand, noch von seiner Trägheit.
FL|0|12|52|0|Ja wahrlich, der solches tut, dem Gott, wie dem David, ist ein rechter Ernst, der weiß gar wohl, wie weit Meine Gnade reicht, oder wie weit das Leben von Mir in alle ewigen Räume hinausgeht, welches da sind die Himmel, von denen euch heute Genügendes gesagt wurde; auch weiß er, was die „Wolken der Wahrheit“ sind, nämlich dass sie sind die Geister des ewigen Lebens.
FL|0|12|53|0|Ja, wem da Gott ist ein rechter Ernst, der erkennt in sich den Sieg und ruft ebenfalls mit David: „Erhebe Dich, Gott, über den Himmel – oder über dieses mein früheres Leben –, und Deine Ehre – oder Dein lebendiges Licht – ströme aus über alle Lande meines Wesens, auf dass dadurch alle lieben Freunde, oder alle, die sich dem Leben zurückgekehrt haben, auf welcher Stufe sie sich auch noch immer befinden möchten, bald von allem, was des Todes ist, erledigt werden möchten.“
FL|0|12|54|0|Ja, dem Gott, wie dem David, ein rechter Ernst ist, der wird gleich ihm noch am Ende rufen: „Herr, mein Gott und mein Vater, siehe, mein Herz ist übervoll von Liebe zu Dir! Siehe, aus dieser Tiefe meiner Demut flehe und schreie ich zu Dir, auf dass Du mir helfen möchtest mit Deiner Rechten, oder dass Du mir geben möchtest das wahre Licht des Lebens und ich dann mit Dir werden könnte ein einziges vollkommenes Leben; und also erhöre mich, mein Gott!“
FL|0|12|55|0|Seht, das ist eine rechte Bitte für den, der da bei sich sagen kann im Geiste und in aller Wahrheit: „Gott ist mein rechter Ernst!“
FL|0|12|56|0|Denn wem Gott ein rechter Ernst ist, der wird sich auch vollkommen kehren zu Gott und wird nicht mit dem einen Auge schauen auf die Welt zurück und mit dem andern bloß nur aufblicken zu Gott. Er wird nicht nur seine Augen, sondern sein ganzes Wesen erheben zu Gott! Aber wie es jetzt an der Zeit ist, glaubt es Mir, da gibt es gar wenig Ernstes zu Gott, und die Menschheit ist samt und sämtlich in die größte Lauheit übergegangen, und den letzten Tropfen lebender Kraft, den sie noch innehat, verwendet sie lediglich für Weltliches.
FL|0|12|57|0|Wie viel des rückkehrenden Lebens zu Mir da herauskommen wird, das werdet ihr ohne große Kopfbeschwerde an den Fingern abrechnen können, und seid versichert, die Worte „zahllos“ und „unendlich“ werden wir hier nicht gebrauchen.
FL|0|12|58|0|Aber soll uns deshalb etwa bange sein? O Meine lieben Kindlein, mitnichten! Denn dessen ungeachtet geht doch alles den Weg, welchen Mein richtendes Wort vorschreibt, entweder aufwärts oder abwärts, oder so ganz frei gesprochen: Obschon die Erde um ein teures Lösegeld erkauft wurde und wurde in das Zentrum gestellt zwischen Meinen zwei unendlichen Polaritäten, so befinden sich dessen ungeachtet in der weiten Unendlichkeit noch gar viele Erden, auf welchen treuere Kinder wandeln als auf dieser alleinige undankbarsten, – und doch habe Ich keiner das getan denn dieser!
FL|0|12|59|0|Doch die Ewigkeit ist noch nicht zu Ende; ihre Fortdauer ist endlos! Wehe dieser Erde, so Ich Mein Herz von ihr abwenden werde und zuwenden einer anderen!
FL|0|12|60|0|Solches beachtet wohl, was alles ihr in dieser Fliege empfangen habt, und tut danach! Haltet ferne euren Verstand, aber desto näher euer Herz, so werdet ihr den wahrhaften Sieg des Lebens in euch erkennen und werdet euch aufschwingen können zu dem siebenfachen Licht, und zum dreifachen Licht über das siebenfache Licht.
FL|0|12|61|0|Solches sage Ich euch aber noch schließlich hinzu: So da jemand hätte einen Zweifel und könnte nicht völlig glauben solcher Mitteilung, auf dass er dadurch tätig würde in seinem Herzen, der tut besser, so er es nicht anrührt; denn hat er es angerührt, so hat er sich verstärkt den inneren Richter zum Tod. Hat er es aber nicht angerührt, so wird sein Gericht auch leichter und der Weg zum negativen Pol erträglicher, und vielleicht nach Ewigkeiten möglich umwendbar.
FL|0|12|62|0|Wer es aber liest und es betrachtet als einen kräftigen Wegweiser zum Leben und tut danach, wahrlich, der hat auch schon den Sieg in sich, welches Alles ist – der allein heilige Liebewille eures Vaters ewig, ewig. Amen.
FL|0|13|1|1|Anhang. Ein Trost aus der hohen Weisheit, der allhier zu lösen ist
FL|0|13|1|1|Am 6. März 1842
FL|0|13|1|0|Solches ist bei sich zu tragen, / Wahrheit allezeit zu sagen, / Das ist ein gar gutes Ding, / Einzudringen in den Ring, / Der sich allzeit ernst dort drehet, / Da die lichte Wahrheit wehet.
FL|0|13|2|0|Wie die Pfeife, so der Ton, / Wie die Arbeit, so der Lohn, / Wie der Berg, also des’ Krümme, / wie das Herz, also des’ Stimme! / Wer mag dies in sich begreifen? / Wem wird dieser Ölzweig reifen?
FL|0|13|3|0|Wahrheit ist ein Licht dem Lichte, / Licht dem Lichte zum Gerichte. / Kannst du nun um Sonnen freien, / Wie im Licht die Erd’ entweihen? / Finstrer Zweifler, fliehe, fliehe! / Wo Ich Sonnen niederziehe!
FL|0|13|4|0|Sieh, die Hirsche rennen Wette; / Magst du heben diese Kette? / Magst der Wahrheit Spur nicht finden, / Wer wird dich der Nacht entbinden?
ZS|0|1|1|1|Erste Stunde
ZS|0|1|1|1|Leichtsinn und Gewissensschwäche
ZS|0|1|1|1|Die Gottheit sei ein Tyrann. Wie aus Menschen Verbrecher werden. Entstehung von Schismen und Sekten.
ZS|0|1|1|0|In der sogenannten bessern und gebildeten Welt, wo besonders die christliche Religion unter verschiedenen Sektenformen gang und gäbe ist, wird die Moral meist nur also gepredigt, wie sie in politischer Hinsicht den Machthabern entweder in weltlichen oder in geistlichen Dingen gerade am zweckdienlichsten ist.
ZS|0|1|2|0|Es wird dem Volk eine graue Kenntnis Gottes beigebracht, nicht darum, dass sie Selben erkennen und lieben, sondern nur als den unerbittlichsten Tyrannen aller Tyrannen unermesslich fürchten sollen; und so wird die Gottheit nur als eine Geisel gepredigt, die noch fruchten soll, wenn alle andern Geiseln schon fruchtlos geworden sind.
ZS|0|1|3|0|Statt dass die Gottheit dem Volk zum allerhöchsten Trost bekannt gegeben werden möchte, wird sie demselben nur gegeben als ein Etwas, das nichts zu tun hat, als in jeder Minute Milliarden von solchen moralisch verdorbenen und ungehorsamen Kindern ins ewige Feuermeer unwiderruflich zu verdammen.
ZS|0|1|4|0|Und so seht euch ein wenig um —, erblickt die zahllosen Kerker, die alle voll angefüllt sind mit allerlei moralischen Verbrechern, und wie von Minute zu Minute diese Kerker immerwährend einen großzähligen Zuwachs bekommen, dass, wenn diese Kerker auf einem Punkt vereinigt wären, ihr glauben müsstet, die ganze Generation der Erde wird sich in wenigen Jahren bequemen müssen, allda hinein zu marschieren.
ZS|0|1|5|0|Und fragt, was geschieht denn nun diesen Menschen, die da hinein kommen? Da seht nur ein wenig her gegen Morgen; seht, da stehen schon eine Anzahl totenbleicher Scharen, umgeben von allerlei bewaffneten Menschen und giftigen Richtern und seht weiter da eine Anzahl Mordinstrumente, mit denen diese Unglücklichen hingerichtet werden. Allda seht ihr brennende Scheiterhaufen, Galgen, Schafotte und vielerlei andere Mordinstrumente. Seht, das ist die letzte Besserungsanstalt für solche moralischen Verbrecher!
ZS|0|1|6|0|Nun werdet ihr fragen, was haben denn alle diese angestellt? Ja, sage Ich, es gibt darunter Mörder, Räuber, Diebe, Überläufer und Aufwiegler des Staates. Es gibt ferner noch eine Menge Menschen, die durch allerlei Betrügereien dem Staat großen Schaden gebracht haben; darunter, die sich gegen eine oder die andere politische oder auch moralische Anordnung schwer verstoßen haben. Seht, da sind sonach die Verbrechen dieser Unglücklichen aufgedeckt, insoweit dieselben als wenigstens ein scheinbarer Grund dienen können.
ZS|0|1|7|0|Nun aber wollen wir eine weitere Frage tun, und fragen: Worin liegt denn der Grund, dass diese Menschen zu solchen Verbrechern geworden sind? Und so ihr auch jemand andern fragen möchtet um diesen Grund, so werdet ihr sicher keine andere Antwort bekommen, als: Der Grund liegt entweder in der vernachlässigten Erziehung, oder, was ohnedies ein und dasselbe ist, es waren schon ihre Eltern, Vor- und Ureltern also gestaltet.
ZS|0|1|8|0|Ich frage aber wieder, woran lag es denn, dass diese Menschen eine so schlechte Erziehung erhielten, ja dass man in der Erziehung eine ganze Generation vernachlässigt hat? Ihr dürft gar nicht weit greifen, und die Antwort wird sich euch von selbst aufdrängen: Der Hauptgrund ist kein anderer als die Politik, vermöge welcher die machthabende Menschenklasse sich um nichts so sehr kümmert, als dass die Untergeordneten ja so viel als möglich in aller Dunkelheit gehalten werden möchten, in der Furcht, wenn das Volk nähere Aufschlüsse über Mich und dadurch auch über seine eigene Bestimmung erhalten möchte, es da mit ihrer Macht und ihren zeitlichen Einkünften bald ein Ende haben dürfte.
ZS|0|1|9|0|O, diese Narren! Sie sollten nur hinblicken auf Meinen David, der selbst ein König und ein Prophet, und als solcher ein großer Volkslehrer war, und sie würden alsobald ersehen, dass ein Volk, das Gott und Seine Bestimmung erkennt, auch ein Volk ist voll Gehorsams und guten Willens;
ZS|0|1|10|0|und Tausende können mit einer Federflaume leichter regiert werden, als zehn finstere Dümmlinge, die von Mir keine andere Vorstellung haben, als jene eines vielleicht existierenden Tyrannen, oder eines Wesens, das früher (zuvor, d. Ed.) seinem Gläubigen gleich einem Vampyr den letzten Blutstropfen ausgesaugt, bis es ihn endlich mit dem ewigen Leben, auf einer lichten Wolke ewig kniend und anbetend, beseligt.
ZS|0|1|11|0|Seht, ist es da nicht leicht zu begreifen, dass Menschen sich von einem solchen bösartigen Gott so viel als möglich loszumachen suchen? Und wenn sie auch noch irgend Religion besitzen, so besteht diese in einer puren Zeremonie, und diese nur aus rein göttlichen Rücksichten.
ZS|0|1|12|0|Die Folge davon war schon im Anfang keine andere, als dass der weltsüchtigere Teil sich endlich von aller Religion und was immer für einer christlichen Gotteslehre, wie ihr zu sagen pflegt, aus dem Staub gemacht hat.
ZS|0|1|13|0|Andererseits entstanden Kirchentrennungen und Sektierereien, und zwar durch Männer, die mehr oder weniger die Torheit einer solch gepredigten Gottheit einsahen, und gewisserart in ihrem Geiste sagten: Hört, mit der Gottheit, wie sie da gelehrt wird, ist ja rein nicht auszukommen; wir wollen daher die reine Lehre selbst zur Hand nehmen, sie näher prüfen, und sehen, ob der Gottheit nicht irgend bessere Seiten abzugewinnen sind?
ZS|0|1|14|0|Und sie fanden in solcher Prüfung auch wirklich, dass Ich denn doch kein solcher Tyrann bin; vergaßen aber auf der andern Seite, dass Ich dessen ungeachtet Gott bin, und nahmen dann Meinen Willen ebenfalls zu lau; andere setzten Mich wieder so hoch hinauf, und philosophierten sich auf diese Weise jede Handlung, die in ihrer Natur nur irgend eine Anregung findet, für gerecht und vollends Meinem Willen gemäß, in der irrigen Idee, dass, was immer da ihnen durch den törichten Sinn fährt, ein Wille von Mir sei, und so entstanden anstatt der alten Torheit eine Menge Albernheiten und göttliche Begriffsverschiedenheiten, dass es sich wahrhaft nicht der Mühe lohnt, sie für euch aufzuzählen.
ZS|0|1|15|0|Der Grund von allem dem war und ist kein anderer, als, wie schon oben bemerkt wurde, teils die moralische Politik, hauptsächlich aber die Trägheit und auch Furcht bei den Menschen, die vorgezeichneten Wege zum ewigen Leben im Ernst zu ergreifen; denn wahrlich sage Ich, wer Mein Reich nicht nimmt, wie Ich es verkündigt habe, der wird es nicht erhalten, und sollte er auch alle Sekten in sich vereinigen, oder unter allen Sekten stehen; denn Ich allein bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.
ZS|0|2|1|1|Zweite Stunde
ZS|0|2|1|1|Folgen des Leichtsinns
ZS|0|2|1|1|Asien. Die Burg des Brama. Überall Tyrannei. Der gepredigte Gott ist der Satan.
ZS|0|2|1|0|Da seht her auf die Tafel; seht, das Land, was vor euch ausgebreitet liegt, ist Asien. Seht da die Völker, wie sie samt und sämtlich mit dem dichtesten Schleier umhüllt durcheinander rennen, und nichts als Wehklagen über Wehklagen aus ihrer hohlen Brust ausstoßen.
ZS|0|2|2|0|Hier ist nichts zu finden als das krasseste Heidentum, und wenn auch noch hie und da eine christliche Schar zu Mir betet, wie sich auf dem Bild darstellt durch die kleinen nackten und blutenden Menschengruppen. Da seht hübsch in der Mitte von Asien eine riesenhafte Burg im Hochland; es ist die Burg des Gottes Brama. Seht, dieser stellt es recht an, denn er versteht die Kunst, sogar die Könige zu prellen, und sie mit Dreck zu füttern.
ZS|0|2|3|0|Niemand darf sich seiner Burg auf eine Stunde Weges nähern. Wehe dem Frevler; denn die Engel dieses Gottes stehen an allen Enden Wache haltend, als Herren über Leben und Tod.
ZS|0|2|4|0|Wer da hinkommt in die Nähe, und bringt Gold und Edelsteine, fette Ochsen, Kühe, Kälber und Schafe, dem tun die Engel nichts, sondern sie nehmen das Opfer in Empfang, und der Geber wird bloß mit 50 bis 100 Bambusstreichen entlassen.
ZS|0|2|5|0|Ihr werdet meinen, das sei etwas Arges. O nein, sage Ich; wer immer da zurückkommt, und zeigt seinen von den Engeln blau geschlagenen Rücken, dem wird selbst göttliche Verehrung erwiesen, und es ist ihm ein Leichtes, sich durch diese Quittung die bedeutendsten Staatsämter zu verschaffen.
ZS|0|2|6|0|Allein es ist nicht das Einzige, was solchen Gebern widerfährt; denn kommt da jemand nicht recht tüchtig beladen und bepackt, so wird zwar die Gabe auch angenommen, aber der Geber wird nicht geprügelt, sondern wird von den Engeln mit allerlei andern schauerlichen Bußen belegt, welche Bußen von der Art sind, dass sie hier erzählt beinahe unglaublich oder wenigstens im höchsten Grad lächerlich klingen müssten.
ZS|0|2|7|0|Dass z. B. jemand Jahre lang auf einem Fuß unter einem Baum stehen muss, ist nur eine Kleinigkeit; denn diese Engel sind in dergleichen Bußwerken so erfinderisch, dass ihr, gäbe Ich sie euch auch alle kund, selbst Mir hart glauben würdet.
ZS|0|2|8|0|Ihre Grausamkeit hat in dieser Hinsicht keine Grenzen; und doch ist ihre Verfassung überall so proklamiert, dass niemand nach ihrer Lehre die ewige Seligkeit erlangen könne, wenn er diesem Brama wenigstens nicht einmal in seinem Leben ein tüchtiges Opfer dargebracht hat.
ZS|0|2|9|0|Allein solche Opfer sind noch nicht alles, was dieser Brama von seinen Gläubigen verlangt; er verlangt auch Menschenopfer. Fürs Erste muss ihm jedes Weib nach dem Tod des Mannes geopfert werden, fürs Zweite müssen ihm jährlich Mädchen und Knaben geopfert werden, d. h., die Mädchen dürfen nicht unter zwölf, aber auch nicht über vierzehn Jahre alt sein; Knaben aber müssen schon im sechsten Jahre ihres Alters geopfert werden.
ZS|0|2|10|0|Es versteht sich von selbst, dass die Mädchen von der ausgezeichnetsten Schönheit und die Knaben von der frischesten Gesundheit sein müssen. Wer von den Eltern ein solches Opfer darbringt, nebst noch einer andern bedeutenden Aussteuer dazu, der kann sich dann zwei Dinge erbitten, nämlich dass er fürs Erste einen sogenannten Ablass von allen seinen Kindern erlangt, und ihm alle Bußwerke erlassen werden, oder er kann sich auch, was eine besondere Begünstigung ist, von den Engeln alsogleich von seinem Körper entbinden lassen, um auf diese Weise höchst zuverlässig zu seiner Seligkeit zu gelangen.
ZS|0|2|11|0|Ein anderes Begnadigungsmittel ist noch das, dass, so jemand ein hübsches junges Weib genommen hat, so darf er dieselbe nicht eher berühren, sondern wenn er diese Gnade erhalten will, so muss er sie an die Grenze, da die Engel Wache halten, hinbringen. Allda muss sie sich im Angesicht der Engel ganz nackt ausziehen, in ein schon dazu bereitetes Bad steigen, und sich da waschen, und wenn sie aus dem Bad kommt, sich dann festlich schmücken, und sich von dem Wache habenden Engel drei Nächte hindurch beschlafen lassen.
ZS|0|2|12|0|Wenn sie dann zurückkommt, ist sie dann auch hinreichend gesegnet; und dieser Segen kann eine solche Wirkung haben, dass sie, falls der Gatte früher stürbe, sich nicht zu verbrennen braucht, sondern kann entweder eine andere Person für sich verbrennen lassen, oder sich vor dem Verbrennen mittelst einer bedeutenden Opferung gänzlich verwahren.
ZS|0|2|13|0|Ja, es gehen die Narrheiten oft noch weiter; so ist unter anderem auch das eine besondere Begünstigung, welches aber nur dann vollzogen wird, wenn das dafür entsprechende Opfer verabfolgt wurde, dass einem von 1 bis 3 Jahre alten Mädchen von einem solchen Engel die Schamlippen bis auf eine kleine Öffnung zusammengenäht werden, zur Verwahrung der Keuschheit, und wenn dann ein solches Mädchen mannbar geworden ist, so wird sie dann wieder hingebracht, und ein solcher Engel macht dann wieder ihrer Mannbarkeit Luft; anderer Torheiten ohne Zahl nicht zu gedenken, die da gang und gäbe sind.
ZS|0|2|14|0|Seht, solchem Unsinn muss Ich schon beinahe in das dritte Jahrtausend zusehen, wie dieses verruchte Volk im Besitz von der alten noch vorsündflutlichen Religion, davon ihr jetzt schon einige Kenntnisse habt, solchen unaussprechlichen Unfug treibt! — Da seht her am Ende der erleuchteten Tafel: Seht, eine Sanduhr ist es, und wenige Körnchen nur sind noch zum Falle übrig.
ZS|0|2|15|0|Ich will euch nicht all die scheußlichen Bilder von Persien, Arabien, der Türkei, dem chinesischen Reich, Sibirien und anderer kleinerer Staaten nicht zu gedenken, vorführen; denn ihr werdet nirgends etwas anderes entdecken als den allerscheußlichsten Völkerdruck, und der überall gepredigte Gott ist wahrlich nichts anderes als der Satan selbst in den verschiedenartigsten Ausartungen seiner Bosheit.
ZS|0|2|16|0|Kümmert euch aber jedoch nicht Meiner Langmut; denn die Armut des Geistes wird schon bereichert werden. Aber wehe den Dienern der Bosheit! O, ihr Lohn wird groß werden!
ZS|0|2|17|0|Ich sage, so erfinderisch auch der Satan ist, aber wahrlich, Ich habe im Geheimen auch eine Erfindung gemacht, über die er sich bald von Ewigkeit zu Ewigkeit wird zu wundern haben. Ich habe lange geduldet, und wartete allenthalben auf Besserung; allein die Erde ist voll Ekelgeruchs geworden; darum habe Ich Meine Fackel schon angezündet, um sie in der Bälde zu verbrennen, damit ihr Ekelgeruch nicht sogar in Meine Himmel emporsteige, und die Wohnungen Meiner Getreuen verpeste.
ZS|0|2|18|0|Daher seht auch ihr zu, dass euch die Welt nicht ärgere; denn jedes ihrer Worte ist eine Schaumblase, angefüllt mit tödlicher Pestilenz. — Daher hört Mein Wort, und befolgt Meinen Rat, so wird euch das Feuer der Erde nicht brennen, wenn Ich sie anzünden werde; denn es wird dieses Feuer Leben bringen den Lebendigen, und Tod den Toten.
ZS|0|3|1|1|Dritte Stunde
ZS|0|3|1|1|Fruchtlose Bemühungen
ZS|0|3|1|1|Afrika. Der Abgott Mohammed. Raub, Mord, Sklaverei und Tyrannei überall. Letzte unverdorbene Menschen in Zentralafrika. Gräuel des Sklavenhandels.
ZS|0|3|1|0|Nun, da seht her, das Land, das sich euren Blicken auf der weißen Tafel darstellt, ihr mögt es wohl erkennen, es ist Afrika. Seht es nur recht wohl an, es ist keine Landkarte, sage Ich euch, sondern das wirkliche Land im treuen Bild.
ZS|0|3|2|0|Seht hier die nördlichen Küsten, seht hier im Norden das alte Ägypten; seht weiter hin gegen Westen all die euch bekannten Raubstaaten, beseht allda die schroffen Gebirgsmassen und zwischen ihnen wieder unabsehbare Sandwüsten und Steppen.
ZS|0|3|3|0|Seht, überall herrscht der Abgott Mohammed; überall Raub, Mord, Sklaverei, und andererseits Despotismus und Tyrannei im höchsten Grad!
ZS|0|3|4|0|Seht, alle diese Einwohner, die da noch irgendein Gewerbe treiben, sind nichts als Leibeigene ihrer Herrscher; das Schwert des Despoten umschwirrt beständig ihren bloßen Nacken, so sie nicht alles beinahe, was sie sich erworben, abgeben an ihren Herrscher.
ZS|0|3|5|0|Seht, wie ihre Priester ihnen von ihren Türmen Fluch und Trug, aber keinen Segen predigen, und sättigen die Armen mit ihrer elysäischen Luft; während diese ihnen für dieses Nichts noch das, was ihnen der Herrscher gelassen, wenigstens zur Hälfte opfern müssen.
ZS|0|3|6|0|Seht, wie einige wenige Christen hier eine ganz elend klägliche Figur machen, während wieder andere mächtigere Namen-Christen wohlbewaffnet in mächtigen Heeren herumziehen und die Elenden noch elender machen, als sie ohnedies sind, und bringen ihnen, wie ihr seht, statt Meinem Segen und Meiner Gnade, Krieg, Tod, Verheerung, Hungersnot und noch andere zahllose Übel. Wahrlich, so arg hat es Paulus (Saulus, d. Ed.) nicht getrieben in seiner Christen-Verfolgung, als diese Christen es treiben mit den Elenden. Jedoch lassen wir diese Küste da oben, und sehen wir ein wenig nach Ägypten.
ZS|0|3|7|0|Seht dieses schöne Land, diesen einstmaligen Segen Jakobs. Seht hin, wie es aussieht; wahrlich, die Hure Babels ist eine reine Jungfrau dagegen.
ZS|0|3|8|0|Es bewässert zwar noch der alte Nil den Boden, da Joseph herrschte und dem Pharao alles war; aber welches Land bewässert dieser Nil jetzt?
ZS|0|3|9|0|Als das israelitische Volk von Mir heimgeführt wurde aus diesem Land, war dasselbe heimgesucht mit 7 harten Plagen auf eine kurze Zeit nur, bis die Kinder entlassen wurden; allein was waren diese Plagen gegen die jetzigen, deren Zahl kein Ende hat, ja, sie waren ein wahres Manna des Himmels dagegen.
ZS|0|3|10|0|Damals beherrschten dasselbe Land Heiden zwar; aber sie waren doch wenigstens Menschen, und wussten wohl zu achten den Wert des Menschen, und ihre Lehre war eine, die, wie die mittelasiatische, aus den Zeiten Noahs herrührte, und war ihnen wohl bekannt das Wesen des großen Gottes; und waren aus dieser Kenntnis in mannigfacher Weisheit, welche sie freilich nur gewisse Menschen durch ihre Mysterien lehrten, und taten dieses darum, damit der große Gott nicht durch irgend einen Unfähigen und Unwürdigen entheiliget werde; aus welchem Grund ihr Land denn auch strotzte von den sogenannten Weltwundern aller Art, und ihre Weisheit und ihre Schule war bei allen Nationen als groß anerkannt.
ZS|0|3|11|0|Noch heutigen Tages seht ihr großartige Überreste der vormaligen Größe dieses Landes über den heißen Sand emporragen; aber nun seht dieses Land jetzt an. Seht dessen arme Völker, wie sie gleich andern Tieren gejagt werden; seht da ziemlich südlich einige friedliche Hütten, eingeschlossen von beinahe unübersteigbaren Bergen.
ZS|0|3|12|0|Doch daher blickt, und schaut kühne, bewaffnete Kletterer des Despoten kühn ersteigen die Bergspitzen, und seht hin, wie sie sich hinabstürzen auf die friedlichen Hütten, all die friedlichen Bewohner übel umbringen, und ihre ganze Habe fortschleppen, und setzen andere gefangene Menschen an ihre Stelle und legen ihnen bei der fürchterlichsten Todesstrafe die saure Pflicht auf, wenigstens für 10 Jahre im Verlauf von 3 Jahren den Tribut für den Despoten zu erarbeiten.
ZS|0|3|13|0|Seht hierher, da ist eine andere solche Landschaft, da vor 3 Jahren solches geschehen; seht, wie diese Tribut-Erheber sich soeben jenen dahin gestellten Sklaven nähern, und ihnen alle ihre erworbene Habe nehmen und fortschleppen, nachdem sie sie zuvor grausam misshandelt, und alle ihre Weiber und Mägde genotzüchtigt haben.
ZS|0|3|14|0|Nun, da seht weiter herauf, seht hier mehrere despotische Kriegsknechte mit Schlingen, Schwertern und Schießgewehren versehen; daher seht, wie soeben die Schlingen über die flüchtigen Bewohner dieser Gebirgsgegend hin und her geworfen werden; seht da ein wenig gegen Westen, wie einige über Felsen kletternd die Flucht ergreifen, Väter, Mütter, Kinder. Jung und Alt klimmen mit blutenden Fingern, um zu entrinnen den Wüterichen; aber seht auch zugleich, wie ihnen diese nachsetzen, und nun eines um das andere von den Felsen herabschießen; und nun seht, wie sie da schon eine Menge Gefangener, Männer und Jünglinge, zusammenknebeln, um sie auf die elendeste und niederträchtigste Weise an den Ort ihrer militärischen Bestimmung zu bringen.
ZS|0|3|15|0|Und nun geht mit eurem Blick wieder herab von den Bergen, und seht da einen befugten Machthaber und Tributspächter des Despoten, wie er, um seine Geilheit aufzufrischen, einen ganzen Tross von Sklavinnen mit einer Peitsche durcheinander treibt, um dann wieder eine unter seinen mächtigen Hieben Blutende beschlafen zu können; anderer Gräuel, die hier in diesem Land jetzt zahlreich verübt werden, nicht zu gedenken.
ZS|0|3|16|0|Nun seht, wie dieses Land aussieht; vergleicht diese Plagen mit den einstigen sieben, und wahrlich, ihr müsst es gestehen, dass sie ein reines Manna des Himmels waren; denn wollt ihr euch den höchsten Grad der höllischen Verworfenheit denken, so reist nach Ägypten, und ihr werdet ihn buchstäblich finden.
ZS|0|3|17|0|Denn Ich sage, und kann euch nicht mehr sagen, so weit ist es allhier gekommen, dass sogar eine Wohltat, die alldort ausgeübt wird von den Großen dieses schönen Reiches, eine allerbarste Grausamkeit ist.
ZS|0|3|18|0|Da seht nur ein wenig hierher in die Krankenhäuser, Hospitäler und Irrenanstalten; seht, wie die Kranken mit allerlei Mitteln gemartert werden, die Armen beinahe mit Unrat gefüttert, und die Irrsinnigen gleich den Mumien in den Mauerlöchern, versehen mit einem eisernen Gitter, kauern, schreien und wehklagen.
ZS|0|3|19|0|Ich will euch die Sache nicht näher auseinandersetzen, und es genüge, wenn ich sage, dass alldort eine Wohltat eine barste Grausamkeit ist; denkt euch selbst, unter welcher Gestalt dann erst die Grausamkeit selbst erscheint.
ZS|0|3|20|0|Nun lassen wir diesen nördlichen Teil dieses elenden Landes, wie auch den von ganz Afrika, und dahier seht die unbekannte Mitte dieses Landes! Seht hier noch hie und da die Hütten zerstreut, seht, dieses Land ist groß und ist ringsum eingeschlossen von den unübersteiglichsten Bergen; seht, das ist der einzige Punkt der Erde, da sich noch eine unverdorbene, höchst gutmütige Menschenklasse vorfindet.
ZS|0|3|21|0|Seht, diese Menschen sind alle noch im innern Schauen, und außer einem von Mir abgesandten Jünger des Apostels Thomas hat noch kein fremder Fuß dieses Land betreten, und so ist dieses freilich kleine Völklein, welches sparsam nur die heißen Gegenden bewohnt, in Meiner reinen Lehre, die bis auf diese Stunde noch nicht getrübt worden ist.
ZS|0|3|22|0|Das ist zugleich der einzige kleine Anhängepunkt, der die Erde noch verbindet mit Meinem Himmel, und merkt euch wohl, was Ich euch soeben sagen werde: Wenn ein frecher Fuß dieses Heiligtum habsüchtig betreten wird, will Ich Meine Fackel über die Erde schleudern.
ZS|0|3|23|0|Aber seht da eben von diesem Land aus gegen Osten und gegen Westen, wie zwei Hauptnationen voll Habsucht und Gier schon alle möglichen Leitern an die Gebirge anlegen, um in diesem Lande ihren unersättlichen Durst nach dem vermeintlichen Gold zu stillen.
ZS|0|3|24|0|Ja, Ich sage euch, es wird ihnen auch bald gelingen, und sie sind nahe daran, da hinein zu dringen; aber wahrlich, sage Ich, sie werden kein Gold finden, darnach sie dürsten. Sie werden zwar ein Gold finden; aber dieses Gold wird mit seiner Schwere die ganze Erde übel erdrücken.
ZS|0|3|25|0|Und nun begebt euch noch ein wenig hierher, an die südwestliche Küste dieses Landes. Seht da dem löblichen Menschenhandel ein wenig zu, seht, wie allda despotische Wucherer ihre unter allen Namen verruchten Schiffe mit den armen unsterblichen Menschen vollauf bepacken; seht ein wenig herein in dieses Schiff; seht, wie es ringsum kaum spannhohe Brettergalerien hat, und wie da auf diese Galerien gleich Holzscheiten diese Armen nebeneinander hin auf dem Bauch liegend geschichtet werden.
ZS|0|3|26|0|Nun seht, es ist ein solches Schiff bepackt mit 600 bis 1 000 solcher Unglücklichen; vor eines jeden Mund wird zu seiner Nahrung von dieser Küste aus bis nach Amerika hin ein 4 Pfund schwerer Steinbrotziegel gelegt, vorne gegen den Mund zu läuft überall eine Rinne, da für alle einmal des Tages Wasser hineingegossen wird.
ZS|0|3|27|0|Seht, mit dieser Kost muss ein so armer Mensch eine Reise von oft 2 000 Meilen machen, und während der Fahrt wird täglich eine Untersuchung geführt, ob nicht einige zu Grunde gegangen sind.
ZS|0|3|28|0|Wie geschieht aber diese Untersuchung? Da seht her, da geht soeben ein sogenannter Sklavenwärter mit einem spitzigen Instrument längs der Galerien herum, und sticht irgendeinen in den Fuß, und schreit der so Misshandelte, so gilt das für ein Zeichen, dass er noch lebt.
ZS|0|3|29|0|Es gibt auch noch andere Lebensprobiermittel, die sich solcher echt satanische Frevel dieser Menschenkaufleute erlaubt; allein wir wollen deren nicht ferner gedenken, denn das ist gewiss, dass, so diese Kaufleute Löwen, Tiger, Schlangen und Hyänen führen, dass sie diesen Bestien eine unendlichmal größere Aufmerksamkeit, Sorgfalt und Pflege reichen als ihren armen Brüdern.
ZS|0|3|30|0|Und damit wir den ganzen Weltteil kennen lernen, so blickt noch ein wenig herab auf den südlichsten Teil dieses Landes, das da Gute-Hoffnung genannt wird. Wahrlich sage Ich euch, da ist wirklich für den Satan eine gute Hoffnung; denn eben dahier ist der Handel so bedeutend, dass der Fürst der Finsternis seine Kapitalien durchgehend zu 1 000 Prozent anlegt.
ZS|0|3|31|0|Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen; wie sehr Mir solches Tun und Treiben gefällt, namentlich von Christen zuallermeist, könnet ihr euch leicht denken. Da wird ein großer Lohn folgen!
ZS|0|4|1|1|Vierte Stunde
ZS|0|4|1|1|Die große Not
ZS|0|4|1|1|Atlantik. Entdeckungsreisen. Blutdurst der sogenannten Christen. Gewinnsüchtige Aufbringung eines Sklavenschiffes.
ZS|0|4|1|0|Und nun seht her auf die Fläche. Wieder ein anderes Bild; es ist allda nichts zu sehen als Woge an Woge, und wie eine Flut die andere treibt. Ich darf Euch nur sagen: Es ist dieses Bild nichts anderes als ein kleiner Teil des atlantischen Meeres, und in dieser vierten Stunde wollen wir uns somit auch auf dieser großen Wasserfläche ein wenig herumtummeln, um hie und da ein wenig dem Tun und Treiben der schwimmenden Häuser zuzusehen.
ZS|0|4|2|0|Nun seht her! Da auf dem westlichen Rand der Platte zeigt sich soeben ein großes sogenanntes Linienschiff, und seht, zu dessen Seite noch eine Menge anderer kleinerer Fahrzeuge unter verschiedenen Benennungen.
ZS|0|4|3|0|Nun, wir wollen dieses Schiff ein wenig verfolgen, und seht dahier auf dieser Seite im tiefen Süden zeigt sich eine ziemlich bedeutende Insel; seht, das Schiff geht in gerader Linie auf diese Insel los. Was meint ihr wohl, was dieses Schiff im Schilde führt?
ZS|0|4|4|0|Ratet ein wenig, blickt hinein in seine Vorratskammern; seht, es ist wenigstens auf 6 Jahre verproviantiert. Schaut in die goldene Kajüte des Kapitäns; seht auf die Tische hin, und ihr werdet finden Karten der Länder und die verschiedenartigsten Messinstrumente.
ZS|0|4|5|0|Nun dürftet ihr wohl schon beinahe erraten, was dieses Schiff im Schilde führt; nur wartet noch ein wenig. Betrachtet die Mienen des Observators am hohen Mast, wie er mit einem Rohr versehen nach allen Seiten herumstiert und die unübersehbare Wasserfläche von Woge zu Woge mustert; aber noch immer erblickt er kein Land.
ZS|0|4|6|0|Seht, wie Verzweifelnde rennen die Menschen am Verdeck des Schiffes durcheinander; denn die lange dauernde Seefahrt hat ihnen das süße Wasser aufgezehrt.
ZS|0|4|7|0|Nun seht ein wenig die Szene! Seht, dahier werden Lose in einen Topf geworfen; seht, nun ziehen sie. Ein armer Neger hat das Los gezogen; seht, nun wird er entkleidet, seine Augen werden ihm verbunden; beide Arme an der Achsel fest unterbunden. Seht, es naht sich der Scherge und öffnet ihm die Adern, und das Blut, das aus seinen Adern entströmt, wird alsogleich mit etwas Rum vermengt, zur Stillung des Durstes getrunken, der entblutete Neger aber wird alsobald über Bord ins Meer geworfen; und weil dieser Trank nicht für alle hinreichte, so wird dieses Verfahren noch an einigen vollzogen und aus ihren Adern der Bluttrank bereitet.
ZS|0|4|8|0|Obschon diese Szene zu den äußerst seltenen gehört, und nur in der äußersten Wassernot dazu geschritten wird, so ist sie deswegen nichtsdestoweniger als zu entschuldigen; ja es wäre ein anderes, wenn in einer solchen Not sich einer oder der andere aus übergroßer Nächstenliebe entschließen möchte, seine Brüder zu ihrer Rettung vom Tod mit seinem Blut zu tränken, welche Tat dann wirklich für den, der solches täte, ein großes Zeugnis seiner Nächstenliebe wäre; aber auf diese Art ist es ein Gräuel, und es wäre besser, Tausende opferten sich freiwillig für einen, als dass einem eine solche grausame Tat angetan wird.
ZS|0|4|9|0|Aber nun seht, der Observator schreit „Land“ vom Korb; sogleich ist alles heiter auf dem Schiff, alle Segel werden, wie ihr seht, nach dieser Insel hingerichtet. Seht, wie ein Pfeil fliegt das Schiff über turmhohe Wogen dahin, und seht, sie haben soeben eine Bucht erreicht; die Anker werden geworfen, alle Mannschaft bis auf die nötigen Wachen eilt in die kleinen Fahrzeuge und mit diesen an die Küste.
ZS|0|4|10|0|Seht, wie sie da an der Küste alsobald eine frische Quelle entdecken, und es nun toll und voll zugeht, um das frische Wasser zu nehmen; und so ist in einigen Stunden das Schiff wieder mit süßem Wasser versehen, und wird jetzt alles wieder flott gemacht.
ZS|0|4|11|0|Langsam bewegen sich nun die Fahrzeuge längs der Küste, um zu sehen, ob dieses Land schon irgend bewohnt ist, oder nicht? Sie entdecken nun soeben einen Ort, aus einfachen runden Hütten bestehend; sogleich nähern sie sich diesem Ort.
ZS|0|4|12|0|Es wird gelandet und ans Land gestiegen; die Bewohner, von dem Kanonendonner aufgeschreckt, ergreifen die Flucht; aber alsobald werden ihre Hütten klein durchsucht, und was da gefunden wird, wird in Empfang genommen, was es nur immer sei, und welchen Namen es auch haben möge. Seht, da wurde schon ein armes Völklein seiner ganzen Habe beraubt; allein das ist noch nicht alles von dieser Szene.
ZS|0|4|13|0|Diese armen Fliehenden werden verfolgt, nicht selten fast gänzlich aufgerieben, oder, wenn es gut geht, wenigstens gefangen genommen und als gute Handelsprise nach Zeit und Gelegenheit in Amerika verkauft.
ZS|0|4|14|0|Seht, nun werdet ihr schon wissen, was dies für ein Schiff war, und was es im Schilde geführt. Seht, es war ein Schiff, das auf Entdeckungsreisen ausgeht.
ZS|0|4|15|0|Lassen wir aber dieses Schiff nun seinen infam schlechten Weg fernerhin verfolgen, seht, dahier ist schon ein anderes. Jedoch dieses Schiff, was ihr jetzt seht, zeig’ Ich euch im Geiste nur; denn es ist schon im Jahre 1835 im mittelländischen Meer entdeckt worden von einem anderen französischen Schiffer, und wurde auch sogleich vernichtet.
ZS|0|4|16|0|Jetzt aber zeige Ich es euch, wie es vor dieser Zeit im atlantischen Meer sein Unwesen trieb. Wohlgemerkt, es ist dieses etwa nicht das einzige; wohl bei 20 Schiffe der Art treiben sich noch gegenwärtig in den atlantischen Gewässern, Unheil bringend, herum.
ZS|0|4|17|0|Die Herren dieser Schiffe sind meistens Spanier und Portugiesen, und nur 4 darunter sind muselmännisch. Und seht, dieses Schiff läuft soeben voll mit Sklaven bepackt von der Küste Afrikas ab, um dieselben nach Amerika an einen dortigen abermaligen Sklavenhändler zu verkaufen; aber nun seht her, kaum 200 Seemeilen von der Küste entfernt wird es von einem englischen Schiff entdeckt, verfolgt und gefangen genommen.
ZS|0|4|18|0|Die Matrosen wehren sich verzweifelt, allein es nützt nichts; die Macht des englischen Schiffes ist diesem Raubschiff bei Weitem überlegen, und so muss sich dasselbe ergeben. Die englischen Matrosen steigen nun alsobald auf das Verdeck dieses Schiffes, befreien die Sklaven, und bringen dieselben auf ihr Schiff unter eine etwas bessere Pflege.
ZS|0|4|19|0|Was geschieht aber mit diesem Raubschiff? Da seht nur recht genau her, ihr werdet es gleich entdecken. Seht, wie emsig die englischen Matrosen, also kommandiert von ihrem Befehlshaber, die sämtliche Mannschaft dieses Schiffes ausziehen, ihre Kleider ins Meer werfen, die Menschen aber mit langen spitzigen Nägeln nach der Ordnung der Sklavenlagerung ans Verdeck annageln, den Kapitän aber auf dem Mast bei den Händen mit dem Gesicht auswärts aufhängen und seine Füße mit einem Strick unter dem Mast befestigen; und als sie mit dieser Arbeit nun fertig sind, gehen sie in die Kajüten, nehmen noch alles Brauchbare zu sich, spannen dann die Segel dieses Schiffes, verlassen es dann, natürlich in ihr Schiff zurückkehrend, und geben es mit dem gellendsten Jammergeschrei von dem Verdeck den Winden preis.
ZS|0|4|20|0|Seht, und denkt, was da am Ende herauskommen muss, wenn eine Grausamkeit gegen die andere also bloß nach grausamer Laune auftritt! — Und denkt, wie sich solche Szenen im Angesicht Dessen ausnehmen, der noch am Kreuz sterbend für seine Feinde den Vater um Vergebung bat!
ZS|0|4|21|0|Gäbe es denn keine anderen Mittel, um das Übel des Sklavenhandels zu unterdrücken, als gerade solche, die entweder so oder so, doch stets mit dem Siegel der kaum denkbaren Grausamkeit bezeichnet sind?
ZS|0|4|22|0|Aber ihr werdet fragen, was haben denn die Sklavenbefreier jetzt mit den Sklaven getan? Meint ihr, sie haben dieselben etwa zurück in ihr Vaterland gebracht; o nein, das haben sie nicht getan.
ZS|0|4|23|0|Sie verkauften zwar dieselben auch nicht; aber sie behielten sie in eigenen Diensten, da sie selbst Besitzungen in Amerika hatten; und auf diese Art kamen sie sie natürlich viel billiger, als wenn sie sie hätten kaufen müssen.
ZS|0|4|24|0|Und so seht, wird jetzt gegen diesen Sklavenhandel von Seite Englands wohl große dagegen strebende Aufsicht gepflogen. Wird nun ein solches Schiff, mit Sklaven bepackt, entdeckt, so wird es alsobald gewaltig strafend gefangen genommen, die Sklaven werden frei gemacht, und dort entweder frei zur Arbeit verwendet, häufig aber dann auch aus freier Hand verkauft; und so ist dann diese Handlungsweise nichts anderes, als was das alte römische Sprichwort sagt: Scyllam prateris, Charybdim invadis.
ZS|0|4|25|0|Seht, dieses zeigte Ich euch bloß darum, damit ihr euch den wahren Begriff von der sogenannten Aufhebung des Sklavenhandels machen könnt. Und so bleibt ein schnöder Kaufmann ein Kaufmann, und scheut sich gar nicht, in Meinem Heiligtum seine schändlichen Wechselbuden und Kramläden aufzurichten.
ZS|0|4|26|0|Ja, wenn du einem solchen Geldhund eine Million Goldstücke bietest, verkauft er dir das blutende Herz seiner eigenen Tochter, und du darfst ihm nicht noch einmal so viel bieten, so ist ihm auch der Kopf seines erstgeborenen Sohnes feil.
ZS|0|4|27|0|Aber ihr werdet sagen, geht es denn auf allen Schiffen so elendiglich zu? Wird nirgends in diesen schwankenden Häusern Gottes gedacht?
ZS|0|4|28|0|Da sage Ich euch: Es ist zwar ein jedes Schiff mit einem, oft auch mit mehreren Priestern versehen, welche der Zeremonie wegen, so wie eine Musikbande der Matrosen wegen, einem solchen Schiff als Ballast beigegeben werden, und die letztere Benennung hat auch das meiste Gewicht; denn alles andere ist nichts als leere Form, und die Staatsfahne des Schiffes ist auf diesem Schiff ein bei Weitem größeres Heiligtum als die gesamte Priesterschaft und ihr schwankender Gottesdienst. Bei einigen Besseren werde Ich nur dann angerufen, wenn donnernde Wasserwogen sie auf eine kurze Zeit von ihrem Gewinntaumel erwecken.
ZS|0|4|29|0|Übrigens ist auf einem jeden Schiff die Tyrannei so gang und gäbe, dass sie, einem Herrscher Ägyptens an die Seite gestellt, selbem keine Schande machen würde; und diese kalte und trockene Gefühllosigkeit der oberen Seeleute wird dann in der moralischen Welt die Schiffszucht genannt.
ZS|0|4|30|0|Ich sage aber zum Schluss dieser vierten Stunde: Wohl bekomme es solchen gewaltigen Bemühungen; wahrlich, ihr Lohn wird dereinst nicht klein sein!
ZS|0|5|1|1|Fünfte Stunde
ZS|0|5|1|1|Versklavung
ZS|0|5|1|1|Nordamerika. Sklavenhandel unter einer moralischen Politik. Gräuel der Sklaverei auf einer Zuckerplantage.
ZS|0|5|1|0|Und nachdem wir uns jetzt auf dem Meer herum schiffend befunden haben, so lasst uns denn ein solches Sklavenschiff besteigen, und mit demselben unter sehr günstigem Wind ebenfalls und zwar nach Nordamerika segeln.
ZS|0|5|2|0|Da seht, dieser grüne Streif, der sich da anfängt zu zeigen, ist schon ein wohlbekannter nordamerikanischer östlicher Küstenstrich.
ZS|0|5|3|0|Seht, wie es immer deutlicher und deutlicher wird; seht, schon bemerkt ihr eine große Stadt, versehen mit einem großen Hafen.
ZS|0|5|4|0|Nun seht, wir sind vollends da, wie es wogt und wimmelt von gewinnsüchtigen Menschen auf den Schiffen, in dem Hafen und auf den Wällen desselben.
ZS|0|5|5|0|Seht jetzt, soeben werden die freien Sklaven ans Land gesetzt, alles läuft und rennt dahin; aber da kommt ein überaus wohlgenährter Zuckerplantagen-Inhaber, und verdingt die Sklaven in seinen Dienst.
ZS|0|5|6|0|Dem Schiffskapitän, der an diesen Sklaven ein so menschenfreundliches Werk ausgeübt hat, wird zwar für die überbrachten Sklaven kein Kaufschilling geboten, sondern es wird ihm bloß eine wohlgenährte Belohnung für seine menschenfreundlichen Gesinnungen dargereicht.
ZS|0|5|7|0|Nun seht, auf diese Weise bekommt solche grausliche Mäklerei freilich eine äußere Humanität und Schein von Menschen- und Nächstenliebe; aber im Innern ist sie nichts anderes als derselbe Sklavenhandel, nur unter einer moralischen Politik.
ZS|0|5|8|0|Da sich aber die Sache so verhält, so wollen wir einen kleinen Blick auf eine solche Zuckerplantage tun; und damit wir nicht lange auf unserer Tafel herumzusuchen brauchen, so seht nur alsogleich hierher!
ZS|0|5|9|0|Da unweit außer der Stadt, seht da, in der Mitte der Tafel ist gerade die sehr bedeutende Plantage unseres früher gesehenen großmütigen Belohners der Menschlichkeit.
ZS|0|5|10|0|Da seht hin auf einen kleinen Teil nur seiner Besitzung, wie da 100 solcher Armen fast ganz nackt unausgesetzt arbeiten müssen.
ZS|0|5|11|0|Seht, wie hinter je 10 ein ebenfalls gut aussehender Sklavenvogt, mit Flinte und Schwert bewaffnet, und obendrauf noch eine scharfe Hetzpeitsche in der Hand hält, und wie sich ein Armer nur eine Minute lang von der Erde aufrichtet, um seinen Arbeitsschmerz zu lindern, da ihm durch das beständige Gebücktsein beinahe alle Glieder steif geworden sind, seht nur hierher, und überzeuget euch selbst, wie grausam der ehrliche sorgsame Vogt alsogleich sein Hetzwerkzeug in Bewegung setzt, in dessen Benützung er eine solche Fertigkeit hat, dass jeder Hieb reichlich das Blut aus dem Leib des getroffenen Armen entlockt.
ZS|0|5|12|0|Ihr werdet aber meinen, vielleicht werden doch diese Sklaven wenigstens menschlich genährt, damit sie hinreichende Kraft bekämen für solche Arbeiten, bei denen der Satan erliegen müsste.
ZS|0|5|13|0|Ich will es euch nicht sagen, sondern seht selbst daher auf diesen kleinen Fleck, und was ihr seht, ist eben eine solche Sklaven-Mahlzeit.
ZS|0|5|14|0|Ihr seht freilich nach irgendeiner Schüssel; allein die Schüssel, und nicht nur eine, sondern viele für so viele Sklaven, hätte der Inhaber ja ums Geld kaufen müssen, und da fragt ein solcher, was kommt billiger als eine solche Schüssel, und nach nicht langem Denken findet der große Spekulant einen ausgehöhlten Baumstamm, gleich einem großen langen Trog, im Hof aufgerichtet, für zweckdienlicher.
ZS|0|5|15|0|Und nun seht in dieser langen Schüssel das Gericht, welches in nichts anderem besteht als im Wasser nur schlecht gekochten Hülsenfrüchten, das da entweder in Linsen, Bohnen oder an Feiertagen in einer Art Feldgrütze besteht.
ZS|0|5|16|0|Mit solcher Kost wird also dieser Trog gefüllt, und die Arbeiter werden dann entweder durch die sogenannte Sklavenratsche oder auch durch Peitschenknall eingeladen.
ZS|0|5|17|0|Es versteht sich aber, dass zu dieser Mahlzeit nur die nahe arbeitenden Sklaven geladen werden; diejenigen, die in der Ferne arbeiten, werden entweder mit einer Art Brot versehen, an welchem ihr wahrlich ersticken würdet, oder wenn die Arbeit in der Ferne nicht zu sehr nötigend ist, so wird ihnen gestattet, sich dort in einer eigens dazu errichteten Hütte ihr bekanntes Mittagsmahl abzukochen.
ZS|0|5|18|0|Aber, wohl gemerkt, über ¼ Stunde darf die Mahlzeit außer an einem Feiertag nie dauern. Wer da allenfalls zu spät gekommen wäre, wenn das Zeichen zur Arbeit wieder gegeben wird, der setzt sich augenblicklich den derbsten Misshandlungen aus.
ZS|0|5|19|0|Mit hölzernen Löffeln wird nur an Feiertagen gespeist. Nun würdet ihr fragen, was haben denn diese Sklaven für einen anderen Lohn? Die gar Fleißigen, die sozusagen Tag und Nacht sich zu Tode arbeiten, bekommen dann und wann etwas Rum und einige Früchte, und sogar für Feiertage eine abgetragene Jacke anzuziehen.
ZS|0|5|20|0|Das ist schon so ungefähr das meiste, womit diese Armen menschenfreundlich bedacht werden; für die andern ist ein sechsstündiger Schlaf und die bekannte Mahlzeit alles, was sie für ihre Arbeit zum Lohn bekommen.
ZS|0|5|21|0|Nun werdet ihr fragen, hat denn ein solcher menschenfreundlicher und großmütiger Plantagen-Inhaber in Hinsicht auf die Behandlung seiner Sklaven keinen Herrn über sich? Seht, das kann Ich euch nicht im Bild zeigen, sondern es euch glatt heraussagen: Nein! — Sondern er ist in dieser Hinsicht ein unumschränkter Machthaber über Leben und Tod seiner Arbeiter, und hat das Recht, einen ungehorsamen Sklaven mittelst jeder beliebigen Todesart hinzurichten.
ZS|0|5|22|0|Damit ihr aber dieses so recht einseht, wie herrlich grausam ihre Gesetze sind, so zeige Ich euch ein Beispiel, dergleichen dort zu Hunderten, ja zu Tausenden erlebt werden.
ZS|0|5|23|0|Jüngst sind einem solchen Teufel wegen zu satanischer Behandlung zwei Sklaven durchgegangen. Ein nachbarliches Haus hatte dieselben aufgenommen; denn dieses nachbarliche Haus hatte doch wenigstens noch eine kleine Portion von menschlichem Gefühl im Leib.
ZS|0|5|24|0|Alsobald begab sich der beeinträchtigte Teufel zur Behörde, und reklamierte seine Flüchtlinge; das nachbarliche Haus, der Gesetze wohl bewusst, meldete sich alsobald bei der Behörde, und führte vermöge der vernommenen bitteren Klagen von Seite der Sklaven ein Wort zu ihren Gunsten.
ZS|0|5|25|0|Sofort entstand ein Prozess zwischen diesen beiden Nachbarn; und wie meint ihr, wie die weisen Richter diese Sache entschieden haben? Ich will euch das blanke Urteil hier kundgeben, und so möget ihr es am füglichsten erschauen, wie es in dem gebildet verschrienen Nordamerika steht.
ZS|0|5|26|0|Da habt ihr das Urteil, welches also lautete: „Der Nachbar hat bei Vermeidung einer Strafe von 1 000 Pfund die beiden Flüchtlinge dem Eigentümer entweder tot oder lebendig zu übermachen; wenn sie gehen, mögen sie lebendig dahin gebracht werden, im Weigerungsfall aber hat sie besagter Nachbar alsogleich niederzuschießen, und entweder ihre Köpfe oder ihre ganzen Leiber dem Eigentümer zu überbringen, woselbst dann dieser nach seinem Gutdünken zu verfahren hat.
ZS|0|5|27|0|Sollten aber besagte zwei Flüchtlinge sich vor der erfolgten Exekution aus dem Staub gemacht haben, so hat jeder das notwendige Recht, sie auf Steg und Straße, wo sie nur immer angetroffen werden möchten, alsogleich zu erschießen.“
ZS|0|5|28|0|Nun muss Ich nur noch eines erwähnen, damit ihr die Schändlichkeit ganz kennt. Es war im Urteil die Rede vom Gutdünken des Eigentümers; worin besteht denn dieses eigentlich? Da seht ein wenig auf Meine Tafel wieder her! Eine kleine Szene wird euch diese Frage zur Genüge beantworten.
ZS|0|5|29|0|Seht da einen Teich, es ist ein Fischteich eines solchen Inhabers, und seht, da in der Ecke dieses Teiches liegen eben zwei männliche und eine weibliche Sklavin geknebelt; es hat noch keines das zwanzigste Jahr erreicht.
ZS|0|5|30|0|An ihrer Seite liegt ein weiblicher und ein männlicher alter Sklave und zwar schon tot; es sind diese zwei Toten die Eltern dieser Jungen.
ZS|0|5|31|0|Seht daher, der Wächter steht auf; denn es nähert sich, wie ihr seht, der Inhaber mit zwei sogenannten Gladiatoren, seinen zwei Geschäftsführern und mehreren Sklavenvögten.
ZS|0|5|32|0|Seht, nun sind sie da mit fürchterlichen Mienen; sein Befehl oder vielmehr sein Gutdünken lautet für diese Armen dahin, dass zuerst die zwei Toten in kleine Stücke zerhauen werden, und dann die Stücke in den Teich geworfen zur Nahrung der Fische, sodann soll das Mädchen entknebelt werden, von all den Vögten, so sie Lust haben, beschlafen, und sodann erst zur Speise der Fische präpariert werden; die beiden Jungen aber sollen ein jeder auf einen Pfahl gebunden werden, sodann zu Tode gegeißelt, und dann erst ebenfalls zum Fischfutter präpariert werden.
ZS|0|5|33|0|Seht, so sieht die so viel gerühmte Verfassung in dem hochgebildeten Nordamerika aus. — Nun urteilt selbst, mit welchem Namen möchten solche Kreaturen wohl benannt werden?
ZS|0|5|34|0|Wahrlich, da ist mein ärgster Feind, der Fürst aller Finsternis, ein elender Pfuscher dagegen; und fürwahr, ihr mögt Mir glauben oder nicht, ihr habt von Besessenen gehört, dass sie besessen werden und wurden von Teufeln und Satanen; aber Ich sage euch, dazu wäre kein Satan zu bewegen, um einen solchen nordamerikanischen Menschenfreund in den innerlichen Besitz zu nehmen; denn bei solchen Umständen ist denn doch noch einem jeden der unterste Grad der Hölle lieber als die Wohnung in einem solchen Zuckererzeuger!
ZS|0|5|35|0|Aus dieser kleinen Parallele könnet ihr euch wohl einen Begriff machen, wie solches Tun und Treiben sich in Meinem Angesicht gebärdet!
ZS|0|5|36|0|O, Ich sage euch: Wahrlich, ein jeder Brosame Zuckers ist von Mir mit tausendfachem Fluch belegt; denn wahrlich, wenn diese Unmenschen das dabei vergossene Blut nach Gewicht verkauften, so würde dieses das Hundertfache des gewonnenen Zuckers übertreffen.
ZS|0|5|37|0|Und so könnt ihr mit Sicherheit annehmen, dass auf einem Lot Zucker 100 Lot vergossenes Menschenblut kleben.
ZS|0|5|38|0|Seht, ich habe Mir also nur, euer Gemüt schonend, vorgenommen, dieses Weltteils besten Teil ansehen zu lassen, und so mögt ihr euch auch damit begnügen; denn wahrlich, zeigte Ich euch das Tun und Treiben auf der südlichen Hälfte dieses Landes, es würde euch die Feder in der Hand erlahmen, dass ihr nicht vermögen würdet, drei Sätze niederzuschreiben, und von solchen Extremitäten will Ich daher, wenn ihr euch schon mehr angewöhnt werdet haben, mit Mir zu schauen Gräuel aller Art, in der 12. und letzten Stunde einiges kund geben.
ZS|0|5|39|0|Hier will Ich euch nichts vom einstigen Lohn sprechen, sondern dafür euch etwas Neues sagen: Solche Kreaturen sollen gänzlich auf ewig vernichtet werden. Amen.
ZS|0|6|1|1|Sechste Stunde
ZS|0|6|1|1|Hunger und Verderben
ZS|0|6|1|1|Beladung eines Zuckerschiffes. Schiffsuntergang. Kannibalismus. Ein englischer Verbrecher-Transport. Die unschuldig Deportierte.
ZS|0|6|1|0|Nachdem ihr euch hinreichend sattsam auf einem Punkt des nördlichen Amerikas umgesehen habt, so wollen wir unsere Blicke an der Tafel wieder zur Seeküste hinlenken und uns allda noch ein paar Augenblicke lang verweilen, bis dieses große Schiff, das ihr hier an der Küste seht, voll bepackt wird mit Zucker; alsdann erst wollen wir mit diesem Schiff eine Reise mitmachen, dahin das Schiff seine Segel richten wird.
ZS|0|6|2|0|Nun seht noch ein wenig daher auf den Punkt; seht, wie auf den vielen Karren die Sklaven große Fässer und Kisten daher ans Ufer schleppen. Seht dahier einen schweren, wagenähnlichen Karren, wie er einem kleinen Berg gleich mit Kisten bepackt ist; seht, wie vor diesem Karren bei vierzig Sklaven Ochsen gleich eingespannt sind, und die Sklavenvögte sie mit Peitschenhieben zur Frachtbeschleunigung zwingen, und wie an jeder Seite dieses Wagenberges eine Menge Sklaven denselben mit Gabeln und Stricken vor dem Umfallen schützen müssen, und sobald der Wagen nur irgendeine kaum merkliche Schwingung macht, die grausame Peitsche über ihren Nacken geschwungen wird.
ZS|0|6|3|0|Und seht, nun sind sie der Küste schon ziemlich nahegekommen; es ging gut mit dem Wagen. Aber ihr habt es nicht bemerkt, ein Rad des Wagens unterlag dem Gewicht, zerbricht, und seht, bei zwanzig Sklaven liegen nun zerquetscht unter der großen Last des zu mächtig bepackten Wagens, und die andere Hälfte wird darob, da sie den Wagen nicht aufhielt, mörderisch misshandelt, und auch der ziehenden Sklaven wird bei dieser Gelegenheit nicht geschont, wie ihr seht, und weil in der Höhe des Wagens eine schlecht beschlagene Kiste durch den gewaltigen Sturz kaum drei Lot des Zuckermehls aus einer Spalte verstreut hatte, so müssen diesen großen Schaden wenigstens drei Sklaven mit ihrem Leben entgelten; und alle Schuld, die an diesen scheußlichen Vögten und ihrer fast ununterbrochenen Besoffenheit liegt, müssen diese unschuldigen Lämmer der Menschheit entgelten.
ZS|0|6|4|0|Nun seht, jetzt haben die Wüteriche sich satt gegeißelt; also wird erst eine neue Ordnung getroffen, neue und kleinere Karren werden herbeigeschafft, und mit denen werden nun all diese Kisten unter Heulen und Klagen der Sklaven ans Ufer gebracht.
ZS|0|6|5|0|Nun seht, ist alles dahergebracht. Der Engländer übernimmt die Ware, und macht Richtigkeit dafür mit dem gegenwärtigen Buchhalter des Zuckerplantagen-Inhabers.
ZS|0|6|6|0|Nun müssen diese Kisten aber auch noch in das Schiff gebracht werden, und diese Arbeit wird in dem Handel mit verstanden, und fällt nun wieder den Sklaven zur Last.
ZS|0|6|7|0|Seht, wie sie in kleine Fahrzeuge die oft viele Zentner schweren Kisten hineinheben; aber glücklicherweise fällt ihnen doch keine ins Meer, was manchmal wohl zu geschehen pflegt, besonders wenn irgendein Sklavenvogt zu viel Branntwein in seinen Magen gegossen und seine armen Untergebenen zum Zeitvertreib misshandelt hat.
ZS|0|6|8|0|Wenn dann bei solchen Gelegenheiten ein so ungeheurer Schaden geschieht, dass die geschwächten Glieder der Sklaven nicht imstande sind, eine solche Kiste vollends ins Fahrzeug zu heben, und diese ihnen ins Wasser fällt, und wenn sie auch alsobald von den Sklaven herausgefischt wird, und kein Tropfen Wasser hineingedrungen ist zu ihrem Inhalt, so werden solche unachtsame Arbeiter entweder zu Tode fast gepeitscht, oder manchmal nach der grausamen Laune solcher Vögte auch alsogleich erschossen und ins Meer geworfen.
ZS|0|6|9|0|Und diese Armen sind erst dann außer aller Gefahr, wenn all die Ware glücklich ins Schiff gebracht worden ist, woselbst dann natürlich die Karren wieder zurückgenommen werden, statt der Kisten sich die Vögte darauf lagern, wo es dann zu ihrer Lustbarkeit und ihrem Vergnügen in beständigem Galopp gehen muss, welches Schnellfuhrwerk sie mit ihrem Peitschengeschnalze gar wohl zu bewerkstelligen wissen.
ZS|0|6|10|0|Ihr werdet vielleicht fragen, was geschieht denn mit den Zerquetschten? Ich sage euch: Gar nichts, sondern da seht her und überzeugt euch mit den Augen eures Geistes, wie einige darunter mit zerbrochenen Händen und Füßen wehklagen, schreien und heulen und nach ihrer Art um Hilfe rufen; meint ihr, es wird etwa ein Wundarzt geholt, oder sie werden in irgendein Sklavenspital gebracht?
ZS|0|6|11|0|O, da irrt ihr euch! Diese Teufel von Menschen kennen eine viel schnellere Heilungsart als ihr; da wird einem jeden ein steinernes Pflaster umgehängt, und endlich kommt im Grund des Meeres noch ein allgemeiner Wasserumschlag dazu, und auf diese Art sind sie geheilt für alle ewigen Zeiten.
ZS|0|6|12|0|Nun dürftet ihr vielleicht noch fragen, wenn diese galoppierenden Sklaven mit ihren Vögten die Heimat erreicht haben, so wird für diese Armen doch wenigstens eine Ruhestunde, oder vielleicht gar eine Pause ausfallen?
ZS|0|6|13|0|O seht, solches ist dort zu Lande nicht üblich; aber wohl geschieht es öfter, wenn der Inhaber ein gar zu großer Unmensch ist, dass sie für ihre Unachtsamkeit noch eigens unter dem Kommando des barbarischen Eigentümers zu seiner Genüge misshandelt werden.
ZS|0|6|14|0|Und wollt ihr wissen die wahre Zahl dieser Unglücklichen, deren Los in der Sphäre des Unglücks durchaus keine bedeutenden Varietäten bietet?
ZS|0|6|15|0|Es sind deren durch das ganze nordamerikanische Freistaatengebiet bei elf Millionen; und ihr müsst euch unter diesen Sklaven nicht nur lauter Schwarze denken, sondern darunter gibt es auch wenigstens ein Viertel Weiße. Da aber denn doch ein Gesetz eine weiße Sklaverei verbietet, so werden weiße Sklaven eigens geschwärzt und eingeschwärzt.
ZS|0|6|16|0|Nun, nachdem wir jetzt so ziemlich alles beobachtet haben, so lasst uns denn nun auch in das Schiff steigen, welches, wie ihr seht, soeben segelfertig aus dem Hafen läuft. Nun seht, wie die Matrosen gleich Seiltänzern auf den Segelstangen ihre äquilibristischen Übungen machen.
ZS|0|6|17|0|Betrachtet ein wenig diese seeverbrannten Gesichter, deren Blöße nur von den elendsten Lumpen bedeckt ist. Seht, wie entmenscht und entwest sie aussehen, als gehörten sie einer andern Wesenreihe an als der menschlichen. Seht, diese Menschen sind also die vielbesprochenen englischen Seematrosen.
ZS|0|6|18|0|O Menschheit! In welche Tiefen hat dich dein Welttum gestürzt! Wie ferne bist du Mir, dem Urquell des Lebens, und wie nahe dem Abgrund des ewigen Verderbens! Dich schreckt nicht die Tiefe des Meeres; Meine Stürme sausen und brausen vergebens an deiner Stirn vorüber; du kennst niemanden mehr über dich denn dich selbst! Du starrst zwar mit deinem vermeintlichen Scharfblick weit hin über die trügerische Fläche der Wogen.
ZS|0|6|19|0|Du prophezeist den Sturm, und kennst all die Klippen und Sandbänke im Meer. Sorglos schwimmst du zwischen Leben und Tod auf leichten Brettern über unabsehbare Abgründe auf der schwankenden Fläche von einer Weltgegend zur andern; aber das bedenkst du nicht, dass Ich, nicht mehr dein Vater, sondern Dein unerbittlicher Richter, Mich ebenfalls an Bord deines schwimmenden Bretterpalastes befinde.
ZS|0|6|20|0|Dir ist der Weg bekannt, und an den Furchen des Meeres erkennst du wohl deine Straße; siehe, deine Zeit ist zu Ende, Ich rühre mit einem Finger die Tiefen der Erde, und da du nichts ahnest, hab’ Ich dir neue Klippen an deiner Straße gesetzt, die du nicht kennst, und Ich, der unsichtbare Steuermann, werde wohl wissen dein elendes Machwerk, diesen schändlichen Kasten, der da vollgepropft ist mit dem Unrat deiner schändlichen Hoffnungen, an die neue harte Stirn der dir unbekannten Klippen zu schleudern, und so dich zu verderben.
ZS|0|6|21|0|O seht, dieses bepackte Schiff läuft nun eben einer solchen unbekannten Klippe in die Arme. Seht, und erschreckt euch nicht, wie es der Wind pfeilschnell dahintreibt. Sie ahnen nichts; denn Ich habe ihnen die Klippe nicht über den Wasserspiegel erhoben.
ZS|0|6|22|0|Aber nun seht, zwei Augenblicke noch, und der elende Kasten liegt mit seinem ganzen Inhalt in Trümmern. Seht nun her; seht, jetzt schlägt es mit großer Gewalt mit der Brust an die Klippe. Seht, wie diese gänzlich zertrümmert ist, und wie das Schiff zu sinken anfängt; seht, wie diese Matrosen sich bemühen, die am großen Schiff hängenden Kähne loszumachen, und seht, wie einige mit größter Schnelligkeit Bretter zusammenraffen, und im Wasser schwimmend sich eine Plätte zusammenstoßen.
ZS|0|6|23|0|Seht, das Wrack hängt an dieser Klippe und eine Menge Menschen klammern sich an die über den Wasserspiegel ragenden Schiffsrippen, eine kleinere Menge schwimmt auf den elenden Fahrzeugen ihrem sicheren Tod entgegen; aber der Kapitän und der Inhaber der Waren kauern am hervorragenden Mast und ringen, von größter Verzweiflung ergriffen, nun schon am dritten Tag nach dem Schiffbruch mit dem Tod; also auch die anderen Reisenden auf dem Schiffsgerippe.
ZS|0|6|24|0|Meint ihr, dass einer von diesen Menschen Mich um irgendeine Hilfe angefleht hat? Sondern hinstarren sie in die weite offene See, ob nicht ein Fahrzeug sich ihren Blicken zeigen möchte. Allein vergeblich ist ihr Schauen; denn weislich werde Ich die anderen Fahrzeuge also zu lenken wissen, dass sie so bald nicht in die Nähe dieser Stelle gelangen sollen.
ZS|0|6|25|0|Nun seht her, wie diese zwei am Mast kauernd miteinander ringen, ihr werdet meinen, sie suchen sich durch dieses Ringen desto fester an den Mast anzuklammern. Allein es führt dieses Ringen etwas anderes im Schilde und heißt: Hungersnot! Und da will einer den andern umbringen, auf dass er etwas zu essen bekäme.
ZS|0|6|26|0|Und seht hin auf die Rippen des Schiffes; da könnt ihr schon eine solche Mahlzeit sehen, wie ein anderer englischer Kaufmann seinem teuren Weib, die an ihn sich geklammert hat, soeben ihre Brüste mit großer Gier verzehrt.
ZS|0|6|27|0|Und seht, dieses Sicheinanderauffressen geht gewöhnlich bis auf einen fort, und dieser eine macht sich am Ende noch über sich selbst her und verzehrt sich soweit, als er sich nur erreichen kann; welche Szene nach wenigen Stunden gewöhnlich mit der Verblutung endet.
ZS|0|6|28|0|Was die Knochen betrifft, so wird von diesen so viel nur möglich ist herabgenagt, und das Übrige dann häufig fluchend ins Meer geworfen.
ZS|0|6|29|0|Und da wir nun hier nichts mehr zu leben und zu schauen haben, so wollen wir noch unsere drei Fahrzeuge verfolgen, und sehen, wie es da zugeht!
ZS|0|6|30|0|Nun seht, da ist schon eines; seht, aber nur drei mehr leichenartige menschliche Wesen kauern in demselben; das sind drei Helden, welche sich zum Gesetz gemacht haben, da sie die andere Gesellschaft ins Wasser geworfen hatten, sich selbst untereinander nicht aufzufressen, und überlassen sich nun kaum mehr lebend ihrem blinden Zufall.
ZS|0|6|31|0|Damit ihr euch nicht länger bei diesen dreien aufzuhalten braucht, so wollen wir’s mit diesen bald zu Ende bringen; seht da, eine mächtige Woge schlägt an das schwache Fahrzeug, und ein gutmütiger Hai wartet schon mit Sehnsucht auf den Inhalt dieses Fahrzeugs, welches er lange schon als treuer Gefährte begleitet hat.
ZS|0|6|32|0|Und nun seht, die Woge hat ihren Dienst getan, und der Hai seine mit Sehnsucht erwartete Beute verschlungen, und so gibt’s auch hier für uns nichts mehr zu beobachten, und wollen wir ein anderes dieser Fahrzeuge aufsuchen.
ZS|0|6|33|0|Ihr werdet nun denken, wo wird sich dieses wohl befinden; Ich aber sage euch, sorgt euch nicht, der mit Mir sucht, dem wird das Finden nicht schwer werden. Nun, da seht her, es ist schon hier! — Zählt die Menschen, die sich darinnen noch befinden; es wird euch nicht schwer werden, die Szene zu bestimmen.
ZS|0|6|34|0|Warum zählt ihr denn nicht? — Ihr sagt, wir sehen niemanden. Da geht nur näher hierher, und seht hinein in den schwankenden Nachen; seht, nichts als abgenagte Knochen, und doch ist erst der zehnte Tag nach dem Schiffbruch! Ihr möchtet nun wohl wissen, wo denn der Letzte, der daran genagt hat, hingekommen ist, da er sich doch selbst nicht bis auf den kahlen Knochen aufgezehrt haben konnte?
ZS|0|6|35|0|Nun, da lenkt eure Blicke ein wenig seitwärts; seht, dahier in der mehr westlichen Hälfte der Tafel ragt eine wenige Klaftern um sich fassende bemooste Klippe über den Meeresspiegel hervor.
ZS|0|6|36|0|Seht, da kauert er verzweiflungsvoll in der Mitte dieses äußerst kleinen Eilandes, und wie er das Moos und das wenige Gras zusammenrafft, und solches in seinen Mund schiebt. Seht, das ist nun das Los dieses Letzten, und dieser ist auch der Einzige, den von allen den Gestrandeten ein anderes Schiff in zwei Tagen noch lebend aufnehmen wird, darum, dass er Kunde brächte, was da geschehen; und dieser ist auch der Einzige, der sich wenigstens auf dieser Insel Meiner ein wenig zu erinnern angefangen.
ZS|0|6|37|0|Und so lassen wir diesen allda erwarten seine Rettung, und wollen nun sehen, wo denn die Plätte sich befindet. Nun, da seht her; da schwimmt die Plätte! Seht, auch hier ist kein Mensch mehr vorhanden, sondern einige Knochen sind mit einem Strick an ein Brett befestigt, und gleichfalls dort in der Mitte der Plätte eine verkorkte schwarze Flasche.
ZS|0|6|38|0|Der Letzte hat nämlich den Untergang des Schiffes, wie seinen eigenen, niedergeschrieben, und befestigte denselben samt der Flasche ebenfalls mit einem Strick an ein Brett, bei welcher Gelegenheit er schwächlich unvorsichtigerweise mit einem Fuß ins Wasser strauchte, und so sich noch einige Zeit mit den Händen am Brett haltend erhielt, bis ebenfalls ein feinschmeckender Hai ihm den halben Leib abriss, und endlich auch die andere Hälfte verzehrte.
ZS|0|6|39|0|Nun, seht, sind wir mit unserer Schifffahrt gänzlich zu Ende; und da nach eurem Sprichwort sogar der Tod seine Rechte verloren hat, allda nichts mehr ist, so wollen auch wir dahier unsere Schaurechte aufgeben, wo der Tod uns alles aus den Augen geraubt hat, und uns daher ein wenig fürbass auf unserer Wasser vorstellenden Tafel umsehen —, ob nicht für euch irgendetwas Denkwürdiges zu schauen in schon schwimmender Bereitschaft sich befindet.
ZS|0|6|40|0|Na, da seht her! Da schwimmt ja eben ein englisches Linienschiff daher; es ist außer den Matrosen und dem Steuermann nichts Lebendes am Verdeck zu erschauen. Ihr möchtet nun wohl wissen, was seine beteerten Bretter umschließen?
ZS|0|6|41|0|Nun, so seht her! Ich werde nun über dieses Schiff ein Epheta donnern, und sogleich wird das Schiff, als wäre es von Glas, durchsichtig werden, und sein Inhalt wird euch schauerlich genug in die Augen springen; und so sage ich denn: Epheta!
ZS|0|6|42|0|Seht jetzt, und urteilt, was es dahier ist und gibt; seht in den untern Räumen des Schiffs eine Zahl von dreihundert Menschen mit schweren Ketten belegt, beiderlei Geschlechts, beinahe ganz nackt; betrachtet ihre Leiber, wie abgemagert sie sind, zählt die blutunterlaufenen Striemen und betrachtet die elende Kost, die ihnen nicht etwa von Tag zu Tag, sondern von Woche zu Woche für die Person in einem kaum dritthalb Pfund schweren Steinbrot nebst einem Maßkrug faulen Wassers gereicht wird.
ZS|0|6|43|0|Seht, wie dort in einem Winkel ein ältlicher Mann, an dessen Füßen sich schon einige Ratten versucht haben, den hereintretenden Gefangenenwärter um den Tod bittet; seht dahin in einem andern Winkel eine wahre weibliche Venus nach eurem Schönheitsbegriff, um ihre weichen Arme Ketten angelegt, ängstlich schreien und flehen, dass man sie doch ins Meer werfen möchte, oder ihr doch nur wenigstens eine Hand frei zu geben, dass sie sich den sie beißenden Unrat von der Nase schaffen könnte.
ZS|0|6|44|0|Allein was tut der Wärter? Er nimmt einen scharfen Besen, und hält ihr denselben vor die Nase, dass sie sich reinigen sollte; auf diese Art zerkratzt und beschmiert er ihr das ganze Gesicht, dass dasselbe endlich voll Geschwüre und Eiter wird. — Und wenn sie über solche Behandlung klagt, so wird sie noch obendrein gezüchtigt.
ZS|0|6|45|0|Seht hinab zu ihren Füßen. O, diese zarten Füßchen! Wie waren sie erst vor drei Wochen im hohen Ansehen bei einem geilen und reichen englischen Prasser; allein, da dieses Mädchen zu verführen, seine reichen Versprechungen wenig ausrichteten, so wusste seine Niederträchtigkeit seiner Rache solche Luft und solchen Weg zu machen, dass er dieses arme Mädchen wegen eines erdichteten vorgegebenen bedeutenden Diebstahls durch eine geheime Bestechung der geschworenen Richter dahin brachte, da ihr sie soeben jetzt seht.
ZS|0|6|46|0|Und so wie diese Arme hier deportiert wird als Verbrecherin, sind noch einige in dieser Gesellschaft, und seht darob gerade in dem entgegengesetzten Winkel einen noch ziemlich jungen Menschen angeheftet, der, da er der einzige Erbe eines reichen Mannes war, nach dem Tod seines Vaters von seiner eigenen Mutter mit der Hilfe eines ihrer schändlichen Liebhaber auch daher gebracht worden ist.
ZS|0|6|47|0|Wir wollen seine Geschichte nicht weiterverfolgen, sondern einen Rückblick machen auf die schönen zarten Füße unserer schönen Gefangenen. Seht, wie sie emsig springen, um das Schiffsungeziefer abzuwehren, mit ihren Füßen nicht ebenfalls den Versuch zu machen, wie mit den Füßen jenes Alten; und seht nur hinab noch tiefer zu ihren Füßen, wie sie sich schon durch ihren Fleiß ein ganzes förmliches Rattenpolster bereitet hat!
ZS|0|6|48|0|Und meint ihr, dass die faulen Schiffsbestien hinabgingen, wenigstens das getötete Ungeziefer aus dem Schiff zu räumen, o nein, das tun sie ja nicht; dafür rauchen sie diesen unglücklichen Teil des Schiffes lieber täglich mit Teer aus, um dadurch einer allfälligen Schiffskrankheit vorzubeugen.
ZS|0|6|49|0|Ihr werdet euch freilich denken, solche Unmenschlichkeit geht über alle Begriffe, und es müssen doch Ärzte und Priester dafür sorgen, dass die allfälligen äußeren Gesetze beobachtet werden möchten.
ZS|0|6|50|0|Ich sage euch aber, dass in England jedes Schiff, wie es den Hafen verlässt, keine anderen Gesetze hat als das lebendige des Kapitäns, und es dauert nicht lange, so blasen sämtliche Schiffsbehörden in ein Horn, und so herrscht auch oft nur eine Niederträchtigkeit unter einem und demselben Verdeck, auch braucht’s nicht mehr, als wie es eben hier der Fall war, dass eine solche junge schöne Deportierte den wilden Leidenschaften der oft betrunkenen Befehlshaberschaft nicht Gehör gibt, und sich zu allen erdenklichen geilen Niederträchtigkeiten gebrauchen lässt, so ist ihr für diese Welt bedauerungswürdigstes Urteil schon gesprochen. — Seht, jetzt werdet ihr schon einsehen, warum da das Ungeziefer nicht aus dem Schiff geschafft wird.
ZS|0|6|51|0|Aber das ist noch nicht das Einzige, was eine solche arme Deportierte auszustehen hat; es werden ihr obendrauf noch von ihren Mitgenossen beiderlei Geschlechts oft die grässlichsten Verwünschungen zugeheult, da es nur an ihr gelegen wäre, ihnen ihr Schicksal erträglicher gemacht zu haben.
ZS|0|6|52|0|Und seht euch noch ein wenig um in diesen Trauergemächern, und geht jetzt mit euren Blicken herauf in die glänzenden Gemächer der Schiffsherren; — seht, wie es da toll und voll zugeht!
ZS|0|6|53|0|Aus ihren Bechern sprüht schäumender Wein; alle schreien ein Lebehoch ihrem Befehlshaber zu, und einer darunter schreit auch: Es lebe unsere schöne Gefangene! Und alle stimmen wie von einem Wahnsinn ergriffen ihm beifällig zu.
ZS|0|6|54|0|Und seht, nun stecken die Häuptlinge die Köpfe zusammen. Was möchten sie wohl im Sinn haben, werdet ihr fragen. Kümmert euch nicht dieses Geheimnisses; denn es enthält nichts anderes als einen schlauen Kniff, um die arme Schöne zu gewinnen.
ZS|0|6|55|0|Und was meint ihr, worin dieser Kniff wohl besteht? Seht, dieser Kniff besteht in nichts anderem als in dem: Die Holde wird nun alsobald von ihren Fesseln befreit und sogleich unter wirksame ärztliche Pflege gebracht; da sie nun wiederhergestellt ist, so wird ihr ein förmlicher Heiratsantrag gemacht, vermöge welchem sie das Weib eines oder des andern Schiffsherrn werden kann.
ZS|0|6|56|0|Die Arme sieht den feinen Betrug nicht ein, durch die Höllentortur der unteren Gemächer zu sehr erschreckt, und verbindet sich unter einer falschen Einsegnung, nicht etwa des Priesters, sondern eines verkleideten Schiffssoldaten; auf diese Weise gebraucht sie nun ihr Scheingemahl, und zur Nachtzeit tritt an seine Stelle nach Willkür ein anderer, und also wird dann unsere arme Gefangene unbewusst zu einer Schiffshure.
ZS|0|6|57|0|Es geht ihr freilich für den Magen nichts ab, und sie ist in der glücklichen Idee, dass sie da ihr Glück gemacht habe. Aber die Augen werden ihr erst in Botany Bay, an einer Küste Australiens, geöffnet, da sie gleich den anderen Verbrechern der lebenslänglichen Geißelung preisgegeben wird. Das Schicksal dieser Unglücklichen folgt in der siebten Stunde.
ZS|0|7|1|1|Siebte Stunde
ZS|0|7|1|1|Der arge Dienstgeber
ZS|0|7|1|1|Australien. Die Verbrecher-Kolonie Botany Bay. Beschreibung des Landes. Habsucht der Kolonisten.
ZS|0|7|1|0|Nachdem wir das Schiff, dessen Bedeutung euch sicher nimmer fremd sein wird, in seiner gräuelhaften Handlungsweise hinreichend betrachtet haben, so wollen wir dasselbe verlassend einen Vorsprung machen, und das viernamige Land, welches nach eurer Bestimmung zwischen dem 131. und 171. Grade östlicher Länge wie auch zwischen dem 10. und 30. Grade südlicher Breite liegt, ein wenig zum Voraus in den Augenschein nehmen.
ZS|0|7|2|0|Denn solches ist allhier für euch notwendig, weil ihr mit der Beschaffenheit, Einteilung, wie auch mit den klimatischen Verhältnissen daselbst noch am wenigsten vertraut seid; und so seht denn her auf diese euch wohlbekannte Tafel!
ZS|0|7|3|0|Das Land, das sich euch darstellt, seht es nur gut an, ist das eigentliche Australien, Süd-Indien, Ozeanien und Polynesien. Seht, der südliche Teil dieses Landes, wie er noch aus unübersehbaren Pfützen und Morasten besteht, in welchen, so ihr eure Blicke recht schärfen wollt, ihr eine zahllose Menge von giftigen Ungeheuern und allerlei Geschmeiß entdecken werdet.
ZS|0|7|4|0|Und seht, wie da weiter südlich eine Menge Korallenringinseln sich fast bis zur Südpolregion fortziehen; aus welcher Ursache die südliche Küste dieses Landes nicht umfahren werden kann, wie es auch zu Lande eine Unmöglichkeit ist, diese südliche Küste, die eigentlich keine Küste ist, zu erreichen, und ihre Beschaffenheit zu erforschen.
ZS|0|7|5|0|Welche Bekanntschaft darob noch umso schwerer zu machen ist, da dieses Land meistens aus unabsehbaren Ebenen besteht, welche nur hie und da mit kleinen unbedeutenden Hügeln unterbrochen werden; denn bedeutende Berge gibt es in diesem Land durchaus nicht, bis auf einige Korallen und Schiefer und Felsen an den Küsten.
ZS|0|7|6|0|Dieses bisher bekannte Land hat in seinem Kontinent einen Flächenraum von beinahe 200 000 Quadratmeilen, auf welchem Flächenraum bei zwei Millionen und etliche sechzig Tausend Menschen wohnen.
ZS|0|7|7|0|Die bewohnbarsten Ländereien befinden sich meistens an der Ostküste, welche euch auch schon mehr oder weniger bekannt sein dürften, als z. B. die Ländereien unter dem Namen: Karpentaria, Arehmesland, Witsland, Edelsland, Eintrachtsland, Leuwiesland, Nuytsland, Flintersland, Baudingsland, Grantsland und noch einige weniger bekannte Namen, an denen freilich nichts gelegen ist.
ZS|0|7|8|0|An dieser östlichen Küste befindet sich ein Landungsplatz unter dem Namen Botany Bay, an welchem Ort schon seit einem Verlauf von kaum zehn Jahren bis auf den gegenwärtigen Augenblick bei 170 000 Verbrecher von den Engländern ausgeschifft, und von da in die verschiedenen Ländereien verteilt wurden.
ZS|0|7|9|0|Aber nicht allein diese östliche Küste hat eine solche Bestimmung, sondern auch im Westen werden jetzt beinahe vorzugsweise solche Deportierte ausgeschifft.
ZS|0|7|10|0|Da seht einen Fluss, der sich dahier in das Meer ergießt; es ist der so benannte Schwanenfluss, und an seinen Ufern seht ihr auch eine ziemliche Stadt erbaut, von welcher aus nun eine Kolonisierung durch dahin gebrachte Verbrecher bewerkstelligt wird; aber mit viel schlechterem Erfolg denn auf der Ostküste; denn hierher werden gewöhnlich nur die allerschlechtesten Spitzbuben Englands gegen eine Contreprise der Holl- und Niederländer, denen diese Küste gehört, verkauft, um dahier die höchst unwirtbare Gegend zu kultivieren.
ZS|0|7|11|0|Auf der Ostküste ist längere Zeit schon, nämlich auf Botany Bay, eine Stadt erbaut; sie wird Sidney genannt, wie die ganze Küste Neusüdwales.
ZS|0|7|12|0|Merkt euch aber für jetzt nur den westlichen Punkt; denn nachdem wir unser Schiff werden in Botany Bay landen sehen, wollen wir uns hierher verfügen, allwo die Menschenmarterei ums Undenkliche ärger ist als auf der Ostküste.
ZS|0|7|13|0|Bevor wir aber diese Hauptspektakel in den Augenschein nehmen wollen, will Ich euch noch mit dem Land selbst näher vertraut machen, damit ihr euch dann desto leichter einen wirklichen Begriff machen könnt, was das heißt, und sagen will, dahin entweder schuldig oder wohl gar unschuldig als Deportierter gebracht [zu] werden.
ZS|0|7|14|0|Nun seht her, wie es aussieht im Innern des Landes! Ihr meint, diese unabsehbaren Gefilde für euer Auge sind nichts als lauter Gebüschwälder.
ZS|0|7|15|0|O nein, sage Ich; es ist das Gras und muss es euch nicht wundern, wenn ihr da stellenweise drei bis vier Mann hohes Gras erblickt.
ZS|0|7|16|0|Es gleicht dieses Gras dem sogenannten Seerohr, und ist auf keine andere Weise auszurotten, als wenn es trocken geworden ist, durchs Feuer. Das Feuer muss aber zu einer Zeit angezündet werden, wenn von Norden Winde wehen; denn Winde aus dem Süden ersticken das Feuer.
ZS|0|7|17|0|Ihr möchtet sicher auch einen Baumwald sehen; allein solche Wälder gibt es hier nur sehr wenige, und die Bäume, die da besonders gegen die südlicheren Regionen wachsen, sind oft kaum so groß und hoch als manches Gras, und bringen sehr wenig genießbare Früchte zum Vorschein.
ZS|0|7|18|0|In dem nördlichen Teil, wie auch an der östlichen Küste gibt es freilich schon häufig andersartige Anpflanzungen, welche aber samt und sämtlich nicht gar wohl fortkommen, und verändern nach und nach auch merklich ihre Natur.
ZS|0|7|19|0|Und so werden die Birnen oft ganz holzig, und an dem Stiel breiter denn an der Krone. Den Kirschen wachsen die Steinkerne oft auswendig an der Haut, und die Frucht selbst wird wässrig; u. dergl. euch vielleicht sonderbar klingende Veränderungen erleiden noch verschiedene andere Anpflanzungen. Am besten kommen noch die euch noch wenig bekannten Schlangennüsse fort, wie auch an der nördlichen Küste Kokosnüsse, indianische Feigen, das sogenannte Johannisbrot und eine Art Melonenpflaumen.
ZS|0|7|20|0|Es muss aber viele Sorgfalt getragen werden, dass die gewissen Schlangennüsse nicht von einem gewissen roten Insekt angestochen werden; fällt dann eine solche angestochene Nuss in die Erde, so wird eine Afterpflanze von höchst giftiger Art aus ihr, welche noch ums Zehnfache ärger ist denn der sogenannte Bohonupas; denn wie sie nur ein Schuh hoch ihre Blätter über die Erde getrieben hat, so haben diese Blätter eine so heftige verheerende Giftausdünstung, dass sie nicht nur alle Tiere und Menschen, die sich ihnen nahen, töten, sondern sie richten auch oft in einem Umkreis von einer Stunde unter den Pflanzen eine solche Verheerung an, dass in kurzer Zeit nicht einmal eine Steinmoospflanze fortkommt, sondern es verdorrt alles, und wird zu einer Art Asche.
ZS|0|7|21|0|Das Glück ist bei dieser Pflanze noch das, dass sie nicht über ½ Jahr vegetiert, sondern mit dem Winter alsobald wieder verdirbt, und somit unschädlich wird.
ZS|0|7|22|0|Und da wir nun die Pflanzenwelt ein wenig angeschaut haben, so wollen wir noch einen kurzen Blick auf die Tiere werfen.
ZS|0|7|23|0|Zuerst seht, wie die Luft wimmelt von großen weißen Adlern, die an Kraft und Behändigkeit alles in ihrer Art weit übertreffen; ihre Raubgier ist besonders zur Winterszeit so groß, dass sie mehr im Innern des Landes die Menschen gleich fliegenden Wölfen anfallen.
ZS|0|7|24|0|Nebst ihnen gibt’s noch eine andere Gattung bösartiger Vögel, welche fast das Aussehen von einem Strauß haben; sie haben statt der Federn Haare, und haben einige gar keine Flügel, andere aber haben Flügel gleich einer Fledermaus.
ZS|0|7|25|0|Diese Vögel haben oft über klafterlange Beine, und können mittels denen so schnell laufen, dass es ihnen ein Leichtes ist, in einer Stunde zehn Meilen zurückzulegen. Wenn sie ihre Beute erreicht haben, so schlagen sie diese mit einem Bein nieder, und machen sich dann über ihre bereitete Mahlzeit. Anderer Heere von kleineren und unschädlicheren Vögeln nicht zu gedenken.
ZS|0|7|26|0|Unter andern ist noch zu bemerken ein vierfüßiges, mit einem starken Schnabel versehenes Säugetier; Vogelwolf wäre sein richtigster Name. Dieses Tier ist in seiner Art grausamer denn jeder Tiger.
ZS|0|7|27|0|Was aber den Boden und die Sümpfe betrifft, so ist dieses ein wahres Vaterland von Schlangen, aller Arten Eidechsen, darunter sehr viele Gattungen mit Flügeln versehen sind, welche freilich nicht alle giftiger Art, aber doch mehr oder weniger schädlich sind.
ZS|0|7|28|0|Im Innern kommt häufig eine große Art Fledermäuse vor, die sehr giftig sind, und haben noch ärger denn die Klapperschlange eine betäubende Wirkung in ihrem Blick, so dass jemand, den eine solche Fledermaus ins Auge gefasst hat, sobald wie von einem starken Getränk betäubt zur Erde fällt, und wenn ihm niemand zu Hilfe kommt und die hinzu flatternde Fledermaus erlegt, ihm diese sobald den letzten Blutstropfen aussaugt und dann gesättigt hell pfeifend davonfliegt.
ZS|0|7|29|0|Was das Klima aber anbelangt, so ist dieses ein wahres Chamäleon; denn außer einigen östlichen und nördlichen Gegenden ist dasselbe so veränderlich, dass in manchen Gegenden jemand an einem Tag alle fünf Zonen zu kosten bekommt.
ZS|0|7|30|0|Warum alles dieses hier so sonderbar gestaltet ist, wird euch zu seiner Zeit schon bekannt gegeben werden; aber so viel könnt ihr euch im Voraus merken, dass Ich mit gewissen Ländern der Erde ganz andere Zwecke verbunden habe, als dass sie von der schändlichen Habsucht der Menschen sollten vor der Zeit genotzüchtigt werden.
ZS|0|7|31|0|So aber die Menschen in ihrer Tollheit vor der Zeit dringen in Länder, die noch nicht reif geworden sind, so geschieht es ihnen ja recht, wenn es ihnen ergeht wie verwahrlosten Kindern, die da unreifes Obst und giftige Beeren verzehren.
ZS|0|7|32|0|Jedoch, wie schon gesagt, bei einer nächsten Gelegenheit wird euch davon mehreres kundgegeben werden. Und nun seht, während der Zeit wir uns so in diesem Land herumgetummelt haben, hat das euch schon bekannte Schiff in dem Hafen von Botany Bay seine Anker geworfen, und nun seht, da ist es schon! Denn, wenn man alles in einem Bild vor sich hat, braucht man keine lange Reise, um am bestimmten Ort zu sein.
ZS|0|7|33|0|Nun seht nur recht genau! Ich spreche wieder das Epheta, und seht, das Schiff ist schon wieder bis zum Grund durchsichtig geworden. Vor allem andern seht unsere holde Gleichsamgemahlin recht genau an! Seht, wie schwach sie ist, dass sie sich kaum von ihrem Sitz zu erheben vermag. Nun geht ein wenig in das Kabinett des Kapitäns.
ZS|0|7|34|0|Seht, wie da schon drei Kolonisten mit demselben die Listen durchmustern, und zwar in Gegenwart des dortigen Gouverneurs. Nun seht, zwanzig sind durchgestrichen, darunter auch unser Alter sich befindet, aber unsere Holde ist nicht ausgestrichen.
ZS|0|7|35|0|Seht, nun werden sie, nämlich die Listen, von dem Gouverneur und den Kolonisten unterschrieben und bestätigt, und die Gefangenwärter verfügen sich nun hinab, machen die Gefesselten frei, nachdem sie ihnen die Hände an den Rücken zusammenbinden, und treiben sie so gestaltet hinauf auf das Verdeck des Schiffes.
ZS|0|7|36|0|Nun seht, diese Gefangenenwärter treten nun auch in das Gemach unserer Schönen, verkünden ihr ihr Los, berauben sie der Kleider, und binden der darüber in verzweifelnde Ohnmacht Gesunkenen ebenfalls die Hände auf den Rücken und schleppen sie zu den andern hinauf aufs Verdeck.
ZS|0|7|37|0|Seht, wie sie hier vor ihrem vermeintlichen Gemahl niederfällt, und denselben bittet mit aller Macht und Kraft, die einem weiblichen Herzen nur möglich ist, und ihm alles Mögliche vorstellt, wie unschuldig sie auf diesen Schreckensort verurteilt wurde, und wie schändlich er ihr Unglück benützt hatte, sie, die so rein wie die Sonne war, zu benützen ärger denn eine englische Matrosen-Bordellshure.
ZS|0|7|38|0|Seht hin, und nehmt euch ein Beispiel von einem Menschen, der sich zur christlichen Religion bekennt!! — Seht, wie er großherrlich dem Gefangenenwärter befiehlt, der schreienden Bestie den Mund zu stopfen, und sie, so sie nicht wie die andern ganz ruhig sich verhalte, alsogleich mit dreißig Peitschenhieben zu belegen. Allein alles dieses schreckt sie nicht ab, wenn ihr auch der Mund verstopft ist, durch allerlei Gebärden und Ströme von Tränen aus den Augen den Unmenschen zu bewegen, sie doch wenigstens zu töten, wenn sein Herz keines anderen Mitleids mehr fähig sein sollte.
ZS|0|7|39|0|Allein seht her, die Wirkung ihrer Bitte! Seht, wie sie zwei Schergen an den kleineren Mast mit einem Strick anbinden über die Brust und über die Füße, und seht, wie schändlich grausam die arme Unglückliche von dem Gefangenenzüchtiger ungezählt gepeitscht wird.
ZS|0|7|40|0|Nun seht, nachdem ihre Füße ganz von oben bis unten mit der scharfen Peitsche zerhauen sind, wird sie losgelöst und alsogleich mit den andern Verbrechern auf Stricken über Bord in kleinere Fahrzeuge gelassen, und also blutend ans unglückliche Land gebracht und sogleich zur Verfügung dem betreffenden Kolonisten vom Gouverneur zugeteilt.
ZS|0|7|41|0|Meint ihr, dass man sie alldort in irgendein Spital gebracht hat? Da irrt ihr euch! Das Pflaster auf solche Wunden besteht in nichts anderem, als dass eine solche eine halbe Stunde lang sich ins Meer, wo es sehr seicht ist, setzen darf. Das ist die berühmte Heilart dort zu Lande. Es hilft zwar; aber denkt euch den brennenden Schmerz, besonders bei einem so reizbaren Mädchen!
ZS|0|7|42|0|Nun, hier sind wir fertig. Wir wollen nur noch einen kleinen Blick machen, was mit diesen Unglücklichen nun ferner geschieht. Seht, da mehr im Innern, ungefähr nach eurer Rechnung hundert Meilen von der Küste, da seht, wie diese Armen mit ihren Werkzeugen unter der Leitung mehrerer Aufseher mit allen den euch von der Beschreibung dieses Landes ein wenig bekannten Übeln kämpfen müssen; wie sie gleichsam zwischen zwei Feuern stehen.
ZS|0|7|43|0|Da heißt es wahrlich nach eurem Sprichwort: Vogel, friss oder stirb! Was macht sich da ein solcher Hauptkolonist daraus, ob zwanzig oder dreißig seiner meistens noch mit Fesseln belegten Untergebenen von Schlangen verzehrt werden, oder ob sie oft in dem klafterhohen Gras in plötzlich durchbrechende Sümpfe versinken, oder ob einer oder der andere von den bekannten Adlern angefallen und zerfleischt wird; oder wenn zur Ausrottung einer irgendwo aufkeimenden euch bekannten Giftpflanze noch mehrere zu Grunde gehen.
ZS|0|7|44|0|Seht, aus allem dem macht sich ein solcher Kolonist wenig oder gar nichts; denn für sein Haus ist er hinreichend versorgt, auch ohne solche neu hinzugekommenen Arbeiter.
ZS|0|7|45|0|Wenn er allenfalls durch solche neuen Vordrangsversuche dem Land wieder einen bedeutenden Teil abgewinnen kann, so ist es ihm recht; wenn aber solches durch all die grausamen Versuche fehlschlägt, so macht er sich auch nichts daraus; denn er ist, wie er selbst sagt, ohnehin versorgt.
ZS|0|7|46|0|Ihr werdet vielleicht meinen, dass, so diese Verbrecher ein neues Stück Land urbar gemacht haben, dasselbe werde dann vielleicht einem oder dem andern zum zinsbaren Eigentum eingeräumt.
ZS|0|7|47|0|O nein, sage Ich; ein solcher Kolonist benützt das Land zu ganz andern Zwecken. Er lässt wohl hie und da Arbeitshütten errichten; aber was immer der Boden trägt, gehört von A bis Z sein.
ZS|0|7|48|0|Die Arbeiter haben nichts als die elendeste, kaum genießbare Kost, und wenn sie manchmal nicht völlig verhungern wollen, fangen sie Schlangen und Eidechsen zusammen, schlagen ihnen die Köpfe weg, und braten sie am Strohfeuer und verzehren dieses Fleisch mit dem größten Appetit; denn da heißt es wahrlich auch wieder nach eurem Sprichwort: Der Hunger ist der beste Koch.
ZS|0|7|49|0|Ja, dieser Hunger geht oft bei einigen so weit, dass sie sich nicht einmal die Zeit nehmen, eine solche Schlange zu braten, sondern, wenn der Kopf, Haut und Eingeweide abgenommen sind, so wird sie alsobald verzehrt.
ZS|0|7|50|0|Eine neue Plage für diese Armen ist noch das, dass sie besonders im nördlichen Teil auf Ureinwohner stoßen, welche gute Bogenschützen sind, und mit vergifteten Pfeilen sie zurücktreiben, oder sie nehmen solche gefangen und verzehren sie roh.
ZS|0|7|51|0|Seht, solche Annehmlichkeiten ohne Zahl und Maß haben diese Armen hier zu erleiden; und die Züchtigungen, die sie noch obendrauf von ihren Befehlshabern und Vorstehern empfangen, welche noch weit unmenschlicher sind als wie bei den Nordamerikanern, können hier im Vergleich mit den Landplagen in kein Verhältnis gestellt werden.
ZS|0|7|52|0|Und seht, so ist auch unsere Arme schon auch hier bei einer grasabschneiderischen Arbeit. Bei euch ist das Grasmähen freilich eine belustigende Arbeit; aber dahier haben die Arbeiter mit förmlichen Grasurwäldern zu tun, innerhalb deren undurchdringlichen Dickichten besonders zur Sommerszeit eine Unzahl von gewaltig stechenden Insekten hausen, welche dann über diese nackten Arbeiter dergestalt herfallen, dass nach einigen Tagen nichts mehr zurückbleibt als zusammenhängende Gerippe.
ZS|0|7|53|0|Geschieht diese Kultivierung aber im Winter, und zwar durchs Feuer, so geschieht es nicht selten, dass das Feuer oft so gewaltig wird, dass sich die Flammen auf dem Boden oft stundenweit durch das dürre Gras hinwälzen; und wenn die armen Brandleger nicht schnell genug ihre Flucht ergreifen, so werden sie entweder ganz verbrannt, oder doch oft am ganzen Leib stark feuerverwundet.
ZS|0|7|54|0|Das Ärgste aber ist das, wenn irgend das Feuer erstickte, so müssen dann die armen Brandleger oft stundenlang über solche oft noch glühheiße Asche laufen, um daselbst, wo das Feuer erstickte, dasselbe wieder neu anzufachen.
ZS|0|7|55|0|Es ist ihnen zwar wohl gestattet, eine gewisse Art Brettchen an die Fußsohlen anzubinden; aber oft verbrannten diese Brettchen schon im halben Lauf, und dann ist es einerlei, ihre Fußsohlen werden ihnen dessen ungeachtet noch gar oft bis zum Bein verbrannt.
ZS|0|7|56|0|Anderer noch unzähliger Leiden und Krankheiten, die in diesem Land heimisch sind, nicht zu gedenken! Von der Westküste brauche Ich euch nichts mehr zu sagen als das Einzige, dass es dort noch zehnmal unmenschlicher zugeht als im Osten, aus welchem Grund die Kolonisierung daselbst sehr schlechte Fortschritte macht.
ZS|0|7|57|0|Seht, von allem diesem ist nichts als die schändliche Habsucht der „moralischen“ und sogar „christlichen“ Menschen die Schuld.
ZS|0|7|58|0|Dass Ich nun solchen Gräueln nicht lange mehr zuzusehen vermag, werdet ihr ohne großes Nachdenken leicht begreifen; denn wahrlich, die Menschen türmen ihre Sünden bereits bis in den dritten Himmel.
ZS|0|7|59|0|Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen. Und somit Amen für heute; die achte Stunde wird euch noch Größeres und Merkwürdigeres verkündigen!
ZS|0|8|1|1|Achte Stunde
ZS|0|8|1|1|Das Äußere
ZS|0|8|1|1|Pazifische Inseln. Ausbeutung und Misshandlung der gutmütigen Inselbewohner.
ZS|0|8|1|0|Nachdem wir das Festland Australien über- und durchblickt haben, so wollen wir nun noch den bedeutenderen Inseln einen kurzen Besuch abstatten, um auch da zu sehen, wie es alldort zugeht.
ZS|0|8|2|0|Ich sagte nur die bedeutenderen Inselstaaten; denn es gibt noch eine Menge von unzähligen kleinen Inseln im Weltmeer, welche aber samt und sämtlich entweder von den Festlanden, oder aber auch von den größeren Inselstaaten aus beherrscht werden.
ZS|0|8|3|0|Denn wahrlich, ihr dürftet nicht viel über tausend kleine Inselchen in dem Weltmeer ausfindig machen, welche nicht von der euch bekannten europäischen Hauptdespotie wären benagt und beschnüffelt worden.
ZS|0|8|4|0|Und diese haupt-weltstöberische Nation hat nur jene Inselchen mehr oder weniger ungeschoren gelassen, wo sie sich nach der allergenauesten Überzeugung (Durchforschung, d. Ed.) überzeugt hat, dass es alldort für ihr Rattengebiss nichts zu nagen gibt.
ZS|0|8|5|0|Seht nur her auf die Tafel; Ich will euch die ganze Erde von Pol zu Pol vor euren Augen ausbreiten, und es soll kein Punkt verschwiegen werden.
ZS|0|8|6|0|Seht her! Die große Strecke zwischen Asien, Australien und Amerika; seht die Menge der Inselchen, wie sie über den großen Wasserspiegel gleich den Sternen am Firmament hervorblicken! Damit ihr euch aber von der kaufmännischen Habsucht dieser weltstöberischen Nation einen Begriff machen könnt, so will Ich auch die Namen schriftlich zu einer jeden Insel hinzusetzen, wie sie gesetzt wurden von den habsüchtigen Entdeckern.
ZS|0|8|7|0|Nun, jetzt lest! Seht alle auch noch so unwirtbaren, entlegensten Schlupfwinkel der Erde! Seht nur auf die Schrift, und ihr werdet euch gleich überzeugen, für welche Nation der Erde alle Klimate zugänglich sind. Denn diese Menschen machen sich nichts daraus, ob ihnen unter dem Äquator die Segel vor Hitze brennend werden, oder ob sie auf der anderen Seite den dreivierten Teil des Jahres zwischen Eisbergen einfrieren, und ihre Schiffe oft viele Klafter unter dem Schnee begraben liegen.
ZS|0|8|8|0|Kurz und gut, ihr werdet wenig andere Namen finden als die dieser Weltwechsler. Daher wollen wir uns noch zu den bedeutenden Inselstaaten machen, um da das Tun und Treiben dieser Nation in Augenschein zu nehmen.
ZS|0|8|9|0|Seht daher über den östlichen Teil nördlich eine bedeutend große Insel unter dem Namen Neu-Guinea. Diese Insel wird ebenfalls zu Australien gerechnet. Sie hat auch nur wenige Berge, und ist der Entstehung nach jünger noch als Australien; denn Australien ist erst kaum etwas über 3 000 Jahre alt; die Insel Guinea aber ist nahe 700 Jahre jünger denn Australien.
ZS|0|8|10|0|Dieses Land wurde jedoch von einigen asiatischen Völkern um Vieles früher entdeckt denn Australien; und so haben es die Engländer und auch Holländer schon bei weitem kultivierter gefunden denn später das Festland Australien selbst. Was war nun natürlicher, als dass durch den Kanonendonner dieser weltsüchtigen Nation ein solcher Fund ohne Weiteres in den vollen Besitz genommen wurde?
ZS|0|8|11|0|Hier werden freilich keine Deportierten abgesetzt; aber die armen Einwohner dieser Insel sind selbst beinahe um kein Haar besser daran als die Sklaven in Nordamerika.
ZS|0|8|12|0|Diese Menschen werden zwar einigermaßen kultiviert; aber nicht etwa darum, dass sie gebildet würden ihrer selbst willen in der sogenannten christlichen Religion, oder in andern Wissenschaften, sondern nur aus der Ursache werden sie gebildet, aus welcher Ursache bei euch die Pferdewildlinge abgerichtet werden, d. h., um geschickter und tauglicher zu werden, englische Lasten zu tragen, für sie zu arbeiten und zu kämpfen, und wenn die Herren prassen, diesen hernach ebenfalls ein Lohn zum Teil wird, der nicht besser, sondern oft schlechter ist als der, den bei euch das Zugvieh nach getaner Arbeit erhält.
ZS|0|8|13|0|Denn diese Hauptweltmäkler wollen durchaus nicht das Brot im Angesichte ihres Schweißes essen, sondern sie stellen sich mit müßigen Händen an allen Enden der Erde auf, reißen ihr Maul weit auseinander und lassen sich von den ungerecht unterjochten Völkern, wie ihr zu sagen pflegt, die gebratenen Vögel ins Maul jagen.
ZS|0|8|14|0|Nun seht nur hierher in die Mitte der Tafel; da ist die Insel ganz ausgebreitet. Seht die Arbeiter an, wie sie beinahe ganz nackt unter den glühenden Strahlen der Sonne die schwersten Arbeiten verrichten müssen.
ZS|0|8|15|0|Seht, da steigen viele auf den Bäumen herum, und müssen von selben eine Art Wolle sammeln, die allda viel schöner und feiner ist denn eine ähnliche in Ostindien; wieder seht hier andere, die sich mit dem Anbau des Zuckerrohres beinahe Tag und Nacht beschäftigen. Seht hier wieder andere, die da in den Tiefen der Erde nach Gold und allerlei Edelsteinen wühlen müssen.
ZS|0|8|16|0|Seht hier wieder andere, die gleich Lasttieren ihre müßigen Herren in Sänften herumtragen müssen; und seht hier wieder andere, welche beim Bau von Befestigungswerken und großen Magazinen verwendet und um den schlechtesten Sold oft jämmerlich misshandelt werden.
ZS|0|8|17|0|Es wären noch eine Menge elender Situationen zu betrachten; allein wenn ihr dieses Wenige nur in den rechten Augenschein nehmt, so mag es euch genügen, wenn ihr noch das hinzusetzt, dass diese weltsüchtige Nation fast mit allen den eroberten Inselstaaten auf eine solche politische Weise zu Werke geht, wie es einst die Römer in Hinsicht auf das Fremdgöttertum gemacht haben.
ZS|0|8|18|0|Denn wenn sie sich überzeugen, dass irgend ein heidnisches Volk auf einer Insel gutmütiger Art ist, da wird vom Christentum nicht viel Erwähnung gemacht, sondern sie lassen sich dafür unterrichten in dieser heidnischen Religionsform; und wenn sie nun dadurch zur Einsicht gekommen sind, dass eine solche armselige Religion für ihren großen Weltbeutel besser taugt denn die christliche, so sagen sie, gleich Meinem lieben Paulus: Wir wollen alles mit allen sein, um von allen etwas zu gewinnen; freilich nicht wie Paulus, der allen alles sein wollte, um sie für Mich zu gewinnen, sondern wie schon gesagt, mit allen alles.
ZS|0|8|19|0|Nur wenn irgendeine heidnische Religion sehr eigennützige Grundsätze hat, da wird freilich die christliche Religion mit dem schwersten Kanonenkaliber gepredigt; und hat diese heidnische Nation die christliche Religion angenommen, so versteht sich dann schon von selbst, welcher alles umfassende Lohn — den Heilsverkündigern gebührt.
ZS|0|8|20|0|Und so seht her denn wieder auf die Tafel. Seht, wieder eine andere Insel. Sie wird Neu-Britannien genannt, und da seht etwas weiter herauf noch eine Insel, man nennt sie Neu-Irland. Ich meine, da werdet ihr nicht lange herumfragen dürfen, wer die Herren dieser bedeutenden zwei Inseln sind.
ZS|0|8|21|0|Seht, da unten besser, wieder eine bedeutende Insel, umgeben von mehreren kleineren Inseln: Neu-Kaledonien. Braucht nicht zu fragen, wer die Herren dieser bedeutenden Ländereien sind, und wie es dort zugeht; seht nur teilweise nach Nordamerika, Australien und Neu-Guinea.
ZS|0|8|22|0|Nun seht da herab südlich im östlichen Teil von Australien eine bedeutende, aber sehr magere und schwer zugängliche Insel: Van-Diemens-Insel (Tasmanien, d. Ed.) genannt. Seht, da sieht’s ziemlich mager aus; daher wird auch sogar den Holländern gestattet, dass diese Insel, wenn auch sonst nichts, so doch einen holländischen Namen trägt.
ZS|0|8|23|0|Trotz dieses holländischen Namens haben aber doch auch die Engländer sich den allerbesten Landungsplatz ausersehen. Nur der westliche Teil steht den Niederländern zollfrei offen.
ZS|0|8|24|0|Was aber den bedeutenden Fischfang im Osten anbelangt, so wissen da die Engländer recht wohl ihre Netze ins Meer zu tauchen.
ZS|0|8|25|0|Nun verlassen wir diese Insel, und wenden uns ziemlich südlich herab; da seht zwei sehr bedeutende Inseln nebeneinander, welche nur durch die sogenannte Koksstraße getrennt sind.
ZS|0|8|26|0|Es ist Neu-Seeland; und seht noch ein wenig südlicher, eine nicht unbedeutende Insel unter dem Namen Cornwallis. Seht, diesen Inseln haben die Engländer gegen einen bedeutenden Getreidetribut eine freie Souveränität gelassen. Das heißt, die Beherrscher dieser Inseln sind noch in ihrem Amt gelassen, und zwar aus verschiedenen Gründen.
ZS|0|8|27|0|Der Hauptgrund ist dieser, weil den Engländern auf diese Weise die Regierung dieser äußerst weit entlegenen Länder nichts kostet, und weil sie ihnen vermöge ihrer äußerst gastfreundlichen Gesinnung, wie schon früher erwähnt wurde, sehr zusagt, aus welchem Grund das Christentum hier auch sehr magere Fortschritte macht.
ZS|0|8|28|0|Der zweite Grund, warum diese weltsüchtige Nation gegen diese Länder noch keine stärker donnernden Expeditionen unternommen hat, sind die damit verbundenen zu großen Unkosten.
ZS|0|8|29|0|Der dritte Grund ist dieser, weil dieses Land großen Schiffen vermöge der häufigen Stürme und der vielen Klippen und Sandbänke nicht leicht zugänglich ist.
ZS|0|8|30|0|Und so gäbe es noch verschiedene andere eigennützige Gründe, warum diese entfernten, aber doch sehr fruchtbaren Seeländer noch nicht vollends in die despotischen Klauen dieser weltberühmten Nation gekommen sind.
ZS|0|8|31|0|Aber nun seht, da fahren eben einige englische Schiffe, welche da sind ein Mittelding zwischen Kauffahrtei- und Kriegsschiffen, wie ihr seht, gerade nach diesen Ländern; denn jetzt ist alldort schon das Getreide und andere brauchbare Früchte eingebracht. Denn ihr werdet wohl wissen, dass euer Frühling alldort der Herbst ist.
ZS|0|8|32|0|Seht, und so werden diese Schiffe gerade zur rechten Zeit dahin gelangen. Zählt sie einmal, wie viel ihrer sind? Seht eine ziemliche Karawane mit groß und klein gerechnet 170 an der Zahl; aber damit ihr ihr Tun und Treiben alldort in den Augenschein nehmen mögt, so will Ich im Geiste diese Schifffahrt beschleunigen.
ZS|0|8|33|0|Nun seht her; wir sind schon an Ort und Stelle. Seht, wie diese armen Völker, meistens noch echte Kainiten, vollbeladen mit Körben und von den Engländern eigens dazu hinterlassenen Säcken und Kisten an die Küste eilen, um den vermeintlichen Göttertribut abzustatten; denn diese Armen halten diese Weltsüchtigen für Wesen höherer Art, die zur Erde mittels solcher schönen schwimmenden Häuser von den Wolken gestiegen sind, auf dass sie nach ihrer Meinung am Ende ihrer Welt die Opfer empfingen, die ihnen gebührten.
ZS|0|8|34|0|Dass sie solche höhere Wesen sind, schließen sie daraus, weil sie von diesen Häusern ebenso gut blitzen und donnern, und gewaltige Donnerkeile werfen, wie aus den Wolken.
ZS|0|8|35|0|Da nun die Tributsnehmer mit solchen Volksschwächen vertraut sind, so geben sie ihre Ankunft auch durch den Kanonendonner zu erkennen, und wenn sie nach einem Aufenthalt von einigen Wochen alles in ihre Schiffe eingepackt haben, so wird dann als Bezahlung diesen armen Völkchen noch ein großartiges Kanonen- und Raketen-Spektakel gegeben und dieses Spektakel sagt dann den Einwohnern, dass die Götter hinreichendes Opfer bekommen haben.
ZS|0|8|36|0|Damit aber einen solchen Gratisfund auch nicht irgendeine andere Nation macht, so sind kleine Inseln, die diese großen Inseln umgeben, gar wohl mit englischen Forts versehen.
ZS|0|8|37|0|Und so sind dadurch diese drei großen Länder selbst als immerwährend gefangen; denn an den einigen Punkten, da diese Länder landungsfähig sind, haben die Engländer ihre Feuerschlünde kreuz und quer aufgepflanzt.
ZS|0|8|38|0|Wo aber das Land, wie schon gesagt, unzugänglich ist, da bedarf es auch keiner Wachen. Und so sind diese Welt- und Wassersüchtigen trotz der Souveränität dieser Länder als die Beherrscher von der Küste bis ins Innerste anzusehen.
ZS|0|8|39|0|Hier üben sie freilich keine Grausamkeit aus, d. h., sie schwingen nicht ihre Sklavenpeitsche und Höllenfackel über diese Armen; aber Ich sage: Eben hier ist der Ort, wo diese Menschen sich selbst zu den größten Scheusalen der Erde herabstempeln.
ZS|0|8|40|0|Denn so lange irgendein Mensch aus Habsucht und Geiz seine Mitmenschen tyrannisiert, so ist er wohl zu vergleichen [mit] einem Teufel, der ein barer Diener des Satans ist; denn mag die Tyrannei noch so arg sein, so ist doch wenigstens gewiss, dass der misshandelte Teil wenigstens bis in den innersten Tropfen des Marks gedemütigt wird, und es wird ihm, wenn auch auf eine tyrannische Weise, doch wenigstens ein Begriff vom Christentum beigebracht, in Folge dessen solche Arme im Hinblicke auf Mein Kreuz ihr Elend erträglich und verdienstlich erdulden.
ZS|0|8|41|0|Aber wo aus schändlicher Habsucht ein Volk von allem höheren Licht gänzlich ab- und ausgeschlossen wird, und auf der andern Seite aber dessen ungeachtet lügenhafterweise aller Welt ausposaunt wird, welche segenvolle Fortschritte solche Nation macht, während sie im Geheimen in der schändlichsten Finsternis gelassen wird; höret, solche Kunststücke vermag kein Teufel auszuführen, sondern da muss ein Großmeister Hand ans Werk legen.
ZS|0|8|42|0|Seht, das ist und gehört zu den größten Gräueln der Erde! Wahrlich, so ein Tyrann tausend unschuldige Menschen durch ein ganzes Jahr hindurch mit den schauerlichsten Marterwerkzeugen möchte um das Leben bringen, dass seine Marterei eine wäre, wie sie keines Menschen Zunge auszusprechen vermöchte, so möchte Ich ihm eher Gnade erzeigen, als solchen Scheusalen aus dem Arschloch des Höllenfürsten.
ZS|0|8|43|0|Ihr seht diese unaussprechliche Grausamkeit freilich wohl nicht gar so ein, als wenn ihr sehen würdet, wie auf einer andern Insel die Menschen bei den Füßen an einen Baumast aufgehängt werden, so dass der Kopf zur Erde hinab reicht, allda sie dann von einer eigenen Art kleiner grüner Ameisen verzehrt werden, und oft am sechsten oder siebten Tag unter den unaussprechlichsten Schmerzen ihr Leben aushauchen, und dann erst so lange hängen bleiben, bis der letzte Marktropfen aus ihren Gebeinen von den besagten Ameisen verzehrt worden ist.
ZS|0|8|44|0|Ja, Ich sage, euch würden die Haare an der Stelle schneeweiß zu Berge steigen, wenn ihr auf einem andern Ort sehen würdet, wie die Menschen an große Schleifsteine gehalten bis auf die letzte Faser zusammen geschliffen werden, ja, ihr würdet eure Augen unvermeidlich schließen, wenn ihr auf einer andern Insel Menschen mit geknebelten Armen und Füßen auf Baumästen an den Geschlechtsteilen würdet aufgehängt antreffen, und das weibliche Geschlecht aber, durch die Schamlippen einen Strick gezogen, hernach erst an den Füßen des männlichen Geschlechtes hängend.
ZS|0|8|45|0|Ich könnte euch dergleichen Grausamkeiten noch in einer Unzahl anführen; allein ihr würdet darinnen nichts erblicken als allerlei Kreuzigungen, durch welche den Menschen das irdische Leben genommen wird.
ZS|0|8|46|0|Aber seht, alle diese Grausamkeiten sind kaum als ein Tautropfen gegen das Weltmeer zu betrachten, was eigentlich eine solche geistige Misshandlung der armen Menschheit ist; denn mag jemand vom Leib ein Glied nach dem andern trennen, so wird der Leib eine solche Marter nur bis auf einen gewissen Grad aushalten.
ZS|0|8|47|0|Ist es der Seele einmal zu bunt geworden, dann löst sie sich alsobald von ihrer Hülle in Vereinigung mit dem Geist ab, und da mag hernach der Tyrann den Leib zwicken, geißeln, brennen, schleifen, und kurz, was für Grausames ihm noch beliebt mit denselben vornehmen, so ist das nicht viel anders, als so jemand von euch seinem ausgezogenen Rock solches antun möchte; denn der Leib ist nur so lange schmerzfähig, als die Seele in selbem haftet.
ZS|0|8|48|0|Hat sich diese empfohlen, wenn es ihr zu bunt geworden ist, so hat auch, wie schon gesagt, aller Schmerz aufgehört.
ZS|0|8|49|0|Allein eine solche Misshandlung der Seele und des Geistes, eine solche gewinnsüchtige Anlegung der Sklavenketten dem unsterblichen Geist, das ist mehr, ja, Ich sage, unendlichmal mehr als alle körperlichen Grausamkeiten, die auf der ganzen Erde verübt werden. Denn meint ihr, es sei ein Leichtes, solche Sklaven-Geister in ihrer Freiheit hernach zu bekehren?
ZS|0|8|50|0|O seht, der menschliche Geist ist ein freier Geist; wenn er aber einmal eine Richtung genommen hat, wer vermag sie zu ändern, um den Geist nicht zu vernichten?
ZS|0|8|51|0|Und denkt euch, wie es um das Herz des Vaters sein kann, wenn Er gleich einem sorgsamen Hauswirt untätig zusehen muss, wie Ihm der Hagel Seine Früchte vernichtet.
ZS|0|8|52|0|Daher sage Ich: Wehe euch Tyrannen, ihr werdet mit euren Brüdern, den Teufeln, ihr Los teilen; aber unendlichmal wehe euch, die ihr Macht in den Händen habt, allen Völkern der Erde ein wahres Licht zu bringen, und ihr tut es nicht, sondern schleudert dieselben aus schnöder Habsucht und Weltgier noch in größere Labyrinthe der Finsternis, als sie zuvor in ihrer Unschuld gelegen sind.
ZS|0|8|53|0|Ja, Ich sage noch einmal: Unendlichmal wehe euch, wenn der zahlende Tag für euch kommen wird; wahrlich, ihr werdet empfangen, was Meine Gottheit in Ihrer allerinnersten Tiefe Ihres Zornfeuers zu erfinden und zu erdenken vermag! — Mehr brauche Ich nicht zu sagen.
ZS|0|8|54|0|Denn einen Menschen um seinen Gott zu bringen, ist der Gräuel höchster; mehr brauche Ich euch nicht zu sagen.
ZS|0|8|55|0|Mein Wort zu den niedrigsten, habsüchtigen und geizigen Zwecken zu gebrauchen, ist ebenso wie alles Vorhergehende der Gräuel höchster; mehr brauche Ich euch durchaus nicht zu sagen!
ZS|0|8|56|0|So auch, was die anderen Inselstaaten bis auf Japan, darüber die neunte Stunde handeln wird, betrifft, so ist bis auf eine Insel in der Mitte des Weltmeeres unter dem Namen Otaheity (Tahiti, d. Ed.) beinahe dasselbe wie bei den früheren Inseln der Fall.
ZS|0|8|57|0|Mit dieser Insel geht es auch beinahe wie mit Neuseeland; nur dass man hier auf einigen Punkten derselben fürs Erste europäische Waffenübungen eingeführt hat, und hie und da auch das Christentum; denn diese Insel, so klein sie auch gegen die andern ist, so versieht sie aber jetzt beinahe die sämtlichen englischen Inselstaaten mit Schwefel und bestem Salnitersalz, aus welcher Ursache dort auch sehr bedeutende Pulverfabriken angelegt sind; denn der Boden dieser Insel ist beinahe pur Schwefel, aus welchem Grund sich alldort auch einer der größten Feuerspeier befindet, dessen Krater mehrere Stunden im Umfang hat, und stets voll glühender Lava ist.
ZS|0|8|58|0|Und somit genüge es euch für die heutige achte Stunde; denn vermöge der kleinen Einleitung, die Ich euch in dieser Stunde sowohl körperlich als geistig gegeben habe, wird euch die nächstfolgende neunte Stunde anschaulichere Aufschlüsse verschaffen. Amen.
ZS|0|9|1|1|Neunte Stunde
ZS|0|9|1|1|Das Innere
ZS|0|9|1|1|Japan. Abkapselung und Zustand des Staates. Menschenopfer. Christenverfolgung. Nachtrag.
ZS|0|9|1|0|Nachdem wir den Süden der Erde durchwandert haben, und da die Verhältnisse durchschaut, wohlgemerkt, mehr dem Innwendigen denn dem Äußern nach, so wollen wir nun wieder zur nördlichen Erdhälfte zurückkehren, und, wie schon vorläufig erwähnt, dem Inselstaat Japan einen kurzen Besuch abstatten.
ZS|0|9|2|0|Doch, wie schon bekannt, werden wir keine Jahre und Monate brauchen, um dahin zu gelangen, sondern seht nur her auf die euch schon wohlbekannte Tafel, der ganze heidnische Inselstaat liegt schon ausgebreitet vor euren Augen.
ZS|0|9|3|0|Betrachtet nur einmal die Küsten; seht, wie schaurig sie von ihren hohen Klippenzinnen hinab in die sturmbewegte See starren. Seht ringsum, und ihr werdet wenig Punkte antreffen, die mit der Fläche des Meeres in gleicher Ebene lägen.
ZS|0|9|4|0|Seht, hier im Süden ist ein einziger Punkt, der landungsfähig ist, zu dem auch vermöge der innern Verfassung einige fremde Nationen ihre Schiffe steuern können.
ZS|0|9|5|0|Was die andern wenigen Landungspunkte für Inländer betrifft, so sind diese fürs Erste weniger oder oft gar nicht zugänglich, und fürs Zweite ist es von der dortigen sogenannten allerstrengsten und allergerechtesten Regierung auch aus folgenden Gründen nicht gestattet, dass Ausländer irgend anderswo landen dürfen denn auf dem bestimmten Landungsplatz.
ZS|0|9|6|0|Damit fürs Erste diese Orte von den ausgearteten Menschen nicht entheiligt werden möchten, und fürs Zweite, da die Fremdlinge der großen Gefahren dieser anderen kleinen Landungspunkte nicht bewusst sind, und daher unvermeidlichen Schaden und Untergang finden würden.
ZS|0|9|7|0|Der dritte Grund aber ist der, weil sich eben dieser Regent im alleinigen Besitz aller Künste, Gewerbe und Geheimnisse wähnt, so ist er in der beständigen geizigen Furcht, dass, wenn solches den Fremdlingen bekannt werden möchte, es mit seinem Wohlstand geschehen wäre; daher hat er auch nur einen einzigen Landungspunkt bestimmt, allda solche nach seiner Meinung außerordentliche Produkte aus besonderem gerechten Mitleiden verhandelt werden.
ZS|0|9|8|0|Denn er ist fest der Meinung, wie auch seine ganze Nation, dass er allein sich im Mittelpunkt der Welt befindet, und dass alle Fremdlinge von der ganzen Welt zu ihm kommen müssen, um von seinen außerordentlichen Landesprodukten zu kaufen, dadurch zu einem Besitz zu kommen, und aus diesem Besitz sich einen Begriff machen zu können, zu welcher Vollkommenheit das Zentralfürstentum der Welt gediehen ist; ja, er ist wirklich der Meinung, dass die Menschen auf den übrigen Punkten der Erde gar nicht die Fähigkeit besitzen, nur zu ahnen, wie ein gar simples Binskörbchen verfertigt wird.
ZS|0|9|9|0|Wenn er auch Kunde erhält, dass die Schiffe der Fremden außerordentlich künstlich gebaut wären, so werden auf eine solche Nachricht die Berichterstatter allzeit gewaltig geprügelt, da ein solcher Bericht als eine offenbare Majestätsbeleidigung angesehen wird. Und wenn er dann einen oder zwei Kommissäre dahin beordert, um sich heimlich zu überzeugen, ob die Sache sich wirklich so verhält,
ZS|0|9|10|0|und kommen diese dann mit der Nachricht zurück und bestätigen den Bericht, so wird eine solche Bestätigung als ein förmlicher Landesverrat angesehen; denn es spricht dieser Monarch: Wenn solches nicht durch irgendeinen meiner Untertanen an die Fremden wäre verraten worden, wie wäre es sonst möglich, dass diese dummen Fremden in den geheimnisvollen wissenschaftlichen Besitz gekommen wären, sich Häuser aus dem Holz zu erbauen, die sie über die Fluten des Meeres zu tragen vermöchten; denn solches verstehen nur wir, das auserwählte Volk der Mitte der Erde!
ZS|0|9|11|0|Und sogleich werden dann von der Haupt- und Residenzstadt abgeordnete Untersuchungs-Kommissäre in alle drei Länder beordert, die Küstenvölker in aller Strenge zu untersuchen, von wo aus ein solcher Verrat gegangen ist.
ZS|0|9|12|0|Und wenn die Kommissäre nichts gefunden haben, so werden sie bei ihrer Rückkunft ebenfalls tüchtig durchgeprügelt, und auf drei Jahre ihres Dienstes entlassen, binnen welcher Zeit sie dann wieder über Hals und Kopf studieren müssen, und zwar unter den allerrigorosesten Professoren von der Welt.
ZS|0|9|13|0|Nach beendeter Studienzeit erfolgt dann eine außerordentlich strenge Prüfung. Wer die Prüfung besteht, wird wiedereingestellt, wer sie aber nicht besteht, der wird abermals geprügelt, und muss die Studien wieder von vorne anfangen.
ZS|0|9|14|0|Während der Zeit aber solche Kommissarien wieder ihre Strafstudien durchmachen müssen, werden sogleich Stellvertreter allergnädigst ernannt.
ZS|0|9|15|0|Diese Ernennung geschieht auf folgende Weise: Es werden nämlich neun sogenannte Praktikanten von seiner gerechtesten und allergestrengsten Majestät vorgerufen, und von derselben mündlich geprüft.
ZS|0|9|16|0|Diese Prüfung besteht darin, dass sie fürs Erste alle Fabrikationen des Landes aufzählen müssen, und wie diese bereitet werden. Dann müssen sie alle Berge, alle Flüsse, alle Täler und Ebenen, alle Tiere, seien es zahme oder wilde, alle Bäume, Pflanzen und Kräuter buchstäblich benennen und aufzählen. Ferner müssen sie die Namen von allen Untertanen genau angeben, und wo jeder sich befindet, und was er besitzt.
ZS|0|9|17|0|Und schließlich müssen sie noch den ganzen Namen des Kaisers aussagen, was eigentlich das Allerschwerste für die Praktikanten ist. Denn dieser Name ist so lang, dass ihr denselben nach einer mittelmäßig großen Schrift auf einen wenigstens eine Meile langen Papierstreifen mit einer Zeile kaum aufschreiben würdet, und enthält alles, als da ist die eingebildete unendlich lange Stammlinie, dann alle Dinge und Gewerbe des Landes, und so auch die Namen von allen seinen Untertanen.
ZS|0|9|18|0|Wenn ihr nun das bedenkt, so werdet ihr wohl einsehen, welche Anstrengung des Gedächtnisses dazu erfordert wird, um sich diesen Namen, wie ihr zu sagen pflegt, auswendig zu merken. Ihr werdet nun fragen, wozu ein so langer Name?
ZS|0|9|19|0|Dieses kann euch sehr leicht begreiflich erörtert werden, weil er, der Monarch nämlich, darinnen seine ganze Herrlichkeit, Geschichte und Besitztum aufgezeichnet hat.
ZS|0|9|20|0|Es haben zwar auch andere Personen im Land sehr lange Namen; aber länger darf bei Strafe des Todes keiner sein als der des Monarchen.
ZS|0|9|21|0|Daher wird auch in dieser Hinsicht sehr viel Studium auf den Namen des Monarchen gesetzt, damit sie ihre eigenen Namen mit dem Namen des Monarchen der Länge nach vergleichen können.
ZS|0|9|22|0|Und wenn da jemand wegen ebenfalls sehr alter Herkunft findet, dass sein Name noch länger ist als der des Monarchen, so nimmt er das Namensprotokoll, und trägt es heulend mit zerrissenem Gewand hin vor den Monarchen, und bittet um die Strafe und um die gänzliche Vernichtung seines Namens.
ZS|0|9|23|0|Und wenn der Monarch den Namen mit einem Zirkel ausgemessen und gefunden hat, dass er wirklich noch um zwei Klaftern länger ist, so werden sechs Klaftern von dem Namen abgestochen und verbrannt. Dem Bittsteller wird dann allergnädigst die gehörige Anzahl Prügel verabfolgt, und sonach ihm erst der verkürzte Name überreicht.
ZS|0|9|24|0|Und nun gehen wir wieder auf unsere Praktikanten zurück. Haben drei oder vier die Prüfung bestanden, so wird ihnen sogleich auch nach eurer Sprache das Anstellungsdekret überreicht, und mit dieser Überreichung aber auch sogleich die Pflicht, sich als Kommissarien an Ort und Stelle zu begeben, um den früher besprochenen Landesverrat zu entdecken, auferlegt.
ZS|0|9|25|0|Diese aber sind dann gewöhnlich um ein Haar klüger als die früheren; sie verweilen bei dieser Untersuchung gewöhnlich 1, 2 bis 3 Jahre, und sinnen während dieser Zeit auf eine kluge Finte, um ihren Monarchen zu übertölpeln, und wenn sie da zurückkehren, bringen sie gewöhnlich mehrere bestochene Zeugen mit, welche dann aussagen, dass nach diesem schauerlichen Ereignis der Blitz noch dreimal in die Stelle einschlug, und dass darauf alle Anwesenden den großen Gott in der Sonne gepriesen haben, dass er ein so großes Zeichen zur Verherrlichung des großen Fürsten vor dessen Volk getan hat.
ZS|0|9|26|0|Jetzt werdet ihr vielleicht fragen, warum waren denn die ersten drei nicht so pfiffig als die Nachfolger?
ZS|0|9|27|0|Und ihr werdet euch wundern, wenn Ich euch sage, dass die ersten drei noch pfiffiger waren als ihre Nachfolger; denn sie werden nun alsogleich von ihren Studien befreit, und als vollkommen rechtliche, gestrenge und wohlwissenschaftliche Staatsmänner von dem Monarchen mit eigenem Mund anerkannt, und gelangen auf diese Art zur höchsten Würde, vermöge welcher ihnen sogar gestattet wird, viermal im Jahr das Kleid des Monarchen anrühren zu dürfen, und sind dadurch von aller ferneren Prügelei exemt (befreit, d. Ed.). Denn wenn sie auch den Tatbestand nicht so erhoben haben wie ihre Nachfolger, so macht das nichts, sondern hier gibt einzig und allein die große Treue den Ausschlag.
ZS|0|9|28|0|Die Nachfolger aber kommen dann als wirklich angestellte Staatsbeamte auf die Stufe ihrer Vorgänger. Ihr müsst euch nicht etwa denken, das sei dort zu Lande etwas Unbedeutendes.
ZS|0|9|29|0|Ein Beamter, der viermal im Jahr das Kleid des Monarchen berühren darf, ist etwas so Außerordentliches im Land, dass, so er auf der Straße wandelt, oder in einer Sänfte getragen wird, alles Volk bei Strafe des Lebens auf das Angesicht vor ihm niederfallen muss; und ein Wort von ihm zu jemanden gesprochen ist etwas so Außerordentliches, dass der Betreffende oft drei Tage lang die Stelle nicht verlässt, wo ihm eine solche Gnade zuteil geworden ist.
ZS|0|9|30|0|Und ist das Wort ein ungünstiges gewesen, hat der Beamte dem Betreffenden etwa einen Verweis oder eine andere Unannehmlichkeit, als etwa einen Tiernamen oder eine sonstige unehrbare Sache, zugesprochen, so fängt der Betreffende augenblicklich an zu heulen und zu wehklagen, und bittet den hohen Beamten um eine gnädigste Strafverleihung, welche ihm auch ohne viel Umstände bewilligt wird.
ZS|0|9|31|0|Und sofort setzt er seine Bitte an den hohen Staatsmann, dass derselbe ihm die Strafe ja nicht zu glimpflich verhängen solle, sondern ihn nach seiner Strenge, Gerechtigkeit und Lust möchte vollprügeln lassen.
ZS|0|9|32|0|Wenn dann der Staatsbeamte solche Bitte in sein allergnädigst geneigtes Ohr vernommen hat, so befiehlt er alsogleich seiner sehr reichlichen Dienerschaft, den betreffenden Supplikanten an den Händen und Füßen zu erfassen, ihn von der Erde zu heben; und wenn dieser sich hernach in der Mitte von acht Dienern in der Luft schwebend befindet, so kommt dann der Prügelmann mit der Bambusknute, und prügelt diesen Supplikanten so lange, bis der hohe Staatsbeamte ihm ein Zeichen gibt, dass mit diesem Streich seine Gnade zu Ende ist.
ZS|0|9|33|0|Sodann wird der Supplikant, halb zu Tode geprügelt, wieder auf die Erde niedergelegt, und seine Nachbarn kommen hinzu, und preisen um den Geprügelten die hohe Weisheit, Gerechtigkeit und Strenge des Beamten.
ZS|0|9|34|0|Ihr werdet vielleicht auch von dem Volk dafür dem Monarchen einen Preis darzubringen (zu sehen, d. Ed.) wünschen. Allein solches geht in diesem Land nicht, denn alldort steht der Monarch zu hoch, als dass er dürfte von dem gemeinen Volk gepriesen werden.
ZS|0|9|35|0|Solches und noch einiges dergleichen ist eigentlich der beste Teil dieser Verfassung; wenn wir solchen haben kennen gelernt, so ist es auch füglich, dass wir den schlimmen Teil ein wenig beleuchten.
ZS|0|9|36|0|In dieser Hinsicht geht es hier wahrlich wie nirgends anders in der Welt zu. Fürs Erste hat in diesem Land niemand ein Eigentum, sondern alles ist ein ausschließendes Eigentum des Monarchen.
ZS|0|9|37|0|Jedem Menschen oder vielmehr jeder Klasse ist genau vorgeschrieben, was er und wie viel er arbeiten muss.
ZS|0|9|38|0|Es ist ihm vorgeschrieben die Kost, wie auch die Kleidung; es ist ihm vorgeschrieben die Wohnung und der Bezirk, aus dem er sich außer einem besondern Staatsbefehle nie entfernen darf.
ZS|0|9|39|0|Ferner ist ihm vorgeschrieben, wie viel Weiber er haben und wie viel Kinder er mit seinen Weibern zeugen darf.
ZS|0|9|40|0|Es ist ihm vorgeschrieben, was er von dem Erzeugten beim letzten Tropfen des Gesetzes abzuliefern hat.
ZS|0|9|41|0|Den Bewohnern der Küste ist auf das Strengste vorgeschrieben, außer dem bestimmten Handelsplatz für Fremde nichts hintan zu geben. Es ist ihnen vorgeschrieben, einen Fremden außer dem bestimmten Platz, unter was für immer einer Bedingung, nie das japanische Land betreten zu lassen.
ZS|0|9|42|0|Und so sind auch alle Handelsartikel genau vorgeschrieben, was da an Fremde darf hintan gegeben werden, und was die Fremden dafür bieten dürfen; und ist ihnen ferner noch auf das Strengste vorgeschrieben, dass von den Fremden nie mehr als einer in dem Ort als Dolmetsch verbleiben darf, welcher aber von dem Augenblick, da er als solcher angenommen wurde, sich nie mehr von der Küste entfernen darf.
ZS|0|9|43|0|Er muss seine Sprache noch obendrauf dreien japanesischen Kommissären beibringen, und darf aber dessen ungeachtet sich nie auch nur eine Stunde Weges in das Innere des Landes begeben.
ZS|0|9|44|0|Seht, das ist ungefähr der Auszug der japanesischen Verfassung. Ich sage: ungefähr, weil dieses Land durchaus kein sogenanntes bestehendes Staatsgesetz hat, sondern das lebendige Staatsgesetz ist der jewaige bestehende Fürst und seine obersten Staatsbeamten, und es liegt beinahe ganz in ihrer freien Willkür, für jeden vorkommenden Fall alsogleich ein neues Gesetz zu kreieren.
ZS|0|9|45|0|Denn ihr könnet euch wahrlich keinen Begriff machen, nach welchem kleinlichen Umstand alldort das Gesetz eine ganz andere Strafe über irgendein Verbrechen verhängt. Ich will euch nur ein einziges kleines Beispiel anführen. Es ist jemandem sein Bezirk ausgemessen angewiesen, außerhalb dessen er sich nicht bewegen darf.
ZS|0|9|46|0|Jemand hat sich die Grenze nicht genau gemerkt, und nur einen halben Fuß über den Faden gesetzt. Wenn solches sein Nachbar bemerkt, so meldet er es wieder seinem nächsten Nachbar, und dieser wieder seinem nächsten, bis es dann an die Wohnung des sogenannten Bezirkswächters gelangt.
ZS|0|9|47|0|Dieser begibt sich dann mit einem Zirkel sobald an Ort und Stelle, und bemisst genau den Übertritt. Ist der Übertritt etwas über den halben Fuß, so sind dafür sofort 100 Prügel als Strafe dem Übertreter zu verabfolgen.
ZS|0|9|48|0|Wenn aber der Bezirkswächter befunden hat, dass wenigstens ¾ des Fußes über die Linie gesetzt worden sind, so erhöht dieser Umstand die Strafe beinahe ums Doppelte.
ZS|0|9|49|0|Wenn aber jemand den ganzen Fuß über die Grenze gesetzt hat, so bekommt er fürs Erste eine ungezählte Masse Prügel, und dann wird er erst durch drei Tage an einen Pfahl gebunden, um daselbst sich die engste Grenze anzugewöhnen.
ZS|0|9|50|0|Wenn ein solcher Fall siebenmal vorkommt, so wird ihm alsobald der Fuß, so weit er denselben außer der Grenze gesetzt hat, abgehauen.
ZS|0|9|51|0|Wer aber ohne gerichtliche Erlaubnis sich unterfangen hätte, nur einige Schritte außer seinem Grenzbezirk zu tun, der wird entweder im Wege der Gnade aufgehängt, oder zu Tode geprügelt. Und geht es nicht auf dem Wege der Gnade, so wird er nackt auf ein Kreuz gebunden, und da so lange oben gelassen, bis er gestorben ist; jedoch steht ihm selbst am Kreuz noch vermöge gewaltiger Bitte die Gnade offen, durch einen Lanzenstich getötet zu werden.
ZS|0|9|52|0|Seht, aus diesem kleinen Beispiel könnet ihr euch schon einen Begriff machen, wie es in diesem Land aussieht; und es ist die Einrichtung so getroffen, dass außer den bekannten hohen Staatsbeamten niemand von der Todesstrafe ausgenommen ist.
ZS|0|9|53|0|Und so treibt hier gewisserart ein Keil den andern. Nie wird man einen Fall erleben, dass ein unterer Beamter wegen allfälliger Grausamkeit zur Verantwortung und Strafe gezogen wird; wohl aber, wenn er sich nur im Geringsten irgendwo eine Fahrlässigkeit erwiesenermaßen hat zu Schulden werden lassen.
ZS|0|9|54|0|Daher bildet dort der Zirkel und die Waage den Hauptteil der Staatsverfassung; denn da wird alles abgezirkelt und abgewogen.
ZS|0|9|55|0|Wenn ihr euch nun denkt, dass bei allen diesen ungefähr bekannt gegebenen Grundvorschriften die Todesstrafe mit allerlei Martervariationen die Hauptrolle spielt, so wird es auch nicht schwer werden, euch einen ziemlichen Begriff zu machen, wie es in einem Land zugeht, wo die Despotie den höchsten Gipfel der Tyrannei erklommen hat.
ZS|0|9|56|0|Denn wahrlich, es dürfte auf der Erdoberfläche kaum ein zweites Land geben, das diesem in seiner willkürlichen grausamen Unart gliche.
ZS|0|9|57|0|Nun habe Ich euch von diesem Land auch für euch genügend den schlimmen Teil bekannt gegeben. Es gibt aber noch einen schlimmsten. Ihr werdet jetzt freilich denken, kann’s denn in einem Land etwas Ärgeres geben, als wir schon vernommen haben? — Hier sage Ich euch für den Augenblick nichts, sondern bescheide euch bloß, einen Blick auf Meine Tafel zu machen.
ZS|0|9|58|0|Seht daher, dieses Gebäude ist ein Tempel! Ich sage auch zu diesem Tempel: Epheta! — Und nun blickt hinein. Seht, wie da in einer seitwärts abgelegenen runden Zelle mehrere Mädchen und Jünglinge gefüttert werden, damit sie schön und recht fett werden sollen. Seht, die zwischen ihnen in gelben und blauen Kleidern sitzenden Männer sind die Opferpriester.
ZS|0|9|59|0|Wenn ein Missjahr dieses Land heimsucht, so wird dann sogleich gepredigt, dass sich Gott erzürnt habe über dieses Land, und daher muss ihm, um ihn zu begüten, ein Opfer gebracht werden.
ZS|0|9|60|0|Und sobald werden auf Befehl des Oberpriesters sechs männliche und sechs weibliche Individuen aus dieser Zelle gewaschen und nach ihrer Art gar zierlich angelegt, und sodann stellt sich ein Priester auf einen sogenannten Weisheitsstuhl; von diesem bestimmt er dann mit zornigen Worten, gleichsam als spräche die erzürnte Gottheit aus ihm, wie derselben sollte das Opfer dargebracht werden.
ZS|0|9|61|0|Sind die Mädchen sehr schön und üppig geworden durch diese Fütterung, dann verschmäht die Gottheit die Opferung derselben, und gibt sie zum lebenslänglichen Eigentum seinen Priestern zurück.
ZS|0|9|62|0|Aber mit den Jünglingen, wenn einer nicht von gar ausnehmender Schönheit ist, geht die erzürnte Gottheit nicht so schonend zu Werke, sondern sie werden gewöhnlich zur Opferung bestimmt, welche darin besteht, dass sie entweder bei lebendigem Leib verbrannt, oder früher enthauptet und dann erst verbrannt werden, oder sie werden auf einen Felsen, der irgend ins Meer hinausragt, geführt, und von da ins Meer geworfen.
ZS|0|9|63|0|Freilich geschieht solche Menschenopferung nur selten; aber genug, wenn sie irgend noch vorkommt, so ist ein solches Land schon dessentwegen in der allertiefsten Finsternis, und hat von einem wahren Gott die schändlichsten und elendsten Begriffe.
ZS|0|9|64|0|Zu diesem Allerschlimmsten gehört auch die Ermordung überzähliger Kinder; und derjenige, der über die Zahl Kinder gezeugt hat, wird an seinen Geschlechtsteilen verstümmelt.
ZS|0|9|65|0|Ferner gehört zu dem Allerschlimmsten auch das, dass in diesem Land gegen das Eindringen des Christentums mit unerhörter Grausamkeit verfahren wird.
ZS|0|9|66|0|Denn in dieses Land darf sich nicht einmal ein mit aller Wundertätigkeit ausgerüsteter Wiedergeborener wagen; denn er wird sofort als Fremdling, Unheilbringer und Aufwiegler des Volkes mit der grausamsten Todesart bestraft.
ZS|0|9|67|0|Es hat auch wirklich schon Fälle gegeben, dass Christenboten daselbst durch die verschiedensten Todesarten gehend von Mir am Leben erhalten wurden; allein diese Unmenschen haben das alles für null und nichtig betrachtet, und haben an solchen Christenboten unersättlich alle erdenklichen Todesarten versucht, bis nach Meiner Ordnung die Zahl voll war, und Ich Meinen Abgesandten abrufen musste, um nicht noch längere Zeit das Heiligtum solcher namenlosen Verachtung preisgegeben zu sehen.
ZS|0|9|68|0|Aber nun merkt euch dieses: Nicht ferne mehr ist der vernichtende Moment dieses Freisitzes des Satans; wenn ihr hören werdet, dass diese Monarchie preisgegeben wird fremden Völkern, so denkt, dass da das Ende der Dinge nicht ferne sei.
ZS|0|9|69|0|Seht, in diesem äußersten Morgenland gibt es noch manche Völkerschaften, die von Mir nichts wissen wollen; allein, Ich werde ferner wenig Boten mehr dahin senden, sondern Boten Meines nahen Gerichtes; und es wird sein wie mit einem Fruchtbaum im Herbst, da das unreife Obst mit dem reifen herabgenommen wird.
ZS|0|9|70|0|Das reife wird aufbewahrt für die Tafel des Herrn, das unreife aber auf die Kelter geworfen, und allda zerstoßen, und wird der wenige Saft noch genommen zur Säuerung, die Trebern aber werden vorgeworfen den Schweinen; und es wird da sein wie bei einem Hausvater, auf dessen Acker der Weizen reif geworden ist.
ZS|0|9|71|0|Wahrlich, es wird da nicht geschaut auf die Reife des Unkrauts, sondern dieses wird mit dem Weizen vom Acker genommen werden; dann aber wird es geschieden werden durch die Diener vom Weizen.
ZS|0|9|72|0|Diese werden es in Bündel zusammenbinden und vertrocknen lassen auf dem offenen Feld, und werden es dann anzünden und verbrennen bis auf den Grund, damit aller Same des Unkrauts vernichtet werde; Meinen Weizen aber werden sie bringen in die Scheuern des ewigen Lebens.
ZS|0|9|73|0|Seht, daher sollt ihr euch auch nicht daran stoßen, wenn ihr auf der Erde noch so viel unreifes Obst und so viel Unkraut unter dem Weizen findet.
ZS|0|9|74|0|Denkt nicht, dass Ich darob Meinen Tag verzögern werde, sondern wahrlich sage Ich euch: Nur beschleunigen will Ich ihn, der Auserwählten willen; denn wenn zur Zeit dieser letzten vorbestimmten Trübsale diese Tage nicht möchten verkürzt werden, wahrlich, selbst die Lebendigen verlören das Leben!
ZS|0|9|75|0|Daher seid unbesorgt, und benützt diese Mitteilung nicht zu sehr als buchstäbliche Anschauung der unratübervollen Welt, sondern benützt sie vielmehr zur eigenen innern Anschauung; denn darum gebe Ich solches euch, dass ihr die Welt in euch erkennen, sie verachten und aus Liebe zu Mir fliehen sollt.
ZS|0|9|76|0|Doch erst am Schluss der letzten Stunde will Ich euch die Decke von den Augen ziehen, wo ihr dann vollends ersehen werdet, wohinaus Ich mit diesen zwölf Stunden eigentlich will. Amen.
ZS|0|9|77|1|Der folgende Nachtrag findet sich nicht in der Erstausgabe, sondern wurde von der dritten Auflage (1895) übernommen.
ZS|0|9|77|1|Noch etwas über Japan, als Nachtrag zur neunten Stunde.
ZS|0|9|77|0|Japan besteht aus den Inseln: 1. Sachalin (heute zu Russland gehörend, d. Ed.), 2. Jesso (Hokkaidō, d. Ed.), 3. Niphon oder Nypon (Honshū, d. Ed.), 4. Xikoko oder Likok (Shikoku, d. Ed.), 5. Kinsin oder Ximo (Kyūshū, d. Ed.), und ist das bevölkertste Land auf der Erde.
ZS|0|9|78|0|Der Flächenraum beträgt kaum so viel als der von Großbritannien. Die (heutigen) Japaner bestehen nur aus Mongolen, Malayen und einigen wenigen Ureinwohnern, sie sind durchaus nicht verwandt mit den Chinesen, und übertreffen diese in allem, sowohl in der Bildung — als in der Grausamkeit.
ZS|0|9|79|0|Was auch sehr viel dazu beiträgt, dass sie in den verschiedensten Wissenschaften die Chinesen bei weitem überragen, ist das, dass sie in ihrer Sprache nur 48 einfache Buchstaben haben, wogegen die Chinesen bei 50 000. Ihre Sprache ist sehr weich und biegsam; ihre Religion ein raffiniertes Heidentum; ihre Gesetze im höchsten Grad tyrannisch.
ZS|0|9|80|0|Es gibt zehn sogenannte Kasten unter den Bewohnern, für jede (Kaste) sind einige feste unabänderliche und dazu noch willkürliche, abänderliche Gesetze.
ZS|0|9|81|0|Jedem ist sein Bezirk streng zugewiesen, von dem er sich vor der Freigabe nicht entfernen darf; die Freigabe besteht in einer Art Arbeits-Vakanz.
ZS|0|9|82|0|Die vorzüglichsten Ortschaften sind: Jeddo-Edo (Tokio, d. Ed.), am Fluss Tonkai mit 280 000 Häusern, und über einer Million Einwohner (anno 1841); das ist zugleich beinahe die volkreichste Stadt auf der Erde (anno 1841). Rio oder Miako (Kyōto, d. Ed.) mit 140 000 Häusern und mit fast einer Million Einwohner; Nagasake (Nagasaki, d. Ed.), eine Hafenstadt, mit 10 000 Häusern und gegen 100 000 Einwohnern; Mastmai oder Matsumai (Matsumae, d. Ed.) mit 6 000 Häusern und 60 000 Einwohnern.
ZS|0|9|83|0|Die nördlichste Spitze der Insel Sachalin heißt von Engländern Kap Elisabeth, in der westlichen Hälfte dieser Insel ist das Kap Patience. Diese nördlichste und auch ärmste Insel wird durch die Straße La Peyrouse von der Insel Jesso getrennt.
ZS|0|9|84|0|Auf der Insel Jessos südöstlicher Spitze liegt die Stadt Mastmai oder Matsumai. Die Insel wird durch die Straße Sangar (Tsugaru-Straße, d. Ed.) von der Insel Niphon oder Nipon getrennt. Diese mittlere und größte Insel ist zugleich die Residenz-Insel.
ZS|0|9|85|0|Auf ihr befindet sich ein großer Hafen mit dem Namen Namba ohne Stadtrecht; dann die Residenzstadt Jeddo oder Edo (jetzt Tokio) mit einem großen Hafen, welcher geschützt wird durch das schauerliche Kap Ring; dann die Gebirgsstadt Rio oder Miako, als die größte Fabrikstadt der Japanesen; diese Insel ist zugleich die allergebirgigste, wie die nördlichste Insel Sachalin — die am meisten vulkanische.
ZS|0|9|86|0|Die Insel Xikoko ist sozusagen fast nur ein Berg aus dem Meer, und daher auch wenig bevölkert. Jedoch die Insel Kinsin mit der Hafenstadt Nagasaki ist dafür wieder übervölkert, diese Insel hat die strengsten Gesetze, und ist allein den Niederländern zugänglich, und das nur auf dem vor Nagasaki liegenden Inselchen unter dem Namen Guelport, der von den vertriebenen schlechten Portugiesen und Spaniern abstammt.
ZS|0|9|87|0|Über der nordwestlichen Hälfte der Insel Nipon befindet sich noch eine etwas bedeutende Insel Sado, als Zufluchtsort der Ureinwohner, welche hier einige Vorrechte genießen; auch haben sich einige Portugiesen auf diese Insel verkrochen; jedoch dürfen sie sich nimmer entfernen, und müssen alles Japanesische und den Vollmond anbeten.
ZS|0|9|88|0|Die ganze Bevölkerung Japans beträgt bei 40 Millionen Menschen, vier Siebtel davon ist weiblich. Außer der Mechanik, Mathematik, Nautik, Geographie und Astronomie sind sie in aller Industrie den Völkern der Erde vor, und sind im Besitz von großen Reichtümern und manchen Geheimnissen.
ZS|0|9|89|0|Die Sadoer besitzen noch hie und da das zweite Gesicht, und haben noch Wissenschaft aus den Urzeiten des Meduhed.
ZS|0|9|90|0|Ihre Zahl beträgt 3 Millionen Menschen ohne die Portugiesen, deren Zahl nur einige Tausende ausmacht. Dieses alles diene euch zur genaueren Übersicht dieses Landes, und kann in der „Neunten Stunde“ beigefügt werden. Amen!
ZS|0|10|1|1|Zehnte Stunde
ZS|0|10|1|1|In Todesnähe
ZS|0|10|1|1|Europa und Russland. Das entartete Christentum. Erläuterung zum zweiten Gesicht. Zweck dieser Schrift.
ZS|0|10|1|0|Nachdem wir die Außenländer in Hinsicht auf den moralischen Kultus ein wenig überblickt haben, so wollen wir uns auf unseren heimatlichen Boden wenden; Ich sage darum heimatlichen, da fürs Erste ihr daselbst geboren seid, und hauptsächlich aber fürs Zweite, weil Ich auf diesem Boden doch am meisten bekannt werde durch das freilich sehr zerstückte und gänzlich entartete Christentum.
ZS|0|10|2|0|Es gäbe wohl auf der Erde noch viele Ländereien, sowohl auf den Kontinenten als auch auf den Inseln; allein da es hier nicht zu tun ist, euch eine neue Statistik und Erdbeschreibung in die Hände zu liefern, sondern vielmehr euren Geist zu wecken, damit er desto leichter seine eigene inwendige Statistik erschauen und begreifen möchte, und erkennen die entsprechenden Bosheiten seiner eigenen nächsten Umgebung; und so denn genügt von den Fremdländern das bisher Bezeichnete.
ZS|0|10|3|0|Was aber ins Sonderheitliche noch andere wohlbekannte große Länder und Reiche betrifft, als dergleichen das Kaisertum China, wie auch noch andere, teils zu diesem Reich, teils aber zum Weltteil Asien, Australien, wie auch Afrika gehörige Inseln sind, so auch der große Kaiserstaat Brasilien mit dem übrigen Südamerika und all den Inseln, die entweder zu diesem Weltteil gerechnet werden, oder auch unter einem andern Namen existieren, seht, dieses alles könnt ihr, so viel es nötig ist, ohnehin erfahren.
ZS|0|10|4|0|Ich aber kann es euch aus mehreren Rücksichten nicht auf die Tafel bringen, denn wenn in solchen Ländern die Abgötterei in einem zu hohen Grad die Völker verpestet hat, ihr würdet wahrlich keinen Nutzen daraus schöpfen, sondern da könntet ihr sogar durch den Anblick des Bildes mehr Gift in euch aufnehmen denn des Segens.
ZS|0|10|5|0|Und einer andern Rücksicht zu Folge kann Ich es auch darum nicht tun, weil es Meiner Heiligkeit nicht wohl ansteht, und vermöge Meiner Ordnung auch nicht möglich ist, das Auge der Liebe an eurer Seite dahin zu wenden, weil vom Anbeginn, da ein solches Land von einer Mir verhassten Nation entdeckt wurde, solche Länder mit Meinem Fluch belegt wurden, oder sie haben sich von alten Zeiten her schon so entartet und vergräuelt, dass ein Blick von Mir auch nur auf das entsprechende Bild sie augenblicklich vernichten würde.
ZS|0|10|6|0|Denn die Scheußlichkeit der Handlungsweisen auf diesen Ländern ist von einer solchen unerhörten Art, dass ihr euch bei einer nur einigermaßen auseinandergesetzten Schilderung, besonders den inwendigen Verhältnissen nach, solchergestalt entsetzen möchtet, dass auch nicht einer die Kraft hätte, seine Feder weiter zu führen.
ZS|0|10|7|0|Daher lassen wir sie unangetastet, und wie schon gesagt, nehmen wir das in den innern Augenschein, was euch und Mir in jeder Hinsicht näher liegt.
ZS|0|10|8|0|Es wird euch schwer sein zu glauben, dass es unter diesen benannten und teils auch absichtlich nicht benannten Ländereien Gegenden gibt, für die sogar Mein Fluch zu heilig ist, und sind daher auch im buchstäblichen Sinn desselben nicht wert. — Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen.
ZS|0|10|9|0|Warum Ich Mich daher über solche Punkte der Erde in eine nähere Auseinandersetzung nicht einlasse, werdet ihr nun wohl einsehen —; denn wo der Satan in allem und jedem seine Herrschaft vollends aufgerichtet hat, wahrlich, da ist nicht gut hinzublicken.
ZS|0|10|10|0|Und würde Ich euch auch solche Gegenden über Meine Tafel ausbreiten lassen, wahrlich, ihr würdet nichts erschauen denn einen schwarzen und hie und da ganz glühenden Erdraum. Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen. Darum seht lieber her auf die Tafel, und versucht euch, zu erkennen das Land, was sich nun euren Blicken darstellt.
ZS|0|10|11|0|Seht nur genau. Auf welcher Seite bemerkt ihr das Land? Nicht wahr, es liegt ganz nördlich; nun seht, ihr habt es schon. Wie hättet ihr es auch nicht alsogleich erkennen sollen; die weit gedehnten Eis- und Schneefelder verkünden euch ja laut den Namen Russlands.
ZS|0|10|12|0|Seht, wie dieses weitgedehnte Reich sich beinahe über drei Weltteile ausbreitet, und was den Flächenraum anbelangt, auch wohl das größte Land der Erde ist, das da von einem Alleinherrscher beherrscht wird.
ZS|0|10|13|0|Seht, wie es hier aussieht, besonders in den nördlichen Teilen, als wenn der ewige Friede allda seinen Sitz aufgerichtet hätte.
ZS|0|10|14|0|Aber es ist eben nicht allzeit dem Schein zu trauen; denn auch hier gibt es manche Stürme in den Gemütern der Nordbewohner, nicht nur, dass sie in der Bildung den übrigen Völkern Europas nachstehen, sondern sie stehen noch in so manchen andern Verhältnissen dem bessern Teil Europas nach, und dieses ist, dass man dort von Seiten der Regierung noch viel zu wenig getan hat, um wenigstens jenes christliche Licht, das diesem Reich im Allgemeinen eigen ist, in einem intensiveren Maß leuchten zu lassen.
ZS|0|10|15|0|Dieser benannte Unfriede ist also vielmehr ein moralischer Unfriede als ein politischer, denn es kann für den Menschen in geistiger Hinsicht keinen beunruhigenderen Zustand geben, als wenn mit einigen Fünklein des Christentums ein ganzer Feuerstrom des schmutzigsten Aberglaubens verbunden wird, denn da ist leichter, die stockfinstersten Heiden sowohl hier als jenseits für die reine Wahrheit zugänglich zu machen als solche verheidnete Christen.
ZS|0|10|16|0|Und dieser Zustand, seht nur her auf die Tafel, zieht sich beinahe ununterbrochen über den ganzen nördlichen Teil dieses Landes.
ZS|0|10|17|0|Bei allem dem aber ist dieses Reiches Verfassung noch eine solche, dahin die Wahrheit noch, freilich unter gewissen Bedingungen, den ungehinderten Zutritt hat.
ZS|0|10|18|0|Denn wo immer ein Herrscher ein Land beherrscht, und sucht in dieser seiner großen Wirkungssphäre dasselbe so viel nur möglich in sich zur Einheit zu bringen, so ist dieses mehr, ja, Ich sage euch, bei weitem mehr, als wenn in irgend einem andern noch so gebildeten Staat ein Herrscher bloß ein Namensträger ist, und seinen Untertanen Konstitutionen über Konstitutionen zugesteht, um nur nicht von seinem vielgeliebten Thron vertrieben zu werden.
ZS|0|10|19|0|Wahrlich, ein solcher Herrscher ist nicht viel besser daran denn ein Verbrecher im Arrest, denn nur seine Blindheit lässt ihn nicht sehen, in welche Sklavenketten ihn seine bekonstitutionierten Völker geworfen haben.
ZS|0|10|20|0|Er sieht in der goldenen Kette nicht, dass er ein Gefesselter ist; aber auch die goldene Kette ist eine metallene Kette, und bei oft so massiven Gliedern wahrlich oft ums Zehnfache schwerer denn die eiserne eines Verbrechers.
ZS|0|10|21|0|Und somit gibt es für uns auf diesen erfrorenen Flächen nicht gar zu viel mehr Bemerkenswertes zu schauen, außer dass ganz nördlich gegen das Gebirge, welches das Ural genannt wird, einige ganz vereinzelte Familien wohnen, welche mit dem zweiten Gesicht begabt sind.
ZS|0|10|22|0|Es ist aber dieses zweite Gesicht nicht etwa ein Zeichen von einem geweckteren Geist, sondern es hat seinen Grund bloß nur in einem etwas erhöhteren Seelenleben, und ist überhaupt ein Eigentum feiner Menschen, die stets in großer Not und natürlicher Abgezogenheit von der Welt zu leben genötigt sind.
ZS|0|10|23|0|Dass dieses zweite Gesicht mit der geistigen Gewecktheit gar keine Verwandtschaft hat, kann euch auch dieser Umstand hinreichend erweisend bezeugen, dass eines solchen zweiten Gesichts auch sogar die Tiere fähig sind, deren Individualität durchgehend nichts Geistiges in sich trägt, wohl aber eine Seele zur ferneren Ausbildung.
ZS|0|10|24|0|Ihr werdet nun freilich fragen, welche Realität dasjenige hat, was sich im zweiten Gesicht beschaulich darstellt. Allein es wird auch gar nicht schwer sein, diesen Knoten für euch zu lösen.
ZS|0|10|25|0|Wenn ihr noch im tiefen Winter begraben seid, und euch von allen Seiten die starren Schnee- und Eisfelder schaurig anblicken, ja, wenn ihr noch dazu in kalten Gemächern zu wohnen genötigt wäret, sagt, werdet ihr euch da nicht nach dem Frühling und nach dem Sommer ganz gewaltig zu sehnen anfangen? Und wird nicht die Phantasie eurer Seele sich vorzugsweise damit beschäftigen, und euch bildlich den Frühling und den Sommer vorführen?
ZS|0|10|26|0|Seht, dieses sehnsüchtige, gleichsam plastische Vorgefühl ist die erste Stufe des zweiten Gesichts, und hat seinen Grund in dem leisen ätherischen Überwehen dessen, das die Seele in ihrem gedrückten Zustand wohltuend erwartet.
ZS|0|10|27|0|Wenn nun jemand sich mehr und mehr vertiefen würde, so möchte er wenigstens zur Nachtzeit nicht selten die Situationen des Frühlings und des Sommers gleich matten Traumbildern vor sich vorüberziehen sehen.
ZS|0|10|28|0|Wenn aber irgendeine Seele noch mehr beengt wird durch leidende Verhältnisse, so geschieht mit ihr durch solchen Druck dasjenige Experiment, als wenn die Luft in einem zu hohen Grad gedrückt wird — sie entzündet sich, und tritt außer der leiblichen Sphäre hinaus.
ZS|0|10|29|0|Es gibt aber in dem sichtbaren Raum ebenso gut seelische Wirkungen und Bewegungen, wie’s in dem weiten Lichtraum Wirkungen und Bewegungen des Lichts gibt, nur mit dem Unterschied, dass die Schwingungen des Lichts sich auf dem natürlichen Weg nicht anders als geradlinig fortpflanzen können, wogegen die seelischen mehr ähnlich sind den Schwingungen des Schalls, und können sich nach allen erdenklichen Richtungen, wie auch in allen erdenklichen Krümmungen, mit mehr denn elektrischer Schnelligkeit fortpflanzen.
ZS|0|10|30|0|Jetzt denkt euch irgendein Faktum, welcher Art es auch immer sein mag, so hat es denn immerwährend drei Bedingungen zum Grunde: eine materielle, eine seelische und eine geistige.
ZS|0|10|31|0|Was demnach die erste Bedingung betrifft, so kann das Faktum von den leiblichen Augen erst dann erschaut werden, wenn es gerade eben geschieht, und zwar in einer solchen Entfernung, die von der leiblichen Sehkraft erreicht werden kann.
ZS|0|10|32|0|Was die seelische Bedingung anbelangt, so werdet ihr es ohne viel Nachdenken leicht einsehen, dass ein Faktum fürs Erste in der Seele vorangehen muss, bevor es erst in die Körperwelt übergeht.
ZS|0|10|33|0|Ist aber nun die Seele ihrer Decke enthoben, so kann sie ein solches Faktum vermöge der schnellen seelischen Fortpflanzung oft schon eine bedeutende Zeit früher ersehen, als solches erst zur materiellen Objektivität gelangt, oder sie kann auch ein verübtes Faktum nachträglich erschauen, gleichwie ihr einen fernen Nachhall vernehmt.
ZS|0|10|34|0|Zum größten Überfluss will Ich auch noch drei kleine Beispiele von dem menschlichen Schauen hinzufügen.
ZS|0|10|35|0|Es sieht z. B. ein solcher mit dem zweiten Gesicht Begabter eine Leiche eines Unbekannten vorüberziehen, wo der Bekannte noch ganz frisch und gesund ist und erst in einigen Monaten darauf stirbt, so geht das auf folgende leicht fassliche Weise vor, nämlich:
ZS|0|10|36|0|Die Seele des zu Sterbenden ahnt die nahe Auflösung ihrer Hülle, besonders zu einer Zeit, wenn sie ebenfalls durch ein merkliches Heraustreten ihr zum Zusammenfallen reifes Haus reiner und richtiger beschaut.
ZS|0|10|37|0|In diesem Zustand ordnet sie dann schon alle betreffenden Vorkehrungen und Zeremonien zum Übergang — zu gleicher Zeit ist aber auch die Seele eines andern Menschen in solchem erhöhten Zustand, und sieht da das ganze Faktum, was sich die Seele des andern schon vorgeordnet hat, und zwar das alles auf die euch nun schon bekannte seelische Fortpflanzungsweise.
ZS|0|10|38|0|Nun seht, auf diese Weise werden von der Seele dergleichen Dinge vorgesehen wie von dem körperlichen Auge diejenigen, die soeben geschehen. Als zweites Beispiel: Eine Seele sieht in irgendeiner weiten Entfernung etwas geschehen.
ZS|0|10|39|0|Auch dieses Schauen geschieht auf dieselbe Weise, denn wo immer etwas geschieht, da Menschen zugegen sind, entweder bloß als Zuschauer oder als glücklich oder unglücklich Mitbeteiligte, so ist dann ja auch nichts natürlicher, als dass ein solches Faktum in das Seelenleben der andern alsogleich aufgenommen wird, und pflanzt sich dann in der seelischen Sphäre gleich einem allerzartesten magnetischen Fluidum je nach der Größe und Art des Faktums oft mehrere tausend Stunden fort,
ZS|0|10|40|0|und wenn dann irgendein Mensch in einem solchen erhöhten Seelenzustand sich befindet, so nimmt er solche Schwingungen alsogleich wahr, und bekommt das Bild durch die Varietät (Parität? d. Ed.) der Schwingungen auf dieselbe Art zu Gesicht, als irgend ein materielles Bild durch die Varietät der Schwingungen des Lichts von dem Gegenstand, von dem sie ausgehen, zur körperlichen Anschauung durch das fleischige Auge gelangt.
ZS|0|10|41|0|Als ein drittes Beispiel ist dieses anzunehmen, wenn irgendein Faktum, bei welchem mehrere Menschen verunglücken werden, noch nicht erfolgt ist. Dieses Gesicht ist zwar etwas seltener, kommt aber dessen ungeachtet gleich den übrigen Fällen vor.
ZS|0|10|42|0|Dieses Gesicht ist auf folgende Weise einzusehen: Wenn irgendeine Seele bei besonderen Fällen in einen erhöhten Zustand gelangt, so wird auch der innewohnende Geist, freilich nur auf kurze Perioden, geweckt. In der geistigen Bedingung aber liegen alle Fakta, sowohl die vergangenen als die zukünftigen, unvergänglich zu Grunde. Nun kann da das Schauen auf eine zweifache Art geschehen, nämlich der Betreffende erschaut es zuerst aus seinem Geist.
ZS|0|10|43|0|Dieses Erschaute geht natürlich in die Seele über; wie es aber in die Seele übergegangen ist, so pflanzt es sich auch schon nach den euch bekannten Gesetzen weiter, und so dann irgendein Mensch im erhöhten Seelenzustand sich befindet, so erschaut er auch ein solches gewisserart prognostisches Faktum nebst allen den Umständen, die sich da zutragen werden, und dieses Erschauen ist dann eben die zweite Art, ein solches Faktum, welches erst geschehen wird, zu erschauen.
ZS|0|10|44|0|Dass ein solcher Mensch auch Seelen verstorbener Menschen sehen kann, wenn diese sich wollen oder dürfen sehen lassen, braucht gar nicht mehr näher erwähnt zu werden.
ZS|0|10|45|0|Nun seht, da habt ihr das ganze Wesen des zweiten Gesichts, und könnt aus demselben zugleich ersehen, dass dazu gerade keine Geistesgewecktheit erfordert wird, denn das Schauen des Geistes ist auch ein ganz verschiedenes von dem der Seele. Wie sich aber das Schauen des Leibes zu dem Schauen der Seele verhält, so verhält sich auch das Schauen der Seele zum Schauen des Geistes.
ZS|0|10|46|0|Wie aber das Schauen des leiblichen Auges kann verschärft werden durch materielle Mittel, dergleichen da sind: allerlei optische Werkzeuge, so kann auch das Schauen der Seele erhöht werden durch jene Mittel, welche natürlicherweise der Seele entsprechen.
ZS|0|10|47|0|Diese Mittel sind natürlich ein starker ungeheuchelter Glaube, ein festes Wollen und eine dadurch wenigstens zur Hälfte geistige Gewecktheit. Wie aber das seelische Schauen dadurch erhöht werden kann, ebenso kann auch die Sehe des Geistes bis ins Unendliche gestärkt werden, und zwar mittels derjenigen Mittel, die euch der große Seher durch Seine Lehre gelehrt hat, welcher große Seher eben Derjenige ist, der euch jetzt daran erinnert.
ZS|0|10|48|0|Ihr werdet euch denken, wo bleiben denn bei dieser Erklärung die von euch schon im Voraus erwarteten europäischen Staatsverhältnisse?
ZS|0|10|49|0|Da sage Ich euch nichts als das: So ihr die anderen Gräuelverhältnisse habt zur Genüge kennen gelernt, so mögt ihr euch wohl begnügen, wenn’s in euren Landen eben auch nicht gerade am besten zugeht, aber dessen ungeachtet die Verhältnisse noch so gestaltet sind, dass der Besserwollende eben kein Hindernis findet, besser zu sein, besser zu handeln, und Gutes zu tun.
ZS|0|10|50|0|Ein Paradies auf dieser Erde besteht nirgends mehr körperlich und geistig zugleich.
ZS|0|10|51|0|Ein jeder aber kann es im Geiste erreichen, wenn er es nur will; denn wenn es auch noch in irgendeinem Land Finsternisse gibt, so tut das nicht viel zur hindernden Sache, und wenn auch die Finsternisse der Nacht noch so arg sich über die Täler und Berge gelagert haben, so werden sie doch nichts vermögen, wenn die Sonne einmal ihren Aufgang begonnen hat.
ZS|0|10|52|0|Aber arg nur ist es in solchen Ländern, wo durchaus keine Freiheit gang und gäbe ist, wie in den unterirdischen Gewölben, Klüften und Gängen. Da mögen tausend Sonnen statt einer aufgehen, so wird ihr Licht dessen ungeachtet nicht vermögen eher in solche verkrustete Tiefen zu dringen, als bis des Strahls höchster Brenngrad die Erde bis zum Mittelpunkt in den Äther umwandelt hat.
ZS|0|10|53|0|Und so werden wir auch für die noch übrigen zwei Stunden ganz andere Dinge finden, als ihr sie schon im Voraus erwartet habt, und am Ende werdet ihr selbst eingestehen müssen, dass derjenige, der zuletzt lacht, am besten daran ist.
ZS|0|10|54|0|Wenn ihr dann alle diese Stunden in einem ganz andern Licht erblicken werdet, welches Ich durch eine kleine Vorrichtung in Meiner Kamera bewirken werde, so werdet ihr erst einsehen, dass ich euch nicht einen Professor der Statistik habe machen wollen, sondern einen ganz andern, der weit über das Fach der Statistik hinauszublicken vermag.
ZS|0|10|55|0|Was somit in der nächsten Stunde vorkommen wird, werdet ihr eben erst in der nächsten Stunde erfahren. Plagt euch nicht ab mit Raten, macht auch keine Vergleichungen mit Meinen statistischen Angaben, denn alles dieses werdet ihr dann als gänzlich fruchtlos anerkennen müssen.
ZS|0|10|56|0|Wenn ihr aber schon etwas denkt, so denkt, dass Mir an Europa, Asien, Afrika, Amerika, Australien und all den angeführten Inseln und ihren sämtlichen moralischen und politischen Verhältnissen so viel als gar nichts gelegen ist; sondern, dazu Ich deren Bilder, soweit als nötig ist, für euch, sage nur für euch, benützt habe, seht, dieses werden euch noch die folgenden zwei Stunden treulich, wie in dieser das zweite Gesicht, und noch treulicher kundgeben. Amen.
ZS|0|11|1|1|Elfte Stunde
ZS|0|11|1|1|Das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Rückblick auf die vorherigen Stunden.
ZS|0|11|1|1|(Schreibende: K. G. L. — F. S. — Andr. und Ans. H.)
ZS|0|11|1|0|Ihr habt gelesen in Meinem Buch (Luk. 15, 11–32) die Geschichte des verlorenen Sohnes und werdet diese Geschichte nicht nur einmal, sondern öfter schon gelesen und gehört haben. Aber Ich sage euch, es gibt wohl in dem ganzen Buch keinen Vers und kein Kapitel, das da Größeres in sich fassen möchte denn der verlorene Sohn.
ZS|0|11|2|0|Auch wird es nicht leichtlich eine Stelle geben, die für euch schwerer zu verstehen sein möchte denn eben diese. Und das zwar aus der Ursache, die ihr wissen sollt, da sie von größter Wichtigkeit ist und ist als solche ein unerlässlicher Schlüssel zur inneren Beschauung.
ZS|0|11|3|0|Es ist aber diese Ursache folgende und lautet also: Oft rede Ich aus Meiner Weisheit durch die Liebe erhabene Dinge; oft aber aus der Liebe durch das Licht der Weisheit kleinlich Scheinendes. Nun merket, im ersten Fall wird euch nur so viel geboten, als es eurer jeweiligen Individualität zu ertragen möglich ist; im zweiten Fall aber wird euch eine verhüllte Unendlichkeit gegeben, mit deren endlicher Entwicklung Ewigkeiten nicht fertig werden.
ZS|0|11|4|0|Und seht, eine eben solche kleinlich scheinende Gabe ist auch der verlorene Sohn; ja, Ich sage, wüsstet ihr, was alles hinter dem verlorenen Sohn steckt, wahrlich, es würden Erzengel zu euch in die Schule kommen.
ZS|0|11|5|0|Ich habe auch in den vorhergehenden zehn Stunden so manches gezeigt, wie es in der gegenwärtigen Zeit auf der Erde zugeht, wobei Ich euch freilich noch die allergrößten Schändlichkeiten verschwiegen habe. Ich habe euch gezeigt das Mangelhafte der Jurisprudenz im Allgemeinen; Ich habe euch gezeigt die Tollheit Asiens wie die Barbarei Afrikas; Ich habe euch gezeigt die Schändlichkeiten Amerikas, freilich nur einen sehr geringen Teil davon; Ich zeigte euch die Rechtspflege Englands, vorzugsweise in seinen äußeren Verhältnissen, wie auch die Behandlung der Verbrecher auf den euch bekannt gegebenen Küsten Australiens. So habe Ich euch auch im tiefen Süden gezeigt ein misshandeltes Land, wie es war und wie es größtenteils noch jetzt ist; jedoch eben bei diesem Land muss Ich euch auf etwas aufmerksam machen, und zwar zuerst vorzüglich auf das, dass ihr auf dieses eben von diesem Land Ausgesagte eine doppelte Aufmerksamkeit richten, und fürs Zweite, dass ihr eben das von diesem Land Ausgesagte am allerwenigsten buchstäblich nehmen sollt; warum, wird euch die Folge zeigen. Ferner habe Ich euch noch gezeigt die höchst tyrannisch strengen Verhältnisse anderer Inselstaaten und vorzugsweise des japanischen, und so noch einiges in Kürze über den nördlichen Staat Russland.
ZS|0|11|6|0|Obschon zwar sich die Sachen in der Welt so verhalten, so sind aber dessen ungeachtet diese Verhältnisse von Mir euch nicht deswegen kundgegeben worden, damit ihr daraus ersehen sollt, wie es allenfalls in der Welt zugeht, denn solches und noch tausendmal Ärgeres werdet ihr ohnehin künftig nur zu oft zu lesen bekommen, sondern die Ursache, darum Ich euch solches kund gegeben habe, ist keine andere als diese, dass ihr daraus das große Geheimnis des verlorenen Sohnes ein wenig zu eurem größten Nutzen tiefer erkennen möchtet.
ZS|0|11|7|0|Ihr denkt euch jetzt freilich, was hat denn der verlorene Sohn mit all diesen Weltgrausamkeiten zu tun? — und seid voll Neugierde, wie sich aus all diesem Weltlabyrinth der verlorene Sohn zurechtfinden wird. Aber Ich sage euch: Es ist denn doch noch leichter, aus allen diesen Szenen den verlorenen Sohn herauszufinden und selben zu begreifen, denn der Durchgang eines Kamels durch ein Nähnadelloch.
ZS|0|11|8|0|Um das Ganze zu verstehen, ist es nötig, dass ihr vor allem erfahrt, wer dieser eigentliche verlorene Sohn ist. So Ich euch den verlorenen Sohn zeigen werde, auch nur dem Namen nach, wahrlich, ihr müsstet mit mehr denn siebenfacher Blindheit geschlagen sein, so ihr nicht im Augenblick merken würdet, dass euch eine große Decke von den Augen genommen wurde; und nun bereitet euch vor und vernehmt den Namen!
ZS|0|11|9|0|Seht, er heißt Luzifer! — Seht, in diesem Namen steckt das ganze für euch ewig unerfassliche und endlose Kompendium des verlorenen Sohnes.
ZS|0|11|10|0|Nun denkt euch, dass die gegenwärtige beinahe gesamte Menschheit nichts als Glieder dieses einen verlorenen Sohnes sind, und zwar namentlich vorzugsweise diejenigen Menschen, welche aus Adams ungesegneter Linie abstammen. Seht, dieser verlorene Sohn hat alles Vermögen, das ihm gebührte, herausgenommen und vergeudet nun dasselbe durch für eure Begriffe zu endlos weit gedehnte Zeiträume.
ZS|0|11|11|0|Ihr wisst aus der Geschichte des verlorenen Sohnes, wie es mit seinem Endschicksal ging. Nun seht all diese Verhältnisse der Welt durch; und wahrlich, ihr werdet nichts anderes erblicken als die Endschicksale im ausgedehnten Maßstabe des verlorenen Sohnes.
ZS|0|11|12|0|Seht die mangelhafte Rechtspflege; was meint ihr, worin diese wohl ihren Grund haben möchte? Wahrlich nirgends anderes als im Leichtsinn und der daraus hervorgegangenen Gewissensstumpfheit.
ZS|0|11|13|0|Nun seht wieder den verlorenen Sohn an, ob das nicht der erste Fall mit ihm ist, als er das väterliche Haus verlässt? Betrachtet ihr die Tollheiten Asiens — was sind sie als die natürliche Folge, die die Zeitfolge nach und nach bis auf den gegenwärtigen Kulminationspunkt der Scheußlichkeit ausgebildet hat?
ZS|0|11|14|0|Nun geht weiter hin auf Afrika: Führt den verlorenen Sohn bei der Hand mit, und wenn ihr nur einen einigermaßen geschärften Geistesblick dahin richtet, so werdet ihr nicht nur in der gegenwärtigen Lage, sondern in allen erdenklichen Situationen dieses Landes, ja, Ich sage, nicht nur Ägyptens, sondern ganz Afrikas mit wunderbarer Treue entdecken,
ZS|0|11|15|0|und das zwar nicht nur in dem und aus dem, was die gegenwärtige Zeit bietet, sondern durch alle Zeitperioden, dahin nur irgend eines Menschen Gedanke zu reichen vermag und darüber noch, dass da der verlorene Sohn in demselben Verhältnis, als er sein Vermögen vergeudet hatte, sich befand, allda er ebenfalls auf allen möglichen Wegen gedachte zu irgend einem Besitztum, das dem früheren glich, sich wieder zu erheben; allein, seht nur all die fruchtlosen barbarischen Bemühungen dieses ganzen Weltteils, wozu es eigentlich alle die daselbst reich werden Wollenden bringen?
ZS|0|11|16|0|Vieles wird euch die Geschichte der Vergangenheit zeigen und eben dasselbe zeigt euch unwiderruflich auch die Gegenwart dieses gesamten Weltteils. Denn Ich sage euch, nicht nur ein jeder einzelne Mensch, nicht nur ein jedes einzelne Volk, sondern der ganze Weltteil vom ersten bis zum letzten Sandkörnchen, ja vom ersten bis zum letzten Sonnenstrahl, in allen einzelnen Ländereien, Gebirgen, Flüssen, Wüsteneien, Tieren, wird das Verhältnis des verlorenen Sohnes treulich darstellen, wie auch von der Urgeschichte angefangen bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt und noch fernerhin.
ZS|0|11|17|0|Jetzt erfasst den verlorenen Sohn wieder bei der Hand, aber vergesst nicht, ihm bei dieser Reise Sklavenketten anzulegen und geht mit ihm nach Amerika: Wahrlich, ihr müsstet blinder sein denn der Mittelpunkt der Erde, wenn ihr denselben alldort nicht in allen erdenklichen Nuancen vertausendfältigt antreffen mögt. Hier brauche Ich euch nichts Weiteres zu sagen als dass das nördliche Amerika sein Inneres, das südliche aber sein Äußeres darstellt, aus welcher Ursache auch dieses Land schon in seiner Form eine insektenartig ausgehungerte Gestalt des verlorenen Sohnes darstellt.
ZS|0|11|18|0|Wer Ohren hat, der höre, und wer Augen hat, der sehe. Ihr werdet alle wissen, wie es dem verlorenen Sohn in seiner letzten Periode gegangen ist, da der euch bekannte innere geheiligte Funke Afrikas in ihm erweckt wurde; in Australien findet er einen Dienstgeber, der ihm nicht einmal das Futter der Schweine gestattet, so dass er genötigt ist, seinen Magen zu füllen mit allem, was ihm nur vorkommt.
ZS|0|11|19|0|Jetzt werdet ihr denken, was wird denn der verlorene Sohn wohl in Neuseeland machen? Wir brauchen ihn auch gar nicht nach Neuseeland zu schicken, sondern es wird uns wahrlich keine große Mühe kosten, das Neuseeland im verlorenen Sohn selbst zu erkennen.
ZS|0|11|20|0|Merkt denn: Der Süden bedeutet das Allerauswendigste des Menschen. Nun betrachtet ein wenig den verlorenen Sohn, wie er in dieser seiner letzten Schauerprüfungsperiode eben nicht nach dem neuesten Pariser Journale gekleidet ist; nur höchst dürftige und schmutzige Lumpen bedecken seine Schamteile.
ZS|0|11|21|0|Nun seht, da haben wir ja schon die getreue Landkarte, die um die Blößen unseres Verlorenen flattert; dehnen wir, oder vergrößern wir unseren verlorenen Sohn und machen bei der Gelegenheit auch eine kurze beobachtende Visite der gegenwärtig bestehenden christlichen Kirche. Gleicht sie nicht diesem Land? Mögt es betrachten, wie ihr wollt, entweder geistig, wie Ich es euch gezeigt habe, oder auch materiell, wie ihr es nur immer irgendwo beschrieben finden mögt; wahrlich, ihr müsstet schon wieder blinder sein denn der Mittelpunkt der Erde, wenn euch die auffallende Ähnlichkeit dieses Landes mit den Fetzen des verlorenen Sohnes und diese mit der Kirche entginge.
ZS|0|11|22|0|Wie dort von den Winden die Armseligkeiten dieser Bewohner, wohlverstanden, verweht werden, dasselbe tat der Wind mit den morschen Lumpen des verlorenen Sohnes, und dasselbe tun jetzt die heilig wehenden Winde von oben mit den samt und sämtlich mehr heidnischen denn christlichen Kirchensekten.
ZS|0|11|23|0|Es wird nun von eurer Seite keiner allzu tiefen mathematischen Kenntnisse bedürfen, um herauszubringen, um welche Stunde des großen Tages es nun sei. — Wenn ihr noch einen Blick auf Japan werft, das wird euch auf den Fingern vorzählen und mit den allerdeutlichsten Zeichen die innere Beengung des verlorenen Sohnes wie auch der gegenwärtigen kirchlichen Verhältnisse, was ihr Inwendiges betrifft, mehr denn sonnenklar anzeigen.
ZS|0|11|24|0|Mehr brauche Ich euch da nicht zu sagen. Was sagt ihr aber zu einem sehr kranken Menschen, wenn seine Füße kalt geworden sind und auf seinem Haupt kalte Schweißtropfen sitzen? Wahrlich, es bedarf dazu keines medizinischen Rigorosums, um gewisserart in prophetischem Geiste aussprechen zu können: Nur einige wenige schwere Pulsschläge noch, und der Qual- und Lebensmüde hat ausgerungen!
ZS|0|11|25|0|Fürs Erste befühlt die Füße des verlorenen Sohnes im Süden der Erde, fürs Zweite befühlt sein Haupt in des Nordens großem Reich, dann legt die Hand auf das alte müde Kirchenherz; wahrlich, ihr müsstet schon wieder blinder sein denn der Mittelpunkt der Erde, so ihr nicht auf den Fingern ausrechnen möchtet, um die wievielte Stunde des großen Tages es nun sei?
ZS|0|11|26|0|Ihr werdet euch von der letzten Stunde noch gar wohl erinnern können, wie euch kundgegeben und erläutert wurde das zweite Gesicht. Ihr werdet euch jetzt wohl denken, sollte dieses zweite Gesicht auch noch mit dem verlorenen Sohn irgendeine Wahlverwandtschaft haben?
ZS|0|11|27|0|O Meine Lieben! Wenn Ich jemandem etwas gebe, so gebe Ich es nicht so wie die Menschen, die da selbst bei dem besten Willen nie etwas Ganzes geben können, sondern Ich gebe allzeit etwas Ganzes, und so sage Ich euch: Eben in diesem zweiten Gesicht wird euch erst der ganze Knoten gelöst werden, und ihr werdet nach dieser Lösung euch in eurer Rechnung nicht mehr können um eine Minute verirren.
ZS|0|11|28|0|Kehren wir nun wieder zu unserem verlorenen Sohn zurück —, und sehen ein wenig zu, wie er mit des Todes größter Not ringt. Seht seine Seele, wie sie gedrängt ist bis auf einen Punkt; und wahrlich, so weit muss es auch kommen!
ZS|0|11|29|0|Aber seht, jetzt geschieht mit der Seele des verlorenen Sohnes, was Ich euch kundgegeben habe von den Seelen, denen das zweite Gesicht dadurch wird. Seht, ihre große Not breitet sich jetzt in schnellen Schwingungen aus, und diese gelangen hin vor das große Vaterhaus, und die Schwingungen des lieberfüllten Vaters liebwechseln mit den Angst-, Elend- und Notschwingungen des verlorenen Sohnes.
ZS|0|11|30|0|Die Seele des verlorenen Sohnes empfindet ein solches heiliges, sanftes Wesen vom Hause des großen Vaters. Sie kehrt aus diesen heiligen Schwingungen mutbeseligt wieder in ihr morsches Haus zurück, erhebt dasselbe wieder, und kehrt dahin in der größten sich selbst vernichtenden Demut, dahin, da ihr wisst, dass der verlorene Sohn gekehrt ist.
ZS|0|11|31|0|Was geschieht aber dort? — Seht, die Lumpen nur werden dem Sohn ausgezogen und verbrannt; allein der Sohn wird, wie ihr wisst, wieder aufgenommen werden.
ZS|0|11|32|0|Seht, nun habt ihr das ganze bis auf diesen gegenwärtigen Augenblick unenthüllte Geheimnis der prophetischen Zahl des Menschen vor eueren Augen enthüllt. Wenn ihr nur einigermaßen die Verhältnisse der Zeit durchgeht, wahrlich, ihr müsstet mehr denn tot sein, wenn ihr jetzt noch nicht gewahren solltet die heiligen Gnadenschwingungen, die da ausgehen in Strömen nun von dem heiligen Vaterhaus.
ZS|0|11|33|0|Auch ihr seid Glieder des verlorenen Sohnes! Dehnt euere Seele weit aus, und lasst erwecken den Geist in eurer Seele, und kehrt in aller Demut gleich dem verlorenen Sohn getrost hin in das große Gebiet eures liebevollsten Vaters; wahrlich sage Ich euch, Er wird euch auf dem halben Weg entgegenkommen!
ZS|0|11|34|0|Seht, die Zeit Meiner Gnade ist nahe herbeigekommen, und darum habe Ich euch auch solches gegeben, dass ihr sie erkennen sollt, dass sie jene große Zeit ist, von der die Propheten gesungen haben, ja, jene Zeit, die aus Meinem Mund selbst voraus verkündigt wurde.
ZS|0|11|35|0|Darum verharrt nur noch eine kurze Zeit, und freut euch in großer Zuversicht! Denn wahrlich, das große Vaterhaus ist euch nähergekommen, als ihr es ahnt!
ZS|0|11|36|0|Wie ihr aber den verlorenen Sohn und alle diese Zeitverhältnisse in euch erkennen mögt, und wie dieser verlorene Sohn in einem jeden Menschen wiedergefunden wird, oder wie er sich vielmehr selbst wieder findet, wie der große Mensch im Kleinen gewonnen wird, liebe Kinder, davon wird euch die letzte Stunde getreue Kunde geben. Amen!
ZS|0|12|1|1|Zwölfte Stunde
ZS|0|12|1|1|Der große Schöpfungsmensch und seine Rückkehr.
ZS|0|12|1|1|(25. März 1841, von nachmittags 4 Uhr bis abends ¼ 9 Uhr.)
ZS|0|12|1|1|(Schreibende: K. G. L. — F. S. — Andr. und Ans. H.)
ZS|0|12|1|0|Nachdem wir in der elften Stunde den verlorenen Sohn von seinem Aufgang bis zu seinem Niedergang begleitet und beleuchtet haben und haben auch die Zeit berechnet und die Stunde nahe bestimmt, die da zeugen soll von seinem Untergang, so wollen wir in dieser zwölften Stunde sehen, wo und wie dieser verlorene Sohn wieder zurückkehren wird, durch und durch gedemütigt in das große Vaterhaus.
ZS|0|12|2|0|Um aber dieses vollends zu verstehen, ist es nicht nur hinreichend, dass wir das Weltstäublein, Erde genannt, ein wenig durchschaut haben; sondern, da Ich zu diesem Zweck in der euch bewussten Camera obscura des Geistes eine schon erwähnte kleine Vorrichtung hinzugegeben habe, noch einmal in dieser neu vorgerichteten Kammer einen etwas weiter gedehnteren Blick zu tun. — Ich sage euch aber zum Voraus, macht euch gefasst; denn dieser Anblick wird euch etwas vor eure Augen führen, das noch bis auf diese Zeit in keines Menschen Sinn gekommen ist.
ZS|0|12|3|0|Vermöge dieser neuen Vorrichtung wird die Tafel zur Aufnahme eines so großen Bildes auch wohl natürlicherweise selbst etwas vergrößert werden müssen und statt der früheren waagrechten Lage eine senkrechte annehmen. Nun seht, unsere Vorrichtung ist getroffen; so richtet denn eure Blicke hin auf die weitgedehnte Tafel, und sogleich werdet ihr das große Bild auf derselben erblicken. Denn nur auf diese einzig und alleinige Art ist es möglich, die endlos ausgedehnte Schöpfung unter einem Bild euch vor die Augen zu stellen.
ZS|0|12|4|0|Nun seht nur genau hin auf die Tafel, und sobald Ich das Wort Epheta aussprechen werde, werdet ihr das großartige Bild auf der Tafel erschauen. Und nun denn, da eure Blicke dahin gerichtet sind, sage Ich: Epheta!
ZS|0|12|5|0|Nun, was sagt ihr zu dem Bild? Nicht wahr, ihr erblickt auf dieser Tafel nichts mehr und nichts weniger als die deutliche Figur eines Menschen, dessen Lenden nur kaum von einigen Lumpen bedecket sind und dessen Haare zottigen Aussehens ihm bis über den halben Leib vom Kopf herabhängen.
ZS|0|12|6|0|Nicht wahr, ihr werdet euch wohl denken —, „an diesem Bild ist gerade nichts Besonderes zu sehen, außer dass es auf dieser Tafel in einer sehr kolossalen Form dargestellt ist. Übrigens aber hätte ein solches Bild auch ein jeder nur einigermaßen bewanderte Figurenzeichner mit einer weißlichten Farbe auf eine schwarze Tafel entwerfen können“ — und Ich kann euch nichts anderes dazu sagen, als dass euer Schluss vor der Hand seine Richtigkeit hat; und so ihr noch etwas tiefer denken wollt, so möchtet ihr auch wohl bald in dieser weißlichten Figur die Gestalt des verlorenen Sohnes erblicken.
ZS|0|12|7|0|Aber seht, Meine lieben Kinder! Die Tafel ist ein wenig zu weit gestellt für eure Augen, daher gehen wir vollends an die Tafel hin; denn die ganze Gestalt habt ihr jetzt schon gesehen, daher wollen wir die Farbe, mittelst welcher diese Figur an diese Tafel aufgetragen ist, ein wenig näher untersuchend beschauen.
ZS|0|12|8|0|Nun, jetzt sind wir an der Tafel. Seht, diese klafterbreite schimmernde Fläche ist ein Teil des Fußes dieser ganzen Figur. Seht nur recht nahe hin und sagt Mir, was ihr darauf entdeckt. Seht nur recht genau, nicht wahr, ihr entdeckt nichts als lauter nahe aneinander gereihte kleine schimmernde Kügelchen. Ihr wisst, dass dieses Bild kein gemaltes, sondern nur ein Lichtbild ist eines äußeren Gegenstandes.
ZS|0|12|9|0|Was meint ihr wohl, was diese Kügelchen in der Wirklichkeit sind? Seht, Ich will euch nicht lange herumraten lassen, aber, wie ihr meint, dass diese Kügelchen etwa Abbilder sind von entfernten Sonnen, Planeten, Monden und Kometen, hört, da müsste Ich euch wohl sagen: Kinderchen! Urteilt nicht zu vorschnell, sonst möchtet ihr euch gar gewaltig irren! Jedoch bevor Ich euch das Wesen dieser kleinwinzigen Kügelchen enthülle, bemüht ihr euch auf einem linsengroßen Fleck diese Kügelchen zu zählen!
ZS|0|12|10|0|Nun, seid ihr schon fertig? — Ja, ja, Ich sehe schon, ihr werdet damit nicht leichtlich fertig, denn es ist eine für euch kaum aussprechbare Zahl solcher Schimmerpünktchen auf dieser linsengroßen Fläche vorhanden, und möchten ihrer wohl mehr denn eine Trillion sein; und da ihr euch so ein wenig vertraut gemacht habt mit der Farbe, so sage Ich euch, wovon ein solches Pünktchen eigentlich ein Abbild ist. Wie schon gesagt, nicht etwa von einer Sonne, oder von einem andersartigen Weltkörper, sondern ein jedes solches Pünktchen, oder wie es sich euren geistigen Augen darstellt als Kügelchen, ist nichts mehr und nichts weniger als das Abbild einer Hülsenglobe. Was es aber mit der Hülsenglobe für eine Bewandtnis hat, brauche Ich euch nicht mehr zu erklären.
ZS|0|12|11|0|Nun treten wir wieder ein wenig zurück und schauen uns wieder die ganze Figur an. Seht, wie es ist eine vollendete Menschengestalt; und da ihr nun diese Figur hinreichend beschaut habt, so sage Ich euch: Diese Figur stellt aus und nach Meiner ewigen Ordnung das Universum dar; und ist in seiner Art von niemandem, außer von Mir, in der Wirklichkeit also erschaulich. Auch hat dieses Bild, wie ihr es jetzt erschaut habt, noch nie ein geschaffener Geist gesehen.
ZS|0|12|12|0|Aber Ich sehe schon wieder, was in euch steckt. Ihr möchtet wohl gerne eure Erde in diesem Menschen erblicken. Solches euch zu zeigen kann wohl nicht sein, solange die ganze Figur auf der Tafel prangt. Aber wartet ein wenig; denn seht, Ich bin ein sehr guter Optiker, daher will Ich in unserer Camera erst eine kleine optische Veränderung vornehmen, nach welcher Veränderung von dieser ganzen Figur nichts als nur ein einziges leuchtendes Pünktchen zurückbleiben wird.
ZS|0|12|13|0|Nun seht, die Figur ist verschwunden; es ist bereits alles in der Ordnung. Treten wir jetzt nur wieder näher der Tafel und suchen unser Pünktchen auf. Nun, habt ihr es schon gefunden? — Eines allein gibt freilich nicht viel Licht; aber strengt eure Sehe nur an, ihr werdet es schon finden.
ZS|0|12|14|0|Ihr müsst nicht hinaufschauen auf die hohe weitgedehnte Tafel, sondern da ganz zu unterst seht hin, da ihr früher den linken Fuß der ganzen Figur gesehen habt, und da zwar am äußersten Ballen des kleinen Zehens. Dieses Kügelchen ist diejenige Hülsenglobe, innerhalb welcher sich auch eure Erde befindet.
ZS|0|12|15|0|Damit wir aber zu unserer Erde gelangen können, werde Ich denn schon auch wieder mit Meinem Epheta über das Schimmerpünktchen kommen müssen, und so spreche Ich denn: Epheta! Nun seht, wie dieses Kügelchen auseinandergegangen ist und nimmt nun beinahe die ganze große runde Gestalt der Tafel ein.
ZS|0|12|16|0|Seht die zahllosen leuchtenden Pünktchen nun wieder durcheinanderschimmern. Sucht nun euch eure Erde heraus. Nicht wahr, ihr mögt sie nicht finden aus der großen Unzahl dieser Schimmerpünktchen heraus. Ja, Ich sage euch, ihr würdet euch auch vergebliche Mühe mache, denn diese Pünktchen, die ihr da seht, sind schon wieder keine Sonnen, sondern sind ganze Sonnenwelten-Gebiete.
ZS|0|12|17|0|Daher werde Ich nun wieder ein Pünktchen, und zwar das rechte heraussuchen und alles Übrige auslöschen von der großen Tafel. Nun, da ist das erwählte Pünktchen, und damit wir schneller zum Ziel gelangen, sage Ich alsogleich wieder: Epheta!
ZS|0|12|18|0|Nun seht, unsere Tafel ist schon wieder voll neuer leuchtender Pünktchen. Allein diese leuchtenden Pünktchen sind schon wieder keine Sonnen, sondern sind lauter Sonnenwelten-Alle; daher wird es mit der Auffindung der Erde sich auch hier nicht tun.
ZS|0|12|19|0|Und so will Ich aus diesen Pünktchen auch wieder das rechte erwählen und alles Übrige von der Tafel löschen. Nun, da ist das Pünktchen. Seht, wie es einsam matt schimmert auf der großen Fläche! Aber nur Mein Epheta! und das Pünktchen soll gleich eine größere Ausdehnung bekommen; darum Epheta!
ZS|0|12|20|0|Nun seht, unsere Tafel ist denn schon wieder voll von lauter glänzenden Pünktchen. Möchtet ihr euch da nicht die Erde heraussuchen aus all diesen trillionenmal Trillionen Pünktchen? Allein Ich muss euch schon hier auch wieder sagen: Gebt euch keine Mühe; denn auch diese Pünktchen sind noch keine Sonnen, sondern einzelne Sonnengebiete und sind das, was ihr unter euren sogenannten Nebelsternen (Galaxien, d. Ed.) begreift.
ZS|0|12|21|0|Allein, damit wir schneller zum Ziel gelangen, will Ich auch da das rechte Pünktchen erwählen und alles Übrige von der Tafel löschen und zugleich das Epheta hinzufügen.
ZS|0|12|22|0|Nun seht hin auf die Tafel. Nicht wahr, ihr seht eine Schimmergrieswolke, die sich horizontal über die ganze Tafel verbreitet, und ist siebenmal so lang als breit. Nun seht, da hübsch gegen die Mitte wollen wir uns wieder ein solches Schimmergrieswölkchen wählen, und alles Übrige wieder auslöschen von der Tafel. — Nun, es ist schon alles wieder geschehen, wie ihr seht, und Mein Epheta gebe diesem Pünktchen wieder seine rechte Gestaltung.
ZS|0|12|23|0|Nun seht hin recht genau; jetzt werdet ihr euch wohl schon auskennen. Seht, da in der Mitte ein leuchtendes linsengroßes Scheibchen; seht, es ist das Bild eurer Sonne, und seht nun genauer hin; der dritte schimmernde Punkt von der Sonne auf der linken Seite etwas abwärts ist eure Erde.
ZS|0|12|24|0|Ich brauche euch nun dieses Bild nur ein wenig zu vergrößern, und ihr werdet eure Erde sogleich erkennen; und so tue du Erdenpunkt dich auf, auf dass dich Meine Beschauer erkennen mögen. Und seht, wie nun dieser Punkt sich allmählig ausdehnt und nun denjenigen Durchmesser erreicht hat, der da hinreichend genügt, zu erkennen euer naturmäßiges schmutziges Wohnhaus.
ZS|0|12|25|0|Da wir nun jetzt alles gesehen haben, so kehren wir wieder zu unserem verlorenen Sohn zurück. Und seht hin auf die Tafel; schon wieder prangt unsere erste Figur auf derselben. Aber seht, jetzt wird diese Figur kleiner und kleiner, und seht, jetzt hat sie nur kaum noch die Größe eines Kindes, und seht abermals hin, nun ist auch dieses Kind zu einem Punkt zusammengeschmolzen; aber seht, auf der rechten Seite der Tafel fängt ein anderes großes Menschenbild an aufzutreten; und nun ist es auch in der Mitte der Tafel, und unter seinem linken Fuß entdeckt ihr noch das früher eingegangene Pünktchen, welches da ist im rechten Verhältnis seiner Größe zur Größe dieses neuen Bildes.
ZS|0|12|26|0|Was meint ihr wohl, was dieses neue Bild vorstellt? Ihr werdet euch vielleicht denken, die ihr mehr oder weniger den großen Menschen in den Schriften Swedenborgs habt kennengelernt, das sei dieser größte Mensch. Ich aber sage euch: weit fehlgeschossen! Dieser Mensch, den ihr da seht, ist nichts mehr und nichts weniger als der sich selbst wieder gefundene verlorene Sohn, aber nicht etwa in seiner Allheit, sondern es ist derjenige verlorene Sohn, der sich in einem jeden einzelnen wiedergeborenen Menschen wiedergefunden hat; oder mit andern euch leichter verständlichen Worten gesagt: Das ist ein Allergeringster in Meinem neuen Reich, und es ist hier in diesem Bild euch ein gerechtes Verhältnis dargestellt und zeigt euch das vollkommene Maß eines Menschen, welches unendlichmal erhabener ist denn das ganze euch durch die frühere Zergliederung gezeigte endlos scheinende Universum in der Gestalt des verlorenen Sohnes!
ZS|0|12|27|0|Wenn ihr nun so dieses Bild ein wenig beherzigt, so dürftet ihr auch schon ein wenig zu begreifen anfangen, was es mit der Rückkehr des verlorenen Sohnes für eine Bewandtnis hat.
ZS|0|12|28|0|Ihr müsst euch nicht etwa denken, dieser euch in der elften Stunde bekanntgegebene gefallene Luzifer wird als Ganzer wieder zurückkehren. Wenn solches möglich gewesen wäre, wahrlich, es hätte nie eine materielle Schöpfung stattgefunden, sondern
ZS|0|12|29|0|in einem jeden einzelnen Menschen, der nach Meinen Worten lebt und wiedergeboren wird durch das Wort und durch die Erlösung, wird dieser Verlorene wiedergefunden und zurückkehren in das große Vaterhaus!
ZS|0|12|30|0|Ich sage euch nicht umsonst: in das große Vaterhaus; denn für so groß gewordene Menschen muss auch ein gar großes Haus bereitet sein, allda sie werden Wohnung nehmen können wieder bei ihrem Vater.
ZS|0|12|31|0|Dass es aber also ist, könnt ihr aus all dem Vorhergegangenen ja klar und deutlich abnehmen; denn leidet nicht bei den allgemeinen Drangsalen ein jeder Mensch in sich selbst, und wird jeder geschlagen für seine eigene Person? Es gelten aber alle diese Schläge einem und demselben verlorenen Sohn.
ZS|0|12|32|0|So aber ein Mensch geschlagen wird, ist es nicht also, dass nur er als der Geschlagene den Schmerz empfindet, während der Ungeschlagene oft genug nur zu schmerzlos zusieht? Oder so da misshandelt wird eine ganze Nation in einem anderen Weltteil, sagt, ob ihr je nur einen Peitschenhieb auf eurer Haut wahrgenommen habt? So aber jemand stirbt, stirbt er für sich oder für andere? Oder könnt ihr behaupten, dass je jemand für einen andern zur Welt geboren worden ist? Oder gilt Meine Erlösung und Mein Wort nicht ebenso gut einem jeden Menschen einzeln für sich, wie für ganze Völker? Und kann nicht jeder Mensch für sich Mich mit seiner Liebe und dem lebendigen Glauben daraus vollends aufnehmen, dass Ich in ihm und er in Mir wohne?
ZS|0|12|33|0|Wenn ihr nun alles dieses betrachtet, könnt ihr nach dem allem nur die entfernteste Behauptung aufstellen, Ich sei in einem Menschen weniger denn in allen zusammen?
ZS|0|12|34|0|So aber Ich mit einem Menschen eins geworden bin und er mit Mir, sagt, was geht da noch ab von der Wiederfindung des verlorenen Sohnes in einem einzelnen Menschen?
ZS|0|12|35|0|Hat der nicht alles empfangen und in sich aufgenommen, der Mich aufgenommen hat? Wahrlich, ein jeder einzelne Mensch, der mit Mir eins geworden ist, ist mehr, ja, Ich sage, unendlichmal mehr, als der große Luzifer es je war in seiner euch auf natürlichem Weg unbegreiflichen Größe!
ZS|0|12|36|0|Seht, unter diesem verlorenen Sohn, der da Luzifer heißt, wird demnach jeder einzelne Mensch für sich verstanden. Und so ein ganzes Volk mit Mir eins geworden ist, so wird dieses ganze Volk ebenfalls nur ein Mensch mit Mir. Und alle Menschen, die je auf der Erde gelebt haben und noch leben werden, wenn sie eins geworden sind mit Mir, so werden auch sie nur sein ein Mensch in Mir; d. h., sie alle wird beseelen und beleben ein und derselbe heilige Geist aller Liebe und aller Wahrheit und aller Macht und aller Kraft, und werden nicht sein viele mehr denn einer und einer weniger denn viele, sondern alle werden sein vollkommen eins in Mir; und werden nicht haben viele mehr Macht und Kraft denn einer, und einer nicht weniger denn viele, sondern alle werden leben wie einer, aus derselben Kraft und Macht des heiligen Geistes aller Liebe und aller Wahrheit aus Mir!
ZS|0|13|1|1|Zwölfte Stunde (Fortsetzung)
ZS|0|13|1|1|Die „Lumpen“ des verlorenen Sohnes.
ZS|0|13|1|1|(25. März 1841)
ZS|0|13|1|0|Ihr habt aber gehört, dass die Lumpen des verlorenen Sohnes von den Winden zerstreuet wurden wie Spreu, und die übrig gebliebenen aber wurden ihm ausgezogen, und verbrannt. Wisst ihr, was unter diesen Lumpen zu verstehen ist?
ZS|0|13|2|0|Es ist darunter nichts anderes zu verstehen als der eingegangene frühere Universalmensch auf unserer Tafel, denn durch die Gewinnung eines jeden einzelnen Menschen ist das Edle, von Mir Ausgehende oder Mein verlorener Sohn wiedergewonnen. Die Lumpen oder das eigentliche Erzböse wird verworfen werden in das Feuer, daraus es eigentlich hervorgegangen ist. Es ist aber dieses Feuer dasjenige in der Gottheit, aus welchem alle Dinge ihr materielles Dasein haben.
ZS|0|13|3|0|Wer somit sich an die Welt hängt und klebt an der Materie, der klebt an den Lumpen des verlorenen Sohnes. Wie aber alle Materie euch schon ihre große Feuerverwandtschaft zeigt, dasselbe sind auch die Lumpen an den Lenden des verlorenen Sohnes.
ZS|0|13|4|0|So wird es aber geschehen! Damit Gott werde wieder als ein freier Gott, in dem keine Materie mehr wallt, so wird das Feuer oder Zornverwandte wieder dahin kehren müssen, daher es als das, was es ist, gekommen ist; und wird gerade also geschehen, als so ihr an eurem Leib habt irgendeine Verhärtung und legt da heiße Köchelumschläge (Breiumschläge, d. Ed.) auf, damit sie wieder erweicht werde; also auch wird Mein ewiges Feuer diese erzböse Verhärtung in seiner Allheit erfassen, um es dadurch wieder seinem eigenen Wesen selbst zu assimilieren.
ZS|0|13|5|0|Es ist noch eine Frage in euch vorhanden, ob diejenigen Wesen, die unter den Lumpen verstanden werden, auch ein fortwährendes Selbstbewusstsein haben werden oder nicht? Ich aber sage euch: Die Frage beantwortet sich schon beinahe von selbst, da ihr doch unmöglich annehmen könnt, dass es in der Gottheit irgendeinen sich unbewussten Punkt geben sollte.
ZS|0|13|6|0|Diese Frage löst sich somit von selbst; aber eine Frage, ob dieses Sichselbstbewusstsein ein leidendes ist oder nicht? Seht, das ist eine andere Frage. Um aber diese richtig zu verstehen, müsst ihr zuvor begreifen, dass jedes Bestreben, um sich selbst zu finden, ein gewisses Leiden in sich selbst notwendig begreifen muss; nur hängt es jetzt einzig und allein von dem ab, ob dieses Leiden ein schmerzliches oder ein wohltuendes ist?
ZS|0|13|7|0|Wenn dieses Leiden darin besteht, dass sich das Wesen in sich selbst immerwährend ergreift und durch dieses Ergreifen sich zur Einheit immerwährend zu bilden bemüht ist, dann ist ein solches Leiden ein höchst wohltuendes und die Empfindung aus dem klarsten Selbstbewusstsein eine höchst beseligende.
ZS|0|13|8|0|Wenn aber das Leiden, oder die selbstbewusste Empfindung eines Wesens in sich, ein zerreißendes und zerstörendes ist, dann ist es auch ein höchst schmerzliches, was ihr auch aus der Natur sehr leicht abnehmen könnt, wenn ihr nur je irgendeine entzündliche Krankheit beobachtet habt, welche in nichts anderem besteht, als dass sich gewisse Teile im Körper mehr und mehr auszudehnen anfangen. Je heftiger ein solcher Akt vor sich zu gehen anfängt, desto schmerzlicher wird er. Aus allem diesem geht dann heraus, dass der sich selbst bewusste wesenhafte Zustand des feuerverwandten Erzbösen ein eben auch höchst leidend schmerzlicher sein muss.
ZS|0|13|9|0|Ihr werdet nun vielleicht meinen, dass die Gottheit dadurch gewisserart in ihrem Zornteil selbst immerwährend höchst schmerzlich leidend sein müsse. Allein es ist dem nicht also! Sondern es ist gerade so, als wenn Speisen in eurem Magen verkocht werden; da bersten auch die Hülschen der zu sich genommenen Nahrung, getrieben durch das Feuer des Magens. Aber fragt euch selbst, ob im natürlichen Zustand dieser schauerliche Zerstörungsprozess im Feuer eures Magens euch je geschmerzt hat?
ZS|0|13|10|0|Jedoch, da Ich euch schon so weit geführt habe, so will Ich euch bei dieser Gelegenheit einen noch nie ausgesprochenen Wink geben! Wollt ihr die Endursache solchen Zustandes aller weltlich materiellen Erzbosheit erschauen, so blickt in euren Magen und seht alldort zu, was da mit der in sich genommenen Speise geschieht, wie und warum, so werdet ihr eine große Strecke Meiner Wege erschauen, das da geschehen wird. Jedoch die Zeit steht nicht geschrieben in eurem Magen, und es genügt euch, dass Ich euch gezeigt habe den Zweck.
ZS|0|13|11|0|Nun seht, liebe Kinder! Das ist alles, was euch gegeben werden kann; das ist alles, was ihr zu ertragen vermöget. Mehr braucht ihr nicht zu wissen, sondern beachtet dieses von Punkt zu Punkt, und das zwar von der euch gegebenen ersten Stunde bis zur letzten Stunde. Durchwandert auf diesem Weg die ganze Erde in euch, und findet auf diese Art in euch selbst den verlorenen Sohn.
ZS|0|13|12|0|Tut dasselbe, das dieser getan hat und noch immer tut in jedem einzelnen Sünder, der nach Meinem Reich trachtet. Lasst in der inneren Kammer eures Geistes auf der Tafel eurer Weltbegierden mit der Welt das geschehen, was ihr zuletzt geschehen sahet auf der euch gezeigten Tafel mit dem Universalmenschen. So wird in einem jeden von euch der verlorene Sohn wiedergefunden werden und wird werden sein Verhältnis, wie Ich es euch gezeigt habe, da ein anderer Mensch an die Stelle des früheren, der da auf einen Punkt zusammengeflossen, getreten ist;
ZS|0|13|13|0|dann erst werdet ihr als Wiedergefundene die große Wahrheit des euch in diesen zwölf Stunden Gegebenen in euch selbst im hellsten Licht erschauen und erkennen.
ZS|0|13|14|0|Denn, wie früher gesagt wurde, dass alle Menschen auch einen Menschen ausmachen, wie einer alle, so sucht denn auch all das Übel in euch; und habt ihr es gefunden und mit Meiner kräftigen Beihilfe aus euch geschafft, da werde Ich als euer heiliger Vater, der Ich schon über den halben Weg euch entgegengekommen bin, vollends zu euch kommen, euch dann gänzlich von euren Lumpen befreien und dann aufnehmen in das große Vaterhaus Meiner ewigen Liebe!
ZS|0|13|15|0|Schließlich mache Ich euch nur noch darauf aufmerksam, dass Ich derzeit nicht nur euch, sondern auch schon vielen anderen verlorenen Söhnen entgegengekommen bin.
ZS|0|13|16|0|Merkt aber in euch selbst vorzugsweise auf Meine Ankunft, und kümmert euch weniger um die allgemeine. Was ihr aber fürs Allgemeine empfindet, das tragt Mir betend in eurem Herzen vor, um alles andere kümmert euch nicht, denn das große Wann, Wie und Warum ist in den besten Händen wohlverwahrt. Amen. Das sage Ich, Euer großer, heiliger, liebevollster Vater. Amen.
MO|0|1|1|1|Wesen und Bestimmung des Mondes
MO|0|1|1|1|Am 1. Mai 1841
MO|0|1|1|0|Nun, was den Mond betrifft, so ist dieser ein fester Weltkörper, mehr noch als eure Erde, und ist gewisserart ein Kind der Erde, d. h., er ist aus den Bestandteilen der Erde gebildet.
MO|0|1|2|0|Er ist der Erde darum beigegeben, dass er die von der Erde ausströmende magnetische Kraft auffange und dieselbe dann nach Bedürfnis der Erde wieder zurückführe, aus welchem Grunde sein Lauf um die Erde auch ebenso ausschweifend ist. Denn dieser richtet sich allzeit nach der größeren oder kleineren Quantität der magnetischen Anwesenheit auf der Erde; und im Gegenteil aber richtet sich auch der Lauf des Mondes als Träger dieses Stoffes nach dem allfälligen Bedürfnis der Erde nach diesem natürlichen Lebensstoff. Das ist die Hauptverrichtung des Mondes.
MO|0|1|3|0|Wenn ein Planet kleiner ist als die Erde, so braucht er keinen Mond, und die Stelle des Mondes vertreten da sehr hohe Gebirge, was z. B. bei der Venus, bei dem Merkur und bei dem Mars und noch einigen viel kleineren Planeten der Fall ist; aber was die größeren Planeten sind, die müssen mit einem oder auch mehreren Monden versehen sein, um ihrem Planeten den schon bekanntgegebenen Dienst zu leisten.
MO|0|1|4|0|Aber auch im Mond, wie auf der Erde, gibt es Menschen und zahllose andere Geschöpfe, nur mit dem Unterschied, dass kein Mond fürs Erste auf der dem Planeten beständig zugekehrten ein und derselben Seite bewohnt ist, sondern allzeit auf der entgegengesetzten, weil er auf der dem Planeten zugekehrten weder mit Luft noch Wasser, noch Feuer nebst allem für das organische Leben Notwendigen vorfindlich versehen ist.
MO|0|1|5|0|Ihr werdet fragen: Warum also? – Die Antwort: Weil kein Mond eine Bewegung um seine eigene Achse haben darf, – und das darum, weil die Anziehung der Erde oder überhaupt jedes Planeten in der Entfernung seines Mondes noch zu mächtig wirkend ist. Hätte nun der Mond eine Rotation um seine eigene Achse – und wäre diese noch so langsam –, so würde durch eine solche Rotation fürs Erste die anziehende Kraft des Planeten in dem Verhältnis verstärkt, in welchem Verhältnis des Mondes Rotation zur Rotation des Planeten stünde, d. h.: Wenn der Mond in seiner Rotation der Rotation der Erde sich zeitgemäß annähern möchte, dass er ungefähr sich in derselben Zeit um seine Achse drehte wie der Planet, so würde vermöge der dadurch wachsenden Anziehungskraft des Planeten sich bald ein Teil um den anderen vom Mond ablösen und zur Erde stürzen. Allein es wäre dem Mond mit einer so langsamen Rotation, wie sie der Planet hat, hinsichtlich auf die verhältnismäßige Verteilung der Luft, des Wassers und somit auch des Feuers sehr wenig gedient, und würde alles dieses noch so sein wie jetzt, nämlich auf der dem Planeten entgegengesetzten Seite. Denn das Wasser, die Luft und das Feuer müssen auf einem Weltkörper durch eine verhältnismäßige Geschwindigkeit durch die hervorragenden Berge herumgetrieben werden; ansonst würden diese fürs organische Leben so notwendigen Elemente auf der dem Zentralkörper entgegengesetzten Seite vermöge der Schwungkraft und ihrer eigenen flüssigen Schwere sich anhäufen.
MO|0|1|6|0|Wenn aber solches der Fall wäre, da fragt euch selbst: Wer könnte da auf einem solchen Weltkörper leben? Er würde nur so lange leben, als er sich unter der Luft- und Wasserschicht befinden würde; wenn aber der Planet sich aus dieser hinausdrehen möchte, so müsste er notwendig in dem luftleeren Raum ersticken, wenn er nicht schon früher unter der Wasserschicht ersoffen wäre.
MO|0|1|7|0|Nun seht, das wäre auch bei dem Mond der Fall, hätte er eine nur so langsame Rotation wie die Erde. Er müsste, um die Luft und das Wasser und Feuer gehörig zu verteilen auf seiner Oberfläche, eine fünfmal schnellere Drehung um seine Achse haben, d. h.: Er müsste sich in vierundzwanzig Erdstunden fünfmal um seine eigene Achse drehen, welches dann nichts anderes als die schon nach fünf Jahren gänzliche Vernichtung des Mondes zur Folge hätte, und die Erde wäre übersät mit lauter Mondpartikeln. Welchen Effekt aber die vom Mond auf die Erde aufstürzenden Massen hervorbringen würden, das brauche Ich euch gar nicht näher zu bestimmen, sondern sage nur so viel, dass da niemand am Leben bleiben würde.
MO|0|1|8|0|Wenn ihr dieses ein wenig verständig beachtet, so werdet ihr wohl begreifen, warum der Mond keine Rotation hat, daher auch stets nur ein und dieselbe Seite der Erde zukehrt.
MO|0|1|9|0|Damit ihr aber den Mond und seine Bewohnbarkeit vollends begreift, so müsst ihr wissen, dass der Mond eigentlich nur auf der dem Planeten zugekehrten Seite Mond ist; auf der entgegengesetzten aber ist er nicht Mond, sondern ein ganz fester Erdteil. Was also Mond ist, das ist nicht fest, sondern sehr locker, beinahe so wie ein etwas gefesteter Schaum des Meeres, dessen festere Teile gleich Bergen hervorragen, die weicheren Teile aber nischen- und trichterartig gegen das Zentrum des ganzen Weltkörpers eingesunken sind, in deren einigen sich noch nicht weichen könnende atmosphärische Luft befindet, welche sich, durch starke Fernrohre betrachtet, fast so ausnimmt, als wäre sie ein Wasser. Alle Höhepunkte, wie auch die weniger tiefen Trichter, haben durchaus keine atmosphärische Luft, sondern bloß nur Äther, wie er sich in den freien Räumen zwischen der Sonne und den Planeten vorfindet. Diese Seite des Mondes ist daher auch von keinem organischen Wesen bewohnt, sondern ihre Bewohner sind geistiger Art. Diese geistigen Bewohner waren bei Leibesleben lauter Weltsüchtige und werden nun zur Besserung dahin gebannt, damit sie sich auf diese Art an der Welt noch hinreichend vollgaffen können. Und wenn sie dann nach bedeutenden Zeitlängen gewahr werden, dass die Weltangafferei keine Früchte trägt und sie den dahin gesendeten Lehrern Gehör leihen, so werden die Tatwilligen alsobald von da zu einer höheren, beseligenden Freiheitsstufe geführt; die weniger Folgsamen aber werden auf der Erde des Mondes wieder mit Leibern angetan und müssen sich da sehr armselig und kümmerlich durchbringen. Denn sie haben da fürs Erste mit der größten Kälte und Finsternis zu kämpfen, im Gegenteil aber dann auch mit einer unerträglichen Hitze; denn da dauert die Nacht beinahe vierzehn volle Erdtage und ebenso lang auch wieder der Tag. Gegen das Ende einer jeden Nacht wird es dort so kalt wie auf der Erde am Nordpol, und um die Mitte und gegen das Ende des Tages wird es so heiß, dass da kein lebendes Wesen auf der Oberfläche es aushalten kann.
MO|0|1|10|0|Diese Bewohner, wie auch alle anderen organischen Wesen, hausen da in der Erde. In dieser unterirdischen Wohnung müssen sie sowohl die Hälfte des Tages über zubringen als auch über die Hälfte der Nacht; es gibt daher auch dort keine Häuser und Städte so wie bei euch, sondern die Wohnungen sind in den Tiefen der Monderde, hie und da auch in Gebirgsklüften und Höhlen.
MO|0|1|11|0|Es gibt dort keine Bäume, die da Früchte tragen möchten, sondern nur Wurzelgewächse, wie z. B. bei euch die Erdäpfel, Rüben, Möhren und dergleichen. Diese Gewächse werden im Anfang des Tages angepflanzt und zu Ende des Tages vollends reif. Im Anfang der Nachtdämmerzeit kommen die Menschen aus ihren Höhlen hervor und ernten diese Früchte und bringen sie alsbald in ihre unterirdischen Wohnungen, wovon sie sich dann durch die Nachtzeit ernähren, wie auch durch den ganzen folgenden Tag.
MO|0|1|12|0|Von den häuslichen Tieren ist bloß eine Art Erdschaf zu bemerken, welches diesen Bewohnern das ist, was das Rentier den Nordländern.
MO|0|1|13|0|Es gibt noch sowohl in den Flüssen und Seen, die auf der Monderde ziemlich häufig vorkommen, eine Menge Wassertiere, wie auch einige kleine Arten von Vögeln – nicht unähnlich euren Sperlingen –, wie auch ganze Heere von Insekten und anderen ein-, zwei-, drei- und vierfüßigen Erdtierchen, deren Zweck und nähere Beschreibung ihr bei einer anderen Gelegenheit vernehmen werdet. Vorderhand genüge euch das Gesagte.
MO|0|1|14|0|Vorzüglich aber hütet euch, Meine Lieben, davor, dass ihr nicht auch dereinst Bewohner dieses armseligen Weltkörpers werden mögt! Denn dieses gelb schimmernde Schulhaus des Lebens ist gar ein mühseliges Schulhaus, und es wäre besser, auf der Erde in einem Tag vierzehnmal zu sterben, als dort nur einen Tag lang zu leben; denn die Bewohner sind dort viel schlechter daran als die hier in den Friedhöfen Begrabenen. Denn diese wissen nicht, dass sie begraben sind; aber die Bewohner des Mondes müssen in ihren Gräbern leben, werden dort auch oft in ihren unterirdischen Behausungen entweder durch Einstürze oder durch plötzliche Wasserüberflutungen begraben.
MO|0|1|15|0|Was noch fernere bemerkenswerte Erscheinungen sowohl der Monderde und deren Bewohner anbelangt, so werde Ich euch dieses bei einer nächsten Gelegenheit kundgeben. Für jetzt aber denkt über das Gesagte nach und seht vorzüglich darauf, dass ihr den Frühling eures Lebens wohl erkennt und benützt, – so werdet ihr selbst an dem Mond, wenn dieser vollends vor euch enthüllt wird, ein ganz bedeutendes Zeichen des Menschensohnes am Himmel erblicken. Amen. Das sage Ich zu euch, nun kommend auf den Wolken des Himmels. Amen, amen, amen.
MO|0|2|1|1|Die Mondmenschen
MO|0|2|1|1|Am 8. Mai 1841
MO|0|2|1|0|Was die Menschen im Mond betrifft, so sind sie, wie auf der Erde, beiderlei Geschlechts, wurden aber erst um tausend Jahre später durch einen bevollmächtigten Engel erschaffen.
MO|0|2|2|0|Was ihre natürliche Größe anbelangt, so sind sie nur etwas über zwei Schuhe groß und haben viel Ähnlichkeit mit den nordischen Zwergen. Sie haben einen sehr großen Bauch, der bei ihnen eine doppelte Verrichtung hat: die eine zur Verdauung der Speisen durch den gewöhnlichen Speisemagen, die andere vermöge eines zweiten Magens zur Ansammlung einer Art leichten Gases, welches ihnen einen dreifachen Vorteil gewährt.
MO|0|2|3|0|Denn fürs Erste macht es sie leicht, dass sie wegen des Mangels an Bauholz, vermöge dessen sie keine Brücke über die Flüsse erbauen können, sehr leicht über jeden Fluss hinwegspringen können. Und sind Flüsse von großer Breite oder auch hie und da Binnenmeere vorhanden, so können sie, einem Fisch gleich, leicht über die Oberfläche hinwegschwimmen. Das ist also der erste Vorteil dieses Magens.
MO|0|2|4|0|Was den zweiten Vorteil betrifft, so besteht dieser darin, dass sie durch das Ausstoßen dieser Luft eine Art Knalltöne hervorbringen, vermöge welcher sie sich gegenseitig ihre Gegenwart in den unterirdischen Gemächern kundgeben. Auch benützen sie diese Luft zur stärkeren Außensprache, welche freilich nur im höchsten Grad mager ist; denn ihre Lungensprache ist äußerst schwach und still, und diese Sprache führt dann nur der in den Mondmenschen zur Besserung eingeschichtete Geist. Der eigentliche Mondmensch hat anfänglich einen Abscheu vor dieser Sprache; wenn aber der Geist nach und nach besser wird, so befreundet sich dann die Seele des Mondmenschen mit dem zu bessernden, innewohnenden Geist eines Erdmenschen, bis endlich die Seele des Mondmenschen mit dem gebesserten Geist vollkommen eins wird, welcher Zustand dann auch den meistens schmerzlosen Tod des Mondmenschenleibes herbeiführt.
MO|0|2|5|0|Ein dritter Vorteil dieser Magenluft ist der, dass sie sich durch ein häufiges Ausströmenlassen in der kalten Nachtzeit ihre unterirdischen Höhlen erwärmen, welches auf folgende Art geschieht: Da ihre Wohnhöhlen fast so aussehen oder vielmehr von innen also ausgehöhlt sind, dass sie beinahe einer stumpfen, großen Glocke gleichen, deren Eingang aber vom Boden aus durch eine Art Treppe bewerkstelligt ist, so sammelt sich dann diese ausgestoßene, leichte Luft unter dieser luftdichten Wohnglocke und macht ihre Wohnung erträglich warm und hindert das freie Einströmen der äußeren, überaus schwerkalten atmosphärischen Luft. Diese wird nur insoweit von diesem leichten Gas aufgenommen, als es zum physischen Leben unumgänglich nötig ist. Denselben Zweck hat diese Magenluft auch in den unerträglich heißen Tagesperioden, in welchen sich diese Mondmenschen ebenfalls unter die Erde begeben müssen, nur mit dem Unterschied, dass dieses Gas durch die Einwirkung des Speisemagens in ein kühlendes Sauerstoffgas verwandelt wird, wodurch es dann auch ihre Glockenwohnung bei mehrfältigem Ausstoßen vor dem Eindringen der heißen Luft schützt. Das ist also der dritte Vorteil dieses Windmagens.
MO|0|2|6|0|Eine andere Eigentümlichkeit dieser Menschen ist folgende, dass ihr Auge von doppelter Eigenschaft ist. Die erste Eigenschaft ist die des Schauens, wie bei euch. Die zweite Eigenschaft aber ist diese, dass ihr Auge in ihren finsteren Gemächern ihnen auch zur Leuchte dient, welche Eigenschaft selbst auf der Erde, sowohl bei gewissen Tieren als auch in manchen Gegenden bei Menschen angetroffen wird, und zwar bei denjenigen, deren Augenpupille rot ist wie bei den Kaninchen. Eine noch andere Eigentümlichkeit bei diesen Menschen ist das überaus scharfe Gehör, vermöge welchem sie das leiseste Geräusch von einer bedeutenden Ferne ganz leicht zu vernehmen imstande sind, weshalb denn auch ihre Ohrentrichter bedeutend größer und kompakter sind.
MO|0|2|7|0|Das männliche Geschlecht ist viel stärker denn das weibliche; aber nicht in dem Erdverhältnis, sondern in einem solchen, wie die Kraft eines zehnjährigen Kindes sich verhält zur vollen Manneskraft. Daher sind auch diese Mondmänner von der größten Zärtlichkeit gegen ihre Weiber und tragen dieselben im buchstäblichen Sinne nicht nur auf den Händen, sondern also auf den Achseln, dass die Füße an beiden Seiten des Halses auf der Brust herabhängen, aus welchem Grunde dort auch immer zwei Menschen übereinander gesehen werden.
MO|0|2|8|0|Das Weib darf dort beinahe gar keine Arbeit verrichten und wird vom Mann gefüttert, und so zwar, dass der Mann sogar die Speise eher recht durchkaut und dieselbe dann von seinem Mund in den des Weibes gibt. Von seinen Achseln kommt sie außer der Wohnung nur bei Gelegenheit der Notdurft und in ihrer hohen Schwangerschaft, wenn sie der Entbindung nahe ist. Ein Weib gebiert alldort für ihr ganzes Leben nur zweimal, einmal am Tag und einmal in der Nacht, bringt aber allzeit vier lebendige Kinder zur Welt, und zwar am Tag vier Männlein und in der Nacht vier Weiblein. Die Kinder können alsobald gehen, und es werden die Männlein auch alsobald angewöhnt, das Weiblein zu tragen. Dass dort die Kinder auch manchmal schon als Kinder sterben, ist eine ebenso natürliche Sache wie auf der Erde. Von fremden Geistern werden sie erst dann eingenommen, wenn sie hundert Tage und darüber alt sind.
MO|0|2|9|0|Alle diese Mondmenschen haben ein zweites Gesicht und werden von innen aus von den dahin beschiedenen Engelsgeistern in der Erkenntnis Gottes unterrichtet. Und der Unterricht, den sie da erhalten von den Engelsgeistern, ist zugleich auch ein Unterricht für den innewohnenden Erdmenschengeist, und so ergänzt dann die Mondmenschenseele den Schaden, welchen ein Mensch auf der Erde durch seine übertörichte Weltsüchtigkeit an seiner Seele erlitten hat. Und so hat dann ein solcher im Mond hart gebesserter Mensch eine geflickte Seele und wird sich eben dadurch ewig von den vollkommen reinen Geistern unterscheiden und wird nie in ihre freien Gesellschaften treten können, sondern sich zu ihnen geradeso verhalten wie der Mond zur Erde, der zwar die Erde beständig begleitet, sich aber ihr doch nie nähern kann wie ein Freund seinem Freunde.
MO|0|2|10|0|Allein diejenigen Geister, bei denen es nicht nötig war, in einen Mondmenschen eingelegt zu werden, dass sie sich besserten, sondern die als Geister schon einen allerbarsten Abscheu vor der Erde bekamen, werden von da weg in höhere Regionen geführt und können in das Kinderreich, als die höchste Seligkeitsstufe für sie, aufgenommen werden. Jedoch höher zu gelangen, wäre für sie unmöglich; denn ihre beschränkte Eigenschaft wäre nicht fähig, einen höheren Zustand zu ertragen, sowenig als ein Mensch auf der Erde, solange er noch im Leibe lebt, im feinsten Äther lebend aushalten könnte.
MO|0|2|11|0|Seht, das ist das Los der besten weltgesinnten Menschen. Denn wer der Welt aus Liebe zu Mir nicht freiwillig entsagt, sondern das Welttümliche durch solche außerordentliche Zwangsmittel von ihm ausgetrieben werden muss vermöge Meiner großen Erbarmung, der hat nicht frei gehandelt; wer aber nicht frei handelt, der handelt wie ein Sklave. Wer aber kann die gezwungene Handlung eines Sklaven als eine eigenverdienstliche ansehen? Wenn aber der Sklave seine ihn nötigende Bedingung erfüllt, so ist seine Handlung dessen ungeachtet so viel wert, dass man ihm ein Brot zur Nahrung reicht, damit er auch lebe, insoweit er gewisserart notgedrungen willig gearbeitet hat.
MO|0|2|12|0|Aus diesem werdet ihr nun vollends abnehmen können, warum solche Wesen keiner höheren Seligkeit fähig sind als die Kinder im Übertritt aus dem [irdischen] Leben in das geistige, wonach sie selbst noch nichts als Sklaven des blinden Gehorsams sind und auch sein müssen.
MO|0|3|1|1|Die Tiere des Mondes
MO|0|3|1|1|Am 9. Mai 1841
MO|0|3|1|0|Was die Tiere betrifft, so gibt es derselben, wie schon im Anfang bemerkt wurde, so wie auf der Erde viele Arten und Klassen, sowohl in der Luft, Monderde und im Wasser.
MO|0|3|2|0|Unter allen diesen Tieren ist nur eine zahme Gattung unter dem Namen – nach eurer irdischen Sprache – „Mondschaf“; alle anderen Gattungen sind nicht zahm, d. h., sie befinden sich nicht dienstbar in der menschlichen Gesellschaft. Dieses Mondschaf ist – wie schon bemerkt – den Mondbewohnern das, was das Rentier den nordischen Völkern ist. Seine Gestalt ist folgende: Der Leib ist ganz vollkommen rund wie ein gefüllter Mehlsack. Dieser Leib wird von vier Füßen getragen, welche nicht länger als eine Spanne sind, und sind versehen mit vier Klauen. Der Kopf ist vollkommen einem Erdschaf ähnlich und sitzt auf einem eine Elle langen und eine Viertelelle von oben nach unten breiten Hals. Es hat zwei lange Ohren, ähnlich denen eines Esels. Auf dem Kopf trägt es nur ein Horn, welches nach allen Richtungen mit fingerlangen, sehr spitzigen Auswüchsen versehen ist. Ferner noch hat es einen löwenartigen Schweif, welcher am Ende mit einem reichen Haarbüschel versehen ist. Seine Farbe ist weiß, und mit Wolle – gleich euren Schafen – ist der ganze Tierleib versehen.
MO|0|3|3|0|Nun, was ist wohl seine Nützlichkeit? Seine Nützlichkeit ist für den Mondbewohner von der größten Bedeutung. Denn fürs Erste nährt es ihn mit seiner reichlichen, goldgefärbten Milch. Fürs Zweite bereitet der Mondmensch aus dessen reichlicher Wolle alle seine Kleidung, welche in einer Art Hemd und Mantel besteht und ist gleich beim männlichen und weiblichen Geschlecht. Fürs Dritte lockert es mit seinem Horn die Erde auf, und die Menschen werfen dann den Samen ihrer Wurzelfrüchte in das aufgelockerte Erdreich, welche Früchte dann – wie schon gesagt – in der kurzen Zeit von euren vierzehn Tagen zur vollen genussbaren Reife gelangen. Ein solches Tier wird nicht selten dreihundert Mondtage alt. Wenn es aber stirbt, so wird ihm das Fell abgezogen und wird zu Betten verwendet in den unterirdischen Gemächern; das Fleisch aber wird auf einen Insektenhaufen geschleppt, welche Insekten euren Ameisen nicht unähnlich sind. Diese Insekten verzehren in kurzer Zeit alles Fleisch von den Knochen. Wenn nun dieser Akt vor sich gegangen ist, alsdann kommen wieder die Menschen und nehmen die Knochen samt dem Horn mit sich und verfertigen ihre nötigen Werkzeuge daraus. Das ist die gesamte Nützlichkeit dieses zahmen Tieres.
MO|0|3|4|0|Es gibt noch eine Menge Tiere auf der Monderde, welche mehr oder weniger Ähnlichkeit mit den Tieren der Erde haben; nur sind sie alle viel kleiner als die Tiere auf der Erde und auch sämtlich kleiner als das schon bekannte Schaf, welches alldort auch gleichsam der König unter den Tieren ist. Aus allen den Monderdtieren sind besonders zwei bemerkenswert, d. h. neben dem Schaf, und das ist fürs Erste der dreifüßige Maulaffe und fürs Zweite der einfüßige Ducker und Springer.
MO|0|3|5|0|Der dreifüßige Maulaffe ist von der körperlichen Größe einer Katze. Sein Kopf gleicht dem eines Erdaffen, nur mit dem Unterschied, dass sich sein Maul bis auf den halben Hals spaltet. Seine zwei vorderen Füße gleichen vollkommen den Affenpfoten; was aber seinen einzelnen Hinterfuß betrifft, so gleicht dieser einem Elefantenrüssel und kann bis auf eine Spanne zusammengezogen werden – allwann er auch zum ganzen Tier ganz unverhältnismäßig dick wird –, kann aber im entgegengesetzten Falle zu einer Länge von drei Klaftern ausgedehnt werden.
MO|0|3|6|0|Ihr werdet nun freilich fragen: Wozu eine so sonderbare Gestalt einem Tier? – Allein es soll nicht schwer werden, euch dieses Rätsel zu lösen. Seht, wie schon bekannt, ist die Temperatur des Mondes eine ganz andere als die Temperatur der Erde; denn im Verlaufe eines Zeitraumes von nahe achtundzwanzig Tagen der Erde wird die Monderde von klaftertiefem Schnee überdeckt, darauf in den nächsten sieben Erdtagen oft nach allen Richtungen überschwemmt und wieder bald darauf von einer unausstehlichen Sonnenhitze heimgesucht.
MO|0|3|7|0|Nun seht, dieses erwähnte Tier muss seiner Bestimmung wegen sich mit seinem Kopf stets in der atmosphärischen Luft befinden, daher es eben dieses rüsselartigen Fußes bedarf; denn zur Zeit der Nacht oder des Winters steht es auf seinem verlängerten Fuß, über die Oberfläche des Schnees hinausreichend, lockt da eine Gattung Nachtvögel, welche den kleinen Erdfledermäusen nicht unähnlich sind, in seine Nähe, fängt sie da oder lässt sie vielmehr in sein weit aufgesperrtes, wohltätige Wärme hauchendes Maul fliegen und verzehrt sie da auch alsobald. Seht, das ist die eine Bestimmung dieses langen Fußes.
MO|0|3|8|0|Wenn aber der Schnee zu schmelzen hat angefangen, und das Wasser oft mehrere Schuh hoch die meilenweiten Ebenen, welche auch auf der bewohnbaren Seite des Mondes von hohen Gebirgsringen umfasst sind, überdeckt, alsdann muss dieses Tier ja wieder vermöge dieses Hinterfußes mit seinem Leib über die Oberfläche des Wassers reichen, damit es nicht ersäuft. Zur Zeit der Tageshitze aber begibt es sich in die Flüsse und steht da oft mehrere Tage lang also im Wasser, dass es mit dem Kopf und den zwei Pfoten außer der Oberfläche des Wassers sich befindet. Steigt das Wasser, so verlängert es seinen Fuß, und fällt dasselbe, so macht es den Fuß in dem Verhältnis eben auch kürzer, und versiegt ein solcher Fluss oft ganz, alsdann bewegt es sich also weiter, dass es sich durch die möglichste Verlängerung des Hinterfußes vorwärtsschiebt. Dann hält es sich mit den Vorderfüßchen so lange fest an irgendeinem Erdgegenstand, bis es den Rüsselfuß vollends an sich gezogen hat, allwann es dann wieder die vier langen Zehen am Ende des Hinterfußes in die Erde gesteckt hat, und sodann wieder den ganzen Leib ziemlich behände vorwärtsschiebt. Diesen Gang geht es so lange fort, bis es wieder ein Wasser erreicht hat, wo es dann schnell wieder sich mit dem Hinterfuß in dasselbe auf die früher erwähnte Art begibt. Seine Nahrung am Tag ist eine Art von fliegenden Krebsen, die euren sogenannten Hirschkäfern nicht unähnlich sind.
MO|0|3|9|0|Was den sogenannten Springer und Ducker, der im Besitz nur eines Fußes ist, betrifft, so ist dieses Tier nichts anderes als eine Abart des schon bekannten Maulaffen; nur besitzt es bei weitem mehr Elastizität als der Fuß des Maulaffen, aus welchem Grunde seine Fortbewegung auch eine springende ist. „Ducker“ heißt er darum, weil er sich so zusammenzuziehen imstande ist, dass da in seinem Duckzustand er das Aussehen hat, als läge ein mittelgroßer Laib Brot auf der Erde. Wenn er aber dann springen will, so dehnt er sich plötzlich zu einer Länge von fünf Ellen aus. Durch dieses plötzliche Ausdehnen wirft er sich dann zu einer Höhe von zwei bis drei Klaftern – und das zwar allzeit in einer bogenartigen Richtung – vorwärts, so dass ein solcher Sprung nicht selten eine Weite von sechs bis sieben Klaftern erreicht. Dieses Springen setzt dieses Tier oft sehr schnell nacheinander fort und macht, besonders am Tag, eine so schnelle Bewegung, dass es jeden Vogel in der Luft einholt. Seine Nahrung ist gleich der des Maulaffen, und so auch seine Wohnung. Und so bewohnen solche Tiere nebst noch vielen anderen nur die Ebenen und kommen mit den Menschen in gar seltene Berührung, weil diese nur auf den Gebirgstriften wohnen.
MO|0|3|10|0|Auf den Bergen aber findet sich außer dem bekannten Schaf und den ameisenartigen Insekten nur noch eine bedeutende Anzahl kleiner Vögel vor, deren größte kaum die Größe von euren Sperlingen erlangen; die kleinsten aber sind kaum etwas größer als die Fliegen bei euch.
MO|0|3|11|0|Die Wässer sind ebenfalls belebt von allerlei Gattung Fischen, Würmern und vorzugsweise sehr vielen Krebsen, davon schon früher eine fliegende Gattung erwähnt wurde. Auch gibt es Schaltiere wie in den Meeren der Erde. Aus den Schaltieren ist vorzugsweise die sogenannte blaue Kugel merkwürdig, weil das ein Tier ist, das seinesgleichen auf Erden nicht findet. Diese blaue Kugel kann sich in zwei Halbkugeln teilen, welche mit kleinen Muskelbändern aneinanderhängen. Es nährt sich auf diese Art, dass es Würmer zwischen seinen beiden Halbkugeln zerquetscht, den Saft in sich saugt und die Larven dann wieder mit dem Wasser wegspült. Diese blaue Kugel, welche die Größe von einer großen Melone hat, hat diese Eigenschaft, dass sie zur Nachtzeit einen so starken Glanz auf ihrer Oberfläche bietet, dass dadurch die Flüsse und Seen einen viel helleren Schimmer bekommen als das Meer der Erde unter den Wendekreisen; denn ihr werdet wohl noch nicht wissen, dass das Meer unter den Wendekreisen der Erde so stark leuchtet wie in eurer Gegend der Schnee bei vollem Mond; gerade so, seht, leuchtet auch das Meer unter den Wendekreisen.
MO|0|3|12|0|Alle übrigen Tiere des Mondes würden für euch weniger von irgendeinem Interesse sein, da sie fürs Erste mehr oder weniger Ähnlichkeit mit den Tieren der Erde haben – nur dass sie im Verhältnis viel kleiner sind – und fürs Zweite, weil ihr deren geistige Bestimmung für jetzt noch unmöglich erfassen könntet; und könntet ihr sie auch erfassen, so würde sie euch ebenso wenig nützen wie der Schnee, welcher tausend Jahre vor Adam auf die Erde gefallen ist.
MO|0|4|1|1|Die erdzugewandte Mondoberfläche und die Geister des Mondes
MO|0|4|1|1|Am 11. Mai 1841
MO|0|4|1|0|Nachdem wir all die Einwohner dieses Weltkörpers haben kennengelernt, wollen wir noch seine beiderseitige Oberfläche ein wenig näher beschauen.
MO|0|4|2|0|Was die der Erde zugekehrte Seite betrifft, so könnt ihr dieselbe vermöge einer gut vergrößernden Augenwaffe schon ganz wohl erkennen, dass dieser Weltkörper keine ebene Oberfläche, sondern eine sehr gebirgige zum Beschauen darbietet, und ist von der Erde nur dadurch unterschieden, dass er fürs Erste keine Wasseroberfläche zeigt und fürs Zweite, dass seine Gebirge nicht so wie die der Erde strahlenmäßig oder kettenförmig von den bedeutendsten Höhepunkten auslaufen, sondern als Ringe nur sich darstellen, indem sie dadurch größere oder kleinere Flächen einschließend umfangen. Es gibt zwar wohl auch einzelne Gebirgszüge, welche denen der Erde gleichen, sowohl in Hinsicht der Strahlen- wie auch der Kettenform; allein sie sind viel seltener, und es sind die in Strahlenform auslaufenden eigentlich keine Gebirgsrücken, sondern eine ununterbrochene Reihe von kleinen Ringwällen, deren Durchmesser kaum mehr als dreißig Klafter ausmacht. Solch kleine Ringwälle laufen dann, zu vielen Tausenden aneinandergereiht, in einer geraden Linie fort, und zwar von irgendeinem großen Ringwall bis wieder irgend hin zu einem größeren oder ebenso großen oder öfter auch kleineren Ringwall und bilden auf diese Weise gewisserart Straßen zwischen all den Ringwällen. Wenn ihr durch irgendein mehr vergrößerndes Rohr diesen Weltkörper beobachten wollt, so werdet ihr diese Ausläufer als eine Art heller, schimmernder Strahlen entdecken und sehen, wie sie von einem noch helleren und auch höheren Punkt nach allen Richtungen sich ausbreiten. Ihre zellenartige Anreihung hat manche Astronomen auf die irrige Meinung gebracht, dass sie vorgaben, Vegetation alldort entdeckt zu haben, während sie doch auf der ganzen der Erde zugekehrten Seite nicht zu entdecken ist und auch unmöglich je zu entdecken ist und sein wird, weil es alldort keine gibt. Ebendasselbe ist auch der Fall mit den noch seltener vorkommenden kettenartigen Gebirgszügen, da sie entweder selbst aus lauter solchen Ringwällen bestehen, welche gleich unförmlichen Zuckerhüten aneinandergereiht sind, und haben auf ihren Spitzen kleine, ringförmige Vertiefungen; oder solche aneinandergereihte, klippenartige Aufdämmungen umfangen eine größere, oft über fünfzig Meilen weite Fläche, welche selbst aus lauter größeren und kleineren Ringwällen besteht, in welchen selbst oft noch einzelne Stumpfkegel mit kleinen, ringartigen Vertiefungen vorkommen; ja selbst die kleinen Wälle und Abdachungen der Kegel sind oft noch mit solchen kleinen Ringwällen versehen.
MO|0|4|3|0|Nun möchtet ihr wohl wissen, wozu dies alles auf einer unbewohnten Weltkörperoberfläche!
MO|0|4|4|0|Wie wär’s denn, so Ich euch fragen möchte: Wozu all die Pünktchen, Härchen und allerverschiedenartigsten Einkerbungen bei all den Laubblättern der Bäume, Gesträuche und Pflanzen, und dergleichen Varietäten bei all den übrigen Gegenständen der belebten und unbelebten Schöpfung? – Seht, da gäbe es gar vieles zu erklären, besonders wenn ihr dazu noch bedenkt, welch eine unberechenbar großartige Bedeutung ein einzelnes Härchen auch nur einer allerunbedeutendsten Moospflanze in sich birgt!
MO|0|4|5|0|Seht, also ist es wohl auch umso mehr mit einer halben Oberfläche eines ganzen Weltkörpers der Fall; daher kann Ich euch darüber nur etwas im Allgemeinen sagen, und so sind denn all diese Ringwälle auf der Mondoberfläche fürs Erste zur Aufnahme des Erdmagnetismus so gestellt, dass die Ränder der Wälle gewisserart Sauger dieses imponderablen Fluidums sind; und fürs Zweite aber sind dann die verschiedenartigen Vertiefungen Aufnahmegefäße für eben dieses Fluidum. Warum nicht alle von gleicher Größe und Tiefe sind, dafür liegt darin der Grund, weil diese Kraft eben so verschieden ausgeteilt werden muss, damit dann aus dem Durchschnitt solcher höchst genauen Verteilung jene wohlabgewogene Proportion also bewerkstelligt wird, dass ihr zufolge die ordnungsmäßige Erhaltung und Bewegung zweier sich gegenüberstehender Weltkörper unabänderlich getroffen werden. Seht, das ist im Allgemeinen eine Bestimmung der euch etwas sonderbar vorkommenden Bildung der Mondoberfläche.
MO|0|4|6|0|Eine zweite Bestimmung fast aller dieser Vertiefungen ist diese, dass in denselben, zur notwendigen Erhaltung all dieser Gebilde, beständig atmosphärische Luft sich vorfindet und erhalten wird gleich dem Wasser in den Vertiefungen der Erde. Ihr werdet fragen, woher diese Luft komme!? Und Ich sage euch: Daher die der Erde [kommt], nämlich aus der großen Vorratskammer des unendlichen, überall mit Licht und Äther erfüllten Raumes. Zur Nachtzeit – d. h., wenn die der Erde zugekehrte Seite ohne Licht ist – füllen sich diese Vertiefungen voll an mit atmosphärischer Luft. Kommt dann das Sonnenlicht nach und nach darüber, so bildet sich in diesen zahllosen Kesseln ein äußerst reichlicher Tau als Niederschlag der darinnen enthaltenen atmosphärischen Luft. Dieser Tau befestigt dann von neuem wieder alle Teile der Mondoberfläche und sickert sich auch als reines Wasser durch den ganzen Mondkörper hindurch, zur Unterstützung der jenseitigen Wasserquellen und daraus zur Bildung der Dünste und permanenten Luftschichten. Seht, das ist also eine andere Hauptbestimmung dieser euch sonderbar vorkommenden Mondoberflächenformation.
MO|0|4|7|0|Möchtet ihr wohl glauben, dass all dieses Kesselgebilde der Oberfläche des Mondes noch eine dritte Hauptbestimmung zulässt?
MO|0|4|8|0|O ja, sage Ich. All diese Kessel sind auch Wohnungen für jene zu bessernden Geister, welche aus dem ersten Grad der Hölle gerettet werden durch die dahin gesendeten Lehrer aus der besseren und reineren Geisterwelt mit öfterer Unterstützung aus dem ersten Himmel.
MO|0|4|9|0|Wenn diese Geister dahin gebracht werden, so wird ihnen aus dieser in den Kesseln befindlichen Luft ein ihr ähnlicher Leib wiedergegeben, vermöge welchem sie sowohl Geistiges wie auch – nach dem Bedürfnis ihrer Besserung – Materielles zu schauen imstande sind.
MO|0|4|10|0|Wenn sie dahin gelangen, so bewohnen sie zuerst jene Stellen dieses Weltkörpers, welche die tiefsten und für euer Auge zugleich die dunkelsten sind. Wenn sie sich bessern, so wird ihr grober Luftleib immer in einen feineren verwandelt, vermöge welchem sie dann auch in einen höherliegenden Kessel kommen, und es kommen in die kleinen nur einzelne und in die größeren Gesellschaften Gleichgesinnter.
MO|0|4|11|0|Zwei Punkte von besonderer Helle werdet ihr auf der Oberfläche entdecken, und zwar den hellsten in der unteren südlichen Gegend und den kleineren, etwas weniger hellen, mehr in der nördlichen Hälfte. Diese zwei Punkte sind die Erlösungspunkte, und zwar der südliche, von dem die meisten lichten Strahlen sich ausbreiten, für diejenigen, welche nicht nötig hatten, in den Leibern der Mondmenschen ausgeflickt zu werden, – und der nördliche für jene, welche nicht auf einem anderen Weg von ihrer Erdliebe zu heilen waren denn durch eine höchst marterliche Einschichtung in den allerarmseligsten Leib eines Mondmenschen, von wo aus sie dann erst wieder als Geister zum zweiten Mal in die luftigen Kessel der euch sichtbaren nördlicheren Oberfläche des Mondes gebracht werden und von da emporrücken nach und nach zu dem schon erwähnten nördlichen Befreiungspunkt.
MO|0|4|12|0|Ihr müsst euch aber nicht denken, dass eine solche Reise durch diese Behälter so leicht und geschwind geht, als ihr sie vielleicht von Geistern erwartet. Fürs Erste geht sie sehr schwer; denn sooft ein Geist höherrückt, muss er in seinem früheren Kessel also absterben, wie jeder von euch auf der Erde einmal leiblich sterben muss. Und dieses Sterben ist auch allzeit mehr oder weniger schmerzlich und stets begleitet von dem Gefühl der Möglichkeit einer ewigen Zunichtewerdung. Denkt euch, dass ein solcher Geist oft mehrere Tausende von solchen Kesseln zu passieren hat und dass er in einem solchen Kessel oft einen Monat, oft ein halbes Jahr, ja oft ein ganzes Jahr und darüber verweilen muss, so werdet ihr euch auch von der Geschwindigkeit einer solchen Wanderung einen Begriff machen!
MO|0|4|13|0|Seht, es gibt noch Geister aus den Zeiten Abrahams auf diesem Weltkörper, die mit ihrer Reise noch nicht über drei Vierteile zu Ende sind. Was könnt ihr erst von jenen denken, die, während ihr da schreibt, dahin gelangen!
MO|0|4|14|0|Seht, das ist nun alles, was für euch zu wissen nicht unnötig ist. Alles Übrige, vom Kleinsten bis zum Größten, werdet ihr, wenn ihr Mich liebt über alles aus allen den Kräften, die Ich euch verliehen habe, dass ihr Mich lieben möchtet, dann dadurch in einem vollkommeneren Geisteszustand von Punkt zu Punkt in Meiner Gnade hellstem Licht erschauen. Und so ist es auch nicht nötig, euch mehreres von der bewohnten Seite dieses Weltkörpers kundzugeben, nachdem dieselbe in plastischer Hinsicht ohnehin der unbewohnten Seite völlig gleich ist, nur dass dort Materielles obwaltet wie hier Geistiges.
MO|0|4|15|0|Dass die Tier- und Pflanzenwelt zur stufenrechten Bildung der Mondmenschenseele vollkommen entspricht den auf dieser Seite abgelegten Luftleibern der Geister, welche – wie schon früher erwähnt wurde – mittels des Wassers durch den ganzen Mondkörper gewisserart mit durchgesickert werden, und dass dieselben dann auf der mageren Stufe der Vegetation und so fort durch die ganze Reihe der Tierwelt wieder zum Ort ihrer Bestimmung gelangen, werdet ihr alles erst eben auch in dem vollkommeneren Geisteszustand auf dem Weg Meines Gnadenlichtes wohl unterscheidend erschauen und erkennen.
MO|0|4|16|0|Schließlich sage Ich euch, dass Ich es bin, der euch alles dieses kundgibt. Auch euch verrate Ich Mich Selbst, wie Ich Mich dereinst in dem Garten Gethsemane den Juden, Hohepriestern, Pharisäern und Schriftgelehrten verraten habe. Euch aber ist Mein Verrat aus Mir Selbst zum Leben, wie er denen war zum Tode; denn wie sich denen verriet die ewige Liebe zum Gericht und zum Fall, ebenso verrät sich euch dieselbe ewige Liebe zum Leben und zur ewigen Auferstehung. Das aber ist der Grund und die verborgene, unergründliche Weisheit der ewigen Liebe, dass der Fall und der Tod euch ward durch das große Ich zum Leben und zur Auferstehung. Amen. Das sagt der Ich vom Tode zum Leben. Amen.
MO|0|5|1|1|Vier Fragen in Bezug auf den Mond
MO|0|5|1|1|Am 3. Juni 1841
MO|0|5|1|1|a) O liebevollster Herr und Heiland! Wie verehren Dich die Mondmenschen? Bilden sie unter irgendeinem sichtbaren Oberhaupt eine Kirche, einen Staat?
MO|0|5|1|1|b) Wie erziehen sie ihre Kinder?
MO|0|5|1|1|c) Für was halten sie unsere Erde, und wissen sie, dass Du auf Erden Mensch geworden bist und durch Dein bitteres Leiden und Sterben hinwegnahmst die Sünden der Welt?
MO|0|5|1|1|d) Wie bewirkt der Mond das Schlafwandeln oder den Somnambulismus?
MO|0|5|1|0|Ihr könnt alle diese Fragen auf der Erde selbst bis auf einen Buchstaben erfüllt sehen, und zwar aus diesem Grunde, weil zwischen den Menschen der Erde und denen auf dem Mond in geistiger Hinsicht kein wesentlicher Unterschied ist; denn wie euch schon ohnehin bekannt ist, sind die Mondbewohner nichts als zu bessernde Menschen von der Erde und bringen wie jeder andere Geist ihre Werke mit sich. Dass aber die Werke dieser Mondübersiedler gerade nicht von der besten Art sind, besagt ja schon hinreichend solche Transcension [Versetzung].
MO|0|5|2|0|Wollt ihr nun Meine Verehrung von Seiten der beiderseitigen Mondbewohner erfahren, so macht einen Blick auf das weltsüchtige Volk dieser Erde selbst, und ihr werdet einen getreuen Spiegel finden, der euch zeigen wird, wie zum größten Teil Meine Verehrung bei den Bewohnern des Mondes sich gestaltet.
MO|0|5|3|0|Was tun hier die Weltsüchtigen? Welche Ehre erweisen sie Mir, und mit welchem Lob entrichten sie Mir den gebührenden Zoll? Verwenden diese Weltlinge nicht alle ihre Sorgfalt auf ihren Dreckkasten? Die einen sind immer emsig besorgt, mit welchen Fetzen sie den Schmeißhaufen des Geistes umhüllen sollen. Wieder andere sind besorgt, was all für wohlschmeckende Speisen sie sich bereiten sollen, um dieselben dann in den Magen, als der wahren Werkstätte des Todes, hineinzuschieben. Wieder andere sind besorgt um ein prächtiges Haus, um eine schöne, glänzende Einrichtung, weiche Stühle und Sofas, glänzende Tische und überaus weiche Betten, um auf denselben desto leichter und bequemer am Tag wie bei der Nacht zu faulenzen und ja sorgfältig Acht zu geben, dass ihr innerer, allergeliebtester Freund Magen ja nicht etwa irgendeinen beleidigenden Druck oder etwa gar eine etwas schmerzhafte Quetschung erleiden möchte. Auch fürchten sich diese Magenfreunde ganz vorzüglich vor den Strahlen der Sonne, aus welchem Grunde sie dann wieder Sorge tragen, dass ja nicht zu viel Sonnenlicht durch die Fenster ins Zimmer fällt, welche darum auch mit allerlei Fetzen behangen sind. Merkt ihr nicht, dass solche Menschen schon hier eine leise Verwandtschaft haben mit den Höhlenhockern des Mondes, welche, weil sie sich keine solchen Prachthäuser mehr errichten können und ihre Fenster mit Fetzen zu behängen nicht mehr imstande sind, dafür vor den Sonnenstrahlen in ihre Höhlen fliehen und dort ebenfalls bis zum späten Nachmittag verweilen, gleich den sich Bequem- und Guttuern auf dieser Erde, welche da aus ihren Zimmern in wohlgepolsterte und schwingende Wägen steigen, um eine der Gesundheit des Leibes nach ihrer Meinung wohl förderliche Bewegung zu machen. Und wieder andere gibt es auf dieser Erde, die kein anderes wichtigeres Geschäft kennen als den Geld- und Sachwucher. Und wieder andere gibt es, die keine anderen Gedanken haben, als sich auf jede mögliche Art zu putzen, welche Sorgfalt ganz besonders vom weiblichen Geschlecht gehandhabt wird, und zwar in der redlichen Absicht, irgendeinen jungen, unerfahrenen Menschen dadurch hinters Licht zu führen und ihn nach der Klafter zu betrügen. Denn so eine Jungfer erkennt ihren wahren inneren Wert und aus diesem heraus auch den Wert des Nebenmenschen, fragt euch selbst, wird sie sich wohl auch da also putzen, um jemanden durch sich selbst zu betrügen und tun gleich den Juden, welche das schlechte Metall putzen, um es den Narren als Gold zu verkaufen? Ich sage: Solches wird sie nicht tun, da sie wohl erkennt, dass sie kein falsches, sondern ein echtes Gold ist, wozu es auch keines Narren, sondern eines Verständigen bedarf, der das Gold alsobald erkennen wird, und wird es nehmen um den gerechten Preis. Und seht, Ich könnte euch noch eine Menge solcher Weltlinge aufführen; allein es ist zur Erleuchtung der Sache nicht nötig.
MO|0|5|4|0|Ihr wisst, wie Ich einstens gesagt habe, dass sich da niemand sorgen soll, was er essen und trinken werde, so auch nicht um das Kleid des Leibes, sondern suchen einzig und allein Mein Reich und dessen Gerechtigkeit, welche ist Meine große Liebe zu denen, welche Mich ebenfalls, so wie Ich sie, über alles lieben. Wie ist dann Meine Verehrung beschaffen bei jenen Menschen auf dieser Erde, von denen die bessere Art im Durchschnitt des Tages dreiundzwanzig Stunden zur Pflege ihres Leibes verwendet, Mich aber kaum mit einer zerstreuten Stunde abfertigt? Heißt das wohl das Reich Gottes suchen? Ich sage euch: Die Frösche in den Pfützen und die Maulwürfe in der Erde könnten euch gar wohl als lehrende Apostel dienen, denn wahrlich, der Frosch quakt die meiste Zeit des Tages in seiner Freude über das empfundene Leben in seiner Pfütze und lobt Mich dadurch unbewusst in seiner quakenden Freude für den Besitz des Lebens; und der Maulwurf erkennt und bahnt sich in der finsteren Erde seine Wege, und seine Arbeit und seine lautlose Ruhe ist ein stiller Lobgesang, durch welchen er unablässig Mich, seinen Schöpfer, preist.
MO|0|5|5|0|Aber der Mensch, für den Ich alles erschaffen habe, für den Ich so Großes getan habe, noch jetzt tue und ewig tun werde, ja für den Ich unablässig sorge und alle Meine Weisheit und Liebe für ihn verwende, mehr denn ein liebeerfülltester Bräutigam für seine allergeliebteste teuerste Braut, dieser Mensch findet im Tag nur kaum eine Stunde für Mich, und diese noch dazu nur so, wie eine liederliche Köchin oft ganz gedankenlos ein Salz in die Speise wirft, weil sie dergleichen zu tun schon gewöhnt ist, oder um doch wenigstens sagen zu können, sie habe die Suppe gesalzen, wenn diese öfters auch nicht besser schmeckt als ein pures, laues Wasser ohne Öl und Salz! Wahrlich sage Ich euch, durch eine solche Verehrung wird euer Gott nicht fetter und dadurch euer Leben selbst auch nicht kräftiger werden; denn das Leben eurer hölzernen Haus- und Zimmerkruzifixe, welche euch körperlich die große Erbärmlichkeit anzeigen, wie sehr eure Verehrung und euer Gottesdienst dem der Juden gleicht, welche doch wenigstens den Lebendigen ans Kreuz geschlagen haben, während ihr zu dieser Arbeit lang zu faul und zu lau wärt und euch begnügt, dass euch jemand eine solche schon vollbrachte hölzerne Kreuzigung verkauft, welche dann auch vollkommen geeignet ist, an Meiner statt die Atome eurer Verehrung anzunehmen. O ihr Toren! Das geformte Holz oder Stein oder Metall verehrt ihr also, wie der Hund verehrt einen Eckstein, den ein Vorgänger schon beschnüffelt hat, und drückt eure Lippen an das Holz und meint, wenn ihr dabei noch ein sogenanntes Vaterunser und Ave-Maria geplappert habt, oder wenn ihr in einer Kirche, aus Steinen gemacht und voll Schnitzwerk, etwa eine Stunde gedankenlos und geputzt, mit einem vergoldeten Gebetbuch in der Hand, zugebracht habt, ihr hättet Mir gedient und Mich etwa verehrt über Hals und Kopf. O ihr Toren! Meint ihr denn, Ich sei im Holz oder im Stein oder im Metall oder in anderem eitlen Schnitzwerke aus den Händen der Tischler und Bildhauer, Drechsler, Schlosser, Schmiede, Maurer und Maler? Wahrlich sage Ich euch: Alle solche Verehrer, wenn sie sich hier auf dieser Erde nicht eines anderen bedenken werden, werden dereinst hübsch lange im Mond müssen in die Schule gehen und alldort unter großen Mühseligkeiten geistig und oft auch körperlich erfahren müssen, dass der lebendige Gott durchaus kein Wohlgefallen hat an einer solchen unsinnigen Verehrung, die viel schlechter ist als jene der blinden Heiden, welche ihrem Abgott wenigstens aus Furcht, wenn schon nicht aus Liebe, ein ernstes Opfer bringen, wogegen ihr Mich, den lebendigen Gott, verehrt, als wäre Ich entweder gar nicht oder als wäre Ich im Ernst nur von Holz oder, wenn’s etwas besser geht, entweder neu- oder altgebacken aus Mehl.
MO|0|5|6|0|Wollt ihr nun wissen, worin die Verehrung Gottes bei den Mondmenschen besteht, sowohl auf der geistigen als leiblichen Seite dieses Weltkörpers, so sage Ich euch, dass die alldortige Verehrung in nichts anderem besteht als darin, dass die Menschen alldort erst nach und nach erlernen, worin die wahre Gottesverehrung besteht, welcher Erlernung zufolge sie dann Gott im Geiste und in der Wahrheit, und zwar in sich selbst, zu verehren anfangen, aber nicht so, wie ihr des Tages einstündig nur, und selbst da noch dazu überaus lau im Holz und allerlei geistig gepriesenen Torheiten. Auch besteht die Verehrung Gottes alldort darin, dass diejenigen, die hier ihrem Leib dreiundzwanzig Stunden lang im Tag wohlgetan haben, dort durch lange Zeiten müssen solche extrafeine leibliche Wohltaten entbehren lernen, sich bis in die innerste Faser des Lebens verleugnen und alles einzig und allein von Mir erwarten und müssen ihren Glauben oft durch die vielfältigsten und schwersten Prüfungen immerwährend als lebendig bekennen, aber nicht wie ihr, die ihr entweder gar keinen Glauben habt, oder, so ihr schon einen habt, so umfasst dieser Mich, den lebendigen Gott, mit eben der kleintraulichen Kraft, mit welcher er umfasst ein hölzernes, schlecht geformtes Kruzifixlein.
MO|0|5|7|0|Und so dadurch die erste Frage beantwortet ist, so beantwortet sich die zweite von selbst; denn wo Ich entweder äußerlich durch dahin gesandte Engel und innerlich Selbst als Lehrer auftrete, da bedarf es keines kirchlichen wie auch andersartigen Oberhauptes, woraus auch ihr ersehen könnt, dass derjenige, dem Ich zum Lehrer geworden bin, aller anderen oberhäuptlichen oder nichtoberhäuptlichen Lehrer gar leicht entbehren kann, besonders wenn das Oberhaupt viel mehr ein goldenes denn ein geistiges ist. Und so bildet der ganze Mond nichts anderes als einen geistigen Korrektionsstaat unter Meiner alleinigen Leitung.
MO|0|5|8|0|Nach dieser inneren Lehre werden auch ihre Kinder erzogen, und ihr einziges Bedürfnis ist die Liebe und aus dieser heraus der Glaube, nach der Lehre der Geister, dass Ich ein Mensch bin und habe solche Natur leiblich auf der Welt, von der sie ursprünglich abstammen, angenommen, um alle Menschen nicht nur allein auf der Erde und dem Mond zu beseligen, sondern auch alle, die in den endlosen Räumen auf zahllosen Weltkörpern Zerstreuten in ihrer Art zu versammeln und unter dem Kreuz der Liebe auch für sie eine bleibende Stätte zu errichten. Seht, das ist das Ganze der Religion und Gottesverehrung auf dem Mond.
MO|0|5|9|0|Darum aber müssen dort die Männer ihre Weiber herumtragen, auf dass sie durch ihre sie stets drückende Last von ihrer sinnlichen Fleischeslust geheilt werden. Wahrlich sage Ich euch: Es dürfte auf der Erde ein König in seinem Staat allen den Wollüstlingen solche unerlässliche Pflicht auferlegen, dass, so ein solcher Wollüstling mit einer Dirne gebuhlt hat, er dieselbe dann durch ein ganzes Jahr auf seinem Rücken herumschleppen müsste und müsste sie behalten also Tag und Nacht, entweder liegend, sitzend, stehend oder gehend. Fürwahr er wird durch diesen Zeitraum des süßen Fleisches gewiss also satt werden wie ein Schleckbube nach dem Genuss des Honigs, durch welchen er seinen Magen so beschwerend verdorben hat, dass er nach der Wiederherstellung seines Magens sich vor dem Honig noch mehr fürchtet als vor der stechenden Biene.
MO|0|5|10|0|Freilich ist dieses hier nur gesagt zum erschaulicheren Zeugnis für den Mond und mag auf der Erde, da der Mensch in seiner vollsten Freiheit ist, nicht wohl angewendet werden, weil die Strafe wohl das Fleisch auf eine Zeitlang bessert und zur Ordnung bringt, aber gar nicht die Seele und noch viel weniger den freien Geist, – daher in dem Mond solche Handlung auch nicht als Strafe, sondern nur als innigste, bessere Liebe stattfindet.
MO|0|5|11|0|Die Frage, was die Mondbewohner von der Erde halten, ist nach alldem ganz überflüssig. Denn diejenigen Bewohner, die vermöge ihrer diesseitigen Stellung auf dem Mondkörper die Erde sehen könnten, sind Geister und können das Materielle nur auf dem Wege geistiger Entsprechungen erschauen; die Jenseitigen aber bekommen die Erde ja ohnedies nie zu Gesicht und kennen dieselbe nur geistig.
MO|0|5|12|0|Was die letzte Frage betrifft, so ist euer Begriff ganz irrig, als bewirkte der Mond solches Schlafwandeln; solches wird nur bewirkt um die Zeit des Vollmondes durch das intensiver werdende magnetische Fluidum der Erde selbst. Denn wenn der Mond im Volllicht der Sonne ist, so treibt das Licht das magnetische Fluidum vom Mond gewisserart wieder zur Erde zurück, auf welche Weise dann die Erde vollgeladener wird, und Menschen, die in ihrem Blut mehr Metall haben durch verschiedene Einwirkungen, entweder des Wassers, der Luft oder der Esswaren, haben dann auch die natürliche Fähigkeit in sich, ebendieses zurückströmende Fluidum leitend aufzunehmen.
MO|0|5|13|0|Wenn ihre Nerven dann dadurch angefüllt werden und dadurch die Seele lästig zu drücken anfangen, dann erwacht diese, oder sie macht sich vielmehr los von ihren leiblichen Banden und will dem drückenden Leib entfliehen. Der Leib aber besitzt einen ganz eigentümlichen Nervengeist, welcher fürs Erste höchst verwandt ist mit dem magnetischen Fluidum, auf der anderen Seite aber ebenso innigst mit der Seele, welche eben durch diesen Nervengeist mit dem Leib zusammenhängt und mit demselben korrespondiert. Wenn die Seele dann sich aus dem Staub machen möchte, so erweckt sie dann auch den ihr innigst verbundenen Nervengeist und dieser natürlicherweise den Leib, und so geht dann der sogenannte Schlafzug also vor sich, als wenn drei Menschen hintereinander hergingen, die aneinandergebunden wären; jedoch der Geist bleibt in der Seele, darum sie auch lebendig ist. Wenn dann ein solcher Schlafwandler sein Gesicht gegen den Mond wendet und oft auf Dächer und Kirchtürme steigt, so geschieht das darum, dass er sich aus der magnetüberfüllten Tiefe der Erde erhebe und dadurch vermindere seine drückende Überfülle dieses Fluidums, damit dann der Leib wieder geeignet werden möchte, seine Seele mit dem Geist durch den Nervengeist wieder aufzunehmen und zu beherbergen. Wenn der Leib nun wieder frei geworden ist, so trägt ihn die Seele durch den Nervengeist wieder an die vorige Stelle zurück und vereinigt sich daselbst erst vollends wieder mit dem Leib. Natürlicherweise weiß nun die Seele nichts von dem Zustand, weil sie kein Gedächtnis hat, welches von den Philosophen irrig als ein Seelenvermögen erklärt ist, während die Seele nur das weiß, was sie eben erschaut, und die Erinnerung der Seele im Leib nichts ist als ein wiederholtes Wiederschauen der entsprechenden naturmäßigen Eindrücke des künstlichen Organismus des Leibes, zu welcher Anschauung sie freilich erst durch die entsprechenden zahllosen Formen, welche der Geist in sich trägt, von selbem erweckt wird.
MO|0|5|14|0|Nun wisst ihr alles bis auf die eigentliche Wesenheit des magnetischen Fluidums selbst. Was dieses ist und worin es besteht, darüber jedoch, um es eurem Verständnis näherzubringen, lässt sich mit wenigen Worten nichts Genügendes sagen; denn mit wenig Worten auf dem Wege der Weisheit würdet ihr es schwerlich je erfassen, und für viele Worte seid ihr schon zu müde.
MO|0|5|15|0|Daher erwartet für die nächste Gelegenheit diesen nicht unwichtigen Nachtrag, mit welchem diese Aufgabe erst als beendet anzusehen sein soll! Und somit für heute amen! – Ich, euer Vater. Amen!
MO|0|6|1|1|Nachtrag über das magnetische Fluidum
MO|0|6|1|1|Am 5. Juni 1841
MO|0|6|1|0|Wenn ihr die Dinge vom Kleinsten bis zum Größten betrachtet, wie sie sind der Form und der Gediegenheit nach, einander mehr oder weniger ähnlich und auch mehr oder weniger von ein und derselben Beschaffenheit, so entdeckt ihr an ihnen das euch zuerst in die Augen fällt, und dieses ist die Form. Nehmt ihr ein oder das andere Ding in die Hand, so wird euch das Gefühl alsbald bekanntgeben, ob die betastete Sache mehr oder weniger gediegen ist. Nehmt ihr eine Sache um die andere in die Hand, wovon jede vom gleichen äußeren Umfang ist, so werdet ihr da noch einen dritten Unterschied erkennen, nämlich den des spezifischen Gewichtes. Wenn ihr aber nun die Festigkeit der Körper prüft, so werdet ihr nicht selten finden, dass die weniger festen Körper spezifisch schwerer sind als die ganz festen. So z. B. ist ein gleiches Volumen flüssigen Silbers bei weitem schwerer als dasselbe Volumen des allerfestesten Eisenstahls, und dergleichen noch gar viele Beispiele.
MO|0|6|2|0|Ja selbst Dinge von ein und derselben Art, wie z. B. das Wasser, sind sowohl unter sich als auch unter ihren verschiedenen Temperaturzuständen bei gleichem Volumen gewichtuneins; so z. B. ist ein Tropfen Regenwasser leichter als ein Tropfen aus einem Brunnen oder aus irgendeiner anderen Quelle; so auch ist ein warmer Tropfen leichter als ein kalter, ein gefrorener Tropfen ebenfalls leichter als jeder andere Wassertropfen.
MO|0|6|3|0|Dieselben Unterschiede mögt ihr in allen Dingen antreffen. Wie verschieden erst die Arten und Gattungen und die Abstufungen von beiden in jeder Hinsicht sowohl der Form, der Gediegenheit und Festigkeit und Schwere sind, da braucht ihr nur einen Blick auf all die Dinge zu richten, so werden sie euch ohne Verzug überlaut zurufen: „Sieh, Forscher, wie unendlich verschieden wir sind! Und doch beruht unser Sein auf ein und demselben Gesetz, und wir alle sind aus ein und demselben Stoff! Und doch sind wir unter uns so, dass fast keines dem anderen vollends gleicht, sowohl in der Form, Gediegenheit, Festigkeit und Schwere!“
MO|0|6|4|0|Dieses jetzt Vorausgeschickte ist eine notwendige Vorleitung, ohne welche ihr das Nachfolgende kaum begreifen würdet, weil ihr euch hier schon werdet gefallen lassen müssen – bevor wir noch zu der eigentlichen Erklärung des sogenannten Magnetismus gelangen werden –, einige kleine Nüsse aus der Sphäre der Weisheit zu verschlingen, ohne welche für euer Verständnis die Sache unmöglich für alle Zeiten gründlich dargetan werden kann.
MO|0|6|5|0|Um also von eurer Seite der Sache auf die Spur zu kommen, wie von Meiner Seite euch auf die rechte Spur zu leiten, ist es vor allem nötig, dass ihr einen Blick auf die endlose Vergangenheit werft.
MO|0|6|6|0|Denkt euch jene Periode, in welcher im unendlichen Raum noch kein Wesen außer Mir weder geistig noch viel weniger materiell irgendein sich darstellendes Dasein gegen ein anderes hatte!
MO|0|6|7|0|Woraus bestand da der endlose Raum, und wohin floss die Zeit, in welcher dieser endlose Raum ewig bestand?
MO|0|6|8|0|Was war Mein Sein vor allem Sein, und wie ist alles Sein aus diesem einzigen Sein entstanden und hervorgegangen?
MO|0|6|9|0|Was ist nun der Raum? Was im selben das Ursein Meiner Selbst? Und was das zeitgemäße Sein im endlosen Raum in Mir, aus Mir und neben Mir?
MO|0|6|10|0|Seht, so äußerst schwierig diese Fragen, freilich nur aus der untersten Stufe Meiner Weisheit, in Hinsicht auf eine genügende Beantwortung zu sein scheinen, ebenso leicht aber auch sind sie im Anbetracht der zu erklärenden Sache selbst.
MO|0|6|11|0|Ein kleines Beispiel, von euch selbst abgenommen, soll euch diese Fragen erläuternd beantworten. Jemand von euch hätte lange irgendeinen Gedanken schon in sich herumgetragen; weil ihm dieser Gedanke gefällt, so gesellt er zu diesem Grundgedanken noch einen zweiten, nämlich, ob sich der Grundgedanke nicht ins Werk setzen ließe. Dieser zweite Gedanke findet alsbald die Möglichkeit; aber zur Realisierung des Zweckes ist noch ein dritter Gedanke nötig, der zwar schon in den zwei ersten Gedanken enthalten ist, und dieser ist und besteht in nichts anderem als in dem einzigen Fragewörtchen „Wie?“. Nun seht, diese drei Fragen sind gestellt, und eine beantwortet die andere; aber mit dieser gegenseitigen Beantwortung ist die Sache noch nicht fertig, ja auch nicht einmal angefangen. Daher treten diese drei Hauptgedanken in einem Rat zusammen und befragen sich um das wichtige „Warum?“. Und nach kurzer Beratung sagt der erste Grundgedanke: „Weil es etwas ist, das mir vollkommen ähnlich ist!“ Der zweite Gedanke sagt: „Weil es eben aus dem Grunde ausführbar ist, weil der erste Gedanke dadurch mit sich selbst in keinem Widerspruch steht, so er sich, wie er ist, seiner selbst wegen manifestieren will!“ Und der dritte Gedanke sagt: „Weil in dem Grunde, der sich selbst manifestieren will, das Hauptmittel zur Realisierung liegt, und zwar aus dem Grunde, weil der Gedanke in seinem Fundament sowohl mit sich selbst wie mit allen seinen Teilen sich nirgends widerspricht!“
MO|0|6|12|0|Nun seht, euer Gedanke wäre dieser, dass ihr möchtet auf irgendeinem Platz ein Haus erbauen. Werdet ihr euch nicht das Haus zuerst nach allen seinen Teilen in eurer Phantasie so vorstellen, wie ihr es gerade am liebsten haben möchtet? Wenn ihr nun das Haus in eurer Phantasie aufgebaut habt und habt recht viel Freude an diesem Phantasiegebäude, werdet ihr euch da nicht fragen, ob denn in allem Ernst euer Phantasiegebäude nicht in der Wirklichkeit auszuführen wäre? Und so ihr anders nicht ein Haus in der Luft erbauen wolltet, wird euch der zweite Gedanke ja augenblicklich die Möglichkeit der Realisierung eures Baugedankens zeigen; und somit wärt ihr in zwei Punkten aus dem Grunde einig, weil der erste Gedanke keinen Widerspruch in sich enthält und somit schon in sich selbst den zweiten bedingt.
MO|0|6|13|0|Was jetzt folgt, ist das „Wie?“, d. h. „Durch welche Mittel?“. Das erste Hauptmittel ist die Möglichkeit selbst. Das zweite Mittel ist der mit der möglichen Realisierung des Ganzen verbundene Zweck; denn es kann niemand mit einer zu realisierenden Sache einen Zweck verbinden, bevor er nicht darüber im Reinen ist, dass die Sache selbst möglich ausführbar ist. Das dritte Mittel ist nun das Material und die zur entsprechenden Gestaltung desselben genügende Kraft. Habt ihr nun dieses alles beisammen und seid ihr vollkommen Herr eures Platzes, was soll oder was könnte euch da wohl noch hindern, euren Hauptgedanken in die sichtbare Wirklichkeit übergehen zu lassen?
MO|0|6|14|0|Nun seht, in kurzer Zeit werdet ihr euren Gedanken vor euch bleibend erblicken, weil ihr alle Bedingungen zur Realisierung gefunden habt; denn ihr habt ja Material und habt bauende Kräfte und habt Vermögen.
MO|0|6|15|0|Aber wenn ihr zurückseht auf Mich als den ewigen, großen Hauptgedankenträger und unübertrefflichen Großbaumeister, der den unendlichen Raum mit zahllosen, überaus großen und kunstvollen Gebäuden angefüllt hat, so werdet ihr euch doch im Vorübergehen ein wenig fragen müssen: „Woher hat denn der große Baumeister aller dieser zahllosen großen Dinge das Material genommen?“
MO|0|6|16|0|Wenn ihr euch an die Weltgelehrten wendet, welche wirklich sehr pfiffig sind, die werden es euch mit der größten Leichtigkeit an den Fingern herzählen, und es werden einige sagen: „Die Materie ist ebenso alt als Ich Selbst und somit ewig.“ Nun seht, da haben wir ja ein leichtes Stück Arbeit und können bauen nach Belieben! Der einzige unerklärliche Umstand wäre dabei nur dieser, wie Ich es da mit dieser ungeheuren, ewigen Vorratskammer der Materie angefangen habe, um bis auf die gegenwärtige Zeit zahllose Dinge herauszudrechseln, und wann Ich eigentlich angefangen habe, dass Ich bis auf die gegenwärtige Zeit mit der Unendlichkeit fertig geworden bin. Setzt nicht jedes Ding einen Anfang voraus?
MO|0|6|17|0|Fragt euch aber so ein wenig nur, ob, so ihr ein Ding nach dem anderen rechnet, die unendliche Zahl auch einen Anfang hat? Das aber besagt ebenso viel, als dass Ich nie etwas zu erschaffen habe angefangen; wenn es aber also wäre, was und woher wären denn hernach die Sonnen, Welten und all die anderen zahllosen Dinge, an deren Dasein ihr doch sicherlich nicht zweifeln werdet?!
MO|0|6|18|0|Seht, diesem Pfiffikus von einem Wegweiser werden wir nicht folgen können, weil sein erster Grundgedanke voll des Widerspruchs ist, und somit der zweite und dritte von selbst hinwegfällt.
MO|0|6|19|0|Ein anderer aber sagt: „Ich habe mit einem Wort das ewige Chaos zurechtgebracht und habe aus ihm geformt und geordnet alle Dinge.“ Es muss euch auf den ersten Blick die vollkommene Ähnlichkeit zwischen der ersten und der zweiten Behauptung auffallen; denn was wäre das Chaos anderes als eine schon ewig vorhanden gewesene Materie, vermöge welcher Ich kein Schöpfer, sondern ein barer Handwerker hätte sein müssen! Und wie reimt sich auf der anderen Seite ein ewiges Chaos und Meine ewige Ordnung nebeneinander? Aber vielleicht weiß noch irgendein dritter einen klugen Ausweg?
MO|0|6|20|0|Gebt nur Acht, wir haben schon wieder einen, der da behauptet, Ich und die Materie seien ein und dasselbe. Diese Behauptung hätte gerade eben keinen Ungrund; nur eines dabei dürfte euch etwas schwer einleuchtend werden – und das zwar insofern, als ihr Mich nur als einen Geist voll Kraft, Macht und Leben erkennt, der in Sich durchaus in der allergrößten Freiheit ist und auch sein muss, da ihr als Seine Geschöpfe schon frei seid und noch unendlich freier werden könnt –, wie denn dieser allerhöchst freie Geist voll Kraft und Leben Sich mag in zahllosen leb- und kraftlosen Steinen und anderer toten Materie als Solcher Sich manifestierend befinden? Wahrlich, wer solches einleuchtend erweisen könnte, der müsste noch eine viel unendlichere Weisheit besitzen als Ich Selbst! Allein von einer solchen Überflügelung werdet ihr etwa für die ganze Ewigkeit wohl nichts zu befürchten haben, und zwar aus dem Grunde, weil die Weisheit aller zahllosen vollkommensten Engelsgeister gegen die Meinige sich gerade so verhält wie ein unendlich kleines Atom gegen den unendlich großen Raum, dessen Anfang nirgends und dessen Ende nirgends ist!
MO|0|6|21|0|Ich brauche euch nicht mehrere superkluge Wegweiser anzuführen; denn da ist einer gegen den anderen nicht um ein Haar klüger. Aber weil die Dinge doch da sind, wie ihr sie seht, Ich aber und die Dinge nicht eins sind, sondern da Ich bin, wie Ich bin als Gott von Ewigkeit, und die Dinge sind, wie Ich sie aus Mir, in Mir und dann neben Mir erschaffen habe, so wird es etwa doch der Mühe wert sein, zu erfahren, wie solche Dinge denn aus Mir, in Mir und neben Mir erschaffen worden sind.
MO|0|6|22|0|Nun hört denn! Mögt ihr euch nicht verschiedenes wohlgeordnetes Gutes und daher Zweckdienliches denken? O ja, das könnt ihr allerdings; nur weil ihr selbst endlich seid und unmöglich gleich Mir unendlich sein könnt, so sind auch eure Gedanken, wie ihr selbst, der endlichen Zahl untertan. Meine Gedanken aber sind in ein und demselben Augenblick in größter Klarheit wie Ich Selbst Meinem Gottwesen nach. So Ich nun will, dass Meine Gedanken bleiben, so ist auch das Werk schon fertig; und demnach sind alle die euch sichtbaren Werke wie ihr selbst weder Materie noch geformtes Chaos, noch Gott in der Materie, sondern sie sind festgehaltene Gedanken von Mir.
MO|0|6|23|0|Nun, sind also diese Meine gehaltenen Gedanken nicht aus Mir, in Mir und neben Mir? Aus Mir, weil sogar ihr aus niemand anderem als aus euch selbst denken könnt; um wie viel weniger erst Ich, da es außer Mir keinen zweiten Gott gibt, aus dem Ich Gedanken holen könnte! Dass diese Gedanken daher auch in Mir sind und unmöglich in irgendjemand anderem sein können, bedarf keines Beweises. Dass aber diese Werkgedanken, obschon sie aus und in Mir sind, aber doch neben Mir bestehen, werdet ihr daraus hoffentlich überaus klar entnehmen können, da ihr doch schon bei euren Gedanken sagen müsst, dass ihr und der Gedanke nicht ein und dasselbe seid, – aus welchem Grunde denn umso mehr Meine Gedanken nicht Ich, sondern nur Meine Gedanken sind.
MO|0|6|24|0|Was aber nicht Ich ist, das ist aus dem Ich, und weil nicht dasselbe, sondern nur von demselben Hervorgebrachtes, also auch im selben neben demselben. Ihr müsst euch das „neben“ hier nicht also vorstellen wie einen Baum neben dem anderen, welches sehr unrichtig ist, da ein Baum eigentlich nur außer dem anderen ist. Also ist es nicht bei dem Denker und dessen Gedanken, da der Denker der Schöpfer des Gedankens ist, d. h., da er aus seinen ihm innewohnenden Fähigkeiten und diesen entsprechenden Vollkommenheiten eine zweckmäßige, ordnungsmäßig geformte Idee schöpft und somit er, als der tätige Schöpfer, und die aus ihm geschöpfte Idee nicht ein und dasselbe sind, sondern sind wie der Hervorbringer und das Hervorgebrachte, und daher nebeneinander. Wenn ihr darüber nur ein wenig nachdenkt, so werdet ihr dieses Wenige der Weisheit, insoweit es zu dem vorliegenden Zweck nötig ist, ja wohl leicht fassen.
MO|0|6|25|0|Da wir nun alles Nötige vorausgeschickt haben, so wollen wir denn nun auch mit einem Hieb den gordischen Knoten des Magnetismus auflösen. Was ist also der Magnetismus? Hört, und dann auch ein wenig staunt! Der Magnetismus oder vielmehr das magnetische Fluidum ist in allem Ernst nichts anderes als Mein eigener, Meine Gedanken fortwährend erhaltender und leitender Wille; denn er erhält und leitet fürs Erste die ganze Schöpfung und erhält jedem euch sichtbaren Wesen seine Form und seine ordnungsmäßige Regsamkeit. Ihr selbst seid eurem formellen Wesen nach ihm für alle ewigen Zeiten untertan, und wärt ihr es nicht, so wärt ihr auch nichts, gleich den Gedanken, die noch nie gedacht worden sind! Aber in euch ist mehr als bloß Mein unendlich allwirkender Wille; und dieses Mehr ist, dass ihr Meine Lieblingsgedanken seid, und daher auch Meine Liebe, welche Mein eigenes Grundleben ist, in euch übergeht, und euch gleich Mir zu selbständigen Wesen bildet, welche, insoweit sie Meine Liebe – vermöge des ihnen voraus erteilten freien Willens – aufnehmen, auch dadurch zu dem vollkommensten, eigentümlichen Besitz der vollsten Freiheit durch ebendiese Meine Liebe in ihnen gelangen können.
MO|0|6|26|0|Ihr wisst, dass zum sogenannten Magnetisieren ein fester Wille in der überzeugenden Kraft des Glaubens erforderlich ist, um jemandem auf diese Art zu helfen. Seht, da geschieht eigentlich nichts anderes, als dass der Magnetiseur entweder bewusst oder auch zum Teil unbewusst seine Willenskraft mit der Meinigen in Verbindung setzt und dann dieselbe durch die Tätigkeitsrepräsentanten seines eigenen Willens auf den Leidenden überströmen lässt, wodurch dann der Leidende gediegener, nach und nach fester und dadurch auch gesünder oder isoliert natürlich schwerer wird. Seht, da habt ihr im Grunde schon alles!
MO|0|6|27|0|Diese Meine Willenskraft ist dasjenige große Band, das alle Weltkörper aneinander bindet und sie alle um- und durcheinander trägt. Sie ist positiv, da sie tätig wirkt, negativ in der eigenen unwandelbaren Selbsterhaltung, welche aber ist die ewige Ordnung selbst, – gleich als wenn ihr sagt: „Bis hierher und nicht weiter!“ Das „Bis hierher“ ist das Gesetz der ewig fortwährenden Wirkung, und „Nicht weiter“ ist der negative Pol oder das erhaltende Gesetz der ewigen Ordnung.
MO|0|6|28|0|Und so ist eben dieser Mein also polarisierter Wille zugleich der Grundstoff aller Dinge, mögen sie wie immer beschaffen sein; ob sie groß, klein, gediegen, hart, weich, schwer oder leicht sind, so sind sie also nichts als Meine allerweisesten Gedanken und haben ihr körperliches, sichtbares Dasein durch die euch bekanntgegebene Polarisation Meines ewigen Willens.
MO|0|6|29|0|Nun habt ihr alles! So ihr darüber nachdenken wollt, werden euch alle Erscheinungen sonnenklar werden! Aber alle weltlichen Erklärungen müsst ihr euch rein aus dem Sinn schlagen; denn wahrlich sage Ich euch: Sie sind der Wahrheit ferner denn ein Schöpfungspol dem anderen. Das sage Ich euch als der alleinige Urbesitzer des allerkräftigsten Magnetismus. Amen. Begreift es wohl! Amen.
SA|0|1|1|1|Eigentlicher Name des Saturnus. Numerische Angaben zum Planeten, seinen Ringen und Monden. Herrlichkeit der göttlichen Offenbarung
SA|0|1|1|0|Um sich von diesem Weltkörper, den ihr Saturnus nennt – während sein eigener Name so viel besagt als: Erdruhe, Weltnichtstum –, einen deutlichen Begriff zu machen, ist vor allem nötig, seine natürliche Sphäre, Entfernung von der Sonne, seine eigene Größe wie auch die seiner Monde so genau als nur immer eurer Fassungskraft möglich zu erkennen. Ist dieses bekannt, so können desto leichter dessen großmächtige Beschaffenheit, dessen Einwohner – sowohl auf dem Planeten selbst wie auch auf den Ringen und Monden – erkannt werden und so dessen allseitige Vegetation nach dem Verhältnis seiner höchst verschiedenen klimatischen Zustände und ebenso auch all das Getier auf diesem Planeten, dessen Ringen und dessen Monden.
SA|0|1|2|0|Und wenn dieses alles erkannt wird, dann erst kann zuerst die Geschichte dieses Planeten, dessen innere Einrichtung, dessen polarischen Verhältnisse zu anderen Planeten und endlich erst seine geistige Sphäre durchleuchtet werden.
SA|0|1|3|0|Was somit seine Entfernung von der Sonne betrifft, so können drei verschiedene Standpunkte angenommen werden, und das zwar aus dem Grund, da, wie euch schon mehr und mehr bekannt, kein Planet um die Sonne eine völlig kreisförmige Bahn läuft, sondern eine eiförmige Bewegung macht, da dann die Sonne gerade so gegen die Bahn eines Planeten zu stehen kommt, als wenn ihr ein Ei nehmt und stellt es auf der stumpferen Seite nach unten und mit der spitzigeren nach oben, wodurch dann der Eidotter nicht in der Mitte des ganzen Eis, sondern bei weitem mehr in der Nähe des unteren Endteiles sich befindet. Das Zentrum des Dotters sei die Sonne und die Linie der weißen Schale die Bahn des Planeten. Wenn ihr nun die Entfernungen dieser Bahnlinie bis zum Sonnenzentrum im Dotter messt, so wird sich ja Folgendes ergeben: dass der unterste Teil der Bahnlinie dem Sonnenzentrum zunächst, der Bauchgürtel in einer Mittelentfernung und die obere Spitze sicher in der größten Entfernung zu stehen kommt. Seht, so ist es auch mit der weiten Bahnlinie unseres bevorstehenden Planeten. So er zuunterst sich befindet, so ist er in der größten Sonnennähe; alsdann da nach eurer Berechnung seine Entfernung nur 187.719.120 geographische Meilen beträgt. Wenn er sich im Gürtel seiner Bahn befindet, alsdann beträgt seine Entfernung 198.984.136 geographische Meilen. Und wenn er sich zuoberst befindet, alsdann beträgt seine Entfernung von der Sonnenmitte 210.249.152 geographische Meilen, welche Entfernung dann auch die größte ist.
SA|0|1|4|0|Diese Entfernungen müsst ihr aber nicht von eurer Erde aus betrachten, sondern nur von der Sonne; denn es kann die Entfernung der Erde gegen diesen Planeten sehr verschieden sein, und so zwar, dass sich diese zwei Weltkörper oft bis auf eine Million geographische Meilen mehr nähern und ebenso auch wieder entfernen können. Denn wenn es sich trifft, dass beide Planeten von der Sonne aus auf einer und derselben Seite zu stehen kommen, und zwar beide in der Sonnennähe, alsdann sind sie sich bei weitem näher als in gewisser Opposition, wo es geschehen kann, dass der Saturnus in seiner größten Sonnenferne sich befindet und die Erde aber entgegengesetzt in der Sonnennähe, wo dann der Unterschied nicht nur eine Million, sondern oft zwei bis drei Millionen Meilen ausmachen. Die unbestimmt ausgedrückte Zahl der Entfernung ist hier darum gegeben, weil kein Planet immer auf ein Haar in derselben Entfernung von der Sonne kreist, sondern in einem Jahr sich oft mehr entfernt, in einem anderen Jahr sich dafür der Sonne wieder mehr nähert, von welcher größeren oder geringeren Annäherung dann auch die Temperaturverschiedenheit abhängt. Und ihr könnt sicher annehmen, dass unter siebenundsiebzig Umläufen in der Entfernung sich nicht zwei vollends gleichen.
SA|0|1|5|0|Da wir nun mit den Entfernungen fertig sind, so wollen wir noch den Durchmesser dieses Planeten, wie dessen Umfang, dessen Oberfläche nach Quadratmeilen und dessen kubischen Inhalt nach Kubikmeilen bestimmen.
SA|0|1|6|0|Was den Durchmesser betrifft, so beträgt derselbe 17.263 geographische Meilen. So die Erde nur 1.719 geographische Meilen im Durchmesser hat, so könnt ihr daraus sehr leicht ersehen, um wie viel dieser Planet größer ist als die Erde. Sein Umfang aber beträgt 54.517 geographische Meilen. Was seine Oberfläche betrifft, so beträgt diese 936.530.820 Quadratmeilen. Was den kubischen Inhalt betrifft, so beträgt derselbe 2.757.547.946.775 geographische Kubikmeilen. Nach alledem ist somit dieser Planet ungefähr, der Genauheit fast annähernd mit runden Zahlen ausgedrückt, um 1.037 Mal größer als die Erde. Zu seiner Umlaufzeit um die Sonne braucht er 29 Jahre, 164 bis 166 Tage, 2 Stunden, keine Minute, und 2 Sekunden der Erde.
SA|0|1|7|0|So ist nun in alleiniger Hinsicht auf den Planeten selbst alles Numerische bestimmt. Da aber dieser Planet noch einen Doppelring um sich gegeben hat, so müssen wir auch diesen numerisch näher bestimmen.
SA|0|1|8|0|Der Durchmesser des ganzen Ringes beträgt 40.006 geographische Meilen. Da der Ring eigentlich aus zwei Ringen besteht, so beträgt die Entfernung von der Oberfläche des inneren Ringes bis zum äußeren, oder eigentlich bis zur inneren Fläche des äußeren Ringes 545 geographische Meilen. Der Durchmesser von außen bis nach innen beträgt 1.350 geographische Meilen; und der Durchmesser ebenso bemessen des inneren Ringes beträgt 3.850 geographische Meilen. Da dieser Ring (sowohl der äußere als der innere) eiförmig ist, d. h. nicht seinem vollen Umfang um den Planeten, sondern seinem Stabe nach, da, so man ihn durchschneiden möchte, die durchschnittene Fläche sodann einem Ei gliche – so beträgt der Durchmesser nach dem Eigürtel im Ausdruck der Dicke des Ringes, und zwar des äußeren, 130 geographische Meilen und des inneren 380 geographische Meilen. Der innere Ring hat aber in sich noch drei Halbspalten, davon jede 20 bis 30 geographische Meilen beträgt, welche Spalten darum Halbspalten heißen, weil sie nicht durch den ganzen zweiten Ring gehen und selben somit ebenso gänzlich trennen, als wie der äußere von dem inneren getrennt ist; sondern diese drei Halbspalten sind angefüllt mit lauter so viel im Durchmesser haltenden eiförmigen Kugeln, dass vermöge dieser dazwischen liegenden Kugeln die drei inneren Ringe im Grunde nur einen Ring machen. Aber da die Spalten sind, geht ein freier Raum gleich einer nach innen eingebogenen Pyramide, sowohl von unten nach oben wie von oben nach unten, den ganzen Ring hindurch. Diese aneinandergereihten Kugeln in diesen drei Spalten haben dann auch schon manchen scharfsehenden Astronomen auf die irrige Idee gebracht, als wäre dieser Ring zusammengesetzt aus lauter und sehr vielen Monden, weil er durch starke Fernrohre so aussieht als wie ein sogenannter Rosenkranz, der eben auch nicht aus Rosen, sondern nur aus lauter kleinen Kugeln besteht.
SA|0|1|9|0|Was die weitere Beschaffenheit des Ringes betrifft, wird, wie schon gesagt, erst später auseinandergesetzt werden, und somit wollen wir noch einen numerischen Blick auf die Monde dieses Planeten werfen.
SA|0|1|10|0|Um diesen Planeten kreisen noch sieben Monde von verschiedener Größe und in verschiedener Entfernung von dem Planeten. Der erste, der nächste und zugleich der kleinste Mond hat nur 120 Meilen im Durchmesser und ist 29.840 geographische Meilen von selbem entfernt; versteht sich die Entfernung nur im Mittelzustand. Der zweite Mond hat einen Durchmesser von 240 geographischen Meilen und ist 40.516 Meilen vom Planeten entfernt. Der dritte Mond hat 666 geographische Meilen im Durchmesser und ist 60.500 geographische Meilen vom Planeten entfernt. Der vierte Mond hat 699 geographische Meilen im Durchmesser und ist 87.920 geographische Meilen vom Planeten entfernt. Der fünfte Mond hat 764 geographische Meilen im Durchmesser und ist 190.000 Meilen vom Planeten entfernt. Der sechste Mond hat 900 geographische Meilen im Durchmesser und ist 277.880 Meilen vom Planeten entfernt; und der siebente Mond 1.120 geographische Meilen im Durchmesser und ist 360.920 geographische Meilen vom Planeten entfernt.
SA|0|1|11|0|Aus diesen numerischen Angaben könnt ihr nun schon so ziemlich leicht zu schließen anfangen, dass dieser Weltkörper vermöge seiner Größe, seiner verschiedenartigen Konstruktur und auch vermöge seiner sieben Monde keine geringe Bestimmung im Schöpfungsraum hat.
SA|0|1|12|0|Denn je künstlicher irgendein Mechaniker ein Werk eingerichtet hat, desto mannigfaltiger muss ja auch der Zweck eines solchen Werkes sein. Und so wie ein Mechaniker in ein künstlicheres Werk eine umso mannigfaltigere Bestimmung zur Erreichung mehrartiger Zwecke hineingelegt hat, also werde wohl auch Ich als der allergrößte Weltmechaniker einen solchen Weltkörper nicht ohne eine bedeutend große Bestimmung so künstlich in den weiten Weltraum hinausgestellt haben. Da Ich schon sogar mit Sonnenstäubchen nicht zu spielen pflege, um wie viel weniger wird erst ein solcher Weltkörper, als eben der benannte Planet, von Mir als pures eitles Spielzeug erschaffen worden sein.
SA|0|1|13|0|Die Folge dieser Offenbarung über diesen Weltkörper wird euch seine Bestimmung von einer so großartigen Seite kennenlernen [lehren], dass ihr euch darüber kaum werdet zu atmen getrauen. Denn habt ihr bei der Enthüllung des Mondes schon große Augen gemacht und einen großen Gemütslärm geschlagen, wie wird es euch erst gehen, wenn ihr diesen Weltkörper an Meiner Hand ein wenig bereisen werdet!? Ja, Ich sage euch, macht euch nur auf sehr Großes gefasst und bereitet euer Gemüt wohl; denn ihr werdet es kaum ertragen! Denn wo so große Dinge von Mir enthüllend geoffenbart werden, da gehören auch große Gemüter dazu, um das Große zu fassen und zu ertragen, und wenn ihr erst das Ganze von diesem Weltkörper, insoweit es euch zu ertragen möglich ist, werdet empfangen haben, alsdann werdet ihr erst ein wenig einzusehen anfangen, was die Stelle im Evangelium besagt, die da also heißt: „Keines Menschen Auge hat es gesehen, keines Menschen Ohr gehört, und noch nie ist es in eines Menschen Herz und Sinn gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben!“
SA|0|1|14|0|Denn was jemand von Mir empfängt, ist allzeit die höchste Gabe des Himmels, da Ich das Allerhöchste des Himmels wie aller Welten selbst es bin. Und ob Ich euch enthüllen möchte den Himmel oder die Hölle, so wird euch dieses allzeit das eine wie das andere zur höchsten Seligkeit gereichen. Denn besage Mein Wort, was es wolle, so ist es durchaus lebendig und macht den, der es empfängt und selbes aufnimmt in aller Liebe, Dankbarkeit, Demut und lebendigem Glauben selbst ewig lebendig und somit in Mir schon hier wie vorzugsweise jenseits überaus selig.
SA|0|2|1|1|Geographie und Klimazonen des Saturnus. Lichtverhältnisse bei Tag und Nacht. Der Ring als Regulator und Reflektor
SA|0|2|1|0|Da wir nun dieses notwendig als Vorleitung gestellt haben, so können wir schon einen Blick auf diesen Planeten wagen.
SA|0|2|2|0|Seht, so ist seine Oberfläche: Der größte Teil ist Wasser. Es gibt auf diesem Weltkörper kein eigentliches Festland, sondern zumeist unter dem Äquator abgesonderte bedeutende Inseln, welche an und für sich freilich wohl größer sind als euer Europa, Asien, Afrika, Amerika und Australien. Aber wegen der Größe dieses Planeten sind sie alldort nicht als Kontinent, sondern nur als pure Inseln zu betrachten, die alle voneinander viel weiter entfernt sind als Asien und Amerika in der Gegend des Äquators der Erde; dazwischen es freilich auch eine Menge kleiner Inseln gibt, die sich zu den größeren Inseln geradeso verhalten wie die kleinen Inseln der Erde zu den anderen Festlanden.
SA|0|2|3|0|Gegen die Pole hin ist dieser Weltkörper mit ewigem Schnee und Eis bedeckt, welches dort schon um vierzig Grade früher beginnt als auf der Erde. Und was bei euch die sogenannte gemäßigte Zone betrifft, [diese] ist im Saturnus das Reich des Schnees. Was bei euch die kalte Zone betrifft, so ist dort das Reich des ewigen Eises. Und was bei euch die heiße Zone ist, ist dort eigentlich nur die gemäßigte, auch die reine Zone, über welche sehr selten Wolken oder Nebel sich erheben, wogegen die beiden anderen Zonen unter ewigen Nebeln und Wolken stehen.
SA|0|2|4|0|So rau also auch sowohl nördlich als südlich die Schnee- und Eiszonen sind, ebenso heiter und mild und rein ist die Mittelzone, die allein nur bewohnbar ist. In dieser Zone befinden sich hernach 77 große Eilande, wovon das mittlere größer ist als euer Amerika. Und eine jede Insel aber ist von der anderen dessen ungeachtet sowohl in der Formation und in den Produkten bei weitem mehr verschieden als euer Lappland von den südlichsten Tropenländern.
SA|0|2|5|0|Ihr werdet euch freilich denken, bei dieser großen Entfernung von der Sonne wird’s alldort wohl schon ziemlich dunkel sein und selbst am Äquator eben gar nicht zu warm. Allein da würdet ihr euch sehr irren. Denn fürs Erste hat dieser Planet in dem Grad, dass er größer ist als die Erde, auch ein ebenso stärkeres Eigenlicht. Fürs Zweite aber umgibt diesen Planeten eine ums tausendfach größere und weiter vom Planeten hinausreichende Atmosphäre, die einen Durchmesser von beiläufig 100.000 Meilen hat, während die Atmosphäre eurer Erde nicht einmal 2.000 Meilen [beträgt]. Ihr könnt euch bei diesem außerordentlich großen Durchmesser der Atmosphäre des Saturnus vorstellen, wie viel Sonnenstrahlen diese große Luftkugel aufzunehmen imstande ist, um sie dann in einer gebrochenen Linie immer konzentrierter und konzentrierter zu führen auf die Oberfläche dieses Planeten, aus welchem Grund dann die Bewohner dieses Planeten die Sonne auch um vieles größer sehen als ihr. Und die Wärme würde eben dadurch auf dem Äquator dieses Planeten unerträglich sein, wenn sie nicht durch den Ring also gemildert würde, indem derselbe die am meisten konzentrierten Sonnenstrahlen aufnimmt, sie zum Teil selbst verbraucht, zum Teil aber auch wieder in alle Weltgegenden zurücksendet, wodurch er auch mehr glänzend als der Planet selbst durch die Fernrohre erschaut wird; während sein Schatten nach dem Planeten selbst hin höchst wohltätig wirkt und die heiße Zone dadurch zu der gemäßigten macht.
SA|0|2|6|0|Zufolge dieses Ringes ist auf diesem Weltkörper auch nie Nacht wie bei euch, denn da ist fortwährend auf der einen Seite Tag von der Sonne aus – auf der entgegengesetzten Seite aber, da der Ring von der Sonne auf der inneren Seite beleuchtet wird, eben von dem starken Licht dieses Ringes und dazu oft auch noch von den verschiedenartig kreisenden Monden [aus].
SA|0|2|7|0|Zu diesem eigentlichen Nachtlicht oder, so ihr es besser versteht, Nachttag kommt noch ein drittes Licht, und das ist das Licht der Fixsterne, welche, von diesem Planeten aus betrachtet, vermöge seiner reinen und weitgedehnten Atmosphäre ums Zehnfache größer erscheinen und eben einen umso vielfach stärkeren Glanz von sich geben als bei euch die Venus oder der Abendstern im hellsten Licht.
SA|0|2|8|0|Nun versetzt euch in eurem Geist auf was immer für ein Land der Mittelzone dieses Planeten und betrachtet von da aus die großartige Herrlichkeit des gestirnten Himmels! Fürwahr, ihr mögt euch noch so erhöhen in eurer Phantasie, so könnt ihr euch doch nicht von dem millionsten Teil der großen Pracht, die da herrscht, einen Begriff machen. Denn hier ist die Nacht heller als bei euch der Tag. Und am Tag selbst vermisst man dort unter dem wohltätigen Schatten des Ringes den Anblick der schönen Sterne nie. Besonders wenn man sich auf die Berge begibt und von da eine unermessliche Aussicht genießt, ist die Wirkung des Sternenlichtes unter dem Ring so mannigfaltig in der Farbenpracht, dass ihr euch davon durchaus nicht auch nur die leiseste Vorstellung machen könnt.
SA|0|2|9|0|Was die fernere Beschaffenheit der Länder dieser Mittelzone betrifft – die Berge und die Flüsse, die Vegetation, das Tierreich und die Menschen – wird euch bei der nächsten Mitteilung bekanntgegeben werden. Für heute aber begnügt euch mit dem und überdenkt das Gegebene, so werdet ihr selbst in diesem schon eine große Portion finden, an der euer Geist eine gute Mahlzeit haben kann und auch eine haben soll. Alles Übrige aber wird, wie gesagt, in den nächsten Zeiträumen, insoweit es für euch nur immer fasslich ist, in der größten überschwänglichen Reichhaltigkeit gegeben werden. Aber ihr müsst euch recht befleißen, denn es wird des Gegebenen da ziemlich viel werden. Darum, wie gesagt, seid fleißig! Für heute Amen.
SA|0|3|1|1|Das Land Herrifa und der Heilsberg Girp. Der Sonnenbaum, der Regenbaum, der Haarbaum, der Breitbaum und der Strahlenbaum
SA|0|3|1|0|Was also die Länder und ihre Beschaffenheit betrifft, so sind diese untereinander so verschieden, wie man anfänglich gesagt, sowohl an Form, innerer Bildung und selbst in den Gewächsen und Tieren, Gewässern, Metallen und Steinen, dass nicht irgendein Land dem anderen in irgendetwas gleichkommt. Das Gleiche in allen Ländern dieses Planeten sind allein die dortigen menschlichen Bewohner und die den Planeten umgebende Luft; alles andere ist den größten Verschiedenheiten unterordnet.
SA|0|3|2|0|Und so wollen wir uns sogleich über ein Land hermachen, welches alldort Herrifa genannt wird.
SA|0|3|3|0|Dieses Land ist seiner Umfassung nach größer denn ganz Asien, Europa und Afrika zusammengenommen, und also zwar, als wäre zwischen diesen drei Erdteilen das sogenannte Mittelländische Meer gleich auch trockenes Land. Dieses Land liegt etwas schief über dem Äquator dieses Planeten und hat ungefähr, nach der äußeren Umfassung betrachtet, die Gestalt eines etwas länglichen Eies.
SA|0|3|4|0|Dieses Land ist fürs Erste dasjenige, in welchem die höchsten Gebirge vorkommen und ist im Ganzen mehr gebirgig als alle übrigen. Sein höchster Berg wird von den dortigen Bewohnern Girp genannt und ist nach eurer Berechnung 243.150 Fuß hoch; dessen ungeachtet aber ist er allenthalben mit Gras und allerwohlriechendsten Kräutern selbst bis in die höchste Spitze bewachsen. Er hat durchgehend keine steilen, sondern nur sanftere Abdachungen und kann daher von den dortigen Bewohnern ohne alle Mühe so leicht erstiegen werden, als wenn ihr bei euch auf eure sogenannte Hochplatte ginget. Dieser Berg ist zugleich die Apotheke der Bewohner und auch der Tiere dieses Landes. Denn, wie schon gesagt, da findet man die wohlriechendsten Kräuter, und somit findet auch jeder für was immer für eine mit der Zeit folgende Krankheit sein heilendes Kräutel. Und aus diesem Grund ist dieser Berg und die umliegenden Gegenden, welche zusammen einen Flächenraum von über 100.000 Quadratmeilen ausmachen, der allerbewohnteste Teil dieses Landes.
SA|0|3|5|0|Was die Bäume anbelangt, so sind hier nur zehn Gattungen. Aber jede Gattung ist so beschaffen, dass sie nicht so wie bei euch nur alle Jahre ein- oder zweimal eine Frucht zum Vorschein brächte; sondern es ist da stets Blüte und reife Frucht anzutreffen.
SA|0|3|6|0|Unter den Bäumen zeichnet sich besonders der sogenannte Sonnenbaum, alldort Gliuba genannt, aus. Dieser Baum erreicht eine Höhe von oft mehr als hundert Klaftern. Sein Stamm ist oft so dick, dass ihn hundert Menschen von euch nicht umfassen würden. Und seine Äste breiten sich nach eurer Rechnung und Messerei nicht selten eine Viertelstunde weit hinaus vom Stamm, und damit sie aber nicht vermöge ihrer Schwere vom Stamm abbrechen, so treiben sie auf ihrer unteren Seite, auf eine ähnliche Art, wie der sogenannte Bahahania-Baum auf der Erde, senkrechte Stützzweige hinab zur Erde, welche, wenn sie ausgewachsen sind, der schönsten Kolonnade gleichen. Solche Stützzweige gehen sogar von den obersten Ästen hinab, dass da ein solcher Baum, wenn er vollkommen ausgewachsen ist, aussieht als wie bei euch auf der Erde ein kleiner Basalt-Berg, nur mit dem Unterschied, dass zwischen den senkrecht hinabgehenden Stützzweigen noch immer so viel Raum übrigbleibt, dass man allenthalben sehr bequem zum Stamm gelangen kann.
SA|0|3|7|0|Ein Blatt dieses Baumes ist so groß, dass hier auf der Erde ein Fuhrmann seinen schweren Wagen ganz überdecken könnte. Seine Farbe ist so blau wie die Feder eines Pfaues, und ist mit den schönsten Zeichnungen verziert, und behält seine Frische und den ganzen Farbenschmelz selbst im trocknen Zustand, der dem auf der Erde gleicht, so ein reifes Blatt vom Baum fällt, was eben auch dort der Fall ist, nur mit dem Unterschied, dass ein solcher Baum nie entblättert wird; sondern sobald irgendein oder das andere Blatt reif vom Baum fällt, wächst demselben oder für dasselbe auf einem anderen Ort schon wieder ein anderes nach. Die Bewohner dieser Gegend sammeln diese Blätter. Und da diese Blätter sehr zäh und nicht leicht zerreißbar sind, so werden aus ihnen eine Art Oberkleider auf eine recht geschmackvolle Art bereitet, welche die Stelle eurer Mäntel vertreten. Sie können auch gar wohl auf dem bloßen Leib getragen werden, weil sie sehr sanft und weich sind; denn die Oberfläche dieser Blätter ist also nicht so glasglatt wie bei manchen Blättern eurer Bäume, sondern sieht so aus wie euer Sammet [Samt]. Besonders ein wunderschönes Farbenspiel geben diese Blätter im Sonnenlicht, fast so wie die Schweiffedern eines Pfaues bei euch; nur dass sie mehr noch und brillanter glänzen als die benannten Federn. So ist das Blatt dieses Baumes; wenn es noch jung ist, sieht es aus wie poliertes Gold, wenn es mit einer leichten blauen Farbe überstrichen ist.
SA|0|3|8|0|Wie sieht denn die Blüte dieses Baumes aus? Bei der Blüte könnte man wohl auch mit dem größten Recht behaupten: Salomon in aller seiner Königspracht war nicht so gekleidet, wie diese Blüte an und für sich ist. Am meisten gleicht die Blüte dieses Baumes euren Rosen, nur mit dem Unterschied, dass die Rose nicht gefüllt ist, sondern einen weiten Kelch bildet, ungefähr so, wie die Dornrosen in den Hecken. Die Blätter sind ganz hellrot und deren dreißig in einer einzigen Blüte, ein jedes von der Größe ungefähr eines großen Bogens Papier bei euch. Der Rand eines jeden Blattes ist mit einem vergoldeten Saum versehen und wird immer dunkler rot gegen das Innere des Kelches. Aus der Mitte des Kelches laufen zwei armdicke und klafterlange Staubfäden, welche ganz durchsichtig sind und aussehen wie bei euch die Eiszapfen im Winter. An der Stelle jedoch, wo eure Blumen gewöhnlich in die sogenannten Staubbündel auslaufen, laufen diese zwei Staubfäden in zwei eigentümliche Blumen aus, welche so glänzen, als wenn da eine Flamme brennen möchte, und zwar die eine grünlich leuchtend und die andere rot; jedoch viel leichter rot als die Blume selbst. Die Blume oder die Blüte verbreitet einen ungemein herrlichen Wohlgeruch. Und ihre Blätter wie auch ihre Staubfäden werden von den Bewohnern sorgfältig gesammelt. Und die Blätter werden dann gebraucht als stärkende Medizin, die Staubfäden aber werden von den Bewohnern als eine besondere Lieblingsspeise genossen.
SA|0|3|9|0|So sieht die Blüte aus. Was bringt sie denn für Frucht zum Vorschein? Hier dürfte es ein wenig schwerfallen, euch einen vollständigen Begriff davon zu schaffen, dieweil auf der Erde nichts Ähnliches vorkommt. Damit ihr euch aber jedoch irgendeine Vorstellung davon machen könnt, so denkt euch einen langen, sechseckigen, feuerroten, mannsarmdicken Stiel, welcher am Ende in viele Stiele ausläuft. Da er aber mit dem Zweig verbunden ist, läuft er in einen großen Knoten aus, welcher sich erst zwei Spannen lang vom Stamm in den benannten Stiel ausbildet. An diesem Stiel hängt eine knorrige Frucht von der Größe, dass vier starke Menschen auf eurer Erde daran hinreichend zu tragen hätten. Innerhalb dieser Knorrfrucht ist ein unansehnlicher, kleiner Fruchtkern, ungefähr von der Größe einer Nuss bei euch, von grüner Farbe und steinfest. Das Fleisch dieser Frucht schmeckt gerade so, als wenn ihr Brot und Mandelfrüchte ein wenig gezuckert essen möchtet. Aber jede der vielfach in einer knorrigen Frucht vorkommenden Knorre ist hohl, und diese Höhlung ist zur Hälfte angefüllt mit einem Saft, der so schmeckt wie der allerbeste Met bei euch. Was die Farbe des Saftes anbelangt, so sieht sie gelb aus, also wie bei euch ein guter alter Wein. Das Fleisch der Frucht sieht weißlich aus; die äußere Rinde der Frucht aber hat ein graues Aussehen, und mitunter so, als wäre sie matt versilbert.
SA|0|3|10|0|Die Menschen, die unter einem solchen Baum leben, sind für alle ihre Bedürfnisse gedeckt, und haben keinen Grund oder ein Stück abgegrenzten Landes; sondern ihr Anteil ist ein solcher Baum, der nicht zugrunde geht, sondern fort und fort wächst, und zwar mehr in die Breite als in die Höhe. Aber es fragt sich hier, da dieser Baum zu einer solchen Höhe hinanwächst, wie kann er denn überall erstiegen werden, und die Frucht vom selben genommen? Seht, auch dafür ist gesorgt! Denn sowohl der Stamm als ein jeder Ast haben links und rechts gewisse Dornaustriebe, da sie dadurch fast aussehen, als bei euch eine sogenannte Taubenleiter, wodurch er [der Baum] denn auch ohne die geringste Gefahr selbst bis in seinen höchsten Gipfel, wie auch in dessen äußerste Zweige bestiegen werden kann. Und so auch alldort wirklich jemand ausglitte und fallen möchte, so würde er sich dadurch nicht im Geringsten beschädigen, weil sowohl Menschen als Tiere auf diesem Planeten für die größte Not sich eine Zeit lang frei in der Luft erhalten können, und können daher zu ihrer Belustigung sogar von den höchsten Gipfeln solcher Bäume freiwillig herabspringen, welches Experiment besonders die Jungen nicht selten ausführen. Dass solches hier möglich ist, werdet ihr dadurch ziemlich leicht ersehen, so ihr bedenkt, dass der einige tausend Meilen abstehende Ring die Anziehungskraft zwischen ihm und dem Planeten so teilt, dass sie sich so verhält wie 1 zu 3/5. Wenn zu diesem erleuchtenden Verhältnis noch eine organische zweckdienliche Beschaffenheit dazukommt, so wird dieser Unterschied gar leicht aufgehoben und der Mensch in die Fähigkeit gesetzt, sich eine bedeutende Zeit lang frei in der Luft zu erhalten.
SA|0|3|11|0|Und somit hätten wir einen Baum kennengelernt, und bleiben uns noch neun Gattungen übrig, welche an und für sich nicht so ansehnlich und den Menschen nützlich sind, wohl aber den Tieren, welche alldort vorkommen, und namentlich jenen, die euren Vögeln gleichkommen.
SA|0|3|12|0|Vorzüglich bemerkenswert und auch zum Mitgebrauch für die Menschen bestimmt ist der sogenannte Regenbaum, alldort Briura genannt. Dieser Baum hat nur, so wie eure Fichten, einen Stamm, der nicht selten eine Höhe von vierzig Klaftern erreicht und oft eine Dicke hat wie ein mittlerer Kirchturm bei euch. Seine Zweige breitet er eben sehr weit aus und beinahe in derselben Ordnung wie bei euch die Fichte. Seine Blätter jedoch sind nichts als lauter weißgrüne Röhrchen, die immerwährend das reinste Wasser von sich traufen lassen. Aus diesem Grund machen die Menschen um einen jeden solchen Baum eine Art Bassin im Durchmesser von hundert Klaftern, aus welchem Grund denn ein jeder solcher Baum in der Mitte eines bedeutenden Teichs zu stehen scheint. Diese Bassins aber machen sie darum, um dadurch das Wasser, das sehr reichlich von einem solchen Baum kommt, zu sammeln und es sowohl für sich als auch für ihre wenigen Haustiere zu gebrauchen.
SA|0|3|13|0|Ihr werdet fragen: Gibt es denn alldort, und namentlich in dieser Gebirgsgegend keine Quellen, so wie auf unseren Bergen? Und ich sage: Es gibt derselben auch dort in großer Menge; davon einige nicht selten auf einmal so viel Wasser von sich geben, dass sich eure Mur dagegen verbergen müsste. Allein dieses Quellwasser wird als zu roh von den dortigen Menschen nicht gebraucht. Dieses Baumwasser dagegen aber ist für sie so viel wie gereinigt und wie gekocht; daher es von ihnen auch zu allem, wozu sie Wasser benötigen, gebraucht wird. Denn sie sagen: „Das Quellwasser ist nur gemacht für die Tiere im Wasser und zu tränken das Erdreich; aber für die Menschen und edleren Tiere hat der große Gott den Baum erschaffen, dass er da von sich gebe ein wohlzubereitetes Wasser.“
SA|0|3|14|0|Seht, das ist also eine zweite Gattung des Baumes, welche Gattung freilich in einem viel unvollkommeneren Zustand wohl auch auf der Erde hie und da, besonders in den tropischen Ländern vorkommt.
SA|0|3|15|0|Nachdem wäre zu bemerken der weiße Haarbaum, alldort Kiup genannt. Dieser Baum hat ebenfalls einen geraden Stamm, welcher nicht selten eine Höhe von dreißig Klaftern erreicht und eine verhältnismäßig vollkommen runde Dicke. Er hat keine Zweige, sondern der Gipfel dieses Baumes treibt eine Art silberweißer Fäden so von sich, dass diese ihrer Reichhaltigkeit wegen ein großes Bündel bilden. Das Haar oder die Fäden hängen oft bis zur Hälfte des Stammes herab und umgeben den Stamm in einer Dicke von mehreren Klaftern. Wenn da irgendein Wind geht, so machen diese Bäume, wie auch im ruhigen Zustand, eine wunderschöne Figur, und ein Wald von solchen Bäumen sieht dann aus, als wenn die Bäume ganz mit Schnee überdeckt wären. Die herabfallenden Haare werden von den Menschen sorgfältig gesammelt und daraus eine Art Leinwand verfertigt, welche sehr elastisch, weich und haltbar ist. Das ist ungefähr die ganze Nutzanwendung, welche die dortigen Menschen von diesem Baum machen.
SA|0|3|16|0|Nach diesem ist zu bemerken der sogenannte Breitbaum, alldort Brak genannt. Dieser Baum hat nichts Ähnliches auf dieser Erde; denn er wächst alldort wie eine goldrote Wand aus der Erde, und zwar anfangs in lauter in einer Linie gestellten, runden Stämmen, welche aber nach und nach bald so fest sich aneinanderschließen, dass sie nur eine Wand ausmachen. Eine solche Wand hat nicht selten eine Länge von mehreren hundert Klaftern und erreicht manchmal auch eine Höhe von zwanzig bis fünfundzwanzig Klaftern. Die Wand hat weder Äste, Zweige noch Blätter; aber der oberste Rand dieses Baumes sieht so aus wie ein blaugrünes, dichtes Spalier, dessen Blätter nicht unähnlich sind den Blättern des Platanenbaumes auf eurer Erde. Aus der Mitte dieses Spaliers laufen oft ziemlich hoch spitzige Stämmchen empor, welche Blüten und die eigentliche Frucht bringen. Die Frucht wird jedoch von den Menschen nicht genossen, sondern nur von den Vögeln, und besteht in einer Art rötlicher und länglicher Beeren. Aber die herabfallende Blüte wird auch von den Menschen gesammelt, und werden damit Säcke ausgefüllt, auf denen die Menschen alldort auszuruhen pflegen, und das zwar ihres stärkenden und guten Geruches wegen. Ein Wald von solchen Bäumen gleicht oft einem großen Irrgarten. Und wenn die Menschen alldort die Blüten sammeln, so machen sie Zeichen, um sich darinnen nicht zu verirren und wieder in ihre Heimat gelangen zu können. Das ist alsdann das Ganze des sogenannten Breitbaums. Sehr schön sieht eine solche Baumgruppe von der Sonne beleuchtet aus, allda die Wand einen starken Widerschein gibt, so als wie bei euch eine vergoldete Fläche.
SA|0|3|17|0|Noch ist zu bemerken der sogenannte Strahlenbaum, Bruda genannt. Dieser Baum ist von ganz gelber Farbe, hat einen geraden Stamm, der nur links und rechts Zweige und Äste in stets geraden Linien von sich treibt. Die unteren Teile der Äste treiben auch ein kurzes weißes Haar; die oberen Teile aber sind blank. Laub hat dieser Baum durchaus keines; sondern die äußersten Spitzen der Äste haben eine Art Sterne, welche graulich aussehen und so ziemlich regelmäßig in sechs Spitzen auslaufen. Jede Spitze hat eine kleine Blume, nicht unähnlich der Glockenblume auf eurer Erde – auf welche Blume dann eine rötliche Frucht folgt, nicht unähnlich derjenigen bei euch, die ihr unter dem Namen Hethschepetsch [Hagebutte] kennt.
SA|0|3|18|0|Wenn ihr euch von diesem Baum einen ziemlichen Begriff machen wollt, so seht eine sogenannte Monstranz an, nur mit dem Unterschied, dass er eine riesenmäßig große Monstranz bildet. Von diesem Baum wird von menschlicher Seite beinahe gar nichts gebraucht, sondern auch sie legen mit diesem Baum, wie ihr auf der Erde, bloß zierliche Alleen an.
SA|0|3|19|0|Was die anderen Bäume anbelangt, wie auch einige Pflanzen von besonders merkwürdiger Art, wird euch bei der nächsten Mitteilung, wie bisher, alles umständlich mitgeteilt werden. Und daher für jetzt Amen.
SA|0|4|1|1|Der Trichterbaum, der Pyramidenbaum und der Spiegelbaum
SA|0|4|1|0|In der sechsten Ordnung dieser Bäume ist zu bemerken der sogenannte Trichterbaum, Kibra genannt. Dieser Baum hat einen bei drei Klafter im Durchmesser dicken Stamm mit einer ebenfalls sehr glatten Rinde, die von bläulicher Farbe ist. Am Ende des bei zwanzig Klafter hohen und durchaus gleich dicken Stammes breiten sich nach allen Seiten, nach eurer Rechnung in einem Winkel zu 45 Graden, bei zehn Klafter lange, gerade Äste aus. Diese Äste haben nach links und rechts in paralleler Richtung, gleich den Fichtenzweiglein bei euch, parallele Ausläufer, die, je weiter sie vom Stamm entfernt sind, auch desto länger und breiter werden. Diese Ausläufer sind eigentlich nichts als Zweige und Blätter dieses Baumes zugleich. Am Ende der Äste sitzt die Blüte und hernach auch die Frucht. Und da hat ein solcher Baum nicht mehr Früchte als gerade so viel, als er solche Äste hat.
SA|0|4|2|0|Das Merkwürdige bei diesem Baum ist seine Blütezeit. Denn bevor er die Blüte getrieben hat, wird er am Ende eines jeden Astes aus sich selbst brennend, jedoch nur mit einem kalten Feuer, welches dem der Leuchtwürmer und dem des faulen Holzes gleicht, nur mit dem Unterschied, dass dieses Vorblütefeuer bei weitem heller leuchtet denn das auf eurer Erde erwähnte vorkommende. Vorzugsweise ein herrliches Lichtschauspiel gewährt ein ganzer Wald von diesen Trichterbäumen, und zwar besonders dadurch, weil auch alldort die Bäume nicht in einer und derselben Stunde zu blühen anfangen, also auch das Vorblütefeuer bei einigen früher, bei einigen später vorkommt. Da dieses Feuer allzeit sieben Tage lang vor der Blüte zum Vorschein kommt und von da an auch immer mit stetem Farbenwechsel brennt, [so geschieht es,] dass es durch die sieben Tage auch alle sieben Hauptfarben nebst allen ihren Übergängen durchgemacht hat.
SA|0|4|3|0|Nun denkt euch nur einen solchen blühenden Baum, da nicht einmal auf einem Baum all die Äste an einem Tag zu blühen anfangen und somit hernach auch das Vorblütefeuer schon an einem und demselben Baum mehrfarbig ist. Wenn dann auf diese Art ein ganzer Wald von diesen Trichterbäumen so zu blühen anfängt, so könnt ihr euch auch schon mit einem Quintel Phantasie einen so ziemlichen Begriff machen, wie herrlich sich von irgendeiner Höhe ein solcher blühender oder eigentlich vorblühender Wald, der manchmal eine Ausdehnung von mehreren hundert Quadratmeilen hat, ausnehmen mag.
SA|0|4|4|0|Nach diesem Vorblütenbrand dieses Trichterbaumes kommt dessen merkwürdige Blüte zum Vorschein. Wahrlich, bei euch würde sie nicht in allen Staaten geduldet sein! Denn so sieht sie aus: Auf einem zwei bis drei Klafter langen, goldgelben und über Mannsarm dicken Stiel wird also ein bei zwei Klafter breites dreifarbiges Band bis zu einer sechs Klafter langen Weite hinausgetrieben. Und dieses Band hat drei regelmäßige Farben, als hellrot, hellblau und schneeweiß. Und so viele Blüten ein solcher Baum da hat, ebenso viele Bänderfarben [Bänderfahnen] flattern da um ihn.
SA|0|4|5|0|Nun könnt ihr euch wieder einen kleinen Begriff von der Pracht der Blüte dieses Baumes machen. Wenn die Blütezeit vorüber ist, alsdann fallen Fahne und Stiel von dem Baum und werden da die schönsten Exemplare von den Menschen auch gesammelt. Ihr Gebrauch ist weiter kein anderer, da sie im trockenen Zustand sehr viel von ihrer Pracht verlieren, als dass die dortigen Menschen sie zusammenrollen, auf einen Haufen dann zusammentragen und, solange sie noch frisch und weich sind, zur Stärkung ihrer Glieder darauf liegen. Wenn sie aber dann trockener und fester geworden sind, werden sie angezündet, allwann sie dann einen sehr lieblich riechenden Rauch von sich geben und das Erdreich durch ihre silberweiße Asche ungemein düngen. Was aber die unansehnlichen Exemplare dieser Blüten betrifft, so werden sie unter dem Baum liegen gelassen, allwo sie dann verfaulen und dadurch ebenfalls die Erde düngen.
SA|0|4|6|0|Das Prachtvollste bei diesem Baum aber ist die bald nach der Blüte zum Vorschein kommende Frucht. Diese gleicht der Figur nach ungefähr euren Zug- oder Flaschenkürbissen, nur mit dem Unterschied, dass das eigentliche Rohr nicht selten eine Länge von vier bis fünf Klaftern erreicht und einen Durchmesser von zwei Schuhen hat. Der Kopf an diesem Rohr aber bildet allzeit eine vollkommene Kugel, im Durchmesser von eineinhalb, oft zwei Klaftern. Die äußere Rinde dieser Frucht hat, strenggenommen, das Aussehen wie gediegenes, poliertes Gold. Nun fragt wieder ein wenig eure Phantasie, wie sich ein Wald von solchen Bäumen beim Sonnenlicht ausnehmen dürfte?
SA|0|4|7|0|Nun möchtet ihr wohl auch wissen, wozu alldort diese Frucht gebraucht wird? Die Antwort ist sehr leicht. Gerade auch dazu, als ihr eure Zug- und Flaschenkürbisse braucht: teils um Flüssigkeiten aus irgendeiner kleinen Tiefe zu heben, teils aber auch als Gefäße, um Säfte, aus verschiedenen Pflanzen gepresst, darin aufzubewahren. Diese Frucht wird auch auf diesem Planeten als ein Tauschhandelsartikel so viel als möglich sorgfältig gesammelt und für den Tauschhandel aufbewahrt.
SA|0|4|8|0|Ihr möchtet vielleicht auch wissen, warum dieser Baum gerade auch eine solche Trichterform hat? Diese Trichterform ist diesem Baum darum eigen, damit er fürs Erste in diesen seinen Trichter das Licht von der Sonne um desto wirkender aufnehmen kann, und so auch das elektromagnetische Fluidum. In der Mitte des Trichters aber hat er eine Markröhre, welche besonders zur Nachtzeit einen förmlichen Nebel ausdünstet. Dieser Nebel aber ist für die andere Vegetation wie auch für die Menschen, wenn sie ihn einatmeten, von etwas giftiger und zerstörender Art, solange nicht das Licht der Sonne ihn zerteilt. Aber dieser Trichter ist so beschaffen, dass er diesen Nebel nicht anders durchsickern lässt und auch nicht mehr, als nur gerade zur Befruchtung des Baumes durch die Nacht nötig ist, und das zwar nur so lange, als die Frucht nicht zur halben Reife gelangt ist; alsdann sich diese Markröhre in dem Trichter verschließt und dieser Dunst dann hinausgetrieben wird zur regelmäßigen Aufblähung der Frucht, allwann dieser Trichter eine solche nährende Lebensluft enthält, dass da viele Menschen auf gewissen Leitern da hinaufsteigen und sich in diesen Trichtern ein Lager errichten und da längere Zeit übernachten.
SA|0|4|9|0|Seht, das ist alsdann das ganze Denkwürdige dieses Trichterbaumes. Zum Genuss für den Leib hat er außer seiner Lebensluft nichts, und die Samenkörner, die da euren Kürbiskernen nicht unähnlich sind, werden nur von den Haustieren verzehrt.
SA|0|4|10|0|Und somit gehen wir noch zu der siebenten Gattung über. Da ist zu bemerken der sogenannte Pyramidenbaum, Uhurba genannt.
SA|0|4|11|0|Dieser Baum ist wohl der höchste auf diesem Weltkörper und ist ungefähr von der Eigenschaft eurer Edelfichten, die da haben einen weißen Stamm. Er wächst nicht selten zu einer Höhe, dass ihr auf eurer Erde kaum einen Berg habt, der sich mit diesem Baum messen könnte. Auch dieser Baum hat nur einen Stamm, welcher zuunterst, an der Wurzel, nicht selten einen Durchmesser von achtzig bis neunzig und einhundert Klaftern hat. Seine Äste gehen schon an der Erde vom Stamm nach allen möglichen Richtungen aus und die untersten haben bei einem vollkommen ausgewachsenen Pyramidenbaum nicht selten eine Länge von tausend Klaftern und werden gegen die Spitze regelmäßig immer länger [kürzer], alsozwar, dass ein solcher Baum dann eine förmliche große Pyramide in runder Kegelform bildet, gegen welche eure großen ägyptischen Pyramiden wahre Schneckenhäuser sind; denn so es möglich wäre, euch körperlich dahin zu versetzen, ihr glauben würdet, die höchsten Berge vor euch zu erblicken.
SA|0|4|12|0|Dieser Baum gehört zum Nadelholz, und seine Blätter gleichen, freilich in sehr vergrößertem Maßstab, so ziemlich den Nadelblättern eurer Fichten; nur die Farbe ist nicht grün, sondern blau. Die Nützlichkeit dieses Baumes ist in Hinsicht auf die Reinigung der Luft und Erfüllung derselben mit Lebensstoffen so außerordentlich, dass die heilende Kraft aus den Wipfeln und Zweigen dieses Baumes sogar bis auf eure Erde hinabreicht. Und vorzüglich beziehen eure balsamisch duftenden Nadelhölzer ihren ätherischen Stoff daher.
SA|0|4|13|0|Diese Bäume werden auch sorgfältig allenthalben angepflanzt, und es braucht da nichts mehr, als nur einen Reiser von diesem Baum zu nehmen und selben irgendwo in gute Erde zu stecken, so wächst er alsbald fort und wird binnen wenigen Saturnjahren schon ein sehr ansehnlicher Baum, und wächst da fort und fort und kann ein Alter von mehreren hundert Saturnjahren erreichen. Wenn ein solcher Baum hernach aber abstirbt, da wird er an der Wurzel zuerst ganz morsch und zehrt sich von sich selbst bis auf den äußersten Wipfel zusammen. Allwo da irgendein solcher Baum also sich verzehrend abgestanden ist, wird von den Bewohnern sogleich magere Erde darübergestreut, woraus dann in wenigen Jahren der fruchtbarste Grund zum Anbau ihrer beliebten Saftkräuter bereitet wird. Auch hier könnt ihr eure Phantasie zu Lehen nehmen und einige solche Bäume hintereinander betrachten, so wird euch eure Erdengröße wohl ein wenig abgekühlt werden.
SA|0|4|14|0|Auch von diesem Baum wisst ihr bereits das Allerwesentlichste, und so können wir noch zu der achten Gattung eines für euch gewiss höchst merkwürdigen Baumes übergehen. Denn von desgleichen findet sich wieder auf eurer Erde nicht die allerleiseste Spur.
SA|0|4|15|0|Und als solcher Baum ist für die achte Gattung bemerkenswert der sogenannte Glas- oder Spiegelbaum, alldort Ubra genannt. Dieser Baum hat einen ganz regelmäßig viereckigen Stamm, welcher so durchsichtig ist als wie bei euch ein etwas grünliches Glas. Der Stamm geht zugespitzt bis zu einer Höhe von zwanzig bis dreißig Klaftern empor, hat durchaus keine Äste, sondern über die Hälfte dieses Glas- oder Spiegelbaumstammes schießen wie bei eurem Kaktus große hängende Blumen hervor, welche ungefähr die Gestalt haben, nur in sehr vergrößertem Maßstab, als eure Lilien; nur mit dem Unterschied der Farbe, welche bei dieser Blüte so beschaffen ist, dass ein jedes Blatt, deren es zehn bei jeder Blume gibt, von einer anderen Farbe ist. Wenn dieser Baum nach einem halben Jahr abgeblüht hat, alsdann kommt auf einem kristallartig knorrigen Stiel eine für euch gewiss höchst merkwürdige Frucht zum Vorschein. Diese Frucht besteht im Anfang in nichts anderem als in einem sehr durchsichtigen Wasserbeutel, der nach und nach immer größer und größer wird und in seiner Reife einem Ballon in einem Durchmesser von ein bis eineinhalb Klaftern gleicht.
SA|0|4|16|0|Wenn diese Frucht zu dieser ersten Reife gelangt ist, alsdann fängt an die Flüssigkeit in diesem Beutel sich so zu verdichten, dass dann der Beutel zusammenschrumpft und nach und nach von der verdichteten Flüssigkeit sich losschält. Diese verdichtete Flüssigkeit fällt dann oft samt dem Stiel auf den Boden herab. Alsdann kommen die Bewohner und klauben diesen harten Saft auf, und beschneiden denselben auf allen Seiten regelmäßig, und bilden dann daraus ganz eigene regelmäßig viereckige Tafeln und gebrauchen diese ungefähr dazu, als ihr auf eurer Erde eure Spiegel. Keinen weiteren Gebrauch machen sie gerade von diesem Baum nicht als bloß einen solchen, den ihr von gewissen Bäumen macht zur Zierde eurer Gärten. Denn wenn eine Reihe von solchen Bäumen angesetzt ist, so bildet das für die Bewohner dieses Planeten eine Prachtallee. Und sie tun dieses mit diesem Baum auch darum sehr gerne, weil er sich ebenfalls, wie der Pyramidenbaum, sehr leicht verpflanzen lässt, nur nicht vermittelst der Reiser, da er durchaus keine Äste hat, sondern vermittelst des Samens, welchen er aber nicht in der Frucht, sondern in der Blüte trägt.
SA|0|4|17|0|Die Durchsichtigkeit dieses Baumes rührt daher, weil sein Organismus, so wie er selbst, aus lauter viereckigen Röhrchen besteht, durch welche der ihm dienliche Saft emporsteigt. Denn sind die Organe rund, so kann da kein Strahl durchdringen, weil er in der runden Form so oft gebrochen wird; allein in dieser viereckigen Form erleidet der Strahl nur eine sehr geringe Brechung und kann daher fast auch ungehindert durchstrahlen. Und da all die Bäume dieses Planeten und vorzugsweise in diesem Land eine ganz glatt polierte Rinde haben, so glänzt die Fläche dieses für euch merkwürdigen Baumes so, als wie bei euch ein Spiegelglas; daher sich auch jeder Vorübergehende vom Kopfscheitel bis zur Sohlenspitze vollkommen besehen kann.
SA|0|4|18|0|Das ist nun wieder alles von diesem Baum. Erweckt auch da ein wenig eure Phantasie, so werdet ihr nicht gar zu schwer einzusehen anfangen, wie Ich auch ohne Städte und Paläste aus Menschenhänden verfertigt, eine Welt gar wohl zu schmücken verstehe. Und somit lasst es für heute gut sein. Alles Übrige von den Bäumen für ein nächstes Mal! Amen.
SA|0|5|1|1|Der Allerleibaum, der Feuerbaum und der Ölstrauch. Leibesgröße und Grundbesitz der Saturnusmenschen
SA|0|5|1|0|Ahaharke, so heißt der Baum, den wir als Nummer neun aufführen wollen. Auf Deutsch oder vielmehr nach eurer euch eigentümlichen Erbsprache übersetzt oder verdolmetscht würde dieser Baum sehr schwer zu benennen sein, dieweil auf der ganzen Erde nicht ein Ähnliches sich leichtlich vorfindet, damit danach für diesen Baum möchte ein passender Name zusammengesetzt werden. Am besten noch würde man ihn also bestimmen, wenn man ihm den Namen Allerlei-Baum gäbe.
SA|0|5|2|0|Dieser Baum wächst (zu einem) von der Erde ungefähr sechzehn Klafter im Umfang habenden Fundamental-Stamm. Nun aber breiten sich von da eine Menge nach allen Richtungen auslaufender Äste aus, von denen die längsten bei zehn Klafter weit vom Stamm hinausziehen. Von der Stelle, von da die Äste sich hier ausbreiten, erheben sich regelmäßig drei Stämme kerzengerade in die Höhe, welche Höhe nicht selten zwölf, dreizehn, vierzehn bis fünfzehn Klafter erreicht. Am Ende dieser Stämme breiten sich wieder nach allen Richtungen verhältnismäßig Äste und Zweige aus. Unter den vielen Ästen und Zweigen, welche von jeglichem dieser drei Stämme auslaufen, erheben sich von jeglichem wieder drei neue bis zu einer Höhe von zehn Klaftern, allda sie dann wieder sich in eine Menge Äste und Zweige im guten Verhältnis verteilen. Über diese dritte Krone erheben sich nun wieder gerade in die Höhe schießende Zweige, welche zuoberst sich in verhältnismäßig kleinere Äste und Zweige ausbreiten, und so macht dieser Baum, wenn er vollkommen ausgewachsen ist, auch sieben bis zehn solche Absätze, und zwar immer in der Ordnung, dass aus einem früheren Stamm immer drei neue in die Höhe gehen und ein solcher Baum dann in seiner letzten Abstufung einen förmlichen Wald von Bäumen darstellt.
SA|0|5|3|0|Jetzt, warum heißt denn dieser Baum, euch zum Verständnis, ein Allerleibaum? Die Ursache ist sehr leicht anzugeben, aber eben auch nicht so leicht zu begreifen. Denn jede Abstufung bringt andere Früchte zum Vorschein und natürlich somit auch anderes Laub und andere Blüten. Und was eigentlich aber das Merkwürdige und für euch zugleich Unglaublichste bei diesem Baum ist, dass dieser Baum nur in zehn Jahren wieder dieselben Früchte zum Vorschein bringt. Denn von einem Jahr zum anderen wechselt er beständig, und zwar so, dass von einem Jahr bis zum nächstfolgenden niemand schließen kann, welche Früchte er zum Vorschein bringen wird. Und wie aber die Früchte verschieden sind, so steht es auch mit dem Laub und mit der Blüte, und wenn mehrere solcher Bäume vorhanden sind, so gleicht keine Frucht der nächststehenden. Damit aber die Bewohner dessen ungeachtet im beständigen Besitz aller Produkte dieses Baumes sind, so pflanzen sie diesen Baum immer so zehnfach an, dass sie in jedem Jahr einen neuen setzen. Und wer da zehn solcher Bäume auf seinem Grund hat, der hat alle Produkte des Baumes. Denn ein jeder Baum trägt dann andere Früchte und wechselt so fort bis ins zehnte Jahr, und im elften erst kommt er wieder in seine frühere Ordnung.
SA|0|5|4|0|Da aber ein jeder Baum ein Jahr von dem anderen verschieden ist, so geschieht es, dass der erste Baum im zweiten Jahr zwar ganz neue Früchte bringt, aber der ihm nachfolgende bringt dieselben zum Vorschein, welche der erste Baum im ersten Jahr [brachte], und wenn der erste Baum im dritten Jahr wieder neue Früchte zum Vorschein bringt, so bringt der zweite Baum im dritten Jahre dieselben Früchte zum Vorschein, welche der erste Baum im zweiten Jahr brachte, und der dritte Baum aber bringt dieselben Früchte, welche der erste Baum im ersten und der zweite Baum im zweiten Jahre trug, zum Vorschein. Und so geht diese Ordnung immer fort und fort. Stirbt irgendein solcher Baum inzwischen aus, da werden über die Quere an die Stelle des einen, oder vielmehr für den einen, zehn andere gesetzt, damit da nie eine Frucht mehrere Jahre gänzlich ausbleibe. Was aber die Früchte dieses Baumes anbelangt, so sind sie so geordnet, dass die größten und schwersten natürlicherweise immer in der untersten Abteilung zum Vorschein kommen und so nach und nach immer kleinere und leichtere.
SA|0|5|5|0|Die Art und Weise, wie die Frucht dieses Baumes im Gesamtumfang beschaffen ist und wie sie von den dortigen Bewohnern gebraucht wird, kann hier aus dem Grund nicht ganz umständlich mitgeteilt werden, weil eine umständliche Mitteilung alles dessen ihr auf hundert Bogen nicht niederschreiben möchtet. Nur im Allgemeinen sei euch so viel darüber gesagt, dass dieser Baum gewisserart ein Repräsentant aller jener Baumfrüchte auf eurer Erde im edelsten Sinne ist, welche bei euch in eurem gemäßigten Klima vorkommen und in ihrer Mitte entweder einen oder mehrere wohlausgebildete Kerne besitzen. So wäre z. B. die unterste Stufe jene aller Äpfel in einem Jahr, im anderen aller Birnen, im dritten aller Pflaumen, im vierten aller Pfirsiche, im fünften aller Aprikosen und so fort. Was die anderen, höheren Stufen betrifft, so bringen diese ebenfalls ähnliche Früchte hervor, aber alles in einem viel veredelteren Maßstab, und auch unter einer ganz anderen Form und unter einem auch ganz feineren und besseren Geschmack, so dass die Früchte in der höchsten Etage eigentlich schon ganz ätherischer Art sind; daher auch ihre Gestalt und ihr Geschmack von einer unteren so ganz verschieden, als wie verschieden bei euch eine wohlreife Weintraube ist gegen einen gröberen Apfel, und im Geschmack aber also sich unterscheidet von einer unteren Frucht, wie sich unterscheidet der edelste Wein von dem neuen ungegorenen Saft, der da gepresst wird aus halbreifen Äpfeln.
SA|0|5|6|0|Seht, so geht das fort und fort. Und so ihr eure Phantasie ein wenig erweckt, so mögt ihr euch das wohl ziemlich ergänzen, was hier der Zeit wegen nur berührt, aber nicht erschöpfend dargestellt werden kann. Und somit wollen wir von diesem Baum nur noch das sagen, dass seine Früchte von den Bewohnern dieses Planeten auch genossen werden, und zwar die von den höheren Stufen zumeist, während die untersten häufig zur Fütterung ihrer Haustiere verwendet werden. Es versteht sich aber von selbst, dass die Früchte alldort ums Zehnfache größer sind als die ähnlichen bei euch. Dieses Baumes Rinde gleicht am meisten der eines Apfelbaumes bei euch und ist ebenfalls rifflig. Nur die Farbe der Rinde ist nicht grau wie bei euch, sondern dunkelrot und in jeder höheren Stammabstufung lichter.
SA|0|5|7|0|Und somit wollen wir uns von diesem Baum zu unserer letzten Ordnung wenden und allda gewisserart den merkwürdigsten Baum dieses Landes in den Augenschein nehmen.
SA|0|5|8|0|Dieser Baum wird alldort Fehura genannt, was nach eurer Sprache so viel besagt als ein Feuerbaum. Dieser Baum hat in seinem Wachstum eine Ähnlichkeit mit der sogenannten bei euch vorkommenden Eisenblüte und ist gewisserart ganz mineralisch. Der Stamm gleicht einer bei sechs Klafter im Umfang habenden weißen Marmorsäule, welche sich bei fünfzehn bis zwanzig Klafter in gleicher Dicke vom Boden erhebt, von da weg aber sich dann teilt gleich einem Korallenbäumchen in verschiedene Äste und Zweige, welche an ihren Enden in lauter kleine Röhrchen auslaufen. Die Zweiglein biegen sich ebenso vielfach übereinander wie die schon so früher benannte Eisenblüte. Dieser Baum hat weder Blätter noch Blüte noch irgendeine Frucht; sondern seine Bestimmung ist rein nur die des Feuers. Das Feuer ist somit seine Frucht, welches er gewöhnlich zu jener Zeit, wenn irgendein Teil des Landes unter dem Schatten des Ringes sich befindet, von sich gibt. Denn auf diesem Planeten wird die Zeit nicht bestimmt wie bei euch, nach dem Sommer und nach dem Winter, sondern nach der Zeit des Schattens, dem Mangel des Sonnenlichtes; darum denn auch seine Wurzeln, die eigentlich lauter Röhrchen sind, das alleinige Vermögen haben, aus der Erde dieses Planeten das allerfeinste Erdölgas an sich zu ziehen und durch die Röhrchen in die äußersten Zweige zu treiben, allwo sich dann dasselbe, wenn es mit der dortigen atmosphärischen Luft in Berührung kommt, welche zu der Zeit des Schattens sehr viel Sauerstoff mit sich führt, alsbald entzündet und so lange fortbrennt, bis nicht wieder das Licht der Sonne kommt, die atmosphärische Luft mehr ausdehnt und den Sauerstoff niederschlägt, wodurch dann dieser Feuerbaum nach und nach erlischt und so lange wieder ruht, und auch nicht weiter wächst, als bis die Schattenzeit wieder eingetreten ist. Es dauert die Schattenzeit alldort aber auch ein halbes Jahr, wie bei euch der Winter, der Temperatur nach gerechnet.
SA|0|5|9|0|Und so aber fängt dieser Baum an zu wachsen wie bei euch die Schwämme – ohne Samen; aber nicht wie diese, wo das Erdreich am magersten ist; sondern wo das Saturnus-Erdreich am naphtahaltigsten ist, da kommt dieser Baum am häufigsten vor. Die Einwohner pflegen ihn auch so zu verpflanzen, dass sie zur Schattenzeit ein Zweiglein vom Stamm herunterschlagen und es dann irgendwo in ein naphtafettes Erdreich stecken, da dann dieses Zweiglein also fortbrennt und dadurch auch wächst, sowohl in der Erde wurzelnd als sich über derselben auszweigend.
SA|0|5|10|0|Das Feuer dieses Baumes ist an und für sich nicht brennend, jedoch ist es durch die Wirkung seines sehr intensiv weißen Strahles in eine gewisse Ferne hin erwärmend oder vielmehr den Wärmestoff entbindend, aus welchem Grund dadurch auch für diesen Planeten in seiner Schattenzeit gesorgt ist, dass es alsdann nicht viel kälter wird als zur Zeit des eigentlichen Sonnenlichtes. Denn dergleichen Bäume sucht sich eine jede Familie in gehöriger Anzahl um ihre Wohnungen und ihre Gründe aufzupflanzen, aus welchem Grund sie dann zur Schattenzeit weder Kälte leidet noch irgendeinen Lichtmangel hat.
SA|0|5|11|0|Auch bei diesem Baum ruft ein wenig eure Phantasie zu Hilfe, und ihr werdet es sicher finden, dass, abgerechnet der großen Pracht dieses Baumes, sein Licht eine größere Wirkung hat als alle eure Gasbeleuchtung, wenn ihr sie auch auf einen Platz zusammenbringen möchtet auf einem dazu eigens erbauten Leuchtturm. Fürwahr, wenn ihr einen solchen Baum auf einem der euch benachbarten Berge aufgepflanzt hättet, so würde er nicht nur eure Stadt so gut beleuchten wie zehn Vollmonde, sondern der ganze Landkreis würde davon noch einen hinreichenden Schimmer genießen. Nun denkt euch erst viele Tausende von solchen Bäumen in einem Land zerstreut, wie sich da deren Licht machen könnte. Wenn euch schon euer rotes, bösartiges Feuerlicht in der finsteren Nacht erquickt, um wie viel mehr müsste euch ein solch sanftes, weißes Licht erquicken! Allein für die Erde sind dergleichen Bäume nicht bestimmt, obschon im Morgenland, und zwar in manchen Gegenden des Kaukasus ähnliche Fälle vorkommen, da man auch nichts nötig hat, als ein Schilfrohr oder ein anderes sehr poröses Stück Holz in die Erde zu stecken und oben mit einem Licht anzuzünden, allwo es dann auch gleich einer Fackel fortbrennt, ohne dass darum das Holz oder das Rohr verzehrt wird – nur mit dem Unterschied, dass diese Flammen auch rötlich und äußerst hitzbrennend sind.
SA|0|5|12|0|Und somit hätten wir für dieses Land die Baumschule durchgemacht und können daher noch einen allgemeinen Blick auf die Gesträuche machen.
SA|0|5|13|0|Alle Gesträuche haben da das Eigentümliche, dass sie nicht wie bei euch so niedrig sind, sondern sie bilden nur eine kleinere, aber dafür in der Art und Gattung sehr verschiedene Baumgattung. Und bei allem dem ist das niedrigste Gesträuch noch höher und ansehnlicher wachsend als eure ansehnlichsten Bäume. Auf diesem Land gibt es allein über 12.000 Gattungen, welche alle voneinander wohl unterschieden sind. Jede Gattung hat ihre eigentümliche Frucht, welche jedoch außer von den vielen Bewohnern der Luft wenig benützt wird. Aus diesen sehr vielen Gesträuchen dürfte euch eines, welches am häufigsten vorkommt und von den dortigen Bewohnern auch sorgfältig gepflegt wird, darum zu bemerken nicht ohne Interesse sein, da es vollkommen eurem Ölbaum auf Erden gleicht, nur mit dem Unterschied, dass dieses Gesträuch auch hier um vieles größer ist in jeder Hinsicht als euer Ölbaum. Die Beeren sind im reifen Zustand so groß, dass eine jede nach eurem Maße eine gute Maß reinen Öles abgibt. Wenn dann ein solches Gesträuch nicht selten zwanzig- bis dreißigtausend Beeren auf seinen Zweigen zur Reife bringt, so könnt ihr euch schon einen Begriff von der reichlichen Ölernte dadurch machen, wenn ihr noch dazu bedenkt, dass auf dem Grund einer einzigen Familie nicht selten mehrere Tausende von solchen Ölsträuchern oder vielmehr Ölbäumlein vorkommen.
SA|0|5|14|0|Freilich müsst ihr euch dabei einen Familiengrund nicht ebenso klein vorstellen, wie etwa bei euch einen größeren Bauerngrund, sondern wohl so groß, wo manchesmal nicht noch etwas größer als euer ganzes Kaisertum. Dagegen müsst ihr euch auch die überaus schön gebildeten Menschen in körperlicher Hinsicht nicht so klein vorstellen wie ihr seid; denn alldort misst die Größe des Weibes schon von achtzig bis neunzig Fuß, und die Größe des Mannes von fünfundneunzig bis hundertfünfunddreißig Fuß. Und in diesem Verhältnis sind auch ihre vielen Haustiere bestellt vorhanden.
SA|0|5|15|0|Wenn ihr nun dieses im Voraus einseht und kennt, so wird euch dann, was noch alles von der fruchtbaren Vegetation gesagt wird, desto einleuchtender werden, welches, wie schon mehrmals bemeldet, in der gehörigen Ordnung folgen wird. Und daher für heute Amen.
SA|0|6|1|1|Kräuter und Nutzpflanzen des Saturnus
SA|0|6|1|0|Was also von den Gesträuchen bemerkenswert war, haben wir hauptsächlich schon vernommen, und wollen daher jetzt uns zu den Kräutern und Pflanzen dieses Landes wenden.
SA|0|6|2|0|Dieses Land gehört zu den gebirgigsten Ländern dieses Planeten, und somit hat es auch die größte Anzahl von den nützlichsten und heilsamsten Pflanzen und Kräuter aller erdenklichen Arten.
SA|0|6|3|0|Dergleichen Pflanzen, wie zum Beispiel eure Feldfrüchte, als Korn, Weizen, Gerste usw. sind, wachsen allhier nicht; aber dafür gibt es eine andere und viel edlere Getreidegattung, die beinahe so aussieht als wie bei euch das Maiskorn, nur mit dem Unterschied, dass die Pflanze ums Zwanzig- bis Dreißigfache höher wächst als bei euch; und sind deren Blätter auch oft bei zwei bis dreieinhalb Klafter lang und gut bei zwei bis dreieinhalb Ellen breit, haben eine vollkommen himmelblaue Farbe, an den Rändern eine Spanne weit mit hellem Karminrot verbrämt, und sieht die Mittelzeile, die ebenfalls eine Spanne und so bis gegen die Spitze auf einen Zoll abnehmend breit ist, grünlich golden aus. Der Stängel, welcher unterhalb so dick wird wie bei euch oft eine ausgewachsene Eiche, sieht zuunterst aus als wie dunkel mattpoliertes Gold, und je höher hinauf, desto heller wird auch seine Farbe. Die Blütenkrone, welche nicht selten Äste von ein bis eineinhalb Klafter Ausbreitung hat, sieht gerade so aus wie bei euch ein Lüster aus dem schönsten brillant-geschliffenen Kristallglas, und das darum, weil alldort alles im vergrößerten Maßstab vorkommt. So ihr aber bei euch eine Maisblüte durch ein gutes Mikroskop beschauen möchtet, dürftet ihr beinahe dasselbe Brillantspiel des sonst weißlich aussehenden Blütenstaubs bemerken.
SA|0|6|4|0|Was aber die Frucht dieser Pflanze betrifft, so gleicht sie zwar wohl der Form im vergrößerten Maßstab der eurigen, aber nicht also dem Gebrauch und dem Geschmack nach. Denn alldort gibt diese Frucht den allerwohlschmeckendsten Leckerbissen und gleicht in dieser Hinsicht mehr eurer sogenannten Ananas; nur mit dem Unterschied, dass dort die einzelnen Körner sich gar wohl auslösen lassen, wenn die Frucht zur Reife gekommen ist, und dann auch sogleich genossen werden können, und sind nicht mehlig, sondern saftig als wie bei euch eine Weinbeere. Eine von diesen Beeren hat, nach eurem Gewicht berechnet, nicht selten zwei bis drei Pfund Schwere. Wenn auf einem solchen sogenannten Stritzel [Kolben] dann oft zu drei-, vier- bis fünfhundert solche Beeren sitzen und eine einzige Staude aber oft alldort zwanzig bis dreißig solche Stritzel zum Vorschein bringt, so könnt ihr euch schon einen Begriff machen, wie reichlich oft eine solche Ernte aussieht.
SA|0|6|5|0|Aber wohin legen denn die Bewohner solche Ernte? Ihr habt schon die guten Gefäße beim Trichterbaum kennengelernt; darin werden diese Beeren aufbehalten, ein Teil davon in Beeren selbst und ein Teil als ausgepresster Saft. Diese Frucht wächst viermal in einem Jahr, ist äußerst gesund und stärkend, und erquickt ihr Saft das Herz des Saturnusbewohners also und noch mehr als euch die Traube und ihr stärkender Saft.
SA|0|6|6|0|Nach Abnahme der Frucht lassen die Bewohner das Stroh auf dem Feld so lange stehen, bis es ganz dürr geworden ist; alsdann lassen sie ihre großen Zug- und Lasttiere auf den Acker, allda diese Pflanze dürr steht. Diese Tiere fressen da das Laub, und die Stängel aber lassen sie unbeschadet stehen, welche dann von den Bewohnern mit einer eigenen Säge umgesägt werden, und werden dann kreuz und quer auf dem Acker Haufen gebildet und hernach angezündet, durch welchen Akt dann der Acker auf das Allerbeste für eine fernere Fruchttragung gedüngt wird.
SA|0|6|7|0|Dieser Acker braucht einen feuchten Boden, wenn die Frucht gut gedeihen soll. Da es aber hier in diesem Land, wie auch fast auf diesem ganzen gemäßigten Landstrich dieses Planeten, nie oder nur höchst selten regnet oder taut und auch die Quellen auf dem Land nicht eben zu häufig vorkommen – was tun da die Einwohner und wie bewässern sie einen solchen Acker, der nach eurem Maß nicht selten eine Ausdehnung von dreißig bis vierzig Quadratmeilen hat? Seht, allda habe Ich schon wieder mit einer anderen merkwürdigen Pflanze dafür gesorgt, welche allda das mühselige Geschäft der Bewässerung gar vortrefflich besorgt, welche Pflanze denn auch fleißig mitunter angebaut wird.
SA|0|6|8|0|Diese Pflanze wird alldort „das rinnende Fass“ genannt und hat eine große Ähnlichkeit mit euren Feldkürbissen, nur mit dem Unterschied, dass diese Kürbisse nicht selten eine solche Größe erreichen, dass ein Saturnusmensch zu tun hat, darüber hinwegzusehen. Die Pflanze selbst wächst oft mehrere tausend Klafter weit auf der Erde klafterdick im Umfang fort und läuft von ihrer Wurzel in vielen hundert Armen nach allen möglichen Richtungen aus. Ihre Blätter sehen denen eurer Kürbisstaude völlig ähnlich, nur dass sie ums Hundertfache größer sind und ihre Farbe nicht grün, sondern ganz violettblau aussieht, und ist übersät mit lauter silberweißen Sternen. Der Stiel ist zwei bis drei Klafter lang, rund und im Durchmesser nicht selten mehrere Klafter betragend, und ist inwendig hohl; in den Wänden aber laufen viele tausend Röhrchen hinauf, welche fürs Erste das Blatt nähren mit einem süßlichen Saft und zum Teil aber auch durch die vielfachen Poren der unterblattigen Spitzen als tropfbare Flüssigkeit hinaustreten und dadurch unter sich das Erdreich wie durch einen immerwährenden leichten Regen befeuchten. Jedoch was die Hauptbewässerung dieser Pflanze betrifft, so wird sie eigentlich von der Frucht bewerkstelligt. Denn wenn diese zu ihrer halben Reife nur gekommen ist, so öffnet sie gerade in der Nachtzeit an ihrer Oberfläche befindliche Poren und über der Oberfläche eigens dazu gebildete Röhrchen, durch welche dann eine süßliche, klare Flüssigkeit wie aus einem Springbrunnen weit und breit hinausgetrieben wird, wodurch dann das Erdreich jede Nacht eine regelmäßige und hinreichende Bewässerung empfängt.
SA|0|6|9|0|Ihr werdet euch fragen: Aber woher nimmt denn diese Frucht dieses so reichliche Wasser? Da sage Ich euch, dass diese Frucht ein wahrer artesischer Brunnenbohrer ist; denn sie treibt ihre Wurzeln so weit und so tief hinab, bis sie zu irgendeinem unterirdischen Wasserbehälter gekommen ist. Allda saugt sie dann mit der größten Emsigkeit das ihr selbst zusagende Wasser und treibt und führt dasselbe als die bessere Wasserleitung, als wohlgeläutert nach allen möglichen Richtungen ihres äußeren, schnell fortwachsenden Gebietes.
SA|0|6|10|0|Hat denn aber diese Frucht bei der Bewässerung keinen anderen Gebrauchszweck als nur den der Bewässerung allein? Die Bewohner brauchen diesen Kürbis auch noch zu etwas anderem. Wenn nun die Frucht zur Vollreife gediehen ist, alsdann wird sie von ihrem Stiel abgesägt und heimgebracht; allda wird sie dann der Länge nach in der Mitte auseinandergeschnitten, Same und das Fleisch werden dann aus ihr genommen, und der Same natürlich zur ferneren Ansaat und das Fleisch zur Fütterung der dortigen Kühe, Schafe und Ziegen. Die Schale aber, welche bei einem Klafter dick ist, wird dann getrocknet, wodurch sie eine große Festigkeit bekommt. Wenn sie vollkommen getrocknet ist, so wird dann der untere Teil gewöhnlich zu einer Art Wasserfahrzeug verwendet. Der obere Teil aber, der da sehr röhrig und porös ist, wird als Wagen verwendet, und zwar auf eine höchst einfache Art.
SA|0|6|11|0|Es wird in der Mitte auf beiden Seiten ein Loch durchgebohrt, durch welches Loch dann dort eine wohlzubereitete, verhältnismäßig dicke und starke Räderspindel durchgesteckt wird, an deren äußeren beiden Seiten dann zwei verhältnismäßige Räder angesteckt werden. Ebenso wird noch ein zweites Loch von vorne durchgebohrt, durch welches dann eine Zugstange bis zur Spindel, daran die Räder stecken, gesteckt wird. Diese Zugstange wird dann mit einem Nagel mit der Radspindel befestigt und vorne mit einem verhältnismäßig langen und starken Querbalken versehen. Und auf diese Weise ist dann der Wagen auch schon fertig, und das umso geschwinder, wenn ihr dazu noch annehmt, dass die Räder alldort nicht durch die Kunst der Menschenhände, sondern auch durch die Kunst der Natur hervorgebracht werden, und das zwar von einer und derselben Pflanze. Denn dazu braucht es nichts mehr, als den vollkommen runden Stiel eben dieses Kürbisses so oft man will abzusägen, so hat man auch schon allzeit ein vollkommen festes und fertiges Rad in einem Durchmesser von drei bis vier, oft auch fünf bis sechs Klaftern.
SA|0|6|12|0|Wenn hernach an den Querbalken ein Ochse oder für eine schnellere Fahrt ein dortiger Zughund oder Zughirsch angebunden wird, so ist ein ganzes Fuhrwerk so gut wie vollkommen fertig, und können dann in einem solchen Wagen sehr bequem vier Saturnusmenschen fahren, wohin sie nur immer wollen.
SA|0|6|13|0|Diese Art Wagen wird allda freilich nur für leichteres Fuhrwerk gebraucht; denn auch sie haben noch viel größere und schwerere Wagen, welche sie künstlich aus dem Holz bauen und, so wie ihr die eurigen, auch sie die ihrigen fleißig mit einem sehr geschmeidigen und festen Metall beschlagen, welches eurem Eisen nicht unähnlich ist; nur ist es viel gediegener und haltbarer und rostet nicht also, wie das eurige, sondern behält immerwährend seine glänzende Oberfläche gleich dem Gold, und hat eine Farbe wie bei euch das sogenannte Platin, welches Metall ist auch bei euch ein Gemisch von gediegenem Gold und gediegenem Eisen, welche Mischung also auf dem chemischen Weg freilich wohl schwerlich je ein Chemiker zuwege bringen wird.
SA|0|6|14|0|Und nachdem wir jetzt diese zwei Pflanzen haben kennengelernt, so gehen wir zu einer anderen alldort überaus lustigen und zugleich auch sehr nützlichen Pflanze über.
SA|0|6|15|0|Diese Pflanze ist für euch so gut wie unerhört. Denn auf der Erde gibt es durchaus nichts Ähnliches. Denn das sogenannte „wandelnde Blatt“, welches im südlichen Amerika vorkommt, ist eigentlich keine Pflanze, sondern ist nur ein Tier. Die Pflanze auf diesem Planeten, die wir soeben betrachten wollen, aber ist in allem Ernst eine wandelnde, die da gleich einem Tier sich von einem Ort zu dem anderen bewegt. Die bewegende Kraft liegt in ihrer Wurzel, die da das Aussehen hat wie ungefähr ein sehr unförmig gebildeter Menschenfuß, nur dass sie natürlicherweise nicht etwa förmliche Zehen und irgendeine Ferse und so weiter zum Fuß Gehöriges besitzt; sondern das Ganze ist ein in einem rechten Winkel begonnener bei zehn Klafter langer Strunk, aus welchem nach allen Seiten eine Menge Fang- und Saugwurzeln auslaufen, welche sich fast so wie die Krempen einer Weinrebe überall anfassen, nur mit dem Unterschied, dass diese Wurzeln nur so lange auf einem Punkt der Erde alldort sich festhalten, solange sie hinreichende Nahrung finden. Haben sie auf einem Ort alle Feuchtigkeit aufgezehrt, dann entwinden sie sich wieder aus der Erde, strecken sich weiter nach vorne aus, und das so weit auf der Erde hin, bis sie wieder auf einen feuchten Ort gekommen sind. Allda bohren sie sich wieder fleißig in das Erdreich ein, umwinden die feuchten Erdschichten und andere Kräuter und Gräser und ziehen durch dieses Umwinden die ganze Pflanze nach sich – durch welche Tätigkeit der Fußwurzeln dann eine solche Pflanze im Verlauf von einem Jahr nicht selten eine Reise von mehreren Meilen nach eurer Rechnung und eurem Maß macht.
SA|0|6|16|0|Wie sieht denn aber eigentlich die Pflanze selbst aus? Die Pflanze selbst hat einen vier bis fünf Klafter hohen Stamm, der schon eine Klafter hoch Zweige und Äste treibt, wovon einige Zweige nach allen Richtungen hinab zur Erde langen und auf diese Art die ganze Pflanze vor dem möglichen Umfallen schützen. Diese Zweige sind gewöhnlich nackt und ohne Blätter, nur diejenigen, die dann aufwärts treiben und in mannigfaltigen Krümmungen vom Stamm auslaufen, tragen Blätter, Blüten und Früchte, welches alles so ziemlich eurer Weinpflanze ähnlich ist. Nur ist das Laub viel größer und von hellblauer Farbe, seine untere Seite mit roten Wärzchen übersät. Die Frucht aber gleicht vollkommen derjenigen Gattung eurer Trauben, die ihr mit dem Namen „die Gaisdutte“ benennt habt; nur ist ihre Farbe nicht blau, sondern so gelb wie eine Orange, aber halb durchsichtig, also wie bei euch die weißen Traubenbeeren. Der Unterschied liegt vorzüglich auch nur in der Größe, da eine Beere nicht selten nach eurem Maße eine Maß reinen Saftes und eine Traube nicht selten fünfzig bis hundert Beeren enthält, wie manche Pflanze oft zu zehn bis zwanzig solcher Trauben. Der Geschmack dieser Frucht aber kommt derjenigen Traube bei euch gleich, die ihr die Muskattraube nennt; nur muss diese bei euch zur vollsten Reife gelangen.
SA|0|6|17|0|Seht, das ist also diese merkwürdige Pflanze dieses Planeten, und hat dadurch einen großen Vorzug, weil sie durchaus keine Bearbeitung benötigt, sondern sich selbst bestens bearbeitet und gedeihlichst versorgt. Damit aber bei den Einwohnern dieses Planeten keine Eigentumsstreitigkeiten hinsichtlich dieser sehr beliebten Pflanze dadurch entstehen, wenn diese ebenfalls ihren Marsch auf den Grund des Nachbarn richten möchte (denn auch hier wird das Eigentumsrecht streng beobachtet) – so pflanzen die Einwohner dieselbe meistens entweder in der Mitte ihrer Gründe oder setzen sie um ihre Regenbäume herum, da sie dann ruhig stehen bleiben und keine weiteren Bewegungen machen, so ihre Wurzeln mit Nahrung versehen sind. Und wenn sie schon allenfalls dann und wann zu wandern genötigt werden, sie dann nicht sogleich auf den nachbarlichen Grund überlaufen können, denn von der Mitte eines solchen Grundes dürfte es ihnen wohl ein wenig schwer werden, die weiten Grenzen desselben zu überschreiten, da, wie schon bemerkt wurde, ein solcher Saturnus-Bauerngrund nicht selten in der Ausdehnung die doppelte Größe eures Kaiserstaates übersteigt.
SA|0|6|18|0|Den Saft verwenden die Einwohner gerade auch dazu, wozu ihr den Saft eurer Traube verwendet. Dieser Saft ist viel kräftiger noch als derjenige, dessen schon früher erwähnt wurde, und wird auch nicht in den früher erwähnten Gefäßen aufbewahrt; sondern für die Aufbewahrung dieses Saftes wächst alldort eine eigene Flaschenfrucht, die nicht unähnlich ist derjenigen bei euch, welche euch ebenfalls brauchbare Gefäße als Frucht hervorbringt, dergleichen da vorzugsweise eure sogenannten Flaschenkürbisse sind; nur mit dem Unterschied, dass diese Flaschenkürbisse daselbst euer Heidelberger Fass sicher zuschanden machen würden, denn ein solcher Flaschenkürbis, wenn er alldort vollkommen ausgewachsen ist, möchte wohl ganz bequem eintausend eurer Eimer in sich aufnehmen. Diese Flaschenkürbisse sind auch alldort außerordentlich fest, und hat ihre Wand einen Durchmesser bei einer guten halben und zuunterst auch einer ganzen Klafter. Wenn sie dann gehörig ausgeräumt sind, welche Arbeit alldort durch ein gewisses Tier verrichtet wird, so ist das Gefäß auch fertig.
SA|0|6|19|0|Was die Fortsetzung von den merkwürdigsten noch ferneren Pflanzen und Kräutern betrifft, sei aufbewahrt für die nächste Mitteilung. Und daher für heute Amen.
SA|0|7|1|1|Allgemeines über die Pflanzenwelt des Saturnus. Aromatische Heilkräuter. Metallpflanzen. Blaues Gras. Mondblumen und Alpenmoos. Gebirge und Ebenen
SA|0|7|1|0|Auf die Pflanzen, deren schon bereits einige nützliche erwähnt wurden, will Ich nur noch einen allgemeineren Blick für euch werfen. Denn jede hier merkwürdige vorkommende Pflanze besonders und ausführlich zu erwähnen, würde weder die Zeit noch der Raum gestatten, besonders wenn ihr bedenkt, dass wir noch bei sechsundsiebzig so große Länder zu bereisen haben und einige hundert kleinere Inseln, das ganz große sowohl südliche als nördliche Eisgebiet, dann erst die vielen, noch größeren Länder des Ringes und der sieben Monde. Daher müssen wir nur das Merkwürdigste überall berühren und über das andere bloß andeutend darüber hinausgehen, was da mehr oder weniger Ähnlichkeit hat mit den Produkten eures Planeten. Und so gibt es auch in diesem soeben zu besprechenden Land eine zahllose Gattungsweise von allerlei Pflanzen, welche zum Teil ähnlich sind all den Pflanzen auf eurem Planeten, zum Teil aber auch wieder ganz fremdartig oder vielmehr also eigentümlich diesem Planeten, dass dergleichen auf keinem anderen Planeten etwas verkommt.
SA|0|7|2|0|Was die eurem Planeten ähnlichen Pflanzen betrifft, so besteht der Unterschied im Allgemeinen nur darinnen, dass sie ohne Ausnahme nicht selten ums Hundertfache an Größe und Üppigkeit übertreffen die eurigen, wodurch dann auch alle jene Herrlichkeiten, die ihr hier nur mittels eines Mikroskops an den Pflanzen gewahrt, dort dann frei und ohne Mikroskop gar wohl ersichtlich sind in aller ihrer mannigfaltigen Pracht.
SA|0|7|3|0|Der zweite Unterschied ist der in der Farbe. Denn meistens tritt alldort an die Stelle eures Grün ein frisches, heiteres Blau in allen seinen Schattierungen – so wie in eurem Amerika, allwo auch an manchen Pflanzen das Blau mehr denn das Grün ersichtlich wird und die grüne Farbe selbst mehr sich der blauen nähert als der gelben, welche Farbe eigentlich die allerentfernteste ist von der Farbe des Lebens.
SA|0|7|4|0|Ein dritter Unterschied besteht dann auch noch darinnen, dass die Blüte bei diesen Pflanzen fürs Erste viel größer und reichhaltiger vorkommt und ihr Farbenschmelz nicht selten wie durch eine metallisch polierte, durchschimmernde Unterlage verherrlicht ist.
SA|0|7|5|0|Was die Frucht solcher Pflanzen anbelangt, so ist auch ihr Unterschied also bestehend, dass z. B. ein Weizen- oder Maiskorn dort so groß ausfällt wie bei euch hundert oder auch manchmal tausend in einem und dass die Anzahl der Körner dann obendrauf noch ums Zehnfache, ja oft auch ums Hundertfache reichhaltiger ist. Eine solche größere Ergiebigkeit ist aber auch auf diesem Planeten darum notwendig, weil eine halbjährige Ernte alldort so viel besagt, als so ihr eine Pflanze auf der Erde hättet, die nur alle fünfzehn Jahre einmal Frucht bringend wäre, aus welchem Grund auch ein zehn Jahre alter Saturnusknabe bei euch schon ein überaus ungewöhnlich steinalter Greis wäre.
SA|0|7|6|0|Das sind also die wesentlichen Unterschiede derjenigen Pflanzen in diesem Planeten, welche auch im verkleinerten Maßstab auf eurem Planeten vorkommen. So ihr eure Phantasie ein wenig erwecken wollt, da nehmt nur eine Erdpflanze zur Hand und stellt euch alles derselben ums Hundertfache größer vor, die andere Farbe dazu und all die sonstigen Herrlichkeiten einer Pflanze wie durch ein Mikroskop enthüllt, so könnt ihr auf diesem Weg euch einen ganz leichten Begriff von der Vegetation auf diesem Weltkörper machen.
SA|0|7|7|0|Aber es gibt besonders in den höheren Gebirgsregionen alldort noch außergewöhnliche Heilkräuter, deren ätherisch-aromatische Heilkräfte so stark- und fernwirkend sind, dass sie nicht nur allein die dortigen Bewohner stets bei der besten Gesundheit erhalten, sondern ihre heilsame Wirkung auch noch in eine Entfernung von mehr denn noch tausend Millionen Meilen durch den Äther hinausstreuen, so dass z. B. eure heilsamen Kräuter, namentlich vorzugsweise diejenigen wie z. B. euer Wachholder, euer Holunderstrauch und andere mit Stacheln besetzte Heilkräuter einen bedeutenden Teil ihres ätherisch heilenden Aromas von daher beziehen.
SA|0|7|8|0|Eine Gattung dieser dortigen Gebirgskräuter muss Ich euch etwas näher erwähnen. Dieses Kraut wird alldort Hellatharianga genannt, welches so viel heißt wie die „tausendblätterige Goldstaude“. Dieses Kraut wächst dort unmittelbar auf blanken Felsen, und hat der Stiel nicht selten eine Höhe von drei bis vier Klaftern, an welchem Stiel im Durchschnitt gewöhnlich in einem schneckenartigen Gewinde um die Staude tausend hellrote Blätter hinausstehen, deren Gestalt eine länglich eiförmige ist, und sind nicht selten fünf bis sechs Schuh lang und zwei, manchmal auch drei Schuh breit. An den Kanten der Blätter laufen spannenlange Spitzen hinaus, und so zwar, dass vom Blattstiel bis zu dessen Ende regelmäßig hundert zu stehen kommen, und somit an beiden Seiten des Blattes zweihundert. Diese Spitzen sind von ganz dunkelblauer Farbe, und das Stachelende immer lichter; und jene Spitze, welche am Ende der Mittelzeile am längsten ausläuft, hat vorne ein Stachelbündel, das ebenso rot ist wie das Blatt selbst. Die obere Seite des Blattes sieht also aus wie bei euch ein rotglühendes Eisen oder auch eine etwas angeblasene Kohle und gibt auch wirklich einen solchen Feuerglanz von sich. Die untere Seite des Blattes ist aber dazu behängt mit halbspannenlangen Haaren, welche vom Blatt aus alle Farben des Regenbogens durchgehen, so dass man dadurch unter einem jeden Blatt einen schimmernden Regenbogen in einiger Entfernung schon entdeckt, dessen Pracht natürlicherweise bei der Annäherung zunehmen muss, weil der Farbenglanz immer konzentrierter auf das Auge fällt. Der Stiel oder Stamm der Pflanze sieht vollkommen aus wie matt poliertes Gold und erhebt sich über die Sphäre der Blätter oft noch eine halbe Klafter hoch, an welchem dann mehrere schon ausgeblühte Blumen und noch immerwährend nachwachsende und nachtreibende Knospen hervortreten.
SA|0|7|9|0|Die Blume hat nichts Ähnliches mit irgendeiner Blume auf eurer Erde; sondern ihre Gestalt ist so, als wenn an einer rotgoldenen Kugel in einem Umkreis im Durchmesser einer halben Klafter ganz wohlgeformte Menschenarme angebracht würden, nur dass auf einem jedem Arm, statt fünf ungleichen Fingern, zehn goldähnliche Spitzstrahlen auslaufen, dass es beinahe das Aussehen hat, als so jemand eine ausgestreckte Hand zeichnen möchte und an der Stelle der Finger eine halbe Sonnenscheibe hinmalte mit zehn auslaufenden Strahlen. Solcher Blumenblätter um eine solche Knospe gibt es fünf, welche von dieser schon benannten Kugelknospe gerade vom Gürtel ausgehen, so dass die halbe Kugel im Blütenkelch zu stehen kommt. In der Mitte dieser Halbkugel laufen zwei Fäden heraus, der eine in der Dicke eines halben Männerarms, und der andere nur in der Dicke eines Zolles im Durchmesser, und ist der dünnere weiblich und der andere männlich; und der weibliche von weißer Farbe und der männliche von rosenroter. Beide laufen von dem Kelch über eine halbe Klafter weit heraus und hängen gewisserart hinab zur Erde; d. h. nicht aber dieselbe berührend, sondern nur gegen dieselbe.
SA|0|7|10|0|Der weibliche Faden endet mit einem zurückgebogenen Trichter, über welchen der männliche mit seiner Mündung sich hinabbiegt. Der männliche lässt da immer von Zeit zu Zeit einen Tropfen des allerwohlriechendsten Saftes in den Trichter des weiblichen Fadens [fallen]; das ist die eigentliche Begattungsweise dieser Blume. Der weibliche Faden saugt dann diesen Saft in sich und gebiert dadurch den überaus kräftigen Samen dieser Pflanze – während der männliche Faden diesen ätherischen Saft aus den Blütenblättern bekommt, wie diese denselben aus den Stammblättern, deren schon erwähnt wurde.
SA|0|7|11|0|Was die Farbe der Blüte anbelangt, so ist das Blatt vollkommen weiß, mehr noch als eure Lilie, die Halbscheibe am Ende statt der flachen Hand am Arm sieht so aus wie ein polierter, etwas geäderter Rubin. Die Strahlen aber sind ganz so wie durchsichtiges Gold.
SA|0|7|12|0|Diese Blume oder vielmehr Heilpflanze blüht und wächst zu allen Zeiten gleich fort, so dass daran nie ein Mangel ist; während hie und da eine und die andere von den Bewohnern weggenommen wird, wächst an ihrer Stelle alsbald wieder eine junge nach. In voller Blüte verbreitet sie um sich herum einen solchen Wohlgeruch, dass ihr euch davon auch nicht die allerleiseste Vorstellung machen könnt, da es auf eurer Erde nichts ähnlich Wohlriechendes gibt, und ist eure Rose ein barer Modergestank dagegen.
SA|0|7|13|0|Eine solche vollkommen ausgeblühte Heilpflanze, wenn sie irgend auf der Erde nur einmal zum Vorschein käme, wäre vermöge der Heftigkeit ihres außerordentlichen Wohlgeruches imstande, ein ganzes Land, so groß wie eure Mark, mit dem angenehmsten Wohlgeruch zu sättigen; denn wäre es nicht so, wie könnte die aromatische Heilkraft einer solchen Blume sogar in ferne Planetengebiete hinausriechen. Dass sich dieses aber so verhält, dürft ihr nur eine sehr nervenschwache, seelenkranke Schläferin fragen, und sie wird es euch unverhohlen sagen, wenn sie sich seelisch in die Wechselwirkung dieses Planeten setzt, dass sie die gute Wirkung einer solchen Heilpflanze dieses obschon sehr fernen Planeten desungeachtet gar wohltätig empfinde.
SA|0|7|14|0|Von den Bewohnern dieses Planeten wird diese Pflanze auf das Sorgfältigste bewacht und weniger gesammelt; denn sie finden ihre Stärkung hauptsächlich in der Luft, welche solche Pflanzen umgibt. Nur wenn hie und da eine solche Pflanze schon sehr alt geworden und dem Aussterben nahe ist, was sie daran erkennen, wenn die Haare der Blätter anfangen weißlich zu werden, da geschieht es, dass sie dann den Samen über den Felsen ausstreuen. Der Same dieser Blume ist sehr klein und gleicht überaus wohlduftendem Staub als irgendeinem Samen, welcher Staub dann von den Poren des Felsens eingesogen wird, daraus dann hie und da wieder eine solche Pflanze zum Vorschein kommt.
SA|0|7|15|0|Nur eines ist noch hier zu berühren, und das ist, wie eine solche Pflanze auf blankem Stein wurzelt. Dieses geschieht so: Über den Felsen breitet die Pflanze ihre Wurzeln weit und breit aus, nicht unähnlich eurer sogenannten Steinflechte. Von diesen größeren, weitauslaufenden Steinwurzeln bohren sich allenthalben eine zahllose Menge feinster Haarwurzeln in die Steinporen hinein und halten den Stamm dieser Pflanze so fest an den blanken Stein angeklebt, dass da keines Menschen Kraft imstande wäre, einen solchen Stamm vom Felsen zu reißen. Es fragt sich nun, was saugen wohl diese Wurzeln aus dem trockenen, harten Stein? Dieses geschieht durch die innenwohnende Kraft, welche ist ein eigenes Schmelzfeuer und sich kundgibt in kleinen, dem freien Auge unsichtbaren elektrischen Fünkchen, welche gerade so viel Kraft haben, um die anliegenden Atome des Steines in ätherisches Öl aufzulösen, welches dann sogleich von den Wurzeln aufgesaugt und geläuterter und geläuteter geführt wird dann in den Stängel, in die Blätter und Blüte und endlich in den ätherischen Samen.
SA|0|7|16|0|Da habt ihr nun alles Wesentliche von dieser höchst merkwürdigen Heilpflanze dieses Weltkörpers. Erweckt auch hier ein wenig eure Phantasie, und ihr werdet diese Blume nach dieser richtigen Darstellung so gut wie förmlich mit anschauen können und also euch entzücken im Geiste an ihrer heilenden Kraft und Pracht.
SA|0|7|17|0|Aber es ist das nicht die einzige Heilpflanze, sondern es gibt deren verschiedenartige, die heilend und wohltuend eben auch nicht nur allein für diesen Planeten wirken, sondern ihre Wirkung auch ätherisch in andere Planetengebiete fortpflanzen.
SA|0|7|18|0|Vorzüglich bemerkenswert wären alldort all die sogenannten Metallpflanzen, die dort mit dem Vulgärnamen Kibri benannt sind. Denn durch diese Vegetation gelangen die Saturnusbewohner ohne alle weitere chemische Feuerschmelz- und Läuterungspräparation zu den allergediegensten Metallen, welche da auf den verschiedenen Gebirgsgegenden in den herrlichsten Pflanzenformen hervorkommen. Es gibt zwar wohl auch bei euch hie und da entweder ganz metallische oder wenigstens einiges Metall enthaltende Pflanzen; aber nirgends doch dürftet ihr eine Pflanze antreffen, deren Wurzeln, Stängel und Blätter vollkommen gediegenes Metall wären. Etwas Ähnliches vermögt ihr künstlich zu bewirken, wenn ihr ein Stängelchen Zink hängt in aufgelöstes Blei, wodurch sich dann in kurzer Zeit der sogenannte Saturnbaum bildet, auch Bleibaum genannt. Was jedoch ihr hier nur mühsam künstlich bewerkstelligen mögt, und das noch dazu in der größten einförmigen Armseligkeit, das wirkt dort die reichbegabte Naturkraft vielfach reich und großartig, frei ohne das geringste Hinzutun menschlicher Wissenschaft – aus welchem Grund die alten Weisen diesen Planeten Saturnus nannten; denn Saturnus besagt so viel als einen „gesättigten“ Stern, da Satur fast in allen Grundmundarten eine Sättigung bedeutet; und nu, nur oder nus aber bedeutet so viel als einen Wandelstern.
SA|0|7|19|0|Seht, so gedeihen die Dinge auf diesem Planeten, der da in jeder Hinsicht ein reich gesegneter Weltkörper ist.
SA|0|7|20|0|Was noch den ferneren eurem Planeten entsprechenden Graswuchs betrifft, so ist dieser hier auch natürlich viel üppiger und großartiger als auf eurem Planeten. Die Farbe des Grases ist durchaus blau, und zwar mehr ins Violette übergehend. Die Samenstiele, die oft bei zwei Klafter hoch sich über den Boden erheben, sind meistenteils weiß, hie und da wohl auch ins Grünliche übergehend. Und die Samenähren auf den Halmen sind häufig dann von hellgrüner Farbe. Nach Verschiedenheit der Grasgattungen gibt es dann auch eine außerordentliche Verschiedenheit sowohl in der Ähren-Formierung wie ihrer Farbe und der Gestalt ihrer Blätter.
SA|0|7|21|0|Vorzüglich reichhaltig sind die dortigen Triften an den mannigfaltigsten und prachtvollsten Blumen. Denn auf einer nur eine Quadratmeile großen Wiese würde ein passionierter Botaniker nur mit der Zählung der Gattungen kaum in fünfzig Jahren fertig werden.
SA|0|7|22|0|Besonders merkwürdig sind die dortigen sogenannten Briden. Das sind Wiesenblumengattungen, die in einem Jahr ihre Blumengestalt bei zehnmal wechseln, und so oft der höchste Mond des Saturnus seinen Lauf vollendet hat und eben die anderen Monde zu öfteren Malen, so oft auch wechseln solche Pflanzen ihre Gestalt und nehmen erst dann wieder ihre frühere Form an, sooft all die Monde wieder in eine schon früher einmal gehabte Stellung kommen, welches in einem Saturnusjahr ungefähr zehnmal geschieht; darum sie auch den schon ausgesprochenen Namen eben haben, welcher so viel besagt wie Mondblumen.
SA|0|7|23|0|Vorzugsweise nach all den Grasarten und Wiesenblumen-Gattungen sind dort noch bemerkenswert die vielen Alpen-Moosgattungen, alldort Firbi genannt. Denn diese vergolden im buchstäblichen Sinn eine baumlose Gebirgshöhe beim Sonnenlicht so sehr, dass eine solche Gebirgshöhe kaum anzusehen ist. Dieses Moos wächst in verschiedener Varietät außerordentlich dicht aneinander, etwa eine Elle hoch über das steinige Gebirgserdreich, und sieht durchgehend wie ein mit allen Farben vergoldeter Goldsandteppich aus, begleitet mit dem herrlichsten Alpenwohlgeruch. Und der Alpenbesteiger findet sich dort immerwährend in einer solchen Wohlgeruchs-Anmut, als so jemand von euch auf dem Libanon des Morgenlandes käme in ein Wäldchen von lauter Balsambäumchen, wenn sie gerade in der Blüte sind, bei welcher Gelegenheit alldort auch jedem Sammler dieser Blüten so zumute wird, als befände er sich in den Vorhallen des Himmels.
SA|0|7|24|0|Die Gebirge dieses Planeten und die Höhen sind schon anfänglich erwähnt worden. Nur ist noch dabei zu bemerken, dass alldort selbst die höchsten Spitzen noch irgendeiner Vegetation fähig sind, was bei eurer Erde vermöge des notwendig niederen Luftstandes so gut wie unmöglich ist. Auch laufen sie nicht in so ununterbrochenen Kettenreihen fort, sondern sie stehen da über dem Flachland so wie bei euch auf irgendeiner gemähten Wiese die aufgeschichteten Heuhäuflein und werden immer höher und höher gegen die Mitte des Landes zu, so dass, wenn jemand den schon besprochenen höchsten Mittelberg des Landes ersteigt, er über alle anderen Höhen bequem darüber hinwegschauen kann.
SA|0|7|25|0|Die hie und da vorkommenden Felsen dieser Gebirge sehen nicht so zerrissen aus wie bei euch, sondern steigen an einer oder der anderen Seite des Berges wie aneinandergereihte Zuckerhüte empor, aus denen manche nicht selten eine Höhe von dreißig- bis vierzig- und so weiter bis über hunderttausend Fuß erreichen. Jedoch beschämt sie irgendein vollkommen ausgewachsener Pyramiden-Baum, welcher auch nicht selten seinen Gipfel über bedeutend hohe Berge selbst treibt. Ihr dürft nur die euch schon bekannte Angabe seiner Höhe mit der von dem höchsten Berg in Vergleichung bringen, so werdet ihr es gar bald einsehen, wie dieser Baum eher möchte ein wachsender Berg genannt werden; freilich kann seine Höhe nicht mit der Höhe jener Berge in Vergleichung kommen, die nicht selten so viele Viertelmeilen hoch sind, als wie viele Klafter die eurigen.
SA|0|7|26|0|Dieses Land gehört auch zu den allergebirgigsten dieses Planeten. Dessen ungeachtet aber ist es auch gar wohl im Besitz von weitgedehnten Ebenen, welche nach allen Richtungen mit den schönsten, ruhig fließenden Flüssen durchkreuzt sind und hinausfließen in das große Saturnusmeer.
SA|0|7|27|0|Wie sie benützt werden und was an ihren Ufern noch für Gewächse vorkommen, wird euch das nächste Mal mitgeteilt werden. Und darum für heute Amen.
SA|0|8|1|1|Die Schiffs-Pflanze
SA|0|8|1|0|Da wir uns schon mit den Pflanzen dieses Landes unterhalten und betrachtet haben dessen mannigfaltige Baum- und Strauchgattungen, so wird es, bevor wir zu den Flüssen und Seen dieses Landes übergehen, nötig sein, noch eine Uferpflanze kennenzulernen, welche allenthalben an den Ufern der Flüsse und Seen, wie bei euch ungefähr das Schilfrohr und andere Wasserpflanzungen, häufig vorkommt. Es ist das die sogenannte Schiff-Moos-Pflanze, Chaiaba genannt.
SA|0|8|2|0|Diese Pflanze gehört alldort zu dem Geschlecht der Windgewächse und gehört somit auch zum Geschlecht der Kürbisse – nur mit dem Unterschied, dass, so oft sein fortlaufender Stiel über die Erdoberfläche irgendeinen gliederartigen Abschnitt bildet, sich an einer solchen Stelle eine Menge weißlicher Wurzeln in die Erde schieben und somit neue Säfte und Kräfte derselben entsaugen, um auf diese Weise desto lebendigkräftiger sich auch desto weiter und weiter nach allen Richtungen, besonders längs der Ufer über der Erde dieses Planeten auszubreiten.
SA|0|8|3|0|Wie sieht dieses Gewächs denn aus und was bringt es für Früchte und wozu werden dieselben verwendet? Dieses Gewächs macht, da es zuerst aus der Erde zum Vorschein kommt, einen hochmächtigen Aufschuss, fast in der Art wie euer Schilfrohr, welches ihr zum Bau eurer gemauerten Häuser und namentlich für die sogenannte Stuckatur verwendet. Der Stamm wird alldort nicht selten fünfzehn bis zwanzig Klafter hoch, wächst ohne irgendein Blatt gleich einer grüngoldenen Stange in die Höhe. Nur am Ende hat es anfänglich einen blauen Knopf, welcher nach und nach in eine eigentümliche Art Blüte aufbricht, welche genau das Aussehen hat, als wenn ihr auf einem runden Obelisken in einem Kreis zehn Kriegsfahnen ausstecken möchtet.
SA|0|8|4|0|Diese Fahnen rollen sich von zwei Klafter langen, weißlichgelben, geraden Stielen auseinander und hängen dann in der Mitte der Vollbreite vier bis fünf Klafter von denselben flatternd herab. Diese Blüte, von diesem langen Stiel ausgehend, ist so beschaffen, dass sie gewisserart an und für sich schon die eine Gattung Frucht dieser Pflanze ausmacht, welche darum auch nicht leichtlich mehr verwelkt, sondern jahrelang solid und beständig verbleibt.
SA|0|8|5|0|Die Stange selbst oder eigentlich vielmehr der Stamm, der an der Erde nicht selten einen Durchmesser von ein, zwei bis drei Ellen hat, ist inwendig durchaus hohl, aber dessen ungeachtet von einer metallischen Festigkeit. Wenn diese Stange einmal zur halben Reife gediegen ist, alsdann schießen sobald an der Wurzel Auswüchse hervor, die sich dann behende und üppig an der Erde fortzuschlängeln anfangen, und zwar ebenfalls auch in einem nur etwas blässeren Goldgrün. Aus dem fortschlängelnden runden Stamm schießen an jeder Gliederung an hohen Stielen große und breite Blätter hervor. Der Stiel dieser Blätter ist grünlichblau, rund und hohl, in einer Länge von nicht selten ein, zwei bis drei Klaftern. Das Blatt ist ein stumpf eiförmiges, und hat der Länge nach eine Ausdehnung von fünf und der Breite nach von drei Klaftern. Seine Farbe ist so rot wie eure schönsten Rosen; nur der Rand des Blattes ist bei zwei Ellen breit so farbig gebrämt, als wie bei euch ein schöner, heller Regenbogen aussieht. Die Oberfläche dieses Blattes glänzt so wie spiegelblank poliertes Gold, und vorzugsweise erglänzen in majestätischer Pracht dessen Ränder. Die untere Seite oder die Unterfläche ist ganz dunkelblau und durchaus behängt von einer Spannen langen wie die schönste Seide aussehenden Härchen, welche allesamt in der Farbe eurem allerreinsten Indigo gleichen, nur sind sie etwas heller als diese Farbe bei euch. Der Stiel dieses Blattes sieht ebenfalls grüngolden aus, d. i. also, als wenn ihr poliertes Gold mit einer dünnen grünen Farbe überziehen möchtet – und ist ganz glatt und hat an dem Stamm nicht selten einen Durchmesser von ein bis zwei Ellen. Da er aber aus dem Stamm hervorragt, umgibt ihn eine Art Spitzenkrone, ungefähr auf die Art, wie ihr bei euch eine sogenannte eiserne Krone formt; nur sind dieser auslaufenden Spitzen mehrere und alle von vollkommener Runde und von blendend weißer Farbe. Ungefähr beim dritten Absatz bricht dann auf einem langen und starken Stiel eine merkwürdige Blüte hervor. Diese Blüte gleicht ganz vollkommen einer großen Turmglocke bei euch, die da hätte am breiten Rand einen Durchmesser von vier bis fünf Klaftern und zuunterst, das ist an dem dünneren, geschlossenen Teil, etwa von ein bis eineinhalb Klaftern.
SA|0|8|6|0|Diese Blume wächst so vollkommen rund in allen ihren Teilen, als wenn sie der beste Drechsler gedrechselt hätte. Nur darinnen unterscheidet sie sich von einer Glocke, dass ihr breiter Rand nach aufwärts von regelmäßig aneinandergereihten ellenlangen Spitzen kammartig besetzt ist. Die Blüte ist von hochgelber Farbe, die Spitzen aber sind hellrot.
SA|0|8|7|0|Aus der Mitte dieses Glockenkelches läuft eine blendendweiße Säule, zweimal so hoch wie die Glockenblume samt den Spitzen, über den Rand heraus. Diese Säule ist der männliche Staubfaden, und die Spitzen an dem Rand sind eigentlich die weiblichen Fäden an dieser Blume. Wenn der männliche Staubfaden seine vollkommene Ausbildung erreicht hat, alsdann fängt er an, leuchtende Sternchen auszustreuen, welche dann von diesen Randspitzen gleich elektrischen Funken angezogen werden. Und dieser Akt ist die eigentliche Befruchtung dieses Gewächses.
SA|0|8|8|0|Wenn nun die Befruchtung hinreichend vor sich gegangen ist, alsdann welkt diese massive Blume und fällt ohne Veränderung der Form von dem Blütenstiel herab und wird da auch häufig gesammelt; denn da sie eine elastische Polsterweiche besitzt, so wird sie zu allerlei Sitz- und Lieggerätschaften benützt. Die Spitzen aber werden ihr abgelöst und ihrer Festigkeit wegen als Nägel benützt.
SA|0|8|9|0|Was kommt denn da wohl für eine Frucht zum Vorschein? Ich sage euch, die merkwürdigste von der Welt. Denn so albern es euch auch immer dünken möchte, so ist es aber dessen ungeachtet doch so, dass die Pflanze am Ende ein förmliches Schiff zum Vorschein bringt. Doch nicht so müsst ihr es denken wie etwa eure Schiffe, welche untergehen können mit Mann und Ware, was bei diesen gewachsenen Schiffen eine ganz reine Unmöglichkeit ist, und [was] ihr bald ersehen werdet, so euch die Beschaffenheit der Frucht näher dargetan wird. Also ersichtlich kommt die Frucht zum Vorschein: Nach dem Abfall der Blüte, welche so wie bei euren Kürbissen eigentlich schon über der ersichtlichen Frucht zu stehen kommt, fängt sich an die Frucht sehr schnell und großartig zu entwickeln, und zwar so, als wenn ihr ein großes Ei euch aus feinerem Blech machen ließet und es dann von obenher eindrückt, nicht aber etwa einen Pol in den anderen, sondern einen Gürtel in den anderen – jedoch so, dass die eingedrückte Wand die untere nicht berührt, sondern zwischen beiden noch ein verhältnismäßig leerer Raum bleibt.
SA|0|8|10|0|Nun übertragt diese Form auf unsere Frucht, welche eben auch in dieser eingedrückten Eiform fortwächst und erreicht bei voller Reife nicht selten eine Länge von dreißig bis vierzig Klaftern und eine Breite von fünfzehn bis zwanzig Klaftern. Der Raum zwischen der eingedrückten oberen und unteren Wand beträgt gewöhnlich ein, zwei bis zweieinhalb Klafter. Wenn die Frucht vollkommen reif geworden ist, haben diese Wände jede für sich einen Dichtigkeitsdurchmesser von zwei bis drei Ellen und eine mehr denn metallische Festigkeit, und in der Reife lösen sie sich dann selbst vom Stiel los, in welchem der eigentliche Same dieser Frucht kreisförmig steckt. In der Frucht selbst ist gar nichts darinnen als eine sehr feine Luftgattung, darum eine solche große Frucht auch so leicht zu heben ist, dass dieselbe ein Kind mit geringer Mühe von der Stelle zu schaffen vermag. Der Rand dieser Frucht ist mit einem eigens gearbeiteten Gesimse umgeben, welches sich nicht selten bis zwei Klafter über die eigentliche Frucht hinaustreibt, und hat ungefähr das Aussehen wie bei euch die Flossen eines Fisches; nur ist es auf allen Seiten gleich strahlenförmig und elastisch fest, so dass da niemand leichtlich vermag vom selben etwas abzubrechen.
SA|0|8|11|0|Nun seht, die Frucht, wie sie ist, wird dann alsbald ins Wasser gesetzt und als nicht leicht zerstörbares Schiff verwendet. Damit sie, die Saturnusbewohner nämlich, dieses Schiff aber nach Belieben auf der Oberfläche der Wässer nach allen Richtungen lenken können, so benützen sie dazu die schon vorerwähnte lange Mittelstange, vermöge welcher sie das Schiff so lenken wie ungefähr ihr eure Flusskähne. Nur hat diese Stange diesen Vorteil, dass sie fürs Erste sehr leicht ist, und fürs Zweite, weil sie hohl ist, so ist es auch gar nicht nötig, mit derselben auf den Boden zu stoßen, sondern das Wasser wird selbst zum gegenwirkenden Grund, denn der kubische Wasserinhalt wird bald schwerer als der hohle Raum der Stange. Und so widersteht das Wasser selbst dem Stoß mit einer solchen hohlen Stange, von welcher früher freilich wohl die schon erwähnten Fähnlein abgesägt werden, welche Fähnlein dann die Bewohner auf eine zierliche Weise um den Rand dieser Naturschiffe anzubringen wissen.
SA|0|8|12|0|Eine andere Art der Fortbewegung besteht aber darinnen: Sie nehmen nämlich die schon früher erwähnten schönen Blätter dieser Pflanze und bilden daraus Segel, bei welcher Gelegenheit sie nichts anderes zu tun haben, als dass sie ein solches Blatt samt dem Stiel und der unten befindlichen Spitzkrone absägen und es mit einem klebrigen Saft einer anderen Pflanze so fest ankleben, dass dasselbe selbst ein Orkan eures Planeten nicht abzubrechen imstande wäre. Seht, auf diese Weise ist nun das Schiff fertig, welches fürs Erste imstande ist, zehn bis zwanzig Saturnusmenschen im höchsten Notfall zu tragen.
SA|0|8|13|0|Allein die Saturnusmenschen verbinden dann künstlichermaßen auch mehrere solche Schiffe miteinander und machen dann ein großes, zusammengesetztes Schiff daraus, gegen das eure Linienschiffe eine reine Kinderspielerei wären; denn auf breiteren Strömen, Seen und Meeren werden nicht selten tausende von solchen Schiffen miteinander verbunden. Über diesen Schiffen werden dann erst leichte, wahrhaft wunderbar schöne Gebäude aufgeführt, so dass dann ein solches schwimmendes Schiff eher einer bedeutenden Stadt gleichsieht als einem eigentlichen Schiff selbst.
SA|0|8|14|0|Nun habt ihr alles von dieser merkwürdigen Frucht. Erweckt auch hier ein wenig eure Phantasie und ihr werdet dabei sicher auf das Angenehmste überrascht werden. Das Einzige ist noch beizusetzen, nämlich die Farbe dieser Frucht. Diese allein ist das Unnachahmlichste, denn sie sieht so geschuppt aus wie die Haut eines Hechtfisches und ist auch von gleicher Farbe. Und somit für heute Amen.
SA|0|9|1|1|Weiteres von der Schiffs-Pflanze. Die Flüsse des Saturnus. Vom Schalenaufbau des Saturnus und anderer Planeten. Die Geographie des Landes
SA|0|9|1|0|Da wir nun letzthin die merkwürdige Pflanze dieses Planeten haben kennengelernt, so bleibt uns nachträglichermaßen von derselben nur das Wenige noch zu erwähnen übrig, wie häufig sie vorkommt und wie viel solcher Früchte eine solche Pflanze zum Vorschein bringt.
SA|0|9|2|0|Diese Pflanze kommt bei den Flüssen, Seen und hauptsächlich an den weitgedehnten Ufern des Meeres außerordentlich häufig vor. Und eine solche Pflanze bringt in einem Saturnusjahr zweimal Frucht, und das jede für sich bei vier- bis fünfhundert Stück an der Zahl. Aber niemand hat auf diesem Planeten oder vielmehr eigentümlich in diesem Land ein verwaltendes Eigentumsrecht auf sie, sondern hier heißt es, wie bei euch ein alter Rechtsspruch lautet: Primo occupanti fiat jus. Der also eine solche Pflanze oder mehrere derselben benötigt, geht hin und erntet. Und soviel er geerntet hat, ist sein Eigentum. Und niemand macht ihm dasselbe streitig, und zwar aus diesem höchst moralischen Grund, weil sich alldort jeder für den Geringsten und Kleinsten hält, was noch ferner bei der Darstellung der Menschen näher auseinandergesetzt wird.
SA|0|9|3|0|Und so wollen wir nun einen Blick auf die Gewässer dieses Planeten und ganz besonders dieses Landes machen.
SA|0|9|4|0|Es gibt in diesem Land einige tausend sehr große und breite Ströme, welche fast samt und sämtlich in der Mitte des Landes von dem schon besprochenen höchsten Berg desselben ihren gemeinschaftlichen Ursprung nehmen. Um solche Möglichkeit aber einzusehen, müsst ihr euch den Fuß dieses Berges nicht etwa so klein denken als wie einer auf eurer Erde; sondern ihr müsst euch denken, dass der Fuß dieses Berges nach allen seinen regelmäßigen Richtungen beinahe einen größeren Fleck bedeckt als euer ganzes Europa. Nun mögt ihr allenfalls wohl begreifen, wie viel Quellen ein Riese von einem solchen Berg in sich fassen möchte.
SA|0|9|5|0|Da dieser Berg bei aller seiner Höhe und Ausdehnung beinahe einen vollkommenen Kegel bildet, der nur von euch schon bekanntgegebenen hie und da hervorragenden Felsen und auch von manchen durch die reichlichen Quellen gebildeten Gräben vereinzelt wird, so ist es auch wohl begreiflich, dass da von einem solchen Berg die da entspringenden Quellen nach allen möglichen Richtungen ihren Lauf nehmen müssen, und wenn sie die Tiefe erreicht haben und dann wie auf eurer Erde von den bedeutend zuströmenden bedeutenden Quellen anderer Berge vergrößert werden, sie dann ruhig zuströmen dem Weltmeer. Der Unterschied zwischen den Flüssen der Erde und denen dieses Planeten besteht fürs Erste darinnen, dass sie alle einen gleich schnellen Fluss oder eigentlich Fall haben, welches darinnen seinen Grund hat, weil es dort nirgends ein sogenanntes Hochland gibt; sondern es gibt alldort nur Berge, mehr oder weniger breite Täler und auch weitgedehnte Ebenen, welche alle samt und sämtlich über den Meeresspiegel fast ganz gleich erhoben sind, und die Steigung der Länder vom Meer angefangen bis zum Mittelberg hin überall gleich nur tausend Klafter ausmacht, vermöge welcher sanften Erhebung auch alle Flüsse einen gleich schnellen Fall haben müssen.
SA|0|9|6|0|Aus all den vielen Flüssen und Strömen will Ich euch bloß auf vier aufmerksam machen, und zwar aus dem Grund, weil diese die größten aus allen diesen Flüssen sind und ihren Lauf bis zum Meer hin so gerade fortführen, als wenn ihnen das Bett nach der Schnur wäre gezogen worden.
SA|0|9|7|0|Da sie entspringen, sind sie schon größer denn eure Donau, wo sie ins Meer mündet, und also nehmen sie dann an der Breite also beständig zu. Wenn sie dann zum Meer gelangen, ist ein jeder dieser Flüsse bei zweihundert eurer Meilen breit. Nur darinnen unterscheiden sie sich von den eurigen Flüssen und Strömen, dass ihr Bett durchaus eine gleiche Tiefe hat; darum ein solcher Strom nirgends tiefer ist oder auch seichter, wie er ist sogleich in seinem ersten Anfang, das heißt, da er den Fuß des Berges zu verlassen anfängt. Denn wenn er hernach auch mehrere andere Quellen aufnimmt, so wird er dafür nur breiter, aber nie tiefer.
SA|0|9|8|0|Ihr denkt euch jetzt freilich, wie ist das wohl möglich? Und Ich sage, es gibt keine leichtere Möglichkeit als diese. Denn wenn die Unterlage ein überall durchaus gleich fortlaufender, unversehrter Steinboden ist, über welchem eine gleich hohe Erdschicht gelagert ist, welche nach und nach, oder vielmehr von der Ursprünglichkeit her das Wasser hinweggeräumt hat, wie soll denn bei solchen gleichartigen Verhältnissen irgendeine Ungleichheit in der Tiefe des Strombettes stattfinden?
SA|0|9|9|0|Damit ihr aber dieses euch jetzt noch etwas unscheinbare [unverständliche] Verhältnis in Hinsicht auf die gleiche Tiefe der Flüsse desto aufmerksamer beachtet und gründlicher versteht, so ist es nötig, auch eine kleine Erwähnung von dem zu machen, dass dieser Planet bei der allgemeinen euch bekanntgegebenen Weltenzerstörung, welche ihr bei dem Fall Adams habt kennengelernt, insoweit, was da von ihm noch übrig ist, in seiner Urbeschaffenheit unversehrt geblieben ist – nur war er vor dieser Zeit um vieles größer.
SA|0|9|10|0|Wie groß er aber war, zeigt noch sein gegenwärtiger Ring. Denn des äußeren Ringes Oberfläche war zuvor die Oberfläche dieses Planeten. Allein in dieser Zeit ist er gewisserart links und rechts, oder südlich und nördlich so abgeschnitten worden, dass durch solche Abschneidung gewisserart die nördliche und südliche Kappe gleich zwei großen Hohlschalen in den unermesslichen Weltenraum hinausgeschleudert worden sind, weil auf diesen beiden Teilen die arge Schlange auch eine reichliche böse Brut hingesetzt hat. Nur der heiße Mittelstrich ist noch rein geblieben, darum er auch erhalten wurde zu einem immerwährenden Denkzeichen, dass der große Weltenbaumeister auch einen Weltkörper also erhalten kann, wenn derselbe auch nicht mehr in seiner ersten planetarischen Vollkommenheit dasteht.
SA|0|9|11|0|Ihr möchtet nun wohl wissen, woher wohl dieser gegenwärtige, viel kleinere Erdkörper innerhalb des Ringes entstanden ist? Und Ich sage euch nun, macht eure Augen und Ohren weit auf, und ihr werdet dadurch einen starken Blick nicht nur allein auf den eben zu besprechenden Planeten, sondern auf alle Weltkörper werfen. Denn dieser gegenwärtige Erdkörper im Ring war auch schon vor der Abkappung vorhanden, so wie es auch bei eurer Erde, wenn diese auch also abgekappt werden möchte, ein und derselbe Fall wäre. Denn auch in eurer Erde steckt noch eine kleinere, und in dieser kleinen noch wieder eine kleinere, welche miteinander nur entweder durch Luft, Wasser oder Feuer in Verbindung stehen; denn dieser Planet Saturnus ist eigentlich schon die Mitte-Kugel, weil der Ring schon zwei [Kugeln] darstellt, und zwar allda er vollkommen, sich unberührend, gespalten ist.
SA|0|9|12|0|Und so habt ihr bei dem Saturnus gewisserart die Gelegenheit, einen Weltkörper also anzuschauen, als wie beinahe einen Apfel, den ihr in der Mitte auseinandergeschnitten hättet. Und die daselbst ersichtlichen Teile zeigen euch die innere, mechanische Konstruktion eines Weltkörpers. Nur was den gegenwärtigen Planeten selbst anbelangt, so ist dieser freilich nicht sichtbar bis in sein Zentrum. Aber es bleibt immer ein und dasselbe Verhältnis. Denn auch dieser sichtbare Planet ist also ferner seinem Inwendigen nachgebildet, und zwar in denselben Verhältnissen, wie sie ersichtlich sind von der Oberfläche des äußersten Ringes bis zum gegenwärtig ersichtlichen Planeten selbst; da, so derselbe wieder abgekappt würde, auf diese Art wieder ein noch kleinerer Ring unter dem größeren zum Vorschein käme, innerhalb dessen sich dann wieder ein vollkommen runder Erdkörper also frei schwebend befinden möchte wie der jetzige im großen Ring.
SA|0|9|13|0|So ihr ein wenig nur eure Verstandes- und Gefühlskräfte erhöht, so wird euch solches mehr und mehr einleuchtend werden. Zugleich aber werdet ihr daraus auch erkennen, ein wie Leichtes es Meiner Macht ist, einen solchen Weltkörper, wenn es nötig ist, entweder zu verkleinern aber auch zu vergrößern.
SA|0|9|14|0|Könntet ihr all die Weltkörper in dem unendlichen Schöpfungsraum besehen, wahrlich ihr würdet da auf Formen gelangen, welche aufzufassen euer Geist im vollsten Licht nicht begreiflichermaßen fähig wäre. Denn wenn schon ihr Menschen mit euren allerbeschränktesten Geisteskräften euren mühsamen Schöpfungen eine bedeutende Mannigfaltigkeit zu geben vermögt, so werde solches wohl Ich in Meinen großen Schöpfungsräumen auch zu tun imstande sein. Und Meine große Phantasie wird etwa in dieser Hinsicht, wie einige Gelehrte bei euch meinen, wohl sicherlich nicht vonnöten haben, zu euch in die Schule zu gehen und etwa gar einen sogenannten ästhetischen Lehrkursus mitzumachen für notwendig finden.
SA|0|9|15|0|Wie phantasiereich aber euer Schöpfer ist, mögen euch schon all die Pflanzen, Tiere und Mineralien auf eurer Erde freilich nur den allerkleinsten, geringfügigsten und magersten Beweis liefern. Auf unserem Saturnus werdet ihr schon etwas Mannigfaltigeres entdecken, und mehr noch, und Ich sage, bei weitem mehr noch in einer Sonne! Denn sind euch die Dinge im Saturnus überaus wunderbar, was würdet ihr oder was werdet ihr erst sagen und was für Augen machen, so Ich euch einmal einen Blick in die Sonne zu machen gestatten möchte! Jedoch jetzt sind wir noch auf dem Saturnus, und es ist da noch sehr viel zu schauen. Und wenn wir uns da werden hinreichend sattgesehen haben, alsdann wird es eurer Phantasie und besseren Einbildung vorerst freigestellt sein, ob sich dieselbe noch zu etwas Höherem zu erheben vermag.
SA|0|9|16|0|Denn wohlgemerkt, wir haben beim Saturnus bei Nummer eins angefangen, und ihr wisst, dass Ich immerwährend den besseren Wein zuletzt auftische; aber nicht so, wie die schlechten Wirte bei euch, die mit dem ersten Glas der Phantasie die durstigen Gäste berauschen und ihnen dann zuletzt, statt eines besseren Weines, stark gewässerten Essig auftischen. Daher begreift wohl, was das von Mir aussagen will, so Ich sage: Wir haben allda bei Nummer eins angefangen. Und darum sage Ich euch: So wir mit unserem Weltkörper werden fertig sein, da wird es in eurer Phantasie und besseren Einbildung sich wohl zeigen, ob sie noch eines höheren Schwunges fähig ist. Denn bei Mir nimmt das Höhere und immer Höhere bis ins Unendliche kein Ende; es gibt da nirgends eine dritte Vergleichungsstufe, sondern überall nur die zweite; das heißt, es steht immer eines über das andere, und ist das eine herrlicher als das andere. Und nirgends gibt es ein Allerherrlichstes, auf dass es nimmerdar übertroffen werden möchte von etwas noch Herrlicherem; denn das Unerreichbarste, Allerhöchste bin nur Ich Selbst. Wenn ihr aber schon so manche Herrlichkeiten der Weltkörper werdet betrachtet haben, alsdann erst wird euch ein allerschwächster Blick in den Himmel gegönnt werden. Und dieser Blick wird in seiner Schnelle all die Herrlichkeiten, die euch auf den Erdkörpern gezeigt wurden, gänzlich zunichtemachen. Denn wenn Meine Werke schon von unendlicher Erhabenheit sind in der toten, fixierten Materie, wie werden sie erst da sein im Geist, da alles Licht und Leben ist!
SA|0|9|17|0|Jedoch für jetzt kehren wir wieder zu unserem Weltkörper zurück und messen allda die Tiefe der Flüsse und Seen und auch also die Tiefe der Meere. Und wir werden mit einer und derselben Messschnur, welche da eine Länge von fünfhundert eurer Klafter hat, überall zur Genüge auskommen; bei fünfhundert Klafter ist dort das Meer beinahe überall gleich tief, nur wird es regelmäßig etwas seichter und seichter gegen das Land zu. Was aber die Tiefe der Flüsse betrifft, so ist ihr Mittelbett überall gleich zehn Klafter [tief] und wird natürlichermaßen gegen das Land zu seichter und seichter. Nur an den Mündungen fallen die Bette also sukzessiv, dass sie sich dann allmählich mit dem allgemeinen Bett des Meeres ausgleichen.
SA|0|9|18|0|Zufolge der Gleichförmigkeit und gleichen Tiefe der Bette der Flüsse und Ströme geschieht es dann auch, dass ein jeder Fluss und Strom beinahe eine ganz glatte Spiegelfläche dem erstaunten Auge darbietet, auf welcher sich die benachbarten Gegenden, wie bei euch in einem sehr ruhigen See, auf das Herrlichste abspiegeln, was besonders zur Nachtzeit einen überaus herrlichen Anblick gewährt, wenn all die nächtlichen Lichter aus solchen Flüssen einen beinahe ungeschwächten Schein widerspiegeln.
SA|0|9|19|0|Was die vier benannten Hauptströme noch ferner betrifft, so teilen sie dieses Land von diesem Mittelberg aus in vier Teile, so dass, wenn jemand an der Spitze dieses Berges sich befindet, er dann nach dem Lauf dieser vier Hauptströme auch zugleich die Enden dieses großen Landes erschauen kann. Freilich, ihr mit euren Augen würdet solches nicht vermögen. Aber die Saturnusmenschen können solches gar wohl, da ihr Auge an und für sich schon besser sieht als ihr es vermöget durch eure allerbesten Fernrohre, was bei ihnen auch notwendig ist. Denn so jemand seinen Grund übersehen will, so bedarf er auch tüchtiger Augen, welche ungefähr von einem hohen Berg auf eurer Erde bei allerreinster Luft wohl imstande wären, so es von irgendeiner solchen Höhe möglich wäre, euer ganzes Kaisertum mit einer Leichtigkeit zu überschauen. Denn diese Menschen haben ihre größte Stärke im Auge, ungefähr in dem Verhältnis, wie sie bei euch ein Adler hat, vermöge welcher er auch von der bedeutendsten Höhe noch jede Blattlaus mit einer Leichtigkeit erschauen kann.
SA|0|9|20|0|Was die fernere Beschaffenheit dieser Flüsse und Seen wie auch der Meere anbelangt, für ein nächstes Mal. Und für heute Amen.
SA|0|10|1|1|Der Morgenstrom und seine Anwohner. Baumwohnungen der Saturnusmenschen. Wie sich die Saturnusmenschen über das Wasser bewegen. Über die Dampfkraft der Erdenmenschen. Kritik des Herrn an der irdischen Philosophie und den dortigen Irrlehren über Ihn. Die viel bessere Einsicht der Saturnusmenschen und wie diese die aufgeblasenen Geister der Erde abfertigen
SA|0|10|1|0|Der eine dieser vier Hauptströme, der da seine Fallrichtung hat genau gegen den Morgen, ist der breiteste und sozusagen am allermeisten bevölkertste. Ihr müsst hier nicht etwa denken, dass an dessen Ufern etwa, so wie an euren Flüssen, Städte und Festungen erbaut sind; denn auf dem ganzen Planeten ist dergleichen nirgends anzutreffen.
SA|0|10|2|0|Die vorzüglichste Behausung der Saturnusbewohner besteht in dem euch schon bekannten Baum, unter dessen vielen Ästen und Stämmen eine ganze Familie wohnt. Es sind aber die Familien ebenfalls geteilt, fast so wie bei euch, da ein Teil in den Ebenen und vorzugsweise an den Ufern der Ströme wohnt; ein anderer Teil aber wieder vorzugsweise nur die Gebirge bewohnt. So sind die Ufer dieses Morgenstromes links und rechts auch ganz besonders vielfach mit solchen Bäumen besetzt, unter denen die Familien ihre bleibende Wohnung halten. Ich sage darum „ihre bleibende Wohnung“, weil ein solcher Baum alldort nicht leichtlich ausstirbt, sondern fort und fort wächst und sich vergrößert, so zwar, dass unter manchem solchen Baum eine Familie lebt, welche durch sich verzweigende Verwandtschaften nicht selten zehn- bis zwanzigtausend Köpfe stark ist.
SA|0|10|3|0|Die Flüsse, besonders aber dieser Morgenfluss, sind den dortigen Bewohnern ein vielfaches Bedürfnis, und zwar nach folgender Stufenordnung: Fürs Erste sind all die Bewohner große Freunde vom Waschen. Nicht selten wäscht sich einer am Tag sieben Mal. Fürs Zweite dient ihnen das Schwimmen zu einer besonders stärkenden Belustigung; denn sie sind in diesem Fach allesamt große Künstler auf dem Wasser, indem sie im Notfall auf der Oberfläche nicht nur herumschwimmen, sondern gar leicht auch herumgehen können. Darum können sie auch um desto leichter alle anderen Schwimmkünste ausführen, als: dass sie sich auf der Oberfläche des Wassers ganz flach dahinlegen können, oder können auf der Oberfläche sitzen oder sich auch nach Belieben darauf herumwälzen.
SA|0|10|4|0|Wollen sie untertauchen, so können sie solches auch; aber es geht ihnen nicht viel leichter als den Gänsen bei euch, weil sie im Verhältnis zu dem Saturnuswasser um vierzig Prozent leichter sind als ihr im Verhältnis zu euren Gewässern; welches Verhältnis ihr schon daraus ersehen könnt, wie schon einmal bemerkt wurde, dass sich diese Saturnusbewohner auch mit Leichtigkeit in der Luft frei erhalten können, besonders die jungen. Aber selbst die Alten können von der größten Höhe ohne Beschädigung ihres Leibes herabspringen; doch tun sie dieses nicht allzu gerne, weil sie nach solchen Luftpartien gewöhnlich von einem unbehaglichen Schwindel ergriffen werden.
SA|0|10|5|0|Fürs Dritte wohnen sie noch darum gerne bei den Wassern, weil dieselben, wie schon gesagt wurde, einen besonders herrlichen Lichtschimmer zur Nachtzeit von sich geben. Und fürs Vierte atmen die dortigen Flüsse eine besonders angenehm kühlende Luft aus, wovon die Saturnusbewohner außerordentlich große Freunde sind. Und fürs Fünfte wohnen sie wegen ihrer Haustiere, die wir erst später werden kennenlernen, gerne an den Ufern dieser Ströme, damit dieselben also leichter getränkt werden können. Denn auf den Bergen können aus dem Grunde die größeren Haustiere oft kaum gehalten werden wegen Mangel an hinreichendem Wasser, da die Quellen solcher Flüsse mehr in den unteren Teilen der Berge sich befinden und die höheren sich dann begnügen müssen mit dem Regenbaum und jener euch schon bekannten bewässerten Frucht, das größte Haustier aber oft an einem Tag, nach eurem Maß gerechnet, nicht selten bei tausend Startinen Wasser zu seiner Durstlöschung gebraucht, welches euch etwas rätselhaft klingen dürfte. Allein diese Hauskuh übertrifft eure Elefanten so sehr an Größe, dass diese auf ihrem Rücken gar leicht als Schmarotzertierchen herumsteigen könnten. Vermöge der außerordentlichen Nützlichkeit dieses Tieres aber bewohnen eben die Saturnusmenschen gerne die Ufer der Ströme, Flüsse und Seen, damit dieses nützliche Haustier keinen Schaden leidet; denn es hat das Eigentümliche, dass es fünfmal mehr trinkt als es frisst; was alles später, wenn wir erst eigentlich zu den Tieren kommen werden, genau erörtert wird.
SA|0|10|6|0|Obschon die Menschen aber hier keine Städte und auch keine Häuser bauen, so wissen sie aber doch ihren euch schon bekannten Wandbaum so zierlich und kunstvoll anzubauen, dass, so ihr einen solchen Wohnort alldort besehen möchtet, er euch unaussprechlich schöner vorkäme als die größte Stadt bei euch, da ihr da meinen würdet, diese Bewohner führen ihre Mauern von blankem, poliertem Gold auf.
SA|0|10|7|0|Und fürs Sechste wohnen sie noch ihrer überaus beliebten Schifffahrt wegen gerne an den Ufern der Ströme; denn sie betreiben ihre Schifffahrt nicht so sehr des Eigennutzes wegen, sondern vielmehr des Vergnügens und der Gesundheit wegen. Und wenn einige unter ihnen andere benachbarte, weitliegende Inseln und Länder besuchen wollen, brauchen sie natürlicherweise ihre überaus beliebte Schifffahrt.
SA|0|10|8|0|Ihr werdet euch fragen, wozu denn den Saturnusbewohnern die Schifffahrt [dient], so sie ohnehin auf der Oberfläche des Wassers einhergehen können? Da ist eine lösende Antwort nicht schwer, indem sie wohl auf der Oberfläche des Wassers unbelastet gehen können, aber so sie nur etwas belastet sind, so sinken sie alsbald unter, da das Tragverhältnis des Wassers zum Menschen gewisserart auf ein Haar berechnet ist; und ferner, so sie auch auf dem Wasser wandeln können, so ist solches Wandeln nur ein sehr langsames und gewisserart auch behutsames und ist alldort mit bedeutender Übung verbunden, viel mehr noch als bei euch das Schleifen [Laufen] auf dem Eis; wohingegen sie auf ihren vereinigten Schiffen ungemein schnell über die Oberfläche des Wassers gleiten, und zwar so, dass sie in einer eurer Stunden gar leicht einen Weg von dreißig bis sechsundfünfzig Meilen zurücklegen. Und doch haben sie nirgends einen Dampfkessel und auch keine Schaufel und auch kein Schaufelrad zur Hand, sondern die bewegende Kraft allein liegt in ihrem festen Willen und unerschütterlichen Glauben, aus welcher Ursache sie denn auch die Ränder ihrer Schiffe mit den schon bekannten Pflanzenspitzen belegen, welche dann durch ihren Willen gewisserart magnetisiert werden und demzufolge auch in jener Richtung das Fahrzeug hinziehen, wo der Wille der Schifffahrer den entgegengesetzten Willenspol gesetzt hat.
SA|0|10|9|0|Seht, eine solche Triebkraft ist unfehlbar besser als die eurer schauerlichen Dampfapparate, durch welche allzeit das natürliche Leben des Menschen in einer immerwährenden Gefahr steht; und würde Ich durch schützende Engel nicht Sorge tragen, fürwahr es würden der Unglücke mehrere durch die aufgelösten Wasserdämpfe geschehen als bis jetzt. Denn es ist nichts törichter, als so die Menschen sich Kräfte der Natur bedienen, die sie nicht im Geringsten kennen. Denn da ist nicht genug, bloß nur durch Erfahrung zu wissen, dass die aufgelösten Wasserdämpfe eine große Wurfkraft besitzen, sondern man muss auch wissen, was hinter den aufgelösten Wasserdämpfen steckt, was da ist, das eigentlich diese große Wurfkraft bewirkt.
SA|0|10|10|0|Tote Kräfte sind keine Kräfte; Kräfte aber, die da wirken, sind entbunden lebendig. Wer aber weiß es, wie viel Kraft die entbundenen Geister in den Wasserdämpfen besitzen? Fürwahr, wenn sie von den besagten Engeln nicht möchten im Zaum gehalten werden, da würden sich die viel sich einbildenden Dampfapparatisten gar bald überzeugen, auf was für hohlem Grund alle ihre Berechnung ruht. Denn auch nur entbundene Geister von einer Maß Wasser könnten im ungezügelten Zustand in einem Augenblick ganze Gebirgsketten in Staub und Asche verwandeln; woraus ihr dann gläubig gar leicht ersehen könnt, wie viel himmlischen Schutzes da immerwährend es vonnöten hat, dass nicht allzumal die Menschen bei ihren törichten Unternehmungen verunglückend zugrunde gehen.
SA|0|10|11|0|Seht, von solchen Narrheiten wissen die Saturnusbewohner nichts und sind dessen ungeachtet ums Unvergleichliche weiser als alle die übergelehrten Dampfbrüder und Meeresbezwinger auf eurem Erdkörper. Denn sie haben nebst den vielen Vorteilen auch noch diesen unschätzbaren, dass sie zu öfteren Malen in ihrem Leben mit Mir persönlichen Umgang pflegen können, und so auch mit den Engeln des Himmels, wodurch sie in ihrer Weisheit- und Erkenntnissphäre auch nur in einer kurzen Unterredung mehr gewinnen, als ihr durch all die oft mehr als überdummen, oder – nach eurem Ausdruck – nicht einmal dem Kotauswuf der Säue entsprechenden Hochgelehrtheits- und Fortbildungsproduktionen. Denn fürwahr, all dergleichen gelehrtes Gewäsch ist dem innern Gehalt nach auch nicht einmal tüchtig und wert genug in die Naturklasse des Sauunflates aufgenommen zu werden. Denn da eine Sau ihren Unflat gelassen hat, setzen sich doch alsbald Fliegen an, die noch einen ihnen zusagenden Nahrungs- und Lebensstoff darinnen finden – und das ist doch etwas. Aber was da, besonders im Gebiet der so hochberühmten Philosophie, kommt oder gegeben wird aus und von den Hallen der rationell, ja nicht selten gar wahrheits- und geistig-lebensreich sich Dünken- und Nennenden – das, wahrlich, steht unendlich tiefer als ein solcher Saudreck.
SA|0|10|12|0|Bei dieser Gelegenheit erwähne Ich euch auch im Vorübergehen, dass da nicht selten Geister von eurer Erde zu den Bewohnern des Saturnus kommen, was ihnen auch allzeit gestattet wird, besonders wenn es sie danach gelüstet, wo dann nicht selten die Saturnusmenschen diese gelehrt sein wollenden Geister gar weidlich auslachen und ihnen ihren außerordentlich schlechten Glauben vorhalten, vermöge welchem sie nicht einmal wissen, dass der Herr ist als Schöpfer des Himmels und aller Weltkörper vollkommen ein Mensch. Denn solches wissen wohl die wenigsten Menschen und auch die wenigsten Christen auf der Erde und machen sich von Mir die allerlächerlichsten und unsinnigsten Vorstellungen, da Ich bei einigen sogar allerlei Gestalten annehmen muss;
SA|0|10|13|0|bei den anderen wieder muss Ich angelegt sein wie ein Hierarch, bei anderen wieder fast nackt auf einer Wolke sitzend und das Kreuz in der Hand haltend, gewöhnlich zur rechten Hand des Hierarchen. Wieder andere stellen Mich in der Gestalt einer fliegenden Taube dar, woselbst Ich dann immer über den zwei unteren Personen, nämlich über dem Hierarchen und über dem nackten, kreuztragenden Christus schweben muss. Wieder andere versetzen Mich in alle drei zugleich, wodurch Ich dann zu einem mathematischen Unsinn werde; fürs Erste, da Ich in drei Personen dargestellt werde, von denen nur zwei mit einer menschlichen Gestalt begabt sind, die eine aber nur mit einer tierischen; und wieder müssen diese drei ungleichartigen Personen nur eine einzige göttliche darstellen, bestehend aus einem Hierarchen, einem nackten Christus und einer Taube; anderer Albernheiten von Meiner Vorstellung nicht zu gedenken.
SA|0|10|14|0|Wogegen auf dem ganzen Saturnus nicht ein Mensch existiert, der da von Mir irgendeine andere Vorstellung hätte als die, dass Ich bin ganz vollkommen ein Mensch, wie ein anderer Mensch, nur mit dem Unterschied, dass Ich der allervollkommenste Mensch bin, das heißt, ein Mensch, in dem da wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig oder körperlich; oder so ihr solches nicht verstehen möchtet, so wendet euch nur zur Materie, und die wird es euch sagen, woher sie ist und was sie ist, und hat es euch schon gesagt. Daher wird euch nicht so schwer zu verstehen werden, zu erfassen das, was es heißt, dass in Mir, als in dem vollkommensten Menschen, da wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig oder körperlich.
SA|0|10|15|0|Seht, wenn dann die Bewohner des Saturnus manchen aufgeblasenen Geistern von dieser Erde mit so etwas kommen, so werden diese ganz ärgerlich und zornig und wollen sich rächend über die Saturnusbewohner herstürzen und ihnen mit Gewalt einen anderen Glauben beibringen. Allein die Bewohner des Saturnus bezeigen sich dann alsbald so überaus demütig, dabei aber doch überaus fest in ihrem Glauben, dass darüber den Geistern von dieser Erde vermöge ihres Hochmutes ganz ekel zumute wird, und sie es dann nicht mehr aushalten können in der Sphäre der Saturnusbewohner, was da bald ein Zeichen den Saturnusbewohnern ist, dass sich solche ungebetene Gäste freiwillig eben auch bald entfernen werden.
SA|0|10|16|0|Solche Szenen auf diesem Weltkörper werde Ich euch erst da anschaulich vorführen, wenn wir die Schnee- und Eisregionen desselben bereisen werden, allda sich die Geister der verstorbenen Saturnusmenschen hauptsächlich aufzuhalten und zu wirken pflegen. Denn solches müsst ihr wissen, dass die Geister eines jeden Erdkörpers, besonders wenn sie noch nicht vollends geläutert sind, sich noch zuallermeist auf dem Gebiet ihres früher körperlich bewohnten Erdkörpers aufhalten.
SA|0|10|17|0|Jedoch für jetzt wollen wir davon nichts weiter sprechen, sondern uns zu unseren Strömen wenden.
SA|0|11|1|1|Herrliche Uferlandschaften der Stromgebiete. Nordstrom, Abendstrom und Mittagstrom
SA|0|11|1|0|Wenn ihr euch so einen Strom recht wohl vorstellen wollt, da denkt euch eine unabsehbare, ruhige Wasseroberfläche, welche sich nach einer geraden Linie unermesslich für euer Auge weit bis zum Meer ausdehnt. Denkt euch dazu einen solchen Fluss noch in einer weitgedehnten Ebene fortfließen, welche nur hie und da von regelmäßigen, euch schon bekannten Gebirgsgruppen unterbrochen wird. Denkt euch dazu noch die größte, üppigste Fruchtbarkeit dieser Ufergegenden. Denkt euch ganze Alleen zwischen den Bergen von den sogenannten Pyramidenbäumen. Denkt euch noch all die schönen Gärten mit den euch schon bekannten Spiegelbaumalleen wie auch ganze unabsehbare Wälder längs den Ufern solcher Ströme von dem Trichterbaum und allen anderen üppigsten Baum-, Gesträuch-, Pflanzen- und Grasarten; ja denkt euch noch die überaus merkwürdige Tierbevölkerung solcher Ströme und all die großen, überaus mannigfaltigen, herrlichen Wasservögel, welche da oft scharenweise über der weiten Oberfläche solcher Ströme nach allen Richtungen herumfliegen und allesamt dem Willen des Menschen untertan sind. Und denkt euch in eurer Phantasie auch hinzu, dass sich bei den Familien, besonders die an den Ufern wohnen, nicht selten himmlische Gestalten einfinden, d. h. Engel des Himmels, und mitunter, wie gesagt, auch Ich Selbst.
SA|0|11|2|0|Wenn ihr so dieses alles zusammenfasst, so könnt ihr euch schon einen so ziemlichen Begriff von der großen Herrlichkeit einer solchen Stromufer-Gegend machen, und, wie schon gesagt, ist vorzugsweise der gegen Morgen fließende Strom mit seinen weiten Ufern zu beachten. Nur müsst ihr euch die Sache nicht etwa, besonders was die Vegetation anbelangt, gewisserart wie Kraut und Rüben chaotisch durcheinandergemengt vorstellen, sondern alles in der schönsten, planmäßigen Ordnung. Denn allda ist nicht nur für das alleinig tierische Bedürfnis durch eine gewisserart hingeworfene Vegetation, sondern es ist hier auch von Mir aus schon gar wohl für eine bestens geordnete Zierlichkeit gesorgt, welches ihr schon ein wenig von der Beschreibung der Pflanzen und der sämtlichen Vegetation habt abnehmen können.
SA|0|11|3|0|Wie aber dieser Morgenstrom beschaffen ist, so sind auch all die übrigen drei beschaffen; nur haben sie nicht diese Breite, und auch sind sie nicht so stark bevölkert; dessen ungeachtet ist im Verhältnis die Pracht nicht minder als die am Morgenstrom.
SA|0|11|4|0|Derjenige Strom, der da sich gegen den Norden ergießt, ist an seinen Ufern zuallermeist das, was ihr romantisch nennt. Denn weil da sein Tal nicht selten von Bergen beengt wird, so ist der Anblick auch nicht selten [romantisch], da man auf der ganzen Gebirgsseite herab eine Unzahl von himmelhohen, blendend weißen Felsentürmen entdeckt, welche nicht selten mit der schon beschriebenen Heilpflanze geschmückt sind; denn da ist ihr vorzügliches Vaterland, obschon sie auch anderwärts, nur nicht so häufig, vorkommt.
SA|0|11|5|0|Auch hier stellt euch wieder die belebten Ufer wie am Strom des Morgens mit allem dort Besagten vor; nur was die sogenannten Pyramidenbaum-Alleen betrifft, lasst allda hinweg, weil dieser Baum wegen des etwas mehr steinigen Bodens nicht wohl fortkommt – so habt ihr auch ein vollkommenes Bild von diesem Strom und dessen Ufern.
SA|0|11|6|0|Der Strom gegen Abend [Westen] aber ist berühmt seiner vielen harmonisch singenden Vögel wegen. Wenn es euch möglich wäre, einen Abend allda zuzubringen, so dürftet ihr durch ein solches Konzert so verwöhnt werden, dass euch darauf eure Musik nicht anders vorkommen möchte, wie bei euch selbst nach einem herrlichen Konzert oder nach einer großen Symphonie eines wohlbewährten Tondichters (als z. B. eines Händel usw.) ein Gequake von Fröschen in einer Lache.
SA|0|11|7|0|Seht, also bin Ich auch alldort sogar ein Musiklehrer der Vögel! Und ihr könnt versichert sein, wenn eure besten Sänger nur einmal einen solchen befiederten Sänger dieses Planeten hören möchten, sie dann gewiss sich in ihrem ganzen Leben nicht auch mehr einen Ton zu singen getrauen würden. (N. B. Die Musik ist auch bei den Bewohnern dieses Planeten ein ganz vorzügliches Eigentum, nur haben sie durchaus keine musikalischen Instrumente. Aber sie sind desto vorzüglichere Sänger, mit welchem Gesang sie auch ganz vorzüglich bei ihrem Gottesdienst Mich lobpreisen und Mir danken – was alles euch bei der eigentlichen Darstellung der Menschen und ihrer Verhältnisse dargestellt werden wird.)
SA|0|11|8|0|Der Strom, der sich da ergießt gegen Mittag [Süden], ist wieder wegen seines Wasserglanzes überaus berühmt. Denn die Oberfläche des Wassers schimmert hier besonders am Tag beständig so, als wie bei euch große, schöne, wohlbeschnittene Diamanten, welches daher rührt, weil dieses Wasser, besonders an der Oberfläche, von ungemeinster Reinheit ist. Es sind zwar alle Wässer alldort viel reiner als bei euch das Wasser aus der reinsten Quelle; aber das Wasser dieses Stromes ist so rein, dass man jeden Gegenstand am tiefsten Grund desselben mit ganz ungeschwächtem Licht erschauen kann, aus welchem Grund denn auch die Oberfläche besonders bei einer kleinen Wellenbewegung so überaus herrlich brillant schimmernd wird, dass ihr euch von dieser großen Pracht durchaus keinen Begriff machen könnt; denn ein Regenbogen bei euch ist etwas Allersimpelstes dagegen.
SA|0|11|9|0|Aber was die Bevölkerung der Ufer dieses Stromes anbelangt, so ist sie gewisserart die ärmste, und zwar aus dem Grund, weil allda die Vegetation nicht so gut fortkommt wegen des gewisserart zu harten Wassers. Obschon das Wasser ungemein rein ist, so ist es aber doch härter als das Wasser der übrigen Ströme, was auch schon auf eurer Erde der Fall ist, da auch je reiner und kälter irgendeine Quelle ein Wasser zutage fördert, desto härter und unbefruchtbar, oder vielmehr unbefruchtender dasselbe auch ist. Aber deswegen müsst ihr euch eben nicht denken, dass die Ufer dieses Stromes darum etwa wüste aussehen; sie sind dessen ungeachtet viel üppiger als die allerüppigsten auf eurer Erde; nur stehen sie in diesem Planeten besonders den Ufergegenden am Morgenstrom nach.
SA|0|11|10|0|Und so hätten wir alsdenn von unserem Mittelberg die vier Hauptströme angeschaut. Ihr müsst euch aber dabei nicht denken, dass etwa das die allein bewohnten und belebten Gegenden dieses Planeten sind; sondern es sind sowohl die Berge verhältnismäßig nicht minder bewohnt wie auch die Ufer all der übrigen Flüsse, welche teils selbst in verschiedenen Krümmungen dem Meer zuströmen, größtenteils sich aber auch, wie bei euch, entweder in die schon obengenannten vier Hauptströme oder aber auch in andere Nebenströme ergießen.
SA|0|11|11|0|Nun bleiben uns nur noch die dortigen vielen und großen Landseen übrig. Was ihre Zweckmäßigkeit und ihre Pracht anbelangt, wie auch die Bewohnbarkeit ihrer weitgedehnten ebenen Ufer, bei einer nächsten Gelegenheit. Für heute Amen.
SA|0|12|1|1|Herrliche Seelandschaften. Verbindungsarme von Flüssen und Seen. Verbreitung der Wohnbäume. Steinkegel als Vergnügungsstätten. Schwanenfahrt
SA|0|12|1|0|Was die schon gestern besprochenen Landseen betrifft, so sind sie ganz unterschieden von den Landseen auf eurem Erdkörper, welche bei euch unregelmäßig tief stehende Wasseransammlungen sind, was zwar auch in dem Saturnus der Fall ist, da sich allda in den etwas vertieften Ebenen das Quellwasser, welches von allen Seiten den Bergen entströmt, ansammelt. Allein diese Seen haben nur immer ein viel seichteres Bett als die übrigen Flüsse, und ist selten eines Landsees Bett tiefer als etwa höchstens vier, fünf bis sechs Klafter, welches in dem Saturnus so viel als sehr seicht heißt, nachdem ein jeder Mensch des Saturnus einen solchen See vermöge seiner geringen Tiefe sehr leicht so durchwaten kann, dass ihm das Wasser kaum auf den halben Schenkel über das Knie heraufreicht, manchmal kaum bis ans Knie. Aber dessen ungeachtet ist es doch wieder tief genug, um die schon bekannten Schiffe vollkommen tragen zu können.
SA|0|12|2|0|Es fragt sich nun, was sind eigentlich die Seen in diesem Planeten? Sie sind im Grunde nichts anderes, als was bei euch künstlich angelegte Kanäle sind. Und ein solcher Landsee hat da nicht selten bei hundert Ausläufer oder ziemlich breite Abströmungen in verschiedene andere Flüsse, so zwar, dass man auf dem Wege solcher Landseen zu Wasser gar bequem erstens in alle die bekannten vier Hauptströme gelangen kann, und das zwar auf folgende Art: Wenn z. B. zwischen dem Morgen- und Mittagstrom sich irgendein solcher See befindet, so hat er bestimmt einen oder auch mehrere Ausläufer in den Morgen- und ebenso auch wieder in den Mittagsstrom. Ebenso befindet sich dann auch wieder irgendein solcher Landsee zwischen dem Mittag- und Abendstrom und also zwischen dem Abend- und Mitternachtsstrom und zwischen dem Mitternacht- und Morgenstrom. Und so ist die Kommunikation zu Wasser nicht nur etwa einmal, sondern hundertmal bewerkstelligt. Wie aber die Verbindung vermittelst solcher Landseen mit den Hauptströmen bewerkstelliget ist, also ist sie auch zweitens bestellt zwischen all den kleineren Flüssen und Strömen, dass da kein Fluss und auch beinahe kein See auf diesem ganzen großen Land irgend besteht, zu welchem man nicht allenthalben zu Wasser gelangen möchte.
SA|0|12|3|0|Diese Landseen sind nicht selten von bedeutender Ausdehnung, und ist die geringste nicht selten so groß wie auf eurem Erdkörper der sogenannte Kaspische See in Asien. Es gibt aber noch einige, die von einer viel größeren Ausdehnung sind, so zwar, dass sie es mit der Fläche des Mittelländischen Meeres aufnehmen dürften. Allein solcher sehr großen Seen gibt es nicht gar zu viele, und sie sind nur vorzugsweise auf den dem Meer nähergelegenen Gebieten zu Hause. Aber kleinere Landseen, besonders gegen des Landes Mittelpunkt hin, gibt es eine große Menge; denn es besteht auf diesem ganzen großen Landgebiet keine nur einigermaßen weitgedehnte Ebene, in deren Mitte sich nicht irgendein bedeutender Landsee befinden möchte, aus welchem Grund die überaus herrliche Aussicht von irgendeiner Höhe nach eurem Ausdruck so malerisch schön wird, dass ihr euch auf der Erde wohl sehr schwer einen ähnlichen Begriff machen könnt.
SA|0|12|4|0|Denn gibt es auch allhier Seegegenden, so sind aber doch schon fürs Erste die Seen unregelmäßiger und gewisserart zufälliger Form, und also auch ist ihre Umgebung, da bald irgendein verwitterter Fels oder ein waldiger Berggrund oder eine schmutzige Ebene und dergleichen andere, nicht vielsagende Dinge unförmlich die Fläche des Wassers beufern. Aber nicht so ist es im Saturnus; denn da haben die Landseen stets mehr oder weniger eine vollkommen eirunde Form, von welcher hinweg sich dann nach allen Seiten noch bedeutend breite Ausmündungen entweder in andere Landseen oder Flüsse und Ströme gewisserart ausstrahlen. Nun denkt euch einmal so eine ruhige Wasserfläche im geringsten Durchmesser oder vielmehr Durchschnitt in einer Oberfläche von wenigstens zehn bis hundert, von hundert bis tausend und tausend bis nahe dreißigtausend Quadratmeilen nach eurem Feldmaß – so mögt ihr euch schon einen Begriff von der Majestät eines solchen Landsees machen. Nehmt noch von einem solchen Landsee die vielen breiten Ausströmungen in meistens geraden Richtungen, so werdet ihr die Majestät eines solchen Landsees noch erhöhter erblicken, besonders wenn ihr noch annehmt, dass selbst solche Ausmündungen nicht selten eine, zwei, drei und so fort bis vierzig Meilen breit sind; da wird euch die Majestät eines solchen Landsees noch anschaulicher.
SA|0|12|5|0|Aber nicht nur dieses Alleinige ist es, was die Majestät solcher Seegegenden erhöht; vorzüglich sind es die Ufer, die um diese Landseen sehr stark bevölkert sind. Und die Pracht der dortigen Vegetation entwickelt sich nirgends in so großartiger Majestät als eben an den Ufern solcher Seen. Besonders sind da die euch schon bekannten Pyramidenbäume zu Hause, welche da nicht selten, wenigstens für euch betrachtet, eine rätselhafte Höhe erlangen und mit ihren Wipfeln oft über ziemlich bedeutende Berge hinausragen.
SA|0|12|6|0|Zur Verschönerung der Ufer wird erstens natürlicherweise von den Bewohnern die bekannte Schiffspflanze sehr häufig angebaut. Hinter den großen Äckern, allda die Schiffspflanzen wachsen und gedeihen, aber werden [zweitens] vorzugsweise gerne die sogenannten Wandbäume angebaut und gezügelt, die da nicht selten zu einer bedeutenden Höhe über die schon bereits angegebene emporwachsen. Denn an einigen Ufergegenden wird die goldene Wand solcher Bäume oft fünfhundert Klafter hoch. Dieses bewirken die Einwohner alldort durch eine gewisserartige Kunst, die eben alldort auch in einer Art Pfropfung besteht, dass sie dann, wenn die Wandbäumchen ungefähr ein paar Klafter aus der Erde gewachsen sind, dieselben abschneiden und in die gemachten Spalten Reiser von eben den Wandbäumchen hineinpfropfen und mit Erde verschmieren, wodurch dann bei fortgesetztem Wachstum der Stamm dieses Baumes schon um die Hälfte verlängert wird. Und solches treiben sie oft so lange als nur möglich ist fort und bringen dann zur Verherrlichung einer Ufergegend einen solchen Baumstamm zu der erstaunlichen vorher besprochenen, seine gewöhnliche Natur bei weitem überragenden Höhe. Hinter solchen Wänden wird vorzugsweise auch der sogenannte säulenartige Allerlei-Baum gepflanzt, den ihr schon kennt, welcher vermöge seiner außerordentlichen Mannigfaltigkeit nicht wenig zur Verherrlichung der sich immer mehr erhöhenden Ufergegenden beiträgt.
SA|0|12|7|0|Dass natürlicherweise es auch hier nahe keine anderen Wohnungen gibt als den schon bekannten ersten Hauptbaum, ist schon bei der Bevölkerung der Ufergegend des Morgenstromes hinreichend dargetan worden dadurch, da Ich gezeigt habe, dass es da nirgends eine Stadt noch eine Festung noch andere Wohngebäude gibt als alleinig diesen Baum. Nur ist von diesem Baum an den Seeufergegenden noch das zu bemerken, dass er an Größe und Ausdehnung die anderen seinesgleichen, die an den Flüssen, den Strömen und auch an den Bergen wachsen, um vieles übertrifft und somit auch einer desto zahlreicheren Familie zum Wohnhaus dient.
SA|0|12|8|0|All die übrigen Bäume, Kräuter, Pflanzen und Gräser werden hier nicht minder in guter Ordnung sorgsam gepflegt. Und so sieht dann eine solche Uferpartie in dem eigentlichen Sinn des Wortes einem vollkommenen Paradies gleich. Aber ihr müsst euch eben nicht vorstellen, dass an solchen Ufergegenden alldort alle fingerlang ein solcher Hauptbaum steht, der dort nahe das alleinige Wohnhaus ist; sondern so ihr von einem solchen Wohnhaus bis zum nächsten hinreisen möchtet, da dürfte euch die Zeit ziemlich lang werden, bis ihr von einem Baum zum anderen gelangen möchtet. Denn die geringste Entfernung von einem bis zum anderen Baum beträgt wenigstens zehn bis zwanzig Meilen, manchesmal aber auch fünfzig bis hundert Meilen, da die Gründe, wie schon anfangs erwähnt wurde, alldort nicht selten so groß sind wie euer ganzes Kaisertum. Und da wächst auf einem solchen Grund selten mehr als entweder nur ein [Baum], und im reichsten Maße [wachsen] fünf bis zehn solcher Bäume, welche nur dann vermehrt werden, wenn eine Familie unter einem Baum nicht mehr Platz hat, aus welchem Grund dann zur Bewohnung der verwandten überzähligen Familie irgend auf dem Grund ein fernerer Baum angepflanzt wird.
SA|0|12|9|0|Durch solche Familienversetzung werden dann auch die Gebirge bewohnt, was zwar die Saturnusbewohner nicht gar zu gerne tun. Denn ehe jemand seinen Wohnbaum auf einem Berg anpflanzt, da wendet er eher alles Mögliche an, um irgend an einem Ufer eine Stelle ausfindig zu machen, um da seinen Wohnbaum hinzupflanzen. Nur wenn dergleichen gar nicht mehr möglich ist, so wird auf die Berge gezogen, woselbst dann auch diejenigen Gegenden der Berge aufgesucht werden, die in ihrer Nähe eine oder mehrere Wasserquellen besitzen oder wo wenigstens der Regenbaum und die Bewässerungspflanze wohl gedeihlich fortkommen. Freilich können sie alldort auf den Bergen keine große Kuh mehr halten, die ihnen gebe eine übersüße warme Milch, und müssen sich dafür mit der weniger süßen Milch der dort häufiger vorkommenden zahmen Gebirgsziege begnügen.
SA|0|12|10|0|Und wenn sie die Milch von einer großen Kuh genießen wollen, da bleibt ihnen dann freilich nichts übrig, als sich in die Ebene zu ihren Anverwandten zu begeben und allda entweder durch den Austausch von heilsamen Gebirgskräutern oder durch irgendeine verrichtete Arbeit solche kostbare Milch gewisserart käuflich oder verdienstlich zu gewinnen. Da füllen sie dann die euch schon bekannten Gefäße an und gehen oder fahren damit nach Hause. Ihr werdet euch wohl noch des schon vorhin erwähnten Wagens erinnern, der da auf eine leichte Art verfertigt wird aus der euch schon bekannten Bewässerungsfrucht, welcher Wagen dann bei den Bewohnern der Ebenen auch nicht selten das Gebirgsschiff genannt wird.
SA|0|12|11|0|Obschon aber da solche Wohnbäume sehr weit voneinander entfernt liegen nach eurem Maß, so sind sie aber dessen ungeachtet für den Saturnusmenschen nahe genug beisammen, da der Saturnusmensch fürs Erste seines Nachbars Wohnbaum trotz der großen Entfernung vermöge seines scharfen Auges noch allzeit sehr gut ausnehmen kann – und fürs Zweite stehen ihm seine langen Füße so zu Diensten, dass er eine Entfernung von etwa zehn Meilen mit der größten Leichtigkeit in dem Zeitraum einer Viertelstunde überschreiten kann. Und ist irgendein nachbarliches Haus weiter entlegen, da wird zu Schiffe gewandelt. Wie schnell da eine weite Reise zurückgelegt wird, ist schon bei der gestrigen Mitteilung erwähnt worden.
SA|0|12|12|0|Es bleibt nur noch zu erwähnen übrig, ob das Wasser solcher Landseen stehe oder fließe. Es ist schon vorhinein erwähnt worden, dass das Wasser der Seen kein stehendes Wasser ist, sondern ein fließendes. Aber es ist so fließend, dass es nach allen möglichen Richtungen fließt; nur ist die Fallbewegung etwas geringer als auf den unmittelbaren Flüssen und Strömen. Jedoch um das Fließen eines solchen Sees recht zu verstehen, müsst ihr euch dasselbe so vorstellen, dass das Wasser eines solchen Landsees von seinem Mittelpunkt aus nach so vielen Richtungen strahlenförmig ausfließt, als es Arm- oder Seitenkanäle hat, vermöge welchen es sich mit dem Wasser entweder anderer Landseen, Flüsse oder Ströme verbindet. Auch hier muss wieder ein Unterschied gemacht werden. In jene Kanäle, vermöge welcher es sich mit anderen Landseen verbindet, fließt das Wasser so, dass es z. B. auf dem linken Ufer von dem See A in den See B sich ergießt; allda wie durch einen langgedehnten Wirbel sich mit dem Wasser des Sees B wieder austauschend, es am rechten Ufer wieder eine rückgängige Bewegung macht, so dass ein Schiffer am linken Ufer von dem See A gegen Morgen fahren, während ein anderer am rechten Ufer von dem See B in den See A nach der wiederkehrenden Strömung des Wassers gelangen kann. Eine solche Wasserbewegung dürften eure Wasserbaukünstler wohl schwerlich zuwege bringen. Was aber jene Ausflüsse anbelangt, die da von einem See in einen Fluss oder Strom laufen, so haben sie keine Gegenbewegung, sondern fließen entweder von einem See in einen Fluss hinaus oder aber auch von einem Fluss in einen See hinein; was jedoch die Schifffahrt darum um nichts erschwert, weil alle Wasserbewegungen dort nur sehr ruhig sind und der schnellste Fall in einer Minute nicht mehr als zehn Klafter zurücklegt, bei ruhigerem Fall oft nur fünf bis ein Klafter. Und auch ist die Bewegung des Wassers nicht der Schifffahrt wegen bewerkstelligt, sondern allein der Bewegung selbst willen, damit die Wasser nicht faul werden und immerwährend durch solche kleine Bewegung einen wohltätigen Lebensaushauch bewirken.
SA|0|12|13|0|Was die Majestät solcher Seen noch ums Bedeutende erhöht, sind die vielen weißen Steinkegel, die besonders in der Mitte solcher Seen häufig vorkommen, und das zwar aus dem Grund, weil das Wasser eines Sees in der Mitte gewisserart am ruhigsten ist und daher auch am leichtesten in die Fäulnis übergehen möchte. So ist dafür ganz vortrefflich gesorgt durch diese Steinkegel, an welchen das Wasser immerwährend eine kleine Brandung ausübt, sich dadurch reibt und wieder auffrischt durch die Erweckung der ihm innewohnenden Elektrizität. Auch sind diese Kegel nicht selten mit der euch schon bekannten Heilpflanze bewachsen, welche dann durch ihre außerordentlich wohlduftende, ätherische Lebensaushauchung die Oberfläche eines solchen Sees unendlich erquickend machen, darum auch von den Saturnusbewohnern sehr häufig zu solchen Kegeln hingeschifft wird.
SA|0|12|14|0|Vorzüglich herrlich nehmen sich oft ganze Gruppen von Tausenden solcher Kegel aus. Wenn ihr sie sehen möchtet, ihr würdet dann glauben oft eine der größten Städte auf dem Wasser zu erblicken, gegen die euer Venedig eine wahre Kinderspielerei wäre; denn ein solcher Steinkegel hat nicht selten einen Umfang von ein, zwei bis drei Meilen und eine Höhe von zwei-, drei- bis viertausend Klafter. Da wäre auf einem abgestumpften Kegel hinreichend Platz, um eine große Stadt darauf zu bauen. Nun denkt euch erst eine Gruppe von solchen Kegeln, so könnt ihr euch schon einen Begriff von der Größe einer solchen See-Kegel-Stadt machen.
SA|0|12|15|0|Die Saturnusbewohner verwenden auch recht viel Fleiß dazu, einen oder den anderen Kegel durch ihren Meißel bewohnbar zu machen; oder sie hauen Stufen in denselben bis zur Spitze hinauf und vergnügen sich auf solchen zubereiteten Kegeln oft tagelang. Sehr große Kegel werden oft so ausgemeißelt, dass sie dadurch mehrere Stockwerke bekommen, die da bewohnbar sind. Den Aufweg zu den höheren Stockwerken bewerkstelligen sie durch eine Art nach außen herum ausgehauener Ringtreppe, vermöge welcher sie dann in ein höheres Stockwerk gelangen können. Zu solchen Wohnungen aber bearbeiten sie nur die pflanzenlosen Kegel. Denn einen bepflanzten Kegel halten sie für eine Art Heiligtum und würden der Meinung sein, sich förmlich zu versündigen, so sie den Meißel an einen solchen Kegel ansetzen würden, wenn sie nicht darüber dann und wann von Engelsgeistern belehrt würden, dass eine solche Handlungsweise durchaus keine Sünde sei, wohl aber eine Unklugheit, so sie eine solche edle Pflanze durch ihren Meißel verderben möchten. Und so lassen dann die Bewohner des Saturnus solche bepflanzten Kegel im Wasser aus bescheidener Klugheit verschont. Die Spitzen und Kanten der bewohnbar zugerichteten Kegel aber werden auf das Geschmackvollste mit allerlei Blättern und den euch schon bekannten Fahnen geziert. Und so sieht eine solche Kegelgruppe in der Mitte eines solchen ruhigen Wasserspiegels selbst für die Saturnusbewohner ungemein herrlich aus. Euch würde ein solcher Anblick auf längere Zeit ganz stumm machen.
SA|0|12|16|0|Was die Schönheit einer solchen Wassergegend oder vielmehr Wasserkegelstadt noch mehr erhöht, sind fürs Erste die vielen Schiffe, die sich allda aufhalten, und dadurch der lebhafte Familienverkehr; ferner aber auch die Menge von den verschiedenfarbigen, großen Schwimmvögeln, welche da, den Schwänen gleich, die Spiegelfläche des Wassers zwischen diesen Steinkegeln beleben und durch ihren mannigfaltigen Gesang weitgedehnte Wasserpartien bereizen. Diese Vögel müsst ihr euch etwa nicht von der Größe eurer Schwäne vorstellen, sondern da ist ein solcher Vogel oft so groß wie ein kleines Schiff; darum auch die Saturnusbewohner sich nicht selten des Vergnügens wegen auf den Rücken solcher Schwimmvögel setzen und lassen sich da eine Zeit lang nach allen Richtungen schnell herumtragen. Diese Vögel richten die Saturnusbewohner auch nicht selten als Wasserzugtiere ab und spannen sie vor ihre Schiffe, wo dann eine solche Seereise ganz nach eurem Ausdruck märchenhaft aussieht, wenn vor einem Schiff einige hundert solcher Vögel vorausschwimmen und das Schiff nach sich ziehen. Allein eine solche Schifffahrt gehört doch auch nur zu den Vergnügungen und wird nicht im Geschäftsstil angewendet; denn der Saturnusbewohner ist zu mitleidig gegen alle Geschöpfe, als dass er sie zu einem harten Dienst verwenden möchte, da er ohnedies mit der Kraft seines Willens und seines Glaubens überall auslangt.
SA|0|12|17|0|Das ist nun alles von den Landseen – bis auf das Tierreich nämlich und namentlich auf die oft wunderbar gestalteten Wassertiere, davon nächstens angefangen wird. Erweckt auch hier ein wenig eure Phantasie, und ihr werdet der Wunder hinreichend erblicken. Weiteres und ferneres wird euch, wie gesagt, nächstens mitgeteilt werden. Und daher für heute Amen.
SA|0|13|1|1|Meeresufer und Gezeiten. Entwicklung der Tierwelt. Die Riesenmuschel
SA|0|13|1|0|Nachdem wir nun das Land so ziemlich haben kennengelernt, vermöge alles dessen, was die Bildung des Landes selbst anbelangt, und so auch der Vegetation und den Wässern nach, und wie alles dieses ist zu seinem guten Gebrauch [dient], so wollen wir uns nun aus dem Reich der elementarisch-metallischen Vegetabilien- und Wasser-Sphäre, welche die erste Unterlage des Tierreiches ist, zum Reich der Tiere selbst wenden.
SA|0|13|2|0|Bevor aber wir noch uns zu den eigentlichen Tieren selbst wenden werden, wird es noch notwendig sein, ein wenig die Meeresufergegenden, als die Hauptbehausung des allermannigfaltigsten Tierreiches, zu besichtigen. Auf eurer Erde sind zuallermeist die Meeresufergegenden auch mit seltener Ausnahme diejenigen Teile der Ländereien, welche zuallermeist bevölkert sind; darum, weil sich über das Wasser und selbst an den Ufern des Wassers leicht Handel und Verkehr treiben lässt, vorausgesetzt, dass die Meeresufer nicht etwa lang gestreckt aus lauter Klippen bestehen oder sonst voll Sand und Schlamm sind. Allein nicht also verhält es sich mit den Meeresufergegenden unseres Planeten, allda wenigstens nach euerem Maß vierzig Meilen landeinwärts kein Mensch mehr wohnt, und das zwar aus folgendem Grund, weil in solcher Niederung des Landes bis auf vierzig Meilen landeinwärts niemand sicher ist vor einer plötzlichen Überflutung. Denn wie das Meer auf eurer Erde einer periodischen Flut und Ebbe unterworfen ist, umso mehr ist solches der Fall bei einem so großen Planeten, da die Flut sich auch in demselben Verhältnis, ja zuweilen höher erhebt, in welchem Verhältnis dieser ganze Planet und all die Dinge zu der Erde und allem dem, was darauf ist, stehen.
SA|0|13|3|0|Ich sagte zu der jeweiligen Überflutungszeit darum, da dieselbe auf diesem Planeten nicht allzeit eine gleiche Höhe erreicht. Hievon ist folgender Grund: Weil denn doch sieben Monde einen bedeutenden Einfluss haben auf den Planeten selbst, so geschieht es in jenen Zeiten, wo alle sieben Monde zufolge ihrer ungleich schnellen Bewegung auf einer und derselben Seite des Planeten zu stehen kommen, dass dadurch das dortige Meerwasser dann mehr als gewöhnlich emporgehoben wird. Wo nur, wie bei euch, ein Mond einen Planeten umkreist, da wäre es freilich wohl unklug, die Flut und Ebbe dem Mond zuzuschreiben, obschon er dessen ungeachtet einen unbedeutenden Einfluss ausübt. Allein dieser ganze Einfluss beträgt auf der Erde bei sechs Fuß naturgemäßer Steigerung des Meeres kaum einen Zoll als Mithilfe. Aber bei einem Planeten wie der Saturnus macht das über die naturgemäße Erhöhung des Meeres einen bedeutenden Ausschlag. Denn nehmt ihr da auch die verhältnismäßigen sieben Zoll, zufolge dessen, dass ein jeder Mond dem der Erde gleich um einen Zoll das Wasser zu erheben hilft, so müsst ihr aber doch diesen Zoll in eben dem Verhältnis nehmen, in welchem Verhältnis alles Übrige des Saturnus zur Erde steht. Und da werdet ihr alsbald zu dem Resultat gelangen, dass die sieben Zoll nach Abzug aller anderen ordnungsgemäß wirkenden Ursachen gar leicht einen Ausschlag von siebzig Klaftern geben. Und nehmt ihr dazu noch die gewöhnliche Steigerung des Saturnus-Meerwassers zur Zeit der Flut um sechzig Klafter an, so werdet ihr daraus alsbald leicht gewahr werden, wie hoch das Wasser des Meeres manchmal an den Ufergegenden zu stehen kommt.
SA|0|13|4|0|Wenn der Ring über dem Meer nicht eine so wohltätige Wirkung über das Gewässer des Meeres ausüben möchte, so wäre bei solcher hochflutenden Gelegenheit des Meeres sogar das innere Flach- und Niederland auf tausend und tausend Meilen weit gefährdet. Allein durch die anziehende Kraft des Ringes geschieht hier bei Gelegenheit der Flut diese merkwürdige Erscheinung, dass alldort das Meereswasser selten weiter als vierzig Meilen landeinwärts dringt; denn es bildet das Meer bei der Gelegenheit der Flut unter dem Ring förmliche Wasserberge. Und so zieht sich das Wasser vielmehr in diese Berge zusammen, als dass es allzu weit eindringen möchte in das Land.
SA|0|13|5|0|Diese Wasserberge haben eine große Ähnlichkeit mit den Wasserhosen bei euch, nur mit dem Unterschied, dass sie eben vermöge der anziehenden Kraft des Ringes nicht selten zu der schauerlichen Höhe von einhundert Meilen emporwachsen, welche hohe Flutzeit dann auch für die Schifffahrt so gut wie ganz vollkommen untauglich ist. Denn wird ein Schiff von einem solchen wachsenden Wasserberg ergriffen, so wird es mit einer unbeschreiblichen Heftigkeit und Schnelligkeit in die Höhe gehoben; und hat es den höchsten Gipfel erreicht, so wird es dann vermöge solcher Wurfkraft so hintangeschleudert, dass da von einer glücklichen oder unversehrten Zurückkunft gar schwerlich mehr die Rede ist. Dann und wann wird auf manchen Stellen die Auftürmung so gewaltig, dass sie beinahe bis an den Ring hinaufreicht; allein dies geschieht nur äußerst selten.
SA|0|13|6|0|Dessen ungeachtet aber sind selbst die unbedeutendsten Auftürmungen des Meeres alldort den Schiffern schon sehr gefährlich, weil bei solcher Auftürmung das Wasser des Meeres allzeit einen für euch unbegreiflich schnellen Wirbel oder Dreher macht. Kommt da jemand mit seinem Fahrzeug in den Bereich eines solchen tanzenden Wasserberges, so wird es anfangs, da der Wirbel noch langsamer geht, auf die Wasserhöhe hinaufgezogen. Und da das Drehen sich immer potenziert, je höher und höher das Wasser steigt, so geschieht es dann auch, dass irgendein mitgerissenes Fahrzeug mächtig weit hintangeschleudert wird, oder es wird auch durch die Gewalt des drehenden Wassers leichtlich zertrümmert. Denn der Durchmesser eines solchen Berges, auch nur von der mittleren Größe, beträgt auf der Fläche nicht selten zwanzig bis fünfzig Meilen, in der Mitte oft noch zehn bis zwanzig Meilen und an der Spitze ein bis zwei Meilen. Die Drehung des Wassers aber in der Mitte eines solchen Berges ist schon von solcher Schnelligkeit, dass es den Weg herum in vier bis fünf Minuten zurücklegt und auf der Spitze gar in ein oder längstens eineinhalb Minuten. Nun könnt ihr euch schon die Wurfkraft eines solchen Berges denken! Wenn das Schiff sich gerade irgendwo auf der Meeresfläche befindet, da gerade unter dem Schiff sich die Spitze eines Berges zu bilden anfängt, so ist das der erste Fall, wodurch dann irgendein Schiff in die schauerliche Höhe hinaufgeworfen wird. Und kommt aber das Schiff an den Wirbelfluss eines solchen Berges, so wird es zu einer gewissen Wasserschnelle gehoben und von da alsbald weitmächtig hintangeschleudert.
SA|0|13|7|0|Nun seht, das war vor der Erklärung des Tierreiches notwendig noch zu beachten; denn fürs Erste wird daraus ersichtlich, warum die Ufergegenden des Saturnus-Meeres unbewohnbar sind. Fürs Zweite aber wird hier in diesem großen Naturakt die erste Produktion des Tierreiches gezeigt; denn dadurch geschieht ein großartiger Begattungsakt vermöge welchem die atomischen Äthertierchen ins Wasser aufgenommen werden, darin sie sich dann von Klasse zu Klasse reproduzieren, bis sie dann zu jener Stufe gelangen, die ihr auf eurer Erde Amphibien nennt, welche Tierklasse auch auf diesem Weltkörper den ordnungsmäßigen Übergang von den Wassertieren zu den Landtieren bildet. Und also ist dann auch all das Uferland gewisserart die erste Stufe, auf welcher vermöge der stufengerechten Fortbildung die Seetiere an das Land vom Wasser selbst übersetzt werden; und so wir also das Tierreich alldort betrachten wollen, so müssen wir es ja auch ordnungsgemäß dort zu betrachten anfangen, wo es eigentlich seinen Ursprung nimmt.
SA|0|13|8|0|Das Wasser des Meeres ist demnach die erste Wohnstätte der Tiere. Welche Tiere erblicken wir aber zuerst in diesem Weltkörper, und zwar in dessen Meergewässern? Auch alldort ist die Ordnung dieselbe wie auf der Erde.
SA|0|13|9|0|Die erste Tiergattung alldort besteht in einer zahllosen Menge von außerordentlich kleinen, weißen Würmchen, welche so klein sind, dass in einem gewöhnlichen Tropfen Millionen derselben hinreichenden Platz haben. Die zweite Gattung ist eine Art größerer Würmer, die schon mit zwei Armen versehen sind. Diese sind schon sichtbar dem Auge der Saturnusbewohner. Ein solches Tierchen der zweiten Stufe verzehrt in einer Sekunde schon viele tausende der ersten Gattung und assimiliert dadurch derselben Leben dem seinigen. Die dritte Stufe ist eine Art länglicher grauer Würmer, etwa von der Größe wie eure Essigaale. Diese Tiergattung ist sehr gefräßig und nährt sich von den beiden unteren Klassen und assimiliert dadurch deren Leben dem seinigen. Die vierte Klasse ist eine Gattung Wurm, der da zwei Köpfe hat, und hat schon eine Länge von einer Linie, und wird gegen die Mitte dicker, so, dass seine Gestalt wird gleich einem Kipfel. Dieses Tier verzehrt nur seine Vorgänger. Und die nächste Klasse nach ihm fängt sich schon an zu unterscheiden dem Geschlecht nach, während bei den vorhergehenden Gattungen noch kein Geschlechtsunterschied stattfindet. Dieses Tier aber ist vermöge seiner zwei Köpfe schon so bestellt, dass es gewisserart das männliche und weibliche Wesen in sich vereinigt, was da zu ersehen ist aus seinen zwei Köpfen. Die nächste Gattung besteht schon in einer Art vierarmiger, rötlicher Käferchen. Dieses Tier hat schon alldort die sichtbare Größe von etwa zwei Linien der Länge und eine halbe Linie der Leibesbreite nach. Dieses Tierchen ist ein Vielfraß, denn es frisst alle seine vorhergehenden Gattungen in einer Unzahl und assimiliert sich dadurch ihr Leben. Und so gehen bei tausend Stufen immer eins in das andere über, bis sie erst in die Gattung der dortigen Schaltiere aufgenommen werden.
SA|0|13|10|0|Die Gattungen der Schaltiere sind ebenso reichhaltig, und kommt da zuerst eben auch die Muschel und dann erst die Schnecke zum Vorschein.
SA|0|13|11|0|Unter den Muscheltieren ist alldort vorzugsweise die große blaue Riesenmuschel zu bemerken, welche nicht selten so groß wird, dass wenn sie auf eurer Erde sich irgend in einem Meer befinden würde, sie mit allem Recht für eine Insel mit einem Flächenraum von ein bis eineinhalb Quadratmeilen gelten könnte. Diese Muschel ist aber auch die letzte Stufe der Muscheln; ihr Tod ist eine Menge kleiner Schnecken, welche, sobald sie dann und wann, um Nahrung zu nehmen, sich in sie hineinbegeben, unsere arme Muschel von allen Seiten zu benagen anfangen. Wenn dann die Muschel auf diese Weise aufgezehrt wurde, so wird die Schale dann nicht selten bei Gelegenheit der Flut und Ebbe entweder auf eine kleinere Insel oder auch an das uns schon bekannte Landesufer hinausgeworfen, allwann dann nicht selten die Bewohner des Saturnus herbeikommen und solche für sie sehr kostbare Muscheln sammeln und sie in ihre Gegenden bringen. Diese Muscheln werden dann gewöhnlich so in die Erde hinein befestigt, dass zwischen den beiden Muscheln, oder eigentlich den beiden Schalen der Muschel mehrere schon bekannte Regenbäume eingepflanzt werden, woselbst dann in diese weiten Muschel-Bassins das Baumregenwasser am allerwirtschaftlichsten aufgesammelt wird.
SA|0|13|12|0|Die Außenseite einer solchen Riesenmuschel ist eben nicht besonders schön, sie hat eine dunkelgrüne Farbe; aber desto imposanter ist die Innenseite, denn diese sieht geradeso aus, als so ihr poliertes Gold möchtet mit einer schönen azurblauen Farbe überziehen. Daher ein solches Muschelwasserbecken, wenn es von den Regenbäumen angefüllt worden ist, sich alldort auch außerordentlich herrlich ausnimmt, in welchem Wasser sich besonders die Saturnusbewohner sehr gerne baden; fürs Erste, weil dieses Wasser die höchste Reinheit hat, und fürs Zweite, weil es auch von einem ätherischen Wohlgeruch gesättigt ist, ungefähr so wie bei euch das Nardusöl riecht, welches auf eurer Erde zu den wohlriechendsten gehört.
SA|0|13|13|0|Ihr werdet wohl fragen, aber wie bringen die Saturnusbewohner eine solche ungeheure Riesenmuschel von der Stelle? Dieses geschieht alldort auf eine ganz einfache Art. Fürs Erste ist die Muschel nicht so schwer, wie ihr es euch vorstellt, denn allda unter dem Ring sind überhaupt die Gegenstände nicht so schwer wie auf irgendeinem anderen Teil, entweder der südlichen oder nördlichen Breite dieses Planeten. Und so geschieht es denn, dass die Bewohner dieses Planeten eine solche Muschel, wenn sie irgendeine finden, alsbald mit ihren vielseitig angebrachten Keilen und Hebeln öffnen, sie dann sorgfältig ausräumen, hierauf wieder zuschließen und am Schluss rundherum überall die Öffnungen sorgfältig mit einer eigenen Art Wasserpaste verkleistern. Alsdann warten sie mit ihren Schiffen eine kleine Flut ab. Diese hebt dann die Muschel, welche sie vermöge eines starken Bandes an ihr Schiff befestigen, wonach dann die Fahrt irgend auf einem Fluss landeinwärts mit einer solchen Schnelligkeit beginnt, von der ihr euch nicht leichtlich einen Begriff machen könnt. Denn eben bei solchen Gelegenheiten macht der Saturnusmensch seine vollste Willensdampfkraft geltend; daher es auch nicht wundern darf, wenn die Saturnusbewohner nicht selten Gegenstände von einem Ort zum anderen befördern, vor deren Größe und Last euch schaudern würde – was zu seiner Zeit, wie auch bei mancher Gelegenheit, noch deutlicher gezeigt wird.
SA|0|13|14|0|Nächstens wollen wir das Reich der Tiere näher verfolgen und daher für heute Amen.
SA|0|14|1|1|Die Stangenschnecke. Die Pyramidenschnecke. Die Scheibenschnecke. Letztere liefert Mantel, Salbe und Gartenschmuck der Patriarchen
SA|0|14|1|0|Nach dieser eben beschriebenen und erklärten Riesenmuschel kommen dann, wie schon gesagt worden ist, die Schnecken, vorzugsweise fürs Erste diejenigen, welche in den Gewässern vorkommen, und dann erst diejenigen mehr ausgebildet dem eigentlichen Leibeswesen nach, die da vorkommen auf dem Land.
SA|0|14|2|0|Es gibt aber wieder in den Wässern alldort tausend Gattungen der Schnecken, wo immer die Gattungen so ineinander geordnet sind, dass da nach eurem Kunstausdruck in metaphysischer Hinsicht eine aus der anderen hervorgeht. Besser wäre der Ausdruck, so ihr sagen möchtet: in der lebensvermehrenden Hinsicht.
SA|0|14|3|0|Was die früheren Gattungen der Schnecken betrifft, so sind diese fürs Erste für euer schaulustiges Auge zu wenig von einigem bedeutenden Interesse, obschon sich über jede unerschöpfliche Bände von Büchern schreiben ließen; und fürs Zweite würdet ihr auch nur bei einiger auseinandersetzenden Beschreibung mit der Menge nicht fertig. Daher wollen wir auch von diesen Schaltieren nur diejenigen letzten Gattungen hervorheben, die für euch von besonders ausgezeichnetem Interesse sein können. Und so sind für euch bloß die letzten fünf Gattungen näher zu bestimmen und zu erörtern, des wunderbaren Interesses wegen, notwendig.
SA|0|14|4|0|Die erste dieser fünf letzten Gattungen ist die sogenannte Stangenschnecke, und [sie ist] darum besonders merkwürdig, weil das Gewinde dieser Schnecke sich gleich einer langgedehnten Schraube verähnlicht, welches so aussieht, als wenn ihr eine zehn Klafter lange Stange zu einer Schraube umwandeln ließet, oder, noch besser bezeichnet, als wenn ihr um diese Stange ein langes Seil so umgewunden hättet, dass da ein Gewinde sich an das andere von unten an bis oben fest anschließen möchte. Nur müsst ihr euch die Stange nicht etwa allzu dünn vorstellen, sondern so, dass sie zuunterst an der dicksten Seite einen Durchmesser von fünf Fuß hat und also dann gespitzt zuläuft, und auch die Gewinde in diesem Verhältnis immer dünner werden. Auf eurer Erde könntet ihr eine solche Schnecke eher eine Art gewundenen Obelisken nennen. Allein die Benennung Stangenschnecke ist hier darum gegeben, weil dieses Tier von den Saturnusbewohnern so benannt wird.
SA|0|14|5|0|Ihre Außenfarbe ist von der wahrhaft wunderbarsten Schönheit; denn an der dicksten Seite ist sie ganz vollkommen so rosenrot, als wenn ihr fein poliertes Silber mit eben dieser Farbe überziehen möchtet. Gegen die Spitze aber wird sie immer dunkler rot, mit demselben metallischen Schimmer, so dass sie alle Rosenfärbungen vom blassesten bis zum dunkelsten Rot durchmacht. Aber nicht nur allein diese Farbe ist die alleinige Pracht dieser Schnecke, sondern die Verzierung des Gewindes. Denn der langgewundene Bauchgürtel dieser Schnecke ist durchgehends so geziert, als wenn ihr denselben in der schönsten Ordnung mit immer größeren und größeren Perlen verziert hättet. Und der Graben zwischen den Bauchgewinden aber ist geziert mit einem goldenen Band, welches an und für sich noch die schönsten Arabesken-Figurationen (nach eurem Ausdruck) enthält. Also alsdann ist das Haus dieser Schnecke beschaffen.
SA|0|14|6|0|Das innewohnende Tier ist weniger interessant, denn es besteht bloß in einem polypenartigen Wurm, versehen mit vier Fress- oder Saugrüsseln. Seine Nahrung sind kleine Schnecken wie auch kleinere Muscheln, welche dieses Tier mit dem untersten seiner Saugrüssel erhascht, dann zerdrückt und sodann solche zerquetschte Speise in den sogenannten Fressrüssel steckt. Mit den anderen zwei Rüsseln aber laviert dieses Tier bloß um sich herum, ob es nicht irgendetwas zu fressen gibt und ob sich nicht auch etwa zugleich ihm einige feindselig gesinnte Nachbarn nähern. Wenn solches der Fall ist, da zieht sich dieses Tier alsbald in sein schönes Haus zurück und verschließt den Ausgang alsbald mit einer weißlichen Kruste. Jedoch häufig nützt ihm diese Vorsicht nichts; denn seine Feinde bestehen in einer später zu beschreibenden Art Schwertkrebsen, welche diese Kruste bald durchstoßen, und dann als Räuber in das Haus dieses Tieres dringen und das arme Tier nach und nach bis auf den letzten Tropfen aufzehren, welche Krebse aber dann doch wieder selbst ein Raub von einer anderen, größeren Schnecke werden, von der bald die Rede sein wird.
SA|0|14|7|0|Die Bewohner des Saturnus sammeln die Schalen dieser Stangenschnecken und verzieren nicht selten damit ihre Gärten. Manchesmal aber benutzen sie solche Schnecken zu Wasserleitungen. Wo das Wasser auf irgendeiner bedeutenden Höhe entspringt, da fangen sie mit der Mündung der Schnecke das Wasser auf, schlagen auf dem dünnen Teil die Spitze ab, und so strömt hier das Wasser natürlicherweise mit bedeutender Heftigkeit heraus. Unter dieser Mündung setzen sie wieder eine zweite Schnecke mit der breiten Mündung und so fort, dass sie auf diese Weise dann nicht selten das Wasser viele Meilen nach Belieben irgendwohin bergabwärts leiten. Dass eine solche Wasserleitung nicht uninteressant anzusehen ist, mögt ihr euch wohl vorstellen.
SA|0|14|8|0|Die nächste Gattung Schnecken ist die sogenannte Pyramidenschnecke. Ihre Farbe ist ganz einförmig grasgoldgrün, und der Bauchgürtel ist mit verhältnismäßig großen, schneeweißen, eiförmigen Flächen geziert, deren Rand so verbrämt ist, als so ihr eine solche alabasterne Tafel möchtet in einen verhältnismäßig blank polierten, goldenen Rahmen fassen. Die Schnecke ist sehr groß, und wenn ihr sie auf der breiten Seite hier auf der Erde irgendwo aufstellen möchtet, so dürfte sie mit ihrer Höhe wohl um ein Bedeutendes euren Stadtschloßberg beschämen. Dieses in diesem Hause inwohnende Tier sieht der Farbe nach ganz dunkelgrau aus und hat gleich einem ungeheuer großen Elefanten einen weit um sich greifenden, überaus starken Rüssel, zu dessen beiden Seiten zwei andere, schwächere Rüssel hinausgeschoben werden, auf deren äußersten Enden ein scharfsehendes Auge sitzt. Zuunterst hängt im Falle einer Bereisung der Meeresfläche diese Schnecke auch ein Paar weißliche und starke Ruder hinaus, vermöge welcher sie dann auf der Oberfläche des Meeres eine ziemlich schnelle Bewegung zu machen imstande ist. Wenn sie so auf dem Meer fährt, hat sie ihr Haus nach oben gekehrt, dass da eine solche fahrende Schnecke in einiger Entfernung sich ausnimmt wie eine auf der Oberfläche des Meeres schwimmende Pyramide.
SA|0|14|9|0|Diese Schnecke ist ziemlich bösartiger Natur und fällt auch Menschen an, die sie da mit ihrem Rüssel umwindet, erdrückt und alsbald in ihren weiten Rachen steckt. Allein die Saturnusbewohner kennen ihre Art gar wohl und sind daher schon allzeit gerüstet, wenn sie auf ihren Fang ausgehen. Denn da haben sie eine lange Schlinge und warten mit derselben auf die ziemlich schnell herbeieilende Schnecke, werfen dann die Schlinge um ihren weit hervorstehenden Rüssel, ziehen solche schnell zusammen und die Schnecke ist dann schon so gut wie für alle Zeiten gefangen. Denn da diese Schnecke alldort schon ein atmendes Tier ist und den Atem durch den Rüssel einzieht, so erstirbt sie auch sehr bald, wenn sie nicht mehr zu atmen vermag. Die Bewohner merken ihren vollkommenen Tod dadurch, so sie aus ihrem Rachen anfängt einen weißlichen Saft zu lassen; denn solcher Saft ist dann schon ein Zeichen der inneren, alsbald begonnenen Verwesung.
SA|0|14|10|0|Die Bewohner des Saturnus sammeln solchen Saft sehr emsig auf, seines außerordentlichen Wohlgeruches wegen, welcher ums Unvergleichliche eure Ambra übertrifft. Hat nun dann eine solche Schnecke aufgehört ihren Saft von sich zu lassen, alsdann lassen sie die ganze Schnecke wieder aus, und alsbald findet sich eine Menge Meeresungeziefer, welches eine solche Schnecke in wenigen Tagen rein verzehrt, d. h. bis auf die harte Schale, welche bei dieser Schnecke sehr fest und massiv ist, so zwar, dass an der breiten Ausmündung die Schale nicht selten vier bis fünf Klafter dick ist. Wenn nun auf diese Weise die Schale geräumt ist, so wird diese von den Saturnusbewohnern aus dem Meer herausgeholt, und zwar zur Zeit der Ebbe, der Meeresniederung, und wird dann auf dieselbe Weise wie die große Muschel an Ort und Stelle geschafft.
SA|0|14|11|0|Diese Schnecke nährt sich vorzüglich von der schon früher erwähnten Art der Schwertkrebse, deren es eine Menge von den verschiedensten Größen gibt. Jedoch größer ist keiner als der sogenannte Meerkrebs bei euch. Aber kleiner wird dieses Tier häufig angetroffen, und oft so klein wie bei euch ungefähr eine Heuschrecke. Wann macht aber diese zweite oder Pyramidenschnecke einen solchen Haupt-Schwertkrebsen-Fang? Solcher Fang geschieht, wenn diese Krebse oft gerade am sorgfältigsten beschäftigt sind, um eine schon früher bekanntgemachte Stangenschnecke aufzuzehren. Wenn da die Pyramidenschnecke ein mit solchen Krebsen gefülltes Stangenschneckenhaus antrifft, umwindet sie dasselbe mit ihrem Rüssel und begibt sich damit an ein Ufer, legt dann das Stangenschneckenhaus mit der breiten Seite aus dem Wasser. Wenn so die Krebse sich außer Wasser befinden, da fängt dann einer nach dem anderen an, aus der Schnecke zu kriechen, bei welcher Gelegenheit auch einer nach dem anderen unfehlbar aufgezehrt wird. Und so sind diese Krebse gewisserart eine Mittel-Leben-sammelnde-Tierklasse, vermöge welcher dann das Leben einer Schnecke potenziert in das Leben einer anderen übergeht. Und so gibt es zwischen einer jeden größeren Tiergattung eine kleinere, welche gegen eine frühere große Gattung sich feindselig verhält, aber von einer nachfolgenden größeren Gattung alsbald wieder als eine wohlschmeckende Speise verzehrt wird.
SA|0|14|12|0|Die dritte Gattung der hier vorkommenden Meeres-Schnecken ist die sogenannte Scheibenschnecke. Diese Schnecke hat viel Ähnlichkeit mit eurer sogenannten Nautilusschnecke; nur ist natürlicherweise eure Nautilusschnecke fürs Erste ums Unvergleichliche kleiner und fürs Zweite ist sie im Verhältnis zu ihrer beiderseitigen Plattform viel dicker als diese Scheibenschnecke auf unserem Planeten Saturnus zu ihrer Plattform. Die Scheibe dieser Schnecke hat nicht selten einen Durchmesser von hundert bis hundertundzwanzig Klaftern. Diese Schnecke befindet sich besonders zur Zeit der Flut im Grund des Meeres, zur Zeit der Ebbe aber schwimmt sie allzeit auf der Oberfläche desselben.
SA|0|14|13|0|Wenn sie im Grund des Meeres liegt, da schiebt sie einen langen Rüssel weit über die Oberfläche des Wassers hinaus, um Atem zu holen; und es wird dadurch sehr leicht ihr Stand ausgemittelt, bei welcher Gelegenheit sie dann auch gewöhnlich gefangen wird – es versteht sich von selbst nur in einer mittleren Flutzeit; denn in einer Sturmflut wagt sich kein Saturnusbewohner auf das Meer. Ihr möchtet vielleicht denken, warum diese Schnecke nicht vielmehr zur Zeit der Ebbe, da sie auf der Oberfläche des Meeres schwimmt, gefangengenommen wird. Allein da ist dieses Tier durchaus nicht zu fangen, fürs Erste, weil es außerordentlich schnell über die Oberfläche des Meeres dahinfährt und somit nicht leichtlich eingeholt werden kann, fürs Zweite aber, wenn sie auch eingeholt werden könnte, so kann niemand diese Scheibe ergreifen, dieweil diese an und für sich sanfte Schnecke bei der leisesten Berührung alle ihre Extremitäten sogleich einzieht und sich vermöge eines ins Wasser hineingehenden Ruders so schnell zu drehen anfängt, dass da auch niemand wagt, dieses große, schnelldrehende Rad anzugreifen.
SA|0|14|14|0|Wie sieht denn eigentlich diese für euch gewiss überaus merkwürdige Schnecke aus? Fürwahr sage Ich euch: Ihr mögt euch in alle möglichen noch so wunderbare Phantasien versenken, so wird es euch dessen ungeachtet zur reinsten Unmöglichkeit, sich nur irgendein allerleisestes Bild von der Schönheit dieser Schnecke zu machen, aus welchem Grund die Saturnusbewohner auch nicht selten, mit vielen Gefahren kämpfend, sich einer solchen Wunderschnecke zu bemächtigen suchen.
SA|0|14|15|0|Diese Schnecke bildet, was ihr Haus betrifft, einen ganz vollkommenen Kreis; denn die Mündung ist so länglich verloren an die flachen Vorgewinde angebracht, dass sie ungefähr ein Drittel des ganzen Kreises einnimmt. Und die Öffnung, bei welcher diese Scheibenschnecke mit ihrem Leib und ihren wunderbaren Extremitäten nach Willkür hinausragt, ist kaum etwas über eine halbe Klafter weit. Und der trichterförmige Rand dieser länglichen Mündung ist überall so gut und fein eingerundet, dass er dem ganzen Haus nicht nur kein zerrüttetes oder unvollständiges, sondern ein überaus prachterhöhendes Aussehen gibt.
SA|0|14|16|0|Wie sieht denn nun dieses Haus aus? Seht und erstaunt auch in eurem Inneren! Dieses Haus hat dem Äußeren nach das wunderbare Aussehen, als hätte dasselbe der allerkunstfertigste Juwelier überaus mannigfaltig wohlgeordnet mit den verschiedensten Sorten der edelsten Steine besetzt. Und da läuft eine Reihe herum, als wären es lauter Diamanten von einem Gewicht auf eines zu einem Pfund. Eine an diese sich anschließende Reihe besteht also wieder aus lauter Rubinen, von gleichem Gewicht. Eine andere wieder aus lauter Smaragden, und so weiter durch alle zwölf Stufen der Hauptedelsteine durch. Zwischen einer jeden solchen Stein-Bordüre ist ein freier Raum, der da aussieht wie ein breites, goldenes Band. In diesem Band sind in ganz erhabener Form die wunderschönsten Zeichnungen angebracht, welche gewisserart bildlich die ganze vorhergehende Summe der Tiergattungen getreulich abbilden, all deren Leben in dieser Schnecke vereinigt ist.
SA|0|14|17|0|Das Ende des Schneckenhauses schließt eine aufrechtstehende, aus klafterhohen kleinen Goldsäulen bestehende Galerie, welche so aussieht, als hätte um ein solches Rad oder um einen solchen Rundgrund ein geschickter Bildhauer ein solches Geländer angefertigt, dessen Stäbe künstlich verfertigte kleine Stangenschnecken wären, welche zuoberst mit lauter fein gewundenen Bögen verbunden wären. Die Stäbe sind nach der Art goldgefärbt, wie die Stangenschnecke selbst. Die gewundenen Bögen aber sind so gut und, Ich sage hier, besser als blankes, überaus fein poliertes Gold. Über einem jeden Bogen ist noch künstlich angebracht die Form in kleiner Gestalt von einer Pyramidenschnecke mit der ihr ureigentümlichen Farbe. Das Geländer wird nur an der Stelle der Ausmündung der Schnecke sukzessiv niederer und hört an der Stelle, da dieses Tier seine Hauptextremitäten von sich hinauszuschieben pflegt, ungefähr eine Stelle von fünf Klaftern lang unterbrochen, ganz auf.
SA|0|14|18|0|So sieht einmal die obere Fläche dieser Schnecke aus. Die Seitenwand, die da etwa, wie schon bemerkt wurde, bei drei Klafter dick, breit oder hoch ist, sieht geradeso aus wie eine rundgeführte Kolonnade von Säulen zu zwei Klaftern Länge. Die Säulen sind durchgehend blendend weiß und haben nicht etwa Postamente und Kapitäler, sondern sie gehen gerade von der unteren, vorspringenden Fläche zu der oberen empor. Der Hintergrund aber hinter den weißen Säulen ist also hell gefärbt und gleicht vollkommen einem Regenbogen. Der längliche Kanal oder vielmehr die längliche Mündung der Schnecke ist so vollkommen rot, wie bei euch manchesmal die Wolken im Abendrot, und hat auch zugleich ein eigenes phosphorisches Leuchten, welches besonders zur Nachtzeit sich nicht minder hell ausnimmt wie ein von der späten Sonne beleuchtetes Wölkchen.
SA|0|14|19|0|Wie sehen denn die Extremitäten aus? Diese Schnecke spannt da, einem schönen Pfauenfedern-Rad gleich, eine Art rundes Segel aus, welches ihr dann dazu dient, entweder, wenn da auf der Meeresfläche Winde wehen, dass sich diese darin wie in einem Segeltuch fangen und dann die Schnecke außerordentlich schnell über die Oberfläche des Wassers hintreiben. Ist aber Windstille, so fächert sie mit diesem großen Radsegeltuch so behände die Luft, dass sie sich dann auf diese Art ebenfalls sehr schnell über die Oberfläche des Meeres bewegen kann, welche Bewegung durch Hilfe der unteren, ins Wasser hinabreichenden Extremitäten außerordentlich beschleunigt wird.
SA|0|14|20|0|Dieses ausgespannte Rad sieht gar wunderbar schön aus. Seine Farbe ist blassviolett. Seine Verbrämung herum ist ganz glänzendrot wie also selbstleuchtend, wie Wölkchen in der Abendröte. Das ganze Rad ist regelmäßig in Fächer abgeteilt, davon ein jeder Fächer mit einer überaus wohlgelungenen Zeichnung einer Stangenschnecke geschmückt ist, jedoch mit der Spitze nach unten. Auf der rückwärtigen Seite aber ist dieser Fächer ganz ordnungsmäßig vom kleinsten bis zum größten gezeichnet mit den schon früher erwähnten Schwertkrebsen, welche da allesamt in der schönsten Goldkarminfarbe aufgetragen sind. Jeder Fächer am Rand bildet einen eigenen Bogen. Dieser Bogen ist nach vorne geziert mit einer getreuen Abzeichnung dieser Scheibenschnecke selbst und nach rückwärts auf einem hellblauen Grund mit der Pyramidenschnecke. Der äußere Rand nach rückwärts ist glänzendweiß und hat ebenfalls ein eigenes Leuchten, so wie der nach vorne, abendwölkchenrot eben mit einem eigenen Leuchten.
SA|0|14|21|0|Der lange Rüssel zum Atemholen ist eben auch vollkommen weiß, jedoch umwunden mit einem roten Band, in dessen Mitte kleine, blassgrüngoldene Sterne angebracht sind. Dieser Rüssel dient auch dieser Schnecke als ein Arm zum Fang ihrer Nahrung. Sie lebt von einer Art Meergras, welches sehr häufig nahe an den Ufern in dem Meer vorkommt. Auf diesem Gras kleben auch eine Menge kleiner Goldwürmchen, welche dieser Schnecke dann auch zu einer Mitnahrung dienen. Und durch solche Nahrung eignet sie sich dann schon auf eine mehr übernatürliche Weise das Leben aller vorhergehenden Tiergattungen an.
SA|0|14|22|0|Diese Schnecke hat auch dazu schon einen eigenen, starken Instinkt, aus welchem nicht selten so viel Klugheit heraussieht, dass es schon auf manchen anderen Ländern geschehen ist, dass ihr einige Menschen göttliche Verehrung erwiesen – was besonders daher zu rühren scheint, weil eben diese Schnecke, wenn sie nicht gereizt oder verfolgt wird, zufällig ins Meer gefallene Gegenstände, seien es Tiere oder Menschen oder was immer, vor dem Untergang rettet. Was sie da findet hilflos auf der Oberfläche des Wassers, ergreift sie sobald mit ihrem starken Rüssel, setzt es auf seine schöne und geräumige Scheibenfläche, segelt somit sobald an irgendein Ufer und setzt es alldort mit ihrem Rüssel ans trockene Land, aus welchem Grund dieses überaus schöne Wassertier von den Saturnusbewohnern in den verschiedenen Ländern auch ebenso verschiedene Namen hat. Einige nennen es den Meereskehrer, dieweil es nichts Schwimmendes auf der Meeresoberfläche vertragen kann, andere nennen es wieder den Lebensretter, andere wieder die Meeresleuchte, andere wieder das lebendige Schiff, andere wieder das Wunderrad – und so weiter hat dieses Tier noch eine Menge verschiedenartiger Benennungen.
SA|0|14|23|0|Dieses Tier hat außer dem Menschen beinahe keine Feinde und stirbt von selbst, wenn es sein gehöriges Alter erreicht hat. Allein wenn es stirbt, verliert das schöne Haus dann viel an seiner Pracht. Daher suchen es die Saturnusbewohner denn auch lebendig zu fangen, damit dadurch das schöne Haus von seiner Pracht nichts verlieren soll. Wenn das Tier dann getötet ist, so schwimmt es dann alsbald auf der Oberfläche des Meeres, und die Bewohner fliegen dann auch auf ihren Schiffen damit schnell nach irgendeinem Fluss ihrer Heimat zu. Wenn sie da angelangt sind, wird das Fleisch der Schnecke auf eine geschickte Art behutsam herausgezogen, so dass der Fächer nicht beschädigt wird. Diesen spannen sie dann, nachdem sie ihn vorher behutsam von dem anderen Körper der Schnecke abgelöst haben, sorgfältig aus. Und wenn er gehörig ausgetrocknet ist, wird er mit überaus wohlriechenden Ölen eingerieben, da er denn wieder dadurch sehr sanft und biegsam wird.
SA|0|14|24|0|Aus einem solchen Schneckenfächer machen sie dann eine Art Mantel – welche Mäntel aber jedoch nur jene Menschen auf diesem Planeten zu tragen pflegen, und vorzugsweise in diesem Land, welche ein gewisses patriarchalisches und familienväterliches Ansehen genießen. Ein solcher Fächer behält zwar alle seine Farben und Zeichnungen lebendig, nur das Selbstleuchten geht zugrunde.
SA|0|14|25|0|Das übrige Fleisch dieser Schnecke aber wird, da es beinahe aus lauter Fett besteht, ganz ausgesotten. Das Fett wird dann mit wohlriechenden Kräutern vermengt, woraus diese Saturnusmenschen dann eine außerordentlich köstliche Salbe bereiten, mit welcher sich nur der Patriarch zu salben pflegt.
SA|0|14|26|0|Was geschieht denn aber mit dem schönen Haus? Dieses Haus wird von den Saturnusbewohnern sehr behutsam ans Land gebracht und allda auf einem eigens dazu aufgeworfenen Erdwall nach der Fläche, oder wie ihr zu sagen pflegt, horizontal angefestigt, vorzugsweise in einem Garten eines oder des anderen Familienvaters, wo dann die Menschen sehr gerne darauf schauen oder manchesmal bei außerordentlichen Gelegenheiten sogar auf demselben herumgehen. Das Zweite jedoch geschieht, wie schon gesagt, zu äußerst seltenen Zeiten; denn ein solcher Patriarch hält da große Stücke auf eine solche Verzierung seines Gartens; indem hier der allfällige Reichtum nach nichts als der Pracht des Gartens bestimmt wird. Um diese Pracht aber zu erhöhen, wird gewöhnlich auf einer Seite dieser Scheibenschnecke die schon früher beschriebene Pyramidenschnecke aufgestellt. Und es geschieht da nicht selten, dass ein solcher Stammvater in seinem Garten in einer geraden Linie bei hundert von solchen Verzierungen aufzuweisen hat, d. h. von beiderlei Gattungen gleich viel.
SA|0|14|27|0|Hierzu brauche Ich hernach euch nichts weiteres mehr zu sagen als: Auch hier erweckt wieder ein wenig eure innere Phantasie und macht einen kleinen Spaziergang in einen solchen Garten, und ihr könnt sicher überzeugt sein, dass nicht nur ein Kaiser oder König auf eurer Erde, sondern alle zusammen, wie sie sind, nicht imstande wären, einen solchen Garten so prachtvoll zu verzieren und auszuschmücken. Denn da dürfte doch eine Diamantenreihe, mit welcher die Oberfläche dieses Schneckenhauses geziert sein soll, höher zu stehen kommen als bei euch ganze Kaisertümer; die anderen Edelsteine und das viele blanke Gold gar nicht gerechnet, wie auch noch die anderen vielen Herrlichkeiten dieser Gärten der Patriarchen im Saturnus.
SA|0|14|28|0|Die noch zwei übrigen Schnecken für das nächste Mal. Und daher für heute Amen.
SA|0|15|1|1|Die Siebenschnecke. Verwendung ihres Gehäuses. Gewichtsverhältnisse auf dem Saturnus
SA|0|15|1|0|Was die vierte Schnecke anbelangt, so steht sie in der Pracht der schon bekannten Scheibenschnecke nach. Jedoch was ihre Größe und Art betrifft, ist sie natürlicherweise der Scheibenschnecke um vieles voraus. Von den Bewohnern dieses Landes wird sie gewöhnlich die große Siebenschnecke genannt – nicht etwa, als wenn in diesem Gehäuse sich sieben einzelne Schnecken aufhalten möchten, sondern weil das Gehäuse dieser Schnecke nach aufwärts gerichtet aus sieben turmhohen Spitzen besteht, welche von einem eirunden Gehäuse als Auswüchse auslaufen. Das Hauptgehäuse der Schnecke ist vollkommen rund, also wie ein Ei; davon die spitzigere Seite allzeit nach unten ins Wasser gekehrt ist, die stumpfere nach oben. Das Gewinde dieser Schnecke ist nicht sichtbar und ist nur im Inwendigen des Gehäuses vorhanden. Jedoch bei jedem Gewinde, wenn dasselbe den Kreis vollendet hat, ist ein solcher Turmauswuchs, dass demnach der obere Teil des Gehäuses mit diesen Türmen so bestellt ist, dass aus der Mitte der höchste emporsteigt und die anderen dann in abnehmender Ordnung um denselben herum. Ein jeder dieser Auswüchse gleicht einer großen, euch schon bekannten Stangenschnecke, natürlich nur mit dem Unterschied, dass er um vieles länger und zuunterst an der Schale auch um vieles dicker im Durchmesser ist.
SA|0|15|2|0|Die Mündung dieser Schnecke ist vollkommen rund und steht in gutem Verhältnis mit der ganzen anderen riesenhaften Größe dieses Schaltieres. Der andere Leib füllt natürlicherweise das andere große Gehäuse so aus, dass die Auswüchse nach Belieben können ausgefüllt werden. Denn will die Schnecke sich ins Wasser versenken, so füllt sie diese Auswüchse aus, und will sie sich über dem Wasser erhalten, dann zieht sie sich aus ihren Auswüchsen ins Zentrum zusammen und dadurch erhebt sie sich wieder über die Fläche des Wassers. Ihr Leib, den sie auf der Oberfläche des Wassers aus der Mündung hinausschiebt, ist ganz weiß und sieht übrigens einer Schnecke bei euch nicht unähnlich aus, nur dass auch diese Schnecke vorne zwischen ihren großen vier Fühlarmen ebenfalls mit einem großen und langen Rüssel versehen ist, den sie zum Fang ihrer Nahrung äußerst behände gebrauchen kann.
SA|0|15|3|0|Ihre Nahrung besteht in allerlei Seekräutern, aber auch mitunter in den großen Seepolypen, welche sie hie und da aus dem Grund des Meeres gewaltsam losreißt und dann in ihren Rachen steckt. An den oberen zwei Fühlarmen hat sie auch eben zwei scharfsehende Augen und kann dieselben nach Belieben bald da, bald dorthin richten. Wenn sie nun irgendeinen Raub entdeckt, so fährt sie pfeilschnell an den Ort hin und fängt ihren Raub, sei es nun ein Seekraut oder irgendein Polyp. Damit sie aber ihre Reise machen kann, hat sie zuunterst der Mündung zwei starke Ruderarme, vermöge welcher sie das Wasser fängt und sich somit vorwärtsbewegt.
SA|0|15|4|0|Nun, wie groß ist denn diese Schnecke? Sie hat einen Durchmesser von fünfhundert Klaftern nach eurem Maß; also ist auch der mittlere Auswuchs höher als bei euch der höchste Turm und hat zuunterst nicht selten einen Durchmesser von zwanzig bis dreißig Klaftern und läuft zuoberst pyramidenartig in eine Spitze zusammen. Die Farbe der Schale ist also ein Mittelding zwischen grün und blau, über welche von dem Mittelauswuchs ganz weißlichblaue Streifen laufen, so dass sie auf diese Art ein großartig tigerhaftes Aussehen hat. Weiter hat sie durchaus keine Verzierungen. Was aber die Auswüchse anbelangt, so sehen sie, wie schon anfangs bemerkt wurde, geradeso aus wie eine Stangenschnecke, nur die Mündungen der Schnecke sind purpurrot.
SA|0|15|5|0|Auch diese Schnecke wird von den Einwohnern als ein guter Fang betrachtet. Denn wenn das Fleisch aus dieser Schnecke gebracht ist, wird das Gehäuse, wie schon bei den anderen Schnecken erwähnt wurde, auf dem Wasser landeinwärts gebracht und allda der spitzigere Teil der Schale in trockenes Erdreich versenkt, woselbst dann ein solches Gefäß zu einer Art Magazin für Samenfrüchte verwendet wird.
SA|0|15|6|0|Manchesmal aber werden in einem solchen Schneckenhaus auch an allen Seiten Öffnungen angebracht und wird im Innern des Gehäuses ein Boden gelegt, und auf diese Art manchmal auch ein solches Schneckenhaus als eine Prachtwohnung für Kinder verwendet, und zwar besonders darum, weil ein solches Wohnhaus vermöge seiner inneren außerordentlichen Glätte am reinlichsten erhalten werden kann. Der Boden besteht bloß in einer Art Aussandung. Es wird nämlich vollkommen trockener Sand bis nahe an die Mündung hineingeschüttet. Über den Sand aber werden dann erst in diesem Land häufig vorkommende weiße Flachsteine gelegt, und zwar allzeit in der schönsten Ordnung. Wenn der Boden dann gelegt ist, so ist’s Gebäude auch fertig und sieht dann einer weitläufigen gewölbten Halle gleich, über welche sich die bekannten Türme erheben, deren Spitzen abgesägt werden, damit durch dieselben dann fürs Erste auch Licht hineinfällt, fürs Zweite aber auch, damit die im Innern eines solchen Hauses sich sammelnden Dünste und Feuerrauch emporsteigen können.
SA|0|15|7|0|Jedoch diese Gattung Schnecken werden alldort nicht gar häufig angetroffen. Daher haben solche Häuser auch gewöhnlich nur die Patriarchen, die da in den Ebenen wohnen; und das zwar noch aus diesem Grund, weil eine solche Schneckenschale selbst für die riesenhaft starken Saturnusbewohner wegen ihrer Größe und außergewöhnlichen Massivität zu schwer wird, um sie so weit ins Land hinein überbringen zu können. Denn was die Massivität anbelangt, so sind die Wände fast allenthalben vier bis fünf Klafter dick. Wenn ihr das beachtet, so könnt ihr euch schon von der Schwere dieser Schnecke einen Begriff machen.
SA|0|15|8|0|Wären auf diesem Planeten die Gravitationsverhältnisse also wie auf der Erde, da wäre die Überbringung einer solchen Schnecke wohl eine reine Unmöglichkeit selbst für noch bedeutendere Kräfte als die der Saturnusbewohner. Allein was bei euch einen Zentner wiegt, hat alldort unter dem Ring oft kaum ein Gewicht von einem Pfund; und es kann selbst ein solches Gewicht noch verringert werden durch die inneren, von den Saturnusbewohnern weislich veranstalteten Luftverdünnungen, was besonders bei Übertragung dieser Schnecke der Fall ist, wo sie dürre Äste vom sogenannten euch schon bekannten harzreichen Pyramidenbaum anzünden und bei der Mündung dieser Schnecke brennend hineinschieben, durch welches Verbrennen dann die Luft in einem solchen leeren Gehäuse so verdünnt wird, dass es dann mit bedeutender Leichtigkeit kann weitergeschafft werden. Denn was die Aerostatik anbelangt, sind eben die Saturnusbewohner die vorzüglichsten Meister – was alles noch zu seiner Zeit näher erwähnt wird.
SA|0|15|9|0|Seht, das ist nun alles von dieser Siebenschnecke. Erweckt auch hier wieder ein wenig eure innere Phantasie und ihr werdet mit großer Verwunderung dieses Tier selbst betrachten, wie auch die Anwendung dessen Hauses vonseiten der Bewohner, und werdet auch darüber umso mehr erstaunen, so Ich euch noch hinzusetze, dass ein solches Gebäude von unzerstörbarer Festigkeit ist, und es werden darunter schon einige angetroffen, die älter sind, als bei euch die Erde bevölkert ist; denn ein solches Gebäude wird je älter, desto fester, und es werden darum auch die ältesten in besonderen Ehren gehalten. So ihr euch aber schon darüber wundert, so bedenkt aber doch bei eurer Verwunderung, dass selbst diese riesenhaften Tiergestalten dieses Planeten nur kleine Miniatur-Arbeiten sind gegen manche andere Tiergattungen, welche sowohl in diesem Planeten, größere aber noch im Jupiter und unvergleichlich größere in der Sonne vorkommen. Betrachtet dieses heute Gesagte und erwartet fürs Nächste das Nachkommende. Und darum für heute Amen.
SA|0|16|1|1|Die riesige, leuchtende Strahlenschnecke
SA|0|16|1|0|Was die Schnecke Nummer fünf betrifft, so ist das die letzte der Schneckenordnung nach, zugleich auch die größte und in einer Hinsicht die merkwürdigste. Diese Schnecke hat den Namen: die Strahlenschnecke. Sie ist die größte aus all den Schnecken, welche auf diesem Planeten vorkommen, aber zugleich auch die seltenste; denn sie wird von den Bewohnern dieses Planeten nur vor den größten, euch schon bekanntgegebenen Seestürmen gesehen. Ihre Gestalt ist an und für sich das Großartigste, was ihr euch denken könnt. Auf eurem Erdkörper gibt es wohl nichts Ähnliches, um damit eine annähernde Vergleichung machen zu können.
SA|0|16|2|0|Um euch aber doch einen Begriff davon zu machen, so denkt euch ungefähr einen großen geschliffenen Brillanten; denn so kantig ist diese Schnecke, auf der Oberfläche flacher und an dem unteren Teil zugespitzter. Die Kanten, deren die Oberfläche allein mehrere Tausende in der schönsten Ordnung sich in lauter Dreiecken durchziehend besitzt, sehen aus als wie halbklafterweite, polierte, goldene Streifen, welche allzeit eine vollkommen regelmäßig dreieckige Fläche einschließen oder vielmehr einfassen. Die dreieckige Tafel ist so groß, dass eine jede Seite bei drei Klaftern misst, und es ist keine größer und keine kleiner. Nur zuoberst der Schnecke befindet sich eine größere Fläche, welche aber nicht mehr dreieckig, sondern zweiunddreißigeckig ist und vollkommen ähnlich sieht einer sogenannten Windrose bei euch, welche in ihren äußeren Enden eben auch mit den breiten Goldstreifen umfasst ist. Diese Tafeln sind so durchsichtig wie ein geschliffener Diamant bei euch, und auch nicht minder fest. Der Unterschied besteht nur darinnen, dass alle diese Flächen das Vermögen haben, das Licht der Sonne und der Gestirne einzusaugen und es dann in den verschiedensten Strahlenbrechungen zur dunkler gewordenen Nachtzeit wiederstrahlen zu lassen.
SA|0|16|3|0|Wie groß ist denn eigentlich diese Schnecke? Wenn sie auf dem Meer daherschwimmt, so wäre auf ihrer Oberfläche wohl Raum genug, um alle Häuser eurer Hauptstadt auf dieselbe zu setzen, mit dem Beibehalt der Gassen und Plätze. Die Schale ist durchgehend bei zehn Klafter dick und hat von der Oberfläche bis zur unteren Spitze einen Durchmesser von dreihundert Klaftern. Was aber den Durchmesser der Breite dieser Schnecke anbelangt, so beträgt derselbe nicht selten über eine deutsche Meile. Die Mündung dieser Schnecke, welche etwas länglich-rund ist, hat einen Durchmesser von siebzig Klaftern. Durch diese Mündung streckt diese Schnecke ihren massiven Kopf, der dem Kopf eines Walrosses nicht unähnlich ist, oft so weit über die Meeresoberfläche heraus, und zwar meistens bei Stürmen schnurgerade in die Höhe, dass sie auf eurer Erde mit großer Leichtigkeit über hohe Berge dahinsehen könnte.
SA|0|16|4|0|Aber bei aller ihrer riesenhaften Größe ist diese Schnecke dessen ungeachtet sehr sanfter Natur und tut niemandem etwas zuleide. Ihre Nahrung besteht in drei verschiedenen Arten. Die erste Art sind ebenfalls noch sehr große und sehr häufig im Meer vorkommende Kräuter. Die zweite Art ihrer Nahrung sind große Seewürmer. Und die dritte Art ihrer Nahrung sind mitunter auch Seevögel, welche zugleich ein Leckerbissen für sie sind. Diese letztere Nahrung nimmt sie aber jedoch nur bei großen Stürmen zu sich, denn bei ruhigem Wetter befindet sich dieses Riesentier gewöhnlich in der Tiefe des Meeres.
SA|0|16|5|0|Diese Schnecke wird von den Saturnusbewohnern nicht gefangen. Fürs Erste, weil sie bei ruhiger Zeit nie an die Oberfläche des Meeres kommt. Fürs Zweite aber auch, weil die Schale zu schwer wäre, sie irgendwohin zu irgendeinem Zweck aufs Land bringen zu können. Diese Schnecke erlangt auch gewöhnlich ein hohes Alter und lebt nicht selten dreißig Jahre, d. h. Saturnusjahre. Wenn sie stirbt, so geht dann bald auch ihr ganzes Gehäuse aus den Fugen und zerfällt und verwest dann mit der Zeit alles zusammen. Das Fleisch verzehren gewöhnlich eine Art Fische, die den Haifischen in euren Meeren nicht unähnlich sind, aber noch größere Ähnlichkeit haben mit euren Krokodilen.
SA|0|16|6|0|In einer dunklen Sturmesnacht verbreitet eine solche auftauchende Schnecke nicht selten ein so starkes Licht, dass davon eine ganze Meeresgegend in einem Bereich von hundert Quadratmeilen ganz stark erleuchtet wird. Nehmt jetzt bei einem solchen Meeressturm die vielen himmelanragenden Wasserberge und denkt euch von einer Höhe die Aussicht von mehreren tausend Quadratmeilen über die Oberfläche des Meeres, auf welchem hie und da solche Strahlenschnecken auftauchen – so könnt ihr euch einen kleinen Begriff machen, welches Wunderschauspiel das auf diesem Planeten gewährt. Besonders imposant wird es dann, wenn mehrere solcher Schnecken gruppenweise auftauchen, ihre langen Hälse über die Oberfläche des Meeres erheben und mit denselben nach den häufig herumfliegenden Sturmvögeln jagen. Alsdann wird ein solcher Anblick für euch, und nach eurer Weise zu reden, grauenhaft-fürchterlich schön.
SA|0|16|7|0|Das ist nun alles von dieser Schnecke. Erweckt auch hier wieder ein wenig eure innere Phantasie, und ihr werdet mit Hilfe dieser getreuen Bekanntgebung euch in eine ziemlich lebhafte Anschauung versetzen können.
SA|0|16|8|0|Für ein nächstes Mal wollen wir dann zu der dritten Gattung der Schaltiere übergehen, und das zwar zu den Schildkröten, wobei ihr euch noch mehr verwundern werdet als bei der Darstellung und Beschreibung der Muscheln und Schnecken. Und darum für diesmal Amen.
SA|0|17|1|1|Der walfischartige Bisorhiohiohio, ein Umgestalter der Wassertiere in die Lufttiere
SA|0|17|1|0|Da zufolge der vorigen Mitteilung über diesen Planeten schon so manches, was seine planetarische Beschaffenheit betrifft, wie dessen Ländereien und Pflanzen und so manche Tiere kundgegeben wurde, und bei den Tieren alldort eine Unterbrechung geschah, als da beendet wurde im kurzen Durchlauf die vorzüglichste Gattung der Schnecken, so wollen wir nun so kurz und so fasslich als möglich von diesem Standpunkt aus unsere erläuternde Fortsetzung beginnen; nur werden wir dabei uns bei den einzelnen Geschöpfgattungen nicht so lange aufhalten, werden daher überall nur das Vorzüglichste herausheben, alles andere aber nur einem allgemeinen Überblick überlassen.
SA|0|17|2|0|Demzufolge wollen wir selbst gleich anfangs, was die ferneren Tiere, die da im Wasser leben betrifft, nur vorübergehend im Allgemeinen berühren und [uns] dann zu den Bewohnern der Luft wenden, da wir ebenfalls uns bei denselben nicht lange aufhalten werden; ebenso auch dann bei den Landtieren, um dadurch desto eher zu den Menschen dieses Weltkörpers zu gelangen. Und sonach wenden wir uns zurück zu unseren Wassertieren.
SA|0|17|3|0|Ihr wisst, welche großen Gewässer und Meere dieser Planet innehat; ihr wisst auch, dass selbst auf Erden die größten und mächtigsten Tiere in den Gewässern sich aufhalten. Dieses Verhältnis bleibt sich auch in dem Saturnus stetig und gleich; nur sind natürlicherweise die Arten und Gattungen sehr verschieden und haben da entweder gar keine oder nur eine sehr geringe Ähnlichkeit mit denen auf eurem Erdkörper. Wir wollen nur einiger erwähnen, und zwar zuerst derjenigen, die da ins ungeheuer zahlreiche Gattungsreich der Fische gehören.
SA|0|17|4|0|Der größte aller Fische dieses Weltkörpers ist der dort sogenannte Bisorhiohiohio. Dieser Fisch befindet sich dort ungefähr auf derselben Stufe, auf welcher ihr euren Erd-Walfisch betrachtet, ist aber, was seine Form betrifft, außerordentlich verschieden von eurem Walfisch. Dieser Fisch hat fürs Erste einen bei hundert eurer Klafter langen Kopf, welcher vollkommen rund ist, und sieht somit einer Kugel gleich, welche somit hundert Klafter im Durchmesser hätte, und ließe sich in der Mitte bis ganz nach rückwärts auftun. Wie sich also eine solche Kugel in der Mitte auftäte, solches auch ist bei dem Kopf dieses Fisches der Fall; er hat weder Zähne noch Finnen, sondern sowohl der untere als der obere Teil dieses großen Rundrachens ist eine vollkommen flache und harte Scheibe, an deren hinterstem Teil oder an der Vormündung des weiten Schlundes eine lang dehnbare Doppelzunge sich befindet, welche dieser Fisch gebraucht, um die zwischen den zwei Rachenscheiben zerquetschte Nahrung in den Schlund zu ziehen. Auf den Kopf folgt dann der eigentliche Mittel- oder Hauptleib des Fisches. Dieser Leib ist bei einem gut ausgewachsenen Fisch nicht selten nahe dreitausend Klafter lang, bei eintausendfünfhundert Klafter vom Bauch bis auf den Rücken hoch, und da, wo er am dicksten ist, hat er nicht selten einen Durchmesser von nahe tausend Klafter. An dem Leib ist noch ein bei tausend Klafter langer Schweif sitzend, welchen dieser Fisch vorzugsweise zu seinen Bewegungen und Wendungen im Wasser benützt. Auf dem Rücken dieses Fisches sind äußerst starke und nicht selten über hundert Klafter im Durchmesser habende Flossen angebracht. Am Bauch aber hat er zwei förmliche Schwimmarme, ungefähr so, wie bei euch die Seehunde oder Walrosse sie haben.
SA|0|17|5|0|Wenn ihr diesen Fisch ein wenig vor die Augen eurer Gefühlsphantasie führt, so dürfte es euch wohl klar werden, dass dieser Fisch, wenn er auf irgendeinem Land eurer Erde zu liegen käme und noch dazu ausspannen möchte seine Rückenflossen, er da mit den höchsten Bergen der Erde wetteifern dürfte. Er wird aber selbst von den Saturnusbewohnern teilweise bald ein schwimmender Berg, bald eine schwimmende Insel, bald auch ein schwimmendes Land genannt; einige nennen ihn auch den Wasserplaneten.
SA|0|17|6|0|Wird dieser Fisch in diesem Planeten auch gefangen? Nein, vor diesem Fisch hat ein jeder Saturnusbewohner einen außerordentlich großen Respekt. Denn wenn sich irgend etwas auf der Oberfläche des Wassers ihm naht, so macht er sobald seinen großen Kopf auf, schießt dann mit großer Schnelligkeit auf den im Wasser schwimmenden Gegenstand [zu] und zerquetscht durch die große Schwere und Kraft des Kopfes denselben, sobald er in seinen Rachen geraten ist, und verzehrt ihn. Zum größten Glück aber bewohnt dieser Fisch auch zumeist nur die Polargegenden unseres Planeten, welche vermöge ihres immerwährenden Schnees und Eises für den Saturnusbewohner noch viel unzugänglicher sind als für die Bewohner der Erde dieselben Polargebiete. Daher geschieht es auch äußerst selten, dass irgendwo ein solcher Fisch von den Bewohnern des Saturnus gesehen wird. Wann er aber jedoch in den nördlicheren Teilen der Saturnusländereien, wo er sich zumeist aufhält, von einem oder dem anderen Saturnusbewohner gesehen wird, so gilt das allezeit für eine schlimme Vorbedeutung, und diese Menschen flüchten sich da auch sobald in die innersten Teile der Länder; denn sie sind der Meinung, dieser Fisch sei von den schlimmsten Geistern des Eises dahingesandt worden, um ihr Land, wie ihr zu sagen pflegt, samt Bolzen und Riegel aufzuspeisen. An eine solche Stelle, wo da ein solcher Fisch gesehen wurde, getraut sich dann lange Zeit kein Saturnusmensch mehr seinen Fuß zu setzen. Aus diesem Grund geschieht es auch, dass die nördlichen Teile des Saturnus, d. h. was seine Ländereien betrifft, entweder gar selten oder zumeist gar nicht bewohnt werden.
SA|0|17|7|0|Ihr werdet hier freilich fragen: Was hat denn hernach dieser Fisch für eine Bestimmung? Dieser Fisch ist das letzte Aufnahmeorgan alles Wassergetiers, und aus ihm verteilt es sich dann wieder in allerlei Getier der Luft. Denn in diesem Organ bildet sich nicht nur dem geistig-substantiellen Teil nach eine künftige Lufttiergattung aus, sondern die sogenannte Lufttiergattung dieses Weltkörpers geht dann aus ihm hervor, ohne dass er darum zu sterben braucht. In dieser Hinsicht ist er mehr ähnlich einem kleinen Planeten als einem Tier, welcher auch ein bleibendes Organ ist, durch welches zahllose geistige Gattungen, sich wohl unterscheidbar ausleibend, durchgehen können. Es ist zwar mit eurem Walfisch derselbe Fall; doch was die Allgemeinheit betrifft, so steht er unserem Bisorhiohiohio ums Allerbedeutendste nach. Denn der Walfisch der Erde hier progeneriert nur die Gefiedertiergattungen der alleinigen Polarländer, während unser Saturnuswalfisch den ganzen Planeten mit den gefiederten Einwohnern der Luft versieht, das heißt, es werden in ihm die Seelenwohnungen aus den Wassertieren übertragen in die verschiedensten Seelengattungen der gefiederten Bewohner der Luft.
SA|0|17|8|0|Dieser Fisch ist demnach der größte und zugleich auch allerbeachtungswerteste dieses ganzen Planeten. Ihm zur Seite steht aber noch eine zahllose Gattung von Fischen und Amphibien aller erdenklichen Art, welche sich wohl unterscheiden in der Größe, Form und Tauglichkeit. So sind neben diesem Riesenfisch noch bei hundert Gattungen, welche sich alle mit eurem Walfisch, was die Größe betrifft, gar wohl messen könnten. Sie aber alle speziell aufzuführen und sie näher zu beschreiben, wäre für den Zweck, warum ich euch diesen Planeten enthüllte, fürs Erste viel zu weitläufig und fürs Zweite eben darum auch gar nicht dienlich. Wann ihr aber selbst geweckteren Geistes werdet, dann wird es euch ohnedies ein Leichtes sein, euch selbst bis ins kleinste Detail nicht nur in diesem, sondern auch in anderen Planeten umzusehen.
SA|0|17|9|0|Und somit lassen wir die Tiere der Gewässer dieses Planeten ruhen und gehen da über auf die Bewohner der Saturnusluft, welche euch schon ums Bedeutende mehr interessieren werden als alle Wassergattungen, die wir bisher haben kennengelernt.
SA|0|18|1|1|Die Insekten. Die Saturnusfliege. Der Fliegende Stern. Der prachtvolle Riesenschmetterling und seine Verwendung
SA|0|18|1|0|Wenn ihr auf eurer Erde euch ein wenig umseht, so werdet ihr nebst den vielen Gattungen der Vögel noch eine bei weitem größere Wesen- und Gattungsanzahl jener kleinen bevögelten [beflügelten] Tierchen finden, welche euch samt und sämtlich unter dem allgemeinen Namen der fliegenden Insekten bekannt sind. Solcher Wesen gibt es auch im Saturnus in den verschiedensten Gattungen und Arten in übergroßer Menge; unter denen, ebenso gut wie auf der Erde, die Fliege eine Hauptrolle spielt. Dies ist auch das einzige Tierchen im Saturnus, welches der Fliege auf der Erde vollkommen gleich ist in allem; nur hie und da an den Seen und Flüssen hält sich eine größere Gattung oft reichlich auf. Diese Fliege ist am Tag von bläulichweißer Farbe. Nach dem Untergang der Sonne, wo sie gewöhnlich am tätigsten wird, leuchtet sie wie ein heller Stern, ungefähr auf die Weise, nur viel stärker, als bei euch die sogenannte Sumpfastel oder das Sonnwendkäferchen oder wie in Amerika und auch in anderen südlichen Tropenländern der sogenannte Laternenträger. Unsere Saturnusfliege würde aber dennoch diese alle an der Helle ihres Lichtes übertreffen, und zwar darum, weil ihr Licht vollkommen weiß ist und sie auch größer ist als jedes fliegende Insekt auf der Erde. Die Saturnusbewohner ergötzen sich gar oft zur Nachtzeit an dem munteren Flug dieser Tiere, wenn sie so zu Tausenden die Saturnusluft kreuz und quer durchzucken.
SA|0|18|2|0|Das wäre alsdann ein bemerkenswertes Tierchen, welches zu den Luftbewohnern gezählt werden kann. Eine andere Gattung Insekten, welche hier, im Saturnus nämlich, und auf keinem anderen Planeten wieder vorkommt, ist der sogenannte Fliegende Stern. Dieses Tierchen hat seinen besonderen Lebenstätigkeitsspielraum auch nur zur Nachtzeit. Seine Wohnung unter der Tageszeit ist der euch schon bekannte Pyramidenbaum; es bildet daher zur Nachtzeit, und zwar schon bald nach dem Untergang der Sonne, für die Saturnusbewohner ein erhebendes Schauspiel, wenn in der Abenddämmerung Tausende solcher leuchtender Sterne entfliegen.
SA|0|18|3|0|Warum wird denn dieses Tier ein „Fliegender Stern“ genannt? Dieser Name wird ihm dort darum beigelegt, weil es auf jeder Seite seines länglichrunden Körpers drei pyramidenförmig zugespitzte, ziemlich leuchtende Flügel besitzt, welche bei ihrer Ausbreitung diesem Tierchen die Gestalt eines sechsstrahligen Sternes geben. Wenn das Tierchen vollkommen ausgewachsen ist, so hat es bei einer Spanne im Durchmesser, und da seine Flügel im Flug besonders stark leuchten und sich dieses Tierchen im Flug nicht gar zu weit von seiner Wohnung begibt, so bekommen diese riesigen Bäume nicht selten für den Saturnusbewohner ein sehr erhebendes Aussehen, da sie die Nacht hindurch von vielen Tausenden solcher Sterne nach allen Richtungen umschwirrt werden.
SA|0|18|4|0|Nebst diesem leuchtenden Insekt gibt es auch eine Menge, die ebenfalls in den verschiedensten Farben zur Nachtzeit leuchten; aber ihr Licht ist nicht so stark, und die Tierchen sind bei weitem kleiner. So werden sie von den Saturnusbewohnern auch gar wenig beachtet, und darum auch umso weniger, da es mehrere große Vogelgattungen gibt, deren Gefieder bei Nacht ein sehr helles Licht von sich wirft, besonders wenn sie fliegen.
SA|0|18|5|0|Da demnach im Reich der Insekten nicht so viel mehr Erhebliches zu finden ist, so wollen wir sogleich einen Übergang zu dem Reich der Vögel machen. Und auf dieser Übergangsbrücke wollen wir denn noch einigen Schmetterlingen die Betrachtung zuwenden;
SA|0|18|6|0|und wie viele schon auf der Erde auf ihren Flügeln die schönsten Farben und Zeichnungen tragen, so ist es in diesem Planeten noch umso mehr der Fall. Ein Schmetterling, unter dem Namen Com alldort bekannt, ist der größte und prachtvollste aller Schmetterlinge dieses Weltkörpers. Wenn er seine Flügel ausgespannt hat, so dürfte er auf der Erde so ziemlich ein Vierteljoch Grundes bedecken. Sein Leib ist nicht selten bei zwanzig Klafter lang und hat nahe eine Klafter im Durchmesser. Seine Füße sind stärker als auf der Erde die eines Elefanten, und es hat ein jeder Fuß sechs Glieder und ist so eingerichtet, dass er im Falle der Not bedeutend gerade verlängert, und also auch verkürzt werden kann. Seine Fühlhörner sehen gerade so aus, als stünden an seinem Kopf zwei hohe Pappelbäume; nur sind die Zweige links und rechts linealförmig regelmäßig eingeteilt, ungefähr so wie die Nadeln an einem Tannenzweig. Sein Saugrüssel ist länger und stärker als der eines Elefanten auf der Erde. Und so sieht dieser Schmetterling seinem Körper nach einem äußerst robusten Tier ähnlich, was er aber dessen ungeachtet nicht im Geringsten ist; aus welchem Grund dieses Tier auch außerordentlich menschenscheu ist, und es gehört sehr viel dazu, um irgendwo eines zu fangen. Diese Schwierigkeit wird durch seinen schnellen Flug noch ums Bedeutende vermehrt.
SA|0|18|7|0|Junge Mädchen sind dort zumeist am geschicktesten, dieses Tier zu fangen, und zwar aus dem Grund, weil sie sich leichter in der freien Luft erhalten können als das männliche Geschlecht. Zu dem Behuf bedienen sich solche Mädchen nicht selten eines künstlichen Flügelpaares und fliegen unserem Schmetterling oft mit großer Hast nach. Wenn sie ihn dann in der Luft fangen, so gilt das als ein förmliches Jubelfest unter ihnen; denn alles von diesem Schmetterling wird zur Ausschmückung der Kinder dort verwendet. Und fast in keinem Planeten, wie in diesem, hält das weibliche Geschlecht, besonders in den jungen Jahren, so viel auf ein zierliches Gewand. Damit ihr aber seht, warum dieser Schmetterling einen so großen Anwert hat, so wird es wohl nötig sein, seine Pracht auch ein wenig zu zeigen. Es wird aber zugleich auch ziemlich schwer halten, euch von der nahe übersinnlichen Schönheit dieses Tieres einen gültigen Begriff zu machen. Seine Flügel sind vollkommen viereckig und haben nur beiderseits an den Enden der Flügel gegen den Kopf zugewendet eine auslaufende Spitze, die ungefähr anderthalb Klafter lang ist und eine ziemliche Ähnlichkeit hat mit einem sehr breiten Schwert. Was haben denn die Flügel für eine Farbe und wie sind sie gezeichnet?
SA|0|18|8|0|Die Farbe des oberen Teiles der Flügel sieht also aus als wäre die Fläche von poliertem, hochrosenfarbenem Gold. Auf dieser Goldfläche hängen oder stecken vielmehr eine große Menge der allerschönsten Federn, alle möglichen Farben in sich enthaltend. Diese Farben spielen in poliert-metallischem Glanz und verändern die Farbe bei der geringsten Wendung so, dass man auf einem Punkt bei den verschiedenen Wendungen alle erdenklichen Farben zu Gesicht bekommen kann. Diese Federn sind in solcher Ordnung auf der Oberfläche des Flügels angebracht, dass durch diese Ordnung die schönsten Zeichnungen und Formen herauskommen, welche Zeichnungen und Formen aber nicht so beständig sind, wie auf den Flügeln eurer Schmetterlinge; sondern diese Ordnung ist so dargestellt, dass bei den verschiedenen Wendungen, durch welche die Farben verändert werden, auch allzeit ganz andere, wunderbare Formen zum Vorschein kommen. Die Ränder der Flügel sind ungefähr mit solchen Federn geziert, wie sie bei euch die Pfauen in ihrem Schweif haben; nur sind sie größer und viel lebhafter glänzend in ihrer Farbenpracht. Die untere Fläche aber ist ähnlich einer polierten Goldfläche, so sie mit einer feinen, grünen Farbe überzogen werden möchte. Die Füße dieses Tieres sind ebenfalls mit den herrlichsten Federn bekleidet; wie auch der ganze andere Leib. Die Fühlhörner sind aber noch das Allerpretiöseste bei diesem Tier. Der Hauptstamm ist äußerst leicht und vollkommen also aussehend wie ein durchsichtiges Gold, wenn ihr euch solches vorstellen könnt, und spielt ebenfalls bei jeder Wendung die verschiedensten Farben, ungefähr so, als wäre er eine geschliffene Diamantstange, an welcher zu beiden Seiten solche Federn angebracht [wären], mit denen die Ränder der Flügel geziert sind. Der Saugrüssel ist von blendend weißer Farbe und ist sparsam unterwunden mit Bändern, die einen Regenbogen an Farbenpracht übertreffen.
SA|0|18|9|0|Seine Augen sind zwar beim Leben des Tieres das Allerwunderbarste. Diese möchtet ihr eben vor lauter Spiegelglanz so wenig anzuschauen imstande sein wie nahe die Sonne bei ihrem Aufgang oder Untergang. Wenn aber das Tier getötet ist, so vergeht diese Augenpracht. Daher werden dessen Augen auch nicht eben in großem Wert gehalten, dessen ungeachtet aber sorgfältig ausgelöst und von ihrer Feuchtigkeit entleert, bei welcher Gelegenheit durch die geschickte Manipulation dann die Weiber eine Art Hausbeutel oder Taschen machen, welche wegen ihrer ziemlichen Durchsichtigkeit und ihrer Dauerhaftigkeit bei den eleganten Weibern dieses Planeten ungefähr die Stelle der sogenannten Ridiküle [Handtaschen] eurer Weiber vertreten. Weggeworfen wird von diesem Tier nichts als allein der nackte innere Leib; alles andere wird zum Schmuck der außerordentlichsten Art verwendet.
SA|0|18|10|0|Warum hat denn aber dieser Schmuck einen so außerordentlichen Wert? Das hat drei Ursachen. Die erste ist, weil dieses Tier selten und bei seiner Seltenheit äußerst schwer zu bekommen ist; zweitens, weil alle diese Farben sehr dauerhaft sind, ja die Saturnusweiber halten sie für unzerstörbar; und fürs Dritte, weil eben diese Federn von der größten Leichtigkeit und fortwährend gleichmäßig haltender Pracht sind.
SA|0|18|11|0|Es gibt hier auch eine Vogelgattung, deren Federn diesen Schmetterlingsfedern ähnlich sind, und werden nicht selten von so manchen Saturnusspekulanten als echte Ware zum Verkauf ausgeboten. Allein da gibt es dann ganz wohlkonditionierte Schmuckfedernkenner, welche da die echten von den falschen ungefähr so unterscheiden, wie bei euch die Juweliere falsche Edelsteine von den echten. Wehe aber dort einem solchen Schmuggler, wenn er in die Hände solcher mit falschen Federn betrogener Weiber gerät. Denn da wird er mit eben diesen falschen Federn, welche sie zuvor an den sehr dichten Kielen abspitzen, so kreuz und quer zerkratzt, dass ihm für die Zukunft fürs Erste alle Lust vergeht, mit falscher Ware irgend jemand wieder zu hintergehen, und fürs Zweite kauft einem also zugerichteten Handelsmann auch niemand mehr etwas ab.
SA|0|18|12|0|Seht, das ist alsdann unser berühmter Schmetterling und wie er gefangen und benutzt wird. Es ist fast unnötig, noch dessen zu erwähnen, wie sich die Saturnusweiber dieses Schmuckes bedienen. Aber im Vorübergehen kann es ja wohl bemerkt werden, dass sich manche sehr eitle fast den ganzen Leib mit diesen Schmetterlingsflügeln so überziehen, dass man sie am Ende schon nahe für solche Schmetterlinge selbst halten könnte. Das ist genug, denn ein mehreres ist nicht nötig von dem zu erfahren, was Mir im Saturnus so wenig gefällt wie auf der Erde.
SA|0|18|13|0|Dass es aber nach diesem Schmetterling eine fast zahllose Menge dieses Tieres in allen Farben, Arten und Gattungen und Größen gibt, könnt ihr daraus schon sehr leicht entnehmen, wenn ihr euch nur dieses Planeten Mannigfaltigkeit in all dem, was auf ihm ist, vor die Augen stellt.
SA|0|19|1|1|Fledertiere. Die fliegende Kuh. Das fliegende Band. Frauen üben auf dem Saturnus die Jurisdiktion aus
SA|0|19|1|0|Bevor wir noch zu den eigentlichen Vögeln übergehen, wollen wir noch diejenige Gattung geflügelter Tiere ein wenig zu Gesicht nehmen, welche auf der Erde in den Bereich der sogenannten Flattermäuse und noch anderer dergleichen, mit ähnlichen Spannflügeln versehener Tiere gehören. Gibt es auch in unserem Planeten solche Tiere? Allerdings, und dazu bei weitem mehrere als auf eurem Erdkörper. Es gibt zwar im eigentlichen Sinne durchaus keine Fledermäuse; aber es gibt dafür andere Tiere in großer Menge, welche mit ähnlichen Spannflügeln versehen sind. Wenn wir jedes dieser Tiere sonderheitlich betrachten wollten, so würdet ihr dazu mehr als zehntausend Bogen Papier brauchen, um nur ihre Namen aufzuzeichnen. Dieses wäre doch sicher etwas Unnützes. Daher wollen wir von dieser Gattung der Tiere dieses Planeten ebenfalls nur ein paar herausheben, über die anderen aber dann nur einen allgemeinen Blick werfen.
SA|0|19|2|0|Ein besonders merkwürdiges Exemplar dieser Tiere wird von den Saturnusbewohnern die Fliegende Kuh genannt. Dieses Tier ist von ausnehmender Schönheit und dürfte ungefähr so groß sein wie bei euch ein wohlausgewachsener Ochse, nur ist es ungefähr um eine halbe Klafter länger gegen den Schweif zu als ein Ochse bei euch. Dieses Tier hat eben auch vier Füße, die mit schönen, blendendweißen Klauen versehen sind; am Rücken ist es rot und am Bauch lichtgrün. Die Haut aber sieht geradeso klein-wollicht glänzend aus wie bei euch der allerfeinste Seidensamt. Der Kopf dieses Tieres hat ziemliche Ähnlichkeit mit dem Kopf eines sogenannten Windhundes, nur die Farbe des Kopfes ist natürlich ganz anders aussehend als diejenige eines Windhundes bei euch; denn mit dem Hals angefangen ist der Kopf lichtblau und ist bis an die Nasenschnauze vom Rücken angefangen mit einem roten Streifen versehen. Der untere Teil des Kopfes aber geht dann sukzessiv ins Dunkelblaue über.
SA|0|19|3|0|In den Gegenden der Vorderseite laufen links und rechts zwei lange Arme aus, welche ungefähr, wenn sie ausgespannt sind, bei sechs Klafter im Durchmesser haben. Von diesen Armen aus spannt sich in Verbindung mit den hinteren Füßen eine starke Haut aus, versteht sich von selbst, nur dann, wenn das Tier fliegen will; denn fliegt das Tier nicht, so legt es die Arme zusammen, und zwar jeden in drei Glieder. Diese Arme schmiegen sich so geschickt an den übrigen Leib an, dass man in einer geringen Entfernung ihrer kaum gewahr wird. Wenn aber dieses Tier diese Arme zum Fliegen ausspannt, dann sieht es auch zugleich am schönsten aus; denn die Haut dieser Arme für sich selbst ist ebenfalls blendendweiß. Und ein jeder Arm für sich ist am Ende mit vier wohlgestalteten Fingern versehen, welche zum Anhalten zugleich noch mit starken Spitznägeln versehen sind. Die Flügelhaut aber sieht vollkommen also aus wie ein allerfeinst poliertes Gold, welches mit regelmäßig ineinanderlaufenden Punkten und Streifen von hellroter Farbe geziert wäre. Die Ränder dieser Flügelhaut aber sind verbrämt, wie da ein Regenbogen leuchtet, und laufen überall in mehr als eine Elle lange, ganz blendend weiße Fäden aus, welche ungefähr also glänzen, als wann ihr je einmal die sogenannten Glasfäden gesehen habt, wie sie ebenfalls einen lebhaften Glanz mehr als die allerfeinste Seide von sich geben.
SA|0|19|4|0|Die Augen dieses Tieres sind äußerst scharf und lebhaft und funkeln bei Abenddämmerung wie Diamanten. Die Schnauze dieses Tieres ist dunkelrot, und dessen Mund hat eine also frische, rote Farbe wie Rosen, und seine reichlichen Zähne sind also aussehend wie ein reiner Kristall. Die Zunge aber ist ebenfalls hochrot und verhältnismäßig lang, so dass sich dieses Tier derselben zu allerlei bedienen kann, als zum Waschen seines Gesichtes und zum Reinigen seines ganzen übrigen Leibes; denn dieses Tier hat einen äußerst biegsamen Leib. Dann kann sich dieses Tier der Zunge auch so wie bei euch ein Hund zum Trinken bedienen. Und wenn dieses Tier die Zunge zusammenrollt, und zwar der Länge nach, so bringt es durch diese Zungenröhre einen äußerst starken Pfiff zuwege, welcher weit und breit gehört wird; solches tut dieses Tier allzeit, wenn es auffliegen will.
SA|0|19|5|0|Warum aber wird denn dieses Tier dort die Fliegende Kuh genannt? Solches geschieht darum, weil dieses Tier zwischen den beiden Hinterfüßen ein ganz vollkommenes Euter besitzt, welches zur Zeit, wenn es Junge zur Welt gebracht hat, mit einer überaus wohlschmeckenden Milch vollgefüllt ist. Dieses Tier wird daher auch von den Saturnusbewohnern häufig gefangen, ja an manchen Orten sogar als ein nützliches Haustier gezähmt; und solches umso leichter, weil es überdies ein äußerst sanftmütiges Tier ist. Wenn ein solches Tier Junge wirft, so ist bei sechs weiblichen Individuen nur ein männliches darunter, welches sich, wenn es vollkommen ausgewachsen ist, von den weiblichen nur dadurch unterscheidet, dass es an der Stelle des weiblichen Euters, wie ungefähr bei euch die Schafe, den sogenannten Geschlechtsbeutel hat und am Kopf zwischen den beiden herabhängenden weißen Ohren ein ebenfalls ganz weißes, kleines, etwas nach rückwärts gebogenes Hörnchen.
SA|0|19|6|0|Wenn ihr eure Gefühlsphantasie nur einigermaßen handhaben könnt, so wird es euch nicht schwer werden, sich die Schönheit dieses Tieres vorzustellen. Freilich werdet ihr euch denken und sagen: Ja warum ist denn dieses Tier dort gar so schön, und welcher Zweck ist denn damit verbunden? Ich aber sage euch: Macht nur einen Blick auf so manche Schönheit eurer Blumen und auf deren mannigfache schöne Form – könntet ihr hier nicht auch fragen: „Warum muss denn die Blüte gar so schön sein? Wäre zur Hervorbringung eines höchst einfachen Samenkörnchens denn nicht eine bedeutend weniger ansehnliche Blüte tauglich?“ – Seht, für solche Fragen sind die Antworten noch nicht reif; denn was die Schönheit solcher Wesen betrifft, so könnt ihr den Grund noch unmöglich erfassen, da er im Bereich Meines Lichtes oder Meiner Weisheit sitzt. Daher begnügen wir uns nur mit der alleinigen Anschauung und nehmen als den allgemein gültigen Grund aller solcher Erscheinungen an, dass Ich, der übergute und höchst weise Schöpfer aller Dinge, schon gar wohl wissen werde, wozu Ich die Dinge und Wesen so und so gestaltet habe.
SA|0|19|7|0|Nachdem wir also dieses Tier beschaut haben, wollen wir noch den Blick auf ein anderes solches fliegendes Tier werfen. Dieses Tier nennen die Saturnusbewohner das Fliegende Band oder manchmal auch den Fliegenden Strick. Auf welche Weise kommt denn dieses Tier zu diesem Namen? Wenn wir das Tier erst ein wenig werden beschaut haben, so wird die Erklärung von selbst folgen. Seht, dieses Tier hat seinem Leibe nach eine zierliche Ähnlichkeit mit einem wohlgebildeten Affen der Erde. Wenn es auf der Erde herumgeht, da bedient es sich der Hinterbeine gleich einem Menschen. Der vorderen Pfoten, welche sehr lang sind und gegen den Leib zu ebenfalls mit einer Flughaut versehen, welche ebenfalls bis zur Hälfte der Hinterbeine befestigt ist, bedient sich dieses Tier gleich so wie sich der Affe bedient seiner Vorderpfoten. Wenn dieses Tier aufrecht steht, da hat es eine Länge von drei Klaftern; wenn es sich aber zusammenkauert, dann ist es natürlich mehr als um die Hälfte kürzer. Der Leib dieses Tieres hat an und für sich gar nichts Ausgezeichnetes, außer dass er am Bauch sehr lichtbläulich aussieht und zu Ende des Rückens dunkelrote Wolle hat.
SA|0|19|8|0|Was ist demnach aber das eigentlich Auszeichnende dieses Tieres? Solches ist sein Schweif, welchen dieses Tier nur dann ausrollt oder vielmehr ausbreitet, wenn es fliegt. Wann es aber auf der Erde herumgeht, dann rollt es den Schweif so geschickt zusammen, dass derselbe ihm dann über dem Steiß so zu liegen kommt, als hätte ihm jemand eine runde Rolle irgendeines Überzeugs angebunden. Dieser Schweif hat bei einem ausgewachsenen Tier, das wir soeben betrachteten, nicht selten eine Länge von neunzig bis einhundert Klaftern eures Erdmaßes und ungefähr eine Breite von einer Elle und ist bei alldem so fein, dass er im zusammengerollten Zustand kaum eine Rolle von zwei Spannen Durchmesser bildet. Das Aufrollen geschieht durch innere, durch den ganzen Schweif gezogene Gefühlsfäden; denn der Schweif hat keine Glieder, sondern ist pur eine Hautverlängerung des Rückens. Seine Farbe ist die eines allerhellsten Regenbogens und ist von unten also mit kleiner und äußerst kurzer Wolle versehen, wie ein aufgeschnittener Seidensamt, so dass diese Wolle lauter kleine, sehr hellscheinende Wollwärzchen bildet. Nun könnt ihr euch schon von selbst die Frage beantworten, warum dieses Tier das Fliegende Band genannt wird.
SA|0|19|9|0|Nur sehr selten findet man aber, besonders in den volkreicheren Ländern, dieses Tierchen noch im Besitz seines Schweifes; denn die Saturnusbewohner gehen sehr häufig auf die Jagd dieses Tieres aus, welches sich am Tag sehr leicht fangen lässt, da es zu dieser Zeit niemals auffliegt. Sobald aber ein solches Tier gefangen wird, so geschieht ihm sonst zwar nichts, aber mit dem Schweif kommt es auf keinen Fall mehr davon; denn dieser wird ihm sobald knapp am Rücken abgeschnitten und von den Saturnuseinwohnern, besonders was die Vorzüglichsten des Landes betrifft, als Kleiderschmuck benützt. Besonders sind wieder die Weiber große Freundinnen dieses Schmuckes, nachdem sie ihn zuvor mit einem wohlriechenden Blumenöl vollkommen biegsam und gleich eurem Leder zäh und haltbar gemacht haben. Gewöhnlich wird dann dieser Schweif entweder als ein Stirnband getragen; von manchen aber wird er auch um die Lenden geschlungen. Dieses Tier ist demnach den Saturnusbewohnern ein stets willkommener Gast. Und weil dem Tier nach und nach der abgeschnittene Schweif wieder nachwächst, so wird auch dieses Tier in einigen Ländern gezähmt und gewisserart im Haus aufgezogen.
SA|0|19|10|0|Mit dieser Zucht geben sich vorzugsweise die euch schon etwas bekannten Saturnusjuwelenhändler ab. Und da der Preis des Schweifes vorzüglich nach der Länge bestimmt wird, so geschieht es nicht selten, dass sie zwei, manchmal auch drei kürzere Schweife zusammenheften und verkaufen sie dann als einen ganzen. Wenn dieser Betrug aber entdeckt wird, so wird ein solcher Saturnuskaufmann von den Weibern ebenfalls sehr empfindlich gezüchtigt,
SA|0|19|11|0|indem in diesem Planeten es sehr häufig der Fall ist, dass die Weiber über das menschliche Geschlecht gewisserart die Jurisdiktion ausüben; denn das männliche Geschlecht im Saturnus ist gewöhnlich, wie ihr zu sagen pflegt, vorzugweise äußerst verliebt. Aus diesem Grund ist es dann auch zu nachgiebig und lässt sich nicht selten aus lauter Liebe zu den Weibern bei der Nase herumführen, wie es den Weibern nur immer beliebt. Jedoch sind anderseits die Weiber im Verhältnis zu den Weibern der Erde ums Unvergleichliche züchtiger und häuslicher; was dann auch sehr bedeutend dazu beiträgt, dass ihnen die Männer höchst geneigt sind und ihnen auch gerne so manche auszeichnende Vorrechte einräumen. Jedoch in der Folge, wenn wir zu den Saturnusbewohnern kommen werden, wird davon ohnehin alles gehörig beleuchtet werden. Und so wenden wir uns wieder zu unserem Tierreich.
SA|0|20|1|1|Große Anzahl von Fledertieren. Über das Vogelreich. Das Flugschiff. Der Himmelsbote und dessen Flugtonakkord. Gesang und Musik der Saturnusmenschen
SA|0|20|1|0|Wie schon anfangs bei der Kundgabe dieser fliegenden Tiere erwähnt wurde, dass es deren eine große Menge gibt, also sage Ich es auch hier: Diese Menge ist nach der Zahl der Gattungen und Arten für diesen Planeten übergroß, dass ihr kaum, wie gesagt, auf zehntausend Bogen ihre Namen unterbringen würdet. Aber dennoch ist ihre verschiedenartige Gestaltung bewunderungswürdiger als ihre große Anzahl selbst. Denn fast alle vierfüßigen Tiere dieses Planeten wie auch sehr viele Fischgattungen sind in diesen fliegenden Tieren eine Abartung. Und es verhält sich die Sache geradeso, als wenn ihr auf eurer Erde alle samt und sämtlichen zahmen und wilden Tiere nebst allen den Amphibien und den meisten Fischgattungen möchtet ebenfalls also wie eine Flattermaus beflügelt haben und hättet dadurch beflügelte Elefanten, Pferde, Ochsen, Löwen, Tiger, Hyänen und so fort durch die ganzen Tierreiche durch. Was hier für die Erde nur beispielsweise angeführt ist, das findet sich im Saturnus buchstäblich vor – nur sind die fliegenden Tiere viel kleiner gegen diejenigen, denen sie in der Form entsprechen, und die wirklichen oder unbeflügelten, die entweder den festen Boden dieses Planeten oder die Gewässer desselben bewohnen, sind aber dann bei weitem größer, stärker und mächtiger.
SA|0|20|2|0|Nun könnt ihr euch schon einen Begriff machen, wie lebhaft es allhier aussehen mag; und könnt euch noch dazu das Angenehme denken, wenn ihr euch noch dazu denkt, dass diese Tiere zumeist gutmütiger Art sind und die Saturnusmenschen durch die Stärke ihres Willens fortwährende Meister sowohl der Elemente wie auch umso mehr der fast allermeisten Tiere sind, mit Ausnahme nur sehr weniger, welche ungefähr in dem Ansehen unseres schon bekannten Fisches stehen.
SA|0|20|3|0|Nachdem wir unsere fliegenden Tiere in unserem Saturnus beobachtet haben, und zwar diejenige Klasse derselben, welche sich ohne Gefieder in die Luft erheben und in derselben herumfliegen können, und haben dabei gesehen, wie groß ihre Zahl und Mannigfaltigkeit ist, so dürfte euch wohl sicher der Gedanke sich in einer bescheidenen Frage aufwerfen: „Wenn es so viel solcher fliegender Gäste in diesem Planeten gibt, wer mag da noch bestehen? Da muss ja die Luft ganz undurchsichtig sein, wenn alle diese Tiere auffliegen; und wenn sie auf den Saturnuserdboden dann wieder aufsitzen, da wird ja kaum so viel Platz mehr übrig bleiben, dass irgend jemand nur nötigen Falls seinen Fuß dahinsetzen könnte. Allein diese Besorgnis ist von eurer Seite für diesen großen Planeten so gut wie ganz vollkommen eitel. Denn bedenkt nur, dass dieser Planet über tausendmal so groß ist wie die Erde und dass er, wie ihr schon wisst, über siebzig große Kontinente besitzt, von denen einige so viel Flächenraum haben wie die ganze Erdoberfläche, so das Meer und alle anderen Gewässer festes Land wären. Wie aber jedermann auf der Erde mit den Tieren nicht zu sehr überlästigt wird, ebenso gut auch werden die Bewohner des Saturnus von den dortigen Tieren nicht überlästigt; sondern es besteht da eine überaus gute Ordnung, und ungeachtet dessen, dass es so viele und seltsame Tiergattungen auf diesem Planeten gibt, werden aber diese im freien Zustand doch viel weniger gesehen als so manche Tiere bei euch auf eurem Planeten, auf welchem überhaupt sich alles in engeren Kreisen bewegt als auf dem Saturnus.
SA|0|20|4|0|Damit ihr euch von der weiteren Ausdehnung in allem einen kleinen Begriff machen könnt, so mache Ich euch nur darauf aufmerksam, was Ich schon bei einer früheren Gelegenheit erwähnt habe, und zwar gleich anfangs der Eröffnungen über diesen Weltkörper, allwo es angedeutet wird, dass die Wohnungen der Saturnusbewohner, für eure Füße berechnet, so ziemlich weit voneinander abstehen. Wie es aber mit den Entfernungen der Saturnusbewohner steht, also steht es auch mit allen anderen Verhältnissen, da alles seinen vollkommen hinreichenden Platz hat; aus welchem Grund auf diesem Weltkörper die Grenzstreitigkeiten so gut wie ganz fremd sind.
SA|0|20|5|0|Seht, solches musste hier vorangeschickt werden, damit ihr bei der noch folgenden Aufzeichnung der gefiederten Luftbewohner und dann der anderen Tiere des festen Bodens nicht von einem schwindelnden Unglauben befallen werdet, so ihr die folgenden Maße der Tiere noch werdet kennenlernen.
SA|0|20|6|0|Und somit wenden wir uns zu unseren Vögeln. Ihr wisst, wie mannigfaltig diese Tiergattung schon auf eurem kleinen Planeten ist, wenn ihr da vom riesigen Strauß bis zum kleinen Kolibri dieselbe zu zählen anfangt. Was aber ist diese Kleinigkeit gegen die Ausdehnung in unserem Planeten; denn daselbst gibt es noch ums Tausendfache mehr Gattungen dieses Getiers als auf dieser Erde. Wenn ihr die Zahl der Gattungen bestimmt wissen wollt, so sage Ich euch, dass, so im Saturnus von jeder Gattung nur ein Männlein und ein Weiblein vorhanden wären, es schon zweihundertundvierzig Millionen Vögel gäbe. Freilich wohl leben nicht alle Gattungen in einem und demselben Land, sondern in einem jeden Land finden sich auch wieder andere Gattungen vor, und selbst in einem Land sind die Gattungen verschieden. So sehen sich diejenigen Gattungen durchaus nicht ähnlich, wenn sie auch einer und derselben Art sind, davon ein Teil bewohnt den südlichen und ein Teil den nördlichen Teil eines und desselben Landes, z. B. eine Wasserhenne, welcher Vogel in diesem Planeten sehr berühmt ist, sieht in den südlichen Gewässern bei weitem anders aus als in den nördlichen. Und so sind alle Vogelgattungen, sowohl zahme als nicht zahme, sich verschieden in ihrer Gestalt und Farbe sowohl als auch in ihrer Tauglichkeit – vom Süd bis zum Nord und vom Ost bis zum West eines und desselben Landes.
SA|0|20|7|0|Da ihr aus dem bereits Gesagten sicher entnehmen könnt, dass es eine reine Unmöglichkeit für euch wäre, euer ganzes Leben hindurch nur mit der Niederschreibung der Namen dieser Tiere fertig zu werden, so wird es euch sicher noch ersichtlicher sein, dass es noch unmöglicher wäre, euch jeden einzelnen Vogel der Gattung nach zu beschreiben nach allen seinen Verrichtungen, nach seiner Form und nach seiner Bestimmung. Solches ist alsdann ersichtlich, und so wollen wir denn auch aus dem befiederten Reich der Tiere nur einige der allermerkwürdigsten kurz darstellend herausheben und nehmen in dieser Hinsicht auch sogleich den ersten und den größten Vogel dieses Planeten her und wollen ihn mit einigen flüchtigen Blicken beschauen.
SA|0|20|8|0|Behor oder das Luftschiff, so heißt unser Vogel. Ihr könnt es glauben, dass er, so er sich auf der Erde befinden würde, sicher mehr Raum einnehmen möchte als das allergrößte Linienschiff, ohne dass er dabei nötig hätte, seine Flügel auszuspannen. Wenn dieser Vogel fliegt oder wenn er seine Flügel ausspannt, so sind nach eurem Maß die Spitzen der beiden äußersten Flügelfedern eine gute Stunde Weges voneinander entfernt. Die Kiele der Flügelfedern haben einen größeren Durchmesser als die dicksten Eichbäume auf eurer Erde. Und eine jede Feder am Flügel ist vom Kiel bis zur äußersten Spitze nicht selten bei achthundert Klafter lang. Dieser Vogel hat ebenfalls sehr lange und starke Füße, so zwar, dass wenn er auf seinen Füßen steht, dieselben für ihn fast ebenso etwas zu lang herauskommen wie bei einem sogenannten Fischreiher auf eurer Erde. Warum hat denn aber dieser Vogel so unverhältnismäßig lange Beine? Weil er ein Wasservogel ist und sich somit beständig an den Meeresgegenden aufhält, allwo er sich von den Fischen nährt. Am Land wird er niemals gesehen, sondern nur stets auf dem Wasser schwimmend oder nicht gar zu hoch über der Meeresfläche dahinfliegend, aus welchem Grund er auch das Fliegende Schiff genannt wird.
SA|0|20|9|0|Ist dieser Vogel etwa schön? Nein, dieses Tier plagt die Schönheit nicht. Wenn ihr in eurer Phantasie euch einen Fischreiher vergrößern wollt, da dürftet ihr so ziemlich die Gestalt unseres Fliegenden Schiffes vor Augen gestellt haben. Er ist durchgehend von aschgrauer und mitunter dunkelbrauner Farbe, hat einen Schnabel wie ungefähr eine Gans bei euch und so ziemlich auch einen ihr ähnlichen Kopf, nur natürlich verhältnismäßig größer. Denn einen Fisch, der in den Gewässern des Saturnus so groß ist wie ein ausgewachsener Haifisch in einem eurer Meere, verschlingt dieser Vogel mit derselben Leichtigkeit wie ihr eine Erdbeere. Sonach hättet ihr die Gestalt dieses Vogels so kurz und so gut als möglich dargestellt.
SA|0|20|10|0|Nur dürfte vielleicht hier und da einer fragen, ob dieser riesige Vogel den Saturnusbewohnern etwa ein gefährlicher Gast ist? Nein, das ist er durchaus nicht, da er von sehr furchtsamer Natur ist und flieht jede Annäherung des Menschen, sogar die eines Kindes. Seine Größe ist mehr eine Scheingröße als eine wirkliche Kraftgröße; denn nur seine reichlichen und viele Klafter langen Federn machen ihn so groß aussehend. Wäre er dieser beraubt, so dürfte er bei weitem nicht so viel wiegen wie das schwächste Weib dieses Planeten.
SA|0|20|11|0|Somit hätten wir nun einen, und zwar den größten Vogel dieses Planeten, schon kennengelernt. Auch dieser Vogel artet sehr aus in den verschiedenen Meeren und ist an sich selbst verschieden sowohl an Größe als auch an der Farbe und an der Gestalt. Da wir nun auf diese Weise mit diesem Tier nichts mehr zu tun haben, so gehen wir wieder auf eine andere Gattung über.
SA|0|20|12|0|Nach dieser Gattung kommt als merkwürdigster Vogel des Saturnus einer unter dem Namen der Himmelsbote vor. Dieser Vogel hat ganz wohl die Gestalt einer vollkommen weißen Taube bei euch. Nur ist er natürlicherweise um nahe fünfhundertmal so groß wie eine Taube bei euch. Von diesem Vogel glauben die Saturnusbewohner, dass er sich beständig in der Luft herumfliegend aufhalte, da ihn noch nie jemand je irgendwo hat aufsitzen gesehen. In einer Hinsicht haben die Saturnusbewohner wohl recht. Denn auf dem Land sitzt er auch wirklich nirgends auf, sondern fliegt bald hoch bald nieder ganz gemächlich in der Luft herum. Aber wenn er also des Fliegens müde geworden ist, da fliegt er alsbald mit großer Schnelligkeit den Meeresgegenden zu, allwo er sich dann in den allerabseitigsten Winkeln der Meeresufer verbirgt und daselbst seine Nahrung sucht, welche in einer fetten Art weißen Klippenmooses besteht.
SA|0|20|13|0|Hat er sich nach kurzer Zeit gesättigt und so gestärkt, dann fliegt er sobald wieder auf, und zwar zu einer außerordentlichen Höhe, von da aus er dann wieder seine Luftpromenade landeinwärts macht. Besonders pflegt er solches gerne am Morgen vor dem Aufgang der Sonne zu tun, aus welchem Grund er auch in manchen Gegenden den Namen der Sonnenbote führt, d. h. so nennen ihn so manche Bewohner des Saturnus.
SA|0|20|14|0|Dieser Vogel singt in seinem Flug allerlei Vogellieder, und das zwar in viel vollkommenerem Maße als bei euch eine Nachtigall; daher er auch nicht selten, besonders von den Weibern, der muntere Morgensänger genannt wird.
SA|0|20|15|0|Obschon aber dieser Vogel besonders in den dem Meer näher gelegenen Länderteilen sehr häufig gesehen und gehört wird, so bleibt aber dessen ungeachtet dennoch ein jeder Saturnusbewohner stehen und sieht diesem Vogel so lange nach, bis er ihn der Ferne halber verloren hat. Denn die Saturnusbewohner sind manchmal so erbaut beim Anblick dieses Vogels, dass sie sehr geneigt wären, ihm eine göttliche Verehrung zu erweisen, wenn solches zugelassen würde von den Geisterengeln dieses Planeten.
SA|0|20|16|0|Allein damit solches nicht geschieht, so haben diese Vögel den eigenen Instinkt, dass sie nichts so sehr meiden wie die Blicke der Menschen. Es darf daher nur ein Saturnusmensch einen solchen Vogel ins Auge fassen, so darf er auch fest darauf rechnen, dass dieser Vogel sich bald seiner Gafflust entziehen wird. Aus eben diesem Grund bewohnt dieser Vogel auch allzeit solche Stellen, die den Blicken des Saturnusmenschen rein unzugänglich sind.
SA|0|20|17|0|Das Beachtenswerteste dieses Vogels ist sein zuweilen außerordentlich schneller Flug, von dem ihr euch nicht leichtlich einen Begriff machen könnt. Denn wenn er so recht im Zuge ist, da ist es ihm nur ein Leichtes, in einer Stunde tausend von euren Erdmeilen zurückzulegen. Wenn dieser Vogel bei der Nacht fliegt, so ist er durchaus weißglänzend zu sehen, so zwar, dass er in seinem Schnellflug fast dieselbe Erscheinung darbietet, wie bei euch auf der Erde ein sogenannter fliegender Drache. Über das Land fliegt er besonders gerne nur bei Nachtzeit, wo er dann für die Bewohner des Saturnus ein Hauptspektakel gibt; ja manche sind so eingenommen für diese Lichterscheinungen, dass sie sich an jenen Orten, wo dieser Vogel häufig zu Hause ist, auf irgendeinem baumfreien Hügel mit dem Rücken niederlegen, um nur desto ungehinderter den Flug solcher Vögel so recht satt angaffen zu können.
SA|0|20|18|0|Noch eine Merkwürdigkeit dieses Vogels besteht darinnen, wenn zwei, drei oder mehrere Vögel in gerader Linie ihren Schnellflug ausführen, so geschieht da gewöhnlich, dass durch die schnelle Durchschneidung der Saturnusluft ein ziemlich reiner Ton erzeugt wird. Wenn dann natürlich mehrere Vögel dieser Art nach einer und derselben Richtung hinschießen, bildet fast ein jeder Vogel einen anderen Ton, welche Töne zusammen dann nicht selten einen Akkord nach eurer Kunstsprache bilden, welcher vom pianissimo bis zum fortissimo und von da wieder ins pianissimo also verschwindet, als wie da verschwindet ein angeschlagener Ton oder Akkord auf einem Klavier.
SA|0|20|19|0|Seht, so hat dieser Vogel besonders für den Saturnusbewohner außerordentlich viel Anziehendes, da die Saturnusbewohner große Freunde des Gesanges und ganz besonders von harmonischen Tönen, aber dessen ungeachtet selbst nicht eben zu sehr musikalisch sind. Und haben sie auch nur höchst elende und dürftige musikalische Instrumente, [so haben sie] aber desto reinere Kehlen zum Gesang, wo dann die Weiber gewöhnlich die Melodien, die Männer aber gerne Akkorde zusammen singen. Und sie können sich oft mit einem glücklich erfundenen Akkord tagelang unterhalten, denn wenn sie da ihre Töne bald auslassen, so brauchts dann manchmal sehr viel Mühe, bis sie, wie ihr zu sagen pflegt, zufälligerweise wieder auf einen guten Akkord gelangen. Doch was dergleichen fernere saturnusmenschliche Verhältnisse betrifft, wird alles am rechten Ort noch deutlicher dargeboten werden. Und da wir somit von unserem Himmelsboten, Sonnenvogel und Morgensänger nichts mehr Erhebliches dartun können, so wollen wir uns dafür wieder zu einem anderen gefiederten Luftbewohner wenden.
SA|0|21|1|1|Die Vögel sind die besten Sänger im Saturnus. Über die reizendste Musik
SA|0|21|1|0|Sänger über den Flüssen und Seen heißt diese Gattung der Vögel, die wir jetzt näher betrachten wollen. Es ist dieser Vögel schon einmal erwähnt worden, ihres reizenden Gesanges wegen; dessen ungeachtet aber wollen wir ihnen hier noch eine kleine Aufmerksamkeit widmen und da vorerst sehen, welche Gestalt ihnen eigen. Was ihre Gestalt anbelangt, so hat diese eben nichts besonders Erhebliches, sie sehen so ziemlich euren Schwänen ähnlich; nur sind sie gut ums Zwanzig- bis Dreißigfache größer als diese Vögel bei euch auf der Erde und ist im Verhältnis ihr Hals nicht so lang, aber dafür viel dicker. Und was den Kopf betrifft, so ist dieser ebenfalls im Verhältnis größer als bei euren Schwänen.
SA|0|21|2|0|Diese Vögel haben einen sehr beugsamen Kehlkopf, mit welchem eine sehr bewegliche Zunge in Verbindung steht, und haben auch im Verhältnis zu ihrem übrigen Körpermaß eine große, sehr elastische und viel Luft fassende Lunge. Diese Vögel sind die eigentlichen Musiker in diesem Planeten und sind in musikalischer Hinsicht wahre Kaleidoskope. Denn ein solcher Vogel hat das Eigentümliche, dass er sich in seiner Gesangsweise nie wiederholt. Und so er jahrelang singt, da kommt aber dennoch nie wieder irgendeine schon gesungene Melodie zum Vorschein.
SA|0|21|3|0|Das aber ist nicht das eigentlich Überraschende; dieses besteht darinnen, dass, wenn mehrere Vögel, was gewöhnlich zu geschehen pflegt, in Kompanie oder Gesellschaft ihre Lieder singen, nie ein disharmonischer Akkord zum Vorschein kommt. Denn wenn da ein Vogel zu singen pflegt, so singt auch sobald ein zweiter, dritter und vierter usw. mit, jedoch niemals eine und dieselbe Melodie. Es wird aber dennoch ein jeder Vogel durch sein sehr reizbares Gefühl von dem Gesang eines anderen Kameraden so gehalten, dass er seine ganz eigentümliche Melodie stets so führt, dass sie mit der seines Vorsängers niemals in einen unharmonischen Kontrast gerät. Solches ist auch der Fall, wenn dreißig oder noch mehr solcher Vögel sich vergesellschaften.
SA|0|21|4|0|Wer da ein Freund des allerstrengsten und allergelungensten sogenannten Fugensatzes ist, dessen Ohren hätten da jahraus jahrein keine Rast. Denn nicht nur allein dass hier stets neue Ideen sich begegnen, sondern diese Ideen werden da so moduliert und wechseln die Grundtonarten so überraschend, dass sich davon der allergrößte Tondichter auf der Erde nicht den allerleisesten Begriff machen kann. Denkt euch noch dazu die allerreinsten Stimmen, gegen die der Ton eines der allerbesten Sänger auf eurem Erdkörper ein barstes Gekreisch ist, so könnt ihr euch schon eine kleine Vorstellung machen, welchen fröhlichen Genuss dies für einen Saturnusbewohner abgibt, der schon von seiner Geburt aus ein so großer Tonfreund ist. Ich sage euch, wenn es euch möglich wäre, nur drei Töne aus der Kehle eines solchen Wassersängers aus dem Saturnus zu hören, fürwahr, alle eure Musik auf der Erde würde euch sobald für alle Zeiten unerträglich werden.
SA|0|21|5|0|Die Wassersänger aber sind auch zugleich schuld daran, dass die Saturnusbewohner, obschon sie so große Freunde der Musik sind, sich aber dennoch äußerst wenig auf dieselbe verlegen, denn sie sagen: „Unsere Kehlen sind gegen diese Sänger nur aus plumpem Holz. Und die Töne, die wir irgend erfinden, sind dagegen nicht anzuhören. Solange uns der große Geist der Geister diese Sänger lässt, haben wir der herrlichsten Musik in großer Menge.“ Und so wird auch besonders von jenen Saturnusbewohnern, die an den Ufern solcher Seen leben, die Musik gar nicht betrieben, wohl aber von denjenigen, welche natürlicherweise entfernter leben von solchen Gewässern, darunter zumeist die Gebirgsbewohner zu verstehen sind.
SA|0|21|6|0|Können diese Vögel nicht gefangen und zahm gemacht werden? O ja, das können sie recht wohl; aber wenn ein solcher Vogel gefangen ist, dann singt er auch nicht mehr, und wenn da auch eine ganze Gesellschaft beisammen wäre. Sobald er aber wieder freigegeben wird und auf dem Wasserspiegel herumschwimmt, da ist auch der Virtuose schon wieder fertig.
SA|0|21|7|0|Seht, das sind demnach die singenden Vögel, deren schon früher einmal erwähnt wurde. Es dürfte auch hier mit der Zeit die Frage sich aufwerfen, ob diese Sänger in allen den vielen und großen Ländern dieses Planeten zu Hause sind und wo sie sich in einem Land vorzüglich aufhalten, ob mehr im südlichen, nördlichen, östlichen oder westlichen Teil? Da sage Ich euch, dass fürs Erste diese Vogelgattung fast in den meisten großen Festländern dieses Planeten zu Hause ist. Aber in den Ländern selbst hält sie sich dennoch zuallermeist in den südlichen Regionen derselben auf.
SA|0|21|8|0|Die nördlicheren Teile sind zumeist nur sehr dürftig damit versehen, dafür sie aber dann auch schon wieder eine andere Vogelgattung besitzen, die ihnen gewisserart die allerausgezeichnetste Sängergesellschaft entbehrlich macht. Jedoch sind diese nördlichen Luftsänger keine Melodiensänger, sondern da singen mehrere so zusammen, wie da ein Wind durch die Saiten einer Harfe, Töne herauslockend, bläst. Hier kommt's freilich nur selten vor, dass diese viel schwächeren Tonkünstler auf einen wohlklingenden Akkord treffen. Aber für den Saturnusbewohner, der nie Gelegenheit hatte, die besseren Sänger zu hören, ist das dennoch etwas sehr Erhebendes. Wenn diese Vögel aber auch nicht so wohlkonditionierte Wundersänger sind, so sind sie aber anderseits desto heimlicher; und was ihre Gestalt betrifft, da sind sie die bei weitem allerschönste und herrlichste Vogelgattung dieses Planeten. Was aber diese betrifft, davon wollen wir in der nächsten Mitteilung etwas Näheres kennenlernen. Und somit sei für heute mit unseren berühmten Sängern die Mitteilung beschlossen.
SA|0|21|9|0|Wie sehen also diese Vögel aus? Hier wird es ein wenig schwer halten, eine haltbare oder vielmehr gelungene Vorstellung zu machen von dem, wie diese Vögel aussehen, da auf der Erde durchaus kein ähnlicher Vogel anzutreffen ist. Dessen ungeachtet aber wollen wir ihn dennoch so darstellen, dass ihr euch zum wenigsten einen kleinen Begriff machen könnt, wie gestaltet dieser Vogel ist. Und so hört denn:
SA|0|21|10|0|Dieser Vogel ist, was seine Größe betrifft, so groß wie ein wohlausgewachsener Ochse bei euch. Auf dem Leib hat er durchaus grünlichgoldene Federn, welche mehr wollig als glatt sind. Die kleineren Federn am oberen Flügelrand, vom Leib angefangen bis zum Ende des Flügels, sehen aus wie poliertes Gold, über welches man eine hochrote Karminfarbe auftragen möchte. Die Schwungfedern der Flügel selbst sind hellblau; die Ränder derselben aber sehen aus wie mattes Gold. Die Kiele der Federn sind blendendweiß und schillern also verschiedene Farben wie eine Goldperlmuschel bei euch. Der Schweif besteht aus sehr langen Federn, die in zwei Teile abgeteilt sind, wie ungefähr bei einer Schwalbe bei euch; nur sind diese Federn nicht mit steifen, sondern mit weichen, langen und fliehenden Flaumen bekleidet. Diese fliehenden Flaumen haben ungefähr die Farben wie die Flaumen an der Schweiffeder eines Pfaues bei euch. An den äußersten Rändern oder Spitzen hängt ein förmlicher Mähnenbusch von solchen fliegenden Flaumen, welcher manchesmal bei drei Ellen lang von den Federn herabhängt, aber bei allem dem so leicht ist, dass sein ganzes Gewicht nach eurer Waage berechnet kaum ein halbes Quintel Gewichtes wiegen dürfte. Diese Flaum-Mähnen sind mit allen Farben so gefärbt, dass sie bei jeder Wendung eine andere Farbe spielen.
SA|0|21|11|0|Die Füße dieses Vogels sind ganz vollkommen weiß und ganz wohl gebildet, das heißt, nicht etwa nach der Art der Füße der Vögel auf eurer Erde. Der Unterschied besteht darinnen, dass die Füße eurer Vögel gewöhnlich nackt und höchst mager sind, während die Füße der Vögel im Saturnus viel fleischiger sind, und sind bekleidet noch bis zur Kralle mit dem schönsten Gefieder, welches allzeit so aussieht wie das Gefieder des Bauches, nur gewöhnlich etwas heller in der Farbe. Die sogenannten Vogelkrallen oder, eigentlicher und verständiger gesprochen, die Finger oder Zehen am Fuß der Vögel sind bei den Vögeln des Saturnus zumeist so gestaltet wie auf der Erde die Pfoten eines wohlgebildeten Affen. Bei diesem unserem Vogel aber haben sie die Gestalt einer förmlichen Menschenhand, nur dass da auch die Finger bis an die Spitznägel mit schönen leichten Federchen versehen sind.
SA|0|21|12|0|Also sähe dieser Vogel dem Leibe nach aus bis zum Kopf. Allein der Kopf ist aber zugleich auch das Merkwürdigste an diesem Vogel. Warum denn? Seht, dieser Vogel hat im Ernst zwei Köpfe, aber nicht etwa so, wie ihr euch einen Adler mit zwei Köpfen vorstellt, sondern diese zwei Köpfe stehen übereinander, ungefähr so, als wenn irgendein Frauenzimmer vom Scheitel ihres Hauptes aufsteigend noch hätte einen Aufsatz von einem Schwanenhals samt dessen Kopf.
SA|0|21|13|0|Der untere Kopf ist ziemlich rund und hat der Länge nach von unten nach oben einen Durchmesser von nahe zwei Fuß eures Maßes, der Breite nach aber anderthalb Fuß. Dieser Kopf hat ein förmliches weibliches Menschengesicht, nahe so, wie bei euch auf der Erde die etwas seltenen sogenannten Meeresjungfern, und ist mit den reichsten, ins Dunkelblaue übergehenden langen Haaren versehen; über welchen Haaren sich dann noch ein drei Ellen langer Hals mit einem euren Schwänen nicht unähnlichen Kopf befindet, welcher Kopf diesem Vogel dieselben Dienste tut, als wie der Rüssel einem Elefanten.
SA|0|21|14|0|Durch diesen zweiten Kopf nimmt dieser Vogel keine Nahrung und kann auch keine nehmen, da dessen Hals mit keinem Schlund versehen ist. Dessen ungeachtet hat auch dieser Kopf seine zwei Augen, und da er sehr beweglich ist, so kann sich dieser Vogel mit dieses oberen Kopfes Augen überall beschauen, wohin er mit den Augen des unteren Kopfes nicht hingelangen kann. Mit den Augen des unteren Kopfes, welche sehr scharf sind, kann er aber wieder [bis] in die weitesten Entfernungen alles sehr genau ausnehmen. Das Gesicht des unteren Kopfes ist aber nicht etwa nackt, sondern ist ebenfalls mit sehr kleinen, blaßroten Federchen besetzt; nur die Lippen sind frei, und die Mündungen der etwas plattgedrückten Nase. Alles andere aber ist befiedert. Die Augen des unteren Kopfes sind groß und hellblau, und die Stirn geht gegen den oberen Hals ins Blendendweiße über. Der Hals des oberen Kopfes aber ist hellviolett und der Kopf ganz feuerrot. Der Schnabel aber ist bläulichweiß und sehr fest zum Halten ergriffener Gegenstände.
SA|0|21|15|0|Wie nimmt denn dieser Vogel hernach seine Nahrung zu sich? Und wie trinkt er? Dieses geschieht auf eine sehr einfache Art. Er löst mit dem oberen Kopf die Früchte vom Baum ab und hält sie dann vor den Mund des unteren Kopfes, welcher dann natürlicherweise mit seinen scharfen Zähnen, gleich den Affen bei euch, sehr hurtig und munter hineinbeißt und also dieselben auch bald verzehrt. Will nun der Vogel trinken, so bedient er sich des oberen Kopfes statt eines Trinkglases. Er schöpft nämlich in den ziemlich großen Raum des unteren Kopfes das Wasser aus dem oberen Kopf heraus.
SA|0|21|16|0|Seht, das ist also unser zweiter, freilich wohl etwas unvollkommener Sänger, indem er nur einen Ton singen kann. Aber dieser Ton ist dennoch so schön und wohlklingend, dass er auf eure Ohren noch immer effektvoller wirken dürfte als ein ganzes komplettes irdisches Konzert.
SA|0|21|17|0|Denn ihr könnt es sicher glauben, dass selbst die Musik der Himmel, wenn sie am reizendsten ist, nicht in einem Konflikt von vielen Tönen besteht, sondern in einem ganz einfachen Ton. Diese Musik ist die ergreifendste und die wirksamste. Denn prüft es nur bei euch, was euch im Grunde lieber ist: ein allerschönster Ton eines Sängers oder einer Sängerin – oder ein kreischender Instrumentalakkord? Wenn aber jemand hat eine überaus reine und höchst wohlklingende Stimme, ist’s da nicht schade um jeden Ton, der da verdeckt wird durch die anderen kreischenden Töne? Es liegt also nicht in der Vielheit der Töne, sondern in der Qualität des einzelnen Tones die ergreifende Wirkung der Musik. Denn ein vollkommener Ton ist ja in sich selbst schon die allerreinste Harmonie, da er nicht einzeln für sich zur vernehmbaren Erscheinung gelangt; sondern, wenn er als Grundton auftritt, so sind in ihm schon die ihm entsprechenden und von ihm abgeleiteten Töne in gerechtem Klangverhältnis da, wie ungefähr bei einer reinen Glocke.
SA|0|21|18|0|Alsonach müsst ihr euch auch den Ton dieses unseres nun bekannten zweiten Sängers im Saturnus vorstellen; aber nur in einer ziemlich tiefen Oktave, so wie z. B. das g, a und h in der großen Oktave bei euch. So könnt ihr euch eine ziemliche Vorstellung vom Gesang dieses Vogels machen. Wenn er zu singen anfängt, so fängt er höchst pianissimo an, steigert dann den Ton, ohne nur im Geringsten höher oder tiefer zu werden, bis zu einer solchen Stärke, als wäret ihr mit euren Ohren knapp an einer Glocke, wenn sie geläutet wird. In dieser Kraft hält er den Ton einige Sekunden lang; dann aber lässt er ihn wieder schwächer und schwächer werden bis zum gänzlichen Verschwinden. Wenn dann zwei, drei oder vier solcher Vögel beisammen sind, und sind, wie ihr zu sagen pflegt, zufällig gutgestimmter Kehlen, so gibt das oft einen überraschend wundervoll klingenden Akkord, welcher die Saturnusbewohner allzeit ergötzt.
SA|0|21|19|0|Freilich bleibt es dann nur immer bei einem und demselben Akkord und steht dann diese Art Musik auch bei weitem nach derjenigen unserer bekannten Hauptsänger; aber dessen ungeachtet verfehlt diese einfache Musik dennoch nie ihren Zweck. Es möchten zwei Saturnusbewohner noch so erbittert gegeneinander rücken, was in diesem Planeten hier und da nicht selten der Fall ist, so braucht’s dann nichts mehr als eines solchen einfachen Gesanges und die zwei Feinde werden sich im Augenblick zu den innigsten Freunden. Aus diesem Grund werden auch diese Vögel sehr häufig „Ruhestifter“ genannt.
SA|0|21|20|0|Aus diesem Grund auch lassen sie sich zähmen und vertreten da die Stelle eurer Pfauen und werden als Zierdevögel angesehen; dessen ungeachtet aber gibt es auch eine bedeutende Menge ungezähmter. Die gezähmten haben zwar einen stärkeren Ton in ihrer Kehle, aber dafür gewöhnlich etwas rauer; während die ungezähmten höchst reine Töne von sich hören lassen. Die gezähmten werden manchesmal auch als Seltenheit in die südlichen Gegenden gebracht. Dort verlieren sie aber bald ihre Stimme, zufolge anderer Kost, und werden auch traurig und krank und gehen dann gewöhnlich auch bald zugrunde; darum die nördlichen Bewohner, welche diesen Vögeln sehr zugetan sind, nicht leichtlich zu bewegen sind, einen oder den anderen Vogel hintan zu geben.
SA|0|21|21|0|Was noch die Geburt dieser Vögel betrifft, so bringt das Weibchen lebendige Junge zur Welt und säugt sie mit einer sehr vollen Brust, welche unter dem Hals des unteren Kopfes fast so wie bei einem Weib hängt; nur ist die Brust ebenfalls nicht nackt, sondern mit leichten Federchen bekleidet.
SA|0|21|22|0|Jetzt habt ihr alles von diesem Vogel. Nach ihm wollen wir noch einiges Hausgeflügel betrachten und uns dann sogleich zu den Landtieren und sonach zum Menschen selbst wenden.
SA|0|22|1|1|Die Haushenne. Die Goldene Kugel. Die Riesengans
SA|0|22|1|0|Wie bei euch auf der Erde, so auch in diesem Planeten spielt die Haushenne die vorzüglichste Rolle der Hausvögel. Nur sieht diese Henne im Saturnus bei weitem anders aus als wie die bei euch auf eurer Erde. Es gibt aber schon auf dieser Erde in den verschiedenen Ländern und Weltgegenden auch ebenso verschiedene Arten und Gattungen dieses Geflügels. Solches ist demnach auch im Saturnus der Fall; dessen ungeachtet aber gibt es dort dennoch einen gemeinsamen Vogel, der dort als die fast überall gleichartig vorkommende Henne bekannt ist.
SA|0|22|2|0|Wie sieht denn diese Henne aus? Fürs Erste ist sie wenigstens um hundert Mal größer als die bei euch auf eurer Erde; fürs Zweite ist eine jede Henne gleichfarbig. Die Flügel sind hochblau; der Rücken ganz weiß; der Schweif geht ins Hochrote über; der Bauch der Henne ist also gefärbt wie eine Muschel, welche euch unter dem Namen die Perlmutter bekannt ist; die Füße sind lichtrot; und der Hals, vom Kopf angefangen, ist lichtgrün bis in die Gegend der Füße, welche bei dieser Henne nahe an dem Kopf angebracht sind, so dass der bei weitem größere Teil des Leibes hinter den Füßen angebracht ist. Also ist der Vogel gefärbt.
SA|0|22|3|0|Wie sieht es denn bezüglich der Form aus? Hier wird es wieder ein wenig schwer halten, euch ein richtiges Bild zu geben, nachdem auf der Erdoberfläche fast kein Vogel existiert, der dieser Henne im Saturnus gliche. Sonach müssen wir uns schon mehr ins Sonderheitliche einlassen. Kennt ihr dann solches, so wird es euch nicht zu schwer werden, den ganzen Vogel sich vorstellig zu machen.
SA|0|22|4|0|Der Kopf ist sehr groß, im Verhältnis noch größer als der einer großen Nachteule bei euch zu ihrem sonstigen Leib. Zu beiden Seiten des Kopfes stehen zwei weiße Ohren in der Gestalt, wie sie ein Elefant bei euch auf der Erde hat, aber nicht so herabhängend. Vor den Ohren sind zwei verhältnismäßig große und sehr scharfe Augen, welche durch einen dunkelgrünen Federkamm geschieden sind. Ein wenig unter den Augen sitzt ein starker, etwas stumpfer, grauer Schnabel, auf welchen zwischen den Nasenlöchern, wie bei euch bei den indianischen Hühnern, eine Art Rüssel herabhängt, welcher aber jedoch von diesem Vogel mehr in der freiwilligen Gewalt gehalten wird als der bei den indianischen Hühnern bei euch. Seine Farbe ist blutrot. Dieser also gestaltete Kopf ist mittels eines ziemlich langen, aber verhältnismäßig dicken Halses mit dem übrigen Leib verbunden.
SA|0|22|5|0|Der Leib der Henne aber hat an und für sich ohne die Flügel und Füße eine vollkommen eirunde Gestalt. Die Flügel sind verhältnismäßig kurz und haben statt der festen Schwungfedern nur lange und mit weichen Flaumen versehene Stiele. Derjenige Teil der Flügel aber, welcher dem Kopf zugewendet ist, oder wenn ihr es leichter versteht, der obere Flügelrand, ist durchaus mit solchen Federn besetzt, wie sie auf der Erde die Strauße haben.
SA|0|22|6|0|Vermöge dieser etwas stiefmütterlichen Behandlung der Flügel sind diese Vögel auch wohl nicht geschickt zu einem Flug. Da sie aber sehr lange und feste Beine haben, so können sie am Boden herum so schnell laufen, dass dieselben mit natürlicher Laufkraft der Saturnusbewohner nicht leichtlich eingeholt werden können. Wenn daher die Saturnusbewohner eine solche Henne frei abfangen wollen, so tun sie solches allzeit durch die Kraft ihres festen Willens, wovon zu seiner Zeit schon noch mehreres erwähnt wird. Der Schweif dieses Vogels ist ein Radschweif, aber nicht etwa auf die Art wie er da sich vorfindet bei den indianischen Hühnern bei euch, sondern so wie bei den Pfauen; nur ist er im Verhältnis größer und viel dichter als wie bei den Pfauen bei euch.
SA|0|22|7|0|Nun setzt euch den Vogel also zusammen, wie euch dessen Einzelteile gezeigt worden sind, so könnt ihr euch einen ziemlich guten Begriff machen, wie dieser Vogel alldort aussieht. Nur müsst ihr den angegebenen Federfarben den schönen metallischen Glanz hinzufügen, dann habt ihr den ganzen Vogel vor euch.
SA|0|22|8|0|Das Männchen unterscheidet sich nur durch die Größe von dem Weibchen und durch seinen oft lästig gellenden Gesang, während die Henne nur kurz abgebrochene Töne von sich stößt, welche eben auch nichts Angenehmes an sich haben – darum auch ein gemeines Sprichwort bei den Saturnusbewohnern ist, wenn sie einen recht schlechten Gesang bezeichnen wollen, dass sie nämlich sagen: „Höre auf mit Singen, denn deine Stimme ist schlechter als die einer Henne!“
SA|0|22|9|0|Welchen Nutzen gewährt aber den Saturnusbewohnern dieses Tier? Fast denselben, welchen euch eure Haushühner gewähren. Diese Hühner legen nämlich sehr viele und sehr große Eier, welche von den Saturnusbewohnern sogleich, als roh, ausgetrunken werden; denn die Substanz dieser Eier schmeckt so süß wie bei euch eine recht gute Kuhmilch und ist auch im Saturnus viel schmackhafter als die ihrer großen Hauskühe. Die Schale des Eies, da sie sehr fest ist, wird beim schmaleren Teil gut und rein abgenommen und sodann als Trinkgefäß gebraucht, gewöhnlich für edle Säfte, von denen der Saturnusbewohner nur, wie er zu sagen pflegt, tropfenweise Kost nimmt, obschon ein so ausgehöhltes Ei ganz gut fünf Eimer nach eurem Maß fasst.
SA|0|22|10|0|Für dieses Hausgeflügel bauen die Saturnusbewohner gewöhnlich einen lebendigen Stall, d. h. sie pflanzen für sie den euch schon bekannten Wandbaum an, machen dadurch einen länglichrunden Garten, der nicht selten eine halbe Quadratmeile Raum fasst. In diesem ziemlich großen Stall werden dann allerlei Gras[arten] und andere Pflanzen angesät und mitunter auch einige euch schon bekannte Regenbäume gesetzt, und es halten in einem solchen Stall sich dann manchmal bei einem vermögenderen Saturnusbewohner einige tausend solcher Vögel auf, welche dann auch einen bedeutenden Reichtum des sie innehabenden Saturnusbewohners ausmachen. Da aber diese Vögel nur unter sich verträglich sind, keinen fremden Gast unter sich dulden, so ist denn ein solcher Stall gewöhnlich allein für diese Vogelgattung errichtet. Dieser Stall wird aber dennoch stets ziemlich entfernt von der Hauptwohnung der Menschen errichtet. Warum solches, [das] könnt ihr euch leicht vorstellen, so ihr einen Rückblick auf den eben nicht sehr angenehmen Gesang dieses Vogels werft.
SA|0|22|11|0|Es gibt aber neben diesem Vogel noch mehrere Gattungen anderer Hausvögel, welche jedoch weniger nützlich sind als dieser. Denn von diesem uns schon bekannten wird alles gar und nützlich verwendet, und es wird auch sein Fleisch gegessen, und aus seinen Federn werden, so wie bei euch, nicht selten weiche Lager bereitet, wogegen von den anderen Hausvögeln sehr wenig gebraucht wird; daher sie auch mehr der Unterhaltung und der Zierde wegen gehalten werden. Mancher wohlhabende Saturnusbewohner hat nicht selten alle möglichen Gattungen solcher zahmer Vögel bei seiner Haushaltung. Mancher beschränkt sich aber nur allein auf die Haushühner. Aus den übrigen zahmen Vögeln wollen wir aber nur noch ein paar flüchtig betrachten.
SA|0|22|12|0|Einer, die sogenannte Goldene Kugel, ist derjenige Vogel, welcher von den Saturnusbewohnern wegen des großen Glanzes seiner Federn als eine Hauptpracht der Haushaltung gerne gehalten wird. Dieser Vogel sieht geradeso aus, als wenn ihr nehmen würdet eine Kugel, welche wenigstens zwölf Klafter im Durchmesser hat, unter dieser Kugel aber [denkt euch] zwei starke Säulenfüße, mit strahlenartig ausgehenden Zehen versehen. Diese Darstellung beschreibt schon die ganze Form dieses Vogels; es versteht sich von selbst, wenn er seine Flügel geschlossen hat.
SA|0|22|13|0|Er hat beinahe gar keinen Kopf, sondern auf der vorderen Seite einen breiten, aber sehr kurzen Schnabel, welcher nach eurem Maß kaum eine halbe Elle lang ist, aber wohl bei vier Ellen breit und dunkelrot. Über dem Schnabel hat er zwei ovale Augen, wovon ein jedes über eine Klafter lang und dreiviertel Klafter breit ist. Die Farbe des Gefieders dieses Vogels ist ganz vollkommen goldgelb, die Füße aber gehen anfangs ins Grüne und verlieren sich endlich ins Rote. Das ganze Gefieder des Leibes als auch der Flügel ist vollkommen gleich groß und ganz flach, wie eine allerfeinst polierte Goldfläche. Am Tag sind diese Vögel für den Saturnusbewohner oft kaum anzuschauen und nehmen sich da aus, als wenn ihr eine Menge vergoldeter Turmknöpfe auf eurer Erde herumwandeln sähet.
SA|0|22|14|0|Von diesem Vogel, wenn er stirbt, wird nichts benutzt als seine Haut, welche ihm die Saturnusbewohner ganz geschickt abziehen können. Was wird denn daraus verfertigt? Diese Häute samt den Federn dienen bei feierlichen Gelegenheiten den Weibern als Achselschmuck, welcher sich auf ihren vollen und runden Armen sehr gut und sehr reich ausnimmt. Die Eier dieses Vogels werden aufbewahrt für die Nachbrut, bei welcher Gelegenheit aber gewöhnlich unter zwanzig Eiern kaum eines eine lebendige Frucht gibt.
SA|0|22|15|0|Das ist somit das Ganze dieses beliebten Prachtvogels bei der Haushaltung der Saturnbewohner. Dann aber haben sie noch einen Vogel, der auch ziemlich häufig gezogen wird. Dieser Vogel kommt dem Leib nach gleich einer Riesengans, was die Form betrifft; das ist aber eben seine Auszeichnung nicht, sondern diese besteht in seinem ungewöhnlich langen Hals, welcher vom Leib aus nicht selten eine Länge von dreißig oder vierzig Klaftern hat. Die sonstige Leibfarbe ist bläulichgrau; die Füße aber sind, was auf diesem Planeten zu einer großen Seltenheit gehört, ganz kohlschwarz. Die Farbe des Halses aber ist zinnoberrot, aber dabei nicht matt, sondern sehr stark metallisch glänzend. Der Kopf ist ebenfalls dem Kopf einer Gans bei euch ähnlich, nur natürlich in verhältnismäßiger Größe des Vogels, dessen Leib ungefähr die dreimalige Größe eines Elefanten bei euch aufwiegt; den Schweif dieses Vogels betreffend hat er durchaus keinen Vogelschweif, sondern vom Hinterteil seines Leibes hängt eine Art Pferdeschweif, dessen Mähnen nicht selten bei fünf Klafter lang sind. Was die Füße betrifft, so sind diese ebenfalls im Verhältnis mehr auf der langen als auf der kurzen Seite und sind, wie ihr zu sagen pflegt, baumstark.
SA|0|22|16|0|Das ist nun das ganze Ausgezeichnete dieses Vogels. Warum wird er denn gehalten? Wie es schon früher erwähnt wurde, gewöhnlich nur aus Prachtliebe. Sonst hat dieser Vogel gar nichts, was der Saturnusbewohner gebrauchen möchte. Hier und da werden wohl die Mähnen des Schweifes gesammelt und werden daraus Schnüre und Stricke geflochten, welche aber eben nicht gar zu fest sind. Das übrige Gefieder wird nicht benutzt.
SA|0|22|17|0|Dieser Vogel wird aber jedoch nur von denjenigen Bewohnern dieses Planeten gehalten, welche an den Seen oder Flüssen wohnen; denn er ist ein Wasservogel und nährt sich zumeist von den Gewürmen der Gewässer, darum er auch einen so langen Hals hat, mit welchem er sehr leicht bis zum Boden reicht und allda seine ihm zusagende Nahrung sucht und sie auch, wenn er sie gefunden hat, alsbald verzehrt. Das Männchen zeichnet sich nur durch einen reichhaltigeren Mähnschweif aus vor dem Weibchen.
SA|0|22|18|0|Dieser Vogel legt seine Eier ins Wasser und lässt sie dann eine Zeit lang herumschwimmen, bis ihm sein Instinkt sagt, dass sie vollkommen abgekühlt sind. Dann breitet er aber seine Flügel über ein oder mehrere gelegte Eier aus und rudert dann mit denselben einer ruhigen Wasserstelle zu, bei welcher Gelegenheit sie dann durch seine Beobachtung bald und sicher von selbst ausgebrütet werden.
SA|0|22|19|0|Wenn dieser Vogel seine Eier bewacht, dann ist es eben nicht ratsam, sich einer solchen Stelle zu nähern; denn da schwingt er sobald seinen langen Hals pfeilschnell an einen solchen Frevler hin, und versetzt ihm mit seinem festen Schnabel einen so derben Hieb, dass sich jeder für allezeit den Appetit vergehen lässt, diesen Hausvogel noch einmal bei seinem allerwichtigsten Geschäft zu stören.
SA|0|22|20|0|Das ist nun das Wichtigste und Denkwürdigste aus dem Geschlecht der gefiederten Bewohner dieses Planeten. Dass aber alle diese jetzt vorgeführten Gattungen und noch tausend andere in den verschiedenen Ländern und Saturnusweltteilen auch in der mannigfaltigen Abartung vorhanden sind, könnt ihr euch sehr leicht vorstellen. Und so wollen wir uns denn zu den Landtieren wilder und zahmer Art wenden.
SA|0|23|1|1|Das größte Landtier, das Mud
SA|0|23|1|0|Auch bei den Landtieren wollen wir ihrer gattungsmäßigen und artenweisen Vielheit wegen nur diejenigen betrachten, welche in diesem Planeten vorkommen.
SA|0|23|2|0|Mud, so heißt das größte lebende Landtier dieses Planeten; findet sich aber jedoch nur in wenigen Saturnusweltteilen vor, und daselbst nicht häufig, so dass auf dem ganzen großen Planeten kaum zehntausend solcher Tiere zusammengenommen sich vorfinden dürften. Diejenigen Länder, wo dieses Tier zu Hause ist, sind sehr wenig bevölkert. Denn wegen der Größe und starken Gefräßigkeit dieses Tieres haben nicht viele andere Wesen neben demselben Platz. Und um dieselben mit diesem Riesentier zu kämpfen – dazu besitzt kein Saturnusbewohner den Mut. Daher überlassen die Saturnusbewohner dasjenige Land, welches von solchen Tieren bewohnt wird, auch ohne weiteres Bedenken ganz denselben, und nennen es daher ein unbewohnbares Mudland. Auf den Hauptkontinenten kommt es zwar nicht vor; aber es gibt noch neben diesen Hauptkontinentländern sowohl südlich als nördlich andere große Eilande, und diese Länder sind auch zumeist allerlei Gattungen solcher und anderer Tiere überlassen. Jedoch keines wird von den Saturnusbewohnern so sorgfältig vermieden als eben ein solches Mudland.
SA|0|23|3|0|Wie sieht denn aber demnach dieses Tier aus? Gibt es etwas Ähnliches auf dieser Erde? Ja, es gibt auch hier ein ähnliches Tier; jedoch auf der Erde bildet dieses Tier eine sehr untergeordnete Rolle, während es in diesem Planeten den ersten und fürchterlichsten Rang in jeder Hinsicht einnimmt, sowohl was dessen Riesengröße wie auch seine Wildheit und Gefräßigkeit betrifft.
SA|0|23|4|0|Welchem Tier auf eurer Erde sieht denn demnach dieses Tier ähnlich? Einem euch sehr wohlbekannten, nämlich einem Schwein. Aber was dessen Größe betrifft, so wäre euer Erdschwein kaum groß genug dazu, um ein Schmarotzertier auf dieses Saturnusschweines Leib zu machen. Ja selbst die großen Saturnusmenschen kommen sich selbst beim Anblick dieses Riesentieres wie kleinwinzige Zwerglein vor. Ich sage euch, wenn dieses Tier auf der Erde hinter einer hohen Alpe stünde, so müsstet ihr wie zum Beispiele von der euch schon bekannten Choralpe, eure Blicke noch ziemlich aufwärts tragen, um den Scheitel des Rückens dieses Tieres zu erschauen.
SA|0|23|5|0|Dieses ungeheuer große Tier, d. h. für eure Begriffe, ist ebenso gefräßig wie euer kleines Schwein und hält durchaus nichts auf Leckereien, sondern was ihm zunächst unterkommt, sei es Gras oder auch so manche Bäume oder Tiere anderer Art oder auch Menschen wie auch Wassertiere, verzehrt es sogleich mit einem und demselben Appetit.
SA|0|23|6|0|Weil aber dieses Tier mit seiner Größe auch eine verhältnismäßige Kraft besitzt, so ist es auch vergeblich, sich mit demselben in irgendeinen Kampf einzulassen. Es haben schon wirklich einmal einige kühne Saturnusbewohner einen Versuch gemacht, mittels sehr langer, scharfer Spitzen, die sie auf über hundert Klafter langen Stangen befestigt haben, eines oder des anderen solcher Tiere Meister zu werden, und strengten dabei ihre volle Willenskraft an; sind aber dabei ganz übel zugerichtet worden. Das Tier wurde zwar auf manchen Stellen verwundet, da aber diese Verwundung ihm nicht das Leben nehmen konnte, so wurde das Tier durch den Schmerz der Wunden wild und wütend und stürzte sobald in einen sehr breiten Fluss, um daselbst seine Wunden zu kühlen. Als daselbst dessen Schmerz etwas gelindert wurde, so stand das Tier sobald wieder auf in dem Fluss, schöpfte aus diesem in seinen weiten Rachen eine übergroße Menge Wasser und mitunter auch ganz riesig große Steine aus dem Grund des Flusses und überspie sobald mit diesem Inhalt seines großen Rachens seine schon siegesfrohen Verfolger, dass diese durch solche wiederholten Manöver so übel zugerichtet wurden, dass davon nur wenige wieder in ihre Heimat zurückgelangen konnten. Einige Getötete aber wurden vom Tier, welches dann bald wieder ans Land stieg, auch sogleich mit wenig Bissen beim letzten Beinchen, wie ihr zu sagen pflegt, aufgezehrt.
SA|0|23|7|0|Damit ihr euch aber einen kleinen Begriff machen könnt, wie viel ein solcher Rachen fasst, so sage Ich euch: Wenn es daselbst Nüsse gäbe, die noch etwas größer wären als euer Schloßberg, so wäre eine solche Nuss eben für einen Zahn dieses Tieres nicht zu groß, um mit derselben mit einem Druck fertig zu werden. Wenn dieses Tier demnach einen vollen Rachen Wasser und Steine nimmt und speit dieselben aufs Land, wahrlich, so es solches täte auf der Erde in eures Vaterlandes oberem Teil, so würde ein solcher einmaliger Ausspeier für den unteren Teil eures Vaterlandes eine solche Überschwemmung verursachen, die sogar ihre Wellen über die höchsten Türme eurer Stadt treiben würde.
SA|0|23|8|0|Wenn ihr das also ein wenig beachtet, so wird euch die Antwort auf die Frage, ob die Saturnusbewohner einen solchen Kampf wiederholen, von selbst in der allergediegensten Verneinung kund werden. Ja, aus diesem Grund sind von den Saturnusbewohnern seit allen Zeiten der Zeiten nur drei solche allzeit verunglückte Versuche gemacht worden. Für jetzt aber ist ihnen alle Unternehmungslust vergangen. Und ihre Weisen sagen auch:
SA|0|23|9|0|„Der Mensch kann mit seiner Kraft sehr viel vermögen, allein die Monde, den großen lichten Kreis, die Ströme, die Stürme des Meeres, den großen Fisch und das Mud kann der Mensch mit seiner Kraft nicht bändigen. Darum wolle er seine Kraft da anwenden, wozu sie gemessen ist. Anderes aber soll der Mensch nicht versuchen mit seiner gemessenen Kraft.“
SA|0|23|10|0|Und noch eine andere Lehre der Weisen dieses Planeten lautet also: „Hört, ihr Menschen! Der Große Geist hat uns gegeben zu bewohnen eine große Welt, und wir kennen nicht, wo sie anfängt und wo sie endet. In dem Land aber, wo wir geboren sind, kennen wir die Dinge, wie sie sind im Wasser, am Land und in der Luft, und wir wissen und haben es allzeit erfahren, dass sie unserer Kraft nach Maß und Verhältnis zu Diensten stehen; wir wissen aber, dass das Mud derselben gespottet hat mit großer Leichtigkeit, da wir dasselbe uns untertänig machen wollten. Also ist es ja so hell und klar wie die Sonne, die uns scheint den Tag hindurch, dass der Große Geist außer uns noch andere Kräfte gesetzt hat, die unserer Kraft nicht dienen sollen. Und wir sollen sie uns nicht zinsbar machen. Daher bleiben wir in den angewiesenen Grenzen unserer Kraft und lassen andere große Kräfte walten daselbst, allwo sie der Große Geist hingesetzt hat. Ferne sei daher von uns, wissen zu wollen, was der lichte große Kreis über uns ist und was die Monde sind. Und ein Mudland bleibe von uns aus für alle Zeiten der Zeiten unbetreten."
SA|0|23|11|0|Wenn ihr diesen Weisheitsspruch ein wenig beachtet, so wird es euch sicher noch einleuchtender werden, welch eine Bewandtnis es da mit der riesigen Größe und der großen Kraft dieses Tieres hat. Es wäre unnötig, euch weiter die Gestalt dieses Tieres zu beschreiben, sondern eines jedweden eigener Phantasie und Einbildung sei es überlassen, sich dieses besagte Tier, so gut es nur immer geht, vorzustellen.
SA|0|23|12|0|Wird dieses Tier von den Saturnusbewohnern zu öfteren Malen gesehen? O nein, solches geschieht äußerst selten, und wann es geschieht, so geschieht es nur so, dass es von den Saturnusbewohnern entweder bei der Gelegenheit einer weiten Schifffahrt oder von irgendeinem, solchem Mudland nicht gar zu ferne gelegenen Vorgebirge eines Hauptkontinentlandes aus gesehen wird. Denn gar zu sehr einem Ufer eines solchen Mudlandes zu nahe zu kommen, ist eben nicht sehr ratsam, denn dieses Tier, wenn es eben nicht zu ferne von seinem Land etwas auf dem Wasserspiegel schwimmend ersieht, macht sobald einige Riesenschritte in das Meer hinein, und wenn dasselbe eben nicht gar zu tief ist, so gelingt es ihm auch, mit wenigen Schritten so etwas auf dem Meere Schwimmendes einzuholen und es zu begrüßen.
SA|0|23|13|0|Etwas für den Saturnusbewohner ganz eigentümlich Abschreckendes und Schauerliches ist das Gegrunze dieses Tieres; davon könnt ihr euch wahrlich keinen Begriff machen. Ich kann euch davon nur so viel sagen, dass, so sich dieses Tier z. B. im tiefen Ungarland befinden würde, richtete da seinen Rachen gegen euer Land herauf und möchte also einige Male grunzen, so würde durch ein solches Grunzen die Erde bis zu euch und noch ziemlich weiter in eine solche Mitbebung versetzt werden, dass nicht nur kein Gebäude eurer Stadt vor lauter Erdbeben stehen bleiben möchte, sondern es würden auch einige benachbarte Alpen ihre nur einigermaßen lockeren Felsenspitzen einbüßen. Aus dieser kleinen Schilderung kann euch schon ein wenig klar sein, warum die Saturnusbewohner eben nicht die größten Freunde dieses sehr stark rührenden Gesanges vonseiten des besagten Tieres sind.
SA|0|23|14|0|Übrigens hat dieses Tier trotz seiner immensen Größe sehr scharfe Sinne; vorzugsweise aber ist der Geruchs- und Gehörsinn dieses Tieres scharf, daher es auch schon von weiter Ferne empfindet, ob sich auf dem Wasserspiegel etwas für seinen Rachen Taugliches nähert. Im Übrigen aber ist es bei weitem nicht so unreinlich wie das Erdschwein. Besonders was das Unrat-von-sich-Lassen betrifft, da übertrifft es an Reinlichkeit fast jedes euch bekannte Tier auf der Erde. Denn bevor es seinen Unrat von sich lässt, wühlt es in das Erdreich ein sehr tiefes Loch oder, nach euren Begriffen, ungefähr einen Krater im Umfang von einer kleinen halben Stunde und nicht selten mehrere hundert Klafter tief. Ist nun ein solches Loch gegraben, da kehrt es seinen After an dieses Loch, lässt da seinen Unrat hinein, welcher aber nicht vom angenehmsten Geruch ist, und scharrt dann über denselben sogleich wieder die vorher aufgegrabene Erde. Dadurch reinigt fürs Erste dieses Tier sein ihm eigentümliches Land und düngt es auch ganz zweckmäßig für einen folgenden Graswuchs, welcher gewöhnlich in diesen Mudländern bei weitem mehr sagen will als die dichtesten Urwälder auf eurer Erde.
SA|0|23|15|0|Nun bleibt uns nur noch eine kleine Frage übrig, nämlich: Wozu ist ein so kolossales Tier auf diesem oder auch auf einem anderen Planeten wohl nütze? Die Antwort auf diese Frage werdet ihr schon bei der Erklärung des großen Fisches finden. Wie jener da bildet einen allgemeinen Übergang des Wassergetiers zum Luftgetier, also bildet auch dieses Tier einen ähnlichen allgemeinen Übergang aus allen Tier- und Pflanzenstufen in eine edlere, dem Menschen näherstehende Tiergattung. Nun wisst ihr alles, was dieses Tier betrifft. Nächstens aber wollen wir erst in kürzerem Durchflug unsere Betrachtungen über die Landtiere weiter ausdehnen.
SA|0|24|1|1|Der Saturnus-Elefant Sisterkihi. Dessen Tötung durch die Saturnusbewohner. Der Schöpfungszweck dieses Tieres
SA|0|24|1|0|Sisterkihi, so heißt das Tier, welches wir nächst dem Mud betrachten wollen. In welcher Rangordnung steht denn dieses Tier in unserem Planeten? Dieses Tier ist der eigentliche Elefant dieses Weltkörpers, steht aber dennoch in allem dem Mud bei weitem nach. Seine Größe beträgt kaum den hundertsten Teil des euch schon bekannten großen Landtieres. Was aber seine Gestalt betrifft, so ist es dem ersten völlig unähnlich. Dieses Tier hat eine ziemliche Ähnlichkeit mit dem Elefanten eurer Erde; aber dennoch nicht ganz so wie manche andere Tiere, von denen ihr noch hören werdet.
SA|0|24|2|0|Wie sieht es denn demnach aus? Dieses Tier hat vier überaus kolossale Füße, wie nahe ein Elefant bei euch, nur natürlich zu seiner Größe im Verhältnis. Aber es hat den Tritt nicht also gestaltet wie der Elefant bei euch, sondern ungefähr so wie ein Löwe, mit außerordentlich starken Krallen versehen. Sein Leib ist außerordentlich umfangreich, so zwar, dass ein solches Tier, wenn es ausgewachsen ist, von der unteren Bauchgegend bis zu seinem Rückgrat siebzig bis achtzig Klafter misst. Sein Schweif ist also lang im Verhältnis zu diesem Tier mit seinem ziemlich massiven Hals, dessen Kamm bis in die Gegend der Vorderfüße mit sehr starken Mähnen versehen ist.
SA|0|24|3|0|Der Kopf gleicht einem Pferdekopf; nur ist im Verhältnis die Stirn viel breiter. Über der Stirn zwischen den zwei Ohren sitzt ein langer, beweglicher Rüssel, welcher bis zu einer Länge von vierzig Klaftern ausgedehnt werden kann; im Gegenteil aber wieder bis zu einem Drittel seiner Länge zusammengezogen. In diesem Rüssel besitzt dieses Tier eine außerordentliche Hebekraft, vermöge welcher es mit diesem seinem dehnbaren Arm Bäume von bedeutender Größe zu entwurzeln vermag.
SA|0|24|4|0|Mittels dieses Rüssels reißt dieses Tier auch, allda es sich vorfindet, Äste von den Bäumen und verzehrt dieselben oft samt den Früchten, besonders wenn es so recht heißhungrig ist. Seine Farbe ist lichtgrau, sein Rüssel aber dunkelgrau. Seine Halsmähnen spielen ins Blaue und sein Schweifbusch ins Lichtgraue. Seine Augen sind düster und von sehr dunkelbrauner Farbe. Auch dieses Tier hat einen sehr großen Rachen, welcher mit überaus starken Hauzähnen versehen ist, welche Zähne überaus weiß sind. Im Hintergrund des Rachens aber besitzt es überaus starke Quetschknochen, welche nicht als Zähne, sondern als wirkliche, sowohl vom Ober- als Unterkiefer weit hervorstehende und zusammenhängende Knochen dastehen. Mit diesen hervorstehenden Quetschknochen kann dieses Tier selbst bedeutend harte Steine mit einer Leichtigkeit zermalmen, dicke Äste also zerquetschen, dass sie in seinem Mund zu einem Brei werden.
SA|0|24|5|0|Dieses Tier ist zwar ein Pflanzenfresser, wenn es aber vom Hunger zu sehr geplagt wird, so schont es auch andere Tiere und im höchsten Notfall selbst den Menschen nicht, aus welchem Grund die Saturnusbewohner auch von diesem Tier nicht eben die größten Freunde sind. Allein dieses Tieres, wo es sich vorfindet, können sich die Saturnusbewohner wohl bemächtigen, obschon mit sehr großen und gefährlichen Schwierigkeiten.
SA|0|24|6|0|Auf welche Weise aber geschieht solches, und wie machen diese Menschen Jagd auf dieses Tier? Mit der Kraft geht es durchaus nicht. Denn auch dieses Tier hat in seinem Rüssel allein so viel Kraft wie tausend der stärksten Saturnusmenschen zusammengenommen. Daher nehmen diese Menschen zur List ihre Zuflucht. Zuvor aber müsst ihr wissen, dass sich dieses Tier vorzugsweise da aufhält, wo sich große Wälder von dem euch schon bekannten Pyramidenbaum befinden, welchem Baum dieses Tier nicht geringen Schaden zufügt, indem es demselben soweit die Äste wegreißt, so weit es nur immer dieselben mit seinem Rüssel erlangen kann.
SA|0|24|7|0|Wenn nun die Saturnusbewohner in irgendeinem Land bemerken, dass dieser fast in allen Saturnusländern vorkommende Riesenbaum nacktstämmig dasteht, so gilt ihnen das für ein sicheres Zeichen, dass sich in einem solchen Wald ein oder mehrere solche Tiere aufhalten. Was tun nun die Saturnusbewohner? Sie umzingeln den Wald von allen Seiten und versehen sich mit Feuerbrändern und zünden den Wald ringsherum an. Da dieses Tier nichts so sehr scheut wie das Feuer und den Rauch, so flüchtet es sich sobald aus diesem Wald oder vielmehr es sucht ringsherum einen feuerlosen Ausweg, welcher aber gewöhnlich nur auf einer solchen Seite offensteht, an welche entweder irgendein breiter Strom, ein See oder wohl gar das Meer selbst stößt. Findet dieses Tier eine solche Stelle, so geht es alsbald ins Wasser.
SA|0|24|8|0|Wie aber dieses Tier ins Wasser kommt, so wird es außerordentlich unbehilflich und plump und hält seinen sonst geschäftigen Rüssel kerzengerade in die Höhe. Die Saturnusbewohner lassen es nun tiefer und tiefer ins Wasser steigen, indem sie es auf Kähnen mit auf langen Stangen befestigten Feuerbrändern verfolgen. Hat dieses Tier einmal im Wasser die Tiefe erreicht, dass es nur noch mit seinem Kopf über der Oberfläche des Wassers sich befindet, so eilen die Saturnusbewohner mit großer Schnelligkeit dahin und hacken dem Tier mit ihren riesigen und scharfen Beilen den Rüssel wurz ab. Wann aber dieses Tier diesen seinen Arm verloren hat, dann ist es auch um sein Leben geschehen. Bei dieser Gelegenheit sinkt es dann im Wasser sobald zusammen und verwest im selben, und dessen Fleisch wird zur Speise sehr vieler im Wasser vorfindiger hungriger Tiere.
SA|0|24|9|0|Was geschieht aber dann, wenn unglücklicherweise ein solcher Wald auf kein bedeutendes Gewässer stößt? Da ist diese Operation freilich wohl etwas gefährlicher und bedenklicher. Greift das Feuer von allen Seiten gut zusammen, so dass das Tier oder auch mehrere seinesgleichen in der Mitte eines solchen zusammenbrennenden Waldes überrascht oder vielmehr eingeholt werden, und [die Tiere] auf keiner Seite einen feuerlosen Ausweg sehen, so werden sie hier unter großem Toben und Wüten erstickt, und wenn das Feuer sehr heftig ist, auch zum größten Teil verbrannt. Hat aber das Feuer nicht gut zusammengegriffen, so rennen sie der wenig befeuerten Stelle zu und brechen daselbst mit großer Heftigkeit ins Freie hinaus.
SA|0|24|10|0|Dann wehe denen, die diesem Tier irgend begegnen. Da nimmt es mit seinem Rüssel Menschen oder Tiere und schleudert sie mit einer solchen Heftigkeit entweder in die Höhe oder wieder auf den Boden der Erde zurück, dass von dem so Geschleuderten kaum eine Spur seines Daseins übrigbleibt. Denn die Heftigkeit des Wurfes, welchen dieses Tier in seiner Wut mittels seines Rüssels ausführt, übertrifft die Heftigkeit einer aus dem Rohr einer Kanone geschossenen Kugel. Würde dieses Tier auf eurer Erde hier einen solchen Wurf ausführen, so wäre es ihm nur ein Leichtes, einen hundert Zentner schweren Stein über zwanzig Meilen weit zu schleudern, und zwar mit solcher Heftigkeit, dass der Stein diesen Weg in wenigen Sekunden zurücklegen müsste. Möchte es ihn aber zur Erde niederschleudern, dann dürftet ihr versichert sein, dass es denselben über hundert Klafter tief in das Erdreich treiben würde.
SA|0|24|11|0|Aus dieser kurzen Schilderung aber könnt ihr leicht entnehmen, welchen Respekt daher die Saturnusbewohner vor diesem Tier haben und welche Sensation das nicht selten auf einem ganzen großen Kontinent macht, wenn ein oder wohl gar mehrere solcher Tiere einer solchen Feuerjagd entronnen sind. Daher wird ein solcher Wald allzeit gehörig überschaut, ob er allein dasteht oder ob er an irgendein bedeutendes Wasser stößt. Steht er allein da, so werden da sehr viele Beschlüsse gemacht, ob und wann es zu wagen wäre, den Wald anzuzünden.
SA|0|24|12|0|Ist der Wald in einem gut brennbaren Zustand und ist er zugleich von bedeutender Ausdehnung, so wird das Feuer gelegt. Wenn aber solches nicht der Fall ist, so lässt man dem Tier lieber den Wald über, trägt aber sorgfältig von allen Seiten her dürres Holz und macht somit einen förmlichen Wall um den Wald, welcher erst dann angezündet wird, wenn die Bäume des Waldes selbst brennbarer werden, welches gewöhnlich zu geschehen pflegt, wenn irgendeine Gegend unter den ziemlich lang anhaltenden Schatten des Ringes zu stehen kommt, welcher Schatten nach eurer Zeitrechnung über eine Gegend, wo er eintritt, stets mehrere Jahre dauert; zu welcher Zeit dann die Bäume zumeist, so wie die eurigen des Winters, ohne Saft dastehen. Alsdann wird dieser Wall von allen Seiten zu gleicher Zeit angezündet, und nach der Anzündung aber von der menschlichen Seite auch so schnell als möglich verlassen.
SA|0|24|13|0|Seht, das ist alles, was dieses denkwürdige Tier dieses Planeten betrifft. Es dürften aber im Saturnus kaum zehn Kontinente mehr von diesem Tier sehr sparsam bewohnt sein.
SA|0|24|14|0|Was die Nützlichkeit dieses Tieres betrifft, so ist sie in physischer Hinsicht dieselbe, nur in geringerem Umfang, wie die des Mud und des euch bekannten großen Fisches. Es hat aber dieses Tier einen anderen natürlichen Zweck und ist nicht wie alle anderen Tiere als Bedingung der Erhaltung anderer Wesenheiten auf einen Planeten gesetzt, sondern die Übergänger können auch ebenso gut durch andere Stufen gehen; aus dem Grund auch kein Land etwas verliert, wenn in selbem solche große, starke und dem Menschen gefährliche Gäste aussterben.
SA|0|25|1|1|Der Blaue Bär Ihur. Dessen Aussehen, Charakter und Nahrung. Seine Nützlichkeit als Urbarmacher wilder Gegenden
SA|0|25|1|0|Nachdem wir sonach diese zwei Riesentiere dieses großen Planeten haben kennengelernt, so wollen wir zu noch einigen anderen Tieren uns wenden, welche, wenn auch nicht mehr so großartig, dessen ungeachtet aber dennoch von bedeutender Denkwürdigkeit sind.
SA|0|25|2|0|Auf der Stufe dieser Tiere nimmt der sogenannte Ihur oder nach eurer Sprache der Blaue Bär den ersten Rang ein. Dieses Tier, wenn es vollkommen ausgewachsen ist, ist nahe so groß wie ein Saturnusmensch, d. h. wenn er [(der Bär)] sich, was er meistens zu tun pflegt, auf seine Hinterbeine stellt und gleich einem Menschen aufrecht einhergeht. Der Name dieses Tieres besagt schon, wie es gefärbt ist, nämlich ganz durchaus hellblau.
SA|0|25|3|0|Wie sieht er denn sonst aus? Bis auf den Kopf so ziemlich ähnlich einem Goldbären bei euch. Der Kopf ist bei diesem Tier ganz anders gestaltet.
SA|0|25|4|0|Wie sieht er demnach denn beim Kopf aus? Das wird wieder ein wenig schwer halten, euch davon eine rechte bildliche Vorstellung zu geben, weil ihr diejenigen Tiere der Erde nicht kennt, die einen ähnlichen Kopf haben wie nämlich unser Saturnusbär. Dessen ungeachtet aber wollen wir dennoch eine Form entwerfen, in welcher ihr den Kopf dieses Tieres beschauen sollt.
SA|0|25|5|0|Denkt euch einen ziemlich runden, bei anderthalb Klafter im Durchmesser habenden Knaul, von dem zu beiden Seiten ziemlich in der Mitte dieses Knauls zwei sehr lange Ohrlöffel hintanstehen, von denen ein jeder eine Länge von dritthalb und eine Breite von einer guten Klafter misst. Dann denkt euch ferner am obersten Teil dieses Knauls zwei ungefähr eine halbe Klafter voneinander entfernte, bei drei Klafter lange, gewundene, wie mattpoliertes Gold aussehende Hörner; ungefähr 5/6 Klafter unter den Hörnern zwei verhältnismäßig große, ganz nach menschlicher Art gebildete Augen. Unter diesen aber denkt euch ein verhältnismäßig großes Löwengebiss oder, wie ihr sagt, eine Löwenschnauze. Und denkt euch ferner noch, dass dieser Kopf mittels eines verhältnismäßig dicken, langen und starken Halses mit dem übrigen Leib verbunden ist.
SA|0|25|6|0|Denkt euch dann schließlich noch hinzu, dass hinter den Hörnern zu beiden Seiten des Halses zwei bis drei Klafter lange, mehr dunkelblaue Mähnen hinabfallen, so habt ihr die ganze Gestalt dieses Tieres. Der Schweif desselben aber hat ein wenig längeres und dunkleres Haar.
SA|0|25|7|0|Wenn ihr nun das alles zusammennehmt und euch noch dazu die Vorstellung macht, dass dieses Tier von den Hörnern angefangen bis zum Schluss der Hinterbeine nicht selten einige fünfzig Klafter eures Maßes lang ist; wenn es aber auf allen Vieren steht, bis zum obersten Rückenscheitel nahe zwanzig Klafter misst und ein jeder seiner Füße für sich bei sechs Klaftern und ihre Dicke ein Zehneimerfass übertrifft, so habt ihr das Tier ganz vollkommen vor euch. Was die Tatzen dieses Tieres betrifft, so seht nur die eines schon bekannten Bären bei euch, so habt ihr die gleiche Form bis auf die Größe und Farbe, welche natürlich mit der übrigen Größe und Farbe des Tieres im genauen Verhältnis steht.
SA|0|25|8|0|Näher wird es hoffentlich nicht nötig sein, dieses Tier darzustellen. Und so wollen wir sogleich den Charakter und die Lebensweise und dessen Tauglichkeit noch ein wenig durchgehen.
SA|0|25|9|0|Dieses Tier ist gewöhnlich gutmütiger Art; nur muss es nicht gereizt und verfolgt werden. Wenn es aber gereizt wird, dann lässt es sobald seinen gutmütigen Charakter fahren und wird sehr grausam und wütend, in welchem Zustand dann nichts von ihm geschont wird. Was ihm da unterkommt, wird sogleich angefallen und weidlich zugrunde gerichtet. Denn dieses Tier hat, obschon es eben nicht größer ist als ein Mensch, aber dennoch eine Kraft für zehn Menschen in seinem festen Körper; aus welchem Grund es einem mutwilligen Saturnusbewohner allzeit ganz übel ergeht, wenn er allein mit einem solchen Tier, so es sich in einem gereizten Zustand befindet, in einen Konflikt gerät.
SA|0|25|10|0|Da die Saturnusbewohner das Tier bei aller seiner Gutmütigkeit dennoch scheuen, so suchen sie dasselbe durch allerlei Mittel auch gar emsig zu verscheuchen und zu vertreiben aus den von Menschen bewohnten Gegenden. Aus diesem Grund kommt dieses Tier auch äußerst selten vor das Angesicht unserer Saturnusmenschen.
SA|0|25|11|0|Wovon nährt sich dieses Tier? Es nährt sich von Gras, Wurzeln und jungen Ästen der Bäume und der Gesträuche. Fleisch verzehrt es nicht, auch nicht einmal im äußersten Notfall. Wenn es aber gereizt ist, da zerreißt es Menschen und Tiere, lässt aber dann die so zugrunde Gerichteten unversehrt [unverzehrt] liegen und begibt sich sobald zu [von] seinem Kampfplatz.
SA|0|25|12|0|Das Merkwürdigste dieses Tieres ist, dass es eine ganz eigentümliche Furcht vor seinem eigenen Zorn hat, aus welchem Grund es dann auch so viel nur immer möglich, durch seinen eigenen Instinkt geleitet, jede Gelegenheit sorgfältig vermeidet, bei welcher es in einen gereizten Zustand geraten könnte. Ein solcher Instinkt wäre auch so manchen Menschen auf eurer Erde nicht überflüssig; besonders für jene ehrsüchtigen Stänker und kriegslustigen Patrone, welche nur jede Gelegenheit aufsuchen, bei der es etwas zu kämpfen gäbe. Jedoch wollen wir uns nicht länger hier verweilen, sondern noch einen Blick auf unser Tier werfen und sehen, wozu es denn taugt.
SA|0|25|13|0|Dieses Tier kann mit allem Recht der Urbarmacher wilder Gegenden genannt werden; denn es lockert in kurzer Zeit mit seinen außerordentlich starken Krallen eine weite Strecke des Saturnuserdreichs so gut auf, dass sie, die Saturnusmenschen nämlich, solches mit allen ihren guten Werkzeugen kaum zu bewirken imstande sind. Was tut das Tier aber hernach, wenn es das Erdreich so aufgelockert hat? Da geht es auf fruchtbare Stellen und sucht dort allerlei ihm genießbare Wurzelgewächse und legt dieselben in diese aufgelockerten Furchen. Geschieht solches von dem Tier auch nicht in der Absicht, als wolle es einen Acker bestellen, sondern nur, um sich einen Nahrungsvorrat zu sammeln, so bleiben aber fürs Erste dennoch oft die so hineingelegten Wurzeln liegen und treiben dann aus und wachsen sehr üppig fort. Und so wird dadurch fast allzeit ein ganz wüster, unfruchtbarer Ort fruchtbar gemacht, und das umso mehr, weil dieses Tier, wenn es diese seine Vorratskammer gehörig angefüllt hat, nicht leichtlich eher eine solche Stelle verlässt als bis es gewahrt, dass sein Vorrat nahe aufgezehrt sein dürfte.
SA|0|25|14|0|Weil es aber immer auf dieser Stelle, solange noch da etwas Genießbares vorhanden ist, herumwandelt, so lässt es sich auch kreuz und quer auf einer solchen Stelle auf mehrere Jahre andauernd gefallen.
SA|0|25|15|0|Wenn dann Menschen bei ihren häufigen Fortwanderungen in so manchen großen Kontinentländern unseres großen Planeten auf solche Stellen treffen, so wissen sie alsbald, dass sie sich in der Nachbarschaft eines solchen Tieres befinden, bei welcher Gelegenheit sie dann längere Zeit abwarten und sehen, ob ein solcher Einwohner etwa nicht mehr einen Gebrauch von seinem Acker macht. Entdecken sie nach längerer Zeit nichts, so gilt das für einen bleibenden Beweis, dass ein solches Tier diese Stelle verlassen hat; und sobald auch wird dann eine solche Stelle in Besitz genommen.
SA|0|25|16|0|Geschieht es dann und wann aber dennoch, dass ein solches Tier von irgendwoher einen solchen Platz der Wurzeln wegen aufsucht, so müssen dann die Saturnusbewohner entweder ruhig zusehen, wie dieser Ackersmann ihren Grund von neuem auffurcht und bei solcher Gelegenheit nicht selten ihre eigenen Anpflanzungen verdirbt – oder sie müssen diesen ungebetenen Gast mit Gewalt angreifen, bei welcher Gelegenheit es dann immer zu einem bedenklichen Gefecht kommt. Denn das Tier will hier auch seine angewohnten Vorrechte geltend machen und sich nicht gerne abweisen lassen. Und den Menschen kommt es ebenfalls nicht gar zu leicht vor, ein neues fruchtbares Land so bald wieder räumen zu müssen.
SA|0|25|17|0|Ist aber ein solches Tier dennoch besiegt worden, so sind die Einwohner vor jedem künftigen Besitz seitens desselben sicher. Können sie auch das Tier nicht völlig töten, so bringen sie es aber durch ihre Neckereien bei diesem Tier dennoch dahin, dass es sich merkt, wo es gereizt worden ist. Da aber dieses Tier in seinem ruhigen Zustand seinen eigenen Zorn fürchtet, so kehrt es zu dieser Stelle nicht wieder zurück, da es gereizt wurde.
SA|0|25|18|0|Das ist alles, was bei diesem Tier als denkwürdig zu beachten ist, und so wollen wir wieder auf ein anderes übergehen.
SA|0|26|1|1|Der Saturnus-Löwe Horud. Er dient zur Jagd und zum Holzfällen. Fang der Jungen
SA|0|26|1|0|Horud, so heißt dasjenige Tier, welches wir nun wieder flüchtig betrachten wollen. Welchen Rang nimmt denn dieses Horud im Saturnus ein? Blickt auf euren Löwen; was dieser ist auf der Erde, dasselbe auch ist der Horud im Saturnus. Sieht er aber auch so aus wie euer Erdlöwe? Auf diese Frage kann weder eine gänzlich bejahende noch ebenso wenig verneinende Antwort gegeben werden. Denn dieses Tier hat so manches Ähnliche mit dem Löwen der Erde, so manches aber auch wieder gar nicht. Die nähere Darstellung aber wird es schon ohnehin zeigen, inwieweit er verschieden ist bezüglich seiner Gestalt von der des Erdlöwen.
SA|0|26|2|0|Wie sieht denn dieses Tier demnach aus? Was fürs Erste seine Größe betrifft, so ist es ebenso groß wie der euch schon bekannte Blaue Bär. Was aber die Farbe betrifft, da ist dieses Tier von mehrfacher Farbe, je nach der Verschiedenheit seiner Leibesteile. So ist sein Rücken hochrot bis nahe in die Mitte des Bauches. Die Schulterblätter und die Füße, sowohl die vorderen als hinteren, sind blassgrün. Der Bauch aber ist mehr dunkelgrün oder, wie ihr zu sagen pflegt, üppig grasgrün. Sein Schweif ist weiß, zu Ende desselben aber prangt ein hellroter Mähnenbusch. Die weiße Farbe des Schwanzes ist auf der oberen Seite durch regelmäßige rote Flecken verziert. Die Krallen an seinen Füßen sind ebenfalls weiß, an ihren Rücken aber mit einem roten Streifchen verbrämt.
SA|0|26|3|0|Insoweit wir die Farbe des Tieres jetzt beschrieben haben, sieht es der übrigen Form nach völlig ähnlich einem Löwen eurer Erde. Aber was den Hals und den Kopf dieses Tieres betrifft, so ist es sehr verschieden der Form nach von eurem Löwen. Es gibt aber schon wieder auf der Erde kein Tier, das da hätte einen diesem Tier ähnlichen Kopf. Wie sieht denn hernach der Kopf dieses Tieres aus? Dieses Tier hat einen nahe viereckigen Kopf, ungefähr so wie da viereckig ist ein an den Kanten etwas abgerundeter Würfel. Dieser Kopfwürfel sitzt mit der einen Fläche am Hals, so zwar, dass der Hals die hintere Fläche aufnimmt, aber nicht also ganz die vordere, welche gleich einer Kinnlade über den Hals um ein Drittel ihres Durchmessers hervorragt. An den beiden Seitenflächen dieses Kopfwürfels sind zwei halbkreisförmige Ohrtrichter angebracht, welche von der Fläche aus auf jeder Seite des Kopfes über eine Klafter hintanstehen und so gefärbt sind wie ein Regenbogen in sehr hellen Farben.
SA|0|26|4|0|Auf der oberen Fläche dieses Kopfwürfels befindet sich ein nahe eine halbe Klafter langes, kegelartiges, ganz schwarzes Horn; d. h. in der Grundfarbe ganz vollkommen schwarz; auf welcher schwarzen Fläche aber sich dennoch in einer schneckenartigen Windung regelmäßig runde Scheibchen befinden, welche aber einen sehr starken metallischen Glanz haben. Um den Fuß dieses Horns ist ein längerer Haar- oder Mähnenkranz von hellblauer Farbe so angebracht, dass dieses Horn gewisserart wie eine Säule aus selbigem hervorragt. Am Hinterhaupt und gegen den hinteren Teil, der sich an den Hals anschließt, werden diese Haare stets länger und dichter, vorwärts gegen die Stirn aber werden sie kürzer und gekrauster.
SA|0|26|5|0|An der Vorderfläche des Kopfes sind in einer verhältnismäßigen Vertiefung zwei im Verhältnis zum Tier sehr große Augen sitzend, wovon jedes einen Durchmesser von einer halben Klafter nach eurem Maß hat, d. h. bloß nur das eigentliche Auge gerechnet; denn mit der Höhlung und mit den Augenwinkeln dürfte jedes Auge wohl nahe eine ganze Klafter Durchmesser haben. Die Augendeckel sind von sehr dunkelroter Farbe, über den Augendeckeln aber sind ebenfalls, so wie bei einem Menschen, verhältnismäßig große und starke Brauen angebracht, die auch so gekraust sind wie die Haare um das schon beschriebene Horn, namentlich auf der vorderen Stirnseite.
SA|0|26|6|0|Jetzt aber kommt das eigentlich Merkwürdigste von diesem Tier, und das ist sein Mund. Ihr werdet schon sicher öfter von einem sogenannten Vogel Greif gehört haben. Seht, das ist unser Tier (bis auf den Abgang der Flügel) fast so ziemlich. Denn statt einen gewöhnlichen Rachen hat es einen ungemein starken Habichtschnabel, welcher von ähnlicher Farbe ist wie das Horn auf dem Haupt; nur sind die runden Flecken nicht schneckenartig, sondern reihenförmig von der Schnabelwurzel bis zur Spitze desselben in abnehmender Größe angebracht. Der obere Teil des Schnabels ist so wie bei jedem Vogel, den ihr kennt auf eurer Erde, unbeweglich. Der untere Teil des Schnabels aber ist samt der unteren Würfelfläche bis über die Gegend des Halses beweglich. Allda, wo der Schnabel aufhört, hat auch dieses Tier sehr mächtige Quetschzähne in seinem Rachen. Statt der Hau- und Schneidezähne aber bedient es sich überaus vorteilhaft seines mächtig starken Schnabels, welcher nahe anderthalb Klafter über die vordere Hauptfläche hervorragt, an der Wurzel aber nahe so breit ist wie die Hauptfläche selbst.
SA|0|26|7|0|Dieses Tier hat auch eine überaus ins Lange dehnbare Zunge, welche ungefähr die Eigenschaft eines Rüssels hat, und daher kann das Tier mit dieser seiner Zunge verschiedene Sachen mächtig ergreifen und hineinziehen in seinen Rachen. Die Wurzel des Schnabels ist ebenfalls mit gekrausten lichtblauen Haaren verbrämt, welche gegen den Hals zu mehr ins Grünliche übergehen.
SA|0|26|8|0|Was ist aber die gewöhnliche Farbe des Kopfes? Die gewöhnliche Farbe des Kopfes ist licht-aschfarben und unter den Augen wie auch auf der Stirn mit drei übereinanderstehenden Kreisen von hochroter Farbe geziert. Was die anderen Hauptflächen betrifft, so sind nur die beiden mit den Ohren versehenen Seitenflächen sichtbar und sind ebenfalls von aschgrauer Farbe, aber ohne weitere Verzierung. Die hintere Fläche aber ist schon, wie ihr wisst, von der oberen Fläche angefangen, mit langen Haaren verziert, deren blaue Farbe immer lebhafter wird, je mehr sie sich dem Hals nähert. Der Hals ist verhältnismäßig stark und bis zum Kopf gerade so lang wie der hintere Leib, d. h. von den Schultern der Vorderfüße angefangen bis zum Schweif hin, und ist durchaus mit reichlichen Mähnen von leuchtendblauer Farbe bedeckt. So sieht unser Tier aus.
SA|0|26|9|0|Was ist denn seine Tauglichkeit, und was hat es für einen Charakter; wo ist es zu Hause, und in welchem Verhältnis steht es zu den Saturnusbewohnern? Diese viergliedrige Frage wollen wir ganz kurz beantworten. Dieses Tier, da es gemeiniglich sonst ganz sanfter Natur ist, wird von den Saturnusbewohnern häufig zahm gehalten und dient ihnen durch seine Pracht und seine Arbeitsamkeit, wenn es dazu gehörig abgerichtet worden ist.
SA|0|26|10|0|Zu welchen Arbeiten wird es denn verwendet? Gewöhnlich zur Jagd verschiedener anderer Tiere, welche kleiner und manchmal sehr schädlicher Art sind. Auch wird dieses Tier zur Schattenzeit zum Holzfällen verwendet; denn mit seinem Schnabel beißt es so dicke Äste, namentlich von dem Pyramidenbaum, den es mit großer Leichtigkeit bis zum Gipfel erklettert, mit einem Biss wurz ab. Ja ihr müsst euch die Äste nicht selten in einer Dicke vorstellen, dass sie bei euch fünf Männer kaum umfassen dürften; und ein solcher Ast ist diesem Tier geradeso, als wann ihr in einen mürben Apfel beißen würdet.
SA|0|26|11|0|Wenn es von einem Baum der Äste in hinreichender Menge herabgerissen hat, dann zieht es auf ein gegebenes Zeichen, dieselben mit seinem Schnabel erfassend, auch zu den Wohnungen der Menschen und zerbeißt sie da in angegebene Stücke, welche dann unsere Saturnusbewohner alsbald zur Feuerung benützen können. Und so wird dieses Tier noch zu allerlei anderen zerbeißenden und tragenden Arbeiten verwendet.
SA|0|26|12|0|Nur muss aber dieses Tier jung gefangen werden, wenn es so abgerichtet werden soll. Denn wenn das Alte sich fangen ließe, so würde es nicht sich also an solche Arbeiten gewöhnen. Allein es ist da mit dem Fangen eines alten Tieres so viel wie nichts zu machen; denn fürs Erste flieht es im ungereizten Zustand jede menschliche Annäherung, wird es aber irgend umzingelt, so ist ihm eben nicht für die Länge der Zeit gar zu viel zu trauen. Denn sobald es einmal anfängt mit seinen starken Krallen in den Boden zu graben, so ist das ein Zeichen, dass die Jäger die höchste Zeit haben, sich zu entfernen. Tun sie solches nicht, so macht dieses Tier gar bald einen mächtigen Sprung um den anderen, brüllt dabei, und auf wen es da stößt, dem macht es die Kraft seines Schnabels also fühlen wie einem Baumast. Daher ziehen sich die Jäger auch alsbald zurück, wann sie das Tier in einem solchen bedenklichen Zustand erblicken.
SA|0|26|13|0|Wie werden aber bei dieser Bedenklichkeit des Tieres seine Jungen gefangen? Das geschieht durch eine List. Denn die Saturnusbewohner derjenigen Gegenden, wo dieses Tier zu Hause ist, wissen gar wohl, dass dasselbe ein großer Freund von berauschenden geistigen Getränken ist, aber nur zu der Zeit, wenn es Junge hat, und da sowohl das Männlein als das Weiblein, die sich nur durch die Geschlechtsteile unterscheiden. Bei dieser Gelegenheit bringen dann die Saturnusjäger in ziemlich viel innehaltenden Gefäßen solche Getränke in die Nähe, da sie wissen, wo sich ein solches Tier aufhält. Da braucht es dann nicht lange zu warten und das Tier ist schon mit vollem Appetit bei dem Köder. Wann es die Gefäße geleert hat, kehrt es sich ganz sanft wieder um und geht zur Stelle, da seine Jungen sind, deren dieses Tier gewöhnlich zwei, drei bis vier zur Welt bringt. Hat es nun diese Stelle erreicht, dann legt es sich alsbald nieder und schläft so fest ein, dass es vom Raub seiner Kinder nichts merkt. Die Kinder werden da in die Wohnungen der Menschen gebracht und für ihre Tauglichkeit abgerichtet. Die alten aber werden zur ferneren Fortpflanzung am Leben erhalten.
SA|0|26|14|0|Seht, das ist das Ganze unseres nun bekanntgegebenen Tieres, nur wisst ihr noch nicht, wo es zu Hause ist. Es wohnt nur allein in den südlichen Gegenden des Saturnus und daselbst nur in denjenigen Kontinentländern, welche sich nicht über den 45. Grad der südlichen Breite ausdehnen. Denn da dieses Tier nur die Meeresgegenden liebt, so ist es auch nur daselbst zu Hause, wo das Land nicht den besagten Grad übersteigt, wo es dann auch die diesem Tier zusagende hinreichende Wärme hat. Übersteigt aber das Land bedeutend besagten Grad, so wird es natürlicherweise auch kälter daselbst, wo es mit dem Meer zusammenstößt, aus welchem Grund es dann für dieses Tier durchaus nicht mehr taugt.
SA|0|26|15|0|Denn dieses Tier hat den eigenen Instinkt, dass es weder westlich noch östlich ein Land bewohnen will, sondern nur allein die südliche Mitte. Befindet sich diese im gerechten Verhältnis, so lebt auch dieses Tier in einem solchen Land. Ist aber dieses Verhältnis nicht da, so kommt es auch in einem solchen Land ganz und gar nicht fort und lässt sich auch nicht erhalten; daher dieses Tier auch nie im Innern eines Landes gesehen wird, und wird es manchmal aus Seltenheit dahin gebracht, so geht es auch in kurzer Zeit sicher zugrunde.
SA|0|26|16|0|Nun habt ihr ganz vollkommen alles Denkwürdige von diesem Tier. Und somit auch wollen wir uns wieder zu einem anderen, nur diesem Planeten allein eigentümlichen Tier wenden.
SA|0|27|1|1|Zigst, die Saturnus-Antilope, ihr Aussehen und Daseinszweck. Wink über den Grund von Fressen und gefressen werden. Jagd auf das Zigst wegen Aberglauben. Über Geheimmittelschwindel
SA|0|27|1|0|Zigst, oder nach eurer Erdsprache, die ihr sprecht, Spitz- oder Stechfuß, ist dasjenige Tier, das wir so eben betrachten wollen und das nur diesem Planeten ganz allein eigentümlich ist. Dieses Tier steht in diesem Planeten Saturnus ungefähr auf derjenigen Stufe wie die Antilope auf eurer Erde. Denn es bewohnt auch dieses Zigst im Saturnus nur die höchsten Gebirge.
SA|0|27|2|0|Warum wird es denn eigentlich der Spitzfuß genannt? Ihr müsst euch nicht denken, als hätte dieses Tier etwa gar vier spitzige Spieße an der Stelle der eigentlichen gegliederten Füße; sondern darum wird es der Spitzfuß genannt, weil die Vorderfüße dieses Tieres in der Gegend des gewöhnlichen Gliedes über den Klauen gar kein Glied haben, sondern ein geradeausgehendes Horn, welches nach unten zu ziemlich zugespitzt ist. Dieses geht sogleich als eine ganze feste Klaue von der Kniegegend fort aus, die Hinterbeine aber hat es regelmäßig gleich einem anderen Tier; nur sind die Klauen nicht gespalten und ebenfalls ziemlich spitzig.
SA|0|27|3|0|Das wäre nun die Ursache des Namens dieses Tieres. Wie sieht es denn sonst aus? Auf eurer Erde gibt es unter den größeren Tieren durchaus kein ähnliches Exemplar, wohl aber unter den kleineren. Sonach ist der Mittelleib vollkommen dem Leib einer euch wohlbekannten Fischotter ähnlich; der Schweif dieses Tieres aber wieder dem Schweif des Ochsen. Der Hals und der Kopf haben eine ziemliche Ähnlichkeit mit dem Hals und Kopf eines Tigers; nur ist das Gebiss nicht dem Gebiss eines Tigers, sondern dem der grasfressenden Tiere ähnlich.
SA|0|27|4|0|Auf dem Scheitel des Kopfes aber hat es ein einzelnes, etwas nach rückwärts gebogenes Horn. Und so wäre die Gestalt dieses Tieres bis auf seine Größe und Farbe dargetan.
SA|0|27|5|0|Wie groß ist aber dieses Tier? Wenn ihr dessen Größe nach irdischem Maßstab bemessen würdet, da hätte die Erde wirklich nicht ein Beispiel von einem Tier aufzuweisen, das diesem Spitzfuß an der Größe gleichkäme. Aber auf unserem Planeten, allda alle Verhältnisse ums Hundertfache und manchesmal um sehr vieles darüber gesteigert sind, gehört unser Spitzfuß nur den kleineren Tieren dieses Planeten an; denn es hat in allem kaum ein Drittel der Größe von dem vorgehenden Tier, das wir als den Löwen dieses Planeten haben kennengelernt. Aus dem Grund ist es auch jedem Saturnusbewohner ein Leichtes, ein solches Tier, wenn er es gefangen hat, auf seinem Rücken nach Hause zu tragen.
SA|0|27|6|0|Was hat es denn für eine Farbe? Die Hauptfarbe ist blendend weiß, vom Kopf aber angefangen bis zum Schweif hin zieht sich ein hellblauer, verhältnismäßig breiter Streifen. Gegen den Bauch hin ist dieses Tier goldgelb, die Füße gehen nahe ins Rötliche über – bis auf die Spitzklauen, welche ganz vollkommen schwarz sind, so wie auch das Horn auf dem Kopf. Der Hals, das heißt der untere Teil desselben, aber ist vom Unterkiefer angefangen bis zur Brust hin gestreift, und zwar mit Streifen von dunkelroter Farbe.
SA|0|27|7|0|Jetzt habt ihr die ganze Gestalt dieses Tieres, welches in dieser Art und Form auf keinem Planeten wieder vorkommt. Was ist aber die Tauglichkeit dieses Tieres? Was ist dessen Nahrung? Und wird es auch häufig gefangen von den Saturnusbewohnern?
SA|0|27|8|0|Was die Tauglichkeit betrifft, so ist diese für den Saturnusbewohner ebenso wenig von einem Belang wie die Tauglichkeit einer Gämse oder einer Antilope bei euch Erdbewohnern. Dessen ungeachtet aber hat es dennoch in der Ordnung der Dinge seinen gehörigen Platz, den es unbewusst nutzwirkend ausfüllt. Wer aber sieht die Tauglichkeit einer Gämse bei euch ein; wer kann da einen Grund aufstellen, warum dieses Tier auf den Felsenspitzen herumspringt? Wer es aber glauben will, dem will Ich auch den Grund kundgeben.
SA|0|27|9|0|Ihr wisst, dass auf den hohen Gebirgen eurer Erde zur Auflösung des Gesteins allerlei Moos und Pflanzen wachsen. Ihr wisst auch, dass sowohl die Moos- als die Pflanzengattungen nichts als Produkte geistiger Potenzen und geistiger Intelligenzen sind. Wenn sie aber solche Produkte sind, so ist es ja auch ersichtlich klar, dass sich in ihnen irgendein intelligentes Leben hat zu äußern angefangen. Wenn sich aber ein Leben einmal äußert, so äußert es sich nicht, um wieder in den Tod zurückzusinken, sondern nur darum, dass es sich in einer Form ausbildend kräftige, um dann die Form zu verlassen und in eine höhere Form überzugehen.
SA|0|27|10|0|Welche lebenäußernde Form aber steht da auf einer Alpe über den kleinbelebten Formen des Mooses, des Grases und der sonstigen Alpenpflanzen? Hier seht unsere Alpentiere an! Das sind die höheren lebendigen Formen, in welche das Pflanzenleben solcher Hochgebirge übergeht.
SA|0|27|11|0|Dass dieses eine vollkommene Richtigkeit ist, könnt ihr ja daraus leicht ersehen, dass das Leben von diesen Tieren eben dadurch erhalten wird, so sie das Leben der Pflanzen in sich aufnehmen. Und demnach heißt nähren von einer dem Wesen des Tieres zusagenden Kost nichts anderes, als das zerstreute Leben der kleineren, unteren Potenzen in sich aufnehmen und vereinigen zu einem vollkommeneren Leben. Oder für euch noch verständlicher gesprochen:
SA|0|27|12|0|Sich nähren heißt, das von Mir immerwährend ausgehende Leben als in ein Gefäß ansammelnd aufnehmen, damit es von Stufe zu Stufe intensiver und vollkommener wird auf dem Rückweg zur Urquelle, da es dereinst ausgegangen ist.
SA|0|27|13|0|Wenn ihr nun dieses bereits Gesagte nur einigermaßen begreift, so geht mit diesem Begriff auch ganz ungehindert auf unser Saturnustier über. Übertragt auf diesen Spitzfuß dieselbe Tauglichkeit und ihr habt dann alles, was ihr zu wissen braucht, über diesen Punkt nämlich, was die Tauglichkeit dieses Tieres betrifft.
SA|0|27|14|0|Nun hätten wir noch eine Frage zu beantworten übrig, nämlich ob dieses Tier von den Saturnusbewohnern auch gefangen wird? Darauf sage Ich, dass sehr kühne Saturnusbewohner wohl nicht selten auf die Jagd dieses Tieres ausgehen, aber nur höchst selten eines fangen. Denn dieses Tier ist so geschickt in Erklimmung der höchsten Felsenspitzen dieses Planeten, dass da kein Saturnusbewohner einem solchen Tier nachzukommen mehr imstande ist. Vermöge seiner zugespitzten Klauen kann dieses Tier auf einer eurer flachen Hand gleich großen Fläche vollkommen stehen. Wo aber einmal die Felsen in solche zu schroffe Spitzen zusammenlaufen, da hört für unsere großen Saturnusmenschen auch alle Möglichkeit auf, ihre Jagd auf ein solches Tier weiter fortzusetzen.
SA|0|27|15|0|Wenn sich, was höchst selten der Fall ist, ein solches Tier von einer hohen und steilen Felsenspitze herabstürzt und zufolge dieses Sturzes einen unglücklichen Fall macht, und dazu auf einen solchen Platz fällt, den noch ein Saturnusbewohner erreichen kann, so ist der Fang eines solchen Tieres, aber natürlicherweise nur im toten Zustand, möglich. Lebend aber hat noch nie ein Saturnusbewohner ein solches Tier gefangen.
SA|0|27|16|0|Ihr werdet da wohl auch selbst fragen: Ja, wenn dieses Tier so schwer zu fangen ist, warum geben sich denn die Saturnusbewohner so viele Mühe, um eines solchen habhaft zu werden? Seht, dazu treibt die Saturnusbewohner eine Art Aberglaube. Aber dieser Aberglaube gehört nach euren Begriffen in das sogenannte quacksalberische medizinische Fach. Denn die Saturnusbewohner sind der Meinung: Weil dieses Tier die allerkräftigsten und wohlriechendsten Kräuter genießt, so ist dessen Fleisch so etwas Gesundes, dass derjenige, der davon nur etwas Weniges genossen hat, nimmermehr zu sterben vermöchte. Das also ist der Grund, warum dieses Tier so fleißig gejagt, aber nur höchst selten gefangen wird oder werden kann.
SA|0|27|17|0|Es geht aber den Saturnusbewohnern mit diesem medizinischen Glauben nicht viel besser als so manchen Menschen auf dieser Erde, welche auch allerlei Mittel kennen, wodurch sie das Leben des Leibes zu verewigen glauben; die Erfahrung aber belehrt sie doch tagtäglich, dass der Tod der Materie durchaus nicht abgehalten werden kann.
SA|0|27|18|0|Was tun aber solche Menschen trotz der täglichen Erfahrung, die ihre Mittel fortwährend zuschanden macht? Sie tun ein solches Mittel in ein außerordentlich geheimnisvolles Fach ihrer belebenden Wissenschaft und sagen: Dieses Mittel muss genau um Mitternacht eingenommen werden, und zwar in der höchst genau vorgeschriebenen Portion. Ein tausendstel Gran darunter oder darüber macht das Mittel unwirksam.
SA|0|27|19|0|Reicht dieser medizinisch pfiffige Weisheitskniff nicht aus, so wird, um die Sache noch verwickelter und schwerer zu treffen zu machen, zum Einfluss der Gestirne die Zuflucht genommen. Wo dann ein solcher mystischer Lebensmediziner mit großer, höchst unverständiger Beredsamkeit dartut, wie da der Mond stehen, in welchem Viertel, in welchem Zeichen die Sonne übergehen muss, und das zwar gerade um die Mitternacht. Wenn z. B. die Sonne gerade um Mitternacht nicht in das Zeichen des Löwen und der Mond nicht in das Zeichen des Steinbocks, ein anderer Planet nicht in dieses oder wieder ein anderer Planet nicht in ein anderes Zeichen zur nämlichen Zeit übergeht, so ist das ewige Lebensmittel ohne Kraft und Wirkung.
SA|0|27|20|0|Leichtgläubige Menschen glauben dann solchen mystischen Weisheitspredigern und kaufen sich stets zu einem hohen Preis ein solches ewiges Lebensmittel, und schauen sich hernach im Besitz dieses Mittels in den Kalendern fast zu Tode, wann der Mond, die Sonne und alle übrigen Planeten gerade um die Mitternacht in die vorbestimmten Zeichen übergehen würden. Da aber, was ihr auch ohne tiefe mathematische Kenntnisse leicht einseht, diese astronomischen und astrologischen Zeichenstands- und Übergangsverhältnisse wohl entweder gar nie oder vielleicht höchstens nur in einer oder mehreren Millionen von Jahren einmal annähernd eintreffen können, so hebt sich nach der mystisch-klugen Spekulation eines solchen ewigen Lebensbringers die Wirkung solcher außerordentlicher Mittel so gut wie von selbst auf; er aber bleibt unverantwortlich, weil er immer sagen kann, es sind ja nicht alle Umstände eingetroffen.
SA|0|27|21|0|Seht, gerade so wird in unserem Saturnus das Fleisch dieses Tieres benützt. Nur sagen da die Saturnus-Lebensärzte, wenn ein solches Mittel nicht die bedungene Wirkung hervorgebracht hat, dass von dem Menschen, der ein solches Mittel gebraucht hat, eine große Unvorsichtigkeit dadurch begangen wurde, wenn er das Mittel etwa nicht in der Schattenzeit des Ringes, sondern im Sonnenlicht eingenommen habe, bei welcher Gelegenheit es dann ohne Wirkung sein muss.
SA|0|27|22|0|Sagt aber ein Verwandter des Verstorbenen einem solchen Lebensbringer, dass der Verstorbene das Mittel wohl unter dem Schatten des Ringes eingenommen habe, so fragt ihn der Mediziner gleich, wie bei dieser Gelegenheit die Monde gestanden sind. Kann der Befragte darüber die Auskunft erteilen, so wird natürlich der Stand der Monde vom Lebensbringer allzeit als seinem Mittel höchst nachteilig mit großer Beredsamkeit erklärt. Weiß aber der Befragte darüber keinen Bescheid zu geben, so ist das ohnehin das beste Wasser auf die Mühle unseres „Ewiges Leben“ Bringers.
SA|0|27|23|0|Manchmal geschieht es aber auch, dass ein Verwandter eines solchen an einem ewigen Lebensmittel verstorbenen Menschen zu einem anderen ewigen Lebensbringer fragen geht, warum dieses Mittel schon wieder fehlgeschlagen habe. Da könnt ihr euch schon von selbst denken, welche Auskunft ihm dieser andere Lebensbringer über das verunglückte Heilmittel seines Kollegen erteilen wird; nämlich keine andere, als dass er sagt: „Warum seid ihr nicht zu mir gekommen? Denn es ist ja bekannt, dass sich dieser Mensch mit falschen Mitteln abgibt!“ Und um den anderen zu überzeugen, dass das Mittel sicher muss falsch gewesen sein, zeigt er ihm sogleich ein anderes gefärbtes Mittel, und das ist für den Fragesteller genug, um einzusehen, warum das Mittel des anderen nichts gefruchtet habe.
SA|0|27|24|0|Bei solchen Gelegenheiten geht dann ein solcher Verwandter des Verstorbenen nicht selten auch wieder zu demjenigen Lebensbringer zurück, den er als einen Betrüger ansieht. Wie zieht sich aber dann dieser aus der Schlinge? Der führt unseren Rechenschaftsforderer sogleich zu einem gleichgesinnten und gleichunterrichteten Nachbarn und sagt dann zu ihm, nämlich zu dem Rechenschaftsforderer: „Siehe, dieser und dieser und dieser haben mein Mittel gerecht gebraucht, frage sie, wie alt sie schon sind!“ Wenn nun der so Aufgeforderte einen oder den anderen um sein Alter fragt, so bekommt er gewöhnlich eine so „hochalterliche“ Antwort, dass ihm darob das Hören und Sehen vergeht. Gewöhnlich aber sagen solche nach dem Alter Gefragte nie die Zahl der Jahre an, sondern sie führen gewöhnlich außerordentliche Fakta, die sie alle schon erlebt hatten, als Beweis ihres Alters an. So sagt z. B. einer, er wisse noch gar gut, dass dieser oder jener hohe Berg noch gar nicht bestanden ist. Ein anderer zeigt wieder auf den lichten weißen Streifen über dem Himmel und sagt, er habe gesehen, wie dieser Ring von dem Großen Geist ist über das Firmament gespannt worden. Ein Dritter weiß noch die Zeit gar gut, wo noch kein Mond am Firmamente sich befand. Und so weiß einer um den anderen einen besseren Grund seines Alters als sein Vorgänger anzugeben. Wenn dann unser Rechenschaftsforderer mehrere solche Aussagen vernommen hatte, dann gibt er sich gewöhnlich zufrieden und kauft noch obendrauf vom Doktor, der nicht jünger ist als seine Nachbarn, ein solches Mittel und geht damit vergnügt nach Hause.
SA|0|27|25|0|Seht, das ist nun alles, was sich bei der Gelegenheit der Betrachtung dieses Tieres kundgeben lässt. Daher wollen wir uns auch von diesem Tier zu noch einem nicht zahmen Tier dieses Weltkörpers wenden und sodann auf einige zahme Haustiere übergehen.
SA|0|28|1|1|Der Bauor, das Einauge. Sein Schweifarm und Waffenauge. Jagd auf dieses Tier. Seine Haut als Patriarchenmantel
SA|0|28|1|0|Das Tier, welches wir noch betrachten wollen, kommt nur äußerst selten vor. Auf den Kontinent-Ländern ist es ein ganz vollkommener Fremdling. Nur auf einigen bedeutenden südlichen Inseln ist es zu Hause. Wo aber dieses Tier haust, dorthin machen die Saturnusbewohner auch ebenso seltene Visiten wie auf die Inseln, da das Mud zu Hause ist. Warum – solches wird die Folge zeigen.
SA|0|28|2|0|Bauor heißt dieses Tier; nach eurer Sprache würde das ungefähr so viel heißen wie das Einauge. Zuerst wollen wir darüber einen Blick machen, warum dieses Tier das Einauge heißt. Hat dieses Tier denn wirklich nur ein Auge? Nein, sondern es hat also zwei Augen zum Schauen wie jedes andere Tier. Aber auf der breiten Stirn über den zwei Augen, gerade in der Mitte, besitzt es noch ein Waffenauge. Und von diesem sehr gefährlichen Auge hat dieses Tier auch seinen Namen.
SA|0|28|3|0|Bevor wir aber jedoch dieses Auge näher betrachten wollen, werden wir das ganze Tier seiner Gestalt nach beschauen und sodann erst auf das sonderbare Auge übergehen.
SA|0|28|4|0|Wie sieht also das Tier aus? Wie groß ist es und wie gefärbt? Bis auf den Hals und den Schweif sieht dieses Tier einem Pferd bei euch sehr ähnlich. Nur müsst ihr euch den Leib des Pferdes ums Hundertfache größer denken.
SA|0|28|5|0|Was aber den Schweif anbelangt, so sieht dieser einer Schlange ähnlich, wann ihr der Kopf abgeschlagen wäre, und hat nicht selten eine Länge von 120-130 Klaftern, und in der Gegend des Afters, da er anfängt, einen Dicke-Durchmesser von anderthalb Klaftern eures Maßes. Am Ende des Schweifes sind, also wie bei einem Schiffsanker, drei starke Widerhaken. In dem Schweif hat dieses Tier die meiste Kraft und sucht sich mittels desselben die Nahrung im Wasser, darum es sich auch beständig an den Meeresufern aufhält und allda seinen langen Schweif fast ununterbrochen im Wasser herumschwärmen lässt, um sich irgendeinen tüchtigen Fisch oder ein anderes bedeutendes Wassertier mit den Angeln seines Schweifes zur wohlschmeckenden Nahrung zu fangen, zu welchem Fang dieses Tier auch eine große Fertigkeit besitzt. Denn wie es nur in irgendeinem Wasserwinkel etwas ihm zusagendes Lebendiges wittert, so fährt es mit seinem Schweif unter dem Wasser pfeilschnell dahin und macht diesen seinen Schweifwurf so sicher, dass es seine Beute nie verfehlt. Das wäre somit sein Schweif.
SA|0|28|6|0|Wie aber sieht es denn beim Kopf aus? Der Kopf dieses Tieres ist äußerst merkwürdig. Er sitzt auf einem langen und starken Hals und hat fast ganz die Gestalt eines Seekalbkopfes auf eurer Erde. Nur ist auch der Kopf in eben dem Verhältnis größer als der Kopf eines Erd-Seekalbs, als da ist größer sein Leib als der eines Erd-Pferdes. Also bis auf das Waffenauge sieht sein Kopf dem Kopf eines Seekalbes gleich.
SA|0|28|7|0|Was hat es denn hernach mit dem sogenannten Waffenauge für eine Bewandtnis? Seht, dieses Auge ist an und für sich kein Auge zum Schauen; aber es ist ein Auge zum Fühlen oder Festhalten. Dieses Auge ist sonst gewöhnlich geschlossen; wann sich aber dem Tier irgend etwas Feindseliges naht, so öffnet es dieses Auge; wie aber dieses Auge geöffnet wird, so bricht alsbald ein so intensiver roter Lichtstrahl aus eben diesem Auge hervor, dass es ein Leichteres ist, frei in die Mittagssonne zu schauen als in dieses Auge.
SA|0|28|8|0|Wenn dann dieser Strahl auf irgendein lebendiges Wesen geleitet ist, wird dieses alsbald von einer Art Unbehilflichkeit so gefangengenommen, dass es sich wie gebannt empfindet und die Stelle nicht verlassen kann, auf welcher es von diesem Augenlicht unseres Tieres angefallen wurde. Wann dann das Tier sieht, dass der so beleuchtete Feind gehörig gefestet oder gebannt ist, so nähert es sich demselben langsamen Schrittes auf eine so weite Distanz, als wie weit sein mächtiger Schweif reicht, in welcher Distanzberechnung sich dieses Tier nie verrechnet. Sodann aber wirft dieses Tier mit Blitzesschnelle seinen Schweif auf den Feind hin, angelt ihn und trägt ihn mit dem Schweif, der diesem Tier auch als ein Arm dient, sogleich in seinen überaus weiten Rachen, zermalmt ihn da mit seinen starken Zähnen und verschlingt ihn dann zu seiner Sättigung. Es macht da gar keinen Unterschied, ob es ein Tier oder Mensch ist; denn seiner großen Gefräßigkeit zufolge schont es keines einzigen lebenden Wesens, sei es ein Bewohner der Luft oder ein Bewohner der Erde oder ein Bewohner des Wassers.
SA|0|28|9|0|Das wäre somit bis auf die Farbe alles samt und sämtliche Denkwürdige dieses Tieres.
SA|0|28|10|0|Was hat es denn für eine Farbe? Am Bauch ist es hellblau; durch die Mitte des Bauches der Länge nach aber zieht sich ein dunkler, ziemlich breiter Streifen. Der Rücken aber ist von hellroter Farbe mit kleinen zebraartigen, gelben Streifen durchzogen. Die Füße sind pomeranzengelb von da angefangen, wo sie den Leib verlassen. Die Hufe aber sind ganz vollkommen schwarz. Die Haare des Leibes sind im Verhältnis durchaus sehr kurz, darum auch schon einige Saturnusbewohner der Meinung waren, als sei dieses Tier ganz nackt. Nur durch einige gefangene Exemplare wurden sie erst eines andern belehrt.
SA|0|28|11|0|Aber dieser Fang kam und kommt den Saturnusbewohnern allzeit ziemlich teuer zu stehen. Denn wenn sie es fangen wollen, so müssen sie demselben früher bedeutende Opfer bringen, als da sind eine ziemliche Menge großer Haustiere. Erst wann sich dieses Tier durch den Genuss vieler solcher Haustiere übersättigt hat, dann wird es schläfrig und matt, legt sich dann irgend auf einem Platz neben dem Wasser nieder, ringelt seinen Schweif zusammen und verdaut seine reichlich zu sich genommene Kost. Wann die Saturnusbewohner sehen, dass sich dieses Tier zur Ruhe begeben hat, dann müssen sie auch eilen, so viel als nur immer möglich, damit sie eben sobald Meister des Schweifes werden, welchen sie gewöhnlich mit einem Hieb vom Leib trennen. Wann aber diese Operation vollbracht ist, so müssen sie sodann ebenso geschwinde wieder die Stelle verlassen. Denn da der Schweif, auch getrennt von seinem Tier, noch lange fortlebt und sich mit den schauerlichsten Krümmungen hin- und herwirft, das Tier aber vor Schmerz ebenfalls wütend wird und mit seinen Hufen umherschlägt, so ist es durchaus nicht ratsam, sich nach der Operation in der Nähe dieses Tieres aufzuhalten. Solches wissen die Saturnusbewohner, daher entfernen sie sich sogleich und warten die Zeit auf ihren Schiffen auf der Oberfläche des Wassers ab, wann dieses Tier regungslos zusammenstürzt und der Schweif sich krampfhaft ausgestreckt hat.
SA|0|28|12|0|Ist solches einmal vor sich gegangen, alsdann nähern sich unsere Saturnusschiffer wieder dem Ufer, hauen noch den Schweif auf mehrere Stücke entzwei, bei welcher Gelegenheit da noch die zerhauenen Stücke eine ziemliche Zeit lang hin und her springen, nähern sich dann dem Tier selbst und versuchen dasselbe an der Rückengegend durch Stiche, ob im selben sich noch irgendein verborgenes Leben vorfindet. Macht das Tier bei solchen Stichen keine Bewegung mehr, so wird demselben sobald die schöne Haut abgezogen, der Kopf aber wird ihm zuvor abgehauen und sehr schnell ins Wasser geworfen. Denn diese Jäger sind der Meinung, es möchte das Tier während der hautabzieherischen Operation das schreckliche Auge zufällig öffnen, und dann würden sie alle vergiftet; was aber natürlich gar nie der Fall sein könnte, fürs Erste, weil dieses Auge durchaus kein Gift enthält, fürs Zweite aber, weil das heftige rote Licht des Auges sobald vollkommen erlischt, sobald das Tier alle Lebenskräfte vollkommen verloren hat.
SA|0|28|13|0|Ist die Haut einmal von dem Tier herabgezogen und auf ihre Fahrzeuge gebracht, dann lassen sie alles andere liegen und von sich selbst verwesen. Damit aber diese Verwesung desto schneller vor sich gehe, so gibt es da an einer solchen Ufergegend auch schon sobald allerlei hungrige Gäste, welche daher fürs Erste ihren Hunger stillen, manche aber fürs Zweite auch an ihrem wohlbekannten Feind sich ihre Rache kühlen.
SA|0|28|14|0|Wozu aber benutzen dann die Saturnusbewohner eine solche mühsam erlangte Haut? Eine solche Haut wird dann mit Öl gut eingerieben, dass sie nimmermehr steif werden kann. Ist solche Bearbeitung gut genug zu Ende gebracht, so wird die Haut zubereitet oder vielmehr beschnitten und danach zu einem Halbmantel verwendet. Ein solcher Mantel gilt auf einem Rücken des Mannes mehr als bei euch ein ganzes Kaisertum. Denn da heißt es dann sprichwörtlich: Der Bauor macht den Fürsten oder alldort den vorzüglichsten Patriarchen des Landes erst vollkommen ansehnlich als das, was er sein soll.
SA|0|28|15|0|Es gehört für die Saturnusbewohner aber auch im Ernst zu einer der größten Wagetaten, die sie ausführen. Wer demnach sich einen solchen Mantel gefangen hat, der zeigt allen seinen Mitmenschen, von welch großem Mut er beseelt ist. Dieses Zeugnis aber gilt bei dem Saturnusbewohner am meisten. Denn mit einem mutlosen Anführer und Leiter ist ihnen nicht gedient. Dann aber bezeugt ein solcher Mantel auch noch, welche großen Opfer es dem Erringer eines solchen Mantels gekostet hat. Daraus schließen dann die Saturnusbewohner, dass ein solcher Bauor-Mantelinhaber auch bei seiner großen Tapferkeit ein sehr freigebiger Mensch ist, darum er zum Wohle seiner Brüder nicht gescheut habe solch große Unkosten. Und endlich aber schließen sie aus dem Besitz eines solchen Mantels noch auf die große Klugheit eines solchen Menschen, da er es so weise angestellt hat, Meister dieses Ungeheuers zu werden, welches bei den Saturnusbewohnern noch in einem viel entsetzlicheren Ansehen steht als bei euch der sogenannte Drache oder Lindwurm.
SA|0|28|16|0|Wenn demnach ein Mensch ein solches Tier besiegt hat, so wird er auch bei jeder anderen Gelegenheit jedes Unternehmen mit großer Klugheit zu leiten imstande sein. Daher macht dieser Bauor-Mantel einen Saturnusmenschen unfehlbar allzeit zu einem Großpatriarchen, wenn er auch sonst noch ums Drei- bis Vierfache jünger wäre als irgendein anderer Kleinpatriarch. Solange aber hernach dieser Mantel dauert, so lange auch dauert das Großpatriarchentum.
SA|0|28|17|0|Da aber dieser Mantel sonach stets die Großpatriarchenwürde verbürgt, so wird auch mit nichts so sprechend [sparsam] und schonend umgegangen, als wie mit einem solchen Mantel; aus welchem Grund ein solcher Mantel von einem solchen Großpatriarchen nur bei höchst außerordentlichen Gelegenheiten umgehängt wird. Wie es aber überall in unserem Planeten kleine Betrügereien gibt, so gibt es auch solche namentlich mit der dort fast allgemein ewig geglaubten Dauer eines solchen Mantels, welcher, wenn er schon lange morsch geworden ist, aber dennoch durch einen falschen Mantel von anderen Tierhäuten als ein echter Bauor-Mantel forterhalten wird.
SA|0|28|18|0|Ein solches, zufolge dieses Bauor-Mantels errungenes Großpatriarchat vererbt sich dann so lange auf alle Kinder und Kindeskinder des Großpatriarchen, solange noch der Mantel als daseiend vorgewiesen werden kann. Nur so da jemand zu einer frischen Unternehmung sich zum Besitz eines neuen Mantels verhilft und weist solchen im ganzen Land auf, so ist es mit dem alten Patriarchat zu Ende. Jedoch bleibt der alte Patriarch dessen ungeachtet noch immer ein angesehener Mann im Volk. In diesem Fall gilt selbst noch der letzte Fleck eines solchen Bauor-Mantels als ein vollkommen gültiges adeliges Diplom, durch welches der Inhaber so lange solche Bauormantel-Vorrechte genießt, so lange er nur noch ein Stückchen von einem solchen Mantel als Diplom aufzuweisen hat. Haben aber einmal einige gutgesinnte Motten das letzte Fleckchen zernagt, so haben sie auch die Würde eines solchen Urpatriarchen also zerstört, dass ihm am Ende nichts mehr davon übrigbleibt als allein die leere Erinnerung für sich selbst.
SA|0|28|19|0|Jedoch wir wollen diese saturnuspolitischen Verhältnisse vorderhand nicht weiter verfolgen, indem wir noch nicht beim Menschen sind – sondern wollen uns dafür wieder sogleich zu den Tieren wenden. Bevor wir aber jedoch die Haustiere vornehmen wollen, werden wir jenen allgemeinen Überblick über das gesamte nicht-zahme Saturnus-Tiervolk werfen.
SA|0|29|1|1|Geheimnisse der Tonlehre erklären die Harmonie der Weltkörper. Übereinstimmung der wilden Tierwelt von Saturnus und Erde
SA|0|29|1|0|Nachdem wir, wie ihr wisst, nur die außerordentlichen Tiere jeder Gattung sonderheitlich betrachten, so ist es euch aus dem bereits Enthüllten schon bekannt, welche außerordentlichen Tiere diesem Planeten eigen sind. Bei der Darstellung dieser außerordentlichen Tiere werdet ihr aber bemerkt haben, dass sie zuallermeist schon solcher Art sind, dass ihnen im Ganzen kein Tier sowohl eurer Erde als irgendeines anderen Planeten vollends ähnlich ist.
SA|0|29|2|0|Es besteht aber zwischen einem und dem anderen Planeten eine immerwährende Harmonie in allem, ohne welche zwei Weltkörper, in einer noch so unendlichen Entfernung voneinander abstehend, nicht bestehen könnten. Damit ihr aber dieses so viel als möglich richtig auffasst, so muss Ich euch vorerst darauf aufmerksam machen, dass Harmonie nur ist und sein kann, wo eine und dieselbe Ursache die Wirkung hervorbringt.
SA|0|29|3|0|Wenn ihr z. B. über ein flach gehobeltes Brett eine Saite spannt und schlagt dann dieselbe an, so wird die Saite allzeit einen Ton von bestimmbarer Höhe oder Tiefe geben. Spannt ihr die Saite mehr und mehr, so wird der Ton intensiver oder, wie ihr zu sagen pflegt, höher. Je weniger aber die Saite gespannt wird, desto tiefer auch wird der Ton. Was ist da wohl die Ursache der tönenden Wirkung? Ihr könnt mir durchaus keine andere finden und angeben, als das Brett und die über demselben gespannte Saite. So oft ihr nun immer diese Ursache erneuert, so oft auch werdet ihr immer dieselbe Wirkung haben. Die Modifikationen der Höhe und der Tiefe machen hier durchaus keinen Unterschied. Denn Ton bleibt Ton, ob er da ist ein hoher oder ein tiefer. Ihr würdet hier freilich wohl fragen, was da eigentlich den Ton bewirkt – ob das glattgehobelte Brett oder ob die Saite? Und Ich sage euch, weder das Brett allein für sich, noch die Saite allein für sich, sondern beide also gemeinschaftlich, dass das gehobelte Brett als ein zusammenhängendes Ganzes alle nur denkbaren Formen zur Bildung des Tones in der allzeitigen Bereitschaft hat. Die über demselben sich schwingende Saite aber ruft diese Formen voneinander wohl unterscheidbar hervor. Und so ist das gehobelte Brett der Inhalt aller denkbaren Tonformen. Die darüber gespannte Saite aber ist, um dieselben zu wecken und sie dann in die vernehmbare Erscheinlichkeit überzuführen. Damit aber solches möglich ist, so muss ja zwischen dem gehobelten Brett und der Saite eine unleugbare Harmonie obwalten.
SA|0|29|4|0|Wenn da etwa jemand auch die Luft wollte als ein Mittel zur Bildung des Tones betrachten, dann muss fürs Erste doch gezeigt werden, dass da bei der Hervorbringung irgendeiner Wirkung nie und unmöglich je mehr denn zwei polarische Ursachen in einen gegenseitig produzierenden Konflikt treten können. Das Medium aber kann nie als eine Ursache angesehen werden, sondern nur als ein Weg, auf welchem die von den zwei Polaritäten hervorgebrachte Wirkung zur Erscheinung kommt.
SA|0|29|5|0|Nehmt z. B. das magnetische Fluidum. Kann sich dieses denn nur polarisch vorfinden, wann es von irgendeiner Eisenstange aufgenommen wurde, oder ist es nicht vielmehr in sich selbst polarisch freiwirkend durch die ganze Unendlichkeit da? Seht, somit ist eine Eisenstange ja nur ein Weg, auf welchem dieses Fluidum sich euren Sinnen fühlbar äußern kann. Die Stange an und für sich selbst aber kann ja doch unmöglich je als das angesehen werden, das da hervorbringen möchte das magnetische Fluidum selbst.
SA|0|29|6|0|Oder sind die Luft und der Äther zwischen der Sonne und einem Planeten dasjenige, was da bewirkt das Licht; oder sind sie nicht vielmehr nur der Weg, durch welchen das Licht, von einer Sonne ausgehend, zu einem Planeten gelangt, wenn der Planet so gestaltet ist, dass er fähig ist, das auf ihn überkommende Licht aufzunehmen?
SA|0|29|7|0|Sonach wollen wir auf diese Weise auch die Luft bei unserer Tonbildung nicht als ein tonbewirkendes Mittel ansehen, sondern nur als den Weg, auf welchem die Tonformen, wie jene da zwischen der Saite und dem gehobelten Brett gebildet werden, von dem Ohr wahrgenommen werden können.
SA|0|29|8|0|Ihr müsst euch unter Ton überhaupt nicht den Klang denken, sondern nur eine Form, welche durch einen gewissen Grad von Schwingungen irgendeiner glatten und elastischen Fläche entlockt wird. Der Klang an und für sich ist bloß nur Zeuge, dass da durch regelmäßige Schwingungen irgendeines schwingbaren Körpers die Formen eines anderen ihm zugrundeliegenden Körpers entwickelt worden sind. Ich sage euch: Obschon ihr in der Tonkunst bewandert seid, so seid ihr aber nahe in keinem Fach so schlecht bewandert als eben in der Tonkunst. Denn da versteht ihr nichts mehr, als was die Würmer verstehen, die da an der toten Rinde eines Baumes nagen. Demnach stellt ihr zwar wohl einzelne verschiedene hohe oder tiefe Töne zusammen und ergötzt euch an dieser Musik also, wie sich die Würmer ergötzen, wenn sie die tote Rinde eines Baumes benagen. Welcher von euch aber hat es sich noch je beifallen lassen, dass der Ton eine der allerwunderbarsten Formen ist?
SA|0|29|9|0|Seht, so ihr irgendeinen Ton singt oder mit einem Klanginstrument hervorbringt, so wisst ihr dabei nichts mehr zu sagen als: Dieser Ton heißt entweder c oder a und ist entweder in einer oder der anderen Oktave, und dass ihr noch auch dabei bestimmt, durch welches Klanginstrument irgendein solcher Ton bewirkt worden ist. Seht und gesteht, ob ihr von dem Ton viel mehr wisst – außer dass ihr noch die Qualität des Tones taxiert und seine Verhältnisse gegenseitig mit eurem Ohr bemesst, ob sie wohl- oder unwohlklingend sind. Habt ihr solches getan, so seid ihr auch mit dem Ton vollkommen fertig.
SA|0|29|10|0|Damit ihr aber desto gründlicher einseht, wie am allerwenigsten ihr in der Tonkunst bewandert seid, so will Ich euch nur im Vorübergehen etwas Weniges über den Ton selbst sagen.
SA|0|29|11|0|Ihr wisst, dass über ein und dasselbe Brett eine Menge Saiten gespannt werden können, und eine jede Saite wird nach dem Grad der Spannung einen verschieden hohen oder tiefen Ton von sich geben, und das alles auf einem und demselben Brett. Wenn aber auf einem und demselben Brett alle nur denkbaren Nuancen der Töne hervorgebracht werden können, so müssen ja auch in eben und demselben Brett unendlich viele Formen vorhanden sein, damit sie durch jeden möglichen Grad der Spannung einer Saite vollkommen vernehmbar in die Erscheinlichkeit treten können.
SA|0|29|12|0|Wenn ihr nun das Brett an und für sich betrachtet, was findet ihr darauf? Nichts als einen gleichförmig elastischen Faden, entweder aus Metall oder aus den Gedärmen der Tiere. Und so habt ihr nichts als zwei platte Einförmigkeiten, aus denen sich nichts herabphilosophieren lässt vor euch. Und dennoch liegt in diesen zwei platten Einförmigkeiten eine solche Mannigfaltigkeit, dass davon alle Tondichter von Davids Zeiten her noch nicht den milliardsten Teil in allen ihren Kompositionen aufgegriffen haben – da doch diese äußeren Töne an und für sich nichts anderes sind in Hinsicht des eigentlichen wahren Tones, als was da ist die tote Rinde eines Baumes gegen dessen inneres, unsichtbares geistiges Leben.
SA|0|29|13|0|Was also demnach ist der Ton? Der Ton ist nichts anderes als ein Sichkundgeben der endlos vielen harmonischen geistigen Formen, wie da dieselben innewohnen der Materie oder wenigstens in dieselbe hineinragen. Demnach ist das resonierende Brett eines Klanginstrumentes eine unendliche Welt voll geistiger Formen. Und wann ihr z. B. einen Ton unter dem Namen c oder a angeschlagen habt, so hat sich durch den einfachen Klang nichts mehr oder weniger als eine ganze Schöpfung mit einer ewig unzählbaren Zahl der Wesen aller Art für euer Ohr einförmig vernehmbar gemeldet.
SA|0|29|14|0|Ihr klebt dann nur an dem, was ihr vernehmt. Was aber hinter dem Vernommenen steckt, das beachtet ihr nicht. Und wenn euch bei mehreren nacheinander folgenden harmonischen Klängen auch eine große Ahnung ergreift und euch die geistig lebendigen Formen förmlich am Genick packen, so seid ihr noch blind und nagt dafür an der Rinde, ohne bei jedem einfachen Ton zu bedenken, dass eben durch den vernehmbaren Ton eines alleinigen Wortes alle Dinge, welche da erfüllen die ganze Unendlichkeit, hervorgegangen sind. Nun alsdann könnt ihr wohl euch einen kleinen Begriff machen, was da ist ein Ton und wie unterschieden seine große Bedeutung vom einförmigen Klang, den ihr Ton nennt, ist.
SA|0|29|15|0|Da wir aber zuvor von den harmonischen Verhältnissen ausgegangen sind und dargetan haben, wie da zwischen einem glatten Brett und einer darüber gespannten Saite eine stetige Harmonie obwaltet und dass eben aus dieser Harmonie dem Äußeren nach dieselben Wirkungen entstammen, so können wir auch unserem ersten Satz dadurch volle Geltung verschaffen, in welchem Satz da gesagt wird, dass zwischen zwei sich noch so entfernten Weltkörpern die stetige Harmonie sich vorfinden muss.
SA|0|29|16|0|Warum denn? Denkt euch die Sonne als das resonierende Brett, die Planeten aber als Saiten über das Brett gespannt. Wenn nun diese um das resonierende Brett der Sonne schwebenden Planetensaiten durch das ausgehende Licht von der Sonne angeschlagen werden, so nehmen sie auf diese Weise alle die in der Sonne schon zugrunde liegenden Formen auf, nachdem sie dieselben früher auf dem Weg des Lichtes überkommen haben, und setzen sie dann in die äußere formelle Erscheinlichkeit.
SA|0|29|17|0|Wenn ihr nun darauf einen Blick macht, dass die Saite des Saturnusplaneten über dieselbe Sonne gespannt ist, wie die Saite der Erde, die ihr bewohnt, so muss es euch ja auch anderseits einleuchtend sein, dass dieselbe Ursache, welche auf eurer Erde wirkt und ihre Formen auf derselben in die Erscheinlichkeit treten lässt, auch als ebendieselbe Ursache im Saturnus ebendasselbe bewirken wird.
SA|0|29|18|0|Wann ihr z. B. nehmen möchtet ein nahe siebenoktaviges und zugleich ein fünfoktaviges Klavier, so wird da niemand in Abrede stellen, dass das mehroktavige Klavier sicher noch tiefere und höhere Töne haben wird als das fünfoktavige. Wann aber das mehroktavige Klavier mit seiner Skala da eintritt, wo des fünfoktavigen Instrumentes tiefster oder höchster Ton liegt, so wird es hernach mit demselben gleichtönend so lange die Skala harmonisch fortsteigen oder fallen lassen, wie das fünfoktavige; nur werden natürlich die Töne des größeren Instruments sicher stärker, größer und ausgebildeter klingen als auf dem kleineren Instrument.
SA|0|29|19|0|Nun seht, jetzt haben wir eigentlich schon alles. Ich sagte gleich anfangs, dass wir zuvor noch einen allgemeinen Überblick über das sämtliche unzahme Saturnustiervolk werfen wollen, bevor wir noch zur sonderheitlichen Darstellung des zahmen Getiers übergehen werden. Und Ich sage euch, einen solchen allgemeinen Überblick haben wir nun schon gemacht. Denn diese anatomische Darstellung der produktiven Kraft der Sonne war zuvor notwendig, damit das noch zu Sagende nicht als eine Faselei oder als eine nötigende Darstellung der Dinge in diesem Planeten erscheint also, als wäre demjenigen, der solches kundgibt, der Phantasiefaden ausgegangen, demzufolge er dann zu dem die Zuflucht nehmen müsste, was da die Erde als Planet an formellen Erscheinlichkeiten bietet und sagen: Alles Getier der Erde findet sich auch in diesem Planeten mit weniger Abweichung vor; nur dass es im Verhältnis ist größer und stärker und zufolge des schon mehr geteilten Lichtes der Sonne auch buntfarbiger.
SA|0|29|20|0|Da aber solches anatomisch zergliederte Darstellen der harmonischen Verhältnisse vorangegangen ist, so wird da niemand, der gläubigen Herzens ist, darüber etwas einzuwenden haben, so Ich da nun sage: Von eurem größten Urelefanten angefangen bis zur allerkleinsten Maus hat auch der Saturnus alle diese Tiere vollständig auf seiner Oberfläche, nur sind sie im Verhältnis größer und stärker und wechseln ihre Farben zwischen blau, grün, rot, weiß und schwarz, während die Farben der Tiere eures Erdkörpers darum nur selten vollkommen ausgebildet sind, weil die Strahlen der Sonne noch zu intensiv und daher wenig gesondert auf den Boden fallen. Die Färbung ist ja allzeit eine Folge des Lichts. Eure Blumen sind zwar ebenfalls mit allerlei vollkommenen Farben gefärbt, aber es geht der Farbe dennoch der gewisse lebendige Glanz ab, durch welchen eben alle die Blumen unseres Saturnus so lebendig werden, und sonach auch alle anderen Färbungen sowohl der Tiere wie auch der Menschen dieses Planeten.
SA|0|29|21|0|Dieses genügt somit für den allgemeinen Überblick der vierfüßigen und auch anderen Tierwelt dieses Planeten. Demnach werden wir auch von den zahmen Tieren nur diejenigen wenigen einer kurzen näheren Betrachtung unterziehen, welche das fünfoktavige Erdklavier nicht enthält.
SA|0|30|1|1|Die zahme Kuh Buka und ihre Nützlichkeit
SA|0|30|1|0|Das zarte Tier, das wir betrachten wollen, ist die große, zahme Kuh der Saturnusbewohner, von ihnen Buka genannt. Ihr werdet euch vielleicht mit der Zeit denken: Warum muss denn gerade von der Kuh zuerst die Rede sein und warum nicht zuerst vom Stier? Es ist aber hier nicht eine zoologische Aufzählung des Tierreiches, wo nach der gelehrten Ordnung der sogenannten Zoologen nahe allzeit das Männlein vor dem Weiblein einhergehen muss, sondern hier ist eine Aufzählung der Tiere des Planeten nach dem Rang ihrer Tauglichkeit und sonach auch ihrer Denkwürdigkeit. Da also aber die Kuh in diesem Planeten ein viel tauglicheres Tier ist und also auch viel denkwürdiger, so lassen wir es auch wohlgeordnetermaßen vor dem Männlein, das heißt vor dem Stier einhergehen.
SA|0|30|2|0|Was ist also unsere Buka für ein Tier? Wie sieht es aus, wie groß ist es, und wo ist es überall zu Hause?
SA|0|30|3|0|Die Buka oder die Saturnuskuh ist ein riesenhaft großes Tier, aber bei seiner Riesengröße dennoch ungemein zahm. Und im Verhältnis zu seiner riesenhaften Größe verzehrt es sehr wenig Futter, aber es trinkt um desto mehr Wasser.
SA|0|30|4|0|Dieses Tier ist unter allen Tieren dieses Planeten das allernützlichste und macht mit seiner sehr reichlichen und überaus wohlschmeckenden, etwas gelblich aussehenden Milch den vorzüglichsten Nahrungszweig der Saturnusbewohner aus. Ihr möchtet wissen, wie viel nach eurem Maß eine solche Kuh in einem Tag gibt, d. h. in einem Saturnustag? Nachdem der Saturnustag ohnehin nicht viel unterschieden ist von einem Erdtag, so muss es euch nicht gar zu sehr übermäßig wundernehmen, wenn Ich euch sage, dass diese Kuh bei regelmäßig guter Melke des Tages nicht selten eintausend Eimer Milch nach eurem Maß gibt.
SA|0|30|5|0|(NB! Eine solche Kuh dürfte hier auf eurem Erdkörper manchen wirtschaftlichen Industrierittern nicht unerwünscht sein, vorausgesetzt, dass sie eben nicht viel mehr des Futters bedürfte als eine gewöhnliche Erdkuh, des Wassers aber dazu trinken könnte, so viel sie nur wollte und möchte. Allein nachdem sich solche sehr ökonomische Menschen bei einer solchen Kuh im Geiste allzu sehr verwirtschaften möchten, so lassen wir sie nur im Saturnus – ungeachtet dessen es Uns nicht gerade unmöglich wäre, auch auf der Erde eine Saturnuskuh zu erschaffen.)
SA|0|30|6|0|Wie sieht denn hernach im Saturnus eine solche Kuh aus? Was die Form betrifft, so hat sie eine ziemliche Ähnlichkeit mit der sogenannten Auerkuh. Was aber dann deren Größe betrifft, da ist der Unterschied freilich wohl unvergleichbar groß; ja so groß ist er, dass da eine gewöhnliche Kuh eurer Erde auf dem Rücken einer Saturnkuh sich kaum größer ausnehmen dürfte als eine Fliege auf dem Rücken eurer Kühe. Das Männlein oder der Stier ist nach dem Mud beinahe das größte Tier dieses Planeten. Die Kuh jedoch ist bedeutend kleiner als das Männlein. Wenn eine solche Saturnuskuh hier auf eurer Erde stünde, so würdet ihr von ihrem Rücken aus eine bei weitem größere Aussicht haben, als so ihr euch auf eurem Plabutschberg befindet, obschon die Größe dieser Kühe in diesem Planeten selbst sehr unterschieden ist.
SA|0|30|7|0|Die größte Gattung dieser Kühe befindet sich namentlich in jenem großen Kontinentland, welches gleich anfangs der Enthüllung dieses Planeten angezeigt wurde. In diesem Kontinentland ist demnach eine solche Kuh nicht selten bei vierhundert Klafter hoch und vom Kopf bis zum Schweif doppelt so lang. Ihr Leib aber befindet sich auf vier verhältnismäßig festen Füßen, welche jedoch kürzer sind, zum übrigen Leib verglichen, als die Füße einer Erdkuh bei euch zu ihrem Leib. Zwischen den beiden Hinterfüßen hängt ein außerordentlich großes Euter, welches mit acht verhältnismäßig langen Zitzen versehen ist. Die Zitzen hängen aber dennoch über vierzig Klafter hoch über dem Boden, da eine solche Kuh steht.
SA|0|30|8|0|Wie wird denn dann eine solche Kuh gemolken? Nicht so wie bei euch; sondern eine solche Kuh gibt die Milch von selbst. Denn vermöge ihres Organismus steht das Geben oder das Verhalten der Milch bei dem Instinktwillen dieses Tieres. Wie merken aber die Saturnusbewohner, wenn die Kuh die Milch geben will? Solches merken sie fürs Erste aus der aufgedunsenen Völle des Euters und fürs Zweite wann das Tier sich selbst zur Ruhe gestellt hat, nachdem es zuvor gewöhnlich ein großes Quantum Wasser verzehrte.
SA|0|30|9|0|Wenn eine solche Kuh sich sonach ruhig gestellt hatte, da eilen die Saturnusbewohner sobald mit ihren großen, euch schon bekannten Kürbisgewächsen her und halten deren weite Öffnungen unter die Zitzen der Kuh und fangen dann sorgsam in denselben die Milch auf, welche die Kuh freiwillig von sich gab. Hat sich aber die Kuh einmal ihrer Milch entledigt, so gibt sie das allzeit durch einen donnerartigen Murrer zu verstehen.
SA|0|30|10|0|Nach einem solchen Murrer eilen dann auch die Milchsammler mit ihren vollen Gefäßen sogleich unter dem Bauch der Kuh hinweg, damit, wenn die Kuh sich wieder zu bewegen anfängt, da niemand zertreten werden möchte durch den überaus riesigen und schweren Fuß unserer Buka. Bei einer mehrere Jahre alten Kuh ist zwar dergleichen nie zu befürchten; diese setzt solange keinen Fuß von der Stelle, so lange sich nur ein Mensch noch unter ihrem Bauch befindet. Aber bei einer jungen Kuh, die natürlicherweise viel lebhafter ist, muss da viel vorsichtiger zu Werke gegangen werden.
SA|0|30|11|0|Wie genießen denn die Saturnusbewohner die äußerst wohlschmeckende Milch dieser Kuh? Nahe geradeso, wie ihr die Milch eurer Kühe genießt. Nur zu keinem Kaffee gebrauchen sie dieselbe, denn dergleichen extra närrische Speisen kennen die Saturnusbewohner nicht. Sie kochen zwar wohl auch einige ihrer Speisen, aber den Saft einer verkohlten Frucht fliehen sie wie die Pest, weil sie es wohl wissen, dass die Speisen samt und sämtlich also am gesündesten und nahrhaftesten sind, wie Ich sie in der Natur zubereitet und am reinen Feuer meiner Sonne gekocht habe.
SA|0|30|12|0|Sonst aber machen diese Saturnusbewohner ebenfalls Butter und Schmalz und Käse aus dieser Milch, welches alles sie vorzugsweise gerne genießen, besonders aber die Käse mit der Butter und mit dem Honig bestrichen, welcher Honig aber in diesem Planeten nicht von einer Art Bienen herrührt, sondern von einer Art großkelchiger, überaus wohlriechender Blumen, welche nahe über die Hälfte ihrer ziemlich weiten Kelche mit dem Honig gefüllt sind.
SA|0|30|13|0|Also wüssten wir auch in aller Kürze, wie die Saturnusbewohner ihre Milch genießen. Demnach bleibt uns nichts mehr übrig, als allein nur noch, was diese Kuh für eine Farbe hat. Der Leib dieser Kuh ist bis zur unteren Bauchgegend, welche vollkommen weiß ist, blaugrau. Die Füße aber, da sie den Leib verlassen, gehen nach und nach ins Dunkelblaue über, sowohl die vorderen als auch die hinteren. Der Schweif dieses Tieres ist ebenfalls dunkler als der Leib und ist an seinem Ende mit einem überaus starken, zinnoberroten Mähnenbusch verziert. Der Hals ist im Verhältnis zu dem Tier mehr schlank als massiv und ist, vom Kopf angefangen bis zu den Vorderfüßen, nach jeder Seite hin mit so starken und langen, ebenfalls zinnoberroten Mähnen behangen, dass davon ein Haar nicht selten bei fünfhundert Klafter lang ist. Also ist auch der Kopf im Verhältnis zu dem übrigen Leib des Tieres mehr klein – und hornlos. Das Männlein aber hat wohl zwei aufrechtstehende kleine Hörner, die nach rückwärts gebogen sind wie bei einer Gämse bei euch.
SA|0|30|14|0|Etwas Ausgezeichnetes am Kopf der Kuh sind ihre Ohren, davon ein jedes nicht selten eine Länge von dreißig bis vierzig Klaftern eures Maßes hat, und ungefähr ein Drittel der Breite des Ohrlöffels von dem Maß der Länge des Ohres. Die Ohren aber sind ganz von blendendweißer Farbe. Die Stirn dieses Tieres ist lichtgraublau, um die Gegend der verhältnismäßig großen Augen aber etwas dunkler. Die Schnauze dieses Tieres ist geradeso gebaut, wie die Schnauze einer Kuh bei euch. Sie ist ebenfalls nackt und von dunkelgrauer Farbe. Alles Übrige ist vollkommen ebenmäßig und ähnlich einer schon benannten Auerkuh auf eurer Erde.
SA|0|30|15|0|Wird diese Kuh etwa auch in einem Stall gehalten? O nein; dieses Tier ist zu groß, als dass man über ihm einen zweckmäßigen Stall bauen könnte. Wohl aber wird sie in einem lebendigen Garten gehalten. Bei den Saturnusbewohnern aber ist dies nichts anderes als wie die Umzäunung einer bedeutend großen Wiesenfläche mit dem sogenannten Wandbaum, über welchen dann unsere Kuh trotz ihrer Größe dennoch nicht kommen kann, da sie, wie ihr es schon wisst, im Verhältnis zu ihrem Leib nur fürs Erste kurze Füße hat und fürs Zweite diese Füße bei ihrem Fortschreiten nie höher als nur fünf Klafter eures Maßes vom Boden des Saturnuserdreichs erheben kann. Das ist somit der Stall für eine solche Kuh. Freilich wohl ist eine solche umzäunte Wiese nicht selten so groß wie der dreifache Flächenraum eures Vaterlandes.
SA|0|30|16|0|Wie viele Kühe hat denn hernach ein Saturnusbewohner? Ich sage euch, der Inhaber von zehn solchen Kühen und zwei Stieren daneben wird allda schon für den allerreichsten gehalten; sonst aber bleibt es gewöhnlich bei der Einfachheit.
SA|0|30|17|0|Das ist nun alles, was ihr von diesem Tier als denkwürdig zu betrachten habt. Und somit wollen wir uns auch wieder von diesem Tier zu einem anderen, ebenfalls sehr nützlichen Haustier wenden, und das zwar zur sogenannten Blauen Hausziege, welche wir bei der nächsten Gelegenheit erst näher betrachten wollen.
SA|0|31|1|1|Die Blaue Ziege. Tauschhandel mit ihrer Milch. Das Ziegenfest. Kommunikation der Saturnusbewohner mit dem Großen Geist. Verwendung von Wolle und Fell der Blauen Ziege
SA|0|31|1|0|Was ist unsere schon vorbestimmte Blaue Ziege für ein Tier? Fürs Erste ist sie besonders für den wenig bemittelten Teil der Menschen dieses Planeten ein überaus nützliches und unentbehrliches Tier; besonders bei denjenigen Bewohnern der Gebirge dieses Planeten, auf denen unsere große Kuh durchaus nicht gut fortkommt, nachdem alldort zu wenig Futter für sie wächst, und vorzüglich aber viel zu wenig Wasser vorhanden ist, womit diese Kuh sich nach Bedarf ihren großen Durst löschen könnte.
SA|0|31|2|0|Wie sieht dieses Tier denn aus? Ebenso wie irgendeine Ziege auf dieser Erde? O nein, das mitnichten! Wohl aber fast so wie ein Elentier, welches da bei euch die nördlichsten Teile der Kontinente bewohnt; nur ist es natürlicherweise wohl ums Hundertfache größer, das heißt kubischen Maßes, als da ist ein Elentier auf der Erde. Diese Blaue Ziege hat zwischen ihren beiden Hinterbeinen ein ihrer Größe nach verhältnismäßig sehr starkes Euter, welches mit sechs Zitzen versehen ist, aus welchen bei guter Melkzeit die Saturnusbewohner sehr leicht zehn bis zwanzig Eimer Milch, nach eurem Maß genommen, bekommen.
SA|0|31|3|0|Diese Milch ist zwar nicht so süß wie die der großen Kuh, aber sie ist dafür desto wohlriechender, oder wie ihr zu sagen pflegt, substanziöser. Daher geschieht es auch häufig, dass die Gebirgsbewohner nicht selten ihre guten Milchprodukte in die Täler und Ebenen bringen, um manche andere für sie unentbehrliche Sachen einzutauschen. Denn in diesem Planeten gibt es durchaus keinen anderen als nur den Tauschhandel. Und es kommt eben dieser Tauschhandel den Gebirgsbewohnern sehr gut zustatten, dass eben diese Ziege in den Tälern und Ebenen durchaus nicht fortkommt, aber desto üppiger auf den Höhen, allda sie sich nicht selten ihr Futter unter dem Schnee mit ihren schaufelartigen, nach vorwärts gebogenen Hörnern sucht. Denn solches müsst ihr wohl verstehen, dass auch in dem Planeten Saturnus, so wie auf der Erde, die höchsten Gebirgsspitzen, besonders zur Zeit des Ringschattens, mit Schnee und Eis bedeckt sind.
SA|0|31|4|0|Dieses Tier ist an und für sich zwar etwas scheuer Natur; wenn es aber von dem Menschen gut behandelt wird, wird es so zahm und einheimisch, dass es ihnen beinahe überall gleich den treuen Hunden bei euch nachläuft; darum sie es auch zur Zeit, wann sie sich von ihrer Heimat begeben wollen, anbinden müssen an irgendeinen Baum mittels eines langen und starken Grasstrickes, damit es dadurch daheimgehalten wird. Bei den Saturnusbewohnern, namentlich bei demjenigen Teil derselben, welche die Gebirge bewohnen, gibt es sogar im Jahr ein Fest, welches sie zur Danksagung für dieses nützliche Tier dem Großen Geist darbringen.
SA|0|31|5|0|Zu diesem Fest werden eine Menge der schönsten solcher Ziegen hinzugeführt, und zwar mit vollem Euter. Allda auf der bestimmten Stelle werden sie erst in einen Kreis gestellt und sodann in die schönsten und reinsten Geschirre gemolken. Ist diese Arbeit nach kurzer Zeitfrist verrichtet, sodann werden die Tiere zu einem allzeit in der Nähe befindlichen Regenbaum-Teich geführt und werden da gewisserart zur schuldigen Danksagung mit dem äußerst wohlschmeckenden und reinen Wasser getränkt. Sodann aber werden sie freigelassen, damit sie sich weiden können an den allzeit sehr üppigen Grastriften, welche da um einen solchen Regenbaumteich liegen. Die Menschen aber gehen dann zu jener Stelle zurück, allda in den schönen Gefäßen die frisch gemolkene Milch ihrer harrt.
SA|0|31|6|0|Ein jeder nimmt da sein Gefäß und trägt dasselbe in einen zu diesem Fest schon eigens dazu errichteten Tempel, welcher gewöhnlich entweder aus den Strahlenbäumen oder, wenn der Spiegelbaum fortkommt, auch aus den Spiegelbäumen angepflanzt ist. Ich sage darum „angepflanzt“, weil in diesem Planeten alle gottesdienstlichen Tempel aus den schönsten Bäumen bestehen, welche aber nicht etwa übereinander, wie bei euch, gezimmert sind, sondern lebendig aus dem Erdboden wachsen, nur werden sie nahe auf die Art wie bei euch in den Gärten die sogenannten Spalieralleen, fürs Erste ordnungsmäßig gesetzt und dann künstlich und regelmäßig beschnitten, dass dann ein solcher vollkommen fertig ausgewachsener Tempel so wunderherrlich und schön aussieht, besonders zur Zeit, wann solche Bäume blühen, dass ihr euch davon auf der Erde unmöglich einen Begriff machen könnt. Ein solcher Tempel ist aber auch gewöhnlich so groß, dass ihr vom Eingang bis zum entgegengesetzten heiligen Ausgang nahe eine kleine Tagreise brauchen würdet, um diese Strecke durchzuwandern.
SA|0|31|7|0|Wenn sonach die Menschen ihre mit Milch gefüllten Gefäße samt und sämtlich in einen solchen Tempel gebracht haben, so danken sie zuerst daselbst dem Großen Geist für die Gabe dieses nützlichen Haustieres und sodann auch für die von diesem Tier genommene Milch. Nach dieser Handlung erhebt sich dann der Älteste aus ihrer Mitte und heißt die also andächtig Versammelten sich auf den Boden niederlegen, und zwar mit dem Gesicht zur Erde gekehrt.
SA|0|31|8|0|Er aber blickt auf und fleht den Großen Geist an, dass Er es nun zulassen möchte, auf dass da über ihn käme ein Geist des Lichtes und ihm kundgebe, was da wohlgefällig wäre dem Großen Geist, das sie tun möchten in dem Heiligtum. Und weil die Saturnusbewohner, vorzugsweise aber die Höhenbewohner, im fast ununterbrochenen Verband mit den Geistern ihres Himmels stehen, so geschieht es auch allzeit, dass nach einer solchen Bitte eines Ältesten ein leuchtender Geist in menschlicher Gestalt zu ihm kommt und ihm kundgibt, wie sich das Volk zu betragen habe.
SA|0|31|9|0|Ist solche Kundgebung geschehen, alsdann stehen die Menschen wieder auf und der Älteste gibt ihnen kund, was er vernommen hatte. Nach einer solchen Predigt wird dem Großen Geist wieder ein Dank dargebracht. Ist auch dieses mit wirklich allzeit großer Andacht geschehen, so begeben sich dann die Menschen beiderlei Geschlechts wieder zu ihren Milchgefäßen, tragen sie zum Ältesten, damit er darüber spreche den Segen des Großen Geistes. Dann gehen sie wieder in den Tempel mit ihren Gefäßen zurück, umarmen ihn dann, und einer ladet den anderen zu seinem Milchgefäß ein, neben welchem Gefäß auch noch ein jeder eine gehörige Menge anderer essbarer Dinge gestellt hat. Nach solcher Einladung wird sodann in dem Tempel gespeist und sich mit allerlei gegenseitigen Belehrungen unterhalten.
SA|0|31|10|0|Ist bei dieser Gelegenheit den Tag hindurch fast alles vom Butz bis zum Stängel aufgezehrt worden, so wird wieder dem Großen Geist ein Dank dargebracht, welchen die Saturnusbewohner nicht selten durch den Gesang der euch schon bekannten Vögel, wo dieselben zu haben sind, zu erhöhen suchen – aber nicht durch die Hauptsänger, sondern durch die euch schon bekannten Sänger der zweiten Art.
SA|0|31|11|0|Nach dieser Danksagung geht dann wieder alles aus dem Tempel; aber wohlgemerkt, nie beim vorderen heiligen Ausgang, sondern beim rückwärtigen, der da bestimmt ist für das Volk, während der heilige nur für den Ältesten und für die Geister des Lichts bestimmt ist. Wenn die Menschen nun wieder außer dem Tempel sind, so rufen sie wieder ihre sich noch behaglich um den Regenbaumteich weidenden Ziegen, welche dann auch alsbald dem Ruf ihrer Herren und Inhaber folgen.
SA|0|31|12|0|Seht, das ist das gemeinste Fest, das diese Saturnusmenschen begehen. Was aber die Hauptfeste und den Hauptgottesdienst betrifft, das wird euch erst bei der Gelegenheit der Darstellung der Saturnusmenschen bekanntgegeben werden.
SA|0|31|13|0|Wenn dann die Saturnusbewohner mit ihren Tieren nach Hause kommen, so werden sie wieder gemolken und dann wieder freigelassen. Denn für diese Tiere errichten die Saturnusbewohner durchaus keinen Stall, und es eignet sich auch nie einer dieses oder dasjenige Tier vollkommen an; sondern wenn das Tier mit einem vollen Euter allzeit zur Wohnung des Menschen kommt, so wird es gemolken und sodann wieder freigelassen. Es braucht sich auch da nie einer für die Fütterung dieser Tiere zu sorgen und braucht ihnen auch nie einen Wächter zu halten; denn fürs Erste versorgen sich diese Tiere selbst, fürs Zweite sind sie so zahm, gutmütig und einheimisch, dass sie allzeit zur rechten Zeit zu den Wohnungen der Menschen kommen, und fürs Dritte brauchen sie auch darum keinen Wächter und Wärter, weil es im Saturnus, besonders auf den Bergen, überhaupt schon gar keine sogenannten reißenden Tiere gibt.
SA|0|31|14|0|Was aber die euch schon bekanntgegebenen, etwas feindselig gesinnten wilden, unzahmen Tiere betrifft, so leben sie gewöhnlich nur in solchen Gegenden, die entweder von den von Menschen bewohnten großen Kontinentländern ganz entfernt und durch das Wasser isoliert sind, oder sie bewohnen auf den Kontinentländern nur jene Teile, welche von den Menschen entweder gar nicht oder bei gewissen Gelegenheiten entweder bewohnt oder aber nur dann und wann aus Wissbegierde, Fürwitz und nicht selten auch aus einer Art Habsucht betreten werden. Auf den Höhen aber lebt, wie ihr wisst, nur höchst selten ein wildes oder anderes unzahmes Tier als allein unser schon bekannter scheuer, medizinischer Spitzfuß.
SA|0|31|15|0|Aus diesem nun Gesagten könnt ihr gar leicht von selbst entnehmen, wie leicht es demnach ist einem Saturnusbewohner, dieses Tier zu halten, und wie nützlich es dem Menschen dieses Planeten ist. Und so hätten wir alles Denkwürdige dieses Tieres auch damit erfahren.
SA|0|31|16|0|Es wird wohl nicht notwendig sein, euch noch einmal zu sagen warum dieses Tier die Blaue Ziege heißt. Denn wie der Name, so ist auch die Farbe des Tieres. Wohl aber könnt ihr euch noch hinzumerken, dass dieses Tier eine überaus feine und reichliche Wolle gleich euren Schafen gibt, aus welcher Wolle sich die Saturnusbewohner, namentlich der Berge, allerlei nützliche und für die kältere Schattenzeit warmhaltende Kleider verfertigen, nachdem sie zuvor die Wolle reinigen und in schöne, gleichförmig dicke Fäden spinnen und aus diesen Fäden dann auch mit ganz eigentümlich geschickt bereiteten Werkzeugen allerlei geformte Zeuge weben.
SA|0|31|17|0|Was geschieht denn aber mit dem Tier, so es stirbt? Da wird demselben das Fell abgezogen. Das Fleisch aber wird in eine tiefe Grube versenkt, denn die Saturnusbewohner essen fast durchaus kein Fleisch.
SA|0|31|18|0|Das ist nun alles von diesem Tier, und so wollen wir für ein nächstes Mal zu noch einem anderen, sehr beachtenswerten Haustier übergehen.
SA|0|32|1|1|Der treue Hausknecht Fur, eine zahme Affenart. Von Hunden, Pferden, Schafen und anderen Tierarten auf dem Saturnus
SA|0|32|1|0|Was dieses Tier betrifft bezüglich seiner Nutzwirkung, so trägt es dieselbe, so wie das frühere Tier seine Farbe, in seinem Namen, d. h. es liegt in dem Namen dasjenige, was dieses Tier tut und wie es durch diese Tat nützt den Bewohnern unseres Planeten. Was hat denn hernach dieses Tier für einen Namen und wie lautet derselbe? Ihr werdet diesen Namen selbst finden, wenn ihr erst werdet dieses nützliche Haustier ein wenig in seinem Wirken beschaut haben.
SA|0|32|2|0|Was tut sonach dieses Tier? Es tut nahe dieselben Dienste den Saturnusbewohnern, als da auf der Erde ein recht treuer und fleißiger Hausknecht sie tut seiner Herrschaft. Kurz und gut, dieses Tier verrichtet mit großer Genauigkeit nahe alle jene Arbeiten, welche ihr auf eurem Erdkörper zu den schweren Arbeiten rechnet. Dergleichen Arbeiten sind: irgendeinen Acker bestellen, das Wasser nach Hause tragen, das Holz sammeln und es ebenfalls zum Gebrauch der Menschen ihrer Wohnung zutragen, Felder reinigen, auch andere schädliche wilde Tiere jagen, zur Nachtzeit das ganze Hauswesen treu bewachen und dergleichen Arbeiten noch in der Menge.
SA|0|32|3|0|Also seht, nach solcher Nützlichkeit wird auch von den Saturnusbewohnern der Name Fur, oder nach eurer Sprache „Der treue Hausknecht“, demselben gegeben.
SA|0|32|4|0|Was somit dieses Tier wirkt und tut und wie es heißt, wüssten wir bereits. Wie sieht aber dieses nützliche Haustier aus? Das ist nun eine ganz andere Frage. Gibt es auf dieser Erde wohl auch ein der Form nach ähnliches Tier? O ja, auch die Erde hat ähnliche Tiere in ziemlich großer Menge in allerlei Abstufungen. Allein auf der Erde sind diese Tiere durchaus wild, was in dem Saturnus wieder gerade der umgekehrte Fall ist, allda eben diese Tiergattung zu den am meisten zahmen Tieren gehört und so gelehrig ist, dass sie sich in kurzer Zeit zu allerlei menschlichen Verrichtungen abrichten und gebrauchen lässt. Wie heißt denn auf eurer Erde dieses Tier, welches vermöge seiner natürlichen Anlage und körperlichen Beschaffenheit ebenfalls zu den meisten Verrichtungen verwendet werden könnte, so die Menschen es verstünden, dasselbe fürs Erste einheimisch zu machen und dann es abzurichten zu den verschiedensten menschlichen Arbeiten? Seht, das sind auf eurer Erde die Affen; namentlich vorzugsweise diejenigen, die ihr unter dem Namen Orang-Utan kennt.
SA|0|32|5|0|Diese Tiere sind, wie schon bemerkt wurde, in dem Saturnus gerade die allernützlichsten und zu allerlei Arbeiten brauchbaren Tiere aus der ganzen Reihe der Tierwelt dieses Planeten. Kostet den Saturnusmenschen etwa ihre Erhaltung sehr viel? O nein, diese Diener sind die wohlfeilsten Diener der Saturnusmenschen, denn sie verlangen von ihnen nichts anderes als eine gute Behandlung und manchesmal eine Frucht aus der Hand eines Menschen. Das ist aber auch alles, was diese Arbeiter von ihrer Herrschaft verlangen.
SA|0|32|6|0|Nur wenn sie von einem Menschen mehrmals roh behandelt wurden, so rächen sie sich gewöhnlich dadurch, dass sie ihm untreu werden und sein Haus gänzlich verlassen. Will er sie aber aufhalten mit Gewalt, so hat er mit ihnen einen ziemlich schweren Kampf zu bestehen, von welchem Kampf allzeit diese Tiere als Sieger davonrennen. Hat aber irgendein Saturnuseinwohner ein solches Tier wohl irgendwann beleidigt, gibt demselben aber, wenn es fortziehen will, durch mehrere in seiner Hand vorgehaltene Früchte kund, dass er gewisserart seinen Fehler bereuen und dadurch wiedergutmachen will, so kehrt ein oder das andere beleidigte Tier auch sobald wieder um und wird wieder, wie zuvor, ein treuer Diener seines Herrn.
SA|0|32|7|0|Was ist denn die gewöhnliche Nahrung dieses nützlichen Haustieres? Die gewöhnliche Nahrung dieses nützlichen Haustieres besteht in allerlei niederen Baum- und Gesträuch-Früchten, welche samt und sämtlich von den Menschen nur gar selten, aber von den bemittelteren gar nicht genossen werden. Aus dem aber könnt ihr gar leicht entnehmen, wie wenig demnach diese Hausdienerschaft ihre Herrschaft kostet. Wenn ihr euch noch dazu denkt, dass fürs Erste solcher für den Saturnusmenschen nicht genießbarer Früchte es in großer Menge gibt und dass für die unzerreißbare Kleidung dieser Arbeiter Ich sorge, so müsst ihr das vorher Erwähnte noch um desto klarer einsehen, nämlich wie überaus billig diese Arbeiter den Saturnusbewohnern zu stehen kommen.
SA|0|32|8|0|Da wir jetzt aber schon so vieles über ihre Nützlichkeit gesprochen [haben], so wollen wir denn auch sehen, wie diese Tiere geformt sind. Ich habe zwar schon vorher erwähnt, dass diese Tiere eine große Ähnlichkeit mit den Affen eurer Erde haben. Jedoch aber, da in diesem großen Planeten gewisserart alles der Gestalt nach ausgebildeter und vollkommener ist, sind auch unsere treuen Hausdiener viel vollkommener und ausgebildeter als ein sogenannter Orang-Utan eurer Erde. Diese Tiere sehen demnach einem Saturnusmenschen fast nahe so ähnlich, wie auf eurer Erde die sogenannten Buschmenschen ähnlich aussehen einem wohlgebildeten Bewohner Europas oder des westlichen Teiles von Asien.
SA|0|32|9|0|Nur was die Haut betrifft, so ist diese auch bei diesen Saturnus-Orang-Utans bis auf die Handflächen und bis auf einen kleinen Teil des Gesichtes dicht mit Haaren besetzt; nur sind die Hände und die Füße in der Regel bedeutend schlanker und somit weniger fleischig als bei den Menschen, welche samt und sämtlich sehr vollkommen und wohlgebildet sind, und auch durchaus bis auf das Haupt und auf die Geschlechtsteile vollkommen ohne Haare, und was deren Farbe betrifft, so ist selbe nicht selten blendend weiß, nur hie und da in den Ebenen etwas ins leise Braunrötliche übergehend, während die Farbe der Haare dieses Tieres entweder lichtblau, hie und da aber auch mitunter gräulich ist. Die haarlosen Teile dieses Tieres aber sind allzeit von blassroter Farbe.
SA|0|32|10|0|Wie groß ist demnach ein solches Tier? Es hat nahe die Größe eines Saturnusweibes; aber so groß, als da ist ein wohlgewachsener Mann, hat man noch nie eines gesehen.
SA|0|32|11|0|Wo ist dieses Tier in diesem Planeten denn zuallermeist zu Hause? Wenn ihr bedenkt, dass sich in diesem Planeten alle Kontinentländer unter einem und demselben Himmelsstrich befinden, so wird es euch auch nicht unbegreiflich sein, so Ich euch sage, dass dieses Tier beinahe in allen Kontinentländern und allda vorzugsweise bei den Gebirgsbewohnern gerne zu Hause ist, und das zwar auf dem ganzen Planeten mit sehr geringer Abartung der Form und der Farbe.
SA|0|32|12|0|Doch ist diese Affengattung nicht die einzige, welche diesen Planeten bewohnt, sondern es gibt auch alldort eine nahe für euch unabsehbare Abartungsreihe der Gattungen dieses Tieres, welche aber samt und sämtlich sich beständig im ungezähmten und somit wilden Zustand befinden. In manchen Kontinenten ist dieses Tiervolk so zahlreich, dass es nicht selten herdenweise auf die Gebirge zieht und allda so manche edlen Früchte der Saturnusbewohner eben nicht zu sehr schont.
SA|0|32|13|0|Aber eben bei solchen Gelegenheiten verrichten unsere treuen Hauswächter einen sehr guten Dienst den Saturnusbewohnern. Denn sobald sie eine solche Herde von irgendwoher sich den Fruchtbäumen der Saturnusbewohner nahend erblicken, da lassen sie augenblicklich alles im Stich und rennen, von Zorn und Wut entbrannt, auf diese ungeladenen Schmarotzer los. Wehe da demjenigen Individuum, welches saumseligerweise in ihre außerordentlich starken Hände gerät! Denn das kommt ganz sicher nicht mehr mit dem Leben davon, sondern es wird plötzlich in kleine Stücke zerrissen.
SA|0|32|14|0|Da aber die sämtlichen kleineren Gattungen dieses Getiers instinktmäßig wissen, wie sehr unfreundlich sie von ihren großen Geschlechtsgenossen empfangen werden, so geschehen solche Annäherungen auch nur äußerst selten und dann nur, wenn sie die größte Lebensnot dazu zwingt. Jedoch am Tag wird ein solcher Schritt nie unternommen, sondern nur allzeit dann zur Nachtzeit, wann irgendeine Gegend noch obendrauf unter dem Schatten des Ringes steht, was bei den Saturnusbewohnern ungefähr so viel bedeutet, wie bei euch der Winter.
SA|0|32|15|0|Und somit wüssten wir auch alles Denkwürdige, was dieses Tier betrifft, und wollen uns aus dem Grund nur noch zu einem Haustier wenden, welches bei den Saturnusbewohnern, vorzüglich bei demjenigen Teil, welcher die Ebenen und Täler bewohnt, in großem Ansehen steht.
SA|0|32|16|0|Was ist aber das für ein Tier? Es ist kein anderes, als ein euren Haushunden vollkommen ähnliches Tier. Was aber dessen Nützlichkeit betrifft, so wird es vermöge seiner Stärke und Gewandtheit zu allem dem gebraucht, wozu ihr eure Pferde gebraucht, mit Ausnahme des alleinigen Reitens, was bei den Saturnusbewohnern durchaus nicht vorkommt, weil fürs Erste ein Saturnusbewohner es weit unter seiner menschlichen Würde halten würde, mit seiner edlen Gestalt eine unedle des Tieres zu besteigen; und fürs Zweite, weil der Saturnusbewohner mit keiner anderen Gelegenheit so schnell weiterkommt, als mit der seiner eigenen Füße.
SA|0|32|17|0|Von diesem Tier gibt es auch im Saturnus sehr verschiedene Abstufungen (oder Rassen, wie ihr zu sagen pflegt), welche in den verschiedenen Kontinenten auch verschiedenartig vorkommen und bis auf einige gar kleine Gattungen fast alle und überall zu einem und demselben Zweck verwendet werden.
SA|0|32|18|0|Schön sind diese Tiere am allerwenigsten. Ihre Farben sind zwar zumeist den Saturnustierfarben ähnlich, aber allzeit etwas schmutziger und weniger lebhaft. Zwischen euren Erdhunden und diesen ist daher fast kein anderer Unterschied als der der Größe, derzufolge eine der größten Gattungen dieser Tiere im Saturnus wohl ums Fünfhundertfache übertrifft die Größe eurer Hunde. Im Übrigen aber sind sie, wie schon gesagt, euren Hunden ähnlich und üben auch im Saturnus, wie bei euch auf der Erde, nebst ihrer übrigen Beschäftigung die Hauswächterschaft aus. Nur ist ihre Stimme nicht ein Bellen, sondern in einem donnerartigen Gemurre bestehend ihnen eigen. Dieses Gemurre ist natürlicherweise bei den größeren Rassen stärker und, wie ihr zu sagen pflegt, imposanter als bei den kleinen.
SA|0|32|19|0|Das ist nun auch schon wieder alles, was von diesem Tier bemerkenswert ist. So ihr etwa fragen würdet, mit der Zeit nämlich: Gibt es denn im Saturnus kein Tier, das da gliche unserem edlen Pferd? Da sage Ich euch, es gibt auch im Saturnus eine Art Pferde, diese aber werden nirgends gezähmt, sondern gehören alldort zu den wilden Tieren.
SA|0|32|20|0|Gibt es im Saturnus keine Schafe? O ja, aber auch diese werden alldort nicht zahm gehalten, sondern als wild betrachtet, auf die da nicht selten der schönen und weichen Felle wegen Jagd gemacht wird.
SA|0|32|21|0|Und so gibt es in diesem Planeten noch eine Menge Tiergattungen in ähnlicher Form, wie sie da bei euch gezähmt vorkommen, jedoch alldort im wilden und ungezähmten Zustand.
SA|0|32|22|0|Und somit hätten wir auch das gesamte Tierreich in möglichster Kürze dargetan. Wenn ihr eure Gefühlsphantasie nur ein wenig erwecken wollt, so dürfte es euch ein Leichtes sein, zufolge dieser sehr bildlichen Darstellung euch nahe jedes besonders geschilderte Tier so vorzustellen, wie es im natürlichen Zustand vorkommt in diesem Planeten. Die große Mannigfaltigkeit wird euch einen neuen Beleg geben, wie wunderbar reichhaltig Meine endlos vielen Werke sind. Und da diese schon in einem Planeten in solcher großen Mannigfaltigkeit und Schönheit vorhanden sind, um wie viel mehr des Wunderbaren und Großartigen wird da erst eine Sonne auf ihrem weiten Boden bergen – und wie unaussprechlich Wunderbares, Größeres und Mannigfaltigeres erst dann eine geistige Welt, in deren Vergleich eine materielle, natürliche nur kaum die äußere, tote Rinde eines Baumes zur Anschauung darstellt.
SA|0|32|23|0|Jedoch solches und so manches mehreres will Ich euch vergleichungsweise erst bei der Darstellung des Menschen dieses Planeten kundgeben, und somit lassen wir es für heute bei dem bewendet sein.
SA|0|33|1|1|Die Saturnusmenschen und ihre Wohnungen
SA|0|33|1|0|So manches habt ihr schon vernommen, was da belangt den Menschen im Planeten Saturnus, dessen ungeachtet aber bleibt eben auch so manches über den Herrn dieses Weltkörpers darzutun, damit ihr daraus ersehen könnt, in welcher Ordnung sich dieser Planet befindet und wessen Geistes Kind er ist.
SA|0|33|2|0|Da aber eine gute Ordnung noch allzeit und überall aller Weisheit Grund ist, alsdann wollen wir auch hier den Menschen in einer guten Ordnung betrachten, und zwar dieser gemäß den Menschen in seiner äußeren formellen Wesenheit, und dann erst was dessen Geistiges betrifft und somit alles, was in den Bereich des Geistigen greift, als da ist seine Landesverfassung, seine Gewerbe und endlich auch sein Gottesdienst. Und so gehen wir denn nun zur Gestaltung unseres Saturnusmenschen über.
SA|0|33|3|0|Ist im Saturnus auch nur ein Menschenpaar, oder sind etwa zu gleicher Zeit an verschiedenen Orten mehrere Menschenpaare erschaffen worden? Solches gilt für alle Planeten also wie für den Planeten Erde. Und sonach stammen alle die jetzt noch im Saturnus lebenden Menschen von einem Menschenpaar ab. Nur ist die Geschichte des Menschen im Saturnus um mehr denn eine Million von Erdjahren länger als die Geschichte des Menschen auf eurem Erdkörper.
SA|0|33|4|0|Da aber jedoch ein Saturnusmensch durch sein ganzes Leben hindurch mit seinem Weib selten mehr als vier Nachkommen zeugt, so ist es auch begreiflich, wenn Ich euch sage, dass dieser Planet im Verhältnis zum Erdkörper, den ihr bewohnt, ums Vielfache geringer bevölkert ist. Und sonach wohnen auch auf den großen Kontinentländern, von denen nicht selten eines oder das andere größer als Asien, Afrika und Europa zusammengenommen ist, dennoch die Menschen so selten nachbarschaftlich nebeneinander, dass etwa ein solches Verhältnis, wie da bei euch ist das eines Dorfes, im Saturnus zu den größten Seltenheiten gehört.
SA|0|33|5|0|Zuallermeist sind die Wohnungen der Menschen so entfernt voneinander, dass da ihr, so ihr vermöchtet mit eurem Leib in eines dieser Kontinentländer zu gelangen, von einer Wohnung zur Wohnung eines nächsten Nachbars, der von seinem Nachbar am wenigsten weit absteht, zehn bis zwölf Tage zu reisen hättet. Auf den Gebirgen sind solche weit voneinander abstehenden Wohnungen fast das immerwährende Wohnverhältnis dieses Planeten; nur in den tiefer liegenden Gegenden, die da entweder an großen Seen und Strömen ausgebreitet liegen, sind die Wohnungen der Menschen etwas näher aneinandergerückt.
SA|0|33|6|0|Wo aber dann irgendeine Wohnung der Saturnusmenschen aufgerichtet ist, da wohnen aber dann nicht etliche Menschen, sondern eine ganze zahlreiche Familie von nicht selten tausend bis fünftausend Köpfen.
SA|0|33|7|0|Wie sehen hernach die Wohnungen aus, in denen so viele und so große Menschen hinreichend Platz haben? Denn hier muss vorerst bemerkt werden, dass der Saturnusmensch ein großer Freund von recht viel Platzhaben ist. Was diese Wohnung betrifft, so ist deren schon gleich anfangs bei der Darstellung des ersten Hauptbaumes dieses Planeten kundgegeben worden und gesagt, dass eben dieser Baum den Saturnusmenschen das Haus, welches sie am liebsten bewohnen, abgibt. Ich brauche euch nicht noch einmal die denkwürdige Gestalt dieses Baumes zu beschreiben – wie er da ist ein außerordentlich vielstämmiger Baum und wie sich auf dessen breiten und fast allzeit horizontal auslaufenden Ästen die Menschen ihre Wohnungen errichten.
SA|0|33|8|0|Ja, ein solcher Baum zählt in diesem Planeten ebenso viel wie bei euch eine nicht unbedeutende Stadt. Es werden alldort die einzelnen Äste und Nebenstämme also jeder Familie eigentümlich von dem Hauptstammvater zugeteilt, wie bei euch in einer Stadt die Häuser. Der Unterschied besteht nur darin, dass alldort eine solche Baumstadt nur lauter Blutsverwandte bewohnen, während sich in euren Städten was immer für ein bemittelter Fremdling ein Haus um das andere anschaffen kann.
SA|0|33|9|0|Ihr werdet euch vielleicht denken und sagen: Wie können denn die Menschen auf den Ästen schlafen, damit sie allenfalls bei einer Umdrehung im Schlaf nicht vom Baum herabfallen? Seht, solches ist alldort viel weniger möglich, als dass ihr von eurem Bett herausfallen könntet, so ihr euch umwendet im Schlaf. Denn fürs Erste sind diese horizontal auslaufenden Äste so dick, dass ihr auf einem einzelnen solchen vom Baum auslaufenden Ast alle sämtlichen Häuser eurer Hauptstadt hinaufstellen könntet; und es wäre daneben noch Raum genug herumzufahren und zu reiten für euch.
SA|0|33|10|0|Zudem laufen aber noch von jedem Ast auf dessen breiten Kanten in horizontal parallelen Richtungen eine Menge Zweige aus, welche die eigentlichen Fruchtträger dieses Baumes sind, und sie sind besonders nahe am Stamm von bedeutender Stärke, so zwar, dass ein Mensch, wenn er auch über den Rand des Astes zu gehen, liegen oder stehen käme, er dennoch nicht vermöchte hinabzufallen. Setzen wir aber auch den Fall, es geschähe jemandem dennoch das Unglück, dass er unvorsichtigerweise genug sich sogar über die Seitenzweige hinausbegäbe und dann hinabfiele auf den Boden oder von einem oberen Asttrakt auf einen unteren, so würde ihn dieser Fall dennoch nicht im Geringsten verwunden, und das zwar aus der euch schon bekannten Ursache, weil das Fallen auf diesem Planeten darum von gar keinem Belang ist, da daselbst niemand so fest und stark zu fallen imstande ist, als auf eurem Erdkörper, weil die wechselseitige Anziehung zwischen dem eigentlichen Planeten und dem Ring das spezifische Gewicht eines jeden Körpers, somit auch das des Körpers eines Menschen, ums Bedeutende verringert.
SA|0|33|11|0|Da ihr nun solches wisst, so könnt ihr in dieser Hinsicht schon ganz vollkommen ruhig sein, denn ihr könnt es glauben, dass sich in diesem Planeten durch die Zeit seiner Bewohnbarkeit noch kein Mensch einen Fuß oder Arm gebrochen hat, und auch keiner sich noch ein Loch in den Kopf gestoßen durch einen Fall, was eben bei euch auf der Erde nichts Seltenes ist.
SA|0|33|12|0|Es fragt sich aber nun, ob dieser Baum die einzig alleinige Wohnung oder das eigentliche Wohnhaus bei den Saturnusbewohnern ausmacht? O nein, auch die Saturnusbewohner haben neben einem solchen Hauptwohnbaum noch eine Menge Wohnhäuser, welche sie zur kühlen Schattenzeit bewohnen.
SA|0|33|13|0|Diese Häuser sind unterschiedlich gebaut. Zum Teil sind dieselben gezimmert aus den starken Ästen des euch schon bekannten starken Pyramidenbaumes, zum Teil sind sie auch gewachsen aus den schlanken Baumgattungen. Die gewachsenen oder lebendigen sind vorzüglicher als die gezimmerten. Jedoch werden zwischen den lebendigen auch gezimmerte Häuser gesetzt, weil sie fürs Erste den Saturnusbewohnern als Vorratskammern ihrer Esswaren dienen müssen.
SA|0|33|14|0|Fürs Zweite aber wird auch nur allzeit in diesen gezimmerten Häusern Feuer gemacht, bei welchem sie ihre mannigfachen Speisen kochen, sieden und braten; jedoch nicht etwa auf eine solch raffiniert künstliche Art, wie solches bei euch der Fall ist, sondern wie ihr manchesmal bratet einen Apfel oder siedet einige Birnen oder kocht so manches Kraut und so manche wohlschmeckenden Erdwurzeln. Seht, darin besteht die ganze Kochkunst der Saturnusbewohner. In eben diesen gezimmerten Häusern werden auch ihre Milchprodukte und so manche edle Beerensäfte in den euch schon bekannten Gefäßen aufbewahrt.
SA|0|33|15|0|Gegessen und geschlafen wird jedoch nie in den gezimmerten Häusern, sondern allzeit in den lebendigen. Denn den Saturnusbewohnern ist es unerträglich, dass sie sich aufhalten möchten für bleibend bei einem toten Ding, sei es jetzt ein Baum, ein Tier oder ein Mensch ihresgleichen. Daher gebrauchen sie auch solche gezimmerte Häuser nur als Gerätschaften. Ihre Wohnungen aber müssen durchaus lebendig sein.
SA|0|33|16|0|Ihr möchtet vielleicht erfahren, wie groß denn ein solches gezimmertes Haus wohl ist und wie es allenfalls aussieht? Solchen Wunsch kann Ich euch sogleich befriedigen, wenn Ich euch sage, dass fürs Erste diese Häuser ebenso kranzweise gezimmert sind, wie ungefähr die Häuser eures Landvolkes, nur haben diese Häuser keine Dächer, sondern sind gegen den Himmel zu vollkommen offen. Denn ein durch ein Dach vom Himmel abgesondertes Haus würde ein Saturnusbewohner als einen der größten Gräuel ansehen. Sie sagen, alles, was von oben herabkommt auf den Boden, ist ein Segen des Himmels, der dem Boden ihrer Erde wohltut; sie aber seien ebenfalls aus dieser Erde; warum sollen sie sich demnach absondern und verbergen vor dem Segen des Himmels? Er wird ihnen sicher noch mehr frommen, da sie lebendig sind und somit mehr des himmlischen Segens bedürfen als ihrer Erde Boden, der da an und für sich tot ist in ihren Augen.
SA|0|33|17|0|Also wüssten wir, wie diese Häuser gebaut sind. Nun geht uns nur noch die Form und die Größe ab. Was die Form betrifft, so sind diese Häuser gewöhnlich sternartig gebaut, ungefähr so, wie ihr nicht selten eine sogenannte Windrose zeichnet; manchesmal mit acht, manchesmal mit sechzehn und manchesmal mit zweiunddreißig spitzigen Ausläufen – von denen eine jede solche Sternspitze ein eigenes Behältnis für ihre Speisewaren und Getränke abgibt. In der Mitte des runden und weiten Raumes aber ist ein runder Herd errichtet, auf welchem daselbst gefeuert wird. Dass ein solcher Herd zu der Größe der Saturnusbewohner im Verhältnis erbaut ist, versteht sich von selbst.
SA|0|33|18|0|Wie groß ist denn demnach ein solches gezimmertes Sternhaus? Ein solches Sternhaus hat nicht selten nach eurem Maß eine solche Ausdehnung, dass ihr von einer Sternspitze zur anderen entgegengesetzten guten Fußes eine gute Stunde zu gehen hättet. Und wie hoch ist zu dieser Größe demnach ein solches Sternhaus? So hoch, dass da jeder Saturnusbewohner, das heißt ein Mann, so er aufrecht steht, ganz bequem über die Wände zu schauen vermag.
SA|0|33|19|0|Sind diese Häuser auch zierlich gebaut? Das eben nicht, außer dass die Menschen die behauenen Bäume mit allerlei schönem Laubwerk behängen. Das ist nun das Ganze, was diese Häuser betrifft; nächstens davon weiter.
SA|0|33|20|0|Da wir somit in diesen gezimmerten Häusern nur ganz eigentlich die Wirtschaftsgebäude unserer Saturnusbewohner haben etwas näher kennengelernt, so wollen wir nun auch noch ein wenig näher ihre lebendigen Wohngebäude beschauen.
SA|0|33|21|0|Wie sehen denn die lebendigen Wohngebäude der Form nach aus? Ihre äußere Form ist vollkommen rund, mit einem einzigen Eingang vom Morgen her versehen. Zur Erbauung dieser Häuser werden nur zwei Gattungen der Bäume verwendet. Die schöneren und prachtvolleren Häuser bestehen aus fest aneinandergereihten, euch schon bekannten Spiegelbäumen; die weniger zierlichen und prachtvollen aber aus einer veredelten Art des euch schon bekannten Wandbaumes.
SA|0|33|22|0|Der inwendige Boden dieser Häuser wird ganz flach und vollkommen eben gemacht, auf welche Ebene dann ein Grassame ausgestreut wird, von dem da ein äußerst dichtes, aber sehr kurzes Gras hervorwächst. Dieses Gras hat das Ansehen wie ein Samt und ist an und für sich so elastisch, dass es nach jedem Tritt der Saturnusmenschen wieder so frisch aufsteht, als wenn niemand dasselbe mit seinem Fuß zu Boden niedergedrückt hätte.
SA|0|33|23|0|Auch in der Mitte der Wohnhäuser ist ein großer, runder, verhältnismäßig hoher Herd aufgeführt, welcher aber ebenfalls nach allen Seiten mit ähnlichem Gras bewachsen ist. Damit ihr euch ungefähr einen Begriff von seiner Größe, dem Umfang nach, und von seiner Höhe etwas bestimmter machen könnt, so sage Ich euch, dass dieser Herd allzeit einen vierfachen Durchmesser hat von der Größe eines Saturnusmannes, und ist so hoch, dass er einem Mann bis etwas über seine Knie, ungefähr auf den halben Schenkel, reicht, einem Weib aber mehr auf den halben Leib.
SA|0|33|24|0|Wozu dient denn den Saturnusbewohnern dieser Herd? Gerade dazu, wozu euch eure Tische dienen, nämlich zur Aufsetzung der Speisen und Getränke.
SA|0|33|25|0|Nach diesem Herdtisch aber, ungefähr in einer Entfernung von einer zweifachen Manneslänge, ist eine eben ganz runde und oben abgestumpfte Pyramide aufgeführt, deren unterer Fuß wohl den dreifachen Durchmesser des Herdes hat. Die obere Fläche jedoch ist nicht größer, als dass ein Mann auf derselben bequem stehen kann. Diese Pyramide hat vollkommen die Höhe der Größe eines Mannes, ist ebenfalls mit demselben Gras überwachsen und dient als ein patriarchalischer Familien-Predigerstuhl, welcher alle Tage vor dem Sonnenuntergang von dem Ältesten einer ganzen Familie bestiegen wird, und wenn er bestiegen ist, sich dann die ganze Familie um denselben versammelt, um zu vernehmen aus dem Mund des Ältesten den Willen des Großen Geistes für die ganze Nacht und für den nächstfolgenden ganzen Tag.
SA|0|33|26|0|Was gibt es denn sonst noch für Einrichtungen in einem solchen Wohnhaus? Vollkommen im Hintergrund, dem Aufgang der Sonne schnurgerade gegenüber, ist noch ein anderer, dieser Pyramide ähnlicher Rundwall aufgeführt und vom gleichen Gras bewachsen; nur ist er bei weitem nicht so hoch wie der mittlere Predigerstuhl, aber dafür desto umfangreicher und zugleich mit mäßigen Einbiegungen versehen. Was hat denn dieser dritte Rundwall für eine Bestimmung? Seht, das ist das allgemeine Bett oder der Ruheplatz für unsere großen Saturnusmenschen.
SA|0|33|27|0|Wenn sie sich schlafen legen, so legen sie zuvor die Einbiegung auf der oberen Seite mit weichen Polstern aus und lehnen sich dann – ein jeder für sich selbst – in eine solche Einbiegung dieses großen Rundwalles. Die Männer nehmen diejenige Stelle ein, welche gegen den Sonnenaufgang gerichtet ist, die Weiber aber die dem Untergang zugewandte. Und haben sich alle so gelagert, dass sie nach eurer Bemessung mit ihrem Leib gegen den flachen Boden einen Winkel von dreißig Grad beschreiben, sodann schlafen sie ein und ruhen in dieser Stellung bis nahe zum Aufgang der Sonne, welchen sie trotz des Ringschattens recht wohl bemerken, weil der Ring die Sonne nie so ganz verdeckt, dass da von derselben gar nichts zu sehen sein soll. Wenn auch es schon hier und da, wo der Ring manchmal etwas breiter wird, die Sonne von selbem ganz bedeckt ist, so dauert aber eine solche Totalbedeckung dennoch nicht länger als im höchsten Falle einen halben Tag hindurch; nach Verlauf dieser Zeit aber wird alsbald wieder ein kleiner Rand der Sonne sichtbar.
SA|0|33|28|0|Nun seht, das ist die ganze Einrichtung eines solchen Hauses, welches zur Schattenzeit von den Saturnusbewohnern bewohnt wird. Wie groß ist denn hernach ein solches Haus seinem Umfang nach? Ein solches Haus ist gut noch um die Hälfte größer dem Durchmesser nach, als das uns schon bekannte Wirtschaftsgebäude.
SA|0|33|29|0|Wohnen alle Einwohner eines uns schon bekannten großen Wohnbaumes in einem solchen Haus? O nein, sondern nur eine Familie, das heißt ein Vater und eine Mutter mit den Kindern und Kindeskindern, so wie sie beisammen sind zur Lichtzeit auf einem Ast des Baumes. Wie viel Äste sonach ein solcher Baum hat, ebenso viel solcher Wohnhäuser sind auch um denselben errichtet.
SA|0|33|30|0|Eine solche allgemeine Familienwohnstätte um einen solchen Baum fasst nicht selten mehr Flächenraum in sich als wie groß da ist euer Vaterland. Solche Wohnstätten sind aber dann auch, wie ihr schon wisst, außerordentlich weit voneinander entfernt, so zwar, dass ihr von einer solchen allgemeinen Wohnstätte bis zu einer anderen ebenso allgemeinen Wohnstätte viele Tagreisen zu tun hättet, um sie zu erreichen; da natürlicherweise um solche allgemeine Wohnstätten erst die Gründe liegen und Weideplätze für die euch schon bekannten Haustiere, welche einen verhältnismäßig großen Raum haben müssen, damit auf ihrem Boden so viel geerntet werden kann, als es zur Erhaltung des Lebens unseres Saturnusmenschen wie auch zur Erhaltung des Lebens so vieler Tiere genügend ist. Dazu kommen noch, besonders an den Grenzgebieten der allgemeinen Familiengründe, die oft sehr weit ausgedehnten Trichterbaumwälder und in den großen Ebenen, besonders an der nördlichen Seite großer Seen nicht selten zwei bis dreitausend Quadratmeilen weit gedehnte Pyramidenbaumwälder und noch andere große Gesträuchwälder. Wenn ihr nun dieses alles mit in den Anschlag bringt, so wird es euch nicht zu sehr wundernehmen über die oft so starke Entfernung zweier allgemeiner Familienwohnstätten.
SA|0|33|31|0|Nun wüssten wir, wie unsere Saturnusbewohner zuallermeist wohnen, vorzugsweise auf den höherliegenden Gegenden; nur wissen wir noch nicht ihre häusliche Verfassung. Da wir aber schon in der Beschauung der Wohnungen zuerst denjenigen Teil vorgenommen haben, der da mehr die Gebirge bewohnt, so wollen wir auch, bevor wir zu den Ebenenbewohnern übergehen, die häusliche Verfassung unserer Hochlandsbewohner fürs nächste Mal in den Augenschein nehmen. Und somit genüge das für heute!
SA|0|34|1|1|Verfassung der Saturnusmenschen. Anpflanzung eines Tempels. Grundbesitz und Auswanderungen
SA|0|34|1|0|Wer ist denn daselbst Vorstand oder das Oberhaupt einer solchen oft sehr zahlreichen, allgemeinen Familie?
SA|0|34|2|0|Hier und da findet es sich vor, dass da noch ein Urstammvater lebt, so ist dann dieser, solange er lebt, das Oberhaupt und zugleich auch der Oberpriester einer solchen Familie. Stirbt er aber, so tritt da der zweite Fall ein, wenn nämlich zwei oder mehrere Söhne von ihm da sind, dass sodann der älteste zum Oberhaupt sowohl in häuslichen als in kirchlichen Sachen erwählt wird. Stirbt aber auch dieser und ein oder der andere Bruder von ihm ist noch am Leben, so überkommt da allzeit der Älteste solche Oberleitung. Stirbt aber auch dieser, so kommt dann die Oberleitung auf den erstgeborenen Sohn desjenigen Bruders, der da nach dem Urstammvater als Ältester der Familie alsbald die Oberleitung übernommen hatte. Und auf diese Weise geht dann solche Oberleitung immer auf den Ältesten der Familie über.
SA|0|34|3|0|Manchmal, wenn die Familie sehr zahlreich ist, nur bis ins fünfte Glied; ist aber eine Familie weniger zahlreich, so setzt sich die Übernahme solches Oberleitungsamtes bis ins siebente, manchmal auch bis ins zehnte Glied fort; sodann aber geschieht eine Teilung, dass da zwei oder drei der Ältesten demjenigen Teil aus ihnen diese allgemeine Familienwirtschaft überlassen, welcher der älteste ist. Die jüngeren zwei aber nehmen dann ihre angehörigen Familienglieder zu sich, lassen sich da von dem bleibenden Bruder aussteuern und ziehen dann mit Sack und Pack links und rechts und suchen sich irgendeinen solchen, noch unbewohnten Baum auf, verrichten daselbst ihre Dankgebete und bitten unter dem Vorstand des Ältesten den Großen Geist, dass Er ihnen dieses lebendige Wohnhaus segnen möchte und sie erhalten samt dem Wohnhaus.
SA|0|34|4|0|Nach solchem Gebet geht dann der Älteste mehrere Schritte fürbass und betet da allein, dass der Große Geist ihm möchte zukommen lassen, so wie Er es seinen Vätern getan hatte, einen Geist des Lichtes, der ihm kundgeben möchte zu allen Zeiten den Willen des Großen Geistes. Bei solcher Begebenheit fallen dann alle anderen Familienglieder auf ihre Angesichter. Und der Älteste aber hört nicht eher auf mit seinen Anrufungen, als bis der Große Geist ihm gesandt hat den erwünschten Geist des Lichtes.
SA|0|34|5|0|Wenn aber der Geist des Lichtes nun gekommen ist zu unserem Ältesten, sodann bittet der Älteste den Geist, dass er im Namen des Großen Geistes da möchte segnen den neuen, noch unbewohnten Baum, ihn selbst aber führen zuerst auf diesen Baum und ihm anzeigen die Stelle, die er als leitendes Oberhaupt zu bewohnen habe. Ist solches geschehen, so dankt der Älteste in Gegenwart des Geistes dem Großen Geist für solche große Gnade. Sodann aber lässt er sich vom Geist wieder hinabführen bis zu jener Stelle, da der Geist des Lichtes ihm erschien. Auf dieser Stelle nun verlässt der Geist den Ältesten wieder, nachdem er ihm zuvor gestärkt hatte seinen Willen.
SA|0|34|6|0|Wenn dann der Älteste also gestärkt ist in seinem Geiste, dann erst kehrt er zur noch am Boden liegenden Familie zurück und tut einen starken Ruf, auf welchen dann sobald alle erstehen und loben darauf und preisen den großen Geist, darum er sie gewürdigt hatte einer solchen Gnade und hat ihnen gegeben einen eigenen geweckten Patriarchen.
SA|0|34|7|0|Wenn auch dieses vollbracht wurde, sodann teilt alsbald der Älteste die Äste an die Familienväter aus, und sobald auch werden dieselben in den dankbarsten Besitz genommen. Wenn sie nun bestiegen sind, so werden sie auch sobald gereinigt und vollkommen zur Wohnung tauglich gemacht.
SA|0|34|8|0|Bei solcher Gelegenheit, welche in unserem Planeten freilich nur selten vorkommt, geht es dann allzeit ganz fröhlich und bunt zu. Der Baum wäre zwar da und auch vollkommen bewohnt; aber im weiten Kreis um den Baum gibt es noch keine lebendigen Wohnhäuser und keine erbauten Vorratskammern. Darum wird auch nur der erste Tag müßig zugebracht und es wird da alles gehörig überdacht, überlegt und beraten, natürlich unter dem immerwährenden Vorstand des Ältesten; denn ohne seine Zustimmung macht niemand einen Schritt.
SA|0|34|9|0|Wenn aber dann der nächste Tag angebrochen ist, alsdann wird sogleich zum Ausmessen für die noch abgehenden Häuser geschritten. Ist die Ausmessung geschehen, sodann werden alsbald die ausgemessenen Plätze vom Vorstand gesegnet und die Samenkörner derjenigen Bäume, welche tauglich sind für die Errichtung der lebendigen Häuser, in gerechter Ordnung in das Erdreich gesteckt.
SA|0|34|10|0|Ist auch diese Arbeit verrichtet worden, wozu im Allgemeinen selten mehr als ein einziger Tag verwendet wird, alsdann wird am nächsten Tag alsbald in einem benachbarten Wald das taugliche Holz für die Vorratskammern gefällt, bei welcher Arbeit die euch schon bekannten nützlichen Haustiere keinen unbedeutenden Dienst leisten. Und zwar beim Fällen der Bäume dasjenige euch schon bekannte halb wilde und halb zahme Schnabeltier, welches mit seinem überaus kräftigen Schnabel von den Pyramidenbäumen die dicksten Äste herabbeißt, welche Äste dann sobald unsere bekannten Saturnushausknechte ergreifen und sie behände an Ort und Stelle schaffen, wie es ihnen die Saturnusbewohner anzeigen.
SA|0|34|11|0|Sind auf diese Weise die Bauhölzer im Verlauf von wenigen Tagen allerorts herbeigeschafft, dann werden sie auch alsbald behauen und sodann aus ihnen gezimmert die euch schon bekanntgegebenen Vorratskammern.
SA|0|34|12|0|Wenn solches geschehen ist, sodann werden die euch schon bekannten Tierstallungen und Gärten angepflanzt und ausgesucht irgendein oder der andere Regenbaum, um welchen sobald ein ziemlich weiter Damm aufgerichtet wird, damit sich dann innerhalb eines solchen Dammes das Wasser sammle und einen Teich bilde.
SA|0|34|13|0|Sind irgend Gebirgsquellen vorhanden, so werden da auch sobald die euch schon bekannten Wasserleitungen gemacht, durch welche das Wasser in die Gegend der Hauptwohnung geleitet wird. Solche Wasserleitungen geschehen entweder mittels der euch schon bekannten Stangenschnecke; in Ermangelung dieser aber werden auch jene Früchte des Trichterbaumes dazu verwendet, die ihr auch schon kennt, wie sie aussehen.
SA|0|34|14|0|Ist auch solches geschehen, sodann wird erst zu der Ausmessung und Bestimmung anderer Grundstücke geschritten. Stoßen sie bei solcher Austeilung an etwa zu nahe liegende Wälder von Trichterbäumen, so werden solche abgestockt [gefällt] so weit hin, bis der Grund das rechte Maß hat. Auch bei dieser Arbeit bekommen unsere bekannten Tiere wieder recht viel zu tun. Das Holz solcher abgestockten Bäume wird dann am Ende eines jeder Familie gehörigen Grundanteiles zum Trocknen aufgeschichtet, damit es dann tauglich werde zur Feuerung.
SA|0|34|15|0|Ist auch die Arbeit geschehen, so werden die Gründe vom Ältesten gesegnet und alsdann mit allerlei Früchten besät, welche Ansaat in diesem Planeten gewöhnlich nur alle zehn Jahre einmal geschieht. Wo aber die Gründe fetter sind, da ist eine einmalige Ansaat für alle Zeiten hinreichend; denn die Wurzeln sämtlicher Saturnusvegetation sterben nicht so leicht ab, sondern erhalten sich alsofort lebend im Erdreich, wie bei euch die Wurzeln so mancher Gesträuche und Zwiebelgewächse.
SA|0|34|16|0|Ist dann auch diese Arbeit als die letzte wirtschaftliche verrichtet, sodann wird dem Großen Geist wieder ein allgemeines Dankgebet dargebracht und am Ende auch die inständigste Bitte hinzugefügt, dass Er allen diesen Früchten und aller ihrer Arbeit das Ihm allein wohlgefällige Gedeihen möchte hinzukommen lassen.
SA|0|34|17|0|Nach der Verrichtung eines solchen Dank- und Bittgebetes wird erst zu der für den Saturnusbewohner allerwichtigsten Arbeit geschritten, nämlich zur Anpflanzung eines Tempels, darinnen dem großen Gott allein nur ein Ihm wohlgefälliges Opfer darf dargebracht werden. Bei dieser Arbeit aber werden nur der eigentliche Älteste und seine zwei Mitältesten beschäftigt und es darf da niemand anderer an ein solches geheiligtes Werk Hand anlegen.
SA|0|34|18|0|Wie geschieht denn aber solches? Auch bei solcher Gelegenheit begibt sich der Älteste auf diejenige Stelle, da ihm der Geist des Lichtes zum ersten Mal erschien, und bittet da den Großen Geist sobald wieder inständigst, dass Er ihm durch den Geist des Lichtes allergnädigst anzeigen möchte, wo es Ihm wohlgefiele, dass da Ihm errichtet würde ein Tempel. Wenn da der Älteste lange genug gefleht hat und ihm kein Geist erschienen ist, so wird diejenige Stelle, wo ihm der Geist zuerst erschienen ist, zum gerechten Anbau des Tempels verwendet. Wann aber der Geist, was am gewöhnlichsten zu geschehen pflegt, erscheint, so führt er dann den Ältesten entweder auf eine Stelle hin, wo der Tempel errichtet werden soll, oder der Älteste ersieht den Geist schon auf einer solchen Stelle. Alsdann begibt sich der Älteste alsbald zu jener Stelle hin, da der Geist seiner harrt und ihm den wahren Umriss zeigt.
SA|0|34|19|0|Und allda aber der Geist harrt, wird ein Zeichen gelegt, damit auf derselben Stelle soll jene Erhöhung im Tempel gemacht werden, von welcher der Älteste fürs Erste seine Familie zu belehren hat. Zugleich aber wird ihm auch gegen den rückwärtigen geheiligten Ausgang eine Stelle gezeigt, auf welcher der Älteste nach der gerechten Anrufung des Großen Geistes allzeit dessen Willen erfährt mittels desjenigen Geistes, der da ihm anzeigt solche Stelle in dem Tempel.
SA|0|34|20|0|Wenn solches alles geschehen ist, so wird der Geist sobald wieder unsichtbar. Der Älteste gibt dann ein Zeichen, gewisserart von Mann zu Mann, welche in gewissen Entfernungen voneinander abstehen bis zum Wohnbaum hin, dass er die Bewilligung vom Großen Geist empfangen habe, auf dieser Stelle einen Tempel zu erbauen, und fordert sie darauf auf, mit ihm zu danken dem Großen Geist für solche Gnade und Ihn dann auch zu bitten für das baldmöglichste Gedeihen der Ansaat des Tempels und dass der Große Geist sie allzeit in diesem Tempel für würdig befinden möchte, ihnen kundzutun Seinen heiligen Willen.
SA|0|34|21|0|Wenn solches alles mit großem Ernst verrichtet worden ist, sodann beruft der Älteste die zwei oder drei Nachältesten und teilt ihnen die vom Geist angehauchten Samenkörner zur Ansaat des Tempels aus. Sodann gehen sie auch sogleich an das Werk und stecken mit großer Andacht und großem Vertrauen die Samenkörner der edelsten und schönsten Baumgattungen in das Erdreich.
SA|0|34|22|0|Die zwei oder drei pflanzen den Vorderteil des Tempels an, der da fürs Volk bestimmt ist; der Älteste aber pflanzt an das Heiligtum des Tempels, und das zwar zumeist lauter Strahlenbäume – während der andere Teil des Tempels zuallermeist aus lauter Spiegelbäumen angepflanzt wird.
SA|0|34|23|0|Außer dieser elliptischen Eiform des Tempels wird daher auch noch in gerechter Entfernung, statt einer Ringmauer ein Kreis der edelsten Art des Wandbaumes gesetzt; welche edelste Art des Wandbaumes von der gemeinen Art des Wandbaumes sich darin unterscheidet, dass, wie ihr wisst, die Rinde des gewöhnlichen Wandbaumes aussieht wie blankes Gold bei euch; die Rinde der edelsten Art dieses Baumes sieht aber so aus als möchtet ihr einen vielfachen Regenbogen übereinander stellen, die Farben aber hätten dabei dennoch den lebhaftesten metallischen Glanz. Die Blätter, die er da an der obersten Kante treibt, haben nahe die Form der Aloeblätter bei euch, nur sind sie natürlich im Verhältnis zu allem, was auf diesem Planeten ist, im gerechten Verhältnisse überaus groß, ja manches Blatt ist nicht selten so groß, dass ihr nach eurem Maß ganz bequem ein ganzes Regiment Krieger hinaufstellen könntet. Die Farbe der Blätter ist ganz blendend weiß; die Blüte aber ist gerade so als wie bei dem gemeinen Wandbaum, nur ist sie zarter und hat einen überaus lieblichen Geruch.
SA|0|34|24|0|Nun seht, wenn demnach unsere Tempelbauer solche Arbeit vollzogen haben, sodann danken sie dem Großen Geist abermals für die Kraft und für die Einsicht, dass sie den Tempel also errichten mochten; und bitten Ihn dann, Er möchte wunderbar dieser Ansaat zu Hilfe kommen, damit der Tempel alsbald wohlbereitet dem Boden aus den gelegten Samenkörnern entwachsen möchte.
SA|0|34|25|0|Nach solchem Dank- und Bittgebet verlassen sie dann mit großer Ehrfurcht die Stelle, da sie den Tempel angelegt haben, und gehen rücklings von selbem weg bis über die Hälfte des Weges bis zu ihrem Wohnbaum. Alsdann erst verbeugen sie sich tief und gehen dann geradeaus nach Hause.
SA|0|34|26|0|Da angelangt, heißen sie alle anderen erstehen vom Boden und besteigen die ihnen eingeräumten Äste des Wohnbaumes, auf welchen dann erst nach der Segnung des Ältesten Speise und Trank zu sich genommen wird. Denn während der Ansaat des Tempels, welche den Saturnusbewohnern eine der erbaulichsten Handlungen ist, wird von niemand etwas gegessen oder getrunken.
SA|0|34|27|0|Wenn die Mahlzeit aber vorüber ist, welche gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten wie auch hernach an den bestimmten Geistestagen allzeit nur am Abend gehalten wird, ermahnt der Älteste alle sämtlichen Familienglieder, dass sie da möchten ihren Willen mit dem Willen des Großen Geistes, den er ihnen kundgibt, innigst vereinigen und sollen keinen anderen Willen nun haben, als dass die Ansaat des Tempels baldmöglichst wunderbar gedeihe.
SA|0|34|28|0|Auf solche Ermahnung schärft dann jeder Saturnusbewohner seinen Willen und düngt mit demselben den Boden, allda derselbe angesät ist. Und ihr könnt es glauben, es geht bei einer solchen Gelegenheit wirklich allzeit wunderbar vor sich, so zwar, dass da nicht selten am nächsten Morgen ein solcher vorerst angesäter Tempel schon in aller seiner für euch unbegreiflich großen Pracht vollendet dasteht.
SA|0|34|29|0|Wann aber der Tempel erschaut wird von einer solchen Familie, sodann hat es des frommen Jubelns und Lobens kein Ende, und es dauert oft solches Jubeln, Loben und Preisen mehrere Tage und Nächte hintereinander.
SA|0|34|30|0|Aus welchem Grund sind unsere Saturnusbewohner denn gar so fröhlich, wenn ihr Tempel so schnell und wohl gediehen ist? Der Grund ist mehrfach: Der erste Hauptgrund ist der, dass sie dadurch zur Überzeugung gelangen, dass der Große Geist auch in dieser neuen Wohnstätte so mit ihnen ist, wie Er war zuvor in der alten. Ein zweiter Grund ist, dass sie dadurch nun wieder einen Ort haben, in welchem sie sich durch ihren Ältesten dem Großen Geist nahen können und dürfen. Ein dritter Grund ist der, dass eben durch einen solchen Tempel eine solche nun getrennte Familie als manifestiert dem Großen Geist wohlgefällig erscheint.
SA|0|34|31|0|Und noch ein Grund, der aber mit diesem [dritten] Grund nahe zusammenhängt, ist der, dass eine solche allgemeine Familie dadurch erkennt, dass der eingenommene neue Besitz ein rechtmäßiger und daher auch ein bleibender ist. Denn würde der Tempel nicht so schnell gedeihen, so wäre ihr Besitztum, von ihnen aus betrachtet, nicht ein rechtmäßiger, und sie müssten daher stets bereit sein, wenn da jemand käme und sagte, dass dieser Grund schon von jemand besessen ist, selben sogleich ohne Widerrede abzutreten und sich einen anderen zu suchen.
SA|0|34|32|0|Steht aber einmal der Tempel da, sodann hat ein allfälliger früherer Besitzer alles Recht auf dieses Besitztum verloren, ja er würde sich beim Anblick eines solchen neu entstandenen Tempels auch nicht getrauen, nur die allerleiseste Anforderung auf eine Rückgabe zu machen. Denn da haben sie ein allergrößtes Gesetz unter sich, welches also lautet:
SA|0|34|33|0|„Was jemandem der Große Geist gegeben hat, das gehört vollkommen dem, der es empfangen hatte vom Großen Geist. Und kein Wesen des Himmels, kein Geist des Lichtes und keine Kreatur der Welt hat da mehr das Recht, ihm die allerhöchste Gabe streitig zu machen. Wer da solches täte, der soll sobald hinausgetrieben werden an diejenigen Stellen dieser Welt, da nichts als die ewige Kälte, das ewige Eis, der ewige Schnee seiner harrt.“
SA|0|34|34|0|Ein solches Gesetz weiß jeder Saturnusbewohner. Und er hat auch nahe vor keinem Gesetz eine solche Achtung wie vor dem, aus welchem Grund namentlich bei den Gebirgsbewohnern schon gar nie Eigentumsstreitigkeiten vorkommen, denn unter sich beobachten sie immerwährend die schönste Ordnung.
SA|0|34|35|0|Was aber die Verhältnisse zwischen Nachbarn und Nachbarn betrifft, so werden allda nirgends nur von ferne hin Grenzen gezogen, sodann, wenn jemand hinkommt, da ist er auch so gut wie vollkommen auf seinem Eigentum zu Hause. Denn ein jeder Mensch trägt schon in sich selbst das Zeugnis des Großen Geistes, und dieses genügt, um zu bereisen den ganzen großen Weltkörper.
SA|0|34|36|0|Wenn es sodann manchesmal geschieht, dass da irgendein Kontinentland zu viele Einwohner hat, so gesellen sich auch Familien und ziehen also vergesellschaftet auf den euch schon bekannten Wasserfahrzeugen in ein anderes Kontinentland. Allda angelangt, suchen sie sich sobald irgendeine passende Wohnstätte auf. Haben sie sich eine gefunden, so haben sie sogleich das Recht, ein ganzes Jahr dort zu wohnen und zu genießen, was der Boden trägt.
SA|0|34|37|0|Gedeiht die Ansaat des Tempels wunderbar auf die vorbezeichnete Art oder auch nur sukzessiv auf natürlichem Weg, jedoch so, dass die ausgewanderte Familie bei einer allfälligen Anfrage eines abgesandten Eingeborenen demselben die Stelle, wo der Tempel angebaut ist, also zeigen kann, dass die Tempelbäume schon alle in gutem Wachstum begriffen sind, sodann sind sie auch schon vollkommene Eigentümer des Bodens, den sie eingenommen haben. Und der vorige Eigentümer hat dann kein Recht mehr darauf, was die Neuangekommenen Besitz genommen haben, außer das Recht der Freundschaft;
SA|0|34|38|0|welches Recht aber nie ein Saturnusmensch dem anderen verweigert, und sodann sogleich mit ihm gemeinschaftliche Sache macht, worauf dann der Älteste der neuen Ankömmlinge zu ihm sagt:
SA|0|34|39|0|„Bruder im Großen Geist, siehe, wie deine Augen mich ansehen und nichts finden an mir, das da ihnen verweigern möchte den Anblick meiner Person, also soll auch dein Herz in meinem Herzen nichts finden, das dir je etwas verweigern könnte, dessen du bedarfst, darum du bist ein Bruder zu mir in unserem Großen Geist.“
SA|0|34|40|0|Nach solchen Worten umarmen sie sich. Und diese Umarmung ist eine bleibende Urkunde der vollkommenen Gütergemeinschaft zweier solcher Familien. Darauf ladet der Abgesandte sogleich die ganze neu angekommene Familie ein, unterdessen von seiner Wohnung einen wohlgefälligen Mitgebrauch zu machen, bis das neue Besitztum vollkommen gediehen ist in allem, und sobald auch folgt dem Gesandten, der gewöhnlich ein Ältester selbst ist, die neu angekommene Familie in dessen Wohnung.
SA|0|34|41|0|Eine solche Gelegenheit ist dann allzeit eines der größten Freudenfeste. Denn für den Saturnusmenschen gibt es nahe nichts Größeres und Erhebenderes, als wann er in einem anderen Kontinentland findet einen Bruder im Großen Geist. Denn so pflegen sich in diesem Planeten die Menschen gegenseitig zu nennen.
SA|0|34|42|0|Geschieht es aber manchmal, dass der Neuangekommene bei der freundschaftlichen Ankunft in der Wohnung des anderen Ältesten sich überzeugt, dass dieser in seinen Verhältnissen nur dürftig ausgestattet ist, sodann trägt er ihm alsbald seine Dienste an zur Urbarmachung und bedeutenden Erweiterung der Gründe, welche Dienste der andere allzeit freundlichst und dankbarst annimmt und im Gegenteil auch dafür seine Dienste seinem neuen Nachbarn anträgt.
SA|0|34|43|0|Sagt aber der Neuangekommene zu ihm: „Bruder im Großen Geist! Ich habe mich nun überzeugt, dass du dürftig bist, siehe darum habe ich beschlossen, dir dein früheres Eigentum wieder abzutreten und mir irgend anderswo eine Wohnstätte zu suchen.“ — Auf solchen Antrag erwidert dann der andere Älteste: „Bruder im Großen Geist! Eher möchte ich mein eigenes Leben von mir lassen und wünschen, dass ich nicht wäre, bevor ich dich die Stelle soll verlassen sehen, die du, dem Großen Geist wohlgefällig, eingenommen hast! Du weißt ja, dass nicht der Grund, sondern allein der Große Geist die Mittel zum Leben gibt. Daher ist der Boden, den wir bewohnen, ja groß genug, um zehn oder noch mehrere Familien, wie wir sie haben, vollkommen zu ernähren.“
SA|0|34|44|0|Wenn dann gewöhnlich der Neuangekommene von seinem Vorhaben absteht, so gibt das wieder ein großes Freudenfest, und der alte Bewohner bietet da alles Mögliche auf, um seinen neu angekommenen Bruder im Großen Geist für alle Zeiten an sein Bruderherz zu fesseln.
SA|0|34|45|0|Bis hierher für heute, nächstens wollen wir die Verfassungen unserer Gebirgsbewohner noch weiter verfolgen.
SA|0|35|1|1|Die Verfassung: Leben nach dem Willen Gottes. Behandlung von Sündern
SA|0|35|1|0|Nachdem wir bis jetzt gesehen haben, wie in diesem Planeten namentlich die Gebirgsbewohner unter sich keine abgeschlossenen Eigentumsgrenzen haben und wie das Gesicht eines Menschen allen Saturnusbewohnern ein hinreichendes Zeugnis ist, dass ihm vom Großen Geist das unbestreitbare Recht eingeräumt ist, allenthalben auf dem ganzen Planeten Besitz zu nehmen für sein Bedürfnis, so wollen wir nun wieder zu unserer geteilten Familie unter ihrem neuen Ältesten stehend uns wenden.
SA|0|35|2|0|Den Tempel haben wir gesehen, wie er angelegt wurde, und haben auch gesehen die Möglichkeit, wie solch eine geheiligte Ansaat in wunderbarer Schnelligkeit dem Boden dieses Planeten entwachsen kann, und haben auch gesehen, wie diese Saturnusbewohner alle ihre übrigen Bauten angelegt haben. Sonach hätten wir die Entstehung eines neuen Besitztums vollkommen gut angeschaut und es geht uns hernach nur noch das ab, was ihr bei euch eine politische Verfassung nennt.
SA|0|35|3|0|Worin besteht denn diese bei einer solchen Familie? Seht, alldort ist die politische Verfassung sehr kurz und mit wenig Worten abgetan; denn der Grundsatz dieser Verfassung besteht bloß in dem, dass da kein Glied einer solchen allgemeinen Familie fürs Erste ohne den ihm vom Ältesten bekanntgegebenen Willen des Großen Geistes etwas tun darf und auch nie etwas tut. Wenn aber jemand den Willen des Großen Geistes durch den Ältesten erfahren hat, so darf er nicht eher seine Hand an irgendein Werk legen, als bis er innigst gedankt hatte dem Großen Geist für die Bekanntgebung Seines Willens und bis er dann auch nach dem Dank den Großen Geist gebeten hatte um das rechte und gute Gelingen des unternommenen Werkes.
SA|0|35|4|0|Das ist einmal der Hauptgrundsatz der sämtlichen politischen Verfassung der Saturnusmenschen. Nach diesem Grundsatz handelt dann auch jeder Mensch und kümmert sich dann um nichts Weiteres, als allein um das, wie er dem Großen Geist nach der Vollendung des Werkes den gebührenden Dank darbringen möchte.
SA|0|35|5|0|Ihr könnt es buchstäblich glauben, dass in diesem kurzen Satz alles Erdenkliche begriffen ist. Denn wer da handelt nach Meinem Willen, der handelt ja allzeit recht.
SA|0|35|6|0|Darum gibt es auch dort durchaus keine weiteren Kommentare über dieses kurze politische Gesetz, welches sich ein jedes Kind auf dreimaliges Vorsagen merken kann. Und dieses kurze Gesetz hat auch durchaus keinen Strafkodex als einen politischen Zuchtmeister zur Seite; sondern der Ausdruck: „Ich handle nach dem erkannten Willen des Großen Geistes!“ – ist für jeden Saturnusmenschen die allerkräftigste Beweisurkunde der allerrechtlichsten und dadurch auch niemand anderen beeinträchtigenden Handlungsweise.
SA|0|35|7|0|Wenn es sich, was freilich selten der Fall ist, dennoch manchmal ereignet, dass jemand aus der Tiefe zu den Gebirgsbewohnern kommt und handelt da irgendwo zu seinem Vorteil, ohne dass er sich früher beraten hat mit einem Ältesten einer Familie, so geht da entweder der Älteste selbst oder ein Nachältester sogleich zu ihm hin und fragt ihn: „Aus welchem Willen tust du dieses?“ – Sagt dann der Gefragte: „Nach dem Willen des Großen Geistes!“ – so wird er nicht mehr gestört in seiner Handlung.
SA|0|35|8|0|Sagt aber der Befragte: „Es war mir ein Bedürfnis zu meinem Frommen, dass ich mich solches zu tun habe unterfangen!“ – so gibt ihm der Älteste sogleich folgende Lehre und spricht zu ihm:
SA|0|35|9|0|„Höre, Bruder im Großen Geist! Wie ist solches möglich, dass du über das Bedürfnis, welches allein in dem Willen des Großen Geistes ist, noch ein anderes Bedürfnis haben kannst, welches von dem Bedürfnis nach dem Willen des Großen Geistes getrennt ist? Daher rate ich dir als wahrer Bruder im Großen Geist: Unterlasse sobald das Werk, damit du nicht unglücklich wirst mitten in der Ausführung deines Vorhabens. Bist du dürftig und hast keine Wohnung, siehe, unsere Wohnung ist hinreichend geräumig, nicht nur dich, sondern Hundert deinesgleichen aufzunehmen. Tust du solches Werk aber aus heimlichem Eigennutz, da falle augenblicklich nieder auf dein Angesicht und flehe inständigst und reumütigst zum Großen Geist, dass Er dich verschonen möchte mit einer gebührenden Züchtigung! Denn der Große Geist ist überaus gut den Guten, aber überaus streng und gerecht dem, der da zuwiderhandelt Seinem über alles heiligen Willen!“
SA|0|35|10|0|Bei einer solchen Anrede lässt ein solcher unbefugter Fremdling auch sogleich sein Werk fahren. Möchte er sich aber sträuben, so sagt der abgesandte Älteste alsbald zu ihm: „So tue denn, was du willst, von mir aus sei es dir für alle Zeiten der Zeiten bewilligt, damit deine Sünde nicht größer werde vor den Augen des Großen Geistes. Siehe aber zu, dass dich die Strafe nicht auf offenem Feld ereilt!“
SA|0|35|11|0|Darauf bietet er ihm die Hand, verlässt ihn dann und lässt ihn forttreiben sein Werk. Wann er aber nach Hause kommt, was tut er da? Ihr werdet hier vielleicht meinen, er wird mehrere hinsenden, etwa wie bei euch, mit Stricken und Lanzen, damit sie den Frevler oder Dieb gefangen nehmen sollen und ihn führen nach Hause zur gerechten Züchtigung? O nein, solches ist bei den Menschen dieses Planeten durchaus nicht der Fall, und namentlich bei den Gebirgsbewohnern schon gar nicht. Sondern bei dieser Gelegenheit gibt der Älteste sobald allen Mitgliedern kund, was da vor sich geht, und fordert sie dann auf, dass alle sich vereinigen sollen in einer inständigsten Bitte an den Großen Geist, Er möchte diesem Bruder, der sich vergessen hatte, darum er handelt wider den Willen des Großen Geistes, gnädig und barmherzig sein und selben wieder zurückführen zu jener wahren Erkenntnis, dass dem Menschen nichts, denn der alleinige Wille des Großen Geistes zum Bedürfnis ist.
SA|0|35|12|0|Wenn alle die Familienglieder eine Zeit lang also inständigst gebetet haben, sodann versammelt sich der Älteste und ruft den allzeit ratgebenden lichten Geist, auf dass er ihm kundgeben möchte den Willen des Großen Geistes zur bleibenden Wohlfahrt des betreffenden verirrten Bruders. Bei solcher Gelegenheit gibt dann auch allzeit der Geist dem Ältesten kund, was da zu tun ist.
SA|0|35|13|0|Ist der Frevler ein verhärteter, eigenwilliger Selbstnützler, sodann wird es dem Ältesten allzeit aufgetragen, dass er den Fremdling solle gefangen nehmen lassen und ihn führen auf die Höhe, allda sich die Familienwohnung befindet. Da solle ihm zuerst Speise und Trank gereicht werden. Dann aber solle er unterrichtet werden in der Erkenntnis des großen Geistes, und solle solche Belehrung währen sieben Tage lang. Nach dieser Zeit aber solle er geführt werden in den Tempel und solle da aus dem innersten Grunde geloben dem Großen Geist den allerwilligsten Gehorsam, demzufolge er nimmerdar einen Schritt und Tritt tun wolle, ohne den Willen des Großen Geistes.
SA|0|35|14|0|Bekehrt sich ein solcher Frevler, so solches an ihm in der Tat vollzogen wird, so wird er nach vollbrachtem Dankgebet mit verschiedenen Lebensmitteln reichlich beteilt und sodann von dreien geleitet hinab in die Tiefe bis zur Stelle, da er angibt, dass sich daselbst befindet seine Wohnung. Findet es sich, dass allda seine Wohnung ist, wo er sie angegeben hatte, so hat der ganze Prozess ein Ende, bis auf das, dass er von den dreien ganz brüderlich ernstlich zur Befolgung dessen, was er gelobt hatte, wie zu aller Dankbarkeit gegen den Großen Geist, ermahnt wird.
SA|0|35|15|0|Sollte es sich aber ergeben, dass ein solcher Fremdling gar zu entfernt von den Gebirgen seine Wohnung hat, oder er hat gar keine Wohnung, was eben bei den Bewohnern der Tiefen nicht selten der Fall ist, so wird im ersten Fall er am Fuß des Berges zwar entlassen, aber unter einer eindringlichen und äußerst drohenden Ermahnung, sein Gelöbnis ja nie mehr wieder zu brechen. Alsdann wird er gesegnet und auf freien Fuß gesetzt.
SA|0|35|16|0|Ist er aber gewisserart ein Landstreicher und hat somit keine Wohnung, trotzdem, dass er in der Höhe ausgesagt hatte, dass er eine Wohnung besitze, so wird er in diesem freilich äußerst seltenen Fall zwar wohl auch ausgesetzt und auf freien Fuß gelassen; aber es wird ihm dabei bedeutet, dass er dadurch nicht sie, nämlich die Gebirgsbewohner, sondern nur Den, dessen Willen sie allzeit erfüllen, hat täuschen wollen. Dieses aber sei das allergrößte Übel, das ein Mensch begehen kann, darum er nun wohl zusehen wolle, wie er da zurechtkommen wird mit Dem, der alle Gedanken erkennt, bevor sie noch gedacht werden.
SA|0|35|17|0|Sie zeigen ihm da die auf der Erfahrung beruhenden schrecklichen Folgen einer solchen Handlung und verlassen ihn sobald ungesegnet. Denn wer da gefrevelt hat vor ihnen, der wird gesegnet, damit er sich wieder kehren möchte zum Großen Geist. Der aber da gefrevelt hat vor dem Großen Geist, einen solchen getraut sich niemand zu segnen, bevor an ihm nicht klar ersichtlich wird, dass ihm der Große Geist noch gnädig ist. Ist solches der Fall, alsdann wird er auch wieder von den Menschen gesegnet.
SA|0|35|18|0|Wird er aber, was sehr häufig der Fall ist, vom Großen Geist alsbald mit einer Strafe heimgesucht, sodann bitten die Saturnusmenschen den Großen Geist wohl nahe tagtäglich für die Vergebung seines an Ihm begangenen Frevels; aber zu segnen wagt sich einen solchen Sträfling niemand eher, als bis er entweder auf dem geistigen oder dem natürlichen Weg erfährt, dass ihm der Große Geist die verhängte Strafe zu mildern hat angefangen. Das ist also das Verfahren in dem Fall, wenn ein solcher Frevler verhärtet ist.
SA|0|35|19|0|Ist er aber nicht verhärtet, so lässt der Älteste drei, welche reichlich mit Früchten beladen sind, dahinziehen, allwo der Frevler noch sein Werk verrichtet. Wenn sie nun bei ihm anlangen, so gebieten sie ihm im Namen des Großen Geistes alsbald abzustehen von seinem Werk, belehren ihn dann über den Willen des Großen Geistes, vergeben ihm seine Tat, nehmen ihn in die Mitte und führen ihn hinab, allda er angibt zu wohnen.
SA|0|35|20|0|Dort beschenken sie ihn mit den Früchten und sagen dann zu ihm: „Bruder, damit du fernerhin nicht mehr sündigst an uns und noch viel weniger an dem allerheiligsten Willen des Großen Geistes, so stellen wir dir allhier frei, dass du zu uns kommen kannst, wann du willst, und du sollst nimmerdar leer nach deiner Wohnung ziehen – denn solches zu tun wissen wir aus dem Willen des Großen Geistes. Wann du dich aber je wieder erkühnen würdest, zu sündigen also wie jetzt, so wird dich die Strafe des Großen Geistes beim ersten ungerechten Tritt ereilen.“
SA|0|35|21|0|Alsdann reichen sie ihm ihre Hände, segnen ihn und ermahnen ihn zur Dankbarkeit gegen den Großen Geist und entfernen sich endlich von ihm.
SA|0|35|22|0|Seht, das ist das ganze, wie ihr zu sagen pflegt, peinlich richterliche Verfahren bei solchen Vergehungen vonseiten der Saturnusmenschen. Nächstens wollen wir ähnliche politische Verfassungen und Verfahren weiter verfolgen.
SA|0|36|1|1|Metallindustrie und Handwerk. Vermeidung einer Facharbeitergesellschaft. Handel und Wandel nach dem Willen Gottes und dem Bedürfnis des Nächsten
SA|0|36|1|0|Zur weiteren ordnungsmäßigen Verfassung gehört die Erzeugung der nötigen metallenen Handwerkszeuge, die sie gebrauchen zum Behauen der Bäume, zur Verfertigung der nötigen Hausgerätschaften, zur Auflockerung des Erdreichs und zum Schneiden ihrer Speisen und anderer Sachen.
SA|0|36|2|0|Wo und wer aber verfertigt solche Werkzeuge? Seht, dazu sind auch auf diesem Planeten, besonders an den Füßen der Gebirge, eigene Fabriken vorhanden, in denen ein solches eurem Eisen ganz wohl ähnliches, nützliches Metall zu allerlei solchen Gerätschaften bearbeitet wird.
SA|0|36|3|0|Wer aber sind die Fabrikanten? Seht, damit auf die Erzeugnisse einer solchen Fabrik jede benachbarte allgemeine Familie ihr Recht hat, dieselben nach Bedarf aus der Fabrik zu nehmen, so muss auch jede benachbarte Familie abwechslungsweise Arbeiter dahin senden, welche da das Metall unter der Oberleitung eines Fabrikältesten zu bearbeiten haben. Das Metall aber wird in einer solchen Fabrik nicht schon zu Werkzeugen selbst gestaltet, sondern bloß nur geschmeidig aus den Bergen zu fernerer Verwendung gewonnen, ungefähr so, wie bei euch das Stangeneisen gewonnen und bereitet wird zum ferneren Gebrauch.
SA|0|36|4|0|Hat dann ein oder der andere Arbeiter die bedungene Zeit von hundert Tagen in einer solchen Fabrik gearbeitet und eine solche Fabrik hat z. B. hundert Arbeiter, so wird das gewonnene Metall eben auch in hundert Teile geteilt; nach vollendeter Arbeitsfrist aber dann jedem aus der Arbeit Tretenden sein gerechter Anteil ausgeliefert und von ihm sobald zum allgemeinen Besitz nach dessen allgemeiner Familienwohnung gebracht.
SA|0|36|5|0|Was geschieht denn dann mit einem solchen gewonnenen Metallteil, welcher nach eurem Gewicht nicht selten zwanzig- bis dreißigtausend Zentner beträgt? Dieses Metall wird hier, wenn noch Werkzeuge vorrätig vorhanden sind, mit Laubwerk umwunden und dem Ältesten der Familie zur Verwahrung übergeben. Sind aber die früheren Werkzeuge schon sehr abgenutzt geworden, sodann wird nach der Anordnung des Ältesten sogleich zur Erzeugung neuer Werkzeuge geschritten.
SA|0|36|6|0|Wie aber? Meint ihr auch etwa durch ein Essenfeuer, wie bei euch? O nein, sondern auf eine ganz viel merkwürdigere, aber dabei dennoch viel einfachere Art. Die Saturnusbewohner haben da eine kürbisartige Frucht, die auf der unteren Fläche eine ganz regelmäßige Konkavität besitzt, nicht selten von einem Durchmesser von zwanzig bis dreißig Klaftern. Die äußere Rinde dieser Kürbisfrucht, namentlich aber dieser untere, konkave Teil, ist so glänzend glatt wie ein allerfeinst polierter Stahl. Seht, mit diesem Fruchtunterteil fangen die Saturnusbewohner die Strahlen auf und leiten den Brennpunkt auf die große Stange hin. Und es gehört nicht mehr als ein Augenblick dazu, um einen bedeutend großen Teil der Stange ganz vollkommen weißglühend zu machen.
SA|0|36|7|0|Ist solches geschehen, dann wird das weißglühende Metall nach Bedarf von der Stange herabgeschnitten und vermittels eines vorfindigen Ambosses, der gewöhnlich aus einem diamantartigen, harten Stein besteht und sehr glatt ist, und mittels eines metallenen Hammers zu irgendeinem erforderlichen Werkzeug umgestaltet.
SA|0|36|8|0|Wenn ein Schmied bei euch zur Verfertigung einer Sichel die Zeit einer halben Stunde nötig hat, so verfertigt ein Saturnusmensch wenigstens zehn in dieser Zeit, obschon eine ganz verfertigte Sichel im Saturnus nach eurem Gewicht nicht selten hundert Zentner wiegt. Wenn ihr dieses ein wenig bedenkt, so könnt ihr euch wohl vorstellen, wie gewandt in seiner Kunst ein solcher Saturnusschmied ist!
SA|0|36|9|0|Es fragt sich nun nur noch, wer daselbst dieses Handwerk versieht? Die Antwort wird hier nicht schwer sein, so Ich euch sage, dass bei den Saturnusmenschen solches eine häusliche Verfassung ist, dass da ein jeder Mann muss jedes erforderliche Handwerk können, damit es da keinen Unterschied des Standes gibt und ein Handwerker zum anderen sagen könnte: „Ich bin notwendiger als du, und meine Produkte wichtiger als die deinigen!“ Sondern ein jeder kann das, was sein Bruder kann. Und somit kann einer dem anderen in allem Erforderlichen nützen. Und wann allenfalls an einen oder den anderen die Reihe kommt, dass er wird ein Ältester in der Familie, so kann er dann auch durch seine Leitung derselben in allem vorstehen.
SA|0|36|10|0|Da aber alle also in allem Erforderlichen erfahren sind, so hört dadurch auch aller Schacherhandel auf; namentlich bei den Gebirgsbewohnern. Darum sie dann auch nichts im Überfluss bereiten, damit sie es an einen Nachbarn verkaufen oder vertauschen möchten; sondern alle ihre Produkte richten sich nach dem eigenen häuslichen Bedarf.
SA|0|36|11|0|Kommt aber dessen ungeachtet ein Nachbar, darum er haben möchte etwas Nötiges, das ihm aber abgeht, weil er nicht ist so wohlhabend wie ein anderer – so wird er nicht befragt: „Was gibst du für dieses oder jenes, das du bedarfst?“ – sondern er wird bei einer solchen Gelegenheit nur befragt um den Preis des Willens vonseiten des Großen Geistes. Hat er dieses im Saturnus nur allein gültige Zeugnis und dieses allein gangbare Geld, sodann wird ihm auch sogleich das vollkommen zu eigen eingehändigt, dessen er nach seiner Angabe bedarf, und darf darauf nie von jemandem an irgendeine Entgeltung gedacht werden.
SA|0|36|12|0|Und das zwar zufolge eines politischen Gesetzes unter ihnen, welches also lautet: „Wer ist mehr als der Große Geist? Was aber haben wir Ihm dafür gegeben, darum Er uns gegeben hat zur Benützung die mit so zahlreich vielen Gütern wohlversehene große Welt? Es geziemt sich aber, dass wir dem Großen Geist danken für jegliche Gabe. So wir aber von unserem Bruder auch nur einen Dank annehmen, wie müssten wir da erscheinen vor dem Großen Geist, so wir das von unseren Brüdern verlangen würden, was nur allein dem Großen Geist gebührt! Wehe daher demjenigen, der sich danken ließe von seinem Bruder für eine dargereichte Gabe, da er doch vielmehr dem Großen Geist danken solle, darum ihn dieser eines Dienstes an einem Bruder gewürdigt hatte."
SA|0|36|13|0|Seht, nachdem der Saturnusmensch aus diesem wohlwürdigen Grund von seinem Nebenbruder nicht einmal den allerleisesten Dank wissentlich annimmt, so nimmt er noch um desto weniger irgendeine andere Entgeltung an. Und sonach ist auch aller Handelsverkehr zwischen den Saturnusmenschen eingerichtet.
SA|0|36|14|0|Es gibt daselbst keine Wechselbuden und auch nirgends Zollämter. Auch gibt es keine Warentaxierer und Warenbeschauer. Und der Wucher ist jedem Saturnusmenschen fremd, namentlich vorzugsweise den Gebirgsbewohnern.
SA|0|36|15|0|Ein Werkzeug, was auf dieser Erde sehr häufig gebraucht wird, ist die Waage. Dieses Werkzeug ist dem Saturnusmenschen ganz fremd; denn er kennt fürs Erste keine andere Waage als den alleinigen Willen des Großen Geistes und fürs Zweite die des Bedarfes seines Bruders.
SA|0|36|16|0|Noch ein zweites Werkzeug, das da bei euch heißt die Elle, ist dem Saturnusbewohner fremd; demzufolge hat er denn auch kein anderes Maß, als wie er hat die Waage, und es wird daher nichts nach der Elle, wie bei euch, gemessen, sondern das Wort des Bruders nach dem Willen des Großen Geistes ist das für die Saturnusmenschen alleruntrüglichste Maß, nach dem sie das bemessen, was ein oder der andere nachbarliche Bruder von ihnen sich erbittet.
SA|0|36|17|0|Ein solcher Handel und Wandel wäre N. B. auf dieser Erde viel besser als die unmenschlichen Korngesetze Englands, und auch viel besser als alle Börsen und Banken und Wechselbuden und Kaufläden und Schankhäuser bei euch – da euch doch schon ein nur einigermaßen reinerer Verstand es sagen sollte: Was haben wir denn Gott für alle die Produkte der Erde gegeben und wie teuer haben wir Ihm denn die Erde selbst abgekauft, darum wir nun auf derselben schalten und walten, als wären wir die unmittelbaren Eigentümer von ihr?
SA|0|36|18|0|Da ihr euch, wie gesagt, nur bei einem ein wenig reineren Verstand solches doch notwendig fragen müsstet, so leuchtet es ja von selbst klar aus allen euren Handlungsweisen heraus, wie unrechtlich in Meiner Hinsicht es ist, auf Meinem Grund und Boden, den Ich allein nur geschaffen und für jedermann gleich eingerichtet habe, sich dessen Produkte oder vielmehr Produkte Meiner Liebehand neidisch, geizig und gewalttätig anzueignen, für einen oder den anderen Zweck zu bearbeiten und sodann dieselben erst um einen unerschwingbar hohen und teuren Preis an seinen Bruder zu geben, so er danach ein Bedürfnis oder ein Verlangen hat.
SA|0|36|19|0|Jedoch lassen wir all das Himmelschreiende auf der Erde und wenden uns wieder zu unserem Planeten, allda die Menschen noch im Besitz solcher Schätze sind, die der Rost nicht angreift und die Motten nicht verzehren, und beschauen da noch durch mehrere Seiten hindurch ihr durchaus nicht großes politisches Gesetzbuch, welches da geschrieben ist in ihren Herzen.
SA|0|37|1|1|Webstofferzeugung. Unverfälschte Verwendung der Naturerzeugnisse. Bekleidungsordnung
SA|0|37|1|0|Da wir diese Menschen soeben als Schmiede haben kennengelernt und wie sie im Notfall ihre Gerätschaften oder Fabrikate an einen anderen Bruder verkaufen, so wollen wir sie nun auch noch als Zeugmacher kennenlernen.
SA|0|37|2|0|Da wir schon sowohl bei der Darstellung des Pflanzenreiches wie bei der Darstellung des Tierreiches gesehen haben, dass es im Saturnus Pflanzen gibt, die eine Art sehr langer Haare namentlich aus ihren Blüten und auch Blättern von sich treiben, und haben gesehen, dass sehr viele Tiere außerordentlich wollereich sind und haben manche bedeutend reichliche und lange Mähnen, so ist es auch andrerseits sicher klar, dass dieses alles von den Saturnusmenschen wohl benützt wird.
SA|0|37|3|0|Wie aber werden diese Stoffe benützt? Seht, da ist nicht viel Unterschied zwischen euch und den Bewohnern dieses Planeten. Die Stoffe werden zu Fäden gesponnen, welche freilich wohl etwas stärker sind als so manche bedeutende Stricke bei euch. Dessen ungeachtet aber sind sie im Verhältnis dennoch fein genug, um für diese großen Menschen gar wohl tragbare Stoffe daraus zu weben.
SA|0|37|4|0|Wer spinnt und webt denn die Fäden? Seht, solches tun im Saturnus nur allein die Weiber; aber nicht auf die Art, wie da ihr webt die Zeuge in Weberstühlen, sondern ungefähr so, wie da euer Weibervolk mittels der sogenannten Stricknadeln die Strümpfe verfertigt. Sonach werden alldort schon ganze Kleidungsstücke gestrickt, und das zwar mit Hilfe zweier langer, allzeit hölzerner Stifte. Die Saturnusweiber haben darinnen eine große Fertigkeit, so zwar, dass da ein Weib an einem Tag einen nach eurem Maß mehr denn hundert Ellen langen und fünf bis sechs Ellen breiten Streifen verfertigt.
SA|0|37|5|0|Werden solche Stoffe auch gefärbt? Solches tut niemand in diesem Planeten. Denn hier besteht schon wieder ein häuslich politisches Gesetz, welches also lautet wegen so mancher Eitelkeit in der Tiefe:
SA|0|37|6|0|„Wie ist der Mensch doch ein Frevler, wenn er etwas besser, schöner und vollkommener machen will, als es gemacht hat der Große Geist! Wehe dir, so du möchtest rot machen das, was der Große Geist weiß gegeben hatte! Wehe dir, so du möchtest gerade machen das, was der Große Geist krumm gestaltet hatte! Wehe dir, so du möchtest geschmackvoller machen eine Speise, als sie für dich bereitet hatte der Große Geist!
SA|0|37|7|0|Wer da zuwiderhandeln wird darin, wie es nicht ist nach dem Willen des Großen Geistes, so wird ihn dieser zornig ansehen und wird über seinen Leib schicken ein Übel um das andere – wie Er es allzeit zu tun pflegt in der Tiefe, darum alldort die Menschen nicht achten auf das, dass der Große Geist alles überaus weise und gut eingerichtet hat, darum der Mensch nicht nötig hat, etwas daran zu ändern, sondern dankbarst also anzunehmen, wie es ihm gibt die milde Hand des Großen Geistes. Wir sind nur da, um das zu benützen, was uns der Große Geist gibt; nicht aber, dass wir seine Gabe eher verbessern und verschönern sollen, bis wir sie erst gebrauchen möchten.
SA|0|37|8|0|Nur ein Ding, und das ist das Metall, hat der Große Geist in die Erde roh gelegt, und wir müssen es zuvor backen, bevor wir es nützlich gebrauchen können. Und solches können wir tun darum, weil es uns der Große Geist Selbst gelehrt hatte. Also können wir auch nach seinem Willen einige Früchte am Feuer zum leichteren Genuss erweichen und können die Äste der Bäume behauen zu unseren Wirtschaftsgebäuden. Solches alles lehrte Er uns Selbst.
SA|0|37|9|0|Aber dass wir einem Ding eine andere Farbe geben sollen und anderen Glanz, solches hat Er uns nie gelehrt. Daher ist es auch ein großer Frevel für den gegen den Großen Geist, der da möchte das Weiße rot, das Grüne schwarz und das Blaue gelb und also auch umgekehrt färben.
SA|0|37|10|0|Wir aber sind untereinander nichts denn einerlei Brüder und Schwestern im Großen Geist; da aber darinnen kein Unterschied ist und wir alle gleich sind vor Ihm, warum sollen wir uns da unterscheiden in der Farbe unseres Gewandes?
SA|0|37|11|0|Also sei die Gürteljacke um unsere Lenden, welche bis an die Knie reicht, allzeit blau, wie die Wolle von Natur aus blau ist, die wir dazu verwenden. Unser Oberleibmantel aber sei rot, wie da ist die Mähne des Tieres, daraus er verfertigt wird. Und unsere Kniemäntel seien allzeit grün, wie da die Wolle des Baumes und der Pflanzen ist, aus der sie verfertigt werden.
SA|0|37|12|0|Die Weiber aber sollen ebenfalls unwandelbar verbleiben bei ihrem weiten blauen Hemd und sollen fortwährend zu ihren Oberkleidern benützen die schönen Blätter unseres Wohnbaumes und können gebrauchen zu ihrer Zierde noch so manches, was der Große Geist für sie sowohl auf den Bäumen, auf den Gesträuchen und auf den Tieren wachsen lässt. Ferne jedoch von ihnen sei die übertriebene Prachtliebe der Weiber, die da wohnen an großen Flüssen und Seen und haben eine große Freude daran, dass sie ihren verweichlichten Leib behängen mit allerlei Flitterwerk.
SA|0|37|13|0|Unsere Pflicht auf den geheiligten Bergen aber sei, dass wir in allem standhaft sind und treu dem Willen des Großen Geistes.“
SA|0|37|14|0|Seht, das ist eine der längsten Hausregeln bezüglich der Verfertigung der Kleiderstoffe, aus ihnen der Kleider selbst, und wie dieselben zu tragen sind.
SA|0|37|15|0|Auch mit diesen Kleiderstoffen sind die Gebirgsbewohner gleicherweise freigebig wie mit allem Übrigen. Kommt da von irgendwoher ein nahe ganz nackter Mensch, so gilt dessen Nacktheit schon für ein sicheres Zeugnis des Großen Geistes, dass jeder, der da hat vorrätige Kleider, ihn, den Nackten nämlich, sogleich zu bekleiden hat. Wer sich solches zu tun weigern würde, dem steht, wie auf kein anderes Vergehen, eine Verbannung auf ein, zwei bis drei Jahre bevor, damit er in solcher Einsamkeit erkennen lerne, wie weh es tut, wenn man nackt herumirren muss.
SA|0|37|16|0|Ihr werdet euch vielleicht denken, wie kann denn allda ein Mensch in ein, zwei oder drei Jahren seine Kleider bis zur Nacktheit verreißen? Da erinnere Ich euch nur daran, dass ein Saturnusjahr nahe dreißig Erdjahre dauert. Wenn ihr das bei der obbenannten ein-, zwei- oder dreijährigen Verbannung mit in den Anschlag bringt, so dürfte es euch wohl klar sein, dass in solcher Zeit ein Kleidungsstück nicht eben mehr sehr gesund aussehen dürfte, wann es Tag und Nacht getragen wird.
SA|0|38|1|1|Gestalt von Mann und Weib. Zeugung, Schwangerschaft und Geburt. Beschaffenheit der Kinder. Größere Vollkommenheit des Mannes
SA|0|38|1|0|Was da noch andere, sehr beachtenswerte häusliche Regeln betrifft, so können und wollen wir diese erst dann kurzmöglichst durchgehen, wenn wir zuvor mit der Gestalt des Saturnusmenschen, sowohl männlichen als weiblichen Geschlechts, näher bekannt werden. Und so wollen wir gleich die Frage stellen: Wie sehen denn die Saturnusmenschen aus?
SA|0|38|2|0|Da wir schon durchaus vom minder Vollkommenen zum stets Vollkommeneren geschritten sind, so wollen wir auch hier zuerst das Weib und sodann erst den Mann betrachten. Wie sieht demnach das Weib aus?
SA|0|38|3|0|Hier sage Ich euch zuerst im Allgemeinen, wie ihr gesehen habt, dass fast alle Dinge erhabener, herrlicher und schöner sind als auf der Erde – so ist es auch umso mehr der Fall beim Menschen. Und so ist demnach das Weib dieses Planeten, was ihre Gestalt betrifft, überaus vollkommen und über alle eure Begriffe schön. Trotzdem, dass sie für eure Augen eine riesenhafte Größe hat, stünde sie aber auf eurer Erde, so würde euch ihre Schönheit zum völligen Verschmachten nötigen. Denn ihr Leib hat durchgehend die allerschönste und vollkommenste Rundung. Kein Glied ist unverhältnismäßig zum anderen; auf ihrem ganzen Wesen ist nirgends eine Härte ersichtlich.
SA|0|38|4|0|Ihre Haut ist so weiß wie Schnee, wann er von der Sonne beschienen wird. Nur hie und da, wo die Haut gewöhnlich am zartesten ist, sticht ein blasses Rot hervor. Trotz ihrer Größe aber ist die Haut dennoch viel feiner und zarter als die einer allerzärtlichsten Burgdame bei euch auf der Erde.
SA|0|38|5|0|Nur die Nägel an den Händen und Füßen sind verschieden von euren Fuß- und Handnägeln; die haben die Farbe so, als wenn ihr poliertes Gold mit Karminrot sanft überstreichen möchtet. Wo aber dann die Nägel über das Fleisch hinauswachsen, da arten sie dann in die Farbe des Regenbogens aus. Sonach hat ein Saturnusweib ihre Finger schon von Natur aus schöner geschmückt, als wann eure Weiber ihre Finger auch mit den allerreichsten Goldringen besetzen.
SA|0|38|6|0|Die Brust des Saturnusweibes ist überaus voll, elastisch und etwas rötlich gefärbt; zugleich aber wahrhaft ätherisch zart, so zwar, dass die Brust eines eurer zartesten Erdweiber als ein harter Kieselstein dagegen zu betrachten wäre. Die Arme sind überaus voll und nirgends ist an ihnen etwas Eckiges zu entdecken bis zur äußersten Fingerspitze; also sind auch die Füße überaus vollkommen bis zur äußersten Zehe.
SA|0|38|7|0|Der Hals ist weder zu lang noch zu kurz, sondern erhebt sich über die Schultern in dem schönsten runden Verhältnis; auf welchem Hals, ihr könnt es glauben, allzeit mit höchst seltener Ausnahme, ein wahrhaft himmlisch schöner Kopf sitzt.
SA|0|38|8|0|Die Stirn des Kopfes ist mittelhoch und blendend weiß. Die Nase ist gerade, erhaben sanft und weich in allen Teilen. Die Augen sind zumeist ausgezeichnet groß, die Pupille blendend schwarz, der Regenbogenring vollkommen himmelblau, das Übrige des Augapfels aber überaus weiß. Die Augenbrauen sind bei jedem Weib stark und von dunkelgoldblonder Farbe. Die Haare des Kopfes sind überaus weich und nicht selten über das Knie reichend, von gleicher Farbe wie die Augenbrauen. Der Mund ist im Verhältnis klein, die Lippen karminrot, hinter welchen die schönsten Perlzähne sowohl den Unter- wie den Oberkiefer zieren. Das Kinn ragt ein wenig hervor und ist samt den Wangen gefärbt; die Ohren sind ebenfalls im Verhältnis zum Kopf mehr klein als groß zu nennen und sind ebenfalls ein wenig gefärbt.
SA|0|38|9|0|Also habt ihr nun die vollkommene Beschreibung der Gestalt eines Saturnusweibes. Nur müsst ihr euch nicht etwa denken, als sehe da in physiognomischer Hinsicht ein Weib dem anderen gleich. Sondern wie es bei euch auf der Erde ist, so ist es auch dort, dass unter zehntausend Gesichtern nicht zwei angetroffen werden, da eines aussieht wie das andere; aber dessen ungeachtet ist, wie ihr zu sagen pflegt, ein Gesicht schöner als das andere.
SA|0|38|10|0|Wenn ihr nun diese beschriebene Gestalt mit den angegebenen Kleidern bekleiden wollt, so könnt ihr mit der Hilfe eurer Phantasie ein solches Saturnusweib so ziemlich beschauen. Da wir somit mit der Darstellung des Weibes aber fertig sind, so wollen wir uns sogleich zu der des Mannes wenden.
SA|0|38|11|0|Wie sieht denn der Mann aus? Fürs Erste ist er, wie ihr beiläufig schon wisst, ums Bedeutende größer als das Weib. Das ist somit etwas, das auf der Erde nicht so leicht vorkommt. Denn in der Regel ist auf dem Saturnus der Mann gewöhnlich um fünfzehn bis zwanzig Schuh größer als das Weib. Ihr werdet solches Verhältnis anfänglich wohl etwas sonderbar finden, wenn ihr bedenkt, dass ein Saturnusweib zu einem Saturnusmann sich gerade so verhält, wie bei euch ein zehn- oder zwölfjähriges Mädchen zu einem vollkommen rüstigen und großgewachsenen Mann.
SA|0|38|12|0|So ihr aber bedenkt, dass in diesem Planeten die Zeugung des Menschen nicht auf die Weise wie bei euch vor sich geht, so wird euch auch das Verhältnis gar bald gerecht vorkommen. Da wir die Zeugung berührt haben, so wollen wir, bevor wir mit der Gestalt des Mannes weiterfahren, sogleich ein paar Worte darüber sagen.
SA|0|38|13|0|Wie geschieht denn dort die Zeugung? Also wie sie auch auf der Erde hätte geschehen können, wann der Mensch nicht abgefallen wäre von Mir, bis Ich ihn gesegnet hätte – nämlich durch die alleinige Liebe und durch den festen Willen.
SA|0|38|14|0|Wann der Mann sonach eine Zeugung vornehmen will, so stellt er sich dem Ältesten vor mit seinem ihm angebundenen Weib (der Saturnusmann hat nie mehr als ein Weib). Der Älteste segnet ihn dann im Namen des Großen Geistes. Darauf fallen der Mann und das Weib zur Erde nieder, bitten inbrünstigst den Großen Geist um die Erweckung einer lebendigen Frucht.
SA|0|38|15|0|Ist solches geschehen, sodann nimmt der Mann das Weib auf seinen Arm, drückt es an sein Herz und gibt demselben einen Kuss auf die Stirn, einen auf den Mund und einen auf die Brust. Darauf legt er seine rechte Hand über ihren Bauch und fixiert sie mit seinem Willen. Und das ist auch das Ganze der Zeugung, während welcher sowohl der Mann als auch das Weib eine wahrhaft himmlisch reine Wollust schmecken, die sie begeistert und auf lange Zeit überfröhlich macht.
SA|0|38|16|0|Ist die Zeugung geschehen, sodann fallen beide wieder zur Erde, danken dem Großen Geist dafür und bitten Ihn zugleich um den Segen für das Gedeihen der Frucht. Darauf begeben sie sich wieder zum Ältesten, allwo das Weib von ihm gesegnet wird und nachdem erst von ihrem eigenen Mann.
SA|0|38|17|0|Die Schwangerschaft dauert dort nur ein Vierteljahr und wird nirgends anderswo beim Weib bemerkt, als nur an der lebhafteren Färbung ihrer Brust.
SA|0|38|18|0|Die Geburt geschieht dort allzeit ohne Schmerzen. Die Kinder, so sie zur Welt kommen, sind kaum so groß wie bei euch diejenigen, wenn sie fünf Jahre alt sind. Sie wachsen aber außerordentlich schnell und werden nach eurer Rechnung im Verlauf von drei Jahren schon sehr oft zwölf bis fünfzehn Klafter groß.
SA|0|38|19|0|Die Kinder sind in den ersten Jahren so leicht, dass sie in der Luft gleich einem Federflaum schweben können, und werden erst dann spezifisch schwerer, wenn sie von der Mutterbrust entwöhnt werden und eine stärkere und festere Nahrung zu sich nehmen; aus welchem Grund im Saturnus auch nie gehört wird, dass sich irgendein Kind von einer Höhe herab verfallen könnte.
SA|0|38|20|0|Wenn ihr nun dieses beachtet, so wird euch umso leichter fasslich werden, warum das Weib gegen den Mann nahe um ein Drittel kleiner und somit auch schwächer ist.
SA|0|38|21|0|Der Mann ist somit ein vollkommenes Ebenbild nach Mir. Seine Größe gibt ihm das Zeugnis, dass er da ist ein Herr der Natur dieses Planeten. Und seine Gestalt aber besagt: Also ist die gerechte Form eines Menschen, der da nicht sein soll so hart aussehend wie ein Fels, aber auch nicht so weich wie die Brust eines Weibes; sondern soll sein ein vollkommenes Ebenmaß Dessen, der ihn erschuf, in sich fassend alle Vollkommenheiten der Kraft der Macht, der Stärke, der Festigkeit des Willens und der Herrlichkeit und der Schönheit aller Formen.
SA|0|38|22|0|Wenn ihr euch demnach die Form eines Mannes im Saturnus vorstellen wollt, so müsst ihr euch auf eurer Erde einen vollkommenen Jüngling denken, bei dem die Muskeln noch nicht zu sehr getrennt erscheinen, sondern noch im lebhaften Zusammenhang stehen; tragt diese vollkommen männlich-menschliche Form auf den Saturnusmann über, natürlich im vergrößerten Maßstab – so habt ihr die Gestalt deutlich vor euch. Nur hat der Mann im Saturnus eine viel feinere Haut als irgendein solcher Jüngling auf eurer Erde.
SA|0|38|23|0|Das Kinn aber ist mit einem vollkommen verhältnismäßig großen Bart bewachsen und der Kopf mit bis auf den halben Leib herabhängenden, wohlgelockten, zuallermeist lichtblonden Haaren. Wobei noch zu bemerken ist, dass der Bart und ganz besonders die Augenbrauen stets etwas dunkler sind als wie die Kopfhaare.
SA|0|38|24|0|Alle Teile seines Leibes stehen in dem schönsten Verhältnis. Diejenigen Teile aber wie die Wangen, die Brust und auch die Arme sind etwas lebhafter gefärbt als bei dem Weib.
SA|0|38|25|0|Ihr werdet vielleicht bei euch heimlich fragen: Haben denn diese Saturnusmenschen keine euch ähnlichen und eigentümlichen Geschlechtsteile? O ja, nur sind diese im Verhältnis nicht so groß und ausgezeichnet, darum sie auch bei ihnen nur für einen Zweck da sind.
SA|0|38|26|0|Stellt euch nun einen solchen Saturnusmann vor und betrachtet ihn in seiner Größe und seinem wahren Menschenadel, so müsst ihr ihm das Zeugnis geben, dass in seiner Form alle Erhabenheit, alle Würde und alle Herrlichkeit Dessen vorgestellt ist, der da ist der Urgrund aller Dinge.
SA|0|38|27|0|Ist auch das Weib reizend durch die Rundung und Weichheit ihrer Form – wahrhaft schön und ewig bleibend schön und ganz vollkommen in allem ist nur der Mann.
SA|0|38|28|0|Solches sehen auch alle Saturnusbewohner ein und danken dem Großen Geist allzeit für die erhabene, Ihm Selbst vollkommen ähnliche Form – wofür zu danken euch freilich noch nie im Traum eingefallen ist.
SA|0|39|1|1|Gotteserkenntnis der Saturnusbewohner. Mehr Ehrfurcht als Liebe. Kunde von der Menschwerdung Gottes auf Erden. Traurigkeit der Saturnusmenschen über den Zustand der Menschen auf der Erde
SA|0|39|1|0|Wie aber wissen die Saturnusmenschen, dass ihre Form ist ein Ebenbild des Großen Geistes? Solches wissen die Saturnusbewohner durch die sich zu öfteren Malen wiederholende Offenbarung des Großen Geistes Selbst. Und es wird selten einen Familienältesten geben, der zum Wenigsten nicht einmal den Großen Geist gesehen hätte.
SA|0|39|2|0|Sie kennen somit Gott nicht anders, denn als einen vollkommenen Menschen. Und darum ist auch ihr oberster Grundsatz in der Lehre vom Großen Geist:
SA|0|39|3|0|„Gott, der da ist der Große Geist, ist ein allervollkommenster Mensch aller Menschen. Er hat Hände wie wir und hat Füße wie wir, hat einen Leib wie wir, und sein Kopf ist dem unsrigen gleich. Doch arbeitet Er nicht mit den Händen und geht nicht mit den Füßen, sondern alle unendliche Macht liegt in Seinem Willen. Und mit der unendlichen Kraft Seiner Weisheit erschafft und leitet Er alle Dinge.“
SA|0|39|4|0|Seht, da die Saturnusmenschen solchen richtigen Begriff von Mir haben, so erkennen sie sich auch um desto leichter und eher selbst und wissen dann in ihrem Geiste vollkommen, dass sie nicht nur flüchtige, sondern im Geiste ewig bleibende ebenmäßige Formen Dessen sind, der sie nach Ihm gebildet und erschaffen hatte.
SA|0|39|5|0|Lieben die Saturnusbewohner auch den Großen Geist? Ja, sie lieben Ihn auch. Aber ihre Liebe besteht mehr in einer übergroßen Ehrfurcht als in dem Bestreben, dem Großen Geist stets näher- und näherzukommen und endlich vollkommen eins zu werden mit Ihm.
SA|0|39|6|0|Doch aber wissen sie auch recht gut und werden davon von den Geistern unterrichtet, dass der Große Geist auf einem kleinen Weltkörper, nahe an der Sonne, ist Mensch geworden und hat getragen Fleisch und Blut. Und dass Er von dieses Weltkörpers Menschen verkannt und leiblich getötet wurde, solches wissen sie auch recht wohl durch die Offenbarung vonseiten der Geister.
SA|0|39|7|0|Nur das geht ihnen schwer ein, wie es denn möglich war, dass Ihn diese Menschen nicht erkannt haben. Und sie fragen die zu ihnen kommenden Geister auch emsig aus, was dieses Weltkörpers Menschen machen und ob sie den Großen Geist noch nicht erkannt haben?
SA|0|39|8|0|Wann sie auf solche Fragen leider zuallermeist verneinende Antworten bekommen, so werden sie ganz traurig und beten sehr oft und sehr inbrünstig in ihren Tempeln, dass die Menschen eines so überhoch begnadigten Weltkörpers einmal doch Denjenigen erkennen möchten, der ihnen eine solche große Gnade erwies, vor deren Größe sie schon bei dem leisesten Gedanken durch und durch erschaudern; und sagen nach langem Innehalten mit donnerstarken Worten:
SA|0|39|9|0|„Oh, wenn wir dieser Gnade wären gewürdigt worden, dass sich der Große Geist gekleidet hätte auf dieser unserer Welt mit unserem Fleisch und Blut, wahrlich, wir leuchteten mehr denn tausend Sonnen übereinander!“
SA|0|39|10|0|Solcher Ausdrücke bedienen sich die Saturnusbewohner, wann sie etwas von der Erde vernehmen. Sie haben eine große Sehnsucht, diese Erde einmal zu sehen. Geht solches in leiblicher Beziehung auch nicht, so gibt es aber dennoch nahe nicht einen Geist des Saturnusmenschen, der da nicht, sobald er seine Hülle abgelegt hatte, sich auch sogleich zur Erde begeben möchte.
SA|0|39|11|0|Da aber der Geist das Materielle nicht leiden kann, so schaut er die geistige Erde an und durch Entsprechungen von dieser aus auch die materielle. Wann er aber die Menschen dieser Erde erkennt, da wird er traurig und verlässt sobald wehklagend wieder diesen Weltkörper.
SA|0|39|12|0|Im Verfolge, da von der Religion der Saturnusmenschen die Rede sein wird, werden wir noch davon mehreres kennenlernen. Nächstens aber wollen wir noch zu einigen politischen Verfassungen uns wieder zurückwenden.
SA|0|40|1|1|Verbot der Selbstüberhebung und Eitelkeit. Gebot der Reinlichkeit. Scheu vor Totem. Leichenbestattung und Totenkult. Eheschließung
SA|0|40|1|0|Worin besteht denn noch eine sogenannte politische Verfassung? Seht, die besteht in nichts anderen, als in dem, dass da niemand zufolge seiner leiblichen Schönheit und Größe auf irgendeine Weise groß von sich reden darf.
SA|0|40|2|0|Damit aber dieses wichtige Gebot allzeit beobachtet wird, so wird solches schon den Kindern also eingeprägt, dass sie sehr klein sind und dass alle diese weltliche Größe vor dem Großen Geist als ein bares Nichts erscheint. Demnach getraut sich auch kein Patriarch oder Ältester und also auch noch viel weniger ein anderes Familienglied irgend etwas Großes von sich zu denken.
SA|0|40|3|0|Was aber da die Schönheit des Leibes betrifft, da sagen sie: „Wir sind samt und sämtlich alle gleich schön als Ebenbild des Großen Geistes. Wer aber da sagen und glauben würde, er sei schön für sich und habe darin einen Vorzug vor jemand anderem, der möchte sich dadurch dem ewigen Urbild sogleich unähnlich gestalten, darum er dann hässlicher würde als das hässlichste Tier auf dem Erdkörper.“
SA|0|40|4|0|Zu diesem Gesetz tun freilich wohl auch die Geister der Verstorbenen so manchen Vorteil. Denn wenn da irgend jemand von einer Eitelkeit möchte befallen werden, so erblickt er gar bald vor sich irgendein so recht scheußlich verzerrtes Gesichtgrinsen. Wer da nun einmal so gestraft worden ist, der lässt sicher auch alsbald alle Eitelkeit sinken; denn solches wissen die Saturnusbewohner gar wohl, dass es mit den Geistern nie halbernstlich zu nehmen ist, sondern wann diese sich auf eine oder die andere Art äußern, so gilt das immer für den barsten Ernst. Seht, das ist ein politisches Gesetz, welches von Groß, Alt und Jung beobachtet wird.
SA|0|40|5|0|Und was da die Größe betrifft, so geht solches sogar für alle ewigen Zeiten bleibend auf den Geist über, dass sie sich für möglichst klein halten. Aus diesem Grund sind die Saturnusgeister auch durchgehend nicht gut reden mit den Geistern dieser Erde, bei denen wieder nichts als ihre vermeintliche Größe vorherrschend ist.
SA|0|40|6|0|Was gibt es denn dann noch ferner für ein häusliches Gesetz? Dieses besteht in der Anempfehlung und Festhaltung der Reinlichkeit. Aus diesem Grund ist es dann auch eine große Seltenheit, irgendeinen schmutzigen Menschen, sei es am Leib oder an dessen Bekleidung, zu treffen.
SA|0|40|7|0|Dessen ungeachtet aber ist dort eine Hauptlehre, auf den Leib ja nichts zu halten, da er sterblich ist, wohl aber alles auf den Geist, der da unsterblich ist.
SA|0|40|8|0|Aus dem Grund scheut der Saturnusbewohner auch alles Tote und will sogar zu seiner Wohnung keine toten Häuser, wie ihr wisst, sondern lebendige. Und noch weniger darf etwas Totes in einem Gott geweihten Tempel vorkommen.
SA|0|40|9|0|Aber reinlich muss darum dennoch alles gehalten werden, und vorzugsweise der Leib, darum er ist eine Wohnung des unsterblichen Geistes. Das ist somit wieder eine politische Hausordnungsregel.
SA|0|40|10|0|Was geschieht denn im Saturnus mit den verstorbenen Leibern der Menschen? Die Leiber werden dort nicht begraben so wie bei euch, auch werden sie nicht verbrannt, wie es in manchen Ländern eurer Erde der Fall ist, sondern die Leiber werden an einen Ort hingebracht, wo da gewöhnlich ein Pyramidenbaumwald sich vorfindet. Allda werden sie, mit dem Gesicht zur Erde gewendet, auf den Boden gelegt und mit Ästen desselben Baumes zugedeckt. Die Leichname der Weiber aber werden gewöhnlich knapp am Stamm des Baumes, bei den Füßen zusammengebunden, an einen Ast des Baumes gehängt, so zwar, dass der Kopf nahe den Boden berührt.
SA|0|40|11|0|Ihr werdet euch hier denken, wenn solche großen Leiber zu faulen und zu verwesen anfangen, so wird sich da auch notwendigerweise ein starker Übelgeruch weit und breit verbreiten müssen. Allein solches ist in diesem Planeten durchaus nicht der Fall, sondern gerade das Gegenteil. Da eben diese Leiber ätherischer und leichter sind als eure auswendigen, groben Schlangenleiber, so verflüchtigen sie sich auch in kurzer Zeit nach dem Hinscheiden, und dieses Verflüchtigen erzeugt in einer solchen Gegend den alleranmutigsten Geruch.
SA|0|40|12|0|Wenn solcher irgend die Nüstern eines Saturnusmenschen berührt, so fällt er voll Dankbarkeit gegen den Großen Geist zur Erde nieder und bittet den Großen Geist, dass Er es zulassen möchte, dass der Geist desjenigen, dessen Leibesduft nun seine Nüstern berührt hatte, zu ihm kommen und mit ihm ein gemeinsames Loblied dem Großen Geist für die Erlösung aus dem Kerker des Fleisches anstimmen möchte. Solches geschieht auch allzeit, besonders wenn es dem Bittenden darum ein ganz vollkommener Ernst ist.
SA|0|40|13|0|Trauern dort die Menschen, wenn jemand dem Leibe nach stirbt? O nein, sondern wenn z. B. der Älteste gestorben ist, so tritt sobald der Nachälteste als sein Nachfolger in seine Ordnung, fordert dann alle Familienglieder auf, dass sie auf die Erde sich niederlegen müssen und fürs Erste danken dem Großen Geist, dass Er dem Patriarchen solche große Gnade erwiesen, darum Er ihn berufen hatte ins ewige Leben.
SA|0|40|14|0|Fürs Zweite aber müssen sie den Großen Geist bitten, dass Er es allergnädigst gestatten möchte, dass der Geist des Verstorbenen dem nun neuen Ältesten sobald erscheinen möchte und ihn führen in des Tempels Heiligtum und allda ihn dann segnen zum erhabensten Amt des Großen Geistes.
SA|0|40|15|0|Solches geschieht dann auch allzeit sichtbar für die ganze Familie. Der Geist kommt sobald in seiner Glorie, heißt mit vernehmlichen Worten den neuen Ältesten ihm folgen in das Heiligtum des Tempels, die ganze andere Familie aber in das Volksteil des Tempels.
SA|0|40|16|0|Allda stellt der Geist vor dem Volk den neuen Ältesten auf den Predigeraltar, segnet ihn da und zeigt es der ganzen Familie an: „Dass es dem Großen Geist wohlgefällig ist, dass dieser übernommen hatte das heilige Amt; darum sie ihm auch zu folgen haben in allem und wohl zu beachten jegliches seiner Worte.“
SA|0|40|17|0|Sodann empfiehlt er den Männern, auf die gewöhnliche Art hinwegzuschaffen seinen verstorbenen Leib, segnet dann noch die ganze Familie, verheißt dann nach dem Willen des Großen Geistes solange ein Lehrer und Führer der ganzen Familie zu verbleiben, so lange es dem Großen Geist gefallen wird, den neu gestellten Patriarchen zu belassen der gesamten Familie zum leitenden Vorstand.
SA|0|40|18|0|Danach verschwindet der Geist, der neue Älteste aber und die Familie fallen sobald zur Erde nieder und danken dem Großen Geist dafür. Ist das Dankgebet vollendet, alsdann stehen alle auf, gehen stillschweigend nach Hause und nehmen sogleich die Hinwegschaffung des Leichnams vor und bringen ihn auf eine schon vorhin beschriebene Stelle.
SA|0|40|19|0|Stirbt aber ein Weib, so wird zwar auch um die Erscheinung ihres Geistes gebeten, aber nach der Erscheinung wird bloß daheim ein Dankgebet verrichtet, sodann wird sogleich ihr Leichnam genommen und an die vorbestimmte Stelle gebracht. Der Leichnam des Weibes aber verflüchtigt sich noch viel schneller als der des Mannes; so schnell zwar bei günstigen Verhältnissen, dass am zehnten Tag oft schon nicht mehr eine Spur zu finden ist, auch nicht einmal die eines Knochens,
SA|0|40|20|0|welche schnelle Verwesung freilich wohl auch naturmäßigerweise dadurch bewerkstelligt wird, weil dieser große Nadelwaldbaum mit seinen Millionen Spitzen den unter ihm befindlichen Leichnam sobald aller Elektrizität beraubt; wie aber diese aus irgendeinem naturmäßigen Körper vollends entweicht, so vergeht auch der naturmäßige Körper so, als wäre er vom Feuer verzehrt worden.
SA|0|40|21|0|Seht, die Beobachtung dieser Regeln ist dann wieder ein solches politisches Gesetz, welches allzeit streng und genau zu beobachten ist.
SA|0|40|22|0|Was haben wir denn noch für ein sehr beachtenswertes Hausgesetz? Das ist das Gesetz der ehelichen Verbindung eines Mannes mit einem Weibe.
SA|0|40|23|0|Durch dieses Gesetz ist jeder Mann, wenn er das gerechte Alter von dreißig bis vierzig Jahren erlangt hat, streng verpflichtet, sich ein Weib nach seiner Wahl und nach seinem Wohlgefallen zu nehmen.
SA|0|40|24|0|Solches darf er jedoch nicht selbst der Gewählten kundtun; sondern nur durch den Ältesten. Dieser beruft dann die Eltern der gewählten Braut und gibt ihnen kund die Not und den Willen des Bräutigams. Solche Kundgebung wird dann auch dankbarst als der Wille des Großen Geistes angesehen; darum dann auch ein solcher Brautwerber nie, so wie bei euch, einen sogenannten, Mir aber über alles verhassten Korb bekommt.
SA|0|40|25|0|Sodann erst nimmt der Älteste den Bräutigam, führt ihn zu der Braut und nimmt ihre rechte Hand und seine Rechte und gibt sie zusammen. Dann müssen sie sich so halten und ihm, dem Ältesten nämlich, folgen in den Tempel vor das Heiligtum, allda sie sich mit den Gesichtern auf den kegelförmig erhabenen Altar anzulehnen haben, während welcher Zeit der Älteste sobald im Heiligtum betend den Geist beruft.
SA|0|40|26|0|Wie dieser bei solcher Gelegenheit mit verhülltem Angesicht erscheint, beheißt der Älteste das Brautpaar sich aufzurichten. Ist solches geschehen, so stellt der Älteste ihnen die ehelichen Pflichten vor in einer guten Rede, welche ihrem Inhalt nach gewöhnlich in der Darstellung aller derjenigen Hausregeln besteht, die wir bis jetzt schon haben kennengelernt und noch einige werden kennenlernen.
SA|0|40|27|0|Ist dann solches geschehen, so geht der Älteste von seinem Predigeraltar herab und macht eine Bewegung, als wollte er die Hände der zwei Brautleute von einander trennen. Allein dafür ist schon eine alte Regel da, dass solches nur eine formelle Andeutung ist, dass sie sich durch nichts je auf der Welt sollen trennen lassen.
SA|0|40|28|0|Nach dieser Zeremonie aber tritt der Älteste zur Seite, der Geist enthüllt sein Angesicht, segnet dann das Brautpaar und geht dann auf sie zu und trennt ihre Hände auseinander. Solches aber bedeutet, dass nur der Tod oder die Scheidung des Geistes vom Leib das Ehepaar gültig zu scheiden vermag.
SA|0|40|29|0|Darauf verschwindet der Geist und die Ehe ist geschlossen.
SA|0|40|30|0|Dem Großen Geist wird nun ein Dank dargebracht. Und Er wird auch wieder gebeten, sie zu segnen mit einer Ihm wohlgefälligen Nachkommenschaft und sie zu leiten nach Seinem allerheiligsten Willen. Ist solches auch geschehen, sodann stehen der Älteste und die Vermählten wieder auf und begeben sich voll Ehrerbietigkeit nach Hause, woselbst dann gewöhnlich ein allgemeines Familienmahl unter Lobpreisung des Großen Geistes gehalten wird.
SA|0|40|31|0|Am nächsten Tag darauf wird es den Neuvermählten freigestellt, ob sie allda verbleiben wollen, oder ob sie sich irgendwo anders eine Wohnung aufsuchen und errichten wollen. Willigen sie ein, bei der allgemeinen Familie zu verbleiben, so wird ihnen sobald ein eigener Ast zur Bewohnung eingeräumt und wird für sie sogleich angefertigt ein neues Wohnhaus und eine neue Küche und Vorratskammer. Wollen sie sich aber manchmal zufolge des geringen Platzes trennen von der Familie, sodann werden sie mit allem möglichen ausgestattet und können dann auch mitnehmen ihre Eltern und noch sonstigen sehr nahen Verwandten.
SA|0|40|32|0|Wie sie’s aber dann machen, wenn sie irgendeine andere Wohnung frei angetroffen haben, ist schon gesagt worden.
SA|0|40|33|0|Seht, das ist nun wieder eine politische Hausordnung. Für heute lassen wir es auch bei der bewendet sein. Nächstens werden wir noch einige durchgehen und uns sodann zur geistigen Religionsverfassung wenden.
SA|0|41|1|1|Behandlung und Aufnahme der Tieflandbewohner bei den Gebirgsbewohnern. Warnung vor den Quacksalbern. Halbheiden und ihre Bekehrung. Brautwerbung
SA|0|41|1|0|Es geschieht dann und wann, dass sich eine oder die andere Familie aus den Tälern und Ebenen, leiblicher Gesundheit halber, auf die Berge begibt. Ist solches der Fall, so besteht bei den Bewohnern der Höhen die Regel, solche Gesundheitssucher liebfreundlichst aufzunehmen und ihnen auch alles darzureichen oder zu verschaffen, was dieselben ihrer Gesundheit für dienlich erachten.
SA|0|41|2|0|Wollen aber die Gesundheitssucher für beständig auf der Höhe Wohnung nehmen, so wird sobald vom Ältesten einer Gebirgsfamilie ein Leiter aus der Gebirgsfamilie berufen, damit er den aus der Tiefe auf den Bergen Ansiedelnwollenden behilflich sein solle. Und wann sie ihn fernerhin zu ihrem Leiter wünschen, so hat er die Verpflichtung über sich, ihrem Wunsch bereitwilligst zu willfahren.
SA|0|41|3|0|Ist er schon verehelicht, so trennt er sich von dieser neu angesiedelten Familie nur so lange, als er eben Zeit braucht, sein Weib und allenfalls ein oder mehrere Kinder von seiner früheren Wohnung zu holen, zugleich aber auch bei solcher Gelegenheit den Segen von seinem Ältesten für dieses neue Amt zu empfangen. Hat er solches alles in die gehörige Ordnung gestellt, sodann begibt er sich mit Weib und Kind und noch sonstiger Ausstattung zu der neu angesiedelten Familie.
SA|0|41|4|0|Allda unterrichtet er dieselbe in allen den Gesetzen und Gebräuchen der Gebirgsbewohner und eifert sie an zur Erbauung des Tempels und sodann auch, nach Zahl und Bedarf, zur Erbauung der Vorratskammern und der lebendigen Wohnhäuser. Seht, solches ist auch eine Regel, welche die Gebirgsbewohner zu beachten haben.
SA|0|41|5|0|Manches Mal geschieht es aber, dass die Tal- und Ebenenbewohner bloß der schönen Aussicht halber hohe Gebirge bereisen. Wenn dann solche Gebirgs-Lustwandler an eine oder die andere Gebirgsfamilie stoßen, so werden sie zwar von derselben angehalten und liebernstlich befragt, welche Absicht sie auf die Höhe geführt hatte. Wenn sie dann gewöhnlich in sehr höflicher Weise kundgeben, dass sie willens seien, diese oder jene höchste Gebirgskuppe der schönen Aussicht halber zu besteigen, so wird ihnen vom Ältesten fürs Erste kundgegeben, welche Gefahren sie zu bestehen haben würden, ob eine oder die andere Gebirgskuppe wohl geheuer zu besteigen ist. Ist eine solche Gebirgskuppe unersteigbar, so werden die Lustwandelnwollenden davon liebreichst abgehalten und es wird ihnen alles auf ein Haar kundgegeben, welche Gefahren sie zu bestehen haben würden, so sie nicht abständen von ihrem Vorhaben, worauf denn auch solche Gebirgsbesteiger sobald abstehen von ihrem Vorhaben und kehren somit unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurück.
SA|0|41|6|0|Ist eine oder die andere Gebirgskuppe aber gefahrlos besteigbar, so wird solchen Gebirgswanderern sogleich ein Führer mitgegeben. Dieser Führer hat dann eine dreifache Verpflichtung über sich. Fürs Erste muss er eine solche Wandergesellschaft des besten und sichersten Weges geleiten. Dann muss er sie versehen mit Speise und Trank, welches gewöhnlich unsere bekannten Hausknechte nachschleppen. Und fürs Dritte muss er ihnen über alles Aufschluss geben, sie aber auch zugleich bei allem und jedem auf den Großen Geist hinlenken.
SA|0|41|7|0|Für alle diese seine Mühe aber darf er etwa ja nichts verlangen, außer nur das, dass eine solche Gesellschaft ihm die teuerste Versicherung geben muss, nachdem sie sich so wohl erquickt hatte an den großen Herrlichkeiten des Großen Geistes, demselben allzeit in allem anzuhängen und ohne dessen ausdrücklichen Willen nie etwas zu unternehmen.
SA|0|41|8|0|Ist solche Versicherung geschehen, alsdann erinnert sie der Führer, dass sie für alles das dem Großen Geist danken sollen, Ihn aber auch zugleich bitten, dass Er sie alle wohlbehalten wieder möchte ihre Heimat erreichen lassen. Ist auch dieses geschehen, sodann wird wieder der Rückweg angetreten.
SA|0|41|9|0|Die Gesellschaft wird dann von dem Führer wieder zu seiner Wohnung geleitet. Allda wird ihnen Speise und Trank gereicht, und haben sie sich auf diese Art gestärkt, so werden sie liebesanft zur Dankbarkeit an den großen, heiligen Geber erinnert, sodann von dem Ältesten begrüßt und gesegnet und können nach dem sogleich ihren Rückweg in die Tiefe antreten.
SA|0|41|10|0|Hier und da in so manchen Winkeln der Berge wohnen die euch schon bekannten Spitzfußfleisch-Ärzte. Vor diesen werden die Ebenenbewohner von den eigentlichen Gebirgsbewohnern bei solchen Gelegenheiten gewarnt, und es wird ihnen angezeigt, wie diese Menschen nicht anders denn als unbefugte Ausreißer aus der Tiefe sich aus eitler Gewinnsucht auf solche Bergwinkel gesiedelt haben, darum sie dann die Bewohner der Tiefe mit unwirksamem Zeug zu hintergehen vermöchten. Auf diese Weise warnen sie denn solche leichtgläubige Talbewohner und sagen ihnen:
SA|0|41|11|0|„Der Große Geist hat für die Erhaltung unserer Leibesgesundheit tausenderlei wohlheilsame Kräuter und Früchte in den Boden der Erde gelegt, damit sie da wachsen sollen zu unserer Stärkung, und hat erschaffen ein reines Wasser über die ganze Welt und hat gemacht allenthalben den überaus wohltätigen Regenbaum und hat gesetzt riesengroße Bäume auf den Boden der Erde, damit sie an sich ziehen sollen alle verderblichen Dünste und sollen sie umgestalten in eine wohlduftende, allerreinste Luft. So hat der Herr, der da ist überaus wohltätig in aller Seiner unendlichen Macht, am Firmament gestellt eine herrliche Sonne, deren Strahlen die heilsamste Kraft in der Steinlilie erwecken – die so heilsam ist, dass ihre Kraft so weit reicht wie der Strahl der Sonne. Und so hat der große Meister das Firmament geteilt mit jenem lichten, weißen Band, welches uns, wann die Sonne untergegangen, die Nacht so lieblich erhellt, dass sie uns nahe so angenehm ist wie der Tag und wir von den kräftigen Strahlen dieses Bandes auch zur Nachtzeit gestärkt werden. Also hat auch der große Werkmeister neben diesem Band gesetzt sieben große Leuchten, davon stets mehrere uns zur Nachtzeit, ja selbst zur vollen Schattenzeit, abwechselnd ergötzen.
SA|0|41|12|0|Da also der Große Geist so überaus wohltätig und gnädigst gesorgt hat für uns alle, und wir es hier auf den Bergen allzeit erfahren, dass es so ist, nachdem wir nie von einer Krankheit heimgesucht wurden, so aber jemand stirbt, niemals an einer oder der anderen Krankheit stirbt, sondern allzeit nur zufolge seines vollkommen reif gewordenen Geistes, der da ewig nimmerdar stirbt, sondern lebt fort und fort, von dessen Fortleben wir Zeugen sind und zu jeder Stunde vor eurem Angesicht es sein können [und Zeugnis ablegen], dass es so ist, wie ich es euch kundgebe.
SA|0|41|13|0|So ist es ja eine übergroße Torheit, sich allda ein ewiges Lebensmittel verschaffen zu wollen von einem Menschen, dessen Augen voll Truges sind, darum er selbst ferne ist vom Leben des ewigen Geistes – die Mittel aber, die uns der Große Geist allenthalben darbietet, als unzugänglich zu betrachten und sie daher auch nicht zu gebrauchen nach Seinem Willen.
SA|0|41|14|0|Ich sage euch aber, liebe Brüder aus der Tiefe, sucht fürder nicht mehr bei den Quacksalbern das Heil, sondern sucht dasselbe ernstlich allzeit in dem Willen des Großen Geistes, so werdet ihr gesund verbleiben bis zur Vollreife des Geistes!
SA|0|41|15|0|Wann aber dieser also vollreif wird, vollkommen ein Herr des Lebens aus dem Willen des Großen Geistes, sodann werdet ihr nimmerdar einen Tod schmecken, sondern ihr werdet mit dem klarsten und vollsten Bewusstsein frei aus eurem Fleisch und Blut treten können ohne Schmerzen und werdet unter großer Dankbarkeit gegen den Großen Geist dieses schwere Gewand von Fleisch, Blut und Knochen ablegen.“
SA|0|41|16|0|Nach solcher Belehrung werden solche Lebenswandler auch wieder gesegnet entlassen und kehren mit der viel besseren Lebensarznei in ihre Heimat zurück.
SA|0|41|17|0|In manchen Orten der Ebenen und Täler, besonders an den Seen und Flüssen, gibt es auch eine Art Heiden, die da den weißen Ring am Firmament für die Gottheit halten; einige aber für den Weg des Großen Geistes, auf welchem dieser herumgehe und schaue über denselben hinab zur Welt, was da die Menschen machen. Solche Halbheiden ziehen auch öfter auf die Berge, in der Meinung, dass sie dadurch diesem weißen Ring ganz nahe oder vielleicht gar wohl bis zum Ring selbst kommen würden.
SA|0|41|18|0|Gegen solche Wanderer haben die Gebirgsbewohner auch die Liebepflicht, sie auf den rechten Weg zu führen und ihnen zu zeigen, was der Ring und was die Monde sind und welche Bestimmung alles dieses hat; welches sie dadurch bewirken, dass sie durch ihren festen Willen solche Verirrte in eine Art hellsehenden Zustand versetzen, in welchem Zustand sie dann den Ring und die Monde, wie ihr zu sagen pflegt, von A bis Z zu beschauen vermögen.
SA|0|41|19|0|Haben sie solches verrichtet, alsdann erkennen sie zumeist an sich selbst, wie irrig sie daran waren. Sodann aber werden sie erst liebevoll, dabei aber auch weise-ernstlich in der wahren Erkenntnis des Großen Geistes und dessen Willens unterrichtet und wird ihnen freigestellt, ob sie ihr ferneres Leben auf der Höhe oder in den Tälern und Ebenen wie zuvor zubringen wollen.
SA|0|41|20|0|Entschließen sie sich für die Berge, so wird für sie um eine Wohnung gesorgt. Haben sie aber Vorliebe für die Tiefen, sodann werden sie gesegnet, mit Speise und Trank versehen und im Namen des Großen Geistes entlassen.
SA|0|41|21|0|Jedoch solange jemand seinen Irrtum nicht fahren lässt, darf er sich durchaus keine Hoffnung machen, dass er aus den kräftigen Händen der Gebirgsbewohner kommt. Wenn mancher da ist widerspenstigen Geistes und will eigenmächtig entweichen oder gar jemandem ein Leid zufügen, alsdann ist auch alsbald ein anfangs drohender – hilft das nichts, dann aber auch ein wirklich strafender Engelsgeist bei der Hand, der einem solchen Widerspenstler mit den einfachsten Mitteln begreiflich macht, wie wenig er, nämlich der Widerspenstler, mit seinem Trotz ausrichten wird. Nach einer solchen Erscheinung bessert sich ein solcher Widerspenstler fast allzeit unbedingt. Beharrt er aber noch in seinem Eigensinn, so geschieht es wohl auch, dass er von einem solchen Strafengel entweder mit großen Leibesschmerzen, bei einem außerordentlichen Fall aber auch mit der plötzlichen Vernichtung bestraft wird, durch welche Strafe sich ein solcher Geist zuzieht, dass er gar lange wird ein Wächter aller Nacht und aller Kälte verbleiben müssen.
SA|0|41|22|0|Das ist eine der wichtigsten Hausregeln für die Gebirgsbewohner: Wenn es bei einer Familie entweder mehr weibliche denn männliche Personen gibt, oder umgekehrt, so steht es der männlichen Überzahl frei, entweder bei einem oder dem anderen Nachbarn ein Weib zu suchen. Findet er da keines, so kann er darum in die Tiefe gehen. Findet er auch da nichts, so kann er sich auf weitere Reisen verlegen. Und so geschieht es manchmal, dass ein Bräutigam von einem zweiten, dritten oder vierten Kontinentland ein Weib sucht.
SA|0|41|23|0|Hat er dort das Weib bekommen, was gewöhnlich allzeit ohne Widerrede geschieht, sobald irgend die Weiberzahl die Männerzahl überragt – so steht es ihm frei, alldort zu verbleiben, wo er das Weib genommen hatte, was zuallermeist zu geschehen pflegt. Oder er kann auch mit dem Weib in seine Heimat zurückziehen, jedoch mit der Verpflichtung, alle drei Jahre das Stammhaus seines Weibes zu besuchen, und das so lange fort, wie ihre Eltern leben. Sterben aber diese einmal, so hört auch diese Verpflichtung auf.
SA|0|41|24|0|Ist aber bei einer Familie die Weiberzahl größer als die männliche, sodann wird solches durch einen, zwei oder drei Boten mehreren nachbarlichen Familien angezeigt; bei welcher Gelegenheit dann gewöhnlich ein oder mehrere Brautwerber zusammenkommen.
SA|0|41|25|0|Der Älteste beruft da den Geist, dass er ihm anzeigen möchte den Willen des Großen Geistes, welcher da der Würdigste unter ihnen ist. Solches geschieht dann auch augenblicklich. Und der Bezeichnete führt dann auch nach der euch schon bekannten Verehelichung die Braut nach Hause.
SA|0|41|26|0|Sind mehrere heiratsmäßige Weiber bei einer Familie überzählig vorhanden und kommt nur ein Brautwerber, so wird vom Ältesten der Geist berufen, um anzuzeigen diejenige, welche des Mannes am würdigsten ist. Darauf erfolgt wieder die schon bekannte Verehelichung, und der Bräutigam führt seine ihm angetraute Braut nach Hause.
SA|0|41|27|0|Sind aber eine gleiche Anzahl heiratbarer Weiber gleich der Anzahl der Brautwerber vorhanden, sodann steht jedem Werber das Werbrecht zu. Wann er gewählt hat und haben auch die anderen desgleichen getan, so muss solches sogleich dem Ältesten angezeigt werden. Dieser berät sich dann mit dem gerufenen Geist darüber, ob die Wahlen billig sind vor dem Großen Geist und Ihm wohlgefällig. Wird solches bestätigt, so wird alsbald die Verehelichung ohne Anstand vorgenommen. Wird aber vom Geist solche Wahl nicht gebilligt, sodann wird vom Ältesten der Geist im Namen des Großen Geistes gebeten, anzuzeigen die rechte Wahl, welches auch augenblicklich geschieht und in welche neue Wahl auch die Brautleute sogleich mit großer Dankbarkeit ihrer Herzen einwilligen. Die Folge davon ist die sogleich erfolgte Verehelichung, auf welche dann jeder Bräutigam seine Braut nach Hause führen kann. Es versteht sich von selbst, nach und mit allen den Regeln, die bei der Verehelichung bekannt gegeben worden sind.
SA|0|41|28|0|Nebst diesen Hausregeln gibt es zwar noch einige unbedeutende hauswirtschaftliche, welche wir aber übergehen wollen, nachdem sie für euch von keinem nützlichen und denkwürdigen Belang sind, und wollen uns daher fürs nächste Mal sogleich zur Religion wenden.
SA|0|42|1|1|Die mehr innerliche Religion der Saturnusmenschen. Heilige Zahlen. Siebter Tag ist Feiertag. Neugeborenenweihe. Tempelmahl. Predigt des Ältesten. Weisheit und überlegene Kenntnisse der Saturnusmenschen
SA|0|42|1|0|Was da die Religion betrifft, so hat sie sehr wenig irgendein äußeres Zeremoniengepräge in sich, aber eben um desto mehr ist sie innerlich und geistig.
SA|0|42|2|0|Was das Zeremonielle betrifft, so besteht dieses, wie ihr schon wisst, fürs Erste in einem wohlgeordneten, lebendigen Tempel, in welchem in allen wichtigen Angelegenheiten dem Großen Geist der Dank und die Bitte dargebracht wird.
SA|0|42|3|0|Übrigens aber gelten auch bei den Saturnusbewohnern die Zahlen sieben, vierzehn, einundzwanzig, und das so fort nahe alle Zahlen, welche mit sieben ohne Rest teilbar sind, für geheiligte Zahlen. Und so wird auch alldort ein Zeitraum von sieben Tagen mit eben dem siebenten Tag, der darum auch bei ihnen ein Feiertag ist, beschlossen.
SA|0|42|4|0|Die Haltung dieses Feiertages bildet den zweiten zeremoniellen Teil, und da findet auch alle religiöse Zeremonie des Feiertags statt.
SA|0|42|5|0|Denn die Zeremonie der ersten Klasse ist euch ohnehin schon bekannt. Die Zeremonie des Feiertags aber besteht darin, dass da fast sämtliche Familienglieder frühmorgens schon vor dem Aufgang der Sonne in den Tempel ziehen, voraus die Männer und nach ihnen die Weiber. In dem Tempel stellen sich die Männer auf die rechte und die Weiber aber auf die linke Seite desselben. Allda wird dem Großen Geist unter der Vorbetung des Ältesten bis zum Aufgang der Sonne ein Lob dargebracht und wird Ihm gedankt für alle empfangenen Wohltaten. Dieses geschieht allzeit mit der größten Rührung der Herzen beiderlei Geschlechtes.
SA|0|42|6|0|Wenn die Sonne aufgeht, sodann begibt sich alles aus dem Tempel und vergnügt sich da durch den Anblick des werdenden Tages und durch den Anblick der weitgedehnten, überaus schönen Gegenden dieses Weltkörpers. Wenn da die Sonne schon ziemlich hoch über dem Horizont steht, sodann wird wieder in den Tempel gegangen und dem Großen Geist gedankt für die Wiedergabe des Tages.
SA|0|42|7|0|Und so da jemand hat ein neugeborenes Kind, so muss er es sodann bringen an die Grenze des Heiligtums; allda legt demselben der Älteste die Hände auf und spricht über dasselbe folgende Worte:
SA|0|42|8|0|„Also wie du kamst, ein schwacher und in allen deinen Kräften gebundener Gast, in diese Welt nach dem Willen des Großen Geistes, der da ist heilig, überheilig, mächtig über alle Macht, kräftig über alle Kraft und überaus treu und standhaft in jeglichem Seiner Worte und in aller Seiner Verheißung und ist der alleinige, vollkommene, allerhöchste Herr über alle Dinge, die da erfüllen diese Erde und das ganze unendliche Firmament, darum da ist Sein Wille wie Er Selbst heilig und überheilig – also sollst du auch leben auf dieser Welt bis an dein Ende vollkommen dem Willen gemäß, durch den du gekommen bist in diese Welt, um dann als ein Mann (oder bei einem Mädchen: als ein treues Weib) in aller wahrhaften Würde und Erhabenheit der vollkommenen Tugend aus ihr zu treten.
SA|0|42|9|0|Darum segne ich dich hier im Heiligtum im Namen des Großen Geistes, der dich, deine Eltern und mich erschaffen und gesegnet hat. Wachse auf in diesem Segen und vermehre ihn allzeit in dir durch die genaueste Befolgung des allerheiligsten und des allerhöchsten Willens. Solches geschehe allzeit, jetzt und ewig.
SA|0|42|10|0|Wie du aber klein bist jetzt, also klein bleibe fortwährend vor dem Großen Geist, vor uns, deinen Vätern und Brüdern, und vor dir selbst. Solches auch geschehe allzeit in diesem und in jenem Leben. Amen.“
SA|0|42|11|0|Nach diesen Worten haucht er das Kind an und lässt es von seinen Eltern segnen und dann nach Hause tragen. Solche Eltern sind an einem solchen Feiertag nicht mehr verpflichtet, in den Tempel zurückzukehren, sondern können dafür daheim ihr nun gesegnetes Kind pflegen. Wollen sie aber dessen ungeachtet im Tempel verbleiben, so können sie es auch tun.
SA|0|42|12|0|Ist aber kein neugeborenes Kind da, so wird statt dieser Kindersegnung sogleich zu dem Morgenmahl in dem Tempel geschritten, welches, wie das Mittag- und Abendmahl, die Saturnusbewohner sogleich in der Frühe, wann sie sich in den Tempel begeben, in gerechtem Maße reichlich mitnehmen. Es versteht sich von selbst, dass da allzeit vor und nach dem Essen dem Großen Geist ein Dank dargebracht wird.
SA|0|42|13|0|Nach dem Morgenmahl besteigt dann der Älteste den euch schon bekannten Predigeraltar und hält da eine Anrede an das mäßig große Familienvölklein, welches höchst selten auf den Bergen die Zahl hundert übersteigt – in den Tiefen gibt es manchmal auch Tausende.
SA|0|42|14|0|Was trägt denn der Redner seinen Zuhörern da vor? Seht, da ist er nie verlegen, sondern sein ihm bei solchen, wie auch anderen Gelegenheiten allzeit beistehender Geist legt es ihm in den Mund, was er zu reden hat.
SA|0|42|15|0|Gewöhnlich erstrecken sich da solche Vorträge entweder über die wunderbaren Führungen des Großen Geistes, wie dieser das menschliche Geschlecht von seinem Urbeginn an auf diesen Weltkörper gesetzt und bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt nach Seinem weisesten heiligen Willen geführt hat. Und bei dieser Gelegenheit erzählt dann oft der Älteste ein oder die andere Geschichte aus der Vorzeit. Manches Mal aber erklärt er ihnen die Beschaffenheit ihrer Welt; manches Mal wieder die des Ringes oder der Monde. Ein anderes Mal nimmt er bald dieses oder ein anderes Gestirn und zeigt den Zuhörern dort die Führungen des allmächtigen Großen Geistes, bei welcher Gelegenheit er auch dann und wann diese Erde erwähnt.
SA|0|42|16|0|Sodann fallen augenblicklich alle Zuhörer auf ihre Angesichter nieder. Aber nicht etwa aus Ehrfurcht vor diesem Planeten, sondern darum, wann sie hören etwas von der unendlichen Liebe des Großen Geistes. Denn die Liebe des Großen Geistes, und dass Er von den Bewohnern dieser Erde Vater benannt und gerufen wird, ist für die Saturnusbewohner etwas so unnennbar Heiliges, dass sie darob allzeit in einen Fieberschauer verfallen; besonders wann sie der Älteste noch dazu der Undankbarkeit der Bewohner dieses Planeten erinnert.
SA|0|42|17|0|Bei einer anderen Gelegenheit gibt er ihnen wieder Aufschlüsse über die geistige Welt und über das Leben in den Himmeln.
SA|0|42|18|0|Nach jeder solcher Predigt, besonders wenn er von der Beschaffenheit ihrer Welt, des Ringes, der Monde und anderer Planetengestirne spricht, versetzt er seine Zuhörer – mitunter bald mehrere, bald wenigere – in die innere Anschauung, wodurch sie dann alles dieses so anschauen können, als wären sie überall leibhaftig gegenwärtig.
SA|0|42|19|0|Daher es dann kommt, dass die Saturnusbewohner, namentlich die Bewohner der Gebirge, überaus weise und mit überaus vielen Kenntnissen bereicherte Menschen sind. Ja es dürfte wohl einem allergrößten eurer Gelehrten sehr übel zumute werden, wann er sich mit einem allergeringsten Saturnusmenschen wollte in einen wissenschaftlichen Kampf einlassen.
SA|0|42|20|0|Denn fürs Erste kennen sie nicht nur ihren Weltkörper, insoweit es ihnen notwendig und nützlich ist, nahe mikroskopisch genau, sondern ihnen sind auch fremde Weltkörper bekannter als euch die Inseln des Meeres auf eurer Erde. Fürs Zweite sind sie nicht nur in der Geschichte ihrer Welt, sondern auch in der Geschichte mehrerer anderer Welten gar wohl bewandert.
SA|0|42|21|0|Also ist ihnen auch keine Sprache fremd, darum sie auch die Geister, sie mögen kommen von welchem Weltkörper sie wollen, augenblicklich verstehen – trotzdem, dass jeder Geist mehr oder weniger selbst die Spracheigentümlichkeiten derjenigen Welt mit hinübernimmt, auf welcher er im Leibe gewandelt ist; was (das Verstehen der Sprachen) z. B. bei den Geistern eurer Erde so lange nicht der Fall ist, als bis sie erst vollends im Geiste wiedergeboren und für den Himmel geeignet sind.
SA|0|42|22|0|Es geschieht öfter, dass Geister dieser Erde mit den Geistern des Saturnus nach dem Tod zusammenkommen, besonders wenn sie danach ein Verlangen haben. Alsdann verstehen die Saturnusgeister die Geister dieser Erde augenblicklich. Umgekehrt aber ist solches gar selten, bei unreiferen Geistern aber schon gar nie der Fall. Auch sehen die Geister dieser Erde die Geister des Saturnus nicht eher, als bis sich dieselben ihnen zeigen wollen. Der Grund liegt ebenfalls in der großen und wahren inneren Weisheit der Saturnusgeister.
SA|0|42|23|0|Das sind somit die Früchte der Vorträge und Belehrungen unseres Predigers im Tempel nach dem Morgenmahl.
SA|0|43|1|1|Geistvolle Naturbetrachtung und fröhliches Beisammensein. Verkehr mit Geistern, Engeln und dem Herrn
SA|0|43|1|0|Was geschieht denn nach einer solchen Predigt?
SA|0|43|2|0|Das Volk dankt dem Großen Geist für die Erleuchtung ihres Ältesten. Der Älteste dankt mit und segnet alle die Zuhörer nach dem dargebrachten Dankgebet. Sodann gehen allesamt wieder aus dem Tempel und machen auf schöne, anmutige Anhöhen gemeinschaftliche Lustwandlungen und unterhalten sich da teils mit dem, was sie in der neuen Predigt vernommen haben, teils aber auch mit allerlei Betrachtungen über einen oder den anderen Naturgegenstand, der ihnen auffällt. Und es beseelt sie da alle eine große Freundlichkeit und gegenseitig ermunternde wirkliche Teilnahme in allem, was da einer oder der andere findet und zum bewundernden Lob des Großen Geistes darüber bald dieses, bald jenes sagt.
SA|0|43|3|0|So macht z. B. einer den anderen auf den Bau einer Blume aufmerksam, einer wieder auf die Bewegung eines Wölkchens, der dritte wieder auf ein oder das andere Tierchen oder auf den Flug eines Vogels. Wieder ein anderer vernimmt zuerst irgendeinen singenden Vogel und macht seine Nachbarn darauf aufmerksam, oder mancher entdeckt irgend den Schimmer eines ferne gelegenen Sees oder Flusses. Und so gibt es zahllose Gegenstände, bei welchen diese Saturnusbewohner bei solcher Gelegenheit mit ihrer Aufmerksamkeit verweilen und dabei nahe also ausrufen, wie da einst ausgerufen hatte der Mann nach Meinem Herzen, so er Meine Werke betrachtet hatte.
SA|0|43|4|0|Ja, hier sage Ich auch euch: Wer da Meine Werke mit solchen Augen betrachtet, der hat sicher allzeit eine große Lust daran. Wer sie aber nur betrachtet mit allein kritischen und gelehrten Augen, der täte besser, wann er liegen bliebe auf seinem Lotterbett, als dass er mit ungeweihten, entheiligenden Augen hinausstäche in Meine Werke, so wie da sticht eine Gallfliege in eine euch bekannte Frucht der Eiche, um dadurch ihre verderbliche Brut hineinzulegen, wodurch dann diese Frucht, wann sie zu ihrer schlechten Reife gekommen ist, zu nichts anderem tauglich wird als zur Bereitung eines schwarzen Saftes, der da tauglich ist zu schwärzen jede weiße und lichte Fläche, aber nimmerdar zu irgendeiner Reinigung dessen verwendet werden kann, das schon einmal entweder schmutzig oder gar schwarz geworden ist.
SA|0|43|5|0|Doch lassen wir dergleichen und gehen wieder auf unsere lustwandelnden Saturnusbewohner über. Wie lange dauert denn diese Lustwandlung? Bis zur Mitte des Tages. Alsdann begibt sich alles wieder in die Vorhöfe des Tempels. Allda wird dem Großen Geist wieder ein Dank dargebracht und nach diesem aber in den Vorhöfen das Mittagmahl eingenommen.
SA|0|43|6|0|Ist solches vorüber, alsdann wird wieder gedankt und daselbst geblieben. Einige lustwandeln in den schönen Gängen um den Tempel und ergötzen sich an der mannigfaltigen Pracht der herrlichsten Blumen, welche in schönen Beeten reichlichst in diesen weiten Vorhöfen und Gängen des Tempels angepflanzt sind. Die Weiber liebkosen ihre Männer und Kinder und erzählen ihnen mit den allerlieblichsten Stimmen, was sie alles von der Predigt des Ältesten wie auch bei der Gelegenheit der Außenlustwandlung Gutes, Wahres, Schönes und Erhabenes vernommen haben.
SA|0|43|7|0|Manches Mal gesellen sich auch bei solcher Gelegenheit sogar Geister und Engel zu ihnen und besprechen sich mit jedermann über verschiedenes, was da betrifft den Herrn.
SA|0|43|8|0|Manches Mal erscheint ihnen bei solchen Gelegenheiten sogar der Herr Selbst, zumeist in der Gestalt eines Engels. Solange Er unter ihnen ist und Sich bespricht bald mit einem, bald mit dem anderen, weiß nicht einmal der Älteste, dass es der Herr ist. Nur wann Er eine solche Gesellschaft wieder der Sichtbarkeit nach verlassen will, gibt Er Sich erst zu erkennen. Alsdann aber verschwindet Er auch augenblicklich. Denn die Saturnusbewohner würden einen längeren, erkannten Aufenthalt des Herrn nicht ertragen, darum da ihre Achtung vor Ihm so groß ist, dass da nicht einer sich wagte, Seinen Namen aufrechtstehend auszusprechen – wodurch das Gebot, was ihnen zwar nicht buchstäblich gegeben ist: „Du sollst den Namen Gottes nicht eitel nennen!“ auf das Allerpünktlichste, Genaueste und Heiligste beobachtet wird.
SA|0|43|9|0|Wie lange dauert denn eine solche Vorhof-Konversation? Bis zum Sonnenuntergang. Darauf begibt sich alles wieder in den Tempel, lobpreist und lobsingt da dem Großen Geist.
SA|0|43|10|0|Darauf besteigt der Älteste wieder den Predigeraltar, macht sie aufmerksam auf alle die großen Wohltaten dieses Tages, segnet sie dann – und die Zeremonie des Feiertages ist zu Ende, nach welcher sich dann alles wieder dankbarst und fröhlichst nach Hause begibt.
SA|0|43|11|0|Ist vom Mittagsmahl noch etwas übriggeblieben, so wird es noch im Tempel gar brüderlichst verteilt und dankbarst verzehrt. Und ist nichts übriggeblieben, da wird auch wohl daheim das Abendmahl eingenommen. Darauf wird dem Herrn noch ein allgemeiner Dank dargebracht, und der Feiertag ist vorüber – mit ihm auch alle Zeremonie, welche wirklich in nichts anderem besteht als in dem, was ihr soeben vernommen habt.
SA|0|43|12|0|Und somit sind auch wir für heute fertig. Nächstens den geistigen Teil.
SA|0|44|1|1|Geistiger Teil der Saturnusreligion. Destillation und Rektifikation von Materiellem und Geistigem. Geistige Wiedergeburt
SA|0|44|1|0|Nachdem wir den zeremoniellen Teil haben kennengelernt, was da betrifft die Religion unserer Saturnusmenschen, so wollen wir denn, wie vorhinein schon bestimmt wurde, uns nun zu dem geistigen Teil der Religion wenden.
SA|0|44|2|0|Wenn ihr das Zeremonielle hinlänglich betrachtet habt, so musstet ihr euch schon ohnehin gesagt haben: Diese Zeremonie, wie sie gestaltet ist, dass daselbst während eben solcher Zeremonie die Engelsgeister der Himmel, ja nicht selten der Herr Sich Selbst, mit den Menschen unterredend, sichtbar darstellt, ist ja ohnehin so geistig wie wir uns dieselbe nur immer je möglich als geistig darzustellen imstande sind. Wo soll da noch etwas Geistigeres stecken?
SA|0|44|3|0|Ich aber sage: Lasst es nur gut sein! Die Folge wird euch lehren, wie sich in dem Geistigen noch immer etwas Geistigeres aufhalten kann.
SA|0|44|4|0|Damit ihr solches aber im Voraus als möglich nur einigermaßen begreifen könnt, so will Ich euch solches durch ein naturmäßiges Beispiel zeigen, wie solches gar wohl möglich ist.
SA|0|44|5|0|Nehmt ihr z. B. ein Gefäß voll recht guten Weines! Wer von euch wird da nicht sobald begreifen und ganz tüchtig verspüren, dass dieser Wein sicher sehr, ja ganz außerordentlich besonders geistig ist!? Hat aber darum der Wein nichts mehr in sich, das da noch urgeistiger wäre als eben der Wein selbst? Ihr dürftet darob nur den nächstbesten Apotheker fragen, und der wird es euch sagen: Aus diesem Wein lässt sich infolge der Destillation der herrlichste Weinäther gewinnen, und dieser Äther selbst lässt sich noch einige Mal rektifizieren, so dass der Geist am Ende so flüchtig wird, dass ein Tropfen, wenn er ausgeschüttet wird vom Äthergefäß, sich bei einem nur eine halbe Klafter hohen Fall schon eher vollends verflüchtigt, als bis er den Boden erreicht hat. Nun, merkt ihr nicht, ein wie vielfach geistigeres Geistiges da enthalten ist in dem ohnehin schon überaus geistigen Wein?
SA|0|44|6|0|Seht, wenn da solches schon sich kündet in der sichtbaren Natur, um wie viel mehr wird es sich dann erst offenbaren in allem dem, was ganz eigentümlich des Geistes selbst ist.
SA|0|44|7|0|Also verhält es sich z. B. mit dem Licht. Ihr seht die Erde erleuchtet durch die Strahlen der Sonne. Seht ihr auch in diesen Strahlen die belebende Kraft und die zahllosen Formen alle, welche alle samt und sämtlich zahllos im Licht vorhanden sind? Ja, ihr merkt nicht einmal die einfach wirkende Kraft des Strahles. Und gar viele wissen es nicht anders denn also, wie sie es täglich erfahren, dass nämlich der Strahl keiner höheren Erwärmungswirkung fähig ist als derjenigen nur, die er tagtäglich äußert.
SA|0|44|8|0|Was wird aber derjenige dann sagen, wann er die Wirkung der Strahlen schauen würde, wann sie durch einen großen Brennspiegel auf einen Punkt konzentriert wurden und sodann eine solche Kraft äußern, die sogar imstande ist, einen allerhärtesten Diamanten plötzlich aufzulösen?! Ja, ein solcher Laie in der höheren Wirkung der Lichtstrahlen wird da die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und wird sagen: Ja, wer hätte sich so etwas wohl je träumen lassen, dass da hinter den uns täglich sanft erwärmenden Sonnenstrahlen eine solch unbegreiflich heftige Kraft verborgen sein solle!
SA|0|44|9|0|Seht, also geht es auch allhier bei dem euch schon bekannten zeremoniellen Religionskultus unserer Saturnusbewohner. Wenn auch der zeremonielle Teil schon an und für sich so ganz und gar geistig aussieht, so gibt es aber dennoch einen ganz außerordentlich starken Äther und in der Vereinigung seiner leiblichen Lichtstrahlen eine für euch kaum begreiflich starke innere Wirkung. Und somit können wir denn auch die Frage stellen, d. h. im vollsten Ernst aufstellen und sagen: Worin besteht denn sonach in diesem Geistigen das eigentliche Geistige?
SA|0|44|10|0|Das eigentliche Geistige in diesem euch schon bekannten Geistigen liegt in der inneren lebendigen Erkenntnis des Großen Geistes, wie aller der Stufen und ordnungsmäßigen Beziehungen und Verhältnisse, welche den freien Menschen mit den Himmeln und dem Großen Geist Selbst und also auch umgekehrt allerengst und intimst verbinden.
SA|0|44|11|0|Wie erkennen demnach diese Menschen den Großen Geist? Die Menschen werden zuerst durch äußere Belehrung, d. h. durch Worte des Lehrers von Ihm unterrichtet. Dann werden sie hingeleitet zur Erkenntnis des Willens des Großen Geistes und sodann zur Ausübung des erkannten Willens.
SA|0|44|12|0|Seht, das ist noch alles der äußerliche Religionskultus, welcher da ist der Weg ins innere, geistige, wahre Leben, oder es ist an und für sich zwar schon ein geistiger Wein und das nicht-konzentrierte Licht der Sonne.
SA|0|44|13|0|Die Ausübung des erkannten Willens des Großen Geistes aber gleicht demnach der Destillation und Rektifikation eines Apothekers und gleicht noch ferner dem Konzentrieren der Sonnenstrahlen mittels eines großen Brennglases. Oder mit anderen Worten gesagt: Es ist die eigentliche, selbständig tätige Freiwerdung des eigentlichen urgeistigen Wesens von der ihm umgebundenen Materie.
SA|0|44|14|0|Blickt ihr jetzt schon ein wenig durch, worin der eigentliche geistige Religionskultus unserer Saturnusbewohner besteht? Ich werde euch nur ein Wort sagen, und dieses Wort wird euch auf einmal die Kammer des Lichtes eröffnen. Und dieses einige Wort heißt: Die Wiedergeburt des Geistes!
SA|0|44|15|0|Seht, diese muss bei den Saturnusmenschen ebenso gut erfolgen wie bei euch. Ohne diese vermag ein Saturnusbewohner so wenig wie ihr zu begreifen, was da ist des Geistes und aller der Verhältnisse und Beziehungen zwischen ihm, den Himmeln und dem Großen Geist.
SA|0|44|16|0|Es genügt durchaus nicht für die Wiedergeburt des Geistes, so da jemand hätte allein das Vermögen, Geister zu schauen, so, wie es da bei euch auf Erden nicht selten der Fall ist, dass so manche Menschen dergleichen sie allzeit ängstigende und erschreckende Erscheinungen erschauen, davon aber dennoch nichts mehr begreifen und erfassen als ein Stockblinder von den Farben des Regenbogens. Sondern zur vollen oder zur wahren Wiedergeburt gehört nicht so sehr das formelle Schauen, sondern die Bestimmtheit in jeder Handlung, dass sie so gestaltet ist, wie sie von Uranbeginn begründet wurde in aller göttlichen Ordnung und Weisheit.
SA|0|44|17|0|Wie kann aber solches stattfinden, und wann? Solches kann nur also und dann stattfinden, so der Geist durch die genaue Befolgung der vorgeschriebenen Wege Gottes sich zuerst aus der Materie rektifiziert, dann in einem Brennpunkt sich selbst wiedergefunden und endlich als ein solches nun in sich selbst bestehendes vollkommenes Ganzes oder als eine vollkommene Einheit hinausgetreten ist aus aller Sinnlichkeit der Materie und hat da seine neuen geistigen Sinne geöffnet ganz entschieden und vollkommen für die Eindrücke und Verhältnisse derjenigen Welt, von welcher er selbst ein ureigentümlicher Bewohner ist.
SA|0|44|18|0|Hat der Mensch nun diese Stufe erreicht, dann beginnt in seinem ganzen Wesen eine andere Tätigkeit zu wirken. Sein Schauen wird ein anderes; sein Hören ein anderes, sein Fühlen, sein Empfinden ein anderes. Alle seine Gedanken werden zu Formen, die er schaut, und sein Wille wird zur vollbrachten Tat. Seine Worte werden bestimmt und einen sich mit den Gedanken und mit dem Willen. Der Raum hat mit ihm nichts mehr zu schaffen, und der Zeitenlauf hat ihm die letzte Minute gezeigt. Denn im freien geistigen Sein hört, sieht, fühlt, empfindet, denkt, will, handelt und spricht er über Zeit und Raum hinaus, d. h. für ihn gibt es nur eine Gegenwart, in welcher sich eine ewige Vergangenheit und eine ewige Zukunft freundlichst die Hände bieten. Und seinem Auge ist ein der Sinnlichkeit nach endlos fernes Ding so nahe, wie sein eigener Gedanke.
SA|0|44|19|0|Seht, nach diesem geistigen Zustand trachtet ein jeder Saturnusbewohner nach allen seinen Kräften; erreicht aber denselben nicht eher, als bis er in sich alle Bedingungen des Lebens vollkommen erfüllt hat.
SA|0|44|20|0|Zu der vollkommenen Erfüllung aber ist nicht nur die Notzüchtigung der eigenen Natur genügend, sondern alle diese ihm bekannten Bedingungen des Lebens müssen ihm zu einer ganz eigentümlichen Fertigkeit werden.
SA|0|44|21|0|Wenn er erst in allem dem ein vollkommener Meister geworden ist, alsdann erst wird er in sich selbst frei, und alle seine Lebenskraft wird vereint ausgeboren aus aller seiner Sinnlichkeit. Wenn dann eine solche Ausgeburt geschehen ist, sodann auch ist bei ihm das eingetreten, was da euch schon bekannt ist unter dem Ausdruck der Wiedergeburt des Geistes.
SA|0|44|22|0|Demnach ist die treulich fortgesetzte Übung in allen den Bedingungen des Lebens eben das, was da den geistigen Teil der Religion bei unseren Saturnusbewohnern betrifft.
SA|0|45|1|1|Unterschied und Zusammenhang von zeremoniellem und geistigem Religionskultus auf dem Saturnus. Über die geistige Wiedergeburt
SA|0|45|1|0|Versteht ihr jetzt schon ein wenig besser, was da ist der geistige Religionskultus bei den Saturnusbewohnern und wie gar wohl er sich unterscheidet von dem zeremoniellen?
SA|0|45|2|0|Seht, so ist hinter der geistigen Zeremonie gar wohl verborgen der Dienst des Geistes, der da ist ein unausgesetzter, während die Zeremonie nur in gewissen Zeiträumen aufeinander folgt.
SA|0|45|3|0|Da aber eben dieser Teil des Religionskultus unserer Saturnusbewohner für euch selbst von der größten Wichtigkeit ist, so will Ich euch noch ein anschauliches Beispiel geben, durch welches ihr diese beiden Religionsarten recht klar voneinander unterscheiden werdet können.
SA|0|45|4|0|Nehmt ihr z. B. einen Schüler, der da sich eigen machen möchte eine oder die andere Kunstfertigkeit. Nehmen wir z. B. an, er möchte in der Tonkunst ein vollkommener Virtuose werden. Was werdet ihr mit ihm sobald anfangen, wenn er zu euch käme? Ihr werdet seine Fähigkeiten prüfen, werdet ihn dann an eine wohlgeordnete Schule verweisen und ihm dabei die Bedingungen vorschreiben und sagen: „Wenn du diese Bedingungen vollkommen erfüllst, so wirst du ohne Zweifel ein Virtuose werden!“
SA|0|45|5|0|Was wird nun der Schüler, dem es um die Virtuosität ernst ist, tun? Er wird sogleich allen äußerlichen Fleiß in Verbindung seines inneren Wollens anwenden, wird sich tagtäglich seine vorgeschriebenen fünf, sechs oder sieben Stunden üben, und wird die Schule von A bis Z durchmachen und wird keine anderen Übungen vornehmen als diejenigen nur, welche ihr ihm zur Erreichung seines Zweckes vorgeschrieben habt. Wenn der Schüler auf diese Art sich nun durch mehrere Jahre zu einem vollkommenen Künstler ausgebildet hat, so werdet ihr ihm auch das erfreuliche Zeugnis geben, dass er nun dasteht als ein ganz vollkommener Künstler, nachdem er sich auf seinem Instrument mechanisch und geistig vollkommen in jedem Grad der Fertigkeit bewegen kann.
SA|0|45|6|0|Seht, jetzt haben wir schon, das wir brauchen. Was war die vorgeschriebene Übung zur Erreichung der technischen Fertigkeit? Das war nichts anderes als der wohlgeordnete zeremonielle Teil seines Kunstkultus. Hat er sich aber unausgesetzt Tag und Nacht geübt? O nein, sondern nur die vorgeschriebene bedingte Zeit hindurch!
SA|0|45|7|0|Wie war aber dabei sein Streben und sein Wille beschaffen? War dieser auch periodisch eingeteilt? O mitnichten! Sondern dieser war ohne Unterlass gleich einer guten Triebfeder in seinem geistigen und naturmäßigen Organismus vorhanden. Und dieser Trieb ist ja eben der geistige Kunstkultus unseres Tonschülers, durch welchen er erst ganz eigentlich das wird, was zu werden er sich zum Ziel gemacht hat.
SA|0|45|8|0|Wenn er nun geworden ist ein vollkommener Künstler, was lebt er dann für ein Leben? Das des Schülers sicher nicht, sondern das des freien Meisters! Wird er aber darum ein Feind seines früheren Schülerlebens? O nein, sondern er macht als großer Meister noch immer – nur mit wahrem, großem Vergnügen – das mit, was er als Schüler gemacht hat. Er spielt noch immer recht fleißig die Tonleiter und wiederholt sich alle anderen Übungen, die er als Schüler durchgemacht hat. Aber mit welchem Unterschied! Was er mühsam, schwerfällig und mit bedeutendem Kraftaufwand als Schüler getan hat, das tut er jetzt mit großer Leichtigkeit, Ungezwungenheit, Bestimmtheit und voll der inneren geistigen Bedeutung.
SA|0|45|9|0|Als Schüler spielte er die Skala, wusste aber nicht, was er damit gespielt hat; als Meister erschaut er nun in derselben Skala zahllose neue Formen, von denen er ehedem keine Ahnung hatte. Und so übt er zwar als wiedergeborener Meister ebenfalls den zeremoniellen Kunstkultus aus; aber dieser Kultus ist bei ihm ein ganz anderes Hören, Schauen, Fühlen, Empfinden, Denken und Wollen. Und das ist der spiritus rectificatissimus [Spiritus] und ist der alles materiell Schwerfällige und Sinnliche auflösende Brennpunkt der Strahlen seines Geistes – und ist somit für sich selbst genommen ein rein geistiger Kultus.
SA|0|45|10|0|Übertragt nun dieses auf das eigentliche Leben des Menschen, sei er jetzt ein Bewohner der Erde, des Saturnus, des Jupiter oder der Sonne – so gibt es für ihn allzeit und überall diesen zweifachen Gottesdienst, welcher sich so verhält wie der Weg und das Ziel des Weges.
SA|0|45|11|0|Wer den Weg beharrlich fortgewandelt ist, der hat auch das Ziel erreicht. So er aber ist am Ziel, so wird der Weg, den er gemacht hat, nicht aus seinem Gedächtnis und aus seiner allzeitigen Erinnerung entschwinden, sondern er wird eben am Ziel erst alle die Wendungen und Beziehungen des Weges vollkommen überschauen in seinem Geist.
SA|0|45|12|0|Ihr wisst, was unsere Saturnusbewohner zum Hauptziel ihres Weges vorgesteckt haben, nämlich nichts anderes als den Großen Geist Selbst, auf dass sie vollkommen eins werden möchten mit Seinem Willen.
SA|0|45|13|0|Haben sie nun dieses Ziel durch ihre fleißige Übung erreicht, so ist dann auch der geistige Religionskultus vollendet, von welchem Zeitpunkt dann der eigentliche Trieb, denselben zu erreichen, aufhört. An dessen Stelle aber tritt das große, unerschütterliche Verlangen, demselben treu zu verbleiben allzeit wie ewig.
SA|0|45|14|0|Und dieser überaus bestimmte und allerfesteste Wunsch ist dann fortwährend der allerinnerste Gottesdienst von der allervollkommenst geistigen Art eines jeden wiedergeborenen Saturnusbewohners. Diesen Zustand können alldort Menschen jeden Geschlechtes und jeden Alters erreichen. Und das ist auch zugleich alles über den geistigen Teil der Religion der Saturnusbewohner.
SA|0|45|15|0|Da wir sonach auf diese Art alles Notwendige und Denkwürdige auf den Bergen mitgemacht haben, so wollen wir uns nun auch in aller Kürze ein wenig in der Tiefe umsehen, sodann einige Blicke auf dieses Planeten Polargegenden wie auf dessen Ring und dessen sieben Monde richten. Und somit gut für heute!
SA|0|46|1|1|Die mehr weltlich gesinnten Bewohner der Flachländer. Ihr Bau- und Wohnwesen
SA|0|46|1|0|Was da die Tiefe betrifft oder vielmehr die Flachländer dieses Planeten, so haben wir bei verschiedenen Gelegenheiten schon so manches von der Lebensweise der Saturnusbewohner erfahren. Und so wird uns nur noch einiges zu erwähnen übrigbleiben.
SA|0|46|2|0|Eine Art Städte gibt es in diesem Planeten allland nirgends. Dessen ungeachtet aber wohnen hier und da, besonders in der Gegend der kleinen Seen und anderer minder großen Flüsse, die Familien näher aneinandergerückt als auf den Höhen, und zwar besonders in einigen Kontinentländern und deren südlichen Teilen. Nur sind sie nicht so zahlreich in einem Wohnhaus beisammen wie auf der Höhe. Denn da besteht eine ganze Familie gewöhnlich nur aus den beiden Eltern und ihren Kindern. Was die Groß- oder Ureltern betrifft, so leben diese gewöhnlich mit dem Beibehalt von einigen Dienst- oder Hilfsgenossen.
SA|0|46|3|0|Auch wohnen diese Menschen selten auf einem oder dem anderen euch schon bekannten Wohnbaum, sondern ihre Wohnungen bestehen zumeist aus einer Art Gezelten, welche aus übereinander gelehnten Bäumen errichtet sind, und zwar auf folgende Art: Die Bäume werden rund pyramidenartig zusammengestellt, dann werden sie von der Erde angefangen bis zur Spitze hinauf in Kreisen mit Latten beschlagen. Diese Latten werden dann mit allerlei Laubwerk überdeckt, und das zwar von außen wie von innen. Gegen Morgen [Osten] wird dann ein gehörig geräumiger Ausgang gelassen. Und so ist das Wohnhaus auch schon fertig.
SA|0|46|4|0|Was die Räumlichkeiten betrifft, so ist da ein solches Wohnhaus freilich wohl nicht so viel fassend wie ein Wohnbaum auf den Bergen. Aber dessen ungeachtet ist ein solches Gezelthaus noch immer so raumhaltig, dass ihr ganz bequem zehn Regimenter von euren Soldaten im selben beherbergen könntet.
SA|0|46|5|0|Die innere Einrichtung derselben ist ebenso gestaltet wie in den lebendigen Wohnhäusern auf der Höhe, nämlich mit einer abgestumpften, pyramidenartigen Schlaflehne und vor derselben mit einer runden Erhöhung, welche da den Dienst eines Tisches verrichtet. Und darin besteht auch schon die ganze innere Einrichtung des Wohnhauses.
SA|0|46|6|0|Was aber dann ihre sonstigen Gerätschaften, wie Werkzeuge, Speisegefäße, Kleidungen und Speisevorräte betrifft, so wird all dieses in den sogenannten Vorratskammern aufbewahrt, welche in der Tiefe ebenso erbaut sind wie auf der Höhe.
SA|0|46|7|0|Die Tempel betreffend, so sind diese auch ganz auf die Art erbaut wie auf den Bergen, nur sind sie manchmal bei weitem kleiner und nicht so erhaben prachtvoll wie auf den Höhen. Auch hat in der Tiefe nicht jedes einzelne Wohnhaus einen eigenen Tempel, sondern mehrere Familien haben da nur einen.
SA|0|46|8|0|Das wäre somit der architektonische Teil in der Tiefe – bis auf einige Ziergärten, die gewöhnlich ein Eigentum eines privilegierten Patriarchen sind. Wie diese Gärten geschmückt sind, ist euch schon bei der Gelegenheit der Beschreibung der Schaltiere, und zwar namentlich der Schnecken, gezeigt worden. Hier und da gibt es in den Gärten auch Schneckenhäuser, die zur lustigen Bewohnung für die Kinder eingerichtet werden, wie ihr solches schon im Vorhinein habt kennengelernt.
SA|0|46|9|0|Wer in der Tiefe gewöhnlich der Patriarch ist, ist auch schon gezeigt worden. Denkt nur zurück an das euch schon bekannte Tier mit dem Schlangenschweif und dem Feuerauge, da wird sich euch sogleich der Held mit der gewonnenen Haut und dem daraus verfertigten Mantel als Patriarch aufführen. Dass aber eben dieser heldenmütige Patriarch von dem Großen Geist umso mehr bedeutend viel Wenigeres angesehen wird als der Patriarch auf den Höhen, lässt sich ohne vieles Nachdenken sehr leicht begreifen. Dass sich demnach mit einem solchen bemäntelten Patriarchen die Engelsgeister eben nicht sehr und zu häufig abgeben, solches kann auch ohne vieles Nachdenken begriffen werden. Und dass darob die Ebenenbewohner viel weltlicher gesinnt sind als die auf den geheiligten Bergen, auch solches lässt sich wieder ohne vieles Nachdenken begreifen. Sie sind wackere Brüder und Schwestern miteinander, reden oft sehr weise miteinander und halten sich demnach für viel aufgeklärter und gescheiter als die Bewohner der Gebirge. Allein wenn es ihnen schlecht zu gehen anfängt bei aller ihrer Weisheit, so machen sie dennoch wallfahrtartige Ausflüge auf die Berge, allwo sie, wie ihr schon wisst, eines anderen belehrt werden.
SA|0|46|10|0|Somit gibt es in der Tiefe auch sehr wenig und sehr selten höhere Offenbarungen, außer bei denjenigen, welche ganz wahrhaft und treu aus der Schule der Berge hervorgegangen sind.
SA|0|47|1|1|Handel und Gewerbe. Verbannung von Betrügern und deren Läuterung. Ernährung, Begräbnis, Ehe, Zeugung
SA|0|47|1|0|In den Tiefen, besonders an den Seen und großen Flüssen, wird auch mit verschiedenen Sachen eine Art Tauschhandel getrieben, und zumeist mit solchen Sachen, womit sich die Weiber auf die euch schon bekanntgegebene Art gerne schmücken und zieren.
SA|0|47|2|0|Manches Mal wird von einem oder dem anderen Kaufmann sogar an eine Übervorteilung gedacht. Doch wehe ihm, wenn sein Betrug aufkommt! Fürs Erste wird er von den Weibern mit allerlei spitzigen Sachen kreuz und quer zerkratzt. Und wenn er nach einer solchen Lektion noch einmal auf einem Betrug ertappt wird, so wird alsbald ein Schiff ausgerüstet und unser Betrüger mit seiner Familie in eine weit entlegene Gegend gebracht, allda er entweder eine bestimmt lange Zeit oder auch, nach der Größe des zweiten Betruges, für alle Zeiten der Zeiten zu verbleiben hat; welche Strafe alldort unter dem Namen „Purak“ oder „ewige Verbannung“ bekannt ist. Wer da nur auf eine bestimmte Zeit verbannt ist, der darf bei seiner Abreise mehrere Schifffruchtkörner mit sich nehmen, damit er sich in seinem Verbannungsland aus den Samenkörnern, welche er alldort sobald aussät, ein Schiff bereiten kann.
SA|0|47|3|0|Den zur ewigen Verbannung Verurteilten wird aber kein solcher Same mitzunehmen gestattet. Gewöhnlich aber geschieht es bei diesen ewig Verbannten, dass da von ihrem kläglichen Zustand gar bald die Gebirgsbewohner des einen oder des anderen Landes durch die Geister Kunde erhalten. Selbige begeben sich auf solche Kunde dann sobald an den Ort solcher Verbannung und nehmen die Verbannten auf, bringen sie dann auf die Höhen und machen aus ihnen nicht selten die besten Menschen.
SA|0|47|4|0|Und sie geben ihnen auch oft eine oder die andere Wohnung auf den Bergen eigentümlich [zum Eigentum]. Und es geschieht dann zuweilen, dass eben diejenigen Menschen, welche diese zur ewigen Verbannung verdammt haben, auf die Höhe gelangen und finden da Schutz, gastfreundlichste Aufnahme und Belehrung in der wahren Religion. Wenn dann solche Aufgenommene ihre Gastfreunde erkennen, so setzt es da allzeit eine Verwunderung um die andere ab, wo die Begastfreundeten nicht begreifen können, wie es da möglich hatte sein können, dass diese, nun ihre Gastfreunde, aus ihrer ewigen Verbannung haben dahin gelangen können.
SA|0|47|5|0|Bei dieser Gelegenheit wird den Verwunderten alsbald gar freundlich angezeigt, dass dem Großen Geist gar viele Dinge möglich sind, von denen sich bisher die Weisheit der Seebewohner noch gar entsetzlich wenig hat träumen lassen. Wenn die verwunderten Fragesteller solche Antwort bekommen, da schlagen sie sich gewöhnlich auf die Brust und klagen dann gewaltig über so manchen Unsinn, der da gang und gäbe ist in den Tiefen; worüber sie denn abermals belehrt werden und ernstlich ermahnt, dass sie bei ihrer Rückkehr in der Tiefe zur Ausrottung so mancher und vieler Torheiten auf das Kräftigste beitragen sollen.
SA|0|47|6|0|Dadurch ist es auch schon in so manchen großen Kontinentländern geschehen, dass die Ebenen völlig gleichen den Höhen. Aber hier und da gibt es dessen ungeachtet dennoch wieder Länder, in denen sich die Tiefen von den Höhen noch sehr gewaltig unterscheiden.
SA|0|47|7|0|Was ferner in den Tiefen die Manufakturen und anderes Gewerbe betrifft, so gleichen diese auch denen auf den Höhen, bis auf einige Luxusartikel, welche freilich auf den Höhen durchaus nicht stattfinden – allda sogar die Färbung eines Fadens als sündhaft angesehen wird.
SA|0|47|8|0|Die Nahrungsweise ist bis auf die Milch der großen Kuh fast auch dieselbe. Nur einige Patriarchalfamilien, welche auf den Seen die schönen, großen, weißen Felsen zu Lustwohnungen auf die euch schon bekanntgegebene Art zubereiten lassen, ergötzen sich oft auf diesen Lustörtern auch mit manchen etwas künstlicher bereiteten und somit den Gaumen etwas mehr kitzelnden Leckerspeisen, welche ihnen aber gewöhnlich nach und nach nicht gar zu gut anschlagen; darum dann so manche weise redenden Ärzte recht viel zu tun bekommen.
SA|0|47|9|0|N. B. solches ist auch bei euch der Fall! Würdet ihr ganz einfach und naturgemäß leben und essen die Früchte der Erde so wie Ich sie für euch zubereitet habe, bis auf einige wenige, die da nur weicher gekocht werden könnten am Feuer – so wäre eure Sprache um vier Worte ärmer, nämlich sie wüsste von keinem Arzt etwas, noch weniger von einer Medizin oder Apotheke. Und um diese drei Worte wüsste sie darum nicht, weil ihr eigentlich das erste Wort, Krankheit nämlich, fremd bliebe. So aber habt ihr künstliche Köche, diese sind privilegierte Fabrikanten der Krankheiten. Nach den Köchen kommen dann sogleich die Ärzte, dann die Apotheke, als die noch künstlichere Küche. Und dann aus dieser erst ganz vollkommen diejenige Speise, durch welche die Krankheit in dem Körper eines Patienten zum bleibenden Gast wird.
SA|0|47|10|0|Also ist es auch demnach, freilich nicht in einem so starken Grad wie bei euch, in den Tiefen unseres Saturnus der Fall; aus welchem Grund dann auch die Menschen in den Tiefen bei weitem nicht so alt werden wie auf den Höhen.
SA|0|47|11|0|Was das Begräbnis der Menschen in der Tiefe anbelangt, so ist es allda von zweifacher Art. Bei dem bessern Teil so wie auf den Höhen; bei den manchesmal etwas heidnischen Völkern, welche da den lichten Ring für eine Art Gottheit halten, ist das Begräbnis wesentlich verschieden. Diese laden ihre Verstorbenen auf ihre Schiffe und fahren damit gewöhnlich aufs Meer, besonders wenn dieses nicht zu ferne ist von ihrem Wohnort. Allda, nämlich auf dem Meer, werden die Verstorbenen ohne weitere Zeremonie ins Wasser geworfen; bei welcher Gelegenheit sich auch schon sogleich irgendein lebendiges Grab vorfindet, das nach diesen Leichen sehr begierig schnappt. Ist solch Begräbnis geschehen, dann kehren unsere Totengräber sobald wieder zurück, und die ganze Begräbnisfeierlichkeit hat bei der Ankunft in der Heimat ein Ende.
SA|0|47|12|0|Was die Ehen betrifft, so werden diese auch in der Tiefe, nur manchmal mit viel mehr äußerem Prunk, vor dem Patriarchen geschlossen.
SA|0|47|13|0|Die Zeugung ihresgleichen ist mit der auf den Höhen gleich. Nur geschieht es dann und wann, wenn der Mann in der Tiefe zu wenig Glauben und Willenskraft besitzt, dass er dann mit seinem Weib gewöhnlich eine Reise ins Gebirge unternimmt, um daselbst glaubens- und willenskräftig zu werden. Wozu, brauche Ich nicht noch ferner zu sagen.
SA|0|47|14|0|Das ist somit aber auch über das, was ihr ohnehin schon wisst aus den gelegenheitlichen Mitteilungen, das zumeist Merk- und Denkwürdige aus dem Bereich der Tal- und Ebenenbewohner des Saturnus. Somit wollen wir denn auch die eigentlich bewohnten Länder des Saturnus verlassen und uns dann auf ganz kurzen Wegen über dieses Planeten Schnee- und Eisregionen auf unseren Ring schwingen. Und somit lassen wir’s für heute wieder gut sein.
SA|0|48|1|1|Die extrem kalten Polarregionen des Saturnus. Dämpfung der zerstörungslustigen Urgrundgeister des Planeten durch Friedensgeister. Wirkung der Kälte auf die Erde
SA|0|48|1|0|Es ist euch schon gleich anfangs gezeigt worden, dass dieser Planet eigentlich nur zwei Klimate hat, nämlich ein durchaus gemäßigtes, in dem da liegen alle bewohnbaren Länder, deren Breite im Ganzen wohl mehr als ein Drittteil der Polardistanz einnimmt.
SA|0|48|2|0|Sodann werden sie sowohl nördlich wie südlich von ununterbrochenem Meer umflossen, in welchem nur, und da in weiten Distanzen von den Hauptkontinentländern, sich einige Mudländer vorfinden, deren nördlichste oder südlichste Teile schon gewöhnlich mit ewigem Eis umstarrt sind; d. h. ihr müsst es nicht etwa nehmen, als wäre ein und dasselbe Land südlichst und nördlichst so beschaffen, sondern so: Wann es liegt in der nördlichen Planetenhälfte, so ist dessen nördlichster Teil, und wann es liegt in der südlichen Planetenhälfte, da ist dessen südlichster Teil mit ewigem Eis umstarrt, und zwar aus dem natürlichen Grund, weil im Saturnus ebenso wie bei euch auf der Erde die Polarregionen dem ewigen Schnee und Eis angehören.
SA|0|48|3|0|Wie sieht es denn hernach in diesen Polarregionen des Saturnus aus? Ich sage euch: Wie es hier aussieht für ein naturmäßiges Auge und für ein naturmäßiges Gefühl, davon kann sich keine menschliche Phantasie und Einbildungskraft auch nur den allerleisesten Begriff machen.
SA|0|48|4|0|Die Kälte dieser Polarregionen ist so groß, dass die Polarkälte eurer Erde dagegen noch als ein recht gut geheizter Ofen erscheint. Dort gefriert nicht nur das Wasser zu einem Diamanten, sondern die Luft selbst wird bei dem höchsten Kältegrad zu lauter Eisstangen, welche oft meilenhoch sich in den Äther hinauftürmen. Durch solchen heftigen Druck entzündet sich die atmosphärische Luft in diesen Regionen auch sehr häufig, dass darob viele Meilen weite Gegenden wie glühend erscheinen, und dieser Glühschein immer zunimmt, dass am Ende wirklich die heftigsten Explosionen stattfinden.
SA|0|48|5|0|Da aber durch solche Luftentzündungen zufolge der großen Kälte die Elektrizität der Luft noch mehr vermindert wird, so nimmt dann solche Kälte auch beständig zu, und das einen Zeitraum von fünfzehn Erdjahren hintereinander. Während der kältesten Zeit, welche acht Erdjahre andauert, finden dann keine Entzündungen mehr statt, da die Luft zuvor in eine ganz feste Masse übergegangen ist. Nach diesem Zeitraum fängt dann das zurückkehrende Licht der Sonne wieder nach und nach die gefestete Luft aufzulösen an, welche sich dann bei einiger Auflösung sobald wieder zu entzünden beginnt und durch solche Entzündungen und dadurch bewirkte Explosionen auch stets mehr und mehr einem oder dem andern Pol mit der Auflösung der gefrorenen Luft näher rückt.
SA|0|48|6|0|Sind diese schauerlichen Gegenden auch irgend bewohnt? In naturmäßiger Hinsicht wohl von keinem lebenden Wesen, aber desto mehr in geistiger Hinsicht. Denn der Schnee und das Eis stellen gewöhnlich die Gefangenschaft irgend unruhiger Geister dar. Wenn die Kälte somit am heftigsten ist, so gibt es in diesen Gegenden für die natürliche Kälte in die Erscheinlichkeit tretende, gute, friedliche Geister, die die Feuergeister zur Ruhe bringen und ihre übermäßig hitzige Zerstörungslust dämpfen. Daher könnt ihr auch allzeit danach schließen, wann es da kälter und kälter wird in euren Gegenden, dass auch allda solche zerstörungslustige Geister von den Friedensgeistern beruhigt und gedämpft werden.
SA|0|48|7|0|Dass solche Geister feuer- und zerstörungssüchtig sind, könnt ihr aus den häufigen Luftentzündungen in den Polargegenden gewahren. Je mehr aber solche Geister sich erfeuern wollen, desto hartnäckiger werden sie auch von den Friedensgeistern gefangengenommen. Je höher dann irgendein Kältegrad steigt, desto intensiver ist dann auch die Gefangennehmung der feuerlustigen Unholde, welche, wenn sie manchmal durch mehrere tausend Jahre solche Gefangenschaft genossen haben, sich dann endlich geben und ihren Feuereifer so fahren lassen, wie eine mit Elektrizität gefüllte Wolke, wenn eifrig (eisig?) kalte Winde ihren elektrischen Feuergehalt in einen freilich wohl manchesmal schädlichen Hagel umgestalten.
SA|0|48|8|0|Wer sind aber diese Polarfeuergeister des Saturnus? Ihr müsst euch ja etwa nicht die Geister verstorbener Menschen darunter vorstellen; sondern das sind noch Urgrundgeister, aus denen eigentlich der ganze Weltkörper gebildet ist und die erst nach und nach, nach der vom Großen Geist wohlberechneten Ordnung, in das freie Dasein in menschlicher Gestalt übergehen.
SA|0|48|9|0|Manchmal geschieht es freilich wohl auch, dass Geister verstorbener Menschen, wann sie während ihrer naturmäßigen Lebenszeit sehr rachsüchtig waren, wieder in diesen naturmäßig polarischen Zustand zurückgeführt werden. Solches geschieht aber im Saturnus jedoch äußerst selten, aber nicht so selten auf eurer Erde.
SA|0|48|10|0|Der Unterschied zwischen diesen zwei Geistern besteht jedoch nur darin, dass die so gehaltenen Geister verstorbener Menschen nimmerdar wieder in ein naturmäßiges Leibesleben zurückkehren, während solches bei den Urgrundgeistern allzeit der Fall ist, nämlich dass sie zuvor die Naturmäßigkeit vollends anziehen müssen, bis sie dann erst vermögend werden, in ein freies, selbständiges und somit auch absolutes oder abgesondertes Leben überzugehen.
SA|0|48|11|0|Es sind aber eben die Urgrundgeister des Planeten Saturnus von höchst zerstörungslustiger Beschaffenheit, aus welchem Grund so manche alte Seher eurer Erde sogar schon von diesem Planeten aussagten, dass er seine eigenen Kinder verzehre. Daher müssen auch diese Urgrundgeister zuvor durch die Friedensgeister, welche keine Urgrundgeister mehr sind, umso tüchtiger und gehöriger vorbereitet werden, bevor sie in ein absolutes, freies Leben übertreten können. Denn geschähe solches nicht, so wäre auch keine Sonne und kein Planet im ganzen All vor ihrer Zerstörungslust sicher.
SA|0|48|12|0|Aus diesem Grund ist dieser Planet von der Sonne auch so fern gestellt, damit ihre Strahlen auf ihm nimmerdar einen solchen Hitzegrad zu bewirken imstande sind, wie in den Planeten Jupiter, Erde, Venus und ganz besonders in dem Planeten Merkur, auf welchem dessen Einwohner selbst auf seinen Polargegenden, welche dort fast ganz allein bewohnt sind, beinahe eine Glühhitze auszustehen haben; während im Saturnus, wie ihr wisst, nur allenthalben ein gemäßigtes Klima herrscht, wo er bewohnt wird – und selbst dieses gemäßigte Klima wird noch, wenn es zu warm werden möchte, durch den beständigen Schatten des Ringes vor einer Überwärmung bewahrt.
SA|0|48|13|0|Obschon die Saturnbewohner niemals solche Eisregionen betreten, da sie vor nichts eine größere Furcht haben als vor dem Schnee und Eis, welche Furcht zumeist von ihrem urgrundgeistigen Sein herrührt, so wissen aber dessen ungeachtet namentlich die geweckten Gebirgsbewohner genau, wie es allda aussieht. Jedoch haben selbst die Gewecktesten keine große Lust an der Anschauung und Schilderung dieser Gegenden; aber eine desto größere bei der Schilderung und Anschauung des Ringes.
SA|0|48|14|0|Warum solches, das wird euch bei der nächstfolgenden Darstellung eben des Ringes schon von selbst klar werden. Und so wäre da über die Polargegenden nichts mehr von besonderer Beachtung zu erwähnen, außer dass solche Erdjahre, wenn sich die Erde diesem Planeten zunächst befindet, gewöhnlich schlechte und unfruchtbare Jahre sind, und das zwar darum, weil die übermäßige Polarkälte dieses Weltkörpers manchmal mit ihrer Wirkung, metaphysisch genommen, mehrere hundert Millionen von Meilen gleich einem unsichtbaren Kometenschweif hinausreicht.
SA|0|48|15|0|Denn es gibt im großen Sonnengebiet in bei weitem größerer Anzahl negative Kometen, welche alle auf sie fallenden Strahlen der Sonne so ganz und gänzlich verzehren, dass da nicht ein allerleisestes Atomchen zurückgeworfen wird. Solche Kometen werden erst dann sichtbar, wann sie sich schon mehr und mehr gesättigt haben und dann auch schon eine geregeltere Bahn zu beschreiben anfangen. Diese Kometen sind gar häufige Gäste der Planeten und geben sich zu gewissen Zeiten auf Augenblicke nur in der Gestalt der sogenannten Sternschnuppen zu erkennen. Was jedoch diese negativen Kometen betrifft, so wollen wir diese bei einer anderen Gelegenheit, als etwa bei der Betrachtung einer Sonne, schon näher kennenlernen. Hier aber wurde ihrer nur darum erwähnt, damit ihr daraus entnehmen könnt, wie und wie weit reichend manchmal die Polarkälte des Planeten Saturnus wirkt.
SA|0|48|16|0|Somit wären wir mit dem eigentlichen Planeten fertig und wollen uns daher fürs nächste Mal zum Ring wenden.
SA|0|49|1|1|Beschaffenheit und Zweck der Saturnusringe
SA|0|49|1|0|Was die Gestalt, Größe und seine Teilung betrifft, ist schon gleich anfangs gezeigt worden. Und so bleibt uns für jetzt nur seine Tauglichkeit und seine Natur zu beobachten übrig.
SA|0|49|2|0|Der Ring bildet für sich einen vollkommen kompakten, festen Weltkörper, der, was die Flächenräumlichkeit betrifft, den eigentlichen Planeten selbst ums Mehrfache übertrifft. Und wie dessen Flächenraum größer ist als der des Planeten selbst, so ist auch sein körperlicher Inhalt stärker ums Mehrfache als der des Planeten selbst.
SA|0|49|3|0|Ist er etwa vollkommen glatt, oder ist er auch gebirgig? Hat er auch Gewässer, und ist er mit atmosphärischer Luft umgeben?
SA|0|49|4|0|Dieser Ring hat alle Bestandteile eines Planeten, nämlich – er hat Berge, und das überaus hohe; er hat sogar große Seen und Flüsse und ist allenthalben umgeben mit atmosphärischer Luft. Nur ist das Wasser und die Luft auf dem Ring viel leichter und feiner als auf dem eigentlichen Planeten selbst.
SA|0|49|5|0|Also hat er auch eine Achsendrehung um den mit dem Planeten gemeinsamen Mittelpunkt, nur ist diese Drehung von der des Planeten verschieden, was da die Geschwindigkeit betrifft. Dieses ist näher betrachtet so zu verstehen: Wenn der Planet sich beinahe zweimal um die Achse dreht, hat der innere Ring, welcher eigentlich aus zwei Ringen besteht, die mit lauter elliptischen Sphären miteinander befestigt sind, sich kaum einmal um die Achse gedreht. Der mittlere Ring hat eine noch langsamere Drehung. Der äußerste und der größte aber braucht zu seiner Umdrehung nahe einen Zeitraum von sieben Saturnustagen.
SA|0|49|6|0|Ihr werdet hier fragen, warum denn diese verschiedene Geschwindigkeit in der Umdrehung? Warum drehen sich denn die Ringe nicht alle gleich geschwind, und warum überhaupt nicht so geschwind wie der Planet selbst? Ihr müsst hier nur den Durchmesser eines und des anderen Ringes betrachten, wie da einer den anderen übertrifft, so wird euch auch leichtlich klar werden, warum da jeder Ring eine andere Bewegung haben muss.
SA|0|49|7|0|Hätte z. B. der innere Ring bei seinem viel größeren Durchmesser eine so schnelle Bewegung wie der Planet selbst, so würde ihn diese Schnelligkeit ja offenbar zerreißen zufolge der Mittelpunktfliehkraft. Hätte der zweite Ring in seiner Bewegung die Schnelligkeit des ersten oder gar die des Planeten, so würde ihn ebenfalls das Zerreißen treffen, und umso mehr den äußeren und größten. Also aber ist die Bewegung auf ein Haar abgewogen, bei welcher jeder Ring sich schnell genug bewegt, damit von ihm kein Teil zufolge der beständigen Wurfkraft in den Planeten herabstürzen kann. Und dennoch ist die Bewegung eines jeden Ringes wieder in der gerechten Mäßigung, der zufolge kein Teil weder des einen noch des anderen Ringes nach außen hinausgeschleudert werden kann, indem durch ebendiese gerecht gemäßigte Bewegung die Wurfkraft mit der jedem Ring eigentümlichen Anziehungskraft im beständig gerechten Verhältnis bleibt.
SA|0|49|8|0|Das ist nun die auf der untersten Potenz stehende geregelte Naturmäßigkeit des Ringes. Nun kommt es zur zweiten Frage:
SA|0|49|9|0|Wozu ist denn dieser Ring bei diesem Planeten gut? Ist er denn wirklich, wie es schon so manche Gelehrte behauptet haben, nur eine Wunderlaune des Schöpfers oder, wenn es noch schlechter geht, entweder eine großartige Kaprice der Natur. Oder ist dem Schöpfer bei der Erschaffung dieses Planeten im Ernst der Faden ausgegangen, darum Er hat müssen ein angefangenes, etwa gar großartig begonnenes Werk unvollendet stehen lassen und die Ausführung des ganzen großen Planeten auf bessere Zeiten verschieben?
SA|0|49|10|0|Ob da eines oder das andere der Fall ist, wird sogleich die Folge zeigen. Ihr habt schon bei der letzten Mitteilung vernommen, von welcher Art die Urgrundgeister dieses Planeten sind. Würde hier der Ring nicht alldort einen beständig die Hitze mildernden Schatten über gerade denjenigen Teil dieses Planeten abwechselnd, bald mehr nördlich, bald mehr südlich, verbreiten, allda sonst gerade die heiße Zone sich notwendigerweise erzeugen müsste – so würde gar bald ein ganzes Sonnengebiet, ja am Ende sogar eine ganze Hülsenglobe erfahren, welcher Art, Macht, Kraft und Gewalt die Urgrundgeister eben dieses Planeten sind.
SA|0|49|11|0|Durch diesen Ring aber wird sonach eine immerwährend gleich gemäßigte Zone in den Wohnländern des Planeten bewerkstelligt. Und die Folge davon ist, dass die Urgrundgeister dieses Planeten sich nicht entzünden und somit auch keine Verheerung in den Weltgebieten anzurichten imstande sind.
SA|0|49|12|0|Dass solches der Fall wäre, könnt ihr auch aus dem abnehmen, dass die Saturnusbewohner selbst immerwährend in der großen Achtung und in dem pünktlichsten Gehorsam vor dem Großen Geist erhalten werden müssen. Und es wird ihnen aus dieser Ursache auch von der Liebe eben nicht zu viel gepredigt, sondern nur so viel, dass sie dieselbe erkennen, aber dabei zu der höchsten Ehrfurcht vor derselben geleitet werden.
SA|0|49|13|0|Aus diesem Grund ist dort auch sogar die Gattenliebe und die Zeugung der Kinder so gestaltet, dass dabei das Gemüt der Menschen ja nie in eine heftige Regung gerät. Und es wird alles nur geleitet und geschlichtet durch die größtmöglichste Demut; welches alles ihr bei der Darstellung des Menschen hinreichend werdet beobachtet haben.
SA|0|50|1|1|Die höheren Gründe hinter den riesigen und doch leichten Körpern der Saturnusmenschen. Beispiel von der Glasbläserei und dem Kühlofen. Die Geister der Saturnusmenschen werden zu Ringbewohnern. Deren Lebensweise und Verkehr mit den Planetenbewohnern
SA|0|50|1|0|Nun seht, wie wohlberechnet ist diesem Planeten gerade über seinem Äquator der Ring gegeben! Andererseits habt ihr die ganze Schöpfung vom Pflanzenreich bis zum Menschen hinauf in riesig großen Körpern erschaut.
SA|0|50|2|0|Es könnte, ja es müsste so manchem die Frage kommen, dass er darum sagen würde: Ist solches wohl wahr, und wenn es also ist, warum denn diese riesig großen Körper, nachdem doch der allerhöchste Geist in dem Leib Christi auf dieser Erde sicher Seiner Ordnung gemäß hinreichend Platz hatte? Wozu also für die Saturnusmenschengeister so große Leiber?
SA|0|50|3|0|Seht, diese großen Leiber sind diesen Geistern aus eben dem Grund gegeben, dass sie durchaus keinen innerlichen Materiedruck erleiden sollen, welcher nämlich von außen nach innen sie drücken möchte, um sich zu entzünden. Aus eben dem Grund ist auch die außerordentliche Zartheit ihren Leibern verliehen, damit der leicht erregbare Geist ja nicht irgend etwas finden soll, das ihn über seine Natur drücken möchte und dadurch leicht zur völligen Entzündbarkeit erregen.
SA|0|50|4|0|Denkt euch nun diese großen und an und für sich auch verhältnismäßig schweren Körper, welche zufolge des großen Volumens des Planeten selbst und zufolge der darum viel größeren Anziehungskraft im Verhältnis noch viel schwerer sein müssten zu ihrem Planeten als gleich große Körper zu dem Anziehungsverhältnis eurer bei weitem kleineren Erde – wäre durch alles frühere, vorsichtige Unternehmen etwas gewonnen für die Art dieser Geister, wenn sie in ihren Leibern belassen würden in der großen Schwerfälligkeit?
SA|0|50|5|0|Seht, da hat Meine etwas höher stehende Wissenschaft, als die der Gelehrten eurer Erde, eben diesen Ring erfunden, durch den die Anziehungskraft des Planeten so sehr gemildert wird, dass diese großen Körper im Verhältnis zu ihrem Planeten nahe ums Hundertfache leichter sind als die eurigen im Verhältnis zu eurer bei weitem kleineren Erde.
SA|0|50|6|0|Seht, das ist denn schon wieder ein neuer und gar außerordentlich wichtiger Zweck dieses Ringes, der, so klein er auch selbst dem bewaffneten Auge erscheint, aber dennoch so großwichtig ist, dass er nicht nur als ein Reif eines Planeten, sondern als ein starkes Band über ein ganzes Weltall betrachtet werden kann.
SA|0|50|7|0|Nun fragt es sich, ist das der alleinige oder schon letzte Zweck dieses Ringes? O nein! Wir werden sogleich noch einen anderen kennenlernen, welcher bei weitem größer und wichtiger ist als die früheren. Bevor wir aber diesen Hauptzweck an und für sich berühren und betrachten wollen, müssen wir die Frage stellen, ob dieser Ring bewohnt ist.
SA|0|50|8|0|Ich sage hier: Wenn daraus der Hauptzweck erwachsen soll, so muss solches ja der Fall sein. Aber von wem und wie, das ist eine andere Frage.
SA|0|50|9|0|Bevor Ich aber diese beantworte, will Ich euch ein Beispiel eines eurer Erdgewerbbetriebe aufzählen, und das ist die Erzeugung eures Glases.
SA|0|50|10|0|Wenn die fürs Glas taugliche Materie gehörig zermalmt und mit dem dazu nötigen Salz gemengt ist, kommt sie in den Schmelztiegel. Darinnen wird sie durch den gehörigen Hitzegrad zum Fluss gebracht. Betrachtet nun die geschmolzene, weißglühende Glasmaterie! Seht, das ist der Zustand des Saturnusmenschen auf dem Planeten in seinem Leib.
SA|0|50|11|0|Was geschieht mit dieser Masse dann, wenn sie gehörig flüssig ist? Es werden auf die euch sicher bekannte Art allerlei Gefäße aus ihr bereitet, und zwar vermittels des Atmens aus der Brust der Arbeiter. Hier nehmen wir wieder unseren Saturnusmenschen als einen feinen, durchsichtigen, geistigen Menschen, der durch die erlangte Wiedergeburt sein materielles Wesen so gut wie vollends abgelegt hat, indem dessen Geist schon eine solide Form angenommen hat.
SA|0|50|12|0|Wenn das Glasgefäß fertig geblasen ist, so wird es vom Blasrohr getrennt und wird sogleich in den Kühlofen, in anderen Tiegeln ruhend, übertragen. Jetzt sind wir schon bei unserem Ring. Wenn der Saturnusmensch stirbt, so wird er gewisserart vom Blasrohr des großen Glasfabrikanten abgelöst und wird dann in einem anderen Tiegel in den Kühlofen gebracht. Nun, und dieser Kühlofen ist der Ring!
SA|0|50|13|0|Der erste Ring zur Abkühlung der größten Hitze. Der zweite Ring zur ferneren Abkühlung. Und der letzte Ring zur Geschmeidigmachung, nach welcher jeder also frei gewordene Menschengeist dieses Planeten erst zur Aufnahme der Liebe fähig wird.
SA|0|50|14|0|Ich meine, es wird über dieses Beispiel keiner ferneren Beantwortung vonnöten haben, da sich diese ohnehin nun mit den Händen greifen lässt. Nur würde hier und da noch mancher fragen: Wozu denn den Geistern einen materiellen Aufenthaltsort?
SA|0|50|15|0|Die Antwort auf diese Frage ist sehr leicht, weil die Geister der Saturnusmenschen, wann sie aus dem ersten Körper treten, nicht sogleich als reine Geister dastehen, was schon aus ihrer leichten Wiedererscheinung und aus der schnellen Verwesung ihrer Leiber zu erschauen ist. Somit haben diese Geister beim Übertritt in den großen Ring auch noch eine Art materiellen Leib, welcher aber freilich viel leichter, purer und reiner ist als der frühere auf dem Planeten. Und selbst dieser Leib wird dann noch allzeit reiner und geistiger, je auf eine höhere Sphäre des Ringes er übergeht.
SA|0|50|16|0|Diese Ringbewohner essen und trinken und leben auf den Ringen dann geradeso wie zuvor auf dem Planeten – nur sind alle Produkte in eben dem Verhältnis feiner, subtiler und substantiöser – wie die Menschen selbst, die dahin gelangen.
SA|0|50|17|0|Der Unterschied besteht zwischen dem Ring und zwischen dem Planeten dann nur darin, dass auf dieser zweiten Welt keine Tiere mehr vorkommen, wohl aber Fruchtbäume, die aber alle zusammen keinen Samen haben, der sich fortpflanzen möchte, sondern sie entwachsen dem Boden ungefähr so wie dem Boden der Erde bei euch die Schwämme.
SA|0|50|18|0|Dass solche Ringbewohner auch auf den inneren Wunsch der Planetenbewohner sich vom Ring auf kurze Zeit zum Planeten selbst begeben können, und das schon mit geistiger Schnelligkeit, lässt sich aus der vielfachen Erscheinung der Geister bei den Bewohnern des Planeten selbst erschauen.
SA|0|50|19|0|Da aber die Wohnungen und die Lebensverhältnisse der Geistmenschen auf dem Ring ums Unvergleichliche herrlicher, erhabener und angenehmer sind, so haben die Geister auch nimmer eine Lust, sich länger auf dem Planeten aufzuhalten, als es dem Willen des Großen Geistes gemäß notwendig ist; daher sie auch stets eine große Freude haben, wann sie wieder in den Ring zurückkehren können.
SA|0|50|20|0|Nun wisst ihr auch alles Notwendige und Denkwürdige von dem Ring. Und so wollen wir denn fürs nächste Mal noch einen Blick auf die Monde dieses Weltkörpers werfen und damit auch die Mitteilung über diesen Weltkörper beschließen.
SA|0|51|1|1|Die Monde des Saturnus entsprechend dem Mond der Erde. Nachschulung der heidnischen Saturnusbewohner. Warum der Saturnus sieben Monde hat. Zweck der Mitteilung über den Saturnus
SA|0|51|1|0|Was aber die Monde betrifft, so stehen dieselben nahe ganz in demselben Verhältnis zu ihrem Planeten, in welchem da steht der Mond dieser Erde zu ihr. Nur ist alldort durch die Monde eine Gradation, wie sie natürlicherweise bei euch nicht sein kann, da die Erde nur einen Mond hat.
SA|0|51|2|0|Was die Bewegung der Monde betrifft, so haben auch sie keine Rotation um ihre Achse, sondern kehren immer ein und dasselbe Gesicht ihrem Planeten zu.
SA|0|51|3|0|Aus diesem Grund ist dann auch ihre Bewohnbarkeit eine doppelte, nämlich eine geistige und eine naturmäßige. Somit ist dann auch jeder Mond auf der von dem Planeten beständig abgekehrten Seite von Menschen und Tieren bewohnt und hat Vegetation, Wasser, Luft und alles das, was zur Unterstützung des natürlichen Lebens notwendig ist.
SA|0|51|4|0|Die Menschen, die allda naturmäßig leben, sind auch natürlicherweise viel kleiner als jene auf dem Planeten und haben auf den kleineren Monden kaum eure Größe. Auf den größeren, letzten oder äußersten drei Monden aber sind sie auch größer als ihr da seid auf der Erde.
SA|0|51|5|0|Diese naturmäßigen Menschen der Monde stehen mit den eigentlichen Saturnusmenschen in immerwährendem geistigem Verband, so dass die Geister derjenigen Saturnusmenschen, welche sich während der natürlichen Lebensdauer nicht fähig gemacht haben, alsbald in einen der Ringe zu gelangen, vorerst einen oder den anderen ihrer Beschaffenheit zusagenden Mond, oder auch mehrere, durchzumachen haben, bevor sie erst in den untersten Ring aufgenommen werden können.
SA|0|51|6|0|Was tun sie denn im Mond? Und welche kommen in einen Mond? In den Mond kommen eigensüchtige und heidnische Geister, welche den Ring durch ihr Erdenleben als eine Gottheit angebetet und verehrt haben. In einem jeden Mond, wo sie zuerst allzeit auf der naturmäßigen Seite auftreten und durch die Leiber der dort wohnenden natürlichen Menschen das Naturmäßige erschauen, haben sie aber keine Anschauung vom Ring, der ehedem ihr Abgott war.
SA|0|51|7|0|Wenn sie sich dadurch den Ring gewisserart abgewöhnt haben und sind selbst ihres Planeten losgeworden, dann erst ziehen sie auf die dem Planeten zugewandte Seite, von wo aus sie dann den Planeten mit dem Ring als nahe einen konkreten Körper erschauen. Dadurch erst wird ihnen nach und nach klar – wie sie auch von anderen, zu ihnen kommenden höheren Geistern belehrt werden – dass der Ring mitnichten irgendeine Gottheit ist, oder ein Sitz derselben, oder der Weg, den der Große Geist wandelt über den Himmeln; sondern er ist, wie sie es mit eigenen Augen schauen, nur ein ebenso materieller fester Weltkörper um den eigentlichen Planeten, vom Großen Geist zu dem Zweck erschaffen, dass die Geister der auf dem Planeten verstorbenen Menschen alldort für ein höheres Leben, von dem sie noch keine Ahnung hatten, vorbereitet werden.
SA|0|51|8|0|Wenn dann solche Geister solches erfahren haben, sowohl durch Lehre als durch eigene Anschauung, so lassen sie gar bald ihren Irrglauben gänzlich fahren und erkundigen sich emsigst nach der Wohnung des Großen Geistes. Es wird ihnen aber bedeutet, dass sie solches erst erfahren werden über den Ringen, wann sie sich werden vollkommen dem reingeistigen Zustand genähert haben und endlich auch vollkommen in denselben übergegangen sind. Darauf bekommen sie dann eine Sehnsucht nach dem Ring, aber noch mehr nach dem reingeistigen Zustand, und werden sodann auch sogleich in den Ring befördert.
SA|0|51|9|0|Solches wüsstet ihr nun. Es möchte aber dennoch mit der Zeit eine Frage sich aufwerfen: Warum denn zu dem Behuf eben sieben Monde vorhanden sein müssten? Solches einfache Geschäft könnte ja auch an einem Mond genug haben.
SA|0|51|10|0|O ja, für Geister anderer Beschaffenheit würde wohl ein Mond genügen. Aber für die Saturnusgeister, welche im großen Geistmenschen ihren Sitz unter einem Knie haben, genügt solches nicht. Denn die Füße sind die Hauptsache und die Grundlage des Lebens und an den Füßen selbst wieder die Gelenke. Wird dem Leib ein Schaden etwa an seinem Arm, an seiner Haut, sei es auf welchem Teil des Leibes es wolle, zugefügt, so kann der Leib noch immer aufrecht stehen und seine Bewegungen machen und kann sich Hilfe suchen. Wann er aber an einem oder dem anderen Fuß, und zwar namentlich an einem oder dem anderen Gelenk desselben, einen gewaltigen Schaden erleidet, so ist er gehemmt am ganzen Leib, fällt zusammen und kann sich nicht weiterbewegen und sich auch keine Hilfe suchen. Und so sind auch aus eben diesem Grund die Füße bei jedem Menschen stärker gebaut als alle anderen Teile seines Leibes.
SA|0|51|11|0|Da also aber die Saturnusbewohner einen allerwichtigsten Fußteil unter dem Knie des großen Geistmenschen ausmachen, von welchem großen Geistmenschen ihr schon bei mancher anderen Gelegenheit näheres vernommen habt, so muss aus eben diesem Grund bei den Geistern der Saturnusmenschen, und zwar bei jedem einzeln auf die siebenfache Art gesehen werden, welche Art der sieben Geister, aus welchen jeder einzelne Geist besteht, am gefährlichsten daran ist. Und zu eben dem Behuf sind dann auch eben die sieben Monde da – damit in einem oder dem anderen Mond eine oder die andere gefährliche Art der sieben Geister in einem Geist zur Ruhe und entsprechenden Ordnung mit den übrigen sechs Geistern gebracht wird. Aus dieser Kundgebung werdet ihr nun auch gar wohl entnehmen können, warum diesem Planeten sieben Monde zugeteilt sind.
SA|0|51|12|0|Somit wisst ihr alles, was da die Monde betrifft. Ihre Entfernungen und Größen sind euch ohnehin schon gleich anfangs kundgegeben worden. Und somit bleibt uns über die Monde auch nichts mehr zu sagen übrig.
SA|0|51|13|0|Und da wir den Planeten wie den Ring und nun auch die Monde kennengelernt haben, so sind wir auch mit der Mitteilung über diesen Planeten zu Ende.
SA|0|51|14|0|Nur möchte ein oder der andere Schwachsichtige fragen, wozu denn so ganz eigentlich die ganze Mitteilung über diesen Planeten nützen soll? Da sage Ich nichts anderes als allein nur das:
SA|0|51|15|0|Fürs Erste soll sich ein jeder, der diese Mitteilung gelesen hat, ein recht tüchtiges Beispiel nehmen, wie ganz anders die Bewohner dieses Planeten Meinen Willen respektieren als die Menschen dieser Erde.
SA|0|51|16|0|Und fürs Zweite soll er aber auch aus dem Ganzen erschauen, wie da Meine Weisheit, Liebe, Macht und väterliche Sorgfalt bei weitem weiter hinausreicht, als es sich der hochtrabende Menschenverstand je in seinen törichten Sinn kommen lassen kann.
SA|0|51|17|0|Und fürs Dritte aber soll eben diese Betrachtung den Menschen dieser Erde zur vollsten Demut leiten, aus welcher er erschauen soll, wer er ist und wer Ich, sein Gott, Schöpfer und Vater, bin.
SA|0|51|18|0|Und er soll dabei sich auf die Brust klopfen und darüber nachdenken, welch größte Gnade und Erbarmung ihm dadurch zuteil geworden ist, dass Ich, der alleinige Herr und Schöpfer solcher Wunderwerke, es Mir habe gefallen lassen wollen, die Erde, diesen kleinen, schmutzigen Planeten, zu erwählen zur Geburtsstätte Meiner unendlichen Liebe, Erbarmung und Gnade und somit aller Fülle Meines göttlichen Wesens!
SA|0|51|19|0|Aus diesem Grund will Ich noch die Sonne wie auch noch einige andere Planeten, wenn schon nicht so ausführlich, so aber doch auch in aller Kürze genügend beschauen lassen.
SA|0|51|20|0|Und mit dieser jetzt ausgesprochenen Verheißung soll auch diese Mitteilung beschlossen sein. Mein Segen, Meine Liebe, Gnade und Erbarmung mit ihr! Amen!
GR|0|0|1|1|Hört, und dann schaut und erfahrt!
GR|0|0|1|1|Am 15. Mai 1841
GR|0|0|1|0|Liebe Kinder! So ihr Mir nachfolgt, da folgt Mir vollends in allem nach, habt nicht Lust zu wandeln in tiefen Tälern, Gräben und Schluchten (die da sind voll Ungeziefer, unreiner Luft und nicht selten unter den Nachbarn voll Hader, Zank, Hass und aller Dieberei und gegenseitigen Fluches) — sondern geht mit Mir gern auf Berge und Höhen! Da sollt ihr allzeit entweder eine Bergpredigt, oder eine Verklärung, oder eine Sättigung mit wenig Brot, oder eine Reinigung vom Aussatz, oder einen Sieg über die stärksten Versuchungen, eine Erweckung vom Tod und derart vieles und für euch jetzt noch Unaussprechliches erfahren. Nehmt sogar Kinder mit, und ihr sollt den Segen der Berge an ihnen gar deutlich erkennen.
GR|0|0|2|0|Der da ist schwachen Leibes, soll nicht fürchten die gesegneten Berge, denn ihre Scheitel sind umflossen vom stärkenden Hauch der Geister des Lebens. Fürwahr, auf den Bergen und Höhen, da drehen sich selige Reihen und schmücken die duftenden Scheitel mit goldenen Blumen der ewigen Liebe! O prüft noch heut’ die Bewohner der Berge, ob sie nicht zumeist groß beschämen die Had’rer der Täler, der Dörfer, Märkte und Städte! Die christliche Gastfreundschaft wohnt auf den Bergen nur noch ungeschändet; verträgliche Eintracht, die wohnt nicht in Städten der Tiefe, in Tälern und Gräben – auf Bergen nur müsst ihr sie suchen, da ist sie zu Hause, wie unter den Pflanzen, so unter den Tieren und eben nicht selten auch unter den Menschen.
GR|0|0|3|0|O lasst zwei Feinde betreten die duftenden Scheitel der Alpen: ihr werdet erfahren und sehen die Feinde als Freunde nicht selten sich kosen. Der Wolf, dieses reißende Tier, der nach Blut nur dürstet, der sucht nicht selten, fürwahr, auf den Bergen sein heilendes Kräutlein und schont in diesem Geschäft der blökenden Herde der Lämmer.
GR|0|0|4|0|O schaut zurück auf die ersten Väter der Väter auf Erden: sie wohnten auf Höhen der Berge! Vom himmelanragenden Sinai gab Ich dem Mose die heiligen Tafeln, auf welchen mit goldenen Zeichen des ewigen Lebens gar freie Gesetze den Menschen der schmutzigen Tiefe gezeichnet und tief eingegraben wohl waren.
GR|0|0|5|0|Ich brauch euch nicht mehr’res von all den Bergen zu sagen, auch nicht von der Schule der Seher und Kinder [Künder] des ewigen Wortes aus Mir; – geht nur öfter auf Berge und gern weilt auf selben, da werdet ihr allzeit die Fülle des Segens der ewigen Liebe des heiligen Vaters erfahren. Der „Kulm“, schon einmal von Mir euch geraten, wird geben dem, welcher aus Liebe zu Mir wird besteigen des grünenden Scheitel, was einstens der Tabor dem Petrus, Jakobus und Meinem Johannes. Doch hört, nicht „Muss“, auch nicht „Soll“; nur wer’s kann und will, der folge Mir, seinem Meister und Vater, so wird er gar bald auch erfahren, warum Ich die Predigt des Himmels vom Berg zum Volk gesprochen! Die Zeit steht euch frei; doch je eher, je besser. Das merkt euch, Amen! Das sage Ich Vater ganz heilig voll Liebe zu euch. Hört es, Amen, Amen, Amen!
GR|0|0|6|1|Der Großglockner im geistigen Licht
GR|0|0|6|1|Empfangen durch Jakob Lorber am 27. November 1841
GR|0|0|6|0|In der Reinen rein’rem Lande, / Da, wo rein’re Lüfte wehen, / Wo in liebetreu’m Verbande / Brüder miteinander gehen – / Da auch über Wolken ragen / Freundlich düster hehre Zeugen, / Die gar große Bürden tragen, / Opfer auch, die aufwärtssteigen!
GR|0|0|7|0|Unter diesen vielen Zeugen, / Die das kleine Ländchen zieren, / Zeigt im still’ erhabnen Schweigen / Deutlich er der Großen Wirren. / Diesen Zeugen viele kennen, / Weit und breit wird er besprochen, / Doch wie viele sein erwähnen, / Wird dahier nicht viel gerochen!
GR|0|0|8|0|Wie er da zerklüft’t, zerrissen, / Und wie hoch empor er raget, / Wie er ist an seinen Füßen, / Wie viel Schnee und Eis er traget, / Solches wird hier nicht beraten, / Sondern was der Riese saget, / Sei ganz kurz dahier verraten, / Und so wisse, wer da fraget:
GR|0|0|9|0|Zu was nütze solche Höhen? / Solche Höhen vielfach nützen. / Wenn erboste Geister wehen / Und im Argen sich erhitzen, / Eurer Erd’ mit Feuer drohen, / All’s auf ihr vernichten wollen, / Ja in Grimmes Feuerlohen / Schon so manches Gras verkohlen,
GR|0|0|10|0|Seht, da greift der hohe Wächter / Weit um sich mit tausend Armen / All die tückischen Geschlechter / Fest und kalt ohn’ all’s Erbarmen / So „am Kragen“, wie ihr saget, / Zieht sie an von allen Seiten, / Dann zu rühren keins sich waget, / Keins sich weiter auszubreiten!
GR|0|0|11|0|Hat er sie an sich gezogen, / All die argen Ordnungsstörer, / Die die Erd’ so oft belogen, / Sie, der Erde Wahnsinnsmehrer, / Dann sie werden hier ergriffen / Von den Friedensgeisterhorden / Und am Eise matt geschliffen / Stumpf für Lust zum ferner’n Morden!
GR|0|0|12|0|Nun zu Schnee und Eis umstaltet / Liegen sie zu Trillionen / Schon als Höhenschmuck grau veraltet / Auf den kalten Herrscherthronen. / Seht des Glockners nützend Walten, / Seht, wie er der Ordnung dienet, / Daher seine rau’n Gestalten, / Darum auch so hoch er zinnet!
GR|0|0|13|0|Doch allein dazu erschaffen / Ist er wahrlich nicht geworden, / Um gerecht allzeit zu strafen / Arger Geister friedlos’ Horden; / Was in ihm noch alles stecket, / Was er alles noch verrichtet, / Wird in Größ’rem ausgehecket / Und des Nutzens Weis’ gelichtet! / Amen.
GR|0|1|1|1|Der Großglockner als Gebirgs- und Landesvater. Über den großen Wert der Gletscher. Der natürliche Wasserhaushalt
GR|0|1|1|1|Am 13. April 1842
GR|0|1|1|0|Es deucht euch wunderbar das wohlgelungene Bild, wie da majestätisch ein König der Berge, der Großglockner genannt, aus der Mitte seiner Brüder kühn sein Haupt erhebt und schaut gewisserart nach allen Seiten hin, wo seine Kinder, von ihm auslaufend, sich befinden. Aber noch wunderbarer wird es euch bedünken, wenn Ich euch in guter Ordnung bei seinen kleinsten Abkömmlingen angefangen, erst also bis zu ihm hinführen werde.
GR|0|1|2|0|Es wird euch freilich wohl ein wenig wundernehmen, wenn Ich dartue, dass eure Steiermark auch nicht einen Hügel diesseits des Flusses Drave (Drau) besitzt, der da nicht ein Abstämmling dieses Gebirgsvaters wäre; aber das tut nichts zur Sache – am Ende wird sich’s dann bei der Summierung aller Wahrheiten wohl zeigen, wie viele Fehlhiebe wir bei dieser Darstellung werden gemacht haben.
GR|0|1|3|0|Und so seht denn: Wenn ihr z. B. den Schloßberg zu Graz besteigt, oder den sogenannten Rosenberg, oder den Plabutsch, oder den Buchkogel, oder ihr verfügt euch ganz hinab in die letzten Ausläufer der windischen Bühel, da sage Ich euch: Auf allen diesen Bergen, miteingerechnet diejenigen Alpen, die ihr schon bestiegen habt, besteigt ihr immerwährend noch den Fuß des Großglockners.
GR|0|1|4|0|Wem solches schwer zu glauben wäre, der dürfte, um den nächsten Gebirgsweg zu haben, nur z. B. hier an dem sogenannten Buchkogel seine Reise beginnen, von dort aus aber immerwährend sich an die Gebirgsrücken halten – welche freilich nicht immerdar gleich hoch sein werden, aber dennoch immer hoch genug, um von den Tälern wohl unterschieden zu werden –, und er wird wohl auf diesem (freilich etwas beschwerlichen) Weg schon nach einer Tagesreise auf jene Alpen gelangen, welche zumeist die Steiermark vom Kärntnerland trennen, bei welcher Gelegenheit er dann nichts anderes braucht, als den mühsamen Weg über all die Alpen fortzusetzen. Und so er übrigens festen Fußes ist, da kann er darauf rechnen, dass er binnen längstens zehn Tagen schon in die sehr nahe liegenden Gegenden unseres Großglockners gelangt ist, ohne dass er nur einmal nötig hatte, über ein tiefes Tal zu gehen.
GR|0|1|5|0|Diese Reise wird ihn dann sicher überzeugen, dass euer Buchkogel samt seinen noch weiterhin gedehnten Ausläufern gar wohl noch mit diesem Gebirgsvater zusammenhängt. Wer jedoch solche ziemlich beschwerliche Reise nicht zu machen gedenkt, der nehme in diesem Fall nur eine gute Länderkarte zu sich, wo er freilich wohl viel bequemer dieselbe Reise unfehlbar mit seinen Fingern machen kann, und er wird sich von der Richtigkeit dieser Aussage sicher überzeugen.
GR|0|1|6|0|„Ja, aber“, werdet ihr sagen, „das mag wohl alles sein, denn es hängt ja der Nordpol mit dem Südpol sogar zusammen; auf diese Weise können ja wohl der Buchkogel und der Großglockner auch zusammenhängen. Aber was soll aus diesem Zusammenhang werden? Wo sieht da ein Evangelium heraus?“
GR|0|1|7|0|Ich aber sage: „Nur eine kleine Geduld, Meine Kindlein! Denn zwischen dem Buchkogel und dem Großglockner ist des Raumes und der anderen Dinge genug, um auf dieses Raumes Boden ein gutes Senfkörnlein auszustreuen, welches da aufgehen wird und seine Äste und Wurzeln so weit ausbreiten, als unser großer Gebirgsvater seine Arme und Kinder ausbreitet.“
GR|0|1|8|0|Eine Frage lässt sich hier sogleich anbringen, und zwar diese: „Liegt denn was daran, dass dort eben der Großglockner über alle Berge sein Haupt erhebt, in einem anderen Land wieder ein anderer, der noch höher ist als der Großglockner, und wieder in einem anderen Land noch ein dritter, der über alle anderen hinwegschaut?“
GR|0|1|9|0|Hier auf diese Frage gebe Ich eine ganz kurze Antwort und sage nichts, als dass solches im Ernst sehr notwendig ist, weil von der überragenden Höhe solcher Berge in naturmäßiger Hinsicht die ordentliche Erhaltung nicht nur derjenigen Länder, in denen sie sich befinden, sondern eines ganzen Weltteiles abhängt, wie z. B. Europa von den drei euch halbwegs bekannten Gletschern, d. h. Gletschergebirgen; Asien und Amerika von den seinen usw.
GR|0|1|10|0|Bei dieser Beantwortung der Frage ergibt sich schon sogleich wieder eine andere, und zwar alsogleich folgende, da ihr sagt: „Wieso denn? Wie ist das möglich?“
GR|0|1|11|0|Und Ich gebe euch darauf ebenfalls eine kurze Antwort, welche also lautet: „Wie das Leben des Leibes vom Kopf abhängt; denn wird dieser vom Leibrumpf genommen oder sonst stark beschädigt, so geht auch sobald das Leben des ganzen anderen Leibes unter.“
GR|0|1|12|0|Diese Antwort genüge euch vorderhand; denn gerade also auch ist das Verhältnis zwischen solchen Bergen zu dem übrigen Land, wie das des Kopfes ist zu dem übrigen Leib. Geht auch das Leben nicht unmittelbar vom Kopf aus, so ist aber dennoch der Kopf das Hauptaufnahmeorgan des naturmäßigen Lebens, von welchem aus dann erst dasselbe, den ganzen Leib dirigierend, in alle Teile desselben ausgeht. Der menschliche Leib hat noch viele andere Extremitäten, die er verlieren kann, ohne darum das Leben einzubüßen.
GR|0|1|13|0|Seht, also auch verhält es sich mit unseren höchsten Bergen. Ihr könnt zwar den ganzen Buchkogel abgraben, ja sogar über eine höhere Alpe dürft ihr euch hermachen, wenn ihr Lust und Kräfte dazu besitzt; aber wäre es jemandem möglich, sich auch über den Großglockner herzumachen und ihn zu planieren gleich dem vorher erwähnten Buchkogel oder einer anderen Alpe, so würde diese Unternehmung nicht so straflos ablaufen wie die Planierung des Buchkogels oder einer anderen bedeutenderen Höhe. Denn solche geringeren Planierungen würden nahe gar keinen fühlbaren nachteiligen Erfolg nach sich ziehen, während die Planierung des Großglockners entweder sobald eine unabsehbar weite Strecke der Länder in einen ewigen Winter oder aber wenigstens in einen weit ausgedehnten See verwandeln würde.
GR|0|1|14|0|Hier werdet ihr schon wieder fragen: „Wieso denn? Und wie ist dieses möglich?“
GR|0|1|15|0|Ein kleines Beispiel wird euch die Sache sogleich anschaulich machen.
GR|0|1|16|0|Seht, ihr wisst, dass vom Leib aus in den Kopf das Blut seinen Weg hat. Wenn nun der Kopf vom Leib getrennt wird, was tut da das Blut? Seht, jetzt haben wir es schon; denn ihr sagt selbst: Da wird das Blut ja sobald aus den Adern treten, sich über den Leib ergießen, wodurch dann die Adern und der ganze Leib zusammenschrumpfen werden; der Leib aber wird dadurch in den sicheren Tod übergehen.
GR|0|1|17|0|Also ist es auch bei einem solchen Berg der Fall, der ebenfalls ein Rezipient ist von den gewaltigsten inneren Wasserquellen der Erde. Er hält dieselben durch seine große Grundschwere darnieder und lässt nur so viel durch seine Poren davon austreten, dass dadurch das ganze Land weit und breit seine nötige Bewässerung erhält; den Überfluss dieser beständigen Ausdünstungen der inneren Gewässer aber saugt er aus der Luft selbst sorgfältigst wieder in sich; und damit es sich nicht so leichtlich wieder entferne von ihm, darum verwandelt er es in beständiges Eis und in den beständigen Schnee, aus welchem Grund er auch nur höchst selten dunst- oder wolkenlos zu erblicken ist.
GR|0|1|18|0|Was aber er tut, dasselbe müssen – wennschon in geringerem Verhältnis – bei Zeit und Gelegenheit auch alle seine Kinder und Kindlein tun.
GR|0|1|19|0|Warum sage Ich hier „seine Kinder und Kindlein“? Aus der einfachen Ursache, weil zur Zeit der Gebirgsbildung die höchsten Berge der Erde die ersten waren, die da gebildet wurden, und von ihnen aus erst dann die anderen in zusammenhängender Ordnung auf die Art und Weise, die euch schon bekannt ist. Nur müsst ihr euch dabei nicht etwa denken, heute war z. B. der Großglockner, morgen seine Kinder und übermorgen seine Kindlein gebildet, sondern zwischen diesen Bildungsprogressionen sind lange Zeitperioden vorhanden, welche sich nicht selten auf mehrere Millionen von Erdjahren erstrecken, dass darob in einem Land kaum zwei Berge vorhanden sind, die da wären gleichen Alters. Dass aber unser vorliegender Großglockner zu den urältesten Bergen der Erde gehört, könnt ihr vorerst daraus ersehen, darum er von Mir „ein Vater der Berge“ genannt wird, und fürs Zweite, weil er ein Haupt mehrerer Länder ist, und fürs Dritte bezeugt solches sein Gestein, welches da gewaltig verschieden ist von dem Gestein seiner Kinder und Kindlein.
GR|0|1|20|0|Wie aber all die Berge gegen ihren Vater hin an Höhe zunehmen, also nehmen sie auch zu an Alter; und je mehr ihre Scheitel sich mit beständigem Schnee und Eis schmücken, desto erhabener und bedeutungsvoller werden sie auch. Dieses müsst ihr euch gar wohl merken, denn die Folge wird es zeigen, von welcher vielseitig großen Wichtigkeit dieser Satz ist. Wir wollen uns daher in keine langen Nebendiskurse einlassen, sondern sogleich zur Hauptsache übergehen, und zwar zuerst in naturmäßiger, dann in geistiger, dann endlich in evangelischer Hinsicht.
GR|0|1|21|0|Es gibt gar viele Menschen, die da sagen: „Ich habe einen sanften Hügel, der mit Äckern, Wiesen, Baumgärten, Waldungen und Viehweiden belebt ist, um unvergleichbar vieles lieber denn hundert Großglockner.“
GR|0|1|22|0|Solche Menschen haben zwar einesteils wohl recht; denn auf dem ewigen Schnee und Eis des Großglockners lässt sich durchaus kein Weinberg anlegen – ja nicht einmal die allerletzte Pflanze, als z. B. da ist das harte Steinmoos, kommt da fort.
GR|0|1|23|0|Ich frage aber: Ist denn ein Berg nur nach seiner vegetabilen Fruchtbarkeit zu taxieren? Wenn es auf die Fruchtbarkeit ankommt, da ist ein jeder Berg überflüssig; denn in der Ebene arbeitet sich’s ja doch offenbar leichter denn auf was immer für einem Berg, und die Erfahrung wird euch schon gar wohl belehret haben, dass in der Ebene alles recht gut fortkommt. Sonach ist es sicher doch eine Albernheit, einen Berg nach seiner Fruchtbarkeit zu taxieren, denn die Fruchtbarkeit der Berge ist nicht die Bedingung ihres Daseins, sondern diese dreht sich um eine ganz andere Achse. Sonach werden diejenigen wohl ihr Wort zurücknehmen müssen, welche einen fruchtbaren Hügel höher schätzen als einen unfruchtbaren hohen Gletscher, und werden sich müssen gefallen lassen, wenn Ich sage: Eine Quadratklafter vom Eis des Großglockners ist an und für sich mehr wert als eine Quadratmeile voll der fruchtbarsten Hügel.
GR|0|1|24|0|Hier werdet ihr schon wieder fragen: „Wieso denn? Wie ist das möglich?“
GR|0|1|25|0|Ich aber sage euch: Wenn es nur auf den gewissen Erwerbsertrag ankommt, da könnt ihr euch mit den Augen eures Kopfes, für sich allein genommen, sicher nicht einen Heller verdienen; wohl aber mit euren Händen und Füßen! Ist aber darum das Auge nicht mehr wert denn die Hände und die Füße, welche ihr ohne das Licht des Auges schwerlich gebrauchen würdet? Und doch ist die Pupille des Auges gar klein im Verhältnis zu dem Maß der Hände und Füße! Und müsst ihr nicht zuvor ein jedes Ding mit dem Auge ergreifen, das ihr mit der Hand ergreifen wollt, und so auch mit dem Auge den Füßen allzeit vortreten?
GR|0|1|26|0|Wenn ihr nun dieses beachtet, so wird euch wohl ersichtlich werden, warum Ich eine Quadratklafter des eisigen Großglocknergrundes höher ansetze als eine ganze Quadratmeile des fruchtbarsten Hügellandes; denn so wie ihr ohne das Auge wenig Früchte tragen würdet an den Händen und Füßen, so auch würden die Ebenen und Kleinhügelländereien gar spottwenig Früchte tragen ohne den ewigen Schnee und das Eis der Gletscher. Und in dieser Hinsicht dürfte dann wohl so mancher wohlhabende und gesegnete Landmann eine Reise nach dem Großglockner machen und daselbst in Meinem Namen sein Eis küssen; denn es hängt von der kussgroßen Fläche des Eises am Großglockner die ganze Fruchtbarkeit seines Grundes ab.
GR|0|1|27|0|Möchtet ihr hier denn nicht schon wieder fragen: „Wieso denn? Wie ist das möglich?“ – Nur eine kleine Geduld; es wird gleich kommen.
GR|0|1|28|0|Ihr wisst, dass sich nach dem alten Sprichwort Gleiches mit Gleichem gern vergesellschaftet. Wenn ihr in euren Zimmern irgendeinen feuchten Stein in der Mauer habt, so wird dieser Stein nicht so leicht trocken werden, sondern wird vielmehr Feuchtigkeit von allen Seiten noch an sich ziehen und sonach seinen Feuchtigkeitsüberfluss der andern ihn umgebenden Mauer mitteilen und wird somit einen großen feuchten Fleck in eurem Zimmer bewirken.
GR|0|1|29|0|Seht, also verhält es sich auch schon wieder mit unserem Großglockner! Er ist ebenfalls ein sehr großer feuchter Stein in den weit ausgedehnten Ländereien eines Erdteils und zieht dadurch von weit und breit her die in der Luft überflüssig schwebenden Feuchtigkeiten an sich. Wenn aber diese Feuchtigkeiten in tropfbarem Zustand blieben an seinen Steinwänden, so würden sie dann auch sobald wieder in großen Strömen diesem Riesenstein entweichen und viele Ländereien um ihn herum verheeren. Damit aber solches nicht geschieht, so macht er durch seine Höhe und Gesteinseigentümlichkeit, dass die in sich gesogenen Feuchtigkeiten sobald zu Schnee, Hagel und Eis werden.
GR|0|1|30|0|Aber hier werdet ihr sagen: „Wenn das wirklich also ist und geschieht, so muss er dadurch mit der Zeit ja über ganz Europa hinauswachsen!“
GR|0|1|31|0|O ja, das würde auch sicher der Fall sein, wenn er keine Kinder und Kindlein hätte. Aber diese Kinder entbürden dann zuerst ihren Vater, und zwar auf diese Art: Wenn seine Eis- und Schneelast von oben und außen hinzuwächst, da werden die unteren Teile oder die unteren und alten Schnee- und Eismassen eben auch stets mehr gedrückt und gequetscht, wodurch dann diese Wasser- und Luftteile durch solchen Druck sich in zahllosen kleinen Partien entzünden, sich dann wieder in nebelige Dünste auflösen und diesem ihrem Gefängnisort entsteigen. Und da ein solcher Gletscher seine vorzügliche Anziehungskraft nur in seinen höchsten Regionen hat, so würden diese aus seinen niederen und unteren Regionen entwichenen Dünste sich da entweder als tropfbare Flüssigkeit stromweise in die tiefer liegenden Ebenen, alles zerstörend, ergießen, oder sie würden wenigstens auf den höheren Punkten sich dem Schnee und Eis anschließen und dasselbe also fort und fort ausdehnen und mehren, dass da in einem Jahrtausend ganze Ländereien von ihnen begraben würden.
GR|0|1|32|0|Aber damit weder das eine noch das andere geschieht, so sind einem solchen Gebirgslandesvater auch eine unübersehbare Menge Kinder an die Seite gestellt, welche gar begierig die Überbürdung ihres Vaters über sich nehmen; und was ihnen selbst noch zu viel wird, da hocken um sie herum schon wieder eine Menge Kindlein, welche den Überfluss gar begierig an sich nehmen. Und was denen auch noch zu viel zu tragen wird, damit erst segnen sie das ganze andere weitgedehnte Flachland.
GR|0|1|33|0|Und so ihr dieses nur einigermaßen begreift, da werdet ihr es auch leicht einsehen, warum sich von einem solch hohen Berg so weitgedehnte, zusammenhängende Bergketten nach allen Richtungen hin fast strahlenartig erstrecken, und es wird euch auch nicht eben zu lächerlich klingen, wenn Ich euch sage, dass ihr selbst aus euren Hausbrunnen noch Großglocknerwasser trinkt und dass es in eurem Land gar spottwenig Quellen geben wird, die ursprünglich ihr fruchtbares Dasein nicht diesem Gebirgslandesvater verdanken möchten.
GR|0|1|34|0|„Ja, aber“, werdet ihr sagen, „was ist denn hernach das Regenwasser?“
GR|0|1|35|0|Und Ich sage euch darauf, dass in eurem Land selten ein Tropfen anderen Regens den Wolken entfällt als solcher nur, der vom Großglockner und seinen weitgedehnten Kindern über dieses Land ausgesendet wurde; und ihr würdet eben nicht gar zu gefehlt sprechen, so ihr da sagen möchtet: „Der Großglockner regnet über unser Land.“
GR|0|1|36|0|Warum denn? – Weil er drei verschiedene, weitausgehende, kräftig wirkende Arme besitzt, wovon der eine sich in seinen Kindern und Kindlein nach allen Richtungen weit ausbreitet, der zweite in all den Quellen, Bächen, Flüssen und Strömen, der oft noch weiter geht als seine Kinder und Kindlein, – der dritte, am weitesten ausgehende Arm aber besteht in der Wolkenregion, welche eben am Großglockner für mehrere Länder ihren Zentralpunkt und an den vielen weit und breit ausgestreuten Kindern sorgliche Wächter und untergeordnete Ruhepunkte hat, da sie sich wieder ansammelt in stets mehr und mehr dunstigen Massen. Und wenn diese Massen z. B. auf der Choralpe zu dicht angehäuft werden, dann hat auch eine solche Alpe wieder untergeordnete Kindlein, welche ihrer Mutter gar begierig einen großen Teil ihrer Bürde abnehmen – bei welcher Gelegenheit dann dieser dritte Arm des Großglockners gewöhnlich sich in einem wohltätigen Regen ergießend, der armen Pflanzen- und Tierwelt der Ebenen sorglich unter die schwachen Arme greift und ihr eine wohlschmeckende Mahlzeit bereitet.
GR|0|1|37|0|Aber das ist nur eine naturmäßig nützliche Verrichtung und Bestimmung dieses Gebirgslandesvaters.
GR|0|1|38|0|Es stecken nebst dieser aber noch zwei andere und viel wichtigere im Hintergrund, welche wir in der Folge dieser Mitteilung erst werden kennenlernen. Und wenn ihr erst diese werdet kennenlernen, so werdet ihr auch stets einen vorteilhafteren Begriff von der großen Nützlichkeit eines solchen totscheinenden Gebirgsriesen in euch lebendig erschauen. Denn wahrlich sage Ich euch: Auf der Welt verhält sich alles verkehrt! Wo ihr viel Lebendigkeit seht auf der Erde, da ist auch ebenso viel des Todes; wo ihr aber glaubt, es sei alles in einen ewigen Tod versunken, da herrscht zumeist des Lebens größte Fülle und eine unberechenbar eifrigste Tätigkeit desselben.
GR|0|1|39|0|Aus diesem Grund waren zumeist alle Propheten und Seher auf den Bergen zu Hause. Und Ich Selbst, da Ich als Mensch auf der Erde war, hielt Mich vorzugsweise gern auf den Bergen auf: Auf dem Berg gab Ich dem Versucher den ewigen Abschied; auf einem Berg speiste Ich so viele Hungrige; auf dem Berg gab Ich in Meinem Wort den ganzen Himmel preis; auf einem Berg zeigte Ich Mich als das urewige Leben verklärt den drei euch Bekannten; auf einem Berg betete Ich, und auf einem Berg wurde Ich gekreuzigt.
GR|0|1|40|0|Darum achtet die Berge! Denn wahrlich, je höher sie ihre Scheitel über die Schlammtiefe des menschlichen Eigennutzes erheben, desto geheiligter auch sind sie und desto segnender das ganze andere Land.
GR|0|1|41|0|Wie solches [zugeht], haben wir schon zum Teil gehört; die Folge aber wird euch erst alles dieses ins klarste Licht stellen. Und so lassen wir es heute bei dem bewendet sein.
GR|0|2|1|1|Bedeutung und Entstehung des Eisens. Die Berge als Sammler elektromagnetischer Energien
GR|0|2|1|1|Am 3. Mai 1842
GR|0|2|1|0|Welch einen wichtigen Artikel die Metalle, namentlich das Eisen, bei euren Hauswirtschaften ausmachen, da braucht ihr eben keine hohen mathematischen Kenntnisse, um solches zu berechnen.
GR|0|2|2|0|Was würdet ihr wohl ohne das Eisen verrichten können? Ja, ganz bestimmt könnt ihr es annehmen: Ohne das Eisen wäre noch nie ein Buchstabe gedruckt worden; ohne dasselbe würdet ihr höchst beschwerlich und mühsam euch eure Wohnungen bereiten und noch viel beschwerlicher und mühsamer eine notdürftigste Kleidung; ja ohne das Eisen gäbe es noch heutzutage keine Schiffe auf dem Meere und keine Wagen auf dem Land.
GR|0|2|3|0|Ihr hättet ohne das Eisen nicht ein einziges wirklich taugliches Werkzeug, um das Erdreich aufzulockern und den Getreidesamen in die Erde zu säen – ja, mit einem Worte gesagt: Ohne das Eisen wärt ihr in naturmäßiger wie auch in so mancher Hinsicht geistiger Weise die ärmsten Geschöpfe der Erde, so dass euch ein jedes Tier überflügeln würde. Aber mittels dieses hochgesegneten Metalls könnt ihr euch alles verschaffen, weil aus dem Eisen alle möglichen brauchbaren Instrumente und Werkzeuge verfertigt werden können. Nicht einmal ein einfaches Grab könntet ihr der Leiche eines verstorbenen Bruders leicht bereiten ohne das Eisen, und müsstet dadurch die Leichen der Verstorbenen entweder in die Flüsse werfen, hie und da höchstens in seichten Sand verscharren oder sie auf die höchsten, mit ewigem Schnee und Eis bedeckten Berge tragen oder sie verbrennen, so ihr nicht wolltet vom beständigen Pesthauch umgeben sein. Kurz und gut, die Nützlichkeit des Eisens ist zu entschieden groß, als dass sie je verkannt werden könnte.
GR|0|2|4|0|Es würde freilich mancher Kurzsichtige sagen: „Im Notfall, d. h. bei Ermanglung des Eisens und somit auch aller anderen Metalle, welche samt und sämtlich durch das Dasein des Eisens bedingt sind, müsste man sich denn mit hölzernen Instrumenten behelfen.“
GR|0|2|5|0|Dieses wäre wohl recht, es fragt sich aber nur dabei, womit wird da wohl ein Baum umgehauen werden können, sodann behauen und geschnitten zu verschiedenartigen notdürftigen Werkzeugen? Seht, aus dem geht ja klar hervor, dass eben das Eisen in der natürlichen Lebenssphäre des Menschen die allererste Bedingung ist, ohne das sogar das Brotbacken aufhört und die Nahrung des Menschen bloß auf rohe Naturfrüchte beschränkt würde.
GR|0|2|6|0|Da wir somit durch diese kleine Vorbetrachtung gesehen haben, wie unumgänglich nötig dieses Metall ist, so wollen wir denn auch einen Blick auf seine Entstehung tun.
GR|0|2|7|0|Ihr wisst schon aus einer früheren Kundgebung, und zwar namentlich aus der Darstellung Meiner großen „Haushaltung“ im von euch also benannten Hauptwerk, allda eine Meldung geschieht von der Hin- und Herwanderung des Meeres, dass während dem Überstand der Meeresgewässer sich dieses Metall durch das Salz dieses Gewässers, vorzugsweise aber durch die Einwirkung der Gestirne, in dem Innern der Erde, und zwar in gewissen schon eigens dazu bestimmten Gängen oder Adern derselben, ansammelt, wo das Eisen oder doch der Stahl als metallisch gefestetes und gesalzenes, item [kurzum] gebundenes Sonnenlicht dargestellt ist.
GR|0|2|8|0|Dieses ist richtig und wahr – ja, diese Ansammlung ist so wohlberechnet, dass da volle nachfolgende 14.000 Jahre nicht imstande sind, dasselbe völlig zu verbrauchen. Aber es ist hier zu der Bildung des Eisens noch eine sehr wichtige Frage nötig, und diese Frage lautet also: „Ist dieses vom Meer und den Gestirnen gebildete Eisen auch schon tüchtig, dass man es bearbeite und daraus verfertige allerlei Gerätschaften?“
GR|0|2|9|0|O nein, sage Ich euch, so ist es nur eine noch unreife Frucht, welche wohl die Fähigkeit in sich besitzt, reif und schmackhaft zu werden und somit auch genießbar, aber im unreifen Zustand weder das eine noch das andere ist.
GR|0|2|10|0|Da wir solches nun wissen, so fragt sich denn wieder weiter: „Ja, wie wird denn sonach das Eisen reif?“
GR|0|2|11|0|Diese Antwort gibt euch ein jeder Bergmann wie ein jeder Botaniker und ein jeder Landmann, indem er sagt: „Durch Regen und milden Sonnenschein all’s gedeiht und reifet fein; so schaut denn nur in die Berg’ hinein, dort wird es eben also sein!“ Und es ist auch also.
GR|0|2|12|0|Regen ist eine Hauptbedingung zu aller Kultur, somit auch zur Kultur des Eisens. Wenn aber der Regen ununterbrochen fortdauern möchte, so würde er gar bald ersticken die Früchte und nach längerer Zeit auch verzehren und taub machen das Metall der Berge; damit also alles gedeihe, muss eine rechte Ordnung allenthalben beachtet sein.
GR|0|2|13|0|Wer aber ist von Mir zur Regulierung solcher Ordnung aufgestellt auf irgendeinem Weltkörper? Und durch wen wird sie also fortwährend erhalten?
GR|0|2|14|0|Jetzt können wir schon wieder eine Reise zu unserem Großglockner machen! Seht ihn nur recht gut an, wie er da emporragt hoch in die Lüfte und in die Regionen der Wolken und wie er umlagert ist von tausend und abermals tausend Felsenzacken und Riffen!
GR|0|2|15|0|Seht, dieser König der Berge hat einen weiter ausgedehnten Wirkungskreis zur Einsaugung der Elektrizität und des magnetischen Fluidums, als eure Wetter- und Blitzableiter auf den Dächern der Häuser.
GR|0|2|16|0|Was ist er demnach noch neben dem, was wir schon in der vorigen Mitteilung vernommen haben?
GR|0|2|17|0|Seht, er ist eine unglaublich große und starke Ansammlungs- und Vorratskammer des elektrischen und magnetischen Stoffes. Wenn er dann durch seine Fernwirkung auf dem dreifachen euch schon bekannten Wege namentlich durch die Bewässerung wirkt, so versieht er auch all die Wässer und vorzugsweise den Regen mit dem gehörigen Quantum von Elektrizität und dem magnetischen Fluidum.
GR|0|2|18|0|Diese zwei Polaritäten aber sind in naturmäßiger Hinsicht ja die Hauptbedingung alles Gedeihens und alles Wachstums und Reifwerdens der Pflanzen und der mineralischen Welt, und durch diese beiden hernach auch dessen der Tiere.
GR|0|2|19|0|Da unser Großglockner aber ein so gewaltiger Ansammler dieser Polaritäten ist, so kann hier mit wenigen Worten gezeigt werden, dass die Erze der untergeordneten Berge ja hauptsächlich den Gletschern ihre brauchbare Auszeitigung verdanken, da eben diese Gletscher die Ordner der Temperatur über all die unter ihnen gelegenen Ländereien sind.
GR|0|2|20|0|Da wir nun solches wissen, so mache Ich euch nur einzig und allein darauf aufmerksam, dass diese hohen Schnee- und Eisgebirge, wie bei uns namentlich der Glockner, ihre anderen schon bekannten Segnungen zuallermeist auf dem Weg ihrer Kinder und Kindlein über den Erdboden hin ausspenden; also spenden sie auch diesen elektromagnetischen Stoff zuallermeist auf diesem Weg aus.
GR|0|2|21|0|Was aber hinter diesem elektromagnetischen Stoff noch steckt, und wie schnell dieser nach allen Richtungen hin ausgebreitet wird, werden wir erst im Bereich der geistigen Darstellung dieses Gebirgslandesvaters näher kennenlernen.
GR|0|2|22|0|Für jetzt aber wollen wir diesen Teil beschließen und nur die alleinige kurze Betrachtung hinzufügen, dass allzeit die größten und segnendsten Wirkungen da ausgeboren und weiter zum allgemeinen Nutzen befördert werden, woselbst sie die blinde Menschheit am allerwenigsten suchen zu müssen glaubt und somit auch am allerwenigsten sucht.
GR|0|2|23|0|Und so geht von einer unbedeutenden Eisspitze des Glockners nicht selten eine bei Weitem größere Wirkung über viele Ländereien aus als wie von den nicht viel sagenden großen Weltstädten, von denen im Verhältnis zu den guten Ausgängen ganz unverhältnismäßig viele schlechte Ausgänge gemacht und geboten worden sind.
GR|0|2|24|0|Und somit zählt ein solcher Berg auch bei Weitem mehr als alle Industrie Englands, Frankreichs und Nordamerikas usw.
GR|0|2|25|0|Da wir somit mit dieser Betrachtung für das Herz, wennschon nicht für den mathematischen Verstand, zu Ende sind, so wollen wir uns denn zur nächsten, dritten und somit letzten und allergrößten Nutzwirkung unseres Großglockners hinwenden; jedoch für heute lassen wir es bei dem bewendet sein.
GR|0|3|1|1|Die Gebirge als Regler der Luftströmungen
GR|0|3|1|1|Am 9. Mai 1842
GR|0|3|1|0|Nachdem ihr schon über die Nützlichkeit unseres Großglockners so manches vernommen habt und die Nützlichkeit nahe für schon erschöpft angegeben betrachtet, so fragt ihr euch wohl selbst: „Welche nützliche Tauglichkeit soll denn noch neben all dem Vernommenen einem solchen Berg noch innewohnen, und zwar naturmäßigerweise?“
GR|0|3|2|0|Diese Frage ist recht gut; denn in der Frage liegt ja eben noch ein großes Bedürfnis zugrunde, vermöge welchem ihr noch etwas Nützliches von diesem Berg erfahren möchtet. Da sich aber nirgends ein Bedürfnis oder irgendein Hunger nach etwas aussprechen kann, für den es da nicht auch eine Sättigung gäbe, so wird es für das Bedürfnis, welches in der vorliegenden Frage liegt, wohl sicher auch noch eine Sättigung geben.
GR|0|3|3|0|Und so habt denn Acht! Wir wollen sogleich unsere Speisekammer eröffnen, allda ihr zur Sättigung eures Bedürfnisses des besten Brotes in großer Menge antreffen sollt.
GR|0|3|4|0|Also für was taugt unser Großglockner und somit auch alle Gletscher und anderen Berge der Erde denn noch?
GR|0|3|5|0|Es wird euch allen gar wohl bekannt sein, dass sich die Erde binnen 24 Stunden und etwas darüber um ihre eigene Achse dreht; neben dem wird euch auch der ziemlich bedeutende Umfang der Erde nicht unbekannt sein.
GR|0|3|6|0|Wenn ihr den Umfang der Erde nehmt, der noch bedeutend über 5.000 Meilen hinausreicht, und teilt diese ganze Länge des Umfanges in so viele Teile, als da 24 Stunden, Minuten und Sekunden in sich haben, so werdet ihr die überraschende Erfahrung machen, dass da auf eine Minute etliche Meilen zu stehen kommen.
GR|0|3|7|0|Nun denkt euch aber die Erde als eine berglose, ebene Kugel, welche wenigstens zehn Meilen hoch über ihr teilweise noch mit schwerer atmosphärischer Luft umgeben ist.
GR|0|3|8|0|Damit ihr aber das Außerordentliche dieser Erscheinung desto vollkommener begreifen mögt, so dürft ihr nur eine Glaskugel nehmen und dieselbe dann entweder in einem Gefäß, das mit Wasser angefüllt ist, oder in dem Sonnenstrahl, der da durch irgendein Fenster in das Zimmer fällt und ziemlich gesättigt ist mit dem gewöhnlichen Sonnen- und auch allfälligen Zimmerstaub, recht behände um ihre eigene Achse drehen, und ihr werdet euch überzeugen, dass diese sich drehende Kugel weder ein Wasserteilchen noch ein noch so leichtes Stäubchen, wenn es sich nicht durch die elektrische Anziehung der Kugel an sie anklebt, mit sich fortreißt, d. h. in dieselbe Bewegung zwingt, in welcher sich die Glaskugel selbst befindet.
GR|0|3|9|0|Nun, da wir dieses Experiment gewisserart im Geiste schon gemacht haben, so wollen wir nun einen vergleichenden Blick auf unsere Erdkugel machen.
GR|0|3|10|0|Sagt Mir: Was würde da wohl die atmosphärische Luft in die Mitdrehung der Erdkugel um ihre Achse nötigen, so sie vollkommen flach wäre? So aber die atmosphärische Luft nicht mitgezogen würde, welcher Luftströmung würden da alle lebenden Wesen ausgesetzt sein?
GR|0|3|11|0|Wenn aber schon die sogenannten Naturforscher mit ziemlicher Genauigkeit den mächtigsten Sturm so angesetzt haben, dass da die Luft eine so schnelle Strömung macht, dass sie in einer Sekunde nahe 80 Fuß zurücklegt, bei welcher Gelegenheit dann die Luftströmung schon eine solche Gewalt entwickelt, dass sie die dicksten und kräftigsten Bäume mit der größten Leichtigkeit aus dem Erdboden reißt, was würde denn dann erst eine Luftströmung für Folgen haben, welche in einer Minute etliche deutsche Meilen zurücklegen würde?
GR|0|3|12|0|Ich brauche euch den Erfolg eines solchen Experiments nicht näher zu schildern; denn so ihr nur ein wenig nachdenkt, so werdet ihr es ja augenblicklich überklar finden und begreifen müssen, dass bei solchem Luftzug nicht einmal das Steinmoos sich erhalten könnte, geschweige erst irgendein anderes Geschöpf. Und was bei einem solchen Luftzug dann erst das Meer dazu sagen würde, wird derjenige gar nicht schwer begreifen, der nur je das Meer gesehen hat, wenn ein tüchtiger Wind über dessen Oberfläche dahinstürmt und das Gewässer gleich Bergen übereinander aufsteigen macht.
GR|0|3|13|0|Wenn ihr nun dieses ein wenig beachtet, so wird euch doch Meine väterliche Fürsorge daraus ganz auffallend in die Augen springen müssen, da Ich zu diesem Zweck die Berge über die Fläche der Erde also wohl geordnet aufgerichtet und fest gestellt habe, dass ihnen zufolge die Luft mit der Erde sich zu drehen genötigt wird.
GR|0|3|14|0|Ihr werdet hier freilich fragen, warum denn zufolge solcher Nützlichkeit die Berge dann nicht alle gleich hoch sind und nicht gleich den Meridianen von Pol zu Pol laufen?
GR|0|3|15|0|Auf diese Frage können drei gültige Antworten gegeben werden.
GR|0|3|16|0|Fürs Erste sind sie darum so gestaltet, wie sie sind, weil Ich beständig mit der Aufstellung eines Dinges keine einseitige Nutzwirkung beabsichtigen kann und will; und so liegt der erste Grund schon in den vorher kundgegebenen Nutzwirkungen der Berge offen vor euch, warum da viele sehr hoch und einige nur unbedeutende Erhöhungen des flachen Landes sind.
GR|0|3|17|0|Der zweite Grund ist aber folgender: Wären da alle Berge gleich hoch und möchten sich da alle ziehen geradlinig von Pol zu Pol, so würde dadurch eine ewige Luftruhe eintreten, wo dann bald die unteren Schichten der Luft in Faulung übergehen würden, so wie in den unterirdischen Katakomben. Sagt, wie stünde es bei solcher Gelegenheit mit dem naturmäßigen Leben?
GR|0|3|18|0|Seht, aus diesem Grund sind die Berge scheinbar höchst unregelmäßig über die Erdfläche gestellt. Ich sage euch aber, diese Stellung ist eine so mit allerhöchster Wissenschaft geordnete, dass eben ihr zufolge die Luft immerwährend einen Spielraum hat und muss ziehen über die Erde kreuz und quer, und sich dadurch mischen und sich reiben, durch welche Tätigkeit dann über den ganzen Erdboden die sogenannte Elektrizität oder besser das natürliche Lebensfluidum in hinreichender Menge stets frisch erzeugt wird.
GR|0|3|19|0|Wenn ihr dieses nur ein wenig betrachtet, so wird euch die Stellung der Berge über dem Erdboden wie ihre verschiedenen Höhen nicht mehr ungeschickt und zufällig, sondern überaus weise geordnet vorkommen.
GR|0|4|1|1|Wesen und Ursache des Gletscherlichtes. Elektromagnetischer Ausgleich und Korrespondenzorgane der Erde
GR|0|4|1|1|Am 10. Mai 1842
GR|0|4|1|0|Warum sind denn noch fürs Dritte die Berge von ungleicher Höhe? Dieses bleibt uns hier noch zu beantworten übrig. Dieser dritte Grund hat aber wieder drei Hauptgründe in sich, und zwar folgende: Zuerst müssen die hohen Gebirgsspitzen auch die obere Luftregion in den Mitschwung um die Erde nötigen. Wären solcher hohen Berge zu viele auf der Erde, so würde das auch mit der Zeit in den Tiefen eine fast immerwährende Luftruhe mit sich ziehen, weil zu viel der oberen Luftregion dadurch zur Mitbewegung gezogen würde.
GR|0|4|2|0|Da es aber nur wenige Höhen gibt, so wird die obere Luftregion auch nur an wenigen Punkten genötigt, mit der Rotation der Erde sich mitzuschwingen. Die weiter von solchen Gebirgsspitzen abstehenden Luftsphären aber werden dadurch nur in eine nach allen Richtungen hin wirbelnde Bewegung gesetzt gleich also, als wenn ihr einen Stock ziemlich behände durch ein Wasser zieht, bei welcher Gelegenheit die vor dem Stock befindlichen Teile des Wassers zwar mit dem Stock fortgetrieben werden, zu beiden Seiten aber kann jedermann eine Menge Ringel und Wellchen bemerken, welche sich viel langsamer nach dem Stock ziehen, und ihr Zug selbst wieder die nebenangrenzenden Wasserteile in eine Bewegung versetzt.
GR|0|4|3|0|Die Ringel sind lauter Wasserwirbel, welche das Wasser in die Tiefe hinab beunruhigen, und die Wellchen beunruhigen die ganze Oberfläche des Wassers; und so hat mit der Zeit ein solcher Stockzug durch das Wasser nicht selten einen bedeutend großen Teich in der Folge in eine Bewegung versetzt.
GR|0|4|4|0|Seht, das ist also ein gar wichtiger Grund, warum nur der viel wenigere Teil der Berge so hoch in die Luft emporragt.
GR|0|4|5|0|Der zweite Grund dieses dritten Hauptgrundes ist folgender:
GR|0|4|6|0|Ihr werdet schon öfter vom sogenannten Gletscherlicht etwas gehört haben. Was soll’s denn damit?
GR|0|4|7|0|Einige Naturforscher haben dieses Licht, freilich ziemlich ungeschicktermaßen, so erklärt, als rührte es noch von den über den weiten Horizont des Nordens herüber brechenden Strahlen der Sonne her; allein solches ist ganz grundlos und also falsch. Dieses Licht ist ganz rein positiv elektromagnetischer Art und wird erzeugt durch die beständige Reibung solcher Gebirgsspitzen mit der sie umgebenden Luft.
GR|0|4|8|0|„Ja, aber“, werdet ihr sagen, „solches kann schon immerhin der Fall sein; aber wir sehen da noch keinen Nutzen ein. Und soll ihr Leuchten etwa die Nützlichkeit selbst sein, so sehen wir es aber dennoch nicht ein, warum solche großen Erdnachtlichter so sparsam über den Erdboden gestellt sind. Was hat der weit entlegene Flachlandbewohner von dem oft mehrere hundert Meilen entlegenen Gletscherlicht?“
GR|0|4|9|0|Wenn dieses Licht die Nützlichkeit wäre, da hättet ihr freilich wohl recht, so zu fragen; allein solches ist mit dem ziemlich sparsamen Gletscherlicht mitnichten der Fall. Das Licht ist hier nur eine Erscheinlichkeit von einer großen Nutzwirkung. Es fragt sich demnach: Worin besteht diese Nutzwirkung?
GR|0|4|10|0|Höret, es soll euch die Sache gleich klargemacht werden!
GR|0|4|11|0|Ihr wisst, dass eine gerechte Verteilung des elektromagnetischen Fluidums eine unerlässlich notwendige Bedingung alles naturmäßigen Lebens ist. Wären nun zu viele solcher Gebirgsspitzen in irgendeinem Land, so würden dieselben dieses elektromagnetische Fluidum also gänzlich aufspeisen, dass vom selben nicht ein Atom sich in die Tiefe herab verlieren würde; wären sie aber gar nicht da, nämlich diese hohen Gletscherspitzen, da wäre in der Tiefe wohl niemand mit seinem Leben in Sicherheit, sondern stünde bei jedem Schritt in der Gefahr, von einem sich leicht aus der Luft entwickelnden Blitz erschlagen zu werden.
GR|0|4|12|0|Also seht, das ist eigentlich die Nützlichkeit, wovon das Leuchten nur als Erscheinlichkeit auftritt.
GR|0|4|13|0|So aber doch jemand da wäre und Folgendes einwendete: „Was hat demnach das weitgedehnte Flachland z. B. Polens oder auch zum Teil Ungarns von der elektromagnetischen Sorgfalt des Großglockners für einen Nutzen?“
GR|0|4|14|0|Darauf sage Ich aber: Dieser Gletscher liegt so wohlberechnet an seinem Punkt, dass – so er nur eine Stunde von seinem Posten weichen könnte – er nicht mehr ein Gletscher wäre, sondern, wie es dergleichen Berge genug gibt, nur ein kahler Steinberg.
GR|0|4|15|0|Dass er aber ein Gletscher ist, rührt lediglich daher, weil er sich auf dem Punkt befindet, über welchem vom Nordpol aus eine hauptelektromagnetische Strömung sich bis zum Südpol hin erstreckt.
GR|0|4|16|0|Diese Hauptströmung geht zwar über alle die Gletscher des Tiroler- und Schweizerlandes, und nur ein östlicher Arm läuft noch da, wo der Großglockner sich befindet. Von diesem Lebensstrom nimmt er gerade so viel auf, dass er damit all die Ländereien mit Hilfe der noch übrigen Gletscher also genügend beherrscht, dass sich da die wohltätige Wirkung nicht nur über ganz Europa, sondern noch über einen bedeutenden Teil von Afrika erstreckt.
GR|0|4|17|0|Wenn sonach auch die vorbenannten größeren Flachländer Europas keine eigenen Gletscher haben, so geht aber auch über sie keine so bedeutende Strömung; für unbedeutendere Strömungen aber gibt es verhältnismäßig kleinere Berge überall in gerechter Menge, welche gar wohl imstande sind, solche kleineren elektrischen Strömungen zu regulieren.
GR|0|4|18|0|Ihr werdet hier fragen: „Warum geht denn vom Nordpol bis zum Südpol keine allgemeine, gleichförmige Strömung?“
GR|0|4|19|0|Wenn ihr so fragt, da müsst ihr schon noch öfter fragen und zwar: „Warum macht denn der Blitz nie einen geraden Zug und nicht auch einen allgemeinen, damit er doch wenigstens auf einen Hieb alles erschlagen könnte?“
GR|0|4|20|0|Wieder müsst ihr fragen: „Warum fließt nur hie und da ein Bach, Fluss und Strom, und auch der nicht geradeaus, während doch alles übrige Flachland so gut des Wassers und der Bewässerung bedarf, als dasjenige, welches den Bach, Fluss und Strom begrenzt?“
GR|0|4|21|0|Und wieder müsst ihr fragen: „Warum gibt’s in manchem Land so viele und bedeutende Seen, während in einem anderen Land wieder keine Spur davon zu finden ist?“
GR|0|4|22|0|Und so gäbe es noch eine ganze Legion von Fragen. Allein diese drei überflüssigen mögen euch genügen, dass ihr daraus fürs Erste einseht, um wie vieles Ich weiser bin als die Menschen; und fürs Zweite, weil Ich eben um vieles weiser bin als die Menschen, so weiß Ich auch am allerbesten, warum Ich die elektromagnetischen Strömungen also vereinzelt anordnete und ihnen vorgezeichnet habe einen bestimmten Weg, auf welchem Weg unsere Gletscher ganz wohlgeordnete Meilenzeiger sind.
GR|0|4|23|0|Und somit hätten wir auch den zweiten Grund des dritten Hauptgrundes. Und es bleibt uns demnach noch ein dritter übrig.
GR|0|4|24|0|Hier werdet ihr euch freilich wohl sagen: „Wer da noch einen Grund herausbringt, der muss doch sicher mehr als fünf Einheiten zusammenzählen können!“
GR|0|4|25|0|Und doch sage Ich euch, dass eben dieser dritte Grund der allerwichtigste und tüchtigste ist, und sage euch noch hinzu, dass dieser Grund euch zugleich auch am allernächsten liegt und ihr ihn auch somit zuerst finden solltet, so ihr – naturmäßig genommen – in den Augen eurer Seele kurzsichtiger wärt, als ihr seid. Denn die Kurzsichtigkeit der Seele ist ein gar gut Ding; denn je langsichtiger oder mathematisch verständiger die Seele ist, desto mehr lässt sie ihre Augen unter den fernen Fixsternen herumschweifen, dafür gehen ihr die Haare, die um ihr eigenes Auge gestellt sind, so gut wie gänzlich verloren.
GR|0|4|26|0|„Was ist hernach denn dieser dritte Grund des dritten Hauptgrundes?“ werdet ihr fragen.
GR|0|4|27|0|Und Ich sage: Geduldet euch nur ein wenig; Ich will euch darauf hinleiten und will sehen, ob ihr ihn nicht mit den Händen greifen werdet; und so habt denn Acht!
GR|0|4|28|0|Habt ihr euch noch nie gedacht, warum ihr nur zwei Arme und an jedem Arm oder an jeder Hand nur fünf Finger habt? Und warum sind selbst diese Arme nicht wenigstens noch einmal so lang, als sie sind, und mit viel mehr Fingern versehen?
GR|0|4|29|0|Oder habt ihr euch noch nie gefragt, warum ihr mit nicht mehr denn mit zwei Augen und zwei Ohren versehen seid, und diese nur an einer Seite des Leibes stehend, namentlich was die Augen betrifft? Es dürfte ja ein Auge, am Rücken angebracht, und allenfalls noch ein Ohr an einer Hand nicht unzweckdienlich sein.
GR|0|4|30|0|Oder habt ihr noch nie darüber nachgedacht, warum bei den Bäumen nur gewöhnlich ein Ast am höchsten emporragt, die anderen dann natürlicherweise tiefer zu stehen kommen? Kurz, es sind der anzuführenden Fragen hier zur Genüge gegeben, und wir wollen sehen, ob wir durch sie nicht auf den dritten Grund kommen.
GR|0|4|31|0|Wozu habt ihr die Augen? Diese Frage wird wohl jedes Kind beantworten, nämlich: Um damit zu sehen, oder – verständiger gesprochen –die erleuchtete Form der Außendinge wahrzunehmen.
GR|0|4|32|0|Diese schwere Frage hätten wir ohne Anstand beantwortet und sehen dabei auch ein, dass uns zu diesem Zweck zwei Augen vollkommen genügen.
GR|0|4|33|0|Jetzt kommt die andere schwere Frage: Wozu dienen uns die Ohren? Auch mit dieser Frage werden die Kinder bald fertig sein und sagen: „Damit wir hören, oder – verständiger gesprochen – damit wir die Bewegungen und die Begegnungen der Dinge außer uns in uns selbst wahrnehmen.“
GR|0|4|34|0|Also wären wir auch mit dieser schweren Beantwortung fertig – und die Erfahrung lehrt, dass auch zu dem Zweck zwei Ohren hinreichend genügen, und man könnte eher sagen, dass so mancher oft an den zwei Ohren wie an den zwei Augen schon zu viel hat.
GR|0|4|35|0|Aber jetzt kommen die Hände!
GR|0|4|36|0|Ich meine, auf diese Frage können wir uns füglich die Antwort ersparen.
GR|0|4|37|0|Dass übrigens die zwei Hände zu jeder Verrichtung genügen, hat seit Adams Zeiten die Erfahrung aller Zeiten mehr als hinreichend bestätigt, nachdem die Menschen mit diesen zwei Händen nur viel zu viel gerichtet und angerichtet haben.
GR|0|4|38|0|Fällt euch nun der dritte Grund noch nicht ein?
GR|0|4|39|0|So hört denn! So gut als jeder Leib eines Menschen, eines Tieres, ja sogar eines Baumes, Gesträuches und einer Pflanze gewisse Extremitäten haben muss, um sich mit Hilfe derselben in die Korrespondenz mit der Außenwelt zu setzen, also muss es auch die Erde haben. Und sonach sind unsere Gletscher Augen, Ohren und Hände der Erde, mittels welcher sie sich bei ihrer weiten Reise um die Sonne und mit der Sonne durch das weite Sonnengebiet in allerlei Korrespondenzen zu setzen hat. Und zwar zuerst in die wichtige Korrespondenz des Schauens – denn ihr dürft es glauben, dass die Planeten durchaus nicht blind ihre Bahnen durchziehen. Und fürs Zweite – sich dadurch in die Korrespondenz zu setzen, um aufzunehmen die harmonischen Früchte der großen Bewegung anderer Weltkörper und der Bewegungen des Äthers und des Lichtes und allerartigen Strömungen auf ihr selbst. Und fürs Dritte dann mit diesen Extremitäten auch die gehörige Aktion auszuüben, welche sie nötig hat, um fürs Erste ihre Bewegung selbst zu regulieren und dadurch auch zu der regelmäßigen Bewegung anderer Weltkörper beizutragen, und fürs Zweite alle die euch schon bekannt gegebenen nützlichen Verrichtungen zu bewerkstelligen.
GR|0|4|40|0|Seht, das ist somit der dritte und, wenn ihr ein wenig nur nachdenkt, auch sicher der wichtigste Grund – fürs Erste des Daseins solcher Gletscher, und fürs Zweite auch ihrer bei Weitem geringere Anzahl gegen die anderen Berge, und fürs Dritte auch für den Ort und die Stelle, wo sie sich befinden.
GR|0|4|41|0|Und somit hätten wir auch, soviel es für euch notwendig zu wissen ist, die naturmäßige Nützlichkeit dieser Berge dargestellt. Denkt aber dabei ja nicht, als sei das schon ein geschlossener Kreis, sondern da hat jeder hier aufgestellte Punkt noch seine endlos vielen nützlichen Ausläufer und ein jedes Atom seine entschiedene ganz eigentümliche Nutzwirkung.
GR|0|4|42|0|Wie vielfach demnach die Nutzwirkungen eines solchen Gebirgslandesvaters sind, wahrlich, da hätte ein allervollkommenster Engelsgeist mit der geläufigsten Zunge und der allereinfachsten Sprache für eine ganze Ewigkeit genug zu reden!
GR|0|4|43|0|Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen. Jedoch, wie viel auch immerhin die naturmäßigen Nutzwirkungen eines solchen Berges in sich enthalten, so wiegt aber jedoch eine einzige geistige, die ihr später vernehmen werdet, schon alle samt und sämtlich auf.
GR|0|4|44|0|Die Folge jedoch wird euch alles dieses in zweckmäßiger Kürze vollkommen klarmachen, was ihr jetzt kaum dunkel ahnt.
GR|0|4|45|0|Und somit lassen wir es für heute wieder gut sein.
GR|0|5|1|1|Einleitung und Übergang zum Geistigen; Verhältnis, Wesen und Zusammenhang desselben mit dem Materiellen
GR|0|5|1|1|Am 11. Mai 1842
GR|0|5|1|0|Ihr werdet euch schon aus den früheren Mitteilungen mit so viel Licht versehen haben, dass es euch nun schon klar sein darf, dass alle Materie an und für sich nichts anderes ist als ein durch Meinen Willen gefesteter Gedanke aus Mir.
GR|0|5|2|0|Diesem Grundsatz gemäß wird demnach wohl auch unser Großglockner nichts mehr und nichts weniger sein, als was da alle andere Materie ist.
GR|0|5|3|0|Was ist demnach für ein Unterschied zwischen dem eigentlichen Geistigen und dem diesem entgegengesetzten Materiellen, nachdem das eine wie das andere ein Produkt Meines Willens ist?
GR|0|5|4|0|In der produktiven Hinsicht waltet da kein Unterschied ob – aber ein desto größerer in der Wesenheit.
GR|0|5|5|0|Dieses wird euch zwar ein wenig befremden; allein seht nur einen Künstler unter euch an.
GR|0|5|6|0|Was ist bei ihm der Grund aller seiner Produktionen? Ihr könnt da unmöglich einen anderen finden und angeben als den alleinigen seines Willens, welches mit anderen Worten ebenso viel heißt als: Alles, was er nur immer hervorbringt, muss er zuvor wollen; denn ohne diesen Grund wird er wohl schwerlich je etwas hervorbringen.
GR|0|5|7|0|Ist aber das nun eine notwendige Folge, dass da ein und derselbe Wille immerwährend auch ein und dasselbe produzieren muss?
GR|0|5|8|0|Ihr müsst euch sagen, dass dies nicht der Fall ist, denn nicht im Willen allein liegt die Verschiedenheit, sondern die Liebe zeichnet die Modifizierung der Produkte vor, und der Wille spricht nur das einfache „Es werde!“ hinzu, und so wird es auch, was die Liebe zuvor gezeichnet hat.
GR|0|5|9|0|Nun seht, geradeso geht es auch bei Mir zu. Meine unendliche Liebe bildet die Formen, und die Kraft der Liebe, welche da heißt der Wille, lässt sie hervortreten. Einen Teil dieser Formen hält der Wille zufolge des Begehrens der Liebe gefestet; aber wieder anderen gibt eben dieser Wille nach dem Verlangen der Liebe die stets lebendiger werdende Freiheit.
GR|0|5|10|0|Und so entspricht die Materie, Meinem Willen nach, der Liebe dadurch, dass sie sei ein gefesteter Grund als letzte Unterlage alles Geistigen; und ist somit im Vergleich der Liebe das, was da Meine Erbarmung genannt wird.
GR|0|5|11|0|Das Geistige aber entspricht dann der lebendigen Freiheit Meiner eigenen Liebe selbst und ist das, was da genannt wird die Gnade, oder das eigentliche Sich-selbst-bewusst-Sein jeder freien Wesenheit, die da entstammt dem freien Leben Meiner Liebe; und ist geistig vollkommen ebenbildlich mit ihr.
GR|0|5|12|0|Aus dieser kurzen einleitenden Vorangabe könnt ihr nun schon sehr leicht entnehmen, dass, wo sich nur immer Materie wie immer gestaltet vorfindet, auch notwendig Geistiges vorhanden sein muss; denn wenn die Materie eine Erbarmung ist, so kann diese Erbarmung als ein Lösemittel ja doch nicht für sich selbst da sein, sondern sicher für eine höhere Potenz, an welche eben diese Erbarmung gerichtet ist. Oder habt ihr euch jemals schon der Erbarmung selbst erbarmt?
GR|0|5|13|0|So ihr euch aber schon jemandes anderen erbarmt, so wird wohl auch sicher Meine Erbarmung für jemand anderen da sein und nicht um ihrer selbst willen.
GR|0|5|14|0|Somit haben wir alsdann auch die gewisse Notwendigkeit der Materie für eine höhere Potenz dargetan. Wo muss denn aber die höhere Potenz sich aufhalten? Das ist eine sehr wichtige Frage.
GR|0|5|15|0|Wenn z. B. irgendein dürftiger Mensch sich befinden möchte in einer abendlichen Gegend, sagt Mir, so ihr euch dieses Menschen erbarmen würdet, um ihm aus seiner Not zu helfen, werdet ihr da mit eurer Erbarmung nach Morgen ziehen – oder werdet ihr euch nicht vielmehr mit eurer Erbarmung dahin wenden müssen, wo sich der Hilfsbedürftige befindet? Und so ihr ihn da finden werdet, werdet ihr mit eurer Erbarmung nicht bei ihm verbleiben?
GR|0|5|16|0|Wenn ihr diese Fragesätze nur mit einiger Aufmerksamkeit durchgeht, so muss es euch ja auf der Stelle einleuchtend werden, dass ein Armenspital und die Armen doch sicher stets beisammen sind. Und so wird es auch mit der Materie und mit den geistigen Potenzen sein, nämlich dass sie sich erfassen und eins das andere enthalten.
GR|0|5|17|0|So ihr aber auf der Erde ein mehr und mehr ausgezeichnetes und somit auch größeres und größeres Armenhaus antrefft, da werdet ihr wohl auch den ganz natürlichen Schluss ziehen, dass ein ausgezeichneteres und größeres Armenhaus mehr Arme fassen wird denn ein kleineres und weniger ausgezeichnetes.
GR|0|5|18|0|Demnach verhält es sich auch mit der Großartigkeit und Auszeichnung der Materie; je ausgezeichneter und großartiger ihr sie irgendwo antrefft, für desto mehr geistige Potenzen ist sie auch da.
GR|0|5|19|0|Sonach wollen wir denn wieder einen Blick auf unseren Großglockner machen.
GR|0|5|20|0|Seht ihn an, wie großartig und ausgezeichnet er dasteht, wie ein König unter den Bergen! Denn wo sich anderer Berge Spitzen in kahle Felsen verlieren, eben da fängt unser Großglockner erst mächtig an, sich über all seine kahlen Nachbarn zu erheben. Und seht an seine mehrere Stunden weite Ausdehnung nach allen Seiten; seht an, wie er mit ewigem Schnee und Eis bedeckt ist; seht an die vielen Bäche, die von seinen Zinnen herabstürzen, und seht an seine steilen Scheitel, wie sie nahe beständig mit weißlichen Wolken umlagert sind! Ja, ihr werdet diesen Berg schon aus weiter Ferne erkennen und mit Sicherheit sagen: „Das ist ganz bestimmt unser Großglockner, denn sein Schneeglanz, seine Höhe und seine Umlagerung mit beständigem Gewölk ist ein sicherer Bürge für unsere Annahme.“
GR|0|5|21|0|Seht, also werdet ihr ihn ausgezeichnet finden. Da er aber also ausgezeichnet ist, so wird er auch sicher eine ausgezeichnete Anstalt sein – oder er ist da gewisserart ein großer Brocken Meiner Erbarmung.
GR|0|5|22|0|Wir haben schon aus dem naturmäßigen Teil dieses Berges eine weitgedehnte Großartigkeit seiner Nutzwirkungen vernommen. Fragt euch aber selbst dabei: „Wären solche wohl nur denkbar möglich, so da nicht geistig-intellektuelle Potenzen zu Hause wären, welche alles dieses leiten, oder wäre eine Wirkung ohne zusagende Kraft oder Kräfte möglich?“
GR|0|5|23|0|Seht, die Kräfte, welche aber hier solches wirken, sind ja eben die geistigen Potenzen, durch welche alles dieses verrichtet wird!
GR|0|5|24|0|Es ist jetzt nur die Frage: Sind diese naturmäßig nutzwirkenden Erscheinungen vonseiten dieses Berges der Hauptzweck der ihn umgebenden und ihm innewohnenden geistigen Potenzen? Oder sind sie nur ein Nebenzweck, durch welchen alle diese geistigen Potenzen für einen anderen Zweck heranreifen sollen?
GR|0|5|25|0|Diese Frage kann ein kurzes Beispiel hinreichend beantworten, und zwar wieder durch eine Frage: Was ist denn beim Aussäen der Samenkörner in die Erde der Zweck dieser Arbeit? Ist es die Aussaat an und für sich, oder hat die Aussaat noch einen höheren Zweck vor sich?
GR|0|5|26|0|Es wird zwar durch das Verwesen der Samenkörner die Erde gedüngt und somit nach und nach fetter gemacht; aber ihr werdet doch sicher diese Nutzwirkung der Aussaat nicht als den Hauptzweck solcher Handlung betrachten, sondern werdet sagen: „Wir säen das Korn nur darum in die Erde, damit daraus ein neuer Fruchthalm werde, der uns vielfach wiedergebe das, was wir zuvor einfach in die Erde gelegt haben.“
GR|0|5|27|0|Seht, also verhält sich die vorerwähnte naturmäßige Nutzwirkung dieses Berges geradeso zu einem höheren Zweck dessen Daseins, als sich da verhält die Düngung des Erdreichs durch das Verwesen des Körnchens in der Erde zu dessen entstandener vielfach lebendiger Frucht.
GR|0|5|28|0|Aus diesem werdet ihr nun schon ein wenig zu erkennen imstande sein die Richtigkeit dessen, was Ich am Schluss der Darstellung der naturmäßigen Nutzwirkungen dieses Berges erwähnt habe, wo gesagt ist, wie hoch ein geistiges Pünktlein oder Atom über allen bis jetzt erwähnten naturmäßigen Nutzwirkungen dieses Berges steht.
GR|0|5|29|0|Dieses bisher Gesagte betrachtet daher nur als eine notwendige Vor- und Einleitung, ohne welche ihr das Folgende schwerlich verstehen würdet.
GR|0|5|30|0|Was aber da speziell folgen wird, wollen wir auf eine nächste Mitteilung aufbewahren; und somit lassen wir es für heute wieder gut sein.
GR|0|6|1|1|Ein Geisterkampf und wie er in der Natur sichtbar wird
GR|0|6|1|1|Am 12. Mai 1842
GR|0|6|1|0|Wenn ihr euch zurückerinnern wollt an manche andere Meiner euch gegebenen Enthüllungen aus der Natur, allwo namentlich dargetan wurde, wo die Tierwelt ihren Ursprung nimmt, so wird euch sobald klar werden, warum in der Einleitung unser vorliegender Berg ein ausgezeichnetes und großes Armenhaus genannt wurde.
GR|0|6|2|0|Seht, vorzugsweise halten sich auch gewöhnlich noch sehr irdisch gesinnte Seelen und Geister in der Region ihres vormals im Leib bewohnten Planeten auf. Diese Geister sind nicht selten voll Ärger, Bosheit und Ingrimm, darum sie so bald ihr zeitlich gutes Leben haben verlassen müssen, und wollen sich nun dafür auf jede mögliche Weise rächen. Obschon sie zwar die Erde direkt nicht sehen können – wie überhaupt kein Geist etwas natürlich direkt zu sehen vermag, was außer ihm ist, sondern nur, was in ihm ist –, so wissen sie aber auf dem Weg innerer Entsprechung doch genau, wo oder in welcher Gegend der Erde sie sich befinden; – und weil sie als Geister mit den naturgeistigen Potenzen in sichtbarem Konflikt [Kontakt] stehen, so vereinigen sie sich auch bald mit ihnen, um dadurch, wo nur immer möglich, der sie so frühzeitig im Stich lassenden Erde zu schaden.
GR|0|6|3|0|Da sie im geistigen Zustand auf dem Weg der Entsprechung auch wohl wissen, dass so ein Gebirgsriese der Erde ein naturmäßiger Nutzwirker ist für alle Ländereien um ihn, so halten sie sich auch besonders gern in seiner Nachbarschaft auf. Beseht nun das Bild – so euch schon die Gelegenheit mangelt, diesen Berg in der Wirklichkeit in Augenschein zu nehmen –, und ihr werdet euch sobald überzeugen, wie da rings um ihn Felsenmassen über Felsenmassen sich auftürmen, in deren Schluchten, Krümmungen und Windungen nicht selten auf ja und nein plötzlich dunkelgraue Wolken aufsteigen, und wenn sie über die Scheitel der höchsten Felsspitzen sich erhoben haben und gewisserart unseren Großglockner erblicken, sich dann doch wieder zurückziehen, und sind oft trotz eines noch so heftigen Windes nicht aus ihren Schlupfwinkeln zu bringen.
GR|0|6|4|0|Seht, diese Erscheinlichkeit ist schon ein sicheres Zeichen vom Dasein solcher missmutigen und böswilligen Geister – und zwar schon in der Verbindung mit den naturgeistigen Potenzen.
GR|0|6|5|0|Erhebt ihr aber eure Blicke höher hinauf zu den weißen Flächen unseres Gletschers, so werdet ihr da ebenfalls fast beständig Wolken und Nebel entdecken, welche aber von einer nahe blendend weißen Farbe sind. Diese Wolken und Nebel sind ebenfalls Träger von Geistern, aber von Geistern guter Art. Die zu allerhöchst Schwebenden sind dazu bestimmte Engelsgeister, und die mehr in der Tiefe des Gletschers schwebenden Nebel, welche gewöhnlich linealförmige Streifwolken bilden, sind zwar ebenfalls Geister guter Art, aber noch nicht völlig reif für die Höhe und müssen sich erst durch getreue Wachsamkeit und mannigfache Kämpfe gegen die argen Geister für die Höhe geeignet, reif und tüchtig machen.
GR|0|6|6|0|So ihr in der Gegend wärt und möchtet da oft tagelang dieser Nebelspielerei zusehen, da würde es euch auch nicht im Traum einfallen, dass es zwischen diesen luftigen Potenzen je zu einem Kampf kommen könnte; jedoch wer da Zeit hätte abzuwarten, bis unter diesen leichten Potenzen es wirklich zu einem kommt, der dürfte auch sicher darauf rechnen, dass ihm während dieses Kampfes das Hören und Sehen vergehen möchte vor tobender Angst in ihm.
GR|0|6|7|0|Wie kommt es aber da zu einem Kampf? Was ist da die gewöhnliche Veranlassung dazu? Wissen wir einmal die Veranlassung, so wird uns auch die Ursache nicht unbekannt bleiben.
GR|0|6|8|0|Seht, die bösen Geister, deren schon früher erwähnt wurde, gehen immer mit dem Rachegedanken um, sich einmal dieses Länderwohltätigkeitsthrones zu bemächtigen, um dann vom selben aus nach allen Seiten gehörig Unheil ausstreuen zu können. Aus dieser Ursache rotten sie sich in den unteren Schlupfwinkeln zusammen und machen kleine Ausflüge, um zu rekognoszieren [erkunden], wie es mit der Wache und der Besatzung des Thrones steht. Bemerken sie, dass es ziemlich blank um ihn aussieht, so geht diese Nachricht weit und breit mit aller Gedankenschnelligkeit hin, und wo da nur immer eine so recht zerklüftete Gebirgsspitze sich befindet, da werden sich auch sogleich überall große Massen von gleich dunkelgrauen Wolken herauszuziehen und in die Höhe zu erheben anfangen, und wenn ehedem der Himmel ganz rein war, so ist er bald ganz dicht umhüllt, nicht selten in wenigen Minuten schon, von solchen oft ganz schwarzen Wolkenmassen, welche da kreuz und quer ziehen und sich auf Umwegen dem Thron nähern, damit durch diese Bewegung die Thronwachen möchten in die Irre geführt werden.
GR|0|6|9|0|Bei solcher Gelegenheit ist dann auf eine kurze Zeit der Großglockner auch gewöhnlich ganz wolkenlos und nebelfrei; denn sobald die Wächter solche Schelmerei von den argen Geistern sehen, da ziehen sie sich sobald zusammen und verbergen sich sorgfältig in den inneren, großen Kristalltempeln dieses Berges.
GR|0|6|10|0|Wenn nun die Hauptanführer der weitgedehnten argen Rotten sehen, dass der Thron unbesetzt ist, so kommandieren sie sobald ihre losen Truppen, sich so hoch als möglich zu erheben und dann behände über den Thron herzufallen und alles, was da in den inneren Gemächern angetroffen wird, für immer gefangen zu nehmen und zu erdrücken.
GR|0|6|11|0|Auf dieses Kommando stürzt nun das graue Gesindel mit für euch, die ihr eine solche Naturszene noch nicht gesehen habt, unglaublicher Hast auf unsern Großglockner hin, bei welcher Gelegenheit es dann in seiner Nachbarschaft selbst um die Mitte des Tages so finster wird, dass die Menschen in seinen nahe gelegenen Tälern nicht selten zu Kerzen- und Lampenlicht ihre Zuflucht nehmen müssen. Bei dieser Gelegenheit wird’s dann gewöhnlich ganz still – was den Grund hat, weil die argen Geister nun der Meinung sind, dass sie endlich einmal gesiegt haben. Allein solche ruhige Szene dauert zuallerlängst höchstens sieben und siebzig Minuten. Nach dieser Zeit werdet ihr bemerken, dass sich aus den Eisklüften sehr dichte weiße Wolken zu ziehen anfangen. Diese breiten sich dann in kurzer Zeit unter den schwarzen Wolken aus, und wenn sie sich gehörig weit und dicht ausgebreitet haben, da fangen sie sich dann an unvermerkt zu erheben und tragen dann das schwarze Gesindel gewisserart auf ihrem Rücken immer höher und höher.
GR|0|6|12|0|Wenn nun das schwarze Gesindel solche List merkt, da macht es bald irgend Luft und lässt das weiße Gewölk durchpassieren. Solches wissen die Geister des weißen Gewölks gar wohl und wissen, dass sich die argen Geister dabei denken: „Zieht ihr nur hinaus; wenn ihr einmal vollends draußen seid, da werden wir ja wohl sehen, wer den Thron in Besitz nehmen wird!“
GR|0|6|13|0|Wenn demnach die weißen Wolken sich samt und sämtlich über die schwarzen hinausgezogen haben, so breiten sie sich in der Höhe nicht selten gleich einem Netz viele Meilen nach allen Seiten mit Blitzesschnelligkeit aus und nehmen das gesamte arge Gesindel einfach [einzeln] gefangen.
GR|0|6|14|0|Wenn aber nun das arge Gesindel durch allerlei geistig-telegraphische Depeschen die Nachricht bis zum Thron hin empfängt, dass die weißen Geister es allenthalben umzingelt und gefangen haben, so werden die Helden, welche sich schon über den Thron hergemacht haben, überaus ergrimmt über die List der weißen Geister. Sie fangen da an, alle ihre Truppen zu konzentrieren, und dadurch die weißen Massen zu brechen, und dieser Moment ist dann auch der Anfang des eigentlichen Kampfes.
GR|0|6|15|0|Hier würdet ihr zuerst ein ungeheures Toben und Tosen in dieser schwarzen Wolkenmasse gewahren. Dieses Toben und Tosen rührt her von dem Sichaneinander-Drängen dieser Geister und von dem immer mehr und mehr Ergrimmtwerden. Je mehr aber diese argen Geister sich abmühen, die oberen vernichtend zu durchbrechen, desto mehr auch werden sie von den oberen entgegengedrückt.
GR|0|6|16|0|Bei dieser Gelegenheit fangen sich dann die unteren Geister in ihrem Grimm zu entzünden an, und sobald gibts da eine so feurige Szene ab, dass nicht selten in einer Minute mehr denn Hunderte der heftigsten Blitze mit großem, erderschütterndem Gekrache nach allen Seiten hin fahren, um die herabbohrenden weißen Massen zu töten, und in die Höhe, um die Hauptanführer der weißen zu verderben, und in die Tiefe oder auf die Erde, um den Thron zu vernichten.
GR|0|6|17|0|Seht, das ist nun das erste Manöver! Aber wenn die Geister der weißen Massen gewahren, dass den unteren feindlichen Rotten gewisserart die Munition ausgegangen ist, da erfassen die weißen Geister plötzlich in allen Teilen die schwarzen und drängen sie so fest aneinander, wie fest da ist ein wirklicher Stein, und schleudern sie dann mit der größten Heftigkeit hinab auf die Erde, und natürlicherweise zum größten Teil auf die weitgedehnten Eisflächen des Thrones selbst, wie auch in weiteren Umkreisen, jedoch in kleineren Knoten, als Hagel in die Tiefen herab. Bei dieser Gelegenheit könnt ihr auch die Ursache dessen sehr leicht begreifen, warum – namentlich über die Eisfelder des Großglockners – nicht selten zentnerschwere Eismassen den Wolken entstürzen, und oft in solcher Dichtigkeit, dass da gewisserart ein Eisblock den andern vor sich hertreibt.
GR|0|6|18|0|Wenn auf diese Weise das schwarze Gesindel samt und sämtlich besiegt am Boden liegt, so lassen die weißen Geister noch einen Regen, welcher da schon aus den Friedensgeistern besteht, über diese Besiegten herabstürzen, lösen sich endlich selbst in einen schneidend kalten Wind auf und binden dadurch die Besiegten auf längere Zeit an das frühere Eis des Thrones. Dadurch verschaffen sie diesen argen Wesen wieder eine Ruhe, in welcher sie sich dann gewöhnlich mit der Länge der Zeit eines Besseren besinnen. Und ist solches eingetroffen, dann löst sich das eisige Band oder die naturmäßig-geistige Potenz wieder zu fließendem Wasser auf und dem also gedemütigte Geist wird wieder der Gebrauch seiner Freiheit anheimgestellt.
GR|0|6|19|0|Bessert er sich, so wird er bald in die unteren Reihen der Friedensgeister aufgenommen; bessert er sich aber nicht und wiederholt bei einer andern Gelegenheit solchen Angriff – was leider am öftesten der Fall ist –, so wird er dann wieder auf die ganz gewöhnliche und einfache Weise gefangen genommen, aber allzeit ein bisschen länger in der Gefangenschaft gehalten.
GR|0|6|20|0|Seht, das ist die erste Geisterszene, die sich vorzugsweise da ereignet, wo es sich natürlicherweise um einen wenigstens vermeintlichen Thron handelt. Aber diese Szene ist nicht die einzige, die da vor sich geht, sondern es gibt dann auch gar viele, welche aber nicht so wie diese in die naturmäßige Erscheinlichkeit mehr herüberragen, sondern sie offenbaren sich mehr dem Gefühl derjenigen auf mannigfache Weise, welche je Gelegenheit haben, wenigstens einen unteren Teil eines solchen Berges zu besteigen.
GR|0|6|21|0|Um jedoch bei unserer Darstellung dieses Berges nicht in eine zu lange Ausdehnung zu geraten, wollen wir bei der nächsten Gelegenheit nur noch zweierlei eine kurze Aufmerksamkeit widmen und uns dann schnell auf den evangelischen Teil, welcher für euch der bei Weitem wichtigste ist, zuwenden.
GR|0|6|22|0|Und so lassen wir es für heute wieder bei dem bewendet sein.
GR|0|7|1|1|Wege zur Demütigung und Erziehung materiell gebundener Intelligenzen. Findlinge. Wo und wie der Himmel die Erde berührt
GR|0|7|1|1|Am 13. Mai 1842
GR|0|7|1|0|Ihr habt in der gestrigen Mitteilung vernommen, dass nach der endlichen [zeitweiligen] Gefangenschaft wieder die Befreiung eintritt, und die also zur Besinnung und Ruhe gebrachten Geister, so sie sich vollends gebessert haben, entweder angenommen werden zu den Friedensgeistern der unteren Stufe, oder es wird ihnen eine neue Freiheitsfrist eingeräumt. Seht, da ist auf etwas ein achtsames Auge zu haben: wohin dann solche der eigenen Freiheit überlassenen Geister beschickt werden?
GR|0|7|2|0|Seht, wenn da die naturmäßigen Geisterpotenzen sich wieder auflösen zu fließendem Wasser, so werden eben solche frei gewordenen Geister mit dem Wasser gewisserart freiwillig gebunden und müssen dann die Reise bis in das Meer machen.
GR|0|7|3|0|Ihr werdet euch denken: „Warum denn solches?“
GR|0|7|4|0|Seht, gerade aus dem Grund, als so jemand auf der Erde, der da einen Schaden angerichtet hatte, oder im Augenblick, als er den Schaden verüben wollte, gefangen wird, und ihm dann die Obrigkeit eine solche Besserungsstrafe auferlegt, dass er entweder den Schaden gutzumachen und nebstbei noch eine Reue oder Strafgeld zu entrichten hat für den bösen Willen.
GR|0|7|5|0|Seht, gerade aus eben dem Grund müssen solche Geister in jenem Staat, wo es viel genauer zugeht als auf der materiellen Welt, jeden verübten Schaden – wie auch jenen, den sie haben verüben wollen – bis auf den letzten Heller gutmachen und zudem noch für ihren bösen Willen eine vollkommen angemessene Buße verüben, und erst dann, wenn solches alles genau befolgt worden ist, können sie in die erste Stufe der geistigen Vollendung aufgenommen werden.
GR|0|7|6|0|Ihr werdet wieder fragen: „Ja, wie können denn diese Geister im Meer das wieder gutmachen, was sie der Erde in einem dem Meer weit entlegenen Land entweder schon geschadet haben oder doch wenigstens haben schaden wollen?“
GR|0|7|7|0|Natürlicherweise können sie das im Weltmeer wohl schwerlich gutmachen; aber da im Geiste niemand was Gutes wirken kann, wenn er nicht selbst gut ist, so bezeugt diese Erscheinlichkeit das, dass die Geister in diesem Zustand sich vollends demütigen müssen, bevor sie fähig werden, für den Schaden Gutes zu üben; und weil demnach das Meer und dessen Grund der Erde immerwährend tiefsten Teile sind, so müssen demnach solche hochtrabenden Heldengeister diese Demütigungsreise machen, um dadurch mit der Zeit aus dieser ihrer Demütigung als Neu- und Wiedergeborene aufzusteigen in die Sphären der Nutzwirkungen.
GR|0|7|8|0|Es fragt sich jetzt: Werden solche Geister auch wirklich nach vollbrachter Reise gebessert?
GR|0|7|9|0|Da gibt’s verschiedene Abstufungen: Einige bessern sich schon auf dem Weg und können sich da aus dieser feuchten Landstraße entfernen und zurückkehren, allda sie dann erforscht und aufgenommen werden, so in ihnen nichts Arges gefunden wird. Solchen Austritt könnt ihr dadurch merken, wenn am Morgen den Bächen, Flüssen und Strömen weiße Nebel entsteigen, dann bald von der Sonne aufgezogen werden mit Hilfe der naturmäßigen Potenzen, in der Höhenregion aber dann bald aus diesen naturmäßigen Potenzen treten und dem naturmäßigen Auge unsichtbar werden.
GR|0|7|10|0|Eine andere Art dieser Geister aber ist diejenige, welche aus einem wieder erwachten geheimen Ärger sich bei der Nachtzeit sozusagen aus dem Staub macht und in anfangs sichtbarer Gestalt von grauen Nebeln sich in den Gräben, Schluchten und Klüften der Berge verbirgt, um bei einem nächsten Angriff wieder tätigst mitzuwirken.
GR|0|7|11|0|Eine dritte Art von solchen Geistern macht zwar den Weg wirklich bis ins Meer; wenn sie aber da angelangt sind, so retten sie sich nach den verschiedenen Arten ihrer Bosheit und machen sich dann über das Meer her. Und wehe dann dem Schifffahrer, der da in ihre luftigen Hände gerät! Wenn er noch mit dem naturmäßigen Leben davonkommt, so wird er Wunderdinge von der verheerendsten Art der Meeresstürme erzählen können. Wenn aber diese argen Patrone eine solche Bosheit ausüben wollen, da senden sie zuvor ein oder zwei ganz locker gestaltete Wölkchen gewisserart zur Spionierung über die Meeresfläche empor – welche Wölkchen der erfahrene Schiffer gar wohl kennt –, um zu rekognoszieren [erkunden], ob sich von nirgends woher etwa von den Friedensgeistern etwas sehen lässt. Sind da noch irgendwo solche Friedensgeister zu erschauen, so verschwinden diese Wölkchen plötzlich – bei welcher Gelegenheit da auch äußerst selten an einen bedeutenden Sturm zu denken ist.
GR|0|7|12|0|Erschauen aber diese böswilligen Spione keine feindlichen Truppen irgendwo, da erheben sie sich höher und höher, und im Zeitraum von wenigen Minuten ist der freie Raum über dem Meer in allerdichteste Sturmwolken gehüllt, aus welchen gar bald die allerheftigsten Windstöße das Meer aufzuwühlen anfangen, und tausend und tausend Blitze werden da hinabgeschleudert auf diejenigen Geister, welche den ernsten Weg der Besserung eingeschlagen haben. Allein, wie solche rebellischen Geister schon überall schlecht zuteil kommen, so nimmt auch diese Unternehmung ein allzeit schlechtes Ende für sie; denn da werden sobald von unseren Hauptlandeswächtern in Gedankenschnelle friedliche Heere von Geistern abgesendet. Diese werfen sich dann sobald über die tobenden argen Scharen — schleudern dieselben gewöhnlich im Hagel oder heftigen Regen ins Meer und entbinden bei dieser Gelegenheit die demütigen Geister ihrer freiwilligen Haft. Diese Patrone der Bosheit aber werden dann ebenso schnell entweder, wenn sie nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben, dem Nordpol zu befördert; die Helden aber müssen sich schon bequemen, auf eine sehr lange Zeit in das harte Eis des Südpols zu beißen.
GR|0|7|13|0|Seht, also endet die Szene dieser Geister: Die argen werden an ihren Ort befördert, die guten aber werden aufgenommen zur vielfachen Nutzwirkung.
GR|0|7|14|0|Worin besteht denn diese?
GR|0|7|15|0|Die erste Arbeit ist diese, dass solche Geister beschickt werden auf die verschiedenen Alpen – und zwar an jene Stellen, welche in kahle Felsspitzen sich verlieren –, um dort für die Erhaltung derselben wie auch für die bedingte Auflösung derselben unablässige Sorgfalt zu tragen, aus welchem Grund sie da alle Feuchtigkeiten in die Poren des Gesteins so verteilen müssen, dass das Gestein dadurch von innen aus immerwährend seine gleiche Festigkeit und Eigenschaft behält; anderseits aber müssen sie das abgelöste Gestein also weiter in die Tiefe befördern, dass es nach und nach der erlösenden Bestimmung immer näher kommt.
GR|0|7|16|0|Wenn sie irgendeine solche Sorge verabsäumen, so geschieht es dann öfter, dass ihnen arge Geister hinter dem Rücken dadurch einen Possen spielen, dass von ihnen ein ganzer Felsblock losgemacht und in die Tiefe geschleudert wird, was jedoch nur zumeist bei großen Aufständen geschieht. Bei solcher unvorsichtigen Gelegenheit müssen sie dann einen solchen abgelösten Teil wohl versorgen, dass er entweder irgendwo einen sicheren Ruhepunkt findet, oder sie müssen ihn bis zu einem Bach oder Fluss bringen, damit dadurch die in ihm verschlossenen, noch nicht geborenen Geister zu keinem vorzeitigen Ausbruch kommen; denn geschähe da solches, so wäre es nahe um die ganze Erde geschehen. Daher werdet ihr einen solchen abgelösten Stein gewöhnlich in einem Graben, da eine Quelle sich befindet, antreffen, oder ihr werdet ihn treffen bis über die Hälfte in der Erde sitzend und da mit allerlei Moos umgeben, oder ihr werdet ihn auch treffen, entweder zerstückelt oder als ganz, in irgendeinem bedeutenden Bach oder Fluss.
GR|0|7|17|0|Und das ist demnach auch die Ursache, warum nicht selten mehrere hundert und tausend Zentner schwere Steinblöcke allda in den Flüssen und Bächen angetroffen werden, wo es weit und breit fürs Erste keine solchen Felsgebirge gibt, und fürs Zweite auch keine ähnliche Steingattung.
GR|0|7|18|0|Die Naturforscher werden hier freilich sagen: „Was ist das für lächerliches Zeug! Solches übt ja nur das Wasser durch seine Schwere, welche zunimmt, je schneller und heftiger der Fall wird.“
GR|0|7|19|0|Blos in naturmäßiger Hinsicht haben sie wohl recht, wie derjenige, der da sagt, dass zwei mal zwei vier ist. Weiß aber der Mathematiker auch, was alles seinem Produkt zu Grunde liegt? Kennt er die Einheiten, aus welchen er sein Produkt gebildet hat? Er kennt wohl die Zahl der seinem Auge und seinem Verstand gleichartigen Dinge; kennt er aber auch das Wesen der Dinge in ihrem Grund, die er gezählt hat? Kann er berechnen die unendliche Vielheit und Verschiedenheit der Teile und Kräfte, welche zur Bildung eines Dinges notwendig sind?
GR|0|7|20|0|Wahrlich, wenn er das vollends erkennte, da würde es ihm auch ganz klar werden, wie seicht seine Berechnung der Dinge war, wo er vermöge ihrer Gleichartigkeit vier Stücke zusammengezählt hat.
GR|0|7|21|0|Wie also bemerkt, geht’s auch unserem Naturforscher bei seiner Darstellung nicht nur um nichts besser denn unserem Mathematiker, sondern noch um vieles schlechter. Denn er sieht das Wasser fließen; aber was dazu erforderlich ist, um eben das Wasser fließen zu machen und demselben den gerechten Grad der Schwere zu geben und dabei aber wohl zu wissen, worin an und für sich die Schwere besteht – seht, das möchte unserem scharfsinnigen Naturforscher wohl etwas zu unsichtbar sein. Denn dass das Wasser nach irgendeinem geneigten Bett sich fortbewegt, das merkt auch derjenige, der gerade kein Naturforscher ist. Wer trägt denn aber das Wasser auf die Höhe der Berge, sammelt es daselbst und befördert es nutzwirkend in die Tiefe? Seht, das wäre schon wieder eine andere Frage! Man wird auch hier mit dem inneren Druck und mit dem Gesetz der wechselseitigen Anziehung zum Vorschein kommen; wenn Ich aber dann frage: Wer übt denn den Druck und die wechselseitige Anziehung aus? Da wird es auch sicher aus sein mit der Antwort.
GR|0|7|22|0|Solches setze Ich aber darum hierher, damit euch das vorerwähnte erste Geschäft der Geister nicht so sehr befremden soll; und daher glaubt es, dass auf der ganzen Erde ganz bestimmt nichts ist und geschieht, was da nicht ausginge von den Geistern aller Art, entweder guten oder argen.
GR|0|7|23|0|Wenn ihr denn alsonach auf irgendeine Alpe geht – was euch allzeit sehr vorteilhaft ist –, so werdet ihr hier und da auf Stellen kommen, wo es so recht zerstört aussieht, darob euch dann auch ganz unheimlich zumute wird und ihr glaubt, da sei alles in den starrsten Tod begraben; aber gerade da geht es umso lebendiger zu, denn da haben solch nutzwirkende Geister vorerwähnter Art am meisten zu tun, zu sorgen und zu wachen, damit, dass mit der Zeit wieder alles in die schönste Ordnung gebracht wird. Wo es aber euch auf einer Alpe ganz wohl und hehr erbaulich zumute wird, wie z. B. auf solchen Stellen, da die Alpe mit allerlei wohlriechenden Kräutern bewachsen ist, da hausen auch schon seligere und friedsame Geister, deren Geschäft ein ruhigeres, aber zugleich auch – geistig genommen – viel großartigeres ist denn das der früheren.
GR|0|7|24|0|Wenn ihr aber auf jene Höhen gelangt, die schon mit immerwährendem Schnee und Eis bedeckt sind, und die reine und frische Luft euch für die Länge der Zeit unerträglich wird, da auch fängt schon der vollendeten Geister erste selige Region an oder, so ihr es annehmen wollt, da greifen oder reichen der Himmel und die Erde sichtbar zusammen; denn die irdische Kälte bedeutet da eben den gänzlichen Mangel der Eigenliebe und somit den höchsten Grad der Nutzwirkung naturmäßig genommen, d. h. vom Geistigen aus ins Naturmäßige übergehend betrachtet.
GR|0|7|25|0|Wer von euch somit je in eine solche Gebirgshöhe geschaut hat, der hat auch die unterste Region des Himmels mit seines Leibes Augen geschaut.
GR|0|7|26|0|Ihr werdet hier freilich fragen und sagen: „Wieso denn? Wie ist solches zu verstehen?“
GR|0|7|27|0|Und Ich sage euch darauf: Wer solches versteht, dem wird auch das „Wieso“ gar bald einleuchtend werden. Es wird doch sicher diejenige Stelle der Erde dem Himmel am nächsten zu stehen kommen, wo die menschliche Habsucht und Eigenliebe keine Grenzsteine mehr setzt und verheerende Prozesse führt wegen Mein und Dein. Ihr dürft nur einen Versuch machen und zu eigen verlangen ein tausend Joch großes Eisfeld irgendeines Gletschers; ja ihr könnt euch sogar ohne irgendeine Anfrage auf irgendeinem Eisboden ansässig machen, und seid versichert, es wird euch solchen Grund niemand streitig machen, so wenig als ihr es einem anderen streitig machen möchtet, wenn es ihn gerade gelüsten sollte, sich ein Stück eines solchen stark abkühlenden Grundes zuzueignen.
GR|0|7|28|0|Nun seht, aus dieser kurzen Darstellung werdet ihr nun das „Wieso“ auch leicht begreifen; denn wenn der Himmel auch gewisserart naturmäßig die Erde berührte, so wäre es wohl mit dem Leben wie mit dem Dasein des ganzen Planeten auf einmal zu Ende.
GR|0|7|29|0|Kann aber der Himmel die Erde irgend berühren, wo sie so vielfach durch die schnöde Habsucht entheiligt ist? Aus diesem Grund sind solche Berührungspunkte nur da möglich, wo die Erde von aller Scheelsucht der Menschen ganz und gar frei ist.
GR|0|7|30|0|Aus diesem Grund ist dann auch unser Großglockner vorzugsweise ein solcher Berührungspunkt. Und so auch irgendein Mensch auf dessen höchsten Zinnen etwas errichten möchte, wonach die Habsucht auch nur eines Menschen könnte lüstern werden, so wird da von den reinen Geistern auch sogleich gehörig gesorgt, dass ähnliche Errichtungen binnen kurzer Zeit wie aus dem Dasein verschwinden; und so wird ein solcher Platz durch seine eigene Reinheit und durch die Reinheit seiner Geister gereinigt.
GR|0|7|31|0|Das wäre somit eine Art geistiger Eigenschaft, welche über die naturmäßigen Geister hinausragt und dann und wann noch naturmäßige Erscheinlichkeiten zulässt; und demnach bleibt uns nur noch eine Art übrig, die nur sehr wenigen Menschen dann und wann sichtbar wird. Diese Art werden wir das nächste Mal betrachten und mit ihr auch sogleich auf das Evangelische übergehen. Und so lassen wir es für diesmal wieder bei dem bewendet sein.
GR|0|8|1|1|Erdgeister, Pflanzen und Tiere dirigierende Geister, Luft- und Äthergeister
GR|0|8|1|1|Am 19. Mai 1842
GR|0|8|1|0|Was sonach die dritte Art der Geister anbelangt, so ist auch diese wieder in drei verschiedene Arten zu unterscheiden, und zwar in eine untere, in eine mittlere und in eine obere.
GR|0|8|2|0|Zu der unteren Art gehören alle jene geistigen Wesen, welche das Innere der Berge bewohnen und überwachen daselbst die Metalle, die Wasserquellen, auch das Gestein und Erdreich in der Berge Innerem. Diese Art Geister ist somit auch an und für sich wieder dreifach unterschieden, und zwar in Feuergeister, Erdgeister und Wassergeister. Diese Geister sind weder böswillig noch auch guter Natur, sondern sie sind ein bares Mittelding zwischen Gut und Böse; daher sie auch zu eben diesem Zweck verwendet werden: Die Feuergeister zum Auskochen der Metalle, die Wassergeister, um die Feuergeister bei ihrer Arbeit [zu dämpfen], und die Erd- und Steingeister, um die Feuer- und Wassergeister in ihren Schranken zu halten.
GR|0|8|3|0|Wer sich vom Dasein dieser Geister überzeugen will, der mache nur Bekanntschaft mit biederen und unbefangenen Bergleuten, und er wird unter hundert solchen Menschen sicher neunzig antreffen, welche in ihrem Leben wenigstens ein-, zwei- oder dreimal ein oder das andere von ihnen sogenannte Bergmännlein gesehen haben. Diese Art Geister kommen nur gar selten an die Oberfläche der Erde; denn ihre innere Geschäftswelt kommt ihnen viel herrlicher vor als die äußere gehaltlose, wie sie zu sagen pflegen. Nur müsst ihr euch nicht etwa denken, dass die Materie ihnen hinderlich sei bei ihrem Hin- und Herwandern; solches ist sie mitnichten. Denn wo immer sich ein solcher Geist hinbewegen will, so geht er durch Wasser, Feuer oder Stein noch um vieles ungehinderter als ihr durch die Luftregionen. Denn da ihr Materie erschaut, da erschaut der Geist nur die entsprechende [geistig-seelische] Substanz derselben. Diese allein ist für ihn etwas; die eigentliche grobe Materie aber ist für ihn ein bares Nichts und ist für ihn so gut wie gar nicht da.
GR|0|8|4|0|Dass diese Geister nutzwirkend sind, könnt ihr aus dem Amt erkennen, das sie versehen; nur dürfen sie nicht durch einen Ungläubigen, auch nicht von Gläubigen gereizt werden durch mannigfache Lästerungen und Verunglimpfungen ihrer Wesenheit. Geschieht irgendwo solches, da sind sie auch gar bald bereit, sich an derlei Menschen bitter zu rächen.
GR|0|8|5|0|Wehe hernach dem, der in ihre Hände gerät! Den Gläubigen züchtigen sie durch allerlei Mittel, die ihnen zu Gebote stehen, den Ungläubigen aber erfüllen sie nicht selten mit einer unausstehlichen Angst, oder sie machen ihm einen unerwarteten Schreck, oder sie werfen ihm irgendein leibliches unheilbares Übel an den Hals. Dagegen hat der gläubige sanftmütige Mensch nichts zu befürchten von ihnen – im Gegenteil: So sich jemand also gläubig und gutmütig verstiegen hatte in den unterirdischen Höhlen und Gängen der Berge, so zeigen sie ihm fast allzeit einen sicheren Ausweg. Dieses alles könnt ihr buchstäblich bei allen Bergleuten erfahren; und mögt ihr dieselben aus den verschiedensten Erdgegenden vernehmen, so werden ihre Aussagen ganz vollkommen übereinstimmen. Das ist demnach die erste Unterart der dritten Hauptart von Geistern.
GR|0|8|6|0|Unter welchem Gesichtspunkt alle diese Geister in der eigentlichen Geisterwelt vorkommen, das wird erst in dem evangelischen Teil gezeigt werden; und so gehen wir nun zu der zweiten oder mittleren Art über.
GR|0|8|7|0|Diese Art Geister ist zumeist auf der Oberfläche der Erde beschäftigt und es gibt derselben zahllos viele. Der eine Teil hat über alle Bäume, Gesträuche, Pflanzen, Gräser, Moose und Schwämme zu sorgen, um die in den Pflanzen selbst noch nicht frei gewordenen Geister bei ihrer Tätigkeit zu leiten, damit jede Pflanze, sei es nun ein Baum oder was immer, ihre ursprüngliche Form und Beschaffenheit erhält. Ein Teil dieser Geister aber hat die Tierwelt über sich und muss da dieselbe Obsorge tragen, welche der eine Teil dieser Geister bei der Pflanzenwelt zu tragen hat, nämlich dass jedes Tier seiner Form, seiner Beschaffenheit und Tätigkeit entspricht. Diese Art der Geister wird den Menschen nur gar selten sichtbar, denn diese Geister haben viel zu wenig Zeit, als dass sie darauf bedacht sein sollten, sich unnützermaßen sichtbar zu machen, denn die fortwährende Nutzwirkung und derentwegen ihr guter Wille hindern sie daran.
GR|0|8|8|0|Dessen ungeachtet aber gibt es auf den Bergen doch noch so manche einfältig fromme Hirten, die auch solche Geister zu öfteren Malen gesehen haben; und werden euch so manches Histörchen erzählen können, wie solche Geister nicht selten über die Nacht eine magere Wiese grünen gemacht haben, und wie sie behütet haben seine Kühe und Schafe vor Unglück bei starken Gewittern, und ließen sie nicht auf solche Felsabhänge, allwo sie sich zerfallen [abstürzen] hätten können.
GR|0|8|9|0|Wenn aber ein weniger Gläubiger solche Geister auch nicht zu Gesicht bekommt, so wird er aber doch nicht selten gar gewaltig angeregt von ihnen, besonders wenn er durch weite Gebirgswälder geht und namentlich durch sogenannte Urwälder, oder wenn er sich auf den freien Alpentriften befindet, wie auch, wenn er durch große Herden von Pferden, Kühen und Schafen zieht. Diese Anregung besteht in einem mehr oder weniger unheimlichen Gefühl, auf welches gewöhnlich ein kleines Frösteln erfolgt. So jemand solches erfahren hat, da kann er auch versichert sein, dass er unter solche Geister gekommen ist und dieselben sich ihm auf die besagte Art bemerkbar gemacht haben. Welchem Zustand diese Geister in der eigentlichen Geisterwelt entsprechen, solches wird ebenfalls erst im evangelischen Teil kundgetan werden. Und so hätten wir noch die dritte Art übrig.
GR|0|8|10|0|Diese dritte Art kommt äußerst selten zur Erscheinung, sowohl durch die von ihnen verübte Wirkung, wie noch weniger an und für sich wesenhaft.
GR|0|8|11|0|Was ist denn die Wirkung dieser Geister? Die Wirkung dieser Geister ist die Direktion der Luft und des Äthers – daher wurden sie auch von den Alten manchmal „Luftgeister“ genannt.
GR|0|8|12|0|Wenn ihr den Zug der Winde beachtet und namentlich derjenigen Winde, die von Nordosten her kommen, und zwar gewöhnlich um die Mitternachtsstunde, wie auch manchmal abends ein oder zwei Stunden nach dem Untergang der Sonne, so dürftet ihr eine zweifache Bemerkung machen: Eine, die sich durch ein Erschauern kundgibt, und eine, welche einige Haustiere in Unruhe versetzt, und zwar namentlich vorzugsweise die Hunde, Hühner, Katzen, Schweine und Pferde. Wenn ihr solche Bemerkungen macht, da könnt ihr versichert sein: solche Erscheinungen rühren von diesen Luftgeistern her. Dies sind jedoch Geister untergeordneter Art, oder wie ihr zu sagen pflegt, es sind dienstbare Geister.
GR|0|8|13|0|Wenn ihr aber eure Blicke höher erhebt und beschaut da die sonderbaren Formen der Wolken, da könnt ihr abermals versichert sein, dass solche Formen eine Wirkung obbesagter Geister sind. Die Wolke selbst besteht zwar nicht aus diesen Geistern; aber was ihre Form betrifft, so hängt es allzeit von den Luftgeistern ab, wie sie eine Luftschicht um die andere also drehen und wenden, dass dann die Wolkengeister – namentlich der unteren, argen Art – nur diejenige Form annehmen können, wie da die Wendung und Drehung der Luftschicht es ihnen zulässt. Dies geschieht darum, damit die Friedensgeister – denen ihre Formierung freisteht – aus eben den Formen die argen Geister erkennen, was diese alles im Schilde führen. Dann ist aber hier nur die Ursache der Wirkung zu ersehen; aber die wirkenden Geister durchaus nicht.
GR|0|8|14|0|Eine noch höher stehende Art dieser Geister, welche schon im Äther sich befinden, ist erschaulich in der seltsamen Erscheinung der sogenannten Fata Morgana. Denn diese Erscheinung rührt daher: Wenn diese obersten Äthergeister die Luftoberfläche zur völligen Ruhe gebracht haben, so wird diese Oberfläche bild- oder formaufnahmefähig, und zwar auf dieselbe Weise wie ein ganz ruhiger Wasserspiegel oder ein Glasspiegel. Ist aber die Luftoberfläche von den beständigen Wogen und Wellen zerrissen gleich wie die Oberfläche eines Sees, Stromes und Meeres, wenn sie durch Winde oder Flutung in Unruhe gesetzt wird, so ist da natürlich an keine Abspiegelung zu denken.
GR|0|8|15|0|Was die Fata Morgana an und für sich ist, habt ihr ohnedies schon in einer ziemlichen Abhandlung empfangen; hier aber handelt es sich nicht mehr darum, dass ihr das Empfangene noch einmal empfangen sollt, wohl aber, dass ihr dasselbe vom geistigen Grund aus versteht. Der geistige Grund ist aber bereits kundgetan; hier wäre nur die Frage, warum solches geschieht. Nun, das ist freilich wieder wohl etwas ganz anderes. Solches geschieht darum, damit es den sich im hohen Äther aufhaltenden Friedensgeistern desto leichter wird, das geheime Tun und Trachten der argen Geister entweder in den Klüften und Schluchten der Gebirge zu beobachten oder, wenn solche Geister sich schon in die Luft in Gestalt der bekannten Wolken erhoben haben, ihre heimlichen Gesinnungen mit großer Sicherheit auszuforschen.
GR|0|8|16|0|Ihr müsst euch hier nicht etwa denken, als möchte da eine bewegte Luft als Materie ihnen hinderlich sein, dass sie darob mit ihren unendlich scharf, weit und tief sehenden Geisteraugen nicht erschauen könnten die Umtriebe der argen Geister; wohl aber müsst ihr euch also denken, dass diese beschriebene Ruhe der Luftoberfläche nur eine Folge ist der Aufmerksamkeit, welche die oberen Geister gegen die unteren bei solcher Gelegenheit zu haben pflegen.
GR|0|8|17|0|Ihr werdet schon öfter gehört haben, dass manche Menschen ganze Heere in der Luft und in den Wolken streitend erschaut haben. Seht, solche Erscheinungen sind auch eine Art Fata Morgana, aber wohl der allerseltensten Art.
GR|0|8|18|0|Sie geschehen auf folgende Weise: Wenn hoch im Äther ihr ganz selten weiße Lämmerwölkchen erblickt, unter diesen – freilich wohl in sehr weiter Entfernung – aber schon Gruppen der wohlbekannten schwarzen und dunklen Wolken, so erscheint das Bild der schwarzen Wolken dunkel abgedrückt auf den Lämmerwölkchen; das ist der Anfang dieser Erscheinung. Wenn dieses einige Minuten lang währt, so kann ein aufmerksamer Beobachter auf diesem dunklen Abbild eine Menge wohlgeformter Wesen erblicken, entweder in Gestalt mannigfacher wilder Tiere oder auch in der Gestalt von allerlei zum Kampf gerüsteten und sich zum Kampf übenden Kriegern.
GR|0|8|19|0|Hier werdet ihr fragen: „Woher bilden sich denn diese Formen ab auf der ruhigen Luftfläche?“
GR|0|8|20|0|Seht, solches geschieht auf folgende Art: Wenn die Geister der unteren Wolken solche Ruhe über sich gewahren und darob auch keine Störung erleiden, so bilden sie sich aus der Substanz der Wolken, welche der naturmäßig-geistige Teil ist, förmliche Leiber in der Meinung, dadurch kräftiger und widerstandsvoller zu werden, verbergen sich aber dennoch vor den Augen der Menschen, damit diese ja nicht etwa bei ihrem Anblick zu Meinem Namen die Zuflucht nehmen möchten. Aus dem Grund treiben sie solches Spiel auch nur auf der Oberfläche der Wolke und lassen den der Erde zugekehrten Teil der Wolke auch Wolke sein.
GR|0|8|21|0|Seht, wenn demnach über ihnen eine solche Ruhe der Oberfläche eingetreten ist, so wird auf derselben solches wesenhafte Treiben der argen Geister bildlich gesehen, weil diese Geister wirklich aus der Wolke und aus der sie umgebenden Luft sich eine Art Leib gebildet haben. Aber es nützt ihnen solche Handlungsweise gar nichts; denn je mehr sie sich also zu verwahren und zu festen suchen, desto tiefer werden sie von den oberen Friedensgeistern durchschaut und nach kurzem Zeitverlauf auch desto tüchtiger ergriffen und zur Erde herabgeworfen. (Zu dieser Art Geistererscheinungen gehört auch diejenige, welche Mein Schreiber am vergangenen Montag vormittags gesehen hat.)
GR|0|8|22|0|Seht, das ist sonach die dritte Art der Geister, die namentlich und vorzugsweise mit den anderen höheren Friedensgeistern sich bei ruhigen Gelegenheiten in der Gegend hoher Gletscher aufhalten und – wenn es notwendig ist – sich in Gedankenschnelle über alle Gegenden der Erde ausbreiten können; nur müsst ihr unter der dritten Art dieser Geister nicht etwa die Bildformen der unteren Wolkengeister noch die Friedensgeister selbst verstehen, sondern allein die dem sterblichen Auge beinahe niemals zur Erscheinung kommenden Äthergeister, von welchen nämlich diese Ruhe der Luftoberfläche bewirkt wird.
GR|0|8|23|0|Was auch diese Geister in der eigentlichen Geisterwelt für einen Standpunkt ausfüllen, wird in dem nächstfolgenden evangelischen Teil, wie von allen anderen, kundgetan werden. Es gibt freilich wohl noch höhere Geister, welche in den Welträumen die Welten und Sonnen lenken und sichern, und endlich noch höhere Geister, welche dem Menschen beigegeben sind; allein für diese ist wieder ein anderer, größerer Platz, und sie haben daher mit den Wesen der Erdordnung unmittelbar nichts zu tun. Daher können sie hier auch nicht füglichermaßen aufgeführt und weiter enthüllt werden.
GR|0|8|24|0|Und somit wären wir auch mit dem geistigen Teil unseres Großglockners wie auch aller anderen Gletscher und Berge zu Ende und werden uns für ein nächstes Mal sogleich zum evangelischen Teil hinwenden. Und somit lassen wir es für heute wieder gut sein.
GR|0|9|1|1|Warum Menschen Berge erklimmen. Warnung vor Bergbesteigungen mit falscher Motivation. Wie eine Bergbesteigung die geistige Wiedergeburt fördern kann
GR|0|9|1|1|Am 20. Mai 1842
GR|0|9|1|0|Um das, was den evangelischen Teil betrifft, so recht ins Auge zu fassen, wird es notwendig sein, euch zunächst mit der Form solcher Berge ein wenig vertraut zu machen.
GR|0|9|2|0|Zu diesem Zweck ist es wohl gut und nützlich, entweder selbst, soviel es tunlich ist, solche Berge zu besteigen, oder wenigstens gelungene Abzeichnungen derselben mit aufmerksamen Augen zu betrachten; denn durch ihre verschiedenen Höhen, durch ihre Abstufungen, durch die Gräben und Täler, wenn alles dieses mit Aufmerksamkeit betrachtet wird, wird das Gemüt geweckt, und der Geist sucht da beim Anblick solcher Berge selbst seine Augen zu öffnen und darüber zu denken, ob und wie da Wege aufwärts möglich sein dürften.
GR|0|9|3|0|Dass solches seine Richtigkeit hat, bezeugt der Drang bei Besteigung eines Berges, so bald als nur immer möglich die höchste Spitze zu erreichen, und auch der Drang und die tüchtige Begierde, wenn einem solch hohe Berge zu Gesicht kommen, alsbald ihre höchsten Gipfel zu ersteigen.
GR|0|9|4|0|Fragt euch selbst, worin solcher Grund liegen kann? Meint ihr, er liege etwa in der Ausbeutung irgendeiner oder mehrerer Fernsichten? Oder liegt er etwa in dem Begehren nach dem Genuss der reinsten Luft? Wer solches behauptet, der ist mehr denn über die Hälfte irrig daran; denn was die Fernsicht betrifft, so ist diese wohl für das Auge des Fleisches lohnend, aber um solche zu genießen, bedarf es ja eben nicht der höchsten Gebirgsspitzen, sondern oft nur wenig bedeutender Anhöhen, von welchen eine nicht selten bedeutend üppigere Aussicht zu gewinnen ist als von so manchen höchsten Gebirgsspitzen, welche doch gewöhnlich wieder von anderen hohen Bergen umlagert sind, da man denn oft nichts anderes als einige ebenfalls [weitere] Gebirgsspitzen im Umkreis erblickt und in keine Ebenen, Täler, Flüsse und Seen seine Blicke senden kann.
GR|0|9|5|0|Was aber die reine Luft betrifft, so braucht jemand nur auf einen Hügel zu steigen, der höchstens zwei oder dreihundert Klafter hoch sein darf, so kann er daselbst auch schon eine sehr reine Luft genießen.
GR|0|9|6|0|Wenn sonach jemand diese zwei Punkte recht tüchtig beachtet, so wird er gar leicht gewahren, dass sie nicht ausschließend der Grund sein können, darum so viele Menschen von den hohen Gebirgsspitzen also angezogen werden, dass diese nicht selten ihr Leben wagen, um mit der größten Anstrengung die höchste Spitze zu erklimmen.
GR|0|9|7|0|Wenn denn solches unleugbar ist, nachdem es doch die tägliche Erfahrung lehrt, dass fast jeder Mensch, so er nur irgendeinen hohen Berg ansieht, er auch schon in sich den Wunsch verspürt, so es nur möglich wäre, sich sogleich auf diesen oder jenen hohen Bergesscheitel zu versetzen – selbst dann noch, wenn er den Berg tagtäglich sieht und er auch schon zu öfteren Malen auf demselben war –, so muss ja doch noch ein anderer Grund vorhanden sein, der ihn hinaufzieht.
GR|0|9|8|0|Dieser Grund ist der schon besagte und besteht sonach in dem Wachwerden des Geistes bei solchen Gelegenheiten; denn wie euer Sprichwort sagt, dass sich Gleiches und Gleiches gern zusammengesellt, solches ist auch hier buchstäblich der Fall.
GR|0|9|9|0|„Wie so?“, werdet ihr fragen. Nun, so hört!
GR|0|9|10|0|Der Geist zieht den Geist an wie die Materie die Materie und das Fleisch wieder das Fleisch. So da in einem Menschen beschlossen wird, dass er auf irgendeinen hohen Berg seine Füße setzen will, so geht aus dieser Vornahme ein Willensrapport hinauf in die hohen Geistersphären. Durch diesen Rapport werden die Geister sobald inne, was da ein Mensch tun will.
GR|0|9|11|0|Will er sich nun ihren Sphären wirklich nahen, so wird von den Geistern sobald ein Rückrapport erstattet. Dieser Rückrapport ist für den Geist, der noch im Leib schläft, fast dasselbe, was ihr in leiblicher Hinsicht eine magnetische Affektion nennt, oder was im weiteren Sinne das Magnetisieren selbst ist, durch welche Handlungsweise einem schwachen Organismus durch einen starken, lebensvollen eine Zeit lang eine neue Lebenskraft mitgeteilt wird; kurz und gut, auch der Geist, der da noch schwach ist und schläft im Menschen, wird von höheren Geistern also magnetisch geweckt – freilich nicht für bleibend, sondern auf eine kürzere oder längere Zeit nur.
GR|0|9|12|0|Wenn auf diese Weise der Geist erweckt ist, so möchte er auch eiligst sich schon dort befinden, von wannen her er gezogen wird, d. h. er möchte sich schon sogleich unter seinesgleichen befinden; daher treibt er denn auch alsbald durch die Seele den Leib mächtig an und zieht und schleppt ihn hinauf zu den schwindelnden Höhen.
GR|0|9|13|0|Wenn hernach ein solcher Mensch solche Höhen wirklich erstiegen hat, so freut sich der Geist, dass er sich befindet in seiner wahren Gesellschaft. Allein, da aber die freien Geister wohl die reinste Einsicht haben, dass für solch einen unzeitigen Geist hier noch keines Bleibens ist, da stellen sie sich sobald wieder außer Rapport mit ihm; sodann sinkt der Geist wieder in seinen Schlaf zurück, dem Leibmenschen wird’s dann unbehaglich auf solchen Höhen, dass er sich darum bald wieder sehnsüchtig hinabbegibt in die Täler, in denen ihm entsprechende Wohnungen sich befinden.
GR|0|9|14|0|Seht, das ist der eigentliche Grund, warum der Mensch, wenn er übrigens nicht gar zu naturmäßig weltlich gesinnt ist, also angezogen wird von den Bergen und ihren höchsten Gipfeln.
GR|0|9|15|0|Bei ganz naturmäßigen Menschen ist solches wohl freilich nicht der Fall, denn entweder haben diese gar keinen Sinn dafür – welches so viel besagt, als ihr Geist ist dergestalt schwach und krank, dass er keiner anderweitigen geistigen Affektion mehr fähig ist – oder wenn schon solche naturmäßigen Menschen irgend hohe Berge besteigen, so werden sie dazu nur von den argen Geistern angetrieben, entweder aus Gewinnsucht oder aus purer Prahlerei, um dann sagen zu können: „Ich war auf dieser und jener noch von keines Menschen Fuß bestiegenen Spitze eines Berges der Erste!“, – der gewisserart mit seinem sehr unheiligen Fuß die heilige Spitze des Berges entweiht hat.
GR|0|9|16|0|Solche Gebirgsbesteiger werden dann auch fast allzeit für ihre ruhmverdienstliche Handlung von den Friedensgeistern gar übel bedient. Entweder lassen sie einen solchen Rühmler eine Höhe erklettern; wenn er aber dann oben ist, so wird er sobald von einem übermäßigen Kopfschwindel und darauf folgender großer Todesangst heimgesucht und muss oft stundenlang zappeln, bis sich irgend ein Geist seiner erbarmt – so er genug gebetet hat – und ihn dann hinabklettern lässt einen höchst beschwerlichen und mit augenscheinlicher Todesgefahr verbundenen Weg. Oder die Geister lassen ihn auf eine leichter zu ersteigende Höhe kommen; wenn er aber sich schon siegreich oben befindet, so beschicken sie ihm oft augenblicklich ein grässliches Ungewitter über den Hals, durch welches er für seine rühmliche Bemühung so tüchtig ausgezahlt wird, dass er bei sich selbst einen festen Eid ablegt und sagt: „Wenn ich nur dieses Mal mit dem Leben davonkomme, wahrlich, es soll mich hinfort keine Gebirgshöhe mehr anlocken, und wäre sie nur einige Klafter hoch, sie wieder zu besteigen!“
GR|0|9|17|0|Wer aber da möchte eine solche Gebirgsspitze frevelnd oder zufolge einer habsüchtigen Wette erklimmen, der kann aber auch schon sogleich früher [zuvor] in der Ebene seine letzte Willensanordnung hinterlassen; denn ein solcher Gebirgsbesteiger wird wohl nimmerdar seine Füße mehr in der Ebene gebrauchen, – aus welchem Grund auch nicht selten ähnliche Gebirgsbesteiger verunglücken und sich entweder sogleich zerfallen, oder sie werden auf irgendeine Höhe geführt, auf welcher sie dann auch gewöhnlich für alle ewigen Zeiten verbleiben, d. h. dem Leibe nach.
GR|0|9|18|0|Ja, die Geister haben da allerlei Mittel, um die Frevler auf das Empfindlichste zu strafen.
GR|0|9|19|0|Aber nicht also ergeht es demjenigen, der da aus höherem Antrieb die Höhen der Berge besteigt.
GR|0|9|20|0|Ein solcher Mensch wird nicht nur auf keine Gefahren stoßen, sondern er wird allzeit gewaltig gesegnet und gestärkt wieder zurückkehren, so zwar, dass bei manchen solchen Gebirgsbesteigern und großen inneren Freunden derselben ihr Geist für bleibend geweckt worden ist und sie dadurch zu Sehern und Propheten wurden.
GR|0|9|21|0|Aus diesem Grund habe Ich auch euch noch allzeit geraten, gern auf die Berge zu gehen, weil denn doch bei jeder, wenn auch nur momentanen Geisteserweckung dem Geist eine Stärkung zurückverbleibt also, wie einem schwachen Menschen die naturmäßige Lebenskraft nach jedem einzelnen sogenannten Magnetisieren erhöht wird und, wenn er oft genug magnetisiert worden ist, er endlich mit schwacher Beihilfe anderer Mittel zur vollen Gesundheit und Lebenstätigkeit wieder gelangt.
GR|0|9|22|0|Wenn demnach der Mensch redlichen Sinnes ebenfalls sich öfter von den hohen Geistern also geistig magnetisieren lässt und gebraucht dazu das leichte Arzneimittel der Liebe, so wird er auch um desto eher zum Ziel gelangen, welches da heißt: die Wiedergeburt des Geistes. Daher geht gern auf Berge von bedeutendem Höhenmaße, und seid liebtätig, so wird eure noch schwache Liebe zu Mir sicher um desto eher ganz lebendig werden. Neben diesem großen, ja größten Vorteil gibt es aber noch viele andere, wovon wir die wichtigsten ein nächstes Mal näher betrachten wollen. Und so lassen wir es heute wieder bei dem bewendet sein.
GR|0|10|1|1|Die Berge als Liebeprediger und Weisheitspropheten
GR|0|10|1|1|Am 21. Mai 1842
GR|0|10|1|0|Was demnach noch die anderen Vorteile betrifft, so bestehen diese darin, dass ein jeder Berg an und für sich, in Verbindung mit anderen, und besonders aber ein Gletscher, wie unser Großglockner da einer ist, einen beständigen Liebeprediger und Weisheitspropheten abgibt.
GR|0|10|2|0|Ihr werdet hier fragen und sagen: „Das mag wohl sein; wie aber kann man einen Berg Liebe und Weisheit predigen hören?“
GR|0|10|3|0|Das ist eine ganz andere und auch eine ganz eigentümlich sonderbare Frage; und Ich sage euch darauf: Es gibt auf der Welt nichts Leichteres, als diese zweifache Stimme der Berge zu vernehmen. Wie aber jedoch solche zu vernehmen ist, dieses Geheimnis sollen hier mehrere Beispiele aufdecken.
GR|0|10|4|0|Es sollen irgend zwei Menschen sein, die sich stets verächtlich begegnen. Es nützt da weder Rat noch Tat; sie werden in der Tiefe stets das bleiben, was sie sind. Nehmt aber diese zwei Menschen und führt sie auf einen hohen Berg, und ihr werdet euch sobald überzeugen, was dieser große Liebe- und Weisheitsprediger vermag; denn ihr dürft versichert sein, ein halber Tag wird diese zwei feindlichen Menschen gar bald zu den intimsten Freunden machen.
GR|0|10|5|0|Hier werdet ihr fragen: „Warum denn? Wie ist solches möglich?“
GR|0|10|6|0|Auf diese Frage gibt der Berg schon für sich die Antwort: Nachdem er eine Unterlage ist, oder gewisserart der Sitz der Friedensgeister, welche sich sobald ins wohltätige Mittel legen, wo irgendeine Uneinigkeit vorwaltet. Sie bearbeiten da im Augenblick, als der Mensch nur den ersten Fuß auf den Berg setzt, schon die Gemüter durch eine stets zunehmende Spannung nach oben und erregen dadurch das Gefühl der Liebe immer mächtiger und mächtiger; und wenn dann solche Menschen erst vollends die Höhe erreicht haben, so ist das freundschaftliche Gefühl bei jedem schon so weit ausgedehnt und verstärkt worden, dass solche Menschen oft, wenn sie es auch wollten, dennoch nicht können, sich länger gegenseitig unfreundlich zu begegnen.
GR|0|10|7|0|Sind die Gemüter härter, so lassen dann solche Geister auf einem hohen Berg über zwei solche gegenseitigen Feinde ein tüchtiges Ungemach kommen, dass darob beide in augenscheinliche Lebensgefahr geraten. Dieses ist dann ein Universalmittel, welches lange Feindschaften gar leicht mit einem Schlag in die intimste Freundschaft verwandelt.
GR|0|10|8|0|Dass solches unfehlbar richtig ist, soll euch ein anderes Beispiel vollgültig zeigen.
GR|0|10|9|0|Dass zum Beispiel bei großen Elementarrevolutionen – als da sind große, verheerende Ungewitter, große Überschwemmungen und noch andere derlei Erscheinungen – selbst die reißendsten Tiere, als Tiger, Löwen, Hyänen, Bären, Schlangen, so sanft und vertraulich werden, dass sich dieselben zu den Menschen und andern zahmen Tieren gleich den Tauben unschädlich und überaus sanftmütig gesellen, könnt ihr aus den verschiedensten Erfahrungen, welche zu allen Zeiten gemacht worden sind, zuversichtlich entnehmen.
GR|0|10|10|0|Ich mache euch nur auf einen solchen ähnlichen Fall aufmerksam, und zwar auf denjenigen, welchen ihr bei der Überschwemmung der euch bekannten Stadt Lyon in Frankreich sicher werdet gelesen haben.
GR|0|10|11|0|Wenn demnach solche Lebensgefahren sogar solche reißenden Tiere freundlich stimmen, so werden sie solches wohl auch unter Menschen zuwege bringen, und besonders sicher auf den Gebirgshöhen, wo die Gemüter von Friedensgeistern im Geheimen tätigst bearbeitet werden.
GR|0|10|12|0|Entnehmet aus diesem Beispiel, wie die Berge reden; zum fleischlichen Ohr reden sie freilich nicht, aber desto vernehmlicher zum Ohr des Geistes.
GR|0|10|13|0|Wie reden aber die Berge noch weiter, und was reden sie?
GR|0|10|14|0|Seht, es lebt oft hie und da in der Tiefe ein eingeschrumpftes Gemüt, das weiter keinen Sinn hat, als nur zu stopfen seinen Magen mit allerlei Speise und Trank und sich darauf irgendwo auf ein weiches Lager niederzulegen und in seiner behaglichen Dummheit den Fraß auszuschlafen.
GR|0|10|15|0|Solche Menschen kennen von Meiner Macht, Kraft und Gewalt oft kaum mehr als die Kinder im Mutterleib, und es gereicht ihnen schon zum großen Ruhm, wenn sie es nur so weit gebracht haben, dass sie schlechtweg Meinen Namen auszusprechen imstande sind.
GR|0|10|16|0|Wenn solche Menschen dann einmal von irgendeinem wohltätigen Freund auf einen bedeutenden Berg mitgezogen werden, so ist das auch der erste Augenblick ihres ganzen Lebens, in welchem sie erwachen, und sich da umsehen und umschauen [und gewahren], dass Gott, den sie sonst nur so schläfrig ausgesprochen haben, ein bisschen größer und mächtiger sein muss, als Er von ihnen bis auf diesen Augenblick gedacht wurde.
GR|0|10|17|0|Dass dieses ebenfalls wieder seine Richtigkeit hat, beurkundet ja das auf das Klarste, dass fürs Erste Gebirgsfreunde gewöhnlich sehr sanfte Menschen sind; jene aber, welche früher höchst träge und einsilbig waren, werden hernach gesprächig und wissen eine Menge zu erzählen, was alles ihnen bei der Besteigung eines solchen Berges vorgekommen ist.
GR|0|10|18|0|Seht, wie allhier die Berge wieder reden, und sie sind somit die besten Sprachmeister und Zungenlöser für solche Menschen sogar, denen es nicht selten zur Last war, ihren eigenen Namen auszusprechen. Der Grund liegt auch hier in der Erweckung des Geistes, durch welche denn auch die Seele und der Leib belebter und tätiger werden.
GR|0|10|19|0|Wie reden denn die Berge noch?
GR|0|10|20|0|Es gehen zum Beispiel einige wissbegierige Menschen auf die Höhen so mancher Berge, finden da nicht selten sogenannte Naturseltenheiten: Muscheln, die da oft in einem oder dem anderen Felsen stecken, oder sie finden eine andere, diesem oder dem anderen Berg durchaus nicht eigentümliche Steingattung, oder sie finden verschiedene seltene Pflanzen und dergleichen noch eine Menge. Bei solchen Auffindungen sagen ihnen dann die Berge: „Seht, da, wo ihr die Muschel gefunden habt, ist einst sicher Wasser gestanden; wo ihr die versteinerten Knochen gefunden habt, waren dereinst üppige Fluren und dichte Wälder, auf und in denen die großen Tiere, von denen die riesigen Knochen zeugen, hinreichendes Futter fanden. Da, wo ihr fremdartige Steine findet, sind irgend große Elementarrevolutionen vor sich gegangen, durch welche diese fremden Körper daher geschleudert worden sind. Allda ihr aber besonders schöne, wohlduftende und eigentümliche Pflanzen findet, mögt ihr euch daran erinnern, dass fürs Erste diese Pflanzen noch fortlebende Überreste einer vorzeitlichen Vegetation sind und daher auch kräftiger sind und wohlduftender denn diejenigen, die da, gewaltig schon degeneriert, einförmig die Ebenen und Täler zieren.“
GR|0|10|21|0|Seht, also reden die Berge wieder und enthüllen oder eröffnen vor den Augen dieser Wissbegierigen das große Geschichtsbuch der Vorzeit und sagen ihnen, wie es ungefähr einst mag ausgesehen haben. Hier sind somit die Berge die besten und zuverlässigsten Lehrer großer Welt- und Naturbegebenheiten und zeigen ihnen im Geheimen, wie unergründlich Meine Wege und wie unerforschlich Meine Ratschlüsse sind.
GR|0|10|22|0|Dadurch werden solche oft bei sich etwas aufgeblasenen Gelehrten sehr bedeutend gedemütigt, und welche Predigt ist wohl besser als diejenige, welche die Demut predigt!
GR|0|10|23|0|Was und wie predigen die Berge noch?
GR|0|10|24|0|Seht, so jemand ihre kahlen Scheitel erstiegen hat, dem werden die höchst eigentümlichen Formationen dieser Berge die Frage entlocken: „Seid ihr Berge schon vom Uranfang also dagestanden oder seid ihr erst nachträglich gebildet worden, und wie seid ihr zu dieser gegenwärtigen Form gekommen?“
GR|0|10|25|0|Und der also fragende Mensch wird durch die vielen losgerissenen Steine sogleich eine Antwort bekommen, welche also lauten wird: „Wir sind seit unserer Entstehung schon gar gewaltig verändert worden; denn mehr als die Hälfte unserer vormaligen Höhe ruht lange schon, die Tiefen der Täler und Gräben ausfüllend, tief unter unserem gegenwärtigen Fuß begraben, und so du uns sehen könntest im Verlauf von einigen hundert Jahren nur, so würdest du uns sicher nicht mehr erkennen.
GR|0|10|26|0|So du aber siehst die verschiedenen Steigungen unseres Gesteins und findest zwischen den Blättern dieses unseres Gesteins nicht selten noch wohl erkennbare Abdrücke von Pflanzen und Tieren, welche gewöhnlich nur die tiefen Gegenden der Erde bewohnen und in denselben fortkommen, so kannst du ja mit Sicherheit daraus schließen, dass wir dereinst selbst ebenes Land gebildet haben und erst nach dem höchst weisen Ratschluss des Schöpfers über das flache Land stückweise erhoben worden sind.
GR|0|10|27|0|So du aber nun Gräben, Schluchten, Klüfte, Riffe und Risse beschaust, so kannst du daraus ja mit großer Leichtigkeit ersehen, wie da einst Fluten und große Elementarstürme ihre Riesenkräfte an unserer harten Stirn versucht und geübt haben.“
GR|0|10|28|0|Seht, also reden wieder die Berge und erteilen den Menschen den vollgültigsten Aufschluss über die Art ihrer Entstehung, ihrer Gestaltung, und warum sie jetzt also aussehen.
GR|0|10|29|0|Wie und was reden denn die Berge noch?
GR|0|10|30|0|Seht, wenn da ein oder der andere gewecktere Mensch auf ihre Höhen seine Füße setzt und findet da nichts als kahles Gestein, Schnee und Eisfelder mitunter, so sagen die Berge zu ihm:
GR|0|10|31|0|„Siehe, du stolzer, ruhmsüchtiger Mensch, der du nur immer trachtest, dich stolz zu erheben, um zu herrschen über deine Brüder, wie mager die Früchte der Höhe aussehen! Also, wie du uns hier kahl, kalt, gefühl- und leblos findest, geradeso bist auch du in deinem Herrscherwahn!
GR|0|10|32|0|Unser kaltes Gestein und unser Schnee und Eis wirken zwar segnend für die Täler, da wir in steter Verbindung mit unserer umfangreichen Niederung stehen und diese bei Weitem größer ist denn wir selbst in unseren Höhen; was würde aber mit uns geschehen, so wir täten wie du und zögen alle unsere Niederungen herauf auf unsere Häupter? Würden wir da nicht zu einem mächtigen, erderschütternden Fall kommen?
GR|0|10|33|0|Daher lerne du – ein wahrer Mensch zu sein – von uns: Sei kahl und kalt und unfruchtbar in deinem Verstand, und lass denselben stets sich erniedrigen, also wie wir uns stets erniedern, so wird deine Liebe dafür wachsen und dein Leben zunehmen daselbst, wozu du gleich uns von dem Schöpfer berufen bist, also vollends lebendig zu werden und zu sein. Lasse daher auch du deinen vermeintlich weitum sehenden Verstand durch deine Demut umwölkt und umnebelt sein, damit er da werde zur tropfbaren, segensreichen Flüssigkeit, welche gleich unseren Bächlein hinabfließt in die Tiefe deiner Liebe, um dieselbe segnend zu beleben, also wie unsere Bächlein beleben unsere Niederungen und nähren alle ihre Frucht.“
GR|0|10|34|0|Seht, auch so reden die Berge.
GR|0|10|35|0|Wie und was reden aber die Berge noch?
GR|0|10|36|0|Seht, es besteigt wieder ein anderer Mensch ihre Höhen.
GR|0|10|37|0|Dieser Mensch ist ein reicher Spekulant, dem nichts so sehr am Herzen liegt, als Gold und Silber. Was sagen denn zu diesem Menschen die Berge, so er sich allenfalls doch einmal so viel Zeit nahm, ihnen einen Besuch abzustatten?
GR|0|10|38|0|Oh, diesem Menschen geben sie eine gar vortreffliche Lehre und sagen ihm: „Du törichter Mensch, wie weit und wie tief bist du gefallen? Siehe, das du also liebst, ist nichts als unser Unrat! Was würde aber dein Bruder zu dir sagen, so du von ihm nichts anderes lieben möchtest als nur seinen Unrat und stinkenden Kot?
GR|0|10|39|0|Möchte er nicht zu dir sagen: ‚Lieber Bruder, in welch großen Wahnsinn bist du geraten, dass dir von deinem Bruder nichts so sehr heilig ist und wohlgefällig, denn nur sein Unrat?‘
GR|0|10|40|0|Siehe alsonach, du törichter Mensch: Was dir dein Bruder sagt, das sagen wir dir mit noch bei Weitem größerem Recht! Denn siehe, wie viele herrliche Pflanzen wachsen auf unseren Höhen und Triften und nähren die nützlichsten Tiere des Landmannes! Wie viele tausend und tausende der schönsten Bäume wachsen auf uns und geben dir Holz in großer Menge, damit du dasselbe gebrauchen kannst zu zahllosen nützlichen Dingen! Zähle einmal die kristallreinen Quellen, welche wir auf vielen tausend Punkten ausliefern und segnen damit die Ebenen und Täler! Wie oft siehst du unsere Scheitel in Wolken eingehüllt und schauerliche Stürme um unsere Stirnen toben – siehe, solches nehmen wir auf uns, damit die von uns gesegneten Täler und Ebenen vor großen Verheerungen verschont bleiben. Jahraus und jahrein siehst du unsere Scheitel unter ewigem Schnee und Eis begraben; siehe, dadurch ziehen wir so vielfachen Frost an uns, damit die Täler und Ebenen sich der lebendigen Wärme erfreuen können.
GR|0|10|41|0|Sage uns nun, du törichter Mensch, was Übles haben wir dir denn getan, dass du alle diese Wohltaten von uns verkennst, dich dafür in unsere Eingeweide, gleich einem Spulwurm der Tiere, verkriechst und nachjagst dem, das für dich keinen Segen in sich birgt, uns aber dabei unbeachtet lässt, die wir dich doch nach der Anordnung deines und unseres allmächtigen Vaters und Schöpfers stets so reichlich mit lebendigem Segen versehen?
GR|0|10|42|0|Daher lasse ab von deiner Torheit und wühle in der Zukunft statt in unseren Eingeweiden lieber auf unseren Triften und Höhen herum, und sei versichert: eine Pflanze, ein Tropfen aus einer unserer Quellen und ein Blick von unseren Höhen, gesendet hin in den fernen Wirkungskreis deines allmächtigen Vaters und unseres Schöpfers, werden dir einen unaussprechlich größeren Nutzen bringen, als so du alle unsere Eingeweide ausgeräumt hättest.“
GR|0|10|43|0|Seht, dieser guten Predigt zufolge ist es auch schon zu öfteren Malen geschehen, dass aus sehr habsüchtigen Menschen, wenn sie nur einige Male den Bergen einen Besuch abgestattet haben, sogleich ganz freigebige und gastfreundliche Menschen geworden sind.
GR|0|10|44|0|Solches also predigen und lehren wieder die Berge. Was sie aber noch alles lehren und predigen, das wollen wir in der Fortsetzung vernehmen; und somit lassen wir es für heute wieder gut sein.
GR|0|11|1|1|Stärkung des Gemütes und des Geistes in der Bergwelt. Die geistige Welt ist auf den Bergeshöhen lokalisiert. Histörchen vom Segen der Berge
GR|0|11|1|1|Am 25. Mai 1842
GR|0|11|1|0|Was lehren und predigen die Berge noch?
GR|0|11|2|0|Was die Berge noch lehren und predigen, davon kann sich ein jeder unbefangen denkende Gebirgsbesteiger auf den ersten Blick überzeugen und in seinem Gefühl recht klar und deutlich die Worte vernehmen, welche also lauten dürften:
GR|0|11|3|0|„Siehe uns an, du staubbelasteter Erdenpilger, wie frei und unabhängig wir von unseren hohen Scheiteln in die weite Ferne der Schöpfungen Gottes dahinblicken! Eine freie Luft weht um unsere Stirnen und der Sonnen Strahl bricht sich sanft über unsere hohen Rücken! Kein Grenzstein sagt hier dem Wanderer: ‚Bis hierher und nicht weiter!‘, sondern wo er immerhin seinen Fuß hinsetzt, betritt er seinen eigenen Boden. Denn von dem Boden, auf welchem er geboren ward, muss gesteuert [Steuern bezahlt] werden; wir aber sind ohne Grenzsteine und für unsere Scheitel wird keine Steuer entrichtet. Daher bist du, Wanderer, auf unseren Höhen vollkommen zu Hause!“
GR|0|11|4|0|Dass diese Worte vollkommen richtig sind, davon kann sich ein jeder leicht überzeugen, wenn er je solche hohen Triften der Gebirge betritt. Wie da seine Augen einen weitgedehnten Sehkreis bekommen, also bekommt auch sein Gemüt einen weitgedehnten Gefühlskreis, und dadurch werden seine Gedanken mit dem Gefühl vereinigt. Und er, der vielleicht noch nie im Herzen gedacht hat, empfindet nun zum ersten Mal, wie lieblich, süß und frei die Gedanken des Herzens schmecken und um wie vieles weiter sie sich über den Horizont des gewöhnlichen Verstandes erstrecken.
GR|0|11|5|0|Wenn solches nun der Fall ist, wird es da nicht behaglicher in dem armseligen Kopf, wo auch um dessen Stirn freiere Lüfte aus dem hohen Reich der Geister wehen? Und wird es nicht einheimischer und traulicher sein, sich allda zu befinden, wo die Strahlen des sonst so hitzigen Verstandes sanft gebrochen werden und sich nach solcher Brechung hinabsenken gar lieblich in das frei gewordene Herz?
GR|0|11|6|0|Wo ist auf diesen Höhen ein Zollverein der Gedanken anzutreffen und wo eine Taxierkammer dessen, was da ist ein freies Eigentum des unsterblichen Geistes? Wo ist da ein Grenzstein anzutreffen, über welchen die fühlende Seele nicht treten soll?
GR|0|11|7|0|Ja, hier lernt der unbefangene Wanderer – wenn er nicht mit verstopften Ohren und verbundenen Augen solche Höhen betritt –, was das heißt: Frei sein in der Höhe seiner Gedanken und in der Tiefe seines Gefühls, und wie selig es ist, wenn zwei sich unbefangen die Hände reichen können, und wie selig da der Gedanke an Gott, wo Ihn der Wanderer aus der Tiefe seines Herzens frei bekennen kann, und kann Ihn lieben und anbeten in dem freien, großen Tempel der Unendlichkeit!
GR|0|11|8|0|Sagt Mir, welcher nur einigermaßen innerlich geweckte Mensch wird nicht von diesem heiligen Gefühl beseelt sein, so er sich an einem heiteren Morgen befinden möchte auf einer solchen geheiligten Höhe?
GR|0|11|9|0|Der Mensch zwar kann auch in der Tiefe Heiliges und Großes denken; aber es geht ihm dabei, als wenn er mit ziemlich hungrigem Magen in einem Buch die Beschreibung einer guten Mahlzeit liest, bei welcher Gelegenheit ihm noch die wirkliche Mahlzeit ums Hundertfache lieber wäre denn hundert noch vortrefflichere Mahlzeitbeschreibungen, von denen er aber dessen ungeachtet dennoch nichts herabbeißen kann.
GR|0|11|10|0|Also ist auch auf solchen Höhen ein inneres Gefühl und die innere Wahrnehmung gerade um so viel kräftiger und mächtiger gegen das, was er in seiner Kammer empfindet, als da kräftiger und mächtiger ist eine wirkliche Mahlzeit vor einer beschriebenen. Oder welcher Mensch hat da ein lebendigeres Gefühl – einer, der seine lebendige zukünftige Braut am Arm führt, oder derjenige, der sich mit den allerschönsten Farben dieselbe kunstgerecht entweder gemalt oder beschrieben hat? Sicher wird ein jeder die lebendige greifen und wird dem andern sein Gemälde und seine Beschreibung unangetastet lassen.
GR|0|11|11|0|Also ist es auch hier der Fall. Auf solchen Höhen findet der Wanderer gastfreundlichst dasjenige, was ihm in der Tiefe alle Mühe und Anstrengung nicht zu geben vermag. Daher ist es wohl gar gut und nützlich in jeder Hinsicht, sich zu öfteren Malen die Mühe nicht gereuen zu lassen, eine oder die andere Gebirgshöhe zu besteigen. Denn der Gewinn ist ja ein doppelter und reichlicher: Denn fürs Erste werden dadurch alle naturmäßigen Lebensgeister gestärkt; jedoch ist dieser Gewinn der geringere, obschon eine Gebirgsbesteigung besser ist denn zehn Apotheken und ebenso viel der renommiertesten Ärzte. Bei Weitem größer aber ist der Nutzen für den Geist, weil er da eine gar große Stärkung von seiner ursprünglichen Heimat aus bekommt.
GR|0|11|12|0|Wer von euch, so er Gebirge bestiegen hat, wird sich dessen nicht erinnern, dass ihm zwischen den hohen Alpen traulicher und heimlicher [heimatlicher] zu Gemüte war, als wenn er sich in einer noch so volkreichen Stadt befinden möchte?
GR|0|11|13|0|Woher rührt denn solches Gefühl?
GR|0|11|14|0|Frage nur die Berge und sie werden es dir sobald durch eben dieses Gefühl sagen: „Siehe, was dein inneres Gefühl dir – freilich wohl noch etwas dunkel ahnend – sagt, ist volle Wahrheit; denn hier bist du wahrhaft zu Hause, und zwar im Kreis deiner vielen Voreltern, welche in entsprechender Weise sich lange schon hier überselig befinden!“
GR|0|11|15|0|Seht, solches alles lehren auch die Berge! Was lehren und predigen sie aber noch? Hört sie nur ferner an; sie wissen noch allerlei zu erzählen.
GR|0|11|16|0|Um euch solches, was da noch kommt, ein wenig näher vor die Augen zu stellen, so will Ich euch auch eben aus einer solchen Gebirgsbegebenheit ein kurzes Histörchen zum Besten geben.
GR|0|11|17|0|Es war einmal ein frommer Mann; er war an Jahren schon sehr vorgerückt. Dieser Mann hatte gar viele Prüfungen zu bestehen, und unter diesen Prüfungen war auch diese eine der stärksten, dass er bis auf seine jüngste nun zwanzig Jahre alte Tochter alle seine Kinder samt seinem ihm überteuren Weib verlor.
GR|0|11|18|0|Also stand er nun allein mit dieser seiner Tochter da, bewohnend ein Häuschen am Fuß einer bedeutend hohen Alpe, dabei eben so viele Grundstücke sich befanden, dass sie ihn und sein Töchterchen nebst einer bejahrten Magd und einem alten Knecht kümmerlich nährten.
GR|0|11|19|0|Dieser Mann betete oft und viel zu Mir in Gesellschaft seines Töchterchens und weinte dabei auch viel um die Seinigen und hatte oft eine große Sehnsucht, ihnen bald nachfolgen zu können.
GR|0|11|20|0|Als er einmal an einem Sonnabend mit seiner Tochter nahe über die Mitternacht hinaus gebetet und geseufzt hatte und er samt seiner Tochter betend und seufzend einschlief, da träumte es der Tochter, als sei sie mit dem alten Vater auf dem höchsten Gipfel der Alpe gestanden. Und wie sie da freudig um sich blickte in die weiten Fernen hinaus, da bemerkte sie sobald eine ganze Menge lieblich weißer Wolken der Höhe zuschweben, und als diese Wölkchen vollends zu der Höhe hinangeschwebt waren, da gewahrte sie sobald, dass diese Wölkchen vollkommen menschliche Wesen waren, und diese Wesen waren anfangs verschleiert; aber bald lüfteten sie ihre Schleier, und sie, die Tochter und der alte Vater, erkannten sogleich überseligen Herzens, dass diese Wesen ihre vorangegangenen Teuren waren, wovon die Mutter sobald zu ihrem geliebten Gatten trat, ihn herzte und koste. Der Gatte, als der Vater der Tochter, aber weinte vor übergroßer Freude ob dieses seligen Wiedersehens. Darauf aber begab sich die Mutter zur Tochter, küsste sie und sagte darauf zu ihr:
GR|0|11|21|0|„Liebe Tochter, so wie du dich mit deinem Vater jetzt allhier befindest, ebenso sollt ihr euch beide morgen Nachmittag hier befinden, da werdet ihr noch mehr sehen und empfinden denn jetzt; aber darob sollt ihr daheim nichts versäumen in dem, was euch was immer für eine Ordnung der Dinge vorschreibt.“
GR|0|11|22|0|Nach diesen Worten erwachte die Tochter sogleich und weckte durch ihr Erwachen ihren auch noch schlafenden Vater, und da dieser den Anbruch des Tages merkte, so blieb er auch sofort wach, nach alter Gewohnheit, stand auf, kleidete sich an und weckte dann auch das Hausgesinde. Nach dieser Arbeit aber begab er sich wieder in sein Zimmerchen, allwo er sein Töchterchen schon angekleidet und das Morgengebet verrichtend fand.
GR|0|11|23|0|Er segnete sein Töchterchen und küsste sie, und kniete dann selbst nieder und verrichtete mit ihr seine Morgenandacht. Als aber beide damit fertig waren, da standen sie auf, das Töchterchen umarmte ihren alten Vater und küsste ihn gar traulich und herzlich, dass der Vater es ihr ansah, dass sie übergewöhnlich fröhlichen und heiteren Mutes war; darum er sie auch sobald fragte: „Mein liebes Töchterchen, wie kommt es denn, dass du heute gar so munter und fröhlich bist?“
GR|0|11|24|0|Das Töchterchen aber sagte zu ihm: „Aber, lieber Vater, hat denn dir heute gar nichts geträumt?“
GR|0|11|25|0|Der Vater aber erwiderte ihr: „Es kommt mir wohl vor, als hätte mir etwas geträumt; allein was, – das wäre mir unmöglich herauszubringen.“
GR|0|11|26|0|Das Töchterchen aber erzählte nun dem Vater ihren Traum, welchen er mit großer und sichtbarer Bewegung seines Gemütes anhörte und dann nach der beendeten Erzählung sagte: „Höre, mein liebes Töchterchen, was dir geträumt hatte, das wollen wir heute auch in Wirklichkeit ausführen!
GR|0|11|27|0|Daher wollen wir sogleich jetzt in der Frühe uns in die nicht ferne Kirche begeben, daselbst dem Gottesdienst wohlandächtigen Herzens beiwohnen, sodann zu Hause unser Mahl nehmen und uns dann in der Begleitung unseres alten Knechtes hin auf die Höhe begeben. Wenn wir nur eine Stunde vor dem Mittag fortgehen, so sind wir bis Nachmittag um die dritte Stunde ja gar leicht auf der besagten Vollhöhe unserer herrlichen Alpe und können bei dieser Gelegenheit auch im Namen des Herrn nachsehen, was unser Hausvieh und unsere zwei Hirten da oben machen, und ob alles gesund und in gutem Zustand ist.“
GR|0|11|28|0|Wie gesagt, also auch getan. Um drei Uhr nachmittags stand unsere kleine Familie schon auf der Vollhöhe; wie aber das Töchterchen es im Traum gesehen hat, so sah sie auch jetzt in der Wirklichkeit ganz gleiche Wölkchen sich gegen die Höhe begeben.
GR|0|11|29|0|Wie diese Wölkchen näher und näher kamen, bemerkte sie auch der Vater und mit ihm auch der alte Knecht; und als endlich die Wölkchen vollends die Höhe umschwebten, so gestalteten sie sich auch sobald zu den im Traum schon kundgegebenen Wesen.
GR|0|11|30|0|Als der alte Vater in diesen Wesen die Seinigen erkannte, wie diese auch gar so liebend ihn umfingen, dass er darum nicht im Geringsten mehr zweifeln konnte, dass das wahrhaft seine seligen Teuren sind, da weinte er laut vor Freude und dankte Mir mit dem inbrünstigsten Herzen, dass Ich ihm noch in diesem Erdenleben habe eine so große Seligkeit zukommen lassen.
GR|0|11|31|0|Nach solchem Dankgebet aber wurde seinem Geist die innere Sehe völlig geöffnet. Da ersah er sobald die ganze Höhe verklärt und verwandelt in eine himmlische Gegend und sah da die herrlichen Wohnungen der Seinigen. Und aus einer Wohnung sah er einen Mann treten, der da hatte ein großes Gefolge; und dieser Mann begab sich schnurgerade zu unserem alten Mann hin und sagte:
GR|0|11|32|0|„Siehe, mein lieber Sohn, wo es auf der Erde bunt und lebendig zugeht, da sieht es im Geiste leer und tot aus; wo aber auf der Erde es aussieht, als hätte der Tod für alle Zeiten seine Ernte gehalten, da ist es aber im Geiste umso lebendiger und lebensvoller.
GR|0|11|33|0|Siehe, auf den hohen Alpen wächst zwar kein Getreide und sind keine Weinberge, keine Fruchtbäume, wie auch keine Goldbergwerke anzutreffen. Was aber dafür anzutreffen ist im Geiste, das siehst du jetzt im Geiste durch die Gnade des Herrn vor deinen Augen enthüllt!
GR|0|11|34|0|Du wirst noch eine kurze Zeit die Erde mit deines Leibes Füßen betreten. Wachse aber in dieser Zeit in der Liebe zum Herrn! Und siehe dort neben meiner Wohnung einen zweiten herrlichen Palast; dieser ist schon für dich bestimmt und für die Deinigen, wenn du das Zeitliche verlassen wirst und wirst antreten das freie, ewige Leben!“
GR|0|11|35|0|Bei diesen Worten erkannte unser alter Mann, dass dieser Redner sein irdischer Vater war – nach welcher Erkennung sobald das selige Gesicht verschwand. Unsere Wanderer behielten davon das lebendige, selige und stärkende Gefühl, priesen und dankten Mir darauf für solche erzeigte Gnade und kehrten sodann heiteren und gestärkten Mutes wieder ihrer irdischen Heimat zu.
GR|0|11|36|0|Der traurige Mann verlebte dann die übrige Zeit noch recht heiteren Mutes und voll Liebe und Dankbarkeit zu Mir auf der Erde; und so sich seiner noch dann und wann eine überflüssige Schwermut bemächtigte, so machte er, wenn es nur immer seine leiblichen Kräfte gestatteten, sobald einen Besuch unserer vorbezeichneten Höhe, von welcher er allzeit wieder neu gestärkt zurückkehrte.
GR|0|11|37|0|Seht, solche Geschichten erzählen euch die Berge – wenn auch nicht für jedermann mit vernehmlichen Worten, aber desto mehr mit einer sehr wahrnehmbaren Einflüsterung in das Gefühl der Seele und durch diese auch zur Liebe des Geistes.
GR|0|11|38|0|Wenn ihr zufolge dieser Wissenschaft euch bei guter Gelegenheit auf irgendeinen Berg von einer bedeutenden Höhe begebt und euch daselbst solche Gefühle anwandeln, so könnt ihr daraus sicher schließen und sagen: „Ja, das sind wahrhaft heimatliche Gefühle! Wie süß und angenehm sind sie, und wie herrlich muss es sein für diejenigen, welche sich schon für ewig in diesem stillen Heimatland befinden!“
GR|0|11|39|0|Denn ihr könnt es glauben, dass solch beseligende Gefühle nicht etwa Wirkungen der alleinigen für sich dastehenden Höhen sind, sondern sie entstammen den euch da umgebenden seligen Geistern, die gleich Mir euch vorangegangen sind, um für euch eine bleibende Stätte zu bereiten. Doch müsst ihr dabei etwa nicht einseitig sein und denken: „Dieser oder jener Berg ist es, da solche Wohnungen im Geiste aufgerichtet sind!“, sondern was hier gesagt ist, gilt zumeist von jedem Berg, auf welchem die Grenzsteine des zeitlichen Eigentumsrechtes weit voneinander abstehen.
GR|0|11|40|0|Ähnliche Gefühle mögt ihr wohl auch schon auf unbedeutend hohen Hügeln gewahren; aber lebendig werden sie erst daselbst, wo die Axt des Holzhauers nichts mehr zu tun hat.
GR|0|11|41|0|Solches also erzählen, lehren und predigen auch die Berge. Was sie aber noch erzählen, lehren und predigen, das wollen wir noch in der nächsten Mitteilung mit vieler Klarheit dartun; daher lassen wir es für heute wieder gut sein.
GR|0|12|1|1|Geschichte vom frommen Beter in den Bergen. Wie man sich Gott vorzustellen hat
GR|0|12|1|1|Am 27. Mai 1842
GR|0|12|1|0|Was predigen und lehren die Berge denn noch?
GR|0|12|2|0|Auch solches wollen wir wieder in einer einfachen und kurzen Geschichte vernehmen. Und so hört denn:
GR|0|12|3|0|Ein recht frommer Mann ging einst schon lange mit dem Gedanken um, ob es denn durchaus nicht möglich wäre, sich auf einen Augenblick nur auf der Welt der großen Gnade teilhaftig zu machen, dass er Mich — nur auf einen Augenblick — zu sehen bekäme. Dabei dachte er sich aber auch, was alles er darum tun wolle, um zu dieser Gnade zu gelangen.
GR|0|12|4|0|Bei diesem Gedanken schweifte er lange Zeit umher gleich einem Jäger um einen dichten Forst, wo er nicht weiß, wie er in denselben eingehen soll und in welchem Teil desselben sich ein Wild befindet. Er suchte somit auch die Fährte; allein solche ist da schwer zu finden, wo alles dicht mit allerlei Gebüsch verwachsen ist.
GR|0|12|5|0|Unser alter frommer Mann war zwar wohl bei sich dessen bewusst, dass der Mensch in diesem Leibesleben unwürdig ist solcher Gnade und es daher schwer halten möchte, das zu erreichen, wonach er sich sehnte.
GR|0|12|6|0|Aber auf der anderen Seite war seine Begierde wieder zu mächtig, als dass sie dieser Einwendung hätte Gehör geben können.
GR|0|12|7|0|Daher beschloss er auch nach langem Herumirren seiner Gedanken, sich auf einem benachbarten ziemlich hohen Berg eine Stätte auszusuchen und dahin so oft zu wandeln und sich daselbst in anhaltendem Gebet zu versammeln, sooft es nur immer seine Zeit und andere Umstände gestatten möchten.
GR|0|12|8|0|Damit er sich aber die Stelle wohl merken konnte, so machte er ein Kreuz und befestigte dasselbe auf dieser Stelle. Als nun solche Arbeit vollzogen war, so gelobte er Mir feierlichst, dass er auf diesem Platz nicht eher zu seufzen und zu beten aufhören will, als bis Ich ihn erhören werde. Ja er sagte sogar, er will hier entweder sterben oder Mich zu Gesicht bekommen und will nicht eher weichen von dieser Stelle, als bis Ich Mich ihm zeigen würde.
GR|0|12|9|0|Wie beschlossen und vorbereitet, also auch getan.
GR|0|12|10|0|Bei drei Jahre lang verfügte sich unser Mann, sooft es nur immer die Umstände zuließen, an diese Stelle und betete da allerinbrünstigst oft viele Stunden lang zu Mir um die Erhörung seiner Bitte. Sooft er sich da in dieser Angelegenheit befand, da war er auch allzeit unsichtbarerweise umringt weit und breit von vielen Tausenden frommer Geister. Diese stärkten ihn nach Meinem Willen so sehr, dass er sich nach Verlauf von anderthalb Jahren schon vollkommen der inneren Sehe des Geistes bedienen konnte, und so war es ihm auch ein Leichtes, sich daselbst mit gar vielen ihm verwandten Geistern zu besprechen über das, was ihm so außerordentlich am Herzen lag.
GR|0|12|11|0|Die guten Geister belehrten ihn zwar einstimmig, dass sein Vorhaben im eigentlichen, wahren, Gott wohlgefälligen Sinne etwas töricht ist, und sagten ihm noch hinzu, dass ja das schon ohnehin eine große Gnade ist für ihn, dass Ich ihm eröffnet habe das Auge des Geistes, damit er da allzeit sehen kann sie, seine geistigen Brüder, und kann sich mit ihnen besprechen über allerlei, was da ist und sein wird und kommen wird über den Erdboden. Allein solche Lehre vonseiten der guten Geister fruchtete bei ihm in dieser Hinsicht wenig; denn er entgegnete ihnen allzeit darauf, sagend nämlich: „Meine lieben Brüder und reineren geliebten Freunde meines und eures Herrn! Ich kann euch einmal und für allemal nichts anderes sagen, als was ich euch schon öfters gesagt habe; solches aber ist und lautet, wie ihr wisst:
GR|0|12|12|0|Wenn ich nur Ihn zu sehen bekomme und Ihn habe, dann ist mir die ganze Welt mit dem ganzen Himmel um einen schlechten Pfennig feil! Und so mögt ihr reden, was ihr und wie ihr nur immer wollt, so werdet ihr mich dennoch ewig nicht von meinem Vorhaben abbringen; denn ich will und ich muss Ihn sehen, Ihn, den allein ich nur über alles liebe! Denn Er ist mir alles; alles andere aber ist mir nichts!“
GR|0|12|13|0|Sooft aber diese guten Geister von unserem Mann solche Sprache vernahmen, da schlugen sie sich auf die Brust und lobten ihn seiner großen Liebe zu Mir wegen. Und also war ihre Arbeit vergebens. Da sie aber solches merkten, da hielten sie sich eine Zeit lang bei seinen Besuchen dieser Stelle also ferne von ihm, dass er da niemand weiter zu sehen bekam und auch nichts anderes, denn was seine fleischlichen Augen sahen.
GR|0|12|14|0|Er war dadurch der Meinung, als könnte ein solches Verlangen denn doch sündhaft sein, da ihn die Geister also verließen, und so dachte er wieder eines Tages lange hin und her, was er da tun soll. Soll er entweder der Belehrung der Geister folgen, oder soll er dem getreu bleiben, wozu ihn sein Gefühl so mächtig antreibt?
GR|0|12|15|0|Endlich siegte aber dennoch das Gefühl über alle Geister; denn er sagte bei sich selbst: „Es sei denn, wie es wolle. Dass ich vor Gott ein Sünder bin, das zeigt mir ja mein eigener Leib; denn wäre ich kein Sünder, so hätte ich auch sicher nicht dieses sündige Zeugnis des Todes um mich. Ich aber bin ein Sünder, solange ich diesen Leib herumtrage. Aber was kann der Sünder denn dafür, wenn in seinem Leib der Geist entzündet wird von der heißen Sehnsucht, zu schauen Den, Der ihn erschuf fürs ewige Leben? Und so will ich denn meinem ersten Vorsatz getreu bleiben, und möge da kommen, was da wolle: Meine Liebe zu Gott soll dennoch nicht geschwächt werden; eher will ich mich zu Tode lieben, als von dieser Liebe nur ein Haarbreit weichen.“
GR|0|12|16|0|Diesem Beschluss zufolge ging unser Alter wieder fleißig an die besagte Stelle und betete noch viel inbrünstiger denn zuvor.
GR|0|12|17|0|Als unter solchen Gebeten auf diesem Berg nahe drei Jahre vergingen, da kam zu unserem Mann ein anderer gut aussehender, aber sonst ärmlicher Mensch und ließ sich mit unserem Beter in folgendes Gespräch ein.
GR|0|12|18|0|Er fragte ihn: „Lieber Mann, was tust du denn hier auf dieser Höhe?“ Und der Beter erwiderte ihm: „Mein guter Freund, wie du siehst, ich bete.“ Wieder sagte zu ihm der Fremde: „Weißt du denn nicht, dass man nur in den Bethäusern dem Herrn dienlich betet? Du aber scheinst dieselben zu vermeiden und verrichtest somit deine ganze Andacht nur auf diesem Berg?“ Darauf erwiderte ihm unser Beter: „Lieber Freund, das ist wohl wahr; dessen ungeachtet aber gehe ich doch auch, wenn das Wetter für diese Stelle ungünstig ist, in ein Bethaus. Doch muss ich dir offenbar bekennen, dass ich in einem Bethaus noch nie mit der wahren Andacht habe beten können, wohl aber auf dieser mir so ganz eigens heilig vorkommenden Höhe. Denn ich muss dir dazu noch offen bekennen: Wenn ich da um mich her blicke und schaue da das liebe Gras, die schönen Wälder, mit denen der Fuß dieses Berges so reichlich geziert ist, und über mir den weiten, freien Himmel an, da sagt mir mein inneres Gefühl: ‚Siehe, diese Verzierungen des großen Tempels Gottes sind Seiner allmächtigen Hand sicher näher als diejenigen Schnitzwerke, mit welchen ein gemauertes Bethaus geziert ist.‘ Nach solchen Gedanken bin ich denn vollkommen in meinem Element und begebe mich auf diese meine Höhe und bete da aus dem tiefsten Grunde meines Herzens.“
GR|0|12|19|0|Auf diese Äußerung sagte der Fremde: „Mein lieber Freund, in diesem Punkt bin ich mit dir vollkommen einverstanden; aber nur möchte ich von dir erfahren, aus welchem inneren, tieferen Grund du diese Stelle noch ausersehen hast für deine Andacht?“
GR|0|12|20|0|Bei dieser Frage stutzte unser Beter ein wenig, bedachte sich aber doch bald und erwiderte dem Fremden: „Siehe, mein lieber Freund, manche Menschen bitten um Gesundheit, manche um Vermögen, manche um dies und manche um jenes – allein um alles dieses bitte ich nicht; denn mir ist nur an einem alles gelegen, und dieses ist der Herr, mein Gott! Und Diesen möchte ich nur einmal sehen in diesem meinem irdischen Leben; denn für öfter weiß ich wohl, dass dieses Leben nicht geeignet ist. Habe ich dieses erreicht, so habe ich mehr erreicht, als was mir alle Erde und alle Himmel bieten können. Daher will ich auch eher sterben hier, als von diesem meinem Vorsatz nur um ein Haarbreit abweichen; und habe ich das erreicht, so will ich dafür auf dieser Stelle Gott danken und Ihn loben mein Leben lang.“
GR|0|12|21|0|Nach diesen Worten fragte ihn wieder der Fremde: „Wie stellst du dir denn Gott vor? Denn es könnte ja sein, dass Er zu dir käme, Sich dir zeigte und mit dir redete in einer oder der anderen Gestalt – wenn du Ihn aber nicht erkennst, da wäre ja all dein Beten umsonst, so es auch Gott, dein Herr, gar wohl erhört hätte.“
GR|0|12|22|0|Bei dieser Frage stutzte unser Beter noch mehr – und sagte endlich zum Fremden: „Mein lieber Freund, da hast du mir wirklich etwas sehr Wichtiges gesagt; denn siehe, über diesen Punkt haben sich meine Gedanken noch nie erstreckt, und ich muss dir nun gestehen, dass ich mir darüber eigentlich gar keine Vorstellung machen kann. Denn mein Begriff über das Wesen Gottes ist so verworren, dass ich noch bis auf diese Stunde nicht weiß, ob es da gibt einen Gott, der ungefähr also aussähe, wie ein großer Mensch, oder ob dieser Gott aus drei Menschen besteht, welche aber sich dessen ungeachtet fast also ausnehmen dürften, als hätten sie nur einen gemeinsamen Leib. Oder ist das Wesen Gottes ein unendliches Licht, in welchem diese drei göttlichen Personen schweben und wirken? Kurz und gut, lieber Freund, ich kann dir darüber fürwahr keinen vollgültigen Bescheid geben. Siehe, diese Ungewissheit war auch der meiste Grund, warum ich mir auf dieser Höhe diese Stelle ausgesucht habe; denn ich muss dir offen gestehen, ich möchte lieber nicht sein, als also sein, dass ich nicht zur Gewissheit dessen gelangen sollte, wie gestaltet da ist Derjenige, den ich über alles liebe.“
GR|0|12|23|0|Hier erwiderte der Fremde wieder unserem Beter und fragte ihn: „Hast du denn noch nie gelesen, was Christus einst von Sich aussagte, da die Apostel Ihn angingen, dass Er ihnen den Vater zeigen soll? Siehe, heißt es da nicht: ‚Ich und der Vater sind eines; denn wer Mich sieht, der sieht auch den Vater; denn der Vater ist in Mir und Ich im Vater?‘“
GR|0|12|24|0|Bei diesen Worten fing unser Beter ganz gewaltig an zu stutzen und er erinnerte sich sogleich der zwei nach Emmaus wandelnden Jünger und fragte darauf etwas furchtsam den Fremden: „Lieber Freund! Sage mir, ob du nicht irgendein Eremit oder sonst ein frommer und in der Heiligen Schrift wohlunterrichteter Mann bist; denn mit solchen Worten kommt sonst kein gewöhnlicher Mensch zum Vorschein.“
GR|0|12|25|0|Auf diese Frage gab der fremde Mann unserem Beter keine Antwort mehr, sondern ergriff ihn bei der Hand und hob ihn von der Erde und führte ihn dann auf die Vollhöhe des Berges. Hier erst öffnete Er wieder den Mund und sagte zu unserem Beter: „Bruder, siehe, um was du drei Jahre lang flehtest, steht jetzt vor dir. Siehe, Ich allein bin der Gott Himmels und der Erde, und außer Mir gibt es keinen mehr!
GR|0|12|26|0|Also bleibe Mir aber getreu in deinem Herzen, wenn du Mich auch fürder in deinem Leben nicht mehr sehen wirst. Wie du aber jetzt Meine süße Vaterstimme hörst, so sollst du sie auch stets hören, sowohl auf dieser Höhe, wie überall, wo du dich in Meinem Namen befinden wirst.
GR|0|12|27|0|Also aber hast du das ewige Leben gefunden, und dieses wird dir nimmerdar genommen werden. Wahrlich sage Ich dir, deine Seele wird nimmerdar den Tod schmecken ewig. Amen!“
GR|0|12|28|0|Nach diesen Worten verschwand sogleich der hohe Fremdling, und unser Beter weinte, lobte und pries den Herrn die ganze Nacht hindurch und besuchte diese Höhe hernach noch emsiger als vorher.
GR|0|12|29|0|Seht, auch solche wirklich wahren Tatsachen erzählen euch die Berge. Daher geht auch ihr gern auf die Berge oder betet wenigstens im Geiste auf den Bergen – welche sind ein reines Gemüt – zu Mir, so dürfte euch auch begegnen, was unserem frommen Beter begegnet ist.
GR|0|12|30|0|Was die Berge aber noch lehren, predigen und erzählen, wollen wir noch in der letzten Mitteilung vernehmen, und so lassen wir es für heute wieder gut sein.
GR|0|13|1|1|Die Berge als Spiegel unseres Innern
GR|0|13|1|1|Am 28. Mai 1842
GR|0|13|1|0|Was lehren und predigen die Berge denn noch?
GR|0|13|2|0|Die Berge führen noch solche Worte zu den sie beachtenden Menschen, aus welchen ein jeder nur einigermaßen geistig geweckte Mensch gar leicht entnehmen kann, wie es da noch steht um sein Gemüt.
GR|0|13|3|0|Demnach sind die Berge ein wahrer geistiger Spiegel für jene, welche sich darin beschauen wollen.
GR|0|13|4|0|Wie denn aber solches?
GR|0|13|5|0|Ihr habt bei schon manchen Gelegenheiten erfahren, dass für den geistig geweckten Menschen jede Erscheinung in der Natur irgendeine Bedeutung hat, und namentlich habt ihr solches vernommen bei jenen Gelegenheiten, bei denen euch ebenfalls einige Berge sind enthüllt worden.
GR|0|13|6|0|Demnach darf der geistig gewecktere Mensch nur einen flüchtigen Blick auf einen ihm benachbarten Berg werfen und allda ersehen, wie gestaltet er beleuchtet ist, ob er vollkommen rein oder mehr von einem bläulichen Dunst umfangen ist und welche Teile des Berges mehr oder weniger umdunstet sind, oder ob er sogar erschaut irgend Nebel um den Berg, entweder in der Tiefe, dessen Mitte oder auf dessen Scheitel, oder ob sich über dessen Scheitel Wolken befinden, und von welcher Art und Gattung diese Wolken sind.
GR|0|13|7|0|Ferner darf es einem solchen Beobachter nicht entgehen, welche Gefühle sich seiner bemächtigt haben beim Anblick eines vor ihm stehenden Berges, ob sie ihn in eine angenehme oder mehr wehmütige Stimmung versetzt haben, oder ob er dabei eine große Begierde empfunden hat, diesen Berg baldmöglichst zu besteigen, oder ob er ein diesem Gefühl gerade entgegengesetztes in sich gewahrte, welches gewisserart mit einem sogenannten viel mehr empfundenen Unmöglichkeitsgefühl gleichlautend ist. Also auch – was freilich wohl nur einem geweckteren Gefühl eigen ist –, ob er bei dem Anblick eines Berges ein heiteres Morgengefühl, oder ein zwar auch heiteres, aber doch mehr ermüdendes Mittagsgefühl, oder ein schläfriges Abendgefühl, oder ein ödes, dumpfes Mitternachtsgefühl in sich verspürte, und wie lange sich dasselbe, das ganze Gemüt beherrschend, aufrechterhielt.
GR|0|13|8|0|Seht, alle diese hier angeführten Punkte sind wohl zu beachten; denn alle diese Erscheinungen und Empfindungen entsprechen allzeit auf ein Haar dem inwendigen Zustand des Menschen. Nur ist dabei zu bemerken, dass da die Empfindungen mit den Erscheinungen übereinstimmen müssen, denn die Erscheinungen für sich geben noch kein vollgültiges Zeugnis. Wenn aber das Gefühl harmoniert mit der Erscheinung, da verkündet der Berg dem Menschen genau, wie es mit ihm steht.
GR|0|13|9|0|So zum Beispiel: Ginge da jemand am Morgen aus und möchte da erblicken einen zwar ganz reinen Berg, dieser Berg aber erhöbe mitnichten sein Gefühl, sondern erfüllte es nur mit einer heimlichen Bangigkeit – in diesem Fall wäre die Erscheinung mit dem Gefühl unharmonisch; der Berg aber bliebe dem Beschauer dessen ungeachtet ein getreuer Spiegel. Wie denn aber?
GR|0|13|10|0|Seht, sobald die geistige Reinheit des Berges abstößt das Gemüt des Beschauers, so sagt der Berg dem Beschauer: „Mit welch unreinem Gemüt beschaust du mich! Daher reinige dich, damit du in dir erhoben wirst über dein Weltsinnliches, wie ich emporrage über den Schlamm der Tiefen, in dem nichts denn elendes Gewürm, Frösche, Kröten und Schlangen wohnen!“
GR|0|13|11|0|In diesem Fall ersieht der Beobachter im Spiegel des Berges sein Bild, wie er sein soll – aber nicht ist.
GR|0|13|12|0|Ein anderer unharmonischer Fall wäre dieser, dass ein Mensch ebenfalls ausginge, entweder am Morgen oder zu einer anderen Tageszeit, möchte aber da erschauen einen ganz umdüsterten Berg, hätte aber dabei ein vollkommen heiteres und fröhliches Morgengefühl. Was hätte denn der Beschauer bei dieser Gelegenheit von dem umdüsterten Berg zu entnehmen?
GR|0|13|13|0|Wir wollen bei dieser Gelegenheit den Berg selbst einige Worte von sich geben lassen, welche also lauten dürften: „Sieh mich an, du fröhlicher Wanderer, im heiteren Morgen deines Gefühls! Du warst ehedem, wie du mich nun erschaust, und warst düster und traurig, und eine erstickende Nacht drohte dich zu verschlingen; und wie nun um mein ganzes Wesen, also umlagerten auch dich schwüle und schwere Wolken. Du wusstest nicht, was sie über dich ausbrüten werden. Es kamen gar bald gewaltige Stürme über dich hergezogen und so mancher Blitz traf dich aus deiner Wolkenmasse. Du aber verzagtest nicht, hattest mich zum Vorbild in deiner Seele und standest da gleich mir: ein hoher Fels, unerschrocken und Trotz bietend solcher Versuchung. Siehe, die Stürme, die dich zu vernichten drohten, umwandelten sich gar bald in rettende Engel und befreiten dich von der großen Last deiner Nacht. Somit, kleiner Freund im Tal da unten, der du mich nun heiteren Gemütes betrachtest, da ich begraben bin in der Wolken Nacht und Stürme um meine Stirn wehen, als wollten sie mich vernichten, beachte wohl dieses Bild vor dir; denn nur dadurch wirst du im beständigen Morgen deines Gefühls verbleiben, wenn du dir oft genug das Bild vor die Augen stellst, wie es einst um dich aussah, da du mir in diesem meinem Zustand glichst.
GR|0|13|14|0|Siehe, dieser Sturm wird mich nicht vernichten und du wirst mich gar bald wieder dir gleich erblicken; wohl dir, wenn du mich in meiner Reinheit mit demselben Gefühl noch ansehen wirst können, mit dem du mich nun ansiehst, da ich dir zeige, wie du dereinst warst!“
GR|0|13|15|0|Seht, welch eine gute und nützliche Lehre selbst so ein umwölkter Berg einem reinen Gemüt gibt, indem er es zur wahren Demut leitet und der Betrachter sich dann selbst sagen kann: „O Berg, wie oftmals warst du schon also umwölkt und wie oftmals wieder rein; lasse mich daher stets erinnert sein, dass ein gereinigtes Gemüt, solange es frei dasteht, auch gleich dir wieder kann umwölkt werden. Damit aber solches so viel als möglich unterbleiben müsse, soll mich allzeit dein umwölkter Zustand daran erinnern und zugleich mit Donnerworten zurufen: „Siehe, wie traurig es ist, wieder in die vorige Nacht zurückzusinken, und wie schwer, solche Wolken zu tragen, die da gefüllt sind mit zahllosen Blitzen, welche nicht fragen: ‚Wohin sollen wir schlagen?‘, sondern sie schlagen, wohin sie treffen, und zerschmettern und zerstören da, was sie treffen!“
GR|0|13|16|0|Seht, das sind die zwei Kulminationspunkte der unharmonischen Verhältnisse zwischen den Erscheinungen und den Empfindungen.
GR|0|13|17|0|Demnach können zwischen diesen zwei Extremen noch eine Menge größerer oder kleinerer Gattungen von unharmonischen Erscheinungen vorkommen, welche aber diesen zweien zufolge alle leicht erkannt werden können, weil sie sich nicht mehr über das Ganze, sondern nur über einzelne Teile erstrecken.
GR|0|13|18|0|Das Schwerste ist, die Totalerscheinung zu beurteilen; diese aber ist bereits erläutert. Demnach ist jedes Einzelne ja leicht zu erkennen, geradeso, als so jemand eine allgemeine Rechnungsformel kennt, so kann er dann ja zufolge dieser Formel jeden sonderheitlichen Fall gar leicht entziffern.
GR|0|13|19|0|Was aber die harmonischen Erscheinungen betrifft, so bedürfen diese keiner weiteren Erklärung. Denn wo ein heiteres Gemüt einen heiteren Berg erblickt, da wird es noch um desto heiterer und sehnt sich hinauf auf die reine Höhe. Wo aber ein umdüstertes Gemüt einen schauerlich umdüsterten Berg erblickt, da wird es noch um desto düsterer und ruft schon heimlich im Geiste aus: „Berg, falle über mich her und bedecke ganz und gar meine furchtbare Nacht!“ Ein solcher Mensch sehnt sich sicher nicht nach der Höhe dieses Berges.
GR|0|13|20|0|So aber jemand ausgeht mit einem heiteren Gemüt und ein umdüsterter Berg verstimmt es ihm, so ist eine solche Verstimmung als nichts anderes anzusehen als eine Erweckung des eigentlichen Zustandes, in welchem sich das Gemüt verborgenermaßen noch befindet – oder der Berg zeigt es dem Menschen an, was alles noch in ihm steckt.
GR|0|13|21|0|Das sind ebenfalls die Universalmomente der harmonischen Verhältnisse, nach welchen sich ebenfalls jeder unbedeutende sonderheitliche Fall erkennen und bestimmen lässt.
GR|0|13|22|0|Dass natürlicherweise die höheren Berge und namentlich die Gletscher, wie unser Großglockner es ist, solches mit einer noch bei Weitem größeren Bestimmtheit an sich beobachten lassen denn andere, weniger hohe Berge, versteht sich schon ohnehin von sich selbst, so jemand nur ein wenig in Erwägung zieht, wie stets ausgedehnter die Bestimmung eines Berges wird, je höher er seinen Scheitel über die gewöhnliche Habsuchtstiefe des Erdbodens erhebt.
GR|0|13|23|0|Dass ferner die Berge erst auf ihren reineren Triften bedeutungsvoll werden, kann jeder auch leicht aus dem Ganzen entnehmen, weil je reiner die Berge werden, desto geistiger es auch auf ihnen wird – aus dem Grund sie auch auf jedes Gemüt schon an und für sich einen größeren Eindruck machen als geringere Erhöhungen.
GR|0|13|24|0|So ihr aber noch bestimmter erschauen wollt, in welcher Region und mitunter auch, welche Berge da am wirksamsten sind (nämlich die Berge selbst), so dürft ihr nur den ziemlich gelungenen Zeichnungen des Knechtes ein aufmerksames Auge schenken. Aus denen werdet ihr gar bald diejenigen Punkte zuunterst der Zeichnung erschauen, wo die Berge anfangen wirksam zu sein, und auch, welche Berge am meisten wirken.
GR|0|13|25|0|Wollt ihr solches erkennen, da fragt nur nach aufmerksamer Betrachtung eines jeden Stückes, wie dasselbe das Gefühl anregte, und ihr werdet daraus bald erkennen, wo sich die größere Wirkung äußert. Denn das Bild ist ebenfalls eine Entsprechung zum Gegenstand, von dem es ein Abbild ist, und kann auch im Geiste belebt werden zur nahe völligen Wirklichkeit; nur muss natürlicherweise ein Abbild mit desto größerer Aufmerksamkeit betrachtet werden, damit es sich dadurch im Gefühl verwirklicht. Ist solches bei jemandem gewahrsam erfolgt, dann mag er auch so manche nützliche Lehre von einer solchen Betrachtung ziehen.
GR|0|13|26|0|Dass natürlicherweise ein solcher Berg in seiner eigentümlichen Natur um vieles wirksamer ist, und zwar sogleich auf den ersten Anblick, solches bedarf keiner weiteren Erörterung, sondern eines jedweden eigene Erfahrung lehrt ihn ja dasselbe; und so hätten wir nicht nur den Großglockner in allen seinen Teilen und Wirkungen dargestellt, sondern was da gegeben ist, ist der Ordnung nach von allen Bergen zu verstehen, wie es demzufolge zu verstehen ist für jedermann.
GR|0|13|27|0|Vorzugsweise aber sollen darunter dennoch die entsprechenden Berge im menschlichen Herzen verstanden sein, welche da diesen wirklichen entgegengehalten werden sollen, damit im Herzen dann ebenfalls eine solche nützliche Fernwirkung entstehen möchte, wie sie da entsteht und fortwährend besteht auf diesem euch nun bekannt gegebenen Berg.
GR|0|13|28|0|Solches beachtet demnach wohl, und prüft euch danach, und tut danach, so wird der wahre innere Segen der Berge über euch ebenfalls also ausgegossen werden, wie da die Berge ihren euch bekannten Segen ausgießen über alles Land; und solches ist wahr, richtig und getreu. Wie Ich Selbst aber vorzüglich gern auf den Bergen war und sättigte da so viele Hungrige mit wenigen Broten und zeigte Mich verklärt auf einem Berg und fuhr von einem Berg auf in Mein Reich – also sage Ich euch auch dieses von den Bergen und eröffne euch dadurch eine große Pforte in das Reich des ewigen Lebens!
GR|0|13|29|0|Bedenkt, dass Ich, der Urheber und Erschaffer der Berge, Mich nicht umsonst gern auf den Bergen aufhielt und nicht ohne große lebendige Bedeutung zum letzten Mal betete auf einem Berg; daher folget Mir in allem nach, so werdet ihr das Ziel, das Ich Selbst bin, schwerlich je verfehlen.
GR|0|13|30|0|Solches sage Ich, der Ich einst vom Berge den Himmel ausgeteilt habe. Dies ist auch ein Teil des Himmels; nehmet ihn als einen großen Segen von Mir, und werdet lebendig im Geiste ewig! Amen!
NS|0|0|1|1|Die Sonne
NS|0|0|1|0|Der Wesen Millionen um die Strahlenmutter kreisen / und hocherfreut in lichter Wärme Mich, den Schöpfer, preisen. / Nicht unbekannt ist auch der Vater manchen Strahlengästen, / auch nicht so manchen ausgedienten Weltenresten, / die da in jenen weitgedehnten Sonnenmeerestiefen / von eingesog’nem Strahlensegen wonnehauchend triefen!
NS|0|0|2|0|Die Sonnenerde, nicht so hart wie viele ihrer Kinder, / ist lebend gleich des Weibes Brust und kennet ihren Gründer. / Es ist da sanft der Boden und gar weich die weiten Triften, / die höchsten Berge ohne Fels und tiefgeritzte Klüften, / und ist der Boden, wie die Berge voll belebt von Wesen, / die durch des Lichtes Macht der Erden Todesbande lösen!
NS|0|0|3|0|Die Sonnenwelt der Sonne kreist in Äthers leicht’sten Fluten; / wie hell und stark das Licht allda, mag niemand wohl vermuten, / und wer in diesem höchsten Strahlenglanze pflegt zu leben, / das war zu schauen keinem fleisch’gen Auge noch gegeben. / Ja – ungeahnte Wundertiefen in dem Lichte wallen, / die nimmerdar hinaus auf klein’rer Welten Triften fallen!
NS|0|0|4|0|Wer kann mit seinem Aug’ allhier das Licht der Sonne tragen, / und wer, woher dies mächt’ge Licht, Mir wohl recht kundig sagen? / O sieh, auf dieser lichten Sphäre ist gar hehr zu wohnen, / nur allerreinster Kindlein Geister pflegen hier zu thronen, / und eine allerhöchste Mutter thront in ihrer Mitte / und lehret diese da des Vaters Lieb’ und Weisheit Sitte.
NS|0|0|5|0|O Sonne, Sonne, Trägerin der tiefsten Wundergrößen, / die nie noch hat des größten Engels Geist erschöpft bemessen! / Da sieh hinab zur dritten Tochter, deiner kleinen Erde, / da weidet sich auf mag’ren Triften eine arme Herde; / Ich will darum aus deines Lichtes überreichen Tiefen / nun lassen einen Tropfen nur hinab zur Tochter triefen.
NS|0|0|6|0|Und dieser Tropfen wird da wohl zu reichlich nur genügen, / dass alle Kindlein deiner Tochter in den stärksten Zügen / davon zu trinken sollen haben für all’ Zeit der Zeiten / und sollen sich darum nicht mehr ums Lebenswasser streiten. / O sieh die Tagesmutter, wie ihr leuchtend Haupt sie neiget / und Mir dadurch gehorsamlichst die alte Treu’ bezeiget!
NS|0|0|7|0|O freue dich, du ganze Erde, auf das Licht der Sonne; / in diesem Lichte wohnt fürwahr der Weisheit höchste Wonne! / Es freut ja schon die Kindlein, in ein Werk der Kunst zu blicken, / Ich weiß, wie sehr die Räder einer Uhr sie all’ entzücken. / D’rum will Ich hier ein gar kunstvolles Werk euch zeigen / und auch das Schönst’ und Größte darin nicht verschweigen.
NS|0|0|8|0|Da werd’t ihr schauen, was zuallermeist euch wird beglücken, / wie sich da eure Kindlein hehr mit Lieb’ und Weisheit schmücken, / und wie sie sich da gegenseitig pflegen und belehren; / auch dies sollt ihr so gut wie mit den eignen Ohren hören. / Und endlich will Ich auch den hehren Trost euch nicht entziehen, / wie eure Kindlein hier um euer Heil sich stets bemühen!
NS|0|0|9|0|Doch solches wird euch erst der größ’re Sonnenfunke bringen, / mit ihm werd’t ihr erst dann in all die Wundertiefen dringen; / dies Lied ist nur ein Vorgesang zu jenen großen Gaben, / an deren Fülle ihr euch stärken werd’t und wonnigst laben! / Darum nehmt dieses Vorlied an mit wahren Liebesfreuden, / denn Ich, der Vater, pflege euch ja solches zu bescheiden.
NS|0|1|1|1|Allgemeines über die Sonne und die Planeten. Erdreich und Vegetation der Sonnenwelt
NS|0|1|1|1|(Am 8. August 1842 von 3 1/4 bis 5 1/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|1|1|0|Es wird hier nicht nötig sein, wie allenfalls bei der Darstellung eines anderen Sterns, den Standort ebendieses leuchtenden Sterns näher zu bestimmen, indem solches ja jeder Tag ohnedies überaugenscheinlich tut. Daher wollen wir zuerst die Frage stellen und lösen: Was ist die Sonne? Nach der Löse dieser Frage wird sich alles leicht ordnen und gewiss wunderklärlich dartun lassen. Und somit stellen wir diese Frage noch einmal und fragen: Was ist die Sonne?
NS|0|1|2|0|Die Sonne ist wohl in Hinsicht auf die um sie kreisenden Planeten ein Fixstern; für sich selbst aber ist sie nur ein vollkommener Planet, indem auch sie, wie die Erde mit ihrem Mond, um ebendiese Sonne kreist, um den euch schon bekannten Zentral-Sonnenkörper mit allen sie umkreisenden Planeten sich bewegt, welche Reise aber freilich etwas länger dauert als die der Erde um die Sonne; denn sie braucht zur Vollendung dieser großen Bahn nahe 28.000 Erdjahre.
NS|0|1|3|0|Somit wüssten wir, dass die Sonne nicht pur Sonne, sondern dass sie vielmehr ist ein vollkommener Planet, der da im Verhältnis zu seiner weltkörperlichen Größe auch in ebendem Verhältnis mit mehr Licht umflossen ist als jeder ihn umkreisende, bei weitem kleinere Planet.
NS|0|1|4|0|Wenn die Sonne aber selbst an und für sich ein vollkommener Planet ist, so muss sie auch ganz sicher alle jene planetarischen Bestandteile im vollkommensten Maße in sich fassen, welche auf all den anderen kleineren sie umkreisenden Planeten in sehr verminderten Potenzen vorkommen. Und so muss in der Sonne zu finden sein in großer Vollkommenheit, was in viel kleinerer Form und somit auch viel unvollkommener entweder im Planeten Merkur, Venus, Erde und ihrem Mond, in dem Mars, in den vier kleinen Partikularplaneten Pallas, Ceres, Juno und Vesta, in dem Jupiter und dessen vier Monden, im Saturnus, dessen Ringen und sieben Monden, im Uranus und dessen fünf Monden und in einem noch entfernteren Planeten und dessen drei Monden, und endlich in allen den bei zwölftausend Millionen Kometen, welche in weitesten Distanzen sich noch um diese Sonne bewegen, vorkommt.
NS|0|1|5|0|Oder mit kürzeren Worten gesagt: Der vollkommene Planet Sonne ist der naturmäßig vollkommene Inbegriff aller seiner Weltkinder; oder: In diesem vollkommenen Planeten kommt alles dieses selbst in naturmäßiger Hinsicht lebendig vollkommener vor, als es da vorkommt in was immer für einem Planeten, Mond und Kometen. So wollen wir sogleich des besseren Verständnisses wegen einige Beispiele hinzufügen.
NS|0|1|6|0|Das Erdreich eures Planeten ist tot, hart, steinig und ist nicht fähig, ohne das Licht der Sonne etwas hervorzubringen. Das Erdreich der Sonne hingegen ist sanft und mild, ist nicht steinig und nicht sandig, sondern es ist so weich, wie da ist das Fleisch eines Menschen. Oder damit ihr es noch besser versteht, es ist fast allenthalben elastisch, so dass da niemand, der allenfalls am Boden hinfallen würde, sich irgend schmerzlich beschädigen möchte; denn er fiele da gerade so, als über mit Luft gefüllte Polster. Dieses Erdreich ist aber bei dieser Beschaffenheit nicht etwa also zähe wie bei euch allenfalls das sogenannte Gummi elasticum, sondern in dessen kleinsten Teilen schon [elastisch], welche an und für sich lauter mit dem wahrhaften Lebensäther gefüllte Hülschen sind.
NS|0|1|7|0|Solches ist zwar wohl bei dem Erdreich eures Planeten auch der Fall; aber die Hülschen sind an und für sich zu spröde und geben bei einem Stoß oder Fall nicht nach, sondern sprossen [pressen] sich dadurch nur fester aneinander; und wenn sie viele Jahre hintereinander ungestört also neben- und übereinander geschichtet liegen, so ergreifen sie sich endlich so hartnäckig, dass sie dann dadurch zufolge ebendieser gegenseitigen Ergreifung gänzlich zu Stein werden und in diesem Zustand dann auch natürlicherweise noch einen bei weitem hartnäckigeren Widerstand leisten als zuvor, da sie noch gesondert lockerer übereinander lagen; aus welchem Grund dann auch die Vegetation auf einem oder dem anderen Planeten viel kümmerlicher sein muss als auf dem vollkommenen Sonnenplaneten.
NS|0|1|8|0|Denn auf einem Planetenerdkörper, wie zum Beispiel eure Erde es ist, muss ein oder der andere mit einem lebendigen Keim versehener gröberer Same erst im Erdreich verwesen und muss eben durch diesen Akt die ihn umgebenden Erdhülschen zur Mitverwesung oder vielmehr zur Weichwerdung nötigen, damit dann der freigewordene, lebendige Keim sobald aus diesen erweichten Erdhülschen seine ihm zusagende ätherische Nahrung saugen kann. Sodann aber muss er sobald eine Menge Wurzeln zwischen die Erdhülschen hineintreiben, diese dadurch erweichen, dann durch sein Zunehmen in seinem Volumen hartnäckig zerdrücken, um dadurch die fernere nötige Nahrung zu seinem Pflanzenwachstum zu gewinnen.
NS|0|1|9|0|Ist solches auch auf dem vollkommenen Sonnenplaneten nötig? Seht, da herrscht ein großer Unterschied. Weil das Erdreich dieses Planeten so sanft, zart und mild ist, so ergreifen sich die zu was immer für einer Pflanze gehörigen Teile ohne Samen schon unmittelbar im Erdreich selbst und sprießen über dasselbe in den zahllosesten, verschiedenartigsten und nützlichsten Gewächsen empor, deren Schönheit, Güte und Nützlichkeit alles Erdenkliche auf allen anderen Planeten ums so Vielfache übertrifft, als die Sonne mit ihrem Licht und mit ihrer Größe alle diese ihre Weltkinder überragt.
NS|0|1|10|0|In der Sonne hat dann weder ein Baum, welcher Art er auch immer sein möchte, noch ein Gesträuch noch eine Pflanze Wurzeln und Samen, sondern alles wächst und entsteht allda nahe auf die Art, wie bei euch das ursprüngliche Steinmoos, die Schimmelpflanze und die Schwämme. Nur sind diese Gewächse nicht also vergänglich und von so kurzer Dauer, wie die früher benannten auf eurem Erdkörper; sondern wo solche Kräfte irgendetwas erwachsen lassen, da wächst es dann immerwährend fort. Und wenn solches Gewächs auch von den natürlichen Sonnenbewohnern gewisserart abgehauen wird, so wird es dadurch nicht getötet, sondern der abgehauene Baum oder die abgenommene Pflanze erneut sich sobald wieder. Denn da die Wurzeln eines solchen Gewächses nicht so grobmateriell, sondern nur gleich sind feurigen Äther-Adern, so ergreift sich nach der früheren Wegnahme solche vegetative Kraft wieder und wächst in neuer Pracht und Herrlichkeit empor.
NS|0|1|11|0|Es dürfte sich hier mancher denken und sagen: Ja, wenn da die Gewächse auf diese Weise nicht ausrottbar sind, werden sie da nicht bald jeden Flächenraum dieses Planeten so stark in Beschlag nehmen, dass dann neben ihnen kein anderes, frei wandelndes Wesen wird bestehen können?
NS|0|1|12|0|Solches aber ist allda durchaus nicht der Fall, denn die naturmäßigen Menschen dieses vollkommenen Planeten haben auch eine noch viel stärkere Willenskraft, als da ist die vegetative Triebkraft des Sonnenerdbodens. Aus diesem Grunde wächst dann auf der Sonne auch weder ein Baum, noch ein Gesträuch noch eine Pflanze oder ein Grashalm ohne das Hinzutun des menschlichen Willens. Der menschliche Wille ist sonach das alleinige, unendlich viel- und verschiedenartige Samenkorn für alle Vegetation auf diesem vollkommenen Planeten. Daher wächst nur da zum Beispiel ein oder der andere Baum oder eine Pflanze aus dem Erdboden der Sonne, wo ihn ein Sonnenmensch haben will und wie gestaltet er ihn haben will. Daher auch gibt es auf diesem vollkommenen Planeten durchaus keine bleibende, gleichförmig vorkommende Art im Reich alles Pflanzentums, sondern diese richtet sich allzeit nach dem jeweiligen Wollen eines oder des anderen Menschen. Wann ein Mensch irgendeinen Baum oder eine Pflanze durch seinen Willen aus dem Boden gerufen hat, so kann sie kein anderer vertilgen, außer nur derjenige, der sie hervorgerufen hatte, oder ein anderer nur dann, wenn er von dem Zeuger willensbevollmächtigt wurde.
NS|0|1|13|0|Aus ebendiesem Grunde herrscht dann auch auf der Sonnenerde eine wahrhaft unendliche Mannigfaltigkeit im Reich des Pflanzentums. Denn bei zwei nächsten Nachbarn schon finden sich nicht zwei gleichartige Pflanzen vor, sondern ein jeder entlockt auf dem Boden, den er bewohnt, auch andere Pflanzen. Und so möchte einer von euch da viele tausend Jahre die weiten Flächen der Sonnenerde durchwandern, so wird er zwar wohl auf immer neue und wunderherrliche Pflanzenarten und Formen kommen; aber zwei Arten würde er auch auf dieser langen Reise nicht auffinden, die sich vollkommen gleichsehen möchten. Seht, aus diesem Beispiel könnt ihr euch schon einen kleinen Vorbegriff machen, warum die Sonne ein vollkommener Planet ist. Denn es kommt wohl auf jedem Weltkörper oder kleineren Planeten Ähnliches vor; aber gegen die Sonne nur unvollkommen.
NS|0|1|14|0|So können auch auf eurer Erde bestehende Pflanzen verändert und veredelt werden, aber auf eine viel mühsamere und bei weitem gebundenere Art. Nur im Geiste ist ähnliche Vollkommenheit bei den Menschen auch auf den anderen Planeten ersichtlich, wie zum Beispiel die Früchte der dichterischen Phantasie, sei es in der Sprache der Begriffe, welche durch Worte ausgedrückt werden, oder in der Sprache der Bildnerei, welche durch entsprechende Bilder ausgedrückt wird mit Hilfe der Farben oder anderer, für die Bildnerei tauglicher Gegenstände; ganz besonders aber durch die Sprache der Töne, wo ein solcher Tondichter die größte Mannigfaltigkeit entfalten kann, wenn er in diesem Fach vollends geweckten Geistes ist. Aber alles dessen ungeachtet ist selbst diese erscheinliche Vollkommenheit auf den Planeten nur ein mattes Abbild von allem dem, was sich da in jeder erdenklichen Hinsicht vorfindet auf dem vollkommenen Planeten der Sonne.
NS|0|1|15|1|(Am 9. August 1842 von 3 bis 6 1/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|1|15|0|Dass die Sonne ein vollkommener Planet ist und somit alles Planetarische in sich fassen muss, lässt sich aus dem ersehen, dass alles auf den Planeten durch das ausstrahlende Licht der Sonne geformt wird. Der Unterschied ist dann nur zwischen dem vollkommenen und den unvollkommenen Planeten daraus ersichtbar, dass alle Formen, welche dem Licht der Sonne entstammen, notwendige und bestimmte, nicht leicht abänderliche Formen sind und lassen sich sogar noch zählen, während auf dem vollkommenen Sonnenplaneten alle Formen frei sind und haben kein anderes Band, denn das Band des Willens der Menschen alldort, und sind daher auch unzählbar und ins Unendliche verschieden.
NS|0|1|16|0|Dann und wann geschieht es wohl auch, dass selbst auf den unvollkommenen Planeten eben durch die Einwirkung der Sonne manche ältere Wesenformen untergehen und dafür ganz andere ins Dasein treten. Allein solches geschieht auf den Planeten nur selten, und die Veränderungs- oder Übergangsperiode bedarf eines viel längeren Zeitraums als auf dem vollkommenen Sonnenplaneten.
NS|0|1|17|0|So sind auf eurem Erdkörper zwar wohl schon einige tausend Baum-, Gesträuch-, Pflanzen- und Grasarten untergegangen, davon hier und da zwischen Steinlagen noch Abdrücke vorgefunden werden. Auch mehrere Gattungen von den Urriesenbäumen sind untergegangen, und ihr Holz wird nun nur noch als schwarze Steinkohle aufgefunden. Im gleichen Fall sind auch eine Menge riesiger Tiere vollkommen aus dem Dasein getreten, wie zum Beispiel das Mamelhud [Mammut] und eine große Menge jener großen beflügelten Amphibien, die da jetzt noch unter dem Namen „Echsen“ bekannt sind.
NS|0|1|18|0|So sind untergegangen sogar die riesigen Leiber mancher Menschen, die da in der Urzeit unter dem Namen „Riesen“ bekannt waren, ingleichen auch mehrere große Vogelgattungen, wie nicht minder viele Fische, die jetzt unter allen den bekannten nirgends mehr vorzufinden sind, außer höchst selten hier und da in den Steinen, wo sie manchmal, was die Form betrifft, als noch recht gut erhalten zum Vorschein kommen.
NS|0|1|19|0|Aber, wie gesagt, alle diese Veränderungen auf einem unvollkommenen Planeten gehen fürs Erste sehr langsam vor sich und weichen von den ihnen nachfolgenden Formen nicht so sehr ab wie die stets vorkommenden Veränderungen auf dem vollkommenen Sonnenplaneten.
NS|0|1|20|0|Aus diesem Grunde kann dann eben die Sonne ein vollkommener Planet genannt werden, weil auf ihrem Erdboden alles, was nur immer auf allen den Planeten vorhanden ist, auch im vollkommensten Sinne in der größten, stets wechselnden Mannigfaltigkeit wie lebendig vorhanden ist. Aus diesem bis jetzt Gesagten muss einem jeden einzuleuchten anfangen, dass die Sonne ja ein vollkommener Planet sein muss, weil sie ist ein vollkommener Inbegriff alles dessen, was da nur immer einen Planeten selbst, von seinem Mittelpunkt angefangen, in allen seinen Teilen ausmacht und was alles auf der Oberfläche desselben zum Vorschein kommt. Denn wäre solches nicht der Fall, wie könnten da wohl die Strahlen der Sonne Ähnliches auf den Erdkörpern hervorrufen?
NS|0|2|1|1|Aufbau des Sonnenkörpers. Der Sonnenmensch im Allgemeinen
NS|0|2|1|0|Also wüssten wir, dass die Sonne ein vollkommener Planet ist. Daher wollen wir uns auch nicht länger bei den Vergleichungen aufhalten, sondern uns sogleich, wie ihr zu sagen pflegt, mit Sack und Pack in die Sonne verfügen und sie von Pol zu Pol beschauen, jedoch nicht in der Ordnung als wie bei einem unvollkommenen Planeten, sondern in der gerade umgekehrten.
NS|0|2|2|0|Ihr werdet fragen: Warum denn? – Die Antwort wird Mir gar nicht schwer. Auch dürftet ihr sie sogar selbst finden, wenn euer Geist schon mehr sich seine Faulenzerei abgewöhnt hätte. Die Ursache ist somit diese: Auf den unvollkommenen Planeten progeneriert sich alles bis zum Menschen hinauf, und der Mensch bildet da die letzte, vollkommenste Stufe der Dinge und Wesen. Auf dem vollkommenen Sonnenplaneten aber fängt darum der Mensch die Reihe der Wesen an als ein Grund derselben, da sie allesamt und sämtlich aus ihm hervorgehen. Und zwar nach der Ordnung seines Willens werden dann die untersten und letzten Potenzen durch die Strahlen des Sonnenlichtes transzendent in anderen Planeten, allwo sie dann mit den atomistischen Tierchen und Wesen wie auch mit den allleisesten Ätherschimmelpflänzchen, die bis jetzt noch jedem Naturforscher unbekannt sind, ihren Anfang nehmen und sich sodann, wie schon bekannt, bis zum Menschen hinauf progenerieren.
NS|0|2|3|0|Wenn ihr nun die Sache so recht bei Licht betrachtet, so seid ihr in einer Hinsicht Kinder der Menschen der Sonne. Freilich, was da wieder betrifft den allein wahrhaft lebendigen Geist, der da in euch wohnt, da seid ihr, wenn schon dem Außen nach betrachtet Kinder der Sonnenmenschen, wieder umgekehrt und zwar so gut als ihre Eltern. Denn der unsterbliche Geist in euch ist Mir näher als der Geist der Sonnenmenschen, darum er ist ein zurückkehrender, während der der Sonnenmenschen ist wie ein ausgehender.
NS|0|2|4|0|Ihr werdet hier euch notwendig fragen müssen: Muss demnach etwa der Geist der Sonnenmenschen auch übergehen und werden ein Geist im Planetenmenschen? – Seht, solches ist wohl ein gar großes Geheimnis und wurde bis jetzt noch von keinem Menschen geahnt. Ich will euch aber dennoch darauf führen.
NS|0|2|5|0|Seht, ihr wisst, wie zuerst alle Planeten nach der gerichteten Ordnung aus der Sonne ihren Ursprung nehmen, also wie diese selbst den ihrigen genommen hat aus den Zentralgrund- und Fundamentalsonnen. Ihr wisst aber auch durch schon so manche Mitteilungen, was da im Grunde alle Materie eines Planeten ist, nämlich nichts anderes als der sichtbare Ausdruck gefangener Urkräfte oder Geister. Wo sind denn diese hergekommen?
NS|0|2|6|0|Wenn der ganze Planet, wie er leibt und lebt, aus der Sonne hervorgegangen ist, da wird wohl etwa sein eigener Inhalt auch keinen anderen Ursprung haben, da er und der Planet, auf ein Atom genommen, eines und dasselbe sind. Es handelt sich nun nur [noch darum], dass ihr wisst, wie im Sonnenkörper ein Planet seinen Ursprung genommen hat oder dann und wann noch nimmt, so wird euch das ganz einleuchtend sein, was da für ein Los wartet auf so manche Geister der Sonnenmenschen.
NS|0|2|7|0|Damit ihr aber solches noch vollkommener einzusehen imstande seid, so muss euch vorerst ein wenig gezeigt werden der körperliche Bau der Sonne selbst.
NS|0|2|8|0|Die Sonne als planetarischer Körper ist so gebaut, dass sie in sich eigentlich aus sieben Sonnen besteht, von denen immer eine kleinere in der größeren steckt wie eine hohle Kugel in der anderen. Und nur die inwendigste, als gleichsam das Herz des Sonnenplaneten, ist, wenn schon organisch, aber dennoch von der Oberfläche bis zum Mittelpunkt konkret.
NS|0|2|9|0|Alle diese sieben Sonnen sind allenthalben bewohnt. Und es ist darum auch zwischen jeder Sonne ein freier Zwischenraum von ein-, zwei- bis dreitausend Meilen, aus welchem Grunde auch jede inwendigere Sonne vollkommen bewohnbar ist.
NS|0|2|10|0|Ähnliche Beschaffenheit haben zwar wohl auch die unvollkommenen Planeten, aber solches natürlicherweise viel unvollkommener sowohl der Zahl wie auch der Beschaffenheit nach.
NS|0|2|11|0|Da aber nun der vollkommene Sonnenplanet bei seiner außerordentlichen Räumlichkeit für eine außerordentlich große Menge von menschlichen Wesen fassbar ist, so darf euch auch gar nicht wundernehmen, wenn Ich euch sage, dass die Menschen auf der Sonne zusammengenommen ein tausendfach größeres Volumen bilden, als alle die der Planeten, Monde und Kometen, welche um die Sonne kreisen, zu einem Volumen zusammengenommen; und das zwar gerade also genommen, als wenn das räumliche Körpervolumen der Sonnenmenschen um nichts größer wäre als das Volumen eines Menschen auf eurem Erdkörper.
NS|0|2|12|0|Nun werden wir bald dort sein, wo wir sein wollen; nur müssen wir zuerst noch wissen, woraus eigentlich die Materie des Sonnenkörpers selbst und sonach auch das gesamte Wesen ihrer Menschen besteht.
NS|0|2|13|0|Die Materie des Sonnenkörpers ist eigentlich, was das Äußere betrifft, ein etwas fester gehaltenes seelisches Organ, in welchem zahllose Geister gewisserart in geringerer Haft gehalten werden. Auf dem Sonnenkörper ist von Meiner Liebgnade aus ein zweiter, noch festerer substantieller Leib geschaffen worden, welcher zur Aufnahme dieser in der Sonnenmaterie haftenden Geister gar wohl tauglich ist. Wenn nun dieser Leib oder vielmehr ein wirklicher Sonnenmensch gezeugt wird durch den Willensakt eines Vormenschen, so wird alsobald auch ein Geist von diesem also gezeugten Menschen zur ferneren Freiheitsprobe aufgenommen. Ist die Aufnahme geschehen, welches allzeit sogleich nach der Zeugung geschieht, so ist der Sonnenmensch auch schon vollkommen lebendig da. Alsdann werden ihm Meine Willensbedingungen kundgegeben und werden ihm gezeigt seine eigenen Willensvollkommenheiten, vermöge welcher er eine wahrhaft schöpferische Kraft besitzt und nichts braucht, als nur fest und bestimmt zu wollen, so gibt ihm der Boden der Sonne auch das, was er will.
NS|0|2|14|0|Bei ebendieser Willensvollkommenheit aber wird dem Sonnenmenschen auch die Ordnung Meines Willens bekanntgegeben und zugleich das sanktionierte Gebot hinzu, dass er mit der schöpferischen Vollkommenheit seines Willens der ewigen Ordnung Meines Willens durchaus nicht entgegenhandeln solle. Dass dann bei dieser sehr freien Willensanstalt auch sehr viele unordentliche Begegnungen gegen Meinen Willen gemacht werden, das kann ein jeder Wille; je freier und ungerichteter er ist, desto leichter und desto möglicher ist es ihm auch, über die gesetzlichen Schranken Meines Willens zu treten.
NS|0|3|1|1|Die Entwicklungswege der Sonnenmenschen und der Planetarmenschen
NS|0|3|1|0|Was geschieht denn mit denen, die da nicht beachtet haben das Gesetz der Ordnung Meines Willens? Diese verlassen dann ihre Leiber und gehen in eine [innere Sonne], und zwar in die erste innere Sonne, allda sie wieder von gehörig vorbereiteten Leibern aufgenommen werden, – und zwar mit vollem Bewusstsein ihres früheren Seins, damit sie dadurch gewahr werden, dass solcher Zustand eine sicher erfolgte Strafe ist, darum sie wider das lebendige Gesetz Meines Willens gehandelt haben. Übrigens aber haben sie auch hier ihre vollkommene, mächtige Willensfreiheit und können tun wie zuvor. Treten sie hier wieder aus Meiner Ordnung, so kommen sie dann wieder in eine noch innerere Sonne, und bei gleichen fortgesetzten Übertretungsfällen Meiner Ordnung bis zur innersten Sonne selbst, welche zugleich auch die materiellste und festeste ist.
NS|0|3|2|0|Die sich da fügen in die Ordnung, diese steigen dann wieder auf zur höheren Vollendung. Im Gegenteil aber werden sie da in feste Haft genommen und als ein Volumen vom Sonnenkörper hinausgestoßen in den weiten Planeten- und Kometenraum.
NS|0|3|3|0|Bei dieser Gelegenheit dürft ihr nur einen Rückblick auf die „Fliege“ machen. Allda werdet ihr sobald ersehen, was mit diesen ausgestoßenen Potenzen mit der Zeit es für eine Folge hat. Es ist manchmal wohl der Fall, dass diese ersten planetarischen Anlagen als noch ziemlich ungefestete geistige Potenzen, wenn sie vermöge des ihnen belassenen Bewusstseins sich zur Ordnung wenden, wieder bei ihrer Umkehr von der Sonne zur ferneren Vollendung aufgenommen werden. Im Gegenteil aber werden sie zur überlang andauernden, unordentlichen Komet-Umherirrung verwiesen, wo sie dann immer hartnäckiger gefangengenommen und endlich in die gerichtete Ordnung zu treten genötigt werden.
NS|0|3|4|0|Jetzt haben wir schon genug, was zur vorbedingten Erklärung taugt, aus der da hervorgeht, wessen Geistes Kinder ihr selbst seid, und auch sicher ersichtlich wird, wie ihr da seid gewisserart Kinder der Sonnenmenschen.
NS|0|3|5|0|Aber wie ihr im umgekehrten Fall auch ihre Eltern sein könnt, wird wohl eben nicht zu schwer zu erraten sein. Ich sage euch: Ihr könnt das sein in doppelter Hinsicht. Eine Hinsicht ist diese: Wenn allenfalls eure Kinder frühzeitig sterben, so tritt hier der Fall ein, dass solche Geister also eher zurückkehren, wenn sie besserer Art sind und in sich willensfügig – wie ihr ehedem gehört habt, dass manche ausgestoßene Geisterbündel in der Form eines erst anfänglichen Kometen, wenn sie willensfügig werden, wieder von der Sonne aufgenommen werden, ohne eine vollkommene planetarische, harte Prüfungsreife durchzumachen.
NS|0|3|6|0|In diesem Fall seid ihr schon zum Ersten Eltern solcher frühzeitig zur Sonne zurückgekehrten Kinder. Zweitens aber könnt ihr noch viel vollkommener Eltern der gesamten solarischen Menschheit sein, und das zwar dann, wenn ihr mit Paulus sagen könnt: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“
NS|0|3|7|0|Seht, nun wird euch dieser scheinbare Widerspruch sicher einleuchtend sein, und ihr werdet daraus auch umso vollkommener erschauen können, was das heißt: „Unser Vater, der Du in dem Himmel wohnst, Dein Name werde geheiligt, und Dein Wille geschehe!“ – Denn wo immer des Vaters Wille erfüllt wird, oder wenn nur die vorwiegende Willenserfüllungsneigung da ist, so braucht es bei einem oder dem anderen Wesen keine grobmateriell-planetarische Vollreife, um in das Reich des wahren Lebens zurückzukehren oder im Geiste sagen zu können: „Dein Reich komme!“
NS|0|3|8|0|Wenn ihr das bisher Gesagte nur ein wenig überdenkt, so werdet ihr selbst darin keine Unzweckmäßigkeit mehr erschauen, wenn ihr seht eine Menge Blüten und unreif gewordener Früchte von den Bäumen fallen. Wollt ihr wissen, warum und wohin, so macht nur einen Blick in die Sonne; sie wird es euch sogleich sagen, warum und wohin; nämlich: Ein Planet braucht nicht allzeit materiell vollreif zu werden, um geistig wieder dahin zu kehren, von wannen er ausgegangen ist. Was ferner da sind für Verhältnisse in unserem vollkommenen Sonnenplaneten, werden wir nächstens beschauen.
NS|0|3|9|1|(Am 10. August 1842 von 3 3/4 bis 5 3/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|3|9|0|Es ist hier eine Frage zu setzen, und diese lautet also: „Was geschieht denn mit denjenigen Geistern der Sonne, welche sich im Gebrauch ihres sehr vollkommen freien Willens also betragen haben, dass sie mit ihrem Willen stets im Einklang standen mit Meinem Willen? Und gibt es viele solche vollendete Geister in der Sonne, die da nicht nötig haben, eine weitere Degradation durchzumachen, um dann wieder von einer unteren Stufe zur Vollendung mühsam emporzuklimmen?“
NS|0|3|10|0|Diese schon in der Sonne vollendeten Geister, deren es sehr viele gibt, verbleiben nach ihrer Vollendung nicht in der Sonne, sondern steigen aufwärts zu einer höheren Zentralsonne, von der sie einstmals ausgegangen sind samt der Sonne. Allda werden sie erst in der Demut befestigt und steigen dann wieder höher bis zu einer noch tieferen Urzentralsonne, die die früheren an Größe, Licht und Herrlichkeit ins Unaussprechliche übertrifft.
NS|0|3|11|0|Wenn diese Geister aus der früheren Sonne noch so durchleuchtet und durchglüht in dieser zweiten Urzentralsonne ankommen, so kommen sie sich da aber dennoch nicht anders vor, als wären sie nahe ganz dunkel und völlig lichtlos. Daher werden sie hier wieder von Stufe zu Stufe eingeführt und von den dort waltenden Geistern wieder also durchleuchtet, dass sie dadurch fähig werden, wieder zu einer noch tieferen und nahe endlos größeren Zentralsonne aufzusteigen. Diese Sonne ist auch zugleich die letzte materielle Vorschule für den eigentlichen Himmel, welcher da ist die Urheimat aller vollkommenen Geister. Aber in dieser letzten und zugleich auch allergrößten Mittelsonne einer Hülsenglobe gibt es sehr viele Stufen, welche die Geister mit ätherischen Leibern angetan eher durchzumachen haben, bevor sie erst fähig werden, in die geistige Sonnenwelt, welche da heißt der Himmel, aufgenommen zu werden. Das ist sonach mit wenigen Worten angedeutet der Weg für die in der Sonne vollendeten Geister.
NS|0|3|12|0|So da jemand aber fragen möchte: Warum denn ein so weitgedehnter Weg? – Da ist auch die Antwort schon so gut wie fertig; denn solche Geister haben ja eben degradatim [abstufungsweise] diesen Weg von der letztgenannten, innersten, allergrößten Zentralsonne ausgehend gemacht und haben auf jeder solchen Sonnenstufe noch mehr Materielles in sich aufgenommen. Aus dem Grunde müssen sie jetzt diesen Weg wieder zurückmachen, um auf ihm von Stufe zu Stufe das letzte Atom abzulegen, bis sie dann erst fähig werden, vollkommen wieder in die wahrhafte, allerreinste, himmlische Sonnenwelt für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten überzugehen.
NS|0|3|13|0|Solches wüssten wir jetzt. Aber Ich sehe schon wieder eine verborgene Frage in euch, und diese lautet also: „Müssen denn auch die Geister der Planetarmenschen diesen zwar lichten, aber auch sehr weiten Weg machen, bis sie in den eigentlichen Himmel gelangen?“
NS|0|3|14|0|Diese Frage kann weder mit Ja noch mit Nein beantwortet werden – versteht sich, wenn man darüber sogleich eine allgemeine Antwort verlangen würde; sondern es kommt dabei auf drei Umstände an: Kinder und solche Menschen, welche nach dem Ableben auf der Erde noch eine weitere Reinigung nötig haben, müssen ohne weiteres diesen Weg machen; so auch zuallermeist solche große gelehrte Männer der Welt, in denen sehr viel Eigendünkel und des selbstsüchtigen Stolzes stecken, müssen ebenfalls diesen Weg machen und manchmal von dieser Erde angefangen noch viel umständlicher, indem sie noch zuvor in den verschiedenen anderen Planeten müssen eine läuternde Vorschule durchmachen, bis sie erst in die Sonne gelangen.
NS|0|3|15|0|Zwischen den frühzeitig verstorbenen Kindern, welche sogleich in die Sonne aufgenommen werden, und den nachbenannten Menschen, welche erst später in die Schule der Sonne aufgenommen werden, ist aber der Unterschied, dass die großgezogenen Geister der Kinder sogleich in einen oder den anderen Engelsverein des eigentlichen wahren Himmels aufgenommen werden, während die auf den Planeten reif gewordenen Menschen ohne Ausnahme den ganzen vorgeschriebenen Weg durchmachen müssen.
NS|0|3|16|0|Jene Menschen aber, welche besonders auf dieser Erde in die reine Liebe zu Mir übergegangen sind und haben aus dieser Liebe heraus alles Weltliche und Materielle abgelegt und wollten nichts anderes als nur allein Mich, diese haben sich dadurch den weiten Weg überaus stark abgekürzt; denn diese sind wahrhaft Meine Kinder und wahrhaft Meine Brüder und Schwestern und kommen daher nach der ihnen freudigen Ablegung dieses materiellen Leibes sogleich vollends zu Mir – und zwar die in aller Liebe zu Mir sogleich in den obersten, allerhöchsten Himmel, allda Ich Selbst wohne wesenhaft.
NS|0|3|17|0|Seht, das ist sonach der Unterschied, der sich da ergibt mit den Geistern besonders dieses Erdplaneten nach der Ablegung des Leibes. Ähnliches, wenn schon bei weitem seltener, kann auch mit den Bewohnern des Planeten Jupiter wie auch noch etwas seltener mit den Einwohnern der Planeten Saturnus, Uranus und noch des dritten, unbekannten Planeten der Fall sein. Jedoch von keinem dieser nachbenannten Planeten kommen die Geister etwa sogleich in den obersten Himmel, sondern nur in den ersten Weisheitshimmel.
NS|0|3|18|0|Jetzt sind euch auch diese Wege kundgegeben, und wir können darum, da uns solche Außenverhältnisse der Sonne bekannt sind, nun zur inneren Einrichtung der Sonne und zur Anschauung ihrer Herrlichkeiten schreiten, allda ihr Dinge schauen werdet, von denen euch noch nie etwas in irgendeinen Sinn gekommen ist. Jedoch damit die Anschauung nicht sobald eine Unterbrechung leide, so wollen wir dieses alles für die nächstkommenden Mitteilungen aufbewahren. Und somit gut für heute!
NS|0|4|1|1|Die Lichthülle der Sonne und der Sonnenlichtglanz
NS|0|4|1|1|(Am 11. August 1842 von 4 bis 5 3/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|4|1|0|Vorerst wollen wir bei der Anschauung der Sonne ihre Lichthülle in den Augenschein nehmen, und das zwar aus dem Grunde, weil der vollkommene Sonnenplanet mit ebendieser seiner äußeren Umfassung erst zur Sonne wird.
NS|0|4|2|0|Was ist denn diese Lichthülle in naturmäßiger Hinsicht betrachtet? Diese Lichthülle ist der eigentliche, atmosphärische Luftkreis um den eigentlichen Sonnenplaneten herum und ist nur an der äußersten Oberfläche so stark glänzend; gegen den Planeten selbst aber wird er immerwährend dunkler, so zwar, dass von dem eigentlichen Sonnenplaneten durch diesen Lichtstoffkreis ebenso ungehindert in den freien Weltenraum hinausgesehen werden kann, als von irgendeinem anderen Planeten. Und es ist ebendiese Lichthülle, durch welche von keinem Planeten aus auf den eigentlichen Sonnenkörper zu schauen möglich ist, im höchsten Grad durchsichtig vom Sonnenplaneten selbst.
NS|0|4|3|0|Ihr werdet hier notwendigerweise fragen: Wie ist denn solches möglich, dass man könne durch diese allerintensivste Lichtmasse vom eigentlichen Sonnenplaneten aus ungehindert in die endlos weiten Fernen hinausschauen, während es doch die allerplatteste Unmöglichkeit ist, durch ebendiese Lichtmasse von außen her auf den inneren Sonnenplaneten selbst zu schauen?
NS|0|4|4|0|Die Ursache von dieser Erscheinung ist sehr einfach und liegt euch näher, als dass ihr es glauben möchtet. Ein ganz einfaches, euch wohlbekanntes Naturbeispiel wird euch die Sache völlig aufklären. Setzen wir den Fall, ihr stündet vor dem Fenster irgendeines Hauses, von welchem sich gerade die dahin fallenden Sonnenstrahlen auf euer Auge zurückwerfen; was seht ihr da? – Nichts als den grellen Widerschein der Sonne aus dem Fenster, welcher euch ein unbesiegbares Hindernis ist, zu entdecken, was sich da hinter dem Fenster befindet. Wird dasselbe Hindernis auch für denjenigen, der hinter dem Fenster steht, ein Hindernis sein hinauszuschauen zum Fenster und alles recht genau zu beobachten, was in der Nähe und in der Ferne sich außerhalb des Fensters befindet; vorausgesetzt, dass das Glas des Fensters vollkommen gereinigt ist? – O nein, nicht im Geringsten! Während ihr außerhalb des Fensters nichts als die weißglänzende Glasscheibe erblicken werdet, wird der innerhalb des Fensters recht bequem eure Haare zählen können.
NS|0|4|5|0|Seht, gerade so ist es auch mit der Sonne der Fall, da ihr eigentümlicher Lichtglanz nichts anderes ist als zuerst eine Aufnahme aller der Strahlen von einer Milliarde Sonnen, die sich auf dieser überweitgedehnten Sonnenluft-Spiegeloberfläche nahe unendlich jede für sich abspiegeln; gerade also, wie sich die Sonne selbst auf einem anderen Planeten zahllosfältig abspiegelt, sowohl auf den festen Landes-Gegenständen, besonders aber auf der Oberfläche der Wasserfluten und zuallermeist auf der kontinuierlichen Luftoberfläche, welche da umzieht einen Planeten.
NS|0|4|6|0|Ihr werdet hier fragen und sagen: Warum ist denn unser Planet, die Erde, wie auch manche andere Planeten, die wir sehen, nicht auch von dem starken Lichtglanz umgeben wie die Sonne, nachdem doch jeder Planet sich, so gut wie die Sonne, in der Mitte aller dieser Milliarden Sonnen befindet? Wenn es denn so wäre, da müsste der Mond ja eben mit einem so starken Licht leuchten wie die Sonne, da auch er die Strahlen von allen denselben Milliarden Sonnen aufnehmen kann?
NS|0|4|7|0|Damit ihr den Ungrund dieser Behauptung recht klar vollends einsehen mögt, so will Ich euch wieder durch ein Beispiel zurechtführen. Nehmt einmal allerlei Glaskügelchen, von denen das kleinste nicht größer sein soll als ein größtes Sandkörnchen; dann wieder eins, so groß wie ein Hanfkorn; wieder eins, so groß wie eine Erbse; und wieder eins, so groß wie eine rechte Nuss; eins wie ein mäßiger Apfel; eins wieder wie eine doppelte Faust; eins in der Größe eines Menschenkopfes; und so aufwärts bis zur Kugelgröße, die da hätte eine Klafter im Durchmesser. Alle diese Kugeln stellt ihr auf einen Platz hin, der von der Sonne beschienen wird, und prüft dann das zurückstrahlende Bild der Sonne auf jeder dieser verschieden großen Glaskugeln. Auf dem kleinsten Kügelchen werdet ihr kaum eines Schimmerpünktchens gewahr werden; auf dem zweiten werdet ihr schon ein etwas mehr leuchtendes Pünktlein erschauen und das [Pünktlein] vom dritten [wird] euch schon heftiger am Auge berühren. Das Bild der Sonne am vierten Kügelchen wird für euer Auge sogar schon einen merkbaren Durchmesser bekommen, und ihr werdet es eben nicht zu lange anschauen können. Von ferneren Kügelchen wird das Licht schon wieder greller werden und der Durchmesser des verkleinerten Sonnenbildes bei weitem merklicher. Wann ihr bei dieser Betrachtung zu der menschenkopfgroßen Kugel fortkommen werdet, da wird das Sonnenbild schon den Durchmesser einer großen Linse haben, und ihr werdet nicht mehr imstande sein, es mit freiem Auge anzusehen. Auf der letzten und größten Kugel aber wird das Bild der Sonne schon einen Durchmesser von einem Zoll bekommen, allda ihr es dann umso weniger werdet mit freiem Auge anzusehen imstande sein.
NS|0|4|8|0|Nun seht, wie es sich mit diesen Glaskügelchen verhält bezüglich der Aufnahme des Lichtes aus der Sonne, gerade also verhält es sich mit den verschiedenen Weltkörpern. Diejenigen Fixsterne oder entfernteren Sonnen, die ihr bloß als Schimmerpünktchen von eurer Erde aus erschaut, diese selben Pünktchen, besonders diejenigen darunter, welche ihr von eurer Erde aus als Fixsterne erster, zweiter und dritter Größe kennt, erscheinen den Jupiterbewohnern schon so groß, als bei euch da ist ein silbernes Zwanzigkreuzerstück und ein Zehnkreuzerstück und ein Fünfkreuzerstück. Warum denn also?
NS|0|4|9|0|Weil der Planet Jupiter schon eine um nahe viertausendmal größere Glaskugel ist als eure Erde und daher auch das Bild der fernen Sonne notwendigerweise in einem größeren Maßstab aufnehmen muss als euer viel kleinerer Erdplanet; aus welchem Grunde der Jupiter trotz seiner bei weitem größeren Entfernung von der Sonne aber dennoch ein viel stärkeres Licht hat als der bei weitem näher stehende Planet Mars, und so auch eure Erde selbst.
NS|0|4|10|0|Nehmt ihr nun an, dass die Sonne über eine Million Mal größer ist als eure Erde, so leuchtet es ja von selbst ein, dass dadurch alle noch so fern stehenden Sonnen dieses Sonnenalls auf dieser Sonne weiten Luftoberfläche ein bedeutendes Lichtbild hervorrufen müssen, so zwar, dass da selbst die Sonnen fern stehender Sonnengebiete, die auf eurer Erde selbst dem scharf bewaffneten Auge als ein Nebelfleck erscheinen, einen Durchmesser von ein, zwei bis drei Zoll erlangen und so stark leuchten, dass ihr ein solches Bild vermöge des starken Glanzes nicht eine Sekunde lang mit freiem Auge anzuschauen vermöchtet.
NS|0|4|11|0|Nun denkt euch erst die Abbilder näherstehender Sonnen, welche nicht selten einen Durchmesser von hundert bis tausend Quadratmeilen einnehmen; vervielfacht diese zahllosen Sonnenlichtbilder auf der weiten Sonnenluft-Kugeloberfläche, so werdet ihr dadurch zu einer solchen Lichtintensität gelangen, vor welcher euer ganzes Gemüt erschauern wird.
NS|0|4|12|0|Seht, das ist der eigentliche Grund des euch tagtäglich euren Planeten erleuchtenden Sonnenlichtes. Diese Erklärung aber wird euch das Frühere doch notwendigerweise erhellen, und ihr werdet leicht einsehen, wie die Bewohner des Sonnenplaneten gar wohl durch die scheinbare Lichthülle der Sonne recht wohl durchschauen können, während das Hineinschauen für jedes fleischliche Auge eine allerbarste Unmöglichkeit ist.
NS|0|4|13|0|Solches wüssten wir demnach. Dessen ungeachtet aber sehe Ich doch eine ganz versteckte Frage in euch, und diese lautet also: Diese aufgestellte Sonnenlichtglanz-Theorie scheint für sich ganz vollkommen richtig zu sein, dass nämlich dadurch die Sonnen in ihrer Gesamtheit sich also erleuchten. Aber wenn jede Sonne also leuchtet, so fragt es sich, woher denn eigentlich dann alle zusammengenommen das Licht hernehmen, wenn jede ihr Licht nur durch die Aufnahme der Strahlen von anderen Sonnen bekommt, welches mit anderen Worten eben so viel sagen will, dass da keine Sonne für sich selbst ein Licht hat, sondern nur mit dem Widerschein des Lichtes anderer Sonnen prangt. Woher haben dann diese anderen Sonnen ihr Licht? Denn wenn die vorbenannte Lichttheorie vollkommen richtig ist, so ist jede Sonne an und für sich vollkommen finster. Woher dann das Gegenstrahlen?
NS|0|4|14|0|Seht, das ist eine ganz gute Frage. Da aber die Beantwortung dieser Frage für euer Verständnis etwas umständlicher sein muss, so soll diese erst in der nächsten Mitteilung erfolgen. Und somit gut für heute.
NS|0|5|1|1|Die selbstleuchtende Zentralsonne und das Licht der Untersonnen
NS|0|5|1|1|(Am 12. August 1842 von 2 3/4 bis 4 Uhr nachmittags.)
NS|0|5|1|0|Auf welche Art alle die Sonnen zusammengenommen und wieder jede einzeln für sich so leuchtend werden, dass sodann das Licht einer Sonne sich auf der Luftoberfläche einer anderen Sonne abspiegelt, soll euch ebenfalls durch ein leicht fassliches Beispiel kundgegeben werden. Nehmt an ein Zimmer, dessen Wände da wären aus lauter hell poliertem Spiegelglas, welches sonach einen vollkommen reinen Spiegel abgibt. Denkt euch aber noch dazu den Raum dieses Zimmers inwendig als vollkommen rund, so zwar, als so da wäre das Zimmer eine große, hohle Kugel. Nun behängt dieses Zimmer oder vielmehr diese hohle Spiegelkugel mit allerlei großen und kleinen spiegelblank polierten Glas- oder Metallkugeln. In die genaue Mitte dieses hohlen Raumes aber bringt einen Luster an, der da hätte ein starkes Licht. Wenn solches alles dargetan ist, dann seht all die kleinen polierten Kugeln an, welche in diesem hohlen Raum hängen, wie sie samt und sämtlich von allen Seiten also beleuchtet sind, als wären sie selbstleuchtende Körper. Woher rührt denn das?
NS|0|5|2|0|Solches ist ja gar leicht einzusehen. Die Wände, welche da sind spiegelblank, werfen von allen Seiten das Licht, welches vom Luster ausgeht, nicht etwa geschwächt, sondern angesammelt und somit potenziert gegen den Luster wieder zurück. Auf diese Weise sind alle die in dem hohlen Raum aufgehängten Kugeln ja von allen Seiten vielfach erleuchtet; erstens vom wirklich selbständigen Licht des Lusters, sodann vom zurückgeworfenen Licht von den Spiegelwänden, welche zusammengenommen einen kontinuierlichen Hohlspiegel bilden, der seine Brennweite genau im Zentrum seines eigenen Raumes hat; und endlich werden diese freihängenden Kugeln durch ihr gegenseitiges Widerstrahlen und durch das Widerstrahlen ihres aufgenommenen Lichtes, welches ebenfalls von den Spiegelwänden aufgenommen und wieder zurückgeworfen wird, und endlich noch durch das allgemeine Gegenstrahlen des Lichtes von den Wänden des Spiegels zu den entgegengesetzten [Spiegelwänden] erleuchtet.
NS|0|5|3|0|Nun seht, dieses Bild ist mehr als genügend zur Beantwortung der vorliegenden Frage; denn wie sich die Sache des Leuchtens verhält in unserer hohlen Kugel, also verhält sich die Sache auch in der großen Wirklichkeit. Denkt euch statt der großen Spiegelkugel die euch bekannte Hülsenglobe, welche da besteht in ihrer, wenn schon für eure Begriffe unendlichen Umfassung aus einer Art ätherischen Wassermasse. Und denkt euch dann in der Mitte der Hülsenglobe die für eure Begriffe wirklich endlos große Zentralsonne, welche auf allen ihren endlos weiten Flächen ist von den immerwährend allerintensivst leuchtenden Feuerflammen umgeben, welche da herrühren von den Geistern, die entweder allhier ihre Reinigung ausgehend beginnen, oder welche dieselbe rückkehrend vollenden, so habt ihr dann auch schon alles, was da zur vollkommenen Beantwortung der gegebenen Frage nötig ist. Das Licht dieser großen Zentralsonne dringt bis zu den vorbenannten Wänden der Hülsenglobe, von da wird es wieder zurückgeworfen durch freilich für eure Begriffe nahe endlos weite Räume und Sonnengebiete. Aber was euch noch so weit und groß dünkt, ist vor Meinen Augen kaum mehr, als wenn ihr ein Sandkörnchen in eure Hand nehmen würdet, um damit zu spielen.
NS|0|5|4|0|Da die Fähigkeit aller Sonnen dargetan wurde, wie sie zufolge ihrer weiten Luftoberfläche gar wohl imstande sind, das diese Oberfläche berührende Lichtbild einer anderen Sonne aufzunehmen und es dann wieder von sich zu geben also, wie da ein Spiegel das Licht aufnimmt und es wieder zurückgibt, so werdet ihr nun das starke Leuchten der Sonne umso mehr begreifen, so ihr wisst, dass sich in einer solchen Hülsenglobe ein allgemeiner, für eure Begriffe endlos großer, selbstleuchtender Sonnenluster befindet, dessen Licht hinaus bis zu den Wänden der Hülsenglobe dringt und somit auf diesem Wege schon eine jede Sonne zur Hälfte erleuchtet; wann es aber von den äußeren Wänden zurückgeworfen wird, auch sodann die entgegengesetzte Seite vollkommen gleich erhellt; und wenn dann auf diese Weise alle Sonnen einer Hülsenglobe gehörig erleuchtet sind, sie sich dann auch noch zahllosfältig gegenseitig beleuchten.
NS|0|5|5|0|Wenn ihr ein wenig nur geordnet zu denken vermögt, so kann euch nun unmöglich mehr undeutlich sein, woher denn eine oder die andere Sonne ihr starkes Licht nimmt.
NS|0|5|6|0|Da wir aber solches wissen, so wird euch dadurch das Leuchten einer jeden Sonne noch gründlicher ersichtlich, wo Ich euch sage, dass dessen ungeachtet dennoch auch jede Sonne für sich aus dem Bereich der ihr innewohnenden Geister ihr Licht hat. Jedoch ist dieses Licht bei weitem nicht von der intensiven Art, wie ihr da die Sonne erblickt; sondern dieses Eigenlicht ist vielmehr nur eine stets rege Befähigung der Luftoberfläche des Sonnenkörpers, damit diese desto vollkommener das aus der Zentralsonne und aus den Wänden der Hülsenglobe ausgehende Licht und die Ausstrahlungen von anderen Sonnen desto lebendiger und vollkommener in sich aufnehmen und sodann wieder von sich geben kann. Aus diesem Grunde bestehen denn auch auf jedem Sonnenkörper eine Menge sogenannter Vulkane, besonders in der Gegend ihres Äquators. Was jedoch mit diesen Vulkanen, die sich nicht selten dem bewaffneten Auge als schwarze Flecken kundgeben, es für eine Bewandtnis hat, und wie durch sie die Sonnenluftatmosphäre zur Aufnahme des Lichtes stets fähig erhalten wird, soll euch in der nächsten Mitteilung kundgetan werden.
NS|0|6|1|1|Hülsenglobe und Zentralsonne. Die Notwendigkeit von Hülse oder Haut
NS|0|6|1|1|(Am 13. August 1842 von 3 bis 5 3/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|6|1|0|Nachdem wir nun haben kennengelernt, woher die Sonnen ihr Licht bekommen und wie sie dann dasselbe wieder weiterspenden, da dürfte denn so mancher Grübler darauf kommen und sagen: Ich habe meinesteils gegen diese Lichthypothese der Sonne gerade nichts. Sie ist annehmbar und lässt sich hören; aber es muss nur gezeigt werden, woher denn die besagte Hauptzentralsonne ihr eigentümliches Flammenlicht hat. Was ist überhaupt das Leuchten dieser angeblichen Flammen? Wodurch werden diese Flammen bewirkt? Was ist denn da der ewige Brennstoff, der von so intensiv heftig leuchtenden Flammen nimmerdar aufgezehrt werden kann?
NS|0|6|2|0|Seht, das sind so recht tüchtige Fragen. Aber es steckt eine noch tüchtigere im Hintergrund, und diese wäre folgende, wo da jemand sagen könnte: Obschon die ganze Sache einen sehr wahrscheinlichen Stich hat, so bleibt es aber dessen ungeachtet äußerst problematisch, ob da wirklich eine solche Hülsenglobe anzunehmen ist und ob in derselben wirklich eine solche ungeheure Zentralsonne brennt. Wenn fürs Erste solches erwiesen werden kann, so wollen wir Naturkundige und Astronomen die Sache wohl annehmen; aber solange ein solcher Beweis nicht hergestellt werden kann, können wir diese ganze Erleuchtungshypothese als nichts anderes betrachten als einen recht wohlgelungenen und artigen Sukzess dichterischer Phantasie.
NS|0|6|3|0|Seht, da habt ihr bei dieser Gelegenheit so nahe ganz buchstäblich die Einwendungen, welche uns auf dem natürlichen Weg begegnen können. Damit aber eben solche kritische Grübler nicht erst an den Verfasser sich allenfalls wenden möchten, um sich bei ihm ihre verlangten Beweise zu erbitten, sondern dass sie eben dasselbe, was sie hierin zu beanstanden glaubten, auch schon hier als erwiesen dargetan finden sollen, so wollen wir allem dem alsogleich auf eine sehr sinnige Weise entgegentreten.
NS|0|6|4|0|Was die Hülsenglobe betrifft, so hat diese zahllose Entsprechungen in jedem kleinsten Geschöpf, wie in einem Planeten, in einer Sonne und kurz in allem, was ihr nur immer ansehen wollt. Wo ist ein Ding, dessen unendlich viele Teile, aus denen es besteht, von außen herum nicht von irgendeiner Schale, Rinde oder Haut umgeben wären?
NS|0|6|5|0|Betrachtet das Auge eines Menschen oder eines Tieres! Es entspricht vollkommen einer Hülsenglobe, da ebenfalls in dessen Mitte die Kristallpupille sich befindet, die fürs Erste besonders bei vielen Tieren ein eigenes Licht hat und das Licht von anderen Gegenständen ebenso aufnimmt wie nahe eine Sonne, welcher Art sie auch immer sein möchte, indem sie sich befindet innerhalb der Hülse. Betrachtet dann von innen die Wände des Auges, wie sie alsogleich alle Strahlen, die sie durch die Kristalllinse von außen her aufgenommen haben, mit dem eigenen Licht ebendieser Kristalllinse unterstützt, alsogleich wieder in jede denkbare Ferne hinauswerfen. Denn solches müsst ihr wissen, dass ihr nicht die Gegenstände selbst seht, sondern deren entsprechende Abbilder nur dadurch, dass diese von der rückwärtigen schwarzen Spiegelhaut durch die Kristalllinse aufgenommen und alsogleich nach der Aufnahme wieder vollkommen erleuchtet außer euch geworfen werden; allda ihr dann erst die Gegenstände an der Stelle erblickt, wo sich die Gegenstände an und für sich außer euch in der Natürlichkeit befinden. Denn möchtet ihr die Gegenstände selbst schauen, so könntet ihr dieselben nicht anders als in ihrer wirklich natürlichen Größe erblicken, wo ihr dann freilich an der Stelle, da ihr jetzt eine Staubmilbe seht, sodann einen Elefanten, das heißt ein elefantengroßes Tier erschauen würdet und mit dem geistigen Auge sogar ein planetengroßes Wesen.
NS|0|6|6|0|Dass ihr aber alle die Dinge eben durch die hülsenglobenartige Beschaffenheit des Auges nur im höchst verkleinerten Maßstab erblickt, beweist ja schon das auf das Allergenügendste, dass sich alle die Gegenstände, und mögen sie noch so klein sein, unter den Gläsern eines Mikroskops ins Außerordentliche vergrößern lassen, welche Vergrößerung an und für sich nichts anderes ist als eine progressive Annäherung des geschauten Gegenstandes oder vielmehr dessen Lichtbildes zur wirklichen Größe des Gegenstandes selbst.
NS|0|6|7|0|Wenn es nicht also wäre, so würden sich auf einem solchen vergrößerten Gegenstand auch unmöglich mehrere, ja oft zahllose, vollkommen regelmäßig ausgebildete Teile desselben überraschend entdecken lassen, welche das Auge, wie es ist, nimmerdar entdecken kann. Fragt euch aber selbst, ob solche Entdeckung (Wie könnten z. B. ganze Heere der Infusions- und anderer Tierchen in einem kaum einen Stecknadelkopf großen Wassertröpfchen entdeckt werden, wenn sie nicht da wären?) nicht dartut, dass das freie Auge die Gegenstände unmöglich selbst anschaut, sondern nur ihre äußerst verkleinerten Abbilder auf die vorbesagte Art?
NS|0|6|8|0|Wer da nur ein wenig wahrhaft geweckteren Geistes ist, der muss ja hier nahe auf den ersten Blick zwischen dem Auge, einem Planeten, einer Sonne und sonach auch einer Hülsenglobe die Ähnlichkeit entdecken.
NS|0|6|9|0|Also ist auch der ganze Mensch entsprechend ähnlich allem dem. Was ist sein Herz in naturmäßiger Hinsicht? Ist es nicht eine Zentralsonne des ganzen Leibes? Und alle die zahllosen Nerven und Fasern – Nebensonnen usw.? Die äußere Haut als die Hülse aber umspannt den ganzen lebendigen Organismus. Könnte aber ein Mensch bestehen ohne diese äußere Umfassung, welche da ist eine gute und wohltaugliche Schutzwehr für den ganzen lebensfähigen inneren Organismus des Leibes eines Menschen wie auch jeden Tieres? Also hätten wir wieder ein entsprechendes Bild einer Hülsenglobe.
NS|0|6|10|0|Betrachtet ferner das Ei eines Vogels. Was ist es? Ein Abbild in weitester Bedeutung einer ganzen Hülsenglobe, einer Zentralsonne für sich, wie einer Nebensonne, eines Planeten, und so auch eines jeden anderen für sich bestehenden ganzen Gegenstandes. Desgleichen könnt ihr selbst einen Planeten betrachten, und wenn ihr nur ein wenig nachdenken wollt, so werdet ihr doch sogleich finden müssen, dass ohne eine äußere Umfassung am Ende der ganze Planet gar nicht existierbar zu denken ist. Denn rechnet nur ein Äußeres um das andere hinweg, so werdet ihr dadurch doch am Ende genötigt sein, den letzten Punkt eines Planeten hinwegzuschaffen, indem auch dieser selbst, solange er da ist, zu seiner Existenz eine äußere Umfassung haben muss, durch welche noch seine Teile eingeschlossen zusammengehalten werben.
NS|0|6|11|0|Kurz und gut, überall, wo sich irgendein Leben äußert, muss zu ebendieser Lebensäußerung ein tauglicher Organismus vorhanden sein, dessen Teile also gestellt sind, dass da in höchster Ordnung eines in das andere greift, und also auch ein organischer Teil den anderen treibt, zieht und erweckt; also wie bei einer Uhr, da ein Rad in das andere Rad greift, es zieht, treibt und erweckt.
NS|0|6|12|0|Würden die Räder einer Uhr wohl auch an und für sich das bewirken, was sie eben bewirken, wenn ihre Spindeln fürs Erste nicht eine feste Ober- und Unterlage hätten, gleichsam eine Umfassung, innerhalb welcher sie zur Bewegung geordnet gestellt oder gesteckt werden? Wenn aber dieses alles schon da ist, was geht dann noch ab, damit sich die Räder ordentlich bewegen? Eine Zentralsonne geht da noch ab, und diese ist in der Uhr die Feder. Also könnte die Uhr nicht bestehen, wenn fürs Erste alle die Räder keine Umfassung und dann keine innere Triebkraft hätten.
NS|0|6|13|0|Also verhält es sich auch mit dem Organismus der unbedeutendsten Pflanze, die da fürs Erste eine äußere Umfassung haben muss, innerhalb welcher erst ein tauglicher Organismus gestellt werden kann, und zwar wieder wirksam aus dem Zentrum der Pflanze, wo da die belebende Kraft, wie das Licht der Zentralsonne, durch den ganzen Organismus belebend durchwirkt bis zur äußeren Umfassung, allda sich diese nach außen wirkende Kraft wieder selbst gefangen nimmt und gegen das Zentrum zurückkehrt. Könnte dieses wohl bewirkt werden ohne die äußere Umfassung? Sicher nicht. Denn ohne ein Gefäß lässt sich auch nicht ein Tropfen Wasser ins Haus bringen, geschweige erst ein organisches Leben erhalten.
NS|0|6|14|0|Also muss auch der Organismus eines Tieres wie eines Menschen mit einer äußeren Hülse umfasst sein, innerhalb welcher erst dann der Organismus geordnet und vom Zentralpunkt aus dann auch belebt werden kann.
NS|0|6|15|0|Dasselbe ist der Fall mit einem Planeten, ohne welche Einrichtung fürs Erste kein Planet denkbar wäre, noch weniger aber also beeigenschaftet, dass er fähig wäre, einem vielfach gestalteten Leben den Unterhalt zu verschaffen. Noch mehr wäre dies der Fall bei einer Sonne, welche schon ein Zentralpunkt eines ganzen Planetarorganismus ist und daher ebenso eine mehrfache Umfassung haben muss wie das Herz selbst im Menschenleib, weil ihr Organismus für die größere Wirkung viel mannigfaltiger und vollkommener sein muss als der eines anderen Planeten. Und so hat denn auch sogar jedes Planetensystem, mit seiner Sonne in der Mitte, eine eigene ätherische Umfassung, innerhalb welcher sich das ganze Planetensystem bewegt, lebt, und sich gegenseitig zieht, treibt und erweckt.
NS|0|6|16|0|Noch mehr ist dieses der Fall bei einer nächsten Zentralsonne, um welche sich schon manchmal mehrere Millionen kleinerer Sonnen mit ihren Planeten bewegen und daher schon einen viel großartigeren und mannigfaltiger wirkenden Organismus darstellen, als der da ist einer kleineren Sonne mit ihren Planeten. Seht, auch alle diese Millionen Sonnen haben für sich eine ätherische Umfassung, aus welchem Grunde solche fern abstehende Sonnengebiete auch als ziemlich scharf abgegrenzte Nebelflecke zu erschauen sind, welches wohl nicht möglich wäre, wenn ein solches Sonnengebiet gewisserart nicht mit einer ätherischen Haut umgeben wäre; was ebendem zu vergleichen ist, wie da auch im menschlichen oder tierischen Leib ein jeder einzelne Nerv mit einem eigenen Häutchen umgeben ist, ohne welches er weder bestehen noch lebendig wirken könnte.
NS|0|6|17|0|Ihr wisst, dass solche einzelne Sonnengebiete wieder einen Zentralkörper haben, um welchen sie sich bewegen und lebendig wirken durch die Kraft dieses Zentralkörpers. Also haben auch wieder im weiteren Sinne solche Sonnengebiete selbst eine weitere äußere Hülse oder abgeschlossene ätherische Haut. Einen solchen Sonnengebietleib, das heißt, wo mehrere, ja sehr viele solche Sonnengebiete um einen noch größeren Zentralkörper ein gewisses Sonnen-All ausmachen, umgibt abermals eine noch größere ätherische Haut. Und endlich solche großen Sonnenleiber drehen sich in solch großer Anzahl um einen gemeinsamen größten Zentralpunkt, nämlich um die wirklich selbstleuchtende Zentralsonne, und sind samt und sämtlich unter einer allgemeinen, überaus weitgedehnten Umfassung oder Haut lebendig wirkend rege. Und das ist ebendann eine Hülsenglobe oder ein vollkommener, für sich bestehender Sonnenleib.
NS|0|6|18|0|Was würde mit diesem Leib wohl geschehen, wenn man ihm diese allernotwendigste, äußere, ätherische Wasserhaut wegnehmen möchte? Es würde mit ihm nichts anderes geschehen und somit auch am Ende mit jedem einzelnen Teil dieses großen Sonnenleibes, als was da geschehen möchte fürs Erste mit einem Auge, wenn man ihm die äußere Hornhaut wegnähme, oder einem Ei die Schale, einer Pflanze alle äußere Rinde, einem tierischen Leib die Haut, oder endlich einem Planeten die äußere Kruste. Dasselbe auch, wie gesagt, würde mit einem ganzen Sonnenleib der Fall sein, dass er dadurch zum Teil zerrinnen, zum Teil verdorren, und zum Teil sich ins Unendliche zerstreuen und am Ende ganz verlöschen und vergehen möchte. Also hätten wir nun den Beweis geführt, dass da eine solche Hülsenglobe als ein vollkommener Sonnenleib notwendig da sein und somit auch haben muss eine innere Triebfeder, ein Herz oder eine allgemeine Zentralsonne. Und unsere krittelnden Naturforscher sollen nun noch einen Versuch machen, ob sie diese Theorie auch als eine Hypothese gelungen poetischer Art darzustellen vermögen.
NS|0|6|19|0|Somit bleibt uns nur noch das Leuchten und flammende Brennen der Zentralsonne zu beweisen übrig. Haben wir das, so können wir uns dann ganz ruhig und wohlgemut auf den Gefilden und um die Vulkane unserer Sonne herum lagern und allda ruhig beschauen alle die Herrlichkeiten und Wunder derselben.
NS|0|7|1|1|Das Eigenlicht der Sonnen und Planeten
NS|0|7|1|1|(Am 16. August 1842 von 3 1/2 bis 5 1/2 Uhr nachmittags.)
NS|0|7|1|0|Was da der Grund des Leuchtens einer Flamme ist, ist zwar schon in der Mitteilung über Die Fliege kundgegeben worden. Dessen ungeachtet aber mag doch hier noch zur größeren Deutlichkeit des Verständnisses dieser Erscheinung folgender Nachtrag dienen.
NS|0|7|2|0|Ihr wisst, dass das Geistige, als absolut betrachtet, nicht bestehen kann ohne irgendeine äußere Umfassung oder irgendein Organ, durch welches es sich erst dann zu äußern imstande ist. Was aber diese äußere Umfassung betrifft, so ist diese wieder an und für sich nichts anderes als Mein Liebewille, welcher das Geistige umgibt und durch dessen Erbarmung auch dasselbe innerlich richtet und es dadurch setzt in irgendeine Ordnung, damit es dann da sei zur Verrichtung irgendeines Teiles Meines großen Willens und somit auch zur Erreichung irgendeines Zweckes, welcher da entspricht der Absicht Meiner ewigen Ordnung. Seht, so verhält sich die Sache.
NS|0|7|3|0|Was geschieht denn, wenn irgendeine Kraft, die da verborgen ist unter der Hülse Meines Liebewillens, wenn sie auch noch so geringfügig ist, durch was immer für Umstände oder Wirkungen angeregt, gerüttelt oder gestoßen wird? Sie wird dadurch aus ihrer Ordnung, oder was so viel besagen will, aus ihrem Gleichgewicht gebracht, fühlt sich dadurch beengt und beeinträchtigt, und sucht sich dann entweder ihre erträgliche frühere Lage wiederherzustellen oder, wenn sie zu sehr erregt worden ist, auch sobald ihr ganzes Organ zu zerreißen und dadurch in den absoluten Zustand überzugehen.
NS|0|7|4|0|Nun denkt euch, wenn der Durchmesser dieser Hauptzentralsonne schon eine so lange Linie bildet, dass, um dieselbe zu überwandern, selbst das Licht bei mehr als einer Trillion Jahre zu tun hätte, so wird das ganze Volumen eines solchen Körpers doch sicher etwas sehr Bedeutendes in Hinsicht der naturmäßigen Größe ausmachen müssen. Wenn aber dieser Körper für eure Begriffe schon so endlos kolossal ist, wird da nicht auch dieses große Volumen der Materie gegen den Mittelpunkt zu von allen möglichen Außenpunkten einen für euch unbegreiflich schweren Druck ausüben?
NS|0|7|5|0|Ja, solches ganz sicher; denn denkt nur einmal auf eurem nichtigen Weltkörper die Schwere eines einzelnen Berges; und denkt euch dann erst eure ganze Sonne, die fürs Erste um eine ganze Million Mal größer ist als eure Erde, und somit auch eine Million Mal größere Anziehungskraft in sich birgt, als die da ist eurer Erde zu eigen. Denn wäre solches nicht der Fall, so vermöchte sie wohl nicht noch ganze Weltkörper, die manchmal sogar viele tausend Millionen Meilen von ihr entfernt sind, so anzuziehen, dass sie sich nicht entfernen können aus ihrem Gebiet. Wie aber da ist auf einem die Anziehung, so ist auch die Schwere im Verhältnis mit solch einer potenzierten Anziehungskraft solch eines großen Weltkörpers.
NS|0|7|6|0|Nehmt ihr aber nun an, dass alle Sonnen, Zentralsonnen, Planeten und Kometen zusammengenommen kaum den millionsten Teil einer solchen Hauptzentralsonne ausmachen möchten, wie groß und wie mächtig muss da auch ihre Anziehungskraft sein und wie mächtig stark der Druck gegen ihr Zentrum?!
NS|0|7|7|0|Woraus besteht denn die Materie? Ihr wisst, dass die Materie nichts ist als eine Gefangenschaft des Geistigen oder der Geister. Wenn aber schon auf dem Erdkörper durch das Zusammenschlagen zweier Steine oft mehrere hart gefangene geistige Potenzen zum Ausbruch kommen und, wo irgend im Innern der Erde der Druck von außen her zu mächtig wird, sich dann auch entweder alsobald oder wenigstens nach nicht gar langer Zeit so heftige Explosionen erheben, dass durch deren feuriges Wirken oft ganze, große Berge und weitausgedehnte Ländereien zerrüttet und zerstört werden; und wenn ihr auf den Grund zurückgehen wollt, so werdet ihr kaum mehr als einen einige Kubikklafter großen Raum finden, in welchem die in der Materie geschlossenen geistigen Potenzen zu sehr gedrückt nicht ihre Schranken zerrissen und sich einen Ausweg gesucht haben, und haben dann auf diesem Weg eine Menge solcher Geister mit zum Ausbruch genötigt. Wenn alsdann solches mit der Erde und auf und in der Erde der Fall ist, was hier gleich schon früher hinein zur vergleichenden Erklärung bedingend angezeigt wurde, so übertragt nun dieses Miniaturverhältnis eures Planeten auf die Zentralsonne. Allda erst werdet ihr erschauen, welche Bedrückungen deren gefangene Geister beständig zu ertragen haben, und das zwar aus dem erbarmenden Grund, dass sie als mächtige Gefangene auch wieder durch den mächtigen Druck möchten fortwährend wieder zum Leben erweckt werden.
NS|0|7|8|0|Aus diesem Grunde ist dann auch diese Zentralsonne überfüllt von den größten sogenannten Vulkanen oder Feuerspeiern, von denen der kleinste einen solchen Durchmesser hat, dass in seinem Krater mehr denn dreißigtausend Millionen eurer Sonne Platz hätten; des größeren und größten Kraters dieser Zentralsonne gar nicht zu gedenken!
NS|0|7|9|0|Nun, ihr wisst, dass das Leuchten durch die Zuckungen oder Vibrationen der geistigen Kraft innerhalb der Hülse, in welcher sie geschlossen ist, bewirkt wird. Je heftiger irgendein solcher innerhalb der bekannten Hülse gefangener Geist angeregt wird durch einen äußeren Druck, Stoß oder Schlag, in desto heftigere Vibrationen geht er auch über, und desto greller und intensiver wird auch die Erscheinlichkeit dieser Vibrationen, welche da ist das Leuchten einer Flamme oder eines Funkens. Wo aber können solche geistige Potenzen heftiger gedrückt, gestoßen und geschlagen werden, denn eben auf dieser Zentralsonne?
NS|0|7|10|0|Solchem Verhältnis zufolge leuchtet dort ein Funke so intensiv stark, dass denselben kein menschliches Auge nur auf einen Augenblick lang ertragen könnte. Ja, Ich sage euch: Wenn da ein Funke in der Größe eines Heidekorns sich bei euch auf der Erde tausend Meilen hoch in der Luft mit derselben Lichtheftigkeit entwickeln würde, wie er sich entwickelt auf ebendieser Hauptzentralsonne, so würde durch die Heftigkeit seiner Ausstrahlung die ganze Erde in einem Augenblick wie ein Wassertropfen auf dem glühendsten Eisen verflüchtigt sein.
NS|0|7|11|0|Nun denkt euch die ganze ungeheure Hauptzentralsonne mit solchen allerintensivsten Lichtflammen überzogen und urteilt nach dem, wie weit wohl ihre Strahlen, als der Ausflug freigewordener Geister, reichen möchten! Da werdet ihr wohl so ziemlich ins Klare kommen, wie gestaltet eine solche Sonne gar wohl ein allgemeiner Luster in dem großen Sonnenwelten-Gemache einer Hülsenglobe sein kann. Wenn ihr nun solches begriffen habt, so werdet ihr auch auf dieselbe Weise gar leicht begreifen, auf welche Weise dann auch jede kleine Planetarsonne, wie auch jeder Planet, für sich ein eigenes Licht entwickeln kann, allda sich dann die Intensität dessen eigentümlichen Lichtes allzeit nach der Größe seines Volumens und somit auch seiner Schwerkraft richtet.
NS|0|7|12|0|Auf einem Erdkörper zum Beispiel könnt ihr gar leicht die Flamme einer Kerze betrachten. Warum denn? Weil durch ihr Verbrennen die in ihrem Docht und ihrer fetten Materie gebundenen Geister nur auf eine geringere Weise angeregt werden und durch einen geringen Grad der Vibrationen ihre sie umgebenden Hülsen gar leicht zerstören und sodann in ein freieres Walten übergehen. In eine Schmiede-Esse könnt ihr nicht mehr so leicht schauen, weil die in der Kohle noch zurückgebliebenen Geister schon einer heftigeren Anregung bedürfen, um sich loszumachen durch heftigere Vibrationen aus ihren Kerkern. Noch schwerer werdet ihr das Licht derjenigen Flammen ertragen, welche da einem feuerspeienden Berg entlodern und entspringen; weil sie einer viel mächtigeren Anregung, welche die Geister in dem Innern der Erde überkommen, ihre Entstehung verdanken.
NS|0|7|13|0|Übertragt solches auf die Sonne, wo jedes Verhältnis ums Millionenfache gesteigert wird, so werdet ihr gar bald und gar leicht finden, in welchem Grad auch jede Sonne ihr eigenes Licht durch ihre Vulkane zu entwickeln imstande ist. Dieses eigene Licht einer Sonne aber wäre dennoch viel zu gering, um fernstehende Planeten vollkommen zu erleuchten und zu erwärmen. Dessen ungeachtet aber dient dieses eigene Licht der Sonne doch ganz vorzüglich dazu, dass dadurch die Oberfläche der Sonnenluft im stets allergereinigtsten und, wie ihr zu sagen pflegt, spiegelblanksten Zustand erhalten wird, um dadurch stets vollkommen fähig zu sein, das Licht der Hauptzentralsonne und somit auch das aller, durch ebendiese Sonne erleuchteten Sonnen aufzunehmen.
NS|0|7|14|0|Und somit hätten wir auch die Hauptschwierigkeit besiegt und die vorhin aufgestellten Fragen beantwortet. Und wir können uns denn auch, wie schon vorhin bemerkt, ganz ruhig auf unserer Sonne herumbewegen und ihre Wunderherrlichkeiten anzustaunen anfangen.
NS|0|7|15|0|Macht euch aber ja gefasst, denn wahrlich, ihr werdet da durchaus an keine sogenannten Kinderspielereien kommen. Denn alles, was sich euch auf diesem vollkommenen Planeten zur Beschauung darstellen wird, wird ausgezeichnet sein an Größe, Erhabenheit und tiefem Ernst. Jedoch nicht mehr heute, sondern nächstens weiter davon!
NS|0|8|1|1|Ursache und Wesen der Sonnenflecken
NS|0|8|1|1|(Am 17. August 1842 von 3 1/4 bis 6 3/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|8|1|0|Ihr werdet schon öfter beobachtet haben, dass die Sonne zumeist auf ihrem Äquator manchmal einen oder mehrere, teils größere, teils kleinere Flecken hat, um welche sich dem bewaffneten Auge eine wallartige Verbrämung zeigt, hinter welcher sich dann nach allen Seiten Lichtwellen, die da von manchen Astronomen „Fackeln“ genannt werden, ausbreiten. Unter gar vielen Weltgelehrten ist oft schon die Frage aufgeworfen worden, was da diese Flecken doch sein möchten? Diese Frage hat auch schon ebenso viele hypothetische Antworten bekommen, aber noch nie eine vollends bestimmte darunter.
NS|0|8|2|0|Ihr aber sollt diesmal eine ganz bestimmte Antwort bekommen. Wie werden wir aber das anstellen, dass ihr eben über diese Erscheinung eine bestimmte Antwort bekommt? Ihr sagt freilich in euch: Auf die leichteste Weise, denn Ich darf es euch ja nur sagen, wie es ist, und ihr werdet Mir vollends glauben. Solches ist wohl wahr; aber was Ich hier sage, möchte einmal doch auch unter die Augen der Weltgelehrtheit gelangen. Wird es diese auch also unbedingt glauben, was Ich euch da sagen möchte in dieser Hinsicht? – O nein, diese Art hat keinen Glauben. Sie glaubt nicht einmal so ganz unbedingt oder vom Herzen weg, dass Ich es bin, oder dass es überhaupt gebe einen Gott, wie Ihn die Offenbarung zeigt, sondern höchstens also, wie Ihn ihre hochweise Vernunft erfindet. Daher also auch, wie gesagt, sie [die Weltgelehrten] einer bloßen Erzählung nicht glauben, sondern alles als das Produkt einer dichterischen Phantasterei erklären würden.
NS|0|8|3|0|Darum auch müssen wir uns auf ganz andere Füße stellen und solchen Füchsen ein ganz kurioses Schlageisen aufrichten, welches nicht nur allenfalls einen Fuß eines solchen Fuchses klemmen möchte, sondern welches solch ein gescheites Wesen sogleich am ganzen Leib packt. Wie aber werden wir solches anfangen? Nur eine kleine Geduld; es soll gleich da sein!
NS|0|8|4|0|Wenn ihr eine Kugel gerade durch den Mittelpunkt durchbohren würdet und diese Kugel sodann stecken auf eine Spindel und möchtet sie dann tauchen ins Wasser und sie im Wasser in eine Rotation setzen, nämlich um diese Spindel herum, und möchtet sie alsdann also rotierend aus dem Wasser heben, was meint ihr wohl, auf welchem Teil der Oberfläche diese Kugel die meisten Wassertropfen von sich schleudern wird? Ihr werdet Mir antworten und sagen: Auf demjenigen Teil der Oberfläche, der von der Spindel am weitesten absteht und daher auch durch die Rotation um die Spindel die meiste Wurfkraft entwickelt.
NS|0|8|5|0|Wieder nehmt ihr eine Glaskugel, welche auf beiden Seiten eine Öffnung hat, so dass man durch die ganze Glaskugel ebenfalls eine Spindel stecken kann; bringt sie in eine horizontale Lage, gebt ein wenig Wasser in die Kugel und dreht sie sodann; wo wird sich bei der Umdrehung das Wasser wohl hinbegeben? Sicher wieder dahin, wo es von der Spindel am weitesten ist.
NS|0|8|6|0|Wir haben an diesen zwei Beispielen genug, um unsere Sache so augenscheinlich als möglich zu machen. Die Sonne ist ebenfalls eine Kugel, wie ihr wisst, und zwar eine Kugel, die da bei zweimal hunderttausend Meilen im Durchmesser hat. Diese Kugel dreht sich ungefähr binnen neunundzwanzig Tagen um ihre Achse. Bedenkt, wie schnell da am Äquator der Sonne die Bewegung sein muss, wenn da ein Punkt in dem vorbenannten Zeitraum von 29 Tagen eine Reise von über 600.000 deutschen Meilen machen muss, welches ungefähr die siebenfache Entfernung des Mondes von der Erde ausmacht, und auf welche Strecke ein Schnellreiter, so er Tag und Nacht fortreiten möchte, über siebzig Jahre vonnöten haben würde.
NS|0|8|7|0|Vergleicht jetzt die Schnelligkeit der Bewegung eines Punktes am Äquator der Sonne, und ihr werdet euch groß verwundern, wenn ihr daraus erseht, wie viele deutsche Meilen er in einer Minute zurücklegt. Wenn ihr aber nun die große Schnelligkeit solcher Bewegung seht, so müsst ihr ja auch notwendigerweise die große Wurfkraft, welche da eben am Äquator der Sonne stattfinden muss, überklar erschauen.
NS|0|8|8|0|Wenn ihr aber diese erschaut, so mache Ich euch aufmerksam auf die zweite Glaskugel, wie sich in derselben das Wasser bei deren Umschwung gegen den Äquator hinzu drängte. Was wird also auch von innen der Sonne aus gegen den Äquator derselben vor sich gehen müssen? Werden sich allda nicht auch alle etwas mehr flüchtigeren Teile unter den Äquator drängen und allda zufolge der großen Wurfkraft das Bestreben haben, die oberste Kruste der Sonne durchzubrechen und sich dann mit der unglaublichsten Wurfheftigkeit und Schnelligkeit ins Unendliche hinaus von der Sonne zu entfernen?
NS|0|8|9|0|Ihr habt aber erst in der vorigen Mitteilung vernommen, was die Materie ist, welcher Art und Gattung sie auch immer sein möchte und was da die Folge ist, wenn sie irgend zu sehr gedrängt, gestoßen oder geschlagen wird. Wird die Materie bei solch ungeheurem Andrang gegen den Äquator nicht auch auf einem oder dem anderen Punkt ebenso unmäßig gedrängt und genötigt, wie unmäßig stark und schnell die Bewegung und somit auch die Wurfkraft der Sonne um den Äquator ist?
NS|0|8|10|0|Seht, jetzt ist das Schlageisen schon aufgerichtet; es bedarf nichts Weiteres als eines Fuchses, und ihr könnt versichert sein, er wird dieser Falle nicht entrinnen.
NS|0|8|11|0|Ihr habt gleich anfangs vernommen, dass das Erdreich des Sonnenplaneten nicht also hart und spröde ist, wie das zum Beispiel eurer Erde; sondern es ist allenthalben wie elastisch, und das vorzugsweise gegen den Äquator zu. Setzen wir aber den Fall, es wäre daselbst das Erdreich also spröde und somit auch leicht zerbrechbar – was würde da wohl der Fall sein zufolge der außerordentlich großen Wurfkraft, besonders am Äquator der Sonne? Nichts anderes als dass dadurch ein Berg und ein Landstück um das andere mit der größten Heftigkeit möchten von der Oberfläche der Sonne in den unendlichen Raum hinausgeschleudert werden. Da aber das Sonnenerdreich also zähe ist, so ist solches wohl nicht möglich, und wäre die Bewegung noch einmal so schnell, wie sie ist.
NS|0|8|12|0|Was kann aber dessen ungeachtet dennoch der Fall sein, wenn sich zufolge der großen Wurfkraft durch den Drang von innen aus auf die schon vorbesagte Art hier und da gewaltige Andrängungen und sonach auch gewisserart Verhärtungen unter der Oberfläche der Sonne in der Gegend des Äquators gebildet haben, welche da gewisserart als eine Krankheit der Sonne anzusehen sind? Denn wohlgemerkt, auch Weltkörper können physisch krank sein. Dadurch kann nichts anderes geschehen, als dass solche verhärtete Knollen endlich auf einem oder dem anderen Punkt das wenn schon zähe Erdreich der Sonne durch ihren großen Drang nach außen und die durch ebensolchen Drang bewirkte Entzündung zerreißen und sich hernach mit der größten Heftigkeit von der Oberfläche der Sonne entweder nahe endlos weit oder wenigstens so weit als die euch bekannten Planeten von der Sonne entfernt sind, entfernen.
NS|0|8|13|0|Seht, das ist nun die Ursache der darauf folgenden schwarzen Flecken der Sonne. Denn bei dem gewaltigen Durchbruch wird auch nicht nur die Kruste des Sonnenplaneten, sondern auch die Lichthülle also auseinandergerissen, dass sie auf einem solchen Punkt dann fürs Erste nicht fähig ist, das aufgenommene Licht von Seite der anderen Sonnen wieder zurückzuwerfen und ebenso wenig auch das eigentümliche Licht ausströmen zu lassen, welches sich fortwährend auf dem elastischen Erdboden der Sonne entwickelt, wenn derselbe nicht auf die euch jetzt bekannte Weise zerrissen und daher für die Entwicklung des eigenen Lichtes untauglich gemacht wird.
NS|0|8|14|0|Wir haben auch vorhin erwähnt, dass diese schwarzen Sonnenflecken dem bewaffneten Auge mit einem etwas weniger dunklen Wall verbrämt erscheinen. Was ist denn dieser Wall?
NS|0|8|15|0|Dieser Wall ist nichts anderes als der jewaige Aufwurf einer solchen Verhärtung, die auseinandergerissen und dann auf allen Seiten gleich einer trichterförmigen Mauer, welche oben enger ist als unten, aufgeworfen wurde. Wollt ihr für die Entstehung eines solchen Walles um den schwarzen Fleck ein noch deutlicheres Beispiel haben, so macht aus zäher Erde, wenn sie noch die rechte Weichheit hat, eine Halbkugel, die inwendig hohl ist, stoßt dann von innen nach außen mit einem stumpfen Stiel ein Loch, so werdet ihr auf der äußeren Seite sobald den durch diesen Durchstoß aufgeworfenen Wall erblicken. Nur wird der Wall mehr zerrissen sein, weil ein solcher Lehm dennoch in seinen Teilen weniger gleichartige Kohäsion besitzt als das Erdreich der Sonne.
NS|0|8|16|0|Dass dieser Wall aber gegen den eigentlich schwarzen Punkt dennoch matt erleuchtet erscheint, hat Folgendes zum Grunde, weil die also zerrissenen Teile, wenn über ihnen auch keine atmosphärische Glanzluft sich befindet, aber dennoch durch ihre heftigen Schwingungen ein hinreichendes eigenes Licht entwickeln, welches da gleichkommt dem ursprünglich eigentümlichen Licht der Sonne. Dadurch könnt ihr auch sehen, wie stark die Sonne mit ihrem eigenen Licht leuchten würde ohne Beihilfe des allgemeinen Lichtes.
NS|0|8|17|0|Ferner haben wir noch vernommen, dass sich über solche Wälle hinaus gewisse Sonnenlichtwellen oder Fackeln bilden. Diese entstehen durch das durch einen solchen Durchbruch bewirkte Wogen der atmosphärischen Glanzluft der Sonne. Denn eine Woge spiegelt sich dadurch in ihrer nachbarlichen Woge, wodurch dann der Glanz potenziert wird, während die Wogenfurchen dann notwendig matter leuchtend erscheinen müssen.
NS|0|8|18|0|Seht nun, bisher hätten wir alles nicht nur klar, sondern sogar handgreiflich dargestellt. Aber ich sehe schon im Voraus einige gelehrte Füchse, die da einen vollen Backen Luft nehmen und dann mit furchtbar weiser Miene fragen und sagen: „Nun, die Sache lässt sich hören, und die Hypothese hat viel für sich; aber der Autor scheint bis jetzt noch vergessen zu haben, dass solche Sonnenflecke wieder vergehen und zu dem Behuf auch ihre Gestalt nach und nach sehr verändern. Wie wird nun der Autor sich allda mit seinem aufgeworfenen Wall aus der Schlinge ziehen? Auch hat man mehrererseits auf ebendiesem Wall durch starke Augenwaffen die unglaublichst schnellen Bewegungen beobachtet. Dieser Fall möchte etwa wohl sehr bedeutend den mauerartigen Wallaufwurf unseres Autors beeinträchtigen oder ihn am Ende ganz zunichtemachen?!“
NS|0|8|19|0|O nein, Meine lieben Füchse. Das ist eben ein Hauptwasser auf unsere Mühle. Denn belieben dieselben nur ein wenig zu bedenken, dass wir schon gleich anfangs und bis jetzt her, und zwar aus dem besten und wohlerwiesenen Grunde von einem elastischen Erdreich der Sonne gesprochen haben, welches nach dem Durchbruch sicher nicht fortwährend mauerfest gleich dem Krater eines Feuerspeiers auf der Erde beständig bleiben wird, sondern sich nach und nach, zufolge ebender elastischen Eigenschaft, wieder zusammenzieht, und also die durch solchen Durchbruch bewirkte Wunde wieder also verheilt, wie da die Wunde, welche zum Beispiel auf eurem Leib durch ein Ass [Eitergeschwür] entstanden ist, sich nach der Vereiterung desselben wieder verringert und endlich sich so ganz und gar ausheilt, dass nach einiger Zeit nicht eine Spur mehr zu entdecken, auf welchem Teil des Leibes ein solches Ass eiternd durchgebrochen ist.
NS|0|8|20|0|Wenn aber dieser Wall somit kein mauerfester ist, sondern nur ein elastischer, so werden sich etwa wohl die schnellen und weitgedehnten Bewegungen und Veränderungen eines solchen Walles aus ebendemselben Grunde wie dessen allmähliches Verschwinden gar überaus leicht erklären lassen.
NS|0|8|21|0|Nun, gibt es keinen Einwurf mehr? Seht, es lauert noch ein Fuchs im Hintergrund. Dieser hat mit seinen mathematischen Instrumenten mehrere solcher Flecke gemessen und hat manche so groß gefunden, dass in ihrem schwarzen Raum gar leicht dreißig Erden nebeneinander Platz hätten.
NS|0|8|22|0|Was will er denn damit sagen? Er will damit nichts anderes sagen als: Wenn ein solcher Fleck auf die vorbeschriebene Art entsteht, so müsste man pro primo [fürs Erste], wenn ein solcher Fleck sich am von der Erde aus sichtbaren Rand der Sonne befindet, den also aufgeworfenen Wall mehr erhaben erblicken, als es gewöhnlich der Fall ist, wo man eben von einer solchen Erhöhung gar nichts merkt.
NS|0|8|23|0|Fürs Zweite aber lässt sich noch diese sehr bedeutende Frage aufwerfen: Wenn die Sonne bei solchen Gelegenheiten ebensolche inwendige Massen von sich schleudert, wohin kommen diese? Und beeinträchtigen solche gewaltige Verluste das Volumen der Sonne nicht? Denn man kann ja doch bei den größten Sonnenflecken annehmen, dass im kubischen Verhältnis eine solche hinausgeschleuderte Masse wenigstens, in runder Zahl genommen, tausend Erdkörper groß ist. Nehmen wir nun an, die ganze Sonne hat in kubischer Hinsicht den millionenfachen Inhalt der Erde; somit müssen tausend solche große, aufeinanderfolgende Flecke ja notwendig die Sonne bei Butz und Stängel aufzehren.
NS|0|8|24|0|Seht, dieser Fuchs hat scharfe Zähne und noch schärfere mathematische Augen. Allein auch dieser soll in der Falle steckenbleiben. Denn so gut rechnen, als da solche Füchse es können, kann Ich wohl auch, wo nicht ums Kennen besser. Ich will zwar auf die sehr kritische Frage dieses scharfzahnigen und scharfäugigen Fuchses nicht sogleich eine erklärende Antwort geben, sondern will ihm bei dieser Gelegenheit nur einige kleine Fragen zur Beantwortung vorlegen, und beantwortet er Mir diese, so soll ihm auch die Antwort auf seine Frage werden.
NS|0|8|25|0|Wie oftmal ist zum Beispiel das Volumen alles dessen, was eine Eiche im Verlauf eines Jahres abwirft, in dem Eichbaum selbst enthalten, und das noch dazu im Verlauf von ungefähr zweihundert Jahren? Wenn er aber den Eichbaum jährlich misst, so wird er sicher finden, dass der Baum dadurch nicht kleiner und magerer, sondern stets dicker, größer und höher geworden ist. Wie ist solches möglich? Die Antwort: durch den beständigen Ersatz aus allen den Nahrungsquellen für einen Baum. So sage Ich denn auch: Stoße mit derselben Nase auch in die Sonne, und du wirst auch allda finden, dass sich das Verlorene gar wohl ersetzen lässt. Also hätten wir auch diesen schauderhaften Einwurf im Hintergrund.
NS|0|8|26|0|Was aber da noch die geringen Erhöhungen bei großen Sonnenflecken bezüglich des aufgeworfenen Wallrandes betrifft, so soll der Einwerfler einmal mit freiem Auge versuchen, auf zehn Meilen Ferne einen Grashalm zu erblicken, welches doch bei weitem nicht so viel sagen will, als wenn er mit seinem bewaffneten Auge möchte in einer Entfernung von nahe 23 Millionen Meilen einen Aufwurf entdecken, der im allergroßartigst strengsten Sinne über die Lichthülle der Sonne hinaus kaum den zehntausendsten Teil des Durchmessers der Sonne erreicht.
NS|0|8|27|0|Solches möchte der Einwerfler wohl beachten, so wird es auch ihm klarwerden, dass die Sache sich gar gut also verhalten kann, wie da ist erklärt worden, wenn er auch mit seinen geschliffenen Gläsern über den Stand [Rand] der Sonne hinaus eben keine babylonischen Türme erblickt. Zudem aber werden auch diejenigen Teile des Walles, welche bei einem solchen Durchbruch etwa über die Sonnenlichthülle zu ragen kommen, von der innersten Intensität der Strahlen ebendieser Lichthülle in mehr als Blitzesschnelle zersetzt und gewisserart zusammengeschmolzen, aus welchem Grund dann schon ganz vorzüglich keine solche vermisste Randhervorragung zu erblicken ist.
NS|0|8|28|0|Somit wären wir mit den Flecken auch vollkommen fertig. Nächstens wollen wir mit den Bewohnern der Sonne eine solche Stelle selbst mit ansehen, wo ein solcher Durchbruch geschieht. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein!
NS|0|9|1|1|Die Menschenarten der Sonne und ihre Wohngebiete. Die Sonnengürtel
NS|0|9|1|1|(Am 18. August 1842 von 3 1/4 bis 5 1/2 Uhr nachmittags.)
NS|0|9|1|0|Es ist am Schluss der vorigen Mitteilung gesagt worden, dass wir da mit den Sonnenbewohnern wollen einen solchen Durchbruch von seiner ersten Entstehung an und somit auch, wie es sich von selbst versteht, bis zu dessen Verlauf beobachten. Solches also werden wir auch tun.
NS|0|9|2|0|Bevor wir aber solches recht nutzbringend tun können, müssen wir zuvor doch eine etwas nähere Bekanntschaft mit den Bewohnern der äußeren Sonne machen.
NS|0|9|3|0|Wie sehen denn diese aus, und in was für Verhältnissen leben sie untereinander? Und sind sie überhaupt mehr geistige oder mehr materielle Menschen? Und gibt es nur eine Art oder mehrere Arten der Menschen auf diesem großen Sonnen-Planeten?
NS|0|9|4|0|Es ist schon gleich anfangs erwähnt worden, dass auf dem Sonnenkörper alles das im vollkommensten Sinne des Wortes und der Bedeutung vorkommt, was nur immer auf all den anderen Planeten speciatim viel unvollkommener und verkrüppelter vorkommt.
NS|0|9|5|0|Solches ist auch also der Fall mit den Menschen. Darnach könnt ihr auf dem Sonnenplaneten nicht nur alle Menschenarten dieser Erde, sondern auch die aller anderen Planeten und ihrer Monde im vollkommensten Sinne, besonders was die Form betrifft, antreffen. Ja ihr könnt es vollends glauben, ein Mann oder ein Weib in der Sonne ist dem Leibe nach so außerordentlich schön, dass ihr die Schönheit, ohne dabei das Leben zu verlieren, nicht drei Stunden lang anzuschauen vermöchtet. Denn abgesehen von der überaus großen Fülle der Pracht in der Form, ist schon an und für sich der leibliche Glanz der Sonnenmenschen so stark, dass, so da irgendein Mensch aus der Sonne auf irgendeinem wenigstens zehn Meilen von euch entfernten Berg stünde, ihr dennoch nicht imstande wäret, ihn vor lauter Lichtglanz anzuschauen. In einer größeren Nähe würde euch sein Glanz fast augenblicklich zu Asche verbrennen. Das Weib ist auch in der Sonne viel runder und weicher als der Mann; aber ihr Leibesglanz ist minder als der des Mannes.
NS|0|9|6|0|Ihr werdet hier leichtlich fragen: Ja, wenn dem so ist, wie können denn hernach diese Sonnenmenschen formell bestehen, ohne plötzlich durch ihr eigenes Licht aufgelöst zu werden, nachdem sie doch auch sicher mehr oder weniger materiellen Leibes sind? – Dafür ist schon von Mir aus gesorgt. Auf der Erde gibt es freilich wohl keine Materie, welche in dem starken Sonnenlicht bestehen könnte; aber was da die Materie der Sonne betrifft, so besteht diese schon wieder aus anderen Gesetzen als die eines unvollkommenen Planeten. Und so besteht auch die Materie eines Sonnenmenschenleibes aus einem viel anderen Stoff als die Materie eures Leibes und ist daher beständig, selbst unter den allerintensivsten Strahlen, nachdem sie gewisserart mehr geistig ist und somit auch ums Unvergleichliche einfacher als die eurige. Unter solchen Bedingungen können sonach die Sonnenmenschen gar wohl existieren und sich freuen ihres Lebens und zu den nützlichsten Zwecken dasselbe benützen.
NS|0|9|7|0|Die schönsten aus allen Menschen der Sonne sind dennoch die weißen; obschon auch Menschen aller anderen Farben nirgends etwa hässlich anzutreffen sind.
NS|0|9|8|0|Was die Größe der Sonnenmenschen betrifft, so ist diese eben auch verschieden. Unter dem Äquator oder vielmehr in der Gegend des Äquators wohnen der Sonne kleinste Menschen, welche nicht viel größer sind als ein sehr großer Mann bei euch auf der Erde. Diese Menschen sind nahe samt und sämtlich von weißer Farbe und sind somit die schönsten auf dem ganzen Sonnenplaneten. Um die Pole der Sonne aber wohnen ihre größten Menschen, von nahe dunkelroter Farbe, aber ebenfalls lichtglänzend. Wenn da ein solcher Mensch auf der Erde stünde, so würde es ihm eben nicht gar zu schwer werden, wenn er ganz in der Ebene der Meeresoberfläche sich befände, mit leichter Mühe, ohne seine Hand zu sehr in die Höhe strecken zu müssen, die Himalajaspitze der Erde zwischen dem Daumen und Zeigefinger zu fassen und sie zu schleudern bis gegen den Südpol der Erde hin. Von dieser größten Menschengattung steigt die Größe abwärts bis zu den am Äquator wohnenden.
NS|0|9|9|0|Hier werdet ihr sagen: Was tun denn hernach solche ungeheure Riesen mit den kleineren Menschen, wenn sie allenfalls bei der Gelegenheit einer Bereisung mit ihnen zusammenkommen? – Diese Frage ist so gut als wie umsonst. Denn auf dem Sonnenplaneten ist eine jede Menschengattung auf ihren Platz durch die natürlich-planetarischen Verhältnisse der Sonne angewiesen und kann denselben so wenig verlassen wie ihr die Erde, wenn es euch noch so sehr gelüsten möchte, eine Reise in den Mond zu machen.
NS|0|9|10|0|Ihr werdet hier wohl freilich wieder fragen: Wie ist solches zu verstehen? In den Mond ist eine Reise freilich wohl unmöglich, weil er als ein zu weit getrennter Teil von der Erde abständig ist. Aber die Sonne ist ein kontinuierlicher Körper, der überall eine und dieselbe Oberfläche hat. Warum sollte denn da eine weite Reise für eine oder die andere Menschengattung unmöglich sein?
NS|0|9|11|0|So geduldet euch nur ein wenig; wir wollen die Unmöglichkeiten sogleich ein wenig durchmustern. Und so hört denn! Erstens ist der Erdboden des Sonnenkörpers sowohl von einem als von dem anderen Pol gegen den Äquator hin von mehr ungleicher Dichtigkeit, so zwar, dass der Erdboden der Sonne um deren Pole nahe so fest ist wie der Boden unserer Erde; nur ist er nicht so spröde und zerbrechlich. Dieser Boden taugt ganz wohl für die vorbenannten Riesen. Wenn dieser Boden anfängt, weicher zu werden, dann auch taugt er nicht mehr zu tragen die Last eines solchen Riesen; da möchte er zu wanken anfangen, und bei noch weiter fortgesetzter Reise bei jedem Tritt in den elastisch weichen Boden bis über die Mitte seines Leibes hineinsinken, fast gerade also, als wenn ihr da möchtet einen sehr großen Polster machen, der da hätte vom Boden bis zuoberst drei Klafter im Durchmesser. Wie würde es mit eurer Wanderung über einen solchen Polster, das da ausgefüllt wäre mit Federflaum, ergehen? Würdet ihr da nicht beim ersten Tritt auf demselben hineinsinken, allwann dann alles fernere Mühen vergeblich wäre, über denselben zu kommen, und wenn er auch nicht länger als im höchsten Falle hundert Klafter wäre? Möchtet ihr aber auf einen solchen Polster eine Maus setzen, so wird diese schon recht wohl über den Polster laufen können; noch leichter aber eine Fliege. Seht, das ist also für solche Wanderungen schon ein Hindernis, demzufolge jede Menschenklasse auf ihren Kreis bleibend angewiesen ist.
NS|0|9|12|0|Ein zweites Hindernis ist der Nahrungsstoff für verschiedene Klassen von Menschen. Denn wie da ist der Boden, also werden auch die Produkte, wenn auch durch den Willen des Menschen hervorgebracht. Wie ist solches zu verstehen? Nahe so wie bei euch auf der Erde, nur in viel vollkommenerem Sinne; denn auch der Sonnenboden gehorcht dem Willen der Menschen nicht überall gleich, so wie er auf der Erde ebenfalls der Tätigkeit der Menschen nicht gleich gehorcht. So möchte sich da einer auf den Kopf stellen, und er wird auf den Spitzbergen keine Ananas hervorbringen; während im umgekehrten Falle wieder der allergeschickteste Gärtner in einer Gegend unter dem Äquator kein Eismoos oder die sogenannte Rentierflechte zuwege bringen wird.
NS|0|9|13|0|Auf der Erde richtet sich der Gehorsam des Erdbodens nach den klimatischen Wärmeverhältnissen. Solches ist auf dem Sonnenplaneten freilich wohl nicht der Fall, obschon es auch dort an den Polen etwas kühler ist als an dem Äquator. Daher richtet sich dort der Gehorsam des Erdbodens lediglich nach den auf- oder abnehmenden Graden der Weiche desselben. Es kann oder es könnte vielmehr wohl auch ein Mensch eines festeren Bodens auf einem weicheren Boden etwas hervorrufen. Allein das Hervorgerufene wird wohl ungefähr die Form des Willens dessen haben, der es hervorgerufen hat; aber es wird viel kleiner sein und schwächer und weicher, wodurch es dann auch dem Bedürfnis des Magens dessen, der es hervorgebracht hat, ebenso wenig mehr entspricht, als wenn ihr zum Beispiel auf einer Alpe müsstet euren Magen sättigen mit dem sparsamen Steinmoos, wobei gewiss niemandem mehr ein Speck wachsen würde. Möchte sich sonach auch ein Mensch von einer Polargegend der Sonne durch allfällige künstliche Mittel bis zum Äquator hin versetzen, so müsste er dort ohne Gnade und Pardon verhungern.
NS|0|9|14|0|Ein drittes Hindernis sind die unterschiedlichen, großen Wasserkreise, welche vom Pol gegen den Äquator hin bei sieben Male das festere Erdreich gewisserart trennen. Ein solcher Wasserkreis hat allzeit eine Breite von mehreren tausend Meilen und gegen die Mitte zu nicht selten eine Tiefe von zehn bis zwanzig Meilen.
NS|0|9|15|0|Das Wasser der Sonne ist viel leichter als das auf den Planeten; daher ist es auch für keine Schifffahrt tauglich, und so tut es sich auch mit dem Schwimmen auf demselben gar nicht. Das ist demnach ein non plus ultra [unüberwindliches] Hindernis, welches die Sonnenmenschen nicht besiegen können; daher bleiben sie auch ganz ruhig auf ihrer Stelle und wissen von dem nichts mehr, ob über einem solchen Wasserkreis noch einmal irgendein Land zum Vorschein kommt, und sind vielmehr der Meinung, dass mit Anfang eines solchen Wasserkreises ihre Welt ein Ende hat und sodann das Wasser schon in alle Ewigkeiten fortdauert.
NS|0|9|16|0|Ein viertes Hindernis, dessen es kaum mehr nötig ist zu erwähnen, sind die vielen Vulkane und anderen hohen Berge längs eines solchen Wasserkreisufers. Diese Vulkane toben und wüten zumeist unablässig, und zwar hier und da in einer so großartigen Form, dass ihr euch auf der Erde davon rein keinen Begriff machen könnt. Denn da sind manche Krater größer als euer ganzes Europa, aus denen zu allen Zeiten Trillionen der heftigsten Blitze unter dem vehementesten Getöse und Gekrache entstürzen. Von solchen großartigen Naturspektakeln aber sind die Sonnenbewohner durchaus keine besonders großen Freunde. Demnach heißt es auch bei ihnen in der Tat, wie bei euch im Wort: Hübsch weit weg, ist gut vor dem Schuss zu sein. Diese Vulkane hindern auch die im Innern des Landes wohnenden Menschen, allfällige weltumsegelnde Versuche zu machen; und so bleiben sie, wie ihr zu sagen pflegt, beständig hübsch zu Hause.
NS|0|9|17|0|Es gäbe zwar noch einige Hindernisse; allein es genügen diese, damit ihr seht, wie da die verschiedenen Größengattungen der Menschen auf dem Sonnenplaneten ganz ungeniert auf einem und demselben Weltkörper leben können. Demnach hätten wir zum Voraus ganz oberflächlich die Lokalverhältnisse der Menschen wie die Menschen selbst beschaut und können demnach uns wieder zu unseren schönsten Menschen der Sonne, die alldort am Äquator wohnen, begeben und mit ihnen beschauen die gleich anfangs der heutigen Mitteilung besprochene Naturszene der Sonne.
NS|0|10|1|1|Landschaft und Bewohner des Mittelgürtels der Sonne. Ausbruch einer Sonnengeschwulst
NS|0|10|1|1|(Am 19. August 1842 von 3 1/2 bis 6 1/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|10|1|0|Der bewohnbare Streif oder vielmehr Gürtel der Sonne zu beiden Seiten des Äquators beträgt durchschnittlich genommen etwas über 20.000 Meilen im Durchmesser der bewohnbaren Breite. Dieser Gürtel ist zugleich auch der allerbewohnteste Teil der ganzen Sonne und kann von jedermann überall bewandert und bereist werden. Das Erdreich dieses Gürtels ist überall wie gepolstert weich; daher sich denn niemand, wenn er auch fällt auf den Boden hin, nur den allerleisesten Schaden zufügen kann.
NS|0|10|2|0|Südlich und nördlich an diesem Gürtel aber befinden sich die außerordentlichsten, ununterbrochenen und zuallermeist unübersteiglich hohen Gebirge, welche sich hier und da wohl auch über die Breite des Äquators in sanfteren Erhöhungen ziehen, welche leicht zu besteigen und zu übersteigen sind. Aber nicht also an der entweder südlichen oder nördlichen Grenze des Äquatorgürtels, allda die Berge nicht selten ein- bis zweihundert deutsche Meilen hoch sind und zumeist so steil und dabei wie poliert glatt, dass da wohl niemand imstande ist, auch nur einen Fuß weiter zu setzen, wo die Steilen anfangen.
NS|0|10|3|0|Wenn aber hier und da die Steilen auch noch eine solche Neigung haben, dass sie mit großer Mühe und Beschwerde könnten erklommen werden, so haben aber dennoch die hohen Berge der Sonne diese Eigenschaft, dass sie, je höher sie ragen, auch stets unerträglich weißglänzender werden. Die Ursache liegt darin, weil die Wände solcher Berge durch den Umschwung der Sonne, je höher dieselben, auch einem desto heftigeren Druck der Sonnenluft ausgesetzt sind, wodurch dann ihre, das Geistige umfassenden Hülschen, aus denen eigentlich alle ihre Materie gebildet ist, in eine auch desto heftiger reagierende und sich ausdehnen wollende Vibration geraten, welches dann, wie ihr schon wisst, auch der Grund des immer heftiger werdenden eigentümlichen Leuchtens ist.
NS|0|10|4|0|Aus diesem Grunde auch werden dann selbst diese allenfalls ersteigbaren Himalajas und Chimborassos der Sonne in Frieden gelassen, und die Sonnenbewohner haben nur dann eine Lust an diesen Bergen, wenn sie dieselben in Entfernungen von hundert bis tausend Meilen nach eurer Rechnung in weiten Reihen überschauen können. Dessen ungeachtet aber sind sie doch überaus große Freunde von Erhöhungen und niederen Bergen und wohnen zumeist auf solchen; denn die großen und weitgedehnten Ebenen sind eben nie sicher vor einem Durchbruch, den wir bei dieser Gelegenheit, wie schon gesagt, mit den Bewohnern der Sonne mit anschauen wollen.
NS|0|10|5|0|Auch sind hier und da auf den weiten Ebenen große Seen ausgebreitet, welche zwar die Sonnenbewohner recht gerne anschauen, aber in eine zu große Nähe wollen sie denselben gerade nicht kommen, weil diese Seen oft unversehens gerne austreten, und dann könnten die Bewohner nicht schnell genug entfliehen den ihnen nachstürzenden Fluten; denn ein solcher See fasst manchmal mehr Wasser in sich als alle eure Meere der Erde.
NS|0|10|6|0|Allein darum haben die vielen tausend Millionen Menschen, welche bloß nur diesen Gürtel bewohnen, dennoch den überaus hinreichendsten Platz, denn ein einziger solcher Hügelrücken der Sonne hat mit seinen Verzweigungen nicht selten einen bei weitem größeren Flächenraum als bei euch Asien, Afrika und Europa zusammengenommen. Daher ist auch durchaus nicht zu sorgen für den Platz der Sonnenbewohner. Zudem sind auch diese Sonnenhügel durchaus nicht mit euren Erdhügeln zu vergleichen; denn sie sind dessen ungeachtet am Ende über die Ebene hinaus doch noch von fünf bis zehn Meilen hoch, welches die zehnfache Höhe eures allerhöchsten Berges der Erde beträgt. Darum dann auch die Aussicht von einem solchen Hügel für eure Begriffe eine wahrhaft vollends unbeschreiblich herrliche ist; denn die überaus mannigfaltigen Gruppierungen der Grenzgebirge, die großartigen Wohngebäude der Menschen, die da die Hügel bewohnen, und die große abwechselnde Mannigfaltigkeit in der Vegetation, die weithin glänzenden Seespiegel, die zahllos verschiedenen Farben der Dinge und besonders die überaus majestätisch und großartig angelegten Lehrtempel machen die Aussicht von einem solchen Hügel so überaus herrlich, dass sie wirklich über alle eure Begriffsformen ins für euch Unbegreifliche erhaben ist.
NS|0|10|7|0|Wir brauchen kaum noch dazu zu erwähnen der vielen sanften und schönen Land- und Lufttiere, welche allda in besonderer, mannigfaltiger Schönheit vorhanden sind, um euch dadurch auch das Belebte dieser Sonnengegend ein wenig näher vor die Augen zu rücken.
NS|0|10|8|0|Kurz und gut, wir haben jetzt genug, um uns behaglich auf einem dieser Hügel zu lagern und von ihm aus mit den Sonnenbewohnern einer für euch sicher überaus großartigen Naturerscheinung der Sonne beizuwohnen. Damit ihr aber diese merkwürdige Szene desto lebhafter beobachten mögt, so wollen wir bei dieser Gelegenheit uns offenen Ohres unter die Sonnenbewohner mengen und zuhören, was sie bei solcher Gelegenheit für eine Stimme führen.
NS|0|10|9|0|Seht, dort nicht fern von einem großen Tempel, dessen spitzig-erhabene Dachung auf tausend weißglänzenden Säulen ruht, steht eben eine Gruppe von etwa hundert Menschen beiderlei Geschlechts. Seht, wie sie zur anderen Seite hinabstarren über den Hügel und zeigen mit den Fingern. Was mögen sie wohl haben? Nun, das wird sich bald finden.
NS|0|10|10|0|Seht, wir sind schon unter ihnen.
NS|0|10|11|0|Dort, in weiter Entfernung, in der Mitte eines großen Sees, fängt an ein kegelförmiger Hügel sich zu erheben. Seht, wie er zusehends wächst! Doch jetzt wollen wir nicht mehr weitersprechen, sondern bloß hören, was die Sonnenbewohner sprechen, und schauen, was sie selbst, wenn schon mit dergleichen Erscheinungen vertraut, mit hoch erstaunten Augen und bebenden Gemütern anschauen!
NS|0|10|12|0|Seht, da sind eben mehrere Lehrer, welche die Erscheinung beobachten. Die zwei Vorsteher besprechen sich miteinander. Der A spricht: „Bruder, was hältst du von dieser Erscheinung? Wie hoch, meinst du wohl, wird sich diese Geschwulst diesmal erheben bis zum Ausbruch? Siehe, sie wächst mit großer Heftigkeit!“
NS|0|10|13|0|Der B spricht: „Bruder, jetzt lässt es sich noch nicht bestimmen; denn wie du weißt, wenn sie keine Nebengeschwülste bekommt, so wird sie nur einen gewöhnlichen, bald erfolgenden Ausbruch darbieten. Aber sieh, ich bemerke soeben neuerdings eine Menge Tuberkeln sich über die Oberfläche des Wassers erheben! Und da sieh einmal hin, hinter dem erst beobachteten Kegel sehe ich soeben einen noch bei weitem umfangreicheren sich mit großer Hast über den erstbeobachteten erheben. Höre Bruder, diesmal werden wir uns wohl müssen mehr auf die Höhe ziehen; denn wenn das so fortgeht, so wird die Geschwulst, bevor sie zum Ausbruch kommt, uns das Wasser hierher heben.“
NS|0|10|14|0|Der A spricht: „Ja, lieber Bruder, du möchtest diesmal wohl recht haben; denn die Geschwulst wächst heftig, und noch immer erheben sich mehrere aus dem Wasser, und noch immer bemerke ich keine rotglühenden Gipfel. Daher hört, ihr alle lieben Brüder und Schwestern, ziehen wir uns nur eiligst auf den nächsten hinter uns liegenden höheren Hügel, auf dem da errichtet ist ein Hauptlehrtempel.“
NS|0|10|15|0|Nun seht, eiligst verlässt alles diesen Platz und eilt wie vom Wind getragen rückwärts auf den bedeutend höheren Hügel.
NS|0|10|16|0|Nun haben sie den vorbenannten Tempel schon erreicht, und wir mit ihnen. Nun lasst sie uns daher auch weiter hören!
NS|0|10|17|0|Der A spricht: „Bruder, was meinst du, wird es geheuer sein, den Durchbruch abzuwarten? Wird er bloß in die Höhe ausbrechen, oder bemerkst du nicht, dass der erstbemerkte Kegel eine Neigung gegen unseren Standpunkt nimmt?“
NS|0|10|18|0|Der B spricht: „Bruder, du hast recht! Der große Gott möge uns jetzt die rechte Flucht anzeigen, sonst sind wir verloren mit allem, was da ziert diese Stätte.“
NS|0|10|19|0|Seht, alles fällt auf diese Bemerkung bebend auf den Boden nieder und bittet den großen Gott um Erbarmen und um die Erleuchtung ihrer Lehrer und Führer, damit selbige sie auf eine Stelle zu bringen vermöchten, allda es geheuer wäre, solche Kalamität abzuwarten.
NS|0|10|20|0|Seht, der A erhebt sich wieder, und der B mit ihm. Und der A spricht: „Bruder! Dank, ewiger Dank dem großen Gott! Denn da siehe hinauf – rückwärts auf den dritten Hügel! Bei dem kleinen Tempel, der da nur besteht aus 77 Säulen, steht schon ein schützender Engelsgeist aus lichter Sphäre. Daher lass uns schnell dahin eilen; denn wir werden ihn kaum erreichen, so wird die sämtliche große Geschwulst dem Ausbruch auch schon völlig nahe sein. Siehe, wie heftig empor sich alle die Kegel ziehen und wie sich ihr Umfang stets mehr und mehr erweitert! Das sind schon nahe Vorzeichen des furchtbarsten Ausbruches!“
NS|0|10|21|0|Seht, sie erheben sich alle und eilen dahin, da der Schutzgeist ihnen eine sichere Stelle andeutet. Seht, wie sie sich an den Händen halten und eins das andere zieht, damit ja niemand zurückbleibe oder ermatte. Nun seht, sie sind nahe dem Ziel und wir mit ihnen; noch eine kurze Frist, und die Stelle ist erreicht.
NS|0|10|22|0|„Wir sind hier“, spricht der A, „ewiges Lob, ewiger Preis und Dank dem großen allmächtigen Beschützer, der uns diesmal errettet hat! Und du, unser biederer Schutzgeist, wenn es der Wille des großen Gottes ist, bleibe die Zeit des Schreckens bei uns und helfe uns trösten die Schwachen.“
NS|0|10|23|0|Der B spricht: „Ja, jetzt und allzeit geschehe der allein allmächtige Wille des großen Gottes!“
NS|0|10|24|0|Ein Dritter kommt hinzu und spricht: „Brüder, seht hinab auf unseren ersten Standpunkt, wie er schon von den gewaltigsten Wasserwogen bespült wird, und kaum ist mehr das Dach des Tempels noch zu sehen!“
NS|0|10|25|0|Ein Vierter kommt hinzu und zeigt mit aufgehobener Hand aufwärts und spricht: „Seht, Brüder, um des allmächtigen Gottes willen, die schon jetzt die höchsten Berge überragende Geschwulst bekommt schon glühende Äste, und tausende schießen ihnen noch nach.“
NS|0|10|26|0|Und der A spricht: „Seid ruhig, Brüder! Denn wir sind geborgen. Die Geschwulst nimmt eine andere Wendung; sie neigt sich uns gegenüber, und es wird uns nichts Verheerendes erreichen, wenn sie zerrissen wird.“
NS|0|10|27|0|Der B spricht: „Nun macht euch gefasst! Schon wird der ganze Kegel rotglühend, und den Feuerzweigen entstürzen schon Millionen und Millionen Blitze. Wie hoch möchte wohl die Geschwulst jetzt schon sein? Hat sie schon die Glühoberfläche der lichten Luft erreicht?“
NS|0|10|28|0|Hier tritt der Schutzgeist zu ihnen und heißt sie sich niederlegen auf den Boden und die Finger halten in die Ohren. Denn die Geschwulst erhebt sich schon über die Oberfläche der Glühluft, und alsogleich wird der Durchbruch folgen.
NS|0|10|29|0|Nun seht, es wird alles stumm und liegt mit zugehaltenen Ohren bebend am Boden. Jetzt horcht aber auch ihr und seht hin auf den mehrere tausend Meilen im Durchmesser habenden, rotglühend aufgeschwollenen Kegel. Seht, jetzt zerreißt er! Ein erdenzerschmetternder Knall erfolgt. Die Berge erbeben gewaltigst. Und jeder Höhe entfahren bei dieser Erschütterung Millionen der gewaltigsten Blitze, jeder begleitet mit dem unerhörtesten Donner.
NS|0|10|30|0|Seht hin, wie nun die Wände nach und nach dunkler werden und gewaltig krampfhaft zucken! Aber seht da hinab, noch sind einige Nebenkegel nicht gesprungen. Dahin seht mehr zur rechten Seite gegen Süden; da ist noch ein Kegel, dieser wird in der Niederung zerplatzen. Gebt nur Acht, wenn seine Kuppe ästig wird, weißglühend und ganz lebendig von zuckenden Blitzen, so wird er zerreißen. Nur noch eine kleine Geduld, und ihr werdet alsogleich das großartige Spektakel sehen. Jetzt seht hin; jetzt zerreißt er!
NS|0|10|31|0|Seht, welche Massen mit mehr als Blitzesschnelle der weit gähnenden Kluft entstürzen! Was sind denn diese Massen? Ihr kennt sie schon; es sind neue Ausgeburten für eure Weltkörper, bestehend aus zurückgegangenen, ihre Freiheitsprobe nicht bestanden habenden Geistern!
NS|0|10|32|0|Seht dorthin in weite Ferne, wie da wieder eine Menge von Leuchtkugeln größerer und kleinerer Art in die weit gedehnten Wasserflächen zurückfallen. Erhebt aber auch eure Augen von der Sonne aufwärts in den unendlichen Raum hinein und seht, wie auch das sichtbare Firmament von zahllosen, von euch so benannten Sternschnuppen nach allen Richtungen durchkreuzt wird. Und seht noch ferner, wie sich von dem viele Planeten fassend weiten Krater ungeheure Rauch- und Wolkensäulen erheben und mit der größten Schnelligkeit hintanwogen in die fernen Planetengebiete.
NS|0|10|33|0|Und seht, wie sich der große Krater immer mehr und mehr bewegt und wieder zusammensinkt hinab in die Tiefe.
NS|0|10|34|0|Seht auch hin, wie sich unsere Gesellschaft wieder vom Boden zu erheben anfängt und Mir ein lautes Lob darbringt für ihre Erhaltung und für den so glücklichen Ausbruch dieser selten so großen Geschwulst.
NS|0|10|35|0|Nun seht, so sieht ein solcher Ausbruch aus. Nur dauert dessen Wachsen und Verschwinden natürlicherweise viel länger, wie auch alle die hier angeführten Erscheinungen. Da wir sonach dieses gesehen haben, so wollen wir uns davon nächstens mit den Bewohnern der Sonne noch etwas näher besprechen und überhaupt mit den Menschen dieses Gürtels eine nähere Bekanntschaft machen. Und so lassen wir die Sache heute wieder gut sein!
NS|0|11|1|1|Zeitmessung der Bewohner des Mittelgürtels. Das Zeitwächteramt und weitere Ämter
NS|0|11|1|1|(Am 20. August 1842 von 3 1/2 bis 6 1/2 Uhr nachmittags.)
NS|0|11|1|0|Nachdem wir uns noch bei unserer Gesellschaft befinden, so wollen wir uns auch noch eine Zeit lang bei ihr aufhalten und da so manches behorchen und beschauen, was alles sie noch tun und reden werden.
NS|0|11|2|0|Noch befinden sie sich auf der dritten Höhe nahe dem kleinen Tempel, der da nicht mehr hat denn 77 Säulen. Und seht, soeben tritt wieder der B zu A hin und fragt ihn, wie da folgt: „Bruder, was meinst du nach deiner Weisheit, wie lange wird es dem großen Gott gefallen, zu belassen also offenstehend die ihrer Not entleerte Geschwulst?“ – Es spricht der A weiter: „Bruder, du weißt ja, dass wir nichts schwerer bestimmen als das Zeitmaß. Wie magst du mich um solches fragen? Gebe mir aber einen Zeitmesser, so will ich es dir ja sagen.“ – Es spricht der B weiter: „Lieber Bruder, siehe, da wo wir unseren Zeitmesser aufgestellt hatten, steht jetzt das Wasser, daher kann ich dir nun keinen Zeitmesser verschaffen. Aber so viel kannst du mir ja doch sagen: Wie weit könnte ich wohl kommen mit einer mittleren Bewegung, bis der gewaltige Austrieb wieder zurücksinken wird in seine vorige Lage?“ – Und es spricht der A weiter: „Du möchtest in der Zeit wohl fünfzig und sieben Millionen Schritte tun, bis der Austrieb sich wieder völlig in die Tiefe zusammensenken und vernarben wird und bis endlich selbst die Narbe sich verheilen wird zu einem glatten Grund des großen Sees.“
NS|0|11|3|0|Ihr werdet hier vielleicht fragen: Warum bestimmen denn die Sonnenbewohner die Zeit nicht nach Jahren, Tagen und Stunden? – Die Antwort auf die Frage liegt zu klar vor euch; denn in der Sonne ist ja nie Nacht, sondern ein ununterbrochener Tag. So gibt es auch keinen Mond, nach dessen Umlauf sie die Zeit bestimmen könnten.
NS|0|11|4|0|Zudem sind die Gestirne des Himmels von diesem Gürtel aus auch am schlechtesten zu sehen, da in dieser Gegend der Sonne ihre Luft am unruhigsten ist, und sie eben durch den mächtigen Umschwung der Sonne am meisten umhergetrieben wird, durch welchen Umstand sie sich auch am meisten, besonders in den höheren Regionen, überaus stark leuchtend entzündet, und durch welches nahe beständige Leuchten es dann vom eigentlichen Sonnenkörper aus eben nicht so gut hinaus in die freien Schöpfungsräume zu schauen ist, wie von jenen Punkten der Sonne, allda ihre Luft nur bei weitem geringer getrieben und genötigt wird, was besonders in den Polargegenden der Fall ist.
NS|0|11|5|0|Seht, aus diesem Grunde geht es den Sonnenbewohnern dieses Gürtels mit der Zeitbestimmung auch etwas schwer, da sie keinen Morgen, keinen Mittag, keinen Abend und somit auch keine Nacht haben. Was tun sie aber dann, um dennoch eine Zeitrechnung zu haben?
NS|0|11|6|0|Sie lassen Bäume von bedeutender Höhe aus dem Boden wachsen, wozu sie eben nicht viel Zeit, Mühe und Arbeit gebrauchen; sondern ein oder der andere Lehrer zeichnet sich in seiner Idee einen solchen zu errichtenden Baum vor; hat er ihn einmal vollends entworfen, sodann beugt er sich zur Sonnenerde, ritzt mit einem spitzigen Werkzeug den Erdboden, steckt dann das spitzige Werkzeug so tief als möglich ins Erdreich, zieht es dann wieder heraus und überstreicht mit seinen Fingern die Ritzen und in der Mitte derselben das gemachte Loch und spricht dann nach dieser Arbeit: „Des großen Gottes Wille geschehe!“ – Und sobald fängt dem Sonnenerdboden der bezeichnete Baum zu entsprießen an. Ist der Baum in kurzer Zeit nach dem Willen dessen, der ihn bezeichnet hat, vollkommen da, so wird er dann erst benutzt zu dem Zweck, für welchen er aus dem Boden der Sonne gerufen wurde.
NS|0|11|7|0|Da wir früher eben von einem Baum gesprochen haben, dessen Entstehung die Zeit anzeigen oder vielmehr die Zeitmessung zur Folge haben soll, so wollen wir denn auch bei dieser Gelegenheit sehen, wie da ein solcher Baum für den besprochenen Zweck gestaltet und verwendet wird.
NS|0|11|8|0|Ihr habt sicher schon bei euch auf der Erde ein sogenanntes Gartenspiel gesehen, welches da den Namen hat „Das Taubenschießen“. Seht, also sieht auch ein solcher Baum aus; nur ist er nicht behauen und hat keine eingebohrten Sprisseln, sondern ist ein runder, bei fünf Klafter im Durchmesser und bei dreihundert Klafter in der Höhe habender Baum, von dem zu beiden Seiten, gleich riesenhaft großen Ochsenhörnern, die Sprisseln statt anderer Zweige hinausgewachsen sind. Zuoberst krümmt sich der Baum ungefähr fünf Klafter über seinen Grund hinaus und ist allda versehen mit einer beliebigen Krone zur Zierde. Auf diesem Vorbug wird eine lange Schnur angebunden, und zuunterst, nicht fern vom Boden, wird auf diese Schnur ein Pendulum von kugelrunder Form und verhältnismäßiger Schwere angehängt. Alsdann nimmt ein Mensch die Kugel und schwingt sie so weit es nur seine Kraft mit einem Wurf vermag. Sodann schwingt sich dieses Pendulum eine geraume Zeit hindurch. Und nach den Schwingungen dieses langen Pendels wird alldort zuallermeist die Zeit bestimmt.
NS|0|11|9|0|Ungefähr in einer halben Minute macht ein solcher Pendel eine Schwingung. Und eine gewisse Summe solcher Schwingungen gibt dann einen Zeitraum, den sie ungefähr also, wie ihr eine Stunde, annehmen. Die ganze Schwungzeit vom Wurf angefangen bis zum völligen Stillstand nennen die Sonnenbewohner ungefähr das, was ihr einen Tag nennt.
NS|0|11|10|0|Was geschieht aber hernach, wenn ein solcher Zeitmesser seine Schwingungen eingestellt hat? Dann ist der Zeitwärter schon wieder bei der Hand und schwingt sein Pendulum von neuem. Solche Verrichtung ist bei den Sonnenbewohnern ein überaus ansehnliches Amt. Denn diese Sonnenmenschen haben von ihm eine ganz überaus hohe Meinung und halten ihn für die allerwichtigste Person in einer Gesellschaft. Sie sagen: „Wenn dieser nicht beständig Wache halten möchte über das Pendulum, so wüsste ja niemand, wann er geboren wurde und wie alt er schon ist.“
NS|0|11|11|0|Daher gibt es auch hier und da Bestechungen an diese Zeitwärter; denn den Sonnenbewohnern dieses Gürtels ist nichts lästiger als das Alter. Allein es ist dort eine leichte Kunst, wieder jung zu werden; man darf nur mit einem solchen Zeitwärter übereinkommen, dass er auf eine Zeit lang das Pendel ruhen lässt. Ein solches Ruhen wirft sogleich alle früheren Zeitrechnungen über den Haufen und macht sie zugleich auch völlig ungültig, und sie fangen dann wieder von neuem an zu zählen.
NS|0|11|12|0|Ihr werdet hier wohl sagen: Ja, was ist hernach mit dem vorigen Schwingungszeitraum, der vor dem Stillstand verflossen ist? – Dieser wird darum aus der Rechnung getilgt, weil man die Länge des Stillstandes nicht bestimmen kann. Daher werden wieder bei einem neubegonnenen, durch die Schwingungen gemessenen Zeitraum alle Menschen wieder gleich alt. Denn das kann dort auch sehr leicht der Fall sein, da dort das Altern durchaus nicht in der Natur begründet ist; sondern ein nach eurer Zeitrechnung mehrere hundert Jahre alter Mensch sieht noch ebenso frisch und heiter aus, als er ausgesehen hatte allenfalls in seinem zwanzigsten Jahr nach eurer Zeitrechnung; daher tut es sich dann auch mit dem Sich-jünger-Machen, was da die Zeitdauer des Lebens betrifft. Und so unterscheidet sich auch Alt und Jung in der Form gar nicht, sondern allein in der Weisheit.
NS|0|11|13|0|Aus diesem Grunde ist dann auch die Vorliebe zum beständigen Jungsein nur mehr bei dem weiblichen Geschlecht, und bei dem männlichen nur dann, wenn sie sich mit einem Weib ehelich verbinden wollen. Wenn es aber sich darum handelt, irgendein wichtiges Amt zu überkommen, da werden sogar die Pendelstillstände gezählt, so dass bei solchen Gelegenheiten mancher dann ein so hohes Alter herausbringt, dass er auch von den wahrhaft weisen Lehrern und Amtsverleihern weidlichst ausgelacht wird. Das Alter wird aber bei solchen Gelegenheiten dann auch nicht nach den vorgewiesenen Pendelschwingungen beurteilt, sondern dem Amtsbewerber werden in einem dazu eigenen Tempel von den Lehrern sehr schwierige Fragen zur Beantwortung gegeben; beantwortet er dieselben zur vollkommenen Zufriedenheit der Lehrer, so wird er von denselben alsbald als amtsbefähigt anerkannt und es wird ihm eine Zahl gegeben, welche da besagt sein Alter. Ist ein solcher Amtskandidat natürlicherweise auch nicht mehr als dreißig Jahre alt, so wird er aber dennoch vermöge seiner Weisheit für sechzig erklärt.
NS|0|11|14|0|Ihr werdet hier fragen: Was gibt es denn da für so verschiedene Ämter? – Ich sage euch, es gibt auf keinem Planeten so viele und verschiedene wie hier. Obschon es hier zwar keine Kreisämter und dergleichen andere Ämter gibt, wie sie hier auf der Erde bei euch vorhanden sind, so gibt es aber dennoch eine ganze Legion anderer, von denen ihr bis jetzt freilich wohl keinen Begriff haben könnt. Darum auch wollen wir alsogleich mehrere der wichtigeren durchgehen.
NS|0|11|15|0|Die ersten und vorzüglichsten Ämter sind die Lehrämter, dazu es auch, besonders in diesem Gürtel, eine nahe zahllose Menge von den herrlichsten Lehrtempeln auf den Höhen gibt, in welchen die Sonnenmenschen über alles Mögliche allzeit belehrt werden.
NS|0|11|16|0|Ein zweites Hauptamt ist das Priesteramt; dieses besteht darin, dass diese Priester sich alleremsigst müssen mit dem göttlichen Wesen und Seiner Ordnung bekanntmachen. Dessen ungeachtet aber sind dennoch die Lehrer der ersten Art erhabener; denn sie sind die eigentlichen Oberpriester und dadurch auch Regenten des ganzen Volkes.
NS|0|11|17|0|Ein anderes Amt besteht [darin], dass durch dasselbe der Wille der Menschen geleitet, geordnet und ausgebildet wird nach dem Willen Gottes; und [zwar] wird ihnen das, wie ihr zu sagen pflegt, theoretisch und praktisch gezeigt, dass der Mensch mit seinem Willen nur dann vollkräftig wirken kann, wenn dieser im vollkommenen Einklang steht mit dem Willen des großen Gottes. Daher ist es auch jedes Menschen erste Pflicht, diesen allmächtigsten und allerheiligsten Willen vor allem zu erforschen und zu erkennen; denn ohne dem vermag niemand eine Pflanze aus dem Boden zu locken.
NS|0|11|18|0|Solches wird ihnen auch praktisch gezeigt, da ein Lehrer einen oder den anderen Schüler nimmt und ihn heißt, nach seinem eigenen Willen zu ritzen den Boden und ihn dann zu bestreichen mit seinen Fingern und sodann seine Idee herauszuziehen aus demselben; aber es erfolgt keine Frucht und keine Pflanze. Wogegen dann ein solcher Lehrer [den Schülern] wieder den Willen des großen Gottes zeigt, lässt denselben von ihnen in sich aufnehmen, hierauf das Erdreich ritzen und bestreichen mit den Fingern und dann mit dem anerkannten Willen des großen Gottes ziehen die Idee aus dem Boden. Und sobald erblicken die Schüler die Macht des Willens, wenn er im Einklang steht mit dem Willen des Allerhöchsten!
NS|0|11|19|0|Sie zeigen ihnen auch, dass der Mensch wohl alles dem Erdboden entlocken kann, was er will; aber nur muss er solches nicht tun wollen wie aus eigener Macht, sondern durch das Gebet und die Macht des Willens des großen Gottes. Und dieses wird den Schülern ebenfalls wieder praktisch gezeigt.
NS|0|11|20|0|Seht, das ist ein recht wichtiges Amt; denn in diesem Amt wird im eigentlichsten Sinne die Sonnenlandwirtschaft gelehrt.
NS|0|11|21|0|Ein anderes Amt besteht darin, dass dadurch den Menschen die Ordnung gezeigt wird, in welcher sie ein oder das andere Geschäft vornehmen sollen. Und dieses Amt ist ebenfalls wieder von großer Wichtigkeit; denn hier lernen die Sonnenmenschen keine andere als Meine Ordnung kennen. Auch hier wird ihnen theoretisch und praktisch gezeigt, wie da eine dieser Ordnung entgegengesetzte Unordnung auf alles das, was die göttliche Ordnung hervorgebracht hat, zerstörend einwirkt; und wird ihnen gezeigt, wie durch solche Unordnung alles, was da lebt und webt auf dem überweiten Boden, das Leben gefährdet.
NS|0|11|22|0|Ein noch anderes Amt hat die Austeilung des Sonnenerdbodens über sich. Denn obschon es in der Sonne kein eigentliches Eigentumsrecht gibt, so geschieht aber doch eine solche Austeilung der Ordnung wegen, und es wird den Menschen angezeigt, wo sie dies und jenes dem Boden entlocken dürfen und in welcher Ordnung solches zu geschehen hat, damit nicht Bäume, Gras und Pflanzen durcheinanderwachsen, sondern in allem sei eine gute und bestimmte Ordnung. Seht, auch das ist ein recht gutes Amt, demzufolge dieser ganze, überaus große Sonnengürtel nicht anders erscheint, als ein überaus großer, kontinuierlicher Garten, geschmückt mit den herrlichsten, zahllosartigen Baumgruppen, Gesträuchen, Pflanzen und Gräsern, welche, wie schon gesagt wurde, bei jedem einzelnen Sonnenbewohner, besonders dieses Gürtels, gänzlich verschiedenartig sind, welches eben den Reiz und die Schönheit dieser großen Länder ums Unbeschreibliche erhöht.
NS|0|11|23|0|Ein anderes Amt, welches schon vervielfältigter, ist dieses, welches da die Menschen unterrichtet, wie sie die hervorgebrachten Produkte gebrauchen sollen, und lehrt sie zugleich die gerechte Mäßigung in allen Dingen.
NS|0|11|24|0|Ein anderes Amt hat das Tierreich über sich und teilt dieses in Klassen und lehrt ihre nützliche Verwendung und auch die Menschen erkennen, warum sie nicht auch die Tiere mit ihrem Willen zu produzieren imstande sind. Ein anderes Amt lehrt naturmäßige Verhaltungsregeln, wie man sich bei den verschiedenen Luftzügen und Flammenzügen von den Gebirgen zu verhalten hat. Wieder ein anderes Amt lehrt die Menschen durch eine Art Schriftzeichen, welche ungefähr euren Zahlzeichen ähnlich sind, die verschiedenen Verhältnisse der Dinge anzumerken und darnach zu erkennen und sie auch den anderen mitzuteilen. Wieder ein anderes Amt hat das Architektische über sich und lehrt, wie da müssen die Wohnhäuser, die verschiedenen Amtshäuser, die Lehrtempel und endlich die Gotteshäuser gebaut sein, und bildet dadurch auch eine eigene Klasse von Menschen aus, die sich dann mit nichts anderem beschäftigen als lediglich nur mit dem, was die Architektur betrifft. Und so gibt es noch, wie schon gesagt, eine Menge Ämter, von denen wir noch bei günstigen Gelegenheiten werden mehrere kennenlernen.
NS|0|11|25|0|Für jetzt aber wenden wir noch einen Blick auf unsere Gesellschaft zurück und sehen, wie diese schon anfängt, sich von dem dritten Hügel herabzubegeben auf den zweiten, allda sich ein großer Tempel befindet. Denn die Geschwulst ist schon so weit wieder zurückgewichen, dass die Wasser den ersten Hügel, auf dem sich eben ein Zeitmesser befindet, wieder geräumt haben. Und so eilt auch einer der Gesellschaft hin, um das Pendulum wieder in den Schwung zu bringen, damit sie darnach bestimmter noch den Verlauf der ganzen Geschwulst bestimmen können.
NS|0|11|26|0|Jedoch für heute wollen wir unsere stark glänzende Gesellschaft nicht länger mehr beobachten; dafür aber werden wir den Verlauf schon bei der nächsten Mitteilung einholen. Und so lassen wir’s für heute gut sein!
NS|0|12|1|1|Das Zusammensinken und Verschwinden der Sonnengeschwulst
NS|0|12|1|1|(Am 22. August 1842 von 3 bis 5 3/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|12|1|0|Seht, soeben bewegt sich der B wieder zum A hin und fragt ihn: „Siehe, Bruder, dahin! Das Pendulum schwingt sich schon in wohlgemessenen Intervallen. Ich meine, wir dürften in 10.000 Schwingungen schon den Rand aus den Höhen herabsinkend bemerken; denn der Fuß hat schon allenthalben bedeutende Einbüge und Falten erhalten. Wenn aber solches der Fall ist, da wissen wir ja alle, dass sich der Rand der Geschwulst bald zeigt.“
NS|0|12|2|0|Nun spricht der A: „Du hast recht; der Fuß der Geschwulst bekommt zwar schon eine Menge Falten und Einbiegungen von oben nach unten; aber nur entdecke ich noch keine Breitfalten, die bei solchen Gelegenheiten die Längenfurchen zu durchschneiden anfangen, wenn die Geschwulst so ganz eigentlich von der Höhe in die Tiefe herabzusinken anfängt. Daher meine ich, dass wir noch nicht sobald den lichten Rand erblicken werden.“
NS|0|12|3|0|Spricht wieder weiter der B: „Bruder, ich meine, da nach deiner Behauptung der Rand noch nicht sobald sichtbar wird, wir sollen uns unterdessen in den Tempel begeben und da nachsehen, ob die Fluten, welche nahe an sein Dach schlugen, kein Unheil in demselben angerichtet haben. Und wenn solches der Fall wäre, so müssten wir doch sogleich Anstalt treffen, eine oder die andere Beschädigung wiedergutzumachen.“
NS|0|12|4|0|Seht, der Vorschlag wird angenommen; und es wird der große Tempel, der nach eurem Maß sicher eine Meile in der Länge und eine Viertelmeile in der Breite hat, in all seinen Säulengängen untersucht, wie in all seinen anderen Einrichtungen, ob da nichts Schadhaftes sich vorfinden möchte. Seht aber nur die zufriedenen Gesichter an, und sie werden es euch sagen, dass die Fluten dem ganzen Tempel außer einigen Durchnässungen keinen Schaden zugefügt haben.
NS|0|12|5|0|Wie lange dauert denn diese Untersuchung? Nach eurer Zeitrechnung dürften es wohl drei Tage sein; allein in der Sonne geht eine solche Verrichtung mit viel schnellerem Zeitgefühl vor sich, da es, wie ihr schon wisst, nie eine Nacht, sondern nur einen beständigen Tag gibt.
NS|0|12|6|0|Seht, die Gesellschaft geht schon wieder aus dem Tempel. Und einer wird hin zum Pendelwächter gesandt, um zu erfahren, wie viel neue Schwingungen schon seit der ersten begonnen worden sind. Seht, unser Bote ist soeben an Ort und Stelle und bekommt die Antwort auf seine Frage, und sie lautet: „Zehn!“ Jede Schwingung zu 20.000 Pendelbewegungen. Also kommt der Bote auch mit der Antwort zurück.
NS|0|12|7|0|Jetzt aber bemerkt auch der B eine Breitfurche an der weitgedehnten Geschwulst und zeigt solches dem A an. Auch die ganze Gesellschaft macht freudigen Gemüts diese Bemerkung, und die Weiber schreien: „Seht, seht, eine Breitfurche ist zu sehen!“
NS|0|12|8|0|Die Geschwulst hat zu sinken angefangen. Und der A bemerkt nun der ganzen Gesellschaft: „Ja, sie ist da, die erste, segnende Furche! Daher fallt nieder und preist aus allen Kräften den großen Gott dafür! Auf dieser Stelle wird sobald keine Geschwulst wieder stattfinden; denn die erste Breitfurche zieht die Geschwulst mächtig zusammen und gürtet sie fest.“ – Seht, nun fallen alle nieder und tun im Ernst aus allen Kräften, wie ihnen der erste Lehrer anbefohlen hatte.
NS|0|12|9|0|Nur der A und der B bleiben aufrecht stehen und beobachten die Geschwulst und zugleich die Pendelschwingungen des nicht fern vom Tempel abstehenden Zeitmessers. Der B entdeckt eben voll Freude ober der ersten Furche eine zweite und zeigt solches dem A an, sagend: „Bruder, was deucht dir, ist das nicht eine zweite Furche?“ – Und der A spricht: „Ja, Bruder, du hast ganz gut beobachtet; es ist eine bedeutende Furche. Aber siehe dahin, unter der ersten bildet sich ebenfalls wieder eine; und siehe, da noch weiter ober deiner zwei entdeckten wieder eine! Dem allmächtigen, großen Gott alles Lob und allen Preis! Die große Geschwulst sinkt rasch zusammen. Zwar sehe ich noch immer keinen Rand; aber ich meine, er wird bald sichtbar werden.“
NS|0|12|10|0|Und B spricht: „Bruder, sieh einmal in die Höhe, wenn mich meine Augen nicht trügen, so sehe ich schon das gewaltige Zucken der Blitze, welche, wie du weißt, die gewöhnlichen Vorboten des Randes sind!“ – Und der A spricht: „Ja, wahrhaftig wahr, du hast recht! Ich sehe nicht nur allein das, was du siehst, sondern vernehme auch schon ein fernes, dumpfes, ununterbrochenes Rollen der Randdonner.“ – Hier heißt er die Gesellschaft wieder aufstehen und hinaufschauen in die Höhen und schauen daselbst, wie sich die Erlösung schon gar gewaltig zu nahen anfängt.
NS|0|12|11|0|Unter großem Jubel erhebt sich die Gesellschaft und blickt mit gefalteten Händen empor. Und näher und näher zucken die Blitze herab, und heftiger und heftiger werden die Donner. Stumm beobachtet jetzt eine Zeit lang die ganze Gesellschaft die Trillionen zuckender Blitze, welche unaufhörlich von der noch immer mehrere tausend Meilen weit gedehnten Geschwulst nach allen Richtungen zucken.
NS|0|12|12|0|Der Zeitwächter hat soeben einen neuen Schwung getan. Noch immer kein Rand. Aber jetzt schreit der B und mehrere mit ihm aus der Gesellschaft: „Rand, Rand! Seht, er ist sichtbar geworden! Wir alle sind vollends gerettet! Denn nur wenige Schwingungen noch, und wir werden über ihn hinwegschauen, über den herrlichen, lichten Rand!“ – Und der A spricht zu allen: „Ja, dieser Schwung wird mit seinen Bewegungen nicht fertig sein, und wir werden über die Oberfläche des Randes hinwegschauen und ihn gar wohl sehen; denn er senkt sich auf unserer Seite nahe senkrecht nieder.“
NS|0|12|13|0|Und der B spricht: „Wie weit hältst du ihn entfernt von hier, wenn er mit uns in gleicher Höhe stehen wird?“ – Spricht der A weiter: „Ich denke dreißig Women!“ Das ist nach der Sprache der Sonnenmenschen eine Entfernung von dreitausend Meilen; welche Entfernung wohl für die Erde sehr beachtenswert ist, aber für die Sonne ist eine Wome in keinem größeren Betracht als auf der Erde ungefähr eine halbe Viertelstunde.
NS|0|12|14|0|Wieder spricht der B: „Wie breit [wird] diesmal wohl der Rand sein?“ – Und der A erwidert: „Nach der Größe der Geschwulst zu urteilen möchte er diesmal wohl bei vierzig Women betragen.“
NS|0|12|15|0|Jetzt aber spricht der A wieder zur Gesellschaft: „Habt Acht! Die Breitfurchen haben zu beben angefangen; der Krater wird nicht ruhig sinken, sondern wird nach solchen Vorzeichen einen Sturz machen. Daher macht euch gefasst und erschreckt euch nicht vor dem plötzlichen Gekrache und setzt euch zur Erde, damit ihr nicht umfallt, wenn der plötzliche Sturz unseren Boden entweder mehr oder weniger gewaltig miterschüttern wird! Und bittet den großen Gott, dass Er unsere Wohnungen und Tempel erhalten möchte!“
NS|0|12|16|0|Und der B nähert sich eilends dem A und macht ihn aufmerksam auf die großen Schwebungen des schon wohlsichtbaren Randes. Und der A spricht: „Ja, Bruder, du hast gut beobachtet; denn ich sehe auch Schwebungen zu hundert Women längs dem Rand hin, so weit ich ihn nur mit meinen Augen erreichen kann. Seht, seht, die Schwebungen werden immer heftiger! Wie sie flackern gleich einer großen Fahne auf unseren größten Tempeln von einem heftigen Wind genötigt! Darum seid ja aufmerksam und auf eurer Hut; denn in wenig Pendelbewegungen wird der noch nahe fünf Women von uns in der Höhe entfernte Rand unter uns herabstürzen, dass wir dann sogar noch etwas von dem schauerlich tiefen Krater werden zu sehen bekommen, vorausgesetzt, dass sich die Randwände etwa nicht schon vielfach wieder ergriffen haben. Jetzt gebt Acht! Es fallen schon Leuchtkugeln herab; sogleich wird der Sturz geschehen!“
NS|0|12|17|0|Hört und seht, die ganze Gesellschaft springt unter einem lauten Schrei vom Boden. Tausend und abermal tausend Wasserhosen erheben sich aus den überweit gedehnten Wasserfluten und beginnen einen wütenden Kampf gegen den stets näher und näher herabsinkenden Rand. Und große, leuchtende Feuerkugeln in der Größe des Erdmondes, so groß er ist in der Wirklichkeit, stürzen herab vom glühenden Rand in die wütend brausenden Fluten, und jede dieser Kugeln ist begleitet von millionenmal Millionen Blitzen. Seht, welches Sieden des großen Gewässers, welches Dampfen und Qualmen, wo eine solche glühende Feuerkugel vom noch hohen Rand hinabstürzt in die wütende Flut!
NS|0|12|18|0|Jetzt aber gebet Acht, denn es ist alles zum großen Sturz vorbereitet! Seht, der Wächter hat seine Schwingungen eingestellt und hat das Pendulum an dem Baum befestigt. Selbst die zwei Lehrer lassen sich neben den Bäumen zur Erde nieder und klammern sich da mit einer Hand um dieselben. Desgleichen tut auch die ganze Gesellschaft. Und der Zeitwächter eilt zur Gesellschaft hin.
NS|0|12|19|0|Seht, alles starrt unverwandten Blickes auf den unaussprechlichen und für eure Sinne unbeschreiblich sturmbewegten Rand, allda Schwebungen geschehen, dass in einer Sekunde hier oder da der Rand eine Aus- und Einbiegung macht der Länge nach von nicht selten acht- bis zehntausend Meilen; und das Hin- und Herschwanken legt ebenfalls in einer Sekunde nicht selten einen Weg von drei- bis viertausend Meilen zurück. Nun denkt euch einmal diese Bewegungen anzusehen von dem Standpunkt, wo unsere Sonnengesellschaft sie beobachtet! Wenn sie auch wirklich dreißig Women entfernt sind, so ist aber solches für die scharfen Augen der Sonnenmenschen dennoch eine Kleinigkeit, und sie können daher gar wohl wahrnehmen die fürchterlichen Bewegungen einer solchen Erscheinung.
NS|0|12|20|0|Aber jetzt seht, der Rand ist herabgesunken, jedoch nicht so heftig, wie man es erwartete. Daher war auch die Erschütterung der Umgebungen nicht so heftig, wie sie manchmal zu sein pflegt. Aber dennoch hat dieses ziemlich heftige Zusammensinken die Wasserwogen bis in die Nähe unserer Gesellschaft hinaufgetrieben, obschon sie sich auf diesem Hügel über fünf eurer Meilen hoch über dem Wasserspiegel befindet.
NS|0|12|21|0|Fasst ihr wohl diese Bewegung? Was würdet ihr wohl auf der Erde sagen, und von welchen Gefühlen würdet ihr beseelt sein, wenn ihr euch zum Beispiel auf einer hohen Alpe befinden möchtet, die zum Beispiel die Höhe hätte von dem euch wohlbekannten Großglockner und sich ungefähr fünf oder sechs Meilen vom Meer weg befände, so das Meer von irgendeines Sturmes Macht anfinge, solche Wellen zu treiben, dass sie euch auf eurer Alpe nahe erreichen möchten? Würdet ihr euch da nicht einer nach dem anderen anfangen, vor lauter Verzweiflung die Haare auszuraufen? Und doch wäre diese Erscheinung auf der Erde, in der Sonne betrachtet, nur ein allerbarstes Kinderspiel, allda schon dieser niederste Hügel nahe fünfmal so hoch ist als euer höchster Berg auf der Erde, das heißt über die ruhige, gewöhnliche Sonnenwasserfläche betrachtet.
NS|0|12|22|0|Wenn ihr diesen Vergleich nur ein wenig beachtet, so dürfte euch wohl das Großartige der Flutung in die Augen springen, welche bei der Gelegenheit des schnellen Zusammensinkens unserer Geschwulst erfolgt. Und dieses sollt ihr auch so recht fassen, damit ihr daraus stets mehr und mehr erkennen mögt, wie mächtig Der ist, der Sich von euch einen lieben, guten Vater nennen lässt!
NS|0|12|23|0|Doch sehen wir nun wieder unsere Gesellschaft noch einmal an. Seht, wie sie sich alle um den Lehrer her drängen und den großen Gott loben und preisen, und wie der Zeitwächter wieder hineilt zu seinem Baum, das Pendel frei macht und demselben wieder einen neuen Schwung gibt.
NS|0|12|24|0|Nun seht aber auch mit den Sonnenmenschen über den Rand der großen Geschwulst hin. Seht, wie breit sie noch ist; merkt ihr es nicht, wie auf diesem Rand noch gar leicht zwei eurer Erden nebeneinander herrollen könnten?! – Ja, also ist es auch! Aber der Krater ist nun schon sehr beengt und hat kaum die zweimalige Breite des Randes und dehnt sich mehr in die Länge als in die Breite aus und hat sich auf verschiedenen Punkten schon wieder ergriffen.
NS|0|12|25|0|Seht, wie die lichtgewohnten Bewohner der Sonne sich ihre Augen verhüllen wegen des zu starken Leuchtens des breiten Randes. Und seht, wie aus der Tiefe noch hier und da eine große, feurige Kugel hinausgeworfen wird mit großer Heftigkeit bis zu einer Höhe, welche nahe die zweimalige Entfernung eures Mondes von der Erde beträgt. Und seht, wie dem weitgedehnten, sich noch immer stark bewegenden Rand noch immer zahllose Blitze entstürzen!
NS|0|12|26|0|Und seht nun zum Schluss dieser Erscheinung; das ist der ganze Verlauf dieser großartigen Erscheinung, welche jetzt allmählich zusammensinkt, da sich die Ränder stets mehr und mehr ergreifen. Den Schluss dieser Erscheinung macht gewöhnlich ein nach eurer Rechnung mehrere Tage anhaltender gewaltiger Regen, durch welchen die glühenden Ränder wieder abgekühlt, beruhigt und endlich gar ineinander verbunden und geheilt werden und sonach immer mehr hinabsinken in ihre vorige Lage, da sie wieder unter dem Wasserspiegel zu stehen kommen.
NS|0|12|27|0|Seht aber jetzt auch noch mit einem Blick unsere Sonnenbewohner an, wie sie nun über alle Maßen heiter sind und frohlocken und lobpreisen aus aller Fülle ihres Herzens und ihres ganzen Lebens den großen Gott, der alles dieses also höchst weise wieder in die vorige Ordnung zurückgebracht hat; und auch, wie sie sich jetzt umarmen und begrüßen und dann ihren Wohnungen zueilen, und wie aus denselben ihnen auch wieder eine Menge wohlerhaltener Kinder, Brüder und Schwestern entgegenkommen!
NS|0|12|28|0|Und somit ist auch dieser Akt beendet. Fürs Nächste wollen wir einige häusliche Einrichtungen dieser Sonnenbewohner beobachten und somit auch einen flüchtigen Blick über diesen ganzen Gürtel werfen.
NS|0|13|1|1|Ordnungsrecht der Bewohner des Mittelgürtels. Aufteilung der Grundstücke. Gesetze und Willensfreiheit
NS|0|13|1|1|(Am 23. August 1842 von 1/4 4 bis 4 1/2 Uhr nachmittags.)
NS|0|13|1|0|In der Sonne und vorzugsweise namentlich auf unserem Gürtel gibt es zwar durchaus nicht ein sogenanntes Eigentumsrecht wie bei euch auf eurem Erdkörper; aber es gibt dafür ein Ordnungsrecht, und dieses hat folgenden Grundsatz zur Basis: dass da niemand darf ohne Grundbesitz sein. Aber der Grund wird allzeit von den für diesen Zweck beorderten Amtsleuten ausgemessen und einem oder dem anderen zur Benutzung eingeräumt. Die Grundbesitzer sind demnach nur so lange unbeeinträchtigte Fruchtnießer ihres ausgemessenen Grundstückes, solange sie leben.
NS|0|13|2|0|Nach ihrem Ableben aber haben mit diesem Grundstück nicht sie, sondern die von den Hauptlehrern aufgestellten Amtsleute ordnungsmäßig zu verfügen. Aus diesem Grunde hört dann in der Sonne auch alles Mir auf eurer Erde ganz besonders verhasste Kindererbrecht auf. Sondern die Kinder werden samt und sämtlich, wenn sie die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten besitzen, von den Amtsleuten versorgt.
NS|0|13|3|0|Und dieses geschieht auf folgende Weise: Hat ein Elternpaar ein, zwei, drei bis vier Kinder nur, so wird noch bei Lebzeiten der Eltern, wenn die Kinder vollmündig geworden sind, der Grund geteilt, so zwar, dass die Kinder zwei Drittel vom Grund ausgemessen bekommen, die Eltern aber behalten ein Drittel. Dieses Drittel fällt nach dem Ableben der Eltern etwa nicht den Kindern zu, sondern die Amtsleute können es jedermann, der da noch keinen Grund hätte, zum Besitz einräumen. Solche Verteilung geht jedoch nur allzeit zwei Glieder hindurch. Beim dritten Glied geschieht wieder eine Vereinigung mehrerer zerstückelter Gründe, welche dann, insoweit sie für das Bedürfnis grundloser Menschen auslangen, von neuem ordnungsmäßig verteilt werden.
NS|0|13|4|0|Was aber dann die übergebliebenen Menschen betrifft, welche bei dieser neuen Ausmessung nicht konnten beteiligt werden, denen wird dann ein sogenannter Reservegrund eingeräumt. Was ist denn solch ein Reservegrund für ein Grund? Ein Reservegrund ist ein solcher, der entweder ein bedeutender Überschuss ist von den ausgemessenen und schon bemessenen Gründen, oder auch mitunter solche Gründe, welche hier und da nach den von uns schon beobachteten Erscheinungen aus den Gewässern gleich den Inseln in euren Meeren zum Vorschein kommen.
NS|0|13|5|0|Daher leidet auch nie jemand Not in der Sonne, obschon dieser Hauptgürtel außerordentlich stark bevölkert ist. Denn fürs Erste sind die Menschen ja eben fast um nicht gar sehr Bedeutendes größer als so manche Menschen bei euch auf der Erde und haben aber dabei auch ein hundertfältig geringeres Bedürfnis als so manche kleinere Menschen bei euch; darum sie denn auch mit einem viel kleineren Grundstück genug haben als die Menschen auf eurer Erde.
NS|0|13|6|0|Ihre Kleidung besteht in nichts als in einer leichten Schürze um die Lenden und in einem ziemlich weiten Hut. Ihre Kost bringt der Boden der Sonnenerde so oft hervor, als sie essen wollen nach Maß und Ziel. Daher hat ein Grundbesitzer an so viel Grund in Übergenüge, was ihr bei euch ungefähr ein halbes Joch nennt.
NS|0|13|7|0|Diese ordnungsrechtliche Verteilung hat dann in der Sonne auch diese gute Folge, dass all die Menschen dieses Gürtels von einer Eigentumsrechtsstreitigkeit nicht das Allergeringste wissen.
NS|0|13|8|0|Haben die Grundbesitzer etwa Steuern an die verschiedenen Amtsleute zu entrichten? Solches ist jedem Sonnenbewohner ganz fremd. Denn alle Amtsleute samt den Lehrern haben ihre eigenen Gründe, selbst der Zeitwächter sitzt auf seinem ihm zugemessenen Grund und Boden.
NS|0|13|9|0|Es fragt sich aber nun: Darf da ein Nachbar nicht auch auf dem Grund seines Nachbarn sich sättigen, wenn er hungert? – Allerdings; im Notfall sind alle die ausgeteilten Gründe ein Gemeingut, aber es wird solches mutwilligerweise dennoch niemandem zu tun gestattet. Es tut aber auch wirklich dergleichen niemand. Denn nur abstrakte Gebote und Gesetze erzeugen Verbrecher. Wo aber die Freiheit des Willens so viel als möglich aufrechterhalten wird, dort kann dieser auch am leichtesten für die Aufrechthaltung der allgemeinen Ordnung gebildet werden.
NS|0|13|10|0|Denn ein durch schroffe Gesetze zusammengeschraubter Wille ist ein geplagter Wille. Der geplagte Wille aber hat kein Vergnügen an der Ordnung, sondern er trachtet nur, dass er sich hier oder da Luft mache, und achtet wenig darauf, ob diese Handlung der gesetzlichen [Ordnung] gemäß ist, sondern die Richtschnur seiner Handlung ist sein eigenes Wohlbehagen. Wenn aber der Wille freigehalten wird und er in dieser Freiheit die Gesetze der Ordnung erkennt, so wird er dann auch bald mit der für ihn angenehmen Notwendigkeit derselben vertraut und freut sich dann der in sich selbst aufgefundenen göttlichen Ordnung.
NS|0|13|11|0|Solches ist auch eine Hauptgrundregel bei der Erziehung der Kinder in der Sonne, welche auch auf der Erde besser wäre als der Unterricht, durch den das Gedächtnis geplagt wird, der Verstand misshandelt und der Geist getötet! Jedoch wir sind nun in der Sonne und nicht auf der Erde; daher wollen wir auch nur das mit geöffneten Augen des Geistes betrachten, wie sich allda allenthalben die göttliche Ordnung selbst bei den unbedeutendsten häuslichen Einrichtungen auf das Anschaulichste kündet.
NS|0|14|1|1|Die Wohnhäuser auf dem Mittelgürtel
NS|0|14|1|1|(Am 24. August 1842 von 3 bis 6 Uhr nachmittags.)
NS|0|14|1|0|Damit wir zu den verschiedenen Zweigen der häuslichen Ordnung übergehen können, so wird es doch notwendig sein, dasjenige Stück in Augenschein zu nehmen, wovon eben die häusliche Ordnung ihre beschaffenheitliche Benennung hat. Denn so viel wird etwa doch klar sein, dass „häuslich“ von „Haus“ abgeleitet ist; darum auch wird es vorerst notwendig sein, ein und das andere Haus unserer Sonnenbewohner anzuschauen und mit und in dem Haus dann auch die häusliche Ordnungsverfassung zu beachten.
NS|0|14|2|0|Wie sehen denn demnach die Häuser der Sonnenbewohner aus, namentlich auf dem euch schon mehr bekannten Gürtel, welcher im Ganzen ungefähr so breit ist wie die Entfernung des Mondes von eurer Erde? Wie sehen also die Häuser dieses großen Gürtels aus? Haben sie etwa Ähnlichkeit mit euren Erdwohnhäusern? Sind sie auch in großen Massen nebeneinandergebaut wie bei euch in den großen Städten? O nein, solches ist allda durchaus nirgends der Fall. Denn fürs Erste gibt es in der ganzen Sonne nirgends eine Stadt, und die Häuser haben auch eine ganz andere Gestalt und Einrichtung.
NS|0|14|3|0|Wie sehen sie denn demnach aus? Denkt euch eine Rundung ungefähr in einem Durchmesser von fünfzig bis hundert Klaftern. Diese Rundung ist von zwei Klaftern eures Maßes bis wieder zu zwei Klaftern mit viereckigen Säulen, wovon jede wenigstens zwanzig Klafter hoch ist und eine Klafter im Durchmesser misst, besetzt. Zuoberst aber ist bei jeder Säule ein Polster oder Kapitell, wie ihr zu sagen pflegt, von runder Form, mit den schönsten Auswindungen verziert, angebracht. Über den Kapitellen sind massive Querbalken gelegt, welche in der Rundung herum die Säulen miteinander zuoberst verbinden. In der Gegend einer jeden Säule ist über dem Querbalken ein Dachbaum angebracht, und die sämtlichen Dachbäume sind von da also geneigt, dass sie sich zuoberst in der Form einer vieleckigen Pyramide berühren.
NS|0|14|4|0|Jeder dieser Dachbäume hat nach dem Runddurchmesser, ob dieser größer oder kleiner ist, auch verhältnismäßig höhere oder niedere Dimensionen, das heißt, ist der Rundungsdurchmesser des ganzen Hauses ein geringerer, so brauchen auch die Dachbäume nicht so lang zu sein, um sich zuoberst in einer pyramidalen Form zu berühren; ist aber der Rundungsdurchmesser ein größerer, so müssen auch die Dachbäume länger sein, um sich zuoberst in der benannten Form bewähren zu können.
NS|0|14|5|0|Da aber zudem noch ein jedes solches Hausdach ungefähr eine also zugespitzte Form haben muss, wie sie ungefähr bei euch haben so manche Türme sogenannter gotischer Kirchen, so versteht es sich schon von selbst, dass die Längendimensionen der Bäume sehr beträchtlich sein müssen, damit bei einem so bedeutenden Runddurchmesser eine solche Form bewerkstelligt werden kann. Und so gibt es nicht selten Dachbäume in einer Länge von mehr als dreihundert Klaftern.
NS|0|14|6|0|Ihr werdet hier fragen: Wozu denn solche Dächer in der Sonne, wo es gewiss selten oder hier und da auch gar nie regnet? – Diese Dächer aber sind auch durchaus nicht als Regenschirme auf den Häusern, sondern nur als sehr zweckdienliche Licht- und Wärmeschirme zu betrachten. Denn obschon die Sonnenmenschen einen für euch kaum begreiflichen Licht- und Hitzegrad gar wohlbehaglich zu ertragen imstande sind, so sind sie aber dennoch große Freunde vom Schatten und einer größeren Kühle.
NS|0|14|7|0|Kein Dach aber ist zur Aufhaltung sowohl des Lichtes als der Wärme tauglicher als ein Spitzdach, weil es sowohl das Licht und somit auch die mit demselben verbundene Wärme beständig ableitet. Dass solches richtig ist, könnt ihr euch gar leicht durch ein kleines Beispiel versinnlichen, und zwar dadurch, dass ihr ein ziemlich langes und wohlzugespitztes Stück Metall nehmt und dessen Spitze in eine Flamme haltet. Dadurch werdet ihr euch überzeugen, dass auf diese Weise, wenn die Spitze auch schon weißglühend geworden ist, die rückwärtige, viel massivere Metallmasse noch nichts von einer Wärme empfinden lässt; wogegen im umgekehrten Fall oder bei einer gleichdicken Metallstange diese sogleich bis auf den hintersten Punkt glühend heiß wird.
NS|0|14|8|0|Nehmt ihr nun ein solches Spitzdach, welches dazu noch aus einer weder Licht noch Wärme leitenden Masse besteht, so ist es klar, dass ein solches Spitzdach unfehlbar der zweckmäßigste Licht- und Wärmeschirm ist.
NS|0|14|9|0|Diese Dachbalken werden ebenfalls ringsumher mit einer Art Latten beschlagen, welche aber nahe ganz fest aneinandergereiht sind. Über diese Latten aber wird dann eine Art weißer Spiegelplatten gelegt, welche aus einer Art Sonnenerde, gleich euren Dachziegeln, bereitet werden und sehen ungefähr so aus, als wenn ihr möchtet aus dem Papier mit einer Schere Halbpyramiden schneiden und einer jeden solchen Pyramide zuoberst, an der schmäleren Seite, einen winkelrechten Überbug geben. Diese Dachplatten sind nicht dicker als ein sogenanntes Pappendeckelpapier bei euch, und sind ungefähr so schmiegsam wie eine Bleiplatte bei euch. Diese Platten werden dann mit der oberen, winkelrechten Einbiegung in die schmalen Lattenfurchen gesteckt und dann mit einem eigenen Kitt in den Furchen befestigt.
NS|0|14|10|0|Auf diese Weise wird ein jegliches Hausdach gedeckt und sieht, vollendet, außerordentlich prachtvoll aus. Denn die Platten sind nach außen hinaus viel glänzendweißer als ein allerfeinst polierter Alabasterstein bei euch, wodurch sie dann auch alle Strahlen zurückwerfen und daher an und für sich beständig unerwärmt bleiben.
NS|0|14|11|0|Inwendig aber bekommt dieses Dach bis zur höchsten Spitze einen ganz dunklen Anstrich von einer Farbe, die sich besonders an den Ufern der großen Gewässer häufig vorfindet und ganz besonders häufig nach einer euch schon bekannten Geschwulst-Eruption.
NS|0|14|12|0|Woraus aber sind denn die Säulen verfertigt? Die Säulen sind aus einer Art Backsteinen zusammengekittet, welche Backsteine ungefähr die Form eurer Ziegel haben; nur sind sie äußerst fein und so vollkommen durchsichtig wie bei euch die edelsten Steine, und sind aus diesem Grunde außerordentlich prachtvoll anzusehen. Für die Querbalken sowie für die Dachbalken aber werden eigene Bäume gezogen, und zwar schon in der Form, die zu diesem Zweck notwendig ist.
NS|0|14|13|0|Zwischen einer jeden Säule aber befindet sich ein kleines Rundgärtchen, welches mit den lieblichsten und anmutigsten Gewächsen reichlichst versehen ist, welche Gewächse die Sonnenbewohner so zu ordnen verstehen, dass gegen die Mitte des Gärtchens zu immer höhere zu stehen kommen, und man auf diese Weise, mit Ausnahme des Eingangstores, allerherrlichste Blumenpyramiden erschaut, welche eine solche Mannigfaltigkeit in ihren Blumenprodukten haben, dass ihr euch davon durchaus keinen Begriff machen könnt, und es auch unbeschreiblich ist, indem nahe eine jede solche Blumenpyramide mit tausendfältig ganz anderen Blumen geschmückt ist als eine frühere, und also auch jedes Haus wieder mit anderen.
NS|0|14|14|0|Also hätten wir, freilich wohl nur euren schwachen Begriffen zufolge, die notdürftigste Darstellung der Form eines Wohnhauses für die Menschen alldort. Wenn ihr aber wollt eurer geistigen Phantasie bei dieser Darstellung den gerechten Zügel schießen lassen, so werdet ihr noch so manches erschauen, was euch diese gedrungene Darstellung notwendigerweise versagen musste. Kurz und gut, hier könnt ihr phantasieren, wie ihr wollt; und ihr seid bei allem Reichtum eurer Phantasie nicht imstande, einen Fehlblick zu tun. Warum denn? Weil ihr euch namentlich im Bereich der Gewächse durchaus keine Form entwerfen könnt, welche ihr da nicht vervollkommnet wiederfinden dürftet. Denn die viel mehr geistigen Menschen der Sonne umfassen die Phantasie aller planetenbewohnender Geister geradeso, wie das Licht der Sonne selbst alle Planeten umfasst. Aus diesem Grunde könnt ihr auch phantasieren wie ihr wollt und ihr seid nicht imstande, mit all eurer Phantasie irgendeine Form zu entwerfen, welche in der Sonne nicht in der Wirklichkeit vorhanden wäre.
NS|0|14|15|0|Daher findet ihr auch dort, wie es schon gleich anfangs bemerkt wurde, nicht nur alle sichtbaren Produkte aller Planeten in der größten Vollkommenheit, sondern auch alle Gedankenformen, welche je von den Menschen auf den Erdkörpern gedacht wurden, wesenhaft.
NS|0|14|16|0|Sonach können wir denn auch die Wohnhäuser der Sonnenmenschen betrachten und uns daran ergötzen; denn Mannigfaltigeres und Herrlicheres kann sich kein Mensch träumen lassen, als er in der Sonne in der Wirklichkeit antreffen kann. So ist demnach auch selbst die Färbung dieser vorbeschriebenen Säulen von einer so großen, majestätischen Pracht, dass das allerherrlichste Brillantfeuerspiel bei euch dagegen kaum als das Lichtspiel einer Mistlacke zu betrachten ist; denn, wie schon anfangs bemerkt wurde, ist auf den Erdkörpern alles wie tot und unbeweglich, während in der Sonne alles wie von Leben sprüht.
NS|0|14|17|0|Da wir nun solches ein wenig beschaut haben, so wollen wir denn auch in ein solches Haus einziehen und schauen dessen innere Einrichtung.
NS|0|14|18|0|Der Boden sieht so aus, als wäre er von dunkelpoliertem, durchsichtigem Gold, oder ungefähr so, wie da aussieht bei euch ein allerschönster feinst polierter Topas; nur ist der Boden nicht auch etwa so hart, sondern ganz elastisch weich.
NS|0|14|19|0|Zwischen einer jeden Säule gegen das Innere steht eine Pyramide im Viereck wie vom allerfeinsten Diamanten. Diese Pyramide ruht auf einem Gestell oder, wie ihr zu sagen pflegt, Piedestal, welches wie eine geräumige Bank über die Pyramide hinaus hervorschießt und allzeit einen Umfang hat von sechs bis acht Klaftern. Auf dieser Bank pflegen die Sonnenmenschen zu ruhen so wie ihr auf euren Sesseln, sitzend nämlich. Die Bank aber ist nicht vom nämlichen Stoff wie die Pyramide, sondern sieht dunkelgrün aus, aber dessen ungeachtet höchst fein poliert und durchsichtig und ist samt der Pyramide ebenfalls nicht hart, sondern elastisch.
NS|0|14|20|0|Vor diesen Pyramidalsitzen sind niedere, runde Pfeiler angebracht, welche oberhalb breiter sind als zuunterst und aussehen als wie bei euch allerfeinst polierter Rubin. Diese dienen zu Speisetischen.
NS|0|14|21|0|Ganz in der Mitte befindet sich eine Staffeleipyramide, deren Stufen schneckengangförmig aufwärts steigen. Diese Pyramide hat zuunterst einen Durchmesser von zehn bis manchmal fünfzehn Klaftern. Die aufgehenden Stufen sind durchaus mit den allerkunstvollst gearbeiteten Geländern versehen. Zuoberst aber ist die Pyramide nicht etwa spitzig, sondern abgeplattet und innerhalb des Geländers mit etwas kleineren Pyramidalsitzen versehen. Die Masse der Pyramide ist hell violett, manchmal auch rosenrot. Die Geländer sind von allerlei feinstpolierten, vielfarbigen, durchsichtigen Stoffen bereitet, welche nur in der Sonne und sonst nirgends vorkommen. Auch diese Pyramide samt allen ihren Teilen ist elastisch. Wozu dient sie denn?
NS|0|14|22|0|Sie dient zu höheren Beratungen über göttliche Dinge; denn in der Mitte der Pyramide zuoberst ist von einem hellgrün leuchtenden durchsichtigen Stoff eine Art Lehrkanzel verfertigt, von welcher der Hausvater seine Angehörigen über Gott zu belehren pflegt.
NS|0|14|23|0|Ihr werdet fragen: Wozu muss denn hier gerade diese Pyramide sein? Die Ursache ist ganz einfach: Auf dieser Pyramide Schneckenstufen gelangen die Menschen ziemlich tief unter das Spitzdach; dadurch werden sie von der äußeren, überprachtvollen Anschauung der Dinge in der Sonne abgezogen und somit desto leichter in sich geführt. Selbst dieser schneckenartige Gang zeigt ihnen die notwendige Engführung des Geistes, und wie man auf gleichem, geistigem Weg allein nur auf den Kulminationspunkt des wahren inneren Lebens gelangen kann. Was aber die Verzierungen des überaus schönen Stufengeländers betrifft, so sind diese alle von erhabener Art und stellen gewöhnlich geheimnisvoll Meine wunderbare Menschwerdung auf der Erde dar.
NS|0|14|24|0|Vor dem Eingangstor, gegenüber der Mittelpyramide, findet sich eine vollkommen viereckige Erhöhung vor, das heißt über dem Fußboden. Die Erhöhung beträgt gewöhnlich eine halbe Klafter. Auf diesem bei zwei Klafter im Durchmesser haltenden Quadratplateau ist, der Hauptpyramide gegenüber, ebenfalls ein überaus prachtvoller Pyramidalsitz angebracht. Das viereckige Plateau ist ebenfalls von drei Seiten her mit einem überaus kunstvoll gearbeiteten Geländer umfasst. Hier gebt Acht, da werdet ihr etwas finden, was euch sehr gut gefallen wird. Zu welchem Zweck ist denn dieses?
NS|0|14|25|0|Seht, das ist ein Hausorchester, welches in keinem Haus der Sonne fehlen darf. Auf diesem Orchester befindet sich eine majestätische Harfe, welche jeder Sonnenmensch schon von Natur aus zu spielen versteht. Sie dient zur Begleitung erhabenster Lieder, welche allzeit nach einer geistigen Versammlung dem großen Gott zum Lob und Preis gesungen werden. Was aber den Ton dieses Instrumentes betrifft, wie auch die überreine Stimme der Sonnenmenschen, davon werdet ihr euch erst dann einen Begriff machen können, wann ihr von keinem Fleisch mehr gefangen gehalten werdet.
NS|0|14|26|0|Das ist sonach die ganze Einrichtung eines Hauses in der Sonne. Nur müsst ihr euch dabei etwa nicht denken, als sei das etwa eine festbestimmte Form der Wohnhäuser in der Sonne. Im Allgemeinen der Einrichtung zwar wohl, auch im Bau der Häuser; aber was die einzelnen angegebenen Teile betrifft, so weichen diese in den Formen oft außerordentlich bedeutend voneinander ab, wie auch in den Farben.
NS|0|14|27|0|So sehen bei manchen Häusern die Säulen aus, als bestünden sie aus übereinander ruhenden Wolken, welche sich in den verschiedenartigsten Gruppierungen verbinden. Manchmal sehen sie aus wie Felsen bei euch, manchmal wie Turm-Kuppeln, manchmal wie gotische Säulen, manchmal wie große Tiere, als zum Beispiel weiße Pferde auf den Hinterbeinen stehend, manchmal wie rotglühende Elefanten, welche mit ihren ausgestreckten Rüsseln das Dach tragen. Und so gibt es noch zahllose Formen, in welchen oft diese Säulen bestehen.
NS|0|14|28|0|Also sieht auch die innere Einrichtung wohl im Wesentlichen dem ersten euch bekanntgegebenen Muster stets vollkommen ähnlich; was aber die Form betrifft, so ist sie oft nicht minder verschieden als die der Säulen; nur die Dächer sind überall dieselben.
NS|0|14|29|0|Und so verdaut nun dieses ein wenig und macht euch fürs nächste Mal auf noch viel außerordentlichere Dinge gefasst!
NS|0|15|1|1|Die Umgebung eines Hauses auf dem Mittelgürtel. Mehrere Gründe für hohe Baumkronen. Gewaltige Naturphänomene und deren Unschädlichmachung
NS|0|15|1|1|(Am 25. August 1842 von 3 1/4 bis 6 1/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|15|1|0|Wie sieht denn die nächste Umgebung bei einem solchen Haus aus? Diese besteht gewöhnlich in einer runden Allee von sehr hohen Bäumen, welche bei einem Haus stets einer und derselben Art sind, aber nicht wieder dieselben bei einem anderen Haus. Ja ihr könntet da den ganzen, über 40.000 Meilen breiten und bei 600.000 Meilen langen Gürtel kreuz und quer abgehen, wenn eure irdischen Lebensjahre dazu hinreichten, so würdet ihr aber doch nimmer bei einem oder dem anderen Haus wieder dieselbe Art von fruchtbaren Alleebäumen finden, als wie ihr sie allenfalls bei einem ersten Haus gefunden habt. So sehen zum Beispiel die Alleebäume bei unserem ersten Haus also aus wie riesenhaft große, gewundene Säulen, welche zuoberst mit einer trauerweidenartigen Krone geziert sind. Die Blätter sind über eine Spanne lang und kaum einen halben Zoll breit; die Rückseite ist karminrot, die vordere, glatte Seite aber ist grüngolden. An der Spitze eines jeden Blattes hängt eine überaus starkleuchtende Perle von blauem Licht. Zwischen den Blättern hängen auf langen, weißen Stielen Früchte, ungefähr von der Gestalt wie bei euch das sogenannte Johannisbrot, aber alles ohne Kern. Denn, wie ihr schon wisst, so sind in der Sonne alle Früchte kernlos und sind von einem überaus geistigen, süßen Geschmack – daher sie auch eine Lieblingsspeise sind für dieses Haus.
NS|0|15|2|0|Wie bekommen aber die Sonnenbewohner die Früchte von diesen hohen Bäumen? Dieses geschieht dort auf eine höchst leichte und einfache Art. Die Sonnenbewohner haben nämlich dazu schon eigene Stangen, welche zuoberst mit einem nach Belieben bewegbaren Zwicker versehen sind, und dieses Instrument ist fast allenthalben dasselbe. Mit diesem Zwicker brechen sie die Früchte mit der größten Bequemlichkeit von den Bäumen, welcher Art sie auch immer sein möchten, und bemächtigen sich auf diese Weise zu ihrer Sättigung der Baumfrüchte.
NS|0|15|3|0|Ihr werdet auch hier im Geheimen denken: Warum lassen aber die Menschen die Bäume so hoch wachsen, wenn das Wachstum der Bäume sowie des ganzen Pflanzenreiches in der Gewalt ihres Willens steht? – Wer da so fragen würde, der wäre in einer kleinen irrigen Meinung. Denn die Sonnenbewohner sind überaus weise und tun nichts umsonst oder zwecklos, und es muss daher jede Verzierung sogar eine entschiedene, wohlgeratene und durchgeprüfte Nützlichkeit haben. Und so hat auch die hochgestellte Fruchtkrone eines solchen Baumes ihren entschiedenen, mehrseitigen guten Zweck.
NS|0|15|4|0|Ihr fragt hier: Worin denn besteht ein solcher nützlicher Zweck? – Nur Geduld, es wird sogleich kommen. Fürs Erste müsst ihr wissen, dass es auf gar keinem Planeten so überaus reizende und weitgedehnte Landschaftsaussichten gibt wie eben auf der Sonne. Denn da ist es gar nichts Seltenes, dass man von einem mittelmäßigen Hügel einen Flächenraum von wenigstens fünftausend Meilen im Durchmesser übersieht, also ungefähr nahe viermal so weit wie auf eurer Erde in gerader Linie vom Süd- bis zum Nordpol. Dazu müsst ihr noch nehmen, dass die Sonnenluft, besonders über diesem Gürtel, von höchster ätherischer Reinheit ist, wodurch natürlicherweise die Fernaussicht, besonders für die überaus scharfen Augen der Sonnenmenschen, begünstigt wird.
NS|0|15|5|0|Jetzt seht, es wird ein Zweck gleich einleuchtend sein. Da die Sonnenbewohner nämlich, wie schon gesagt, große Freunde schöner Landschaftsaussichten sind, so stellen sie aus dem Grunde die Fruchtkronen ihrer Bäume so hoch, damit sie ihnen nicht irgendwo die Aussicht verdecken. Seht, das ist einmal ein Zweck, welcher zwar, auf eurer Erde betrachtet, eben nicht von einer großen Wichtigkeit erscheint, aber desto mehr in der Sonne. Denn es handelt sich da nicht nur allein um den reizenden Aussichtspunkt, sondern die Aussicht ist dort etwas sehr Notwendiges, weil über dem Land sich oft verschiedene Phänomene zeigen, welche manchmal von guter, manchmal wieder von schlechter Wirkung sind. Darum auch muss auf alles gehörig achtgegeben werden, sonst liefen die Sonnenbewohner, besonders dieses Gürtels, gar zu oft Gefahr, von einem oder dem anderen, sich etwa ihrer Wohnung nahenden Phänomen gewaltig beschädigt oder wohl auch gänzlich zugrunde gerichtet zu werden.
NS|0|15|6|0|Damit ihr solches ein wenig mehr einseht, will Ich euch nur ein geringes Beispiel anführen. Es geschieht nicht selten, dass sich plötzlich über einem oder dem anderen Hügel rotleuchtende Sterne zeigen. Bei dieser Gelegenheit muss sogleich sorgfältig beobachtet werden, wie hoch irgendein Hügel sein mag, über dem sich diese Sterne zeigen, oder in welcher Richtung sie einem Hügel entschweben. Setzen wir den Fall, solche Sterne würden bei einem tausend Meilen abstehenden Hügel entdeckt, und dieser Hügel wäre ungefähr von einer mittleren Höhe, und die Sterne bewegten sich in der Richtung gegen diesen Hügel, auf welchem wir uns befinden, – es braucht nicht mehr als höchstens drei Minuten Zeit, so schweben diese vormals kleinen Sternchen nun schon als kleine Weltmassen gegen diesen Hügel her, da wir uns befinden; ihre Schnelligkeit ist überaus groß, da sie zumeist elektrischer Art sind. Was sie nun auf ihrem Weg erreichen, das ist in einem Augenblick zerstört.
NS|0|15|7|0|Was tun dann die Sonnenbewohner bei einer solchen Gelegenheit? Sie begeben sich augenblicklich unter den Schutz des lebendigen Gottes und stecken auf einer freien Höhe spitzige Stangen auf, welche mit Fahnen versehen sind. Diese Stangen ziehen wie ein Magnet diese rotglühenden, elektrischen Massen höher, so dass diese sich endlich gar ins hohe Gebirge verlieren. Und auf diese Weise werden allzeit Wohnungen, Bäume, Tiere und Menschen in der Tiefe verschont.
NS|0|15|8|0|Seht, das ist schon wieder ein guter Grund für eine unbeschränkte, freie Aussicht. Daher stehen auch solche Alleebäume allzeit mit einer Säule des Wohnhauses in gleicher Richtung vom Mittelpunkt desselben aus, damit selbst durch ihre Stämme die freie Aussicht nicht gehindert wird.
NS|0|15|9|0|Ein gar nicht selten vorkommendes Phänomen, besonders in der Gegend der großen Gewässer oder auch in der Nähe der hohen Gürtelgrenzgebirge, sind die für eure Begriffe ungeheuren Wasser- und Feuerhosen. Was die Wasserhosen betrifft, so ziehen diese freilich wohl nie gar weit vom Wasser übers Land. Aber desto verheerender sind die Feuerhosen, von denen manche einen Feuerwirbel hat mit einem Durchmesser von hundert bis tausend Meilen und hat dabei eine so schnelle Umdrehung, dass sie sich in einer Sekunde einmal umdreht, welches ebenso viel gesagt haben will als: der äußere Flammenkreis legt in einer Sekunde einen Weg von dreihundert bis dreitausend Meilen zurück.
NS|0|15|10|0|Nun denkt euch einmal den Effekt, den ein solches Phänomen auf einer Gegend bewerkstelligt, über welcher es sich bewegt. Was tun denn die Sonnenbewohner bei einer solchen Gelegenheit? Sie begeben sich fürs Erste augenblicklich mit dem lebendigsten Vertrauen unter Meinen Schutz und stellen auf einem höchst möglich zu ersteigenden Hügel ein bedeutendes Gefäß voll Wasser auf. Rings um das Gefäß mit dem Wasser aber stecken sie strahlenförmig ziemlich lange Spieße in das Erdreich. Diese ganz einfache Vorrichtung hat nach der Erfahrung ihrer weisesten Lehrer die entschiedene Kraft, fürs Erste eine solche Feuerhose an sich zu ziehen und dann sogleich zu beruhigen in ihrer Wirbeldrehung.
NS|0|15|11|0|Und so ihr Zeugen sein könntet, so würdet ihr ein solches Phänomen sicher mit dem überraschendsten Vergnügen ansehen. Denn wenn eine solche Feuerhose bei ihrem Entstehen auch den größten Durchmesser hat, so fängt sie sich aber, sobald sie einen solchen Hügel erreicht hat, zuunterst dennoch also an zu beengen, dass ihr Durchmesser in wenigen Sekunden von tausend Meilen auf eine Klafter zusammengeschmolzen ist. Wenn sie aber dann erst vollends die Höhe erreicht hat, allda das Wassergefäß mit den strahlenförmig in die Erde gesteckten langen Spießen sich befindet, da fängt sie sich an allenthalben zu beengen und bekommt endlich die Form einer für eure Blicke unendlich lang scheinenden Feuerstange, welche dann allmählich über dem Gefäße wie zusammensinkend verschwindet.
NS|0|15|12|0|Bald darauf begeben sich dann die Sonnenbewohner wieder auf einen solchen Hügel und holen ihre Sicherheitsgerätschaften, welche gänzlich unversehrt angetroffen werden, – bis auf das Wasser, welches zwar an seiner Quantität nichts verloren hat, aber gänzlich schwarz geworden ist.
NS|0|15|13|0|Warum aber tun die Sonnenbewohner eigentlich dieses, um dadurch einer Verheerung zu entrinnen? – Sie sagen: Auf den hohen Bergen wohnen Geister; wann sie aber vor zu großer Hitze durstig werden, so ergreifen sie sich in großer Masse und suchen wie Rasende eine Kühlung. Daher ist es notwendig, eher mit einem Trunk entgegenzukommen, damit sie nicht tiefer herab rasen und suchen irgendein erquickendes Gewässer und so uns auf ihrem Weg zerstören möchten unsere Häuser und Früchte.
NS|0|15|14|0|Und Ich sage euch nichts anderes, als dass solche Annahme und geistige Wissenschaft der Sonnenbewohner ihren ganz vollkommen richtigen Grund hat. Denn es ist in der Sonne ganz dasselbe der Fall bezüglich einer solchen Feuerhose, wie Ich eben dasselbe Phänomen auch schon einmal bei einer Gelegenheit auf eurem Erdkörper vorkommend enthüllt habe. Ein Geist bleibt überall ein Geist und ist derselbe in der Sonne wie auf den Planeten; nur ist jedes Geistes freie Wirkungssphäre in einer Sonne weniger beschränkt als auf einem Planeten. Der Grund davon findet sich in der Enthüllung der Sonne schon vor.
NS|0|15|15|0|Seht nun wieder, wie notwendig in dieser Hinsicht die freie Aussicht den Sonnenbewohnern ist. Aus diesem Grunde steht auch jedes Wohnhaus auf einem ziemlich kegelförmigen Hügel; und aller andere, zu einem Haus gehörige Grund liegt niederer als das Haus selbst. Aus diesem Grunde dürftet ihr auch nirgends ein Haus in einer Ebene antreffen, sondern sowohl Wohnhäuser wie auch die vielfach verschiedenen Amtshäuser befinden sich allenthalben auf den Hügeln und die Tempel zur Anbetung und Verehrung des großen Gottes auf den am meisten hohen.
NS|0|15|16|0|Und so gibt es noch eine Menge tüchtiger Gründe für die freie Aussicht, aus welchen sonach fürs Erste die Sonnenbewohner die Fruchtkronen der Bäume so hoch stellen. Allein alle diese Gründe namentlich anzuführen, würde unsere Mitteilung zu sehr ins Lange dehnen.
NS|0|15|17|0|Ein zweiter Grund, warum die Sonnenbewohner diese Fruchtkrone so hoch stellen, ist auch der, dass durch diese höherstehenden Kronen das Licht von oben gegen die Wohnungen gemindert wird. Dass die Kronen solcher Bäume aber das Licht sehr bedeutend an sich saugen, beurkunden die leuchtenden Perlen, welche sich fast allenthalben an den Spitzen der Blätter bilden und an und für sich nichts anderes sind als von dem Baum unverzehrte Lichtbündel, gleich dem sogenannten Sankt-Elms-Feuer bei euch, welches dann an allen gespitzten Gegenständen zu erblicken ist, wenn die Luft überstark mit Elektrizität angefüllt ist. Bei euch ist es freilich nur zur Nachtzeit sichtbar, in der Sonne hingegen allzeit nur am Tag, indem es dort keine Nacht gibt, und das zufolge der überaus intensiven Lichtstrahlungen von oben herab.
NS|0|15|18|0|Ein noch dritter Grund, warum die Kronen der Bäume so hoch gestellt werden, ist auch der, damit die Kinder stets genötigt sind, zu ihren Eltern zu kommen, wenn es sie hungert. Und dieser Grund ist ein recht guter Grund; denn ihr könnt es glauben, für den unreifen Geist der Kinder ist überall nichts nachteiliger als eine, wenn auch von den Eltern zugelassene Eigenmächtigkeit. Dadurch begründen sich die Kinder zuallererst in der Hoffart und im Eigensinn, welche zwei Untugenden die unzerstörbaren Grundsteine aller nur erdenklichen folgenden Laster sind.
NS|0|15|19|0|In der Sonne, wo die Menschen ohnehin einen viel freieren und unumschränkteren Spielraum haben, ist aber eine solche Erziehung der Kinder umso notwendiger, damit dadurch ihr Wille eine solche Richtung bekommt, welche zur Erhaltung der allgemeinen Ordnung unumgänglich notwendig ist; welches bei euch freilich wohl über alles zu wünschen wäre; allein die Menschen der Erde sind schon zuallermeist überaus beschränkt eigensinnigen Geistes, aus welchem Grunde sie auch in ebendiese schroffe Erde gelegt wurden. Daher ist ihnen auch nichts saurer als ein pünktlicher Gehorsam, welcher ist die allgemeine Schule zur Gewinnung der wahren, geistigen, inneren Willenskraft. Aus diesem Grunde aber gelangen auch äußerst wenige Menschen dieser Erde in ihrem Leibesleben zu dieser Kraft, welche im Grunde doch nur die Bedingung ihres Hierseins ist.
NS|0|15|20|0|Jedoch wir sind jetzt schon wieder nicht auf der Erde, sondern in der Sonne. Daher wollen wir auch allda die weiteren häuslichen Einrichtungen verfolgen, und zwar, wie bis jetzt, den allein naturmäßigen häuslichen Teil, ohne den wir ganz natürlicherweise nie auf einen geistigen und dann erst himmlisch reingeistigen übergehen könnten. Dass es demnach noch verschiedene andere weise Gründe gibt, warum die Sonnenbewohner namentlich dieses Gürtels die Krone der Bäume so hoch stellen, könnt ihr euch von selbst leicht denken. Und somit wollen wir für das nächste Mal die anderen, zu einem Haus gehörigen Grundteile und ihre zweckmäßige Benutzung beachten.
NS|0|16|1|1|Gärten, Schafweide, Brotacker und Wildtiergehege. Wasserversorgung. Der Mensch soll vollkommen nach dem Willen Gottes leben und ihn nicht bloß nur erkennen wollen
NS|0|16|1|1|(Am 26. August 1842 von 3 1/4 bis 1/2 7 Uhr nachmittags.)
NS|0|16|1|0|Ungefähr drei bis fünf Klafter unter der Baumreihe befindet sich ein sogenannter Kleinfruchtacker, welcher zu beiden Seiten mit allerlei fruchttragenden Gesträuchen eingefasst ist. Die Gesträuche werden höchstens anderthalb Klafter hoch gezogen. Der Acker aber ist von allerlei Kleinfrucht tragenden Pflanzen bewachsen, welche ungefähr ähnliche Früchte tragen, als wie da zum Beispiel sind eure Erdbeeren, Pröpstlinge, Melonen, sogenannte Paradiesäpfel und dergleichen mehr. Jedoch müsst ihr etwa nicht denken, als möchten da derart Früchte wachsen, – nur ähnlich sind solche Gewächse hinsichtlich der Kleinpflanzenart, aber sonst dort von der außerordentlichsten Mannigfaltigkeit und kommen in gleicher Art, wie alles andere, auch bei keinem anderen Haus wieder vor.
NS|0|16|2|0|Ihr habt in diesem Punkt schon eine Zeit lang eine geheime Frage in euch, und diese lautet also: Warum sollte denn nicht auch auf dem Grund des Nachbarn etwas vorkommen, was da vorkommt auf eines anderen Nachbarn Grund? Denn sicher werden die Produkte eines Nachbarn den Beifall eines anderen haben. Warum denn sollte er dasjenige, was ihm auf dem Grund seines Nachbarn gefällt, nicht auch auf dem seinigen hervorbringen? Denn, wenn er es nicht tut, so muss ihn entweder ein Gesetz daran hindern, oder er muss alles andere geringschätzen und nur das für etwas ganz entschieden Ausgezeichnetstes halten, was er auf seinem Grund produziert.
NS|0|16|3|0|Seht, diese Frage ist durchaus nicht übel, lässt sich hören und ist einer Beantwortung würdig. Aber bevor auf die Frage eine Antwort gegeben werden kann, muss Ich euch zuvor bemerken, dass diese Frage wohl auf eurem Erdkörper einen Grund hätte; in der Sonne aber fällt sie offenbar auf einen trockenen Boden, allda sie zu keiner Antwort erwachsen kann.
NS|0|16|4|0|Hier fragt ihr schon wieder: Warum denn? – Und Ich sage euch: Erst auf dieses Warum kann Ich euch eine Antwort geben, welche also lautet: Betrachtet euch selbst gegenseitig und sagt Mir dann, warum ihr als Brüder untereinander euch individuell und physiognomisch voneinander unterscheidet, dass da nicht einmal ein nächster Blutsbruder dem anderen völlig gleichsieht, während dessen ungeachtet doch ein jeder als ein vollkommener Mensch, wenigstens der Gestalt nach, erkannt werden kann? Könnt ihr Mir diese Frage beantworten? Denn Ich sage euch, gerade darin liegt ganz vollkommen fertig die Antwort auf euer Warum.
NS|0|16|5|0|Ich sehe aber, dass ihr mit der Beantwortung dieser Frage nicht fertig würdet. Daher wird hier wohl nichts anderes übrigbleiben, als euch zu sagen, dass der Grund lediglich in der entsprechenden, zuständlichen, individuellen Beschaffenheit des Geistes liegt, indem jedem Geist, neben dem allgemein Eigentümlichen, auch etwas ganz isoliert Eigentümliches gegeben ist, gleichsam ein einem oder dem anderen Geist ganz besonders zu eigen verliehenes Pfund. Durch dieses Pfund unterscheidet sich dann jeder einzelne Geist von jedem anderen einzelnen Geist. Und dieser Unterschied prägt sich dann auch auf eine entsprechende Weise in der äußeren Form aus, welche sich am klarsten in eines jeden Menschen Gesicht darstellt.
NS|0|16|6|0|Nun seht, gerade also auch verhält es sich im ausgedehnteren Maßstab bei den Bewohnern der Sonne, allda nicht nur die äußere physiognomische Bildung des Menschen die Charakteristik seines Geistes darstellt, sondern auch alles, was ein Sonnenmensch durch seinen Willen produziert. Demnach kann zwar ein Sonnenmensch wohl auch eine Pflanze, die ihm wohlgefiel auf seines Nachbarn Grund, auf seinem eigenen hervorbringen; aber sie wird nicht mehr so aussehen wie die auf seines Nachbarn Grund. Warum denn? Weil der Nachbar auch nicht so aussieht, weder leiblich noch geistig, wie sein anderer Nachbar; und dieses verschiedene, charakteristische Aussehen wird auch in allem dem bemerkt, was er hervorbringt. Seht, darin liegt der eigentliche Grund, warum bei zwei Nachbarn nichts ganz vollkommen Ähnliches angetroffen wird.
NS|0|16|7|0|Diese Verschiedenheit hat aber noch etwas anderes zum Grunde, nämlich, dass dadurch ein jeder Sonnenmensch, wenn er nur den Grund und Boden eines anderen betreten hat, sogleich aus einer oder der anderen Pflanze innewird, wessen Geistes Kind sein Nachbar oder ein anderer Grundbesitzer ist. Seht, jetzt haben wir schon die vollkommene Antwort.
NS|0|16|8|0|Im Grunde zeigt sich Ähnliches wohl auch auf den Erdkörpern, allda ein jeder eine andere Pflanzen- und Baumschule in seinem Garten hat; auch baut er sich ein anders aussehendes Haus als sein Nachbar. Allein alle diese Verschiedenheiten erstrecken sich bloß nur auf die verschieden angenommene Ordnung, aber nicht auch auf das Individuelle der Pflanzen, weil diese aus dem Samen hervorgehen, in welchem sie schon eine beständige Ordnung haben. In der Sonne aber gehen sie, wie schon bekannt, aus dem vollkommenen Willen des Geistes hervor und richten sich darum auch nach der Ordnung des Geistes, der sie durch seinen freien Willen hervorruft.
NS|0|16|9|0|Also hätten wir den Grund dieser Verschiedenheit und wollen nun einen Blick weiter tun, wie da ein Grund eines Sonnenbewohners bestellt ist.
NS|0|16|10|0|Unter diesem (Kleinfrucht-)Acker befindet sich ein leerer Kreis, da nichts angebaut ist, und es dient selbiger bloß zur Umwandlung (Umgehung) des Kleinfruchtackers. Diesen leeren Kreis begrenzen wieder ziemlich knapp nacheinander stehende kleine Bäumchen, ungefähr in der Art, als da bei euch gezogen werden die Zwergbäume in den Gärten. Auch diese Bäumchen sind verschiedenartig, so zwar, dass selten fünf bis sieben einer und derselben Art sind; und tragen daher auch mannigfaltige Früchte in der Art eurer Birnen, Äpfel, Pomeranzen und dergleichen mehr. Nur ist allda alles vollkommen und jede Frucht von einem überaus großen Wohlgeschmack.
NS|0|16|11|0|Dieser Bäumchenreihe folgt wieder ein leerer Kreis; dieser ist aber dann umfangen mit einer Art lebendigem Zaun. Von diesem Zaun erstreckt sich dann in einer Breite von sieben bis zehn Klaftern eine Wiese mit einem überaus üppig grünen Graswuchs, wo das Gras aber auf einem Grund immer einer und derselben Art ist.
NS|0|16|12|0|Dieser Kreis ist zur Weide der Schafe bestimmt, welche bei den Sonnenbewohnern die einzigen Haustiere sind; obschon es in der Sonne allenthalben eine überaus zahllose Menge von Tieren aller Art gibt, mit Ausnahme der alleinigen Schlange, welche nur auf einigen Erdkörpern einheimisch ist.
NS|0|16|13|0|Ihr werdet fragen, warum denn nur das Schaf da allein ist ein häusliches Tier? – Fürs Erste, weil es unter allen Tiergattungen das geduldigste und sanftmütigste Tier ist. Fürs Zweite, weil auch die Sonnenbewohner die Milch dieses Tieres genießen. Und fürs Dritte, weil dieses Tier auch in der Sonne mit seiner reichlichen und überaus feinen Wolle den Menschen den Stoff zu ihren Kleidungen gibt. Seht, darum wird auch nur dieses Tier allein einheimisch gehalten und wird für dasselbe eine solche Wiese bereitet.
NS|0|16|14|0|Da wir aber eben zuvor erwähnt haben einer zahllosen Menge der Tiere in der Sonne, so fragt es sich: Wo halten sich diese auf und wovon leben sie? Ihr wisst, dass es in der Sonne, besonders auf diesem Gürtel, auch überaus große, unübersehbare Ebenen gibt. Seht, diese Ebenen werden, wie ihr wisst, nie von Menschen bewohnt, und zwar aus dem sehr tüchtigen Grunde, den ihr zur Genüge habt kennengelernt bei der Darstellung der Sonnenflecke, oder vielmehr bei der Darstellung der großen Eruption am Äquator der Sonne. Ebendiese Ebenen aber werden von zahllosen, allerverschiedenartigsten Tiergeschlechtern bewohnt.
NS|0|16|15|0|Aber jetzt fragt es sich: Wovon leben sie, da in der Sonne die Vegetation nur durch den Willen der Menschen bedingt ist? – Auf diese Frage ist nichts leichter, als eine Antwort zu geben, nämlich, dass auch die Ebenen mit allerlei Gewächsen in der üppigsten Fülle bewachsen sind, und das zwar ebenfalls zufolge des Willens der Menschen, – aber für die Ebenen durch die Bitte und ebenso intimste Vereinigung mit dem treuerkannten Willen des großen Gottes. Wie aber werden diese Ebenen demnach bebaut? Durch den Segen des obersten Lehrers, wann auf der höchsten Tempelhöhe sich eine ganze Gemeinde zur Anbetung des großen Gottes in dem Tempel von siebenundsiebzig Säulen versammelt hat.
NS|0|16|16|0|Seht, jetzt habt ihr auch diese Frage beantwortet. Aber es steht noch eine Frage im Hintergrund: Wie verhüten aber die Sonnenbewohner, dass das Getier der Ebenen nicht hinaufsteige zu ihnen und allda leichtlich beschädige ihre edlen Gründe? – Solches verhüten die Sonnenbewohner dadurch, dass sie eben in solchem gemeinschaftlichen Wirken alle Hügelländer durch unübersteigliche, lebendige Zäune von den Ebenen nach allen möglichen Richtungen hin rein absperren. Dieser lebendige Zaun besteht aus lauter dicht aneinandergestellten, nicht selten bei tausend Klafter hohen, säulenartigen Baumstämmen, welche nur zuoberst mit sehr buschigen Kronen versehen sind, welche auch in sehr großer Menge solche Früchte tragen, welche zur Nahrung der Tiere tauglich sind.
NS|0|16|17|0|Diese Einzäunungen laufen nicht selten in einer geraden Linie längs dem Fuße eines oder des anderen Hügels mehrere hundert Meilen fort, bis sie sich dann nach einer anderen Richtung hinbeugen. Die Kronen dieser Bäume haben fortwährend ein hellgrünes Laub; die Stämme aber sind von der Erde an dunkelrot und verlieren sich bis zu der Krone ins gänzlich Blass-Lichtrote, welches dann auch einen überaus reizend schönen Prospect [Anblick] gewährt.
NS|0|16|18|0|Nun wüssten wir, wie die Tiere versorgt sind; daher wollen wir wieder zu unserem Hausgrund zurückkehren und allda sehen, was nach der Wiese folgt.
NS|0|16|19|0|Diese Wiese ist auf der unteren Seite über dem lebendigen Zaun mit einem Wall umgeben, auf welchem in der Richtung der Haussäulen springende Quellen angebracht sind. Ihr werdet auch hier schon wieder fragen: Woher nehmen denn die Sonnenbewohner alsogleich das Wasser her, um dasselbe sogleich, wo sie es nur haben wollen, aus diesem Wall emporspringen zu lassen?
NS|0|16|20|0|Es ist für die Sonnenbewohner eben nichts Leichteres als das. Sie stecken nichts als eine bei zehn Klafter lange Röhre so in das Erdreich, dass die Röhre noch etwa eine Klafter über den Erdboden hervorragt. Und sogleich sammelt sich von dem überaus saftigen Sonnenerdboden so viel Wasser in der in die Erde gesteckten Röhre, welche zu dem Behuf, soweit sie in die Erde gesteckt wird, von allen Seiten mit einer Menge kleiner runder Öffnungen oder Löchelchen versehen ist, welche dann begierig die häufige Feuchtigkeit des Erdreichs in den Hauptkanal der Röhre passieren lassen, durch welchen Kanal dann diese in der Röhre reichlich angesammelten Feuchtigkeiten als eine ziemlich hoch springende Quelle sich zum Bedarf der Menschen und Tiere ergießen.
NS|0|16|21|0|Unter diesem Wall ist dann der sogenannte, bei zehn Klafter breite Brotacker-Kreis. Warum wird er denn Brotacker-Kreis genannt? Weil auf diesem Acker eine Art Frucht wächst, welche einzig und allein nicht vom menschlichen Willen erzeugt wird; sondern auf diesem Kreis rührt die Frucht, welche ungefähr eurem Weizen ähnlich ist, von dem Willen Gottes her. Daher wird auch dieser Acker als ein Heiligtum betrachtet.
NS|0|16|22|0|Nur wird auch hier kein Same gesät, sondern der Acker wird zu dem Behuf eingerichtet, und wann er die Frucht tragen soll, so wird darum eigens gebetet, welches bei den Sonnenbewohnern allzeit unter einer besonders großen Feierlichkeit geschieht. Nach dieser Feierlichkeit durchgeht der Hausvater segnend diesen Acker, und ihm folgen nach der Ordnung alle seine Familienglieder nach. Solcher Umgang geschieht sieben Mal. Alsdann wird dem großen Gott ein allgemeines Lob-, Preis- und Dankgebet dargebracht, und also ist der Brotacker bestellt.
NS|0|16|23|0|Dieser Brotacker ist aber zuunterst umfangen mit einem überaus prachtvollen und künstlichen Geländer; und dieses Geländer ist dann auch zugleich die Grenze eines Grundes.
NS|0|16|24|0|Ihr werdet hier freilich fragen: Aber warum ist denn dieser am meisten geheiligte Acker am weitesten vom Wohnhaus abstehend angebracht? Denn es soll ja sinnbildlich dasjenige, was mehr rein göttlicher Art ist, dem Menschen näherliegen als alles, was da nur seiner Art ist. – Durch diese Frage philosophiert ihr zwar eben so übel nicht; aber die Sonnenbewohner philosophieren in dieser Hinsicht noch besser, denn sie zeigen dadurch an, dass das Göttliche nicht nur den Zentralpunkt der Wohnungen erfasst, sondern es umfasst auch alles Äußere. Also soll auch der Mensch in seinem Innersten einen Thron errichtet haben zur Wohnung des göttlichen Geistes und soll dann auch von ebendiesem Geist alle seine Gedanken, Begierden und Handlungen ergreifen lassen, damit er dadurch sei in allem – wie im Inneren, so auch im Äußeren – ein Mensch vollkommen nach dem Willen des großen Gottes.
NS|0|16|25|0|Seht, dieses alles besagt nichts mehr und nichts weniger, als dass die Menschen vollkommen nach dem Willen leben und handeln, das heißt sich von Meinem Geist erfassen und bis ins Innerste durchdringen lassen sollen, nicht aber, wie es jetzt so viele gewisserart Bessere tun, indem sie sich mit der alleinigen Erkenntnis Meines Willens begnügen, was aber ihre Handlungen anbetrifft, da sollte Ich es Mir gefallen lassen, dass sie Mich neben ihren Welthandlungen einherzögen. Seht, da macht nicht dieser Brotacker die äußere Umfassung, sondern nur ein reiner Weltacker, der keine Früchte Meines Willens trägt, sondern Früchte des Eigennutzes, der Welt, des Verderbens und Todes.
NS|0|16|26|0|Aus dieser kurzen Darstellung mögt ihr es nun wohl erkennen, dass die Sonnenbewohner durchaus bessere Philosophen sind, als ihr es seid. Denn die Ordnung, welche sie in ihrer Häuslichkeit beobachten, ist eine, selbst sinnbildlich genommen, doch sicher mehr Meiner Ordnung gemäße als die, welche ihr in Hinsicht auf eure häuslichen Einrichtungen und Anordnungen verwendet. Es kann zwar bei euch auf eurem Planeten keine solche äußere Ordnung beobachtet werden, und es liegt im Hauptgrund auch eben nicht gar zu viel daran. Dessen ungeachtet aber lasse Ich euch nun dennoch solches beschauen, damit ihr dadurch euren geistigen Grund darnach bestellen möchtet. Solches sollt ihr demnach recht wohl beachten. Und so wollen wir denn fürs Nächste noch die verschiedenen Amtshäuser und Tempel durchblicken und uns sodann zu den allgemeinen häuslichen Verfassungen der Bewohner dieses Gürtels wenden.
NS|0|17|1|1|Beschreibung der Amtshäuser. Die vorbildlichen Schulen auf dem Mittelgürtel
NS|0|17|1|1|(Am 27. August 1842 von 3 3/4 bis 6 1/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|17|1|0|Was die Amtshäuser betrifft, so stehen diese nicht so auf den Hügeln wie die Wohnhäuser, sondern mehr in den Gebirgstälern, und das zwar aus dem sehr weisen Grunde, damit die Zöglinge, welche in solchen Amtshäusern für ein oder das andere Fach unterrichtet werden, durch die reizenden Aussichten nicht zerstreut werden.
NS|0|17|2|0|Damit ihr euch aber von der Lage solcher Amtshäuser eine desto bessere Vorstellung machen könnt, so wird es notwendig sein, die Hügelländer der Sonne vor euren Augen ein wenig mehr anschaulich darzustellen.
NS|0|17|3|0|Die Hügel der Sonne sind von dreifacher Art: Erstens die allgemeinen Hügel, welche sich in unabsehbaren Ketten gleich den Gebirgszügen auf eurer Erde nach allen Richtungen über diesen Sonnengürtel hin ausbreiten. Zweitens die verschiedenen Höhepunkte der Scheitel dieser Hügel, welche ungefähr also aussehen, als wenn ihr nahe regelmäßig runde, aber sehr abgestumpfte Kegel pyramidenartig aneinanderreihen möchtet, so dass endlich aus mehreren solchen Kegeln eine Pyramide zustande käme. Und endlich drittens die einzelnen Tuberkeln, welche alldort auch die Brüste der Hügel genannt werden. Diese Tuberkeln dienen dann gewöhnlich zu Wohnhäusern, das heißt, über ihnen werden die Wohnhäuser erbaut; und das Übrige eines solchen Kleinhügels wird dann zu dem euch schon bekannten Grunde verwendet, bei dem, wie schon einigermaßen bekanntgegeben, nach eurem Maß ungefähr ein halbes Joch ad personam [auf eine Person] gerechnet wird. Diese Gründe sind in ihrer äußeren Umfassung, so wie die Hügel, gewöhnlich zirkelrund, wodurch es dann auch gewöhnlich geschieht, dass drei, manchmal auch vier solcher Gründe aneinanderstoßen, und das gewöhnlich in der Tiefe, das heißt, im kleinen Tal zwischen drei oder vier Hügeln.
NS|0|17|4|0|Da sich aber die Kreise nur auf einem Punkt berühren können, so geschieht es dann, dass zwischen drei oder vier zusammenstoßenden Gründen ein freier, unbesessener Raum zustande kommt. Seht, auf ebendiesen freien, unbesessenen Räumen werden dann die Amtshäuser errichtet.
NS|0|17|5|0|Einige Amtshäuser sind kleiner als die gewöhnlichen Wohnhäuser; einige aber auch nach Bedarf größer. Denn die Kleinamtshäuser sind nur für den Elementarunterricht der Kinder bestimmt; daher sind sie auch gewöhnlich kleiner und ihre Einrichtung ganz einfach. Nur so viel ist zu merken, dass es zweierlei Arten der kleinen Amtshäuser gibt, nämlich die eine zum Unterricht für Knaben und die andere zum Unterricht der Mädchen. Diese zwei Arten unterscheiden sich nur dadurch, dass um die Amtshäuser zum Unterricht der Mädchen zwischen den Säulen kleine runde Blumengärtchen angelegt sind, während die Amtshäuser zum Unterricht der Knaben ganz einfach dastehen.
NS|0|17|6|0|Übrigens ist die Einrichtung dieser Amtshäuser fast ganz dieselbe wie die der Wohnhäuser; nur ist alles ganz einfach und ohne Verzierung, welches so viel sagen will, als dass die Schüler auch noch ihren Erkenntnissen nach sehr einfach und ohne innere geistige Ausschmückung sind. Und die Amtshäuser zum Unterricht der Mädchen zeigen durch die kleinen Blumenbeetchen den Mädchen an, dass sie sich auch dem Außen nach reinlich und zierlich gestalten sollen, damit dadurch in ihnen ein wohlgefälliger und anziehender Geist herangebildet werde.
NS|0|17|7|0|Das ist sonach die erste Art der Amtshäuser. Diese aber werden etwa nicht von den Amtsleuten oder Lehrern bewohnt, sondern die Wohnung eines oder des anderen Amtmanns oder Lehrers befindet sich ebenfalls auf einem dem Amtshaus zunächst gelegenen Hügel.
NS|0|17|8|0|Wodurch unterscheidet sich denn sonach die Wohnung eines Amtmanns von der Wohnung eines anderen Menschen, der da kein Amtmann ist? Sie unterscheidet sich in gar nichts anderem als nur in dem, dass von ihr, wie ihr zu sagen pflegt, linea recta [in gerader Linie] ein Weg bis zum Amtshaus gerichtet ist, während die Wege von den anderen Häusern gerade auf diejenigen Punkte zu gerichtet sind, in denen sich die Grundkreise berühren. Übrigens ist die Einrichtung eines amtmännischen Wohnhauses ganz dieselbe wie die eines jeden anderen Menschen.
NS|0|17|9|0|Welche Kinder besuchen denn den Unterricht eines solchen Amtshauses? Die Kinder der nächsten Umgebung nur; etwa von drei, vier bis fünf Wohnhäusern.
NS|0|17|10|0|Und wie lange dauert denn ein Unterricht auf einmal? Nie länger als höchstens fünfhundert Pendelschwingungen. Sodann werden wieder gegen fünftausend Pendelschwingungen freigelassen. Und also setzt sich dieser Unterricht fort, und das so lange, bis die Kinder die Elementargegenstände vollkommen innehaben, welche in nichts anderem bestehen, als dass den Kindern gewisse kleine Gesetze gegeben werden, welche sie beobachten müssen.
NS|0|17|11|0|So wird zum Beispiel einem oder dem anderen Kind untersagt, diesen oder den anderen Gegenstand anzusehen, sondern seine Augen so lange abzuwenden, bis der Amtmann sieht, dass es dem Kind durchaus keine Anstrengung mehr kostet, einen solchen Gegenstand völlig unbeachtet zu lassen. Die Kinder werden darum auch durch verschiedene Reizmittel versucht, das Gesetz zu übertreten; so werden zu dem Behuf bald hier, bald dort, dahin einem oder dem anderen Kind zu schauen verboten ist, Spektakel gegeben, bei welcher Gelegenheit es dann die Kinder sehr viele Anstrengung und Selbstverleugnung kostet, ihre schaulustigen Augen davon abzuwenden; allein mehrfache Übung gibt den Meister. Also ist es auch hier der Fall; die Kinder vergessen sich wohl zu öfteren Malen, werden dann wieder ernstlich ermahnt und bei oftmaligen Fällen der Übertretung mit kleinen, passenden Strafen belegt, – und so wird nach und nach der weise Zweck erreicht.
NS|0|17|12|0|Können die Kinder einmal ein Gebot halten, so wird ihnen ein zweites ähnliches hinzugegeben; und geht es mit diesem, so wird noch ein drittes, viertes, fünftes und so fort bis zu zehn, oft bis zu dreißig Gesetzen hinzugesetzt.
NS|0|17|13|0|Haben die Kinder auf diese Weise ihre Augen im Zaume zu halten gelernt, sodann müssen sie auf dieselbe Weise die Zunge im Zaume halten lernen. Da wird von dem Lehrer ein jedes Kind genau beobachtet, was etwa das Lieblingsthema dessen Zunge ist. Solches wird dann dem Kind auf längere Zeit auszusprechen untersagt. Kann das Kind endlich sich auch in diesem Punkt verleugnen, dann erforscht der Lehrer wieder eine andere Neigung in ihm und untersagt ihm das auf die passendste Weise.
NS|0|17|14|0|Seht, in solchen Dingen besteht alldort der Elementarunterricht, der keinen anderen Zweck hat als den, dass dadurch den Kindern ihr eigener Wille auf die zweckmäßigste Art genommen wird und sie dadurch ganz willenlos werden und eben dadurch wohlbereitete Gefäße zur Aufnahme des göttlichen Willens, welcher dann schon in einem höheren Amtshaus vorgetragen und gelehrt wird.
NS|0|17|15|0|Wie die Kinder in diesem Elementar-Amtshaus gewisserart von aller äußeren Tätigkeit abgehalten und dadurch gefangen genommen werden alle ihre äußeren Sinne, nach diesem ihre Gedanken und sonach auch ihre Begierden, also wird ihnen in dem nächsten höheren Amtshaus wieder eine Tätigkeit um die andere nach dem Willen des großen Gottes zu erfüllen vorgelegt. Aus diesem Grunde sind denn auch diese Amtshäuser der zweiten Art schon nicht mehr so einfach wie die der ersten Art, obschon sonst ihre Einrichtung ganz ähnlich ist der Einrichtung in den Wohnhäusern.
NS|0|17|16|0|Die Verzierungen in diesen größeren Amtshäusern, welche gewöhnlich auf jenen Stellen errichtet sind, wo sich vier Gründe, manchmal auch fünf berühren, richten sich allzeit nach der vorgeschriebenen Tätigkeit der Schüler. Worin besteht denn diese Tätigkeit? Diese besteht in nichts anderem als in der Fixierung mannigfaltiger Dinge.
NS|0|17|17|0|So wird zum Beispiel einem oder dem anderen Schüler ein Ding gezeigt; dieses muss er längere Zeit hindurch nach allen dessen Teilen unausgesetzt beobachten und muss sodann dem Amtmann alles kundgeben, was er an dem Ding bemerkt hat. Wenn er mit der Kundgabe fertig ist, so wird er abermals angehalten, eben dasselbe Ding noch schärfer zu beobachten und wohl zu prüfen, ob er bei der ersten Beobachtung nichts übersehen habe. Nach solcher zweiten Beobachtung gibt dann der Schüler wieder kund, was bei der ersten Beobachtung seiner Aufmerksamkeit entgangen ist.
NS|0|17|18|0|Ist es jetzt etwa schon gut? – O nein; der Amtmann verweist den Schüler oft zehn, zwanzig bis dreißig Mal auf einen und denselben Gegenstand. Ihr fragt hier freilich wohl: Aber wozu soll denn das gut sein? Man kann auf einem Ding ja doch nicht mehr finden, als dasselbe beim ersten Durchschauen auf seiner Oberfläche zu beschauen darbietet. Ich sage aber: Diese Beschauung ist nur eine höchst oberflächliche und nützt keinem Menschen etwas für seinen Geist; denn also kann auch jedes Tier ein Ding beschauen.
NS|0|17|19|0|Durch dieses öfter angenötigte Beschauen aber wird der Beschauer selbst genötigt, in seinem Geist die verschiedenen Beziehungen, Verbindungen und Ergreifungen durchzumustern, und gewöhnt und erwirbt sich dadurch die Festigkeit und Bestimmtheit in seinem Blick, welches für den überaus flüchtigen Geist auch ebenso überaus notwendig ist. Seht, in solchen Übungen besteht demnach die Schule dieses zweiten Amtshauses.
NS|0|17|20|0|Wenn die Schüler in der Beobachtung solcher Gesetze und noch vielmehr in der Tätigkeit nach denselben vollkommen wacker durchgeübt worden sind, sodann erst werden sie in ein drittes Amtshaus aufgenommen, welches nicht mehr in der Tiefe, sondern schon auf irgendeiner vor den mit den gewöhnlichen Wohnhäusern bestellten Hügeln mehr ausgezeichneten Höhe sich befindet.
NS|0|17|21|0|Ein solches Amtshaus ist schon von einer bedeutenden Größe und hat gewöhnlich vier Dächer, das heißt, solche Pyramidendächer, wie wir sie über den Wohnhäusern haben kennengelernt. Ein solches Amtshaus führt allda einen solchen Namen, der ungefähr so viel besagt als das Wort „Gymnasium“ bei euch. Was wird denn hier gelehrt? Hier wird gewisserart die Analytik aller der sichtbaren Dinge vorgenommen und den Schülern darin überall die göttliche Ordnung gezeigt.
NS|0|17|22|0|Aus diesem Grunde aber ist auch das Innere wie das Äußere eines solchen Amtshauses so überaus ordnungsmäßig prachtvoll eingerichtet, dass ihr euch davon wohl nicht leichtlich auch nur einen allerleisesten Begriff machen könntet. Denn fürs Erste sind die hundert Säulen, auf denen die vier Dächer eines solchen Amtshauses ruhen, durchgehends mit erhabenen plastischen Arbeiten verziert, welche so kunstvoll ausgeprägt sind, dass sie so erscheinen, als wenn sie lebendig wären. Diese Arbeiten oder Verzierungen der sonst höchst genau viereckigen Säulen haben Ähnlichkeit mit den ägyptischen Hieroglyphen. Der Unterschied besteht darin, dass alle die Bilder ins Unaussprechliche vollendeter und vielfältiger sind als die Hieroglyphen Ägyptens.
NS|0|17|23|0|In der Mitte eines solchen Amtshauses sind vier große Pfeiler aufgestellt, welche zum Teil das Dachgebälk tragen helfen; zum Teil aber, nämlich insoweit sie vom Boden bis zur Dachlinie reichen, sind sie mit höheren Verzierungen geschmückt, welche schon Beziehungen auf das Wirken des großen Gottes in sich fassen.
NS|0|17|24|0|Die Säulen, von denen jede bei zwei Klafter im Durchmesser hat und eine Höhe von zwanzig Klaftern, sind aus einer Masse verfertigt, welche also aussieht wie bei euch der sogenannte Karneolstein. Die Verzierungen aber sind wie von allerlei edelsten Steinen auf dieselben angebracht. Die Füße der Säulen sind rund und aus einer Masse, die da aussieht wie glühendes Gold. Die Kapitelle der Säulen aber sind von einer Masse, die da also aussieht wie ein Amethyst.
NS|0|17|25|0|Über den Kapitellen sind große, weiße Kugeln angebracht, welche mit den schönsten Bögen von Säule zu Säule verbunden sind. Über diesen Bögen ruhen erst die Dachtragbalken, welche ebenfalls aus einer Masse verfertigt sind, die da aussieht wie ein recht feuriger Rubin. Sodann erst erheben sich die eigentlichen Dachbäume, welche hier nicht schwarz, wie in den Wohnhäusern, sondern dunkelviolettblau gefärbt sind.
NS|0|17|26|0|Kurz und gut, es herrscht in einem solchen Amtshaus eine für euch kaum begreifliche Gleichmäßigkeit in allem. Eines harmoniert mit dem anderen, und bei der überaus großen Fülle der herrlichsten Verzierungen ist dennoch nirgends eine Überladung. Selbst der Boden ist so gemacht, dass er ungefähr dem sogenannten Mosaik bei euch gleicht. Nur ist allda keine erhabene Figuration, sondern die Figuration gleicht den feinsten Miniaturgemälden bei euch; und ein jeder Gegenstand ist so überaus täuschend nachgebildet, dass ihr selbst bei der äußerst nahen Betrachtung euch nicht der völligen Täuschung erwehren könntet, zu glauben, dieses alles sei erhaben da und sei eine vollkommen plastische Arbeit.
NS|0|17|27|0|Übrigens sind ebenfalls auch hier vor den Säulen, so wie in den Wohnhäusern, die prachtvollsten Ruhesitze angebracht. Und da ein solches Amtshaus gewisserart aus vier Abteilungen besteht, was von den vier Dächern zu entnehmen ist, so befindet sich unter einem jeden Dach in der Mitte eine uns schon bekannte, prachtvoll aufgeführte Schneckenwendel-Pyramide, welche ebenso eingerichtet ist, wie wir sie in den Wohnhäusern haben kennengelernt.
NS|0|17|28|0|Außerhalb dieses Amtshauses, welches von dem Amtmann auch samt seiner Familie für gewöhnlich bewohnt wird, sind auch diejenigen Grundabteilungen und Bestellungen in derselben Ordnung, nur in größerer Ausdehnung vorhanden, als wie wir sie ebenfalls bei den gewöhnlichen Wohnhäusern haben kennengelernt.
NS|0|17|29|0|Der ganze Grund um ein solches Amtshaus hat nach eurer Messung nicht selten einen Flächenraum von tausend Jochen; aber deswegen kommt für eine Person doch nicht mehr als ein halbes Joch zur Benutzung. Ihr werdet hier fragen: Warum denn da so viel Grundstück für einen Amtmann, dessen Familie doch sicher nicht zahlreicher ist als die eines anderen Hauses?
NS|0|17|30|0|Die Ursache ist ganz einfach, nämlich, weil sämtliche Schüler einer solchen Anstalt allda auch so lange wohnen, bis sie ihre Schule vollkommen durchgemacht haben. Denn hier müssen sie gar viel kennenlernen, nämlich, wie ihr schon gehört habt, die Ordnung Gottes in all den verschiedenen Dingen; oder sie müssen hier gewisserart lesen lernen in dem großen Buch der göttlichen Natur, aus welchem Grunde auch alle die vorerwähnten Verzierungen in einem solchen Amtshaus angebracht sind.
NS|0|17|31|0|Damit ihr aber euch wenigstens nur einen leisen Begriff davon machen könnt, so will Ich euch bloß nur die Bedeutung einer Säule ganz flüchtig und kurz kundgeben. Der runde Fuß bedeutet die Kraft Gottes oder die Stärke Seines Willens, welcher da ist ein ewiges Fundament aller Dinge. Die viereckige Säule darauf bedeutet die von diesem Grundfundament ausgehende Kraft, welche ist die Stütze des Himmels und aller geschaffenen Dinge. Die geschaffenen Dinge sind sinnbildlich durch die Verzierungen um die Säule angebracht und haben Beziehungen untereinander wie auch auf die Kraft, welche sie hervorbringt und trägt. Denn solches müsst ihr auch wissen, dass dergleichen Verzierungen nicht etwa durch Menschenhände auf den Säulen verfertigt und angebracht sind, sondern lediglich nur durch den höheren Willen des großen Gottes, welcher sich ausspricht im vollkommen gereinigten Herzen eines Menschen. Die Kapitelle einer solchen Säule bedeuten die Weisheit; die Kugeln über denselben die Unerforschlichkeit derselben in Gott. Die Bögen aber, welche diese Kugeln verbinden, bezeichnen die unergründlichen Wege, durch welche die Weisheit Gottes alles in der allerhöchsten Ordnung durchschaut und verbindet; und diese Ordnung ist dann die erhaltende Trägerin der ganzen Unendlichkeit.
NS|0|17|32|0|Seht, das ist so nur ein ganz flüchtiger Abriss, aus welchem ihr entnehmen könnt, in welchem Sinne ein solches Amtshaus in allen seinen Teilen errichtet ist, welches alles dann die Schüler in solcher Ordnung müssen durch die gerechte Anleitung aus sich heraus erkennen lernen. Möchte euch ein solches Gymnasium nicht besser gefallen als euer lateinisches auf der Erde? Seht, das ist eine gerechte Schulanstalt!
NS|0|17|33|0|Einst bestanden solche Schulen auch auf der Erde; aber die menschliche Habsucht hat sie von diesem Boden völlig verdrängt. Und so gebe Ich euch darum hier wieder eine Anleitung aus der Sonne, damit ihr daraus ersehen möchtet, wie eine gerechte Schule zur lebendigen Bildung des menschlichen Geistes soll beschaffen sein; welches ihr aber erst im ausgedehnteren Sinne bei der nächsten Darstellung der Tempel werdet kennenlernen. Und somit lassen wir es für heute auch wieder gut sein!
NS|0|18|1|1|Ein Tempel erster Art auf dem Mittelgürtel
NS|0|18|1|1|(Am 29. August 1842 von 3 bis 1/2 6 Uhr nachmittags.)
NS|0|18|1|0|In welchem Ansehen steht denn ein Tempel in der Sonne – das heißt der erste Tempel auf einer der untersten Höhen, bezüglich derjenigen Höhen nämlich, auf denen noch zwei andere Tempel vorkommen, die wir erst später werden kennenlernen?
NS|0|18|2|0|Ein solcher Tempel der ersten Art steht dort in dem Ansehen einer allgemeinen Volksschule, in welche von dem vorbeschriebenen Amtshaus übergegangen wird. Ihr müsst aber etwa nicht denken, dass da nur von einem solchen Amtshaus die Schüler in einen solchen Tempel übertreten; sondern ein solcher Tempel ist eine Aufnahme von nicht selten dreißig bis vierzig solchen Voramtshäusern; aus welchem Grunde aber dann auch ein solcher Tempel von einer außerordentlichen Größe ist, und muss es auch sein, um nicht selten mehrere tausend Schüler in sich aufzunehmen.
NS|0|18|3|0|Ein solcher Tempel hat nicht mehr eine runde Form, sondern seine Form ist vielmehr die eines Schiffes bei euch. Denn wäre er in die Runde gebaut, so würde das bei der Bedachung sehr viele Schwierigkeiten absetzen. Da er aber ist in einer solchen elliptischen Form erbaut, so macht die Bedachung desselben ebenso wenig Schwierigkeiten als die eines gewöhnlichen Wohnhauses.
NS|0|18|4|0|Wodurch aber wird die Größe eines solchen Tempels bestimmt, oder wonach? Die Größe eines solchen Tempels wird nach der Zahl der Säulen bestimmt, aus denen er besteht. Ist die Zahl der Säulen gleich bei den Tempeln dieser ersten Art? Nein, sondern sie richtet sich nach der Gegend, je nachdem diese mehr oder weniger Wohnhäuser, dann kleine Amts- und Voramtshäuser besitzt. Daher kann ein solcher Tempel im geringsten Fall aus tausend, im höchsten Fall aber aus zehntausend Säulen bestehen. Die Säulen eines solchen Tempels sind fürs Erste um vieles höher und viel umfangreicher als die eines Wohnhauses, und sind zumeist von einer lichtgrünen, durchsichtigen Masse und im einfachen Stil ganz rund.
NS|0|18|5|0|Übrigens aber ist der Baustil auch bei den Tempeln sehr verschieden, wenn sie auch einer und derselben Art und für einen und denselben Zweck bestimmt sind. Demnach gibt es auch Tempelsäulen wie Pyramiden aussehend; wieder gibt es Tempelsäulen, die da bestehen aus einer Menge Stäbe; wieder gibt es Säulen, die also aussehen, als wären glattgedrückte Kugeln aufeinander aufgestellt; auch gibt es Säulen, die sich in wolkenähnlicher Form übereinander erheben; also gibt es auch wieder Säulen, die wie umgekehrte Kegel aussehen, nämlich da die breite Seite in der Höhe und die spitze Seite sich zuunterst befindet. Und so gibt es noch zahllose Formen, in denen solche Säulen zur Stütze der Dachung aufgeführt sind.
NS|0|18|6|0|Diese Tempel sind schon wieder um vieles erhabener und prachtvoller als die Voramtshäuser, besonders der letzthin bekanntgegebenen Art, in denen die Schüler Meine Ordnung müssen kennenlernen. Diese Tempel haben sonach auch mehrere Dächer, worunter aber dasjenige Dach, durch welches des Tempels Mitte gedeckt wird, das bei weitem höchste ist; und es ist an dessen höchster Spitze eine überaus große Fahne angebracht zum Zeichen des Sieges, welchen die Menschen in diesem Tempel zu erringen haben. Die anderen pyramidenartigen Dächer aber sind stufenfolge [stufenweise] niederer, und es sind zu jeder Seite der mittleren, hohen Dachpyramide je sieben und sieben angebracht, so zwar, dass dann solche Dächer mit ihren Spitzen gegen die Spitze des mittleren Hauptdaches ebenfalls eine Pyramide bilden.
NS|0|18|7|0|Die Spitzen der Dächer sind zwar auch mit Fahnen verziert, aber die Fahnen nehmen also an der Größe ab gegen die mittlere Fahne betrachtet, wie die Dächer an der Höhe abnehmen. Übrigens sind auch diese Tempeldächer eben auf dieselbe Art angebaut wie die Dächer der Wohnhäuser. Die Höhe des mittleren Daches dürfte nach Umstand der Größe des Tempels wohl manchmal bei tausend Klafter eures Maßes betragen; niederer als fünfhundert Klafter aber ist es nie. Nach der Höhe der mittleren Dachspitze richten sich dann auch die anderen Dachspitzen.
NS|0|18|8|0|Ihr werdet hier freilich fragen: Aber wie können denn die Sonnenbewohner so entsetzlich lange Dachbalken über den Säulen pyramidalförmig aufstellen, und woher beziehen sie solche tausend Klafter lange Bäume? – Hier muss Ich euch sogleich bemerken, wie solches schon bei einer früheren Gelegenheit bemerkt wurde, dass die Sonnenbewohner dergleichen nicht mit ihren Händen verfertigen, sondern alles mit der Kraft ihres Willens. Sie müssen zwar solche Dachbäume früher aus dem Erdboden ziehen, welches, wie ihr wisst, durch ihren Willen geschieht. Also müssen sie auch die Säulen zustande bringen. Sind aber alle diese Sachen, die zum Bau eines solchen Tempels erforderlich sind, einmal erzeugt, alsdann werden sie durch die Vereinigung des Willens mehrerer, oft sehr vieler Menschen, zu einem solchen Bau geordnet. Und der Bau selbst wird dann durch die Vereinigung des Willens aufgeführt.
NS|0|18|9|0|Dessen ungeachtet aber gibt es bei einem solchen Tempel dann dennoch Verrichtungen, welche die Sonnenmenschen mit ihren Händen vollziehen. Zu diesen Verrichtungen gehören das Eindecken des Daches und das inwendige Färben desselben. Dann gehören noch zu den Verrichtungen der Hände die Ausmessung und das darauf folgende Planieren des Bodens. Das sind demnach Verrichtungen der Hände.
NS|0|18|10|0|Wie lange dauert denn ein solches Gebäude? Wenn es nicht durch irgendein verabsäumtes und zu spät beobachtetes Naturereignis sich fügt, dass solche Tempel, wie auch andere Gebäude, beschädigt oder manchmal entweder zum Teil oder ganz zerstört werden, so stehen sie da wie für eine Ewigkeit; denn alldort wird nichts faul und mürbe, sondern alles bleibt in einer beständigen Frische und Gediegenheit, so wie es war bei seinem ersten Entstehen.
NS|0|18|11|0|Nun wüssten wir, was es mit dem Bau und somit auch mit der äußeren Form eines solchen Tempels für eine Bewandtnis hat; daher wollen wir nun dessen Inneres und sodann dessen äußere Umgebung ein wenig in Augenschein nehmen.
NS|0|18|12|0|Die majestätische Höhe eines solchen Tempels ist zuerst zu beachten; denn die Säulen, welche hier die Dachungen tragen, sind nach der Größe des Tempels auch von hundert bis fünfhundert Klafter hoch und sind verhältnismäßig dick und umfangreich. Die Fußgestelle der Säulen sind allzeit vollkommen kreisförmig rund und haben, wie ihr zu sagen pflegt, vom Boden angefangen bis zu ihrer Säulentragfläche sieben Würste, wovon jeder Wurstkreis bei vier Schuh in der Höhe misst, und ist ein solches Fußgestell einer Säule ebenfalls verhältnismäßig zur Säule selbst. Diese Gestelle sind zumeist fest bei den Tempeln, aber sonst dennoch von einer halbdurchsichtigen Masse von blauer Farbe. Die Säulen sind durchaus weiß; aber dafür mit den verschiedenfarbigsten erhabenen Verzierungen belegt.
NS|0|18|13|0|Die Säulen eines solchen Tempels gehen nicht ohne Unterbrechung bis zur Dachung hinauf, sondern sind zugleich Träger dreier Galerien, welche sich längs der Säulenreihe innerhalb des ganzen Tempels herumziehen, mit den allerprachtvollst gearbeiteten Geländern versehen.
NS|0|18|14|0|Wie kommt man aber auf diese Galerien? Ihr werdet es sogleich sehen. Statt den pyramidalen Ruhebänken innerhalb der Säulen befindet sich eine Schneckenwendel-Pyramide, deren sich immer höher ziehende Stufen ebenfalls mit den allerzierlichsten Geländern umfangen sind. Wenn man auf dieser Schneckenwendel-Pyramide die Höhe einer Galerie erreicht hat, so zieht sich von der Pyramide ein überaus zierlicher Gang, auf welchem man dann auf die Galerie gelangen kann. So oft dann eine Galerie ist, so oft ist sie auch durch einen Gang verbunden mit einer solchen Schneckenwendel-Pyramide.
NS|0|18|15|0|Aus was für einer Masse ist denn eine solche Pyramide? Die Pyramide selbst ist aus einer Masse, die da aussieht wie blassrot gefärbtes Glas, vollkommen durchsichtig. Die Geländer sind wie von massivem Gold, in allerlei der schönsten Zierraten gewunden, welche Zierraten dann wieder an ihren Ausläufern geziert sind mit allerlei wunderbarst schönen und bedeutungsvollsten Formen, welche da verschiedenfarbig sind und das Aussehen haben wie die alleredelsten Steine bei euch, wenn sie selbstleuchtend wären.
NS|0|18|16|0|Aus einem ebensolch massivgoldartigen Stoff besteht der Gang, der ebenfalls mit doppelten Geländern versehen ist von der Schneckenwendeltreppe bis zur Hauptgalerie.
NS|0|18|17|0|Die Hauptgalerien sind natürlicherweise ebenfalls mit Geländern versehen, und zwar nach innen wie nach außen. Diese Hauptgaleriegeländer aber bestehen aus lauter Brillantpyramiden, das heißt, die Pyramiden sind aus einer Masse gezogen, welche also leuchtet wie ein großer, geschliffener Diamant bei euch, wenn er sich in den Strahlen der Sonne befindet. Diese Pyramiden sind zwischen einem jeden Gang so aneinandergereiht, dass sie sich zuunterst berühren, und sind zuoberst mit einer wie massivgoldenen, in das höchste Laubwerk verschlungenen Lehne verbunden, welche Lehne nämlich ebenfalls von Gang zu Gang, der von der Schneckenwendel-Pyramide bis zur Hauptgalerie sich erstreckt, gedehnt ist; denn ununterbrochen kann sie ja nicht fortlaufen. Wäre solches der Fall, so müsste man ja, um von einem Gang in die Hauptgalerie zu gelangen, über ein solches Geländer steigen; darum muss alsdann, sooft ein solcher Gang von einer Schneckenwendeltreppe in eine oder die andere Hauptgalerie leitet, das Geländer der Hauptgalerie unterbrochen sein. Solches versteht sich freilich nur ins Innere des Tempels genommen; nach außen aber läuft dasselbe Pyramidengeländer mit einer noch massiveren Lehne ununterbrochen fort.
NS|0|18|18|0|Die Hauptgalerie ruht auf regenbogenartigen Bögen, welche sich von Säule zu Säule erstrecken. Diese Bögen spielen äußerst lebhaft vollkommen die Farben eines Regenbogens.
NS|0|18|19|0|Innerhalb der Schneckenwendeltreppenpyramiden befinden sich auf dunkelroten, erhabenen, viereckigen Platten, ebenfalls wieder auf einem Würfelgestell, ähnliche Pyramiden, wie wir sie in den Wohngebäuden hinter den Säulen haben kennengelernt.
NS|0|18|20|0|Die würfelartigen Gestelle, welche mit ihrer Fläche über eine halbe Klafter über die Pyramide nach allen Seiten hinausreichen, werden zu Ruhebänken gebraucht. Wenn nämlich die Zeit der Ruhe kommt, sodann begeben sich die Schüler auf die Plätze und ruhen allda nach Bedarf aus. Diese Ruhebänke sind überaus weich-elastisch, ungefähr so wie ein Luftpolster. Also weich-elastisch ist auch die pyramidalartige Lehne. Wenn sich aber jemand darauf noch so lange befindet, so verursacht er deswegen dennoch nirgends einen bleibenden Einbug; sondern wenn er aufsteht, ist alles wieder in der schönsten Ordnung, sowohl die Bank als die Lehne.
NS|0|18|21|0|Die Lehne ist ebenfalls überaus prachtvoll verziert. Und zuoberst der Lehne an der Spitze der Pyramide ist allenthalben eine grünleuchtende Kugel angebracht, welches dem Innern des Tempels wieder ein überaus prachtvolles, niedliches Ansehen gibt, besonders wenn sie nicht hier und da durch die auf den Ruhebänken ruhenden Menschen manchmal ein wenig aus dem Gleichmaß gebracht wird.
NS|0|18|22|0|Das wäre somit die allgemeine Einrichtung eines solchen Tempels. Zu der besonderen und am meisten großartigen inneren Einrichtung, wie auch zur äußeren Umgebung eines solchen Tempels, wollen wir erst nächstes Mal schreiten. Und daher gut für heute!
NS|0|19|1|1|Einrichtung und Umgebung eines Tempels erster Art. Ein Tempelorchester. Überwindung von Höhenschwindel und Hoheitsschwindel
NS|0|19|1|1|(Am 31. August 1842 von 3 1/4 bis 1/2 6 Uhr nachmittags.)
NS|0|19|1|0|Ihr wisst, dass ein solcher Tempel zusammengenommen aus fünfzehn Dachungen besteht, nämlich aus der mittleren hohen, und dann zu ihren beiden Seiten je von sieben Dachungen. In der Mitte einer jeden solchen Dachung befindet sich im Innern des Tempels wieder eine eigens prachtvoll errichtete Schneckenwendeltreppe, welche sich ganz unter die Dachung hineinzieht und unter jedem Dach, welches sich dem Mitteldach nähert, größer, prachtvoller und somit auch bedeutungsvoller ist.
NS|0|19|2|0|Unter der mittleren, hohen Dachung aber befindet sich keine solche Schneckenwendeltreppe, sondern diese Dachung wird fürs Erste von leuchtend blauroten Säulen getragen, und möchten derselben in der Runde wohl bei dreißig sein. Diese Säulen sind beinahe noch einmal so hoch als die des eigentlichen Tempels; daher denn dieser mittlere Teil des Tempels auch höher ist als die übrigen Teile desselben.
NS|0|19|3|0|Diese Säulen sind mit sieben Reihen Galerien versehen, auf welche man durch eine Wendeltreppe, welche um die Säulen gewunden ist, gelangen kann. Eine jede Säule ist demnach mit einer solchen Wendeltreppe bis in die siebte Galerie umwunden. In der Mitte dieses großen Tempelrondeaus steht eine große Hauptsäule, welche sich bis zur höchsten Spitze des hohen Daches hinaufzieht. Da, wo sich um die Säulen die vierte Galerie zieht, ist von dieser Mittelpunktsäule nach vier Seiten hin ein Gang angebracht, das heißt, es sind im Grunde (nur) zwei Gänge, welche sich an dieser Hauptsäule durchkreuzen.
NS|0|19|4|0|Von diesem Kreuzgang geht dann eine sehr breite Wendeltreppe um die Säule hinauf bis zur höchsten Dachspitze. Die Galerien, welche um die Säulen dieses Hauptrondeaus laufen, werden ebenfalls durch regenbogenartig strahlende Bögen unterstützt. Aber hier fasst ein Bogen nur eine Farbe, und da es sieben Galerien gibt, so gibt es auch zur Unterstützung derselben sieben Bögen, von denen ein jeder in einer anderen Farbe strahlt. Und wenn man sein Auge über alle die sieben Galerien ausdehnt, so genießt man den Anblick eines zerstreuten Regenbogens.
NS|0|19|5|0|Die Geländer der Galerien haben in diesem Hauptmittelrondeau des Tempels das Aussehen wie glühendes Gold und sind, obschon an und für sich überaus kunstvoll gearbeitet, dennoch in den Zwischenräumen mit allerlei kleineren Verzierungen in allen erdenklichen Farben, wie ihr zu sagen pflegt, unterspickt, ungefähr auf die Weise, wie da bei euch z. B. eine aus Gold und Silber kunstvoll gearbeitete Kaiserkrone noch verziert ist mit allerlei kunstvoll geschliffenen Edelsteinen.
NS|0|19|6|0|Was aber die Lehnen der Galerie betrifft, so sind sie dunkelrot leuchtend. Die Fußböden der Galerien aber sehen so aus als wie zur Nachtzeit der Himmel, wo er mit den meisten Sternen übersät ist.
NS|0|19|7|0|Was aber die Gestalt der Mittelsäule betrifft, so erhebt sich diese vom Boden bis zur höchsten Spitze geradeso, als zöge sich vom Boden bis in die höchste Spitze hinauf eine feurige Wolkensäule. Wozu dient denn diese Hauptsäule? Fürs Erste hilft sie das hohe, schwere Dach tragen, das ist der naturmäßige Nutzen. Der zweite Nutzen ist dieser, dass man auf der Wendeltreppe bis unter die höchste Spitze des Daches gelangen und allda auch am Dach etwas ausbessern kann, wenn mit der Zeit daran etwas schadhaft werden könnte. Drittens gehört sie darum in diese Hauptschulanstalt, damit durch ihr Besteigen die Menschen sich angewöhnen, von den verschiedenen Höhegraden ohne Schwindel in die Tiefe hinabzublicken. Denn solches haben die Sonnenbewohner sehr nötig, besonders diejenigen, welche hernach auch zu den verschiedenen Bauamtszweigen überzutreten gedenken. Dann endlich wird auf den verschiedenen Höhenstufen auch der Wille der Menschen geprüft, wie tief unter ihnen er noch auf den Boden zu wirken vermag. Denn ihr müsst wissen, dass eine solche Säule von keiner unbedeutenden Höhe ist und von manchen Tempeln mit den höchsten Bergen eurer Erde wetteifern dürfte, wenn sie auch auf der Oberfläche des Meeres stände.
NS|0|19|8|0|Diese Säule ist auch sehr umfangreich, besonders zuunterst, da sie nicht selten einen Durchmesser von hundert Klaftern hat. Freilich geht sie von da an bis unter die Spitze des hohen Daches immer pyramidenartig abnehmend fort. Da die Säule so umfangreich ist, so könnt ihr euch wohl leicht denken, dass auch die Wendeltreppen um sie herum sehr geräumig sind; ja sie sind, besonders zuunterst, so breit, dass da sehr leicht hundert Menschen nebeneinander eine solche Treppe aufwärts besteigen können. Also sind auch die Galerien, welche siebenfach um dieses Hauptrondeau gezogen sind, überaus geräumig. Und ebenso geräumig sind dann auch die zwei sich durchkreuzenden Gänge, welche die mittleren Galerien mit der Hauptsäule verbinden. Ein solcher Gang ist so breit, dass da ebenfalls über hundert Menschen nebeneinander in einer Reihe ganz bequem stehen könnten.
NS|0|19|9|0|Wozu dienen denn diese zwei Kreuzgänge, wie auch die ganze mittlere Galerie? Seht, da ist wieder etwas für euch; denn das ist das musikalische Orchester eines solchen Tempels. Auf einem jeden Gang befinden sich siebenundsiebzig Harfen; auf der Galerie herum aber sind Plätze für die Hauptsänger angebracht. Auf dieser Galerie und auf diesen zwei Gängen wird vor und nach jeder Beschäftigung dem großen Gott ein Lobgesang mit Begleitung der Harfen dargebracht, von welchem Lobgesang dann der ganze, weite Tempel majestätisch widerhallt.
NS|0|19|10|0|Ihr müsst euch den Ton einer Harfe nicht etwa also vorstellen, wie eben ein solch ähnliches Instrument auf eurer Erde klingt; sondern der Ton einer solchen Harfe ist so überaus rein und aller Modulation von der größten Schwäche bis zur größten Stärke in einem solchen Grade fähig, dass ihr euch auf eurem Erdkörper durchaus keine Vorstellung machen könnt. Was die Stärke desselben betrifft, so ist die hellste Glocke bei euch nur ein Pianissimo dagegen. Was aber eines solchen Tones größtmöglichste Schwäche betrifft, so könnt ihr wieder auf keinem eurer Instrumente solche wahrhaft geisterhaft leise Töne hervorbringen, welche da hervorgebracht werden können aus einer solchen Harfe; dazu ist auch der Ton bei einer Harfe von euch ein nur kurz andauernder, während der einmal angeschlagene Ton einer solchen Sonnenharfe so lange fortklingt, bis ihm der Musiker einen Einhalt tut. Und so ist eine solche Harfe auch aller Toncharakteristik fähig, so zwar, dass eine solche Harfe auf der Erde gar wohl imstande wäre, ein zehnfaches, wohlbesetztes Orchester zu ersetzen. Wenn ihr nun dieses ein wenig beachtet, so könnt ihr euch schon von einem solchen Konzert in der Sonne einen kleinen Begriff machen.
NS|0|19|11|0|Zu diesem Zweck ist eigentlich auch diese Hauptmittelrotunde des Tempels errichtet. Sie ist das eigentliche Bethaus eines solchen Tempels, allda nichts anderes verrichtet werden darf, als nur was zum einstimmigen Lob des großen Gottes bestimmt ist.
NS|0|19|12|0|Nur die alleinigen Willensübungen werden, wie schon früher erwähnt wurde, auf den verschiedenen Höhenstufen dieser Säule vorgenommen; aber auch nur darum in diesem Bethaus, damit sich der Wille eines jeden Menschen desto mehr einen soll mit dem Willen des großen Gottes. Dazu gehören auch diejenigen vorerwähnten Übungen, durch welche die Sonnenmenschen von jeder Höhe ohne Schwindel gleichgültig in die Tiefe hinabzublicken imstande sein sollen und auch wirklich werden.
NS|0|19|13|0|Eine solche Übung wäre auch auf der Erde gar nicht schlecht, allda die Menschen vorzüglich an dem Schwindel leiden; denn wenn ein Mensch nur ein bisschen höher steht als ein anderer, so graut es ihm schon auf ihn hinabzublicken, und je höher einer zu stehen kommt, desto unerträglicher wird sein Hoheitsschwindel, welcher manchmal, und das eben nicht gar zu selten, so arg ausartet, dass mancher hochstehende Adelige sich eher möchte mit zehn Kanonen auf einmal totschießen lassen, als nur einmal einen solchen werktätigen Blick hinab in die Tiefe zu machen und sich dort zu erblicken in der einfachen Jacke eines Landmannes. Ist hier etwa zu viel gesagt? – O nein! Seht nur hin auf die Adeligen; ist es ihnen nicht viel lieber, so ihre Söhne auf dem Schlachtfeld von dem Feind in tausend Stücke zerrissen und zerhauen werden, als wenn da ein solcher adeliger Sohn zu seinen hochadeligen Eltern sagen möchte: Ich will lieber ein Bauer werden, als mich als ein Feldherr auf offenem Schlachtfeld vom Feind erschießen lassen.
NS|0|19|14|0|Seht, um in dieser Hinsicht die Menschen schwindelfest zu machen, wäre eine solche Säulenbesteigungsschule im Ernst überaus wohl anzuempfehlen. Allein die Menschen der Erde gefallen sich noch zu sehr in dieser verderblichsten Krankheit. Daher kehren wir nur wieder dahin zurück, wo für die Hintanhaltung einer solchen Krankheit naturmäßig und geistig auf das Tätigste gesorgt wird.
NS|0|19|15|0|Dass eine solche Hauptrotunde eines solchen Tempels für eure Begriffe nur zu erhaben schön und prachtvoll aussieht, braucht kaum noch einmal erwähnt zu werden. Wer nur ein wenig seine Phantasie zu erwecken imstande ist, der wird sich auch gar bald einen kleinen Begriff davon machen können. Einen vollkommenen Begriff aber wird sich ein jeder erst dann machen können, wenn er solche Wunder mit eigenen, verklärten Augen ansehen wird, und wird auch mit eigenen, feineren Ohren des Geistes mit anhören die Musik der Himmel.
NS|0|19|16|0|Was aber die übrigen Teile des Tempels betrifft, so gehören sie teils zum verschiedenartigen Unterricht, teils aber auch zur Wohnung sowohl für die Schüler wie für die Lehrer; und es gehört ein Flügel für das männliche und ein Flügel für das weibliche Geschlecht, welche zwei Geschlechter im Tempel, außer in der Rotunde, nie zusammenkommen, wohl aber außer dem Tempel bei oftmaligen Lustwandlungen in der freien Sonnenluft und bei nicht seltenen Besteigungen höherer Gebirgsgegenden.
NS|0|19|17|0|Das wäre sonach das ganze Äußere und Innere des Tempels. Was aber die Grundumgebung eines solchen Tempels betrifft, so ist sie gleich geordnet mit der Grundumgebung eines jeden anderen Wohnhauses, nur ist der Grund in dem Verhältnis größer, in welchem Verhältnis die beständige Menschenmenge eines solchen Tempels größer ist als die eines jeden anderen Wohnhauses.
NS|0|19|18|0|Wenn sonach in einem Tempel manchmal bei zehntausend Menschen wohnen, so misst auch der Grund um denselben ebenso viele halbe Joche nach eurem Maß. Doch sind die verschiedenen Äcker durch viel breitere Straßen zur Lustwandlung voneinander getrennt, und die Fruchtbäume sind um den Tempelhügel erst in einer solchen Niederung gezogen, dass durch sie die Aussicht des Tempels nicht im Geringsten behindert wird.
NS|0|19|19|0|Aus diesem Grunde befindet sich dann außerhalb des Tempels ein weites Planum, auf welchem nichts als ein üppiger Graswuchs von lebhaft nahe dunkelgrüner Farbe gezogen wird.
NS|0|19|20|0|Die äußere Verfassung dieses Planums besteht aus lauter Springbrunnensäulen, durch deren hervorsprudelndes Wasser sowohl das Planum um den Tempel wie auch der darauf folgende, nach allen Seiten abhängende Grund erfrischt wird.
NS|0|19|21|0|Seht, das ist ein Tempel der ersten Art. Nächstens wollen wir noch die zwei folgenden betrachten. Und daher lassen wir es für heute wieder gut sein!
NS|0|20|1|1|Ein Tempel zweiter Art. Das große Pendel und die Zeitverkünder. Große Ergriffenheit der Sonnenbewohner bei einem Wort des göttlichen Vaters
NS|0|20|1|1|(Am 1. September 1842 von 3 3/4 bis 5 3/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|20|1|0|Was den zweiten Tempel betrifft, so wird dieser auch von den Sonnenbewohnern gewöhnlich der große Tempel genannt. Warum dieser Tempel diesen Namen führt, werdet ihr in der Folge gar wohl erfahren.
NS|0|20|2|0|Dieser Tempel ist zwar, was den Bau und die Vielheit der Säulen betrifft, eben nicht viel vorzüglicher als der, den wir vorhin haben kennengelernt. Er dürfte hier und da vielleicht wohl um tausend, auch manchmal bis zweitausend Säulen stärker sein als der frühere. Allein dieser Zusatz genügt nicht dem Beinamen: der große Tempel.
NS|0|20|3|0|Hat er auch wirklich mehrere Säulen, so sind aber fürs Erste diese Säulen enger aneinandergereiht und auch nicht so hoch. Dann ist auch der Raum, den ein solcher Tempel einnimmt, um nicht viel größer als derjenige des vorigen Tempels. Auch sind die Dächer bei weitem nicht so hoch wie die des vorigen.
NS|0|20|4|0|Es fragt sich demnach, warum dieser Tempel „der große“ genannt wird? Weil in diesem Tempel durchaus kein anderer Dienst mehr gelehrt wird als allein der Dienst des großen Gottes! Das ist also die Ursache, warum dieser Tempel „der große“ genannt wird.
NS|0|20|5|0|Was seine äußere Einrichtung betrifft, und somit auch seine äußere Umgebung, so ist diese bis auf die willkürlichen Verzierungen vollends ganz gleich mit dem, was wir in- und außerhalb des vorigen Tempels haben kennengelernt. Nur das Orchester ist in diesem Tempel noch viel großartiger und besteht aus der doppelten Zahl Harfen des vorigen Tempels. Auch die Zahl der Sänger ist größer als die des vorigen Tempels; welches aber daraus sehr leicht zu begreifen ist, weil einen solchen Tempel oft vier-, fünf-, sechs- bis siebenmal so viel Schüler bewohnen als den vorigen.
NS|0|20|6|0|Denn in einem solchen Tempel kommen die Menschen eben auch oft von vier bis sieben Tempeln der vorigen Gattung zusammen, um da den allerhöchsten Unterricht zu empfangen. Aus diesem Grunde aber sieht es dann in einem solchen Tempel wie in seinen weiten Umgebungen äußerst lebhaft aus.
NS|0|20|7|0|Wenn manchmal nicht alle Menschen in einem solchen Tempel untergebracht werden können, so werden etwas tiefer, etwa an der Stelle, da sich durch die Gründe ein freier Lustwandelweg zieht, kleine Wohnhäuser von etwa zehn bis zwölf Säulen im Umfang errichtet, welche bis auf die Mittelschneckenwendeltreppe, welche allda mangelt, ganz so eingerichtet sind, wie Wohnhäuser, welche wir schon haben kennengelernt.
NS|0|20|8|0|Bei manchem Tempel dieser zweiten Art gibt es nicht selten einige Hunderte solcher kleineren Wohnungen. Eine jede solche Wohnung hat dann auch einen eigenen Amtmann, welcher unter den Amtsleuten und somit auch unter dem Hauptlehrer dieses Tempels steht. Er hat für nichts anderes zu sorgen, als für die Aufrechthaltung der Ordnung.
NS|0|20|9|0|Die Gründe um einen solchen Tempel sind auch in ebendem Maße größer und ausgedehnter als die des früheren.
NS|0|20|10|0|Bei diesem Tempel befindet sich auch ein allgemeiner Zeitenwächter, und müssen sich darum alle Zeitenwächter eines solchen weitgedehnten Tempelbezirkes nach ihm richten. Wo ist denn dieser Zeitenwächter gewisserart in der Nachbarschaft dieses Tempels logiert? Seht, ungefähr tausend Klafter außerhalb des Tempels wird auf einem kegelförmigen Hügel ein überaus starker, manchmal über fünfhundert Klafter hoher Baum gezogen. Allda wird von seiner Höhe ein Pendel herabgelassen bis nahe an den Fuß des Hügels; denn auf der Pendelseite wird ein solcher Hügel steiler gemacht, als er sonst von Natur aus wäre. Dieses Pendulum wird dann durch drei Männer in Bewegung gesetzt und braucht zu einer Schwingung nahe dreißig Minuten nach eurer Rechnung.
NS|0|20|11|0|Nach diesem Pendel müssen dann alle anderen eingerichtet werden. Wenn sie auch eben nicht so groß sind und darum dieselben langsamen Schwingungen nicht nachmachen können, so müssen aber ihre Schwingungen dennoch so eingeteilt sein, dass entweder zwei oder vier Schwingungen genau den Zeitraum ausfüllen, welchen da bei diesem Hauptpendel eine Schwingung ausfüllt.
NS|0|20|12|0|Aus dem Grunde gibt es auch selbst in den kleineren Wohnhäusern um diesen Tempel sogenannte kleine Handpendel, nach deren schnelleren Schwingungen die Hauptschwingungen des großen Pendels bemessen werden.
NS|0|20|13|0|Wie verkündet aber das Hauptpendulum seine Schwingungen wohlvernehmlich einer ganzen Umgebung? Dazu sind noch eigene Amtsleute angestellt, welche sich teilweise in diesem Dienst ablösen, und zwar von hundert zu hundert Schwingungen. Solche Amtsleute gibt es bei einem solchen Haupt-Chronometer allzeit hundert an der Zahl, von denen stets vier den Dienst verrichten müssen.
NS|0|20|14|0|Diese Amtsleute oder Chronologen stehen bei den Sonnenbewohnern ungefähr in demselben Ansehen, wie bei euch die tiefsinnigsten Astronomen. Jedoch das ist für jetzt nicht der Zweck, darum sie hier angeführt werden, sondern wie sie die Zeit der ganzen Umgegend verkünden. Seht, auf vier Seiten des ziemlich weitgedehnten Hügels ist eine Art Glocke angebracht, welche zwar nicht also aussieht wie eine sogenannte Kirchenglocke bei euch, sondern in großer Form so wie bei euch die kleinen Uhrklangschalen.
NS|0|20|15|0|Ein jeder Zeitverkünder ist mit einem Hammer versehen und schlägt bei jeder Pendelschwingung einmal auf die Glocke. Dadurch wird der ganzen Gegend weit und breit angezeigt, wann eine Schwingung um die andere erfolgt. Zuoberst des Hügels aber sind ebenfalls zwei Wächter logiert; diese zählen die Schwingungen und geben die Zahl der Schwingungen den Tempelwächtern durch gewisse telegraphische Zeichen kund.
NS|0|20|16|0|Dass auch diese Pendelzahlverkündiger sowie die Pendelschwingungsandeuter sich ablösen, versteht sich von selbst. Und somit hätten wir auch diesen zweiten Tempel kennengelernt. Der Unterschied besteht also nur in dem Zweck dieses Tempels und in der bei weitem größeren Anzahl seiner Schüler.
NS|0|20|17|0|Es ist zwar schon bei einer früheren Gelegenheit bemerkt worden, dass Tempel dieser zweiten Art wieder höher stehen als die der ersten; aus dem Grunde ist es hier kaum notwendig zu erwähnen, dass ein solcher Tempel auf einem noch viel höheren und umfangreicheren Berg steht, als der der ersten Art.
NS|0|20|18|0|Wenn ihr einen solchen Tempel in der Sonne leiblich erschauen könntet oder euch selbst auf seinem weiten Rasenplateau befinden würdet, so könntet ihr die erhabene Pracht und die überaus wunderherrlichste Aussicht in die weiten Fernen nicht ertragen. Etwas solches lasse Ich darum auch sogar nicht zu, dass es jemandem im Traum vorkäme; denn schon der Traum hätte eine tödliche Wirkung. Wenn des Menschen Geist einer solchen Beschauung näher gerückt wäre, so würde er sobald alle Fesseln seines Leibes zerreißen und dahin eilen, wo es ihm sicher besser zusagen würde als in seinem schwerfälligen Leib. Aus dem Grunde zeige Ich euch auch hier solche Pracht nur wie im Vorbeigehen an; denn möchte Ich euch solches vollkommener auch nur durch bloße Worte auseinandersetzen und es dadurch eurer Phantasie zur enthüllteren Anschauung darstellen, so könntet ihr solches durchaus nicht zu Papier bringen; denn euer Geist würde dabei also gänzlich in sich gehen, dass er vollends vergessen würde, zur Tätigkeit zu beleben seinen Leib.
NS|0|20|19|0|Aus ebendiesem Grunde sage Ich euch auch nichts von dem Unterricht, welcher allda zu Meinem Dienst gehalten wird. Denn fürs Erste würdet ihr die hohe Weise durchaus nicht fassen in dem Zustand, in dem ihr euch befindet. Würdet ihr es aber auch fassen, so könntet ihr fürs Zweite im Augenblick des Erfassens das irdische Leben nicht mehr fortbehalten; denn wenn ihr nur ein Wort aus Meinem Munde in diesem hohen Sinne völlig erschauen könntet, so würde euch im Augenblick eure ganze Natur samt aller Welt als ein allerfinsterster Scheusalsklumpen vorkommen, besonders was da betrifft ein Wort des Vaters oder der ewigen Liebe.
NS|0|20|20|0|Damit ihr euch aber dennoch ganz leise nur überzeugen könnt, was da ist für ein Ding um ein Wort des Vaters, so sage Ich euch bei dieser Gelegenheit nur so viel, dass zum Beispiel das Wort Liebe in Beziehung auf Mich bei diesen Sonnenbewohnern, wann es ausgesprochen wird, eine solche unbeschreibliche Wonne hervorbringt, dass sie darob längere Zeit keine Nahrung zu sich nehmen. Ja es wird durch Posaunenschall von der obersten Höhe, allda sich der letzte Tempel befindet, einer weiteren Umgegend bekanntgemacht, dass in kurz darauffolgender Zeit, von etwa einem Jahr nach eurer Rechnung, dieses Wort in Beziehung auf Gott ausgesprochen wird. Schon beim ersten Posaunenschall fallen alle Sonnenbewohner dieses Gürtels auf ihre Angesichter zur Erde nieder und getrauen sich vor Hochachtung dessen, was da kommen wird, kaum zu atmen und beben gewisserart vor überfreudiger Furcht.
NS|0|20|21|0|Wenn aber erst die Zeit naht, in welcher der oberste Lehrer und Priester herabkommt in diesen zweiten Tempel, um allda auszusprechen: „Gott ist die Liebe!“ – so wird jeder Mensch also ergriffen, dass er dahinsinkt, als wenn er gestorben wäre. Ja durch dieses Wort geraten gewisserart, nach euren Begriffen genommen, alle diese Menschen in eine Art allerhöchsten somnambulen Zustand und genießen in diesem Zustand die Wonne der Engel. Wenn sie sich aber wieder erheben, da eilen sie sobald aus dem Tempel und fallen vor demselben auf ihre Angesichter nieder und danken und loben und preisen den großen Gott für solche für sie allerhöchste Gnade, dass Er sie durch Seinen Oberpriester für würdig erachtet hat, sie dieses allerhöchste Wort alles Wortes wieder einmal hören zu lassen. Und eine geraume Zeit nachher getraut sich niemand die Schwelle des Tempels zu betreten. Wenn aber solcher wieder betreten wird, so geschieht es allzeit mit einem allerdemütigst feierlichsten Einzug.
NS|0|20|22|0|Aus dem Gesagten könnt ihr euch schon einen Begriff machen, welcher Art und von welchem Effekt dieses Tempels Lehrweise ist. Daraus aber könnt ihr euch zur Belebung eures großen Stumpfsinnes auch ein kleines Notabene nehmen, und betrachten, in welcher Achtung Ich dagegen bei euch stehe, allda Ich nicht nur Mein Wort durch gewisse Lehrer und Priester habe verkünden lassen, sondern allda Ich, der Vater, als die allerhöchste Liebe, Selbst wesenhaft in aller Meiner göttlichen Fülle unter euch gewandelt und euch mit eigenem Munde gelehrt habe die Worte des ewigen Lebens. Und dennoch mögen die Menschen um eine Handvoll Erde Meiner vergessen, und Mich viel geringer achten als alles andere, was sie umgibt. Denn wenn es nicht also wäre, wie könnte da so mancher den ganzen Tag hin mit aller seiner Anstrengung fürs Zeitliche sorgen und Mir dabei in einem Tag kaum eine erbärmliche Viertelstunde widmen.
NS|0|20|23|0|Wahrlich sage Ich euch: Hätte Ich solches in der Sonne getan, was Ich auf der Erde tat, ihr Freudenlicht hätte die ganze Unendlichkeit gefangengenommen! Aber die Kinder der Erde, die Ich zu Kindern Meines Herzens gemacht habe, diese können den Vater fliehen und verachten!
NS|0|20|24|0|O so lernt es denn von der Sonne, wenn ihr es auf der Erde nicht lernen könnt, wer da ist Derjenige, der aus unendlicher Liebe für euch sogar am harten Kreuz bluten wollte! Erkennt doch einmal, dass der Vater die Liebe ist!
NS|0|21|1|1|Ein Tempel dritter Art. Das Geheimnis der Menschwerdung Gottes und des Kreuzes. Einweihung zum Oberpriesterstand
NS|0|21|1|1|(Am 3. September 1842 von 3 bis 5 Uhr nachmittags.)
NS|0|21|1|0|Nachdem wir die zweite Art der Tempel auch haben kennengelernt, so wollen wir uns denn auf eine bedeutende Höhe erheben, welche nicht selten eine Gegend von mehreren tausend Quadratmeilen beherrscht, und wollen allda noch die dritte Art Tempel kennenlernen.
NS|0|21|2|0|Diese dritte Art der Tempel wird gewöhnlich auf dem höchsten Punkt einer Gegend errichtet und hat gewöhnlich von fünf bis sieben Tempel der zweiten Art unter sich. Wie ist denn dieser Tempel gestaltet und wie beschaffen?
NS|0|21|3|0|Was die Bauart dieses Tempels betrifft, so ist er kaum viermal so groß wie ein gewöhnliches Wohnhaus und ist bei weitem nicht so hoch, wie da sind die Tempel der ersten, wie auch der zweiten Art. Ja hier und da werden manche angetroffen, die nicht viel höher sind als ein gewöhnliches Wohnhaus.
NS|0|21|4|0|Dieser Tempel hat auch nicht die Form eines Schiffes, sondern ist allzeit vollkommen rund. Das Dach ist nicht spitzig, sondern mehr stumpf pyramidenartig. Dessen ungeachtet aber ist es dennoch von bedeutender Höhe. Um das Dach herum ist eine Zinne gezogen, welche mit einem guten Geländer versehen ist. Auf dieser Zinne wird herumgegangen und mittels der Posaunen so manches an die umliegenden Tempel der zweiten Art verkündet.
NS|0|21|5|0|Was das Innere des Tempels anbetrifft, so ist alles das so eingerichtet, wie in einem gewöhnlichen Wohnhaus; nur ist statt der in der Mitte eines Wohnhauses befindlichen Schneckenwendeltreppe hier ebenfalls eine glatte, weiße Säule gestellt, welche in fast gleicher Dicke und runder Form ganz zum höchsten Dachpunkt reicht und somit das Dach auch trägt. Diese Säule aber ist dann wohl umfangen mit einer Wendeltreppe, von welcher inwendig in gleicher Höhe mit der äußeren Dachzinne zwei sich durchkreuzende Gänge von ebender Säule durch eine Dachöffnung auf die äußere Zinne des Daches führen. Allda aber im Innern des Tempels, wo sich die vier Gänge, oder eigentlich die sich durchkreuzenden zwei Gänge, durch einen ziemlich geräumigen Rundgang um die Säule vereinigen, geht dann die Schneckenwendeltreppe um die Säule ganz bis unter die Dachung hinauf. Alles dieses hier ist ganz einfach und ohne alle Verzierung und hat nahe das Aussehen, als wenn solches alles von glatt gehobelten Brettern zusammengefügt wäre.
NS|0|21|6|0|Auf dem Quergang befinden sich keine Harfen mehr; sondern das ganze Musikwesen besteht hier in vier überaus starkschallenden Posaunen, deren Ton so stark ist, dass er zufolge der reinen Sonnenluft manchmal bei tausend Meilen weit vernommen werden kann.
NS|0|21|7|0|Der Fußboden in diesem Tempel ist wie von Bretterdielen. Und die Ruhebänke an den Säulen sehen also aus, wie bei euch die sogenannten hölzernen Kanapees, wie ihr sie da manchmal habt in euren Gärten. Nur die Säulen sehen weiß aus, aber dennoch ebenfalls so, als wenn sie von einer weißen Holzgattung verfertigt wären.
NS|0|21|8|0|Kurz gesagt, hier ist von aller äußeren Pracht durchaus nichts zu entdecken.
NS|0|21|9|0|Um den Tempel herum stehen manchmal etwa zwanzig bis dreißig kleine, hölzerne Hütten, die durchaus nicht auf Säulen ruhen, sondern eine fast ganz ähnliche Gestalt mit den Alpenhütten auf eurer Erde haben, nur sind die Dachungen höher gezogen. Eine solche Hütte steht allzeit knapp an dem Tempel, und das ist die Wohnung des obersten Priesters. Die anderen Hütten aber werden teils von seiner Familie und teils von den Amtsleuten und einigen wenigen Schülern bewohnt. Denn dieses Tempels Schule brauchen nur diejenigen durchmachen, welche sich mit der Zeit selbst für die obersten Lehrer und Amtsleute der unteren Tempel wie auch zum Dienst dieses obersten Tempels wollen weihen lassen.
NS|0|21|10|0|Was wird denn in diesem Tempel alles gelehrt? Seht, das ist ein Tempel der tiefsten Geheimnisse, in welche nur wenige eingeweiht werden. Diese Geheimnisse also werden hier gelehrt. Worin aber bestehen diese Geheimnisse? Diese Geheimnisse bestehen darin, dass die Menschen allda zur Kenntnis gelangen, wie Gott ist ein Mensch, und wie in diesem Menschen wohnt die allerhöchste Liebe, welche alles, was da ist, aus eigener Kraft erschaffen hat.
NS|0|21|11|0|Was wird hier noch gelehrt? Hier wird auch alles Allergeheimste und Allergrößte gelehrt, wie da Gott, als die reinste Liebe, auf einem Planeten, Erde genannt (in der Sonne hat aber dieser Planet den Namen Pjur), vollkommen ein Mensch schweren und sogar todfähigen Leibes geworden ist und lebte allda in der größten Dürftigkeit, obschon alle Himmel Sein Eigentum sind, und ließ Sich zum Zeichen Seiner unendlichen Liebe und unbegreiflichen Demut sogar an das Kreuz heften und töten!
NS|0|21|12|0|Und es wird ferner dazugesetzt, dass solches gerade zu der Zeit geschehen sei, in welcher, wie es alle Sonnenbewohner gar wohl wissen, es auf ihrer Welt vollkommen finster geworden war, welche Finsternis bei zwölf einfache, große Schwingungen angedauert hatte. Denn ihr müsst wissen, dass die Menschen in der Sonne hier und da ein hohes Alter erreichen, und so gibt es noch heutzutage, besonders im Oberpriesterstand mehrere, welche da Zeugen dieser Erscheinung in der Sonne waren.
NS|0|21|13|0|Merkwürdig für euch wäre allda ein auf einem Hügel gegenüber dem Tempel befindliches Kreuz. Allda sieht es geradeso aus, wie bei euch auf der Erde auf irgendeinem gutgestalteten Berg Kalvari. Dieser Berg Kalvari der Sonne aber ist dennoch also von einem Kranz hochgezogener Baumstämme umfangen, dass von selbem von außen her nirgends etwas zu erblicken ist, außer so jemand durch ein enges Pförtlein von dem obersten Priester allda eingeführt wird. Diese Einführung aber geschieht nur dann, so jemand zu einem Oberlehrer des zweiten Tempels geweiht wird.
NS|0|21|14|0|Diese Einführung ist aber nicht mit so geringen Schwierigkeiten verbunden, wie ihr es meint; sondern wer da eingeführt werden will, der muss zuvor große Proben seiner Treue ablegen. Wenn er aber schon durch das enge Pförtlein gekommen ist, so ist er noch bei weitem nicht an Ort und Stelle und sieht vom Berg Kalvari so viel wie nichts.
NS|0|21|15|0|Denn gleich hinter der hohen Baumwand, welche allda nicht selten eine Höhe von zweitausend Klaftern hat, ist ein den ganzen Berg Kalvari umflutender bei zweihundert Klafter breiter Deich gezogen, welcher von ungleicher Tiefe ist. Wer über diesen Deich kommen will, der muss die Wege gar wohl kennen, welche das Wasser allenthalben deckt. Denn unter dem Wasser sind die Wege so gezogen, dass es nur einen Hauptweg gibt, von welchem aber eine Menge Wege als irreleitende Stege führen. Wer alsdann den Zug des Hauptweges nicht kennt, der kommt auf einem solchen Irrweg wieder zurück, allda er seinen Fuß ins Wasser gesetzt hat. Daher muss ein jeder den Weg mit seinen Füßen wohl prüfen können, ob er ist ein sehr schmaler oder ein mehr breiter. Nur auf dem schmalsten kann man auf das jenseitige Ufer gelangen, auf jedem anderen aber gelangt man wieder ans vorige Ufer, nahe so, dass da jeder glaubt, er habe den rechten Weg gefunden; allein auf einmal biegen sie wieder um und führen einen in den verschiedenartigsten Krümmungen dennoch wieder zurück.
NS|0|21|16|0|Daher ist das Hinüberkommen über diesen Deich nicht so leicht, als jemand glauben möchte. Hat aber jemand diese Schwierigkeit glücklich besiegt, so wartet seiner eine noch größere. Nämlich etwa siebzig Klafter oberhalb des bedeutenden Rundteiches führt ein gewaltig verschlungener Weg durch ein sogenanntes Feuergebüsch. Dieses Feuergebüsch sieht alldort so aus wie bei euch auf der Erde ungefähr ein brennender Wald; nur steigt das Gebüsch viel höher über den Erdboden der Sonne als bei euch die allerhöchsten Bäume. Dieses Feuergebüsch hat ebenfalls wieder eine Breite von etwa zweihundert Klaftern und umzingelt den ganzen Hügel, welcher allda freilich eine noch bei weitem größere und weitgedehntere Umfassung hat als auf eurer Erde eine der größten Alpen.
NS|0|21|17|0|Hier ist es sehr schwer, auf den rechten Weg zu treffen. Wer auch da nicht den schmalsten trifft, der macht einen vergeblichen Versuch; denn er kommt nicht durch. Es treffen zwar wohl mehrere gar bald den schmalsten Pfad; aber da scheuen sie die sich öfter berührenden Flammen innerhalb dieses schmalen Pfades, und daher probieren sie einen anderen, allda weniger von den Flammen zu sehen ist. Solches aber ist eine vergebliche Mühe; denn wer da nicht einen kleinen Kampf mit den Flammen bestehen will, der kommt nicht an den Ort des größten Geheimnisses. Wer aber diesen Kampf nicht scheut, der gelangt auf dem kürzesten Weg wohlbehalten an Ort und Stelle und erschaut da im größten Liebelichte das Wunder der Kreuzigung!
NS|0|21|18|0|Seht, das ist auch zugleich die Einweihung zum Oberpriesterstand. Einzelne Andeutungen finden sich zwar überall selbst in den Wohnhäusern vor, die da Beziehung haben auf die große Menschwerdung. Allein ganz vollkommen kommt dieses Geheimnis nur hier zur Anschauung.
NS|0|21|19|0|Wie aber solches alles gestaltet ist, in welche Beziehungen es hier in der Sonne gestellt ist und welch ein Bewandtnis es mit diesem Sonnenberg Kalvari noch hat, solches werden wir in einer nächsten Mitteilung vernehmen. Daher gut für heute!
NS|0|22|1|1|Vollendung der höchsten Ausbildung eines Lehrers auf dem Sonnenberg Kalvari. Geheimnisse der Menschwerdung Gottes, der Kreuzigung und der Gotteskindschaft. Gott-Vater Selbst als Führer
NS|0|22|1|1|(Am 5. September 1842 von 3 bis 5 1/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|22|1|0|Wer da aus dem Feuergebüsch kommt auf die freien Gründe des eigentlichen Bergkalvarihügels, der wird alsobald von einem geheimen Weisen, welcher fortwährend solche Stelle bewohnt, empfangen und wird in dessen Wohnhaus, welches ebenfalls ganz einfach ist, eingeführt. Allda wird er bewirtet und dann von dem Weisen in einen etwas oberhalb dessen Wohnung befindlichen Tempel geführt.
NS|0|22|2|0|Darin erschaut er bald eine plastische Gruppe aufgestellt, durch welche dargestellt wird das letzte Abendmahl.
NS|0|22|3|0|Von diesem Tempel hinaus wird er dann auf einen freien Platz geleitet; allda erschaut er eine Gruppe, welche Christus darstellt mit Seinen Aposteln in dem Garten Gethsemane auf dem Ölberg.
NS|0|22|4|0|Von da etwas weiter wieder eine Gruppe, welche des Herrn Gefangennehmung darstellt. Und so weiter kommt er spiralförmig um den Hügel herum von einer Gruppe zur anderen, durch welche die verschiedenen Leidensmomente des Herrn dargestellt werden, und das allzeit auf die sinnvollste Weise.
NS|0|22|5|0|Endlich zuoberst des Hügels befindet sich ganz freistehend ein großes Kreuz, auf welchem die Gestalt des Herrn in irdisch-menschlicher Form angeheftet ist, an deren beiden Seiten aber auf bei weitem kleineren und niedereren Kreuzen die bekannten zwei Schächer zu erschauen sind.
NS|0|22|6|0|Hat der Gast solches alles hinreichend mit der allertiefsten Andacht seines Herzens betrachtet, sodann geleitet ihn der Weise von diesem Hügel etwas abwärts zu einem kleinen Tempel. Allda ist innerhalb dieses Tempels das Grab zu ersehen.
NS|0|22|7|0|Endlich aber zeigt ihm der Führer ganz nahe an dem brennenden Gestrüpp noch einen etwas größeren Tempel, welcher immerwährend in den hellsten Flammen brennt; und die Flammen sind, besonders wenn man sich ihnen immer mehr und mehr nähert, von einer so intensiven Lichtstrahlung, dass dieselbe selbst dem überaus lichtgewohnten Auge eines Sonnenbewohners unerträglich wird. Darum nimmt auch der Führer zu dem Behuf schon allzeit einen zweckmäßigen Schleier oder vielmehr eine Augendecke mit sich, durch welche der Gast dann das überaus starke Licht der Flammen dieses Tempels ertragen kann. So hell aber auch diese Flammen sind, so brennen sie aber doch niemanden, der in ihre Nähe kommt – es versteht sich von selbst: würdigerweise – sondern umfächeln ihn sanft kühlend nur wie ein lauer West.
NS|0|22|8|0|Der Gast wird dann von dem Führer in diesen brennenden Tempel eingeführt. Allda in der Mitte des Tempels erblickt er dann einen kleinen Altar, das heißt, eine säulentischförmige Erhöhung vom Boden, auf welchem Altar dann die Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments, und zwar in althebräischer Sprache geschrieben, sich befindet.
NS|0|22|9|0|Hier fragt jeder Gast den Führer, was dieses bedeute. Und der Führer sagt ihm nichts anderes, als dass das ein Buch ist, in welchem durch eigene Zeichen das Wort Gottes, alle Seine Führungen des gesamten Menschengeschlechtes wie auch die Führung der ganzen Unendlichkeit, zufolge innerer Bedeutung aufgezeichnet ist.
NS|0|22|10|0|Darauf fragt der Gast, ob man solche Zeichen hier wohl lesen könne oder dürfe. Und der Führer sagt ihm: „Wer hierher kommt, ist verpflichtet, solches alles zu erkennen; denn dieses ist der eigentliche Grund, warum jemand dahin gelangt.“
NS|0|22|11|0|Und weiter spricht der Führer: „Siehe, da du deinen Willen schon so mächtig gemacht hast, dass demselben gehorsam ist der Erdboden der Sonne, so wisse denn, dass einem gerechten Willen auch diese Zeichen gehorchen und geben sich zu erkennen nach dem aufrichtigen und gerechten Willen dessen, der sie erkennen möchte und erkennen will.“
NS|0|22|12|0|Darauf beheißt der Führer den Gast, dass er solle das Buch anrühren. Und wie dann der Gast das Buch anrührt, so wird er sobald von einem Feuer durchströmt, nach welcher Durchströmung der Gast dann auch die Zeichen recht wohl zu lesen versteht. Wann der Gast dann das Buch zu lesen anfängt, so wird er von der allerhöchsten Bewunderung ergriffen und hält in diesem Augenblick niemanden für glücklicher und seliger als eben sich selbst, indem er jetzt zum ersten Male Worte vernimmt, welche unmittelbar aus dem Munde Gottes geflossen sind, und erschaut dadurch auch die wunderbarst liebvollsten Führungen des großen Gottes.
NS|0|22|13|0|Am meisten durchdrungen und ergriffen aber wird ein jeder solcher Gast, wenn er in das Neue Testament kommt. Denn durch dieses wird ihm auch der ganze Berg Kalvari aufgeschlossen, und er weiß sich dann gewöhnlich vor lauter Lob, Dank und Preis nicht zu helfen und kann auch nicht begreifen, wie es nur möglich hat sein können, dass der große Gott solches hat mögen über Sich kommen lassen.
NS|0|22|14|0|Alsdann erst wird ihm von dem Führer die große Liebe in Gott gezeigt und wird ihm gesagt, dass eben durch diese Handlung die Menschen, besonders jene, welche auf dieser Erde wohnen, das wirkliche Kinderrecht überkommen haben, wodurch dann jeder sogar pflichtmäßig gebunden ist, den großen Gott als den liebevollsten Vater zu erkennen und Ihn dann auch also anzurufen.
NS|0|22|15|0|Sodann wird er wieder vom Gast befragt, ob denn die Menschen der Sonne nie zu solch einem unaussprechlichen Glück gelangen werden. Und der Führer gibt ihm dann zur Antwort: „Nicht nur die Menschen [der Sonne, sondern alle Menschen], welche da bewohnen alle Sonnen und alle Planeten der ganzen Unendlichkeit, haben dadurch ein geheimes Recht auf dieses unermessliche Glück. Aber auf keinem anderen Weg können sie zu diesem Glück gelangen, als allein nur auf dem Weg der tiefsten Demut und, von dieser heraus, auf dem Weg der vollkommensten Liebe ihres ganzen Wesens zu Gott!“
NS|0|22|16|0|Nach solcher Durchlesung und Belehrung kehren dann die beiden wieder aus dem Tempel zurück und begeben sich von da wieder in die Wohnung des weisen Führers, allwo dieser erst dem Gast über alles die gehörige Aufklärung gibt, welches nach eurer Rechnung gewöhnlich einen Zeitraum von drei Erdjahren andauert. Es versteht sich von selbst, dass da während dieser Zeit noch öftere Ausflüge gemacht werden auf alle die vorbenannten Punkte.
NS|0|22|17|0|Am Ende solchen Unterrichts gibt der Führer erst dem Gast kund, dass zuoberst dieses Weltkörpers, den sie bewohnen, auf der vollkommenen Lichtregion, sich noch eine viel vollkommenere Welt vorfindet, auf welcher alle Sonnenbewohner den Unterricht über die vollkommene Menschwerdung des Herrn im Geiste empfangen werden; und sie können dann, so sie es wollen, auch zu wirklichen Kindern Gottes aufgenommen werden, wenn sie sich allda bis auf das letzte Atom ihres Seins also zu demütigen imstande sind, dass sie als Bewohner einer vollkommenen Welt aus dem Grunde heraus wollen die letzten und untersten Diener derjenigen Kinder Gottes sein, welche Er Selbst als Mensch auf dem Planeten Erde oder Pjur zu Seinen Kindern gemacht und angenommen hat.
NS|0|22|18|0|„Denn“, sagt ferner der Führer, „wir Bewohner der Sonne leben in großer Vollkommenheit und sind zufolge unseres Willens vollkommene Herren unserer Welt; daher wird es uns allzeit schwer gehen, so wir uns nur zu denjenigen setzen müssen, die durch ihren Willen nicht einmal einen Grashalm ihrer Erde zu entlocken imstande sind. Doch, wie du, mein lieber Gast, aus all dem Geschauten entnehmen hast können, hat der große Herr des Himmels und aller Welten nicht an dem Großen und Starken, sondern an dem Kleinen und Schwachen Sein Wohlgefallen, so zwar, dass Er unmündigen Kindern und ganz einfältigen Menschen größere Dinge offenbart als den allertiefsinnigsten Engelsgeistern. Da bleibt demnach uns Sonnenbewohnern nichts anderes übrig, so wir auch zur Kindschaft gelangen wollen, als alle unsere Sonnengröße, Macht und Kraft freiwillig dem großen Gott zu Füßen zu legen und uns allerwilligst und liebreichst zu begeben sogar unter den Stand derjenigen, die Er liebhat. Seine Liebe erstreckt sich zwar über alle Menschenwesen in der ganzen Unendlichkeit; aber, verstehe solches wohl, nur Seine Kinder werden dereinst ewig mit Ihm unter einem Dach wohnen. Daher suche du auch fortan der Kleinste und der Geringste zu sein, und sei ein Diener aller Menschen, mit denen du je in Berührung kommen wirst, so wirst du dadurch die Aufmerksamkeit des ewigen Vaters zu dir lenken; und diese Aufmerksamkeit ist der erste Funke, durch den du neues Leben überkommen wirst, ein Leben zum Kind des großen Vaters!“
NS|0|22|19|0|Nach dem nimmt der Führer wieder den Gast und führt ihn noch einmal außerhalb des Tempels und zeigt ihm hinauf auf das Kreuz und sagt dann zu ihm: „Siehe, mein lieber Bruder, das ist der Weg zu Ihm! Willst du als Kind zum Vater gelangen, so musst du diesen Weg des Kreuzes erwählen!
NS|0|22|20|0|Die wahre Demut des Herzens aber ist dieser Weg; denn die Kinder müssen Ihm ähnlich sein. Wie mag aber jemand die Kindschaft von Ihm überkommen, wenn er sich aus Liebe zu Ihm nicht also demütigen kann, wie es einem Kind vor solch einem Vater gebührt, nachdem Sich doch der Vater Selbst aus Liebe zu Seinen Kindern also gedemütigt hat, dass Er da angenommen hat ihre fleischliche Gestalt, und ließ sich sogar von den Blinden und Hartherzigen aus ebendieser großen Liebe zu Seinen Kindern schmerzlich an das Kreuz heften, um dem Fleische nach sogar zu sterben für sie, damit dadurch niemand mehr den Tod in Ewigkeit fühlen und schmecken solle, der Ihn über alles liebt und durch seine Demut teil an diesem heiligen Kreuz genommen, an welchem der große heilige Vater voll Liebe Seine allmächtigen Hände blutend für die ganze Unendlichkeit ausgestreckt hat.
NS|0|22|21|0|Siehe, darum auch ist dieses überheilige Bild hier aufgestellt, damit auch wir erkennen sollen, dass Er auch für uns Seine Hände ausgestreckt hat. Auch uns will Er umfassen; aber wir müssen zuvor auf dem dir bezeichneten Weg des Kreuzes zu Ihm kommen. Daher sehe noch einmal an dieses heilige Zeichen!“
NS|0|22|22|0|Hier fällt der Gast allzeit mit von zu hoher Liebe und Ehrfurcht ergriffen zur Erde nieder und betet an das große Geheimnis!
NS|0|22|23|0|Wenn er sich aber wieder erhebt von der Erde, siehe, da ist alles verschwunden auf diesem Berg bis auf die Wohnung des Führers und bis auf den Führer selbst. Dieser nimmt dann den Gast und führt ihn noch einmal auf die Höhe und fragt ihn allda, ob er dieses alles wohl in seinem Herzen aufgenommen habe, welches er, der Gast nämlich, mit jedem Atom seines Lebens bestätigt.
NS|0|22|24|0|Sodann legt ihm der Führer seine Hände auf und spricht zu ihm: „Was du hier gesehen und vernommen hast, behalte einstweilen in deinem Herzen bis zur Zeit, da es dem Vater wohlgefallen wird, solches allen Menschen dieser Welt kundzutun, entweder schon hier denen, die nach Ihm ein großes Verlangen haben, oder aber desto sicherer und bestimmter jenseits im Geiste allen, die eines gerechten und vollkommenen Willens sind.
NS|0|22|25|0|Du aber erkenne jetzt deinen Führer! Denn siehe, Ich bin der Vater!!! Doch solches sage niemandem, wer da ist der Führer!“
NS|0|22|26|0|Darauf verschwindet der Führer. Nur die Wohnung desselben bleibt. Der Gast aber begibt sich dann in der höchsten Liebe und beständigen Anbetung wieder zur Wohnung des Führers zurück, allda ein anderer, gewöhnlich hier wohnender Weiser, der ihn zuerst aufnahm, ihn wieder aufnimmt und ihn sodann geleitet über das jetzt nicht mehr brennende Gebüsch bis zum Deich, der bei diesem Rückweg wasserlos ist.
NS|0|22|27|0|Sodann begibt sich dieser zweite Führer wieder zurück. Der Gast aber kehrt voll der erhabensten und liebedemütigsten Stimmung zum dritten Tempel zurück.
NS|0|22|28|0|Es getraut sich sodann längere Zeit aus übergroßer Ehrfurcht kein Mensch mit ihm ein Wort zu wechseln, bis sie erst aus der Handlungsweise eines solchen Berg-Kalvari-Wallfahrers erkennen, dass er wirklich, wo es nur immer tunlich ist, allen die bereitwilligsten Dienste erweist.
NS|0|22|29|0|Seht, das ist in der Sonne die höchste Ausbildung eines Lehrers. Und das ist auch für euch fasslich alles, was von dem Sonnenberg Kalvari noch zu sagen übrig war.
NS|0|22|30|0|Nächstens wollen wir uns dann einige häusliche Verhaltungsregeln der Sonnenbewohner zur näheren Beschauung bringen. Und somit gut für heute!
NS|0|23|1|1|Amtsleute und Oberpriester als Diener. Familienleben, Gesellschaftsleben, Zeugung und Ehe auf dem Mittelgürtel
NS|0|23|1|1|(Am 6. September 1842 von 1/2 4 bis 1/2 7 Uhr nachmittags.)
NS|0|23|1|0|So manches haben wir zwar schon bei der Gelegenheit der Darstellung der Wohnhäuser vernommen, was da im Allgemeinen vorbesagte häusliche Verfassungen betrifft. Hier ist demnach vielmehr darzustellen das Familienleben und der eigentliche Religions-Kultus.
NS|0|23|2|0|Wie wir schon gehört haben, so leben in der Sonne, namentlich auf diesem Gürtel, nie mehr als eigentlich nur eine Familie unter Vater und Mutter in einem Wohnhaus. Denn sobald irgend Kinder herangewachsen und herangebildet sind, treten sie in den Stand ehelicher Verbindung. Und ist auf diese Weise ein Paar Eheleute wieder neu entstanden, so wird auch sogleich Sorge getragen, dass sie einen eigen zugeteilten Grund und somit auch eine eigene Wohnung beziehen.
NS|0|23|3|0|Gibt es denn in der Sonne keine sogenannten Dienstboten wie Knechte und Mägde? Solches ist in der Sonne und namentlich auf diesem Gürtel durchaus nirgends der Fall, – denn die Obersten alles Ländertums dieses weiten Sonnengürtels wie auch alle Amtsleute sind gewisserart Diener des freien Landvolkes. Und selbst der alleroberste Priester steht alldort als ein Diener auf der untersten Stufe; daher auch sein Tempel und seine Wohnungen von der allereinfachsten und am wenigsten prachtvollsten Art sind. Dessen ungeachtet aber genießen sie dennoch die höchste Achtung beim Volk. Und wenn ein solcher Oberpriester ein oder das andere Wohnhaus besucht, um demselben einen Dienst zu erweisen, wie auch einen oder den anderen Tempel in gleicher Absicht, so wird er aber dennoch trotz aller seiner glanzlosen Einfachheit so empfangen, als wenn irgend ein Engel des Himmels dahin käme. Dieser Diener verlangt zwar nie von jemandem eine Aufmerksamkeit; im Gegenteil bittet er jedermann, ihn mit was immer für einer Auszeichnung zu verschonen, indem er durchaus kein Herr, sondern im vollkommensten Sinne des Wortes und der Bedeutung ein Diener aller ist. Aber diese Entschuldigung tut der Sache durchaus keinen Eintrag, sondern begünstigt sie vielmehr.
NS|0|23|4|0|Seht, also ist es auch im Ernst in den Himmeln der Fall, allda auch die höchsten Engelsgeister die am allerwenigsten ansehnlichsten sind, und sind also gestellt gegen andere, wie Dienende gegen ihre Herrschaften. Dessen ungeachtet aber stehen sie dennoch in dem allerhöchsten Ansehen, welches ihnen aus Meiner Liebe und Meiner Weisheit in ihnen zukommt.
NS|0|23|5|0|Was macht denn so ein Diener, wenn er in irgendeine Volkswohnung kommt? Er wartet außer der Wohnung, bis der Hausvater seiner ansichtig wird und dann voll Ehrerbietigkeit zu ihm eilt und ihn heimführt in die Wohnung. Alsdann fragt ihn der oberste Priester, ob er nicht in irgendeiner Sache seines Dienstes bedarf. Und hat ihm da der Hausvater irgendetwas anvertraut, so ihn allenfalls etwas klemmt, sei es im Naturmäßigen oder im Geistigen, so bietet ihm der oberste Diener sogleich seine Hände zum Dienst.
NS|0|23|6|0|Aber kein Hausvater spricht darauf etwas anderes, als dass er sagt: „Erhabener Lehrer unseres ganzen, großen Landkreises! Nur ein Wort deiner Weisheit und dann deinen Brudersegen von oben in der Gnade des großen Gottes, und du hast uns gedient in allerliebvollstem Maße!“
NS|0|23|7|0|Darauf belehrt sie dann auch dieser oberste Diener in allem, was ihnen nottut, segnet sie dann und entfernt sich wieder und besucht auf diese Weise ein anderes Haus, um ihm ebenfalls zu dienen. Und hat er in Begleitung einiger anderer Nebendiener einen ganzen Bezirk von Haus zu Haus und von Tempel zu Tempel durchleuchtet, so kehrt er dann wieder in seine höchste Tempelheimat zurück, allwo er dann wieder allen, die da sind, ein bereitwilligster Diener und Knecht ist.
NS|0|23|8|0|Und wann jemand nur immer seines Dienstes bedarf, so braucht er nur entweder zu ihm zu kommen oder zu ihm zu schicken, und er wird an ihm allzeit den bereitwilligsten Diener finden. Er hat keine Audienzstunden, und seine Tür ist auch nie verschlossen, oder seine Wohnung etwa durch Soldaten bewacht; sondern seine Wohnung ist allzeit für jedermann offen; und wann immer, so findet er allzeit den ungehindertsten, freiesten Eintritt zu ihm.
NS|0|23|9|0|Ihr werdet euch hier aber vielleicht denken, ein solcher Diener wird aber auch dabei sicher in einem sehr hohen Sold stehen? – Da muss Ich euch gleich sagen, dass solches in der Sonne durchaus nicht der Fall ist. Ein solcher Diener ist in weltlicher Hinsicht in der Sonne wirklich am schlechtesten daran. Denn fürs Erste hat er auf seiner Gebirgshöhe gewöhnlich das kleinste und magerste Stück Landes zu eigen, welches für seine Person kaum ein halbes Joch beträgt. Und fürs Zweite ist seine Wohnung auch die allerunansehnlichste, seine Kleidung die einfachste; also sind auch die Früchte, die er dem Boden der Erde entlockt, bei weitem die einfachsten, prunklosesten und kümmerlichsten.
NS|0|23|10|0|Ihr aber werdet etwa meinen, dass er vielleicht vom ganzen Kreis auf gewisse Sammlungen angewiesen ist? – O nein! Auch solches ist allda nicht der Fall. Denn so ihm auch jemand etwas geben möchte für einen oder den anderen Dienst, so sagt er sogleich: Höre, lieber Freund und Bruder, was du hast, das hat dir der Herr gegeben für dich und dein Haus. Was sollte ich dir denn das nehmen, was der Herr dir beschert hat? Oder kann ich dir verkaufen dasjenige, was mir der Herr gegeben hat? So ich es dir gegen ein Entgelt dargeben möchte, würde in diesem Falle nicht auch der Herr von mir ein Entgelt zu verlangen allerhöchst berechtigt sein? Welches Entgelt aber hätte ich da Demjenigen zu geben, dessen alles ist, was wir nur immer haben, sogar jeder Atemzug unserer Lunge? Ich aber bin ja nur ein Diener im Haus des Herrn und muss hintangeben Seine Gaben also ohne Entgelt, wie ich sie ohne Entgelt empfangen habe.
NS|0|23|11|0|Seht, diese Hauptregel hält dann jeden Diener von irgendeiner Beschenkung und noch mehr von irgendeiner Sammlung fern; denn ein solcher Diener weiß es am allerbesten, dass er, in Meinem alleinigen Sold stehend, am allerbesten daran ist.
NS|0|23|12|0|Die größte Belohnung, die er für alle seine Dienste auf Erden hat, besteht in dem, dass er, solange er als Oberdiener lebt, zu öfteren Malen, etwa nach eurer Rechnung von Jahr zu Jahr, den euch schon bekannten Bergkalvari besuchen kann, und dass er auch bei außerordentlichen Gelegenheiten von einem oder dem andern Engel des Himmels besucht wird, um von Selbem bei groß drohenden Gefahren schützende Verhaltungsregeln für seinen ganzen Kreis zu empfangen.
NS|0|23|13|0|Wie groß ist denn ein Kreis, den ein solcher Oberdiener zu überwachen hat? Ein solcher Kreis möchte wohl manchmal größer sein als das größte Kaisertum auf der Erde; und ein ganzes solches Kreislandtum ist ein ausgedehntes Hügel- oder Gebirgsland, allda es sehr wenig ebene Wege gibt.
NS|0|23|14|0|Wenn demnach ein solcher Diener zu öfteren Malen während seiner lebenslänglichen Amtshaltung einen solchen Kreis durchwandert, so fragt es sich, mit welcher Gelegenheit er da reist? Wie ihr zu sagen pflegt, also sage auch Ich: Mit keiner anderen als mit der Apostelgelegenheit [zu Fuß]. Nur das kann hier bemerkt werden, dass das Fußgehen auf der Sonne fürs Erste viel leichter ist als auf irgendeinem der Planeten, weil der Erdboden allenthalben sanft und elastisch ist. Fürs Zweite aber sind die Sonnenbewohner, obschon sie auf diesem Gürtel fast die doppelte Größe von euch haben, dennoch viel leichter, weil ihre Leiber viel ätherischer sind oder gewisserart feinmaterieller als die eurigen. Dazu kommt aber den Fußgehern auf dem Sonnenkörper noch das günstigst zustatten, dass sie durch ihren kräftigen Willen sich überaus stärken können und können sich solcher Stärkung zufolge auf ihren Füßen bei weitem schneller von einem Ort zum andern bewegen, als bei euch auf der Erde die schnellst fliegenden Vögel. Aus dem Grunde ist es dann für einen Sonnenbewohner ein Leichtes, einen mehrere Stunden nach eurer Maßrechnung hohen Berg in zwei, drei bis vier Minuten zu übersteigen.
NS|0|23|15|0|Wenn ihr nun solches wisst, so wird es euch auch leicht begreiflich sein, wie ein solcher Oberdiener seinen Kreis leicht zu öfteren Malen durchreisen kann, um allenthalben, wo man seiner benötigt, hilfreich zu sein.
NS|0|23|16|0|Seht, so sind die Verhältnisse zwischen dem Hausherrn und dem Diener bestellt. Denn in der Sonne braucht kein Hausvater irgendeinen anderen Dienstboten, als was zuallermeist das geistige Bedürfnis betrifft.
NS|0|23|17|0|Seinen Grund bebaut er ja ohnedies gar leicht mit seinem Willen. Sein Weib und auch allfällige Töchter, wenn sie aus den Schulen zurückgekehrt und noch ledigen Standes sind, können auch gar leicht die etlichen euch schon bekannten Schafe melken und zu gewissen Zeiten ihnen die reiche Wolle abscheren und sie dann spinnen und daraus bereiten ihre ganz einfachen Schürzen.
NS|0|23|18|0|Alles andere aber, wie zum Beispiel die Gebäude und so auch alle einzelnen Einrichtungen in denselben, wie das Material für alles, was eine Wohnung bedarf, wird ja ohnehin zuallermeist von den Bauamtsleuten bewerkstelligt. Und so hat der eigentliche Sonnenlandmann nichts zu tun, außer seinen Grund zu bestellen und dessen beständig reifen Früchte zu genießen.
NS|0|23|19|0|Aus diesem Grunde aber unterhalten sich dann die Sonnenmenschen auch zuallermeist mit der Kultur ihres Geistes und besuchen sich gerne gegenseitig und bewundern allda die sich überall anders äußernden geistigen Kräfte in den sichtbaren, allerherrlichsten Produkten des menschlichen Willens.
NS|0|23|20|0|Aus ebendem Grunde haben die Sonnenbewohner auch keine anderen Gesetze und Verhaltungsregeln unter sich, als die des gastfreundlichen und geselligen Lebens, welches darin besteht, dass sie immer mehr und mehr Gott erkennen lernen und dadurch auch den Zweck, warum Er sie erschaffen hat.
NS|0|23|21|0|Zudem sind die Sonnenbewohner sich gegenseitig auch stets mit der größten Liebe und Zuvorkommenheit zugetan. Von einem Streit ist allda niemals die Rede; wohl aber von einem Wetteifer, wie da einer dem anderen in irgend einem oder dem anderen Dienst zuvorkommen möchte. Das ist gewisserart eine freie gesellige Verfassung, welche aber nicht eine Folge irgendeines Gesetzes, sondern vielmehr die des freien Willens ist zufolge der Erkenntnisse Gottes und daraus des Zweckes der Menschheit.
NS|0|23|22|0|Dort ist alles Bruder und Schwester! Selbst der Lehrer und der Schüler werden sich nie anders begegnen, als wie die innigst wahrhaften Bruderfreunde.
NS|0|23|23|0|Wie ist aber das moralische Leben bestellt? Solches könnt ihr gleich im Voraus erfahren, dass allda von einer Unzucht nirgends die Rede ist. Denn fürs Erste geschieht auch hier die Zeugung nicht auf diese Weise wie bei euch auf der Erde; sondern solche geschieht durch ein vereintes Gebet und durch einen darauf folgenden vereinten Liebewillen, welcher eigentlich nur ist eine Vereinigung alles Guten und Wahren oder ist eine Vereinigung des Lichtes mit der Wärme, allda der Zeuger ist gleich dem Licht und die Mitzeugerin aber gleich der Wärme.
NS|0|23|24|0|In solcher Vereinigung empfindet das Ehepaar die größte Wonne, welche Wonne aber nicht ist gleich eurer sinnlichen Wollust, sondern nur gleich einem Zustand, wenn sich bei euch in einem und demselben Guten und Wahren zwei gleichgesinnte Gemüter finden; aber nur müsst ihr euch dabei eine überaus hohe Potenz eines solchen Gemütszustandes denken.
NS|0|23|25|0|Dieses ist hernach der Akt der Zeugung bei den Menschen der Sonne, besonders dieses Gürtels. Aus dem Grunde aber kommt allda auch nirgends ein törichter Zustand des bei euch so moralisch verderblichen Verliebtseins vor, sondern die gegenseitige Neigung hat nichts zum Grunde als allein das Gute und Wahre.
NS|0|23|26|0|Obschon das weibliche Geschlecht auf der Sonne von allgemeinster Schönheit ist, so zwar, dass es platterdings unmöglich wäre, sich irgendeine Vorstellung zu machen von der überaus größten Vollkommenheit bezüglich ebender Schönheit eines Weibes, so hat aber eine solche Schönheit dennoch an und für sich keinen solchen Wert für den Mann, wenn sie nicht mit seinen Erkenntnissen des Guten und Wahren in der vollsten Übereinstimmung steht. Denn allda betrachtet niemand die Form an und für sich als etwas Anzügliches, sowenig als ihr einzelne Buchstaben eines Buches als etwas Anzügliches betrachtet oder etwa auch einzelne Noten eurer Tonschrift, sondern ihr seht auf das nur, was durch die Buchstaben oder durch die Noten dargestellt ist. Ist solches geistvoll und erhaben, so werdet ihr auch die Zeichen achten, durch welche es vorgestellt ist; ist aber die ganze Vorstellung durch diese Zeichen ein schales, wertloses, wässeriges Zeug, so werdet ihr auch die Zeichen in diesem Werk sicher nicht küssen oder mit Liebe ergreifen.
NS|0|23|27|0|Seht, gerade also betrachtet der Sonnenmensch die Form; ist sie entsprechend für seine Erkenntnisse vom Guten und Wahren, dann hat sie bei ihm auch an und für sich einen entschiedenen Wert. Entspricht aber die Form, wenn sie noch so schön wäre, seinen Erkenntnissen nicht, so ist sie für ihn nichts mehr als für euch ein albernes Intelligenzblatt [Anzeigenblatt] irgendeiner Zeitschrift, durch welches allenfalls Wohnungen einer Stadt in China angekündigt werden, wenn solches Intelligenzblatt auch mit den schönsten Lettern gedruckt wäre, und euch wird auch sicher ein noch so schlecht geschriebener Psalm Davids lieber sein, wenn er nur leserlich ist, denn ein solches Prachtexemplar von einem Intelligenzblatt.
NS|0|23|28|0|Seht, also ist in der Sonne alles nur eine Schrift, was die Äußerlichkeit anbelangt; und diese Schrift erhält erst dann den Wert, wenn ihr Sinn ein vollkommener ist. Einst war es auch auf der Erde also; aber diese Zeiten sind lange schon verflossen. Darum aber gebe Ich jetzt solches, dass sich die Menschen nach und nach, so sie davon Kenntnis erhalten werden, darnach richten möchten, so sie wollen wahrhaft glücklich werden hier und jenseits.
NS|0|23|29|0|Wenn ihr wissen wollt, wie die Ehen im Himmel geschlossen werden, so dienen euch die Ehen in der Sonne zu einem Beispiel. Denn solche Ehen dauern dann auch für ewig, während eure zumeist allerschlechtesten Ehen, da sie nichts als lauter Alleräußerlichstes und daher vor Mir Gräuelhaftestes zum Grunde haben, höchstens bis zum Grabe, manchmal aber nicht bis dahin dauern.
NS|0|23|30|0|Denn glaubt es Mir: Die allerverächtlichste Ehe, welche auf der Erde geschlossen wird, ist eine Geld- oder Güter-Ehe; diese hat auch ganz sicher allda ein ewiges Ende, wo ihr Grund doch sicher ein Ende hat. Also sind auch nicht minder verderblich und verächtlich diejenigen Ehen, welche die Sinnlichkeit und gegenseitige reizende Leibesformen zum Grunde haben; denn auch diese vergehen allmählich, wie ihr schlechter Grund. Dergleichen sind auch politische Ehen; auch diese dauern nicht länger als ihr Grund. Also sind auch die vorzeitigen Jugendehen; denn auch diese vergehen, wie ihr Grund. Ingleichen die Glanzehen; auch diese vergehen, wie ihr verderblicher Grund.
NS|0|23|31|0|Nur Ehen, die allein Mich zum Grunde haben, werden ewig bestehen, weil ihr Grund ein ewiger ist!
NS|0|23|32|0|Darum also habe Ich euch auch solches gegeben, damit ihr daraus ersehen sollt, wie die wahren Ehen geschlossen und beschaffen sein, und welchen Grund sie haben sollen.
NS|0|23|33|0|Sagt ihr aber nicht selbst: Auf einem schlechten Grund können keine edlen Früchte zum Vorschein kommen, sondern Unkraut nur und Disteln? Wann ihr demnach die ganze Welt im Argen erblickt und fragt: Woher dieses? Da sage Ich euch: Seht auf den Grund, auf welchem die Früchte gewachsen sind, und urteilt darnach, ob in dergleichen Sümpfen und Morasten wohl edle Reben wachsen können? Ihr legt die Rebe ja nur auf die Berge also, dass sie dort einatme und einsauge reinere Säfte und eine gute Luft, und sagt: Das ist der beste Grund für die Rebe.
NS|0|23|34|0|Seht, also sollen auch die lebendigen Früchte des Menschengeschlechtes als die alleredelste Pflanze der Erde auf dem besten Grund gesät sein. Demnach wundert euch nicht der schlechten Früchte, wenn sie in Pfützen, Kloaken, Sümpfen und Morasten gezogen werden. Solche Gründe aber sind eure weltlichen Ehen; darum auch ihre Früchte, wie der Grund! Wahrlich, überaus schmutzige Äcker für die Ansaat lebendigen Samens für eine ewig bestehen sollende Frucht!
NS|0|23|35|0|Doch genug von dem, was Mir ein mächtiger Dorn ist im Auge. Kehren wir daher wieder auf unseren besseren Sonnenboden zurück und lernen da von den Bewohnern der Sonne noch so manches, was auch auf der Erde also bestehen sollte, wie es in der Sonne besteht. Und dieses wird zumeist im schon gleich anfangs besprochenen Religionskultus bestehen, wie er äußerlich und innerlich gehandhabt wird bei den Sonnenbewohnern besonders unseres schon bekannten Gürtels.
NS|0|23|36|0|Doch erst für das nächste Mal wollen wir solches besprechen. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein!
NS|0|24|1|1|Der zeremonielle Religionskultus. Das Sterben der Bewohner des Mittelgürtels
NS|0|24|1|1|(Am 7. September 1842 von 3 bis 5 1/2 Uhr nachmittags.)
NS|0|24|1|0|Haben die Sonnenbewohner etwa auch irgendeinen Sabbat oder einen sonstigen Feiertag?
NS|0|24|2|0|O wie wäre solches in der Sonne wohl möglich, da es dort weder abgesonderte Tage noch abgesonderte Nächte gibt, wie soll es da Sabbate oder Feiertage geben? Daher ist in der Sonne allzeit auch eine andere Ordnung als auf den Planeten.
NS|0|24|3|0|Aber dessen ungeachtet wird doch auch in der Sonne eine Zeit bestimmt, in welcher von den gewöhnlichen Tagesgeschäften geruht wird. Wann aber tritt eine solche Zeit ein?
NS|0|24|4|0|Ihr wisst, dass sich die ganze Sonne binnen 29 Tagen um ihre Achse dreht. Ihr wisst auch, dass die Sonnenbewohner über sich hinaus den gestirnten Himmel gar wohl sehen können. Besonders sehen sie diejenigen Fixsterne sehr gut, die ihr zu der ersten, zweiten und dritten Größe rechnet, welche den Sonnenbewohnern beinahe so groß erscheinen, wie euch eure Sonne erscheint. Es versteht sich solches bei den Fixsternen erster und zweiter Größe. Die Sterne der dritten Größe aber erblicken sie wohl auch mehr denn um die Hälfte kleiner. Manchmal, bei ungemein ruhiger und heiterer Luft können sie wohl auch Sterne der vierten und fünften Größe entdecken; aber weiter reicht das Auge der Sonnenbewohner dieses Gürtels nicht.
NS|0|24|5|0|Wann von den Bewohnern derjenige Fixstern, den ihr allda Sirius benennt, zuerst als größter und leuchtendster aufgehend erblickt wird, sodann tritt auf eine so lange Zeit ein Feiertag ein, bis dieser Stern ungefähr bis an den Zenit gestiegen ist, wozu eine Zeit, nach eueren Erdtagen berechnet, von ungefähr etwas über sieben Tagen erfordert wird.
NS|0|24|6|0|In dieser Zeit muss jedem anderen Pendel Einhalt getan werden; nur das Hauptpendulum des zweiten oder großen Tempels darf nie stehenbleiben. Während dieser Zeit wird dann auch weder gearbeitet noch irgendetwas gelehrt, sondern ein jeder Hausvater bleibt mit seiner Familie in seinem Haus, und es darf in dieser Zeit von niemandem ein Fuß über die Grenze der Säulen eines Hauses gesetzt werden, außer nur bei einer euch schon bekannten, drohenden, großen Elementargefahr, welche sich aber in der ersten Hälfte des Erscheinens dieses Sternes selten ereignet, wohl aber in der zweiten Hälfte, welche ebenso lange dauert wie die erste; aber es versteht sich von selbst, in einer und derselben Gegend nicht allzeit, sondern nur höherer Ordnung zufolge bedingungsweise, das heißt nach der Ordnung und nach dem Willen der göttlichen Weisheit.
NS|0|24|7|0|Was tun denn die Menschen hernach in dieser Zeit in ihren Wohnungen? Sie legen sich selbst gewisse Gelübde vor und halten dann dieselben während dieser Zeit auf das Allerstrengst-Pünktlichste.
NS|0|24|8|0|Ein solches Gelübde besteht gewöhnlich in allerlei sich selbst verleugnenden Übungen, welches ungefähr so aussieht wie da bei euch aussieht ein wahres Fasten. Aber solches besteht nicht etwa in einem jeden Haus gleichartig, sondern es besteht solches je nach irgendeiner aufgefundenen Schwäche der Familie eines Hauses.
NS|0|24|9|0|Ist da eine Familie sehr redselig, so wird während dieser Zeit aller Zunge des Hauses ein vollkommenes Fasten auferlegt; und sodann darf niemand während dieser Zeit auch nur eine Silbe über seine Lippen bringen, sondern sich allein den inneren Betrachtungen hingeben. Notabene! Ein solches Fasten wäre auch auf der Erde überaus zweckdienlich anzuempfehlen, besonders in solchen Häusern, wo viel unnützes Zeug von frühmorgens bis in die späteste Nacht geplaudert wird, und wo die Ehre des Nächsten so viel nur immer möglich herabgeschnitten wird und dergleichen mehr des allertollsten Zeugs.
NS|0|24|10|0|Ferner, wo im Haus in der Sonne die Menschen viel aufs Essen halten, allda wird während dieser Zeit nur so wenig als möglich gegessen, damit dadurch dieser Schwäche wieder Einhalt getan wird.
NS|0|24|11|0|Gibt es in irgendeinem Haus Streitsüchtige, die ungefähr solcher Gemütsart sind, dass da ein jeder gern recht hat und will seine Meinung als die beste anerkannt wissen, alsdann muss während dieser Zeit alle Lust zum Rechthaben gänzlich aufhören, und muss einer dem anderen unangefochten das Recht lassen; besonders aber diejenigen in einer Familie, welche am meisten auf die unteren Schulanstalten heimkehren. So gibt es in einem jeden Wohnhaus auch allzeit mehrere Menschen; sind da Zanklustige dazwischen, so kommt ihnen diese Zeit und das mit ihr bemessene Fasten sehr wohl zustatten.
NS|0|24|12|0|Also wird, wie gesagt, dieses Fasten in einem jeden Haus verschieden bemessen, je nachdem irgendeine oder die andere Schwäche des Geistes vorwaltend bemerkt worden ist.
NS|0|24|13|0|Hat der Stern den Zenit erreicht, alsdann sind wieder alle Hauspforten geöffnet, und alles eilt heraus und zu den drei Tempeln, um alldort die gebührende Danksagung für die erlangte Stärkung während dieser Zeit darzubringen. – Wem? Solches werdet ihr wohl ohnedies verstehen.
NS|0|24|14|0|Nach beendigter Danksagung und gegenseitiger Segnung, nach der allgemeinen Segnung des obersten Priesters, begibt sich dann alles wieder eiligst nach Hause und beginnt da wieder das gewöhnliche Tagewerk.
NS|0|24|15|0|Das ist der zeremonielle Religionskultus der Sonne. Was aber den geistigen Religionskultus betrifft, so dauert dieser ununterbrochen fort. Denn das ganze Leben eines Sonnenbewohners besteht in dem, dass er sich unablässig mit der Erkenntnis und genauen Befolgung des göttlichen Willens abgibt; und solches ist ja eben der am meisten geistige Teil jedes Religionskultus. Der allergeistigste Teil besteht aber darin, so sich die Menschen gegenseitig über Meine Menschwerdung besprechen und suchen dem großen Liebeswerk derselben immer näherzukommen. Das wäre also der allergeistigste Teil des Religionskultus der Sonnenbewohner.
NS|0|24|16|0|Merkwürdigerweise, wenigstens für euch, wird in der Sonne auch das leibliche Sterben eines Menschen zum geistigen Religionskultus gezogen. Warum denn? Weil das Sterben in der Sonne, besonders auf diesem Gürtel, ein überaus geistiges Aussehen hat.
NS|0|24|17|0|Ihr werdet hier fragen: Wie ist demnach solches beschaffen? – Nur eine kleine Geduld, und ihr sollt es sogleich erfahren.
NS|0|24|18|0|Die Menschen werden allda nie krank. Wenn aber ihr Geist die gehörige Reife erreicht hat, sodann zerstört er im Augenblick seine Hülle durch einen flammenden Ausbruch seines Wesens und kehrt dann in eine höhere Welt [zurück], von der wir erst später hören werden.
NS|0|24|19|0|Wir haben zwar schon in dieser Hinsicht einige Winke gleich anfangs bekommen; allein in der Folge werden wir solches noch viel ausführlicher besprechen.
NS|0|24|20|0|Seht, da die Menschen in der Sonne, wenn sie sterben, gewisserart plötzlich verschwinden, so wird ein solches Verschwinden von den Sonnenbewohnern mit einer innersten, geistigen Andacht gefeiert, und es wird dem Herrn ein Lob dargebracht, darum Er wieder einen Bruder von den irdischen Banden befreit und ihn zurückgeführt hat in das Urreich allen Lichtes und alles Lebens!
NS|0|24|21|0|Darum also wird auch dieser geistige Teil des Religionskultus der letzte Lobgesang genannt, weil nach einem also verstorbenen Menschen dann keiner mehr folgt.
NS|0|24|22|0|Es wird zwar ein verstorbener Mensch nicht aus dem Gedächtnis der noch Lebenden gestrichen, und das schon darum nicht, weil in der Sonne das Fach der Weltgeschichte bei weitem besser gehandhabt wird als auf irgendeinem Planeten, ganz besonders aber auf eurer Erde, wo nur allenfalls diejenigen Personen für die Geschichte aufbewahrt werden, die sich ihre Häupter haben krönen lassen, oder die die allermeisten Brüder totgeschlagen haben! So ist in der Sonne das Fach der Weltgeschichte nicht beschaffen, sondern in den Tempeln wird jeder Bewohner aufgezeichnet, und das zwar nach seinem Charakter und nach seiner Lebensweise, und wie er Zeuge einer oder der anderen großen Naturerscheinung war. Auch werden die Produkte seines Willens aufbewahrt, und zwar in den Wohnhäusern selbst; daher ist allda kein Zierrat, welcher ein solches Wohnhaus ziert, umsonst da; sondern er ist ein bedeutungsvoller Buchstabe im Buch der Geschichte eines oder des anderen Menschen, der da bewohnt hat ein solches Haus.
NS|0|24|23|0|Auf eine solche Weise wird dann auch das Andenken eines verstorbenen Menschen in der Sonne freilich wohl nicht gefeiert wie bei euch auf der Erde, etwa durch reiche Leichenkondukte und nachfolgende, fast ewig dauernde Messenstiftungen. Wohl aber wird das Andenken eines verstorbenen Menschen durch die oftmalige Betrachtung dessen, was er durch Meine, ihm innewohnende Gnade gewirkt hat, gefeiert. Und dieses ist auch ums Unvergleichliche besser, als Andachtsübungen ums Geld nach irgendeinem Verstorbenen. Denn Ich, der allein nur helfen kann, brauche kein Geld. Derjenige aber, der sich zahlen lässt, um Mich dadurch zur Hilfe zu zwingen auf dem Weg eitler Zeremonie, der geht schon allzeit den allerdichtesten Irrweg. Denn wahrlich sage Ich euch: Eher soll Mich das Gequake eines Frosches zur Verleihung einer Gnade bewegen, denn ein bezahltes Gebet. Und glaubt es auch, dass unter allen Freveln, die ein Mensch verübt, dieser obenan steht, so sich jemand für angezeigte kräftige Gebete von seinen Brüdern zahlen lässt. Wenn eine Fliege sumst, oder eine Mühle klappert, oder ein Frosch quakt in einer Pfütze, wahrlich solches ist Mir angenehm, aber das Gebet ums Geld ist vor Mir wie ekelhafter Mundspeichel, Eiter und allerwidrigster Geruch; mehr brauche Ich euch nicht zu sagen!
NS|0|24|24|0|Aus diesem wenigen werdet ihr gar leicht abnehmen können, wozu all die reichausgestatteten Begräbnisfeierlichkeiten und nachherigen Seelenmessenstiftungen dienlich sind. Mehr brauche Ich euch wieder nicht zu sagen, sondern verweise euch bloß auf das Evangelium. Lest es, und ihr werdet es finden, welchen Lohn Ich dafür den jüdischen Priestern verheißen habe, darum sie fürs Geld der armen Witwen und Waisen ihnen lange Gebete vorgelogen haben. Wenn ihr solche Stellen recht überdenkt, so werdet ihr daraus wohl gar leicht entnehmen, wie es um eure, besonders römisch-katholischen, Begräbnisfeierlichkeiten steht.
NS|0|24|25|0|Doch genug von dem. Kehren wir nun wieder zu unserer Sonne zurück und beschauen da noch ein wenig ein oder das andere Haus, in welchem entweder der Vater oder die Mutter die Löse empfangen hatte. Denn Kinder sterben in der Sonne durchaus nicht, sondern alldort muss alles in der größten Ordnung die vollkommene Reife erlangen, besonders in diesem Gürtel.
NS|0|24|26|0|Was geschieht denn mit dem übergebliebenen Teil? Der übergebliebene Teil übergibt sobald das ganze Hauswesen dem ältesten Sohn und lebt sodann die noch zur Vollreife des Geistes nötige Zeit in dem Haus als ein Lehrer und Ratgeber in den göttlichen Dingen.
NS|0|24|27|0|Der Witwer oder die Witwe hat aber dann auch eine öftermalige Zusammenkunft mit dem Abgeschiedenen. Eine solche Geistererscheinung aber wird jedoch von niemand anderem gesehen als nur von dem, mit welchem sie im ewigbleibenden, ehelichen Verband steht.
NS|0|24|28|0|Aus dem Grunde ehelicht auch in der Sonne niemand zum zweiten Mal, sondern nur einmal, und wünscht durch sein ganzes Leben nichts anderes als die ewige Unzertrennlichkeit mit dem Gegenstand seines Herzens.
NS|0|24|29|0|Das ist nun das Beachtenswerteste, was dieser Hauptgürtel der Sonne in sich fasst. Daher wollen wir ihn auch beschließen und uns auf dessen nachbarlichen, freilich wohl etwas kleineren Gürtel begeben.
NS|0|24|30|0|Solches aber muss dabei allzeit wohl beachtet werden, dass es an jeder Seite des Hauptgürtels noch sieben Gürtel gibt, welche nach der Ordnung miteinander harmonieren. Wenn wir daher einen Gürtel beschauen und von einem Gürtel nur die Rede sein wird, so sind darunter allzeit zwei harmonierende Gürtel zu verstehen, weil ein Gürtel auf der südlichen Seite des Hauptgürtels und wieder ein Gürtel auf der nördlichen Seite des Hauptgürtels in der Sonne mit wenigem Unterschied immer einer und derselben Art sind.
NS|0|24|31|0|Was jedoch uns der nächste kleinere Gürtel und dessen harmonischer Korrespondent alles zur Beschauung darbieten werden, wollen wir erst in der nächsten Mitteilung zu vernehmen anfangen. Daher lassen wir es für heute wieder gut sein!
NS|0|25|1|1|Landschaft und Menschen jener beiden Nebengürtel, die mit den Planeten Merkur und Venus korrespondieren. Über äußere und innere Schönheit
NS|0|25|1|1|(Am 10. September 1842 von nachmittags 1/2 6 bis 3/4 8 Uhr.)
NS|0|25|1|0|Was diesen nächsten Sonnengürtel und seinen Korrespondenten betrifft, so sind sie fürs Erste viel schmäler, und ihr Erdreich ist auch schon um ein Bedeutendes fester als das des Mittel- oder Hauptgürtels. Der Hauptgürtel ist die eigentliche Sonnenwelt; die Nebengürtel aber sind nur mit den Planeten korrespondierende Welten, welche da um die Sonne kreisen.
NS|0|25|2|0|Und so sind diese zwei nächsten Gürtel Korrespondenten des Planeten Merkur und des Planeten Venus, welche zwei Planeten von diesen Nebengürtelbewohnern auch noch recht gut gesehen werden, und zwar der Merkur in der Größe eures Mondes und die Venus ungefähr um die Hälfte kleiner.
NS|0|25|3|0|Und so korrespondiert insbesondere von diesen zwei Gürteln der nördliche mit dem Merkur und der südliche mit der Venus. Und somit ist auch auf dem nördlichen Gürtel alles das – freilich wohl im viel vervollkommneteren Maße – anzutreffen, als wie es angetroffen wird in dem Planeten Merkur. Desgleichen auch bietet der südliche Gürtel dasjenige in ebendem Verhältnis dar, das heißt in dem vollkommeneren, was da alles enthält der Planet Venus.
NS|0|25|4|0|Solches war notwendig vorauszuschicken, damit ihr eben auch schon im Voraus wissen könnt, was für eine Bewandtnis es mit diesen Nebengürteln hat, und dass ihr bei der vollendeten Bekanntschaft mit diesen Gürteln euch auch mit den Planeten selbst in eine bedeutende Vertraulichkeit setzen könnt.
NS|0|25|5|0|Damit aber bei der Darstellung in euren Gemütern keine beirrende Verwechslung geschehen möge, so wollen wir nur den nördlichen Gürtel hauptsächlich zu unserer Betrachtung vornehmen, den südlichen Gürtel aber nur bei Gelegenheit berühren, wann er manchmal abweicht von dem nördlichen. Denn solches müsst ihr auch voraus noch zur Wissenschaft nehmen, dass der Planet Merkur und der Planet Venus fast einer und derselben Beschaffenheit sind. So sind die Bewohner des Planeten Merkur wie die Bewohner des Planeten Venus nahe durchaus lauter Weisheitsmenschen. Der Unterschied liegt zwischen ihnen bloß in dem, dass die Bewohner des Merkur weise werden wollen und auch wirklich werden auf dem Wege eigener, anschaulicher Erfahrungen, aus welchen sie dann allerlei Kombinationen und weise Schlüsse machen, daher diese Menschen auch noch als Geister überaus reiselustig sind und wollen die ganze Schöpfung mit eigenen Augen beschauen, um sich daraus zu informieren und zu überzeugen ihrem innersten Wesen nach, ob ihre Weisheitsschlüsse bei ihrem Leibesleben keine Trugschlüsse waren. Das ist alsdann das Wesen oder gewisserart die Hauptcharakteristik der Bewohner des Planeten Merkur.
NS|0|25|6|0|Wollt ihr die Bewohner der Venus beschauen, so sind sie im Grunde dieselben wie die Bewohner des Planeten Merkur; nur fangen sie ihre Weisheitsschule dort an, wo die Merkurbewohner aufhören. Und ihre Endprobe ist nahe gerade das, womit die Merkurbewohner ihre Schule beginnen. Mit anderen Worten gesagt, verhält sich die Sache gerade also: Die Merkurbewohner denken vorher nach den gemachten Erfahrungen und schauen zuletzt. Die Venusbewohner aber schauen zuerst und denken zuletzt nach den gemachten Erfahrungen.
NS|0|25|7|0|Wenn ihr nun diese Angabe recht betrachtet, so werdet ihr offenbar sagen müssen, dass darin eben gerade kein großer Unterschied ist, also wie bei einer musikalischen Tonleiter. Ob sie aufwärts steigt oder abwärts, solches macht wohl für das Gehör einen Unterschied; deswegen aber bleiben doch die Stufen dieselben, ob aufsteigend oder absteigend.
NS|0|25|8|0|Aus diesem Grunde werden auch diese zwei Sonnengürtel vorzugsweise korrespondierende Gürtel genannt, weil sie sich gegenseitig also verhalten, wie solches soeben klar gezeigt worden ist. Aus diesem Grunde auch werdet ihr leicht einsehen, warum es hier nicht nötig ist, jeden dieser zwei Gürtel sonderheitlich vorzunehmen, sondern nur allein den nördlichen. Denn aus dem Verhältnis dieses Gürtels lässt sich nach dem vorangegangenen Verhältnismaßstab ja also leicht auf seinen korrespondierenden südlichen Gürtel schließen, wie sich da schließen lässt von einer aufsteigenden Tonleiter wieder auf eine absteigende, da doch überall ein und derselbe Hauptton zugrunde liegt.
NS|0|25|9|0|Bevor wir aber jedoch zum Menschen selbst übergehen werden, müssen wir die Landesbeschaffenheit unserer Gürtel ein wenig in näheren Augenschein nehmen.
NS|0|25|10|0|Ihr wisst, dass den Hauptmittelgürtel der Sonne zwei unübersteiglich hohe, ununterbrochen fortlaufende Gebirgsreihen begrenzen. Diese zwei Gebirgsreihen trennen somit auch unsere zwei Nebengürtel von dem Hauptgürtel.
NS|0|25|11|0|In dem Hauptgürtel haben wir gesehen, wie sich von diesen zwei Hauptgebirgslinien eine Menge kleinere Gebirgszweige über den ganzen, großen Gürtel kreuz und quer verziehen. Also ist es aber nicht gegen die zwei Seitengürtel der Fall; denn allda steigen diese hohen Gebirgskettenwände allenthalben ohne weitere Gebirgsausläufer schnurgerade zur vollen Ebene hinab, welche da ununterbrochen mit Wasser überfüllt ist. Also läuft über der hohen Gebirgslinie, durch welche die beiden Nebengürtel von dem Hauptgürtel abgeschnitten werden, ein ziemlich breiter Wassergürtel. Seine Breite, welche freilich wohl nicht überall gleich ist, dürfte im Durchmesser oder im Durchschnitt wohl bei zweitausend Meilen eures Maßes betragen.
NS|0|25|12|0|Nach diesem Ringmeer fängt eigentlich erst das bewohnbare Land an. Das Land selbst, sowohl des nördlichen als wie des südlichen Gürtels, ist äußerst gebirgig und hat wenig flaches Land, somit auch keine bedeutenden Landgewässer. Die größten Ströme und Seen dürften kaum so groß sein, wie allenfalls eure Donau und allenfalls der Bodensee; aber kleinere Flüsse und Seen gibt es in ziemlich bedeutender Menge.
NS|0|25|13|0|Das Land selbst, bis zu einem nächsten unübersteiglichen Hauptgebirgszug, hat einen Durchmesser der Breite nach, im Durchschnitt genommen, von etwa fünftausend Meilen eures Maßes, flacht sich gegen den zweiten Hauptgebirgszug ziemlich ab; aber nicht etwa so genommen, als würde sich das Land hier darum vertiefen, sondern die Landesgebirge selbst ergreifen sich hier enger aneinandergerückt und bilden dann gewisserart mit ihren höchsten Scheiteln einen noch ziemlich breiten, flachen Hochlandsboden, welcher auch sehr häufig, und zwar hauptsächlich, bewohnt wird.
NS|0|25|14|0|Wie aber in diesem nördlichen Nebengürtel sich verhält die gastliche Beschaffenheit des bewohnbaren Landbodens, also verhält sich ebendiese Beschaffenheit auch in dem südlichen, nämlich dem nördlichen in gerader Richtung gegenüber; so zwar, dass auch in dem südlichen Gürtel nach der hohen Gebirgslinie zuerst ein Wassergürtel kommt, sodann ein sehr gebirgiges Land, welches sich ebenfalls auch gegen den nächsten Hochgebirgszug verflacht.
NS|0|25|15|0|Wenn ihr nun diese zwei Gürtel gegeneinander haltet, so werdet ihr z. B. in der Richtung von Norden gegen Süden ja notwendig solche Beobachtung machen müssen, dass im nördlichen Gürtel das Hochflachland dessen nördlichster Teil ist; in der Mitte liegt das gewöhnliche, niederere Gebirgsland, und den südlichsten Teil dieses Gürtels macht der Wassergürtel aus. Im südlichen Gürtel ist es gerade umgekehrt der Fall; denn allda macht der Wassergürtel den nördlichsten Teil. Den mittleren Teil macht ebenfalls das niedere Gebirgsland, und den südlichsten Teil aber nimmt das Hochflachland ein.
NS|0|25|16|0|Seht, das ist schon einmal eine Korrespondenz dieser zwei Gürtel, da der eine Gürtel, nach einer Richtung genommen, z. B. an der südlichsten Seite damit aufhört, womit der Gürtel an der nördlichsten Seite anfängt, und also auch umgekehrt. In diesem Verhältnis werdet ihr auch alles Nachfolgende auf diesen beiden korrespondierenden Gürteln antreffen.
NS|0|25|17|0|Damit wir aber unserer alten Ordnung getreu bleiben, so wollen wir auch bei der näheren Darstellung mit dem Menschen den Anfang machen. Welcher Art und wie gestaltet sind denn die Menschen des nördlichen Gürtels?
NS|0|25|18|0|Wenn ihr die Menschen des Planeten Merkur kennen würdet, so würde Ich euch sagen: Sie sehen gerade also aus wie die Menschen dieses Gürtels, und also auch die Menschen des südlichen Gürtels wie die des entsprechenden Planeten. – Aber da ihr solches ganz natürlicherweise noch nicht kennt, so muss Ich euch freilich wohl diese Menschen, was vorerst ihre Gestalt anbetrifft, ein wenig näher beschaulich darstellen.
NS|0|25|19|0|Die Menschen sind gewisserart dem Volumen nach etwas größer als die des Hauptgürtels und sind auch größer als ihre entsprechenden Brüder auf dem Planeten. Aber sie sind fürs Erste nicht so glänzend schön als wie die Menschen des Hauptgürtels. Und dennoch sind sie wieder bei weitem vollkommen schöner als die der entsprechenden Planeten und auch ums noch mehr Bedeutende schöner als die Menschen auf eurem Erdkörper.
NS|0|25|20|0|Davon ist der Grund ihre Weisheit; denn die Weisheit hat solches zum Grunde, dass sie das Äußere überaus schön ausbildet. Bei der Liebe aber ist es wieder umgekehrt der Fall; allda ist wieder das Innere voll der unendlichsten Schönheit und das Äußere dadurch einfach und schlicht. Daher auch soll eine allfällig äußere größere Schönheitsform niemanden beirren, da sie bei weitem keinen so hohen Wert hat als die innere; denn sie verhält sich wie die Schönheit eines viel weniger werten Kristalls gegen die ursprünglich raue Gestalt eines Diamanten. Dieser glänzt in seinem Naturzustand freilich ums Unvergleichliche weniger als ein von Natur schon geschliffener Kristall; wenn aber der Diamant geschliffen wird und zeigt sodann seine innere Klarheit, fragt euch da selbst, wie weit sodann die Klarheit und somit auch die Schönheit des Kristalls hinter dem feurigen Farbenglanz eines Diamanten zurückbleibt.
NS|0|25|21|0|Aus diesem kleinen Beispiel mögen alle wahren Kinder der Liebe eine überaus wahre Beruhigung finden, und somit auch ihr, wenn ihr auch von noch so großen menschlichen Außenschönheitsformen hört. Denn Ich sage euch: Ein einziges Mich wahrhaft liebendes Herz auf eurer Erde wiegt alle erdenkliche Schönheit eines ganzen Sonnenweltalls auf. Ja, Ich sage euch noch mehr als das: Ein solches Herz ist in sich ums Unausprechliche schöner als der ganze Weisheitshimmel der Engel, und auch schöner als der zweite Liebeweisheitshimmel der höheren Engelsgeister.
NS|0|25|22|0|Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen. Wenn Ich euch sonach die Schönheit der Menschen dieser Gürtel näher enthüllen werde, so mögt ihr dadurch schon im Voraus wissen, was es für eine Bewandtnis damit hat.
NS|0|25|23|0|Nächstens wollen wir demnach die Form und die Gestalt, welches sich also verhält wie ungefähr die Weisheit und ihr Grund, näher betrachten. Und somit gut für heute!
NS|0|26|1|1|Beschreibung der Menschen des ersten Nebengürtelpaars
NS|0|26|1|1|(Am 12. September 1842 von 3 1/4 bis 5 3/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|26|1|0|Was da die Form betrifft, insbesondere in Hinsicht der Bildung der Menschen des nördlichen Gürtels, so ist diese ungefähr derjenigen auf eurer Erde ähnlich, in welcher sich auch noch zu dieser Zeit einige asiatische Gebirgsbewohner zeigen, namentlich die Bewohner des westlich gelegenen Teils des Kaukasus; nur sind sie ungefähr im Durchschnitt genommen um anderthalbmal größer als die vorerwähnten Asiaten.
NS|0|26|2|0|Das weibliche Geschlecht ist von ungemeiner Zartheit; nur einzig die Fußsohlen sind etwas hart und rau wie eine Feile. Solches ist aber darum so beschaffen, damit sie den glatten Erdboden der Sonne allenthalben besteigen können, ohne auf demselben auszugleiten und leichtlich zu fallen. Denn das Fallen würde hier für größere und schwerere Körper schon empfindlicher sein als auf dem Hauptgürtel, indem allda das Erdreich mehr Festigkeit hat als auf dem Hauptgürtel.
NS|0|26|3|0|Der übrige Leib des Weibes ist dann schon, wie gesagt, überaus zart, weich und durchgehends wohl abgerundet. Das Haar des Weibes ist von Natur aus blendend weiß, während die Hautfarbe gerade also aussieht, als wenn ihr möchtet nehmen ein blasses Rosenblatt und möchtet durch dasselbe die Sonne scheinen lassen. Denn auch in diesem Gürtel haben die Menschen ein eigenes Licht; und wenn ein Weib dieses Gürtels zur Nachtzeit stände auf einem eurer Berge, so würde sie einen bedeutenden Umkreis noch recht wohl erleuchten, aber mit keinem weißen, sondern, was ihren Leib betrifft, mit einem blassrötlichen Licht. Nur mit den Haaren würde sie ein sehr intensiv weißes Licht zeigen, welches Licht ihr sowohl in der Nacht als auch am Tag mit offenen Augen nicht ertragen würdet.
NS|0|26|4|0|Ihre Augen sind groß und äußerst lebhaft. Der Augapfel ist blendend weiß, die Öffnung mit der Regenbogenhaut lichtblau; der Stern aber ist nicht etwa schwarz, sondern sehr dunkelgrün. Solches ist darum der Fall, damit sie das Licht desto leichter ertragen und nach allen Seiten hin überaus klar sehen können.
NS|0|26|5|0|Das wäre sonach die Form, welche in diesen wenigen Worten hinreichend dargetan ist; denn es ist nicht nötig, noch eigens alle anderen Teile des Leibes zu beschreiben, da es vorausgesetzt werden kann, dass euch eine sonstige vollkommene weibliche Gestalt mit allem, was sich nur immer zur äußerlichen Anschauung darstellt, wohlbekannt sein wird.
NS|0|26|6|0|Also ist auch die Gestalt gar leichtlich von der dargestellten Form zu entnehmen. Damit ihr aber wisst, was hier unter „Gestalt“ verstanden werden soll, so wisst, dass darunter so viel als der eigentliche, gesamte Charakter, welcher der Totalform innewohnt, verstanden wird.
NS|0|26|7|0|Solches ist also zu nehmen: Wann ihr zum Beispiel seht einen schönen, vollkommenen Fuß, einen ebenmäßigen Mittelleib, dann einen ebenso schönen, runden Arm, einen durchaus weichrunden Hals, sonach einen verhältnismäßig kleinen Kopf und allenthalben das Gesicht wohlgebildet, so gibt alles dieses eine schöne Form, an der an und für sich durchaus nichts auszustellen ist, indem da alles vollkommen ist, wie der Fuß so der Leib, so die Brust, die Arme, der Hals und der Kopf. Wann ihr solches selbst an einem Gemälde findet und bewundert jedes einzeln, so habt ihr erst der Form euren Beifall gegeben.
NS|0|26|8|0|Aber wenn ihr dann weiter fragt und sagt: Was sagt oder spricht denn diese Form? – so werdet ihr die Antwort dadurch bekommen, wenn ihr alle die Teile mit einem Blick überschaut, die Verbindung derselben gegenseitig anseht und wohl achtet auf den Gesamteindruck; denn der Gesamteindruck und die in dem Ganzen erspähte Harmonie ist erst eigentlich das, was da unter der Gestalt verstanden werden soll.
NS|0|26|9|0|Da ihr nun solches wisst, und ist euch dabei die Form enthüllt, so werdet ihr wohl mit gar leichter Mühe die Gestalt von selbst finden.
NS|0|26|10|0|Wie aber ist denn ein solches Weib bekleidet? Was die Kleidung betrifft, so besteht diese in nichts anderem als in einer etwas größeren Schürze um die Lenden, als wie wir sie bei den Bewohnern des Hauptgürtels angetroffen haben. Und vom linken Arm bis zur rechten Hüfte, über den halben Leib, ist ein am Arm geteilter weißer Mantel umgehängt, so, dass da der rechte Arm und die rechte Brust frei sind.
NS|0|26|11|0|Um die Stirn tragen die Weiber ein rotes Band, welches bei ihnen die Liebe zur Weisheit bedeutet.
NS|0|26|12|0|Das ist somit im Allgemeinen die Darstellung des Weibes.
NS|0|26|13|0|Wie sieht denn der Mann aus? Der ist beinahe durchaus um einen Kopf größer als das Weib. Seine Gestalt ist durchaus edel und vollkommen.
NS|0|26|14|0|Auch der Mann hat eine härtere und raue Fußsohle, welche manchmal so aussieht, wie bei euch eine sogenannte Raspel. Die Füße sind sehr muskulös, aber darum nicht hart anzusehen. Also ist auch der Leib und die Hände. Der Hals ist bis zum Vorderteil rund; der Vorderteil in der Gegend des Schlundes aber wird durch zwei ziemlich starke Muskeln gewisserart gefurcht, dass da zwischen einem und dem anderen Muskel ein kleiner Graben zum Vorschein kommt.
NS|0|26|15|0|Das Kinn zieren zwei reichliche Bartabteilungen. Die Farbe der Barthaare ist gelb, beinahe ins Grüne übergehend. Das Haupthaar, welches sehr reichlich ist, ist von lichtgelber Farbe, die Augenbrauen aber sind dunkelgrün; sonst aber sind die Augen also gestaltet wie beim Weib.
NS|0|26|16|0|Die Ohren sind im Verhältnis zum Kopf mehr groß denn klein. Der Kopf oder vielmehr das Angesicht zeigt allzeit das Weise und Erfahrungsbegierige an. Die Farbe des Gesichtes ist etwas röter als die Farbe des Weibes; es versteht sich von selbst, dass hier vom Gesicht des Mannes die Rede ist.
NS|0|26|17|0|Also ist auch der übrige Leib nach Verhältnis der Teile röter als der des Weibes.
NS|0|26|18|0|Die Kleidung des Mannes besteht in einer bis an die Knie reichenden, weißen Toga, welche sowohl zuunterst wie um den Hals und vorne ganz bis zum untersten Rand verbrämt ist. Kopfbedeckung aber hat weder das Weib noch der Mann.
NS|0|26|19|0|Das ist sonach auch die Gestalt des Mannes samt der vorangegangenen Form klärlich dargetan.
NS|0|26|20|0|Ihr werdet nun fragen: Ja, die Gestalt des Menschen des nördlichen Gürtels hätten wir nun freilich; aber wie sieht es denn im südlichen Gürtel aus?
NS|0|26|21|0|Gerade also wie auf dem nördlichen, nur sind die Menschen etwas größer noch. Und was das weibliche Geschlecht anbetrifft, so ist dieses noch um ein Bedeutendes schöner als das des nördlichen Gürtels.
NS|0|26|22|0|Nur bei der Kleidung ist ein Unterschied. Hier hat und trägt das Weib eine Toga, welche rot verbrämt ist und mittels eines goldgrünen Gürtels um die Mitte an den schlanken Leib angeschlossen wird. Der Mann aber hat dafür eine bis unter das Knie reichende Lendenschürze und trägt einen solchen Halbmantel, wie wir ihn früher, im nördlichen Gürtel, am Leib des Weibes bemerkt haben; nur ist dieser Mantel nicht so weit geteilt und ist auch ums Bedeutende länger als wie der des Weibes im nördlichen Gürtel.
NS|0|26|23|0|Um die Stirn trägt allhier das Weib ein blaues Band. Der Mann aber hat ein kleines rotes Käppchen zur Bedeckung seines Hauptes; dieses Käppchen drückt allhier beim Mann die besondere Liebe zur Weisheit aus. Das blaue Band des Weibes um die Stirn aber bezeigt die Beständigkeit des Weibes, wie sie nämlich ist eine getreue Nachfolgerin der Weisheit des Mannes.
NS|0|26|24|0|Wir haben in dem Mittelhauptgürtel gesehen, dass die Menschen alldort äußerst schaulustig sind; doch steht ihre Schaulustigkeit in nahe gar keinem Verhältnis mit der Schaulustigkeit der Bewohner dieser beiden Nebengürtel. Denn ein Mann, besonders des nördlichen Gürtels, ist so schaulustig, dass er gar wohl imstande ist, was immer für ein Naturspektakel, wenn es nur so lange, als etwa nach eurer Rechnung mehrere Jahre lang andauert, dasselbe auf einem Fleck stehend anzugaffen. Aber dafür wird schon von Meiner Seite gehörig gesorgt, dass weder ein noch das andere Naturspektakel in diesem Gürtel, wie auch in dessen Korrespondenten, eben nie gar zu lange andauert.
NS|0|26|25|0|Die meisten Naturspektakel gehen gewöhnlich in diesen Gürteln allda vor sich, wo die beiden Wassergürtel die zwei Hochgebirgsreihen begrenzen, durch welche der Hauptgürtel von diesen beiden Nebengürteln getrennt wird. Diese Naturspektakel sind besonders bei der Gelegenheit der Hauptgürtel-Geschwulstausbrüche ziemlich andauernd; aber da dieser Wassergürtel doch noch immer so breit ist wie ungefähr hier und da der doppelte Durchmesser eurer Erde beträgt, so ist für unsere Schaulustigen von solchen Hauptspektakeln eben nicht gar viel zu erblicken. Bei großen Ausbrüchen werden manchmal wohl eine Menge großer Leuchtkugeln über das Hochgebirge in diesen Gürtel geschleudert; aber zufolge der sehr bedeutenden Entfernung werden solche Leuchtkugeln, wenn sie auch manchmal von der Größe eures Erdmondes sind, eben nicht gar viel größer erblickt, als wie ihr den Mond seht durch ein mittelmäßig starkes Fernrohr. Zudem noch dauert das Herabfallen einer solchen Leuchtkugel kaum nur einige Sekunden nach eurer Rechnung; daher denn auch das Spektakel die schaulustigen Bewohner dieses Gürtels allzeit sehr unbefriedigt lässt.
NS|0|26|26|0|Ihre Hauptbeobachtungen aber sind der gestirnte Himmel; und die Bewohner, besonders des nördlichen Gürtels, erschöpfen sich oft in lauter Mutmaßungen, was doch ein oder das andere Gestirn bedeute, was es ist und zu welchem Zweck.
NS|0|26|27|0|Die Bewohner des südlichen Gürtels haben sogar eine Art Augenwaffen, ungefähr in der Art eurer Camera obscura. Durch dieses Instrument fangen sie das Bild eines oder des anderen Sternes auf und beobachten es mit allem möglichen Fleiß. Aber dessen ungeachtet geht es ihnen nicht viel besser als euch auf der Erde mit euren Fernrohren, da sie am Ende dadurch nichts anderes gewinnen als höchstens die Bewegungen der Gestirne und allenfalls ihre Größe, und sind bloß in dem euren Gelehrten voran, dass sie gewisserart als Bewohner eines Fixsterns die Entfernungen, Bewegungen und Größen anderer Fixsterne bestimmen können, das heißt insoweit ihre Augen und ihre Instrumente reichen; wenn ihnen aber diese den Dienst versagen, so hat dann auch also bei ihnen, wie bei euch, die Rechnung ein Ende.
NS|0|26|28|0|In diesem sind dann auch diese zwei Gürtel voneinander unterschieden, dass die Bewohner des nördlichen Gürtels sich weniger auf das Schauen, aber desto mehr auf das Mutmaßen und Schließen verlegen, während die Bewohner des südlichen Gürtels alles vorher gehörig beschauen und dann erst in allerlei Mutmaßungen und Schlüsse übergehen.
NS|0|26|29|0|Also hätten wir auch die Hauptneigung dieser Menschen in möglichster Kürze kennengelernt, und wir wollen nun auch noch einen kurzen Blick darüber werfen, wie diese Menschen, sowohl des einen als des anderen Gürtels, untereinander leben, ob vereinzelt oder in Gesellschaft.
NS|0|26|30|0|Was die Bewohnung dieses Gürtels betrifft, so leben die Menschen zwar also wie im Hauptgürtel in abgesonderten Wohnhäusern, deren Gestalt wir erst nächstens beschauen wollen. Denn das ist schon also die Art der Weisen, damit sie nicht gestört werden in ihren Betrachtungen.
NS|0|26|31|0|Dessen ungeachtet aber gibt es dennoch, besonders an den Ufern kleiner Landseen wie auch ganz besonders auf dem Hochflachland, gewisse Gesellschaftskollegien, welche aus mehreren großartigen, aneinandergereihten Gebäuden bestehen und ein städtisches Aussehen haben. Diese Kollegien sind dann ein Gemeingut und sind zumeist bewohnt von den Allerweisesten des Landes.
NS|0|26|32|0|Wie gestaltet aber die einzelnen Wohnungen und diese Kollegien sind, werden wir bei einer nächsten Gelegenheit weiter besprechen, wie auch, was da betrifft ihre Zweckmäßigkeit. Und so lassen wir es heute wieder gut sein!
NS|0|27|1|1|Wohnhäuser und Kollegienhäuser auf dem ersten Nebengürtelpaar
NS|0|27|1|1|(Am 13. September 1842 von nachmittags 3 bis 6 1/2 Uhr.)
NS|0|27|1|0|Was die einzelnen Wohnungen betrifft, so sehen diese im großen Maßstab genommen fast gerade so aus, wie in euren Gärten auf der Erde die runden Gartensalons; nur haben sie im Verhältnis viel höhere und gespitztere Dächer. Diese Wohnhäuser aber sind nicht so offen wie die Wohnhäuser des mittleren Gürtels, sondern sind ringsumher mit festen Wänden geschlossen, durch welche Wände, da dieselben von einer grün gefärbten, durchsichtigen Masse angefertigt sind, ein hinreichendes Licht in das Innere des Wohnhauses fällt.
NS|0|27|2|0|Wie sieht denn das Innere des Hauses aus, und wie groß ist der inwendige Raum? Was den inneren Raum betrifft, so wäre dieser groß genug, um ein ziemlich großes Gebäude eurer Erde ganz bequem hineinstellen zu können. Aber höher ist ein solches Wohnhaus selten, als ungefähr ein mittelmäßig hoher Turm bei euch, das heißt bloß die Wände betrachtet; das Dach hat freilich wohl manchmal die dreifache Höhe der Wände.
NS|0|27|3|0|Gegen die östliche Seite der Sonne ist eine Tür angebracht, welche auf- und zuzumachen ist, ungefähr von der Größe wie bei euch ein großes Stadttor. Die Tür aber geht nicht sogleich von ebener Erde in das Haus, sondern vor der Tür sind allzeit bei zehn hohe Staffeln angebracht, welche man zuerst übersteigen muss, bevor man zur Tür gelangt.
NS|0|27|4|0|Vor der Tür selbst befindet sich noch allzeit ein Altan, auf welchem man dann noch einige Schritte ebenaus zu machen hat, bis man erst zur Tür gelangt. Die Stiege und der Altan aber sind ebenfalls bedacht, welche Dachung von ziemlich massiven, viereckigen Säulen getragen wird.
NS|0|27|5|0|Wenn man durch die Tür gelangt, so muss man dann ebenfalls eine kleine Treppe abwärts steigen, um auf den eigentlichen Boden des Wohnhauses zu gelangen; aber auch innerhalb der Tür fängt nicht sogleich die Treppe an, sondern es führt von der Tür weg auch eine Art inwendiger Altan bis zur Treppe hin, welche zu beiden Seiten mit einem Geländer aus niedlich gearbeiteten, mehreckigen Säulen konstruiert ist.
NS|0|27|6|0|Von diesem inwendigen Altan aber führt dann in gerader Richtung ein ziemlich geräumiger Gang um die ganze Wand des Wohnhauses, welcher Gang vom Boden des Hauses mit ziemlich starken, sechseckigen, weißen Säulen unterstützt wird. Der Gang selbst ist ebenfalls mit einem einfachen Geländer versehen; einfach heißt alldort so viel, als wenn bei euch eine Sache zwar geschmackvoll aber dennoch ohne mit irgend erhabenen oder eingedrückten Zierraten versehen zu sein gearbeitet ist.
NS|0|27|7|0|Nach diesem Gang folgen dann mehrere Rundreihen von Säulen, welche vom Boden angefangen bis unter die Tragbalken der Dachung reichen und dieselbe tragen. Die Säulen sind verhältnismäßig massiv und stark, so dass eine Säule, im Durchschnitt genommen, einen Umfang von nicht selten drei bis vier Klafter hat.
NS|0|27|8|0|Um jede Säule sind am Boden des Hauses recht bequeme und weich gepolsterte Rundbänke angebracht.
NS|0|27|9|0|Um die große Mittelsäule aber führt ebenfalls eine Wendeltreppe bis auf den Dachboden hinauf und über demselben durch ein Dachtor auf die sogenannte Dachgalerie, welche alldort das „Observatorium“ heißt, das heißt dem Zweck nach genommen, nicht aber dem Wort nach. Diese Galerie ist ebenfalls mit einem einfachen aber geschmackvollen Kleinsäulengeländer umfangen. Manchmal ist diese Galerie selbst noch mit einer Dachung versehen; auf den Hochflachländern aber ist dieses Observatorium gewöhnlich ohne Dachung. Der Grund liegt darin, weil es auf diesen Hochländern auch in der Sonne bei weitem kühler ist, als in den tiefer gelegenen.
NS|0|27|10|0|Im Inwendigen des Hauses sind um die Rundsäulenbänke auch stets mehrere Tische angebracht. Die Tische aber sehen so aus als wie ein flaches Kigsel [Schüssel?] und sind gewöhnlich je vier und vier um eine Säule und ruhen allzeit auf drei säulenartigen Füßen.
NS|0|27|11|0|Unter dem Gang aber sind um die ganze Wandrundung herum recht geräumige Bänke in der Art eurer Sofas angebracht, auf welchen die Bewohner nach einer oder der anderen Arbeit auszuruhen pflegen. Auf den Tischen aber verzehren sie ihre Mahlzeit.
NS|0|27|12|0|Aus den vielen Tischen könnt ihr auch sogleich darauf schließen, dass die Familie eines solchen Hauses ziemlich zahlreich ist. Hundert Menschen bewohnen im Durchschnitt fast allzeit ein solches Haus.
NS|0|27|13|0|Im Hintergrund eines solchen Hauses befindet sich allzeit ein prachtvoller großer Kasten, welcher mit ebenso viel Schubladen versehen ist, als wie viel in einem Haus Menschen wohnen. Eine jede Lade hat dasselbe Zeichen, welches das Namenszeichen eines jeden Menschen ist. Und somit hat dann ein jeder Mensch in seiner eigenen Lade dasjenige aufbewahrt, was er für seine Person in leiblicher und geistiger Hinsicht nötig hat.
NS|0|27|14|0|Die leiblichen Notwendigkeiten sind das bisschen Gewand und sonstige notwendige Handwerkszeuge.
NS|0|27|15|0|Fürs geistige Bedürfnis gibt es dort eine Art Bilderbücher, durch welche Bilder die Menschen alle gemachten Erfahrungen und Anschauungen aufzeichnen. Wenn ein oder der andere Mensch eine gewisse Anzahl solcher Bücher von Erfahrungen und Anschauungen gesammelt hat, so übergibt er dann dieselben einem Kollegium, unter welchem er allenfalls steht. Alldort werden alle diese Erfahrungen und Anschauungen fein durchgeprüft; das Brauchbare wird dann in ein allgemeines Protokollbuch eingetragen, das Unbrauchbare und Kleinliche aber gewöhnlich durchgestrichen.
NS|0|27|16|0|Sodann bekommt der Überbringer seine Bücher wieder gewisserart korrigiert zurück und schreibt oder zeichnet sich das Approbierte in ein neues Buch, welches dann ein Hauptbuch eines Hauses ist. Die Tagbücher aber werden dann gewöhnlich vernichtet.
NS|0|27|17|0|Hier muss das weibliche Volk ebendasselbe tun, was das männliche tut, und muss ebenfalls seine Erfahrungen und Anschauungen sorgfältig aufzeichnen und sodann auch gleich den Männern ein Hauptbuch führen.
NS|0|27|18|0|Der Stammvater eines Hauses aber hat dann noch für sich ein Generalbuch, in welchem wieder alle Familienhauptbücher, sowohl des männlichen als auch des weiblichen Geschlechtes, jedoch bei weitem stärker abgekürzt, zusammengetragen sind. Für dieses Generalbuch hat er im Hintergrund des Rundganges einen ziemlich großen Kasten angebracht, in welchen aber niemand schauen darf, außer allein der Stammvater, welcher zu gewissen Zeiten aus diesem Generalbuch Musterungen über alle anderen Hauptbücher hält.
NS|0|27|19|0|Das ist sonach die Gestalt und die ganze Einrichtung eines Wohnhauses im nördlichen Gürtel.
NS|0|27|20|0|Im südlichen Gürtel sehen die Häuser nahe geradeso aus; nur sind die Dächer nicht gespitzt, sondern abgerundet. So sind auch die Säulen nicht eckig, sondern rund. Das wäre sonach der ganze Unterschied.
NS|0|27|21|0|Dass die Häuser des südlichen Gürtels etwas größer sind als die des nördlichen, könnt ihr daraus abnehmen, weil auch die Menschen des südlichen Gürtels, wie es schon ehedem einmal erwähnt wurde, etwas größer sind als die des nördlichen.
NS|0|27|22|0|Solches könnt ihr auch noch für beide Gürtel hinzumerken, dass die Bewohner dieser Gürtel ihre Häuser auch so viel als möglich auf den erhabenen Punkten aufbauen. Wisst ihr solches, so sind wir mit den Häusern auch fertig und wollen uns daher sogleich zu den Kollegien wenden.
NS|0|27|23|0|Was die Kollegien betrifft, so bestehen diese nicht etwa aus einem Gebäude, sondern je nachdem es der Flächenraum gestattet, manchmal aus hundert, manchmal auch aus tausend Gebäuden. Aber alle Gebäude sind nicht von gleicher Größe, sondern ihre Größe wie ihre Form bestimmt ihre Zweckmäßigkeit.
NS|0|27|24|0|In der Mitte eines solchen Kollegiums aber ist allzeit das Hauptgebäude aufgeführt. Dieses Gebäude ist zugleich auch das größte und höchste unter allen den anderen Gebäuden eines solchen Kollegiums.
NS|0|27|25|0|Ein solches Hauptgebäude bildet allzeit ein langes Viereck; an jeder Ecke ist ein sehr hoher Turm erbaut, welcher zuoberst gewöhnlich ohne Dachung ist, damit vom selben aus nach allen Seiten hin Beobachtungen gemacht werden können. Das Gebäude selbst hat der Länge nach einen Durchmesser von nicht selten tausend Klafter eures Maßes; der Breite nach aber hat es im höchsten Falle nur fünfzig. Die Höhe eines solchen Hauptgebäudes beträgt manchmal bei hundertundfünfzig Klafter. Das Dach des Gebäudes aber ist wenigstens noch um die Hälfte höher, und die Farbe desselben dunkelrosenrot, während die Wände des Gebäudes lichtviolett aussehen; die Wände der Türme aber sind lichtgrün.
NS|0|27|26|0|Die Wände dieses Gebäudes sind nicht also geschlossen als wie die der Häuser, sondern sind auf jeder Seite mit mehr denn fünfzig Klafter langen und bei zwei Klafter breiten Fenstern versehen, welche in verhältnismäßigen Entfernungen voneinander abstehen. Daher sind auch die Wände eines solchen Hauptgebäudes nicht durchsichtig, weil das Licht durch die Fenster in das Gebäude fällt. Die Fenster selbst aber sind nicht etwa offen, sondern sind ungefähr also wie bei euch die gotischen Fenster, mit einer Art elastischem, aber überaus wohldurchsichtigem und aus allerlei Farben zusammengesetztem Glas von der äußeren Luft abgesperrt.
NS|0|27|27|0|Das Äußere eines solchen Hauptgebäudes bietet zwar einen imposanten Anblick durch seine kolossale Größe, ist aber dennoch im Übrigen ganz prunklos.
NS|0|27|28|0|Aber desto herrlicher sieht es innerhalb aus; nur müsst ihr euch nicht die unbeschreiblich große Herrlichkeit eines Tempels etwa der ersten oder zweiten Art im Hauptgürtel vorstellen, sondern ihr müsst die Herrlichkeit an und für sich betrachten. Denn wenn ein Licht auch nicht die Stärke eines Sonnenlichtes hat, so kann es aber an und für sich doch schön sein, wenn es nur ist ein gleichmäßiges und ruhiges Licht. Also verhält es sich auch mit der inneren Pracht eines solchen Kollegialhauptgebäudes.
NS|0|27|29|0|Der Eingang in dieses Gebäude ist ebenfalls nicht sogleich zu ebener Erde angebracht, sondern in der Mitte einer engen Seite dieses Gebäudes ist ebenfalls ein großartiger Altan angebracht, auf welchen man über mehrere Stufen gelangt. Der Altan selbst ist ein ziemlich geräumiger, viereckiger Platz, mit einer Dachung versehen, welche auf mehreren viereckigen Säulen ruht. Über diesen Altan gelangt man erst zu einem zwanzig Klafter hohen Eingangstor, welches ebenfalls auf- und zugemacht werden kann. Innerhalb des Gebäudes führt dieser Altan, welcher innerhalb des Gebäudes breiter ist als außerhalb, bei zwanzig Klafter vorwärts ebenaus; sodann erst führen zwei Reihen Stufen hinab in das eigentliche Gebäude selbst.
NS|0|27|30|0|In der Mitte der beiden Stufen aber verlängert sich in der Drittelbreite des ganzen Altans ebendieser Altan bis zum anderen Ende des Gebäudes und bildet somit einen Mittelgang. Links und rechts aber gehen dann ebenfalls in gleicher Höhe zwei breite Gänge und verbinden sich sowohl in der Mitte des Gebäudes wie am Ende desselben mit dem Mittelgang. Diese Gänge sind ungefähr zehn Klafter hoch über dem gewöhnlichen Boden und ruhen auf lauter viereckigen Säulen, welche in Entfernungen von fünf Klaftern voneinander abstehen. Dass sowohl der Mittelgang als die beiden Seitengänge mit sehr geschmackvollen Geländern versehen sind, braucht kaum mehr erwähnt zu werden. Die Geländer werden von kleinen, lichtgrünen, halbdurchsichtigen, achteckigen Säulchen getragen.
NS|0|27|31|0|Der Boden des Altans wie der Gänge selbst ist also verfertigt als wie ein Mosaik und bietet die mannigfaltigsten Gestaltungen dar und ist dabei so fein poliert wie ein Spiegel bei euch. Also poliert ist auch alles andere eines solchen Gebäudes.
NS|0|27|32|0|Zwischen dem Mittelgang und den beiden Wandgängen laufen zwei Reihen großer Säulen, welche sowohl den Plafond wie auch die Dachung des Gebäudes tragen.
NS|0|27|33|0|Zuunterst im Gebäude selbst aber sind rings um eine jede solche Säule ebenfalls Ruhebänke angebracht, welche von einem elastisch glänzendroten Stoff angefertigt sind. Um diese Ruhebänke sind ebenfalls ähnliche Tische angebracht, wie wir sie schon in den Wohnhäusern haben kennengelernt.
NS|0|27|34|0|In der Mitte eines solchen Gebäudes zwischen dem Mittelgang und der Hauptsäulenreihe aber sind zwei parallel miteinander bei hundert Klafter lang fortlaufende Tische gestellt, um welche eine große Menge beweglicher Lehnstühle gestellt sind.
NS|0|27|35|0|An der Stelle der Tische, und zwar zwischen den Säulen, welche den Mittelgang tragen, befindet sich, sooft eine Säule kommt, ein großer Kasten, in welchem die Hauptbücher aufbewahrt sind. Vor dem Kasten befindet sich auch eine bewegliche, zierlich gearbeitete Staffelei, um mittels derselben zu jedem Fach des Kastens bequem gelangen zu können.
NS|0|27|36|0|Ihr müsst euch aber nicht denken, dass diese Kästen etwa aus Holz verfertigt sind, sondern aus einer Art rotem Gold, welches an Glanz alles übertrifft, was ihr nur je Glänzendes geschaut habt. Diese Kästen sind auch überaus zierlich gearbeitet und zwischen den weißen Gangsäulen so wohlgeordnet angebracht, dass sie der Architektur durchaus keinen Eintrag machen.
NS|0|27|37|0|Unter den Seitengängen längs der Wand, und zwar zwischen einer jeden Gangsäule, befindet sich ebenfalls wieder ein solcher Kasten aus hochgelbem Gold angefertigt; nur ist ein jeder solcher Kasten gut noch einmal so breit als einer zwischen den Säulen des Mittelganges. Diese Kästen, welche sich um die Wand des ganzen Gebäudes ziehen, sind das Archiv; und in manchem Hauptgebäude gibt es deren über zweitausend, und ein jeder solcher Kasten hat nicht selten bei tausend Fächer, von denen ein jedes manchmal bei zweitausend Bücher fasst. Wenn ihr solches miteinander multipliziert, so dürftet ihr eine ziemlich starke Bibliothek herausbringen; nur müsst ihr euch darunter keine eurer Folianten denken; sondern ein solches Buch besteht im höchsten Falle nur aus zehn Blättern, wo auf jedem Blatt mehrere allgemeine Bilder vorkommen, wo aber ein jedes Bild so viel in sich fasst, dass, wenn ihr dasselbe mit eurer Sprache beschreiben wolltet, ihr damit sicher tausend Folianten anfüllen würdet; einen jeden Folianten zu fünftausend Seiten genommen.
NS|0|27|38|0|Aus diesem könnt ihr schon einen kleinen Schluss machen, wie viel Weisheit oft in einem solchen Hauptkollegialgebäude steckt. Wenn ihr aber noch dazu annehmen wollt, dass auf einem solchen Sonnengürtel bei fünf Millionen solcher Hauptkollegialgebäude stehen, so mögt ihr dann zusammenmultiplizieren, wie viele Folianten Weisheit, nach eurer Schrift gerechnet, in den beiden Gürteln stecken.
NS|0|27|39|0|Und dennoch ist alle diese Weisheit nicht ein Tropfen zu der Weisheit eines einzigen Mannes, der da bewohnt den Hauptgürtel der Sonne. Und diese wieder kaum ein Tropfen zur Weisheit eines obersten Priesters dieses Gürtels, der seine Weisheit schon aus der Liebe schöpft. Und dessen Weisheit selbst wieder ist kaum ein einziger Tropfen nur zur Weisheit des allergeringsten Kindleins Meiner Liebe! Wo ist dann erst die Weisheit der schon vollendeten Einwohner der Himmel, und wo endlich erst die Meinige?!
NS|0|27|40|0|Kurz, lassen wir die Weisheit ruhen in diesen Archiven und beschauen noch ein wenig die übrige Einrichtung dieses Hauptgebäudes.
NS|0|27|41|0|Der Plafond dieses Gebäudes ist ein dreifaches Gewölbe von großer Festigkeit und hat ebenfalls die glänzende Farbe von lichtrotem Gold. Die Wände selbst sind blau und überaus fein poliert. Vom Plafond herab bis zur Hälfte der Höhe des Gebäudes hängen auf dicken, weißen Stricken weiße Leuchtkugeln, welche zwar kein eigenes Licht haben, aber durch ihren vielkantigen Schliff und [ihre] überaus feine Politur brechen sie das von den Fenstern aufgefangene Licht in den mannigfaltigsten Farben und gewähren dadurch dem Innern des Gebäudes einen überaus prachtvollen Anblick.
NS|0|27|42|0|Die Gänge sind an den Wänden ebenfalls ununterbrochen fort mit wohlgepolsterten Bänken versehen, damit sich auf denselben die Lustwandelnden wieder erquicken können, wenn sie vom Herumgehen etwas müde geworden sind.
NS|0|27|43|0|Das ist sonach die ganze Einrichtung eines solchen Hauptkollegialgebäudes. Nur an der Ecke eines solchen Gebäudes ist noch allenthalben eine kleine Tür angebracht, durch welche man in die Türme gelangen kann.
NS|0|27|44|0|Die Türme selbst haben in ihrem Inwendigen gar nichts aufzuweisen als eine bequeme Treppe von einem Turmboden auf den anderen. Diese Böden sind darum angebracht, damit da bei der Besteigung eines oder des anderen Turmes niemand höhescheu wird. Damit ihr euch aber solches desto leichter versinnlichen könnt, so denkt euch einen nahe bei tausend Klafter hohen Turm, welcher inwendig je von zehn bis zu zehn Klaftern durch einen Querboden etagenförmig abgeteilt ist, allwo dann jede Etage mit der anderen durch eine mit einem Geländer versehene Treppe verbunden ist.
NS|0|27|45|0|Denkt euch noch dazu, dass ein solcher viereckiger Turm einen Umfang von vierhundert Klaftern hat, so könnt ihr euch schon von einem solchen Gebäude einen kleinen Begriff machen. Dass auch jeder Turm für jede Etage mit wenigstens drei Fenstern versehen ist, versteht sich schon von selbst, indem auch die Wände des Turmes undurchsichtig sind.
NS|0|27|46|0|Das ist alles. Nächstens wollen wir noch die übrigen Gebäude ein wenig durchblicken und zugleich auch einen Blick auf den südlichen Gürtel werfen. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein!
NS|0|28|1|1|Nebengebäude eines Kollegiums. Ausstellung und Produktion von Rundgemälden
NS|0|28|1|1|(Am 14. September 1842 nachmittags von 3 3/4 bis 6 1/2 Uhr.)
NS|0|28|1|0|Was da die anderen Gebäude eines Kollegiums betrifft, so sind sie von den anderen Wohnhäusern nur dadurch unterschieden, dass ihre Wände mit Fenstern durchbrochen sind; die Wände aber sind darum, wie bei dem Hauptgebäude, undurchsichtig. Die Gestalt der Fenster auf den anderen Kollegialgebäuden ist gewöhnlich die eines Halbkreises; nur auf sehr wenigen Gebäuden sind auch wohl entweder ganz runde oder sechseckige Fenster angebracht.
NS|0|28|2|0|Die Dächer der Nebengebäude sind auch nicht so hoch wie die Dächer der gewöhnlichen Wohnhäuser, sondern mehr stumpf und nieder. Auf einigen Kollegialgebäuden haben die Dächer eine Kuppelform. Und so gibt ein solches Kollegium dann so ziemlich den Prospect [Anblick] einer ziemlich bedeutenden Stadt.
NS|0|28|3|0|Das Äußere eines solchen Kollegiums ist gewöhnlich mit einem ziemlich hohen Ringwall umfangen, auf welchem mehrere Türen angebracht sind, welche zu allerlei Beobachtungen dienen. In einem solchen Kollegium befindet sich auch gewöhnlich ein Theater; aber nicht etwa in der Art, wie bei euch, sondern dieses Theater ist vielmehr ein bildliches Darstellungshaus von den verschiedensten Erfahrungen, welche ein oder der andere Mensch gemacht hat. Die Darstellung geschieht auf eine bildliche Weise, und es wird dann eine Gegend, in welcher der Darsteller die Erfahrung gemacht hat, treulich dargestellt. Denn solches muss hier noch hinzu erwähnt werden, dass die Bewohner dieses Gürtels vorzugsweise große Freunde der bildenden Kunst sind. Daher ist auch, mit höchst seltenen Ausnahmen, fast ein jeder Bewohner dieses Gürtels ein recht tüchtiger Maler. Denn die Malerei ist allda auch die einzige Art zu schreiben; nur ist es jedem zur Pflicht gemacht, dass er die Natur treulich zu kopieren versteht.
NS|0|28|4|0|Wenn ihr nun dieses wisst, so wird euch umso leichter begreiflich sein, auf welche Weise allda das Theater gehandhabt wird; denn es besteht in nichts anderem als in lauter wohlgelungenen, bildlichen Darstellungen, welche gewöhnlich um die ganze Rundung angebracht werden, wonach dann das ganze Theater so aussieht, als wenn ihr bei euch irgendwann einmal ein großes Rundgemälde gesehen habt, durch welches entweder eine ganze Stadt oder eine andere merkwürdige Gegend zur Beschauung dargestellt wird. Nur müsst ihr euch natürlicherweise ein solches Rundgemälde auf unserem Gürtel um ein sehr Bedeutendes größer vorstellen als ein ähnliches Rundgemälde bei euch auf der Erde. Denn ein solches Theater in einem solchen Kollegium hat wenigstens einen Umfang von drei- bis vierhundert Klaftern und ist nicht selten bei fünfzig Klafter hoch.
NS|0|28|5|0|Ihr möchtet aber dieses Gebäude vielleicht ein wenig näher kennenlernen. Solches soll denn auch geschehen. In dieses Theatergebäude kann man nicht also wie in die anderen Wohnhäuser gelangen, sondern der Eingang ist ein unterirdischer. Daher ist auf einer Seite dieses Theatergebäudes eine Art Vorsprung angebracht, ungefähr so, wie eine sogenannte Seitenkapelle bei einem eurer Bethäuser. In dieser Kapelle ist eine Nische von bedeutender Vertiefung von etwa drei Klaftern eingehöhlt. Am Ende der Nische ist dann erst das Tor angebracht, dessen Flügel nach auswärts zu öffnen sind. Von diesem Tor führt dann eine ziemlich breite Treppe abwärts, wie in einem Keller bei euch, und das ungefähr in eine Vertiefung von sieben Klaftern. Wenn die Treppe dann die meiste Vertiefung erreicht hat, erhebt sich sobald eine andere Treppe, auf welcher man gerade in der Mitte des Theatergebäudes wieder emporkommt.
NS|0|28|6|0|Das Theatergebäude ist aber inwendig, ungefähr drei Klafter von der Wand abstehend, mit einer Säulenreihe versehen, welche fürs Erste den Plafond des Theaters, wie die Dachung desselben, tragen hilft; sodann aber trägt diese Säulenreihe etwa drei Klafter hoch über dem Boden auch einen geräumigen und zierlichen mit Geländern wohlversehenen Gang, von welchem aus man eigentlich am allerbesten die Darstellung übersehen kann.
NS|0|28|7|0|In der Mitte des Theatergebäudes, ungefähr eine gute Klafter von der Aufgangspforte entfernt, ist noch eine überaus starke Säule angebracht, welche ebenfalls den Plafond und die Dachung tragen hilft, aber sonst vom Boden angefangen bis zum Plafond hinauf mit einer Wendeltreppe versehen ist.
NS|0|28|8|0|Hinter dieser Säule ist noch eine kleinere Säule gestellt, welche ebenfalls bis an den Plafond reicht. Von der Hauptmittelsäule, etwa fünf Klafter vom Plafond entfernt, ist dann wieder ein Gang über die zweite Säule, von dieser zu einer Reihensäule und von der Reihensäule bis an die Wand des Theatergebäudes errichtet, auf welchen Gang man eben über die schon erwähnte Wendeltreppe der mittleren Hauptsäule gelangen kann.
NS|0|28|9|0|In der gleichen Höhe dieses Ganges ist dann um die ganze Wand des Theatergebäudes ein etwa anderthalb Klafter breiter Gang gezogen, welcher natürlicherweise ebenfalls wieder mit einem Geländer versehen ist. Dieser Gang wird nicht durch Säulen unterstützt, sondern statt der Säulen sind schräge Wandstützen wie eine Art Bratzen angebracht, welche diesen Gang tragen.
NS|0|28|10|0|Ihr fragt: Wozu dient denn dieser Gang? – Dieser Gang dient zu nichts anderem, als dass auf seinem Geländer, welches nach außen mit zweckmäßigen Haken versehen ist, das Rundgemälde aufgehängt wird, welches dann von diesem Geländer gewöhnlich bis zum Boden hinabreicht und somit nicht selten eine Höhe von achtzig bis über hundert Klafter hat.
NS|0|28|11|0|Ihr werdet wieder fragen: Wie bringt man denn ein solch großes Gemälde durch die eben nicht zu große Eingangspforte dahin? – Solches geschieht partien- oder streifweise, wovon ein jeder Streifen dann etwa eine Breite von drei Klaftern hat. Diese Streifen werden dann ordnungsmäßig nebeneinander aufgehängt und bieten dann, wenn alle aufgehängt sind, ein vollkommenes Ganzes.
NS|0|28|12|0|Werden sie wieder abgenommen, so werden sie wieder zusammengerollt und aus dem Theatergebäude in das sogenannte Theaterbibliothekgebäude gebracht; oder dem Darsteller steht es auch frei, ein solches Theaterstück entweder mitzunehmen, besonders dann schon gar sicher, wenn seine dargestellte Erfahrung keinen großen Beifall hatte.
NS|0|28|13|0|Poetische Werke haben bei ihnen auch einen größeren Wert als gewisserart prosaische. Was verstehen aber diese Menschen unter prosaischen und poetischen Stücken? Ein prosaisches Stück ist ein solches, durch welches ein oder der andere Darsteller seine eigenen gemachten Erfahrungen aus dem gewöhnlichen Leben darstellt. Haben diese Erfahrungen durchaus nichts Ausgezeichnetes und besonders Belehrendes in sich, so werden sie dem Darsteller ohne weiteres wieder zurückgegeben, und es wird ihm dabei bemerkt, dass dergleichen Vorstellungen nicht in dieses Haus gehören, in welchem nur solche Dinge vorkommen sollen, durch welche die Weisheit des menschlichen Geistes bereichert werden soll. Haben aber solche prosaischen Werke außergewöhnliche Szenen aufzuweisen, so werden dann diese Szenen aufgenommen; aber das Gewöhnliche wird dem Darsteller wieder zurückgegeben. Poetische Werke aber sind diejenigen, welche nicht aus dem Bereich der Erfahrungen gemacht werden, sondern nur Produkte geistiger Phantasie sind. Ein solches Stück bleibt dann auch gewöhnlich eine bedeutend lange Zeit zur Anschauung ausgestellt.
NS|0|28|14|0|Warum aber werden solche poetischen Werke so geliebt? Weil sie seltener sind, besonders bei den Bewohnern dieses Gürtels; denn die Weisheit ist an und für sich durchaus arm an freier Phantasie, indem das Reich der Phantasie nur ein Eigentum der schöpferischen Liebe ist. Daher trifft hier bei der Darstellung eines solchen poetischen Werkes schon allzeit der euch bekannte Wahlspruch ein: „Wann die Großen bauen, so haben die Kleinen vollauf zu tun!“ So wird auch hier bei einem solchen poetischen Werk über alle Maßen geweissagt, und ein jeder findet etwas anderes darinnen, welches dann allzeit eine gute Konversation absetzt, welche Unterhaltung dann eine Lieblingsunterhaltung der Menschen dieses Gürtels ist.
NS|0|28|15|0|Das ist also das Wesentliche eines solchen Theatergebäudes; nur würde hier vielleicht irgendein feiner Kritiker fragen und sagen: „Zuoberst an den Wänden ist der Gang, von dem Gang herab hängt bis auf den Boden das Rundgemälde, die Wände sind undurchsichtig, und am Plafond ist auch nirgends eine Öffnung angebracht. Da somit allfällige Fenster offenbar gedeckt sein müssen, so bitten wir den Verfasser, dass er uns in dieses Theatergebäude auch ein Licht bringe; sonst werden wir von den Gemälden eben nicht gar viel zu sehen bekommen.“
NS|0|28|16|0|Nur eine kleine Geduld, es wird gleich des Lichtes genug kommen. Es ist schon bei euch auf der Erde eine eigene Art, gewisse theatralische Dekorationen zu malen. Seht, etwas Ähnliches ist auch allhier der Fall; aber das Malen besteht darum nicht in einer Art theatralischer Patzerei; sondern diese theatralische Malerkunst besteht allhier darin, dass das Gemälde mit einer Art selbstleuchtender Farben dargestellt wird. Diese Farben sind zugleich die lebhaftesten und dauerhaftesten; denn jede Farbe in der Sonne, wenn sie nicht ein eigenes Licht hat, stirbt bald ab; wenn sie aber ein eigenes Licht hat, dann trägt sie gewisserart in sich selbst die Waffe, um mit derselben gegen das zerstörende Einfallen des äußeren Lichtes zu kämpfen.
NS|0|28|17|0|Seht, das ist die Beleuchtung eines solchen Theaterstückes. Und so hat das Theater zwar wohl Fenster, diese dienen aber nur dazu, um ein Stück aufrichten zu sehen. Wann aber das Stück aufgerichtet ist, werden sobald sorgfältig alle Fenster verschlossen, damit der Reiz eines solchen Gemäldes ja durch keinen anderen Lichtstrahl beeinträchtigt wird.
NS|0|28|18|0|Obschon aber diese Farben in der Sonne eben nicht so schwer zu bereiten sind, so ist aber dennoch viel Übung erforderlich, um mit denselben so malen zu können, dass da überall, wie ihr zu sagen pflegt, Schatten und Licht gehörig verteilt werden. Mit nicht selbstleuchtenden Farben ist die Schattierung freilich wohl um vieles leichter zu bewirken; aber mit selbstleuchtenden Farben ist das Schattieren einer nicht unbedeutenden Schwierigkeit unterworfen. Doch solches haben besonders die Kollegialmaler unseres Gürtels so sehr in der Übung, dass es ihnen ein Leichtes ist, ein ganzes solches Rundgemälde im Verlauf von einem Jahr, nach eurer Zeitrechnung, auszufertigen.
NS|0|28|19|0|Damit ihr euch aber auch einen kleinen Begriff machen könnt, wie ein solches Malen vor sich geht, so mache Ich euch auf eine Art Malerei auf eurer Erde aufmerksam, welche große Ähnlichkeit hat mit dieser Art Lichtmalerei auf unserem Sonnengürtel. Und diese Malerei auf eurer Erde ist die sogenannte Porzellanmalerei, allda auch mit Farben gemalt wird, die in ihrem rohen Zustand äußerst dumpf und einförmig erscheinen. Wenn aber dann ein solch gemaltes Geschirr wieder in die Glühhitze kommt, so treten in derselben die schönen Farben erst hervor.
NS|0|28|20|0|Seht, also werden auch diese Theaterstücke gemalt. Sind die Streifen gemalt, so werden sie sodann mit einer Art Lack überzogen. Ist solches geschehen, so fangen sodann erst die Farben an wie lebendig hervorzutreten, und das durch die Nötigung des überall freien Sonnenlichtes, welches von diesen ursprünglich stummen Farben aufgesogen und dann für immer sehr lebhaft behalten wird.
NS|0|28|21|0|Das ist somit alles, was von einem solchen Kollegialtheater besonders bemerkenswert ist.
NS|0|28|22|0|Was die anderen Gebäude eines solchen Kollegiums betrifft, so dienen sie einesteils zu Wohnungen für die Weisheitslehrer, teils aber auch für Sammlungen von allerlei Denkwürdigkeiten und kleineren Gemälden.
NS|0|28|23|0|Dass diese Kollegialgebäude gewöhnlich allzeit in einem länglichen Kreis um das Hauptgebäude herumgestellt sind, ist noch das Einzige, was uns darüber zu bemerken übrigbleibt. Und dass solche Kollegien, wie schon vorhinein bemerkt wurde, gewöhnlich an den Ufern kleiner Seen und auf dem Hochflachland auch an den Ufern bedeutender Flüsse angebaut werden, kann auch noch hinzubemerkt werden.
NS|0|28|24|0|Für den südlichen Gürtel braucht ihr nichts anderes, als euch alles das mehr gerundet und auch etwas mehr vergrößert vorzustellen, so habt ihr alles, was in dieser Hinsicht auch der südliche Gürtel fasst.
NS|0|28|25|0|Nächstens wollen wir zu der Landeskultur dieser beiden Gürtel übergehen; und so können wir es für heute wieder gut sein lassen!
NS|0|29|1|1|Bodenkultur und Tierwelt im ersten Nebengürtelpaar
NS|0|29|1|1|(Am 15. September 1842 von 3 1/4 bis 5 1/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|29|1|0|Was die Landeskultur betrifft, so wird diese allda in drei verschiedene Klassen eingeteilt, nämlich in die Kultur der Uferländer, in die Kultur der Hügel und in die Kultur des Hochflachlandes.
NS|0|29|2|0|Worin besteht denn die Kultur der Uferländer? Die Kultur der Uferländer besteht in dem, dass allda vorzugsweise die Kollegialbewohner diejenigen Anpflanzungen von allerlei wohlgenießbaren Früchten zu bewerkstelligen suchen, die in entsprechender Hinsicht in diesem mehr Feuchtigkeit haltenden Boden am besten gedeihen.
NS|0|29|3|0|Zu derartigen Pflanzungen gehört vorzugsweise die Baumzucht. Wie wird aber ein oder der andere Baum hier gepflanzt und gezogen? In dem Hauptgürtel haben wir in dem lediglichen Willen das Samenkorn für zahllos verschiedenartige Gewächse gesehen. Ist dieses auch in diesem Nebengürtel der Fall? Ich sage hier nicht ganz ja und nicht ganz nein. Die Folge aber wird zeigen, wie solches vor sich geht.
NS|0|29|4|0|Auch in diesem Gürtel hat die sämtliche Pflanzenwelt zwar keinen Samen; aber auch die Bewohner haben in ihrem schwächeren Willen den Samen nicht. Dessen ungeachtet aber hängt es doch sehr von dem Willen der Menschen ab, wo sie irgendeine Pflanze oder einen Baum haben wollen. In diesem Gürtel ist zwar schon von Mir aus für das Wachstum der Pflanzen gesorgt, und es kann niemand eine andere Pflanze zum Vorschein bringen als diejenigen nur, welche für diesen Gürtel bestimmt sind. Aber die für diesen Gürtel bestimmten Pflanzen können dann wohl die Menschen durch einen gewissen Grad von Handtätigkeit und vorzugsweise aber durch ihren Willen dem Boden entlocken.
NS|0|29|5|0|Solche Art der Pflanzenhervorbringung wird dort die Primitivkultur genannt, welche aber gewöhnlicherweise nicht jedermann hervorzubringen vermag; sondern solches vermögen nur einige, sich eigens diesem Zweig widmende, willensstarke Weise.
NS|0|29|6|0|Die anderen Einwohner dieser Gürtel aber betreiben gewöhnlich die Sekundärkultur, welche darin besteht, dass sie Reiser und Zweige von den vorhandenen Bäumen nehmen und sie in das Erdreich stecken, ungefähr so, wie bei euch die Weidenbäume und die Rebe selbst angepflanzt werden.
NS|0|29|7|0|Wie wird aber bei der Primitivkultur verfahren? Der Anpflanzer hat nämlich einen spitzigen Stab. Diesen Stab stößt er ungefähr eine halbe Klafter tief in den Boden, nimmt dann ein Gefäß mit Wasser, welches er früher einige Male anhaucht, schüttet dann das Wasser tropfenweise in das gemachte Loch, und wenn er das Wasser verbraucht hat, sodann betet er zu Gott, dem Allerhöchstweisen, dass Er an dieser Stelle eine oder die andere Pflanze möchte wohl fruchtbringend dem Boden entkeimen lassen. Sodann stellt er sich eine Zeit lang über die Öffnung also, dass dieselbe gerade unter seinem etwas vorgeneigten Haupt zu stehen kommt; fixiert dann dieselbe, nach eurer Rechnung bei einer Stunde lang, und entfernt sich darauf und macht wieder mit seinem Stab in guter Ordnung ein zweites solches Loch in das Erdreich und tut dasselbe wie beim ersten, und fährt dann so fort, bis er die ihm vorbestimmte Zahl von einer und derselben Baumgattung angepflanzt hat.
NS|0|29|8|0|Ist er mit der ganzen Arbeit fertig, so dankt er Gott, dem Allerhöchstweisesten, für die ihm verliehene Kraft, Geduld und Ausharrung, segnet dann die Anpflanzung und überlässt dann alles dem Willen Gottes und begibt sich nach Hause.
NS|0|29|9|0|Im Verlauf von einem Jahr, nach eurer Rechnung, stehen da auch schon mit Früchten beladene Bäume, wo er sie angepflanzt und welche Art er bei der Anpflanzung in seinem Willen hatte. Solche durch die primitive Pflanzungsart hervorgebrachten Bäume sind die allerdauerhaftesten, so dass mancher nicht selten ein Alter von mehr als tausend Jahren, nach eurer Rechnung, erreicht.
NS|0|29|10|0|Auf dieselbe Weise, wie aber da die Bäume angepflanzt werden, werden auch andere kleinere Pflanzen, wie auch das Kleingras, angepflanzt. Nur hat man zur Belöchelung des Erdreiches dann ein anderes Werkzeug. Dieses besteht in einer Art Walze, welche mit vielen Spitzen versehen ist. Diese Walze wird nun über den Boden dahingerollt. Hinter der Walze aber geht dann ein gewöhnlicher Primitivpflanzer mit einem tüchtigen Gefäß voll angehauchten Wassers einher, welches Gefäß ungefähr also gestaltet ist, wie eure Spritz- oder Gießkannen. Mit diesem Gefäß begießt er sorgfältig das belöcherte Erdreich. Und ist dann eine vorbestimmte Strecke also bebaut worden, so betet er dann über die ganze Strecke und tut gewisserart im Allgemeinen dasjenige, was er bei der Anpflanzung eines jeden Baumes besonders tut. Und nach drei Tagen eurer Rechnung ist die ganze also bebaute Strecke voll bewachsen mit derjenigen Art von Pflanzen, welche der Anpflanzer hier haben wollte.
NS|0|29|11|0|Auf dieselbe Weise werden auch weitgedehnte Strecken mit edlem Gras angepflanzt; denn eine Art Gras, welches alldort das wilde oder unedle genannt wird, sowie auch einige Arten unedler Kleinpflanzen entwachsen hier und da gewisserart von selbst dem Boden und dienen dem hier sparsamen Tierreich zur Nahrung.
NS|0|29|12|0|Also ist die Primitivanpflanzung beschaffen und ist vorzugsweise ein Eigentum der Ufergegenden, welche zumeist ein Eigentum der Kollegialbewohner sind.
NS|0|29|13|0|Worin besteht hernach die Hügelkultur? Die Hügelkultur besteht lediglich im Wege der sekundären Anpflanzung in der Baumkultur; Kleinpflanzen aber kommen da gewöhnlich nicht vor.
NS|0|29|14|0|Was aber die Baumfrüchte betrifft, so werden sie durch diese sekundäre Anpflanzung gewisserart veredelt und werden dann auch viel größer und wohlschmeckender als die der Primitivanpflanzung.
NS|0|29|15|0|Unter den verschiedenen Bäumen will Ich euch bloß nur einen als den beachtenswertesten etwas näher bezeichnen. Dieser Baum wächst nicht so sehr hoch; aber desto mehr breitet er sich am Boden aus. Sein Hauptmittelstamm erreicht nicht selten eine Höhe von höchstens vier Klaftern eures Maßes, treibt aber von diesem massiven Stamm nach allen Seiten strahlenförmig hundert bis zweihundert Klafter lange Äste von sich, welche immerwährend strotzen von überaus wohlschmeckenden, reifen Früchten, welche ungefähr so aussehen, wie bei euch die größte Gattung der Trauben. Diese Frucht ist überaus wohlschmeckend süß, aber nicht also saftig wie eure Trauben; sondern ungefähr so wie die Melonen bei euch. Diese Frucht ist zugleich der Hauptnahrungsartikel der Bewohner dieses Gürtels und ist darum auch die allgemeinste, weil der Baum allenthalben überaus gut fortkommt.
NS|0|29|16|0|Was die anderen Bäume betrifft, so sind ihre Früchte mehr üppige Leckereien, denn eigentlicher Nahrungszweig. Ihr werdet wohl fragen: Haben denn diese Menschen kein Brot, wie es bei euch auf der Erde vorkommt? – Nein, dergleichen Brot ist allda nirgends anzutreffen; aber an dessen Stelle trocknen sie den Überfluss von der vorbeschriebenen Baumfrucht, und diese trockene Frucht vertritt dann die Stelle des Brotes.
NS|0|29|17|0|So ist die Landeskultur der Hügel beschaffen, wozu höchstens noch erwähnt werden kann, dass solche Hügelbewohner, um ihre Gründe zierlicher zu machen, das frei wachsende Gras gewisserart kultivieren, welches sie durch ein fleißiges Abschneiden desselben bewirken. Dadurch sehen oft solche Hügel denn gerade also aus, als wenn sie mit grünem Seidensamt überzogen wären.
NS|0|29|18|0|Das ist demnach aber auch gänzlich alles, was da betrifft die Kultur der Hügel. Und so hätten wir nur noch die Kultur des Hochflachlandes vor uns. Mit dieser werden wir jedoch gar bald fertig werden; denn die sämtliche Kultur der Hochflachländer unterscheidet sich von den zwei bisher bekannten in gar nichts anderem, als dass auf diesen Hochflachländern die Früchte der Primitivkultur nicht genossen werden, sondern nur allein die von der Sekundärkultur.
NS|0|29|19|0|Aus dem Grunde werden allda hinsichtlich der Primitivkultur gewisserart nur Baum- und Pflanzschulen angelegt, von denen dann die Reiser auf die schon bekannte Art weiterverpflanzt werden. Nur das Gras wird auf den Hochflachländern allenthalben durch die Primitivkultur gezogen.
NS|0|29|20|0|Und somit hätten wir auch schon die Kultur des Hochflachlandes dargetan, wozu noch höchstens das bemerkt werden kann, dass die Früchte auf dem Hochflachland die bei weitem edelsten, wie auch die Bewohner dieses größten Landes dieser beiden Gürtel die weisesten und edelsten sind.
NS|0|29|21|0|Ihr werdet hier wohl fragen: Auf die Art, wie das Hochflachland bebaut und bewohnt ist, werden sich allda wohl wenig Tiere vorfinden? – Ja, ihr habt auch recht; denn außer einigen wenigen kleinen Gesangvögeln gibt es durchaus keine Tiere. Aber auf den unteren Ländern gibt es wohl auch eine Art roter Ziegen und weißer Schafe. Die Schafe werden von den Einwohnern gezogen, hier und da wohl auch die Ziegen; aber im Allgemeinen nicht.
NS|0|29|22|0|Ganz zuunterst an den Ufern des großen Ringmeeres gibt es auch eine Art Kühe, welche aber vielmehr also aussehen wie etwa ein Riesenschaf. Die Kollegialbewohner machen auch öfter Jagd auf sie und suchen sich derselben lebendig zu bemächtigen, welche Jagd sie aber allzeit ein tüchtiges Stück Arbeit kostet. Denn diese Kühe, wenn sie auch nicht bösartig sind, sind aber dennoch außerordentlich schnell zu Fuß, und es braucht viel Klugheit, um ein solches Tier ins Garn zu bekommen.
NS|0|29|23|0|So mager aber auch das Land an Tieren ist, so wimmelt es aber doch in dem großen Ringmeer von allerlei Wassertieren. Und die hier und da in diesem Meer vorkommenden bedeutenden Inseln sind von ganzen Heeren der mannigfaltigsten Vogelgattungen bewohnt. Aus dem Grunde verfügen sich auch bei ruhigen Zeiten besonders die Kollegialeinwohner gern hinab zu den Ufern des großen Ringmeeres und beobachten da, soweit sie nur mit ihren Augen reichen können, die mannigfaltigsten belebten Wesen der großen Gewässer.
NS|0|29|24|0|Das ist sonach das Sämtliche, was zur Kultur dieser beiden Gürtel gehört, welche in beiden Gürteln ganz eine und dieselbe ist; nur ist der südliche Gürtel in allem dem an der Größe etwas ausgezeichneter als der nördliche.
NS|0|29|25|0|Und somit wären wir mit diesem Artikel auch wieder zu Ende. Nächstens wollen wir zur häuslichen und sodann auch zur geistigen und religiösen Verfassung übergehen. Und damit gut für heute!
NS|0|30|1|1|Häusliche Verfassung auf dem ersten Nebengürtelpaar. Weisheit und Liebeweisheit
NS|0|30|1|1|(Am 17. September 1842 von 3 bis 6 1/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|30|1|0|Was die häusliche Verfassung betrifft, so ist diese einerseits sehr einfach, anderseits aber dennoch wieder sehr kompliziert. Wie ist solches wohl möglich, dass ein und derselbe Zweig auf der einen Seite einfach, auf der anderen Seite aber kompliziert erscheinen kann? Es ist nichts leichter als das; denn es gehört dazu nur die rechte Erkenntnis, und dieser zufolge kann kein Ding anders betrachtet und erkannt werden, als so, dass es einerseits ganz einfach, anderseits aber dennoch wieder überaus kompliziert erscheinen muss.
NS|0|30|2|0|Nehmt ihr zum Beispiel nur einen Apfel, beseht ihn von außen, und er wird euch unmöglich anders als höchst einfach und monoton vorkommen. Öffnet ihn aber und untersucht alle seine inneren Teile mikroskopisch, so werdet ihr diesen ganz einfachen Apfel so vielfach kompliziert erblicken, dass euch von der Fülle seiner Teile zu grauen und zu schwindeln anfangen wird.
NS|0|30|3|0|Seht, ebenso verhält es sich mit der häuslichen Verfassung unserer Gürtelbewohner. Wenn ihr so zu einem Haus kommen möchtet und dasselbe samt seinen Bewohnern einen Zeitraum von zehn Jahren beobachtetet, so würdet ihr fast nichts anderes als ein sich immer wiederholendes Einerlei erblicken und dieses noch dazu so einfach und einfältig, wie nur immer möglich, so zwar, dass euch ein Taubenschlag auf der Erde mehr Abwechslung bieten dürfte als ein solches Wohnhaus mit seinen Bewohnern.
NS|0|30|4|0|Aber nicht also sieht es im Innern aus; denn allda ist wieder alles so kompliziert und bedeutungsvoll, dass es euch schon bei der kleinsten Sache zu schwindeln anfangen würde, wenn dieselbe euch ein solcher Hausvater möchte auseinanderzusetzen anfangen und euch zu erschließen alle die geheimen und wichtigen Bedingungen, welche alle allerpünktlichst von dieser Kleinigkeit abhängen.
NS|0|30|5|0|Damit ihr euch davon einen genügenden Begriff machen könnt, wie allda eine solche Haushaltung auf ihrer komplizierten Seite eingerichtet ist, will Ich euch zum hinreichenden Überfluss nur ein paar recht augenscheinliche Beispiele kundgeben.
NS|0|30|6|0|Ihr wisst auch etwas von der Symmetrie und vom Gleichgewicht. Allein was ist da eure Symmetrie und euer Gleichgewicht gegen das, was ein solcher Gürtelbewohner Symmetrie und Gleichgewicht nennt!
NS|0|30|7|0|Nehmen wir zuerst ein Beispiel von der Symmetrie. Wenn ein Sonnenbewohner zu euch in eure Zimmer kommen würde, und möchte da erblicken die Gegenstände, wenn auch noch ziemlich wohlgeordnet, in einem Zimmer, als zum Beispiel Kästen, Tische, Bänke, Wandverzierungen und dergleichen mehr, so würde er augenblicklich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und würde euch, wenn er sich von seinem ersten Entsetzen ein wenig erholt hätte, auf ein Haar beweisen, dass von solcher Unordnung das Gleichgewicht eines ganzen Weltkörpers abhängt; und ist dieser aus seinem Gleichgewicht, so muss alles mit der Zeit aus dem Gleichgewicht kommen. Er würde euch beweisen, dass wenn dieser oder jener Kasten, oder ein sonstiges Einrichtungsstück, nicht mit der größten Ruhe und Behutsamkeit um ein Haar weitergerückt wird, in tausend Millionen Jahren die ganze sichtbare Schöpfung in die größte Unordnung geraten muss. Und solches würde er euch nicht nur naturmäßig, sondern auch mit außerordentlicher philosophischer Gediegenheit metaphysisch dartun, und würde zum Beispiel sagen: „Aber merkt ihr unsinnigen Menschen denn nicht, dass sich ja notwendig eure Gedanken vorerst also ordnen und binden müssen, wie geordnet da ist das Hausgerät in eurer Wohnung. In welcher Ordnung aber werden sich diese wohl binden, wenn sie neben einem Kasten einen Stuhl, auf dem Kasten irgendein mit dem Kasten in gar keiner Beziehung stehendes Gefäß, in einem anderen Winkel des Zimmers ein Ruhebett und neben demselben wieder einen Tisch und neben dem Tisch wieder etwas mit demselben in gar keiner Beziehung Stehendes, entweder für beständig oder, was noch schlechter ist, veränderlich erschauen?“
NS|0|30|8|0|Er würde euch weiter fragen: „Wisst ihr, was die Weisheit ist? Die Weisheit ist das unendlich vollkommenste Ebenmaß in allen Dingen; sie ist die allerscharfsinnigst berechnete Ordnung, durch welche und in welcher die allerhöchste Weisheit Gottes alle Dinge erschaffen hat und dieselben erhält. Wie wollt ihr aber je zur Weisheit gelangen, wenn ihr nicht einmal in diesen kleinen Dingen Sorge tragt, dass sie so geordnet und gestaltet würden, dass sich euer Auge an solche Ordnung gewöhne, und durch solche oft wiederholte Beschauung auch eure Gedanken einen Anfang machen möchten, wenigstens in diesen kleinen Dingen sich an eine Ordnung zu gewöhnen und von dieser Ordnung dann auch zu einer anderen überzugehen? Denn wenn ihr nicht da, wo ihr es könnt, die Ordnung beobachtet und euch an dieselbe gewöhnt, wie wollt ihr dann mit eurem solche Unordnung gewohnten Geist eine höhere Ordnung entdecken und beschauen? Ist dieses nicht ebenso unmöglich, als wenn ihr mit einer allerungeschicktesten Bruchzahl wolltet die Wurzel einer Größe finden, welche aus lauter geraden Zahlen besteht? Ihr müsst daher eure kleinsten Gedanken zu einer geraden Zahl erheben; sodann erst könnt ihr euch auf andere Größen wagen, um in ihnen die wohlgeordnete Wurzelzahl zu entdecken, welche die Bedingung der ganzen Größe enthält.“
NS|0|30|9|0|Und weiter würde ein solcher weiser Bewohner solch eines Gürtels zu euch sprechen: „Kennt ihr das Gewicht eures Weltkörpers? Wisst ihr, was denselben um seine Achse dreht? Wisst ihr, was ihn im freien Raum erhält? Es ist das Gleichgewicht. Sind fürs Erste eure Häuser vollkommen symmetrisch gebaut, keines größer und keines kleiner, und so auch alle Zimmer in den Häusern vollkommen gleich eingeteilt, die Einrichtung überall dieselbe und gleich geordnet, so übt solches keine Störung auf die Bewegung eines Weltkörpers. Im Gegenteil aber muss es euch ja doch einleuchtend sein, dass solche unsymmetrische und unverhältnismäßig bald mehr massive, bald wieder weniger massenreiche Aufhäufung von Materialien auf einem und demselben Punkt dem Gleichgewicht eines ganz freischwebenden Weltkörpers ja notwendigerweise einen mathematischen Unterschied beibringen muss. Ist aber das Gleichgewicht nur im Geringsten gestört, so geht solche Störung ja auch auf die Bewegung über und bewirkt mit der Zeit immer mehr sich häufende Unordnungen fürs Erste in der Temperatur und fürs Zweite in dem Umschwung selbst, welcher entweder beschleunigt oder verzögert wird. Wenn aber solche Unordnungen um euch her durch eure eigene Ungeschicklichkeit entstehen müssen, wann wollt ihr dann erst eurem Geist den Aufschwung zu einer höheren Ordnung geben, und durch diese erst in die Weisheit übergehen?“
NS|0|30|10|0|Seht, das wäre ein Beispiel über die Symmetrie. Bevor wir aber solches näher beleuchten wollen, wollen wir noch ein kleines vom eigentlichen Gleichgewicht hinzufügen. Ihr werdet hier zwar sagen und fragen: Was soll denn dieser Weise noch für ein anderes Gleichgewicht haben, als dasjenige, demzufolge er ja ohnehin schon hinreichend die Symmetrie unserer Zimmereinrichtung getadelt hat?
NS|0|30|11|0|Ich sage euch aber: Das war nur eine allerleiseste Anspielung von dem, was ein so recht erzweiser Gürtelbewohner unter dem Gleichgewicht versteht. Das Gleichgewicht geht dort so weit, dass ihr euch davon auf der Erde im eigentlichsten Sinne gar keinen Begriff machen könnt.
NS|0|30|12|0|So wird zufolge des Gleichgewichts das Kleidungsstück, das sie tragen, auf einer allergenauesten Haarwaage gewogen und muss demzufolge, wenn zum Beispiel in einem Haus auch bei hundert Menschen leben, jedermann ein ganz haargleich vollkommen schweres Kleid tragen, und muss sich demzufolge auch jeder gefallen lassen, dass die Kleidungsstücke von Zeit zu Zeit wieder gewogen werden; und wenn es sich da zeigt, dass eines oder das andere um ein oder zwei Sonnenstäubchen geringer ist als das andere, so muss solches außerordentliche Untergewicht sogleich waagerecht ersetzt werden.
NS|0|30|13|0|Hernach wird auch jedermann abgewogen, und der natürlich Schwerste dient da zum Maßstab. Der Leichtere muss sich dann gefallen lassen, stets so viel Gewicht mit sich zu tragen, damit er mit dem Schwersten gleichgewichtig ist. Also ist es auch mit den Weibern der Fall; da auch wird die Schwerste abgewogen, und die Leichteren müssen ebenfalls sich zur Tragung eines Gewichts bequemen, um vollgewichtig zu werden. Die Kinder werden nach gewissen Altersklassen eingeteilt und müssen von einer Altersklasse zur anderen ein bestimmtes Kindergewicht haben, welches aber dadurch erhalten wird, dass den Kindern gleich anfangs ein kleines Bleigewicht gegeben wird, von welchem von Zeit zu Zeit stets nach der Waage etwas genommen wird, damit das erste angenommene Kindesgewicht bis zur nächsten Altersklasse stetig bleibe.
NS|0|30|14|0|Also werden auch die Nahrungsmittel allzeit auf das Genaueste abgewogen und müssen vom Baum überaus behutsam abgenommen werden, und dann allzeit von zwei Menschen genau in ihrer Mitte ins Haus geschafft werden, wo sie dann auf die genaue Mitte eines dazu bestimmten Speisetisches gelegt werden.
NS|0|30|15|0|Sind die Früchte einmal in hinreichender Menge auf dem Tisch in der höchst möglich symmetrischen Ordnung aufgehäuft, sodann kommen zwei Auswäger, welche nach Linien, mit welchen der Speisetisch überzogen ist, sich ganz gleichen Schrittes mathematisch genau gegenüberstellen, und ein jeder nimmt dann gleichzeitig ein Fruchtstück von möglichst gleicher Größe und wägt es genau ab. Sind die ersten zwei Stücke gewogen, so werden sie wieder ganz gleichzeitig aus der Waage genommen und in eine schon zu dem Behuf auf einer Linie befestigte Speiseschale gelegt. Ist die erste Abwägung geschehen, so bewegen sich die Auswäger ganz gleichen Schrittes zu einer anderen Linie und wägen allda wieder eine zweite Portion ab und tun solches so lange, bis alle Speiseschalen gefüllt sind. Sodann bewegen sich die zwei Auswäger wieder geradlinig links und rechts vom Tisch weg und heben ihre Waagen auf dem bestimmten Ort auf.
NS|0|30|16|0|Sodann wird ein Zeichen gegeben, und alles bewegt sich nach den vorgeschriebenen Linien und Kreisen, mit welchen der Fußboden mathematisch genau ausgezirkelt versehen ist, ganz gleichen Schrittes in der möglichsten Ruhe zum Speisetisch hin, allda muss dann wieder ein jedes ganz vollkommen gleichzeitig in die Schale greifen und also auch die Früchte ordnungsmäßig verzehren. Und sind die Früchte verzehrt, so wird dem großen, weisen Geber gedankt, und dann wieder in derselben Ordnung vom Speisetisch hinweggegangen und wird allda geruht.
NS|0|30|17|0|Auf ein gegebenes Zeichen erhebt sich dann wieder alles von den Ruhebänken und bewegt sich gleichen Schrittes paar- und paarweise entweder auf die Galerie des Hauses im Inwendigen oder aber auch manchmal auf die Dachgalerie. Doch jede solche Bewegung muss sehr gleichmäßig geschehen, so dass niemand einen geschwinderen und weiteren Schritt machen darf, als wie solche Schritte schon mit Linien auf dem Boden bezeichnet sind.
NS|0|30|18|0|Solche Ordnung in der Bewegung aber wird nur vorzugsweise im Haus beobachtet und außer dem Haus nur bis zu einem gewissen Kreis. Über diesen Kreis kann dann auch jeder Mensch sich freier und willkürlicher bewegen, und das zwar aus dem Grunde, weil dort der Boden ihrer Welt kein gleichgewichtstörendes, schweres Haus mehr zu tragen hat.
NS|0|30|19|0|Ebenso pedantisch ist auch solche symmetrische und Gleichgewichtsbeobachtung in den Kollegien zu Hause.
NS|0|30|20|0|Seht, aus diesen zwei Beispielen könnt ihr euch nun schon leicht einen Begriff machen, von welcher Art die sämtliche Hausverfassung bei den Bewohnern dieser beiden Gürtel ist. Denn so hat auch jede andere Beschäftigung und Einrichtung den abgemessensten und abgewogensten Takt, welche häusliche Verfassung dann, wie gesagt, einerseits betrachtet höchst monoton und einfach aussieht, anderseits aber ist sie wieder so kompliziert, dass darüber eure größten Weisheitspedanten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden.
NS|0|30|21|0|Ihr wundert euch wohl darüber und sagt: „Welch ein bedeutender Grad von Narrheit gehört da dazu, um solche Regeln sogar in das Fach der häuslichen Verfassung zu ziehen!“ – Aber Ich sage euch, dass ihr da einen ungerechten Tadel führt; denn solches ist die Natur aller Weisheit an und für sich, wenn sie nicht auf der Grundfeste der Liebe beruht.
NS|0|30|22|0|Geht nur einmal in die Wohnung eines echten Erzgelehrten und beobachtet da sein Tun und Treiben; lasst euch auch die Ursache angeben, warum ein Stück da und das andere dort angebracht ist. Und wenn ihr es nur versteht, den gelehrten Mann bei seiner schwachen Seite zu packen, so werdet ihr Wunder erleben, wie euch dieser eine Ursache um die andere mit geschichtlicher und mathematischer Würde und Genauigkeit wird darzustellen wissen.
NS|0|30|23|0|Wann ihr irgend etwa einen alten, zerschlagenen Topf in einem Winkel seines Zimmers zufällig erblicken werdet, und werdet den gelehrten Mann darüber fragen, ob solches auch von irgendeiner Bedeutung sei, so wird er euch zuerst mit der Geschichte dieses Geschirrs bekannt machen, wie selbes allenfalls Alexander der Große gebraucht hatte, da er den von seinem Leibarzt verordneten Heiltrank zu sich nahm, als er gegen Persien zog. Dann wird er euch die ganze Trauscendentenfolge [Reihe von Eigentumsübertragungen] dieses merkwürdigen Gefäßes kundgeben und endlich, wie es in seine Hände gekommen ist.
NS|0|30|24|0|Wenn ihr ihn aber dann fragen werdet und sagen: „Wie aber können Sie eine so überaus merkwürdige und schätzbare Antiquität in einen so unansehnlichen freien Winkel des Zimmers hinstellen, während man es doch in goldenem Futteral in einem allergeheimsten Schatzkasten aufbewahren sollte?“, so wird euch der Gelehrte sogleich mit der größten geschichtlichen und mathematischen Gewissheit darzutun wissen, dass dieses Gefäß Alexander der Große, wie er aus selbem den Trank geleert, in eben den Winkel seines Gezeltzimmers hingestellt hat, wie es sich jetzt allhier befindet, und dass der ausgebrochene Scherben noch daher rühre, wie Alexander der Große dieses Gefäß bei einer unvorsichtigen Wendung mit seinem Fuß lädiert habe.
NS|0|30|25|0|Seht, solche Sprache würde ein solcher Gelehrter schon bei einem zerbrochenen Topf führen, welcher sicher alles eher aufzuweisen hat, als dass er einst dem König der Mazedonier sollte gedient haben. Möchtet ihr ihn um ein Stück fragen, welches noch so unordentlich und bestaubt in einem anderen Winkel des Zimmers liegen möchte, so wird er euch jede Falte genau zu erklären wissen und selbst den Staub, der auf demselben rastet, dass ihr euch darüber erstaunen würdet.
NS|0|30|26|0|Aus dem aber könnt ihr ja ganz leicht schließen, wie da für sich geartet ist die Weisheit und somit alle ihre Produkte [beschaffen sind], wenn sie, wie schon bemerkt, nicht den gerechten Grad der Liebe zum Grunde hat.
NS|0|30|27|0|Solches habe Ich euch nun kundgegeben, damit ihr daraus die häusliche Verfassung unserer beiden Gürtel-Bewohner abnehmen, zugleich aber auch daraus ersehen könnt, wie an und für sich die Weisheit geartet ist. Denn weil eben Meine Ordnung und Meine Weisheit unendlich und unergründlich ist, so bleibt den alleinigen Weisheitskrämern nichts anderes übrig, als eine für euch unberechenbare Versteigung in allen ihren Elementen.
NS|0|30|28|0|Dass demnach solche Erscheinlichkeiten einem Liebeweisen absurd und lächerlich vorkommen müssen, solches ist ja ebenso begreiflich, als wie es jedermann begreiflich lächerlich vorkommen müsste, wenn er einen wirklichen Esel in einer römischen Toga erblicken möchte. Denn wahrlich ist ein solcher pur weise sein wollender Tropf in geistiger Hinsicht um kein Haar besser anzuschauen, als ein solcher betogter Esel auf einer Redebühne.
NS|0|30|29|0|Nächstens wollen wir dann den geistigen und religiösen Teil noch in Augenschein nehmen und uns sodann behände auf einen anderen Gürtel schwingen. Und daher gut für heute!
NS|0|31|1|1|Die Schulen auf dem ersten Nebengürtelpaar. Die vorbildliche geistige Ausbildung
NS|0|31|1|1|(Am 19. September 1842 von 3 1/4 bis 5 1/2 Uhr nachmittags.)
NS|0|31|1|0|Was da betrifft die geistige Verfassung, so wird bei den Bewohnern dieser Gürtel alles darunter verstanden, was der Mensch erlernen muss, bis er es zu einem vollkommenen Weisen bringt.
NS|0|31|2|0|Um sonach diese geistige Verfassung näher kennenzulernen, braucht man nichts anderes zu beobachten als allein nur die zu erlernenden Materialien; sind diese bekannt, so ist auch die ganze geistige Verfassung so gut wie vollends bekanntgegeben, besonders wenn bei ein oder dem anderen Material noch kurz hinzugefügt wird die Art zu lehren und zu erlernen.
NS|0|31|3|0|Was ist hernach aus den vielen Lehrmaterialen das Grundmaterial, wonach alle anderen gewisserart taxiert werden? Dieses Grundmaterial wird besonders in dieser eurer Zeit auch bei euch von Seite der gelehrten Welt als der Grund aller Wissenschaft betrachtet. Bei euch aber heißt dieses Material Mathematik oder die Rechenkunst. In unserem Gürtel aber wird ebendiese Wissenschaft die Innehaltung genannt.
NS|0|31|4|0|Diese Wissenschaft wird dort zuallererst und fortwährend auch bis zur letzten Ausbildung des Geistes gelehrt. Darnach muss dann ein jeder Mensch ein jedes Ding genau maßgeblich bestimmen können und muss sich das zur größten Leichtigkeit machen, in einem jeden noch so ungestalteten Objekt eine runde Zahl zu finden, welche als ein Grund der ganzen Form eines Objektes nach ihrer Bestimmung ist. Denn sie sagen: Es nützt keine Berechnung einer Größe etwas, wenn man die Wurzelzahl derselben nicht kennt.
NS|0|31|5|0|Daher beruht darin eine Hauptübung, dass die Schüler sich nach dem vorhergegangenen Elementarunterricht mit dem freien Auge müssen zu üben anfangen, den kubischen Inhalt und so auch die Quadratoberfläche eines jeden wie immer gestalteten Objekts durch das bloße Anschauen zu bestimmen und sodann aus dieser [bestimmten Zahl] die Einheit zu finden. Ihr könnt versichert sein, diese Menschen erlangen in diesem Fach mit der Zeit eine solche Fertigkeit, dass sie durch einen nur flüchtigen Blick jeden kubischen Inhalt bis zu dem Minimum bestimmen können, und so auch die Höhe eines jeden vor ihnen liegenden Berges mit großer Genauigkeit. Ja sie sind in der Bestimmung sogar ferner Weltkörper so scharfsinnig, dass sie mit einem Blick eine größere und richtigere Berechnung machen, als eure scharfsinnigsten Astronomen solches kaum im Verlauf von mehreren Jahrzehnten imstande sind.
NS|0|31|6|0|So können sie auch jede Zahl in ebenso kurzer Zeit zu jeder noch so großen Potenz erheben und wissen selbst die gebrochenen oder unerfüllten Zahlen so zu teilen, dass sie endlich dieselben dennoch zu einem geraden Bruch bringen. Die Ursache liegt darin, weil sie wie lebendig in alle Zahlenverhältnisse schon von Kindheit auf eingeboren sind.
NS|0|31|7|0|Eine gleiche Fertigkeit haben sie dann auch in der Bestimmung des Gewichtes und in der Bestimmung des Ebenmaßes. Ich brauche euch hierin nicht weiter zu informieren; denn aus dem Gegebenen kann es euch hinreichend klar sein, worin die Grundwissenschaft dieser Bewohner besteht, wie sie gelehrt und endlich gehandhabt wird.
NS|0|31|8|0|Und so wollen wir uns denn auch sogleich zu einer anderen Materie hinüberwenden, und diese besteht in einer Art Architektur, welche dann der Grund ist zur eigentlichen Baukunst.
NS|0|31|9|0|Diese Art Architektur besteht aber darin, dass da die Schüler aus allerlei massiven Figuren, welche an und für sich ganz unsymmetrisch geformt sind, allerlei vollkommen symmetrische Figuren zusammenstellen und endlich sogar aufbauen müssen, welche Bauten zusammengestellt werden, und das so fort, bis irgendeine vollkommene Gestalt, entweder eines Wohnhauses, eines Hauptkollegialhauses, eines Archivs, eines Theaters oder noch eines anderen hier üblichen Gebäudes, es versteht sich von selbst, in kleinem Maßstab zuwege kommt.
NS|0|31|10|0|Haben die Schüler diese lockere Bauart in kleinem sich eigen gemacht, so werden sie dann mit der festen Bauart bekannt gemacht. Haben sie sich endlich solches ebenfalls vollkommen zugeeignet, sodann werden sie zu den Verzierungen und von diesen zur nötigen und zweckmäßigen Möblierung eines oder des anderen Gebäudes geleitet.
NS|0|31|11|0|Können sie nun das alles in gerechter Fertigkeit, sodann fangen sie erst an, gewisserart Lesen und Schreiben zu lernen; welches aber an und für sich nichts anderes ist, als bei euch, freilich wohl in sehr ungeschicktem Sinne dagegen genommen, das Zeichnen und Malen. Das Lesen aber besteht in dem, dass sie sich müssen mit den Entsprechungen aller der sichtbaren Dinge bekannt machen und sonach aus der Figuration eines jeden Dinges den inneren Sinn erkennen, und müssen dann durch eigene Zusammensetzung der verschiedenen Dinge einen neuen, willkürlichen Sinn in dieselben legen können. Erstens lernen sie also das Lesen und zweitens das Schreiben.
NS|0|31|12|0|Sind sie in diesen beiden Fächern fest, sodann werden sie zur Darstellung oder gewisserart treuen Kopierung von Wohnhäusern und ganzen Gegenden geleitet.
NS|0|31|13|0|Haben sie auch dieses vollkommen inne, sodann erst werden sie, wenn besondere Talente vorhanden sind, auch zur Poesie hingeleitet, durch welche sie dann gewisserart die Dinge einer inneren Welt auf die weißen Rollbänder darzustellen anfangen. Vollkommene Produkte dieser Art und ihren Zweck haben wir schon bei der Gelegenheit der Darstellung eines Kollegialtheaters kennengelernt.
NS|0|31|14|0|Sind die Schüler auch mit diesem Zweig ihrer geistigen Bildung zu Ende oder sind sie vollkommene Meister dieser Kunst, sodann erst wird die Kraft ihres Willens geprüft. Wer da unter mehreren den stärksten Willen hat, der kommt in die geheime Schule, allda das Wesen der Primitivpflanzung gelehrt wird. In dieser Schule muss er fürs Erste die vollkommene Botanik dieses Gürtels innehaben und muss eine jede Pflanze von der untersten Wurzel bis in ihre Blattspitze atomisch zergliedern können und muss genau wissen, wie die Teile alle zusammenhängen, wodurch sie zusammenhängen und wie das eigentlich Geistig-Substantielle in dem Materiell-Beschaulichen wirkt.
NS|0|31|15|0|Um aber zu diesem höheren Grad der Kenntnis zu gelangen, wird ein jeder Schüler vorerst zur anhaltenden Beschauung seiner selbst gewiesen und geleitet. Denn niemand kann aus seiner Materie das Geistige in einer anderen Materie schauen, bevor er nicht sein eigenes Geistiges absolut gemacht hat. Hat dann jemand sich selbst erkannt und sich gewisserart in sich selbst gefunden, so wird er dann erst weitergeleitet, und es wird ihm da gezeigt, dass nun nicht mehr seine Materie wirken darf; sondern ein solcher Schüler muss anfangen geistig zu wirken sich anzugewöhnen.
NS|0|31|16|0|Anfangs werden ihm nur kleine Proben gezeigt, wo der Geist absolut ohne Beihilfe der Materie wirkt. Von da wird dann der Geist immer weiter- und weitergeleitet und gelangt endlich zu der wunderbaren Vollkommenheit, dass er in seiner Absolutheit in einem Augenblick mehr wirkt als durch die Materie in einem langgedehnten Zeitraum.
NS|0|31|17|0|Und es wird dabei auch einem jeden solchen Schüler klärlichst dargetan, dass auch jede äußere Handarbeit im Grunde doch nur eine Arbeit des Geistes ist; nur kann der Geist mit einer solchen Arbeit nicht so schnell fertig werden, weil er an der eigenen Materie ein großes Hindernis hat. Wenn er aber auf die bestimmt weise Art dieses Hindernis besiegt hat, so kann er dann in seiner Absolutheit auch umso kräftiger und schneller wirken, weil er an der eigenen Materie kein Hindernis hat.
NS|0|31|18|0|Warum kann dann der Geist desto schneller und kräftiger und bestimmter wirken als mit Hilfe seiner Materie? Weil seine Materie die hartnäckigste ist, und darum die hartnäckigste ist, weil sie einen vollkommenen Geist fesselt. Ist er aber ein Meister dieser seiner eigenen Materie geworden, so wird er hernach wohl auch ein Meister jeder anderen Materie sein, die da ums Unaussprechliche schwächere und unvollkommenere Geister fesselt, als er selbst es ist.
NS|0|31|19|0|Hat ein solcher Schüler sich solches alles werktätig, oder wie ihr zu sagen pflegt, praktisch eigen gemacht, sodann erst wird er in die tiefere Kenntnis des göttlichen Geistes und Dessen ewigen Willens eingeleitet, und wird ihm die mögliche Art und Weise gezeigt, wie sich ein jeder in sich selbst freigewordene menschliche Geist mit dem ewigen, unendlichen Geist Gottes in die wirkende Verbindung setzen kann nach seiner freien Willkür, insoweit es der göttlichen Ordnung angenehm ist.
NS|0|31|20|0|Nach solcher praktischen Erkenntnis werden die Schüler auch mit der Liebe dieses ewigen Geistes bekannt gemacht, und es wird ihnen gezeigt, dass diese allein das Bindungsmittel des menschlichen Geistes mit dem Göttlichen ist.
NS|0|31|21|0|Wenn der Schüler nun solches alles tatsächlich in sich aufgenommen hat, sodann erst wird ihm von dem weisen Lehrer der Pflanzstab und Wasserkrug gereicht, und er versucht dann ebenfalls die Pflanzung der ersten Art, welche wohl jedem so geleiteten Schüler zumeist auf den ersten Versuch schon ganz wohl gelingt.
NS|0|31|22|0|Mit diesem geistigen Zweig aber hat dann auch alle Schule auf diesem Gürtel ein Ende; denn ein also gebildeter Geist blickt dann in alle Fächer mit solcher Klarheit, dass darüber ein jedes Wort von ihm so gut wie eine vollbrachte Tat ist, und hat demnach keiner in irgendetwas mehr eines Unterrichtes vonnöten, indem in diesem Zustand dann ein jeder Geist forthin in allem Ferneren vom Geist Gottes Selbst gelehrt wird.
NS|0|31|23|0|Eine solche Pflanzschule würde auch auf eurem Erdkörper von besserer Wirkung sein als alle Gymnasien, Lyzeen, Universitäten und geistlichen Seminare, nach deren abgelaufener Zeit die Zöglinge wohl mit einem zeremoniellen heiligen Geist, aber nicht mit dem wahren heiligen Geist des vollkommenen inneren Lebens beteilt werden, darum dann aber auch hernach ihre Werke sind wie der Geist, den sie empfangen haben. Und doch sage Ich euch: Es würde diese Schule zum Empfang des wahren lebendigen Geistes bei weitem weniger kosten, als die Schule zum endlichen Empfang eines toten Geistes, der nichts ist, nie etwas war, und auch ewig nie etwas werden wird. Es bestehen zwar wohl schon hier und da auf dieser Erde kleine Anfänge und werden mit der Zeit größer und größer werden, aber unverhältnismäßig groß ist daneben noch die harte Schule der Steine; ihr versteht, was Ich damit sagen will.
NS|0|31|24|0|Doch wir sind jetzt in unserer Sonne, und so wollen wir auch allda mit der Bemerkung unsere geistige Bildung beschließen, dass eben eine solche geistige Bildung auch im südlichen Gürtel ganz vorzüglich gehandhabt wird. Der Unterschied besteht bloß darin, dass sie im südlichen Gürtel allgemeiner ist als im nördlichen.
NS|0|31|25|0|Nun wisst ihr das ganze Wesen des geistigen Verhältnisses; und so wollen wir nur noch fürs nächste Mal die mit diesem geistigen Verhältnis eng verbundene Religion vornehmen, welche euch sicher nicht unbefriedigt lassen wird. Und somit gut für heute!
NS|0|32|1|1|Gottesdienst und Eheschließung auf dem ersten Nebengürtelpaar
NS|0|32|1|1|(Am 20. September 1842 von 4 1/4 bis 6 1/2 Uhr abends.)
NS|0|32|1|0|Was die Religion betrifft, so gibt es in diesen beiden Gürteln durchgehends keinen zeremoniellen oder gewisserart äußerlich sichtbaren Religionskultus; denn davon sind die Bewohner dieser Gürtel die abgesagtesten Feinde, weil sich nach ihren höchst ordnungsmäßig abgewogenen Grundsätzen etwas äußerlich Materielles ebenso wenig mit einem allerpurst Geistigen verbinden ließe, als die Zahl zwei mit der Zahl sieben.
NS|0|32|2|0|Aus diesem Grunde dann wird niemand etwas erblicken, was ihm äußerlich hin genommen irgendeinen Anstoß auf etwas Höheres geben könnte. Aus diesem Grunde auch gibt es bei ihnen keine sogenannte Feier- oder Sabbatzeit.
NS|0|32|3|0|Und aus ebendemselben Grunde haben diese Bewohner auch durchaus weder eine noch die andere Art von Zeitmessungen und bestimmen daher nie einen Zeitraum. Denn sie sagen: Die Zeitbestimmung liegt in den Händen des höchsten Geistes, der Mensch aber soll nicht messen, wozu ihm Gott, der Allerhöchste, keinen Maßstab gegeben hat. Und sie sagen ferner: Unsere Welt hat der große Weltenbaumeister ausgedehnt vor uns und hat durch die Flächen jedermann einen Wink gegeben, dass er dieselben messen soll. Aber für die Dauer hat Er nirgends einen Maßstab gesetzt; daher soll der Mensch auch nicht dieselbe eigenmächtig zerschneiden. Er hat uns zwar einen Maßstab gegeben, dieser Maßstab ist jedem das eigene Leben. Weiter hat Er noch einen großen Maßstab gezogen über das weite Himmelsgezelt; nach diesem Maßstab bewegen sich ferne Welten, und unsere eigene Welt richtet sich in ihrem Lauf selbst nach diesem großen Maßstab. Aber uns hat Er weder für den einen noch für den anderen Maßstab einen Zirkel in die Hand gegeben, dass wir denselben einteilen und bemessen könnten.
NS|0|32|4|0|Aus diesem Grunde kümmern sich dann die Bewohner dieses Gürtels gar nicht um die Zeit. Bei manchen geht solches so weit, dass sie nicht einmal wissen, welches ihrer erwachsenen Kinder das ältere ist. Das Alter bestimmen sie dort bloß nach der Reife des Geistes, hier und da wohl auch nach dem Gewicht des Leibes.
NS|0|32|5|0|Dass dann aus diesem Grunde von einem sogenannten Sabbat keine Rede ist, werdet ihr aus dem bereits Angeführten leicht entnehmen können.
NS|0|32|6|0|Worin besteht denn hernach die Religion, wenn wir dem Außen nach nirgends etwas erblicken, was uns an dieselbe gemahnen sollte? Bei diesen Bewohnern ist alles, was sie tun, von ihren Grundsätzen aus betrachtet, ein Gottesdienst. Zu diesem Gottesdienst haben und lehren ihre Weisen allen Menschen dieser Gürtel folgenden Grundsatz: Wir sind nicht durch uns selbst geworden, sondern die Kraft der allerhöchsten Weisheit Gottes hat uns also gestaltet und auf diesen Boden gestellt. Ebendiese Kraft erhält und leitet uns beständig, und wir sind fortwährend in ihrer allerhöchst weisesten Hand. Wenn uns aber diese Kraft also gestaltet hat, uns nun beständig erhält und führt, und ist allzeit unser wohl bedacht, – wie und wann sollten wir denn ein Werk verrichten, ohne dass wir bei jeder unserer Wendungen daran erinnert werden, dass wir sie nur zum Dienste Desjenigen verrichten müssen und auch allzeit verrichten wollen, der uns mit jeder möglichen Tatkraft fortwährend versieht.
NS|0|32|7|0|Daher soll nie jemand daran gedenken, als täte er etwas für sich, sondern was er tut, das tue er für Den, der ihn mit Tatkräften versehen hat und fortwährend versieht. Die Weisheit und getreue Handlung darnach ist der wahre Gottesdienst. Daher soll jeder dasjenige unverzüglich tun, was er in der Ordnung seiner Weisheit als vollkommen der Ordnung gemäß erkannt hat. Und so wollen wir allzeit Dem dienen, in dessen allerhöchster Weisheit die Absicht zugrunde gelegen ist, dass Er für uns solche Zwecke gestellt hat, durch welche wir nach der erkannten Ordnung ebendieser Seiner höchst vollkommenen Absicht entsprechen sollen.
NS|0|32|8|0|Daher sollen wir Gott mit jedem Hauch aus unserer Lunge dienen. Und jeder unserer Schritte soll wohl abgemessen und wohl abgewogen sein. Denn aus allem erkennen wir, dass Gott in Sich Selbst die allervollkommenste Ordnung ist.
NS|0|32|9|0|Wer demnach in all seinem Wirken dieser Ordnung entspricht, der dient Gott, wer aber diese Ordnung leichtfertig übertritt und nicht vor Augen hat das Maß seiner Schritte und das Maß seiner Hände, der ist gleich einer unsinnigen Frucht, welche ihre Wurzelfasern möchte in die Luft stoßen, die Äste aber ins Erdreich schlagen. Es werden wohl mit der Zeit auch die Äste im Erdreiche Wurzel treiben; aber die in die Luft gekehrten Wurzeln werden sich dennoch nicht in die Äste verwandeln und irgendeine dienliche Frucht bringen.
NS|0|32|10|0|Wie aber jemand, da er noch ein Kind ist, nur kleine Schritte macht und kann mit seinen Füßen noch kein Maß treffen, indem diese noch kein Maßverhältnis an und für sich haben und für eine gerechte Bewegung zu schwach sind; – wann aber das Kind die Vollreife erlangt hat und ist männlich geworden in allem, sodann auch haben seine Füße das rechte Maß überkommen, mit welchem er die großen Flächen übermessen kann. Also muss auch ein jeder Mensch mit seiner eigenen Schwäche anfangen und muss sich selbst mehr und mehr zu bemessen imstande sein. Hat er sein eigenes Maß vollends gefunden, so wird er dann auch mit diesem richtig gefundenen Maß das göttliche Maß bemessen können.
NS|0|32|11|0|Das Maß aber ist die Ordnung; bevor jemand nicht seine eigene Ordnung erkannt hat, kann er auch nicht die allerhöchste Ordnung Gottes erkennen. Erkennt er aber diese nicht, so ist all sein Tun eitel; denn wie könnte da eine Handlung einen Wert haben, wenn sie von jemand verrichtet würde, der da nicht wüsste, was er täte?
NS|0|32|12|0|Daher solle niemand etwas tun, wofür er kein Maß hat. Hat er aber das geistige Maß, so tue er darnach; denn das richtige Maß ist die Ordnung Gottes, nach der ein jeder zu handeln berufen ist.
NS|0|32|13|0|Seht, das ist der eigentliche Hauptgrundsatz bezüglich der Religion dieser Gürtelbewohner. Sie sind demnach beständige Diener Gottes, und die ganze Lebensdauer ist für sie sonach ein ununterbrochener Sabbat.
NS|0|32|14|0|Aus diesem Grunde ist auch ihre ganze Haushaltung und ihre Bewegung also abgemessen. Weil sie Gott als die höchste Ordnung erkennen, so wollen sie derselben auch mit gar nichts zuwiderkommen.
NS|0|32|15|0|Nur einen einzigen Akt könnten wir gewisserart als eine religiöse Zeremonie betrachten, und das ist der Akt der ehelichen Verbindung zwischen zwei Gatten. Wenn sich nämlich zwei Gatten verbinden wollen, so geschieht dieses auf folgende Art: Zuerst sucht der Mann sich ein äußerlich wohlgestaltetes Wesen; und hat er irgendein solches gefunden, so begibt er sich sogleich zu den Eltern eines solchen weiblichen Wesens und sagt zum Vater, der zu dem Behuf aus dem Haus dem Bewerber unter das Angesicht zu treten aufgefordert wird: „Ich habe das Angesicht deiner Tochter angesehen; es hat mir wohlgefallen. So du es willst, da lass mich prüfen die Ordnung ihres Herzens.“
NS|0|32|16|0|Und der Vater nähert sich dann dem Bewerber: „Zeige mir das Maß deines Fußes und das Maß deiner Hand, und ich will dich dann führen in mein Haus und will dich sehen lassen das ganze Maß meiner Tochter.“ Hier streckt dann allzeit der Bewerber seine Hände aus und ebenso auch, wie weit es nur immer tunlich ist, seine Füße. Der Vater misst dann die Hände und die Füße; und hat er das Maß für gut befunden, so führt er mit wohlgemessenen Schritten den Bewerber in seine Wohnung und lässt ihn erkennen das Maß seiner Tochter.
NS|0|32|17|0|Entspricht nun dieses Maß dem Maß des Bewerbers, so gibt der Vater seine Tochter ohne den allergeringsten weiteren Anstand dem Bewerber. Hat aber das Maß nicht übereingestimmt, sodann tritt der Bewerber selbst sogleich zurück; denn das Maß der Tochter war gegen das seinige von einem ungeraden Verhältnis.
NS|0|32|18|0|Wenn aber der Bewerber bei guten Maßverhältnissen die Braut genommen hat, so führt er sie sogleich außer den euch schon bekannten Kreis der strengen Ordnung und erwartet allda das ganze, bald nachfolgende Völklein eines solchen Hauses.
NS|0|32|19|0|Wenn dieses auch außer den strengen Kreis gekommen ist, sodann lassen sich bald alle zur Erde nieder und loben den großen Gott, dass Er den Bräutigam eine wohlgeordnete Braut hat finden lassen. Nach solchem Lob erheben sich wieder alle, und der Vater legt dem neuen Brautpaar seine Hände auf und spricht zu ihm: „Die Ordnung Gottes hat euch zusammengeführt; in dieser Ordnung verbleibt auch fürder allzeit und ewig! Und so euch Gottes Weisheit Nachkommen verschaffen wird, da leitet sie in dieselbe Ordnung, durch welche ihr selbst zu einer Ordnung geworden seid.“
NS|0|32|20|0|Darauf begibt sich der Vater mit seinem Völklein wieder in seine Wohnung; und der Bräutigam führt seine Braut in die Wohnung seiner Eltern. Wenn er bis zum Ordnungskreis gekommen ist, begeben sich sobald dessen Eltern und Geschwister mit offenen Armen zu ihm hin und führen das Brautpaar in die Wohnung.
NS|0|32|21|0|Auch hier legt der Vater dem Brautpaar seine Hände auf und spricht dieselben Worte über dasselbe, welche zuvor der Vater der Braut gesprochen hat. Sodann wird Gott wieder ein Lob dargebracht, und wird sodann ein wohlgeordnetes Mahl eingenommen.
NS|0|32|22|0|Nach dem Mahl aber begibt sich der Bräutigam mit seiner Braut in Begleitung seiner Eltern, wenn sie noch leben, sonst aber auch mit einem Bruder und einer Schwester, in ein Kollegium, das nämlich dasjenige ist, zu dessen Gebiet ein solcher Landbewohner gehört. Alldort bekommt dieses neue Brautpaar von dem obersten Weisen einen neuen Namen und ihm wird auch angezeigt, allwo es sich ein neues Besitztum errichten mag.
NS|0|32|23|0|Das Brautpaar aber verbleibt dann so lange, sich geistig und äußerlich vergnügend, in einem solchen Kollegium, bis durch die weisen Bauleute eines solchen Kollegiums ein Wohnhaus samt Besitztum vollendet ist. Sodann wird das Brautpaar mit allerlei Fruchtreisern versehen und begibt sich dann unter der Begleitung verschiedener Weiser in die neue Wohnung, und wird sodann vom Kollegium so lange mit Nahrung versehen, bis die eigene Anpflanzung hinreichende Früchte abwirft, wozu gewöhnlich nach eurer Zeitrechnung etwa ein Zeitraum von höchstens einem Jahr erfordert wird.
NS|0|32|24|0|Die beiden Eltern oder auch Geschwister aber kehren sobald wieder in ihre Heimat zurück, als der oberste Weise das Brautpaar übernommen hat. In den Wohnungen besuchen sich dann weder Kinder und Eltern noch andere Nachbarsleute; wohl aber zu öfteren Malen entweder in den Kollegien oder auf den freien Räumen vor den Wohnhäusern und sind da allzeit fröhlicher Dinge, wenn sie sich wiedersehen.
NS|0|32|25|0|Seht, diese Zeremonie kann in gewisser Hinsicht einzig und allein ein äußerer, sichtbarer Religionskultus genannt werden, und das darum, weil da eine Handlung geschieht, die vorerst ein äußeres Maß zum Grunde hat; denn bei einer jeden anderen Handlung müssen zuerst die inneren Gedanken und Gefühle geprüft werden, bevor erst zu einer äußeren Handlung geschritten wird, welche aber dennoch an und für sich zumeist so beschaffen ist, dass sie vielmehr von einer inneren, geistigen Tätigkeit abhängt, als von der Tätigkeit der Hände.
NS|0|32|26|0|Ihr möchtet wohl auch hier von der Zeugung der Kinder und vom endlichen Sterben der Menschen noch etwas vernehmen; doch für diesen Doppelakt verweise Ich euch auf den Mittelgürtel der Sonne. In dem gleichen die beiden Nebengürtel völlig diesem und die beiden Nebengürtel sich auch vollkommen. Und so wüssten wir demnach auch alles Denkwürdige, was diese beiden Gürtel betrifft, und wollen uns daher fürs nächste Mal sogleich zu den beiden Nachbargürteln wenden. Und somit gut für heute!
NS|0|33|1|1|Das zweite Nebengürtelpaar entsprechend der Erde
NS|0|33|1|1|(Am 22. September 1842 von 3 3/4 bis 6 1/2 Uhr abends.)
NS|0|33|1|0|Was da diese beiden Nachbargürtel betrifft, so sind sie ebenfalls von den zwei vorhergehenden Gürteln durch einen unübersteigbar hohen Gebirgsring getrennt. Von diesem Gebirgsring laufen dann in den zu beschreibenden Gürtel nach allen Richtungen Gebirgszüge und verbinden sich sogar hier und da mit dem nächsten Gebirgsring, der den dritten Gürtel von diesem zweiten scheidet.
NS|0|33|2|0|Dieser Ring oder Landesgürtel ist bedeutend schmäler als die zwei vorhergehenden; dafür entspricht aber auch der nördliche wie der südliche nur einem einzigen Planeten.
NS|0|33|3|0|Ein ununterbrochen fortlaufendes Gewässer befindet sich in diesen beiden Gürteln nirgends. Aber große und weitgedehnte Seen gibt es bedeutend viele, wie auch große Ströme und Flüsse. Besonders ist der südliche Gürtel ums Bedeutende wasserreicher als der nördliche. Also hätten wir demnach schon eine allgemeine Vorstellung dieser beiden Länder.
NS|0|33|4|0|Wir haben aber bei den vorhergehenden beiden Gürteln gesehen und vernommen, dass sie entsprechen dem Planeten Merkur und dem Planeten Venus. Welchem Planeten aber entsprechen demnach diese beiden Gürtel?
NS|0|33|5|0|Um diesen Planeten auf eurer Erde zu entdecken, werdet ihr eben nicht nötig haben, zu starken Schauwerkzeugen eure Zuflucht zu nehmen; denn auf diesen Planeten könnt ihr fürwahr mit eurer Nase stoßen, da es der nämliche ist, der euch trägt. Also eure Erde ist der entsprechende Planet für diese beiden Gürtel, und zwar der nördliche für die nördliche Erdhälfte, und der südliche für die südliche Erdhälfte.
NS|0|33|6|0|Wollt ihr nun die Einrichtung dieser beiden Gürtel mit einem Blick erschauen, so tragt nur alle die sämtlichen Situationen in staatlicher und persönlicher Hinsicht eurer Erde auf diese beiden Gürtel über, und ihr seid wie auf eurem eigenen Grund und Boden zu Hause. Nur müsst ihr den gerecht kultivierten Teil eurer Erde nehmen, und denselben sowohl von der nördlichen als südlichen Erdhälfte auf unsere beiden Sonnengürtel übertragen, so seid ihr dann vollkommen zu Hause. Denn heidnische Völker mit ihren Hauseinrichtungen werden allda vermisst, also auch die Mohren und mehrere andere dunkelgefärbte Menschengattungen und somit auch alle ihre häuslichen, politischen und religiösen Einrichtungen.
NS|0|33|7|0|Aber also, wie es einst in den guten christlichen Zeiten unter den wahren Christen ausgesehen hat, und wie es ausgesehen hat mit dem israelitischen Volk, da es noch unter Josua stand, so sieht es allda überall aus; und zwar im nördlichen Gürtel gleich wie im guten Christentum auf Erden, und im südlichen Gürtel wie zu Zeiten Josuas unter den Israeliten.
NS|0|33|8|0|Nun, so ihr solches wisst, da werden wir auch mit unseren beiden Gürteln des zweiten Ranges gar leicht fertig werden, denn wenn da alles in der Ordnung sich vorfindet, wie auf eurer Erde, da brauchen wir demnach ja nichts mehr als nur überall des besonders Sonneneigentümlichen zu erwähnen, und wir haben dann alles, was uns zur genauen Erkenntnis dieser beiden Gürtel notwendig ist.
NS|0|33|9|0|Worin besteht denn dieses Sonneneigentümliche zum Unterschied des planetisch Entsprechenden?
NS|0|33|10|0|Dieses Sonneneigentümliche besteht fürs Erste in der mehr vollendeten Vollkommenheit alles dessen, was ihr auf der Erde unter den zwei gegebenen Bedingungen erschauen mögt.
NS|0|33|11|0|Fürs Zweite aber besteht das Unterschiedliche darin, dass es in diesen beiden Gürteln durchaus keine sogenannten Amphibien weder in den Gewässern noch auf dem Land gibt, also auch keine reißenden Tiere. Es gibt wohl Tiere, die den reißenden gestaltlich ähnlich sind; sie sind aber deswegen dennoch von edler und sanfter Art. Und es haben auch sämtliche Tiere gegeneinander keine Waffen wie auf der Erde, sondern sie gleichen in dieser Hinsicht fast alle der Natur der Lämmer und nähren sich vom Gras und von Wurzeln.
NS|0|33|12|0|Fürs Dritte besteht das Unterschiedliche in der Vegetation. Ihr dürftet zwar alle über zweihunderttausend Gras-, Pflanzen- und Gesträuchgattungen antreffen, die da vorkommen auf eurer Erde. Aber alldort sind sie fürs Erste ebenfalls samenlos und wachsen allenthalben auf den ihnen eigentümlichen Plätzen frei aus dem Boden, ungefähr so wie auf eurer Erde das Moos, verschiedene Schwämme und auch einige wenige Pflanzen, besonders an den Äquatorgegenden eurer Erde. Aber dennoch können in diesen beiden Gürteln allsämtliche Pflanzen und Bäume nicht nur durch das Überstecken der Reiser weiterverpflanzt werden, sondern auch durch die Früchte selbst, welche zwar an und für sich sämtlich kernlos sind; also wie es da im Morgenland eine Traubengattung gibt, die ebenfalls kernlos ist. Wenn aber eine oder die andere reife Frucht in den Boden gelegt wird, so wächst aus ihr sobald wieder entweder eine gleiche Pflanze oder ein gleicher Baum.
NS|0|33|13|0|Seht, das ist das eigentlich hauptsächlich Unterschiedliche und Sonneneigentümliche.
NS|0|33|14|0|Was aber da betrifft die Menschen und ihre Verfassungen sowohl in staatlicher, häuslicher und religiöser Hinsicht, so entsprechen sie vollkommen dem, wie es schon vorhinein allhier gezeigt wurde.
NS|0|33|15|0|Ihr fragt: Glauben sie denn an Christus den Gekreuzigten? – Und Ich sage euch: In dem ganzen nördlichen Gürtel kennt niemand einen anderen Gott als allein Christus den Gekreuzigten! Denn solchen haben ebenfalls dieselben Apostel alldort verkündet, die Ihn hier verkündet haben. Nur müsst ihr das dortige Christentum nicht etwa mit hierarchischen Augen betrachten und müsst euch etwa nicht denken, dass es dort also Bethäuser und allerlei müßige und faule Klöster gibt, sondern der ganze Gürtel ist nur eine christliche Gemeinde, welche nur ein Evangelium hat und einen und denselben Christum treulich und wahrlich im Geiste und in aller Wahrheit anerkennt.
NS|0|33|16|0|Der südliche Gürtel unterscheidet sich in der Religion von diesem nur dadurch, dass in solchem die Bewohner auch den alttestamentlichen Vorbau gar wohl kennen zum Hauptbau des Neuen und ewig bleibenden Testaments; während die Bewohner des nördlichen Kreises zwar wohl auch Kenntnisse davon haben, aber sagen: Wir ehren und schätzen zwar alles das, was nur immer auf unseren Herrn eine auch noch so geringe Beziehung hat; aber so wir Ihn Selbst haben, da lassen wir das andere und bleiben bei Ihm! – Daher sind aber auch diese Bewohner des nördlichen Gürtels um vieles weiser als jene des südlichen; denn diese sind im Grund selbst, die anderen aber am Grund, oder diese sind im Tempel und jene noch mehr im Vorhof, oder diese sind in der Liebe und daraus in aller Weisheit, und jene in der Weisheit und daraus erst in der Liebe.
NS|0|33|17|0|Ihr möchtet wohl wissen, ob die Menschen auch hier zu sündigen fähig sind, und ob es demnach auch eine Taufe gibt zur Wiedergeburt und somit auch eine Erlösung vom Tode zur Gewinnung des ewigen Lebens. Solches sind alle Menschen in allen Gestirnen imstande, also auch hier. Denn wo es Wesen in absoluter Freiheit gibt, allda gibt es auch notwendig entweder gelegenheitliche oder für immer bestehende Grundgesetze, durch welche die freien Wesen ja eben erst ihre Freiheit zu erkennen imstande sind. Denn die Freiheit besteht ja nur einzig und allein darin, dass ein frei lebendes Wesen durch ein gegebenes Gesetz erkennt, dass es dasselbe zufolge seines freien Willens beobachten oder nicht beobachten kann. Wenn es aber irgend freie Wesen gibt, deren Wille an irgendein oder das andere freie oder moralische Gesetz gebunden ist, entweder dasselbe zu beobachten oder nicht zu beobachten, so versteht sich ja solches dann von selbst, dass bei solcher Gelegenheit die Sünde oder die Übertretung des Gesetzes überall möglich ist, wo Wesen existieren, die eben eine solche Freiheitsprobe durchzumachen haben.
NS|0|33|18|0|Also kann sich solches wohl auch von unserem Gürtel verstehen. Nur ist zufolge des Ernstes dieser Sonnenbewohner eine Sünde wider das Gesetz der Liebe beinahe noch seltener als bei euch die vollkommene Beobachtung dieses Gesetzes.
NS|0|33|19|0|Wenn es aber dessen ungeachtet doch auch dort hier und da Sünder gibt, so muss es ja auch eine Vergeltung der Sünden geben und somit eine Taufe und eine Erlösung. Die Erlösung aber und die Taufe und die Buße sind dort eins; denn ein jeder Sünder, wenn er zum Gesetz der Liebe zurückkehrt und seinen Fehl bereut und Christus in seinem Herzen ergreift und belebt, so hat er sogleich teil an der Erlösung, wird getauft durch den Geist und erlangt die Wiedergeburt zum ewigen Leben.
NS|0|33|20|0|Solches ist auch im südlichen Gürtel der Fall; nur ist dort zufolge der etwas größeren Üppigkeit des Landes die Sünde etwas mehr gang und gäbe als im nördlichen Gürtel, und die Menschen sind mehr sinnlich als die des nördlichen Gürtels. Seht, das wäre demnach wieder etwas, besonders in jetziger Zeit, stark Unterschiedliches von der Erde.
NS|0|33|21|0|Sonst aber findet sich alles also vor wie auf eurem Planeten. Es gibt sogar Städte und Dörfer und so auch einzeln wohnende Parteien. Ihr würdet euch sogar hoch verwundern, wenn ihr dort die schönsten Weingärten antreffen würdet, und die höheren Gebirge mit allerlei Waldungen überwachsen, bis zu denjenigen Höhen, da zufolge der zu reinen Luft nichts mehr vegetieren kann. Ja sogar den Pflug würdet ihr nicht vermissen, und ebenso wenig die Sichel. Nur müsst ihr euch alles in einem viel vollkommeneren Zustand vorstellen als auf eurem Planeten.
NS|0|33|22|0|Die Menschen selbst sind nicht viel größer als auf dem Planeten Erde; aber sie sind viel schöner und vollkommener. Ihre Tracht ist ganz einfach, ungefähr so wie da dereinst das israelitische Volk bekleidet war.
NS|0|33|23|0|Ihre Verfassung ist rein patriarchalisch und in ausgedehnterer staatlicher Hinsicht theokratisch. Daher aber stehen sie auch in ununterbrochener Korrespondenz mit den Himmeln und haben fortwährend einen sichtbaren geistigen Verkehr. Ja Ich Selbst weile zu öfteren Malen unter den Reinsten und Vollkommensten in der Liebe und Demut!
NS|0|33|24|0|Was ihre Ehen betrifft, so werden diese – wie ihr schon wisst, was das heißt: „eine Ehe im Himmel geschlossen“ – wahrhaft im Himmel geschlossen; das heißt aus der reinen Liebe zu Mir, und werden gesegnet von den Eltern und Engeln in Meinem Namen.
NS|0|33|25|0|Die Zeugung des menschlichen Geschlechtes geschieht hier zwar durch den Beischlaf; aber dieser ist alldort eine Handlung, welche zu den am meisten religiösen, andächtigen und geistigen gehört.
NS|0|33|26|0|Das Absterben ist aber zumeist ein freier Austritt aus dem Leib, welcher aber nach dem Austritt in einem eigens dazu bestimmten Acker beerdigt wird. Die Verwesung geschieht äußerst schnell und ist allzeit mit einem großen Wohlgeruch begleitet, welcher alle Gemüter erheitert und belebt, nachdem er ihnen gewisserart einen Vorgeschmack der rein himmlischen Lüfte bietet.
NS|0|33|27|0|Auch diese Menschen haben keine Feiertage und keine Zeitrechnungen und kümmern sich auch gar wenig um was immer für Geheimnisse in der Natur der Dinge. Denn ihre höchste Weisheit besteht lediglich in dem, dass sie allzeit sagen: So wir Christus haben, da haben wir alles, ohne Den aber sind alle Dinge im unendlichen und ewigen Raum nichts als ein leerer Kreis!
NS|0|33|28|0|Wenn aber jemand von euch dennoch möchte über eines oder das andere von ihnen einen Aufschluss haben, so werden sie solchen auch aus dem tiefsten Grunde zu geben imstande sein, obschon sie durchaus keine Schulen haben. Denn Christus ist ihre ausschließend alleinige Schule; und ihr könnt versichert sein, dass aus dieser Schule die größten Gelehrten hervorgehen.
NS|0|33|29|0|Ihr werdet etwa meinen, allda müssen ja eine Menge trauriger und betschwesterlicher und betbrüderlicher Menschen herumgehen, die sich kaum von der Erde wegzuschauen getrauen. – O mitnichten! Ich sage euch: So fröhliche, heitere und gesellige Menschen findet ihr auf der ganzen Erde nirgends als eben hier. Sie haben sogar Musik und Theater, wie auch große Konzerte; aber freilich wohl alles dieses in einem anderen Sinn wie ihr es zumeist habt. Denn bei all diesen Unterhaltungen ist der Herr der allerleuchtendste Zentralpunkt, um Den sich da alles dreht, während Er bei euch auf der Erde sogar bei den besten Auspizien [Aussichten] daheim gelassen wird; von anderen Verhältnissen gar nicht zu reden!
NS|0|33|30|0|Und so hätten wir in möglichster Kürze auch diese beiden Gürtel vollständig beschaut. Dass aber auch die sonnenklimatischen Verhältnisse in diesem Gürtel nahe ganz dieselben sind wie in den anderen Gürteln, könnt ihr daraus ja sehr leicht abnehmen, weil sie so gut wie die anderen zur Sonnenwelt gehören.
NS|0|33|31|0|Dass demnach auch diese Gürtel reich sind an den verschiedenartigsten und oft wunderbar großen Naturerscheinungen, welche aber nie von verheerender Art sind, braucht kaum erwähnt zu werden. Und so hätten wir auch nichts mehr besonders Denkwürdiges von Seite dieser beiden Gürtel zu erwähnen.
NS|0|33|32|0|Es dürfte vielleicht einmal in euch die Frage entstehen, ob der Mond eurer Erde nicht auch in diesen beiden Gürteln irgendeine Entsprechung findet. Allein solches könnt ihr euch merken, dass da allsämtliche Monde der Planeten in der Sonne durchaus keine Entsprechungen haben. Denn die Monde haben ihre Entsprechungen nur auf den Planeten, zu denen sie gehören.
NS|0|33|33|0|Jetzt sind wir aber auch mit unseren beiden Gürteln vollends zu Ende und wollen uns daher fürs nächste Mal sogleich zum nächsten, also dritten Gürtel wenden. Und somit gut für heute!
NS|0|34|1|1|Das dritte Gürtelpaar. Der nördliche Gürtel entspricht dem Planeten Mars
NS|0|34|1|1|(Am 23. September 1842 von 3 3/4 bis 6 1/2 Uhr abends.)
NS|0|34|1|0|Wie wir schon vorhinein bestimmt haben, also begeben wir uns denn auch nun auf den dritten Gürtel. Dieser Gürtel ist sowohl nördlicher- als südlicherseits der kleinste aus allen und hat von einem Gebirgsgürtel bis zum anderen im Durchschnitt einen Durchmesser von kaum etwas über tausend deutsche Meilen. Aber dessen ungeachtet beträgt sein Kreis noch immer stark über dreimal hunderttausend deutsche Meilen.
NS|0|34|2|0|Auch dieser Gürtel hat nicht ein ununterbrochenes Gewässer; aber dabei dennoch viel größere und weitgedehntere Seen als der vorhergehende.
NS|0|34|3|0|Das Land an und für sich ist weniger gebirgig als alle die anderen, die wir bis jetzt haben kennengelernt, außer gegen die Grenzgebirge, welche natürlicherweise noch bedeutende Ausläufer ins flache Land hinein haben. Diese Ausläufer, nebst einigen mehr unbedeutenden Zweigen von ihnen selbst, sind auch zugleich die einzigen Gebirge, welche dieses Land bedecken, welches dagegen, wie schon bemerkt, zumeist eben ist.
NS|0|34|4|0|Da wir bis jetzt aber gesehen haben, dass da mit Ausnahme des Hauptgürtels alle anderen bisher bekanntgegebenen den Planeten entsprechen, so lässt sich denn doch auch von eurer Seite fragen, ob denn dieser dritte Gürtel nicht auch einem Planeten entspricht. Und Ich sage euch, dass solches alles doch ganz in der Ordnung ist; – und so entspricht dieser Gürtel dem Planeten Mars.
NS|0|34|5|0|Wie aber dieser Planet ein mehr armseliger Planet ist, ja in einer Hinsicht der allerdürftigste aus all den Planeten, so ist auch sein entsprechender Gürtel der am meisten dürftige aus all den anderen Gürteln.
NS|0|34|6|0|Worin aber besteht eigentlich diese Dürftigkeit? Diese besteht etwa nicht so sehr in der geistigen Hinsicht, sondern vielmehr in der naturmäßigen.
NS|0|34|7|0|Denn fürs Erste sind die Menschen von unansehnlicher und wenig schöner Form, sind klein und etwas dick, haben sonst auch durchaus nichts Anziehendes in ihrem Äußeren. Ihre Farbe ist lichtbraun, manchmal aber auch ins ziemlich Dunkle übergehend; ihre physiognomische Bildung hat eine ziemliche Ähnlichkeit mit euren Grönlandbewohnern, einigen Lappländern und Eskimos. Jedoch ihre Kleidung hat nicht Ähnlichkeit mit der Kleidung der soeben genannten Völker eurer Erde, sondern besteht in einer Art Schürze, welche um den Hals gebunden wird und reicht von da über den ganzen Leib in mehreren Falten bis unter die Knie und hat sowohl für den Mann als für das Weib eine und dieselbe Form. Für die beiden Hände sind bloß auf den beiden Seiten zwei Öffnungen gelassen, damit die Menschen durch dieselben ihre Hände zu irgendeiner Arbeit herausstrecken können; wenn sie aber keine Arbeit haben, da ziehen sie ihre eben nicht gar zu reizend aussehenden Arme wieder unter den Mantel. Das ist sonach die erste Dürftigkeit.
NS|0|34|8|0|Fürs Zweite aber besteht die Dürftigkeit in der Vegetation und im Tierreich. Denn die Vegetation ist bloß auf einige wenige Gattungen unansehnlicher Fruchtbäume beschränkt, deren Pflege den Bewohnern dieses Gürtels eine notdürftige Nahrung abwirft. Das Gras dieses Gürtels, welches aber selbst noch sparsam vorkommt, gleicht ungefähr jenem Moos auf eurer Erde, welches ihr nicht selten auf manchen alten Bäumen oder dann und wann auch auf den alten Strohdächern ärmlicher Landmannshütten erblickt.
NS|0|34|9|0|Der Boden selbst ist hier schon ziemlich fest und mitunter auch sehr steinig und sandig, besonders an den Ufern der bedeutend großen Seen und Flüsse.
NS|0|34|10|0|Das Tierreich aber besteht in einer einzigen Gattung Schafe, welche ungefähr dem euch nicht unbekannten Elentier Sibiriens gleichen. Dieses Tier versieht sie mit einer ziemlich wohlschmeckenden Milch, und aus seiner sehr feinen Wolle bereiten sie sich ihre nötigen Kleider. Dann existiert noch eine Wurmgattung, die sich von dem Gras nährt. Diese Wurmgattung hat ungefähr die Eigenschaft eurer Seidenraupe und spinnt lange Fäden über dem Boden hin, ungefähr also wie die Spinne bei euch. Diese Fäden sammeln die Bewohner dieses Gürtels ebenfalls und verfertigen daraus einen Stoff, den vorzugsweise das weibliche Geschlecht zu seinen Mänteln verwendet.
NS|0|34|11|0|Die Luft ist nur von einer einzigen Vogelgattung belebt; aber diese ist ziemlich häufig. Die Einwohner halten diese Vogelgattung auch gezähmt und benutzen die Federn zur Bereitung ihrer Ruhebänke, welche in nichts anderem bestehen als in einem kleinen, von der Erde aufgeworfenen Wall, über welchen diese Federn gelegt werden und hernach zugedeckt mit dem Zeug, aus welchem sie auch ihre Mäntel bereiten.
NS|0|34|12|0|Aber so ziemlich belebt sind dabei die Wässer, welche von den Gürtelbewohnern mittels kleiner Fahrzeuge an den Ufern herum befahren werden. Das wäre sonach wieder eine naturmäßige Dürftigkeit.
NS|0|34|13|0|Fürs Dritte aber besteht die Dürftigkeit auch noch in den Wohngebäuden; denn diese bestehen gewöhnlich aus einer Art nischenartiger Vertiefung in einem aufgeworfenen Erdwall. Der Erdwall wird etwa drei Klafter über die Erde haben. In diesen Erdwall werden dann solche Nischen hineingegraben, welche ungefähr eine Vertiefung von ebenfalls drei Klaftern haben. Um die Rundung der Nische ist eine schon vorbeschriebene Ruhebank angebracht; und im Hintergrund, eben auch aus Erde bestehend, eine Art Tisch, auf welchen sie ihre Nährfrüchte legen, wann sie allenfalls ihre Mahlzeit halten wollen.
NS|0|34|14|0|Hier und da, besonders gegen die Berge hin, gibt es auch größere Wohnungen, wo aber dieselben in die Berge hineingegraben sind.
NS|0|34|15|0|In diesen Wohnungen werden auch die notdürftigen Werkzeuge verfertigt, welche sie zu ihren notdürftigen Arbeiten vonnöten haben. Darin besteht auch schon die ganze Industrie und der ganze naturmäßige Reichtum der Bewohner dieses Gürtels.
NS|0|34|16|0|Seht, also ist dieser Gürtel, wie auch sein entsprechender Planet, in naturmäßiger Hinsicht äußerst dürftig ausgestattet. Aber nicht so dürftig ist dieser Gürtel in der geistigen Hinsicht. Denn dafür, dass diese Bewohner wenig Reiz an der Gestaltung ihrer Welt finden, haben sie eine beständige innere Anschauung, durch welche dann ihre höchst dürftige Welt in ihnen selbst so verherrlicht und verklärt wird, dass sie ihnen eine bei weitem größere Freude gewährt, als die Welt des Mittelgürtels seinen Bewohnern.
NS|0|34|17|0|Sie sind zwar keine Willenshelden, aber dafür desto größere in aller möglichen Selbstverleugnung, und sind in dieser Hinsicht wahre Diogenesse. Aus ebendiesem Grunde aber gewinnt dann auch ihr inneres, geistiges Leben einen desto größeren Spielraum, und sie erblicken dann mit den Augen ihres Geistes in den unbedeutendsten Dingen Herrlichkeiten, von denen sich noch kein Weiser eurer Erde hat träumen lassen.
NS|0|34|18|0|Dass demnach auch ihre staatliche, häusliche und religiöse Verfassung höchst einfach ist, lässt sich schon aus allem dem gar leichtlich schließen, was bis jetzt von ihnen ausgesagt wurde.
NS|0|34|19|0|Ihre staatliche Verfassung ist eigentlich nichts anderes als ein Familienverhältnis, demzufolge sich näher verwandte Familien ihre Wohnungen in sehr geringen Distanzen nebeneinander errichten und in selben untereinander in einem beständigen Frieden und in unzertrennbarer Einigkeit leben.
NS|0|34|20|0|Ihre Bildung geht rein auf das Geistige. Denn sie tragen für nichts anderes Sorge, als dass der Geist der Kinder sobald als möglich zur inneren Selbständigkeit gelangt. Haben die Kinder davon durch ihr Tun und Lassen die erforderlichen Proben abgelegt, so werden sie zum Gottmenschen hingeleitet und müssen Diesen erkennen als den Grund aller Dinge und als den alleinigen Führer des menschlichen Geschlechtes.
NS|0|34|21|0|Denn sie sagen: Wenn du bist in einem fremden Haus, da gibt es für dich nicht viel zu schaffen und zu sorgen; bist du aber im Haus deiner Eltern, so bist du im selben schon versorgt. Wir aber sind auf der Welt, wie in einem fremden Haus; was sollten wir da sorgen? So wir aber sind in der Selbständigkeit unseres Geistes, so sind wir wie im elterlichen Haus; denn Gott, der allerbeste Mensch, sorgt in diesem Haus für alle Seine Geschöpfe wie ein allerbester Vater für seine Kinder im eigenen Wohnhaus. Somit haben wir nur eine Sorge, und diese ist, dass wir vor allem in dieses Wohnhaus kommen. Sind wir darinnen, so sind wir auch schon mit allem versorgt; denn obschon der allerbeste Gottmensch unsere äußere Welt nur dürftig ausgestattet hat, darum sie uns ist eine fremde Wohnung, so hat Er aber dennoch desto reichlicher diejenige heimatliche Wohnung ausgestattet, in welcher Er allein für uns alle sorgt wie ein allerbester Vater für seine Kinder.
NS|0|34|22|0|Seht, zufolge dieses ganz einfachen Grundsatzes besteht dann auch ihre religiöse Verfassung in nichts anderem als lediglich in dem nur, dass da ein jeder trachtet, fürs Erste die Selbständigkeit seines Geistes zu erlangen, und solches auf dem Wege der Demut und Selbstverleugnung, und sodann aber den Gottmenschen stets mehr und mehr zu erkennen und von Ihm geleitet zu werden.
NS|0|34|23|0|Das ist demnach aber auch schon alles, was die Bewohner dieses Gürtels in Hinsicht aller Bildung aufzuweisen haben. Ihr findet allda keine Tempel, keine Bethäuser und durchaus keine Schulen. Sondern die väterliche Nische, welche sich in einem Familienhaus vorfindet, ist alles in allem; denn in dieser Nische versammelt der Vater von Zeit zu Zeit seine ganze Familie, welche manchmal aus dreißig Gliedern besteht, und lehrt sie zu finden die innere Heimat und in dieser den einigen wahren Hausvater. Und hat er solchen Unterricht durch allerlei taugliche Gespräche und Erzählungen beendet, so segnet er seine Familie, und diese kann wieder entweder zu einer oder der anderen kleinen Arbeit gehen, oder sich aber auch in die eigentümlichen etwas kleineren Nischen begeben und allda in der Einsamkeit über das Vernommene nachdenken und zugleich Versuche machen, inwieweit die innere Wohnung und Heimat sich schon aufgedeckt hat.
NS|0|34|24|0|Das Gebet und somit auch der ganze Gottesdienst besteht in nichts anderem als in der beständigen, lebendigen Sehnsucht, so bald als nur immer möglich mit dem allerbesten Gottmenschen, und somit auch mit dem alleinig wahren Hausvater, die über alles erwünschte innere Bekanntschaft zu machen.
NS|0|34|25|0|Das Kennzeichen, wann einer oder der andere nahe vor der Tür der Wohnung des großen Hausvaters ist, welche ihm da ehestens soll aufgetan werden, besteht in dem Vernehmen von überaus volltönendem Sphärengesang. Dieser Erscheinlichkeit zufolge haben dann diese Bewohner auch einen Spruch, welcher also lautet: Wenn du vernehmen wirst, wie die großen Welten dem großen Hausvater ein erhabenes Loblied singen, sodann denke, dass du an der Schwelle derjenigen Tür stehest, welche da führt in die heilige Wohnung des alleinig wahren und überguten Hausvaters!
NS|0|34|26|0|Wenn sodann einer oder der andere erzählen kann, dass er etwas solches vernommen hatte, so haben alle anderen eine große Freude daran und wünschen ihm Glück und Beharrlichkeit in der Verfolgung seiner Bahn.
NS|0|34|27|0|So aber jemand vollkommen in diese innere Heimat eingetreten ist, so wird in einem solchen Familienhaus ein stilles Freudenfest gehalten, wozu auch die Nachbarn geladen werden. Dieses Fest aber ist dann auch das einzige, was ihr hier zu Gesicht bekommen mögt, und besteht in einem fröhlichen und allzeit mäßigen Mahl und endlich in einem allgemeinen Lob des allein wahren Hausvaters.
NS|0|34|28|0|Diejenigen, welche schon samt und sämtlich in der inneren Wohnung zu Hause sind, werden auch mit der Menschwerdung des Herrn bekanntgemacht und haben darüber die allergrößte Freude. Jedoch wird ihnen solches nicht bekanntgegeben, wie undankbar die Menschen eben desjenigen Planeten gegen ebendiesen überguten Hausvater sind, der ihrer Erde die unaussprechliche Gnade erwies, dass Er auf derselben annehmen wollte sogar eine menschlich-fleischliche Natur.
NS|0|34|29|0|Nun seht, da haben wir den ganzen nördlichen Gürtel. Was aber dessen südlichen Korrespondenten betrifft, so schließt er in sich die vier kleinen Planeten, deren entsprechendes Verhältnis mit diesem Gürtel wir nächstens berühren wollen, und sodann sogleich auf den vierten Gürtel übergehen. Und somit wieder gut für heute!
NS|0|35|1|1|Der südliche Gürtel des dritten Sonnengürtelpaares entsprechend den vier Kleinplaneten des Asteroidengürtels
NS|0|35|1|1|(Am 24. September 1842 von 4 bis 7 Uhr abends.)
NS|0|35|1|0|Die schon erwähnten vier kleinen und gewisserart zerstreuten Planeten können auch tote Planeten genannt werden, da sich auf ihnen nur wenig lebende Wesen mehr vorfinden; und die sich noch vorfinden, sind ganz besonders naturmäßig und ihnen ist das Geistige nahe ganz fremd.
NS|0|35|2|0|Diese Planeten sind auch in naturmäßiger Hinsicht so klein, dass selbst der größte aus ihnen nicht einmal den Durchmesser eures Mondes hat. Und ihre Vegetation ist ebenfalls außerordentlich dürftig, so dass da außer einigen wenigen Kräutern und dürftig ausgestatteten Gesträuchen nichts vorkommt.
NS|0|35|3|0|Nur auf dem größten kommt auch eine geringe Art von Fruchtbäumen zum Vorschein, welche aber kaum größer sind als die sogenannten Zwergbäume bei euch; und selbst diese Baumgattung trägt eine magere Frucht, die ungefähr euren Buchen- und Zirbelnüssen gleichkommt.
NS|0|35|4|0|Die wenigen Menschen, welche von sehr kleiner Statur sind, nähren sich jedoch noch ganz behaglich mit dem, was ihnen ihre kleine Erde abwirft und bekleiden sich mit den Federn einiger zahmer Vögel, deren Fleisch sie genießen, wie auch mit den Häuten einiger wenigen Haustiere, welche da ungefähr gleichen euren Kaninchen, Ratten und Mäusen. Das sind aber auch zugleich die größten Tiere dieser Erdkörper.
NS|0|35|5|0|Es gibt wohl noch einiges Gewürm, einige wenige fliegende Insekten wie auch einige Frosch- und Fischgattungen in den Gewässern; aber diese Tiere werden von den wenigen Bewohnern nicht benutzt.
NS|0|35|6|0|Die Wohnungen dieser Einwohner sind zumeist aus Löchern im Erdreich bestehend, welche Löcher die Einwohner einem Vogelnest gleich mit allerlei weicheren Abfällen ausfüllen, und dann in denselben beisammenliegen, wie etwa junge Vögel in einem Nest.
NS|0|35|7|0|Diese kaum zwei bis drei Spannen großen Menschen haben fast alle samt und sämtlich mit manchen Tieren eurer Erde den Winterschlaf gemein, welcher auf diesen vier kleinen Erden manchmal mehr als zwei Erdjahre fortdauert, manchmal aber auch kürzer ist, je nachdem ein solcher Planet sich bald mehr oder weniger, zufolge seines unregelmäßigen Laufes, der Sonne nähert.
NS|0|35|8|0|Wie verschieden und unregelmäßig ihr Lauf ist, kann euch dieser Umstand zum Beleg dienen, dass nämlich diese sämtlichen vier Planeten so zwischen der Mars- und Jupiter-Bahn um die Sonne herumschwärmen, dass sich ein oder der andere dieser Planeten bald der Mars- bald wieder der Jupiter-Bahn nähert, während doch diese beiden Bahnen ziemlich viele Millionen Meilen voneinander abstehen.
NS|0|35|9|0|Der Grund, warum diese vier Planeten gewisserart wie verlassen in dem Himmelsraum umherschwärmen, ist die einstmalige Trennung eines einzigen Planeten in vier Teile, – bei welcher Trennung dann auch viele und sehr bedeutende Teile in den großen Weltenraum hinaus zerstreut wurden, bei welcher Gelegenheit fast alle Planeten dieser Sonne, wie auch die Sonne selbst, mehrere und mitunter ziemlich bedeutende Partikel erhielten. Dennoch aber blieben vier Teile auf diese Weise als abgerunderte kleine Planeten an der Stelle ihrer Trennung mit ihren Gewässern zurück und bekamen eine neue Richtung in ihrem Lauf um die Sonne.
NS|0|35|10|0|Die wenigen übriggebliebenen Menschen samt den wenigen Tieren und Pflanzen schrumpften dann auf diesen vier gewisserart neugestalteten Planeten ebenso zusammen wie die Planeten selbst.
NS|0|35|11|0|Nun seht, solches war hier notwendig vorauszuschicken, damit uns der dritte südliche Sonnengürtel desto ersichtlicher werden kann. Wie sieht es demnach hier aus?
NS|0|35|12|0|Dieser Gürtel ist von seinem nördlichen Korrespondenten gewaltig verschieden. Denn fürs Erste ist er sogleich vom zweiten südlichen Gürtel nebst dem hohen Gebirgsring durch einen breiten Wassergürtel getrennt. Sodann fängt erst ein überaus gebirgiges Land an, welches äußerst wenig Ebenen hat, und die wenigen Ebenen selbst sind noch mit Wasser bedeckt. An vier Punkten wird dieses Land sogar durch ein breites Gewässer von einem Gebirgsring bis zum anderen also getrennt, dass es den Bewohnern eines solchen Landes nicht möglich ist, zu den Bewohnern eines anderen Landes zu gelangen. Denn die Einbuchtung des eigentlichen Ringwassers an einer solchen Stelle ist so groß, dass da selbst eure größten Weltumsegler sich nicht getrauen würden, darüber zu segeln, – fürs Erste wegen der großen Wasserfläche nicht, und fürs Zweite, weil das Ringmeerwasser besonders in diesen Einbuchtungen fortwährend überaus stürmisch ist und von Wellen, die manchmal größer sind als die höchsten Berge auf eurer Erde, überdeckt ist, über welche also zerrissene Wasseroberfläche sich wohl auch sicher selbst der allerbeherzteste Schiffer eurer Erde nicht wagen würde.
NS|0|35|13|0|Diese vier, dergestalt voneinander getrennten Länder sind auch zugleich die allerkärglichsten auf der ganzen Sonne. Sie werden von den allerkleinsten Menschen bewohnt, welche nur irgendwo auf dem ganzen Sonnenkörper vorkommen. Pracht ist hier nirgends eine zu erblicken, außer allein die des über den ganzen Sonnenkörper gleich verbreiteten eigenen Lichtes.
NS|0|35|14|0|Auch hier haben die Menschen keine Wohnhäuser, sondern graben sich ebenfalls in die Berge ungefähr also gestaltete Löcher, deren vordere Mündung also aussieht wie die Gestalt des Durchschnittes eines stumpfen Kegels. Solche Löcher gehen etwa bis zehn Klafter tief in den Berg hinein und sind in ihrem innersten Raum ebenfalls mit einer Art Nest versehen, welches den Bewohnern dieses Gürtels zur Lagerung und Ruhe dient. Wenn ein solches Nest schon ziemlich stark abgelegen ist, sodann wird es wieder ausgewechselt und mit einem neuen vertauscht.
NS|0|35|15|0|Ebenso mager sieht es auch mit der Vegetation aus. Diese besteht ebenfalls nur in einigen wenigen Kräutern und in zwei gesträuchartigen Baumgattungen, auf welchen da Früchte in ziemlich reichlicher Menge vorkommen, welche da gleichen euren Haselnüssen und Mandeln. Eine saftige Frucht gibt es nirgends; nur die Wurzel eines Krautes, welches ungefähr euren weißen Rüben gleicht, aber um ein Bedeutendes kleiner ist als diese, ist das einzige saftige Aliment, welches auf diesem Sonnengürtel vorkommt.
NS|0|35|16|0|Ebenso dürftig ist dieser Gürtel mit den Tieren ausgestattet; sie haben nur zwei Gattungen vierfüßiger Haustiere. Das eine hat ungefähr die Gestalt eines Zobels eurer Erde, nur die Wolle ist reichlicher und zarter. Aus dieser Wolle verfertigen sich die Einwohner auch eine dürftige Kleidung, welche ungefähr so fabriziert wird, wie ihr da verfertigt eure sogenannte Baumwollwatte. Sie legen nämlich diese Wolle auf eine ebene Fläche hin, z. B. etwa auf einen von Natur aus platten Stein; denn hier ist der Erdboden der Sonne sehr steinig. Auf dieser Platte drücken sie dann die Wolle glatt nieder und bestreichen die Oberfläche mit einem klebrigen Saft, welchen ihnen eine Wurzel abwirft. Durch diesen Anstrich werden dann die Wollhaare miteinander verbunden, und das ziemlich dauerhaft so, als wären sie bei euch etwa mit einem aufgelösten Gummi elasticum überstrichen. Auf diese Art werden dann ziemlich lange und breite Blätter zustande gebracht. Aus diesen Blättern schneiden sie dann ihr überaus einfaches Kleid, welches in nichts anderem besteht als in einer einzigen, etwas steifen Schürze um die Lenden zur Bedeckung ihrer Scham; alles andere aber ist bloß.
NS|0|35|17|0|Die Gestalt dieser Menschen an und für sich ist nicht abstoßend; besonders sieht das weibliche Geschlecht immerhin recht artig aus. Nur sind die Menschen im Durchschnitt kaum so groß als etwa fünf- bis sechsjährige Kinder bei euch.
NS|0|35|18|0|Diese Menschen bewohnen am liebsten ziemlich hohe Gegenden; denn vor den Gewässern haben sie eine große Furcht. Sie meinen auch, wenn sie irgendein großes Gewässer erblicken, dass allda die Welt ein Ende hat und dass das Gewässer immer steigt; zu welcher Idee sie das starke Wogen der großen Gewässer verleitet, aus dem Grunde sie dann auch, wie schon bemerkt, sich vorzugsweise auf den höheren Gegenden ihrer Ländereien aufhalten.
NS|0|35|19|0|Das wäre sonach das Landeigentümliche dieses Gürtels und die Bewohnbarkeit desselben von Seite der bekanntgegebenen Menschen. Es braucht dazu noch kaum erwähnt zu werden, dass allda nirgends auf dem Land irgendein Luftbewohner zu erspähen ist; wohl aber gibt es dergleichen über den Wässern, welche auch an und für sich von allerlei Getier belebt sind.
NS|0|35|20|0|Da wir nun solches alles wissen, so bleibt uns nichts übrig, als ihre staatliche, häusliche und religiöse Verfassung zu erfahren; und haben wir diese erfahren, so haben wir auch schon alles dieses ganzen Gürtels beschaut.
NS|0|35|21|0|Was da die staatliche Verfassung betrifft, so besteht diese in nichts anderem, als dass sich die wenigen Menschen so viel als möglich familienweise voneinander entfernt absondern, damit da zwischen einer und der anderen Familie nie Eigentums- und Grenzstreitigkeiten vorfallen mögen.
NS|0|35|22|0|Bei einer Familie aber ist der älteste gleichsam ein herrschendes Oberhaupt, leitet alle anderen Glieder seiner Familie und bestimmt eines zu dem und ein anderes wieder zu etwas anderem.
NS|0|35|23|0|Ihre Handwerkzeuge bestehen in nichts anderem als in einer kleinen Handschaufel, welche sie aus einer Art Ton bereiten. Dieses also bereitete Werkzeug wird an einen Ort gelegt, wo die Strahlen des Sonnenlichtes schon heftiger wirken; durch diese Strahlen wird dieses Werkzeug dann steinfest und ist dann schon vollends tauglich zum Gebrauch.
NS|0|35|24|0|Der Gebrauch dieses Werkzeugs aber besteht zuallermeist in dem, dass sie mittels desselben ihre Wohnhäuser in den Boden der Berge eingraben. Ein zweiter Gebrauch dieses ziemlich schneidigen [scharfen] Werkzeugs besteht dann auch darin, dass sie damit notdürftig ihre Kleidungsstücke vielmehr zuhacken als zuschneiden. Und fürs Dritte graben sie auch mittels dieses Werkzeugs ihre Kräuter und Wurzeln aus der Erde.
NS|0|35|25|0|Noch ein Werkzeug, welches sie ebenfalls auf dieselbe Weise bereiten, besteht in einer Art Kamm. Mit diesem Kamm reißen sie dem bekannten Tier seine Wolle vom Leib, welche aber gewöhnlich, wenn sie gewisserart reif geworden ist, sehr leicht von selbem zu bringen ist. Dann gebrauchen sie auch dieses Werkzeug noch für ein zweites, aber nur seltener vorkommendes Haustier, welches ungefähr so aussieht wie eine Miniaturkuh bei euch, und bei welchem kein Unterschied ist zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht. Dieses Tier hat acht Milchzitzen an dem Bauch. Wenn sie dieses Tier melken wollen, so schieben sie die eben nicht gar zu großen Zitzen zwischen die Zähne des Kammes und kämmen gewisserart die Milch aus den Zitzen, welches gewöhnlich über einem etwas ausgehöhlten glatten Stein geschieht.
NS|0|35|26|0|Haben sie die Milch auf diese Weise ihrer Miniaturkuh ausgekämmt, sodann lassen sie das gutmütige Tier wieder sein Futter suchen. Sie aber rühren dann in diese Milch zerstoßene Früchte ihrer Zwergbäume und bereiten sich auf diese Weise ein ihnen überaus wohlschmeckendes Mus, welches sie dann mit den Händen herausfassen und ganz behaglich verzehren.
NS|0|35|27|0|Das ist aber dann auch alles, worüber sich ihre häusliche Verfassung erstreckt. Und so hätten wir beinahe mit einem Hieb die staatliche und häusliche Verfassung
NS|0|35|28|0|sowohl politischer- als häuslicherseits.
NS|0|35|29|0|Sie glauben an einen Gott, der da nach ihrer Vorstellung ein überaus großer, vollkommener und über alles mächtiger Mensch ist, und wissen auch, dass dieser überaus vollkommene Mensch Himmel und Erde gemacht hat.
NS|0|35|30|0|Sie sind überaus demütig und furchtsam und haben daher auch eine überaus große Furcht vor diesem allervollkommensten Menschen. Sie haben auch Kenntnis vom Himmel und von der Hölle und kennen ihre Unsterblichkeit.
NS|0|35|31|0|Die Hölle fürchten sie überaus stark; aber für den Himmel halten sie sich fortwährend für zu schlecht. Aus diesem Grunde haben sie dann auch eine bedeutende Furcht vor dem Tod des Leibes und suchen daher auch das Leben desselben solange als nur immer möglich zu erhalten.
NS|0|35|32|0|Einige Älteste haben wohl auch manchmal sichtbare Zusammenkünfte mit den Geistern ihresgleichen. Aber sie haben nie eine große Freude daran, wenn ihnen diese erscheinen; denn solches gilt ihnen allzeit als ein Zeichen, dass sie bald ihre Welt werden verlassen müssen.
NS|0|35|33|0|Wenn ihnen solche Geister kundgeben, dass dieser vollkommene Mensch sie überaus liebevoll aufgenommen hat, so freuen sie sich wohl sehr darüber; aber sich selbst halten sie stets für überaus unwürdig einer solchen Gnade. Denn sie sagen: Wir sind ja zu gering für solch einen Herrn, dass Er uns nur ansehen möchte, geschweige erst aufnehmen in eine höhere Gnade aus Ihm!
NS|0|35|34|0|Sie beten daher auch sehr emsig und danken für alles, was sie genießen, ja sogar, wenn sie die kärglichen Früchte von ihren kleinen Bäumchen ablösen, für jede einzelne Frucht; und so auch für jedes einzelne Kräutel, welches sie aus dem Boden der Erde nehmen, danken sie ganz inbrünstigst, und halten sich dabei stets für unwürdig eines solchen Geschenkes und können nicht begreifen, wie dieser überaus vollkommene Mensch ihrer noch so überaus wohl gedenken kann!
NS|0|35|35|0|Seht, in solchem besteht die ganze gänzlich zeremonienlose Religion. Wenn ihr aber schon durchaus etwa irgendeine Zeremonie haben wollt, so besteht diese einzig und allein in dem ehelichen Verband zweier Gatten.
NS|0|35|36|0|Dieses eheliche Bündnis aber besteht wieder in nichts anderem als in einer gegenseitigen Umarmung und darauf folgenden Segnung des Ältesten einer Familie; sodann in einer allgemeinen Danksagung, und endlich in dem bald darauf erfolgenden Beischlaf, welcher Akt auch bei diesen Menschen zu den größten und erhabensten Feierlichkeiten gehört.
NS|0|35|37|0|Ihre Toten umwickeln sie ganz mit allerlei Kräutern, graben dann in einer unteren Gegend ein ähnliches Loch in das Erdreich wie da ist ihre Wohnung, und legen in dieses offene Grab ihre Verstorbenen. Die Kräuter geben sie ihnen darum hinzu, damit diese, so sie allenfalls wieder erwachen möchten, sogleich eine Nahrung bei sich finden sollen.
NS|0|35|38|0|Sie besuchen wohl auch in Gesellschaft ein solches Grab; da aber ihre Leiber überaus schnell verwesen, und sie darauf von ihren Verstorbenen gewöhnlich nichts mehr vorfinden, so sind sie der Meinung, dass entweder diese Verstorbenen wieder wach geworden sind und irren jetzt irgendwo herum, oder sie sind von Geistern abgeholt worden.
NS|0|35|39|0|Aus diesem Grunde beten sie dann auch sehr vielfältig für ihre Verstorbenen und wünschen ihnen von ganzem Herzen alles Glück.
NS|0|35|40|0|Nun haben wir aber schon auch alles beisammen, was da diesen Gürtel betrifft. Daher wollen wir uns auch von ihm hinwegwenden und fürs nächste Mal den vierten Gürtel betreten, auf welchem wir uns schon ein wenig länger werden verweilen müssen, indem wir da wieder sehr große Dinge werden zu sehen bekommen. Und somit gut für heute!
NS|0|36|1|1|Das vierte Sonnengürtelpaar entsprechend dem Planeten Jupiter. Beschreibung der Landschaft und der Menschen
NS|0|36|1|1|(Am 26. September 1842 von 3 1/2 bis 5 1/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|36|1|0|Was diesen vierten Gürtel betrifft, so sage Ich es euch gleich im Voraus, dass der vierte Gürtel sowohl nördlicher- als südlicherseits dem großen Planeten Jupiter entspricht. Ihr wisst, dass dieser Planet aus allen Planeten wohl der größte ist und ist wohl um viertausendmal größer als eure Erde. Also sind auch die entsprechenden Gürtel die größten und herrlichsten nach dem Mittelgürtel, welcher an und für sich die eigentliche Sonnenwelt ausmacht und Entsprechungen hat mit all den anderen Gürteln der Sonne.
NS|0|36|2|0|Wie groß ist demnach der vierte, dem Planeten Jupiter entsprechende Gürtel, das heißt, sowohl nördlicher- als südlicherseits zusammengenommen? Beide Gürtel zusammengenommen dürften wohl eine Breite von zwanzigtausend Meilen haben. Und ihre Gürtellänge dürfte im Durchschnitt bei zweimal hunderttausend Meilen betragen. Also aus dieser Flächenmaßanzeige geht wohl hervor, dass dieser vierte Gürtel auch vieles und Großartiges in sich fassen muss, indem er an und für sich von einer so bedeutenden Flächenausdehnung ist.
NS|0|36|3|0|Auch dieser Gürtel ist von dem vorhergehenden durch einen überhohen Gebirgsgürtel getrennt. Dieses Gebirge ist überaus hoch und besteht zumeist aus dem allerhärtesten, weißen Marmor, welcher durch den allergrößten Hitzegrad nicht schmelzbar ist. Die höchsten Spitzen, welche gar wohl in die höchste Lichtatmosphäre der Sonne ragen, sehen zwar so aus, als wären sie beständig weißglühend; allein solches ist mitnichten der Fall. Sie erscheinen nur darum so glänzend, weil ihre höchsten Scheitel für euch unbegreiflich weiß sind und daher von ihrer Oberfläche alle Strahlen, die von irgendwoher auf sie fallen, ganz vollkommen wieder zurückwerfen.
NS|0|36|4|0|Die ziemlich ebenmäßig fortlaufenden Wände dieses hohen Gebirges werden zuunterst wieder von einem über zweitausend deutsche Meilen breiten Wasserring bespült, welches Wasser aber dennoch nicht ganz ununterbrochen fortläuft, sondern an vielen Stellen große Inseln und noch größere Halbinseln und bedeutende Landzungen aufzuweisen hat, welche Ländereien samt und sämtlich von den Menschen dieses Gürtels bewohnt werden.
NS|0|36|5|0|Das Land selbst aber ist mehr flach als gebirgig. Und die Berge, welche auf dem Land vorkommen, sind bei weitem nicht so hoch wie die Berge anderer, uns schon bekannter Gürtel. Dennoch aber sind sie viel höher denn die höchsten Meeresspiegel der Sonne; aber sie sind nicht so steil und unersteigbar wie die eurigen. Das Land selbst hat auch eine große Menge Seen, Ströme, Flüsse, Bäche und Quellen und ist daher an und für sich überaus gesegnet und fruchtbar.
NS|0|36|6|0|Das Tierreich ist hier überaus zahlreich. Und das Land ist durchgehends reichlich bewohnt von Menschen.
NS|0|36|7|0|Nun wüssten wir, wie das Land beschaffen ist, und wollen uns daher sogleich nach unserer alten Ordnung zum Menschen dieses Landes wenden. Wie sehen denn allhier die Menschen aus? Was haben sie für eine Verfassung und was für eine Religion, und wie stehen alle anderen Dinge zu ihnen im Verhältnis? Dieses alles wollen wir einmal mit einer allgemeinen Antwort dartun, sodann erst zu dem Sonderheitlichen schreiten.
NS|0|36|8|0|Was die Menschen anbetrifft, so sind sie fürs Erste ihrem Leibe nach außerordentlich groß und ihrer Gestalt nach äußerst wohlgebildet und sind ihrem Charakter nach die allersanftesten und allerbesten Menschen der ganzen Sonne.
NS|0|36|9|0|Was ihre Verfassung betrifft, so ist diese fürs Erste durchaus patriarchalisch und im Grunde ebenfalls theokratisch und sorgt in jeder Hinsicht für das allgemeine Wohl.
NS|0|36|10|0|Also ist auch ihre Religion höchst einfach, ohne alle Zeremonie. Und die Bildung ihrer Kinder besteht demnach ebenfalls in nichts anderem als allein nur in dem, was da betrifft die vollkommene Einswerdung mit den Himmeln und mit dem Herrn.
NS|0|36|11|0|Also hätten wir im Allgemeinen dargetan die wichtigsten Verhältnispunkte der Menschen dieses Gürtels und wollen sonach zur sonderheitlichen Betrachtung übergehen.
NS|0|36|12|0|Was also die Größe fürs Erste des Mannes betrifft, so ist dieser nicht selten vom Fuß bis zum Scheitel hundert Klafter eures Maßes groß. Was hat er für eine Farbe? Sanft weiß, das heißt, ein wenig ins Blaurötliche übergehend, ungefähr so, wie da ist die Farbe eines Amethystes; aber nur natürlich um vieles blasser. Hier und da kommt eine solche Leibesfarbe sogar auf eurer Erde vor, und zwar namentlich bei den Gebirgsvolksstämmen des Kaukasus in Asien, allda auch besonders zart gebildete Weiber eine ähnliche Leibesfarbe aufzuweisen haben, besonders zur Zeit, wenn sie von der häufigen Gletscherluft angeweht werden. Also ist auch die Farbe der Bewohner dieses vierten Gürtels beschaffen.
NS|0|36|13|0|Was haben sie wohl für eine Gesichtsbildung? Ihr Gesicht ist durchaus männlich, das heißt, es ist keine Fratze, wie es dergleichen auf der Erde unter den Männern eine Menge gibt; aber im Übrigen mehr abgerundet und sanfter als bei dem männlichen Geschlecht auf eurer Erde. Die Lippen sind ausgezeichnet, also auch die Mundwinkel. Das Kinn ist ziemlich hervorragend, aber nicht scharf markiert, sondern mehr sanft abgerundet und durchgehends bartlos. Das Haupthaar ist reichlich und lang und ist von dunkelbrauner Farbe; also sind auch die Augenbrauen und Augenlider gefärbt. Die Stirn ist hoch und gegen die Haare ausgezeichnet weiß. Die Ohren stehen in gutem Verhältnis mit den übrigen Gesichtsteilen, also auch die Nase.
NS|0|36|14|0|Der Hals ist proportioniert lang und rund, die Schultern sind sehr breit, und die Arme stehen in gutem, wohlabgerundetem Verhältnis mit den Schultern. Nur die Handflächen sind im Verhältnis zu der übrigen Hand ungefähr um ein Fünftel größer, als es bei euch der Fall ist. Die Nägel an den Fingern sind von derselben Farbe wie da ist der Leib; nur an ihren Enden werden sie ums Bedeutende blasser und sind überaus stark.
NS|0|36|15|0|Also steht auch der ganze übrige Leib bis an die Hüfte in gutem Verhältnis. Das Gesäß aber ist jedoch wieder etwas hervorragender als bei euch auf der Erde. Die Folge dieses Hervorragens ist ein immerwährend überaus gerades Halten, besonders wenn ein solcher Mann steht und nicht geht. Der Grund aber liegt in dem, weil, wenn der Mann geht, er sich schon von Kindheit an stark vorwärts geneigt hält.
NS|0|36|16|0|Die Füße sind dann wieder vollkommen regelmäßig. Also auch die Genitalien. Nur die Fußschaufeln sind wieder im Verhältnis um etwas größer, als solches bei euch der Fall ist.
NS|0|36|17|0|Wie ist denn der Mann bekleidet? Das Kleid des Mannes – wie auch des Weibes – besteht in nichts anderem als in einer Vorschürze, um dadurch die Genitalien zu decken; alles andere ist bloß. Dessen ungeachtet aber herrscht doch fast nirgends eine größere Züchtigkeit als bei diesen Gürtelbewohnern. Also ist der Mann bestellt.
NS|0|36|18|0|Das Weib ist um den ganzen Kopf des Mannes kleiner und ist in allen seinen Teilen überaus vollkommen abgerundet gebildet. Ihre Haut ist noch ums Mehrfache feiner als die des Mannes; aber dessen ungeachtet ist sie dennoch an und für sich dicker als die des Mannes. So möchte zum Beispiel die Haut des Mannes im Durchschnitt eine Dicke von etwa anderthalb Spannen eures Maßes haben; die des Weibes aber ist gut zwei Spannen dick, aber dabei viel weicher als die Haut des Mannes, und auch viel weicher und elastischer als die Haut der Weiber auf eurer Erde, und ist allenthalben überaus fein porös.
NS|0|36|19|0|Die Brust der Weiber ist vollkommen rund und sitzt also am Brustblatt wie etwa zwei große Halbkugeln, welches dort für das Allerschönste gehalten wird.
NS|0|36|20|0|Also ist auch das Gesicht überaus anziehend freundlich schön. Und das Haar des Hauptes geht bei den Weibern noch bedeutend unter das Knie und ist überaus reichlich. Die Farbe des Haares aber ist etwas lichter als die Farbe des Mannshaares.
NS|0|36|21|0|Das Weib ist im Allgemeinen fast auf keinem Planeten so schön gebildet wie hier. Und die Männer halten auch ziemlich große Stücke auf die leibliche Schönheit des Weibes. Denn sie sagen: Wenn das Weib ist eines gerechten Herzens und daraus eines gerechten Geistes, so muss auch ihr Leib ein gerechtes Ebenmaß haben. Hat aber der Leib ein solches Ebenmaß nicht, so muss solches irgendeinen Grund haben, warum bei einem oder dem anderen Weib der Leib nicht die volle Gerechtigkeit erlangt habe. Die vollkommenste Gerechtigkeit aber ist von Seite des Herzens die beständige Fülle der Liebe zum Herrn, welche da ist die Nahrung des Geistes zum ewigen Leben. Der Geist aber ist der Werkmeister des Leibes; würde er durch einen gewissen Grad der Ungerechtigkeit des Herzens verkümmert, so muss ja notwendig auch sein Produkt verkümmert aussehen. Ob solche Ungerechtigkeit von den Eltern oder Kindern abhängt, solches ist zu ermitteln. Hängt sie von den Eltern ab, so sind die Kinder schuldlos; und an uns ist es, ihnen eine solche Verkümmerung nicht anzurechnen. Liegt die Ungerechtigkeit aber in ihrem eigenen Herzen zugrunde, so ist es unsere Pflicht, in ihnen ein gerechtes Herz schaffen zu helfen, um dadurch, wenn noch möglich, auch die Gerechtigkeit des Leibes wieder herzustellen; wo aber solches nicht mehr tunlich sein sollte, wenigstens das Herz für sich allein also zurechtzubringen, dass der Geist von selbem die gebührende Nahrung fürderhin erlangen möchte.
NS|0|36|22|0|Seht, aus diesem Grunde halten denn die Bewohner dieses Gürtels sehr große Stücke auf eine vollkommene leibliche Schönheit, besonders, wie schon gesagt, bei den Weibern; und lieben dieselben ungemein, wenn sie sind ihrer Ordnung gemäß. Ein unordentliches Weib aber wird gering geachtet und, wenn sie nicht in ihre Ordnung tritt, sobald einer ziemlich unangenehmen Schule unterworfen.
NS|0|36|23|0|Das wäre nun alles, was sich über die Gestalt der Menschen dieses Gürtels darstellen lässt. Nächstens wollen wir ihre Haushaltung in den Augenschein nehmen. Und daher gut für heute!
NS|0|37|1|1|Wohn- und Wirtschaftshäuser auf dem vierten Sonnengürtelpaar
NS|0|37|1|1|(Am 27. September 1842 von 3 1/2 bis 5 3/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|37|1|0|Bevor wir zur eigentlichen Haushaltung übergehen können, wird es notwendig sein, mit den Wohnhäusern dieser Menschen zuvor eine kleine Bekanntschaft zu machen; denn ohne Haus gäbe es auch keine Haushaltung. Darnach können wir die Frage tun: Wie sehen denn die Häuser aus, in denen diese berghohen Menschen wohnen, und woraus sind sie verfertigt?
NS|0|37|2|0|Die Wohnhäuser dieser großen Menschen haben ziemliche Ähnlichkeit mit den Wohnhäusern des mittleren Hauptgürtels der Sonne und sind erbaut aus Steinen und Holz. Nur sind sie natürlicherweise in dem Verhältnis größer, wie auch die Menschen größer sind als auf dem Mittelgürtel. Doch müsst ihr das Verhältnis nicht allzu genau nehmen; denn im Mittelgürtel haben die Wohnhäuser, wie auch alle die anderen Gebäude, mehr eine Prachthöhe als eine notwendige. Die Wohnhäuser dieses Gürtels aber sind nicht nach der Pracht, sondern nach der Notdurft verfertigt. Und so werdet ihr nirgends ein höheres Gebäude finden als höchstens von zweimaliger Höhe eines Menschen; in welchen Gebäuden sich aber nirgends irgendwo Galerien und dergleichen Erhöhungen vorfinden, wie wir sie in den Wohnhäusern des Mittelgürtels wie auch in den ersten Nebengürteln haben kennengelernt, sondern ihre Bewohnbarkeit ist die zu ebener Erde.
NS|0|37|3|0|Bevor wir aber noch die innere Einrichtung beschauen wollen, müssen wir doch die Form des Hauses und auch dessen allfällige Größe in den Augenschein nehmen. Die Form eines solchen Hauses samt dessen Größe aber wird sich am besten vor unseren Augen darstellen, wenn wir ein solches Haus vom Grunde werden aufbauen sehen; und so gebt denn Acht.
NS|0|37|4|0|Seht, hier in einer großen Ebene wird soeben ein neues Wohnhaus errichtet. Ein Fleck von zweitausend Klaftern Länge und zweihundert Klaftern Breite, im geraden Viereck, ist dazu bestimmt. Ihr müsst euch aber darunter keine vollkommen mathematische Quadratfläche denken, sondern vielmehr eine zweihundert Klafter breite und zweitausend Klafter lange Bahn, welche zwar zu beiden Seiten der Länge nach geradlinig fortläuft, aber beim ersten Anfang etwas der Breite nach eingebogen ist, wie am anderen Ende etwas ausgebogen.
NS|0|37|5|0|Zu beiden Seiten, der Länge nach, seht ihr fünfhundert Säulen aufbauen, welche zweihundert Klafter hoch werden müssen, und eine jede Säule hat einen Durchmesser von fünfundzwanzig Klaftern. Der Breite nach seht ihr beim Anfang, und somit auch beim Eingang, nur zwanzig Säulen auf dieselbe Weise aufführen, welche Säulen aber keinen so großen Durchmesser haben wie die der Länge nach. Das Ende aber seht ihr vollkommen geschlossen.
NS|0|37|6|0|Über diese Säulen seht ihr mächtige Balken legen und innerhalb der Bahn seht ihr noch zwei Reihen zwar gleich hoher, aber im Durchmesser um vieles weniger habender Säulen errichten; und seht alle diese Säulen wieder mit mächtigen Balken kreuz und quer verbinden. Und seht ferner, wie da über diese Balken allenthalben verhältnismäßig starke Dielen gelegt werden, welche genau aneinanderpassen müssen, und das also zwar, dass nirgends eine Fuge entdeckt werden kann.
NS|0|37|7|0|Nun sind die Dielen gelegt. Jetzt seht, wie da über denselben drei Dachgerüstreihen aufgeführt werden, von denen die mittlere um die Hälfte höher ist als die beiden äußeren. Nun sind auch die Gerüste fertig. Seht weiter! Diese Gerüste werden mit einer Art Latten verbunden, welche aber so nahe aneinander über das Gerüst angeheftet werden, dass zwischen einer und der anderen Latte nicht mehr als eine Linie Raum bleibt.
NS|0|37|8|0|Nun wäre auch diese Arbeit vorüber. Jetzt seht, rings um das ganze Gebäude sind große Haufen Dachblätter aufgeschichtet. Auf mächtig starken Leitern steigen die riesigen Menschen auf und ab und decken das Dach, welche Deckung ganz auf dieselbe Art vor sich geht, wie wir sie im Mittelgürtel gesehen haben. Die Platten sind nach innen ganz dunkel, nach außen aber sehen sie aus, als wären sie von feinst poliertem Gold.
NS|0|37|9|0|Die Enden der Dachung, das heißt der Breite nach, werden zierlich mit diesem Golddachblech eingebogen und gewisserart eingefasst. Im Übrigen aber werden die Dachgänge offengehalten, damit durch dieselben beständig frische Luft streiche und das ganze Gebäude von oben herab in kühlem Zustand erhalte.
NS|0|37|10|0|Da wir jetzt alles dieses geistig mit angesehen haben, so haben wir auch schon die Form und die Größe des Hauses. Es bleibt uns demnach nur noch übrig, das Innere desselben ein wenig in Augenschein zu nehmen. Und so wird uns bald das ganze Wohngebäude bekannt sein und auch dessen eben nicht zu sehr komplizierter Zweck.
NS|0|37|11|0|Seht, zwischen den Mittelsäulen der Länge nach befindet sich, von der zweiten Säule angefangen, eine bei zwanzig Klafter eures Maßes hohe Wand, welche in der Mitte zwischen zwei Säulen eiförmig ausgebaucht ist, und das zu beiden Seiten. Seht ferner, wie das Oberste dieser Wand mit weichem Polsterwerk belegt ist. Ich meine, ihr werdet nicht lange raten dürfen, was da wohl der Zweck dieser Wand sein möchte. Diese Wand ist der eigentliche Ruheplatz eines solchen Wohnhauses, auf welcher die Menschen nach irgendeiner Arbeit auszuruhen pflegen.
NS|0|37|12|0|Zwischen den äußeren Säulen aber erblickt ihr ebenfalls bei fünfzig Klafter hohe Halbsäulen. Wozu dienen denn diese? Seht nur hinauf, wie ihre Flächen mit allerlei Früchten belegt sind, und ihr werdet nicht lange zu raten haben, um den Zweck dieser Säulen zu bestimmen. Sie sind die Speisetische der Bewohner dieses Gürtels.
NS|0|37|13|0|Nun verfügen wir uns noch bis an das geschlossene Ende unseres großen Wohnhauses, welches ziemlich stark nach außen hinausgebogen ist. Seht, wie da ungefähr dreißig Klafter über dem Boden ebenfalls eine Erhöhung aufgebaut ist, die sich gegen das Innere des Wohnhauses, gegen die mittlere Reihe der inneren Säulen, ausbaucht und zuoberst eine Fläche hat, die sich an die ausgebogene Rundwand anschließt, dass sie dadurch ungefähr eine solche Form darbietet, als wenn ihr möchtet ein Ei der Länge nach durchschneiden.
NS|0|37|14|0|Seht ferner, wie auch diese Fläche, welche mehrere hundert Quadratklafter misst, mit weichen Polstern über und über belegt ist. Wozu möchte wohl dieser erhabenere Ruheplatz dienen? Dieser ist fürs Erste der Hausvatersitz und fürs Zweite auch der Lehrstuhl für die ganze Familie von Seite des Vaters.
NS|0|37|15|0|Seht, jetzt sind wir schon mit dem ganzen Wohnhaus fertig, welches für die drei einfachen Zwecke errichtet ist, nämlich für die Ruhe, für die Mahlzeit und fürs Lehramt.
NS|0|37|16|0|Gibt es neben diesem Wohnhaus keine anderen, gewisserart wirtschaftlichen Gebäude mehr? Ein jedes Wohnhaus hat noch auf beiden Seiten seines Anfanges, in der Entfernung von etwa zweihundert Klaftern, zwei ebenso große Rondelle, welche aber aus einer geschlossenen und mit einigen runden Fenstern versehenen Wand bestehen. Jedes dieser Rondelle hat gegen das Wohngebäude zu eine für die Menschen verhältnismäßig hohe und breite Tür; aber das Rondell hat kein Dach, sondern ist offen. Die Wände nach innen sind mit allerlei Galerien versehen, welche aber nicht die Bestimmung haben, dass da auf denselben herumgegangen werden soll, sondern sie haben allein nur die Bestimmung zur Aufbewahrung der notwendigen Hausgerätschaften, welche samt und sämtlich in dem einen Rondell aufbewahrt werden.
NS|0|37|17|0|Das andere Rondell aber ist eine Speisevorratskammer und in mancher Hinsicht auch eine Küche. Denn in diesem Gürtel werden auch ein und die anderen Früchte gesotten und dann erst genossen. Zu diesem Behuf ist auch in der Mitte dieses zweiten Rondells ein bei fünfzig Klafter über dem Erdboden erhabener Herd aufgeführt, welcher einen Durchmesser von sechzig bis siebzig Klaftern hat. In der Mitte dieses Herdes ist eine Vertiefung, in welche eine Art Erdöl gegossen wird. Dieses Erdöl wird dann durch einen aus gewissen Steinen geschlagenen Funken leichtlich entzündet, brennt dann mit einer heftigen und ganz weißen Flamme, welche einen großen Hitzegrad um sich verbreitet und die kochbaren Früchte in den wahrhaften Goldtöpfen, welche in einem Kreis um die Flamme gestellt sind, gar bald zur gehörigen Weiche verkocht. Das ist sonach auch die ganze Einrichtung dieses zweiten Rondells.
NS|0|37|18|0|Ein jedes Rondell für sich aber hat einen Durchmesser von fünfzehnhundert Klaftern eures Maßes. Ihr werdet heimlich fragen: Da wir bei der anfänglichen Darstellung dieser Rondelle vernommen haben, dass deren geschlossene Wände mit einigen runden Fenstern versehen sind, so ließe sich wohl fragen, welchen Zweck diese Fenster wohl haben möchten, indem die Rondelle selbst von obenher nicht geschlossen sind?
NS|0|37|19|0|Diese Fenster sind wegen der Durchlüftung angebracht; denn in diesem wasserreichen Gürtel ist die Luft nicht selten ziemlich feucht, darum dann in geschlossenen Räumen sich leichtlich ein Moder, oder wenigstens ein sowohl die Gerätschaften als auch die Früchte zerstörender Rost oder Schimmel erzeugen möchte. Um sonach diesem Übel vorzubeugen, werden überall gehörige Luftöffnungen angebracht, damit die Luft die inneren Räume beständig trockne und reinige.
NS|0|37|20|0|Da dieser Gürtel vorzugsweise zufolge seiner großen Ebenen sehr reich ist an verschiedenen Luftströmungen, so ist es auch begreiflich, dass die Bewohner, welche sehr weise sind, ebendiese Luftströmungen gar wohl zu benutzen wissen. Nun hätten wir wieder einen Teil, der da zur Bewohnung dieser Menschen gehört, kennengelernt.
NS|0|37|21|0|Damit wir aber eine solche Haushaltung, was die Gebäude betrifft, vollkommen vor uns haben, so mache Ich euch zum Schluss noch auf den großen Tiergarten aufmerksam, der da hinter den beiden Rondellen sich nach der Beschaffenheit einer Grundfläche ausbreitet. Dieser Tiergarten ist ebenfalls mit einer Art Mauer umfangen, welche vom Boden auf allenthalben gleich bei siebzig Klafter hoch ist und eine Dicke von fünf Klaftern hat und ist nach außen hinaus von hundert zu hundert Klaftern mit einer Lehn- oder Stützmauer versehen. Dieser Tiergarten in mittelmäßiger Größe hat einen Durchmesser der Länge nach von zehntausend Klaftern. Und was dessen Breite betrifft, hat er nach der Beschaffenheit der Fläche auch nicht selten sechs- bis achttausend Klafter.
NS|0|37|22|0|Dieser Garten ist bestimmt für ein Tier, welches zwar auf dieser Erde nichts Ähnliches findet; dessen ungeachtet aber steht es bei den Einwohnern in dem Ansehen der Schafe bei euch. Die Größe dieses Tieres möchte wohl die Größe eines Elefanten bei euch ums Hundertfache übertreffen. Der Kopf hat Ähnlichkeit mit dem Kopf eines Kamels bei euch; der Leib gleicht dem einer Kuh, die Füße einer euch bekannten Giraffe, da die vorderen um die Hälfte höher sind als die hinteren. Der Schweif aber bildet eine Wollkugel, welche Wolle von den Einwohnern zur Bereitung ihrer Schürzen verwendet wird, und welcher Zweck auch der einzige ist, warum die Einwohner dieses Tier also häuslich halten.
NS|0|37|23|0|Nun wüssten wir vorderhand alles, wie da gestaltet und bestellt ist eine vollkommene Haushaltung bei den Bewohnern dieses Gürtels. Und so können wir uns denn auch füglichermaßen an ihre häusliche Verfassung machen, welche wir als Fortsetzung dieser gegenwärtigen Mitteilung für ein nächstes Mal kundgeben wollen. Und so lassen wir es heute wieder gut sein!
NS|0|38|1|1|Die häusliche Verfassung der Bewohner des vierten Sonnengürtelpaares und ihre vorbildliche Nächstenliebe
NS|0|38|1|1|(Am 28. September 1842 von 4 1/2 bis 6 1/2 Uhr abends.)
NS|0|38|1|0|Einen Teil der häuslichen Verfassung könnt ihr schon aus dem entnehmen, so ihr nur einigermaßen aufmerksamen Blickes betrachtet habt, wie da ein solches Wohnhaus bestellt ist. Dessen ungeachtet aber gibt es auch noch andere Verhaltungsregeln, welche sich aus der Ordnung der Wohngebäude nicht herausfinden lassen. Um aber diesen Verhaltungsregeln auf eine überzeugende Spur zu kommen, ist es notwendig, zuvor den Charakter dieser Bewohner ein wenig näher kennenzulernen.
NS|0|38|2|0|Die Menschen dieses Gürtels gehören zu den allersanftesten, welche je irgendwo die Sonne oder andere Planeten bewohnen; ja ihr ganzes Benehmen ist von einer so sanften und demütigen Art, dass ihr euch davon durchaus keinen Begriff machen könnt.
NS|0|38|3|0|So zum Beispiel traut sich sogar kein Mann, vollends ausgestreckt aufrecht zu gehen, um dadurch das kleinere Weib nicht zu nötigen, aufwärts zu ihm zu blicken. Auch macht der Mann beim Gehen mit den Händen ziemlich große Bewegungen, um dadurch für das ihn stets begleitende Weib die Luft abzukühlen und gewisserart zu verdünnen, damit das Weib ihm leichter folge. So hält er ebenfalls auch seine Füße, mit denen er sonst sehr lange Schritte tun könnte, in den gehörigen Schranken und macht daher aus purer liebzärtlicher Rücksicht, statt bequeme, siebzig Klafter lange Schritte, nur kaum zwanzig Klafter lange, damit das Weib ihm ja überall leicht und ungezwungen folgen kann. So führt zum Beispiel nie ein Mann ein Weib neben sich, dass sie mit ihm gleichen Schrittes ginge; denn da müsste sie ja selbst mit der Luft kämpfen und hie und da einen rauen Weg betreten. Sie muss ihm daher folgen, damit sie einen gut abgetretenen Weg hat und mit der Luft nicht kämpfen darf.
NS|0|38|4|0|Also ist der Mann auch gegen seine Kinder. Sie werden in lauter Liebe großgezogen, und jeder Unterricht, den ein Vater seinen Kindern erteilt, ist so weich, einladend und anreizend wie die allerweichste Wolle in entsprechender Hinsicht genommen.
NS|0|38|5|0|Ein unfreundliches Gesicht wird von den Sonnenbewohnern dieses Gürtels schon als eine Sünde betrachtet; daher machen diese Menschen immer sanft lächelnde Mienen und sind so weichherzig, dass sie beim Anblick nur irgendeines noch so gering leidend scheinenden Bruders alsbald zu Tränen gerührt werden und sich alle erdenkliche Mühe geben, ihm auf was immer für eine nur mögliche Art zu helfen.
NS|0|38|6|0|Wenn da ein Nachbar zum anderen kommt und erbittet sich eine Gefälligkeit von ihm, so ist das völlig aus; denn eine größere Bereitwilligkeit, seinem Nächsten gefällig und dienlich zu sein, könnt ihr euch durchaus nicht vorstellen, als solches bei den Bewohnern dieses Gürtels gang und gäbe ist. Denn wenn zum Beispiel ein Nachbar zum anderen kommt und bittet ihn um die Darleihe irgendeines Werkzeuges oder um was anderes, so gibt der ersuchte Nachbar nicht nur mit der größten zuvorkommenden Freundlichkeit das ersuchte Stück, sondern er fragt ihn noch höchst nötig, ob er nicht noch mehreres bedürfe. Und wenn der andere solches dankbarst freundlich verneint, so lässt sich’s aber der ersuchte Nachbar dennoch nicht nehmen, dass er dem anderen das ersuchte Stück selbst bis zu dessen Wohnung hinträgt und ihm daselbst noch obendrauf seine Dienste anträgt, im Falle der andere Nachbar etwa nicht vollkommen bequem mit einem oder dem anderen Werkzeug umgehen könnte.
NS|0|38|7|0|Ersucht ihn der Nachbar aber etwa um Früchte und Kleidungsstoffe, so wird dem ersuchenden Nachbar nicht nur das Ersuchte zehnfach gegeben, sondern der Geber trägt es noch, wie zuvor das Werkzeug, eigenhändig in die Wohnung seines Nachbars und bittet ihn inständigst, dass er ihm solches ja nie entgelten solle.
NS|0|38|8|0|Noch außerordentlicher ist diese zuvorkommende Freundlichkeit gegen ganz Fremde, welche manchmal Bereisungen machen, um ihre Welt näher kennenzulernen. Solche werden schon allzeit mit der allergrößten Auszeichnung aufgenommen, und es wird einem solchen die größte Ehre bezeigt, die nur immer bei diesen Einwohnern gang und gäbe ist. Diese Ehre besteht aber darin, dass ein solcher fremder Gast sogleich in das Wohnhaus geführt und ihm zur Ausruhung mit aller Zuvorkommenheit der Hausvaterstuhl angetragen wird. Da haben dann alle Familienglieder nichts Notwendigeres zu tun, als einem solchen Gast alle erdenkliche Aufmerksamkeit zu bezeigen. Und es gibt dann allzeit eine überaus rührende Szene, wenn ein solcher Gast wieder, zufolge seiner Weiterreise, seine freundlichen Gastgeber verlässt.
NS|0|38|9|0|Wahrlich, wenn bei euch auf der Erde die zärtlichste Mutter einen Sohn hätte, der da verreisen müsste in ein weit entlegenes Land, so ist die Szene einer solchen schmerzlichen Trennung kaum ein schwacher Schatten dagegen, was die Bewohner dieses Gürtels da für ein Leidwesen tragen, wenn sie ein solcher Gast wieder verlässt.
NS|0|38|10|0|Wenn er sie verlässt, so wird er fürs Erste von dem Hausvater und allen seinen Familiengliedern schon über und über gesegnet, damit er ja glücklich durch alle Länder kommen möchte, und dass er sie womöglich bei seinem Rückzug ja wieder besuchen solle. Sodann wird er mit allem, was er nur immer benötigt, versehen. Und endlich, wann er sich von seinem Gastgeber entfernt, wird ihm erst von der sämtlichen Familie beinahe so weit das Geleit gegeben, bis er sich wieder in der Nähe einer anderen Wohnung befindet. Allda wird er wieder gesegnet; und wenn er sich dann empfiehlt, natürlich überaus dankbar für all die empfangene Freundschaft, so sehen ihm noch die Begleitenden so lange nach, bis er sich ihren Blicken völlig entwunden hat; alsdann erst kehren sie wieder um und reden auf dem ganzen Rückweg von nichts als von dem Fremden, und dass ihn der liebe, gute Herr Himmels und der Erde ja vor jeglichem Ungemach bewahren möchte.
NS|0|38|11|0|Aus diesen wenigen Beispielen könnt ihr nun schon ganz gut auf den übrigen Charakter dieser überaus sanften Menschen, und aus diesem Charakter aber auch auf ihre anderweitige Hausverfassung schließen.
NS|0|38|12|0|Da wird nie jemand beordert, etwa eine oder die andere Arbeit selbst zu verrichten, sondern wenn irgendeine Arbeit für nötig befunden wird, so wetteifert alles miteinander, sich gegenseitig einander zu helfen und zu unterstützen, damit ja niemandem irgend zu hart geschehen solle. Die ganze häusliche Verfassung besteht demnach in nichts anderem als in der vollkommenen, allerwahrhaftigsten Nächstenliebe; aus dieser heraus ergeben sich dann alle anderen Regeln.
NS|0|38|13|0|Es besteht unter ihnen nirgends ein positives Gesetz, sondern die Liebe ist ihr alleiniges Gesetz; aber nicht etwa positiv, sondern lebendig im Herzen eines jeglichen.
NS|0|38|14|0|Wenn sich etwa jemand hier und da nur im Geringsten verstoßen hat gegen dieses Gesetz, so wird er sogleich mit der größten Liebe und Sanftmut ermahnt, indem ein Hausvater zu ihm spricht: „Siehe, siehe, mein lieber Sohn! Du hast dich in deinem Herzen ein wenig vergessen und hast nicht bedacht, dass der Bruder, der dich um eine kleine Gefälligkeit ersucht hatte, einen ewigen unsterblichen Geist, wie du, in sich trägt. Dieser Geist ist ein lebendiger Geist aus Gott und ist ein Teil Seiner unendlichen Liebe, welche gleichen Maßes ausgeht unendlich und ewig. Was Größeres können wir wohl tun und was dem großen, lieben und guten Herrn Himmels und der Erde Wohlgefälligeres, als so wir Seine unendliche Liebe in allen unseren lieben Brüdern erkennen und dieselben darum achten und lieben aus dem Grunde unserer Herzen, weil sie so gut wie wir Teile der unendlichen Liebe Gottes sind!? Wir haben ja kein Gesetz, als das: Liebet die Liebe! Unsere Brüder aber sind ja so wie wir – Liebe aus Gott. Wie sollten wir sie denn nicht lieben und nicht alles mit der größten Freundlichkeit gerne tun, was wir nur immer erschauen können, das sie von unserer Seite benötigen dürften!? Es gibt ja ohnehin wenig Gelegenheiten, unseren lieben Brüdern und Schwestern zu dienen. Wenn wir aber selbst noch diese wenigen Gelegenheiten außer Acht lassen, wie steht es dann mit unserer Liebe zu Gott, der uns mit Seiner unendlichen Liebe allenthalben zuvorkommt?“
NS|0|38|15|0|Eine solche Lehre genügt aber auch vollkommen, um denjenigen, der sich irgendeinmal gegen seinen Bruder ein wenig vergessen hatte, also zu bewegen, dass er seinem Bruder darnach das Versäumte oder Übersehene mit der allergrößten Sanftmut und Freundlichkeit hundertfältig nachträgt.
NS|0|38|16|0|Seht, darin besteht nun auch schon die ganze häusliche Verfassung. Ich wollte aber, dass sie auch also unter euch zu Hause wäre! Wäre sie also zu Hause, da würde ein jeder Mein Wort lebendig in sich tragen. Aber statt einer solchen Verfassung ist bei euch nur die Verfassung des vollkommenen Eigennutzes zu Hause. Und Mein Wort in euch und in gar außerordentlich vielen Menschen gleicht einem verwesenden Leichnam im Grab, an dem nichts mehr lebendig ist, als die um denselben kriechenden Würmer des Eigennutzes, welche da mit der Zeit sogar noch den Leichnam, was da ist der Buchstabensinn, völlig auffressen und endlich vernichten und so aus dem Tempel des Lebens ein Haus des Todes machen!
NS|0|38|17|0|Beachtet also wohl diese häusliche Verfassung und vergleicht sie mit Meinem Gesetz der Liebe. Und ihr werdet daraus erst erkennen, dass fürs Erste in dieser Liebe einzig und allein das ewige Leben verborgen ist. Fürs Zweite werdet ihr auch erkennen, dass Ich allenthalben eine und dieselbe reinste Liebe bin. Und fürs Dritte soll euch das auch die Wahrheit alles dessen verbürgen, was Ich euch kundgebe. Denn die Wahrheit ist ja nur ein Licht, welches der Flamme der Liebe entstammt. Und wenn ihr allhier die wahre Liebe findet, so habt ihr auch das wahre Licht, welches euch in sich selbst die vollste Wahrheit dessen verbürgt, was allhier derselben Liebe entstammt, welche ist der Grund aller ewigen Wahrheit.
NS|0|38|18|0|Da wir nun solches wissen, so werden wir auch auf diesem Grund für das nächste Mal die staatliche Verfassung der Bewohner dieses vierten Gürtels gar wohl vor unsere Augen stellen und gründlich beschauen können. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein!
NS|0|39|1|1|Unterschiede des Planeten Jupiter zum entsprechenden Sonnengürtel. Staatliche Regeln und gesellschaftliches Leben
NS|0|39|1|1|(Am 1. Oktober 1842 nachmittags von 3 1/2 bis nach 6 Uhr.)
NS|0|39|1|0|Was die staatliche Verfassung betrifft, so ist diese an und für sich gar nichts anderes als der eigentliche zeremonielle Teil der Religionsverfassung und enthält die Regeln, welche bezüglich auf den inneren Gottesdienst allzeit genau beobachtet werden müssen.
NS|0|39|2|0|Freilich sind diese Regeln auf dem diesem Gürtel entsprechenden Planeten Jupiter um sehr Bedeutendes vielfältiger als auf diesem Gürtel. Dessen ungeachtet aber stehen doch die Regeln des Gürtels dem guten Teil nach in genauem Verhältnis zu denen auf dem Planeten Jupiter.
NS|0|39|3|0|Denn hier gibt es fürs Erste kein anderes politisches Oberhaupt als da ist der Hausvater, während es auf dem Planeten hier und da Menschen gibt, die sich ebenfalls für Herren halten und wollen, dass man sie auch für solche anerkennen solle; und die sich dessen weigern, werden mit Gewalt und Züchtigung dazu getrieben. Und so gibt es auch in dem Planeten Menschen, die sich für Halbgötter halten und wollen Mittler sein zwischen Mir und dem Volk. Diese Menschen wollen dann schon ganz besonders für Herren gelten und auch dafür gehalten werden. Wer ihnen solches nicht zugestehen will, den verdammen sie weidlichst; und in besonderen Fällen werden solche Widerspenstige sogar leiblicherweise zum Feuertod verdammt und verurteilt! Diese Herren sind gewisserart auch Heiden und beten die Sonne als das Angesicht Gottes an, obschon sie Mich als den Herrn gerade nicht leugnen. Der Unterschied zwischen diesen freilich wohl nicht so häufig vorkommenden Herren dieses Planeten und zwischen den guten Bewohnern ebendieses Planeten besteht darin, dass die Herren von Mir aussagen, Ich sei der allerhöchste und allergrößte Herr, während die Guten sagen, Ich sei der alleinige Herr.
NS|0|39|4|0|Seht, bei solchen und noch anderen Verhältnissen, welche auf dem Planeten gang und gäbe sind, müssen dann freilich wohl auch die staatlichen Regeln ums Unvergleichliche häufiger sein als auf dem entsprechenden Gürtel der Sonne, wo es durchaus keine Herren, keine Mittler, am allerwenigsten aber irgend heidnische Halbgötter gibt. Daher müsst ihr auch die Regeln, welche hier kundgegeben werden, auf dem entsprechenden Planeten nicht als allgemein für gang und gäbe betrachten, sondern nur dem besten Teil nach.
NS|0|39|5|0|Worin bestehen denn aber hernach diese staatlichen Regeln? Einige haben wir schon bei der Gelegenheit vernommen, da wir die häusliche Verfassung dargestellt haben; und so bleiben uns nur noch einige ganz besonders eigentümliche zu betrachten übrig.
NS|0|39|6|0|Die erste Regel bezieht sich auf die Sprache. Derzufolge ist es einem jeden der Gürtelbewohner zur inneren Pflicht, dass er besonders von geistigen Dingen niemals mittels artikulierter Zungenworte reden soll, sondern allein nur durch die Mimik oder Gebärdensprache, welche durch die Augen, durch die Stirn, durch die Lippen, Mundwinkel, durch das Kinn und die beiden Backen, mit Beihilfe der Aktion mit den Händen, bewirkt wird. Nur von naturmäßigen Dingen und mit den Fremden dürfen und können sie mit artikulierten Mundarten sprechen.
NS|0|39|7|0|Solches beobachtet aber ein jeder Bewohner dieses vierten Sonnengürtels durch die frühzeitige Übung so ungezwungen, wie ungezwungen ihr auf der Erde in einem schönen Garten zu lustwandeln pflegt, besonders wenn er euer vollkommenes Eigentum wäre.
NS|0|39|8|0|Das wäre sonach eine Regel. Eine andere Regel besteht darin, dass bei diesen Gürtelmenschen, wenn sie irgendwohin einen gemeinschaftlichen Gang tun, nie einer hinter dem anderen gehen darf, außer allein die Weiber hinter den Männern. Auf dem Planeten ist aber solches sogar den Weibern nicht gestattet. Zu diesem Behuf sehen sich sowohl die Bewohner des Planeten Jupiter, wie auch die des entsprechenden Sonnengürtels, alle Augenblicke um, ob niemand hinter ihnen einhergeht und sie beobachtet von rücklings. Wird irgend jemand erblickt, dass er einer solchen Gesellschaft, oder auch einem einzelnen Menschen, wenn auch noch in ziemlicher Entfernung, nachfolgt, so wird von der ganzen Gesellschaft, wie auch von einem einzelnen Menschen haltgemacht, und alles kehrt sich mit dem Gesicht gegen den Nachfolgenden und kehrt sich nicht eher um, als bis der Nachfolgende sie eingeholt hat.
NS|0|39|9|0|Bei solcher Gelegenheit wird er auch sogleich gefragt, ob er von ihrem Rücken bei seiner Nachfolge etwas bemerkt habe. Gesteht der Befragte, dass er davon wohl etwas bemerkt habe, so wird ihm solches mit einer sanften Rüge verwiesen und wird ihm bemerkt, dass er solches ja gegen niemanden fürder kundgeben solle. Hat er aber nichts bemerkt, so wird ihm bloß die kleine Gefahr vorgestellt, in welche er leicht hätte geraten können, wenn sie sich nicht besonders diesmal so emsig umgesehen hätten.
NS|0|39|10|0|Hier werdet ihr sicher fragen: Wie kommen denn diese sonst so überaus sanften und guten Menschen zu solch einer Läpperei? – Ich sage euch aber: So läppisch diese Regel auf den ersten Augenblick auch immer klingen mag, so hat sie aber dennoch einen sehr weisen Grund, welchen ihr auch sobald einsehen werdet.
NS|0|39|11|0|Es ist schon erwähnt worden, dass diese staatlichen Verfassungen gewisserart den zeremoniellen Teil des inneren Religionskultus ausmachen; aus diesem Grunde muss sich auch eine solche Verhaltungsregel entschuldigen lassen. Wie aber? Das soll sogleich folgen.
NS|0|39|12|0|Das Gesicht und überhaupt die ganze vordere Seite des Menschen stellt die Wahrheit vor; die Rückseite eines jeden Menschen aber die Lüge. Weil diese Menschen aber die Lüge für das einen Menschen allerentwürdigendste Laster halten und aus großer Liebe zu ihren Brüdern allzeit die vollste Wahrheit reden und durchaus kein Falsch an ihnen ist, so wollen sie sogar denjenigen Teil ihres Leibes nie einem vielgeliebten Bruder zeigen, welcher da, wenn auch allein, nur der Lüge entspricht. Denn sie sagen: Ein Bruder soll vor seinem Bruder nichts so Geheimes haben, dass er es vor ihm verbergen sollte; niemand aber kann durch den Rücken seinem Bruder zeigen, was er in seinem Herzen birgt. Wer da aber zeigt den Rücken seinem Bruder, der sucht vor ihm sein Herz zu verbergen. Wer aber vor seinem Bruder allzeit sein will offenen Herzens, der wende stets seinen Rücken ab vom Angesicht seines Bruders, damit dieser ja niemals irgendeine allergeringste Gelegenheit haben solle, von seinem Bruder zu glauben, als hätte dieser etwas im Hinterhalt, dass er es nicht eröffnen will seinem Bruder. Wenn aber solches schon der allerliebevollste, alleinige Herr des Himmels und der Erde gegen uns Menschen und gegen alle Seine Geschöpfe auf das Sorgfältigste vermeidet, ihnen den Rücken zuzuwenden statt des allerheiligsten Angesichtes, aus dem uns das ewige Leben wie alle Weisheit zukommt; – warum sollen wir Menschen solches gegenseitig nicht beobachten, was der allerliebevollste, alleinige Herr des Himmels und der Erde gegen uns Menschen und gegen alle Geschöpfe aus Seiner ewigen und endlos weisen Ordnung heraus beobachtet?!
NS|0|39|13|0|Seht, von diesem Gesichtspunkt betrachtet, verliert dann der Gürtelbewohner durch die Beobachtung dieser Regel nichts in den Augen der wahren Weisheit. Denn wo immer eine Handlung in der Liebe zu Mir und zu einem Bruder den entsprechenden Grund hat, da hört sie auch auf, unweise zu sein. Wo aber eine Handlung, wenn noch so zierlichen Aussehens, Eigenliebe und Eigennutz zum Grunde hat, da ist sie auch die purste Torheit und Läpperei in den Augen der reinen Geister.
NS|0|39|14|0|Also hätten wir auch diese Regel kennengelernt und wollen sonach gleich wieder eine andere betrachten. Diese Regel wird vorzugsweise nur im Wohnhaus beobachtet. Worin besteht sie? Diese Regel besteht darin, dass im Haus bei Gelegenheit der Ruhe niemand das Angesicht nach außen hinauskehren darf, sondern alles muss seine Augen in das Innere des Hauses richten. Warum denn? Weil diese Menschen sagen: In unserer Ruhe sollen wir unsere Augen zu Gott erheben; Gott aber ist das Inwendigste aller Dinge in der Entsprechung zu Seiner unendlichen Liebe. Daher stellt auch das Innere des Wohnhauses im entsprechenden Sinne die Liebe Gottes vor, von welcher nie ein Mensch seine Augen abwenden solle.
NS|0|39|15|0|Auf dem Planeten, wo die Menschen auch in ihren freilich wohl etwas anders gestalteten Wohnhäusern Betten haben, die sie gewöhnlich mit Feigenblättern, welche Frucht in diesem Planeten häufig vorkommt, angefüllt haben, sind ebendiese Betten in den Wohnhäusern stets so gestellt, dass die darin schlafenden Menschen mit dem Gesicht gegen das Innere des Hauses gekehrt sind. Auf dem entsprechenden Gürtel aber gibt es in den Wohnhäusern keine Betten, sondern nur die schon beschriebenen Ruhebänke zwischen den Säulen. Auf diesen Ruhebänken sitzen dann, wie schon voraus erwähnt, die Menschen also, dass ihre Gesichter gegen das Innere des Hauses gewendet sind.
NS|0|39|16|0|Nur wenn sie ihre Mahlzeit einnehmen, betreten sie die beiden äußeren Gänge ihres Wohnhauses und kehren das Gesicht nach außen, weil sie, wie sie es selbst sagen, allda ihrem Leib oder ihrer äußeren Natur dienen; und dieser Dienst solle nicht mit dem Geiste Gottes vermengt sein.
NS|0|39|17|0|Seht, da hätten wir wieder ein paar solcher staatlichen Regeln, welche bei der genaueren Durchprüfung sicher einen sehr weisen Grund haben. Und so gehen wir wieder zu einer anderen staatlichen Regel. Wie lautet denn diese und worin besteht sie?
NS|0|39|18|0|Diese Regel bezieht sich auf das Sitzen außer dem Haus, auf einem freien Platz, etwa unter dem Schatten riesenhaft großer Bäume. Ein jeder Mensch sowohl männlichen als weiblichen Geschlechtes ist allda verpflichtet, also zu sitzen wie ungefähr bei euch die Türken sitzen, nämlich mit übers Kreuz geschlagenen Beinen, und das allzeit in einem Kreis mit dem Rücken nach außen und mit dem Gesicht gegen den Mittelpunkt des Kreises; und es muss so viel als möglich allzeit zwischen zwei Männern ein Weib sitzen.
NS|0|39|19|0|Diese Situation der Menschen dieses Gürtels gehört zu dem eigentlichen geselligen Leben; und während einer solchen Sitzung wird auch allzeit recht viel gesprochen und sich so die Zeit mit angenehmen Dingen verherrlicht.
NS|0|39|20|0|Von was reden sie denn da gewöhnlich? Bei solcher Gelegenheit wird gewöhnlich mit der Mundsprache geredet, aber nie laut, und werden allerlei Dinge und Erscheinungen besprochen. Das allerliebste Thema ihres Gespräches aber bleibt immer der liebevollste alleinige Herr. Wenn sie auf Den kommen, dann kommt nicht leichtlich ein anderes Thema in den geselligen Zirkel.
NS|0|39|21|0|Wenn aber jedoch dieses Thema vorkommt, so hört auch sobald die Mundsprache auf, und die Gebärdensprache tritt an ihre Stelle. Nur müsst ihr euch hier die Gebärdensprache nicht etwa als eine unverständige, alberne Mimik eurer irdischen Komödianten vorstellen, sondern diese Sprache ist eine Sprache des Geistes, und ist eine vollkommene Sprache, durch welche jedes Ding bezeichnet werden kann, während die Mundsprache dagegen nur höchst armselig erscheint, selbst in ihrer größten Vollkommenheit. Damit ihr euch aber von dieser Sprache einen gründlicheren Begriff machen könnt, so will Ich euch solches durch ein für euch wohl fassliches Beispiel erhellen.
NS|0|39|22|0|Stellt zwei sogenannte hellsehende Somnambulen zusammen; lasst die eine zum Beispiel einen Brief an jemanden denken und setzt die zweite Somnambule mit der ersten in den magnetischen Rapport, so wird diese sogleich denselben Brief niederzuschreiben imstande sein, welchen die andere gedacht hat. Seht, dieses Beispiel, das ihr gar wohl verstehen könnt, gibt euch einen klaren Begriff, wie die Gebärdensprache dieser Gürtelbewohner beschaffen ist.
NS|0|39|23|0|Das wäre demnach wieder eine Regel, die ihren guten Grund und Zweck hat. Gehen wir aber wieder zu einer anderen über, und diese besteht darin, dass sich jeder Mann bei der Mundsprache, wenn er mit einem Weib spricht, ja sehr in Acht nehmen soll, nicht zu laut zu sprechen; denn ein zu lautes Wort an das zarte Weib gerichtet, könnte das Weib glauben machen, als hätte der Mann etwas Unangenehmes gegen sie, und das könnte auf den zarten Organismus des Weibes wie auf ihren Geist ja leichtlich also zerstörend einwirken, dass sie dadurch fruchtunfähig würde.
NS|0|39|24|0|Aus diesem Grunde ist aber dann auch die Zärtlichkeit von Seite des Mannes gegen das Weib so außerordentlich, dass ihr euch davon auf eurer rauen Erde unmöglich einen Begriff machen könnt. Aus dieser Zärtlichkeit aber geht dann auch diejenige Wonne hervor, welche allda die Ehegatten gegenseitig empfinden, von welcher Wonne ihr euch aber ebenfalls keinen Begriff machen könnt.
NS|0|39|25|0|Dass aber der Wert eines Weibes durch die ihm bezeugte Sanftmut und Zärtlichkeit ums Unglaubliche gesteigert werden kann, davon könnt ihr euch sogar auf eurer Erde einen dumpfen Begriff machen. Wenn ihr je in irgendeiner Gesellschaft wart, so hat euch sicher auch dasjenige weibliche Wesen am meisten bestochen, das in der Gesellschaft eine allgemeine Achtung genoss; und je mehr ein solches Wesen achtungsvoll ausgezeichnet und berücksichtigt wurde, desto mehr musstet auch ihr euch in ihrer Nähe beglückt fühlen. Solches ist freilich nur ein sehr mattes Beispiel, und zwar aus dem Grunde, weil man auf eurer Erde durchaus kein besseres finden kann. Aber dessen ungeachtet kann es euch einen kleinen Begriff verschaffen, damit ihr daraus den Grund ein wenig näher beschauen könnt, demzufolge alldort fürs Erste das weibliche Geschlecht überaus zart, sanft und voll der innigsten Liebe ist, und wie dann fürs Zweite mit diesem Charakter auch allzeit auf die natürlich leichtmöglichste Weise sich eine äußere, überaus anmutige Schönheit verbindet.
NS|0|39|26|0|Denn solches ist doch mehr als gewiss und sicher, dass die äußere Form des Leibes ein Abdruck des inneren Charakters ist. Wenn es bei euch abstoßende Formen gibt, so sind diese aus der vieljährigen Verdorbenheit der Charaktere der Stammeltern bewirkt worden. Werden aber die Charaktere stets veredelt und mehr und mehr in ihrem innersten Grunde Mir ähnlich, so werden auch die äußeren Abdrücke derselben stets veredelter und verherrlichter zum Vorschein kommen.
NS|0|39|27|0|Daraus könnt ihr aber auch dann schließen, dass die Weiber dieses Gürtels überaus schön sind und hauchen gewisserart überall Liebe und die größte Anmut und Holdseligkeit. Daraus wird dann auch wieder diese Regel begreiflich, welche der Mann bezüglich der Mundrede gegen das Weib zu beobachten hat.
NS|0|39|28|0|Mit dieser Regel aber wollen wir auch die heutige Mitteilung beschließen und für das nächste Mal die Fortsetzung einiger noch bei weitem wichtigeren staatlichen Regeln folgen lassen. Und somit gut für heute!
NS|0|40|1|1|Vegetation und Tierwelt auf dem vierten Sonnengürtelpaar. Weitere Staatsregeln
NS|0|40|1|1|(Am 3. Oktober 1842 von 3 bis 5 1/2 Uhr nachmittags.)
NS|0|40|1|0|Bevor wir aber jedoch zu den noch wichtigeren Staatsregeln übergehen wollen, wird es notwendig sein, mit der planetarischen und animalischen Welt dieses Gürtels uns ein wenig bekannt zu machen.
NS|0|40|2|0|Ihr werdet euch hier denken: Bis wir die überaus reichhaltige Pflanzen- und Tierwelt dieses Gürtels, wenn auch im flüchtigsten Maße genommen, durchschauen, da werden wir noch lange nicht zu der Fortsetzung der ferneren, wichtigeren Staatsregeln kommen. Ich aber sage euch: Sorgt euch nicht darum. Denn bei manchen Gelegenheiten verstehe Ich es, den Baum auf einen Hieb fallen zu machen. Und solches wird auch hier der Fall sein.
NS|0|40|3|0|Bevor Ich aber diesen Hieb ausführen werde, muss Ich euch schon ein wenig wieder auf den Planeten Jupiter selbst führen. Obschon dieser Planet gut viertausendmal größer ist als die Erde, die ihr bewohnt, so hat aber in Hinsicht sowohl auf die klimatische Beschaffenheit als, dieser zufolge, auch in Hinsicht auf die Vegetation und Tierwelt kein anderer Planet mit eurer Erde eine größere Ähnlichkeit als gerade dieser. Er hat zwar noch so manche Eigentümlichkeiten, welche anderen Planeten fremd sind, sowohl in planetarischer als animalischer Hinsicht; aber trotz dieser Eigentümlichkeiten möchtet ihr auf diesem Planeten wohl alles, nur in ziemlich vergrößertem Maßstab, antreffen, was nur immer euer Planet auf und in sich fasst.
NS|0|40|4|0|So wäre eine Eigentümlichkeit hinsichtlich des Pflanzentums, dass da auf diesem Planeten manche weise und liebfromme Menschen eine solche Willensfähigkeit besitzen, die da gleichkommt jener [Willensfähigkeit der Menschen] des Mittelsonnengürtels, und können derzufolge auch ganz neuartige Bäume und Pflanzen dem Boden ihrer Erde entlocken. Nur sind dann solche Bäume und Pflanzen samenlos und somit keiner Fortpflanzung fähig; während die positiven Pflanzen und Bäume, so wie auf eurer Erde, einen lebendigen Samen mit sich bringen.
NS|0|40|5|0|Diese positiven Pflanzen aber sind keine anderen als, in veredelter Hinsicht, die eures Erdbodens. So würdet ihr daselbst in der heißen Zone des Jupiter alle die tropischen Gewächse entdecken, in dessen zwei gemäßigten Zonen alle Früchte und Gewächse, welche auf eurer Erde in ebendiesen Zonen vorkommen; und so auch die der kalten Zone. Aber nur müsst ihr euch alles dieses um vieles veredelter und auch um vieles größer vorstellen, als es da vorkommt auf eurer Erde.
NS|0|40|6|0|So würdet ihr zum Beispiel dort auf einer grasreichen Wiese also zwischen den Grasstämmen herumwandeln, wie ihr herumwandelt auf eurer Erde ungefähr in einem jungen Wald; und die Bäume dürften auch ums Zehnfache größer sein als bei euch. Dessen ungeachtet aber würdet ihr doch nirgends auf diesem Planeten jene riesigen Bäume antreffen, wie auch jene riesigen Tiere nicht, die wir auf dem Planeten Saturnus haben kennengelernt.
NS|0|40|7|0|Und so sind auch die Menschen bei weitem nicht so groß wie die auf dem vorbenannten Planeten und noch viel weniger so groß wie ihre entsprechenden Bewohner unseres Sonnengürtels. Sondern die Menschen dieses Planeten sind kaum ums Drei- bis Vierfache größer als ihr auf der Erde.
NS|0|40|8|0|Da wir nun dieses wissen, so können wir auch unseren Hieb wagen; und ihr könnt versichert sein, dass wir dadurch sowohl die Pflanzen- als die Tierwelt unseres vierten Gürtels werden kennenlernen. Betrachtet sonach die Vegetation und Tierwelt eurer Erde, stellt euch dieselben hundertfältig größer vor in allem und jedem, so habt ihr auch schon die ganze Pflanzen- und Tierwelt dieses Gürtels vor euch.
NS|0|40|9|0|Wenn ihr zum Beispiel eine Fliege von diesem Sonnengürtel vor euch hättet, so hätten an derselben fünf eurer Menschen dermaßen zu essen, um sich für die Not hinreichend zu sättigen. So würdet ihr auch nicht leichtlich imstande sein, zehn Erdbeeren zu verzehren. Und eine Traube würden zwei ziemlich starke Menschen bei euch auf der Erde eben nicht gar zu leicht von der Stelle schaffen. Und wie sich alles dieses verhält, also verhält sich auch alles andere. Mit den Tieren ist es derselbe Fall; mit Ausnahme der alleinigen Schlange, welche weder im Jupiter, noch in diesem entsprechenden Gürtel anzutreffen ist. Wohl aber gibt es Eidechsen, welche aber samt und sämtlich guter Art sind. Diese halten sich aber gewöhnlich an den Ufern der Seen und Flüsse auf; zu den Menschenwohnungen gelangt nie ein solches Tier.
NS|0|40|10|0|Nun seht, jetzt erst können wir mit unseren staatlichen Regeln die Fortsetzung beginnen.
NS|0|40|11|0|Und so gibt es ferner eine Regel, dass außer einigen wenigen Hausvögeln, dergleichen da sind die Haushühner und Tauben, kein anderes Haustier, außer dem schon bereits bekanntgegebenen, zu Hause gehalten werden darf. Hier werdet ihr fragen und sagen: Wenn diese staatliche Regel vollkommen wirksam sein soll, muss sie da nicht auch auf die Intelligenz der Tiere sich erstrecken? – Ich sage euch aber: Solches ist nicht nötig, denn diese Regel sagt den Bewohnern dieses Gürtels nur so viel, dass sie ihre nicht selten viele Quadratmeilen großen Hausgrundstücke so einzäunen sollen, dass dieselben von den Tieren nicht können betreten werden.
NS|0|40|12|0|Hier werdet ihr wieder sagen: Aber diese Einzäunung wird den Bewohnern dieses Gürtels doch sicher sehr viele und große Arbeit verursachen. – Wenn sie die Arbeit so angreifen würden wie ihr, da hätten sie sicher mit einer solchen Einzäunung sehr viel zu tun; denn ein solcher Zaun hat nicht selten mehrere hundert Meilen im Umfang.
NS|0|40|13|0|Wie stellen sie es denn hernach an? Sie nehmen eine gehörige Menge guten Baumsamens, ziehen dann um ihren Grund eine Furche mit einem Werkzeug, welches einem Pflug gleicht; nur wird der nicht von den Tieren gezogen, sondern mit spielender Leichtigkeit von den überaus starken Menschen. In diese Furche wird dann der Same von einem Weib gelegt und von einem Nachfolgenden eben auch mit einem eigenen Werkzeug die Furche wieder zugedeckt; und das ebenfalls von einem Weib. Diese Arbeit geht so schnell vor sich, dass den zaunsetzenden drei Personen kein Vogel im schnellsten Flug nachkommen dürfte. Und zufolge der großen Fruchtbarkeit dieses Bodens stehen in kurzer Zeit die gesäten Bäume bei zwanzig Klafter hoch über dem Erdboden ausgewachsen. Und im Verlauf von etwa drei Jahren eurer Zeitrechnung ist eine solche lebendige Umzäunung so gut wie schon vollendet.
NS|0|40|14|0|Möchtet ihr auch die Gattung dieser Zaunbäume kennen? Da sage Ich euch, dass diese Bäume zumeist gleichkommen euren Zedern, Fichten und Tannen. Die Stämme wachsen so dicht nebeneinander heraus, dass sie eine förmliche Wand bilden, welche, wenn sie ausgewachsen, nicht selten über tausend Klafter hoch ist.
NS|0|40|15|0|Nun seht, über diese Wand kommt dann sicher kein Tier auf den mittels dieses Zaunes abgemarkten Grund. Und also erstreckt sich diese Hausregel auch darauf, dass ein jeder Grund auf die vorbeschriebene Art gehörig abgezäunt werden soll.
NS|0|40|16|0|Wenn da jemand fragen würde: Warum verabscheuen denn die Bewohner dieses Gürtels so sehr die Tiere? – Dem diene folgendes zur Antwort: Die Bewohner dieses Gürtels sagen zufolge ihrer inneren Weisheit: Die Tiere haben samt und sämtlich noch unreine Seelen, welche da könnten durch ihr Benehmen die Seele des Menschen verunreinigen, indem sie all ihre Verrichtungen aus ihrem Gericht heraus tun. So der Mensch da eine oder die andere Verrichtung eines oder des anderen Tieres leichtlich nachahmen würde, so würde er sich dadurch selbst aus seiner Freiheit in ein tierisches Gericht versetzen, welches ihm nach und nach an seiner Seele Schaden bringen könnte.
NS|0|40|17|0|Aus diesem Grunde ist es dann unsere gegenseitige Liebespflicht, die Tiere von uns abzuhalten, und lieber eine Furcht vor denselben zu haben als eine unzweckmäßige Anhänglichkeit. Die Liebe zu den Tieren erzeugt mit der Zeit ein unlauteres Gemüt und macht die Seele selbst tierisch. Daher soll niemand den Tieren fluchen; aber noch weniger soll er an ein oder das andere Tier sein geheiligtes Herz hängen.
NS|0|40|18|0|Seht, darin hat dann erst die vorbesagte Staatsregel ihren Hauptgrund, wie überhaupt der Bewohner dieses Gürtels für jede seiner Regeln einen höheren, weisen Grund hat.
NS|0|40|19|0|Hier aber werden wieder einige fragen: Können denn die Bewohner dieses Gürtels den Fliegen und anderen fliegenden Insekten, wie auch den unzahmen Flugvögeln, einen Zaun setzen? Denn das sind ja doch auch Tiere, mit sicher nicht so reinen Seelen belebt wie die Menschen selbst.
NS|0|40|20|0|Was die Fliegen betrifft und auch andere fliegende Insekten, so werden diese durch den Willen der Bewohner mit der größten Leichtigkeit ferngehalten. Und zudem halten sich diese Tiere auch zumeist nur an den Ufern der Meere, Seen und Flüsse auf.
NS|0|40|21|0|Was aber die Vögel betrifft, so sind diese in ihrem Flug niemandem gefährlich. So sie sich aber irgend niederlassen, so machen sie keine bleibende Stätte; und den Schaden, den sie zufügen, kann jedermann leicht verschmerzen, indem sie für den Schaden bezüglich der Reinigung durch die Verzehrung von allerlei unreinem Gewürm einen bei weitem größeren Nutzen stiften.
NS|0|40|22|0|Aus diesem Grunde besteht dann auch eine zweite Staatsregel, dass niemand was immer für einen Vogel von der Stelle verscheuchen darf, wo er sich niedergelassen hatte. Auch hier sagen die Bewohner: Was sich über unsere Einzäunung erheben kann und will nicht achten diese Grenze, das wird zu unserem Besten von einem höheren Willen geleitet. Daher sollen wir allzeit dasjenige, was von oben herabkommt, nicht in die Flucht treiben, sondern sollen uns nach dem Willen Gottes von selbem dienen lassen nach der Art, wie ein solches Wesen zu unserem Besten zu dienen bestimmt ist. – Und so lassen denn auch die Bewohner oft ganze Vogelheere auf ihrem Grund Nahrung nehmen und sagen dabei: Alles, was arbeitet, ist seiner Nahrung wert. Daher lasst auch diese Arbeiter speisen, allda sie gearbeitet haben; denn sie kommen nicht ohne den Willen Gottes und können ohne denselben auch nicht weiterziehen.
NS|0|40|23|0|Seht, also hat auch diese Staatsregel ihren guten Grund. Ihr werdet aber mit der Zeit fragen: Wenn die Bewohner dieses Gürtels gegenseitig ihre Gründe also abzäunen, wo leben denn dann die vielen und großen Tiere? – Darum sorgt euch nur nicht, denn die Gründe der Bewohner dieses Gürtels grenzen nicht so knapp aneinander wie bei euch; und so sind zwischen dem einen und dem anderen Grund nicht selten bei hundert Meilen breite Zwischenräume, welche den Tieren überlassen sind. Und so haben die Tiere im Durchschnitt mehr Wohnraum als die Menschen.
NS|0|40|24|0|Aber wieder dürfte der eine oder andere fragen und sagen: Wir haben vernommen, dass die Menschen dieses Gürtels öfters Bereisungen machen; werden sie da nicht gefährdet von so manchen reißenden Tieren, wenn sie durch ihre Bezirke wandeln? – Solches ist eitel zu fragen. Denn fürs Erste sind die Tiere alldort zumeist sanfter Art und fürchten den Menschen. Fürs Zweite ist hier der Mensch, vermöge seiner geistigen wie auch leiblichen Kraft, ein wahrer Herrscher seiner Welt. Und fürs Dritte wird ein jeder Reisende bis zum nächsten nachbarlichen Grund begleitet. Und so kann unter diesen drei Subsidien wohl jedermann sicher reisen, besonders auch aus dem Grunde, weil er in der Sonne keine Nacht zu befürchten hat.
NS|0|40|25|0|Seht, das ist demnach wieder eine Staatsregel, welche darin besteht, dass zwischen den abgezäunten Grundstücken allzeit ein gehöriger Raum den Tieren überlassen werden und jeder Grund nach seiner Rundung herum sieben Eingänge haben muss, welche also beschaffen sind wie die sogenannten Überstiegel an euren Zäunen, über welche aber dort nur die großen Menschen ihre Füße setzen können, aber sonst durchaus kein Tier.
NS|0|40|26|0|Wie sehen denn aber diese Tierzwischenräume aus, in welche man durch die Zaunstiegel gelangt? Diese Zwischenräume sind zumeist dicht bewaldet. Nur wo die Stiegel sind, sind die Waldungen gelichtet bis zu einem Stiegel eines nachbarlichen Grundes; und das sind die eigentlichen Wege, auf welchen jedermann seine Reisen sicher machen kann.
NS|0|40|27|0|Bezüglich der Erhaltung dieser Wege gibt es dann auch eine gemeinschaftliche Staatsregel zwischen den Nachbarn, derzufolge ein jeder die Hälfte solcher Überwege beständig wohl gereinigt zu erhalten hat. Denn auch hier sagen die Bewohner: Die unreinen Tiere nur wandern durch der Wälder Dickicht, der Mensch aber soll allzeit offenen Weges gehen. Denn in der Tiere Macht liegt es nicht, sich zu lichten den Weg; wohl aber hat der Mensch die Macht, rein zu erhalten jeglichen seiner Pfade; und es muss ein jeder Weg gerade sein, damit er sich unterscheide von den gekrümmten Wegen derjenigen Wesen, die da nicht erkennen die Wohltat der geraden Linie, sondern irren nach allen Richtungen im Dickicht der Wälder.
NS|0|40|28|0|Das wären sonach die wichtigsten staatlichen Regeln bezüglich der Grundwirtschaft. Nächstens wollen wir noch einige betrachten und sodann uns zur Religion wenden. Und somit wieder gut für heute!
NS|0|41|1|1|Das Weizenkorn und dessen Zubereitung als Gleichnis für das Wesen und die Aufnahme des heiligen Wortes. Die sonstige Pflanzenzucht
NS|0|41|1|1|(Am 4. Oktober 1842 von 4 bis 5 Uhr nachmittags.)
NS|0|41|1|0|Eine fernere solche staatliche Regel besteht darin, dass die Bewohner dieses Gürtels das Weizenkorn pflegen müssen und, wenn dasselbe reif geworden ist, in Bündeln sammeln, die Ähren ausreiben und dadurch des reinen Samenkorns habhaft werden.
NS|0|41|2|0|Wozu verwenden sie dann diese Frucht? Diese Frucht, deren Körner nahe so groß sind wie bei euch ein kleines Hühnerei, wird auf die euch schon bekannte Art gesotten und dann sogleich genossen. Wenn ihr euer Weizenkorn also sieden würdet und sodann genießen, so würdet ihr dadurch zwar wohl eine recht nahrhafte Kost bekommen, die aber freilich eben nicht gar zu gut schmecken dürfte, weil das Weizenkorn eurer Erde nicht so viel Zuckerstoff in sich enthält wie das dieses Gürtels. Dieses Gürtels gekochtes Weizenkorn aber ist für die Bewohner dieses Gürtels eben die allerangenehmste und beliebteste Speise.
NS|0|41|3|0|Hier wird einer oder der andere fragen: Wie kann denn solches wohl als eine Staatsregel angesehen werden? – Ich aber sage: Nur eine kleine Geduld! Mit einem Wort kann man für äußere Sinne nicht sogleich einen ganzen Gegenstand bezeichnen. Hört aber nur, was die Bewohner von dieser Frucht sagen: Unter allen Fruchtgewächsen, die uns der große und alleinige Herr Himmels und unserer Erde beschert hat, ist keines unseres Gewerbsfleißes würdiger als eben das Weizenkorn, weil keines so große Ähnlichkeit hat mit dem lebendigen Brot aus den Himmeln wie dieses. Alle anderen Früchte, wie ihr sie kennt, gedeihen sogestaltet, dass wir sie sogleich entweder von der Pflanze, Staude oder vom Baum in den Mund stecken können; aber das Weizenkorn, obschon die beste aller unserer Früchte, muss früher aus der Ähre, welche da ist voll Spitzen und Haken, gelöst werden, sodann erst gereinigt und, wollen wir es genießen, im durch das Feuer lebendig gemachten Wasser erweicht werden.
NS|0|41|4|0|Nun betrachtet dagegen das Brot aus den Himmeln, welches ist das heilige Wort, das uns künden die Geister aus den Himmeln, wie es gleicht diesem Weizenkorn, das da endlich unsere Lieblingsnahrung ist! Unter allerlei Bemühungen und dornigen Prüfungen kommen wir erst zum Besitz dieses himmlischen Brotwortes. Haben wir es einmal empfangen, dann müssen wir es erst in uns selbst durch unser Tun und Lassen reinigen. Denn, wie ihr wisst, es wird uns allzeit so gegeben, dass das eigentlich Nährende für den unsterblichen Geist stets mit hart zu lösenden Hülsen tiefer himmlischer Weisheit umschlossen ist. Haben wir endlich das reine innere Korn von diesen Hülsen befreit, dann erst müssen wir das noch harte Korn in unserem eigenen lebendigen Wasser des Geistes am Feuer der Liebe zu Gott weich sieden, damit es dann für unseren unsterblichen Geist zu einer ewig nährenden Speise werde.
NS|0|41|5|0|Seht, wenn ihr diese ausgesprochenen Worte nur einigermaßen betrachtet, so wird euch daraus sicher klar werden, warum die Anbauung dieses Korns auf diesem Gürtel als eine staatliche Regel betrachtet wird. Also hätten wir wieder eine solche recht wichtige Regel kennengelernt.
NS|0|41|6|0|Eine andere Regel bestimmt wieder die Ordnung, wie der sämtliche Grund muss mit Bäumen, Stauden und anderen Pflanzengewächsen bestellt sein. Auch hier läuft alles in länglichen Kreisen um das Wohnhaus. Am entferntesten von einem Wohnhaus stehen die größeren Fruchtbäume, bis endlich die letzte Reihe der euch schon bekannte Fichtenzaun beschließt.
NS|0|41|7|0|Auch diese Ordnung hat wieder ihren guten Grund. Denn sie entspricht nach der Weisheit dieser Bewohner Meiner Ordnung, derzufolge auch das Grobmaterielle am weitesten als Sinnbild schroffer und erhabener Weisheit von Meinem Liebeszentralfeuer absteht. Alles Zartere, Kleinere und Schwächere aber befindet sich stets näher und näher der ewigen Hauptwohnung Meiner Liebe. Darum schon ein altes Sprichwort ist, sogar auf eurer Erde: „Die Liebe Gottes ist dem Kleinen zugewandt!“ – Und Ich Selbst sagte einst auf der Erde: „Lasst zu Mir die Kleinen kommen; wehrt es ihnen nicht, denn ihrer ist das Himmelreich!“
NS|0|41|8|0|Aus dem werdet ihr gar leicht wieder ersehen, aus welchem Grunde die Ordnung zur Fruchtanbauung eines Grundes alldort auch eine Staatsregel ist. Und solches werdet ihr umso leichter begreiflich erschauen, wenn ihr das bereits schon vor der Kundgabe dieser staatlichen Regeln Erwähnte ins Gedächtnis zurückruft, allda es gesagt ist, dass diese Staatsregeln an und für sich den eigentlich zeremoniellen Teil der Religion bei den Bewohnern dieses Gürtels ausmachen.
NS|0|41|9|0|Es gäbe zwar noch einige Regeln, allein wenn ihr die bereits bekanntgegebenen nur recht beachtet, so könnt ihr daraus gar wohl ersehen und gründlich daraus schließen, dass alle anderen Regeln ganz denselben Grund haben wie die bereits bekanntgegebenen, welche auch an und für sich schon die wichtigsten sind.
NS|0|41|10|0|Aus dem Grunde wollen wir dann auch die Staatsregeln beschließen und uns zur Religion der Bewohner dieses Gürtels wenden.
NS|0|42|1|1|Die Religion der Bewohner des vierten Sonnengürtelpaares. Wiedervereinigung des eigenen Willens mit dem göttlichen Willen. Zusammenhang von Nächstenliebe und Gottesliebe
NS|0|42|1|1|(Am 6. Oktober 1842 von 4 1/2 bis 6 1/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|42|1|0|Was da die Religion betrifft, so ist diese fast nirgends so einfach wie hier.
NS|0|42|2|0|Sie besteht lediglich in nichts anderem als in dem lebendigen Glauben, dass Gott ist ein allervollkommenster Mensch, und dass dieser allervollkommenste Mensch hat Himmel, ihre Erde und alle Dinge und Wesen aus Seinem freien Willen heraus erschaffen und hat den Menschen gemacht nach Seinem Ebenmaß und hat ihn gesetzt auf die Welt zu einem Herrn derselben, damit er beherrsche die äußere wie seine eigene Welt, welche da ist das Naturmäßige eines jeden Menschen bei seinem Leibesleben. Solches wird als Grundsatz ihrer Religion gelehrt und macht gewisserart den ersten Teil ihrer Religionslehre aus.
NS|0|42|3|0|Im zweiten Teil ihrer Religionslehre aber wird gezeigt, wie der Mensch ein vollkommenes Gefäß ist zur Aufnahme des göttlichen Willens; und es wird ferner gezeigt, wie der Mensch nur durch die Aufnahme dieses Willens ein wahrhaft mächtiger Herr über alle anderen Geschöpfe der Welt, wie über die Welt selbst werden kann.
NS|0|42|4|0|Auch wird dann in diesem Teil noch gezeigt, wie der Mensch des göttlichen Willens vollkommen habhaft werden kann, nämlich durch die Erfüllung desselben. Denn es heißt da: Wer den Willen Gottes in sich vollkommen erfüllt, der muss ihn ja vorher vollkommen in sich aufgenommen haben. Es kann aber niemand den göttlichen Willen in sich aufnehmen, solange er seinen eigenen Scheinwillen nicht fahren lässt. Wie lässt aber der Mensch seinen Willen fahren? Der Mensch lässt seinen Willen fahren, wenn er ihn zu dem Zweck gebraucht, als er ihm von dem Schöpfer eingegossen wurde.
NS|0|42|5|0|Wie lautet aber der Zweck? So lautet er: Der Mensch soll mit dem eigenen Willen wollen den Willen Gottes erfüllen und wollen zu dem Behuf denselben erkennen. Wem solches vollends ernst ist, den wird Gott auch alsbald in gerechtem Maße Seinen Willen erkennen lassen. Inwieweit aber jemand dann den Willen Gottes erkennt und tut zufolge seines eigenen Willens nach dem Willen Gottes, insoweit er denselben erkannt hat, der vereinigt dann den eigenen Willen mit dem göttlichen, wodurch dann erst eine wahre Wiederbindung, welches die eigentliche Religion ist, zwischen Gott und dem Menschen bewerkstelligt wird.
NS|0|42|6|0|Je mehr demnach im Zustand der Religion der Mensch sich bestrebt, den göttlichen Willen zu erkennen und darnach zu handeln, desto mehr verbindet er sich auch mit der Kraft des göttlichen Willens. Und hat jemand sich den göttlichen Willen in solchem Grade eigen gemacht, dass er durchaus keinen eigenen Willen mehr hat, selbst dazu nicht, um den göttlichen Willen zu erfüllen, sondern aller Wille in ihm schon geworden ist ein rein göttlicher, sodann hat sich der Mensch nicht nur mit Gott verbunden, sondern er hat sich mit Ihm vereinigt.
NS|0|42|7|0|Und das ist der Zweck der Religion, dass sich der Mensch mit Gott vereinigen soll, das heißt, er soll keinen anderen Willen als Handlungsbeweggrund haben als allein den göttlichen.
NS|0|42|8|0|Wer aber den allein göttlichen Willen zum Beweggrund aller seiner Handlungen hat, der handelt leicht und überaus wirksam. Denn die Allmacht des göttlichen Willens beurkundet sich überall und in jedem Menschen, wenn dieser Wille als reiner Beweggrund einer oder der anderen Handlung auftritt.
NS|0|42|9|0|Seht, in dieser kurzen Darstellung ist und besteht der zweite Teil der Religion der Bewohner dieses Gürtels.
NS|0|42|10|0|Und nun kommt noch der dritte Teil. In diesem Teil wird allein das innere Leben dargestellt und das ebenfalls auf die kürzeste und einfachste Weise; was ihr sogleich aus der Lehre erkennen werdet, die Ich euch so wie die vorherigen buchstäblich anführen will.
NS|0|42|11|0|Also lautet aber die Lehre des dritten Teils: Gott ist das ureigentliche Leben Selbst; darum in Gott Selbst an und für sich die größte Feindschaft gegen den Tod ewig unerbittlich waltet. Denn das Leben kann sich nie mit dem Tod befreunden. Wie sollte Gott als das urewige, allereigentlichste Grundleben alles Lebens je eine Gemeinschaft und Freundschaft haben können mit dem Tod, welcher der allerschroffste Gegensatz alles Lebens ist?!
NS|0|42|12|0|Diese in der ewigen Ordnung Gottes gegründete Feindschaft ist der Zorn Gottes. Wenn aber Gott, als der Grund alles Lebens, die Welt und die Dinge erschaffen hat aus Sich, da hat Er sie gewiss nicht aus Seinem Zorn, sondern aus Seiner endlosen Freundschaft geschaffen. Diese Freundschaft ist als Liebe das eigentliche Grundwesen Gottes, aus welchem wir und alle Dinge hervorgegangen sind.
NS|0|42|13|0|So wir aber als selbst lebendige, denkende und wollende Wesen doch ersichtlich notwendigerweise aus dem Leben Gottes hervorgegangen sind, in welchem kein Tod denkbar ist, so sind wir auch sicher nicht für den Tod hervorgegangen, sondern nur für das Leben. Dass aber sich solches also verhält, mögen wir ja alle daraus überklar entnehmen, dass wir als lebendige Wesen da sind.
NS|0|42|14|0|Denn der Tod, dieses Unding ohne Sein, bloß nur als ein Begriff zum Gegensatz des Lebens, kann ja doch unmöglich irgendetwas hervorbringen. Denn könnte er solches, da müsste er früher da sein; wie und wo aber könnte er da sein, indem das lebendige Wesen Gottes erfüllt Seine eigene Unendlichkeit, außer welcher keine zweite Unendlichkeit mehr denkbar ist, indem die eine Unendlichkeit Gottes ewig unbegrenzt ist.
NS|0|42|15|0|Da wir aber nun da sind lebendig, denkend und sich selbst fühlend, so sind wir ja doch notwendig aus dem urlebendigen Gott da und sind, wo wir sind, in der Mitte Seines urewigen, allervollkommensten Lebens. Nichts kann uns von selbem trennen als nur auf eine kurze Zeit der von Gott uns gegebene Wille.
NS|0|42|16|0|Haben wir diesen wieder mit Seinem Willen vereinigt, so sind wir auch dadurch in das Urgrundleben zurückgegangen, und es trennt uns nichts mehr von selbem – als zum Schein nur die schwache Haut des Leibes. Wenn diese nach dem Willen Gottes von uns genommen wird, sodann sind wir wieder vollkommen ein Leben mit Gott, welches sich dann im höchsten Grade der Klarheit ewig in aller der göttlichen Vollkommenheit erkennen und beschauen wird.
NS|0|42|17|0|Wie empfinden wir aber dieses urgöttliche Leben in uns? Dieses urgöttliche Leben fühlen und empfinden wir durch die Liebe. Wer sonach die Liebe hat, der hat schon das Leben auch in sich. Wer aber die Liebe nicht hätte, der müsste noch weitere Prüfungen bestehen, und das so lange, bis sich die Liebe in ihm künden würde.
NS|0|42|18|0|Die Liebe unserer Brüder und Schwestern ist der Anfang des inneren Lebens. Wer aber aus dieser Liebe in die Liebe zu Gott übergegangen ist, der ist auch übergegangen vom Anfang seines Lebens in die Fülle des göttlichen Lebens selbst.
NS|0|42|19|0|Denn wer seine Brüder und Schwestern liebt, der lebt schon in ihren Herzen und sie in dem seinigen. Wer aber dann Gott liebt, der lebt in Gott und Gott in ihm!
NS|0|42|20|0|Es kann aber niemand aus der eigenen Liebe heraus Gott lieben, weil Gott die Fülle des Lebens ist. So aber jemand durch seine Liebe seine Brüder und Schwestern lebendig in sich aufgenommen hat, der hat dadurch seine eigene Lebenssphäre erweitert, damit er dann erst in diese die Fülle des göttlichen Lebens aufnehmen kann.
NS|0|42|21|0|Denn das eigene Leben durch die eigene Liebe ist viel zu ohnmächtig zur Tragung der Fülle des göttlichen Lebens. Aber ein vereinigtes Bruder- und Schwesterleben durch die Liebe in eines Menschen Herzen kann erst noch und also gestärkt werden, dass es dann imstande ist, die Fülle des göttlichen Lebens in sich aufzunehmen.
NS|0|42|22|0|Obschon zwar jeder Mensch für sich ein lebendes Wesen ist, so würde aber doch das Leben eines einzelnen Menschen in sich selbst als ein barster Tod gegen die Fülle des göttlichen Lebens erscheinen, und niemand könnte dieselbe ertragen, so sie über ihn kommen möchte in seiner dürftig lebendigen Abgeschlossenheit. Daher breitet die Arme eurer Herzen weit aus und umfasst alle Brüder und Schwestern mit der innigsten Liebe werktätig, so werdet ihr dadurch euer Herz zu einer geräumigen Wohnstätte umgestalten, in welche dann die Fülle des göttlichen Lebens wird einziehen und allda ewige Wohnung nehmen können. Denn Gott ist groß und unendlich die Fülle Seines Lebens.
NS|0|42|23|0|Wir wissen aber, dass in einem Punkt keine große Kraft herrschen kann. Wenn sich aber die Punkte vereinigen, so wird ihnen auch eine Kraft innewohnen, welche entsprechen wird der Größe ihrer Vereinigung. Oder ist nicht unsere große Welt zusammengesetzt aus lauter Punkten? So wir aber einen Punkt davon nehmen und prüfen seine Kraft, wie gering erscheint sie gegen die unsrige, indem wir ihn zunichtemachen können zwischen unseren Fingern. Sind wir solches auch imstande mit unserer großen Welt? O das ist fern von uns! Denn die Kraft der Welt ist eine Fülle, die da entspricht der endlosen Vielheit der Punkte, aus denen sie besteht. Die Kraft aber ist ebenfalls nichts anderes, als das stets mächtigst wirkende Leben Gottes in unserer Welt.
NS|0|42|24|0|Der eigenliebige Mensch gleicht einem Punkt, welchen schon unsere Kraft zerstört. Was wird ihm erst geschehen zwischen den Fingern der göttlichen Lebenskraft? Wenn wir aber unser Herz erweitern durch die Bruder- und Schwesterliebe, da vergrößern wir durch die Zusammenziehung der lebendigen, einzelnen Punkte in uns unsere eigene innere Welt, was alles die Bruder- und Schwesterliebe bewirkt, und bilden dadurch ein kräftiges Organ zur Aufnahme stets größerer Kräfte. Ist dieses Organ nach dem Willen Gottes vollkommen ausgebildet, gleich der äußeren Welt, die uns trägt, sodann erst wird dasselbe auch fähig werden, die Fülle höherer Kräfte in sich aufzunehmen, welche da ausgehen aus der urewigen, endlosen Fülle der göttlichen Lebenskraft.
NS|0|42|25|0|Liebt daher Brüder und Schwestern, damit ihr Gott lieben könnt; denn ohne die Bruder- und Schwesterliebe kann niemand Gott lieben.
NS|0|42|26|0|Seht, das ist der ganze dritte Grundsatz vom Leben durch die wahre Religion.
NS|0|42|27|0|Mit diesem Grundsatz ist auch der Ehestand vereinigt. Daher aber auch die Ehe nirgends so innigst gehalten wird, wie hier.
NS|0|42|28|0|Dass solches alles in den beiden Gürteln, welche dem Planeten Jupiter entsprechen, ohne die geringste Ausnahme der Fall ist, könnt ihr schon aus dem abnehmen, dass Ich bei der Darstellung des nördlichen Gürtels gar nie ganz besonders des südlichen erwähnt habe. Und somit wären wir auch mit diesem vierten Gürtel fertig und wollen uns sogleich auf den fünften begeben.
NS|0|43|1|1|Das fünfte Sonnengürtelpaar entsprechend dem Saturnus
NS|0|43|1|1|(Am 7. Oktober 1842 von 4 1/4 bis 6 Uhr nachmittags.)
NS|0|43|1|0|Was da den fünften Gürtel betrifft, so brauche Ich euch nur bekanntzugeben, dass dieser fünfte Gürtel sowohl nördlicher- als südlicherseits dem euch ganz wohlbekannten Planeten Saturnus entspricht, so habt ihr schon einen ziemlichen Teil desselben erkannt, und wir werden bei der Darstellung dieses Gürtels darum auch um viel eher fertig werden als mit der des vorigen.
NS|0|43|2|0|Was den Gürtel an und für sich betrifft, so ist auch dieser von dem vorigen durch einen hohen Gebirgswall getrennt. Aber von diesem Gebirgswall laufen dann sogleich große Gebirgszüge über den ganzen, über viertausend Meilen breiten Gürtel, welcher dann erst auf seiner nördlichsten Seite einen Wassergürtel hat, welcher aber keine gleiche Breite, sondern viele Einbuchtungen in das Land hat. Manche Einbuchtung erstreckt sich zwei- bis dreitausend Meilen tief ins Land hinein. Die nördlichste Uferseite dieses Wassers aber läuft dann ziemlich geradlinig fort und ist von lauter schroffen Gebirgswänden begrenzt.
NS|0|43|3|0|Derselbe Fall ist es auch mit dem südlichen korrespondierenden Gürtel; nur natürlicherweise im umgekehrten Verhältnis, demzufolge der nördliche Teil bewohnbares Land, von den vielen Gebirgszügen durchwebt, ist und am südlichen Teil der Länder dieses Gürtels erst der Wassergürtel folgt, welcher ebenfalls gegen das bewohnbare Land große Einbuchtungen hat.
NS|0|43|4|0|Wir werden aber dennoch allein den nördlichen Gürtel darstellen und durch die Verhältnisse des nördlichen Gürtels gewisserart auch stillschweigend die des südlichen mitnehmen.
NS|0|43|5|0|Wie ist sonach das Land beschaffen? Seht nur auf den Saturnus hin, und ihr seht dadurch auch die Beschaffenheit der Ländereien dieses Gürtels.
NS|0|43|6|0|Der Wohnbaum ist auch hier zu Hause, auch der Regenbaum, der Strahlenbaum, der Trichterbaum, der Spiegelbaum, der Wandbaum und der Allerleibaum, wie auch der Pyramidenbaum sind hier allenthalben anzutreffen. Nur sind sie hier noch großartiger, erhabener, schöner und feuriger in allem als auf dem Planeten Saturnus.
NS|0|43|7|0|Also sind auch alle die Gesträuche und Pflanzen in verherrlichterem Maßstab vorhanden, die wir auf dem Planeten haben kennengelernt. Sogar die Schiffspflanze mangelt nicht und wird allhier zu demselben Zweck benutzt wie auf dem Planeten. Denn in diesem Gürtel fängt schon die Schifffahrt an.
NS|0|43|8|0|Was die Tiere betrifft, so sind die gutartigen samt und sämtlich zu finden. Das große Mud aber und noch einige andere mehr bösartige Tiere des Planeten Saturnus, wie auch noch der große Fisch und der große Vogel sind hier nicht zu finden, auch die verschiedenen Muscheltiere nicht. Alles andere Getier aber ist da also zu Hause wie auf dem Planeten. Und die große Kuh selbst mangelt nicht, sowie das euch bekannte Schaf der Gebirgsbewohner. Nur ist, wie schon gesagt, hier alles veredelter und viel sanfter noch als auf dem Planeten.
NS|0|43|9|0|Wollt ihr die sämtlichen Verhältnisse dieses Gürtels gewisserart auf einen Hieb durchschauen, so begebt euch nur zu des Planeten Gebirgsbewohnern. Allda könnt ihr alle Verhältnisse sowohl in bürgerlicher, häuslicher, staatlicher und religiöser Hinsicht kennenlernen.
NS|0|43|10|0|Auch hier werden Tempel zum Gottesdienst errichtet. Und die Zeitrechnung ist bei den Bewohnern dieses Gürtels nahe auf dieselbe Weise einheimisch wie auf dem Planeten, und es besteht der Unterschied nur darin, dass die Bewohner dieses Gürtels nach dem Umschwung der Sonne um ihre Achse die Zeit bestimmen, welchen sie in seiner Vollendung dadurch erkennen, wann ihnen ein gewisses Sternbild über den Zenit zu stehen kommt. Eine solche Umdrehung der Sonne, die ungefähr in neunundzwanzig Erdtagen erfolgt, gibt ihnen dann einen Zeitraum, welchen sie in sieben Perioden einteilen.
NS|0|43|11|0|Die Zeit des Zenits ist dann gewöhnlich eine Feierzeit, wie auch bei den Saturnusbewohnern der siebte Tag ein Feiertag ist. Diese Feierzeit wird auf dem Gürtel auf dieselbe Weise gefeiert wie in dem Planeten.
NS|0|43|12|0|Was ferner die Wohnung und die Kleidung und die Nahrung der Bewohner dieses Gürtels betrifft, so ist sie ganz gleich mit der im Planeten; es versteht sich von selbst, dass hier allzeit die Gebirgsbewohner des Planeten gemeint sind.
NS|0|43|13|0|Was den Menschen selbst betrifft, so gleicht er sowohl männlicher- als weiblicherseits bis auf die persönliche Größe ganz vollkommen in allem dem Menschen des Planeten, nur bezüglich der [körperlichen] Größe nicht. In dieser Hinsicht sind die Bewohner des Gürtels um ein Drittteil kleiner als die des Planeten.
NS|0|43|14|0|Sie sind überaus sanfter Natur, scheuen nichts mehr als irgendeine Aufregung des Gemüts und haben aus diesem Grunde sogar vor der zu großen Liebe eine überaus hohe Achtung.
NS|0|43|15|0|Aus diesem Grunde geht aber auch auf diesem Gürtel alles so ruhig zu, dass jemand von euch bei der großen Lebensfülle dieses Gürtels denken würde: hier hat der Tod unfehlbar seine Wohnung aufgerichtet. Dem aber ist nicht so. Die Bewohner sind unter sich recht fröhlich und voll heiteren Mutes, und sind auch dabei große Freunde der Töne und ergötzen sich oft, nach eurer Rechnung, viele Stunden lang an dem lieblichen Gesang ihrer zahlreichen Singvögel. Aber selbst Sänger und Musiker sind sie ebenso wenig, als die Bewohner des Planeten Saturnus.
NS|0|43|16|0|Sie haben noch häufigere Zusammenkünfte mit den Geistern und auch nicht selten mit Mir Selbst als ihre Brüder im Planeten.
NS|0|43|17|0|Sie sind überaus keuschen Sinnes und achten ihre ungemein schönen Weiber bloß in ihrem Herzen.
NS|0|43|18|0|Die Zeugung ist hier dieselbe wie im Planeten. Und der Wille ist noch um ein Bedeutendes kräftiger als der Wille der Planetenbewohner. Demzufolge sie auch sogar einige samenlose Pflanzen ziehen können und können mit ihrem Willen alles Getier bändigen.
NS|0|43|19|0|Auch diese Gürtelbewohner können sich manchmal durch ihren Willen nur frei in die Luft erheben und auch im Notfall kurze Strecken über dem Wasser einhergehen. Aber weite Strecken getrauen sie sich so nicht, indem sie sagen: Solches ist ein Wunder, dessen sich der Mensch nur im höchsten Notfall bedienen darf. Aber niemand soll daraus eine Ordnung machen. Denn der Geist Gottes bedient Sich Selbst der Wunderwerke nur dann, wenn sie Seine endlose Weisheit für nötig erkennt; sonst aber muss sich alles in der ewigen Ordnung bewegen. Aus dem Grunde wagen sie auch nie einen ununterbrochenen Gebrauch von ihrer Willenskraft, sondern bedienen sich derselben nur dann, wenn es höchst notwendig ist.
NS|0|43|20|0|Das ist auch alles das wesentlich Unterschiedliche zwischen Bewohnern des Planeten und den Bewohnern dieses Gürtels; alles andere ist völlig gleich.
NS|0|43|21|0|Dass die Bewohner dieses Gürtels zumeist die Gebirge bewohnen, braucht kaum erwähnt zu werden; denn die Flachländer werden allda gewöhnlich den vielen Tieren überlassen.
NS|0|43|22|0|Was die sogenannten Hausknechte betrifft, so sind diese auch hier zu Hause; aber nicht mehr als Tiere, sondern als eine eigene, etwas untergeordnete Menschenrasse, die sich gegen die eigentlichen Bewohner dieses Gürtels geradeso verhält, wie sich zu euch ungefähr die wilden Negerstämme verhalten. Aber hier sind sie nicht mehr zum Dienst der eigentlichen Bewohner bestimmt, sondern als zumeist Flachlandbewohner dazu angeordnet, dass sie von den eigentlichen Bewohnern die wahre, menschliche Art zu leben erlernen und durch diese Lehre dann selbst zu dem Rang des wirklichen Menschen emporsteigen. Aus dem Grunde ist dann auch ihre Lebensweise ganz dieselbe wie der eigentlichen Hauptbewohner dieses Gürtels. Nur in der Zeugung seinesgleichen ist ein Unterschied, indem diese untergeordnete Menschenklasse sich durch eine Art Beischlaf zeugt, welcher Beischlaf aber dennoch bei weitem nicht so fleischsinnlich ist wie bei euch.
NS|0|43|23|0|Das ist dann aber auch ganz vollkommen alles, was diesen Gürtel betrifft. Und somit wären wir denn auch mit diesem fünften Gürtel sowohl nördlicher- als südlicherseits vollkommen zu Ende und wollen uns für das nächste Mal sogleich auf den sechsten Gürtel begeben.
NS|0|44|1|1|Das sechste Sonnengürtelpaar entsprechend dem Uranus. Betrachtung dieses Planeten
NS|0|44|1|1|(Am 8. Oktober 1842 von 3 bis 6 Uhr nachmittags.)
NS|0|44|1|0|Es ist schon bei der Darstellung des fünften Gürtels erwähnt worden, dass da nach dem Wasserring eine in ziemlich gerader Linie fortlaufende, hohe Gebirgswand das vorbenannte Ringgewässer beufert. Ebendiese Gebirgswand ist zugleich auch der Anfang des sechsten Gürtels, sowohl nördlicher- als südlicherseits; nur ist sie südlicherseits weniger schroff als nördlicherseits.
NS|0|44|2|0|Wie hoch ist wohl diese Gebirgswand? Was ihre große Steile betrifft, so erhebt sich diese nur etwa zehn Meilen hoch über den Wasserspiegel. Nach dieser Steile aber bekommt dann dieses Ringgebirge sanftere Abdachungen, aber nicht etwa abwärts, sondern in die Höhe, und zieht sich dann nach dieser Abdachungssteigerung noch zu einer Höhe von zwanzig deutschen Meilen über die Steile. Hat diese Abdachung ihren höchsten Kulminationspunkt erreicht, sodann fällt es anderseits in den sechsten Gürtel hinein, ganz sanft abwärts steigend, so dass der Fall der verschiedenen, oft mehrere Meilen breiten Gebirgsrücken bei einer Meile kaum zweihundert Klafter beträgt.
NS|0|44|3|0|Und so zieht sich dann dieses Gebirge bis zum Wassergürtel ganz sanft abwärts steigend; nur hier und da steigen wieder bedeutende Hügel, welche dann natürlicherweise einen stärkeren Fall haben, empor.
NS|0|44|4|0|Also ist denn der ganze sechste Gürtel beschaffen und ist somit, wie kein anderer, bis in die höchste Gebirgslinie bewohnbar.
NS|0|44|5|0|Dass auch der entsprechende südliche sechste Gürtel also beschaffen ist, braucht kaum erwähnt zu werden; nur müsst ihr euch ihn etwa nicht symmetrisch gleich vorstellen, sondern im Allgemeinen nur. Denn in einem jeden gibt es verschiedenartige Gebirgszüge, große Gebirgsebenen, Seen, Ströme, Flüsse und Bäche und zugleich auch sehr viele und sehr große Wasserfälle, welche in den beiden Gürteln verschiedenartig, bald hier, bald dort vorkommen, ohne sich deswegen darin etwa symmetrisch zu korrespondieren.
NS|0|44|6|0|Die ganze Breite dieses Landes, von dessen Höhe bis zu dessen Niederung dürfte etwas über dreitausend Meilen betragen, und der Wassergürtel etwas über tausend Meilen. Also hätten wir einmal schon Grund und Boden dargestellt, auf dem wir uns bewegen wollen.
NS|0|44|7|0|Damit wir aber nun dessen Beschaffenheit und Bestimmung desto gründlicher erkennen mögen, so wird es auch hier notwendig sein, zuvor einen Blick auf den entsprechenden Planeten dieses Gürtels zu werfen.
NS|0|44|8|0|Ihr werdet es nach der früheren Ordnung ohnehin leicht erkennen, dass dieser Gürtel keinem anderen als dem Planeten Uranus entspricht. Und so wollen wir denn auch ebendiesen Planeten im Allgemeinen zuvor ein wenig beschauen.
NS|0|44|9|0|Die Entfernung und Größe dieses Planeten kann euch ein jeder Kalender kundgeben; an dem liegt auch am wenigsten für unseren Zweck, warum wir den Planeten ein wenig besichtigen wollen. Sondern alles liegt darin, dass wir uns davon eine Notiz nehmen, wie, warum und wie gestaltet er da ist.
NS|0|44|10|0|Sein körperlicher Inhalt dürfte eure Erde wohl ums Tausendfache übertreffen. Aus diesem kann dann schon entnommen werden, dass sein Flächenraum von ziemlicher Bedeutung ist; und er kann daher gar wohl als Planet beinahe ersten Ranges angesehen werden. Sein bewohnbares Land befindet sich, wie im Saturnus, zumeist unter dem Äquator; denn die Polargegenden sind gänzlich unbewohnbar wegen der zu großen Kälte, die alldort herrscht. Aber die Gegenden am Äquator haben immerwährend ein noch recht angenehmes Klima und sind sehr gebirgig.
NS|0|44|11|0|Kein Planet von allen, die ihr bis jetzt habt kennengelernt, ist so voll von feuerspeienden Bergen wie dieser; besonders die nördlichen und südlichen Ufer der bewohnbaren Äquatorländer sind beinahe ununterbrochen mit feuerspeienden Gebirgsketten umzingelt. Die inneren Ländereien haben dann nur seltenere Feuerspeier und dafür ziemlich viel ebenes und gut bewohnbares Land.
NS|0|44|12|0|Die Vegetation der Ländereien ist überaus üppig. Die Hauptfarbe der Pflanzen ist rotblau und die Blüten gewöhnlich entweder ins Weißlichtgrüne oder ins Weißlichtblaue übergehend. Mannigfaltig ist die Vegetation hier eben nicht und noch weniger gattungsreich; aber desto üppiger und riesiger gedeiht da alles, was nur immer auf dem Boden vorkommt.
NS|0|44|13|0|Wie das Pflanzenreich so ist auch das Tierreich bezüglich des Reichtums der Gattungen sehr im Hintergrund gegen den Reichtum anderer Planeten. Aber die wenigen Tiergattungen, die da sowohl in den Gewässern als auf dem Land und in der Luft vorkommen, sind überaus kräftig und zumeist riesig groß. Kleine Tiere, wie etwa bei euch das Reich der Insekten und Würmer, kommen dort nirgends vor, außer nur allein die Fliege, welche mit der eurigen einer Gestalt und Beschaffenheit ist.
NS|0|44|14|0|Was die Menschen betrifft, so sind sie ziemlich groß, so dass der Mann etwa acht Klafter und das Weib gegen sieben Klafter misst. Ihr Charakter aber ist sehr stürmisch und heftig; daher es mit ihnen von eurer Seite im Ernst nicht gut aufzunehmen wäre. Sie sind überaus verwegen und voll des unternehmendsten Geistes. Sie scheuen keine Gefahr, und die Furcht vor dem Tod ist ihnen ganz fremd.
NS|0|44|15|0|Aus diesem Grunde müssen sie auch stets durch verschiedene Mittel in tüchtigem Zaum gehalten werden, dass aus ihrer oft übertriebenen Tugend nicht leichtlich eine übertriebene Untugend werde.
NS|0|44|16|0|Auch die Geister der Verstorbenen aus diesem Planeten müssen sehr abgesondert gehalten werden; denn in irgendeinem Konflikt mit anderen Geistern gehen sie gewöhnlich als Sieger davon.
NS|0|44|17|0|Wer mit einem oder dem anderen durch die innigste, alles aufopfernde Liebe nichts richtet, der mag ja sogleich sehen, wie er weiterkommt; denn auf dem Weg der Weisheit sind sie rein unzugänglich. Wenn aber jemand sie durch Liebe gewonnen hat, so kann er aber auch in jeder Hinsicht vom größten Glück reden. Denn ihre Treue und Beharrlichkeit ist eben auch so hartnäckig groß, dass dieselbe durchaus keine Prüfung mehr zu erschüttern vermag.
NS|0|44|18|0|Aus diesem Grunde ist auch alle ihre Verfassung höchst einfach und beschränkt sich lediglich auf die Liebe. Was ihnen die Liebe eingibt, das tun sie auch, und mit einer solchen Ausharrung, dass sie von einer begonnenen Tat durch gar nichts abzuhalten sind. Man müsste sie nur gänzlich vernichten, wenn man sie untätig machen wollte.
NS|0|44|19|0|Damit ihr euch aber einen kleinen Begriff von der Beharrlichkeit dieser Menschen machen könnt, so will Ich euch dafür ein kleines Beispiel geben.
NS|0|44|20|0|Es hätte einer eine vorbestimmte Handlung begonnen; in der halben Handlung aber wird er vom Tod überrascht und muss natürlicherweise als Geist und Seele seinen Leib verlassen. Meint ihr, dass er als Geist von der Stelle wegzubringen ist, da er bei der halben Handlung seinen Leib verlassen musste? Mit nichts ist der davon zu bringen, und legt als Geist seine Hand ans Werk und trennt sich nicht eher von der Stelle, als bis das Werk vollendet ist.
NS|0|44|21|0|Aus dem Grunde muss auch den Geistern dieses Planeten nach dem Tod ihres Leibes eine naturmäßige Handlungsfähigkeit so lange zugelassen werden, bis irgendein begonnenes Werk vollendet ist, sonst wäre ein solcher Geist, zufolge seines freien Willens, Ewigkeiten nicht von der Stelle zu bringen.
NS|0|44|22|0|Also ist auch die Beharrlichkeit der lebenden Menschen dieses Planeten. Wenn es heißen würde: Von dieser hohen Gebirgsspitze bis zur anderen muss eine Brücke gemacht werden, und die Einwohner dieses Planeten würden dieses Projekt in ihr Wollen aufgenommen haben, so wird da nicht eher gerastet und geruht, als bis die zwei Gebirgsspitzen mit der projektierten Brücke verbunden sind.
NS|0|44|23|0|Daher sind auch diese kühnen Bauten auf keinem anderen Planeten anzutreffen wie gerade auf diesem. Was wären da eure Pyramiden Ägyptens und alle eure sogenannten Weltwunder?! Denn was die Architektur anbelangt, so ist sie auf diesem Planeten im allerriesenhaftesten Maßstab enthalten. Damit ihr euch aber auch davon einen Begriff machen könnt, so will Ich euch auch davon ein paar kleine Beispiele geben.
NS|0|44|24|0|Ich setze den Fall, die Bewohner dieses Planeten befänden sich auf eurer Erde und namentlich in eurem Land. Ein Paar davon aber hätte eine Reise gemacht, zum Beispiel in die Schweiz allenfalls, und hätte da an einem oder dem anderen Gletscher ein besonderes Wohlgefallen gefunden. Das Bild dieses Gletschers prägt sich dann so tief in das Gemüt, dass ihn die Reisenden wie immerwährend vor sich sehen. Nun möchten die zwei Reisenden wieder zurückkommen, so würden sie dann von den übrigen sogleich liebreichst befragt werden, was ihnen besonders Sehenswertes auf dieser Reise aufgefallen sei, und ob sie dasselbe auch ins Werk zu setzen gedenken. Bei dieser Gelegenheit wird von den zwei Reisenden der Lieblingsgegenstand sogleich beschrieben und nachher auf Tafeln gezeichnet. Wenn er aber einmal gezeichnet ist, so ist das schon so viel als die allereidlichste Versicherung, dass ein solcher Berg auch in einer anderen Gegend errichtet werden muss. Zu dem Behuf würde dann sogleich zum Beispiel euer Schöckel und seine Nebenpartien in Anspruch genommen werden, und am selben Tag noch würdet ihr viele tausend Hände in Bewegung gesetzt sehen; und ehe zehn Jahre nach eurer Rechnung verlaufen würden, hättet ihr eine leibhaftige Jungfrau oder ein Wetterhorn oder ein Schreckhorn an der Stelle eures bescheidenen Schöckels vor den Augen.
NS|0|44|25|0|Seht, das wäre ein Beispiel, inwieweit die Bewohner dieses Planeten die Baukunst treiben. Wir wollen aber noch eins ansehen.
NS|0|44|26|0|Ein Bewohner dieses Planeten hätte zum Beispiel einen Grund, natürlich von großer Ausdehnung. Die Mitte seines Grundes aber ist ihm unangenehmerweise von einem ziemlich hohen Gebirgsrücken durchschnitten, ungefähr in dem Maßstab eurer Koralpe. In diesem Fall wird sogleich beschlossen, den Berg mit all seinen Verzweigungen entweder bis zur Hälfte abzutragen und alle seine Gräben damit auszufüllen; oder aber der Berg wird in einer Breite von einer Stunde bis zur vorliegenden Grundebene herab durchgeschnitten, dass dann der Grundeigentümer ganz ebenen Fußes durchgehen kann. Das Material, was bei dieser Gelegenheit der Abgrabung gewonnen wird, wird zur Begrenzung des Grundes teilweise verwendet; teilweise aber auch in andere Gebirgsgräben zu deren Ausgleichung gebracht.
NS|0|44|27|0|Wenn es aber einem solchen Grundeigentümer für angenehmer und zweckdienlicher scheint, so baut er über den ganzen Berg die schönste Straße und verziert dieselbe links und rechts mit den großartigsten Pyramiden und anderen, ihm wohlgefälligen Zierraten. Die Straße aber darf ja nicht, etwa so wie bei euch auf der Erde, eine schlängelnde Gestalt haben, sondern sie muss allzeit ganz vollkommen gerade sein. Nun versucht einmal, über eine Alpe eine gerade Straße anzulegen, so werdet ihr bald einsehen, mit welchen Unkosten und mit welcher für euch schauerlichen Arbeit und Mühe eine solche Straßenanlegung verbunden wäre.
NS|0|44|28|0|Allein, alles dieses ist für den Uranusbewohner so gut wie eine willkommene Sache; denn je schwieriger irgendein Terrain ist, je großartigere Kräfte und Ausharrungen und Arbeit es verlangt, mit desto größerer Begierde wird auch sobald die Hand ans Werk gelegt.
NS|0|44|29|0|Also sind auch ihre Wohnungen gewöhnlich für euch kaum begreifliche Riesenwerke ihrer Baukunst. Meint ihr, so ein Uranusbewohner würde sich mit einem von Steinen aufgebauten Haus begnügen, wie ihr da Häuser habt auf eurer Erde? Solches dürft ihr euch gar nicht denken. Denn dort könnte euer Sprichwort: „Er muss etwas Extras haben!“ –, in ziemlich gute Anwendung kommen.
NS|0|44|30|0|Denn ein Bewohner dieses Planeten sucht sich irgendeinen Berg aus, der aber ganz vollkommen gesundsteinig sein muss. Alsbald wird der Berg ringsum zu einem Kegel skarpiert [terrassenweise abgeschrägt], sodann der große Meißel und der tüchtige Hammer von mehreren hundert Händen zugleich ergriffen und ein solcher Berg auf diese Weise zur Wohnung umgestaltet, und das zwar auf eine für den Geschmack dieser Bewohner überaus großartig zierliche Weise.
NS|0|44|31|0|Ein solches Wohnhaus hat dann auch mehrere Stockwerke, welche durch gute und breite Stufen miteinander verbunden sind. Und um jedes Stockwerk müssen nach außen starke Galerien führen. Ein also vollendetes Haus hat dann freilich wohl im vergrößerten Maßstab ungefähr das Aussehen wie ein babylonischer Turm, nämlich auf die Weise, wie ihr ihn zu zeichnen pflegt. Aber ihr müsst euch nicht etwa vorstellen, als sähe ein jedes Wohnhaus also aus, sondern da hat wirklich ein jeder etwas „Extras“.
NS|0|44|32|0|Das Allergroßartigste aber sind ihre Gottestempel; denn dazu werden hier und da ganze ausgezeichnete Gebirgszüge verwendet. Die Bewohner sind in dieser Hinsicht der Meinung, dass Ich an dem einen oder dem anderen Gebirge ein besonderes Wohlgefallen habe, welches sie daraus erkennen, wenn irgendein oft bei zehn Meilen laufender Gebirgszug sehr wenig zerklüftet ist.
NS|0|44|33|0|Ein solcher Gebirgszug wird dann unfehlbar zu einem Tempel Gottes umgewandelt; jedoch nur allzeit bis zur Hälfte des Berges herab; denn der Tempel zur Verherrlichung Gottes muss allzeit viel höher stehen, als irgendein anderes Haus. Die Dächer mancher Tempel sind so hoch, dass sie selbst unter dem Äquator, wo es immer so warm ist wie bei euch im hohen Sommer, mit ewigem Schnee und Eis bedeckt sind.
NS|0|44|34|0|Aus diesen wenigen Beispielen mögt ihr wohl entnehmen, welches Geistes Kinder die Bewohner dieses Planeten sind. So prachtliebend sie aber auch sind in ihren Gebäuden, so einfach sind doch wieder ihre anderen Sitten und Gebräuche; also sind auch ihre Kleidung und ihre Nahrung von höchster Einfachheit.
NS|0|44|35|0|Ihre Hauptverfassung besteht darin, sich gegenseitig in allem und jedem ohne irgendein Bedenken beizustehen.
NS|0|44|36|0|Ihre Religion hat nichts anderes als die größtmöglichste Ehre Gottes zum Grunde. Und die Lehre in dieser Hinsicht ist ebenso einfach wie sie selbst und lautet also: Was wir immer tun, das tun wir zur Ehre Gottes! Im Geiste ehren wir Gott, wenn wir uns für gering halten und uns allgemein liebend umfassen und einander in allem und jeglichem beistehen. In der Tat aber ehren wir Gott, wenn wir unsere Kräfte zur Veredlung dessen anwenden, was Er uns angedeutet hat, dass wir es vollenden sollen zu Seiner Ehre. Das ist aber dann auch das Ganze der Religion der Bewohner dieses Planeten.
NS|0|44|37|0|In diesen Tempeln wird nicht etwa gebetet wie bei euch; sondern diese Tempel sind im Grunde nichts anderes als einerseits Denkmäler göttlicher Größe und Erhabenheit, auf der anderen Seite aber auch großartige, allgemeine Versammlungsplätze zur Beratung irgendeiner großartigen Unternehmung zur Ehre Gottes.
NS|0|44|38|0|Priester und andere Vorsteher des Volkes gibt es hier nicht. Sondern der älteste Hausvater einer Familie, welche manchmal aus mehreren tausend Köpfen besteht, ist alles in allem.
NS|0|44|39|0|Die Ehen werden hier streng gehalten. Die Zeugung des Menschen geschieht hier ebenfalls durch den Beischlaf.
NS|0|44|40|0|Die Leiber der Gestorbenen werden allenthalben verbrannt und ihre Asche in zierliche Gefäße getan und dann in die Tempel versetzt.
NS|0|44|41|0|Die Bewohner männlicherseits stehen in beständiger Korrespondenz mit den Geistern, aber nie sichtbar, sondern vernehmbar. Die Weiber aber haben zu öfteren Malen auch Gesichte.
NS|0|44|42|0|Was den Gewerbsfleiß betrifft, so sorgen die Weiber für die Kleidung und für den Tisch. Die Männer aber verrichten anderwärtige Arbeiten und sind ebenso geschickte Erz- als Baumeister.
NS|0|44|43|0|In diesem Planeten wird auch geschrieben und gezeichnet; daher sie auch ein geschriebenes Wort haben, demzufolge sie Mich auch kennen in menschlicher Gestalt als Schöpfer und Herrn Himmels und der Erde, das heißt ihrer Erde. Sie wissen auch, dass Ich auf einer ähnlichen Erde als Mensch gewandelt habe im Fleische; da sie aber von diesem Planeten darum eine solche Meinung haben, als wäre er der allerhöchste Himmel, so wird es vermieden, dass sie den Standpunkt dieses Planeten jederzeit ermitteln können, weil sie sonst demselben göttliche Verehrung erweisen würden.
NS|0|44|44|0|Das ist im Allgemeinen aber auch alles, was ihr von dem alleinigen Planeten vorderhand zu wissen braucht, um davon nutzbringenderweise auf den entsprechenden Sonnengürtel übergehen zu können.
NS|0|44|45|0|Dass übrigens dieser Planet noch fünf Trabanten und um den Äquator einen starken Dunstkreis hat, welcher Dunstkreis von einigen scharf bewaffneten, astronomischen Augen als eine Art Saturnusring angesehen wurde, braucht hier kaum erwähnt zu werden, weil fürs Erste die Monde eines Planeten ohnehin nicht in das Sonnengebiet, insoweit wir es verfolgen, aufgenommen werden. Was aber den Dunstkreis betrifft, so gehört dieser in die naturmäßige Sphäre eines Planeten und hat mit der Sonne insoweit nichts zu tun, inwieweit wir die Sonne betrachten und ihre Beschaffenheit uns wohlnützlicherweise vor das Gemüt stellen wollen.
NS|0|44|46|0|Sonach können wir uns sogleich auf unseren sechsten Sonnengürtel begeben.
NS|0|45|1|1|Menschen, Vegetation und Tiere des dem Uranus entsprechenden sechsten Sonnengürtelpaares
NS|0|45|1|1|(Am 11. Oktober 1842 von 3 3/4 bis 6 1/4 Uhr abends.)
NS|0|45|1|0|Wie des Landes Boden hinsichtlich der Gestaltung beschaffen ist, haben wir schon gleich bei der ersten Bekanntschaft mit diesem Gürtel dargetan.
NS|0|45|2|0|So bleibt uns nur übrig, allhier zu betrachten den Stand des Menschen, wie er da leibt und lebt in entsprechender Ordnung mit dem Planetenbewohner. Wie sehen demnach die Menschen in diesem Gürtel aus?
NS|0|45|3|0|Was die Gestalt betrifft, so ist dieselbe, wie wir bis jetzt in all den übrigen Gürteln gesehen haben, eine vollkommen menschliche, weil sie ist ein Ebenmaß Meines Wesens; nur die Größe ist verschieden und spricht sich fast allenthalben in einem anderen Maßstab aus. Die Menschen dieses Gürtels sind noch einmal so groß wie die des Planeten und mehr als ums Zehnfache kräftiger als ihre entsprechenden Planetarbrüder.
NS|0|45|4|0|Daher sind auch ihre Werke und ihre Bauten noch um vieles riesenhafter als jene, die wir auf dem Planeten haben kennengelernt. Auch diese Menschen sind überaus unternehmenden Geistes und haben eine große Lust an allerlei riesenhaften Unternehmungen.
NS|0|45|5|0|So würdet ihr dort Gebäude erblicken, vor denen euch erschauern würde. Selbst ihre Wohnhäuser sind für eure Begriffe von einer solchen Großartigkeit, dass ihr bisher noch nichts Ähnliches vernommen habt. Was aber ihre Gottestempel betrifft, so dürfte es sogar schwer sein, euch in diesem Punkte ein gutes Bild geben zu können.
NS|0|45|6|0|Bevor wir aber jedoch sowohl das eine wie das andere hinsichtlich der Gebäude näher wollen kennenlernen, wollen wir noch die Gestalt des Menschen ein wenig näher betrachten. Was dessen Größe betrifft, so könnt ihr dieselbe im Vergleich mit den Planetarbewohnern ohne weitere Bestimmung leicht erkennen; aber nicht also die Form des Menschen. Was demnach die Form des Menschen betrifft, das ist es auch, was wir näher betrachten wollen. Wie sieht sonach ein solcher Mensch aus?
NS|0|45|7|0|Die Füße sind eben nicht massiv, aber dafür überaus muskelreich und stark gebaut. Die Fußsohle ist nahe hornartig fest. Der ganze Tritt des Fußes aber ist im Verhältnis zu dem ganzen Fuß mehr klein als groß zu nennen. Das Knie ist, wie ihr zu sagen pflegt, ziemlich spitzig, weil die Kniescheibe wegen der Stärke des Fußes ausgezeichnet sein muss. Die Schenkel sind nicht sehr gerundet, sondern bei der geringsten Bewegung des Fußes muskelhügelig. Das Gesäß ist im Verhältnis stark und überaus elastisch fest.
NS|0|45|8|0|Das Rückgrat erhebt sich mächtig stark und ist von bedeutender Breite; jedoch an den Lenden ums Kennen schmäler als zuoberst an den Schultern, allwo die beiden Arme sitzen. Die Brust ist breit und mehr flach und ist ebenfalls überaus reich an Muskelbändern, die sich bei der Bewegung der Arme gewaltig hügelig erheben.
NS|0|45|9|0|Die Arme und Hände sind ebenfalls nicht sehr voluminös zu nehmen und sind, so wie die Füße, überaus muskulös ausgezeichnet, mit sehr hervorstehenden Ellbogen versehen. Besonders aber sind die flache Hand und die Finger an derselben zu berücksichtigen. Die flache Hand hat einen außerordentlich stark hervorstechenden Daumenmuskel, welcher sich dann in einem breiten, kurzen, aber überaus starken Daumen endigt. Die Finger haben fast eine gleiche Länge und auch eine gleiche Stärke. Nur der kleine Finger ist etwas kürzer. Die drei Mittelfinger aber weichen sehr wenig von der geraden Linie ab. Also ist die Hand beschaffen.
NS|0|45|10|0|Der Hals ist im Verhältnis mehr kurz als lang und so auch mehr viereckig als rund. Auf dem Hals sitzt ein verhältnismäßig starker Kopf; das heißt ein Kopf, dessen einzelne Teile sehr ausgezeichnet sind. Die Stirn ist hoch, aber gewisserart gegen die Haare hin vorgebogen und über den Schläfen wie in zwei Tippel auslaufend. Die Schläfen sind ebenfalls wie zwei etwas längliche Knollen hervorragend. So sind auch die Augenbrauen stark hervorstehend. Die Wangenknochen unter den Augen sind ebenfalls ziemlich stark vorgebogen. Die Augen sitzen tief und haben im Verhältnis zum Kopf eine mittlere Größe und sehen wildfeurig aus. Die Nase ist stark und hat in der Mitte ihrer Länge einen ziemlich stark hervorragenden Rüst. Der Mund ist im Verhältnis mehr groß als klein zu nennen und ist an beiden Winkeln stark muskelfaltig. Das Kinn ist ebenfalls sehr hervorstechend und ohne Bart. Also sind auch die Ohren im Verhältnis mehr groß als klein zu nennen und stehen mehr hintan vom Kopf als bei euch.
NS|0|45|11|0|Die Haare sind struppig und wachsen nie zu Locken, sondern haben ungefähr das Aussehen wie die Haare eines Mohren bei euch. Die Hautfarbe ist lichtkastanienbraun.
NS|0|45|12|0|So sieht demnach der Mann aus. Es braucht hier kaum erwähnt zu werden, dass die Genitalien ebenfalls im starken Verhältnis mit dem übrigen kräftigen Körperbau stehen.
NS|0|45|13|0|Was die Kleidung betrifft, so trägt der Mann eine Art Hose, die mit den israelitischen Hosen viel Ähnlichkeit hat. Diese Hose wird mittels eines Bandes über den Lenden befestigt. Zuunterst unter dem Knie wird sie ebenfalls mit einem Band ziemlich knapp angebunden. Das ist aber auch das ganze Gewand des Menschen, das heißt des Mannes, auf diesem Sonnengürtel. Auf dem Planeten aber ist jeglicher Mann nahe also bekleidet, wie einst die Israeliten bekleidet waren; nur ist die Farbe mehr licht als dunkel. Also hätten wir den Mann.
NS|0|45|14|0|Wie sieht denn das Weib aus? Das Weib ist im Ganzen genommen natürlicherweise viel runder als der Mann. Dessen ungeachtet aber würde sie bei euch auf der Erde durchaus nicht in die Klasse weiblicher Schönheit aufgenommen werden. Denn was die Farbe betrifft, so ist sie nur ums Kennen heller als bei dem Mann. Was aber sonst die fleischliche Üppigkeit betrifft, so dürfte der Bau eines solchen Weibes ganz wohl einem ziemlich mageren Frauenzimmer bei euch gleichen.
NS|0|45|15|0|Die Haare sind ebenfalls mehr wollig als lockig und hängen kaum bis auf die Schultern hinab.
NS|0|45|16|0|Also ist auch die Brust mehr herabhängend als eiförmig rund und ist vorne gegen die Zitzen, oder nach eurer Sprache Saugwarzen, umfangreicher als an der Brust, allda sie hängt.
NS|0|45|17|0|Die Kleidung des Weibes besteht ebenfalls in nichts anderem als in einer Art Schürzhose, welche, wie bei den Türken, in vielen Falten unter dem Knie geschlossen wird.
NS|0|45|18|0|Der Kopf des Weibes trägt auch einen Hut, welcher ungefähr das Aussehen eines Kegels hat und ist mit einem Band unter dem Kinn befestigt.
NS|0|45|19|0|Also hätten wir Mann und Weib so gut als möglich abgebildet vor uns. Wenn ihr nun die leibliche Form dieser Menschen betrachtet, so braucht ihr eben keine zu großen physiognomischen Kenntnisse, um zu erraten, wessen Geistes Kinder diese Menschen sind. Was wir sie haben tun und treiben gesehen auf dem Planeten, das tun sie auch hier, nur in bei weitem größerem Maßstab.
NS|0|45|20|0|Was da die Vegetation betrifft, so gleicht auch diese der auf dem Planeten. Und so ebenfalls das Tierreich. Letzteres aber wird auf dem Sonnengürtel weniger benutzt als auf dem Planeten.
NS|0|45|21|0|Besonders sind drei Gattungen Bäume zu berücksichtigen, welche eigentlich dem Bewohner dieses Gürtels die Hauptnahrung abwerfen. Ein Baum gleicht dem sogenannten Kokosnussbaum bei euch auf der Erde und wächst manchmal, besonders auf der Mittelhöhe des Landes, zu einer solchen Größe an, dass er mit seinen Ästen beinahe euer ganzes Land zudecken dürfte. Der Stamm dieses Baumes ist nicht selten so dick und kräftig, dass ihr, wenn er plattweg abgeschnitten würde, auf dessen Stumpf zehn solche Städte aufbauen könntet, wie da ist eure Wohnstadt [Graz]. Die Höhe dieses Baumes steht übrigens in keinem Verhältnis mit dessen Stärke; denn im höchsten Fall erreicht er nur dreihundert Klafter. Aber desto kräftiger und weitauslaufender sind seine immerwährend fruchtreichen Äste. Und ihr könnt sicher annehmen, dass ein solcher Baum im Zeitraum eines Jahres, nach eurer Rechnung, bei zwanzig Millionen Früchte abwirft, von denen eine jede so groß ist wie ein zwanzig Eimer haltiges Fass bei euch.
NS|0|45|22|0|Die Frucht selbst ist eingehüllt mit einer reichlichen und starken Wollfädenflechte, welche die Bewohner dieses Gürtels wegen ihrer Stärke, Biegsamkeit und Zähe zu Stricken und Seilen verwenden. Nach dieser Wollfädenflechte kommt eine feste Schale, die sich aber, wie eine gewöhnliche Nuss bei euch, über die Mitte leicht auseinanderteilen lässt. Die Frucht selbst aber ist mit einem wohlschmeckenden, reichen Fleisch gefüllt, welches ungefähr so schmeckt wie gute Haselnüsse bei euch.
NS|0|45|23|0|Wenn die Bewohner davon essen wollen, so nehmen sie allzeit eine frische Frucht vom Baum, allda es immerwährend vollreife, halbreife und auch erst entstehende gibt, und verfahren dann mit der abgenommenen Frucht wie vorhin gezeigt wurde. Sie nehmen zuerst die Wollfädenflechte von der harten Schale, spalten dann die harte Schale in zwei Teile, schneiden dann mittels krummer Messer das Fleisch heraus und verzehren es dann nach dem Bedürfnis ihres Magens. Die Schale aber verwenden sie zu allerlei Gefäßen.
NS|0|45|24|0|Dieser Baum hat auch sehr große und weiche Blätter. Diese werden gesammelt, dann in große Säcke gesteckt und dienen sogestaltet den Bewohnern dieses Gürtels zur Fütterung ihrer Ruhebänke.
NS|0|45|25|0|Ebenso beachtenswert ist ein zweiter Baum. Dieser Baum ist zwar bei weitem nicht so groß, kommt aber häufiger vor und hat eine überaus köstliche Frucht. Die Frucht gleicht beinahe euren Trauben, nur sind der Beeren an einem Stiel nicht so viele beisammen; aber die da beisammen sind, sind von einem beträchtlichen Umfang, so zwar, dass ihr aus jeder Beere einen Eimer voll reifen Saftes auspressen möchtet. Auch die Bewohner dieses Gürtels genießen nur den Saft von dieser Frucht und löschen sich damit ihren Durst.
NS|0|45|26|0|Ein dritter Baum ist ebenfalls, wie schon erwähnt wurde, sehr zu beachten. Dieser Baum gleicht der Gestalt nach beinahe eurem Feigenbaum, wächst ebenfalls zu einer riesigen Größe und bringt eine Frucht zum Vorschein, welche der Form nach so ziemlich den Feigen bei euch gleicht. Wann sie aber vollends reif ist, so hat sie einen Gehalt, als wenn ihr bei euch Brosamen mit Honig vermengen möchtet. Diese Frucht wird auch überaus gern genossen von den Bewohnern dieses Gürtels; daher sie auch vielen Fleiß für die Kultur dieses Baumes verwenden.
NS|0|45|27|0|Es werden aber auch die Früchte noch anderer Bäume genossen, sowie auch die der Pflanzen. Jedoch die Früchte der drei erwähnten Bäume machen den Hauptnahrungszweig aus.
NS|0|45|28|0|Von den Tieren wird nur die sogenannte große, haarige Kuh gehalten, welche ungefähr mit einem Kamel bei euch eine Ähnlichkeit hat; nur hat sie keinen Höcker über dem Rücken. Was ihre Größe betrifft, so möchte sie wohl ums nahe Hundertfache einen Elefanten bei euch übertreffen. Was aber die Haare dieses Tieres betrifft, so hat es daran einen solchen Reichtum, dass ihr, wenn die Haare der Kuh abgeschoren sind, dieselben auf zehn eurer schwersten Wägen kaum weiterführen dürftet. Es braucht weiter kaum erwähnt zu werden, wozu die Einwohner dieses Gürtels diese Haare verwenden.
NS|0|45|29|0|Somit wären wir mit der Darstellung sowohl des Menschen wie auch der Tier- und Pflanzenwelt in der hauptsächlichsten Hinsicht fertig und wollen uns sonach an die Werke der Menschen dieses Gürtels wenden.
NS|0|46|1|1|Metallgewinnung und Herstellung von Werkzeugen. Die monumentalen Wohnhäuser des sechsten Sonnengürtelpaares
NS|0|46|1|1|(Am 13. Oktober 1842 nachmittags von 3 bis 5 1/4 Uhr.)
NS|0|46|1|0|Unter den Werken dieser Menschen werden vorzüglich ihre Bauten und ihre Metallarbeiten verstanden.
NS|0|46|2|0|In diesem Gürtel haben die Berge der Sonne eine Art Metall, das da völlig das Aussehen hat, als wäre bei euch Gold mit Eisen gebunden worden. Dieses Metall ist allda fürs Erste sehr häufig zu Hause; fürs Zweite ist es eben darum nicht schwer zu gewinnen, und ist fürs Dritte sehr geschmeidig, dabei doch federhart und dadurch zu allerlei nützlichen Hau- und Schneidewerkzeugen tauglich.
NS|0|46|3|0|Um dieses Metall aber sehr tauglich zu bereiten, sind ebendiese Gürtelbewohner überaus geschickt. Sie haben zu diesem Behuf auch überaus große Hüttenwerke, in denen dieses Metall zu allerlei Gerätschaften bereitet wird. Für den Zweig dieser Industrie widmen sich mehrere Menschen ausschließlich. Sie verlangen zwar nichts für ihre Arbeit; aber wer allda ein oder das andere Werkzeug haben will, der muss sie ebenso schwer mit Früchten und Esswaren versehen, als wie schwer da ist ein oder das andere Werkzeug.
NS|0|46|4|0|Dass diese Werkzeuge manchmal nicht von zu leichter Art sind, könnt ihr euch leicht vorstellen, besonders die großen Hammerbeile; denn diese sind nicht selten von fünfzig bis hundert Zentner schwer. Mit Hilfe solcher Werkzeuge können dann auch diese Bewohner gar leicht die riesenhaftesten Gebäude aufführen.
NS|0|46|5|0|Es gibt zwar nur selten Wohnhäuser, das heißt, die Wohnhäuser sind etwa nicht so knapp aneinander, wie ihr euch vorderhand denken möchtet, sondern sie liegen in diesem Land so weit voneinander abstehend, wie etwa die Residenzstädte bei euch. Aber wo ein solches Wohnhaus steht, da will es aber auch bei weitem mehr sagen als die größte Stadt auf eurem Erdkörper und hat dann auch im Verhältnis seiner riesigen Größe eine sehr zahlreiche Bevölkerung. So gibt es Wohnhäuser, in denen nicht selten fünf bis zehn Millionen Menschen wohnen.
NS|0|46|6|0|Aus dieser Angabe könnt ihr schon zuerst euch einen kleinen Begriff machen, was für eine kolossale Bewandtnis es mit einem solchen Wohnhaus hat. Um euch ein solches Haus speziell darzustellen, hättet ihr wenigstens zehn Jahre fleißig daran zu schreiben, ohne dabei noch ein volles Detail zu haben. Damit ihr euch aber dennoch einen kleinen Begriff davon machen könnt, so will Ich euch nur einen kurzmöglichsten Abriss davon geben.
NS|0|46|7|0|Ein solches Haus hat gewöhnlich sieben, manchmal aber auch zehn Stockwerke. Wie aber sind diese Stockwerke eingeteilt? Denkt euch eine viereckige Fläche, die auf jeder Seite eine Länge von siebzig Meilen eures Maßes hat. Auf dieser Fläche, das heißt den äußersten Stand allenthalben berührend, erhebt sich das erste Stockwerk zu einer Höhe von dreißig Klaftern eures Maßes. Die Zimmerbreite dieses ersten Stockwerkes beträgt allzeit fünfzig Klafter.
NS|0|46|8|0|Das Stockwerk, oder vielmehr dieses große Randgebäude, hat wie alle übrigen kein Dach, sondern ist ganz flach gedeckt und an den Rändern, sowohl nach außen wie nach innen, mit festen und geschmackvollen Geländern versehen. Die Wände sind komplett, und in gerechten Entfernungen von fünf zu fünf Klaftern mit großen Fenstern versehen, allenfalls sogestaltig, wie bei euch in den Bethäusern die sogenannten gotischen Fenster aussehen. Ein jedes Zimmer zählt sieben bis zehn solcher Fenster.
NS|0|46|9|0|Im Inneren des Zimmers wird der Dachplafond nach der Länge dieses Randgebäudes von starken Säulen getragen. Die Fenster selbst sind mit einer Art Glas, wie bei euch, verschlossen; nur ist das Glas nicht also hart und spröde wie bei euch, sondern ist mehr elastisch und biegsam, indem es aus dem Saft einer Wurzel, die da in großer Menge gepflanzt wird, bereitet ist, etwa also wie ihr bei euch aus den tierischen Abfällen den Leim bereitet. Das Glas ist aber allzeit von einer grünen Farbe, das heißt von der Natur aus; manchmal aber mischen die Bewohner dem Saft auch andere Farben bei; und so gibt es dann auch verschieden gefärbte Glasarten, aus denen die Fensterscheiben geschnitten werden.
NS|0|46|10|0|Die Einrichtungen der Zimmer sind zwar sehr einfach, aber nichts weniger als geschmacklos. So sind auch die Wände und der Plafond allzeit mit mannigfaltigen, wenn schon an und für sich mehr einfachen Zierraten geschmückt. Der Fußboden eines solchen Zimmers ist gewöhnlich mit viereckigen, verschiedenfarbigen, platten Steintafeln belegt, welche alle fein geschliffen und poliert sind. Auf den Glanz der Gegenstände in einem Zimmer richten die Bewohner ein ganz besonderes Augenmerk.
NS|0|46|11|0|Um die Säulen in der Mitte eines solchen Zimmers sind gewöhnlich große Rundbänke gezogen, so wie auch um die Wände geradlaufende, weiche Bänke, welche mit weichen Laubpolstern reichlich belegt sind, über welche Laubpolster dann erst zierliche Decken gezogen werden.
NS|0|46|12|0|Wollt ihr nun wissen, wie viel Zimmer in einer Front des Randgebäudes vorhanden sind, so dürft ihr nur das angebliche Maß eines und des anderen Zimmers nach der Anzahl der Fenster und ihrer Entfernungen nacheinander bestimmen und dann ein solches Zimmermaß in der ganzen Länge von siebzig Meilen teilen, so wird auch die Menge der Zimmer ganz gut herauskommen. Ein jedes Zimmer hat dazu noch seinen eigenen Eingang, sowohl von außen als wie von innen. Und sämtliche Zimmer eines ganzen Stockwerkes sind innerlich ebenfalls mittels Türen miteinander verbunden, so zwar, dass man durch die Zimmer alle vier Fronten eines Stockwerkes umgehen kann. Also führt auch von einem jeden Zimmer an der Wand, welche quer durch das Zimmer geht, eine zierliche und bequeme Treppe auf den freien Plafond, oder vielmehr auf das freie, mit Geländern versehene glatte Dach eines solchen Stockwerkes. Ein jedes Zimmer wird von einer eigenen Familie bewohnt.
NS|0|46|13|0|Nun hätten wir auf diese Weise das erste Stockwerk. Denkt euch jetzt wieder einen freien Raum oder vielmehr eine Gasse in der Breite von fünfzig Klaftern. Hier fängt das zweite Stockwerk an. Dieses hat an und für sich wirklich zwei Stockwerke, das heißt, das erste gleichlaufend mit dem äußeren, großen Randgebäude, das zweite ruht auf dem ersten Stockwerk und erhebt sich noch einmal so hoch von der Erde wie das erste. Die Einteilung und Einrichtung der Zimmer, sowohl des ersten als des zweiten Stockwerkes, ist ganz dieselbe wie im ersten Randgebäude. Das Dach ist auch hier flach und zum freien Herumwandeln tauglich und ist ebenfalls mit festen, zierlichen Geländern versehen.
NS|0|46|14|0|Denkt euch nun eine Gasse, welche in geradester Linie nicht viel weniger als siebzig Meilen Länge hat, so kann auch das Großartige eines solchen Wohnhauses schon ein wenig einzuleuchten anfangen.
NS|0|46|15|0|Gehen wir aber durch dieses zweite Gebäude durch. Und seht, das Gebäude selbst hat eine Breite von fünfzig Klaftern so wie das erste. Und nun ist wieder eine fünfzig Klafter breite Gasse.
NS|0|46|16|0|Hier sehen wir das dritte Stockwerk, von der Erde angefangen aus drei Stockwerken [bestehend], jedes von gleicher Höhe mit dem äußeren Randgebäude, welches, wie schon gesagt wurde, sich dreißig Klafter über den Erdboden erhebt. Also hätten wir demnach bei diesem dritten Stockwerk schon eine Höhe von neunzig Klaftern. Hier finden wir wieder nichts anderes Neues als bloß den dritten Stock, der natürlicherweise ganz bequem über den zweiten hinwegsieht.
NS|0|46|17|0|Gehen wir also auch durch dieses Gebäude. Hier kommen wir wieder auf eine fünfzig Klafter breite Straße; allda sehen wir das vierte Stockwerk, welches den früheren Gebäuden in allem anderen vollends gleicht, nur dass es natürlicherweise in den unteren Stockwerken verhältnismäßig stärkere Mauern hat als die früheren Gebäude. Auch hier ist das Dach flach und mit festen und zierlichen Geländern versehen, und man kann vom Dach auch natürlicherweise über die anderen drei Stockwerke bequem hinaussehen.
NS|0|46|18|0|Gehen wir nun wieder durch dieses Gebäude, und wir erblicken abermals eine fünfzig Klafter breite Straße und ein fünf Stockwerke hohes Gebäude, welches natürlich etwas kürzere Fronten hat als das äußerste; allein die Verkürzung dieser Front gegen die Front des äußeren Randgebäudes beträgt noch nicht eine deutsche Meile. Somit hättet ihr noch immer mehrere Tagereisen nötig, um nur eine Front dieses fünften Fünfstockwerkgebäudes abzureisen. Dass auch dieses fünfte Stockwerkgebäude mit den anderen bis auf die größere Stärke der Mauern gleich ist, braucht kaum mehr erwähnt zu werden.
NS|0|46|19|0|Gehen wir wieder durch dieses fünfte Fünfstockwerkgebäude, und eine neue Gasse von fünfzig Klaftern Breite eröffnet sich; und wir sehen die Front des sechsten Sechsstockwerkgebäudes. Dieses Gebäude ist einenfalls von den anderen in nichts anderem unterschieden als erstens in der größeren Stärke der unteren Mauern und auch in der Farbe; denn von diesem sechsten Gebäude fangen die Stockwerke an, verschieden gefärbt zu werden, und zwar nach der Ordnung der Farben eines Regenbogens, welches natürlicherweise einen überraschend herrlichen Prospect [Anblick] gibt. Die Dachfläche ist hier mit einem pyramidenartigen Geländer umfasst, auf welchen Pyramiden große Kugeln angebracht sind. Das ist der Unterschied zwischen diesem sechsten Gebäude und den ersten, uns schon bekannten. Was aber das Innere der Zimmer betrifft, so sind diese gleich also eingeteilt und eingerichtet wie die Zimmer der anderen, uns schon bekannten Gebäude.
NS|0|46|20|0|Und so begeben wir uns wieder durch dieses sechste Sechsstockwerkgebäude. Hier treffen wir auf einmal eine tausend Klafter breite Straße. Diese Straße ist durchgehends also glatt abgeschliffen und poliert wie ein Spiegel bei euch. Und endlich erhebt sich mit der großartigsten Säulenpracht das Siebenstockwerkgebäude. Dieses Gebäude ist von den früheren nicht nur durch die verschiedene Färbung der Stockwerke unterschieden, sondern es unterscheidet sich auch durch die nach außen wie nach innen jedes einzelne Stockwerk tragenden Säulen. Denn die eigentlichen Wände dieses siebten Gebäudes steigen erst innerhalb der mächtigen Säulengalerien auf. Dass die Säulen der unteren Stockwerke immer stärker sind als die der oberen, versteht sich von selbst, weil sie die Last der oberen stets mehr und mehr tragen müssen. Jede Säulenreihe ist von einer anderen Farbe, ebenfalls nach der Ordnung der Farben eines Regenbogens. Das Dach ist ebenfalls flach und über einer jeden Säule erhebt sich ein Obelisk, der zuoberst abermals mit einer großen Goldkugel geziert ist. Ein jeder solcher Dachobelisk ist mit dem anderen durch ein zierliches Geländer verbunden und bietet auf diese Weise einen überaus prachtvollen Anblick. Dieses siebte Gebäude ist zufolge der nach außen wie nach innen gekehrten Säulengalerien, von denen eine jede bei zwanzig Klafter Breite hat, um so viel breiter als die anderen, so dass die ganze Breite eines solchen Gebäudes hundert Klafter beträgt.
NS|0|46|21|0|Manches Wohnhaus hat hier ein Ende, und der innere, noch überaus geräumige Platz ist dann ein allgemeiner Pracht- und Ziergarten, wohlversehen mit tausenderlei Arten kleinerer Baukünste, wie auch mit vielen Alleen von fruchtbaren Bäumen. Auch fehlen da nicht allerlei Wasserkünste, darin die Bewohner dieses Gürtels große Meister sind, weil auch die verschiedenen Wasserleitungen in das Fach der Baukunst gehören.
NS|0|46|22|0|Manche Wohnhäuser aber haben nach diesem siebten Stockwerkgebäude noch drei, also noch ein achtes, neuntes und zehntes Stockwerkgebäude, wovon dann wieder jedes durch eine fünfzig Klafter breite Straße voneinander entfernt ist. Nur sind diese Gebäude, weil sie dem Siebenstockwerkgebäude gleichen, jegliches von einer Breite von hundert Klaftern. Dadurch wird freilich dann der innere, große Platz etwas enger; aber dennoch immer groß genug und so groß, dass ihr noch stets mehrere Tagereisen vonnöten hättet, um ihn zu umgehen.
NS|0|46|23|0|Nun seht, das ist ein Wohnhaus dieser Bewohner des besagten Gürtels. Welche Pracht der Anblick eines solchen Wohnhauses gewährt, dazu ist eure Phantasie sogar zu klein, um sich das nur annähernd vorstellen zu können.
NS|0|46|24|0|Doch ihr müsst euch nicht diese Wohnhäuser als etwa das Großartigste der Baukunst dieser Bewohner denken. Wenn wir erst ihren großartigen Straßen-, Brücken- und Tempelbau werden kennenlernen, dann erst werdet ihr im vollsten Maße die Baukunst der Bewohner dieses Gürtels, euch überaus hoch verwundernd, beachten können. Das Großartigste aber bleiben immerhin ihre Straßen und Brücken; denn von etwas Ähnlichem hat euch noch nie geträumt. Und ihr mögt auch im Voraus phantasieren wie ihr wollt, und könnt dabei überaus versichert sein, dass die Darstellung einer solchen Straßen- und Brückenanlage alle eure noch so großartigen Phantasien bei weitem im Hintergrund lassen wird.
NS|0|46|25|0|Da ihre Darstellung, damit ihr euch einen klaren Begriff davon machen könnt, etwas gedehnter sein muss, so wollen wir sie für das nächste Mal aufbehalten und uns daher für heute bloß mit der Verkündigung begnügen.
NS|0|47|1|1|Die gewaltigen Hauptstraßenanlagen auf dem sechsten Sonnengürtelpaar
NS|0|47|1|1|(Am 14. Oktober 1842 nachmittags von 3 bis 6 1/4 Uhr.)
NS|0|47|1|0|Ihr habt schon bei Gelegenheit der Darstellung des Planeten Uranus vernommen, dass unter dessen Bewohnern der Grundsatz gilt, demzufolge alle Straßen gerade sein müssen. Obschon die Darstellung gerader Straßen auf dem ziemlich großen Planeten selbst schon mit vielen tausend Schwierigkeiten zu kämpfen hat, so sind aber doch alle diese Schwierigkeiten nur für gering zu achten gegen diejenigen, die in diesem Gürtel das Erdreich oder vielmehr der Boden der großen Sonnenwelt darbietet.
NS|0|47|2|0|In dem Planeten sind die höchsten Berge im außerordentlichsten Falle wohl fünf- bis sechsmal so hoch, wenn auch noch etwas darüber, als die höchsten Gebirge eurer Erde. Was ist aber das gegen die Höhe der Gebirge auf der Sonne, die nicht nach Klaftern, sondern nach Meilen gemessen wird?! Nun denkt euch eine Hauptstraßenanlage, welche nur über die mittlere Höhe der großen Länder dieses Gürtels führt; bedenkt dabei die vielen überaus tiefen Täler, dann die vielen Ströme, Wasserfälle, Seen und sogar hier und da Einbuchtungen des Meeres mittels der sogenannten Meereszungen. Wenn ihr solches ein wenig überdenkt, so dürfte es euch wohl schon im Voraus ziemlich klar werden, welch ein Bewandtnis es da mit dem Bau einer vollkommen geraden Straße hat.
NS|0|47|3|0|Dann aber bedenkt, dass diese Straße sich gleich einem Ring um diesen ganzen sechsten Sonnengürtel zieht, und zwar sowohl nördlicher- als südlicherseits (mit dem Unterschied nur, dass die Geländerverzierungen der südlichen Hauptgürtelstraße mehr abgerundet erscheinen als die des nördlichen Gürtels, welche mehr eckig und spitzig sind). Bedenkt aber noch dazu, dass die Straße noch immer eine Länge von nahe zweimalhunderttausend deutschen Meilen hat.
NS|0|47|4|0|Wenn ihr solches mehr und mehr zu erwägen beginnt, so wird euch die Großartigkeit einer solchen Straße immer einleuchtender zu werden anfangen. Bedenkt aber noch hinzu, dass diese Straße allenthalben gleichmäßig zweitausend Klafter breit ist, so werdet ihr noch mehr zu stutzen anfangen. Bedenkt, über wie viele tausend Täler, die nicht selten von der Linie der Straße eine Tiefe von fünf bis zehn Meilen haben[, diese Straße führt]. Seht, aller dieser, für euch kaum glaublichen Schwierigkeiten ungeachtet, zieht sich dennoch hoch über allen diesen schauerlichen Abgründen eine überaus feste und sogar zierlich gebaute Straße.
NS|0|47|5|0|Nun hättet ihr schon den ersten Riss dieser Straße dargetan. Aber hier werdet ihr fragen und sagen: Die Angabe einer solchen Straße steht zwar nicht außer dem Bereich der Möglichkeit sie zu denken, sie aber zu erbauen, da können wir nichts anderes sagen, als dass ein solches Werk wohl Gott möglich ist. Ob aber dergleichen Werke auch geschaffene Wesen mit Hilfe der gegebenen Materie und mit der Kraft ihrer Hände zuwege bringen können, das begreife, wer es kann und mag. Wir aber halten die Sache so lange für rein unmöglich, solange wir nicht wohlaussichtig davon überzeugt werden, welche höheren Kräfte diesen Menschen zu Gebote stehen, und wie sie mit diesen Kräften verfahren, damit solche Werke ihren Händen entstammen.
NS|0|47|6|0|Ich aber sage: Nur Geduld! Betrachtet so manche Tiere auf eurer Erde und stellt sie bezüglich ihrer Werke mit euch in eine entsprechende Vergleichung, und ihr müsst da notwendig erschauern, indem ihr eure größten Händewerke dagegen als armseligste Schneckenhäuser betrachten müsst. Damit ihr aber solches ein klein wenig klarer erschauen mögt, so will Ich euch nun fürs Erste zu einem nicht selten über eine Klafter hohen Ameisenhaufen führen. Vergleicht einmal dieses Werk mit der Größe der Bauleute; ist es im Verhältnis nicht offenbar größer und in Hinsicht ihrer Bauleute mehr, als so ihr, vermöge eurer Größe und Kraft, einen Chimborasso oder ein Himalaja-Gebirge aufgeführt hättet? Solltet ihr dieses etwa übertrieben finden, so beliebt nur, ein wenig verhältnismäßig nachzurechnen, und ihr werdet die Sache als vollkommen bestätigt finden.
NS|0|47|7|0|Nehmt zum Beispiel eine Ameise an, wie sie kaum eine Linie mit ihrem Köpfchen vom Boden der Erde entfernt ist. Nehmt dann eine Höhe von anderthalb Klaftern, welche Höhe nicht selten das Maß eines großen Ameisenhaufens ist. Versucht, wie oftmal allenfalls eine halbe Linie in der ganzen Höhe von neun Schuhen enthalten ist. Setzt dann eure Höhe ebenso oft übereinander, und ihr werdet daraus gar leichtlich das Verhältnis finden, wie hoch und umfangreich eure Gebäude sein müssten, wenn sie verhältnismäßig der Größe eines solchen Ameisenhaufens gleichen sollten. Ich will dabei der tausend Gänge und Katakomben eines solchen Ameisenhaufens gar nicht erwähnen, die alle riesenhaft groß für das Verhältnis ihrer Erbauer sind; denn es genügt die Größe des Haufens selbst, um das Verhältnis der Baukraft dieser kleinen Tierchen gegen die eurige ins Klare zu stellen.
NS|0|47|8|0|Also könnt ihr auch das Gebäude einer Biene betrachten. Seht, wie kühn dieses Tierchen mittels eines kaum zwei Linien dicken bräunlichen Wachsstieles an irgendeine Wand ihr ganzes Zellengebäude hängt, welches gewiss mehr sagen will, als so ihr im gleichen Verhältnis den größten Palast an irgendeinen hoch in die Luft erbauten Bogen mittels riesiger Ketten angekettet hättet.
NS|0|47|9|0|Ferner könnt ihr noch das Gewebe einer Spinne betrachten, wie weit oft dieses Tier mit seinen Fäden in freier Luft seine Wohnung aufrichtet. Will dieses im Verhältnis nicht ebenso viel sagen, als wenn ihr zwischen den höchsten Gebirgsspitzen mächtige Seile und Stricke gezogen hättet und hättet dadurch hängende Brücken zwischen den Gebirgsspitzen über tiefen Gräben und Tälern errichtet?
NS|0|47|10|0|Ich könnte euch noch eine Menge noch großartigerer Beispiele kleintierischer Baukraft anführen, allein vorderhand mögen euch diese genügen. Wenn ihr sie gehörig betrachten wollt, so könnt ihr zur Genüge eure geringfügige Baukraft gegen die Baukraft dieser Tierchen ersehen. Wenn euch aber schon in dieser Hinsicht diese Tierchen beschämen, wie soll es demnach gar so unerklärlich sein, dass es irgend Menschen geben könne, die eure Baukraft in noch größerem Maßstabe hinter das Licht zu stellen vermögen als ebendiese Tierchen?
NS|0|47|11|0|Und eben von dieser Art sind die Menschen dieses unseres sechsten Sonnengürtels. Ihre Hauptkraft spricht sich im Bauen aus, dieweil sie in geistiger Hinsicht denjenigen Organen in dem Leib des Menschen entsprechen, durch welche der eigentliche vegetative Bau des Leibes bewerkstelligt wird.
NS|0|47|12|0|Wenn wir nun dieses wissen, so können wir uns auch auf den mehr speziellen Teil der Erbauung einer solchen Riesenstraße einlassen. Wo diese Straße über weitgedehnte Gebirgsebenen hingeht, da ist ihre Erbauung auch natürlicherweise leicht und mit geringen Kraftanstrengungskosten verbunden. Geht sie dann über tiefe und weitgedehnte Täler oder Gräben, so nehmen dann, nach der größeren Tiefe der Täler und Gräben, auch die Schwierigkeiten und Kraftanstrengungen zu. Denn da kann die Straße nur mittels hoher Brücken geführt werden. Wie sind aber diese Brücken erbaut?
NS|0|47|13|0|Diese Brücken sind dann in Etagen eingeteilt. Ein Bogenwerk über das andere erhebt sich, und natürlich so hoch über dem Boden eines Tales oder Grabens empor, bis das Bogenwerk die Höhe der Straßenlinie erreicht hat. Ist solches der Fall, so werden die Bogengräben ausgefüllt und darüber massive, wohlbehauene, feste Steinplatten gelegt und zu beiden Seiten der Straße mit einem mehrere Klafter breiten und verhältnismäßig hohen, steinernen Geländer versehen. Die Etage eines Bogenwerkes misst nicht selten fünfzig bis hundert Klafter; und ihr könntet auf Stellen kommen, allwo oft von einer bedeutenden Taltiefe nahe zweitausend Bogenwerke übereinanderstehen.
NS|0|47|14|0|Es fragt sich hier wieder, besonders wenn ein Tal oft über hundert Meilen eures Maßes breit ist, wie lange diese Baumeister wohl zu tun haben möchten, um ein solches riesiges Bogenwerk zu vollenden. Ich sage euch: Kaum so lange, wie ihr dazu Zeit braucht, um ein Wohnhaus von mittlerer Größe aufzuführen. Denn fürs Erste greifen bei einer solchen Gelegenheit nicht selten mehrere Millionen Hände ein solches Werk an, die da allein mit dem Bauen beschäftigt sind; ebenso viele Hände, die das Baumaterial bereiten, und dann ebenso viele, die es herbeischaffen.
NS|0|47|15|0|Auch hier werden gewöhnlich nur die untersten Bogenwerke aus behauenen, großen Quadersteinen gebaut, welche Steine mittels eines eigenen, klebrigen Steinkitts miteinander verbunden werden. Die höheren Etagen aber werden dann nur aus gebackenen Steinen verfertigt, welche Steine aus einem zähen Ton, welcher in den riesigen Gebirgen dieses Gürtels überaus häufig vorkommt, verfertigt werden und sodann getrocknet an den alleinigen Strahlen des Sonnenlichts so lange, bis sie ein bräunliches Aussehen bekommen und beim Anschlag einen festen Klang von sich geben. Haben sie diese bestimmte Gediegenheit erreicht, sodann sind sie auch schon vollkommen geeignet zum Bau.
NS|0|47|16|0|Also haben wir jetzt auch gesehen, wie eine solche Straße über Täler und Gräben geführt wird. Nun aber haben wir noch Flüsse, Seen und sogar Meeresbuchten vor uns; wie wird denn die Straße darüber geführt?
NS|0|47|17|0|Nur eine kleine Geduld, und wir werden sogleich sehen, wie unternehmend und wie geschickt und ausdauernd diese Baumeister die Straße allda zu bauen und zu führen anfangen. Sie verfertigen eine Art Schiff aus festem Holz, welches Schiff eine Breite von zwanzig und eine Länge von tausend Klaftern hat; denn solches können sie auch leichtlich tun, indem sie allenthalben reichliche Wälder von solchen Bäumen besitzen, welche die Pyramidenbäume im Saturnus nicht selten zuschanden machen dürften.
NS|0|47|18|0|Ist ein solches Schiff oder vielmehr eine solche großartige Plätte fertig, sodann wird in der Plätte zu bauen begonnen. Durch die Schwere des Materials sinkt natürlich die Plätte tiefer ins Wasser. Sobald dann der erste Plättenkranz ungefähr mit der Oberfläche des Wassers in eine gleiche Höhe zu stehen kommt, wird sogleich wieder auf den alten Kranz ein neuer, allzeit mehrere Klafter hoher Kranz von beschlagenen und glatt behauenen Bäumen gelegt und mittels starken Klammern mit dem ersten fest verbunden. Sodann wird gewisserart das Joch in der Plätte wieder höher gebaut. Drückt die Schwere des Materials wieder so tief ins Wasser, dass der neue Kranz sich der Oberfläche des Wassers nähert, so wird wieder ein neuer Kranz auf den früheren gelegt und sodann wieder weitergebaut. Und solches wird so lange fortgesetzt, bis die Bauleute wahrnehmen, dass die Plätte wenigstens auf einer Seite angefangen hat, am Boden des Wassers aufzusitzen. Ist der Boden des Wassers eben, so hat es weiter keine Schwierigkeiten mehr, und das Joch kann dann viele tausend Klafter hoch fortgeführt werden.
NS|0|47|19|0|Wenn aber der Boden oder der Grund eines oder des anderen Wassers uneben ist, so vermehrt das freilich ums außerordentlich Bedeutende die baulichen Schwierigkeiten, und es ist bei dieser Gelegenheit nichts anderes zu tun, als dass sich gewisse, eigens dazu abgerichtete Wassertaucher bequemen müssen, ins Wasser zu steigen und im Wasser selbst dann entweder den Grund zu ebnen oder, wenn derselbe etwa aus Klüften und Abgründen besteht, dieselben mittels nachgesenkter Materialien auszufüllen.
NS|0|47|20|0|Und manchmal sind die Klüfte so tief, dass sie unausfüllbar sind, und doch sollte das Joch über ihnen feststehen. Was wird denn dann getan? Sodann wird ein überaus massiver, metallener Rost verfertigt und in das Wasser versenkt und unter dem Wasser dann auf die Klippen, welche aus dem Abgrund hervorragen, so geschickt unter das Plättenjoch gelegt, dass dann das Plättenjoch auf diesen riesigen Rost niedersitzt und überaus fest stehenbleibt.
NS|0|47|21|0|Ihr möchtet hier wohl fragen: Ersticken die Arbeiter denn nicht, wenn sie so lange im Wasser arbeiten müssen? – Nein, solches ist allda nicht leichtlich der Fall. Fürs Erste, weil zwischen der Sonnenluft dieses Gürtels und den Gewässern kein so großer Unterschied ist wie bei euch. Denn die Luft allda ist viel intensiver, daher aber auch die Gewässer viel subtiler. Und so kann ein Geübter auch unter dem Wasser recht wohl atmen und bekommt anstatt der Luft das Wasser in seine kräftige Lunge. Doch muss solches von frühester Jugend auf gewöhnt sein. Ist dies nicht der Fall, so geht wohl auch der Mensch im Wasser erstickend zugrunde. Darum aber werden schon allzeit mehrere Menschen so an das Wasser gewöhnt, wie allenfalls bei euch so manche Schiffsmatrosen, die auch nicht selten eine halbe bis nahe volle Glockenstunde unter dem Wasser ganz wohlerhalten leben können.
NS|0|47|22|0|Solche Joche werden dann zu gleicher Zeit in Entfernungen von zwanzig Klaftern, nach der Breite eines Stromes oder Sees, zu mehreren Tausenden auf einmal begonnen. Und sind dann die Joche auf dem Grund feststehend, so werden sie dann zuerst ober dem Wasser mit schweren und überaus starken, metallenen Stangen gegenseitig verbunden. Sodann erst werden über diesen Jochen neue Joche in Bögen gezogen. Und also wächst da ein Bogengang über dem anderen so lange fort, bis endlich die Linie der Straße erreicht ist, bei welcher Gelegenheit dann wieder ebenso verfahren wird wie über den Tälern.
NS|0|47|23|0|Was tun diese Straßenbauer aber allda, wo sie an ziemlich breite Meeresbuchten stoßen und, wenn sie dieselben mittels ihrer Fahrzeuge visieren, bei jeder möglichen Verlängerung ihrer Messruten auf keinen Grund stoßen? Denn solches kommt allda nicht selten vor, dass so eine Meeresbucht nicht etwa mehrere hundert oder tausend Klafter, sondern manchmal fünfzig bis hundert Meilen tief ist.
NS|0|47|24|0|Bei solcher Gelegenheit wird dann zu den Schiffbrücken die Zuflucht genommen. Aber die Schiffe, die dazu dienen, sind dann eben von einer so kolossalen Art wie die Straße selbst. Nur wird dann über diesen Schiffen keine steinerne, sondern eine aus den massivsten Bäumen zusammengefügte Brücke erbaut, welche aber über den Schiffen eben auch die Straßenlinie erreichen muss.
NS|0|47|25|0|Ein solches Schiff wird fürs Erste aus den allerkolossalsten Bäumen verfertigt und gleicht eigentlich einem ungeheuren Korb mehr als einem Schiff. Ein solcher Schiffkorb hat dann gewöhnlich eine Länge von einer deutschen Meile bei euch und eine Breite von wenigstens fünfhundert Klaftern. Die Wände dieser Schiffkörbe haben gewöhnlich eine Höhe von dreihundert Klaftern und sind mit den massivsten Eisenstangen und Eisenklammern wie für ewig aneinander von Kranz zu Kranz befestigt. Der Boden eines solchen Schiffes, der gewöhnlich aus den allermassivsten Bäumen, dreimal übereinandergelegt, gebaut ist, ist zudem noch ganz mit einer Art dickem Metallblech beschlagen. Dieses Holz versteinert im Wasser. Über dem Wasser aber wird es mit einer eigenen Masse getränkt, dass es dadurch dann auch wie für ewige Zeiten unzerstörbar ist. Und bei einer solchen Schiffbrücke schließt sich dann auch ein Schiff fest an das andere an und ist durch überaus starke Metallklammern aneinander sogar befestigt, dass am Ende diese großen Schiffkörbe eine ununterbrochene Linie über die ganze Meeresbucht bilden.
NS|0|47|26|0|Blickt demnach so im Geiste von irgendeiner Höhe über eine solche Schiffbrücke hin, und ihr müsst doch offenbar eingestehen, dass euch in dieser Hinsicht selbst eure allergroßartigsten Phantasien dagegen wie kleine Miniaturbilder vorkommen müssen.
NS|0|47|27|0|Freilich wohl wird in dieser Zeit keine solche Straße mehr gebaut; denn diese Straße ist schon älter, als eure Erde von Menschen bewohnt ist, und weist ungefähr ein Alter von sechzigtausend Jahren auf. Dessen ungeachtet aber werden noch zu dieser Zeit kleinere Nebenstraßen mit dieser Hauptstraße verbunden und die Hauptstraße selbst hier und da schadlos gehalten, wozu öfter auch nicht viel weniger gehört als eine streckenweise ganz neue Anlage.
NS|0|47|28|0|Nun seht, da ist somit auch der riesenhafteste Bau der Bewohner dieses Gürtels dargetan. Und da sich darüber nötigerweise nichts mehr sagen lässt, so wollen wir das nächste Mal zur Besichtigung eines Tempels übergehen.
NS|0|48|1|1|Die Vorwerke einer Tempelanlage auf dem sechsten Sonnengürtelpaar
NS|0|48|1|1|(Am 15. Oktober 1842 von 4 3/4 bis 6 3/4 Uhr abends.)
NS|0|48|1|0|Was da betrifft einen Tempel zur Verehrung Gottes bei den Bewohnern dieses Gürtels, so ist zwar an und für sich ein solcher Tempel nicht von einer so fortgesetzten, riesenhaften Bauart wie die uns jetzt schon bekannte Straße. Dessen ungeachtet aber ist er doch an und für sich, was die kunstvolle Bauweise betrifft, das außerordentlichste Meisterstück der gesamten Baukunst der Bewohner dieses Gürtels. Zwei Dinge sind vorerst bei dem Bau dieses Tempels zu berücksichtigen, und dieses ist seine Größe und seine Höhe.
NS|0|48|2|0|Was seine Größe betrifft, da wäre zum Beispiel euer Ungarn kaum groß genug dazu, um den gesamten Bau eines solchen Tempels auf seinem Boden aufzunehmen. Was aber seine Höhe betrifft, da dürften wohl eure höchsten Berge kaum als Verzierungen an den verschiedenen Ecken und Ausrundungen des Tempels dienen.
NS|0|48|3|0|Ist der Tempel ein Gebäude? O nein; sondern ein solcher Tempel ist so wie ein Wohnhaus, gewisserart wie ein Vielgebäude, und gleicht eher einer Riesenstadt als einem einzelnen Gebäude.
NS|0|48|4|0|Das Vorgebäude eines solchen Tempels besteht in einer über hundert Klafter hohen Ringmauer, welche aber nicht in ein gerades Viereck gezogen ist, sondern sich allzeit nach dem Terrain des Landes richtet, allda ein solcher Tempel erbaut ist.
NS|0|48|5|0|Etwa in einer Entfernung von tausend Klaftern hinter dieser Mauer sind in verhältnismäßigen Entfernungen Türme erbaut in der Art, wie ihr euch den sogenannten Turm Babylons vorstellt. Diese Türme sind alle von gleicher Höhe und überragen die Ringmauer um zwei Drittel ihrer Höhe.
NS|0|48|6|0|Ist der Grund innerhalb der Ringmauer nicht vollkommen eben, so wird er an den Stellen der Vertiefungen ausgefüllt und eben gemacht; denn auf der Tempelstandfläche darf durchaus weder eine Erhöhung noch eine Erniederung vorkommen; und da heißt es im buchstäblichen Sinne: Die Berge müssen erniedrigt und die Täler zu einem ebenen Weg werden.
NS|0|48|7|0|Wozu dienen denn diese Türme? Diese Türme dienen gewisserart dazu, wozu einst bei euch die großen Pyramiden Ägyptens gedient haben. Sie sind nämlich Grabmäler der Bewohner dieses Gürtels, welche zum Bezirk eines oder des anderen Tempels gehören. Aber ein solcher Turm ist nicht etwa das Grabmal eines einzelnen Menschen, sondern er ist als Friedstätte für viele Tausende und Tausende von Menschen errichtet. Sein Umfang zuunterst beträgt nicht selten vier deutsche Meilen, und seine Höhe ist über dem Boden etwas über dreihundert Klafter. Ein solcher Turm sieht dann freilich mehr einem gemauerten Berg als eigentlich einem Turm gleich. Bei manchem Tempel gibt es innerhalb einer solchen Mauer einige Hunderte solcher Türme.
NS|0|48|8|0|Weiter gegen das Innere zu, ungefähr eine deutsche Meile von den Türmen entfernt, erhebt sich dann ein großes Rundgebäude bis zu einer Höhe von tausend Klaftern. Dieses Rundgebäude hat keine Etagen, sondern besteht aus lauter Bögen, über welche eine über zweitausend Klafter breite Straße führt. Diese Straße selbst ist mit den großartigsten und wohlverzierten Geländern sowohl nach außen wie nach innen umfasst. Allenthalben, wo ein Bogenpfeiler dem Boden entsteigt, ist über der Straße noch eine Art großartiger Triumphbogen errichtet, der ebenfalls eine Höhe von fünfhundert Klaftern über der Straße hat. Durch einen jeden Pfeiler kann man auf einer in dessen Mitte errichteten Wendeltreppe auf die Straße gelangen. Von der Straße aber führt dann wieder in der Seitenmauer eines Triumphbogens eine zweite Wendeltreppe bis auf die hohe Galerie des Triumphbogens selbst, welcher zuoberst flach ist und ist abermals mit festen, metallenen Geländern umfangen.
NS|0|48|9|0|Diese Straße über diesen Bögen wird die Straße der göttlichen Ehre genannt. Auf dieser Straße pflegen die Menschen eine Art Prozession zu halten und loben auf dieser Wanderung die große Macht und Ehre Gottes.
NS|0|48|10|0|Mit diesem Gebäude, welches noch immer einen Umfang von zwei-, drei-, manchmal auch bis vierhundert Meilen hat, wären wir fertig. Nun gehen wir wieder eine deutsche Meile weiter. Allda erblickt ihr abermals einen Kranz von himmelhohen Türmen, welche aber mehr das Aussehen riesenhafter Obelisken als das der eigentlichen Türme haben.
NS|0|48|11|0|Auf dem Boden seht ihr gleichhohe, kegelförmige Fußgestelle dieser riesenhaften Obelisken, wovon ein jedes Fußgestell schon eine Höhe von zweitausend Klaftern hat. Über diesen Fußgestellen erheben sich dann erst die riesenhaften Obelisken, die aber nicht viereckig, sondern kegelförmig rund sind und sich über den Postamenten zu einer Höhe von viertausend Klaftern erheben. Diese Rundobelisken sind aber nicht glatt aufsteigend wie ein Kegel, sondern steigen stufenförmig auf, so zwar, dass man von dem mit starken Geländern umfassten Postament von außen bis zur Spitze dieses Obelisken gelangen kann. Damit solche Obelisken aber auch samt den Postamenten bestiegen werden können, so führt durch ein jedes Postament an einer Seite desselben eine Wendeltreppe bis zum Fuß des Obelisken, der nämlich auf diesem Postament ruht.
NS|0|48|12|0|Wozu dienen denn diese Obelisken? Sie dienen den Menschen zur Betrachtung der Stärke der göttlichen Weisheit. Denn die Bauleute dieses Gürtels sind natürlicherweise auch gute Rechenmeister und wissen, dass in einem Kegel der Messkunst größte Geheimnisse verborgen sind, darin sie auch der Weisheit Grund suchen. Aus diesem Grunde stellen sie auch dieses Monument zur Ehre der Stärke der göttlichen Weisheit auf. Also hätten wir auch diesen Teil des Tempels gesehen.
NS|0|48|13|0|Verfügen wir uns nun wieder eine gute Meile landeinwärts. Hier erblicken wir kein Gebäude, sondern einen über eine deutsche Meile breiten Graben, der aber bis zuoberst mit Wasser gefüllt ist. Über dieses Wasser führt keine Brücke, sondern nur mittels zierlicher Kähne, welche an den Ufern fast in einer Unzahl vorhanden sind, kann man darüber gelangen. Der Graben aber darf nie tiefer sein als nur so, dass das Wasser einem Mann allenthalben bis zum Kinn reicht.
NS|0|48|14|0|Seht, hier ragt in schauerlicher Höhe uns schon der erste Vorhof des eigentlichen Tempels entgegen. Eine achttausend Klafter hohe Mauer, ganz glatt und ohne Fenster nach außen, starrt uns an. Über dieser Mauer erblicken wir noch in bläulicher Ferne regelmäßige, weiße Spitzen wie Nadeln; an und für sich aber sind sie ebenfalls runde Ziersäulen des obersten Randes dieser Mauer, welche Säulen noch an und für sich eine Höhe von zweitausend Klaftern und einen Umfang von tausend Klaftern haben.
NS|0|48|15|0|Seht, hier ist ein geräumiges Bogentor durch dieses Riesengebäude. Aber so geschwind, als ihr meint, werden wir nicht durchkommen; denn der Weg durch dieses Tor wird sich bis zu drei Stunden eures Maßes erstrecken. Das Tor bildet sonach einen großartigen Tunnel und zeigt zugleich die ganze Breite dieses riesigen Gebäudes an. Seht es aber von inwendig und zählt alle die Galerien und die nahe zahllosen, tunnelartigen Bogengänge in das Innere dieses Gebäudes, und seht auch zugleich, wie lebendig es auf diesen Galerien, deren es wohl Hunderte übereinander gibt, zugeht.
NS|0|48|16|0|Was hat wohl dieses riesenhafte Gebäude für einen Zweck? Das ist das eigentliche Schulhaus, in welchem es verschiedene Klassen gibt, wo die jungen Menschen in allem Möglichen unterrichtet werden.
NS|0|48|17|0|Seht zu ebener Erde dieses riesigen Gebäudes, wie da im Hintergrund der großen, tunnelartigen Gänge Feuer lodern, und hört ein wenig zu, wie es da knallt und klirrt. Seht, das ist die Schule der Schmiede, in welcher sie allerlei Dinge aus dem Metall verfertigen lernen. Und so werdet ihr auf jeder Galerie etwas anderes finden.
NS|0|48|18|0|Also wüssten wir auch, wozu dieses Gebäude dient. Daher können wir auch dieses verlassen und unsere Tempelreise weiter fortsetzen.
NS|0|49|1|1|Das Kunstmuseum des Tempels
NS|0|49|1|0|Seht vor uns eine drei Meilen breite Fläche mit den herrlichsten Fruchtbäumen reihenweise besetzt. Gehen wir durch diese duftenden Alleen, und seht, hier sind wir schon wieder bei einem ebenso breiten Wassergraben.
NS|0|49|2|0|Was erblicken wir denn über diesem Wassergraben? Setzen wir wieder auf Kähnen darüber und tun noch einen Weg über eine glatte Fläche von etwa einer deutschen Meile.
NS|0|49|3|0|Seht, hier erhebt sich ein noch kolossaleres Gebäude als das frühere. Es ist zwar nicht so breit, aber wenigstens noch einmal so hoch wie das frühere. Es hat nach außen hinaus ebenfalls keine Fenster, aber dafür desto mehr nach innen.
NS|0|49|4|0|Das ganze Gebäude ist hier in sieben Etagen eingeteilt, welche sich von außen wie nach innen durch die Farben des Regenbogens unterscheiden. Von außen erscheinen die Farben nach der riesigen Mauer nur als ununterbrochen fortgesetzte Streifen, welche parallel übereinander fortlaufen. Die ungeheuer kolossalen Galerien sind nach innen so gefärbt, dass da jede eine andere Farbe, und zwar eben auch die des Regenbogens, darstellt.
NS|0|49|5|1|(Am 16. Oktober 1842 nachmittags von 3 bis 4 Uhr.)
NS|0|49|5|0|Jede Galerie hat an und für sich eine Höhe, dass ihr unter deren Bogengängen gar leicht Europas höchste Berge hinstellen könntet. Von den Galerien gehen dann in das Gebäude hinein ebenmäßige Bogengänge.
NS|0|49|6|0|Wozu dient denn hernach das ganze Gebäude? Das ganze Gebäude dient zu höheren geistigen Betrachtungen. Es ist an und für sich ein Kunstmuseum, in dem allerlei Kunstwerke in jeder Hinsicht sowohl zur Anschauung als auch zum Studium ausgestellt werden.
NS|0|49|7|0|Es würde jemand fragen: Wozu denn zu dem Zweck so unmäßig hohe Gemächer? – Geduldet euch nur ein wenig, und ihr werdet sogleich erschauen, dass die Sache nicht so unzweckmäßig ist, wie sie im ersten Augenblick erscheint. Denn das Kunstfach der Bewohner dieses Gürtels, besonders im Fach derjenigen Mechanik, die zum Bau notwendig ist, ist außerordentlich großartig und manchmal auch sehr kompliziert, wie zum Beispiel ihre außerordentlichen Hebemaschinen, so wie auch ihre Wurfmaschinen von einer nicht selten außerordentlichen Größe und vielfachen Komplikation sind. Denkt euch nur einmal die Riesenbauten dieser Menschen; denkt euch, bis zu welcher, für euch kaum begreiflichen Höhe sie Steine von mehreren tausend Zentnern im Gewicht haben. Wenn ihr dieses nur ein wenig betrachtet, so wird euch auch sicher nicht gar zu unbegreiflich sein, dass zur Erreichung solcher Zwecke auch solche Mittel da sein müssen, die der Erreichung eines solchen Zweckes hinreichend entsprechen.
NS|0|49|8|0|Wenn Ich nun sage, dass diese überaus hohen Gemächer angefüllt sind mit dergleichen mechanischen Kunstprodukten, so werdet ihr sie auch nicht im Geringsten für zu hoch finden, sondern werdet euch noch obendrauf denken müssen, dass in diesen Gemächern nur Modelle, nicht aber die wirklichen Maschinen der allerverschiedensten Art aufgestellt sein können.
NS|0|49|9|0|Aber ihr werdet sagen: Warum denn hier sieben Galerien übereinander und jede derselben für euch von so schauerlicher Höhe? – Solches wird sich dadurch erklären: Nehmt nur ein Gerüst an, welches doch notwendig da sein muss, um nicht nur viele klafter-, sondern im Ernst meilenhohe Gebäude aufzuführen. Ein solches Gerüst besteht aus sieben Abteilungen, und jede Abteilung ist anders konstruiert; denn wäre eine wie die andere, so vermöchte die unterste das Gewicht der über ihr stehenden Abteilungen ja nicht zu ertragen. Daher ist hier in diesen sieben Abteilungen übereinander ein ganzes Gerüst aufgestellt, und zwar in der Abteilung zu ebener Erde das erste Grundgerüst. Wird ein Gebäude nicht höher geführt als diese erste Abteilung an und für sich ist, so genügt natürlicherweise dieses Gerüst. Wird aber ein Gebäude noch einmal so hoch geführt, so kann da jedermann in der zweiten Galerie, in dem gerade über dem Erdgeschoß stehenden Gemach, den Aufsatz oder die zweite Abteilung des Gerüstes beobachten und zugleich studieren; und so wird da für jede künftige, höhere Abteilung das Gerüst mit all seinen Bestandteilen weitergeführt. Sollte ein Gebäude noch höher geführt werden, wie es bei den Tempeln auch gar wohl noch der Fall ist, so ist in der anstoßenden Zelle, und zwar zu ebener Erde, der nächste Aufsatz zu sehen; und über dem wieder die allenfalls notwendigen anderen, noch höheren Aufsätze. Und nach der Verschiedenheit der Gebäude gibt es auch verschiedenartige Gerüste, die alle in diesem Kunstmuseum von Stufe zu Stufe zu sehen sind.
NS|0|49|10|0|Also ist es auch der Fall mit den Hebemaschinen, mit den Zugmaschinen, mit den Wurfmaschinen, mit den Bindungsmaschinen, mit den Schubmaschinen, mit den Druckmaschinen und noch mehreren dergleichen Maschinen, welche alle zum Bau solch riesenhafter Gebäude notwendig sind.
NS|0|49|11|0|Nun wüssten wir, zu welchem Zweck dieses riesenhafte Gebäude dient.
NS|0|49|12|0|Sehen wir aber von diesem Gebäude nun hinweg wieder vorwärts, und wir erblicken abermals ein bei drei Meilen breites Feld vor uns, welches fürs Erste mit allerlei Fruchtbäumen reichlich besetzt ist, mitten unter den Fruchtbäumen aber auch zugleich von allerlei kleinen baulichen Versuchen strotzt. Aus allem geht hervor, dass hier zugleich die Schule der Baukunst zu Hause ist. Daher gibt es hier auch eine große Menge kleiner Wohnhäuser für Zöglinge sowohl als für Lehrer, denen somit auch dieser Fruchtgrund zur freien Benutzung zukommt. Das nächste Gebäude aber wollen wir erst das nächste Mal in Augenschein nehmen.
NS|0|50|1|1|Die Schule der geistigen Erkenntnisse. Der eigentliche Tempel
NS|0|50|1|1|(Am 17. Oktober 1842 nachmittags von 3 1/2 bis 5 1/2 Uhr.)
NS|0|50|1|0|Seht hier in einer Entfernung von etwa einer Meile außer dem Baumkreis ein staffelförmiges Gebäude, welches ungefähr aus siebzig Staffeln besteht, wovon jede eine Höhe von tausend Klaftern hat. In jeder Staffel erblickt ihr Stockwerke, welche mit Fenstern versehen sind, etwa nach der Art wie die gotischen Fenster bei euch auf der Erde; nur natürlich ein jedes Fenster um wenigstens das Fünfzigfache größer als bei euch. Alsdann lässt sich hier fragen, indem dieses Gebäude von aus- und inwendig also staffelförmig erbaut, und jede dieser Staffeln, sowohl nach außen wie nach innen, mit guten Geländern versehen ist, wozu wohl dieses Gebäude diene, welches, obschon es ein ziemlich innerer Teil des Tempels ist, aber dennoch immer einen Umfang von etlichen siebzig Meilen eures Maßes hat.
NS|0|50|2|0|Dieses Gebäude dient einerseits zur Bildung der höheren geistigen Erkenntnisse und ist zugleich die Wohnung der Diener des eigentlichen, inneren, größten Tempelheiligtums.
NS|0|50|3|0|Diese Diener werden in siebzig Klassen eingeteilt, und jegliche Klasse hat ihre eigene Beschäftigung in dem Tempel. Diejenige Klasse, welche die vier Etagen der ersten Staffel bewohnt, ist die niederste und gemeinste. Jede eine höhere Staffel bewohnende Klasse ist dann auch in ihrer Amtssphäre höherstehend und kommt immer seltener zur Tempelhandlung. Diejenige Klasse, welche die alleroberste, also die siebzigste Staffel bewohnt, kommt nur äußerst selten von ihrer Höhe herab zum Dienst des Tempels. Diese Staffel bewohnen demnach auch nur die obersten und tiefweisesten Priester eines solchen Tempels.
NS|0|50|4|0|Ihr werdet hier fragen: Aber wer bringt denn diesen Menschen die Nahrung auf solche schauerliche Höhe? – Seht, dafür ist schon gesorgt; denn eine jede solche, ebenfalls tausend Klafter breite Staffel ist zugleich ein vollkommener Garten, belegt mit guter, fruchtbarer Erde und bepflanzt mit allerlei mäßig großen Fruchtbäumen und anderen wohlgenießbaren Pflanzen und Wurzeln. Auch notwendige Tiere werden allda gehalten; denn sie haben in diesen Gärten hinreichendes Futter.
NS|0|50|5|0|Es fragt sich noch etwas: Woher kommt denn das Wasser? – Durch großartige und künstliche Wasserleitungen. Denn dazu werden die Röhren von dem über hundert Meilen hohen Ringgebirgswall bis zu einem solchen Tempelgebäude gezogen, durch welche dann das Wasser nicht selten gegen tausend Meilen weit eures Maßes geleitet wird. Auf diese Art und Weise ist dann auch dieses riesenhafte Staffelgebäude durch vielfache Wasserleitungen allenthalben reichlichst mit Wasser versorgt. Ja auf diesen Staffeln sind nicht selten also große Wasserbassins errichtet, dass auf ihnen die Bewohner mit zierlichen Kähnen weit und breit herumfahren können; und sogar auf dem Plateau der siebzigsten Staffel sind zwischen den Fruchtbäumen und Gärten eine Menge Springbrunnen angebracht, wo das Wasser aus ziemlich hohen Obelisksäulen emporschießt und dann als ein reichlicher Regen in ein bedeutend großes Wasserbassin herabfällt.
NS|0|50|6|0|Aber ihr werdet hier wieder sagen: Die Wohnungen aber werden feucht sein müssen, wenn das ganze Gebäude allenthalben also bewässert ist. – Sorgt euch nicht darum! Denn dieses Gebäude ist aus lauter massiven Quadersteinen so zusammengekittet, dass es als ein förmliches überaus festes Schöpfungswerk zu betrachten ist. Durch diese nicht selten bei hundert Klafter dicken Mauerwerke dringt kein Tropfen Wasser hindurch; und das durch dieses Gewässer ganz unmerklich angesogene Mauerwerk wird durch die tüchtige Wärme der Sonne stets sogleich wieder getrocknet, dass da in den Gemächern nicht die allerleiseste Spur von einer Feuchtigkeit zu gewahren ist.
NS|0|50|7|0|Auf dieses Gebäudes Staffeln kann man sowohl durch zahllose Stufen und Treppen, wie auch von außen auf gerade gelegten, überaus bequemen und breiten Staffeln gelangen. Ihr würdet zwar auf diesen Staffeln nicht gut vorwärts kommen, indem eine jede Staffel zwei Klafter hoch ist; aber für die sechzehn bis zwanzig Klafter hohen und großen Bewohner dieses Gürtels gehören dergleichen Staffeln zu den bequemsten, indem sie auch Staffeln haben, wovon jede Stufe vier bis fünf Klafter hoch ist.
NS|0|50|8|0|Neben einer jeden Stufenreihe, die nach außen hinauf bis zur höchsten Höhe führt und auf beiden Seiten mit tüchtigen Geländern versehen ist, führt auch besonders nach dem inneren Teil des Gebäudes hinein eine sogenannte Rutschbahn. Diese dient etwa nicht dazu, als sollten die Menschen auf derselben herabrutschen; sondern sie dient vielmehr dazu, wozu bei euch die sogenannten Ausgüsse dienen. Denn diese Bahn ist eine offene Halbröhre; und es kann in selbe von einer jeden Staffel alles Unbrauchbare wie auch aller Unrat hineingeworfen werden, wonach er dann nach diesem Schlauch hinabrutscht; und bleibt irgendetwas stecken oder hängen, so wird solches entweder durch einen nachgelassenen Wasserstrahl fortgeschwemmt, oder es kann auch über das Geländer der Stufen hinaus abgekehrt werden.
NS|0|50|9|0|Da wir dieses Gebäude links und rechts als ein Staffelwerk gesehen haben, so wird es von selbst einleuchtend sein, dass es ein gleiches Dreieck bilden würde, so wir es irgend mitten durchschneiden würden. Daraus geht aber hervor, dass es unten zu ebener Erde nahe ebenso breit sein muss, als es von der Erde bis zur höchsten Staffel hoch ist. Aus dem Grunde hat es dann ebenfalls auch einen Durchmesser von siebzigtausend Klaftern. Und die Eingangs- und Durchgangstore sind demnach auch nichts anderes als bei tausend Klafter hohe und bei hundert Klafter breite Tunnels, die in dem Innern sogar durch künstliche Leuchten erleuchtet werden müssen. Solches ist aber in diesem Gürtel, wie auch in anderen Gürteln, eben nicht so kostspielig, als ihr meint. Denn es gibt in der Sonne eine überaus große Menge weißer Steine, welche so stark von sich selbst leuchten, dass ihr das Licht eines solchen Steines so wenig ertragen würdet als das Licht der Sonne selbst am hellen Mittag. Aus diesem Stein werden große, etwa bei zwei Klafter im Durchmesser habende Kugeln gemeißelt und dann auch sowohl in solchen weiten Tunneln, wie auch in den inneren Gemächern dieses Gebäudes, in gerechten Entfernungen auf viereckige Postamente gestellt. Dadurch werden dann sowohl die Tunnel als die inneren Gemächer sogar noch um einige Grade stärker erleuchtet, als euer Erdkörper erleuchtet ist am hellen Mittag. Dieses Licht ist in der Sonne freilich ums Ziemliche schwächer als das äußere Naturlicht; aber dessen ungeachtet noch immer hinreichend stark, um alles recht deutlich auszunehmen und zu beschauen.
NS|0|50|10|0|Solcher Eingänge oder vielmehr Durchgänge gibt es bei tausend durch dieses riesenhafte Gebäude. Wenn ihr imstande seid, eure Phantasie ein wenig zu beleben, so wird euch das Großartige und Wunderbare dieses Gebäudes nicht entgehen. Geht mit den Füßen eurer Phantasie auch hinauf auf die siebzigste Staffelei dieses Gebäudes und blickt von dieser hohen Terrasse in die fernen Gegenden herum wie auch auf alle diese Gebäude, die wir bisher schon haben kennengelernt, so werdet ihr euch von der außerordentlichen Pracht und Größe eines solchen Gebäudes überzeugen.
NS|0|50|11|0|Kehrt euch aber auf ebendieser hohen Terrasse um, welche schon über siebzehn Meilen dem Erdboden entrückt ist, und blickt in den inneren Raum dieses Gebäudes, so werdet ihr nichts anderes als schon den eigentlichen Tempel in keiner weiten Ferne mehr erblicken.
NS|0|50|12|0|Seht, dieses Gebäude sieht keinem Gebäude gleich, sondern es ist vielmehr ein Berg von etwa einer Höhe von zwanzig Meilen eures Maßes; sein Umfang dürfte auch kaum mehr betragen. Und so sieht dieser eigentliche Tempel vielmehr noch einem keineswegs symmetrisch, sondern wie zufällig erbauten oder hingestellten riesenhaften gotischen Turm gleich, allda sich Spitzen über Spitzen und Zinnen über Zinnen erheben.
NS|0|50|13|0|Dieser Tempel ist von tausend und tausend hohen Gewölben durchbrochen, und allenthalben seht ihr sowohl von innen wie von außen Staffeln emporsteigen. Die höchsten Spitzen dieses Tempels verlieren sich schon dem Auge des Beschauers in den lichten Dunstkreis der Sonne mehr und mehr; nur hier und da erblickt ihr noch einzelne Spitzen gleich hellen Sternen herab in die Tiefe blitzeln.
NS|0|50|14|0|Dieses ganze Gebäude, wie ihr in eurer Phantasie es mit ansehen könnt, ist aus lauter, euch schon bekannten, weißen Glanzsteinen erbaut und ist dadurch von innen wie nach außen überall gleich hell. Wenn ihr mit euren Augen euch einem solchen Tempel nur auf hundert Meilen nahen würdet, so würde euch das gewaltige Leuchten desselben plötzlich erblinden machen; denn im Freien glänzt dieser Stein noch ums Tausendfache stärker, als das freie Licht der Sonne von eurer Erde betrachtet. Aber für die Augen der Bewohner dieses Gürtels hat ein solches Gestein nur ungefähr denselben Grad des Lichtes wie bei euch eine Schneefläche, wenn sie von der Sonne beschienen wird.
NS|0|50|15|0|Wie aber die Bewohner in einem solchen Tempel Gott verehren, davon wird erst bei Gelegenheit der Religion dieser Bewohner die Rede sein.
NS|0|50|16|0|So hätten wir denn nun gesehen, wie ein solcher Tempel bei den Bewohnern dieses Sonnengürtels aussieht, und welche Größe er hat, und können somit wohl den Vergleich machen, welche von den drei Gebäudegattungen die großartigste und riesenhafteste ist.
NS|0|50|17|0|Wenn ihr die Sache recht betrachtet, so müsst ihr offenbar sagen: Die große Straße bleibt noch immer der riesenhafteste Mittelpunkt baulicher Größe der Bewohner dieses Gürtels. – Was aber eigentlich die wunderbare, überaus mannigfaltige Baukunst betrifft, so steht ein solcher Tempel sicher im Vergleich mit der Straße höher und erscheint gewisserart als Kulminationspunkt der Baugröße der Bewohner dieses Gürtels.
NS|0|50|18|0|Dass ein solcher gesamter Tempel auch von mehreren Millionen Menschen bewohnt wird, braucht kaum noch hinzu erwähnt zu werden. Wie viele solcher Tempel möchten wohl in diesem Sonnengürtel vorkommen? Nicht eben gar so viele. Mehr als zehn dürftet ihr wohl schwerlich finden. Wie groß ist denn hernach der Bezirk eines solchen Tempels? Dem Raum nach dürfte er wohl größer sein als auf eurer Erde Europa, Asien und Afrika zusammengenommen.
NS|0|50|19|0|Wie viel Wohnhäuser dürften hernach auf einen solchen Bezirk kommen? Der Zahl nach eben auch nicht gar zu viele, und es dürfte die Zahl sich nur hier und da um zwei Einheiten über die Zahl zehn belaufen. Fragt ihr aber dabei um die Zahl der Menschen, so dürfte dieselbe wohl auch auf ziemlich viele Millionen zu stehen kommen. Denn solches wisst ihr schon, dass die Wohnhäuser überaus bevölkert sind, dass sogar in manchem Wohnhaus zwei bis drei Millionen Menschen leben. Rechnet ihr noch dazu die mehreren Millionen der Tempelbewohner, so dürfte euch der Bezirk in Hinsicht der Bewohner sicher großzähliger erscheinen, als die Zahl der Tempel und der Wohnhäuser.
NS|0|50|20|0|Alles andere Land, bis auf die tiefstgelegenen Ufergegenden des Meeres, wird zum Frucht- und Baumanbau verwendet. Talgegenden werden zumeist mit Wäldern bepflanzt, deren riesige Bäume dann zu dem verschiedenartigen Bau verwendet werden. Hochebenen und selbst die nicht gar zu steilen Hügelabhänge aber werden samt und sämtlich zur Fruchttragung sowohl von Seite der Bäume wie auch anderer Pflanzen verwendet.
NS|0|50|21|0|Wohnhäuser und Tempel aber werden allzeit auf solchen Stellen erbaut, die sonst weder für die eine noch die andere Fruchtgattung gut tragen; gewöhnlich werden dazu sehr steinige Landgebiete verwendet. An der Hauptstraße gibt es wohl auch Kleinhäuser, wovon eines nur von höchstens hundert Menschen bewohnt werden kann; daher sind diese Häuser auch stets nur in geringen Entfernungen voneinander errichtet. Die Entfernungen betragen nach Verschiedenheit des Terrains höchstens zehn, zwanzig bis dreißig Meilen. Die Bewohner dieser Häuser führen die Aufsicht über die Straße und müssen auch kleine Mängel derselben verbessern. Geschieht irgendwo ein größerer Schaden, so muss solches den Tempelbauleuten angezeigt werden.
NS|0|50|22|0|Das ist jetzt aber auch alles, was wir in äußerer, naturmäßiger Hinsicht auf diesem Gürtel als denkwürdig zu beachten haben. Und so wollen wir denn nächstens uns wieder zu den drei Verfassungen, nämlich der häuslichen, staatlichen und religiösen, wenden. Und somit gut für heute!
NS|0|51|1|1|Häusliche, staatliche und religiöse Verfassung auf dem sechsten Gürtelpaar. Zweck der gewaltigen Hauptstraßen und Beschreibung ihrer Wägen
NS|0|51|1|1|(Am 18. Oktober 1842 von 3 3/4 bis 5 3/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|51|1|0|Ihr werdet euch wohl vorstellen und bei euch selbst sagen: Wo es so große Häuser gibt, da wird es wohl auch überaus große häusliche Verfassungen geben müssen, damit ein solches Haus in der gerechten Ordnung erhalten werden möchte. – Allein bei all der Großartigkeit des Hauses ist aber dennoch dessen Verfassung so höchst einfach, als ihr sie euch nur immer vorstellen mögt. Und mit der häuslichen Verfassung ist auch zugleich die staatliche in eins zusammengeschmolzen.
NS|0|51|2|0|Das Einzige, was die häusliche Verfassung betrifft, ist besonders zu beachten: dass da jede Parteifamilie ihre Wohnung in steter, guter Ordnung und Reinheit zu erhalten hat; und ist allenfalls an dem großen Wohnhaus irgendein beträchtlicher Schaden geschehen, welches zwar überaus selten zu geschehen pflegt, so müssen dann alle Glieder und Bewohner des großen Hauses zusammengreifen und den Schaden wieder reparieren.
NS|0|51|3|0|Ferner gehört noch zur häuslichen Verfassung, dass die Bewohner des ersten Stockwerkes, oder vielmehr des ersten Randgebäudes, die weitesten Gründe, die des zweiten Stockwerkes die etwas näheren, die Bewohner des dritten Stockwerkes die noch näheren, und so fort die Bewohner der höheren Stockwerke die immer näheren Gründe zu benutzen haben.
NS|0|51|4|0|Ferner ist noch eine Hausregel, dass die Häuser bis zum sechsten Stockwerk keine Wasserleitungen haben dürfen, nachdem sie wegen der geringeren Höhe der Wohngebäude das nötige Wasser ohnehin leicht in ihre Wohngebäude bringen. Vom sechsten Stockwerkgebäude aber angefangen, muss jedes Wohnhaus mit Wasserleitungen versehen sein. Also dürfen auch auf den obersten Terrassen der fünf ersteren Gebäude keine Anpflanzungen geschehen; auf den hohen Terrassen der nächsten Gebäude aber können schon Gärten angelegt werden, auf denen genießbare Pflanzen und Wurzelfrüchte gezogen werden.
NS|0|51|5|0|So haben auch die Jüngeren immer die Verpflichtung, die höheren Etagen zu bewohnen, das heißt, eines und desselben Hauses. Die Stammväter aber wohnen allzeit in dem inwendigsten Gebäude, welches zugleich das höchste und prachtvollste ist.
NS|0|51|6|0|Diese Stammväter haben dann auch den inwendigen, großen Garten zu benutzen und bewohnen darum auch dieses höchste Gebäude, damit sie von der hohen Terrasse dieses Gebäudes alle anderen übersehen können. Wenn sie auch gerade nicht in eigener Person allzeit solches zu tun pflegen, so haben sie aber an ihrer statt stets einige Wächter auf der höchsten Terrasse aufgestellt, welche wechselweise das ganze Wohnhaus zu übersehen und dem Patriarchen sogleich Nachricht zu geben haben, wie sich nur immer irgendwo etwas zeigt, das da in einer kleinen Unordnung den Grund haben dürfte. Zu dergleichen Erscheinungen gehören irgendein ungewöhnlich emporsteigender Rauch oder auch eine Staubwolke. Im Übrigen aber hat ohne sie jeder Einwohner des Hauses die unausbleibliche Verpflichtung, was immer für ein Ereignis sogleich an das Patriarchat anzuzeigen.
NS|0|51|7|0|Dann ist ebenfalls eine staatlich-häusliche Verfassung, derzufolge alle Kinder des männlichen Geschlechts in den Tempel zum betreffenden Unterricht gebracht werden müssen; das weibliche Geschlecht nur wird daheim für die betreffende Hauswirtschaft erzogen.
NS|0|51|8|0|Wenn die Knaben aus den Tempelschulen wieder heimkehren, müssen sie vor den bestehenden Patriarchen Prüfungen ablegen über die Tauglichkeit, die sie sich in den Tempelschulen eigen gemacht haben. Werden sie für vollkommen befunden, so können sie alsbald ehelichen und eine Wohnung für sich beziehen, deren es natürlich in einem so großen Wohngebäude eine Menge zu solchen Zwecken in der Reserve gibt. Werden sie aber nicht vollkommen befunden, so müssen sie sich schon wieder gefallen lassen, noch einmal in dem Tempel den ziemlich gestrengen Lehrern einen eben nicht gar zu willkommenen Besuch zu machen. Denn dieser Besuch mundet weder den Lehrern noch den wiederkommenden Schülern, weil sich fürs Erste die Lehrer dadurch kritisiert erschauen, wenn irgend Patriarchen mit ihren Schülern nicht zufrieden sind. Und die Schüler werden dann aus dem Grunde eben auch nicht von den Lehrern auf die ausgezeichnetste Weise empfangen, und auch der nachträgliche Unterricht wird allzeit ums Bedeutende unbarmherziger erteilt als der erste. Da aber dann solche Schüler gewöhnlich ausgezeichneter fleißig sind als diejenigen, welche allenfalls nur das erste Mal in der Tempelschule sind, so geschieht es dann auch nicht selten, dass solche sehr geschickte Repetenten mit der Zeit selbst zu angehenden Tempellehrern werden und machen auf diese Weise sonach eben nicht gar zu schweren Herzens, wie ihr zu sagen pflegt, ein leichtes Kreuz über ihre Heimat. Denn die Tempelbewohner, besonders die Lehrer, stehen in einem überaus großen Ansehen, aus welchem Grunde einer auch lieber ein kleines Häuschen in dem uns schon bekannten Garten des Tempels bewohnt, als dass er da sei ein erster Patriarch in einem Wohnhaus.
NS|0|51|9|0|Das wären aber sonach auch im Wesentlichen alle häuslichen und staatlichen Regeln beisammen, das heißt, die da ein oder das andere Wohnhaus für sich beobachtet. Es gibt da nur noch nachbarliche Verhältnisse, vermöge welcher jeder Bewohner eines nachbarlichen Wohnhauses bei außerordentlichen Fällen die Unterstützung zweier nachbarlicher Wohnhäuser ansprechen kann und darf, welche ihm dann auch ohne Widerrede nach seinem Verlangen gewillfahrt werden muss. Sollte aber jedoch irgendwo ein ganz neues Wohnhaus errichtet werden, so darf solches niemals ohne den Tempelrat und ohne die Gutheißung des obersten Priesters geschehen. Das wäre hernach auch das äußere staatliche Verhältnis.
NS|0|51|10|0|Dass natürlich alle die Wohnhäuser in allgemeinen Sachen dem Tempel die pünktlichste Obedienz zu leisten haben, wird sich in dem materiellen Teil der Religion deutlich beurkunden.
NS|0|51|11|0|Da wir so mit diesen zwei ersten Verfassungen zu Ende sind, so können wir uns füglichermaßen zur Religion der Bewohner dieses Gürtels wenden. Damit wir aber diesen wichtigsten Zweig so vollkommen als möglich und dann auch so kurz als möglich beschauen mögen, wird es nötig sein, die Religion in zwei Teile, nämlich in den materiellen und in den geistigen, zu scheiden.
NS|0|51|12|0|Und wir wollen daher auch sogleich die erste Frage stellen: Worin besteht denn allhier der materielle oder, besser gesagt, der werktätige Teil der Religion der Bewohner dieses Gürtels? – Dieser besteht in nichts anderem, als dass da jedermann alles, was er nur immer tut, zur Ehre Gottes tun solle; und soll daher auch seine Handlung wohl prüfen, ob diese zur Ehre Gottes tauge. Kann eine solche Handlung, das heißt eigentlich die Vornahme zu einer bevorstehenden Handlung, von jemandem nicht vollkommen als Gottes würdig erkannt werden, so hat dann ein solcher die Verpflichtung, seine vorhabende Handlung entweder vor dem häuslichen Patriarchat kundzugeben und durchprüfen zu lassen, ob sie zur Ehre Gottes tauge oder nicht; wird sie hier als bezweifelt tauglich erklärt, so muss er solches ohne weiteres vor die Hohepriesterschaft des Tempels bringen. Hat diese die vorgenommene Handlung als zur Ehre Gottes für tauglich erkannt, so kann der Vorhaber seine Handlung ohne weiteres ins Werk setzen; wird sie aber da nicht für Gottes würdig erkannt, so muss der betreffende Anfrager fürs Erste sogleich von seinem Vorhaben abstehen und fürs Zweite für sein der Ehre Gottes unwürdiges Vorhaben eine Art Buße verrichten, welche darin besteht, dass er eine bestimmte Zeit lang in dem Tempel irgendeinen untergeordneten Dienst versehen muss, nach welcher abgelaufenen Dienstzeit er sich dann wieder in seine Heimat begeben kann.
NS|0|51|13|0|Das wäre somit eine Regel des materiellen Teils der Religion. Eine zweite Regel besteht darin, dass nämlich alle Bewohner eines Hauses im Verlauf von sieben oder auch zehn Sternlichtzeiten sich einmal zur Ehre Gottes in dem Tempel einfinden müssen, und allda die Lehren über Gott aus dem Munde der Hohepriester in den verschiedenen Gemächern des Tempels vernehmen.
NS|0|51|14|0|So hat auch jedermann die Verpflichtung, einmal in seinem ganzen Leben die höchste Spitze des Tempels zu ersteigen und allda seinen Dank für alles noch Künftige Gott vorzutragen.
NS|0|51|15|0|Also hat auch ein jeder Bewohner die Verpflichtung, nach abgelaufenen zehn Sternlichtzeiten, von denen eine gewöhnlich etwas über neunundzwanzig Tage eurer Zeitrechnung andauert, einen gewissen Teil von den Hauptfrüchten seiner drei Hauptbäume an den Tempel abzuliefern.
NS|0|51|16|0|Dann ferner, da die Hauptstraße ein Eigentum der Tempel ist, welche gewöhnlich allzeit in der Nähe dieser Hauptstraße erbaut sind, so muss ein jeder Hausinwohner allzeit bereit sein, mit all seinen Kräften, im Falle der Notwendigkeit, zur Erhaltung dieser Straße beizutragen.
NS|0|51|17|0|Es wird hier sicher jemand fragen: Zu welchem Zweck ist denn eigentlich diese Straße erbaut? – Der erste Hauptzweck ist, dass durch diese Straße die Verbindung und die Einheit aller Bewohner dieses Gürtels, und somit auch aller Tempel, zur Ehre Gottes bewerkstelligt wird. Ein zweiter Zweck dieser Straße aber ist, dass besonders diejenigen Menschen männlichen Geschlechts, welche Oberpriester werden wollen, Zeugnisse von allen bestehenden Tempeln haben müssen, dass sie zur Ehre Gottes diese ganze, bei zweimalhunderttausend Meilen eures Maßes lange Straße überwandert und dadurch die Bekanntschaft mit allen Tempeln gemacht haben. Das ist somit der zweite Zweck dieser Straße. Der dritte Zweck aber besteht auch darin, dass eben auf dieser Straße jedermann, der da Lust hat, sich viele Kenntnisse und Fertigkeiten zu sammeln, die schnellsten und zugleich bequemsten Reisen machen kann.
NS|0|51|18|0|Denn auch hier hat man eine Art Wägen, mit denen man überaus schnell über die überaus ebene Straße dahinfährt. Die Wägen werden aber nicht von Tieren, noch weniger von Menschen gezogen, sondern sie werden durch eine eigene Maschine in eine so schnelle Bewegung gebracht, dass, wenn sie so im schnellsten Zuge sind, sie eine abgeschossene Kanonenkugel nimmer einholen würde.
NS|0|51|19|0|Wer hat denn für diese Wägen zu sorgen? Fürs Erste die Baudirektionen des Tempels; fürs Zweite aber haben wir schon gehört, dass da an der Straße immerwährend kleine Wohnhäuser bestehen, deren Einwohner fortwährend die Straße zu überwachen haben; ein jeder Einwohner eines solchen Straßenhauses muss dann auch beständig mit einer bedeutenden Anzahl solcher Wägen versehen sein, welche immer in Bereitschaft sein müssen, um allfällige Reisende aufzunehmen und bis zur nächsten Station weiterzubefördern. Solches gehört eben auch, als vom Tempel Ausgehendes, in den materiellen Teil der Religion. Nächstens die Fortsetzung.
NS|0|52|1|1|Weiteres über das Straßensystem und den materiellen Teil der Bewohner des sechsten Sonnengürtelpaares. Der geistige Teil der Religion dort
NS|0|52|1|1|(Am 19. Oktober 1842 von 3 1/2 bis 4 3/4 Uhr nachmittags.)
NS|0|52|1|0|Ferner besteht vom Tempel aus eine Regel, vermöge welcher alle Seitenstraßen sich mit der Hauptstraße vereinen müssen. Auch von jeglichem Wohnhaus muss eine gute, fahrbare Straße sowohl zum Tempel als auch zur Hauptstraße bewerkstelligt sein, und jede Straße muss gerade sein.
NS|0|52|2|0|Muss eine Straße irgend bergauf gehen, so darf sie deswegen keine Windungen machen, um zur höher gelegenen Hauptstraße zu gelangen, sondern muss ebenfalls über Hügel und Gräben errichtet sein und verloren [sachte] steigen, so lange, bis sie die Hauptstraße erreicht. Sind bei dieser Gelegenheit bedeutende Terrainschwierigkeiten vorhanden, so muss solches dem Tempel angezeigt werden. Und sobald werden dann vom Tempel aus die Nachbarn berufen, um einem oder dem anderen Haus das Werk vollenden zu helfen; und solches tun sie dann auch sogleich ohne Widerrede. Ist aber irgendein Wohnhaus höher gelegen als die Hauptstraße, so darf der Weg nicht etwa sich winkelrecht mit der Hauptstraße verbinden, sondern muss allda eine solche Wendung nehmen, dass er sich wenigstens in einem Winkel von fünfundvierzig Grad mit der Straße verbindet.
NS|0|52|3|0|Auch darf kein Seitenweg sich entgegengesetzt mit der Straße verbinden, etwa vom Aufgang der Sterne [her], sondern allzeit vom Niedergang her, damit da niemand sich von seiner Wohnung zur Hauptstraße gegen den Niedergang, sondern gegen den Aufgang bewegen muss.
NS|0|52|4|0|Ferner besteht wieder eine Regel, derzufolge niemand über den hohen Gebirgsringwall steigen darf, weil jenseits in dem fünften Gürtel, bald nach einer kleinen Abdachung, die endlos tiefen Steilen folgen, über die niemand weiter einen Fuß ohne die alleraugenscheinlichste Lebensgefahr zu setzen vermag. Denn die Bewohner dieses sechsten Gürtels können wohl von dem höchsten Ringgebirgswall in den fünften Gürtel schauen, ersehen aber allda nichts als ein endlos großes Meer. Von den Ländern des fünften Gürtels aber können sie vermöge der zu großen Entfernung nichts entdecken.
NS|0|52|5|0|Daher sind sie auch der Meinung, dass mit diesen Gebirgshöhen die Welt aufhört, und dann ewige Gewässer anfangen. Von ihrer eigenen Welt aber haben sie die Vorstellung, als sei sie ein großer Ring, der zwar um und um über die großen Gewässer hervorragt, aber innerlich sei er hohl und von den großen Gewässern allein nur ausgefüllt. Dieses ist also die Volksidee. Die ersten Weisen des Tempels aber, indem sie auch mit den Geistern in Verbindung stehen, wissen gar wohl, welch eine Bewandtnis es mit ihrer Welt habe, aber sie sagen solches dem Volk nicht. Denn sie sagen: Wüsste unser Volk, dass die Welt, die wir bewohnen, noch bei weitem größer als der Teil da ist, den wir bewohnen, so würde es unter den großen Gebirgsringwall einen Tunnel graben, durch denselben riesige Fahrzeuge an das jenseitige Meer setzen und das Land anderer Völker besteigen. Solches aber ist nicht der göttliche Wille. Also soll das Volk auch bei seiner unschuldigen Idee von seiner Welt verbleiben und allda allzeit bereit sein zu dienen zur Ehre des großen, allmächtigen Gottes.
NS|0|52|6|0|Das wäre demnach wieder eine Regel. Ferner besteht noch eine Regel, dass alle Straßenhäuser beständig müssen mit einem reichlichen Quantum von Esswaren versehen sein, um damit die reisenden Gäste bewirten zu können. Aus diesem Grunde aber hat dann auch jedes Wohnhaus die Verpflichtung über sich, die in seinem Bezirk vorkommenden Straßenhäuser damit zu versehen. Sind hier und da manche Wohnhäuser der Hauptstraße zu fern entlegen, so müssen sie ihren Teil bis zu den Nachbarn befördern, welche dann denselben an die Straßenhäuser abliefern. Das wäre somit alles Wesentliche, was den äußeren, werktätigen Teil ihrer Religion ausmacht.
NS|0|52|7|0|Worin besteht denn dann der geistige Teil? Der geistige Teil besteht in ganz einfachen Grundlehren über Gott, die jedermann wissen und somit auch in dem werktätigen Teil seiner Religion treulichst befolgen muss. Wie lauten denn demnach diese Grundsätze? Diese Grundsätze lauten also, wie da folgt:
NS|0|52|8|0|Gott ist ein alleiniges Wesen und hat kein Wesen mehr außer Sich, das da wäre wie Er. Er ist daher allein über alles mächtig, über alles erhaben, über alles heilig und voll der allerhöchsten Ehre. Sein Geschäft ist die Freiheit Seines Willens. Und Seine Weisheit ist die Beobachtung Seiner eigenen, ewigen Ordnung. Er ist der Schöpfer aller Dinge. Alles, was Er macht, macht Er aus Seinem Willen; die Elemente sind Seine Gedanken, und Sein Wille formt sie zu Wesen. Er bedarf keiner Materie, wenn Er baut eine Welt, sondern die Materie sind Seine Gedanken, und Sein Wille ist der Baumeister nach der ewigen Ordnung in Ihm. Wir können Gott vorerst nicht anders erkennen als aus Seinen Werken, welche uns Seine große Macht und Seine große Ehre verkündigen. Darum können wir Gott auch nicht anders ehren, als so wir Seine Natur nachahmen und aus der von Ihm gegebenen Materie Werke nach der Freiheit unserer Erkenntnis zu Seiner Ehre errichten. Gott bedarf zwar unserer Werke nicht; denn Größeres erschafft Er in einem Augenblick, als wir mit all unserer Kraft in vielen Jahrtausenden. Doch aber bauen wir Werke, so groß und erhaben wir sie nur können, um dadurch Ihm werktätig darzutun, dass wir von Seiner ewig unendlichen Ehre unserem ganzen Wesen nach durchdrungen sind. Wenn wir auch noch so Großes errichtet haben, und haben darob von Gott kein Lob empfangen, so soll uns aber das dennoch nicht abhalten, noch immer Größeres zu tun. Denn wie sollten auch all unsere noch so großen Werke eines göttlichen Lobes sich erfreuen können, indem sie alle zusammengenommen nichts vor Seinen Augen sind? Wenn aber Gott auch schon nicht auf unsere Werke sieht, so sieht Er aber doch auf unseren Willen und auf unsere Ausharrung zu Seiner Ehre. Und so werden wir von Ihm nicht zufolge unserer Werke, sondern zufolge der Beharrlichkeit unseres Willens nur gesegnet.
NS|0|52|9|0|Da wir aber wissen, wonach sich Gottes Wohlgefallen richtet, so richten wir uns auch darnach, dass wir uns allzeit dessen Wohlgefallens würdig machen können. Um sich aber Gott wohlgefällig zu machen, muss ein jeder folgende Haupttugenden in sich unerlässlich beobachten.
NS|0|52|10|0|Erstens: Weil Gott der Allerhöchste ist, müssen wir die Allerniedrigsten sein. Zweitens: Weil Gott allein nur allmächtig ist, so müssen wir allzeit unsere Ohnmacht vor Ihm bekennen. Drittens: Weil Gott voll der höchsten Ehre ist, so müssen wir allzeit voll der tiefsten Demut sein. Viertens: Weil Gott über alles heilig ist, so müssen sich allzeit unsere Knie vor Seinem Namen beugen. Fünftens: Da Gott allein nur alle Dinge angehören, so dürfen wir sie uns nie zueignen und müssen Ihm allzeit dankbar sein für jede Gabe, und wäre sie nur ein einziger Wassertropfen; denn auch einen Wassertropfen vermag der Mensch nicht zu erschaffen. Sechstens: Da in Gott allein alle Kraft und Macht ist, so soll ein jeder wissen, dass auch seine Kraft und Macht aus Gott ist, und daher niemand ohne Gott etwas zu tun vermag; wem aber Gott Seine Kraft verleiht, der vermag alles. Gott aber wird niemandem eine erbetene Kraft vorenthalten, wenn er dieselbe nur zu Seiner Ehre verwenden will. Siebtens: Die größte Ehre, die wir aber Gott bezeigen können, besteht darin, dass wir uns gegenseitig lieben und achten und aus dieser Liebe und Achtung dann auch in Seinem Heiligtum es wagen, in aller Demut unseres Herzens Ihn Selbst zu lieben.
NS|0|52|11|0|Seht nun, in dem besteht das ganze geistige Wesen der Religion der Bewohner dieses Gürtels; aber ja nicht etwa allein in Worten, sondern allzeit vollkommen ernstlich in der Tat. Daher es aber auch für alle Bewohner dieses Gürtels die größte Seligkeit ist, den Tempel zu besuchen und allda Gott die Ehre seines [ihres] Herzens geben zu können.
NS|0|52|12|0|Und somit wären wir auch mit diesem Gürtel vollends fertig und wollen uns daher fürs nächste Mal auf den siebten und letzten Gürtel der Sonne begeben. Dass übrigens auf dem sechsten südlichen Gürtel sich alles genauso verhält wie auf dem nördlichen, ist ohnehin schon bei Gelegenheiten erwähnt worden.
NS|0|53|1|1|Das siebte Sonnengürtelpaar entsprechend dem noch unbekannten Planeten Miron
NS|0|53|1|1|(Am 24. Oktober 1842 von 3 1/4 bis 5 Uhr nachmittags.)
NS|0|53|1|0|Da auch dieser siebte Gürtel, den wir jetzt besuchen wollen, einem euch jetzt noch unbekannten Planeten entspricht, so wird es notwendig sein, um sich von diesem Gürtel einen vollkommenen Begriff machen zu können, auch hier umso mehr dem Planeten einen kurzen Besuch abzustatten, da fürs Erste ohne die Bekanntschaft mit dem Planeten der Sonnengürtel ohne Entsprechung dastände; – und fürs Zweite könnte dieser auch nicht so gründlich beschaut und erkannt werden, wenn zuvor nicht sein korrespondierender Planet einigermaßen wenigstens beschaut und erkannt würde.
NS|0|53|2|0|Also können wir uns füglichermaßen sogleich zu diesem Planeten wenden. Damit wir aber bei diesem Planeten einen Anhaltspunkt haben, um ihn vermöge dieses Anhaltspunktes in die Reihe der Planeten zu stellen, so wird es notwendig sein, ihm vorerst einen Namen zu geben. Demnach fragt es sich, indem dieser Planet noch keinen Namen bisher von eurer Seite hat, welchen Namen man ihm beilegen soll. Ihr würdet da sagen: Das ist wohl gleichgültig, wenn er nur einen Namen hat, laute er wie er wolle; man wird sich demnach allzeit dasselbe unter diesem Namen vorstellen.
NS|0|53|3|0|Im Grunde hättet ihr freilich wohl recht. Aber wenn ihr bedenkt, dass der Name eines oder des anderen Dinges eben nicht so gleichgültig ist, wie es ein oder der andere denken möchte, so wird es wohl auch hier sehr darauf ankommen, dass wir diesem Planeten keinen Ehren-, sondern einen wahren Namen beilegen. Wo werden wir aber diesen finden? Auf der Erde sicher nicht; denn diese weiß noch nichts von ihm. In dem entsprechenden Sonnengürtel etwa? Diesen kennen wir noch nicht. Es wird somit am besten sein, diesem Planeten den Namen zu geben, den er da hat von seinen Bewohnern. Ihr würdet hier freilich wohl sagen: Aber diese kennen wir ja auch nicht. – Ich aber sage: Wenn auch ihr sie nicht kennt, so kenne schon Ich sie und weiß sehr genau, wie sie ihren Planeten nennen. Nun fragt es sich: Wie heißt denn einmal dieser Planet? – Miron, was so viel besagt als: „Welt der Wunder“ – ist sein Name.
NS|0|53|4|0|Seht, aus diesem rechten Namen geht schon der erste Begriff hervor, und sagt gewisserart mit einem Wort, was es mit diesem Planeten für eine Bewandtnis hat. Die Folge wird aber die Sache noch mehr rechtfertigen. Und so denn können wir uns schon auf die ersten Elemente des Planeten Miron einlassen.
NS|0|53|5|0|Wie weit ist er denn von der Sonne entfernt? Etwas über eintausend Millionen Meilen in der größten Sonnenferne. Wie groß ist er denn? Er ist seiner Größe nach ein Planet, der da zwischen dem Uranus und dem Saturnus das Mittel halten dürfte, also um anderthalbtausendmal größer als eure Erde. Was aber seinen Luftkreis betrifft, so ist dieser größer als der Luftkreis des Planeten Jupiter und hat einen Durchmesser von beinahe einmalhunderttausend eurer Meilen.
NS|0|53|6|0|Wie schnell bewegt er sich denn um die Sonne? Da dieser Planet eine sehr langsame Bewegung hat, so braucht er wohl nahe fünfhundert Jahre, bis er einmal seine Bahn um die Sonne vollendet.
NS|0|53|7|0|Hat dieser Planet auch Monde? Dieser Planet hat zehn Monde, welche in verschiedenen Entfernungen um ihn herumkreisen und durch ihre verschiedenen Stellungen die Nachtzeit dieses Planeten ziemlich gut erleuchten. Sie sind von ihm ziemlich weit entfernt, so dass der erste schon über sechzigtausend Meilen von ihm absteht, und der letzte sich über eine Million Meilen von ihm entfernt hält. Nach der Umlaufszeit dieses letzten Mondes, zu welcher er beinahe dreizehn eurer Monate braucht, werden dort auch die Jahre gezählt; – denn die Sonnenjahre werden dort nicht gezählt, weil sie fürs Erste auf dem Planeten keine merklichen Unterschiede hervorbringen, fürs Zweite aber wären sie auch zu lang, und fürs Dritte könnten sie infolge der nicht so langen Lebensdauer eines Menschen auch schwer gezählt werden, weil in einem solchen Sonnenjahr schon wenigstens fünf bis sechs Menschenalter begriffen sind.
NS|0|53|8|0|Auch in diesem Planeten sind nur die Äquatorgegenden bewohnt; seine Polarländer aber sind von ewigem Schnee und Eis so sehr überdeckt, dass allda an eine Bewohnbarkeit dieser Gegenden gar nie zu denken ist.
NS|0|53|9|0|Wenn ihr euch auf diesem Planeten befinden würdet, so möchtet ihr die Sonne kaum so groß erblicken als allenfalls einen kleinen Taler bei euch. Aber die Bewohner dieses Planeten erblicken sie dessen ungeachtet so groß, wie ihr sie erblickt von eurer Erde. Der Grund liegt in der größeren Bildung des Auges, wodurch die Pupille mehr abgeflacht erscheint und daher auch ein größeres Strahlenbündel fassen kann als euer Auge. Der zweite Grund aber liegt auch in der für diesen Planeten überaus hoch über die Oberfläche reichenden Luftregion, durch welche fürs Erste auf dem äußersten Grenzgebiet derselben noch immer ein bedeutendes Quantum der Sonnenstrahlen aufgenommen wird, welche nach dem Gesetz der euch bekannten Strahlenbrechung gedrängter und gedrängter auf die Oberfläche des Planeten fallen und daselbst, besonders an den Äquatorgegenden, noch immer eine recht angenehme Temperatur bewirken.
NS|0|53|10|0|Da dieser Planet aber auch natürlicherweise schon einer anderen Sonne, welche von ihm freilich wohl noch sieben Billionen und neunmalhunderttausend Meilen absteht, um wenigstens tausend Millionen Meilen näher steht als eure Erde, und zudem auch noch sein Luftkreis von solcher Bedeutung ist, wie ihr schon vernommen habt, so geschieht es, dass ihm auch das Licht und auch einige Erwärmung [der anderen Sonne] zugutekommt. Aber der Unterschied zwischen der Erwärmung der eigentlichen Sonne und dieser fremden ist dessen ungeachtet so verschieden, wie allenfalls bei euch der tiefe Winter vom hohen Sommer.
NS|0|53|11|0|Und so auf diese Weise benutzt dieser Planet auch die Strahlen noch anderer Sonnen, wodurch auf seinen Polarländern das übermäßige Anwachsen des Eises verhindert wird; denn das Eis besteht dann nur bis zu einer gewissen Höhenregion, wie ungefähr solches auch auf eurer Erde der Fall ist. Über dieser Region aber, wo sich die Strahlen von allen Seiten her schon wieder zu begegnen anfangen, wird die Temperatur der Luft auch wieder insoweit mehr und mehr gemildert, dass sich allda weder Schnee noch Eis mehr zu bilden imstande ist. Solches, wie gesagt, könnt ihr auf eurer Erde selbst bemerken. Denn so da irgendeine Gebirgsspitze über sechzehntausend Fuß hinausragt, so ragt sie auch schon über die Eisregion hinaus. Aus diesem Grunde werdet ihr die höchsten Punkte des Chimborasso in Amerika sowie des Himalajagebirges in Asien, und noch mehrere andere Gebirgsspitzen dieser beiden Kontinente, schnee- und eislos erblicken. Was die polarischen Verhältnisse dieses Planeten betrifft, so sind sie dieselben wie die eurer Erde.
NS|0|53|12|0|Das bewohnbare Land selbst gleicht einem Gürtel und ist sowohl südlicher- als nördlicherseits von beinahe unübersteigbaren Gebirgszügen eingeschlossen, über welche niemand leicht in die Meeresgegenden gelangen kann, an welchen es schon beständig ungefähr so kalt ist wie etwa bei euch im nördlichen Teil Sibiriens. Das Meer wird schon fortwährend vom sogenannten Treibeis belastet; daher es auch nicht eben sehr rätlich wäre, sich mit Hilfe der Schifffahrt in dasselbe zu wagen.
NS|0|53|13|0|Da dieser über tausend Meilen breite Gürtel somit ein eingeschlossenes Tal, welches nur von wenigen kleineren Gebirgszügen verunebnet ist, bildet, und dieser ganze Erdkörper sich binnen zehn Stunden um seine Achse dreht und daher eine Nacht von kaum fünf Stunden Länge gibt, so ist ebendieser Gürtel auch so wohltemperiert wie allenfalls bei euch ein mittelbarer Sommer ist. Diese Temperatur aber unterliegt dann gar keinem Wechsel mehr, außer nur demjenigen, welchen manchmal die Winde und die häufigen Mondeswechsel bewirken. Und es lässt sich dann von selbst daraus schließen, dass die Bewohnbarkeit dieses Planeten, trotz seiner großen Entfernung von der Sonne, eben nicht die unangenehmste und zur Hervorbringung und Belebung der nötigen Pflanzen- und Tierwelt gar wohl tauglich ist.
NS|0|53|14|0|Also hätten wir die notwendigen Elemente dieses Planeten kennengelernt. Es dürften zwar hier einige Sternkundige einwenden und sagen: Wenn es noch irgendeinen Planeten gäbe in unserem Sonnengebiet, so hätten wir ihn sicher schon lange entdeckt, nachdem wir sogar die viel kleineren Kometen entdecken, wenn sie auch dem freien Auge gänzlich unsichtbar bleiben. – Ich aber sage hier: Solches hat dann den Grund, weil dieser Planet eine so langsame Bewegung hat, welche von all den astronomischen Instrumenten, zufolge der großen Entfernung und dann mehr noch zufolge des zu kurzen Zeitraumes der Beobachtung, nicht wahrgenommen wird. So geschieht es noch immer, dass dieser Stern als ein Fixstern beobachtet wird, und natürlich von einer ganz unbedeutenden Größe, und kann auf diese Weise noch nicht als Planet erkannt werden. Der gleiche Fall war es ja auch mit dem viel näher stehenden Uranus, der ebenfalls mehrere tausend Jahre hindurch durch schwache Instrumente nur vorübergehend als ein kaum beachtenswerter Fixstern betrachtet wurde. Und somit dürfte es den Gelehrten auch einleuchtend sein, dass es trotz ihrer scharfen Beobachtungen noch immer einen Planeten geben kann, den sie als solchen, zufolge der Unzulänglichkeit ihrer Instrumente und Beobachtungen, noch nicht haben näher erkennen und bestimmen können.
NS|0|53|15|0|Nachdem wir auch solches dargetan haben, so können wir uns auch ganz füglichermaßen über die Beschaffenheit dieses Planeten selbst hermachen. Unter der Beschaffenheit aber wollen wir nicht die Analyse des Planeten selbst verstehen, sondern wollen bloß nur dessen bewohnbaren Boden, dessen Beschaffenheit, Vegetation und dann die Bewohner verstehen.
NS|0|54|1|1|Landschaft und Lichtverhältnisse des Planeten Miron. Metamorphose der Lebensformen
NS|0|54|1|1|(Am 25. Oktober 1842 von 3 3/4 bis 6 Uhr abends.)
NS|0|54|1|0|Was da betrifft den Boden dieses Planeten, so ist dieser im Durchschnitt mehr eben als gebirgig. Die Ebenen werden gewöhnlich von Bächen, Flüssen und Strömen durchfurcht, woselbst dann die Ströme sich durch irgendeine Gebirgsschlucht unter großem Toben und Brausen in das Meer ergießen. Stehende Gewässer, wie Seen, findet man nirgends von einiger Bedeutung; die größten darunter dürften kaum einige Stunden im Umfang haben.
NS|0|54|2|0|Aber desto mehr gibt es sowohl an der nördlichen als auch an der südlichen Gebirgsbegrenzung Vulkane und somit auch häufig siedend heiße Quellen, ja manchmal sogar ganz heiße Bäche, wodurch dieses Land auch um einen bedeutenden Teil bezüglich der warmen Temperatur erhöht wird. Denn fürs Erste wird die Luft, welche diese Ebenen und Täler durchströmt, erwärmt, und so kann da von irgendeinem kalten Wind nicht leichtlich die Rede sein; fürs Zweite wird aber dadurch auch das Land, oder vielmehr das Erdreich, schon von innen aus erwärmt und somit, wie gesagt, in der Temperatur erhöht, wodurch es dann aber auch sehr fruchtbar wird und allenthalben die merkwürdigsten Früchte hervorbringt.
NS|0|54|3|0|Was da die Vulkane an und für sich betrifft, so ist solches bezüglich ihres Feuers zu berücksichtigen, dass dessen Flamme, wie auch die Glut, nicht also wie bei euch auf der Erde eine schmutzig-rötliche Färbung in sich birgt, sondern eine lichtgrüne, welche fürs Erste viel heller ist als die rote, und fürs Zweite als Erwärmung wohltätiger wirkt als eben auch die rote Farbe des Strahles.
NS|0|54|4|0|So erblicken die Bewohner dieses Planeten auch die Sonne selbst in einem grünlichweißen Licht. Der Grund davon liegt in der weitgedehnten atmosphärischen Luftregion wie auch in deren besonderen Reinheit. Aus dem Grunde eben auch erscheinen entfernte Landteile nicht also blau wie bei euch, sondern grün; denn die Ursache liegt ebenfalls in dem Licht und zumeist, wie schon gesagt, in der atmosphärischen Luft. Dafür aber sind die Blätter der Bäume, der Gesträuche, der Pflanzen, wie auch das Gras blau; und es ist das somit gerade der umgekehrte Fall, als es zu sein pflegt auf eurer Erde. Wir haben zwar auch schon im Saturnus die blaue Farbe vorherrschend gefunden; aber sie ist allda noch bei weitem nicht so intensiv und lebhaft wie hier.
NS|0|54|5|0|Hier dürfte mancher fragen: Wie ist wohl solches möglich? – Solches ist ganz leicht möglich und kann von jenen, welche tiefere Kenntnisse hinsichtlich der Farbenbrechung des Lichtes haben, gar leicht begriffen werden. Die grüne Farbe des Lichtes ist die intensivste und daher auch die kräftigste, darum sie auch auf den der Sonne näher liegenden Erdkörpern fast die sämtliche Pflanzenwelt durchdringt und aus derselben in den Blättern und jüngeren Zweigen widerstrahlt. Alle anderen Farben sind demnach auch weniger intensiv und können daher nur zartere Gegenstände durchdringen. Die blaue Farbe aber ist die am wenigsten intensive, daher von ihr auch am wenigsten verzehrt wird und die Luft mit ihr stets angefüllt sein kann; aus welchem Grunde auf eurem Erdkörper entfernt liegende Gegenstände auch allzeit blau gefärbt erscheinen.
NS|0|54|6|0|Aber auf unserem Planeten Miron ist es hinsichtlich seiner großen Entfernung, wie auch bezüglich seines großen Luftreichtums, der ganz entgegengesetzte Fall. Die grüne Farbe des Lichtes hat bei dieser weiten Entfernung des leuchtenden Körpers, als da ist die Sonne, notwendigerweise an der Intensität verloren; denn ihr könnt es annehmen, dass auf den ganzen Planeten Miron nicht so viele Sonnenstrahlen fallen wie auf das alleinige Afrika eurer Erde. Wenn nun diese wenigen Sonnenstrahlen auf die weitgedehnte Oberfläche der Mironluftregion fallen, so werden sie, als die wohltätigsten, sobald von ihr aufgezehrt. Nur der blaue Strahl, als viel weniger belebend, wird durch die reine Luft gelassen und fällt auf das Pflanzenreich; aus welchem Grunde dann auch die Pflanzen zuallermeist, wie schon bemerkt wurde, mit Ausnahme der Blüten in der schönsten blauen Färbung erscheinen. Jedoch dergleichen weitere mathematische Erörterungen sind für unseren Zweck nicht notwendig, und in dem bereits kurz Erwähnten ist für jeden denkenden Geist schon ohnehin überaus viel gesagt. Daher wollen wir uns sogleich zur eigentlichen vegetativen Welt dieses Planeten wenden.
NS|0|54|7|0|Was die vegetative Welt dieses Planeten betrifft, so ist diese für eure Begriffe im wahren Sinne genommen etwas außerordentlich Wunderbares.
NS|0|54|8|0|So wächst zum Beispiel ein Fruchtbaum bis zu einer bestimmten Größe und Höhe von etwa hundert Klaftern mit der größten Üppigkeit fort, und das bis zu einem Alter von etwa zwanzig bis dreißig Mironjahren, das heißt, nicht zu vergessen, dass ein Mironjahr bei dreizehn eurer Monate lang ist und kein Sonnenjahr, sondern nur ein Mondjahr ist. Hat ein solcher Baum seine höchste Vollendung erreicht, alsdann geht mit dem Baum von einem Tag bis zum anderen Tag eine plötzliche Metamorphose vor sich. Entweder verschwindet er plötzlich aus dem Dasein, und an seiner Stelle entdeckt der Forscher eine Menge ganz neuer Insekten; oder der Baum wirft seine Äste ab, die sich von ihm also losmachen wie etwa bei euren Bäumen die Blätter im Herbst, und dieser Stamm treibt nun ganz andere Äste und bringt mit der Zeit auch eine ganz andere Frucht zum Vorschein. Wird der Baum zu Insekten, so leben diese eine Zeit lang, aber nur an der Stelle, da der Baum stand; dann aber sterben sie ab, und aus ihrem leicht verweslichen Moder entwickelt sich in kurzer Zeit eine neue Pflanzengattung, welche aber mit dem vorherigen Baum durchaus keine Verwandtschaft hat. Ihr müsst auch nicht annehmen, dass da bei einer solchen Metamorphose zu jeder Zeit dieselben Insekten zum Vorschein kommen. Solches hängt dort von der verschiedenartigen Konstellation der Monde ab; und daher kann auch ein solcher zugrunde gegangener Baum zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten entweder in verschiedene Insekten übergehen, aus denen dann auch wieder verschiedene neue Pflanzen entstehen können, oder der Baum kann nach Abwurf der Äste nach ebensolchen Umständen in verschiedene andere Baumgattungen übergehen, welche entweder ganz neu sind oder welche schon irgend bestehen.
NS|0|54|9|0|Wie es aber mit einem oder dem anderen Baum der Fall ist, so ist es auch mit den kleineren Pflanzen derselbe Fall.
NS|0|54|10|0|Das Gesetz solcher Übergänge erstreckt sich auch auf das Tierreich bis zu den vierfüßigen, größeren und größten Landtieren. Das Reich der Amphibien, das Reich der sämtlichen Insekten, wie auch das Reich der sämtlichen Vögel ist dem Gesetz solcher Transition unterworfen. Aber nicht etwa auf die Weise wie auf eurer Erde das Reich der Raupen und der Insekten; denn bei euch wird aus derselben Raupe auch immer derselbe Schmetterling und aus demselben Wurm dasselbe Insekt. Allein auf unserem Planeten Miron geschieht das alles nach Umstand der Sache und der Zeit; daher kann da niemand bestimmen was hier oder dort zum Vorschein kommen wird.
NS|0|54|11|0|Aus diesem Grunde verlegen sich die Bewohner dieses Planeten auch durchaus nicht viel auf die Naturwissenschaft, besonders was die Vegetation und die untere Tierwelt betrifft. Wohl aber stellen sie in dem Punkt ihre Beobachtungen an, wo die Natur konsistent zu werden anfängt.
NS|0|54|12|0|So geschieht es auch zu öfteren Malen, dass da ein oder der andere Vogel, Schmetterling oder ein anderes fliegendes Insekt, seine Eier legt, und aus diesen Eiern, welche gewöhnlich in das warme Erdreich gelegt werden, kommt statt ähnlichen oder anderen Tieren eine neue Pflanzenwelt zum Vorschein, welche eine Zeit lang besteht, dann wieder gänzlich ausstirbt. Aus dem Moder dieser ausgestorbenen Pflanzen, wie auch nicht selten aus ihren Samenkörnern, entstehen anstatt der ähnlichen Pflanzen wieder neue Tiere; manchmal kann man sogar in den bedeutend großen und ziemlich festen Samenschalen oder Hülsen, wenn man dieselben eröffnet, schon ein ziemlich wohlausgebildetes Tierchen finden, welches entweder so gestaltet ist, dass es eine Ähnlichkeit mit einem schon irgendwann gesehenen Tier hat oder es ist ein ganz neues, noch nie gesehenes.
NS|0|54|13|0|Es dürfte vielleicht einer oder der andere sagen: Desgleichen finden ja auch wir auf unserer Erde; denn wem sollte es nicht bekannt sein, dass fast eine jede Frucht- und Kerngattung nicht selten ihr Gewürm in sich trägt, und die Gallusäpfel, Buchblattkörner und dergleichen mehreres, wie z. B. die Knopper des Eichbaumes, die raue Knorre des Rosenstrauches nichts anderes sind als ganz eigentümliche Pflanzeneier, in denen ein lebendiger Wurm ausgeboren wird. – Ich sage aber: Solches ist zwar richtig, allein es liegt ein großer Unterschied zwischen einer fortwährend gleichartigen Erscheinung und einer stets veränderten.
NS|0|54|14|0|Aus diesem Grunde kann dieser Planet dann wohl auch mit allem Recht Miron [Welt der Wunder] heißen, indem seine animalische Gestaltung so außerordentlich veränderlich ist, dass da entweder eine ausgestorbene Pflanze, ein ausgestorbener Baum oder eine ausgestorbene Tiergattung nicht wieder als vollkommen dieselbe zum Vorschein kommt. Inwieweit aber dieser Planet noch seinem seltenen Namen entspricht, wird die Folge noch ins größere Licht stellen.
NS|0|55|1|1|Der Treuebaum, das lebendige Schilf und der fliegende Brotbaum
NS|0|55|1|1|(Am 26. Oktober 1842 von 3 3/4 bis 6 Uhr abends.)
NS|0|55|1|0|Da wir schon unsere Betrachtungen auf diesem Planeten bei der Pflanzen- und Tierwelt angefangen haben, so wollen wir uns auch noch eine Zeit dabei aufhalten und allda noch so manches Seltsame erschauen.
NS|0|55|2|0|Unter den überaus vielen Baumgattungen dieses Planeten zeichnet sich der sogenannte ewige Baum vorzüglich aus. Dieser Baum ist auch der einzige dieses Planeten, der niemals seine Form und Beschaffenheit ändert; darum er auch von den Bewohnern des Planeten Miron als ein Sinnbild der Treue aufgestellt wird. Er wächst überaus hoch, macht wenig Äste, und diese nie weit vom schlanken Stamm treibend. Seine Frucht ist daher auch stets eine und dieselbe. Wie sieht aber die Frucht aus, und in was besteht sie?
NS|0|55|3|0|Damit wir diese Frage vollends beantworten können, so wird es notwendig sein, zuvor mit dem Baum selbst eine etwas nähere Bekanntschaft zu machen, durch welche sich dann obige Frage von selbst beantworten wird. Dieser Baum wächst ungefähr also aus dem Erdboden wie bei euch die Korallenbäumchen aus dem Grund des Meeres. Er hat nicht ein eigentliches Holz, das da wäre sein wesenhafter Bestandteil, sondern der Stamm samt den Wurzeln und Ästen besteht aus einer mineralischen Substanz, ungefähr aus derselben wie die Muscheln bei euch, ist daher auch ohne Rinde und ganz glänzend glatt, ins Weißbläulichmetallene schillernd. Die Äste jedoch sind ganz vollkommen weiß. Der Stamm dieses Baumes, besonders von einem hohen Alter, beträgt nicht selten bei drei- bis vierhundert Klafter und hat auch einen Umfang von zwanzig bis dreißig Klaftern, das heißt am Boden. Wie wenig Äste ein solcher Baum im Verhältnis zu seiner Größe hat, könnt ihr aus dem ersehen, dass selbst der größte deren nicht über zwanzig zählt; und keiner der Äste reicht über fünf Klafter vom Stamm hinaus.
NS|0|55|4|0|Diese Äste selbst sind ebenso fest und unbeweglich wie der Stamm selbst; sie bestehen bloß in einem ziemlich runden und starken Stiel, der sich ganz waagrecht vom Stamm hinwegzieht. Zu beiden Seiten, in horizontaler Richtung, ist ein solcher Ast mit einer Art Rechen versehen, das heißt, er sieht so aus, als hätte man diesem Ast an beiden Seiten verhältnismäßig lange Sprossen eingepfropft. Diese Sprossen werden natürlich gegen das Ende des Astes kürzer und schwächer. Das sind sonach die Zweige des Astes.
NS|0|55|5|0|Ein jeder solcher Zweig läuft in eine Menge kleiner Röhrchen aus, durch welche fortwährend ein süßer Saft dringt, sich allda zu Tropfen bildet, und dann, etwas klebrig, hinab auf die Erde träuft. Dieser Saft bildet fürs Erste den ganzen Baum und alle seine Bestandteile. Was von diesem Saft zur Bildung des Baumes tauglich ist, wird von selbem auch aufgenommen; nur das für den Baum Untaugliche wird als ein süßer und etwas klebriger Tropfen ausgeschieden. Wenn dieser Saft eine Zeit lang der Luft ausgesetzt ist, so wird er am Ende zu einem süßen Mehl, gleich dem Mannatau, welches Mehl dann die Bewohner dieses Planeten sammeln, es mit der Milch ihrer Hausziegen vermengen und sodann als eine ihnen besonders wohlschmeckende Speise verzehren.
NS|0|55|6|0|Nun seht, hier ist die vorige Frage schon beantwortet; aber auch zugleich, warum dieser Baum noch der „ewige“ und „getreue“ genannt wird. Der „ewige“, weil er fürs Erste, wie schon gesagt, seine Form nie ändert, fürs Zweite aber beinahe nie abstirbt, und fürs Dritte, weil er durch sein beständiges Tropfen unablässig Früchte abwirft. Aus diesem Grunde wird er auch der „getreue“ genannt, weil man unter seinen Ästen allzeit seine Früchte findet. Aus dem Grunde planieren auch die Bewohner dieses Planeten den Boden unter diesem Baum beinahe spiegelglatt, damit dadurch ja nichts von seinem köstlichen Saft verlorengehen möchte.
NS|0|55|7|0|Seht, obschon dieser Baum beständig ist, so ist er aber dessen ungeachtet von einer sehr wunderbaren Art und gehört mehr unter das Tierreich als unter das Pflanzenreich. Denn sein ganzer, gewisserart mineralischer Wesensgehalt ist nichts als eine Ansammlung von kleinen Tierchen, welche sich auf irgendeinem ihnen zusagenden Teil des Erdbodens haben anzusammeln angefangen und haben durch das Ablegen ihrer Hüllen ebendiesen Baum gestaltet.
NS|0|55|8|0|Ihr werdet hier fragen, wie solches wohl zuging und wie in einem solchen mineralischen Klumpen ein Saft in die Höhe steigt. Nur eine kleine Geduld! Sogleich soll euch diese Sache anschaulicher gemacht werden. Diese Tierchen, woraus ein ganzer solcher Baum von der Wurzel aus gebildet wird, sind lauter runde Scheibchen, welche zuunterst, von der Mitte des Scheibchens aus, zwei kleine Füßchen haben zum Auf- und Niedersteigen. Auf der einen Kante des Scheibchens, vor den Füßen, befindet sich eine Saugöffnung und an der hinteren Kante des Scheibchens der Entfernungskanal. Diese Tierchen, wenn sie sich einmal satt gesogen haben und haben sich auch einmal jedes tausendfach reproduziert, kriechen sodann vollkommen horizontal übereinander und bilden dadurch lauter vollkommen runde Säulchen, wovon ein jedes Säulchen wohl kaum eine Zehntellinie im Durchmesser hat. Diese Säulchen reihen sich fest nebeneinander auf, so dass immer drei Säulchenreihen aneinanderstoßen. Dadurch aber entsteht zwischen einer jeden solchen Dreisäulchenreihe eine spitzig dreieckige Röhre, durch welche der Saft vom Grund auf, nach dem Gesetz der Haarröhrchen-Anziehungskraft, zu jeder Höhe emporsteigt.
NS|0|55|9|0|Hat der Saft irgendeine ausmündende Stelle erreicht, welche allzeit an den Ästen angebracht ist, und das zwar durch den natürlichen Instinkt dieser Tierchen, besser gesagt aber durch die ihnen innewohnende geistige Intelligenz (an solchen Mündungen befinden sich aber noch fortwährend lebende) – wenn nun der Saft zu diesen lebenden Tierchen gelangt, so wird er von ihnen alsbald eingesogen oder aufgezehrt. Der Unrat hernach, welchen diese Tierchen von sich lassen, ist dann ebendieser klebrige Saft, der da von den Ästen herabträuft und als die Frucht dieses sicher denkwürdigen Baumes angesehen wird. Wenn ihr nun dieses bedenkt, so wird euch das Wunderbare dieses Baumes nicht entgehen.
NS|0|55|10|0|Es fragt sich nur noch dabei, ob ein solcher Baum im Ernst gar nie abstirbt. Dieser Baum stirbt geradeso ab, wie bei euch das Gestein der Gebirge. Wenn er nämlich durch was immer für Elementarereignisse beschädigt wird, so geschieht es dann, dass er anfängt zu verwittern und nach und nach wieder ins gewöhnliche Erdreich überzugehen. Das wäre sonach ein sehr beachtenswerter Baum.
NS|0|55|11|0|Ein zweites Gewächs fast derselben Art ist das sogenannte lebendige Schilf. Dieses wächst ebenfalls zu einem ziemlich hohen Stamm empor, manchmal von einer Höhe zu hundert Klaftern, und sieht mehr also aus, wie wenn ihr lauter Trichter ineinandergesteckt hättet, welches natürlich also aussieht, als hättet ihr an eine Stange ziemlich große Ringe an Ringe gesteckt. Zwischen diesen Ringen oder Trichtern schwitzt ebenfalls ein süßer, klebriger Saft hervor, welchen besonders das Reich der Insekten sehr liebt. Wenn sich aber die Insekten von diesem Saft satt gespeist haben, so gehen sie auch bei ihrer Mahlzeit zugrunde. Auf diese Weise werden dann diese Ringgalerien mit den Kadavern der Insekten angefüllt. Und gar bald geht auch allda eine Übergangsszene vor sich, und man erblickt aus diesen Ringen allerlei Kraut hervorwachsen, durch welches Kraut dann dieser im Grunde tierische Baumstamm ein ganz vollkommen vegetatives Aussehen bekommt und beinahe die Figur macht, wie bei euch auf der Erde in den Gärten die beschnittenen Pappeln, welche da ebenfalls, wie ihr schon öfters gesehen haben werdet, das Aussehen von grünen Säulen haben. Sind allfällige Früchte einer solchen metamorphosischen Anpflanzung genießbar, so werden sie ohne weiteres von den Bewohnern in Empfang genommen. Sind aber die Früchte nicht genießbar, so werden sie natürlicherweise unangetastet und unbeschädigt gelassen. Dieser Schilfbaum ist demnach an und für sich, bloß als Stamm betrachtet, ebenfalls unveränderlich; aber durch diese Metamorphose ändert er sich dann dem Außen nach natürlicherweise, indem aus dem Pflanzentum, das aus seinen Ringen auf die vorbeschriebene Weise entsteht, bald wieder ein Tierreich entstehen kann und bald wieder ein Pflanzentum. Seht, das wäre demnach wieder ein denkwürdiges Gewächs.
NS|0|55|12|0|Einer der merkwürdigsten Bäume dieser Art aber ist das dort sogenannte fliegende Brot. Wie ist denn solches möglich, eine fliegende Pflanze, ja sogar einen fliegenden Baum zu sehen? Dies nimmt euch in dem ersten Augenblick wohl etwas wunder; allein die Folge wird die Sache ganz begreiflich machen. In den mehr sumpfigen Gegenden entwächst dem Boden eine Art Baum, der beinahe den sogenannten Korallen- oder auch Hirschhornschwämmen bei euch gleicht. Dieser Baum wächst nicht selten zu einer Höhe von fünfzig Klaftern und hat zuunterst an dem verhältnismäßig sehr kurzen Stamm manchmal einen Umfang von sechzig Klaftern. Der Baum besteht in seiner Wesenheit aus lauter Zellchen und Röhrchen, die durch ihre eigene Anziehungskraft recht fest aneinanderhängen und also ein Ganzes bilden, wie ungefähr die Zellchen und Röhrchen des vorerst erwähnten Schwammes bei euch; nur mit dem Unterschied, dass die Zellchen und Röhrchen eures Schwammes sehr zart und gebrechlich sind, während sie bei diesem Baum unseres Planeten von zäher und elastischer Art sind. Wenn dieser Baum einmal seine gehörige Größe und sein Alter von etwa zehn Jahren erreicht hat, sodann verschließen sich zuunterst seine Einsaugkanälchen (denn Wurzeln hat dieser Baum keine, indem er auch alldort ins Reich der Schwämme gehört). Haben sich aber diese Einsaugkanälchen geschlossen, sodann vertrocknet in den Zellchen und Röhrchen der Saft. Durch das Vertrocknen dieses Saftes aber entwickelt sich dann in einem jeden Zellchen und Röhrchen eine Luft, welche zufolge der elastischen Zähe der Röhrchen nicht entweichen kann. Da diese Luft bei weitem feiner und leichter ist, als wie die schwere atmosphärische Luft dieses Weltkörpers, so geschieht es dann, dass die leicht gewordene Materie des Baumes von seiner eigenen Luft vom Erdboden gewisserart abgerissen wird; und der Baum selbst steigt dann, gleich einem Luftballon bei euch, in die Höhe und verweilt manchmal mehrere Tage lang in der Luft herumfliegend. Hat sich mit der Zeit diese leichte Luft aus seinen Zellchen und Röhrchen durch die freilich wohl sehr engen Poren entladen, sodann fängt auch der Baum wieder hinab zum Erdboden zu sinken an. Wenn die Bewohner dieses Planeten irgend so einen schon ziemlich nieder in der Luft schwimmenden Baum erblicken, so geben sie sich alle erdenkliche Mühe, mit Haken und Stangen sich dieses Baumes zu bemächtigen. Wie sie seiner habhaft werden, so wird er alsbald tranchiert und an den Strahlen der Sonne noch mehr getrocknet. Wenn er aber nach ihrer Wissenschaft den gehörigen Grad der Trockenheit erlangt hat, so wird er auch sogleich als ein recht wohlschmeckendes Brot bei Butz und Stängel aufgezehrt, das heißt, nicht auf einmal, sondern nach und nach nach Bedarf.
NS|0|55|13|0|Seht, jetzt wissen wir, warum dieser Baum das fliegende Brot heißt, und was die Ursache seines Fliegens ist. Nächstens des Wunderbaren mehreres!
NS|0|56|1|1|Der Blitzbaum und der Blasenbaum
NS|0|56|1|1|(Am 27. Oktober 1842 von 4 bis 5 1/2 Uhr nachmittags.)
NS|0|56|1|0|Auf den Gebirgen, welche in der Nachbarschaft bedeutender mineralischer Quellen oder wohl gar feuerspeiender Berge sich befinden, erwachsen oft in sehr kurzer Zeit ganze Wälder von den sogenannten blitzenden Bäumen. Diese Wälder aber haben natürlicherweise keinen Bestand; ihre Dauer erstreckt sich höchstens auf drei Jahre. Aber diese drei Jahre sind besonders den nachbarlichen Bewohnern sehr lästig, wenn auch eben nicht nachteilig; fürs Erste, weil durch die Zeit des Daseins solcher Bäume eine solche Gegend ohne Lebensgefahr nicht zu passieren ist; fürs Zweite aber, weil die sehr schwingungsfähige Luft dieses Planeten durch das unablässige Knallen von Seite dieser Bäume so angefüllt wird, dass da beinahe niemand in einiger Nähe eines solchen Waldes seines eigenen Mundes Laut vernehmen kann.
NS|0|56|2|0|Ihr werdet hier fragen: Sind diese Bäume denn wirklich vegetabilischer Art? – Nein, das sind sie nicht, sondern wie ihr in eurer gelehrten Kunstsprache zu sagen pflegt, sie sind rein nur elektroplastisch. Wenn sich nämlich in der vorbesagten Gegend, entweder durch große mineralische Quellen oder durch feuerspeiende Berge, eine überschwänglich große Menge Elektrizität entwickelt, für deren überschwänglichen Reichtum ihr auf eurer Erde keinen Begriff haben könnt, so zieht die in der Luft haftende Elektrizität die ihr verwandten mineralisch atomischen Teile aus dem Boden und aus der Luft zusammen; und durch diese Tätigkeit entstehen gar bald sichtbare Kügelchen und auch Häkchen, die sich aneinanderhängen und dann auf einen Teil des Erdbodens hinfallen, dahin sie am meisten angezogen werden. Durch solche fernere elektrische Tätigkeit entstehen bald ganze Stämme über dem Erdboden mit allerlei gestalteten, knorrigen Ästen versehen. Diese Äste saugen dann noch mehr Elektrizität an sich und lassen das Plus ihrer Fassungsfähigkeit bald wieder blitzend und knallend von sich.
NS|0|56|3|0|Solches dauert gewöhnlich so lange, bis sich ein Feuerspeier nicht zur Ruhe gelegt hat, oder bis überhaupt der elektrische Reichtum einer Gegend sich mit der allgemeinen Elektrizität ins Gleichgewicht gestellt hat. Ist solches geschehen, sodann braucht es nur eines mäßigen Luftzuges, und der ganze Wald wird gleich einer Staubwolke von seinem Territorium gehoben und über Ländereien hin verstreut. Und dieses ist dann auch das Ende eines solchen Waldes.
NS|0|56|4|0|Haben die Bewohner wohl auch einen Nutzen von solch einer Naturproduktion? O ja, und das keinen geringen. Sie passen recht sorgfältig die Zeit ab, wann die Bäume eines solchen Waldes mehr und mehr anfangen, ihre Elektrizität zu verlieren. Wann solches der Fall ist, sodann nähern sie sich behutsam einem solchen Wald, nehmen Körbe mit sich und ziemlich lange, mit Spitzen versehene Stangen und auch auf langen Stielen befestigte Schaufeln. Mit den Stangen bestreichen sie vorerst einen solchen Baum und untersuchen, ob noch elektrische Tätigkeit in ihm vorhanden ist. Ist solche vorhanden, so wird ein solcher Baum mit dergleichen spitzigen Stangen so lange bestochen, bis dadurch alle Elektrizität von ihm entwichen ist. Ist solches der Fall, so fangen sie dann an, mit den Schaufeln die knorrigen Äste abzustechen und dann endlich den ganzen Baum in ihre Körbe zu fassen. Die Masse sieht dann ungefähr also aus wie eine Lava-Asche eurer Feuerspeier und ist unstreitig der allerbeste Dünger für ihre Felder. Das ist sodann aber schon auch der ganze Gebrauch dieses Baumes.
NS|0|56|5|0|Ihr werdet hier sagen: Warum gibt es denn bei uns keine solchen Erscheinungen? – Ich aber sage euch: Fürs Erste ist eure Erde bei weitem nicht so elektrizitätsreich wie der Planet Miron, und fürs Zweite kennt ihr auch die Erscheinungen eures Erdbodens und ebenso auch die Wirkungen der Elektrizität noch viel zu wenig, als dass ihr ganz begründet sagen könntet: Warum kommen ähnliche Erscheinungen auf unserem Erdkörper nicht vor? – Verfüge sich nur jemand zum Beispiel in mittelafrikanische Gegenden, und sonach in manche Gegenden unter dem Äquator, und er wird gar bald auf die seltsamsten, chimärenartigen elektroplastischen Gegenstände stoßen. Aber dennoch ist ein Unterschied zwischen der Elektroplastik eurer Erde und der dieses Planeten. Denn was allhier bei euch nur im kleinen Maßstab geschieht, geschieht dort in riesenhaften Umrissen, so dass sich dieses Verhältnis also gestaltet wie etwa eins zu ein- bis zweitausend.
NS|0|56|6|0|Und so denn wären wir auch mit diesem merkwürdigen Baum fertig und wollen nun nur noch eines Gewächses erwähnen, und dieses Gewächs wird alldort der Blasenbaum genannt. Dieser Baum wächst gewöhnlich in großer Gestalt an den Ufern der Seen, welche, wie ihr schon wisst, eben nicht von zu großer Ausdehnung sind. Die Gestalt dieses Baumes ist folgende: An einem bei dreißig Klafter hohen und bei drei Klafter im Durchmesser habenden, ziemlich glattrindigen Stamm sind ungefähr drei, ein wenig nach aufwärts gehende, aber sonst geradgestreckte Astreihen befindlich; und zuoberst des Stammes schießen eine Menge solcher geraden Äste nach allen Richtungen hinaus. An dem Ende eines jeden Astes ist eine Art Trichter gebildet, durch welchen eine Mündung durch den ganzen Ast, wie durch den ganzen Baum, sich kleinröhrig zieht. Dieser Baum ist ebenfalls mehr eine Schwammgattung als ein eigentlicher Baum, indem er keine Wurzeln, sondern bloß einen stumpf-konischen Stiel in dem Erdreich hat.
NS|0|56|7|0|Es fragt sich jetzt: Warum wird denn dieser Baum der „Blasenbaum“ genannt? – Seht, an den euch schon bekannten Mündungen der Äste schwitzt ein Saft klebriger Art durch die Röhren heraus, und das bis zu einer gewissen Zeit; alsdann versiegt der Saft im Inneren dieses zweiten Schwammbaumes und löst sich dann in eine Art Luft auf, welche Auflösung auch hier durch die große Tätigkeit der reichhaltigen Elektrizität bewirkt wird. Da in diesen Trichtermündungen der Äste sich der Saft angehäuft und mehr elastisch verdichtet hat, so kann er nicht aufgelöst werden, hindert aber dadurch der im Inneren des Baumes entwickelten Luft den freien Antritt [Austritt].
NS|0|56|8|0|Was geschieht dadurch für eine leicht begreifliche Erscheinung? Keine andere, als welche ihr selbst schon oft als Kinder spielend mit dem Loder einer Seife gemacht habt. Nämlich: Die Luft tritt aus der Röhre hinter den elastisch klebrigen Saft in der trichterartigen Mündung des Astes, erhebt dann denselben und treibt ihn nicht selten zu einem mehrere Klafter im Durchmesser habenden Ballon auf. Wenn die Bewohner solches an dem Baum bemerken, so eilen sie sobald mit starken Schnüren herbei, ziehen oder binden solch einen Ballon an der Mündung des Astes fest zusammen und schneiden ihn dann zusammengebunden vom Trichter ab. Und wenn die Masse dann vollkommen getrocknet ist und die gehörige Intensität erreicht hat, sodann lösen sie die Schnüre wieder weg und sie erhalten dadurch die schönsten und dauerhaftesten Beutel und Säcke, in denen sie alles aufbewahren können. Denn eine solche Blase ist in ihrem reifen Zustand noch viel haltbarer als eure Gummielastikum-Blasen und ist so zäh, dass sie selbst mit sehr scharfen Werkzeugen nicht leichtlich zerschnitten werden kann.
NS|0|56|9|0|Der Baum selbst aber wird dann ebenfalls nach Hause gebracht und wird allda als ein hauptsächliches Brennmaterial betrachtet; fürs Erste, weil seine Masse in getrocknetem Zustand fast nur Harz ist; fürs Zweite, weil sich bei der Verbrennung der Materie dieses Baumes ein sehr angenehmer Geruch entwickelt, den die Bewohner dieses Planeten überaus lieben; und fürs Dritte, weil die Flamme von dieses Baumes Materie überaus schön hell-lichtgrün ist, und bei der Verbrennung sich zudem noch sehr wenig Rauch entwickelt.
NS|0|56|10|0|Dies wären sonach die seltensten Gewächse dieses Planeten, welche sonst wohl nirgends vorkommen. Daher wollen wir uns nur der Kürze wegen für das nächste Mal auch sogleich zu dem noch wunderbareren Tierreich wenden.
NS|0|57|1|1|Das Tierreich auf dem Miron. Der Dampfer, der Donnerer und der Windmacher
NS|0|57|1|1|(Am 28. Oktober 1842 nachmittags 3 1/2 bis 5 3/4 Uhr.)
NS|0|57|1|0|Was hier das Tierreich betrifft, so ist zum Teil erwähnt worden, wie dasselbe bis zu einer gewissen Stufe der immerwährenden Metamorphose unterliegt, und zwar wechselweise von den Pflanzen bis zu den Tieren und von den Tieren bis zu den Pflanzen. Sonach wollen wir nicht bei dieser Stufe der Tiere, welche so sehr der Metamorphose unterliegt, unsere Betrachtungen anfangen, sondern wollen uns sogleich zu jener Klasse der Tiere wenden, welche auf diesem Erdkörper schon einen bleibenden Standpunkt einnimmt.
NS|0|57|2|0|Zu der Klasse dieser Tiere gehört vorerst eine bedeutende Gattungsanzahl verschiedener großer, vierfüßiger Tiere, welche das Land bewohnen. Fürs Erste eine sonst nirgends als auf diesem Planeten vorkommende Tierklasse, nämlich die zweifüßigen Tiergattungen; sodann einiges Geflügel. Und endlich erst wollen wir den Menschen selbst in Augenschein nehmen.
NS|0|57|3|0|Ein Tier aus der vierfüßigen Tierreihe unter dem Namen „der große Dampfer“, ist eines der seltensten Tiere dieses Planeten. Dieses Tier hat eine Größe, dass es derzufolge von den Füßen bis auf den Rücken bei dreißig Klafter misst und hat einen Leibumfang von wenigstens sechsunddreißig Klaftern, das heißt um den Bauch. Seine Füße sind verhältnismäßig lang und stark und sind nahe so gebaut wie die Füße eines Elefanten bei euch; nur sind sie zuunterst an den Tritten, anstatt mit stumpfen Klauen, mit starken, einer Bärentatze ähnlichen Krallen versehen. Dieses Tier hat ebenfalls einen in seinem Verhältnis langen und starken Schweif, der mit einem reichlich gekrausten Haarbusch versehen ist, etwa so wie der Schweif eines Löwen bei euch. Der Kopf dieses Tieres sitzt auf einem kurzen, aber desto stärkeren Hals und hat eine bedeutende Ähnlichkeit mit dem Kopf eines Rhinozeros bei euch.
NS|0|57|4|0|Statt des Horns auf der Nase hat es einen weiten und sehr geräumigen Trichter, welcher mehrere eurer Klafter im Umfang hat. Ober dem Trichter, an der Stirn, hat es zwei bis zu dreißig Klaftern dehnbare Rüssel. Mit diesen Rüsseln sammelt dieses Tier Wurzeln und allerlei andere, für dasselbe genießbare Früchte, legt dieselben in den weiten und geräumigen Trichter; und ist der Trichter angefüllt, so lässt dieses Tier gar bald einen ganz heißen Dampf durch seine Nüstern in diesen Trichter. Dadurch werden die Früchte förmlich gekocht, und wenn sie gehörig weich geworden sind, so langt dieses Tier dann mit dem Rüssel in den Trichter, hebt die erweichten Viktualien nach und nach heraus und schiebt dieselben in den zwar ziemlich weiten Rachen. Der Rachen aber ist zahnlos und besitzt statt der Zähne nur sehr starke Quetschmuskeln, mittels welcher es die in den Rachen gelegten und zuvor in dem Trichter schon gekochten Viktualien zerquetscht und sodann zu seiner Sättigung verschlingt.
NS|0|57|5|0|Wenn dieses Tier seine Speisen kocht, so verbreitet es aus seinem Trichter nicht selten einen bei weitem stärkeren Dampf, welcher in dichten Wolken aufsteigt, als wenn bei euch auf der Erde ein sehr großes Gebäude in Flammen stände. Aus diesem Grunde das Tier auch, wie schon anfänglich bemerkt wurde, der große Dampfer genannt wird.
NS|0|57|6|0|In keinem Planeten, wie in dem, gibt es so viele entgegengesetzte tierische Polaritäten, die sich aus dem Grunde allzeit feindlich begegnen. Und so geschieht es denn auch, dass unser großer Dampfer eine Menge tierischer Feinde hat, welche ihm nach dem Leben streben. Aber alle dieses Tier anfeindenden anderen Tiere kommen sehr übel zum Teile im Kampf mit ihm; denn so groß dieses Tier ist, so ist es aber dennoch äußerst behände und ganz besonders mit seinen beiden Rüsseln pfeilschnell. Wenn sich demnach ihm Feinde nähern und es merkt solches dieses Tier, so stellt es sich, als wenn es dieselben nicht merkte und lässt darum die Feinde ganz in seine Nähe kommen; sodann aber schießt es mit seinen Rüsseln plötzlich nach den Feinden, wirft sie in seinen weiten Dampftrichter, welcher sehr fest ist, und lässt sogleich seinen heißen Dampf über sie los. Wenn noch einige andere sich ebenfalls nahenden Feinde solches Spektakel erblicken, so kehren sie gewöhnlich um und machen keine Miene mehr, diesen Feind anzufallen, sondern ziehen sich, wie ihr zu sagen pflegt, ganz bescheiden zurück und versparen ihren feindlichen Groll auf eine bessere Gelegenheit, bei welcher es aber einem und dem anderen um kein Haar besser ergeht, als wir es soeben gehört haben. Nur gegen Menschen, vor welchen dieses Tier eine eigene Achtung hat, übt es nie diese Art Verteidigung aus, sondern treibt dieselben, wenn sie es zu sehr reizen, mit seinen stark schwingenden Rüsseln davon; lässt aber bei dieser Gelegenheit dennoch eine solche Masse Dampf seinem Trichter entsteigen, dass darob die Menschen in eine ganz dichte Wolke eingehüllt werden und dann nicht leicht merken können, wohin das Tier seinen Weg genommen hat. Die Menschen aber, wenn sie sich noch in dieser eben nicht gar zu angenehm duftenden Dampfwolke befinden, verhalten sich ebenfalls ruhig so lange, bis sich die Wolke wieder gelichtet hat; und ist solches geschehen, so ziehen sie sich ebenfalls gewöhnlich unverrichteter Sachen zurück.
NS|0|57|7|0|Das ist sonach schon ein denkwürdiges Tier dieses Planeten. Seine Nützlichkeit hat zumeist nur das metaphysische Feld zum Grunde, vermöge welchem es eine Übergangsstufe bildet von dem gewöhnlich metamorphosischen Pflanzenleben in das konstante Tierleben. Seine Farbe ist grünlichgrau.
NS|0|57|8|0|Ein zweites nicht minder denkwürdiges Tier dieses Planeten ist der sogenannte Donnerer. Dieses Tier ist um ein Drittel kleiner als das vorige und ist in seiner Art eben einzig und allein diesem Planeten eigen. Dieses Tier hat einen besonders großen Bauch, welchen dieses Tier noch obendrauf bei gewissen Gelegenheiten durch die Entwicklung einer inneren Luft so außerordentlich auftreiben kann, dass es dann nicht selten einen Umfang von mehr als vierzig Klaftern um die Bauchgegend bekommt, während es sonst nur einen Umfang von etwas über zehn Klaftern hat. Dieses Tier hat nahe die Ähnlichkeit mit einem sogenannten Känguru bei euch, welches Tier bei euch auch den Namen „Beuteltier“ führt; nur hat es einen runden Kopf, ungefähr wie ein Affe bei euch, und seine Füße sind ebenfalls so gestaltet wie die eines Affen bei euch, aber natürlicherweise im Verhältnis zur übrigen Größe des Tieres gehörig stark und fest.
NS|0|57|9|0|Auch dieses Tier nährt sich von Kräutern, mitunter auch von Baumfrüchten, und hält sich vorzugsweise gern in der Nähe der Gewässer auf. Warum aber wird es denn der Donnerer genannt? Solches wird sogleich ersichtlich werden.
NS|0|57|10|0|Wenn dieses Tier von seinen Feinden verfolgt und irgend in die Enge getrieben wird, so treibt es seinen Bauch auf, wodurch es dann ein überaus lächerliches Aussehen bekommt. Ist der Bauch nun aufgetrieben, so begibt es sich augenblicklich ins Wasser und schwimmt behände vom Ufer hinweg. Ist es nun etwa bei zehn oder zwanzig Klafter schon vom Ufer entfernt, so fängt es, im Wasser schwimmend, mit seinen Vorderfüßen auf seinem stark gespannten Bauch zu trommeln an. Dadurch verursacht es einen solchen Lärm, dass darob sogar das Ufer in eine Art Schwebung gerät, als wäre ein kleines Erdbeben vorhanden. Durch diesen Lärm erschreckt es dann seine Feinde nicht selten so gewaltig, dass sich dieselben nicht so leichtlich wieder in eine solche schauderhafte Gegend zu begeben getrauen.
NS|0|57|11|0|Selbst Menschen sind eben nicht die größten Freunde von diesem ziemlich unangenehmen Bären [Lärm], welcher manchmal, besonders bei den Männchen, von so intensiver Art wird, dass sich bei euch auf der Erde ein ziemlich naher Kanonendonner weidlichst schämen müsste.
NS|0|57|12|0|Die Nützlichkeit dieses Tieres ist mit der des vorhergehenden homogen. Und es wird auch von Seite der Menschen nie Jagd auf dasselbe gemacht, weil es sonst überaus sanfter Natur ist und keinem anderen Wesen etwas zuleide tut, außer, wenn es verfolgt wird, durch seinen Lärm, den es gewöhnlich so lange fortsetzt bis sich dessen Feinde weithin geflüchtet haben. Sodann aber begibt es sich wieder ans Ufer, entladet seinen Bauch von der Luft und treibt da wieder seine gewöhnliche Lebensweise fort. Die Farbe dieses Tieres ist rücklings dunkelblau, vorwärts aber am Bauch ins Grünlichgelbe übergehend.
NS|0|57|13|0|Das wäre sonach das zweite denkwürdige Tier dieses Planeten. Und so gehen wir wieder zu einem anderen über, welches ebenfalls nicht weniger merkwürdig ist.
NS|0|57|14|0|Dieses Tier hat den Namen „der Windmacher“. Bevor wir aber die Ursache seines Namens betrachten wollen, werden wir uns mit seiner etwas sonderbaren Gestalt beschäftigen. Wie sieht es denn aus? Für euch, wie ihr zu sagen pflegt, im wahren Sinne komisch. Ihr habt auf eurer ganzen Erde nicht eine so lächerliche Tiergestalt wie die da ist dieses Tieres. Ein Esel bei euch könnte dagegen als ein wahrer Weiser des Morgenlandes auftreten. Aus diesem Grunde wird auch dieses Tier gewöhnlich zahm gehalten, indem es den Bewohnern dieses Planeten sehr viele erheiternde Spektakel macht, wovon sie große Freunde sind, indem sie auch in geistiger Hinsicht in dem großen Menschen den Lachdrüsen des Bauches entsprechen.
NS|0|57|15|0|Dieses Tier hat eine zehnfache Größe von einem Pferd bei euch. Die Farbe dieses Tieres ist ungefähr so rot, wie etwa ein schmutziger Ziegel bei euch. Die Füße sind im Verhältnis ziemlich lang und etwas auswärts gebogen, besonders in dem Teil unter dem Kniegelenk, und sind vom Bauch an bis auf die beiden kamelartigen Stumpfklauen mit plump gekrausten Haaren stark bewachsen. Die Hinterfüße sind ebenfalls, wie die vorigen, nach auswärts gebogen und sind ebenfalls so behaart wie die vorigen. Die Bauchgegend ist mit zwei Reihen nackter Zitzen behangen, welche nicht selten eine halbe Klafter lang sind. Das Männlein hat zwar etwas kürzere Zitzen, aber desto ausgezeichnetere Genitalien; besonders ist der Hodensack bis zu den Knien der Hinterfüße herabhängend. Der Schweif ist vom Rücken weg ebenfalls mit plump gekrausten Haaren reichlich versehen und ist sehr lebhaft beschäftigt, um allfällige Insekten vom Leib zu treiben. Die Rückengegend ist ebenfalls mit plump gekrausten Haaren versehen. Und so sieht der Mittelleib, besonders da der Steiß ziemlich stark aufgeworfen ist, einem riesigen Pavian bei euch der Form nach nicht unähnlich, bis auf die Füße und bis auf den Schweif. Von dem ziemlich plump voluminösen Leib erhebt sich ein schlanker Schwanenhals. Auf diesem zierlichen Schwanenhals sitzt ein euren Mauleseln nicht unähnlicher Kopf; nur sieht er noch stumpfer aus als der Kopf eines Maulesels und hat auch noch bei weitem größere und weniger gespitzte Ohren als ein Maulesel. Die Ränder der Ohren sind ebenfalls stark behaart in der Art wie die Füße. Und vom unteren Kinnbacken hängen ein paar lange, ganz nackte Zitzen von graulicher Farbe, welche nur hier und da mit einigen ziemlich langen Haaren bewachsen sind. Zudem hat es einen sehr weit aufzusperrenden Rachen, aus welchem es eine mehrere Klafter lange Zunge nach Bedarf strecken kann. Also wäre die Gestalt dieses Tieres.
NS|0|57|16|0|Warum heißt es aber „der Windmacher“? Wenn dieses Tier, zufolge seiner für die Bewohner dieses Planeten sehr lächerlichen Gestalt, über die Maßen geneckt und gereizt wird, so bläht es sich dann auf, rollt seine Zunge zu einem Rohr zusammen und bläst dann aus diesem Rohr sogestaltig, dass es einen Menschen, der in diesem Planeten eine sehr beachtenswerte Größe hat, wenn er sich nicht versieht, mit leichter Mühe umwirft. Besonders aber wendet dieses Tier seinen Wind allda gern an, wo es vor sich eine Menge lockerer und zugleich schmutziger Gegenstände erblickt. Diese bläst es dann seinen Neckern und Beleidigern zu; und da geschieht es dann nicht selten, dass einige zu mutwillige Necker dieses Tieres ganz übel bedient werden. Aber ebendiese Erscheinung macht dann erst den sogenannten Hauptspaß dieser Bewohner aus, und zwar nicht so sehr wegen des Faktums selbst, als besonders wegen der überaus lächerlichen Stellung, welche dieses Tier bei dergleichen Operationen annimmt.
NS|0|57|17|0|Das ist aber auch die ganze Nützlichkeit von Seite der Menschen betrachtet, für welche sie sich dieses Tieres bedienen. Sonst aber ist seine Nützlichkeit homogen mit der der zwei früheren Tiergattungen. Und so denn sind wir mit diesem Tier fertig und wollen fürs nächste Mal unsere Betrachtungen fortsetzen.
NS|0|58|1|1|Die Miron-Ziege und der Bodendrucker
NS|0|58|1|1|(Am 29. Oktober 1842 nachmittags von 4 1/2 bis 5 3/4 Uhr.)
NS|0|58|1|0|Aus der Reihe der vierfüßigen Tiere dieses Planeten wollen wir noch drei Klassen, oder vielmehr drei Gattungen, erwähnen und sie kurz beschauen; sodann nach einem allgemeinen Überblick sogleich zu den zweifüßigen übergehen.
NS|0|58|2|0|Das nächste Tier, das wir aus der Reihe der Vierfüßler betrachten wollen, ist die gemeine Ziege, welche ebenfalls einheimisch ist und von den Bewohnern als ein nützliches Haustier gehalten wird. Dieses Tier hat ungefähr eine zehnfache Größe einer großen Kuh bei euch, sieht aber weder einer Kuh noch einer Ziege eurer Erde ähnlich, und ist daher so, wie es in diesem Planeten vorkommt, auf keinem anderen Planeten wiederzufinden. Wie sieht denn hernach dieses Tier aus? Der Mittelleib ist überaus voluminös, so dass der Umfang des Bauches nicht selten zwölf Klafter beträgt. Die Füße aber sind im Verhältnis ganz stelzenhaft mager. Statt der Klauen eurer Ziegen hat dieses Tier, fast nach der Art eurer Gänse oder Enten, mit starker Zwischenhaut versehene Zehen; jedoch vorne nicht mit spitzigen, sondern mit mehr stumpfen Krallen versehen. Der Steiß dieses Tieres läuft in zwei förmliche Kegel aus, wovon ein jeder über anderthalb Klafter sich über dem Rückgrat erhebt. Zwischen diesen beiden Steißkegeln sitzt ein verhältnismäßig langer, rüsselartiger Schweif, welcher am Ende mit einem mäßigen Haarbusch bewachsen ist. Bis auf die Rückenzeile hat das Tier kurze Haare; auf der Rückenzeile aber stehen lange und steife Borsten reichlich und dicht aneinander, welche nicht selten über zwei Ellen lang sind und manchmal so dick wie ein schwacher Gänsekiel bei euch. Allda aber, wo die Füße den Leib verlassen, sind sie mit einem dichten Wulst von gekrauster Wolle ringförmig umfangen; ebenso auch mit einem kleineren unter dem Kniegelenk. Vor den beiden Füßen erhebt sich dann ein vollkommen runder Hals, der ebenso lang ist wie der ganze Körper und durchaus [durchweg] mit kurzen Haaren bedeckt ist. Auf diesem Hals sitzt dann ein Kopf fast von der Gestaltung eines Kamels bei euch, nur ist er dadurch unterschieden, dass er von der Stirn gerade hinaus drei ziemlich lange und wohlgesetzte Hörner hat, wovon das mittlere etwas stärker und länger ist als die beiden äußeren. Gerade in der Mitte des Bauches hängen vier starke Zitzen herab, das heißt bei dem Weibchen, welches gemolken werden kann, und dadurch den Bewohnern eine recht wohlschmeckende und sehr fette Milch zuteilwird. Also sähe demnach dieses Tier der Form nach aus.
NS|0|58|3|0|Was ist aber so eigentlich das Merkwürdige dieses Tieres? Das Merkwürdige dieses Tieres ist, dass es in drei Elementarreichen seine Nahrung suchen kann, nämlich auf dem Wasser, auf dem Land und in der Luft. Hier werden einige sagen: Das finden wir gerade nicht für so merkwürdig; denn also leben bei uns alle vierfüßigen Tiere; denn auch sie leben vom Wasser, vom Land und von der Luft. – Allein die Sache verhält sich sehr anders. Die Ziege kann ins Wasser gehen und da, gleich den Gänsen bei euch, herumschwimmen und allda die häufig vorkommenden Wasserkräuter verzehren. Dieses wäre noch nicht so merkwürdig, denn auch auf der Erde gibt es vierfüßige Tiere, welche sehr gute Schwimmer sind und denen auch die Wasservegetation gar wohl mundet. Dieses Tier aber kann sich auch frei in die Luft erheben und fängt allda, sich hurtig nach allen Seiten bewegend, die vom Wind getragenen Blätter wie auch noch sonstige plötzliche Luftvegetationen ab und verzehrt sie. Denn solches muss noch hinzubemerkt werden, dass die Luft dieses Planeten von allerlei seltenen meteorischen Erscheinungen überfüllt ist und nicht leichtlich ein Tag verstreicht, wo nicht entweder ganze Wolken von fremdartigen Pflanzen, Samenkörnern, fremdartigen Tieren und dergleichen mehreres auf kurze Zeiten diese Luft erfüllen. Diese meteorischen Erscheinungen aber fallen jedoch selten auf den Boden, sondern schwimmen in der Luft ganz behaglich fort, welches allda umso leichter der Fall ist, weil die Luft dieses Planeten viel intensiver und schwerer ist als die Luft eures Erdkörpers.
NS|0|58|4|0|Wenn demnach dieses Tier eine frugale Luftpromenade machen will, so bläht es seinen Bauch durch die Entwicklung einer inneren Luft recht auf, dirigiert sich dann mit seinen leichten Füßen nach allen möglichen Richtungen und befindet sich allda am besten, wo es in eine solche meteorisch planetarische Wolke kommt. Hat es sich allda satt angefressen, sodann segelt es wieder seiner Heimat zu und hat sich zwischen seinen beiden Steißkegeln auch noch einen kleinen Vorrat mitgenommen.
NS|0|58|5|0|Dieses Tier ist sonst überaus gutmütiger Art, hat aber dessen ungeachtet mehrere tierische Feinde. Diese Feinde aber werden dieses Tieres, wenn es dieselben nur frühzeitig genug erspäht hat, nicht leichtlich Meister. Denn beim Anblick eines oder des anderen Feindes erhebt es sich schnell in die Luft, schwimmt dann in derselben eiligst seinen Feinden zu und stößt dann mit seinen Hörnern mit großer Behändigkeit von der Luft herab auf seine Feinde. Wenn die von geringem Kaliber sind, so fasst es dieselben wohl auch mit seinen festen Zehen, trägt dieselben dann schwindelnd hoch in die Luft und lässt sie dann fallen. Die Feinde wissen und merken aber solches auch; daher machen sie sich auch alsbald aus dem Staub, sobald sich dieses Tier anfängt in die Luft zu erheben.
NS|0|58|6|0|Den Menschen aber ist dieses Tier überaus zugetan, tut ihnen nie etwas zuleide und kostet sie auch so viel wie nichts. Bei einer Haushaltung geschieht es dann nicht selten, dass sich mehrere Hunderte solcher Tiere aufhalten und den Einwohnern einen reichlichen Unterhalt verschaffen. Diese Tiere verlassen eine Haushaltung nicht leichtlich; es müsste nur sein, dass ein Mensch eines oder das andere dieser Tiere getötet hätte. Dann ist es aber auch auf längere Zeit aus; denn da begeben sich sobald sämtliche Tiere, und wenn es deren mehrere Hundert an der Zahl wären, von solch einer Haushaltung [hinweg] und bereichern dadurch eine andere.
NS|0|58|7|0|Die Farbe dieses sicher sehr denkwürdigen Tieres ist im Allgemeinen grünlichrot; die größeren Haarwüchse sind dunkelblau, die Borsten und der Schweif, die Steißkegel und der Hals sind blendend weiß, so wie die drei Hörner auf dem Haupt.
NS|0|58|8|0|Ein ferneres eben auch sehr denkwürdiges Haustier ist der alldort sogenannte Bodendrucker. Dieses Tier hat ungefähr die Gestalt eines Elefanten bei euch; nur sind seine Füße, wie auch sein Rüssel, anders beschaffen als die eines Elefanten bei euch; denn die Füße sehen so aus, als wären dem Tier vier Kegel angehängt, deren breite Teile zuunterst, und deren Spitzen aber mit dem Leib so verbunden wären, als wären sie in denselben hineingesteckt. Der sonstige Leib aber hat, bis auf das zehnmal größere Volumen, vollkommene Ähnlichkeit mit einem Elefanten bei euch. Der Kopf gleicht bis auf den Rüssel ebenfalls dem Kopf eines eurer Elefanten; nur der Rüssel ist im Verhältnis etwas kürzer und am Ende noch einmal so breit wie am Kopf, von dem er als eine verlängerte Nase ausgeht. Also sähe demnach dieses Tier aus.
NS|0|58|9|0|Warum hat es aber den Namen „der Bodendrucker“? In diesem Namen besteht zum meisten Teile auch die Nützlichkeit dieses Tieres. Denn allda, wo es sich aufhält, stampft es den Boden ganz eben und ruht nicht eher, bis es eine Fläche, die es sich zu seiner Wohnung ausersehen hat, vollkommen ebengestampft hat.
NS|0|58|10|0|Dieses Tier wird ebenfalls gezähmt und wird von den Bewohnern bei Gelegenheit der Erbauung ihrer einfachen Wohnhäuser gewisserart als Grundsteinleger gebraucht, bei welcher Gelegenheit die Menschen nur eine Furche ziehen dürfen, insoweit sie einen vollkommen ebenen Grund haben wollen. Wenn ein und das andere Tier dann auf eine solche befurchte Stelle hingeführt wird, so beginnt es sogleich den Boden zu ebnen, wühlt da mit seinen zwei geraden, langen Fangzähnen und mit seinem sehr kräftigen Rüssel das Erdreich auf und planiert auf diese Weise – trotz einem mathematischen Baumeister – die vorgezeigte Fläche. Ist die Fläche einmal locker planiert, alsdann geht das Stampfen an. Durch dieses Stampfen wird ein solcher Boden so eben und fest gemacht, dass fürs Erste sogar eine Wasserwaage, darauf gelegt, sicher das Medium halten würde; und fürs Zweite, was die dadurch bewirkte Festigkeit des Bodens betrifft, da würdet ihr mit euren Krampen und Picken zu tun haben, um denselben wieder aufzulockern.
NS|0|58|11|0|Dieses Tier ernährt sich ebenfalls von Kräutern und Wurzeln und hat ausnahmsweise beinahe keine Feinde, bis auf einige manchmal vorkommende Insekten. Seine Farbe ist fahlgrün. Und da sich von diesem Tier nichts mehr von Bedeutung erwähnen lässt, so wollen wir zu dem nützlichsten, zugleich aber auch merkwürdigsten Haustier dieses Planeten übergehen.
NS|0|59|1|1|Die Miron-Kuh
NS|0|59|1|1|(Am 31. Oktober 1842 nachmittags von 4 bis 5 1/2 Uhr.)
NS|0|59|1|0|Was ist das für ein Tier? Es ist kein anderes, als was da ist die Kuh bei euch, nur sieht sie bei weitem anders aus als die Kuh bei euch auf der Erde; also übertrifft auch ihre Nützlichkeit ums Vielfache und Mehrseitige die Nützlichkeit eures gleichen Tieres auf der Erde. Damit wir uns aber von allem einen hinreichenden Begriff machen können, was alles da dieses Tier betrifft, so wird es vor allem notwendig sein, uns auch hier vorerst mit der Gestalt dieses Tieres bekannt zu machen.
NS|0|59|2|0|Wie sieht demnach dieses Tier aus? Fürs Erste, was da betrifft seine Größe, so misst es vom Steiß angefangen bis zum Scheitel des Kopfes zwanzig Klafter und vom Fußtritt bis zur Höhe des Rückgrates zehn. Der Mittelleib dieses Tieres zeichnet sich ebenfalls durch einen beinahe unverhältnismäßig großen Bauch aus. Die Füße aber sind im Verhältnis nahe also, wie bei der uns schon bekannten Ziege mehr schwach und mager. Am Steiß sitzt ein langer, buschiger Schweif, der durchaus mit Mähnen, beinahe also wie bei einem Pferd bei euch, bewachsen ist. Der Rücken dieses Tieres ist fast kamelartig; nur ist er nicht so plötzlich aufgebogen wie bei einem Kamel, sondern allmählich vom Steiß angefangen, und verliert sich also wieder abnehmend bis zur Schultergegend der beiden Vorderfüße. In der Gegend der beiden Schultern erheben sich zwei oval zusammengedrückte Kegel, ungefähr eine halbe Klafter über den Rücken, und geben dadurch dem Tier ein etwas schroffes Ansehen; denn wenn das Tier geht, so bewegen sich auch diese zwei zusammengedrückten Ovalkegel stets verschoben kreuzweise für einander.
NS|0|59|3|0|Gleich über den Schultern hinaus erhebt sich ein von oben bis unten breiter, aber bezüglich des ganzen Leibes recht schmaler Hals, auf welchem ein verhältnismäßig großer Kopf sitzt, welcher nahe das Aussehen hat wie der Kopf eines Maulesels bei euch, nur ist er verhältnismäßig groß. Auf dem Kopf hat dieses Tier nur ein Horn; dieses aber ist aufrechtstehend und nicht so von der Stirn nach vorwärts auslaufend, wie es bei euch auf der Erde bei den selten gewordenen Einhörnern der Fall ist. Auf diesem Horn sitzt eine vollkommen runde Knolle wie eine Kugel, etwa eine Klafter im Umfang habend, und ist von einer sehr harten Masse, etwa so wie der Quarz bei euch. Dieses Horn ist an der Stirn, an seinem Fuß eigentlich, mit einem starken, etwas struppigen Mähnenbusch umwachsen. Unter diesen Mähnen erst sind zwei große und feurige Augen, welche an der Schärfe alle anderen tierischen Augen übertreffen. Die Zunge dieses Tieres ist im ausgestreckten Zustand über eine Klafter lang, das heißt über den Rachen hinaus, und ist ganz stachelig, etwa so wie die Haut eines Igels bei euch. Mit dieser stacheligen Zunge kann dieses Tier seine Nahrung bequem und fest ergreifen, sie dann hineinziehen in seinen Rachen, da zwischen den starken Druckzähnen zermalmen und sodann zu seiner Ernährung verschlingen.
NS|0|59|4|0|Was die Behaarung des ganzen übrigen Leibes betrifft, so hat er bis auf die Extremitäten die schönste, feinste und reichste Wolle zu seiner Behüllung; nur die Füße, die beiden schon benannten Kegel über den Schultern und die Ohren sind kurzhaarig. Dieses Tier ist in diesem Planeten das einzige, welches ungefähr solche Klauen hat wie eine Hirschkuh bei euch. Etwas vor den zwei Hinterfüßen, am Bauch, befindet sich ein verhältnismäßig großes Euter, welches bei diesem Tier mit sechs Zitzen versehen ist, welche aber nicht in zwei Reihen, sondern in einer Linie fortgehen. Die Wollfarbe dieses Tieres ist ganz weiß, die am Schweif und am Horn vorkommenden Mähnen aber sind dunkelbraunrötlich; die kurzbehaarten Teile aber sehen fahl aus. Also hätten wir die ganze Gestalt dieses Tieres vor uns.
NS|0|59|5|0|Wenn wir dieses Tier betrachten, wie es sich nun gestaltlich vor uns befindet, da muss ein jeder von euch sagen: Dieses Tier scheint wohl nützlich zu sein; aber etwas Außerordentliches und Denkwürdiges sieht doch nirgends heraus. – Allein Ich sage hier, wie ihr zu sagen pflegt: Obschon zwar nicht alles Gold ist, was da glänzt, so kann aber auch ebenso gut recht vieles Gold sein, was nicht glänzt. Denn wer das Gold glänzend haben will, muss es ebenso gut zuvor polieren wie ein anderes Metall. Also wollen wir uns auch an die Politur dieses Tieres machen, und es wird sich da wohl zeigen, wie viel des merkwürdigen Goldes hinter ihm steckt. Wir wollen daher auch zuerst das Denkwürdige und wahrhaft in das Wunderbare gehende dieses Tieres in den Augenschein nehmen, bevor wir die vielseitige Nutzwirkung ebendieses Tieres betrachten wollen.
NS|0|59|6|0|Die erste Merkwürdigkeit dieses Tieres besteht darin, dass es sich mit dem Menschen dieses Planeten förmlich durch eine Art Sprache verständigen kann. Diese Sprache besteht in Zeichen, welche dieses Tier mittels seiner Vorderfüße tut, und dieselben dann mit der Mimik seines Kopfes, seiner Zunge und seiner Augen begleitet. Ihr müsst nicht glauben, dass solches dem Tier erst eingelernt werden darf, etwa auf die Art, wie ihr auf eurer Erde so manches Tier lehrt, sondern solches ist dem Tier schon von Grund an eigen. Diese Fähigkeit wird freilich wohl durch einen zeitgemäßen Umgang mit Menschen sehr erhöht; aber gelehrt braucht sie auf keinen Fall zu werden.
NS|0|59|7|0|Diese Tiere sind dadurch auch für allerlei künftige Erscheinungen die verlässlichsten Propheten. Und wenn sie in ihrer Eigentümlichkeit durch den Umgang mit Menschen es zur größeren und größeren Fertigkeit gebracht haben, so bestimmen sie künftige Erscheinungen wie etwa große Ungewitter, große Luftverfinsterungen durch allerlei meteorische Gebilde, große Erdbeben, zukünftige Entstehungen von den blitzenden Bäumen und dergleichen mehr, was diesen Planeten betrifft, nahe bis auf eine Sekunde voraus.
NS|0|59|8|0|Aus diesem Grunde aber haben die Menschen dieses Planeten vor diesem Tier auch eine ganz besondere Achtung, welche sich hier und da sogar in eine Art Abgötterei verloren hat. Allein da die Bewohner dieses Planeten auch im Konflikt [in Verbindung] mit der Geisterwelt ihres Planeten stehen, so ist eine solche Abgötterei nie von langer Dauer, sondern gleicht vielmehr einem kurzen Übergang, der da ähnlich ist der Begeisterung so mancher albernen Dichter bei euch, die da nicht selten vor einer aus Holz oder Stein geschnitzten Statue Lieder schreien, als ständen sie vor einem Engelsgeist des dritten Himmels. Solches ist ebenfalls eine Abgötterei; aber, wie ihr es schon zu öfteren Malen werdet erfahren haben, eben nie von zu intensiver und zu langer Dauer. So ist es auch auf diesem Planeten umso mehr der Fall, allda sie immer mehr einer starken Verwunderung über die Fähigkeiten dieses Tieres gleicht, als einer Abgötterei.
NS|0|59|9|0|Seht, diese Eigenschaft des Tieres übertrifft schon sicher alle anderen Eigenschaften der Tiere, die wir bisher haben kennengelernt. Hat dieses Tier noch mehrere denkwürdige und wunderbare Eigenschaften? O ja; hört nur weiter!
NS|0|59|10|0|Die zweite wunderbar merkwürdige Eigenschaft dieses Tieres besteht darin, wie es seinen Feinden begegnet, deren es auch eine Menge zählt. Wie verteidigt es sich denn gegen seine Feinde? Fürs Erste merkt dieses Tier genau, wo ein Feind seiner lauert. Wie irgend aber solches der Fall ist, da streckt es seine stachelige Zunge aus dem Rachen und geht schnurgerade auf seinen Feind los. Dadurch, dass es die Zunge hinausgestreckt hat, hat sich dieses Tier, zufolge seiner innern Organisation, mit einer ungeheuren Masse von positiver Elektrizität gefüllt. Merkt das Tier nun, dass es vollgeladen ist, sodann macht es seinen Rachen zu, nachdem es die Zunge zuvor eingezogen hat, kehrt sein Kugelhorn gegen den Feind und lässt alsbald die volle elektrische Ladung von diesem seinem Kugelhorn auf den Feind losbrechen, der bei dieser Gelegenheit, wenn schon nicht ganz getötet, aber dennoch von dem außerordentlich heftigen elektrischen Schlag so gedemütigt wird, dass er sicher auf der Stelle seinen Lauerplatz verlässt und nicht leichtlich einen zweiten Versuch mehr wagt, sich diesem Tier feindlich zu nähern. Das wäre sonach eine zweite, sicher denkwürdige Eigenschaft dieses Tieres.
NS|0|59|11|0|Die dritte merkwürdige Eigenschaft dieses Tieres aber besteht darin, dass es die Bewohner, wenn sie von ihm die Milch haben wollen, nie zu melken brauchen. Sie brauchen nur ein Gefäß hinzustellen, und sobald tritt dieses Tier mit seinem milchreichen Euter über das Gefäß und lässt anfänglich freiwillig seine Milch aus seinen Zitzen in das Gefäß; ist aber das Euter nicht mehr so voll, dass die Milch nicht gewisserart freiwillig den Zitzen entträuft, sodann melkt sich das Tier mit seinen Vorderfußklauen bis auf den letzten Tropfen aus, indem es geschickterweise seine Zitzen zwischen die zwei Klauen fasst und dann behutsam abstreift; und hat es sich vollends ausgemolken, sodann zeigt es dies den Menschen an, die dann das Gefäß mit der Milch nehmen und es zu ihrem Gebrauch verwenden können.
NS|0|59|12|0|Eine vierte denkwürdige Eigenschaft dieser Tiere besteht darin, dass sie bei Gelegenheit großer Stürme lebendige Blitzableiter bilden. Denn dieses Tier hat die natürliche Anhänglichkeit zum Blitz. Wenn da irgend mit der Elektrizität schwer beladene Wolken daherziehen, so stellen sich diese Tiere gesellschaftlich auf einem höheren Punkt auf, strecken da ihre Zunge gegen die Wolke und entladen dadurch dieselbe nicht selten gänzlich von ihrer Elektrizität; entladen aber dann dieselbe nie plötzlich durch das Horn, sondern lassen sie allmählich durch die beiden Schulterkegel ausströmen, welche zu diesem Behuf den Tieren eigen sind. Vermöge dieser Eigenschaft sind diese Tiere auch die besten Nachtwächter menschlicher Wohnungen dieses Planeten. Denn zur Nachtzeit ist es, außer einem bekannten Menschen, nicht ratsam, sich einem solchen Haus zu nahen. Wer solches täte, setzte sich der größten Gefahr aus, vom Blitz entweder erschlagen oder aber zum Wenigsten doch sehr beschädigt zu werden.
NS|0|59|13|0|Dass dieses Tier vermöge solcher Eigenschaften noch zu manchem verwendet wird, lässt sich aus dem bereits Bekannten wohl sehr leicht schließen. Dass es zum Beispiel bei den Jagden, die da häufig vorkommen, nicht fehlt, und bei noch so manchen anderen Gelegenheiten, könnt ihr euch leicht denken. Und so denn haben wir mit der Betrachtung der merkwürdigen Eigenschaften dieses Tieres auch schon dessen Nützlichkeit gar wohl wahrgenommen. Es braucht nur noch hinzu erwähnt zu werden, dass es mittels seiner reichlichen Wolle die Menschen mit der besten Kleidung versieht, so haben wir das ganze, nützliche Tier vor uns; und wollen uns daher für das Nächste zu den Zweifüßlern wenden, nachdem wir noch zuvor einen ganz kleinen Überblick über das noch andere Tierreich werfen werden. Und somit gut für heute!
NS|0|60|1|1|Ein kurzer Überblick über die Tierwelt auf dem Miron. Die zweifüßigen Tiere
NS|0|60|1|1|(Am 2. November 1842 von 4 bis 5 3/4 Uhr abends.)
NS|0|60|1|0|Wir haben schon bei der Gelegenheit der Darstellung des Planeten Saturnus recht klärlich dargetan vernommen, dass in einem jeden Planeten, der zu einer und derselben Sonne gehört, sich ähnliche oder verwandte Dinge vorfinden, also wie sie vorhanden sind auf einem oder dem anderen Planeten. Somit könnt ihr auch füglich annehmen, dass auf diesem Planeten, den wir soeben vor unseren Augen haben, auch sicher ähnliche Tiere eurer Erde vorkommen, welche freilich wohl in den einzelnen Teilen sich von den eurigen unterscheiden, sowohl in der Gestalt als in der Größe und Farbe; dessen ungeachtet aber würdet ihr eben nicht mit zu großer Schwierigkeit diejenigen Tiere dieses Planeten bald herausfinden, welche mit denen eures Erdkörpers verwandt sind. Aber nicht nur die Tiere eures Erdkörpers, sondern auch die Tiere anderer Planeten existieren hier unter manchen Abartungen, sowohl der Größe als der Form und der Farbe nach.
NS|0|60|2|0|Ja es fehlt hier sogar das Mud des Saturnus nicht und bewohnt ebenfalls nur einige Inseln außerhalb des eigentlichen Kontinentallandgürtels; aber es ist ein großer Unterschied bezüglich der Größe zwischen dem Mud des Planeten Miron und dem des Planeten Saturnus. Denn auf dem Planeten Miron ist dieses Tier kaum zwanzigmal so groß als etwa ein Elefant bei euch. Wenn ihr das gegeneinanderhaltet, so wird euch der Unterschied sicher auffallend sein.
NS|0|60|3|0|Also gibt es auch noch andere Tiere; aber wie schon gesagt, mit so mancher Veränderung, welches alles kundzugeben für unseren Zweck dieser Mitteilung zu viel Zeit benötigen würde. Denn auf diesem Planeten gibt es über einmalhunderttausend Tiergattungen der alleinigen Vierfüßler, welche nicht der Metamorphose unterliegen. Denkt euch erst das Heer derjenigen Tiere, die man alldort die Übergangstiere nennt; endlich das eben sehr zahlreiche Reich der Zweifüßler. Daraus wird euch wohl klar werden, welche Zeit es dazu benötigen würde, um jede Gattung dieser Tiere beschaulich darzustellen. Daher genüge für das gesamte Tierreich dieser allgemeine Überblick und zugleich die Versicherung, dass es beinahe auf keinem Planeten also wie auf diesem wesenbunt zugeht, ohne dass darum der Mensch in was immer für einer Sphäre seines Dortseins und Wirkens beeinträchtigt wird. Denn des Platzes gibt es eine Menge, und das von großer Ausdehnung, von dem allein solche Tiergenerationen Besitz nehmen können. Besonders dienen dazu die transmontanischen [jenseits der Gebirge liegenden] Ufergegenden der Meere, an denen es wahrhaft wimmelt von Wesen aller Art, welche nur selten, und manche gar nie, über die beiden großen Gebirgszüge kommen, um im eigentlichen, für Menschen bewohnbaren Land ihre Wohnung aufzurichten; und kommen auch manchmal einige über diese Gebirge, so werden sie als Fremdlinge auch gar bald wieder von den landeinheimischen Tieren zum Rückzug genötigt.
NS|0|60|4|0|Da wir somit mit den Vierfüßlern nichts Besonderes mehr unternehmen wollen, so wenden wir uns sogleich zu den Zweifüßlern hinüber. Ihr werdet hier wohl fragen und sagen: Was Wunder müssen denn das für Tiere sein? Sind es Vögel oder Affen? Denn diese zwei Tiergattungen sind wohl so beschaffen, dass sich der Vogel auf zwei Füßen bewegen muss, und der Affe sich zumeist auf seinen zwei Hinterbeinen bewegen kann.
NS|0|60|5|0|Ich sage euch aber: Mit den Zweifüßlern hat es hier eine ganz andere Bewandtnis; denn sie sind weder Vögel noch Affen. Ihr werdet euch vielleicht hier denken, dass darunter etwa gar eine Art Viertel-, Drittel- oder Halbmenschen sind? Auch dieses ist nicht der Fall; denn diese Tiere haben nicht selten mit dem Menschen die allergeringste Ähnlichkeit. Jetzt fragt es sich erst, was denn das eigentlich für Tierwesen sind? Seht, da auf diesem Planeten schon alles einen gewissen wunderbaren Anstrich hat, so ist solches auch mit dieser nur allein diesem Planeten eigentümlichen Tiergattung der Fall, und hat einen ähnlichen etwas wunderbaren Anstrich.
NS|0|60|6|0|Damit wir aber, wie ihr zu sagen pflegt, auf einen Hieb einen Baum zum Falle bringen und gleich einem Helden Makedoniens einen verworrensten Knoten lösen, so sage Ich euch, um diese Tiergattung mit einem Strahl zu beleuchten, dass sie im Grunde nichts anderes ist als eine Wiederholung sämtlicher vierfüßiger Tiere, die sich aber statt auf vier Füßen allein nur auf zwei Füßen bewegen.
NS|0|60|7|0|Was die Körper anbetrifft, so besteht in den Formen bloß darin ein Unterschied, dass dieselben durchaus mehr als ums Fünffache kleiner sind als die der eigentlichen Vierfüßler, und dass die zwei Füße natürlicherweise etwas verschiedener sind als entweder die Vorder- oder Hinterfüße der Vierfüßler. Denn fürs Erste sind die zwei Füße im Vergleich durchaus stärker als bei den Vierfüßlern; und fürs Zweite sind die Tritte der Füße gedehnter und ausgezeichneter; sind aber dessen ungeachtet von den Füßen des Menschen dadurch allgemein unterschieden, dass sie die Knie ihrer Füße nach rückwärts haben, während sie der Mensch nach vorwärts hat.
NS|0|60|8|0|Ein besonders merkwürdiger Unterschied der Füße dieser Zweifüßler von den Füßen der Vierfüßler besteht darin, dass die Füße dieser Zweifüßler entweder vom Bauch bis zum Knie mit einer sehr leichten und dehnbaren Haut verbunden und somit gewisserart zusammengewachsen sind, welche Haut aber dessen ungeachtet diese Tiere nicht im Geringsten in ihrem Gehen beirrt. Zu welchem Behuf diesen Tieren solche Haut ist, wird sich im Verfolg ganz klar zeigen. Wenn diese Tiere große, weitgedehnte, vogelartige Krallentritte haben, so sind diese Krallen mit einer solchen Haut verbunden, und die Füße aber damit nur bis zum Knie.
NS|0|60|9|0|Diejenigen Tiere, deren Füße bis zum Tritt mit der Haut verbunden sind, sind in der Gegend, allda der Hals den Leib verlässt, mit verhältnismäßig großen und starken Fächerarmen versehen, nicht unähnlich den Flossen der Fische bei euch. Diejenigen Tiere aber, die da nur bis zum Knie mit der Haut bewachsen sind, da sie behäutete Krallen besitzen, haben diese Fächerarme nicht, dafür aber einen ziemlich langen, ebenfalls fächerartigen Schweif.
NS|0|60|10|0|Warum sind denn sonach diese Tiere so eingerichtet? Diese Tiere sind darum so eingerichtet, weil sie samt und sämtlich Bewohner sowohl des Landes als auch der Luft sind, fast auf dieselbe Weise wie bei euch die Fledermäuse und noch andere Flattertiere. Alle diese Tiere können sich, zufolge einer in ihrem Organismus entwickelten, überaus feinen und leichten Luftgattung, gleich euren Ballonen in die auf diesem Planeten am meisten intensive Luft erheben, so können sie mittels dieser Zwischenfußhaut und der Fächerarme, oder mittels der Krallenhäute und des Fächerschweifes, in der Luft sich also nach allen Richtungen geschickt bewegen wie alle die Flattertiere bei euch.
NS|0|60|11|0|Ihr werdet hier wohl fragen: Was haben denn diese Tiere eigentlich für einen Zweck auf diesem Planeten? – Einen sehr bedeutenden. Denn fürs Erste bilden sie in metaphysischer Hinsicht die Übergangsstufe vom eigentlichen Tierreich bis zum Menschen. Fürs Zweite aber sind sie in naturmäßiger Hinsicht die in diesem Planeten allernotwendigsten und allerbewohntesten [allerbewährtesten?] Luftreiniger. Denn wie sehr die Luft dieses Planeten nicht selten bis zu einer Höhe von fünfzig bis hundert deutschen Meilen mit allerlei meteorischen und zugleich metamorphosischen Tier- oder mitunter auch Pflanzenwesen erfüllt und belebt ist, ist zum Teil schon erwähnt worden. Aber es bleibt uns noch dessen ungeachtet ein Bedeutendes zu erwähnen übrig, und ihr könnt es mit größter Zuversicht annehmen, dass sich dergleichen Erscheinungen besonders gegen die Abendzeit so anzuhäufen anfangen, dass darob die Sonne so gänzlich verfinstert wird, wie solches bei euch noch gar nie, außer einer totalen Finsternis, bemerkt wurde. Wenn denn eine solche meteorische oder metamorphosische Erscheinung im Anzug ist, sodann erheben sich auch sobald Millionen solcher Tiere mit ungemeiner Steigschnelligkeit von den Gebirgen, manchmal auch mehr unwirtbaren Tälern und Gräben, und erreichen gar bald eine solche entweder meteorische oder metamorphosische Wolke. Dass diese Tiere hier eine ihnen wohlschmeckende Mahlzeit halten, braucht kaum erwähnt zu werden; und sie speisen nicht selten eine über hundert Kubikmeilen inhaltsschwere schon besagte Wolke in einem Zeitraum von wenigen Stunden beinahe ganz rein auf. Dass solches dann für die Menschen eine große Wohltat ist, braucht ebenfalls kaum erwähnt zu werden.
NS|0|60|12|0|Auch das auf diesem Planeten fast durchgängig metamorphosische Reich der Vögel, welches ebenfalls in jeder Hinsicht sehr reichhaltig ist, wird von diesen Gästen in gehörigem Zaume gehalten.
NS|0|60|13|0|Ihr werdet hier fragen: Fallen aber diese sonderbaren Zweifüßler nicht auch mitunter den Menschen zur Last? – O nein! Denn diese Tiere sind überaus scheu und bewohnen daher stets nur solche Punkte, Plätze und Gegenden des Landes dieses Planeten, die sonst für Menschen und auch andere Tiere fürs Erste nicht leicht zugänglich sind, und woselbst sie fürs Zweite auch noch zugänglich sind, so erscheinen sie aber allzeit in einer solchen unwirtbaren Nacktheit, dass Menschen und andere Wesen hier nicht viel zu suchen haben.
NS|0|60|14|0|Somit wären wir auch mit dieser Tiergattung fertig und wollen uns daher zum Menschen dieses Planeten wenden.
NS|0|61|1|1|Die Menschen des Miron und ihre Häuser
NS|0|61|1|1|(Am 3. November 1842 von 3 3/4 bis 5 1/2 Uhr abends.)
NS|0|61|1|0|Was die Menschen dieses Planeten betrifft, so sind sie nicht so groß wie die Bewohner des Planeten Saturnus, aber doch wieder größer als die des Planeten Uranus, obschon sie unter sich selbst bedeutenden Größenvariationen unterworfen sind. So gibt es Menschen, die nicht selten eine Höhe von vierzig Klaftern, und wieder Menschen, die oft kaum eine Höhe von etwas über zwanzig Klaftern erreichen. In dieser Hinsicht gleicht dann dieser Planet beinahe eurer Erde, allda es auch für das Verhältnis menschlicher Leibesgrößen sehr verschiedene Varianten gibt. Also ist es auch der Fall mit dem weiblichen Geschlecht auf unserem Planeten Miron.
NS|0|61|2|0|Was hernach die körperliche Form betrifft, so ist sie gewöhnlich von sehr schöner Art, obschon es auch hier bedeutende Abweichungen gibt. Um uns also von der Gestalt der Menschen dieses Planeten einen möglichst vollkommenen Begriff in aller Kürze machen zu können, wollen wir uns an die Mittelklasse in jeder Hinsicht halten; denn von diesem Standpunkt aus werden sich dann ohnehin auf eine leichte Weise alle möglichen Nebenlinien erkennen lassen. Und so wollen wir fürs Erste den Mann von dreißig Klaftern Höhe und das Weib von etwa achtundzwanzig Klaftern in den Augenschein nehmen.
NS|0|61|3|0|Wie sieht denn der Mann aus? Der Mann hat ein ziemlich ernstes, aber durchaus nicht abstoßendes Aussehen. Seine Gliedmaßen sind männlich vollkommen nach der Art eines vollkommenen Mannes bei euch. Sein Haupt ist mit langen, zumeist ringelartig gelockten Haaren versehen, welche von dunkelgrüner Farbe sind. Die Hautfarbe des Mannes ist weiß, hier und da nur ein wenig ins Lichtgrüne übergehend. Die Lippen sind zwar rot, schillern aber auch etwas ins Grüne. So sind auch die Augen niemals blau oder grau, sondern variieren in der grünen Farbe. Der reichliche Kinnbart des Mannes ist ebenfalls grün; nur ein wenig blasser als die Kopfhaare. Also sind auch die Nägel an den Fingern also aussehend wie ein recht starkes grünes Glas; während die Finger gewöhnlich vollkommen weiß sind, wenn sie übrigens reinlich gehalten werden, was in diesem Planeten zwar zuallermeist der Fall ist. Die Zähne im Mund sind also bläulich wie eine Perlenmutter bei euch und schillern ganz sanft in verschiedenen Färbungen. Die Stimme des Mannes ist sehr wohlklingend, aber gewöhnlich sehr tief, so dass sein gewöhnlicher Redeton sich beständig in der tiefsten Region eurer Kontratöne bewegen dürfte, und das in einer für eure Ohren so sonoren Stärke, dass ihr ihn in einer Entfernung von zwei bis drei Meilen noch gar wohl einem Donner ähnlich vernehmen würdet. Obschon aber auch das Weib ziemlich tief spricht, so ist aber dennoch ihre Stimme angenehmer und gewisserart biegsamer als die des Mannes, und ist daher besonders für das männliche Geschlecht dieses Planeten überaus anziehend; solches noch umso mehr aus dem Grunde, weil dieser Planet gewisserart die eigentliche Heimat der Tonkunst ist nicht nur allein mittels der verschiedenartigen und beugsamen Menschenstimmen, worunter sich freilich wohl die weiblichen am meisten auszeichnen, sondern auch durch mannigfaltige musikalische Instrumente, die wir erst am rechten Platz werden näher kennenlernen.
NS|0|61|4|0|Also hätten wir gesehen, wie der Mann aussieht, und zwar in seinem nackten Zustand; also wollen wir auch das Weib unbekleidet betrachten. Es dürfte vielleicht einer oder der andere fragen, warum denn nicht auch die Kleidung zugleich mit der dargestellten Gestalt? Der Grund liegt darin: Weil hier die Kleidung fast so wie bei euch verschiedenartig ist, so lässt sich also wie auf einem anderen Planeten darüber nicht eine feste Form aufstellen. Denn auch hier tragen die Männer nach Verschiedenheit des Landes und ihrer Sitten verschiedene Röcke, Mäntel, Beinkleider, Schuhe und Hüte, und also auch das Weib. Wollt ihr demnach einen bekleideten Menschen entweder männlichen oder weiblichen Geschlechts vor euch haben, so müsst ihr ihn schon selbst anziehen, welches euch eben nicht gar zu schwer werden dürfte. Ihr dürft zu dem Behuf nur die besseren europäischen und asiatischen Nationaltrachten, freilich wohl im vergrößerten Maßstab, auf die Bewohner dieses Planeten übertragen, so habt ihr sie dann auch bekleidet vor euch. Und da wir solches wissen, so können wir füglichermaßen ohne Bedenken uns einem nackten Weib nahen und dasselbe beschauen nach seiner Art.
NS|0|61|5|0|Das Weib ist gewöhnlich von ungemein schöner Art, ja manchmal von wunderbarer Schönheit. In der Physiognomie des Weibes spricht sich eine wunderbare Süße und Anmut aus; Rundung, Weichheit und Zartheit sind die beinahe niemals mangelnden Auszeichnungen des weiblichen Körperbaues. Die Haut ist ungemein zart und von blendend weißer Farbe, etwa wie frisch gefallener Schnee auf einer Alpe bei euch, nur die Wangen gehen zumeist ins sanft Grünrötliche über. Die Haare sind schwarzgrün und schillern bei Licht wie eine Pfauenfeder bei euch; so sind auch die Dunstlocken unter den Armen ausgezeichnet und schillern wie Diamanten; also sind auch die Schamlocken. Die Nägel an den Fingern sind äußerst lebhaft grün und sind glänzend wie fein poliertes Glas, welches sich auf den überaus weißen und runden Fingern bei den Weibern dieses Planeten überaus gut ausnimmt.
NS|0|61|6|0|Das Antlitz dieser Weiber hat zumeist diejenige Form, die ihr nach euren Grundsätzen zu der schönsten rechnet. Eine glatte, hohe Stirn, ziemlich starke Augenbrauen, große und sehr lebhafte Augen, deren Pupille ein feuervolles Grün mit manchmal rot durchbrechenden Strahlen spielt. Die Nase ist gerade und allenthalben sanft abgerundet. Also ist auch der Mund im rechten Verhältnis zu allen übrigen Teilen. Das Kinn ist weder zu spitz noch zu breit, sondern es hat mehr eine vollkommene eiförmige Gestalt, in der Mitte mit einer mäßigen Einbiegung versehen.
NS|0|61|7|0|Der Hals ist mittelmäßig lang und rund; der Nacken vollkommen, dass da nirgends irgendein Knochenaufdruck zu bemerken ist. Die Brust ist überaus voll. Und unter der Brust wird das Weib bis an die Hüfte schlank; dann aber wird es wieder sehr zunehmend und ist in der Gegend der Schenkelgelenke so breit wie breit da ihre Schultern sind, das heißt von einer Schulterlinie über den Rücken zur anderen. Dass auch die Füße in der Ordnung sind, braucht kaum erwähnt zu werden.
NS|0|61|8|0|Nun mögt ihr das Weib noch nach eurem Belieben bekleiden, so könnt ihr euch dann schon einen Begriff machen, wie da ein so recht wohlgekleidetes Frauenzimmer aussieht. Nur müsst ihr sie nicht etwa zu einer Pariser Putzdocke machen, sondern, wie gesagt, nach irgendeiner Nationaltracht der Landvölker müsst ihr sie kostümieren.
NS|0|61|9|0|Nun hätten wir den Menschen vor uns. Dieser Mensch aber hat noch keine Wohnung. Somit wird es vor allem notwendig sein, ihm auch eine Wohnung zu geben. Denn die Menschen dieses Planeten wohnen so gut wie ihr in Häusern. Also ist es nur notwendig, zu besehen, wie die Häuser aussehen; ob sie einzeln oder vergesellschaftet, wie etwa die Dörfer bei euch, beisammenstehen; und wir haben dann unsere schönen und großen Menschen dieses Planeten schon mit Wohnung versorgt.
NS|0|61|10|0|Wie sehen denn die Häuser aus? Die Häuser sehen hier beinahe gerade so aus wie bei euch; nur haben sie nie mehrere Stockwerke, sondern allein das Erdgeschoß, und sind nie höher als höchstens anderthalbmal so hoch der Wand nach als wie groß da ist der Mann. Die Dächer sehen ebenfalls so aus wie die Dächer eurer Landwohnhäuser; nur sind sie etwas zugespitzter als bei euch, etwa so wie die Dächer gotischer Bethäuser.
NS|0|61|11|0|Ein Haus hat nie mehr als drei Zimmer; eines zur Bewohnung des weiblichen Geschlechts und eines, welches gewöhnlich das mittlere ist, zur allgemeinen gegenseitigen Konversation. Wie groß sind denn solche Zimmer? Im Verhältnis zu den Menschen dieses Planeten nicht zu groß und nicht zu klein. So groß aber ist jedes, dass es eine Gesellschaft von hundert Menschen leicht fassen kann.
NS|0|61|12|0|Aus welchem Material sind denn die Häuser gebaut? Durchgehends aus behauenen Steinen. Die Fenster der Zimmer sind hoch, aber nicht zu breit, und sind ebenfalls mit einem elastischen Naturglas, von der Art wie etwa euer Frauenglas, versehen, welches ebenfalls in Rahmen, gewöhnlich aus Metall, eingefasst ist. Die Farbe dieses Glases ist verschieden, je nachdem es die freie Werkstätte der Natur liefert. Die Bewohner haben zwar auch ein künstliches Glas; dieses aber verwenden sie zu ganz anderen Zwecken; wovon noch später die Erwähnung geschehen wird.
NS|0|61|13|0|Neben den Wohnhäusern sind auch wirtschaftliche Gebäude, sowohl zur Bewohnung ihrer Haustiere, wie auch noch für allerlei andere hauswirtschaftliche Zwecke, aufgeführt. Dann sind vor den eigentlichen Wohnhäusern auch noch Kinderhäuser von nicht mehr als nur einem Zimmer erbaut. Diese Häuser sind so hoch wie das Wohnhaus, nur sind sie natürlicherweise dem Umfang nach kleiner.
NS|0|61|14|0|Es braucht nur noch hinzuerwähnt zu werden, dass die Menschen hier zumeist in Dörfern beisammen wohnen, so haben wir sie schon gehörig untergebracht und wollen nächstens ihre weiteren Verhältnisse verfolgen.
NS|0|62|1|1|Grundwesen und Eigentumsrecht auf dem Miron. Selbstverwaltung der Dörfer
NS|0|62|1|1|(Am 5. November 1842 von 4 1/2 bis 6 1/4 Uhr abends.)
NS|0|62|1|0|Wenn wir unsere Mironbewohner unter das Dach gebracht haben, so wird es doch sicher zu dieser schon erfolgten Unterbringung notwendig sein, ihnen auch Grund und Boden hinzuzufügen; denn ohne dem wird es sich allhier, ebenso wie allenthalben, ein wenig schwer leben lassen. Es fragt sich demnach: Wie ist denn das Grundwesen bestellt? Hat ein Dorf gemeinschaftliche Gründe, oder hat jeder Hausbewohner seinen eigenen, ausgemessenen Grund, auf welchem er die notwendigen Nährfrüchte für sein Haus gewinnt?
NS|0|62|2|0|Es ist hier, ganz genau genommen, weder das eine noch das andere der Fall; sondern beide Fälle sind hier auf eine für euch sicher merkwürdige Weise vereinigt. Wie aber solches? Das wird sogleich die Folge zeigen. Fürs Erste hat ein jedes Dorf einen vollkommen gemeinschaftlich eigentümlichen Grund, welcher im Verhältnis zu den Bewohnern und ihren Bedürfnissen groß genug ist, um alle in überhinreichender Fülle mit Nährfrüchten aller Art zu versehen. Und niemand kann sagen: Das ist mein Grund und Boden! Aber ein jeder kann vom ganzen Grund die Früchte ernten, und so kann doch wieder ein jeder sagen, und das zwar auf jeder Stelle des gemeinschaftlichen Grundes: Das ist unser Grund!
NS|0|62|3|0|Solches wäre richtig. Aber es steckt jetzt im Hintergrund die Frage: Wenn somit das ganze Dorf einen Grund gemeinschaftlich besitzt, wie verhält sich dann zu diesem Allgemeinbesitz ein sonderheitliches Besitztum? – Ich sage euch: Nichts leichter als das! Das sonderheitliche Besitztum erstreckt sich nur auf solche Flächen, die ein oder der andere Bewohner für eine gewisse Zeiternte mit eigener Hand für die Hervorbringung von Kleinfrüchten bearbeitet hat. Ist dann ein und der andere Fleck von einem oder dem anderen Haus eines Dorfes eigens bearbeitet, so muss er mit dem eigenen Zeichen des Hauses abgesteckt werden. Von der Zeit dieser Absteckung und bis zur Zeit der Ernte ist dann ein solcher Grundfleck dem Bearbeiter von keiner Seite her bestreitbar eigen. Nach der Erntezeit aber fällt er wieder der Allgemeinheit anheim und kann sogleich ohne alle Widerrede des vorigen Besitzers von einem anderen Haus besteckt werden.
NS|0|62|4|0|Was aber die Großfrüchte betrifft, deren Produzenten natürlicherweise die euch schon bekannten Bäume sind, welche nicht der Metamorphose unterliegen, so sind diese samt und sämtlich ein Gemeingut des ganzen Dorfes. Wenn da ein oder der andere Baum beerntet wird, so wird die Ernte von allen Dorfbewohnern zu gleichen Teilen in Beschlag genommen.
NS|0|62|5|0|Was aber die sogenannten metamorphosischen Früchte betrifft, wie etwa die Kleinalpe [Kleinpflanze?] und das Kleingesträuch, welches eine Zeit lang als solches dasteht, dann wieder vergeht und sich in einer animalischen Art verproduziert, so ist hier das Recht der Eigennehmung dem Ersten, der so etwas antrifft, einberäumt; nur hat ein solcher Erntenehmer den ganzen Gewinn der ganzen Dorfgemeinde anzuzeigen. Und wenn sich ein oder das andere Haus äußert, als möchte es auch einen Teil daran haben, so ergeht allda nach den dort üblichen Humanitätsgesetzen eine freundliche Bestimmung, wie viel zum Verhältnis der ganzen Ernte ein oder das andere Haus wünscht. Ist eine solche Bestimmung ergangen, so wird von dem Haupterntenehmer auch sogleich der Bestimmung eines oder des anderen Hauses gewillfahrt.
NS|0|62|6|0|Derselbe Fall ist es auch mit dem euch schon bekannten fliegenden Brot. Der es fängt, ist der Hauptbesitzer davon und teilt dasselbe ebenfalls, nach den freundschaftlichen Bestimmungen von Seite der anderen Häuser, eben an diese anderen Häuser aus. Doch müssen die Bestimmungen so bestellt sein, dass sie nicht über die Hälfte einer solchen zufälligen Ernte ansprechen; denn diese muss dem Haupterntenehmer zu eigen verbleiben.
NS|0|62|7|0|Was aber da die Haustiere betrifft, so gehören diese wieder zum allgemeinen Besitztum. Aber dennoch, was ihre Produkte, wie Milch und Wolle betrifft, so sind diese nicht genau teilbar. Denn allda tritt das Recht des primo occupanti [Recht des ersten Besitznehmers] ein. Jedoch mit dieser Bedingung, dass ein Nachbar nicht das Recht hat, auf die Milch sein Besitztumsrecht auszudehnen, welche eine oder die andere Kuh vor dem Haus eines anderen gelassen hat. Und so kommt hier das Recht des primo occupanti vielmehr dem Haus zu, allda die Kuh ihre Milch gelassen hat, als demjenigen, welcher allenfalls zuerst seine Hand auf den Milchtrog gelegt hätte.
NS|0|62|8|0|Ferner aber gehören dennoch wieder alle mineralischen Produkte vollkommen zu gleichen Teilen allen Dorfbewohnern zu; und es müssen daher auch von allen Häusern eine gleiche Anzahl Arbeiter dazu beschickt sein. Wie es sich aber mit den mineralischen Produkten verhält, also verhält es sich auch mit den Jagdgewinnen; auch diese werden als eine allen Bewohnern gleichteilig zugutekommende Beute betrachtet.
NS|0|62|9|0|Erzeugnisse aber, welche der häuslichen Kunst angehören, sind jedem Haus vollkommen eigentümlich und können nur entweder durch Tausch oder Freundschaft an ein anderes Haus überkommen werden. Dazu gehören vorzugsweise verschiedene musikalische Instrumente und wohl auch andere mechanische Produkte, welche hier sehr häufig verfertigt werden, und das von gewöhnlich vielfach nützlicher Art. Worin aber diese, wie auch die musikalischen Instrumente, bestehen, wird am gehörigen Platz schon näher bestimmt werden.
NS|0|62|10|0|Da diese Menschen, wie euch schon bekanntgegeben wurde, sich nahe also kleiden wie ihr, so könnt ihr wohl auch voraussetzen, dass sie zur Erzeugung ihrer Kleidungsstoffe aus aller Art tierischer Wolle auch allerlei Weber haben müssen. Diese Weber sind nicht in allen Häusern; sondern für diese ist gewöhnlich in der Mitte des Dorfes ein eigenes, großes Fabrikhaus erbaut. Wenn die Wolle in den Häusern in Fäden gesponnen ist, so wird sie mit dem Zeichen des Hauses in das große Fabrikhaus gebracht. Allda wird sie dann sobald zum verlangten Zeug gewebt und von dem Haus, welches sie hingeschafft hat, wieder als Kleidungsstoff in Besitz genommen.
NS|0|62|11|0|Es dürfte hier einer fragen: Was haben denn da die Weber für einen Lohn dafür? – Einen allgemeinen und keinen sonderheitlichen. Ein solches Fabrikhaus wird fürs Erste von der ganzen Dorfgesellschaft erbaut. Die Weber haben dann für nichts zu sorgen, sondern ein jedes Haus gibt alljährlich einen bestimmten Teil von seiner ganzen Ernte an dieses Fabrikhaus ab. Dafür aber haben dann diese Weber die Verpflichtung, jedem Haus die verlangte Arbeit zu liefern, und das ohne sonderheitliches Entgelt.
NS|0|62|12|0|Derselbe Fall gilt auch für die Kleidungsverfertiger. Denn hier gibt es auch im Ernst Schneider und Schuster, welche aber ebenfalls ohne sonderheitlichen Lohn arbeiten müssen, indem sie auch, so wie das Webefabrikhaus, von der ganzen Gemeinde versorgt werden.
NS|0|62|13|0|Nun wüssten wir beinahe schon alle häuslichen Verhältnisse, und wie rechtlich diese Dorfgemeinden miteinander leben. Es fragt sich demnach nur noch, ob hier ein Vorsteher ist oder keiner.
NS|0|62|14|0|Im Grunde ist hier kein Vorstand; sondern alles beruht auf dem gegenseitigen Übereinkommen. Dessen ungeachtet werden aber dennoch die Ältesten des Dorfes, welche auch zugleich Priester und Lehrer sind, in wichtigen Fällen als Ratgeber betrachtet; und wenn sie zusammen etwas beschlossen haben, so wird ein solcher Beschluss von der ganzen Gemeinde unwiderruflich angenommen.
NS|0|62|15|0|Gibt es hier keine Kaiser und Könige? O nein! Ein jedes Dorf in seiner Allgemeinheit ist sein eigener Herr in allem. Aus diesem Grunde gibt es allhier denn auch keine Steuern und keine Kriege. Zudem sind auch solche Dörfer gewöhnlich in solchen Distanzen voneinander entfernt, dass darob ein jedes Dorf zu seinem Unterhalt ein gehörig großes Landtum besitzt, welches nicht selten größer ist als euer ganzes Kaisertum Österreich.
NS|0|62|16|0|Und so denn wüssten wir, bis auf die kleinhäuslichen Verhältnisse, alles, was die Bewohner dieses Planeten betrifft. Die kleinhäuslichen Verhältnisse, wie auch die mit den nachbarlichen Dörfern, wollen wir nächstens in den Augenschein nehmen. Und somit gut für heute!
NS|0|63|1|1|Häusliche Verhältnisse und Musikinstrumente auf dem Miron
NS|0|63|1|1|(Am 8. November 1842 von 4 1/4 bis 5 3/4 Uhr abends.)
NS|0|63|1|0|Was wird denn unter den kleinhäuslichen Verhältnissen verstanden? Nichts anderes als allein nur diejenigen Regeln, welche in bürgerlicher Hinsicht von jedem einzelnen Haus an und für sich allein zu beobachten sind. Zu solchen Regeln gehören demnach alle die Freundschaftsverhältnisse und von ihnen abgeleiteten gegenseitigen Tunlichkeiten, wodurch die Familie eines und desselben Hauses sich gegenseitig beliebtätigt und dadurch zu erkennen gibt, dass die Glieder in einem Haus sich allernächst verwandt sind.
NS|0|63|2|0|Die erste Regel heißt demnach: Achtung auf Achtung, Liebe auf Liebe und Freundschaft auf Freundschaft. – Dieser ersten Regel folgt eine zweite, und diese lautet: Auge auf Auge, Hand auf Hand und Herz auf Herz. – Eine dritte Regel lautet: Tritt für Tritt, Ohr für Ohr und Gang für Gang. – Nach diesen bereits angegebenen Regeln richtet sich dann alles in einem Haus.
NS|0|63|3|0|Das Elternpaar ist das Oberhaupt der Familie, der Vater für den männlichen und die Mutter für den weiblichen Teil. Da aber Vater und Mutter hier wahrhaft einen Leib ausmachen, so vereinigen sich diese beiden obersten Pole zu einem Wirkungspunkt. Was demnach der Vater will, das will auch die Mutter. Und so ist im ganzen Haus, sowohl männlicher- als weiblicherseits, eine und dieselbe Verfassung.
NS|0|63|4|0|Darum ist die Regel: „Achtung auf Achtung“ im ganzen Haus allgemein. Es achtet der Hausvater sein Weib und dieses den Hausvater, und sie werden dadurch eins, weil nur aus solcher Achtung die wahre, reine Liebe hervorgehen kann. Also achten demnach auch die Brüder ihre Schwestern und die Schwestern ihre Brüder, und also in aufsteigender Linie alle Kinder ihre Eltern, wie auch wieder umgekehrt die Eltern ihre Kinder. Und der jüngere Bruder achtet den älteren und der ältere den jüngeren. Und also ist es auch der Fall bei den Schwestern, und also auch gegenseitig von einer älteren Schwester zu einem jüngeren Bruder und von einem älteren Bruder zur jüngeren Schwester.
NS|0|63|5|0|Dadurch ist dann alles auf der Grundfeste der gegenseitigen Achtung durch das Band gegenseitiger Liebe verbunden, welche sich in der gegenseitigen, überaus süßen Freundlichkeit ausspricht. Dadurch aber sind ja auch alle anderen Regeln schon erfüllt. Denn Aug’ auf Aug’ heißt doch unter solchen liebefreundlichen Verhältnissen sicher: zusammensehen, sicher: einstimmigen Herzens sein, und sicher: mit Händen einander unterstützen, und ferner auch gerne einander die Füße leihen, gerne einander angehören und gerne dahin gehen, wohin einer oder der andere geht.
NS|0|63|6|0|Manchmal wohnen in einem Haus nicht nur eine, sondern oft drei, vier bis fünf Familien, so dass es gewisserart fünf Paare Eltern gibt, die alle mit mehr oder weniger Kindern bereichert sind. Aber alle diese Familien in einem Haus stehen also zusammen, dass da von irgendeinem Zank wohl nie die Rede ist; im Gegenteil, je mehr Familien oft in einem Haus beisammen wohnen, desto inniger und somit auch gesegneter, geht es da zu. Diese Menschen sind wahrhaft so verliebt ineinander, dass sie sich eher alles antun ließen, bis da einer imstande wäre, einem Glied der Familie über die Schranken der Achtung nur im Geringsten zu nahe zu treten; sondern ein jedes, selbst schon von den kleinsten Kindern angefangen, die da ihr Kinderhaus verlassen haben, wird solche gegenseitige Achtung mit der größtmöglichsten Delikatesse beobachten.
NS|0|63|7|0|Aus diesem Grunde lieben diese Menschen auch die Musik so sehr, weil sie ihren inneren Charakter, unter allen Künsten und Wissenschaften die sie besitzen, am meisten zuspricht; und die Musik gehört dann auch zu einer häuslichen Hauptbeschäftigung.
NS|0|63|8|0|Damit wir uns aber von diesen tonkünstlerischen Menschen einen näheren Begriff machen können, wollen wir zuerst ihre musikalischen Instrumente ein wenig durchmustern und sodann erst einer kleinen musikalischen Produktion unsere Ohren leihen.
NS|0|63|9|0|Was die musikalischen Instrumente betrifft, so haben sie durchaus keine Ähnlichkeit mit den euren; daher auch die Musik alldort ganz anders klingt als bei euch. Blasinstrumente wie auch Saiteninstrumente sind hier nirgends anzutreffen. Aber statt der Saiten- eine Art Glockeninstrumente, dann Scheibeninstrumente und auch Kugelinstrumente sind allhier zu Hause.
NS|0|63|10|0|Was das Glockeninstrument betrifft, so wird dieses aus einer Art sehr wohlklingenden Metalls also angefertigt: Es werden mehrere Glocken in der Art von Halbkugeln gegossen; diese Glocken werden dann von groß bis zu klein auf einer Spindel befestigt; nachdem sie zuvor gehörig poliert und nach eurer chromatischen Tonleiter reinst gestimmt worden sind. Auf einer Spindel stecken bei einem vollkommenen Instrument allzeit für drei Oktaven solche Glocken, nach der Stimmung ungefähr von eurem D in der Kontraoktave anfangend und von da drei Oktaven aufwärts steigend. Die Töne dieses Glockeninstrumentes werden auf doppelte Weise den einzelnen Glocken entlockt, entweder durch das Anschlagen mit einem etwas weichen Hammer oder durch das Reiben mittels der Finger, welche zuvor in ein wenig gesalzenes Wasser gehalten werden. Dieses Instrument wird gewöhnlich von den Männern gespielt und ist kein Soloinstrument, sondern ein harmonisches Begleitungsinstrument zum Gesang der Weiber.
NS|0|63|11|0|Nach diesem Instrument kommt das Scheibeninstrument. Das Scheibeninstrument ist aus dem schon einmal erwähnten Glas verfertigt. Die Scheiben stecken ebenfalls auf einer Spindel, welche so wie die frühere gedreht wird, und der Ton wird durch das Reiben mit beharzten Fingern hervorgebracht. Dieser Ton ist überaus durchdringend, und das Instrument ist gerade allenthalben um eine Oktave höher gestimmt als das frühere und wird somit nur zur Verstärkung der Harmonie des schon bekannten Glockeninstruments gebraucht.
NS|0|63|12|0|Das vorzüglichste und zugleich Soloinstrument ist dasjenige, was wir schon früher mit dem Namen Kugelinstrument bezeichnet haben. Da aber dieses Instrument einer ziemlichen Mechanik unterworfen ist, so wollen wir davon bei einer nächsten Gelegenheit ausführlich sprechen, wie auch über die Art und Weise, wie dieses Instrument allda auf eine sehr geschickte Welse von den Musikern gehandhabt wird. Und somit gut für heute.
NS|0|64|1|1|Kugelinstrument, Tonkunst, Tonschrift, Optik, Mechanik und Schreibkunst auf dem Miron
NS|0|64|1|1|(Am 9. November 1842 von 4 1/2 bis 6 Uhr abends.)
NS|0|64|1|0|Dieses Kugelinstrument ist zusammengesetzt aus lauter gewundenen Röhren, die nach außen hinaus mehr abgeflacht sind; nur gegen innen zu haben sie eine vollkommen runde Gestalt. Die Kugel hat in ihrer weitesten Ausbauchung drei Klafter im Durchmesser; unter dieser weitesten Bauchung der Kugel sind auch die dicksten Röhren gewunden. Gegen die Pole der Kugel aber, welche trichterförmig offen sind, sind nach abstufender Ordnung auch stets kleinere Röhren angebracht.
NS|0|64|2|0|Diese Kugel ruht auf einem offenen Dreifuß, unter welchem ein starkes Windgebläse angebracht ist, aus welchem Gebläse durch die Füße unseres Dreifußgestells der Wind in die Kugel geleitet wird. Neben den schon erwähnten Haupttonröhren laufen noch kleinere Windröhren, deren Mündungen über den Löchern, welche von den Haupttonröhren aus der Kugel etwas erhaben hervorbrechen, angebracht sind. Da, wo der Wind in die verschiedenen Röhren verteilt wird, ist allenthalben eine Ventilklappe angebracht, welche durch einen eigenen Mechanismus entweder geöffnet oder wieder geschlossen werden kann. Wird natürlich die Klappe geöffnet, so wird dadurch der Wind durch die Mündung an das tonbildende Loch des Tonrohres gebracht; im Gegenteil aber dann abgeschlossen, und der Ton hat mit dem Abschluss natürlicherweise auch ein Ende, ungefähr also wie bei euren Orgeln.
NS|0|64|3|0|Solches wüssten wir demnach, wie dieses Instrument beschaffen ist. Es fragt sich jetzt nur: Wie wird dieses Instrument denn gespielt? – Dieses Instrument wird, ungefähr so wie eure Orgeln, mittels einer Art Tastatur gespielt; nur hat die Tastatur eine andere Gestalt, und die halben Töne sind anders eingeteilt als auf euren Klavieren. Denn die Skala, die ihr die diatonische nennt, ist hier keine Grundskala; sondern ihre Grundskala besteht aus lauter ganzen Tönen, zwischen welchen überall ein halber Ton sitzt. So ist demnach auch die Tastatur. Diese besteht eigentlich aus zwei Reihen länglicher, ungefähr einen Schuh breiter Halbkugeln. Diese Tastatur wird die untere genannt. Zwischen einer jeden solchen unteren Taste, etwas höher und auch etwas kürzer, ist ebenfalls eine, aber nur einen halben Schuh breite, längliche Halbkugel angebracht. Ihr werdet hier sagen: Wären denn flache Tasten nicht besser als so abgerundete? – Für eure Finger mögen flache Tasten wohl dienlicher sein als abgerundete; aber für die starken Finger unserer Mironbewohner sind wieder diese Tasten besser. Denn hätten sie flache Tasten, so müssten dieselben wenigstens noch einmal so breit sein, damit sie einzeln könnten abgedrückt werden, da ein Finger eines Mironbewohners vorn nicht selten bei zwei Schuh im Durchmesser hat. Durch die Erhabenheit der Taste aber kann der Spieler jede einzelne Taste, welche einen sehr geringen Fall hat, gar leicht und unbeschadet der zwei Nebentasten eindrücken. Nun seht ihr schon den Vorteil dieser Tastaturform für unsere Bewohner.
NS|0|64|4|0|Jetzt wäre uns das ganze Instrument bekannt. Es fragt sich nur, was für einen Ton es denn eigentlich hat. Der Ton dieses Instruments gleicht zumeist einem Flötenton bei euch; nur ist er ums Unvergleichliche stärker, kann aber durch eine eigene Vorrichtung, durch welche die Polarschalltrichter dieses Instruments entweder mehr geöffnet oder gedeckt werden, vom Fortissimo bis ins Pianissimo übergehen.
NS|0|64|5|0|Auf diesem Instrument sind unsere Mironbewohner hin und wieder wirklich große Künstler. Denn manche besitzen eine solche Fertigkeit in der Behandlung dieses Instruments, dass sich die größten Künstler bei euch hoch verwundern würden, alldort einen solchen Kugelspieler zu hören. Dieses Instrument fehlt daher auch in keinem Haus und ist so allgemein beliebt, dass ein Mensch, der wenigstens nicht etwas auf demselben hervorzubringen vermag, für sehr einfältig gehalten wird, welcher Fall aber jedoch nur äußerst selten vorkommt.
NS|0|64|6|0|Ihr möchtet wohl auch wissen, was für Musikstücke diese Musiker spielen, und ob sie etwa auch Tondichtungen haben so wie ihr? Ihr könnt es glauben, an dergleichen Produkten ist auch hier durchaus kein Mangel. Denn fast in einem jeden Haus ist sicher auch ein Komponist daheim, der mittels farbiger Zeichen zwischen drei gezogenen Linien, durch welche die drei Oktaven bedeutet werden, seine Ideen entweder auf Metallplatten oder auch auf Steintafeln, manchmal wohl auch auf dünne, glatt gehobelte Holztafeln niederschreibt.
NS|0|64|7|0|Diese Tonzeichen sind viel einfacher als die eurigen. Denn durch sechs Farben bezeichnet er die sechs ganzen Töne, und das zwar durch rund gemachte Punkte wie bei euch. Die halben Töne aber werden durch gleich große Nullen von derjenigen Farbe gemacht, aus welcher da besteht der vorliegende Grundton. Dadurch kann er auf einer Linie die ganze Skala von einer Oktave schreiben. Will er nun einen Akkord setzen, so setzt er diese Punkte von verschiedener Farbe, so wie ihr, übereinander; aber so, dass sie nicht die zweite Linie beirren, aus welchem Grunde auch die drei Linien allzeit in gehöriger Distanz voneinander gezogen sind.
NS|0|64|8|0|Ihr werdet hier sagen: Solches wäre ganz gut und richtig; wie aber bringt er da die rhythmische Einteilung heraus? – Auf die leichteste Weise! Er zieht die nacheinander in gleichem Zeitmaß zu spielenden Tonzeichen mittels einer Linie zusammen, unter diese Linie setzt er dann entweder eine Zahl oder drückt diese Zahl auch durch Punkte aus. Soll eine Note längere Zeit ausgehalten werden, so steht sie für sich allein da; und durch ein bestimmtes Zeichen, unter der Note angebracht, wird angedeutet, wie lange sie auszuhalten ist. Und zu Anfang eines jeden Tonstücks wird, also wie bei euch, ein bestimmtes Zeitmaßzeichen gesetzt, nach welchem sich die fernere Einteilung eines Tonstücks rhythmisch zu richten hat; und der Rhythmus wird, ebenso wie bei euch, durch kleine Querlinien bezeichnet.
NS|0|64|9|0|Das ist aber auch das Wesentlichste über die Art und Weise, wie unsere Mirontondichter ihre Ideen aufzuzeichnen pflegen. Da sich ihre Instrumente allzeit nur innerhalb dreier Oktaven bewegen, so langen sie mit diesen drei Linien auch vollkommen aus und haben somit auch nur einen einzigen Schlüssel. Geht auch zum Beispiel das Scheibeninstrument um eine Oktave höher, so hat dieses mit der Sache keine Not; denn das Ganze liegt dann nur am Instrument, welches dieselben Tonzeichen in seiner Lage geradeso spielt, wie das um eine Oktave tiefer liegende. Was aber hier für die Instrumente gilt, dasselbe gilt umso mehr noch für die Sänger, welche nur gar selten mit ihren Kehlen den Umfang ihrer Instrumente erreichen.
NS|0|64|10|0|Ein ganzes, volles Orchester besteht außer den Sängern demnach nur aus drei Personen und bei dem Kugelinstrument mit einem Blasewerkrührer. Diese drei Individuen mit Hilfe des einzigen Blasewerkrührers bringen aber einen solchen Toneffekt hervor, dass ihr bei einer solchen Produktion in einer dreistündigen Entfernung noch vollauf zu hören hättet. Denn fürs Erste haben diese Instrumente, zufolge der sehr intensiven und elastischen Luft dieses Weltkörpers, einen außerordentlich starken Ton, und fürs Zweite sind die Sänger hier auch überaus gut bei Stimme; denn ein recht forcierter Ton eines solchen Mironsängers dürfte bei euch auf der Erde wohl eine ziemlich lebhafte Kanonade mit der Kraft seiner Stimme unvernehmbar machen.
NS|0|64|11|0|Für eure Ohren wäre ein solches Konzert in der Nähe wohl ein wenig zu stark; aber in einer gehörigen Entfernung würde euch dasselbe sicher nicht wenig entzücken. Denn ihre Tondichtungen sind von sehr erhabener Art, bewegen sich sehr selten in Dur-Tonarten, sondern in Moll-Tonarten, welche bei ihnen halbe Tonarten genannt werden.
NS|0|64|12|0|Solches aber haben sie in ihrer Theorie der Musik, dass sie drei Tonarten haben: eine ganz harte, welche ist der Grund der übrigen; dann haben sie eine ganze Tonart, welche homogen ist mit eurer Dur-Tonart; und dann haben sie eine halbe Tonart, welche eurer Moll-Tonart entspricht. Diese nennen sie die allein genießbare Frucht ihres Tonbaumes; die ganze Tonart ist bei ihnen der ungenießbare Stamm eines Baumes; und die harte Tonart ist die Wurzel dieses Baumes, welche, so wie der Stamm, als ungenießbar erklärt wird. Und so denn hätten wir auch das Wesen der Tonkunst der Bewohner dieses Planeten kennengelernt.
NS|0|64|13|0|Es bleibt uns demnach nur noch zu erwähnen übrig, dass die Menschen dieses Planeten auch im Fach der Optik dasselbe leisten, was sie im Fach der Akustik leisten. Und ihr könnt schon aus diesem Umstand gar leichtlich entnehmen, dass sie im Fach der Rechenkunst und Astronomie bewandert sind.
NS|0|64|14|0|Dass sie zur Erzeugung von dergleichen Instrumenten auch im Fach der Mechanik bewandert sein müssen, braucht kaum erwähnt zu werden. Ihr würdet euch verwundern, so ihr hier sogar die allerzweckmäßigsten Zeitmesser mechanischer Art fast allenthalben antreffen würdet, welche viel sicherer und genauer als eure besten Uhren die Zeit messen und die kleinsten Nuancen derselben genau bestimmen. Solche Techniker sind in einem jeden Dorf gleich den Professionisten zu Hause und haben dazu auch eigene Werkstätten nebst den Wohnhäusern.
NS|0|64|15|0|Also besitzen die Menschen dieses Planeten auch Schriftzeichen, durch welche sie Worte niederschreiben können, und zwar auf dasselbe Material, als sie ihre Tonzeichen niederschreiben. Aus diesem könnt ihr doch sicher schließen, dass die Menschen dieses Planeten in jeder Hinsicht sehr gebildet sind.
NS|0|64|16|0|Was aber ihre religiöse Geistesbildung betrifft, davon wollen wir ein nächstes Mal ausführlich sprechen. Und daher gut für heute!
NS|0|65|1|1|Verinnerlichtes Religionswesen auf dem Miron. Beten ohne Unterlass. Zeugung und Totenbestattung. Über die Anzahl der Monde des Miron und Zahlenangaben im Allgemeinen
NS|0|65|1|1|(Am 10. November 1842 von 3 3/4 bis 5 3/4 Uhr abends.)
NS|0|65|1|0|Bei den Bewohnern dieses Planeten gibt es durchgehends keinen zeremoniellen sogenannten Gottesdienst; und ihr ganzes Religionswesen hat nichts anderes aufzuweisen als allein die innere Erkenntnis eines Gottes.
NS|0|65|2|0|Sie haben sogar keine Gebete, sondern an deren statt die alleinige innere Bildung des Geistes, durch welche sie in alle ihre sonstige Wissenschaft und Weisheit geleitet werden. Sie sagen: Einen Gott anbeten mit den Worten sei läppisch, eines unsterblichen Menschen unwürdig und einem allerhöchsten Gott unwohlgefällig. Wer aber in seinem Geiste die wahre Bestimmung seiner selbst erkannt hat und derselben zufolge lebt, der ist Gott angenehm; und solches ist das beste Gebet und die größte Ehre, die wir Gott erweisen können, so wir der Bestimmung gemäß leben, die Er in uns gelegt hat und lässt sie uns allzeit getreulich finden in uns selbst. – Seht, das ist aber auch schon das Ganze ihrer Religion, oder: nach dem Grundsatz leben und handeln die Menschen dieses Planeten; und dieses Leben und Handeln ist der eigentliche Gottesdienst, den sie allzeit begehen.
NS|0|65|3|0|Darum haben sie auch keine eigentlichen Feiertage, sondern ein jeder Tag ist bei ihnen ein solcher. Denn sie sagen: An so viel Tagen wir leben, an ebenso viel und an denselben Tagen leben wir aus Gott. Darum soll in den Tagen kein Unterschied sein, und es soll keine Stunde geben, in der wir Gottes weniger eingedenk sein sollen als in einer anderen und darum auch in keiner mehr als in einer anderen. Denn wie wir haben ein beständig fortwährendes Leben vom Eingang in diese Welt bis zum Ausgang aus derselben, und wir nicht sagen können, dass wir in einer Stunde weniger oder mehr leben, also sollen wir auch in einer oder der anderen Stunde nicht mehr oder minder andächtig sein als in einer gewöhnlichen Stunde unseres Lebens.
NS|0|65|4|0|Ferner sagen sie noch, weil es hier und da auch manchmal eigentümliche Andächtler gibt: Was nütze es dem Menschen, so er zu Zeiten mit seinem Mund gewisse Gebete herlallen möchte, und möchte davon wieder andere Zeiten ruhen? Sollte denn Gott, der beständig Heilige, nur zu gewissen Zeiten von unserer menschlichen Seite einer Verehrung würdig sein und zu anderen Zeiten wieder nicht? Wie würde sich solches wohl vertragen mit einem reinen Geist, der da erkenne, dass Gott allzeit gleich heilig ist und daher auch allzeit gleich von den Menschen solle durch sein ganzes Tun und Lassen verehrt werden? Was sollte unsere ohnmächtige Zunge allein, als wäre sie der alleinige Teil des Menschen, der Gott die Ehre geben könnte? So wir aber dem ganzen Wesen nach von Ihm erschaffen sind, sollen wir darum nicht auch dem ganzen Wesen nach und allzeit Gott die Ehre geben? Ja, solches ist recht und des Menschen allein würdig. Daher handeln wir, wie wir zu handeln in unserem Geiste die ewige Bestimmung finden. Wer so handelt, der handelt allzeit der göttlichen Ordnung gemäß. Wer aber der göttlichen Ordnung gemäß handelt allzeit, so wie er dieselbe erkennt in sich, der ist es, der mit seinem ganzen Wesen in jedem Augenblick seines Lebens Gott die gerechte Ehre gibt.
NS|0|65|5|0|Seht, wenn ihr die Religionsgrundsätze der Bewohner dieses Planeten nur ein wenig in euch beachtet, so werdet ihr auch das verstehen, wovon der Paulus spricht, indem er sagt: „Betet ohne Unterlass!“ – Denn wer nach Meiner Ordnung lebt und hält darum Meine leichten Gebote, der ist es ja, der da betet oder Mir die Ehre gibt ohne Unterlass. Wer aber da meint, er müsse Tag und Nacht mit seinen Lippen wetzen, der ist entweder ein Narr, oder er ist ein Betrüger. Denn es ist ja doch oft genug in der Schrift erwähnt, in was für vielem Ansehen lange Lippengebete bei Mir stehen.
NS|0|65|6|0|Wie sonach ein jeder Mensch auch auf dieser Erde leben sollte, also leben in unserem Planeten Miron die Menschen mit höchst seltenen Ausnahmen. Es gibt wohl auch hier und da mannigfaltige Aberrationen. Aber die Verirrten werden sobald wieder von den Weisen zurechtgebracht, und es ruht ein Weiser nicht leichtlich eher, als bis er einen verirrten Bruder oder eine verirrte Schwester wieder auf den rechten Weg gebracht hat. Die Verirrungen in diesem Planeten aber sind nie von so grober Ausartung wie bei euch. Die meisten sind im Bereich der Meinungen zu finden, welche sich aber mit viel leichterer Mühe wieder berichtigen lassen, als bei euch die großen Ausartungen auf dem Wege der blindesten Selbstsucht.
NS|0|65|7|0|Wenn ihr aber schon auf dem Feld der Religion etwas Zeremonielles haben wollt, so mögt ihr dazu die Zeugung des Menschen und dann endlich das Hinscheiden desselben für eine solche religiöse Zeremonie betrachten.
NS|0|65|8|0|Denn die Zeugung geschieht alldort, wenn schon durch den Beischlaf, auf eine höchst erbauliche Art. Dieser Akt wird allzeit am Morgen vollzogen, und das nie im Haus, sondern in einem, auf einem benachbarten hohen Berge eigens zu diesem Behuf erbauten Tempel.
NS|0|65|9|0|Ebenso werden die Leiber der Verstorbenen wieder auf einen anderen hohen Berg gebracht, allwo sie dann unter einem wieder eigens erbauten Tempel auf den Boden der Erde, mit den Gesichtern nach aufwärts gekehrt, gelegt werden, und werden da bedeckt mit abgemähtem Gras, wodurch sie dann auch alsbald verwesen und im Verlauf von etwa drei Tagen so ganz zunichtewerden, dass da vom ganzen, großen Leichnam nicht mehr die allerleiseste Spur anzutreffen ist. Solches wäre demnach ebenfalls als eine Zeremonie zu betrachten.
NS|0|65|10|0|Ihr Hauptgottesdienst und ihre göttliche Verehrung aber besteht in der Musik und in der Astronomie. Was die Musik betrifft, davon haben wir ohnehin schon umständlichermaßen gesprochen. Aber bezüglich der Astronomie bleibt uns noch so manches zu erwähnen übrig. Denn aus der Astronomie lernen diese Menschen Meine Allmacht und Größe und zugleich auch die überaus große Ordnung, welche darum in Mir sein muss, weil alle die großen Werke in der sichtbaren Welt schon in einer solchen erstaunlichen Ordnung sich bewegen und miteinander verbunden sind.
NS|0|65|11|0|Dass auf dem Feld der Astronomie vorzugsweise ihre Monde die Hauptaufmerksamkeit auf sich ziehen, lässt sich daraus leicht entnehmen, weil sie fürs Erste, nämlich die Bewohner dieses Planeten, zufolge ihrer großen Entfernung von der Sonne, von all den der Sonne näher stehenden Planeten, außer höchstens dann und wann den Uranus, sonst aber nie etwas zu sehen bekommen, und weil dann ferner außer ihren Monden der ganze gestirnte Himmel nahe keine beweglichen Weltkörper aufzuweisen hat, außer höchst selten irgendeinen zaudernden Kometen, welcher aber in dieser Entfernung von der Sonne allzeit schweiflos und somit nur ganz unansehnlich erscheint.
NS|0|65|12|0|Das Merkwürdigste bei ihrer Mondesastronomie und zugleich ihren Geist sehr Beschäftigende ist, dass sie im Grunde nur drei Monde und doch wieder zehn Monde haben.
NS|0|65|13|0|Ihr werdet fragen: Wie ist dies wohl möglich? – Fürs Erste sage Ich euch: Nichts leichter als das! Wie aber? Solches soll euch sogleich durch ein anschauliches Bild bekanntgegeben werden.
NS|0|65|14|0|Nehmt an, was ihr auch füglichermaßen annehmen könnt, dass die Sonne ein vollkommener Planet ist. Ist aber die Sonne ein vollkommener Planet, was sind demnach die Erdkörper als da zum Beispiel ist der Merkur, die Venus, die Erde usw.? Ihr werdet sagen: Das sind Monde der Sonne. – Wenn Ich euch nun frage: Wie viel solche Monde hat denn die Sonne? Da werdet ihr sagen: Merkur 1, Venus 2, Erde 3, Mars 4, Pallas, Ceres, Juno und Vesta 8, Jupiter 9, Saturnus 10, Uranus 11 und Miron 12. – Nun aber sage Ich: Wie viel Monde hat die Erde? Ihr sagt: Einen. – Wie viel hat denn der Jupiter? Ihr sagt: Vier. – Wie viel hat deren der Saturnus? Ihr sagt: Sieben. – Wie viel hat deren der Uranus? Ihr sagt: Fünf. – Wie viel hat deren der Miron? Ihr sagt: Nach der ersten Zahl drei. – Das gibt somit zusammen zwanzig Monde. Was sind denn diese Monde hernach zur Sonne? Ihr könnt unmöglich etwas anderes sagen als: Das sind Nebenmonde. – Gut! Mehr brauche Ich nicht! Nun begeben wir uns wieder auf unseren Miron.
NS|0|65|15|0|Dieser etwas wunderbare Planet hat das Eigentümliche, dass sein erster Hauptmond ebenfalls noch zwei Nebenmonde hat, die sich um ihn bewegen und mit ihm erst gemeinschaftlich die Bahn um den Hauptplaneten machen – also wie euer Mond mit der Erde um die Sonne. Der zweite und höher stehende Mond hat ebenfalls wieder zwei Nebenmonde und ist größer als der erste. Der dritte Mond, als der höchste, hat sogar drei Trabanten oder Nebenmonde, wodurch er auch von den anderen zwei Monden leichtlich unterschieden wird, damit dann durch seinen Umschwung die euch schon bekannte Jahreszeit dieses Planeten berechnet wird. Nun habt ihr das ganze, undurchdringliche Geheimnis gelöst vor euch!
NS|0|65|16|0|Aber, wird jemand sagen: Warum war denn nicht gleich in der anfänglichen, allgemeinen Andeutung davon die Rede? – Ich aber frage euch: Warum seht denn ihr mit freiem Auge die vier Trabanten des Jupiters nicht, sondern sie müssen jedem zufolge der starken Entfernung mit dem Jupiter selbst wie auf einem Punkt zusammengeschmolzen erscheinen, und erst ein tüchtiges Fernrohr vermag diesen fünffachen Einpunkt so zu lösen, dass ihr dann sowohl den Planeten als auch dessen Monde gehörig voneinander abgesondert erblickt. Ihr werdet sagen: Der Grund liegt in der Ordnung unserer Augen, derzufolge wir nicht selten eine fernliegende Vielheit als eine konkrete Einheit erschauen. – Und Ich aber antworte euch auf die frühere Frage: Ebenso liegt es auch in Meiner Ordnung, euch noch geistig fernliegende Dinge, wenn sie zusammengenommen ein Ganzes ausmachen, nur als ein Ding aufzuführen und dieses eine Ding erst dann in seine Mehrheit aufzulösen, wenn wir uns im Geiste demselben also genähert haben, wie allenfalls ihr euch dem Jupiter genähert habt durch die Hilfe eines guten Fernrohres. Seht, das ist demnach doch auch eine Ordnung und ist vollkommen gerecht bemessen nach Meinem Plan.
NS|0|65|17|0|Wenn euch Gelehrte eurer Erde sagen: Wir haben drei Nebelsterne entdeckt! – haben diese Gelehrten richtig oder falsch gesprochen? – Ich sage euch: Richtig und falsch! Denn richtig, weil sie wirklich nicht mehr als drei Nebelsterne entdeckt hatten; falsch aber, weil ein jeder solcher Nebelstern nicht selten ein wahrhafter Trillionstern ist. Wie groß der Unterschied zwischen drei und mehreren Trillionen ist, brauche Ich euch nicht auseinanderzusetzen; und ihr müsst von selbst erkennen, wie irrig die Zahl drei sich gegen die Vielheit der entdeckten Sterne in diesen beangabten drei Nebelsternen verhält.
NS|0|65|18|0|Ich meine aber nun: Diese angeführten Beispiele werden hinreichen, um darzutun, dass die Art und Weise, wie Ich ein oder das andere Ding nach und nach enthülle, eine vollkommene sowohl naturmäßig als auch geistig ordnungsmäßige ist.
NS|0|65|19|0|Nur dürften einige fragen: Aus welchem Grunde müssen denn bei dem Planeten Miron, wie sonst bei keinem anderen, dessen drei Hauptmonde noch Nebenmonde haben? – Auf diese Frage will Ich so ganz eigentlich keine Antwort geben; sondern setze dieselbe nur bedingend an. Wer solches wissen möchte aus gelehrt kritischer Lust, der beliebe Mir zuvor aus seinem Geiste darzutun, warum zum Beispiel die Planeten Merkur, Venus und Mars und die vier kleinen Planeten gar keine Monde haben. Warum hat der bei weitem größte Planet Jupiter nur vier Monde und der kleinere Planet Saturnus nebst seinem Ring sieben? Wer Mir dieses gründlich dartun kann, dessen Geist will Ich auch die Ursache der Nebenmonde des Planeten Miron enthüllen.
NS|0|65|20|0|Unsere Sache aber ist vorderhand die Sonne und nicht eine speziellste Darstellung eines Planeten. Somit wissen wir von diesem Planeten auch hinreichend, was wir für unseren Zweck zu wissen notwendig haben, und wollen uns daher nicht länger mehr auf seinen Gefilden verweilen; sondern uns für ein nächstes Mal ungesäumt auf unseren siebten Sonnengürtel zurückbegeben. Und somit lassen wir die Sache für heute wieder gut sein!
NS|0|66|1|1|Das siebte Sonnengürtelpaar. Die sehr verschieden großen und verschiedenfarbigen Menschen dort
NS|0|66|1|1|(Am 11. November 1842 von 4 bis 6 Uhr abends.)
NS|0|66|1|0|Der siebte und letzte bewohnbare Gürtel der Sonne ist von Seite des höchsten Gürtels zwar durch keinen gar zu hohen Gebirgswall getrennt, aber dafür durch einen desto breiteren Wassergürtel.
NS|0|66|2|0|Was aber die Berge betrifft, so sind sie allhier zumeist von beständig feuerspeiender Natur. Wie groß hier und da ihre Krater sind, ist schon einmal erwähnt worden.
NS|0|66|3|0|Nach dem breiten Wassergürtel folgt ein eben nicht zu sehr gebirgiges, bewohnbares Festland. Dieses Land ist zugleich auch das allerfesteste der ganzen Sonne, sowohl südlicher- als nördlicherseits, und hat in sich, ohne die Meeresbreite gerechnet, bis zum Polargebirgsstock hin eine Breite von sechstausend Meilen, das heißt im Durchschnitt genommen.
NS|0|66|4|0|Die Polargegenden der Sonne, oder vielmehr ihre Pole, sind, wie die Pole der Planeten, für alle Zeiten der Zeiten unbewohnbar. Darum sind sie auch von diesem letzten bewohnbaren Gürtel durch einen überaus steilen und hohen, blanksteinigen Gebirgskranz abgeschnitten. Die Berge sind so hoch, dass sie mit ihren Spitzen nicht selten sogar über die glänzende Sonnenluft hinausreichen, welche, im Durchschnitt genommen, bei sechshundert Meilen über dem eigentlichen Sonnenboden sich befindet. Jedoch soll diese angegebene Zahl nicht als eine normalmäßige betrachtet werden. Denn wie es schon auf eurem Erdkörper große Varianten zwischen den Lufthöhen über der Erde gibt, umso mehr werden solche Varianten auch in der Sonne vorkommen, welche in ihrem inneren Wesen noch viel lebendiger ist als was immer für ein Planet.
NS|0|66|5|0|Da wir nun den Gürtel vor uns haben, so wollen wir eben nicht zu lange mehr das tote Land betrachten, sondern uns dafür sogleich zu seinen Einwohnern wenden.
NS|0|66|6|0|Was die Einwohner, das heißt die Menschen dieses Gürtels, betrifft, so unterscheiden sie sich von ihren entsprechenden Brüdern in dem Planeten Miron nahe in nichts anderem als lediglich in ihrer, für euch im Ernst fabelhaften Größe. Denn die Menschen dieses Gürtels sind so groß, dass sie auf der Erde sicher eure Himalaja- und Chimborasso-Höhen zu Spazierstäbchen gebrauchen könnten. Ihr müsst euch freilich nicht denken, als seien hier alle Menschen vollkommen gleich groß. Denn fast in keinem Gürtel und auf keinem Planeten gibt es so viele Größenvarianten unter den Menschen als wie auf diesem. Dessen ungeachtet aber werden Menschen von etwa zwei- bis dreihundert Klaftern Höhe von den eigentlichen Bewohnern als kleinwinzige Zwerglein betrachtet. Denn was die eigentliche Größe eines vollkommenen Menschen dieses Gürtels betrifft, so ist er von der Fußsohle bis zu seinem Hauptscheitel nicht selten vier-, fünf- bis sechstausend Klafter hoch. Doch dergleichen Riesen sind auch keine Normalmenschen in diesem Gürtel. Sondern was die Normalmenschen betrifft, so variiert ihre Höhe zwischen acht- und zwölfhundert Klaftern.
NS|0|66|7|0|Zumeist aber wohnen diese Riesen nahe an dem Polargebirgsgürtel, allda sie auch ihre hinreichende Nahrung finden. Weiter gegen die Meere dieses Gürtels zu aber werden die Menschen auch immer kleiner. Und auf den bedeutenden und häufig vorkommenden Inseln wohnen die sogenannten Zwerge, die aber dennoch größer sind als alle anderen Gürtelbewohner der Sonne. Daher müsst ihr euch auch diese Inseln in eurer Phantasie nicht gar zu klein vorstellen.
NS|0|66|8|0|Wenn ihr die kleinste etwa also veranschlagt wie ganz Asien und Europa zusammengenommen, so dürfte euer Maß ziemlich richtig sein. Diese Inseln sind wohl zumeist durch Landzungen mit dem festen Land verbunden; aber sie sind nur für unsere Zwerge passierbar. Die größeren Bewohner dieses Landes dürften über eine solche Landzunge, oder vielmehr Landenge, nicht zu leicht kommen, da sie fürs Erste für ihre Füße zu eng wäre; und wäre fürs Zweite hier und da auch das nicht der Fall, so wäre aber dennoch ihr Grund zu wenig fest, um eine wandelnde Last von vielen tausend Zentnern so zu tragen, dass dieselbe nicht einsinke. Im Gegenteil aber können diese Zwergmenschen gar wohl ihre Füße an das feste Land setzen und Bereisungen machen bis zu den großen Riesen, von welchen sie allzeit überaus zärtlich und liebfreundlich aufgenommen werden. Da kann man mit gutem Grunde sagen: Sie werden von den Großen wahrhaft auf den Händen herumgetragen.
NS|0|66|9|0|Wie aber die Größen auf diesem Gürtel variieren, also variieren auch, wie nicht leichtlich irgendwo anders – besonders auf der Sonne – die Hautfarben der Menschen. Mit Ausnahme der alleinigen rein schwarzen Farbe möchtet ihr somit hier wohl alle Färbungen antreffen. So sind zum Beispiel die gar großen Riesen dunkelfeuerrot, abwärts bis ins ganz Lichtrosenrote. So gibt es dann auch grün und blau gefärbte, welche Farbe sich dann sogar in das Blassgelbe verliert. Und so gibt es noch eine Menge Farbenmischungen, welche alle anzuführen ein eigenes Buch erfordern würde. Es gibt zwar wohl auch in den anderen Sonnengürteln kleine Abweichungen in der Farbe; aber dennoch ist überall ein und derselbe Grundton der Färbung ersichtlich. Hier aber habt ihr nicht nur eine chromatische, sondern eine wahrhaft unharmonische Tonreihe der Färbungen.
NS|0|66|10|0|Wie ist denn die Sprache dieser Menschen? Die Sprache ist hier doppelter Art, nämlich die Gebärdensprache und die Zungensprache. Merkwürdig ist, wenn ein Riese mit einem Zwerg spricht. Sobald er bemerkt, dass der Zwerg mit ihm etwas reden möchte, so hebt er ihn sogleich auf und hält ihn an sein Ohr. Spricht aber der Riese mit dem Zwerg, so hält er ihn dann so weit als er nur kann von seinem Mund entfernt und redet dann so hoch und so schwach er nur kann, damit dem Zwerg durch seinen Ton ja kein Leid geschehen möchte. Denn würde so ein Riese in seiner gewöhnlichen Tontiefe und Tonstärke reden, so würde fürs Erste der kleine Zwerg das Wort vor lauter Tiefe nicht vernehmen, und die einzelnen Stimmvibrationen würden ihn zu sehr erschüttern. Um solches zu vermeiden, gebrauchen diese Großen im Umgang mit den Kleinen die größte Vorsicht. Wenn so ein Riese auf eurer Erde so ein ziemlich lautes Wort aussprechen würde, so würde das ein so starkes Erdbeben erzeugen, dass durch dessen Erschütterung mehrere Länder um den Besitz aller ihrer Städte kämen; auch die Gebirgsspitzen würden dadurch einen äußerst bedeutenden Schaden überkommen.
NS|0|66|11|0|Es dürfte jemand fragen: Wie steht es denn dann allenfalls mit ihren Wohnungen? – Da sage Ich: Fürs Erste haben diese gar großen Riesen keine anderen Wohnungen als den Sonnenerdboden. Sie wohnen somit ganz im Freien. Und da der Boden sehr fest ist, so kann er sie wohl tragen.
NS|0|66|12|0|Zudem sind diese großen Menschen bei all ihrer sonstigen Massivität überaus zartfühlend, und so ist ihr Gang und all ihr Tun und Lassen von überaus sanfter und zarter Beschaffenheit. Sie leben untereinander überaus friedsam, und so sie irgendwohin gehen, so machen sie im Verhältnis zu ihrer Größe sehr kurze und zugleich auch sehr langsam nacheinander folgende Schritte und lassen den Fuß allzeit ganz sanft auf den Boden, gleichsam als fürchteten sie sich, unter ihrem Tritt etwas zu zerstören. Daher geben sie auch bei jedem Tritt sorgfältig Acht auf den Boden, ob sich da nicht irgendetwas rege oder bewege. Wann sie solches merken, so beugen sie sich sobald herab und untersuchen, was da ist; und hat sich da etwas Lebendes vorgefunden, so wird solches sogleich mit der größten Behutsamkeit zur Seite gesetzt und von ihnen erst nach solcher Räumung wieder ein behutsamer Schritt weiter getan.
NS|0|66|13|0|Aus diesem Grunde kommen diese Riesen auch nur höchst selten an die sehr belebten Meeresgegenden, weil sie da zu sehr achtgeben müssen, um mit ihren Tritten nicht etwas zu zerstören. Wenn sie so eine Reise unternehmen, so gehen sie gewöhnlich in den ziemlich breiten Flüssen und Strömen. Denn allda gibt es für sie am wenigsten aus dem Weg zu räumen. Aber auf dem Land, und besonders an den festen Ufergegenden des Meeres, werden sie beinahe gar nie gesehen.
NS|0|66|14|0|Ihr möchtet wohl wissen, wovon diese Menschen leben und worin ihre Nahrung besteht? Diese Menschen leben von Baumfrüchten, welche auf riesenhaft großen, permanenten Bäumen in reichlichster Menge vorkommen, dann aber auch von solchen Produkten, welche sie durch ihren Willen, so wie manche andere Sonnenbewohner, die wir schon kennen, dem Sonnenboden entlocken. Denn die Willensvegetation ist auf diesem letzten Gürtel allgemein. Eine dritte Nahrungsquelle aber ist in diesem Gürtel auch die außerordentlich an allerlei Meteoren reiche Sonnenluft. Denn es hat allhier mit der Luft beinahe dieselbe Bewandtnis wie mit der des entsprechenden Planeten Miron; nur natürlich alles in riesenhaft größerer Form als auf dem Planeten. So gibt es auch hier ein fliegendes Brot; wo aber manchmal so ein fliegendes Stück eben nicht ungebührlich einen kleinen Trabanten eines Planeten abgeben könnte.
NS|0|66|15|0|Wenn ihr nun solches betrachtet, so wird es euch auch sicher einleuchtend sein, dass der große Gastgeber, der so viele Myriaden und Myriaden Zentralsonnen speisen muss, dass sie stets gesättigt sind, wohl auch noch Mittel finden wird, um solche Menschen zu sättigen. Denn die Erhaltung einer Zentralsonne in naturmäßiger Hinsicht betrachtet, gegen die die Erde nicht einmal als Stäubchen betrachtet werden kann, wird doch sicher mehr benötigen als die Erhaltung eines Menschen, und wäre er so groß, dass er von der Erde bis auf den Mond reichen möchte. Es ist eines und dasselbe, ob ein Körper groß oder klein ist, so wird er in Meiner unendlichen Speisekammer sicher nicht zugrunde gehen.
NS|0|66|16|0|Und so habt ihr euch durchaus nicht zu sorgen um die Erhaltung solch großer Wesen; denn vor Mir gibt es nirgends etwas Großes. Das, was ihr groß nennt, ja unnennbar groß, ist vor Meinen Augen kaum wert, ein Atom genannt zu werden. Der Mensch, der da besteht aus zahllosen Hülsengloben-Heeren, ist vor Mir nicht größer als ein kleinster Punkt in den Tiefen der Unendlichkeit!
NS|0|66|17|0|Aus diesem Wenigen werden euch diese einige tausend Klafter hohen Menschen des siebten Sonnengürtels sicher noch ganz bescheiden vorkommen. Daher wollen wir uns nun auch nicht mehr mit ihrer leiblichen Größe und Erhaltung befassen, sondern wollen uns dafür zu ihren Verhältnissen, Verfassungen und endlich zu ihrer Religion wenden. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein!
NS|0|67|1|1|Lebensverhältnisse und Geistesart der Bewohner des siebten Sonnengürtelpaares
NS|0|67|1|1|(Am 12. November 1842 von 4 1/2 bis 6 3/4 Uhr abends.)
NS|0|67|1|0|Was die gesellschaftlichen Verhältnisse der Bewohner dieses Gürtels betrifft, so sind diese, wie schon erwähnt, nahe ganz dieselben wie auf dem entsprechenden Planeten. Nur gibt es hier nirgends, so wie auf dem Planeten, Wohnhäuser und somit auch keine Dörfer. Aber die Menschen wohnen auf gewissen Distrikten doch stets gesellschaftlich beisammen und benutzen ein allgemeines Distriktgrundeigentum, das heißt, der ganze bedeutend große Grund gehört niemandem einzeln zu eigen.
NS|0|67|2|0|Was der Grund somit natur- und normalmäßig trägt, hat ein jeder allenthalben das Recht, sein Bedürfnis zu stillen. Was aber jedermann zufolge seines Willens dem Boden zu entlocken vermag, das ist ihm allein eigen. Aber nach den unter ihnen bestehenden Freundschaftsgesetzen mag er von dem Eigenerzeugten wenigstens ein Drittel der Allgemeinheit zugutekommen lassen. Also ist es auch der Fall mit jenen Besitznehmungen, welche, wie ihr zu sagen pflegt, zu den zufälligen gehören, oder welche sich also verhalten, wie da ihr zu sagen pflegt: Das ist ein Land, wie sich’s gehört; denn da fliegen einem die gebratenen Vögel von selbst in den Mund!
NS|0|67|3|0|Ihr werdet euch noch erinnern können, dass die Luft des Planeten Miron nicht selten auf wunderbare Weise Lebensmittel erzeugt, die nur abgefangen zu werden brauchen und sodann in den Mund geführt. Noch mehr ist dies aber auf diesem Gürtel der Sonne der Fall, und ganz besonders auf dem nördlichen. Denn weil eben die Polargegenden der Sonne diejenigen sind, aus welchen das ganze Heer ihrer Planeten seine reichliche Nahrung bekommt, so könnt ihr es euch wohl leicht vorstellen, dass bei solch reichlichen Ausspendungen sich nicht selten eine Menge Brosamen über den Polargebirgsgürtel in den siebten Gürtel herein verlieren. Und so gibt es für die Bewohner dieses Gürtels auch immer etwas zu naschen.
NS|0|67|4|0|Aus dem Grunde ist auch das Klima dieses Gürtels bedeutend kühler als das der anderen Gürtel, indem die Luft dieses Gürtels beständig mit allerlei fruchtbaren Dünsten erfüllt ist, aus welcher dann endlich allerlei gute Dinge zur leiblichen Erscheinlichkeit kommen, welche Erscheinlichkeiten den Bewohnern dieses Gürtels nicht minder willkommen sind, als den Israeliten in der Wüste der Mannaregen. Was sonach diese Luft freiwillig abwirft, gehört demjenigen, der es zuerst gefunden hatte und es dann in seinen Besitz nahm; doch mag er davon allzeit der Allgemeinheit die Hälfte zugutekommen lassen. Darin also besteht die gesellschaftliche Verfassung dieser Bewohner.
NS|0|67|5|0|Da aber diese größten Menschen der Sonne keine Häuser haben, so fragt es sich: Wie sind demnach ihre Wohnungen beschaffen? – Sie suchen sich auf den Hügeln, welche von ziemlicher Bedeutung sind, die flachen und weichen Stellen aus. Auf diesen lassen sie ein dichtes Gras wachsen, welches sehr elastisch ist und nicht selten eine Höhe von mehreren Klaftern erreicht. Eine solche, oft ein, zwei bis drei Quadratmeilen einnehmende Grasfläche umpflanzen sie dicht mit überaus hochwachsenden, riesigen Fruchtbäumen. Eine solche Fläche, mit solchen Bäumen umfangen, ist demnach das allgemeine Wohnhaus, davon ein Teil von den Männern, ein Teil aber von den Weibern bewohnt wird. Diese Art Wohnhäuser, oder vielmehr Wohnplätze, haben aber niemals eine ganz regelmäßige Form, sondern richten sich allzeit nach der Fläche eines solchen Hügels.
NS|0|67|6|0|Alles andere Land um einen solchen Hügel, welches nicht selten einen Flächenraum von achthundert bis tausend Quadratmeilen einnimmt, ist ein allgemeiner Grund, der den Bewohnern der Fläche zugutekommt.
NS|0|67|7|0|Wer ist denn der Erste einer solchen Gesellschaft? Die Ordnung ist dieselbe wie in dem Planeten. Die Eltern sind den Kindern alles. Und irgend der Älteste, oder – wenn es dergleichen mehrere sind –, wird in wichtigen Fällen zu Rate gezogen, welcher Rat aber dann auch allzeit auf das Eifrigste befolgt wird.
NS|0|67|8|0|Wie stehen denn solche Gesellschaften sich gegenseitig im Verband? Überaus freundschaftlich, wenn sie zusammenkommen. Denn solches gibt bei ihnen keinen Unterschied, und am allerwenigsten einen solchen, den die Bewohner dieser Erde finden, indem sie mit den dunkler gefärbten Brüdern wie mit den Tieren einen Handel treiben. Im Gegenteil, ein Mensch von einer anderen Farbe wird von einem anderen wieder anders Gefärbten stets höher geachtet als ein Gleichgefärbter, und das zwar aus dem Grunde, weil die Bewohner also glauben, dass der große Schöpfer dadurch einen neuen Beweis von Seiner unzugänglichen Weisheit habe anzeigen wollen. Daher studieren dann diese Menschen emsig nach, ob sie nicht irgendeine Spur finden könnten, um aus ihr oder in ihr zu erfahren, welche allerweiseste Absicht der große, allmächtige Schöpfer etwa mit dieser Färbung gehabt haben dürfte. Aus ebendem Grunde besprechen sie sich auch sorgfältigst mit einem solchen anders gefärbten Menschen, um etwa durch seine Äußerungen der innern Weisheit auf die Spur zu kommen. Und da ist dann jedes Wort aus dem Munde eines solchen Andersgefärbten wie ein gefundener Schatz, welcher nach allen Seiten sorgfältig betrachtet wird, und wird dann zergliedert und gezählt bis auf den innersten Grund.
NS|0|67|9|0|Also sind auch die verschiedenen Größen der Menschen auf diesem Gürtel ein bedeutender Grund der gegenseitigen Achtung; denn auch diese werden also wie die Farben betrachtet.
NS|0|67|10|0|Sind die Bewohner dieses Gürtels aber auch so industriös wie die des Planeten? Das eben nicht. Denn sie bedürfen vieles dessen nicht, was den Bewohnern des Planeten nötig ist; denn da sie keine Häuser und sogar auch keine Kleider haben, so fallen damit auch viele materielle Industriezweige hinweg.
NS|0|67|11|0|Aber was da wieder tiefere, innere, geistige Kenntnisse und Wissenschaften anbelangt, so sind sie darinnen den Bewohnern des Planeten ums überaus Viele überlegen. Außer ihrem starken Willen haben sie auch keine anderen Werkzeuge als ihre beiden Hände und ihre anderen gesunden Sinne.
NS|0|67|12|0|Wie sieht es denn mit der Musik aus? In materieller Hinsicht, wie ihr zu sagen pflegt, überaus schlecht. Denn sie besitzen weder musikalische Instrumente, noch können sie mit ihrer Stimme, welche zu tief liegt, irgendetwas der Musik Ähnliches hervorbringen. Aber desto musikalischer sind sie in ihrem Geiste und haben demzufolge das eigene, innere Vermögen, sich gegenseitig ihre inneren Geisteskonzerte also vernehm- und fühlbar mitzuteilen, als ihr euch mitteilen könnt durch Worte eure Gedanken.
NS|0|67|13|0|Wie geschieht aber dieses? Fast auf dieselbe Art, als wie da auch so manche sogenannten Somnambulen bei euch diejenigen Töne und Harmonien sehr deutlich vernehmen können, welche sich ihr sogenannter Magnetiseur denkt und in sich fühlt. Ihr werdet zwar fragen: Wie ist solches wohl möglich? – Auf diese Frage sage Ich euch fürs Erste, dass der geistige Mensch ebenso gut Ohren und alle anderen Sinne hat wie der naturmäßige. Wie aber der naturmäßige Mensch mit seinen naturmäßigen Sinnen den Gesang eines anderen Menschen vernehmen kann, so gut, und noch ums Unvergleichliche vollkommener, kann solches der Geist mit seinen unvergleichlich zarteren Sinnen. Daraus aber ist ja doch evident, dass Menschen auch ohne Instrumente und ohne materielle Gesangsfähigkeit noch immer die tüchtigsten Musiker sein können. Denn wäre solches nicht der Fall, so wäre auch unter euch nie eine Musik entstanden. Denn woher hätte es der erste Musiker genommen, so sein Geist nicht schon ein tüchtiger Musiker gewesen wäre? Aus diesem nun Gesagten könnt ihr dann ja recht wohl begreifen, wie unsere siebten Gürtels-Bewohner ohne äußere Gesangsfähigkeit recht überaus vortreffliche Musiker sein können, und können sich damit auch gegenseitig, Mich allertiefst lobend, ergötzen.
NS|0|67|14|0|Denn die Musik des Geistes soll ja allzeit entsprechen dem tiefsten, innersten Lob, das ein Geist Mir aus seiner innersten, himmlischen Tiefe darzubringen vermag, also wie es der Mann nach Meinem Herzen und noch andere Sänger Meiner Ehre taten, und wie es allzeit tun alle Engelsgeister der Himmel. Wenn aber die Musik so wie bei euch gehandhabt wird, da wäre gar vielen Musikern besser, sie musizierten mit Klapperschlangen auf den öffentlichen Bällen, als mit ihren wohlklingenden, musikalischen Instrumenten, die da, im Geiste zusammengenommen, nichts anderes sind, als ein mächtiger Posaunenruf des Satans zum ewigen Tode! Doch genug von dem! Denn zu welcher Entartung die Musik derzeit bei euch gekommen ist, wisst ihr ohnehin.
NS|0|67|15|0|Wie sieht es denn mit der Astronomie der Bewohner dieses Gürtels aus? Sehr gut, und gerade so wie mit der Musik. Mit ihren Augen sehen sie zwar, ausnahmsweise für diesen Gürtel, zufolge seiner beständigen Umdunstung, ein Gestirn am weiten Firmament nie. Aber desto bestimmter sehen sie solches in ihrem Geist, und sind auf diesem Wege in diesem Fach so bewandert, dass ihnen fremde Weltgebiete nahe so bekannt sind wie ihr Gürtel.
NS|0|67|16|0|Sie wissen sogar, wenn auch nicht alle, aber die Weisesten aus ihnen ganz bestimmt, wie der vollkommene Planet Sonne bestellt ist, und was alles für Kostgänger er auf seiner Oberfläche wie in seinem Innern und auch über sich birgt und trägt. Aber sie wissen es auch, dass sie mit ihrem Leib so lange da zu verbleiben haben, so lange es ihrem Geist bestimmt ist, denselben zu tragen. Also sind die Bewohner dieses Gürtels im Ernst nicht so auf den Kopf gefallen und etwa so unbehilflich, wie sie auf den ersten Augenblick in ihrer riesenhaft großen Nacktheit erscheinen.
NS|0|67|17|0|Wenn da jemand fragen möchte: Warum aber sind die Menschen dem Leibe nach gar so unglaublich groß, während ihr Geist bei aller seiner Vollkommenheit dennoch nichts Größeres aufzuweisen hat als ein anderer vollkommener Geist eines, leiblich genommen, unvergleichbar viel kleineren Menschen? – Seht, das ist wieder eine Frage, auf welche sich statt der Antwort nur gewisse andere Fragen geben lassen. Denn könntet ihr nicht ebenso gut fragen: Warum ist denn der Eichbaum zur Tragung seiner unbedeutenden Frucht so groß? – und warum gerade derjenige Apfelbaum, der die größten Äpfel trägt, nicht nur im Verhältnis gegen den Eichbaum, sondern sogar im Verhältnis gegen seine Brüderbäume gewöhnlich der kleinste? Ferner könntet ihr auch fragen: Warum hat denn der große Elefant die kleinsten Augen, im Verhältnis zu anderen Tieren; und eine Fliege, ja sogar eine Mücke und noch andere dergleichen fliegende Insekten im Verhältnis zu ihrer Größe die größten Augen?
NS|0|67|18|0|Es ließen sich noch eine Menge also etwas lustiger Gegenfragen aufstellen. Allein es mögen diese zwei hinreichen, um euch und auch so manchen anderen erschaulich zu machen, dass Ich so eine Menge Eigentümlichkeiten habe, für welche Ich eben nicht allzeit aufgelegt bin, Rechenschaft abzulegen, besonders den Menschen in ihrem naturmäßigen Zustand, in welchem sie aus Meinen, wieder ganz eigentümlich wohlberechneten Gründen einer höheren Weisheit unzugänglich sind. So aber dieser Zustand der Prüfung ein volles Ende haben wird, sodann wird es schon noch immer Zeit sein, durch die ganze Ewigkeit, die vollkommenen Geister in allerlei Weisheit zu führen. Dafür lassen wir auch unsere großen Menschen auf diesem Gürtel einstweilen wie sie sind. Einst wird schon für den Geist ein zuständlicher Zeitpunkt kommen, wo er solches wird einsehen lernen.
NS|0|67|19|0|Da wir nun die Verhältnisse unserer siebten Gürtels-Bewohner durchblickt haben, so wollen wir uns fürs nächste Mal zur Religion dieser Menschen wenden, in welcher sich noch so manche scheinbaren Widersprüche über die Darstellung der Sonne ausgleichen werden. Und somit gut für heute!
NS|0|68|1|1|Grundsätzliches über Religion und die scheinbaren Widersprüche in göttlichen Offenbarungen
NS|0|68|1|1|(Am 14. November 1842 von 3 1/2 bis 5 1/4 Uhr abends.)
NS|0|68|1|0|Wenn ihr die Religion der Bewohner des Planeten Miron betrachtet habt, so muss euch schon ein kleiner Vorgeschmack darin vorgekommen sein, wie gestaltig hier die Religion, nämlich auf diesem siebten Gürtel, sein möchte. Nur muss euch dabei das nicht aus den Augen gehen, dass der entsprechende Sonnengürtel sich niemals gleich-polarisch, sondern in allem nur anti-polarisch, das heißt solar zu allen den Verhältnissen eines ihm entsprechenden Planeten, verhält. Und so ist denn solches auch der Fall mit der Religion.
NS|0|68|2|0|Auf einem Planeten geht die Religion aus dem Materiellen ins Geistige über, und somit ist auch das Materielle notwendig vorwaltend vor dem Geistigen. Auf der Sonne ist dies gerade der umgekehrte Fall. Die Religion geht da aus dem Geistigen ins Materielle über und erscheint als der schaffende, wesenhafte Grund aller Dinge daselbst. Aus dem Grunde ist alldort das Geistige vorwaltend vor dem Materiellen.
NS|0|68|3|0|Um aber diesen Unterschied noch deutlicher zu machen, müsst ihr euch die Sache also vorstellen: So ihr Bewohner eines oder des anderen Planeten die Materie und ihre geformten Produkte vor euch habt, da bewundert ihr dieselben; und so ihr dieselben recht scharfsinnig betrachtet, so wird doch sicher ein jeder fragen: Wie entsteht oder entstand dieses oder jenes? Was ist wohl der Grund davon? – Durch dergleichen Fragen und möglich darauf erfolgte Antworten führt ihr euch immer tiefer. Und wenn ihr nach den gerechten Regeln forscht und sucht, so müsst ihr ja endlich notwendig auf das Geistige kommen, also auf ein selbständiges Leben, indem euch die regungslose, tote Materie am Ende zuruft: Ich kann mich ja unmöglich selbst gebildet und noch weniger belebt haben. – Was heißt aber das mit anderen Worten anders gesagt als: Ihr geht den antisolaren Weg vom Materiellen ins Geistige über.
NS|0|68|4|0|In der Sonne ist der Weg ganz umgekehrt, wie schon oben gesagt wurde. Da sieht niemand ein Ding an, wie es da ist vor ihm, sondern sein erster Blick ist der Grund, und von diesem aus geht er dann erst stufenweise diejenigen Wege durch, nach welchen sich aus dem Geistigen eine naturmäßige Wesenform ausgeboren oder ausgebildet hat, und dieser Weg wird dann der solare genannt.
NS|0|68|5|0|Also gestaltet ist dann auch selbst bei euch jede Offenbarung; sie geht vom Geistigen ins Materiell-Formelle über. Aus diesem Grunde müssen dann ja nicht selten die Außenformen wie widersprechend erscheinen, während sie von innen, aus der allerhöchsten und wohlberechneten Ordnung, entspringen.
NS|0|68|6|0|Damit euch dieses wieder einleuchtender wird, so will Ich euch nur ein kleines Beispiel geben: Betrachtet nur einmal einen alten Baum; besonders würde er sich dadurch, vorausgesetzt, dass er ganz gesund ist, am besten betrachten lassen, so ihr den Stamm gerade quer durchschneiden möchtet und sodann von seinem Kern aus betrachten alle die stets unordentlicher werdenden Holzumgebungen des Kernes, bis ihr da kommen möchtet sogar auf seine äußerste raue Rindenumgebung. Wenn ihr den Kern und dessen nächste Umgebung da sehen würdet, wie dieser ganz vollkommen ordnungsmäßig gebildet ist, so ist doch sicher vorauszusehen, dass euch darüber eine große Bewunderung über solche große Ordnung ergreifen müsste. Möchtet ihr aber dann die stets weiter vom Kern entfernten Holzkreise zu betrachten anfangen, so werdet ihr da auf unordentliche Kreise kommen, und ihr werdet euch sicher fragen: Woher diese Unordnung? Das widerspricht ja offenbar dem vollkommen runden Kern. Denn wir entdecken ja Aus- und Einbüge, die nicht selten ein, zwei bis drei Zoll ausmachen, und doch ist der Kern rund! Was hat denn da den Holzkreis eingedrückt und da wieder hinausgeschoben? – Und wenn ihr dann endlich auf die äußere Rinde kommen würdet, sagt Mir, woher werdet ihr euch da wohl die höchste Unordnung der Rinde selbst und endlich die großen Furchen des Baumes erklären? Ihr werdet doch notwendig sagen müssen: Je mehr bei Licht wir dieses betrachten, einen desto größeren Widerspruch finden wir zwischen dem Kern und zwischen der äußeren Umgebung dieses Baumes. – Seht, solches lehrt euch schon ein einziger Durchschnitt eines Baumes!
NS|0|68|7|0|Damit euch aber die ganze Sache noch klarer wird, wollen wir diese Sache noch ein wenig mehr beleuchten. Wenn ihr zum Beispiel den Baum auf mehreren Stellen durchschneiden würdet, und möchtet dann diese Durchschnitte bei immer gleichem Kern miteinander vergleichen, wie mächtig verschieden werdet ihr sie da finden! Allein diese Verschiedenheiten sind noch zu wenig auffallend. Daher wollen wir die Sache auch noch ein wenig tiefer betrachten.
NS|0|68|8|0|Nehmen wir zum Beispiel das Samenkorn eines Baumes! Ihr könntet zum Beispiel hundert Eichnüsse miteinander vergleichen, ja sie sogar abwägen. Wenn ihr übrigens die vollkommen schönen Früchte dieses Baumes nehmt, so wird dabei des Unterschiedes in kaum merklichem Verhältnis vorkommen. Und wenn ihr aus den Körnern noch dazu die Keime auslöst und sie an und für sich mikroskopisch betrachtet, so werdet ihr in einem jeden solchen Keimwärzchen eine und dieselbe Ordnung finden. Jetzt aber, Meine Lieben, nehmen wir uns die Mühe und machen einen kleinen Spaziergang in einen Eichwald. Ho, ho! werdet ihr sagen, da sieht ja nicht ein Baum dem anderen gleich; der hat solche Äste, der wieder andere, und nicht zwei im ganzen Wald sind sich der Form nach ähnlich. – Ihr werdet etwa meinen, vielleicht herrscht doch in den Wurzeln eine größere Ordnung und entspricht mehr und mehr dem Keim. Lassen wir die Bäume nur ausgraben; denn im Geiste ist solches ja leicht möglich. Beseht da die Wurzeln, wie sie ebenso verschieden sind wie die Stämme und Kronen der Bäume selbst.
NS|0|68|9|0|Wenn ihr solches nur ein wenig betrachtet, müsst ihr da nicht der Wahrheit gemäß laut ausrufen: Welch eine Unordnung, welch ein Widerspruch gegen die außerordentlich übereinstimmende und gleichmäßige Ordnung im Keim dagegen! – Wie kann aus solcher Ordnung eine solche, sich in allen Stämmen, Ästen und Zweigen widersprechende Unordnung entstehen?
NS|0|68|10|0|Seht, darin liegt es, was zu verstehen und wohl zu begreifen euch überaus nottut, so ihr von jeder äußerlich-formellen, geistigen Offenbarung durch den Buchstabensinn einen wahren Nutzen ziehen wollt. Denn das Geistige ist eine in sich selbst bestimmte Kraft und ist mit sich selbst in der größten Ordnung. Wenn aber diese Kraft, aus sich selbst hinaustretend, sich äußern will, so muss sie ja doch, als in sich die größte Ordnung, wohl innewerden, wie sie sich den äußeren Verhältnissen gegenüber möglicherweise äußern kann, um fürs Erste ihr ureigentümlich Beschaffenheitliches nicht aus den Augen zu lassen, übrigens aber so zu wirken, dass sie auch mit den äußeren Umständen im Einklang steht.
NS|0|68|11|0|Seht, aus dem wird etwa doch klar werden, dass wenn Ich, als die Urkraft Selbst, aus der allerreingeistigsten, ewigen Ordnung Mich für die Außenwelt äußere, Ich auch stets diese zwei Regeln, als der Grundurheber derselben, auf das Genaueste beobachte, und zwar eben dadurch, dass dabei von dem eigentlich göttlich Heiligen in Seiner Fülle nichts vergeben wird, sondern dasselbe allenthalben allerhöchstvollkommen beschaffenheitlich innewohnen muss. Was aber dann die formelle Äußerung nach außen betrifft, so muss sich diese dennoch wieder fügen nach den äußeren Umständen und muss daher notwendig in der Äußerlichkeit in allerlei widersprechend erscheinen, während sie doch in sich selbst in dem allerhöchst ordnungsmäßigen Einklang steht; – also wie die Eichbäume an und für sich beschaffenheitlich doch immer dieselben sind und sich, zufolge ihrer Produktionen, immer auf eine und dieselbe Grundordnung zurückbeziehen, wenn sie sich auch noch so sehr in der äußeren Form zu widersprechen scheinen.
NS|0|68|12|0|Werden aber hier nicht einige sagen: Wie steht denn diese Erklärung mit der Religion der Bewohner des siebten Gürtels im Einklang? – Ich aber sage: Die Folge wird es zeigen, wie notwendig diese Erklärung war, um das Fach der Religion, wie auch alles andere nicht nur der Bewohner dieses siebten Gürtels, sondern auch aller anderen Gürtel in dem wahren Grunde zu verstehen und daraus den gerechten Nutzen zu ziehen.
NS|0|68|13|0|Ich habe schon früher erwähnt, dass eben bei Gelegenheit der Darstellung der Religion dieser siebten Ringes-Bewohner so manche scheinbare Widersprüche im Verlauf dieser ganzen Mitteilung sollen ausgeglichen werden. Wie würdet ihr solches wohl je ohne diese nun vorangegangene Erklärung ruhig und sicher einsehen? Da aber ihr nun solches wisst, so wird es auch weiter keine große Schwierigkeit mehr sein, für euch alles solches zu berichtigen, und euch den Unterschied zwischen der solaren und antisolaren Wirkung zu zeigen.
NS|0|68|14|0|Aus dem Grunde wollen wir denn auch das Fach der Religion so ganz eigentlich erst in der nächsten Mitteilung beginnen. Somit gut für heute!
NS|0|69|1|1|Wie die scheinbaren Widersprüche und Unterschiede bei den Offenbarungen aufgelöst werden
NS|0|69|1|1|(Am 15. November 1842 von 5 bis 6 Uhr abends.)
NS|0|69|1|0|Was sonach das eigentliche Fach der Religion betrifft, so besteht dieses [bei den Bewohnern des siebten Sonnengürtelpaares] darin, dem Wesen Gottes aus allen Teilen ein einstimmiges Lob darzubringen.
NS|0|69|2|0|Aus dem Grunde werden da auch alle Dinge so erforscht, dass sie, von innen aus betrachtet, immer einen und denselben Grund haben müssen. Es kommt da nicht an auf groß oder klein, auch nicht auf viel oder weniger; – ob da gesagt wird: Dies ist ein größtes Ding und dies wieder ein kleinstes, hier eine solche Entfernung, und angegeben durch eine Zahl, gleich daneben eine andere Entfernung, angegeben mit einer anderen Zahl. Werden solche Unterschiede von außen nur betrachtet, so sind sie sichtbar und widersprechen sich; von innen aus betrachtet aber sind sie sich völlig gleich.
NS|0|69|3|0|So zum Beispiel möchte Ich euch sagen: Die Entfernung von eurer Wohnstadt bis zu einer nächsten Stadt, zum Beispiel in eurem Oberland, beträgt sieben Meilen; wieder möchte Ich euch sagen: Die Entfernung von eurer Wohnstadt bis zur nämlichen Stadt beträgt zehn Meilen; und wieder möchte Ich euch sagen: Solche Entfernung beträgt zwanzig Meilen, und zwar eines und desselben Weges; ja Ich könnte euch noch mehrere verschiedenartige Entfernungszahlen angeben. Wenn ihr die Sache äußerlich betrachtet, so könnt ihr nicht umhin, mit gutem Verstandesgewissen zu behaupten: Das ist ja ein offenbarer Unsinn! – Denn solches muss ja doch ein Blinder einsehen, dass eine bestimmt ausgemessene Entfernung von etwa sieben Meilen nicht verlängert oder verkürzt werden kann, vorausgesetzt, dass die Wegmaßlinie stets eine und dieselbe bleibt. Dem Außen nach ist diese Einwendung gegründet und können demnach sieben, zehn und zwanzig Meilen nicht eines und dasselbe sein. Welches Gesicht aber bekommt diese Angabe von innen aus untersucht? Das ist eine andere Frage.
NS|0|69|4|0|Damit ihr aber die Identität solcher Angabe einsehen mögt, so will Ich euch auch in diesem Fall mit einem anschaulichen Bild zu Hilfe kommen. Wie stellt ihr euch etwa die Stadt Bruck vor? Ihr sagt: Also, wie wir sie noch allzeit gesehen haben. – Ich frage euch wieder: Wo könnt ihr euch denn das vorstellen? – Ihr werdet sagen: Fürs Erste in uns, das heißt durch die Kraft unserer Einbildung und Rückerinnerung an das naturmäßige Standbild dieser Stadt. – Gut, sage Ich. Seid ihr bei dieser Vorstellung in euch auch auf einen bestimmten Platz angewiesen, oder seid ihr im Geiste genötigt, diese Stadt euch gerade nur da vorzustellen, wo sie sich befindet? Ihr könnt im Geiste diese Stadt doch sicher in jede beliebige Entfernung versetzen. Nun seht, wir haben unterdessen genug und wollen nun die Sache weiter verfolgen. Wenn es, von innen aus betrachtet, für den Geist so gut wie einerlei ist, wo er sich diesen Ort vorstellen will, und ihm diese Vorstellung auch allzeit nur dieselbe Mühe kostet, da fragt dann euren Geist, welchen Unterschied er wohl zwischen den angegebenen Entfernungen findet? Wird er für das sieben Meilen entfernte Bruck wohl weniger Zeit bedürfen, um sich dasselbe irgendwo vorzustellen, als zu einem hundert Meilen entfernten? Wer nur einigermaßen die große Fertigkeit seiner Gedanken kennt, der wird doch schon in sich die Erfahrung gemacht haben, ob er einen Unterschied findet, sich zu denken die Entfernung einer Meile und gleich daneben eine Entfernung von mehreren Millionen Meilen. Wenn solches aber für den Geist, oder von innen aus betrachtet, vollkommen eines und dasselbe ist, so wird es ja doch auch klar sein, dass all die Dinge von innen aus betrachtet, wie sie von einem und demselben Punkt ausgehen, also auch in einem und demselben Punkt eines und dasselbe sind.
NS|0|69|5|0|Solches könnt ihr schon in der allgemeinen Begriffszusammenziehung finden. Unter welchem allgemeinen Namen könnt ihr euch denn alle geschaffenen Dinge, ohne Unterschied ihrer äußeren Beschaffenheiten, Eigenschaften und Formen, verständig vorstellen? Ihr sagt: Unter dem allgemeinen Ausdruck: Wesen oder Geschöpfe. – Gut, sage Ich. Sagt Mir aber: Wie unterschieden findet ihr wohl die endlose Vielheit der allerverschiedenartigsten Wesen? – Hier müsst ihr doch offenbar gestehen und sagen: In diesen allgemeinen Ausdrücken ist durchaus kein Unterschied all des zahllos Erschaffenen sichtbar. Denn in diesen beiden Ausdrücken spricht sich nur eine gleichbedeutende Vielheit der geschaffenen Dinge aus. – Ich frage wieder: Warum denn? – Wenn ihr einigermaßen das Vorhergehende beachtet, so könnt ihr auf dieses „Warum“ keine Antwort geben, als dass ihr sagt: Weil in dem Entstehungsgrund aller der endlos vielen und verschiedenartigsten Dinge sie völlig eins sind. – Wenn Ich noch eine Frage hinzufüge und frage: Wie und worin? – so müsst ihr doch gewisserart mit der Nase euch daran stoßen und sagen: Weil alle Dinge aus der göttlichen Liebe hervorgehen, so müssen sie ja auch in ebendieser göttlichen Liebe so vollkommen einig vorhanden sein, wie diese göttliche Liebe in Sich Selbst vollkommen einig ist.
NS|0|69|6|0|Wenn jemand hier allenfalls einwenden möchte und sagen: Ja muss denn gerade alles aus der göttlichen Liebe hervorgegangen sein? Gott ist ja auch die allerhöchste Weisheit. Ist es daher nicht füglicher, Seine endlose Weisheit als das hervorbringende Prinzip aller Dinge anzunehmen, als die Liebe? Denn wir sehen ja solches doch unter uns Menschen, da es einige darunter gibt, die eine starke Portion Liebe besitzen, so zwar, dass sie alle ihre Brüder und Schwestern als allerexakteste Philanthropen aufzehren möchten; wenn sie aber bei all ihrer Liebe nicht auch sich ihre Verstandeskräfte auszubilden suchten, so wird aus all ihrer großen Liebe spottwenig zum Vorschein kommen, während wieder andere Menschen, welche nicht mit einer so starken Portion Liebe begabt sind, durch ihre vielseitigen Kenntnisse große Dinge ins Werk zu setzen vermögen. – Solcher Einwurf wäre wohl einiger Beachtung wert, wenn Gott und ein Mensch ganz vollkommen eines und dasselbe wären. Da aber dazwischen ein starker Unterschied obwaltet, so ist auch bezüglich der Liebe in Gott und der Liebe im Menschen ein und derselbe starke Unterschied vorhanden; obschon ein eigentlich rechter Mensch in diesem Punkt seinem Schöpfer am meisten ähnlich sein solle.
NS|0|69|7|0|Bei Gott geht die Weisheit also aus der Liebe hervor wie das Licht aus der Flamme. Wenn demnach die Dinge in ihrer Verschiedenartigkeit auch von der göttlichen Weisheit gestellt und geordnet werden, so kann aber doch niemand mehr in Abrede stellen, dass sie im Grunde des Grundes endlich dennoch samt der Weisheit aus der Liebe hervorgehen müssen. Nun seht, da wir solches nun sicher einsehen, so muss es ja auch klar sein, dass vom innersten Grund sich alles in der allergrößten Ordnung also ergreifen und finden muss, als wäre äußerlich kein Unterschied dazwischen. Die Mannigfaltigkeit der schon in der vorigen Mitteilung betrachteten Bäume läuft endlich in dem Samenkorn wieder in die alte, einfache, unterschiedslose, ewige Ordnung zusammen.
NS|0|69|8|0|Wer sonach aus dieser inneren Ordnung, oder noch mehr deutsch gesprochen, wer aus seiner inneren Liebe zu Mir, als dem Grundkeim aller Wesen, sich selbst und alle die Wesen betrachtet, der wird überall eine und dieselbe Einheit und eine und dieselbe sich überall ergreifende Ordnung finden!
NS|0|69|9|0|Betrachtet zum Beispiel den Baum des Lebens oder das geschriebene Wort, sowohl des Alten als des Neuen Testaments; wie viele tausend Äste, Zweige und Wurzeln mögt ihr wohl an selbem erkennen? Nicht eine Wurzel, nicht ein Ast, nicht ein Zweig sieht dem andern ähnlich. Dem Außen nach scheint sich alles zu widersprechen. Lehrsätze über ein und dasselbe lauten verschieden. Prophetische Voraussagen über ein und dasselbe Ereignis sind von verschiedenen Propheten auch verschieden bezeichnet. Sogar die vier Evangelisten erzählen eine und dieselbe Sache mit anderen Worten und unterscheiden sich auch in verschiedenen Zahlenangaben. Ja sogar manche Ortsstellen geschehener Tatsachen werden häufig nicht vollends übereinstimmend bezeichnet, und so variieren auch nicht selten die Zahlen der Zeit. Wer nun von der äußerlichen Anschauung auf den inneren Zusammenhang kommen will, der wird den Weg doch sicher verfehlen und wird das Zentrum so schwer treffen, als so da jemand möchte von außen einen Baum anbohren und behaupten: wie er da den Bohrer angesetzt hat, so muss er damit bis zum Kern dringen. So er aber hernach den Gang seines Bohrers untersuchen wird, da wird sich doch sicher zeigen, dass er mit seinem Bohrer den Kern um mehrere Zoll verfehlt hat. Wenn er aber den Baum eher spaltet und bohrt dann vom Kern nach außen, wird er da wohl möglicherweise je können die Rinde verfehlen? Warum denn nicht? Weil im Kern alles in eins zusammenläuft. Aber im Äußeren ist der Kern durchaus nicht zu finden. Es könnte jemand nur, wie ihr zu sagen pflegt, durch einen blinden Zufall mit seinem Bohrer das Zentrum treffen. Was wird ihm aber solches wohl nützen? Wird er darum nun imstande sein, bei jedem Baum, den er wieder anbohrt, das Kernzentrum zu treffen?
NS|0|69|10|0|Seht, also nützt auch die äußere, gewisserart antisolare Verstandesweisheit so viel als nichts; – er [ein solch äußerlicher Verstandesweiser] wird beständig wie ein Blinder herumtappen, und alles wird nur ein halbes Erraten, aber nie eine volle, innerlich überzeugende Gewissheit sein. Wer aber mit seinem Bohrer auf dem solaren Weg die gespalteten Bäume vom Kern ausbohrt, kann der je die Rinde verfehlen?
NS|0|69|11|0|Seht, das ist der richtige Schlüssel, nicht nur allein zur Beleuchtung und Eröffnung der wahren, inneren Weisheit bezüglich der Religion der Bewohner unseres siebten Sonnengürtels, sondern auch noch um vieles mehr für euch bezüglich eurer geoffenbarten Religion und auch hinsichtlich dieser gegenwärtigen neuen Veroffenbarung, damit ihr dann durch ebendiesen Schlüssel, oder wahren, innern Weisheitsbohrer, nicht nur allein das Geoffenbarte, sondern auch alle Dinge und Erscheinungen von dem wahren, inneren, in sich allenthalben einigen, sich nie widersprechenden Grund und Hauptstandpunkt der innern Weisheit, also aus dem Zentrum eurer Liebe zu Mir, betrachten könnt.
NS|0|69|12|0|Der noch weitere Verfolg wird euch die Religion der Bewohner unseres siebten Gürtels in ein noch größeres Licht stellen. Und so mögen wir uns wieder mit dem heute begnügen!
NS|0|70|1|1|Die verinnerlichte Religion der Bewohner des siebten Sonnengürtelpaares. Die zweifache Art der Betrachtung: von außen und von innen
NS|0|70|1|1|(Am 16. November 1842 von 4 1/4 bis 6 3/4 Uhr abends.)
NS|0|70|1|0|Wir haben schon gestern vernommen, dass derjenige, der vom Zentrum aus bohrt, unmöglich je die Rinde des Baumes verfehlen kann – fürs Erste, weil die Rinde den ganzen Baum umgibt, und fürs Zweite, weil vom Zentrum aus bis zum dasselbe umgebenden Kreis allzeit ein gerader und sicherer Weg führt. Wer aber das Zentrum eines Kreises nicht hat, der wird dasselbe vom Kreis aus allergenaust wohl schwerlich finden, weil er vom Kreis aus das Zentrum wird suchen müssen.
NS|0|70|2|0|Es wird aber jemand sagen: Es ist alles gut und wahr; wenn man aber einen Baum erst über den Kern spalten muss, um dann vom Kern aus zu bohren, so ist das doch eine schwierige Arbeit. – Und Ich sage: Allerdings! Denn zur Erforschung der Wahrheit und allzeitigen Untrüglichkeit wird auch sicher mehr erfordert als zur Erfindung einer oder der anderen Lüge. Soll man aber darum sich scheuen, die reine Wahrheit zu suchen, weil zu ihr der Weg schwerer ist als zur Lüge? Ich meine, solches wird wohl niemand behaupten. Also ist es auch mit der Spaltung des Baumes. Es ist da leichter zu bohren von außen nach innen, und dann zu sagen: man hat das Zentrum getroffen, – als den Baum zu spalten und zu bohren vom Zentrum nach außen.
NS|0|70|3|0|Dessen ungeachtet aber erfordert die Wahrheit solches. Und man muss das Leben suchen, da es ist, und dann von selbem ausgehen, – nicht aber da es nicht ist, und somit als Toter vom Tode aus das Leben finden und ergründen wollen.
NS|0|70|4|0|Wer sonach den rechten Weg gehen will, der muss allzeit den solaren, aber nicht den antisolaren gehen. Und der Baum muss gespalten sein, damit des Lebens Zentrum an das Licht kommt.
NS|0|70|5|0|Dieses wäre alles gut, wird so mancher sagen; wie sollen wir aber den Baum spalten? Zuoberst sitzt die Krone, und zuunterst sind die Wurzeln! – Ich aber sage: Sägt die Krone ab, tut die Wurzeln hinweg, so bleibt euch der Stamm, und dieser kann mit leichter Mühe gespalten werden.
NS|0|70|6|0|Aber hier werdet ihr schon wieder sagen: Was will denn das bedeuten? Wir verstehen es nicht. – Was ist die Krone des Baumes? Das sind die weltlichen Wisstümlichkeiten, die im äußeren Verstand haften.
NS|0|70|7|0|Was werden etwa die Wurzeln sein? Ihr dürft nicht weit greifen, sondern bloß nur die Frage beantworten, zu welchem Zweck oder aus welchem Grund die Menschen ihren Verstand mit allerlei Weltkenntnissen bereichern; und die Wurzeln werden ganz sichtbar vor euch auftauchen. Solltet ihr etwa die schwere Antwort nicht finden, so kann Ich sie euch sagen, [nämlich] dass darunter alle die weltlichen Interessen und Vorteile verstanden werden. Diese weltlichen Interessen und Vorteile vereinigen sich zu einem Kern des Baumes, welcher da bezeichnet die Eigenliebe, die sich dann in den Ästen und Zweigen in allerlei nützliche Verstandeswissenschaften ausbreitet, damit sie durch dieselben stets mehr Nahrung für ihr eigenes Wesen finden möchte.
NS|0|70|8|0|Sonach wird jetzt etwa dieses Bild doch verständlich sein. Die Krone hinweg; die Wurzeln hinweg; den Stamm spalten, damit die Eigenliebe nach außen gekehrt und zur Liebe des Nächsten wird und zur Liebe zu Gott und also umgekehrt den Strahlen der ewigen Lebenssonne ausgesetzt wird. Seht, also nach außen gekehrt wird die Liebe ersichtlich und kann in sich selbst erforscht werden; und wo immer da ein Bohrer der inneren Weisheit angesetzt wird, wird er ausgehen vom erleuchteten Grund und wird die Rinde oder den äußeren Kreis allzeit in der geradesten Richtung treffen, ohne denselben mühsam zu suchen.
NS|0|70|9|0|Aber es werden einige sagen: Das Bild ist gut und lässt sich hören; aber bei solcher Operation ist der Baum ja hin. – Und Ich sage euch: Wenn dieser äußere Baum nicht hin wird, so wird der innere mit der Zeit samt dem äußeren zugrunde gehen. Geht aber der äußere des inneren wegen zugrunde, so wird der innere erhalten. Denn wer das Leben liebt, der wird es verlieren; wer es aber flieht, der wird es überkommen. Das heißt, mit anderen Worten gesagt: Wer das Weltleben liebt, der wird des Geistes Leben verlieren; wer aber des Geistes Leben liebt und verachtet das Leben der Welt, der wird auch das Leben des Geistes überkommen.
NS|0|70|10|0|Wer also das Leben des Geistes liebt und dasselbe überkommt, der hat ja sich selbst gespalten und hat sein innerstes Leben dem Licht aus Mir geöffnet. Und dieses Licht ist der wahre Weisheitsbohrer, welcher alles durchdringt, und das zwar von demjenigen Punkt, allda alle Dinge und Wesen in eins zusammenlaufen.
NS|0|70|11|0|Da wir nun solches wissen, so wissen wir auch schon beinahe alles, was da betrifft die Religion der Bewohner unseres siebten Sonnengürtels. Diese besteht dann lediglich in dem, alles von innen aus zu beschauen, und aus diesen inneren Beschauungen ein wahres, inneres, lebendiges Lob Mir darzubringen.
NS|0|70|12|0|Worin aber besteht dieses Lob? Dieses Lob besteht in der vollkommenen Einung durch das Zurückkehren alles äußeren Naturmäßigen in das einfach Geistige; – und möge die Äußerlichkeit noch so zerstreut sein als sie will, so muss sie sich endlich im Inneren doch als eine vollkommene, gleichlautende Einheit aussprechen lassen.
NS|0|70|13|0|Dieser Ausspruch lautet: Gott ist die Liebe! Alles was da ist, ist eine Ausstrahlung dieses ewigen Heiligtums. Und dieses Heiligtum findet Sich in Seiner endlosen Allheit in Sich Selbst endlos vollkommen also, wie es Sich findet in uns, Seiner Ebenmäßigkeit. In dieser Ebenmäßigkeit sind wir dann, zufolge des in uns aufgefundenen, einigen Heiligtums, selbst einig mit dem urewigen, in Sich Selbst allervollkommenst einigen Heiligtum, welches ist Gott, die alleinige Liebe. Also lieben wir Gott, so wir Seine Liebe haben; denn Gott lässt sich mit keiner Liebe lieben als allein mit der eigenen, einigen. Wer demnach Gott lieben will, damit er lebe ewig in Ihm, der muss die Liebe Gottes in sich haben als eine vollkommene Einigung mit Gott, welche da ist eine Rückbringung alles dessen in der geheiligten Einheit, was die ewige, einige Liebe zufolge Ihrer großen Erbarmung aus Sich in zahllosen Gnadenstrahlen gestreut hat.
NS|0|70|14|0|Seht, das ist der eigentliche Grundsatz der Religion dieses siebten Gürtels. Dieser Grundsatz aber ist demnach auch das Grundprinzip aller Handlungen der Menschen dieses Gürtels.
NS|0|70|15|0|Also stellt auch solchen Grundsatz ihr ganzes Wesen ersichtlich dar. Sie sind äußerlich nackt, weil sie das Äußere nicht achten. Aber desto bekleideter sind sie inwendig, weil ihnen alles an dem Geist gelegen ist. Sie sind großen Leibes, zum Zeugnis, dass sie alles Äußere umfassend nach innen führen, um es da zu einen. Sie sind von verschiedener Größe, damit sie diese äußeren Unterschiede im Geiste aufheben und einig machen. Also sind sie auch verschiedenfarbig, welches da entspricht der Teilung des Lichts oder dem Auswendigen der Dinge, damit alle diese Farben in ihrem Geist zu einem Licht vereinigt werden. Sie bewohnen die äußersten Gürtel der Sonne, zum Zeichen, dass da das Äußere zum Inwendigen geführt und da mit demselben eins werden soll. Also leben sie von allerlei Früchten, teils von solchen, die ihnen frei wachsende Bäume und Gesträuche abwerfen, teils von den Früchten, welche ihr Wille dem Boden entlockt, und teils von denjenigen Alimenten [Nahrungsmitteln], welche ihnen die Luft wie ein Wunder zuführt, zum Zeichen, dass alle ausgestreute Gnadenfülle aus der ewigen Liebe der Mensch in sich aufnehmen soll.
NS|0|70|16|0|Seht, also geht demnach auch ihr ganzes Streben dahin, dass sich in ihnen alles in der Liebe zu Gott vereinen soll. Das Größte dem Außen nach ist ihnen so gleich wie das Kleinste. Da sie wohl die Bewohner der ganzen Sonne aus ihrem Geist heraus kennen, so sagen sie: Die Bewohner des Mittelgürtels, als die von aller äußeren Pracht strotzenden, sind die kleinsten Menschen der Sonne. Würden sie nach dem äußeren Maßstab sprechen, so würden sie sicher noch kleinere finden, wie wir sie im Verfolg [dieser Schilderungen] gefunden haben. Allein da sie alle Dinge bloß von innen aus betrachten, so benennen sie dieselben auch also, wie sie dieselben in sich finden. Ich mache euch hier auf etwas aufmerksam, dass Ich im Verlauf [der Schilderung] des Mittelgürtels Selbst ausgesagt habe, als seien sie die kleinsten; allein solche Aussage verhält sich eben nach dieser gegenwärtigen Beleuchtung. Denn wo immer das Auswendige überaus prachtvoll und mannigfaltig ausgestattet ist, da ist das Inwendige am kleinsten. Wo aber das Äußere ohne allen Prunk dasteht, da ist das Innere desto größer.
NS|0|70|17|0|Hier im siebten Gürtel haben wir nirgends einen äußeren Prunk gesehen; dafür ist aber auch das Innere am größten. Wenn hier auch die äußere Form zur größten wird, so schadet das der Sache nichts; denn solche Größe ist dann nur eine Folge der wahrhaft inneren Übergröße und ist von dem ein Zeichen, davon wir schon gesprochen haben. Also wird auch manchmal das Maß eben des Mittelgürtels variiert angegeben; allein auch solches geschieht zufolge des allzeit mitbegriffenen Maßstabes der Menschen, die da bewohnen solchen Gürtel. Und so verhält sich noch so manches von innen aus betrachtet ganz anders, als es äußerlich ins Auge fällt.
NS|0|70|18|0|Da wir nun solches wieder erfahren haben, so können wir auch das Gegebene allzeit auf eine zweifache Art betrachten, nämlich von außen und von innen. Allda irgendeine Spalte im Außen ersichtlich ist, da denkt, dass auch diese Spalte im Zentrum in eins zusammenfließt. Und betrachten wir das Gegebene von innen aus, so werden wir ohnedies allzeit den geraden Weg treffen und werden zum Voraus erkennen, dass da die äußeren Auswüchse und Unebenheiten sich im Zentrum dennoch als eins finden müssen und können unmöglicherweise je demselben eine andere Richtung geben, wenn sie untereinander sich durch noch so große Klüfte, Sprünge, Erhöhungen und Vertiefungen unterscheiden sollten.
NS|0|70|19|0|Somit wären wir auch mit der Darstellung der Religion der Menschen dieses Gürtels zu Ende und wollen daher nächstens nur noch einiges von ihrer Zeugung, Geburt, Ehe und ihrem Absterben sprechen und sodann uns zur inneren Sonne begeben, welche wir so kurz als nur immer möglich im Allgemeinen durchgehen wollen. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein!
NS|0|71|1|1|Zeugung, Ehe und Sterben der Bewohner des siebten Sonnengürtelpaares
NS|0|71|1|1|(Am 18. November 1842 von 3 1/2 bis 4 3/4 Uhr abends.)
NS|0|71|1|0|Da die Zeugung des Menschen desselben erstes Auftreten ist, oder vielmehr das Eingehen aus dem Geistigen in die naturmäßige Sphäre, so wollen wir auch damit beginnen. Wie wird denn allhier bei diesen großen Menschen der Sonne die Zeugung bewerkstelligt?
NS|0|71|2|0|Wenn ihr auf die Produkte des Landes aufgemerkt habt, wie diese aus dreifachen Quellen herrühren, so mögt ihr daraus auch ersehen, dass es mit der Zeugung des Menschen nahe derselbe Fall ist. Sie wird sonach ebenfalls auf eine dreifache Weise begangen; aber nicht entweder auf die eine oder auf die andere, sondern allzeit auf die zur Einheit vereinigte dreifache Art.
NS|0|71|3|0|Ihr werdet hier fragen: Wie ist solches wohl möglich? – Und Ich sage euch, dass solches gar wohl möglich ist. Denn selbst bei euch ist eine Zeugung ja auch ebenfalls eine dreifache; nur ist sie umgekehrter Ordnung, allda die sinnliche zuerst und dann erst, euch gewisserart zuallermeist unbewusstermaßen, die seelische und geistige erfolgt. Bei den uns bewussten Sonnenmenschen aber ist die geistige Zeugung das Erste. Dann folgt die seelische und endlich erst die leibliche.
NS|0|71|4|0|Wie geschieht denn die geistige Zeugung? Durch das innere Wort an das innere Wort. Wodurch die seelische? Durch den Willen an den Willen. Wodurch die leibliche? Durch ein Sichergreifen, welches ungefähr also aussieht wie eine brüderliche Umarmung. Nach einer solchen Umarmung haucht der Mann das Weib an, und der ganze Akt der Zeugung ist vollbracht; denn was der Johannes von der Werdung des Fleisches spricht, wird hier nahe buchstäblich ausgeführt.
NS|0|71|5|0|Die große Bedeutung liegt dann in dem werdenden Menschen als Grund verborgen, aus welchem er selbst hervorgeht, und endlich mit seiner Entwicklung denselben in sich als solchen erkennt; und dieser Grund ist das Zentrum, in welchem sich dann alles eint auf die Art, wie Ich es euch zur Genüge gezeigt habe.
NS|0|71|6|0|Also hätten wir auch von der Zeugung nichts mehr zu erwähnen. Wie geschieht aber die Ehe? Die Ehe geschieht ebenfalls wie die Zeugung auf eine dreifache Art. Irgend etwa ein äußerer Beweggrund führt niemals zwei Gatten zusammen, sondern lediglich der innere. Sind sie im Wort eins und sodann auch im Willen, so werden sie auch am Leib eins.
NS|0|71|7|0|Wenn sonach ein Mann im Alter von etwa hundert Jahren eurer Zeitrechnung irgendeines Vaters Tochter also erkannt hat, dass er in ihr gefunden hat sein Wort und seinen Willen, da geht er zum Vater und sagt zu ihm: „Siehe, ich habe in dieser deiner Magd mein Wort und meinen Willen gefunden, also will es demnach der große Gott, dass ich sie nehmen solle. Solches gebe ich dir kund, damit du deine Magd erforschen möchtest und dann ihren Leib führen an den meinigen, auf dass ich sie umarme und in ihr zeuge eine neue Frucht des Lebens.“ – Auf solche Rede beruft dann der Vater seine Tochter und spricht zu ihr: „Siehe hier vor dir den Mann, dessen Wort und Willen du trägst nach dem Willen des allmächtigen Gottes; daher werde sein und lasse dich umarmen von deinem Gatten! Gottes Segen sei mit euch und Sein Wort sei euer Leben jetzt, allzeit und ewig!“ – Darauf führt er seine Tochter dem Bräutigam zu, und die Ehe ist geschlossen. Im Falle aber, was jedoch überaus selten geschieht, so der Vater der Tochter nicht mehr am Leben wäre, so übernimmt dieses Ehebindungsgeschäft entweder ein ältester Bruder des Vaters der Tochter, in Ermangelung dessen aber auch ein anderer, dem ein verstorbener Vater noch zu seinen Lebzeiten seine Kinder überantwortet hatte. Also wären wir auch mit dieser Handlung zu Ende.
NS|0|71|8|0|Wie geschieht denn das Sterben dieser großen und zumeist bei tausend Jahre alt werdenden Menschen? Was den Akt des Sterbens betrifft, so ist dieser fürs Erste ganz wunderbarer Art und von keinem Mann wie auch von keinem Weib gefürchtet, sondern im Gegenteil der Kulminationspunkt der allerseligsten Erscheinungen bei ihnen.
NS|0|71|9|0|Von einer Krankheit ist da nie die Rede. Wenn aber jemand dem Leibe nach absterben soll, so weiß er solches schon längere Zeit voraus und bereitet in dieser, für ihn seit seinem ganzen Leben hellsten Zeitperiode alles gehörig und zweckmäßig vor für diejenige Zeit, in welcher er in das rein Geistige übergehen wird. Wenn die Zeit schon sehr naht, da wird gewöhnlich ein großes Dankfest bereitet, und diesem Dankfest folgt ein freundschaftliches Mahl. Sodann steht derjenige, dessen Zeit herbeigekommen ist, auf, grüßt alle seine Verwandten und sodann die ganze Nachbarschaft, welche da ist beisammen wohnend in einem Baumzirkel. Darauf verlässt er dann behände die Gesellschaft und begibt sich ganz eilig auf eine Anhöhe, welche von der ganzen Gesellschaft gesehen werden kann. Wenn er sich allda befindet, so legt er sich mit dem Gesicht aufwärtsgekehrt auf dem Boden nieder; und im Zeitraum von wenigen Minuten verschwindet er so ganz und gar, dass von ihm nicht die leiseste Spur zurückbleibt.
NS|0|71|10|0|Bald nach solchem Verschwinden kommt er vollends im Geiste wieder zu den Hinterlassenen zurück, da ihn dann ein jeder durch sein inneres Gesicht sieht. Diese Anschauung währt ebenfalls nur einige Minuten. Sodann aber wird dieser Geist alsbald entrückt, und von ihm ist dann nie mehr etwas zu sehen auf diesem Platz.
NS|0|71|11|0|Wenn dann alles solches vorübergegangen ist, sodann begibt sich die ganze Gesellschaft auf einen solchen Berg und bringt Gott ein einstimmiges Lob und Dank. Darauf begeben sie sich wieder nach Hause und sind fröhlichen und heiteren Mutes der großen Gnade willen, welche da Gott einem Bruder aus ihnen hat zukommen lassen. Dieser Akt des Sterbens ist im ganzen Gürtel gleich, sowohl auf den Inseln als auf dem großen, festen Land.
NS|0|71|12|0|Als merkwürdig kann allenfalls noch das von euch beachtet werden, dass der Mann eher verschwindet als das Weib, und im Ganzen der größte Riese eher als die kleineren Menschen. Das wäre sonach auch das Ganze über den Akt des Sterbens der Menschen dieses siebten Gürtels.
NS|0|71|13|0|Dass auf den beiden Gürteln ein und derselbe Fall in allem bisher Gesagten ist, braucht kaum erwähnt zu werden. Da wir sonach mit der Bewohnbarkeit der ganzen Sonnenoberfläche zu Ende sind, so wollen wir uns fürs nächste Mal in das Innere der Sonne, wie schon erwähnt, begeben. Und somit gut für heute!
NS|0|72|1|1|Die inneren Sonnen und ihre Bewohner. Ordentliches und unordentliches Aufsteigen der Sonnen-Grundlichtgeister
NS|0|72|1|1|(Am 19. November 1842 von 3 3/4 bis 5 1/2 Uhr abends.)
NS|0|72|1|0|Wir haben schon im Anfang vernommen, dass die Sonne nicht ein vollkommen kompakter Körper ist, sondern dass sie aus sieben inneren Sonnen besteht, zwischen welchen immerwährend ein hohler Raum von mehreren tausend Meilen sich befindet.
NS|0|72|2|0|Es ist auch schon erwähnt worden, dass diese Inn-Sonnen bewohnt sind. Nun fragt es sich: mit was für Bewohnern? Sind diese Bewohner wirklich leibliche Menschen, oder haben sie etwa Ähnlichkeit mit euren Bergmännlein und den sogenannten Luft-, Feuer-, Wasser- und Erdgeistern? Oder ist das etwa gar eine ganz besondere Art von Wesen, die sonst nirgends als eben allein nur in der Sonne vorkämen? – Das wären somit drei Propositionen [Vorschläge], von denen weder die eine noch die andere ganz verworfen und eben auch nicht ganz bestätigt werden kann. Dem Anschein nach hat solches wohl freilich viele Ähnlichkeit mit dem, was da erwähnt wurde, aber der Wirklichkeit, wie der innern Bedeutung nach hat es keine.
NS|0|72|3|0|Denn ihr müsst das bei der Sonne immer vor Augen haben, dass es auf ihr stets nur Wesen primitiver Art oder Solarart gibt, während sie auf den Planeten sekundärer oder antisolarer Art sind. Wenn ihr die Form betrachten wollt, so spricht sich diese freilich wohl auf dieselbe Weise aus wie auf den Planeten; was aber dann die innere Beschaffenheit und deren Grund betrifft, so ist dieses im schroffsten Gegensatz gegen alles das, was auf den Planeten sich in dieser Art vorfindet.
NS|0|72|4|0|Somit können wir schon einen Blick auf die Bewohner dieser inneren Sonnen werfen. Sie sind untereinander geradeso verschieden wie verschieden da sind die Farben des Regenbogens. Also haben wir demnach im eigentlichen Sinne weder Bergmännlein, noch Luft-, Wasser-, Erd- und Feuergeister und noch weniger wirklich naturmäßig leibhaftige Menschen, sondern Geistermenschen, welche mit der Zeit erst ins naturmäßige Leben entweder auf der Oberfläche der Sonne oder, im ungünstigeren Falle, auch in das Leben der Außenheit auf die Planeten übergehen können.
NS|0|72|5|0|Wer diese Geisterwesen mit einem allgemeinen Namen bezeichnet haben möchte, der tut am besten, so er sie mit dem Ausdruck Sonnen-Grundlichtgeister benennt. Diese Geister sind unter sich selbst sich erscheinlich wie naturmäßige Menschen untereinander und können sich zu diesem Behuf auch aus der dortigen Luft einen Leib bilden, wie sie wollen und wann sie wollen; und solches können sie tun bezüglich ihrer vollen Freiheit auf dem Raum, den sie, als von Mir aus angewiesen, zur Bewohnung innehaben.
NS|0|72|6|0|Machen sie von diesem Zustand ihrer Selbständigkeit und ihrer vollen Freiheit einen gerechten Gebrauch, so werden sie mit der Zeit fester und haltbarer in ihrer ganzen Wesenheit und können sodann sogleich auf die Oberfläche der Sonne auf dem Weg der Zeugung und Geburt übergehen. Und von da weg steht ihnen dann schon die fernere geistige Reise, die da schon besprochen worden ist, zur endlichen Vollendung offen.
NS|0|72|7|0|Gebrauchen aber diese Geister der inneren Sonne diesen intelligenten Freiheitszustand auf eine Meiner Ordnung nicht angemessene Weise, so gestalten sie sich auch unordentlich, und ihre Formen sind dann von unaussprechlich verschiedener Art. Wenn sie dann den günstigen Ausgang der Ordentlichen sehen, da rotten sich dann die Unordentlichen zu Trillionen und Trillionen haufenweise, wollen sich dann ebenfalls erheben und mit Gewalt das erreichen, was die Ordentlichen auf dem kurzen und gerechten Weg erreichen, nämlich die endliche Oberfläche der Sonne und mit dieser die von ihnen gewohnte allerabsoluteste Freiheit.
NS|0|72|8|0|Am ärgsten oder am grellsten zeigen sich diese Unterschiede auf der letzten inneren Sonne, welche da ist die erste nach der eigentlichen, sichtbaren Sonne. Denn in den noch inneren Sonnen sind die Unterschiede von bei weitem nicht so auffallender Art, das heißt, sie sind wenigstens dem Anschein nach mehr homogen als auf der letzten inneren Sonne.
NS|0|72|9|0|Am meisten auffallend sind sie auf der allerinnersten, kompakten Sonne, welche gewisserart das Herz der Sonne ausmacht. Von diesem Herzen aus strömen dann diese geistigen Wesen in allerlei Formen bis zur obersten Sonne hinauf – also wie das Blut vom Herzen ausgeht in alle Teile des Leibes, und das Nahrhafte allenthalben absetzt und das weniger Nahrhafte wieder zurückführt.
NS|0|72|10|0|Also geschieht es auch nicht selten, und im Allgemeinen betrachtet beständig, dass die unordentlichen Geister, wenn sie auch bis zur Oberfläche der Sonne gedrungen sind, da wieder umkehren müssen unter allerlei Formen, und das zwar durch die Pole, und werden auf diese Weise dann wieder mit dem Herzen der Sonne vereinigt und fangen nach langer Zeit wieder an, von da entweder ordentlicher- oder unordentlicherweise auszugehen und aufzusteigen.
NS|0|72|11|0|Solches wüssten wir nun. Wie geschieht denn das Aufsteigen? Was das Aufsteigen durch die inneren Sonnen betrifft, so ist dieses mehr ein geistiges und somit auch zum größten Teil unverspürbares Aufsteigen, und ist darum auch mit keinen Eruptionen verbunden. Was aber dann das gewaltsame Aufsteigen von der letzten inneren Sonne auf die eigentliche Oberfläche der Sonne betrifft, so äußert sich dieses allzeit auf eine überaus gewalttätige Weise.
NS|0|72|12|0|Den Effekt einer solchen gewaltsamen Aufsteigung habt ihr schon bei der Gelegenheit der Erklärung der Sonnenflecken gesehen. Es wäre hernach nur noch zu erörtern übrig, wie solches von innen aus geschieht, und das nicht allein auf dem uns schon bekannten mehr naturmäßigen, sondern vielmehr auf dem intelligent-geistigen Weg.
NS|0|72|13|0|Diese geistigen Wesen der unordentlichen Art sammeln sich, wie schon bemerkt, zu zahllos vielen Trillionen etwa zumeist auf einer Äquatorgegend der letzten inneren Sonne. Wenn sie sich gehörig stark fühlen, dann erheben sie sich in Massen und Massen und dringen also hinauf bis an die innere Fläche der eigentlichen Sonne und lavieren allda durch ihr Gefühl, wo diese am schwächsten sein möchte. Haben sie eine solche Stelle gefunden, die auch zugleich nach allen möglichen Seiten eine Menge Adern und Kanäle hat, so dringen sie da bald ein, fangen sich dann an stets mehr und mehr allerintensivst zu entzünden und erglühen dadurch auch nach und nach die Fläche, allda sie sich angesetzt haben, vergesellschaften sich noch dazu mit den in dieser Materie gebundenen Geistern und üben nach und nach, sich stets mehr und mehr entzündend, eine solche Gewalt aus, dass ihnen am Ende die einige tausend Meilen dicke äußere Sonnenkruste weichen muss, und muss sich endlich vor ihnen auf die euch schon bekannte Art auftreiben und endlich gar durchbrechen lassen.
NS|0|72|14|0|Da sie durch ihr höchst unordentliches Bestreben – gewisserart ein materielles Bestreben – auch gewisserart ein materielles Gewicht bekommen, so kommt ihnen dieses zu ihrer Tätigkeit sehr wohl zustatten, indem sie dadurch sich auch den großartig schnellen Umschwung der Sonne um ihre Achse zunutze machen. Und es heißt da bei ihnen im buchstäblichen Sinne: Nun helfe, was da mag und kann; unseren Zweck müssen wir erreichen!
NS|0|72|15|0|Wenn ihr nun dieses mit der ersten Erläuterung der Sonnenflecken vergleicht, so wird euch daraus so manches klar werden, was euch sonst etwas dunkel geblieben wäre, oder ihr wärt wenigstens mit der Zeit auf einen Widerspruch geraten, den ihr nicht leichtlich gelöst hättet; und so mancher gelehrte Fuchs hätte da eine gute Nahrung für seine spitzigen Zähne und scharfen Augen und Krallen bekommen.
NS|0|72|16|0|Ich will euch nur einen solchen Widerspruch andeuten, und dieser wäre folgender: Entstünden die euch bekannten Geschwülste am Äquator der Sonne lediglich durch die Wurfkraft des Umschwunges der Sonne um ihre Achse, da möchte Ich den kennen, der da imstande wäre, einen Tempel, noch dazu auf einem Berg, zu erbauen, allda die Wurfkraft noch größer ist als in der Tiefe, dass dann ein solcher Tempel samt den Bewohnern nicht sogleich hintangeschleudert werden würde. Wenn es überhaupt möglich zu denken wäre, bei oberwähnten Umständen irgendeinen solchen Tempel zu erbauen. Die Schwungkraft der Sonne ist somit an und für sich im gerechten Verhältnis zu deren großer anziehenden Kraft; kann aber dessen ungeachtet solchen geistigen Unternehmungen gut zustattenkommen und ist ihrer Gewalttat somit förderlich und nicht hinderlich.
NS|0|73|1|1|Schicksale der unordentlichen Sonnen-Grundlichtgeister. Kometen- und Planetenentwicklung. Die unendliche Schöpfung
NS|0|73|1|1|(Am 21. November 1842 von 4 bis 6 Uhr abends.)
NS|0|73|1|0|Dass auf diesem Weg solche Geister ihren Zweck erreichen, das haben wir schon bei der Erklärung der Sonnenflecken gesehen. Wozu sie aber die Erreichung dieses Zweckes darnach verordnet, solches wird sobald noch erschaulicher dargestellt werden als es bisher dargestellt worden ist.
NS|0|73|2|0|Wenn diese Geister auf diese gewaltige Weise ihre erwünschte Freiheit erlangen, da schwärmen sie dann zu Millionen und Millionen hinaus in den unermesslichen Raum. Die erste Folge dieses gewaltigen Ausflugs ist zwar eine für eine kurze Dauer wohltätige; denn sämtliche Geister werden in diesem Raum gewisserart abgekühlt und somit auch in ihrem Bestreben ruhiger.
NS|0|73|3|0|Was ist aber die zweite Folge dieses Zustandes einer absoluten Freiheit? Solches kann nicht eher begriffen werden als dann erst, wenn ihr das wisst, dass ein jeder Geist, welcher Art er auch immer sein mag, für seine kräftige und behagliche Fortdauer eine Nahrung haben muss. Hat er diese nicht, so wird er endlich ebenfalls stets schwächer und schwächer, so zwar, dass er am Ende in eine Art bewusstlosen Zustand gerät, welcher einem tiefen Schlaf gleicht. Ein solcher Zustand ist demnach auch die Folge der gewonnenen absoluten Freiheit solcher unordentlicher, gewalttätiger Geister aus der Sonne.
NS|0|73|4|0|Was wird aber wohl die Folge dieses zweiten Zustandes sein? Diese Folge, um sie zu erraten, wird niemandem ein großes Kopfzerbrechen verursachen. Denn so jemand imstande wäre, selbst einen Tiger auszuhungern und dann vollends tiefst einschlafen zu lassen, so wird es ihm dann mit dem Fangen dieses wütenden Tieres sicher nicht schwer werden, indem es sich zufolge seiner Schwäche nicht zur Wehr wird setzen können, und zufolge seines Schlafes aber wird es auch nicht merken, wann es einem Jäger zur Beute wird. Seht, das ist auch ungefähr die sichere Folge solcher absolut freigewordener Geister aus der Sonne. Sie werden ebenfalls zur Beute der überall auf sie lauernden Anziehungskraft der Planeten, denen sie sonach zur willkommenen Sättigung dienen.
NS|0|73|5|0|Ein Teil solcher geistigen Absolutisten aber wird schon bei ihrem Durchbruch wieder von der Kraft der Sonnengeisterwelt zur Umkehr genötigt, allda dann ein Teil zur Besänftigung und Abkühlung in die großen Sonnenmeere zurückfällt; ein noch größerer Teil, welcher sich etwa weiter von der Sonne hinweg wagte, wird aber von der mächtigen Polarität der Sonne ergriffen und durch dieselbe wieder in den Urzustand geführt, das heißt, in das eigentliche Herz der Sonne. Auch derjenige Teil, der von den Gewässern der Sonne aufgenommen wird, macht mit der Zeit durch die vielen Poren, Adern und Kanäle eine rückgängige Bewegung, manchmal bis zur letzten inneren Sonne, welche, wie ihr wisst, eigentlich die erste nach der Oberfläche der Sonne ist. Manche solche in die Wässer zurückgefallenen Geister aber werden wohl auch zur Nahrung und Auszeitigung der äußeren Sonnenoberfläche verwendet.
NS|0|73|6|0|Diejenigen Geister der inneren Sonne, welche eine solche rückgängige Bewegung schon zu öfteren Malen gemacht haben, verbinden sich nicht leicht wieder mit jenen Geistern, welche wieder einen neuen Äquatorialdurchbruch unternehmen wollen, sondern sie suchen auf Seitenwegen gegen die Polargegenden hin sich gewisserart mehr heimlich aus dem Staub zu machen. Da sie aber allda ebenfalls auf Widerstände stoßen, so geschieht es denn auch, dass sie allda in kleineren Partien zu Gewalttätigkeiten ihre Zuflucht nehmen und kommen dann bald auf einem, bald auf dem anderen, zumeist aber dennoch gegen die Polargegenden hin befindlichen Gürtel zur Erreichung ihres Zweckes. Ich darf euch nur auf die euch schon bekannten Vulkane aufmerksam machen, und ihr werdet daraus leichtlich ersehen, allwo für diese Wesen, wie ihr zu sagen pflegt, der Zimmermann das Loch gelassen hat. Aber auch dieses Loch nützt ihnen nicht viel; denn dadurch können sie sich oft kaum so weit von der Sonne entfernen, als wie weit vom festen Boden derselben die Oberfläche ihrer Glanzluft absteht. Bald nach einem solchen, sich fast fortwährend wiederholten Versuch werden solche liberal gesinnte Geister wieder von den Polen der Sonne sehr stark eingeladen, sich die Mühe nicht gereuen zu lassen, wieder einen kleinen Besuch der innersten Sonne oder eigentlich dem Sonnenherzen, abzustatten, allwo sie dann wieder eine hinreichende Zeit darüber nachzudenken gewinnen sollen, was da besser ist, der guten Ordnung zu folgen, oder sich eigenmächtig-ohnmächtig wieder zu verderben und den ordentlichen Zustand auf lange Zeiten der Zeiten gewaltigst zu verschlimmern.
NS|0|73|7|0|Seht, so verhalten sich die Sachen. Nur fragt es sich noch, ob das die einzigen Geister sind, denen wieder die fatale Ehre zuteilwird, von den Sonnenpolen wieder aufgenommen zu werden, – oder gibt es auch noch andere? Ja, es gibt noch allerlei andere auch, und diese sind zum Teil Ausreißer aus den die Sonne umgebenden Planeten, zum Teil aber auch ähnliche Gewaltstreichausführer anderer Sonnen, welche Geister nämlich, wenn sie in das Planetengebiet dieser Sonne geraten, von der Polarkraft der Sonne gar bald ergriffen werden, und werden dann von derselben zu der Sonne selbst hingezogen. Nur wenn sie sich auf eine euch schon bekannte Weise in irgendeiner weiten Sphäre der Sonne vergesellschaften und sodann der Erscheinlichkeit nach zu Kometen werden, können sie manchmal sich längere Zeiten hindurch um die Sonne ungeschickt planetarisch bewegen. Kommen sie aber jedoch der Sonne unbehilflicher- und ungeschicktermaßen zu nahe, so werden sie auf jeden Fall von der Sonne, wie ihr zu sagen pflegt, bei Butz und Stängel verzehrt, und so sind sie als solche dennoch nicht ausgenommen, dereinst der Sonne zur Speise zu werden. Denn was die Sonne einmal mit ihrer polarischen Kraft ergriffen hat, das ist schon so gut wie eine vollkommene Beute für sie. Denn fürs Erste zehrt sie dann beständig durch ihre Kraft an einem solchen Gast, schwächt ihn von Jahrtausend zu Jahrtausend und zieht ihn endlich dennoch, wie ihr zu sagen pflegt, mit Sack und Pack in ihren weiten Feuerschoß.
NS|0|73|8|0|Solches könnt ihr schon aus der gegenwärtigen Stellung der Planeten erkennen. Denn einstens, vor vielen Millionen Jahren, war der Planet Merkur an der Stelle eurer Erde noch und der Planet Venus ungefähr an der Stelle des gegenwärtigen Planeten Mars und eure Erde ungefähr an der Stelle des Jupiter. Nun rechnet nach, um wie vieles die Sonne mit ihrer Kraft sich diesen Planeten genähert hat! Und ihr könnt daraus gar leichtlich ersehen, dass nach wenn auch noch vielen Jahrtausenden, sich die Sonne dieser gegenwärtig noch freischwebenden Planeten bemächtigen wird, allwo und allwann dann die hartnäckigsten Geister solcher Weltkörper erst wieder zu ihrer ordentlichen, manchmal auch wieder, zufolge ihrer wiedererlangten intelligenten Freiheit, unordentlichen Löse gelangen werden.
NS|0|73|9|0|Dass an die Stelle solcher, von der Sonne vollends aufgenommener Planeten wieder andere an ihre Stelle treten, könnt ihr schon aus dem Umstand ersehen, dass um eure Sonne allein ein Heer von wenigstens zehntausend Millionen Kometen schwärmt, aus welcher nicht unbedeutenden Zahl dann auch immer ein und der andere mehr ausgebildete Komet wieder in den Stand eines Planeten übergehen kann. Ja es gibt schon gegenwärtig eine große Menge wohlausgebildeter Kometen in dem weiten Gebiet eurer Sonne, welche Kometen sogar schon zum größten Teil bewohnt sind, wenn auch noch nicht von Menschen, so aber doch von Pflanzen und mannigfaltigen Vortieren.
NS|0|73|10|0|Seht, so ist demnach diese Ordnung. Für eure Begriffe ist ihre Zeitdauer unendlich zu nennen, vor Meinen Augen aber ist der Anfang wie das Ende gestellt. Wie aber die Sonne ihre Planeten wieder löst, also können auch Zentralsonnen ihre Nebensonnen lösen und endlich die Hauptzentralsonne ganze Heere von Sonnengebieten und Sonnenallen. An der Stelle der verzehrten werden dann wieder neue gesetzt, also, dass dadurch der Gang in der Ordnung Meiner Dinge für ewig nimmerdar aufhören werde zu erschaffen, weil Ich ewig nimmer als Gott zu denken aufhören kann. Denn Meine Gedanken sind die Wesen.
NS|0|73|11|0|Aber es wird mancher sagen: Wohin denn am Ende mit solcher unendlichen Vielheit der Geschöpfe? – Ich aber frage den dagegen: Wie verhielte sich denn eine, wenn an und für sich noch so große, aber am Ende dennoch begrenzte Zahl der Geschöpfe und Wesen zu einem unendlichen Gott?
NS|0|73|12|0|Daher soll darob niemandem bange werden. Denn in Meiner Unendlichkeit hat auch sicher Unendliches Platz und wird denselben ewig nimmer erfüllen, wenn der beständige Wesenzuwachs noch unaussprechlichmal größer wäre und zahlloser, als er der bestehenden Ordnung zufolge ohnehin ist.
NS|0|73|13|0|Dieser Überblick aber soll euch eben auch die Beruhigung geben, dass euer guter, heiliger Vater größer, mächtiger und vollkommener ist, als sich Ihn ein schwacher Erdengeist selbst in seinen feierlich hellsten Momenten darzustellen vermag.
NS|0|73|14|0|Somit wären wir denn auch mit der materiellen Sonne zu Ende und wollen darum fürs nächste Mal uns in die geistige oder vielmehr himmlisch geartete Sonne begeben. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein!
GS|1|1|1|1|Die geistige Sonne. Das Geistige ist das Inwendigste, das Durchdringende und das Allesumfassende. Beispiele aus der natürlichen Welt. Gleichnis von der Glasherstellung
GS|1|1|1|1|(Am 22. November 1842 von 4 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|1|1|0|Bevor wir uns in die eigentliche geistige Sonne begeben können, müssen wir doch sicher zuvor wissen, wo diese ist, wie sie mit der naturmäßigen Sonne zusammenhängt und wie beschaffen sie ist.
GS|1|1|2|0|Um von der ganzen Sache sich aber einen möglichst vollkommenen Begriff machen zu können, muss zuallererst bemerkt werden, dass das Geistige alles dasjenige ist, welches das Allerinnerste und zugleich wieder das Allerdurchdringendste, das demnach Alleinwirkende und Bedingende ist.
GS|1|1|3|0|Nehmt ihr z. B. irgendeine Frucht; was ist wohl deren Innerstes? Nichts als die geistige Kraft im Keim. Was ist denn die Frucht selbst, indem sie mit all ihren Bestandteilen für die Deckung und Erhaltung des innersten Keimes da ist? Sie ist im Grunde wieder nichts anderes als das von der Kraft des Keimes durchdrungene äußere Organ, welches sich in allen seinen Teilen notwendig wohltätig wirkend zum vorhandenen Keim verhält.
GS|1|1|4|0|Dass die äußere Frucht ein solches von der geistigen Kraft des Keimes ausbedingtes Organ ist, leuchtet ja auch schon aus dem hervor, indem nicht nur die Frucht, sondern der ganze Baum oder die ganze Pflanze aus dem geistigen Keim hervorgeht.
GS|1|1|5|0|Was ist demnach das Geistige? Das Geistige ist fürs Erste die innerste Kraft im Keim, durch welche der ganze Baum samt Wurzeln, Stamm, Ästen, Zweigen, Blättern, Blüten und Früchten bedingt ist. Und wieder ist es das Geistige, welches all diese genannten Teile des Baumes wie für sich selbst oder für die eigene Wohltat durchdringt.
GS|1|1|6|0|Das Geistige ist denn danach das Inwendigste, das Durchdringende und somit auch das Allesumfassende. Denn was da ist das Durchdringende, das ist auch das Umfassende.
GS|1|1|7|0|Dass solches richtig ist, könnt ihr an so manchen naturgemäßen Erscheinungen beobachten. Nehmt ihr fürs Erste eine Glocke. Wo ist wohl der Sitz des Tones in ihr? Werdet ihr sagen: Mehr am äußeren Rand oder mehr in der Mitte des Metalls oder mehr am inneren Rand? Es ist alles falsch. Der Ton ist das inwendigste in den materiellen Hülschen verschlossene geistige Fluidum.
GS|1|1|8|0|Wenn nun die Glocke angeschlagen wird, so wird solcher Schlag von dem inwendigsten Fluidum, welches als ein geistiges Substrat nach eurem Ausdruck höchst elastisch und expansiv ist, auf eine seine Ruhe störende Weise wahrgenommen, und dadurch wird dann das ganze geistige Fluidum in ein frei werden wollendes Bestreben versetzt, welches sich dann in anhaltenden Schwingungen zu erkennen gibt. Wird die äußere Materie mit einer anderen Materie bedeckt, welche von nicht so leicht erregbaren geistigen Potenzen durchdrungen ist, so wird diese Vibration der erregbaren geistigen Potenzen, oder vielmehr ihr frei werden wollendes Bestreben, bald gedämpft, und eine solche Glocke wird auch somit bald ausgetönt haben. Ist aber die Glocke frei, so dauert die tönende Schwingung noch lange fort. Wenn aber noch dazu von außen ein sehr erregbarer Körper sie umgibt, als etwa eine reine, mit Elektrizität gefüllte Luft, so wird dadurch das Tönen noch potenzierter und breitet sich weit in einem solchen miterregbaren Körper aus.
GS|1|1|9|0|Wenn ihr nun dieses Bild ein wenig durchblickt, so wird euch daraus ja notwendig wieder klar werden müssen, dass allhier wieder ein Geistiges ist das Inwendigste, das Durchdringende und das Umfassende. Wir wollen aber noch ein Beispiel nehmen.
GS|1|1|10|0|Nehmt ihr ein magnetisiertes Stahleisen. Wo ist in dem Eisen die anziehende oder abstoßende Kraft? Sie ist im Inwendigsten, d. h. in den Hülschen, welche eigentlich die beschauliche Materie des Eisens darstellen; eben als solche inwendigste Kraft durchdringt sie die ganze Materie, welche für sie kein Hindernis ist, und umfasst dieselbe allenthalben. Dass dieses magnetische Fluidum die Materie, der es innewohnt, auch äußerlich umfasst, kann ja ein jeder leicht aus dem Umstand erkennen, wenn er sieht, wie ein solches magnetisches Eisen ein ferne gelegenes Stückchen ähnlichen Metalls anzieht. Wäre es nicht ein umfassendes und somit auch über die Sphäre der Natur wirkendes Wesen, wie könnte es einen ferne liegenden Gegenstand ergreifen und denselben an sich ziehen?
GS|1|1|11|0|Wir wollen zum Überfluss noch ein paar kurze Beispiele anführen. Betrachtet einen elektrischen Konduktor oder auch eine elektrische Flasche. Wenn ein solcher Konduktor oder eine solche Flasche von elektrischem Feuer von einer geriebenen Glastafel aus angefüllt wird, so durchdringt dieses Feuer die ganze Materie und ist sodann zugleich ihr Inwendigstes und ihr Durchdringendes. Wenn ihr euch aber einer solchen Flasche oder einem Konduktor nur ein wenig zu nahen anfangt, so werdet ihr alsbald durch ein leises Wehen und Ziehen gewahr werden, dass dieses Fluidum auch die ganze Materie der Flasche und des Konduktors umfasst.
GS|1|1|12|0|Und noch ein sprechendes Beispiel gibt sich euch in matten Umrissen wohl bei jedem Menschen wie auch bei anderen Wesenheiten kund; laut schreiend aber wird es bei den Somnambulen. Wie weit nämlich ein Magnetiseur und eine von ihm behandelte Somnambule sich gegenseitig rapportieren können, werden schon so manche samt euch die lebendigsten Erfahrungen gemacht haben. Wäre nun der Geist ein bloß inwendigstes und nicht zugleich auch ein durchdringendes Wesen, so wäre fürs Erste schon keine sogenannte Magnetisierung möglich; und wäre der Geist nicht auch zugleich das Umfassende und das alles Ergreifende, sagt, wie wäre da wohl ein ferner Rapport zwischen einem Magnetiseur und einer Somnambulen möglich? Ich meine, wir haben der Beispiele genug, um aus denselben zu entnehmen, wo, wie und wie gestaltet das Geistige sich überall, somit auch sicher in, durch und bei der Sonne ausspricht.
GS|1|1|13|0|Die geistige Sonne ist somit das Inwendigste der Sonne und ist ein Gnadenfunke aus Mir; dann durchdringt das Geistige mächtigst wirkend die ganze Materie der Sonne, und endlich ist es auch das die ganze Wesenheit der Sonne Umfassende. Solches demnach zusammengenommen ist die geistige Sonne, und diese Sonne ist auch die eigentlichste Sonne, denn die sichtbare materielle Sonne ist nichts als nur ein von der geistigen Sonne bedingtes, ihr selbst wohltätiges Organ, welches in all seinen Teilen so beschaffen ist, dass sich in und durch dieselben das Geistige äußere und sich eben dadurch selbst wieder in seiner Gesamtheit völlig ergreifen kann.
GS|1|1|14|0|Wer demnach die geistige Sonne schauen will, der sehe zuvor ihre äußere Erscheinlichkeit an und bedenke dabei, dass alles dieses von der geistigen Sonne in allem Einzelnen wie im Gesamten durchdrungen und umfasst ist, so wird er dadurch schon zu einer schwachen Vorstellung der geistigen Sonne gelangen.
GS|1|1|15|0|Wenn er sich aber noch hinzudenkt, dass alles das Geistige ein vollkommenes Konkretes ist oder ein sich allenthalben völlig Ergreifendes, während das Naturmäßige nur ist ein Teilweises, Getrenntes, sich selbst gar nicht Ergreifendes, und wenn es als zusammenhängend erscheint, so ist es solches nur durch das innewohnende Geistige, da wird dann die Anschauung einer geistigen Sonne schon heller werden, und es wird sich der Unterschied zwischen der naturmäßigen und geistigen Sonne immer deutlicher aussprechen.
GS|1|1|16|0|Damit ihr aber jedoch solches stets klarer einsehen mögt, so will Ich euch wieder durch einige Beispiele zu einer solchen klareren Anschauung vorleiten. Nehmt ihr allenfalls eine kleine Stange edlen Metalls. Wenn ihr sie also im rohen Zustand betrachtet, so ist sie dunkel und rau. So ihr aber dieselbe Stange schleift und dann fein poliert, wie sehr wird sie sich jetzt in einem ganz anderen Licht denn zuvor zeigen und ist doch noch immer dieselbe Stange. Was ist wohl der eigentliche Grund der Verherrlichung dieser Stange? Ich sage euch, ein ganz einfacher. Durch das Schleifen und Polieren sind die Teile an der Oberfläche der Stange näher aneinandergerückt und gewisserart miteinander verbunden worden, und sie wurden dadurch ebenfalls mehr konkret und sich gegenseitig mehr ergreifend; dadurch wurden sie auch gewisserart, wenn ihr es so recht nehmen wollt, wie völlig gleich gesinnt. Im ehemaligen rohen Zustand, der da noch ein getrennter war, standen sie sich wie feindselig gegenüber. Ein jedes also getrennte Teilchen wucherte für sich selbst mit den nährenden Strahlen des Lichtes, verzehrte dieselben nach seiner möglichen Gierde und ließ nichts dem Nachbar übrig. Im polierten Zustand, welcher ein geläuterter oder ein gereinigter genannt werden kann, haben sich diese Teile ergriffen, und durch dieses Ergreifen werden die auffallenden Strahlen des Lichtes zu einem Gemeingut, indem dieselben nun kein einzelnes Teilchen mehr für sich behalten will, sondern schon den kleinsten Teil allen seinen Nachbarn mitteilt. Was geschieht nun dadurch? Alle haben des Lichtes in übergroßer Menge, so dass sie den Reichtum bei weitem nicht aufzuzehren imstande sind; und der Überfluss dieses nun allgemeinen Strahlenreichtums strahlt dann als ein herrlicher harmonischer Glanz von der ganzen Oberfläche der polierten Goldstange zurück.
GS|1|1|17|0|Verspürt ihr schon etwas, woher diese Herrlichkeit rührt? Von der Einigkeit oder von der Einswerdung. Wenn demnach das Geistige ist ein Vollkommenes, in sich Einiges, um wie viel größer muss da die Herrlichkeit des Geistigen sein, als die Herrlichkeit dessen Organes, welches nur ist ein Teil- oder Stückweises, somit auch eben dadurch ein Selbstsüchtiges, Eigennütziges und somit Totes!
GS|1|1|18|0|Hören wir aber ein anderes Beispiel. Ihr werdet sicher schon den rohen Kiesstein gesehen haben, woraus das Glas verfertigt wird. Lässt solcher rohe Kies die Strahlen so wie sein Kind, das Glas, ungehindert durchpassieren? O nein; solches wisst ihr recht gut. Warum aber lässt ein solcher roher Kiesstein die Strahlen nicht durchpassieren? Weil er in seinen Teilen noch zu getrennt ist und ist viel zu wenig einig in sich. Wenn die Strahlen auf ihn fallen, so verzehrt jedes seiner Teilchen die Strahlen für sich und lässt entweder gar nichts oder nur höchstens gewisserart den Unrat der aufgenommenen Strahlen seinem allfälligen Nachbar übrig. Wie ist es demnach aber, dass sein Kind, das Glas, so freigebig wird? Seht, der Kiesstein wird fürs Erste klein zerstoßen und zermalmt. Dadurch hat gewisserart ein jedes Teilchen dem anderen absterben müssen oder es hat müssen von ihm völlig getrennt werden. Darauf wird dann solcher Kiesstaub gewaschen. Ist er gewaschen, dann wird er getrocknet, mit Salz vermengt, kommt dann in den Schmelztiegel, allwo dann jedes einzelne getrennte Stäubchen durch das Salz und durch den gerechten Grad der Feuerhitze gegenseitig völlig vereinigt wird.
GS|1|1|19|0|Was will diese Arbeit mit anderen Worten sagen? Die selbstsüchtigen Geister werden durch die Materie gewisserart zermalmt, so dass sie voneinander völlig getrennt sind. In dieser Trennung werden sie dann gewaschen oder gereinigt. Sind sie gereinigt, dann kommen sie erst ins Trockene, welcher Zustand da entspricht der Sicherheit. In solchem Zustand werden sie erst mit dem Salz der Weisheit gesalzen und endlich also vorbereitet im Feuer Meiner Liebe gereinigt. Versteht ihr dieses Beispiel? Ihr versteht es noch nicht ganz; aber seht, Ich will es euch näher beleuchten.
GS|1|1|20|0|Die äußere materielle Welt in allen ihren Teilen ist der rohe Kies; die Trennung desselben ist das Ausformen derselben in die verschiedenen Wesen und das Waschen dieses Staubes ist das Reinigen oder stufenweise Aufsteigen zu höheren Potenzen der Geister in der Materie. Das Trocknen besagt das freie Darstellen oder das Sichern der Geister in einer Einheit, die sich schon im Menschen ausspricht. Das Salzen ist die Erteilung des Gnadenlichtes an den Geist im Menschen. Das endliche Zusammenschmelzen durch die Hitze des Feuers im Tiegel ist die Einung der Geister sowohl unter sich als auch mit dem Feuer Meiner Liebe. Denn wie sich die Materie nicht eher ergreifen kann in dem Schmelztiegel, bis ihr nicht derselbe Grad der Hitze innewohnt, den das Feuer selbst besitzt, so können auch die Geister untereinander nicht eher einig und somit für ewig verträglich werden, bis sie nicht von Meiner Liebe gleich Mir Selbst völlig durchdrungen werden; denn also heißt es ja auch im Wort: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“ [Matth. 5,48] Und wieder heißt es: „Auf dass sie eins werden, wie Ich und Du eins sind.“ [Joh. 17] Seht, aus diesem wird das Beispiel ja doch sicher klar werden.
GS|1|1|21|0|Wodurch aber spricht sich denn hernach bei dem Glas das Einswerden aus? Weil alle Teile nun auf eine und dieselbe Weise den Strahl der Sonne aufnehmen, durch und durch völlig erleuchtet werden, also überaus lichtgesättigt; und dennoch können sie das aufgenommene Licht ganz ungehindert durch sich gehen lassen. Seht, also lehren euch schon eure Fensterscheiben, wie die himmlischen Verhältnisse geartet sind, und zugleich lehren sie euch auch wieder um eine bedeutende Stufe näher die geistige Sonne zu beschauen. Wir wollen uns aber mit diesem Beispiel noch nicht begnügen, sondern wollen bei einer nächsten Gelegenheit noch einige anführen und durch sie dann ganz auf die leichteste Weise uns völlig auf die geistige Sonne selbst schwingen und allda beschauen die unaussprechlichen Herrlichkeiten!
GS|1|2|1|1|Die ganze Natur und jede Verrichtung von Tieren und Menschen birgt ein Evangelium der Ordnung Gottes. Beispiel vom Hausbau
GS|1|2|1|1|(Am 23. November 1842 von 4 – 6 Uhr abends.)
GS|1|2|1|0|Wie Ich euch schon so manches Mal gesagt habe, also sage Ich es euch zum wiederholten Mal wieder: Die ganze Natur und auch jede mögliche Verrichtung sowohl von Tieren als ganz besonders von Menschen kann ein Evangelium sein und durch ferne Verhältnisse zeigen und erschließen die wunderbarsten Dinge Meiner ewigen Ordnung. Ja, es braucht da ein oder das andere Ding für ein vergleichendes Beispiel durchaus nicht gesucht zu werden, sondern ihr könnt nach was immer für einem zunächstliegenden Ding greifen, welches noch so unscheinbar ist, so wird es sicher dasjenige Evangelium in sich tragen, welches zur Beleuchtung was immer für eines geistigen Verhältnisses sicher also vollkommen taugt, als wäre es von Ewigkeit her lediglich für diesen Zweck erschaffen worden. Also habe Ich gesagt, dass wir noch mehrere Beispiele vonnöten haben, um durch sie völlig auf die geistige Sonne uns schwingen zu können. Darum wollen wir denn auch gar nicht heiklig sein, sondern ein nächstes Bestes hernehmen.
GS|1|2|2|0|Nehmt ihr an ein nächstes bestes Wohnhaus. Woraus wird dieses wohl gebaut? Wie ihr wisst, gewöhnlich aus ganz roher, unförmlicher, klumpenhafter Materie. Diese Materie findet sich wie selbstsüchtig geteilt allenthalben vor. Dergleichen ist der Ton, aus dem die Ziegel bereitet werden, dann aus den Steinen eine gewisse Gattung, aus der da gebrannt wird der Kalk, dann der Sand und unförmliches Holz. Wir bringen nun ein solch rohes Material auf irgendeinem Feld zusammen. Da liegt ein ganz kleiner Berg von aufgeworfener Tonerde, wieder ein chaotischer Haufen von Bäumen, welche aber noch nicht behauen sind, und wieder ein tüchtiger Sandhaufen. In einiger Entfernung davon befindet sich ein kleinerer Haufen rohen Eisenerzes; wieder etwas von diesem Haufen weg ein Haufen von Kiessteinen und nicht ferne davon eine tüchtige Wasserlacke. Seht, da haben wir das rohe Material zu einem Haus haufenweise beisammen. Sagt Mir aber, wer aus euch wohl so scharfsichtig ist und erschaut sich aus all diesen rohen Materiehaufen ein wohlgeordnetes stattliches Haus heraus? Alles dieses sieht doch so wenig einem Haus ähnlich als etwa eine Fliege einem Elefanten oder wie eine Faust dem menschlichen Auge, und dennoch hat dieses alles die Bestimmung zur Erbauung eines stattlichen Hauses.
GS|1|2|3|0|Was muss aber nun geschehen? Über den Tonhaufen kommen Ziegelmacher. Der lose Ton wird angefeuchtet, dann tüchtig durch und durch geknetet, und hat er sich gehörig ergriffen und ist hinreichend zähe geworden, so wird er sobald zu den euch wohlbekannten Ziegeln geschlagen. Und damit sich die Tonteile in den Ziegeln noch inniger und haltbarer ergreifen, wird ein jeder solcher Ziegel noch im Feuer ganz tüchtig gebacken, bei welcher Gelegenheit er mit der Überkommung der größeren Festigkeit auch gewöhnlich eine euch gar wohlbekannte Farbe überkommt. Was geschieht denn mit den Kalksteinen? Seht, alldort in einiger Ferne werden schon mehrere Öfen errichtet, allwo diese Kalksteine gebrannt werden. Was mit dem gebrannten Kalk geschieht, wisst ihr doch sicher. Sehen wir weiter! Auch über den Holzstamm-Haufen haben sich eine Menge Zimmerleute hergemacht und behauen die Bäume für den baulichen Bedarf. Und seht, bei dem Erzhaufen haben sich Schmiede eingefunden, schmelzen das Erz, ziehen das brauchbare Eisen heraus und bearbeiten dasselbe zu allerlei baulichen Erfordernissen. Weiter seht ihr die Kiessteine zerstampfen und zermalmen und auf die euch schon bekannte Weise zu reinem Glas umgestalten.
GS|1|2|4|0|Nun haben wir das rohe Material in der Umgebung schon kultiviert. Daher kommt auch schon der Baumeister, steckt seinen Bauplan aus. Der Grund wird gegraben, und die Maurer und ihre Helfer tummeln sich nun emsig herum, und wir sehen die rohe Materie sich unter den Händen der Bauleute zu einem geregelten Bau gestalten. Allmählich wächst das stattliche Haus über dem Boden empor und erreicht die vorbestimmte Höhe. Nun legen die Zimmerleute die Hand ans Werk, und in kurzer Zeit ist das Gebäude mit vollkommener Dachung versehen. Bei dieser Gelegenheit aber haben sich auch unsere früheren rohmateriellen Haufen völlig verloren; nur einen Teil des Sandhaufens sehen wir noch und einen Teil gelöschten Kalkes, aber es geht soeben an das sogenannte Verputzen und Verzieren des Hauses. Und bei dieser Gelegenheit schwinden auch noch die zwei letzten materiellen Reste. Seht, das Haus ist nun völlig verputzt von außen wie von innen. Aber jetzt kommen noch eine Menge kleinerer Handwerksleute. Da haben wir einen Schreiner, dort einen Schlosser, wieder da einen Zimmermaler, allda einen Hafner und wieder dort einen Fußbodenlackierer. Diese Kleinhandwerker tummeln sich noch eine Zeit herum, und das Haus steht förmlich Ehrfurcht einflößend da.
GS|1|2|5|0|Wenn ihr nun eure Gefühle vergleichen könnt, vom Anblick der rohesten Materie angefangen bis zur gänzlichen Vollendung dieses stattlichen Gebäudes, so werdet ihr darin doch sicher einen ganz gewaltigen Unterschied finden. Wodurch aber wurde denn dieser Unterschied hervorgebracht? Ich sage euch: Durch nichts anderes als durch die zweckmäßige und gerechte Ordnung und Einung der getrennten rohen Materie zu einem Ganzen. Wenn ihr früher unter den rohen Materienhaufen herumgewandelt seid, da ward es euch unbehaglich zumute, und eure Gefühle wälzten sich chaotisch durcheinander. Als ihr wieder die ganze rohe Materie durch das Feuer und durch die Handwerkszeuge der Zimmerleute mehr ordnen und tauglich machen saht, da ward es euch schon heimlicher; denn ihr saht jetzt schon mehr Möglichkeit voraus, dass aus solch einer geordneten Materie ein Haus werden kann. Aber noch immer konntet ihr zu keiner völligen Vorstellung des Hauses gelangen.
GS|1|2|6|0|Als ihr aber vom Baumeister den Bauplan habt ausstecken gesehen, so wart ihr gewisserart schon mehr befriedigend überrascht in eurem Gefühl, denn ihr konntet da schon sagen: Ei, siehe da! Das wird ein ganz großartiges Gebäude! Als ihr aber dann das Gebäude schon im Rohen völlig ausgebaut erblicktet, so sehntet ihr euch nach der Vollendung des Gebäudes. Als das Gebäude vollendet dastand, da betrachtetet ihr dasselbe mit großem Wohlgefallen, und als ihr erst in die schönen und zierlichen Gemächer des Hauses eingeführt wurdet, da verwundertet ihr euch hoch und sagtet: Wer hätte solches der vor kurzem noch ganz roh daliegenden Materie angesehen?!
GS|1|2|7|0|Nun seht, also verhält es sich auch mit allem dem, was wir bis jetzt in der naturmäßigen Sonne gesehen haben. Es sind rohe Materialklumpen, welche in diesem Zustand ohne Zusammenhang und ohne Einung erschienen. So jemand die Bewohner der Sonne und alle ihre Einrichtungen nacheinander betrachtet, so kann er daraus keinen Zusammenhang und kein Aufeinanderbeziehen herausfinden. Also erst in dem Geistigen werden diese noch ganz rohen Klumpen mehr und mehr geordnet. Und aus dieser Ordnung kann dann schon ersehen werden, zu welch einer höheren Bestimmung sie demzufolge da sind, da sie in ihrem Inneren alle auf ein Wesen hinblicken, in welchem erst dann ihre endliche und völlige Ordnung zu einem vollkommenen Ganzen bewerkstelligt werden kann.
GS|1|2|8|0|Wir werden daher das vollends fertige Gebäude erst in der geistigen Sonne erschauen, in welcher sich alles dieses ergreifen wird, und wird sich in übergroßer Herrlichkeit als ein Ganzes dartun.
GS|1|2|9|0|Seht nun, wie dieses alltägliche Beispiel ein gar herrliches Evangelium in sich fasst und erschließt dem inneren Betrachter eine Ordnung, von welcher sich kein Sterblicher noch etwas träumen hat lassen. Aus diesem Beispiel will Ich euch sogleich auf etwas dem Geistigen sich mehr Annäherndes aufmerksam machen, und das zwar namentlich an der Sonne selbst.
GS|1|2|10|0|Ihr habt die verschiedene Einrichtung der ganzen Sonne nun beschaut und auch alles, was auf ihr und in ihr ist. Es ist sicher von zahlloser und beinahe unaussprechlicher Mannigfaltigkeit. Wie spricht sich denn aber am Ende alle diese sicher denkwürdige Einrichtung der Sonne aus?
GS|1|2|11|0|Die Antwort erteilt euch ein jeder Blick, den ihr nach der Sonne sendet, nämlich in einem allgemeinen überaus intensiven Licht- und Strahlenkranz.
GS|1|2|12|0|Seht, wie das beinahe endlos Mannigfaltige sich allda vereinigt und als so Vereinigtes in nahe endlose Raumfernen hinauswirkt. Es wird nicht nötig sein, alle die zahllos wohltätigen Wirkungen des Sonnenlichtes darzustellen, denn ein jeder Tag beschreibt und besingt dieselben auf eurem kleinen Erdkörper schon zahllosfältig. Würde die Sonne ohne diese Lichteinung über sich mit all ihren zahllosen Teilen auch solche wunderbaren Wirkungen hervorbringen? O sicher nicht! Fragt nur eine recht derbe Nacht, und sie wird euch buchstäblich sagen und zeigen, wozu eine lichtlose Sonne tauglich wäre. Doch wir brauchen uns nicht nur mit diesem noch immer etwas harten Beispiel zu begnügen, denn es gibt noch eine Menge bessere.
GS|1|2|13|0|Damit ihr aber auch desto überzeugender erseht, wie uns ein jedes Ding unserem Zweck näherführen kann, wenn wir es nur vom rechten Standpunkte aus betrachten, so sollt ihr für ein nächstes Beispiel selbst einen allernächsten und somit auch allerbesten Stoff wählen, und wir wollen dann sehen, inwieweit er sich für unsere Sache wird brauchen lassen oder nicht. Ich meine aber, es dürfte euch ziemlich schwerfallen, in dieser Hinsicht einen unbrauchbaren Stoff zu wählen, denn was liegt an der Klumpenform eines vorgefundenen Erzbrockens? Nur in den Schmelzofen damit, und der gerechte Hitzegrad wird ihm schon seine sichere Bestimmung geben! Daher sucht auch ihr nicht mühsam einen Stoff, denn wie Ich euch sage, Ich kann gleich einem Packeljuden alles recht gut brauchen! Und so lassen wir die Sache für heute bei dem bewendet sein!
GS|1|3|1|1|Beispiel einer Uhr als Entsprechungsbild der Sonne
GS|1|3|1|1|(Am 25. November 1842 von 4 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|3|1|0|Also ihr habt eine Uhr gewählt. Dieses Beispiel ist besser, als ihr es zu denken vermögt, denn auch Ich hätte also einen Zeitmesser genommen. Daher wollen wir nun dieses Beispiel sogleich etwas kritisch durchnehmen, und es wird sich dann alsbald zeigen, ob es uns um eine Stufe höher denn das vorige bringen wird.
GS|1|3|2|0|Wenn ihr also eine Uhr betrachtet, so erblickt ihr auf diesem kleinen zeitmessenden Werkzeug lauter kultivierte Materie. Ihr seht einen wohlberechneten Mechanismus, der so beschaffen ist, dass da ein Triebrad mit seinen Zähnen in die Zähne eines anderen Rades greift. Ihr seht, wie das ganze Rädertriebwerk mittels einer verhältnismäßig starken Kette mit der elastischen Feder verbunden ist, welche dann das ganze Werk durch ihre innewohnende Kraft in die zweckmäßige Bewegung setzt. Wenn wir dieses ganze Werkchen noch näher in den Augenschein nehmen, so entdecken wir noch eine Menge Ristchen und Häkchen im selben. Alles ist berechnet und hat seine Bestimmung.
GS|1|3|3|0|Haben wir das innere Werk einmal recht beschaut, so können wir uns zur Besichtigung der äußeren Gestalt verfügen. Was erblicken wir da? Ein flaches Zifferblatt und ein paar ganz einfache Zeiger darüber. Was verrichten diese Zeiger auf dem ganz einfachen Zifferblatt? Sie zeigen, wie ihr wisst, die Stunden des Tages und der Nacht an und messen somit die Zeit. Diese Zeit, die von diesen Zeigern gemessen wird, ist doch sicher etwas Allumfassendes und ist auch etwas Allesdurchdringendes und ist auch das Zentrum allenthalben, wo ihr nur immer hinblicken wollt. Denn es kann niemand sagen: Ich bin am Ende der Zeit, oder: Die Zeit hat mit mir nichts zu schaffen, oder: Die Zeit umgibt mich nicht. Denn sooft jemand etwas tut, so tut er es in der Mitte der Zeit. Warum denn? Weil er von der Zeit allzeit durchdrungen und allenthalben gleich umfasst wird. Solches zeigt uns auch die Uhr. Im Zentrum des Zifferblattes sind die Zeiger angebracht und beschreiben mit ihren Enden einen genauen Kreis. Da sie aber vom Zentrum aus bis zu dem beschriebenen Außenkreis ununterbrochen als eine konkrete Materie fortlaufen, so beschreiben sie vom Zentrum aus eine zahllose Menge von stets größer werdenden Kreisen. Also ist es ja klar und ersichtlich, dass solche Kreisbeschreibung vom Zentrum des Stiftes, daran die Zeiger befestigt sind, ausgeht, sonach die ganze Zifferblattfläche durchdringt und am Ende von derjenigen Zeit, die sie misst, wie von einem endlos großen Kreis umfasst wird.
GS|1|3|4|0|Gehen wir aber wieder zurück auf unser inneres Uhrwerk. Da werden wir entdecken eine unbewegliche Ober- und Unterplatte, unbewegliche Säulchen, durch welche die Ober- und Unterplatte miteinander befestigt sind. Also werden wir auch entdecken eine Menge unbeweglicher Stiftchen, Häkchen und Stellschräubchen. Liegt wohl in diesen unbeweglichen Dingen auch schon etwas von der endlichen Bestimmung des Werkzeuges, welche sich über dem Zifferblatt ausspricht? Ja, auch in diesen unbeweglichen Teilen liegt die endliche Bestimmung wie stumm ausgesprochen zugrunde.
GS|1|3|5|0|Wenn wir aber ferner in das Uhrwerk blicken, so sehen wir ein verschiedenartiges Bewegen der Räder; fürs Erste ein munteres Perpendikelchen, sodann sein nächstes Rad. Das Perpendikelchen ist noch sehr ferne von der Hauptbestimmung, denn es mag noch keinen vollständigen Kreis beschreiben, sondern es wird stets hin- und hergetrieben und kommt trotz seiner im ganzen Werk schnellsten Bewegung dennoch nicht weiter. Das nächste Rad, welches offenbar von dem sich viel zu schaffen machen wollenden Perpendikel beherrscht wird, lauert die lustigen Sprünge des Perpendikels ab und schlüpft bei jedem Sprung eine Stufe weiter in seinem Kreis und macht darum schon eine, wenn auch noch ziemlich schnelle, aber dennoch eine fortwährende Kreisbewegung. Man merkt dieser Bewegung wohl noch das Hüpfen des Perpendikels an, aber dieses schadet der Sache nichts. Die kreisförmige Bewegung ist dennoch gewonnen. Das nächste Rad nach dem Perpendikelrad bewegt sich schon viel gleichartiger, beschreibt einen ruhigen Kreis und ist der Hauptbestimmung um vieles näher. Das diesem nächste Rad bewegt sich noch viel langsamer, gleichartiger und ruhiger und ist der Hauptbestimmung darum auch schon um vieles näher, ja es greift schon völlig in dieselbe. Das letzte Rad ist schon an der Bestimmung selbst, drückt dieselbe in seiner mechanischen Bestimmung schon aus; aber dieselbe kann noch nicht in dem Mechanismus erkannt werden.
GS|1|3|6|0|Aber eben allda, da sich gewisserart verborgenermaßen die Hauptbestimmung schon im materiellen Mechanismus ausspricht, dringt aus dem Zentrum des Mechanismus eine Spindel hinaus über das Zifferblatt, auf welcher Spindel die Zeiger angebracht sind und endlich in ihrer größten Einfachheit die einige Bestimmung des ganzen künstlich zusammengesetzten mechanischen Werkes ausdrücken.
GS|1|3|7|0|Seht ihr nicht schon recht klar, wohinaus sich die ganze Sache drehen will? Alles noch so Mannigfaltige und Zusammengesetzte zeigt in sich ja die endliche Einung zu einem Hauptzweck; und ein unansehnlichstes Stiftchen darf nicht fehlen, wenn der letzte Zweck vollends sicher erreicht werden soll.
GS|1|3|8|0|Nun gehen wir wieder auf unsere Sonne über. Seht an diese große goldene Uhr als Messer von für euch undenklichen Zeiten. Wir haben den verschiedenen Mechanismus dieser riesigen Uhr gesehen, wir sahen, dass auch hier Meine Liebe die allmächtige lebendige Triebfeder ist, welche innerhalb der zwei großen Platten, die da die Ewigkeit und Unendlichkeit heißen, dieses große Werk in die Bewegung setzt. Wir haben alle die zahllosen Triebräder gesehen und alle die Stiftchen und Säulchen, wir kennen nun das mechanische Werk. Aber aus der Verschiedenartigkeit von dessen Teilen lässt sich die endliche Hauptbestimmung ebenso schwer erkennen, als so jemand wollte ohne Beachtung des Zifferblattes bloß nur allein durch die Betrachtung der verschiedenartigen Bewegung des Räderwerkes die stundenweisen Abschnitte der Zeit genau bestimmen. Solches wäre richtig und lässt sich nichts dagegen einwenden, möchte so mancher sagen, aber die Frage geht nur dahin: Wie kommen wir denn bei diesem großen Mechanismus auf die Zentralspindel, welche sich aus dem Materiellen erhebt und hinausragt über das große Zifferblatt der endlichen einigen großen Bestimmung? Ich sage euch aber: Des sei uns nicht bange, denn nichts ist leichter zu bewerkstelligen als gerade das, wenn man schon ein Werk zuvor also durchblickt hat, dass einem alle Bestandteile im Wesentlichsten bekannt sind. Da wir aber schon einmal die Uhr als ein gutes Beispiel gewählt haben, so wollen wir eben auch mit diesem Beispiel uns zur großen Oberfläche erheben.
GS|1|3|9|0|Wer je eine Uhr betrachtet hat, der wird zumeist gefunden haben, dass drei Dinge in derselben eine nahe ganz gleiche Bewegung haben. Das erste Ding ist das Kapselrad, in dem die Triebfeder verschlossen ist, das zweite ist dann das Haupttriebrad, welches mittels der Kette mit dem Federkapselrad verbunden ist, und das dritte ist das Zentralspindelrad, welches die Zeiger über dem Zifferblatt in die Bewegung setzt.
GS|1|3|10|0|Wollen wir aufs große Zifferblatt hinausgelangen, so müssen wir sehen, wem diese drei Räder entsprechen. Wem entspricht denn das Federkapselrad? Das ist ja mit den Händen zu greifen, dass solches der Liebe entspricht, dass da die Feder die Liebe vorstellt, indem sie verschlossen ist und gewisserart von innen aus das Leben des ganzen Werkes bewirkt. Also liegt demnach in der Liebe schon die ganze Hauptbestimmung des Werkes ganz einig und vollkommen zugrunde.
GS|1|3|11|0|Wem entspricht denn das zweite Rad von gleicher Bewegung, welches mit dem Federrad mittels einer Kette verbunden ist? Dieses Rad entspricht der Weisheit, welche aus der Liebe ihr Leben empfängt und somit auch mit derselben in engster Verbindung steht. Wem entspricht das Hauptzentralspindelrad? Der ewigen Ordnung, welche aus den erstbenannten zwei Rädern lebendig hervorgeht und das ganze Werk in all seinen Teilen also einrichten lässt, dass endlich alles sich zur Erreichung desjenigen Hauptzweckes fügen muss, der sich aus der Liebe und Weisheit eben in dieser Ordnung ausspricht. Seht, jetzt haben wir schon das Ganze. Das Spindelrad ist gefunden – denn es heißt die Ordnung. Und auf dieser Spindel wollen wir demnach auch aufwärtsklettern und endlich erschauen die große endliche Bestimmung der Dinge, wie sich dieselbe genau entsprechend ausspricht der ewigen Liebe, Weisheit und der aus diesen zweien hervorgehenden Ordnung gemäß.
GS|1|3|12|0|Nun hätten wir ja vollkommen mit dem Beispiel unseren Zweck erreicht, und wir befinden uns darum auch schon auf der geistigen Sonne, ohne dass ihr es noch ahnt und einseht, wie und auf welche Art. Ich aber sage euch: Geht nur einmal flüchtig die gegebenen Beispiele durch, und ihr werdet es vom Anbohren der Bäume angefangen bis endlich zur Uhr recht leicht finden, dass wir uns gewisserart inkognito eben mit diesen Beispielen auf der geistigen Sonne recht munter herumbewegen, während ihr noch immer harrt, auf dieselbe zu gelangen. Wir sind schon am Zifferblatt und brauchen somit nicht mehr an der Spindel heraufzuklimmen.
GS|1|3|13|0|Aber ihr fragt: Wie denn? Die Sache klingt wie ein Rätsel. Ich aber sage: Wo die Bedeutung der Dinge, wenn auch noch mehr im Allgemeinen denn im Sonderheitlichen, gezeigt wird, wo es gezeigt wird, wie endlich alles auf die Einung ankommt, wo sogar diese Einung durch allerlei anschauliche Beispiele dargestellt wird, da scheint nicht mehr die naturmäßige, sondern die geistige Sonne. Die Folge aber wird es in das klarste Licht stellen und wir werden daraus ganz klar ersehen, dass wir uns schon auf der geistigen Sonne befinden.
GS|1|3|14|0|So jemand eine Fackel in der Hand hält, so wird er doch auch wissen, wozu die Fackel gemacht ist. Wenn er noch in der Dunkelheit wandelt, was ist wohl leichter, als sich im Besitz einer Fackel zu helfen? Man zünde nur die Fackel an, und sobald wird die Dunkelheit in Blitzesschnelle verschwinden. Wir aber haben ja die Fackel in der Hand. Die gegebenen Beispiele sind die Fackel; was braucht es hernach mehr, als diese überhell leuchtende Fackel mit einem kleinen Funken der Liebe anzuzünden, und das große bedeutungsvolle Zifferblatt der geistigen Sonne wird sobald erhellt sein. Darum werden wir auch für die nächste Gelegenheit nichts anderes tun, als unsere gute Fackel mit der scintilla amoris [Funke der Liebe] anzünden und bei diesem herrlichen Licht beschauen die große Bedeutung der Dinge auf der geistigen Sonne. Und so denn lassen wir es wieder heute bei dem bewendet sein!
GS|1|4|1|1|Unterschied der Erscheinlichkeit der natürlichen und der geistigen Sonne
GS|1|4|1|1|(Am 26. November 1842 von 3 3/4 – 5 1/4 Uhr abends.)
GS|1|4|1|0|Ihr fragt und sagt: Es wäre ja gut, die Fackel mit dem Liebesfünklein anzuzünden, aber wo werden wir dieses wohl hernehmen? Ich kann euch darauf wahrlich nichts anderes sagen, als dass wir es gerade daher nehmen werden, woher es eigentlich zu nehmen ist. Wäre es denn nicht gerade lächerlich zu nennen, wenn wir mit der ganzen, sehr stark feurigen Sonne nicht imstande wären, das bisschen Fackeldocht anzuzünden?! Denn unter dem Liebesfünklein verstehe Ich ja eben die Sonne, die wir nun nach der Länge, Dicke und Breite in unseren Händen haben. Und wenn ihr imstande seid, durch ein talergroßes Brennglas ein Stück Schwamm an den Sonnenstrahlen anzuzünden, während diese in naturmäßiger Hinsicht doch über zweiundzwanzig Millionen Meilen entfernt ist, so wird die nun ganz nahe Sonne wohl auch imstande sein, unseren Fackeldocht brennen zu machen.
GS|1|4|2|0|Und so denn wollen wir diesen kinderleichten Versuch wagen, unseren Fackeldocht mit dem Feuer der Sonne in Berührung zu bringen. Seht doch, wie leicht die Sache war!
GS|1|4|3|0|Der Fackel Licht brennt nun, und seht, für den Geist unübersehbare Gefilde erstrahlen vom Licht einer ewigen Morgenröte, das diesem Fackellicht entstammt.
GS|1|4|4|0|Denn Ich Selbst bin die Fackel und leuchte ein gerechtes Licht; wer in diesem Licht schaut, der sieht allenthalben die Wahrheit, und kein Trug darf seinen Augen begegnen!
GS|1|4|5|0|Was Wunder, sagt ihr; in der naturmäßigen Sonne haben wir Riesen geschaut und große Verschiedenheiten in allen Dingen; hier auf der lichten Sphäre ist alles gleich. Nicht eines sehen wir das andere überragen. Es ist ein Licht, es ist eine Größe, und die Liebe spricht sich allenthalben in unnennbarer Anmut aus. Wir sehen fast lauter ebenes Land; wo sind die naturmäßigen Berge der Sonne?
GS|1|4|6|0|Die endlos zufriedenen Geisterengelwesen wandeln auf den Lichtgefilden umher und machen keinen Unterschied, ob da ist ein Land oder ein Wasser. Leicht erheben sie sich in den lichten Äther empor und schweben, wonnetrunken eine Seligkeit um die andere atmend, im selben herum. Wir sehen nur ganz niedliche Bäumchen; wo sind die Riesenbäume des Naturbodens? Auch sehen wir in all den niedlichen Gewächsen eine wunderbare Übereinstimmung. Aus einem jeden haucht ein unaussprechliches Wonnegefühl, hoch entzückend jeden Geist, der sich demselben naht. Ja, aus jedem Bäumchen, aus jeder zarten Grasspitze strömt ein anders geartetes Wonnegefühl; und doch sehen wir in den Bäumchen, in all den anderen Gewächsen wie an dem Gras nur eine Form und eine gänzliche Einheit im Unzähligen.
GS|1|4|7|0|Wir wandeln über die endlosen Gefilde. Uns begegnen zahllose Heere von seligsten Engelsgeistern, doch entdecken wir nirgends eine Wohnung. Keiner sagt uns: Dieser Grund ist mein und dieser meines Nachbars, sondern wie überaus fröhlich Reisende auf einer Landstraße ziehen sie allenthalben einher, frohlocken und lobsingen. Wohin wir uns auch nur immer wenden, sehen wir nichts als Leben durch das Leben wallen. Lichte Gestalten begegnen sich, und von allen Seiten her ertönt ein großer Freudenruf!
GS|1|4|8|0|Doch wir sind da wie gänzlich Laien und wissen nicht, wo aus und wo ein. Wo ist diese lichte Welt, die wir jetzt schauen? Ist dies die geistige Sonne? Also fragt ihr erstaunten Blickes und erstaunten Herzens.
GS|1|4|9|0|Allein Ich sagte euch ja, dass die geistige Sonne an und für sich betrachtet vollkommen gleicht dem Zifferblatt einer Uhr, allda sich der ganze Zweck des kunstvollen mechanischen Werkes ausspricht. Ihr sagt etwas verdutzt: Ist das alles von der geistigen Sonne? Es ist wohl sehr wunderbar erhaben schön, überaus lebendig, aber dabei dennoch sehr einfach. Auf der eigentlichen Sonne haben wir ja so unnennbar verschiedenartiges Großes, ja Wunderbares geschaut. Hier aber kommt es uns vor, als wäre diese ganze unendlich scheinende Fläche eine ebenso große Landstraße für Geister, auf welcher zwar kein Staub zu entdecken ist. Aber in allem Ernst gesprochen, was die Einförmigkeit, das gewisserart ewig scheinende Einerlei dieser überaus lichten Welt betrifft, in diesem Punkt hätten wir im Voraus zufolge der großartigen Vorerscheinungen auf der naturmäßigen Sonne etwas Außerordentlicheres erwartet.
GS|1|4|10|0|Ihr habt ja die Uhr zum Muster. Wenn ihr in dem ineinandergreifenden Räderwerk herumwandelt, was müsstet ihr euch denken, welche Effekte dieser Verwunderung erregende Mechanismus bewirken wird, so ihr noch nie ein Zifferblatt einer Uhr gesehen hättet! Werdet ihr da nicht auch sagen, so ihr das Räderwerk beseht: Wenn das Mittel schon so wunderbar aussieht, von welch entsetzlich wunderbarer Art muss da erst der Zweck sein! Und ihr werdet zum Meister des Uhrwerkes sagen: Herr! Unnennbar kunstvoll und überaus wohlberechnet ist dieses Räderwerk; wie groß und überaus kunstvoll muss da erst der Zweck dieses wunderbaren Mechanismus sein! Lass uns daher doch auch sehen dahin, wo sich der sicher große Zweck dieses wunderbaren Mechanismus ausspricht. Und der Uhrmacher vergehäust das Werk und zeigt euch nun das Zifferblatt!
GS|1|4|11|0|Ihr macht schon wieder große und verdutzte Augen und sagt: Was?! Ist das das Ganze, wofür das innere Kunstwerk geschaffen ist? Nichts als ein weißlackiertes rundes Blatt mit zwölf Ziffern; und ein Paar zugespitzte Zeiger schleichen in unmerklicher Bewegung immerwährend auf dieselbe Art die zwölf Ziffern durch. Nein, da hätten wir uns ganz etwas anderes vorgestellt! Ich sage: etwa ein künstliches Marionettentheater oder etwa sonst eine großartige Kinderspielerei?
GS|1|4|12|0|O Meine Lieben! Da sind eure Vorstellungen von aller geistigen Welt noch sehr mager. Habt ihr denn von den gegebenen Beispielen nicht abgesehen, wie das ganze Äußere in all seiner Zerstreutheit sich endlich in der Einung aussprechen muss? Ihr habt solches gesehen bei der Darstellung eines Baumes, bei der Polierung einer edlen Metallstange, bei der Verfertigung des Glases, bei der Erbauung eines Hauses und endlich handgreiflich bei der Betrachtung einer Uhr.
GS|1|4|13|0|Wenn es sich, in das Geistige übergehend, darum handeln würde, dasselbe noch mehr zu zerstreuen, als es zerstreut ist in der äußereren Naturmäßigkeit, wie ließe sich da wohl eine ewige Dauer und ein ewiges Leben denken? So aber muss ja der wahren inneren lebendigen Ordnung gemäß in dem Geistigen sich alles einen, um dadurch kräftig, mächtig und lebendig dauerhaft zu werden für ewig. Ihr sagt hier: Solches ist ersichtlich, vollkommen richtig und wahr, dessen ungeachtet aber haben wir bei so manchen Gelegenheiten von den großen Herrlichkeiten der himmlischen Geisterwelt gehört; darum wissen wir nun nicht, wie wir so ganz eigentlich daran sind. Wir können zwar gegen die einfach geschaute Herrlichkeit der geistigen Sonne im Grunde nichts einwenden, aber sie kommt uns auf unsere früheren Begriffe von einer himmlischen Welt gerade so vor wie ein schöner Sommertag, an dem wir in der Luft eine zahllose Menge von den sogenannten Ephemeriden in den Sonnenstrahlen bunt durcheinanderschwärmen sehen, und keine kann uns Bescheid geben, woher sie kam, wohin sie geht und warum sie so ganz eigentlich die strahlenerfüllte Luft in allen erdenklichen Richtungen durchträufelt.
GS|1|4|14|0|Euer Einwurf ist zwar in einer Hinsicht richtig; allein wie diese Einfachheit mit der von euch schon zu öfteren Malen vernommenen wundervollsten Herrlichkeiten des Himmels zusammenhängt, solches kundzutun ist noch nicht allda an der Zeit, da wir erst die Grundlage müssen kennenlernen. Wenn ihr bisher nur Ephemeriden geschaut habt, so tut das der Hauptsache sicher keinen Eintrag, denn der Erfolg wird es schon zeigen, was es mit der Einfachheit dieser von uns nun geschauten geistigen Sonne für eine Bewandtnis hat. Solches also beachtet und denkt bei euch selbst ein wenig nach. In der nächsten Fortsetzung wollen wir diese Einfachheit mit ganz anderen Augen betrachten. Und somit gut für heute!
GS|1|5|1|1|Gleichnis von den drei Bergsteigern. Die innere Welt des Geistes. Vom Reich Gottes im Menschen
GS|1|5|1|1|(Am 28. November 1842 von 4 1/4 – 6 Uhr abends.)
GS|1|5|1|0|Wenn ihr auf einem hohen Berg eine Zeit lang verweilen würdet, und das an einem ganz vollkommen schönen und reinen Tag, was würdet ihr da wohl bemerken? Mancher aus euch würde wohl eine Zeit lang ganz entzückt sein, denn das großartige romantische Naturgemälde würde durch seine vielfach abwechselnden Formen einen hinreichenden Stoff zur erheiternden Betrachtung bieten. Ein anderer würde aber dabei ganz anders denken und würde aus diesen seinen Gedanken sagen: Was ist denn das gar so etwas Außerordentliches? Man sieht weit und breit, was denn? Nichts als einen Berg um den anderen; mancher ist höher, mancher wieder niederer; hier und da sind die höchsten Spitzen überschneit, auf einigen anderen Punkten ragen wieder einige plumpe Felsspitzen empor, und diejenigen Berge, die am weitesten davon entfernt sind, nehmen sich darum auch am passabelsten aus, während die näheren nichts als Spuren über Spuren der stetigen Zerstörung aufzuweisen haben. Das ist das immerwährende Einerlei dieser berühmten Gebirgsaussicht. Ein Dritter befindet sich auch in der Gesellschaft auf der hohen Bergesspitze. Dieser, wie ihr zu sagen pflegt, ein Hasenfuß, bereut schon nahe weinend, dass er sich eine solche Mühe genommen hat, solche Gebirgshöhe zu besteigen. Fürs Erste, sagt er, sieht er hier nichts anderes als auf einen gesunden ebenen Boden in der Niederung, fürs Zweite friere es ihn noch obendrauf für solche Strapaze, und fürs Dritte möchte er vor Hunger in die Steine beißen, und wenn er gar noch bedenkt, dass er den schauerlichen Rückweg wird machen müssen, so fangen ihm alle Sinne zu schwinden an.
GS|1|5|2|0|Hier hätten wir also drei Gebirgsbesteiger. Warum findet der erste für sein Gemüt so viel Erhebendes, der zweite nichts als abstrakte plumpe Formen, und der dritte ärgert sich sogar, für solchen Spottpreis sich eine solche Mühe gemacht zu haben? Der Grund liegt einem jeden sehr nahe, weil er in ihm selbst zugrunde liegt. Wie denn also? Der erste ist mehr lebendigen und geweckten Geistes; nicht die Formen und der Berge hohe Zinnen sind es, die ihn so selig stimmen, sondern diese Stimmung ist ein Rapport des höheren Lebens in entsprechender Form über solchen hohen Bergen. Denn wir haben schon bei anderen Gelegenheiten zur Genüge vernommen, welch ein Leben sich auf den Bergen kündet. Und eben von diesem Leben hängt ja das Wonnegefühl desjenigen Besuchers der Höhen ab, welcher selbst mit geweckterem und lebendigerem Geist dieselben betritt. Der Geist des anderen ist noch in tiefem Schlaf, darum gewahrt er auch nichts anderes, als was seine fleischlichen Augen sehen und sonach sein irdisch trockener Verstand bemisst. Wenn ihr ihn zahlt und gebt ihm dann seinen Kenntnissen als Geometer angemessen mathematische Messwerkzeuge in die Hand, so wird er euch auf alle Gebirgsspitzen hinaufklettern und ihre Höhen recht wohlgemut bemessen. Ohne diesen Hebel aber dürfte es euch kaum gelingen, ihn wieder auf eine Gebirgsspitze hinaufzubringen. Was den Geist des dritten betrifft, so lässt sich davon nahe gar nichts reden, denn bei ihm lebt nur der Tiermensch, der alle Seligkeit im Bauch findet. Wenn ihr ihn wieder einmal wollt auf eine Gebirgshöhe bringen, so müsst ihr fürs Erste dafür sorgen, dass er ohne Beschwerde hinaufkommt, und fürs Zweite, dass er in der Höhe etwas Gutes zu essen und zu trinken bekomme. So wird er auch noch einmal eine Gebirgshöhe besteigen, wenn schon nicht mit eigenen, so doch mit den Füßen eines wohlabgerichteten Saumtieres. Denn da wird er sagen: Bei solchen Gelegenheiten bin ich schon dabei, denn die Gebirgsluft ist vermöge ihrer Reinheit der Verdauung ja viel günstiger als die dumpfe Luft der Täler.
GS|1|5|3|0|Seht, aus diesem Beispiel können wir die große und wichtige Lehre ziehen, welche ganz genau auf unsere einfache geistige Sonne passt. Und diese Lehre stimmt auf ein Haar genau mit dem Text des Evangeliums überein, welcher also lautet: Wer da hat, dem wird es gegeben, dass er in der Fülle besitze, wer aber nicht hat, der wird noch das verlieren, was er hat. [Matth. 13,12] Und in diesem Schrifttext steckt dann noch ein anderer, der mit dem obigen Beispiel noch mehr auf ein Haar übereinstimmt, und dieser Text lautet also: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Schaugepränge; denn siehe, es ist in euch! [Luk. 17,20-21] Merkt ihr jetzt, was es mit der einstweiligen Einfachheit der geistigen Sonne für eine Bewandtnis hat? Ihr sagt: Wir merken zwar etwas, aber noch nicht völlig klar, was damit gesagt und angezeigt sein soll. Ich aber sage euch: Nur eine ganz kleine Geduld, und die Sache wird sogleich mit wenig Worten so klar wie die Sonne am hellen Mittag leuchtend auftreten. Warum saht ihr die geistige Sonne also einfach? Weil ihr nur die eigentliche Außenseite gesehen habt. Ich aber sage euch: Es gibt auf derselben eine unendlich großartig wunderbare Mannigfaltigkeit, von der ihr euch noch bis jetzt keinen Begriff machen könnt. Aber diese Mannigfaltigkeit liegt nicht auf der geistigen Sonne, sondern sie liegt im Inwendigen der Geister. Wenn ihr somit dieselben erblicken wollt, da müsst ihr mit reingeistigen Augen in die Sphäre eines oder des anderen allda seligen Geistes blicken, und ihr werdet die sonst einförmige geistige Sonnenwelt alsbald in zahllose Wunder übergehen sehen. Denn solches müsst ihr wissen, dass da wohl jedem Geist eine und dieselbe Unterlage gegeben wird, welche da ist pur Meine Gnade und Erbarmung, und diese spricht sich gleichmäßig in der von euch geschauten geistigen Sonne aus. Was aber die Ausstaffierung dieser gegebenen Unterlage betrifft oder die eigentliche bewohnbare Welt für den Geist, so hängt diese lediglich von dem Inwendigen eines Geistes ab, welches da ist die Liebe zu Mir und die aus dieser Liebe hervorgehende Weisheit. Damit ihr solches noch klarer ersehen mögt, will Ich euch noch ein recht anschauliches Beispiel hinzufügen. Einer oder der andere aus euch befände sich auf irgendeinem weiten ebenen Feld; auf diesem Feld trifft er nichts als in der Mitte einen schattigen Baum, unter dessen Schatten ein recht üppiges Gras wächst. Auf dieses Gras legt sich der Wanderer nieder, schläft ruhig ein und stärkt sich dadurch. Aber in diesem süßen und stärkenden Ruhezustand hat sich ein wunderbarer Traum seiner bemächtigt. In diesem Traum ist der ganz einsame und einfache Wanderer in den herrlichsten Palästen mit lauter Fürsten beschäftigt, konversiert mit ihnen und genießt dadurch eine überaus große Seligkeit. Ich frage euch nun: Wie kommt denn dieser Mensch auf diesem öden leeren Feld zu solch einer inneren Gesellschaft?
GS|1|5|4|0|Seht, alles dieses ist ein Angehör seines Geistes und ist im Geist selbst vorhanden. Es ist eine Schöpfung durch die Kraft der Liebe seines Geistes und ist geordnet nach der Weisheit, die da hervorgeht aus solcher Liebe. Wenn ihr nun dieses Beispiel ein wenig durchdenkt, so wird es euch sicher klar, wie da dereinst im Geist ein jeder nach seiner Liebe und der daraus hervorgehenden Weisheit der Schöpfer seiner eigenen für ihn bewohnbaren Welt sein wird, und diese Welt ist das eigentliche Reich Gottes im Menschen.
GS|1|5|5|0|Wer daher die Liebe Gottes in sich hat, dem wird auch die Weisheit in demselben Grade zukommen, in welchem er die Liebe hat. Und also wird es dem gegeben, der da hat, nämlich die Liebe. Wer aber diese nicht hat, sondern allein seinen trockenen Weltverstand, den er als die Weisheit ansieht, dem wird alsdann auch dieser benommen werden, und das zwar auf die allernatürlichste Weise von der Welt, wenn ihm das Weltliche oder sein Leibesleben genommen wird.
GS|1|5|6|0|Seht, so verhalten sich die Sachen. Der eine Gebirgsbesteiger geht mit Liebe auf die Berge, und die Liebe ist auf den Höhen die Schöpferin seiner Seligkeit. Wer aber mit seinem Verstand nur auf die Berge geht, der wird sicher keine beseligende Zahlung finden, sondern er wird durch seine Mühe noch in seinem Verstand gewaltig beeinträchtigt werden, indem ihm dieser da oben spottwenig oder gar nichts abwerfen wird. Und der dritte, der aber gar nichts hat, der wird in der Höhe von allem ledig werden, denn der Tote kann am Leben doch kein Vergnügen finden, indem er stumm für dasselbe ist. Also ist auch ein Stein schwer auf eine Höhe zu bringen; aber wenn er in der Höhe losgemacht wird, stürzt er mit desto größerer Heftigkeit in die Tiefe des Todes hinab. Wenn ihr alles dieses nun genau zusammenhaltet, so wird euch die geistige Sonne sicher nicht mehr so einfach vorkommen wie zuvor. Was alles aber auf derselben sich noch kündet, werden wir durch die nächsten Fortsetzungen klärlichst erfahren. Daher gut für heute.
GS|1|6|1|1|Gleichnis vom Diorama. Die Sphäre eines Geistes
GS|1|6|1|1|(Am 29. November 1842 von 4 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|1|6|1|0|Wie werden wir es denn anstellen, damit wir auf unserer bisher noch immer einfachen geistigen Sonne etwas mehr zu sehen bekommen? Werden wir uns daselbst bequemen, etwa große und weitgedehnte Untersuchungsreisen anzustellen, oder werden wir uns auf irgendeinem Punkt aufstellen, allda den Mund und die Augen recht weit aufsperren, damit wir sehen, wie uns etwa die gebratenen Vögel in den Mund fliegen werden? Ich sage: Wir werden weder das eine noch das andere tun, sondern wir werden uns in ein geistiges Kosmorama und Diorama begeben und wollen uns daselbst, so gut es nur immer sein kann, an den wunderbaren Anschauungen im Herzen vergnügen. Damit ihr euch aber davon eine etwas bessere Vorstellung machen könnt, so will Ich euch wieder durch ein sehr anschauliches Beispiel der Sache näherführen. Ihr habt doch sicher schon ein sogenanntes optisches Diorama gesehen, welches darin besteht, dass da mittels eines etwa einen halben Schuh im Durchmesser habenden Vergrößerungsglases gut gemalte Bilder, die da hinter einer schwarzen Wand aufgestellt sind, angeschaut werden. Wenn ihr so ein recht gutes Stück durchseht, so könnt ihr tun, was ihr wollt, eure Phantasie und Einbildung mäßigen und modulieren nach Möglichkeit, und ihr werdet es mit aller Anstrengung nicht dahin bringen, dass ihr das gemalte Bild als ein bloß gemaltes anseht, sondern immer wird es vollkommen plastisch erscheinen und die Gegenstände so darstellen, dass ihr sie erblickt wie in der Natur selbst, vorausgesetzt, dass das Bild und das Glas selbst vollkommen tadellos sind.
GS|1|6|2|0|Wenn ihr euch nun in einer Hütte befindet, allda etwa einige zwanzig solcher Vergrößerungsfensterchen angebracht sind, so werdet ihr dem außen nach ein jedes Fensterchen doch sicher völlig gleich finden. Wenn ihr aber hinzutretet, so werdet ihr in dem kleinen Raum über die zwanzig Fensterchen hin in wenig Schritten eine Reise machen, die ihr sonst vielleicht in einigen Jahren nicht gemacht hättet. Ähnlich ist zwar jedes Fensterchen dem anderen, wie gesagt; aber durch das Fensterchen geschaut, repräsentiert sich eine ganze Weltgegend. Ihr geht zum zweiten Fensterchen und seht da hinein: wie himmelhoch verschieden von dem vorigen und so fort bis zum letzten Fensterchen. Hat euch nicht ein jeder neue Fensterchendurchblick auf das außerordentlich Befriedigendste ergötzt? Ihr müsst solches offenbar bejahen, denn in einem Fensterchen saht ihr eine vortrefflich dargestellte große Stadt nebst einem weiten Landbezirk ihrer Umgebung und in dem nächsten Fensterchen eine überaus romantische Gebirgsgegend so vortrefflich dargestellt, dass ihr glaubtet, ihr brauchtet nur die schwarze Wand zu durchbrechen, um euch in dieser Gegend ganz natürlich zu befinden. Ihr mochtet euch völlig nicht trennen, aber der Führer sagte euch: Beim nächsten Fensterchen werden Sie noch etwas Großartigeres sehen, und ihr begebt euch zum dritten Fensterchen. Der erste Anblick schlägt euch schon völlig nieder, denn ihr erblickt eine endlos weitgedehnte Meeresfläche. Längs dem Meer eine sich in den bläulichsten Dunst verlierende Ufergegend mit all ihren Seeherrlichkeiten. Auf der weitgedehnten Meeresfläche erblickt ihr hier und da Inseln und eine zahllose Menge von großen und besonders kleinen Seefahrzeugen. Und dieses alles ist so vortrefflich dargestellt, dass ihr nicht umhinkönnt auszurufen und zu sagen: Da hört die Kunst auf, Kunst zu sein, sondern tritt völlig in das Gebiet der reinsten, natürlichen Wirklichkeit! Und so geleitet euch der Führer zu einem nächsten Fensterchen; allda werdet ihr wieder noch mehr überrascht und so fort bis zum letzten.
GS|1|6|3|0|Wenn ihr also alles genau durchschaut habt, so möchtet ihr dann wohl gehen; aber der Führer hält euch auf und sagt: Meine lieben Freunde! Wollten Sie denn nicht noch einmal zum ersten Fensterchen hingehen? Ihr sagt ihm aber: Das haben wir ja ohnedies schon betrachtet. Aber der Führer sagt zu euch: Das Fensterchen ist wohl dasselbe, aber die Ansichten sind ganz verändert. Ihr geht darauf hin und seht zu eurem größten Erstaunen wieder ganz Neues und völlig Unerwartetes und so durch die ganze Reihe der etlichen und zwanzig Fensterchen hindurch. Hoch erstaunt verlasst ihr wieder das letzte, und der Führer sagt wieder zu euch: Meine Freunde! Die Fensterchen sind zwar noch dieselben, aber es ist schon wieder eine neue Welt. Und ihr geht, von hohem Interesse ergriffen, wieder an die Betrachtung und ruft schon beim ersten Fensterchen: Wunder, Wunder, Wunder!!! Sie, schätzbarer Freund, sind ja unerschöpflich in Ihrem Kunstgebiet! Und er spricht zu euch: Ja, meine lieben Freunde, also könnte ich euch wohl noch tagelang mit stets neuen und großartigeren Abwechslungen unterhalten.
GS|1|6|4|0|Seht, in diesem einförmigen, ganz kleinen Raum habt ihr eine Weltanschauung genossen, wie sie manche große Erdumsegler in der Natürlichkeit nicht genossen haben. Eure Augen haben Entfernungen von hundert Meilen und darüber geschaut, und das alles auf einem Raum von wenigen Klaftern und Schuhen.
GS|1|6|5|0|Nun seht, dieses sicher recht anschauliche Beispiel gibt uns einen recht guten Vorgeschmack zu der wundervollsten geistigen Anschauung auf unserer geistigen Sonne, und sagt uns, wie wir allda auf einem kleinen Raum ebenso überschwänglich vieles können zu Gesichte unseres Geistes bekommen, wie wir eben in unserem optischen Kämmerchen mit der leichtesten Mühe von der Welt zum Wenigsten gut die halbe Oberfläche der Erde geschaut haben. Wie aber werden wir solches anstellen? Davon ist schon ein kleiner Wink gegeben worden, und diesem Wink zufolge wollen wir denn auch einen kleinen anfänglichen Versuch machen.
GS|1|6|6|0|Seht, wir befinden uns noch immer auf unserer einfachen geistigen Sonne, sehen noch immer nichts als selige Geister in vollkommener Menschengestalt durcheinander, miteinander und übereinander wandeln und auf dem Boden unsere Bäumchen, edle Gesträuche und das schöne Gras. Aber seht, da kommt soeben ein Geistmann auf uns zu. Mich sieht er nicht, daher redet ihn nur an, damit er vor euch stehenbleibe. Und wenn er stehenbleiben wird, sodann tretet näher zu ihm, dass ihr seine Sphäre erreicht, und ihr werdet sogleich die geistige Sonne in einem anderen Kleid erblicken.
GS|1|6|7|0|Nun, ihr seid in seiner Sphäre und schlagt eure Hände über dem Kopf zusammen. Was aber seht ihr denn? Ihr könnt ja vor lauter Verwunderung nahe zu keinem Wort kommen! Es hat auch nicht Not, denn mit Mir ist in dieser Hinsicht leicht reden, weil Ich dasselbe, was ihr schaut, ebenso wie ihr und daneben aber auch noch ums Unendliche vollkommener schaue.
GS|1|6|8|0|Ihr seht die wunderherrlichsten Gegenden, hohe glänzende Berge, weite allerfruchtbarste Ebenen, wie Diamanten in der Sonne schimmernde Flüsse, Bäche und Meere; das helllichtblaue Firmament erblickt ihr übersät mit den herrlichsten und allerreinst glänzendsten Sterngruppen. Eine herrliche Sonne schaut ihr im Aufgang. Sie leuchtet überhell, mild und sanft, und dennoch mag sie mit ihrem Licht die schönen Sterne des Himmels nicht ermatten. Ihr seht große glänzende Tempel und Paläste in einer Unzahl, große Städte, an den weiten Ufern großer Meere erbaut. Zahllose seligste Wesen wandeln über die herrlichen, alle Seligkeit atmenden Gefilde. Ihr hört sogar ihre Sprache, und ihre himmlischen Lobgesänge dringen an euer Ohr. Ihr seht euch nach allen Seiten in der früher einfachen geistigen Sonne um; aber nirgends zeigt sich etwas mehr von ihrer früheren Einfachheit, sondern alles ist in zahllose Wunder aufgelöst!
GS|1|6|9|0|Aber tretet jetzt wieder aus der Sphäre unseres Geistmannes! Seht, nun ist alles wieder verschwunden, wir befinden uns wieder auf unserer einfachen Sonne. Ihr sagt nun: Ja, was war denn das? Wie ist solches möglich? Trägt ein solcher Geist denn alles dieses in solchem engen Zirkel, eine unendliche Welt voll der wunderbarsten Herrlichkeiten, in solch engem Kreis ein so weitgedehntes vielfaches Leben? Ist das Wirklichkeit oder ist es nur eine leere Erscheinlichkeit?
GS|1|6|10|0|Meine lieben Freunde! Ich sage euch jetzt noch gar nichts darüber, sondern wir wollen noch eher von mehreren Fensterchen unseres geistigen Dioramas profitieren und sodann erst uns auf ein inwendigstes Beleuchten einlassen. Denn solches ist nur ein leiser Anfang von dem, was sich noch alles unseren Blicken darstellen wird.
GS|1|7|1|1|Die Sphäre eines zweiten Geistes (Anselms Großvater). Die Liebe zum Herrn birgt die Vollendung des Lebens
GS|1|7|1|1|(Am 30. November 1842 von 4 3/4 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|7|1|0|Seht, allda naht sich uns schon wieder ein anderer Geist. Auch dieser soll hier verweilen, auf dass ihr in seine Sphäre treten könnt. Nun blickt hin, er harrt eurer schon und weiß durch einen inneren Wink, was ihr wollt. Also nähert euch ihm und tretet in seine Sphäre! Ihr befindet euch nun schon in derselben. Sagt Mir, was seht ihr da? Ich sehe aber schon wieder, ihr vermögt ob der Größe des Geschauten nichts hervorzubringen; darum werde schon Ich wieder müssen den guten Dolmetsch machen. Ihr steht vor lauter Verwundern und Erstaunen wie völlig starr in der Sphäre dieses Geistes.
GS|1|7|2|0|Ja, ein solcher Anblick mag euch wohl die Sinne ein wenig schwinden machen, denn ihr seht Wundergegenden über Wundergegenden; weltenweit gestreckte allerherrlichste Flurenreihen sind vor euren Blicken ausgebreitet. Allenthalben seht ihr allerliebreichste Menschen glänzende friedliche Hütten bewohnen. Ihre unaussprechlich schönen und liebfreundlichen Gestalten hemmen eure Blicke, so dass es euch kaum möglich ist, ein ins Auge gefasstes Wesen zu verlassen und auf ein anderes überzugehen.
GS|1|7|3|0|Ihr befasst euch mit dem einen allerliebreichsten Antlitz wie ganz in dasselbe verloren, und Tausende und Tausende ziehen vor euch vorüber, und ihr merkt sie kaum ob des einen!
GS|1|7|4|0|Auf den sanften, lichtgrünen Erhöhungen bemerkt ihr überaus stark leuchtende Tempel, in den Tempeln selbst bemerkt ihr, dass sie von seligst lebenden Geistern besucht und durchwandert werden. Ihr erhebt eure Blicke zum Firmament empor, und ihr erschaut wieder ganz neue und noch viel herrlichere Sterngruppen; ja durch die reinen Lüfte seht ihr mit großer Leichtigkeit und Schnelligkeit überaus stark leuchtende Scharen seliger Geister ziehen, welche zum Teil ganz frei schweben, zum Teil aber wie auf leuchtenden Wölkchen einherziehen. Ihr blickt hin gegen den Aufgang, und eine große Sonne steht hoch über demselben. Ihr Licht ist gleich dem einer herrlichsten Morgenröte, und alles, was ihr anblickt, widerstrahlt aus dem Licht dieser Sonne.
GS|1|7|5|0|Unweit vor euch erschaut ihr einen ziemlich hohen, aber sanft abgerundeten [Berg, auf diesem steht ein] Tempel. Die Säulen glänzen wie Diamanten in der Sonne, und anstatt des Daches seht ihr ein leuchtend Gewölk, über welchem wieder selige Geister schweben.
GS|1|7|6|0|Ihr sagt nun: Endlos wunderbar und unbeschreiblich herrlich ist alles, was wir sehen, nur ist uns dieses alles noch etwas ferne gestellt, und wir mögen in dieser geschauten herrlichen Welt keinen Schritt vorwärts tun; denn tun wir das, so treten wir offenbar aus der Sphäre unseres Geistes, und mit unserer Anschauung hat es dann ein Ende! Ich aber sage euch: Mitnichten; gehen wir nur auf ebendiesen Berg und beschauen da die Dinge näher. Seht, wir sind schon auf dem Berg; was seht ihr hier?
GS|1|7|7|0|Ihr werdet noch mehr stumm und könnt euch vor lauter Verwunderung über Verwunderung nicht mehr helfen, denn ihr wart der Meinung, ihr werdet in dem Tempel also herumgehen können wie etwa in einem großen Gebäude auf eurer Erde. Allein, als ihr in den Tempel eingetreten seid, hat sich das Inwendige des Tempels zu einer neuen, noch viel herrlicheren unübersehbaren Himmelswelt gestaltet, darob ihr nun nicht wisst, wie ihr daran seid! Jedoch solches tut einstweilen nichts zur Sache. Das rechte Licht wird alles ins Klare bringen. Ihr fragt Mich zwar, ob ihr auch in der Sphäre der Geister dieser zweiten Art andere Dinge erschauen würdet.
GS|1|7|8|0|O ja, sage Ich euch. Die Veränderung dieses Tempels in eine neue wunderbare Himmelswelt ist eben eine Folge dessen, da ihr in die Sphäre der Geister getreten seid, die sich in diesem Tempel vorgefunden haben. Aber ihr sagt und fragt: Warum sehen wir denn diese Geister nun nicht, in deren Sphäre wir uns befinden? Weil ihr aus ihrem Zentrum durch Meine Vermittlung herausschaut. Rücken wir aber etwas zurück; und seht nun, da steht schon wieder unser voriger Tempel, und wir sehen ihn erfüllt von überseligen Geistern, welche sich untereinander über allerlei auf Mich Beziehung habende Dinge besprechen.
GS|1|7|9|0|Nun habt ihr euch überzeugt, dass man auch in einer solchen Geistersphärenwelt so wie auf der Erde freien Fußes nach Belieben herumwandeln kann. Und so denn können wir uns wieder auf unseren Standpunkt zurückziehen. Seht, wir sind schon da.
GS|1|7|10|0|Tretet nun wieder aus der Sphäre unseres gastlichen Geistes, und wir werden uns wieder auf unserer ganz einfachen geistigen Sonne befinden. Da ihr nun wieder aus der Sphäre seid und unser guter Geist sich auch noch in unserer Gesellschaft befindet, so könnt ihr euch mit ihm sogar besprechen, denn er kennt euch recht gut, da er ebenfalls von eurer Erde, und zwar aus eurer Blutsverwandtschaft, abstammt. Ich will ihn euch zwar vorderhand noch nicht näher bezeichnen, denn es werden schon noch bessere Gelegenheiten kommen, wo wir alle diese uns bei dieser Gelegenheit dienenden Geister werden näher kennenlernen.
GS|1|7|11|0|Höret aber, was der Geist zu euch spricht, indem er sagt: O Freunde, die ihr noch in euren Leibern wandelt auf der harten Erde, fasst, fasst das Leben in seinem Grunde! Es ist unendlich, und seine Fülle ist unermesslich! Der Grund des Lebens ist die Liebe des Vaters in Christo in uns! Und diesen unendlichen Grund fasst allertiefst in euren Herzen, so werdet ihr in euch dasselbe finden, was ihr gefunden habt in meiner Sphäre. Was ihr geschaut habt, war einfach nur; aber in dem Grunde des Lebens liegt Unendliches über Unendliches!
GS|1|7|12|0|Es sind noch kaum fünfzig Erdjahre verflossen, da ich gleich euch als ein Bürger des harten Lebens auf der Erde herumwandelte. Oft hat mich der Gedanke an den einstigen Tod des Leibes erschüttert! Doch glaubt es mir, meine Furcht war eitel und leer, denn da der Tod über meinen Leib gekommen ist und ich der Meinung war, für ewig zugrunde zu gehen und zunichtezuwerden, da erst erwachte ich aus einem tiefen Traum und ging sogleich erst in dieses wahre und vollkommene Leben über.
GS|1|7|13|0|Habe ich bis jetzt auch des allereigentlichsten Lebens Vollendung bei weitem noch nicht erreicht, so aber bin ich doch der stets mehr klarer und klarer werdenden Vollendung desselben näher. Wie groß und wie herrlich diese sein muss, kann ich euch noch nicht zeigen; nur kann ich aus der Fülle meiner inneren Anschauung wohl schließen, dass des Lebens Vollendung im Vater durch die reine Liebe zu Ihm etwas sein muss, was kein Geist in dieser meiner Sphäre nur im unendlich kleinsten Teil zu fassen vermag!
GS|1|7|14|0|Wohl demjenigen, ja unendlichmal wohl, wer auf der Erde sich die Liebe zum Herrn zum einzigen Bedürfnis gemacht hat; denn der hat zu solcher Vollendung des Lebens den kürzesten Weg eingeschlagen! Denn, glaubt es mir, meine lieben irdischen Brüder und Freunde! Wer in sich auf der Erde die Liebe zum Herrn trägt, der trägt auch die Vollendung des Lebens in sich; denn er hat dasjenige allerheiligste und allerwundergrößt-vollkommenste Ziel in sich und bei sich, zu dem ich erst langen und weiten Weges bin.
GS|1|7|15|0|Mein Lebenszustand ist zwar schon mit einer unaussprechlichen Wonne erfüllt. Allein alles dieses, was ihr in meiner Sphäre geschaut, und noch endlos mehreres, was ihr noch nicht geschaut habt und ich allzeit vollends überseligst durchschauen kann in allzeit erneuter Wunderfülle, ist nichts gegen einen einzigen Blick nur, der da gerichtet ist auf den Vater! Darum schaut ihr in eurem irdischen Leben vor allem unverwandt auf Ihn, so werdet ihr dereinst gar leicht und sicher alsbald dahin geführt werden, allda der Vater wohnt unter denjenigen, die Ihn lieben!
GS|1|7|16|0|Wie gefällt euch die Sprache des Geistes? Wahrlich, sage Ich euch, wenn es diesem Geist nun gegeben wäre, Mich zu erblicken als Führer unter euch, so würde er von zu großer Wonne wie vernichtet werden! Daher fasst und bedenkt doch ihr, in welcher Seligkeit ihr euch unbewusst befindet, indem Ich tagtäglich unter euch Mich befinde, euch ziehe und lehre und euch mit Meinem eigenen Finger zeige den allergeradesten und kürzesten Weg zu Mir!
GS|1|7|17|0|Lasst euch darum doch von der Welt nicht berücken, denn diese ist voll Todes, Schlammes und höllischen Feuers! Wie aber solche nach dem Abfall des Leibes sich artet, werden wir auch noch bei so manchem Geist unserer geistigen Sonne als eine gute Zugabe vorübergehend zu Gesicht bekommen. Denn Ich sage euch: Wehe der Welt ihres Argen willen; ihr Gewinn wird heißen: Schrecklich und überaus elend ist es zu sein im Zorn Gottes! Doch nun nichts mehr weiter von dem. Es naht sich für ein nächstes Mal schon wieder ein anderer geistiger Gastfreund, und wir wollen bei seiner Gegenwart wieder etwas Neues aus seiner Lebenssphäre gewinnen.
GS|1|7|18|0|Die zwei früheren Geister aber wollen wir auch einstweilen in unserer Gesellschaft behalten; denn der Anselm H. W. wird doch die Nähe seines Großvaters ertragen können! Und somit lassen wir die Sache für heute wieder gut sein!
GS|1|8|1|1|Die Sphäre eines dritten Geistes. Die Unendlichkeit der geistigen Welt
GS|1|8|1|1|(Am 1. Dezember 1842 von 4 1/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|1|8|1|0|Seht, der dritte Geist ist auch schon hier, und wir wollen darum sogleich von seiner Gastfreundschaft etwas profitieren. Tretet somit nur in seine Sphäre, und wir werden sogleich erfahren, was sich in derselben alles erschauen lässt. Da ihr euch schon in seiner Sphäre befindet, so gebt Mir auch einmal kund durch euren Mund, was alles sich euren Geistesblicken zur Anschauung darstellt! Ihr staunt schon wieder und blickt wie ganz verwirrt um euch herum. Was ist es denn, das eure Blicke gar so gewaltig in Anspruch nimmt? Ich sehe Mich schon wieder genötigt, für euch den Dolmetsch zu machen, denn ihr habt ja nicht Zeit und Rast, um Worte zu finden, die das Geschaute bezeichnen möchten!
GS|1|8|2|0|Ihr steht auf einer glänzenden Wolke. Erstaunten Blickes seht ihr ganze Heere überirdischer Welten in endlos großen Kreisen vorüberziehen. Ihr seht sie allenthalben mit den allergroßartigsten Wunderwerken umgeben; sie sind unzählig auf einer jeglichen Welt. Jede dieser Welten scheint endlos groß zu sein, und dennoch mögt ihr sie von Pol zu Pol mit einem Blick überschauen. Zahllose Scharen von glücklichen Wesen seht ihr auf diesen vorüberziehenden Welten hin und wieder frohlockend wandeln. Jede neue Welt, die sich euch nähert, ist von anderen unnennbaren Wundern übersät. Aber ihr sagt: Wenn sie nur nicht so schnell vorüberzögen, diese großen, überherrlichen Wohnplätze für zahllose Heere von seligen Geistern! O wartet, auch diesem können wir sogleich abhelfen! Seht, dorther zieht eben eine große, strahlende, einer Hauptmittelzentralsonne ähnliche Welt! Wir wollen sie aufhalten, damit ihr sie näher betrachten könnt. Seht, nun ist sie da.
GS|1|8|3|0|Der große Glanz blendet freilich wohl euer Auge, und ihr könnt wegen ihres zu starken Leuchtens ihre Wunderfülle wohl nicht erschauen; auch dem soll abgeholfen sein! Seht, schon ist ihr starkes Leuchten gemildert und ihr seht, wie diese große Welt aussieht, wie ein endlos großer, unaussprechlich wonnig allerherrlichst schönster Garten. In den Gärten erblickt ihr viele gar zierliche Wohnungen, und um die Wohnungen wandeln wonneerfüllte selige Geister und genießen in großer Freude die überaus wohlschmeckenden Früchte dieses großen Gartens.
GS|1|8|4|0|Dort seht ihr lobsingende Geister sich in den leuchtenden Äther erheben. Auf einem anderen Platz wieder seht ihr Liebende allerfreundschaftlichst und wonniglichst Arm in Arm miteinander wandeln. Dort wieder seht ihr eine Gesellschaft Weiser, die mit leuchtenden Angesichtern Meine große Liebe, Gnade und Erbarmung besingen. Auf den Ästen der zahllosartig herrlichsten Fruchtbäume seht ihr auch wie leuchtende Sterne funkeln.
GS|1|8|5|0|Ihr fragt wohl: Was ist das? Und Ich sage euch: Betrachtet die Sache näher, und ihr werdet sobald gewahr werden, was hinter diesen Sternen steckt. Aber ihr verwundert euch schon wieder von neuem, denn nun sagt ihr: Großer, heiliger Vater! Was ist doch solches? Als wir einen solchen Stern genauer betrachteten, da dehnte er sich samt dem Baum zu einer endlosen Größe aus. Die vorige große Welt wie auch die Größe des einzelnen Baumes mögen wir ob der zu endlosen Größe nicht mehr erschauen, aber dieses Sternlein ist zu einer neuen großen Welt herangewachsen, und wir sehen diese Welt wieder voll neuer Wunder! O Vater, sagt ihr weiter, wo hat denn die endlose Größe deiner Wunderschöpfungen ein Ende?!
GS|1|8|6|0|Ich aber sage euch: Ihr habt recht, dass ihr so fragt. Ich aber sage euch: Die endlose Fülle und Größe Meiner Schöpfungen hat weder einen Anfang noch ein Ende; denn überall, wo ihr eins erblickt, glaubt es, ist Unendliches verborgen! Also hat nichts, das ihr schaut nun im Geiste, ein Endliches in sich, sondern alles ist unendlich. Denn wäre es nicht so, so wäre es nicht aus Mir, es wäre darum nicht geistig, und das ewige Leben wäre eine barste Lüge! So euch aber schon die Teilung naturmäßiger Körper sagt, dass ihre Teile ins Unendliche gehen und dass in einem Samenkorn endlos viele Samenkörner verborgen sind, wie sollte demnach denn das Geistige irgendeiner Beendung unterliegen?
GS|1|8|7|0|Überzeugt euch nur an dieser neuen Welt. Seht, dort wandelt ein Geist in unserer Nähe, tretet in seine Sphäre, und ihr werdet euch sogleich überzeugen, von welcher endlosen neuen Fülle von Wundern dieselbe strotzt, und glaubt es Mir, solches geht ins Unendliche! Ihr könnt dies auch schon in einem naturmäßigen Bild erschauen. Ich habe zwar schon ein solches Bild einmal angedeutet; dessen ungeachtet aber könnt ihr es euch nun wieder in die Erinnerung zurückrufen.
GS|1|8|8|0|Das Bild aber besteht in dem: Stellt zwei überaus wohlgeschliffene Spiegel einander gegenüber und sagt Mir, wann diese gegenseitige Widerspiegelung ein Ende hat?
GS|1|8|9|0|Seht, so ist es auch hier. Ein jeder Geist hat Unendliches in sich, und das eben in endloser Mannigfaltigkeit. Ein Geist aber ist dem anderen gegenseitig wie ein Spiegel durch seine innere Liebe zu Mir und aus dieser zu seinem Bruder. Also ist da auch ein endloses und ewiges Hin- und Widerstrahlen. Und ebendieses Hin- und Widerstrahlen ist das große, heilige, allmächtige Band Meiner Liebe, durch welches alle diese Wesen mit Mir und unter sich allerseligst verbunden sind!
GS|1|8|10|0|Aber ihr fragt nun wieder: Sind diejenigen Geister, die wir da geschaut haben und noch schauen aus der Sphäre unseres gastlich dienstbaren Geistes, auch wirklich selbständige Geister, oder sind sie bloß nur Erscheinlichkeiten, die in solchen Aus- und Widerstrahlungen der wirklichen Geister ihren Grund haben? Ich sage euch: Sie sind beides zugleich. Ihr verwundert euch über diese Antwort; allein in dem Reich der Geister ist es einmal nicht anders, weil in selbem alles lebendig wesenhaft bedingt ist.
GS|1|8|11|0|Wenn ihr könntet hinauf in Meine unendliche Sphäre treten, so würdet ihr das ganze unendliche Reich der Himmel nur als einen Geistmenschen erblicken. So ihr aber dann treten möchtet in seine Sphäre, da würde sich dieser einige Mensch bald auflösen in zahllose Geisterwelten, welche da aussehen würden wie zahllose einzelne Sterne, ausgestreut durch die ganze Unendlichkeit.
GS|1|8|12|0|Möchtet ihr euch einem solchen Stern nahen, so würde er gar bald aussehen wie ein einzelner vollkommener Mensch. Wenn ihr aber dann wieder möchtet treten in die Sphäre dieses Menschen, so würdet ihr an seiner Stelle sobald wieder einen neuen, von unzähligen Sternen überfüllten Himmel nach allen Seiten erschauen. Und so ihr euch wieder nähern würdet einem solchen Stern, so möchte er zwar aussehen in der mittleren Entfernung wie ein Mensch. Würdet ihr euch diesem Menschen mehr und mehr nahen, so möchtet ihr nahe also ausrufen wie einst der Seefahrer Christoph Kolumbus, als er sich dem Festland Amerika nahte; denn allda werdet ihr ebenfalls eine große himmlische Pracht- und Wunderwelt zu schauen anfangen! So ihr euch aber vollends auf diese Welt begeben möchtet, da würde es euch gewaltig zu wundern anfangen, dieselbe von zahllosen Geisterheeren bewohnt zu finden. Und möchtet ihr euch dann in die Sphäre eines oder des anderen hier wohnenden Geistes begeben, sodann würdet ihr wieder neue Herrlichkeiten entdecken, und zugleich aber könntet ihr auch – mit freilich wohl mehr geläutertem Blick – die erste Grundwelt als eigentlichen Wohnplatz dieser Geister erschauen.
GS|1|8|13|0|Also geht das auch fort und fort, und ist demnach ein jeder einzelne Geist wieder ein vollkommener Himmel in freilich wohl für sich selbst kleinster Gestalt.
GS|1|8|14|0|Und so mögt ihr solches fassen, dass der ganze Himmel ist ein Himmel der Himmel. Und wie der ganze Himmel ist unendlich in sich, also ist auch ein jeder einzelne Engelsgeisthimmel unendlich in sich. Und also ist solches daraus zu verstehen, wie es da lautet in der Schrift: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Schaugepränge, sondern es ist in euch!
GS|1|8|15|0|Aus diesem Grund wird auch ein jeder Geist dasjenige Reich bewohnen, schauen und nützen, das er sich in sich erworben hat durch die Liebe zu Mir.
GS|1|8|16|0|Also steht es auch geschrieben: Das Reich der Himmel ist gleich einem Senfkörnlein. Dieses ist ein kleinstes unter den Samenkörnern. So es aber in das Erdreich, d. h. in ein liebeerfülltes Herz gesät wird, so wird es zu einem Baum, unter dessen Ästen die Vögel des Himmels ihre Wohnung nehmen werden.
GS|1|8|17|0|Seht ihr nun das Senfkörnlein? Ein jeder einzelne Geist, der da ist ein seliger, ist ein solches Senfkörnlein, welches so viel besagt als: Er ist ein Geschöpf Meiner Liebe und ist somit ein lebendiges Wort derselben. Wenn dieses Wort in dem Erdreich der Liebe, die aus Mir frei hinausgestellt ward, aufgeht, so wird es durch und durch ein lebendiger Baum voll der Liebe und alles Lebens aus Mir.
GS|1|8|18|0|Wenn ihr denn in die Sphäre eines solchen Baumes tretet, so mag euch dann freilich wohl wundernehmen, dass ihr in derselben eine endlose Wunderfülle der Himmel erschaut, die da gleich ist Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung in einem jeden einzelnen Geist unendlich.
GS|1|8|19|0|Aber solches müsst ihr auch für ganz der Ordnung gemäß finden, und so werdet ihr erst den wahren inneren Nutzen davon haben und endlich im hellen Licht in euch erschauen, dass Mein geschriebenes Wort in sich ist gleich Mir und ist zugleich das lebendige unendliche Reich der Himmel bei euch, unter euch und, so ihr es werktätig in eure Herzen aufnehmen wollt, lebendig in euch.
GS|1|8|20|0|Was sich jedoch aus demselben noch alles Neues und Wunderbares künden wird, werden wir noch in den Sphären anderer gastfreundlicher Geister hinreichend zur Anschauung bekommen. Und somit tretet ihr wieder aus der Sphäre dieses dritten Geistes, der ebenfalls ein einiger Anverwandter ist. Und wir wollen uns bei einer nächsten Gelegenheit sogleich in die Sphäre eines vierten Geistes begeben. Und so denn lassen wir die Sache für heute wieder gut sein!
GS|1|9|1|1|Die Sphäre eines vierten Geistes (Anselms Bruder Heinrich). Geheimnis des Menschensohnes. Paulus als Lehrer der Heiden
GS|1|9|1|1|(Am 2. Dezember 1842 von 4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|9|1|0|Seht, da steht er schon und winkt euch von selbst gar freundlich, sich ihm zu nahen und in seine Sphäre zu treten. Also tretet nur wieder hin und habt wohl Acht auf das, was ihr in seiner Sphäre werdet zu sehen bekommen. Diesen Geist werdet ihr auch in seiner Sphäre sehen, und er wird euch in seiner Welt ein wenig herumführen. Und so denn, wie gesagt, habt auf alles Acht, was ihr da sehen werdet, denn solches wird schon von tüchtiger Bedeutung sein.
GS|1|9|2|0|Nun denn, ihr seid in seiner Sphäre und seid überaus fröhlichen Herzens, denn ihr seht den Geist, in dessen Sphäre ihr euch befindet, nur mit dem Unterschied, dass ihr denselben außerhalb der Sphäre nicht erkennen mochtet. In seiner Sphäre aber erkennt ihr ihn sogar, da er einst auf der Erde ein leiblicher Bruder zu euch war. Mein wortemsiger Anselm wird seinen Bruder Heinrich gar wohl erkennen, wenn er ihn erst wird sprechen hören. Ich will auch aus diesem Grund, dass er euch ein wenig herumführe und über so manches eigenmündigen Aufschluss gebe.
GS|1|9|3|0|Was seht ihr denn? Ihr könnt zwar solches aus lauter zu großer Überraschung eures Geistes nicht kundgeben; doch diesmal will nicht Ich den Dolmetsch machen, sondern euer Führer wird solches tun. Und also spricht er denn:
GS|1|9|4|0|[Heinrich:] Seht dahin, meine lieben Brüder, diesen großen erhabenen Tempel vor mir, seht, welche unbeschreiblich herrliche Säulenpracht ihn ziert. Siehst du, mein Bruder, eine Säule reicht ja so weit hinauf, dass es dir vor ihrer Höhe schwindelt; und siehe nur hin in der geraden Linie, wie nahe zahllos viele solche Säulen diesen herrlichen Tempel umfangen. Sieh, über den Säulen erhebt sich ein rundes, mehr wie tausend Sonnen stark leuchtendes Dach, und über dem Dach erhebt sich ein großes feuriges Kreuz, welches so rot strahlt wie die herrlichste Morgenröte! Wie gefällt dir dieser Tempel?
GS|1|9|5|0|Du sprichst: Mein Bruder! Seine großartige, unaussprechliche Pracht lässt mich zu keinem Wort kommen, um dir darüber meine Empfindung mitteilen zu können. Aber was gibt es denn in diesem Tempel? Lieber Bruder, kannst du uns da nicht hineinführen? – O ja, meine geliebten Brüder und Freunde; macht euch aber auf das Außerordentlichste gefasst, denn die innere Herrlichkeit, ja, ich will sagen Heiligkeit dieses Tempels ist so undenkbar erhaben, wunderbar groß, dass ihr dieselbe kaum ertragen werdet. Ihr wisst es ja, dass ich bei meinem Leibesleben ein überaus großer Freund des Wortes Gottes war. Und da der Apostel Paulus vorzugsweise der unsrige Apostel war, durch welchen das Heidentum bekehrt wurde, so war er mir nach dem Evangelisten Johannes gewisserart auch der liebste. Solches habt ihr ja zu öfteren Malen von mir vernommen; und dieser Tempel ist gegründet aus solcher meiner innersten Hochachtung des göttlichen Wortes.
GS|1|9|6|0|Bevor wir noch hineintreten wollen, will ich ihn euch ein wenig erläutern. Diese fast unzählig vielen hohen Säulen bezeichnen die einzelnen Schrifttexte des göttlichen Wortes und stellen das Alte Testament vor. Wenn ihr nun mit mir durch die Säulen tretet, so stellt sich euch ein überaus lichter Gang dar; den Gang innerhalb der Säulen aber beschließt eine rot leuchtende Wand. Wie ihr seht, so ist sie so hoch wie die Säulen und ist innerhalb mit strahlenden, festen Bögen mit der äußeren Säulenreihe zuoberst mächtig verbunden. Dieser überaus geräumige Gang zwischen den Säulen und der Wand ist der eigentliche Vorhof zum Tempel. Das Dach, das ihr so stark leuchtend über den Säulen und dem Tempel in gerundeter Form geschaut habt, bedeutet das Gnadenlicht aus der Höhe. Das Kreuz über dem Dach aber besagt den Grund solches Gnadenlichtes, welches da an und für sich ist das Allerheiligste, nämlich die Liebe des Vaters im Sohn!
GS|1|9|7|0|Da ihr nun, meine lieben Brüder und Freunde, solches wisst, so geht denn mit mir längs diesem Gang vorwärts bis dahin, da ihr ein großes Licht der Wand entströmen seht, welches so rötlich leuchtet wie das Rot einer allerherrlichsten Frühlingsrose; allda auch ist der Eingang in den Tempel. Wisst ihr auch, was dieses Licht bedeutet? Dieses Licht bedeutet und besagt die Liebe zu Christo; und es ist sonst nicht möglich, in diesen Tempel zu kommen denn allein durch die enge Pforte der Liebe zu Christo. Nun seht, meine lieben Brüder und Freunde, wir sind an Ort und Stelle. Seht, da ist die Tür. Ihr verwundert euch wohl, dass da in diesen übergroßen Tempel nur ein so schmales Pförtlein führt. Aber ihr wisst es ja auch, dass es da heißt: Wer nicht durch die schmale Pforte gehen wird, der wird nicht zum Vater kommen, somit auch nicht in das Reich Gottes und eben also nicht in das Engelreich der Himmel. Bückt euch daher nur, so gut und so viel ihr könnt, und folgt mir nach. Sogleich werden wir das Innere dieses Tempels zu Gesicht bekommen.
GS|1|9|8|0|Nun, liebe Brüder und Freunde, sind wir in dem großen Heiligtum! Was sagt ihr zu dieser Herrlichkeit? Wie ich sehe, meine lieben Brüder und Freunde, so seid ihr ja völlig ohnmächtig und sprachlos. Ich habe euch darum auch schon zuvor gesagt: Macht euch auf das Außerordentlichste gefasst. Wie ihr nun selbst mit den erstauntesten Blicken seht, so ist das Innere dieses Tempels zu endlos groß wundervoll herrlich erhaben, um euch davon nur eine matte Skizze mitteilen zu können. Das Wunderbarste ist einmal schon fürs Erste die ungeahnte endlose Größe des Inwendigen.
GS|1|9|9|0|Ihr habt geglaubt, wenn ihr in den Tempel gelangen werdet, so werdet ihr da etwa so wie auf der Erde eine inwendige Zierratenherrlichkeit schauen. Aber ihr schaut hier im buchstäblichen Sinn der Wahrheit getreu eine endlose Geisterweltenfülle; und diese Welten, die da nahe keinen Anfang und kein Ende haben, sind zu einem Reich vereint. Ihr blickt mit erstauntem Auge über die endlosen Fernen hin, welche da übersät sind mit zahllosen ungeahnten Herrlichkeiten. Ihr seht himmelanragende Bäume, und auf den Bäumen hängen reichliche Früchte voll des herrlichsten Saftes und voll strahlenden Lichtes. Ihr schaut die zahllos vielen überherrlichen Tempelgebäude und seht sie bewohnt von großen Scharen seliger Geister.
GS|1|9|10|0|Solches alles wundert euch überhoch. Aber seht, meine lieben Freunde und Brüder, dort auf einem sanfthohen Berg schnurgerade gegen Morgen hin steht ein ganz einfacher, schlichter Tempel, aber desto außerordentlicher ist sein Glanz. Dorthin folgt mir, und ihr sollt alldort etwas zu sehen bekommen, das euch über alles dieses Geschaute entzücken soll! Und so gehen wir. Ihr seht wohl, wie fern dieser Tempel ist; nach irdischem Maßstab dürftet ihr wohl eher euren Mond erreichen als diesen Tempel. Aber wir Geistmenschen haben es in dieser Hinsicht viel bequemer, denn wir dürfen es nur wollen, und wir sind schon dort, wo wir sein wollen. So wollt denn nun auch mit mir dort sein; und seht, wir sind auch schon an Ort und Stelle.
GS|1|9|11|0|Ihr schlagt die Hände über eurem Kopf zusammen über die furchtbare Größe dieses Tempels und getraut euch kaum, sich ihm mehr und mehr zu nahen. Geht aber nur mutig mit mir auch in diesen Tempel, und ihr werdet vom gar überaus freundlichen Bewohner desselben sicher überaus gut aufgenommen sein. Also folgt mir nur! Dieser Tempel wird auch innerlich als solcher zu beschauen sein, und ihr werdet in denselben einkehren wie in ein überaus gastfreundliches Haus. Also sind wir in den Vorhof schon eingetreten und so gehen wir denn durch diese leuchtende Pforte auch in das vollkommen Innere dieses Tempels. So, so, meine lieben Brüder und Freunde; wir sind an Ort und Stelle.
GS|1|9|12|0|Kennt ihr dort in ziemlich weitem Vordergrund den freundlichen Mann, umgeben von einer Menge großer und kleiner Menschengeister? Seht, wie er sie allerfreundlichst und liebreichst lehrt das große Geheimnis des Menschensohnes und wie ein jegliches Wort aus seinem Mund gleich einem hellsten Stern hervorgeht! Aber seht, unser guter Gastfreund hat uns schon bemerkt. Er hebt sich von seinem strahlenden Sitz und eilt uns mit offenen Armen entgegen. Kennt ihr ihn noch nicht? Seht, er ist schon ganz in unserer Nähe. Betrachtet ihn nur recht genau, ihr müsst ihn erkennen. Wenn ihr ihn aber schon nicht erkennen mögt aus seiner sprechenden Gestalt, so werdet ihr ihn doch sicher erkennen aus seinem alten, allzeit gleichen und getreuen Gruß!
GS|1|9|13|0|So hört, er spricht: O liebe Brüder! Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch und die Liebe des Vaters im Sohn und in der Gemeinschaft des heiligen Geistes! Was hat euch bewogen, hierherzukommen? Wer war euer Führer? Ihr getraut euch mit der Stimme nicht heraus; aber ich ahne es wohl in mir, Wessen Liebe so groß ist, dass sie Dessen Erlöste zu der heiligen Quelle des ewigen Lebens leitet! O liebe Brüder! Ich sage euch im Namen meines über alles geliebten Herrn Jesus Christus, haltet euch an Ihn, haltet an Seine Liebe, und ihr werdet nicht, ja ewig nicht zugrunde gehen. Denn selig sind zwar diejenigen, die da glauben, dass Er ist Christus als der wahrhaftige ewige Sohn des lebendigen Gottes. Aber diejenigen nur, die Ihn lieben über alles, werden in Ihm den heiligen Vater schauen; denn durch die Liebe erst werden wir zu wahrhaftigen Kindern Gottes! Und so denn sage ich, der alte Paulus, zu euch: Haltet euch an die Liebe, und ihr habt das ewige Leben in euch! Meinen Gruß; und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi im Vater und im Geiste sei mit euch!
GS|1|9|14|0|Nun, meine lieben Freunde und Brüder, habt ihr gesehen, wie gastlich und wie liebfreundlich uns der alte Freund und Apostel des Herrn aufgenommen hat? Seht, wie er sich schon wieder in der Mitte seiner Schüler befindet und sie in der Liebe zum Herrn unterrichtet. Ihr möchtet wohl wissen, was das für Kinder und Geistermenschen sind? Seht, das sind lauter Heiden und heidnische Kinder. Aber das sind ja bei weitem nicht alle, die ihr seht, sondern geht nur mit mir heraus wieder ins Freie des großen Tempels, und seht, da wir uns schon wieder allhier im Freien befinden, die nahe zahllose Menge der Tempel allenthalben in den weiten Gebieten hervorglänzend. Sie sind lauter Lehranstalten für allerlei Heiden, und gar viele Apostel und Jünger dieses Apostels Paulus sind ihre Lehrer.
GS|1|9|15|0|Es gäbe wohl noch unendlich vieles euch zu zeigen in diesem großen Tempel, in dem wir uns befinden; allein da ihr noch mit dem Irdischen in Verbindung steht, so würden dazu wohl Millionen und Millionen Jahre erforderlich sein, um mit euch nur den kleinsten Teil oberflächlich durchzugehen. Einst im Geiste aber werdet ihr solches gleich mir durch die endlose Gnade des Herrn in aller Fülle der Klarheit erschauen. Und so denn bewegen wir uns wieder aus dem Tempel. Seht, wir sind schon am Pförtlein nun im Vorhof. Und seht, die große Säulenreihe und das leuchtende Dach mit dem großen Kreuz steht wieder frei vor unseren Blicken.
GS|1|9|16|0|Nun aber noch eines. Solches könnt ihr mir wohl sagen, denn seht, es gibt auch hier so manches, was wir Geister entweder nur schwer und manchmal wohl gar nicht begreifen. Eure Besuchsweise, oder für euch deutlicher zu sprechen, dass ich euch nun sehe und mit euch sprechen kann, ist mir wohl begreiflich; denn ihr wart schon öfter bei mir in eurem Geiste und habt mit mir gesprochen wie jetzt, nur durfte euch keine Erinnerung an solch eine Zusammenkunft bleiben. Also ist mir demnach auch euer gegenwärtiger Besuch gar wohl begreiflich. Unbegreiflich aber ist mir, und ich kann es mir nicht erhellen, warum ich diesmal ein so namenloses Wonnegefühl in eurer Nähe empfinde. Denn ihr könnt es mir glauben als eurem nun sicher alleraufrichtigsten Bruder, dass ich eine solche Wonne noch nie empfunden habe, solange ich dieses sicher überseligen Ortes seliger Bewohner bin! Sagt es mir doch, sagt es, wenn euch überhaupt solches zu sagen möglich ist!
GS|1|9|17|0|Nun aber sage wieder Ich euch: Solches müsst ihr ihm nicht künden, denn er muss auf einen Blick, indem er Mich erschauen wird, vorbereitet werden, sonst würde er solche Seligkeit nicht ertragen. Denn es gibt hier Geister, die Mich so mächtig stark lieben, dass Ich Mich ihrer Liebe zufolge nur nach und nach erschaulich nähern kann. Und so denn sagt ihm, er soll nur noch ein wenig verharren in seinem Wunsch, und nach einer kurzen Zeit wird ihm der Grund seiner Wonne schon enthüllt werden. Also sagt ihm solches in eurem Geiste! Seht, er hat es schon vernommen aus euch und ist damit hochbegierlich zufrieden. Solcher Zustand heißt die Geduld der Liebe!
GS|1|9|18|0|Wir sind auch schon wieder auf unserem Gesellschaftsplätzchen; und daher tretet wieder aus der Sphäre eures Brudergeistes und seht ein wenig zu, Ich will Mich ihm auf einen Augenblick nur zeigen! Seht, jetzt erblickt er Mich! Er fällt nieder auf sein Angesicht und liebt, betet und weint, und es ist gut! Ein Augenblick nur für diese Zeit! Wir aber wollen uns für ein nächstes Mal wieder der Sphäre eines fünften Geistes bedienen. Auch dieser euer Brudergeist soll euch führen wie der hier noch weinende und betende, welcher aber auch in unserer Gesellschaft verbleiben soll. Und so lassen wir es für heute wieder gut sein.
GS|1|10|1|1|Die Sphäre eines fünften Geistes (Bruder Franz). Über das Äußere und das Innere. Das Herz des Menschen
GS|1|10|1|1|(Am 3. Dezember 1842 von 4 1/2 – 7 Uhr abends.)
GS|1|10|1|0|Kennt ihr ihn nicht, diesen Fünften, der sich schon ganz vor uns befindet? Seht nur hin, wie er euch freundlich anlächelt und einlädt, in seine Sphäre zu kommen! Also geht nur hin und beseht seinen Reichtum. Auch dieser Geist wird euch in seiner eigenen Sphäre erkenntlich und sichtbar verbleiben und wird euch ein wenig herumführen in dem Bereich der Schätze seines inneren Lebens. Und so denn begebt euch in seine Sphäre.
GS|1|10|2|0|Ihr seid nun in seiner Sphäre und schlagt schon wieder von neuem eure Hände über dem Kopf zusammen und seid nahe von Sinnen ob der wunderbaren, erhabenen Großartigkeit dessen, was ihr nun nur oberflächlich hin schaut. Folgt aber nun nur dem freundlichen Brudergeist, und ihr werdet an seiner Seite Unerwartetes erfahren. Wie der vorige, so wird auch dieser euch ein Dolmetsch sein in Meinem Namen, und so denn hört, was da euer Führer spricht.
GS|1|10|3|0|O liebe Brüder und Freunde! Welch eine Wonne und welche Lust und Freude mir, dass ich euch hier wieder erschaue! Ihr kennt mich doch, daher folgt mir in dieser meiner überseligen Sphäre. Ich will euch zeigen, welche Schätze der Liebe zum Herrn entstammen! Seht, meine lieben Brüder, und du auch ganz vorzugsweise, mein geliebter Anselm, dorthin auf jene herrlichen Gebirge vor uns; allda erst werdet ihr schauen die Schätze meiner Seligkeit!
GS|1|10|4|0|Nun seht, wir haben die Höhe des Gebirges erreicht. Seht nun hin in die endlosen Fernen. So weit nur eures Geistes Blicke zu reichen vermögen, ja so weithin sich eure kühnsten und schnellsten Gedanken stürzen können, seht, alles dieses ist wie ein großes Fürstentum mir gegeben.
GS|1|10|5|0|Ihr fragt mich zwar und sagt: Aber lieber, seliger Bruder, bist denn du auch der Eigentümer von all den zahllosen überprächtigen Palästen, die da gleich aufgehenden Sonnen auf den runden Bergen herum strahlend prangen, und auch der Eigentümer all der zahllosen Myriaden und Myriaden der seligen Geister, die wir allenthalben allseligst freundlich gegeneinander ziehen sehen? Und gehören wohl all die zahllosen Prachtgärten mit den glänzenden Säulentürmen dir zu, die da unsere erstaunten Augen mit ihrem starken Licht blenden?
GS|1|10|6|0|Wie ist es denn mit jenen fernen Welten dort, die wir gleich aufgehenden Sonnen erblicken? Und das helle Firmament mit den zahllosen allerherrlichsten Gestirnen, ist es auch dein? Und diese herrliche Sonne über unserem Haupt, deren Strahlen so mild und sanft die ganze Unendlichkeit zu erfüllen scheinen, wie steht es mit dieser? Zählst du sie auch zu deinem Eigentum?
GS|1|10|7|0|Ja, meine geliebten Brüder, ich sage euch: Nicht nur dieses, was ihr seht, sondern noch endlos mehreres, was ihr nicht zu sehen vermögt, ist ein Eigentum meiner Liebe! Liebe Brüder, ihr verwundert euch und sagt: Aber lieber, seliger Bruder! Deine Erklärung lautet ja nahe so, als hätten sich Selbstsucht und Eigenliebe dir beigesellt, denn du sagst ja: Alles dieses und noch endlos mehreres ist ein Eigentum meiner Liebe. Die Liebe aber ist ja nun dein eigenes Ich und somit auch dein eigentliches Leben. Solltest du denn nicht wissen, dass da alles nur ein Eigentum des Herrn ist? Wie kannst du demnach sagen, alles dieses sei ein Eigentum deiner Liebe?
GS|1|10|8|0|Ja, meine lieben Brüder, eure Rede ist mir angenehm und euer Einwurf wohl gegründet. Aber nur ist er hier nicht am rechten Platze angebracht. Denn so ihr urteilt von außen nach innen, so hat euer Urteil guten Grund. Hier aber muss jedes Urteil nur von innen nach außen allzeit treffend gehen, und seht, da ist euer Urteil nicht am rechten Platze. Denn wenn ich sage: Alles dieses und noch endlos mehreres ist ein Eigentum meiner Liebe, so müsst ihr dabei von innen aus also urteilen, dass meine Liebe der Herr Selbst ist und ich keine andere Liebe habe und somit auch kein anderes Leben als nur das des Herrn!
GS|1|10|9|0|Damit ihr aber, meine lieben Brüder und Freunde, recht gründlich einseht, dass euer Urteil gegen mich ein äußeres war, so sage ich eurer eigenen notwendigen Beleuchtung halber, dass, so ihr sagt: Alles dieses ist ein Eigentum des Herrn, ihr dadurch nur ein äußeres Bekenntnis ablegt, dass ihr all solches dem Herrn zugesteht; aber bei solch einem Zugeständnis ist der Herr wie das Geständnis noch außer euch. Wenn ihr aber sagt: Solches alles ist ein Eigentum meiner Liebe, so gebt ihr dadurch aus euch kund, dass euer alles der Herr ist und wohne mit Seiner Liebe und Gnade als das ewige Leben in euch. Denn so ihr sagt in der Liebe eures Herzens zum Herrn: Solches alles ist ein Eigentum meiner Liebe, so sagt ihr damit ebenso viel, als da einst mein lieber, guter Freund, der alte Apostel Paulus, gesagt, da er noch in seinem Fleische auf der Erde gewandelt hat: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“ Solches sagte ich euch nun darum, damit ihr daraus wisst, in welcher Weise alle unsere Rede geartet ist, denn auf der Erde ist nur eine äußere Rede und muss da dringen erst in das Inwendige von außen her. Daher ist sie auch eine unsichere und selten treffende Rede, wenn sie nicht also gestaltet ist wie das Wort des Herrn, welches den Menschen von allen Seiten erfasst und ihn also durchdringt. Unsere Rede aber ist eine inwendige und hat kein Äußeres, daher auch allzeit treffend und ihr Ziel erreichend.
GS|1|10|10|0|Geht aber nun mit mir auf jenen Hügel dort vor uns, allda ihr einen großherrlichen Palast erblickt. Seht, wir haben kaum das Wort ausgesprochen, und wir sind auch schon da, wo wir sein wollten. Ihr sagt nun: Der Palast ist herrlich und großartig, aber jener Tempel, den wir in der Sphäre unseres früheren Bruders geschaut haben, war großartiger. Ich aber sage euch: Urteilt nicht zu vorschnell, erst tretet in das Innere und dann vergleicht. Seht, auch hier ist ein enges Pförtlein nur, durch welches man in diesen Palast gelangt. Also bückt euch nur, so gut ihr könnt, und folgt mir. Nun, wir haben das Pförtlein passiert und befinden uns im Palast.
GS|1|10|11|0|Was ist euch wohl, dass ihr wie erstarrt hin und wider blickt? Seht, liebe Brüder, ich habe es euch ja vorausgesagt, dass ihr nicht also vorschnell urteilen sollt. Denn hier liegt der Wert eines Dinges allzeit nur im Inwendigen und nie im Auswendigen. Darum ist auch das Inwendige allzeit erhabener und wunderbar großartiger als das Äußere, denn es verhält sich hier alles also wie das Wort Gottes auf der Erde. Schlicht und prunklos steht dasselbe durch den Buchstaben im Buch. So aber jemand dringt in das schlichte Wort durch die enge Pforte der demütigen Liebe, zu welch einer Wunderfülle gelangt er in einem einzigen Wort Gottes, welches da einfach und prunklos steht im Buch, aus Buchstaben zusammengesetzt. Ebenso, wie gesagt, verhält es sich auch hier.
GS|1|10|12|0|Ihr habt es nicht geahnt, dass ihr in diesem einfachen Palast eine Unendlichkeit, erfüllt mit den Wundern Gottes, schauen werdet. Da ihr sie aber nun seht, die zahllosen Weltenheere in geistig verklärtem Sein und seht Myriaden Herrlichkeiten und zahllose selige Bewohner auf denselben, so erstaunt ihr euch, wie solches möglich in einem von außen her so engen Palast!
GS|1|10|13|0|Ich sage euch aber: Dieses ist bei weitem kein so großes Wunder, als dass da das Herz eines Menschen werden kann zur Wohnstätte des heiligen Geistes aus der Liebe des ewigen Vaters, des unendlichen, überheiligen, allmächtigen Gottes!
GS|1|10|14|0|Wollt ihr mit mir dorthin wandeln, wo sich auf einem ebenen Grund voll des herrlichsten Glanzes ein wunderbar herrlicher runder Tempel erhebt, der umgeben ist mit drei Reihen der schönsten glänzenden Säulen und kein Dach, sondern statt desselben über sich hat ein leuchtendes Regenbogengefüge, welches sich stets zu bewegen scheint? Ihr seid willens, und seht, wir sind auch schon wieder an Ort und Stelle. Habt ihr Lust, mit mir auch in diesen Tempel zu gehen? Ihr bejaht solches mit freudigen Herzen. So folgt mir denn alsbald auch in diesen Tempel!
GS|1|10|15|0|Nun seht, wir sind schon darinnen. Ihr schlagt auch schon wieder eure Hände über dem Kopf zusammen. Ja seht, so ist es hier bei uns; im Inwendigen sind wir zu Hause. Darum lasst euch nicht beirren ob der hier noch größeren Wunderherrlichkeiten, die ihr da seht; denn je tiefer wir dringen, desto herrlicher und wundervoller wird alles, und die allergrößte Liebe, Gnade und Wunderfülle aber ist in dem Allerinwendigsten, nämlich im Herrn! Dahin zu gelangen es keinem Geist ewig je möglich wird, obschon er sich Ihm stets mehr und mehr nahen kann.
GS|1|10|16|0|Ihr fragt mich, was wohl dasjenige Meer dort bedeute, welches so herrlich strahlt, und unfern vom Ufer eine herrliche Insel mit mehreren schönen Tempeln und vorzugsweise einem gar schönen auf einer schroffen Höhe? So ihr euch auch dahin mit mir begeben wollt, da könnt ihr euch selbst überzeugen, was alles dieses ist. Ihr wollt es, und seht, wir sind auch schon wieder am Ziel, denn über die Meere hier brauchen wir keine Schiffe; durch unseren Willen können wir überallhin gelangen, dahin wir nur immer wollen. Wollt ihr auch in diesen Tempel mit mir eingehen, so folgt mir. Dieser Tempel aber soll seinem Inwendigen nach euch nicht enthüllt werden, sondern ihr werdet euch in selbem befinden wie in einem inwendigen Gebäude.
GS|1|10|17|0|Nun seht, wir sind schon darin. Euch gefällt wohl recht gut diese wunderherrliche Bauart. Aber seht! Dort gegen dasjenige große Fenster hin, da ein rotes Licht hereindringt, wen erblicket ihr wohl dort? Ihr sagt, einen gar lieben, freundlichen Mann und eine ebenso liebenswürdige, freundliche Dame. Geht nur mit mir und scheut euch nicht im Geringsten, denn diese Bewohner sind überaus freundlich und zuvorkommend. Seht, beide erheben sich und eilen uns mit offenen Armen entgegen. Erkennt ihr sie noch nicht? So werdet ihr sie doch sicher erkennen, wenn sie vollends bei uns sein werden. Seht, sie sind da. Lasst euch segnen von ihnen, denn er ist der Liebling des Herrn, der Apostel Johannes, und sie, o Brüder und Freunde, sie ist die Mutter des Fleisches des ewigen Wortes aus Gott! Sie haben euch nun gesegnet; doch dass wir mit ihnen Worte wechseln möchten, solches ist noch nicht an der Zeit! Es wird sich aber im Verlaufe eures Hierseins wohl sicher fügen, dass ihr sowohl Johannes als Maria näher kommen werdet denn jetzt. Etwas Inneres sagt es mir: Bis hierher und nicht weiter soll ich euch führen. Also mögt ihr wieder mit mir zurückkehren an die Stelle, da wir ausgegangen sind.
GS|1|10|18|0|Nur eines möchte ich von euch erfahren. Ihr habt es zwar nicht gemerkt; meinem Blick aber ist es nicht entgangen, dass diese beiden hohen Lieblinge des Herrn bei eurer Annäherung wie von einer wonnigen Ehrfurcht ergriffen wurden, welcher Ehrfurcht zufolge sie auch völlig sprachunfähig waren. Solches habe ich noch nicht gesehen und war zu öfteren Malen schon an diesem Ort; ja er ist sogar der ausgezeichnetste Lieblingsaufenthalt für mich. Ihr schweigt und wollt mir nichts sagen. O Brüder! Eben diese eure Sprachlosigkeit lässt mich Großes, ja Allergrößtes ahnen; darum will ich auch nicht näher in euch dringen, und es geschehe darum wie allzeit des Herrn allerheiligster Wille!
GS|1|10|19|0|Ihr fragt euch und sagt: Aber lieber Bruder, wie werden wir wohl nun den Rückweg finden? Seht, wo ihr euch befindet; dann erst fragt. Ihr sagt nun: Wie war solches denn möglich? Wir sind ja schon an der Stelle, wo wir ausgegangen sind! Ja seht, da geht es wohl besser als mit euren Eisenbahnen auf der Erde. Denn seht, wir haben aber unsere Stelle eigentlich gar nie verlassen, sondern es ward euch nur gestattet, in eben dieser meiner Sphäre, welche da ist die Gnade des Herrn, stets tiefere und tiefere Blicke in meine innere Liebe zu tun. Ihr braucht daher nichts anderes als eure Blicke zurückzuziehen, um dadurch zu gewahren, dass ihr euch ganz wohlbehalten noch an der vorigen Stelle befindet. Und so habe ich euch nun nichts mehr zu sagen, als dass ich derjenige bin, der da als euer Bruder auf der Erde den Namen Franz hatte. Somit habe ich an euch meinen inneren Auftrag erfüllt, und so mögt ihr auch wieder aus meiner Sphäre treten.
GS|1|10|20|0|Nun, wie hat euch dieses alles gefallen? Ihr seid ganz wonneentzückt. Ja, ja, solches ist wohl gut; aber es ist noch nicht alles. Seht, da kommt schon ein sechster Geist in unsere Gesellschaft. Dieser ist nicht mehr einheimisch auf dieser geistigen Sonne, sondern ist ein Einwohner Meiner heiligen Stadt. In seiner Sphäre werdet ihr zwar auch nur Dinge der geistigen Sonne schauen; aber ihr werdet sie in einem ganz anderen Licht, als es bis jetzt der Fall war, erblicken. Daher bereitet euch wohl vor, denn Ich sage es euch: Es wird gar stark alles ein anderes Gesicht bekommen.
GS|1|10|21|0|Dieser zweite Bruder von euch hat auch gewünscht, euren Grund zu sehen. Ich sage aber: Er ist noch nicht reif dazu. Ein Augenblick wäre zu viel für ihn; doch aber wollen wir ihn Meine Nähe empfinden lassen. Seht hin, wie er verklärt wird und wie er aus seiner innersten Tiefe wonneseufzend ausruft: O heiliger Vater, Du kannst mir nicht mehr ferne sein; denn die nie geahnte Seligkeit meiner Liebe sagt es mir, dass Du uns nahe bist! Wann doch werden wir einmal aller Seligkeiten höchste genießen, Dich, o heiliger Vater, zu schauen in der allergrößten Liebe unseres Herzens? Ich sage euch: Diesen Geistern wird bald, ja gar bald solche Liebe gewährt werden! Wir aber wollen uns vorbereiten für die fernere Anschauung bis zur nächsten Gelegenheit; und somit gut für heute.
GS|1|11|1|1|Die Sphäre eines sechsten Geistes (Petrus). Das endlos wogende Meer und der Drache. Der Fels Petri
GS|1|11|1|1|(Am 5. Dezember von 4 bis 5 1/2 Uhr abends.)
GS|1|11|1|0|Da unser liebreicher geistiger Gastfreund schon hier ist, so braucht ihr nicht viel Umstände zu machen, sondern euch alsbald in seine Sphäre zu begeben und da zu schauen Dinge anderen Lichtes.
GS|1|11|2|0|Nun, ihr seid schon in seiner Sphäre! Warum blickt ihr denn nun auf einmal gar so furchtsam um euch herum? Ihr sagt: Dieweil wir uns auf einer hohen Klippe befinden, und rings um uns erschauen wir nichts als ein endloses wogendes Meer. Dräuend und schreckbar brausend flutet dasselbe um die einsame Klippe, auf der wir uns befinden, und allenthalben scheint es grundlos tief zu sein. Was soll aus uns werden, so dieses Meer unsere schwache Klippe mit seinen starken Wogen überflutet? Wir sehen nichts als den sicheren Untergang vor uns! Wohin sollen wir uns retten, wenn da alle die Wogen sich erheben sollten über uns?
GS|1|11|3|0|Ich aber sage euch: Ihr habt euch mit euren Augen schlecht beraten. Blickt nur ein wenig ruhiger dort gegen Morgen hin, allda sich die große Wasserfläche zu röten beginnt, und ihr werdet sogleich eines anderen belehrt werden. Ihr habt eure Augen schon hingewendet; nun, was seht ihr?
GS|1|11|4|0|Wie Ich sehe, so bemeistert sich eures Herzens eine noch größere Furcht, und ihr sagt mit bebender Stimme: O Herr und Vater, rette uns, sonst sind wir doppelt verloren! Denn so groß und so hoch wie der Berge Scheitel erheben furchtbare Ungetüme ihre Häupter über die endlos weiten Fluten dieses Meeres und scheinen mit großer Hast gerade auf uns zuzusteuern. – O ihr Kleingläubigen und noch kleiner Mächtigen, warum fürchtet ihr wohl, so Ich bei euch bin, Dinge, die nichts sind? Ich sage euch: Gebraucht euer Gesicht nur emsig, denn die Dinge, die ihr jetzt schaut, sind von großer Wichtigkeit. Strengt daher eure Blicke noch tüchtiger an und blickt hin gegen Mitternacht und sagt Mir, was ihr allda erschaut.
GS|1|11|5|0|Ihr erschreckt euch ja noch ärger denn zuvor und mögt nun vor lauter törichter Angst nicht einmal mehr Worte von euch geben; was ist es denn? Ihr seht alldort sich die Wasserflut spalten und erschaut den feuchten Wänden entlang in der Tiefe ein dräuend Feuer, das sich mehr und mehr erhebt und die Fluten der Meere dampfend verzehrt. Inmitten dieses Feuers erblickt ihr einen großen, feurigen Drachen. Sieben Köpfe hat er, und an jedem Kopf hat er zehn Hörner. Mit seinem mächtigen Schwanz teilt er die Fluten, und aus vier Köpfen, die er schon über die Oberfläche des Meeres erhoben hat, speit er heftig große Feuerkugeln nach allen Seiten über die Meeresfläche hin. Ihr seht nun auch, wie da eine zahllose Menge Fledermäuse und anderes nächtliches Geschmeiß in seine vier weit aufgesperrten Rachen fliehen, und wie er sie hurtig in seinen flammenden Schlund hinunterlässt. Auf den Häuptern seht ihr dräuende Wolkenbündel sitzen, und diese drehen sich emsig um die Hörner herum und füllen sich mit Blitzen, die sie hinausschleudern auf das Getümmel der Wogen. Solches seht ihr und seid so voll Angst. Ich sage euch aber: Verdoppelt noch einmal euren Blick; ihr werdet noch anderes hinter dem Drachen erschauen! Seht, um seinen Schwanz ist eine starke Kette geworfen, und hinter demselben ist diese Kette in zahllose kleinere Ketten auslaufend. Seht, wie da am Ende einer solchen Kette zahllose Scharen zusammengebunden sind, welche alle dieser mächtige Drache nach sich zieht auf seinem Feuerweg.
GS|1|11|6|0|Ihr fragt nun ängstlich: Vater! Was soll denn mit diesen armseligsten Sklaven dieses Drachen geschehen? – Ich sage euch aber: Seht nur noch einmal recht scharf hin, und ihr werdet bald entdecken, wie diese Sklaven hinter ihrem Drachen mit feurigen Schwertern in der Hand jauchzen und sagen: Ehre dir, du mächtiger Fürst, dass du besiegt hast die Völker der Erde und hast dir zinsbar gemacht die Himmel; denn also bist du ein mächtiger Richter geworden zwischen Gott und aller Kreatur! Himmel, Erde und aller Abgrund müssen sich vor dir beugen; und die Verdienste und Werke des Sohnes aus Gott hast du überwunden und hast sie dir zinsbar gemacht auf der Erde, über der Erde und unter der Erde. – Nun, da ihr solches vernommen habt, was sagt ihr denn jetzt zu diesem Anhang des Drachen? Ihr erschaudert bis in euren tiefsten Grund. Ich aber sage euch: Verharrt nur auf eurem engen Standpunkt und seht festen Blickes gegen den Abend hin, und ihr sollt gleich eine andere Szene vor eure Augen bekommen.
GS|1|11|7|0|Nun, ihr seht hin, was gibt es denn da schon wieder Zagenerregendes? Ihr sagt mit nahe halb verzweifelnder Stimme: Herr, wenn das also fortgeht, so sind wir ohne Rettung verloren, denn der Drache hat sich als eine mächtige, unübersehbar große Schlange über den weiten Kreis der Meeresflut gelegt. Wie von einem unübersehbar großen feurigen Ringwall sind wir von ihm umfangen. Hier sehen wir nirgends mehr einen freien Ausgang möglich; so also sind wir ja unrettbar seine Beute. Über unseren Standpunkt können wir uns nicht erheben; was wird mit uns werden? Denn schon sehen wir von allen Seiten her die weitgedehnte Meeresfläche mächtig erglühen. Zahllose Wirbel zeigen sich auf der glühenden und gewaltig dampfenden Meeresfläche. Feurige Orkane werfen glühende Wogen himmelanstrebend durcheinander. O Vater, hilf uns, bevor all diese Drangsale uns näher und näher kommen, sonst gehen wir offenbar zugrunde! Und so uns die glühenden Wogen verschlingen werden, die da sind voll Pestilenz und Übelgeruch, voll des Fluches und voll des verheerendsten Feuers, wirst Du dann uns wohl herausziehen aus dem endlosen Abgrund solch ewigen Verderbens?
GS|1|11|8|0|O ihr Kleinmütigen, was erhebt ihr für ein erbärmliches Angstgeschrei? Blickt nur gegen Mittag hin, und ihr sollt sogleich eine andere Szene erschauen. Seht ihr dort, wie hinter dem weiten und mächtigen glühenden Schlangenring riesige Engelsgeister mit mächtigen Schwertern bewaffnet eines Zeichens nur, eines leisen Winkes von Mir harren, um der Schlange ein Ende zu machen? Seht euch nun nach allen Seiten um und zählt die richtenden Engelsgeister! Sind ihrer nicht zwölf? Ja, so ist es! Aber nun seht euch um: Die Engel haben den Wink; und seht, die Schlange liegt zerhauen und getötet da. Ihre Teile sinken hinab in die Tiefe der glühenden Wogen; die Wogen stürzen ihnen von allen Seiten her donnertobend nach und nun seht, wo ist die Flut, wo das Meer?
GS|1|11|9|0|Ein friedliches Land erhebt sich anstatt der grausen Flut; und seht, leibliche Boten von allen Seiten her tragen in ihren Händen Mein lebendiges Wort und streuen dasselbe gleich dem Weizenkorn allenthalben aus. Und seht dort gegen Morgen hin: Eine neue, herrliche Sonne geht auf! Aus den Himmeln fällt ein reichlicher Tau auf den neuen Boden Meiner Gnade und Erbarmung und neue, herrliche Früchte entkeimen demselben allenthalben. Versteht ihr dieses geschaute Bild? Ich sage euch: Dieses Bild liegt euch sehr nahe; sein Geschehen liegt vor euren Augen. Daher sollt ihr auch nicht ängstlich sein, denn ihr habt geschaut im Bild höherer geistiger Wahrheit das Ende der schändlichen Hurerei. Und nun seht euch noch einmal um und betrachtet den Geist, in dessen Sphäre ihr solches gesehen habt. Kennt ihr ihn?
GS|1|11|10|0|Ihr sagt: O Herr und Vater! Er kommt uns sehr bekannt vor, aber dennoch mögen wir uns nicht so recht finden in ihm; daher möchtest wohl Du uns anzeigen, wer da steckt hinter diesem unserem Gastfreund, der uns in seiner Sphäre ein solch schauerlich erfreuliches Gastmahl bereitet hat. – Ich aber sage euch: Diesen Gastfreund solltet ihr gar leicht erkennen, so ihr nur auf den Standpunkt, auf dem ihr euch noch befindet, ein wenig Rücksicht nehmt. Zu wem habe Ich denn dereinst gesagt, dass er sei ein Fels, auf den Ich Meine Kirche bauen will, die da von den Pforten oder Mächten der Hölle nicht soll überwältigt werden? – Ihr sagt: Zu Simon, der darum Petrus genannt wurde. – Nun seht, das ist auch unser geistiger Gastfreund. Dieser sieht Mich und sieht auch euch. Jedoch, so Ich mit euch rede, da ist er voll des Schweigens, indem er ist voll der Liebe zu Mir.
GS|1|11|11|0|Und so denn tretet wieder aus seiner Sphäre, denn es naht sich uns schon wieder ein anderer siebter Geist, in dessen Sphäre wir wieder ganz andere Dinge erschauen werden. Diesen sechsten Geist aber wollen wir ebenfalls in unserer Gesellschaft behalten. Und so denn betrachtet das heute Geschaute wohl und erwartet in dem nächsten eine tüchtige Löse des Geschauten. Und somit gut für heute.
GS|1|12|1|1|Die Sphäre eines siebten Geistes (Daniel). Erscheinlichkeiten beleuchten das Geschehen in der Sphäre des vorherigen Geistes. Die Abtötung aller selbstsüchtigen Begierlichkeit
GS|1|12|1|1|(Am 6. Dezember 1842 von 4 1/2 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|12|1|0|Seht, der siebte Geist steht hier und harrt euer, daher verfügt euch sobald in seine Sphäre, damit ihr allda schaut die Löse und des Heiles und der ewigen Ordnung untrügliche Wege. Ihr seid nun in seiner Sphäre und schaut ganz verblüfft und verdutzt um euch herum. Was erblickt ihr denn wohl, das euch so sonderbar gestaltet, als wüsstet ihr nicht, ob ihr vom Scherz oder Ernst umfangen seid? Ich sehe aber genau, was da vorgeht in euch, und euere inneren Worte, um die ihr selber kaum wisst, liegen klar vor Mir.
GS|1|12|2|0|Demnach sagt ihr: Wie aus dieser Anschauung die Löse so sonderbarer Dinge, die wir ehedem geschaut haben, herauskommen wird, das mag begreifen, wer es will. Wir aber sehen statt der Löse nur einen, wenn schon nicht schauerlichen, aber dennoch viel verworreneren Knoten. Also begreife das, wer es wolle, wie da die Löse herauskommen wird, wir vermögen solches nicht. Denn was soll denn das heißen: Hier und da ragt ein kegelförmiger Berg hervor; die Menschen steigen auf der einen Seite bis zur Spitze hinauf und rutschen auf der anderen Seite wieder hinunter. Und die da hinabgerutscht sind, stellen sich auf und tun eine Lache über diejenigen, die ihnen nachfolgen und sagen dabei: Also ist es doch wahr, dass ein Narr zehn macht. Auf einer anderen Seite sehen wir eine Menge Schaukeln zwischen zwei ziemlich starken und hohen Bäumen hängen, und in einer jeden wird über die Maßen geschaukelt. Auch da steht eine Menge Zuschauer und lacht die Schaukelnden aus und ruft ihnen zu: Ihr Dummköpfe, warum seid ihr so heiter in solch einer Schaukel, in welcher ihr zwar recht heftig hin und her fliegt, aber dabei doch immer auf derselben Stelle bleibt? Der Schwungbereich eurer Schaukel ist die ganze Reise, die ihr stets wieder von vorne beginnend macht. – Dieses ist das zweite Bild, das wir sehen – sprecht ihr in euch. Und wieder sagt ihr weiter: Auf einer anderen Seite erblicken wir einen Ringwall. Innerhalb dieses Ringwalles sind kreisförmige Bahnen, die da schneckenförmig gegen ein im Zentrum gestelltes Gezelt zulaufen. Auf diesen Bahnen rennen die Menschen dem Gezelt zu; und haben sie dasselbe erreicht, so kehren sie wieder um und rennen nach auswärts gegen den Ringwall zu. Und auf dem Ringwall herum stehen hier und da zerstreute Menschengruppen, welche diese Ringbahnrenner unterschiedlich auslachen und sie fragen, was sie damit erreichen wollen. Manche werden dieses Rennens überdrüssig, steigen auf den Ringwall hinauf und sagen dann: Aber wie habe ich denn so dumm sein können und habe mich da für nichts und wieder nichts fast zu Tode gerannt?
GS|1|12|3|0|Auf einer vierten Stelle erblicken wir ein etwa tausend Klafter im Durchmesser und etwa eine Klafter in der Tiefe habendes rundes Wasserbassin. In der Mitte dieses Wasserbassins ist ein großes Schaufelrad angebracht, welches etwa zehn Klafter im Durchmesser hat. Dieses Schaufelrad wird an einem über demselben angebrachten Gebälk in den stets gleichen Umschwung gebracht. Dadurch wird die ganze Wassermasse im Bassin genötigt, eine gleiche Wirbeldrehung zu machen, die da in der Gegend des Rades am geschwindesten und je weiter weg von selbem stets langsamer wird.
GS|1|12|4|0|Auf der Oberfläche des Wassers ist eine Menge Kähne vorhanden. In den Kähnen sitzen Menschen und bemühen sich, von den Ufern dem Schaufelrad näherzukommen. Wenn sie aber demselben in die Nähe gekommen sind, da ermatten sie bald und werden dann von der nach außen hinausgehenden Wirbeldrehung des Wassers wieder ans Ufer gespült. Am Ufer herum gibt es wieder eine Menge Zuschauer, welche solche törichte Seefahrer recht weidlich auslachen.
GS|1|12|5|0|Die Seefahrer scheinen sich hier und da nicht viel daraus zu machen. Einige aus ihnen aber, wenn sie schon zu öfteren Malen ans Ufer sind gespült worden, steigen endlich mit langweiligen und verdrießlichen Gesichtern aus ihrem Kahn ans Ufer und können sich da nicht genug verwundern, wie sie sich so lange für nichts und wieder nichts haben können von dem Wasserrad auf der Oberfläche des Wassers herumfoppen lassen. Einige von ihnen schauen dem tollen Treiben noch eine Zeit lang zu und lachen mit den übrigen Zuschauern die noch sehr beschäftigten Seefahrer aus. Andere aber entfernen sich kopfschüttelnd und suchen sich irgendein ruhiges Plätzchen, um da von ihrer tollen und nichtigen Strapaze auszuruhen. Das ist aber auch alles, was wir in der vielversprechenden Sphäre dieses siebten Geistes erblicken. Dass sich solche Erscheinungen sehr vielfach vorfinden, solches sehen wir wohl, aber sie sind immer dieselben. Wer demnach aus diesen Erscheinungen eine Löse und noch mehr die untrüglichen Wege der göttlichen Ordnung ersehen mag, der muss mehr Licht in seinen Augen haben als eine ganze Legion von Hauptzentralsonnen auf einem Punkt zusammengenommen. Alles, was wir aus der ganzen Geschichte herausbringen können, ist das, was schon einst die alten Weisen gesagt haben: Unter der Sonne gibt es nichts Neues, sondern es geht alles seinen stetigen alten Kreislauf durch, denselben allzeit wieder auf dieselbe Art von vorne beginnend.
GS|1|12|6|0|Nun aber sage Ich euch dagegen auch ein anderes altes Sprichwort, welches sehr aus der Natur der Dinge genommen ist und also lautet: Wer blind ist, der sieht nichts! Seht, gegen dieses Sprichwort lässt sich nichts einwenden, denn so verhält es sich allgemein in der Welt und ganz besonders, was die innere Anschauung des Geistes belangt. Und die ganze Welt gleicht einem Thomas, der da sagte: Solange ich nicht meine Hände in Seine Wundmale und in Seine Seite lege, so lange glaube ich nichts; welches mit anderen Worten gesagt gerade so viel heißt: Was ich nicht mit meinen Händen greifen und beim hellen Sonnenschein mit meinen Augen sehen kann, das ist für mich so gut wie nichts und sagt nichts.
GS|1|12|7|0|Ich möchte aber fürs Erste einen jeden solchen Einwender fragen: Kannst du die Sterne des Himmels mit deinen Händen greifen und kannst du sie schauen beim hellen Sonnenschein? Siehe, du kannst weder das eine noch das andere. Sind darum die Sterne nichts, weil du weder das eine noch das andere kannst? – Du sagst Mir: Die Sterne sehe ich wenigstens bei der Nacht und kann da ihren Lauf bemessen. – Ich aber sage dir: Solches Zeugnis von deiner Seite für deinen Scharfsinn gereicht dir eben nicht zur größten Ehre, indem du dadurch offenbar kundgibst, dass du Meine Ordnung nur von deiner Nachtseite aus berechnest, aber die Ordnung des Tages bleibt dir fremd. Und hättest du keine Nacht, so ständest du am hellen Tag wie ein Blinder da und möchtest nicht einmal träumen von der Ordnung Meiner Dinge. Es ist traurig, wenn ihr eure Weisheit in der Ordnung Meiner Dinge nur der Nacht, nicht aber dem Tag verdankt. Und seht, solches geben auch die von euch geschauten Dinge gar treulich kund.
GS|1|12|8|0|Dort steigen Wissbegierige und Erfahrungslustige auf einen Berg und glauben, allda werden sie die Geheimnisse der Himmel beim gerechten Zipfel fassen und daran alles heraussaugen bis auf den letzten Tropfen, was alles sich in demselben vorfindet. Daher bemühen sie sich auch, über all die Steilen des kegelförmigen Berges hinaufzuklettern. Je weiter sie kommen, desto weniger Standpunkt haben sie. Und wenn sie vollends die Spitze erreicht haben, da haben sie endlich gar keinen Stand mehr, werden bald schwindelig, und da sie in der Höhe keinen himmlisch zipfelhaften Anhaltspunkt treffen, so lassen sie sich auf der anderen Seite des Berges schnell rutschend wieder hinab in dieselbe Ebene, von der sie ausgegangen sind, und wissen am Ende nicht, wozu ihr Bergklettern gut war, und können auch nicht umhin, sich selbst fürs Erste auszulachen und endlich auch zu sich selbst zu sagen: Jetzt wissen wir so viel wie früher, all unser Bemühen war töricht und am Ende lächerlich. Wir haben im Aufklimmen einer dem anderen zuvorzukommen gestrebt; warum? Damit wir dann allesamt gleich schnell wieder auf der anderen Seite endlich abfahren mussten. Was haben wir nun vor denen, die ihre Füße nicht versucht haben auf den Berg hinauf? Nichts, als dass wir fürs Erste nun mit ihnen ganz gleich stehen, und fürs Zweite, dass wir von ihnen noch als Törichte belacht werden, darum wir zur Erreichung eines und desselben Zieles uns so viel beschwerliche Mühe gemacht haben, das wir auf eine viel bequemere Art hätten erreichen können.
GS|1|12|9|0|Merkt ihr aus dieser Darstellung noch nichts? Ich werde euch nur etwas sagen, und ihr werdet der Sache leicht näher auf die Spur kommen. Wie versteht ihr den Text: „Mein Joch ist sanft und Meine Bürde leicht?“ Wenn Ich solches kundgegeben habe, wer nötigt hernach diejenigen, die zu Mir kommen wollen, auf Berge zu klimmen, um zu Mir zu gelangen, während Ich auf dem ebenen Land und auf dem kerzengeradesten Weg ihrer harre? Seht nun ferner, warum geschieht sonach unter der Sonne nichts Neues? Ich sage euch: Aus dem sehr weisen Grund, damit die menschliche Weltweisheit sich endlich dadurch nach und nach von selbst abstumpfen muss, weil sie es am Ende mit den Händen greift, dass sie nichts anderes erreichen kann, als was auf gleichem Weg schon lange vorher ist erreicht worden.
GS|1|12|10|0|Weiter könnt ihr aus diesem ersten Bild auch eine tüchtige Löse des in der Sphäre des sechsten Geistes Geschauten finden. Wenn ihr die Geschichte der Bemühungen des Drachen nach der Offenbarung Johannis durchgeht, da werdet ihr doch etwa auch mit den Händen greifen können, wie oft sich derselbe schon die Mühe gemacht hat, von neuem wieder aus seinem Abgrund emporzutauchen, oder im heutigen ersten Bild, die Spitze eines oder des anderen Berges zu erklimmen. Was aber war noch allzeit die Folge solch seiner Bemühung?
GS|1|12|11|0|Je höher er es trieb, desto weniger hatte er einen Grundstand, und wenn er die Spitze erreicht hatte, was war da die Folge, als dass er gar schnell wieder in die Tiefe hinabfuhr, von der er aufgestiegen war, denn auf der Spitze kann sich nichts halten. Und will sich etwas auf derselben festmachen, da hört aber doch sicher aller Wirkungskreis auf und kann unmöglich größer sein als der spitzige Standpunkt selbst ist, auf dem sich der wirken Wollende befindet. Solches aber wird auf der Spitze einem jeden wirken Wollenden klar, daher ist auch für keinen eines Bleibens auf der Spitze. Ein jeder wird ganz sicher auf derselben vom Schwindel ergriffen, und die Folge des Schwindels ist, dass er wieder die Spitze verlässt und im Gegenteil schnell wieder in die Tiefe hinabgleitet. Und Solches ist eine gar weise Schule aus der ewigen Ordnung! Ihr Name heißt Abödung, welches so viel besagt als eine Abtötung aller selbstsüchtigen Begierlichkeit.
GS|1|12|12|0|Es nützt da nichts, wenn auch einer vor der Besteigung des Berges sagt: Hört, Brüder, steigt mit mir, ich weiß den rechten Weg. Kommt nur mit mir, nur auf diesem Weg werden wir einen rechten und haltbaren Standpunkt finden auf der Höhe. Wir haben schon anfangs diese Geister ausrufen gehört in der Tiefe: Ein Narr macht zehn; und seht, nicht nur zehn, sondern eine ganze Menge klettert einem solchen Wegekundigen nach. Da aber der Berg guterdings als ein Kegel nur eine Spitze hat, so wird auf allen Wegen dieselbe richtig erreicht; aber allda heißt es denn auch allwegs: Bis hierher und nicht um ein Haar weiter! Das Los aber ist auf der anderen Seite wieder gar schnell hinabzugleiten zur Erreichung des Zustandes, von dem man ausgegangen ist. Seht, in diesem Bild liegt schon somit eine Hauptlöse des vorhinein Geschauten in der Sphäre des sechsten Geistes. Die nächsten Bilder werden uns solche Löse noch viel klarer vor die Augen stellen; daher verweilt nur noch in der Sphäre dieses siebten Geistes so lange, bis wir alle Bilder werden gelöst haben. Nächstens kommt somit die Schaukel an die Reihe, dann erst der Ringwall mit seinen Schneckenringbahnen und endlich das Wasserbassin. Und somit gut für heute!
GS|1|13|1|1|Erklärung der Schaukeln. Zeremoniell-Kirchliches und Weltleben
GS|1|13|1|1|(Am 7. Dezember 1842 von 4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|13|1|0|Ihr habt sicher nicht nur einmal, sondern schon zu öfteren Malen ein monotones Gartenluftschiff gesehen, welches euch unter dem Namen Hutsche oder Schaukel gar wohl bekannt ist; auch werdet ihr schon manchmal eine solche sich stets wiederholende Luftfahrt mitgemacht haben. Wie kam es euch denn vor, wenn dieses Luftschiff von einem überaus verständigen Direktor so recht gewaltig hin und her getrieben wurde? – Ihr sagt: Unsere Empfindung war dabei nichts weniger als behaglich; und als wir dieses Fahrzeug verließen, da mussten wir uns nahe erbrechen auf solch eine gewaltige Hin– und Herfahrt, und haben aus dem Grund auch die Lust verloren, je wieder eine solche Luftreise mitzumachen.
GS|1|13|2|0|Ich sage: Diese Kundgabe ist recht gut, und wir werden sie auch zu unserem Zweck überaus gut verwenden können. Habt ihr aber noch nicht bemerkt, was da eine solche Schaukel für ein Experiment macht, wenn sie von dem enthusiastischen Direktor in einen etwas zu heftigen Schwung versetzt wird? – Ihr sagt: O ja, sie schlägt da um, und ein solcher Umschlag kommt dann den hin und her Luftsegelnden ganz übel zustatten. – Gut, sage ich, auch dieses können wir überaus gut brauchen. Noch eine dritte Frage bleibt uns in dieser Hinsicht übrig, und diese lautet also: Wie weit kommen die Reisenden in einem solchen Luftschiff? – Antwort: Sie kommen bei einer stundenlangen Bewegung gerade so weit, dass sie dann nach zurückgelegter Hin- und Herreise auf dem nämlichen Punkt wieder aus dem Schiff steigen, von dem sie in das Schiff eingestiegen sind. Was ist somit das für eine Reise? – Antwort: Eine Blindreise, da man zwar heftig bewegt wird, aber trotz der heftigen Bewegung dennoch nicht außer den Schwungbereich eines solchen Luftschiffes gelangt und sich am Ende muss gefallen lassen, sogar von einer Schnecke ausgelacht zu werden, welche mit einer unvergleichbar viel langsameren Bewegung in einem Zeitraum von ein paar Stunden schon lange den Schwungbereich unserer Schaukel überkrochen hat. Also sehen wir auch aus der Sphäre unseres geistigen Gastfreundes, wie da auf den bedeutend großen Schaukeln eine Menge Menschen sich gar toll hin und her schwingen lässt. Seht nur hin! Solange die Schaukel noch einen mäßigen Schwung hat, da schreien die Schaukelnden dem Schwinger zu: Nur stärker, nur stärker schwingen! Wenn die Schaukel aber einmal schon einen förmlichen vollkommenen Halbkreis zu beschreiben anfängt, so schreien sie wieder alle: Aufgehalten, aufgehalten! Sonst schlägt die Schaukel um und wir sind verloren!
GS|1|13|3|0|Merkt ihr diesem sonderbaren Bild noch nichts ab? Oh, es liegt klarer wie die Sonne vor den Augen! Wenn ihr nur einen Blick auf den zeremoniellen Religionskultus werft, so werdet ihr unser Bild ganz gleich zu begreifen und zu fassen anfangen.
GS|1|13|4|0|Ein Kind, in einer solchen zeremonienvollen Kirche geboren und getauft, wird in geistiger Hinsicht schon in eine solche Schaukel gelegt; und wenn es darin ist, wird die Schaukel auch sobald nach und nach in eine immer größere Bewegung gesetzt. Bei solcher Bewegung meint dann der Mensch, weiß der Himmel welch große Fortschritte er macht und wie vorwärts er geht! Allein ein jeder sieht es auf den ersten Blick leicht ein, wie weit eine solche Reise gehen wird! Zwischen zwei Pfeilern hängt unser Luftschiff. Der eine Pfeiler bedeutet den sogenannten Religionsfelsen, der andere Pfeiler aber die staatlich politische Notwendigkeit. Diese beiden sind so fest als möglich gestellt und durch Querbalken miteinander verbunden. So geht denn hernach die Reise zwischen diesen zwei Pfeilern hindurch, und man kann sich nicht um ein Haar weiter bewegen als der Strick reicht, an dem die vielsagende Schaukel hängt. Manchen Schaukelnden wird bald übel, und wenn sie den ersten Ruhepunkt der Schaukel erhaschen können, springen sie hinaus. Einige kehren für allzeit solchem Fahrzeug den Rücken. Nur die Schaukelinteressenten bleiben pro forma darinnen sitzen, lassen sich nur ganz gemächlich zum Schein hin und her ziehen und lobpreisen über all die Maßen solche Bewegung, wie zuträglich sie der Gesundheit ist, und locken dadurch die Fremden und sagen auch denjenigen, die so töricht sind, dieses Fahrzeug wieder zu besteigen: Wollt ihr den wahren Hochgenuss und somit die vollkommene Befriedigung solcher Fahrt empfinden, so müsst ihr euch die Augen verbinden lassen. Da solches dann viele Toren anlockt, die da in der Schaukel mit verbundenen Augen sitzen, so geschieht es denn, dass diese enthusiastisch auszurufen anfangen und sagen: Ja, jetzt begreifen wir erst, was da für große Geheimnisse hinter dieser Einförmigkeit stecken, denn jetzt hat das Hin- und Herbewegen aufgehört, und wir fliegen mit Blitzesschnelle endlose Räume hindurch! Das heißt doch ein Wunder sein! Wer hätte sich das je träumen lassen, dass hinter solcher Einförmigkeit solch Großes verborgen liegt?
GS|1|13|5|0|Wenn solche geblendete Luftfahrer schon eine hinreichend weite Reise gemacht zu haben glauben, dann ersuchen sie die Schaukelinteressenten, sie möchten ihnen doch wieder die Augen freimachen. Die Interessenten aber, wohl wissend, welchen Erfolg für ihre geblendeten Luftfahrer die Augenentblendung haben wird, widerraten ihnen solches auf das Allerdringendste und sagen zu ihnen: Wehe euch, wenn ihr solches nun zu tun wagt, denn in der Sphäre, in der ihr euch jetzt befindet, würdet ihr für ewig erblinden, so ihr euch die Binde von den Augen wegnehmen ließet. Erst wenn wir an das große Ziel des Lebens gelangen werden, dann erst mögt ihr die Binde wegtun, damit ihr dann erschauen werdet, wie sicher wir euch für den geringen Lohn, den ihr uns für die ganze große Fahrt bezahlt, an das Ziel gebracht haben.
GS|1|13|6|0|Nun seht, einige lassen sich betören und behalten fleißig ihre Binde. Andere aber, überdrüssig solcher sonderbaren Blindfahrt, nicht wissend wohin, reißen die Binde weg und bemerken zu ihrem großen Ärger, dass sie sich noch zwischen den zwei Pfeilern befinden. Sie möchten nun gar gern aus diesem Fahrzeug springen. Dasselbe ist aber noch in einer zu starken Bewegung, und so sind sie genötigt, trotz alles Sträubens diese monotone Fahrt mitzumachen. Und wenn sie sich zu beschweren anfangen gegen die Schaukelinteressenten, so wird ihnen aus allerlei Gründen das Schweigen anbefohlen, widrigenfalls sie aus der Schaukel gewaltsam hinausgestoßen werden, welcher Akt ihnen nicht am besten zustattenkommen möchte. Und seht hin, damit solche Protestanten sich in den Ausspruch der Schaukelinteressenten gewaltsam fügen müssen, so ist auf der einen Schwungseite der Schaukel ein Feuer angemacht, auf der entgegengesetzten Seite aber ist eine Menge Spieße aufgestellt! Was bleibt nun den Protestanten übrig? Nichts als sich noch länger hin und her schaukeln zu lassen und für jeden Schaukler wider ihren Willen den Zins zu entrichten. Wie sehnlich erwarten nun die Sehenden den Zeitpunkt des Schaukelstillstandes! Wann aber wird dieser erfolgen?
GS|1|13|7|0|Wir werden die Sache auf eine ganz leichte Art berechnen. Seht, die uns zunächst liegende Schaukel schwingt sich nun sehr stark, erreicht beinahe links und rechts die volle Halbkreishöhe. Aber seht, durch dieses starke Schaukeln wackeln die Pfeiler schon überaus mit der Schaukel, und die starke Reibung hat schon sehr viele Fäden des Schwungstrickes durchgefressen. Seht, solchen Leibschaden und solchen Leck unseres Luftschiffes bemerken sogar die Interessenten; daher getrauen sie sich demselben keinen gar zu starken Schwung mehr zu geben, denn sie sagen: Wenn wir die Sache zu hoch treiben, so reißen die Stricke, und wir liegen samt unseren Passagieren entweder im Feuer oder auf den Spießen. Daher lenken wir die Sache unvermerkt dem Ruhepunkt zu und fügen uns, mehr gemeine Sache machend, ebenfalls unvermerkt den Protestanten und lassen die Sache gehen, solange es geht; denn wir sehen gar wohl ein, dass da mit Gewaltstreichen nicht mehr viel zu erreichen ist.
GS|1|13|8|0|Und nun seht wieder hin. Die Schaukel bewegt sich in einem viel kürzeren Distrikt ganz nachlässig hin und her, und die Entblendeten springen einer nach dem anderen aus. Und wir erblicken nun schon beinahe niemanden außer den Interessenten und einigen wenigen Geblendeten darinnen. Ihr seht auch, dass die Direktoren der Schaukel eifrig bemüht sind, die beiden wackelnden Pfeiler mit allerlei Spreizen so viel als möglich festzuhalten. An den Leitern steigen bezahlte Knechte hinauf und suchen mit schwachen Schnüren den sehr beschädigten Strick so viel als möglich an die beiden Pfeiler anzufestigen. Aber da der Strick keine Ruhe hat und sich stets noch hin und her bewegt, so können sie nirgends einen sicheren und festen Knopf machen; bald ist er zu lang, bald zu kurz gelassen und mag darum zur ferneren Haltbarkeit des Hauptstrickes gar wenig beitragen. Das ist doch ein sicheres Kennzeichen, wie nun die Dinge stehen.
GS|1|13|9|0|Wer etwa solches als bloß nur ein Bild einer leeren Phantasie ansehen möchte, der werfe nur einen flüchtigen Blick über das Tun und Treiben der gegenwärtigen Welt; und er wird dieses gegenseitige Gebindeln und allerlei Knöpfemachen zwischen Ländern, Völkern und Religionskonfessionen auf das Alleraugenscheinlichste sehen. Ich will euch nur auf allerlei gegenseitige Staatsunterhandlungen aufmerksam machen, die da bestehen in allerlei Übereinkommnissen. Und wer solches nur mit einem Auge betrachtet, der wird obbesagtes Strickbefestigen mit allerlei Schnüren und Bändelwerk auf das Augenscheinlichste ersehen. Aber es wird Mir ein oder der andere einwenden und sagen: Wenn sich solches so verhält, warum sind denn die hellsehenderen Protestanten dann mit diesen Anbändlungen und Strickbefestigungen einverstanden? – Die Antwort liegt ja offenkundig vor den Augen: Weil die Schaukel nun noch ziemlich stark [geht] und sie sich einerseits auch in dieser fatalen Schaukel befinden, so befürchten sie den vorzeitigen Strickbruch nahe ebenso stark wie die Schaukelinteressenten selbst; lassen sich daher das Anknüpfen gefallen, um nicht durch den zu grellen und zu frühzeitigen Strickbruch einen grellen Mitfall zu machen, d. h. mit den Schaukelinteressenten. Dass demnach solches Anbändeln und Anknöpfeln ein sicheres Zeichen ist von der Unhaltbarkeit des Hauptstrickes, könnt ihr wohl gar leicht nun mit den Händen greifen. Denn würde sich ein Land oder ein Volk dem anderen gegenüber hinreichend stark finden, so würde es diktieren nach seiner ihm wohlbewussten Macht und würde sich sicher nicht aufs Anbindeln und Anknöpfeln verlegen. Da es aber seine innere Schwäche wohl merkt, so nimmt es seine Zuflucht zu den Afterbefestigungen, welche aber alles dessen ungeachtet dem Strick nicht um eine Sekunde längere Haltbarkeit geben werden, als er zufolge seiner starken Abnützung noch in sich schwächlich birgt.
GS|1|13|10|0|Wenn der Hauptstrick reißen wird, so werden alle die Bändel und Schnürchen auch sogleich mit zum Bruch kommen. Seht, solches bietet uns dieses zweite Bild.
GS|1|13|11|0|Fasst alle eure kirchlichen und politischen Dinge zusammen oder vergleicht jede mögliche Einzelheit derselben mit unserem Bild, und ihr werdet finden, dass es dem Allgemeinen ebenso richtig als jeder Einzelheit entspricht. Damit ihr aber solches noch erschaulicher findet, will Ich euch nur beispielsweise sowohl aus der kirchlichen als staatlichen Sphäre einiges anführen. Aus der kirchlichen nehmen wir z. B. die Ohrenbeichte. Derjenige Zustand der Schaukel, welcher bei jedem Hin- und Herschwingen dem Boden der Erde am nächsten kommt, ist der sündige Zustand. Man beichtet und schwingt sich dadurch auf der einen Seite gegen den Himmel, rutscht aber ebenso geschwind wieder zurück. Auf dem untersten Standpunkt beichtet man wieder, schwingt sich dann andererseits wieder gegen den Himmel; und so wiederholt der Mensch in seinem Schaukelzustand diesen Akt so lange fort, als er lebt, und beschließt sein Leben beim Ruhezustand der Schaukel gewöhnlich wieder mit der Beichte. Aber die Schaukel schwingt sich da nicht höher mehr, sondern der Mensch verlässt dieses Leben auf demselben Punkt, wo er dasselbe angefangen hat. Welche Progresse aber dadurch der geistige Mensch gemacht hat, das erseht ihr eben aus unserem Bild in der Sphäre unseres Geistes auf der geistigen Sonne, nämlich dass er sich noch gar lange fortschaukeln wird, bis entweder der Strick reißen, oder bis er seiner förmlich angewachsenen Augenbinde los wird. Nach diesem gegebenen Maßstab mögt ihr alles Zeremoniell-Kirchliche bemessen, und ihr werdet darin nichts anderes entdecken als das Schaukeln. Den kompletten inneren Sinn all des gegenwärtig Kirchlichen besingt auch ganz treffend eine jede Turmglocke, die bei jedem Hinundherschwung stets einen und denselben Ton ganz gewaltig lärmend von sich gibt. Und das harmonische Ohr kann da lauschen, wie es will und sich alle möglichen Plätze zu solchem Geschäft wählen, so wird es aber dennoch nichts anderes erlauschen und gewinnen als eben dieselbe stetige Toneinförmigkeit, welche schon der erste Glockenschlag auf das Allergenügendste bezeichnet hat. Alles, was ein solcher Lauscher am Ende herausbringen wird, wird also lauten: In der Entfernung ist der Ton noch anzuhören, in der Nähe aber ist er unausstehlich; welches aber ebenso viel sagen will als: Weit weg ist gut vor dem Schuss! Also hätten wir ein kirchliches Beispiel; nun nur noch ein staatliches.
GS|1|13|12|0|Seht einmal eure Industrie an und alle die Geldgeschäfte, welche eigentlich der Zentralpunkt alles staatlichen Lebens sind. Wer da das Handwerk des beständigen Schaukelns nicht ersieht, der muss mit siebenfacher Blindheit behaftet sein. Ihr werdet überall sowohl im Allgemeinen wie im Sonderheitlichen ein Sichaufschwingen und wieder baldiges Zurücksinken bemerken. Ein Reich schwingt sich empor, das andere schwingt sich zurück und kommt wieder auf den niedersten Punkt seiner Schwungschaukel. Bald fällt wieder das vormals sich aufgeschwungene Reich und ein anderes schwingt sich wieder empor. Sooft ihr noch immer bemerkt habt, dass sich ein Reich zum höchsten Gipfel emporgeschwungen hat, so war das auch das sicherste Signal seines noch viel geschwinderen Falles, als wie geschwind da war sein Aufschwung!
GS|1|13|13|0|Wenn ihr einzelne reich gewordene Privatmenschen betrachtet, die sich ihre Privatschaukel zunutze gemacht, seht, in ihrer eigenen Schaukel aber, da sie sich befinden, haben sie bei dem vermeinten höchsten Standpunkt ihrer Wohlhabenheit sich auch soeben rückwärts zu schwingen angefangen. Es kommt bei allen nur auf die Länge der Schwungstricke an; sind die Schwungstricke sehr lang, so ist die Schwingung eine viel langsamere und weiter hinausreichende. Aber möchte ein Schwungstrick auch von der Sonne bis zur Erde reichen, so wird die an ihm befestigte Schaukel, wenn sie den höchsten Punkt erreicht hat, sich dennoch sobald wieder in ihre nichtige Tiefe zurück begeben. Und so ist das ganze Leben der Welt nichts als ein pures Schaukelwerk! Ihr mögt es betrachten, wie ihr wollt; wer aus euch mir aus demselben irgendeinen Fortschritt zeigen kann, dem gebe Ich ein zehnfaches ewiges Leben zum Geschenk! Allein ihr werdet auch hier den Wahlspruch der alten Weisen bemerken, der da lautet: Nichts Neues unter der Sonne! Ich bin auch der Meinung; denn bei solchen allgemein selbstsüchtigen Scheinbewegungen und Fortschritten wird sich unter der Sonne ganz entsetzlich wenig Neues vorfinden lassen.
GS|1|13|14|0|Wohl dem, der sich der Schaukel entwinden kann; denn am freien Platz wird er mit wenig Schritten mehr tun in wenigen Minuten als durch all das Schaukelwerk in vielen tausend Jahren. Wer demnach vollkommen werden will, wie der Vater im Himmel vollkommen ist, der fliehe nichts so sehr als das schaukelnde Treiben aller Welt. Besser ist es, ein schweres Kreuz vorwärts zu schleppen für den Geist und für dessen ewiges Leben, als sich noch so sanft in den ewigen Tod hineinzuschaukeln.
GS|1|13|15|0|Nun werdet ihr hoffentlich dieses Bild verstehen. Und so wollen wir denn das nächste in den helleren Augenschein nehmen. Für heute aber lassen wir die Sache bei dem beendet sein!
GS|1|14|1|1|Erklärung des Ringwalls. Verschiedene christliche Kirchen und diverse Sekten
GS|1|14|1|1|(Am 9. Dezember 1842 von 4 1/2 – 7 Uhr abends.)
GS|1|14|1|0|Wenn ihr unserem Ringwall eine bedeutendere Aufmerksamkeit schenkt, so werdet ihr sehen, dass innerhalb desselben nicht nur eine, sondern mehrere Bahnen am inwendigen Flächenrand den Anfang nehmen und sonach schnecken- oder spiralförmig sich gegen das verschlossene Gezelt drehend ziehen. Wenn ihr noch aufmerksamer hinseht, so werdet ihr dazu noch entdecken, dass alle diese Bahnen auf eine wohlberechnete Weise gegen das Gezelt so angelegt sind, dass man auf gar keiner zur Eingangstür in das Gezelt gelangen kann. Und dennoch heißt es am Rand der bedeutenden Fläche: Wer da die schmalste Bahn ersehen kann und dann, ohne sich auf eine Seitenbahn zu verirren, fortwandelt, der gelangt sicher und unfehlbar in das Gezelt, allda ein großer Lohn seiner harrt.
GS|1|14|2|0|Was etwa doch diese sonderbare Schneckenbahn-Durchlauferei besagt? Ich will darauf keine absolute Antwort geben; ihr werdet sie aber schon ohnehin finden, so ihr die Sache näher werdet betrachtet haben. Seht somit nur recht aufmerksam hin auf diesen zwar törichten, aber eben in diesem Törichten vielsagenden Tummelplatz!
GS|1|14|3|0|Seht, wo immer eine solche Bahn von außen nach einwärts beginnt, da auch befinden sich ein sogenannter Bahnchef, Bahndirektor und noch eine ziemliche Menge anderer Helfershelfer. Seht, wie sie überall außerordentlich ernste und ganz wichtige Mienen machen. Auf dem breiten Wall herum seht ihr eine große Menge Menschen beiderlei Geschlechts. Seht, wie dort bei einem Bahnanfang die sämtlichen Bahninteressenten und hauptsächlich der Bahnchef ihre Bahn als die alleinige richtige anpreisen und sagen: Daher kommt alle! Diese Bahn ist die allein richtige, auf welcher ihr ganz sicher zu der Tür des Gezeltes und somit auch in das Gezelt selbst gelangen könnt allwo ein unermesslicher Preis eurer harrt! Aber seht, sogleich der nächste nachbarliche Bahnchef schreit und sagt den Gästen: Lasst euch nicht anführen! Zahlt uns das viel billigere Bahngeld, denn unsere Bahn ist die älteste, somit auch approbierteste; auf ihr sind schon so viele Tausende und Tausende in das Gezelt gelangt und haben sich dort ihren hohen Preis abgeholt. Aber der erste Bahnchef erhebt sich sogleich, ganz gewaltig protestierend, und warnt auf das Allerdringendste die Gäste, den betrügerischen Lockungen des zweiten Bahnchefs zu folgen. Der zweite Bahnchef steht ganz gewaltig auf gegen solche Verunglimpfung und schreit mit gewaltiger Stimme: Ich sage nicht, dass ihr hierher gehen sollt; ich stelle es nicht eurem freien Willen anheim, ob ihr auf dieser meiner Bahn gehen wollt oder nicht, sondern weil ich wohl weiß, dass meine Bahn die älteste und alleinrichtigste ist, so will ich euch bei den Haaren dazuziehen. Denn es ist traurig genug, dass man solchen Dummköpfen, wie ihr seid, solch ein namenloses Glück ordentlich mit Gewalt auf den Rücken nachwerfen muss! Wieder erhebt sich der erste Bahnchef und schreit über die Maßen: Folgt nur diesem meinem Nachbar. Ihr wisst aber nicht, dass seine Bahn in der Nähe des Zeltes einen verborgenen und überdeckten Abgrund hat, in welchem ein jeder unwiederbringlich zugrunde geht, der diese Bahn wandelt. Bei solcher Äußerung erhebt sich der zweite Bahnchef noch gewaltiger, sendet, ohne weiter ein Wort zu reden, seine Adjunkten hinauf auf den Wall, und lässt von ihnen eine Menge gewaltig zusammenfangen und sie ziehen auf seine Bahn hin. Und wenn sie den Bahnzins entrichten wollen, da tut er prahlerisch großmütig und sagt: Ich nehme von euch nichts an, sondern ich will nur euer Glück; und so wandelt denn diese meine Bahn. Ihr könnt laufen und langsam gehen, wie ihr wollt, und ich hafte euch mit allem dafür, dass ihr auf dieser meiner Bahn nirgends einen verderblichen Abgrund treffen, sondern alle wohlbehalten in das Zelt gelangen werdet. Nur mache ich euch das zur Bedingung, dass ihr ja nicht aus meiner Bahn tretet. Tretet ihr unvorsichtiger oder eigenmächtiger Weise aus derselben, dann stehe ich für nichts gut, denn auf einer jeden anderen Bahn gelangt ihr statt in das Gezelt auf irgendeinen verdeckten Abgrund. – Und so seht ihr denn die Menge fortwandeln.
GS|1|14|4|0|Aber da seht, gleich daneben ist schon wieder ein dritter Bahnchef. Der schlägt zwar keinen Lärm, macht dabei ein ganz gutmütiges und mitleidiges Gesicht und die Gäste fragen ihn, warum er solches tut, was ihm denn so sehr am Herzen liegt. Und dieser ruft ihnen ganz bescheiden mit stilleren Worten zu und sagt: Wer sollte da nicht traurig sein?! Diese Armen gehen ja alle den falschen Weg, während doch nur dieser der allein richtige ist und beinahe schnurgerade zur Tür des Gezeltes hinlenkt. Ich sage euch nicht: Kommt hierher; sondern wenn ihr es allenthalben werdet erfahren haben, dass ihr nichts erreicht habt als eine vergeblich leere Plackerei, so werdet ihr euch schon selbst zu meiner Bahn verfügen. Ich sage euch: Mir ist es sogar nicht einmal recht, so jemand zu meiner Bahn läuft und macht dadurch meine ränkesüchtigen nachbarlichen Bahnchefs eifersüchtig. Wenn er sich überall überzeugen wird, dass er geprellt worden ist, wird er ohnehin zu mir kommen und wird mir noch gern einen hohen Bahnpreis bezahlen, so ich ihm nur meine Bahn eröffnen will.
GS|1|14|5|0|Aber seht da einen vierten Bahnchef, wie er ganz heimlich verschmitzt auf seinen Nachbar herübersieht und seinen Kopf schüttelt und endlich spricht: Nur zu! Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ich sage euch, meine Adjunkten, lasst alle diese Wallgäste unangefochten. Sollen die Narren machen, was sie wollen; wir laden ja keinen ein, sondern übersteigt den Wall hinaus ins Freie. Dort draußen fischt und bringt sie daher. Wenn diese auswendigen Dummköpfe sobald hierhergebracht werden, da sind wir wohl sicher, dass sie keine andere Bahn suchen werden und keine andere betreten als die unsrige. Wir pflanzen nur eine Fahne auf mit der Inschrift: „Einzig richtige Bahn zum Ziel!“, machen aber dabei so wenig Spektakel als möglich, und die fetten Fische gehören alle uns!
GS|1|14|6|0|Seht aber weiter! Daneben ist schon wieder eine andere, ganz schmale und dürftig ausgestattete Bahn. Der Bahnchef sitzt gar kümmerlich am Eingang und scheint sich um niemanden zu kümmern; seine wenigen Adjunkten folgen seinem Beispiel. Seht, wie sich mehrere Gäste zu diesem Bahnchef hinunterziehen und ihn ganz verstohlen heimlich fragen: Wie steht es mit deiner Bahn? Er sagt darauf gar nichts als nur die wenigen Worte: Meine Bahn spricht für sich selbst; wer sie wandeln will, der wird sich überzeugen, ob sie zum Ziel bringen wird oder nicht. Diese sonderbaren und geheimnisvollen Worte machen viele stutzen, und bei ihm fangen bedeutend viele Bahngäste an, sich einzufinden.
GS|1|14|7|0|So sie um den Preis fragen, da sagt er: Hier ist kein Preis, sondern wer diese Bahn betreten will, der gebe alles, was er hat, denn er wird auch alles wiederfinden; ich für mich aber brauche nichts! Diese Bedingung macht dann die Bahnlustigen wieder stutzen, und es zieht sich einer um den anderen wieder auf den Wall zurück.
GS|1|14|8|0|Aber seht, daneben ist gleich wieder eine andere Bahn. Sie hat einen ganz griesgrämigen alten Bahnchef. Dieser hat eine förmliche Einnahmekasse vor der Bahn aufgerichtet. Er ladet zwar niemanden ein, aber wer dahin kommt und fragt ihn: Was ist das für eine Bahn, und führt sie wohl in das Gezelt? so spricht der Bahnchef ganz leise und geheimnisvoll: Freund, es war noch keine Bahn als diese, und diese allein ist die älteste und verbindet sich mit der Pforte des Gezeltes. Willst du sie wandeln, so wird es dein Schade nicht sein; nur musst du das Bahngeld, welches so und so viel beträgt, in feiner, klingender Münze bezahlen. Dafür aber bekommst du einen Wechsel gleichlautenden Wertes. Wenn du die Bahn richtig wandelst und dich am Weg nicht von einer anderen verlocken lässt, so kommst du ohne weiteres ins Gezelt und machst somit den Haupttreffer. Solltest du dich aber jedoch verirren, so hast du dabei aber dennoch die gute Hoffnung, denn mit diesem Wechsel in der Hand wirst du dennoch für deine hier eingelegte klingende Münze allzeit so viel und so viel an Interessen zu beziehen haben. Dieser Bahnchef, wie ihr seht, hat einen sehr bedeutenden Zulauf von Groß und Klein, aber nicht etwa der Bahn wegen; daher strotzt er von Gold und Silber und allerlei Edelgestein. Was aber das Gezelt betrifft, um das bekümmert er, der Chef, sich sozusagen nicht im Geringsten mehr, denn seine Sache sind nur Geldgeschäfte. Und so denn machen sich auch seine Bahnwandler eben nicht viel daraus, ob sie das Gezelt günstig erreichen oder nicht, denn sie haben ja die Wechsel in ihren Händen.
GS|1|14|9|0|Aber seht ferner hin; da gibt es noch mehrere wenig betretene Bahnen. Ihre Bahnchefs werden von den Hauptbahnchefs gewisserart nur geduldet; daher sitzen diese auch ganz still bei ihren Bahnen. Kommt ein Wallfahrer zu einem oder dem anderen, so ist es wohl und gut; kommt aber niemand, so lassen sie sich darum auch kein graues Haar wachsen. Denn sie stehen im Grunde nicht auf den Bahnertrag an, sondern sie unterhalten sich so ganz gemächlich mit ihren allerlei Krambuden, die sie bei ihren Bahnen aufgestellt haben. Werden sie von jemandem ganz heimlich gefragt: Ist diese deine Bahn die richtige? so sagen sie ganz gleichgültig: Wenn diese nicht die richtige ist, welche soll es denn sein? – Und seht, so ist diese Kreisbahnebene umlagert von lauter Bahnchefs, Großen, Schreienden, Beklagenden, Schweigenden, Heimlichtuenden; mit Ausnahme einer einzigen Bahn, welche nämlich die schmalste ist, findet ihr überall Wandler und Zielsucher. Da aber zu Ende alle Bahnen eingezäunt sind, so geschieht es, dass alle diese Bahnwandler am Ende an die Wand des Gezeltes anstoßen. Nur zur Tür gelangt keiner. Und so viele ihr eilig dahinwandeln seht, ebenso viele werden an der schroffen Wand wieder abgestumpft und suchen umkehrend wieder die Freiheit, indem sie durch ihr Bemühen nichts erreicht haben. Und alles drängt sich hin zu jenem Bahnchef, der da gegen klingende Münze Wechsel ausstellt. Und seht, sogar alle die übrigen Bahnchefs senden unvermerkt ihre Adjunkten mit Beuteln voll Silbers und Goldes hin und lassen sich von ihm dafür Wechsel ausstellen.
GS|1|14|10|0|Aber nur zu unserem armseligen Bahnchef, der am Eingang der engsten Bahn ruht, begibt sich niemand hin. Dieser allein hat somit auch überaus wenig zu tun, und so noch jemand hingehen will, so wird er entweder ausgelacht oder aber auch von den ersteren Bahnchefs gewaltsam davon abgezogen.
GS|1|14|11|0|Nun aber seht noch einmal hin, wie auf dem Wall herum eine bedeutende Menge tüchtiger Späher sich aufgestellt hat, und verfolgen mit ihren Augen diese schmale, völlig unbetretene Bahn. Und einige darunter sagen: Seht hin, eine Bahn führt richtig zur Tür. So aber alle die Bahnen rings umher an die blanke Wand nur führen, wer weiß, ob gerade diese schmale Bahn nicht zur Tür führt?
GS|1|14|12|0|Seht, eine Menge zieht sich schon um den Wall herum und verfolgt mit ihren Augen die Bahn. Und die Bahnchefs begreifen nicht, was dieses Herumwandeln bedeutet. Aber wehe allen, wenn diese glücklichen Spione den richtigen Gang der schmalen Bahn werden ausgekundschaftet haben. Dann wird es arg mit ihnen sein, denn sie werden zur Rechenschaft gezogen werden. Alle ihre Bahnen werden zerstört und werden gleichgemacht werden der engen Bahn; und der unansehnlichste Bahnchef wird alles Geschäft an sich ziehen.
GS|1|14|13|0|Daher wundert euch nicht, dass man auf dem Ringwall herum schon gar häufig ein Gelächter vernimmt, besonders über die am meisten schreienden Bahninhaber. Denn solches Gelächter hat seinen guten Grund, und ihr könnt es glauben: Alle diese gegenwärtigen Hauptbahnen müssen mit Hohn und Gelächter belegt werden; alle ihre Bahnlehren und großen Verheißungen müssen zuschanden werden, wenn die Hauptlinie gefunden wird! Glaubt es aber, wie euch diese geistige Erscheinlichkeit lehrt, so verhält es sich auch in der Tat.
GS|1|14|14|0|Es gibt schon gar viele scharf sehende Bahnforscher auf dem Wall, und sie haben nurmehr die letzte halbe Schneckenbahnwende zu erforschen. Wenige Blicke und Schritte mehr, und ihr werdet die schmale Bahn ganz reichlich betreten erblicken! Ihre Wandler werden unfehlbar zur Tür und ins Gezelt gelangen, werden da die großen Schätze nehmen und werden es zeigen allen Gästen.
GS|1|14|15|0|Wenn solches geschehen wird, sodann wird es auch geschehen sein um alle anderen Bahnen. Die Gäste werden über alle die Bahnen hereinbrechen, alle Zäune niederreißen und sich so von allen Seiten der Tür des Gezeltes nahen!
GS|1|14|16|0|Es braucht kaum näher bestimmt zu werden, dass die erstbesprochene Bahn das Hierarchentum, die zweite die griechische Kirche, die dritte die protestantische, die vierte die englische Kirche bezeichnet; und dass die anderen Bahnen noch verschiedene andere Sekten bezeichnen. Wenn ihr nun solches auch wisst, so wisst ihr somit auch alles, was da dieses Bild bezeichnet. Und so ihr es recht beachtet, da wird euch wieder noch eine bedeutendere und größere Löse dessen werden, was ihr geschaut habt in der Sphäre des sechsten Geistes. Nächstens das vierte Bild; und somit gut für heute!
GS|1|15|1|1|Das Wasserbassin mit dem liegenden Schaufelrad. Die Erschließung der Quelle des wahren lebendigen Wassers
GS|1|15|1|1|(Am 10. Dezember 1842 von 4 1/4 – 7 1/4 Uhr abends.)
GS|1|15|1|0|So ihr das vierte Bild recht wohl beachtet habt von der ersten Ansicht an, so muss euch doch die Frage aufgefallen sein, welche sich ganz von selbst aufwirft und also lautet: Warum wird denn in diesem runden Wasserbassin das Wasser mittels eines in der Mitte des Bassins angebrachten Schaufelrades in eine stete Rundbewegung gebracht? In dieser Frage liegt eine sehr bedeutende Antwort fürs Erste darin, damit sich kein Seefahrer mit seinem Kahn dem Radwerk nahen kann, fürs Zweite, dass durch diese gezwungene Bewegung der Wasseroberfläche alles, was sich nur immer dem Zentrum des Wasserbassins nahen will, durch die vom Zentrum ausgehende Wirbeldrehung des Wassers trotz allen Mühens wieder nach außen getrieben wird.
GS|1|15|2|0|Es mag da ein Kahnfahrer sich noch so viele Mühe nehmen als er will, so kann er dennoch nicht das Radwerk erreichen, um dasselbe aufzuhalten und dadurch Ruhe des Wassers zu bewerkstelligen, wodurch es einem jeden solchen Seefahrer dann möglich würde, sich dem Zentrum zu nahen und all das Radwerk anzugreifen, es mit vereinigter Kraft ganz aus dem Bassin zu schaffen und somit die ganze schöne, ruhige Wasseroberfläche der allgemeinen Wohlfahrt freizugeben.
GS|1|15|3|0|Es lässt sich aber wieder eine andere Frage aufwerfen, und diese lautet also: Was liegt denn gar so Außerordentliches an dem Zentrum dieses Wasserbassins? Da mag das Rad ja immer bestehen; es gibt ja dessen ungeachtet des Wasserflächenraumes um dasselbe in großer Menge. Wer da Lust hat, auf dem Wasser mit seinem Kahn herumzufahren, der kann solches ja noch immer nach seiner Lust zur Übergenüge tun und braucht dazu des Mittelpunktes nicht.
GS|1|15|4|0|Solches wäre alles richtig, solange man nicht weiß, was der Mittelpunkt, über dem gerade das Wasserrad angebracht ist, in sich birgt. Erst wenn man solches weiß, dann auch erst kann man in sich selbst den dringenden Wunsch aussprechen und sagen: Hinweg mit dem vielschaufligen Rad! Es ist uns zu nichts nütze. Denn die Angabe, dass durch die stete Bewegung desselben das Wasser gerührt wird, damit es nicht faule, ist eine arglich blinde, so man den Schaden, ja den großen Schaden dagegenhält, was diejenige Stelle, über welcher das Wasserrad angebracht ist, ausbeuten würde. Was würde denn diese Stelle ausbeuten? – Solches wird dann erst vollends begriffen, wenn es dargetan wird, was das für eine Stelle ist, über welcher gerade das Schaufelrad angebracht ist. Damit ihr euch aber darüber nicht gar zu lange die Köpfe zerbrecht, so sage Ich es sogleich rund heraus.
GS|1|15|5|0|Diese Stelle ist eine Quelle, voll des lebendigen Wassers. Diese Quelle aber ist gut verstopft und förmlich mit Blei vergossen, und es kann auch nicht ein Tropfen herausquellen. Dennoch aber sagen alle die großtuenden Wasserradinteressenten: Das sämtliche Wasser in dem Bassin ist ein pur lebendiges Wasser, und das Leben dieses Wassers hängt bloß von ihnen ab; sie haben die Macht, das Wasser zu beleben und zu töten. Das Rad sei ihnen von Gott eingeräumt und habe die Macht, das Wasser zu beleben, solange es von ihnen getrieben wird; wird es aber nicht von ihnen getrieben, so wird dadurch das Wasser tot werden und niemandem mehr zum Leben gereichen. Sie sagen auch: Nur dieses einzige Wasserbassin unter den vielen anderen, die sich noch um dieses herum auf eine ähnliche Weise befinden, ist dasjenige, welches das wahre lebendige Wasser hat. In allen anderen ist dasselbe tot, und die Bewegung desselben nach der Art dieses lebendigen Wassers ist nichts als eine pure Nachäffung, somit ein purer Betrug. Und wer immer sich verleiten lässt, seinen Kahn auf ein solches anderes Wasserbassin zu setzen, der geht offenbar zugrunde.
GS|1|15|6|0|Dass aber dies das alleinig wahre und rechte, vom lebendigen Wasser volle Bassin ist, das beweise fürs Erste sein Alter, fürs Zweite die außerordentliche Pracht und Erhabenheit des aufgestellten Gerüstes, welches dem mächtigen, lebendigen Rad dient. Fürs Dritte beweise die überragende Größe des Bassins seine alleinige Echtheit, fürs Vierte seine Allgemeinheit, welche daraus zu ersehen ist, dass auf der Oberfläche des lebendigen Wassers sich stets die allergrößte Anzahl Kahnfahrer eingefunden hat, und fürs Fünfte, dass alle anderen Wasserbecken aus diesem hervorgegangen sind; was da beweise ihre diesem alleinig wahren, lebendigen Wasserbassin ziemlich ähnliche Gestalt.
GS|1|15|7|0|Nun seht aber wieder hin. Die stets ans Ufer getriebenen Kahnfahrer sind schon fast mindestens zu zwei Dritteilen ihrer einförmigen und nichts erreichenden Wasserfahrt überdrüssig geworden und entsteigen daher ihren Kähnen und betreten ganz verdutzt und überdrüssig das Ufer, kehren demselben sobald den Rücken und sagen: Was hätten wir denn tun können, was da besser gewesen wäre, denn diese lange andauernde lebendige Wasser-Fopperei? Man hat uns gesagt: Nur ausharren und so oft und so oftmal den Kreis herum machen, sich dabei aber hüten und ja nicht nachlassen an der gerechten Kraft, dass man in erster Hinsicht nicht zu nahe ans Rad kommt, in zweiter Hinsicht aber auch nicht an das Ufer, sondern fortwährend den Zwischenraum des Wassers benützen, welcher da ist zwischen dem Rad und zwischen dem Ufer. Denn eine zu große Annäherung an das Radwerk würde den Menschen bald an seiner Kraft erlahmen, und diesem Zustand zufolge würde er dann unvermeidlich aus dem Bereich des Lebens hinaus an den Bereich des Todes geführt werden.
GS|1|15|8|0|Nun aber sind wir wohlweiser Maßen ans Ufer herausgeführt worden; und was wunder, dass wir noch leben! – Und weiter sprachen die aus ihren Wasserkähnen Entstiegenen: Wenn es doch nur auch den anderen beifallen möchte, ans Ufer herauszublicken, damit sie ersehen möchten, dass es da um außerordentlich vieles lebendiger zugeht, denn auf der dummen Wasseroberfläche. Sie würden sicher gar bald all ihre Kähne an dieses viel glücklichere Ufer lenken und würden sich aus den mächtigen Großsprechereien derjenigen, die sich auf den Wasserradgesimsen befinden, ganz entsetzlich wenig machen.
GS|1|15|9|0|Und sie reden wieder weiter und sagen: Dem Herrn alles Lob und alle Ehre, dass Er uns solches eingegeben hat! Aber es fragt sich: Woher werden wir nun ein anderes, besseres Wasser nehmen?
GS|1|15|10|0|Und seht, mancher aus ihnen sagt: Seht, dort gegen Morgen hin, eben nicht gar zu ferne von hier, sind Berge; wer weiß es nicht aus uns, dass Berge stets gute Quellen haben? Ziehen wir daher nur schnurgerade darauf los hin, und wir werden sicher ein reineres und lebendigeres Wasser antreffen, als da ist diese alte, durch das Wasserrad ab- und durchgepeitschte lebende Suppe. – Und seht, wie da eine ganze Menge sich vom großen Bassin heimlich aus dem Staub macht und sich hinzieht gegen die Berge. Dieses ist schon ein günstiges Zeichen. Aber wir wollen uns dessen unbeachtet noch bei unserem Wasserbassin aufhalten und da noch ein wenig zusehen, was alles da noch vor sich geht.
GS|1|15|11|0|Bemerkt ihr nicht unter den Ufergästen eine ziemliche Menge solcher, die mit tüchtigen Fernrohren versehen sind, und beobachten von allen Seiten das Rad und erblicken, dass dessen Schaufeln schon sehr morsch und schadhaft geworden sind. Über die Hälfte derselben fehlt schon gänzlich. Was folgt wohl aus dem? Wir wollen unsere Betrachter ein wenig behorchen, was sie so untereinander sprechen.
GS|1|15|12|0|Seht, da sind eben ein paar recht Scharfsinnige; sie reden mit heiterer Miene. Hört, es lautet so, der erste spricht: Sieh, was hab ich denn gesagt? Der Zeitpunkt ist eingetreten, diesen Hauptschreiern geht nun der Faden aus. Das Rad können sie nicht stillhalten, um demselben neue Schaufeln einzusetzen, denn würden sie solches tun, so wird das Wasser im Bassin auch stehen bleiben, und ein jeder törichter Wasserfahrer würde dann ja bald die Nichtlebendigkeit des Wassers mit den Händen greifen. Und stark treiben dürfen sie das Rad auch nicht mehr, sonst brechen demselben noch die wenigen lecken Schaufeln ab. Wenn aber solches gar sicher geschieht, dann sage mir, lieber Freund, wie wird es hernach mit der Lebendigkeit des Wassers aussehen? Denn das schaufellose Rad wird dasselbe bei einer [noch] so schnellen Umdrehung so wenig mehr zu einer Rundbewegung nötigen und ihm eine scheinbare Lebendigkeit verleihen als diejenigen unserer Gedanken, die wir noch nicht gedacht haben.
GS|1|15|13|0|Und der zweite spricht: Bruder, ich merke ganz fein, wo die Sache hinauswill. Wenn die Kahnfahrer merken werden, wie es jetzt schon, meiner Betrachtung nach, sehr häufig der Fall ist, dass das Wasser in seiner Bewegung immer träger und träger wird, so werden sie sich zum Teil überzeugen, dass es mit der Lebendigkeit dieses Wassers seine geweisten Wege hat, nämlich ans Ufer heraus. Teils aber werden sie sich zufolge des geringen Widerstandes dem sogenannten Heiligtum nähern und werden dort wenigstens mit ihrer Nase erfahren, was wir hier vom Ufer aus gar deutlich ausnehmen, nämlich was es für eine Bewandtnis hat mit dem so überaus angepriesenen mächtigen Rad. Du weißt es, die hochtrabenden Interessenten sagen von selbem, es ist für alle Zeiten der Zeiten völlig unschadhaft und hat daher immer die gleiche Gewalt, das Wasser lebendig zu machen. Was werden diese dann wohl sagen, wenn sie die Schaufeln nachzählen werden, und werden einen solchen Mangel zu ihrem Erstaunen entdecken und werden noch hinzu gewahr werden die tüchtige und sehr bedeutende Schadhaftigkeit der noch vorhandenen Schaufeln am blinden Rad? Bist du nicht mit mir einverstanden? Sie werden ihre Kähne schnell von dem Radgerüst wegwenden und ans Ufer steuern.
GS|1|15|14|0|Und der andere spricht: Das wird etwa doch so klar sein wie die Sonne am hellen Mittag; besonders wenn das gegen die Ufer heraus zu wenig bewegte Wasser ihren Nasen etwas sagen wird, welches ungefähr so lauten möchte: Hört, ihr meine Schiffleute! Macht euch hurtig über meine Fläche hinweg, sonst lauft ihr Gefahr, am Ende statt über ein lebendiges Gewässer über eine stark übelriechende Pfütze zu fahren!
GS|1|15|15|0|Wie gefällt euch dieses Zweigespräch? Ich meine, dass es nicht übel sei. Aber es gibt noch eine andere Partei am Ufer. Diese laviert mit kleinen Stangen herum die Tiefe des Bassins, fährt mit leeren Kähnen nach allen Richtungen herum, und tut dabei, als wäre sie ein rechtmäßiger lebendiger Wasser-Fahrer. Aber seht, dort steigen soeben einige solche Bassingrund-Visierer heraus und fangen da an, ein wichtiges Gespräch miteinander zu führen. Begebt euch hin und hört, was lauter sie miteinander sprechen.
GS|1|15|16|0|Hört, der erste spricht: Ich habe es ja immer gesagt, diese ganze Rundlacke ist ein überseichtes Zeug, das Wasser ist nur künstlich dunkel gemacht, hat aber in sich selbst durchaus gar keine Tiefe. Weil dieses Wasser eben eine leicht in Fäulung übergehende Beimischung hat, so musste es freilich wohl fleißig gerührt werden, um seinen äußeren lebendigen Anstrich so gut als möglich zu erhalten. Nun wissen wir aber, wie es mit der Sache steht; daher sind wir auch über alles im Klaren. Was meint ihr denn, auf welche Weise wäre denn da dieser lange andauernden Torheit zu steuern?
GS|1|15|17|0|Hört, ein anderer spricht: Auf zweifache Art; seht, die Wasserradinteressenten sind ohnehin von tausend Ängsten befangen und wissen sich nicht mehr Rat zu verschaffen, auf welche Weise sie das alte, morsche Rad wieder ausbessern können. Was ist da nun leichter zu tun, als eine heimliche Mine machen und ihnen auf die schönste Weise gegen die Niederung hinab ihr tolles Wasser abzapfen. Wenn sie in ihrem Bassin kein Wasser mehr haben werden, dann können sie ihr Rad herumtreiben wie sie wollen, und ihr könnt versichert sein, alle die gegenwärtig sich noch auf der Oberfläche des Wassers herumtreibenden Kahnfahrer werden mit großer Hast dem sicheren Ufer zurennen und sich allda überzeugen, dass allenthalben des Lebens in großer Menge vorhanden ist.
GS|1|15|18|0|Und hört, ein dritter spricht: Habt ihr aber nie gehört, an der Stelle, da das Rad sich befindet, soll im Ernst eine lebendige Wasserquelle sein? Wenn man sich derselben bemächtigen könnte, so wäre das wohl der größte Gewinn. Und hört weiter, ein vierter spricht: Ich bin soeben auf einen sehr guten Einfall gekommen. Wie wäre es denn, wenn wir das Wasserabzapfen stehenließen und führten unsere Mine mit leichter Mühe bis unter das Rad? Und wenn da die lebendige Quelle sich vorfindet, so werden wir sie dadurch unfehlbar an das Tageslicht fördern, allwo sie sich gar bald zufolge ihrer lebendigen Reichhaltigkeit über alle diese weit ausgedehnten Täler und Ebenen gleich einem Meer ausbreiten wird. Und wird solches geschehen, dann sollen diese Radtreiber da ihr Rad herumschleudern, wie sie wollen, und wir sind versichert, dass wir die Narren an den Fingern werden abzählen können, welche sich noch auf das dunkle Gewässer auf den morschen Kähnen werden hineinlullen lassen.
GS|1|15|19|0|Und der erste spricht: Bravo! Bruder, das heißt einen gescheiten Einfall haben! Nur sogleich die Hand ans Werk gelegt, denn umsonst haben sie nicht gerade auf jener Stelle das Rad hingestellt; unter demselben steckt sicher etwas, welches sie ganz gewaltig befürchten, dass es ans Tageslicht käme. Denn sie ahnen dadurch gar wohl ihren Untergang und haben es daher sorglich vermieden und fleißig zugestopft. Aber wir haben den Entschluss gefasst; also ist es in dem Himmel beschlossen, und die Mine wird begonnen angelegt zu werden.
GS|1|15|20|0|Und seht weiter noch: Diese begeben sich mit noch vielen anderen hinab in die Niederung und entdecken da schon auf den ersten Augenblick gleich guten Bergkundigen, Spuren vom Dasein des lebendigen Wassers. Seht, schon stechen sie hinein, und beim ersten Stich entdecken sie schon eine reichliche Quelle, welche sich gleich dem Licht der Sonne gewaltig strahlend hinaus ergießt. Sie graben weiter, legen die Mine größer an; da sie auf kein Gestein stoßen, geht die Arbeit hurtig vor sich.
GS|1|15|21|0|Seht, wie schon aus den vielen aufgefundenen Quellen ein ganzer strahlender Bach sich über die Täler hinab ergießt! Viele, die nicht ferne davon sind, eilen schon nach Möglichkeit zu diesem Bach, der sich dort in ziemlichen Entfernungen schon zu einem bedeutenden See angesammelt hat. Sein Wohlgeruch erfüllt schon weit und breit die Gegend, und seine Ufer werden schon immer bevölkerter und bevölkerter. Nun sind unsere Mineure nur noch ein paar Klafter von der Hauptquelle entfernt. Seht hinein in die überstark erleuchtete Mine, wie sie sich stets mehr und mehr der Hauptquelle nähern.
GS|1|15|22|0|Und seht, jetzt tut einer einen Hauptschlag; die Quelle ist eröffnet! Die Arbeiter trägt sie, mit dem ewigen Leben lohnend, hinaus in die ewig unendliche Freiheit. Mit großer Gewalt und überreicher Fülle stürzt sie sich über alle die Täler und Ebenen hin, Berge reißt sie mit sich fort, und alles, was tot war, macht ihr Gewässer lebendig!
GS|1|15|23|0|Aber seht, nun merken es die Wasserradinteressenten und schreien Zeter auf ihren Wasserradgerüstbühnen! Aber es nützt nichts. Sie treiben das alte Wasserrad kräftig herum, aber es fliegt auch eine morsche Schaufel um die andere hinweg. Die Oberfläche des Wassers an den Ufern herum ist voll leerer Kähne. Alles, was nur Füße hat, drängt sich hinaus zum großen, lebendigen Gewässer. Nur die Wasserradinteressenten sitzen jetzt, wie ihr zu sagen pflegt, im Pfeffer und im eigenen Schlamm. Einige ergreifen die schlechten, abgebrochenen Schaufeln vom Rad und schwimmen selbst, so gut es nur immer gehen kann, hinaus ans glückselige Ufer. Nur für die Hauptinteressenten wird am Ende schier kein Rettungsmittel übrig bleiben, denn die Kähne haben sie alle ans Ufer getrieben, und niemand will ihnen einen zusteuern, auf dass sie sich auf demselben ans Ufer retten möchten. Ihr Gewässer wird gewaltig stinkend, und das lebende Gewässer will sich nicht hineinergießen.
GS|1|15|24|0|Seht, also stehen die Dinge vollkommen; und das ist auch die vollkommene Löse des ganzen geschauten schauerlichen Bildes aus der Sphäre unseres sechsten geistigen Gastfreundes!
GS|1|15|25|0|Ihr versteht nun diese Bilder, und das ist genug; denn auch solches bietet uns der Anblick der geistigen Sonne. Wie ihr habt in der Sonne alle materiellen Verhältnisse mit jeglichem Erdkörper entsprechend angetroffen, also steht es auch ganz besonders mit den geistigen Verhältnissen.
GS|1|15|26|0|Wer aber ist dieser siebte Geist, aus dessen Sphäre ihr nun solches geschaut habt? Seht, es ist ein alter Geist, vorbehalten für diese Zeit; es ist der Geist des Propheten Daniel. Und da wir nun solches wissen, so mögt ihr wieder aus seiner Sphäre treten und euch fürs nächste Mal in die Sphäre eines achten Geistes begeben, der sich uns soeben naht. Und so lassen wir die Sache für heute wieder gut sein!
GS|1|16|1|1|Die Sphäre eines achten Geistes (Swedenborg). Die Weltenuhr, die letzte Zeit und die neue Zeit. Das neue Jerusalem
GS|1|16|1|1|(Am 12. Dezember 1842 von 3 1/2 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|16|1|0|Nun, unser gastlicher Freund ist schon hier; daher tretet nur sogleich in seine Sphäre. Diesen Geist sollt ihr auch wieder in seiner Sphäre sehen und von ihm ein wenig herumgeführt werden. Habt aber wohl Acht auf das, was er euch zeigen und was er euch sagen wird, denn aus dem wird euch so manches bis jetzt noch unrichtig Aufgefasste klar werden. Ihr befindet euch schon in seiner Sphäre, so denn haltet euch auch an ihn; denn er ist ein tüchtiger Wegweiser und ist viel Weisheit in ihm aus Mir. Unterwegs werdet ihr schon noch erfahren, wer ganz eigentlich dieser Geist ist. Und so denn hört ihn nun und folgt ihm auch!
GS|1|16|2|0|Und der Geist spricht soeben zu euch: Kommt, kommt liebe Brüder, nach dem Willen des Herrn; ich will euch führen in das Reich der Wahrheit und in das Reich der Liebe!
GS|1|16|3|0|Seht dort gegen Morgen hin ein überaus majestätisch schönes Gebirge. Und seht, wie die göttliche Sonne, in welcher der Herr ist, schon hoch über dem Gebirge steht, und wie herrlich ihre Strahlen gleich denen einer lieblichen Morgenröte hereinfallen in die Täler und andere Vertiefungen der Welt!
GS|1|16|4|0|Seht auch bei dieser Gelegenheit ein wenig zurück; allda erblickt ihr ein großes Meer, welches gar viele und große Wogen auf seiner Oberfläche bewegt. Über den Wogen erblickt ihr viele Schiffe, die da sind etliche groß und etliche klein. Und seht, wie die Wogen sich her an dem Ufer zudrängen, um diese herrlichen Sonnenstrahlen in sich zu saugen. Und die Schiffe auf dem großen Meer haben auch ihre Segel so gerichtet, dass sie gleich den Wogen dem erleuchteten Ufer zusegeln. Dadurch mögt ihr erkennen die heimliche Kraft der Strahlen aus jener göttlichen Sonne, in welcher der Herr wohnt.
GS|1|16|5|0|Aber nun begeben wir uns auf jenes Gebirge dort; allda wollen wir Dinge von ganz anderer Art schauen und sehen, wie sich alldort artet die göttliche Wahrheit. Ihr fragt und sagt: Aber unser lieber geistiger Freund und Bruder! Jenes glänzende Gebirge scheint gar fern noch zu sein; wie werden wir es sobald erreichen? – O liebe Freunde und Brüder! Sorgt euch dessen nicht, denn unser eigener Wille wird uns alsobald dahin bringen. Ihr wollt mit mir, und seht, wir sind schon an Ort und Stelle!
GS|1|16|6|0|Ihr sagt: O lieber geistiger Freund und Bruder, hier ist es unendlich herrlich, hier möchten wir wohl bleiben; denn so etwas Herrliches, wie diese Aussicht von diesem hohen Gebirge an und für sich ist, ist wohl noch nie in einen unserer Sinne auch nur ahnungsweise gekommen.
GS|1|16|7|0|Ihr erblickt alldort gegen Mittag etwas Sonderbares und wisst euch nicht zu raten, was es ist. Ihr seht wohl an einer vom hohen Firmament herabhängenden Goldstange eine Sonne hängen, und diese bewegt sich ernst langsam gleich einem Uhrperpendikel hin und her. Ihr möchtet wohl wissen, was das sei? Ich aber sage euch: Bewegen wir uns nur näher hin, und ihr sollt der Sache alsbald auf die Spur kommen.
GS|1|16|8|0|Seht ihr dort hinter diesem großen Sonnenperpendikel ein überaus großes viereckiges Gebäude, welches sich staffelartig und pyramidenförmig eben auch bis unter das hohe scheinbare Himmelsfirmament mit seiner Spitze erhebt? Dorthin wollen wir gehen und dieses Gebäude ein wenig näher beschauen. Die Inschrift auf der einen Seite wird uns vorerst sagen, was es damit für eine Bewandtnis hat. Ihr wollt, und seht, wir sind auch schon an Ort und Stelle!
GS|1|16|9|0|Da seht einmal hinauf. Auf der zehnten Staffelei seht ihr zwei große leuchtende Pyramiden stehen; lest, was auf einer jeden geschrieben steht. Ihr sagt: Die Schrift ist euch unbekannt. Nun wohl denn, so will ich es euch vorlesen. Seht, auf der Pyramide zu unserer linken Seite steht geschrieben: „Das ist der große Zeitmesser für die geschaffenen Dinge.“ Und auf der anderen Pyramide steht: „Einzig richtige Bewegung aller Dinge und Ereignisse nach der göttlichen Ordnung!“ Aus diesen beiden Inschriften werdet ihr nun schon leicht erraten können, was diese Erscheinung besagt.
GS|1|16|10|0|Nun aber erhebt euch mit mir wenigstens bis zur halben Höhe dieses Gebäudes, allda werden wir das Zifferblatt dieser großen Weltenuhr erschauen, und ihr werdet daraus sehr leicht ersehen, um welche Zeit es nun ist!
GS|1|16|11|0|Nun seht, wir sind schon wieder an Ort und Stelle. Ihr wundert euch, dass dieses Zifferblatt nur auf der einen Seite, auf der linken nämlich, mit Ziffern, und zwar ebenso wie eure Uhren von eins bis zwölf bezeichnet ist. Die Seite rechts, welche dem Morgen zugewendet ist, ist aber gänzlich zifferleer. Solches kommt daher, weil hier die abendliche Seite nur das Zeitliche besagt, die gegen Morgen aber das Ewige und somit Geistige.
GS|1|16|12|0|Seht, als alle materielle Schöpfung gegründet ward, da stand dieser große leuchtende Zeiger abwärts auf der Zahl eins, welche ihr noch stark leuchtend erblickt.
GS|1|16|13|0|Wo steht aber dieser Zeiger jetzt? Ihr sagt: Er steht ja schnurgerade aufwärts, und zwar schon nahe am Ende der letzten Zahl. Zwei kleine Punkte hat er noch zu überschreiten, und seine Spitze ist draußen am zifferlosen leuchtenden Feld. – Wisst ihr wohl, was solches bedeutet? Seht, das bedeutet die letzte Zeit!
GS|1|16|14|0|Aber ihr fragt: Werden denn hernach alle Dinge aufhören zu sein, wenn der Zeiger in das freie, weiße Feld hinaustreten wird? – Solches wird uns ein nächstes, höherstehendes Zifferblatt kundgeben. Geht daher mit mir nur um einige Stufen höher!
GS|1|16|15|0|Seht, da ist schon ein anderes Zifferblatt. Was erblickt ihr auf diesem? Ihr sagt: Da erblicken wir ja gerade ein umgekehrtes Verhältnis; die Seite gegen Abend gewendet ist dunkel und zifferlos, die Seite gegen Morgen aber ist hier mit neuen hellleuchtenden Ziffern bezeichnet. Allda aber steht die Einheit zuoberst und die Zahl zwölf zuunterst. Der große Zeiger berührt ja schon die erste Spitze der Einheit, welche da leuchtet wie ein heller Morgenstern. Und jede Ziffer, die da von der Einheit fort nach abwärts den großen Kreis steigt, leuchtet stets mehr und mehr, und der Glanz der letzten Zahl ist gleich dem der Sonne, die dort im Morgen so überaus herrlich strahlt! – Ihr habt die Sache richtig gefunden; aber was besagt sie?
GS|1|16|16|0|Solches sollt ihr sogleich erfahren. Seht, so greift eine alte, finstere Zeit in eine neue, lichte. Darum also werden die Dinge nicht vergehen, sondern es wird ihnen nur eine neue Zeit gegeben werden. Und wie die erste Zeit war eine Zeit des Unterganges, eine Zeit der Nacht, so wird diese kommende Zeit sein eine Zeit des Aufganges und eine Zeit des Tages. Nun begreift ihr dieses große Uhrwerk; und lasst uns darum unsere Blicke wieder von da hinweg wenden, und näher betrachten die Dinge, die da noch um uns in einer endlosen Fülle wunderbarst zu schauen sind.
GS|1|16|17|0|Ihr seht dort gegen Mittag hin ein überaus großes viereckiges Gebäude, welches gleich ist einem überaus großen Würfel; und es hat eine Länge von zwölftausend Klaftern und ist gleich so hoch und so breit, wie es lang ist. In der Höhe auf den vier Ecken erblickt ihr vier riesige Menschengestalten, und zu ihren Füßen seht ihr vier verschiedene Tiere. Wir wollen uns sogleich hinbegeben und sehen, was die ganze Sache ist. Ihr wollt, und so denn sind wir auch schon, wie ihr seht, auf der glänzenden Fläche dieses großen Würfels. Da seht hin, in der Mitte dieser glänzenden Fläche ist noch ein kleiner, überstark leuchtender Würfel, auf dem Würfel liegt ein vollends entsiegeltes Buch.
GS|1|16|18|0|Das siebte Siegel seht ihr ebenfalls schon entsiegelt; und aus diesem Siegel seht ihr entsteigen allerlei riesenhaftes Gebilde. Viele Geister, mit weißen Kleidern angetan und mit großen Posaunen in ihrer Hand, fliehen nach allen Seiten hinaus. Seht, dort stößt einer in die Posaune, und der Posaune entstürzen allerlei, als: Krieg, Teuerung, Hungersnot, Pest. Seht, dort ein anderer stößt in seine Posaune, und dieser entstürzt ein verheerend Feuer; wo es hinfällt, verzehrt es alles, und die härtesten Steine macht es zerfließen wie Wassertropfen auf glühendem Eisen. Seht wieder dort, ein anderer stößt in seine Posaune, und eine große Wasserflut, welche angefüllt ist mit allerlei Geschmeiß, entstürzt derselben; und seht, dort in der Tiefe unten die alte Erde, wie sie ersäuft in dieser Flut. Und seht dort, ein vierter stößt in seine Posaune, und ein großer feuriger Drache stürzt gebunden und geknebelt dort hinab, wo ihr seht in endloser Tiefe ein unermessliches Feuermeer wallen.
GS|1|16|19|0|Aber nun seht die vier großen, riesigen Gestalten an den Ecken; auch sie sind mit großen Posaunen versehen. Seht, der gegen Mitternacht stößt gewaltig in dieselbe; und ein Geist entstürzt der Posaune, mit einer großen Geißel zu züchtigen die Erde. Und seht, der gegen Abend stößt ebenfalls in seine Posaune, und derselben entstürzt ein anderer Geist, einen glühenden und feurigen Besen in seiner Hand tragend, zu fegen das Erdreich vom Unrat. Und seht, dort gegen Mittag stößt der große Geist ebenfalls in seine Posaune, und eine Menge Geister entstürzt derselben mit allerlei Samenkörben versehen, um zu legen eine neue Frucht in das gefegte Erdreich. Und nun seht, der Geist gegen Morgen hin stößt ebenfalls in seine Posaune; derselben entstürzt ein leuchtendes Gewölk. Zahllose Scharen erblickt ihr auf derselben. Zuoberst dieses Gewölkes erblickt ihr ein leuchtendes Kreuz, und auf dem Kreuz steht ein Mensch so sanft, so mild wie ein Lamm!
GS|1|16|20|0|Seht, dieses ist das Zeichen des Menschensohnes. Und somit haben wir auch auf diesem Platz alles gesehen, was euch hier zu sehen und zu schauen zugelassen werden kann. Und das ist alles das Licht der Wahrheit, aus dem ihr diese Dinge schaut.
GS|1|16|21|0|Aber ihr richtet soeben eure Blicke gegen Morgen hin und erschaut zu eurer größten Verwunderung eine überaus herrliche, große Stadt, welche gleich also leuchtet wie die herrliche Sonne über ihr! Ihr möchtet wohl wissen, was diese Stadt ist und möchtet sie auch näher beschauen? Ihr wollt – und seht, die Stadt ist vor unseren Augen!
GS|1|16|22|0|Wie gefällt es euch hier? Ihr sagt: Unendlich, unaussprechlich wohl und gut, denn hier atmen wir ja lauter Liebe; und alles, was wir ansehen, hat einen überaus sanften, milden und liebeatmenden Charakter. Ihr sprecht weiter: Wie herrlich erglänzen die Mauern dieser Stadt; wie überaus erhaben und prachtvoll sind die Tore, und welch ein unbeschreiblich herrliches Licht strahlt [uns] aus jeglichem Tor entgegen! Und welche zahllosen überseligen Engelsgeisterscharen wandeln da aus und ein! Oh, da muss es sich wohl gut wohnen lassen!
GS|1|16|23|0|Ihr sagt, dass ihr wohl auch möchtet das Innere dieser Stadt beschauen. Auch solches könnt ihr nun tun. Aber ich sage euch voraus: Diese Stadt ist so endlos groß, dass wir sie wohl in alle Ewigkeit der Ewigkeiten mit der größten Gedankenschnelligkeit nicht umfassend durchwandern möchten. Denn diese Stadt wird erst groß, ja unendlich stets größer und größer, je tiefer in ihr Inneres jemand dringt. Daher werden wir uns auch bloß nur einem Tor nahen und durch dasselbe einen Blick in das Innere der Stadt tun.
GS|1|16|24|0|Ihr sagt nun: Um des allmächtigen Herrn willen! Welch eine endlose Pracht und welch unübersehbare Häuserreihe! Diese Gasse, die wir hier erblicken, scheint ja eben nimmer ein Ende zu haben. – Ja, ich sage es euch auch: Ihr dürftet durch diese Gasse ewig fortwandeln, und nimmer würdet ihr zu einem entgegengesetzten Ende gelangen; und solche Gassen und Plätze gibt es unzählbar viele in dieser Stadt. Wollt ihr aber wissen, wie diese Stadt heißt, da lest nur die Inschrift über diesem Tor; sie lautet: Die heilige Stadt Gottes, oder das neue Jerusalem.
GS|1|16|25|0|Ich aber, der euch hierhergeführt hat, bin der Geist Swedenborgs; und somit habt ihr auch alles das gesehen, was zu sehen euch vom Herrn aus in meiner Sphäre gegönnt war. Und so kehren wir wieder zurück. Und seht, hier sind wir schon, wo wir ausgegangen sind. Tretet nun aus meiner Sphäre zu Dem hin, der eurer harrt und dessen Name ist: Heilig, heilig, heilig!!! – Nun, ihr seid wieder hier; habt ihr alles euch wohl gemerkt?
GS|1|16|26|0|Ihr bejaht es. Ich aber sage euch: Was ihr noch nicht versteht daran, wird euch zu seiner Zeit, und zwar in der Sphäre des nächsten Geistes leuchtender werden. Und somit gut für heute!
GS|1|17|1|1|Die Sphäre eines neunten Geistes (Evangelist Markus). Geistige Gestaltung der Fleischesliebe
GS|1|17|1|1|(Am 13. Dezember 1842 von 4 1/4 – 7 1/4 Uhr abends.)
GS|1|17|1|0|Auch diesen neunten Geist sollt ihr in seiner Sphäre sehen und sprechen. Er wird euch herumführen in verschiedene Orte, allda ihr so manches erschauen und erkennen werdet, was euch bis jetzt noch fremd geblieben ist. Und aus dem werdet ihr auch so manches bisher Geschaute in einem helleren Licht erblicken.
GS|1|17|2|0|Seht, da unser neuer gastlicher Freund schon dasteht, so begebt euch nur sogleich in seine Sphäre und folgt ihm nach seiner Weisung.
GS|1|17|3|0|Ihr befindet euch nun schon in seiner Sphäre. So achtet denn, was dieser neue Führer zu euch spricht, indem er sagt: Liebe Freunde und Brüder, kommt, kommt mit mir zu schauen, was alles die unendlich große Vatergüte bewirkt und wie lieblich sie ist allenthalben! Freut euch über die Maßen, dass es dem Herrn gefallen hat, eurem Geist solches zu zeigen; denn ihr werdet es mit eigenen Augen erschauen, wie unergründlich die Wege des Herrn sind und wie unerforschlich die Ratschlüsse Seiner unendlichen ewigen Weisheit!
GS|1|17|4|0|Seht links um euch herum, so weit nur eure geistigen Augen reichen, und sagt mir dann, was alles sich euren Augen zeigt. Ich sehe wohl, dass ihr ob der Größe des Anblicks verlegen seid und wisst nicht, wo aus und wo ein, wo anfangen und wo enden! Also will denn ich nach guter Ordnung euch die Dinge, die ihr schaut, wörtlich darstellen.
GS|1|17|5|0|Gegen Mitternacht hin erblickt ihr eine ziemlich kahle Gegend; hohe, schroffe Gebirge türmen sich hintereinander auf und blicken wie drohende Richter in die herrlichen Ebenen herab. Hier und da zwischen den Bergen und auf den kleineren Hügeln entdeckt ihr Gebäude nach der Art eurer Wohnungen auf dem Erdkörper; hier und da, mehr gegen die Niederung herab, steht auch ein kleines Kirchlein. In der höheren Sphäre dieser Berge entdeckt ihr halbdunkle Wolken herumziehen, und über denselben scheinen die Berge aus lauter Schnee und Eis zu bestehen, etwa wie die hohen Gletscher bei euch auf der Erde. Ferner erblickt ihr diese ganze nördliche Gegend von einem großen und breiten Strom abgeschnitten von dieser Gegend, auf der wir uns soeben befinden.
GS|1|17|6|0|Wenn ihr die Richtung dieses Stromes verfolgt, so kommt er aus der Gegend zwischen Morgen und Mitternacht hervor und richtet seinen Lauf nahe halbkreisförmig zwischen Abend und Mitternacht hin. Seine Fluten sind gewaltig wogend und stürmend, darum nur eine einzige fliegende Brücke oder vielmehr ein freies Schiff den Übergang möglich macht für diejenigen Bewohner, die jenseits des Stromes hausen.
GS|1|17|7|0|Ihr möchtet wohl wissen, was das für Bewohner sind? Solches können wir ja sobald erfahren. Geht nur mit mir, der Kahn ist soeben diesseits und wir werden den Strom mit leichter Mühe überfahren. Ihr wollt solches, und seht, wir sind schon am Ufer des Stromes. Steigt nun nur recht beherzt in den Nachen herein, und scheut nicht die schäumenden Wogen, noch die schwarze Tiefe dieses Stromes. Wir werden den Nachen so geschickt leiten, dass uns auch nicht ein Tropfen in denselben hereinkommen soll.
GS|1|17|8|0|Nun denn, ihr seid herinnen. Seht, die Fahrt geht ja besser, als ihr es euch gedacht hättet, denn wir sind schon in der Mitte des Stromes. Erschreckt euch aber nicht vor den Ungeheuern, welche ihre Häupter über die Wogen erheben, ihre Rachen gar gewaltig aufsperren, als wollten sie ganze Welten verschlucken; denn seht, wir sind nahe dem jenseitigen Ufer, und nun haben wir es auch völlig erreicht. Steigt nun ans Land vor mir, und ich will euch folgen und zugleich den Nachen an das Ufer befestigen.
GS|1|17|9|0|Seht, wir sind nun auf dem Land. Dort, ziemlich tief in einem Tal erblickt ihr ein schmutziges Dorf, dorthin lasst uns gehen und beschauen, was es allda gibt. Seht, wir sind schon da; wie gefällt es euch hier? Ihr bekommt ein förmliches Fieber. Ich aber sage euch, da sieht es noch gut aus; es wird aber schon noch besser kommen.
GS|1|17|10|0|Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder! Wir sind schon mit dem zufrieden, denn die überaus schmutzigen Häuser des Dorfes sehen ja aus, als wie bei uns auf der Erde eine Brandstätte, allda ein Dorf in irgendeinem schlechtesten Winkel der Erde abgebrannt wäre. Und die Menschen, die wir hier erblicken, sehen ja doch so lumpig aus, dass man sich auf der Erde nicht leicht etwas Lumpigeres vorzustellen imstande ist. Da kommt eben ein Paar auf uns zu; der Mann ist halb nackt. Die nackten Teile seines Leibes sind überaus abgemagert und schmutzig, und über der Brust scheint er eine Brandwunde zu haben. Die Haare sind ihm auch über die Hälfte wie vom Feuer gesengt; auch das halbe Gesicht scheint verbrannt zu sein. Sein Begleiter scheint ein Weib zu sein. Herr! Welch eine klägliche weibliche Gestalt! Sie sieht ja doch aus, als wenn sie im Ernst schon drei Jahre lang wäre eingegraben gewesen. Nur über die Schultern hängen noch einige überaus schmutzige Lumpen herab und haben das Ansehen, als wenn sie soeben aus einer Kloake wären gezogen worden. Ihre ganz nackten Füße scheinen mehr fleischlose Knochen, als etwa nur einigermaßen befleischte Füße zu sein. Und ihre Arme, o Du lieber gerechter Himmel! Der eine ist ein purer halbverbrannter Skelettarm und der andere ist ja voll Eiter und Geschwüre. Und ihr Kopf, welch eine Physiognomie! Wahrlich, wer aus dieser irgendeinen Charakterzug außer dem des barsten Todes zu entnehmen imstande ist, der muss sich wahrlich in einem hohen Grad der Weisheit befinden.
GS|1|17|11|0|Ja, meine geliebten Freunde und Brüder! Lasst euch diesen Anblick nicht gereuen; denn so sehen hier die Bewohner dieser Gegend noch am vorteilhaftesten aus, und dies ist somit nur ein erster Anfang des großen Elends, welches diese Gegend in sich birgt. Bewegen wir uns aber jetzt in das Dorf selbst hinein, und ihr sollt wahrhafte Wunderdinge schauen.
GS|1|17|12|0|Seht, da ist eben das erste Haus. Seht einmal bei diesem niederen Fenster hinein, was erblickt ihr? Oho, ihr schaudert zurück; was ist es denn? Ich weiß es wohl; seht, hier gibt es keine Parfümeriegewölbe. Ihr seht auf dem Boden dieses Zimmers halbverweste menschliche Wesen durcheinander kauern und in ihrem stinkenden, von den Knochen halb abgelösten und abgefaulten Fleisch herumwühlen. Das ist freilich wohl kein löblicher Anblick. Aber es ist denn einmal nicht anders, denn so artet hier die Liebe des Fleisches.
GS|1|17|13|0|Ihr fragt, ob diese Wesen denn gewöhnlich verloren sind? Ihr wisst ja, wie groß die Liebe und Erbarmung des Herrn ist! Seht, von allen diesen muss ihr Fleisch oder vielmehr ihre fleischliche Lust gänzlich auf die ekelhafteste Weise aufgezehrt sein, bevor sie in einen solchen Zustand kommen können, in welchem für sie eine Hilfe möglich ist.
GS|1|17|14|0|Meint ihr etwa, diese von eurem Blick aus betrachtet höchst elenden Wesen fühlen sich etwa unglücklich in diesem Zustand? O mitnichten! Würden sie das fühlen, so möchten sie auch bald fliehen; denn so viel Kraft hat noch ein jeder, dass er erstehen und sich weiter gegen den Strom hin bewegen kann, dessen Wasser für sie eine reinigende und heilende Kraft hat. Allein die Fleischeslust ist ihr Element; und so nagen sie so lange auf ihrem Fleisch herum, bis es gänzlich verzehrt wird.
GS|1|17|15|0|Ihr fragt: Haben diese Menschen wohl auch etwas zu essen, oder vermögen sie wohl noch irgendeine Speise zu sich zu nehmen? Da kommt nur her zum zweiten Haus und schaut beim Fenster hinein, und ihr sollt sogleich einer Mahlzeit ansichtig werden.
GS|1|17|16|0|Nun, was seht ihr da? Aber ihr könnt doch nichts standhaft ansehen! Warum seid ihr denn gar so plötzlich vom Fenster zurückgesprungen? Ja seht, solches bringt auch die Fleischeslust mit sich. Ihr habt ja schon ein Sprichwort auf eurer Erde, allda manche sagen: Aber dieser und jener und diese und jene haben sich ja zum Fressen gern! Also könnt ihr euch ja hier nicht gar so entsetzen, so ihr gesehen habt, dass die Einwohner dieses Hauses gegenseitig ihre abgefaulten Fleischteile, welche voll Motten und Würmer waren, aufzehrten. So muss sich ja das Fleisch verzehren, wenn je noch das Fünklein besseren Geistes in ihnen soll frei werden.
GS|1|17|17|0|Ihr fragt nun wieder, ob denn diese unglückseligsten Wesen keine Beschäftigung haben? Seht, auch solches werden wir erblicken. Da ist schon wieder ein anderes Haus. Seht da nur bei diesem halbzerfallenen Fenster hinein, und ihr werdet sogleich eine Beschäftigung der Bewohner dieses Hauses erblicken. Aber ihr flieht schon wieder vom Fenster hinweg. Was gibt es denn da schon wieder, das euch gar so schnell vom Fenster hinweg getrieben hat? Ist denn das was gar so Außerordentliches, wenn man im wahren Licht erschaut, wie die Bewohner dieses Hauses aus der stinkenden Bodenkloake abgelöste und halbverweste Fleischfetzen herausziehen, dieselben noch um die kahlen Knochen wickeln, und wenn sie irgendein Knochengestell wieder mit solchen vereiterten Fleischfetzen umwickelt haben, sodann sobald wieder der sinnlichen Begattung gedenken, und strengen alle ihre Kräfte an, um dadurch sich noch einen wollüstig fleischlichen Genuss zu verschaffen.
GS|1|17|18|0|Warum wundert ihr euch denn gar so sehr über diesen Anblick? Geht es denn auf der Erde besser? O ihr solltet nur so manches zarte Fleisch mit den geistigen Augen betrachten können, welches auf der Erde so viel Aufsehen macht, und ihr würdet noch bei weitem größere Wunder erblicken denn hier!
GS|1|17|19|0|Ihr fragt: Haben denn diese armen Wesen gar keinen Begriff vom Herrn und auch gar keine Sehnsucht nach Ihm? Da geht nur ein wenig vorwärts; seht, allda steht etwas auf einem Hügel wie eine schmutzige Ruine irgendeines Bethauses. Wir wollen uns derselben nähern; wer weiß, was alles Merkwürdiges wir darin entdecken werden! Seht, hier rückwärts gegen den Berg ist eine freilich wohl schon etwas verfallene Eingangspforte. Wir brauchen nur hineinzuschauen, und wir werden über eure Frage sogleich die gehörige Antwort bekommen. Na, ihr fallt ja hier gar zurück. Was habt ihr denn da gar so Wunderliches erblickt?
GS|1|17|20|0|Ihr könnt ja kaum atmen, geschweige erst reden. Also müsst ihrs nicht immer machen, sonst werden wir in dieser unserer Wanderung eben nicht so bald ans Ende gelangen; denn was ihr hier gesehen habt, ist nichts mehr und nichts weniger als ganz natürlich. Denkt nur einmal nach; der fleischig sinnliche und begierliche Mensch trägt solches ja allenthalben mit sich herum. Wenn er auch in ein Bethaus geht, so mag er ansehen, was er will, und seine Fleischliebe wird dabei fortwährend tätig sein. Jeder Gegenstand wird von ihr nach ihrer Art bemalt; und so wird sich auch an jedem Gegenstand solch ekelhafte Liebe geistig erschauen lassen, den so ein sinnlich begierlicher Mensch nur immer angeblickt hat. Aus diesem Grund habt ihr auch in dieser Art Bethaus an der Stelle des Altars nichts als lauter beiderseitige Geschlechtsteile erblickt; ja ein überaus mager gestelltes kleinwinziges Kruzifixlein war von allen Seiten her mit solchen Lustteilen behangen und verziert. Und ihr habt sogar auch einige Menschen darin erschaut, welche wie in einem Kunstmuseum in diesem Bethaus sich herumschleppten und ihre Augen an den obgesagten Kunstgegenständen wie ganz in dieselben versunken und vertieft weideten.
GS|1|17|21|0|Findet ihr etwa solches übertrieben? Ich sage euch: Da ist nicht die geringste Übertreibung, sondern die allerprunkloseste und buchstäblichste Wahrheit; denn so gibt es ja eine übergroße Menge Menschen bei euch auf der Erde, die wohl dann und wann des Herrn gedenken, besonders so sie irgendein geschnitztes Bild sehen, das Ihn freilich wohl nur grob außenmateriellst darstellt; wie lang aber dauert solche Erinnerung? Nur ein Blick auf ein auf irgendeiner Seite befindliches reizendes Weiberfleischchen, und sobald wird die Erinnerung an den Herrn wie dessen Bildnis mit allerlei reizenden Fleischteilen behangen und durchwebt sein! Auf der Erde verbirgt solches die Haut; aber für den Geist steht dies alles in der nackten Beschaulichkeit offen da.
GS|1|17|22|0|Ihr fragt: Lieber Freund! Da tiefer in diesen schmutzigen Graben hinein gibt es ja noch eine Menge also verzweifelt zierlich aussehender Kneipen; ist da etwa eine Fortsetzung von diesen fleischlichen Löblichkeiten? – Meine lieben Freunde und Brüder! Es kommt bloß auf eine Probe an! Wir wollen, um auch diese Frage zu lösen, noch ein paar solche Paläste beschauen, und ich bin der Meinung, ihr werdet genug haben und für die noch übrigen, wie ihr seht, zahlreichen Palästchen sicher keine weitere Frage mehr stellen. Seht, wir sind schon bei einem. Blickt nur hinein, und ihr werdet euch erstaunen, was alles ihr da auf einen Blick erschauen werdet. Na, na, ihr fangt euch ja gar an hier zu krümmen, als wenn euch eine grimmige Kolik erfasst hätte! Was ist es denn? Ich finde nichts Neues; es sind ja Erscheinungen von eurer Erde, ganz so, wie sie dort vorkommen. Ihr seht hier nichts anderes als eine Menge Weiber über schmutzigen Brettern liegend, die noch ganz passabel fleischig aussehen. Nur der alleinige Umstand, dass ganz wütend sinnlich aussehende und wirklich seiende männliche Wesen zwischen den Weibern herumgehen und mit spitzigen Messern Löcher in das Fleisch der Weiber hineinschneiden und sodann in diese frischen Wunden ihre Genitalien applizieren; ferner dass Weiber den Männern die Hände binden, sie dann an einen Pfahl mit einem Strick befestigen, sich dann über die männlichen Geschlechtsteile hermachen und dieselben wie mit glühenden Zähnen zerfleischen, und dass noch ferner wieder umgekehrt die Männer den Weibern die Brüste ausreißen und dieselben an ihre Geschlechtsteile hängen, ja manche sogar schon am ganzen Leib mit solchen ausgerissenen weiblichen Brüsten behangen sind, und dass dieses Schandwerk freilich wohl gar stark blutig aussieht, ist aber auch alles, worüber ihr euch so entsetzt, also der ganze Umstand! Ihr sagt nun: Nein aber das ist denn doch etwas übertrieben! – Ich sage euch aber: Mitnichten; denn wenn ihr auf eurer Erde die fleischliche Begierde, wie verschieden dieselbe artet, nur auf einem Flächenraum von einer Quadratmeile mit geistigen Augen beschauen könntet, ihr würdet noch ganz andere Dinge zu sehen bekommen. Ihr könnt es glauben, wenn so manchen Erdbewohner nicht mit Strafen sanktionierte staatliche und bürgerliche Gesetze abhalten würden, wahrlich, ihr würdet Wunderdinge schauen, welch wahrhaft höllischer Erfindungen voll die fleischliche Lust ans helle Tageslicht treten würde!
GS|1|17|23|0|Habt ihr noch Lust, das nächste Haus schon zu beschauen? Ihr schüttelt mit eurem Kopf, und so will ich euch denn auch nicht weiterführen, sondern sage euch nur kurzweg, dass ihr nichts Besseres, sondern stets nur Schlimmeres erschauen würdet. So würdet ihr z. B. schon in dem nächsten Haus alle möglichen Arten von den sogenannten Knabenschändungen erblicken. Wenn ihr weiterdringen würdet, da würdet ihr erschauen, wie allda junge Mägde dort von Fleischsüchtigen zur Unzucht verleitet und verlockt werden. Da aber jedoch der Anblick der ferneren fleischlichen Gräuel euch mehr schaden als nützen könnte, so ist es besser, dass ihr solches nicht schaut.
GS|1|17|24|0|Solches aber muss ich euch dennoch berichten, dass, je weiter man da hineindringt, man die Menschen dem außen nach gewisserart noch stets fleischiger und vollkommener erblickt als dort weiter gegen den Strom zu. Der Grund liegt darin, weil diejenigen gegen den Strom zu schon mehr enthüllt und ihres Fleisches lediger sind denn diese, die da tiefer hinein wohnen.
GS|1|17|25|0|Seht nur dahin, recht weit in diesen schmutzigen Graben hinein, da werdet ihr sogar einige mehrere Häuser in Flammen erblicken. Ihr fragt: Was bedeutet denn solches? – Das bedeutet, dass dort diese fleischliche Lust in Böses ausartet, welches da ähnlich ist der Eifersucht bei euch auf der Erde. In ein solches Haus dürftet ihr nicht hineinblicken; denn ein solcher Anblick würde euch in unvorbereitetem Zustand das Leben kosten! Somit haben wir in dieser Schlucht auch nichts mehr zu tun, und wollen uns daher fürs nächste Mal einem anderen Dorf nähern, und werden da sehen, wie es etwa dort zugeht. Ich sage euch: Macht euch ja etwa keine gute Hoffnung; denn allda werden wir noch ganz andere Dinge zu schauen bekommen! Und so lasst es gut sein!
GS|1|18|1|1|Geistige Gestaltung der Habsucht
GS|1|18|1|1|(Am 14. Dezember 1842 von 4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|18|1|0|Bevor wir uns diesem anderen Tal nähern, will ich euch noch eine Frage, die ihr an mich gestellt habt, kurz beantworten. Ihr möchtet wohl wissen, ob solches nicht etwa gar die Hölle ist, was ihr da gesehen habt. Ich kann euch darauf weder ja noch nein zur Antwort geben, sondern euch nur sagen, dass solches, was ihr da gesehen habt, wohl höllischer Art ist, aber die Hölle an und für sich nicht; denn was sich da zeigt, ist nichts anderes, als eine für sich abgeschlossene Anschauung des Lasters, vorzugsweise in Hinsicht auf die Begierlichkeit des Menschen. Allda ihr gesehen habt die verzehrtesten Wesen, allda ist auch das Laster schon in ähnlichem Zustand; allda ihr aber noch vollkommenere Erscheinungen fleischlich tätig gesehen habt, da ist die Lastertatkraft aus der argen Begierde heraus auch noch mit der Lastertätigkeitsfähigkeit mehr und mehr und mehr verbunden. Solches gibt sich ja auf eurer Erde klar und deutlich kund; denn ihr werdet doch schon gar sicher auf Menschen gekommen sein, die durch vielfaches Sündigen ihre fleischliche Natur so ganz und gar verwüstend herabgestimmt haben, dass sie dieselbe durch alle künstlerischen Reizmittel nicht wieder mehr für einen völligen Fleischeslustgenuss zu erwecken imstande sind. Seht, solche erscheinen hier im Vordergrund, weil sie dann und wann doch einen Gedanken in sich aufkommen lassen, der ihnen die Nichtigkeit und Vergänglichkeit alles solchen Genusses zeigt. Im Hintergrund aber habt ihr erschaut diejenigen, wo die Kraft der Begierde auch mit der Lastertatkraft mehr und mehr im Einklang steht. Da seht nur ähnliche Menschen auf der Erde; so lange sie noch bei solchen Kräften sind, wie sie förmlich hasardieren und, wie ihr zu sagen pflegt, das sogenannte Schindluder treiben mit ihrem Leib.
GS|1|18|2|0|Aus diesen könnt ihr nun ersehen, dass das von euch Geschaute weder die Hölle noch die Nichthölle, sondern nur das Höllischgeartete des Lasters erscheinlich ist. Und da wir nun solches wissen, so verfügen wir uns mit eben dieser Kenntnis zum nächsten vorbesagten Tal.
GS|1|18|3|0|Seht, dieses Tal ist von diesem uns bekannten nur durch einen niederen und ziemlich schmutzigen Gebirgsrücken getrennt. Wir dürfen somit nur diesen übersteigen, und wir werden sobald das Wesen des anderen Tales erschauen. Ihr wollt es, und seht, wir sind schon auf der Höhe des Bergrückens. Seht da unten das neue Dorf; wie gefällt es euch? Ihr sagt: In der Entfernung nimmt es sich beinahe besser aus, als das vorige; nur der Umstand, dass es sich mehr abendlich befindet, lässt uns nicht viel Gutes erwarten von selbem. – Ja, ja, ihr habt recht; so wird es auch sein.
GS|1|18|4|0|Ihr fragt mich, warum denn diese Gebäude viel größer sind und im Ganzen viel respektabler denn die des früheren Dorfes. Ich sage euch: Bewegen wir uns nur sogleich hinab in das Dorf, und zwar zu seinem Anfang, und ihr werdet sobald die Antwort auf eure Frage finden. – Nun, da wären wir schon vor dem ersten Haus. Es hat eine nach vornehinaus abgerundete und schmutzigweiß übertünchte Wand, hat aber kein Fenster wie auch keinen Eingang von dieser vorderen Seite. Ihr fragt: Warum denn solches? – Weil diese Seite dem Morgen zugekehrt ist, und dieser ist ein Gräuel für die Bewohner dieses Dorfes. Sonach müssen wir uns schon ein wenig hinter das Gebäude begeben, welches freilich wohl etwas bergan steht, um den Inhalt eines solchen Wohnhauses zu erspähen. Seht, da ist schon ein geräumiges Fenster; seht einmal hinein und sagt mir, was ihr da erblickt habt.
GS|1|18|5|0|Oho, ihr fallt gleich beim ersten Haus schon zurück. Was wird es dann erst beim nächsten Haus mit euch für eine Bewandtnis haben? Ihr sagt ganz erstaunt: Um Gotteswillen, das ist unerhört, unmenschlich, undenkbar! Im Hintergrund saß auf einer breiten Bank ein förmliches menschliches Ungeheuer. Es hatte eine übermenschliche Dicke, einen mehr als das halbe Zimmer einnehmenden und gar abscheulich herabhängenden Bauch; vom Hals saß eine schmutzige Fettwurst auf der anderen. Vor ihm standen eine Menge ganz abgemagerter Skelettmenschen und drängten sich zu diesem allergrauslichsten Fettwanst hin und baten ihn, dass er sie auffressen möchte! Und wirklich hatte dieses Ungeheuer auf einem starken Tisch vor sich mehrere schon ganz abgemagerte Menschengerippe. Einige aber im Hintergrund fluchten diesem Ungeheuer und wollten wütend auf dasselbe losstürzen. Aber sie wurden abgehalten von denjenigen, welchen das Ungeheuer versprach, von ihrem Fleisch auch etwas zu verzehren und dasselbe in sein Fett zu verwandeln.
GS|1|18|6|0|Ihr fragt nun freilich: Was soll es denn mit diesem sonderbar gräuelhaftesten Bild für eine Bewandtnis haben? Solches mag begreifen, wer es will; wir begreifen es einmal nicht. – Ich aber sage euch, meine lieben Brüder und Freunde, wenn ihr solches nicht auf den ersten Augenblick begreift und fasst, so müsst ihr ja völlig blind auf eurer Erde herumwandeln.
GS|1|18|7|0|Ist das nicht ein ganz vortreffliches Bild eines Wucherers, und ganz besonders eines selbstsüchtigen Hauptindustrieritters, der sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat, alles aufzuspeisen, was ihn nur immer zinserträglich umgibt? Bestimmt einmal die sättigende Grenze eines solchen Wucherers; geht seine Begierlichkeit nicht ins Unendliche? Würde er sich wohl nur das geringste Gewissen machen, so er die Schätze und Reichtümer der ganzen Welt an sich zu reißen vermöchte? Wird er wohl eine Träne vergießen, wenn er das Leben aller Witwen und Waisen der Erde an sich reißend aufzehren könnte?
GS|1|18|8|0|Ja ich sage euch: Die Armen laufen noch haufenweise zu ihm hin und opfern ihm all ihre Habe und Kräfte; für den schnödesten Sold lassen sie sich von ihm nahe ganz aufreiben und aufzehren. Andere tragen ihre wenigen Schätze zu ihm hin und preisen sich glücklich, so er dieselben nur gegen einen elenden Zins angenommen hat. Ja viele Betrogene gehen so weit, dass sie es förmlich für eine Notwendigkeit einsehen, dass sie von ihm nach Gestalt der Dinge ohne sein Verschulden haben geprellt werden müssen.
GS|1|18|9|0|Einige ebenfalls Habsüchtige, aber dabei doch weltlich unkluge arme Teufel, die Lumperei dieses Reichen einsehend, drohen ihm mit der Vernichtung und mit dem Tod. Allein die Interessenten unseres Wucherers, einsehend, dass sie mit dem Tod desselben noch eher zugrunde gingen denn also bei der vollkommenen Sättigung desselben, verhindern so viel als möglich einen solchen Gewaltstreich.
GS|1|18|10|0|Nun, was sagt ihr denn nun zu diesem Bild? Ist es nicht vortrefflich und zeigt dieses Laster im enthüllten Zustand, wie es ist? Solches aber ist nur ein gutmütiger Anfang. Gehen wir daher zum nächsten, etwas größeren Haus und betrachten desselben Inhalt; und ihr werdet sehen, unsere Sache wird sich, wie gesagt, immer besser machen.
GS|1|18|11|0|Seht, wir sind schon am rechten Fenster. Ihr müsst recht scharf hineinsehen; denn weil das Haus größer ist, und, wie ihr seht, von rückwärts nur zwei verhältnismäßig kleine, schmutzige Fenster hat, darum ist es inwendig bedeutend finster. Also darum nur scharf geschaut! Habt ihr schon gesehen, was sich da drinnen alles vorfindet? Ihr bebt zurück; das gilt mir schon für ein sicheres Zeichen, dass ihr den Inhalt gehörig gesehen habt. Aber ihr könnt nicht reden. Ich will es euch auch recht gerne glauben, denn dergleichen Anblicke machen selbst uns starke Geister gewaltig stutzen und das besonders aus dem Grund, weil sie eben jetzt stets vielfältiger und großartiger werden. Ich sehe aber hier, dass es notwendig sein wird, euch das Geschaute vorzusagen, weil ihr für ein solches Bild nicht leichtlich die rechten Worte finden dürftet.
GS|1|18|12|0|Ihr sahet hier ebenfalls im Hintergrund ein ganz scheußlich fett gemästetes Wesen. Dieses Wesen hatte einen ganz entsetzlich aufgetriebenen Bauch, sein Kopf hatte einen großen Rachen gleich dem einer Hyäne, seine Arme waren gestaltet wie ein Paar allerkräftigste Riesenschlangen, seine Füße waren gleich denen eines Bären. Auf seinem überaus großen Bauch war eine Art Altar aufgerichtet. In der Mitte dieses Altars ging ein zweischneidiger Spieß in die Höhe. Auf diesem Spieß erblicktet ihr eine Menge abgemagerter Menschenwesen aufgesteckt. Ein Schlangenarm war stets beschäftigt, die Gespießten vom Spieß herabzunehmen und sie dem Rachen des Vielfraßes zuzuführen. Ein anderer Schlangenarm griff stets nach allen Seiten herum nach den armseligen, in dieses schauerliche Gemach unglücklich verbannten Menschen, und den nächsten besten, den er ergriff, erdrückte er und schleuderte ihn dann auf den Spieß seines Bauchaltars. Das große Jammern der Unglücklichen machte seinen Arm nur umso tätiger. Seht, das ist das Bild, das ihr geschaut habt.
GS|1|18|13|0|Wie gefällt es euch? Ihr sagt: Ganz entsetzlich grauenerregend schlecht! – Und ihr sagt ferner: Das ist denn doch etwas zu stark. Auf der Erde geht es zwar arg zu; aber was dieses Bild betrifft, so scheint es doch offenbar eine bedeutende Übertreibung zu sein!
GS|1|18|14|0|Ich sage euch aber: Hier ist weder zu viel noch zu wenig, sondern allzeit die nackte Wahrheit. Blickt nur auf eurer Erde diejenigen Handelsindustriehelden an. Nehmt einen Maßstab und bemesst den Rachen der Habsucht an denselben. Dann prüft seine Arme, wie dieselben beschaffen sind, und ihr werdet finden, ob sie nicht völlig diesen gleichen. Der eine ist beschäftigt, stets einzuscharren, der andere, auf allen Wegen durch Schlauheit, List oder Gewalt Beute zu machen. Wenn er gar leichtlich einen Fang gemacht hat, so wird dieser sogleich als ein Opfer der Habsucht auf den euch schon bekannten Altar gesteckt.
GS|1|18|15|0|Aber ihr fragt: Warum befindet sich denn dieser Altar gerade auf dem Bauch dieses Ungeheuers? – Weil unter dem Bauch zu verstehen ist die allerschmutzigste Art der Habsucht, Selbstsucht und Eigenliebe. Der große Bauch bezeichnet die übermäßige Art solcher Liebe, und der Altar auf dem Bauch bezeichnet das weltlich Ehrsame und Erhabene und somit die stolze und hochmütige Art dergleichen großartiger Industrieritter.
GS|1|18|16|0|Was bedeutet denn das aufgestellte zweischneidige Schwert oder der Spieß am Altar? Solches solltet ihr wohl auf den ersten Augenblick erraten; habt ihr denn noch nie etwas vom Handels- und Wechselrecht gehört? Seht, da ist es auf dem Altar! Daher darf sich nur irgendein armseliges Wesen fangen lassen, so wird es ergriffen und ohne alle Gnade, Schonung und Pardon auf das Recht hinaufgesteckt und somit mit solchem Recht sogleich zu Tode gespießt.
GS|1|18|17|0|Ihr fragt noch: Wer sind denn dann die vielen Armseligen, die da fleißig abgefangen werden, und warum ist der Spieß zweischneidig? – Die vielen Armseligen sind allerlei Menschen. Ein Teil, die dem Fang zunächst ausgestellt sind, sind die Kleinhändler, ein Teil, welche ihre Produkte notgedrungen an einen solchen Großspekulanten abliefern müssen, ein dritter Teil sind allerlei arme auswärtige Völker, die mit solch einem Haus in Handelsverbindungen stehen, ein vierter Teil sind andere kauflustige Menschen, ein fünfter Teil anderweitige Handelskompagnons, ein sechster Teil die dem Haus dienende Klasse und noch ein siebter Teil sind solche, die unter allerlei Rücksichten und Beziehungen von einem solchen Haus abhängen. Für alle diese Klassen ist der zweischneidige Spieß in steter Bereitschaft. Aber wir hätten bald vergessen, was die doppelte Schneide des Spießes bedeutet.
GS|1|18|18|0|Solches ist ja doch auch leicht mit den Händen zu greifen. Die eine Seite bedeutet die kaufmännische Handelspolitik. Was bedeutet denn dann die zweite Schneide? Dasjenige, worauf sich die Handelspolitik stützt. Worauf stützt sie sich aber? Auf das ihr eingeräumte Recht, jeden Zweig ihrer Handlung so zu ergreifen, dass es ihr die sicheren Wucherprozente abwirft. Versteht ihr solches? Solltet ihr solches nicht genau verstehen, so schlagt irgend nach und sagt es mir, wo dem Handelsstand der Gewinn gesetzlich vorgeschrieben ist? Also schneidet der Spieß auf beiden Seiten; fürs Erste durch die euch wohlbekannte kaufmännische Politik und auf der anderen Seite durch die unbeschränkte Gewinnsucht; und diese beiden Schneiden sind mit dem Handelsrecht so eng verbunden wie die zwei Schneiden mit einem Schwert. Nun seht, ist das Bild nicht treffend und zeigt, wie ich gesagt habe, nicht mehr und nicht weniger als die nackte Wahrheit?
GS|1|18|19|0|Ihr sagt nun: Das Bild ist richtig; aber hier bleibt uns auch kein Zweifel mehr übrig, dass es ganz rein in die unterste Hölle gehört! – Ihr habt im Grunde nicht ganz unrecht, allein, es bleibt beim früheren Ausspruch. Denn dieses alles bezeichnet nur ganz für sich allein das Laster, ohne darauf abzusehen auf diejenigen Personen, welche solch ein Laster wirklich verüben. Daher ist es also höllischer Art, aber nicht wirklich die Hölle selbst; denn würdet ihr solches in der wirklichen Hölle zu schauen bekommen, da erginge es euch ganz anders schon bei einem fernen Anblick, als es euch hier ergeht in der vollen Nähe eines solchen Lasterbildes.
GS|1|18|20|0|Seht, es gibt noch eine Menge solcher Häuser in dieser schmutzigen Schlucht. Aber da in denselben das Laster der Habsucht stets innerlicher und daher ums Unaussprechliche gräuelhafter dargestellt wird, und ihr schon den nächsten Anblick nicht mehr ertragen würdet, so lassen wir die Sache mit diesen zwei geschauten Häusern beschlossen sein. Denn wenn dieses Laster erst in die Sphäre der brennend habsüchtigen Eifersucht übergeht, da wird es dann aber auch schon ganz rein höllisch und ist somit nicht geeignet für eure schwachen Augen. Daher wollen wir uns fürs nächste Mal lieber in ein drittes Tal begeben; allda werden wir noch ganz neue Erscheinungen zu Gesicht bekommen, und so lassen wir es für heute bei dem bewendet sein!
GS|1|19|1|1|Geistige Gestaltung der Herrschsucht
GS|1|19|1|1|(Am 15. Dezember 1842 4 1/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|1|19|1|0|Um dieses dritte Tal zu erreichen, werden wir wieder nichts zu tun haben, als uns über diesen freilich wohl etwas höheren Gebirgsrücken zu begeben. Ihr wollt, und seht, wir sind schon auf der Höhe. Da seht nur hinab, noch mehr gegen Abend, und das besagte nächste Dorf kann euren Blicken nicht entgehen.
GS|1|19|2|0|Ihr sagt und fragt: Lieber Freund und Bruder! Außer einigen plumpen Erdaufwürfen können wir nichts entdecken, das da einem Dorf gliche. – Ich sage euch aber: Ihr seht schon ohnehin recht; denn seht nur hinein, so weit ihr es vermögt, in den stets enger und finsterer werdenden Graben, und ihr werdet dergleichen Erdaufwürfe in großer Menge entdecken. – Ihr sagt: Da kann ja doch niemand darin wohnen unter was immer für einer Lastergestalt. – Ich aber sage euch: Lasst die Sache nur gut sein! Bis wir diese Erdaufwürfe erst vollends werden erreicht haben, wird sich die Sache sogleich anders gestalten. Und so ihr denn wollt, da begeben wir uns hinab.
GS|1|19|3|0|Nun seht, wir wären da, und zwar vor dem ersten Erdaufwurf. Was sagt ihr dazu? Ihr zuckt mit den Achseln; ich aber sage euch: Tretet nur ein wenig näher, aber nicht gar zu nahe, so werdet ihr sobald mit dem Achselzucken aufhören. Ihr fragt, warum ihr denn da nicht gar zu nahe hinzutreten dürftet zu solch einem ganz unschuldig scheinenden Erdaufwurf. Auch darüber werdet ihr bei der gerechten Annäherung sogleich den gehörigen Aufschluss bekommen; und so denn tretet ein wenig näher!
GS|1|19|4|0|Warum springt ihr denn gar so gewaltig zurück? Ich habe es euch ja gesagt, dass diese Erdaufwürfe nicht so leer sind, als sie dem Auge von einer Entfernung erscheinen. Ihr sagt jetzt: Aber um Gottes willen! Was ist solches? Wie wir uns nur um ein paar Schritte diesem Erdhaufen mehr genaht haben, da steckte sobald eine Anzahl der uns bekannten giftigsten Schlangen ihre Köpfe aus den kleinen unsichtbaren Löchern heraus und sperrten ihren giftigen Rachen auf. Und wahrhaftig, wenn wir nicht so schnell davongesprungen wären, so wären sie sicher auf uns losgestürzt und hätten uns einen tüchtigen Schaden zufügen können. Sind denn diese Erdhaufen lauter Schlangenwohnungen? Gibt es da nirgends etwas dem Menschen Ähnliches?
GS|1|19|5|0|Ich sage euch: Um solches zu erfahren, müssen wir diesen Erdhaufen von der nördlichen Seite betrachten, wo er aber freilich wohl am allergefährlichsten zugänglich ist. Daher müsst ihr hinter mir einhergehen und ganz verstohlen hinter meinem Rücken hervorblicken, und ihr werdet dann schon das Rechte erschauen. Also kommt! Seht, wir sind schon an der rechten Stelle. Nun merkt wohl, da zuunterst des Erdhaufens geht ein Loch in denselben, nach der Art eines Fuchsgeschleifes [Fuchsbau] bei euch; da seht recht genau hinein, und ihr werdet sobald etwas anderes erblicken. Wenn ihr aber etwas erschaut habt, und möge es von noch so entsetzlicher Art sein, da müsst ihr euch aber dennoch ganz still und ruhig verhalten, denn eine zu heftige Bewegung oder ein unzeitiges Angstgeschrei könnte die Folge haben, dass wir alle allerreichlichst die Flucht ergreifen müssten.
GS|1|19|6|0|Nun, habt ihr schon hineingesehen? Ihr bejaht es ganz dumpf; nun ist’s gut. Bevor wir die Sache ausmachen wollen, begeben wir uns nur so schnell als möglich so hübsch fern von dem Haufen. Denn in der Nähe ist nicht gut reden darüber, denn dieser Erdhaufen hat viele tausend Ohren ausgesteckt und ist auf der Lauer; daher kann man nur in einer gerechten Entfernung über sein Verhältnis sprechen. Erzählt mir nun, was ihr gesehen habt.
GS|1|19|7|0|Ihr sagt: O lieber Freund und Bruder! Schrecklich, überschrecklich, ja entsetzlich war der Anblick! Im Hintergrund sahen wir ein Wesen kauern, dieses hatte das Aussehen eines allerscheußlichsten und schrecklichsten Drachens. Dieser Drache hatte wohl einen menschenähnlichen Kopf, aber anstatt der Haare war eine unzählige Menge der giftigsten Schlangen zu sehen, welche sich nach allen Seiten herum krümmten und herumschauten mit ihren feurigen Augen, ob sich kein Raub oder keine Beute dieser schauerlichen Wohnung nahe.
GS|1|19|8|0|Mehr gegen den Vordergrund an den Wänden herum sahen wir dann wieder eine Menge elender menschlicher Gestalten, welche an Händen und Füßen mit Ketten geknebelt waren. Und eine Menge freier Schlangen kroch um dieselben herum, biss ihnen die Adern auf und saugte ihnen das Blut heraus. Das scheußliche Wesen im Hintergrund aber hatte in seiner rechten, mit einer Schlange umwundenen Hand ein glühendes Schwert und in der anderen Hand wie eine zusammengewundene Schriftrolle. Diese Rolle entblätterte nicht selten eine Schlange, die da umwunden war um seinen linken Arm, und züngelte in der entblätterten Schriftrolle herum, als wollte sie das im Hintergrund sitzende Ungeheuer auf etwas ganz besonders aufmerksam machen. Nach solchem Akt sahen wir, dass aus einem finsteren Hintergrund von einer Menge Schlangen sobald mehrere höchst unglücklich scheinende menschliche Wesen hervorgezogen wurden. Über diese schwang das im Hintergrund sitzende Ungeheuer alsbald sein glühendes Schwert, zerfleischte einige, und andere aber ließ es durch die Schlangen, die da Menschenarme hatten, wieder mit Ketten belegen und den anderen beigesellen. Solches haben wir gesehen, und nicht mehr und nicht weniger.
GS|1|19|9|0|Ich sage euch: Noch ums Unbegreifliche viel Ärgeres, als dieses Bild es bezeichnet, gibt es in eben dieser Hinsicht auf der Erde. Ratet aber nun einmal, was da unter diesem Bild für ein Laster steckt? Seht, dieses Bild entspricht der weltlich tyrannischen Herrschsuchtspolitik. Alles, was sich der Herrschsucht nähert, nähert sich auch dem Inwendigen nach ganz charakteristisch diesem Bild. Ihr dürft aber darunter nicht etwa die weise Staatsklugheit gerechter, von Gott gesalbter Regenten und Könige verstehen, welche natürlicherweise ihre Völker überwachen müssen, damit die Völker durch ihre gegenseitige große Bosheit sich nicht entweder allzu sehr verderben oder gänzlich zugrunde richten; sondern unter dem Bild wird nur diejenige höllische Verschmitztheit verstanden, so Menschen, was immer für eines Standes oder Ranges, sich auf dem Weg der schändlichsten Kriecherei suchen irgendeinen Herrschposten zu verschaffen; und haben sie sich irgendeinen solchen verschafft, so verschanzen sie sich sogleich mit einer nach außen scheinenden Demut, Unansehnlichkeit und vollster Anspruchslosigkeit. Aber diese ihre Wohnung ist voll lauschender Schlangen, welche da gleich sind den kriechenden, allerverschmitztesten geheimen Spionen, welche auf das Sorgfältigste nach außen herumblicken, ob sich nichts Gefährliches einer solchen anscheinenden Anspruchslosigkeit verderblich nahen möchte. Hat sich etwas genaht, so wird dasselbe sogleich ergriffen und durch ein verdecktes, geheimes Geschleif vor den anspruchslosen Inhaber dieser Wohnung gebracht. Dass es einer solchen Beute in solch einer anspruchslosen Wohnung nicht am besten ergeht, solches habt ihr in dem Bild gesehen. Die Schlangen auf dem Kopf statt der Haare bezeichnen das rastlose Streben nach noch stets größerer Gewalt. Das glühende Schwert in einer Hand, welche mit einer Schlange umwunden ist, bezeichnet eine erschlichene Herrscherstelle, d. h. irgendein Amt oder Fach, welches solch einen Herrschsüchtigen berechtigt, die ihm anvertraute Macht auszuüben. Dass das Schwert glühend ist, bezeichnet die unerbittliche Strenge oder das tyrannische Wesen. Dass die Hand mit einer Schlange umwunden ist, bezeichnet, dass solch ein Schwert mit großer Schlauheit gehandhabt wird. Die Rolle in der linken Hand, welche Hand ebenfalls mit einer Schlange umwunden ist, bedeutet die Verschmitztheit solch eines Herrschsüchtlers, in deren [dessen] Plan niemand hineinblicken darf als nur seine große Schlauheit.
GS|1|19|10|0|Dass ihr die Menschen habt mit Schlangen aus einem Hintergrund hervorschleppen gesehen, besagt, dass des Tyrannen vielfache Schlauheit sie gefangengenommen hat. Die großen Schlangen mit den Menschenarmen, welche den Gefangenen die Ketten anlegen, sind die gedungenen Helfershelfer des Tyrannen. Die Ketten aber bezeigen den vollkommenen Sklavenzustand derjenigen, die unter dem Schwerte einer [eines] solchen stehen.
GS|1|19|11|0|Nun hätten wir alles entziffert. Aber ihr sagt: Das Bild scheint zwar richtig, aber bei allem dem dennoch etwas stark aufgetragen zu sein. – Ich will euch nur auf einzelne Beispiele aufmerksam machen, deren die Erde besonders in eurer jetzigen Zeit in großer Fülle besitzt, und ihr werdet daraus gar leicht ersehen, ob dieses Bild zu viel sagt.
GS|1|19|12|0|Damit ihr aber nicht lange zu denken braucht, so mache ich euch fürs Erste auf alle die bösartigen Meuterer aufmerksam, welche zumeist von höherem Standpunkt ausgehend, sich nach der Durchführung ihrer bösen Pläne zu den größten Scheusalen der Menschheit aufgeworfen haben. Robespierre ist noch bei weitem nicht der Ärgste unter den zahllos vielen, welche die arme Menschheit der Erde vielfach leiblich und geistlich ins namenlose Unglück gestürzt haben. Und eben solche wahrhaft höllisch-satanische Politik von dergleichen Menschen wird unter diesem Bild nur oberflächlich gezeigt.
GS|1|19|13|0|Wenn es rätlich wäre, euch diese in den tiefer liegenden Erdaufwürfen zu zeigen, wahrlich, ihr könnt es mir glauben, schon bei dem nächsten Haufen wäre auch der Beherzteste aus euch nicht imstande, nur einen Buchstaben mehr auf das Papier zu bringen. Denn solches alles gehört der alleruntersten und somit auch bösartigsten Hölle an. Ihr habt von der Höhe hinabgesehen, welch eine große Menge solcher Erdaufwürfe diese schaudererregende Talschlucht in sich enthält. Darüber kann ich euch nur das sagen, dass es in einem jeden Erdaufwurf ums Zehntausendfache ärger zugeht als in einem vorhergehenden.
GS|1|19|14|0|Und solches ist genug. Denn ich muss es euch offen gestehen: Nur die allermächtigsten Engelsgeister, welche mit aller möglichen Kraft vom Herrn eigens dazu ausgerüstet werden, können unbeschädigt dieses Tal passieren; ich aber möchte mit euch nicht einmal bis zum dritten Erdaufwurf dringen. Denn solange solche Herrschsucht nur Weltliches im Auge führt, wie ihr es in diesem ersten Erdaufwurf gesehen habt, so lange ist es dem Geistigen bei gehöriger Vorsicht auch nicht schädlich. So aber, was schon beim zweiten Erdaufwurf ziemlich stark der Fall ist, diese Herrschsucht auch ins Geistige ihre Schlangenarme streckt, da muss sich auch schon ein jeder Geist gar streng in Acht nehmen, sich einem solchen Erdaufwurf ja nicht zu nahen! Und so denn wollen wir uns mit der Aussicht dieses Tales vollends zufriedenstellen. Für das nächste Mal aber will ich euch in dieser nördlichen Gegend auf eine sichere und günstige Anhöhe führen, von welcher aus wir einen allgemeinen Überblick über die mannigfachen Verhältnisse eben dieser nördlichen Gegend werfen wollen. Und somit gut für heute!
GS|1|20|1|1|Gang zur Hölle
GS|1|20|1|1|(Am 16. Dezember 1842 von 4 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|20|1|0|Um aber auf diese günstige Anhöhe zu gelangen, werden wir uns gegen die morgige Seite dieser allgemeinen Nordgegend ziehen und von dort aus erst unsere Höhe besteigen. Denn die Gegend mehr nordwärts hin ist zu sehr ungeheuer, um in selbiger irgendeine Reise weiter fortsetzen zu können, und zudem werden wir sie von der Höhe ohnedies auch überblicken können. Und so denn begebt euch mit mir, und wir wollen nach geistiger Art sobald als möglich an Ort und Stelle sein.
GS|1|20|2|0|Seht, wir sind schon da beim ersten Tal, und da seht hin zu dem Fluss, allda werdet ihr das uns zuvor begegnete Paar erschauen, wie sich dasselbe in dem Wasser des Flusses reinigt und zum Teil auch schon ein merklich besseres Aussehen gewinnt. Ihr fragt, was solches bezeichne?
GS|1|20|3|0|Solches bezeichnet denjenigen Zustand des Menschen, so er dieses fleischlichen Lasters satt und müde geworden ist und bekommt dann eine reuige Sehnsucht, sich zu bessern, solcher Sünde völlig zu entsagen und sich darum nach aller Möglichkeit zu reinigen von allem Übel der Sünde. Ihr seht, wie schwer solche Reinigung ist. Und wenige Buchten hat dieser Strom, welche für solche, wie ihr zu sagen pflegt, abgelebte Sünder zugänglich sind. Und da darf er sich ja nicht so weit hineinwagen. Denn fürs Erste sind die Fluten des Stromes zu reißend und zugleich von solchen Erscheinlichkeiten, die solche Büßer zu verschlingen drohen.
GS|1|20|4|0|Wenn sie aber mutig in ihrer Bucht beharren, so werden sie aber dennoch immer stärker und geheilter, bekommen endlich stets mehr Mut, und wenn sie zur vollen Kraft gelangt sind, so können sie sich gegen den Strom aufwärts bewegen nach der Richtung hin zwischen Morgen und Mitternacht, von wannen der Strom herkommt. Und wenn sie sich bis dahin gebracht haben, wo ihr vor uns in ziemlicher Ferne zu beiden Seiten des Flusses einen Hügel erblickt, so habt ihr die einzige Brücke über diesen Fluss erreicht, über welche sie an das jenseitige Ufer und sodann in die abendliche Gegend gelangen können.
GS|1|20|5|0|Was es da mit der abendlichen Gegend für eine nähere Bewandtnis hat, werden wir dann gar wohl erkennen, wenn wir dieselbe sogleich nach dieser nördlichen Gegend bereisen werden. Da ihr nun solches wisst, so lasst uns sogleich auf unsere bedingte Höhe uns erheben, um von da diese Nordgegend näher zu beschauen.
GS|1|20|6|0|Ihr fragt schon wieder, ob man von da diese Höhe nicht erblicken kann? O ja, seht nur da hinauf in der ziemlichen Ferne jene höchste weißlich-graue Gebirgskuppe; das ist unser bestimmter Standpunkt. Es graut euch wohl ein wenig vor solch einer schwindelnd hohen Gebirgsspitze. Allein solches tut nichts zum Schaden der Sache, denn wir werden sie ebenso leicht ersteigen wie diesen Punkt, auf dem wir gegenwärtig stehen, und so ihr wollt, machen wir uns auf den Weg. Ihr wollt, und seht, wir sind schon an Ort und Stelle. Seht, es ist ziemlich viel Raum auf dieser Spitze; nur müsst ihr euch nicht allzu sehr einem oder dem anderen Rand nahen und besonders demjenigen am allerwenigsten, der da nach dem tieferen, wie ihr seht, ganz stockfinsteren Norden zugewendet ist.
GS|1|20|7|0|Und so tretet denn hierher zu mir und seht da hinab. Seht die drei Gräben in ziemlicher Ferne von uns dort gegen Abend hin; es sind die uns schon bekannten. Aber nach diesen dreien erblickt ihr noch sieben; und wenn ihr recht genau schaut, so werdet ihr sie voll Löcher erblicken, aus welchen sich ein graudunkler Rauch erhebt. Ihr fragt, was solches bezeichne?
GS|1|20|8|0|Solches bezeichnet jenen Zustand des Menschen in seinem Leibesleben, der da das Wahre kennt, dasselbe absichtlich ins Falsche kehrt, und dann aus seiner inneren Bosheit dagegen handelt. Die Löcher, die da offen stehen gegen das einfallende Licht vom Mittag her, bezeichnen die Erkenntnis der wirklichen Wahrheit; der entstiegene Rauch aus diesen Löchern aber bezeichnet die freiwillkürliche Verkehrung göttlicher Wahrheit in eitel Falsches. Das verborgene Feuer, dem dieser Rauch entsteigt, aber ist das verborgene Grundböse, das da folgt dem höchsten Grad der Eigenliebe und der daraus hervorgehenden Herrschsucht. Aus diesem Grundbösen heraus wird aller gute Same des Lichtes in den Samen des Unkrautes verwandelt. Und dieses Unkraut wird dann von diesem Feuer entzündet, verbrannt und löst sich dann in diesen euch sichtbaren Rauch auf.
GS|1|20|9|0|Diese sieben Täler erblickt ihr auch durch Gebirgsrücken voneinander abgesondert, und einen jeden Gebirgsrücken seht ihr bestehen aus zehn Hügeln. Ein jeder Hügel ist wie mit einer Kapelle geziert. Was bedeutet wohl dieses? Diese zehn Hügel bezeichnen allenthalben das erhabene mosaische Gesetz. Die Kapellen auf den Hügeln bezeichnen die Weisheit dieses Gesetzes, die sieben Täler, durch welche diese Hügelreihen abgesondert sind, aber bezeichnen das Siebengesetz der Nächstenliebe.
GS|1|20|10|0|Nun aber seht ihr in ebendiesen Tälern unter einem jeden solchen Hügel ein dampfendes Loch gehen. Solches besagt die Untergrabung des göttlichen Gesetzes und die gänzliche Verfinsterung und Zugrundrichtung der Nächstenliebe, welches alles zusammengenommen die große Hurerei zu Babel benamst wird. Dieser Rauch aber ist ärger denn alle Pestilenz. Wer ihn einmal eingesogen hat, der wird sobald so sehr betäubt und blind gemacht, dass er nicht nur im Tal selbst keine freie Stelle finden kann, sondern er kann sich drehen wie er will, und er mag nicht diejenige Stelle verlassen, auf welcher er von dem Rauch verpestet wurde.
GS|1|20|11|0|Ihr fragt: Was dann mit einem solchen? – Blickt nur genauer hinab, und ihr werdet leichtlich erschauen, wie aus den freilich wohl verschlossenen Kapellen rettende Wesen in die Tiefe eilen und sich solchen Bedampften nahen und sie von der Stelle hinwegziehen auf freiere Plätze. Aber, wie ihr auch seht, nur wenige lassen sich weiterbringen, die meisten aber beharren ganz eigensinnig auf ihrem Standpunkt und lassen sich eher von den schwarzen Boten, die diesen Löchern entsteigen, in diese Löcher geleiten, als dass sie möchten dem rettenden Zug der stets wachenden Bewohner dieser Kapellen folgen.
GS|1|20|12|0|Seht, das ist so das eigentliche Bild eurer gegenwärtigen Welt und bezeichnet das Wesen aller Lasterhaftigkeit bei Leibesleben der Menschen auf der Erde.
GS|1|20|13|0|Ihr seht aber diesen hohen Gebirgszug endlos weit diese mitternächtliche Vorgegend trennen von der wahren finsteren Mitternacht, welche ihr hinter unserem Rücken allschauerlichst und schrecklichst erschauen mögt.
GS|1|20|14|0|Bevor wir aber noch in diesen Hintergrund einen Blick senden wollen, werden wir noch unsere Blicke gegen die morgendliche Seite hinabsenden.
GS|1|20|15|0|Seht, da erblickt ihr nach unseren schon bekannten drei Mitteltälern, d. h. denjenigen, die wir persönlich besucht haben, ebenfalls sieben Täler. Diese stehen im Verhältnis zu den von uns soeben abendlich beschauten, wie ihr seht, ums Bedeutende höher und sind allenthalben mit ziemlichen Dörfern bevölkert. Aber ihr seht auch mit nur ein wenig angestrengten Augen gar leicht, wie da nirgends eine rechte Ordnung anzutreffen ist. Nirgends zeigt sich viel Lebendiges. Die Äcker seht ihr zumeist brach liegen, und da noch ein Weizen- und Kornfeld ist, ragt allenthalben mehr denn drei Vierteile [Viertel] Unkraut über das edle Getreide empor. In dem letzten Tal gegen Morgen hin nur sieht es ein wenig besser aus; aber selbst allda ist noch mehr Unordnung als Ordnung zu erschauen.
GS|1|20|16|0|Zugleich erschaut ihr auch auf den ähnlichen Hügeln zwischen den Tälern wie gegen den Abend hin Kapellen; aber nur sehr wenige, wenn ihr recht genau schaut, seht ihr zu denselben hinaufwandeln. Die wohlwollenden Kapellwächter haben zwar so viel als möglich allenthalben die bequemsten Wege angelegt; aber selbst diese sind den Bewohnern dieser Dörfer viel zu unbequem und viel zu beschwerlich. Und wie ihr seht, die schönen Gärten um die Kapellchen herum, vollbesetzt mit guten Fruchtbäumen, und die schöne Aussicht von diesen Hügeln hinüber über den Strom in die glücklichen Gefilde des ewigen Morgens vermögen diese langweiligen Siebenschläfer nicht dahin zu bringen, dass sie sich aus ihren Schlafwinkeln erheben möchten und wandeln hinauf zu diesen Kapellchen.
GS|1|20|17|0|Ihr sagt: Solches ist alles richtig, und wir sehen es mit unseren Augen. Aber was besagt denn solches?
GS|1|20|18|0|Liebe Brüder und Freunde! Hier bin ich der Meinung, dass ihr solches wohl auf den ersten Augenblick erkennen solltet. Und so will ich euch denn darüber nichts anderes sagen, als das nur, was der Herr zu Johannes gesprochen hat bezüglich der Gemeinde von Sardes, allda Er sagte: „Weil du weder kalt noch warm bist, sondern lau, so will ich dich aus Meinem Munde speien.“ Mehr brauche ich wahrlich nicht; vergleicht nur eure sogenannte gute oder bessere Welt mit diesem Bild, und ihr werdet es ganz buchstäblich bestätigend wahr finden.
GS|1|20|19|0|Heißt es nicht auf der Welt: Ich tue ja ohnehin nichts Schlechtes; was gehen mich demnach die sogenannten göttlichen Gebote an? Wenn ich ruhig bin und niemandem schade, was will man denn noch mehr von mir? Seht, unter diesem Grundsatz liegt die ganze Bevölkerung dieser Gegend in ihren Kneipen drinnen und kümmert sich nicht eins um das andere. Wenn da jemand geht und um Hilfe ruft, so kommt ihm entweder niemand zu Hilfe, oder es raunt ihm jemand aus irgendeinem solchen Schlafwinkel zu: Helfe dir selbst, so gut du kannst, ich werde mir auch selbst helfen, so mir was fehlt. Du gehst mich nichts an und ich dich nichts, ein jeder kümmere sich für sich.
GS|1|20|20|0|Seht, aus diesem könnt ihr eure Welt sicher gar leicht erkennen. Aber wo befindet sie sich? Ihr seht, dass sie fürs Erste so gut von diesem verhängnisvollen Strom von allen glücklichen Gefilden abgeschnitten ist wie die anderen gar argen Gegenden, und fürs Zweite stößt diese Gegend ebenso allernächst an dieses Grenzgebirge zwischen Dies- und Jenseits als diejenige Gegend, die wir gegen Abend hin betrachtet haben. Und wie ihr alle diese Täler seht, so mündet am Ende ein jedes an dieses hohen Gebirges Wand in einen finsteren sogenannten Tunnel oder unterirdischen Gang, welcher schnurgerade in dieses überaus finstere Jenseits führt, das sich nun hinter unserem Rücken befindet.
GS|1|20|21|0|Ihr fragt: Was ist dieses? – Ich aber sage euch: Indem wir die Vorgegend betrachtet haben, so wenden wir uns schnurgerade ein wenig um. Und blickt in diese jenseitige Gegend, und drei kurze Blicke werden euch mehr sagen, als ihr wissen möchtet.
GS|1|20|22|0|Nun, ihr habt euch umgedreht; was habt ihr da erblickt? Ihr sagt: Vorderhand noch nichts als eine stets dichter und dichter werdende Nacht. – Blickt noch einmal; was seht ihr jetzt?
GS|1|20|23|0|Oho, jetzt schreit ihr: Schrecklich, schrecklich, und Elend über Elend! Wir sehen nichts als ein Feuer um das andere und glühende Schlangen sich krümmen in den Flammen. – Gut, jetzt blickt aber noch einmal; was seht ihr jetzt? Dieser Anblick, wie ich sehe, lässt euch kein Wort mehr finden; und jetzt sage ich euch: Das sich auf euren dritten Blick eurem Auge gezeigt hat, das ist der erste Grad der wirklichen Hölle! Es gibt noch einen zweiten und einen dritten. Solchen aber mögt ihr nicht erschauen; denn schon ein allerkürzester Blick würde euch das Leben kosten, denn alldort wohnt schon der allerintensivste Tod. Solches aber habe ich euch darum gezeigt, damit ihr entnehmen mögt, wohin die unterirdischen Gänge aus all diesen Tälern unwiderruflich führen!
GS|1|20|24|0|Wie schwer dem Geist, ja dem materiell bösartig schweren Geist der Rückweg wird, solches mögt ihr aus der unermesslichen Tiefe gar leicht ersehen, die sich von diesem Gebirgsrücken allersteilst hinabzieht in einen ewig finsteren Abgrund. Mehr braucht ihr vorderhand davon nicht zu wissen.
GS|1|20|25|0|Dieser Standpunkt, auf dem wir uns befinden, aber ist jene freie Höhe des Menschen bei seinem Leibesleben, von welcher aus er gleichermaßen das Wahre und das Falsche, das Gute und das Böse vom Grunde aus in sich erkennt.
GS|1|20|26|0|Wer auf dieser Höhe ist, der hat des Lebens wahre Bedeutung gefunden und kann nimmerdar verloren gehen, außer er müsste nur gleich einem Wahnsinnigen sich hinabstürzen aus dieser Höhe in den Abgrund. Solches wird er aber doch bleiben lassen. Und so denn begeben wir uns wieder von dieser Höhe hinab, allda der Nachen unser harrt. Ihr wollt, und seht, wir sind schon wieder an Ort und Stelle.
GS|1|20|27|0|Steigt nur sobald hinein, und ich werde ihn loslösen und euch wieder an das jenseitige glückliche Ufer führen. Ihr seid darinnen, der Nachen ist gelöst und die Fahrt beginnt.
GS|1|20|28|0|Seht, diesmal tauchen noch mehrere Ungeheuer auf und drohen uns zu verschlingen, denn bei der früheren Überfahrt. Allein seht, da ist schon das glückliche Ufer, jetzt mögen sie ihre Zähne in den Nachen schlagen, wir sind im Trockenen! Und so denn wollen wir von hier aus uns gegen Abend wenden und denselben besichtigen. Doch werden wir unsere Tritte in diese bessere Gegend erst das nächste Mal setzen. Und somit gut für heute!
GS|1|21|1|1|Besuch in der abendlichen Gegend. Wohnort von Christen, welche im alleinigen Glauben die Rechtfertigung suchten. Wohnort von rechtschaffenen Heiden
GS|1|21|1|1|(Am 17. Dezember 1842 von 4 1/2 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|21|1|0|Seht, da ist schon ein recht guter Weg, diesen wollen wir ganz gemütlich fortwandeln. So ihr da hinüberblickt über die linke Hand, so erschaut ihr als Begrenzung einer weitgedehnten Ebene ziemlich hohe, aber dabei doch sanft abgerundete Gebirgszüge, welche gar schön bewachsen sind mit Zedern und allerlei anderen herrlichen Bäumen. Die Scheitel sind allenthalben frei und jeglicher ist mit einer Pyramide geziert, über deren Spitze allenthalben ein heller Stern leuchtet. Wenn ihr aber hier gerade voraus schaut, so erblickt ihr ein breites Tal, welches sich ganz gerade fortzieht und überall, so weit eure Augen reichen, recht fruchtbar aussieht. An verschiedenen Stellen dieses Tales erblickt ihr auch gar niedlich schöne Gebäude und seht recht emsig Menschen aus- und eingehen und seht auch, wie gar viele recht emsig tätig sind mit der Kultur der Felder. Nicht wahr, da kommt es euch beinahe vor, als wenn ihr auf der Erde in einem schönen Tal fortwandeln möchtet, in welchem ebenfalls friedliche Landleute ihre Felder recht emsig bebauen und bearbeiten.
GS|1|21|2|0|Wenn ihr eure Blicke auf die rechte Seite hinüberwendet, so erschaut ihr ebenfalls eine weit, ja unabsehbar weit gedehnte Gebirgskette, deren Niederungen ebenfalls mit guten Bäumen überwachsen sind, und hier und da zeigt sich eine landmännische Wohnung. Aber über den Waldungen erhebt sich ein außerordentlich schroffes Steingebirge, dessen oberste Scheitel mit ewigem Schnee und Eis bedeckt sind.
GS|1|21|3|0|Ihr sagt: Die Gegend ist wunderherrlich und schön, nur fehlt hier und da ein See oder irgendein schöner, breiter Strom. Wäre solches auch noch in dieser Gegend vorhanden, so könnte man sich nicht leichtlich eine anmutigere und zugleich auch romantisch schönere Gegend vorstellen, als diese da ist.
GS|1|21|4|0|Ich aber sage euch, meine lieben Brüder und Freunde! Habt nur eine kleine Geduld, wir werden gar bald auch dergleichen in der allerreichlichsten Menge antreffen, denn wir gehen sehr geschwind und sind in dieser abendlichen Gegend über alle eure Begriffe weit vorgedrungen. Seht euch nur einmal um und bemesst die linke Seite nach dem sanften, mit Pyramiden gezierten Gebirgszug, und ihr werdet sogleich gewahr werden, wie weit wir schon vorgedrungen sind.
GS|1|21|5|0|Ihr sagt: Aber wie ist denn das möglich? Wir können ja kein Ende dieses Gebirgszuges mehr erblicken, und es kommt uns vor, als ziehe sich dasselbe endlos weit hinter uns fort. In weitester Ferne erblicken wir nur kaum noch die schönen Sterne über den Pyramiden gleich beleuchteten Sonnenstäubchen schimmern. – Ja, liebe Brüder und Freunde, hierzulande reist man außerordentlich schnell, ohne dass der Reisende die Schnelligkeit seiner Bewegung merkt. Dessen ungeachtet wir auch, wie ihr seht, ganz gemächlich Schritt für Schritt wandeln, ist aber unsere Bewegung dennoch so außerordentlich schnell, dass sich von dieser Schnelligkeit auf der Erde niemand einen Begriff machen kann. Ihr könnt es glauben: Wenn es euch möglich wäre, leiblicher Weise diese Schnelligkeit auszuüben, so würdet ihr dadurch in einem Augenblick viele Milliarden Sonnenweltgebiete durchzucken. Wie aber solches möglich ist, darüber werden wir schon noch ein Wort wechseln.
GS|1|21|6|0|Nun kehren wir unsere Blicke wieder vorwärts und setzen ganz ruhig wieder unsere Reise fort. Ihr fragt mich: Was ist denn dort im tiefsten Hintergrund für eine schimmernde Fläche, über welcher sich im noch tieferen Hintergrund am etwas abendlich dunklen Firmamente eine Menge recht hell leuchtender Sterne zeigt? – Geduldet euch nur; wir werden schon noch dahin kommen. Seht euch aber etwas rechts um und sagt mir, wie euch solches behagt? Ich lese euren Beifall aus euren Augen. Ist das nicht ein See, wie sich’s gebührt?
GS|1|21|7|0|Seht die Menge der schönen Inseln, welche sich über die ruhige und reine Wasseroberfläche erheben, wie sie alle bebaut sind und eine jede Insel noch dazu mit einem niedlichen Haus geziert ist. Und seht, die vielen schönen Fahrzeuge auf dem Wasser, wie dieselben recht wohl bevölkert sind und sich von einer Insel zur anderen bewegen. Ihr wundert euch, ihr seht noch nicht den hundertsten Teil; je weiter wir vorwärts dringen werden, desto ausgedehnter wird er auch.
GS|1|21|8|0|Aber wie ihr seht, das linke Ufer bildet noch immer eine breite Talgegend bis zur linken Gebirgskette hin, und wir haben noch eine gute Weile zu wandeln, bis wir dieses Tal mehr eingeengt, dafür aber den See mehr ausgebreitet vor uns erschauen werden. Seht, da auf einem schönen grünen Hügel zu unserer linken Seite befindet sich ein recht schöner Tempel mit einem goldenen Dach. Und wie ihr seht, befindet sich auch eine Menge Menschen in diesem offenen Tempel. Ihr möchtet wohl wissen, was sie da tun?
GS|1|21|9|0|Seht aber da nur an das nahe Seeufer, allda entsteigt soeben einem niedlichen Wasserfahrzeug eine Gesellschaft, die sich ebenfalls zu diesem Tempel hinbegeben wird. Fragt sie nur, und wir werden von ihnen sogleich erfahren, was sie zu diesem Tempel hinzieht. So ihr euch aber nicht getraut, da will ich ja solches auch wohl tun; und so habt denn Acht! Ich will einen anreden.
GS|1|21|10|0|Höre, guter Freund und Bruder im Herrn! Was zieht euch hin in den Tempel, der da erbaut ist auf der Höhe des grünen Hügels? – Er antwortet: Freund und Bruder in dem Herrn, wie du sagst, woher bist du, dass du solches nicht wissest? – Ich entgegne: Was siehst du dahin, woher ich komme? – Er antwortet: Ich sehe dahin gegen Morgen. – Ich entgegne: Gut, so du gegen Morgen siehst, daher ich komme, wie magst mich fragen, woher ich komme? Ich aber will es derer wegen, die mit mir sind, dass du mir gegenüber offener Sprache sein sollst.
GS|1|21|11|0|Der Gefragte verneigt sich und spricht: Mächtiger Bote des Herrn! Ein Weiser von Morgen her, sicherlich ein dir wohlbekannter Bruder, lehrt hier die Liebe des Herrn; darum gehen wir hin, um zu hören solche hohe Weisheit. – Ich sage zu ihm: Wie lange seid ihr schon unsterbliche Bewohner dieser Inseln? – Er spricht: Mächtiger Bote des Herrn! Wir bewohnen diese Gegend nach entsprechender Weltrechnung schon über hundert Jahre. – Ich entgegne: Mögt ihr denn nicht dem Morgen näher rücken?
GS|1|21|12|0|Er spricht: Wir sind des Weges unkundig. Diese Insel aber ward uns beschieden zur Wohnung und zu unserem Unterhalt. Es kam niemand, der uns weiterbrächte, und uns gebrach es allzeit am Mut, dass wir aus eigenem Antrieb solch eine uns endlos weit vorkommende Reise hätten unternehmen können. Denn die Weiseren unter uns sagen, dass der Morgen, dessen Licht wir von hier aus wohl erblicken, endlos weit entfernt ist. Darum gedenken wir, dass solcher für unsere Kräfte nimmerdar zu erreichen ist, und es bleibt uns daher nichts übrig, als unsere große Sehnsucht dahin so viel als möglich zu beschwichtigen. Zudem aber noch denken wir, dass dieses, was wir hier besitzen, schon viel zu viel ist für uns, und ist alles pure Gnade und Erbarmung des Herrn; und darum sind wir auch dankbarst zufrieden mit dem. Nur eines möchten wir einmal genießen, und wir wären für ewige Zeit ums Unendliche glücklicher, und dieses eine wäre, dass wir nur einmal den Herrn zu sehen bekämen!
GS|1|21|13|0|Und ich entgegne: Also zieht nur hin in den Tempel, da die Liebe zum Herrn gelehrt wird; diese ist der Weg, auf welchem sich euch der Herr nahen wird. Seht, die Gesellschaft zieht nun schon eilend hin über die schönen Felder zum Tempel.
GS|1|21|14|0|Ihr fragt mich: Welcher Klasse Menschen haben denn diese bei ihrem Leibesleben auf der Erde angehört? – Ich sage euch: Das sind die sogenannten gläubigen Christen, welche in dem alleinigen Glauben die Rechtfertigung suchten und die Liebe nicht wohl anerkennen wollten, als tauge sie fürs ewige Leben, sondern allein der Glaube. Und solche Begründung hält sie hier. Der See bezeichnet die Unzugänglichkeit derjenigen, die sich in irgendetwas begründet haben. Die Inseln aber bezeichnen, dass die Begründung aus dem Wort des Herrn hervorgegangen ist. Weil aber die Wahrheit nicht in Verbindung ist mit der Liebe, oder das Glaubenswahre nicht in der wahren himmlischen Ehe steht mit dem Liebeguten, so ist das bewohnbare Ländertum dieser Völker getrennt. Die Fahrzeuge, die ihr auf dem See erblickt, bezeichnen die freundlich gute Handlungsweise solcher Menschen auf der Erde. Und diese Handlungsweise stellt, wie ihr seht, diese Insulaner in wechselseitige Verbindung.
GS|1|21|15|0|Diese Gegend hier zur linken Seite aber bezeichnet diejenigen, welche aus den Glaubenswahrheiten nach und nach in einiges Liebtätigkeitsgute hinübergegangen sind und glauben darum auch an die Liebe des Herrn; aber es bleibt mehr beim Glauben als bei der Liebe. Solches bezeichnen allenthalben die hohen und starken Bäume, welche aber dennoch keine genießbare Frucht tragen; daher die Lebensmittel, wie ihr seht, nur kleinwüchsig auf dem Boden in gehörig reichlicher Menge vorkommen. So bezeichnen auch die Pyramiden auf den runden Gebirgshöhen zur linken Seite mit den leuchtenden Sternen über den Spitzen, dass das oberste Prinzip dieser Menschen der Glaube ist, und ebenfalls das alleinige Licht. Die mit Zedern wohlbewachsenen übrigen Teile dieser Berge bezeichnen die Macht des Glaubens.
GS|1|21|16|0|Dass sie aber keine genießbare Frucht haben, solches besagt, dass der Glaube allein das Leben nicht bewirkt. Und wenn schon in dem Glauben allein für sich ein geistiges Leben waltet, so hat es aber doch nur wenig Früchte, durch deren Genuss sich das Leben zu einer höheren Potenz kräftigen könnte.
GS|1|21|17|0|Die Gegend zu unserer rechten Seite mit dem schroffen Gebirge grenzt zunächst an den Norden. Daher ist dieses Gebirge auch so schroff und hoch und bezeichnet die Grenzlinie zwischen dem Abend und Norden.
GS|1|21|18|0|Ihr fragt, ob diese rechte Gegend auch bewohnt ist. O ja; aber zumeist von gutmütigen Heiden, wie auch von solchen, die durch den Bilderdienst ihre Herzen bewahrt haben vor Bosheit und waren dabei übrigens rechtschaffene Weltbürger. Die Tempel, die ihr jenseits hier und da über den Waldungen hervorgucken seht, sind ebenfalls Lehrplätze, in denen solche Wesen von ihren Irrtümern können befreit werden, so sie ernstlich wollen.
GS|1|21|19|0|Solange aber solches nicht der Fall ist, werden sie belassen wie sie sind, und wird ihnen kein Zwang angetan. Da wir solches nun wissen, so können wir füglichermaßen wieder unsere Füße weiter vorwärts setzen.
GS|1|21|20|0|Ihr fragt schon wieder: Was ist denn dort zur linken Seite, allda der See breiter wird und das Land zur linken Seite sich zuengt, für eine überaus hohe Säule? – Gehen wir nur fleißig darauf los; wir werden sie bald erreichen. Seht, sie kommt uns näher und näher zu stehen, und wie ihr seht, sind wir ja bereits bei ihr. Lest, was da oben steht! Ihr lest richtig, denn es heißt: „Grenzmarke zwischen dem Reich der Kinder und dem Vorreich“ welches ist ein Wohnort derer, die da noch unfähig sind eines Überganges.
GS|1|21|21|0|Und nun seht weiter vorwärts; seht, wie sich da ein unübersehbar großes Meer ausbreitet, und ihr vorwärts nicht mögt irgendein Land erschauen. Seht, das ist die nämliche schimmernde Fläche, die wir ehedem von weiter Ferne her erschauten. Seht nur hin, dort vorwärts, ganz im Hintergrund werdet ihr auch die Sterne erblicken. Für heute jedoch wollen wir bei dieser Säule ausruhen, und fürs nächste Mal erst unsere Seereise gegen den tiefen, besternten Hintergrund beginnen. Und somit gut für heute!
GS|1|22|1|1|Abenteuerliche Wasserwanderung zur Vorgrenze des Kinderreiches
GS|1|22|1|1|(Am 19. Dezember 1842 von 4 1/4 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|1|22|1|0|Ihr fragt: Lieber Freund und Bruder! Wie werden wir denn über diese ungeheure Meeresfläche kommen, indem da nirgends ein Boot oder ein Schiff zu entdecken ist, dessen wir uns bedienen könnten oder das uns aufnähme? – Ich aber sage euch: Dessen werden wir auch nicht vonnöten haben. Es kommt nun auf euch an, ob ihr über dieses Gewässer so wandeln wollt wie dereinst das israelitische Volk über das Rote Meer oder so, wie dereinst Petrus gewandelt ist mit dem Herrn auf der Oberfläche des Wassers. Beides kann stattfinden, und es wird geschehen, wie ihr wollt. Ihr sagt, dass ich solches bestimmen möchte, und anzeigen, welches wohl das Beste ist.
GS|1|22|2|0|Wenn es auf mich ankommt, so will ich lieber dem Herrn als dem Moses folgen. Und also versucht mit mir die Oberfläche des Wassers zu betreten und habt nicht die geringste Angst, denn wir werden über desselben Oberfläche leicht wandeln wie auf dem Land. Nun seht, wir stehen ja schon auf dem Wasser; wie kommt euch dieser Boden vor? Ihr sagt: Es ist überaus gut gehen darauf. Der Boden ist allenthalben, da wir hintreten, zwar sehr subtil, aber dabei dennoch wie federhart und lässt sich nicht eindrücken. Das Wasser ist sehr klar und scheint auch überaus tief zu sein. Aber es wandelt uns dennoch keine Furcht an, nachdem wir uns hinreichend überzeugen, dass es, um uns zu tragen, von einer hinreichenden Festigkeit ist.
GS|1|22|3|0|Solches ist richtig, meine lieben Freunde und Brüder, solang man noch knapp am Ufer steht und noch eine große Menge Gegenstände und festes Land um sich erblickt und des Wassers Oberfläche ganz spiegelruhig dasteht. Aber wenn man so recht in die weite Ferne hinausgekommen ist und die Oberfläche dieses Gewässers stets wogender wird, da muss man sich wohl ganz zusammennehmen, um nicht wasserscheu zu werden und dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Jedoch so fest, wie das Wasser hier ist, so fest bleibt es allenthalben; und so denn versuchen wir, unsere Reise fortzusetzen. Haltet euch aber nur so recht fest an mich an und macht keine furchtsamen, sondern recht feste Tritte, denn mit zarten Tritten würdet ihr da nicht viel ausrichten. Denn wie ihr seht, ist die Oberfläche des Wassers überaus glitschglatt; und so man da die Füße nicht feststellt, kann man leichtlich ausgleiten und fallen, wo es einem dann auf diesem glatten Boden recht viele Mühe macht, sich wieder emporzurichten. Nun, wir sind fest bei Fuß, und wie ich sehe, so macht ihr recht gute Fortschritte.
GS|1|22|4|0|Also nur gerade vorwärts, bis wir diejenige Stelle erreichen werden, die dort am fernen Horizont ziemlich stark wogend erscheint. Und seht, es geht recht gut vorwärts; hier und da schwankt der Boden wohl zufolge der allgemeinen Bewegung des Meeres, allein wie ihr seht, so hindert solches unsere Tritte nicht im Geringsten.
GS|1|22|5|0|Aber was seht ihr so emsig hinab ins Wasser? Ist euch vielleicht etwas hineingefallen und sobald hinabgesunken in die Tiefe? Ihr sagt: Lieber Freund, mitnichten; wir sehen nur hinab, ob sich unter uns im Wasser nirgends Fische oder andere Wassertiere befinden. – Ich sage euch: Seid dessen unbesorgt, von Ungeheuern des Gewässers ist hier gar keine Rede, aber kleine edle Fischlein gibt es in zahlloser Menge. Ihr möchtet wohl gern einige sehen? Wenn ihr solches wollt, da müsst ihr euch ein wenig umkehren, da werdet ihr sie sogleich erblicken, wie sie vom Morgen her dem Abend zuziehen. Nun, ihr habt euch umgekehrt. Seht, welch eine ungeheure Menge schön glänzender Fische da aus der morgigen Gegend her dieses ganze ungeheure Gewässer belebt! Haben sie nicht eine Ähnlichkeit mit den Goldfischlein bei euch auf der Erde? – Ihr sagt: O ja, nur ist der Glanz bei weitem stärker.
GS|1|22|6|0|Ihr möchtet wohl gern erfahren, was diese Fischlein hier besagen? Diese Fischlein besagen das ausgehende Leben vom ewigen Morgen, welches dieses Element durch und durch belebt und sodann hinaustritt als ein freies Leben in alle die unendlichen Räume der ewigen Schöpfungen Gottes.
GS|1|22|7|0|Da wir aber jetzt schon einen kleinen Halt gemacht haben, so seht euch ein wenig um auf der Oberfläche dieses großen Gewässers. Nun, ihr erschreckt ja ganz und sagt: Um Gotteswillen, da scheint ja die ganze Unendlichkeit von diesem Gewässer erfüllt zu sein, denn nirgends ist ja mehr von einem Land etwas zu entdecken. Wie weit auch nur immer das Auge seine Sehkraft in die Ferne der Fernen hin anstrengt, erblickt es nichts als die wogende und reichlichst schimmernde Oberfläche eines unendlichen Meeres. – Ich aber sage euch: Macht euch nichts daraus und denkt euch, dass es uns bei all dieser ungeheuren Wasseroberfläche um uns her dennoch nicht so schlecht geht, als es dem Christoph Kolumbus gegangen ist mit seinen schlechten Fahrzeugen in der Mitte des Atlantischen Meeres, allda er gar ängstliche Blicke tat, um irgendein Land zu entdecken.
GS|1|22|8|0|Setzen wir aber unsere Reise nur vorwärts fort. Seht, wir sind den Wogen schon ziemlich nahegerückt. Wenn wir dahin gelangen werden, da müsst ihr euch wohl recht fest an mich halten, denn wir werden daselbst gar tiefe Wassertäler und Wasserberge zu passieren bekommen.
GS|1|22|9|0|Nun seht, immer deutlicher und deutlicher werden die Wogen. Jetzt haltet euch nur fest, denn ein paar Schritte noch nach unserer geistigen Bewegung und wir sind bei den Wogen. Nun seht, da ist schon der erste Wogenrand; seht, welch ein tiefes Wassertal, und wie sich da das Gewässer in dieses Tal hinab ergießt, und seht, wie dort ein Wasserberg in schäumender Wogenflut sich nahe bis an das Firmament hinauf zu erheben scheint.
GS|1|22|10|0|Ihr sagt: O lieber Freund und Bruder, da rüber zu kommen, wird wohl keine Möglichkeit sein! Denn hier sieht es ja erschrecklich aus. Dort schlagen ein paar himmelhohe Wogen übereinander zusammen. Da bildet sich eine Wasserkluft so tief, als wenn man von einem allerhöchsten Berg hinabschauen möchte in die schauerlichste Tiefe!
GS|1|22|11|0|Ich sage euch aber: Hier wird’s uns recht gut gehen, denn wie ihr da seht, fließt die Wasserschlucht schon wieder zusammen, da können wir jetzt unseren Weg gar nicht fortsetzen. Bis wir diesen vor uns schwebenden Wasserberg erreichen werden, wird er sich auch ebnen; und seht, er hat sich schon erniedrigt und wir haben nun wieder ebenen Weg. Aber seht, da ist schon wieder eine große Wasserschlucht; wildschäumend stürzen die feuchten Wände hinab in die Tiefe. Allein, gedulden wir uns nur ein wenig. Diese Schlucht soll sobald wieder zu ebenem Boden werden. Seht, die Wände haben sich schon wieder ergriffen, und wir können unseren Weg weiter fortsetzen. Aber dort wogt schon wieder ein ungeheurer Wasserberg gegen uns her, und hinter uns hat sich soeben wieder eine neue Wasserschlucht gebildet. – Ihr sagt: Dieser ungeheure Wasserberg wird uns wohl auch in die Schlucht hinabtreiben. – Sorgt euch nicht; der Berg wird die Schlucht nur ausfüllen, und wir werden wieder ebenen Weg bekommen.
GS|1|22|12|0|Nun seht, nach Ungewitter und Regen kommt Sonnenschein! Mit diesem Wogenberg haben wir auch die ganze Wogenpartie dieses Meeres überschritten, und wir haben schon wieder ruhiges Gewässer vor uns. Aber dort in weitester Ferne, wo ihr eine Menge Sterne erblickt über dem Wasser, kommt noch eine gefährliche Stelle, nämlich große Meereswirbel. Allein, sorgt euch auch nicht dieser Wirbel wegen, sie werden uns so wenig schaden wie diese Wogen. Nun seht, nach unserer vermehrten Schnellreise sind wir auch schon bei diesen Wirbeln. Hier müssen wir immer auf dem Rand der Wirbel vorwärtsgehen, so werden sie uns nichts anhaben. Erschreckt auch nicht vor dem donnerartigen Getöse dieser Wirbel und seht empor an das Firmament, wie wir schon unter den Sternen, die wir vor kurzem noch so ferne stehend erblickten, uns befinden. Und nun strengt eure Augen abermals nach vorwärts an! Was seht ihr?
GS|1|22|13|0|Ihr schreit: Land, Land! – Nun ja, also war dieses Meer denn doch nicht gar so unendlich, als ihr es euch noch vor gar kurzem vorgestellt habt. Seht, dort an einer Landzunge, die ziemlich weit in das Meer hereinreicht, abermals eine Säule. Ihr fragt, was sie bedeute? Wir werden sogleich dort sein, und ihr könnet die Inschrift selbst lesen. Nur noch ein paar Schritte, und seht, wir sind schon wieder am trockenen Land! Und seht, da ist auch schon die Säule!
GS|1|22|14|0|Was steht droben geschrieben? – „Vorgrenze des Kinderreiches.“ – Nun wisst ihr, wo wir uns befinden. Ihr sagt: Aber um des Herrn willen, das ist ja eine entsetzlich gebirgige Gegend! Sollten wir uns auch etwa noch tiefer hinein in dieses Gebirgsland begeben? – O ja, das ist eben die Hauptsache, warum wir hierher die weite Reise gemacht haben. Das müsst ihr sehen, denn hier erst wird sich euch des Abends wahre Bedeutung kundgeben. Fürs nächste Mal werden wir uns sonach in diese Gebirgsgegenden wagen. Und somit ruhen wir heute bei dieser Säule wieder aus.
GS|1|23|1|1|Wer sparsam sät, wird mager ernten. Überwindung der Selbstsucht
GS|1|23|1|1|(Am 20. Dezember 1842 von 4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|23|1|0|Da wir uns hier gehörig von unserer Reise ausgeruht haben, und haben bei dieser Gelegenheit so manchen weitgedehnten Rückblick dahin senden können, von wannen wir hergekommen sind, so wird uns die Weiterreise ja eben keine so großen Beschwerden mehr machen. Seht, da zieht sich sogleich ein so ziemlich breites Tal, mit einer kleinen Meereseinbuchtung versehen, landeinwärts. Also machen wir unseren Weg zur rechten Seite der Bucht vorwärts. Hier mögt ihr schon wieder freier wandeln, denn nun haben wir festen Boden. Da seht einmal ganz in die Tiefe des Tales hinein nach vorwärts, allda es sich ganz zusammenengt. Dorthin müssen wir sobald gelangen und unsere erste kleine Station machen. Also nur munter darauf losgeschritten, und wir werden sobald an Ort und Stelle sein. Seht, wie das Tal immer enger und enger wird und von allen Seiten her die furchterregendsten Hochgebirgsfelsen so herabhängen, als wollten sie jeden Augenblick herabstürzen. Allein, lasst euch alles dessen nicht bange werden; es wird niemandem dabei auch nur ein Haar gekrümmt werden.
GS|1|23|2|0|Nun seht, da sind wir schon bei unserer engen Kluft; wie gefällt es euch hier? – Ihr sagt: Eben gerade nicht am besten. – Das tut aber nichts zur Sache, wenn wir erst einen schärferen Blick in diese Gegend tun werden, so wird sie euch schon ein wenig besser zu munden anfangen, als es soeben der Fall ist. Seht, da neben der Kluft geht zur linken Hand ebenfalls ein enger Graben, sich gegen Mittag hinziehend, hinein. Was erblickt ihr da? – Ihr sagt, wie ihr seht: Wir sehen abhängende Gebirgstriften, hier und da sparsame Äcker über denselben; hier und da, mehr in der Niederung, ist ein kleines Häuschen wie gegen den Berg hinzugedrückt erbaut. Hier und da wieder sehen wir große und überaus hoch herabstürzende Wasserquellen; Bäume und Gesträuche gibt es auch hier und da, und es hat dieses Tal das Aussehen einer höchst eingeengten Gebirgsgegend in der Schweiz auf dem Erdkörper.
GS|1|23|3|0|Seht ihr keine Menschen? – Ihr sagt: Bis jetzt hat sich noch nichts Ähnliches unseren Blicken dargestellt; aber, wie es uns vorkommt, da nicht ferne bei der ersten Bauernhütte erblicken wir soeben einige ganz armselige Landleute der Hütte entsteigen. Sie sind ebenso mit graulodenem Kleid angetan wie auf der Erde. Dort weiter vorne erblicken wir ja auch ganz ähnliche Landleute, die da auf dem Acker damit beschäftigt zu sein scheinen, als jäteten sie einiges Unkraut aus dem besseren Getreide und, wenn wir uns nicht täuschen, so erblicken wir dort auf einer mehr im Hintergrund befindlichen Gebirgstrift eine etwas mager aussehende Kuhherde. Und, lieber Freund und Bruder, wie du dich selbst überzeugen kannst, das ist aber auch alles, was wir von lebenden Wesen hier erschauen. Geht dieses Tal noch tiefer hinein oder hat es mit der letzten Ansicht schon ein Ende?
GS|1|23|4|0|Liebe Freunde und Brüder, dieses Tal geht noch gar tief hinein, wird nach und nach stets breiter und freundlicher, jedoch nicht zu vergleichen mit denjenigen Gegenden, die wir vor der ersten Säule erschaut haben. – Ihr fragt: Was bedeutet denn dieses Tal? – Ich sage euch: Dieses Tal und noch gar viele seinesgleichen ist nichts als eine vollgültige Enthüllung desjenigen Textes in der Schrift, der also lautet: „Wer sparsam sät, der wird auch sparsam ernten.“ – Ihr fragt mich abermals: Wer waren denn diese Leute auf der Erde? – Ich sage euch: Das waren auf der Erde sehr angesehene und wohlhabende Menschen und taten der armen dürftigen Menschheit manches Gute. Die größten Wohltäter aber waren sie dennoch ihrer selbst.
GS|1|23|5|0|So war der erste Besitzer der Hütte, die ihr da im Vordergrund erschaut, ein überaus reicher Mann. Dieser Mann hat bei jeder Gelegenheit den Armen mitunter ganz ansehnliche Stipendien gegeben. Aber alle diese Stipendien zusammengenommen machten nicht den zehntausendsten Teil seines Vermögens aus. Nun seht, dieser Mann hatte wohl Nächstenliebe; wägt aber die Nächstenliebe ab mit seiner stark vorherrschenden Eigenliebe, so werdet ihr sobald den Grund einsehen, warum er nun hier ein gar so dürftiger Landmann ist. – Ihr sagt: Beiläufig sehen wir ihn wohl ein; aber so ganz gründlich noch nicht. – Gut, ich will euch den Grund sogleich ganz klar darstellen. Solches müsst ihr aber zuvor wissen, dass man hier im Reich des Geistes sich auch ganz außerordentlich wohl auf die Kapital- und Zinsenrechnung versteht, und dass auf die Atome der kleinsten Zinsmünze Rücksicht genommen wird.
GS|1|23|6|0|Und so denn merkt wohl auf: Dieser hier dürftige Landmann besaß auf der Erde ein Vermögen so in runder Zahl von zwei Millionen Silbergulden. Nach eurem gesetzlichen Zinsfuß warf ihm dieses ansehnliche Kapital jährlich einmalhunderttausend Silbergulden an Zinsen ab. Die Früchte dieses Kapitals hatte dieser Mann auf der Erde volle dreißig Jahre hindurch genossen. Dadurch hat er sich sein ursprüngliches Vermögen noch um drei Millionen Silbergulden vergrößert. Sein Hauswesen bestritt er mit den Zinseszinsen. Von diesen Zinseszinsen, welche ebenfalls sehr ansehnlich waren, machte er auch allerlei wohltätige Stipendien [Spenden], welche am Ende seines Lebens zusammengenommen bei fünfzigtausend Gulden ausmachten. Wie verhält sich diese Summe zu seinem Hauptkapital und zu den alljährigen Zinsen, welche dasselbe abwirft? Es ist ein Fünftel seines jährlichen Haupteinkommens. Er bekommt aber das Fünffache als Hauptzinsenertrag seines Kapitals nach den erworbenen fünf Millionen alljährig, während diese Summe von fünfzigtausend Gulden, für wohltätige Zwecke verwendet, sich auf seine ganze Lebenszeit erstreckt. Diese Summe wird bei uns genau auf die dreißig Jahre ausgemessen, und was da fällt auf ein Jahr, wird als Kapital angenommen. Von diesem Kapital kommen ihm nun die Zinsen zugute. Das Kapital stellt seine ganze Wirtschaft dar, und der Ertrag dieser Wirtschaft steht mit den gesetzlichen Zinsen stets in der genauen Übereinstimmung. Die zwei Personen, die noch an seiner Seite sind, das sind sein Weib und ein verstorbener Sohn von ihm. Diese haben gewisserart mit dem Geist des Vaters mitgearbeitet, daher haben sie gar kein eigenes Kapital, sondern müssen alle drei von dem Zinsertrag leben, welchen diese Bauernwirtschaft abwirft.
GS|1|23|7|0|Ihr fragt: Können diese Menschen nie zu einem größeren Gut gelangen? – Die Möglichkeit ist wohl vorhanden; aber es geht solches hier noch ums Bedeutende schwerer als bei euch auf der Erde. Ihr wisst aber, wie schwer es einem ist, auf dem gesetzlichen Zinsweg sich mit einem Kapital von etwas über tausend Gulden zu einer Million zu erheben. Seht, noch schwerer ist es hier, zu einem größeren Besitztum sich emporzuarbeiten, denn was dieser magere Grund erträgt, reicht mit der allergenauesten Not kaum hin, um diesen drei Personen die allernötigste Subsistenz zu geben. Daher ist da mit der Ersparnis nicht wohl weiterzukommen.
GS|1|23|8|0|Es bietet sich nur ein Fall dar, durch welchen sich die armseligen Bewohner dieser Gegend nach und nach emporhelfen können, und dieser Fall besteht darin: Es kommen von Zeit zu Zeit ganz entsetzlich arme Pilger durch diese enge Kluft herein. Diese sind gewöhnlich nackt und voll des drückendsten Hungers. Wenn diese Pilger solche Häuser erblicken, so verlegen sie sich alsbald aufs Betteln. Wenn dann einem solchen Bettler ein solcher Landmann bei aller seiner Dürftigkeit dennoch mit offenen Armen entgegengeht, ihn führt in seine ärmliche Hütte, ihn daselbst mit der nötigen Kleidung versieht und sein kärgliches Mahl brüderlich mit ihm teilt, so wird durch eine solche Unterstützung sein Kapital um die Hälfte vergrößert, jedoch ihm unbewusstermaßen. Tut er solches öfter oder behält sogar einen gar Armseligen in seiner Pflege, indem er zu ihm spricht: Lieber Bruder! Siehe, ich bin arm und habe wenig; bleibe darum aber dennoch hier, und ich will dieses wenige allzeit brüderlich mit dir teilen solange ich etwas haben werde, und habe ich mit dir alles verzehrt, was ich habe, so will ich dann auch mit dir gern den Bettelstab ergreifen.
GS|1|23|9|0|Wenn solches der Fall ist, so wird sobald das Kapital eines solchen Landmannes heimlich verhundertfacht. Und wenn bei einer solchen Gelegenheit noch mehrere Dürftige zu ihm kommen, und er nimmt sie liebfreundlich auf und bietet alles Mögliche auf, sie zu versorgen, so dass er z. B. mit den Pilgern im Falle seiner gänzlichen Versorgungsunfähigkeit zu den anderen Nachbarn geht und für sie um Unterkunft und mögliche Versorgung bittet, so wird dadurch sein Kapital vertausendfacht; jedoch ohne sein Wissen.
GS|1|23|10|0|Wenn es denn geschieht, dass er zufolge seiner Nächstenliebe sich aller seiner Habseligkeit so entblößt hat, dass er dann im Ernst mit seinen Stipendisten den Bettelstab ergreift, so wird er einige Zeit belassen, auf dass er bettle um den Unterhalt vorerst seines armen Aufgenommenen und so nebenbei erst auch für sich – für sich aber dennoch so, dass er stets den größeren Teil seinem armen Bruder zuwendet, als sich. Da geschieht es denn, dass ihm unbekanntermaßen vom Herrn ein Engelsgeist entgegenkommt und sich um seine Umstände erkundigt und er dann spricht: Lieber Freund, du siehst, dass ich arm bin, jedoch solche Armut drückt mich nicht; aber dass ich diesem meinem Bruder nicht mehr helfen kann, solche Armut drückt mich. – Was glaubt ihr, was da geschieht? – Hier kehrt sich der arme Bruder um und spricht zu ihm: Ich kam nackt zu dir, du hast mich bekleidet, hast mich, den Hungrigen und Durstigen, gespeist und getränkt und achtetest nicht auf deine Gabe, auf dass du sogar mit mir den Bettelstab ergriffest und suchtest allenthalben Brot für mich. Siehe, so bin Ich aber nun auch dein großer Lohn, denn Ich, dein armer Bruder, bin der alleinige Herr Himmels und aller Welten und kam zu dir, auf dass Ich dir helfe.
GS|1|23|11|0|Dieweil du auf der Erde warst, hast du zwar sparsam gesät, und eine sparsame Ernte musste daher notwendig dein Anteil sein. Mit deiner sparsamen Ernte aber hast du keinen Wucher mehr getrieben, sondern hast erweichen lassen dein Herz und mochtest keinen Armen vor deiner Hütte vorüberziehen sehen, ohne mit ihm zu teilen deine sparsame Ernte. Siehe, solches hat dir geholfen und dich zu einem reichen Einwohner des Himmels gemacht. Siehe, dieser Bruder, der dir hier entgegenkam, wird dich führen in dein neues Besitztum.
GS|1|23|12|0|Hier verschwindet der Herr, und der abgesandte Bote führt den liebtätigen armen Bewohner dieser Gegend hinüber in den goldenen Mittag, allda für ihn ein dem Kapital seiner Liebtätigkeit wohl angemessenes neues Besitztum harrt.
GS|1|23|13|0|Wenn der also Beglückte spricht zum Boten: Lieber Freund und Bruder, siehe, ich bin unendlich glücklich, darum mir die unendliche Gnade und Erbarmung des Herrn solches beschert hat; ich weiß, dass dies neue Besitztum sicher von gar herrlicher und reichlicher Art sein wird. Allein siehe, hier sind andere arme Brüder; an diese trete ich dieses mir bestimmte Gut ab, mich aber lasse wieder zurückziehen in meine ärmliche Hütte; denn es könnte ja geschehen, dass sich unter den vielen Armen, die vielleicht noch meine ärmliche Hütte besuchen werden, wieder einmal der Herr einfinden könnte. Und so will ich zurückziehen und in meiner armen Hütte noch jeglichem armen Bruder mit hundertfach größerer Liebe entgegenkommen, als solches bis jetzt der Fall war. Wahrlich kann ich dir sagen, wenn ich solch eines Glückes noch einmal in meiner ärmlichen Hütte möchte gewürdigt werden, so werde ich in dieser meiner ärmlichen Hütte in alle Ewigkeit glücklicher sein, als gäbest du mir die größten und herrlichsten Güter in einem allerschönsten Teil des Himmels! Und so denn lasse mich wieder zurückziehen.
GS|1|23|14|0|Alsdann geschieht es auch, dass der Geist den armen Landmann mit seiner kleinen Familie zurückziehen lässt. Wenn dieser aber dann in seine ärmliche Hütte kommt, so harrt auch schon seiner der Herr mit offenen Armen und macht ihn sobald zu einem Bürger des ewigen Morgens!
GS|1|23|15|0|Seht, solche Szenen gehen da wohl öfter vor sich; aber ihr möchtet es kaum glauben, welch ein hoher Grad der Selbstverleugnung dazu erfordert wird. Denn die Armut hat nur gar zu häufig die fast notwendige Eigenliebe unzertrennlich bei sich; darum da auch ein Armer nur für sich um Unterstützung bittet. Hat er dann sich ein kleines Stipendium zusammengebeten, so reicht dieses kaum für seinen Bedarf hin, und die eigene Not und Armseligkeit lässt es ihm beinahe gar nicht zu, seine höchst sparsame Gabe mit einem anderen armen Bruder zu teilen; aus welchem Grund ihr schon auf der Erde unter der armen Klasse der Menschen nicht selten einen verheerenden Neid antrefft. Aus dem geht aber hervor, dass solche armbestellte Einwohner dieses Tales vor den Bettelnden sich so viel als möglich verbergen. Aus dem Grund seht ihr auch wenige außer den Häusern, die ihr aber außerhalb erblickt, sind schon von solch guter Art.
GS|1|23|16|0|Nächstens wollen wir das sehr schroffe Tal zu unsrer rechten Hand gegen den Norden zu beschauen. Und somit gut für heute.
GS|1|24|1|1|Geistiger Zustand der Stoiker
GS|1|24|1|1|(Am 22. Dezember 1842 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|24|1|0|Also wendet euch nur um und seht über eure rechte Hand in das vorbesagte Tal und gebt mir kund, wie ihr dasselbe findet. – Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder, hier sieht es ganz entsetzlich öde aus. Wir sehen wohl hier und da auf den Gebirgsabhängen eine Art Krummholz wachsen, und mehr in der Tiefe dieses überaus engen Tales erblicken wir hier und da Dornhecken, welche einige uns ziemlich bekannte Beeren tragen. Und noch mehr in der Niederung des Tales erschauen wir mancherlei distelartiges Unkraut ziemlich häufig vorkommen. Der rötlich abendliche Abhang sieht überaus kahl aus; fast nichts als Felswände über Felswände türmen sich übereinander auf, und zwischen den Felsenklüften stürzt hier und da ein mächtiger Bach in die Tiefe herab. Nur die gegen Morgen gelegene Gebirgserhöhung ist etwas sanfter und hier und da mit einer überaus unansehnlichen Hochalpenhütte geziert. Aber keine Einwohner sind da zu erblicken. Vielleicht befinden sie sich tiefer im Tal; aber da im Vordergrund ist nichts Lebendiges zu erschauen.
GS|1|24|2|0|Ja, ja, ihr habt recht. Von diesem Standpunkt aus, wo wir uns gegenwärtig befinden, ist solches wohl nicht leicht möglich. Daher wollen wir uns ein wenig taleinwärts begeben, und wir werden sobald auf etwas Lebendiges stoßen. Seht nur da hinauf, da auf einem bemoosten Felsenvorsprung die erste uns aufstoßende Wohnhütte steht; dahin wollen wir uns begeben. Seht, wir sind bereits in ihrer Nähe, schärft daher eure Blicke und habt wohl Acht, was sich denselben darstellen wird. Nun, ihr habt meinen Rat befolgt. Sagt mir denn auch, was ihr gesehen habt.
GS|1|24|3|0|Ihr sagt schon wieder: Aber um Gottes willen, das sind ja doch keine Menschen, denn sie sehen aus als wie belebte Skelette und sind dabei so klein wie die Zwerge. Wir möchten sie eher zu den Affen zählen als zu irgendeinem menschlichen Geschlecht. Was hat es denn mit diesen armen Wesen wohl für eine Bewandtnis? So armselig, ausgehungert und völlig nackt; nein, mit diesen Wesen scheint es durchaus keine vorteilhafte Bewandtnis zu haben.
GS|1|24|4|0|Einesteils habt ihr wohl recht, aber andernteils wieder nicht. Denn diese Wesen, so armselig sie euch auch erscheinen, sind aber dennoch in ihrer Art, d. h. von ihnen selbst aus betrachtet, es mitnichten. Denn da sind die sogenannten Stoiker zu Hause, oder mit anderen Worten gesagt: Menschen, die sich selbst vollkommen genügen. Sie handelten bei ihrem Leibesleben auf der Erde rechtschaffen, aber nicht etwa aus Liebe zu dem Nächsten und noch weniger aus irgendeiner Liebe zu Gott, sondern lediglich darum, weil sie darin den Sieg ihrer Vernunft erkannten, und darum sagten: Der Mensch braucht nichts, weder Himmel noch Hölle noch einen Gott, sondern allein sich selbst und die ihn leitende Vernunft als oberstes Handlungsprinzip, und er wird so handeln, dass er mit seiner Handlungsweise niemand anderen beeinträchtigt, aus welchem Grund er solches auch von seinem Nebenmenschen erwarten kann.
GS|1|24|5|0|Denn sie sagen noch ferner: Wenn ich mich zufolge des höchsten Prinzipes meiner Vernunft über alle die weltlichen Nichtigkeiten hinaussetze und von der Welt nichts verlange als eine kärgliche Sättigung meines Magens und eine allereinfachste Decke über meinen Leib, so bin ich dafür niemandem eine Steuer schuldig; denn was mein Magen verzehrt, das gebe ich wieder der Erde zurück, und die Decke meines Leibes mag das Erdreich mit der Zeit düngen. Ich aber bin zwischen diesen zwei Bedürfnissen ein mich selbst leitender und vollkommener beherrschender Gott und bin somit ein unumschränkter Herr meiner eigenen Wesenheit!
GS|1|24|6|0|Und sie sagen ferner noch: So es irgendeinen Gott gibt oder geben soll, was kann der mir geben und was nehmen, wenn ich in mir selbst groß bin, mit Verachtung auf alles hinzublicken, was er mir geben oder nehmen will? Was aber sollte auch mir ein Gott geben oder nehmen? Das Höchste wäre dieses matte Leben, das ich schon lange mit meiner Vernunft tief zu verachten gelernt habe. Oder steht es nicht bei mir, so lange zu leben, als ich will? Wenn ich es mit dem obersten Prinzip meiner Vernunft vereinbart finden würde, mir das Leben zu nehmen, so würde ich es auch tun. Allein die von mir aus selbst erkannte Rechtschaffenheit lehrt mich, dass solches wider das Recht der obersten Vernunft wäre; wer mir das Leben gegeben hat, der soll auch das Recht haben, mir es wieder zu nehmen. Es hat ja die Natur das Recht, diejenige Nahrung, die ich von ihr entlehnt habe, auf dem natürlichen Wege zurückzufordern, und die Decke meines Leibes ist ein Eigentum der Zeit, und sie nimmt dieses Pfand ebenfalls wieder zurück. Solches muss die reine Vernunft billigen, und muss sagen und sagt es auch: „Jedem das Seinige!“ Aber eben dadurch, dass der Mensch in seiner Vernunft auch nicht ein Sonnenstäubchen ihm zu eigen anspricht, ist er das erhabenste Wesen, ja erhaben über jeden Gott, über jeden Himmel und steht mächtig über aller Hölle. Wenn jeder Mensch so dächte, so hätte ein jeder genug, und keiner würde je dem anderen zur Last fallen. Denn fern wäre da alle Habsucht, aller Neid, aller Geiz, aller Hochmut, alle Herrschsucht, aller Fraß und alle Völlerei, alle Unzucht, alle Lüge und aller Betrug. Wo aber lebt ein Gott, so er irgend ist der Vernunft alleroberstes Prinzip, der da gegen solche Grundsätze des Lebens etwas einzuwenden hätte? Hat er aber etwas einzuwenden, dann ist er kein Gott und steht tief unter der Erhabenheit der menschlichen Vernunft.
GS|1|24|7|0|Nun seht, diese Menschen haben auf der Welt so gelebt, dass sie sogar einer Fliege nie etwas entzogen haben; sind nie jemandem zur Last gefallen, haben auch nie jemanden nur im Geringsten beleidigt. Über Leidenschaften von was immer für einer Art waren sie hochmächtig darüber hinaus erhaben. Hat sie jemand um irgendeine Gefälligkeit oder um einen Dienst ersucht, so versagten sie ihm denselben nie, wenn derselbe mit ihren Vernunftsrechtsprinzipien nicht im Widerspruch war und verlangten nie ein Entgelt dafür. Hat man sie zu solchen [bezahlten] Ämtern und Ehrenstellen erheben wollen, so nahmen sie solche nie an, und zeigten einem solchen Mäzen mit zwei Fingern an die Stirn und sagten zu ihm: Freund, hier wohnt des Menschen höchstes Amt und seine größte Ehrenstelle.
GS|1|24|8|0|Wenn ihr nun diese Menschen betrachtet, so urteilt selbst, ob sie einer Züchtigung sich teilhaftig gemacht haben. – Ihr müsst sagen: Solches sicher mitnichten. – Weitere Frage: Haben sie sich eines Lohnes fähig gemacht? Hier fragt es sich, mit welchem Lohn sollen sie belohnt werden? Den Himmel verachten sie, und Gott wollen sie auch nicht über ihre Vernunft anerkennen. Somit ist ja doch das Billigste, dass sie belassen werden in dem Lohn, den ihnen ihre eigene Vernunft beschert.
GS|1|24|9|0|Aber ihr sagt und fragt: Fällt aber diesen armseligen Wesen ihr kläglicher Zustand nicht auf? – O nein, das ist eben ihr größter Triumph, denn schon auf der Erde haben sie die Glückseligkeit einer Mücke für höchst beneidenswert gefunden und sagten: Seht, eine überaus herrliche Mahlzeit für dieses Tierchen ist ein kaum sichtbarer Tautropfen auf einem Blatt. Dieses Tierchens ganzer Bau scheint ein überaus geringes Bedürfnis zu haben. Wenn wir dagegen unseren überaus verschwenderischen Körperbau betrachten, so kann da die Vernunft denselben nur mit allem Recht tadeln. Also muss ich einen großen Bauch haben, um viel zu fressen und darauf viel zu scheißen zu haben; einen sonstigen Zweck findet hier die Vernunft nicht, und zwar aus dem Grund nicht, weil sie sich gern mit dem Kleinsten begnügen möchte, wenn es ihr der höchst unökonomisch eingerichtete Bau ihres nutzlosen Leibes gestattete.
GS|1|24|10|0|Sie bekritteln ferner das viele Fleisch an den Füßen, am Gesäß, auf den Händen und allenthalben, wo es sich vorfindet, und sagen: Die Mücke entbehrt alles dessen, und sie ist schon darum um vieles glücklicher als der plump und unökonomisch gestaltete Mensch.
GS|1|24|11|0|Wenn ihr nun dieses wisst, so wird euch auch die kleine Skelettgestalt dieser Menschen nicht mehr so kläglich und armselig vorkommen wie gleich beim ersten Anblick, denn sie entspricht so viel als möglich vollkommen ihren Vernunftprinzipien. – Ihr sagt nun: Solches ist alles richtig, und wir sehen es jetzt ganz klar ein, dass es hier nur so und nicht anders sein kann, und dass sich diese Menschen in einer anderen Gestalt und unter anderen Verhältnissen unglücklicher fühlen würden, als gerade in diesen, die sie als die ihnen am meisten zusagenden erkennen. Aber eine andere Frage steckt hier im Hintergrund, lieber Freund!
GS|1|24|12|0|Ist diesen Menschen denn auf keine Weise beizukommen, um sie auf einen besseren Weg zu bringen?
GS|1|24|13|0|Liebe Freunde und Brüder! Es ist beinahe nicht leichtlich etwas Schwereres als dieses. Sie haben nur eine einzige zugängliche Seite, und dieses ist der wissenschaftliche Weg. Es gehört aber eine grenzenlose Geduld und Ausharrung dazu, um diesen Vernunftkrämern auf diesem Wege etwas so darzustellen, dass sie es für richtig und ihrer Vernunft nicht widersprechend erkennen. Denn sie sagen: Es kann gar vieles wissenschaftlich vollkommen richtig sein, ob es aber auch mit den Prinzipien der Vernunft vollkommen übereinstimme, das ist eine andere Frage. Um diesen Ausspruch als vollgültig zu bekräftigen, zählen sie eine Menge wissenschaftlicher Fälle auf, welche an und für sich vollkommen richtig sind, aber dennoch mit den obersten Grundsätzen der Vernunft im größten Widerspruch stehen. Ich will euch beispielsweise nur einige solche Einwürfe kundgeben.
GS|1|24|14|0|Sie sagen z. B.: Die Berechnung einer Finsternis ist wissenschaftlich vollkommen richtig; fragt aber die Vernunft und ihren Handlanger, den Verstand, wozu die zufällige Finsternis gut ist, und was hat durch die Wissenschaft die ganze Menschheit dabei Erhebliches gewonnen? – Also ist es auch wissenschaftlich richtig, dass der Mensch in der zu sich genommenen Nahrung so viel und so viel zur Unterhaltung seiner Leibesteile aufnimmt und so viel und so viel von der zu sich genommenen Nahrung als Unrat wieder von sich wegschafft. Wenn ihr aber die Vernunft fragt, so kann diese nur lachen über solch einen übel und unzweckmäßig berechneten Verhältnisstand. – Ferner ist es wissenschaftlich richtig, dass das Wasser und auch andere bewegliche Teile der Tiefe zugetrieben werden durch ihre eigene ihnen innewohnende Schwere. Was sagt aber die Vernunft dazu, wenn sie ihre Augen an den kahlen Gebirgswänden weiden muss, auf denen nicht einmal ein Moospflänzchen fortkommen kann, weil solche erhabenen Weltteile einer gerechten, stetig nährenden Feuchtigkeit entbehren müssen. – Seht, aus diesen wenigen Beispielen könnt ihr zur Genüge erschauen, wie schwer es ist, für diese kritischen Vernunftköpfe ein wissenschaftliches Beispiel aufzustellen, welches von ihnen als vollkommen mit der Vernunft im Einklang stehend erkannt wird. Damit ihr aber die Art und Weise einer solchen Bekehrung völlig erschauen und begreifen mögt, so wollen wir fürs nächste Mal einer solchen beiwohnen. Und somit gut für heute!
GS|1|25|1|1|Bekehrung eines Stoikers. Diskurs über die Notwendigkeit des Lichtes
GS|1|25|1|1|(Am 23. Dezember 1842 von 4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|25|1|0|Seht, da unten im Tal gehen soeben drei abgesandte Boten auf einen solchen Fang aus. Wir wollen ihnen folgen und ihrer Operation ein gutes Gehör leihen. Sie ziehen sich mehr taleinwärts, und von hier aus bei der dritten Hütte, die ihr ebenfalls auf einem abgerundeten bemoosten Felsen erblickt, werden sie zusprechen. Seht nur, wie sie sich ganz behutsam der Hütte nähern und sich dabei so klein als möglich machen. Und so denn eilen wir nur sobald hinzu, damit uns auch der erste Empfang nicht entgeht. Wir wären an Ort und Stelle, und also nur aufgepasst!
GS|1|25|2|0|Der Anführer begrüßt das scheinbare Oberhaupt dieses Häuschens, d. h. den Allervernünftigsten, und zugleich den Vorsteher und Lehrer der anderen zehn Personen, die ihr in seiner Gesellschaft erschaut. Wie lautet der Gruß? – Hört ihn: Überaus weiser Mann, der du die Dinge vom rechten Standpunkt aus betrachtest und wohl erkennst mit der scharfen Spitze deiner Vernunft, was da recht und unrecht, billig und unbillig und wohlgeordnet und unwohlgeordnet ist. Wir haben in eine weite Ferne hin vernommen, welch ein weiser Mann du bist, daher sind wir hierhergezogen, uns bei dir über so manches besseren Rat zu holen!
GS|1|25|3|0|Der Vernunftpräses spricht dagegen: In dieser Hinsicht seid ihr mir völlig willkommen; was in meinen Kräften steht, will ich euch gern helfen, jedoch nicht über die Kräfte hinaus. Denn ihr wisst, und werdet es erfahren haben, dass meine Schätze nicht etwa in Gold und Silber und aller Art edlem Gestein bestehen; auch werden bei mir keine Mahlzeiten und mit wohlschmeckenden Speisen besetzte Tafeln geboten. Was ich aber habe, nämlich den Sieg der reinen Vernunft, davon sollt ihr schöpfen, so viel ihr wollt. Ihr könnt versichert sein, dass euch diese Schätze glücklicher machen werden, als so ihr im Vollbesitz wärt von allen sogenannten geträumten himmlischen Herrlichkeiten, die da an und für sich nichts sind als heimlich ausgesprochene Bedürfnisse eines mit dem Gegebenen unzufriedenen Geistes. Ihr wisst, dass der Raum unendlich ist und der Mensch in diesem Raum denkt. Wer seine Gedanken ins Unendliche trägt, der vergisst fürs Erste, dass er selbst nur ein endliches Wesen ist, und fürs Zweite beachtet er nicht und wird nicht gewahr, dass für ihn aus solchen Gedanken am Ende nichts als eine beständige Unzufriedenheit, daher eine stets größere Forderung von unerreichbaren Gütern und aus dieser endlich auch ein immerwährend unglückseliger Zustand erwächst, welchen die menschliche Torheit nur durch weit gedehnte und groß gemachte leere Hoffnungen blindlings sättigt. Sonach ist denn auch der Himmel nichts anderes als solch ein geträumtes Gut und dient bloß zur Sättigung der Einbildungskraft der mit dem Gegebenen unzufriedenen Geister.
GS|1|25|4|0|Nur die reine Vernunft bemisst die wahren Grenzen der Bedürfnisse ihres subjektiven Wesens und verlangt dann von aller Objektivität nur das richtige Maß ihrer eigenen Beschränktheit, und dieses Maß heißt die volle Zufriedenheit. Wer mit dem zufrieden ist, was er nach dem richtigsten Maßstab seiner eigenen Beschränktheit am Wege der reinen Vernunft erkennt, der hat den wahren Himmel gefunden und wird sich sicher ewig nie einen anderen wünschen, weil er klar einsehen wird, dass für das Maß seiner Beschränktheit nichts anderes taugt als das, was eben diesem Maß als völlig ebenmäßig entspricht.
GS|1|25|5|0|Auf diese weise Rede spricht wieder der Anführer: Wir erkennen schon aus dieser deiner kurzen Vorbemerkung, dass du dir den Sieg der reinen Vernunft vollkommen zu eigen gemacht hast; daher wagen wir auch, mit großer Zuversicht auf deine Weisheit, dir unser Anliegen vorzutragen. – Der Vernunftrepräsentant spricht: Willkommen sei mir alles, worin ich euch immer dienen kann! Und daher sprecht ganz frei und ungehalten euer Anliegen aus! – Und der Anführer spricht: So höre denn! In der Gesellschaft, von der wir abgesandt worden sind, um uns bei dir besseren Rat zu holen, hat sich ein großer Streit über die Notwendigkeit und Nichtnotwendigkeit des Lichtes erhoben. Die Gründe für das Licht sind so triftig als die gegen das Licht, und wir können durchaus nicht entscheiden, welche Partei das Recht habe. – Der Vernunftrepräsentant spricht: Lasst einige solche Gründe und Gegengründe hören, und ihr könnt versichert sein, dass mein Urteil den Nagel auf den Kopf treffen wird.
GS|1|25|6|0|Und der Anführer spricht: So höre denn! Ein Grund für das Licht lautet also: Was wären alle Dinge ohne Licht? Sie wären so gut, als wenn sie nicht wären. Ferner sei das Licht das Grundprinzip aller Wirkung und somit auch alles Denkens; denn ohne das Licht als die allein alles bewegende und erregende Kraft wäre nie etwas entstanden, somit auch kein vernünftig denkendes Wesen; denn das Licht sei ja doch auch das Grundprinzip der Vernunft und ist im geistig reinsten Zustand die reine Vernunft selbst. Siehe, das ist der Grund für das Licht.
GS|1|25|7|0|Der Gegengrund aber lautet also: Nachdem das Licht offenbar aus der Finsternis hervorgegangen ist, und somit vor dem Licht nur ein gänzlich lichtloser Zustand die ganze Unendlichkeit durchdrang, so lässt sich da fragen, ob die Unendlichkeit im lichtlosen Zustand weniger Unendlichkeit war als nun im lichtvollen. Ferner lautet der Gegensatz: Es ist jedermann bekannt, dass das Inwendige der Weltkörper zuallermeist vollkommen lichtlos ist; und dennoch findet sich die Materie in solchem lichtlosen Zustand ebenso und noch mehr intensiv als auf der Oberfläche eines Weltkörpers, der im Licht schwimmt. So aber der ganze Weltkörper seinem Inwendigen nach ohne Licht gar wohl bestehen kann, so erscheine das Licht als eine pure Luxussache unter den Dingen der Natur. Und noch ferner lautet dieser Gegensatz: Solches wisse jedermann, dass er in der Nacht des Mutterleibes gezeugt worden ist und hat in eben dieser Nacht das Leben empfangen. Aus welchem Grund muss denn dann das nur in der Nacht lebendig Gewordene ans Licht hervorgehen? Wer solches nur ein wenig beachten möchte, der müsste auf den ersten Augenblick einsehen, dass das Licht nicht nur gänzlich entbehrlich, sondern auch den Dingen schädlich ist, weil sie sich an dasselbe gewöhnen und dann offenbar unglücklich werden, so sie durch irgendeinen Zufall dasselbe verlieren. Und sie sagen noch ferner hinzu: Wenn die Menschen durchaus blind geboren wären, so hätten sie auch nie etwas gegen den Verlust des Lichtes zu besorgen; während es doch für ein lichtgewohntes Auge das größte Unglück sei, blind zu werden. Dagegen wenden freilich wieder die Gegner ein und sagen: In solch einem blindglücklichen Zustand wäre dann ja zwischen einem Menschen und einem Polypen im tiefen Meeresgrund gar kein Unterschied; denn wenn ein Mensch keine Dinge sehen würde, so könnte er sich auch nie irgend einen oder den anderen Begriff machen. In Ermangelung der Begriffe aber ließe sich dann eine große Frage stellen, nämlich, wie es mit dem Denken aussehen möchte in Ermangelung aller Begriffe und Formen desselben? Bezüglich des Unglückes zufolge einer allfälligen Erblindung sprechen sich die Lichtverteidiger aus: Wenn man das als ein Unglück betrachten will und dasselbe als einen Mitgrund gegen dasselbe aufstellt, so kann man solches ja auch bezüglich der anderen Sinne tun, welche nicht vom Licht abhängen. Um aber dennoch jedem Unglück zu begegnen, müsste der Mensch vollkommen sinnlos in die Nacht hineingeboren werden. Wie sich aber das Denken eines sinnlosen Menschen gestalten möchte, solches könnte man am besten von einem Stein erfahren. – Siehe nun, hochweiser Mann, in solchem Wirrwarr schwebt unsere große Zuversicht, dass du diesen Knoten lösen wirst.
GS|1|25|8|0|Der Vernunftrepräsentant spricht: Hört, meine schätzenswertesten Freunde! Das ist ein überaus kritischer Fall, denn da hat eine jede Partei für sich das Recht. Da aber zufolge der Erkenntnis der reinen Vernunft es nur ein Recht und nicht zwei Rechte gibt, so wird es hier ziemlich schwer sein, zwischen diesen zwei unrechten Rechten das rechte Recht zu bestimmen. Wir werden dasselbe nur dann finden, wenn wir unsere eigene Wesenheit als ein individuelles Dasein in die gerechten Schranken ziehen, und hört es denn! Wir wollen hier Grundsätze aufstellen und aus diesen Grundsätzen dann ein rechtes Resultat folgern. Um aber solches tun zu können, müssen wir zuerst ein Nichtdasein, ein konsumierendes Dasein und ein freies, denkendes Dasein voraussetzen. Ein Nichtdasein bedarf auch nichts; also keine Konsumtion. Ein bloß natürlich-konsumierendes Dasein setzt schon durch sein Dasein notwendig voraus, dass es nur da ist durch eine ihm entsprechende Konsumtion. Ein solches Dasein hat die ganze Materie, welche sowohl in der Nacht als am Licht bestehen kann. Da aber der Mensch ein denkendes und sich selbst frei bestimmendes Wesen ist, so setzt ein solches höheres Dasein auch eine solche Konsumtion voraus, welche diesem Dasein entspricht, und der zu konsumierende Stoff kann da kein anderer sein als das Licht. Und so bedarf das Nichtdasein vollkommen nichts; ein bloß konsumierendes Dasein als ein Produkt der Nacht braucht auch nichts als seine seinem Dasein vollends entsprechende Kost; und ein helles, freidenkendes Dasein bedarf dann auch notwendig derjenigen Kost, welche das Prinzip seines Daseins ist. Und so genügt jedes Prinzip seinem Produkt und muss notwendig für dasselbe da sein, und geht demnach aus dem Nichtdasein ein Nichtdasein, aus dem Dasein der Nacht ein Dasein des Nächtlichen und aus dem Dasein des Lichtes ein Dasein des dem Licht Verwandten hervor. Insofern dann der Mensch zufolge seiner reinen Vernunft erkennt, dass er notwendigerweise dem Licht entstammt, so muss er auch erkennen, dass das Licht in dieser Hinsicht ein ihm notwendiges Substrat ist. Insoweit er sich aber bloß als einen tierischen Konsumenten erschaut und sich selbst ein höheres, freidenkendes Leben streitig machen kann und kann sich wieder bilden zu einem Embryo im Mutterleib, bedarf er des Lichtes nicht. Ein Nichtdasein aber bedarf weder des einen noch des anderen. Und seht nun, meine lieben Freunde, da ist der umstößliche Grund fürs Licht so klar als möglich vor euere Augen und Ohren gestellt.
GS|1|25|9|0|Und der Anführer spricht: Höre, weiser Mann! Wir haben deine überragende Vernunft aus deiner Äußerung wohl erkannt und wissen nun genau, wie wir daran sind, aber nur ein einziger Punkt ist noch im Hintergrund, und da wissen wir uns noch nicht einen vollgültigen Bescheid zu geben. Und dieser Punkt besteht darin, nämlich: warum auf den Erdkörpern alle die zahllosen vegetativen Produkte samt dem zahllosen Tiergattungsreich zuallermeist des Lichtes zu ihrer Vegetation und zu ihrem tierischen Gedeihen benötigen. Denn es ist allen Naturgelehrten nur zu bekannt, dass in einem gänzlich lichtlosen Raum beinahe gar keine Vegetation vonstattengeht, und die Tiere in gänzlich lichtlosen Räumen gar bald erkranken und gänzlich zugrunde gehen; und demnach scheinen sie nach deinem Ausspruch keine notwendigen Konsumenten des Lichtes zu sein, indem sie durchaus keine denkenden Wesen sind, und auch zur gründlichen Folge ihrer scharf beurteilten Wesenheit nicht sein können. Diesen Einwurf machen wir ja nicht, als wollten wir dadurch deine reine Ansicht bemängeln, sondern um uns selbst aus jeder uns erwarteten Schlinge zu ziehen.
GS|1|25|10|0|Der Vernunftpräses spricht: Mir ganz willkommen dieser Einwurf! Und wir wollen ihn sobald vor das helle Richteramt der reinen Vernunft ziehen, und so hört denn! Vermöge der notwendigen Stummheit in Hinsicht der eigenen Existenz würden diese Dinge sowenig des Lichtes bedürfen, als desselben bedarf der finstere Mittelpunkt eines Weltkörpers. Da aber neben ihnen auch wir als Produkte des Lichtes existieren, so können wir doch unmöglich den umgekehrten Schluss annehmen, dass wir ihretwegen da sind, sowenig, als irgendein Mensch sagen kann: Ich bin da, damit dieses Haus von mir bewohnt wird und ich demselben diene, sondern dass das Haus des Menschen wegen da ist, aber nicht der Mensch für das Haus. Wenn uns demnach aber das Licht gezeugt hat, so musste es ja doch notwendig voraus diejenigen Bedingungen aus sich aufstellen, welche zu unserer lichtverwandten Existenz notwendig sind. Und so bedürfen die von euch ausgesprochenen Dinge auch notwendig des Lichtes, damit sie unseren lichtverwandten Bedürfnissen zur Konsumtion dienen können. Ich meine aber hier etwa nicht die Konsumtion des tierischen Magens, der auch in einer finsteren Kammer gar wohl gesättigt werden kann, sondern die höhere Konsumtion des Geistes, der sich nur an den Begriffen und Formen, die gleich ihm dem Licht entstanden, sättigen kann. Ein Baum im Mittelpunkt der Erde wird dem Geist so lange zu keiner Sättigung dienen mit all seinen Früchten, bevor er nicht selbst ans Licht gebracht und dem Licht verwandt wird. Seht, meine lieben Freunde, da habt ihr gelöst euren zweifelhaften Punkt. Sollte euch noch etwas dunkel sein, so wollt es nur ganz offenherzig kundgeben!
GS|1|25|11|0|Der Anführer spricht: Geschätzter, hochweiser Mann! Nachdem du allerrichtigst dein Urteil für das Licht ausgesprochen hast, so wirst du mir auch eine Frage in Beziehung auf dich selbst gütigst gestatten wollen. Und diese Frage lautet also: Worin liegt denn wohl der Grund, demzufolge du als weisester Licht-Rechtsprecher dir deine Wohnung in diesem ganz lichtabseitigen Winkel hast errichtet?
GS|1|25|12|0|Der Vernunftrepräsentant spricht: Der Grund ist weiser, als du ihn zu fassen vermagst. Wenn wir die Dinge im Licht schauen wollen und sie rein beleuchtet voneinander unterscheiden, so müssen wir den mathematisch richtigen Grundsätzen der Optik zufolge uns selbst nicht ins Licht stellen, sondern auf einen Punkt, der hinreichend beschattet ist. Dadurch wird unser Sehvermögen gestärkt und die uns gegenüberstehenden Objekte werden wir also in den schärfsten Umrissen erblicken! So du aber deine Augen gegen das Licht wendest, so werden sie von selbem geblendet, und du wirst die Gegenstände dunstig, unrichtig erblicken, und wirst dich stets mit der Schattenseite derselben begnügen müssen. Und so ist meine Wohnung nur dem leuchtenden Körper, nicht aber dem praktischen Licht abgewandt. Aus diesem kannst du ersehen, dass meine Wohnung nicht lichtabseitig, sondern nur dem dienstbaren Licht allerwohlberechnetst zugewandt ist. Wenn du noch andere Anstände findest, so sollst du an mir allzeit den unermüdet bereitwilligsten Mann finden, der dich in allem, was nur immer in seinem Vermögen steht, zufriedenstellen wird.
GS|1|25|13|0|Und der Anführer fragt den Vernunftpräses und sagt: Ich habe nun wieder ersehen, wie du alles nach den wohlberechnetsten Grundsätzen denkst, sprichst und handelst; und so habe ich noch eine große Lust, von dir zu erfahren, warum du dich als Lichtkostverteidiger in solch einer unwirtlichsten Gegend angesiedelt hast, die für den tierischen Magen ebenso wenig wie für den geistigen darbietet. Ist es nicht jammerschade für dich, dass du dich nicht zum wahren Segen vieler gar schwach vernünftiger Menschen in einer reicheren Gegend niedergelassen hast, wo du selbst mehr Nahrung für deinen Geist finden würdest und könntest dadurch auch für die schwachen Geister eine kräftige Kost aus den vielfachen, deinem Geist begegnenden Lichtstrahlen bereiten?
GS|1|25|14|0|Meine lieben Freunde! Über diesen Punkt eurer Frage soll euch sogleich ein hinreichendes Licht gegeben werden.
GS|1|26|1|1|Fortsetzung der Bekehrung eines Stoikers. Diskurs über den Erkenntnishorizont
GS|1|26|1|1|(Am 27. Dezember 1842 von 4 3/4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|26|1|0|[Der Vernunftrepräsentant:] Wie findet ihr euch hinsichtlich des Unendlichen? – Ihr sagt: Nicht anders als endlich und begrenzt. – Seht, ihr gebt in dieser Antwort ja schon selbst den allgemeinen Grund an, warum ich mir diese Gegend zum Aufenthalt erwählt habe. Ich sage euch darum: Wahrhaft weise ist nur derjenige, der die Grenzen seiner Vernunft gefunden hat und erkennt dann mit dieser seiner Vernunft, wie viel da nottut zu der Sättigung seines Geistes. Diese Gegend hier entspricht den wohlerkannten Grenzen meiner Vernunft ganz genau, und ihr Wahlspruch daraus lautet also: Begnüge dich allzeit mit dem, was deiner Beschränktheit entspricht; überschreite nie den Kreis deiner Erkenntnisse und erkenne und finde dich selbst in diesem deinem Kreis, so hast du das Glück deines Lebens im vollkommensten, dir am meisten zusagenden Grad gefunden. Seht, aus dem Grund ist diese Gegend, die ihr für sehr unwirtlich findet, für mich vollkommen anpassend, weil sie nicht mehr bietet, als gerade nur so viel, was den Grenzen meiner Vernunft entspricht. Wenn ich demnach irgendjemandem nützlich sein kann, so kann ich solches ja nur innerhalb des Horizontes meiner Erkenntnisse; außerhalb desselben müsste ich ein Laie sein und wäre außerstande gesetzt, jemandem auch nur im Geringsten nützlich sein zu können. Aus diesem nun könnt ihr ersehen, warum ich mir gerade diese Gegend und keine andere zum Aufenthalt erwählt habe. So ihr aber etwa meinen würdet, mich könnte allenfalls eine Weisheitseitelkeit bestechen, um vor anderen als ein Licht zu glänzen, da würdet ihr euch an mir sehr gewaltig irren. Denn mein unerschütterlicher Grundsatz lautet also: So du jemandem nützen willst, da erkenne wohl die ganze Sphäre, da du ihm nützen möchtest; kennst du aber die Sphäre nicht, da bleibe mit deiner Philanthropie hübsch zu Hause, denn wer mehr geben will, als er hat, der ist entweder ein Narr oder ein Betrüger.
GS|1|26|2|0|Der Anführer spricht: Unser allerschätzbarster Freund! Du hast schon wieder überaus weise gesprochen, und wir können dir durchaus keine Einsprache tun; nur ein Punkt kommt uns etwas dunkel vor. Und da du bisher schon so gefällig warst, uns zu berichtigen und vollgültig aufzuklären unsere Anliegen, so wirst du schon auch so gütig sein und uns gestatten, dass wir uns auch über diesen Punkt bei dir Rat holen.
GS|1|26|3|0|Und der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde, solange ihr auf diesem meinem Territorium euch befindet, könnt ihr mir jede Frage stellen und könnt versichert sein, dass ich euch über jeden Punkt eine für diesen meinen Bezirk vollgültige Aufklärung zu geben imstande bin. Und so gebt mir denn kund euren zweifelhaften Punkt!
GS|1|26|4|0|Und der Anführer spricht: Du hast in deiner weisen Erörterung über eine bestimmte Begrenzung deines Erkenntnishorizontes gesprochen, und es sei durchaus unweise, sich über diesen Horizont hinauszuschwingen. Das letzte ist uns begreiflich, denn wahrlich, niemand kann über seine Kräfte etwas tun, und will er solches, so ist er schon sicher insoweit ein Tor, insoweit er solche seine Grenzen überschreiten will. Aber sieh, als du geboren wardst, da hatte deine Vernunft sicher nicht einen so weit ausgedehnten Horizont, als sie ihn eben jetzt hat. Du musstest also den kleinen Horizont deiner Erkenntnisse offenbar stets mehr und mehr erweitert haben, auf dass du durch solches Erweitern deinen Erkenntnishorizont bis zum gegenwärtigen erstaunenswürdigsten Umfang getrieben hast, und es lässt sich demnach fragen, ob solch ein Horizont schon als ein vollends fixierter oder als ein einer noch größeren Erweiterung fähiger anzusehen ist. Ich meinesteils bin der Meinung: Wenn das Begrenzte seinen Horizont noch so weit hinaustreibt, so wird es deswegen noch immer ein Begrenztes bleiben und wird nie Gefahr laufen, die Unendlichkeit zu erfüllen.
GS|1|26|5|0|Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde, ihr habt hier einesteils recht, einesteils wieder unrecht. Wenn der Mensch sich selbst gegeben hätte, so könnte er auch sich so viel geben, als er wollte; denn er hätte im Unendlichen keinen Mangel gefunden, und somit stünde es auch bei ihm, seinen Erkenntnishorizont nach seinem Belieben unablässig fortwährend zu vergrößern. Da aber der Mensch nicht ein sich selbst Gebendes, sondern ein Gegebenes ist, so ist auch sein Horizont ein gegebener. Wenn ihr auf einem Erdkörper beispielsweise nur einen Apfel betrachtet, so werdet ihr auch sehen, dass er von seinem Ursprung an sogleich nach dem Abfall der Blüte seinen Horizont stets mehr und mehr vergrößert. Hat er aber einmal seine Vollreife erlangt, da könnt ihr dem Apfel vorpredigen wie ihr wollt, und er wird euch durch seinen Stand nichts anderes sagen können als: Bis hierher und nicht weiter! Denn mein Maß ist erfüllt. – Warum aber würde euch der Apfel eine solche Antwort geben? Weil er ebenfalls ein Gegebenes, aber nicht ein sich selbst Gebendes ist. Möchtet ihr nun den Apfel weiter auseinandertreiben, so würdet ihr ihn offenbar zerstören müssen. Und seht, ganz derselbe Fall ist es mit dem Menschen. Er ist ein Gegebenes und kein sich selbst Gebendes; somit ist auch sein Reifebezirk ein gegebener. Der, welcher diesen Bezirk erreicht und dann in sich erkennt, dass dies sein gegebener Bezirk ist, der ist in sich selbst als das, was er ist, so vollkommen als möglich. Bleibt er innerhalb dieses Bezirkes, denselben nicht ausfüllend, so ist er ein verkrüppelter Sklave seiner selbst und wird nicht einmal für sich selbst eine hinreichende Tüchtigkeit haben. Wer sich aber über seinen gegebenen Bezirk aufblähen will, der ist ein hochmütiger Tor und richtet sich selbst zugrunde, und es wird mit ihm nichts anderes sein als wie mit einer hohlen Kugel, die da mit Pulver gefüllt wäre und dasselbe angezündet würde, wodurch dann wohl die Oberfläche der Kugel auseinandergerissen wird und werden die Teile ihrer Oberfläche in einen weiten Horizont hingeschoben. Aber fragt euch selbst, wie es nach einem solchen Akt mit der Totalität der Kugel steht?
GS|1|26|6|0|Der Anführer spricht: Wir haben gegen deine Äußerung im Grunde abermals nichts einzuwenden, denn sie ist an und für sich vollkommen richtig. Aber du, lieber Freund, stellst deine Antworten immer sicherlich absichtlich weise so, dass wir darin stets einen neuen Anhaltspunkt finden, über den wir uns bei dir ferneren Rat zu holen für notwendig finden. Und so hast du dich in dieser deiner weisen Erörterung darüber ausgesprochen, dass der Mensch wie somit auch alles andere Begrenzte ein Gegebenes und nicht ein sich selbst Gebendes ist. Wenn es aber sicher also der Fall ist, so fragt es sich ja offenbar, wer da der Geber ist; denn das Gegebene setzt einen Geber so sicher voraus, als was immer für eine Erscheinung ihren entsprechenden Grund. Und so möchten wir denn wohl von dir uns über den Geber einen näheren Aufschluss erbitten.
GS|1|26|7|0|Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde! Was da den Geber betrifft, so steht derselbe über dem Horizont unserer Erkenntnisse, und wir haben alles getan, so wir uns als gegeben erkannt haben. Wollen wir aber den Geber erforschen, so tun wir nichts anderes, als so wir mit einem Zirkel in der Hand möchten den Kreis der Unendlichkeit ermessen. Solches ist sicher wahr, weil sich über einen bestimmten Kreis ins Unendliche fort größere Kreise denken lassen, mit denen der engste Kreis Ähnlichkeit hat. Wenn aber dieser engste Kreis soll einem größeren über sich vollends gleich werden, so wird er zuvor zerrissen werden müssen, seine viel kürzere Linie nach der Rundung des größeren Kreises ausgestreckt und mit derselben gleichlautend gemacht. Solches lässt sich wohl tun; aber die Erfahrung wird es zeigen, dass die also ausgestreckte Linie des engen Kreises vielleicht kaum den tausendsten Teil einer bedeutend größeren Kreislinie berühren wird; und so wird ihr auch nur dieser Teil gleichlautend werden, alle anderen Tausendteile aber werden für diese viel kürzere Linie dennoch für ewig unerreichbar bleiben. Und seht, in diesem Beispiel haben nur zwei begrenzte Kreise miteinander zu tun. Nun nehmt aber diesen engsten Kreis und messt mit seiner ausgestreckten Kreislinie den unendlichen begrenzten Kreis und fragt euch danach selbst, als was eine solche Arbeit oder ein solches Unternehmen von Seiten unserer Vernunft betrachtet werden müsste. Ich meine, eine größere Torheit kann im menschlichen Gehirn nicht gedacht werden; und also ist es auch, so wir den unendlichen Geber erforschen wollten, wer Er ist. Und so ist es, wie ich ehedem gesagt habe, für jeden Menschen genug, wenn er sich als ein bestimmt Gegebenes erkennt und somit auch sein Erkenntnis-Grenzgebiet. Was aber den Geber betrifft, so geht dieser den Gegebenen nicht im Geringsten an, indem er offenbar endlos erhaben sein muss über alles das Gegebene. Was sollte aus einem Apfel wohl noch werden, wenn derselbe seine Reife erlangt hat? Was aus einem Kreis, wenn die von einem Punkt ausgehende Linie sich selbst wieder erreicht hat? Er bleibe das, was er ist, so wird er vollkommen sein als das, als was er gegeben wurde.
GS|1|26|8|0|Der Anführer spricht: Du hast uns jetzt über alles den richtigen Bescheid gegeben; aber wir hätten dessen ungeachtet noch eine Frage an dich und diese lautet also: In der Gegend, da wir her sind, wird von dem sogenannten besseren Teil fortwährend die Liebe zu Gott gepredigt, und wir wissen nicht, was man damit sagen will auf dem Wege deiner weisen Art; denn wir verstehen unter Liebe ein Ergreifen und Ansichziehen. Wie kann aber ein begrenztes Wesen oder eine begrenzte Kraft eine unbegrenzte Kraft ergreifen und an sich ziehen?
GS|1|27|1|1|Fortsetzung der Bekehrung eines Stoikers. Diskurs über die Liebe. Offenbarung des Herrn
GS|1|27|1|1|(Am 30. Dezember 1842 von 4 1/4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|27|1|0|Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde, bei dieser Frage, um darauf eine günstige Antwort geben zu können, ist eine gehörige Distinktion als vorangehend notwendig. Vorerst muss der Begriff ‚Liebe‘ der Vernunft vollkommen gemäß erörtert sein, und dann erst wird man daraus ersehen können, wie sich solcher verhält zu sich selbst und zu allen dem, was ihn umgibt. Der Begriff ‚Liebe‘ ist nichts anderes und kann unmöglich etwas anderes sein als ein sich aussprechendes Bedürfnis, dessen Grund offenbar nichts anderes sein kann als der Mangel an dem, wonach sich das Bedürfnis ausspricht. Das Bedürfnis gleicht einem Hunger. Wenn ein Mensch einen starken Hunger hat, so hat er einen so ungeheuren Appetit, dass er in sich gewisserart eine Überzeugung trägt, er müsse wenigstens eine Welt verzehren, bis er sich gestillt haben wird seinen Hunger. Was aber sagt die wirkliche Erfahrung zu dieser phantastischen? Nichts anderes als: Du hungriger Mensch, verzehre nur ein einziges Pfund Brot, und du wirst hinreichend gesättigt sein! – Seht, nahe ein ganz ähnlicher Fall ist solches mit dem mehr geistigen Bedürfnis unter dem Begriff ‚Liebe‘. Der liebehungrige Mensch ist der Meinung, er müsse den Magen seines Herzens mit der ganzen Unendlichkeit anfüllen, bis er gehörig gesättigt wird. Worin aber liegt der Grund dieses irrwähnigen Verlangens? Der Grund liegt in nichts anderem als in der Nichtsättigung des eigenen Erkenntnishorizontes, wodurch dann notwendigerweise eine Leerheit die andere nach sich zieht, ein Mangel den anderen, und somit ein Bedürfnis das andere. Die Liebe begehrt Sättigung. Da sie aber ein pures mechanisches Begehrungsvermögen des Geistes ist, so wohnt in ihr auch die Fähigkeit, zu beurteilen, was es zur Sättigung begehren soll. Da sich aber eben durch dieses Begehrungsvermögen eine Leerheit in der Erkenntnis ausspricht, so kann da ja auch diese Erkenntnisleerheit, was ebenso viel als gar keine Erkenntnis heißt, nicht beurteilen den zu seiner Sättigung notwendigen Stoff. Bei solcher Gelegenheit wenden sich dann solche Hohlköpfe mit ihrem blinden Begehrungsvermögen freilich wohl an das Gebiet des Unendlichen und sind der Meinung, aus diesem ewigen Füllhorn wird ihnen das Mangelnde gleich den sogenannten gebratenen Vögeln in den Mund fliegen. Wie leer aber solch eine wahrhafte Wahnmeinung ist, ist ja daraus mit den Händen zu greifen, dass solche Unendlichkeitsliebhaber anstatt irgendeiner vollkommenen Sättigung nur einen stets größeren Hunger überkommen, was auch ganz natürlich ist, und zwar durch ein naturmäßiges Beispiel ersichtlich klar. Denn nehmt ihr nur einen naturmäßig hungrigen Menschen; wenn er voll Hungers neben einem Brotkorb sitzt, dabei aber seinen Mund nur in den unendlichen Raum hin stets weiter und weiter aufsperrt und tut, als wollte er die ganze Erde, die Sonne und den Mond und das ganze gestirnte Firmament verschlingen, des Brotes aber an seiner Seite achtet er nicht. Da ist es dann ja offenbar, dass er mit solch einem Unendlichkeitsappetit von Stunde zu Stunde hungriger wird, und wenn er nicht bald nach dem Korb greift, am Ende gar dem Verhungern preisgegeben ist. Aus diesem aber könnt ihr, meine geehrten Freunde, ja nun ohne weitere Erörterung gar leicht entnehmen, welch eine Bewandtnis es mit der sogenannten Gottesliebe hat. Die wahre Gottesliebe kann demnach ja nichts anderes sein und in nichts anderem bestehen, als dass ein jeder gegebene Mensch den ihm gegebenen Horizont seiner Erkenntnisse erfüllen soll. Diese Erfüllung aber kann unmöglich eher vor sich gehen, als dann nur, so der Mensch sich selbst und somit seinen ihm gegebenen Kreis erkannt hat. Um aber solches zu können, muss der Mensch sorgfältigst alle Hindernisse aus dem Weg räumen, sich von allen äußeren, kleinlichen Bedürfnissen lossprechen und dann sich in seinen eigenen Mittelpunkt begeben, von welchem aus erst es ihm dann möglich wird, seinen ganzen Horizont zu überblicken und diesen dann auszufüllen mit dem, was ihm gegeben ist. Hat er das ausharrend, und in allem Albernen sich selbst verleugnend, zuwege gebracht, sodann hat er auch seine Liebe oder sein begehrendes Bedürfnis vollkommen gesättigt. Was er von alledem verdauen wird, das wird er leichtlich sobald mit der eigenen, ihm gegebenen Fülle ersetzen; und solches ist dann – vom Standpunkt der reinen Vernunft aus betrachtet – eine vollkommene und gesättigte Liebe, die sich nicht mehr als ein Hunger, sondern stets als eine erfreuliche Sättigung ausspricht. Seht nun, das ist meine für meinen Horizont klarst möglichste Ansicht; könnt ihr jedoch [etwas einwenden, so könnt ihr], wie gesagt, solches ebenso frei tun, als wie ganz frei ich jedem Einwurf zu begegnen imstande bin.
GS|1|27|2|0|Der Anführer spricht: Lieber Freund! Du hast deine Antwort gut bemessen, und wir können ihr im Grunde nichts entgegenstellen. Da du uns aber schon noch ferner zu reden gestattet hast, so wollen wir uns in einer gar außerordentlichen Hauptsache mit dir beraten; und so wolle uns denn anhören!
GS|1|27|3|0|Siehe, bei uns wird noch etwas anderes hauptsächlich gelehrt, und gegen diese Lehre will sich niemand stemmen; dessen ungeachtet aber wissen wir nach deiner Art dennoch nicht, was wir daraus machen sollen. Diese Lehre aber besteht darin:
GS|1|27|4|0|Gott oder das allumfassende Kraft- und Machtprinzip habe Sich Selbst in Seinem Zentrum ergriffen, habe im selben einen Kulminationspunkt aller Seiner unendlichen Kraft und Macht gebildet, und sei dann als eben solcher Kulminationspunkt aller göttlichen Wesenheit in menschlicher Form, und zwar in der Person eines gewissen Jesus Christus, auf dem Planeten Erde aufgetreten, habe da Selbst gelehrt und sei unter den Menschen als Seinen Geschöpfen wie ein Bruder zu ihnen gewandelt und habe Sich am Ende gar aus übergroßer Liebe zu Seinen Geschöpfen von ihnen dem angenommenen Leibe nach töten lassen!
GS|1|27|5|0|Zum Beweis Seiner Göttlichkeit wirkte Er Dinge und Taten, welche keinem Menschen möglich sind, und erweckte Sich nach drei Tagen Selbst vom Leibestod und fuhr dann im Angesichte vieler wieder in Sein göttliches Zentrum zurück!
GS|1|27|6|0|Er lehrte auf der Welt oder vielmehr auf dem Planeten Erde die Menschen nichts anderes, als dass sie Ihn über alles lieben sollten und verhieß denen, die solches täten, Sein Reich, welches da bestehen sollte in der stets tieferen Erkenntnis Gottes, in der stets wachsenden Liebe zu Ihm und in der aus der Erkenntnis und Liebe entspringenden unaussprechlich allerwonnigsten Seligkeit, welche das ewige Leben in Gott genannt wird.
GS|1|27|7|0|Und siehe, die Sache ist nicht so leer als du glaubst. In der Gegend, da wir her sind, wohnt derselbe Christus; und wie wir uns noch allzeit auf das Klarste und Lebendigste überzeugt haben, es gehorcht Ihm alle Kreatur in der ganzen Unendlichkeit. Es bedarf von Seiner Seite nur eines Winkes, und zahllose Weltenheere sind aus dem Dasein verschwunden, und wieder eines Winkes, und zahllose Heere erfüllen wieder die endlosesten Tiefen des ewig unendlichen Raumes. Was sagst du nun zu diesem unserem Anstand, den wir dir in dieser deiner Sphäre eröffnet haben?
GS|1|27|8|0|Der Vernunftpräses spricht: Wenn eure ganze Erzählung kein Hirngespinst ist, so liegt bezüglich des sich Ergreifens der unendlichen Macht und Kraft in irgendeinem Zentrum gerade nichts Unmögliches, da von einem jeden gegebenen Punkt ausgehend unendliche Linien denkbar sind. Aber bezüglich der Menschwerdung dieses göttlichen Kraft- und Machtzentrums ließe sich wohl so manches einwenden, obschon die reine Vernunft solches eben nicht als einen völligen Widerspruch aufnehmen kann. Dass aber dieses Wesen dann hauptsächlich die Liebe zu Ihm gelehrt hat, dieses erscheint dem reinen Denker von Seiten des göttlichen Wesens wie ein barster Egoismus. Nehmen wir aber bei dem göttlichen Wesen oder bei der sich selbst konzentrierten Urkraft das egoistische Bedürfnis an, so hört sie fürs Erste auf, absolut zu sein; und ließe sich solches bestreiten, so steht aller Wesenheit die gänzliche Vernichtung bevor.
GS|1|27|9|0|Es muss demnach mit dieser Liebe eine andere Bewandtnis haben, und das göttliche Zentrum kann sich dann gar wohl in der menschlichen Form äußern. Wenn es aber mit dieser von euch dargestellten Liebe nur die hungernde Bewandtnis hat, so müsst ihr es ja doch mit den Händen greifen, in welchen Händen sich da die ganze Wesenheit aller Dinge befinden dürfte, wenn die unendliche Macht und Kraft gleichsam notgedrungen sich an ihnen sättigen sollte.
GS|1|27|10|0|Da ihr mir aber von diesem Christus ferner ausgesagt habt, dass Er gewisserart zufolge Seiner Verheißung Sich als die allzeit aussprechende Allmacht und Allkraft unter euch wirkend befinde, so müsst ihr solches doch offenbar einsehen, dass ich aus diesem meinem gegebenen Kreis weder dafür noch dagegen etwas sagen kann. Es kommt bei dergleichen Sachen allzeit auf die eigene Erfahrung an.
GS|1|27|11|0|Könnte ich diesen Christus oder das vermenschlichte göttliche Zentrum selbst erschauen, so wüsste ich dann auch ganz sicher, wie viel daran gelegen ist; so aber müsst ihr euch, meine geehrten Freunde, mit dem Gesagten begnügen. Könnt ihr aber diesen Christus hierher zu mir bringen, so könnt ihr auch versichert sein, dass ich Seine Wesenheit, so viel es in meiner Sphäre steht, nicht unklug beurteilen werde; nur über meine Sphäre soll nichts gestellt sein!
GS|1|27|12|0|Der Anführer spricht: Setzen wir den Fall, dieser Christus als das liebevollste Wesen würde hierherkommen und hieße dich Ihm folgen; was würdest du dann tun?
GS|1|27|13|0|Der Vernunftpräses spricht: So Er das ist, und ich Ihn als das erkenne, was ihr von Ihm ausgesagt habt, so lässt sich ja nichts Klareres denken, als dass die endlos geringere Potenz der endlos größeren notwendig durch sich selbst getrieben folgen muss, weil da kein Ausweg möglich gedenkbar ist. Verhält sich aber die Sache nicht so, da ist es dann ja auch klar, dass ich aus meiner Sphäre nicht eigenmächtig treten kann, weil ich samt meiner Sphäre, wie schon hinreichend erklärt, ein Gegebenes, aber nicht ein sich selbst Gebendes bin.
GS|1|27|14|0|Der Anführer spricht: So sehe denn her! Ich bin der Christus! Was willst du nun von Mir?
GS|1|27|15|0|Der Vernunftpräses spricht: So Du der Christus bist, so zeige mir solches, und ich will Dir folgen.
GS|1|27|16|0|Und Christus als der Anführer spricht: Es werde Licht in dieser Sphäre! Und du öde Gegend werde zu einem Paradies!
GS|1|27|17|0|Nun seht, der Vernunftpräses fällt vor dem Herrn nieder und betet Ihn an und spricht: Also ist es, dass Gott alle Dinge möglich sind! Herr! Da Du mir, einem armseligen, durch sich selbst Verbannten also gnädig warst, so nehme mich denn auf in Deinen Kreis!
GS|1|27|18|0|Aber lasse mich in Deinem Gnadenkreis ja den Allergeringsten sein! Ich weiß, dass Du meinen Horizont so erweitern kannst, wie Du mich selbst so, wie ich bin, aus Dir gegeben hast; ich aber habe mich dieses Kreises angewöhnt als des engsten einer lebendigen Sphäre, und so belasse mich denn auch in diesem Kreis als den Allergeringsten unter allen denen, die Du Deiner Gnade gewürdigt hast! Glaube es mir, o Herr, und sehe es in meinem ganzen aus Dir gegangenen Wesen, mein Geist war allzeit unfähig des Gedankens, Dich unendlichen Geber je möglich in Seiner Urwesenheit zu erschauen; da ich Dich nun aber also erschaut habe, so sind auch durch diesen Anblick alle die größten Lebensbedingungen meines Geistes erfüllt.
GS|1|27|19|0|Und der Herr spricht: Also folge Mir, und du sollst mitnichten der Geringste allda sein, wo Ich bin unter Meinen Kindern! Doch nicht hier, sondern dort erst sollst du in Mir den liebevollsten heiligen Vater erkennen!
GS|1|27|20|0|Seht nun, meine lieben Freunde, das ist noch eine der allerbesten Arten der Erlösung eines solchen reinen Vernunftgeistes aus seiner Sphäre. Es gibt aber deren eine gar große Menge in dieser euch anschaulichen Gegend, mit denen es nicht so leicht geht wie mit diesem. Solches ist besonders dann der Fall, wenn solche stoische Vernunftgeister auch noch, was eben nicht selten der Fall ist, einen bedeutenden Grad gelehrten Hochmutes in sich vereinigen. Einer solchen Bekehrung wäre es auch für euch nicht gut beizuwohnen; denn ihr könnt es sicher gläubig annehmen, dass da nicht selten mehrere hundert Versuche scheitern. Und so wollen wir auch diese Gegend wieder verlassen und uns in die Mittelschlucht tiefer einwärts begeben. Und somit gut für heute!
GS|1|28|1|1|Die Täler der Reichen und Gelehrten. Das Reich der Finsternis
GS|1|28|1|1|(Am 2. Januar 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr abends.)
GS|1|28|1|0|Seht, da sind wir schon wieder auf dem ersten Standpunkt. Es graut euch wohl ein wenig, euch da hineinzubegeben; allein so viel Raum hat die Schlucht noch immerwährend zwischen den schroffen Felswänden, dass wir uns recht bequem werden über den etwas riffigen Weg ziehen können. Auf dem Weg werdet ihr gar viele enge Talschluchten links und rechts entdecken. Zur linken oder mittägigen Seite haben diese Täler ganz dieselbe Bedeutung, wie wir sie gesehen haben im ersten Tal links, allda die Reichen der Erde wohnen. Der Unterschied besteht nur darin, dass die Bewohner dieser tiefer liegenden Täler an Wohltaten stets ärmer sind, obschon sie stets desto reicher waren auf der Erde an irdischem Vermögen.
GS|1|28|2|0|In den Tälern rechts ist die Wohnung für allerlei Gelehrte, Vernunft- und Verstandesmenschen; je in einem tieferen und mehr im Hintergrund gelegenen Tal solche wohnen, desto mehr waren ihre Wisstümlichkeiten auf der Erde vom Herrn entfernt. Und da ihr solches wisst, so können wir unseren Weg auch mit gutem Erfolg beginnen und uns in jene Gegend begeben, allda ihr überaus Wichtiges sollt kennen lernen. Und so denn gehen wir!
GS|1|28|3|0|Ihr fragt, woher wohl diese Wasser kommen, die da aus diesen Tälern von beiden Seiten her in diese enge Schlucht schießen und sich durch diese als ein reißender Gebirgsbach hinaus ergießen in des großen Meeres Bucht? Die Wasser bedeuten die Wisstümlichkeiten und daraus entsprungenen Nutzwirkungen, welche solche Menschen vermöge ihres Verstandes und Vernunftlichtes auf dem Wege der Erfahrungen von der Naturmäßigkeit der Dinge entnommen haben. Die von der rechten Hand herkommenden sind, wie ihr seht, viel trüber. Solches bezeichnet das viele Falsche, welches in all den gelehrten Wisstümlichkeiten vorhanden ist, und die etwas weniger trüben von der linken Seite her bezeichnen, dass die Reichen der Welt bei ihrem geringen wissenschaftlichen Reichtum aber dennoch besser zu rechnen verstanden denn die eigentlichen nackten Gelehrten. Dass die Wasser hier in dieser Schlucht zusammenstoßen, bedeutet, dass das Vermögen der Wissenschaft und das Vermögen an den Schätzen der Welt sich allzeit vereinigen und am Ende auf eins hinausgehen. Denn der Gelehrte sucht die Wissenschaft, um durch dieselbe weltschatzreich zu werden, der Weltschatzreiche aber sucht die Wissenschaft, um mittels derselben sein Vermögen noch mehr zu erhöhen. Aus diesem Grund erschaut ihr auch, dass die Wasser von der Linken her bei weitem nicht so stark brausen als die von der Rechten. Und solches besagt auch noch dazu, dass der Weltschatzreiche sich stets auf eine politische Weise unter den Gelehrten zu stecken weiß, um von dessen Gelehrsamkeit eines oder das andere für seinen spekulativen Bedarf zu gewinnen. Solches wüssten wir jetzt auch, und so können wir wieder unsere Reise fortsetzen.
GS|1|28|4|0|Seht, dort ziemlich weit noch im Hintergrund steigt eine gerade, hohe Steinwand auf. Allda hat unser Talwerk links und rechts auch ein Ende. Diese Wand öffnet sich zuweilen und bildet einen ziemlich geräumigen Sprung. Wenn man zu der Zeit hinzukommt, so kann man da weiterdringen; wenn man aber nicht einen solchen Zeitpunkt trifft, so ist da kein Durchgang möglich. – Ihr sagt: Auch nicht auf die Weise, wie wir uns in der nördlichen Gegend auf die Berge gehoben haben? – Ich sage euch: Hier auch auf diese Weise nicht, und das zwar aus dem Grund, weil ihr noch Irdisches an euch habt. Wir werden aber ohnehin den Zeitpunkt antreffen, da sich die Wand öffnen wird. Und da hinter der Wand sich also gleich eine überaus große Ebene ausbreitet, so werden wir bis zur Zeit des Sichwiederschließens der Wand leichtlich durch die ziemlich weite Spalte kommen. Und seht, hier sind wir schon bei der Wand. Geduldet euch nur ein wenig, und alsbald soll sie sich öffnen. Ich sage nun: Tue dich auf! – Und seht, schon trennt sich die mächtige Wand; nun ist die Spalte groß genug, also nur hurtig durchgesetzt! Wir haben die Spalte glücklich passiert, und nun seht euch um, wie die Wand schon wieder fest geschlossen ist.
GS|1|28|5|0|Aber jetzt seht vorwärts in die Gegend, in der wir uns befinden; wie gefällt sie euch? – Ihr sagt: Was ist das für eine Frage? Wie soll uns diese Gegend gefallen, in der es so finster ist, dass wir offenbar weiter greifen als sehen. Wir müssen uns bloß an dich anhalten, sonst wären wir offenbar verloren, denn wir sehen ja nicht einmal den Boden, den wir betreten, und wissen daher nicht, auf was wir gehen, sind es Steine, Sand, Unflat oder Gewässer. Denn, wie gesagt, wir sehen hier nichts, nicht einmal dich und uns selbst.
GS|1|28|6|0|Ja, meine lieben Freunde, hier ist es denn einmal so. Ihr fragt mich, ob auch in dieser Gegend allenfalls lebende Wesen existieren? – Ich aber sage euch: Es ist nicht leichtlich irgendeine Gegend so bevölkert wie diese; denn hier kann man im Ernst sagen: In diesem Markt der Finsternis wimmelt es von Menschen.
GS|1|28|7|0|Ihr möchtet wohl ein wenig Licht haben, damit wir doch örtlicher Weise etwas auszunehmen vermöchten? – Ich aber sage euch: Es würde uns nicht gut zustattenkommen, so wir uns hier eines Lichtes bedienten, denn wir würden sodann alsbald von den Bewohnern dieser Gegend nahe so umringt sein wie ein Würmchen, wenn es auf einen Ameisenhaufen fällt. Allein geduldet euch nur ein wenig; es wird sich unser Auge gar bald so erweitern, dass wir, einer Nachteule gleich, auch in dieser Finsternis etwas zu schauen bekommen werden; und so denn bewegen wir uns noch ein wenig vorwärts. Nun, seht ihr schon etwas? – Ihr sagt: Ganz schwach fangen wir wohl an, wahrzunehmen, dass der Boden, auf dem wir stehen, zumeist lauter Sand ist; und da vor uns scheint sich etwas zu bewegen.
GS|1|28|8|0|Ja, ja, ihr habt recht; gehen wir daher nur darauf los und ihr sollt sobald mehr ins Klare kommen, was sich da bewegt. Nun seht, das Bewegende bewegt sich auf uns zu. Seht, es ist eine zuammengebückte, armseligst aussehende Menschengestalt. Wollt ihr sie fragen, wer sie ist? Ihr getraut euch nicht, so will ich solches tun. Und so hört denn; ich will die Gestalt anreden.
GS|1|28|9|0|Was machst du hier, armseliges Wesen? Woher bist du? – Die Gestalt spricht: Ich bin schon bei drei Erdjahren in dieser Gegend und laufe herum als ein wildes Tier und finde nichts, damit ich meinen großen Hunger stillen könnte. Warum ich nach meinem Ableben auf der Erde in solch eine miserable Gegend habe kommen müssen, weiß ich durchaus nicht. Ich war auf der Erde ein großer Herr und hatte ein großes Amt über mich. Dieses Amt habe ich stets als ein rechtlicher und treuer Beamter verwaltet; ich ließ mich durch gar nichts bestechen, sondern handelte streng nach dem Gesetz und erfüllte somit meine Pflicht zur allseitigen Achtung, wurde sogar von meinem Monarchen geachtet und ausgezeichnet. Ich tat aus meinem amtlich verdienten Einkommen freiwillig so manches Gute und lebte in jeder Hinsicht als ein nachahmungswürdiges Beispiel. Als ich aber dann das Zeitliche verließ, da kam ich in diese schauerliche Gegend, in der ich schon, wie gesagt, drei Jahre lang herumirre, und nirgends ist da ein Ausweg zu finden.
GS|1|28|10|0|Und ich, euer Führer, frage ihn weiter: Mein guter Freund, solches mag ja alles sein; hast du aber auch bei all deiner Amtierung je auf Christus, den Herrn, gedacht und geglaubt? Hast du je aus Liebe zu Ihm etwas getan? Und hast du wohl alle noch so gemeinen Menschen als deine Brüder betrachtet? Sage mir, wie steht es da? – Der Armselige spricht: Wie kann ein gebildeter Mann auf so einen alten Weiber-Christus glauben? Dessen ungeachtet aber habe ich, um niemandem ein politisches Ärgernis zu geben, alle christlichen Torheiten mitgemacht. Und wer könnte wohl so töricht sein und verlangen von einem Mann, der ein hohes Staatsamt bekleidet, dass er die rohen Gassenschlingel für seine Brüder betrachten sollte? Und aus Liebe zum alten Weiber-Christus etwas zu tun, da müsste man doch vorerst im Ernst so närrisch werden, auf einen solchen Christus zu glauben, dann erst sehen, ob man aus einer gewissen Liebe zu Ihm etwas tun könnte. Ich glaubte aber dessen ungeachtet auf einen Gott und dachte oft bei mir selbst: Wenn dieser Gott gerecht ist, was er doch offenbar sein muss, so muss er einem gerechten Mann, wie ich einer war, falls nach dem Tod es ein Leben gibt, auch die volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Dass es nach dem Tod ein Leben gibt, solches erfahre ich drei schauerliche Jahre schon; denn so lange dürfte es wohl sein, dass ich hier gleich einem wilden Tier herumirre. Aber leider muss ich in diesem Zustand erfahren, dass es keinen Gott gibt; denn wäre irgendein Gott, so müsste er mich so gut ansehen, wie mich mein Monarch angesehen hat. Da aber sicher alles nur ein Werk des blinden Zufalls ist, so bin ich auch wieder in diesen blinden Zufall zurückgekommen und muss nun erwarten, was dieser wieder aus mir machen wird. Habt ihr aber etwas für den Magen, so gebt mir was zu essen; denn ich bin übermäßig hungrig und habe keine Nahrung außer ein zufällig angetroffenes Moospflänzchen.
GS|1|28|11|0|Und ich, euer Führer, spreche zu ihm: Höre, Freund! Es gibt einen Gott, der gerecht ist, und dieser Gott ist kein anderer als dein alter Weiber-Christus! Solches sei dir ein Gnadenstrahl, auf dass du wissest, an wen du dich zu wenden hast, wenn es dir noch schlechter gehen sollte denn jetzt.
GS|1|28|12|0|Siehe, alles was du getan hast, wenn es auch an und für sich noch so gerecht war, so hast du alles solches lediglich aus deiner Eigenliebe getan; denn deine Liebe war dein rechtliches Ansehen und danach das allseitige Wohlgefallen und die hohe Schätzung der Welt. Daher hast du auch nichts mitgebracht als deine eigene Liebe, welche seit der Zeit kein Licht hat, da ihr das Licht der Welt genommen ward. Das Licht des Geistes und seine Gerechtigkeit aber ist Christus! Wende dich in deinem Herzen an Ihn, so wird dir nach dem gerechten Maß deiner Wendung Licht und Brot werden; und nun verlasse uns!
GS|1|28|13|0|Seht, wie er nun nachdenkend dahinschleicht; und merkt ihr, wie über ihm das schwarze Gewölk eine leichte Grauhelle bekommt? Das rührt daher, weil er nun angefangen hat, über Christus nachzudenken. Doch gehen wir weiter, und es werden sich uns bei weitem interessantere Fälle darbieten.
GS|1|29|1|1|Wirre Theorien über Christus und das Christentum
GS|1|29|1|1|(Am 3. Januar 1843 von 4 3/4 – 7 3/4 Uhr abends.)
GS|1|29|1|0|Seht, in geringer Ferne von uns rührt sich schon wieder etwas, merkt ihr es? – Ihr sagt: O ja! Wenn uns unser Auge nicht täuscht, so sind es diesmal zwei überaus hagere und völlig bis an die Knochen abgezehrte männliche Wesen. – Ihr habt recht; daher machen wir nur eine Bewegung, und wir werden sie alsbald eingeholt haben. Seht, hier sind sie schon. Noch merken sie nichts von unserer Gegenwart, und das ist vorderhand gut; denn so können wir sie belauschen, was sie miteinander für Worte führen. Diesen Zweien werden wir uns auch gar nicht zeigen, sondern am Ende bloß auf ihr Gefühl eine Einflüsterung ergehen lassen, welche so gestellt sein soll, dass sie einen oder den anderen möglicherweise auf einen anderen Gedanken bringt. Und so denn öffnet euer Ohr und hört, denn soeben werden sie von der Hauptsache miteinander Worte zu wechseln beginnen.
GS|1|29|2|0|Der A spricht: Also geht’s dir, mein schätzbarster Freund, nun auch nicht besser denn mir; wie lange verweilst du schon an diesem Ort? – Der B spricht: Mein geachteter Freund, nach meinem Gefühl dürften es kaum noch einige Wochen sein; wie lange aber bist denn du schon hier? – Der A spricht: Mein schätzbarer Freund! Es dürften wohl schon nach meinem Gefühl etliche zwanzig Jahre her sein. – Der B spricht: Mir ist es rein unbegreiflich, wie ich hierhergekommen bin; denn du kannst mir glauben, da du mich als ein greiser Mann noch als einen tätigen Jüngling von etlichen und zwanzig Jahren gar wohl gekannt hast, ich habe stets so gelebt, wie ich es nur meiner Erkenntnis zufolge für rechtlich und billig gefunden habe. Ich verrichtete mein geistliches Amt mit großer Treue, hatte nie, was die Satzungen der Kirche betrifft, nur einen Buchstaben unerfüllt gelassen. Ich predigte allzeit vollkommen im Geiste der alleinseligmachenden Kirche; ich unterstützte, so viel es nur immer tunlich war, nach Möglichkeit diejenigen, die ich wahrhaft als dürftig erkannte, d. h. mit anderen Worten gesagt: die ohne ihr Verschulden in die Armut versunken sind. Ich gab doch tagtäglich in dem heiligen Messopfer Gott die Ehre und weiß mich keines Tages zu erinnern bis zu meiner letzten Stunde, dass ich das Brevierbeten hintangesetzt hätte. Ich fügte mich allen Anordnungen der kirchlichen Oberhäupter und wäre imstande gewesen, auf Leben und Tod zu kämpfen für die Rechte der heiligen Kirche. Ich war streng im Beichtstuhl und glaube auch, gar viele Seelen für den Himmel gewonnen zu haben; und ich habe im Sinne Christi die Dürftigen beteilt, die Hungrigen gespeist, die Durstigen getränkt, die Nackten bekleidet, die Gefangenen erlöst, und erwartete dadurch nach dem Ableben, besonders da ich mich noch obendrauf eines vollkommenen Ablasses von Seiten seiner Heiligkeit des Papstes versichert habe, dass ich nach dem Ableben ganz vollkommen sicher in den Himmel kommen würde.
GS|1|29|3|0|Allein was für eine Bewandtnis es mit dem von mir sicher gehofften Himmel hat, das siehst du hier so gut wie ich. Ich habe es, weißt du, lieber Freund, bei mir so ganz heimlich wohl oft gedacht, aber freilich nie öffentlich ausgesprochen, dass das Christentum samt Christus nichts anderes ist als ein kultiviertes Heidentum und habe daher auch auf Christus samt der Dreieinigkeit wenig Vertrauen gesetzt; und da ist es jetzt klar genug vor mir, wie sehr ich in diesem meinem heimlichen Misstrauen recht hatte. Nun, was sagst denn du dazu?
GS|1|29|4|0|Der A spricht: Ja, mein lieber, schätzbarer Freund, was sollte ich dazu sagen? Ich war kein Priester, lebte aber dessen ungeachtet, man kann sagen, beinahe streng so, wie mich, versteht sich von selbst, die besseren Priester belehrt haben. Ich hatte wohl auch gewisserart so manchen Zweifel; aber ich dachte nur dabei, sei es dem, wie es wolle, ich lebe ganz ruhig so, wie ich zu leben von den Priestern gelehrt wurde; es kann für mich ja unmöglich gefehlt sein. Denn ich dachte mir: Ist ihre Lehre falsch und ein Unsinn, so haben sie es zu verantworten; ich selbst aber wasche mir die Hände. Und wenn Gott im Ernst ein so gerechter Richter ist, wie alle die Priester auf den Kanzeln von Ihm gepredigt haben, so muss Er mich belohnen, vorausgesetzt, dass Er irgend wirklich ist; gibt es aber keinen Gott, dann ist ja ohnehin alles eins, wie man lebt. Gibt es ein Leben jenseits, so muss dieses doch sicher entsprechend sein dem allzeit ehrlichen Charakter eines Menschen; und gibt es kein Leben nach dem Leibestod, so wird es auch sicher wenig daran gelegen sein, wie jemand auf der Erde gelebt hat. Du kannst nun daraus ersehen, dass ich auf der Welt als ein vollkommen ehrlicher, kluger und treugehorsamer Mann gelebt habe; nun bin ich schon so lange hier, und das ist der Lohn!
GS|1|29|5|0|Nichts als eine beinahe undurchdringliche, überaus frostige Nacht, von keinem noch so trüben Tag mehr abgewechselt; außer einigem besandeten Moos keine Nahrung, und dieses alles sollte etwa mit der von euch Priestern oft gepredigten Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes übereinstimmen?! Ich denke jetzt schon über zwanzig Jahre nach, ob es einen Gott oder keinen gibt; und wo ich immer jemandem begegne und mich mit ihm über diesen Punkt bespreche, so weiß er am Ende um kein Haar mehr denn ich. Es nimmt mich daher auch umso mehr wunder, dass du, ein gewesener Priester, der doch immer für das sogenannte Reich Gottes gearbeitet hat, eben mit demselben Los beteiligt bist wie ich. Ich meine, wir sind alle zusammen mit Christus angeschmiert; denn es ist mir gar oft rätselhaft vorgekommen, wie sich ein Gott habe können töten lassen! Die alten, weisen Hebräer kannten Christus sicher besser als wir und wussten daher Ihn als einen jüdisch-pietistischen Schwärmer gehörig aus dem Weg zu räumen und haben Ihn dann schön sauber den früher glücklichen Römern als eine pfiffige Prämie darum in die Arme gespielt, weil ihnen diese ihre Königsstadt zerstört haben. Sie blieben für sich bei ihrem alten Gott, der doch offenbar ein viel göttlicheres Aussehen hat, denn unser Gekreuzigter. Nur wir mussten hernach zufolge des jüdischen Geniestreiches den Gott annehmen, der bei ihnen das schimpflichste Wesen war. Ich meine, solches ist bereits mit den Händen zu greifen; denn wäre an dem Christus etwas, so müsste hier in dieser, ich kann dir sagen, endlos großen Weltsphäre doch einer etwas Reelles von Ihm wissen. Aber da kannst du Tausenden begegnen, die du alle als lauter nüchterne und bescheidene Menschen erkennen musst, und nicht einer weiß eine Silbe von Ihm. Ich kann dir sagen: Ich bin schon mit Menschen zusammengekommen, die ein- bis zweitausend Jahre sich schon in dieser Gegend befinden und sich das Moosfressen auch schon ganz vollkommen angewöhnt haben. Diese waren doch gleichzeitig mit dem Christus auf der Erde, falls es, unter uns gesagt, je einen Christus gegeben hat, und diese wissen von Ihm geradeso viel wie wir; manche darunter geben vor, diesen Namen nie gehört zu haben. Siehe, das sind so meine Ideen, die ich im Verlaufe meines Hierseins und mitunter auch wohl schon in meinem Leibesleben ganz heimlichermaßen zuwege gebracht habe; wie gefallen sie dir?
GS|1|29|6|0|Der B spricht: Mein schätzbarer Freund, ich muss dir offen gestehen, dass deine Ideen sehr viel für sich haben. Jedoch kann ich anderseits das wieder von den weisen Juden, die die Kenntnis von dem rechten Gott hatten, nicht als völlig wahr annehmen, dass es ihnen darum sollte zu tun gewesen sein, aus Rache gegen eine große Nation, wie die Römer waren, einen quasi Galgenschlingel denselben als einen Gott auf den Hals zu werfen. Denn es hat gerade um dieselbe Zeit unter den Römern auch die weisesten Männer gegeben, und danach wäre es eben nicht zu vernunftgemäß, diese große und weise Nation für so dumm zu halten, dass sie statt ihrer gepriesenen und viel besungenen bedeutungsvollen Götter einen so erbärmlichen Austausch hätten machen sollen.
GS|1|29|7|0|Da du mir aber schon deine Meinung in dieser Hinsicht kundgetan hast, so will ich dir mich auch näher aufschließen und will dir kundgeben, was ich bei mir in meinem Leibesleben eben nicht selten gedacht habe, und dieses Gedachte lautet also: Die Römer, namentlich der römische Priesterstand, haben es ganz heimlich gemerkt, dass es für die Länge mit all ihren Gottheiten sich nicht mehr tun wird. So suchten sie nach und nach für das stets mehr sinnlich gewordene Volk eine sinnlichere Mythe, machten es dabei so, dass sie vorgaben, als habe sich der oberste Gott Jupiter der Menschheit überaus erbarmt. Und da unter allen Völkerstämmen die jüdische Nation am entferntesten war dem wahren Göttertum, so habe sich Jupiter selbst herabgelassen und habe sich in die Gestalt eines Juden begeben und das Volk gelehrt die Wahrheit der rechten Gotteslehre Roms. Solche Lehre war den Juden ein Gräuel, besonders weil sie die Römer zu der Zeit gar übel im Magen hatten. Sie boten daher alles auf, um diesen wahren Gott Jupiter in der menschlichen Gestalt zu verdächtigen. Pilatus wusste gar wohl, was hinter Christus steckt; darum habe er Ihn auch so viel als möglich verteidigt. Da aber die Juden sich durchaus nicht besänftigen ließen und den Pilatus als einen Mitrebellen bei dem Kaiser zu verklagen drohten, so dachte Pilatus bei sich selbst: Ich übergebe euch den Allmächtigen; Er wird es sicher besser wissen als ich, was Er mit Sich wird machen lassen. Und dieser hatte Sich dann pro forma auf die römische Art von den Juden kreuzigen lassen und stand aber dann als Jupiter gar leichtlich wieder vom Tode auf und ließ dann den Hohenpriestern zu Rom melden, was sie nun zu tun hätten. Diesen Priestern war das ein gewünschtes Wasser auf ihre Mühle, und sie lehrten dann das Volk so, wie sie sich diese Mythe im Einverständnis mit den Römern im Judenland ausgedacht hatten; erdichteten mit der Zeit noch eine Menge Blutzeugen hinzu, und mochten wohl auch im Einverständnis mit den Kaisern entweder einige wirkliche oder blinde Grausamkeiten ausgeübt haben und schwatzten hernach dem dummen Volk eine Menge Wundererscheinungen bei solchen Gelegenheiten vor. Und so ging das alte, schon morsch gewordene Heidentum unter immer demselben Pontifikat auf uns über, und wir sind notgedrungen Tölpel genug gewesen, solch einen wahren Philisterstreich als bare Münze anzunehmen. Dafür aber repräsentiert sich meines Erachtens hier auch ganz vollkommen der Lohn unseres neukreierten Heidentums.
GS|1|29|8|0|Der A spricht: Mein schätzbarer Freund! Ich muss dir offenherzig bekennen, deine Meinung hat offenbar mehr für sich als die meinige, nur verstehe ich dann nicht, wie man bei solch einem pfiffigen Unternehmen dann das neukreierte Heidentum auf das Judentum hat basieren können. Denn meines Wissens, so viel ich aus den sogenannten Evangelien weiß, bezieht sich der Christus ausschließend auf die sogenannten Propheten der Juden, und es lässt sich dann wohl nicht leichtlich annehmen, dass die stolzen, weisen Römer zur Kreierung einer einträglichen Religion sich der Religion der ihnen über die Maßen verächtlichen Juden bedient hätten. Ferner muss ich dir ganz offen bekennen, dass die absolute Lehre Christi, bis auf manche unbedeutende Wunderalbernheiten, an und für sich eine ganz menschlich kluge Lehre ist und taugt meines Erachtens am allerwenigsten für die nur allzu bekannte römische Habsucht. Aus dem Grund lässt sich eben nicht gar zu leicht erweisen, dass sie ein Werk des römischen Priestertums ist, wohl aber ist sie sicher ein Werk der Juden; denn man weiß es aus der Geschichte nur zu bestimmt, wie sehr sich die Römer gegen den Eingang dieser Lehre gesträubt haben!
GS|1|29|9|0|Der B spricht: Mein geschätzter Freund! In dieser Hinsicht bist du viel zu wenig eingeweiht in die geheimen Schleichwege des Priestertums. Siehe, du hast in der Geschichte wohl gelesen, dass sich verschiedene römische Kaiser allertätigst gegen die Einführung dieser Religion gesetzt haben; nenne mir aber auch einen römischen Pontifex, der sich namentlich dawider gesträubt hätte. Siehe, also war die Sache fein abgekartet, und diese neukreierte Religion hätte nie einen besseren Eingang gefunden als eben durch die notwendig scheinbar grausame Widersträubung der römischen Kaiser. Dass diese neukreierte Religion auch auf das Judentum basiert wurde, hat ja den mit Händen zu greifenden Grund, weil die römischen Weisen bei der Gelegenheit ihrer vielseitigen Eroberungen eine hinreichende Gelegenheit hatten, mit vielen Religionen Bekanntschaft zu machen und konnten dadurch sehr leicht finden, dass eine neu zu kreierende Religion auf keine besser zu basieren ist denn gerade auf diese jüdische. Darum haben sie auch ihren menschgewordenen Zeus aus sehr weisen Gründen im Judenland auftreten lassen; denn sie wussten es genau, dass es mit allen anderen Religionen ein noch morscheres Verhältnis habe denn mit der ihrigen.
GS|1|29|10|0|Der A spricht: Ja, geachteter Freund, jetzt bekommt deine Sache freilich ein ganz anderes Gesicht, und ich kann nun nicht umhin, ganz deiner Meinung beizupflichten. Ja, ja, wäre es nicht so, woher käme sonst diese Gold- und Silbergier des noch gegenwärtigen römischen Pontifikats? Dessen ungeachtet aber muss ich dir doch auch hinzu bekennen, dass die eigentlich reine Sittenlehre Christi, rühre sie, woher sie wolle, über alle Kritik erhaben gut ist. Solches hat mich auch noch zuallermeist an das Christentum gehalten. Dass sich mit der Zeit manche eigennützige Schmarotzerpflanzen auf diesen reinen Baum angeklebt haben, solches, erlaube mir, ist auch unverkennbar, und so muss ich dir sagen, und es kommt mir eben dazu gerade jetzt eine Idee: Wenn ich möglicherweise je irgend einem solchen reinen Christus begegnen würde, wahrlich, ich könnte Ihm unmöglich feind sein!
GS|1|29|11|0|Und der B bemerkt: Ja, wenn es einen gäbe, da wäre ich auch dabei; aber darin liegt ja eben der Hund begraben! – Und der A bemerkt: Weißt du was, nehmen wir uns vor, das Grab dieses deines Hundes zu suchen; und haben wir es gefunden, so haben wir doch wenigstens ein Sinnbild der Treue gefunden! – Seht, über dem A wird es schon etwas heller, aber über dem B wird es noch lange nicht; und da wir hier nichts mehr zu tun haben, so begeben wir uns wieder weiter!
GS|1|30|1|1|Ein geistlicher Professor und eine Betschwester
GS|1|30|1|1|(Am 4. Januar 1843 von 4 3/4 – 8 Uhr abends.)
GS|1|30|1|0|Seht, wenn ihr so bestimmen könnt, etwa fünfzig gewöhnliche Schritte vor uns könnt ihr schon wieder ein anderes Pärchen erschauen. Gehen wir nur schnurgerade darauf los, und wir wollen sie sogleich erreicht haben. Auch dieses Pärchen soll unser nicht sichtig werden. Es hat schon ein Ständchen in der Absicht; also gehen wir nur munter darauf los, damit wir wieder etwas Neues erfahren. Nun, wir sind schon bei ihnen, und wie ihr seht, so ist diesmal an diesem Paar ein geschlechtlicher Unterschied zu bemerken. Ein überaus hageres, mühselig aussehendes Weib und ein vollkommen nahe bis auf den letzten Fleisch- und Blutstropfen abgezehrter Mann, der noch kaum so viel Kraft zu haben scheint, um sich allermühseligst mit der genauesten Not fortzuschleppen. Seht, sie reicht ihm ihre Hand und heißt willkommen diese Begegnung.
GS|1|30|2|0|Horcht nun, was diese zwei miteinander alles abmachen werden. Sie spricht: Grüß’ euch der liebe Himmel! Mich freut es recht von ganzem Herzen, dass uns der liebe Zufall endlich einmal zusammengetragen hat! Aber ich muss Ihnen gestehen, auf solch einem Ort hätte ich nicht geglaubt, Sie zu treffen; denn ich habe immer geglaubt, Sie sind schon Gott weiß wie selig im Himmel, weil Sie, so viel ich mich erinnern kann, auf der Welt ein gar so frommer und rechtschaffener Mann waren. Sie waren ja ein hochgelehrter Herr Professor für die Geistlichkeit, und es sind von Ihnen so viele brave und würdige Geistliche in die Seelsorge übergegangen. Und nun, du mein lieber Himmel – muss ich Sie so elend hier in diesem miserablen Ort antreffen, in welchen ich, weiß der liebe Gott warum, auch vor zwei Monaten gekommen bin.
GS|1|30|3|0|Und er spricht: Ja, meine schätzenswerte Freundin, es tut mir recht leid, dass Sie sich auch hier befinden; aber es ist denn einmal also. Sie sind hier als eine Betrogene und ich ebenfalls als ein Betrogener. Wir haben uns auf der Welt (der Himmel wird es wissen, wenn es irgendeinen gibt) was alles für goldene Hoffnungen von einem glücklichen Leben gemacht. Allein wie glücklich dieses Leben und was der Lohn für alle guten Handlungen auf der Welt ist, solches erfahre ich nun schon mehrere Jahre und Sie, meine schätzenswerte Freundin, nach Ihrer Aussage auch schon zwei Monate lang.
GS|1|30|4|0|Sie spricht: Nein, aber du mein lieber Himmel! Wenn ich zurückdenke, was für ein strenges Leben Sie geführt haben und haben auf der Welt nichts Gutes gehabt. Und wenn Sie gepredigt haben, so hat ja doch alles geschluchzt und geweint in der Kirche, und nur was für schöne Lehren und Ermahnungen Sie einem in der Beichte gegeben, und wie andächtig Sie das heilige Messopfer verrichtet haben, so kann ich wirklich nicht begreifen, wie Sie da hergekommen sind. Für unsereins ist das schon begreiflicher, denn man hat so manche Sünden vielleicht in der Beichte verschwiegen, weil man sich derselben trotz aller Gewissenerforschungsmühe nicht hat erinnern können. Aber wie Sie, der das doch alles gekonnt und sicher sein Leben und all sein Tun und Lassen bis auf ein Haar durchforscht hat, da hergekommen sind, das, wie ich schon einmal gesagt habe, wird der liebe Himmel wissen, wenn es einen gibt, wie Sie gerade früher gesagt haben. Haben Sie denn gar keine Mutmaßung, warum Sie da hergekommen sind?
GS|1|30|5|0|Er spricht: O meine schätzbare Freundin! Ich habe nur zu viel Mutmaßung; aber diese meine Mutmaßung werden Sie nicht leichtlich verstehen. – Sie spricht: Ich bitte Sie, sagen Sie mir nur keckweg etwas davon; wer weiß, ob mir solches nicht frommen kann. – Er spricht: Nun wohl, ich will Ihnen ja so manches mitteilen, will aber übrigens gar nicht schuld sein, wenn es Ihnen nichts nutzen sollte; und so sage ich es Ihnen denn rund heraus, was meine Mutmaßung ist.
GS|1|30|6|0|Ich mutmaße, dass es weder einen Gott noch irgendeinen Himmel gibt, und mutmaße aus gar guten Gründen, dass wir Menschen nichts als Werke der Natur sind. Wenn das Grobmaterielle von der naturmäßigen Lebenskraft gleich einer Hülse hinwegfällt, so erhält sich die naturmäßige Lebenskraft noch eine Zeit lang fort. Nach und nach aber stirbt sie auch allmählich ab; die Kraft zerstreut sich im Raum so wie die Kraft des Pulvers außer der Mündung einer Kanone, und mit den viel hoffenden und erwartenden Menschen ist es dann auf ewige Zeiten aus. Wenn Sie mich so recht ansehen und betrachten, wie ich mich schon der endlichen gänzlichen Auflösung und Vernichtung nahe, so wird Ihnen meine Mutmaßung selbst in dieser stockfinsteren Nacht noch klarer werden als auf der Welt die Sonne am hellen Mittag.
GS|1|30|7|0|Sie spricht: Ach du mein lieber Himmel, wenn es einen gibt, was Sie da sagen! Das ist ja erschrecklich; ja, ja, Sie müssen’s denn doch besser wissen als ich. Ich habe mir wohl auch auf der Welt so manchmal gedacht, wie es mir einmal ein recht gescheiter und vornehmer Herr gesagt hat, dass nämlich nach dem Tod nichts mehr ist. Und jetzt sehe ich es erst ein, dass dieser Herr die Wahrheit geredet hat; und so wird es mir mit der Zeit auch so gehen, wie es jetzt Ihnen geht. Auf der Welt habe ich doch, wenn’s mir recht übel gegangen ist, sagen können: Mein Gott und mein Herr! Verlasse mich nicht! – Aber was kann ich jetzt tun, so es keinen Gott gibt? Möchten Sie, mein schätzbarer Freund, denn nicht auch noch sagen, was es denn hernach mit Christus und Seiner allerseligst sein sollenden Jungfrau und Mutter Maria für eine Bewandtnis hat? Und warum haben wir denn müssen auf der Welt zu diesen beiden so viele sogenannte Rosenkränze beten, und warum haben Sie so viele und andächtige Messen gelesen, wenn das alles sich so verhält, wie Sie mir früher gesagt haben?
GS|1|30|8|0|Er spricht: Ja, meine liebe Freundin, darüber bin ich auch erst hier so ganz recht ins Klare gekommen. Die großen Herren auf der Welt könnten das gemeine Volk ja nicht bändigen, wenn sie nicht irgendeinen Gott und sonach irgendeine Religion für dasselbe erfunden hätten. Durch die Religion aber haben sie ein leichtes Spiel, den dummen Pöbel im Zaum zu halten; und dieser arbeitet dann recht fleißig für sie, damit sie sich, unbekümmert um irgendeine Arbeit, in ihren Palästen und Schlössern auf weichen Betten und Stühlen recht fett mästen können. Darum werden auch allenthalben Geistliche und Lehrer aufgestellt, die selbst in der gehörigen Dummheit erhalten werden, um mit dieser Dummheit dann auch den gemeinen Pöbel zu verdummen. Wenn aber irgend solche Geistliche recht gescheite Leute werden, so werden sie auch recht gut leben können, um durch ihren Verstand den Großen nicht gefährlich zu werden. Um aber einer solchen Religion, die an und für sich nichts ist, irgendeinen bedeutungsvollen Anstrich zu geben, muss sie mit allerlei mystischer, d. h. nichtssagender Zeremonie geschmückt sein; sonst würde sie bei dem gemeinen Pöbel auch nicht die erforderliche Wirkung hervorbringen. Sehen Sie, meine schätzbarste Freundin, also war es ja mit mir auch der Fall.
GS|1|30|9|0|Ich habe auf der Welt bei mir selbst recht gut eingesehen, dass es mit dem jenseitigen Leben eine ganz andere Bewandtnis hat, als ich es selbst von der Kanzel gepredigt habe. Ich habe mich darüber, versteht sich, nur ganz vertraulich bei den großen, machthabenden Herren geäußert und habe darüber um Aufklärung gebeten. Allein was die Aufklärung betrifft, da ist mir keine zuteilgeworden, aber dafür kam mir bald, ich weiß selbst nicht wie und warum, eine bedeutende Beförderung zu; ich ward ein gut besoldeter Professor und endlich gar ein Direktor des Seminariums. Ich meine aber, die Herren haben eingesehen, dass ich für einen unteren Posten zu gescheit war. Daher gaben sie mir einen besseren, damit ich, durch das eigene Interesse genötigt, mit meiner Gescheitheit nur nützen, aber nicht schaden möchte. Ich habe zwar allzeit als ein grundehrlicher Mann gelebt; aber was von mir dumm war und ich noch jetzt bedaure, war das, dass ich mit solch einer Beförderung betrogen war; und fürs Zweite, dass ich in dieser meiner gut einträglichen Stellung ein, wenn auch scheinbar, aber dennoch für mein eigenes Wohl zu töricht geistlich strenges Leben geführt habe. Ich habe mir dabei freilich gedacht, solch ein sich verleugnendes Leben wird mir sicher in kurzer Zeit eine bischöfliche Würde zuschanzen. Allein ich habe mich gewaltig verrechnet, denn die großen Herren haben es genau berechnet, dass ich für den mir erteilten Posten den gehörigen Grad der Dummheit besitze, von wo aus ich ihnen nicht mehr gefährlich sein kann; daher beließen sie mich auch ganz sorglos in meiner Stellung. Siehe, meine geschätzte Freundin, so steht es demnach mit allem dem, was die Religion betrifft, auf der Welt; darum sagte ich auch gleich anfangs, dass wir beide betrogen sind.
GS|1|30|10|0|Sie spricht: Nein, jetzt gehen mir auf einmal alle Lichter auf! Hätte ich das doch nur auf der Welt gewusst, wie hätte ich da lustig leben können! Denn ich war fürs Erste, wie man gesagt hat, ein schönes und dabei auch recht wohlhabendes Mädchen. Wie viel saubere junge Männer haben sich um meine Gunst beworben; aber ich getraute mich aus lauter Religion ja beinahe keinen anzuschauen, bin unserem Herrgott und der seligsten Jungfrau Maria zulieb eine alte Jungfrau geblieben und habe obendrauf noch fast mein ganzes Vermögen schon bei meinen Lebzeiten der Kirche vermacht.
GS|1|30|11|0|O wie dumm war ich! Wäre ich lieber eine lustige Hure geworden, so hätte ich doch einmal etwas genossen! So aber hat sich an mir das gemeine Sprichwort bestätigt, dass nämlich eine langsame und dumme Sau nie zu einem warmen Bissen kommt. Na, mein bester Freund, wenn es wirklich so ist, wie Sie sich da jetzt ausgesprochen haben, da möchte ich doch alles zu verwünschen und verfluchen anfangen, aber doch nein! Ich will es nicht tun. Wenn es mir recht schlecht gehen wird, so will ich mir, wenn auch gewohnheitshalber, aber dennoch mit der Anrufung Gottes und der seligsten Jungfrau Maria helfen. Denn auf der Welt, kann ich mich denn doch einiger Male erinnern, wo mir die Anrufung Christi und der lieben Frau offenbar geholfen hat, und ich meine, ist daran nichts gelegen, so habe ich durch diese Anrufung, wenn schon nichts gewonnen, so doch auch nichts verloren. Ich kann mir freilich wohl geradewegs keinen Vorwurf machen, als hätte ich durch meinen Lebenswandel mir etwa solch eine Strafe verdient, nun in diesem finsteren Ort zu sein, außer dass ich’s mit den Geistlichen vielleicht manchmal zu viel gehalten habe, d. h. Ehre und Sittlichkeit ausgenommen, denn in diesen Stücken habe ich nie etwas vergeben. Aber so manchmal habe ich manche mir schlecht vorkommende Menschen verunglimpft und habe über sie losgezogen und sie manchmal auch, freilich wohl allzeit nur bei der Geistlichkeit, recht ausgerichtet, und habe mit ihnen auch alle Lutheraner, Juden, Türken und Heiden im Namen Gott des Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes verdammt; aber das haben die geistlichen Herren gesagt, dass man als eine rechtgläubige Christin solches gar tun müsse. Sie sagten freilich wohl auch, dass man dabei für sie auch beten solle, damit sie zur rechten Religion übertreten könnten; und so habe ich auch das getan und habe sie zuerst, wie sich’s gehört, verdammt, und dann habe ich auch wieder für sie gebetet. Es müsste also nur das etwas gefehlt gewesen sein, ansonsten wüsste ich wirklich nichts. Den Armen habe ich auch gegeben, freilich eben nicht zu viel; und habe darum lieber mein Vermögen der Kirche vermacht, weil ich mir gedacht habe, dass die Geistlichen es besser werden verteilen können als ich. Und so bin ich, je mehr ich über mich nachdenke, richtig ganz unschuldig da hergekommen; aber natürlicherweise, wenn es also ist, wie Sie es früher gesagt haben, da hätte mir das eine so wenig als das andere geschadet oder genützt.
GS|1|30|12|0|Aber, wie gesagt, ich bleibe bei der Anrufung Gottes und der lieben Frau und will mich denn auch auf diesem Ort so lange fortschleppen, wie es sich tun wird. Vielleicht komme ich mit der Zeit wieder auf jemand anderen, der mir etwas Besseres wird sagen können als Sie, mein übrigens ganz schätzbarer Freund. Und so leben Sie denn wohl; denn das sehe ich schon ein, dass ich in Ihrer Gesellschaft nicht glücklicher werde. Mir wäre es auch viel lieber gewesen, wie ich’s jetzt empfinde, dass ich mit Ihnen gar nicht zusammengekommen wäre! Denn jetzt sehe ich es auch recht klar ein, dass die Dummheit glücklicher ist als aller noch so scharfe Verstand.
GS|1|30|13|0|Ich bin nur froh, dass ich nicht in das von mir so oft gefürchtete Fegefeuer gekommen bin, oder gar in die Hölle; denn mir geht’s im Grunde doch nicht gar so schlecht, da ich keinen Schmerz empfinde, außer was den Hunger betrifft. Den muss ich freilich wohl mit Gras stillen, was sich hier noch ziemlich reichlich vorfindet; wenn’s aber nur sonst nicht ärger wird, an diese Kost will ich mich schon noch recht gewöhnen. Und so leben Sie denn wohl!
GS|1|30|14|0|Und er spricht: Ja, ja, leben auch Sie wohl und sehen Sie zu, dass Sie mit Ihrem Grasfressen recht zunehmen; ich wünsche Ihnen allzeit einen guten Appetit dazu. Übrigens war ich noch nicht so glücklich, auf irgend so reichliche Grasplätze zu kommen, sondern Moos, und das sehr sparsam, war bisher meine einzige Nahrung.
GS|1|30|15|0|Seht, die beiden entfernen sich; er zieht sich gegen die mehr nördliche, sie aber gegen die mehr mittägige Seite hin.
GS|1|30|16|0|Ihr fragt und sagt: Wie sich diese in dieser Gegend befindet, sehen wir selbst so ganz eigentlich nicht ein; was ihn betrifft, so scheint solches nach seiner Äußerung seinen guten Grund zu haben.
GS|1|30|17|0|Meine lieben Freunde! Solches solltet ihr wohl auf den ersten Blick einsehen. Wie ist wohl die Liebe desjenigen beschaffen, der ein allfälliges von ihm erkanntes Gutes entweder eines sogleich erfolgbaren oder eines künftigen Lohnes wegen tut? Ist das nicht Eigenliebe? Denn wer das Gute und Rechte tut was immer für eines eigenen Nutzens wegen, der liebt sich selbst über die Maßen und bietet alles auf, um sich selbst wie möglichst wohl zu versorgen. So war es auch dieser lediglich um den Himmel zu tun, für den sie auch ihr ganzes Hab und Gut also hergegeben hatte, wie sich ein anderer um sein Vermögen irgendein weltliches Gut kauft. Von der wahren Liebe zu Christo, welche allzeit höchst uneigennützig sein muss, aber hatte sie nie eine Ahnung! Aus dem Grunde muss auch allhier ihr Lohnappetit ganz aus ihr getrieben werden und sie Gott Seiner Selbst wegen zu suchen und zu begehren genötigt sein, dann erst ist es für sie möglich, sich der wahren Liebe und Gnade des Herrn zu nähern. Also muss auch er sich seinem Gefühl nach völlig vernichtet erschauen, bis er einer höheren Gnadenaufnahme fähig wird.
GS|1|30|18|0|Doch müsst ihr euch niemanden für gänzlich verloren vorstellen; wohl aber, dass für manchen hundert, tausend und noch tausend Jahre nach eurer Zeitrechnung vergehen dürften, bis er zur Aufnahme einer höheren Gnade fähig wird.
GS|1|30|19|0|Damit ihr aber noch fernere Erfahrungen macht, aus welch verschiedenen Gründen gar viele Menschen hierhergelangen, so wollen wir uns noch wieder weiter vorwärtsbegeben. Wenn wir erst an ganze Gesellschaften stoßen werden, da wird euch noch ein bei weitem größeres Licht aufgehen, und ihr werdet daraus ersehen, von welch zahllosen Torheiten die gegenwärtig auf der Welt lebende sogenannte bessere Menschheit im Grunde behaftet ist, und wie sie ihre besten Handlungen zuallermeist aus eigenliebigem Interesse tut. Und somit lassen wir es für heute gut sein!
GS|1|31|1|1|Der Ort der Finsternis, allda „Heulen und Zähneklappern“ ist
GS|1|31|1|1|(Am 5. Januar 1843 von 4 3/4 – 8 1/4 Uhr abends.)
GS|1|31|1|0|Seht dort, ziemlich fern von uns, allda sich eine rötlichgraue ganz matte Helle zeigt, befindet sich schon eine Gesellschaft von etlichen und dreißig Menschen beiderlei Geschlechts. Daher gehen wir nur wieder munter darauf los, und wir wollen sie sogleich eingeholt haben. Nun, könnt ihr schon etwas ausnehmen? Ihr sagt: O ja, da scheint es ja recht bunt unter- und durcheinanderzugehen; es kommt uns überhaupt noch also vor, als wenn diese Gesellschaft untereinander in einem Handgemenge wäre. Ich sage euch: Ihr bemerkt nicht unrichtig; aber solches ist nur eine Erscheinlichkeit. In einiger Ferne nimmt sich ein geistiger Disput also aus wie ein Handgemenge. Darum schreiten wir nur noch ein wenig vorwärts, und das Bild wird sogleich unter einer anderen Situation vor uns dastehen. Merkt es nur, je näher wir dieser Gesellschaft kommen, desto ruhiger werden die Hände dieser Gesellschaft; aber dafür vernehmen wir ein vielseitiges Gekläffe, etwa dem einer Getreidemühle bei euch ähnlich. Mitunter vernehmt ihr auch Stimmen, nicht unähnlich einem Geheule.
GS|1|31|2|0|Ihr sagt: Lieber Freund, das klingt ja fast also, als wie der Herr gesprochen hat zu den Kindern des Lichtes, die da in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden sollen, allda Heulen und Zähneklappern ihr Los sein wird?! – Ja, ja, meine lieben Freunde, es hat schon denselben Sinn und ganz dieselbe Bedeutung. Was aber unter dem Heulen und Zähneklappern und unter dem Hinausverstoßenwerden in die äußerste Finsternis, geistig beleuchtet, verstanden wird, das sollt ihr in der Nähe mit eigenen Ohren und Augen erfahren. Also nur noch wenige Schritte; und seht, wir sind schon da, wo wir sein wollten.
GS|1|31|3|0|Was erblickt ihr hier? Ihr sagt: Der Anblick ist gerade so übel nicht; abgerechnet die sehr abgezehrten Gesichter, deren wir uns schon angewohnt haben, sieht die ganze Gesellschaft ganz erträglich aus. Sie umringt einen Redner, der gerade Miene macht, einen rednerischen Vortrag zu halten.
GS|1|31|4|0|Meine lieben Freunde, ihr habt recht; eben dieser Rede wegen habe ich euch auch hierhergeführt. Ihr fragt aber: Nachdem wir hier noch nirgends einen erhabenen Punkt gefunden haben, sondern dieses ganze Reich der Nacht nur ein ewig flacher Sandboden zu sein scheint, so möchten wir wohl auch wissen, wie sich dieser Redner um so bedeutend höher über seine Zuhörer gestellt hat? – Ihr habt recht, dass ihr so fragt; denn hier hat das Allerunbedeutendste eine große Bedeutung. Dieser Redner hat sich aus Sand einen Hügel zusammengestampft; also aber, wie seine Rednerbühne beschaffen ist, also wird auch seine Rede sein. Solange der Redner sich auf seiner Sandtribüne ruhig verhält, wird sie ihn wohl tragen; wenn er sich aber nur ein wenig fest darauf fußen will, so wird er den Sandhügel auseinanderrollen machen, und er wird aus seiner Höhe hinabsinken bis auf denselben Grund, auf welchem sich alle seine Zuhörer befinden. Nun aber hat er das Zeichen gegeben, dass er werde zu reden anfangen; also wollen wir ihm auch mit gespannter Aufmerksamkeit verborgener Weise zuhören.
GS|1|31|5|0|Seht, er fängt an; also hören wir! – Meine wohlgeschätzten Freunde und Freundinnen! Ich habe von euch allen sonderheitlich vernommen, wie ihr auf der Erde samt und sämtlich – der eine in dem und der andere in anderem – als vollkommen rechtliche und redliche Bürger gelebt und gehandelt habt. (Beifall von allen Seiten.) Ihr wart auch als gute Christen im gerechten Maße gottesfürchtig und eben im vollkommen gerechten Maße wohltätig gegen die notleidende Menschheit. Eure Namen standen allzeit mit großen Buchstaben bei allen Unglücksfällen mit den bedeutendsten Opfern voran in allen Zeitungen gedruckt, was nicht mehr als billig war; denn solches muss der Blinde und der Taube erkennen, dass es hinsichtlich der Unterstützung nichts Löblicheres und Ersprießlicheres geben kann, als die Bekanntmachung derjenigen Menschen, welche allzeit Wohltätigkeit ausgeübt haben. Denn fürs Erste weiß durch solche öffentliche Bekanntmachung die arme Menschheit, wohin sie sich in der Not zu wenden hat, und fürs Zweite werden dadurch ja offenbar noch andere aufgemuntert, in die schönen menschenfreundlichen Stufen der bekannt gemachten großen Wohltäter der Menschheit zu treten. (Lauter Beifall von allen Seiten.)
GS|1|31|6|0|Ja, ihr wart überall dabei, wo es sich nur immer um die Gründung wohltätiger Zwecke handelte, und ich kann es mit großer Rührung meines Herzens sagen, dass ihr im allervollkommensten Sinne des Wortes und der Bedeutung wahrhaftige Edel- und Ehrenbürger der Welt wart. (Außerordentlicher Beifall von allen Seiten, und von den Zuhörern vernimmt man mit großer Rührung ausgesprochen: Herrlicher, göttlicher Redner, göttlicher Mann!)
GS|1|31|7|0|Ihr habt allzeit Künste und Wissenschaften unterstützt, ihr habt dem Staat als musterhafte Staatsbürger treulich gedient, ja man kann von euch sagen, dass ihr im vollkommensten Sinne des Evangeliums gelebt habt, denn ihr habt, was ein jeder mit Händen greifen kann, allzeit Gott gegeben, was Gottes ist. Nie waren Ehr- und Ruhmsucht der Beweggrund eurer edlen Taten, sondern allenthalben war die gerechte Notwendigkeit die Triebfeder für all das Große und Herrliche, das ihr getan habt. (Wieder außerordentlicher Beifall, gemengt mit Tränen, Schluchzen und Weinen.) Also war euer Leben makellos wie die Sonne am reinsten Himmel, das heißt, meine allergeehrten Zuhörer, auf der Welt genommen, da wir gelebt haben; denn hier ist von einer Sonne keine Spur. Nun aber erlaubt mir, meine allergeehrten Zuhörer, eine große und wichtige Frage:
GS|1|31|8|0|Was ist nun all euer Lohn für solche allerausgezeichnetste und ehrenvollste Handlungen? Wo ist der vielgepriesene Himmel, der denjenigen Menschen verheißen ward, die sich allzeit als die reinsten und allernachahmungswürdigsten Christen bewährt haben? (Überaus großer Beifall von allen Seiten, und von mehreren vernimmt man einen kläglichen Nachhall: Ja, wo ist der trügliche Himmel, welchen zu gewinnen wir so viele Opfer darbrachten?)
GS|1|31|9|0|Meine geehrtesten Zuhörer! Hier dieser Sandboden, diese mehr denn ägyptische Finsternis und unsere löblich sparsame Mooskost sind der Lohn und der Himmel, den uns die Pfaffen so unmenschlich zierlich ausgeschmückt haben! (Wieder außerordentlicher Beifall.)
GS|1|31|10|0|Wo ist der gerechte Gott, dem zuliebe ihr so viele edle Taten geübt habt? Denn es heißt ja in den Evangelien: Was ihr immer den Armen tun werdet, das habt ihr Mir getan, und ihr werdet dafür in dem Himmel einen großen Platz [Schatz] finden. Ferner heißt es: Mit welchem Maß ihr ausmesst, dasselbe Maß werdet ihr im besten Vollbestand wieder erhalten. Nun, meine geehrtesten Zuhörer, ihr habt solches alles getan; ihr habt tausend Arme unterstützt und wart allzeit reichlich gerecht im Maß und Gewicht.
GS|1|31|11|0|Wo aber ist nun der Schatz im Himmel und wo das reichlich zurückgegebene Maß all der Wohltaten, die ihr als wahre Christen ausgeübt habt? (Ein Nachhall lautet: Ja, wo ist dieses alles?)
GS|1|31|12|0|Hier haben wir es; der himmlische Schatz ist diese Finsternis, und das wohlgerüttelte Rückmaß besteht in dem sparsamen Moos, welches auf der Erde höchstens das Elentier gefressen hätte, hier aber können wir uns als einem hochgepriesenen himmlischen Lohn damit sättigen.
GS|1|31|13|0|Wie oft haben wir auf der Erde bei verschiedenen großedlen Gelegenheiten das „Te Deum laudamus“ angestimmt, und die Pfaffen haben uns von allen Kirchenkanzeln zu den Ohren geschrien: Dort im lichten Reich der Himmel werdet ihr erst das große und ewig lebendige Te Deum laudamus anstimmen. – Meine geehrten Zuhörer, erlaubt mir hier eine Frage, und diese Frage soll also lauten:
GS|1|31|14|0|Wie sieht es nun hier in diesem herrlichen Himmelreich mit dem so hochgepriesenen Te Deum laudamus aus? – Ihr zuckt mit den Achseln; wahrlich, ich möchte nicht nur mit den Achseln, sondern wohl mit dem ganzen Leib zucken, wenn ich nicht befürchten müsste, dass darob meine sehr lockere Rednerbühne mich von meinem wichtigen Posten absetzen würde. Ich meine, ohne jemandem in seiner allfälligen guten Meinung vorzugreifen, für diese erhabene Hymne werden unsere Kehlen bei dieser überaus fetten Kost schwerlich je irgendeine klangvolle Stimme bekommen, weil sich in diesem lichtvollen Himmel überhaupt noch eine sehr große Frage aufwerfen lässt, [nämlich:]
GS|1|31|15|0|Ob es irgendeinen Gott gibt? – Und mit dem „Sich setzen mit Abraham und Isaak zu einem sicher wohlbesetzten Tisch himmlischer Speisen“ wird es hier auch seine geweisten Wege haben. Wenn ich jetzt auf der Erde wäre, so könnte ich mir schmeicheln, eine der allertriftigsten Exegesen solcher vielverheißenden Schrifttexte zu bewerkstelligen. So würde ich unter „Abraham und Isaak“ Finsternis und Sand darstellen und unter dem wohlbesetzten Tisch das schönste isländische Moos, eine wahrhaft ehrenwerte Kost für Renn- und Elentiere. Und wer uns sagen kann, dass wir besser daran sind, denn diese armseligen Tiere des beeisten Nordens, dem will ich augenblicklich meine lockere Bühne einräumen. Ich meine aber, um solches einzusehen, bedürfen wir nicht mehr und nicht weniger, als nur fürs Erste auf unseren Bauch zu greifen und zu vernehmen, wie diese schwerverdauliche Kost noch gleich einem dürren Stroh in selbem herumrauscht, und nur einen Blick auf diesen wohlbeleuchteten Boden, und der Beweis für unsere Elen- und Renntierschaft ist mehr wie handgreiflich dargestellt.
GS|1|31|16|0|Der gute Welterlöser Christus hat wahrscheinlich auch nicht ganz klar gewusst, was für ein Gesicht Sein gepredigtes Himmelreich hat; denn hätte Er das gewusst, da hätte Er Sich sicher nicht ans Kreuz schlagen lassen. Wenn Ihn Sein gepriesener Gott-Vater, gleich uns, nach der Kreuzigung hat sitzen lassen, so wird dieser an und für sich wirklich allerverehrungswürdigste Mann ganz kuriose Augen gemacht haben, wenn Er am Ende Sein eingesetztes heiliges Abendmahl in diese schönen Moosfluren verwandelt erblickte, welche zu erschauen uns keine geringere Mühe macht als das Erschauen der Perlen im Grund des Meeres von Seiten der Perlenfischer. Dass sich solches alles richtig so verhält, braucht durchaus keines weiteren Beweises mehr. Aber nun, meine geehrtesten Zuhörer, stelle ich euch eine andere, überaus wichtige Frage, und diese soll also lauten:
GS|1|31|17|0|Hier sind wir einmal, das ist außer Zweifel; wie lange aber werden wir Bewohner dieses frugalen Reiches bleiben? Wird es mit unserem Dasein noch einmal ein erwünschtes Ende nehmen? Oder werden wir das allerseligste Vergnügen haben, etwa gar ewig auf diesen Gefilden uns herumzutreiben? Seht, das ist eine überaus wichtige Frage; aber eben diese wichtige Frage sucht einen, der sie beantworten möchte. Meine geehrtesten Zuhörer, wenn es auf mich ankommt, so könnt ihr versichert sein, in dieser Hinsicht eher aus einem Stein eine Antwort zu bekommen als aus mir. Ich will aber darum niemandem vorgreifen; denn in verschiedenen Köpfen können auch verschiedene Ansichten walten. Aber ich meine, in dieser Hinsicht wird aus uns bei dieser außerordentlichen Beleuchtung unseres großen Schauplatzes schwerlich jemand etwas Ersprießliches ans Tageslicht fördern können; denn zur Darstellung von etwas Klarem muss auch ein Licht vorhanden sein, und zum Tageslicht gehört eine Sonne.
GS|1|31|18|0|Hier aber etwas Klares ans Licht stellen heißt mit anderen Worten nichts anderes gesagt, als sich selbst und alle anderen für einen allerbarsten Narren zu halten. Das ist wieder wahr: Die großen Gelehrten der Erde werden hier sehr viel Zeit zum Nachdenken gewinnen. Wohl ihnen, wenn sie recht viel Zeit zum Nachdenken gewinnen, wenn sie recht viel Stoff mitgebracht haben; denn mit diesen drei Elementen: Finsternis, Sand und Moos werden sie gar bald fertig werden. Mikroskope und andere Sehwerkzeuge mögen sie füglichermaßen auf der Erde zurücklassen, wenn sie mit den eigenen Augen auf dem sandigen Boden eine Moostrift antreffen und erschauen werden; und für die Astronomen wird hier schon ganz entsetzlich spottschlecht gesorgt sein. Auch Gelehrte und gar viel wissende Bibliothekare werden sich sicher ganz entsetzlich langweilen; denn dergleichen werden sie hier sicher nicht antreffen. Auch große Künstler und Virtuosen werden hier schlechte Geschäfte machen; denn sie werden alle müssen im buchstäblichen Sinne nicht nur ins Gras, sondern ins Moos beißen. Ich verstehe dieses Sprichwort: „ins Gras beißen“ auch erst hier ganz radikal, und sehe es ein, dass es sicher älteren Ursprunges ist, als es mancher Schriftsteller und Geschichtsschreiber sich möchte träumen lassen. Denn dieses Sprichwort muss von den uralten ägyptischen Weisen herrühren, welche sicher eine kleine Kenntnis davon hatten, was die Sterblichen hier für ein erfreuliches Los erwartet.
GS|1|31|19|0|Meine geehrtesten Zuhörer, wenn überhaupt alle auf der Erde lebenden Menschen solch ein Los, wie wir es nun haben, erwartet, was ich eben nicht bezweifeln will, so bin ich der Meinung, der ehrliche Moses und der kreuzehrliche Christus haben in dieser Hinsicht mit ihrer Gesetzgebung einen sehr schwankenden und effektlosen Weg eingeschlagen. Hätten sie dafür und ganz besonders der Moses mit seinem Wunderstab die Erde geschlagen und dabei gesagt: Sonne, verfinstere dich, wir haben für unsere Dummheit am Sternenlicht genug, und du Erde werde zu einer Sandsteppe, auf welcher nichts wachsen soll, so hätte die ganze scharfe Gesetzgebung unter Donner und Blitz schön zu Hause bleiben können. Denn unter diesen Verhältnissen müsste das Sündigen von sich selbst ja zu einer größeren Rarität geworden sein, als echte Diamanten in Grönland, Spitzbergen und Nova Zembla. Denn ich möchte den kennen, der hier einen Raub oder Diebstahl begehen könnte und einen Wollüstling bei dieser fetten Kost und bei unserer totengerippeartigen sinnlichen Reizbarkeit; auch einen Lügner möchte ich hier mit Gold bezahlen, wenn ich überhaupt eines hätte, – und was hier in jemandem eine Mordlust erregen könnte? Um das aufzufinden bei unseren Schätzen und Reichtümern, wäre sicher noch eine bei weitem schwierigere Aufgabe, als diejenige für die Astronomen, mit ihren optischen Werkzeugen Planeten anderer Sonnen zu entdecken. Kurz und gut, wir können tun, was wir wollen, und reden, was wir wollen, so bin ich überzeugt, dass wir unser Los nicht um ein Haar verbessern werden. Denn ich habe hier schon über einen Christoph Kolumbus weite Reisen unternommen und dieses Sand- und Finsternismeer nach allen Richtungen durchgesegelt, aber mir ist das Glück nicht zuteil geworden: Land, Land! auszurufen, sondern überall: Nacht, Sand und Moos! Daher ist meine Meinung zum Schluss meiner Rede diese:
GS|1|31|20|0|Nachdem ich unter allen Menschen, die je die Erde betreten hatten, Christus für den allerehrlichsten gefunden habe, der das ausgedehnte Mosaische Gesetz, welches einen sehr tyrannischen Anstrich hat, gewisserart aufhob und dafür das alleinige Gesetz der Nächstenliebe gepredigt hat, so erkläre ich mich dafür – weil unter diesem Gesetz, man kann es drehen, wie man will, intelligente Wesen unter was immer für Verhältnissen doch immer am glücklichsten leben können –, dass darum auch wir des Guten selbst willen auch hier diesem Gesetz treu verbleiben, Christus als einen wahren Ehrenmann in unserem Gedächtnis behalten und unter diesen Verhältnissen dann mit unserem freilich wohl sauren Los so viel als möglich zufrieden sein möchten. Und ich glaube, dadurch werden wir unser Los, solange es überhaupt währen will, am meisten erträglich machen.
GS|1|31|21|0|Doch bitte ich, meine geehrtesten Zuhörer wollen diesen meinen Wunsch nicht als irgendein etwa positives Gesetz ansehen; denn wie ich es gesagt habe, soll diese meine Schlussrede nur als ein wohlmeinender Wunsch betrachtet sein. Wenn wir uns aber stets mehr gesellschaftlich verhalten, so glaube ich auch, dass wir eben dadurch mit vereinter Kraft unser Los um vieles leichter tragen werden, als egoistisch genommen ein jeder für sich allein. Ich meinerseits will allzeit bereit sein, euch durch meinen Mund, soviel es nur in meinen Kräften steht, gelegentlich zu unterhalten. Mit diesem Wunsch und mit dieser Versicherung schließe ich auch diese meine Rede. (Allgemeiner lauter Beifall von allen Seiten.)
GS|1|31|22|0|Der Redner, wie ihr seht, entsteigt ganz behutsam seiner lockeren Rednerbühne und wird von der ganzen Gesellschaft sehr freundlich aufgenommen. Viele drücken ihm die Hände und sagen: In der Gesellschaft eines solchen Mannes, der Kopf und Herz am rechten Fleck hat, ist’s überall gut sein; daher sind wir auch überaus froh, dich lieben, teuren Freund gefunden zu haben und wollen dir recht gern in allem folgen, gehe es, wohin es will!
GS|1|31|23|0|Nun seht, wie es über dieser Gesellschaft etwas heller wird, und wie sich der Redner und die ganze Gesellschaft darüber zu erstaunen anfangen, und wie der Redner noch einmal sich in der Gesellschaft vernehmen lässt und spricht: Ja, ja, wie ich mir’s gedacht habe, wenn uns der kreuzehrliche Christus mit Seiner überaus menschenfreundlichen Lehre kein Licht bringt, so bleiben wir ewige Gäste der Nacht!
GS|1|31|24|0|Nun seht, es wird schon wieder bedeutend heller; und da seht euch um, wie schon von der morgendlichen Seite her zwei vom Herrn gesandte Boten eilen, um noch viel mehr Licht unter diese Gesellschaft zu bringen. Wir wollen daher auch noch ein wenig abwarten und sehen, was hier geschehen wird.
GS|1|32|1|1|Erster Grad der geistigen Wiedergeburt
GS|1|32|1|1|(Am 7. Januar 1843 von 4 – 7 3/4 Uhr abends.)
GS|1|32|1|0|Seht, die Gesellschaft wird dieser zwei Boten auch schon ansichtig. Unser Hauptredner geht ihnen, wie ihr seht, freundlich entgegen, um sie ebenso freundlich aufzunehmen. Wie ihr es beinahe selbst hören könnt, so spricht er zu ihnen:
GS|1|32|2|0|Seid mir und uns allen tausendmal willkommen! Ich kenne euch zwar nicht; so viel aber sehe ich, dass ihr, gleich uns, ein Paar Menschen und sicher entweder erst soeben von der Erde hier angekommen seid, oder ihr müsst irgendwo einen besseren Weideplatz gefunden haben als wir, indem ihr ums Unvergleichliche besser ausschaut als ich mit dieser meiner lieben Gesellschaft zusammengenommen. Seid ihr erst von der Erde angekommen, so mache ich euch sogleich darauf aufmerksam, dass auf der Erde die sogenannten Robinsone ums Unvergleichliche besser daran sind als wir; denn für diese Behauptung braucht ihr keinen anderen Beweis, als uns bloß vom Kopf bis zum Fuß anzublicken, und unser unmenschlich gutes Aussehen wird euch auf diesen ersten Augenblick selbst in dieser noch sehr bedeutenden Finsternis überaus hell und klar dartun, um welche Zeit es hier mit dem Wohlleben ist. Dabei aber kann ich euch doch versichern, dass es hier durchaus keine Krankheiten gibt; denn was sollte bei unsereinem auch krank werden? Wir können höchstens nur jenen Krankheiten unterliegen, denen allenfalls die Steine unterliegen. Denn wenn man so gänzlich beinahe aller Lebenssäfte flott wird, so bin ich der Meinung, wird man auch aller Krankheiten flott. Das einzige Übel, welches einen wenigstens im Anfang heimzusuchen anfängt, ist der Hunger, also ein Magenübel. Wie aber gewöhnlich eben dieser Hunger der beste Koch ist, so gibt es dann für ihn auch bald eine Kost, bei welcher er erst seine außerordentliche Probe stellen kann. Seht, da zu unseren Füßen über dem Sand ist so ein kleiner Probierstein für unseren Magen zu erblicken. Es ist Moos; man könnte sagen, echtes isländisches und sibirisches Moos. Die sparsamen Tautropfen, welche da zwischen den Blättchen sitzen, sind dazu das einzige durstlöschende Mittel, das sich in dieser ungeheuren Sandwüste ausfindig machen lässt. Macht euch daher nichts daraus, wenn dieses Verhältnis auch etwa ewig dauern sollte, denn Geduld und Gewohnheit macht einem am Ende alles erträglich. Uns alle wird es sehr freuen, wenn ihr mit euren etwas phosphoreszierenden Gewändern bei uns verbleiben wollt; denn ich kann euch versichern, an alles kann man sich eher gewöhnen als an diese Finsternis. Und somit könnt ihr es euch wohl vorstellen, dass uns allen euer phosphorischer Schimmer wie eine Sonne vorkommt! Nun aber, meine lieben Freunde, möchtet ihr mir denn nicht auch gefälligst kundgeben einen Grund, der euch von der Erde hierher versetzt hat, oder, so ihr von einer besseren Trift kommt, mir auch kundgeben, was euch veranlasst hat, dieselbe zu verlassen und euch hierher zu begeben?
GS|1|32|3|0|Der eine spricht: Armer Freund, du irrst dich an uns sehr; denn wir sind weder von der Erde noch von irgendeiner besseren Trift dieser Gegend zu euch gekommen, sondern wir kommen vom Herrn, der da Christus heißt, und den du nur als einen kreuzehrlichen Mann betrachtest, da Er doch der alleinige Herr Himmels und der Erde ist, – zu euch gesandt, um euch zu zeigen, was des Grundes es sei, demzufolge ihr schon so lange gänzlich unbehilflich in dieser Gegend herumirrt.
GS|1|32|4|0|Wenn ihr euch fragt: Wie haben wir auf der Erde gelebt, so wird eure helle und klare Erinnerung sagen: Wir alle zusammen haben allzeit ehrlich und redlich gehandelt und gelebt. Fragt euch aber hinzu: Warum haben wir so gelebt und gehandelt? So werdet ihr ebenfalls nichts anderes herausbringen können als: Wir haben hauptsächlich nur zu unserm Besten gelebt. Weltliche Ehre, weltliches Lob und das darauf begründete Ansehen vor anderen Menschen waren der Hauptbeweggrund aller unserer Edeltaten. Wir waren stets getreue Staats- und Kirchenbürger; warum denn? Etwa aus Liebe zu Gott? Wie könnte solches sein, da wir Gott doch nicht im Geringsten kannten und somit auch gar nicht wussten, was da wäre Sein heiliger Wille, sondern unsere getreue Staats- und Kirchenbürgerschaft gründete sich nur vorerst darauf, dass wir eben dadurch gar leichtlich uns vieler Vorteile vor anderen bemächtigen konnten, die von Seiten des Staates und der Kirche nicht in dem günstigen Ansehen standen als wir. Und ferner hatte diese getreue Staats- und Kirchenbürgerschaft in gewisserart blindgeistiger Hinsicht den Grund, dass wir uns dachten: Gibt es jenseits nach der Lehre der Pfaffen und noch anderer Unsterblichkeitsritter irgendein Leben nach dem Tod, so können wir bei einer solchen Handlungsweise offenbar nicht zugrunde gehen. Und gibt es kein solches Leben, so wird sich unser Tatenruhm wenigstens auf der Erde in unseren Kindern und Kindeskindern gleichsam unsterblich fortpflanzen, und man wird vielleicht noch in hundert und hundert Jahren von uns sprechen und sagen: Das waren Männer und das waren Zeiten, in denen solche Männer gelebt haben!
GS|1|32|5|0|Seht, solches muss euch auch, wie gesagt, euer Inneres sagen; sonach seid ihr ja offenbar ohne alle innere Vorstellung aus dem Leibesleben in dieses geistige Leben übergegangen und wusstet nicht im Geringsten, was fürs Erste zum geistigen Leben erforderlich, und noch weniger, wie dieses beschaffen ist und worin es besteht. Was war demnach natürlicher, als dass ihr in diesem geistigen Leben nichts anderes antreffen konntet als das nur, was ihr vom Leibesleben hierher mitgebracht habt, nämlich eine höchst klägliche, magere Gestalt eurer Wesenheit und die vollkommenste Finsternis in dem Leben des Geistes. Mit anderen Worten gesagt: Ihr kamt nahe geradeso hierher, als bei der naturmäßigen Zeugung des Menschen ein Embryo kommt in den Mutterleib, allda auch allenthalben vollkommene Finsternis herrscht. Der Embryo ernährt sich gewisserart nur vom Unrat des Blutes der Mutter, bis er bei solcher freilich wohl äußerst mageren und unschmackhaften Kost zu jener Naturkraft gelangt, sich aus diesem finsteren Werdungsort zu entfernen. Also habt ihr euch hier gewisserart in einem Mutterleib befunden und habt euch müssen von dem stets gleichmäßigen Unflat desselben nähren.
GS|1|32|6|0|Da aber in euch noch ein lebendiger Funke zum ewigen Leben sich vorfand, nämlich die kleine Liebe und Hochachtung Christi, so hat dieser Funke euch geistige Embryonen ausgezeitigt zu einer Ausgeburt aus dieser eurer eigenen finsteren Sphäre. Und es soll euch werden, was du am Schluss deiner Rede zu deiner Gesellschaft gesprochen hast, da du sagtest: Wenn uns mit Christus nirgends ein Licht wird, so können wir versichert sein, dass diese Finsternis uns zum ewigen Eigentum verbleiben wird.
GS|1|32|7|0|Also ist euch auch in Christo Licht geworden; und so sollt ihr denn auch das erfahren, was der Herr zu einem Seiner Jünger gesagt hat, dass da niemand das ewige Leben und somit das Reich Gottes überkommen könne, wer da nicht wiedergeboren wird. Zur Nachtzeit sprach solches der Herr zu Seinem Jünger, um ihm dadurch anzuzeigen, dass sich ein jeder unwiedergeborene Geist in der Nacht befindet gleich dem Embryo im Mutterleib und dass der Herr auch in der Nacht zu dem unwiedergeborenen Geist kommt, um ihn wiederzugebären aus dieser Nacht in das Licht des ewigen Lebens.
GS|1|32|8|0|Da nun für euch zufolge eurer erwachten, wenn schon geringen Liebe zum Herrn diese Zeit der neuen Ausgeburt herangekommen ist, so sind wir hierher gesandt worden, um euch zu führen aus dieser eurer geistigen Geburtsstätte und euch zu bringen an eine solche Stelle, da ihr unter eine Wartung gleich den Kindern kommen werdet, wodurch ihr euch wieder werdet neue Lebenskräfte sammeln können, um mit diesen Kräften, je nachdem sie mehr oder weniger ausgebildet sein werden, zu gelangen in eine solche Sphäre, die euren Kräften vom Herrn aus bestens angemessen sein wird.
GS|1|32|9|0|Denkt aber ja nie an irgendeinen Himmel als einen Belohnungsort für die guten Werke, die der Mensch auf der Erde vollzogen hat; sondern denkt, dass dieser Himmel in nichts anderem besteht als in eurer eigenen Liebe zum Herrn!
GS|1|32|10|0|Je mehr ihr den Herrn mit Liebe erfassen werdet, und je demütiger ihr sein werdet vor Ihm und vor all euren Brüdern, desto mehr des wahren Himmels werdet ihr auch in euch tragen; und so denn sammelt euch und folgt uns!
GS|1|32|11|0|Nun seht, wie diese ganze Gesellschaft sich erfreut und nun diesen zwei Boten folgt.
GS|1|32|12|0|Ihr fragt, wohin sie diese Gesellschaft doch etwa führen werden? Kehrt euch nur um und seht dort, freilich wohl in schon bedeutender Ferne hinter uns, die euch schon bekannte geöffnete hohe Wand; merkt ihr nichts? Hat das nicht beinahe das Aussehen, als wenn sich bei der Geburt eines Kindes die Mutterscheide öffnet?
GS|1|32|13|0|Ihr sagt: Solches verstehen wir nun wahrhaftig wie durch einen Zauberschlag wunderbar entsprechend! Aber wenn diese Gesellschaft über diese Kluft hinaus wird gelangen, wohin kommt sie dann? – Wohin kommt das Kind gleich nach der Geburt? Ihr sagt: In leichte Windeln und dann in eine Wiege; also in noch immer sehr beschränkte Lebensverhältnisse. Habt ihr doch gesehen die vielen Täler links und rechts, als wir uns auf der anderen Seite vom Morgen her dieser Wand näherten. Seht, das sind die Windeln und das ist die Wiege. Also in diese Täler werden diese Menschen gestellt. In diesen Tälern geht es ungefähr so zu, wie ihr gleich anfangs links und rechts ein paar solcher Täler habt kennengelernt.
GS|1|32|14|0|Denn wie es bei einem neugeborenen Kind ist, dass es nicht von heute bis auf morgen schon zu einem Mann wird, so geht es auch bei einem neugeborenen Geist, besonders im Reich der Geister, nur langsam vorwärts. Nun wisst ihr auch ganz eigentlich, in welcher Gegend ihr euch befindet; daher darf es euch auch nicht wundernehmen, wenn ihr hier so wenig oder beinahe gar keine höheren Lehrer unter den vielen hier Wandelnden erschaut; denn solche wären ja hier ebenso fruchtlos, als auf der Erde jemand schon möchte einem Kind im Mutterleib irgendeinen Unterricht erteilen.
GS|1|32|15|0|Wann aber bei einem Kind die Zeit des Unterrichtes als tauglich kommt, wisst ihr ohnehin; darum sind diese Boten hier auch nicht als Lehrer, sondern als wahrhafte geistige Geburtshelfer zu betrachten. Da wir nun solches wissen, so können wir uns schon wieder ein wenig weiter vorwärtsbewegen, allda sich uns wieder eine ganz neue Szene darbieten wird; und somit gut für heute!
GS|1|33|1|1|Erscheinlichkeiten einer Gesellschaft im geistigen Reich
GS|1|33|1|1|(Am 9. Januar 1843 von 4 1/2 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|1|33|1|0|Wenn ihr eure Augen so recht anstrengen wollt, so werdet ihr mehr zur rechten Hand etwas wahrnehmen, das sich also artet wie etwa eine Staubwolke. Ihr bejaht, solches zu erschauen; es ist gut. Bewegen wir uns daher nur recht schnell gegen diese Staubwolke hin, und wir werden ihr bald näherkommen und sie beschauen in ihrer entfalteteren Gestalt. Ihr fragt: Was besagt denn hier eine solche Staubwolke? – Ich sage euch: Eben nicht gar zu viel; ihr werdet auf der Erde schon gar oft von den sogenannten Dunstmachern etwas gehört haben und seht, das ist eben ein entsprechendes Bild. Wie und auf welche Art werdet ihr euch in der Nähe dieses Phänomens gar bald überzeugen; daher nur noch einige Schritte, und wir sind bei dem Phänomen.
GS|1|33|2|0|Nun seht, hier sind wir schon; was erblickt ihr? Ihr sagt: Wir erblicken nun keine Staubwolke mehr, aber dafür eine reichzählige ganz verkümmerte Gesellschaft zwerghafter Menschen beiderlei Geschlechts. Und diese Zwergmenschen blähen sich gegeneinander auf, stellen sich auf die Zehenspitzen, und es will ein jeder größer sein denn der andere. Die Kleinsten nehmen sogar Sand in die Hand, werfen ihn über sich in die Höhe und scheinen dadurch den anderen anzudeuten, was sie für Riesen sind. Ihr habt recht bemerkt, denn so kommt ihre Sinnesart zur Erscheinlichkeit.
GS|1|33|3|0|Jetzt aber treten wir völlig zu ihnen hin, und es wird sich diese ganze Gesellschaft also gleich wieder anders gestalten. Nun seht, wir sind ihnen vollkommen auf der Ferse; was bemerkt ihr jetzt? Ihr sagt: Jetzt kommen sie uns etwas größer vor, blicken sich gegenseitig überaus zuvorkommend freundlich an und tun gegenseitig allenfalls also, wie da tun die sogenannten koketten Frauenspersonen in einer Gesellschaft. – Ihr habt wieder recht bemerkt; aber ihr fragt nun, worin das liege, dass man eine solche Gesellschaft von den verschiedenen Standpunkten auch allzeit verschieden erschaut. Das kommt daher, weil es auf der Welt auch so ist. In der vollkommenen Nähe getraut sich einem Mächtigen niemand die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, selbst die Mächtigen untereinander scheuen solches; daher macht sich alles gegenseitig den Hof.
GS|1|33|4|0|Wenn eine solche Gesellschaft auseinandergeht, so erhebt sich bei sich selbst ein jeder über den anderen und weiß schon eine Menge zu bemängeln, und so will demnach auch ein jeder sich über den anderen erheben; aber gar zu laut getraut sich noch niemand etwas Bestimmtes auszusprechen, sondern stellt nur ganz bescheiden Vergleichungen an. Nur bei sich selbst weiß er alles gewisserart vom höchsten Standpunkt aus zu beurteilen; und Solches bezeichnet das „Sand über sich werfen“, oder, mit anderen Worten gesagt: seinen Verstand über alle anderen erheben. In weiter Entfernung von solcher Gesellschaft, da wird alles mit den schärfsten Augen betrachtet; die ganze Gesellschaft wird als ein Unsinn erklärt und all ihre Gespräche und all ihr Tun und Lassen für nichts als ein leerer Dunst oder für eine leere Prahlerei angesehen.
GS|1|33|5|0|Wenn ihr nun diese zwei gegebenen Situationsverhältnisse einander gegenüberhaltet, so werdet ihr daraus sicher folgenden Schluss ziehen können: In der Ferne stellt sich der wahre Prospekt einer Sache dar; in der größeren Nähe geht der Totalprospekt schon mehr und mehr verloren, und dafür aber stellt sich mehr die Sonderlichkeit dar. In der vollsten Nähe ist von dem Hauptprospekt nicht das Geringste mehr zu entdecken; dafür aber tritt die Einzelheit desto bestimmter vor die Augen.
GS|1|33|6|0|Wer solches nicht wohl fassen möchte, den mache ich nur auf eine naturmäßige Erscheinung in der materiellen Welt aufmerksam. Wenn er sich beispielsweise ungefähr zehn Stunden von einem namhaften Gebirge entfernt befindet, so überschaut er dasselbe, und es liegt dann als ein bestimmtes Bild vor ihm. Nähert er sich dem Gebirge dann auf eine Stunde, so wird dasselbe gewisserart in seinen Verzweigungen auseinandergehen, und er wird nun eine Menge Vorberge und Gräben entdecken, welche in der Ferne mit dem Hauptberg nur eine Fläche auszumachen schienen. Steigt er aber nun völlig auf den Berg selbst, so geht es ihm wie einem, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht; denn da ist von der ersten Ansicht nahe keine Spur mehr zu entdecken. Ich meine, durch eine nur einigermaßen aufmerksame Betrachtung dieses Beispiels werden uns die drei verschiedenen Ansichten unserer Gesellschaft ganz vollkommen klar werden. Aber nun fragt ihr und sagt: Solches alles ist ja richtig; aber was hat es denn mit dieser Gesellschaft noch für eine oder die andere Bewandtnis? Wessen Geistes Kind ist sie? Wir können solches nicht aus dem Benehmen dieser Wesen ganz wohl herausbringen; denn ihr ganzes Tun und ihre ganze Sprache gleichen mehr einer Pantomime als irgendeiner Konversation, aus verständlichen Worten bestehend.
GS|1|33|7|0|Ich sage euch: Das ist ja eben sehr klar. Ihr müsstet wirklich noch sehr blind sein, wenn ihr solches nicht erraten solltet, wie das ist, woher und wohin. Seht, das ist eine Gesellschaft aus lauter großen, weltsüchtigen und eigennützigen sogenannten Staatsbeamten, welche ihr Amt nur zum eigenen Besten, aber nicht zum Besten des ganzen Staates und dessen Bürger verwalteten.
GS|1|33|8|0|Diese Menschen taten auf der Welt überaus höflich und freundschaftlich miteinander; es wusste aber dessen ungeachtet ein jeder auf eine ganz feine Weise sich vor dem anderen geltend zu machen. Keiner aber traute dem anderen und fand daher notwendig, ihn durch allerlei Schleichwege so zu halten, dass der andere nicht viel Geheimes haben konnte vor seinem Nachbar. Was ist aber solch eine eigennützige Freundschaft und ein solch fein beabsichtigtes Hofmachen anderes als eine freche Koketterie, welche an und für sich nichts anderes als eine Wurzel oder ein Same zur eigentlichen Hurerei ist. Denn also wirft auch eine habsüchtige und wollüstige Hure einem [Mann] freundliche und vielversprechende Blicke zu, um ihn in ihr Netz und dann von ihm etwas zu bekommen. So trägt auch ein Geier eine Schildkröte in die Höhe, um dann durch ihren Fall eine gute Fressbeute zu gewinnen.
GS|1|33|9|0|Solche Menschen nützen dann dem Allgemeinen gar wenig, und sie selbst sind dabei durch eine überwiegende List der anderen auch eben nicht am vorteilhaftesten daran. Ja, solche Menschen gleichen noch den Spielmenschen, die sich abends freundlich und brüderlich besuchen und voll Artigkeit gegeneinander sind. So sie sich aber zum Spieltisch setzen, da möchte sich keiner auch nur das Allergeringste daraus machen, wenn sein Mitspieler Haus und Hof an ihn verspielen möchte.
GS|1|33|10|0|Ihr sagt hier: Aber liebster Freund, das sind ja doch offenbar böse Menschen; wie kommen denn diese daher, da sie nicht verloren sind? – Ich sage euch: Ihr urteilt hier zu grell; möchtet ihr denn nicht einen Unterschied machen zwischen den gewalttätigen Dieben und den sogenannten armen Gelegenheitsdieben? Seht, das ist auch unsere Gesellschaft. Ihre Stellung in der Welt hat ihnen gewisserart ein staatlich politisches Recht eingeräumt, so zu handeln, und sie sind von sich auch vollkommen überzeugt, dass sie ihrem Beruf vollkommen gemäß gehandelt haben.
GS|1|33|11|0|Hier im Reich der Geister aber wird dem Menschen niemals eine Handlung als verdammlich angerechnet, so er dieselbe mit einem sein Gewissen nicht beunruhigenden Rechtsgefühl vollzogen hat, und dieses war auch bei diesen Menschen der Fall. Bei ihnen ist nichts eine volle Wirklichkeit, weder das Gute noch das Arge, sondern alles ist gewisserart nur eine politische, mehr oder weniger pfiffige Komödie. Aus diesem Grunde sind sie auch hier, damit in ihnen all das Nichtige und Falsche verzehrt werde. Wenn solches, freilich wohl mit äußerst langsamem Fortschritt, bewerkstelligt wird, so erst werden sie aus dieser Gegend ausgeboren und kommen dann in die Täler rechts im Hintergrund, allda wir unseren Stoiker haben kennengelernt.
GS|1|34|1|1|Gegenseitiger Einfluss von Eheleuten im Jenseits. Über die Folgen, wenn die Liebe eines Mannes zu seiner Frau größer ist als seine Liebe zum Herrn
GS|1|34|1|1|(Am 10. Januar 1843 4 1/2 – 7 Uhr abends.)
GS|1|34|1|0|Ihr sagt: Solches alles ist richtig und wir begreifen es. Da wir aber in der Gesellschaft auch Weiber gesehen haben, denen doch nicht ein öffentliches Amt zur Verwaltung anvertraut ward, so fragt sich’s hier, was diese wohl da machen, und warum sie mit dieser Gesellschaft gewisserart amalgamiert sind.
GS|1|34|2|0|Meine lieben Freunde, das sollte euch ja selbst wundern, wenn ihr solches nicht auf den ersten Blick begreift.
GS|1|34|3|0|Ist es denn nicht schon etwas Altes, dass das in allem bei weitem schwächere Weib nichts sehnlicher will und wünscht, als gerade das, dem sie am wenigsten gewachsen ist, und das ist Herrschen und Regieren. Wenn Männer also irgendein Amt bekleiden und nehmen oder haben schon ehedem Weiber, so ist es nur allzeit zu sicher der Fall, dass das Weib am Ende mehr regiert, denn der eigentlich zur Regierung berufene Mann.
GS|1|34|4|0|Damit sie ihre Pläne durchsetzen, so gebrauchen sie zu dem Behuf die ganze Fülle der weiblichen List; und es gehört außerordentlich viel Festigkeit von Seiten des Mannes dazu, so er nicht von seiner Eva übertölpelt werden will.
GS|1|34|5|0|Ihr fragt wieder: Ja, worin liegt denn der Grund, dass das Weib durch seine List gewöhnlich den Sieg davonträgt? – Ich sage euch: Der Grund ist ganz natürlich und daher sehr leicht begreiflich. Wenn ihr bedenkt, dass das Weib so ganz eigentlich die Wurzel des Mannes ist, so wird euch dadurch alles andere leicht erklärbar werden.
GS|1|34|6|0|Der Stamm eines Baumes steht zwar mit seinen Ästen unter dem Licht des Himmels und schlürft eine ätherische Kost aus den Strahlen der Sonne und niemand merkt, dass er dessen ungeachtet zuallermeist von der Wurzel seine Hauptnahrung bekommt. Wenn nun die Wurzeln sich gegen den Baum verschwören möchten und zufolge dieser Verschwörung sich von ihm ganz lossagen, was würde da wohl mit dem Baum gar bald werden? Er würde verdorren und endlich keine Früchte mehr tragen.
GS|1|34|7|0|Nun seht, solches weiß das Weib in seinem Gemüt und empfindet es genau, welch ein Bedürfnis sie dem Mann ist. Wenn sie aber eine schlechte Bildung hat und daher ein verdorbenes Gemüt, so tut sie dasselbe, was da nicht selten die Wurzeln eines Baumes tun, nämlich sie schlagen aus der Erde neue Triebe empor, nähren dieselben, und dem Baum wird dadurch die gebührende Nahrung entzogen. Es wird aus solchen Wurzelausschlägen wohl nie ein kräftiger und Früchte tragender Baum, aber dafür ein dem Baum ähnliches Gesträuch. Wenn da der Baum nicht kräftig mit der höheren Kost des Himmels solchem Unfug der Wurzel dadurch entgegenarbeitet, dass er seine Äste und Zweige mächtig ausbreitet und die argen Wurzeltriebe mit seinem starken Schatten abwelken macht und endlich bei einer günstigen Jahreszeit, durch Beihilfe etwa des Winters, erstickt, so ist er offenbar dadurch in großem Nachteil für seine eigene Existenz und für seinen Wirkungskreis.
GS|1|34|8|0|Also geht es auch dem Mann, der da hat ein herrschsüchtiges und somit in allem imponieren wollendes Weib. Wenn er ihr nicht vollkräftig mit seiner Männlichkeit entgegenzuwirken vermag, so wird das Weib ihn bald ganz umzingelt haben mit den Afteraustrieben, und er wird schwächer und schwächer werden, am Ende ganz abdorren und alle seine Kraft in den männlich sein wollenden Wurzelauswüchsen des Weibes unbesiegbar erschauen. Und das ist der weibliche Herrsch- und Regierungstrieb.
GS|1|34|9|0|Ein anderes Beispiel bieten euch die Kinder, die in ihrer Schwäche nicht selten stärker sind denn ein allergrößter Held, vor dem Tausende und Tausende zittern. Nehmen wir an, der Held ist ein Vater und hat ein kleines Kind, welches noch kaum verständig zu lallen imstande ist. Es dürften Tausende zu diesem Helden kommen, um ihn von einer Idee abzuhalten, so werden sie sicher nichts ausrichten. Dieses Kind aber darf ihn nur ansehen, anlächeln und dann zu ihm sagen: Vater, bleib bei mir, gehe diesmal nicht aus, denn ich fürchte mich ja gar sehr, dass du unglücklich wirst; und der Held wird weich und folgt seinem Kind.
GS|1|34|10|0|Von diesem Beispiel wenden wir uns wieder an die Weiber. Der Mann, wie ihr wisst, ändert schon in seinen Jünglingsjahren die Stimme des Kindes und bricht dieselbe in einen männlichen Kraftton; das Weib behält die Skala des Kindes bei. Seht, wie das Weib diese Skala beibehält, so behält es auch fortwährend in einem gewissen Grad mehr oder weniger das sämtliche kindliche Wesen in sich. Zufolge dieses Vermögens besitzt sie dann auch die kindliche Macht, welche, wie schon gesagt ist, nicht selten größer ist denn die Willensmacht eines noch so großen, weltbezwingenden Feldherrn.
GS|1|34|11|0|Zufolge dieses Vermögens aber kann dann das Weib ja eben auch von der Wurzel aus auf den Mann wirken. Sieht sie, dass mit dem Mann auf dem Wege der gewöhnlichen weiblichen Politik nichts auszurichten ist, so ergreift dann das Weib gar bald die ihr eigentümliche schwach scheinende Kindlichkeit, mit welcher sie dann auch zuallermeist den Sieg über den kräftigen Mann davonträgt.
GS|1|34|12|0|Ich meine, aus diesem Beispiel wird euch die Sache noch klarer, und ihr werdet daraus mit der leichtesten Mühe von der Welt entnehmen können, aus welchem Grunde dieser Gesellschaft auch weibliche Wesen einverleibt sind. Solches aber müsst ihr doch wissen, dass das Weib eines Mannes in der geistigen Welt so lange ihm anhangen bleibt, solange der Mann sich nicht völlig gereinigt hat von all seinen Schlacken der Welt.
GS|1|34|13|0|Es würde so mancher Mann eher, ja um gar vieles eher zur geistigen Reinheit gelangen, wenn ihn sein allzeit unter gleichen Verhältnissen sinnlicheres Weib nicht daran hindern würde. Also ginge es auch unserer Gesellschaft männlicherseits schon lange um vieles besser, wenn sie nicht mit Weibern unterspickt wäre.
GS|1|34|14|0|Sooft irgendein Mann einen besseren Entschluss fasst und will in seinem Gemüt einen besseren Weg einschlagen, so weiß ihn das Weib zufolge der ihr innewohnenden Herrschsucht allzeit davon abzuhalten und ihm zu zeigen einen anderen Weg. Oder mit anderen Worten gesagt: Ein solcher Mann, der da besitzt ein solches Weib, wird in der geistigen Welt noch um vieles schwerer los von ihr denn auf der Welt. Will er sich auch schnurstracks von ihr entfernen, so weiß sie ihn wieder durch ihr Bitten und durch allerlei schwach geartete Vorstellungen zu bewegen, dass er wieder bei ihr verbleibt und ihr alle erdenklichen Versicherungen gibt, dass er sie ewig nie verlassen wolle.
GS|1|34|15|0|Ja, es ist gar oft der Fall, dass Männer von gutem Herzen an diesem Ort mit Weibern anlangen, welche an und für sich offenbar für die Hölle sich ganz reif gemacht haben. Solche Weiber sind die gefährlichsten und zugleich die hartnäckigsten; denn ihr Herz hängt zugleich an dem, was der Hölle angehört, dessen ungeachtet aber dennoch auch aus verschiedenen gewinn- und herrschsüchtigen Rücksichten an ihrem Mann.
GS|1|34|16|0|Da aber ihr Sinn offenbar zur Hölle zieht und der bessere Mann sich von ihr zu trennen nicht eine hinreichende Kraft besitzt und sich somit der scheinbaren Schwäche seines Weibes hingibt, so zieht ihn nach und nach das Weib über die Grenzen dieses Gebietes über den euch schon bekannten Strom mit sich, wie ihr zu sagen pflegt, auf die allerunschuldigste Art in die Hölle, und es braucht da selbst für die kräftigsten Engel eine überaus große Geduld und mühevolle Arbeit, solch einen Mann seinem höllischen Weib zu entwinden. Nach eurer Zeitrechnung dürfte eine solche Arbeit nicht selten mehrere hundert Jahre betragen; und seht, auch in dieser Gesellschaft sind einige solche Weiber vorhanden.
GS|1|34|17|0|Ihr sagt freilich wohl: Aber hier könnte ja doch der Herr einschreiten und einen gewaltigen Strich durch die Rechnung solcher Weiber machen. – Eine solche Intervention lässt sich freilich wohl hören, solange jemand mit den höheren Wegen der göttlichen Ordnung nicht bekannt ist; wer aber diese kennt, der weiß es auch nur zu gut, dass solches unter der Bedingnis der Erhaltung des Lebens des Geistes so gut wie rein unmöglich ist.
GS|1|34|18|0|Solches müsst ihr wissen, dass die Liebe des Menschen sein Leben ist, und dieses trägt er in sich. Wodurch aber hat ein Mann einem Weib über sich den Sieg eingeräumt? Dadurch, dass er sie zu sehr in seine Liebe aufgenommen hat. Nun sollte sich aber dann der Mann prüfen und die Liebe zu seinem Weib und die Liebe zum Herrn auf eine überaus fühlbare Waage legen und diese beiden Liebarten dann mit der ängstlichsten Sorgfältigkeit abwägen und wohl achthaben, wo sich das Übergewicht herausstellt, und er sollte sich dabei allertiefst in sich genau erforschen, welcher Verlust für ihn erträglicher wäre, ob er verlieren möchte sein geliebtes Weib und alle ihm von selbem entspringenden Vorteile oder die Liebe des Herrn.
GS|1|34|19|0|Solches aber muss, wie gesagt, nicht etwa bei einer oberflächlichen Äußerung verbleiben, da etwa jemand sagen möchte: Ich opfere der Liebe des Herrn nicht nur ein, sondern zehn Weiber; sondern diese Frage des Lebens muss allzeit mit der Wurzel desselben beantwortet sein.
GS|1|34|20|0|Nehmen wir den Fall, wenn der Herr einem solchen Mann, der da mit dem Wort vorgibt, dass er den Herrn ums Zehnfache mehr liebt denn sein Weib, dasselbe nähme, d. h. durch den Tod des Leibes.
GS|1|34|21|0|Wenn da der Mann in sich selbst im Ernst ganz lebendig fühlend sagen kann: Herr! Ich danke Dir, dass Du solches an mir getan hast; denn ich weiß ja zufolge meiner Liebe zu Dir, dass alles, was Du tust, am allerbesten getan ist. Wenn dazu noch ein solcher Mann bei dem möglichen Verlust seines Weibes wirklich in der Liebe zum Herrn den allergenügendsten Ersatz findet, so ist wirklich die Liebe zum Herrn in ihm größer denn die zu seinem Weib.
GS|1|34|22|0|Wird er aber traurig über solch ein Werk des Herrn und spricht: Herr! Siehe, ich habe Dich so lieb; warum hast Du mir solche Traurigkeit und solchen Schmerz bereitet? – Wahrlich, ihr könnt es glauben, ein solcher Mann liebte sein Weib mehr als den Herrn!
GS|1|34|23|0|Wenn ein solcher Mann auch noch um mehrere Jahre sein Weib überlebt, mit der Zeit ihrer vergessen und sich ganz zum Herrn gewendet hat, so hat er aber dessen ungeachtet solche Liebe nicht völlig aus seinem Herzen verbannt. Denn es dürfte nach zehn Jahren sein Weib nur wieder zurückkehren, so wäre er wie erschossen und würde sein Weib mit der größten Liebe aufnehmen, besonders wenn sie ihm dazu noch gewisserart geistig verjüngt entgegenkäme.
GS|1|34|24|0|Ihr fragt hier freilich wohl wieder: Wie ist solches wohl möglich, wenn solchergestalt ein Witwer sich ganz dem Herrn hingegeben hatte? – Ich aber frage euch: War diese Hingebung eine freiwillige oder vielmehr nur eine aufgedrungene? Hätte er solches getan, wenn ihm der Herr das Weib nicht genommen hätte? Bei dem Herrn aber gilt nur allein der freie Wille, und demzufolge die gänzliche Selbstverleugnung in allem.
GS|1|34|25|0|Dieser Mann ward traurig um den Verlust seines Weibes; daher wandte er sich an den Herrn, um bei Ihm den gebührenden Trost und die Beruhigung seines gebrochenen Gemütes zu finden.
GS|1|34|26|0|Was war ihm in dieser Hinsicht wohl der Herr? War Er wohl die Zentralliebe im Herzen eines solchen Mannes, oder war Er nicht vielmehr nur ein beruhigendes Mittel und ein Deckmantel über den erlittenen Schmerz und somit auch ein denselben heilendes Pflaster? Hier könnt ihr sicher nichts anderes sagen, als dass der Herr hier nur war das Zweite, nämlich Mittel, Deckmantel und Pflaster. Wer aber kann da sagen, dass eine Liebe aus Dankbarkeit gleichkomme der Grundliebe des Herzens?
GS|1|34|27|0|Oder ist da nicht ein solcher Unterschied, als wie da ein Mensch einen Wohltäter liebt, so ihn dieser glücklich gemacht hat, und zwischen der Liebe, wie dieser glücklich gemachte Mensch das ihm zuteil gewordene Glück liebt? Ich meine, zwischen diesen beiden Liebarten liegt ein gar großer Unterschied; denn die Liebe zum Wohltäter ist ja nur die Folge der Grundliebe, welche in der empfangenen Glücklichkeit wohnt, und ist somit keine Grund-, sondern nur eine Afterliebe.
GS|1|34|28|0|Wie stellt sich aber solche dem Herrn gegenüber dar, wo der Mensch das allergrößte Glück allein in den Herrn setzen soll, von welchem aus betrachtet ihm alles andere null und nichtig und somit für ewig entbehrlich sein soll? Denn er soll ja in sich selbst lebendig sagen können: Wenn ich nur den Herrn habe, so frage ich weder nach einem Himmel noch nach einer Erde und somit auch noch viel weniger nach einem Weib.
GS|1|34|29|0|Aus diesem könnt ihr gar wohl begreifen, warum ich euch darauf gar inwendigst aufmerksam gemacht habe, wie außerordentlichst lebendigst tief der Mann seine Liebe zwischen dem Herrn und seinem Weib prüfen soll; denn es spricht ja der Herr Selbst: Wer seinen Vater, seine Mutter, sein Weib, seinen Bruder und seine Kinder mehr liebt denn Mich, der ist Meiner nicht wert!
GS|1|34|30|0|Ihr fragt hier freilich wieder: Ist denn hernach ein solcher Mann zufolge einer solchen Afterliebe zum Herrn verloren? – Das ist er mitnichten; aber er kann nicht eher zum Herrn gelangen, als bis er dem eigentlichen Grund seiner Liebe den vollkommen gänzlichen Abschied gegeben und seine Afterliebe zur Hauptliebe gemacht hat.
GS|1|34|31|0|Welche Schwierigkeiten aber das nicht selten in diesem geistigen Reich mit sich führt, haben wir zum Teil bei der Gelegenheit dieser Gesellschaft dargetan; werden aber diesen überaus wichtigen Punkt bei einer nächsten Szene noch um vieles klarer und gründlicher praktisch erschauen. Allda werdet ihr sehen, wie oft eine solche scheinbar gänzlich erloschene, falsche Ehegattenliebe wieder neu aus dem Grunde erwacht, so solche Gatten in der Geisterwelt wieder zusammenkommen. Somit lassen wir diese Gesellschaft wieder ungestört ihren Weg verfolgen und begeben uns wieder etwas vorwärts!
GS|1|35|1|1|Ein gläubiger Mann und seine weltliche Gattin
GS|1|35|1|1|(Am 11. Januar 1843 von 4 1/2 – 7 1/4 Uhr abends.)
GS|1|35|1|0|Seht, nicht gar ferne vor uns werdet ihr ein Paar menschliche Wesen erschauen. Es sind ein Mann und ein Weib, und das zwar gerade in einer solchen Situation, die wir zu unserem Zweck recht gut verwenden können. Also gehen wir nur recht schnell darauf los, damit wir sie sogleich einholen. Ihr fragt, wie beschaffen das Verhältnis sei zwischen diesen beiden. – Ich sage euch: Für unseren Zweck könnte es nicht besser beschaffen sein als es ist. Es ist ein Verhältnis, wo das Weib nur sechs Jahre vor dem Mann gestorben ist. Der Mann hat viel getrauert um sie, hat aber im Verlaufe von ein paar Jahren sich so recht der Religion in die Arme geworfen, und also recht getreu gelebt seiner Erkenntnis zufolge. Nun aber ist er auch von der Erde abgerufen worden und kam vor ganz kurzer Zeit erst hier an. Dieses Präambulum [Vorspiel] ist vorderhand hinreichend; das Nähere sollt ihr im Geiste praktisch erfahren.
GS|1|35|2|0|Da wir bei dieser Gelegenheit, wie ihr seht, auch glücklich unser Pärchen eingeholt haben, so braucht ihr nichts als auf das Zweigespräch, welches soeben beginnen wird, Acht zu haben und ihr werdet daraus all das Notwendige entnehmen können. Nun hört! Sie beginnt soeben eine Frage an ihren Mann zu stellen und spricht:
GS|1|35|3|0|Mich freut es außerordentlich, dich nach längerer Zeit endlich einmal wieder zu erschauen, und glaube auch, dass uns hinfort kein Tod mehr trennen wird. Aber nun sage mir nur auch, so viel du mir sagen kannst, ob meine letzte Willensanordnung genau befolgt worden ist. Denn solches liegt mir außerordentlich am Herzen.
GS|1|35|4|0|Der Mann spricht: Mein über alles geliebtes Weib! Damit du ersehest, wie pünktlich deine letzte Willensanordnung beachtet ward, so sage ich dir nur so viel, dass ich selbst in meiner letzten Willensanordnung nichts anderes tat als das nur, dass ich deine Willensanordnung wieder von neuem bestätigte und somit in meiner letzten Willensanordnung mich genau an die deinige hielt bis auf einige unbedeutende Legate. Sonst aber ist unser gesamtes, von mir noch um mehrere Tausende vermehrtes Vermögen unseren Kindern eingeantwortet. Bist du damit zufrieden?
GS|1|35|5|0|Das Weib spricht: Mein stets geliebter Gemahl, bis auf die Legate ganz vollkommen! Sage mir daher: wie viel möchten diese betragen? Und wem sind sie vermacht worden? – Mein geliebtes Weib, spricht er, die gesamten Legate betragen nicht mehr als zweitausend Gulden, und diese sind in fünf Teile geteilt, und bis auf eins habe ich diese Legate vieren deiner Anverwandten vermacht; nur einen Teil musste ich ehrenhalber der Armenkasse vermachen. Ich hätte auch solches nicht getan, so du nicht manchmal schon bei deinen Lebzeiten dich geäußert hättest, solcher deiner Anverwandten zu gedenken. Was aber die Armen betrifft, da weißt du ja ohnehin, dass man schon fürs Erste der Welt wegen etwas tun muss, und dann aber auch um Gottes Willen etwas, da man doch ein Christ und kein Heide ist. Übrigens macht dieser Bettel von zweitausend Gulden gegen unser großes hinterlassenes Vermögen ja ohnedies nichts aus; denn wie ich es am Ende berechnet habe, bekommt jedes unserer sieben hinterlassenen Kinder eine runde Summe von einmalhundertfünfzigtausend Gulden. Dazu sind alle Kinder gehörig wirtschaftlich erzogen, und so kannst du ganz ruhig sein über dein hinterlassenes Vermögen also, wie ich es bin, und kannst nun an meiner Seite dich samt mir um ein anderes Vermögen umsehen, welches uns hier wenigstens in eine entsprechend glückliche Lage bringen kann, in welcher wir so bestehen möchten, wie wir zum wenigsten auf der Erde bestanden sind.
GS|1|35|6|0|Sie spricht: Ich will damit wohl zufrieden sein, wenn nur die Kinder also versorgt sind. Freilich, wohl hätte mit den zweitausend Gulden ein jedes Kind sogleich ein kleines Geld in den Händen gehabt und mit demselben vorderhand einen Anfang machen können, um nicht sogleich die Interessen des Hauptkapitals angreifen zu dürfen. Doch da es nun einmal so ist und wir an der Sache nichts mehr ändern können, so muss ich mich ja gleichwohl zufriedenstellen.
GS|1|35|7|0|Was du aber da sagst von einem anderen, hier brauchbaren Kapital, da bitte ich dich als deine dich stets treu liebende Gattin, dass du dich in dieser Beziehung ja aller albernen Gedanken entschlägst; denn sechs Jahre sind bereits verflossen, dass ich unter großer Angst und Bekümmernis in dieser finstersten und allerödesten Wüste herumirre, und alles, was ich hier, durch die entsetzlichste Hungersnot getrieben, Essbares finden konnte, ist eine Art Moos; und nicht selten ist auch wie ganz dürres Gras hier und da zu finden, mit welchem man sich am Ende den Magen anstopfen kann. Wärst du nicht gerade auf diesem Punkt zufälligerweise, von der Welt noch etwas schimmernd, angekommen, so hätten wir uns wohl in alle Ewigkeit schwerlich je getroffen.
GS|1|35|8|0|Er spricht: Aber mein geliebtes Weib, hast du denn durchaus gar keine Ahnung, aus welchem Grunde denn du auf diesen finsteren Ort gekommen bist? Ich meine, dass dich denn doch dein zu weltlicher Sinn hierhergebracht hat. [Du warst wohl eine sehr sparsame und in allen unseren weltlichen Verhältnissen sehr ehrsame Frau und warst sonst auch ein überaus gescheites Weib; nur die Lehren des wahren Christentums waren dir nicht selten ein Dorn im Auge.] Du hattest dich manchmal aber nicht zu vorteilhaft darüber ausgesprochen und hieltest dich mehr an die Weltklugheit und Weltphilosophie. Ich habe es dir aber gar oft gesagt, mein liebes Weib, wenn es jenseits ein Leben gibt, so glaube ich, wird man im selben mit aller Weltklugheit nicht auslangen; daher wäre es besser, sich an das Wort Gottes zu halten. Denn das Zeitliche währt nur kurz; so es aber ein Ewiges gibt, da werden wir mit unserer zeitlichen Klugheit, wie gesagt, gar übel fortkommen. Sieh, mein geliebtes Weib, das sind buchstäblich diejenigen Worte, welche ich gar oft zu dir im Vertrauen geredet habe, und wie ich mich jetzt zu meinem größten und bedauernswürdigsten Erstaunen überzeuge, ist es leider nur zu gewiss auf meine Worte gekommen. Daher meine ich nun, mein geliebtes Weib, dass es für uns die allerdringendste und allerletzte Zeit, wenn man sich hier so aussprechen kann, ist, dass wir uns aller weltlichen Rückgedanken gänzlich entschlagen und uns um Gnade und Erbarmen an unseren Herrn Jesus Christus wenden. Denn wenn uns der nicht hilft, so sind wir für ewig verloren, da ich solches in mir ganz gewiss weiß und empfinde, dass es außer Christus in der ganzen Unendlichkeit für uns keinen Gott und keinen Helfer mehr gibt. Hilft uns der, so ist uns geholfen; hilft uns der aber nicht, so sind wir für ewig rettungslos verloren! Jetzt wünschte ich, dass ich unser gesamtes Vermögen den Bettlern vermacht hätte, und dass dafür unsere Kinder zu Bettlern geworden wären; das hätte uns sicher mehr Segen gebracht als alle unsere weltkluge Sorge für die weltliche Versorgung unserer Kinder. Daher, mein geliebtes Weib, bleibt uns, wie gesagt, nun nichts mehr übrig, da wir unsere weltliche Torheit nicht mehr zu ändern vermögen, als dass wir uns allerernstlichst mit Ausschluss aller anderen Gedanken und Wünsche allein zu Christus hinwenden, damit Er unserer großen Torheit möchte gnädig und barmherzig sein und eben diese Torheit durch Seine unendliche Gnade und Erbarmung an unseren Kindern gutmachen!
GS|1|35|9|0|Das Weib spricht: Ich habe es mir ja immer gedacht, dass du deine religiös schwärmende Torheit auch auf diese Welt mitbringen wirst; was haben denn ich und du je Arges auf der Welt getan? Waren wir nicht allzeit gerecht gegen jedermann? Sind wir je jemandem etwas schuldig geblieben, oder haben wir je einem Dienstboten das Bedungene nicht gegeben? Wenn es irgendeinen Gott gäbe, oder nach deinem Sinne irgendeinen Christus, da wäre es ja doch die höchste Ungerechtigkeit, dass Er Menschen, wie wir sind, so belohnen sollte, wie wir die Belohnung vor uns erblicken. Oder welcher Gott könnte denn wohl einem Menschen nur im Geringsten verargen, so derselbe einer alten Sage, welche voll Unsinn und voll Lächerlichkeiten ist, keinen Glauben hat schenken können? Denn solches, glaube ich, kann doch ein Blinder begreifen, dass, so einem Gott am menschlichen Geschlechte etwas gelegen wäre, vorausgesetzt, dass es einen Gott gibt, so könnte sich der Mensch ja doch nichts Unbilligeres träumen, als dass dieser Gott sich nur einmal persönlich mit aller Wunderkraft ausgerüstet den Menschen genähert habe, und das nur den Menschen eines sehr kleinen Bezirks, während doch die ganze Erde bevölkert war.
GS|1|35|10|0|Sage mir darum, kann es Gott dann unbedingt verlangen, dass diejenigen Menschen und Völker, welche fürs Erste nicht auf demselben Bezirk gelebt haben und besonders fürs Zweite nicht gleichgiltig [gleichzeitig mit Ihm], es unbedingt annehmen sollen, dass Er es war, der diese Lehre gestiftet hat? Kann ihnen Gott verargen, wenn Er irgend ist und gerecht ist, dass sie solches nicht tun können? Oder können nicht die Menschen und Völker gegen Gott, so Er irgend Einer ist, dann auftreten und sagen: Wie willst Du ernten, wo Du nicht gesät hast? Willst Du über uns Gericht halten, so bist Du ein ungerechter Gott; willst Du aber ein gerechtes Gericht halten, da richte diejenigen, die Dich gesehen haben und denen Du gepredigt hast. Uns aber lass ungeschoren, denn wir haben Dich nie gesehen und haben uns von Deiner Wesenheit niemals überzeugen können. Das auf uns überkommene, Dein sein sollende Wort aber kann uns nie zu einem Richter werden, da es ebenso gut erdichtet wie wahr sein kann, und noch viel leichter erdichtet als wahr. Solange wir auf der Welt gelebt haben, haben wir nur die alte Natur gesehen, von Dir aber war nie eine Spur. Wir sind auf die Welt gekommen als reine Kinder der Naturkräfte. Die Menschen und Weltlehrer haben uns erst verständig gemacht. Durch unser ganzes Leben war von Dir keine Spur zu erspähen. Wie willst Du demnach mit uns rechten, indem Du uns nimmer einen Beweis zum Zeugnis Deines Daseins und Deiner Wesenheit geben wolltest?
GS|1|35|11|0|Siehe, mein lieber Mann, das ist doch so klar wie auf der Welt die Sonne am hellen Mittag. Du siehst aber solches nun nur noch nicht ein, weil du noch viel zu kurze Zeit hier bist. Wenn du aber so lange hier sein wirst wie ich, da wird dir solches selbst in dieser dichtesten Finsternis ganz vollkommen klar werden. Zum Beweis meiner Liebe und Treue zu dir sage ich dir noch hinzu, dass du allhier an meiner, dich stets über alles liebenden Gattin Seite, so lange und stark, als du nur immer willst, deinen sein sollenden Gott-Christus anrufen kannst, und ich stehe dir mit meiner Liebe und Treue gut, dass du nach mehrjährigem Rufen sicher zu der klaren Einsicht kommen wirst, dass ich, dein dich allzeit treu liebendes Weib, in meinem natürlichen Verstand heller sehe denn du mit all deiner sein sollenden Gottesgelehrtheit.
GS|1|35|12|0|Siehe, ein altes Sprichwort hat von der Bibel ausgesagt: O Bibel, o Bibel! Du bist den Menschen ein Übel! Und sieh, das Sprichwort hat recht. Besäßen die Menschen auf der Erde so viel Herz und Mut, diesen alten jüdischen Unsinn bei Butz und Stängel auszumerzen und an ihre Stelle die reine menschliche Vernunft zu setzen, so wäre die Welt in aller Kultur schon um viele hundert Jahre voraus. So aber muss noch immer, wer weiß aus was für Rücksichten, dieser alte Unsinn beibehalten werden, durch welchen nicht selten den allerbiedersten und rechtschaffensten Menschen die Hände zu einem freieren Wirken gebunden werden. Was ist die Folge? Denke nur in deiner sonstigen Klugheit nach; wo gibt es die größte Anzahl liederlicher, schlechter und armer Menschen? Sicher nirgend anderswo als gerade nur da, wo die Bibel und besonders die neue christliche Lehre wie oberhauptlich zu Hause ist. Gehe nach Rom, gehe nach Spanien, gehe nach England, und du wirst meine Aussage bestätigt finden.
GS|1|35|13|0|Die Menschen verlassen sich auf einen Gott, fangen an, in der guten Hoffnung auf Seine Hilfe zu faulenzen. Die Hilfe aber kommt nicht, so ist die natürliche Folge, dass dergleichen Menschen verarmen, und wenn sie schon durch die Bank gerade nicht zu schlechten Kerlen werden, so fallen sie aber doch den fleißigen und betriebsamen Menschen am Ende zur Last. Man schreit allenthalben und sagt: Gott ist allgütig, höchst liebevoll und überaus barmherzig, ließe aber dabei doch sicher einen jeden Bettler verhungern, wenn dieser nicht von seinen arbeitsamen Nebenmenschen versorgt würde.
GS|1|35|14|0|O sieh, mein lieber Gemahl, auf Rechnung ehrlich gesinnter, arbeitsamer und daher wohlhabender Menschen hat das müßige Pfaffentum leicht von einem allgütigen und barmherzigen Gott zu predigen. Streichen wir aber diese Menschen weg, so werden wir gar bald sehen, welch ein trauriges Ende alle solche Predigten nehmen werden. Wüssten diese schwarzen oder weißen Schreier auf der Welt, welch eine Bewandtnis es mit dem jenseitigen Leben hat, so würden sie sicher anders predigen, oder sie würden statt der leeren Predigten den erträglichen Pflug ergreifen. Es mag ja einen Gott geben als die Grundkraft, welche das ganze Universum leitet; aber sicher gibt es keinen Gott, wie ihn die jüdische Bibel lehrt.
GS|1|35|15|0|Er spricht: O mein geliebtes Weib, du bist auf einem ganz entsetzlichen Irrweg in deinen Gedanken; denn gerade also habe ich in berühmten gottesgelehrten Schriftstellern gelesen, dass rein höllische Geister eine dir ganz gleiche Sprache führen. Ich kann dir versichern, solches ist auch der vollgültige Grund, dass du dich in dieser ewigen Nacht hier befindest. Wahrlich wahr, mir wird ganz entsetzlich angst und bange um dich! Denn mit solchen Grundsätzen sehe ich dich unwiederbringlich für ewig verloren. Wenn du durchaus keine anderen Grundsätze in dir aufnehmen willst, so finde ich mich für äußerst notwendig gedrungen, dich für allzeit zu verlassen.
GS|1|35|16|0|Sie spricht: Solches wärst du imstande, mir, deinem getreuen, dich ewig liebenden Weib zu tun? Ich aber sage dir, dass ich solches nicht vermöchte, und wenn du wirklich in die Hölle solltest verdammt sein! Ich möchte dich im Feuer nicht verlassen, und du willst mich wegen einer sicher vernünftigen Rede verlassen? Es steht ja auch dir frei, mir deine Ansichten vernünftig darzustellen; aber nur ein Unsinn darf es nicht sein, denn in dem Falle liebe ich dich zu sehr, als dass ich dich auf Irrwege sollte geraten lassen. Folge mir aber, ich will dich auf einen anderen Ort führen, allda wir uns besser befinden werden als hier und du in einer größeren Gesellschaft erst füglicher erfahren wirst, wie man hier daran ist.
GS|1|35|17|0|Er spricht: Mein geliebtes Weib! Ich will dich ja nicht verlassen, denn dazu habe ich dich zu lieb, und will dir darum auch folgen, dahin du mich führen willst, weil ich sehe, dass du bei all deiner Unkenntnis in der wahren Religion aber dennoch stets gleichmäßig redlichen Herzens bist und bist noch immer mein gutes Weib, gegen das ich sonst nichts einzuwenden habe, als dass es nicht meiner Ansicht werden kann. Wenn du hernach irgendeine bessere Stelle dieses Reiches aller Finsternis kennst, so führe mich nur hin, und wir wollen da sehen, was sich allda alles wird machen lassen. Seht, sie ergreift seinen Arm und führt ihn weiter. Wir aber wollen diesem interessanten Paar folgen, um sonach fernere Zeugen des Erfolgs solch eines Verhältnisses zu sein. Sie gehen; also gehen wir auch ihnen nach!
GS|1|36|1|1|Das Ehepaar und der gegen das Christentum polemisierende Lügengeist
GS|1|36|1|1|(Am 12. Januar 1843 von 4 1/4 – 7 1/2 Uhr abends.)
GS|1|36|1|0|Ihr müsst euch nichts daraus machen, wenn eure Augen diesmal auf eine etwas stärkere Probe gesetzt werden, denn der Weg zieht sich mehr gegen Norden, und da wird es hier immer finsterer; dessen ungeachtet aber werden wir für uns schon noch immer so viel Licht haben, dass uns bei dieser Gelegenheit nichts entgehen soll.
GS|1|36|2|0|Vernehmt ihr noch nichts aus einer Ferne? Ihr sagt: Wir vernehmen wohl etwas; aber es ist ganz verschieden von einer menschlichen Stimme, es artet sich mehr so, als vernähme man von einer ziemlichen Ferne ein Gerassel von vielen Wägen, auch [tönt es] mitunter wie das Toben eines fernen großen Wasserfalls. – Ihr fragt, was solches zu bedeuten habe. Ich sage euch: Verfolgen wir nur unser Paar, und wir werden der Sache bald näher auf die Spur kommen.
GS|1|36|3|0|Könnt ihr dort noch nicht etwas ganz dumpf Rötliches ausnehmen, einen Schimmer, ähnlich einem Stück ganz matt glühenden Eisens? Dorthin wendet eure Blicke, denn dort wird uns ein Hauptspektakel erwarten.
GS|1|36|4|0|Seht, es kommt uns immer näher und näher, und das sonderbare Donnergerassel artet immer mehr in naturmäßige raue Menschenstimmen aus. Jetzt aber bleiben wir stehen, denn die Masse bewegt sich schnurgrade hierher, und wie ihr seht, hat auch unsere sich überaus liebende Avantgarde eine stillstehende Position genommen.
GS|1|36|5|0|Seht, wie er voll ängstlicher Erwartung der Dinge ist, die sich daherziehen, und will aus großer Angst und Furcht eine rückgängige Bewegung machen. Sie aber ergreift seinen Arm und bittet ihn um alles, was ihrem Herzen teuer ist, dass er nur diesmal sie erhören und bleiben solle; denn das ist ja eben das von ihr ihm vorhergesagte Glück, das er kennenlernen und sich dann überzeugen solle, inwieweit sie recht oder unrecht hatte.
GS|1|36|6|0|Er fragt sie, was denn das ist, das sich, ihm also schauerlich vorkommend, ihnen daher nahe. Und sie spricht zu ihm: Was es ist, was es ist?! Lauter tief denkende Menschen sind es, was du bald mit deinen eigenen Ohren deutlich vernehmen wirst.
GS|1|36|7|0|Und nun seht, er stellt sich zufrieden und erwartet die herannahende tiefdenkende Truppe. Nun seht, die ziemlich bedeutende Gesellschaft ist schon ausnehmend nahe da. Unser Paar geht ihr höflichkeitshalber entgegen; also müssen auch wir, wenn schon nicht aus Höflichkeit, so aber doch aus einem ganz anderen Zweck eine gleiche Bewegung machen.
GS|1|36|8|0|Seht, jetzt sind sie beisammen und empfangen sich gegenseitig mit der ausgezeichnetsten Höflichkeit. Also rücken auch wir ein wenig näher, damit uns jetzt ja nichts entgeht.
GS|1|36|9|0|Wie ihr seht, so naht sich aus der Mitte der Gesellschaft eine überaus hagere und abgezehrte männliche Gestalt unserem Paar, und das Weib empfängt dieselbe mit ausnehmender Zärtlichkeit und großem Wohlwollen. Auch der Mann des Weibes verbeugt sich tief vor dieser männlichen Gestalt.
GS|1|36|10|0|Die männliche Gestalt spricht: Meine hochschätzbarste Dame! Es gewährt mir ein außerordentliches Vergnügen, dass mir wieder das schöne Glück zuteil geworden ist, Sie die unsrige nennen zu können; denn Ihr Verstand und Ihr sonstiges überaus vorteilhaftes Benehmen macht unserer Gesellschaft eine sehr große Ehre und fürwahr die schönste Zierde. Nun, meine liebe Dame, haben Sie etwas auf Ihrem allerzärtlichsten Herzen, so wird es mir zur größten Glückseligkeit gereichen, wenn Sie mich mit einem so süßen Anliegen wollen vertraut machen.
GS|1|36|11|0|Sie spricht: Mein allerhochgeschätztester und über alles hochzuverehrender Freund! Sehen Sie, der Mann hier an meiner Seite ist mein zärtlichst geliebtester irdischer Gemahl. Dieser hat sich auf der Erde in allen seinen Handlungen überaus gerecht, ausgezeichnet und vorteilhaft benommen, so dass ich in allem Ernst bekennen muss, unsere Ehe war eine der glücklichsten. Denn was kann wohl ein Weib sich für eine glückliche Ehe wünschen, als so sie einen Mann hat, der den Wünschen des weiblichen Herzens nachzukommen versteht. In diesem Punkt hätte ich bis auf ganz kleine Unbedeutendheiten fürwahr nichts einzuwenden.
GS|1|36|12|0|Jetzt aber kommt ein Hauptpunkt, in welchem wir uns nie haben vereinen können, welcher darum auch ein stetiger kleiner Anstoß zwischen uns beiden war. Und so will ich Ihnen denn diesen Anstoß so gründlich, als es einem Weib nur immer möglich ist, darstellen, und Sie, mein allerhochverehrtester Freund, werden dann allerwohlgefälligst die Güte haben wollen, meinem Mann darüber ein paar Wörtlein zuzuflüstern, welche ihn sicher vom Grunde aus heilen werden.
GS|1|36|13|0|Die Gestalt spricht: Oh, ich bitte, bitte, meine allerschätzenswerteste Dame sind viel zu gütig! Ich gebe Ihnen nur die Versicherung, dass es mir zur größten Ehre und zu einer ganz besonderen Glückseligkeit gereichen wird, wenn ich mir werde sagen können, einer so holdseligen Dame mit meiner Wenigkeit gedient zu haben! Ich bitte daher, mich mit diesem Punkt ihres Herzens vertraut zu machen. – Sie spricht: Ach, mein allerschätzbarster Freund, Sie sind gar zu gütig und bescheiden; und eben diese Ihre große Güte und Bescheidenheit flößen meinem Herzen Mut ein, vor Ihnen nichts im Hinterhalt zu behalten, und so wollen Sie mich allergütigst vernehmen!
GS|1|36|14|0|Sehen Sie, was da diesen fatalen Punkt betrifft, so besteht dieser in nichts anderem, als dass, gerade herausgesagt, mein sonst braver, guter und überaus liebenswürdigster Mann ein Bibelianer und somit auch ein Christianer ist. Der Grund aber, dass er sich dieser lächerlichen Sekte in die Arme geworfen hat, liegt darin, weil er von armer Herkunft ist. In Rücksicht dessen wurde ihm, wie es allgemein bei der armen Klasse der Fall ist, schon in der Wiege diese alte Bettelphilosophie eingelullt. Wie schwer es aber hernach ist, solch einen von den Kinderammen eingesogenen und somit eingefleischten Unsinn hinauszubringen, wissen Sie, allergelehrtester Freund, sicher besser als ich. Mit dieser Bettelphilosophie ist dieser mein sonst überaus schätzenswertester Mann nun auch hier angelangt im Reich der urwaltenden Naturkräfte, wie Sie es uns schon zu öfteren Malen zu erklären die Güte hatten. Solches aber geht ihm durchaus nicht ein. Er hängt noch nagelfest an seinem Christus und will sich sogar von mir losreißen, um diesen überaus sicher nirgends vorhandenen Christus aufzusuchen. Nun, mein gelehrtester und hochverehrtester Freund, habe ich Ihnen in aller Kürze mein Anliegen und meine Not dargetan und bitte Sie darum, sich meines in dieser Hinsicht armen Mannes allergütigst anzunehmen!
GS|1|36|15|0|Die Gestalt spricht: Oh, wenn es nichts anderes ist, mit dem werden wir hier im Reich der allernacktesten Wahrheit wohl bald, und zwar leicht, fertig werden. – Hier wendet sich die Gestalt zum Mann, bietet ihm freundschaftlichst die Hand und spricht dann zu ihm: Aber lieber Freund, soll das wohl Ihr Ernst sein, worüber sich gerade Ihre liebenswürdigste Gattin zu mir beschwert hat?
GS|1|36|16|0|Der Mann spricht: Mein schätzbarster Freund, ich muss es Ihnen offenbar gestehen: so überaus lieb, wert und teuer mir sonst meine Gemahlin ist, so aber glaube ich doch überaus fest, dass wir in diesem Punkt nie einig werden. Denn gehe es, wie es denn wolle, so habe ich in mir den festen Entschluss gefasst, bei meinem Glauben an Christus ewig zu verbleiben! Denn ich bin überzeugt, dass mir dieser Name allzeit einen großen Trost bereitet hat und war auch stets mein unfehlbar glücklichster Leitstern. Bin ich je auf Abwege geraten, so bin ich gewiss nur dadurch auf selbige geraten, weil ich nicht fest an Christus gehalten habe. Habe ich mich aber wieder an Christus gewendet, so war es mir nicht selten wieder wie durch einen allmächtigen Zauberschlag geholfen!
GS|1|36|17|0|Sie als denkender und weiser Mann werden demnach selbst einsehen, dass es von meiner Seite allerhöchst unbillig wäre, mich von solch einem Wohltäter besonders jetzt zu entfernen, allda ich, wie es mir vorkommt, Seiner am allernötigsten habe. Daher, mein schätzbarster Freund, geben Sie sich in dieser Hinsicht mit mir gar keine Mühe; denn ich gebe Ihnen die alleroffenherzigste Versicherung, dass Sie mit mir nichts ausrichten werden. Ich war lange genug ein törichter Sklave der Reize meines Weibes; ich habe dieselben nach ihrem Dahinscheiden in Christo, meinem Herrn, entbehren gelernt und hoffe, dass sie mich hier nicht mehr anfechten werden, und das umso sicherer, da ich durch den Tod des Leibes aufgehört habe, diesem meinem ehemaligen Weib ein ehepflichtiger Gemahl zu sein. Will sie mir aber folgen, so soll sie mir auch allzeit wert und teuer sein; aber um sie meinen Christus austauschen, das tue ich nimmer, und zöge sie mich auch mit aller Gewalt in den Mittelpunkt irgendeiner Hölle! Ist sie mit dem zufrieden, dass ich wenigstens mit meinem Christus ungehindert um sie sein kann, so will ich meine alte Liebe mit ihr nicht brechen; ist sie aber damit nicht zufrieden, so habe ich hiermit das letzte Wort in ihrer Gegenwart gesprochen.
GS|1|36|18|0|Die Gestalt spricht zum Mann: Lieber Freund, ich habe Sie vom Anfang bis zum Ende geduldig angehört und kann Ihnen über Ihre Äußerung nichts anderes als in allem Ernst mein lebendigstes Bedauern entgegenstellen. Damit Sie aber jedoch wissen, mit wem Sie zu tun haben (hier nimmt diese Gestalt zu einer Lüge ihre Zuflucht), so wissen Sie, dass ich der große Lehrer Melanchthon bin, von dem Sie auf der Erde sicher etwas vernommen haben. – Der Mann spricht: O ja; aber was wollen Sie damit sagen? – Die Gestalt spricht: Mein schätzbarster Freund, nichts anderes, als dass ich sicher besser weiß, was Christus ist als Sie; denn ich habe mit ganz sonderbar großem Fleiß in dem sogenannten christlichen Weinberg gearbeitet bis zur letzten Stunde meines irdischen Seins und wäre fürwahr, wenn es sich darum gehandelt hätte, für Christus auch in den Tod gegangen. Ich habe nicht nur die römische, sondern die reinere Lehre Luthers von allen Schlacken gereinigt; ich lebte buchstäblich nach dem Sinn dieser Lehre, und was war der Erfolg? Ich brauche Ihnen, mein schätzbarster Freund, solchen nicht mit vielen Worten zu erörtern, denn ein Blick von Ihnen, an meine ganze Wesenheit gerichtet, wird Ihnen den Erfolg meines gewisserart quintessentiellen Christentums zeigen. Mehr brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Lassen Sie es somit auf das alte „Experientia docet“ [die Erfahrung lehrt] ankommen, und ich bin überzeugt, wir werden uns im Verlaufe von hundert Jahren ganz also, wie wir uns jetzt gegenüberstehen, wenn es übrigens gut geht, wieder treffen. Sie, mein Freund, sind allhier noch ein vollkommener Neuling und wissen nicht, wie es sich hier lebt in dem Reich der Zentral-Grundkräfte. Wenn Sie über einige Jahrzehnte nur von dieser ewigen Nacht herumgehetzt und sich dabei gehörig aushungern werden, so werden sicher auch solidere und gründlichere Erkenntnisse in Ihrem, aller weltlichen Torheit flott gewordenen Kopf besseren Raum finden denn jetzt.
GS|1|36|19|0|Der Mann spricht zur Gestalt: Schätzbarster Freund! Wenn Sie in dieser Hinsicht so wohlgegründete Kenntnisse besitzen, so lassen Sie mich dieselben vernehmen. Ich will ja gerade nicht abgeneigt sein, Sie anzuhören und werde dessen ungeachtet von dem Meinigen nichts vergeben, so mir das Ihrige nicht überaus überzeugend konveniert.
GS|1|36|20|0|Die Gestalt spricht: Gut, mein Freund, ich will Sie pro primo nur darauf aufmerksam machen, welche eigentlichen Früchte das Christentum auf der Erde getragen hat. Die Römer waren ein großes Volk, solange sie bei ihrer göttlichen Vernunftlehre geblieben sind. Alle ihre Werke waren groß und voll weiser Bedeutung; ihre Rechtsgrundsätze sind noch bis jetzt die Grundfesten aller staats- und völkerrechtlichen Gesetze. Als sich aber das Christentum eingeschlichen hatte, da hat sich auch der Tod für das große römische Volk eingeschlichen. Und so sitzen jetzt an der Stelle, wo einst das größte und heldenmütigste Volk residierte, faule, müßige Pfaffen, eine Unzahl allerlumpigsten Gesindels, und mit dem Rosenkranz in der Hand geht eine Unzahl Diebe und Räuber lauernd auf die Wege, und kein Wanderer ist seines Lebens sicher. Sehen Sie, das ist eine Frucht aus dem Garten des Christentums. Reisen Sie in das herrliche Spanien; betrachten Sie diese Nation aus der alten Zeit, und gehen Sie dann in das christliche Mittelalter über, so wird es Ihren Blicken nicht entgehen, wie aus lauter christlichem Segen Tausende und Tausende bluten, und Tausende und Tausende über lodernden Scheiterhaufen, zur Asche verbrannt, ihr Leben nicht aushauchen, sondern ausverzweifeln! Sehen Sie die rührende Einführung des Christentums unter Karl dem Großen, wie er mit diesem Segen Tausende und Tausende über die scharfe Klinge hat springen lassen. Reisen Sie von da weg nach Amerika, schlagen Sie die Geschichte auf, und sie wird Ihnen die kläglichsten und jämmerlichsten Beispiele in einer Unzahl aufführen, wie allda die christlichen Segensfrüchte ausgesehen haben. Von da kehren Sie in meine Zeit und betrachten Sie die segensvollen Gräuel des dreißigjährigen Religionskrieges, und ich bin überzeugt, Sie dürfen die Urgeschichte aller Völker mit kritischen Augen durchgehen, und ich verpflichte mich, Sie ewig auf meinen Armen herumzutragen, wenn Sie imstande sind, mir ähnliche Gräuelszenen ausfindig zu machen.
GS|1|36|21|0|Ich will Sie auf die vielfachen anderortigen und anderzeitigen Segnungen des Christentums gar nicht weiter aufmerksam machen, sondern zeige Ihnen dafür nur den Zustand der jetztzeitigen, des Christentums noch ledigen Völker, als da z. B. sind die beinahe ewig friedlichen Chinesen und noch andere bedeutende Völkerschaften in Asien, wie auch die noch unentdeckter Inseln, und Sie müssten mehr als dreifach blind sein, wenn Sie hier nicht auf den ersten Blick den Unterschied zwischen dem Christentum und der wahren Weisheit noch alter, erfahrener, friedlicher Völker erschauen möchten. Doch sage ich Ihnen: Alle diese großen, unvorteilhaften Mängel des Christianismus oder vielmehr Neujudäismus ließen sich dadurch bemänteln, so jemand sagen möchte: Diese geschichtlichen Tatsachen sind wohl alle wahr; nur hat sie Christus nie gelehrt, und so kann Er auch unmöglich die Schuld dessen tragen, was alles Unheilvolles die Verbreitung Seiner Lehre mit sich gebracht hat; denn Seine Lehre war ja überaus rein und überaus menschenfreundlich. Lieber Freund, das lässt sich alles recht gut anhören, und ich selbst war zeit meines ganzen Lebens auf der Erde darum ein eifrigster Verteidiger des Christentums. Aber erst hier ersah ich das eigentliche Völkergift in dieser Lehre, und dieses ist die offenbare Hinweisung zur Trägheit und zum Nichtstun. Der Mensch, der ohnehin einen angeborenen Trieb zur Faulheit hat, findet in dieser Lehre den besten Verteidiger für seinen Trieb, da er offenbar dahin angewiesen ist, nichts zu tun außer bloß ein gewisses geistiges Reich zu suchen, und die gebratenen Vögel werden ihm schon ohnehin in den Mund fliegen. Sehen Sie, nach nicht gar zu langer Zeit haben sich mehrere weise Männer nur gar zu bald überzeugt, dass es mit den gebratenen Vögeln ein gewaltiges Nihil hat; daher ergriffen sie andere Mittel, nämlich das alte Schwert, beließen das einmal christianisierte Volk in solcher Blindheit, und verschafften sich dann die gebratenen Vögel mit eben dem Schwert in der Hand. Mein Freund, betrachten Sie, wie Sie wollen, diesen Sukzess, und Sie werden unmöglich etwas anderes herausbringen, und zwar unbeachtet all der höheren, geistigeren Erfahrungen, die man hier im geläuterten Zustand wie ich im Verlaufe von mehreren hundert Jahren über das Christentum machte. Mein schätzbarster Freund! Ich habe für diesmal ausgeredet, und Sie können tun, was Sie wollen. Seien Sie übrigens meiner steten Achtung und Freundschaft versichert, und mir wird es ein großes Vergnügen sein, wenn wir uns etwa nach einigen Jahrhunderten wieder treffen werden. – Seht, der andere empfiehlt sich vor dem Mann und zieht mit seiner ganzen Gesellschaft wieder weiter, unser Paar allein dastehenlassend. Über den Effekt dieser herrlichen Rede und überaus menschenfreundlichen Belehrung wollen wir erst fürs nächste Mal weitere Erfahrungen machen. Und somit gut für heute!
GS|1|37|1|1|Einwände des Mannes. Der Zug seiner Gattin zur Hölle
GS|1|37|1|1|(Am 13. Januar 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr abends.)
GS|1|37|1|0|Seht, die Gesellschaft hat sich schon ganz verloren; aber unser Pärchen steht noch, nachsinnend, auf dem alten Platz. Sie fragt ihn soeben, sagend: Nun, mein vielgeliebter Gemahl, was sagst du jetzt dazu? – Er, sich ein wenig besinnend, spricht: Mein vielgeliebtes Weib, da ist auf keinen Fall viel zu sagen; entweder hat dieser Redner recht, so ist es dann ja entschieden, und es braucht da niemand viel mehr etwas darüber zu sprechen, – und hat er unrecht, so bleibt es bei meinem Grundsatz, da ist also auch nicht viel zu sprechen. Ob er aber recht oder unrecht hat, das lässt sich so geschwind nicht entscheiden, sondern solches muss erst meine eigene Erfahrung nach längerer Zeit entscheiden.
GS|1|37|2|0|Sie spricht: Aber lieber Mann, hältst du denn mich, dein getreues Weib, und diesen würdigen Mann für einen Lügner, wenn du seinen überzeugenden Worten nicht sogleich vollen Glauben leihen magst? Siehe, Menschen sind nur dort aufgelegt, zu lügen und einander zu täuschen, wo sie durch die Lüge einander Vorteile abjagen können. Sage mir aber nun hier: Welchen Vorteil sollte denn hier jemandem eine Lüge oder ein Betrug bringen? Denn hier gibt es weder etwas zu gewinnen, noch zu verlieren; nur das ist gewiss, dass eine Gesellschaft bezüglich der Sättigung des Magens allzeit schlechter daran ist, als ein einzelner in dieser endlosen Gegend herumirrender Mensch. Denn einer findet noch bald so viel genießbares Moos oder Gras, um sich nötigenfalls damit den Magen zu stopfen, wenn aber mehrere beisammen sind, so geht es ihnen sicher bei einem aufgefundenen Moosplätzchen schlechter denn einem einzelnen.
GS|1|37|3|0|Du sprichst zu mir, was ich dir damit sagen wolle? Mein allergeliebtester Gemahl! Nichts anderes, als das, dass weder ich noch dieser einsichtsvolle Mann dich auf dem vorteilhafteren Weg sicher nicht bereden würden, dass du von deinem alten Bibelglauben weichen sollst; denn wenn ich für mich, wie du für dich, wandle, so gewinnt ja jeder dadurch, weil er sich selbst auf diesem überaus kargen Boden allzeit leichter fortbringt, als so zwei oder mehrere beisammen sind. Wenn wir dich demnach hätten belügen und betrügen wollen, da hätten wir dich ja offenbar bei deinem Grundsatz belassen, und du wärst als ein Konsument deinem Grundsatz zufolge von uns gewichen. Wir aber haben dich durchaus nicht belügen und betrügen wollen, sondern haben dir die allerreinste Wahrheit gezeigt, von welcher sich auf der Erde freilich kein Sterblicher etwas träumen lässt, und schon am allerwenigsten ein solch Stockbiblianer und Stockchristianer, wie du bist. Was willst denn du dich demnach bedenken? Nehme daher doch Räson an und folge mir, deinem dich ewig liebenden Weib, wenigstens hier im Reich der nackten Wahrheit, wo ich um sechs Jahre Erfahrung vor dir habe, wenn du mich schon auf der Welt nicht hast hören wollen. Siehe, auf der Welt ist alles voll Betrug, weil ein jeder durch den Betrug etwas gewinnt oder wenigstens etwas zu gewinnen wähnt. Hier aber ist alles Gewinnens ein ewiges Ende, somit fallen auch alle Lüge und Betrug von selbst hinweg. Glaube es mir, mich fesselt nichts an dich als meine Liebe; diese ist noch der einzige Gewinn, den ich mit dir habe. Wenn aber du stets törichterweise deinen alten, nichtigen Grundsätzen treu verbleibst, so hebt solches auch diesen Gewinn für mich auf. Wir können sonach nur glücklich sein in der vollen Übereinstimmung unserer Erkenntnisse und unseres Gemütes. Und lässt sich diese Harmonie nicht herstellen, so muss ich dir offenbar gestehen, dass ich ohne dich ganz allein herumirrend glücklicher sein werde, denn an deiner hohlen Seite. Denn mehr zu deinem eigenen Vorteil vermag ich nun nicht hervorzubringen, außer dass ich dir noch hinzusage: Weil ich dich aufrichtig liebe und allzeit geliebt habe, so habe ich auch hier alles aufgeboten, um dir meine ewig angelobte Liebe und Treue zu beweisen. Du aber, der mich nie geliebt hat, bist bereit, aus Liebe zu deiner Torheit mich allzeit zu verlassen. Urteile nun, was du tun willst.
GS|1|37|4|0|Seht, der Mann fängt an, sich hinter den Ohren zu kratzen und spricht nach einer Weile zu seinem Weib: Mein geliebtes Weib! Siehe, ich habe aus deinen Worten entnommen, dass du mich wirklich liebst. Solches kann ich unmöglich in Abrede stellen; aber nur sehe ich nicht ein, wenn auf dieser finsteren Geisterwelt weder durch die Wahrheit noch durch die Lüge und den Betrug etwas zu gewinnen oder zu verlieren ist, warum du denn somit für nichts und wieder nichts mir eine gewisse Wahrheit aufbürden willst, mit der am Ende ebenso wenig zu gewinnen ist als mit meinem von dir und dem anderen gelehrten Mann bewiesenen Irrgrund. Ich meine darum, wenn deine Liebe zu mir fürwahr so intensiv ist, wie du mir sie soeben darstelltest, so kannst du mir ja ebenso gut folgen wie ich dir; – außer du hast schon irgendetwas Besseres auf deinem Wahrheitsweg gefunden, da will ich dir ja folgen, um mich dadurch von der besseren Realität deiner Wahrheit zu überzeugen. Ist aber solches nicht der Fall, so ist es ja einerlei, wohin wir gehen.
GS|1|37|5|0|Ich denke aber immer also: Wir haben auf der Welt wohl als Namenchristen gelebt, haben auch das Evangelium gelesen, aber im Grunde des Grundes nie danach gelebt, sondern wir lebten und handelten nach unserer Einsicht und nach unserem Vorteil; aber von einer werktätigen Ausübung der Lehre Christi war weder bei mir und noch viel weniger bei dir je die Rede.
GS|1|37|6|0|Siehe, in der Lehre heißt es: Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst! – Haben wir solches je getan? Wenn ich mein Herz frage, so sagt es mir jetzt geistig, dass ihm die Liebe zu Gott völlig fremd geblieben ist. Du aber glaubtest nie an einen Gott; somit muss dein Herz von dieser wichtigen Liebe noch lediger sein denn das meinige.
GS|1|37|7|0|Ferner heißt es in dem Wort des Evangeliums: Wer mit Mir zum Leben eingehen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach! – Sage mir, mein liebes Weib, wann haben wir solches je getan auf der Welt? Ich habe nie ein Kreuz getragen und du noch viel weniger; unser ganzes Kreuz bestand in nichts als in lauter weltlichen Geldsorgen.
GS|1|37|8|0|Ferner heißt es im Evangelium, da der Herr zum reichen Jüngling spricht: Verkaufe alle deine Weltgüter, teile sie unter die Armen; du aber folge Mir nach, so wirst du das ewige Leben haben. – Was spricht aber der große Lehrer zum Jüngling oder vielmehr zu Seinen Aposteln, als sich dieser ob solcher Verkündigung weinend von dem Herrn entfernte? Siehe, die Worte waren überaus bedeutungsvoll, und wie es mir vorkommt, so genießen wir soeben den traurigen Sinn dieser Worte, welcher also lautete: Es ist leichter, dass ein Kamel gehe durch ein Nadelloch, denn ein Reicher in das Reich der Himmel!
GS|1|37|9|0|Wieder heißt es noch im Wort, dass der Herr viele Gäste zu einem Gastmahl laden ließ und die Geladenen nicht Zeit hatten, zu erscheinen vor lauter Weltgeschäften. – Siehe, sind wir nicht geladen worden wie oft und wie vielmal, und sind wir dieser Einladung gefolgt? Nun, mein geliebtes Weib, wenn wir uns nun in diesem Ort der äußersten Finsternis befinden, allda Heulen und Zähneklappern wohnt, von dem der Herr ebenfalls gesprochen hat, dass nämlich dergleichen Menschen wie wir in die äußerste Finsternis werden hinausgestoßen werden; – da können wir es uns nur selbst zuschreiben, dass es uns hier also ergeht, wie wir uns befinden.
GS|1|37|10|0|Dass hier kein Glaube an den Herrn anzutreffen ist, und deine venerable Gesellschaft ebenso wie du verneinend von Ihm gesprochen hat, da bin ich der Meinung, sie befindet sich aus demselben Grunde hier wie wir beide, und wenn uns allen die große Liebe und Erbarmung Christi nicht hilft, da bin ich überzeugt, dass uns alle Ewigkeiten, überfüllt von den melanchthonisch sein sollenden Wahrheiten, ganz entsetzlich wenig helfen werden.
GS|1|37|11|0|Übrigens aber, wenn du zufolge deiner gründlich gemeinten Wahrheit irgendetwas Besseres schon gefunden hast, so will ich dir, wie gesagt, ja dahin folgen, um dir dadurch zu zeigen, dass auch ich dich liebe und will dir nichts von meinen Grundsätzen also aufbürden, wie du mir deine vermeinte Wahrheit aufgebürdet hast.
GS|1|37|12|0|Das Weib spricht: Rede, was du willst, ich habe einmal recht. Ich kann dir zwar keine Versicherung geben, jetzt schon etwas Besseres gefunden zu haben; dessen ungeachtet aber bin ich der Meinung, wenn du mir folgen willst, dass wir in nicht gar zu langer Zeit einen Ort treffen möchten, allda es Licht in großer Menge geben dürfte. Denn siehe, also zu unserer rechten Seite bin ich einmal im Gefühl meiner inneren Wahrheit lange geradeaus gegangen und kam da endlich an einen ziemlich breiten Strom. Über dem Strom merkte ich ein mächtiges Gebirge und hinter dem Gebirge ging ein Licht herauf wie etwa das einer frühen Morgenröte. Könnte man nur irgend über den Strom gelangen, so bin ich überzeugt, dass man in eine lichtere Gegend kommen müsste, denn diese da ist.
GS|1|37|13|0|Der Mann spricht: Nun gut, ich will dir folgen; und so führe mich dahin. – Nun aber gehen auch wir; denn das müsst ihr bis zur Löse mit ansehen!
GS|1|38|1|1|Im ersten Grad der Hölle
GS|1|38|1|1|(Am 17. Januar 1843 von 3 3/4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|38|1|0|Ihr sagt: Lieber Freund! Wie dieses Paar vor uns geht, so folgen auch wir ihm schon eine geraume Zeit so blind und stumm wie diese Nacht selbst; und siehe, es will sich noch nirgends die von dem Weib vorbesprochene Hinterbergsröte zeigen; wo ist denn diese? Sollte das Weib den Mann im Ernst angelogen haben? Ich sage euch: Habt nur noch eine kleine Geduld, und ihr werdet diese löbliche Röte noch frühzeitig genug zu Gesicht bekommen. Seht aber auf unser Paar, wie das Weib immer fröhlicher, der Mann aber dafür immer trauriger und düsterer wird.
GS|1|38|2|0|Ihr fragt: Warum solches? Die Antwort liegt ja offen am Tag; sie nähert sich ihrem Element, dahin ihre Liebe gerichtet ist, somit wird sie auch heiterer. Bei ihm ist es aber der entgegengesetzte Fall; er nähert sich einem ihm ganz unverwandten Element, wird nicht von seiner Liebe gezogen, sondern vielmehr von der Liebe des Sirenen-Weibes in ihm mitgerissen.
GS|1|38|3|0|Es geht ihm beinahe so, wie da die Alten von einer Liebe der Sirenen fabelten. Solange der Liebhaber aus seiner Sphäre seine ihn bezaubernde Sirene betrachtete, da war er voll Entzückung; und eine Umarmung von solch einer Geliebten schien ihm über alle seine Begriffe reizend zu sein. Da er sich aber seiner Geliebten nahte und diese ihn, mit ihren weichen Armen umfassend, hinabzuziehen anfing in ihr Element, so ging der ganze früher phantastische Liebreiz verloren, und großer Schreck und Todesangst traten an seine Stelle.
GS|1|38|4|0|Seht, geradeso ist es auch hier der Fall. Der Mann merkt es, dass es des Weges entlang immer finsterer und finsterer wird. Solch eine stets dichter werdende Nacht ist nicht sein Element; sie aber befindet sich desto behaglicher, je finsterer es wird, weil die totalste Finsternis das Element ihrer Liebe und somit auch ihres Lebens ist. Nun aber mögt ihr schon von einer Ferne ein dumpfes Getöse vernehmen, etwa also wie von einem fernen großen Wasserfall.
GS|1|38|5|0|Ihr fragt, was wohl solches bedeute? Ich sage euch: Solches bedeutet nichts anderes, als dass wir demjenigen Scheidestrom schon ziemlich nahe gekommen sind, den wir schon beim Besuch der Nordgegend haben kennengelernt; daher also nur mutig darauf losgegangen, und wir werden bald sein Ufer erreichen. Ihr fragt nun schon wieder nach der vorbesagten Hinterbergsröte, die sich noch immer nicht zeigen will. Geduldet euch nur noch ein wenig. Wenn wir das Ufer des Stromes werden erreicht haben, dem wir jetzt schon mehr nahe sind, was ihr aus dem stets stärker werdenden Getöse merken könnt, so wird sich auch die Hinterbergsröte im tiefen Hintergrund sicherlich erschauen lassen. Jetzt aber gebt nur Acht und schaut gut auf den Boden, denn wir haben nur wenige Schritte mehr und das Ufer ist erreicht.
GS|1|38|6|0|Nun haltet ein; seht, wir sind schon am Ziel, und da seht längs dem Strom, wie sich dort im tiefen Hintergrund also eine bedeutende Röte zeigt gleich derjenigen, welche einem fernen, großen Brand entstammt. Nun aber gebt auch wieder auf das Gespräch unseres Paares Acht; sie spricht: Nun, mein geliebter Gemahl, was sagst du jetzt, hatte ich recht oder nicht? Sieh dort ein herrliches Morgenrot und hier sehe den breiten Strom; was sollen wir nun tun, um in jene lichte Gegend zu gelangen? Siehe, über den Strom können wir nicht, aber nach dem Zug des Wassers längs dem Strom nach diesem Ufer können wir wandeln; es wird stets lichter, wie du es mit deinen eigenen Augen ersehen kannst, und mit der Zeit werden wir auch sicher die ganz lichte Gegend erreichen.
GS|1|38|7|0|Der Mann spricht: Mein liebes, schätzbarstes Weib! Dieses Licht kommt mir eben nicht ganz geheuer vor. Was da die Morgenröte betrifft, so scheint diese Röte mit derselben auch nicht die entfernteste Verwandtschaft zu haben; sie gleicht für mein Auge vielmehr derjenigen, deren Grund nicht die Sonne, sondern eine hinter den Bergen brennende Stadt sein möchte. Ob hier eine Stadt brennt, möchte ich schier bezweifeln; dass es aber sicher ein Feuer gibt, solches scheint außer Zweifel zu sein. Ich will daher auch so weit mit dir gehen, bis wir von Seiten dieses Feuers ein ziemlich starkes Licht haben, weiter aber werde ich mich nicht verfügen; denn man kann doch nicht wissen, was für Ursprungs es ist, – und so ist es immer klüger, weit weg von selbem entfernt zu sein. Denn der Mensch soll sich dem nicht nahen, das er nicht kennt und das seiner Natur überhaupt nicht verwandt ist.
GS|1|38|8|0|Sie spricht: Aber was du doch für ein albernes Zeug zusammenschwätzt! Da sieht man wohl, wie dumm du bist; worin aber liegt der Grund? Ich sage dir, lediglich in nichts anderem, als dass du fürs Erste dich auf der Welt gar wenig um das bekümmert hast, was da betrifft die eigentlichen Wirkungen der Naturgrundkräfte, aus welchem Grunde du dir denn auch jetzt umso weniger eine solche Erscheinung zu erklären imstande bist. Und fürs Zweite bist du noch viel zu kurz hier und hast viel zu wenig noch die Gelegenheit gehabt, solche Erscheinungen zu beobachten und dich darüber von den Weisen dieser Gegend belehren zu lassen. Sieh aber, da längs dem Ufer kommen soeben zwei Männer daher geschritten. Gehen wir daher ihnen entgegen, und ich bin überzeugt, wenn du dich mit ihnen in ein Zweigespräch einlassen willst, dass du von ihnen sehr viel profitieren wirst. – Der Mann spricht: O ja, mein liebes Weib, ich war ja noch allzeit ein bedeutender Freund von Männern, die viele Kenntnisse besaßen, warum sollte ich es denn jetzt nicht sein?
GS|1|38|9|0|Nun aber sage ich euch: Jetzt gebt besonders Acht. Der Mann begrüßt sehr höflich den Größeren und Ansehnlicheren, und dieser macht ebenfalls eine kalte Verbeugung und fragt den Mann des Weibes: Was hat euch, ihr Nachtgesinde, da heraus in die Gefilde des Lichtes den Weg gezeigt?
GS|1|38|10|0|Der Mann spricht: Allerhochzuverehrendster Freund! Ich bin erst vor ein paar Tagen hier in der tiefen Nacht angelangt; mein Weib hier aber befand sich schon bei sechs Jahren in dieser Gegend. Sie wusste von diesem Lichtgefilde; ich wusste nichts, sondern hatte nur einen großen Drang nach Licht, und es blieb mir demnach nichts übrig, als dass ich als gänzlich Unerfahrener mich von meinem erfahreneren Weib habe hierherführen lassen. Daher werden Sie, allerhochzuverehrendster Freund, mir solches nicht zu einem Fehler rechnend aufnehmen wollen. Hat jemand bei diesem Schritt gefehlt, so war es offenbar nur mein Weib.
GS|1|38|11|0|Der Fremde spricht: Und so was getraust du dich als ein Mann hier zu bekennen? Wahrlich, du scheinst eben nicht gar weit her zu sein; denn Männer, die der Leitung ihrer Weiber vonnöten haben, die stehen bei uns gerade in einem solchen Ansehen wie Affen. – Hier wendet sich der Fremde zum Weib und spricht zu ihr: Ist das im Ernst Ihr Werk gewesen, meine allerliebenswürdigste, holdeste Dame? – Sie spricht: O mein allerverehrungswürdigster Freund, ich muss es leider zu meiner eigenen Schande bekennen, dass dieser mein sonst recht lieber Mann sicherlich hundert und wieder hundert Jahre lieber in der dichtesten Finsternis herum Moos und dürres Gras gefressen hätte, und das aus lauter allerdümmster und nichtigster Liebe zu dem Ihnen wohlbekannten jüdischen Philosophen, als dass er die Wege des Lichtes ergriffen hätte, nicht nur nach meinem, sondern auch nach dem überaus weisen Rat des großen, Ihnen wohlbekannten Gelehrten, der sich da Melanchthon nennt.
GS|1|38|12|0|Der Fremde spricht: O meine schätzenswerteste und allerliebenswürdigste Dame, da muss ich Sie wahrlich von ganzem Herzen bedauern und dagegen aber doch wieder Ihre Herzensstärke bewundern, die so unermüdlich tätig ist, um einen wahrhaftigen Tölpel von einem Mann auf den rechten Weg zu bringen. Allerliebste, schätzenswerteste Dame! Sie müssen mir in dieser Hinsicht schon etwas zugutehalten; denn wenn ich in dieser aufgeklärten und stets heller werdenden Epoche noch von der alten christianisch-jüdischen Philosophie etwas höre, so möchte ich doch vor lauter Ärger aus der Haut springen. Ja, es kommt mir solches noch viel dümmer und alberner vor, als so jemand sich vornehmen würde, einer höchst dummen, mehrere tausend Jahre alten Kleidertracht getreu zu verbleiben, während rings um ihn herum die ganze Welt schon gar lange die größeren Vorteile einer neuen Bekleidung eingesehen und sonach füglichermaßen auch angenommen hatte.
GS|1|38|13|0|Nun wendet sich der Fremde an den Mann und sagt zu ihm: Sollte das wirklich wahr sein, was dein im Ernst sehr vernünftiges Weib von dir ausgesagt hat?
GS|1|38|14|0|Seht, der Mann wird etwas verdutzt und weiß für den Augenblick nicht, was er diesem, ihm schon zu übergelehrt scheinenden Mann für eine Antwort geben soll. Von Christo will er sich nicht trennen, und von Ihm eine Erwähnung zu machen scheint ihm eben nicht rätlich zu sein vor diesem ihm überaus mächtig vorkommenden Gelehrten; daher schweigt er.
GS|1|38|15|0|Aber der gelehrte Fremde wendet sich abermals zu ihm und spricht: Ja, mein lieber Freund, wenn es mit dir um die Zeit ist, wie es mir vorkommt, da bist du ja ein taxfreier Mann; verstehst du solches? – Der Mann spricht: Nein, der Sinn dieser Rede ist mir fremd. – Und der Fremde spricht: Solches nimmt mich nun nicht mehr wunder. Was aber das „taxfrei“ betrifft, so war das ja schon bei den alten, weisen Römern und Griechen gebräuchlich, dass man die Narren und Tölpel überall kostfrei hielt. Und dass man selbst in der jetzigen Epoche Männern deinesgleichen das ehrenvolle Narrendiplom taxfrei verleiht, behufs welches sie dann leichtlich in irgendein gut bestelltes Narrenhaus aufgenommen werden können, wird dir, der du mir bekannterweise auf der Welt mit der Amtsführung über staatliche Dinge vertraut warst, sicher nicht unbekannt sein. Verstehst du nun diese Redensart?
GS|1|38|16|0|Der Mann spricht: Leider muss ich sie wohl verstehen; aber nun erlaube auch du mir eine Frage: Wer gibt denn dir bei deiner Gelehrsamkeit, nachdem ich dir doch überaus höflich entgegenkam, das Recht, mit mir vice versa gröber zu sein, als da auf der Welt ist einer der größten Pedanten mit einem allerdümmsten Gratisschüler? – Der Fremde spricht: Höre, mein lieber Freund, dass ich dir etwas barsch entgegenkam, war nur eine besondere Auszeichnung von meiner Seite gegen dich, welche du lediglich deinem soliden Weib zu verdanken hast. Sonst wäre ich einem solch dummen Christuslümmel ganz anders geartet entgegengekommen, welche Begegnung ihm sicher für alle ewige Zeiten den Appetit nach einer lichten Gegend benommen hätte. Wenn du aber an der Seite deines Weibes Räson annehmen willst und kannst mir die Versicherung geben, dass dich deine alte weltliche Dummheit gereut, der zufolge du eigentlich in diese Finsternis gekommen bist, so will ich dich, (verstehe, aber nur in Rücksicht deines Weibes), nahe dem lichten Ort dort in eine Unterrichtsanstalt bringen, in welcher du, wenn du nicht zu sehr vernagelt bist, zu einer besseren Ansicht gelangen kannst.
GS|1|38|17|0|Der Mann spricht ganz demütig verdutzt: Lieber, hochgeschätzter Freund, wenn es so ist, da bitte ich dich, führe mich dahin; ich war doch als Studierender auf der Welt immer einer der Ausgezeichnetsten und werde sicher auch in deiner Schule nicht einer der Letzten sein.
GS|1|38|18|0|Der Fremde spricht: Gut, ich will dich annehmen; aber mache dich darauf gefasst: bei einem schlechten Fortgang wirst du sobald wieder das hohe Collegium verlassen müssen und wieder zurückbeschieden werden in deine ursprüngliche Nacht. Bist du aber ein ausgezeichneter Studierender, so wird dir auch eine allergerechteste Auszeichnung nicht entgehen. Was aber dein altes christianisch-jüdisches Philosophentum betrifft, da rate ich dir gleich im Voraus, auf der hohen Schule nicht viel davon zu erwähnen, sonst läufst du Gefahr, allerweidlichst ausgelacht zu werden, – und es ist solches schon ein ungünstiges Zeichen, denn Schwärmer taugen nicht zum Studium hoher ernster Wissenschaften, indem diese nur nüchterne und mehr leidenschaftslose Denker vonnöten haben.
GS|1|38|19|0|Hier wirft sich auch das Weib zu dem Gelehrten hin und dankt ihm schon zum Voraus mit den schmeichelhaftesten Worten für solch eine außerordentliche Begünstigung. Und der Gelehrte erwidert ihr: Ja, ja, meine schätzbarste, liebenswürdigste Dame, solches hat er aus vielen Tausenden, ja aus vielen Millionen dieser Nachtgegendbewohner nur Ihnen zu danken; und so folgen Sie mir!
GS|1|38|20|0|Seht, das Weib ergreift den Arm ihres Mannes, folgt dem Gelehrten und spricht noch im Gehen zu ihm: Nun, was sagst du jetzt? Ich hoffe, du wirst jetzt doch einsehen, dass es hier ganz andere Verhältnisse gibt, als wie du dir dieselben auf der Erde geträumt hast. – Der Mann spricht: Mein liebes Weib! Solches ist offenbar und klar; ob diese Verhältnisse aber von guter und ersprießlicher Art sind, das wird erst die Folge zeigen. Unter uns gesagt, mir kommt die ganze Geschichte noch immer sehr bedenklich vor; aber, wie gesagt, die Folge wird es zeigen, was aus dieser Unternehmung wird.
GS|1|38|21|0|Es heißt wohl in einem Text des würdigen Apostels Paulus: „Prüft alles und behaltet das Gute.“ – Also will ich es auch hier tun; nur bin ich einer so ganz geheimen Meinung, dass bei dieser sonderbaren Prüfung entweder gar nichts oder doch nur spottwenig Gutes zu behalten sein wird. Denn dieses stets greller werdende Licht, welches mir geradeso vorkommt, als wenn man sich einer lichterloh brennenden Stadt mehr und mehr nähern würde, scheint zur Beleuchtung des Guten durchaus nicht geeignet zu sein. Aber, wie gesagt, es kommt alles nur auf eine Probe an. Da sieh einmal nur diesem Strom tiefer nach, wie er dort im fernen Hintergrund beinahe ganz glühend wird, und die Wogen scheinen sich in glühenden Dunst aufzulösen. Mir kommt es geradeso vor, als näherten wir uns einem Feuermeer, welches diesen Strom verzehrt.
GS|1|38|22|0|Das Weib spricht: Ja, mein lieber Gemahl, hier heißt es die wirkenden Kräfte in ihrem Grunde kennenlernen, und da sieht’s freilich wohl etwas großartiger aus, als wenn ein armseliger Studierender bei dem traurigen Schimmer einer matten Nachtlampe auf der Erde irgendeinen römischen Autor studiert.
GS|1|38|23|0|Seht, hier ist ein Schiff am Ufer befestigt. Der Anführer spricht: Wenn ihr mir folgen wollt zu eurem größten Glück, so steigt in dieses Schiff, damit wir den Strom abwärtsfahren in die hehren Gefilde des Lichtes.
GS|1|38|24|0|Seht, das Weib geht gar hurtig in das Schiff; der Mann aber kratzt sich bedeutend hinter den Ohren und weiß nicht, was er da tun soll, – und nur, um nicht allein zurückzubleiben, steigt er gewisserart schandenhalber in das Schiff. Nun wird das Schiff losgemacht und seht, wie es gleich einem Pfeil stromabwärts flieht. Nun aber fliehen auch wir; denn so schnell als dieses Fahrzeug ist, und, wenn es not ist, auch um noch etwas schneller, können auch wir sein.
GS|1|38|25|0|Nun, wir haben das Schiff schon erreicht. Seht, wie die Fluten unter demselben stets glühender werden bis dahin, da sich der Strom in eine Gebirgsenge mündet. Machen wir daher einen schnellen Vorsprung über dieses Gebirge und erwarten unser Schiff bei der Ausmündung des Stromes. Erschreckt aber nicht, denn hier sind auch wir taxfrei, denn uns werden alle diese Schrecken, die ihr da schauen werdet, nichts anhaben.
GS|1|38|26|0|Seht, da sind wir schon; ihr erschreckt hier, weil ihr den Strom gleich einem weitgedehnten, glühenden Wasserfall donnernd hinabstürzen seht in eine schreckliche, unübersehbare Flammentiefe und fragt, was solches bezeichne?
GS|1|38|27|0|Ich sage euch: Das ist die vorbesagte hohe Schule, in welcher unser armer Mann die Grundkräfte in ihrem Fundamentalwirken wird kennenlernen; auf Deutsch gesagt ist aber das der erste Grad der Hölle!
GS|1|38|28|0|Aber nun seht hinab auf den Strom; soeben langt unser Schiff an. Seht, der Mann ringt mit den Händen nach aufwärts und will aus dem Kahn springen; aber das Weib umfasst ihn, hält ihn fest und seht, nun stürzt der Kahn samt seiner Quartettgesellschaft hinab in die hohe Schule!
GS|1|38|29|0|Ihr fragt: Sollten wir etwa auch noch da hineinsteigen? – Ich sage und sagte es ja im Voraus, ihr müsst die vollkommene Löse mit ansehen, sonst wisst ihr nur die Hälfte von dem, was da besagt eine solche Bindung der Doppelliebe in einem Herzen. Fürchtet aber nicht diese Flamme; denn sie sind nur eine Erscheinlichkeit des Höllischen. An Ort und Stelle aber wird die ganze Sache ein anderes Gesicht bekommen. Und so denn folgt mir furchtlos!
GS|1|39|1|1|Über Ort und Wesen von Himmel und Hölle. Die Lösung des Mannes von seiner Gattin
GS|1|39|1|1|(Am 19. Januar 1843 von 4 1/2 – 7 1/4 Uhr abends.)
GS|1|39|1|0|Ihr sagt: Aber da geht es steil abwärts, und über so viele Klippen und steile Abhänge führt der Weg! – Ja, ja, meine Lieben! So kommt es aber auch nur euch vor; diejenigen, deren Gemüt für diesen Ort korrespondiert, haben allda eine breite und wohlbetretene Bahn. Gehen wir daher nur mutig drauflos; es wird nicht so lange währen, bis wir die erscheinliche Flammenebene werden erreicht haben.
GS|1|39|2|0|Nun seht hinab, wie sich die Flammen nach und nach zu verlieren anfangen, und ihr eine Menge gluterfüllter Stellen ohne Flammen darüber erschaut; aber ihr fragt: Werden wir da etwa müssen auf solcher Glut einhergehen? Ich sage euch: Kümmert euch alles dessen nicht, denn alles dieses sind nur Erscheinlichkeiten und besagen den Gemütszustand derer, die da unten wohnen. „Flamme“ bedeutet die Tätigkeit des Bösen; der über den Flammen emporsteigende „Qualm“ bezeichnet das Grundfalsche, und die „Glut“ bedeutet die völlige Eigenliebe und derzufolge den argen Eifer und den böse gewordenen Willen derjenigen, welche in solcher Eigenliebe sind. Doch wie dieses alles sonderheitlich an Ort und Stelle artet, werdet ihr sobald mit den eigenen Augen erschauen.
GS|1|39|3|0|Nun seht abermals hinab; was erblickt ihr jetzt? Ihr sagt: Die Flammen sind gänzlich vergangen und die Glut hat sich in Haufen gesammelt; zwischen den Haufen aber erschauen wir die allerdichteste Nacht. Ihr fragt noch einmal: Wo ist denn der Strom, den wir zuvor ganz glühend da hinabstürzen sahen? – Dieser Strom ist ebenfalls nur eine Erscheinlichkeit und bezeichnet den Zug des Falschen, wie sich dasselbe mündet in das Böse. So bezeichnet auch dieser Abgrund die Tiefe des Bösen, wie dieses ebenfalls schlaue und feindurchdachte Pläne fasst, um sein arges Vorhaben durchzusetzen.
GS|1|39|4|0|Da ihr nun solches wisst, so wollen wir nur mutig drauflosgehen, um sobald als möglich an unser Ziel und somit auch zu unserer Gesellschaft zu gelangen. Nur einige Schritte noch, und seht, wir sind schon in der Ebene und somit auch in der vollkommenen Tiefe. Ihr seht nun hier gar nichts, denn die Finsternis ist so groß, dass ihr mit dem Licht eurer Augen ewig nichts auszunehmen imstande wärt. Daher wird es hier nötig sein, dass wir uns so viel Licht schaffen, das uns genügt, um hier etwas auszunehmen, jedoch darf niemand von den hier Seienden von unserem Licht etwas verspüren, und ihr müsst euch da fest an mich halten und keiner Sphäre eines Geistes zu nahe treten, außer nur insoweit, als es euch durch mich gestattet wird.
GS|1|39|5|0|Und so denn seht, wir haben nun schon so viel Licht, als es not tut, um diesen Ort zu betrachten. Was bemerkt ihr hier? Ihr sagt aus einem kleinen Fieberzustande heraus: Um des allmächtigen, allbarmherzigen Gottes willen, was ist das doch für ein schauderhafter Ort! Nichts stellt sich unseren Blicken dar, als schwarzer Sand und schwarzes Steingeröll, welches alles den Boden dieser Gegend ausmacht; und zwischen dem Sand und diesem Steingeröll dampft es hie und da so heraus, wie wir öfter gesehen haben auf der Erde, da die Kohle gebrannt wird. Ferner fragt ihr und sagt: Wo sind denn hier Wesen zu sehen? Denn diese Gegend scheint ja wie gänzlich ausgestorben zu sein. – Ja, meine lieben Freunde, solches ist auch nur eine Erscheinlichkeit und bezeichnet den „Tod“! Doch sorgt euch nicht über die Wesenleere dieses Ortes; denn ihr werdet sobald derselben gar reichlichst innewerden.
GS|1|39|6|0|Seht, da unfern von uns ist etwas zu sehen, ungefähr so wie bei euch auf der Erde ein ziemlich großer Scheiterhaufenstoß. Diesem Stoß wollen wir uns nahen, und ihr werdet euch sobald überzeugen, was für ein Material das ist. Nun seht, wir sind dem Stoß gerechtermaßen nahe; betrachtet ihn nun ein wenig näher. Nun, was seht ihr? Ihr sagt schon wieder: Aber um des allmächtigen, gerechten Gottes willen! Was ist solches? Da sind ja lauter Menschen gleich den Pickelheringen übereinandergeschichtet und sind dazu noch mit überstarken Ketten an den Boden so befestigt, dass es wohl keinem möglich ist, sich in dieser Lage auch nur im Geringsten rühren zu können. Wenn das durchaus hier der Fall ist, da sieht es mit der sein sollenden, ewig fortzubestehenden Freiheit des Geistes ganz sonderbar schiefrig aus.
GS|1|39|7|0|Ja, ja, meine lieben Freunde, so sieht es auf den ersten Augenblick wohl aus, wenn wir die Sache von unserem himmlischen Licht aus betrachten. Darum aber ist es auch nur eine Erscheinlichkeit, die der Wahrheit der Sache entspricht. Im Grunde der Tiefe aber bedeutet eben diese Erscheinlichkeit, wie da eine Gesellschaft von ihrem eigenen Grundfalschen und daraus hervorgehenden Bösen gefangen ist. Gehen wir aber nur weiter und verlassen wir diesen Stoß! Seht, da vorne ist schon wieder ein noch größerer Haufen. Da wir uns schon wieder in seiner rechtmäßigen Nähe befinden, so sagt mir wieder, was ihr da seht. Ihr sagt: Lieber Freund, wir sehen hier nichts anderes als früher; nur ist der Haufen kegelförmig, und über diesen Kegel ist eine Menge Ketten geworfen, mit denen diese Wesen so stark zusammengedrückt sind. Nur können wir nirgends ein Gesicht entdecken, wie es etwa aussieht, weil diese Wesen mit ihren Gesichtern alle abwärts auf den Boden gerichtet sind. Ihr fragt: Lieber Freund, befindet sich etwa auch unser früheres Quartett in diesem Haufen? – Nein, meine lieben Freunde; wir werden zu demselben schon noch kommen. Da wir hier alles gesehen haben, so bewegen wir uns wieder etwas vorwärts.
GS|1|39|8|0|Seht, in nicht geringer Entfernung vor uns stellt sich ein förmlicher Berg dar; da wir schon wieder in der gerechten Nähe sind, so betrachtet ihn nur ein wenig. Was seht ihr? Ihr sagt schon wieder: Aber um des allmächtigen, gerechten Gottes willen, was ist denn das?! Das sind zwar ebenfalls lauter menschliche Wesen unter Ketten und eisernen Gittern geschichtet; und zwischen ihnen gibt es auch eine Menge Schlangen und Nattern, die da nach allen Seiten mit ihren abscheulichen Augen herausblicken und hurtig draufloszüngeln. Was besagt solches? – Das besagt eine Gesellschaft, die schon mehr und mehr aus ihrem Falschen in das Böse übergegangen ist. Gehen wir aber nur wieder von da weiterhin vor; und seht, nicht ferne vor uns ist ein ganzes Gebirge, welches ihr mit einem Blick nicht leichtlich überschauen werdet. Solches ist auch nicht not; denn eine Stelle spricht für das Ganze. Und seht, hier ist schon der Fuß eines Ausläufers von diesem Gebirge; betrachtet ihn näher und sagt mir, was ihr seht. Ihr sagt: Da sehen wir ja nichts denn fast lauter niedergeknebelte Ungetüme aller Art; nur hier und da sieht noch ein zerquetschtes Gerippe eines menschlichen Kadavers heraus. Was bedeutet denn solches? – Solches bedeutet die purste Eigenliebe und ist die Erscheinlichkeit weltlicher Macht, Größe und Reichtums, wenn solche Attribute auf der Welt zu eigennützigen, bösen Zwecken gebraucht wurden.
GS|1|39|9|0|Aber ihr fragt schon wieder und sagt: Aber lieber Freund, nachdem wir noch gar wohl wissen, dass wir uns in deiner Sphäre und im Grunde auf der geistigen Sonne befinden, allda wir nichts als nur Himmlisches wähnten; wie kommt es denn, dass wir auch die Hölle im vollkommensten Maße antreffen? – Ja, meine lieben Freunde, ist es euch denn nicht gleich bei dem Übergang in die geistige Sonne vom Herrn Selbst erklärt worden, dass das Geistige ist ein Inwendigstes, ein alles Durchdringendes und ein Allumfassendes? Wenn das Geistige also beschaffen ist, so durchdringt es ja alle Planeten und die ganze Sphäre, so weit das Licht der naturmäßigen Sonne dringt; und rein geistig genommen aber noch ums Endlosfache weiter; und sonach befindet ihr euch nun nicht in der Sphäre der eigentlichen Sonne, sondern in der sonderheitlichen Sphäre eures Planeten. Wie aber von der eigentlichen Sonne aus alle Planeten ihr Licht und ihre Wärme empfangen und ihre Wirkung alle diese Planeten durchdringt, so ist es auch der Fall mit der geistigen Sonne, da wir auf den Schwingen ihrer geistigen Strahlen auch das Geistige ihrer Planeten durchblicken. Da wir nun solches näher kennen, so wird es euch hoffentlich doch auch klar sein, dass man auf diesem geistigen Weg auch das geistige Wesen der Hölle, euren Planeten betreffend, ganz klar durchschauen kann.
GS|1|39|10|0|Ihr müsst euch überhaupt den Himmel und die Hölle nicht materiell räumlich voneinander entfernt denken, sondern nur zuständlich. Denn räumlich können Himmel und Hölle ganz fest nebeneinander sich also befinden, wie da ein himmlisch guter Mensch neben einem höllisch bösen einhergehen kann, und kann mit selbem sogar auf einer Bank sitzen. Der eine hat in sich den vollkommenen Himmel und der andere die vollkommene Hölle. Zum Beweis dessen könnte ich euch augenblicklich in meiner eigenen Sphäre zeigen, dass sich hier ebenso gut der Himmel wie die nun von euch geschaute Hölle befinden kann; denn ihr schaut ja alles dieses ohnehin nur in meiner Sphäre, und ihr braucht nichts als nur einen Schritt aus dieser meiner Sphäre zu tun, und ihr werdet euch wieder auf demselben Punkt befinden, von dem ihr ursprünglich in meine Sphäre getreten seid. Da ihr nun solches wisst, so können wir uns schon wieder von diesem Gebirge weiterwenden und dieses alles auch von einem anderen Licht aus betrachten.
GS|1|39|11|0|Gebet nun Acht, das Licht ist verändert. Wie seht ihr jetzt diesen Berg? Ihr verwundert euch, dass ihr nun statt des Berges auf einmal ganz frei herumwandelnde Gruppen erschaut und sogar allerlei Wohnungen, teils wie schmutzige Kneipen, teils wie alte, schwarze Ritterburgen; und seht sogar alles in einem rötlichen Zwielicht.
GS|1|39|12|0|Aber da seht, unfern vor uns steht eine wie an einem Felsengebirge angebaute alte ritterliche Burg; dahin wollen wir uns denn auch begeben. Seht, wir sind schon da; die Pforte ist offen. Wir sind hier unsichtbar, somit begeben wir uns auch in diese Burg und wollen da sehen, wie es zugeht. Nun seht, da ist schon der erste Saal. Seine Wände sind behangen mit allerlei Mord- und Marterwerkzeugen. Und seht, dort im Hintergrund sitzt der vermeintliche Burgherr auf einem Thron und berät sich mit seinen Spießgesellen, wie sie es anstellen sollen, um sich der Güter und Schätze eines nachbarlichen ähnlichen Burgeigentümers zu bemächtigen. Hört, wie er ihnen aufträgt, dass sie die beabsichtigte Burg ganz in aller Stille überfallen, dann schonungslos alles, was da lebt, rein niedermetzeln und sodann nach den Schätzen greifen sollen. Sollte sich aber jemand ihnen wie unbesiegbar widersetzen, so sollen sie ihn wieder hierherbringen also, wie sie es schon zu öfteren Malen gemacht haben, allda sich dann ein solcher Gefangener wird die allerpeinlichsten Martern gefallen lassen müssen. Nun, der Rat ist beschlossen und beendet; alles ergreift die Waffen und rennt hinaus. Da wir hier nichts mehr zu machen haben, so rennen wir ihnen auch nach.
GS|1|39|13|0|Seht, dort nicht ferne vor uns ist schon die beabsichtigte Burg. Sie wird umringt, und nun seht, das fürchterliche Gemetzel beginnt, die argen Wesen kämpfen wütend gegeneinander. Und seht, wie da die Bewohner dieser zweiten Burg in Stücke zerhauen werden. Und seht ferner, da bringen die Spießgesellen unseres vorigen Burginhabers ja soeben geknebelt unser bekanntes Quartett daher. Schließen wir uns an und behorchen jetzt ein wenig des Zuges Zwiegespräch. Hört, der Mann spricht zum Weib: O du elende Schlange, jetzt erkenne ich dich; meine bittere Ahnung hat mir heimlich immer zugeflüstert, was für eines elenden Geistes Kind du bist! Sieh, das ist jetzt die hohe Schule und dein erbärmliches Licht, von dem du mir listigerweise als ein geistig erfahrenes Wesen vorgeheuchelt und vorgelogen hast. Und dieser nun mit uns geknebelte Bösewicht von einem Professor dieser hohen Schule ist nun auch mit uns in dieser schauerlichen Gefangenschaft, der sicher das schrecklichste Los bevorsteht!
GS|1|39|14|0|Das Weib spricht: Wie kannst du denn so von mir denken? Wer kann für ein unvorhergesehenes Unglück? Ich habe es mit dir ja doch nur gut gemeint. – Der Mann spricht: Schweige nun, du elende Schlange. Dir allein hab ich es zu verdanken, dass ich mich jetzt in der offenbaren Hölle befinde. Zwischen mir und dir sei auf ewig jeglicher Bund gebrochen. Und Du, mein Jesus, auf den ich mich immer berufen habe, helfe mir aus dieser meiner schrecklichen Gefangenschaft; ich will ja lieber nach Deinem allerheiligsten Willen viele tausend Jahre auf demjenigen finsteren Ort herumwandeln und dort abbüßen alle meine Gebrechen, als hier nur einen Augenblick länger noch in diesem Schreckensort verbleiben, der so ganz und gar von aller Deiner Gnade und Erbarmung für ewig ausgeschlossen zu sein scheint! O Jesus, helfe mir! O Jesus, rette mich!
GS|1|39|15|0|Nun seht, diesem Zug entgegen eilen soeben zwei Vermummte; seht, jetzt sind sie schon daran. Sie enthüllen sich, und wie ihr seht, so sind es zwei strafende Engel des Herrn. Ein jeder hat ein flammendes Schwert in der Hand; der eine macht einen Zug über die besiegte Burg und die zerfleischten und zerhauenen Wesen ergreifen sich wieder zu ganzen Gestalten und wehklagen über die erlittene Unbild. Und der andere Engel zieht sein Schwert über die frühere berüchtigte Burg, und die ganze Burg steht, wie ihr seht, in Flammen, und brennende und heulende Gestalten stürzen sich allenthalben aus den Öffnungen, Fenstern und Türen heraus und fluchen diesen rächenden zwei Engeln.
GS|1|39|16|0|Wieder seht, ein Engel haut mit seinem flammenden Schwert mitten in unser Quartett hinein. Die Ketten sind gelöst; der Mann fällt vor diesen zweien auf sein Angesicht nieder und bittet sie um gnädige Rettung. Und seht, der eine Engel ergreift ihn und zieht ihn mit sich. Das Weib aber ergreift ihn auch und schreit um Gnade und Erbarmen zu ihrem Mann, dass er sie ja nicht verlassen soll. Seht, wie lange sie sich samt dem Mann von dem Engelsgeist fortschleppen lässt! Jetzt seht, die beiden Engel erheben sich aufwärts, und der eine trägt den Mann. Das Weib aber lässt sich mittragen und lässt den Mann nicht aus. Jetzt erst, schon in großer Höhe, macht der andere Engel mit seinem Schwert einen Streifhieb, und löst damit mühevoll das Weib von dem Mann. Sie stürzt nun jählings heulend in ihr Element zurück, und der Mann wird an die Grenze des Kinderreichs geführt, da es aber noch sehr mager und dunkel aussieht.
GS|1|39|17|0|Nun habt ihr gesehen, und das zwar noch die beste Art einer solchen Löse. Es gibt aber deren noch eine zahllose Menge von viel schrecklicherer und hartnäckigerer Art, deren Anblick, selbst durch das Wort gegeben, ihr schwerlich ertragen würdet. Daher wollen wir uns wieder in unsere vorige Gegend zurück begeben und von dieser dann übergehen in die Gegend des Mittags. Und somit gut für heute!
GS|1|40|1|1|Über die Trennung von Christen und Heiden. Die Läuterungsschule zum ewigen Leben
GS|1|40|1|1|(Am 20. Januar 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|40|1|0|Dass es in der euch jetzt schon überaus gut bekannten abendlichen Nachtgegend noch eine Menge, ja eine zahllose Menge von ähnlichen Szenen gibt, wie wir sie bis jetzt haben kennen gelernt, braucht kaum noch einmal erwähnt zu werden.
GS|1|40|2|0|So da jemand fragen möchte: Wo sind denn die Ankömmlinge aus dem Heidentum? so sage ich euch, dass dieselben zwar auch in dieser Gegend zuallermeist anlangen; dessen ungeachtet aber sind hier solche Anlandungsplätze voneinander schroff unterschieden, und es kann in diesem Zustand sich ein Heide nicht nahen demjenigen Teil, in welchem von was immer für einer Sekte Christgläubige anlangen.
GS|1|40|3|0|Solche Unterscheidungen finden sogar in der Hölle statt, und es ist nirgends, wie ihr glaubt, alles wie Kraut und Rüben untereinandergeworfen; denn solche Unterscheidungen sind im höchsten Grade nötig. Würden solche Geister zusammengelassen werden, so würden sie sich zufolge ihrer innersten Bosheit so sehr verderben, dass ihnen da auf keinem Weg, außer auf dem der gänzlichen Vernichtung, beizukommen wäre.
GS|1|40|4|0|Denn ihr müsst euch die Sache völlig so vorstellen, wie es da gibt auf der Erde verschiedene Elemente, die fortwährend sich zerstörend feindlich gegeneinander verhalten, so gibt es auch in der geistigen Sphäre ebenfalls solche Grundelemente, die sich nicht berühren dürfen. Denn würden sie miteinander in Berührung kommen, so würden in der geistigen Sphäre ähnliche Effekte zum Vorschein kommen, als wenn ihr auf der Welt Feuer und dürres Stroh zusammentätet oder Feuer und euer Schießpulver, oder wenn ihr möchtet Wasser kommen lassen über ein aus Ton aufgeführtes Gebäude. Darum also sind in der Geisterwelt, da keinem Geist mehr ein Hinterhalt möglich, solche Unterschiede allerstrengst notwendig.
GS|1|40|5|0|So aber jemand fragen möchte: Wie sieht es denn dessen ungeachtet auf dem Auslandungsplatz heidnischer Geister aus? so sei ihm darauf gesagt, dass es nicht geheuer ist für einen christlichen Geist, solche Plätze zu brauchen mit was immer für einem Geiste.
GS|1|40|6|0|Es müsste nur der Herr jemanden unmittelbar Selbst führen und leiten; sonst aber würde es für jeden mehr gefährlich als ersprießlich sein, solche Plätze zu besuchen.
GS|1|40|7|0|Wir aber wollen uns dafür, bevor wir uns noch in den Mittag begeben, noch zu unserem geretteten Mann begeben und sehen, was er da tut und wie es mit seiner gegenwärtigen Anstellung aussieht. Und seht, unsere Wand steht schon wieder offen, und so wollen wir sogleich diese Gelegenheit benutzen und uns durch die Spalte sogleich an die äußerste Grenze des Kinderreiches verfügen. Seht, hier sind wir schon; die Wand hat sich hinter uns wieder geschlossen, und wir wollen uns sogleich jetzt in das sehr enge Tal, das da neben der Wand gegen Mittag steht, verfügen. Also geht nur recht hurtig mit mir!
GS|1|40|8|0|Seht dort im tiefen Hintergrund einen moorigen und feuchten Winkel und ganz im Hintergrund dieses Winkels eine ganz gemeine Art hölzerner Hütte, um welche es in diesem, von hohen Felsen eingeschlossenen Winkel ziemlich dunkel ist. Dahin wollen wir uns verfügen; denn dort ist unser Mann platziert.
GS|1|40|9|0|Ihr fragt zwar: Warum denn in solch einer gar einsichtigen Einöde und dazu noch in einem so moorigen und feuchten Winkel? – Meine lieben Freunde, mit solchen mühevoll aus der Hölle geretteten Geistern kann es anfangs unmöglich besser gehalten werden, weil solche Menschen in der Hölle doch stets mehr oder weniger eben von der Hölle etwas in sich aufgenommen haben, welches da gleichlautend ist dem Feuer der Hölle, und dieses spricht sich stets mehr oder weniger aus in einer notgedrungenen selbstsüchtigen Begierlichkeit, denn solches hat ja bekanntlich jede Not in sich eigentümlich, dass sie selbst mehr oder weniger die Selbstsucht zur steten Begleiterin hat. Wer in der Gefahr ist, der vergisst gewöhnlich auf alles und ist nur auf seine eigene Rettung bedacht. Der Arme bettelt nur für sich, und der Kranke sucht für sich ein heilendes Mittel. Wer ins Wasser fällt, der sucht sich zu retten; und über dessen Haupt die Flammen schon zusammenschlagen, der ergreift gewöhnlich nur sich selbst und sucht dem verheerenden Element zu entfliehen. Erst wenn er selbst in Sicherheit ist, gedenkt er anderer, die mit ihm ein gleiches Los hatten.
GS|1|40|10|0|Also ist dieser Ort ja ganz zweckmäßig für unseren Mann. Der feuchte Boden wird dazu taugen, um sein selbstsüchtiges Feuer zu dämpfen, und die ziemlich große Dunkelheit wird seinen an die dichteste Finsternis gewöhnten Augen eben auch sehr heilsam sein; denn ein plötzliches starkes Licht würde ebenso verderblich auf ihn einwirken, als wenn man die Augen eines jüngst geborenen Kindes alsbald den grellen Sonnenstrahlen aussetzen würde. Überdies aber geht diese seine Habseligkeit auch genau mit der Zinsrechnung zusammen, und zwar von dem Kapital, welches er als Christ aus Glauben und Liebe zum Herrn den eigentlichen Armen hat zukommen lassen. Ihr müsst darunter nicht etwa die euch schon bekannten Legate verstehen, welche er bei seinem Übertritt aus der Welt ins Geistige angeordnet hatte, sondern diejenigen Spenden nur, welche er ganz geheim für sich aus eigenem Mitleidsgefühl und als gläubiger Christ an die Armen verabfolgt hat. Solches Kapital aber dürfte sich in summa summarum kaum auf etwas über zweihundert Gulden Silbermünze belaufen haben. Wenn ihr dieses Kapital, welches er eigentlich aus Liebe zum Herrn den Armen gegeben hatte, vergleicht mit dem großen Kapital, welches er den Seinigen hinterließ, so werdet ihr auch den mathematisch richtigen Vergleich finden zwischen seiner Eigenliebe und der Liebe zum Herrn.
GS|1|40|11|0|Auch solche verpflegliche Sorge für die Kinder ist Eigenliebe; denn wer den Herrn mehr lieben würde, als sich selbst in seinen Kindern, der würde auch gleichen Maßes den Herrn mehr bedacht haben als sich selbst in seinen Kindern. Ihr fragt: Warum denn? – Weil ihm der Herr dadurch die innere Erkenntnis verleihen würde, derzufolge er sonnenklar eingesehen hätte, dass der Herr für seine Kinder ums Unendlichfache besser sorgen kann und sie auch besser versorgen würde, als er sich in seinen Kindern eigenliebig selbst und seine Kinder versorgt hat. Denn der Herr hat nicht gesagt: Was ihr euren Leibeskindern tun werdet, das habt ihr Mir getan, sondern Er hat da der Armen, Nackten, Hungrigen, Durstigen und Gefangenen nur gedacht und sagte dann: Was ihr diesen getan habt, das habt ihr Mir getan.
GS|1|40|12|0|Er hat auch nicht gesagt: Wenn ihr eure eigenen Kinder in Meinem Namen aufnehmt, so habt ihr Mich aufgenommen, sondern Er hat solches nur bei einer Gelegenheit gesagt, da viele Arme ihre noch ärmeren Kinder zu Ihm gebracht haben: „Wahrlich, wer ein solches armes Kind in Meinem Namen aufgenommen hat, der hat Mich aufgenommen.“
GS|1|40|13|0|Und noch ferner spricht der Herr: „Wer da seinen Vater, seine Mutter, sein Weib, seinen Bruder, seine Kinder mehr liebt denn Mich, der ist Meiner nicht wert.“
GS|1|40|14|0|Es möchte hier wohl so mancher sagen: Solches alles hat ja nur einen tiefen, geistigen Sinn; – o ja, sage ich, sicher den allertiefsten, weil es ein allerreinstes und unmittelbares Wort Gottes ist. Ich frage aber dabei: Warum sucht ihr das Gold nicht auf der Oberfläche der Erde, sondern grabt tiefe Schächte und weitlaufende Stollen? – Ihr sagt: Wie ist solches zu verstehen? – Ich sage euch: Nichts leichter als das; wer zum Gold gelangen will, muss die äußere Erde nicht unbeachtet lassen, sondern muss dieselbe durchbrechen, und erst durch eben diese äußere Erdkruste zu der inneren Goldlagerung gelangen. Also muss auch des göttlichen Wortes Buchstabensinn zuvor vollkommen beachtet werden, bevor man den geistigen überkommen kann, freilich wohl im rechten und zweckmäßigen Verstand.
GS|1|40|15|0|Wenn ihr aber nun unseren Mann betrachtet, so werdet ihr finden, dass er nahe über eine Million Eigenliebe und nur um etwas über zweihundert Gulden Liebe zum Herrn mitgebracht hat. Dies ist wohl ein klägliches Verhältnis. Nun aber hat er um die Zinsen dieses Kapitals genau ausgemessen, wie ihr seht, seine Behausung hier. Es wird sich demnach zeigen, wie er dieses Kapital verwenden wird. Es wird nicht fehlen, dass ihn von der entgegengesetzten Seite gar armselige Wesen besuchen und um Unterstützung anflehen werden. Wird er nach seinen Kräften alles aufbieten, um solche arme Brüder so viel, als es ihm nur immer möglich ist, notdürftigst zu versorgen, so wird sein kleines Kapital sich bald ums Zehnfache, ja ums Hundertfache vergrößern, und er wird dadurch auf bessere Orte gestellt werden, aber nicht eher leichtlich auf dem geordneten Weg zum Herrn gelangen, als bis sein hier erworbenes Kapital ums Zehnfache größer wird, als das er seinen Kindern oder seiner Eigenliebe hinterlassen hat. Dessen ungeachtet aber sind auch hier außerordentliche Fälle möglich; diese müssen also geartet sein, wie ihr gleich anfangs ein Beispiel gesehen habt; – d. h. wenn einer alles hergibt, was er hat, und dabei noch mit all seiner Kraft sorgt für die Unterstützung seiner Brüder, so ist bei einer solchen Gelegenheit auch eine sehr baldige und gänzliche Erlösung aus diesem Ort möglich. Denn in diesem Fall gleicht dann ein solcher Menschengeist demjenigen Weib, welches in dem Tempel opferte, während auch andere opferten. Das Weib gab zwar das geringste Opfer im Vergleich mit den anderen; der Herr aber fragte, wer da unter all den Opfernden am meisten geopfert habe. Und man sagte: Siehe, dieser und jener. Er aber entgegnete: Dieses Weib hat das größte Opfer dargebracht; denn sie gab alles, was sie hatte.
GS|1|40|16|0|Seht, also ist hier eine vollkommen gerechte und von der großen Liebe und Erbarmung des Herrn abgeleitete Läuterungsschule zum ewigen Leben.
GS|1|40|17|0|Da wir nun solches alles haben kennengelernt, welches von jedermann wohl zu beachten ist, so können wir nun füglichermaßen diese Gegend verlassen und uns gegen Mittag begeben. Ihr fragt zwar um den Weg; ich aber sage euch: Sorgt euch dessen nicht; wir wollen bei diesem Übergang nicht so viel Säumens machen, als wir solches hierher getan haben, sondern wir werden uns wahrhaft geistigen Weges machen und daher auch auf eins dort sein, wo wir sein wollen. Es wären zwar wohl auf dem Weg dahin noch so manche Abstufungen zu berücksichtigen; da sie aber denen völlig gleichen, die wir schon passiert haben, so dürft ihr euch nur alles dessen, was ihr bisher geschaut habt, recht wohl erinnern, so werdet ihr alle diese Übergänge, die von dieser Gegend in den Mittag führen, leicht beschaulich erraten können.
GS|1|40|18|0|Das große Gewässer bildet eine Hauptzwischenlinie, welche auf gewöhnlichem Wege nicht überschritten werden kann; denn dieses große Gewässer bezeichnet den großen Grad der Weisheit, welche dazu erforderlich ist, um in den Mittag zu gelangen. Daher müssen die in den Mittag Übergehenden in dem Feuer der Liebe überaus stark werden, damit ihnen ein ähnlicher Grad der Weisheit wird, wie solches das große Gewässer bezeichnet. Da wir nun auch dieses wissen, so wollen wir uns fürs nächste Mal, wie schon gesagt, ohne weiteren Rückblick auf eins in den glänzenden Mittag begeben. Und somit gut für heute!
GS|1|41|1|1|Besuch im Mittag. Wirkung des Glaubenswahren und des Liebeguten
GS|1|41|1|1|(Am 21. Januar 1843 von 4 1/2 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|41|1|0|Nun seht, wie ich gesagt habe und ehe ihr es euch versehen mochtet, sind wir auch schon da, wo wir sein wollen. Wir sind also schon im Mittag. Sagt mir vorerst, wie es euch hier gefällt und was ihr alles seht.
GS|1|41|2|0|Ihr sagt: Uns gefällt’s hier gar überaus gut, doch müssen wir dir dabei gestehen, dass wir hier noch mehr erwarteten, als sich nun unseren Blicken zur Beschauung darstellt. Diese Gegend kommt uns vor wie so eine recht reizend schöne Landschaft auf der Erde, wie es auf derselben sicher eine Menge recht überaus herrlich schöner Landschaftspartien gibt; aber so etwas ganz überirdisch erhaben Schönes können wir uns da nicht herausschauen.
GS|1|41|3|0|Ja, meine lieben Freunde, ihr habt im Grunde wohl recht; es scheint hier, wie ihr seht, ebenfalls eine Sonne, und steht in dieser Gegend gerade am Zenit. Ferner sieht auch der Himmel so lieblich blau aus wie bei euch auf der Erde. Rings umher seht ihr die mannigfaltigsten Abwechslungen von fruchtbaren Feldern, mit Obstbäumen bewachsenen Hügeln, selbst Weingärten nach eurer Art mangeln nicht. Hier und da seht ihr auch von allen Seiten her ganz ansehnliche Alpen über den kleinen Hügeln hervorragen; ihr seht auch hier und da bei den niedlich angebrachten Häusern Menschen ein- und ausgehen, auch auf den Feldern erblickt ihr hier und da etwelche mit der Sammlung und Bearbeitung der Früchte beschäftigt.
GS|1|41|4|0|Es ist wahr, die Sache, so oberflächlich hin betrachtet, hat mit den schönen Gegenden der Erde eine ganz frappante Ähnlichkeit. Aber ich sage euch: Wir dürfen uns nur einem dieser Wohnhäuser nahen, so wird euch die Einrichtung eines solchen Wohnhauses sogleich eines anderen belehren. Seht, gerade an dieser Straße da, welche sich zwischen einer doppelten Obstbaumreihe hinzieht, liegt, wie ihr seht, ein recht niedliches Häuschen; diesem wollen wir uns nähern und sehen, welcher inneren Beschaffenheit es ist.
GS|1|41|5|0|Nun, wir sind schon am Ziel. Seht, der Inhaber dieses Hauses steht gerade an der Flur, kann uns aber nicht erschauen, denn für die Bewohner des Mittags sind wir noch unsichtbar; aber dessen ungeachtet ahnt er, dass sich inwendigere Wesen in seiner Nähe befinden. Aus dem Grunde behorcht er sich selbst, wie ihr seht, und gleicht darum zuständlich einem Menschen, der plötzlich in tiefere Gedanken verfallen ist. So wollen wir uns denn auch sobald in seine Wohnung machen.
GS|1|41|6|0|Seht, wir sind schon im Inwendigen dieses Hauses; wie gefällt es euch? Ihr schlagt ja die Hände über dem Kopf zusammen und sagt: Aber um des Herrn willen, wie ist wohl solches möglich?! Wir erblicken das Inwendige des Hauses überaus großartig prachtvoll ausgeschmückt, und die innere Größe des Hauses scheint ja die äußere Umfassung ums Unvergleichliche zu übertreffen; und so wir zu einem oder dem anderen Fenster hinausblicken, da erschauen wir von der früheren Gegend nicht das Leiseste mehr, sondern alles ist unvergleichlich ganz erhaben anders. Allenthalben herum erblicken wir die wunderbarst großartigsten Paläste und Tempel; die fernen Gebirge glänzen, als wären sie mit der Lichtmaterie der Sonne selbst übergossen, und eine weite Ebene dehnt sich aus. Über derselben stehen zahllose Paläste von der unbegreiflich wunderbarst und großartig schönsten Art. In der Mitte zieht sich ein Strom durch, dessen Wogen also schimmern, als würden die allerschönsten geschliffenen Diamanten durcheinander gerollt, und die Ufer sind von riesenhaft großen Bäumen bewachsen. Wir haben ähnliche Bäume wohl auf der naturmäßigen Sonne gesehen, aber diese sind noch ums Tausendfache herrlicher; denn sie scheinen ganz durchsichtig zu sein, und ihr Laub glänzt nach allen Seiten hin als ein lebendiger Teil eines Regenbogens. Und wie herrlich ist doch das Innere dieses Gebäudes! Ähnliches haben wir nur im Mittelgürtel der Sonne in naturmäßiger Hinsicht geschaut, aber es war alles nur plump und ungeschickt dagegen; denn hier ist ja doch alles mit einer solchen, ja man könnte sagen, ins Unendliche gehenden Reinheit und Bestimmtheit dargestellt, dass man sich schon bei einer Kleinigkeit voll der größten Verwunderung viele Jahre lang aufhalten könnte, – und nur die unendliche Farbenpracht, die allenthalben so herrlich und passend verteilt ist, ist ja schon an und für sich so himmlisch anziehend, dass wir uns füglich nicht mehr entschließen können, dieses Wohnhaus zu verlassen.
GS|1|41|7|0|Ja, ja, meine lieben Freunde, so ist es; – das Inwendige bekommt hier schon seinen Wert. Der Wert ist zwar noch bemessbar, aber dessen ungeachtet schon über alle eure Begriffe groß; denn er ist eine Wirkung des Lichtes aus derjenigen Weisheit, welche da entspringt aus dem Glaubenswahren an den Herrn, und aus diesem Glaubenswahren dann auch in einem entsprechenden Grade aus dem Liebtätigkeitsguten, welches ist ein unterer Grad der eigentlichen Liebe zum Herrn.
GS|1|41|8|0|Ihr fragt: Bewohnt denn so ein Haus hier nur ein einziger solcher Menschengeist? – O nein, begeben wir uns nur von diesem ersten Gemach in das diesem gegenüber befindliche, und ihr werdet im selben mehrere glückliche Menschengeister erblicken, und zwar beiderlei Geschlechts. Seht dort im Hintergrund befinden sich ja etliche und dreißig Wesen. Diese sind samt und sämtlich Bewohner dieses Hauses, und derjenige, den wir an der Flur erschauten, ist zwar ein Diener aller, die darinnen wohnen, und ist auf das Eifrigste bemüht, alle mit allem Möglichen zu versorgen; daher ist er aber auch der Größte unter ihnen und dereinst der völlige Eigentümer dieser Besitzung.
GS|1|41|9|0|Merkt ihr nicht, wie diese dreißig Einwohner überaus herrlich angekleidet sind? Und es tragen etliche sogar leuchtende Kronen auf ihren Stirnen, sind überselig und preisen in ihrem Wonnegefühl den Herrn!
GS|1|41|10|0|Aber nun seht unseren Mann an, der da noch an der Tür steht, wie ganz einfach er ist. Ein weißes Kleid, mit einem ganz einfachen Gürtel um die Lenden zusammengehalten, ist aber auch alles, was er hat von dieser himmlischen Pracht an sich genommen. Er könnte sich zwar überaus prachtvoll ausschmücken, allein solches vergnügt ihn nicht. Seine Seligkeit besteht nur darin, dass er seine Brüder und Schwestern so selig macht, als es nur immer in seinen Kräften steht. Was er gewinnt durch die Liebe und Gnade des Herrn, das trägt er sogleich seinen Freunden zu, und so es ihnen große Freude macht, so wird er selbst zu Tränen gerührt. Und wenn er alles hergegeben hat, da ist er am seligsten!
GS|1|41|11|0|Aber ihr fragt: Warum ist er nicht bei der Gesellschaft darin? – Das könnt ihr leicht aus seiner Physiognomie entnehmen. Er sinnt voll großer Gedanken nach, was er seiner Gesellschaft wieder tun könnte, um ihr eine neue Seligkeit zu bereiten. Seht, er hat schon etwas gefunden. Ich habe euch ja im Voraus gesagt, er sieht uns zwar nicht, aber er ahnt uns. Darum geht er immer tiefer und tiefer in sich, um unser ansichtig zu werden, und sucht schon im Voraus von uns für seine Gesellschaft etwas zu gewinnen. Auch spekuliert er in dieser Gegend herum, ob nicht irgendein jüngster Ankömmling sich irgendwo bewege, der noch kein Dach und Fach hätte, damit er ihm ja sobald entgegenkommen und ihn aufnehmen möchte in seine Wohnung.
GS|1|41|12|0|Solange wir im Inwendigen des Hauses verweilen, wird er uns auch nicht erblicken, wenn wir aber wieder heraustreten, so wird er uns erschauen. Sodann aber werdet ihr auch seine namenlose Freude sehen und in ihm erkennen einen überaus liebreichen und gastfreundlichen Mann. Und so denn treten wir hinaus!
GS|1|41|13|0|Nun seht, er ersieht uns und fällt sogleich auf sein Angesicht nieder vor uns und spricht: O ihr mir noch unbekannten höheren Freunde des Herrn, ich habe euch geahnt, vermochte euch aber nicht zu erschauen. Da mir aber nun die Gnade ward, euch zu sehen, so bitte ich euch um der unendlichen Liebe des allmächtigen Herrn willen, wollt mich doch nicht so schnell verlassen, sondern begebt euch noch einmal mit mir in diese Wohnung, damit ich mit euch meine kleine Gesellschaft um gar vieles glücklicher mache; denn ihr werdet sicher vom Herrn, dem liebevollsten Vater, etwas Näheres wissen. Tut es uns kund; denn ein Wort irgend von Ihm zu hören, ist uns bei weitem mehr als alle die Herrlichkeiten, die wir hier in namenloser Fülle besitzen.
GS|1|41|14|0|Nun spreche ich mit ihm: Gemaniel! Erhebe dich, und wir wollen dir folgen in dein Haus! – Seht, er erhebt sich, öffnet seine Arme gegen uns und zeigt uns, Freundschaft und Liebe lächelnd, demütigst, dass wir vor ihm einhergehen sollen. Also geht denn mit mir; denn nun soll auch die ganze Gesellschaft unser ansichtig werden.
GS|1|41|15|0|Seht, wie die ganze Gesellschaft sich liebefreundlich erhebt und uns entgegeneilt! Nun aber hört auf den Gemaniel, wie er uns bei der Gesellschaft wörtlich aufführen wird. Er spricht: Seht, seht, meine allerinnigst geliebtesten Brüder und Schwestern, ich habe es euch ja gesagt: Der allgütigste Herr und Vater wird uns sicher gar bald das große Glück zuteilwerden lassen, einen oder den anderen Seiner hohen Freunde zu uns zu senden, damit wir von ihm ein Wort vom Vater vernehmen möchten! Und seht, der allgütige Vater ist unserem innersten Wunsch zuvorgekommen; und ehe wir es uns noch recht versahen, betraten schon solch hohe Freunde unsere Wohnung.
GS|1|41|16|0|Anfangs konnten unsere ungeweihten Augen sie freilich nicht erschauen ihrer großen Herrlichkeit wegen; aber die große Gnade des Herrn hat unsere Augen geweiht, und wir erschauen sie nun zu unserer großen Seligkeit in unserer Mitte. Wir kennen sie zwar nicht, [und wissen nicht,] wer sie sind und wie sie heißen; aber wir erkennen, dass sie gar große innere Freunde des Herrn sind, und solches ist schon unsere größte Seligkeit!
GS|1|41|17|0|Seht, nun wendet er sich zu uns und bittet uns allerdemütigst um ein Wort des Vaters, indem er spricht: O ihr hohen Freunde des Herrn! Ich weiß wohl, dass ein Wort des Vaters zu heilig ist, selbst von eurem Munde ausgesprochen, dass wir es würdig vernehmen möchten; aber unsere Liebe zu Ihm, dem unendlich guten Vater, lässt uns nicht ruhen, darum entbitten wir solches allerdemütigst von euch!
GS|1|41|18|0|Nun will ich ihnen denn auch ein Wort vom Vater geben. Und so hört denn! – Höre, mein lieber Gemaniel und ihr auch, seine Genossen, Freunde und Brüder! Also spricht der Herr: Lasst die Kleinen zu Mir kommen; denn ihrer ist das Himmelreich! – Nun seht, wie alle verklärt niedersinken, und der Gemaniel spricht liebeseufzend: Ja, ja, das ist wahrhaftig das Wort und die Stimme des Vaters; wer nicht klein ist und nicht gleich den Kindlein, der wird nicht in das Himmelreich eingehen! O meine lieben Brüder und Freunde, lasst uns dieses allerheiligste Wort zur allergrößten Zierde und zum allergrößten Reichtum unseres Hauses werden.
GS|1|41|19|0|Klein wollen wir daher sein allzeit und ewig, damit wir dadurch vielleicht auch einmal der großen Gnade gewürdigt werden möchten, so der Herr durch unsere Gegend zöge, wir dann an die Straße eilten, und wenn uns Seine großen Freunde wehren möchten, sich Ihm zu nahen, – auf dass Er dann auch allergnädigst sage: Lasst diese Kleinen zu Mir kommen und wehrt ihnen nicht; denn solcher ist das Himmelreich!
GS|1|41|20|0|Nun habt ihr gesehen, wie es hier zugeht; aber ihr fragt mich heimlich: Diese sind doch offenbar schon im Himmel; wie mögen sie denn also sprechen, als hätte noch keines von ihnen den Herrn gesehen? Ich aber sage euch: Diese sehen zwar fortwährend den Herrn also, wie ihr auf der Erde die Sonne seht; das heißt dann soviel als: das Licht Gottes ist über ihren Häuptern und bezeichnet somit die Sphäre der Weisheit.
GS|1|41|21|0|Da aber das Menschliche des Herrn die allerreinste Liebe darstellt, welche noch ganz anders beschaffen sein muss, als sie sich hier artet, so mögen sie auch eben das Menschliche des Herrn nicht erschauen und sind daher auch einer stets größeren Vervollkommnung fähig. Und es geschieht auch, freilich wohl nur zu seltenen Malen, dass der Herr entweder unmittelbar oder durch einen obersten Engelsgeist diese Gegend besucht, allda es dann auch allzeit darauf ankommt, dass die Kleinsten dieser Gegend angenommen werden und werden geführt in den Morgen.
GS|1|41|22|0|Nun aber wollen wir auch dieses Haus segnend verlassen und uns in dieser Gegend fürbass bewegen, und zwar über die höheren Alpen dort, die ihr in der Ferne erblickt. Dort werden wir wieder einen anderen Teil des Mittags kennenlernen. Und somit gut für heute!
GS|1|42|1|1|Das unterschiedlich schnelle Reisen und die unnatürlichen Erscheinungen in der geistigen Welt
GS|1|42|1|1|(Am 23. Januar 1843 von 4 – 6 Uhr abends.)
GS|1|42|1|0|Ihr fragt mich zwar und sagt: Aber, lieber Freund! Werden wir uns nicht zuvor bei den gar lieben Einwohnern dieses Hauses beurlauben und ihnen unser Wohlgefallen zu erkennen geben, darum sie uns gar so liebevoll aufgenommen haben? – Meine lieben Freunde, es tut mir recht leid, dass ihr mich dessen nicht früher erinnert habt, denn nun befinden wir uns schon auf der Höhe einer dieser euch früher sichtbaren Alpen, und unser Häuschen ist weit und breit zurück! Das nimmt euch wohl ein wenig wunder und ihr sagt: Aber, lieber Freund, wie geht denn das zu, dass wir hier gar so entsetzlich gedankenschnell wandern, während wir in der nördlichen und abendlichen Gegend sichtbar nur von Schritt zu Schritt mit seltener Ausnahme gewandert sind? Wir wissen zwar wohl schon aus früheren Erfahrungen, dass man im Geiste so schnell wandeln kann, wie schnell da ist der Gedanke. Solches ist also nicht das Befremdende. Aber dass wir gerade in derjenigen Gegend, die in sich selbst sehr mager an allen Erscheinungen, die man zu den schönen und herrlichen zählen kann, war, von Schritt zu Schritt gewandelt sind, – und in dieser himmlischen Gegend aber all das Herrliche nahe unbeachtend, so schnell vorwärtsblitzen, das ist’s, was uns befremdet!
GS|1|42|2|0|Meine lieben Freunde, ihr urteilt nach eurer Weise wohl ganz richtig, aber nicht nach der geistigen. Wenn wir in diesem großen Reich der Geister uns in jenen Gegenden bewegen, welche vermöge ihrer Zuständlichkeit mehr und mehr dem Naturmäßigen entsprechen, so ist eben in diesen Gegenden alles gehemmt und unser langsamer Gang in solchen Gegenden bezeichnete daher auch ganz gründlich und anschaulich die mühsamen Fortschritte des Geistes; – und je tiefer wir in solche Gegenden uns verloren hatten, desto mühsamer auch und viel langsamer ward unser Gang. Hier aber, wo der Geist schon seine völlige Freiheit genießt, ist er auch solcher Fesseln ledig; daher ist sein Vorwärtsschreiten auch um vieles ungehinderter und daher auch schneller.
GS|1|42|3|0|Ihr sagt zwar: Lieber Freund! Solches ist alles richtig, gut und wahr; aber wir erinnern uns zurück, dass wir pro primo in der nördlichen Gegend doch einmal einen schnellen Gebirgsausflug getan haben, und dann waren wir aus der Hölle ebenfalls überaus schnell am Kinderreich zurück, und vom Kinderreich hierher dauerte unsere Reise auch nur einen Augenblick. Wie ist demnach solches zu verstehen? – Meine lieben Freunde! Das sollte mich im Ernst wundernehmen, dass ihr solches noch nicht versteht, nachdem ihr ganz Ähnliches doch schon oft mit der Bildung eures Geistes auf der Erde erfahren habt. Ich will euch nur durch ein Beispiel darauf aufmerksam machen, und ihr werdet diese drei Erscheinungen von euren beanstandeten Schnellreisen sogleich gründlich einsehen und völlig begreifen.
GS|1|42|4|0|So ihr z. B. im Fach der Mathematik oder einer anderen Wissenschaft unterrichtet wart und hattet bei solch einem Unterricht irgendeinen schwer zu fassenden Hauptsatz euch analytisch erweislich eigen zu machen, an dessen völliger Auffassung beinahe das Ganze einer Wissenschaft gelegen war, da hat es euch gewiss recht viel Mühe gekostet, bis ihr einen solchen Satz völlig begriffen habt; ja ihr musstet da von Punkt zu Punkt langsamen Schrittes vorwärts schreiten. Was geschah aber, wenn ihr solch einen Hauptsatz dann völlig begriffen hattet? Hat da nicht euer Geist eben dadurch einen schnellen Aufflug getan und dann mit großer Schnelligkeit sich auf einen Standpunkt gesetzt, von welchem aus er das früher mühsam Durchforschte und Durchwanderte auf einen Blick übersah? Nicht aber nur das allein, sondern er erspähte auch in diesem begriffenen Satz noch andere, ihm vorher ganz fremd gewesene Folgerungen und ward somit zufolge solch eines schnellen Auffluges ein Selbstseher, ein Forscher, ein Erfinder und sogar ein Schöpfer künftiger Wahrheiten! Begreift ihr nun solch einen schnellen Aufflug?
GS|1|42|5|0|Seht, also ist es ja durchaus im Geiste; denn was ihr auf der Erde eine geistige Arbeit nanntet oder eine Arbeit der Gedanken, das ist hier im Reich des Geistes formell wirklich. Wir gingen dann wieder langsamen Schrittes gegen den Abend hin, lernten bei diesem Gang allerlei Verhältnisse kennen, gelangten auf diesem Lehrweg sogar in die unterste, für euren Geist möglichst ersteigbare Tiefe. Alles musste vor euch analytisch zergliedert werden bis zur untersten Löse; – was hat euer Geist dadurch getan? Er hat einen zweiten wichtigen Satz erlernt. Durch die Erlernung dieses wichtigen Satzes war dann ja wieder ein zweiter schneller Aufflug möglich.
GS|1|42|6|0|Wir kamen an das Kinderreich, und zwar an dessen äußerste Grenze. Da mussten wir noch einen dritten wichtigen Zwischensatz einstudieren, welcher aber eine gar wichtige Verbindung hatte mit all dem Vorhergehenden und diente als ein gar tüchtiges Prognostikon für das Folgende des Mittags. Da ihr solchen wichtigen Zwischensatz gar bald und leicht begriffen habt, so war auch der darauffolgende schnelle Aufflug des Geistes in diese Lichtgegend ja ebenfalls so gegründet wie all die anderen.
GS|1|42|7|0|Wir sind nun in der Gegend des höheren Lichtes. Wie kann es euch nun wundern, wenn allda unsere Fortschritte für den viel fertiger und geübter gewordenen Geist schneller sind denn in den vorhergehenden zwei Gegenden? Ich sage euch aber: Hier machen wir nur noch kurze Schritte, obschon diese schnell; doch in der Gegend nicht weitere, als wie weit das Auge unseres Geistes reicht.
GS|1|42|8|0|Wenn wir uns aber von dieser Gegend dem Morgen nähern werden, da werden wir noch ums Unendlichfache größere und schnellere Bewegungen machen. Und seht, solches ist wieder ebenfalls ganz geistig natürlich. Solches ist ja ebenfalls schon bei den geweckteren Geistern auf einem Weltkörper gar deutlich zu erschauen, allda ein geübter Denker einen Gegenstand, den man ihm zur Beurteilung vorlegen wird, gar schnell erfassen und in all seinen Teilen gar tüchtig und gründlich zergliedern wird; aber nur muss er noch immer einen Gegenstand vor sich haben, denn ohne einen solchen Gegenstand hört die Tätigkeit seines Geistes auf.
GS|1|42|9|0|Also können auch wir die erschauten Räumlichkeiten allhier schnell durchwandern. Wenn aber der Geist in einen noch viel freieren und ungebundeneren Zustand gerät, da befasst er sich nicht mehr mit der Zergliederung des gegebenen Gegenständlichen, sondern da er zuvor aus dem Gegenständlichen allenthalben die Potenzen des Unendlichen gefunden hat, so wird auch sein Blick ein endlos tiefer und seine Schnelligkeit oder sein Fortschritt endlos fertiger. Begreift ihr solches alles wohl? Ihr bejaht es, und ich sage: Es ist gut, und wir können darum unsere Blicke von dieser schönen Höhe sogleich wieder vorwärts in die noch bei weitem schönere vor uns liegende Gegend wenden.
GS|1|42|10|0|Ihr wundert euch wohl, dass wir von diesem schönen, hohen Gebirge, das wir ehedem von unserem schon bekannten Wohnhäuschen in weiter Ferne erschauten, nun nach vorwärts ganz eben hinsehen und schauen von keinem Gebirge in ein Land hinab, sondern nur über die schönsten, weit gedehnten, allerfruchtbarsten Fluren von unserem Standpunkt ganz eben hinweg. Noch mehr verwundert ihr euch aber über den von euch schon früher erschauten Strom, wie dieser da in einer überaus schönen Breite frei und offen über das Gebirge herauffließt.
GS|1|42|11|0|Ihr sagt: Aber, lieber Freund, das geht ja offenbar unnatürlich zu! – Ihr habt recht, solange ihr solch eine Erscheinung mit weltlichem Auge betrachtet; aber mit geistigem Auge betrachtet verhält sich die Sache ganz anders und ist aber dabei dennoch gerade so natürlich, als wie natürlich es da auf einem Weltkörper ist, dass sich das natürliche Gewässer von der Höhe in die Tiefe hinabstürzt.
GS|1|42|12|0|Ihr fragt: Wie so denn? Solches mögen wir nicht recht wohl begreifen. – Das denke ich wohl auch; aber dennoch solltet ihr schon so weit sein, dass ihr auch diese Erscheinung von euch aus begreifen solltet. Sagt mir: Warum fließt denn auf den Weltkörpern das Wasser in die Tiefe? – Ihr sagt: Vermöge der ihm innewohnenden Schwere. – Wer bedingt denn die Schwere des Wassers? – Ihr sagt: Die anziehende Kraft des Haupt- und Mittelschwerpunktes der Erde oder eines anderen Weltkörpers. – Gut geantwortet! Wenn somit der allgemeine Mittelschwerpunkt der Erde die Schwere und somit auch das Hinabfließen des Wassers in die Tiefe bewirkt, was erkennt ihr demnach in dieser geistigen Gegend für einen solchen allgemeinen, alles an sich ziehenden Gravitationspunkt? Ist es nicht der Herr, der da wohnt in der Höhe aller Höhen!? Seht, aus diesem Grunde ist hier auch das Fließen des Wassers über die Höhen hinauf ja ebenso geistig natürlich, als wie natürlich auf den Erdkörpern das Hinabfließen des Wassers ist. Solches begreift ihr nun auch; so werdet ihr hoffentlich begreifen können, was dieses Gebirge besagt und das von selbem nun eben ausgehende Land.
GS|1|42|13|0|Ihr sagt zwar: Wir haben wohl so eine leise Ahnung; aber ganz bestimmt könnten wir uns darüber noch nicht aussprechen. – Ich aber sage euch, dass solches eben von euch aus sehr wunderbarlich klingt; warum habt denn ihr bei einem mehrere Stöcke hohen Haus Stufen angebracht, und wozu sollen diese dienen? – Ihr lächelt und sagt: Das ist ja ganz natürlich; wie könnte man sonst von einem unteren Stockwerk in ein höheres gelangen? Man müsste sich nur mühsam durch einen Strick aufwärtsziehen lassen. – Nun gut; wenn ihr schon eure Häuser auf der Welt so natürlich bequem einrichtet, meint ihr wohl, der große Baumeister müsste euch etwa in eurer guten Einsicht nachstehen?
GS|1|42|14|0|Habt ihr nie gehört, wie es einst dem alten Jakob geträumt hat von einer Leiter, auf welcher Engelsgeister auf- und abstiegen und zuoberst derselben Sich der Herr befand? Seht, da haben wir schon eine Sprosse oder eine Staffel von eben dieser Himmelsleiter. Da aber eine jede solche Stufe dieser Himmelsleiter um sehr Bedeutendes mehr sagen will als eine Stufe eurer Häusertreppen, so sehen wir auch auf dieser Stufe des Wunderbaren und Herrlichen eine endlose Anzahl, werden aber dasselbe erst bei der nächsten Gelegenheit näher beschauen; und somit gut für heute!
GS|1|43|1|1|Wie alles Geistige sich artet. Das Äußere und das Innere einer Wohnung seliger Geister
GS|1|43|1|1|(Am 24. Januar 1843 von 4 1/4 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|43|1|0|Wenn ihr euch auf diesem herrlichen Platz so ein wenig umseht, was bemerkt ihr da wohl und zwar was fällt euch vor allem am meisten auf? Ihr sagt: Lieber Freund, es wäre hier freilich wohl gut reden, wenn man nur Worte hätte, um all diese Gegenstände, die sich hier unseren Augen zahllosfältig vorstellen, zu bezeichnen. Allein, wenn man die Worte dazu nicht hat, so bleibt einem nichts anderes übrig, als höchstens mit dem Finger hinzuzeigen auf dasjenige, was einem am meisten auffällt.
GS|1|43|2|0|Denn was sich da dem Auge darstellt, kann weder ein Gebäude, noch ein Baum, noch ein Berg an und für sich sein; es ist ein gewisserart zusammengeflossenes Ganzes, aber aus den verschiedenartigsten, in sich eben auch vollkommenen Bestandteilen aller Art. – Ja, ja, ihr könnt einesteils wohl recht haben; wenn ihr aber die Sache ein wenig schärfer anblickt, so dürfte sich die Sache der Gegenstände wohl auch deutlicher darstellen.
GS|1|43|3|0|Wir wollen einen kleinen Versuch machen. Was seht ihr da gerade vor uns auf der rechten Seite des Stromes? Ihr sagt: Wir sehen einen sanft kegelförmigen Hügel, welcher zuunterst mit einer Art Ringmauer umfangen ist. Diese Ringmauer sieht aber mehr einem lebendigen Gartenspalier als einer eigentlichen Mauer ähnlich; das Blätterwerk aber scheint dennoch wieder aus einer Art Mauer zu wachsen.
GS|1|43|4|0|Die Mauer an und für sich aber ist stellenweise gefärbt durchsichtig, fast nach der Ordnung eines Regenbogens; ihre Höhe möchte kaum eine Klafter betragen. Über der Mauer sind Bögen angebracht wie etwa von Glas; über den Bögen läuft eine Art Rinne wie aus Gold, und in dieser Rinne bewegen sich fortwährend allerlei gefärbte, strahlende Kugeln, eine jede im Durchmesser von etwa zwei Spannen und eine jede von der anderen eine halbe Klafter abstehend. Die letzte Spitze dieses sanft kegelförmigen Hügels ist mit einer Art Tempel geziert. Die Säulen sehen aus wie schlanke Pappelbäume bei uns auf der Erde; das Dach aber sieht dennoch so aus, als wäre es von poliertem Gold und scheint mehr über denselben frei zu schweben als mit selben in irgendeiner Verbindung zu sein. Am Dach zuoberst aber befindet sich wieder eine durchsichtige strahlende Kugel.
GS|1|43|5|0|Siehe, lieber Freund, das ist nun dasjenige, was wir zuallernächst hier erblicken, und zwar am rechten Ufer des herrlichen Stromes. Dieses alles aber scheint ein Ganzes auszumachen. Unser Auge hat so etwas nie gesehen wie auch nicht leichtlich je eines Menschen Sinn sich solches vorgestellt. Daher wissen wir auch nicht, was es ist, wozu es ist und was für einen Namen es hat. Es gewährt dem Auge zwar ein außerordentlich merkwürdig prachtvollstes Schauspiel. Das ist aber auch alles, was wir bis jetzt davon Reelles entnehmen können.
GS|1|43|6|0|Nun, meine lieben Freunde, ihr habt die Sache gut angesehen, und somit kann ich euch schon sagen, dass solches hier eben auch eine Wohnung der seligeren Geister ist. Ihr sagt zwar: Solches mag wohl sein, aber wir können bis jetzt noch nichts von der Bewohnerschaft eines solch sonderbaren Wohnhauses entnehmen. Ich aber sage euch: Begeben wir uns nur näher an diese sonderbare Wohnung und ihr werdet dergleichen sogleich gewahr werden. Nun seht, wir sind schon knapp an der Mauer, und hier ist auch eine Eingangstür. Begeben wir uns nur sobald durch diese Tür, und wir werden sogleich zu den Bewohnern dieses Gebäudes kommen.
GS|1|43|7|0|Wir sind nun innerhalb; seht umher und sagt mir, wie es euch nun vorkommt. Ihr macht große Augen und sagt: Ja, aber was ist denn das schon wieder für eine Fopperei? Wir sind kaum durch die früher geschaute sonderbare Ringmauer gekommen, und siehe, die Ringmauer ist nicht mehr, der Hügel nicht mehr, also auch das sonderbare Tempelgebäude auf demselben nicht mehr, und das ganze Land, so weit nur unsere Augen reichten, sieht nun ganz anders aus als zuvor. Ehedem erblickten wir über die Ebenen eine Menge solch sonderbarer Wohngebäude auf ähnlichen größeren oder kleineren Hügeln; jetzt sehen wir dafür eine große Menge der großartigsten Paläste von wunderbar schönster Bauart, und am Ufer des Stromes, der allein uns noch geblieben ist, sogar bedeutend große Städte. Lieber Freund, was soll’s denn da mit solch einer Metamorphose? Hätten wir denn nicht ebenso gut können die frühere, von außen her erschaute sonderbare Wohnung auch von innen aus als solche erschauen?
GS|1|43|8|0|Ja, meine lieben Freunde, nach irdischem Maßstab wäre solches freilich wohl naturmäßig richtig zu nehmen; aber nach dem geistigen Maßstab geht solches durchgehends nicht an. Ihr sagt zwar: Hat denn der Geist seine Augen nicht, zu schauen die Dinge, wie sie sind? Warum muss er denn ein Ding nur von einer Seite erschauen, wie es ist, und will er eben dasselbe Ding auch von der anderen Seite beschauen, so ist es für ihn verschwunden und so gut als gar nicht mehr da?
GS|1|43|9|0|Ja, ja, meine Lieben, wenn ihr auf der Erde mit den fleischlichen Augen einen Gegenstand betrachtet, so wird derselbe Gegenstand wohl auch stätig bleiben und sich nicht verändern, und ihr werdet ihn als solchen seiner äußeren Verfassung nach immer erkennen. Ich setze aber den Fall, es genügte einem oder dem anderen nicht nur die stets gleiche äußere Formbeschauung, sondern er möchte die Wesenheit des ganzen Gegenstandes kennenlernen, und zwar zuerst auf dem mechanischen Teilungsweg. Und hat er den Gegenstand in hinreichend viele Teile geteilt und dieselben einzeln besichtigt, so wird er fürs Zweite noch zu der Chemie seine Zuflucht nehmen und den ganzen geteilten Gegenstand in allerlei Ursubstanzen auflösen und bekommt hernach anstatt des früheren formellen Gegenstandes lauter Grundstoffe, aus denen der frühere Gegenstand in seiner Form bestanden ist.
GS|1|43|10|0|Könnte ich euch nun nicht auch fragen: Warum lässt sich denn bei solch einer chemischen Untersuchung die frühere Form des untersuchten Gegenstandes nicht mehr erschauen? Ihr sagt: Lieber Freund, das ist ja ganz natürlich, denn durch die Teilauflösung des Gegenstandes musste ja doch notwendig die frühere grobe Außenform verlorengehen. – Gut, sage ich, was war aber die Veranlassung oder die Ursache, dass die früheren, eine ganz bestimmte Form bildenden Teile also mussten aufgelöst werden? Ihr zuckt mit den Achseln und seid um eine gültige Antwort verlegen. Nun gut, so will ich euch denn eine Antwort darauf geben. Die Ursache war Geist, der da tiefer eindringen wollte in das Inwendigere der Materie. Er hat die Wege betreten, ist in das Inwendige der Materie gedrungen; dadurch aber ist doch offenbar die erst angeschaute Form wie gänzlich aus dem Dasein verschwunden.
GS|1|43|11|0|Nun seht, was auf der Erde noch immer mehr mechanisch vorgenommen wird zum sättigenden Bedürfnis des Geistes, das stellt sich hier im Geiste in der schönsten, harmonischen Wirklichkeit dar. Denn wenn ihr hier in irgendein Ding, das ihr ehedem von außen geschaut habt, eingeht, so will das so viel sagen als: ihr geht in die innere Bedeutung und sonach auch gänzliche Zerlegung und Auflösung desselben ein, oder ihr geht dem geschauten Ding auf seinen Grund. Darum mag man denn auch hier von innen aus nicht mehr die von außen her geschaute Form entdecken, sondern die innere, dieser äußeren Form noch tiefer geistig entsprechende Bedeutung.
GS|1|43|12|0|Damit ihr aber solches noch deutlicher erschaut, so will ich euch die früher von außen her erschaute Form mit dem nun inwendig Erschauten entsprechend erklären. Der Strom bedeutet hier durchgehends und somit allzeit sichtbar das geistige Leben für sich genommen, wie dieses ist bestehend aus der Liebe und Weisheit oder, was identisch ist, aus dem Glaubenswahren und Liebeguten. Der zuerst erschaute Hügel am rechten Ufer dieses Stromes bezeichnet an und für sich das Emporstreben der Weisheit; die sanfte Erhöhung bezeichnet, dass die Weisheit der Liebe entstammt. Die den Hügel einschließende Ringmauer bezeichnet, dass sich die Weisheit noch immer innerhalb einer gewissen Form bewegt. Weil aber die Ringmauer vollkommen rund um den Hügel geht, so bezeichnet solches, dass die Weisheitsform durch die Liebe gesänftet ist. Solches besagen auch die aus der Mauer hervorwachsenden Blätter, dass der Weisheitskreis mit Leben durchweht ist, welches ebenfalls die Liebe ist. Dass diese Mauer hier und da farbig durchsichtig ist, solches bezeichnet die Einung der Liebe mit der Weisheit. Die Bögen über dieser Ringmauer bezeichnen die Ordnung der Weisheit, wenn sie mit der Liebe vereinigt ist. Die fortlaufende Rinne über den Bögen bedeutet ein offenes Aufnahmegefäß, welches ist ein Weg des Lichtes. Die in dieser Rinne fortrollenden strahlenden Kugeln bezeichnen das wirkliche Leben, welches aus der Weisheit hervorgeht, wenn diese mit der Liebe vereinigt ist.
GS|1|43|13|0|Der Tempel auf dem Hügel, dessen Säulen gleich sind lebendigen Pappelbäumen, über welchen ein goldenes Dach, zuoberst mit einer Strahlenkugel versehen, sich schwebend befindet, bezeugt, dass solche Weisheit mit der Liebe zum Herrn belebt ist; daher die lebendigen Säulen. Das schwebende Dach aus Gold bezeichnet den Reichtum der göttlichen Gnade aus solcher Liebe heraus; die Strahlenkugel über dem Dach bezeichnet dann die lebendige hohe Weisheit in den göttlichen Dingen. Seht, das ist einmal unser Bild.
GS|1|43|14|0|Wenn wir nun in dasselbe hineingehen, so hat es mit demselben auch ein Ende; aber an dessen Stelle erschaut ihr dann die dargestellte erhabene Wirklichkeit, welche in solcher Sphäre hervorgeht aus der mit Liebe zum Herrn verbundenen Weisheit. Alle diese Paläste, Gebäude und Städte entsprechen dann ihrer Zweckdienlichkeit nach dem Liebeguten und die herrliche Form allerorts der strahlenden Weisheit.
GS|1|43|15|0|Also hätten wir uns dieses Wichtige wieder eigen gemacht und können uns daher auch in dieser Gegend fürbass bewegen und die Herrlichkeiten durchmustern, jedoch werden wir uns nirgends in ein solches Gebäude hineinbegeben. Denn im Inwendigen eines solchen Gebäudes würdet ihr wieder ganz andere Dinge erschauen, und es würde da dann vieles zu erörtern und zu besprechen geben, und wir würden am Ende wirklich zu keinem Ende gelangen. Werdet ihr aber einmal selbst reiner geistig und im ganz geistigen Zustand sein, so werdet ihr die endlosen Verschiedenheiten und Wundermannigfaltigkeiten ja ohnehin ewig hin zu beschauen und zu betrachten bekommen. Unsere Sache aber ist nur, hier durchzuschauen, wie alles Geistige sich artet. Und so denn könnt ihr nun euren Augen den freien Lauf geben und nach allen Seiten herum die großen Wunderherrlichkeiten zur Genüge betrachten, und wir wollen fürs nächste Mal dann all das Geschaute reassumieren und uns sodann wieder weiterbegeben. Und somit gut für heute!
GS|1|44|1|1|Eine Engelsgesellschaft und ihr Himmelspalast. Deren Belehrung, sich nicht für vollkommen und gerecht zu halten
GS|1|44|1|1|(Am 25. Januar 1843 von 5 – 8 Uhr abends.)
GS|1|44|1|0|Nun denn, ihr habt herumgeblickt nach allen Seiten und geschaut Herrlichkeiten aller Art, ohne Zahl und ohne Maß; sagt mir nun aus dem vielen, das ihr geschaut habt, was euch wohl am meisten angesprochen hat. Ihr sagt: Lieber Freund, auch dir ist es vergönnt, in unser Inneres zu blicken, daher habe du vor uns die Güte und reassumiere das Bessere und das Herrlichere, was wir geschaut haben. – Nun wohl denn. Ich will es ja tun, denn ich lese es aus euren Augen und aus euren Gesichtszügen, was euch von all dem Geschauten am meisten gefiel.
GS|1|44|2|0|Die endlos großen, überaus prachtvollen, glänzenden Paläste waren es nicht, die euch zumeist gefallen hätten, auch die Städte, die da an dem Strom erbaut sind, weckten nicht eure fernere Schaulust; aber dort, mehr im Hintergrund, jenseits des Stromes gegen den Morgen hin ersaht ihr niedliche Hügel, auf denen kleine und mehr armselig erbaute Häuschen sich befanden. Dahin hattet ihr zumeist eure Blicke gewendet.
GS|1|44|3|0|Ich sage euch, wenn man hier weltlich ästhetisch urteilen würde, da möchte man sagen: Meine lieben Freunde, ihr habt einen ganz verdorbenen Geschmack. – Wenn wir aber geistig urteilen, da muss ich zu euch sagen: Meine lieben Freunde, ihr habt eine feine Nase und wittert daher gar wohl, dass hinter diesem klein scheinenden Niederlassungsplätzchen noch etwas viel Erhabeneres steckt, als es sich hier dem Auge zu erkennen gibt.
GS|1|44|4|0|Darum sagt ihr auch geheim in eurem Gemüt: Lieber Freund und Bruder, wenn wir zu wählen hätten, so möchten wir wohl hundert der herrlichst hier geschauten Paläste gegen ein solches Häuschen vertauschen.
GS|1|44|5|0|Ihr habt sicher nicht Unrecht; dessen ungeachtet aber verdient doch auch solch ein großartiger Palast in dieser Gegend hier seine Beachtung. Seht nur einmal einen recht an, wie er da erbaut ist aus glänzend weißem Gestein und hat vollkommen sieben Stockwerke, da ein jedes Stockwerk eine Höhe von dreißig Ellen hat, und es hat ein jeder Palast vier vollkommene Fronten, und eine jede Front der Reihe nach besteht aus siebzig großen Fenstern, da jedes von dem anderen sieben Ellen absteht. Aus jeglichem Fenster dringt ein Licht wie das der Sonne, und eine jede Front ist rings herum vor den leuchtenden Fenstern, und zwar von allen Stockwerken, mit einem Säulengang verziert, welcher also leuchtet, als wäre er vom reinsten, polierten, durchsichtigen Gold. Und das Dach eines solchen Palastes sieht also aus, als wäre es eingedeckt mit großen Diamanttafeln. Um diesen großen Palast ist noch dazu ein verhältnismäßig großer Prachtgarten angelegt, in welchem ihr Tausende und Tausende der wunderbarst herrlichsten Blumen erschaut, und wieder Tausende und Tausende von aller Art der herrlichsten Fruchtbäume. Zwischen den Blumen und Fruchtbäumen erblickt ihr in allen Farben glänzende Pyramiden. Die Spitzen der Pyramiden seht ihr mit großen, überstark leuchtenden Kugeln geziert. In der Höhe dieser Kugeln erblickt ihr [etwas] wie eine Krone, aus deren Spitzen Quellen springen, und wie ihr seht, so hoch in die glanzvollen Lüfte empor als da euer Auge reicht. Die kleinen Tropfen vergrößern sich in dieser Glanzluft und sinken dann in allen Farben und in der schönsten Ordnung wieder majestätisch langsam in den Garten herab und verflüchtigen sich in demselben, in die mannigfaltigsten himmlischen Wohlgerüche sich auflösend.
GS|1|44|6|0|Wenn ihr ferner eure Augen noch mehr anstrengt, so erblickt ihr auch in einem solchen Garten eine große Menge überschöner, herrlicher und seliger Menschen beiderlei Geschlechts wandeln. Seht, da eben nahe am Eingang in dem herrlichen Garten steht ein Mann. Er ist angetan mit weißem Byssus, trägt auf dem Haupt eine glänzende Krone; sein Gesicht ist weiß wie der Schnee, seine Haare sind gefärbt, als beständen sie aus Gold. Seht, wie herrlich sich dieses alles ausnimmt!
GS|1|44|7|0|Gar sehr vorteilhaft ist der Abstich der Hautfarbe von der glänzend roten Verbrämung seines Kleides, und der Gürtel um seine Lenden, spielt er nicht, als bestände er aus vielen Sternen? Und nun seht, da kommt eben ein weiblicher Geist zum Eingang des Gartens hervor; wie gefällt euch dieser wohl?
GS|1|44|8|0|Ihr sagt: Lieber Freund, beim Anblick dieses Wesens vergehen einem ja gerade alle Sinne; wahrlich, so etwas Vollkommenes kann ein sterblicher Mensch nicht einmal ohne plötzliche Lebensgefahr ansehen, geschweige erst, sich etwas Ähnliches denken! Dieses weibliche Geistwesen ist wahrhaft über alle menschlichen Begriffe, man könnte sagen, beinahe mehr denn himmlisch schön! Welche endlos erhaben süße Freundlichkeit im Gesicht, welche endlose Weichheit und herrlichste Färbung der Form des Gesichtes! Das glänzend hellblonde, reichliche Haar, auf dem übersinnlich schönen Kopf eine glänzende Krone wie aus den herrlichsten Diamanten, das glänzende himmelblaue Kleid mit blassroter Verbrämung; ach, wie harmonisch herrlich ist dieses alles! Wir sehen auch den einen Arm, über welchem dieses herrliche Kleid mittels einer allerschönsten Agraffe in Falten zusammengezogen ist. Welch eine Rundung und Harmonie in diesem Arm! Er scheint ja doch so weich zu sein wie ein sanfter Hauch der schönsten Frühlingsmorgenröte! Und, o lieber Freund, da erblicken wir ja auch, entgegengesetzt dem Arm, den wir sehen, dieses Engelweibes Fuß bis über das Knie. Wahrlich, solch ein Anblick ist zu viel, selbst für ein geistiges Auge; denn die harmonische Weichheit und Vollkommenheit ist hier ja unaussprechlich. Wahrlich, nur einem Gott kann es möglich sein, solch eine unaussprechliche Harmonie darzustellen! Und, lieber Freund, wir ersehen ja noch eine große Menge solcher himmlischer Herrlichkeiten im lichten Hintergrund; wahrlich, in solch einer Gesellschaft ein mitseliger Bruder zu sein, wäre der Seligkeit denn doch etwas zu viel!
GS|1|44|9|0|Ja, meine lieben Freunde, solcher Herrlichkeiten gibt es hier in endlos großer Menge; ich aber frage euch: Wie gefällt euch nun ein solcher Palast? Wie es mir vorkommt, so scheint ihr euch etwas hinter den Ohren kratzen zu wollen und wollt damit sagen: Lieber Freund, wenn es so eigentlich auf uns ankäme, so hätten wir bei solcher Ansicht gegen den Palast im Vergleich mit jenen Hügelhäuschen dort über dem Strom beinahe gar nichts mehr einzuwenden. Denn wir wären mit solch einer Seligkeit unter dem von selbst sich verstehenden reingeistig sein sollenden Zustand in alle Ewigkeit, wenn es nicht anders sein könnte, zufrieden, besonders wenn man hier auch dann und wann der Gnade gewürdigt wäre, den Herrn zu Gesicht zu bekommen. Wenn aber solches nicht der Fall sein dürfte, da freilich würden wir wohl unser Wort ein wenig zurücknehmen.
GS|1|44|10|0|Ja, meine lieben Freunde, so wie es nun euch geht bei dem Anblick dieser Herrlichkeiten, also ist es schon gar vielen gegangen. Der Unterschied besteht nur darin, dass ihr hier zollfrei durchkommt, wirklich hierhergekommene Geister aber hier eine noch gar sehr mächtig starke Prüfung finden, in welcher sie sich, sich selbst verleugnend, behaupten müssen, wenn sie allhier über den Strom in das anderseitige Hügelland mit den niedlichen Häuschen gelangen wollen.
GS|1|44|11|0|Ihr fragt, was und woher wohl diese seligen Geister sind, die da bewohnen diesen Palast. Das sind Geister teils armer, teils auch reicher Familien der Erde, welche teils vom euch schon bekannten Abend mit der Zeit hierhergelangt sind, teils aber auch zufolge ihrer auf den Glauben an den Herrn streng gerichteten und wohlbegründeten rechtlichen Lebensweise auf der Erde. Weiter gegen den tieferen Mittag hinein würdet ihr auch auf selige heidnische Geister treffen, welche auf der Welt ihrem Glauben getreu gelebt und in der Geisterwelt den Glauben an den Herrn bereitwillig angenommen haben.
GS|1|44|12|0|In diesem vor uns stehenden Palast aber wohnen schon ursprünglich Christgläubige, und zwar aus der Sekte der Kalviner. Drei unter ihnen waren auf der Welt reich; diese sind aber hier eben nicht die reichsten, sondern gehören mehr zu der dienenden Klasse. Die ersten beiden aber, die ihr am Tor erblickt habt und nun auch noch dort erschaut, waren gar armselig auf der Erde. Er war ein Alpenhirt in der Schweiz, und sie war ebenfalls eine allerunansehnlichste Kuhmagd. Mit der Zeit lernte dieser fromme Hirte die guten christlichen Eigenschaften der Magd kennen und hat dieselbe dann nach seiner Konfession zum Weib genommen. Dieses Paar lebte überaus züchtig bis zur letzten Stunde miteinander. Sie hatten auch etliche Kinder. Diese erzogen sie streng nach ihrer christlichen Konfession, und dieser Grund ward dann durch fünf Glieder treu beobachtet. Und so seht ihr hier, was selten der Fall ist, eine selige blutsverwandte Familie von Eltern, Kindern und Kindeskindern. Das vorige Paar ist somit auch das Urgroßelternpaar der ganzen Familie. Die drei Geringeren in dieser Gesellschaft sind zwar auch Verwandte dieser Familie; aber sie sind von solcher Art, welche da durch irdische Glücksumstände sich weltlich emporgehoben haben und dadurch zu ansehnlichen und reichen Menschen geworden sind. Durch solchen irdischen Reichtum und irdisches Ansehen haben sie auf der Welt auch viele Vorteile und Lebensbequemlichkeiten genossen, welche den anderen arm gebliebenen Familiengliedern fremd geblieben sind. Darum müssen sie hier dafür eben auch so manches entbehren, was nun die ärmeren Familienglieder im vollsten Maße genießen können. Dessen ungeachtet sind sie hier dennoch auch für euch unaussprechlich glücklich, weil sie ihr weltliches Ansehen und ihren Reichtum zumeist zu guten Zwecken verwendet haben.
GS|1|44|13|0|Wir wollen aber, da wir schon einmal hier sind, den beiden ersten vor ihrem Gartentor dennoch einen kleinen Besuch abstatten, und das zwar darum, damit ihr ein wenig erkennt, welches Geistes Kinder sie sind. Und so denn begeben wir uns auf eine kurze Zeit hin. Seht, sie haben uns schon erblickt und eilen uns entgegen; aber wie ihr seht, so halten sie nun auch plötzlich inne. Was mag wohl die Ursache sein? Sie wittern noch etwas Sinnliches in euch; daher wollen sie lieber abwarten, dass wir zu ihnen kommen. Nun seht, wir sind bei ihnen, und der überaus herrlich schöne Mann empfängt uns mit folgenden Worten: Seid mir gegrüßt in der Reinheit des Wortes des Herrn! Darf ich, der unterste Knecht dieser Wohnung, euch fragen, welch ein reiner und guter Sinn euch hierhergeführt hat?
GS|1|44|14|0|Da ihr hier nicht zu reden vermögt, so muss schon ich an eurer statt das Wort führen. – Lieber Freund! Deine Frage ist gerecht und billig, und der Ton deiner Rede ist voll reiner Weisheit der Himmel, aber siehe, eines mangelt deinen Worten, und dieses eine ist die Liebe! Du bist zwar herrlich bestellt in deiner Haushaltung, und deiner reinen Weisheit entstammt dein ganzes herrliches Besitztum; aber siehe, ein Sandkörnchen im Reich der Liebe des Herrn wiegt schon unendlichfach alle diese Herrlichkeit auf! Siehe, diese da mit mir sind Schüler der Liebe, und ich bin ihnen nun aus der allerhöchsten Liebe ein Führer im Namen des Herrn; und von diesem Gesichtspunkt aus erkenne und erfasse uns! Siehe, Reinheit der Sitten ist eine herrliche Tugend, und der Gerechte ist ein Freund des Herrn; aber siehe, so einer da ist ein Sünder und tut Buße aus der Liebe zum Herrn, der ist Ihm angenehmer denn neunundneunzig solche, wie du einer bist in aller Reinheit deiner Sitten, der da nie bedurft hat der Buße.
GS|1|44|15|0|Und du, reines Weib dieses reinen Mannes! Wahrlich, wie ein allerreinster Stern war dein Lebenswandel, und eine nie gebrochene Keuschheit war dein Weg in dieses herrliche Reich! Aber sieh, im ewigen Morgen wohnen gar viele deines Geschlechts, welche gar oft wider ihr Fleisch gesündigt haben. Diese Sünderinnen aber haben ihre Schuld erkannt, demütigten sich allerreuigst vor dem Herrn, und erbrannten dann in großer Liebe zu Ihm also sehr, dass sie nichts anderes suchten, als nur so viel Gnade von Ihm, dass Er Sich ihrer erbarmen und sie nach dem Tode aufnehmen möchte zu den Allergeringsten unter denjenigen, die sich Seiner unendlichen Erbarmung zu erfreuen hätten! Und siehe, solche wohnen nun allerseligst in der beständigen Gesellschaft des Herrn in dem ewigen Morgen! Wahrlich, herrlich und überaus prachtvoll ist alles hier; aber eine allergeringste Strohhütte im Reich, da der Herr wohnt, steht unendlichmal höher, denn alle diese Pracht!
GS|1|44|16|0|Nun seht, wie dieses Paar sich auf die Brust schlägt, und er und sie sprechen einstimmig: O mächtige Freunde des Herrn, ihr habt uns mit wenigen Worten Unendliches gesagt. Wir haben es wohl geahnt gar lange schon, dass es noch etwas Höheres und Erhabeneres geben müsse, als dieses da ist, aber wir wussten keinen Ausweg, denn unsere Weisheit wusste sich hier das Erhabenste zu schaffen. Jetzt aber wissen wir, dass solches alles nur war eine Zulassung, damit wir daraus stets mehr und mehr die Liebe hätten erkennen sollen. Sage uns daher, was wir tun sollen, um nur eines Tropfens der eigentlichen Grundliebe gewürdigt zu werden.
GS|1|44|17|0|Nun sage ich zu ihnen: Lieber Freund und du, liebe Freundin! Habt ihr nie gehört, was da der Herr gesprochen hat zum reichen Jüngling: „Gebe alles hintan; du aber komme und folge Mir nach!?“ Ferner, habt ihr nicht gelesen die Stelle im Buch, allwo der Herr einen ewig gültigen Vergleich aufgestellt hat, als zu gleicher Zeit vorne im Tempel ein gerechter Pharisäer dem Herrn seine Werke, vollkommen nach dem Gesetze Moses, vortrug, während im tiefen Hintergrund ein armer Sünder auf seine Brust schlug und sprach: „O Herr! Ich bin nicht würdig, meine Augen zu erheben empor zu Deinem Heiligtum!“ Welchen hat hier der Herr gerechtfertigt? Ihr sagt, den demütigen Sünder. Nun seht, aus diesem könnt ihr nun gar leicht den eigentlichsten Weg zum Herrn finden. Also tut auch ihr, denn das Wort des Herrn hat auch seine volle Geltung in den Himmeln und das für alle Ewigkeiten!
GS|1|44|18|0|Seht ferner: Vor Ihm gibt es nichts Reines und nichts Gerechtes; denn Er allein ist rein, gerecht, gut und barmherzig! Haltet euch nicht für vollkommen, sondern tut, was der Sünder in dem Tempel tat, und was da tat ein euch wohlbekannter Mitgekreuzigter des Herrn, und ihr werdet dann erst die wahre Rechtfertigung, welches ist die alleinige Liebe zum Herrn, finden. Werdet arm, ja werdet vollkommen arm, damit ihr reich werdet in der Liebe des Herrn!
GS|1|44|19|0|Nun seht, das Paar steht auf und kehrt weinend zurück; und nun seht, wie sich alles vor dem Palast versammelt und alleraufmerksamst diesem Großelternpaar zuhört. Seht, wie sie alle ihren Schmuck niederlegen und auch ihre herrlichen Kleider vertauschen mit ganz dürftiger Leibesbedeckung, und seht, wie das Urgroßelternpaar den drei früher Ärmsten alle diese Herrlichkeit überantwortet, und nun, wie ihr seht, sich eine große Gesellschaft von mehreren hundert Köpfen eiligst zu uns herausbegibt.
GS|1|44|20|0|Ihr fragt: Aber lieber Freund! Was werden wir wohl mit ihnen machen? Ich aber sage euch: Seid dessen unbesorgt; ihr werdet hier bei dieser Gelegenheit eine wahrhaft himmlische Sonne erschauen, dass euch darüber, wie ihr zu sagen pflegt, nahe Hören und Sehen vergehen wird! Doch solche Szene wollen wir erst im nächsten Verfolg beschauen. Und somit gut für heute!
GS|1|45|1|1|Über das Essen und Trinken, die Notdurft und den Begattungsakt der Engel. Die Lebensumstände in der beständigen Gegenwart des Herrn
GS|1|45|1|1|(Am 25. Januar 1843 von 5 – 7 3/4 Uhr abends.)
GS|1|45|1|0|Nun seht, die ziemlich starke Gesellschaft ist uns schon nahe; betrachtet nun die lieben Kinder, wie da eines himmlisch schöner ist als das andere! In eines jeden Physiognomie stellt sich euch eine andere Schönheit dar. Die männlichen Engel sind jugendlich kräftig, in ihrer Gesichtsbildung ist allenthalben ein überaus weicher Ernst zu schauen. Ihre Augen sind groß, besagend, dass in ihnen viel Lichtes ist, ihre Nasen wohlgebildet und überaus zart gestellt. Diese besagen, dass sie einen überaus zarten und sehr scharfen Gefühlstakt haben. Ihr Mund ist weich und zumeist geschlossen; solches besagt, dass die Weisheit verschwiegen ist. Ihr Kinn ist ebenfalls sanft und ohne Bart. Solches besagt, dass die eigentliche Weisheit offen ist und sich nicht umhüllt mit einem rauchbuschigen Mystizismus. Glatt und rund ist ihr Hals; solches besagt, dass die Wahrheit, als nach ihrem Grundsatz betrachtet, etwas wohl Aufzunehmendes und in sich abgerundetes Ganzes ist. Seht ferner die Weichheit ihrer Hände; solches besagt, dass die Weisheit alles mit guter Vorordnung ergreift und mag nichts Unvollkommenes antasten.
GS|1|45|2|0|Ihr sagt hier: Es ist überhaupt merkwürdig, dass sich hier das männliche Wesen nahe ebenso wie das weibliche in der schönsten abgerundeten Form zeigt, so zwar, dass man am Ende kaum weiß, woran man als selbst männlicher Geist ein größeres Wohlgefallen finden könnte, ob an der überaus herrlichen männlichen Gestalt, oder an der weiblichen. – Solches hat seinen Grund, meine lieben Freunde, in der wahrhaften himmlischen Ehe, und das zwar demzufolge, weil es in der Schrift heißt, dass der Mann und das Weib ein Fleisch sein sollen. Darum unterscheiden sie sich hier auch nur ein wenig und sind, wie es der Herr gesagt hat, alle gleich den Engeln Gottes.
GS|1|45|3|0|Ihr fragt zwar, ob bei den Geistern hier nicht ein geschlechtlicher Unterschied obwalte. Ich sage euch: Solches ist hier ebenso gut der Fall, als wie auf den Erdkörpern, und die Geister essen und trinken auch hier und verrichten daher auch ihre Notdurft. Ferner genießen diese himmlischen Eheleute auch also wie auf der Welt die ehelichen Freuden; aber solches alles gestaltet sich hier, vom Gesichtspunkt der Bedeutung aus betrachtet, ganz anders denn auf den Erdkörpern.
GS|1|45|4|0|So besagt das Essen und Trinken die Aufnahme des Göttlichguten und Göttlichwahren; und derjenige Akt, den ihr sinnlichermaßen als den Begattungsakt kennt, besagt die Vereinigung des Liebeguten und Glaubenswahren zu einem liebtätigen Ersprießen. Die ganze Sache verhält sich hier so wie Ursache, Wirkung und Zweck. Wer alsdann wirken will, der muss ja zuvor das wirkende Prinzip als eine Grundursache in sich aufnehmen; und solches wird hier verstanden unter dem Insichnehmen der Nahrung.
GS|1|45|5|0|Das Verdauen dieser Nahrung bewirkt und unterstützt das fortwährende Leben der Geister. Das Leben aber will nicht und kann nicht als ein isoliertes für sich allein dastehen, sondern es ergreift das ihm zusagende und entsprechende Objekt und teilt sich demselben also mit, dass dadurch aus gewisserart zwei Leben vollkommen eines wird. Dieses kann man dann unter dem Gesichtspunkt des Zweckes betrachten. Der Zweck aber wird dann zum Ersprießen, indem ein vereintes Leben ein in allem mächtiger wirkendes ist als ein für sich allein geeinzeltes, welches nicht als ein vollkommenes Leben betrachtet werden kann, weil sich in ihm unmöglich ein Zweck und sonach auch kein Ersprießen ausspricht. Versteht ihr solches?
GS|1|45|6|0|Ihr sagt: Lieber Freund, einesteils wohl; aber so ganz klar will uns die Sache noch nicht werden. – Nun gut; ich will euch die Sache noch ein wenig näher beleuchten. Ihr habt auch auf der Erde schon einen solchen entsprechenden Akt, der da ähnlich ist dem Begattungsakt der Geister.
GS|1|45|7|0|Was geschieht, wenn da ein lebensstarker Mann irgendein weibliches Wesen, von euch so genannt, magnetisch behandelt? Hier geschieht nichts anderes, als dass der Mann mit seinem kräftigen Geist in den schwächeren Geist des Weibes eindringt, ihn dadurch aufweckt und mit seiner Kraft unterstützt, indem er sich mit demselben auf eine Zeit lang rapportierlich vereinigt oder vielmehr mit demselben einen geistigen Ehebund eingeht.
GS|1|45|8|0|Was ist die Wirkung dieses Bundes? Wenn ihr nur einigermaßen die vielfachen Erscheinungen auf diesem Gebiet betrachtet, so könnt ihr unmöglich etwas anderes sagen als: Der schwache weibliche Geist ist durch die mit ihm vereinigte Kraft des männlichen Geistes in einem sehr erhöhten Zustand kräftig geworden und kann in solchem Zustand Dinge leisten, die ein isolierter Geist im naturmäßigen Zustand wohl höchst selten und dann nur sehr schwer zu bewirken vermag. Das Hellsehen, das sich und andere Erkennen und, kurz gesagt, das kräftig helle geistige Durchdringen in sonst unerforschliche Schöpfungstiefen ist der Erfolg solcher Vereinigung.
GS|1|45|9|0|Nun seht, gerade also artet hier der sogenannte Akt der Begattung. Diese ist ein Sichergreifen zweier sich innig verwandter geistiger Potenzen, und der Erfolg solches Ergreifens ist dann eben auch ein demjenigen euch bekannten Akt entsprechender, den wir soeben besprochen haben. Nun sagt ihr wohl, dass euch dieses klar ist; aber ihr fragt noch, auf welche Weise dieser Akt hier vollzogen wird der erscheinlichen Form nach. Ich sage euch, solch ein Akt wird der Erscheinlichkeit nach auf dieselbe Weise vollzogen, wie er bei den Ehegatten vollzogen wird; aber es ist dabei von irgendeiner Sinnlichkeit nie die allerleiseste Spur.
GS|1|45|10|0|In der ersten Kirche, welche die adamitische war, wurde ein solcher Zeugungsakt von jenen Menschen, die damals mit den Himmeln in beständigem Verkehr gestanden sind, ebenfalls viel mehr auf eine geistige Weise denn auf eine sinnliche begangen. Bei Gelegenheit eines solchen Aktes wurden die beiden Ehegatten mehr denn sonst vom göttlichen Geist durchdrungen, gerieten dadurch in einen leiblichen Schlaf, erweckten sich dann bald aus diesem naturmäßigen Schlaf und wurden dann im Geiste eins und sonach auch völlig in den Himmel entrückt. Allda erst verrichteten sie den Akt der Zeugung und wurden nach demselben wieder sobald wie geschieden in die naturmäßige Welt leiblich versetzt.
GS|1|45|11|0|Aus dieser Ursache wurde damals dieser Akt auch der Einschlaf, Mitschlaf, auch Beischlaf benamst. Da aber mit der Zeit die Menschen durch allerlei Weltgenüsse naturmäßiger und sinnlicher geworden sind, so fingen sie auch an, ohne geistige Vorbereitung in ihrer naturmäßigen Sphäre den Weibern rein tiermäßig beizuwohnen, gerieten dabei in keinen geistigen Schlaf mehr oder vielmehr in einen natürlichen Schlaf, damit der Geist frei würde. Darum wurden demnach aber auch die Früchte als Zwecke der Ursache und Wirkung, wie eben die Ursache und Wirkung selbst bestellt war. Ihr sagt ja selbst: Ex trunco non fit Mercurius. [Aus einem Baumstumpf wird kein Gott Merkur.] Wie wäre es demnach wohl möglich, auf dem rein tierischen, naturmäßigen Weg Früchte des Geistes zu zeugen? Ich meine, wenn ihr diese wichtige, althistorische, vollkommen wahre Darstellung nur ein wenig beachtet, so werdet ihr euch nun auch den rein himmlischen Begattungsakt richtiger und würdiger vorstellen können, als ihr solches sonst vermocht hättet, indem ihr diesen Akt zufolge seiner gegenwärtig rein sinnlichen Erscheinung, und zufolge des eben aus dem sinnlichen Grunde erfolgten mosaischen Gesetzes, hinsichtlich der Unkeuschheit, notwendig als einen unlauteren und somit auch unheiligen betrachten müsst.
GS|1|45|12|0|Dieses wüsstet ihr nun. Was aber besagt denn die ähnliche Notdurftverrichtung der Geister? – Was besagt denn die naturmäßige? Sie besagt nichts anderes, als die Hinwegschaffung der formellen Äußerlichkeit, wenn diese als Trägerin lebenhaltender Substanzen eben diese Substanzen abgegeben hat. Nun seht, das Leben kann sich unmöglich anders manifestieren und kundgeben als nur unter einer ihm entsprechenden Form. Diese Form entspricht aller äußeren häutigen Umfassung der Dinge. Sind auch diese Früchte, die ihr hier seht, nichts als lauter lebendige Entsprechungen ursprünglich der Liebe und Weisheit des Herrn, und dann aber, wie hier erscheinlich, auch Entsprechungen vom Glaubenswahren und Liebtätigkeitsguten, so können sie aber dennoch nicht ohne die erscheinliche Form dargestellt werden, so wenig als ein Gedanke ohne Wort darstellbar ist.
GS|1|45|13|0|Wenn ihr demnach Worte hört, so esst ihr geistige Früchte; die Worte als Formen werden von euch gar bald wieder geistig hinweggeschafft, aber der Sinn der Worte bleibt in euch. Seht, solches entspricht völlig dieser geistigen Notdurftverrichtung.
GS|1|45|14|0|Die Formen sind die Träger des Lebendigen. Da aber das Lebendige nur Göttliches ist und somit das Allerinwendigste und sonach allerreinst Geistige, daher kann es auch von keinem äußeren Geist ganz rein für sich aufgenommen werden. Darum erschafft der Herr denn entsprechende Liebformen, welche da Träger sind Seines Lebens. Wollen wir demnach dieses Leben in uns aufnehmen, so müssen wir es samt der Form aufnehmen. In uns erst wird die Form als der Lebensträger zerstört; das Leben wird dadurch frei und vereinigt sich sobald mit dem ebenfalls göttlichen Leben in uns, dasselbe lebendig stärkend und erhaltend. Die Form selbst aber wird dann nach der Ordnung des Schöpfers aus unserer ganz lebendigen Wesenheit hinausgeschafft.
GS|1|45|15|0|Bei euch auf der Erde nennt man solches den Unrat; hier aber wird solches die Scheidung genannt. Bei euch ist die Form grobmateriell, bei uns ebenfalls geistig, daher sogleich flüchtig und gänzlich verschwindend. Da ihr nun solches alles wisst, so wollen wir uns denn nun wieder zu unserer zahlreichen überschönen Gesellschaft wenden.
GS|1|45|16|0|Seht, unser früheres Urgroßelternpaar steht schon bei uns, und er naht sich mir und spricht: Mächtiger Bewohner des ewigen Morgens, der du sicher bist ein gar lieblicher Freund des Herrn, siehe, wir haben nun alles verlassen und alle unsere Habe und unsere Kostbarkeiten hintangegeben nach deinem Rat. Du siehst, dass wir unserer viele sind, und dennoch ist nicht eines darunter, das da hätte einen anderen Sinn denn ich. Hier stehen wir nun demütigst vor dir, der du hier bist im Namen des Herrn; sage, was du willst, das da ist der Wille des Herrn, und wir wollen es tun!
GS|1|45|17|0|Nun spreche ich zu ihnen: Liebe Brüder und liebe Schwestern! Lasst euch nicht gereuen euren Vorsatz in der Liebe zum Herrn und folgt uns in Seinem Namen! Seht dorthin, jenseits dieses Stromes, allda ihr auf mehr unwirtbar scheinenden Hügeln in gerechten Entfernungen unansehnlich kleine Häuschen erschaut; dahin will ich euch führen und jeglichem geben seine Wohnung. Ihr werdet dort freilich wohl nicht so angenehm und herrlich wohnen, als ihr da gewohnt habt in diesem herrlichen Palast. Aber seht, ihr müsst euch solches angewöhnen, denn im ewigen Morgen in der beständigen Gegenwart des Herrn wohnt man nicht in solchen Palästen, sondern in gar einfachen, kleinen Hütten. Auch ist man nicht so herrlich gekleidet wie hier, sondern die wahren Kinder des Herrn gehen beinahe ganz nackt einher. Dort darf niemand müßig sein, sondern der Herr weiß Seine Kinder fortwährend vollauf zu beschäftigen.
GS|1|45|18|0|Hier hattet ihr selige Ruhe und den herrlich friedlichen Genuss alles dessen, was euch in so reichlicher Fülle ward; – dort wird man nicht also gehalten, sondern man muss sich förmlich gar eifrig und tätig das tägliche Brot verdienen.
GS|1|45|19|0|Hier durftet ihr um nichts bitten und für nichts danken, denn frei aus Sich gab euch der Herr alles in der größten Überfülle, dort aber werdet ihr allzeit den Herrn und den Vater bitten und Ihm danken müssen.
GS|1|45|20|0|Hier hatte ein jeder wie ein Herr für sich seinen eigenen Tisch und konnte da essen und trinken nach seinem Wohlgefallen. Dort aber hat niemand einen eigenen Tisch, sondern alle müssen zum Tisch des Vaters kommen.
GS|1|45|21|0|Hier könnt ihr essen, was ihr wollt, dort aber wird es heißen: Esset, was euch aufgesetzt wird auf den Tisch.
GS|1|45|22|0|Seid ihr mit diesem Austausch zufrieden, so folgt mir! Jedoch sei dadurch eurem Willen nicht der allergeringste Zwang angetan.
GS|1|45|23|0|Nun hört, die ganze Gesellschaft spricht: O großer, lieber Freund des Herrn, besäßen wir hier tausend solcher Paläste, so würden wir sie verlassen, wenn wir nahe der Wohnung dieses großen, heiligen Vaters nur als die allerletzten und allergeringsten Diener sein dürften! Alle Bedingungen, die du uns gesetzt hast, sind ja zu groß und zu erhaben für uns. Wenn wir nur der Brosamen vom Tisch des Herrn gewürdigt werden, so wären wir dadurch ja schon namenlos glücklicher denn hier, da wir bei aller dieser großen Herrlichkeit gerade dessen entbehren müssen, was allein die allerhöchste Seligkeit aller Engel ausmacht, und dieses ist die Anschauung des Herrn, der da ist ein heiliger Vater derjenigen gar vorzüglich, die bei Ihm im Morgen wohnen.
GS|1|45|24|0|Wir sind zwar auch hier des Herrn ansichtig in der heiligen Gnadensonne ober uns; aber den Vater unter Seinen Kindern können wir nicht erschauen!
GS|1|45|25|0|Also führe uns nur, wohin du willst, und bestelle uns nach deiner himmlischen Ansicht; wir wollen dir folgen!
GS|1|45|26|0|Nun spreche ich: Also folgt mir über diesen Strom in jenes Hügelland. Scheut nicht die Wogen, die euch sonst nicht zu tragen vermochten, weil eure Grundlage nicht der eigentliche Grund des Lebens war, nämlich die Liebe zum Herrn. Nun aber ist diese eure Grundlage geworden, und so wird euch das Gewässer des Stromes tragen; denn es besagt ja eben solchen Grund. Nun seht, wie sie uns alle folgen, und wie das Gewässer des Stromes sie trägt als ein fester Grund!
GS|1|45|27|0|Und so denn wollen wir gemeinschaftlich uns auf jenes Hügelland begeben und allda unsere Gesellschaft platzieren, und dann ein wenig zusehen, was da alles vor sich gehen und wie sich die Gesellschaft alldort zufrieden finden wird.
GS|1|46|1|1|Aufnahme der Engelsgesellschaft in den ewigen Morgen des Herrn
GS|1|46|1|1|(Am 27. Januar 1843 von 4 3/4 – 8 Uhr abends.)
GS|1|46|1|0|Nun seht, nach unserer bereits schon gewohnten Schnellreise-Weise sind wir auch schon an Ort und Stelle. Seht, da eben vor uns steht schon ein solches Häuschen. Sieht es nicht beinahe so aus, wie etwa bei euch auf der Erde ein recht niedliches Alpenhaus in der Schweiz? Ihr sagt: Ja, ja, fürwahr, es sieht wirklich so aus; es ist zwar ein großer Abstand zwischen solch einem Häuschen und einem Palast oder gar einer großen Stadt dort mehr unten in der früheren Ebene, aber dessen ungeachtet möchten wir es lieber bewohnen als einen solchen Palast.
GS|1|46|2|0|Nun gut, wir wollen nun in das Innere eines solchen Hauses gehen und allda betrachten seine Einrichtung und auch dessen allfällige Bewohner. Nun seht, wir sind schon im Inneren des Hauses. Ihr fragt nun und sagt: Aber, lieber Freund, wie kommt denn das, dass dieses Haus sich inwendig nicht verändert nach der gewöhnlichen geistigen Art, sondern es ist fürwahr ein stätiges Haus, wo das Inwendige genau dem Äußeren entspricht?
GS|1|46|3|0|Liebe Freunde, solches werdet ihr im Verfolge und im Verkehr mit den Bewohnern dieser Gegend genau kennenlernen, und zwar im Verfolge, wie sich unsere Anschauung nach und nach gestalten wird, und im Verkehr mit den Einwohnern, wie sich diese vor uns gestalten werden.
GS|1|46|4|0|Bemerkt ihr nicht auch hier allerlei landwirtschaftliche Gerätschaften? Seht hier Sicheln, Hauen, Rechen, Krampen und Pickel; sogar der Pflug mangelt nicht und die Egge, und da seht euch einmal rechts um hinter diesem Haus – sogar ein kleines Wirtschaftsgebäude und eine Stallung für ein oder zwei Paar Ochsen. Und da seht wieder eine Küche, hier ein Zimmer für Dienstleute und da vorne wieder ein recht geschmackvolles Zimmer für die Eigentümer dieses Hauses. Was sagt ihr zu dem allem?
GS|1|46|5|0|Es nimmt euch wohl ein wenig wunder, wie ich sehe, denn ihr sagt es in euch: Wahrlich, die Sache kommt uns ganz heimelig vor, und wir möchten wirklich ohne vieles Bedenken hier verbleiben; dessen ungeachtet aber nimmt diese ganze irdische Einrichtung sich in dem offenbaren Himmel ein wenig sonderbar aus.
GS|1|46|6|0|Meine lieben Freunde, ich habe es mir wohl gedacht, dass euch solches ein wenig befremden wird. Noch mehr aber dürfte so manche pikfesten Erzpapisten solches befremden, welche sich den Himmel unter einem ewigen Müßiggang vorstellen. Wie es aber jedoch solchen hier ergeht, werden wir im Verlaufe der weiteren Durchwanderung unserer mittägigen Gegend schon noch hinreichend kennenlernen.
GS|1|46|7|0|Damit ihr aber vorderhand wisst, warum ihr hier alles landwirtschaftliche Gerät also angetroffen habt wie auf der Erde, so sage ich euch vorderhand nur so viel, dass auf der Erde solcherart Gerätschaften unmöglich ja wären erfunden worden, wenn sie nicht zuvor in der vollkommen entsprechenden Weise und Form in allen den Himmeln wären vorhanden gewesen.
GS|1|46|8|0|Alsdann kann es euch nicht wundernehmen, wenn ihr hier am eigentlichen Ort und an eigentlicher Stelle des Himmels Ureigentümliches findet, denn alle diese Gerätschaften bezeichnen die Liebtätigkeit und stehen hier als Ursachen zur Erzeugung des Guten und Ersprießlichen da. Mehr brauchen wir vorderhand nicht zu wissen.
GS|1|46|9|0|Nun seht aber, daher von einem Acker kommt soeben der Besitzer dieses Hauses; wir wollen ihm entgegengehen und ihm unseren Gruß und unser Anliegen darbringen. Seht, er hat uns schon erschaut und eilt uns mit offenen Armen entgegen. Wie gefällt euch sein Anzug? Ihr sagt: Lieber Freund, fürwahr gar nicht übel; denn solche Anzüge sind wir gewohnt. Er sieht ja aus wie so ein recht gottesfürchtiger und ehrlich emsiger Landmann auf unserer Erde. Wir sehen an ihm ein gewöhnliches, eben nicht gar zu feines Hemd und dann auch Beinkleider, ebenfalls aus derselben Leinwand verfertigt. Und das ist aber auch alles, was wir an diesem guten Mann entdecken. Wenn er nicht um die Mitte einen roten Gürtel hätte, so würde er sich eben nicht zu viel von einem Pantalone unterscheiden.
GS|1|46|10|0|Ja, meine lieben Freunde, hier geht es schon nicht mehr so glänzend zu als wie dort in den Palästen. Ihr fragt hier freilich und sagt: Lieber Freund, soll denn das wohl ein höherer Seligkeitsgrad sein denn derjenige da unten in der endlos großen Ebene, die von zahllosen Herrlichkeiten und von einer unaussprechlichen Pracht strotzt? – Ich sage euch: Der Seligkeitsgrad hier ist um ebenso viel erhabener, um wie viel er derjenigen Herrlichkeit und Pracht dem außen nach nachsteht. Wie aber solches, wird sich auch bald gar klärlich dartun. Seht, unser Mann ist schon hier, und so wollen wir ihn denn auch sogleich empfangen.
GS|1|46|11|0|Hört, er spricht: Seid mir tausendmal willkommen, meine geliebten Brüder! Ich sehe, ihr habt eine bedeutende Gesellschaft noch mit euch gebracht; ich weiß es schon, was diese hier sucht. Ich sage es euch aber auch zugleich, es wird dieser lieben, guten Gesellschaft noch so manche Anstrengung und Selbstverleugnung kosten, bis sie sich in dieses höhere Leben eingewöhnen wird, und dann selbst wird es ihr wieder noch eine weitere Mühe und bedeutendere Anstrengung kosten, bis sie sich dieses höhere Leben völlig zu eigen machen wird. Aber du, mein lieber Bruder, weißt es ja, dass durch die Liebe und Geduld alle Schwierigkeiten können besiegt werden.
GS|1|46|12|0|Und so soll von mir auch nichts verabsäumt werden, was da erforderlich ist zur wahren, ewigen, lebendigen Versorgung dieser lieben Brüder und Schwestern.
GS|1|46|13|0|Und nun, meine lieben Freunde, wollen wir uns ein wenig in meine Wohnung begeben, auch sogleich das Hauptpaar dieser Gesellschaft mitnehmen und mit ihnen übereinkommende Anstalten treffen, damit sie alsobald nach der ewigen Liebeordnung untergebracht werden. Und so lasst uns gehen!
GS|1|46|14|0|Nun seht, unser Gastfreund winkt auch schon dem Hauptpaar der uns gefolgten Gesellschaft, und dieses begibt sich, wie ihr seht, gar freudig dem Wink unseres lieben Gastfreundes folgend, mit uns in seine Wohnung. Wir sind nun schon im Inwendigen des Zimmers, und so denn habt Acht auf alles, was da vorgehen wird.
GS|1|46|15|0|Unser Gastfreund spricht zu dem Paar: Meine lieben Freunde, seid mir in der ganzen Tiefe meiner Liebe willkommen und sagt mir frei und offen, was hat euch wohl bewogen, eure große Herrlichkeit zu verlassen und hier auf den Hügeln, an denen keine Pracht, kein Reichtum und keine Üppigkeit zu Hause sind, euer ferneres Fortkommen zu suchen.
GS|1|46|16|0|Der gefragte Mann spricht: Himmlischer Freund! Ich kenne dich noch nicht, wer du bist deinem Wesen nach, da du mich aber aus deinem innersten Lebensgrund um den Beweggrund unserer Unternehmung fragst, so sage ich dir, dass der Herr der alleinige Beweggrund zu dieser meiner und somit unser aller Unternehmung ist.
GS|1|46|17|0|Der Gastfreund spricht: Solches von euch zu vernehmen, ist die einzige Wonne meines Herzens, aber der Herr hat euch ja ohnehin einen unermesslich großen Lohn beschieden, wollt ihr denn mehr? Denn ich meine, es sollte ja doch genug sein, so der Herr euch gegeben hat alles, was nur immer euer Herz in aller seiner denkenden Tiefe ersinnen mag; und ich meine, dass demnach eine solche Unternehmung von euch beinahe so aussieht wie ein Undank.
GS|1|46|18|0|Der Mann spricht: Lieber Freund, dem außen nach möchte es wohl schier so aussehen, aber nicht unserem Inwendigen nach. Denn siehe, was würdest wohl du tun an meiner Stelle, wenn du noch tausendfach größere Herrlichkeiten als ich der Beschaulichkeit nach besäßest, so du aber bei all solcher unaussprechlichen Herrlichkeit dennoch nicht solltest je den heiligen Geber wesenhaft zu Gesicht bekommen? Siehe, du würdest sicher bei deiner großen Liebe zum Herrn lieber alles verlassen, um dadurch möglicherweise dem Herrn näher und näher zu kommen.
GS|1|46|19|0|Der Gastfreund spricht: Liebe Freunde, solches sehe ich wohl gar gut ein und weiß auch, warum du solches zu mir gesprochen hast. Weißt du aber auch ganz gewiss, dass du hier den Herrn wirst zu Gesicht bekommen und wann? Oder weißt du, ob diese Gegend unter diejenigen zu zählen ist, in denen der Herr wesenhaft persönlich erscheint?
GS|1|46|20|0|Der Mann spricht: Lieber Freund! Solches weiß ich freilich wohl nicht; aber so viel weiß ich, dass dem Herrn das Kleine lieber ist denn das Große, indem Er Selbst gesagt hat: „Lasst die Kleinen zu Mir kommen!“ Und so glaube ich, auf keinem Irrweg zu sein, wenn ich mich nun hier vor dir befinde, indem ich aus Liebe zum Herrn verlassen habe alle meine Pracht und habe gesucht die Einfachheit und die Niedrigkeit dieser Hügel.
GS|1|46|21|0|Unser Gastfreund spricht: Mein lieber Freund, du hast mir recht geantwortet, nur meine ich, dass solche deine Antwort hier nicht auf dem rechten Platze ist; denn siehe, der Herr spricht ja solches nur vor der Welt, indem Er doch offenkundig dargibt, dass alle weltliche Größe vor Ihm ein Gräuel ist; und wieder spricht Er: „Wer auf der Welt der Geringste ist, der ist vor Ihm oder in den Himmeln der Größte.“ Du bist aber nun nicht mehr auf der Welt, sondern du bist in dem Himmel. Auf der Welt warst du klein, ja ein unbeachteter Hirt warst du auf den Alpen, der Herr aber hat dich darum in dem Himmel groß gemacht. Frage dich demnach selbst, was du suchst?
GS|1|46|22|0|Der Mann spricht: Lieber Freund, ich erkenne wohl, dass du mich in der Weisheit aus dem Herrn ums Unendliche übertriffst; aber solches weiß ich auch, dass ich im Verlaufe meiner schon lange andauernden großen Seligkeit den Herrn dennoch nie anderartig denn allein nur in Seiner heiligen Gnadensonne geschaut habe.
GS|1|46|23|0|Der Gastfreund spricht: Was willst du denn mehr? Hast du denn nie gelesen: „Der Herr Gott Jehova wohnt im unzugänglichen Licht?“ Wie magst du dich denn hernach Ihm mehr, als es dir möglich ist, nahen?
GS|1|46|24|0|Der Mann spricht: Lieber Freund, solches ist wahr; aber der Herr Gott Jehova war ja auch ein Mensch auf der Erde, und hat sonach unsere Natur angenommen und als Mensch den Seinigen die Verheißung gemacht, dass sie bei Ihm wohnen werden ewiglich. Er hat ja sogar dem mitgekreuzigten Missetäter gesagt: „Heute noch wirst du bei Mir im Paradies sein!“ Und Paulus, der Apostel, freute sich, zum Herrn zu kommen. Also glaube auch ich, dass es in den Himmeln Gottes auch irgend möglich sein soll, dem Vater im Geiste menschlich zu begegnen, und Ihn mit dem allerliebeerfülltesten Herzen und allerseligst wonnigsten Auge zu erschauen!
GS|1|46|25|0|Der Gastfreund spricht: Nun gut, weil du also glaubst, [so magst du hier verweilen, denn] was der Herr gesprochen hat auf der Erde, ist wahrlich auch im gleichen Maße gesprochen für alle Himmel; und das darum, weil eben alle die Himmel aus dem Wort gemacht sind, welches der Herr gesprochen hat auf der Erde. Aber nun, mein lieber Freund, kommt etwas anderes.
GS|1|46|26|0|Siehe, da unten warst du ein Herr in deinem erhaben großen Besitztum, und deine ganze Gesellschaft war es gleicherweise mit dir. Hier aber werdet ihr dienen müssen und werdet müssen euch das Brot und die Nahrung mit eurer Hände Arbeit verdienen. Denn siehe, ich selbst muss arbeiten und hier das Erdreich bebauen, damit ich eine Ernte mache und mir somit den Unterhalt verschaffe.
GS|1|46|27|0|Das Erdreich ist zwar sehr gesegnet vom Herrn und trägt mehr denn hundertfältige Frucht; aber dessen ungeachtet will es dennoch fleißig bearbeitet sein, sonst lässt der Herr Seinen Segen über selbem nicht gedeihen. Somit werdet ihr hier ackern und das Feld bebauen müssen mit allerlei landwirtschaftlichen Werkzeugen, werdet dann müssen mit den Sicheln auf das Feld gehen, das Getreide schneiden, es in Garben binden, in die Scheuern bringen und dann den Kern aus der Ähre lösen. Und das werdet ihr alles als Diener und nicht als Selbstbesitzer irgendeines Grundes tun müssen. Ja, sogar einen großen Fleiß werdet ihr dabei anwenden müssen, denn man wird das nicht dulden, so da von euch jemand seine Hände möchte müßig im Sack herumtragen.
GS|1|46|28|0|Solches überdenkt euch nun wohl, und habt ihr solches für euch als rätlich gefunden, da bleibt hier; denn an Arbeit gibt es hier keinen Mangel, wohl aber häufig an Arbeitern. Sagen euch aber diese unabänderlichen Bedingungen nicht zu, da mögt ihr ja gar wohl wieder in eure Herrlichkeit zurückkehren.
GS|1|46|29|0|Der Mann spricht: O lieber Freund! Sorge dich dessen nicht, wir sind zwar seit lange her schon der Weichlichkeit angewöhnt, aber nichts desto weniger als darum der gesegneten Arbeit entwöhnt. Denn was wir samt und sämtlich auf der Erde taten und alldort zwar aus Eigenliebe, das tun wir hier sicher nur noch ums Tausendfache lieber aus Liebe zum Herrn und aus dieser Liebe heraus auch sicher aus Liebe zu dir, du sicher nicht unbedeutender Freund des Herrn!
GS|1|46|30|0|Der Gastfreund spricht: Nun, wenn es denn so ist, so bleibt hier! – Der Mann spricht: O lieber Freund, wir aber sind unserer etliche hundert Köpfe; wie wirst du wohl in diesem deinem bescheidenen Häuschen uns alle unterbringen? – Der Gastfreund spricht: Mein lieber Freund, sorge dich dessen nicht! Hast du denn nie gehört, was der Herr gesprochen hat als Mensch auf der Erde? Hat Er nicht gesagt: „In Meines Vaters Reich sind viele Wohnungen!?“ Nun, da seht an die Hügel, so weit gegen Morgen hin euer Auge reicht, und seht, wie viele gleiche Wohnhäuser es über denselben gibt; allda werdet ihr wohl alle Platz finden. Ihr fragt, wem wohl alle diese Wohnungen zu eigen sind. Ich sage euch: Diese Wohnungen gehören samt und sämtlich nur einem Besitzer, und ich will euch daher unterbringen in dieselben und euch allenthalben die Arbeit anweisen. Ihr fragt, ob ich ein befugter Sachwalter des Inhabers aller dieser Wohnungen bin. Meine lieben Freunde, wenn ich es nicht wäre, wie könnte ich solches zu euch sprechen? Und wie könnte ich es mir herausnehmen, euch mit dem Willen anderer zur Last zu fallen, so mir nicht das Recht zustände, damit zu verfügen nach meinem rechtlichen und liebewilligen Wohlgefallen?
GS|1|46|31|0|Dich und dein Weib will ich allhier in meiner Wohnung behalten; deine liebe Gesellschaft aber will ich verteilen in meiner nächsten Nachbarschaft. Und so denn geht hinaus und gebt ihnen solches kund!
GS|1|46|32|0|Nun seht, das Ehepaar geht hinaus und gibt nun liebefreundlichen Angesichts solches der ängstlich harrenden Gesellschaft kund. Und nun seht, wie die ganze Gesellschaft dankbarst niederfällt und dem Herrn dankt, dass Er ihr also liebegnädig war und sie allesamt allhier hatte die erfreuliche dienende Unterkunft finden lassen.
GS|1|46|33|0|Nun geht unser Gastfreund hinaus; und seht, wie er ihnen allen seine Hände auflegt und ihnen anzeigt die Wohnungen, dahin sie sich zu verfügen haben.
GS|1|46|34|0|Seht aber nun auch, wie sich die früheren Formen unserer Gesellschaft nach der Händeauflegung verändert haben. – Ihre frühere weiße Farbe ging in eine natürlich gerötete Farbe über, und ihr überaus subtil zartes Wesen hat eine reelle Festigkeit angenommen. Und seht, wie heiter, munter und vergnügt sie nun aussehen, während sie früher in ihrem Ausdruck einen geheimnisvollen Weisheitsernst zeigten.
GS|1|46|35|0|Nun seht aber auch, sie gehen auseinander, und bei jeder der ihnen angewiesenen Wohnungen harren die Einwohner ihrer schon mit offenen Armen.
GS|1|46|36|0|Nun aber kommt unser Gastfreund wieder herein mit dem Stammelternpaar dieser Gesellschaft und fragt nun soeben dasselbe: Meine lieben Freunde! Wie stellt ihr euch denn so den Herrn vor, damit, wenn Er einmal vor euch käme, ihr Ihn auch erkennen würdet?
GS|1|46|37|0|Der Mann spricht: O lieber Freund, der du uns im Namen des Herrn so liebreich aufgenommen hast, siehe, das ist eine überaus hart zu beantwortende Frage! Denn wir hatten in unserer Religion auf der Erde uns fürs Erste nie mit einer menschlich bildlichen Form des Herrn beschäftigt, sondern lediglich nur mit Seinem Wort und dachten uns dabei: In dieser Welt wird Sich der Herr uns schon ohnehin sogleich zu erkennen geben, und wir werden Ihn an Seiner Stimme und aus Seinem Wort erkennen. – Nun aber sehe ich erst ein, dass die wahre Liebe zum Herrn nebst Seinem Wort auch Seine gestaltliche Wesenheit ergreifen will; hat es aber nicht in sich, weil sie solches nie beachtet, und somit auch nicht in sich aufgenommen hat. Also wirst wohl du, lieber Freund, auch die liebevolle Güte haben und uns beschreiben die Gestalt des Herrn.
GS|1|46|38|0|Der Gastfreund spricht: Nun wohl denn, da ihr solches in eurem Grunde lebendig wünscht, so sage Ich euch: Seht Mich an; denn geradeso, wie Ich aussehe, sieht auch der Herr menschlich gestaltlich aus.
GS|1|46|39|0|Der Mann spricht: Ach, lieber Freund, solches dient mir wohl zu einem großen Trost und zu einer großen Freude, und ich bin schon überselig, ein so vollkommenes Ebenmaß des Herrn vor mir zu erblicken. Welch eine Seligkeit aber wird mir erst dann werden, wenn ich den Herrn Selbst erschauen werde!
GS|1|46|40|0|Der Gastfreund spricht: Wahrlich, deine Liebe zum Herrn ist groß geworden; darum freue dich in deinem Vollmaß, denn siehe, Ich bin der Herr! – und du sollst nun bei Mir wohnen ewiglich!
GS|1|46|41|0|Nun seht aber auch ihr, wie sich alles plötzlich verändert hat, seht, wie nun von der Mittagsgegend nichts mehr zu erschauen ist. Aber die frühere Einfachheit dieser Gegend ist geblieben; und sie ist der alleinig wahre, ewige, allerhöchste Morgen des Herrn! Für uns ist es aber noch nicht, hier zu verweilen, sondern uns nach dem Willen des Herrn noch weiter in den Mittag zu begeben. Also gehen wir wieder weiter!
GS|1|47|1|1|Der römisch-katholische Probehimmel
GS|1|47|1|1|(Am 30. Januar 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr abends.)
GS|1|47|1|0|Nun seht, unsere Gegend hat sich schon wieder vor unseren Augen verloren; nichts mehr von den Hügeln und nichts mehr von den Gebäuden auf den Hügeln ist zu sehen, und wir sind im reinen Mittag. Solches könnt ihr aus der uns im Zenit stehenden Sonne und aus der großen Pracht dieser Gegend wie auch aus dem uns schon bekannten, von hier aus dort gegen Morgen hin fließenden Strom entnehmen. Ihr fragt und sagt: Aber, lieber Freund, wie ist denn solches möglich, dass jetzt diese endlos allerseligste Morgengegend so gänzlich vor unseren Augen verschwunden ist?
GS|1|47|2|0|Liebe Freunde, versteht ihr solches denn noch nicht, dass der Morgen die tätige Liebe, aber der Mittag die forschende Weisheit bezeichnet? Wir aber sind nun wieder im Forschen also auf dem Wege der Weisheit und somit im Mittag, und dieser ist außerhalb der Liebe.
GS|1|47|3|0|Ihr sagt aber freilich: Wir befanden uns ja ehedem auch im Mittag und konnten von selbem aus denn doch die Morgengegend erschauen; warum geht solches denn jetzt nicht? Waren wir damals nicht außer der tätigen Liebe?
GS|1|47|4|0|Meine lieben Freunde, wir waren damals wohl auch im Mittag; aber wir befanden uns am Ufer des Stromes, und dieser zeigt an, wie sich Liebe und Weisheit ergreifen und ins ewige Leben übergehen. Also waren wir damals im Zentrum zwischen Liebe und Weisheit; somit konnten wir auch beide Gegenden auf einmal übersehen. Da wir dann wirklich in den Morgen übergegangen sind, so konnten wir auch von selbem die mittägige Gegend endlos weit herum überschauen; warum denn? Weil die Weisheit aus der Liebe hervorgeht, und es verhält sich da geradeso wie bei jemandem, der die Grundursache kennt und darum auch gar sicher die Wirkung dieser Ursache erschauen und erkennen wird. Wer aber nur die Wirkung allein sieht, der kann von dieser aus nicht leichtlich die Ursache erschauen, außer er kann sich auf den Punkt stellen, allda die Ursache in die Wirkung übergeht. Da ihr nun solches sicher einseht, so wollen wir uns denn auch ungehindert hinaus in den äußersten Mittag begeben, allda ihr euch sehr nahe angehende Dinge erschauen sollt.
GS|1|47|5|0|Nun seht, wir sind schon am Ort und an rechter Stelle; aber ihr sagt: Lieber Freund, da sehen wir vor uns ja schon wieder ein endlos weit ausgedehntes Meer und am äußersten Horizont erblicken wir zum ersten Mal in dieser geistigen Welt also Wolken, wie wir sie gar oft auf der Erde an schönen reinen Tagen über dem Horizont haben heraufsteigen gesehen. Auch kommt es uns vor, dass hier die Sonne nicht mehr gerade im Zenit steht, sondern sich mehr hinter uns befindet, so dass wir schon einen Schatten vor uns erblicken. Werden wir etwa hier auch müssen über die Meeresfläche wandeln?
GS|1|47|6|0|Meine lieben Freunde, was dieses Meer selbst betrifft, so ist es in Verbindung mit demjenigen Meer, auf das wir schon in der abendlichen Gegend gestoßen sind, und dehnt sich auch also fort in der Richtung vom Abend zwischen Mittag und Morgen endlos weit aus. Aber gerade gegenüber, da ihr das Gewölk erblickt, ist es uferbegrenzt, und jenseits gibt es dann wieder eine für eure Begriffe endlos große Landschaft. Diese wird der äußerste Mittag genannt, – und dahin wollen wir uns denn auch begeben.
GS|1|47|7|0|Ihr fragt zwar schon wieder, wie wir hier über das Meer kommen werden. Hier werden wir unsere gewöhnliche Schnellreise machen, werden sagen: Hier und dort, und wir werden dort sein, wo wir sein wollen! Und nun seht euch um, wir sind ja schon dort, wo wir sein wollen! Seht, die ganze Meeresfläche ist schon hinter uns, und seht in die Höhe, wir sind schon unter dem weißen Gewölk. Ihr sagt hier freilich: Lieber Freund, das Gewölk leuchtet hier recht herrlich, aber die Sonne ist nicht mehr zu entdecken; wo ist denn diese hingekommen?
GS|1|47|8|0|Meine lieben Freunde, die Sonne scheint hier wohl auch; aber ihre Wesenheit wird von den Wolken stets so bedeckt, dass man ihr Licht nur im gebrochenen Zustand, aber die Sonne selbst nur zu seltenen Malen durch das Gewölk erblickt. Ihr fragt: Was ist denn das für eine Gegend; was besagt denn diese?
GS|1|47|9|0|Seht, das ist der sogenannte römisch-katholische Himmel, in welchen die meisten frommen Römisch-Katholischen kommen, wenn sie ihrem Glauben liebtätig und gewissenstreu gelebt haben. Also ist dieser Himmel vielmehr ein Probehimmel als ein an und für sich bleibender. Wie aber solches alles sich näher verhält, werden wir im Verfolge der näheren Anschauung dieses Himmels noch gar klärlich erkennen.
GS|1|47|10|0|Sendet ihr nur eure Blicke etwas landeinwärts, und ihr werdet sobald die euch wohlbekannten römischen Kirchen und Klöster in großer Menge erschauen. Seht, da nicht fern vor uns steht in einer ebenen Gegend schon eine recht stattliche Kirche; wir wollen da sehen, was in derselben vorgeht. Hört ihr das Glockengeläut? Ihr sagt: Fürwahr, lieber Freund, das klingt ja geradeso, wie wir es zu öfteren Malen auf der Erde vernommen haben. – Nun horcht aber genauer, ihr werdet auch sogar Orgeltöne vernehmen. Ihr fragt, was wohl etwa jetzt in der Kirche gehalten wird.
GS|1|47|11|0|Ich sage euch: Wir werden gerade recht zum ersten Segen kommen. Nun seht, wir sind da schon am Eingang der Kirche. Seht ihr den Hochaltar, darauf eine Menge Kerzen brennen? Nun seht auch, wie der Geistliche die Monstranz angreift und auf dieselbe Art wie auf der Erde den vielen Anwesenden den Segen gibt. Da wir somit diesen Segen empfangen haben, so wollen wir auch der Messe beiwohnen.
GS|1|47|12|0|Nun seht, es geht die ganze Zeremonie ja gerade so vor sich wie bei euch auf der Erde, und wie ihr seht, geht die ganze Messzeremonie unter der Begleitung der gewöhnlichen Orgelgesänge auch ihrem Ende zu und soeben beginnt auch der zweite Segen. Ihr fragt und sagt: Lieber Freund, was für ein Heiliger wird denn da auf dem Hochaltar verehrt? Wir können nicht ausnehmen, was die Tafel darstellt.
GS|1|47|13|0|Gehen wir nur etwas näher; seht, es ist ja recht deutlich und zugleich recht schön gemalt die heilige Dreifaltigkeit. Darin besteht auch der einzige Unterschied, dass hier in diesem Probehimmel am Hochaltar kein anderes Bild vorkommen darf. Die beiden Seitenaltäre aber, wie ihr seht, stellen, und zwar der zur rechten Hand den gekreuzigten Heiland, und der zur linken Hand den hl. Geist in der Gestalt einer Taube dar. Auch auf diesen Seitenaltären darf nichts anderes vorkommen. Denn solches geschieht aus dem Grunde, damit die Hierhergekommenen nicht zu irgendeiner Abgötterei dadurch geleitet werden möchten, dass sie einem sogenannten Heiligen eine gleiche Ehre gäben, wie sie nur Gott gebühre nach ihren Begriffen.
GS|1|47|14|0|Aus dem Grunde werden die sogenannten Heiligen samt den Päpsten auch von dieser Gegend allzeit ferngehalten; und wenn auch Päpste schon hier ankommen, so dürfen sie jedoch nicht als solche angesehen werden, sondern als ganz gemeine und ordinäre Priester. Aber ihr sagt: Lieber Freund, wie sieht es denn hernach mit dem sogenannten Himmel aus, in dem die drei göttlichen Personen auf einer lichten Wolke beisammensitzen, und alle die Seligen samt den Engeln ebenfalls auf lichten Wolken um diese Dreieinigkeit herumknieen und sonach Gott von Angesicht zu Angesicht anschauen und anbeten?
GS|1|47|15|0|Wartet nur ein wenig, bis dieser Gottesdienst aus ist; sodann werden wir sogleich die förmliche Himmelsbesteigung von Seiten dieser Geister, welche jetzt diesem Gottesdienst beiwohnen, in den Augenschein nehmen. Seht, der Priester verkündigt nun soeben seinen Kirchkindern die nach dem Gottesdienst sogleich bevorstehende Himmelfahrt. Somit machen wir uns auch nur sogleich aus dieser Kirche und warten draußen die Geschichte ab.
GS|1|48|1|1|Der katholische Himmelsweg
GS|1|48|1|1|(Am 31. Januar 1843 von 4 1/2 – 7 Uhr abends.)
GS|1|48|1|0|Seht, wir sind schon heraußen, und nun strömen auch schon die mit Palmzweigen dotierten Geister aus der Kirche. Und nun folgt ihnen auch der Priester in seinem vollen geistigen Ornat und mit der Monstranz in der Hand. Über ihm erblickt ihr, getragen von vier weißgekleideten männlichen Geistern, ebenfalls einen sogenannten Himmel, und vor ihm reihen sich alle die Geister, einer euch bekannten Prozessionsfahne folgend. Und nun seht, die Prozession beginnt mit den gewöhnlichen Prozessions-Zeremonieformen. Ihr vermisst sogar die Glöcklein nicht; ein Kruzifix wird vor dem Himmel getragen und von der ganzen Prozessionsgesellschaft wird das euch wohlbekannte: „Heilig, heilig, heilig ist unser Herr Gott Zebaoth“ gesungen und gebetet.
GS|1|48|2|0|Nun seht, der Prozessionszug erhebt sich auf eine kleine Anhöhe hinauf; dort also wollen wir auch dem Zug folgen. Diese Anhöhe ist sehr verführerisch, denn sie hat nicht sobald ein Ende, als man es ihr auf den ersten Augenblick ansieht.
GS|1|48|3|0|Dieser Weg, der da hinaufführt, ist der eigentliche katholische Himmelsweg. Wenn man auf diesem auf die erste, uns sichtbare Anhöhe gelangt, so erblickt man erst eine zweite, die wieder höher führt. Ist man auf diese zweite Anhöhe gelangt, so entdeckt man erst wieder eine dritte, und das geht so fort, je nach dem Gemütszustand der Himmelauffahrenden, da sie manchmal über mehr denn tausend solche verborgene Anhöhen steigen müssen, bis sie zur sogenannten himmlischen Wolkenregion gelangen.
GS|1|48|4|0|Nicht selten geschieht es dann auch bei einer solchen Himmelsbesteigung, dass manche des zu langen Weges überdrüssig werden. Sie wenden sich dann bei solcher Gelegenheit an den Geistlichen und fragen ihn, wie lange die Reise wohl noch dauern möchte. Der Geistliche gibt ihnen dann allzeit den Schrifttext zur Antwort, welcher also lautet: „Wer da verharrt bis ans Ende, der wird selig!“ Und nach solcher Antwort geht dann der Zug wieder weiter.
GS|1|48|5|0|Haben sie bei einem zweiten Zug wieder einige fünfzig Anhöhen überflügelt, so wird bei dem Geistlichen angefragt, ob man nach einer so langen Reise nicht ein wenig ausruhen dürfte. Da gibt ihnen dann der Geistliche wieder folgende Antwort: „Betet ohne Unterlass!“ Solches besage in der geistigen Welt, dass man allda nimmer ruhen solle, wenn man einmal auf dem Weg zum Himmel ist. Denn solches wisse er ganz bestimmt, dass die Saumseligen und Lauen aus dem Munde Gottes ausgespien und nicht eingelassen werden in das Himmelreich. Daher sollen sie nur alle ihre Kräfte zusammennehmen und fortziehen, bis sie das glückselige Tor in den Himmel werden erreicht haben. Auf solch eine Mahnrede geht der Zug wieder weiter.
GS|1|48|6|0|Wenn etwa über die nächsten fünfzig Aufsteigungen der Geistliche selbst müde wird und auch seine ganze Gesellschaft kaum mehr zu steigen vermag, so spricht dann der Geistliche: Hört, ihr Schafe meiner Herde! Hier ist der halbe Weg; hier wollen wir Gott die Ehre geben und Ihm danken, dass Er uns diesen Punkt hat erreichen lassen.
GS|1|48|7|0|Auf solch einer Stelle macht dann alles halt, man kniet sich nieder und dankt nach der Meinung des Geistlichen Gott, und zwar zuerst Gott dem Vater, dann Gott dem Sohne und zuletzt Gott dem Heiligen Geiste.
GS|1|48|8|0|Wenn sich die ganze Gesellschaft auf diese Weise etwas erholt hat, so geht der Zug dann wieder weiter. Da aber der Geistliche es in den eigenen Füßen verspürt, dass er bei allfälligen weiteren Erhöhungen nicht leichtlich mehr einen rastlosen Marsch wird fortsetzen können, so kündigt er gleich hier an, dass bei der Übersteigung einer jeden künftigen Anhöhe eine Passionsstation gebetet wird. Bei solchen Gelegenheiten rastet er dann selbst aus. Wenn aber die zwölf oder im ungünstigen Falle vierzehn Stationen zu Ende sind und die stets etwas steiler werdenden nacheinander folgenden Anhöhen noch kein Ende nehmen, so wird nach der letzten Station der Rosenkranz angeordnet und ebenfalls gesetzelweise [absatzweise] auf die allfällig noch folgenden Anhöhen verteilt. Haben sich die Rosenkranzgesetzel auf diese Weise auch verbraucht und unsere stets ganz gewaltig steiler werdenden Anhöhen nehmen noch kein Ende, so wendet sich alles an den Priester und fragt ihn, was denn solches doch bedeute, dass diese Anhöhen bei all seinen Vorschlägen dennoch kein Ende nehmen wollen.
GS|1|48|9|0|Da sagt der Geistliche: Ja, meine lieben Schafe meiner Herde, hier fängt es erst an, wo das Himmelreich Gewalt braucht; welche es mit Gewalt an sich reißen, die werden es besitzen. Zugleich aber ordnet der Geistliche auch an, dass man von da an auf einer jeden neu erstiegenen Anhöhe allzeit solle einen Psalm Davids beten. Und so geht dann der Zug ganz mühselig wieder vorwärts.
GS|1|48|10|0|Da aber unser Zug eben alle diese Schicksale mitmacht und an sich erfährt, so wollen wir ihn von dieser letzten Rosenkranzgesetzelstation von Schritt zu Schritt verfolgen bis ans Ende.
GS|1|48|11|0|Seht, die nächste Anhöhe ist schon sehr steil und braucht, wie ihr seht, gewaltige Anstrengungen, um sie zu ersteigen. Nach langem, mühevollem Steigen hat unsere Gesellschaft die Höhe erreicht. Seht, wie sie sich auf der kleinen, ebenen Fläche alle wieder sogleich niederlegen, und der Geistliche selbst, ein Psalmbüchlein hervorziehend und die Monstranz unterdessen zur Seite setzend, beginnt den ersten Psalm so langsam als nur immer möglich zu lesen, damit er und die ganze Gesellschaft dadurch mehr Ruhezeit gewinnen sollen.
GS|1|48|12|0|Nun ist der erste Psalm ausgelesen, und unser Geistlicher nimmt wieder die Monstranz, sagt aber jedoch den vier Himmelsträgern, da sie hier dem wahren Himmel ohnehin schon sehr nahe sind, so könnten sie wohl füglichermaßen diesen kleinen Ehrenhimmel an Ort und Stelle lassen.
GS|1|48|13|0|Nach solcher Bestimmung erheben sich alle wieder; und wie ihr seht, beginnen sie auch sogleich die folgende mühsame Besteigung der nächsten Anhöhe. Wie ihr seht, so geschieht diese Besteigung beinahe mehr auf allen Vieren denn auf zwei Füßen, und unserem Geistlichen, dem Fahnenträger und dem Kruzifixträger fängt es an, recht übel zu gehen. Daher lässt sich der Geistliche auch von mehreren Vorkraxlern, so gut es nur immer sein kann, hinaufziehen, die Fahnen- und Kruzifixträger aber gebrauchen ihre himmlischen Insignien statt eines Gebirgsstockes.
GS|1|48|14|0|Nun seht, mit großer Mühe und Anstrengung wäre wieder ein Absatz erstiegen. Die Fläche dieses Absatzes aber ist kaum knapp so groß, dass unsere Gesellschaft mit genauer Not einen Rastplatz findet. Sie hat sich wieder gelagert, und der Priester beginnt nun den zweiten Psalm zu lesen. Wie ihr aber seht, so wird es ihm selbst schon ganz gewaltig bange; denn fürs Erste erblickt er vor sich wieder eine noch ums Kennen steilere Anhöhe, und wenn er hinabblickt, so fängt es ihn ganz gewaltig zu schwindeln an.
GS|1|48|15|0|Was soll er nun machen? Er wird in dieser Hinsicht von seinen Himmelbesteigungsgenossen auch ganz gewaltig mit Fragen bestürmt, zugleich wird er auch gefragt, wo denn die Staffeln in den Himmel sind. Und er spricht: Ich meine, diese gewaltigen Gebirgsabsätze sind die Staffeln; daher erfahrt ihr hier selbst, wie rein von jeglicher Sünde man sein muss, damit sie einen nicht belaste auf diesen ganz gewaltigen Himmelsstufen. Ferner spricht er noch: Wir werden uns hier abteilen müssen; denn es könnte ja leicht sein, dass wir auf der nächsten Stufe, weil sich der Raum immer mehr und mehr zu beengen scheint, nicht mehr alle Platz finden dürften, um dort unter dem Lob des Herrn und der göttlichen Dreieinigkeit auszuruhen. Daher geht ihr, die Beherztesten, voraus und rastet oben so lange aus, bis ihr sehen werdet, dass wir uns hier erheben, und besteigt dann sobald die nächste Stufe, falls sich noch eine vorfinden sollte.
GS|1|48|16|0|Und wie ihr selbst seht, d. h. mit euren Gemütsaugen, so erhebt sich auch die Hälfte der Gesellschaft und steigt abermals auf allen Vieren die schon sehr steile Anhöhe hinauf. Einige kommen hinauf, und die anderen, welche weniger kräftig sind, gleiten wieder zurück. Der Geistliche fragt die schon oben Befindlichen, ob es noch eine fernere Anhöhe gibt. Die rufen zurück: Sieg! Es ist keine Anhöhe mehr; wir stehen schon am Anfang einer großen Ebene und in weiter Ferne vor uns erschauen wir auch schon das himmlische Gewölk und in der Mitte ein starkes Licht; nur können wir noch nicht ausnehmen, was es ist.
GS|1|48|17|0|Nun seht, alles erhebt sich auf dieser unteren Staffelei, strengt alle seine Kräfte an, und der Geistliche bindet sich die Monstranz an den Rücken an und steigt, ebenfalls auf allen Vieren, so gut es nur sein kann hinauf.
GS|1|48|18|0|Endlich, nach vieler Mühe und Anstrengung, haben alle glücklich diese letzte Anhöhe erklommen, loben nun den Geistlichen und sagen: Das ist doch ein sicherer Beweis, dass niemand ohne einen solchen geistlichen Führer in den Himmel gelangen kann. Der Geistliche aber spricht: Meine lieben Kinder! Ja, also ist es wahr, weil es Gott Selbst so angeordnet hat; aber nicht mir, sondern Gott allein gebührt die Ehre! Denn wenn ich auf mich selbst zurücksehe, so habe ich euch mehr gleichsam durch einen Betrug, als durch meine Erkenntnis hierhergebracht. Da aber der Herr Seinen Aposteln Selbst die Schlauheit anempfohlen hat, so bin ich dadurch vor euch gerechtfertigt; und das Gelingen meiner Führung zeigt euch nun, dass ich euch nach der Lehre unserer alleinseligmachenden Kirche vollkommen redlich und getreu geführt habe. Und der Geistliche spricht weiter: Lasst uns denn hier wieder in die vorige Ordnung treten und ziehen hin zum ewigen Ziel!
GS|1|48|19|0|Nun seht, der Zug beginnt, von neuem gestärkt, über diese weite Hochebene, und seht auch, wie sich unser Zug hier ausnehmend schnell bewegt. Das himmlische Gewölk kommt uns näher und näher, und nun seht, befinden wir uns schon unter dem himmlischen Gewölk. Seht da eine große Mauer, durch welche eine goldene Tür führt, welche aber verschlossen ist. Und der Geistliche tritt hinzu und spricht: Seht nun, meine lieben Kinder, wir haben gebeten, und es ward uns gegeben; wir haben gesucht und haben es gefunden. Nun aber kommt es aufs Anklopfen an. Also soll der Träger des Kruzifixes mit dem Kruzifix zuerst anklopfen, und zwar dreimal im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, und die Pforte wird sicher aufgetan werden.
GS|1|48|20|0|Und nun seht, es geschieht nach den Worten des Geistlichen. Und wirklich, beim dritten Klopfen öffnet sich die Tür, und, wie ihr seht, Petrus und Erzengel Michael erscheinen, prüfen noch unsere Gesellschaft und lassen sie dann auch samt und sämtlich in den Himmel ein. Nur werden die gewissen Petrus- und Erzengel-Michael-Attribute hinweggelassen, damit von den in den Himmel Eintretenden wenigstens der erste, gar zu materielle Funke ausgelöscht wird.
GS|1|48|21|0|Ihr möchtet wohl wissen, ob das wirklich der Petrus und der Erzengel Michael seien? Ich sage euch: Solches alles ist nur eine Erscheinlichkeit und wird im Namen des Herrn bewerkstelligt von den Engelsgeistern. Und so ist auch dieser ganze Himmel gestaltet, und es muss solches alles so sein; denn sonst wäre es nicht möglich, jenen Geistern beizukommen, welche sich in einem oder dem anderen irrtümlich begründet haben.
GS|1|48|22|0|Darum findet denn auch ein jeder die geistige Welt und den Himmel so, wie er sich alles dieses durch seinen Glauben im Geiste begründlich geschaffen hat, mit Ausnahme des alleinigen Fegefeuers, welches der Herr aus dem Grunde nicht zulässt, indem dadurch den Geistern darin der größte Schaden könnte zugefügt werden, so sie sich in solch einem kläglichen Befunde dann anstatt an den Herrn nur um desto energischer an die Heiligen wenden möchten und auch an die Hilfe der weltlichen Messopfer, welches alles mit der Zeit den Geist gänzlich töten müsste, weil der Geist in dieser Hinsicht ganz verzichten würde auf die eigene Tätigkeit und würde nur in einem vermittelten oder unvermittelten Erbarmen Gottes seine Seligkeit suchen, welches aber mit anderen Worten gesagt nichts anderes hieße, als an sich selbst einen geistigen Mord begehen!
GS|1|48|23|0|Ihr fragt hier: Wieso denn? – Solches ist doch leicht einzusehen. Das Leben des Geistes besteht ja nur einzig und allein in der Liebe desselben und dann in der eben dieser Liebe entsprechenden Tätigkeit.
GS|1|48|24|0|Was geschieht wohl mit jemandem, der sich auf der Welt von aller Tätigkeit losgesagt hat? Er wird am Ende ganz entkräftet und so schwach, dass er kaum noch einer Fliege zu widerstehen vermag. Und wenn er dann zufolge solch einer gänzlichen Untätigkeit notwendig in das größte Elend gelangt, so lehrt solches die Erfahrung auf der Welt nur zu vielfach, dass solche Zustände des Menschen zumeist der Grund von Selbstentleibungen sind. In der geistigen Welt aber würde dadurch ebenfalls ein geistiger Selbstmord geschehen, weil sich dergleichen Leidende durch die Anrufung der Heiligen nicht erlöst erschauen und dadurch dann in den völligen Unglauben und in die gänzliche Verzweiflung übergehen würden, welche aber ist ein wahrhaftiger Geistestod!
GS|1|48|25|0|Warum denn? Weil eine Verzweiflung im Geiste so viel besagt als eine vollkommene gewaltsame Lostrennung vom Herrn. Aus diesem Grunde wird ein solcher Zustand sogar in der Hölle nicht zugelassen. Wenn allda das Böse zu sehr tätig wird, so auch lässt der Herr die Bosheit strafen, und das wohl auf das Empfindlichste. Ist aber dadurch die Bosheit wieder eingestellt, so hören auch die Strafe und der Schmerz auf.
GS|1|48|26|0|Was jedoch unseren Himmel betrifft, so ist er dem Leben des Geistes nicht hinderlich und kann hier als eine gute, lebendige Schule angesehen werden, in welcher die Geister erst den wahren Himmel zu erkennen anfangen. Auf welche Art aber solches in diesem unserem Himmel vor sich geht, wollen wir bei der nächsten Gelegenheit so gründlich als möglich im Geiste beschauen; und somit gut für heute!
GS|1|49|1|1|Der Himmel gemäß Vorstellungen der katholischen Kirche. Flucht der Seligen
GS|1|49|1|1|(Am 1. Februar 1843 von 4 1/2 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|49|1|0|Da unsere Gesellschaft schon samt und sämtlich eingelassen wurde, so suchen auch wir bei dieser goldenen Pforte durchzukommen. Der Petrus und der Michael haben aus dem Grunde die Pforte auch offen gelassen; denn sie wissen schon, was wir hier zu tun haben.
GS|1|49|2|0|Ihr wisst die mannigfaltigen Vorstellungen vom Himmel, welche in der katholischen Kirche gang und gäbe sind. Solltet ihr nicht völlig in die Vorstellungen eingeweiht sein, so werdet ihr hier sicher tatsächlich eingeweiht werden. Und so seht denn vorwärts; wir nähern uns hinter unserer ziemlich zahlreichen Gesellschaft soeben der ersten Szene.
GS|1|49|3|0|Was seht ihr nicht ferne vor uns? Ihr sagt: Wir sehen im weiten Hintergrund einen überaus prachtvollen Palast und ober dem Palast ist eine aus lichten Wolken gruppierte Schrift zu lesen; und so wir übrigens richtig sehen, so steht geschrieben: „Abrahams Wohnung“.
GS|1|49|4|0|Gut, sage ich euch; was seht ihr ferner noch? Ihr sagt: Wir erblicken um dieses große Gebäude einen überaus großen und weitgedehnten Garten, der schon gleich wenige Schritte vor uns seinen Anfang zu nehmen scheint. – Was seht ihr da noch? – Ihr sagt:
GS|1|49|5|0|Es ist wahrhaft wunderbar; wir erblicken einen beinahe endlos weit gedehnten Tisch, welcher mit den köstlichsten Speisen besetzt zu sein scheint, und wenn wir übrigens richtig sehen, so sitzen ja an beiden Seiten schon eine Menge Gäste und greifen recht tüchtig zu. Auch sehen wir eine Menge geschäftiger Wesen, welche diese Gäste auf das Eifrigste zu bedienen scheinen. Auch sehen wir noch, wie sich so manche Gäste recht angelegentlich mit diesen dienenden Geistern über irgendetwas besprechen.
GS|1|49|6|0|Ich sage euch: Ihr seht ganz richtig; wir wollen uns daher sogleich samt unserer Gesellschaft, welche schon soeben sich gegen den Tisch hinzieht, in diesen Garten begeben und längs dem Tisch unsere Betrachtungen machen.
GS|1|49|7|0|Seht, der Petrus und der Michael weisen nun unserer Gesellschaft Sitze an und sagen zu ihr: Also setzt euch denn im Himmelreich zum Tisch Abrahams, Isaaks und Jakobs und genießt da in überirdischer Fülle die Früchte eurer irdischen Werke, die ihr allzeit unverdrossen aus großer Liebe zum Himmel zur Ehre Gottes vollbracht habt. – Nun seht, wie unsere Gesellschaft sich überseligen Antlitzes zum Tisch setzt und auch sogleich recht wacker nach den Speisen und Getränken zuzugreifen beginnt. Lassen wir aber jetzt unsere Gesellschaft ganz ungestört und wohlgemut sich sättigen und gehen wir ein wenig fürbass.
GS|1|49|8|0|Nun seht, dort am kaum erschaubaren Ende dieses langen Tisches sitzen mit starker Glorie umflossen Abraham, Isaak und Jakob; – und nun seht ferner, da eben vor uns bespricht sich ein Gast mit einem solchen himmlischen Tafeldiener. Was lauter [mögen] sie etwa miteinander verhandeln? Nur ein wenig näher getreten; wir werden es sogleich vernehmen.
GS|1|49|9|0|Hört ihr’s, soeben fragt ein schon übersättigter Gast, der nach eurer Zeitrechnung sich schon ungefähr vier volle Wochen am Tisch sitzend und essend befindet, den Tafeldiener und sagt soeben zu ihm: Lieber Freund, wie lange wird denn diese herrliche Mahlzeit noch dauern? – Und der Tafeldiener fragt den Gast: Herzensallerliebster Freund, warum fragst du mich darum? – Der Gast spricht etwas verlegen: Lieber Freund, ich würde dich nicht fragen – ja, wenn ich auf der Erde wäre, so wäre ich fest der Meinung, durch eine solche Frage eine Sünde begangen zu haben; da ich aber nun im Himmel bin, allda niemand mehr einer Sünde fähig ist, so weiß ich auch, dass solch eine Frage keine Sünde ist.
GS|1|49|10|0|Der eigentliche Grund meiner Frage aber ist dieser: Siehe, Gott ewig alles Lob und alle Ehre! Es ist hier zwar unbeschreiblich herrlich zu sein, und die Speisen und die Getränke sind wahrhaft himmlisch gut; aber dessen ungeachtet muss ich es dir offen gestehen, dass mich dieses beständige Einerlei etwas zu langweilen anfängt. Darum habe ich dich eigentlich gefragt, wie lange diese Tafel noch währen wird.
GS|1|49|11|0|Der Tafeldiener spricht: O lieber Freund, hast du denn auf der Erde nie gehört, dass die himmlischen Freuden von ewiger, unveränderlicher Dauer sind; wie kannst du mich demnach fragen, wie lange noch diese Tafel währen wird? Siehe, solche Tafel dauert ja ewig!
GS|1|49|12|0|Seht, hier erschrickt unser Gast und fragt den Tafeldiener: Lieber Freund, solches sehe ich wohl ein; aber ich habe auf der Erde ja auch von einer ewigen Anschauung Gottes gehört. Ich sehe wohl dort im allerweitesten Vordergrund Abraham, Isaak und Jakob; aber von Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Hl. Geist ist darunter nirgends etwas zu erschauen.
GS|1|49|13|0|Der Tafeldiener spricht: O mein lieber Freund, meinst du denn, die göttliche Dreieinigkeit solle dir auf der Nase sitzen? Da sieh einmal aufwärts dort über Abraham, Isaak und Jakob, und du wirst sobald Gott in Seiner Dreieinigkeit im unzugänglichen Licht erblicken, denn solches wirst du auf der Erde doch öfter gehört haben, dass Gott zwar im Himmel wohne, und alle die Seligen können Ihn von Angesicht zu Angesicht schauen, d. h. vom Angesicht des Vaters bis zum Angesicht des hl. Geistes, aber an und für sich wohnt die göttliche Dreieinigkeit ja im unzugänglichen Licht! Nun, lieber Freund, willst du etwa einen noch vollkommeneren Himmel?
GS|1|49|14|0|Unser Gast spricht: O lieber Freund! Ich sage dir, mitnichten; ich bin vollkommen zufrieden; nur unter uns gesagt, wenn ich nur wenigstens, dir gleich, so einen Bedienten machen könnte, um auf diese Weise doch eine kleine Bewegung zu machen, oder wenn es doch erlaubt wäre, dass man wenigstens in diesem großen, schönen Garten nur dann und wann ein bisschen herumgehen dürfte, so bin ich der Meinung, würde das diese himmlische Seligkeit um ein sehr Bedeutendes erhöhen!
GS|1|49|15|0|Der Tafeldiener spricht: Lieber Freund, was muss ich vernehmen aus deinem Munde? Dein Begehren klingt ja wie eine Unzufriedenheit mit allem dem, was dir Gott im Himmel beschert hat. Du redest von Bewegung machen und vom Lustwandeln in diesem Garten; hast du denn nicht selbst allzeit gebetet: Gott, gebe ihnen die ewige Ruhe und den ewigen Frieden!? Hast du hier nicht eine ewige Ruhe und einen ewigen Frieden? Was willst du demnach hier für eine Bewegung?
GS|1|49|16|0|Der Gast wird ganz verlegen und spricht endlich zum Tafeldiener: Lieber Freund, ich erkenne, dass solches alles richtig ist, und dass sich das Himmelreich hier wahrhaftig im buchstäblichen Sinne ausspricht, und ich sehe es auch ein, dass es zufolge der für ewig ausgesprochenen Wahrheit nicht anders sein kann. Wenn ich aber dagegen bedenke, dass ich hier auf diesem Fleck werde ewig sitzen müssen, wahrhaftig wahr, lieber Freund, da läuft’s mir eiskalt über den Rücken, und ich muss dir dazu noch offen gestehen, bei solcher Aussicht bezüglich der himmlischen Seligkeit und bezüglich der himmlischen Freude kommt es mir vor, dass ich als ein armseliger Landmann auf der Erde um sehr Bedeutendes glücklicher war als jetzt bei dieser ewigen Aussicht im Himmel! Da ich aber schon einmal im Himmel bin, so sei es Gott aufgeopfert; das Beste ist hier nur, dass man sich nicht versündigen kann.
GS|1|49|17|0|Der Tafeldiener spricht: Ich sehe schon, dass du mit dem Himmel unzufrieden bist; was soll ich aber mit dir machen? Deinetwegen kann doch die himmlische Ordnung nicht gestört werden.
GS|1|49|18|0|Der Gast spricht: Lieber Freund, ich habe auch einmal auf der Erde gehört und auch also gemalte Bilder gesehen, dass die Seligen auf Wolken knien und allda unverrückt Gott anschauen, hier aber ist es ja nur ein Garten; wo sind denn die Wolken? – Der Tafeldiener spricht: Mein lieber Freund, betrachte den Boden nur ein wenig genauer, und du wirst der lockeren Unterlage gar bald gewahr werden; meinst du denn etwa, das ist ein Erdreich? Da sieh nur her; ich werde mit meiner Hand den Boden ein wenig aufrühren, und du wirst dich gleich überzeugen, dass wir uns alle auf den himmlischen Wolken befinden.
GS|1|49|19|0|Seht, der Tafeldiener schiebt ein wenig das Gras auf die Seite, und unser Gast erblickt zu seinem nicht geringen Erstaunen, dass die Unterlage wirklich nur ein ganz leichtes Gewölk ist, und wendet sich nach solcher Überzeugung sogleich wieder mit folgender Frage an den Tafeldiener: Lieber Freund, wenn hier der Boden also gewaltig locker ist, wäre es denn nicht auch möglich, dass jemand bei einer etwas eigenmächtig ungeschickten Bewegung gar durchfallen könnte? Und wenn solches möglich wäre, wohin würde er fallen? Es wird etwa doch nicht unter uns das Fegfeuer sich befinden?
GS|1|49|20|0|Der Tafeldiener spricht: Lieber Freund, solches hast du mitnichten zu befürchten; denn du bist ja nun ein überaus leichter Geist und dieser Boden ist für dich so fest, als es dereinst war das Erdreich für deinen Leib.
GS|1|49|21|0|Der Gast spricht ferner: Lieber Freund, erlaube mir noch eine Frage: Ist dieser Boden nur hier in der Gegend dieses Tisches so fest, oder ist er allenthalben von gleicher Festigkeit? – Der Tafeldiener spricht: Lieber Freund, warum fragst du um solches, das dich nicht angeht? Hier, wo du deine Seligkeit genießt, siehst du ja wohl, dass der Boden für Ewigkeiten fest genug ist. Den weiten Garten aber hast du ja ohnehin nicht zu betreten; was kümmert dich seine Festigkeit? Da du mich aber schon gefragt hast, so will ich dir gleichwohl darauf sagen, dass der Garten überall von gleicher Festigkeit ist; sonst würde er uns ja nicht tragen, so wir von allen Seiten her die reichlichen Früchte für diese ewige Tafel fortwährend sammeln und hierherbringen.
GS|1|49|22|0|Der Gast gibt sich nun endlich einmal zufrieden, und der Tafeldiener will sich entfernen. Aber unserem Gast fällt soeben etwas ein, daher bittet er den Tafeldiener noch um ein Wort und spricht zu ihm: Lieber Freund, da wir schon einmal über so manches miteinander Worte getauscht haben, so möchte ich dich denn doch noch um eines fragen, aber so ganz unter uns gesagt. Was könnte hier einem denn geschehen, wenn man allenfalls doch einmal, des zu langen Sitzens überdrüssig, aufstünde und eine kleine Bewegung machen möchte da über diese herrlichen Fluren hin?
GS|1|49|23|0|Der Tafeldiener spricht: Geschehen gerade würde dir nichts; aber du weißt ja, dass es Gott nicht gerne sehen würde, wenn ein seliger Geist mit Seiner Anordnung unzufrieden wäre. Was dir demnach geschehen könnte, wüsste ich dir so nicht wohl auseinanderzusetzen; aber so viel ist gewiss, dass dein leerer Platz sobald besetzt würde und du dich dann weiter unten hinsetzen müsstest. Überhaupt aber, mein lieber Freund, sehe ich, dass du während unseres ganzen Gesprächs kaum einmal zur Dreieinigkeit hingeblickt hast; und es heißt, ihr sollt unverwandt Gott anschauen!
GS|1|49|24|0|Der Gast spricht: Lieber Freund, solches alles ist richtig und wahr; aber siehe, mein ganzes Wesen sehnt sich nun ganz gewaltig nach mehr Freiheit und womöglich auch nach irgendeiner Tätigkeit; denn bei Gott muss ich dir sagen: Also, wie es jetzt ist, halte ich es keinen Augenblick mehr aus, geschweige erst eine Ewigkeit!
GS|1|49|25|0|Nun seht, unser Gast erhebt sich und läuft davon, was er nur kann; und wie ihr auch leichtlich seht, sein Beispiel findet Nachahmer. Die Tafeldiener setzen ihnen nach, und wenn sie sie werden eingeholt haben, wollen auch wir sie einholen und da unsere ferneren Betrachtungen machen und sehen, welchen Ausgang diese Geschichte nehmen wird. Und somit gut für heute!
GS|1|50|1|1|Die Unerträglichkeit der katholischen Himmelsvorstellung
GS|1|50|1|1|(Am 3. Februar 1843 von 4 1/2 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|50|1|0|Nun seht, wir sind schon beisammen; seht ferner, die entlaufene Gesellschaft ist an die Grenze des großen Gartens gekommen. Dieser ist allda mit einer durchsichtigen Mauer umfangen, welche, wie ihr euch in eurem Gemüt überzeugen könnt, zwar als eine sehr schöne Zierde der Erscheinlichkeit nach für diesen Garten erscheint; aber sie hat eben durch ihre Durchsichtigkeit das Fatale an sich, dass man durch sie jenseits des Gartens in einen ganz entsetzlichen Abgrund hinabsieht. Unsere Gäste würden daher mit dem Reißaus wohl noch einen weiteren Versuch machen, und mit der Überklimmung dieser Mauer, da sie eben nicht zu hoch ist, würden sie auch eben nicht zu schwer fertig werden; aber dieser fatale, uns nun schon bekannte Umstand hindert sie an solch einem Unternehmen. Wir erblicken unsere ganze Gesellschaft daher auch ganz verblüfft an der Mauer stehen, und keiner aus den Gästen weiß nun, was er ferner tun soll. Wie ihr aber zugleich seht, so nähern sich ihnen auch schon mehrere Tafeldiener, und ein Anführer der Tafeldiener nähert sich der etwas schüchternen Gesellschaft und redet sie folgendermaßen an: Liebe Freunde und Brüder: Was habt ihr denn getan? – Die Gesellschaft erwidert: Vergebt uns, liebe Freunde, wir taten nichts anderes, als was wir für ein notwendiges Lebensbedürfnis in uns fühlten, und können dich aus diesem unserem innersten Lebensbedürfnis heraus versichern, dass es mit diesem Himmel – zufolge der uns nur zu wohlbekannten Bewandtnisse – unmöglich seine völlige Richtigkeit haben kann; und darum haben wir auch diesen bewegenden Versuch gemacht.
GS|1|50|2|0|Der erste Tafeldiener spricht: Das sehe ich wohl ein, dass euch das lange Sitzen und das beständige Essen, wie auch die immerwährend einförmige Anschauung eurer göttlichen Dreieinigkeit hat müssen zu langweilen anfangen. Aber wenn ihr euch wieder an euer Leben zurückerinnert, so habt ihr ja doch wahrlich bis zu eurer letzten Stunde um nichts anderes gebeten, als um die ewige Ruhe, und um ein ewig leuchtendes Licht, und dass ihr auch am Tisch Abrahams, Isaaks und Jakobs im Himmelreich mögt gesättigt werden und allda Gott von Angesicht zu Angesicht anschauen, welcher da wohnt im ewig unzugänglichen Licht. Wenn euch nun solches alles buchstäblich und getreu geworden ist, wie mag es euch denn unrecht sein?
GS|1|50|3|0|Der redeführende Gast spricht darauf: Lieber Freund! Ich will im Namen der ganzen Gesellschaft zu dir reden, und so wolle uns denn gütigst vernehmen! Wir glaubten auf der Erde alles fest und unbezweifelt, was uns unsere Kirche zu glauben vorstellte, und dachten uns dabei: Wenn wir redlichen Sinnes streng nach der Lehre dieser Kirche wandeln, tätig im Glauben nach der den Glauben lebendig machenden Liebe, da kann es mit uns auf keine Weise gefehlt sein; denn es ward uns ja immer gepredigt, dass diese Kirche nicht irren und fehlen kann, da sie im beständigen Vollbesitz des hl. Geistes wäre. Nun siehe, wir haben zwar richtig alles das erreicht, wie uns die Kirche gelehrt hat, und wie wir es auch immer fest geglaubt haben.
GS|1|50|4|0|Aber leider ging uns erst bei der Erreichung alles des Geglaubten ein anderes Licht auf, und zufolge dieses Lichtes sind wir nun auf die Vermutung gekommen, es müsse irgendwo einen anders gearteten Himmel geben. Denn dieser Himmel, in dem wir uns jetzt befinden, ist ja im buchstäblichen Sinne des Wortes und der Bedeutung nichts anderes als eine allerbarste Gefangenschaft. Was nützt die ewige wohlbesetzte Tafel, was die ewige Anschauung der drei göttlichen Personen, wenn alles dieses durchaus ewighin keinem angenehmen Wechsel unterworfen ist? Und dann erlaube mir, guter Freund, das ewige Sitzen! Dieser Gedanke müsste mit der Zeit ja doch einen jeden noch so unbefangenen Geist zur Verzweiflung treiben!
GS|1|50|5|0|Wir müssen freilich eingestehen, dass einem das Sitzen keinen Schmerz bereitet, wie solches auf der Erde der Fall war. Auch ist es eben nicht unangenehm, sich fortwährend in einer überaus schönen und frommen Gesellschaft zu befinden; auch das Auge wird allzeit beim Anblick der göttlichen Dreieinigkeit alleranmutigst affiziert. Die Speisen und Getränke sind so wohlschmeckend, dass sie dem Gaumen und dem Magen nicht zuwider werden; dann und wann hört man von der großen Tafelgesellschaft auch gar lieblich angenehme Gesänge, welche das Ohr alleranmutigst betätigen.
GS|1|50|6|0|Siehe, solches alles wäre in der Ordnung. Aber zu allem diesem denke dir, lieber Freund, die entsetzliche Ewigkeit hinzu, so muss es dich, wenn du übrigens ein menschlich lebendiges Gefühl in dir trägst, selbst bis in den innersten Grund schaudern. Denn solches ist ja doch, wie man auf der Welt zu sagen pflegte, logisch richtig, dass das Leben eine freie bewegende Kraft ist. Siehe, diese Kraft empfinden wir in uns und sollen aber dennoch trotz dieser lebendigen Empfindung ewig an der Tafel sitzen! Wäre das nicht ein kaum auszusprechender Widerspruch mit dem Begriff des Lebens?
GS|1|50|7|0|Dazu muss ich dir auch noch aus meiner Erfahrung, die ich auf der Welt gemacht hatte, eine Bemerkung hinzufügen, und ich glaube, du wirst das Unnatürliche dieses Himmels hinsichtlich des menschlichen Gefühls gar leichtlich ersehen. Als ich noch auf der Welt als ein junger, lebenskräftiger Mann von etwa dreißig Jahren ledig einherging, da kam mir einst wie durch einen Zufall ein Mädchen unter. Dieses kam mir doch so himmlisch schön vor, dass ich mir in meinem Herzen sagte: Mein Gott und mein Herr! Wenn du mir dieses Mädchen zum Weib werden ließest, so wäre ich damit mehr beglückt, als wenn du mir sogleich den Himmel zum freien Eingang eröffnen möchtest! – Ich habe es mir auch in meinem Herzen selbst sogleich geschworen und sagte: Dieser himmlische Engel muss mir zum Weib werden! – Nach solch einem Schwur bot ich auch alles Mögliche auf, um mich in ihren Besitz zu setzen. Es kostete mich gar viele Mühe und Anstrengung. Aber je mehr ich um diesen irdischen Engel kämpfen musste, desto seliger dachte ich mir dabei immer in meinem Gefühl dessen Besitz, ja, meine Gefühlsphantasie ging so weit, dass ich mir im Ernst vorstellte, wenn dieser weibliche Engel ewig vor mir stände und ich ihn nur stets vom Fuß bis zum Kopf betrachten könnte, so könnte ich mich unmöglich ewig daran satt sehen!
GS|1|50|8|0|Und siehe, nach vielen bitteren, bei zwei Jahre lang andauernden Kämpfen ward dieser weibliche Engel mir wirklich zum Weib. Fürwahr, in der ersten Zeit glaubte ich es mir selbst kaum, dass ich im Ernst der Glückliche sei, der nun mit vollstem Recht zu diesem Engel sagen könne: Mein geliebtes Weib! – Denn ich war zu glücklich. Aber siehe, nach ungefähr zwei Jahren war mir dieser Engel etwas so Gewöhnliches, dass es mir nicht selten eine bedeutende Selbstverleugnung kostete, wenigstens anstands- und ehrenhalber bei ihm zu Hause zu bleiben. Ich war dir anfangs auch in meinem Herzen so eifersüchtig, dass ich mit einem wirklichen Engel des Himmels aufbegehrt hätte, wenn sich dieser gewagt hätte, meinem überhimmlischen Ideal sich zu nähern. Aber nach zwei Jahren, muss ich dir zu meiner eigenen Schande aufrichtig gestehen, war ich nicht selten recht froh, wenn dann und wann mein Ideal des Himmels einige Besuche erhielt, damit ich dabei die Zeit gewann, ein wenig in die göttliche freie Natur hinauszuwandeln.
GS|1|50|9|0|Und siehe, damals schon dachte ich mir: Mein Gott und mein Herr! Wenn es dereinst mit dem Himmel auch eine solche Bewandtnis haben sollte, so wird es eben nicht dem Bedürfnis des Menschen entsprechen. Dennoch aber dachte ich mir dabei: Wenn der Himmel auch ein ewiges Einerlei sein sollte, so wird aber doch Gott die Gefühle des unsterblichen Geistes so modulieren, dass ihm dann das ewige Einerlei dennoch eine ewige unaussprechliche Wonne bereiten wird. Und jetzt habe ich auch den wirklichen Himmel verkostet, und ich sage dir, es geht mir um kein Haar besser; im Gegenteil, noch ums sehr Bedeutende schlechter, als es mir mit meinem irdischen Himmel gegangen ist. Wenn mir der Herr das fatale Gefühl der Langweile, und besonders bei dieser ewigen Aussicht des Einerlei, nicht aus meinem Leib schafft, so wäre es mir wirklich viel lieber, wenn Er mich wieder auf der Erde zu einem ewigen Holzhacker möchte werden lassen. Denn, lieber Freund, noch einmal gesagt, das Gefühl bezüglich der ewigen Dauer alles dessen, was man hier genießt, und nicht die allerleiseste Abwechslung dabei, ist etwas Entsetzliches!
GS|1|50|10|0|Nun urteile nach dieser meiner Notrede und tue da mit uns, was du willst. Zu der Tafel aber lasse ich mich nicht mehr bringen, da kannst du schon machen, was du willst. Eher will ich noch ewig in diesem Garten herumschwärmen, und wenn es mich hungert, mir dann von den Bäumen selbst eine Sättigung herunterlocken; aber, wie gesagt, nur zu der Tafel nicht mehr!
GS|1|50|11|0|Ich muss dir auch sagen, dass mir die Rückerinnerungen an das tätige Leben auf der Erde fürwahr hier noch ein größeres Vergnügen schaffen, als die ganze himmlische Tafel, mit Ausnahme, versteht sich von selbst, der Anschauung der göttlichen Dreieinigkeit, worüber sich zwar freilich auch etwas sagen ließe. Aber der Gegenstand ist zu heilig, und wir sind nicht würdig, uns über denselben näher auszusprechen. Daher beurteile nur dieses und handle danach!
GS|1|51|1|1|Die wahre Dreieinigkeit und das wahre Himmelreich. Über die Sünde wider den heiligen Geist
GS|1|51|1|1|(Am 4. Februar 1843 von 4 3/4 – 7 1/2 Uhr abends.)
GS|1|51|1|0|Der Tafeldiener spricht: Mein lieber Freund! Ich verstehe dich gar wohl, was du mir sagen willst; aber nur begreife ich nicht, warum du bei deinem Leibesleben dir von dem Himmel keine andere Vorstellung machtest und hast doch nicht selten die Briefe des Paulus gelesen. Sage mir, was dachtest denn du dir dabei, als du lasest: „Wie der Baum fällt, so auch bleibt er liegen“? Du zuckst nun mit den Achseln und weißt nicht, was du mir antworten solltest. Ich aber sage dir, dass der Baum gerade eben deinen Glauben bezeichnet und besagt mit anderen Worten nichts anderes als: Wie du glaubst, so wird es dir werden! Denn wie der Glaube ist, also ist auch die Erkenntnis; wie die Erkenntnis, also auch die Anregung zur Tätigkeit aus derselben; wie aber die Anregung zur Tätigkeit, also auch die Liebe, welche aber ist das eigentlichste Leben des Geistes.
GS|1|51|2|0|Siehe, also habt ihr alle an einen Himmel geglaubt, wie er nun vor euch ist, und handeltet auch redlich danach, um diesen Himmel zu erlangen. Und wie also der Baum nach der Fällung aus dem irdischen Leben ins geistige Innewerden zufolge gefallen ist, also liegt er auch. Ich kann euch unmöglich einen anderen Himmel geben, als den ihr euch selbst gegeben habt; denn es steht ja in der Schrift: „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Schaugepränge, sondern es ist innen in euch.“ So ist auch dieser gegenwärtige Himmel eine Ausgeburt eures in eurem Inwendigsten begründeten Glaubens. Was wollt ihr demnach nun machen? Könnt ihr euren Glauben aus euch bringen? Könnt ihr etwa gar Lutheraner werden, oder gar reine Evangelische?
GS|1|51|3|0|Der Gast spricht: Lieber Freund! Davor solle uns die hl. Dreieinigkeit bewahren; denn solches könnte uns am Ende noch gar in die Hölle bringen!
GS|1|51|4|0|Der Tafeldiener spricht: Ja nun, was wollt ihr denn hernach? Es bleibt für euch demnach nichts anderes übrig, als euch für alle ewigen Zeiten der Zeiten hier in der vollkommensten Ruhe zu verhalten.
GS|1|51|5|0|Der Gast spricht: Lieber Freund, wie wäre es denn, wenn wir wieder dort hinab zurückkehren müssten, wo wir nach unserem Tode sogleich angelangt sind? Dort wäre es mir viel angenehmer, und ich wollte daselbst ja alles tun, was mir nur immer möchte anbefohlen werden. Kurz und gut gesagt, gegen eine nur mäßige Kost möchte ich alle Arbeiten zum Frommen anderer verrichten. Solches wäre mir, wie ich empfinde, ums Unbegreifliche angenehmer als das ewige Sitzen hier.
GS|1|51|6|0|Der Tafeldiener spricht: Ja, ja, mein lieber Freund, solches alles begreife ich ebenso gut wie du, aber nur begreife ich nicht, wie ich dir schon früher erwähnt habe, warum du auf der Welt zu keiner besseren Vorstellung des Himmels gelangen mochtest, und das zudem noch, da du dich doch nicht selten in einer ziemlich lang gedehnten Messe in dir selbst ganz entsetzlich gelangweilt hast und passtest nicht selten mit großer Sehnsucht auf das „Ite missa est“.
GS|1|51|7|0|Der Gast spricht: O lieber Freund, ich gestehe es dir, du hast es auf ein Haar erraten; also ist es mir gar oft gegangen. Ich habe solchen Fehler auch allzeit treulich gebeichtet und konnte ihn aber dennoch nicht aus mir hinausbeichten. Der Geistliche hat mir solches als eine boshafte Wirkung des Teufels erklärt, und ich bemühte mich mit großer Selbstverleugnung, das hl. Messopfer mir so angenehm als möglich vorzustellen; aber leider war alle meine Mühe vergeblich. Ich betete zwar alle Gebete aus einem guten Messbuch und unterhielt mich daher während der Messe so gut und so andächtig, als es mir nur immer möglich war. Aber ich konnte es nicht dahin bringen, dass es mir am Ende leid gewesen wäre, wenn das Messopfer zu Ende war, sondern allzeit war ich so ganz heimlich genommen froh, wenn ich wieder aus der Kirche kam. In Sommertagen, wenn es eben nicht zu heiß war und zugleich auch noch eine gute Chormusik das Messopfer begleitete, da ging es noch an; aber, lieber Freund, im Winter, da hab’ ich es, ich muss dich aufrichtig versichern, nicht selten für eine Art sündenreinigendes Fegfeuer betrachtet; also am allerwenigsten für einen himmlischen Grad. Dass ich mir aber auf der Erde dergleichen Einerlei erträglich vorstellte, und so auch die von mir geglaubte Monotonie des Himmels, wie sie uns gelehrt wurde, dürfte wohl darin seinen Grund gehabt haben, dass ich mich mit dergleichen monotonen Vorstellungen aber dennoch in der durch allerlei Erscheinlichkeiten und eigene Tätigkeiten stets abwechselnden Welt befand.
GS|1|51|8|0|Allein hier, wo aller dieser Wechsel wie mit einem Schlag vernichtet ist; hier, wo es keine Nacht gibt, nichts zu tun, ein ewiger Müßiggang, ein fortwährend gleichartiger Anblick, siehe, da fällt einem erst das eigentliche Schale auf. Und daher bitte ich dich, rede du für uns mit Abraham, Isaak und Jakob, sie sollen uns entweder was zu tun geben, oder uns wieder, wie schon früher bemerkt, hinablassen in die untere Gegend, allda wir vielleicht doch möchten etwas zu tun bekommen; denn so halten wir es auf keinen Fall aus.
GS|1|51|9|0|Der Tafeldiener spricht: Aber was verlangst du! Was willst denn du hier tun? Was unten? Habt ihr nicht auf der Erde schon geglaubt und gesagt: Der Herr Gott Zebaoth ist ein allmächtiger Gott und bedarf des Dienstes der Menschen nicht. Nur auf der Welt lasse Er sie aus Seiner großen Erbarmung heraus arbeiten, damit sie sich den Himmel verdienen möchten? Hier in Seinem Reich aber hat es dann mit jeder Arbeit ein Ende! Siehe, das war ebenfalls euer Glaube; was willst du aber hier neben der göttlichen Allmacht tun? Wird diese wohl deines Dienstes bedürfen?
GS|1|51|10|0|Der Gast spricht: O lieber Freund, glaube es mir, ich erkenne nun meinen gewaltigen Irrtum und gestehe es dir offen, dass wir uns samt und sämtlich allhier in einem förmlichen Strafhimmel befinden; denn aus dieser deiner Frage bin ich es nun vollkommen inne geworden. Wenn der Herr uns auf der Erde aus purer Erbarmung hat arbeiten lassen, um uns einen Himmel zu verdienen, so sehe ich es wahrhaftig nicht ein, warum Seine Barmherzigkeit, Seine unendliche Liebe und Güte gerade im Himmel ein Ende nehmen soll.
GS|1|51|11|0|Lieber Freund, ich kenne es dir an der Stirn an, dass du was anderes im Hintergrund hast. Wir bitten dich darum alle inständigst, halte uns nicht länger an und tue kund den wahrhaftigen Willen Gottes! Wir wollen ja alles tun und uns in alles fügen; aber nur zu diesem im buchstäblichen Sinne des Wortes überaus langen und somit auch überaus langweiligen Tisch bringe uns nicht mehr; denn fürwahr, ich für meine Person möchte lieber sterben, wenn es möglich wäre, und somit auch zu sein aufhören, als zu sein gleich einem gefräßigen Polypen auf dem Grund dieses unermesslichen Lichtmeeres!
GS|1|51|12|0|Der Tafeldiener spricht: Lieber Freund und Bruder! Siehe, jetzt erst bist du reif, und ich kann dir und euch allen die Wahrheit kundtun, – und so hört es denn:
GS|1|51|13|0|Dieser Himmel, den ihr hier seht, ist lediglich nichts anderes als eine Erscheinlichkeit eures irrtümlichen Glaubens; die Dreieinigkeit, die ihr seht, stellt den Kulminationspunkt eures Irrtums dar.
GS|1|51|14|0|Wie habt ihr es je denken können, dass drei Götter am Ende doch ein Gott sein sollen?! Dass ein jeder dieser drei Götter etwas anderes verrichte, und dennoch sollen die Drei ganz vollkommen einer Wesenheit und Natur sein? Ferner, wie habt ihr euch können einen müßigen Gott vorstellen, der doch das allertätigste Wesen von Ewigkeit her war? Seht, aus dem Grunde habt ihr euch dann auch ein müßiges ewiges Leben vorgestellt, ohne zu bedenken, dass das Leben eine Tatkraft ist, welche Gott allen Seinen lebendigen Geschöpfen eingehaucht hat aus Seiner ewigen Tatkraft heraus.
GS|1|51|15|0|Hat der Herr auf der Erde nicht gelehrt, dass Er und der Vater vollkommen Eins sind? Hat Er nicht gesagt: „Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater“? Hat Er nicht auch gesagt: „Glaubt ihr, dass Ich im Vater und der Vater in Mir ist?“ Seht, solches alles hätte euch ja doch gar leicht auf den Gedanken bringen können, dass der Herr nur Einer ist und also auch nur eine Person; aber nicht also ein Dreigott, wie ihr Ihn euch vorgestellt habt.
GS|1|51|16|0|Ihr sagt mir hier freilich wohl: Lieber Freund, du weißt ja, wie da unserem Glauben die Fesseln angelegt waren. Wir vermochten ja unmöglich etwas anderes zu erkennen, als das nur, was uns die Kirche unter allerlei Androhungen von ewigen Strafen in der Hölle und im Gegenteil auch wieder unter einer stets unbestimmten Anlobung des Himmels gelehrt hat, und dass sie allzeit hinzugesetzt hat: Kein Auge hat es gesehen, kein Ohr gehört, und in keines Menschen Sinn ist es gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben!
GS|1|51|17|0|O Freunde und Brüder! Solches alles weiß ich gar wohl, dass ihr betrogen und geführt wart in eine große Irre. Darum auch ist der gegenwärtige, euch erlösende Augenblick gekommen, in welchem ihr erst den wahren Gott und den wahren Himmel sollt erkennen lernen.
GS|1|51|18|0|Ihr habt in dem Wort des Herrn gelesen, unter welchen Formen Er das Himmelreich dargestellt hat! Wenn ihr welch immer für eine Form nur einigermaßen genau betrachten wollt, so muss es euch ja wie ein Blitz in die Augen springen, dass der Herr niemals ein müßiges, sondern ein unter allerlei Formen nur überaus tätiges Himmelreich verkündigt hat.
GS|1|51|19|0|Also wendet euch denn nun auch an den alleinigen Herrn Jesus Christus, denn Er ist der alleinige Gott und Herr Himmels und der Erde. Wendet euch aber in eurer Liebe zu Ihm, und ihr werdet sobald in Ihm und aus Ihm in euch die wahre Bestimmung des ewigen Lebens finden und dann allerklarst erschauen.
GS|1|51|20|0|Diese Dreieinigkeit aber muss in euch völlig untergehen, auf dass ihr die wahre Dreieinigkeit, welche da ist die Liebe, Weisheit und daraus ewige Tatkraft in dem alleinigen Herrn Jesus, erkennt!
GS|1|51|21|0|Denkt nicht, dass bei der Taufe Christi eine göttliche Dreipersönlichkeit geoffenbart ward; denn solches alles war ja nur eine Erscheinlichkeit, vom Herrn zugelassen, damit die Menschen dadurch sollten in dem Einen Herrn die volle Allmacht und die volle Göttlichkeit erkennen. Denn damals hat wirklich die Weisheit Gottes, als Sein ewiges Wort aus der ewigen Liebe hervorgehend, das Fleisch angenommen und hieß Gottes Sohn, welches ebenso viel besagt als: Die Weisheit ist die Frucht der Liebe und geht aus derselben hervor wie das Licht aus der Wärme. Und die ersichtliche Gestalt des Geistes Gottes über dem Sohn bezeichnete erscheinlich nur, dass die ewige unendliche Kraft Gottes zwar also wie die Weisheit aus der Liebe gehend, aber dennoch durch die Weisheit wirkt, also wie die Wärme der Sonne im fortgepflanzten Licht die Wirkungen hervorbringt.
GS|1|51|22|0|Wenn ihr nun dieses alles begreift, so werdet ihr es ja auch leichtlich begreifen, dass in dem Herrn, weil das gesamte unendliche Licht der Weisheit, also auch die gesamte unendliche Liebe, wie aus den Beiden die gesamte unendliche göttliche Tatkraft vorhanden sein mussten.
GS|1|51|23|0|Denn also spricht ja auch Johannes: „In Christo wohnt die Fülle der Gottheit“, und spricht eben auch: „Im Anfang war Gott; Gott war das Wort, und das Wort war bei Gott; das Wort ist Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt.“ – Ihr sagt zwar, es stände also: „Im Anfang war das Wort, Gott war das Wort; denn das Wort war bei Gott, und Gott war im Wort.“ Solches ist einerlei; denn Wort und Gott ist eines und dasselbe wie Sohn und Vater. Oder wenn ihr sagt: Wort und Gott, welches ebenfalls eines ist wie Sohn und Vater, da ist nicht eines früher denn das andere, denn Vater und Sohn oder Gott und das Wort oder Liebe und Weisheit sind von Ewigkeit her vollkommen Eins. Daher mögt ihr auch den Text aus Johannes drehen, wie ihr wollt, so hat sein Zeugnis immer einen und denselben Sinn, nämlich, dass der Herr Einer ist, sowohl als Vater, als Sohn und als Geist!
GS|1|51|24|0|Ihr sagt, wie demnach solches zu verstehen wäre, da der Herr die Sünde wider den Vater und den Sohn als nachlässlich darstellte, aber die Sünde wider den hl. Geist nicht? Solches ist ja doch leicht begreiflich; wer da kämpft gegen die göttliche Liebe, den wird die göttliche Liebe ergreifen und wird ihn zurechtbringen, und wer da kämpft wider die göttliche Weisheit, dem wird die göttliche Weisheit das Gleiche tun. Sage mir aber, so es einen Toren gäbe, der da möchte gegen die unendliche göttliche Macht und Kraft sich im Ernst auflehnen, was kann wohl dessen Los sein, als dass ihn die göttliche unendliche Kraft ebenfalls ergreife und ihn verwehe hinaus in die Unendlichkeit, aus welcher er einen gar verzweifelt langen Rückweg haben wird, um sich wieder möglicherweise der Liebe und Erbarmung Gottes zu nähern.
GS|1|51|25|0|Siehe, so tut ja alles dieses nur immer einer und derselbe Herr und erweist sich jedem Menschen wie der Mensch will. Wer es demnach mit Seiner Kraft aufnehmen will, dem wird es der Herr auch zu verkosten geben, wie da schmeckt Seine Allmacht gegen die Ohnmacht eines Geschöpfes! Denke dir aber ja nicht, dass der Herr solch einen törichten Kämpfer verdamme und vernichte; denn solches alles tut der Herr aus Seiner unendlichen Liebe, damit niemand verloren gehe. Solches nun erwägt in euch, und ich will dann wiederkommen und euch führen, dahin, wie ihr es in euch werdet erkannt und gefunden haben!
GS|1|52|1|1|Unterschiedliches Innewerden von vollkommenen und unvollkommenen Geistern. Verirrung durch Skeptizismus
GS|1|52|1|1|(Am 6. Februar 1843 von 4 1/4 – 6 Uhr abends.)
GS|1|52|1|0|Nun seht auch ihr! Die Tafeldiener entfernen sich, und unsere Gesellschaft steckt die Köpfe zusammen. Solches besagt im Geistigen, eines Sinnes werden. Was deliberieren sie wohl jetzt? Nur eine kleine Geduld, wir werden es alsbald vernehmen. Derjenige, der früher mit dem Tafeldiener zumeist gesprochen hat und einst auf der Welt ein Landmann war, dieser wird sich auch jetzt bald hervortun und wird diese ganze Gesellschaft seinen Vorschlag vernehmen lassen. Ihr möchtet ihn wohl schon vernehmen. Ich aber sage euch: Solches kann im Geiste nicht so plötzlich geschehen. Das Innewerden des Geistes in seinem reinsten und vollkommensten Zustand ist zwar für eure Begriffe unglaublich schnell; aber das Innewerden eines unvollkommeneren Geistes ist dafür um desto mühevoller und langsamer. Ihr fragt: Warum denn so? – Solches ist doch sehr leicht zu begreifen; weil der Geist nichts hat, nach dem er greifen könnte, sondern all sein Eigentum ist nur sein Inneres.
GS|1|52|2|0|Der vollkommene Geist hat auch das vollkommene Gute und Wahre in einer endlos großen Überfülle in sich; daher ist auch sein Innewerden in all dem geistig reell Wahren und Guten ein unglaublich schnelles. Der unvollkommenere Geist aber hat nichts in sich denn Irriges. Wenn er nun im Guten und völlig Wahren einen Fortschritt machen soll, so muss er zuerst nach seinem Irrtümlichen greifen, dasselbe in sich als Irrtümliches erkennen, dann das Irrtümliche aus sich hinausschaffen und dadurch dann in eine große Armut versinken, damit er ein wahrhaftiger Armer im Geiste wird. Durch diese Armut oder völlige geistige Begriffsleere wird dann erst der göttliche Funke, welcher da ist das Liebtätigkeitsgute, frei, fängt sich an stets mehr und mehr auszudehnen und sonach die frühere geistige Leere mit einem neuen Licht auszufülle. In diesem Licht dann erst kommt der Geist zu einem stets vollkommener werdenden Innewerden. Und so seht denn, dass es unserer Gesellschaft eine ziemliche Mühe kostet, dieses geschauten Himmelsbildes flottzuwerden.
GS|1|52|3|0|Sie sehen noch immer alles das, was sie im Anfang geschaut haben. Solches aber beurkundet, dass sie ihr Innewerden von rein Wahrem und Gutem noch nicht um vieles geändert haben. Ihr möchtet nun wohl wissen, was davon der Grund sein dürfte, indem der Tafeldiener, wie ihr zu sagen pflegt, dieser ganzen Gesellschaft die Wahrheit doch ganz tüchtig unter die Nase gerieben hat?
GS|1|52|4|0|Ich sage euch, da kommt es oft auf einen kleinen Punkt an; denn alle diese katholischen Himmelshelden sind im Grunde nichts als blinde Skeptiker. Der Skeptizismus aber ist bei dem Menschen das, was der Sportenkäfer [Borkenkäfer] den Bäumen ist; es bedarf nicht mehr als eines einzigen nicht völlig stichhaltenden Punktes. Dieser Punkt wird dann zu einem sich außerordentlich reichlich reproduzierenden schädlichen Wahrheitsinsekt, das am Ende ganze große Wälder von Bekennt- und Erkenntnisbäumen verdirbt.
GS|1|52|5|0|Ihr fragt hier und sagt: Lieber Freund, worin besteht denn dieser gefährliche Punkt bei dieser Gesellschaft? – Ich sage euch, dieser Punkt ist an und für sich zwar kaum beachtenswert. Aber der Skeptiker, der alle Fasern des Lebens- und Erkenntnisbaumes benagt, setzt diesen unbedeutenden Punkt unter ein überaus vergrößerndes Mikroskop und entdeckt dann in diesem unscheinbaren Punkt ganze Berge von Unebenheiten, welche sich dann mit der natürlich geschauten Oberfläche des lebendigen Holzes freilich wohl nicht vereinbaren lassen.
GS|1|52|6|0|Die Ursache aber liegt darin, weil diese Skeptiker mit ihrem Verstandesmikroskop nun beständig auf diesem unbedeutenden Punkt herumreiten; aber keinem fällt es bei, das Mikroskop ihres Verstandes über die Grenzen dieses Punktes zu richten, auf dass sie dadurch erschauten, wie sich dieser ihnen gar so uneben vorkommende Punkt mit dem anderen Lebensholz verbinde.
GS|1|52|7|0|Damit ihr aber nun seht, worin dieser Punkt besteht, so mache ich euch darauf aufmerksam, dass nämlich der Tafeldiener dem außen nach die angeführten Schrifttexte etwas durcheinandergeworfen hat. Eine Korrektur habt ihr gleich während der Unterredung vernommen. Der Tafeldiener aber hat scheinbarerweise einen Text aus dem Paulus genommen und ihn vom Johannes ausgesagt. Da aber der Redner dieser Gesellschaft und noch einige in der Schrift so ziemlich bewandert sind, so ist ihnen solches bald aufgefallen, und das ist denn auch zuallermeist der Grund, warum sie ihre Köpfe zusammengesteckt haben.
GS|1|52|8|0|Und unser Redner hat ihnen sogleich heimlich bemerkt und gesagt: Meine lieben seligen Freunde! Wenn dieser Tafeldiener so in der göttlichen Wahrheit recht zu Hause wäre, da hätte er doch wohl nicht leichtlich den Paulus mit dem Johannes verwechselt. So aber hat er offenbar etwas von Johannes ausgesagt, was nur der Paulus gesprochen hat, – und dieser Punkt ist mir genug, zu glauben, dass dieser unser Tafeldiener in der eigentlichen göttlichen Wahrheit nicht zu Hause ist; und so dürfte es wohl mit allem, was er gesprochen hat, einen sehr bedeutenden Anstand haben.
GS|1|52|9|0|Ich bin daher der Meinung, dass dieser Himmel zwar vollkommen ein wahrer Himmel ist. Nur was es da mit der Tafelgefangenschaft nach der Erzählung und Beweisung ebendieses Tafeldieners für eine Bewandtnis hat, da meine ich, solches sei ebenfalls auch nur eine stark in den blauen Dunst gegriffene Mutmaßung desselben. Wir sind frei und können zur Tafel gehen, wann wir wollen, können uns aber auch in diesem sehr großen Garten herumbewegen wie wir wollen. Und ich bin der Meinung, jener überaus große und herrliche Palast dort hinter der großen und langen Tafel wird uns wohl auch zur Besichtigung und vielleicht gar zur Bewohnung freistehen; denn der Herr hat ja gesagt: „In Meines Vaters Reich sind viele Wohnungen!“ Also kann es ja auch in diesem überaus großen Palast eine Unzahl von Wohnungen geben; oder es kann noch gar wohl eine Unzahl von solchen Palästen weiterhin vorhanden sein. Daher meine ich, wir sollten unseren in der Heiligen Schrift bewanderten Tafeldiener gar nicht mehr abwarten, sondern uns nach unserem freien Gutdünken und Wohlbehagen sogleich gegen den großen Palast hinziehen. Denn hier sind wir ja nicht mehr imstande, zu sündigen, sonach können wir ja auch tun, was wir wollen.
GS|1|52|10|0|Denn es ist doch sicher besser, mit klarem Bewusstsein schon im Himmel zu sein, als nach der etwas stark gesuchten Meinung unseres Tafeldieners in einen wahrhaften Bauernhimmel zu kommen. Sollte das nicht der richtige Himmel sein, was könnten wir wohl dafür, wenn uns auf der Welt nie ein anderer gezeigt worden ist. Und wenn es, wie wir es auf der Welt gelernt haben, hier überaus gerecht zugehen soll, was auch unbezweifelt sicher der Fall ist, so möchte ich denn doch wohl einsehen, aus welchem Grunde wir eine Zeit lang mit einem falschen Himmel gefoppt werden sollten. Denn wir haben ja doch allzeit an einen rechten und wahrhaftigen, nicht aber an einen Fopp- und Scheinhimmel geglaubt. Solches wäre ja auch, wahrhaftig, sogar infam von uns, so wir es Gott zumuten sollten, dass Er uns mit diesem Himmel nur foppe und zum Besten habe. Und so denn ziehen wir uns nur ganz mutig vorwärts!
GS|1|52|11|0|Seht ihr nun, wie dieser Punkt von einem Sportenkäfer [Borkenkäfer] den ganzen früheren Wald von guten Erkenntnissen angegriffen hat; und unsere Skeptiker sind wieder ganz in ihren früheren Irrtum übergegangen. Ihr fragt hier freilich und sagt: Ja, warum hat denn der Tafeldiener solches getan? – Ich sage euch: Der Tafeldiener hat im geistigen Sinne richtig gesprochen; aber unsere irrtümlichen Skeptiker haben ihr Verstandesmikroskop nicht über den Zweifelspunkt weggerückt, damit sie die guten Nebenverbindungen hätten zu erkennen vermocht.
GS|1|52|12|0|Ihr werdet bemerkt haben, dass der Tafeldiener den Text des Apostels Paulus nicht völlig ausgesprochen und den Begriff „wesenhaft“ weggelassen hat. Seht, das ist ein gar wichtiger Verbindungspunkt. Dieser Verbindungspunkt aber ist es ja eben auch, der dieser ganzen Gesellschaft mangelt; und solcher Verbindungspunkt besagt eben die tätige Liebe aus dem reinen Glauben an den alleinigen Herrn.
GS|1|52|13|0|Nun seht weiter, der ganze Johannes, welcher besagt das innere lebendige Wort oder die Liebe zum Herrn, fasst sich im himmlischen Sinne in dem vom Tafeldiener ausgesprochenen Text zusammen und gibt das richtige Licht hinsichtlich des Herrn allein.
GS|1|52|14|0|Paulus aber fasst dieses Licht lebendig in sich auf, welches ist die Liebe des Herrn im Johannes. Aus dem Grunde spricht dann auch Paulus: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“ Also ist der vom Tafeldiener angeführte Text vollkommen aus dem ganzen Johannes und kann nicht vom Paulus sein, weil dieser ganzen Gesellschaft noch das Wesenhafte der Liebe zum Herrn mangelt. Was den ferneren Verfolg dieser wichtigen Abhandlung betrifft, wollen wir an der Seite der Gesellschaft nächstens betrachten.
GS|1|53|1|1|Sturz aus dem Scheinhimmel
GS|1|53|1|1|(Am 7. Februar 1843 von 4 1/4 – 7 1/4 Uhr abends.)
GS|1|53|1|0|Nun seht, die gesamte Gesellschaft setzt ihren Entschluss ins Werk und zieht sich längs der Mauer hin gegen den Palast. Aber nun gebt Acht, es wird sich sobald eine Hauptszene erheben, denn diese Gesellschaft wird bald auf eine Kluft stoßen, welche sich ganz gegen die Tafel hinzieht. Über diese Kluft wird niemand imstande sein seine Füße zu setzen; wenn aber jemand in die Kluft hinabsehen wird, so wird ihm da ein ganz entsetzlich tiefer und finsterer Abgrund entgegenstarren.
GS|1|53|2|0|Nun seht, die Gesellschaft nähert sich schon diesem besagten Punkt. Der beredte Anführer ist der Erste. Noch wenige Schritte, und seht – er prallt schon zurück und schreit: Aber um Gottes willen, was ist denn das? Da seht nur einmal her; das ist ja ein Abgrund wie schnurgerade in die Hölle hinab! Nein, wenn ich mit unserem Tafeldiener wieder zusammenkomme, dem will ich’s aber doch auf eine allerverständigste Weise bekanntmachen, wie gründlich er in dieser himmlischen Geographie bewandert ist. Hat er nicht früher erklärt, als er hinter mir noch an der Tafel den Wolkenboden etwas aufgerührt hatte, dass dieser große Gartenboden allenthalben gleich fest ist? Und nun sehen wir zu unserem größten Erstaunen diese ganz entsetzliche Kluft hier!
GS|1|53|3|0|Ein anderer aus der Gesellschaft tritt zum Redner hin und sagt mit ganz weise tuender Miene: Bruder, werde nicht so laut, denn sonst könnte dir der Tafeldiener auch sagen, dass du ganz schwach in der Heiligen Schrift bewandert bist. Siehe, da weiß ich mir wieder besser Rat zu schaffen. Das ist sicher diejenige Kluft, durch welche einst der reiche Prasser in der Hölle mit Abraham im Himmel gesprochen und ihn um einen Tropfen Wasser gebeten hat und noch um anderes mehreres. Diese Kluft ist aber demnach sicher zu einem ewigen Gedenkzeichen belassen worden. Und da wir über diese Kluft nicht hinüberkönnen, was für uns selige Geister freilich etwas sonderbar klingt, so gehen wir wieder unseren Weg zurück und schleichen uns so ganz unvermerkt wieder zur Tafel hin.
GS|1|53|4|0|Der frühere Redner spricht: Bruder, du hast nicht unrecht; es wird sicher also sein, und so bin ich auch wie wir alle entschlossen, deinem Rat zu folgen. – Nun seht, die Gesellschaft wendet sich wieder um und zieht sich zurück. Aber seht hier einen abermaligen, sehr fatalen Umstand. Es hat sich auch hinter ihnen eine Kluft gebildet, und so steht nun unsere arme Gesellschaft wie zwischen zwei Feuern und hat kaum eine einige Klafter breite Landzunge, auf welcher sie sich hin zur Tafel bewegen kann.
GS|1|53|5|0|Aber nun hört unseren Hauptredner, was er da spricht beim Erblicken der zweiten Kluft. Seine Worte lauten: Oho, um des Herrn willen! Was ist denn das für eine himmlische Spitzbüberei? So geht’s im Himmel zu? Das ist nichts anderes als eine geheime Bosheit von unserem löblichen Tafeldiener. Der wird von irgendeinem heimlichen Versteck aus unsere Unterredung belauscht haben, hat dann durch was immer für ihm zu Gebote stehende geistige Zaubermittel diese Abgründe gebildet, und wir stehen jetzt da, wie ein Sprichwort auf der Erde gesagt hat, gleich den dummen Ochsen am Berg. Er lässt sich aber auch gar nicht blicken; ich meine, er muss den Braten von unserer Seite schon von ferne riechen. Wahrhaftig wahr, wenn der Schlingel jetzt daherkäme, ich könnte mich sogar mit meinen himmlischen Armen an ihm vergreifen! Diese zwei Abgründe hier, es ist ja etwas Entsetzliches! Wenn wir nicht so vorsichtig wären, so läge sicher schon einer oder der andere, Gott weiß wo, da unten! Meine lieben Freunde, spricht er weiter, und nun himmlischen Brüder und Schwestern! Ich habe es zuerst ausgesprochen und bleibe auch ganz fest dabei, dass dieser ganze Himmel nichts anderes als eine Fopperei ist. Der Tafeldiener hat uns alle gefoppt, mit unserer Spazierreise sind wir gefoppt, und somit sind auch alle unsere irdischen himmlischen Hoffnungen gefoppt. Es ginge jetzt nichts ab, als noch so ein kleiner Abgrund über die Quere, und wir alle säßen im allerschönsten himmlischen Pfeffer!
GS|1|53|6|0|Ein anderer spricht zu ihm: Bruder, Bruder, rede nicht so laut! Hast du nicht gehört auf der Erde das alte Sprichwort: „Wenn man den Wolf nennt, so kommt er gerennt!“ Hat sich unser Tafeldiener schon diesen Doppelspaß mit uns erlaubt, so könnte es ihm auch sehr leicht beifallen, auch noch einen Strich über unsere Tafelrechnung zu machen. Daher ist meine Meinung, wir sollten uns ganz ruhig und demütig auf dieser Landzunge hin zur Tafel ziehen, sonst könnte es sehr leicht geschehen, dass uns allen hier ein kleiner himmlischer Hungerarrest gegeben würde. Denn ich bin der Meinung: wenn man im Himmel so ganz eigentlich auch nicht sündigen kann, so aber dürfte eigenmächtig zu handeln vielleicht doch wohl auch nicht ganz recht sein. Und so wäre es ja leicht möglich, dass es im Himmel für himmlisch ungehorsame Geister auch vielleicht eine Art himmlischer Strafen gibt, von denen freilich wohl kein Sterblicher etwas weiß, weil, wie du und ihr alle wisst, wir auf der Erde eben vom Himmel durchaus nichts Bestimmtes je haben erfahren können und müssen daher erst hier mit den Einrichtungen desselben näher vertraut werden. Ich bin der Meinung, wir sollten hier im Angesicht der allerheiligsten Dreieinigkeit eine kleine Reue erwecken, damit uns solch unser Vergehen möchte verziehen werden.
GS|1|53|7|0|Der Hauptredner spricht: Lieber Bruder! Du hast eben nicht unrecht; aber mir kommt es hier vor, wie da einmal die alten Römer von einer sogenannten Szylla und Charybdis fabelten, und so bin ich der Meinung, bei dieser Gestaltung des Himmels wird auf keiner Seite gar viel zu gewinnen sein. Müssen wir hier verbleiben, so steht uns offenbar ein ewiger Hunger bevor, und gelangen wir zum Tisch, so heißt es allda wieder ewig sitzenbleiben und ewig essen und trinken. Daher meine ich, wer von euch Lust hat, wieder zur Tafel zurückzukehren, der versuche immerhin sein Glück, vorausgesetzt, dass er auf keine Querkluft stößt, ich aber bleibe hier und gehe eher um keinen Schritt weiter, bis nicht der Tafeldiener, wie er es versprochen hat, hierherkommt und mir die genügendste Auskunft über diese unsere Verkluftung gibt.
GS|1|53|8|0|Nun seht, ein Teil fängt an, längs der Zunge sich fortzubewegen und geht auch ohne Anstand weiter. Jetzt aber kommt auch unserem Hauptredner ein nachträglicher Appetit, der anderen Gesellschaft nachzuziehen. Er fängt nun auch an mit der bei ihm verbliebenen Gesellschaft sich vorwärtszubewegen. Aber seht, er findet auch richtig den zum Voraus berechneten Querstrich, über den er nicht zu springen vermag. Aber nun hört, wie dieser Himmelsbewohner aus allen Kräften über diese himmlische Einrichtung loszuziehen anfängt und spricht: Nun, da haben wir’s! Wie ich mir’s gedacht habe, das ist ja ein Himmel, wie man sich ihn nicht besser wünschen kann. Meine lieben Brüder und Freunde, sind das die sogenannten himmlischen Freuden? Ich muss es aufrichtig gestehen, solange ich auf der Erde gelebt habe kann ich mich nicht erinnern mich je in einer größeren und allerfatalsten Verlegenheit befunden zu haben als gerade jetzt im Ort der Seligkeit.
GS|1|53|9|0|Nein, wenn ich nun allerklarst zurückdenke, was alles ich auf der Erde getan habe, um diesen Himmel mir zu verdienen, wie oftmal ich gefastet habe, wie viel hundert, ja tausend Rosenkränze gebetet, wie viele Messen gezahlt und bei wie vielen selbst allerandächtigst zugegen gewesen, wie viele Arme, als selbst ein armer Bauer, ich durch mein ganzes Leben hindurch gespeist habe! Ja, ich muss es aufrichtig gestehen, dass ich mir auf der Erde für diesen Himmel förmlich die Haut vom Leibe habe ziehen lassen. Und nun genieße ich und ihr alle den vielversprechenden Lohn, nämlich auf diesem von drei Abgründen begrenzten Quadratfleck, von welchem aus wir zwar wohl die hl. Dreieinigkeit anschauen können bis zum Augenvergehen; dabei aber dürfen wir uns nicht einmal rühren, sonst liegen wir bald drunten, Gott weiß wo! Es ginge jetzt nichts ab, als dass noch dieses bisschen himmlisches Landquadratel nach und nach sich so in den Abgrund hinunterzusenken beginnen möchte. Da bliebe uns doch bei Gott nichts anderes übrig, als entweder auf gerad oder ungerad mit hinabzusinken, Gott weiß, wohin; oder wir müssten uns nolens volens auf die Mauer hinaufbegeben und auf derselben zwischen zwei Abgründen reiten, vorausgesetzt, wenn die Mauer nicht etwa auch einen Mitrutscher machte. Nein, liebe Freunde! Wenn ich jetzt zurückdenke, welchen wahrhaftigen Millionenweg uns, wie wir in der geistigen Welt angekommen sind, der Priester, mir schon immer etwas verdächtigerweise, geführt, und welche Anstrengung es uns gekostet hat, bis wir die goldene Himmelspforte erreicht haben, da möchte ich gerade vor lauter Ärger zerspringen; denn dort unten ist es uns ja doch um eine ganze Million besser gegangen denn hier!
GS|1|53|10|0|Seht, soeben zupft ein anderer unseren Redner und zeigt ihm mit dem Finger hin auf die Querkluft und macht ihn eben darauf aufmerksam, wie soeben ein bedeutendes Stück sich hinabgesenkt habe. Unser Hauptredner zieht sich etwas zurück und spricht in einem sehr verlegenen Ton: Nun, was hab ich denn gesagt, es wird noch sicher zur Mauerreiterei kommen! Fürwahr, wenn ich nicht mit Bestimmtheit wüsste, und das zwar zufolge meines eisenfesten Glaubens, dass man vom Himmel denn doch sicher nicht mehr etwa gar in die Hölle hinabgeworfen werden kann, so müsste ich bei diesem meinem armseligen himmlischen Leben behaupten, es ist hier alles zu einer solchen löblichen Fahrt auf das Zweckmäßigste vorbereitet. Ich meine, wir sollten uns lieber sogleich über die Mauer hermachen, denn man kann denn doch nicht wissen, wie viel Flächenraum eine allfällige zweite Einbruchsportion haben könnte. Sind wir aber auf der Mauer, da rutschen wir längs derselben noch rückwärts fort, bis wir aus diesem fatalen Quadrat draußen sind, und sehen dann bis zur Ausgangspforte des Himmels zu gelangen, durch welche wir dann den uns schon bekannten Millionsweg wieder zurückmachen werden. Gott gebe uns nur so viel Erbarmung und Glück, dass uns die Mauer keine Fatalitäten spielt. Und so bin ich der Meinung, werden wir uns noch wohl mit heiler Haut aus dieser Verlegenheit zu ziehen imstande sein.
GS|1|53|11|0|Seht, auf diese Rede zieht sich alles eilig zu der Mauer. Die Mauer wäre erreicht, aber sie ist unglücklicherweise doch etwas zu hoch, dass sie erstiegen werden könnte. Daher legt unsere Gesellschaft nun ganz natürliche Leitern an und nimmt gewisserart die Mauer im Sturm ein.
GS|1|53|12|0|Sie hätten sich glücklich hinaufgebracht; wie aber der letzte Mann hinaufgezogen ward, da fing die Mauer an, sich einzubiegen und unser Hauptredner spricht: Liebe Freunde, den Mut nicht verloren! Gott dem Herrn alle Ehre! Nun soll’s gehen, wo es hingehen will; jetzt ist mir schon alles eins! Denn ich ersehe es jetzt ganz klar, dass mit der alleinigen Ausnahme der göttlichen Dreieinigkeit, die wir noch immer sehen, dieser ganze Himmel eine reine Lumperei ist; denn unser ehrsamer Tafeldiener lässt sich gar nicht mehr blicken, obschon er uns solches ganz treu versprochen hat, und lässt uns jetzt in dieser allergrößten himmlischen Not sitzen. Und da seht nun, unser halb hängendes Stück Mauer hat sich nun auch losgerissen, und wir fahren damit hinab, Gott weiß, wohin!
GS|1|53|13|0|Nun fahren aber auch wir mit und belauschen unseren Redner noch während der Fahrt. Seine Gesellschaft macht eine ganz verzweifelte Miene; nur unseren Redner will sein guter Humor noch nicht verlassen. Er tröstet daher seine mitfahrende Gesellschaft, so gut er nur immer kann, und spricht: Macht euch nichts daraus, liebe Brüder; der Herr will ja immer des Menschen Allerbestes. Wir können nicht wissen, für was diese Fahrt gut ist. Vielleicht werden wir jetzt bei dieser Gelegenheit eine wahrhafte, überaus geistig interessante Himmelsreise machen, werden vielleicht bei dieser Gelegenheit mit dem sicher viel tiefer unten liegenden gestirnten Himmel eine nähere Bekanntschaft machen und vielleicht trifft sich’s, dass wir gar auf eine fremde schöne Welt stoßen. Ich sage dabei: Des Herrn Wille geschehe! Totschlagen können wir uns nicht; es wird uns vielleicht besser gehen als in dem Himmel da oben. Es wäre freilich sehr fatal, wenn wir so etwa gar die ganze Ewigkeit hindurch fallen müssten, aber solches ist doch wohl kaum anzunehmen; denn da müsste selbst die von uns allen noch immer sichtbare Dreieinigkeit bloß eine geistig meteorische Erscheinung sein. Wir müssen aber schon schön tief unten sein; denn das ganze Bild der Dreieinigkeit wird schon ganz verzweifelt klein. Nein, liebe Freunde, fürwahr, es sei wie es denn wolle, aber ich bin doch ganz entsetzlich neugierig, wohin wir mit der Gelegenheit dieser geistigen Luftreise kommen werden.
GS|1|53|14|0|Seht, einer aus der Gesellschaft bemerkt dem Redner soeben, dass er zuunterst in großer Tiefe ein unermessliches Gewässer entdecke. Der Redner bemerkt denn solches auch und spricht: Bei solcher Unterlage wird uns unser Stück Mauer sicherlich keinen bedeutenden Schutz gewähren; aber ich mache mir einmal gar nichts daraus, denn unter solchen Bedingungen bin ich wahrlich alles Lebens satt! Und so geschehe denn, was wolle; Wasser oder kein Wasser, das ist mir gleich! – Und nun seht, die ganze Gesellschaft erreicht nun die Oberfläche des Wassers, und ihr Stückchen Mauer verwandelt sich in einen Nachen, und die ganze Gesellschaft befindet sich nun unbeschädigt in diesem Nachen. Ein Wind fängt an zu wehen; der Nachen bewegt sich über die Wogen.
GS|1|53|15|0|Und nun seht, in der Richtung zwischen Morgen und Mittag taucht soeben, wie aus den Fluten emporsteigend, ein herrliches und weit gedehntes Land auf; und unser Redner spricht zu seiner Gesellschaft: Ich habe es euch ja gesagt, dass wir an dem obigen Himmel nicht viel verloren haben. Gott dem Herrn alles Lob und allen Dank für diese wunderbare Rettung! Auch unserem sauberen Tafeldiener sei’s verziehen. Wenn ich aber wieder einmal mit ihm zusammenkommen sollte, so will ich ihm denn doch eine kleine Lektion in dem jüdischen Levitendienst geben! – Nun seht, der Nachen naht sich dem Land. Aber seht noch genauer, dort am Ufer erwartet soeben unser wohlbekannter Tafeldiener unsere schnellsegelnde Gesellschaft. Auch unserem Redner muss er anfangen bekannt zu werden, denn er sendet ganz erstaunte Blicke ans Ufer. Was da weiter folgen wird, werden wir das nächste Mal in Augenschein nehmen!
GS|1|54|1|1|Befreiung von dem Scheinhimmel
GS|1|54|1|1|(Am 8. Februar 1843 4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|54|1|0|Nun seht, nachdem sich das Fahrzeug stets mehr und mehr dem Ufer nähert, so erkennt auch unser Hauptredner seinen sich wohl gemerkten Tafeldiener stets mehr und mehr, und wendet sich darum an seine Gesellschaft und spricht zu ihr: Da seht einmal hin, wenn das nicht unser sauberer Tafeldiener ist, so ist unsere feuchte Unterlage kein Wasser. Oh, er ist es; sein ganzes Benehmen, sein Gesicht, seine langen blonden Haare; kurz und gut, je näher wir ihm kommen, desto ungezweifelter erscheint er meinem Auge als solcher zu sein! Wenn ich jetzt nur so eine kleine Allmacht hätte, ich wollte ihm doch so recht nach meiner Herzenslust ein kleines Donnerwetter auf den Hals schicken. Kann ich aber schon solches nicht, so sollen ihn doch wenigstens, wenn wir völlig beisammen sein werden, einige ausgesuchte Zungenblitze aus meinem Mund treffen. Denn das glaube ich denn doch nicht, dass in diesem Geisterreich, das heißt dort oben in dem verdächtigen Himmel und da unten auf diesem Land, zwei sich auf ein Haar gleichsehende Geister sich vorfinden sollten. Wir wollen daher auch nichts dergleichen tun, als wenn wir ihn schon einmal gesehen hätten, sondern nur abwarten, was er vielleicht selbst bei unserer völligen Annäherung ans Ufer reden wird. Sollte er etwa nichts dergleichen tun, so werde dann schon ich mich mit ihm erkundlich zu schaffen machen und sicher herausbringen, ob er der Tafeldiener ist oder nicht. – Ein anderer aus der Gesellschaft aber spricht zum Hauptredner: Höre, Freund, ich setze den Fall, es ist dieser offenbar auf uns harrende Geist der uns bekannte Tafeldiener, da bin ich einer ganz anderen Meinung als du, mein lieber Freund und Bruder. Siehe, es war ja ohnehin dein und unser aller Wille, aus dem obigen Sitz-, Fress- und Gaff-Himmel zu kommen; der Tafeldiener hat dir meines Wissens solches auch zugesichert. Dass er gerade oben nicht mehr zu uns gekommen ist, das wundert mich gar nicht, denn erlaube mir: erstens hast du gleich bald nach seinem Weggehen von uns hinsichtlich des fälschlichen Textes über ihn loszuziehen angefangen, zweitens hat keiner von uns – aus eben dem Grunde – seinen Vorschlag, wie wir uns hätten verhalten sollen, berücksichtigt. Dass er uns darob hat ein wenig zappeln lassen und in eine freilich wohl überaus starke Verlegenheit gesetzt, das finde ich hinsichtlich unserer wahrhaften Brutalität gegen ihn für nichts mehr und nichts weniger als vollkommen billig. Da wir aber so höchst wunderbar und überaus wohlbehalten gerettet worden sind, und das sicher durch niemanden als durch ihn, so bin ich der Meinung, wir sollten mit unserem Donnerwetter, unserer Zungenblitzerei und der Erkundigungsschlauheit so hübsch fein zu Hause bleiben. Denn sonst könnte es ihm etwa einfallen, unserer noch einmal zu vergessen, und dieses uns nun sehr nahe Land ebenfalls so locker zu machen als wie das dort oben im Himmel.
GS|1|54|2|0|Der Hauptredner spricht: Mein schätzbarster Freund und Bruder! Du hast im Ernst nicht unrecht; ich war nur ein wenig hitzig, aber deine Rede hat mich jetzt vollkommen nüchtern gemacht. Es könnte dieser Tafeldiener ja sehr leicht ein verkappter Engel sein, obschon ich bei ihm noch keine Flügel gesehen habe, welche er wohl sehr leicht unter dem Kleid verborgen haben kann. Und wenn er so etwas wäre – die heilige Dreieinigkeit stehe einem bei! – da müssten wir doch schon ganz entsetzlich das Kürzere ziehen, denn so ein Engel soll ganz entsetzlich stark sein. Ich habe mir’s einmal von einem recht frommen Geistlichen erzählen lassen, dass so ein Engel, mit seiner überaus großen Stärke, die ganze Erde gar leicht mit einem großen Flammenschwert auf einen Hieb entzwei hauen könnte. Wenn wir ihm daher hier etwas grob entgegenkämen, wie leicht möglich wäre es da wohl, dass er unter seinem Rock nebst seinem Flügelpaar auch so ein wohlgenährtes flammendes Schwert besäße. Ich will nicht weiterreden, was er damit gegen unsere entsetzliche Schwachheit alles auszuführen imstande wäre.
GS|1|54|3|0|Der andere spricht: Ja, ja, lieber Freund und Bruder, in diesem Punkt hast du wieder ganz recht. Wenn er auch in der Heiligen Schrift nicht eben zu sehr bewandert zu sein scheint, so kann er aber deswegen doch ein wirklicher Engel sein; und so denn wollen wir uns ihm ja ganz demütigst nahen.
GS|1|54|4|0|Ein dritter aus der Gesellschaft bemerkt und sagt: Hört Brüder! Drei Köpfe und sechs Augen sehen mehr als einer mit zwei Augen. Ich bin der Meinung, wir sollten auch hinsichtlich der Heiligen Schrift und der Textverwechslung, oder vielmehr der Namensverwechslung bei der Kundgabe eines Textes, durchaus kein Aufheben machen. Denn was wissen denn wir, wie die himmlischen Geister, und ganz besonders die Engel, das göttliche Wort innehaben, wie sie es lesen und wie sie es verstehen. Es könnte ja auch sehr leicht sein, dass der Johannes solches von Christo ausgesagt habe, hat es aber entweder selbst nicht aufgezeichnet oder es ist durch die vielen Überlieferungen so wie ein ganzer Brief des Paulus meines Wissens für die Welt rein verloren gegangen. Im Himmel aber wird dergleichen sicher nicht verlorengehen. Also meine ich, wie schon gesagt, wir sollen in dieser Hinsicht mit unserer Unwissenheit eben nicht zu viel Rühmens machen. Denn ich war auf der Welt, wie ihr wisst, selbst ein Geistlicher und sogar Doktor der Theologie und habe als solcher in dem hl. Buch wohl manche Lücken gefunden, habe mich aber damit vertröstet: wären dergleichen sicher abgängige Stellen für das Heil der Menschen unumgänglich notwendig, so hätte es der Herr auch nie zugelassen, dass sie wären verlorengegangen. Und ferner dachte ich dabei, dass sich dergleichen Stellen einst im Himmel zu einem höheren geistigen Zweck allerreinst vorfinden lassen werden. – Seht, der Hauptredner und auch alle anderen sind mit diesem Vorschlag völlig zufrieden.
GS|1|54|5|0|Nun aber ist auch unser Fahrzeug völlig ans Ufer gestoßen und die ganze Gesellschaft, über hundert Köpfe stark, begibt sich aufs Land, und der ihrer harrende Tafeldiener geht der ganzen Gesellschaft mit offenen Armen entgegen. Unser Hauptredner geht überaus ehrerbietig zu ihm hin und sagt: Bist du es, oder bist du es nicht? – Der Tafeldiener spricht: Ja, ich bin es! Und wir sind hier wieder zusammengekommen, wie ich es dir schon oben habe zu erkennen gegeben. Du hast mit deiner Gesellschaft die von mir vorgeschlagenen Bedingungen nicht gehalten, also konnte auch ich die meinigen nicht halten nach dem Maß, wie ich es dir habe zu erkennen gegeben, und das zwar aus diesem Grunde, weil du dein Maß verrückt hast. Dennoch aber wollte ich dich freimachen von deinem Irrhimmel; also musste ich denn nach deinem verrückten Maß auch einen verrückten Weg einschlagen, um dich und diese ganze Gesellschaft aus dem Scheinhimmel zu bringen.
GS|1|54|6|0|Du fragst mich nun, was denn ein solch sonderbarer Weg in seiner höchst wunderbaren Weise bezeichne, und fragst noch ferner, was der offenbare Widerspruch zwischen der von mir dir an der Tafel gezeigten Festigkeit und dem dann aber doch bald erfolgten örtlichen förmlichen Einsturz des Himmels bezeichne? Denn im naturgemäßen Sinne wäre solches eine offenbare Prellerei. Ich sage dir, solches alles hat einen mit eurem Inwendigen ganz vollkommen übereinstimmenden Sinn; denn als ich dir noch an der Tafel deines Himmels Festigkeit zeigte, da zeigte ich dir nichts anderes als deine noch feste Begründung in der Irrtümlichkeit deines Himmels.
GS|1|54|7|0|Da du aber in meiner Nähe das Unzulängliche und völlig allerwiderlichst Törichte deines Himmels zu verspüren anfingst, da hobst du dich vom Zentrum deines Irrtums und flohst mit vielen, die, heimlich auch von mir angeregt, deiner Ansicht waren. An weiter Grenzmarke deines Irrtums zeigte ich dir alles, was dich noch an deinen törichten Himmel fesselte. Solches hättest du beachten sollen, du aber bliebst noch selbst an der Grenze deines Irrtums fest an selbem hängen und mochtest nicht begreifen, was ich zu dir gesagt habe. Darum wolltest du denn auch in deinem Irrtum vorwärtsschreiten. Nicht ich, sondern das Wort, das ich zu dir geredet habe, hat aber, trotz deines Fortschreitenwollens, deinen Irrtum gelockert und zerriss ihn an mancher Stelle, durch welche du gar leicht den völligen Ungrund deines Scheinhimmels zu erschauen vermochtest. Ja, am Ende hat dich mein Wort ganz gefangengenommen. Die noch zu Schwachen trennte es durch eine neue Kluft von dir, und du warst somit, wie besagt, vollends ein Gefangener.
GS|1|54|8|0|Da dadurch dein Irrtum stets mehr und mehr einzusinken begann, so flohst du mit deiner Gesellschaft auf die Mauer. Diese Mauer war das in dir zwar haftende, aber in allen Teilen gänzlich unverstandene göttliche Wort. Daher hatte sie für dich und deine Gesellschaft auch keine Tragfestigkeit. Sie trennte sich scheinbar und fiel mit euch herab in die Tiefe, das heißt, das Wort, welches bis jetzt nur euren Verstand beschäftigte, fiel zu einem kleinen Teil in die lebendige Tiefe eures Herzens. Ihr ersaht da gar bald ein großes Gewässer unter euch, welches euch zu verschlingen drohte. Aber dieses Gewässer war nichts anderes als die erschauliche Erkenntnisweisheit, welche in diesem geringen Teil des Wortes, das in deine Tiefe fiel, verborgen ist. Mit dieser Wortmauer in deinem Herzen erreichtest du bald das große, lichte Erkenntnismeer, und das Wort ward dir, wie euch allen, zu einem sicheren Träger über die unendlichen Fluten der göttlichen Weisheit, welche da verborgen ist auch nur in diesem kleinen Wortteil. Als du in dir das Wort heimlich stets mehr und mehr aufnahmst, so trug dich dasselbe nach dem Grad deiner Aufnahme einem festen Lebensufer näher und näher. Und nicht eher hättest du dasselbe erreicht, als bis dieses Wort über den Eigendünkel deines Herzens völlig gesiegt hätte. Das Wort aber hat gesiegt, und so bist du mit demselben auch ans feste Ufer gestoßen.
GS|1|54|9|0|Denke nur zurück an alle die lächerlichen Faseleien, welche zwar samt und sämtlich deiner gutmütigen Außenhaut entsprossen sind, und du wirst das Unhaltbare und Leere aller deiner Begriffe über Gott und Himmel gar leicht erschauen. Nun aber bist du auf dem ersten wahren Grund des Wortes; daher forsche auch auf diesem Grund, und du wirst samt deiner Gesellschaft Gott und den Himmel von einem ganz anderen Gesichtspunkt zu erkennen anfangen.
GS|1|54|10|0|Siehe dorthin, zwischen Morgen und Mittag steht ein großer Palast. Dahin sollt ihr euch begeben. Alldort werdet ihr alles antreffen, wessen ihr bedürfet.
GS|1|54|11|0|Und unser Hauptredner spricht: O lieber, himmlisch hochgeschätzter Freund! Möchtest du denn nicht so gut sein und uns dahin begleiten? – Der vermeintliche Tafeldiener spricht: Solches ist nicht vonnöten; denn ihr werdet bis dahin den Weg nicht verfehlen, ich aber will vorausziehen, so schnell wie ein Gedanke, und will euch dort empfangen und einführen! Dort erst werden wir einige Worte über Johannes und Paulus näher beleuchten, und es wird sich zeigen, wer aus uns allen der Wortkundigste ist. Also befolgt meinen Rat und zieht dahin. Amen! – Seht, der vermeintliche Tafeldiener ist plötzlich entschwunden und unsere Gesellschaft fängt an, den vorbezeichneten Weg, freilich wohl noch so ziemlich verblüfft, zu gehen. Wir aber wollen ihr auch folgen und Zeugen sein, was alles Denkwürdiges sich mit ihr noch zutragen wird.
GS|1|55|1|1|Die neue Gegend ist viel angenehmer als der frühere Scheinhimmel. Erwägungen über die Liebe zur Dreieinigkeit, dem Altarsakrament und dem evangelischen Christus
GS|1|55|1|1|(Am 9. Februar 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|55|1|0|Unser Hauptredner spricht zu seiner Gesellschaft: Nein, aber das ist doch sonderbar! Bis jetzt habe ich geglaubt, die Geister können nur den Menschen auf der Erde so plötzlich unsichtbar werden; aber dass Geister Geistern ebenso könnten unsichtbar werden, das ist mir etwas ganz Funkelnagelneues. Frage jetzt nun, wer da fragen kann, wie dieser unfehlbar sicher nichts anderes als ein Engel seiende Geist so schnell sich unseren Blicken entwand, und ein anderer gebe ihm auf diese Frage Bescheid. Bei meinem armen Leben, ich bin der Meinung, man könnte auf der Erde eher einen Biss in den Mond machen, als auf diese Frage eine Antwort finden. – Ein anderer entgegnet ihm und spricht: Lieber Freund, sieh, das finde ich wieder nicht so sonderbar, denn ich habe auf der Erde zu öfteren Malen gehört, dass die Engelsgeister mit Blitzesschnelle reisen können. Wenn demnach dieser sichere Engelsgeist sich nun unseren Blicken so schnell entwand, so ist solches ja nichts anderes als eine sichtbare Bestätigung dessen, was wir auf der Erde schon zu öfteren Malen gehört haben.
GS|1|55|2|0|Ein dritter spricht: Liebe Freunde, es ist alles recht, was da die Engelschaft unseres vorigen Tafeldieners betrifft; aber zu einem so schnellen Fortfluge hätte er ja doch zuerst müssen seine Flügel flottmachen, und solange ich bei einem Engel keine Flügel sehe, glaube ich es noch immer nicht, dass er ein Engel ist. Denn es sollen ja von allen frommen Menschen auf der Erde die Engel allzeit mit Flügeln versehen erschaut worden sein, und niemand konnte dies außer nur im Zustand einer sogenannten geistigen Verzückung, also allzeit nur mit geistigen Augen. Wenn aber die frommen Menschen die Engel Gottes allzeit beflügelt erschauten, warum sollen denn wir solches nicht, da wir nun doch selbst sicher völlig Geister sind?
GS|1|55|3|0|Der erste Hauptredner spricht: Mein lieber Freund, da muss ich dir offenbar sagen, dieses Begehren beruht wohl auf einer sehr bedeutenden Geistesschwäche. Denn was die Flügel betrifft, so weiß solches ja jeder Mensch, dass diese nichts anderes als nur die große Schnelligkeit bezeichnen und sind somit bloß ein sinnbildliches Attribut, und es kann demnach ein solcher Geist gar wohl ein Engel sein, ohne gerade darum ein sichtbares Flügelpaar zu haben. Das Auffallende, wie ich gesagt habe, ist nur das, dass ein Geist dem anderen unsichtbar werden kann. Mich beirrt sogar das nicht, dass wir als Geister nicht so schnell vorwärts zu kommen imstande sind wie unser Tafeldiener, denn dazu wird wohl auch eine gewisse Übung notwendig sein. Und mit der Übung wird man in allem ein Meister. Aber, wie ich sage, das Unsichtbarwerden geht mir nicht aus dem Sinn. Lassen wir aber das. Wenn wir etwa noch einmal, wie er gesagt hat, mit ihm zusammenkommen dürften, da wird er es uns wohl aufklären.
GS|1|55|4|0|Beschaut aber dafür lieber diese gar wunderschöne Gegend; fürwahr, diese ist mir schon ums Tausendfache lieber als unser früherer hoher Himmel. Da möchte ich mich schon ansiedeln und so irgend dort auf den Bergen einen recht behaglichen Landmann machen. Seht nur einmal den herrlichen Graswuchs, diese wunderschönen Blumen, die schönen Baumalleen, wie es scheint, von edelster Fruchtgattung, und die kleinen Bächlein. Und da seht nur vorwärts hin, wie diese herrliche große Ebene mit den herrlichsten Gebirgsgruppen umlagert ist, und wie diese Berge durch die Bank mit den wunderschönsten palastähnlichen Gebäuden geziert sind. Und wenn mich mein Auge nicht täuscht, so entdecke ich auf den uns zunächstliegenden Bergen auch lebendige Wesen in weißen Kleidern vor den Palästen lustwandeln. Das lass ich mir gefallen! Diese Gegend schaut doch bei weitem eher einem Himmel gleich als derjenige Himmel, in dem wir uns als ewige Fresspolypen hätten befinden sollen.
GS|1|55|5|0|Ja, es ist eine helle Pracht; man sieht zwar hier von der Dreieinigkeit nichts, dafür aber erleuchtet eine herrliche Sonne diese Gegend. Und ich muss es euch aufrichtig gestehen, was da den Anblick der Dreieinigkeit betrifft, wenn ich so recht aufrichtig spreche, so kann ich denselben beim Anblick dieser Herrlichkeiten ebensoleicht entbehren, als wie ich denselben auf der Welt habe entbehren müssen; – aber dafür kommt mir eine andere Idee:
GS|1|55|6|0|Wenn man hier so irgendwo mit Christo dem Herrn zusammenkommen könnte, und zwar sogestalt, wie Er einst auf der Erde gelebt und Seine Apostel gelehrt hat, das wäre, so für mich genommen, zu allen dem wohl der allerhöchste Genuss. Denn ich muss euch noch eins von mir aus offen gestehen, der Anblick der göttlichen Dreieinigkeit ist wohl an und für sich sehr erhaben, aber ich müsste wirklich vom Grunde meines Herzens aus ein infamer Lügner sein, wenn ich von mir aus nur ein Haar groß behaupten könnte, dass mich dieser Anblick irgend liebewarm gemacht hätte. Ich habe mich wohl gezwungen, was es nur immer möglich war, aber ich konnte es nicht dahin bringen, alle die drei Personen gleichmäßig mit Liebe zu umfassen. Denn liebte ich den Vater, so konnte ich nicht auch zugleich den Sohn lieben, und wenn ich dessen in mir gewahr wurde, so kam mir der Gedanke, als könnte solches sowohl der Vater als der Sohn nicht günstig aufnehmen; wollte ich den Sohn allein lieben, so dachte ich nur, ob solches wohl dem Vater recht sei?
GS|1|55|7|0|Den hl. Geist als eine Taube zu lieben, da muss ich aufrichtig gestehen, da kämpfte ich mit meinem Herzen vergeblich! Denn in diesem Falle hätte ich ein Stück Holz ebenso gut lieben mögen als diese dritte göttliche höchst unpersönliche Person. Der hl. Geist also wurde von meiner Bitte am wenigsten beteiligt; und das darum, weil ich es nie so weit habe bringen können, Seinen Grund einzusehen und aus Ihm etwas zu machen! Vater und Sohn, die waren meinem Herzen stets näher, und wenn es nur nicht zwei gewesen wären, sondern entweder der Eine oder der Andere für sich allein, so hätte ich entweder den Einen oder den Anderen ganz entsetzlich zu lieben vermocht.
GS|1|55|8|0|Ich habe mir öfter gedacht, freilich wohl so ganz heimlich, wenn sich nur Christus einmal von Seinem hohen Thron irgendwohin begeben hätte, wo ich Ihn so allein erwischt, da hätte ich mich so recht zu Tode geliebt an Ihm. Aber mit der Liebe zu diesem unzugänglichen Licht, das heißt, ich will damit sagen, mit meiner viel zu kurzen Liebe habe ich mich, wie gesagt, weder dem Vater noch dem Sohn in Ihrem unzugänglichen Licht nähern können. Überhaupt finde ich es für die Natur ganz widernatürlich, ob es jetzt eine geistige oder eine leibliche ist, sich mit seiner Liebe so irgendwohin in die Unendlichkeit hinein zu verlieben, denn die Liebe fordert einen erreichbaren Gegenstand; etwas ewig Unerreichbares zu lieben aber möchte ich als eine allerbarste Tollheit erklären.
GS|1|55|9|0|Als ich noch auf der Erde war, da habe ich mir einmal vorgenommen, ob ich mich nicht in einen recht schönen Stern verlieben könnte. Ich betrachtete diesen Stern zu dem Behuf längere Zeit hindurch und presste dabei mein Herz so gut es nur immer ging, aber meint ihr, ich wäre imstande gewesen, eine wirkliche Liebe zu diesem Stern in mir zu erwecken, welche da gliche etwa der Liebe zu einem guten Freund oder zu einer liebenswürdigen Freundin? Oh, solches war ich nimmer imstande!
GS|1|55|10|0|So ging es mir auch mit der Liebe zu der Dreieinigkeit und, um nicht viel besser, mit der Liebe zum heiligsten Altarsakrament; denn so oft ich auch immer zur Kommunion gegangen bin und darauf mein Herz erforschte, ob es mehr am Sakrament oder mehr an meinem Weib und meinen Kindern hinge, so muss ich es zu meiner Schande bekennen, dass meine Liebe zu meinem Weib und zu meinen Kindern ums Unvergleichliche stärker war als die zum hl. Sakrament. Und so konnte ich die Dreieinigkeit wie das heiligste Altarsakrament niemals recht mit meinem Herzen ergreifen, sondern nur stets mit einer gewissen geheimnisvollen Heiligscheu näherte ich mich allem dem, ja, ich brachte es am Ende gar so weit in dieser geheimnisvollen Heiligscheu, dass ich die natürliche Liebe des Herzens gegen Gott als eine förmliche Sünde ansah.
GS|1|55|11|0|Nur mit Christus war es eine Ausnahme. Wenn ich Seine heiligen Evangelien las, da stellte ich Ihn mir immer wie gegenwärtig vor und habe mir dabei bei meinem armen Leben auch allzeit gedacht: Wenn ich die Gnade hätte, welche den Aposteln zuteil geworden ist, fürwahr, da wäre ich selbst ein Apostel geworden und hätte mit der geringsten Mühe von der Welt, aus bei weitem überwiegender Liebe zu Ihm, Weib und Kinder verlassen! Ja, ich muss euch auch sagen, dass ich im Grunde, wenn ich so recht nachdenke, alles nur aus Liebe zu dem evangelischen Christus getan habe, wozu mich freilich wohl einige glückliche Träume von Ihm am meisten lieblichst genötigt haben.
GS|1|55|12|0|Aber was dann wieder die hl. Dreieinigkeit betrifft und das heiligste Altarsakrament, da blieb ich unwillkürlich ein immerwährender Andachtsmärtyrer meines Herzens. Denn für diese zu außerordentlich geheimnisvollen allerunbegreiflichsten göttlichen Erhabenheiten war mein Herz wie von einem ewigen Nordpoleis umlagert. Liebe Freunde, ich will aber dieses Bekenntnis etwa niemandem aufdringen, sondern ich habe nur in dieser freien Gegend auch meinem Herzen einmal eine rechte Luft verschafft. Ihr könnt dasselbe tun; denn bis wir erst den angezeigten Palast werden erreicht haben, wird noch eine kleine Zeit verstreichen.
GS|1|55|13|0|Mehrere aus der Gesellschaft melden sich und sagen: Lieber Freund und Bruder, wir geben dir die getreueste Versicherung, dass es uns in dieser Hinsicht nie um ein Haar besser ging. Wir glaubten wohl alles pflichtmäßig und waren nicht selten von einer geheimnisvollsten Heiligscheu bei diesen außerordentlichen göttlichen Dingen völlig dumm und fanden auch dann im evangelischen Christus unsere völlige Beruhigung. Aus dem Grunde waren wir auch nicht selten für die allerseligste Mutter Gottes und auch für manch andere Heilige mehr in unserem Herzen entzündet als für die allerhöchste göttliche Erhabenheit, welche wir wohl fürchteten, und das nicht selten bis zu einem Verzweiflungsgrad. Aber mit der Liebe zu dem, was man gar so erbärmlich fürchtet, hat es wohl seine geweisten Wege.
GS|1|55|14|0|Ob wir in dieser Gegend wohl auch die seligste Jungfrau Maria und irgendeinen anderen Heiligen werden zu sehen bekommen, solches ließe sich auch fragen, denn im Himmel oben, in dem wir uns befanden, war bei der allergrößten Aufmerksamkeit nicht die leiseste Spur davon zu entdecken. Du, lieber Freund, der du sonst immer die besten Einfälle hast, kannst uns in dieser Hinsicht wohl auch etwas zum Besten geben.
GS|1|55|15|0|Der Hauptredner spricht: Meine lieben Freunde, in diesem Punkt, glaube ich, sollten wir hier nicht viel Fragen tun, sondern uns lediglich bestreben: erstens, sobald als möglich unseren angezeigten Palast zu erreichen, um alldort die versprochene Aufklärung über das von mir und uns allen nicht verstandene Wort Gottes, besonders was den Paulus und Johannes betrifft, zu erhalten. Und zweitens dürfen wir uns alle zum Grundsatz machen, weil die göttliche Dreieinigkeit für uns unsichtbar geworden ist, uns somit wieder an unseren evangelischen Christus zu halten. Denn dieser Ort hat mit Seinem Ausspruch: „In Meines Vaters Reich sind viele Wohnungen“ – eine bei weitem größere Ähnlichkeit mit dem Himmel als der obige, da wir respektive nur eine einzige Wohnung sahen. Aber nun nichts mehr weiter, denn seht, unser vermeintlicher Tafeldiener kommt uns ja schon wieder entgegen. Also gehen wir ihm auch nur ganz still und ruhig entgegen.
GS|1|56|1|1|Fortsetzung der Überlegungen hinsichtlich der Dreieinigkeit und dem Altarsakrament nach katholischer Vorstellung im Vergleich mit dem evangelischen Christus
GS|1|56|1|1|(Am 10. Februar 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|56|1|0|Seht, sie sind beisammen und unser vermeintlicher Tafeldiener fragt auch schon unseren Hauptredner, wie ihnen diese Reise hierher behagt hat, und was alles sie wohl untereinander für Bemerkungen gemacht haben dürften. Unser Hauptredner spricht: Lieber Freund und Bruder von sicher ganz besonders hoher Art! Ich sage dir, ein altes Sprichwort sagt: Viel Lärm und wenig Wolle! Also war es auch mit uns. Wir haben viel eitles Zeug miteinander geschwätzt, welches aber zusammengenommen, auf die Waage der Wahrheit gelegt, sicher ein ganz erbärmlich geringes Gewicht haben dürfte. Daher wird es auch meines Erachtens gar nicht vonnöten sein, dir, der du unsere Torheit von unseren Stirnen herablesen kannst, unser läppisches Zeug zu wiederholen, bis auf eines, welches zwar wohl ich ausgesprochen habe, aber damit gar nicht sagen will, dass es darum etwas Gewichtiges sein soll, sondern es soll gewichtig sein bloß seiner selbst willen.
GS|1|56|2|0|Der vermeintliche Tafeldiener fragt den Hauptredner und spricht: Worin sollte denn dies seiner selbst wegen Gewichtige bestehen? Siehe, wir haben noch ein Stück Weg bis zum Palast hin; also kannst du mir solches ja wohl kundgeben. – Unser Hauptredner spricht: Lieber Freund und Bruder, wenn du mich so recht geduldig anhören möchtest, da hätte ich fürwahr eine recht große Lust, so recht von meinem innersten Gefühlsgrund kundzugeben, worin eigentlich dieses sowohl für mich wie auch für die ganze Gesellschaft am meisten Gewichtige besteht. Du winkst mir zu und sprichst, dass ich reden soll; also will ich denn auch ohne Zurückhalt auspacken, was ich nur immer in mir finde. Solche Ideen hatte ich wohl auch schon auf der Erde ganz heimlich; sie waren aber eigentlich nichts anderes als eine flüchtig vorüberziehende Phantasie und mussten meinem katholischen Glauben allzeit wieder den geziemenden Platz machen. Also aber waren und sind, jetzt noch mehr als damals, diese meine Phantasien beschaffen: Nr. 1 war mir die unbegreifliche Dreieinigkeit stets endlos hoch gestellt, dass ich da schon machen konnte, was ich nur immer wollte, so konnte ich aber alles dessen ungeachtet dennoch nie die Liebe meines Herzens zu eben dieser unbegreiflichen Liebe meines Herzens zu eben dieser unbegreiflichen Dreieinigkeit völlig erheben. Ich hatte wohl eine erbärmliche Furcht, verbunden mit einer unglaublichen Heiligenscheu. Das war aber auch alles, was ich gegen dieses dreieinige allerhöchste Wesen empfand; mehr war es unmöglich meinem Herzen abzugewinnen.
GS|1|56|3|0|Wenn ich aber dabei bedachte, dass man Gott über alles lieben soll, und das aus allen Lebenskräften, und fragte mich dabei: Ist solches wohl bei dir der Fall? Liebst du im Grunde dein Weib, deine Kinder und so manche deiner Freunde in deinem Herzen nicht offenbar mehr als die allerheiligste Dreieinigkeit? so bekam ich aus mir selbst allzeit die unzweideutigste Antwort, dass ich nämlich mein Weib, meine Kinder und so manche Freunde ums überaus Bedeutende mehr liebte denn die allerheiligste Dreieinigkeit. Ja, ich muss dir noch ganz offen hinzu bemerken, dass ich es eigentlich gar nicht begreifen konnte, wie es einem Menschen möglich sein könnte, eben diese Dreieinigkeit zu lieben. Denn je mehr ich meine Liebe ins Große auszudehnen anfing, desto mehr wurde ich in mir gewahr, dass der Mensch für das gar zu Große nicht einmal liebefähig ist. Ich habe solches auch durch allerlei Gedankenbeispiele an mir versucht.
GS|1|56|4|0|Einmal dachte ich mir: Könntest du wohl ein allerschönstes Weib lieben, wenn sie etwa zweimal so groß wäre als ein Kirchturm? Ich stellte mir ein solches Weib in meiner Phantasie auch so lebhaft als nur immer möglich vor; und, weiß der Himmel, wie es geschah, hat solches meine Einbildungskraft oder irgendein Geist getan, kurz und gut, ich erblickte wirklich eine Erscheinung von einer solchen immens großen Weibsgestalt. So viel ich mich zu erinnern weiß, war diese Gestalt verhältnismäßig wahrhaft schön zu nennen; aber anstatt dass sich in meinem Herzen irgendeine Liebe geregt hätte, hat sich nur ein wahrhaft höllischer Schreck desselben bemächtigt. Und ich habe dadurch praktisch erfahren, dass des Menschen Herz gar zu große Dinge nicht zu lieben vermag, sondern es entsetzt sich vor ihnen also wie ein schüchternes Kind, wenn es zum ersten Mal einen recht gepanzerten Helden erblickt.
GS|1|56|5|0|Also habe ich auch mein Herz gefragt, ob ich wohl einen Berg oder die ganze Erde zu lieben vermöchte. Ich versuchte auch dafür mein Herz zu erwecken; aber es erging mir dabei wie einem eben nicht zu starken und kräftigen Menschen, so er selbst eine unmäßig große Last aufheben sollte. Ich stellte mir bei diesem Liebesversuch wohl so manche große Helden vor und fragte mich: Diese müssen doch die ganze Erde ganz heiß geliebt haben, weil sie um ihren Besitz so wütend gekämpft haben? Aber da sagte mir mein Herz: Diese Helden haben nicht die Erde geliebt, sondern nur ganz allein sich selbst; sie wollten nicht Väter, sondern nur Herren und Herrscher der Erde sein. Als ich solches fand, da fand ich meinen Grundsatz um noch mehr bekräftigt und ersah noch klarer daraus, dass der Mensch das für sein Verhältnis zu Große nimmer mit Liebe zu umfassen vermag. Also wollte ich mich auch einmal in einen Stern verlieben. Auch dieses ging nicht; denn er war mir zu weit, und ich kam mir bei dieser Liebe gerade so vor wie ein Fisch außer dem Wasser, der wohl beständig nach dem Wasser schnappt, aber trotz alledem dennoch keinen Tropfen in seinen Rachen bekommt. Mit dergleichen sonderbaren Liebesexempeln habe ich mein Herz vielfach auf die Probe gestellt, aber ich ging allzeit leer aus.
GS|1|56|6|0|Also ging es mir denn auch, wie gesagt, mit der Liebe zu der allerheiligsten Dreieinigkeit um kein Haar besser, im Gegenteil noch um vieles schlechter. Denn vor den bisher erwähnten Liebesproben hatte ich doch bis auf die riesenhafte Weibserscheinung keine Furcht. Was aber da die Dreieinigkeit betrifft, so fürchtete ich dieselbe stets ganz unaussprechlich, da ich dieses allerhöchste Wesen durch meinen Glauben nur als einen unerbittlich gerechtstrengen Richter kannte, der den Menschen nur durch das kurze Leben auf der Erde gewisserart zufolge eines fortwährenden strengen Bußlebens gnädig ist. Ist aber der Mensch einmal gestorben, so hat denn auch diese spärliche Gnade auf ewig aufgehört, und es harrt des Sünders nichts als die ewige Verdammnis und, wenn es ein wenig nur besser geht, ein ganz furchtbar entsetzliches Fegfeuer. Vom Himmel ist vor dem Jüngsten Gericht aber ohnehin keine Rede. Wann aber dieses allenfalls eintreffen sollte, darüber soll die Weisheit sogar alle Engel sitzenlassen. Es wird hinterdrein freilich wohl eine lange Seligkeit verheißen, und zwar auf die Weise, wie wir sie vor nicht langem verkostet haben.
GS|1|56|7|0|Wenn du, lieber Freund, nun dieses alles zusammenfasst, und zwar fürs Erste die ganz eigentümliche, allergeheimnisvollste, unbegreiflichste Wesenheit der Dreieinigkeit Gottes, fürs Zweite die unaussprechliche und unerbittlichste Richterstrenge dieses Wesens, fürs Dritte die Hölle, das Fegefeuer, das Jüngste Gericht und zu allem dem noch viertens hinzufügst den ewigen Gaff- und Fresshimmel, vergesellschaftet mit einer ewigen Ruhe, so möchte ich doch das Herz kennen, welches selbst bei der größten Anstrengung und Notzüchtigung seines Gefühls solch ein Wesen Gottes mit der allerverheißensten Liebe umfassen könnte.
GS|1|56|8|0|Mit Nr. 1, lieber Freund, wäre ich fertig. Jetzt kommt ein nicht viel besseres Nr. 2, und das ist das nicht um viel weniger geheimnisvollste, allerheiligste Altarsakrament. Ich will dich bei dieser Gelegenheit nur auf einen dummen Gedanken von meiner Seite aufmerksam machen. Siehe, unsere Lehre zeigt uns in der Hostie unfehlbar und unwiderlegbar die vollkommene Gottheit. Nun aber gibt es doch eine Menge Kirchen und in einer jeden Kirche eine Menge Hostien. Wenn zum Beispiel entweder mehrere Priester zu gleicher Zeit die Messe gelesen haben und nicht selten fast alle zugleich aufwandelten, – Freund, da kostete es mich nicht selten einen bedeutenden Kampf; denn ich musste mir doch unter einer jeden Hostie das eigentliche göttliche Wesen vorstellen, und das vollkommen und nicht geteilt. Wie ging es mir aber bei dieser Vorstellung? Fürwahr, ich konnte mich von mehreren Göttern nicht erwehren, und besonders, wenn ich noch hinzudachte und auch zugleich mit meinen Augen ansah, dass in dem ausgesetzten Hochwürdigsten ein vollkommener Gott sich befand, dann ein gleicher vollkommener auch wieder bei der Wandlung von mehreren Priestern gezeigt wurde, wozu ich mir noch auch ein volles Kommunion-Ziborium von über hundert Göttern notwendig vorstellen musste.
GS|1|56|9|0|Nun denke dir, wie es mir da gar so oft gegangen ist, besonders wenn ich eben diese Hostie habe mit meiner Liebe erfassen wollen. Beim Anblick der vielen konnte ich mir doch unmöglich einen vorstellen; und somit war ich auch genötigt, fast gar keinen zu lieben. Am besten ging es mir noch allzeit bei dem in der sogenannten Monstranz; denn der hielt sich noch am längsten auf. Solches aber wäre noch das weniger Dumme von meiner Seite; aber ein anderer Umstand hat sich da allzeit meines Gemütes bemächtigt, und den konnte ich unmöglich verdauen. Ich bitte dich aber, so ich dir ihn kundgeben werde, dass du mich darüber nicht gar zu weidlich auslachst.
GS|1|56|10|0|Siehe, dieser Umstand bestand darin, wenn ich so eine vollkommene Gotthostie ansah, da kam mir nicht selten dieser verzweifelte Gedanke, dass ich mich nämlich fragte: Wenn das der vollkommen wahre Gott ist, wie mich der Glaube lehrt, wie sieht es hernach mit dem eigentlichen Gott im Himmel aus? Muss Er da allzeit vollkommen herabsteigen, oder bleibt der Vater derweil im Himmel und steigt bloß der Sohn herab oder verrichtet diesen Dienst der hl. Geist?
GS|1|56|11|0|Ich habe mich darüber sogar einige Male angefragt, bekam aber nie eine andere Antwort, als dass alles solches ein undurchdringliches göttliches Geheimnis sei, und dass darüber nachzudenken schon beinahe eine der allergrößten Sünden ist, welche gar leichtlich zu einer Sünde im hl. Geiste wird.
GS|1|56|12|0|Auf eine solche Antwort habe ich dann gleichwohl meine dummen Gedanken so viel als nur immer möglich zurückziehen müssen; denn ich sah es nur zu gut ein, dass man darüber auf der Welt nie ins Klare kommen wird, darum ich mich denn auch allzeit mit der geistigen Welt vertröstet habe. Ich habe freilich wohl dabei über die Worte Christi nachgedacht, der da nur gesagt hat, solches sei Sein Leib, aber nicht Seine Gottheit. Jedoch auch dieses nützte mir wenig. Am besten kam ich noch daraus, wenn ich mir darunter ein lebendiges Brot aus den Himmeln vorstellte, welches dem gläubigen Menschen eine Speise zum ewigen Leben abgeben kann, und lebte mit diesem Glauben, so gut es nur immer ging, bis zu meinem irdischen Ende.
GS|1|56|13|0|Das wäre nun, lieber Freund, meine Phantasie Nr. 2. – Nr. 3 hatte ich freilich wohl noch eine andere, und diese war der evangelische Christus. Da muss ich dir wohl aufrichtig gestehen, in Diesen war ich fortwährend gleich einer Magdalena förmlich verliebt. Und als ich so einige Träume von Ihm hatte und mir so manche Szenen aus Seinem Wandel vorführte, da, muss ich dir sagen, ward mein Herz allzeit entflammt. Ich weiß auch nicht, wie es kam, ich konnte schon tun, was ich nur immer wollte, und ich war nicht imstande, Ihn trotz der katholischen Lehre für einen unerbittlichsten Richter anzusehen. Denn die Szene mit dem Schächer am Kreuz, dann wie Er noch sterbend am Kreuz für Seine Beleidiger den Vater um Vergebung bat, ferner die Geschichte vom verlorenen Sohn, die Geschichte vom barmherzigen Samaritan, die Geschichte vom Zöllner und Pharisäer im Tempel, die von der Ehebrecherin, und dergleichen noch eine Menge waren allzeit wie eine starke Mauer, gegen welche all mein katholischer Richterglaube nichts auszurichten vermochte. Und so dachte ich mir denn auch nach meiner Art einen Himmel, und diesen zwar also:
GS|1|56|14|0|Wenn der Himmel allenfalls wie eine recht herrliche Gegend auf der Erde wäre, in welcher man aber das unaussprechliche Glück hätte, mit Christo allein zusammenzukommen, von Ihm belehrt zu werden und von Ihm auch gleich einem Jünger eine liebtätige und liebersprießliche Beschäftigung zu bekommen, so wäre das doch ein Himmel, den sich kein sterblicher Mensch schöner, seliger und erhabener zu denken vermöchte.
GS|1|56|15|0|Ich habe mir auch öfter gedacht: Wenn es möglich wäre, dass ich Christus also haben könnte, wenn auch nur zuweilen, so wäre mir die allereinfachste Hütte der allerhöchste Himmel! Ja, ich habe mir auch nicht selten gedacht: Wenn ich nur Dich, mein herzallerliebster Christus, hätte, so fragte ich weder nach einem Himmel noch nach einer glückseligen Erde! – Siehe, lieber Freund und Bruder, das sind so meine Phantasien. Gedanken sind ja zollfrei und kann deswegen noch alles sein, wie es Gott will! Du magst nun darüber denken, was du willst; kannst du zu unserer Belehrung daraus etwas brauchen, so ist solches wohl und gut, wo aber nicht, da geschehe, wie allzeit, des allmächtigen dreieinigen Gottes Wille!
GS|1|56|16|0|Der vermeintliche Tafeldiener lächelt unseren Hauptredner an und sagt zu ihm: Höre, mein geliebter Freund! Deine Phantasien sind besser, als du glaubst; besonders aber, was deine dritte Phantasie betrifft, so ist sie unstreitig die beste. Siehe, es ist wahr, in der Gottheit liegen wohl ewig unerforschliche Dinge und Verhältnisse, Wege und Ratschlüsse, welche nie ein geschaffenes Wesen begreifen wird; aber was deine Liebe zu Christo betrifft, so soll dir darüber gar bald ein helles Licht werden. So viel kann ich dir im Voraus sagen, dass dir und deiner ganzen Gesellschaft sicher ehestens dein Phantasiehimmel zuteilwird! Da wir aber nun schon vor der Tür dieses Palastes stehen, so gehen wir in denselben; allda sollst du das Nähere erfahren.
GS|1|57|1|1|Der Lebenspalast der Gesellschaft. Das Wort Gottes, der Same zum Himmelreich
GS|1|57|1|1|(Am 11. Februar 1813 von 4 1/4 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|57|1|0|Nun seht, unsere Gesellschaft staunt schon vor dem Tor, denn dasselbe ist wie von blankem Gold, und die Rahmen des Tores sind besetzt mit Diamanten und Rubinen. Der Hauptredner spricht sobald zu dem vermeintlichen Tafeldiener: Aber lieber Freund! Das ist denn doch des Guten etwas zu viel; wenn ich mich so recht auskenne, so möchte ich beinahe behaupten, der Wert dieses Tores, nach irdischem Maßstab berechnet, möchte ja doch wahrhaftig alle Schätze und Reichtümer der gesamten Erde übertreffen. Denn fürs Erste ist das Tor selbst gering gemessen bei drei Klafter hoch und ist dabei überaus massiv. Ich übergehe dessen Goldwert; aber die faustgroßen Diamanten und Rubine, o du Heil der Welt!
GS|1|57|2|0|Da könnte ja ein allerreichster Kaiser sich nicht einen anschaffen; und da sitzen gleich mehrere Hunderte! Wozu ist denn hier wohl eine so entsetzliche Verschwendung? – Der vermeintliche Tafeldiener spricht: Lieber Freund, lass das gut sein; bei Gott findet keine Verschwendung statt. Hast du je gezählt alle die Sterne des Himmels, die da alle glänzen mit eigenem Licht, und jeder aus ihnen um mehr denn als das Millionenfache größer ist als diejenige Erde, die du bewohnt hast? Möchtest du da nicht auch sagen: Wozu eine solche Verschwendung an Sonnen im unermesslichen Weltenall?
GS|1|57|3|0|Siehe, der Herr ist reich genug, und Seine Schätze sind unermesslich; daher ist diese kleine Verzierung hier auch nicht im Geringsten als irgendeine Verschwendung anzusehen, wohl aber ist diese Verzierung des Eingangstores ganz zweckmäßig und bedeutungsvoll und zeigt dir, wie viel Glaubenswahres und Liebegutes in dir ist. Das goldene Tor aber bezeichnet deinen Lebenswandel zufolge deines Glaubenswahren und Liebtätigkeitsguten; und so lass uns denn durch das Tor eingehen in den Palast.
GS|1|57|4|0|Seht, nun gehen sie völlig hinein. Gehen aber auch wir mit, damit wir gleich bei der Hand sind, wenn sich nun sogleich eine wichtige Szene darstellen wird. Seht nun unseren Hauptredner an, wie er ganz verblüfft um sich herum schaut und mit ihm auch seine ganze Gesellschaft. Warum denn etwa solches? Ihr könnt es leicht erraten: weil unser guter Hauptredner nun vom ganzen Palast nichts mehr ersieht, sondern sich an der Seite des vermeintlichen Tafeldieners unter einem großen, zehnsäuligen Tempel befindet, da die Säulen aus lauter Diamant bestehen, die Fußgestelle von Gold, die Kapitelle von durchsichtigem Gold, das Dach von Rubinen und der Boden von lauter Amethystplatten. Und über den Tempel hinaus, nach allen Seiten hingeschaut, ist allenthalben eine endlos weit ausgebreitete Ebene, welche hier und da mit ähnlichen Tempeln verzierten Hügeln unterbrochen ist. Die Ebene selbst aber ist allenthalben bewachsen mit den herrlichsten Fruchtbäumen aller erdenklichen Art; und alles ist so wohl geordnet, als hätte solches alles ein allerberühmtester Kunstgärtner angelegt.
GS|1|57|5|0|Hören wir aber nun unsern Hauptredner, was er da spricht, und welche Antwort er dem vermeintlichen Diener auf die Frage gibt, wie ihm nämlich das Innere des Palastes gefalle. Hört, so lautet seine Antwort: Aber lieber Freund und Bruder, was ist denn das schon wieder für eine neue himmlische Fopperei?! Ich habe mir in meiner Phantasie schon die herrlichen Zimmer des Palastes ausgemalt, und kaum beim Tor desselben hineingetreten, war der ganze Palast wie weggeblasen! Und an der Stelle des Palastes steht nun hier dieser freilich wohl unaussprechlich herrliche Tempel, und um denselben nach allen Richtungen endlos weit herum ist anstatt der von mir schon auf das Allerrarste ausgemalten Palastzimmer diese Gegend von unnennbarer Herrlichkeit zu erschauen. Nein, das kommt mir schon wieder nicht ganz richtig vor. Wer sich solches erklären kann, der muss wenigstens zehntausend Jahre vor dem Adam geboren worden sein! Denn von den Kindern Adams dürfte wohl keines dieser Erscheinung gewachsen sein. Sage mir aber, mein lieber Freund und Bruder, kennst du dich dabei aus?
GS|1|57|6|0|Der vermeintliche Tafeldiener spricht: Sei dessen unbesorgt; ich will dir nur ein Gleichnis geben, und du wirst aus demselben gar bald ins Klare kommen und so habe denn Acht! Wenn du, noch auf der Erde wandelnd, je ein Samenkorn betrachtet hast, so wirst du dasselbe allzeit in seiner einfachen Gestaltung erschaut haben. Du nahmst aber das Samenkorn und legtest es in das Erdreich. Gar bald verfaulte das Samenkorn in der Erde, aber an der Stelle des Samenkorns entwuchs dem Boden eine herrliche Pflanze, welche beinahe alle deine Sinne zu gleicher Zeit in Anspruch nahm. Da sagtest du: Mein Gott, wie ist doch solches möglich? War das denn schon alles in dem früheren Samenkorn vorhanden? So fragtest du, und dein Gefühl und dein Verstand sagten dir: Wie hätte es sich wohl also gestalten können, wenn nicht ein solcher Grund im Samenkorn schon vorhanden gewesen wäre? Und du fandest demnach die innere Pracht eines Samenkornes bei weitem größer denn die frühere äußere, nackte des Samenkorns.
GS|1|57|7|0|Nun, mein lieber Freund, hat der große Lehrer der Menschheit nicht auch einmal das Himmelreich mit einem Senfkorn verglichen? Du sprichst: O ja, das weiß ich sehr gut. – Nun siehe, das Senfkörnlein ist das Wort in seiner Außen- oder Buchstabenform. Wenn aber dieses Wort in das Erdreich des Herzens gelegt wird, so geht es auf und wird zu einem förmlichen Baum, unter dessen Ästen die Vögel des Himmels wohnen. Was ist wohl der Baum? Der Baum ist die innere geistige Erkenntnis des äußeren Wortes, und die Vögel bezeichnen das Himmlische, somit den Urstand, woher das Wort gekommen ist.
GS|1|57|8|0|Also besagt das ganze Wesen des Baumes die Weisheit, welche aus der Liebe hervorgeht, und dass solche Weisheit allein nur imstande ist, Himmlisches zu erkennen. Wenn der Baum zu seiner Reife kommt, wird er da nicht abgeben einen tausendfachen Samenreichtum? Wenn du aber nun solchen Samenreichtum abermals in dein Erdreich streust, wird da für dich nicht schon eine große Ernte erwachsen, da du statt einem tausend solche Bäume wirst deinem Boden entwachsen sehen? Du sprichst: Jawohl, solches wird ganz sicher sein. – Hast du aber solche unberechenbare Fülle gemerkt im ersten einfachen Samenkorn? Siehe, also verhält es sich ja eben auch mit dem Himmel.
GS|1|57|9|0|Du kannst nicht irgendwohin in einen Himmel kommen, sondern du musst dir deinen Himmel selbst bereiten. Der Same zum Himmelreich ist das Wort Gottes; wer dasselbe in sich aufnimmt und danach tätig wird, der hat dieses himmlische Samenkorn in sein Erdreich gelegt, und der Himmel wird aus ihm gleich einem Baum erwachsen.
GS|1|57|10|0|Nun höre weiter! Da wir an das Tor des Palastes kamen, da sahst du dasselbe geziert, mit Diamanten, weil du das Wort in dir aufgenommen hast, und mit Rubinen, weil du nach dem Wort bist tätig geworden. Das waren somit noch lauter äußere Samenkörner. Der ganze Palast aber stellte dein gesamtes Leben dar und sonach das Tor mit den Diamanten und Rubinen, dass du in dich selbst mittels des Wortes Gottes dir den Eingang verschafft hast.
GS|1|57|11|0|Wir gingen durch das Tor; was will das sagen? Siehe nichts anderes als: wir sind eingegangen in dein und euer aller Inneres, oder wir sind eingegangen in des Wortes inwendigen Sinn. Das Wort aber ist nicht etwa ein leeres Wort und ist nicht nur also wahr, als so jemand sage: eins und eins sind zwei, sondern das Wort ist wesenhaft wahr! Und solches alles, was du hier erblicktest, und noch unendlichfach Mehreres und Tieferes ist schon also in dem göttlichen Wort geschaffen vorhanden, wie da in einem einzigen Samenkorn eine zahllose Menge von Pflanzen oder Bäumen nebst ihren Früchten schon geschaffen vorhanden ist, nur mit dem Unterschied, dass ein Samenkorn immerwährend dasselbe von sich gibt, was es in sich trägt, ohne eine besondere Formveränderung, während das Wort Gottes, als Same des Himmels, sich in einer unaussprechlichen Mannigfaltigkeit ausspricht. Warum? Weil das Wort Gottes ein vollkommener Same ist. Ich meine nun, mein lieber Freund, wenn du dieses recht beachtest, so wirst du wohl mit der leichtesten Mühe diese gegenwärtige Erscheinung begreifen.
GS|1|57|12|0|Unser Hauptredner spricht: O lieber Freund! Mir und sicher uns allen fängt nun an ein ganz gewaltiges und völlig neues Licht aufzugehen. Wenn ich aber nun zurückdenke auf meine früheren Himmelsbegriffe, so kommen mir dieselben gerade so vor, als wenn ich manchmal auf der Erde am hellen Mittag zurückdachte auf das Traumgebilde der Nacht. Welch eine Fülle muss im ganzen Wort des Herrn sein, wenn nun solches schon der erste Trieb aus dem Senfkörnlein weist? Ja, jetzt begreife ich auch den Text, der da lautet:
GS|1|57|13|0|Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Schaugepränge, sondern es ist inwendig in euch. – Ja, es wird mir jetzt gar manches klar. Ich fange auch an, zu begreifen, aus welchem Grunde du im obigen wahrhaftigen Scheinhimmel scheinbar einen Text des Apostels Paulus in den Johannes übertrugst. Der Paulus ist wohl auch eine Pforte, an welcher die Samenkörner des Wortes Gottes in der größten Prachtfülle angebracht sind, aber im Johannes, ja im ganzen Johannes leuchtet nun die Fülle der Gottheit in Christo wesenhaft hervor! Ich meine, Paulus spricht solches wohl in einem Text aus; solches kommt mir vor wie ein Same. Johannes aber spricht solches in der Fülle aus, und das ist schon eine Pflanze. Habe ich recht?
GS|1|57|14|0|Der vermeintliche Tafeldiener spricht: Ja, du hast recht, und siehe, was du siehst, ist wohl der erste Trieb. Willst du das völligere Gedeihen dieses ersten Triebes erschauen, so gehe immer tiefer in deine dritte Phantasie ein, und du wirst bald die Früchte dieser herrlichen Anpflanzung in voller Reife ernten!
GS|1|57|15|0|Unser Hauptredner spricht: Ja, lieber Freund, ja, du hast vollkommen recht; es geht hier wahrlich mir nichts mehr ab als mein alleiniger, von mir über alles geliebter Christus! Wenn ich nur Den einmal in meine Hand bekäme, da möchte ich meinem Herzen doch Luft machen, wie sich nicht leichtlich jemand zu denken vermöchte.
GS|1|57|16|0|Der vermeintliche Tafeldiener spricht: Bleibe nur in dieser Verfassung, denn ich sage es dir: Du bist dieser Luftmachung näher als du glaubst! Wahrlich, wenn du Christus recht ergreifen wirst, so wird Er auch bei dir sein!
GS|1|58|1|1|Die rechte Liebe zum Herrn
GS|1|58|1|1|(Am 13. Februar 1843 von 4 1/4 – 6 Uhr abends.)
GS|1|58|1|0|Unser Hauptredner spricht: Lieber Freund und Bruder! Diese deine letzten Worte klingen wohl an und für sich überaus tröstend; nur möchte ich dagegen bemerken, dass es da mit dem rechten Ergreifen Christi sicher so lange einen etwas verdächtigen Umstand haben werde, bis Er nicht da stehen wird vor mir. Denn was da mein Herz betrifft, so habe ich Ihn schon gar lange, wie auch diese ganze Gesellschaft, mit demselben ergriffen; aber trotzdem wollte sich der liebe Christus wesenhaft von uns nicht ergreifen lassen. Und so brennen wir jetzt auch alle für Ihn und möchten Ihn ja ergreifen und Ihn dann vor lauter übermäßiger Liebe ewig nimmer auslassen, aber nur fehlt zu dieser für uns allerseligsten Unternehmung nichts mehr und nichts weniger als eben der zu ergreifende Hauptgegenstand Selbst!
GS|1|58|2|0|Gut wäre es, lieber Freund, ja übergut, Christus aus allen Kräften zu ergreifen, ja mein ganzes Wesen und meine Hände sind seligst lüstern danach; aber nur da soll Er sein, oder Sich wenigstens in dieser Gegend irgendwo auffinden lassen. Fürwahr, wenn es auf mich ankäme, so würde ich mir gar nichts daraus machen, aus Liebe zu Christo noch aus tausend solchen Himmeln hinausgeworfen zu werden; und mit dem oberen Himmel hätte es wohl gar schon seine geweisten Wege. Wenn ich aber demnach nur versichert wäre, bei der tausendmaligen Hinauswerfung aus den Himmeln gerade zu den Füßen Christi geworfen zu werden. Aber wenn man dessen nicht vollends ganz sicher ist, so gleicht meine Liebe zu Christo noch immer mehr oder weniger einem vergeblichen Umsichherschnappen nach dieser allerseligsten Lebensluft, wie wenn man sich in einer solchen Sphäre befinden möchte, da entweder gar keine oder nur sehr wenig Lebensluft vorhanden ist.
GS|1|58|3|0|Der vermeintliche Tafeldiener spricht: Hast du denn hierzu wenig Luft zum Atmen, weil du also sprichst, als müsstest du nach der Lebensluft schnappen?
GS|1|58|4|0|Unser Hauptredner entgegnet: Mein lieber Freund und Bruder, ich will doch nicht meinen, dass du mich unrecht verstehen solltest, denn es gibt eine zweifache Lebensluft, das heißt, lieber Freund und Bruder, nach meinem Verstand gesprochen. Eine Lebensluft, die hier in reichlicher Fülle vorhanden ist, ist die für den Lebensbedarf der Lunge; diese meine ich aber nicht. Das Herz aber ist auch ein höher atmendes Wesen, das heißt, wie ich es denn verstehe, es atmet nämlich Liebe aus und will daher auch wieder Liebe einatmen.
GS|1|58|5|0|Siehe, als ich noch als ein Mensch auf der Erde lebte, da ward ich, wie schon einmal bemerkt, in ein weibliches Wesen gar sonderheitlich stark verliebt. Für meine Lunge hatte ich in diesem Umstand wohl überall Luft genug zum Einatmen. Wenn ich aber nicht in der Nähe dieses meines geliebten Gegenstandes mich befand, da war es mir dennoch trotz der Fülle der Lungenluft zum Ersticken. Befand ich mich aber wieder in der vollen Nähe meines geliebten Gegenstandes (du musst es mir nicht verargen, wenn ich mich hier vielleicht eines unpassenden Ausdruckes bediene), da wäre mir die Luft, wenn es nicht anders hätte sein können, sogar eines Abtrittes zu einem wohlduftenden Äther geworden.
GS|1|58|6|0|Siehe, gerade so geht es mir auch hier und sicher dieser ganzen Gesellschaft nicht um ein Haar besser denn mir. Ich sage dir, räume alle diese himmlischen Herrlichkeiten hinweg und setze an diese Stelle, wo nun dieser Prachttempel sich befindet, eine ganz gemeine Bauernhütte her. Gebe mir statt dieser weichen Prachtkleider eine ganz ordinäre Bauernjacke und schaffe für all diese üppigen Fruchtbaumalleen ganz dürftige Bäume und etwa ein mäßiges Korn- und Weizenfeld hinzu; aber stelle Christus zu allem dem, so wirst du mich glücklicher machen, als wenn du mir noch tausend endlos herrlichere Gebiete zu dieser Aussicht hier hinzufügen möchtest.
GS|1|58|7|0|Ja, ich will dir noch mehr sagen, was da mein Herz betrifft. Wenn ein solches Verhältnis möglich wäre, so wäre ich mit Christo auf dem armseligsten Erdwinkel, wenn dieser schon aussehen möchte wie eine Vorhölle oder gar die eigentliche Hölle selbst, noch ums Unaussprechliche glücklicher und seliger, als ohne Seine sichtbare, menschlich wesenhafte Gegenwart in dem allererhabensten und allerwundervollsten Himmel! Ich meine, lieber Freund und Bruder, das wird etwa doch klar genug gesagt sein.
GS|1|58|8|0|Unser vermeintlicher Tafeldiener spricht: Mein geliebter Freund, ich habe dich ganz gut verstanden, nur kommt es mir vor, dass du deine Liebe zu Christo mit deiner sinnlichen Weltliebe zu parallelisieren scheinst. Da meine ich, es muss die Liebe zum Herrn doch ganz anders gestaltet sein als wie die zu einer angehenden Braut. Und da meine ich denn, solange du solche Liebe nicht scheiden wirst in deinem Herzen, wirst du auch Christus nicht recht lieben; solange du Ihn aber nicht recht lieben wirst, da meine ich, wird Sich Christus auch bedenken, dir zu erscheinen oder völlig zu dir zu kommen.
GS|1|58|9|0|Unser Hauptredner spricht: Mein lieber Freund, das ist viel leichter gesprochen als getan. Gebe in mein Herz noch eine zweite Liebe hinein, die des Herrn sicher würdiger sein wird, als diese da ist, in der ich jetzt lebe, und ich will diese sogleich fahren lassen. Ich meine aber, wenn ich nun alle meine Liebe in mir vereinigt habe, auch diejenige, die ich einst zu meinem Weib hatte, und habe all diese vereinigte Liebe heimlich schon gar lange allein dem Herrn zugewandt, so zwar, dass ich nun aus dem innersten Grunde meines Lebens sagen kann: Ich habe für Christus alles, was ich nur immer hatte, hergegeben; da kann ich ja vorderhand doch nicht mehr tun. Wenn aber all diese Liebe des Herrn ganz rein unwürdig ist, so habe ich dir ja eben gesagt: mir ist sie in jedem Augenblick für eine des Herrn würdigere feil. Das aber kann ich beinahe unmöglich glauben, dass der Herr mit einer anderen Liebe von unserer Seite will geliebt sein als gerade mit derjenigen nur, die Er Selbst in unser Herz gelegt hat.
GS|1|58|10|0|Wenn ich aber zurückdenke an alle die Lieblinge des Herrn aus Seinen irdischen Lebzeiten heraus, so hat Er aber allda dennoch diejenigen am liebsten gehabt, welche sich mit der ganz gewöhnlichen kindlichen Herzensliebe zu Ihm genähert hatten. Also war der Johannes, der den Herrn sicher gar oft kreuz und quer abgeküsst und selbst noch beim letzten Abendmahl sich förmlich verliebtermaßen an Seine Brust hingelegt hatte, Sein Liebling. Dasselbe war auch der Fall mit der Maria, einer Schwester der Martha, und nicht weniger mit der Magdalena, die doch förmlich in Ihn verliebt war; welch letztere eben dieser ihrer großen Liebe zufolge Ihn nach der Auferstehung zuerst ersah.
GS|1|58|11|0|Und das alleranschaulichste und handgreiflichste Beispiel hat der liebe Herr Christus ja bei der Gelegenheit gegeben, als man die kleinen Kindlein zu Ihm brachte, da Er gesagt: „Lasst die Kleinen, und wehrt ihnen nicht, zu Mir zu kommen, denn solcher ist das Himmelreich!“ Siehe, die Kindlein wussten sicher nichts von einer höheren, des Herrn würdigeren Liebe, sondern mit der ganz kindlich natürlichen Liebe umfassten sie den allmächtigen Herrn Himmels und der Erde. Und dennoch sagte der Herr darauf zu Seinen Aposteln und Jüngern: „Wenn ihr nicht werdet wie diese Kindlein hier, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel kommen!“
GS|1|58|12|0|Siehe, lieber Freund, solches gibt mir nun den vollen Mut, den Herrn mit meiner natürlich-kindlichen oder kindischen Liebe zu lieben, und wer weiß, ob Ihm diese meine zwar an und für sich höchst einfache Liebe dennoch nicht, von meiner Seite aus betrachtet, angenehmer sein möchte, als vermöchte ich Ihn mit der allerreinsten Seraphsliebe zu lieben. Ich möchte Ihn ja auch wohl mit der Seraphsliebe lieben, wenn ich sie hätte! Wahrlich, ich würde sicher in dieser Hinsicht mein Herz zu keiner Liebesparkammer machen; so aber muss ich auch mit dem lieben Apostel Petrus ausrufen: „Mein lieber Christus! Siehe, Gold und Silber habe ich freilich in meinem Herzen nicht; aber was ich habe, das möchte ich Dir wohl alles geben, wenn ich Dich nur hätte!“
GS|1|58|13|0|Unser vermeintlicher Tafeldiener öffnet Seine Arme, breitet sie weit aus und spricht zu unserem Hauptredner, wie durch ihn auch zur ganzen Gesellschaft: Mein geliebtester Freund und Bruder! Ich habe dir ja gesagt: Erfasse du nur Christus recht, so wird Er auch da sein! Du hast Ihn erfasst, und so ist auch das eingetroffen, was Ich dir gesagt habe; denn Christus hat sich dir genaht, und du sollst fürder ewig nicht mehr aus Seiner Gesellschaft kommen, – und so denn magst du deinen Christus nach deiner Herzenslust umfassen!
GS|1|58|14|0|Unser Hauptredner fragt den noch immer vermeintlichen Tafeldiener, in seinem Gemüt höchst liebeaufgeregt: O lieber Freund, wo, wo ist Er denn, auf dass ich und meine ganze Gesellschaft hinfallen möchten zu Seinen Füßen?
GS|1|58|15|0|Und der vermeintliche Tafeldiener spricht: Freunde, Brüder! Hier steht Er vor euch; Ich bin es, den ihr in euren Herzen gesucht habt! Aber Ich war schon lange eher bei euch und habe euch gesucht und hierhergebracht. Also kommt denn her, und Ich will euch führen dahin, da Ich wohne unter denen, die Mich also lieben, wie ihr Mich liebt; denn wahrlich, Ich frage nicht nach Gold und Silber; aber nach der kindlichen Liebe zu Mir frage Ich! Will Ich Pracht und Glanz, solches, Meine lieben Freunde und Brüder, steht wohl ewig in Meiner Macht, die ganze Unendlichkeit damit wunderprachtvollst auszuschmücken.
GS|1|58|16|0|Ich aber bin ein wahrer Vater zu euch, Meine lieben Kindlein, und daher sind Mir eure Herzen auch mehr, in all ihrer kindlichen Einfachheit, denn alle Pracht der Himmel! Und so denn folgt Mir!
GS|1|58|17|0|Nun seht, wie sich jetzt plötzlich alles verändert hat. Unsere Gesellschaft umfasst den Herrn, liebt Ihn und drückt ihre Herzen hin an den Vater, wie es die Kinder tun, wenn sie lange ihre guten Eltern nicht gesehen haben. Und der Herr führt sie wie ein guter Vater und lehrt sie unterwegs Selbst Seine Wunder kennen. Seht, welche Seligkeit nun aus unseren Gesellschaftsangesichtern strahlt! Und unser Hauptredner macht noch einen Ausruf: O welche Reise ist das, wo der heilige Vater Seine Kinder hinführt, da Er wohnt!
GS|1|59|1|1|Der ewige Morgen. Beschränktheit der göttlichen Allmacht bei der Behandlung von freien Wesen
GS|1|59|1|1|(Am 14. Februar 1843 von 4 1/4 – 6 Uhr abends.)
GS|1|59|1|0|Ihr fragt hier wohl, ob wir uns diesem Zug noch weiter anschließen sollen. Ich sage euch, auch dieses ist notwendig, und ihr müsst dieses ebenfalls vom Anfang bis zum Ende sehen. Denn jetzt ist unsere Gesellschaft zu überaus selig überrascht und ist von der Liebe des Herrn zu sehr gefangengenommen. Erst am rechten Ort und an rechter Stelle wird diese erste Aufsprudlung des Liebegefühls geordnet werden, und da wird auch noch unser Hauptredner sich bei der besten Quelle um so manches erkundigen.
GS|1|59|2|0|Denn solches ist namentlich allen besseren römischen Katholiken eigen, dass sie aus dem Grunde überaus lichtdurstig im Reich der Geister und somit auch jetzt in dem wahren Himmel anlangen; daher auch tausend Fragen für eine haben, um sich in all ihren Winkeln Licht zu verschaffen, welche bei ihrem Leibesleben stets in großer Finsternis gehalten worden sind.
GS|1|59|3|0|Seht, wir sind dem rechten Platz schon ziemlich nahe. Unser wohlbekanntes Kleinhügelland lächelt uns schon wieder entgegen, und die Sonne des Himmels steht hier gar nieder und leuchtet ein wunderherrliches rötliches Licht, auch unsere Gesellschaft bemerkt solches und verwundert sich über die Einfachheit dieser vor ihnen stehenden Gegend.
GS|1|59|4|0|Nun seht, da ist ja das uns schon bekannte Häuschen, und auch seine Bewohner sind uns schon bekannt. Seht, wie sie überaus liebefreundlichst und voll der höchsten Wonne dem Vater und der ganzen Ihm folgenden Gesellschaft entgegeneilen.
GS|1|59|5|0|Der Vater empfängt sie ebenfalls mit offenen Armen und spricht zu ihnen: Seht her, um wie vieles Ich schon wieder reicher geworden bin! Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert; seht, also habe auch Ich gearbeitet und bringe Meinen Lohn mit Mir. Neue Brüder und neue Schwestern bringe Ich hierher, und sie sollen so wie ihr um Mich sein, damit Mein Wort erfüllt werde ewig, welches lautet: „Wo Ich bin, da sollen auch Meine Diener sein; und die Mich lieben, sollen bei Mir wohnen!“
GS|1|59|6|0|Hier wendet Sich der Herr zu unserem früheren Hauptredner und sagt zu ihm: Nun, Mein geliebter Freund, Bruder und Sohn! Siehe, hier ist so Mein Plätzchen; wie gefällt es dir? – Unser Hauptredner fasst sich und spricht: O Herr! Wie kannst Du mich um so etwas fragen? Da könnte wohl ich eher fragen, wie es Dir hier gefällt? Denn was mich betrifft, so wird es mir dort wohl ewig unendlich am allerbesten gefallen, wo Du bist und wohnst, und wo es Dir am allerbesten gefällt.
GS|1|59|7|0|Wahrlich, hier sieht es ja nahe ganz also aus, wie es bei uns armen Landleuten auf der Erde einmal ausgesehen hat. Und nur was für eine herrliche Aussicht man da genießt! Da unten diese endlos weit gedehnte Ebene, mit welcher unaussprechlichen Pracht ist sie geziert! Städte und ungeheuer prachtvolle Paläste gibt es ja in einer ganz entsetzlichen Unzahl; und dieses herrliche Hügelland mit den niedlichen kleinen Wohnhäusern scheint dort nach vorwärts hin auch ewig kein Ende nehmen zu wollen.
GS|1|59|8|0|Wie kommt es aber, dass diese Ebene da unten dennoch so unaussprechlich prachtvoller erscheint als dieses Hügelland? Aber ich bin noch ein armseliger Tropf; ich merke erst jetzt, dass ich mich schon wieder in tausend Fragen verloren habe, daher vergebe mir!
GS|1|59|9|0|Der Vater nimmt unseren Hauptredner bei der Hand und spricht zu ihm: Siehe, in dieser Gegend da unten wohnen gewöhnlich Menschen, welche durch den alleinigen Glauben an Mich ein vollkommen gerechtes Leben geführt haben. Darunter sind zuallermeist die sogenannten Protestanten und noch andere christliche Sekten. In dem weiteren Hintergrund aber wohnen Heiden, die auf der Welt ihrem Glauben zufolge ein gerechtes Leben geführt und erst hier den Glauben an Mich angenommen haben. Dort, mehr in jenem Hintergrundsteil, der sich so zwischen Mittag und Abend hinzieht, ist die Wohnung derjenigen katholischen Christgläubigen, welche sich teils römische, teils aber griechische Katholiken nennen, sich aber hier nicht völlig ohne Beschädigung ihres Lebens und ihrer Freiheit haben von ihren Irrtümern zu reinigen vermocht. Diese sind darum nicht etwa unselig, sondern sie genießen auch eine große Seligkeit, auch sind sie nicht wie etwa an ihre Gegend gebannt, sondern können nach einer tieferen Innewerdung des eigentlichen Grundwahren auch weiter vorwärts gelangen.
GS|1|59|10|0|Du möchtest wohl wissen, worin solch ein Irrtum besteht? Siehe, ein solcher Irrtum besteht darin, wenn entweder jemand aus Gottesfurcht den Glauben wie genötigt annimmt und dann diesem Glauben getreu lebt, kann aber Gott nimmer so recht liebend erfassen, weil er Ihn zu sehr fürchtet. Diese übertriebene Gottesfurcht ist sonach der kleine Irrtum, und dieser ist unbeschädigtermaßen des Lebens und der Freiheit nicht zu leicht hinauszubringen. Du denkst dir freilich: Wie kann der Allmächtige solches sprechen? – Siehe, wo es sich um die völlige Freiheit eines Wesens handelt, da muss Ich Selbst mit Meiner Allmacht hübsch daheimbleiben. Denn würde Ich diese gebrauchen, so wäre es mit einem solchen augenblicklich gar, und Ich würde dann statt frei lebender, denkender, wirkender und handelnder Kinder lauter gerichtete Maschinen haben, die sich stets unerbittlich gezwungen, aber nimmer freiwillig nach Meinem Willen bewegen würden. Ich kann daher nur da von Meiner Allmacht Gebrauch machen, wo sie fürs Erste im höchsten Grad notwendig ist und dabei aber fürs Zweite dennoch nie den freien Geist in seinem Erkennen und Wollen beschränkt.
GS|1|59|11|0|So will Ich dir gleich ein Beispiel geben, auf welche Weise Ich von Meiner Allmacht Gebrauch mache.
GS|1|59|12|0|Was die naturmäßige Welt betrifft und was überhaupt die Gestaltung aller Geschöpfe anbelangt, so sind sie Werke Meiner Allmacht. Wenn dann die freien Geister zufolge Meines Wortes und des danach geführten Lebenswandels das Leben aus Mir in sich aufgenommen haben, so wirkt Meine Allmacht, dass alles das, was die frei gewordenen lebendigen Geister als nutzbringend Gutes und Wahres in sich erkennen, sie sogleich reell [zu] ihrem freiwilligen Gebrauch im reichlichsten Maße augenblicklich erschauen und davon eben sogleich den freien Gebrauch machen können.
GS|1|59|13|0|Diese untere Gegend ist zumeist ein solches Werk Meiner Allmacht und entspricht in allem dem Glaubenswahren und daraus hervorgehenden Nutzwirkenden, wie solches sich im Inwendigsten dieser seligen Geister vorfindet. Und also ist es der Fall allenthalben, wo du deine Augen nur immer hinwenden willst, entweder über den ganzen endlosen Mittag oder über den ganzen Abend hin.
GS|1|59|14|0|Du fragst hier in deinem Gedanken: Ist denn solches nicht auch der Fall mit diesem ewigen Morgen? – Nein, dieser steht unter einem ganz anderen Verhältnis und ist in all seinen Teilen vollkommen unveränderlich fest also, wie eine jede naturmäßige Welt fest ist. Und die unerschütterliche Festigkeit des Morgens steht als inwendige ewige Grundfeste gegenüber der äußeren naturmäßigen Festigkeit. Der Grund davon aber liegt darin, weil fürs Erste Ich Selbst in Meinem Wollen ewig unveränderlich bin; und was Ich einmal bestimmt gestaltet habe, das bleibt auch ewig also unveränderlich und bestimmt, wie unveränderlich und bestimmt Ich Selbst in Meinem ewigen Wollen bin.
GS|1|59|15|0|Fürs Zweite aber ist diese Gegend darum eine unveränderlich feste, weil Meine Kinder, die hierher zu Mir kommen, zufolge ihrer großen Liebe zu Mir in ihrem Wollen und in ihrem Erkennen vollkommen eins sind mit Mir, oder, mit anderen Worten gesagt, weil sie sich völlig bis auf den letzten Tropfen gedemütigt und zufolge ihrer Liebe zu Mir ihren Willen völlig hintangegeben und an dessen Stelle Meinen ewig lebendigen in sich aufgenommen haben.
GS|1|59|16|0|Daher auch wollen sie hier nichts anderes, als was Ich will. Mein Wille aber ist eine allerklarste, ewig festbestimmte Darstellung des Guten und Wahren. Daher ist denn auch diese Gegend, in der Ich mit den Meinen wohne, eine vollkommen unveränderlich feste und ist in ihr nirgends eine Täuschung. Was du hier ansiehst, das ist auch vollkommen so wie von innen, also von außen. Alle die Pflanzen, die Bäume, die Früchte, die Getreidefelder sind hier nicht bloß erscheinliche Entsprechungen, sondern sie sind vollkommene bestimmte Realitäten. Wenn du hier von einem Ort zum anderen gehst, so kannst du deine Schritte zählen, und du wirst hin und her dieselbe Entfernung finden.
GS|1|59|17|0|Du fragst Mich wohl, ob diese Festigkeit mit der Festigkeit der Welt etwas gemein hat? Die Festigkeit dieser Himmelswelt hat mit der Festigkeit der materiellen Welt durchaus nichts gemein, denn die Festigkeit der Welt ist ebenfalls nur eine scheinbare, und dauert für einen betreffenden Geist nur so lange, als derselbe ein Bewohner der Materie ist, hat er aber die Materie verlassen, dann vergeht für ihn auch derselben Festigkeit. Aber nicht also ist es hier; denn diese Festigkeit ist eine wahre Festigkeit und ist unveränderlich und unzerstörbar für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten, weil sie ist ein vollkommener Ausdruck Meiner ewigen Vaterliebe!
GS|1|59|18|0|Du fragst, wie weit diese Gegend wohl geht? Mein lieber Freund, Bruder und Sohn! Diese Gegend, wie du sie gegen den Morgen hin erschaust, hat fürder ewig nimmer ein Ende und ist sonach so groß, dass, wenn auf allen unendlich vielen Weltkörpern ewighin Menschen geboren werden und alle kommen möchten in diese Gegend, so würden sie nach dem Verlauf von tausend Ewigkeiten im Verhältnis zu der Größe dieser Gegend noch nicht mehr betragen, als ein Sandkörnchen beträgt im Verhältnis zu der Unendlichkeit des ewigen Raumes.
GS|1|59|19|0|Du fragst Mich nun wohl, wie Ich solches alles übersehen kann, und ob diejenigen, so von hier endlos weit gegen den tieferen Morgen hin wohnen, Mich wohl je zu sehen bekommen? Mein lieber Freund, Bruder und Sohn! Auch solches will Ich dir sagen; denn Meinen Kindern soll nichts vorenthalten sein!
GS|1|60|1|1|Die Gott-Sonne. Das Gleichnis mit den Spiegeln. Erklärung und Demonstration der persönlich wesenhaften Allgegenwart des Herrn
GS|1|60|1|1|(Am 16. Februar 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|60|1|0|Da sehe einmal empor und betrachte diese von hier aus gar nieder stehende Sonne. In dieser Sonne bin Ich ureigentümlich vollkommen zu Hause. Diese Sonne befindet sich im ewigen unverrückten Zentrum Meines göttlichen Seins. Die Strahlen, die aus dieser Sonne ausgehen, erfüllen in ihrer Art die ganze Unendlichkeit und sind in sich selbst nichts anderes als Mein Liebewille und die aus demselben ewig gleichfort ausgehende Weisheit. Diese Strahlen sind demnach allenthalben vollkommen lebendig und sind allenthalben vollkommen [gleich] Meiner Wesenheit.
GS|1|60|2|0|Wo immer demnach ein solcher Strahl hinfällt, da bin Ich Selbst also wie in der Sonne ganz vollkommen gegenwärtig, nicht nur allein wirkend, sondern auch persönlich; und diese Persönlichkeit ist demnach auch allenthalben eine und dieselbe. Wo du nur immer hingehen willst, da wirst du Mich auch allenthalben vollkommen zu Hause antreffen. Gehe in welches dieser dir sichtbaren kleinen Wohnhäuser du nur immer willst, und du kannst versichert sein, dass du Mich in einem jeden als einen vollkommenen Hausherrn antreffen wirst.
GS|1|60|3|0|Du sagst zwar jetzt, auf diese Weise sei Ich denn doch nicht der eigentliche Grund-Christus, der da auf der Erde gewandelt und gelehrt hatte, sondern bin nur ein lebendiges und vollkommenes Abbild desselben und wohne an und für sich dennoch im unzugänglichen Licht. Du sagst noch ferner: Wenn es sich mit der Sache also verhält, so kommt da ja offenbar eine Vielgötterei heraus.
GS|1|60|4|0|Höre, mein lieber Freund, Bruder und Sohn! Du denkst in dieser Hinsicht noch naturmäßig; wenn du aber erst vollends inwendig geistig denken wirst, so wird dir diese Sache ganz anders vorkommen. Damit du aber aus deinem naturmäßigen Denken desto leichter in das geistige eingehst, so will Ich dich durch naturmäßige Beispiele dahin leiten.
GS|1|60|5|0|Siehe, auf der Welt sahst du auch nur eine Sonne, wenn du aber gegen die Sonne einen Spiegel hieltst, so war dieselbe Sonne auch im Spiegel, und du kannst unmöglich behaupten, dass die im Spiegel vorhandene Sonne eine andere war als diejenige, die am Himmel leuchtet. Wenn du aber mehrere tausend solcher Spiegel aufgestellt hättest, hättest du da nicht in einem jeden Spiegel eine vollkommene Sonne erblickt, welche ein ebenso starkes Licht und eine ganz gleiche Wärme dich verspüren ließe?
GS|1|60|6|0|Du sagst, solches müsse allerdings der Fall sein. – Ich will dir aber ein noch stärkeres Beispiel geben.
GS|1|60|7|0|Du wirst schon öfter auf der Erde von der Wirkung der sogenannten großen Hohlspiegel gehört haben. Du sprichst: O ja, ich war selbst einmal im Besitz eines solchen. – Wenn du die Strahlen der Sonne mit einem solchen Spiegel auffängst, so werden sie in ihrer Widerstrahlung aus dem Spiegel oft ums mehr als das Tausendfache heftiger wirkend denn die eigentlichen Strahlen aus der wirklichen Natursonne.
GS|1|60|8|0|Wenn du auch von solchen Spiegeln mehrere Tausende der Sonne gegenüber aufstellst, so wirst du auch bei dieser Gelegenheit von einem jeden einzelnen dieselbe heftige Wirkung wahrnehmen. Solches ist ganz sicher und vollkommen wahr.
GS|1|60|9|0|Was wirkt denn aber aus all diesen Spiegeln? Siehe, nichts anderes als stets eine und dieselbe Sonne, welche du durch diese bedeutende Spiegelanzahl vervielfältigt hast.
GS|1|60|10|0|Nun aber frage Ich dich: Ist durch diese Vervielfältigung wohl im Ernst die Sonne vervielfältigt worden oder ist nur die Wirkung derselben also vervielfacht worden? Du sagst nun: Allerdings nur die Wirkung. – Gut, sage Ich dir. Wie viel Sonnen aber hattest du demnach in deinen Spiegeln? Du sprichst: Dem Spiegel nach genommen so viele, als da Spiegel waren; aber so ganz eigentlich der Sonne nach genommen hatte ich nur immer eine und dieselbe.
GS|1|60|11|0|Nun siehe, was da dieses naturmäßige Beispiel zeigt, das stellt sich hier in der größten lebendigen Wirklichkeit und Fülle dar.
GS|1|60|12|0|Du sagst zwar in dir: Solches sehe ich jetzt wohl ein; wenn man aber dessen ungeachtet jede Spiegelsonne untersuchen und ihr näherkommen wollte, um eben die Sonne in ihrem eigentümlichen Wesen kennenzulernen, so werden einem dabei aber dennoch all die Spiegelsonnen nichts nützen, und der Sonne eigentliche Wesenheit bleibt dem forschenden Auge dennoch völlig fremd.
GS|1|60|13|0|Solches ist richtig; was hättest du aber samt der Erde dabei gewonnen, wenn sich die eigentliche Sonne der Erde und dir also genähert hätte, wie du sie dir mittels des Spiegels genähert hast? Siehe, da wäre wohl die ganze Erde samt dir augenblicklich wie ein kleiner Wassertropfen auf einem weißglühenden Eisen aufgelöst worden. Was hätte dir dann die Annäherung der wirklichen Sonne genützt?
GS|1|60|14|0|Siehe, bei weitem mehr ist solches mit dieser Meiner Sonne der Fall. Sie muss ewig in einem unzugänglichen Zentrum stehen, dem sich kein Wesen über die bestimmte Ordnung nahen kann; denn jede Annäherung über das bestimmte Maß würde jedem Wesen die völlige Vernichtung bringen. Solches wurde auch dem Moses gesagt, als er Gottes Angesicht schauen wollte; denn unter Schauen musst du hier nicht das Wahrnehmen mit den Augen verstehen, sondern das sich völlige Nahen dem Grundwesen der Gottheit.
GS|1|60|15|0|Siehe nun, wenn Ich aber Einer und Derselbe bin, wie Ich bin in der Sonne, und bin aber vor dir also, dass du dich Mir vollkommen nahen kannst, wie ein Bruder dem andern, – ist solches nicht mehr wert? Und ist das nicht mehr Liebe und Erbarmung, als so du dich wirklich nahen könntest dieser Sonne, von ihr aber dann bei deiner Annäherung völlig vernichtet würdest?
GS|1|60|16|0|Ferner, wie unvollkommen glücklich wärst du und Ich, wenn es Mir nicht möglich wäre, Mich Selbst als Vater überall hin in Meiner ganzen Fülle persönlich wesenhaft zu versetzen, wo immer nur Meine Kinder sind.
GS|1|60|17|0|Siehe, der Himmel ist unendlich! Wäre Mir eine solche wesenhafte, Meiner Einheit völlig unbeschadete endlose Vervielfachung nicht möglich, wie verwaist wären da Meine Kinder und wie allein dastehend wäre Ich Selbst mitten unter ihnen?
GS|1|60|18|0|Dass Ich aber vollkommen Derselbe bin und habe dasselbe lebendige göttliche Bewusstsein und alle die göttliche Liebe, Weisheit und Machtfülle, solches kannst du ja daraus entnehmen, dass Ich fürs Erste dich persönlich wesenhaft hierher geführt und habe dir gezeigt auf diesem Wege die Macht Meiner Liebe, Meiner Weisheit und Meines vollkommenen göttlichen Wollens. Wenn dir dieses alles noch nicht genügen sollte, so denke dir, was du willst, und Ich will es, dass es sogleich als erschaffen vor dir erscheine.
GS|1|60|19|0|Siehe, du wolltest eine dir bekannte Erdgegend. Da siehe hin vor dir; Ich habe sie schon, dir sichtbar und fühlbar, geschaffen!
GS|1|60|20|0|Du sprichst jetzt: Wahrlich, solches kann nur der alleinige Gott tun! – Gut, sage Ich dir; also wirst du aber auch einsehen, dass Ich, der Ich hier vor dir stehe und dir enthülle die Wunder Meines Seins, vollkommen Derselbe bin, der Ich dort urwesentlich ewig bin in jener Sonne!
GS|1|60|21|0|Du sprichst: Ja, solches glaube ich nun völlig. Aber wenn ich nun zu einem anderen Haus ginge, Du aber hier bliebst, und ich träfe dort offenbar ein zweites Wesen, mit Dir eines und desselben Ursprungs, wird dasselbe wohl vollkommen mit Dir eins sein und wird es Dir gleichen in allem?
GS|1|60|22|0|Ich sage dir: Das kommt von deiner Seite nur auf einen Versuch an. Ich will denn machen, dass du gedankenschnell dort in tiefer Ferne von hier dich bei einem Haus, wie das da ist, befindest. Und Ich aber werde hier verweilen, und deine Gesellschaft soll dir davon Zeugnis geben bei deiner Rückkunft; und du magst es Mir dann kundgeben, ob du Mich dort vollkommen wiedergefunden hast oder nicht. Und so denn – sei dort!
GS|1|60|23|0|Nun siehe, Mein lieber Freund, Bruder und Sohn! Du bist nun hier, wie du siehst, im tiefen Morgen; das kannst du erkennen, wenn du dich nach allen Seiten umsiehst und nichts anderes mehr erblickst, auch deine Gesellschaft nicht, als nur den endlos weit gedehnten Morgen mit seinen Wohnungen. Sage Mir nun, bin Ich hier nicht ganz Derselbe?
GS|1|60|24|0|Siehe, also muss es ja sein; und wäre es nicht also, da wäre sogar nie etwas erschaffen worden, und kein Mensch wäre als solcher denkbar! Denn das Leben eines jeden Menschen ist ja eben auch nur ein Mir vollkommen ebenbildliches. Und wenn ein Mensch nach Meinem Wort gelebt hat, oder wenn Millionen also gelebt haben, kann da nur einer aus ihnen sagen: Christus lebt in mir, oder können das nicht alle zahllosen Gerechten sagen? Wenn aber alle solches sagen können, bin Ich darum ein geteilter Christus in ihnen oder ein ewig ungeteilter?
GS|1|60|25|0|Ich bin ewig immer Einer und Derselbe in eines jeden Menschen Herzen. Und wenn Millionen und Millionen ihre Herzen mit Mir erfüllt haben, und zwar ein jeder für sich vollkommen, so hat deswegen nicht ein jeder für sich einen eigentümlichen, anderen Christus, sondern in eines jeden Herzen wohnt ein und derselbe Christus vollkommen! Nun, was sagst du jetzt? Bin Ich hier nicht vollkommen derjenige, als den du Mich dort bei deiner Gesellschaft verließest?
GS|1|60|26|0|Du sprichst: Ja Herr! Du bist ganz vollkommen Ein und Derselbe und ist da kein Unterschied weder in der Gestalt noch im Wort und in deinem göttlichen Wollen; und ich kann mir nichts anderes denken, als wärst Du in gleicher Schnelligkeit mit mir hierher gezogen! – Ja, so erscheint es dir wohl; aber wie Ich dir gesagt habe, dass dir bei deiner Zurückkunft deine Gesellschaft über Meine dortige beständige Gegenwart Zeugnis geben wird, also wirst du es auch sogleich erfahren. Ich sage dir daher: Sei wieder dort! – Nun siehe, du bist ja schon wieder hier; nun sage Mir, wie du Mich denn dort gefunden?
GS|1|60|27|0|Du sprichst: Du warst ja ganz selbst dort, wie Du hier bist, und war nicht der allerleiseste Unterschied. – Ich sage dir: Das ist richtig; aber nun frage auch deine Gesellschaft, ob Ich Mich unterdessen von hier entfernt habe. – Siehe, die Gesellschaft spricht: Nicht im Geringsten, im Gegenteil hat der Herr zu uns gesprochen, wie es dir nun [dort] ergeht. – Nun siehe, du machst jetzt große Augen und verwunderst dich darüber. Ich sage dir aber, dass solches nichts weniger als wunderbar ist, sondern es ist ganz vollkommen geordnet.
GS|1|60|28|0|Wenn du auf der Welt ein Optiker gewesen wärst, so wäre dir solches noch anschaulicher begreiflich. Wie kommt es denn, dass mehrere Menschen für sich einen und denselben Gegenstand nur vollkommen als einen erschauen, und dennoch sieht ein jeder einzelne nur den seinigen? Siehe, das liegt im Auge des Menschen. Von dem Gegenstand gehen nach allen Richtungen die Strahlen hin, und ein jeder nimmt das Strahlenbild in sein Auge auf. Und ein jeder beschaut dann nur in sich dieses aufgenommene Strahlenbild, welches in allem vollkommen ähnlich ist dem beschauten Gegenstand.
GS|1|60|29|0|Ist deswegen der Gegenstand vervielfacht oder zerrissen worden, wenn ihn jeder als denselben in sich erschaut? Du sprichst: Mitnichten. – Siehe, also ist es auch hier der Fall lebendig, was auf der Welt nur naturmäßig und somit auch tot erscheinlich ist.
GS|1|60|30|0|Du sollst aber dieses Wunder noch tiefer beschauen. Zuvor aber musst du dieses bis jetzt dir Kundgegebene als ein wahres Himmelsbrot ein wenig verdauen.
GS|1|60|31|0|Ich aber will unterdessen in diese Meine Wohnung gehen, allda durch Meine Diener Meinen Tisch bestellen lassen, damit du samt deiner ganzen Gesellschaft zum ersten Mal vollkommen mit Mir zu Tisch sitzen sollst und genießen allda das Brot deines wahren himmlischen Vaters! Und so verharre du denn ein wenig hier, bis Ich wiederkomme und dich führe in Mein Haus!
GS|1|61|1|1|Das Abendmahl. Einzug in das ewige Jerusalem
GS|1|61|1|1|(Am 17. Februar 1843 von 5 1/4 – 7 1/2 Uhr abends.)
GS|1|61|1|0|Ihr fragt nun wohl auch: Sollten wir auch diese Einladung abwarten? – Das ist doch ganz in der Ordnung, denn solches alles geschieht hier ja zu einer Unterweisung. Daher müsst ihr in dieser Sache bis zum völligen Ausgang beiwohnen. Unter völligem Ausgang müsst ihr hier verstehen einen vollkommenen Eintritt in die göttliche Ordnung. Aber nun seht, der Herr kommt schon aus der Wohnung und winkt unserer Gesellschaft zu kommen.
GS|1|61|2|0|Ihr fragt hier: Werden diese wohl alle Platz haben in dieser Wohnung? – Ich sage euch: Sorgt euch dessen nicht; denn da kommt euer Sprichwort: Friedliche Schafe haben viele Platz in einem Stall – in eine buchstäbliche Anwendung. Also haben auch gut geordnete Dinge viele Platz in einem engen Raum. Die Gesellschaft aber bewegt sich schon in die Wohnung; also folgen wir ihr auch nach.
GS|1|61|3|0|Seht nun, wie sie alle recht bequem untergebracht sind, und das zwar in einem Zimmer. Und der Herr, wie ihr seht, hat Sich Selbst mit einer Schürze umgürtet und macht einen Tafeldiener. Was wird denn auf den Tisch getragen?
GS|1|61|4|0|Seht, wir haben ja das leibhaftige Abendmahl vor uns; es ist ein gebratenes Lamm und Brot und Wein. Und nun seht, wie der Herr ihnen auch hier das Brot bricht und einem jeden ein gutes Stück vorlegt, und ihr seht auch den Wein in einem Kelch, und sie alle trinken aus dem einen Kelch.
GS|1|61|5|0|Seht aber nun auch, wie lebenskräftig unsere Gesellschaft auszusehen anfängt, und welch eine liebedankbare Freude aus dem Angesicht eines jeden Gastes dem Herrn entgegenlächelt! Wie ihr aber zu sagen pflegt: Die kurzen Haare sind bald gebürstet, also wird auch hier keine ewige Tafelsitzung gehalten. – Und der Herr spricht: Nun, Meine lieben Freunde, Brüder und Kinder, ihr habt euch nun zum ersten Mal in Meinem Reich gestärkt; ihr wisst nun auch, wie Ich allhier fortwährend, wie auch allenthalben wesenhaft kräftig zu Hause bin! So wollt denn nun mit Mir wieder hinaustreten, und Ich will euch völlig erwecken für eure wahre, ewige Bestimmung.
GS|1|61|6|0|Nun denn, wir sind hier vor dem Haus versammelt; also wollt denn vernehmen Meinen Willen!
GS|1|61|7|0|Ihr habt schon auf der Erde vernommen, dass Meine Ernte groß ist; aber es gibt noch wenig Arbeiter auf Meinem großen Erntefeld. Hier ist somit der Ort, wo ihr Meine wahrhaftigen Arbeiter und Mitarbeiter für die Einbringung Meiner Ernte werden sollt, und zwar auf die Weisung, wie es schon gar viele eurer Brüder geworden sind. Seht einmal daher! Ihr werdet gar bald all die Gerätschaften, die zu einer guten Haushaltung gehören, erkennen: einen Pflug, eine Egge, Haue und Pickel, hier Sicheln und Weingartenmesser. Und da seht auch hin nach allen Seiten die großen Äcker und dort die Weingärten. Da seht mehr gegen den Morgen hin einen förmlichen Wald von lauter edlen Fruchtbäumen.
GS|1|61|8|0|Seht, das ist das von euch zu bearbeitende Feld; aber nicht etwa auf die Art, wie ihr solches getan habt auf der Erde, sondern hier im inwendigsten und somit allerlebendigsten Sinn. Ihr werdet hier weder pflügen, noch eggen, noch werdet ihr das Getreide schneiden, noch den Weingarten bearbeiten und die Früchte einsammeln, sondern alles solches ist hier nur eine wahrhafte inwendige Entsprechung für das Liebewirken, das ihr von hier aus an den Brüdern auf der Erde verüben sollt.
GS|1|61|9|0|Aber nicht nur an den Brüdern der Erde allein; denn hier will Ich mit euch im weitergedehnten Sinne sprechen und sage daher: Ich habe noch gar viele Herden, die nicht im Schafstall der Erde wohnen, sondern die da leben nach ihrer Art auf zahllos vielen anderen Erd- und Weltkörpern. Diese alle müssen in diesen Schafstall des ewigen Lebens geführt werden.
GS|1|61|10|0|Darum gebe Ich euch nun Meine Kraft in der Fülle, damit ihr durch diese allenthalben, dahin Ich euch beschicken werde, vollkommen also wirken könnt, als wirkte Ich Selbst. Ich könnte wohl alles dieses Selbst wirken; aber Ich teile euch darum alle solche Wirkung zu, damit dadurch eure Seligkeit an Meiner Seite sich fortwährend von Ewigkeit zu Ewigkeit mehren soll!
GS|1|61|11|0|Daher sollt ihr, wenn Ich einen oder den anderen von euch zu irgend solch einem großen Zweck dahin oder dorthin senden werde, auch Mir gleich vom innersten Grunde aus schauen können alle noch so auswendige naturmäßige Welt; und sollt sie beschauen können vom innersten Grunde aus bis zur äußersten Rinde, und also auch umgekehrt bis zum innersten Grunde vollkommenst. Was ihr bei solch einer Sendung zu wirken haben werdet, dessen werdet ihr allzeit allervollkommenst innewerden.
GS|1|61|12|0|Also habe Ich euch nun eure große Bestimmung angezeigt, in welcher ihr im allervollsten Maße nach Meiner Liebe, Weisheit und Ordnung tätig sein könnt. Und somit berufe Ich euch auch und mache euch zu den wahrhaftigen Engeln Meines Reiches, und somit zu den wahrhaftigen Einwohnern Meiner heiligen Stadt, welche ist das ewige Jerusalem! Und so seien euch denn eure innersten Augen aufgetan, damit ihr seht, wie groß und wie herrlich Der ist, der nun mit euch redet und Der bei euch bleiben wird ewig! Seht nun hin dort gegen Morgen und sagt Mir, was ihr dort erschaut.
GS|1|61|13|0|Der Hauptredner spricht: O Herr! Du mein allergeliebtester Jesus Christus! Du wahrhaftiger, endlos liebevollster Vater, der Du heilig bist, überheilig! Was erschauen da meine Augen?! Welche unendliche Glorie! Und in dieser Glorie eine unendliche Stadt! Und die Stadt scheint nimmer ein Ende zu haben; – und die Sonne, die herrliche Sonne, sie leuchtet mitten über der Stadt stehend, und die Stadt leuchtet selbst gleich wie die Sonne! Und nun sehe ich auch wieder meinen alten gestirnten Himmel und schaue, o mein Gott und mein Herr, in die endlosen Tiefen Deiner Schöpfungen. Ja, das will ich mir einen Himmel heißen! Hier ist es wohl buchstäblich wahr:
GS|1|61|14|0|„Solches ist nie in eines Menschen Sinn gekommen, was Du, o heiliger Vater, denen bereitet hast, die Dich lieben!“ Ja, welche endlosen Seligkeiten der Seligkeiten schaut nun mein unsterbliches Auge hinaus! O Du liebevollster, heiliger Vater! Darf ich Dich umarmen und Dich lieben nach aller möglichen Macht meines Herzens?
GS|1|61|15|0|Der Herr spricht: Mein lieber Freund, Bruder und Sohn! Siehe, hier bin Ich ja vor dir; liebe Mich, wie du Mich nur immer lieben kannst; denn darum habe Ich dich ja erschaffen, dass du Mich allerseligst lieben sollst, und damit du Mir seist ein liebes, allerteuerstes Kind, das Ich nun auch in aller Meiner göttlichen Vaterfülle lieben kann!
GS|1|61|16|0|Nun aber lasst uns hinziehen in Meine Stadt und fragt nicht, was mit diesen Wohnungen hier geschehen soll, denn diese Wohnungen sind Entsprechungen der wahren Demut, welche hervorgeht aus der reinen Liebe zu Mir. Diese Wohnungen werden bleiben, und wir werden sie gar oft besuchen. Aber da Ich schon Meine große Amtskanzlei in der Stadt habe, so müssen auch Meine Engel alldort sein, wo ihrer ihre große Haupt-Liebtätigkeits-Bestimmung harrt.
GS|1|61|17|0|Ihr fragt Mich zwar noch, wer nun noch diese Hütten so ganz eigentlich bewohnen wird? Seht, Meine lieben Freunde, Brüder und Kinder, haben ja doch auch schon auf der Erde die Stadtbewohner zumeist eine oder mehrere Landwohnungen, welche ihnen zur Erholung gar wohl dienlich sind. Warum sollten denn wir solches nicht haben? Daher sage Ich euch: Wir werden hier allzeit, wenn wir große Taten vollzogen haben, uns eine gehörige Rekreation machen. Und so denn ziehen wir zur Stadt!
GS|1|61|18|0|Nun seht, der Herr Selbst führt unsere Gesellschaft in die heilige Stadt. Und wie man hier gewöhnlich unversehens sehr geschwind vorwärtskommt, so nähern auch wir uns schon dieser Stadt aller Städte in der ganzen Unendlichkeit.
GS|1|61|19|0|Und seht, wie aus dem Tor der heiligen Stadt Gottes eine zahllose Menge dem in die Stadt ziehenden Herrn entgegeneilt! Seht vorn die euch wohlbekannten Freunde des Herrn, nämlich Seine Apostel, und seht auch vom Abraham abwärts alle die Väter und Propheten! Hört den großen Jubel, welcher aus dieser seligen Schar dem Herrn entgegentönt, und wie alle überselig ihre Arme ausbreiten, um den Herrn mit der heißesten Liebe zu empfangen, und welche Freude sich aus jedem Gesicht über die neu gewonnene Schar ausspricht!
GS|1|61|20|0|Nun seht, die Scharen haben sich erreicht und werden nun allesamt von einer großen Glorie umflossen, und diese Glorie geht aus vom Herrn und teilt sich allen mit.
GS|1|61|21|0|Was sagt ihr wohl nun zu dieser Szene? Gehen wir aber jetzt nur weiter vorwärts. Seht, der Herr lässt nun alle vor Sich in die Stadt eingehen, und Er folgt Seinen Kindern wie ein ganz einfacher Hirte seinen Lämmern. Nun sind auch wir in der Stadt. Seht nur die unendliche, durch kein menschliches Wort beschreibbare Majestät und Herrlichkeit, welche wir hier, diese Gasse entlang, links und rechts erschauen. Alles ist von der Glorie des Herrn umflossen. Heilige Lüfte wehen durch all die Straßen und Gassen, und diese Lüfte sind das Leben, welches hier in der unendlichen Fülle ausgeht vom Herrn!
GS|1|61|22|0|Aber nun seht, der Herr bleibt vor einer großen Wohnung stehen und spricht zu unserer Gesellschaft: Hierher, Meine Geliebten! Das ist die Wohnung und unser großes Amtshaus, hier wollen wir einziehen!
GS|1|61|23|0|Nun seht, sie ziehen hier, wieder dem Herrn folgend, ein. Und seht die vielen großen und herrlichen Gemächer, sie sind vollkommen bereitet zum Empfang unserer neugewordenen Fürsten des Himmels!
GS|1|61|24|0|Und seht nun, wie ihnen der Herr anzeigt eine lichte Tafel und spricht: Auf dieser Tafel werdet ihr allzeit Meinen Willen erschauen! – Und nun legt der Herr ihnen Seine Hände auf und erfüllt sie vollkommen mit dem allmächtigen Geist Seiner Liebe. Und seht, wie sie nun miteinander über die unendlichen göttlichen Verhältnisse der Dinge sprechen als wie die allerreinst vertrautesten Freunde und Brüder!
GS|1|61|25|0|Nun habt ihr geschaut die wahre Bestimmung des Menschen in dem allereigentlichsten wahren, vollkommenen Himmel, und habt auch gesehen, welch ein Ende es mit unserer Gesellschaft nahm.
GS|1|61|26|0|Doch müsst ihr euch nicht etwa denken, solches ist fortwährend der Fall mit jenen, welche sich da befinden in dem Scheinhimmel; – sondern nur mit jenen wenigen, welche den Herrn schon bei ihrem Leibesleben ihrem Inwendigen nach trotz aller der irrigen Begriffe, welche sie gelehrt wurden, einzig und allein über alles geliebt haben.
GS|1|61|27|0|Wie es aber mit so manchen anderen ergeht, wollen wir nach dem Willen des Herrn noch abermals mit eigenen Augen betrachten, und daher verlassen wir nun wieder diese heilige Stadt und begeben uns schnellreisend wieder in den römisch-katholischen geistigen Kirchenstaat.
GS|1|61|28|0|Seht, ich habe es kaum ausgesprochen, und wir stehen schon wieder einem Kloster sehr nahe. Ihr fragt und sagt: Lieber Freund, obschon es uns unendlich leid ist, dass wir so plötzlich die endlos herrliche Stadt Gottes haben verlassen müssen, so möchten wir aber dennoch, weil wir uns schon wieder hier befinden, sobald erfahren, welch ein Orden in diesem Kloster zu Hause ist. – Meine lieben Freunde und Brüder! Hier werden wir zuerst ein weibliches Kloster kennenlernen, und zwar eines von den Karmeliterinnen. Ihr werdet dadurch so manches in die lebendige Erfahrung bringen, welch eine Bewandtnis es hier mit so einem Kloster hat. Doch denkt zuvor selbst über so manches dieses Ordens nach, damit ihr dann desto leichter erschaut, inwieweit dieser Orden dem Herrn angenehm und inwieweit unangenehm ist. Und somit lassen wir es auch für heute gut sein!
GS|1|62|1|1|Besuch bei den Karmeliterinnen
GS|1|62|1|1|(Am 18. Februar 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|62|1|0|Ihr fragt und sagt: Werden wir aber hier wohl vorgelassen werden? Denn wenn es hier mit diesem Orden so zugeht wie auf der Erde, so wird daraus für unsere Erfahrungen eben nicht gar viel Ersprießliches hervorgehen. – Meine lieben Freunde und Brüder! Es geht hier noch ebenso zu wie auf der Erde. Solches wird uns aber gar wenig beirren; denn in dieser Hinsicht sind wir über alle Schmarotzerfliegen und nichts kann uns hindern, sich allenthalben den tiefen Geheimnissen schnurgerade auf die Nase zu setzen. Und so werden wir’s denn auch hier machen, uns in dieses Kloster ganz verborgen hineinschleichen und dann alles Mögliche beschnüffeln. Und so denn geht nun mit mir und sorgt euch um nichts.
GS|1|62|2|0|Diesen Wesen werden wir noch gar lange völlig unsichtbar bleiben. Denn solches müsst ihr wissen, dass die Engelsgeister entweder aus dem dritten Himmel selbst oder im Wollen des dritten Himmels für die Geister der unteren Himmel so lange völlig unsichtbar bleiben, bis die Geister der unteren Himmel ihrem Inwendigen nach nicht selbst das Wesenhafte der Liebe zum Herrn aufgenommen haben, und zwar zuerst der Einsicht nach und dann der Liebtätigkeit nach. Also können auch wir darum in dieses Kloster ohne weitere Besorgnis treten, und es wird uns niemand erschauen. Mich nicht, weil ich ein Bürger der heiligen Stadt bin, und euch nicht, weil ihr fürs Erste in meiner Sphäre seid, und in dieser nach dem Wollen des obersten Himmels seid, welcher ist das Wollen des Herrn!
GS|1|62|3|0|Seht, wir sind schon im sogenannten Refectorio [Refektorium], oder verständlicher, wir sind im Speisegemach. Seht, soeben werden einige Schüsseln von sogenannten Erzfastenspeisen aufgetragen. Die Speisen stehen auf dem Tisch und nun kommen, wie ihr seht, unsere Klosterdamen. Sind sie nicht noch ebenso kostümiert wie auf der Erde? – Ihr sagt: Wir haben zwar noch nicht die Gelegenheit gehabt, eine solche Klosternonne in völliger Nähe zu betrachten. Aber sie sind vollkommen so gekleidet, wie wir sie zufolge guter bildlicher Darstellungen gesehen haben auf der Erde.
GS|1|62|4|0|Nun seht aber, sie begeben sich zum Tischgebet. Worin besteht aber dieses? Wie ihr es selbst gar leicht hören könnt, besteht es in einem wohlgenährten Rosenkranz, und zudem noch nachfolgend in einigen lateinischen Pronunciationen aus den Psalmen und aus den Kirchenvätern, welche aber auch hier von keiner dieser Klosterdamen verstanden werden. Seht, die Oberin setzt sich zu Tisch. Die anderen machen vor ihr eine bodentiefe Verbeugung und stehen dann wieder neben ihren Stühlen auf. Die Oberin gibt das Zeichen zum Niedersitzen. Und seht, die Oberin hat ein Glöckchen an der Seite, sie läutet soeben, und das ist das Zeichen, dass die Damen nun in die Schüssel greifen dürfen.
GS|1|62|5|0|Aber dort vorn seht ihr eine stehen. Diese darf jetzt nicht essen, sondern muss den Essenden die Leidensgeschichte des Herrn vorlesen. Nun haben unsere Damen ihr körperliches Mahl beendet, und die Oberin läutet wieder. Damit will sie sagen, dass sie nun wieder alle aufstehen sollen. Sie stehen auf, verbeugen sich abermals bodentief vor der Oberin, dann aber knieen sie wieder nieder, und es wird das Dankgebet verrichtet, bestehend abermals aus einem wohlgenährten Rosenkranz. Diesem folgen stille hundert Ave-Maria. Sind diese auch im Verlaufe von etwa dreiviertel Stunden herabgebetet, so werden wieder die lateinischen Gebete nachgebetet. Wenn sie nun fertig sind, so gehen sie hin vor das Kruzifix, legen sich vor demselben förmlich auf den Boden nieder. Dann gehen sie hin zum Bildnis der Maria, tun dasselbe, dann zum Bildnis des Joseph, wieder dasselbe tuend, hierauf zum Bildnis ihrer Ordensstifterin, der Theresia, tun abermals dasselbe, und nun erst gehen sie zu der Oberin als zur Theresia in corpore und tun abermals dasselbe.
GS|1|62|6|0|Nun heißt die Oberin sie alle aufstehen und kündigt ihnen an, dass sie sich zum Chorgebet in einer Stunde bereithalten sollen. Unterdessen aber sollen sie in ihren Zellen die ihnen vorbestimmten Chorgebete überlesen, damit sie dann im Chor ohne Störung vor sich gehen, welche leichtlich ein kleines Ärgernis und somit auch eine lässliche Sünde erzeugen könnte. Denn, setzt die Oberin noch hinzu, sieben Male sündigt ohnehin der Allergerechteste vor Gott im Tag; wie sehr muss er sich da wohl hüten, um nicht acht oder noch mehr Male zu sündigen.
GS|1|62|7|0|Aber eine der Klosterfrauen bittet die Oberin nun um die Erlaubnis, mit ihr ein Wort sprechen zu dürfen; und weil gerade jetzt nicht das strenge Silentium vorgeschrieben ist, so gestattet die Oberin der fragenden Dame solches. (Fragen aber heißt in diesem Kloster so viel als etwas freimütiger bitten.) Was lauter wird etwa wohl diese Dame fragen? Wir wollen die Sache anhören. Hört, sie spricht: Allerwürdigste Braut Christi! Solange wir leiblich gelebt haben auf der Erde, so lange auch war uns, des nach dem Tode zu gewinnenden Himmels wegen, das strenge Klosterleben genehm. Da wir aber nun schon eine geraume Zeit das Irdische mit dem Ewigen vertauscht haben, und wir noch immer auch in diesem ewigen Leben das überstrenge Klosterleben fortführen und von dem Himmel wirklich noch gar nichts verspüren, so fragt es sich, ob dieses Klosterleben hier ewig nimmer ein Ende nehmen wird? Denn müssten wir immer in dieser strengen Klausur verbleiben, so wäre das doch etwas Entsetzliches!
GS|1|62|8|0|Die Oberin spricht: O du ungehorsames Kind! Wie hast du dein Herz so sehr vom Teufel einnehmen lassen können, dass du darob dich einer solch entsetzlichen Frage hast können ermächtigen? Weißt du denn nicht, dass vor dem Jüngsten Tag niemand in den Himmel kommen kann, und dass durch die Fürbitte der heiligsten Jungfrau Maria, der hl. Theresia und in der Mitte dieser beiden des hl. Joseph – Christus, der Herr, darum unserem Orden, weil er der allerstrengste ist, das Fegfeuer nachgelassen und uns dafür zur völligen Reinigung die Gnade verliehen hat, selbst nach unserem Leibesleben für die im selben begangenen lässlichen Sünden und Todsündflecken Seiner allerhöchsten Gerechtigkeit genugzutun und uns völlig zu reinigen? Daher muss hier die Ordensregel unserer erhabenen Stifterin auf das Allerstrengste beobachtet werden. Sonst dürfte es auch geschehen, dass ein solch ungehorsames Kind, wie du bist, am Jüngsten Tage vor dem unerbittlichst allerstrengsten und gerechtesten Richter das Urteil vernehmen möchte: Weiche von Mir, du Verfluchte, denn Ich habe dich nie als Meine Schwester erkannt!
GS|1|62|9|0|Nun seht, diese Worte der Oberin haben unsere arme Fragestellerin wie tausend Blitze auf einmal getroffen. Sie fällt vor ihr nieder und bittet sie um eine wohlgemessene Züchtigung. Und die Oberin spricht: Ja, eine wohlgemessene Züchtigung hast du verdient; aber ich will dich für diesmal nur mit einem Backenstreich und dann mit einem eintägigen Fasten zurechtweisen. Doch sollst du keinen Augenblick säumen, den Beichtvater rufen zu lassen und ihm deine teuflische und vor Gott höchst verdammliche Rede an mich genau und allerreumütigst kundgeben, und dann die Bußwerke, die er dir aufgeben wird, zu Ehren der hl. Dreieinigkeit, zu Ehren der fünf Wunden Jesu Christi, zu Ehren Seines bitteren Leidens und Sterbens, zu Ehren Seiner allerheiligsten Jungfrau Mutter Maria, zu Ehren des hl. Joseph und zu Ehren der hl. Theresia zehnfach verrichten. Und nun erhebe dich und empfange meinen Backenstreich.
GS|1|62|10|0|Seht, unsere Dame erhebt sich, hält sobald der Oberin demütigst die Backe hin, und diese gibt ihr zur Vertreibung des Teufels, wie ihr seht, durchaus keine spaßhafte, sondern eine möglichst wohlgenährte, beinahe schwindelerregende Ohrfeige. Unsere Dame weint darauf bitterlich, dankt der Oberin für diese Züchtigung und begibt sich, wie ihr seht, mit den anderen Schwestern aus dem Refectorio in ihre Zelle. Was da weiter geschehen wird, darüber wollen wir nächstens unsere Beobachtungen anstellen!
GS|1|63|1|1|Die Klosterfrau und der gute Beichtvater
GS|1|63|1|1|(Am 20. Februar 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr abends.)
GS|1|63|1|0|Da sie [die Klosterfrau] in ihrer Zelle anlangt, gibt sie mit einem Glöcklein alsbald das Zeichen, dass die Klosterwärterin zu ihr in die Zelle kommen solle. Was wird sie ihr etwa wohl zu sagen haben? Es handelt sich hier um nichts anderes als um die einfache Bestellung des Beichtvaters, damit sie noch vor dem Chorgebet sich reinige von der Sünde, welche sie vor der Oberin begangen hatte. Die Klosterwärterin besorgt sogleich dies Geschäft und unsere Dame begibt sich sobald hinab in das Beichtkabinett, kniet sich zum Beichtgitter hin und erwartet da den Beichtvater. Nun gehen wir hin und wollen da einmal eine Beichte belauschen. Was sie beichten wird, das wissen wir; aber was der Beichtvater ihr darauf sagen wird, das wissen wir noch nicht, wollen es daher erst erfahren.
GS|1|63|2|0|Der Beichtvater kommt nun ans Gitter und legt sein Ohr an dasselbe. Nun hat sie gebeichtet, und er spricht zu ihr: Höre du, mein liebes Beichtkind, wenn du deine Ordensregel, wie sie auf der Erde bestanden ist, vor dein Gemüt stellst, so hast du mit deiner Äußerung dich offenbar versündigt, aber nicht gegen die Ordnung Gottes, denn diese gab dir ja solches zu denken, sondern gegen die Ordnung des Klosters, welche dir solches zu denken verbietet. Für den Fehler gegen die Ordnung des Klosters hast du auch von deiner Vorsteherin die wohlzugemessene Züchtigung erhalten und hast dich nach derselben der weiteren Anordnung bis hierher gefügt. Hier handelt es sich um Vergebung deiner Sünde von der göttlichen Seite. Gott aber hat in all Seinem Wort niemals eine solche Klosterordnung zu einem Gesetz gemacht. Menschensatzungen, und wären sie mehrere tausend Jahre gang und gäbe, hat Gott nie als die Seinigen sanktioniert und sieht es nicht an, ob jemand sich gewisserart notgedrungen vergeht gegen die Satzungen der Welt; und somit habe ich dir hier von der göttlichen Seite auch nichts zu vergeben.
GS|1|63|3|0|Unsere Dame spricht zum Beichtvater: Hochwürdiger Priester! Der du hier vor mir am Richterstuhl der göttlichen Gerechtigkeit sitzt, wie magst du sagen, dass unser Klosterorden und desselben Regel keine göttliche, sondern eine Menschensatzung ist? Sieh, wenn ich solches unserer Oberin kundgebe, so laufen wir beide Gefahr, auf das Empfindlichste gestraft zu werden. Mich wird man als eine vom Teufel Besessene behandeln, dich aber als einen offenbaren Ketzer entweder exkommunizieren oder wohl gar in den vollkommenen Kirchenbann legen; daher erkläre dich deutlicher, was du damit sagen willst.
GS|1|63|4|0|Der Beichtvater spricht: Höre du, meine liebe Schwester, wer Christus, den Herrn, als den alleinig wahren Gott Himmels und der Erde über alles liebt, der fürchtet weder die Exkommunikation noch den Kirchenbann. Siehe, auf der Erde lachen gegenwärtig die Menschen, welche am Weltlichen hängen und noch von Christo wenig oder gar nichts wissen, über solche kirchliche Eigenmächtigkeit. Warum lachen sie denn? Weil sie in dieser Eigenmächtigkeit keinen Schaden für ihr Gewerbsleben erschauen. Warum sollen denn diejenigen nicht lachen, welche Christus wahrhaft lieben? Denn diese werden doch wohl noch einen bei weitem geringeren Schaden von Seiten dieser kirchlichen Eigenmächtigkeit zu besorgen [befürchten] haben.
GS|1|63|5|0|Hast du nie gehört, was Christus einmal im Tempel zu der Ehebrecherin gesagt hat, als Ihm die Pharisäer und Schriftgelehrten sie nach dem mosaischen Gesetz als vollkommen der Steinigung würdig vorgeführt haben?
GS|1|63|6|0|Unser Beichtkind spricht: Solches weiß ich wohl; aber was willst du damit sagen?
GS|1|63|7|0|Ich will dir damit nichts anderes sagen, spricht der Beichtvater, als dass Christus in Seinem Urteil bei weitem gelinder ist denn Seine Priester und Schriftgelehrten. Diese haben unsere Ehebrecherin ohne die geringste Gnade und Erbarmung der öffentlichen Steinigung als vollkommen würdig erkannt; Christus aber sagte zu ihnen: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“
GS|1|63|8|0|Siehe, solche Rede hat unsere Pharisäer und Schriftgelehrten wie ein Blitz getroffen, denn es war auch ein anderes Gesetz, welches die obere Priesterschaft sündenfrei haben wollte. Und um dieses Gesetz wussten die Pharisäer und Schriftgelehrten ebenso gut wie um das Gesetz gegen die ehebrecherischen Weiber. Zugleich aber wussten unsere Pharisäer und Schriftgelehrten, dass sie selbst die Sünde des Ehebruchs in jeder Hinsicht, sowohl in geistiger wie in leiblicher, begangen haben. Darum auch erschreckte sie diese überaus eindringliche Antwort so sehr, dass sie sich samt und sämtlich, unserer Ehebrecherin ganz vergessend, behände davongemacht hatten. Denn sie wollten für diesmal Christus nicht mehr reizen, weil sie befürchteten, Er möchte ihre Schmach den vielen gläubigen Juden kundtun, welche sie dann ergriffen und auch also behandelt hätten, wie das Gesetz Moses für diesen Fall die scharfe Bestimmung hatte. Was geschah aber mit unserer Ehebrecherin? Die stand nun allein da. Hat sie der Herr etwa verdammt? O nein; Er fragte sie und sagte: Haben dich denn diejenigen, die dich hierhergebracht, nicht verdammt? – Und unsere Ehebrecherin spricht: Nein, o Herr, es hat mich niemand verdammt. – Und Er spricht zu ihr: Also verdamme auch Ich dich nicht; gehe aber hin und sündige hinfort nicht mehr! – Nun, was sagst du zu dieser Handlungsweise des Herrn?
GS|1|63|9|0|Unsere Dame spricht: Ich kann hier unmöglich etwas anderes sagen, als dass der Herr sicher barmherziger und gnädiger ist, als alle besten Menschen der Erde zusammengenommen. – Der Beichtvater spricht: Nun gut, meine liebe Schwester, wenn du den Herrn also erkennst, da wirst du doch auch wohl erkennen, dass meine Belehrung eine vollkommen gültige ist. Wenn des Herrn Güte sich bei der Ehebrecherin schon nicht an das mosaische Gesetz hielt, welches doch von Ihm ausging, um wie viel weniger wird Er Sich an eine Klosterregel binden? Denn siehe, der Herr ist vollkommen frei und kann tun, was Er will. Und so Ihn jemand fragen wird: Herr, was tust du?, so wird Er ihm keine Antwort geben. Ich aber bin hier als ein Beichtvater zu dir gesandt vollkommen in Seinem Namen und trage daher auch Seinen Namen. Wenn ich tue nach und in diesem Namen, sage mir, wen habe ich da wohl zu fürchten?
GS|1|63|10|0|Du sprichst: Den Herrn sicher nicht, so du vollkommen in Seinem Namen handelst. – Nun, wenn ich Den nicht zu fürchten habe, sollte ich da etwa dein Kloster oder die kirchliche Eigenmächtigkeit fürchten? O siehe, solches ist bei mir mitnichten der Fall; und so denn sage ich dir: Wenn du eine wahre Liebe zum Herrn hast, so sollst du auch aus dieser Liebe hinaus etwas wagen, nämlich dass du nun hingehst und sagst deiner Oberin, was ich dir gesagt habe; – und sage ihr dann auch, dass sie sich mit dir nach meinem Willen sogleich hierher begeben soll.
GS|1|63|11|0|Unsere Dame fragt, was sie denn für eine Buße als Genugtuung verrichten soll.
GS|1|63|12|0|Der Beichtvater spricht: Nichts anderes als das, was ich dir soeben gesagt habe.
GS|1|63|13|0|Unsere Dame steht nun auf, und da unsere Oberin zufolge des längeren Ausbleibens einige Bedenklichkeiten in sich zu nähren anfing, so kommt sie selbst unserer Dame schon an der Schwelle des Beichtkämmerleins entgegen, und unsere Dame erzählt ihr da, was ihr der Beichtvater gesagt hat. Und die Oberin schlägt darüber die Hände über dem Kopf zusammen und spricht zu unserer Dame: Siehst du, welch eine Sünde du begangen hast! Die Gnade Gottes ist gänzlich von dir gewichen, und ein Teufel hat die Gestalt eines Lichtengels angenommen und sich als Beichtvater in den Beichtstuhl gemacht und gab dir solche verdammliche Lehre und verlangt, dass sogar ich mich mit ihm in eine Unterredung einlassen soll, damit durch mich, die ich die Seele des Klosters bin, das ganze Kloster hinabgezogen würde in die ewige Verdammnis. Ja, ich habe mir’s wohl gar oft gedacht, dass du solch ein Unglück über dieses heilige Haus Gottes bringen wirst. Nun ist kein anderes Rettungsmittel da, als dass wir uns allerkräftigst vereinigen und unsere große Not der allerseligsten Jungfrau Maria, dem hl. Joseph und der hl. Theresia vortragen. Erhören uns diese nicht, so sind wir verloren; denn hier ist bei Gott keine Gnade und Erbarmung mehr!
GS|1|63|14|0|Unsere Klosterdame spricht zur würdigen Frau: Sagen hochwürdige Mutter, was Sie wollen, so aber glaube ich nach der Belehrung des allerehrwürdigsten Beichtvaters nun keinem Ihrer Worte mehr und bin bereit, wenn es hier möglich ist, eher noch einmal zu sterben, als über die Belehrung dieses würdigen Beichtvaters nur die allergeringste schiefe Meinung in mir zu hegen.
GS|1|63|15|0|Hier will die würdige Frau unserer Dame aus lauter klösterlichem Eifer einen mörderischen Schlag auf den Mund versetzen. Aber unser Beichtvater ist so keck, reißt das Beichtgitter auf, wozu er auch eine hinreichende Kraft besitzt, und entreißt unsere Dame solcher Misshandlung. Was da ferner geschieht, wollen wir das nächste Mal vernehmen.
GS|1|64|1|1|Entstehung von einem auf Irrtümern begründeten geistigen Seligkeitsort und die Befreiung daraus. Belehrung über den Jüngsten Tag
GS|1|64|1|1|(Am 9. Februar 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|64|1|0|Da aber die Priorin solches geschehen sieht, da macht sie sobald ein Kreuz um das andere, nimmt ihre Zuflucht zu einem Weihbrunnkessel und sprengt das Weihwasser tätig nach unserem Beichtvater und nach unserer Dame; auch ruft sie mit aller Kraft all die Schwestern zur tätigen Mithilfe. Diese kommen auch sobald herbei, starren unseren Beichtvater an und können durchaus nichts Teuflisches an ihm entdecken. Nun macht die Vorsteherin ein großes Kreuz vor sich hin, nähert sich dem Beichtvater und der Dame, will sich mit Gewalt ihrer bemächtigen und spricht mit gellend lauter Stimme: Du abscheulicher höllischer Teufel, der du die verfluchte Keckheit hattest, durch Lug und Betrug dich in der Gestalt eines Lichtengels in unser Heiligtum hereinzuschwärzen, ich befehle dir im Namen der heiligen Dreieinigkeit, der allerheiligsten Jungfrau Maria, des hl. Joseph und der hl. Theresia, dass du auf der Stelle entweichst von diesem heiligen Ort und alsbald zurückkehrst in deine ewige Verdammnis und in dein höllisches Feuer und brennst dort ewig und ewig!
GS|1|64|2|0|Nun seht, unser Beichtvater lässt sich durch diesen schrecklich exorzistischen Bannfluch nicht im Geringsten irremachen und spricht: Höre, du blinde Vorsteherin dieser armen Herde, du nanntest mich einen Teufel und hast mich auch darob ganz gehörig verdammt; sage mir, ob ich als dein vermeintlicher Teufel mit dir und mit dieser Schwester hier etwas Ähnliches getan habe?
GS|1|64|3|0|Ich habe dieser Schwester nur das gesagt, was hier im Reich der Geister die volle Wahrheit ist, und dich durch sie rufen lassen, damit auch du als Vorsteherin in der göttlichen Wahrheit näher unterrichtet würdest. Anstatt aber mich anhören zu wollen, hast du gleich das glühendste Richterschwert ergriffen und wolltest diese arme Schwester entweder, so es dir möglich wäre, mit einem Streich totschlagen oder sie wohl gar sogleich der Hölle überliefern.
GS|1|64|4|0|Ich, als dein Teufel, erbarmte mich der armen Schwester und rettete sie durch meine Macht von deiner Wut; dafür aber hast du mich exorzistisch in den höllischen Bannfluch getan.
GS|1|64|5|0|Wenn wir nun unsere Herzen einander gegenüberhalten, so wäre da eine gar große und wichtige Frage zu beantworten: in welchem sich wohl mehr der wahren Nächstenliebe vorfinden möchte, ob in deinem himmlisch sein wollenden oder ob in meinem teuflisch sein sollenden?
GS|1|64|6|0|Ich sage dir aber: Mit deiner Herrschaft über diese arme blinde Herde hat es nun ein Ende! Die Theresia hatte auf der Erde diesen Orden wohl gestiftet. Aber zu ihrer Zeit und in ihrer Regel war eine wahre Nächstenliebe ihr Grund und Liebtätigkeit die Hauptordensregel sowie die notwendige Reinheit des Herzens, welche Regel die Theresia in den gestifteten Orden einführte. Und also war dieser Orden unter solchen Bedingungen dem Herrn auch genehm; aber deine Regel, verbunden mit der allerstrengsten Klausur und dem vielfältigen, für euch alle zumeist unverständlichen Lippengebet dem Herrn ein Gräuel und durchaus in keinem Teil genehm, besonders aber, wenn sich, wie es eben bei dir der Fall ist, eine wahre tyrannisch despotische Herrschsucht, vermählt mit dem blindesten Wahn, in den Orden eingeschlichen hat!
GS|1|64|7|0|Habt ihr auf der Welt wohl je gehört, dass es in der geistigen Welt auch nach dem Leibestod Klöster und solche klösterliche Klausuren gibt? Soviel ich weiß, habt ihr nur geglaubt, nach dem Tode des Leibes entweder bis zum Jüngsten Gericht in einen süßen Seelenschlaf überzugehen oder in das Paradies zu kommen, wohl auch sogleich in den Himmel. Wenn ihr aber unwidersprechbar solches geglaubt habt, wie ist demnach denn dieses Kloster entstanden?
GS|1|64|8|0|Seht, ihr steht auf diese meine Frage stumm da und wisst mir kein Wort zu erwidern. Diese nämliche Frage hatte zuvor auch diese arme Schwester an dich, Vorsteherin, gerichtet. Da du ihr so wenig wie mir eine Antwort zu geben vermochtest, so erbranntest du dafür in dem heftigsten Zorn und gabst der Fragenden eine betäubende Maulschelle.
GS|1|64|9|0|Nun aber sage ich dir, woher dieses Kloster rührt. Es rührt von deiner herrschsüchtigen Begründung, und so hast du nur zufolge deines blinden Wahnes durch Lug und Trug für dich und diese armen Schwestern auch hier in der geistigen Welt solche Klausur errichtet. Daher ist diese Klausur auch nur eine Trug-Klausur und Gott, dem Herrn, sicher in keinem Teil angenehm; und ich habe dazu die Macht trotz dem, dass ich als ein wahrer Beelzebub vor dir erscheinen muss, diese Klausur für alle diese armen Schwestern aufzuheben und sie allesamt frei hinauszuführen, dich allein aber zu belassen in dieser deiner Klausur so lange, bis du in dir selbst nicht reuig inne wirst, dass solch eine Klausur eine irrige Begründung des Geistes und in ihr nicht ist weder irgendeine Wahrheit noch irgendetwas Gutes.
GS|1|64|10|0|Damit aber du und alle die armen Schwestern erkennen möchten, dass Ich vollkommene Macht habe, solches zu tun, und das nicht vom Beelzebub, den du, Oberin, besprengt hast mit deinem Weihwasser, sondern unmittelbar von Gott aus, so zeige Ich euch allen fürs Erste an, dass diese von Mir gerettete Schwester eben die Theresia selbst ist, welche von Mir aus zu euch gesandt ward, um euch von eurem Wahn zu befreien. Fürs Zweite aber zeige Ich euch an, dass Ich Selbst der nämliche bin, den die Theresia so sehr liebte! Wollt ihr solches nicht glauben, so legt gleich einem Thomas eure Hände in Meine Wundmale!
GS|1|64|11|0|Und nun siehe, du Oberin dieses Klosters, du hast Mich verdammt in deiner großen Blindheit. Siehe, auch Ich hätte Macht, dich zu verdammen, aber damit du siehst, dass Ich besser bin als dein Orden, so verdamme Ich dich nicht, sondern belehre dich und zeige dir den Weg zu Mir. Doch jetzt kannst du nicht Mir folgen, sondern dann erst, wenn du dein trügliches Kloster hier vom Grunde aus wirst niedergerissen haben.
GS|1|64|12|0|Nun seht, all die Schwestern fallen vor dem Herrn nieder und loben und preisen Ihn ob Seiner großen Liebe und Erbarmung und flehen zu Ihm um Gnade für die Oberin. Und der Herr spricht: Es sei, um was ihr gebeten habt! Aber die Oberin hat noch ihren freien Willen und wird ihn ewig behalten. Will sie das Kloster niederreißen, so mag sie mit euch ziehen; will sie es aber behalten, so werde Ich es ihr auch nicht um eine Sekunde eher nehmen, als bis sie es Mir freiwillig abtreten wird.
GS|1|64|13|0|Seht, die Oberin steht wie ganz versteinert vor der Gesellschaft der Schwestern und weiß nicht, was sie nun tun soll, denn sie hält bei sich diese Szene noch immer für einen außerordentlichen Teufelsspuk. Und der Herr spricht zu ihr: Wie denkst du denn in dir? War es denn nicht ein Glaubenssatz bei euch, dass der Satan vor dem Namen Jesu Christi fliehen müsse, und dass sich vor diesem Namen alle Knie beugen müssen im Himmel, auf Erden und unter der Erde? Wenn aber schon der Satan eine solche gewaltige Furcht hat vor dem Namen Jesu, wird er Ihn wohl selbst aussprechen, oder sich wohl gar in Seine Gestalt umwandeln? Siehe, wie groß deine Torheit ist! Du aber bist für ein reineres Licht noch nicht reif und wirst so lange nicht reif sein, bis du nicht den letzten Stein dieses Klosters in dir vernichten wirst.
GS|1|64|14|0|Ich sage dir aber auch noch hinzu, dass du dich allein an Mich zu wenden hast, so du je aus deiner Klausur möchtest befreit werden.
GS|1|64|15|0|Auf deinen jüngsten Tag wirst du vergeblich warten; denn dieser ist und dauert für alle Menschen fortwährend. Er ist für die Liebegerechten ein Tag der Auferstehung zum ewigen Leben, welches ist die vollkommene Wiedergeburt des Geistes. Er ist aber auch ein Tag des Gerichtes für alle jene, die Mich nicht im Geiste und in der Wahrheit und somit in aller Liebe in sich aufnehmen wollten.
GS|1|64|16|0|Nun weißt du, wie du daran bist; kehre dich danach, so wirst du deinen jüngsten Tag zum ewigen Leben erreicht haben, sonst aber wird dir diese Sonne, welche diesen Tag erleuchtet, wohl Ewigkeiten hindurch nicht mehr aufgehen!
GS|1|64|17|0|Hier wendet Sich der Herr zu den Schwestern und heißt sie alle Ihm folgen. Wie ihr aber im Geiste sehen könnt, so wirft sich endlich auch die Oberin wie verzweifelnd vor Ihm nieder und bittet Ihn, dass Er sie, nachdem sie Ihn nun erkannt habe, nicht doch so ganz allein zurücklassen solle. Und der Herr spricht zu ihr: Siehe hier Meine liebe Schwester, die Theresia, Ich will, dass sie bei dir verbleibe und dir helfe dein Kloster zerstören. – Und seht, die Theresia hebt sobald mit aller Liebe die Oberin auf, führt sie zurück und zeigt ihr die wahren Wege des Herrn.
GS|1|64|18|0|Der Herr aber zieht mit Seinen unschuldigen Lämmern dem ewigen Morgen zu! – Es wird auch nicht lange dauern, dass unsere liebe Jüngerin des Herrn ihre noch blinde Schwester von ihrer Klausur befreien wird. Jedoch wird diese nicht sobald in den Morgen, sondern in den Mittag oder in den zweiten Himmel gebracht werden.
GS|1|64|19|0|Und so habt ihr wieder gesehen eine andere Art und Weise der Befreiung aus einem irrtümlichen geistigen Seligkeitsort, welcher freilich wohl einer von der besseren Art war. Es gibt aber deren in dieser Art noch eine große Menge, mit denen es um vieles schwerer geht. Nächstens wollen wir ein männliches Kloster der Art in Augenschein nehmen, und es soll ebenfalls eines der strengsten sein. Und ihr werdet daraus ersehen, mit welchen Schwierigkeiten allda das Leben zu kämpfen hat, wo die Flut falscher Begründungen die Saat desselben völlig erstickt hatte.
GS|1|64|20|0|Daher sollte sich ja niemand in etwas begründen, sondern sollte allein die Liebe zum Herrn und seinem Nächsten als die alleinige Richtschnur des Lebens nehmen. Denn die Liebe ist ein gutes Erdreich, auf dem der Same des Lebens bestens fortkommt; wird aber dieses Erdreich zuvor mit Unkraut besät, so wird dann auf demselben der gute Same gar mühsam fortkommen. Solches werden wir beim nächsten Beispiel klar ersehen. Und somit gut für heute!
GS|1|65|1|1|Ein Mönchskloster. Augustinus und die Augustiner. Das Gottesauge. Die verborgen gebliebene bessere Erkenntnis der Dreieinigkeit Gottes
GS|1|65|1|1|(Am 24. Februar 1843 von 4 – 7 1/4 Uhr abends.)
GS|1|65|1|0|Zu dem Behuf wollen wir denn dieses weibliche Kloster verlassen und uns etwas vorwärts bewegen. Seht, dort mehr zwischen Mittag und Abend befindet sich schon ein solches Kloster, welches auf den ersten Augenblick als solches zu erkennen ist. Seht eine pomphafte Kirche mit zwei gewaltigen Glockentürmen und zu beiden Seiten der Kirche das Klostergebäude mit etwas kleinen Fenstern. Und wie ihr noch seht, so ist das ganze Klostergebäude samt der Kirche mit einer tüchtigen Mauer umfangen. Ihr möchtet wohl wissen, was für ein Orden sich da innen befindet? Ich sage euch, einer der strengsten, und zwar namentlich der Orden der sogenannten barfüßigen Augustiner.
GS|1|65|2|0|Dieser Orden war einmal ein recht angesehener Büßerorden, und zwar nach der Ordnung des Kirchenlehrers Augustinus, welcher bekanntermaßen sich sehr angelegen sein ließ, das Wesen der Dreieinigkeit unter einem konfirmierten Begriff darzustellen. Dieser einesteils sehr emsige Christ ist im Ernst sogar vom Herrn Selbst gewarnt worden, seiner Dreieinigkeitsforschung nicht weiter nachzuhängen. Aber dessen ungeachtet verband er sich fest mit dem römischen Bischof und stimmte mit der zu Nizäa ausgeheckten dreipersönlichen Dreieinigkeit vollkommen fest überein, und suchte dann eben dieses Dreieinigkeitsbild durch seine sonst tüchtige Weltweisheit so viel als möglich kirchlich rechtskräftig zu machen und wurde daher auch zu der Ehre eines Kirchenvaters und eines Kirchenlehrers erhoben.
GS|1|65|3|0|Es war freilich wohl etwas sonderbar, dass sich solche Kirchenlehrer auch Kirchenväter nennen ließen, indem sie doch das Evangelium hatten, in welchem von Christo der alleinige rechte und wahre Vater aller Menschen und somit auch so mehr Seiner Kirche bestimmt ward. Allein, da der Augustinus seine Forschungen nicht aus Eigennutz, sondern redlicheren Sinnes tat, so ward ihm solches auch nicht angerechnet. Und er fand in der geistigen Welt, zum Teil aber schon für sich auch in der naturmäßigen, seinen Irrtum und wurde daher vom Herrn auch alsbald aufgenommen und besseren Weges geleitet. Zufolge seiner irdischen besseren Erkenntnis aber hat er schon bei Lebzeiten eine kleine Schule ganz im Geheimen um sich gehalten, welche sich einer besseren und daher auch lebendigeren Erkenntnis des dreieinigen Gottes zuwandte. Augustinus hatte zu dem Behuf auch die Bekanntschaft mit dem inneren lebendigen Wort gemacht und hat den Weg kennengelernt, auf welchem man sich diesem nahen kann.
GS|1|65|4|0|Dieser Weg war die entschiedenste Demut, die völlige Hintansetzung der Welt und dafür die Ergreifung des Herrn in der Liebe. Solche Schule hat sehr bedeutenden Zuspruch bekommen, trotzdem sie so geheim als möglich gehalten ward. Sogar der römische Bischof selbst erhielt Kenntnis davon, war öffentlich nicht dawider und schloss sich selbst dieser Schule an. Er sah bald ein, dass die öffentliche Lehre nicht mit dieser übereinstimmt, konnte aber nun auch nicht mehr wider den Strom schwimmen. Damit aber solche Schule nicht zugrunde ginge, welche für dieselbe Zeit ein gar wichtiger Fund war, so gestattete er dieser Schule aber dennoch eine freiere Ausübung und nannte sie die Schule der wahren Priester, welche mit der Zeit den Namen Scholastiker bekamen. Freilich waren diese Scholastiker nicht identisch zu halten mit jenen altägyptischen Scholastikern, welche sich mit dem zauberhaften Mystizismus befassten, sondern sie waren vielmehr Scholastiker nach dem inneren Sinn des Wortes.
GS|1|65|5|0|Sie machten sich daher auch ein anderes Bild von der Dreieinigkeit, und dieses bestand aus einem Auge in einem Dreieck, welches sich in einem sonnenartigen Strahlenkranz befand. Wennschon diese Darstellung eben auch nicht vollkommen entsprechend richtig war, so wurde aber dadurch Gott dennoch in einer Einheit dargestellt.
GS|1|65|6|0|Und das Auge stellte die Sonne des Herrn dar, in welcher Er Sich befinde in Seiner ewigen Liebe und Weisheit, und solches darum, weil auch das menschliche Auge beides in sich begreife; denn aus dem Auge schaue die Liebe und aus dem Auge geht auch das Licht hervor. Die drei Ecken der Figur, in deren Mitte sich das Auge befand, stellten die drei Grade vor, innerhalb welcher sich das Göttliche als Inwendigstes ausspricht. Und diese drei Grade waren entsprechend den drei Ecken also eingeteilt, dass die zwei unteren bezeichneten Naturmäßiges zur Linken und entsprechend Geistiges zur Rechten, die obere Ecke aber bezeichnete Himmlisches. Was dann die Ausstrahlung vom Auge in all diese drei Ecken betrifft, so ward dadurch angedeutet das Einfließen des Herrn durch und in allen diesen drei Graden. Das Überströmen der Strahlen über diese Figur hinaus bezeichnete die unendliche Macht und Unerforschlichkeit des göttlichen Wesens. Und sonach war diese Darstellung als eine ziemlich gelungene Hieroglyphe des dreieinigen Gottwesens zu betrachten. Nach solcher Regel war denn auch der Orden der barfüßigen Augustiner gestellt.
GS|1|65|7|0|Ihr fragt zwar, warum denn diese sogenannten Neu-Scholastiker das Wesen des dreieinigen Gottes sich nicht noch vollkommener darstellten und warum ihnen solches der Herr nicht angezeigt hat? Solches rührt daher, weil alle diese daneben dennoch in etwas Falschem zufolge der früheren persönlichen göttlichen Dreieinigkeit waren. Ein Teil dieser Scholastiker ging dann ohnehin in eine bessere Erkenntnis über und hat sich darum auch unter den Schutz der griechischen Kirche begeben, allwo er dann sich als eine förmliche Sekte unter dem Namen der Unitarier ausbildete. Aber unter dem römischen Bischof blieb es immer bei der ersten Regel, und das zwar unter der strengen Klausurverschwiegenheit, welche Verschwiegenheit mit der Zeit so weit ging, dass selbst die Eingeweihten miteinander nur sehr wenig Worte wechseln durften. Ein jeder für sich durfte wohl mit dem inneren Wort sprechen; aber dasselbe einem anderen mitzuteilen, war nicht gestattet. Und so verkümmerte sich mit der Zeit auch dieser gute Orden und stand bei so manchen nachfolgenden Hierarchen in keinem bedeutenden Ansehen.
GS|1|65|8|0|Es entstanden diesem Orden zufolge dann auch noch andere ähnliche Orden, die sich aus solchem guten Grunde von der Welt streng absperrten. Sie konnten aber alle zusammen nichts ausrichten, fürs Erste, weil sie dabei dennoch von der äußerlichen kirchlichen Ordnung befangen waren, und fürs Zweite, weil sie solches wohl unter sich unter der strengen Klausur treiben, aber in der ihnen zugewiesenen pfarrlichen Seelsorge dennoch keinen nützlichen Gebrauch davon machen durften.
GS|1|65|9|0|Also bildeten sich noch gar viele Orden und waren anfänglich alle im guten Grunde und nahe samt und sämtlich mehr oder weniger Anhänger des inneren Scholastizismus. Aber mit der Zeit ging dieser fast gänzlich verloren, und es blieb nichts übrig als bloß nur die äußere Form. Und da mit der Zeit auch einige Orden sehr zugunsten des römischen Episkopats zu handeln angefangen haben, so wurde ihnen dadurch von Seiten desselben auch so manche sehr bedeutende äußere Begünstigung zugeteilt. Daraus entstanden dann gar bald Herrnstifte und Herrnorden. Und da sich alle diese Orden dann besser befanden als diejenigen, welche noch mehr bei ihrer Grundregel verblieben sind, so machte das auch die kleinen Orden stutzen, und sie begannen dann ebenfalls, mehr zugunsten Roms zu handeln und wurden dann auch stets mehr und mehr begünstigt. Auf diese Weise verlor sich bis auf diese Zeit alles Innere aus den Orden, und an dessen Stelle trat eine fälschliche Begründung.
GS|1|65|10|0|Und in einer eben solchen Begründung erschauen wir hier dieses Kloster, welches nichts als allein nur noch den Namen seines ursprünglichen Gründers führt, welches ihr gar leicht aus dem erkennt, dass gleich ober dem Hauptkirchenportal sich die dreipersönliche Dreieinigkeit befindet, und unter dieser erscheint, wie von den Wolken gedrückt, das sogenannte Auge Gottes, welches so viel besagt als, dass das Irrtümliche über das Wahre gesiegt hat.
GS|1|65|11|0|Die Mönche gehen zwar wohl noch barfuß einher und sind noch mit derselben Kleidung bedeckt. Wenn ihr aber die innere Scholastik sehen wollt, so besteht diese in nichts anderem, als bloß nur in dem, dass sie, nämlich die Mönche, sich dem außen nach so tragen und gebärden, wie sich dereinst die wirklichen Augustiner getragen und gebärdet haben. Fragt ihr aber einen, warum er solches tue, so werdet ihr entweder gar keine Antwort bekommen, oder wenn ihr schon eine Antwort bekommt, so wird solche also lauten: Solches tun wir als beständige Büßer des Himmels willen; denn das Himmelreich leidet allzeit Gewalt, und die es nicht mit Gewalt an sich reißen, werden es nicht bekommen. Aus diesem aber könnt ihr gar leicht erkennen, was das eigentliche Motiv des strengen Lebens, wenn es noch gut geht, ist. Sie tun alles des Himmels willen; sie lieben auch und fürchten den Herrn, aber nicht Seiner Selbst, sondern nur des Himmels und der Hölle wegen. Würde der Herr ihnen die Hölle wegnehmen und ihren geträumten Müßigkeits-, Wohllebens- und Gaffhimmel in einen Arbeitshimmel verwandeln, so würden sie über ihr strenges Büßerleben gar bald ein gutes Kreuz machen.
GS|1|65|12|0|Also geht es, wie gesagt, noch in besserem Maßstabe genommen. Aber bei gar vielen ist die strenge Ordenshaltung nichts als ein politischer Weg, um auf demselben sich bedeutender zeitlicher Vorteile zu versichern und derselben gar wohl habhaft zu werden. Und das ist sogar eine Handlungsweise höllischer Art und dem Herrn ein Gräuel. Diese Art werden wir nicht hier antreffen, denn diese sind entweder im tiefen Abend, oder, wenn es gar schlecht geht, auch wohl gar in der Hölle zu Hause.
GS|1|65|13|0|Hier aber werden wir demnach nur die strengen Himmelsbewerber antreffen, welche sich den Himmel durch die strenge Beobachtung ihrer Ordensregel wie Tagwerker verdienen wollen. Dass das Kloster auch hier als solches erscheint, das bringt ebenfalls der materielle Glaube an das Jüngste Gericht zuwege. Und ihr werdet solchem Glauben zufolge auch alle Abarten in diesem Kloster antreffen, welche aus der Begründung herrühren; wie nämlich die Seele nach dem Tode, zufolge einiger unverstandener altscholastisch-mystischer Begriffe fortlebe, nämlich entweder in der sogenannten Psychopanechia, d. i. allgemeiner Seelenschlaf, oder in einem untätigen Paradiesleben, mitunter wohl auch in einem sobald nach dem Tode erfolgten Himmel. Wie sich alles solches artet, werden wir nächstens zur Beschauung bekommen. Und somit gut für heute!
GS|1|66|1|1|Erklärung der Einrichtungen des Augustinerklosters
GS|1|66|1|1|(Am 25. Februar 1843 von 4 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|66|1|0|Ihr sagt jetzt und fragt mich: Lieber Freund und Bruder! Siehe, das Kloster ist allenthalben verschlossen; werden wir durch die verschlossenen Türen gehen oder werden wir uns die Türen öffnen lassen?
GS|1|66|2|0|Liebe Freunde und Brüder, wir werden hier weder das eine noch das andere tun. Denn das Kloster erscheint nur von einiger Ferne also verschlossen und besagt dadurch, dass die darin Wohnenden schwer zugänglich sind, weil ebendieses verschlossene Kloster eine solche in sich verschlossene Begründung solcher Geister nach außen erscheinlich darstellt.
GS|1|66|3|0|Wenn wir uns aber diesem Kloster nähern, in seine Sphäre treten und somit auch erscheinlich eingehen werden in die Begründung seiner Bewohner, so werden wir es sobald eröffnet erschauen. Und so denn treten wir näher, damit ihr euch von allem selbst überzeugt. Nun seht, wir befinden uns schon in der Sphäre des Klosters, und die Pforten desselben sind uns aufgetan.
GS|1|66|4|0|Ihr sagt hier zwar: Lieber Freund und Bruder, wir können noch nicht recht einsehen, wie solches vor sich geht. Geschieht das durch den Willen der innewohnenden Geister oder ist zu diesem Zweck irgendeine geisterhafte Maschine angebracht, vermöge welcher durch einen einfachen Druck alle Türen plötzlich geöffnet werden?
GS|1|66|5|0|Liebe Freunde und Brüder, solches ist hier mitnichten der Fall. Damit ihr aber den eigentlichen Grund einseht, so will ich euch in solche Erkenntnis durch ein leichtes Beispiel führen. Es befindet sich in einer Gesellschaft ein sogenannter Weltweiser, den ihr mit dem Ausdruck „Philosoph“ bezeichnet. Dieser Mensch ist höchst einsilbig, oder er redet gar nichts; warum denn? Weil er fürs Erste seine Perlen nicht den Säuen vorwerfen will, und fürs Zweite, weil er so manche seiner Ideen selbst für schlüpfrig erkennt und sich daher mit denselben nicht an das Tageslicht getraut. Und das zwar darum, um einerseits nicht etwa von seinem Gelehrtenruhm leichtsinnigerweise etwas zu vergeben, andererseits aber auch aus Furcht vor irgendeinem ihm noch unbekannten polizeilich und politisch lauschenden Ohr, durch welches er sich leichtlich so manchen Unannehmlichkeiten aussetzen könnte. Damit also der Mann weder im einen noch im anderen gefährdet wird, so verschließt er sich, begibt sich in seinen förmlichen Seelenschlaf oder in sein geistiges Weisheitsparadies oder in seinen stoischen Himmel, lauscht aber in diesem Zustand überaus sorgfältig herum, ob sich in der Gesellschaft nicht etwa ein ihm verwandter Geist hören lässt. Hat er einen solchen gefunden, da wird er sobald vertraulich und fängt an, ein Pförtchen ums andere seines Klosters aufzusperren. Findet er aber gar einen oder mehrere, die völlig in seine Ideen eingeweiht und somit auch eingegangen sind, da werden sobald alle Pforten seines Klosters auf einmal aufgetan, und unser Mann wird es nicht ermangeln lassen, der ihm entsprechenden und von seinen Ideen begeisterten Gesellschaft den gebührendsten Beifallstribut zu zollen. Wir sind hier zwar nicht im Ernst als in die Ideen und falschen Begründungen dieses Klosters eingehend zu betrachten; dessen ungeachtet aber werden wir zufolge unserer Annäherung geistig als solche betrachtet, und das zwar von Seiten des Klosters.
GS|1|66|6|0|Ihr fragt hier zwar, ob uns diese Klostergeister wohl sehen. Ich aber sage euch: Im Grunde wäre solches einerseits gar nicht nötig, weil es hier sich lediglich nur darum handelt, um euch über diese Verhältnisse eine Kunde zu verschaffen und wir zu dem Behuf überall ungehindert eintreten können, wo wir wollen, und können da im Verborgenen alles Mögliche belauschen. Da es sich aber hier um eine fühlbarere Innewerdung für euch handelt, so ist es auch notwendig, dass wir uns den Einwohnern dieses Klosters sichtbar machen. Aus diesem Grunde hat uns denn das Kloster auch sich annähern gesehen, und die Pforten stehen für uns offen, und wir können somit auch ungehindert eintreten. Wir wollen zuerst in die Kirche gehen und uns in derselben ein wenig umsehen, was alles sich dort Merkwürdiges unseren Blicken darstellen möchte. Nun seht, wir sind schon in der Kirche; was erblickt ihr?
GS|1|66|7|0|Ihr sagt: Merkwürdig, das ist ja eine Kirche, die man nur überaus prachtvoll nennen kann! Die herrliche Bauart, die Höhe und die wirklich meisterhaften Gemälde, mit denen die Wände bemalt sind, sind im Ernst staunenerregend. Und der Hochaltar ist, was man sagen kann, ein vollendetes Meisterwerk der Skulptur. Auch das Hauptgemälde der Dreieinigkeit zeichnet sich durch den erhaben sanft gehaltenen Charakter wahrhaft großmeisterlich aus. Denn fürwahr, das freilich wohl irrige Bild der Dreieinigkeit haben wir noch nie meisterlicher gemalt gesehen wie hier. Merkwürdig ist die bildliche Darstellung dadurch, dass der Vater und der Sohn die Köpfe beinahe ganz fest aneinander halten, darum die Köpfe denn auch in dem licht gehaltenen Dreieck sich befinden, und über den zwei Köpfen auf der obersten Ecke die Taubengestalt des hl. Geistes so angebracht ist, dass die Taube auf diesem obersten Dreieck zu sitzen scheint und ihren Kopf hinabneigt zwischen die beiden Köpfe.
GS|1|66|8|0|Dann ist noch bemerkenswert, dass unter der Dreieinigkeit Scharen und Scharen, auf Wolken knieend und betend, abgebildet sind. Und wir erblicken unter diesen Seligen beinahe niemanden als die alten Propheten, die Apostel des Herrn, Maria und Joseph gleich unter der Dreieinigkeit, dann eine Menge uns wohlbekannter Märtyrer, nach denen aber lauter Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Prälaten, einige berühmte Mönche, Kaiser, Könige, Fürsten, Grafen und Ritter, desgleichen auch weibliche Selige. Aber nicht ein seliger Landmann ist unter diesen zu erblicken.
GS|1|66|9|0|Ihr seht gut, aber doch habt ihr noch nicht alles gesehen. Da seht nur ganz hinab ans unterste Ende der Tafel, da werdet ihr den Erdboden gemalt erblicken und eine Menge elender Landleute, welche ihre Hände zu diesen Seligen um Hilfe flehend emporhalten. Und seht noch etwas tiefer, da zeigt sich sogar das Fegefeuer, und eine zahllose Menge armer Landseelen streckt ihre Hände über den leckenden Flammen empor, um die Hilfe zu den Heiligen im Himmel flehend. Und dort zur linken Seite des Bildes, ist gleich ober der Erde eine ziemlich dunkel gehaltene Wolke gemalt und von der Erde ist eine Leiter an dieselbe angelehnt. Zu Ende dieser Leiter werdet ihr ein doppelflügeliges Tor erschauen nach der Form der Mosestafeln, hinter dem Tor unseren Petrus und den Erzengel Michael, und auf der Leiter könnt ihr auch einige wenige im Aufsteigen begriffen erschauen, einige aber auch häuptlings von dieser Wolke vom Ende der Leiter herabstürzend. Im Hintergrund dieser dunkelgehaltenen Wolke erblickt ihr wohl auch einige knieende Selige; das sind die sogenannten Alleheiligen.
GS|1|66|10|0|Seht, sonach geht unserem Bild nichts ab als bloß nur die Hölle. Da aber diese außer aller Gemeinschaft und somit auch außer allem Gedächtnis aller dieser Seligen steht, so kann sie auch nicht einen Teil dieses Bildes ausmachen. Also hätten wir das Hauptaltarblatt von oben bis unten genau besehen. Was fällt euch denn sonst noch auf? Ihr sagt: Das schöne Tabernaculum, welches eine Gruppe von lauter künstlich zusammengestellten Seraphköpfen bildet. Dann das Tabernakel-Portalchen, den auferstandenen Christus darstellend, und wenn wir übrigens recht sehen, so ist dieser Christus halb durchsichtig, und man erschaut auf Seiner Herzensseite statt des Herzens eine recht prachtvolle Monstranz mit dem Sanktissimum durchschimmern. – Ja, so ist es auch, wie bildlich also auch werktätig. Die Liebe Christi stellt nun dar die Liebe zum Golde, Silber und Edelsteinen; und das Brot des Lebens hat sich mit diesen Hauptinsignien der Welt umkleidet.
GS|1|66|11|0|Wenn du nun, guter Freund und Bruder, uns die Sache nur noch ein wenig deutlicher erklären möchtest, so könnte uns das durchaus nicht schaden.
GS|1|66|12|0|O ja, solches kann ich ja tun. Fragt euch: Durch was müsste man denn hier gehen, wenn man zum Brot des Lebens gelangen wollte? – Zuerst durch den edelsteinernen Christus. Dieser bezeichnet aber nichts anderes als das tote Mauerwerk der Kirche oder die gemauerte Kirche. Wer nicht in diese eingetauft und eingefirmt ist, der kann nicht zu dem kirchlichen lebendigen Gnadenschatz gelangen, wer sich aber einmal in der gemauerten Kirche also befindet, der vergesse dann ja des Goldes und des Silbers nicht. Denn aus Silber und Gold sind die Schlüssel Petri. Bringt jemand Silber und Gold, so wird er auch zum Brot des Lebens zugelassen.
GS|1|66|13|0|Ihr müsst zwar nicht denken, als müsste man für die Kommunion zahlen; denn die kleine Hostie bekommt ein jeder Kommunizierende, sooft er nur immer beichten will, umsonst. Aber will jemand auch die vollkommene Wirkung der großen Hostie für sich gewinnen, da muss er zahlen, und das eine Segenmesse noch obendrauf, muss zur Abhaltung mehrerer Segenmessen, wenn diese nach seinem Tode regelmäßig sollen fortgehalten werden, eine glänzende Stiftung machen. Und will er die abgehaltenen Segenämter noch kräftiger wirkend haben, so müssen sie noch dazu bei den privilegierten Altären abgelesen werden. Ich meine, aus diesem wenigen werdet ihr ohne viele Mühe leicht ersehen können, wie man zu unserem erschauten Sanktissimum nur durch Silber, Gold und Edelsteine gelangen kann. Auf der Welt bezeichnet zwar dieses, nämlich Gold, Silber und Edelsteine, eine Ehrung Gottes und heißt: Omnia ad majorem Dei gloriam! [Alles zur größeren Ehre Gottes!] Hier aber wird dieses anders verstanden und also übersetzt: Alles zu unserem größeren Ansehen, zu unserer Verherrlichung und zu unserem stets wachsenden priesterlichen, reicher werdenden Vorteil; oder noch verständlicher: Lasst uns Herren sein auf der Welt, und ein jeder Kaiser neige sein Haupt unter unsere Fußsohlen.
GS|1|66|14|0|Es ließe sich hier wohl sehr gewaltig fragen, wo denn so ganz eigentlich unter dem Gold, Silber und Edelsteinen die wahre christliche Demut und Verachtung der Welt ruht, wo die Nächstenliebe, wo die Selbstverleugnung und wo: „Nehmt ein Kreuz und folgt Mir nach?“ Denn unter diesen goldenen, silbernen und edelsteinernen Aspekten hätte der Herr ja sagen müssen: Nehme dein Gold, Silber und Edelsteine und folge also glänzend reichbeladen Mir nach. Auch Petrus hätte nicht sagen sollen: „Gold und Silber habe ich nicht“. Und wieder hätte der Herr zum reichen Jüngling nicht also spärlich (bitter) reden sollen und am Ende noch gar dazusagen, dass ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr ginge als ein Reicher in den Himmel. So ist denn alles verkehrt und zerstört; und die Kirche, welche sich die alleinseligmachende nennt, hat vom Christentum kaum noch den Namen.
GS|1|66|15|0|Wer sich im Zeugnis oder in einer anderen Urkunde nur „katholisch“ bezeichnet, braucht das Wort „christlich“ gar nicht hinzuzusetzen; setzt aber jemand das „christlich“ allein, so wird er für eine Art Kleinketzer gehalten und kann sich sogar kleinen Unannehmlichkeiten aussetzen. Jedoch lassen wir nun alles dieses beiseite, denn die Folge solcher groben Irrtümlichkeiten liegt ja nun klar und offen vor euren Augen, – und indem ihr den wahren Himmel kennt, so wird es euch hier sicher nicht schwerfallen, den großen Abstand zwischen hier und dort auf den ersten Augenblick zu erkennen.
GS|1|66|16|0|Ihr fragt zwar, warum denn der Herr solcher Irrtümlichkeit nicht ein baldiges und völliges Ende mache und warum Er solches schon ursprünglich zugelassen habe. Ich aber sage euch, dass des Herrn Wege allzeit unergründlich und Seine Ratschlüsse ewig unerforschlich sind, und es genüge euch, dass ihr wisst, wie unendlich gut der Herr ist, von welch großer Geduld und Erbarmung, und wie Er als die allerhöchste Liebe und Weisheit gar wohl und alleruntrüglichst versteht, alle Gewächse zu ihrer Reife zu führen. Und wenn sie reif geworden sind, so weiß Er es, sie für Seine ewig liebevollsten und weisesten Zwecke allertauglichst und allerbest zu benutzen.
GS|1|66|17|0|Ihr könntet ebenso gut fragen, warum der Herr auch so viel Unkraut und reißende und giftige Tiere auf die Erde gesetzt hat, wovon ihr nirgends einen Nutzen erschaut. Ich aber sage euch: In allem diesem geht der Herr Seine unergründlichen Wege und folgt allzeit Seinem Ratschluss; und uns genügt es, lebendigst zu wissen, dass Er ein unendlich guter Vater ist. Und wissen wir das, da wissen wir auch, dass Er nichts eines argen Zweckes wegen geschaffen hat, sondern dass Er alles zu dem unaussprechlich besten Ziel lenkt und ewig lenken wird! Ihr fragt, ob wir nun auch die übrigen Kirchenteile besuchen und besichtigen sollen. Solches ist nicht vonnöten, daher begeben wir uns in das eigentliche Kloster und machen da unsere Betrachtungen. Seht, da kommt soeben ein recht freundlicher Augustiner aus der sogenannten Sakristei. Er grüßt und winkt uns, zu ihm zu kommen; also folgen wir auch seinem Wink!
GS|1|67|1|1|Hat Petrus die römisch-katholische Kirche gestiftet?
GS|1|67|1|1|(Am 27. Februar 1843 von 4 1/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|1|67|1|0|Was lauter uns etwa der [Augustiner] doch sagen wird und was lauter alles zeigen? Nichts anderes, als was uns zu sehen notwendig ist. Wir sind bei ihm; und so hört denn, was er zu uns spricht und wie er uns empfängt. Also aber lauten seine Worte:
GS|1|67|2|0|Seid mir tausendmal willkommen, liebe Freunde und Brüder, im Namen der geheimnisvollen Dreieinigkeit, im Namen der seligsten Jungfrau Maria, des hl. Joseph und unseres hl. Kirchenpatrons Augustinus, der da war ein wahrer Apostel und Nachfolger des Herrn Jesu Christi! Darf meine knechtliche Geringfügigkeit an euch nicht die Frage tun, welche fromme Absicht euch in diesen Gott allein wohlgefälligen Tempel geführt hat? Seid ihr etwa auch aus meinem Orden hier Neuangekommene, oder habt ihr euch etwa als fromme geistige Büßer zur Nachlassung der lässlichen Sünden hierher verfügt, um dadurch dem Fegefeuer zu entgehen? Sucht ihr etwa hier die ewige Ruhe und das ewige Licht oder das wahrhaft geistig lebendige Brot der Engel? Oder wünscht ihr etwa gar in die höheren Geheimnisse der Dreieinigkeit eingeweiht zu werden? Kurz, wenn eines oder das andere euch hierher geführt hat, so könnt ihr für eines wie für das andere die allergenügendste Befriedigung finden. Denn solches werdet ihr sicher wissen, dass außerhalb dieser Kirche kein Heil und nirgends eine Seligkeit zu erlangen ist.
GS|1|67|3|0|Denn Christus, der Herr, hat Seine Kirche also gegründet, dass Er allein dem Petrus die Schlüssel zum Himmelreich übergab. Unsere Kirche ist auf dem Felsen Petri erbaut, also von Petro gegründet, und ihr von ihm für alle Zeiten der Zeiten die Macht gegeben, selig zu machen oder zu verdammen. Denn dass der Kirche auch das Verdammungsrecht von Christo eingeräumt ist, erhellt ja klar aus jenen Texten, wo es einmal heißt: „Ihr werdet auf den Richterstühlen sitzen und mit Mir richten die zwölf Stämme Israels“; – und wieder heißt es: „Was ihr lösen werdet auf der Erde, das soll auch im Himmel gelöst werden, und was ihr binden werdet auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden sein“, – und wieder heißt es noch: „Nehmt hin den Heiligen Geist, denen ihr die Sünden vergeben werdet, denen sollen sie vergeben sein auch in dem Himmel, und denen ihr die Sünden vorenthalten werdet, denen sollen sie auch im Himmel vorenthalten sein.“ Und so stehen noch einige solche Texte, wo der Herr dem Petrus auf Erden alle Gewalt über das menschliche Geschlecht gegeben hat; und es ist demnach nicht dem geringsten Zweifel unterworfen, dass nur die römisch-katholische, von Petro selbst gegründete Kirche nach dem unwandelbaren Ratschluss Gottes die alleinseligmachende ist.
GS|1|67|4|0|Wenn ihr zweifelsohne auch aus dieser Kirche seid, so könnt ihr hier auch nur einzig und allein die Pforte des Himmels finden. Seid ihr aber nicht aus dieser Kirche, so werdet ihr auch gar leichtlich schließen, welch ein Los hier eurer harrt. Denn es lautet ebenfalls in der Schrift: „Wer nämlich nicht an diese Kirche glaubt und nicht in ihr getauft wird, der soll verdammt werden.“
GS|1|67|5|0|Nun aber spreche ich mit ihm: Höre, lieber Freund, du hast uns jetzt um Verschiedenes gefragt und uns auch die gewichtigsten, auf eure Kirche Bezug habenden Texte aus der Schrift kundgetan. Dessen ungeachtet aber muss ich dir schon zum Voraus die Versicherung geben, dass wir fürs Erste in keiner der zufolge deiner Fragen bestehenden Absicht hierhergekommen sind, und fürs Zweite, dass die von dir ausgesprochenen Texte uns nicht im Allergeringsten angehen.
GS|1|67|6|0|Du machst jetzt wohl ein etwas verblüfftes Gesicht und denkst bei dir, was wir denn hier machen, so wir in keiner von dir ausgesprochenen Absicht hierhergekommen sind und negieren sogar hinsichtlich auf unsere Bezüglichkeit die von dir ausgesprochenen und die römische Kirche als die alleinseligmachende manifestierenden Texte. Aber siehe, es ist denn einmal also und nicht anders.
GS|1|67|7|0|Wie wäre es denn, wenn wir bloß nur in rein wissenschaftlicher Hinsicht hierher gekommen wären, um von euch so manches zu erfahren und bei euch so manches zu sehen? Sollten wir in dieser Absicht dir nicht auch willkommen sein?
GS|1|67|8|0|Der Mönch spricht: Meine schätzbaren Freunde, habt ihr denn auf der Erde nie gehört, dass in der geistigen Welt die Wissenschaft keine Früchte mehr trägt, sondern allein nur der römisch-katholische Glaube, wenn er lebendig war durch die guten Werke? – Ich spreche: O ja, solches haben wir zu öfteren Malen gehört. Wir haben aber auch gehört, dass in der geistigen Welt einem über alle die irdischen Zweifel Licht werden soll. Und ein solches Licht kann man ja dann wohl auch eine geistige Wissenschaft nennen, welche ist ein helles Innewerden in den göttlichen Geheimnissen. Und wenn ferner es in der geistigen Welt, wie ehedem in der naturmäßigen, gemauerte Klöster und Kirchen gibt, die mit allerlei Kunstgegenständen verziert sind, warum sollte es denn in der geistigen Welt keine Wissenschaft geben, die an und für sich doch schon auf der Welt offenbar geistiger war als das Mauerwerk eines Klosters, einer Kirche und all das Schnitz- und Bilderwerk in ihr?
GS|1|67|9|0|Der Mönch spricht: Höret ihr! Wie ich aus euren Worten vernehme, so scheint ihr mit ketzerischen und verdammlichen Gesinnungen angefüllt zu sein. Denn wer alles das, was zum allerhöchsten Dienst Gottes gehört, nicht für rein geistig, sondern für materiell betrachtet, der legt es ja schon offen an den Tag, dass er in Wort und Tat ein allzeit in die Grundhölle verdammlicher Ketzer ist. Wenn bei euch das völlig der Ernst ist, was ihr hier ausgesprochen habt, da wird es wohl notwendig sein, euch für alle Ewigkeiten aus diesem reinsten Tempel Gottes in die ewige Grundverdammnis hinauszustoßen. Denn es heißt: „Einen ketzerischen Menschen sollst du fliehen“, und wieder heißt es: „Einen solchen Ketzer sollt ihr aus der Gemeinde stoßen und ihn nach Paulus dem Teufel übergeben.“ Wisst ihr denn nicht, dass derjenige, der da über die Einrichtungen der alleinseligmachenden Kirche loszieht, die allerderbste Sünde gegen den hl. Geist begeht, welche Sünde ewig nimmer nachgelassen werden kann? Daher erkläre dich deutlicher in diesem heiligen Ort, damit dich nicht die ewige Verdammnis treffe. Denn wahrlich, uns, den reinen Dienern Gottes, ist es angenehmer, dass die ganze Welt verdammt würde, als dass die Heiligkeit des Himmels nur durch den kleinsten Sünder soll befleckt werden. Hier hat alle Gnade und Erbarmung ein Ende. Wer nicht in dem wahren Sinne der Kirche rein ist wie die Sonne am Himmel, der soll auch ewig nimmer in das Reich Gottes eingelassen werden.
GS|1|67|10|0|Nun spreche ich zu ihm: Lieber Freund, du hast das Wort Gottes sicherlich nicht von der gelindesten Seite aufgefasst, sondern wohl von der allerrichterlich schärfsten. Ich möchte aber dir nun eine Frage stellen, und du kannst mir dann auf dieselbe eine Antwort geben; aber nur musst du mir im Voraus versichern, dass du mir die Antwort nicht schuldig bleibst. – Der Mönch spricht: Wenn sie nicht von rein teuflischer Art ist, so will ich dir wohl antworten. Solches weißt du aber, dass man dem Teufel keine Antwort schuldig ist. – Ich spreche zu ihm: Nun wohl denn, ich werde dir eine Frage setzen. Kannst du mir erweisen, dass diese vom Teufel ist, so magst du mit deiner Antwort wohl zu Hause bleiben; kannst du mir aber solches nicht gründlich erweisen, so kommst du nicht eher von dieser Stelle, als bis du mir wirst geantwortet haben. Hüte dich aber vor jeder Lüge, denn diese könnte dir teuer zu stehen kommen. Also aber lautet meine Frage:
GS|1|67|11|0|Wie kannst du mir aus der Heiligen Schrift erweisen, dass die römisch-katholische Kirche im Ernst der Apostel Petrus gestiftet hat? Meines Wissens steht davon in der ganzen gegenwärtigen Heiligen Schrift nicht die allerleiseste Erwähnung. Dass ein Paulus in Rom gelehrt hat und gepredigt das Evangelium des Herrn, solches ist allbekannt; dass aber Petrus im Ernst in Rom das Papsttum gegründet habe, kann ich mich durch die ganze Heilige Schrift nicht mit einer Silbe erinnern. Willst du mir dein kirchliches Verdammungsrecht anbinden, so musst du es mir zuvor beweisen, ob die römische Kirche im Ernst von Petrus gegründet ist, dem der Herr ein solches Recht übergeben hatte. Kannst du mir aber solches nicht beweisen, und das zwar aus der Schrift, so sollst du mit mir einen harten Kampf zu bestehen haben.
GS|1|67|12|0|Seht, unser Mönch macht ein ganz erbärmliches Gesicht und sinnt von einem Winkel in den anderen nach irgendeiner gültigen Antwort. Daher denkt er nun an eine pfiffige Ausrede; aber sie wird ihm wenig nützen. Und so bedeutet er uns nun, dass wir ihn hören sollen, und so wollen wir ihn denn auch hören. Er spricht: O ihr abscheulichen Teufel, das ist ja die allerhöllischste Frage und ist so ungeheuer ketzerisch und so sehr wider den hl. Geist, dass für solch einen Ketzer tausend der allerabscheulichsten Grundhöllen mit der tausendfachen ewigen Verdammnis noch viel zu gut wären! Auf eine solche Frage sollte ich antworten, auf dass mich dann alle Teufel auf einmal holen möchten? Das werde ich wohl fein bleiben lassen.
GS|1|67|13|0|Die römische Kirche sollte nicht von Petro gegründet sein, der doch in Rom selbst drei volle Jahre lang gelehrt, seinen Stuhl aufgerichtet und dort auch den Märtyrertod auf einem umgekehrten Kreuz genommen hat?! Zudem befindet sich sein unverweslicher Leichnam noch heutigen Tages in der hl. Gruft seiner Kirche in Rom, und sein Stuhl ist noch heutigen Tages des Papstes mächtiger Thron! Und du höllischer Teufel kannst mir eine solche Frage geben und getraust dich, mir, einem reinen Diener Gottes, einem gesalbten Priester, so ganz keck ins Gesicht zu treten? Ich beschwöre dich nun im Namen des dreieinigen Gottes, der seligsten Jungfrau Maria, des hl. Joseph und im Namen aller heiligen Apostel, Jünger, Märtyrer, im Namen aller anderen Heiligen und im Namen der sämtlichen römisch-katholischen alleinseligmachenden Kirche, dass du abscheulicher Teufel mit deiner höllischen, verdammten Gesellschaft diesen heiligen Ort fliehst! Sonst rufe ich alle meine Brüder herbei, welche hier ruhen im Paradies und im Himmel sind, dass sie dich und deine verdammlichen Gesellen mit drei hochgeweihten Kruzifixen und mit anderen hochgeweihten kirchlichen Insignien so lange herumhetzen und vexieren sollen, bis dir dieser Ort martervoller wird als die allerunterste Hölle selbst. O du verdammter Teufel du, du abscheulicher Teufel, du unchristlicher Teufel, du Betrüger aller Menschen, du Auswurf des siebten Tages der Schöpfung, du ewig verdammte Kreatur Gottes, weiche, weiche, weiche von hier!
GS|1|68|1|1|Lehrt und handelt die römisch-katholische Kirche gemäß dem hl. Geist?
GS|1|68|1|1|(Am 1. März 1843 von 4 3/4 – 7 3/4 Uhr abends.)
GS|1|68|1|0|Nun spreche ich: Höre, mein lieber Freund, dein außerordentlich unbarmherziger Exorzismus hat sicher keine kirchliche Gewalt; denn wie du siehst, so stehen wir alle, deine drei untersthöllischen Teufel, noch ganz unversehrt und vollkommen schussfest vor dir. Du kannst auch im Voraus versichert sein, dass wir auch vor deinem ganzen Konvent, vor tausend Kruzifixen und vor hundert Eimern geweihten Wassers nicht fliehen werden. Denn solange wir von deiner Seite aus nicht den wahren Grund erfahren, und das aus der Schrift belegt, dass deine alleinseligmachende Kirche von Petro gestiftet ist, so lange weichen wir auch nicht um ein Haar von hier. Im Gegenteil sind wir nun sehr stark geneigt, noch tiefer in dein Kloster vorzudringen und uns durch keine exorzistische Gewalt davon abhalten zu lassen. Zu diesem Behuf fordere ich dich sogar auf, uns Dienst zu erweisen und uns zu führen in die Gemächer deiner ebenso unsinnigen Brüder, wie du selbst einer aus ihrer Mitte bist.
GS|1|68|2|0|Der Mönch spricht, indem er zuvor drei Kreuze über sich macht: Gott stehe mir bei! Ich habe oft gehört, dass die Anfechtungen des Teufels in der geistigen Welt noch ums Tausendfache ärger sind denn in der natürlichen, und dass man in der geistigen Welt wirklich erst von der großen Gewalttätigkeit des Teufels einen wahren Begriff bekommt. Und was ich darüber in den heiligen Büchern, welche verschiedene fromme und gottesfürchtige Menschen geschrieben, gelesen habe, das steht nun buchstäblich vor mir! Ich sage dir aber, du ewig abscheulicher Teufel, du fortwährender Betrüger Gottes und alles menschlichen Geschlechts, meinst du, Gott lässt Sich betrügen? Da irrst du dich! So wenig sich aber Gott betrügen lässt, so wenig lasse ich mich als ein allzeit getreuer Diener Gottes von dir betrügen, und ehe ich dir nachgeben werde, eher will ich mit der Hilfe Gottes und mit der Hilfe der allerseligsten Jungfrau Maria dir so lange Widerstand leisten, bis dich alle Geduld, mit mir noch länger zu kämpfen, verlassen wird. Daher kannst du tun, was du willst; mich wirst du nicht meiner Kirche abtrünnig machen.
GS|1|68|3|0|Hast du denn nicht gehört, was die Kirche verlangt zufolge der ihr von Christo erteilten Gewalt, nämlich dass man ihr unbedingt alles glauben müsse, was sie zu glauben vorstellt, ohne zu fragen, ob solches irgend geschrieben oder nicht geschrieben steht, welches auch eine ganz allerbilligste Forderung von der Kirche ist? Denn wenn die Kirche im Besitz des hl. Geistes ist und der aus der Kirche spricht, wer sollte dem nicht glauben, wenn er übrigens ein aufrichtiger und wahrer Christ ist? Wenn man aber so fragen wollte, wie du fragst, bei jeglichem Ausspruch der Kirche, da müsste man ja auch fragen: Wo stand denn das ehedem geschrieben, was Moses und die Propheten von Gott ausgesagt haben? Siehe, du schmutziger Teufel, was diese ausgesagt haben, ging aus vom hl. Geist, und darum blieb und bleibt es eine ewige Wahrheit.
GS|1|68|4|0|Also aber hat ja auch die Kirche den hl. Geist. Dieser aber ist nicht beschränkt auf das nur, was schon vorher geschrieben ist; sondern Er kann allzeit frei reden und lehren, und die Kinder der Kirche haben solches als eine allzeit unwiderlegbare Wahrheit anzuerkennen.
GS|1|68|5|0|Wenn demnach die Kirche geschichtlich kundtut, dass Petrus wirklich in Rom gelehrt, daselbst seinen Stuhl aufgerichtet hat und dort auch des Kreuztodes gestorben ist, so ist solches ja eine verbürgte Wahrheit, weil es die Kirche im Vollbesitz des hl. Geistes kundgibt. Da hast du nun deinen verlangten Beweis, und [nun] entferne dich, deinem eigenen Ausspruch nach! Ich wäre zwar nicht schuldig gewesen, dir diese Belehrung zu erteilen, ich habe es aber dennoch getan, um dir dadurch eine größere Verdammnis zu bereiten.
GS|1|68|6|0|Nun spreche ich: Gut, mein Freund, und im Ernst trübseligst finsterer Bruder! Ich frage dich, da du mir den kirchlichen hl. Geist so evident darstelltest, wie es denn möglich ist, dass sich der hl. Geist hinsichtlich dieser petrinischen Angabe bei den verschiedenen kirchlichen Geschichtspropheten, die doch sicher samt und sämtlich deiner Aussage zufolge aus dem hl. Geist gesprochen und geschrieben haben, in eben dieser geschichtlichen Aussage über das Dasein Petri in Rom so gewaltig hat irren können? Denn du hast zuvor Petri Anwesenheit in Rom auf drei Jahre lang festgesetzt. Ich kann dich aber versichern, dass mir in dieser Hinsicht kein geschichtlicher Buchstabe, der über Petrus geschrieben wurde, unbekannt ist.
GS|1|68|7|0|Wenn du übrigens in dieser Kirchengeschichte nur einigermaßen bewandert bist, so wirst du die Varianten von vierundzwanzig Jahren bis hinab zu deinen drei Jahren doch sicher entdeckt haben. Also wird auch das Sterbejahr dieses Apostels zu Rom höchst verschieden angegeben, und man muss von Glück sprechen, wenn man in dieser Angabe nur eine Variante von einem Jahr entdeckt. Dass diese meine Aussage richtig ist, kannst du aus den verschiedenen Geschichtsschreibern ersehen, denn eure Bibliothek ist zum größten Glück im Besitz aller dieser Aussagen. Nun aber sage mir, welcher schenkst du denn vollkommen deinen Glauben?
GS|1|68|8|0|Der Mönch spricht: Das ist schon wieder eine verteufelt fanglustige Frage. Was soll ich dir darauf für eine Antwort geben? Ich sage dir: Der wahre, gehorsame Christ glaubt alles und fragt nicht nach den geschichtlich unrichtigen Daten. Der Grübler aber, der ein Ketzer ist, der grübelt über alles. Finden sich doch auch in der Heiligen Schrift ähnliche Widersprüche vor! Sollten wir sie darum nicht glauben? Wenn du aber schon nicht weißt, wie der hl. Geist spricht, so sage ich dir, dass dieser allzeit nach der inneren Weisheit spricht und solche Aussagen einen ganz anderen Sinn haben, welchen freilich kein Teufel versteht; aber wir Gottesgelehrten kennen diesen Sinn und wissen, was wir glauben. Also habe ich dir auch diese Frage beantwortet, damit dir auch darob desto mehr Verdammnis werde!
GS|1|68|9|0|Nun spreche ich: Gut, mein Freund, wenn solches richtig ist, so sehe ich aber durchaus nicht ein, aus welchem Grunde es dem hl. Geist gefallen hat, vom Apostel Paulus Kunde in der Apostelgeschichte als getreu geschrieben zu geben, vom hl. Petro, wie du ihn nennst, aber in dieser Hinsicht nichts zu erwähnen, da er doch zur Gründung der Kirche von Christo aus persönlich berufen ward.
GS|1|68|10|0|Paulus ward nur berufen als ein Apostel für die Heiden; von Petro steht nirgends etwas geschrieben, dass ihn der Herr ebenfalls für die Heiden berufen habe. Zudem wusste Petrus die Vortrefflichkeit des Apostels Paulus und sah es nirgends für notwendig an, allda einen Nachapostel zu machen, wo der Paulus irgendeine christliche Gemeinde gestiftet hat. Man weiß wohl aus der Schrift, und zwar vom Paulus selbst, dass er den Petrus einmal zurechtgewiesen habe; aber [von] einen umgekehrten Fall weiß man durchaus nirgends.
GS|1|68|11|0|Da aber Petrus, als das erste sichtbare Oberhaupt der Kirche, schon vom Paulus eines Irrtums überwiesen und darob zur Rede gestellt ward, dass ihm der hl. Geist nicht den erforderlichen Dienst geleistet habe, besser gesagt aber, dass er sich wider den hl. Geist ein wenig vergessen hatte, – so könnte man denn doch ja auch annehmen, dass dergleichen gar gewaltig abweichende geschichtliche Datas entweder ganz eigenmächtig aus der Luft gegriffen worden sind, oder man müsste auch hier den hl. Geist einer Untreue beschuldigen.
GS|1|68|12|0|Ich weiß aber, dass Christus, der Herr, allen Aposteln eine gleiche Macht gegeben hat, ja selbst, als Er nach Seiner Auferstehung, nach Angabe Johannis, Petrus Ihm folgen hieß, da folgte Ihm auch sogar der Jünger Johannes. Und als sich Petrus darüber aufhielt, da verwies es ihm der Herr und sprach: „Was geht das dich an, so Ich will, dass er bleibe?“ – Welches ebenso viel sagen will, als dass er Mir, dir gleich, folge. Warum denn? Weil der Herr dadurch bestimmt hat anzeigen wollen, dass dieser Jünger in der Verfassung dem Herrn gleich dem Petro unwandelbar und beständig folgen solle. Also sollte er bleiben fortwährend trotz der Einwendung Petri in solcher dem Herrn folgenden Verfassung.
GS|1|68|13|0|Ferner weiß ich auch, dass der Herr einmal zufolge der angebrachten Beschwerde Seiner Apostel einen gewissen unberufenen Ketzer Johannes verteidigt hat, und brachte dadurch die Gemüter Seiner eifersüchtigen Apostel wieder zur Ruhe. Ferner wissen wir mit keiner Silbe etwas davon, dass Christus noch irgend ein Apostel irgendeine Tempelerbauung anbefohlen hätte; und von einer nachträglichen Verordnung von Seiten des hl. Geistes wissen wir auch nichts.
GS|1|68|14|0|Christus hat wohl gesagt: „Predigt dieses Mein Evangelium allerorts“; aber dass Er auch gesagt hätte: Errichtet Mir Bethäuser, davon steht nirgends auch nur die allerleiseste Erwähnung. Wohl aber wissen wir, dass Er zu dem Weib am Jakobsbrunnen gesprochen hat:
GS|1|68|15|0|„Es kommt eine Zeit, und sie ist schon da, wo die wahren Anbeter Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden und wird dazu nicht benötigt sein der Tempel zu Jerusalem noch der Berg Garizim, sondern solches wird man allerorts tun können, im Geiste und in der Wahrheit.“
GS|1|68|16|0|Wir wissen auch, dass der Herr den Betenden anbefohlen hat, sich ganz allein in ihr Kämmerlein zu begeben; den Aposteln aber sagte Er nicht: Sperrt euch in die Klöster ein, sondern: „Geht hinaus in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!“
GS|1|68|17|0|Wenn du aber deine kirchliche Gewaltmanifestation durch den hl. Geist autorisieren willst, so strafst du Christus ja als einen offenbaren Lügner oder als einen unvollkommenen Lehrer, der während Seines Lehramtes nicht wusste, was alles für Seine Lehre notwendig ist, und hat es somit erst gewisserart, verdächtigerweise zufolge lauter widersprechender historischer Daten, nachträglich ausbessern müssen. Er hat nicht eingesehen, dass zur Ausbreitung Seiner Lehre Klöster und Kirchen notwendig sein werden; Er hat nicht eingesehen, dass Petrus in Rom wird müssen Seine Kirche gründen, und da mit der Zeit ein ungeheures Bethaus und ein noch ungeheureres Wohnhaus für Seine Nachfolger wird erbauen lassen.
GS|1|68|18|0|So kann auch Christus nicht eingesehen haben, dass mit der Zeit Seiner Kirche große Rangordnungen unter seiner Priesterschaft zur Ausbreitung Seiner Lehre notwendig sein werden, denn hätte Er solches während Seines Lehramtes eingesehen, wie hätte Er da wohl bei der Gelegenheit den Aposteln, als sie Ihn um die Primität fragten, eine der gegenwärtigen kirchlichen Ordnung schnurgerade zuwiderlaufende Antwort geben können, da Er sagte: „Nur Einer unter euch ist der Meister. Dieser bin Ich; ihr aber seid alle Brüder untereinander!“
GS|1|68|19|0|Seine Unwissenheit geht demnach aber noch weiter. Wer weiß solches nicht, dass Er sagte: „Niemand ist gut, denn Gott allein! Ihr sollt niemanden Vater nennen; denn nur Einer im Himmel ist euer Vater. Also ist auch niemand heilig, denn Gott allein.“ – Nun aber ist jeder Apostel heilig, und der Nachfolger Petri ist sogar ein heiliger Vater!
GS|1|68|20|0|Wenn du, mein lieber Freund, solches recht bedenkst, so musst du bei der allgemeinen Billigung deiner kirchlichen Ordnung Christus ja doch notwendig solcher dir kundgegebenen Schwächen beschuldigen und, wenn du an Seine Gottheit glaubst, auch sagen: Gott sieht auch, wie ein schwacher Mensch, erst nach und nach ein, was das Bessere ist, und ist auch genötigt, Seinen Geschöpfen nachzugeben, auf die Gefahr Seiner ewigen Wahrheit und unendlichen Weisheit.
GS|1|68|21|0|Wir wissen wohl, dass der Herr die jüdische Kirche durch Moses und durch die Propheten als eine vorbildende und in allen Teilen auf den Herrn Bezug habende gegründet hat. Solches aber tat Er buchstäblich durch Moses kund. Dass aber der Herr bei Seinem Erscheinen in der allerhöchsten Person Christi abermals eine zeremonielle und bildliche Kirche gegründet habe, davon tat Er nie eine allerleiseste Erwähnung, sondern stellte als die Grundfeste Seiner Lehre nichts als die alleinige Nächstenliebe auf, und dieser als unentbehrlichen Vorgrund die Liebe zu Gott, indem Er doch ausdrücklich sagte: „Liebt euch untereinander, wie Ich euch geliebt habe und noch liebe, so wird man daraus erkennen, dass ihr wahrhaftig Meine Jünger seid.“
GS|1|68|22|0|Also sagte Er auch, dass Seine Apostel und Jünger niemanden verdammen sollten und niemanden richten, auf dass sie nicht verdammt und gerichtet würden. Ja, der Herr sagte sogar von Sich Selbst aus, dass Er nicht gekommen sei, um die Welt zu richten, sondern selig zu machen und zu suchen, das da verloren ist.
GS|1|68|23|0|Wie habt ihr denn demnach dieser ausdrücklichen Lehre Christi schnurgerade entgegen euch zu Richtern aufwerfen können, und habt euch sogar das zeitliche und ewige Verdammungs- und Todesurteil zugeeignet?
GS|1|68|24|0|Könnte etwa auf euch in dieser Hinsicht nicht derjenige Text Christi in Anwendung gebracht werden, wo Er, in Sich erregt, spricht zu denjenigen, die da zu Ihm sagen möchten: Wir haben in Deinem Namen gepredigt, geweissagt und Teufel ausgetrieben:
GS|1|68|25|0|„Weicht von Mir, ihr Täter des Übels, Ich habe euch nie gekannt; denn ihr seid es, die da allzeit widerstreben dem heiligen Geist!“
GS|1|68|26|0|Ich sage dir demnach, beurteile diese meine Worte genau in dir und gebe mir darüber Antwort. Siehe aber zu, dass du mir mit keiner exorzistischen Ausflucht mehr kommst, sonst werde ich dir die Macht eines anderen Exorzismus zeigen, welche dir deine blinden Augen öffnen wird und du erschauen wirst den Abgrund, der deiner harrt, wenn du in deiner Torheit noch fernerhin hartnäckig verharrst.
GS|1|68|27|0|Siehe, der Herr hat Sich euer erbarmt und mich zu eurer Rettung hierher gesandt. Wollt ihr mich hören, so sollt ihr gerettet sein; wo aber nicht, so habe ich auch die Macht, euch jählings dahin zu werfen, da für euch der rechte Platz vom Herrn aus bestimmt ist.
GS|1|68|28|0|Seht, der Mönch fängt an, ganz gewaltig zu stutzen und weiß sich nun nicht mehr zu raten und zu helfen. Daher kehrt er um und zieht sich erschrocken zu seiner Gesellschaft zurück. Ziehen daher auch wir ihm nach, auf dass ihr dort selbst seht, wie sich dergleichen Irrtümer in der geistigen Welt arten.
GS|1|69|1|1|Beratung der Augustinermönche. Das blutende Trugkruzifix. Ein entsetzlicher Abgrund tut sich auf
GS|1|69|1|1|(Am 2. März 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|69|1|0|Seht, er [der Mönch] geht dort in eine bedeutend große Halle und wie ihr seht, so kommt ihm auch schon eine Menge Mönchsbrüder entgegen. Mehrere fragen ihn, unser ansichtig, wer wir seien und was wir wollten. Und er erwidert ihnen ganz verstohlen: Fragt nicht, denn das sind schreckliche Wesen, welche durch eine sonderbare Zulassung uns in unserer seligen Ruhe allergewaltigst stören wollen. Ob der Mittlere der Luzifer selbst ist oder sein erster Helfershelfer, das weiß ich nicht. Aber so viel ist gewiss, dass er allen meinen allerkräftigsten kirchlich exorzistischen Mitteln Hohn sprach und mir noch obendrauf etwas umschriebenermaßen mit der offenbaren Hölle drohte, so ich ihm nicht vermöchte buchstäblich aus der Heiligen Schrift zu erweisen, dass Petrus ganz sicher die römische Kirche gegründet habe.
GS|1|69|2|0|Ja, ich sage euch, ich habe alle meine Weisheit zusammengesucht und ihm die kräftigsten Beweise dafür geliefert. Allein sie waren gegen seine Schlauheit gerade so wenig stichhaltend und wirkend, als da wäre ein Tropfen Wasser zur Löschung eines Hausbrandes. Was kann man da mehr sagen, wenn man einem aus der Schrift beinahe auf ein Haar beweist, dass, wenn die römische Kirche in ihrer bestehenden Ordnung vom hl. Geist geleitet und erhalten wird, Christus entweder ein Lügner oder ein Wesen war, wennschon der Gottheit entstammend, so aber doch in einer solchen Unvollkommenheit, dass eben dieser Seiner Unvollkommenheit zufolge nun die Gottheit für notwendig erschaut, ganz allgewaltige Verbesserungen in der von Christo gegründeten Lehre nachträglich durch den hl. Geist anzuordnen?
GS|1|69|3|0|Kurz und gut, er beweist auf ein Haar, dass bei der gegenwärtig bestandenen kirchlichen Ordnung entweder die Lehre Christi vollkommen göttlichen Ursprungs ist, und unsere Kirche sei daneben nichts als ein eigenmächtiges allerfinsterstes Heidentum; ist aber unsere Kirche rechter Dinge, so ist Christus so viel wie nichts, und ist Christus nichts, so fällt dieses Nichts auch auf unsere Kirche. Da habt ihr das Entsetzliche!
GS|1|69|4|0|Wenn wir nur hier in diesem Reich die heilige Inquisition hätten und könnten solch ketzerische Geister wie die leiblichen Menschen auf der Erde peinigen, wir wollten ihnen schon ihre Ketzerei so heiß machen, dass sich die unterste Hölle dagegen schämen müsste. Was ist aber hier zu tun, wo man keine Gewalt mehr hat? Man muss hier erst im buchstäblichen Sinne solch ein entsetzliches Kreuz auf den Rücken nehmen und Christus ganz geduldig nachfolgen.
GS|1|69|5|0|Seht, er bewegt sich mit seinen Helfershelfern schon in den Saal herein. Ich kann euch keinen anderen Rat geben als bei jeglichem seiner Worte ein heimliches Kreuz zu machen, nichts zu reden und ihm ja auf keine Frage die allerleiseste Antwort zu geben. Fliehen wir daher hinter unser Refektorialkruzifix und verhalten wir uns dort ganz ruhig! Und einer stelle sich hinter das Kreuz und mache, dass dem Gekreuzigten Blutstropfen aus den Wunden entträufeln, und dieser höllische Gast wird uns sicher nichts anhaben können.
GS|1|69|6|0|Seht, das ganze Gremium, etwa fünfhundert Köpfe stark, zieht sich hinter das Kruzifix und wie ihr seht, so fängt auch soeben das Blut aus den Wunden des gekreuzigten Christusbildnisses an förmlich zu fließen. Die Mönche verhalten sich, als schliefen sie, und unser Haupturteilssprecher befindet sich am meisten im Hintergrund.
GS|1|69|7|0|Ihr fragt mich wohl und sagt: Lieber Freund, wie es uns vorkommt, so wird da wohl jede Mühe und Arbeit vergeblich sein, ja wir sind sehr stark der Meinung, dass diese sogar der bemooste Sandboden im äußersten stockfinsteren Abend nicht zurechtbringen wird. Denn es ist gerade entsetzlich, wie diese Wesen die allertriftigsten Worte des Herrn schnurgerade als Worte des Satans betrachten. Ja, da mag der Herr persönlich erscheinen und ihnen predigen gegen ihren Unsinn, so werden sie Ihn für nichts anderes halten, als für was sie dich halten. Und wird Er ihnen durch Wunderwerke die Wahrheit Seines Wesens bezeugen, so werden sie ebenso gut wie die Pharisäer sagen: Er wirkt alles dieses durch der Teufel Obersten.
GS|1|69|8|0|Ja, meine lieben Freunde, eure Anmerkung ist ganz richtig, und es verhält sich im Ernst mit diesen Wesen also, wie ihr ausgesagt habt. Aber solches ist daneben auch wahr, dass dem Herrn gar unendlich vieles möglich ist, wovon sich all unsere Weisheit nichts einfallen lassen kann. Und so werden wir denn auch hier einige Experimente machen, und es wird sich darauf bald zeigen, was sie bei diesen Wesen für Wirkungen hervorbringen werden. Und so seht! Dieses Trugkruzifix ist ein Hauptstützpunkt und eine Hauptschutzwehr für ihren Unsinn. Dieses wollen wir zuerst angreifen, es niederreißen und unter unseren Füßen vernichten.
GS|1|69|9|0|Und so denn nähern wir uns demselben. Seht, der Blutmaschinist weicht schon bei unserer Annäherung zurück und ich sage: Du Trugbild, das da hervorgegangen ist aus der lange anhaltenden falschen Begründung dieser Wesen, werde zunichte! Denn einen größeren Gräuel gibt es vor den Augen des Herrn nicht, als ein solches auf Ihn Bezug habendes Trugbild, durch welches tausend und tausend Menschenherzen mit dem allerfinstersten Wahn und mit dem scheußlichsten Unrat des Todes erfüllt werden.
GS|1|69|10|0|Seht, das Kruzifix liegt schon völlig vernichtet wie eine schmutzige Spreu auf dem Boden, und seht, die stummen Mönche fangen sich an einer nach dem anderen zu erheben. Und aus jedem Antlitz sprühen uns Wut und Grimm entgegen, aber dennoch getraut sich keiner, seine Hand an uns zu legen. Es will auch niemand ein Wort sprechen; dafür aber will ich ein Wort an den im Hintergrund befindlichen, uns schon bekannten Mönch richten. Und ich spreche nun zu ihm:
GS|1|69|11|0|Höre, du finsterer Geist im Hintergrund! Trete hervor und gebe mir auf meine dir im Tempel gegebene Frage Antwort! – Der Mönch tritt, von großer Furcht gepeitscht, hervor und will statt der Antwort mit einem Fluch ob der Vernichtung des Kruzifixes entgegenkommen. Aber nun seht, gerade vor ihm macht der Boden eine klafterweite Spalte, und er sieht hinab zur Hölle. – Und ich spreche zu ihm: Siehe, du finsterer Geist, das ist dein Christentum; was du hier siehst, dessen ist voll dein Herz.
GS|1|69|12|0|An der Stelle der über alles sanften Liebe Christi, die noch am Kreuz blutend für die Täter des Übels den Vater in Sich um Vergebung bat, habt ihr nichts als Hass, Sektenwut, Verdammnis, Gericht und Feuer in euch und seid dadurch der Grundlehre Christi als die entschiedensten Antichristen schnurstracks entgegen. Ihr nehmt allen euren Bekennern des Lebens letzten Tropfen und erfüllt ihre Herzen dafür mit dem Tod.
GS|1|69|13|0|Statt des lebendigen Brotes, welches ist das wahrhaftige lebendige Wort Gottes, gebt ihr ihnen glühende Steine zu verzehren, damit alle, gleich euch, voll Rache, Zorn, Wut, Gericht und Verdammnis werden gegen alle jene, die je der Vater Selbst hat ziehen und lehren wollen. Ja, ihr macht euch kein Gewissen daraus, um euren herrsch- und gewinnsüchtigen Völkerdruck zu bekräftigen, das Wort Gottes so viel als nur immer möglich aus der Gemeinde zu verbannen und einen allfälligen Besitzer desselben sogar mit dem Ketzerfluch zu belegen und ihn zu verdammen. Anstatt des Wortes Gottes aber speist ihr das Volk mit eurem Eigennutz, eurer Herrschsucht; und euer Wahlspruch ist, jeden Funken besseren Lichtes dem Volk fernzuhalten, während doch Christus, der Herr, ausdrücklich gesagt hat: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“
GS|1|69|14|0|Was soll ich mit euch machen? Ihr, die ihr die Herde des Herrn hättet weiden sollen, habt euch, den Wolf scheuend, in eine siebenfache Mauer verkrochen und machtet am Ende statt getreuer Hirten selbst Wölfe aus dieser eurer Schlucht. Und draußen stehen viele Tausende und tausendmal Tausende, die die Härte eurer Wolfszähne geschmeckt haben und euch laut schreiend anklagen vor dem Richterstuhl Christi.
GS|1|69|15|0|Was soll ich mit euch machen, die ihr allzeit das Wort Gottes mit Füßen getreten habt, weil es nicht taugte für eure unersättliche Herrsch- und Gewinnsucht? Was soll ich mit euch machen, die ihr, dreist genug, vor dem Volk euch zu behaupten wagtet und sagtet: Die Erde liegt zu unseren Füßen und Gott tragen wir in unseren Händen?! Ich sage euch: Ein nachteiligeres Zeugnis und zugleich ein treffenderes hättet ihr nimmer erfinden können als eben dieses. Denn fürwahr, ihr habt die Völker samt den gesalbten Kaisern und Königen, wo es sich nur immer hat tun lassen, noch allzeit mit euren herrschsüchtigen und gewinnlustigen Füßen getreten, und mit Gott in euren Händen triebt ihr Handel wie mit einer schlechten Ware. Aber dafür waren eure Herzen allzeit ledig dessen, was Gottes ist, und waren dafür allzeit mit dem erfüllt, was du, finsterer Geist, nun durch die gähnende Kluft zu deinen Füßen erschaust.
GS|1|69|16|0|Was soll ich nun mit euch machen? Fragt mich, wer ich bin, und ich werde euch antworten und sagen: Ich bin ein rechter Apostel des Herrn und bin hierher gesandt, auf dass ich euch erwecken möchte in Seinem Namen. Wie aber soll ich euch erwecken, da ihr voll seid des ewigen Gerichtes? Also frage ich euch noch einmal: Was wollt ihr tun? Redet, oder dieser Abgrund verschlinge euch!
GS|1|69|17|0|Hört nun, unser Mönch spricht und sagt: Im Namen aller dieser meiner Brüder bitte ich dich, wer du auch immer sein magst, dass du uns verschonen möchtest mit dieser deiner harten Prüfung! Denn sind wir nach der Lehre Christi unseres Herrn wahrhaftige Betrüger geworden, so waren wir es ja doch nicht eigenmächtig, sondern wir mussten sein, wie wir sind, und niemand aus uns durfte anders reden und handeln, als wie es ihm zu reden und handeln gestattet war von der Kirche. Waren wir Wölfe, so mussten wir es sein; und so, wenn du im Ernst ein höherer Bote sein sollst, wirst du es ja auch wohl wissen, wie es mit uns stand und noch steht. Und wir sind hier noch ebenso gefangen wie auf der Welt. Daher, wenn es dir möglich ist, mache uns frei, und wir wollen ja auch das reine Wort Christi ergreifen! Aber nur verdecke diesen entsetzlichen Abgrund vor uns.
GS|1|69|18|0|Ich spreche zu ihnen: Willst du über diese Kluft, so musst du im Geiste und in der Wahrheit das in dir ersticken, was du da siehst vor dir in dem Abgrund, denn solches ist eine Erscheinung gleich dem, was du selbst im eigenen Herzen birgst. Daher erforsche dich, und ihr alle, die ihr hier seid, tut dasselbe. Erwacht aus eurem Todesschlaf, damit ich, wenn ich wiederkomme, euch gereinigt finde und lebendig, um euch zu führen aus diesem eurem Gefängnis des Todes. Es gibt aber in diesem Kloster noch mehrere, und diese muss ich auch noch zuvor ermahnen; und wenn sie sich werden gefunden haben, dann erst will ich wiederkommen und euch vorzeichnen einen neuen Weg im Namen des Herrn. – Seht, wie sie nun zu jammern und zu heulen anfangen. Wir aber wollen solches nicht anhören, sondern uns sogleich zu den Paradiesmönchen begeben.
GS|1|70|1|1|Bei den paradiesischen Augustinern
GS|1|70|1|1|(Am 4. März 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|70|1|0|Seht, da gegenüber, diesem großen Klosterhof entlang führt eine offenstehende Pforte in einen ziemlich großen Garten. Dahin wollen wir gehen und beschauen, was sich alles in diesem Garten vorfindet. Nun seht, der Garten liegt schon vor unseren Augen ausgebreitet. Wie gefällt er euch? Ihr sagt: Lieber Freund, fürwahr, man müsste ein Feind aller höheren Ästhetik sein, wenn man an diesem Garten kein Wohlgefallen fände. Diese herrlichen Arkaden längs den bedeutend hohen Gartenmauern, die Wasserkünste, die herrlichen Säulentempel und dann die vielen prachtvollsten Blumen, und ebenso auch die Obstbäume in der schönsten Ordnung angebracht, – man muss wirklich sagen, da sind Kunst und höherer Geschmack vereinigt und die Natur steht allenthalben wohlberechnet im schönsten harmonischen Einklang mit der Kunst. Und dort erhebt sich über die Gartenmauer ein überaus herrlicher Palast, welcher, was seine Pracht betrifft, im Ernst nichts zu wünschen übrig lässt. Wir sind der Meinung, wenn die irgend in diesem Garten wohnenden Geister nur einigermaßen dieser prachtvollen Ausstattung entsprechen, so müssen sie an und für sich noch immer einen nicht ganz verdorbenen Sinn haben. – Ja, ich sage euch, meine lieben Freunde und Brüder, also sieht es wohl aus; aber nur müsst ihr solche Regel nie dabei vergessen:
GS|1|70|2|0|Wo unter Menschen viel Pracht ist, da ist auch viel Verschwendung, wo viel Verschwendung ist, da ist viel Herrschsucht darunter, wo viel Herrschsucht, da ist viel Eigenliebe, wo viel Eigenliebe, da ist viel Eigennutz; und daher ist die äußere Pracht nie ein günstiges Zeichen für den, der ihr zugetan ist. Seht nur einmal auf eure Erde zurück. Wer wohnt in den großen, prachtvollen Palästen? Selten wer anderer, als ein Reicher und Mächtiger. Wem nützt diese Pracht? Niemandem außer nur dem Inhaber selbst. Wie nützt sie ihm denn? Sie nützt ihm mehrfach. Fürs Erste ist sie ein Aushängeschild entweder von seiner Wohlhabenheit oder von seiner staatlichen Macht, und stimmt die andere vorüberziehende Menschheit zu Ehrfurcht und macht sie schüchtern, dass sie sich nicht leichtlich getraut, sich solch einer großartigen Prachtwohnung in was immer für einer Angelegenheit zu nahen. Fürs Zweite hält solche Pracht die arme Menschheit fortwährend ab, sich dem Inhaber zu nahen und sich von ihm irgendeine milde Gabe zu erbitten. Und fürs Dritte ist solch eine Pracht eine unversiegbare Quelle zur beständigen Ernährung des Hochmutes und dadurch auch der fortwährenden Verachtung der armen Menschenklasse. So ist auch solche Pracht das beste Mittel, die arme Menschheit fortwährend in der gehörigen Blindheit zu erhalten.
GS|1|70|3|0|Ihr fragt, warum? Weil der einfache Landmensch die Inhaber von solch einer großen Pracht für Wesen höherer Art hält. Und er kann sich beim Anblick einer solchen Prachtgröße solchen Gefühls nicht erwehren. Ja, ich muss euch sagen: Wäre der sogenannte Petrusdom und der päpstliche Vatikan nicht in einer beinahe die meisten menschlichen Begriffe übersteigenden Pracht und Größe erbaut, so würden gar manche sich keine so große Gnade daraus machen, zum Pantoffelkuss des Papstes allergnädigst zugelassen zu werden. Die blinden Ablässe, aus einer Bauernhütte gereicht, hätten nie diese einträgliche Wirkung zuwege gebracht, als aus der irdisch wundervollen Pracht des Vatikans. Ihr habt aber noch allzeit gesehen, dass was immer für eine Religion, wenn sie ins äußere Materielle überging, sich durch die äußere Pracht aufzuhelfen anfing, um noch auf eine Zeit lang sich die Blindheit der Menschen zum Nutzen machen zu können. Es lässt sich aber daneben fragen, ob solche Blendung der Menschheit je etwas genützt hat?
GS|1|70|4|0|Selbst der Tempel Salomons war im Grunde nichts anderes als ein stummer Prophet, der durch sein Dasein von Salomons Zeiten her dem ganzen israelitischen Volke zeigte, wie es selbst vom Geistigen ins Materielle übergegangen ist, und wie am Ende im ganzen Tempel nichts mehr Gutes und Wahres anzutreffen war, und der Herr den Juden selbst vom Tempel das Zeugnis gab, dass sie das Bethaus zu einer Mördergrube gemacht haben! Ja, in diesem Tempel sind Gräuel ohne Namen verübt worden. Und so weit wurden die Menschen durch den Tempel geblendet, dass sie den Herrn der Herrlichkeit nicht erkannt haben und haben sogar im Tempel Seine Kreuzigung beschlossen. Auch der Judas ist im Tempel mit dem Geld ausbezahlt worden und warf am Ende selbst wieder dieses Blutgeld in den Tempel zurück, zu einem großen Zeugnis, dass der Tempel schon von jeher eine Mördergrube des Geistes Gottes war.
GS|1|70|5|0|Wenn ihr dieses Gesagte ein wenig betrachtet, so wird euch diese Pracht eben nicht in einem zu günstigen Licht erscheinen; und wie es sich mit ihr verhält, [dazu] werden wir bei der Annäherung des ersten Gartentempels sogleich eine kleine Verkostung machen.
GS|1|70|6|0|Da seht nur einmal hin, es kommen uns schon zwei weißgekleidete Mönche entgegen. Ihr fragt: Sind das etwa gar Dominikaner oder Zisterzienser? – O nein, meine lieben Freunde und Brüder, das sind bloß paradiesische Augustiner, denn im Paradies ziehen sie die schwarzen Kutten aus und legen dafür ganz weiße an. Was seht ihr denn dort so aufmerksam hin gegen den Palast? Ich weiß schon, was euch in die Augen fällt: die dort herumspringenden Engel mit dem Flügelpaar aus weißen Federn verfertigt über den Schultern angebracht. Ihr fragt freilich, ob sie wohl auch auffliegen können? O nein, das können sie durchaus nicht, denn die Flügel sind ihnen nicht gewachsen, sondern nur ganz, wie ihr zu sagen pflegt, theatralisch künstlich angesetzt. Und das Springen soll die Lebhaftigkeit dieser Engel darstellen, und wie dieselben bereit sind, diesen Paradiesinwohnern auf den leisesten Wink zu dienen. Seht, es rennt auch schon ein halbes Dutzend den zwei auf uns zugehenden Paradiesinwohnern nach; und ihr werdet bald sehen, dass dieses Paradieses Engel sogar mit Knitteln und Säbeln versehen sind, um allfällige ungebetene Gäste auf eine eben nicht sehr paradiesische Weise aus diesem Paradies zu treiben.
GS|1|70|7|0|Ihr fragt, wer denn solche Engel auf der Erde waren? Habt ihr noch nie etwas von den sogenannten Laienbrüdern gehört, besser gesagt: klösterliche Hausknechte? Seht, auch hier sind sie dienstbare Geister des Klosters. Damit ihnen aber ihr Dienst besser gefällt, so werden sie als Engel angezogen. Solches rührt alles von der fälschlichen Begründung her, in welcher dergleichen Menschen das Zeitliche mit dem Ewigen verwechselt haben. Die große Liebe und Erbarmung des Herrn aber belässt diese Wesen so lange in solcher Begründung, solange solche nicht leise in sich angefangen haben, innezuwerden, dass es mit dergleichen Situationen sicher irgendeinen fatalen Umstand haben muss, weil sie sich fürs Erste mit all diesen schönen Früchten nie vollkommen satt essen können. Es kommt ihnen das Essen und Trinken beinahe so vor, als wenn sie im Traum äßen und tränken. Fürs Zweite sehen sie hier ober ihnen wohl fortwährend weiße Wolken ziehen; woher aber diese Wolken das Licht haben, können sie nicht erschauen. Und fürs Dritte fällt es ihnen mit der Zeit auf, dass sie, wohl wissend, in der geistigen Welt zu sein, nirgends einen Heiligen, auch nicht die Mutter Gottes, Maria, also auch keinen Petrus und keinen Erzengel Michael zu Gesicht bekommen. Ein vierter für sie sehr fataler Umstand ist noch dieser, dass, so sie über diese Gartenmauer, welche gewöhnlich mit Leitern erstiegen wird, hinwegschauen, sie nichts als unfruchtbare Steppen erschauen, und bloß allein nur ihr Garten fruchtbringend ist. Und fünftens ist auch dieser Umstand für sie nach und nach erwecklich wirkend, dass ihre Klosterkirche außer ihnen von niemand anderem besucht wird. Und so gibt es noch mehrere solche Stupfmittel, durch welche der Geist aufmerksam gemacht werden kann, dass es mit seinem Paradies irgendein sogenanntes nisi haben muss.
GS|1|70|8|0|Diese Paradiesinwohner haben freilich wohl noch den Klosterhimmel vor sich, den wir erst später werden kennenlernen; aber der Himmel hat noch bedeutende Bedenklichkeiten. Daher müssen die Himmelsbewohner auch sehr politisch sein und die Misslichkeit des Himmels so geheim als möglich halten, denn sonst würde es mit dem Paradies, das auch für den Himmel sorgen muss, bald gar kläglich aussehen, und unsere munteren Engel würden nicht den bedeutend großen Garten mehr bearbeiten. Denn das müsst ihr wissen, dass der Herr solches aus gutem Grunde zulässt, dass diese Menschengeister hier so gut wie auf der Erde mit dem Fleiß ihrer Hände und im Schweiß ihres Angesichts sich das Brot erwerben müssen. Sie müssen also arbeiten, wenn sie etwas essen wollen.
GS|1|70|9|0|Doch seht, unsere Paradiesbewohner nähern sich uns. Daher sind wir nun still, und ihr habt Acht auf den Empfang! Seht, soeben winkt ein Paradiesmann zweien mit Knitteln versehenen Engeln, sich an seine Seite zu begeben, damit er sich uns unter sicherem Geleit nahe. Und der andere Paradiesmann macht mit vier besäbelten Engeln den nachtrabenden Schutz für den Vortrab, sollte derselbe etwa zu schwach gegen den Feind sein.
GS|1|70|10|0|Nun habt Acht; der erste Paradiesmann öffnet schon seinen Mund und fragt uns: Wo kommt ihr her, von oben oder von unten? – Ich sage: von oben. – Er fragt uns: Wo ist oben? – Ich zeige ihm mit der Hand auf die Brust und sage: Hier im Herzen, in der alleinigen Liebe zum Herrn, ist von oben! – Er spricht: Was schwätzt du für ein albernes Zeug? Weißt du nicht, wo der Himmel ist, und weißt du nicht, dass du dich hier im Paradies Gottes befindest? – Ich sage zu ihm: Ich weiß, wo der Himmel ist und kenne sehr wohl das Paradies. Aber dieses Paradies hier und deinen Himmel erkenne ich nicht als ein Paradies und als einen Himmel, sondern ich erkenne solches nur nach der Wahrheit, und in dieser ist dieser Himmel und dieses Paradies nichts als eine Ausgeburt deiner und eurer allerweltlichen Torheit. – Er spricht: Was ist das für eine Rede! So reden die, welche von oben kommen? Nein, warte du nur ein wenig, wir werden dir ganz handgreiflich zeigen, wo es unten ist. Kommt her, ihr Engel Gottes, und nehmt sogleich diese drei höllischen Galgenschlingel in den sicheren Empfang und bringt sie dorthin, ihr wisst schon, welchen Ort ich meine, nämlich in die Schule, wo sie das Oben und Unten sollen unterscheiden lernen.
GS|1|70|11|0|Seht, die Engel umfangen uns, und wir wollen uns diesmal nicht wehren, sondern uns von ihnen einführen lassen. Erst wenn sie über uns ein ganz menschenfreundliches Urteil werden geschöpft haben, dann erst werden wir uns ein wenig zu rühren anfangen, denn solches alles gehört zur Sache. Ihr würdet ohne dies keine vollkommene Kenntnis von dieser geistigen Situation haben, und diesen Geistern könnten wir auf einem anderen Weg nicht leichtlich zukommen und sie dann, zu ihrem eigenen Besten, ihres Wahnes überführen. Daher lassen wir uns, wie gesagt, unterdessen nur ganz gutmütig einführen, damit ihr daraus auch erseht, auf welch endlos mannigfaltige Weise der Herr Seine Diener fortwährend liebersprießlich zu beschäftigen weiß.
GS|1|71|1|1|Die Zweifel eines paradiesischen Augustiners
GS|1|71|1|1|(Am 6. März 1843 von 4 1/2 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|1|71|1|0|Die zwei himmlischen Mönche (denn ihr müsst solches verstehen, dass, wenn es heißt „himmlisch“, es hier so viel als „im Paradies seiend“ bezeichnet) gehen voraus, und die Engel gehen mit Knitteln und Säbeln hinter uns einher. Ihr fragt, wo lauter hin sie uns etwa doch führen werden? Seht nur dort ziemlich gegen Norden hin, in der Ecke der großen Gartenmauer ist ein schmutziger Turm, versehen mit einer schwarzen Tür. Dort werden sie uns hineinpraktizieren. Was da ferner geschehen wird, wird die eigene Erfahrung lehren. Hört aber ein wenig zu unterwegs, worüber sich die zwei Paradiesmönche besprechen.
GS|1|71|2|0|Der eine sagt soeben: Was meinst du, wenn diese drei Vagabunden etwa doch Abgesandte wären von irgendeinem besseren Ort als da dieser ist, in welchem wir uns nie satt essen können, sollte man in diesem Fall sie nicht hören und sich näher erkundigen, woher sie so ganz eigentlich sind? Denn unsere Frage, die wir an sie gerichtet haben, ob sie gekommen sind von oben oder von unten, war zu vorschnell. Wir sind, wie man zu sagen pflegt, mit der Tür ins Haus gefallen. Ich setze nun den Fall, sie wären im Ernst von oben, und wir würden hier in diesem Paradies höchst unparadiesisch mit ihnen verfahren, so könnte uns so etwas sehr teuer zu stehen kommen. Meine Meinung wäre demnach diese: anstatt sie in den Zwangsturm zu treiben, sie lieber dort gegen Mittag hin in den Freiheitsturm zu bringen, der nach außen überall offen steht und nur nach innen herein verschlossen ist.
GS|1|71|3|0|Der andere spricht: Lieber Freund und Bruder, ich meine doch, du wirst nicht hier im Paradies gar ein Ketzer werden wollen. Wir wissen wohl, dass der Herr auf der Erde ohne Herrlichkeit gewandelt ist, auch war solches der Fall mit den ersten Verkündern und Ausbreitern Seiner Lehre. Du weißt aber ja, dass in dieser Zeit die Kirche des Herrn eine dürftige und eine leidende war. Nach der großen Kirchenversammlung zu Nizäa aber hat sie über alle Heiden im weiten Umkreis gesiegt. Daher hat sie denn auch aufgehört, eine dürftige und leidende zu sein und ward dafür eine triumphierende, eine reiche Kirche, ja eine Kirche voll Glanz, Herrlichkeit, Ansehen, Macht und Gewalt.
GS|1|71|4|0|Wenn der Herr dann auf der Erde Seine Kirche und Seine Diener mit solcher Herrlichkeit ausstattet, um wie viel mehr wird Er solches hier im Reich der seligen Geister tun. Wenn Er demnach höhere Boten zu uns senden wird, da kannst du ja doch mit der größten Zuversicht erwarten, dass dergleichen Boten nicht in der Gestalt solcher wahrhaftiger Gassenreißer erscheinen werden, sondern mit großer Pracht und himmlischer Majestät. Denn es heißt ja in der Schrift, dass der Herr mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels einherziehen wird. Wie sollten demnach solche Gassenreißer Abgesandte Gottes sein? Verkappte Boten der Hölle, ja, aber nicht höhere Boten des Himmels. Daher nur rechts hinüber in den Zwangsturm mit ihnen, der da gebaut ist aus lauter hochgeweihten Steinen, und es wird sich sogleich zeigen, wessen Geistes Kinder sie sind; denn solch ein geweihter Stein soll den Teufel ums Tausendfache ärger brennen, denn die unterste Hölle.
GS|1|71|5|0|Der andere erwidert: Gut, tue du, was du willst, ich aber bleibe bei meiner Idee. Wenn es am Ende schief aussehen wird, da kannst du alles auf dich nehmen. Und so denn mache, was du willst, ich will dir in deinem Plan nicht hinderlich sein. Siehe, der Turm befindet sich schon in unserer Nähe. Hier übergebe ich dir den Schlüssel, denn an dieser Expedition will ich durchaus keinen Teil haben. Ich aber habe es schon einige Mal bei mir erwogen, dass wir in der römischen Kirche mit dem Verdammen allzeit eher fertig sind als mit dem Segnen. Und da denke ich so manches Mal bei mir über den Text des Herrn [nach], da Er Seine Apostel und Jünger vor dem Verdammen und Richten auf das Eindringlichste gewarnt hat.
GS|1|71|6|0|Aus dem Grunde habe ich mir denn auch heimlich vorgenommen, niemanden mehr zu verdammen und zu richten. Und so will ich auch solche Vornahme an diesen dreien für mich zuerst vollkommen geltend machen und sage dir daher noch einmal: Tue du, was du willst; ich aber will durchaus keinen Anteil an deiner Handlungsweise haben.
GS|1|71|7|0|Der andere spricht: Also übernehme ich denn den Schlüssel und will üben die göttliche Gerechtigkeit; denn groß ist die Liebe des Herrn, aber Seine Gerechtigkeit steht über derselben und fordert sogar das Blut des Sohnes Gottes. Daher lass mich die Gerechtigkeit pflegen!
GS|1|71|8|0|Der andere erwidert dem Gerechtigkeitspfleger ganz kurz: Ich meines Teils weiß aus der Schrift wohl, dass der Herr den Aposteln und den Jüngern kein anderes Gebot denn das der Liebe gab. Auch weiß ich, dass der Herr einmal einen ungerechten Haushalter zum nachahmungswürdigen Beispiel aufführt, auch spricht Er einmal, dass Er über einen reumütigen Sünder mehr Freude hat denn über 99 Gerechte. Und daneben aber weiß ich durchaus nicht mich eines so gewichtigen Textes zu entsinnen, in welchem der Herr die strenge Gerechtigkeit so recht evident herausgestrichen hätte. Die Szene entscheidet sich am Ende rechtfertigend für den Zöllner, und der gesetzesgerechte Pharisäer wird getadelt! Wenn ich solches bedenke, da hat die zu schroffe Gerechtigkeit von unserer Seite sehr viel verloren in meinem Gemüt. Übrigens, wie gesagt, tue, was du willst. Der Turm ist hier, die drei sind auch hier. Den Schlüssel hast du in deiner Hand, somit trete ich zurück.
GS|1|72|1|1|Überlegungen der paradiesischen Augustiner
GS|1|72|1|1|(Am 8. März 1843 von 4 1/4 – 6 Uhr abends.)
GS|1|72|1|0|Seht, der mit dem Schlüssel versehene Mönchsgeist als Einwohner dieses himmlischen Paradieses öffnet die Tür und weist uns, hineinzugehen. Was meint ihr wohl, sollen wir dieser Weisung folgen oder nicht? So mancher Katholik würde sagen, der Gehorsam fordere solches. Allein, weil ein anderer Grundsatz so lautet, dass man Gott mehr denn den Menschen gehorchen muss, so werden wir auch hier dieser Weisung nicht folgen, sondern hübsch fein draußen bleiben. Und ich werde mir noch obendrauf die Freiheit nehmen, diesen Turm durch eine leise Berührung mit meiner rechten Hand augenblicklich in den nichtigsten Staub zu verwandeln. Aber da der Schlüsselinhaber mit folgenden Worten uns droht, sagend nämlich: Wenn ihr euch nicht augenblicklich hineinbegebt, da will ich sogleich gewaltsame Hand an euch legen lassen, – so müssen wir uns schon auch dem Turm nahen, und zwar insoweit, dass ich ihn werde mit meinem Finger erreichen können. – Nun sind wir am Turm, und seht, er befindet sich nicht mehr!
GS|1|72|2|0|Aber nun seht auch unseren Einsperrer an, was für ein erbärmlich erstauntes Gesicht er schneidet. Und der andere, Bessergesinnte, naht sich ihm und spricht: Nun, mein lieber Bruder, was sagst du denn zu dieser Erscheinung? Konnte der Teufel wohl so was zuwege bringen? – Der andere spricht: Ja, mein lieber Bruder, die Sache kommt mir außerordentlich rätselhaft vor. Bis jetzt hat diesem Turm kein Satan etwas anhaben können, ja, er stand ja da als eine wahrhaftig unüberwindliche Burg Gottes und alle Ketzer und Diener des Teufels als Widersacher der alleinseligmachenden Kirche haben darin ihr verdammliches Asyl gefunden, und noch nie hat es ein Teufel gewagt, sich diesem Turm zu nahen. Und da siehe, dieser Frevler oder was er ist, hat den Turm nur mit einem Finger berührt, und im Augenblick war keine Spur mehr vom Turm. Ich sehe nun kein anderes Mittel, als diese drei, so gut es nur immer gehen kann, hinauszubringen aus diesem heiligen Paradies, denn sonst rührt er uns noch etwas anderes an und vernichtet es ebenso wie diesen Turm.
GS|1|72|3|0|Ich muss es wahrhaftig bekennen, Gott der Herr ist fürwahr ein rätselhaftes Wesen; und wenn man glaubt, das Beste getan zu haben, so macht Er alles solches sobald zuschanden. So hat Er eine Kirche um die andere gegründet, und wenn sich so eine Kirche recht ausgebildet hat, um so, wie man zu sagen pflegt, auf dem Schnürl Gott zu dienen, da kommt Er und schneidet gleich einer heidnischen Parze das Schnürl mitten auseinander und der ganze kirchliche Plunder fällt über den Haufen und nichts bleibt von ihm übrig als höchstens der Name, allenfalls so, wie der der Stadt Babylon, da man nicht einmal mehr den Ort ausmitteln kann, wo einst diese große Weltstadt gestanden ist. Ich, meiner Person nach will mit diesen drei Wesen nichts mehr zu schaffen haben. Willst du dich noch ferner mit ihnen abgeben, so magst du es ja tun. Ob du aber mit ihnen etwas ausrichten wirst, daran zweifle ich sehr. Meines Erachtens wäre über diese Erscheinung wohl ein allgemeines Konzilium das beste Mittel. Aber wie dasselbe zusammenberufen, solange diese drei da sind?
GS|1|72|4|0|Der andere spricht: Ich meine, solches wird nicht vonnöten sein, denn sind diese drei offenbar von oben, wozu sollte da unser Konzilium gut sein? Sie werden unser Konzilium ebenso gut auseinanderstäuben wie den Turm. Das „von unten sein“ von Seiten dieser drei aber lassen wir für diesmal hübsch beiseite sein; denn es heißt, dass den Felsen oder die Kirche Petri die höllischen Mächte nimmer überwinden sollen. Was käme aber am Ende heraus, wenn wir in einem Konzilium das Urteil dahin leiten würden, dass diese drei Abgesandte der Hölle sind und haben dennoch, trotz dem Zeugnis Christi, diesem Turm ein Ende gemacht? So würden wir dadurch nichts anderes sagen, als dass unsere alleinig seligmachende Kirche durchaus nicht von Petro und von Christo gegründet ist. Und dieses Zeugnis wäre doch sicher bei weitem ärger als die ganze Zerstörung dieses Turmes. Bekennen wir aber im Gegenteil, dass solches der Herr zufolge Seines unerforschlichen Ratschlusses an uns getan hat, so schaden wir uns dadurch nicht im Geringsten; denn dem Herrn steht es ja frei, zu tun, was Er will, und alles, was Er tut, wird sicher wohlgetan sein.
GS|1|72|5|0|Der Gegner spricht: Du hast recht, und ich kann dir nichts dagegen einwenden. Aber was werden unsere anderen seligen Brüder und die vielen dienstbaren Engel zu dieser Geschichte sagen, wenn sie dieselbe erfahren werden? Daher dürfte es denn doch notwendig sein, ihnen sobald die Nachricht davon zu erteilen, denn sonst werden wir in einem sonderbaren Licht vor ihnen erscheinen.
GS|1|72|6|0|Der andere spricht: Da bin ich wieder einer ganz anderen Meinung. Kümmern wir uns gar nicht um das, was unsere Brüder sagen möchten, sondern lassen in Gottes Namen diese drei, solange sie noch hier sind, machen, wie es ihnen gut dünkt, und wir waschen uns dabei die Hände. Unsere Brüder aber sollen selbst einen Versuch machen, wie es sich tut, gegen einen reißenden Gebirgsstrom zu schwimmen.
GS|1|72|7|0|Nun rede ich zu dem besseren Mönch und sage: Höre, Freund, deine Rede ist mir nicht widerlich, und du bist darum dem Reich Gottes näher denn so mancher andere. Hast du auch wenig Werke, die dir hierher gefolgt wären, so hast du aber dennoch um einen starken Funken mehr Licht denn die anderen. Es soll dir darum hier Gelegenheit werden, das Werktätige, das dir zum Reich Gottes mangelt, einzuholen. Daher lass sobald alle die Scheinseligen dieses Paradieses hier zusammenkommen.
GS|1|72|8|0|Unser besserer Mönch spricht: Liebe Freunde, solches kann hier sogleich geschehen; denn durch einen Ruf und Wink werden sobald alle sich hierher begeben.
GS|1|72|9|0|Ich spreche: Also mache den Wink und lass den Ruf erschallen. – Unser Mönch tut nun solches, und seht, schon strömt eine große Menge von allen Seiten herbei, und seht, wie einige die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, da sie des Turmes nicht mehr ansichtig sind. Und die erste allgemeine Frage lautet: Um des dreieinigen Gottes willen, was ist denn hier geschehen?! Welcher Frevler hat solches getan? – Unser besserer Mönch antwortet mit ziemlich lauter Stimme und spricht: Hört, Brüder, ich sage euch, fragt nicht darum, denn die drei Mächtigen stehen noch unter uns. Der Mittlere, den wir in den Turm verdammlichermaßen sperren wollten, hat denselben kaum mit einem Finger angerührt und schneller als da ist ein Augenblick, ward der Turm vernichtet. Wir wissen aber, dass die Macht des Satans solches nimmer verüben kann; daher seid klug, damit uns nicht ein noch größeres Übel zuteilwerde.
GS|1|72|10|0|Seht, ein oberster Vorsteher dieses paradiesischen Mönchsgremiums nähert sich uns ganz furchtsam und stellt soeben die Frage an uns und spricht: Wir und alle guten Geister loben Gott den Herrn! Wenn ihr ebenfalls gute Geister seid, so sagt uns an euer Begehren!
GS|1|72|11|0|Ich spreche: Siehe, mein Begehren ist ein ganz einfaches und besteht in nichts anderem, als dass du mir kundgeben sollst, bei welcher Gelegenheit Petrus die römische Kirche gestiftet hat und bei welcher Gelegenheit das sämtliche Mönchswesen. Solches aber musst du mir aus der Schrift beweisen, denn jeder andere Beweis wird von mir verworfen.
GS|1|72|12|0|Nun seht, wie dieser Prior ein ganz erbärmliches Gesicht schneidet und sogleich ganz heimlich ein Kreuz über sein Gesicht macht und spricht ganz heimlich zu seinen Nachbarn: „Gott stehe uns bei! Wir stehen im Angesicht der obersten höllischen Dreieinigkeit! Das ist der Luzifer, der Satan und Leviathan! Solches ist sicher. Aber die Frage ist an uns gestellt, was werden wir darauf antworten? Schweigen wir, so zerstört uns diese Dreieinigkeit – Gott stehe uns bei – unser ganzes Kloster, unser Paradies und unser Himmelreich und führt uns am Ende schnurgerade in die Hölle! Antworten wir ihm aber, so haben wir uns so gut als der Hölle verschrieben. Fürwahr, Gottes Fügung nimmt in dieser Welt einen so sonderbaren Zuschnitt, dass man nicht einmal im Paradies und im Himmel so recht weiß, wie man daran ist. Da ich aber aus der Schrift durchaus der römischen Kirche apostolische Autorität nicht erweisen kann, so wird es am besten sein, ich sage zu ihm, wie es auch wahr ist: Höre, Freund, solches weiß ich nicht. Ich glaubte wohl, dass die römische Kirche von Petro gegründet ist, und ersah solches wohl auch aus einer geschichtlichen Tradition, derzufolge dieser Apostel etliche und zwanzig Jahre in Rom solle zugebracht haben, ob aber solche Tradition authentisch ist oder nicht, das wird der liebe Herrgott sicher besser wissen als ich.
GS|1|72|13|0|Ich war einmal ein römischer Katholik und glaubte, lehrte und handelte im Geiste dieser Kirche, und glaube darum nicht gefehlt zu haben. Verhält sich aber die Sache anders, so magst du darüber uns selbst berichten. Ich werde nicht abgeneigt sein, dich zu hören; und so magst du reden. Bist du ein guter Geist, so wirst du nichts Böses wollen, bist du aber ein böser Geist, da denke, dass Gott noch mächtiger ist als du; und somit rede, was du zu reden hast.
GS|1|73|1|1|Aufrichtige Antworten des Priors
GS|1|73|1|1|(Am 9. März 1843 von 4 – 6 Uhr abends.)
GS|1|73|1|0|Ich spreche zu ihm: Für diesen Augenblick hast du dich vorteilhaft aus der Schlinge gezogen. Und da du selbst eingestehst, auf meine Frage nichts antworten zu können, so will ich solche Nichtantwort auch als Antwort ansehen. Nun aber habe Acht, ich will dir eine zweite Frage geben, vielleicht findest du auf diese eine Antwort in dir. Da du, der Schrift kundig, auch bei deinen Lebzeiten auf der Erde nicht hast erfahren können, ob der Apostel Petrus je wirklich in Rom gelebt und die römische Kirche gestiftet hat, so möchte ich aber dennoch von dir erfahren, aus welchem Grunde dir bei deinen Lebzeiten eingefallen ist, dich fürs Erste emsigst um das klösterliche Priorat zu bewerben? Und warum du, als du im Wege aller schlauen Mittel dir das Priorat erschlichen hast, sogar dann einige Male an das kirchliche Oberhaupt dich verwendet hast, dich entweder zu einem Klostergeneral oder, wenn es möglich wäre, zu irgendeinem Bischof zu machen? Siehe, das ist eine wichtige Frage, und du wirst mir darauf umso sicherer eine Antwort geben können, da du solches alles an dir erfahren hast und es dir auch noch ganz lebendig vor den Augen deiner Erinnerung schwebt.
GS|1|73|2|0|Nun seht, unser paradiesischer Primus macht ein ganz verdutztes Gesicht, sucht in allen seinen Winkeln eine pfiffige Antwort und, wie ihr es leicht aus seiner verlegenen Physiognomie entnehmen könnt, findet er eben nichts dergleichen in sich, und fühlt sich sehr stark genötigt, nolens volens mit der Wahrheit hervorzutreten. Wenn diese ihm auch allenfalls solche Umstände auf der Zunge machen sollte wie eine allzuwarme Speise, so nützt solches dennoch nichts. Er entschließt sich daher, die Wahrheit zu reden, folge darauf, was nur immer wolle.
GS|1|73|3|0|Seht, er öffnet den Mund; und so hört denn, was er hervorbringen wird. Er spricht: Lieber Freund, woher du auch immer sein magst, ich sage es dir offen heraus, dass ich solches alles im buchstäblichen Sinne meiner selbst willen getan habe. Und warum tat ich solches? Weil ich bei der genauen Bekanntschaft mit den Grundsätzen der römisch-katholischen Kirche nur gar zu gut erschaute, um was es sich in ihren christlichen Theoremen so ganz eigentlich handle, nämlich um nichts anderes als allein nur um die Weltherrschaft. Und um solche zu erlangen, muss man sich ein Ansehen und durch das Ansehen Schätze und Reichtümer verschaffen können. Was aber dabei das reine Christentum für ein Gesicht macht, um das, das wirst du selber wissen, hat man sich in der römischen Kirche noch nie bekümmert.
GS|1|73|4|0|Und wenn ich mich nicht irre, dauert solch ein für das Christentum unkümmerlicher Zustand in eben dieser römisch-katholischen Kirche seit den Zeiten Karls des Großen, welcher meines Wissens den Bischof von Rom mit einer Länderei beschenkte und aus ihm somit einen weltlichen Herrscher machte.
GS|1|73|5|0|Seit diesen Zeiten hat man das Christentum in seiner reinen Sphäre, als zur kirchlichen Sache ganz unpassend, nur im Geheimen angesehen, weil es in seiner Echtheit dem weltlichen Ansehen schnurgerade entgegengesetzt ist, behielt darum bloß den Namen und modellierte dann die Lehre so, dass sie sich mit dem weltlichen Ansehen notwendigerweise vertragen musste.
GS|1|73|6|0|Ich muss dir noch dazu sagen, dass ich nicht selten bei der heimlich näheren Betrachtung des Papsttums, mich allzeit ganz lebhaft des Daniel’schen Gottes Mäusim erinnert habe, dem man Gold, Silber und Edelsteine opfern wird, und in dem keine Frauenliebe sein wird. Aber was nützte mir alle diese meine Betrachtung? Ich war einmal als ein dummer Ochse ins Joch gespannt; wer hätte mich ausspannen sollen? Solches aber ist doch sicher, dass die vorderen Ochsen am Wagen weniger zu ziehen haben, als die mehr rückwärts am Wagen angespannt sind. Und ich war froh, solches einzusehen, und darum zu trachten in ein mehr vorderes Joch gesteckt zu werden und somit mehr ein Parade- denn ein Zugochse zu sein. Hätte ich wohl anders handeln sollen?
GS|1|73|7|0|Ich hätte wohl anders handeln mögen, wenn mir Gott nicht eine so empfindsame Haut gegeben hätte. Aber zufolge der außerordentlichen Empfindsamkeit meiner Haut und zufolge des stets erfrischten Anblicks der vielen brennenden Scheiterhaufen machte ich den Klugen und tat im Grunde gar nichts. Denn ich dachte mir: Wahrhaft christlich Gutes zu tun im Sinne des göttlichen Stifters ist bei solchen Umständen so gut wie rein unmöglich. Ich tue daher lieber nichts, mache die äußere Dummheit, so gut es geht, mit, und suche mir, wo es sein kann, dieselbe wenigstens zu einem zeitlichen Vorteil zu machen. Ich wusste wohl, dass es gefehlt ist, wenn an der Lehre Christi etwas Authentisches sein sollte, aber dabei dachte ich mir wieder:
GS|1|73|8|0|Wenn der Herr irgend diese Lehre, wie sie in den Evangelien steht, gegründet hat, so wird Er wohl auch Seine Gründe haben, warum Er diese Seine einfache und höchst reine Lehre also hat ausarten lassen. Dazu dachte ich noch öfter an Paulus, der seine Gemeinden aufgefordert hatte, der weltlichen Macht untertan zu sein, ob sie gut oder böse ist; denn es besteht nirgends eine Macht, außer dass sie sei von Gott. Ist es demnach unrecht, was diese Kirchenoberhäupter tun, so mögen sie es einst verantworten. Ich aber werde tun, was einst Pontius Pilatus getan hat, da er die Kreuzigung Christi nicht hintertreiben konnte, und der Herr, als das allervollkommenste Wesen, wird es sicher auch einsehen, dass unsereiner mit der allerbeschränktesten Macht nicht gegen den allgemeinen Weltstrom zu schwimmen vermag.
GS|1|73|9|0|Siehe nun, lieber Freund, woher du auch immer sein magst, das ist die Antwort auf deine Frage; und du kannst mir jetzt auf der Stelle die Haut abziehen, so wirst du keine andere aus mir bekommen können.
GS|1|73|10|0|Nun spreche ich: Gut, mein lieber Freund, du hast nichts zurückbehalten, sondern mir im Ernst alles kundgegeben, was du deiner Erinnerung zufolge in dir gefunden hast. Aber nur möchte ich von dir noch erfahren, aus welchem Grunde du denn hernach in dieses Paradies gekommen bist. Denn wenn du in dir von der totalen Fehlbarkeit der römischen Kirche, nach deiner Äußerung, überzeugt warst, so musstest du ja doch auch überzeugt sein, dass ihre Lehre über das Fortleben der Seele nach dem Tod ebenso falsch sein muss wie alles andere. Dazu muss ich dir noch sagen, dass aus eben dieser katholischen Kirche gar viele hier angelangt sind, die alsbald in das wahre Reich Gottes gelangten, – und noch muss ich dir dazu bemerken: wenn die katholische Kirche auch wirklich in einem völligen Widerchristentum sich befand, so weiß ich mich aber doch nicht zu entsinnen, ob sie die Nächstenliebe und die Demut je untersagt hat. Daher möchte ich von dir noch erfahren, wie es demnach kam, dass du, wie schon voraus bemerkt, in dieses Paradies gekommen bist.
GS|1|73|11|0|Unser Primus spricht: Lieber Freund, woher du auch immer sein magst, diese Frage zu beantworten wird von meiner Seite wohl sicher etwas schwer halten, denn, im Ernst gesprochen, den Grund, der mich hierhergebracht hat, kenne ich so wenig wie den Mittelpunkt der Erde. Denn wenn ich dir so ganz aufrichtig gestehe, so habe ich bei meinem Leibesleben auf die Unsterblichkeit der Seele nach dem Tod mit vielen anderen Verzicht geleistet. Wenn man aber auf das geistige Leben nach dem Tod Verzicht leistet, so bleibt einem auf der Welt ja doch nichts anderes übrig, als zu leben nach dem alten römischen Spruch: Ede, bibe, lude; post mortem nulla voluptas! [Iss, trink, spiel! Nach dem Tod gibt's kein Vergnügen mehr.] Also habe ich auch auf der Welt gelebt, um zu essen und zu trinken, und um eben des Essens und Trinkens willen alle die Weltspielereien mitzumachen.
GS|1|73|12|0|Als aber mit der Zeit der immerhin fatale Leibestod über mich gekommen ist, von dem ich mir bei meinen Lebzeiten so viele nutzlose Gedanken gemacht habe, da erst erfuhr ich, dass dieser Leibestod durchaus keine ultima linea rerum [letzte Zeile] ist, sondern dass ich nach der mir noch bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt unbekannten Ablegung meiner irdischen Hülle geradeso fortlebe, als wie ich ehedem auf der Erde gelebt habe; nur mit dem alleinigen Unterschied, dass ich hier statt in den schmutzigen Klosterzellen in diesen hübschen Gartensalons meine Zeit zubringe und statt einer schwarzen eine weiße Kutte trage, nicht mehr Messe lese, sondern mich hier befinde wie eine mit Vernunft begabte Blattlaus und bin im buchstäblichen Sinne ein fructus consumere natus [geborener Obstkonsument].
GS|1|73|13|0|Dass hier noch diese weltlich klösterlichen Regeln beobachtet werden, ist an und für sich ebenso unerklärlich wie alles andere. Wir stellen uns hier vor, glücklich zu sein; fürwahr, wir sind es bloß durch unsere wiedergefundene und angewohnte, ein wenig kultivierte Klosterregel. Nimmst du uns dieses weg, so sind die Feldmäuse glücklicher als wir. Ich muss dir daher zu allem dem noch hinzugestehen, dass wir samt und sämtlich hier mehr oder weniger durchaus nicht wissen, warum wir hier sind.
GS|1|73|14|0|Weißt du etwas Besseres, so gebe es uns kund, und wir wollen auch das missliche Gewisse recht gerne mit diesem ungewissen Schein vertauschen. Tue mit mir und mit uns allen, was du willst, nur mit der Hölle und mit noch mehr Fragen verschone uns. Denn jetzt habe ich dir alles gesagt, und du könntest mir jetzt schon Fragen geben, wie viel du wolltest, so werde ich auf jede gleich einem Stein zu antworten wissen; denn wo nichts ist, da kann der Tod nichts nehmen!
GS|1|74|1|1|Frage nach der Liebe zu Christus. Die drei Glaubensartikel
GS|1|74|1|1|(Am 10. März 1843 von 5 1/4 – 7 1/4 Uhr abends.)
GS|1|74|1|0|Nun spreche ich: Höre, lieber Freund, ich meine, so stumm wie ein Stein bist du nicht, und daher wirst du mir schon noch eine Frage zu beantworten imstande sein. Ich will diese Frage auch so einfach als nur immer möglich geben, und so höre denn:
GS|1|74|2|0|Hast du während deiner ganzen geistlichen Amtsführung nie über Christus nachgedacht, und ist es dir nie vorgekommen, als könntest du Ihn so recht aus allen Kräften lieben? Siehe, das ist eine einfache Frage, welche du beinahe mit Ja oder Nein beantworten kannst; nur muss dabei die lebendige Wahrheit zugrunde liegen.
GS|1|74|3|0|Der Primus spricht: Lieber Freund, woher du auch immer sein magst, auf dergleichen Fragen kann ich dir schon noch antworten, und wenn du deren auch noch mehrere stellen würdest. Aber nur über die römische Kirche sollst du mich nicht mehr fragen; denn ich bin über die Maßen froh, gleich einem verabschiedeten gemeinen Soldaten, dass ich hier mit ihr nichts mehr zu schaffen habe. Aber was Christus betrifft, da will ich mit dir reden, so lange du es nur immer willst. Und so sage ich dir zur Antwort auf deine Frage, dass ich bei mir selbst gar oft über Christus nachgedacht habe und empfand es auch in mir nicht selten, dass ich eben kein schlechter Apostel sein dürfte, wenn ich das Glück hätte, mit Christo also umzugehen, wie der Apostel Petrus mit Ihm umgegangen ist. Ja, ich muss dir sagen, Christus wäre die einzige göttliche Person, die ich aus allen meinen Kräften lieben könnte, so Sie im Ernst irgendwo vorhanden sein sollte.
GS|1|74|4|0|Dass ich während meiner ganzen geistlichen Amtsführung eben amtlichermaßen mich am allerwenigsten mit Christo habe abgeben können, solches wird dir ohnedies bekannt sein, wie gestaltet und warum. Denn bin ich als Klosterchef zu irgendeiner höheren geistlichen Behörde berufen worden, oder wohl gar zu einem Bischof, wie einmal sogar nach Rom, so war bei solch einer Zusammenkunft von Christo nie die Rede, sondern lediglich nur, was in dem Kloster eingeht, wie das Vermögen der Kirche verwaltet wird, und wie ich es anstellen müsste, falls das Kloster zu wenig eingetragen hat, um die kirchlichen Renten zu erhöhen. Und als ich einmal sogar nach Rom beordert ward und mir dachte, ich werde dort über Christus ein höheres Licht empfangen, so war aber davon dennoch keine Spur! Ich wurde nur haarklein ausgefragt, wie es mit den kirchlichen Renten stehe und ob noch keine bedeutende Stiftungen erloschen sind und, falls einige erloschen sein sollten, was da mit den Stiftungskapitalien geschieht.
GS|1|74|5|0|Als ich darauf zur Antwort gab, mit dem Erlöschen der Stiftungen hat es bei uns seine geweisten Wege; was da die ganz alten Stiftungen sind, so sind diese schon lange dem allgemeinen klösterlichen Kirchenvermögen einverleibt worden, und von neueren Stiftungen ist in dieser etwas zu sehr aufgeklärten Zeit eben keine zu sehr bedeutende Rede mehr. Man muss sich mit einfachen Legaten begnügen und mit einigen bezahlten Seelenmessen; aber von den sogenannten ewigen Stiftungen ist, wie gesagt, jetzt keine Rede mehr. Auf solch eine Äußerung von meiner Seite wurde zuerst von einem Kardinal ein derber Fluch allen Ketzern und Protestanten gedonnert, und mir ward nichts anderes gesagt, als dass ich durch scharfe Predigten und Beichtstuhl-Ermahnungen die Menschen dahin stimmen sollte, dass sie sich fürs Erste nicht irgend von den sogenannten Protestanten aufklären lassen, und fürs Zweite zur Gewinnung des Himmels sich durch reiche Stiftungen der alleinseligmachenden Kirche auf immer einverleiben sollten. Nach solcher Ermahnung ward mir ein ganzes Kompendium von einigen hundert Stück vollkommener Ablässe überreicht, welche ich samt und sämtlich ehestmöglich an den Mann bringen sollte, und zwar einen Ablass im Betrag von wenigstens zehn Talern.
GS|1|74|6|0|Mir ward ein gratis vollkommener Ablass miterteilt, aber mit der Bedingung, dass dieser erst dann für mich in die Wirksamkeit tritt, wenn ich für all die anderen Ablässe den Betrag werde nach Rom eingesendet haben.
GS|1|74|7|0|Ich wollte bei dieser Gelegenheit mich noch um manches Religiöse erkundigen, allein man deutete mir, zu schweigen, und einer aus dem Gremium sagte mir nur so im Vorbeigehen: Bedanke dich allerdemütigst für solche hohe Gnade von Seiten des obersten Statthalters Christi und gehe dann deine Wege, verlasse Rom sobald als möglich, damit du desto eher nach Hause kommst, um alldort den Willen des hl. Vaters zu erfüllen. Ich befolgte auch seinen Rat. Mir ward darauf sogar die Gnade zuteil, zum Pantoffelkuss hinzugelassen zu werden, aber mit dieser Gnade auch der Bescheid, mich ja nicht mehr über 24 Stunden in Rom aufzuhalten.
GS|1|74|8|0|Aus dieser Darstellung kannst du sehr leicht entnehmen, um welch ein Christentum es sich allda gehandelt hat. Fürwahr, hätte ein Kardinal nicht das Wort „Statthalter Christi“ ausgesprochen, so wäre ich in Rom gewesen, ohne bei dieser obersten Behörde den Namen Christi vernommen zu haben, außer auf dem Wege der kirchlichen Zeremonie.
GS|1|74|9|0|Dieser Besuch Roms hat mir auch zugleich den letzten Tropfen meines Unsterblichkeitsglaubens und somit auch meines Christussinnes ausgesogen.
GS|1|74|10|0|Als ich mit meinen Ablässen wieder in meinem Kloster ankam, übergab ich dieselben meinen Klosterbrüdern zur Disposition. Sie haben auch, meines Wissens, glücklich alle angebracht. Nur haben sie dabei eben auch meines Wissens ziemlich handeln lassen, und da ich mich darüber ausgewiesen habe, dass ich hinsichtlich der moralischen Veräußerung der Ablässe eine gewisse Not hatte, so ließ auch Rom handeln und begnügte sich mit einer geringeren Summe. Und siehe, das ist nun alles, was ich dir auf deine Frage zu antworten vermag.
GS|1|74|11|0|Was dann meine Liebe zu Christo betrifft, so wirst du aus dieser meiner Äußerung selbst leicht entnehmen können, dass, wenn auf dergleichen kirchliche Manipulationen Christus bis auf den letzten Tropfen hinausgearbeitet wird und der Mensch, besonders im Priesterstand, am Ende allen Glauben verliert, es dann auch mit der Liebe zu Christo seine geweisten Wege hat. Ich will damit freilich nicht sagen, als möchte ich Christus nicht lieben, wenn Er irgendwo wäre. Ja, ich könnte Ihn sogar über alles lieben, indem Seine Lehre wirklich das Allerreinste und Beste ist, was sich nur je ein sterblicher Mensch denken kann.
GS|1|74|12|0|Aber das „Wenn“ ist das Allerfatalste dabei. Ich kam hierher und lebe nun hier, wie ich schon ehedem bemerkt habe, ohne zu wissen, wie, wo und warum, indem ich doch auf der Welt die Unsterblichkeit der menschlichen Seele gänzlich habe fahrenlassen. Hier habe ich bis jetzt auch von Christo nichts mehr erfahren, als was ich auf der Erde von Ihm erfahren hatte; und somit stellt sich zwischen mich und Christo immerwährend das fatale „Wenn“. Bringe dieses aus mir und du sollst an mir einen Jünger Johannes oder die Magdalena haben.
GS|1|74|13|0|Nun spreche ich: Gut, mein Freund, du hast mir auf meine kurze Frage eine sehr gedehnte Antwort gegeben. So will ich denn nun dir und euch allen etwas sagen. Werdet ihr solches beachten, so könnt ihr den Weg zum wahren ewigen Leben betreten, wo nicht, da steht euch auch eben an der Stelle, wo der Turm verschwunden ist, bereits der Weg zum ewigen Tod offen!
GS|1|74|14|0|Und so hört denn: Christus Jesus ist der alleinige Gott und Herr aller Himmel und aller Welten! Er ist in Sich allein Seiner ewigen unendlichen Liebe zufolge der Vater, und Seiner unendlichen Weisheit zufolge der Sohn, und Seiner ewig allmächtigen unantastbaren Heiligkeit zufolge der Heilige Geist selbst; wie Er es auch Selbst von Sich ausgesagt hat, dass Er und der Vater Eines sind, und wer Ihn sieht, auch den Vater sehe; und dass der Heilige Geist von Ihm ausgehe, wie Er es gezeigt hat, da Er Seine Apostel anhauchte und zu ihnen sprach: Nehmt hin den Heiligen Geist!
GS|1|74|15|0|Das ist für euch der erste Glaubensartikel, ohne welchen niemand ins ewige Leben gelangen kann, denn es heißt auch in der Schrift: Wer nicht glaubt, dass Christus ist der Sohn des lebendigen Gottes, welcher ist die Liebe des Vaters, der wird nicht selig.
GS|1|74|16|0|Ich aber sage euch: Werdet ihr nicht den Vater wie den Geist im Sohn Christus ergreifen, so werdet ihr nicht zum Leben eingehen.
GS|1|74|17|0|Stoßt euch nicht an dem Text, da es heißt: „Der Vater ist mehr denn der Sohn“, – denn solches besagt, dass die Liebe, als der Vater in Sich ist das Grundwesen Gottes, und aus Ihr ewig hervor geht das Licht und der ewig mächtige Geist. Solches sei für euch der zweite Glaubensartikel.
GS|1|74|18|0|Der dritte Glaubensartikel aber lautet also: Seid von ganzem Herzen demütig, und liebt Gott im alleinigen Christo über alles, euch untereinander aber also, wie jeder sich selbst; und ein jeder von euch sei der anderen willen da und trachte, wie möglich als der Geringste allen zu dienen.
GS|1|74|19|0|Wenn ihr diese drei Glaubensartikel vollkommen in euch werdet aufgenommen haben, dann erst wird euch der Weg zum ewigen Leben gezeigt werden. Von der Erde habt ihr keine anderen als nur lauter arge Trugwerke mit hierhergebracht. Und sie sind hier allenthalben vor euch erscheinlich. Sie hatten keinen Grund, daher werden sie auch gar bald vor euren Augen zunichtewerden und vergehen wie eine Ephemeride, sobald eure eigene innere Nacht über euch hereinbrechen wird. Darum aber habe ich euch nun im Namen des Herrn einen neuen Samen gegeben; pflanzt ihn in euer Herz, auf dass er zu einer fruchtbringenden Pflanze wird. Diese Frucht wird euch erst dann eine lebendige Stärkung werden. Ihr Geist wird entflammen eure Liebe, und diese Flamme wird euch erleuchten den neuen Weg, der da führt zum ewigen Leben!
GS|1|74|20|0|Nun seht, diese sämtlichen Paradiesmönche fangen an, sich auf die Brust zu schlagen, und schreien: Welch ein Abgrund unter uns, welch eine Tiefe über uns! Herr, sei uns großen Sündern barmherzig! Schließe zu den Abgrund und verdecke die Tiefe über uns, denn wir sind nicht würdig auch nur eines Funkens deiner Gnade! Vernichte uns, denn der Vernichtung sind wir wert; aber nur lass uns nicht leben, auf dass wir von Dir möchten verdammt werden! – Seht, also gehen diese etwas leichter in sich als die früheren. Belassen wir sie aber nun in dieser Stimmung und begeben uns in den klösterlichen Himmel, allda ihr dann im buchstäblichen Sinne erfahren werdet, dass das „medium tenere beati“ [Glücklich jener, der den goldenen Mittelweg trifft.] hier seine Realität hat; denn der Himmel hier wird schlechter sein als der Seelenschlaf.
GS|1|75|1|1|Gang in den Klosterhimmel. Der Pseudo-Petrus
GS|1|75|1|1|(Am 27. Februar 1843 von 4 1/4 – 7 1/4 Uhr abends.)
GS|1|75|1|0|Ihr fragt hier wohl und sagt: Lieber Bruder und Freund! Wo ist wohl hier dieser Himmel? – Ich sage euch: Wir werden gar nicht weit zu gehen brauchen, um seiner ansichtig zu werden. Da seht nur einmal vor uns den tüchtigen Palast und seht dort in der Mitte über einer Stiege ein kleines Pförtchen, gerade in der Mitte des Palastes angebracht. Das ist der Eingang zum Himmel; denn solches müsst ihr ja wissen, dass der Himmel und das Paradies nicht so weit auseinander entfernt sind. Ihr fragt zwar nach Petrus und Michael, ob sich auch diese hier einfinden. Sie werden nicht mangeln, aber sie sind nicht vor, sondern hinter der Tür. Wir wollen hier nicht gewaltsam in den Himmel dringen, und so werdet ihr bei unserem Anklopfen sogleich des Petrus und des Michael gewahr werden. Und so gehen wir denn an das Pförtlein und klopfen dort an, damit uns in den Himmel der Einlass werde.
GS|1|75|2|0|Wir sind an Ort und Stelle. So gebt denn Acht, welch eine Frage wir durch das verschlossene Pförtlein vernehmen werden, wenn ich anklopfen werde. Und so denn klopfe ich an; und hört, der Petrus ist schon gegenwärtig und fragt: Woher? Von oben oder von unten? – Ich spreche: Von oben. – Der Petrus spricht: Wie der Name? – Ich spreche: Bote des Herrn! – Der Petrus fragt weiter: Was für eines Herrn? – Ich spreche: Ich kenne nur einen Herrn, nämlich Jesus Christus!
GS|1|75|3|0|Der Petrus spricht: Du bist ein Lügner; wie kann dich Christus von außen her gesandt haben, nachdem Er doch nur hier im Himmel wohnt und sitzt zur rechten Hand des Vaters? Wärst du also von Ihm ausgesandt, so müsstest du doch hier vom Himmel ausgesandt sein. Du aber kommst mit fremder Stimme von außen her, somit bist du ja ein Lügner und Betrüger und ein allerderbster Sünder wider den hl. Geist; daher, marsch, mit dir hinab in die Hölle und mit jedem, der mit dir ist!
GS|1|75|4|0|Ich spreche: Höre, du blinder Himmelswächter, du trügst dich gar gewaltig. Weil du mich aber fragtest, woher und wessen Namens ich bin, so frage ich auch dich, wer du bist, darum du dir sogleich das Verdammungsurteil anmaßt, während solches der Herr doch allen Seinen Aposteln auf das Eindringlichste widerraten hat.
GS|1|75|5|0|Der Petrus spricht: Ich bin Petrus, ein Fels, auf welchen Christus Seine Kirche gebaut hat, und diese Kirche werden solche Boten von unten, wie du bist, nicht überwältigen; daher harrst du umsonst auf den Einlass.
GS|1|75|6|0|Ich spreche zu ihm: Für was würdest du mich denn dann halten, wenn ich denn doch trotz deiner himmlisch petrischen Gewalt diese Tür einbrechen und mich vollends bemächtigen würde deines Himmels?
GS|1|75|7|0|Der Petrus spricht: O du abscheulicher Teufel aller Teufel! Versuche nur, einmal an die Schnalle zu greifen, du wirst es bald verspüren, wie heiß diese ist. Ich kann dir aber schon im Voraus versichern, dass dir diese Schnalle eine bedeutend größere Qual in einem Augenblick verursachen wird als tausend Jahre in der untersten Hölle.
GS|1|75|8|0|Ich spreche zu ihm: Höre, das kommt nur auf einen Versuch an. Und so denn greife ich deine gefährliche Schnalle an und siehe, die Tür ist eröffnet. Und ich kann dir versichern, dass ich fürs Erste gar keinen Schmerz empfand, und fürs Zweite habe ich dein Pförtlein überwältigt und frage dich darum nun Angesichts, für wen du mich hältst, da ich deine Felsenpforte mit meiner Pforte überwältigt habe? Nun rede!
GS|1|75|9|0|Der Petrus spricht: Was soll ich angesichts eines solchen Frevlers reden, der die heilige Wohnung Gottes und Seiner Heiligen höhnend mit seinen allerabscheulichsten Füßen tritt?
GS|1|75|10|0|Ich spreche: So redest du als Petrus zu mir? Weißt du nicht, dass Christus Seinen Aposteln befohlen hat, dass sie sanft gleich den Tauben sein sollen? Und du bist hier so derb wie ein Kettenhund! Wenn du wirklich der Petrus bist, so wirst du wohl wissen, dass der Herr Seinen Aposteln und Jüngern nichts so sehr anbefohlen hat wie die wahre Demut des Herzens, die größte Sanftmut des Gemütes und die vollkommene Liebe des Nächsten. Wenn ich dich nun als ein vermeintlicher Teufel dessen erinnere, bin ich demnach als solcher der göttlichen Wahrheit nicht näher denn du, der du dich doch für den Petrus hältst und wähnst, ein Taglöhner des Himmels zu sein? Aber das Wort des Herrn ist dir fremder in seiner Werktätigkeit als der Mittelpunkt der Erde; daher fordere ich dich noch einmal auf, mir bei dem lebendigsten Namen des Herrn die vollkommene Wahrheit zu gestehen und mir kundzugeben, wer du seist!
GS|1|75|11|0|Der Pseudo-Petrus spricht: Höre du, abscheulicher Teufel, du bist keiner Antwort wert; und verlässt du nicht augenblicklich diese Stelle, so rufe ich sogleich alle himmlischen Mächte zusammen, und zwar zuerst alle Heiligen. Wirst du vor denen noch nicht fliehen, so rufe ich alle Engel, und wirst du dich auch denen widersetzen, so rufe ich die allerseligste Jungfrau Maria und den hl. Joseph, und solltest du vor denen etwa auch noch nicht fliehen wollen, so rufe ich die Dreieinigkeit selbst. Und dann wird sich wohl zeigen, wer da mächtiger ist, du oder die heilige Dreieinigkeit! Daher mache nicht Säumens und fahre lieber gutmütig hinab zu deiner verfluchten Hölle. Denn wenn du es darauf ankommen lässt, dass alle die himmlischen Mächte über dich kommen werden, so wirst du, mit glühenden Ketten geknebelt, samt deinen Spießgesellen mit vertausendfachter Qual hinabgeworfen werden in die unterste aller Höllen, allda du in solcher vertausendfachter größerer Qual ewig brennen, sieden und braten wirst.
GS|1|75|12|0|Ich spreche zu ihm: Höre, wenn du mir auf meine Frage, die von der wahren Liebe des Herrn begleitet ist, solche Antworten gibst und mir sogar drohst mit allen deinen himmlischen Mächten, da muss ich mir schon die Freiheit nehmen, mit meinen Spießgesellen ohne deine Erlaubnis in deinen Himmel einzudringen und mich dazu überzeugen, ob da all deine himmlischen Mächte ernstlich imstande sein werden, mir deine Drohung angedeihen zu lassen.
GS|1|75|13|0|Nun hört, auf diese meine Äußerung erhebt der Petrus ein ganz jämmerliches Geschrei und stellt uns den Michael entgegen. Er aber rennt zurück und ruft alle die himmlischen Mächte auf einmal zu Hilfe. Wir aber geben dem Michael einen kleinen Stupfer, und seht, auch er rennt dem Petro nach, und die Treppe ist frei. Gehen wir daher nur schnurgerade hinauf. Ihr werdet euch sogar überzeugen, dass Petrus und Michael samt den anderen himmlischen Mächten sich aus lauter himmlisch bescheidener Politik so hübsch in den Hintergrund des Himmels begeben werden.
GS|1|75|14|0|Nun seht, da sind wir ja schon, und der Himmel in einem eben nicht zu sehr ausgedehnten Maßstab steht vor unseren Augen offen, wie er in der irrigen Begründung dieser Himmelsbewohner vorhanden ist. Was sagt ihr zu diesem Himmel? Wie ich sehe, so zuckt ihr ganz gewaltig mit den Achseln und sagt: Nein, soll das auch ein Himmel sein? Da hätten wir uns aus dem früheren Paradiesgarten doch bei weitem eher einen Himmel herausgeschaut, als aus diesem höchst batzentheatralischen Kulissentandelmarkt. Fürwahr, so dumm hätten wir uns diese Himmelsbewohner denn doch nicht vorgestellt. Wenn sie allenfalls noch eine Petruskirche zu Rom zu einem Himmel maskiert hätten, so wäre solches noch für einen gewissen Grad von Blindheit verzeihlich. Aber diese höchst plumpe und gemeine Darstellung würde auf der Erde kaum die Ehre haben, dass sie den allerdümmsten Bauernkindern einen Beifall abnötigen möchte und würde daher von einem nur etwas besseren Menschenteil über Hals und Kopf ausgepfiffen.
GS|1|75|15|0|Wie es sich hier zeigt, so stellen die höchst gemeinen, zusammengesteckten Tische, gewisserart im Parterre des Himmels, den Tisch Abrahams, Isaaks und Jakobs dar; und vorn befindet sich statt einer Plastik nur ein schlecht gemaltes Bild, Abraham, Isaak und Jakob darstellend. Und was auf dem mit Wolken-Kulissen bestellten Podium dieses Himmelstheaters die Dreieinigkeit betrifft, so ist diese ebenfalls wie aus grobem Pappendeckel geschnitten und dann, grob und höchst unkünstlerisch bemalt, mit einem sichtbaren plumpen Nagel an den Hintergrund befestigt. Und diese Patzerei von den die hl. Dreieinigkeit tragenden Cherubimen und Seraphimen! Das Beste ist noch das große, runde, mit gelbem Glas versehene Fenster hinter der Dreieinigkeit. – Ja, meine lieben Freunde, ihr habt ganz recht gesehen und möchtet aber nun auch wissen, warum es hier mit dem Himmel gar so kläglich aussieht?
GS|1|75|16|0|Ich sage euch: Solches hat alles seinen guten Grund; und ihr habt schon im Garten vernommen, wie dort für die Möglichkeit des Himmels gehörig Sorge getragen werden muss, damit die Paradieseinwohnerschaft nicht zu einem allfälligen Aufstand gereizt werde, und zwar besonders von Seiten der diensttuenden Engel. Solches ist jedoch hier weniger zu berücksichtigen; denn ein Trug zieht immer den anderen nach sich. Wir werden aber bei der nachfolgenden Betrachtung schon ganz klärlichst dahinterkommen, warum sich dieser Himmel so höchst plump und materiell gestaltet. Daher wollen wir auch solches mit der Gelegenheit uns eigen machen. Denn das könnt ihr schon im Voraus annehmen, dass die Klausur auch einen sehr klausierten Himmel hat.
GS|1|75|17|0|Da aber in einem solchen Kloster gewöhnlich zwei Parteien wohnen, nämlich die wirklichen Mönche und die hausknechtischen Laienbrüder, daher wird auch dieser Himmel, nach welchem die Mönche durchaus keinen Appetit haben, zumeist von den Fratribus in Empfang genommen, welche mit ihm, wenn sie nur gehörig zu essen haben, auch völlig zufrieden sind, weil sie sich, zufolge ihrer außerordentlichen Laiheit [Laienhaftigkeit], nie einen besseren haben vorzustellen vermocht. Denn sie gehören zu jener höchst finsteren katholischen Klasse, welche ein ganz schlecht geschnitztes und gemaltes Bild für viel wunderwirkender hält als ein ästhetisch meisterhaftes. Daher werdet ihr auch schon gar sicher beobachtet haben, dass die sogenannten wundertätigen Gnadenbilder zumeist die allerbarsten Karikaturen sind. Also wäre für diese Himmelsbewohner ein solcher Himmel, wie wir jüngst einen geschaut haben, viel zu schön, daher aber auch bei weitem nicht so wahrhaft und allmächtig wirksam.
GS|1|75|18|0|Kurz, wir wollen uns hier in keine weitere Zergliederung dieses Himmels vorderhand einlassen, denn er wird uns mit der nachträglichen, sukzessiven Enthüllung dieser Himmelsbewohner ohnedies noch ganz klar und ausführlich auseinandergesetzt werden. Ihr werdet hier noch im buchstäblichen Sinne eine sogenannte himmlische Komödie aufführen sehen. Denn solches werden diese Bewohner bald angehen, um uns aus ihrem Himmel zu treiben, und wir werden bei der nächsten Gelegenheit einer solchen Komödie beiwohnen.
GS|1|76|1|1|Das Aufblähen des Scheinhimmels
GS|1|76|1|1|(Am 13. März 1843 von 5 1/4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|76|1|0|Ihr seht diesen Himmel noch in seiner vorigen Eingeschrumpftheit; aber da die Bewohner dieses Himmels sogar nebst ihrer falschen Begründung auch etwas böse geartet sind, so fangen sie nun nach einiger Überlegung an, sich über uns aufzublähen, und solches Aufblähen werden wir bald an diesem ganzen Himmel erschauen. Ihr fragt zwar, wie solches möglich ist, nachdem zuvor die Bewohner dieses Himmels sich aus lauter erbärmlicher Furcht vor uns verkrochen haben. Solches ist ja schon in der Natur eines jeden noch stark naturmäßig gesinnten Menschen, dass da die Furcht, wie nicht selten auch so manche Traurigkeit, nichts anderes ist als ein Same für einen bald daraus erwachsenden Zorn und endlich auch sogar von einer verzweifelten Zornwut-Tollkühnheit. Denn solches könnt ihr am leichtesten bei den Kriegern, die gegen den Feind ins Feld ziehen, gewahren, da sie ebenfalls mit großem Zittern und Zagen dem Feind entgegenziehen. Sind sie an den Feind gestoßen und haben da einige wohlgenährte Salven bekommen, so geht ihre Furcht sobald in einen Glühzorn über, und werden sie mit dem Feind gar handgemein, da verdrängt die Zornglut ein flammender Grimm, bei welcher Gelegenheit sich ein solcher ehedem furchtsamer Krieger wütend in die größten Gefahren stürzt.
GS|1|76|2|0|Der gleiche Fall ist es auch bei so manchen Trauernden. So sie die effektive Ursache ihres leidenden Zustandes ergreifen könnten und hätten dazu eine hinreichende Macht, da dürfte es demjenigen Gegenstand, der da der Grund einer solchen Trauer war, fürwahr nicht am besten ergehen. Ich könnte euch sogar viele Tausende und Tausende zeigen, die in ihrer eitlen Trauer sogar dem Herrn auf das Gräuelhafteste geflucht haben. Darum hat auch der Herr auf der Welt die Trauer nie gutgeheißen, außer einer Trauer über den eigenen Zustand, wenn er nicht also ist, wie es die Ordnung des Herrn erheischt. Das heißt, es muss in diesem Fall die Trauer gleich sein einer wahrhaftigen Reue des Herzens und muss eine natürliche große Liebe zum Herrn zum Grunde haben, oder der Trauernde muss trauern in aller Sanftmut seines Herzens.
GS|1|76|3|0|Solches aber ist dagegen auch wieder sicher, dass derjenige, der den Herrn wahrhaft liebt, gar wenig Grund zu trauern haben wird; denn die Trauer ist im Grunde nur ein Schmerz über den Verlust einer Sache oder eines Gegenstandes. So aber jemand den Herrn hat, was kann der wohl verlieren, was ihm einen Schmerz bereiten sollte? Ihr wisst aber aus der Schrift, dass da viele Weiber bei der Kreuzigung des Herrn dem schwer misshandelten Heiland der Welt gefolgt sind und haben Ihn beweint und betrauert. Er aber hat ihre Traurigkeit nicht gutgeheißen, sondern verwies sie ihnen vielmehr und gab ihnen zu verstehen, dass sie vielmehr über sich, also über ihre Sünden, und über ihre Kinder weinen sollten.
GS|1|76|4|0|Wie es sich aber mit der Trauer verhält, also verhält es sich auch mit der Furcht, welche nichts ist als ein klägliches Bewusstsein der eigenen Ohnmacht und Schwäche. Wenn aber jemand den Herrn hat in seiner Liebe und somit auch sicher in seinem Vollvertrauen, wie sollte der sich wohl vor etwas fürchten? Also ist die Furcht immer eine Folge eines nicht reinen Gewissens und dann, wie gesagt, des Bewusstseins der eigenen Ohnmacht und Schwäche.
GS|1|76|5|0|Wenn wir nun von dieser Definition auf diese unsere Himmelsbewohner übergehen, so werden wir sie ebenfalls also finden, dass sie ganz genau in diese unsere Definition passen werden. Aus diesem Grunde seht ihr auch nun diesen Himmel an, und ihr werdet gar leichtlich entdecken, dass sich alle diese himmlischen Gegenstände nach und nach zu vergrößern anfangen, damit wir von dieser Erscheinlichkeit einen Respekt bekommen sollen. Solches Vergrößern liegt in dem Anschwellen der Gemüter dieser Himmelsbewohner zugrunde. Und so seht nur hin, wie das ganze himmlische Theaterpodium sich nach allen Seiten auszudehnen anfängt.
GS|1|76|6|0|Die früher kaum faustgroßen Köpfe der Cherubime und Seraphime haben bereits schon einen Durchmesser von einem Klafter. Die Dreieinigkeit ist bereits schon so groß, dass ihr sie auf zehn Meilen auf der Erde noch recht gut ausnehmen könntet. Der früher ganz seichte Hintergrund dieses Podiums scheint schon beinahe eine Tiefe von zwanzig Meilen zu haben, und die früheren Wolken-Kulissen erscheinen jetzt, wie ihr seht, wie ungeheuer schwere Gewitterwolken auf der Erde, so ihr solche dann und wann geschaut habt, wie sie sich auf der Erde vom Morgen und Abend gegeneinander aufzutürmen anfingen. Aber nun seht auch auf unser Parterre, wie sich auch dieses außerordentlich in gleichem Maße erweitert hat und wir nun dastehen wie drei Punkte, die man in einem so großen Raum kaum bemerkt. Wie gefällt euch diese Geschichte?
GS|1|76|7|0|Ihr sagt: Fürwahr, diese Metamorphose oder vielmehr diese echt theatralische Phantasmagorie ist noch das Beste und Sehenswürdigste dieses ganzen Himmels, obschon man dabei so ganz nüchtern sagen muss, dass einem bei dieser außerordentlichen Vergrößerung der Gegenstände so ein wenig unheimlich zumute wird oder, wie man so auf der Erde zu sagen pflegt, die Sache hört auf, ein Scherz zu sein.
GS|1|76|8|0|Gut gesagt; ich habe es euch ja gesagt, dass euch die Komödie etwas überraschen dürfte. Aber die eigentliche Komödie hat noch nicht angefangen. Diese Erscheinlichkeit bis jetzt ist gewisserart nichts anderes als das Aufziehen des Vorhanges auf den zuallermeist überaus ärgerlichen Theatern auf der Erde. Wenn ihr auf diesem Himmelstheater erst die handelnden Personen erschauen werdet, da werdet ihr noch ganz anders große Augen machen. Aber, wie gesagt, ihr müsst euch aus allem dem, das da noch kommen wird, eben nichts machen. Denn alles solches geht aus den gänzlich leeren Trugkünsten dieser Geister hervor.
GS|1|76|9|0|Seht jetzt nur wieder auf das Podium hin, welch eine außerordentliche Ausdehnung in die Breite und in die Höhe es bekommen hat, ja es hat gegenwärtig eine scheinbare Höhe wie etwa von eurer Erde bis zum Mond hin, das heißt der Erscheinlichkeit nach. Jetzt ist es aber auch schon in seiner völligen Aufgeblähtheit da, und es wird sich daher im Hintergrund auch sobald ein Komödiant zeigen. Seht nur hin, er kommt mit einem Fuß schon hinter der Kulisse hervor. Seht, nun ist er schon ganz zu sehen; aber ich bemerke ja, dass ihr euch sogar ein wenig zu entsetzen anfangt. Was ist es denn?
GS|1|76|10|0|Ihr sagt: Höre, Freund, das ist ja eine unmenschliche Menschengestalt. Fürwahr, wenn solch ein Riese irgend auf der Erde stünde, so ginge es sogar dem Mond schlecht. Wir können ja nicht einmal seine entsetzliche Größe, trotz seiner großen Entfernung im Hintergrund, auf einmal überschauen, und nur das unsinnig große Schwert, das er in der Hand hat! Fürwahr, mit diesem könnte er doch mit der geringsten Mühe von der Welt die ganze Erde wie einen Apfel entzweihauen. Freund und Bruder, wenn der sich etwa uns nahen sollte, da wären wir fast der Meinung, dass es vielleicht besser sein dürfte, sich eher noch aus diesem etwas zu großartigen Staub zu machen, als bis uns dieser wahrhaftige Siriuskomödiant mit seinem sehr Ehrfurcht einflößenden Schwert ergreifen möchte.
GS|1|76|11|0|O meine lieben Freunde und Brüder, das muss euch durchaus nicht furchtsam machen, denn hier im Reich der Geister haben wir Diener des Herrn nicht selten noch ganz andere Gefechte zu bestehen als dieses da ist, wovon ihr selbst nur erst kaum den ersten Anfang erschaut. Wartet erst, bis diese Helden sich mehr gegen den Vordergrund, mit allerlei Waffen versehen, ziehen werden; dann erst werdet ihr das Riesenhafte dieser Theaterhelden erschauen. Ihr seht nun auch unseren vormals kleinen Abrahams-Tisch in ähnlicher Weise ausgedehnt. So werdet ihr auch sehen, wie sich gar bald, unserer unbekümmert, einige riesenhafte Tafeldiener zeigen und diesen Tisch mit verhältnismäßig großen riesenhaften Früchten bestellen werden, worauf dann bald ähnliche Riesengäste sich zum Tisch setzen werden, und ihr werdet da Meisterstücke in der Fresserei sehen, indem ihr da im buchstäblichen Sinne des Wortes und der Bedeutung nach wahre Weltenfresser vor euch erschauen werdet. Für heute aber begnügt euch mit dem bisher Geschauten; nächstens soll erst die Hauptkomödie folgen, und somit gut für heute!
GS|1|77|1|1|Komödienspiel im Scheinhimmel. Die Riesenmahlzeit, die Riesenkrieger und die Christusfigur
GS|1|77|1|1|(Am 20. März 1843 von 4 1/4 – 5 1/2 Uhr abends.)
GS|1|77|1|0|Seht, die Tafeldecker sind schon hier, und zwar ein jeder für sich in einer gleichen Ausdehnung wie unser erster Kulissenheld. Seht, wie vier solche Tafeldecker den eben nicht gar zu zierlichen Tisch Abrahams mit einem Tischtuch überdecken, welches der Erscheinlichkeit nach groß genug wäre, um euer ganzes Planetensystem samt der Sonne gleich einigen unbedeutenden Äpfeln einzubinden und zu Markte zu tragen. Nun werden aber Früchte auf den Tisch gelegt, bestehend aus euch der Form nach bekannten Erd-Obstarten als: Birnen, Äpfel, Pflaumen u. dgl. m.; auch wird eine Art Brot hinzugelegt, und bei jedem Teil, welcher bestimmt ist für eine Person, auch ein Becher, welcher der Erscheinlichkeit nach ungefähr die dreifache Portion des Erdmeeres fassen dürfte. Ihr fragt, wie solches doch wohl um des Herrn willen möglich ist.
GS|1|77|2|0|Ich aber sage euch: Den Geistern unter sich ist solches gar leicht möglich; denn solches werdet ihr schon oft bei euch erfahren haben, so ihr eure Phantasie nur ein wenig gebrauchen wolltet, dass es euch ein Leichtes war und noch ist, sich z. B. die Gestalt irgendeines euch wohlbekannten Tieres oder eines anderen Dinges in einem so ungeheuer vergrößerten Maßstab vorzustellen, dass ihr euch darob am Ende beinahe selbst entsetzen musstet. Nun seht, was euch auf der Erde bloß in der Phantasie eures Geistes möglich war und jedem Menschen möglich ist in seiner Art, das ist hier im Reich der Geister auch jedem Geist der Erscheinlichkeit nach möglich. Solche Erscheinungen aber werden hier Trugkünste genannt, deren sich vorzugsweise die bösen Geister bedienen, wenn sie irgendeine geheime Tücke ausführen wollen. Da aber auch diese Geister in Falschem und daraus auch in so manchem Argen sind, so können sie sich auch einer freilich wohl mehr unschädlichen Trugkunst bedienen, um damit uns als vermeintliche Feinde zu erschrecken. Allein, so sie sich gar bald überzeugen werden, dass wir uns vor ihrem Trug nicht entsetzen, da wird auch ihre Kunst gar schnell wieder in ihren vorigen Stand zusammenschrumpfen, und sie werden dann zu keiner zweiten mehr ihre Zuflucht nehmen.
GS|1|77|3|0|Und nun seht hin; die Gäste kommen schon von allen Seiten her an den Tisch und greifen mit ihren übermäßigen Riesenhänden nach den kolossalen Früchten und führen dieselben zum schaudererregenden Mund, welcher der Erscheinlichkeit nach groß genug ist, um beinahe eine Erde gleich einer Erdbeere aufzunehmen. Ihr wundert euch aber nun, wie für euer Auge solches möglich ist, diese phantastische Trugerscheinung bei all ihrer entsetzlichen Größe mit der größten Leichtigkeit zu überschauen? Solches kommt daher, weil diese erscheinliche Größe fürs Erste durchaus keine Größe ist, sondern nur ein Trug. Wir aber sind vom Herrn aus im hellsten Licht, daher kann sich vor uns auch nichts so groß darstellen in seiner Trüglichkeit, dass wir es nicht vermöchten sogleich in all seinen falschen Teilen mit einem Blick zu überschauen. Zudem hat fürs Zweite solches auch noch einen anderen Grund, und dieser ist folgender, dass diesen Geistern gegenüber auch unsere erscheinliche Gestalt in der Fülle der Wahrheit sich eben in dem Maße vergrößert, als sich da vergrößert dieser Geister Trugsinn. Solches ist somit also zu verstehen.
GS|1|77|4|0|Nun aber habt Acht auf das uns schon bekannte theatralische Trughimmels-Podium. Seht, wie hinter den Wolken nun eine Menge geharnischter Riesenkrieger hervortritt und wie der Anführer mit einem Kruzifix vorausgeht, welches in eben dem Maße kolossal ist, als der dasselbe tragende Anführer selbst. Aber nun habt auf eine noch andere Erscheinung dabei Acht, denn seht, soeben wird der Riesen-Christus vom Kreuz herab zu uns zu reden anfangen. Hört, er redet schon und spricht zu uns: Hinaus aus dem Himmel mit euch Verfluchten, denn ihr habt allzeit dem hl. Geist meiner alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche widerstrebt und wart allzeit mir über alles verhasste Ketzer. Daher hinaus mit euch in die äußerste Finsternis, denn für euch ist hier in dem Himmel kein Platz, und ich habe euch noch nie erkannt. Zwingt mich nicht, Gewalt zu brauchen; denn werde ich solches tun müssen, da wird die unterste Hölle euer Anteil sein. Wenn ihr ehedem meinem Apostel Petrus nicht geglaubt habt, so werdet ihr doch mir glauben, so ich vom Kreuz zu euch rede!
GS|1|77|5|0|Ihr staunt hier wohl ein wenig; ich aber sage euch: Lasst euch von dieser Erscheinung nicht bestechen. Denn seht, das Kreuz und die Figur auf demselben sind hohl. Der Träger aber, wie ihr leicht bemerken könnt, hält das Kreuz auf seinen Mund und redet in dasselbe durch eine Öffnung, welche sich dann im Mund der Christusfigur am Kreuz ausmündet. Darum kommt die Stimme auch wie aus dem Mund des Heilandes am Kreuz hervor und ist somit ebenfalls ein eitel bösartiger Trug, weil dadurch das Menschliche des Herrn gestaltlich zu einem Trugmittel gebraucht wird. Aber dessen ungeachtet ist dieser Trug nicht völlig grundböse, da dem handelnden Anführer ein grundböser Wille mangelt.
GS|1|77|6|0|Ihr seht auch, dass er sich eben nicht zu weit mit seinem redenden Kruzifix vorwärts getraut und das ist schon ein Zeichen, dass ihm diese Kunst keinen großen Segen bringen wird. Daher kehrt er sich nun zu den Kriegern und gibt ihnen einen Wink, [uns] durch ein gewaltiges Geschrei zu schrecken zu versuchen. Und so denn fangen sie auch an, große Bewegungen zu machen und mit ihren Schwertern gewaltig aneinander zu schlagen und machen Miene, als wenn sie gegen uns ziehen wollten. Allein sie bemerken auch, dass wir uns durchaus nicht erschrecken wollen, und so ziehen sie auch samt dem Anführer wieder hinter die Kulissen zurück. Unsere Tafelgäste sehen auch, dass wir uns vor ihrer großartigen Mahlzeit nicht zu sehr entsetzen, daher fängt auch einer nach dem anderen an, sich von der Tafel zu verlieren. Aber noch ist die Komödie nicht aus. Sogleich wird ein zweiter Akt beginnen, und wer da von euch ein Zoologe ist, der wird an diesem Akt viel Interesse finden, denn ich sage euch voraus, unsere Himmelsbewohner werden jetzt das Äußerste wagen und sich uns als allerlei riesige Tiere vorstellen. Wir aber wissen solches, daher werden wir uns auch vor ihnen in solchem Zustand nicht erschrecken.
GS|1|78|1|1|Fortsetzung der Komödie. Der Tierkampf. Erklärung der Erscheinungen des Scheinhimmels
GS|1|78|1|1|(Am 21. März 1843 von 5 1/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|1|78|1|0|Da seht hinauf, soeben kommt ein wohlgenährtes Krokodil zum Vorschein, und das zwar in proportionaler Größe mit den übrigen Gegenständen. Es sperrt den Rachen weit auf, als wollte es eine halbe Schöpfung verschlingen. Aber da ihm nichts in den Rachen fliegt, so macht es denselben wieder ganz bescheiden zu. Seht, dort weiter im Hintergrund treten mehrere Tiger, Hyänen, Löwen, Leoparden und Bären hervor, noch weiter im Hintergrund seht ihr allergewaltigste Riesenschlangen hervorkriechen. Nun seht, wie alle diese Tiere mit den furchtbarsten Sätzen und grimmigsten Windungen gegeneinander fahren, als wollten sie sich jählings in Stücke zerreißen. Und seht, dort ganz in einem Winkel guckt ein großer Affenkopf hervor und beobachtet uns, ob wir uns noch nicht geschreckt haben. Allein, wir erschrecken uns nicht, und so fängt auch dieses Tiergefecht an, sich zurückzuziehen.
GS|1|78|2|0|Ihr fragt wohl, wie eine solche Metamorphose möglich ist? Ich sage: Eine solche Metamorphose ist einem guten Geist bei sich selbst zwar unmöglich, dessen ungeachtet aber kann er durch die Kraft des Herrn in ihm solche Bilder durch seinen Willen außer ihm so hervorrufen, dass sie dann ebenso in die Erscheinlichkeit treten, als wären sie wirklich vorhanden. Solche Darstellungen werden im Reich der Geister Täuschungen des Gesichts genannt; jedoch ist solches bei diesen vor uns gegenwärtigen Erscheinungen nicht der Fall. Denn Geister, welche irgendetwas Bösartiges in sich haben, können außer ihnen keine zweckmäßige Gesichtstäuschung hervorrufen, wohl aber können sie das Bösartige im äußersten Falle aus ihnen so hervortreten lassen, dass dann dieses Bösartige gestaltlich ihr Äußeres wird. Und so ist’s denn auch bei diesen Geistern hier der Fall. Und so habt ihr die Gelegenheit gehabt, das Rohe und Bösartige dieser Geister gestaltlich zu schauen. Seht, so verhalten sich hier die Sachen.
GS|1|78|3|0|Hier ist zwar einerseits alles Trug und eitel Falsches. Aber nach eurem eigenen gar alten biblischen Spruch: „Dem Reinen ist alles rein“ ist auch in all diesen Trugerscheinungen für uns gar nichts Trügendes. Denn eben durch diese Erscheinungen zeigen die Geister ihr ganzes Inneres, und da ist keinem möglich, etwas anderes hervorzubringen, als gerade das nur, was seinem inneren Lebensgrund vollkommen entspricht.
GS|1|78|4|0|Zuerst habt ihr den falschen Petrus kennengelernt. Das besagt, dass die ganze Apostolität eurer Kirche auf einem ganz falschen Petrus basiert ist. Daher werdet ihr auch in mehreren Tausenden solcher Klöster allzeit einen solchen falschen Petrus antreffen. Wie es aber mit dem Petrus geht, so geht es mit all dem anderen. Ihr habt den Himmel zuerst nach eurem eigenen Geständnis in der äußersten, schmutzigsten Lächerlichkeit gefunden. Betrachtet dagegen den echt heidnischen Tandelmarkt eurer Bethäuser, und ihr müsst dabei noch gestehen, dass dieser Himmel in seiner Entsprechung viel zu gut ist für dergleichen Torheiten.
GS|1|78|5|0|Was da betrifft den höchst schmutzigen Abrahamstisch, so ist er ja ein getreues Bild des Tisches des Herrn in euren Bethäusern, allda nicht selten, notabene fürs Geld noch dazu, für kranke Hunde, Ochsen, Kühe, Pferde, Schafe, Schweine und noch allerlei andere Tiere [und fürs Gelingen?] von allerlei schändlichen Handlungen dem Herrn ein wohlgefälliges Opfer dargebracht wird. An diesem Tisch wird das Brot des Herrn ausgeteilt. Welch ein nur einigermaßen erleuchteter Geist kann sich einen noch größeren Unsinn denken? Gleicht ein solcher Tisch des Herrn nicht einem wahrsten Schweinetrog, in welchem ebenfalls nur den Schweinen ein Futter gereicht wird? Und gleicht der, so er eben aus diesem Trog isst, nicht eben auch einem Schwein? Ja fürwahr, der eine ist ein Schwein, und der andere mengt sich unter das Futter der Schweine und ist selbst schuld daran, so er von den Schweinen gefressen wird.
GS|1|78|6|0|Der Herr aber hat Sein Wort mit den Perlen verglichen, die man nicht den Schweinen vorwerfen soll. Also meine ich denn auch, es wird aus einem solchen Schweinetrog nicht zu viel des lebendigen Brotes zu erschnappen sein. Und so werdet ihr es auch mit Leichtigkeit einsehen, dass unser Abrahamstisch, wie wir ihn zuerst gesehen haben, noch viel zu gut ist, um die volle Schändlichkeit so manches Tisches des Herrn in eurer Kirche darzustellen. Der Grund aber liegt darin, weil diese Laienmönche in ihrem Inneren sich unter dem weltlichen Tisch des Herrn notgedrungen etwas Besseres vorstellten, als er an und für sich wirklich ist; denn sie hatten davon ja keine Ahnung, dass der Tisch Abrahams, Isaaks und Jakobs nichts anderes als die reinste Liebe zum Herrn bezeichnet, und aus dieser heraus alle ersprießliche Werktätigkeit in Beziehung auf das geistige Wohl der Brüder. Wie demnach aber der Tisch, so auch der Himmel; denn da sich der eigentliche Himmel ums Geld nicht erkaufen lässt, während ihn eure Kirche doch fortwährend fest taxiert verkauft, so ist demnach auch dieser Batzenhimmel ja ganz wohl entsprechend und muss also aussehen wie das Mittel, durch das man ihn an sich gebracht hat.
GS|1|79|1|1|Der Weg zum wahren Himmel. Gleichnis vom törichten Mann und falschen Freund. Entstehung des katholischen Scheinhimmels
GS|1|79|1|1|(Am 22. März 1843 von 4 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|1|79|1|0|Wenn ihr nur so ein wenig nachdenkt, so kann es euch unmöglich entgehen, dass das eigentliche Himmelreich des Herrn als das Grundleben des Geistes in sich unmöglich anders erreicht werden kann als so nur, wenn der Mensch in sich, das heißt in seinem Geiste, die vom Herrn vorgezeichneten Bedingungen zur Erlangung ebendieses Lebens werktätig erfüllt. Das heißt, er muss dieses Leben zuvor in sich finden, und hat er es gefunden, dann erst muss er es stärken und kräftigen nach der vorgeschriebenen Ordnung des Herrn, der allein es nur wissen kann, was zur Erreichung des reell bestimmten geistigen Lebens vonnöten ist.
GS|1|79|2|0|Wenn nun aber jemand will durch törichte, weltlich eigennützige, dazu noch allerschmutzigste und vollkommen tote Mittel sich das Himmelreich erkaufen, welches, wie schon bemerkt, das eigentliche, vollkommen ausgebildete bestimmte Leben des Geistes ist, so ist solch eine Handlung ja doch bei weitem noch törichter und unsinniger, als so da jemand einen Acker, der überaus steinig ist, mit Weizenkorn besät hätte; da aber das Weizenkorn nicht aufgehen möchte, er dann noch mehr Steine auf den Acker führen würde, um dadurch das Weizenkorn aufgehen zu machen. Muss aber nicht der vernünftige Ackersmann seinen Acker vorher in ein gutes Erdreich verwandeln, dann dasselbe düngen und sodann erst das edle Weizenkorn in die Furchen legen, auf dass es dann bald erkeime und aufgehe und bringe viel Frucht? Solches muss doch ein jeder nur einigermaßen in der Landwirtschaft bewanderte Landmann zugestehen.
GS|1|79|3|0|Wenn aber schon das Weizenkorn nur unter dieser allein wahren Bedingung fruchtbringend wird und auf keine andere Weise demselben der Segen abgenommen werden kann, wie soll demnach der viel edlere Lebenssame des Geistes auf einem allerwidersinnigsten Acker zur lebendigen Frucht des ewigen Lebens erwachsen?
GS|1|79|4|0|Ich will euch ein noch anschaulicheres Beispiel geben, aus welchem ihr diesen überaus wichtigen Punkt noch heller erschauen sollt. Um aber dieses Beispiel in der Fülle der Klarheit zu verstehen, wollen wir einige Punkte demselben vorsetzen, durch welche die Richtigkeit des bevorstehenden Beispiels wahrhaft mathematisch richtig dargestellt werden soll; und so hört denn!
GS|1|79|5|0|Ihr wisst, dass sich ungleichartige und ungleichnamige Größen nicht zusammenzählen und vermehren lassen. Wer da einen Säckel Geld hat von etwa tausend Groschen, wird er dadurch das Geld wohl vermehren, wenn er zu diesem Geld tausend Steine hinzulegt? So jemand besitzt ein Haus, wird er dadurch zum Besitz eines zweiten und größeren Hauses gelangen, so er in der Absicht sich eine Menge Möbel bei einem Schreiner anschafft? So jemand zehn Schafe in einem Stall hat, wird er dadurch mehrere Schafe bekommen, so er sich noch einen leeren Stall hinzubaut? Also ist es doch erschaulich, dass zur Vermehrung eines und desselben Dinges oder Gegenstandes mehrere gleichartige Dinge und Gegenstände vonnöten sind.
GS|1|79|6|0|Da wir um dieses wissen, so stelle ich euch nun das Beispiel auf: Es sei irgendein törichter Mann, der aber den sehnlichen Wunsch hat, Kinder seiner Zeugung zu haben, um sich dadurch in seinen Kindern fortleben zu sehen. Da er aber dabei ein törichter Mann ist, der nicht weiß, woher und wie die Kinder gezeugt werden, so wendet er sich an einen falschen Freund und fragt ihn um Rat, wie solches anzustellen sei. Da aber der habsüchtige, falsche Freund die Torheit unseres Mannes merkt, welcher ein vermöglicher Kauz ist, da gedenkt der falsche Freund und spricht zu sich selbst: Im Trüben ist gut fischen, die Torheit dieses Mannes will ich mir auf die lustigste Weise zu Nutzen machen. – Und da er solches beschließt, spricht er zum törichten Mann: Höre, guter Freund, solches, das du willst erreichen, ist sehr schwierig und mit vielem Kostenaufwand verbunden. Jedoch, wenn es dir vollkommen ernst ist, so will ich dir eine solche Gelegenheit wohl verschaffen und dich dann unterweisen, wie du es anzustellen hast. Aber das setze ich zur Hauptbedingung, dass du mir in allem ungezweifelt folgst. Wirst du mir folgen, so wird dir dein beabsichtigtes Werk wohl gelingen; wo aber nicht, so bist du für Zeiten der Zeiten verloren!
GS|1|79|7|0|Nach solcher Voräußerung des falschen Freundes beteuert ihm der törichte Mann und spricht: Da ich weiß, dass du allein ein so kenntnisreicher Mann bist, so will ich mich dir auch ganz anvertrauen; gebe mir nur das Mittel an die Hand und mir soll es nicht zu teuer werden. – Was tut aber nun unser falscher Freund? Hört! Anstatt dem törichten Mann zu geben ein lebendiges Weib, verkauft er ihm um teures Geld eine tote, hölzerne Bildsäule und spricht zu ihm: Lege diese in ein Bett und hauche sie fleißig an; so du dich ebenfalls zu ihr in das Bett legst, da wirst du mit der Zeit unfehlbar zu einer reichen Nachkommenschaft kommen. – Unser Mann nimmt nun solche Bildsäule und trägt sie nach Hause, legt sie sogleich in sein Bett und sich auch sobald zu der Bildsäule und fängt diese an anzuhauchen. Solches tut er ein Jahr lang fort, aber noch will sich kein Nachkomme zeigen. Darum geht er zum falschen Freund und fragt ihn um die Ursache. Dieser aber spricht: Was fällt dir Törichtes ein? Wer wird wollen in einem Jahr schon lebendige Früchte haben, nachdem doch ein Baum, in die Erde gesetzt, selbst erst nach mehreren Jahren anfängt, Früchte zu tragen? – Er aber preist ihm zur Erreichung solches Zwecks noch allerlei andere Mittel an, welche bei ihm, als dem falschen Freund, käuflich zu haben sind.
GS|1|79|8|0|Der törichte Mann kauft sie ihm auch nach den bestimmten Preisen ab und gebraucht sie nach der falschen Vorschrift. Aber es kommt alles dessen ungeachtet keine lebendige Frucht zum Vorschein, und wieder erkundigt sich der törichte Betrogene beim falschen Freunde um die Ursache des Nichtgelingens. Der falsche Freund schiebt da die Ursache gar pfiffig, geheimnisvoll weise tuend, auf allerlei arglistig ersonnene Umstände und beschwichtigt ihn so lange, bis den törichten Mann sogar zufolge des herangerückten Alters alle wirkliche Zeugungskraft verlassen hat. Und unser falscher Freund vertröstet den törichten Mann damit, dass eine lebendige Nachkommenschaft ihm sicher dann folgen werde, wenn er das zeitliche Leben verlassen wird und gibt ihm dazu noch Schutzmittel an, was er mit der Bildsäule am Ende seines Lebens tun solle, damit ihm aus dieser eine ganz sicher lebendige Nachkommenschaft werde. Und seht, der Tor stellt sich am Ende sogar mit dieser Verheißung zufrieden! Also hätten wir nun das Beispiel.
GS|1|79|9|0|Es fragt sich aber, wie haben wir es zu betrachten, damit uns aus ihm das bedungene Licht werde? Ich sage euch: Solches wird nun überaus leicht folgen. Nr. 1 ist es doch ersichtlich, dass sich das Leben nur wieder im Leben und nicht in einer toten Materie zeugen lässt; also muss der Mann doch ein lebendiges Weib haben, aber nicht eine tote Bildsäule aus Holz.
GS|1|79|10|0|Jetzt aber kommt Nr. 2. Betrachtet ihr euch nun als Menschen, in denen das wahre Himmelreich sollte gezeugt werden, und das zwar mit der heiligen Braut des Lebens, welche da ist das Wort Gottes lebendig und heißt die Kirche des Herrn.
GS|1|79|11|0|So aber die Kirche ist eine hölzerne und tote Bildsäule, in der kein Leben ist, aber von den habsüchtigen, falschen Freunden, welche sich Priester Gottes nennen, dennoch ums Geld trüglicherweise als lebendig und zur Zeugung des Lebens einzig und allein tauglich verkauft wird, während das Leben doch nur durch das Leben kann gezeugt werden, da ist ja doch solch eine Kirche ein allerschnödester Betrug, dass man sich keinen größeren denken kann. Und dass die Anhänger solch einer Kirche doch sicher nicht minder allerblödsinnigste Toren sind als unser Mann im Beispiel, muss doch einem jeden nur einigermaßen helleren Denker auf den ersten Blick sonnenklar in die Augen springen.
GS|1|79|12|0|Hat nicht Paulus mit großer Erregtheit seines Gemütes gepredigt, der da ein anderes Evangelium predigen möchte als allein das nur, was der Herr gepredigt hat, nämlich den Herrn Selbst, der da gekreuzigt worden ist, also Jesus Christus im Geiste und in der Wahrheit werktätig, der da spricht: „Wer nicht wiedergeboren wird, der wird nicht in das Reich der Himmel eingehen!?“
GS|1|79|13|0|Nun betrachtet aber eine Kirche, die aus Steinen erbaut ist, eine Kirche, deren Hauptmotto Gold und Silber ist, eine Kirche, die einen Himmel verspricht, den sie selbst nicht im Geringsten kennt, eine Kirche, die ihre törichten Gläubigen zur Erlangung eines noch törichteren Himmels mit allerlei geheimnisvollen Mitteln, ums Geld noch dazu, plagt, treibt, richtet und noch obendrauf fleißig verdammt, und ihr müsst bei der Betrachtung solch einer Kirche die hölzerne Bildsäule im Bett unseres törichten Mannes ja ebenfalls auf den ersten Blick unwiderlegbar erkennen, da dem Mann am Ende nichts übrig bleibt als der lebendige Wunsch, lebendige Nachkommen zu haben, ohne jedoch sich solcher je erfreuen zu können.
GS|1|79|14|0|Seht, also stehen die Aktien des Lebens auf der Welt, nicht nur allein in eurer katholischen, sondern auch in jeder anderen sich ebenfalls für katholisch haltenden Sektenkirche.
GS|1|79|15|0|Wenn ihr nun nach diesem Beispiel unseren vorliegenden Himmel betrachtet, so werdet ihr ihn ebenfalls sicher auf den ersten Augenblick als vollkommen entsprechend erschauen. Denn da er eine Frucht ist aus einer Kirche, die da gleich ist einer toten Bildsäule, so ist auch alles dasjenige, was das eigentliche Leben in sich selbst sein soll, ebenfalls nur eine plumpe, tote Plastik und nichts als eine Ausgeburt eines törichten, betrogenen und somit auch unmöglich lebendig erfüllten Wunsches. Dass aber ein solcher Himmel von keinem Bestand sein kann, kann ja daraus sehr leicht ersehen werden, so ihr bedenkt, dass er nichts anderes ist als eine Trugplastik des Geistes, der wohl das Leben hätte zeugen mögen, aber dasselbe nicht zeugen konnte, weil ihm dazu das lebendige Mittel mangelte. Da wir nun aber solches wissen und diesen Himmel entsprechend kennen, so können wir uns nun auch schon über die nähere Entwicklung und Enthüllung desselben hermachen, bei welcher Enthüllung euch noch so manches Trugrätsel klar werden wird.
GS|1|80|1|1|Weitere Erklärung zur Entstehung des Scheinhimmels. Die unendlich verschiedene Führung des geistigen Lebens
GS|1|80|1|1|(Am 23. März 1843 von 4 1/2 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|1|80|1|0|Ihr sagt: Solches sehen wir jetzt wohl ein, wie sich die Menschen dieses Himmels haben vergrößern und verwandeln können, aber so ganz klar ist es uns daneben dennoch nicht, wie sie auch ihren Himmel mit sich selbst vergrößert haben, da er doch, unserer Erscheinlichkeit nach, sich ganz außer ihnen befindet, und sie auf demselben und in demselben herumgehen als wie auf einer natürlichen Unterlage.
GS|1|80|2|0|Hört, liebe Freunde und Brüder, dieses ist ebensoleicht zu verstehen und zu fassen wie das andere, denn der ganze Himmel ist nichts als eine irrige Vorstellungsweise dieser Geister, und wächst dann, in derselben Form mit ihnen selbst, zu solch einer Ausdehnung, wann immer sie sich selbst aufblähen. Damit ihr aber auch solches ganz gründlich versteht, so will ich euch ein ganz begreifliches irdisches Beispiel geben.
GS|1|80|3|0|Es befindet sich ein Mensch in irgendeiner Gesellschaft, in der ein bestimmter Gegenstand erörtert wird. Dieser Mensch hat zwar von diesem Gegenstand nicht die leiseste Idee, damit er aber dennoch nicht wie ein Ignorant dastehe, so kombiniert er sich einen ganz grundfalschen Satz, der auf alles eher passt, als auf den zu erörternden Gegenstand. Es kommt an ihn die Reihe, sich darüber auszusprechen. Er spricht sich wirklich aus; aber für seinen Ausspruch wird er mit einer allgemeinen Lache seines Irrtums überwiesen. Was geschieht aber dadurch?
GS|1|80|4|0|Ehedem hat dieser Mann selbst seinem Satz kein großes Zutrauen geschenkt, denn er sagte ganz heimlich bei sich selbst: Der zu erörternde Gegenstand ist mir zwar so fremd wie der Mittelpunkt der Erde; was die anderen darüber gesagt haben, scheint ebenso unverständlich zu sein wie meine Unwissenheit selbst; demnach kann ich ja auch irgendeinen Satz aufstellen, bloß nur darum, damit ich doch auch etwas gesagt habe.
GS|1|80|5|0|Seht, bis jetzt ist unser Mann ganz bescheiden und gar wohl erträglich; aber die Lache der anderen hat sein Ehrgefühl beleidigt, und nun fängt er erst an, über seinen aufgestellten Satz nachzudenken, findet ihn in seinem Selbstgefühl immer richtiger, vielbedeutender und treffender. Bei solcher Auffindung der in dem Satz zugrunde liegenden Vortrefflichkeit, die er zwar freilich wohl im Ernst nicht verbürgen kann, wird er erbost, fängt an, seine Idee immer höher und höher zu stellen und sucht am Ende, sich an der ganzen ihn vorher belachenden Gesellschaft zu rächen. Er fängt ihnen an zu beweisen, dass solche Hohlköpfe ihn gar nicht verstanden haben, ja, er stellt es ihnen pomphaft kräftig dar, dass sie kaum in hundert Jahren dahin gelangen werden, um nur einen kleinen Teil von dem gründlich aufzufassen, was er nun nur so ganz leicht hingeworfen habe.
GS|1|80|6|0|Es nähert sich ihm aber einer und spricht zu ihm: Höre Freund, dein Termin von hundert Jahren ist viel zu kurz; denn ich habe nach einigem tieferen Nachdenken die außerordentliche Tiefe deines Satzes, freilich wohl nur wie durch einen Schleier, ahnend erschaut, und daher meine ich, dergleichen Tiefsinn wird erst in tausend Jahren ans Licht treten können.
GS|1|80|7|0|Eine ähnliche Eloge macht ihm insgeheim auch noch ein zweiter. Nun aber ist es auch aus, denn unser Mann fängt jetzt erst selbst an, über seine unendliche Weisheit zu staunen, bläht sich nun ganz entsetzlich auf und sieht die anderen Gäste und deren Sätze als pure Mücklein gegen den seinigen an, und erhebt sich am Ende so hoch, dass er zu ihnen spricht: Mit Köpfen, die noch wenigstens um tausend Jahre zurück sind, kann sich unsereiner über einen Gegenstand doch unmöglich mehr in eine weitere Erörterung einlassen, indem er nun gar wohl voraussetzen kann, dass dieser eine von ihm aufgestellte Satz von ihnen in tausend Jahren nicht begriffen wird.
GS|1|80|8|0|Seht, dieses Beispiel ist ganz klar und ist sozusagen aus eurem tagtäglichen Leben gegriffen, und zeigt ganz unverkennbar, wie ein Unsinn samt dem Unsinnsinhaber sich aufblähen und vergrößern kann, und wenn die Sache von Seiten der Gegenpartei, freilich wohl etwas arglistiger Weise, gut gehandhabt wird, so wird solch ein Unsinn am Ende zu einer fixen Idee und sonach zu einer wirklichen geistig begründeten falschen Ausgeburt. Wie aber solches also auf der Erde schon der Fall ist, so ist das noch ersichtlicher und lebendiger hier im Reich der Geister. Diese Himmelsbewohner hier haben vor unserer Erscheinung auf ihren Himmel eben keinen gar zu großen Wert gelegt. Wären sie nicht von Seiten des Paradieses gehörig gefüttert worden, so hätten sie diesen Himmel schon lange über den Haufen geworfen. Da wir aber gekommen sind und haben sie samt ihrem Himmel zu verdächtigen angefangen, da haben sie sich zwar anfangs zurückgeschreckt, weil sie gesehen haben, dass wir uns mit ihrer Dummheit nicht sogleich haben abspeisen lassen wollen. Da sie aber dadurch sich in ihnen selbst haben beschämt empfunden, da fing denn auch gar bald in einem jeden gleichen Maßes der Ehrgeizkitzel an zu wachsen und ihre himmlische Vorstellung oder dieser ihr Himmel wuchs dann mit ihnen.
GS|1|80|9|0|Nun erst ersahen sie selbst das Außerordentliche ihrer Vorstellung, und daher haben sie auch schon zwei Podien- und ein Fress-Manöver gegen uns aufgeführt, um uns dadurch die Großartigkeit ihres Himmels zu zeigen. Da wir uns aber bis jetzt gewisserart gutmütig nicht haben abschrecken lassen und behaupten noch fortwährend unseren Platz, so sinnen diese Himmelsbewohner nun auf eine wirkliche, tatsächliche Rache. Auch dieses Manöver müssen wir sie ausführen lassen, dann erst werden sie für ein Wort von mir aufnahmefähig werden.
GS|1|80|10|0|Ihr aber werdet daraus das gar überaus Wichtige ersehen, wie die Schule für allerlei falschbegründete Geister beschaffen sein muss, um sie nach und nach auf den rechten Weg des Lebens zu bringen. Der Grundsatz lautet also: Kein Geist kann zufolge seiner Freiheit eher gefangen werden, als bis er sich selbst gefangen hat. Darum müssen aber auch diesen Geistern hier alle jene Gelegenheiten zugelassen werden, durch welche sie, ihrer Freiheit unbeschadet, dennoch, gewisserart aus sich selbst, genötigt werden, in ihr eigenes Garn zu rennen. Wenn sie da allzeit sicherermaßen keinen Ausweg mehr sehen, so müssen sie sich ergeben, welches gerade so viel heißt als: So auf der Erde einem Gelehrten ein irriger Grundsatz von allen Seiten her mathematisch richtig widerlegt wird, so muss er endlich seine Waffen strecken und seines Geistes Kind einer besseren Erziehung anvertrauen.
GS|1|80|11|0|Wie aber solches im buchstäblichen Sinne vor sich geht, und das hier im absoluten Reich der Geister, werdet ihr nach dem bevorstehenden Rachemanöver so gut wie sonnenhell erschauen. Ja, meine lieben Freunde und Brüder, in dem endlos großen Reich der Geister gibt es Szenen, von denen sich keine menschliche Vorstellung nur den allerleisesten Begriff machen kann. Wenn ihr, so es dem Herrn genehm wäre, erst zu einer Totalanschauung gelangen könntet und da sehen, wie die vielerlei Menschen von der Erde, und dann erst die Menschen von den zahllosen anderen Weltkörpern, auf den Weg der Wahrheit geleitet werden und somit alle die groß Milliarden Mal Milliarden Szenen erschauen, – ihr würdet darob das Leben verlieren, denn ich sage euch:
GS|1|80|12|0|Großartiger, weiser und wunderbarer zeigt sich der Herr nirgends als in dieser unendlich höchst verschiedenen Führung des geistigen Lebens, und dennoch hat Seine Weisheit allenthalben die untrüglichsten Wege, alle diese endlosen Verschiedenheiten, wie ihr zu sagen pflegt, unter ein Dach zu bringen. Doch harren wir auf unsere Szene, da werden wir noch so manches kennenlernen.
GS|1|81|1|1|Das Ende des Scheinhimmels. Der Pseudo-Petrus gibt seine falsche Petrusschaft auf
GS|1|81|1|1|(Am 24. März 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr abends.)
GS|1|81|1|0|Nun seht aber auch hin auf unser himmlisches Podium! Das Gewölk verfinstert sich und die große lichte runde Öffnung im Hintergrund der nun sich ebenfalls verfinsternden Dreieinigkeit verengt sich mehr und mehr, und wie ihr bald sehen werdet, so wird von dieser ganzen Lichtöffnung kaum ein kleinwinzigstes Löchelchen übrigbleiben. Achtet nur recht wohl auf alles, was da zum Vorschein kommen wird.
GS|1|81|2|0|Seht, nun herrscht schon eine völlige Finsternis in diesem ganzen Himmelsraum, und die Ränder der Wolken werden wie glühend. Auch könnt ihr schon ein fernes dumpfes Rollen eines mächtig scheinenden Donners vernehmen. Nun wird auch schon die kolossale Dreieinigkeit im fernen Hintergrund wie zornglühend und aus dem Mund der Cherubim fängt es an zu blitzen. Das Ungewitter zieht sich näher, hinter den Wolken brechen Flammen hervor und fliegen kreuzweis gleich mächtigen Blitzen den weiten Raum entlang durcheinander.
GS|1|81|3|0|Immer feuriger und donnernder wird die Szene. Wie ihr sehen und bemerken könnt, so stürzen auch schon mächtige Flammenbündel unter großem Gekrach gleich einem Hagel hervor in dieses himmlische Parterre. Und wo ein solches Flammenbündel hinfällt, zündet es die berührte Materie, und stets mehr vorwärts greift ein wütendes Feuer. Was sagt ihr zu dieser Szene?
GS|1|81|4|0|Ich habe es mir wohl gedacht, dass es euch in eine kleine Beklemmung stürzen wird, da ihr es für rätlich findet, diesen dritten Akt solch eines ganz verzweifelten himmlischen Schauspiels nicht bis zum Ende abzuwarten. Ich aber sage euch: Es liegt in unserer Macht, diesem Feuer sobald Einhalt zu tun, als wir es nur immer wollen. Daher haben wir uns vor diesem Feuer auch nicht im Geringsten zu fürchten. Was wir aber dabei tun können, tun werden und sogar tun müssen, wird darin bestehen, dass wir diesem Feuer mit einem Gegenfeuer begegnen und dieses Gegenfeuer wird unsere Gegner ganz empfindlich zu brennen anfangen. Da aber die Gegner solches verspüren werden, so werden sie hervorbrechen und dem Feuer zu entfliehen suchen. Das Feuer aber wird sie gefangen nehmen und verzehren in ihnen ihre Bosheit. Sodann erst werden sie fähig werden, Worte von uns zu ihrem Heil anzunehmen.
GS|1|81|5|0|Und so seht, ich winke nun mit meiner Hand, und sobald stürzen eine zahllose Menge weißer Flammenbündel durch die dunkelroten hin auf das himmlische Theaterpodium. Und seht, alles gerät in einen dampfenden Brand. Und hört ihr das Geheul unserer Himmelsbewohner? Und seht, wie sie schon scharenweise durch die Flammen hervorstürzen und um Hilfe rufen, aber, wie ihr wieder sehen könnt, ein jeder Fliehende wird von einer Flammensäule umfasst und kann derselben nicht entrinnen. Jetzt ist schon das ganze Podium voll und die ganze, sehr zahlreiche brennende Truppe stürzt sich herab ins Parterre. Und hier könnt ihr aber auch bemerken, dass zwischen den noch forthin gischenden Blitzen ganze wolkenbruchähnliche Wasserströme sich herabergießen und unseren vom Brand ergriffenen Himmelsbewohnern eine bedeutende Linderung verschaffen.
GS|1|81|6|0|Ihr sagt hier wohl: Lieber Freund und Bruder, das ist ja eine ganz entsetzliche Heilart. – Ich aber sage euch: Sie muss eben also sein, wenn diese stark Kranken sollen geheilt werden; denn dergleichen Wesen gehören in geistiger Beziehung zu den Gichtbrüchigen, und dieses Übel kann nur durch ein tüchtiges geistiges Feuerdampfbad geheilt werden. Habt ja doch auch ihr auf der Erde Dampfbäder, die besonders für gichtische Krankheiten heilsam sind; warum sollte es denn im Reich der Geister in solchen Fällen nicht auch entsprechend ähnliche geistige Dampfbäder geben?
GS|1|81|7|0|Ich sage euch: Auf der Erde gibt es nicht eine Erscheinung, welche nicht auch entsprechend im Reich der Geister anzutreffen wäre. Also ist auch diese Erscheinung bei weitem nicht so fremdartig, als ihr es euch anfangs mögt gedacht haben. Nur müsst ihr dieses Feuer nicht eurem irdischen Feuer gleichsetzen, denn hier bezeigt das Feuer, wenn es zur Erscheinlichkeit kommt, nichts als einen großen Eifer. Wie ihr gesehen habt, so wollten dieses Himmels Bewohner uns durch ihren großen Eifer, der eine Ausgeburt ihres Falschen und daraus hervorgehenden Argen war, gleichsam an uns Rache nehmend, in die Flucht treiben.
GS|1|81|8|0|Da aber des Himmels Art zu wirken nicht ist, Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern nur Gutes tun denjenigen, die uns zu verderben suchen, und zu segnen diejenigen, die uns fluchen, so kamen wir ihnen auch nicht mit einem ähnlichen Gegenfeuer entgegen, sondern mit einem in eben dem Maße erhöhten Liebefeuer, als in welchem Maße sich ihr Zornfeuer gegen uns ergossen hat. Und das heißt dann wahrhaftige Brandkohlen über dem Haupt unserer Gegner sammeln. Solches werden sie auch bald einsehen, indem sie das lebendige Wasser, von unserer Seite über sie sich ergießend, hinreichend überführen wird.
GS|1|81|9|0|Nun seht aber, die ganze Menge dieser Himmelsbewohner, über tausend Köpfe stark, schrumpft nun in ihre vorige Gestalt zusammen, welches bezeugt, dass sie in ihrem Eifer nun eine gerechte Demütigung überkommen haben. Auch der ganze, ehedem noch sehr stark aufgeblähte Himmel schrumpft nun auch gleichen Maßes zu seiner vorigen Gestalt zusammen. Das Feuer erlischt, und unsere Himmelsbewohner stehen nun völlig nackt vor uns. Und wie ihr auch bemerken könnt, so fängt sie auch eine wohltätige Scham an zu ergreifen, welche allzeit ein sicheres Zeichen ist, dass der Besiegte in sich anfängt, seine Torheit und das mit derselben verbundene Unrecht einzusehen.
GS|1|81|10|0|Nun aber sind sie auch reif, um ein Wort von mir williger anzuhören, als solches zuvor der Fall war. Und so will ich denn auch sogleich folgende Frage an den am meisten im Vordergrund stehenden ehemaligen falschen Petrus richten und spreche somit: Siehe, du angeblicher Petrus, wir sind noch hier, denn alle deine himmlischen Mächte und Kräfte vermochten nichts gegen uns auszurichten. Da solches doch vor dir wie vor deiner ganzen Gesellschaft alleraugenscheinlichst der Fall ist, so sage mir nun, für was du mich nun hältst? Bin ich von unten oder bin ich wohl von oben her?
GS|1|81|11|0|Der Pseudo-Petrus spricht: Höre mich nun an! Ich und diese ganze Gesellschaft waren und sind noch von einer großen Irre befangen. Wir sehen es aber nun klar ein, dass es mit diesem höchst verzweifelten Himmel, in welchem wir nun alle sehr bitter hergenommen worden sind, seine überaus stark geweisten Wege haben müsse, und sehen es auch ein, dass, wenn sich dergleichen Szenen in diesem sehr geweisten Himmel zu öfteren Malen wiederholen sollten, er ebenso gut als eine Hölle primo loco [an erster Stelle] angesehen werden kann, – und wenn allenfalls schon dieses nicht, so doch wenigstens für ein wohlgenährtes Fegfeuer. Daher aber bitte ich dich nun im Namen aller meiner Brüder, befreie uns, so es dir möglich ist, aus diesem überaus fatalen Himmel! Ich lege mit dieser Bitte auch wohl erkennend meine falsche Petrusschaft zu deinen Füßen nieder und erkenne dabei aus dem Grunde meines Herzens, dass ich nicht nur nicht für einen Petrus tauge noch getaugt habe, sondern dass ich noch viel zu schlecht und auch zu dumm bin, um nur den letzten Sauhalter auf irgendeiner nur ums Kennen besseren geistigen Trift abzugeben, vorausgesetzt, dass es auch irgendwo in dieser Gegend eine ähnliche Beschäftigung gibt.
GS|1|81|12|0|Ich bitte dich um nichts als bloß nur um die Befreiung aus diesem echten Pappendeckelhimmel! Und wo du mich und uns alle dafür nur immer hinstellen willst, wollen wir von ganzem Herzen gern auch für die magerste Kost dem Herrn dienen. Nur mit dem Fegefeuer und mit der Hölle verschone uns! Denn wie sehr dieses Feuer brennt, haben wir entsetzlicherweise, wenn auch überaus kurz andauernd, aber doch für ewige Zeiten denkwürdig empfunden.
GS|1|81|13|0|Nun spreche ich: Nun gut, diese Sprache gefällt mir besser als die frühere. Werdet daher bekleidet und folgt uns in das Paradies, allda schon mehrere eurer Brüder auf eine ähnliche Erlösung harren. – Nun seht, die Nackten sind plötzlich mit lichtgrauen leinenen Röcken bekleidet worden. Und da wir jetzt diesen Platz verlassen, so ziehen sie uns, das erste Mal ernstlich Gott lobend und preisend, nach. – Ihr sagt: Diese leinenen Röcke sehen ja aus wie barste militärische Zwilchkittel, und die ganze Geschichte hat das Aussehen als wie ein armseliger militärischer Transport.
GS|1|81|14|0|Ja, meine lieben Freunde, die Kleidung richtet sich hier nach der Erkenntnis des Wahren und des daraus gehenden Guten. Wie viel Wahres und Gutes aber bei diesen Geistern zu Hause war, habt ihr ja aus ihrem Himmel und aus ihrer Handlungsweise klärlichst entnehmen können, daher sind diese Kleider auch vollkommen ihrem Zustand angemessen. Was aber da nun ferner geschehen wird, werden wir bei der nächsten Gelegenheit gar leichtlich erschauen.
GS|1|82|1|1|Die Paradieseinwohner erkennen ihre Schuld
GS|1|82|1|1|(Am 27. März 1843 von 6 1/2 – 7 3/4 Uhr abends.)
GS|1|82|1|0|Seht, wir befinden uns schon wieder in unserem Paradies. Wie ihr euch leicht überzeugen könnt, so ist es noch das alte, wie wir es vorher gesehen und verlassen haben. Und seht dorthin in die Mitte des Paradieses, alldort harren unser die früheren Paradieseinwohner, und zwar in einer viel demütigeren und nachdenkenderen Stellung als da die erste war, als wir zu ihnen aus dem Kloster kamen. Unsere Himmelsbewohner folgen uns ebenfalls demütig; und so gehen wir mit diesem neuen Fang schnurgerade auf die früheren Paradieseinwohner los.
GS|1|82|2|0|Seht, unser früherer Vorsteher dieses Paradieses und die zwei ersten Redner machen schon von weitem sehr große Augen, da sie uns die ganze himmlische Gemeinde folgen sehen. Denn auf eine Eroberung des Himmels waren sie eben nicht zu sehr gefasst und haben dieselbe bei sich für einen heimlichen Probierstein für uns gelassen, nach welchem sich die vollgültige Wahrheit unserer allfälligen Sendung erweisen sollte.
GS|1|82|3|0|Da aber nun der ganze Himmel gedemütigt und besiegt hinter uns einherzieht, so sagt soeben der Prior zu seiner Gesellschaft: Hört, Freunde, bei solchem Umstand bekommt die Sache freilich wohl ein ganz anderes Gesicht. Diese drei sind bestimmt von einer uns noch unbekannten göttlichen Macht hierher gesandt; das ist nun so klar wie eine Sonne um die Mittagszeit auf der Erde. Aber was wir nun anfangen sollen bei dieser ganz entsetzlichen Gewissheit, das ist eine ganz andere Frage. Wie ist unser Gewissen bestellt? Wie verhält sich unser früheres Benehmen gegen diese hohen Boten? Das ist wieder eine ganz entsetzlich andere Frage. Kommen wir nach ihrem allfälligen, sicher richterlichen Ausspruch entweder, wenn es gut geht, ins Fegfeuer, oder, der Herr stehe uns bei! – etwa gar in die Hölle? Hört, Freunde, das ist eine noch ganz andere entsetzlicher verzweifelte Frage!
GS|1|82|4|0|Sie nahen sich uns auch mit ganz entsetzlich ernsthaften Gesichtern, aus denen für uns wahrlich nicht viel Tröstendes herausschaut. Wenn ich aber auch nur zurückdenke, wie unser priesterliches Leben auf der Welt beschaffen war, und bedenke, wie wir, das Evangelium des Herrn wohl kennend, aber auch nicht mit einer Silbe dasselbe im wahren christlichen Sinne werktätig unter uns walten haben lassen, und wie wir im buchstäblichen Sinne des Wortes und der Bedeutung allzeit dem reinen göttlichen Geist entgegen gearbeitet haben, o Brüder, da möchte ich nichts so sicher je getroffen haben, als nun diese Behauptung von mir aus sicher ist, dass uns samt und sämtlich, bei den höchst traurig waltenden Umständen, nichts als die pure, nackte, allerheißeste Hölle erwartet! Ich möchte beinahe auszurufen anfangen, dass die Berge über uns herfallen sollen, damit wir nicht länger das Angesicht solch erschrecklicher Richter ansehen dürfen!
GS|1|82|5|0|Der andere bessere Redner wendet sich an den Prior und spricht: Höre, Freund und Bruder, ich meine, wir sollten hier nicht vorzeitig zu verzweifeln anfangen, denn dazu wird es noch immer Zeit genug sein, wenn wir einmal im Ernst verdammt sind. Es ist uns aber ja ein altes Sprichwort bekannt, welches also lautet: „Ein gutes Wort findet auch ein gutes Ort.“ Also verlassen wir uns auf unsere Bitte und auf unsere möglichst größte Demütigung und verzweifeln nicht zu vorschnell an der großen Erbarmung des Herrn. Und wer weiß, ob diese drei Boten uns nach der allerentsetzlichsten und allerunerbittlichsten Strenge richten werden; denn wenn sie von Gott ausgesandt sind, so werden sie sicher besser und sanfter in ihrem Urteil sein als wir es je waren gegen die vermeintlichen Sünder gegen unsere alleinseligmachend sein wollende Kirche.
GS|1|82|6|0|Der Prior spricht: O lieber Freund und Bruder, deine Tröstungen schmecken freilich so süß wie Honigseim und die allerbeste Milch. Aber wenn ich mich dabei an die Worte Christi im Evangelium erinnere, welche Christus, der Herr, also ausspricht, und zwar gegen die falschen Propheten und somit Namenchristen und Namenpriester: „Geht und weicht von Mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, welches dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist; denn Ich kenne euch nicht, ihr Täter des Übels, ihr habt allzeit dem hl. Geist widerstrebt!“ – Freund, was sagst du zu diesem Text?
GS|1|82|7|0|Der andere spricht: Ja, Brüder, der Text ist über alle Maßen schrecklich und für uns auch vollkommen anpassend wahr. Ich muss dir dagegen auch noch bekennen, dass ich mich nun für die Hölle nicht im Geringsten für zu gut fühle. Wenn der Herr im Ernst nicht barmherziger sein wird als wir es auf der Welt zuallermeist waren, da dürfte dieser Text allerschrecklichstermaßen wohl seine allergerechteste Anwendung finden. Denn es heißt: „Seid barmherzig, so werdet ihr Barmherzigkeit finden!“ Da aber liegt eben der Hund begraben, denn mit der Barmherzigkeit, da hat es bei uns auf der Welt seine ganz entsetzlich geweisten Wege gehabt. Wenn ich nun nur bedenke, mit welcher Leichtigkeit, mit welcher Siegesfreude wir so oft von den Kanzeln ganze Völker zur Hölle verdammt haben, da fängt es mich selbst an, ganz gewaltig zu bangen, und mit meiner früheren, an dich gerichteten Tröstung fängt es nun an, bei mir selbst hohl zu werden.
GS|1|82|8|0|Ein dritter spricht: Freunde und Brüder, ich verstehe euch ganz; wir sind verloren! Daher meine ich, wir sollten uns vereinen und gerade zu dem Hauptboten hingehen, der da in der Mitte ist, und sollten ihn um nichts als nur um einen nicht zu allerheißesten Grad der Hölle bitten und sollten ihm dadurch auch den entsetzlichen richterlichen Ausspruch ersparen, und das zwar in der alleinigen Rücksicht dessen, dass wir auf der Erde doch zuallermeist durch die kirchliche Gewalt so und nicht anders zu handeln genötigt waren. Wir haben demnach auch die kirchlichen Vorschriften erfüllt, ob sie recht oder nicht recht waren. Daher meine ich, wenn wir solches auch mit dem Bewusstsein, dass es nicht dem Wort Gottes gemäß war, auf der Welt geleistet haben und haben dadurch nicht Gott, sondern dem Mammon gedient, so aber haben wir doch auch nicht leichtlich anders handeln können.
GS|1|82|9|0|Freilich hätten wir lieber sollen den Märtyrertod erleiden, als wider Christus handeln! Aber dazu war ja unser Glaube eben durch unsere Kirche zu schwach, als dass wir so etwas hätten an uns sollen bewerkstelligen lassen. Also meine ich denn auch, dass wir darum nicht der allerschärfsten Hölle uns schuldig gemacht haben. Gott sei alle Ehre und Sein Name werde allzeit über alles hoch gepriesen! Ich meine, Er wird mit uns ja doch nicht das Allerschlimmste vorhaben, und so erwarten wir denn mit der allerdemütigsten Ruhe, was der Herr über uns beschließen wird!
GS|1|82|10|0|Seht nun, die ganze Gesellschaft ist mit ihm demütigst einverstanden. Und da dadurch alle sich gehörig erniedrigt und gedemütigt und so auch unter sich ihre Schuld erkannt haben, so wollen wir uns denn ihnen nun auch völlig nahen und mit ihnen eine gerechte Bestimmung treffen. Seid aber an meiner Seite nun auch vollkommen ernst, denn es klebt noch so manches in dieser Gesellschaft, was von ihr ganz ernstlich zuvor entfernt werden muss, ehe sie für eine höhere Bestimmung tauglich werde.
GS|1|83|1|1|Das Wort als der Richterstuhl Christi. Die Irrlehre über die Beichte
GS|1|83|1|1|(Am 28. März 1843 von 5 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|83|1|0|Wir wären nun schon auf gute Redeweite bei der Mönchsgesellschaft; und so will ich denn auch sogleich meine Fragen an diese Gesellschaft erneuern, damit wir daraus ersehen, inwieweit sich eben diese Gesellschaft zufolge unserer früheren Besprechung mit ihr gefunden hat. Ihr fragt zwar: Muss solches in dieser geistigen Welt auch allzeit wörtlich abgemacht werden, oder steht es nicht Geistern von deiner Vollkommenheit zu, solche trügliche Geister ohne Wortwechsel auf den ersten Augenblick zu erkennen, wie sie inwendig beschaffen sind?
GS|1|83|2|0|Ich sage euch: Solches steht jedem Geist des obersten Himmels zu, und er kann somit auch jeden unvollkommenen Geist auf den ersten Blick durch und durch schauen. Aber dadurch ist dem unvollkommenen Geist nicht viel geholfen, und es ist nahe derselbe Fall, als so auf der Erde irgendein Verbrecher eingefangen würde. Das Gericht ist zwar durch Zeugen beim ersten Verhör völlig überzeugt, dass das eingefangene Individuum sich eines gewissen Verbrechens schuldig gemacht hat. Dessen ungeachtet aber kann es den Verbrecher dennoch nicht zur gesetzlichen Strafe verurteilen, und das so lange nicht, als bis sich der Verbrecher nicht selbst seines Verbrechens entäußert hat. Das Wort aber ist das alleinige Mittel der inneren Entäußerung, oder, der Mensch wie der Geist gibt sich durch das Wort der äußerlichen Beschaulichkeit preis, also wie er beschaffen ist in seinem Inwendigen.
GS|1|83|3|0|Daher nützt auch hier die alleinige Erkenntnis von meiner Seite hinsichtlich der inneren Beschaffenheit dieser Geister, allein für sich genommen, so gut wie nichts. Aber ich kann zufolge dieser Erkenntnis die Geister so zur eigenen Äußerung leiten, dass sie, wie notgedrungen, mir nicht ausweichen können, und müssen daher ihr Inwendigstes eben durch ihr Wort nach außen kehren und es der allgemeinen Beschaulichkeit preisgeben.
GS|1|83|4|0|Dadurch wird denn auch die Stelle in der Fülle der Wahrheit ersichtlich, da es heißt: „Von den Dächern wird man es laut verkündigen!“ Und wieder heißt es, wie der Paulus spricht: „Wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden!“, welches alles so viel besagt als: Alles muss durch das Wort offenbar oder entäußert werden, denn das Wort ist der eigentliche Richterstuhl Christi. Und „vom Dach laut verkündigen“ besagt, dass sich ein jeder durch sein eigenes Wort wird richten oder, besser gesagt, sein Inneres völlig entäußern müssen. Denn wie das Dach sonst ein Schutzmittel des Hauses ist, so ist auch, geistig genommen, das Wort dasjenige eigenliebige und eigenschützende Mittel, durch welches der Mensch bei seinem Leibesleben sich so gut als möglich vor allen von außen her auf ihn einwirkenden Ungewittern beschützt. Da aber in diesem Sinne das Eigenwort in geistiger Beziehung gleich ist einem Hausdach, hier aber in der geistigen Welt durchaus keinen Schutz mehr gewähren kann, so heißt „vom Dach laut verkündigen“ durch das eigene Wort sich aller der inwendigen Schalkheit entäußern. Ihr habt schon dergleichen Entäußerungen eine Menge gehört; dessen ungeachtet aber wird euch das Fernere nicht überflüssig sein.
GS|1|83|5|0|Ich will daher meine schon vorbestimmte Frage aus dem euch nun bekanntgegebenen Grunde an diese Mönchsgesellschaft richten, und ihr werdet daraus ersehen, welch ein arger finsterer Kern noch in ihr verborgen liegt. Und so habt denn Acht! Ich will nun meine Frage setzen, und spreche demnach:
GS|1|83|6|0|Nun, wie ihr seht, bin ich nach der Überwindung eures Himmels wieder hierhergekommen; wie sieht es nun aus mit eurer inneren Erkenntnis und mit eurer Demütigung danach? Haltet ihr euch noch für wirkliche Diener des Herrn? Oder haltet ihr euch vielmehr für eigenwillige betrogene Betrüger des Volkes?
GS|1|83|7|0|Der Prior spricht: Wir haben uns geprüft und uns vollkommen der höllischen Strafe würdig befunden, da wir bei guter Betrachtung völlig erkannt haben, dass du ein wahrer Bote der göttlichen Gerechtigkeit und dazu mit einer Macht ausgerüstet bist, von welcher alle unsere Mauern und Türme wie nichtige Spreu zerfallen. Wir sind und bleiben dem Herrn ewige Schuldner, und ein jeder von uns trägt so viel von dieser Schuld auf seinem eigenen Nacken, dass sie ihm zufolge der göttlichen Gerechtigkeit ewig nimmer vergeben werden kann. Wir haben daher mit dir nichts Weiteres mehr zu reden, sondern bitten dich, wenn es dir möglich ist, nur um so viel göttliche Gnade und Erbarmung, dass du uns ob unserer Schuld nicht in den allerbittersten und allerschmerzlichsten Grad der Hölle verdammst.
GS|1|83|8|0|Wäre hier zu beichten möglich, so wollten wir hundert Jahre lang beichten, um dadurch die Lossprechung von unserer Schuld nach dem Grad der mit der Beichte verbundenen Buße zu erlangen. Aber da hier solches nicht mehr möglich ist und wir nach Paulus da liegen, wie wir gefallen sind, so bleibt uns ja nichts anderes übrig, als allerschrecklichst und traurigst das Verdammungsurteil von dir zu erwarten.
GS|1|83|9|0|Nun spreche ich: Also mit der Beichte, meint ihr, wäre es wohl möglich, sich von den Sünden loszumachen? Wenn euer Glaube dahin geht, da sagt mir doch, bei welcher Gelegenheit denn der Herr auf der Erde die Beichte als ein sündenvergebendes Mittel eingesetzt hat?
GS|1|83|10|0|Der Prior spricht: Lieber Freund! Solches wirst du doch wissen, wie der Herr Seinen Aposteln die Macht zu lösen und zu binden eingeräumt hat. Da ist ja doch sonnenklar erwiesen, dass der Herr die Beichte eingesetzt hat, und dazu spricht auch ausdrücklich der Apostel Jakobus: „Bekennt euch einander eure Sünden.“ Wenn man dieses alles wie noch so manches andere betrachtet, so ist es ja doch unmöglich in eine Abrede zu bringen, als hätte der Herr die Beichte nicht als ein sündenvergebendes Mittel offenkundigst eingesetzt.
GS|1|83|11|0|Nun spreche ich: Höre, Freund und Bruder, wenn du das Wort Gottes so verstehst, da ist es kein Wunder, dass du dich hier im Grad der Verzweiflung befindest. Sage mir, welche Torheit könnte wohl größer sein als diese, so da wären zwei gegenseitig feindselige Menschen, also zwei gegenseitige Sünder oder Schuldner; einen jeden aus diesen zweien aber würde mit der Zeit dieser sündige Zustand gewissentlich zu drücken anfangen. Damit sich aber ein jeder dieses lästigen Zustandes entledigen möchte, da ginge er zu einem anderen Menschen hin und möchte sich seines lästigen Zustandes dadurch entledigen, so ihm dieser ganz fremde Mensch, den die gegenseitige Feindseligkeit der beiden nicht im Geringsten angeht [die Schuld tilgte]. Sage mir, wenn nun ein solcher fremder Mensch, den die ganze Schuld nicht im Geringsten angeht, sich einer solchen Schuldentilgung preisgibt, was ist er da wohl? Ist er da nicht ein allergröbster Betrüger? Du bejahst mir solches in deinem Gemüt. Gut, es soll dir aber die Sache noch klarer werden.
GS|1|83|12|0|Nehmen wir an, der A wäre dem B tausend Pfund schuldig. Der A aber, statt dem B die tausend Pfund getreulich zurückzubezahlen, lässt sich von einem betrügerischen C verleiten, an diesen, dem der A nie einen Heller geschuldet hatte, die Schuldforderung des B statt mit tausend Pfund bloß mit hundert Pfund völlig zu tilgen. Was wird wohl der B zu dieser Schuldtilgung sagen, und wird dadurch wohl der A aufhören, dem B schuldig zu sein? Ich meine, solches können sogar die höllischen Geister nicht behaupten. Also können wir vom Herrn umso weniger solches behaupten, der doch in Sich die allerhöchste Liebe und Weisheit ist.
GS|1|83|13|0|Daher werden deine angeführten Texte über die sündenvergebende Gewalt schon müssen einer anderen Erklärung unterworfen werden; denn mit deiner früheren kommst du auf keinen Fall aus. Ich will dir aber darum eine kurze Frist gönnen, damit du dich darüber gehörig erforschen und mir dann kundgeben sollst, wie du diese Sache gefunden hast, aber über sieben Minuten sollst du nicht verweilen. Und so denn erforsche dich im Geiste und in der Wahrheit. Amen.
GS|1|84|1|1|Erläuterung der sündenvergebenden Texte der Bibel. Von der Sünde wider den heiligen Geist
GS|1|84|1|1|(Am 29. März 1843 von 5 1/4 – 7 Uhr abends.)
GS|1|84|1|0|Seht, unser Prior hat seine Erforschung schon gemacht und beginnt soeben, sich darüber vor uns zu entäußern. Also hört denn, er spricht: Lieber Freund, ich habe deine Beispiele und deine Frage in aller meiner Tiefe wohl erwogen und kann dir darüber nichts anderes sagen, als dass du vollkommen recht hast. Denn ich sehe jetzt zum ersten Mal in meinem zweifachen Leben, dass die Beichte ein allergrößter Missgriff sowohl in die göttlichen als wie in die gegenseitig brüderlichen Rechte ist.
GS|1|84|2|0|Denn man kann sich im Ernst nichts Tolleres denken, als wie ich es jetzt einsehe, als dass sich zwei gegenseitige Schuldner dadurch zufriedenstellen müssen und ein jeder gegenseitig schuldlos wird, so ein dritter, den weder des einen noch des anderen Schuld im Geringsten angeht, einem oder dem anderen die Schuld nachlässt; oder wenn gar ein dritter zufolge der Annahme eines geringen Betrages, natürlich auf die ungerechteste Weise von der Welt, einen Schuldner dahin überzeugend bestimmen will, dass er dadurch dem Gläubiger die bedeutend größere Schuld vollkommen abgetragen hat. O Freund, das ist mir nun so klar wie diese überaus durchsichtige Luft hier. Aber nun kommt eine andere Frage:
GS|1|84|3|0|Wenn es überzeugend und ungezweifelt also ist, welches Los erwartet da am Ende alle die törichten Beichtväter und welches die Beichtkinder? Wenn ich bedenke, dass das in meiner Kirche gerade die allerhauptsächlichste „Conditio sine qua non“ [notwendige Bedingung] ist, da fährt’s mir nun eiskalt und wieder höllisch heiß durch mein ganzes Wesen.
GS|1|84|4|0|Wie aber war es denn um Gottes, unseres Herrn, willen möglich, dass dieser allerentsetzlichste Unsinn so tiefe und unausrottbare Wurzeln hat schlagen können? O Freund, ich will ja für meine Torheit gerne in der Hölle büßen, aber lass mich zuvor nur auf drei Jahre lang mit einem unsterblichen Leib zur Erde gelangen. Ich will da der Kirche ein Licht anzünden, das für ihren Unsinn bei weitem gefährlicher werden sollte als ein weißglühendes Stück Eisen einem Wassertropfen. Denn ich weiß nur zu gut, mit welcher entsetzlichen Hartnäckigkeit die Hohepriesterschaft dieser Kirche auf diesem allerunsinnigsten Betrug reitet und sehe es auch ein, wie gar nie sie auf dem gewöhnlichen, natürlichen Weg diesen Unsinn wird fahren lassen. Daher möchte ich, wie gesagt, mit einem unsterblichen und unzerstörbaren Leib hinab, um diesem und noch so manchem anderen nicht minder zu beachtenden Unsinn dieser Kirche ein Ende zu machen.
GS|1|84|5|0|Nun spreche ich: Lieber Freund und Bruder, dessen hat der Herr nicht vonnöten. Erfasse aber die Sündenvergebung hier aus dem wahren Gesichtspunkt, und es werden sich dir millionenfache Gelegenheiten darbieten, dieselbe hier ums Unaussprechliche besser und dienlicher in eine ersprießliche Anwendung zu bringen, als wenn es dir gestattet wäre, tausend Jahre auf der Erde mit aller Wundertätigkeit dagegen zu wirken.
GS|1|84|6|0|Denn die Erde ist nicht ein Ort der Reinigung, sondern nur ein Ort der Prüfung des freien Willens, und da ist denn auch alles frei. Guter Sinn und Unsinn, Satan und Engel können nebeneinander einhergehen.
GS|1|84|7|0|Damit aber der Wille des Geistes sich in seiner Freiheit üben kann, so müssen auf einem Weltkörper auch allerlei Reizungen vorhanden sein, welche unablässig dahin wirken, den Menschen von der Wahrheit abzuziehen und ihn ins Falsche zu leiten, wodurch dann ein jeder Mensch, wie ganze Gesellschaften, einen beständigen Kampf zu bestehen haben, durch welchen die Lebenskraft geübt und die Freiheit des Willens irgendeine bestimmte Richtung annehmen muss.
GS|1|84|8|0|Wolltest du demnach deine Absicht auf einem Weltkörper, wie in einer kirchlichen Gesellschaft, in eine hellleuchtend wirkende Werktätigkeit bringen, so müsstest du fürs Erste alle Reizungen des Fleisches aufheben, und zwar den Geschlechtsreiz, dann das lebendige Gefühl und dann daneben auch alle Bedürfnisse des leiblichen Menschen rein vernichten. Wenn du aber solches tätest oder tun könntest, was wird dann wohl der Mensch auf einem Weltkörper sein?
GS|1|84|9|0|Siehe, aus diesen lebendigen Reizungen aber geht ja fürs Erste das menschliche Geschlecht selbst hervor und sonach auch aller Tätigkeitstrieb des hervorgegangenen Menschengeschlechts. Wenn es dir nun sicher klar sein wird, dass die Ausrottung des Falschen und damit verbundenen Argen bei den Menschen auf den Weltkörpern, im Vollmaß genommen, auf keine andere Weise denkbar möglich ist, als durch die Ausrottung des menschlichen Geschlechts selbst, so wirst du doch auch einsehen, dass dein vermeintliches dreijähriges wundertätiges Sein auf einem Weltkörper noch bei weitem weniger fruchten wird für die Gegenwart sowohl wie noch viel weniger für die Zukunft, als da gefruchtet hat zur völligen Neuerung all des Falschen und Argen notabene fürs Erste das allerwundervollste Dasein des Herrn Selbst, und nach Ihm noch so vieler mit Seinem Geiste erfüllter Apostel und Jünger.
GS|1|84|10|0|Ich will dir aber sagen, warum du eigentlich auf die Erde möchtest. Siehe, es sind zwei Gründe; der Hauptgrund heißt Rache und der andere Grund, um dadurch ganz irriger Weise und durch ein falsches und schlechtes Mittel dem Herrn für deine eigene Torheit eine noch bei weitem törichtere Genugtuung zu leisten. Daher stehe du von deinem Vorhaben nur ganz lebendig ab und lass statt der Rache in deinem Herzen die wahre Nächsten- und Bruderliebe aufkeimen, und du wirst dann bald in dir klärlichst erschauen, auf welch eine viel zweckmäßigere Weise man hier im Ort der eigentlichsten Reinigung nach dem allerhöchst weisen Liebeplan des Herrn den Torheiten der Welt begegnen kann.
GS|1|84|11|0|Da du, wie ich es ersehe, solches auch samt deiner ganzen Gesellschaft begreifst und einsiehst, so muss ich dich nun darauf aufmerksam machen, dass du mir die eigentliche Antwort über die sündenvergebenden Texte in der Schrift noch schuldig bist. Und wir können eher keinen weiteren Schritt vorwärts tun, als bis diese Sache nicht völlig lebendig erörtert wird. Und so denn mache dich nur an die Beantwortung, und zwar zuerst an die in der Schrift vorkommende Lösungs- und Bindungsstelle im 18. Vers des 18. Kapitels Matthäus wie gleichlautend auch im 23. Vers des 20. Kapitels Johannis. Wirst du solches beantwortet haben, dann erst gehen wir auf Jakobum über. Und so denn rede!
GS|1|84|12|0|Der Prior spricht: O lieber, erhabener Freund! In diesem Punkt wird es mir allerunaussprechlichst schwer gehen, und du wirst es mir nicht verargen, so ich dich darum allerdemütigst bitte, denn von mir wirst du in dieser Hinsicht wohl schwerlich je eine genügende Antwort bekommen können, indem ja selbst der Tod nichts nehmen kann, wo nichts ist.
GS|1|84|13|0|Nun spreche ich: Siehe, ich habe es ja gewusst, dass es auf das hinausgehen wird. Du wolltest auf die Erde deine Kirche bessern gehen; sage mir, auf welche Art du das wohl angestellt hättest, so dir zu einer solchen Unternehmung das Allernötigste und Allerwesentlichste mangelt?
GS|1|84|14|0|Der Prior spricht: O erhabener Freund, wahrlich, meine Torheit wächst wie ein wucherndes Unkraut auf einem gedüngten Boden. Ich sehe jetzt, auf diese deine Frage und Erörterung, dass ich nicht einmal für einen Sauhalter tauge, geschweige erst zu einem wundertätigen Kirchenverbesserer. O sage mir doch, wie viel des allerbesten Unsinns steckt noch in mir?
GS|1|84|15|0|Ich spreche: Ich sage dir, es ist noch eine tüchtige Portion, aber die Beantwortung meiner Frage wird in dir Wunder tun. Daher habe Acht, wie ich sie dir nun beantworten werde; und so höre denn.
GS|1|84|16|0|Ich will dir den Johannes darlegen, da dieser die Erleuchtung des hl. Geistes voraussetzt: „Nehmt hin den heiligen Geist; denen ihr die Sünden vergeben werdet, denen sollen sie auch im Himmel vergeben sein; denen ihr sie aber vorenthalten werdet, denen sollen sie auch im Himmel vorenthalten sein.“ – So lautet der Text; wie ist aber sein Verständnis?
GS|1|84|17|0|„Nehmt hin den heiligen Geist“ – heißt so viel als: Werdet erleuchtet mit Meiner Wahrheit; – und heißt tiefer noch: Folgt Mir in allem nach! – und am allertiefsten heißt es: „Liebt euch untereinander, wie Ich euch geliebt habe! Denn daraus wird man erkennen, dass ihr Meine wahrhaftigen Jünger seid, so ihr euch untereinander liebt.“
GS|1|84|18|0|Siehe, das heißt: Nehmt hin den heiligen Geist! Denn der Herr hat kein Gebot als das der Liebe gegeben, also kann Er auch unmöglich einen anderen Geist als den der Liebe nur bieten und geben. Verstehst du diesen Text? Du bejahst es mir in deinem Herzen; gut, so wollen wir weiter.
GS|1|84|19|0|„Denen ihr die Sünden vergeben werdet, denen sollen sie auch vergeben sein im Himmel“ – heißt so viel als: Wenn wer immer aus euch nach Meinem Geist der Liebe und Weisheit seinem Bruder die Schuld, welche dieser Bruder gegen ihn hat, erlassen wird, so will auch Ich eben diese Schuld nicht nur dem schuldigen Bruder, sondern auch dem Erlasser der Schuld jegliche Schuld von Mir nachlassen. Wenn aber jemand im Gegenteil, was der zweite Teil des Textes besagt, seinem Bruder die Schuld nicht erlassen wird, so will aber Ich dafür auch dem Gläubiger seine Schuld vorenthalten. Wenn aber der Gläubiger sich dem, der gegen ihn gesündigt hat, versöhnen will, der Schuldner aber will die Versöhnung nicht annehmen, da werde auch Ich gegen den Schuldner unversöhnlich bleiben, solange er sich mit seinem Gegner nicht versöhnen wird.
GS|1|84|20|0|Siehe, das ist die im Himmel alleingültige Erklärung dieser Texte. Was aber diejenigen Sünden betrifft, welche ein Mensch wider Gott und dann wider seinen eigenen Geist begeht, so kann diese Sünden ja doch niemand vergeben als derjenige nur, gegen dessen heilige Ordnung sie begangen wurden. Und die Sünde gegen den eigenen Geist kann doch auch sicher niemand anderer vergeben oder nachlassen, als eben der eigene Geist selbst, das heißt durch den vollernstlichen Willen, sich selbst aus Liebe zum Herrn zu verleugnen und solche Sünde fürder nimmer begehen zu wollen.
GS|1|84|21|0|Was aber eine Sünde schnurgerade wider den göttlichen Geist betrifft, der an und für sich die auswirkende Liebe des Herrn ist, da wird es etwa doch klar sein, wenn jemand sich dem allerhöchsten wirkendsten Gnadenmittel eigenmächtig entgegenstellt, dass sich dann sehr bedeutungsvoll fragen lässt: durch welches Mittel solle der wohl rettbar sein, so er gegen das Allerhöchste, über das keines mehr ist, allerfreventlichst ankämpft?
GS|1|84|22|0|Siehe, das ist demnach die völlige bedeutungsvolle Erläuterung der sündenvergebenden Texte, welche gleichbedeutend in aller Kürze in dem erhabensten Gebet des Herrn allerklärlichst dargelegt ist, allda es unwiderruflich heißt: „Vergib uns unsere Schuld, so wie wir vergeben unseren Schuldigern“ – und heißt nicht: Vergib uns unsere Schuld nach dem Grad unserer Bußwerke, also wie wir gebeichtet, genug getan, dann kommuniziert haben, und wie uns der Beichtvater von unseren Sünden losgesprochen hat. Und noch an einer anderen Stelle wird dadurch von einer allgemeinen Sündenvergebung gesprochen, da es heißt: „Seid barmherzig, so werdet ihr Barmherzigkeit erlangen.“ – welches wieder nicht heißt: Beichtet, so werden euch die Sünden erlassen.
GS|1|84|23|0|Und im verlorenen Sohn zeigt der Herr doch mit dem Finger, welches das allergültigste Mittel ist, um zur Vergebung seiner Sünden zu gelangen, nämlich durch die wahre liebtätige, demütige und liebeerfüllte Umkehr zu Gott, dem allerbesten und allerliebevollsten Vater aller Menschen! Verstehst du solches? Du bejahst es mir; also wollen wir uns an den Jakobus wenden.
GS|1|85|1|1|Betrügerisches Wesen der Ohrenbeichte. Heidnisches Wesen der katholischen Kirche. Das Wort des Herrn ist der Richter
GS|1|85|1|1|(Am 30. März 1864 von 4 3/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|1|85|1|0|Was den Jakobus betrifft, so sagt er mitnichten, dass die Gemeinde sollte ihre allfälligen Sünden einem Ältesten der Gemeinde beichten, sondern er will dadurch nur das sagen, dass da kein Bruder in der Gemeinde vor dem anderen etwas insgeheim haben soll und soll nicht wollen von der ganzen Gemeinde für besser gehalten werden, als er im Grunde wirklich ist. Und das ist der Grund, warum der Jakobus anempfiehlt, aber durchaus nicht bestimmt gebietet, dass man sich gegenseitig die Sünden oder Fehler bekennen soll.
GS|1|85|2|0|Wenn aber alles dieses unwiderlegbar der Fall ist, was ist demnach die Ohrenbeichte in der katholischen Kirche? Ich sage dir, sie ist nichts anderes als eine zinstragende Sünden-Bank, wo die Menschen ihre Lebensobligationen und Schuldscheine versetzen, und durch dieses Versetzen sie auch durch den kirchlichen Wucher doppelt zinserträglich machen, einmal ein jeder für sich, der durch die Beichte sich zwar den Augen seiner Brüder und Nebenmenschen entzieht, auf dass sie ja nicht wissen sollen, wer er so ganz eigentlich seinem Inwendigen nach ist und ihn somit wenigstens nach der Beichte sogleich wieder für einen grundehrlichen Menschen ansehen sollen, während er doch nach der Beichte auf ein Haar derselbe Mensch bleibt, wie er vor der Beichte war.
GS|1|85|3|0|Also werden alle gebeichteten Sünden auf diese Art nur aufbewahrt, und jeglicher Eigentümer bekommt sie hier insoweit gut verzinst zurück, da er auf diese Weise erstens sich selbst und dann alle seine Nebenmenschen betrog! Sich selbst, weil er sich nun nach einer jeden Beichte für einen vollkommen der göttlichen Gnade würdigen Menschen ansah und zu dem Behuf auch allzeit ein gewissenerleichterndes Wohlgefallen an sich selbst hatte. Seine Nebenmenschen aber betrog er dadurch, dass diese nie wussten, wie sie so ganz eigentlich mit ihm daran sind und ihn daher auch notgedrungen für viel besser ansehen mussten, als er es von jeher war.
GS|1|85|4|0|Das sind also die Zinsen, und sie heißen: doppelter Betrug! Und dieser Betrug wird noch zu einem Hauptbetrug, welcher darin besteht, dass der also Beichtende in den Wahn gerät, sich vor dem Herrn vollkommen gerechtfertigt zu haben.
GS|1|85|5|0|Ich kann dich versichern, wenn Judas, der Verräter, eine christliche Gemeinde gestiftet hätte, sie wäre sicher besser ausgefallen als diese, welche nicht aus dem Christentum, sondern nur aus dem Heidentum dadurch hervorgegangen ist, dass man das Heidentum mit dem Christentum nur ein wenig gesalzen hat. Denn wie bei einer Speise das Salz den kleinsten Teil ausmacht, so macht auch in diesem Heidentum das Christentum den allerkleinsten Teil aus. Das wäre zwar noch zu passieren, wenn es nur gut wäre. Aber es ist das Salz selbst schal, wie soll es demnach das reine Heidentum zu einem Christentum würzen?
GS|1|85|6|0|Das Heidentum hatte viele Götter, darum mochte es auch mit der neuen Würze nicht bei dem einen Gott verbleiben, sondern machte vollkommen drei aus Ihm. Und nach diesem dreigeteilten Gott vergöttlichte es dann aber auch die Menschen, welche auf der Erde gelebt haben, um dadurch einen Ersatz für seine abgenützten Halbgötter und Hauslaren zu bekommen. Das alte Heidentum war den Priestern überaus einträglich, das reine Christentum aber war solcher Gewinnsucht schnurgerade entgegen, nachdem es doch ausdrücklich heißt: „Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst sollt ihr es auch wieder weitergeben.“
GS|1|85|7|0|Solches konnte das Heidentum nicht brauchen, daher machte es lieber ein Sündenregister. Und weil nach dem Mosaischen Gesetz zu wenig gesündigt ward, so gab es noch eigenmächtige, schwer zu haltende Gesetze hinzu, konstruierte dann zu dem Sündenregister und dem sehr zahlreichen Gesetzbuch die sündenvergebende Beichte und leitete durch diese Beichte die Menschheit auf allerlei einträgliche Bußwerke hin, durch welche dann das alleinseligmachende Pontifikat mit Hilfe noch anderer einträglicher gottesdienstlicher Zeremonien sich zu einem solchen Weltglanz emporgearbeitet hat, vor welchem alle Könige bebten!
GS|1|85|8|0|Damit aber dieses alleinseligmachende Pontifikat sich noch unabhängiger und also auch unumschränkter wirkend aufstellen konnte, so wusste es durch ein vortreffliches Mittel sich ein stehendes mächtiges Heer, über eine Million stark, zu bilden, welches allerorts die Burgen, Festungen, Städte und Länder der Kaiser, Könige und Fürsten unüberwindlich besetzte und somit alle Reiche sich botmäßig und zinspflichtig machte. Das Heer sind alle die Priester und Mönche, und das Mittel ist der Zölibat. Auf diese Weise war die heidnische Kirchenmacht unüberwindbar begründet. Da aber doch jeder Herrscher, so er wissen will, wie es mit seinen Untertanen stehe, geheime Kundschafter haben muss, so waren solche geheime Kundschafter auch dem Pontifikat überaus notwendig. Wer sind aber diese Kundschafter? Siehe, das gesamte Priestertum.
GS|1|85|9|0|Und wie heißt das Mittel, durch welches alle die geheimen Gesinnungen ausgekundschaftet wurden und noch werden? Es ist kein anderes als die Beichte. Und siehe, das ist auch der zweite Gewinn, und das für die Beichtiger, also für das gesamte finstere Priestervolk.
GS|1|85|10|0|Und worin besteht dieser Gewinn? Ich sage dir, er besteht in nichts anderem, als dass für die Kirche alle die Beichtenden ganz als eigentümlich zugute geschrieben werden, zugleich aber auch noch in dem damit notwendig verbundenen eigennützigen Menschenbetrug, durch welchen sie in den Wahn gebracht werden, so oft vor Gott gerechtfertigt zu sein, als wie oft sie nur immer gebeichtet haben.
GS|1|85|11|0|Und mit eben solchem Gewinn ausgerüstet steht nun ihr hier, und es lässt sich nun abermals eine neue Frage setzen, welche also lauten soll: Was werdet ihr nun zur Verringerung oder wohl gar zur gänzlichen Tilgung solch eines allerbarsten Höllengewinnes vorbringen? Denn das muss ich euch sogleich hinzubemerken, dass durch ein pures unvermitteltes Erbarmen von Seiten des Herrn ewig niemand zum Leben eingehen kann; denn wer nicht hat, dem wird noch genommen werden, was er hat.
GS|1|85|12|0|Seht, das ist die wichtige Frage, welche ihr noch zu erörtern habt. Ich gebe euch dazu ebenfalls eine Frist. Könnt ihr etwas hervorbringen, das hier im Reich der nackten Wahrheit und völligen Untrüglichkeit angenommen werden kann, so ist es wohl und gut, könnt ihr aber solches nicht, so habt ihr schon in euch, was euch richten wird. Glaubt es mir, nicht der Herr und nicht ich werden euch richten, sondern das Wort, das der Herr geredet, wird euch in euch selbst richten, da ihr doch, wie ihr nun aus dieser meiner Erklärung gar deutlich habt entnehmen können, demselben allzeit schnurgerade entgegengehandelt habt, daher denn auch dasselbe in keinem Punkt für euch, sondern nur eben schnurgerade wider euch sein muss.
GS|1|85|13|0|Der Prior spricht: Ja, also ist es. Nun ist das Urteil für die Hölle schon so gut wie fertig; denn was sollte ich für meinen Vorteil nun hervorbringen? Ich kann nichts anderes sagen als: Herr, sei uns armen, blinden Toren und allergröbsten Sündern gnädig und barmherzig! Ich sehe nichts als nur die überschwängliche Fülle meiner Schuld vor mir, und dazu bedarf es wirklich keiner Frist. Und es kommt am Ende auf nichts anderes als auf das nur hinaus, dass wir länger in der peinlichen Lage verbleiben müssen, zu erwarten das schreckliche Urteil, welche Erwartung mir und sicher uns allen schon jetzt peinlicher vorkommt, als da das Feuer der Hölle selbst sein muss. Daher bitte ich dich auch, halte uns nicht länger mehr hin, sondern gib uns dahin den Stoß, wohin wir gehören.
GS|1|85|14|0|Ich spreche: Hier waltet nicht meine Willkür, sondern die göttliche Ordnung! Daher hast du dich auch derselben zu fügen, willst du nicht eigenmächtig für ewig zugrunde gehen. Darum sage ich dir noch einmal, dass du reden sollst in dem dir gegebenen Punkt. Denn ich sehe in dir noch ein Vorwort für die Beichte, und solange diese nicht aus dir ist, kannst du diese Stelle nicht verlassen; daher beachte die Frist und rede dann! Amen.
GS|1|86|1|1|Wie ein Beichtvater als ungerechter Haushalter wirken kann. Der Herr ist auch in der Hölle pur Liebe
GS|1|86|1|1|(Am 31. März 1843 von 5 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|86|1|0|Unser Prior hat bereits in dieser neuen kurzen Frist alle Winkel seines Wesens durchsucht und hat, wie ihr bald aus seinem Munde vernehmen werdet, glücklicherweise ein Vorwort für seine Sache gefunden. Wir wollen ihm daher auch sogleich die Gelegenheit bieten, in welcher er sich seines vorgefundenen Vorwortes entäußern soll, und somit spreche ich zu ihm: Freund und Bruder! Ich sehe, dass du einen Fund gemacht, der im günstigsten Falle wohl ein allerredlichstes Beichtwesen entschuldigen kann; ob aber dieser Fund auch dir zu Gunsten gerechnet werden kann, das ist eine himmelhoch andere Frage.
GS|1|86|2|0|Der Prior sagt: Ich muss zwar hier auch ebenso aufrichtig wie in allem anderen über diesen Punkt in meiner Beziehung gestehen, dass er besonders hinsichtlich der Beichte mir auf der Welt zuallermeist tröstend war. Ob aber diese Tröstung von mir aus rechtlich oder widerrechtlich angenommen war, das ist wieder eine andere Frage.
GS|1|86|3|0|Der Punkt selbst aber ist das Gleichnis vom ungerechten Haushalter, der sich in seiner Stellung, wenn man es so recht genau betrachtet, fast gerade so verhält, wie ein Beichtvater zu seinen Beichtkindern. Der Herr lobte den ungerechten Haushalter und sagte sogar zu Seinen Jüngern, dass auch sie sich auf gleiche Weise Freunde machen sollten am ungerechten Gut, damit diese dann, wenn der Herr von seinem Haushalter Rechenschaft fordern wird, ihn in ihre himmlischen Wohnungen aufnehmen möchten.
GS|1|86|4|0|Siehe, das ist aber auch alles, was ich zu meinen Gunsten habe finden können. Ich denke auch, dass viele von meinen Beichtkindern vom Herrn sind aufgenommen worden und werden sich in den himmlischen Wohnungen befinden. Ich war freilich ein ungerechter Haushalter; am ungerechten Gut des göttlichen Wortes habe ich mich versündigt, zum Nachteil des großen Hausherrn habe ich mit diesem unschätzbaren Gut gewirtschaftet, welches für mich im höchsten Grad als ein ungerechtes Gut betrachtet werden kann, da ich es im buchstäblichen Sinn des Wortes in den schändlichsten Mammon verwandelt habe.
GS|1|86|5|0|Wie oft habe ich den allerbarsten Schuldnern gegen den Herrn ihre Schuld auf der Beichttafel ausgelöscht, ließ ihnen das Hauptkapital völlig nach und nur das lässliche kleine Kapital ließ ich den Schuldnern noch übrig, als welches bloß die lässlichen Sünden als zurückgebliebene Makel von den großen betrachtet werden. Diese allein wurden einer eigenen Bußläuterung überlassen, nebstbei aber dennoch auch an läuternde Mittel angewiesen, durch welche der lässliche Schuldner gar leicht ohne alle Mühe seiner lässlichen Schuld loswerden konnte.
GS|1|86|6|0|Dass die Kirche eigenmächtig solche Mittel angeordnet hatte, welche nicht nur ich, sondern ein jeder Priester in ähnlichen lässlichen Schuldfällen zu gebrauchen streng angewiesen ward, dafür kann ich wohl so wenig als jeder andere meinesgleichen. Hier hast du nun alles, was ich dir geben kann; deine Weisheit wird besser denn all mein Verstand diese Sache beurteilen.
GS|1|86|7|0|Nun spreche ich: Nun, lieber Freund und Bruder, ich habe dein Vorwort vernommen und sage dir, dass es für die Sache der Ohrenbeichte wohl taugt, aber wie? Das ist eine ganz andere Frage, und dieses will ich dir sogleich kundgeben.
GS|1|86|8|0|Wenn der Beichtiger im wahren Sinne voll Liebe ist in seinem Herzen und benützt die Gelegenheit der Beichte also, dass er dem Beichtenden zeigt, wann und auf welche Weise ihm allein vom Herrn die Sünden nachgelassen werden, und zeigt ihm, dass die Beichte an und für sich ohne die Beachtung der freundlichst angeratenen Mittel und deren völlige Beobachtung gänzlich wirkungslos ist und im Gegenteil einen Sünder, wenn er in der Beichte die völlige Nachlassung seiner Sünden glaubt, nur noch verstockter und unverbesserlicher macht. Und wenn der Beichtiger dem Beichtenden noch dazu allerfreundlichst und liebevollst den Rat erteilt, dass er allersorgfältigst und vollernstlichst dahin trachten solle, dass er durch Vermeidung all seiner bekanntgegebenen Sünden sich auf den Wegen, welche das Evangelium vorzeichnet, unabwendbar fortbewegen soll, auf welchen Wegen er allein zur Wiedergeburt des Geistes gelangen kann, und der Beichtende dem Beichtiger darauf die aufrichtigste Versicherung gibt, dass er alles Mögliche aufbieten wird, um dem Rat des Beichtigers vollkommen zu genügen, und der Beichtiger dem Beichtenden auf solch eine ersichtlich lebendige Zusicherung im Namen des Herrn die bekanntgegebenen Sünden nachlässt, – so ist er ein rechter Beichtiger, und kann in dem Falle als ein ungerechter Haushalter angesehen werden.
GS|1|86|9|0|Du fragst hier freilich wohl bei dir selbst, wie möglich denn in diesem Falle ein Beichtiger noch ein ungerechter Haushalter sein kann? Solches kannst du zum Teil aus dem schon von mir kundgegebenen Verhältnis ersehen, demzufolge niemand zwischen zwei gegenseitigen Schuldnern das Recht hat, die Schuld zu tilgen, außer so ein Dritter zwischen die zwei Schuldner tritt, und so mit der Lehre der Liebe wieder vereint und für einen armen Schuldner an einen Gläubiger aus seiner Kasse liebtätigst die Schuld bezahlt, aber wohlgemerkt mit dem Beisatz, dass mit solcher liebtätiger Schuldtilgung beide Teile völlig brüderlich freundlich einverstanden sind.
GS|1|86|10|0|Und im zweiten Falle ist die ungerechte Haushalterschaft eines solchen redlichen Beichtvaters noch ganz vorzüglich aus dem Text der Schrift zu ersehen, wo der Herr zu Seinen Aposteln und Jüngern spricht: „So ihr aber alles getan habt, da sagt und bekennt: Wir sind unnütze Knechte!“
GS|1|86|11|0|Ich meine, dass es in dem Falle nicht mehr nötig sein wird, dich noch tiefer belehren zu müssen; denn wenn du an das Evangelium nur noch einen Funken lebendigen Glaubens hast, so muss dir das bereits von mir Gesagte als eine ewig unumstößliche Wahrheit völlig einleuchtend sein. Du sagst mir jetzt in deinem Gemüt: Mir ist dieses alles nun nur zu klar; aber was soll jetzt mit mir und uns allen geschehen, da wir samt und sämtlich nicht können als ungerechte Haushalter angesehen werden, indem wir, wie wir hier sind, wohl nie in diesem reinsten Sinne im Beichtstuhl gesessen sind? Ich sage dir aber: Der Weg ist schon geöffnet, und es soll dir gar bald die Gelegenheit werden, hier im Reich der Untrüglichkeit einen besser gearteten ungerechten Haushalter zu machen, als du ihn auf der Erde gemacht hast, allwo dir Licht und der lebendigste Glaube im vollkommensten Maße fehlten.
GS|1|86|12|0|Siehe hinter uns den ganzen betrogenen Laientross, siehe die große Menge der Laien in diesem Paradies, dann siehe ferner die bedeutende Menge der Seelenschläfer in diesem Kloster eurer falschen Begründung! Gehe hin und predige ihnen das wahre Evangelium, bringe sie alle hierher, und du wirst dadurch den ersten Schritt tun, um ein wahrhaftiger ungerechter Haushalter im Reich Gottes zu werden.
GS|1|86|13|0|Der Prior spricht: O du göttlicher Freund und Bruder! Wäre es denn wohl noch möglich, dass ich der Hölle entrinnen könnte?!
GS|1|86|14|0|Ich spreche: Wer hat dich denn zur Hölle verdammt? Meinst du, die Boten der ewigen Liebe werden solches tun? Wenn du dich selbst nicht verdammst durch deinen unbeugsamen Sinn, und wenn du, wie ich es sehe, Liebe zum Herrn in dir empfindest, wo ist wohl da derjenige, der über alles das die Macht hätte, dich zur Hölle zu verdammen? Meinst du, der Herr sendet Seine Boten der Verdammnis wegen? O da bist du noch in einer großen Irre!
GS|1|86|15|0|Der Herr sendet Boten nur der Erlösung, aber ewig nie der Verdammnis willen! Daher kümmere dich nicht mehr um Törichtes, sondern mache deine Liebe zum Herrn hell auflodern und gehe hin in solcher Liebe zu deinen Brüdern und führe sie alle aus ihren Gefängnissen hierher, und du wirst dann erst erfahren, wie der Herr Seine Kinder richtet.
GS|1|86|16|0|Glaube mir, der Herr ist auch in der Hölle pur Liebe; und nicht ein arger Geist ist darinnen, der nicht, so er nur will, berechtigt wäre, als ein verlorener Sohn zum Vater zurückzukehren! Wenn aber solches der allergewisseste und alleruntrüglichste Fall ist, so wirst du wohl auch aus deiner Liebe zum Herrn schließen können, dass dich Seine Allmacht nicht für die Hölle erschaffen hat. Daher gehe nun und tue, was ich dir gesagt habe, auf dass dir bald eine Löse werde!
GS|1|87|1|1|Die rechte und die falsche Beichthandhabung. In Anbetracht auf den Herrn gibt es nirgends einen Irrweg
GS|1|87|1|1|(Am 3. April 1843 von 5 bis 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|87|1|0|Seht, der Prior geht, um zu holen diejenigen, die wir ehedem jenseits der flammenden Kluft verlassen haben. Ihr fragt wohl, ob über diese Kluft schon irgendeine Brücke gemacht ist, über welche sich die Seelenschläfer zu uns hierher werden begeben können? Ich sage euch: In dieser Hinsicht ist zwar bis jetzt noch nichts geschehen, weil unsere Seelenschläfer nach unserer Entfernung mit sich selbst haben ein Mitleid zu tragen angefangen, welches aber eben für den Menschen in Beziehung auf das geistige Leben von einer äußerst schlechten Wirkung ist.
GS|1|87|2|0|Denn in dem Eigenmitleid rechtfertigt der Mensch sich selbst, schiebt alle Schuld woanders hin und stellt sich sonach als ein schuldloser und zugleich aller Erbarmung würdiger Mensch dar. Da solches eben bei unseren Seelenschläfern, wie schon bemerkt, der Fall ist, so kann auch über die Kluft noch keine Brücke sein, über welche sie zu uns hierhergelangen könnten. Solches dient aber auch für unseren Prior zu einer starken Probe, und es wird sich zeigen, was diese Seelenschläfer-Brüderschaft bezüglich ihres misslichen Zustandes auf ihn für eine Wirkung machen wird.
GS|1|87|3|0|Ihr möchtet wohl Zeugen von seiner Handlungsweise sein, ich aber sage euch, solches ist vorderhand durchaus nicht notwendig, denn wir werden seiner noch früh genug wieder ansichtig werden, da er sicher unverrichteter Dinge hierhergelangen wird.
GS|1|87|4|0|Wir aber wollen uns dafür unterdessen lieber an einen anderen Mönchsbruder wenden und da sehen, welche Wirkung unsere Bearbeitung des Priors auf ihn gemacht hat. Wir brauchen nicht zu sagen: Komme her und enthülle dich uns! Denn ihn selbst drückt der Schuh, und so kommt er, wie ihr seht, eben in der Absicht zu uns und stellt soeben folgende Frage an mich, sagend nämlich: Guter Freund und Bruder! Ich habe deiner Belehrung über die Beichte vom Anfang bis zum Ende mit der größten Aufmerksamkeit und inneren Würdigung zugehört und daraus entnommen, dass leider diese Hauptfunktion in der katholischen Kirche zumeist ein allerverkehrtester Missbrauch des göttlichen Wortes ist, und man kann deiner ausgesprochenen reinen Wahrheit füglichermaßen nichts einwenden. Aber dessen ungeachtet, dass wir hier auch solches einsehen, besteht diese Funktion in eben dieser Kirche, wie sie seit Jahrhunderten bestanden ist und auch fürder bestehen wird, dennoch fort.
GS|1|87|5|0|Wenn demnach aber eben diese Funktion sowohl für den Beichtiger wie auch für den Beichtenden von einem so entschieden großen Nachteil ist in Hinsicht auf dieses ewige Leben des Geistes, so lässt sich denn da doch wohl mit dem besten Gewissen von der Welt die gewichtige Frage aufstellen, warum der allgerechte, liebevollste, allerhöchstweiseste allmächtige Herr und Gott Himmels und der Erde so einen Gräuel eben in Seinem Weingarten duldet?
GS|1|87|6|0|Denn ich muss dir zudem noch offen bekennen, dass eben durch diese Beichte gar so manche Menschen auf der Erde sichtbarermaßen große Lieblinge des Herrn waren und Er Sich ihnen auch zu verschiedenen Malen leibhaftig geoffenbart hat. Und so viel ich mich entsinnen kann, so hat Sich der Herr zu keinem dieser Seiner Lieblinge über diese Funktion unbilligend geäußert.
GS|1|87|7|0|Im Gegenteil weiß ich mehrere Fälle, wo eben auf diese Weise der Herr durch Seine Lieblinge den anderen Menschen kundgetan hat, dass sie also für ihre begangenen Sünden, reumütigst beichtend, wahre Buße zur Vergebung ihrer Sünden wirken sollten. Und ich weiß auch mehrere Fälle, wo Menschen, welche diesen Rat vollkommen beherzigt haben, nach einer solchen im vollsten Ernst vorgenommenen Beichtfunktion im Geiste und in der Wahrheit völlig wiedergeboren worden und dann von dem Augenblicke an wahre, hochachtbare Freunde des Herrn geblieben sind.
GS|1|87|8|0|Wenn es aber dennoch mit dieser Funktion auf diesem Fuße steht, wie du uns alle vorhin belehrt hast, da muss ich dir offen bekennen, dass mir die Leitung des Menschengeschlechts auf der Erde von Seiten des Herrn ein unauflösliches Rätsel ist. So viel ich mich recht wohl erinnern kann, so ist die Beichte ja ohnehin so gestellt, dass der Sünder nur dann durch diese Bußfunktion die Vergebung seiner Sünden überkommt, wenn er mit dem allerernstlichsten Vorsatz dieselben dem Priester kundgibt, dass er sie als erkannte Fehltritte seines Lebens allerwahrhaftigst bereut und in der Zukunft vorsätzlich ernstlich nimmer wieder begehen will.
GS|1|87|9|0|Wenn diese Bedingung von Seiten des Beichtenden nicht erfüllt wird, so wird solches ja ohnehin möglichst oft von den Kanzeln bekanntgegeben, und namentlich vor den allgemeinen Beichtzeiten, dass da niemand, wie gesagt, ohne die völlig erfüllten Bedingungen die Nachlassung seiner Sünden erhalten kann.
GS|1|87|10|0|Also wird auch sowohl von den Kanzeln wie in den Beichtstühlen allersorgfältigst gepredigt und gelehrt, dass da niemandem eine Sünde von Seiten des Herrn nachgelassen werden kann, wenn der Beichtende nicht zuvor sich mit allen seinen Schuldnern aus dem innersten Grund seines Herzens verglichen hat. Wenn irgend vielleicht ein größerer Unfug mit dieser Funktion getrieben wird, als es die allgemeine kirchliche Regel haben will, dass eben diese Funktion in solchem reinen Sinne gehandhabt werden soll, so kann solch ein Unfug ja doch nicht der Allgemeinheit zur Last gelegt werden.
GS|1|87|11|0|Sieh, ich will in dieser Sache durchaus nicht das berühren, ob von Seiten der Kirche die Forderung des Herrn laut der bekannten Texte richtig oder unrichtig aufgefasst worden ist; aber das ist denn doch sicher, dass es der Herr eben nicht für gar so unbillig, wenigstens auf der Erde, ansehen muss, weil Er diese Funktion fürs Erste hat aufkeimen lassen und fürs Zweite diesen aufgekeimten Baum noch immer in Seinem Weingarten duldet und dieser Baum Ihm auch bekanntermaßen stets eine reichliche Ernte abwirft.
GS|1|87|12|0|Denn das ist einmal gewiss: Wenn jemand krank ist, so soll er zu einem Arzt gehen, demselben sein Übel anzeigen, auf dass es der Arzt dann in der Wurzel erkenne und dem Leidenden dafür ein wirksames Heilmittel biete. Wenn aber solches leiblichermaßen wohl niemand unbillig finden kann, indem man doch auch sagen könnte: Dem allmächtigen Herrn allein steht es zu, alle Krankheiten zu heilen, was Er auch sicher tut nach Seiner Ordnung, so der Leidende im lebendigen Vertrauen auf den Herrn die Mittel von dem wohlerfahrenen Arzt als vom Herrn gesegnet gebraucht.
GS|1|87|13|0|Wenn also, wie gesagt, solches für den Leib gilt, da sehe ich wirklich nicht ein, warum es gleichermaßen nicht auch für die kranke Seele des Menschen gelten sollte. Sind wirkliche leibliche Unterärzte an der Seite der göttlichen Liebe und Allmacht nicht als überflüssig anzusehen, aus welchem Grunde sollen denn geistige Unterärzte an der Seite der göttlichen Liebe und Erbarmung überflüssig sein? Zudem sind die Menschen gegenseitig ja vom Herrn angewiesen, liebtätig zu sein.
GS|1|87|14|0|Wenn es durchaus sicher nie als gefehlt betrachtet werden kann, wenn man die Nackten bekleidet, die Hungrigen speist, die Durstigen tränkt, die Betrübten tröstet, die Gefangenen erlöst u. dgl. m., und der Herr Selbst in dem Beispiel, wer der wahre Nächste ist, dem Erschlagenen durch den barmherzigen Samaritaner Hilfe gesendet hat, – wie sollen demnach geistige Werke der Erbarmung und Liebe des Herrn von Seiten Seiner geistigen Unterärzte in ihrer Art, wie sie bestehen, dem Herrn ein Gräuel sein? Und sind sie schon nicht gerade, wie sie sein sollten, als vollkommen entsprechend diesem reinsten Reich der Wahrheit, so können aber ja dennoch wir spät nachfolgenden Diener dieser kirchlichen Hauptregel nicht umhin, so wir diese Regel, wie sie ist und besteht, zur Vergebung der Sünden und Besserung der Menschen gebraucht haben.
GS|1|87|15|0|Ich meine aber, einen absoluten Gräuel hätte der Herr auf der Erde schon lange ausgemerzt; da er aber dennoch sicher in keinem schlechten Sinne besteht, so möchte ich, wie schon anfangs erwähnt, von dir in dieser Hinsicht ein etwas helleres Licht überkommen.
GS|1|87|16|0|Nun spreche ich: Mein Freund und Bruder, deine Frage ist wichtiger und bedeutender, als du sie dir selbst denkst, und um sie gehörig zu beleuchten, gehört mehr Licht dazu, als du es gegenwärtig noch zu ertragen vermöchtest. Vorläufig aber will ich dir nur so viel sagen, dass die Führung des Herrn viel wunderbarer und außerordentlicher ist, als du davon in Ewigkeiten nur den allerkleinsten Teil wirst zu fassen imstande sein.
GS|1|87|17|0|Siehe, in Anbetracht auf den Herrn gibt es nirgends einen Irrweg; jeder ist dem Herrn wohlbekannt und jeder geht von Ihm aus als ein Lebensband. Aber du wirst doch auch einen Unterschied machen zwischen einem geraden und einem krummen Weg?
GS|1|87|18|0|Dass Sich der Herr auch auf dem krummen Weg zurechtfindet, das liegt sicher außer allem Zweifel; dass aber der Mensch auf einem krummen Weg nicht so bald ans Ziel gelangt wie auf einem geraden, das wird wohl auch außer Zweifel liegen. Wenn ein Weg viele Seitenwege hat, welche vom Ziel ablenken, und man nicht selten zufolge eines solchen Abweges die ganze Erde vielfach umwandeln kann, bis man an das gerechte Ziel kommt – solches wird auch nicht so schwer zu begreifen sein –, so ist es doch klar, dass es dem Herrn nicht einerlei sein kann, ob jemand auf solchen Seitenwegen sich Ihm naht, oder ob er sich auf dem kürzesten Weg zu Ihm begibt.
GS|1|87|19|0|Du sagst zwar hier in deinem Inneren: Solches alles ist richtig; aber dessen ungeachtet siehst du nicht ein, wie die Beichte in dieses Beispiel hineinpasst, indem du sie ebenfalls für einen allerkürzesten Weg ansiehst. Ich sage dir: Es ist allerdings nicht in Abrede zu stellen, dass diese Funktion nicht selten für so manche Menschen ein kürzester Weg war; wie aber? Weil der Herr solch einem Menschen, der es mit der Besserung seines Lebens ernst nahm, entgegenkam und leitete ihn dann Selbst auf den geraden und kürzesten Weg. Solches aber ist noch kein Grund, um dieser Funktion ein billigendes Wort zu halten. Es gibt auch Tausende und Tausende aus den Heiden, denen der Herr ebenfalls entgegenkommt und sie nach Seiner Art führt auf den geraden Weg. Solches ist eine ledige Erbarmung des Herrn. Weil Sich aber der Herr solcher Heiden erbarmt, sollte man darum dem Heidentum ein Vorwort sprechen?
GS|1|87|20|0|Ich aber habe ja ohnehin gezeigt im Verlaufe meiner Belehrung, wie eine Beichte beschaffen sein soll, wenn sie vom Herrn aus als billig und sogar anempfohlen betrachtet werden kann. Ich habe gezeigt den ungerechten Haushalter, worin der Herr einzig und allein vorgesehen die bestehende katholische Beichte billigt. Ist demnach der Beichtiger gleich dem ungerechten Haushalter und tut seine Funktion in dieser alleinig wahren und zu billigenden Szene, so ist denn die Beichte auch evangelisch, also ein Zweig an dem wahren Baum des Lebens. Ist sie aber nur ein eigenmächtiges priesterliches Gericht, so ist sie ein getrennter Zweig vom Baum des Lebens, der keine Früchte tragen kann.
GS|1|87|21|0|Dass von Seiten der katholischen Gemeinde unter der Leitung des römischen Bischofs schon gar viele dem Herrn wohlgefällige Früchte getragen worden sind, und dass diese Funktion nicht selten eine gute Demütigung für die Menschen ist, das wissen wir viel besser als du. Denn wäre solches nicht der Fall, da kannst du wohl versichert sein, dass der Herr einem reinen Unfug allzeit gar wohl zu steuern versteht, wie Er es auch zu Zeiten der verschiedenartigen kirchlichen Reformation getan hat, indem in dieser Zeit eben diese Funktion auf den Grad der unsinnigsten Ausartung gediehen ist. Aber aus allem dem geht für dieses Reich der reinen Wahrheit noch keine vollkommene Billigung hervor.
GS|1|87|22|0|Wenn der Beichtiger sagt, dass nicht er, sondern der Herr allein die Sünden vergeben kann, und betrachtet sich dabei nur als ein liebtätiges Werkzeug, welches dem geistig Bedrängten eben in der Beichte wie auch auf der Kanzel die reinen Wege zum Herrn zeigt, so ist er ein rechter Beichtiger, das heißt, er ist als solcher ein liebeerfüllter, wahrhaftiger Menschenfreund, dem das geistige Wohl seiner Brüder über alles am Herzen liegt. Wenn er aber spricht: Ich habe die Gewalt, dir die Sünden zu erlassen oder vorzubehalten, und es hängt von mir ab, dich in die Hölle oder in den Himmel zu bringen, so maßt er sich die göttliche Gewalt an,
GS|1|87|23|0|macht seinem Bruder dadurch Gott entbehrlich, zerreißt dadurch das Band zwischen Gott und dem Menschen und macht aus dem Menschen entweder einen verzweifelten Verächter alles Göttlichen, oft einen verzweifelten Bösewicht, der sich mit der Zeit, über alles hinaussetzend, endlich gar nicht mehr scheut, alle möglichen Gräuel ohne den geringsten Gewissensdruck zu verüben. Oder er macht aus dem Menschen entweder einen Gleißner oder einen gewissensruhigen Nachbeichtschläfer, der sich nach der Beichte um kein Haar anders befindet, als er sich vor der Beichte befunden hat, indem er glaubt, in der Beichte seinen alten Sündensack ausgeleert zu haben und sich am Ende auch noch allerunsinnigstermaßen vorstellt, dass er wegen der nächsten Beichte im Ernst wieder etwas sündigen muss, damit er etwas zu beichten und der Priester ihm gewohntermaßen wieder etwas nachzulassen hat.
GS|1|87|24|0|Wenn also, wie gesagt, es sich mit dieser Funktion so verhält, sage mir, ist sie da wohl zu billigen? Du verneinst solches in deinem Inneren; also sage auch ich dir, dass deine Frage fürs Erste als völlig überflüssig anzusehen ist, wenigstens für diesen gegenwärtigen Standpunkt; fürs Zweite ist sie eben dadurch beantwortet. Der Verfolg aber wird euch allen erst in dieser Hinsicht ein mächtigeres Licht anzünden.
GS|1|88|1|1|Das alleinige Erlösungsmittel und die alleinige Brücke vom Tod zum Leben
GS|1|88|1|1|(Am 4. April 1843 von 5 1/4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|88|1|0|Und da seht ihr nun hin: Unser Prior kommt mit einem ganz verzweifelten Gesicht unverrichteter Dinge soeben wieder aus dem Kloster zurück und naht sich uns mit großer, zweifelvoller Bangigkeit seines Gemütes. Er wird sich vor uns auch sogleich zu entäußern anfangen, daher habt nur Acht darauf, denn daraus werdet ihr wieder um einen tüchtigen Schritt tiefer in die göttlichen Führungen eingeweiht werden.
GS|1|88|2|0|Der Prior ist bereits gegenwärtig und fängt an, seinen Mund zu öffnen. Also hören wir, denn er spricht: O Freund und Bruder! Was für eine Bewandtnis es vorerst mit deiner und dann auch mit dieser meiner Sendung hat, das wird wohl der Herr am besten wissen; aber ich werde auf keinen Fall klug daraus. Denn siehe, ich kam nach deiner Beheißung hinüber zu unseren seelenschlafenden Brüdern und wollte sie eben auch nach deiner Beheißung hierherführen. Aber was für eine Entsetzlichkeit musste ich da gewahr werden?!
GS|1|88|3|0|Siehe, zwischen mir und ihnen, die da heulten und wehklagten, war eine breite Kluft, aus welcher helle Flammen hervorschlugen. Hinter diesen Flammen waren meine Brüder fortwährend bemüht, irgend darüberzukommen; aber es war umsonst. Ich suchte Gegenstände über die Kluft zu legen, um ihnen dadurch eine Notbrücke zu machen. Allein, was immer ich über die Kluft legte, ward alsbald von den Flammen ergriffen und jählings verzehrt.
GS|1|88|4|0|Da ich also bei aller meiner Anstrengung und bei meinem besten Willen deiner Beheißung nicht zu entsprechen vermochte, so dachte ich mir, da das Unmögliche doch Gott Selbst von niemandem verlangen kann, so kann solches auch umso weniger ein von Ihm abgesandter Bote verlangen. Denn über diese Kluft eine Brücke zu machen, die dem schauerlichen Element Trotz bieten würde, war mir allerreinst unmöglich.
GS|1|88|5|0|Und so kehrte ich denn notgedrungen unverrichteter Sache wieder also zurück, wie ich abgesandt wurde und dachte mir, entweder habe ich deine Sendung nicht verstanden, oder du hast mich mit dieser Sendung einen handgreiflichen Beweis an mir selbst erfahren lassen, demzufolge ich ersehen sollte, wie völlig untauglich und ungeschickt ich zum Reich Gottes bin. Und ist es denn, wie es wolle, dachte ich mir ferner, eine nachträgliche Beleuchtung von deiner Seite wird hier wohl schier am allereigentlichsten Platze sein. Also bin ich denn wieder hier und habe dir kundgetan, wie es mit der Sache steht. Du aber magst tun, was du willst. Das sehe ich klar ein, dass wir alle dir nicht zu widerstreben vermögen. Und wärst du auch kein Bote von oben, so müsste sich aber unsere geringe Kraft dennoch von der deinigen unterjochen lassen, weil sie ihr nirgends auch nur im Allergeringsten zu opponieren vermag.
GS|1|88|6|0|Ich muss dir noch hinzubekennen, dass ich beim Anblick des großen Jammers meiner Brüder an deiner göttlichen Sendung nahe zu zweifeln angefangen habe; doch dachte ich mir wieder dabei, man müsse das Ende abwarten und dann erst urteilen. Daher warte ich auch hier nun deine verheißene Lösung ab und will nach derselben erst ein Urteil in mir selbst fällen, daraus mir klar wird, in was für Händen ich mich befinde.
GS|1|88|7|0|Nun spreche ich: Das kommt mir wirklich etwas sonderbar von deiner Seite aus betrachtet vor, dass du über deine feurige Kluft keine Brücke hast errichten können, nachdem sich doch das Oberhaupt der Kirche den sehr bedeutungsvollen Titel „Pontifex maximus“ [oberster Brückenbauer] beilegt, demzufolge sonach doch auch sicher alle unter seinem Szepter stehenden Priester pontifices minores [kleine Brückenbauer] sind. Und du als eben ein solcher pontifex minor, der du bei deinem Leibesleben gar viele Seelenmessen gelesen hast und dadurch in der Meinung warst, den abgestorbenen Seelen Brücken vom Fegfeuer in das Paradies zu bauen, nun nicht imstande bist, über die sehr schmale Kluft eine kleine Brücke zu bauen.
GS|1|88|8|0|Der Prior spricht: Lieber Freund und Bruder, mir geht schon ein kleines Licht auf; und wenn ich mich nicht irre, so hast du mich mit dieser Beheißung ein wenig anrennen lassen, damit ich daraus ersehen sollte, welch eine Bewandtnis es mit unseren Seelenmessen hat, wie auch mit allen anderen allzeit zu bezahlenden Sterblichkeitsfunktionen.
GS|1|88|9|0|Nun spreche ich: Ja, lieber Freund und Bruder, diesmal hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Weißt du, was das alleinige Erlösungsmittel ist und somit auch die alleinige Brücke vom Tod zum Leben? Du bedeutest mir, solches nicht völlig zu erschauen; ich aber sage dir: Blicke hin auf den Herrn! Was wohl hat Ihn bewogen, das gefallene Menschengeschlecht der Erde zu erlösen und somit jeglichem Bewohner der Erde eine ewig haltbare Brücke vom Tod zum Leben zu bauen? War es nicht Seine ewige, göttliche Vaterliebe? Du bejahst mir solches; gut! Ich sage dir aber noch etwas hinzu:
GS|1|88|10|0|Wenn ein König auf der Erde irgend Gefangene hätte, jemand aber möchte diesen Gefangenen helfen; die Gefangenen sind aber in einer starken Festung verwahrt, zu der niemand als nur der König den Schlüssel hat. Dieser Mensch aber, dem es um die Gefangenen bange ist, hat in die Erfahrung gebracht, dass der König durch nichts als lediglich nur durch eine große Demütigung vor ihm und dann durch eine große, alles andere auf die Seite setzende Liebe zugänglich ist.
GS|1|88|11|0|Da wir nun solches wissen, so frage ich dich: Wie wird es dieser Mensch denn anstellen müssen, um den Gefangenen einen Ausgang aus ihrer Gefangenschaft zu bereiten? Siehe, ich will es dir kundgeben. Er wird zuerst durch die Liebe zu den Gefangenen dahin bestimmt werden, einen sehnlichsten Wunsch zu haben, sie frei zu wissen. Siehe, das ist der erste Brückenkopf. Hat er diesen Brückenkopf errichtet, so wird er bedenken, dass ein König, der einzig nur durch Demut und Liebe zugänglich ist, ein überaus edler, guter und gerechter Fürst sein müsse. Und hat er solches bedacht, so wird er ebenfalls alle seine Demut und Liebe auf einen Punkt zusammenziehen und sie dem König zum Opfer bringen. Wenn er solches getan hat, so hat er den zweiten Brückenkopf vollendet.
GS|1|88|12|0|Da aber dann der überaus edle, gute und gerechte König ein solches Opfer sicher allerwohlgefälligst aufnehmen und unserem Brückenbauer mit einer noch viel größeren Liebe entgegenkommen wird als möglicherweise dieser zu ihm kam, so wird da dann doch etwa klar sein, dass die Liebe des Königs gar sicher sich mit der Liebe des Brückenmachers zu einem Zweck vereinen wird, und die Brücke über den Festungsgraben wird erbaut sein. Der König selbst wird kommen, das verschlossene Tor der Festung öffnen und alle die Gefangenen freimachen und wird sie herausführen aus der großen Schmach in das Land der Herrlichkeit!
GS|1|88|13|0|Nun, da wir dieses Bild noch hinzugefügt haben, so wird es dir etwa doch klar sein, aus welchem Stoff und wie eine Brücke erbaut werden muss, welche das Feuer des Eigennutzes, der Eigenliebe, der Selbstsucht, des Neides und der Zwietracht nicht zu zerstören vermag. Du sprichst nun: Ja, ich erkenne es, es ist die Liebe des Nächsten und die Liebe zu Gott in eins vereinigt.
GS|1|88|14|0|Gut, sage ich dir; also gehe hin und baue aus diesem Stoff eine Brücke, und du kannst versichert sein, dass diese Brücke ein wahrer, unzerstörbarer Felsen wird, welcher jeder Höllenmacht trotzt. Also wird er auch sein der wahre Schlüssel, mit welchem du wie jeder aus euch alle Gefängnisse werdet öffnen und die wahren Pforten des Himmels auftun können.
GS|1|88|15|0|Du hast auf der Welt zwar viele Messen gelesen und andere kirchliche Funktionen zur Wohlfahrt der verstorbenen Menschen verrichtet. Aber du bautest überall dadurch auf Sand und dein Baumaterial war selbst nichts als Sand, indem du nicht die Liebe zum Grund hattest bei all diesen Funktionen, sondern lediglich nur den kirchlichen Erwerb.
GS|1|88|16|0|Was davon und daraus für deine Brüder Ersprießliches hervorgegangen ist, hast du dich eben selbst überzeugt, denn deine materiellen Brückenversuche entsprachen deinen kirchlichen Funktionen. Nun aber gehe hin und baue eine Brücke aus dem lebendigen Felsen Petri, welcher ist die Liebe und ihr lebendiges Licht, und du wirst sicher eines anderen Erfolges gewahr werden, als es zuvor der Fall war.
GS|1|88|17|0|Glaube aber, dass nicht du, sondern nur der König allein die Gefangenen freimachen kann, so wird es auch geschehen, wie du aus deiner Liebe heraus lebendig glaubest. Und also gehe denn wieder im Namen des Herrn. Amen!
GS|1|89|1|1|Rede und Gebet des Priors überzeugen die Seelenschläfer
GS|1|89|1|1|(Am 6. April 1843 von 5 1/4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|89|1|0|Seht, unser Prior bewegt sich bereits wieder zu den Seelenschläfern. Diesmal aber muss auch ich mein den Seelenschläfern gemachtes Versprechen halten und zu ihnen kommen. Daher gehen wir dem Prior nach, damit ihr seht, was da geschehen wird. Seht, wir sind samt dem Prior auch schon an Ort und Stelle; daher geben wir hier etwas im Verborgenen Acht, was alles unser Prior mit den Seelenschläfern machen wird. Er ist nahe an der Kluft und beginnt soeben seine Anrede.
GS|1|89|2|0|Habt also Acht; denn er spricht: Liebe Brüder! Ihr wisst, was uns stets getrennt hat in unserem Konvent; es war nichts als eine Meinungsverschiedenheit über den Zustand nach dem Tod des Leibes der Seele. Ihr behauptetet, die Seele muss bis zum Jüngsten Gerichtstag in irgendeinem untätigen, sich kaum bewussten Schlafzustand verweilen und berieft euch zugunsten dieser eurer Meinung auf verschiedene Kirchenlehrer. Wir aber, die wir draußen sind, waren eurer Meinung schnurgerade entgegen und zeigten euch, wenn solches der Fall ist, dass die Seele nach dem Tod des Leibes sich in irgendeinem tatlosen, sich kaum bewussten Schlafzustand befindet, dass solchergestalt alle unsere zum Wohle der Seele gerichteten kirchlichen Funktionen so gut wie ein eitel leerer Trug sind, da sich bei solchem Zustand der Seele nach dem Tod weder ein Fegfeuer noch irgendein Grad der Hölle denken lässt.
GS|1|89|3|0|Trotz all dieses unseres Gegenbeweises habt ihr aber dennoch mit großer Heftigkeit eure Meinung behauptet. Und so war zwischen euch und uns fortwährend eine heimliche feurige Kluft, aus welcher fortwährend bei jedem Versuch, zu euch eine Brücke zu machen, Flammen emporschlugen, dieselbe allzeit zerstörend. Was sich in der Welt zwischen uns nur als eine moralische Meinung beurkundete, das beurkundet sich hier in erschaulicher Tatsächlichkeit.
GS|1|89|4|0|Nun aber will ich euch etwas anderes kundtun. Ihr wisst so gut wie ich von dem mächtigen Boten, der da zu uns gekommen ist, um uns alle aus unserem alten Irrwahn zu befreien. Dieser Bote hat mir übersonnenklar gezeigt, wie irrig und töricht wir in allem daran sind und zeigte mir einen neuen Weg zu gehen. Und dieser Weg ist kein anderer, als die alleinige Liebe zum Herrn Jesus Christus, der der alleinige Gott ist aller Himmel und aller Welten, und der in Seinem Wort von Sich Selbst ausgesagt hat, dass Er und der Vater Eines sind, und wer Ihn sieht, auch den Vater sieht. Und ferner noch ausgesagt hat: Wer Sein Wort hört und nach demselben lebt, der hat das ewige Leben in sich, und wer ebenfalls an Ihn glaubt, dass Er ist der eingeborene Sohn aus Gott, der wird ewig nimmer einen Tod schmecken!
GS|1|89|5|0|Dies also ist der Weg, ja ein ganz neuer Weg, den uns der Bote angegeben hat. Wenn wir sonach diesen Weg befolgen, diesen Weg wandeln und auf diesem Wege, also in dem alleinigen Herrn Jesu Christo, als wahre Brüder uns vereinigen, so wird diese nichtige Kluft zwischen euch und uns sobald eine gute Brücke bekommen, über welche wir samt und sämtlich in das Reich der göttlichen Erbarmung des alleinigen Herrn Jesu Christi werden gar wohlbehalten gelangen können.
GS|1|89|6|0|Erkennt euch daher! Werft euer altes, trügerisches Schlafgewand von euch und wendet euch samt mir an den alleinigen Herrn Jesus Christus, so wird Er, dem kein Verhältnis in der ganzen Unendlichkeit und Ewigkeit unbekannt ist, Sich nach Seiner unendlichen Liebe eurer erbarmen und sobald eine Brücke haltbarer Art über diese Kluft errichten, über welche ihr überaus wohlbehalten werdet wandeln können. Die Flammen in der Tiefe aber werden sicher auch sobald erlöschen, sobald ihr mit mir und somit auch mit allen anderen unseren Brüdern im Glauben und in der Liebe an den alleinigen Herrn Jesus Christus eins werdet.
GS|1|89|7|0|Nun hat der Prior ausgeredet, und einer jenseits der Kluft erwidert ihm: Guter Freund und Bruder! Deine Rede ist zwar löblich und voll guten Sinnes; was aber kann uns solches alles nützen, da du doch wissen musst, dass kein Mensch nach dem Tod des Leibes etwas Verdienstliches zum ewigen Leben wirken kann und daher hier auch aller Glaube und alle Liebe so gut wie vergebliche Gedanken des Geistes sind. Daher können wir dir gegenüber schon im Voraus versichern, dass uns allen deine an und für sich zwar gute Meinung hier gar wenig mehr fruchten wird.
GS|1|89|8|0|Nun spricht wieder der Prior: O liebe Freunde und Brüder, in eurer vermeintlichen Verdienstlichkeit ums ewige Leben liegt eben der für euer und unser Heil verderbliche Knoten begraben. Hat nicht der Herr, wie es mir der Bote gar deutlich gezeigt hat, zu Seinen Aposteln und Jüngern gesagt: „Wenn ihr aber alles getan habt, dann sagt: Wir sind unnütze Knechte gewesen.“
GS|1|89|9|0|Abgesehen aber von diesem Text, sagt mir, ihr lieben Brüder und Freunde, was Verdienstliches kann das ohnmächtige Geschöpf wohl gegenüber dem allmächtigen Gott tun? Wer aus euch hat je einen Grashalm oder auch nur eine Blattmilbe mit seiner Verdienst wirken wollenden Kraft erschaffen? Wer von euch allen war bei der Erschaffung aller Welten und Himmel dem Herrn auch nur als ein geringster Handlanger dienend zugegen? Was haben wir bei dem großen Werk der Erlösung mitgewirkt, auf dass wir dann sagen könnten, wir haben Gott dem Allmächtigen zu Hilfe etwas Verdienstliches geleistet? Was haben wir denn getan zuvor, als wir das erste Leben vom Herrn empfangen haben? Was Verdienstliches kann wohl ein schwaches Kind seinen Eltern tun, damit es dann zu ihnen sagen könnte: Gebt mir meinen verdienten Teil?
GS|1|89|10|0|Seht, also waren wir nicht nur völlig unnütze Knechte allzeit vor dem Herrn, sondern wir wähnten noch, als allerbarste irrwahnige Faulenzer, gegenüber dem Herrn etwas Verdienstliches getan zu haben. O Freunde, o Menschen, o Brüder und Sitten! Wie weit haben wir uns in solchem Irrwahn vom Ziel der ewigen Wahrheit entfernt! Hätten wir lieber auf der Welt geglaubt und das für die Welt angenommen, was wir auch hier angenommen haben, da stände es nun besser für uns, als es bis auf den gegenwärtigen Zustandspunkt noch steht.
GS|1|89|11|0|Da wir aber uns nicht mehr ins Zeitliche zurückversetzen können, so ist es aber nun in diesem unserem geistigen Zustand fürwahr die allerhöchste Zeit, welche Ewigkeit heißt, diesen großen Irrwahn einzusehen und in unserem Innersten vor dem Herrn diese unsere allergrößte Schuld allerreumütigst zu bekennen, derzufolge wir so lange in dem Wahn gestanden sind, je etwas Verdienstliches vor Gott zu unserem eigenen Seelenwohl gewirkt zu haben.
GS|1|89|12|0|Brüder! Schlagen wir uns auf die Brust und sagen einmal lebendig: O Herr! Das alles ist unsere alleinige größte Schuld, derzufolge wir nie aufhören werden, Dir, o heilige Liebe, ewige Schuldner zu sein! Brüder, ich bin überzeugt, wenn ihr solches lebendig in euch empfinden werdet, wie ich es nun allerklarst in mir empfinde, so werdet ihr sicher in einen anderen Zustand übergehen, und das über eine Brücke, von welcher wir bis jetzt alle noch keine Ahnung haben.
GS|1|89|13|0|Sprecht aber nun auch in euren Herzen mit mir und sagt es laut: O du allmächtige, heilige Liebe, du allerbarmherzigster Herr und Vater in Jesu Christo! Wir bekennen nun unsere alte, große Schuld vor Dir; wir sagen hier, dass wir allzeit nicht nur unnütze, sondern die allerschlechtesten Knechte vor Dir waren, und bekennen, dass all unsere vermeinte Verdienstlichkeit von unserer Seite Dir, o heiliger Vater, gegenüber ein Gräuel sein musste, bitten Dich aber dennoch hier in unserer äußersten und größten Not, dass Du uns gnädig und barmherzig sein möchtest! Lass uns hier zu wahren Brüdern werden, die sich allzeit durch Deine Gnade und Erbarmung lieben möchten und Dir geben in jeglichem Zustand alle Ehre, alles Lob und allen Preis! Und wir bitten Dich auch aus dem Grund unseres Herzens, dass Du, o heiliger Vater, uns nur diese allerhöchste Gnade verleihen möchtest, dass wir allergrößten Sünder vor Dir – Dich, o ewige Liebe, aber dennoch aus allen unseren Kräften lieben dürften!
GS|1|89|14|0|O Brüder, sprecht solches lebendig in euch und sagt am Schluss hinzu: O Vater! Was wir gebeten haben, haben wir zwar aus unserem Willen gebeten, wir bitten dich aber darum, dass Du Dich ja nicht etwa nach unserem Willen unser erbarmen sollst; denn nur Dein Wille allein ist heilig, und daher geschehe auch nur allein Dein allerheiligster Wille!
GS|1|89|15|0|Seht, diese Rede des Priors hat unsere Seelenschläfer ganz umgestimmt; darum sie auch ihre Kleider ausziehen und stehen nun nackt vor uns. Aber da seht nun auch zum Tor des Refektoriums; seht, es kommt soeben ein ganz schlichter Mann herein. Wisst ihr, wer der Mann ist? Ihr könnt es schon wissen; es ist Derjenige, an den sich der Prior gewendet hat! Jetzt aber wird auch erst die allgemeine Hauptszene vor sich gehen; daher dürft ihr hier mit Recht noch gar überaus Großes erwarten.
GS|1|90|1|1|Der schlichte Mann. Selbstbekenntnis des Priors
GS|1|90|1|1|(Am 7. April 1843 von 5 3/4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|90|1|0|Seht, der schlichte Mann geht auf unseren Prior zu. Dieser entdeckt Ihn auch soeben und geht, wie ihr seht, Ihm entgegen und richtet auch alsbald die Frage an Ihn: Lieber Freund und Bruder! Sei mir tausendmal gegrüßt und willkommen! Du bist mir zwar noch wie ein Fremdling, und ich kann mich nicht entsinnen, dich je unter meiner Gesellschaft gesehen zu haben. Aber ich bin ein guter Menschenkenner schon auf der Erde gewesen und habe davon auch einen freilich wohl nur sehr geringen Teil mit herübergenommen, das heißt freilich wohl nur durch die allerhöchst unverdiente Gnade und Erbarmung des Herrn, daher aber erkenne ich dennoch, dass du ein Mann von sehr edler Gesinnungsart sein musst. Und so will ich dir auch sogleich mein Bedürfnis kundgeben.
GS|1|90|2|0|Siehe, wir waren alle priesterlichen Standes auf der Erde. Wie es aber auf der Welt schon zugeht, so waren wir im Angesicht des Herrn sicher alles eher als Priester. Wir taten zwar maschinenmäßig unsere vorgeschriebenen, gottesdienstlich sein sollenden Zeremonien; wie viel aber im Ernst Gottesdienstliches daran war, davon sind wir durch einen Boten vom Herrn aus soeben auf das Sonnenklarste überwiesen worden. Kurz und gut, wir waren bis jetzt, und sind es im allergrößten Teil noch, von uns selbst gefangene Irrtümlinge, die sich in allem möglichen Falschen begründet haben, und desselben aus uns selbst nie wären losgeworden, so sich des Herrn unendliche Liebe nicht unserer grenzenlosen Armut erbarmt hätte.
GS|1|90|3|0|Über diese Kluft siehst du noch den gefährlichsten Teil meiner Brüderschaft. Der Bote des Herrn hat mich zu eben dem Behuf hierher abgesandt, diese armen Brüder aus dieser Gefangenschaft hinauszuführen. Ich tat bereits schon alles Mögliche, um mit ihnen diesen segensreichen Zweck zu erreichen, allein noch immer will sich über die Kluft kein Übergang zeigen. Ich weiß aber, was mir der Bote des Herrn aufgetragen hat und bin auch in meinem innersten Gefühl vollkommen überzeugt, dass ich diesen armen Brüdern von ganzem Herzen gern helfen möchte, wenn es mir anders nur möglich wäre.
GS|1|90|4|0|Der Bote des Herrn hat mich freilich bei diesem Geschäft auf die alleinige Hilfe des Herrn verwiesen. O lieber Freund und Bruder, ich bin wohl bis in meine innerste Lebensfiber überzeugt, dass der Herr diesen Brüdern wie auch mir wie niemand mehr in der ganzen Unendlichkeit helfen kann; aber solches weiß ich auch, dass ich solch einer Hilfe von Seiten des Herrn zu sehr allerunwürdigst bin. Wenn du daher zur Rettung dieser Armen mir auch etwas behilflich sein möchtest und könntest, da bin ich überzeugt, dass du gewiss ein gutes Werk an den allerdürftigsten Brüdern getan hast. Und ist es uns gelungen, im Namen des Herrn die Armen über die schauerliche Kluft zu bringen, so will ich mich samt dir vor dem Herrn zum ersten Mal im Geiste und in voller Wahrheit in den Staub meiner Nichtigkeit hinwerfen und sagen:
GS|1|90|5|0|O Herr, du allergnädigster und bester Vater! Ich danke Dir für diese unermessliche Gnade, die Du mir dadurch erwiesen hast, dass ich nun einsehe und aus dem Grunde meines Herzens sagen kann: O Herr! Ich habe nichts sondern nur Du hast alles getan; ich aber bin Dein allerschlechtester und nutzlosester Knecht.
GS|1|90|6|0|Der schlichte Mann spricht: Nun gut, Mein lieber Freund und Bruder, ich habe dich aus dem Grunde verstanden; was sollen wir aber hier machen? Sollten wir etwa Balken oder Läden darüberlegen?
GS|1|90|7|0|Der Prior spricht: O lieber Freund und Bruder, einen solchen Versuch habe ich schon gemacht, aber das grimmige Feuer da unten zerstört sobald alles, was man darüberlegt. Denn sieh nur hinab, es ist ja gerade zum Verzweifeln schauderhaft anzusehen, welche ungeheure Glut- und Flammenmasse da unten wütet. Ich meinesteils getraue mich gar nicht mehr in die Nähe.
GS|1|90|8|0|Der schlichte Mann spricht: Nun gut, Mein lieber Freund und Bruder, so will denn Ich hinzugehen und sehen, wie es da mit dem Feuer steht. Siehe, Ich bin bei der Kluft, und Ich muss dir offen gestehen, bis auf einige Fünklein sehe Ich im Ernst nichts Feuriges mehr.
GS|1|90|9|0|Hier geht der Prior auch hinzu und überzeugt sich davon. Als er aber in die Kluft hinabblickt, da hebt er seine Hände hoch empor und schreit zu den anderen Brüdern hinüber: O Brüder, tretet näher dieser Kluft und überzeugt euch selbst, wie unendlich gnädig und barmherzig der Herr ist! Nur kaum einige Fünklein mehr sind in der Tiefe. Werft euch nieder, dankt es dem alleinigen Herrn! Er allein hat diese schauerliche Glut erstickt. Erstickt aber auch ihr mit den Tränen eurer Reue und eures größtmöglichen Dankes gegen Ihn, den heiligen, allmächtigen Helfer aus jeder Not, diese Fünklein und seid vollkommen überzeugt und versichert, so uns der gute, heilige, liebevollste Vater so weit geholfen hat, so wird Er uns auch sicher noch weiter helfen!
GS|1|90|10|0|Da seht nur her, hier ist ein guter, lieber Bruder zu uns gekommen. Noch weiß ich nicht, woher und wer er ist; aber so viel ist gewiss, dass ihn der allerbarmherzige Herr Jesus Christus gesendet hat, damit er mir zu eurer Rettung behilflich sein möchte, denn solches erkenne ich ja aus seiner großen Bereitwilligkeit.
GS|1|90|11|0|Seht, die bereits nackten Brüder jenseits der nunmehr glutlosen Kluft werfen sich auf die Anrede des Priors tief ergriffen abermals auf ihre Angesichter nieder und danken Gott für so viel Gnade und Erbarmung. Und der Prior fragt nun den schlichten Mann, was er meine, ob sich’s mit Balken und Brettern nun wohl für eine Brücke täte?
GS|1|90|12|0|Der schlichte Mann aber spricht: Ich meine, wenn der Herr schon die Glut ohne dein Hinzutun also gelöscht hat, so dürfte es wohl auch geschehen, dass zur rechten Zeit, wenn du ein rechtes Vertrauen hättest, sich ebenfalls diese Kluft also wieder verengen möchte, wie sie allenfalls ehedem entstanden ist.
GS|1|91|1|1|Die Hingabe an den Herrn ist gleich der kindlichen Hingabe an den guten Vater. Rettung der Seelenschläfer
GS|1|91|1|1|(Am 8. April 1843 von 4 1/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|1|91|1|0|Der Prior spricht: O lieber und allerschätzbarster Freund und Bruder! Dieser unschätzbar herrliche Gedanke ist auch der völlige Meister meines Gefühles geworden. Ich sehe die sichere Vollendung im Herrn nur gar zu gründlich ein; aber solches sehe ich auch daneben allzeit ein, wie endlos unwürdig wir alle zusammen solch einer außerordentlichsten heiligen Hilfe sind.
GS|1|91|2|0|Der schlichte Mann spricht: Lieber Freund und Bruder! Ich sage dir: Das ist aber an dir und deinen Brüdern auch das Beste, so ihr das lebendig einseht, denn solange jemand glaubt, dass er etwas tun könne, oder dass er der göttlichen Gnade und Erbarmung würdig sei, so lange auch darf er darauf rechnen, dass ihn der Herr wird harren lassen, bis sich nicht all solcher törichte Wahn in ihm verzehren wird. So er aber zu deiner gegenwärtigen inneren Ansicht kommt, dass er nichts ist und nichts vermag, sondern dass der Herr ist alles in allem, der Erste und der Letzte, das Alpha und das Omega, dann erst gibt er sich dem Herrn freiwillig ganz hin, und der Herr ergreift ihn da und führt ihn den gerechten Weg.
GS|1|91|3|0|Und so meine Ich denn nun auch in dieser deiner Hinsicht: Lege du alle deine Liebe zu deinen Brüdern und alle deine Sorge um sie vor die Füße des Herrn, umfasse dieselben mit deinem Herzen über alles heißliebend und du wirst dich sicher überzeugen, dass der Herr gerade da tätig zu werden beginnt, wo der Mensch aus seiner demütigen inneren Erkenntnis alle seine nichtige Tatkraft und überschwache Willensmacht dem Herrn liebend übertrug. Denn es ist solches ja schon unter den Menschen der Fall, die da haben ein weltlich Oberhaupt unter sich.
GS|1|91|4|0|Solange jemand sein Vermögen selbst verwalten will, so lange wird sich das leitende Oberhaupt um ihn nicht kümmern und nicht nachforschen, wie er sein Vermögen verwaltet. Hat aber jemand seine Schwäche in der Verwaltung seines Vermögens eingesehen, nimmt dann sein gesamtes Vermögen, geht damit zum redlichen Oberhaupt, zeigt ihm solches an und bittet zugleich in aller aufrichtigen Liebe und gehorsamen Demut seines Herzens, dass das Oberhaupt sein Vermögen übernehmen und sonach gänzlich für ihn sorgen möchte, da wird dann das Oberhaupt auch das Vermögen übernehmen und es geben in die Hofbank, und der redliche schwache Bittsteller wird pünktlichst und reichlichst seine Interessen erhalten. Solches ist also, wie gesagt, auf der Welt schon gar vielfach der Fall unter den Menschen, wennschon freilich wohl in einem bei weitem unreineren und liebloseren Sinne.
GS|1|91|5|0|Wenn aber schon die törichten Menschen auf der Welt ihr materielles Vermögen so gestaltet gut an den Mann zu bringen verstehen und sich dadurch eine sorglose Lebensrente verschaffen, um wie viel mehr soll da erst der bei weitem weisere Geistmensch einsehen, wer der allervollkommenste Verwalter und Sorger für alle die Lebensbedürfnisse des geistigen Menschen ist, so dieser Ihm zuvor alle seine Lebenskapitalien völlig übergeben hat.
GS|1|91|6|0|Zudem spricht Sich ja auch noch obendrauf der Herr in dem Evangelium offenkundig aus, zu wem alle die Mühseligen und Beladenen kommen sollen, um die rechte Erquickung zu finden, und auf wen sie alle ihre Sorgen übertragen sollen. Wenn du dieses so recht überlegst, so wirst du auch gar leicht und gar bald finden, dass deine Sorge für diese deine Brüder bei aller deiner Liebredlichkeit ein wenig eitel ist.
GS|1|91|7|0|Du möchtest es durch die völlige Erlösung deiner Brüder wenigstens so weit bringen, dass du vor dem Herrn sagen könntest, auch du seiest ein allernutzlosester Knecht gewesen. Siehe, so gut zwar die Sache an und für sich klingt, so liegt aber in Anbetracht auf den Herrn und auf deine Verdienstlichkeit dennoch etwas Eitles daran, denn du willst dadurch eigentätig dem Herrn zwar einen guten Dienst erweisen, nach dem erwiesenen Dienst aber dennoch tun, als hättest du keinen Dienst getan, um dadurch dir bei dem Herrn ein Lob zu bereiten. Ich aber sage dir, dass es in diesem Reich noch gar viele gibt, die da sagen: Ich bin der Letzte und Allergeringste vor Gott. Die aber solches von sich aussagen und bekennen, möchten eben dadurch sich bei dem Herrn in eine besondere Gunst setzen, um zufolge des Ausspruches des Herrn Selbst in dem Evangelium wohl gar die Ersten und Größten im Reich Gottes zu werden.
GS|1|91|8|0|Der Herr aber spricht auch auf einem anderen Ort: Wenn ihr nicht werdet wie diese Kindlein, so werdet ihr nicht eingehen in das Reich Gottes. – Wie und warum denn aber? Siehe, weil die Kindlein wirklich die Geringsten und Kleinsten sind, indem sie alle ihre Sorgen auf den alleinigen Vater übertragen. Wo ist wohl das Kind, das da sorglich zu seinen reichen Eltern sagen möchte: Was werden wir essen und trinken, und wovon werden wir uns bekleiden? – Siehe, solche Sorge ist den Kindlein fremd. Wenn es sie hungert und dürstet, so laufen sie zum Vater und bitten ihn um Brot und um einen Trank, und der Vater gibt es ihnen. Sie bitten ihn sogar nie um ein Kleid. Wenn es ihnen aber kalt ist, das merkt der Vater gar wohl und gibt ihnen nicht nur ein warmes, sondern auch ein schönes, stattliches Kleid, weil sie seine lieben Kindlein sind.
GS|1|91|9|0|Also siehe nun, mein lieber Freund und Bruder, gib auch du dich so ganz dem Herrn hin und sei versichert, Er wird dich sicher nicht weniger versorgen mit allem, was dir nottut, und das sicher um vieles eher und ums Unaussprechliche besser, als da ein irdischer Vater reichsten Standes seine Kinder versorgt und ihnen alles Nötige gibt.
GS|1|91|10|0|Der Prior spricht: Höre, lieber Freund und Bruder, so schlicht und einfach du sonst auch aussiehst, so muss ich dir aber dennoch bekennen, dass diese deine Worte noch ums Unvergleichliche erhabener und wesenhaft wahrer klingen, als die des von mir dir früher erwähnten himmlischen Boten des Herrn. Ja, du hast mir jetzt nicht nur die lebendigste Wahrheit aller Wahrheiten gezeigt, sondern ich muss dir offenbar gestehen: Diese deine Worte haben mich mit einem so lebendigen Trost erfüllt, dass ich mir darob aus lauter demütigster Dankbarkeit und Liebe gegen den unaussprechlich liebevollsten himmlischen Vater wie gänzlich vernichtet vorkomme.
GS|1|91|11|0|Die Worte des erhabenen Boten des Herrn waren für mein Gefühl wie eine raue Feile, mit welcher er (ewig Dank der göttlichen Erbarmung!) mir meine vielen und allergröbsten Irrtümer herabgefeilt hat; auch waren sie nicht selten wie ein scharfes Schwert, welches einen durch und durch schmerzlichst verwundet, obgleich dadurch das Irrleben erzeugende Blut hinausgelassen wird.
GS|1|91|12|0|Deine Worte aber, o Freund und Bruder, sind dagegen wie ein allerheilsamster lieblichster Balsam; o ich kann es dir gar nicht beschreiben, wie gar unaussprechlich wohl mir bei jedem deiner Worte geworden ist! Ich bin nun auch so weit gekommen, dass ich dich aufrichtigst und allerlebendigst versichern kann, um aus meinem innersten Gefühl heraus lebendigst zu sagen:
GS|1|91|13|0|O Herr, du allmächtiger, überheiliger, überguter Vater, nun geschehe für mich und für alle diese meine armen Brüder Dein allein allerheiligster Wille! Alle meine Sorge und all meinen Willen lege ich Dir zu Deinen allerheiligsten Füßen; und was Du mit mir machen, was Du mir geben willst, in allem dem auch geschehe Dein allein heiliger Wille! – O du himmlisch lieber Bruder du! Du musst sicher noch ein größerer Freund des Herrn sein, als da ist der frühere erhabene Bote. Du musst mir aber vergeben; denn diese deine Rede hat mich mit einer solchen Liebe auch zu dir erfüllt, dass ich nicht umhinkann, dich zu umarmen und dir dadurch meine Dankbarkeit für deine himmlische Lehre durch meine allerwärmste Bruderliebe abzustatten. Fürwahr, so wenig ich den allerliebevollsten heiligen Vater ewig je werde zu lieben aufhören, so wenig werde ich auch je in meinem Herzen deiner vergessen!
GS|1|91|14|0|Der schlichte Mann spricht: Ja, Mein lieber Bruder und Freund, komm her und liebe Mich, denn das ist ja des Herrn Wille, dass sich alle Brüder im Herrn lieben sollen! – Seht, wie nun unser Prior auf den noch unbekannten schlichten Mann hinstürzt, Ihn umfasst und nach aller Kraft an sein Herz presst, und der schlichte Mann denselben Akt dem Prior ebenfalls noch lebendiger erwidert. Was meint ihr wohl, ob solches ein günstiges oder ein ungünstiges Zeichen für den Prior ist? Ich sage euch, solch ein Zeichen ist von jeher günstiger Art; denn das liegt von Ewigkeit so ganz eigentümlich im Charakter des Herrn, dass Er samt uns allen Seinen himmlischen Boten an einem zurückgekehrten verlorenen Sohn die allergrößte Freude hat.
GS|1|91|15|0|Nun hat sich aber auch, wie ihr seht, unser liebendes Paar wieder ausgelassen, und der schlichte Mann spricht nun zum Prior: Mein lieber Freund und Bruder, da siehe nur einmal hin, wie es Mir vorkommt, so hat sich während unseres Gespräches und während unserer brüderlichen Liebesumarmung die ganze Kluft verloren, und Ich meine, es wird nun gar nicht mehr schwer werden, die armen Brüder herüberzuholen. Daher gehen wir nun hin und zeigen ihnen solches an.
GS|1|91|16|0|Nun gehen die beiden hin zu den nackten Seelenschläfern, und diese erheben sich und schauen mit erstaunten und dankbarst freudigen Augen hin, da ehedem die schaurige Kluft war. Der schlichte Mann spricht zu ihnen: Seht, die Kluft ist nicht mehr, daher folgt uns unbesorgt. – Die Nackten aber sagen: O lieber Freund und erhabener Bruder, wir sind nackt und getrauen uns so kaum auf die hellere Stelle dieses unseres ehemaligen Refektoriums. – Der schlichte Mann spricht zu ihnen: Sorgt euch nicht um ein Gewand, denn Derjenige, der sich eurer erbarmt hat und zunichtegemacht diese Kluft, der hat auch schon für gerechte Kleidung gesorgt. Seht, dort in der Mitte dieses Gemachs, am Tisch, werdet ihr finden, was euch nottut; daher geht und folgt uns!
GS|1|91|17|0|Seht, nun gehen sie hervor, und der Prior, von zu großer Liebe für diesen seinen lieben Bruder ergriffen, spricht zu Ihm: Nein, lieber himmlischer Freund und Bruder, für diesen deinen Liebesdienst kann ich dich nicht, uns gleich, einhergehen lassen, sondern ich bitte dich, lass dich tragen von mir!
GS|1|91|18|0|Der schlichte Mann spricht: Mein lieber Bruder, lass das gut sein. Denn wenn es darauf ankäme, so könnte Ich wohl eher dich samt allen deinen Brüdern tragen, so weit du nur wolltest, als dass du Mich trügest auch nur zu dem Tisch hinüber. Dass du Mich aber nun trägst in deinem Herzen, o Bruder, das ist Mir lieber ums Unaussprechliche, als so du Mich tragen möchtest und vielleicht auch getragen hast in deinen Händen. Du fragst Mich wohl, wie Ich es mit dem „Vielleicht“ meine. Ich sage dir aber: Kümmere dich nun nicht mehr darum, zu seiner Zeit wird dir schon alles klar werden. Daher lass uns nun ziehen zum Tisch hin, damit diese unsere Brüder dort ihr gerechtes Gewand nehmen.
GS|1|91|19|0|Und der Prior spricht: Ja, ja, lieber Bruder, wie es dir recht ist, so ist es auch mir im vollkommensten Maße [recht]. Das „Vielleicht“ geht mir freilich noch ein wenig herum in meinem Kopf, aber es sei auch dieses dem Herrn zu Seinen allerheiligsten Füßen gelegt, und somit geschehe Sein und dein Wille.
GS|1|91|20|0|Seht, nun gehen sie allesamt an den Tisch, und wie ihr auch bemerken könnt, so sind alle die armen Brüder auch schon, ohne Kammerdiener, bekleidet. Ihr Kleid sieht zwar freilich noch nicht ganz himmlisch aus, aber es ist ein Kleid der Gerechtigkeit, und entspricht der Liebe zum Herrn in ihnen. – Was weiter, wird die Folge zeigen.
GS|1|92|1|1|Der schlichte Mann stellt den Prior auf die Probe
GS|1|92|1|1|(Am 10. April 1843 von 5 1/2 – 7 1/4 Uhr abends.)
GS|1|92|1|0|Der schlichte Mann fragt unseren Prior, was nun mit den also gekleideten und geretteten Brüdern zu geschehen hat. Und der Prior spricht: Lieber Freund und Bruder! Die Aufgabe an mich von Seiten des erhabenen Boten des Herrn lautet, sie nun alle hinaus in den Garten zu führen, welcher ehedem unser fälschliches, klösterliches Paradies bildete, allwo sie dann sicher von dem Boten eine fernere Anweisung bekommen werden, welchen Weg sie von dort angefangen haben einzuschlagen. Das ist’s, was ihnen noch bevorsteht und wofür ich Sorge tragen sollte, dass sie nämlich zu dem Behuf in den Garten kämen.
GS|1|92|2|0|Der schlichte Mann spricht: Nun, diese Aufgabe wird wohl leicht zu lösen sein, und du wirst Meiner dabei nicht vonnöten haben. – Der Prior aber spricht: O lieber Freund und Bruder, tue alles, was du willst, aber darum bitte ich dich, dass du mich nicht verlässest. Denn ich muss dir aufrichtig sagen, dass ich ein Gefühl habe, welches mir sagt, wenn du mich verließest, so wäre es mir, als hätte mich mein eigenes Leben verlassen! Daher wirst du mich nicht verlassen, und wäre die Aufgabe noch einmal so leicht zu lösen, als sie es ist; denn du hast bis jetzt alles so günstig geleitet und hast mir und diesen armen Brüdern im Namen des Herrn sichtbar geholfen bis auf diesen Punkt, da wir jetzt noch stehen. Also hilf im Namen des Herrn mir und diesen armen Brüdern nun auch völlig bis zum Schluss! Darum bitte ich dich, lieber Freund und Bruder, aus dem inneren lebendigen Grund meines Herzens.
GS|1|92|3|0|Der schlichte Mann spricht: Ja, mein lieber Freund und Bruder, es wäre in diesem Falle schon alles recht; aber nur ein einziger Umstand ist dabei zu beachten, nämlich: der Himmelsbote hat dir diese Aufgabe zu lösen aufgegeben. Wenn Ich aber nun mit dir zu ihm hinauskomme und der Bote alsbald ersieht, dass nicht du, sondern nur Ich deine Aufgabe gelöst habe, – sage mir, bist du im Voraus versichert, dass er sich darum mit dir zufrieden stellen wird? Kannst du Mir die Versicherung geben, dass Ich dir nicht schade, so Ich mit dir hinausziehe, da will Ich es ja recht gern tun, was du verlangst; aber schaden möchte Ich dir doch in keinem Falle, ja dich nicht einmal in eine große Verlegenheit setzen vor dem Angesicht des Himmelsboten. Was meinst du nun wohl in dieser Hinsicht?
GS|1|92|4|0|Der Prior spricht: O lieber Freund und Bruder, wenn es nichts anderes als das nur ist, da gehe du ganz keck weg mit mir hinaus; denn ob du auch nicht mit mir hinausgegangen wärst, so hätte ich es ja ohnehin selbst augenblicklich dem erhabenen Boten angezeigt, wie nur Du ganz allein diese mir gestellte Bedingung gelöst hast, und ich dabei kaum als ein nicht nur fünftes, sondern gutweg zehntes Rad am Wagen zu betrachten bin. Also wirst du solches wohl nicht als einen Widergrund annehmen, um deshalb nicht weiter mit mir zu gehen. Was meinen Nutzen oder allfälligen Schaden anbelangt, da hat es seine geweisten Wege. Denn wenn es auf mich ankommt, fürwahr, da gehe ich, wenn es möglich wäre, für dich in die Hölle sogar, geschweige erst, dass ich mir aus Liebe zu dir nicht sollte etwa ein paar scharfe Worte von Seiten des Himmelsboten gefallen lassen.
GS|1|92|5|0|Der schlichte Mann spricht: Gut, lieber Freund und Bruder, in dieser Hinsicht wären wir im Reinen; aber jetzt kommt ein anderer, noch viel wichtigerer Punkt. Ich kenne die scharfe Genauigkeit deines Himmelsboten und weiß, dass er im Namen des Herrn nicht um ein Atom mit sich handeln lässt, und aus diesem Grunde ist mir nun gerade etwas Wichtiges eingefallen.
GS|1|92|6|0|Siehe, es könnte sehr leicht geschehen, dass der Himmelsbote alle diese nun freigemachten Brüder vermöge seiner großen Macht alsbald wieder in ihren vorigen Zustand zurücktreiben möchte, weil nicht du, sondern nur Ich an ihnen deine dir vom Himmelsboten gegebene Bedingung gelöst habe. So viel aber kann Ich schon machen, dass es der Bote nicht erfahren soll, dass ich diesen deinen armen Brüdern geholfen habe. Bei solchen Umständen kommst du dann als ein vollkommen gerechtfertigter Mann vor den Boten hin, der da seine Aufgabe nach seiner Weisung vollkommen gelöst hat.
GS|1|92|7|0|Der Prior spricht: O lieber Freund und Bruder! Eher als ich mir etwas zuschreiben sollte, dessen ich nicht im Allergeringsten teilhaftig sein kann, da will ich ja doch ums Vielfache eher und lieber in die Hölle. Ich aber will ja selbst vor dem Boten offen gestehen, dass nur dem Herrn und dir das Gelingen meiner Sendung allerdankbarst zuzuschreiben ist. Und sollte sich der Bote damit nicht zufrieden stellen und darum die armen Brüder von neuem wieder in ihrer nun erhaltenen Freiheit beeinträchtigen, so will ich mich vor ihm sogleich in den Staub hinwerfen und ihn allerdemütigst bitten, dass er anstatt dieser Brüder mich ganz allein im Namen des Herrn züchtigen solle, wie er es nur immer will; ich will ja gern alle Schuld auf mich nehmen!
GS|1|92|8|0|Der schlichte Mann spricht: Lieber Freund und Bruder, du gefällst Mir im Ernst überaus wohl; diesen zweiten Punkt hätten wir auch gelöst, und er soll Mich nicht abhalten, mit dir hinauszugehen.
GS|1|92|9|0|Aber nun ist nur noch eine dritte Klippe; kannst du auch über diese hinausspringen, dann soll Mich nichts mehr abhalten, dir zu gewähren deinen Wunsch. Siehe, hier im Reich der Geister ist das schon allgemein unabänderliche Regel und Sitte, dass die vollkommeneren Geister des oberen Himmels, zu denen auch Ich gehöre, alles im Augenblick lebendig erfahren, was nur immer irgend in Beziehung auf den Herrn wo immer gesprochen und verhandelt wird. Und da habe Ich denn auch das gute Gleichnis von Seiten des Boten vernommen, in welchem er den Herrn als König darstellte, der allein durch eine außerordentliche Liebe und Demut zugänglich ist.
GS|1|92|10|0|In diesem Gleichnis sagte der Bote, dass nur der Herr allein die Schlüssel zum Gefängnis hat und sonach auch nur Er allein das Gefängnis eröffnen oder die Brücke über die Kluft zu bauen vermag und bauen kann, da niemand anderer dieses Recht hat. Du hast zwar wohl in der Fülle deines Lebens und der Wahrheit den Herrn angerufen, dass Er dir und den armen Brüdern helfe. Während du aber im besten Vertrauen die Hilfe vom Herrn erwartetest, kam Ich wie zufällig in das große Gemach, und als Ich zu dir kam, so fingst du Mir sobald an, deine Not zu klagen. Du dauertest Mich, und da du Mich auch gar herzlich ersuchtest, dir zu helfen und Ich dir darum auch nach Meiner Kraft geholfen habe, so fragt es sich hier, ob solche Hilfe der Bote wohl annehmen wird zufolge seines dargestellten Gleichnisses?
GS|1|92|11|0|Denn es hätte ja offenbar, verstehe wohl, der erhabene König selbst kommen und dir helfen sollen. Wie ist die Sache nun zu betrachten? Wird dir der Bote nicht etwa sagen: Warum hast du beim Anblick dieses Freundes und Bruders das Vertrauen zum Herrn insoweit fahren lassen, dass du diesen Freund und Bruder hast mögen zur Hilfeleistung auffordern, indem du aus dem Gleichnis wohl hättest erkennen und sehen müssen, dass zu solch einer Erlösung aus dem Gefängnis niemand außer dem Herrn die gerechten Schlüssel besitzt?
GS|1|92|12|0|Der Prior spricht: O lieber Freund und Bruder, das ist freilich eine etwas andere Frage, bei deren gerechter Beantwortung mir sicher sehr heiß zumute wird; aber weißt du was, ich bleibe einmal bei der Wahrheit. Ich habe niemanden außer den Herrn angerufen. In meiner möglich vollkommensten Hingebung zum Herrn kamst du daher. Kann ich es nun anders denken, anders machen und anders glauben, als dass der Herr, durch Seine unendliche Erbarmung veranlasst, dich vollkommen in Seinem Namen mir zu Hilfe gesendet hat, – indem ich es doch zufolge meiner gar zu großen Unwürdigkeit wohl ewig nie hätte verlangen können, dass der allerheiligste Herr Himmels und der Erde Selbst hätte kommen und mir Allerunwürdigstem helfen sollen! Ihm sei aber darum dennoch alles Lob, aller Preis und alle Ehre, indem doch nur Er durch deine Sendung mir und diesen Brüdern geholfen hat! So will ich auch vor dem Boten reden, und der soll dann im Namen des Herrn mit mir machen, was er will, denn ich will alles über mich nehmen.
GS|1|92|13|0|Der schlichte Mann spricht: Nun gut, Ich sehe, dass du einen vollkommen getreu redlichen Liebewillen hast, und so soll Mich denn nun auch nichts mehr abhalten, mit dir und diesen deinen Brüdern hinaus in den Garten zu ziehen. Aber wenn dann der Bote allenfalls dich darum irgendwohin hart verurteilen möchte, was werde dann wohl Ich tun an Meiner Stelle?
GS|1|92|14|0|Der Prior spricht: Lieber Freund und Bruder, in dieser Hinsicht ist mir gar nicht bange. Ich werde dir freilich wohl nicht helfen können, es wird aber auch dessen ganz überaus sicher nicht vonnöten haben. Denn du bist einer, der sicher keiner geschöpflichen Hilfe vonnöten hat, indem er als ein Bewohner des obersten Himmels ohnehin mit der Fülle der göttlichen Kraft ausgerüstet ist. Im Gegenteil aber bitte ich im Namen des Herrn nur dich, wenn es mir etwa gar zu schlecht gehen sollte, dass du mir dann helfest, so wie jetzt im Namen des Herrn.
GS|1|92|15|0|Der schlichte Mann spricht: Nun gut, ich will auch dieser deiner Bitte vor dem Herrn gedenken; und so lass uns denn hinausziehen.
GS|1|93|1|1|Wie es möglich ist, diesseits und jenseits gleichzeitig mehrfach erscheinen zu können
GS|1|93|1|1|(Am 11. April 1843 von 4 1/4 – 6 Uhr abends.)
GS|1|93|1|0|Nun aber gehen auch wir, damit wir ebenfalls zur rechten Zeit an Ort und Stelle sind. Denn diese Gesellschaft wird eben nicht zu viel Zeit brauchen, um zu den anderen in den Garten zu gelangen; daher müssen wir nun auch auf eins dort sein. – Seht, wir sind auch schon da, wo wir sein müssen. Der Herr weiß es wohl, dass wir auch darin Zeugen waren, was sich alles mit den Seelenschläfern zugetragen habe, aber sonst weiß es niemand. Ihr fragt zwar und sagt: Diese da, die unterdessen im Garten zurückgeblieben sind, werden es doch wohl wissen, dass wir abwesend waren.
GS|1|93|2|0|Seht, in dieser Hinsicht ist es im Reich der Geister freilich wohl ein bisschen anders als in der Welt. In der Welt ist eure Erscheinlichkeit mit eurer Individualität allerengst verbunden und ihr könnt euch niemandem anders zeigen, als so ihr persönlich ihm zu Angesicht steht. Aber, wie gesagt, allhier ist das durchaus ein wenig anders. Es gibt zwar wohl seltene Fälle auch auf der Welt, die dieser Erscheinlichkeit ähnlich sind, aber dennoch nur in sehr unvollkommenem Maßstab.
GS|1|93|3|0|Die sogenannten Doppel-, Drei-, Vier-, Fünf-, Sechs- und noch mehr Gänger sind etwas Ähnliches, da nämlich ein und derselbe Mensch, wie er leibt und lebt, entweder sich selbst noch einmal sieht, oder er wird von jemand anderem an einem ganz anderen Ort gesehen, manchmal sogar auch gleichzeitig an mehreren Orten, ohne sich jedoch individuell an einem dieser Orte in der Wirklichkeit zu befinden. Dies ist somit ein ähnlicher Fall, [aber ein anderer Fall,] der dieser gegenwärtigen geistigen Erscheinlichkeit um vieles ähnlicher ist denn der frühere, kommt um vieles häufiger und gewöhnlicher vor, wird aber eben seiner Häufigkeit wegen zu wenig beachtet, sonach denn auch zu wenig beurteilt und in der Tiefe gründlich verstanden.
GS|1|93|4|0|Und dieser Fall ist folgender: Wenn sich ein Mensch in seiner Wirklichkeit irgendwo befindet, so kann es geschehen, dass an hundert, ja tausend verschiedenen entlegenen Punkten seine Bekannten zu gleicher Zeit an ihn denken, und keiner aus allen, die an ihn denken, stellt sich den anders vor, als er wirklich ist seiner Form, Gestalt und Beschaffenheit nach. Nun fragt euch: Wie haben denn alle diese Tausende also an ihn denken und ihn sonach in ihrem Geist vervielfältigen können, während er doch im Grunde nur einmal vorhanden ist?
GS|1|93|5|0|Der Grund liegt darin, weil dem Geist nach ein jeder den anderen nicht nur einfach, sondern zahllosfach bildlich in sich trägt, gleich also, als wie zwei sich gegenüber gestellte Spiegel ebenfalls dem Bild nach sich zahllosfach abspiegeln können, das heißt, sie können sich dem erscheinlichen Bild nach zahllosfältig gegenseitig aufnehmen. Die ersten zwei gegenseitigen Abspiegelungen werden am lebhaftesten sein und zugleich auch die größten; alle nachfolgenden werden sukzessive kleiner und auch stets weniger lebhaft.
GS|1|93|6|0|Wenn ihr nun dieses Vorangeschickte ein wenig fasst, so wird es euch gar nicht schwer werden, die Erscheinlichkeit hier im reinen Reich der Geister zu verstehen, denn was ihr bei euch ausgebildete Gedanken nennt, das sind hier wie vollkommen äußerlich ausgeprägte Erscheinungen. Die erste Ausprägung ist die lebhafteste und am wenigsten vergängliche. Spätere Ausbildungen oder die sogenannten Nachgedanken, die ihr allenfalls als flüchtige Erinnerungen kennt, sind nicht mehr stichhaltend und, außer einem festen Willen des sie in sich tragenden Individuums, auch nicht in die Erscheinlichkeit tretend. Wir aber sind erst vor diesen Gartenbewohnern gestanden und haben mit ihnen die allerwichtigsten Dinge verhandelt. Sonach waren wir auch, und sind es noch, die Hauptgedanken oder die Hauptreflexionen in ihnen, aus diesem Grunde sie uns auch fortwährend gesehen haben, ohne dass wir mit unserer Hauptindividualität vonnöten gehabt hätten, beständig vor ihnen zu sein.
GS|1|93|7|0|Eine Haupteigenschaft dieser Erscheinung aber liegt darin, dass diese Erscheinlichkeit für denjenigen, der sie aus seinen Hauptgedanken hervorgerufen hat, auch sprech- und somit jeder Unterredung fähig ist. Ihr fragt, wie solches möglich? Auch für diesen Fall gibt es schon Erscheinlichkeiten auf der Welt, die mit dieser eine Ähnlichkeit haben. So kann z. B. jemand einen Traum haben, dass er mit seinem bekannten Freund dies und jenes gesprochen und der Freund ihm gegenüber auch dies und jenes gesagt habe. Kommt er im wachen Zustand hernach zu seinem Freund, so weiß der Freund sicher keine Silbe, was sein vollkommenes Ebenmaß im Traum seines Freundes gesprochen hat. Und dennoch war die Sprache des Träumers und des im Traum gesprochen habenden Freundes so gestaltet, dass der Träumer nicht wusste, was ihm sein geträumter Freund sagen wird, als bis der geträumte Freund wirklich erst den Mund geöffnet hat. Das wäre somit eine ähnliche Erscheinlichkeit.
GS|1|93|8|0|Eine zweite ähnliche Erscheinlichkeit ist auch die der Doppel- und Mehrgänger, bei welcher Gelegenheit ebenfalls nicht selten die erscheinlichen Nachtypen der Hauptindividualität mit denen Worte wechseln, denen sie erscheinen. Bei dieser Gelegenheit aber tritt die Ähnlichkeit mit dieser reingeistigen Erscheinung schon etwas bestimmter hervor, denn in dieser Sphäre weiß nicht selten das Hauptindividuum, wenn schon wie in einer dunklen Ahnung, von dem, was es irgendwo in seiner ledigen geistig nach plastischen Erscheinlichkeit gesprochen habe. Ihr sagt hier freilich: Diese Erscheinlichkeit hängt nicht vom Hauptgedanken dessen ab, dem sie zu Gesicht kam. – Das ist freilich wahr; daher sind aber diese Erscheinungen auch nur als ähnliche, aber nicht als völlig identische angeführt. Sie haben in der eigentlichen Tiefe wohl einen und denselben Grund; aber die Ausbildung muss natürlich allda um vieles verhüllter erscheinen als hier, wo alles offen und klar reingeistig vor uns steht.
GS|1|93|9|0|Solches aber könnt ihr zur leichteren Verständlichkeit euch noch hinzumerken, dass die Erscheinlichkeiten, als abgesondert von den Hauptindividuen, auf zweifache Art bewirkt werden können: Erstens auf die schon oben bekanntgegebene Art, zweitens aber auch durch den festen Willen dessen, der irgend außer seiner Hauptindividualität erscheinlich auftreten will. Auf diese zweite Art lässt sich, die Sache tiefer fassend, auch das Wesen der sogenannten Doppel- und Mehrgängerei näher bestimmen. Jedoch kann solches auf der Welt nie genau ausgeprägt werden, indem das Geistige doch unabänderlich, selbst bei den besten Verhältnissen, mit der Materie im Konflikt steht.
GS|1|93|10|0|So gäbe es auch noch eine dritte ähnliche Art solcher Sprecherscheinlichkeit bei den sogenannten Monologisten, die sich irgendein Individuum fixiert sprechend vor sich hinstellen und dann mit demselben, wie ihr zu sagen pflegt, con amore [innig] Worte wechseln. Dieser Fall passt beinahe am meisten hierher; unterschiedlich ist darin nur das, dass fürs Erste die fixierte Person bei den Monologisten nicht in die wirkliche Erscheinlichkeit tritt, und dass fürs Zweite diese fixierte Person im Grunde doch nur das spricht, was ihr der Monologist gewisserart, wie ihr zu sagen pflegt, ins Maul streicht.
GS|1|93|11|0|Hier aber redet die Erscheinlichkeit ganz dem Hauptindividuum identisch. Der Grund liegt darin, weil die Erscheinlichkeit keine phantastische mehr ist, sondern sie ist der hervorgerufene lebendige geistige Ausdruck des Hauptindividuums.
GS|1|93|12|0|Im Grunde des Grundes aber ist sie formell die Bruder- oder Nächstenliebe, welche nirgends außer im Herrn den Grund hat. Nun aber steht, zufolge der Liebe des Herrn in einem jeden Geist, ein jeder Geist in unablässigem Rapport mit dem Herrn Selbst, und somit auch alles, was in jedem Geist ist. Wenn wir nun vor einem anderen Geist, wie es hier der Fall ist, alsonach nicht in der Hauptwirklichkeit, sondern bloß nur erscheinlich sprechend auftreten, so ist dieses Auftreten lebendig im Herrn konsigniert. Wie ich hernach etwas denke, so geht solches Denken sobald durch den Herrn in unser zweites oder auch hundertstes erscheinliches Ich über, und dieses zweite erscheinliche Ich tut und spricht dann gerade so, als wenn wir selbst hauptwesenhaft tätig und sprechend zugegen wären. Und wir können demnach als Hauptindividualitäten auch alles bis auf den letzten Tropfen wissen, was unsere erscheinlichen Ebenmaße gehandelt und gesprochen haben.
GS|1|93|13|0|Solches kommt euch freilich wohl etwas stark wunderbar vor; aber es ist in dem vollkommenen Reich des Lebens, da eines jeden Geistes lebendige Tatkraft vielseitig in Anspruch genommen wird, auch lebendig also. Sagen doch bei euch so manche sorglich tätige Menschen: Wenn ich nur überall selber zugleich zugegen sein könnte, wenn ich mich nur zerteilen könnte! – Diese Sprache, dieser Wunsch und dieser oft sehr starke Gedanke ist mehr als ein deutlicher Beweis, dass es im Reich des Geistes möglich sein muss, sich auf obbesagte Art wirkend zu zerteilen, ohne dadurch in seiner Hauptindividualität als Einheit nur die geringste Teilung zu erleiden.
GS|1|93|14|0|Denn was nur immer dem Geist möglich zu denken ist, das ist im Reich der Geister auch vollkommen reell ausgebildet vorhanden, nur mit dem Unterschied: bei den unvollkommenen Geistern unvollkommen, bei den vollkommenen aber vollkommen als Ebenmaß zu dem Allervollkommensten im Herrn. Ich meine, es wird nicht mehr nötig sein, für diesen Fall mehrere Worte zu gebrauchen; der Verständige wird wissen, was damit gesagt ist, für den Unverständigen aber würde auch noch tausendfach mehr nicht genügen. Nun aber kommt auch schon unsere Gesellschaft aus dem Kloster; daher bereiten wir uns auf ihren Empfang vor!
GS|1|94|1|1|Eine Liebe, an der noch ein gewisser Grad von Schlauheit haftet, ist nicht rein. Das rechte Verständnis von „Seid klug oder schlau wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben“
GS|1|94|1|1|(Am 12. April 1843 von 4 3/4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|94|1|0|Seht, soeben naht sich aber auch der frühere Redner wieder zu mir und fragt mich, nachdem er einen fremden Mann neben dem Prior erblickt, wer dieser Mann ist und was es mit ihm für eine Bewandtnis hat. Ihr würdet diese Frage wohl auf den ersten Anblick eben von nicht so sehr großer Bedeutung seiend ansehen, aber wenn ihr bedenkt, um was es sich hier handelt, nämlich um die Wahrheit, so wird euch die Frage sicher inhaltsschwerer vorkommen, als sie bei ihrem ersten Lautwerden erscheint. Sollte man nun sogleich dem Fragesteller die Wahrheit ins Gesicht binden? Sollte man ihm eine ausflüchtige Antwort geben? Sollte man ihm gar keine Antwort oder nur eine halbe geben? Oder sollte man ihn auf die Wartebank hinweisen und ihm die Antwort auf die Löse bescheiden? Seht, das sind lauter sehr achtbare Punkte, von welchen die Frage dieses Mönches umstellt ist.
GS|1|94|2|0|Wir wollen aber sehen, wie sich der Fragesteller wird abfertigen lassen; und so spreche ich denn zu ihm: Höre, lieber Freund und Bruder, es ist hier nicht der Ort, dir zu sagen, ob du mit dieser deiner Frage zu früh oder zu spät ans Licht getreten bist. Die Frage selbst ist billig von dir gestellt, aber es wäre der göttlichen Ordnung zufolge unbillig von mir, dir eher darüber eine Antwort zu geben, als bis du deinem Innern nach fähig wirst, eine solche Antwort zu ertragen.
GS|1|94|3|0|Denn siehe, gewisse Antworten hier im Reich der Geister sind von einer solchen Beschaffenheit, dass sie dem Fragesteller das geistige Leben kosten würden, wenn sie vor der Zeit an ihn gelangen möchten. Daher kann ich dir für diesmal auf deine Frage auch nichts anderes sagen als: Gedulde dich in aller Demut und Liebe zum Herrn, und du wirst zur rechten Zeit den rechten Aufschluss über den Fremden erhalten. Doch nun nichts mehr weiter davon; denn wie du siehst, die ganze Gesellschaft unter der Anführung dieses Fremden und des Priors ist uns nahe und ist schon so gut wie vollends hier.
GS|1|94|4|0|Der Mönch bemerkt: Ja, lieber hoher Freund und Bruder! Dein Bescheid ist völlig leuchtend klug für dich, aber was mich betrifft, da muss ich mich freilich wohl mit meiner eigenen Dunkelheit begnügen. Aber dessen ungeachtet hast du mir wider mein Erwarten viel gesagt; denn ich habe – wie ich dir schon einmal, wenn schon etwas verhüllt, bemerkte, dass ich in der Beurteilung so mancher Dinge ziemlich scharfen Geistes war – aus deiner Antwort gar tüchtig herausgefunden, dass hinter dem Fremden etwas ganz Besonderes stecken müsse. Denn wäre solches nicht der Fall, da hätte ich wirklich keinen Grund in dir zu suchen, demzufolge du mir eine ausweichende Antwort geben müsstest. Wäre dieser Fremde, dir gleich, nur bloß ein Bote aus den Himmeln, so würde mir seine Bekanntschaft wohl sicher ebenso wenig lebensgefährlich sein als die deinige. Er muss darum sicher um sehr Bedeutendes mehr sein und höher stehen denn du, weil du ihm schon ein solches Zeugnis gibst.
GS|1|94|5|0|Zudem merke ich auch bei der Annäherung dieses Fremden einen sonderbaren, bis jetzt noch nie empfundenen Zug in mir, und dieser Zug sagt mir, wie in einer leisen Ahnung, dieser Fremde ist dem Herrn überaus nahe, und keiner dürfte dem Herrn näher denn dieser sein. Habe ich recht oder nicht?
GS|1|94|6|0|Ich spreche zu ihm: Lieber Freund und Bruder! Ich kann dir hier nichts anderes sagen als: Sei demütig und halte dich ausschließend an die Liebe des Herrn, so wirst du nicht verloren gehen. Sei nicht vorlaut! Denn es braucht jede gute Sache ihre Zeit. Wer zu früh die Früchte vom Baum des Lebens und noch früher die vom Baum der Erkenntnis pflückt, der schadet sich zweifach. Fürs Erste bekommt er eine unreife Frucht, an welcher er sich nicht sättigen, wohl aber in seiner Gesundheit nur benachteiligen kann, und fürs Zweite verdirbt er dadurch auch den Baum, da er ihm durch die zu frühe Beraubung der Früchte die Gelegenheit nahm, den segenvollen Vorrat seiner Säfte in Früchte niederzulegen und dadurch selbst für eine nächste Befruchtung sich tauglich zu erhalten. Solches wirst du auch einsehen, indem du meines Wissens auf der Erde ein guter Baumgärtner warst.
GS|1|94|7|0|Der Mönch spricht: Ja, solches sehe ich jetzt recht gut ein, daher will ich nun auch still sein wie eine Maus, wenn sie die Katze wittert.
GS|1|94|8|0|Nun seht, unseren Mönch hätten wir beruhigt, und das ist gut. Ihr möchtet aber vielleicht glauben, dieser Mönch sei der einzige Pfiffikus dieser Gesellschaft. Oh, dergleichen gibt es noch mehrere. Das ist aber auch noch ein Überbleibsel der priesterlichen Weltheit, welche nicht selten solchen römisch-katholischen Priestern eigen ist, und ganz besonders so manchen Klostersekten. Aber diese Weltheit muss auch noch hinaus, denn hierzulande kann man dieses alles nicht brauchen; denn die Liebe muss ganz rein sein. Eine Liebe aber, an der noch ein gewisser Grad von Schlauheit haftet, ist nicht rein. Denn solches könnt ihr schon auf der Welt erschauen.
GS|1|94|9|0|Nehmt ihr z. B. an, irgendein sonst wohlgesittetes und guterzogenes Mädchen wird von einem sie sehr interessierenden schätzbaren jungen Mann geliebt. Sie aber, um vollends seiner Liebe sich versichert zu wissen, wendet allerlei schlau ausgedachte Auskundschaftsmittel an, durch welche sie sich heimlich überzeugen will, wie es so ganz eigentlich mit der Innigkeit der Liebe ihres Geliebten stehe. Wenn ihr dieses Beispiel so natürlich weg betrachtet, so werdet ihr sagen: Das Mädchen handelt redlich, denn ihre Handlung ist doch der sicherste Beweis, dass sie ihren jungen Mann überaus stark liebt und ihr somit überaus viel an ihm gelegen ist.
GS|1|94|10|0|Gut, sage ich; wir wollen diese Liebe ein wenig näher prüfen und daraus ersehen, ob sie wirklich probhaltig [probefest] ist. Nehmen wir an, der junge Mann erfährt die Schlauheit seiner Gewählten und denkt bei sich: Wie ist denn deine Liebe beschaffen, dass du über mich heimliche Kundschafter aufstellst? Ich habe solches noch nie getan, denn ich vertraute völlig deinem Herzen. Aus welchem Grunde solltest du mich denn für treubrüchiger halten als ich dich? Warte ein wenig, ich will deiner Liebe auf den Zahn fühlen und machen, als hätte ich noch mit einer anderen ein Wesen; und es wird sich da gleich zeigen, wie deine Liebe beschaffen ist. Liebst du mich wie ich dich, so wirst du dich nicht stoßen an mir; liebst du mich aber nicht so rein, wie ich dich liebe, so wirst du dich dann von mir abwenden und dein Herz statt mit Liebe nur mit Zorn gegen mich erfüllen.
GS|1|94|11|0|Nun seht, dieser Mann tut desgleichen, und was lässt sich wohl leichter denken, als dass die schlaue Geliebte solches bald erfährt. Was ist aber nun der Erfolg? Hören wir sie ein wenig an; denn wovon das Herz voll ist, davon geht auch der Mund über. Und ihre Worte möchten wohl also lauten: Da haben wir’s! Oh, ich habe eine sehr gescheite Nase, es ist, wie ich mir’s gedacht habe. Dieser Betrüger meines Herzens, dieser ehrlose Mensch hat mich für eine dumme Gans gehalten und glaubte, mit einem so armseligen Wesen wird er wohl gar leicht fertig werden. Aber das arme Wesen ist nicht so dumm, als sich der betrügliche, ehrlose Mensch denkt, sondern es ist um eine ganze Million gescheiter und hat auf diese Weise das ganze schändliche Wesen des klug und gerecht sein wollenden Mannes herausgebracht. Nun aber komme, du untreues, ehrloses Bild eines Mannes, mir nur; ich will dir eine Gegenliebe zeigen, an welche du gar lange gedenken sollst.
GS|1|94|12|0|Seht, wozu war der ihre Schlauheit gut? Ich sage, zu nichts, als dass sie sich in der ehemaligen Achtung ihres Bewerbers um sehr vieles herabgesetzt hat. Was wird wohl geschehen, wenn der junge Mann wieder zu ihr kommt? Hört selbst zu; er soll soeben zu ihr kommen, und der Empfang von ihrer Seite soll auch sogleich folgen. Er kommt soeben zu ihr und geht ihr mit der alleraufrichtigsten Liebe entgegen; wie aber geht sie ihm entgegen? Seht an die große Kälte und daneben gleich wieder einen ganzen großen Kalkofen voll glutbrennender Eifersucht. Er erstaunt sich ganz außerordentlich über dieses ihr Benehmen und spricht zu ihr: Höre, dieses dein Benehmen befremdet mich ungemein; worin liegt wohl der Grund davon? Sie spricht: Eine ehrsame Jungfrau ist einem im höchsten Grade unehrsamen Mann keine Antwort pflichtig und kann ihm nichts anderes sagen, als dass es von seiner Seite umso infamer ist, dass er als ein Liebetrüger und falscher Herzenbeschleicher es noch wage, sich zu begeben dahin, da für ihn kein Ort mehr ist; dahin, da er zufolge seines allertreulosesten Betragens gänzlich unwürdig sich zu nahen gewagt hat.
GS|1|94|13|0|Er spricht: Was lauter muss ich hören? War deine Liebe zu mir auf solchem Fuße? War sie Misstrauen statt Liebe? Wahrlich, hättest du mich je vollkommen aufrichtig geliebt, so wie ich dich geliebt habe, da hättest du mir wie ich dir getraut und hättest keine geheimen Kundschafter über mich aufgestellt, da ich keine über dich aufgestellt habe. Ich aber habe solches erfahren und darum deine Liebe zu mir auf eine Probe gestellt. Und siehe, deine Liebe hat die Probe nicht bestanden. Du hast mich nie geliebt, sondern wolltest eigenliebig nur allein von mir geliebt sein, nur dein Bild wolltest du in mir verehren, während mein Bild in dir ein Gegenstand deiner Missachtung war. Siehe, mit solcher Liebe kann mir wahrlich ewig nie gedient sein! Ich aber gebe dir nun eine Frist; erforsche in dieser dein Herz, ob du lieben kannst, wie ich dich geliebt habe und noch liebe. Kannst du solches, so will ich dich nicht aus meinem Herzen bannen, sondern dich behalten gleich wie ehedem. Kannst du aber solches nicht, so sollst du mir aber auch nach der abgelaufenen Frist zum letzten Mal Angesichts stehen.
GS|1|94|14|0|Was wird nach dieser sehr bedeutungsvollen Anrede unsere Jungfrau tun? Hier sind zwei Wege offen. Ist ihr beleidigter Hochmut durch die Weisheit des Mannes besiegt und die Jungfrau erkennt ihre Schuld, so wird die Sache gut ablaufen, wächst aber der beleidigte Hochmut, so wird die Sache auch sicher eine schlimme Wendung nehmen, welche bei ähnlichen Fällen allzeit häufiger ist als die gute. Weil das mit eben nicht zu viel Liebe erfüllte weibliche Herz sich nun durch die Weisheit des Mannes geschlagen fühlt, so fängt es gewöhnlich fürs Erste an, seinen Wert immer höher und höher anzuschlagen und fürs Zweite anstatt auf Versöhnung nur auf eine tüchtigere Rache zu sinnen. Ich meine, dieses Beispiel wird euch hinreichend überzeugen, dass eine gewisse Schlauheit durchaus kein Teil der wahren reinen Liebe sein kann.
GS|1|94|15|0|Ihr sagt hier zwar und fragt, wie denn aber hernach solches zu verstehen sei, da der Herr zu Seinen Aposteln und Jüngern, denen Er das alleinige Gebot der Liebe gab, aber dennoch hinzu sagte: „Seid klug oder schlau wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben?“
GS|1|94|16|0|O meine lieben Freunde und Brüder, diese Klug- oder Schlauheit ist eine ganz andere und hat darin ihren Fuß, dass der Mensch sich von keiner Versuchung solle blenden lassen, als hätte ihn die Liebe und Gnade des Herrn verlassen, sondern er soll sich über alles dieses aus dem innersten Grunde seines Herzens hinwegsetzen und lebendig in sich selbst sagen: O Herr! Lass Du hier über mich kommen, was Dein heiliger Wille nur immer für gut findet; und möge mir dieses alles noch so sonderbar und widersprechend vorkommen, so aber weiß ich dennoch, dass Du über alles das mein allerliebevollster und allerbester Vater bist, und ich will Dich nur umso mehr lieben, je mehr Du Dich vor mir versteckst. Denn ich weiß, dass Du mir allzeit nur um desto näher bist, je entfernter Du mir zu sein scheinst. Darum auch will ich Dich lieben stets mehr und mehr aus allen meinen Lebenskräften!
GS|1|94|17|0|Seht, in diesem Beispiel ist die besprochene Klugheit und Einfalt der Liebe in einem beisammen; aber dieses geht unseren Schlauen und Scharfsinnigen noch sehr stark ab und wird im Verfolge unserer Unterhandlung noch ganz besonders müssen herausgehoben werden.
GS|1|95|1|1|Demut und Gottesliebe des Priors werden erprobt
GS|1|95|1|1|(Am 13. April 1843 von 4 1/2 – 7 Uhr abends.)
GS|1|95|1|0|Nun aber ist auch unser Prior mit seinem schlichten Mann hocherfreuten Angesichts bei uns und macht den schlichten Mann soeben auf mich aufmerksam und spricht zu Ihm: Siehe, lieber Freund und Bruder, da zwischen den zwei unbedeutender erscheinenden Geistern ist eben der erhabene Bote. – Der schlichte Mann spricht: Gut, mein Freund und Bruder, so gehe nur hin und zeige ihm alles an. – Der Prior spricht: Aber du, lieber Freund, wirst doch auch mitgehen? – Der schlichte Mann spricht: Gehe du nur voran; und wenn es Not sein wird, da werde ich dir schon folgen.
GS|1|95|2|0|Der Prior nimmt solches an, geht nun zu mir her und spricht: Lieber erhabener Bote des allerhöchsten Gottes aus den Himmeln, siehe, da sind alle, die da gefangen waren; nicht einer ist zurückgeblieben, im Gegenteil ist noch Einer mehr mitgekommen als da ihrer gefangen waren. Aber dieser Eine ist kein Gefangener, sondern diesem Einen habe ich nächst Gott, dem allmächtigen Herrn, die Rettung dieser gefangenen armen Brüder zu verdanken.
GS|1|95|3|0|Nun spreche ich: Ja, mein lieber Freund und Bruder, wenn dieser Fremdling das dir anbefohlene Werk vollbracht hat, wie steht es dann mit deinem Verdienst? Ich habe dir ja nur zur Bedingung gemacht, derzufolge du allein mit der Hilfe des Herrn hättest sollen die Gefangenen freimachen; wie hast du denn dich zu dem Behuf eines Fremdlings bedienen können, ohne fürs Erste darauf bedacht zu sein, wie du hättest wirken sollen und fürs Zweite, wer der fremde Mann ist, der dir geholfen hat? Wenn du so handeln wirst, was wird man dir dann wohl ferner anvertrauen können?
GS|1|95|4|0|Weißt du denn nicht, dass der Herr dir eine Kraft nicht darum verliehen, dass du damit faulenzen sollst, sondern dass Er dir die Kraft des Lebens nur zur gerechten Liebtätigkeit aus Seiner großen Erbarmung geschenkt hat? Frage dich nun selbst, in welchem Licht du also vor mir erscheinst? Ich aber sage dir, rechtfertige dich nun ordentlich vor mir, sonst nehme ich deine Handlung so gut als für völlig unverrichtet an und setze dich am Ende selbst hinter die dir wohlbekannte Kluft, da du für alle allein den Anblick der Flammen vertragen sollst und dabei nachdenken, wie man auf den Wegen des Herrn recht handeln soll.
GS|1|95|5|0|Der Prior spricht: Mein lieber Freund und Bruder, wenn es sonst nichts gibt als das nur, so stecke mich nur geschwind hinter die flammende Kluft. Und sollte ich auch nach dem Erdmaß volle tausend Jahre hinter derselben ganz allein schmachten, dabei aber dennoch diese meine armen Brüder gerettet wissen, so will ich dennoch hinter den Flammen den Herrn loben und preisen über alle Maßen, darum Er meinen armen gefangenen Brüdern durch diesen liebevollen Fremdling so gnädig und barmherzig war!
GS|1|95|6|0|Denn ich bin in mir überzeugt, dass ich deinen Rat gar pünktlich, und das nicht gezwungen, sondern freimütig von mir selbst aus befolgt habe. Ich habe mich an den Herrn gewendet gemeinschaftlich mit den armen gefangenen Brüdern; und als unser Vertrauen in uns möglicherweise den höchsten Grad zur Liebe und Erbarmung des Herrn erklommen hatte, da kam dieser Retter zu mir, und ich dachte mir, des bin ich wohl gewiss, dass ich ewig allerunwürdigst [bin], um etwa gar eine persönliche Hilfe vom Herrn zu erwarten. Da aber der Herr dennoch endlos barmherzig ist, so hat Er mir sicher in Seinem allerheiligsten Namen diesen Mann zum Retter gesandt; dem Herrn alles Lob, alle Ehre, und allen Preis! Die Brüder sind gerettet, und das ohne mein allergeringstes Hinzutun; nun aber kann mit mir geschehen, was da will. Soll ich hinter die Kluft, da gib mir nur gleich den Befehl dazu, und ich will, jauchzend den Herrn lobend, dahin eilen und, wenn es möglich ist, für jeden einzelnen zehnfach büßen!
GS|1|95|7|0|Nun spreche ich: Gut, mein Freund und Bruder; ist das aber auch dein vollkommener Ernst? – Der Prior spricht: O Freund und Bruder, es kommt dabei ja nur auf eine Probe an; gib mir nur den Befehl und du sollst dich sobald überzeugen, dass ich so handeln will, wie ich spreche und wie es der allerheiligste Wille des Herrn erheischt! – Nun spreche ich: Nun gut, also kannst [du] dich dazu ja sogleich auf den Weg machen, und so gehe denn hin für deine Brüder!
GS|1|95|8|0|Seht, der Prior dankt mir für diesen Befehl, kehrt sich um und geht schnurgerade wieder zurück, um hinter der Kluft seinen Posten einzunehmen. Unterwegs aber geht er im Vorübergehen zu seinem schlichten Mann hin und spricht zu Ihm: Lieber Freund und Bruder, du hast ehedem doch recht gehabt. Wie du siehst, so muss ich nun im Ernst selbst für diese meine geretteten Brüder hinter die heiße Kluft nachdenken gehen, wie man auf den Wegen des Herrn handeln soll. Aber ich gehe ja gern; denn wenn ich nur meine Brüder gerettet weiß, an mir liegt wenig. Kann ich den Herrn wegen Seiner großen Liebe und Erbarmung nur loben und preisen und Ihn lieben über alles nach meiner Kraft, da sollen mich die Flammen sehr wenig beirren. Und so gehe ich denn im Namen des Herrn; wenn du aber zum Herrn kommst, da gedenke meiner!
GS|1|95|9|0|Der schlichte Mann spricht: Ja, das kannst du versichert sein, dass Ich deiner nicht vergessen werde; gehe aber nur hin und erfülle den Willen des Boten! – Seht, nun geht er im Ernst jauchzend, den Namen des Herrn lobend, dahin. Ihr fragt nun wohl, wie lange er dort verweilen wird müssen? Ich aber sage euch: Sorgt euch nicht um ihn, er wird gar bald wieder da sein; denn anstatt der Kluft wird er nur hohe Gäste des Himmels antreffen, die ihm ein neues Kleid anziehen werden.
GS|1|95|10|0|Da seht nur hin, er kommt ja schon wieder, und das schnurgerade auf mich los, mit einem weißen Gewand angetan und mit einer leuchtenden Krone auf dem Haupt. Er ist hier, und ich frage ihn: Lieber Freund und Bruder, ja was ist denn das? Ist das die Kluft? Du kommst, anstatt hinter der Flammenkluft zu büßen, ja nun mit einem himmlischen Liebegewand angetan?
GS|1|95|11|0|Der Prior spricht: O lieber Freund und Bruder, ich kann nicht im Geringsten dafür. Siehe, wie ich gerade in den traurigen Hintergrund unseres Refektoriums gehen wollte, da standen anstatt der feurigen Kluft drei glänzende Jünglinge und sprachen zu mir: Bruder im Herrn, wir wissen, wohin Du willst; aber dahin ist nicht deine Bestimmung, sondern es war nur eine letzte Probe für dein Herz, ziehe daher dein Gewand der ehemaligen Irrtümlichkeit aus und ziehe dafür dieses neue aus der Liebe und Wahrheit an. – Ich sträubte mich und sprach: O Freunde Gottes, solcher Gnade bin ich in Ewigkeit nicht würdig. – Aber es half all mein Sträuben nichts, ich wollte oder wollte nicht, das Kleid ward mir vom Leib genommen und dieses Kleid dafür in Blitzesschnelle angezogen. Und nun stecke ich darin und schäme mich darum, weil ich so eines Kleides zu unwürdig bin! Aber was will ich machen? Das Kleid ist einmal auf dem Leib; und da ich kein anderes habe, so kann ich mich dessen nicht entblößen und dadurch zu einem ärgerlichen Gelächter vor meinen Brüdern stehen. Ich denke aber, solches alles lässt der Herr an mir geschehen, damit ich so recht durch und durch soll gedemütigt werden. Darum aber sei Ihm auch alles Lob, alle Ehre und aller Preis ewig; denn nur Er allein, ja ganz allein ist gut, auch in den Himmeln allein gut.
GS|1|95|12|0|Nun spreche ich: Ja, lieber Freund und Bruder, wenn es so ist, da muss ich mich denn freilich wohl auch zufriedenstellen. Aber nun will ich dir eine Frage geben, und diese musst du mir beantworten. Sage mir: Was würdest du wohl tun, wenn, setzen wir den Fall, nun der Herr zu uns käme?
GS|1|95|13|0|Der Prior spricht: O Freund und Bruder, das wäre entsetzlich! Fürwahr, wenn solches möglich wäre, da wäre es mir ja ums Millionenfache lieber, entweder hinter der Flammenkluft in dem schmutzigsten Winkel zu stecken, oder doch wenigstens mich hier in dem allerdürftigsten Kleid zu befinden. Denn wenn der Herr mich in dieser Kleidung anträfe und mich dann etwa gar fragen möchte: Wie kommst du, sicher Allerunwürdigster, zu diesem Kleid himmlischer Ehre? – ja, Bruder, da wären wohl hundert Berge zu wenig, die mich dann sogleich bedecken sollten, um nicht länger solch eine allergrößte und wohlverdiente Schmach vor dem Angesicht des Herrn zu ertragen. Wenn es dir aber möglich wäre, mir ein anderes Kleid zu verschaffen, so würdest du mir sicher den größten Liebesdienst erweisen. Bekleide alle meine Brüder, die sicher würdiger sind als ich, mit solchen himmlischen Gewändern; aber nur mich stecke so in rechte Lumpen hinein und lass mich dann zuallermeist im Hintergrund sein, wenn der Herr erscheinen sollte. Ich will Ihn da unbelauscht in der allergrößten Demut anbeten, aber nur im Vordergrund lass mich nicht sein, denn jetzt sehe ich es erst in diesem Kleid ganz klar ein, dass ich der Allerletzte aus all meinen Brüdern bin!
GS|1|95|14|0|Nun spreche ich: Lieber Freund und Bruder! Solches steht nicht bei mir, gehe aber hin zu deinem schlichten Mann, der ist so ein eigenmächtiger ex abrupto-Helfer im Namen des Herrn vollkommen, der wird dich sicher wieder erhören und dir geben nach deinem Verlangen.
GS|1|95|15|0|Der Prior spricht: Ja, lieber Bruder und Freund, der ist schon mein rechter Mann. Ich muss dir aufrichtig sagen: Ich habe dich zwar sehr lieb, aber diesen Mann habe ich wenigstens um hundert Prozent lieber als dich, denn er ist viel sanfter, und er erhört einen auch lieber, daher will ich mich nach deinem Rat auch sogleich in seine Arme werfen!
GS|1|95|16|0|Seht, nun geht der Prior auch schon hin zu seinem schlichten Mann, klagt ihm seine Not, und der schlichte Mann spricht zu ihm: Lieber Freund und Bruder, solches Begehren von dir ist Mir über alles lieb, daher geschehe dir auch nach deinem wahren, demütigen Verlangen. Gehe aber hin, dort in der nächsten Gartenlaube wirst du schon ein anderes Gewand finden.
GS|1|95|17|0|Seht, der Prior geht springend dahin, kommt aber sogleich wieder unverrichteter Dinge zurück und spricht zum schlichten Mann: Aber lieber Freund und Bruder, das wäre ein sauberer Tausch! Statt eines meiner würdigen allerlumpigsten Gewandes fand ich ein strahlend blaues Kleid, welches an den Rändern mit hellleuchtendsten Sternen verbrämt war, und um die Mitte mit einem hellroten Gürtel versehen, und war dazu noch so allerhöchst wohlduftend, dass ich bei dessen Anblick und bei der Wahrnehmung seines Wohlgeruchs mich wie auf einmal in alle Himmel entzückt zu sein fühlte!
GS|1|95|18|0|Ich bitte dich darum, tue mir solches nicht mehr an, denn ich könnte es nicht ertragen. Lass mir aber eine allerordinärste lederne Bauernjacke finden, und wenn sie noch so zerlumpt und zerflickt sein sollte, so werde ich darin aber dennoch ums Unbeschreibliche glücklicher sein als in diesem mich nun schon über alles stark drückenden Kleid.
GS|1|95|19|0|Der schlichte Mann spricht: Nun, so gehe in eine andere Laube dorthin, und du sollst das rechte Gewand finden.
GS|1|95|20|0|Seht, unser Prior springt schon wieder; diesmal kommt er aber nicht so schnell zurück, und so muss er schon ein rechtes Kleid gefunden haben. Richtig, da seht nur hin, er kommt ja schon in einem wie grobgrauzwilchenen Kittel heraus und ist voll Heiterkeit über diesen Fund, geht nun wieder schnell hin zum schlichten Mann, dankt Gott vor ihm für diese ihm groß vorkommende Erbarmung, und der schlichte Mann spricht zu ihm: Du stehst jetzt freilich für dich behaglicher in diesem Demutsgewand; aber wenn der Herr kommen möchte und dann sagen würde: Freund! Wie kommst du hierher und hast kein hochzeitliches Gewand an?
GS|1|95|21|0|Der Prior spricht: Lieber Freund und Bruder, wenn ich dann in die äußerste Finsternis hinausgeworfen werde, so wird mir nichts mehr geschehen als was da vollkommen recht und billig ist. Nur in den allerdürftigsten Winkel mit mir hin; da ist mein Platz! Aber mich für den Himmel würdig zu denken, auch nur für den Allergeringsten unter denen, die allenfalls in einem alleruntersten Himmel sind, soll wohl ewig mein letzter Gedanke sein.
GS|1|95|22|0|Der schlichte Mann spricht: Nun gut; Ich will dir jetzt etwas ganz geheim sagen. Siehe, der Bote bearbeitet schon alle deine Brüder für die ganz nahe Erscheinung des Herrn, und Ich sage dir auch: Er wird ganz bald hier sein! Was wirst du nun tun?
GS|1|95|23|0|Der Prior spricht: Lieber Freund und Bruder, um des allmächtigen Herrn willen, führe mich doch nach deiner besten Einsicht in irgendeinen allerletzten Winkel dieses Gartens hin, und wenn es dir nicht zu viel wäre, so verbleibe wenigstens nur so lange bei mir, bis der allmächtige Herr mit all diesen Brüdern Seine heilige Sache wird geschlichtet haben. Und sollte Er mich etwa hernach zuallerletzt aufsuchen wollen, so will ich mich so ganz allein auf mein Angesicht vor Ihm hinwerfen und Ihn da um Seine göttliche Erbarmung anflehen.
GS|1|95|24|0|Der schlichte Mann spricht: Wie steht es denn hernach mit deiner Liebe zum Herrn, da du dich vor Ihm gar so fürchtest?
GS|1|95|25|0|Der Prior spricht: Was da meine Liebe zum Herrn betrifft, so ist sie wohl so mächtig, dass ich alles für Ihn tun möchte, wenn ich nur was tun könnte! Ich bin aber schon zufrieden, wenn ich Ihn nur, entfernt von Ihm, so ganz still in meinem Herzen lieben kann und darf! In Seiner Nähe zu sein, bin ich aber ohnedies ja nicht in alle Ewigkeiten würdig. Ich darf nur auf mein allerbarstes Philisterleben auf der Erde zurückdenken, und was ich mir da nicht selten auf die Macht Gottes zugutetat, so möchte ich vergehen vor Schande! Daher lass mich nur so geschwind als möglich die für mich heilsame Flucht ergreifen.
GS|1|95|26|0|Der schlichte Mann spricht: Lieber Freund und Bruder, Ich will deiner gerechten Demut durchaus nicht im Weg sein, daher folge mir schnell in jenen Winkel dorthin gegen Morgen. Dort werden wir beide am wenigsten belauscht sein, weil dieser Winkel mit so dichtem Laubwerk verwachsen ist, durch welches man doch nicht so leicht und so geschwind durchsieht. Des Herrn Auge ist zwar freilich allsehend, aber das tut vorderhand nichts zur Sache. Gehen wir daher nur schnell hin, und wollen dort unsere demütigen Betrachtungen halten, wie der Herr erscheinen wird. Wenn Er Sich nur nicht etwa zu uns zuerst verliert! – Der Prior spricht: Des sei versichert, zu den Unwürdigsten geht der Herr nicht am ersten, daher werden wir völlig sicher sein. Und so mögen wir denn gehen!
GS|1|96|1|1|Die Furcht der Mönche vor dem Herrn als Richter. Der Prior erkennt den Herrn
GS|1|96|1|1|(Am 19. April 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|96|1|0|Nun seht, unser Prior und sein fremder schlichter Mann erreichen soeben jene ziemlich dichte Laube, welche da besteht aus Feigenbäumchen, und treten hinter dieselbe.
GS|1|96|2|0|Jetzt aber gebt Acht; unser früherer Mönch nähert sich mir schon wieder ganz bescheiden und fragt nun auch sogleich: Lieber Freund und Bruder, als erhabener Bote des Herrn, als solchen wir dich nun alle ungezweifelt erkennen, aber dabei nicht erkennen, wer jener fremde, schlichte Mann ist, – sage uns daher, wer dieser Mann ist, denn ich habe ihn so recht tüchtig betrachtet, und ich muss dir offenbar gestehen, dass mir im Verlaufe meiner Betrachtung von Augenblick zu Augenblick heißer geworden ist um mein Herz, und gar viele von meinen Brüdern gaben mir von ihnen aus das Gleiche zu verstehen. Daher meine ich, dass hinter diesem Mann durchaus nichts Geringes stecken kann; er ist entweder der Petrus oder Paulus oder etwa gar der Lieblingsjünger des Herrn! Wenn ich nicht zu weit vom Ziel geworfen habe, so wolle mir solches brüderlich gütig zu verstehen geben. Ich weiß zwar noch nicht, was im ferneren Verlaufe mit uns allen geschehen wird; kommen wir in die Hölle oder doch wenigstens ins Fegfeuer? Aber das ist gewiss, diesen fremden, schlichten Mann werde ich lieben, wo ich mich immer befinden werde in alle Ewigkeit, und das aus dem Grunde, weil er gar so schlicht, einfach und liebevoll ist, was ich deutlich daraus abgenommen habe, als ich betrachtete, wie gar so herablassend und liebevollst brüderlich er mit dem Prior umgegangen ist und seiner Schwachheit so weit nachgab und nachging, dass er ihn am Ende sogar vor der allfälligen schrecklichen Ankunft des Herrn in den Schutz nahm.
GS|1|96|3|0|Ja, das will ich einen wahren Menschenfreund nennen. Einem auf der Welt beizustehen, ist eine offene leichte Sache, weil da ein jeder Mensch in seiner vollkommenen Freiheit ist. Aber hier, im schauderhaften, unerbittlichen, aller Liebe, Gnade und Erbarmung nahe gänzlich ledigen Geisterreich, ist das ganz etwas anderes, einen so edlen Freund zu finden, hinter dem man sich bei solch einer entsetzlichen herannahenden Gefahr schützend verbergen kann. Daher bitte ich dich im Namen aller dieser Brüder noch einmal, dass du mir kundgeben möchtest, wer dieser Mann sei? Vielleicht würde er auch so gnädig und barmherzig gegen uns sein, uns dann zu beschützen und zu decken, wenn der Herr allerschrecklichst mit zornigem Richterantlitz erscheinen wird!
GS|1|96|4|0|O Freund und Bruder, du kannst es sicherlich nicht erfassen und begreifen, was das für einen armen Sünder ist, vor dem unerbittlichen Richterstuhl Christi zu erscheinen! Ich möchte ja lieber auf ewig mich in der größtmöglichsten Tiefe dieses Bodens vergraben lassen, als nur einen Augenblick lang das Angesicht des ewig unerbittlichen, allgerecht gestrengsten Richters anzusehen. Daher tue uns diesen letzten Liebesdienst, wenn wir überhaupt eines solchen nur im geringsten Teil würdig sind, und wir wollen uns dann ja für ewig mit dem ausgesprochenen göttlichen Urteil zufriedenstellen; aber nur vor dem Angesicht des unerbittlichen Richters lass uns verwahrt werden!
GS|1|96|5|0|Nun spreche ich: Lieber Freund und Bruder, du verlangst seltene Dinge von mir und bedenkst nicht, dass ich nicht der Herr, sondern nur ein Diener des Herrn bin, als solcher ich nicht tun kann, was ich will, sondern nur was da ist des Herrn Wille! Es ist aber dieser schlichte fremde Mann weder der Petrus, noch der Paulus, noch der Lieblingsjünger des Herrn, sondern Er ist Einer, der nicht ferne ist denen, die du nanntest, und eben auch nicht ferne ist mir wie dir. So viel genügt dir vorderhand.
GS|1|96|6|0|Dass du dich aber hinter Ihm samt deinen Brüdern vor dem Angesicht des Herrn beschützen möchtest, das ist eine eitle Sache. Meinst du, des Herrn Antlitz wird dich nicht treffen, wo du auch seist? Oh, da bist du noch in einer großen Irre! Wenn du aber völlig der Meinung bist, dich hinter dem Rücken jenes schlichten Mannes verbergen zu können, also, dass du nicht zu Gesicht bekämst das Angesicht des Herrn, da ziehe immerhin mit all deinen Brüdern dem Prior nach, und es wird sich an Ort und Stelle ja zeigen, ob du sicher bist vor dem Angesicht des Herrn.
GS|1|96|7|0|Meinst du denn, der Herr wird auf diesen Platz hierherkommen, der da leer ist? Das wird Er nicht tun, sondern Er wird Sich schnurgerade dahin begeben, wo ihr seid, oder euch wohl gar schon erwarten hinter dem Laubwerk.
GS|1|96|8|0|Nun spricht unser Mönch: O erhabener Freund und Bruder, du hast mir jetzt ganz entsetzliche Dinge ins Ohr gesetzt. Wenn es so ist, da möchte ich doch wieder nicht zur Laube hin, sondern mich lieber ganz einschichtig [einsam] oder höchstens mit noch einem Bruder in irgendeinen allerschmutzigsten Winkel verbergen, dahin wegen der Schmutzigkeit der Herr etwa doch nicht allzubald Sein Angesicht wenden würde.
GS|1|96|9|0|Nun spreche wieder ich: Lieber Freund und Bruder, auch das wird dir wenig nützen, denn der Herr wird dich dennoch finden und wärst du auch in der Tiefe aller Tiefen begraben. Daher meine ich, du solltest lieber allhier bei deinen Brüdern verweilen und dich fügen in den Willen des Herrn. Und der Herr wird dich in deinem Gehorsam sicher gnädiger ansehen, als so du eigenmächtigerweise dich töricht vor dem Herrn verbergen möchtest, vor dem sich doch ewig niemand verbergen kann.
GS|1|96|10|0|Unser Mönch spricht: Wenn es so ist, so geschehe denn in dem allmächtigen Namen des Herrn Sein heiliger Wille; denn wir sind deiner Rede zufolge nun schon auf alles gefasst! – Nun spreche ich: Nun gut, da solches bei euch der Fall ist, so lasst uns hinziehen, wohin der Prior mit dem schlichten fremden Mann gezogen ist; alldort wollen wir, als auf dem tauglichsten Platz dieses Gartens, des Herrn harren!
GS|1|96|11|0|Seht, die Mönche wie die Laienbrüder begeben sich, uns folgend, allerdemütigst, aber auch in aller Furcht ihres Herzens hin zu dem uns schon bekannten Laubwerk. Wir sind nun an Ort und Stelle. Lassen wir ein wenig diese Gesellschaft allein vor dem Laubwerk harren; wir aber begeben uns dafür ein wenig hinter das Laubwerk und wollen da ein wenig das Verhältnis unseres Priors ins Auge fassen.
GS|1|96|12|0|Seht, er fragt schon mit stark verlegener Stimme seinen schützenden Freund: Was um des Herrn willen hat denn das zu bedeuten, dass nun, für mich entsetzlichermaßen, alle meine sonst lieben Brüder gerade jetzt zu diesem unseren Bergwinkel hergewandelt sind? Am Ende wird es doch noch so werden, wie du, lieber Freund, ehedem bemerkt hast, dass der Herr nämlich gerade da, wo ich mich verbergen werde, gar leichtlich zuallererst erscheinen wird. Lieber Freund und Bruder, wäre es denn nicht tunlich, dass wir diesen Platz mit einem anderen vertauschen möchten?
GS|1|96|13|0|Der schlichte Mann spricht: Was würde dir das aber auch nützen? Weißt du nicht, was der Apostel Paulus damit angezeigt hat, da er sprach: „Wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden!“? – Der Prior spricht: O lieber Freund und Bruder, diese schauerlichen Worte kenne ich nur gar zu gut! Was ist aber da zu tun, da ich dessen ungeachtet dennoch meine entsetzliche Furcht vor dem Herrn nicht loswerden kann?
GS|1|96|14|0|Nun spricht der schlichte Mann: Höre, mein lieber Freund und Bruder, da weiß Ich dir einen guten Rat zu geben. Du hast ehedem Mir bemerkt, dass du den Herrn über alles lieben könntest und wärst für ewig zufrieden schon, so du Ihn nur einmal im fernen Vorbeigehen zu Gesicht bekämst. Du weißt aber auch, dass der Herr ein gar großer Freund derjenigen ist, die Ihn lieben, und kommt ihnen unbekanntermaßen wohl allzeit schon mehr als auf dem halben Weg entgegen. Wie wär’s denn demnach, wenn du anstatt deiner großen Furcht deine Liebe zum Herrn so recht ergreifen möchtest und der Herr dir dann auch unbekanntermaßen, deiner etwas törichten Furcht begegnend, entgegenkäme? Ich meine, solches wäre füglich besser, als sich gar so töricht zu fürchten vor dem, den man doch nur über alles lieben soll!
GS|1|96|15|0|Der Prior spricht: Ja, lieber Freund und Bruder, wie allzeit und ehedem so hast du auch jetzt vollkommen recht. Oh, wenn ich nur den Herrn lieben darf, so ich Ihm mit meiner Liebe nicht gar zu schlecht bin, da will ich Ihn ja lieben über alle Maßen, aus allen meinen Kräften, denn ich fühle es ja ganz lebendigst in mir, dass ich nun nichts als nur allein den Herrn unbeschreiblich und unaussprechlich zu lieben vermag!
GS|1|96|16|0|Nun spricht der schlichte Mann: Siehe, Mein lieber Freund und Bruder, diese Sprache gefällt mir ums Unvergleichbare besser als die frühere, daher will Ich dir nun auch ein kleines Geheimnis enthüllen. Siehe, Der, den du gar so sehr gefürchtet hast und noch immer fürchtest, ist nicht fern von dir. Sage Mir, würdest du den Herrn auch so sehr fürchten, wenn Er so ganz Mir gleich schlicht, einfach und voll Liebe vor dir erscheinen möchte?
GS|1|96|17|0|Der Prior erwidert: O allerliebster Freund und Bruder, in dieser Gestalt würde ich mich sicher nicht fürchten vor Ihm. Aber was die Liebe betrifft, so glaube ich, dass mich dieselbe beinahe töten könnte, wenn ich den Herrn so in deiner Schlichtheit vor mir erschauen würde!
GS|1|96|18|0|Der schlichte Mann spricht: Siehe, deine Furcht rührt aus einer irdisch grundirrigen Vorstellung vom Herrn, während der Herr deiner Vorstellung doch nicht im Allergeringsten entspricht. Deine Vorstellung war aber auch zugleich der Grund, dass du den Herrn nie so ganz liebend erfassen konntest. Da aber jedoch aller Irre einmal ein Ende werden muss, so siehe her! Zuerst betrachte Meine Füße, an denen noch die Nägelmale sind, dann betrachte Meine Hände und lege gleich dem Thomas deine Hand in Meine durchbohrte Seite und du wirst daraus gar bald ersehen, dass man sich auch hinter dem dichtesten Laubwerk vor dem Herrn nicht wohl verbergen mag!
GS|1|96|19|0|Seht, nun erkennt der Prior in seinem schlichten Mann den Herrn und fällt, von der allmächtigsten Liebe ergriffen, zu Seinen Füßen hin und kann nichts reden, sondern er weint und schluchzt. Aber der Herr beugt Sich alsobald nieder, erhebt ihn und spricht zu ihm: Nun sage Mir, noch immer Mein Freund und Bruder, bin Ich wohl so schauerlich und fürchterlich, wie du dir Mich ehedem vorgestellt hast?
GS|1|96|20|0|Der Prior spricht: O Du mein allermächtigst geliebtester Herr Jesus! Wer hätte es sich je von uns auch nur zu denken getraut, dass Du auch im Reich der Geister gar so unendlich, unaussprechlich gut bist?! O Herr, lass mich jetzt hinausgehen und rufen aus allen Kräften, so dass es alle Enden Deiner unendlichen Schöpfung vernehmen sollen, dass Du der allerunendlichst beste, liebevollste und heiligste Vater bist!
GS|1|96|21|0|O Herr, wie unendlich selig bin ich jetzt, da ich Dich also habe kennengelernt! Ja, Du bist der Himmel aller Himmel und die höchste Seligkeit aller Seligkeiten! Wenn ich nur Dich habe und Dich ewig mehr und mehr lieben darf, so frage ich weder nach einem Himmel noch nach irgendeiner anderen Seligkeit mehr! Lass mich hier eine Hütte erbauen, die groß genug ist, mich, meine Brüder und Dich, o Herr, zu fassen, und ich gehe da mit keiner Seligkeit mehr einen Tausch ein! Aber Du, o allerliebevollster, heiliger Jesus, darfst uns ja nicht mehr verlassen, denn ohne Dich wäre ich nun ewig das unglücklichste Wesen!
GS|1|96|22|0|Der Herr spricht: Mein Freund und Bruder, Ich kenne dein Herz, lass daher gut sein, was du wünschest, und gehe dafür hinaus zu deinen Brüdern und verkündige Mich, wie Ich Mich dir verkündigt habe. Ich aber werde dir sobald folgen, um auch zu erlösen dir gleich alle deine Brüder und werde dann euch führen zu eurer wahren, ewigen Bestimmung! Und so denn gehe und tue nach Meiner Liebe. Amen!
GS|1|97|1|1|Die gute Predigt es Priors zu den Mönchen führt diese zum Herrn
GS|1|97|1|1|(Am 21. April 1843 von 4 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|97|1|0|Seht, unser Prior geht, mit der höchsten Seligkeit erfüllt, hinaus zu seinen Brüdern, wie ihm der Herr geboten hat. Daher gehen auch wir ihm nach, um zu sehen, wie er sein Amt verwalten wird.
GS|1|97|2|0|Seht, es geht ihm auch schon unser bekannter redseliger Mönch entgegen und fragt ihn mit ganz erschrockener Miene: Höre, Bruder, wie ist es möglich, dass du in dieser schauderhaftesten Epoche, in welcher wir alle samt dir den unerbittlichen Richter erwarten, mit einem solchen überheiteren Angesicht aus deinem guten Versteck zu uns kommen kannst? Hat solches dein schlichter Führer bei dir bewirkt, oder hast du dich selbst also überredet? Sage mir und uns allen, wie du zu dieser Fröhlichkeit gelangt bist? Dem Herrn sei alles Lob, alle Ehre und aller Dank, dass Er dir solche Fröhlichkeit zugelassen hat. Aber wir armen Sünder hier stehen dafür eine desto größere Angst und Bangigkeit aus. Wenn doch auch uns ein wenig geholfen werden könnte, so wäre das wirklich etwas außerordentlich Ersprießliches für unser überaus geängstigtes Gemüt.
GS|1|97|3|0|Fürwahr, gar oft habe ich auf der Erde von der Kanzel dem Volk gepredigt, wie schrecklich es ist, vor dem Angesicht des unerbittlichen Richters zu erscheinen, und wie schrecklich, in die Hände des lebendigen, allmächtigen Gottes zu fallen! Es mögen auch gar viele meiner Zuhörer auf solche meine Predigten bis ins Innerste erschüttert worden sein; aber ich habe dabei ganz bestimmt am allerwenigsten solch meine Predigt beherzigt und ließ mir, wie ihr wisst, darauf einen guten Bissen wie auch ein gutes Glas Wein recht wohl schmecken. Hier aber kommt es genau auf das Sprichwort an: Wer einem anderen die Grube gräbt, fällt am Ende selbst hinein. Und so denn stecke ich auch über Hals und Kopf in dieser Grube und empfinde nun das allerstärkst lebendig, was ich bei meinen Lebzeiten den anderen habe wollen empfinden machen durch meine Predigten. Daher bitte ich dich nun auch umso mehr, dass du mir und uns allen eine kleine tröstende Mitteilung machen möchtest, wie es dir möglich ist, in dieser Lage, in der wir uns befinden, so heiter zu sein?
GS|1|97|4|0|Der Prior spricht: So höre denn, mein geliebtester Bruder: Meine ehemalige und deine jetzige Furcht vor dem Herrn hat darin ihren Grund, dass wir den Herrn nie so haben wollten, wie Er ist; sondern wir machten Ihn Selbst zu dem schrecklichsten Wesen aller Wesen. Wir haben somit den wahren Christus verloren, das heißt denjenigen Christus, verstehe Bruder, der noch am Kreuz blutend und sterbend Seine größten Feinde, Peiniger und Marterer segnete und sie Selbst mit ihrer eigenen Unwissenheit entschuldigte; ja, den Christus, der den Missetäter, welcher sich zu Ihm gewendet hatte, plötzlich mit dem offensten Herzen aufnahm und selbst denjenigen, der Ihn am Kreuz schmähte, nicht verdammt hat, – und haben uns statt dieses wahren Christus einen Tyrannen-Christus gebildet, der fortwährend Rache brütet bis zum bestimmten, das heißt von uns bestimmten irrwahnigen Vergeltungstag, während wir doch gar leicht hätten bedenken können, dass der Herr, so Er an Seinen armseligen Geschöpfen hätte Rache nehmen wollen, nicht einer so langen, unbestimmten Frist benötigen würde, sondern hätte es mit ihnen machen können, wie Er es mit Sodom und Gomorra gemacht hat.
GS|1|97|5|0|Ferner stellten wir uns Christus immerwährend in solch unzugänglicher Erhabenheit vor, von welcher aus Er Sich Seiner Geschöpfe gewisserart gar wenig kümmere, sondern sie frei belasse bis zum Gerichtstag, da sie Sein Wort und Sein Gesetz haben; gedachten dabei aber ganz entsetzlich wenig, was der gute Hirt spricht. Und die Verheißung: „Ich bleibe bei euch bis ans Ende aller Zeiten“, ging ebenfalls stumm an unseren Herzen vorüber. Und wir begnügten uns anstatt der lebendigen Gegenwart Christi allein mit der toten zeremoniellen, durch welche wir den wahren Christus nur stets mehr und mehr einbüßten.
GS|1|97|6|0|Wir versetzten alles in die Materie, wir dünkten uns am Ende sogar tagtägliche Schöpfer Christi zu sein und sündigten auf diese himmelschreiende Machtinhabung auf die göttliche Liebe und Erbarmung drauflos, dass es eine barste Gräuelschande war! Da uns der liebevolle Christus zeitlichermaßen nicht so viel eingetragen hätte wie der allergestrengst gerechteste und unerbittlichste, so schoben wir auch alles Seiner allergestrengsten Gerechtigkeit anstatt, als schwache Wesen, Seiner ewigen Liebe und Erbarmung unter. Und wie wir Ihn also zeitlich erträglich und wohlzinspflichtig machten, also ist Er auch bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt für unser Gemüt geblieben.
GS|1|97|7|0|Meint ihr aber, der wahre Christus habe Sich darum wirklich verändert und so gestaltet, wie wir Ihn törichterweise in uns gestaltet haben? O nein, meine lieben Brüder! Er ist, wie Er allzeit und ewig war, noch bis auf diese gegenwärtige Minute ganz derselbe übergute heilige Vater geblieben und wird auch fürder ewiglich also verbleiben.
GS|1|97|8|0|Er ist noch derselbige unendlich liebevolle Freund, der zu allen spricht: „Kommt her zu Mir, die ihr mühselig und schwer beladen seid, Ich will euch alle erquicken!“ Er ist noch derselbe Christus, der da am Kreuz in Sich Selbst Seine Peiniger entschuldigte und ihnen alles in der Fülle Seiner göttlichen Liebe vergab.
GS|1|97|9|0|O Freunde und Brüder! Ich möchte wohl sagen: Wenn je ein Erdenbürger eine große und schwere Sünde begehen kann, so ist wohl nicht leichtlich eine größere denn diese, so jemand aus schändlichem irdischem Eigennutz die unaussprechliche Güte und Liebe des Herrn also verkennt, wie wir sie verkannt haben!
GS|1|97|10|0|Seht hin und betrachtet die Geschichte des verlorenen Sohnes. Was tat wohl dieser Erhebliches, dass er sich aussöhnen konnte mit seinem tiefgekränkten Vater? Nichts, als dass er sich, durch die höchste, schauderhafteste Not getrieben und genötigt, wieder nach Hause zu seinem Vater kehrte, um dort allenfalls der letzte Knecht zu sein. Was tat aber der Vater? Er ging diesem zurückkehrenden Sohn schon auf dem halben Weg entgegen. Und wie dieser, zu ihm kommend, niederfiel und ihm sein notgedrungenes Begehren vortrug, hob ihn der Vater sobald auf, drückte ihn an seine heilige Brust, ließ ihm sogleich die herrlichsten Kleider anziehen und bestellte dazu noch ein großes Freudenmahl.
GS|1|97|11|0|Sagt mir, liebe Brüder, haben wir Christus je von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet? Wir haben wohl auch den verlorenen Sohn gepredigt, aber wie? Der verlorene Sohn musste sich umkehren durch unsere Beichte, dann durch allerlei auferlegte Bußwerke, welche nicht selten ärger waren, als das Schweinefutter des verlorenen Sohnes in der Fremde. Hatte sich ein solcher verlorener Sohn auch wirklich umgekehrt, so fand er aber dennoch, anstatt des alleinig wahren, guten Vaters, nichts als uns, die wir ihn zur vermeintlichen Rückkehr bewogen haben und bedachten dabei nicht, wer der Vater ist, und nicht wo Er ist und wohin sich der verlorene Sohn hätte wenden sollen!
GS|1|97|12|0|So haben wir getan. Aber nichtsdestoweniger hat Sich der gute heilige Vater verändert. Ihr seid samt mir nichts als solche verlorene Söhne, die schon gar frühzeitig das vom Vater erlangte Gut auf der Erde vergeudet haben und verhurt. Wir haben bis jetzt unsere Armut außer dem väterlichen Haus schon eine geraume Zeit gar bitter empfunden. Kehren wir daher zurück und werfen uns Ihm zu Füßen. Nicht dass Er uns etwa solle ein köstliches Mahl bereiten und uns aufnehmen zu großen Ehren, sondern dass wir nur die Allerletzten sein dürften in Seinem Vaterhaus und dürften Ihn da lieben aus allen unseren lebendigen Kräften!
GS|1|97|13|0|Der Mönch spricht: O Bruder! Was für Worte hast du nun geredet, und welch einen himmlischen Balsam hast du dadurch in unsere Herzen gegossen! Ja, du hast die ewige Wahrheit gesprochen. Den wir mit der größten Freude und mit der größten Liebe unseres Herzens erwarten sollten, den überguten heiligen Vater, konnten wir so fürchten! Ja, mein lieber Bruder, ich kann dir nun versichern, dass du mir auch alle Furcht vor dem Herrn so sehr benommen hast, dass ich mich nicht vor dem allerstrengsten Gericht mehr fürchten möchte. Denn ich weiß nur das, dass ich Ihn, den so unendlich allerliebevollsten Christus, lieben darf und kann. Weil Er in Sich Selbst so unendlich gut und liebevollst ist, so fühle ich mich überall glücklich sein zu können, wo ich Ihn, den Liebevollsten, immer lieben kann.
GS|1|97|14|0|Ich danke dir, lieber Bruder, auch im Namen aller dieser unserer Brüder, dass du uns solche herrliche Kunde überbracht hast, welche dir sicher jener liebe schlichte Mann eingegossen hat, und gebe dir dazu auch die allervollste Versicherung, dass ich und wir alle den wahren Christus ewig zu lieben, ja über alles zu lieben nie aufhören werden, weil Er in Sich und aus Sich so unendlich gut und liebevoll ist! Ja, wer Ihn also nicht lieben könnte, der müsste, fürwahr, ärger als der ärgste höllische Teufel sein. Wie ich mich ehedem gefürchtet habe, einmal vor Seinem Angesicht zu erscheinen, so soll das aber von nun an ewig mein heißester Wunsch sein, in meiner großen Unwürdigkeit den allerheiligsten Vater nur einmal wesenhaft zu Gesicht zu bekommen!
GS|1|97|15|0|O Du mein Christus, Du! Wie sehr liebe ich Dich jetzt, da ich Dich besser denn auf der Erde erkannt habe! Sei mir armem Sünder aber nur insoweit gnädig und barmherzig und nehme mir diese meine Seligkeit nicht, die darin besteht, dass ich Dich lieben kann aus allen meinen Kräften allorts, wohin Deine Erbarmung und Dein heiliger Wille mich nur immer bescheiden werden. O Herr! Ich verlange ewig nichts von Dir, denn ich bin ja nicht der allergeringsten Gnade wert. Nur lieben lass Dich von mir, und wenn es möglich ist, so lass mich in solcher Liebe zu Dir völlig vergehen!
GS|1|97|16|0|Der Prior spricht: Mein lieber Bruder, sage mir, nachdem du dich in deinem Gemüt also geändert hast, wie dir mein schlichter Mann, der soeben auch hinter dem Laubwerk hervorkommt, gefällt?
GS|1|97|17|0|Der Mönch spricht: O liebster Bruder, dieser Mann gefällt mir schon seit seiner ersten Erscheinung gar überaus gut. Dem könnte ich folgen, wohin er nur immer wollte, und würde er mich stellen da oder dorthin auf die Anwartschaft des Herrn, so könnte ich mich wie ein Felsen auf einem Punkt eine halbe Ewigkeit lang festhalten, ohne meinen Platz nur um ein Haar zu verrücken. Das wäre überhaupt so ein Mann, dem ich um den Hals fallen könnte und meine ganze Liebe über ihn schütten. – Der Prior spricht: Was würdest denn du dann tun, lieber Bruder, wenn sich dir der Herr aller Himmel und aller Welten in solcher Schlichtheit nähern würde?
GS|1|97|18|0|Der Mönch spricht: O Bruder, um solch ein Gefühl auszudrücken, da bin ich der Meinung, möchten wohl jedem noch so erhabenen, höchsten himmlischen Geist die Worte in der Brust steckenbleiben! Denn zu unerträglich groß wäre das, wenn auch nur eine augenblickliche Seligkeit!
GS|1|97|19|0|Der Prior spricht: Bespreche dich darüber mit dem schlichten Mann selbst, der soeben Sich uns naht. Dieser wird dir da den besten Aufschluss zu geben imstande sein, wo mich, glaube es mir, Bruder, bereits auch alle Sprache im Stich lässt. Ich sage dir: Gehe du, und geht ihr alle diesem schlichten Mann entgegen. Der wird euch wie mir den wahren Weg zum Vater und auch den Vater Selbst zeigen! Mehr vermag ich dir nicht zu sagen.
GS|1|97|20|0|Nun öffnet aber der schlichte Mann Seine Arme und spricht: Kindlein! Kommt her in die Arme eures guten Vaters, denn Ich bin Der, den ihr so sehr gefürchtet habt!
GS|1|97|21|0|Ein allgemeiner Schrei geschieht von allen, und alle fallen vor Ihm nieder und weinen vor zu großer Liebe zu Ihm! Und alles, was man von ihnen vernimmt, ist: O du guter heiliger Vater! So unendlich gut bist Du?! O dass wir Dich doch zu lieben vermöchten nur im geringsten Maße, wie Du aller Liebe würdig bist!
GS|1|97|22|0|Und seht, der Herr beugt Sich zu ihnen nieder, richtet sie alle auf und spricht zu ihnen: Kindlein, hört nun und vernehmt Mein strenges, richterliches Urteil, welches also lautet: Folgt Mir! Denn Ich, euer alleinig wahrer, guter Vater, will euch Selbst führen an den ersprießlichen Ort eurer stets wachsenden Bestimmung in Meinem Reich! Aber nicht hier auf diesem Platz, da noch so manches von eurem Sinnentrug erschaulich ist, sondern auf einem lebendig reinen Platz erst will Ich euch zeigen, was ihr ferner tun sollt, und wie ihr Mich sollt vollkommen im Geiste und in der Wahrheit lieben und also in solcher Liebe als den alleinig ewig wahren Gott anbeten! Und so denn verlasst hier alles und folgt Mir!
GS|1|97|23|0|Seht nun, wie der liebe Vater wieder ein Schöcklein [Häuflein] verlorener Kinder heimführt und wie sie Ihm, Seinen heiligen Namen lobpreisend, folgen! Folgen aber auch wir ihnen, damit wir auch da die völlige Löse erschauen mögen.
GS|1|98|1|1|Lehre des Herrn über die Gottesliebe. Rascher geistiger Fortschritt der Mönchsgesellschaft
GS|1|98|1|1|(Am 24. April 1843 von 4 3/4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|98|1|0|Seht, wir sind am Ufer des euch schon ziemlich wohlbekannten großen Gewässers. Wie werden wir diesmal hinüberkommen? Ich sage euch: Bei solch einem Anführer darf uns darum gar nie bange werden; denn Er versteht das Wasser plötzlich also in festes Land zu verwandeln, dass ihr etwas Ähnliches noch nie erfahren habt. Daher seht nur hin, wie der Prior, zunächst an Ihm, Ihn fragt und sagt: O Du ewige Liebe! Mein allergeliebtester Jesus Christus! Was werden wir bei diesem endlos weiten Meer machen? – Der Herr spricht: Lieber Freund und Bruder in Meiner Liebe, da werden wir darüberwandeln.
GS|1|98|2|0|Der Prior spricht: O Du meine Liebe, wird uns das Wasser wohl auch tragen? – Der Herr spricht: Wie kannst du an Meiner Seite danach fragen? Weißt du denn nicht, dass Mir alle Dinge möglich sind, und dass Ich auch ein Herr aller Gewässer bin? Siehe, Ich will, dass aus diesem großen Gewässer alsbald festes Land werde, so lange bleibe als solches und uns trage, bis wir alle darüberkommen werden. Wie wir aber die bestimmte Fläche des jenseitigen Festlandes werden erreicht haben, sodann soll das feste Land wieder auftauen in sein wogend Element. Also geschehe! Siehst du nun noch ein Wasser?
GS|1|98|3|0|Der Prior spricht: O Du meine allmächtige, heilige Liebe! Du guter, heiliger Vater! Wie möglich ist denn doch solches? Wie doch gar so schnell hat sich alles verändert! Die schaurig wogende, endlos weitgedehnte Fläche ist ein trockenes Land geworden, und wir können darüberwandeln ohne Furcht und Zagen! Wie sollen wir Dir darob danken, darum Du Dich so wunderbar allmächtig liebevoll vor uns ausgezeichnet hast?
GS|1|98|4|0|Der Herr spricht: Mein lieber Freund und Bruder, der einzig und allein Mir teure und wertvoll angenehme Dank ist ein Mich allzeit über alles liebendes Herz. Ich sage dir, kein Dankopfer, kein Dankgebet, kein Dankgelübde, keine Dankprozession, kein Te Deum laudamus, kein Jubelfest und keine große Dankzeremonie ist Mir angenehm, sondern Ich habe davor einen Ekel wie vor einem stinkenden Aas oder wie vor dem Moderfleisch in den Gräbern welches ist voll Gestank und Pestilenz. Aber ein demütiges, Mich allzeit liebendes Herz ist Mir ein unschätzbar köstlicher Edelstein in der unendlichen Krone Meiner ewigen göttlichen Macht und Herrlichkeit und ist Mir auch wie ein Balsamtropfen in Mein liebeheißes Vaterherz gegossen, der Mich erquickt über die Maßen und die Freude Meiner ganzen unendlichen Gottheit ums für dich und vor dir Unaussprechliche erhöht!
GS|1|98|5|0|Daher bleibe du in deiner Liebe zu Mir und suche ewig nichts anderes, so bist du Mir alles, was du sein sollst, und Ich werde dir auch alles sein, was Ich dir nur immer als dein Gott, Schöpfer, und ewig liebevollster Vater sein kann! Liebe ist das einzige Band zwischen Mir und dir; sie ist die allein wunderbar allmächtige Brücke zwischen Mir, dem ewig allmächtigen, unendlichen Schöpfer, und dir, Meinem endlichen Geschöpf. Auf dieser Brücke kann Ich zu dir und du zu Mir kommen, wie da kommt ein lieber Vater zu seinen Kindern und die Kinder zu ihrem lieben Vater.
GS|1|98|6|0|Die Liebe ist auch dein wahres Auge, wie sie in Mir das ewig alleinige wahre Auge ist. Mit diesem Auge ist es dir allein nur möglich, Mich, deinen Gott und Schöpfer, so zu erschauen, wie da erschaut ein Bruder den anderen. Für jedes andere Auge bin Ich in dieser Meiner Wesenheit für ewig unerschaubar. Die Liebe ist ferner der rechte Arm an deinem Wesen, mit dem du Mich wie einen Bruder umfassen kannst. Also ist die Liebe auch das rechte Ohr, welches allein Meine Vaterstimme gewinnt; und kein anderes Ohr wird solches ewig je vermögen.
GS|1|98|7|0|Die Liebe ist ein unendlich weitgestecktes Ziel, das nie ein Verstand und eine Weisheit erreichen können; aber die Liebe fängt an diesem Ziel an, wonach der Verständige und Weise vergebens seine Segel spannt. Ja, die Liebe ist des Geistes inwendigste und allerschärfste Schauwaffe, mit dieser allein du in Meine göttlichen Wundertiefen blicken kannst, während der Verstand und die Weisheit nicht einmal den Saum Meines allerauswendigsten Kleides anzurühren imstande sind. Daher bist auch selig, du und deine Brüder, da ihr die Liebe in euch geführt, und hat nun dieses Gewässer zu einer festen Brücke umgestaltet, über welche Ich euch nun führen will als der alleinig wahre Führer und als euer alleinig wahrer Vater und Bruder in eurer Liebe zu Mir wie in Meiner Liebe zu euch. Und so denn denke du ewig nimmer an eine andere Danksagung; denn deine Liebe ist alles in allem, wie Ich in Meiner Liebe zu dir und euch allen alles in allem bin! Und so denn wollen wir uns nun vorwärts über diese Brücke bewegen; folgt Mir daher!
GS|1|98|8|0|Nun seht, der Zug geht hurtig vorwärts. Und ich kann euch versichern, obschon es euch vorkommt, als ginge man Schritt zu Schritt, dass wir uns dennoch mit einer für euch unbeschreiblichen Schnelligkeit vorwärts bewegen, und es ist nun an der Seite des Herrn, geistig und materiell genommen, ausgiebiger ein Schritt, als wenn ihr in irdisch entsprechender Form Schritte von Sonne zu Sonne machen würdet.
GS|1|98|9|0|Ihr müsst aber die Sache wohl verstehen, was für ein Unterschied es ist zwischen weltlichen und solchen rein geistigen Fortschritten. Denn diese Bewegung hier deutet nicht nur auf ein erschauliches Vorwärtskommen hin, sondern die Bedeutung ist vielmehr also zu nehmen, wie derjenige, der sich durch die Liebe des Herrn leiten lässt, in seiner inneren Erkenntnissphäre eben auch in einem Augenblick, oder entsprechend in einem Schritt, eine endlos unaussprechlich größere Erfahrung und in der Wahrheit in einem eben solchen Schritt eine endlos größere und weitgedehntere, allerhellste Beschauung macht als ein Verstandes- und Weisheitsforscher in vielen tausend Erdjahren.
GS|1|98|10|0|Noch verständlicher für euch gesprochen: Ein Schritt unter der Leitung des Herrn ist mehr wert denn Millionen unter der Leitung eines noch so erleuchteten Geistes! Oder noch besser gesprochen: Ein Wort aus dem Mund des Herrn ist mehr wert als alle Worte, die auf allen Weltkörpern eigenmündig von den Wesen sind gesprochen und geschrieben worden. Mehr brauche ich euch in dieser Hinsicht doch wohl auch sicher nicht zu sagen.
GS|1|98|11|0|Wir aber sind unter der Zeit auch schon über unsere Gewässer gekommen; denn seht euch nur ein wenig um, so werdet ihr sobald wieder statt des früheren festen Bodens unser unübersehbares Meer erschauen. Und seht, der Herr macht die Ihm Nachfolgenden eben auch darauf aufmerksam und spricht zum Prior: Da sieh dich einmal um! Siehe, wir haben unser Plätzchen schon erreicht. Wie gefällt es dir hier?
GS|1|98|12|0|Der Prior spricht: O Herr und Vater! Du meine ewige Liebe! Wo Du bist, da gefällt es mir überall unaussprechlich wohl. Ohne Dich aber wäre es hier, wie sicher überall, ewig zum Verzweifeln!
GS|1|98|13|0|Der Herr spricht: Du hast wohl gesprochen; also ist es und nicht anders. Mit Mir vermögt ihr alles, ohne Mich aber nichts! Also ist es bei Mir auch allzeit gut sein! Außer Mir aber gibt es nirgends ein Sein, das da wäre von Bestand, denn Ich allein nur bin der Weg, die Wahrheit und das Leben! Wer in Mir verbleibt durch die Liebe und Ich in ihm, der hat das Licht, die Wahrheit und das Leben. Daher folgt Mir weiter, und Ich will euch einen anderen Platz zeigen und sehen, wie es euch dort gefallen wird. Werdet ihr dort Behagen finden, so könnt ihr euch dort eine Wohnstätte wählen. Und wird es euch dort nicht gefallen, so wollen wir wieder einen anderen suchen. Und so folgt Mir!
GS|1|98|14|0|Seht, der Zug bewegt sich zwischen Morgen und Mittag hin, und dort hinter jenem leuchtenden Gebirge werden wir in einer unaussprechlich schönen Gegend wieder eine Station machen, allda unsere Gäste eine ziemlich starke Probe werden auszuhalten haben, denn es ist noch ein verborgener Knoten in ihnen, nämlich die Weiberliebe, welcher sie zufolge des Zölibats entweder selbst feind waren oder es doch wenigstens gezwungenermaßen sein mussten. Sie taten zwar als Zölibatäre ihre Pflicht und Schuldigkeit, und nicht einer aus ihnen hat sich auf der Erde je mit einem Weib in fleischlich liebender Hinsicht abgegeben.
GS|1|98|15|0|Es liegt aber eben darin nicht so viel Verdienstliches; denn der Ort auf der Erde, wo sie ihr Klosterleben hatten, war hinsichtlich der weiblichen Schönheiten in mehrfacher Hinsicht sehr stiefmütterlich bestellt, das heißt bezüglich der leiblichen oder fleischlichen Form, der Kleidung, der Sprache und noch so manchen anderen eben nicht weltlich ästhetischen Sitten zufolge. Zudem haben sich zu diesen unseren Klösterern nur allzeit die alten Weiber zur Beichte begeben, denn für das jüngere Weibervolk war diese Klostersekte bekanntermaßen viel zu streng. Also konnte bei solchen Aspekten fürs Erste eine antizölibatische Reizung wohl nicht leichtlich stattfinden, und der Sieg über dieselbe von Seiten dieser Zölibatäre war dann doch auch nicht zu denjenigen zu rechnen, von welchen noch späte Generationen Sprache führen sollten. Daher müssen sie auch im Angesicht des Herrn noch diese Probe bestehen.
GS|1|98|16|0|Ich sage euch, in dieser nächsten Station werden wir daher auch selige weibliche Geister zu sehen bekommen, bei deren Betrachtung euch selbst zu schwindeln anfangen wird. Dazu aber wird auch der Ort so himmlisch schön sein, wie ihr mit Ausnahme der heiligen Stadt bis jetzt noch keinen gesehen habt, und es wird sich dann gar bald auf die Waage stellen, wie die Liebe zum Herrn in diesen nun Geretteten bestellt ist. Doch solches soll erst das nächste Mal der Gegenstand unserer Betrachtung sein.
GS|1|99|1|1|Ankunft in einer himmlischen Gegend. Die Mönche werden auf die Probe gestellt
GS|1|99|1|1|(Am 25. April 1843 von 4 1/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|1|99|1|0|Wir befinden uns schon auf der Höhe des Gebirges, das wir ehedem in großer Ferne vor uns leuchtend erblickten. So seht denn vorwärts dieses unbeschreiblich schöne Land, welches, von diesem Gebirge aus etwas niederer gelegen, wie in einer endlosen Ausdehnung in der größten Pracht und wunderbaren Mannigfaltigkeit zu erschauen ist. Herrliche breite Täler mit abwechselnden Hügelreihen durchkreuzen sich nach allen Richtungen, und die schönsten Bäche durchfurchen die Täler. Diese Bäche haben ein Wasser wie ein durchsichtiges, reinstes Gold. Und dieses Wasser bewegt sich in wohlgeordneter Lebhaftigkeit gegenseitig und bildet, da ein Bach in den anderen strömt, einen kleinen, wie ihr seht allzeit runden See, welcher von seiner kleinen wogenden Oberfläche das allerherrlichste Strahlenspiel entwickelt. Und seht an dem Ufer solch eines Sees die allerherrlichsten Paläste mit rötlich blanksten Dächern, welche Dächer nicht die Bestimmung haben, vor Regen zu schützen, sondern nur zufolge ihrer Durchsichtigkeit das Licht in den verschiedenartigsten Färbungen strömen zu lassen.
GS|1|99|2|0|Dann betrachtet das Gebäude eines solchen Palastes selbst, welche allerwunderbarste, erhaben schönste Architektur ein jegliches sonderlich schmückt, und wie aus den vielen Fenstern und zwar aus jeglichem besonders eine andere Lichtfarbe strömt. Dann seht um diese allerherrlichsten Paläste die wunderbar schönen Gartenanlagen, darin niedliche Bäumchen mit den herrlichsten Früchten in den schönsten Reihen zu erschauen sind. Dann wieder leuchtende Blumen von nie geahnter Pracht. Dazwischen allerlei herrlichste Gartensalons, welche zum Teil aussehen als wie kleine hängende Gärten, zum Teil wie Türme mit den herrlichsten Kuppeln, zum Teil wie Tempel mit allerlei strahlenden Säulen und bald gerundeten, bald in Pyramiden zugespitzten Dächern sich auszeichnend. Und seht ferner noch die herrlichen Gartenumfassungen, welche aus den schönsten Arkaden und Laubgängen bestehen und durch und durch und über und über belustwandelt werden können.
GS|1|99|3|0|Ferner betrachtet noch die allerniedlichsten Seefahrzeuge, und wie in denselben mehrere selige Geister dieser Gegend auf der Oberfläche des herrlichen Gewässers herumschaukeln und von einem Ufer zum anderen hin schiffen. Behorcht aber auch die herrlichen Gesänge, welche schon von ferneher an unsere Ohren dringen. Und seht, allenthalben steht auf den Hügeln wie eine Kirche mit einem sehr hohen Turm versehen, da ein jeder solcher Turm ein Inhaber von dem herrlichsten Glockengeläute ist. So könnt ihr auch soeben euch davon überzeugen, wie solche Glocken tönen, indem gerade Behufs unserer Erscheinung mit allen Glocken geläutet wird.
GS|1|99|4|0|Diese Glocken tönen nicht wie irdische Glocken, sondern ihr Getön gleicht dem sanften Getöne eurer sogenannten Windleier, nur ist dieses Getön ums Unaussprechliche reiner und hallt bei all seiner sonstigen Zartheit dennoch über weite Fernen hin, und ihr könnt die tiefsten Töne in reinsten harmonischen Verhältnissen zu den höheren wie umgekehrt gar wohl bemessen.
GS|1|99|5|0|Nun aber seht auf den geraden Weg vor uns hin, welcher freilich wohl nicht aussieht wie eine Landstraße auf eurer Erde, sondern vielmehr wie ein mehrere Klafter breites, allerherrlichstes, mit Gold und glatten Edelsteinen durchwirktes Samtband, zu beiden Seiten besetzt mit Bäumen, die stets voll der duftigsten Blüten und zugleich auch allerwohlschmeckendsten reifen Früchte sind. Auf diesem Weg also werdet ihr erschauen, wie eine Prozession, freilich ohne Fahne und Kruzifix, aber dafür mit strahlenden Palmen in den Händen, sich uns entgegenzieht, und die weiblichen Wesen dazu noch mit Körbchen versehen, die mit allerlei himmlischen Früchten gefüllt sind, um die ankommenden Gäste sogleich allerliebevollst und allergastfreundlichst zu bewirten.
GS|1|99|6|0|Seht, die Prozession kommt uns stets näher und näher, und die weiblichen Geisterengel eilen mit ihren Körbchen nun voraus, um desto eher bei uns zu sein. Zwei sind schon hier. Betrachtet einmal die unendliche Zartheit und die allerwundersamst herrlichst schönste Form. Alles ist in einer leuchtenden lichtätherischen Rundung an ihnen zu erschauen. Aus ihren Angesichtern strahlt eine wahrhaftigste himmlisch seligst heitere Freundlichkeit. Und ihre überaus zarte Kleidung beurkundet den großen Unschuldszustand dieser Wesen. Aber seht, immer mehr und mehr kommen heran, und stets herrlicher und herrlicher beurkunden sich ihre Gestaltungen.
GS|1|99|7|0|Hört aber auch ihre himmlisch sanfte und allerwohlklingendste Sprache, und wie sie unsere Gesellschaft begrüßen, indem sie sagen: O kommt, kommt, ihr überherrlichen Freunde unseres allerheiligsten und liebevollsten Vaters, und erquickt euch an unseren Früchten, welche wir euch mit den liebepochendsten Herzen hierhergebracht haben. O wie glücklich sind wir, da uns wieder einmal das unendliche, allerseligste Glück zuteilgeworden ist, an eurer Spitze unseren über alles guten und liebevollsten Herrn, Gott und Vater zu erschauen.
GS|1|99|8|0|Nun seht aber auch auf unsere Gesellschaft, wie diese anfängt, überaus große Augen zu machen, und der Prior sich soeben zum Herrn wendet und spricht: O Herr, Du allgütiger, allbarmherzigster Schöpfer und Vater aller Wesen im Himmel und auf der Erde! Was ist denn das um Deines Willens willen?! Sind das auch Engelsgeister, die einmal auf der Erde gelebt haben, oder sind das die allerpursten Engel des allerhöchsten Himmels? Denn so etwas unendlich wunderbar herrlich Schönstes ist nie noch auch nur in meine inwendigste Ahnung gekommen. Ich war auf der Erde ein fester Zölibatärer; aber wenn mir in meinem allerhöchsten Zölibatseifer so etwas nur entfernt Annäherndes vorgekommen wäre, fürwahr, das hätte mich sogar in den schändlichsten Mohammedanismus hineinversetzen können. Herr und Vater! Hier heißt es im buchstäblichen Sinne: Stehe uns bei, sonst sind wir verloren, vorausgesetzt, dass man hier auch noch verloren werden kann.
GS|1|99|9|0|Der Herr spricht: Nun, mein lieber Freund und Bruder, haben wir einmal das rechte Plätzel gefunden? Wie Ich es merke, so scheinst du durchaus nicht abgeneigt zu sein, dir hier ein Wohnplätzchen samt einer lieben himmlischen Braut auszusuchen; denn vom Verlorensein ist hier wahrlich keine Rede mehr, und du und alle deine Brüder könnt hier in Meiner Gegenwart nach Belieben wählen. Wenn du demnach hier zufrieden bist, so kannst du dir hier sogleich eine himmlische Braut aussuchen und damit aber auch so ein Palästchen, und Ich werde dich und jeden segnen und werde dir wie jedem dazu noch sein himmlisches Amt kundgeben. Siehe, das ist in aller Kürze Mein Antrag; jedoch unter der Bedingung deiner freien Wahl.
GS|1|99|10|0|Der Prior wie seine Brüder sehen bald die Gegend, bald den Herrn, bald und beinahe am meisten die schönen himmlischen Bräute an. Und der Prior kann darum auch nicht sobald mit einer Antwort fertigwerden und bespricht sich also bei sich: Hier wäre freilich gut sein an der Seite so einer himmlischen Braut und in einem solchen allerherrlichsten Besitztum, wo einem dazu noch mehr als im buchstäblichen Sinne die gebratenen Vögel in den Mund fliegen! Fürwahr, himmlischer mir den Himmel vorzustellen wäre doch die allerreinste Unmöglichkeit, die sich ein unsterblicher Geist in alle Ewigkeit vorzustellen vermag. Fürwahr, und noch dreimal fürwahr, wenn hier ein eigentlich guter Rat nicht teuer wird, so wird er es in Ewigkeit nicht. Wenn ich mir so denke, wie es einem ginge, wenn man so eine himmlische Braut umarmen würde und sie unsterblich drückte an seine unsterbliche Brust, welche voll ist der himmlisch glühheißen Liebe, da wird’s mir ganz schwindlig und ich möchte überaus gern, ja ich möchte sogar unendlich gern vor dem Herrn mein kräftiges Ja aussprechen, vorausgesetzt, wenn es mit dieser unendlichen Herrlichkeit von allen Seiten her auch seinen entschieden festen Grund hat.
GS|1|99|11|0|Wenn aber diese ganze Geschichte etwa nur eine Prüfung wäre? Wenn man in diesen Apfel bisse gleich der Eva im Paradies und dem armen Adam hinzu, nach dem Biss aber sobald aus dieser Wundergegend sich vielleicht eine andere herausbildete, davor uns Gott in alle Ewigkeit bewahren möchte, – da käme einem doch so ein himmlischer Zauberbiss noch ums Bedeutende teurer zu stehen als der allerbeste Rat in der Geschichte! Ja, wenn ich so bestimmt erfahren könnte, dass es damit wirklich einen ewig bleibenden Bestand habe, da möchte ich, ich getraue es mir kaum zu denken, dennoch so ganz heimlich das Ja für diesen himmlischen Antrag von Seiten des allerheiligsten, liebevollsten Vaters aussprechen.
GS|1|99|12|0|Nun aber tritt der andere uns schon bekannte Mönch zum Prior hin und spricht: Aber höre, Bruder, wie lange wirst du den allerliebevollsten heiligen Vater auf eine Antwort warten lassen? Wenn es auf mich ankäme, zu antworten, so wäre ich mit mehreren anderen schon lange fertig damit. Ich sage dir: Nichts, als was mir mein innerstes Gefühl kundgibt, und dieses lautet also: O Herr und Vater in aller Deiner unendlichen Liebe und Erbarmung! Mit Dir und bei Dir ist überall, somit auch hier in dieser himmlischen Wunderherrlichkeit überaus wohl und gut zu sein. Bleibst Du hier, so werde ich mich hier allerseligst fühlen. Bleibst Du aber als die allerheiligste Urquelle aller dieser Herrlichkeiten nicht hier und ist da noch keine bleibende Wohnstätte für Dich, so will auch ich nicht hierbleiben, sondern, wenn es Dein heiliger Wille ist, mit Dir weiter dahin ziehen da Du sagen wirst: Hier bin Ich zu Hause! – Was meinst du, Bruder, wäre das nicht eine rechte Antwort?
GS|1|99|13|0|Der Prior spricht: Ja, Bruder, du hast mich aus einem Traum geweckt; du hast recht. Also klingt es auch in meinem Grunde, und also auch will ich reden vor dem Herrn; denn Er ist mehr denn alle diese himmlischen Herrlichkeiten!
GS|1|100|1|1|Aufnahme der Mönche und Laienbrüder in den Himmel
GS|1|100|1|1|(Am 27. April 1843 von 4 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|1|100|1|0|Nun wendet sich der Prior zum Herrn und spricht: Höre mich allergnädigst an, o Du allmächtiger, liebevollster, heiliger Vater! Obschon Du auf ein Haar klein siehst und weißt, wie es in mir nun aussieht, so aber will ich dennoch reden vor Dir, weil Du es also wünschst. Was da deinen früheren liebevollsten, heiligen Antrag betrifft, so bin ich jetzt in gar keinem Zweifel mehr, als möchtest Du mir und meinen Brüdern das nicht gewähren, so wir angenommen hätten Deinen Antrag; denn Du bist ja überall die ewige Liebe, Treue, Wahrheit und Weisheit! Es ist wahr, wenn ich diese rein himmlischen Engelswesen betrachte, da eines herrlicher und schöner ist denn das andere, und ist jegliches in seiner Art unübertrefflich – und mein Herz dazu frage, ob es wohl zufrieden wäre mit solch einer unendlichen Gnade von Dir, so muss ich mir freilich auf die Brust schlagen und sagen: O Herr! Solch einer unendlichen Gnade bin ich nicht im Geringsten würdig, denn zu himmlisch großherrlich wäre ein solcher Lohn für einen blutarmseligen, zusammengeschrumpften, zölibatistischen irdischen Faulenzer. Denn fürwahr, im von Dir aus gesegneten Besitz einer solch rein himmlischen Ehehälfte oder ewigen Lebensgefährtin müssten so allenfalls die Erdjahre, wenn sie hier gang und gäbe wären, ja gerade so vorüberhüpfen, wie muntere Heuschrecken an einem heißen Sommertag. Und von einer Langeweile für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten könnte bei solchen nahe überhimmlischen Bewandtnissen wohl keine Rede sein.
GS|1|100|2|0|Aber, o Herr und Vater, ich sage ein großes Aber! Siehe, es ist schwer, vor Dir zu reden, besonders in solch einem Fall, wo man sich von Dir aus in einer doppelten Klemme zu befinden wähnt. Denn mit solch einem Lohn sich dadurch unzufrieden gegen Dich stellend, wenn man denselben etwa einer höheren Seligkeit wegen ablehnen würde, kommt es mir wenigstens vor, dass man sich gegen Deine unendliche Güte offenbar gröblich versündigen müsste. Denselben begierlichst und bereitwilligst annehmen würde ebenso viel heißen als sich desselben würdig fühlen, was bei unsereinem doch ewig nie der Fall sein kann. Daneben aber dringt sich dann auch eine innere geheime Frage auf, die da, wenigstens bei mir, also lautet:
GS|1|100|3|0|Siehe, zwei Güter stehen hier vor dir, ein himmlisch herrliches, nämlich dieser Himmel, und ein unendliches, nämlich Du, o Herr, Selbst! Wenn es dir, du armer Sünder, so klingt es in mir, zwischen diesen zwei Gütern zu wählen freistände, da muss ich offenbar bekennen, sei es jetzt Eigennutz oder sei es, was es wolle, da muss ich sagen: Herr, ich bleibe bei Dir und lasse aus Liebe zu Dir diesen überaus herrlichen Himmel, und wenn es noch viel herrlichere gäbe, wie dieser da ist, samt diesem alle fahren, freilich wohl vorausgesetzt, dass Dir, o Herr, so eine Wahl von meiner sündigen Seite angenehm ist. Denn ich möchte dadurch vor Dir, o Herr und Vater, nicht ans Licht gestellt haben, als wäre ich mit solch einem Himmel etwa unzufrieden. Oh, das sicher ganz außerordentlich nicht, sondern ich würde Dich dafür nach aller meiner Kraft ewig loben, lieben und preisen als der Allerunwürdigste einer solchen unendlichen Gnade!
GS|1|100|4|0|Aber, o Herr, es ist schon wieder das Aber hier. Ich will damit nur so viel sagen: Wenn Du, o liebevollster Vater, etwa nicht also, wie Du jetzt hier bist, für immer hier verbleiben möchtest; wenn man Dich vielleicht hier zu höchst seltenen Malen zu sehen bekäme, da möchte ich mit Dir doch ums Endlosfache lieber in dem abgelegensten Winkel des ganzen unendlichen Himmels alle Ewigkeit zubringen, als hier nur eine Stunde ohne Dich, o Du heiliger, liebevollster Vater!
GS|1|100|5|0|Nun spricht der Herr: Nun gut; Ich habe aus dem Grunde deines Lebens vernommen und ersehen, dass deine Liebe zu Mir gerichtet ist und du wie auch deine Brüder Mir diese große himmlische Herrlichkeit zu einem angenehmen Opfer dargebracht [haben] und sage euch demnach, dass ihr eben durch dieses Opfer euch dieses herrlichen Himmels würdig gemacht habt. Für dich und deine Brüder ist hier die von Mir aus gesetzte Bestimmung; und daher könnt ihr auch nun sorglos wählen nach eurer freien Herzenslust. Ein jeder von euch hat zu übernehmen einen solchen herrlichen Palast, und zu nehmen ein ihm vollkommen wohlgefälliges Himmelsweib und hat dann als Herr eines solchen Gutes keine andere Verpflichtung über sich, als fürs Erste Mich als den Herrn und Vater ewig anzuerkennen und zu lieben und dann aber die nicht selten hier anlangenden armen neuen Ankömmlinge aufzunehmen, zu bewirten, zu bekleiden und sie durch liebevolle Unterweisung Mir, dem Vater, näherzubringen.
GS|1|100|6|0|Frage nicht, ob Ich beständig hier sichtbar so wie jetzt oder nicht sichtbar hier verbleiben werde; denn ob ich sichtbar oder nicht sichtbar bin, so bin Ich aber dennoch allzeit vollkommen gegenwärtig. Und wenn du diese Sonne hier ansehen wirst, dann denke, darinnen wohnt dein Vater. Und diese Sonne, welche so sanft diese Gegend erwärmt und alles so herrlich erleuchtet, geht hier nie unter, und du wirst sie allzeit sehen und das Antlitz deiner Liebe nimmer abwenden von ihr.
GS|1|100|7|0|Wann immer du Mich aber in der höchsten Liebe zu Mir werktätig ergreifen wirst, da werde Ich auch alsbald so wie jetzt bei dir wie bei deinen Brüdern persönlich wesenhaft sichtbar sein.
GS|1|100|8|0|In deinem neuen Haus in diesem Himmel aber wirst du eine weiße Tafel finden. Diese beschaue von Zeit zu Zeit nach Umstand deiner Liebetätigkeit, so wirst du darauf allzeit Meinen Willen kundgetan erschauen.
GS|1|100|9|0|Das Weib aber, das Ich dir hier geben werde, liebe also wie dich selbst. Sei eins mit ihr, auf dass du mit ihr darstellst einen vollkommenen Menschen, welcher ist in dem vollkommenen himmlischen Wahren und Liebtätigkeitsguten. In diesem Weib wirst du fühlen die Macht deiner Liebe zu Mir und das Weib die Macht Meiner Weisheit in Dir; und so werdet ihr sein wie eins in Meiner ewigen Liebe und Weisheit. Der höchste Grad eurer Wonne aber wird dann sein, wann immer ihr in der Liebe zu Mir völlig eins werdet.
GS|1|100|10|0|Du sollst hier nicht sorgen um die Nahrung noch um was immer für ein anderes Bedürfnis, denn für alles das ist hier von Mir schon für alle Ewigkeiten gesorgt. Denn es ist ein Reich, welches Ich von Anbeginn denen bereitet habe, die Mich lieben; und es ist das große, heilige Erbe an alle Meine Kinder, welches Ich ihnen bereitet habe am Kreuz! Daher nehmt es von Mir als dem alleinigen Geber aller guten Gaben an und genießt dessen übergroße Herrlichkeiten und Schätze fürder und fürder ewiglich.
GS|1|100|11|0|Ihr sollt nicht altern in diesem Reich, sondern ihr sollt seliger und seliger werden und kräftiger stets und jugendlicher und herrlicher! Solches also ist euer wohlgemessenes seliges Los. Daher geht hin, wählt euch die ewigen Lebensgefährtinnen, damit Ich euch segne zur ewigen, endlosen Seligkeit!
GS|1|100|12|0|Seht, unser Prior wird beinahe schwindelig bei dieser wonnevollsten Seligkeit. Vor lauter Schüchternheit getraut er sich samt seinen Brüdern kaum seinen Fuß von der Stelle gegen die harrenden himmlischen Jungfrauen zu setzen. Aber der Herr gibt den Jungfrauen einen Wink, und sie eilen hin, und eine jede reicht dem ihr Bestimmten einen Palmzweig hin. Mit der Annahme des Palmzweigs aber verwandeln sich auch die früher noch etwas ordinären Kleider der Mönche in entsprechende himmlische, und der Herr segnet sie nun, und sie alle fallen auf ihre Angesichter nieder und loben und preisen Ihn für solche unermessliche Gnade.
GS|1|100|13|0|Aber seht, dort im Hintergrund der Mönche und Laienbrüder, welche hier den Mönchen ganz gleich sind, steht noch ein Laienbruder ohne Weib und Palmzweig, etwas traurig zusehend, wie da seine Brüder allesamt und sämtlich sind versorgt worden. Nur auf ihn ist um eine Jungfrau zu wenig bedacht worden, auch seine Kleider haben sich noch nicht verändert, daher er noch immer in seinem zwilchartigen Rock erscheint. Was wird denn etwa mit diesem nun geschehen? Wir wollen die Sache abwarten, denn der Herr wird seiner sicher nicht vergessen.
GS|1|100|14|0|Seht aber nun, der Herr spricht zu den himmlisch Vermählten: Also lasst euch, Meine lieben Brüder, nach Hause geleiten von euren himmlischen Ehegenossinnen, und ein jeder nehme an Ort und Stelle den vollkommenen Besitz des von Mir ihm bereiteten ewigen Gutes!
GS|1|100|15|0|Unsere nun himmlischen Eheleute erheben sich, und der Prior bemerkt leidweslich unseren armen Laienbruder, wie dieser leer bei dieser Gelegenheit durchgefallen ist, und wendet sich darob sogleich an den Herrn und spricht: O Herr, Du allerliebevollster, bester Vater! Ich kann Dich nicht genug loben und preisen für die Gnade, die Du uns allen erwiesen hast. Aber sieh, es ist dort im Hintergrund ein armer Bruder noch ohne Weib und Gewand, mich dauert er überaus. O Herr, wenn es Dir angenehm wäre, so möchte ich ihm lieber mein Gewand und mein Weib abtreten, als ihn so verwaist hier sehen müssen. Ich weiß zwar wohl, dass Deine unendliche Vatergüte für ihn schon bestens gesorgt hat; aber da ich auch von Dir aus ein liebendes und mitleidiges Herz habe, so muss ich Dir offenbar gestehen: Wenn ich diesen armen Bruder nicht mir gleich selig wüsste, so möchte ich in Deinem allerheiligsten Namen lieber selbst mehrere tausend Jahre auf alle diese Seligkeit Verzicht leisten, als ihn nur einige Tage weniger selig zu wissen denn mich selbst.
GS|1|100|16|0|Der Herr spricht: Möchtest du also wirklich dein Weib und dein Gewand und dein himmlisch Gut an diesen Bruder abtreten?
GS|1|100|17|0|Der Prior spricht: Ja, o Herr, auf der Stelle, und wenn ich auch selbst allein zurück müsste in mein früheres Blindkloster.
GS|1|100|18|0|Der Herr beruft den armen Laienbruder zu Sich und spricht zu ihm: Siehe, du bei dieser Gelegenheit etwas zu kurz gekommener Bruder dieser Gesellschaft, dein Bruder hier hat dich also verwaist erblickt und sich deiner erbarmt also, dass er dir seinen Teil aus Liebe zu Mir und dir abtreten will; bist du damit zufrieden?
GS|1|100|19|0|Der arme Laienbruder spricht: O Herr! Was mich betrifft, so bin ich schon überseligst zufrieden, wenn ich nur hier auf diesem Punkt ewig darf sitzenbleiben und, Dich lobend und preisend, anschauen diese himmlischen Herrlichkeiten, und bin im allerhöchsten Falle schon überseligst zufrieden, wenn Du, o Herr, mir gestatten möchtest zu sein in aller dieser meiner Dürftigkeit auch nur als ein allergeringster Diener im Haus eines der geringsten meiner Brüder, die Du, o Herr und Vater, zu Deinen himmlischen Bürgern für ewig gesegnet hast. Denn ich war ja auch auf der Erde der Allerletzte im Kloster, der dem Kloster wenig genützt hat, sondern alle meine Tätigkeit war nichts als ein Almosen von Seiten Deiner höheren Diener dieses Klosters, damit es doch nicht gänzlich das Ansehen hatte, als sollten sie mich als einen allerbarsten Faulenzer in ihrem Kloster bekleiden und ernähren. Also hatte ich ja durchaus nie etwas Verdienstliches auch nur um den geringsten Lohn gewirkt. Wie sollte ich demnach hier einen dieser meiner viel besseren Brüdern gleichen Lohn erwarten können?
GS|1|100|20|0|Der Herr spricht zum Prior: Nun, Mein lieber Freund und Bruder! Was ist da zu machen? Siehe, dieser dein Bruder nimmt deinen Antrag auf keinen Fall an; was willst du nun tun?
GS|1|100|21|0|Der Prior spricht: O Herr und Vater! Da lass mich an ihm meine erste Bruderpflicht üben im Himmel. Ich will ihn aufnehmen in das von Dir mir geschenkte Haus, ihn dort mir gleich halten und ihn setzen wie zu einem Herrn über alle die Güter, die mir nun Deine Liebe, Gnade und Erbarmung beschert hat.
GS|1|100|22|0|Der Herr spricht: Weißt du was? Da habe Ich wieder einen ganz anderen Plan. Weil du und dieser dein Bruder euch gegenseitig aus Liebe zu Mir habt ganz und gänzlich gefangen nehmen lassen, so nehme auch Ich euch in Meiner Liebe gänzlich gefangen. Die Brüder hier, die sich schon mit ihren himmlischen Gattinnen in ihre Wohnungen zu ziehen angefangen haben, diese segnen wir. Du, dein Weib und dieser Bruder aber zieht mit Mir dorthin, wo Ich ewig in dem allerhöchsten Himmel unter Meinen Kindern zu wohnen pflege!
GS|1|100|23|0|Seht, der Prior, sein Weib und der Bruder fallen vor der zu unendlich großen Entzückung vor den Herrn nieder. Der Herr aber stärkt sie, erhebt sie und spricht: Nun, Meine Kindlein, folgt Mir in Mein Haus! Seht, sie ziehen, unbemerkt von den anderen Brüdern, dem ewigen, heiligen Morgen zu. Endlos weitgedehnte Reihen seliger Brüder begrüßen von allen Seiten diesen kleinen Zug und preisen den Herrn ob Seiner unendlichen Güte, Liebe und Erbarmung. Ziehen aber auch wir ihnen nach, damit wir auch die Installation dieser drei neuen Himmelsbürger ersehen mögen!
GS|1|101|1|1|Die geistige Bedeutung von Führen, Ziehen und Tragen
GS|1|101|1|1|(Am 28. April 1843 von 5 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|1|101|1|0|Ich merke, in euch steckt eine geheime Frage, welche also lautet: Bezüglich der höchst erfreulichen Wendung des Priors waltet eine kleine Dunkelheit ob, hinsichtlich welcher es sich darum handelt, die Sache des Priors vom eigentlichen, wohlerleuchteten Hauptzentrum zu fassen und richtig zu begreifen. Der Herr hat ehedem ohne irgendeine vorbestimmende Bedingung dem Prior das Weib und himmlische Gut zugesagt und ihn gleich den anderen zu dem Behuf auch vollkommen gesegnet, ihm dabei auch ohne einen bedingenden Rückhalt seine Bestimmung und sein himmlisch amtliches Los ganz bestimmt vorgezeichnet, also wie Er es all den Übrigen vorgezeichnet hat. Er hat ihm wie den anderen die bestimmt göttlich himmlische Weisung gegeben und zeigte es ihm auch gleich den anderen an, dass Er allzeit persönlich wesenhaft jedem sobald erscheinen wird, sobald Ihn einer oder der andere mit aller Macht und Stärke seiner Liebe erfassen wird. In allen diesen himmlischen Verordnungen gibt der Herr dem Prior auch nicht den allerleisesten Wink, als hätte Er irgendeine sobald folgende höhere Absicht mit ihm.
GS|1|101|2|0|Wie kommt es denn nun, dass es auf einmal für den Prior mit der klar gesetzten Bestimmung ein Ende hat, und er und sein Weib bekommen ihr vom Herrn in diesem Himmel bestimmtes Gut nicht einmal zu sehen, sondern werden sogleich vom Herrn in den allerhöchsten Himmel geführt?
GS|1|101|3|0|Dieses ist etwas schwer zu begreifen, weil der Herr vorher, zufolge der bereitwilligen Annahme des Lohnes, sie alle samt dem Prior gesegnet und somit durch diesen Segen Seinen göttlich festen Willen mit den Beseligten, das heißt mit dem freien Willen der Beseligten vollkommen übereinstimmend ausgesprochen hat.
GS|1|101|4|0|Wenn Menschen so schnell einen Plan wechseln, so ist solches wohl gar leicht aus der Unvollkommenheit ihrer Erkenntnis zu erklären. Aber von der göttlich allerweisesten Seite ist solches, wie gesagt, etwas schwer zu begreifen, da der Herr doch sicher ganz bestimmt weiß, was es ist, darüber Er Sich höchst willensbestimmt ausspricht.
GS|1|101|5|0|Liebe Freunde und Brüder, seht, eure geheime Frage ist auf bedeutend tüchtige Doppelschrauben gestellt, aber dennoch lässt sich die Sache gar wohl ermitteln; denn darum ist auch eben diese Begebenheit so geleitet, damit ihr an derselben einen kleinen fruchtbringenden Anstoß nehmen sollt.
GS|1|101|6|0|Wenn ihr aber zurückdenkt an jene Begebenheit noch im Kloster, als nach der Erlösung der seelenschlafenden Brüder hinter der Kluft unser Prior, wie kein anderer neben ihm, seinen noch unbekannten Mann aus übergroßer Liebe und Dankbarkeit umfassen und ihn zum Tisch hintragen wollte, der schlichte Mann aber solches ablehnte und im Verlaufe der Ablehnungsrede ein gewisses geheimnisvolles „Vielleicht“ ausgesprochen hat, durch welches Er dem Prior gewisserart zu verstehen gab, als hätte dieser Ihn schon einmal in seinen Händen getragen, so wird es bei einer gewissen näheren Betrachtung dieser Szene nicht gar zu schwer werden, diese jetzige Begebenheit zu begreifen.
GS|1|101|7|0|Die Sache mag euch wohl im Anfang etwas stutzen machen, aber bei uns im himmlischen Geisterreich ist nicht immer da eins, zwei, drei, wo es bei euch auf der Erde ist. Ihr dürftet aber auf der Erde dann und wann siebzig, dreihundert, fünfzehn zählen, und das wird bei uns dann eins, zwei, drei sein.
GS|1|101|8|0|Noch mehr beleuchtet: Ein Mensch lebt auf der Erde in einem südamerikanischen Länderteil, ein anderer in einem Winkel von Sibirien. Diese zwei werden doch so hübsch weit auseinander sein in naturmäßiger Hinsicht, aber nicht so in geistiger. Denn da können sie füglich sein wie eins und zwei, also fest nebeneinander.
GS|1|101|9|0|Betrachten wir aber nun, was der Herr dem Prior durch das ominöse „Vielleicht“ bezüglich seiner Tragung im Grunde des Grundes hat sagen wollen, so wird uns unsere Sache sogleich zusammenhängender und klarer erscheinen. Was also wollte der Herr dem Prior damit gesagt haben? Hört! Der Herr wollte dem Prior dadurch gesagt haben, wie nun folgt:
GS|1|101|10|0|Du meintest auf der Erde, Mich in deiner Brotesgestalt in deinen Händen getragen zu haben. Da hast du Mich aber nicht getragen. Aber du hast Mich mehrere Male ganz insgeheim in deinem Herzen getragen und glaubtest aber nicht völlig, Mich da zu tragen. Ich aber sage dir, dass du Mich eben da dennoch allein richtig getragen hast. – Nun seht, bei solchen Bewandtnissen setzte der Herr das noch unerklärte „Vielleicht“, weil in dem Prior noch keine vollkommene Bestimmtheit bezüglich auf die unendliche Liebe, Erbarmung und Sanftmut des Herrn vorhanden war, darum Er ihm auch zu verstehen gab, so es auf das Tragen ankäme, leichter und eher Er den Prior, denn der Prior Ihn tragen würde.
GS|1|101|11|0|Nun aber habt wohl Acht! Es liegt zwischen den drei Ausdrücken: „führen“, „ziehen“ und „tragen“ im Reich des Geistigen ein bedeutender Unterschied, welcher darin besteht: Wenn die Menschen vom Herrn geführt werden, so überkommen sie dadurch das Licht des Glaubens und gehen dadurch ein in den untersten Himmel.
GS|1|101|12|0|Wenn die Menschen vom Herrn gezogen werden, so heißt das so viel als: Die Liebe des Vaters hat sich über diese Menschen ergossen, und sie werden in die Liebe des Vaters aufgenommen, oder sie kommen in den zweiten Himmel, der da besteht aus dem Glaubenswahren durch das Licht der tätigen Liebe zum Herrn und daraus zum Nächsten.
GS|1|101|13|0|Wenn es aber heißt: Die Menschen werden vom Herrn getragen, so drückt das schon einen vollkommenen, kindlichen Zustand der Menschen aus, welche ganz und gar in die Liebe zum Herrn so sehr übergegangen sind, dass sie Ihm auch den allerletzten Tropfen ihrer wenn noch so gedemütigten Eigenliebe in der allergrößten Selbstverleugnung zum Opfer dargebracht haben; wodurch sie dann auch die eigentlich allerwahrhaftigsten Kinder Gottes sind, darum sie von Ihm auch als ihrem ewig allein wahren Vater in den allerhöchsten reinen Liebehimmel aufgenommen werden.
GS|1|101|14|0|Wenn ihr nun diese Unterschiede ein wenig beachtet und dazu die vom Herrn ausgesprochene so halbflüchtig genommene Tragungsverheißung setzt, so wird euch die von euch etwas beanstandete Erscheinung bezüglich der abgeänderten Bestimmung des Priors sicher nicht mehr so unvorbereitet erscheinen, als sie euch auf den ersten Augenblick erschien. Zudem aber hat der Herr in das vielsagende und vielumfassende „Vielleicht“ auch schon diese Erscheinung mit hineingesetzt,
GS|1|101|15|0|indem Er damit verhülltermaßen nichts anderes als das hat sagen wollen: Ich werde dir eine Bestimmung geben vollkommen nach deiner freien Wahl, werde aber dabei bedacht sein auf deine einstige Mich-Tragung in deinem Herzen. Ich werde ganz unvorbereitetermaßen unter deinem Gesichtspunkt dir eine kleine Gelegenheit am völligen Abschnitt deiner ewigen Bestimmung verschaffen, durch welche es sich von dir freiheraus zeigen soll, inwieweit du Mich getragen hast und noch trägst in deinem Herzen, und inwieweit Ich dich dann dafür auch tragen werde. Ich aber will in solcher Periode Mein Auge ein wenig vor dir schließen, damit du ganz vollkommen frei aus dir handeln sollst. Nach der Handlung aber werde Ich dich erst ansehen und dich entweder segnen für deine himmlische Bestimmung, oder Ich werde dich auf Meine Hand nehmen und dich tragen als ein vollkommenes Kind als dein heiligster, liebevollster Vater in Meine Wohnstadt!
GS|1|101|16|0|Seht, nun hätten wir schon so ziemlich alles beisammen und brauchen daher nichts anderes mehr als die ganze Erklärung auf diese Begebenheit nur ganz oberflächlich anzupassen und eure ganze Frage ist beantwortet.
GS|1|101|17|0|Unser Prior hatte all seinen Brüdern gleich die vollkommene Bestimmung primo loco [an erster Stelle] erreicht, welche auch vom Herrn vollkommen klar ausgesprochen ward. Warum denn? Damit der Prior in seiner Liebtätigkeitssphäre einen desto freieren Spielraum bekommen solle, indem er durchaus auch nicht eine leiseste Ahnung hatte, welchen Plan der Herr noch mit ihm vorhabe.
GS|1|101|18|0|Darum musste sich aber denn auch wie zufällig ein armer, vom Herrn schon gar lange zu dem Behuf auserlesener Laienbruder wie ganz stiefmütterlich behandelt im Hintergrund vorfinden, welcher zwar an und für sich schon ohnehin für den obersten Himmel bestimmt war, aber hier sich noch unbewusstermaßen dennoch zu einem ganz tüchtigen Probierstein der wahren Liebe zum Herrn und daraus zum Nächsten für den Prior hat müssen gebrauchen lassen. Der Herr wandte bei dieser Szene Sein allwissend und allsehend Auge ab und überließ dem Prior die vollkommen freieste eigene Liebtätigkeitshandlung. Der Prior, der einstens den Herrn im Herzen getragen hat, ward in sich nun erst völlig daraus gestärkt, fand sich in der vollkommenen Liebe zum Herrn und in der völligsten Verleugnung seiner selbst.
GS|1|101|19|0|Da sieht ihn der Herr an, ändert Seinen geheimen ewig allerweisesten Plan nach der freien Handlung des menschlichen Geistes, und der Erfolg liegt vor unseren Augen, des Näheres wir am erhabensten Ort und an der heiligsten Stelle gemeinschaftlich erfahren werden.
GS|2|1|1|1|Rückkehr zum hauptmittägigen Himmel. Die Wohnung des Herrn und dessen Tragung durch den Prior
GS|2|1|1|1|(Am 29. April 1843 von 5 1/4 – 7 Uhr abends.)
GS|2|1|1|0|Seht, da vor uns liegt schon wieder jenes wohlbekannte Hügelland mit den kleinen, niedlichen Wohnhäusern. Aber diesmal erscheint es in einem noch helleren Licht als die vorigen Male. Der Grund davon ist, weil die Liebe dieser drei überaus mächtig und groß ist zum Herrn.
GS|2|1|2|0|Seht, wie der Herr Selbst in Seiner höchsten Schlichtheit diesen dreien alle die Wunderherrlichkeiten des hauptmittägigen Himmels erklärt und zeigt ihnen an, wer und woher alle die seligen Einwohner in dieser Gegend sind. Auf der Erde hätte solch eine Erklärung auf unseren Prior sicher eine sehr ketzerisch aussehende Wirkung gemacht, da namentlich diese überaus herrliche und endlos weitgedehnte himmlische Gegend nahe von lauter Protestanten bewohnt ist. Aber jetzt ist er in einem ganz anderen Licht und kann über jede Äußerung des Herrn Seine unendliche Güte, Liebe und Erbarmung nicht genug loben und preisen.
GS|2|1|3|0|Wir sind bei dieser Gelegenheit auch schon wieder an unseren wohlbekannten Fluss gekommen, und der Herr, allda etwas innehaltend, spricht zum Prior, somit auch zu seinem Weib und dem Laienbruder: Siehe, hier ist die Grenze zwischen Morgen und Mittag. Du kannst hier an Meiner Seite beide Gegenden schauen. Aber diejenigen, die hier wohnen, vermögen solches noch nicht. Nur die von ihnen bewohnte Gegend mögen sie erschauen, und das in großer Klarheit, aber die Gegend des Morgens mögen sie nicht anders erschauen denn als eine rötliche Glorie, welche über ein fernes überhohes Gebirge zu ihnen herabstrahlt. Da du aber nun die beiden Gegenden siehst, so sage mir, in welcher Gegend meinst du wohl, dass Ich hierorts wohne?
GS|2|1|4|0|Der Prior, sich ein wenig umsehend und am linken Ufer des Stromes eine große Stadt erblickend, spricht: O Du allerliebevollster Vater! Dort am Strom, sicher voll des lebendigsten Wassers, wird wohl Dein himmlisches Jerusalem stehen, von welchem geschrieben steht, dass sie ist die Stadt des lebendigen Gottes. Demnach wäre es vielleicht nicht zu weit fehlgeworfen, wenn ich sage, Du wohnst in dieser heiligen Stadt; denn so etwas unnennbar heilig-großartig Erhabenes kann sich doch ja wohl sicher kein geschaffener Engelsgeist in Ewigkeiten mehr denken, wie da ist eben diese heilige Stadt!
GS|2|1|5|0|Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Freund und Bruder! Du hast eben nicht so fälschlich geraten, denn in solchen Städten, deren Zahl längs dieses ewig weit gedehnten Stromes kein Ende hat, pflege Ich nicht selten bei gewissen Gelegenheiten Mich einzufinden. Aber so ganz eigentlich zu Hause bin Ich da mitnichten, außer in der Sonne, die du ersiehst, durch welche Ich wohl in allen Himmeln gleicherweise zu Hause bin. Daher magst Du weiter raten.
GS|2|1|6|0|Der Prior spricht: So wirst Du, o Herr und liebevollster Vater, vielleicht wohl in einem oder dem anderen jener großen Wunderpaläste zu Hause sein, also sichtbar wie jetzt, denn Du hast ja Selbst von einem großen Haus in den Himmeln gesprochen, darinnen viele Wohnungen seien. Da aber in einem solchen nahe unübersehbar großen Palast doch auch sicher sehr viele Wohnungen sein werden, so könntest Du wohl etwa in einem allergrößten unter den endlos vielen zu Hause sein?
GS|2|1|7|0|Der Herr spricht: Ich sage dir, Mein lieber Sohn, Bruder und Freund! Auch hier hast du die Sache eben nicht gar zu fälschlich beraten, denn fürwahr, wie in den Städten, also pflege Ich Mich auch bei großen Gelegenheiten in diesen großen Wohnhäusern persönlich wesenhaft einzufinden. Aber für beständig und für eigentümlich bin Ich auch in diesen großen Wohnhäusern nicht anders wie in den Städten gegenwärtig; daher magst du dich noch einmal beraten.
GS|2|1|8|0|Der Prior spricht: O heiliger, liebevollster Vater! Mir geht jetzt ein Licht auf, indem Du Dich stets auf der Welt nur den Kleinen und Unbedeutenden also liebevollst und zutraulich genähert hast, so wirst Du vielleicht auch hier dort eine Wohnung haben, da auf jenen Hügeln uns kleine niedliche Wohnhäuser gar so gastfreundlich anlächeln. Da aber diese kleinen Wohnhäuser alle sich völlig gleichen, so dürfte es mir wohl schwerfallen, aus den vielen das eigentlich rechte zu bestimmen; und das nächste beste zu nehmen, das käme mir vor Dir, o Herr, Deiner etwas unachtsam und unwürdig vor.
GS|2|1|9|0|Der Herr spricht: Mein Sohn, Bruder und Freund! Hier hat dein „Vielleicht“ eingeschlagen; denn siehe, da kannst du wählen, das welche du willst, und es wird schon das rechte sein. Weißt du aber, dass du Mich auf der Erde vielleicht einmal getragen hast? Möchtest du Mir nun nicht auch raten, wie, wann und wo?
GS|2|1|10|0|Der Prior spricht: O Herr! Ich kann mich an dieses „Vielleicht“ erinnern und harre nun mit großer, seligster Sehnsucht der Enthüllung desselben. Bezüglich der Tragung Deines allerheiligsten Wesens auf der Erde von mir wird wohl sicher nichts anderes verstanden sein können, als dass ich Dich unter den Gestalten des Brotes und Weines in meinen Händen getragen habe. Hier kommt’s mir vor, als wären die drei Bedingungen: wie, wann und wo erschaulich sicher. Sonst wüsste ich wahrhaftig nichts bezüglich Deiner Tragung Würdiges hervorzubringen.
GS|2|1|11|0|Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Bruder und Freund, sieh hin auf die Stadt und auf den Strom! Das stellt vor die Gestalt des Brotes und des Weines; – wie Ich in der Stadt zu Hause bin in Meiner urwesentlichen Eigentümlichkeit, also in dem Brot und Wein. Siehe, also hat es da mit der Tragung ein Häkchen, und du hast den Sinn der Frage [nicht erraten, denn so hast du Mich] nicht getragen, und du wirst daher schon müssen das Wie, Wann und Wo auf einen anderen Punkt hinwenden.
GS|2|1|12|0|Der Prior spricht: O Herr und liebevollster heiliger Vater! Wenn ich mich da geirrt habe, so weiß ich wahrhaftig nichts anderes, als wenn ich mir denke, Du warst in Deinem heiligen Geist, wenn ich in Deinem Namen zum Volk gepredigt und Dein Wort geredet habe in meinem Mund und auf meiner Zunge. Denn Dein Wort ist ja doch sicher Deine allerreinste Wohnung nach dem Zeugnis Johannis!
GS|2|1|13|0|Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Bruder und Freund, sieh hin auf die herrlichen Paläste! Siehe, diese sind voll Klarheit, voll Lichtes und voll Lebens aus Mir! Aber wie Ich eben auch urwesentlich eigentlich in diesen Palästen zu Hause bin, also auch hast du Mich getragen mit deinem Mund und mit deiner Zung. Du hast aber gesehen, dass Ich allda nicht urwesentlich eigentümlich zu Hause bin; also wird es auch da mit deiner Tragung ein Häkchen haben. Und es stellt sich heraus, dass du Mich weder über Band noch über Arm getragen hast; über Band als Freund und Nachfolger Meiner ersten Jünger, über Arm als Bruder, als der Kundgeber und Verkünder Meines Wortes. Daher kannst du dich auch hier über das Wie, Wann und Wo noch einmal deutlicher ausdrücken.
GS|2|1|14|0|Der Prior spricht: O Herr und liebevollster heiliger Vater! Ich ahne Größeres, und kaum getraue ich mir es auszusprechen. Es wird doch nicht etwa sein, als ich Dich als Knabe noch in meinem Herzen so herzinniglich liebte, dass ich darob oft vor Liebe in Tränen zerfloss, oder vielleicht auch in meinem Amt, da ich ebenfalls heimlicherweise eine so mächtige Liebe zu Dir empfand, welche mich nicht selten vor lauter Entzückung förmlich krank machte, oder vielleicht in jenen Momenten, wo ich beim Anblick meiner armen Brüder zu Tränen gerührt wurde und ihnen auch mit Deiner Gnade, so viel es mir möglich war, helfend beisprang. Habe ich Dich etwa einmal in einem solchen Zustand getragen, da wüsste ich aber dennoch nicht, welcher aus allen diesen derjenige wäre, da Du Dich, o heiliger Vater, so tief herabgewürdigt, dass Du Dich hättest tragen lassen von mir.
GS|2|1|15|0|Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Bruder und Freund! Sieh hin nach den kleinen Wohnungen des Morgens: wie dort, so hier. Wohin du greifest, da greifst du auf den rechten Ort hin; – und siehe, hier ist das Wie, Wann und Wo in eins vereint. Wie trugst du Mich? Siehe, allzeit in deiner Liebe zu Mir! Wann trugst du Mich? Siehe, allzeit in deiner Liebe zu Mir! Wo trugst du Mich? Siehe, überall und allzeit in deiner Liebe zu Mir; du trugst Mich somit allzeit im Herzen!
GS|2|1|16|0|Wer Mich aber im Herzen trägt, der trägt Mich auch über Band und Arm. Wie aber im Arm und im Band keine tragende Kraft ist, wenn sie nicht zuvor ausgeht vom Herzen, so kann Mich auch niemand über Band und Arm tragen, wer Mich nicht trägt zuvor im Herzen. Also ist demnach das „Vielleicht“ vor dir enthüllt, denn ungewiss war es dir, wie, wann und wo du Mich trugst.
GS|2|1|17|0|Nun aber ist das Wie, Wann und Wo in eins geschmolzen, und aus dem Freund und Bruder ist ein Sohn geworden. Darum sage Ich denn nun auch zu dir nicht mehr: Mein Freund, Bruder und Sohn, sondern allein: Mein geliebter und liebeerfüllter Sohn, folge Mir nun weiter auf jene Höhe zu den Wohnungen; allda wollen wir unter einem Dach beisammen wohnen und wirken ewiglich! Amen!
GS|2|2|1|1|Das Wesen eines Kindes Gottes
GS|2|2|1|1|(Am 2. Mai 1843 von 4 3/4 – 6 3/4 Uhr abends.)
GS|2|2|1|0|Seht, unser allererhabenster Führer zieht mit den dreien hin auf die Höhe, welche, wie schon zuvor bezeichnet wurde, diesmal von einer noch stärkeren Glorie umflossen ist. Und wie ihr seht, so geht der erhabene Zug auch hurtig weiter.
GS|2|2|2|0|Aber nun seht auch so ein wenig auf unsere Morgengegend hin, und da namentlich auf die Höhen der Hügel, und betrachtet dort, welch eine zahllose Menge allerseligster Engelsgeister in mehr denn sonnenglänzenden Gewändern, dem Herrn mit ihren Händen freundlichst entgegenwinkend, den neu Ankommenden zu verstehen gibt, wer Der ist, der die drei nach Hause führt! Psalmen ertönen von allen Seiten und seligste Jubelrufe strömen uns entgegen; und das alles, um ganz besonders den Neuangekommenen zu zeigen, was der Herr ist in seinem Haus!
GS|2|2|3|0|Ihr sagt und fragt hier zwar: Die Sache sieht so aus, als wenn der Herr aus Liebe zu diesen dreien auf eine kurze Dauer den ganzen obersten Himmel verlassen hätte; und wenn Er nun nach Hause kehrt, sich alle diese himmlischen seligen Engelsheere über die Maßen seligst jubelnd freuen, dass der Herr und heilige, liebevollste Vater von einer solchen Ernte-Reise wieder heimkehrt.
GS|2|2|4|0|Ich sage euch: Bei so gewissen Gelegenheiten hat solches auch so einen Sinn, denn bei solchen Erlösungen macht es der Herr nicht selten wirklich also, als verreiste Er Sich aus dem Morgen, und nach einer solchen Verreisung ist Er dann auch – außer in der stets sichtbaren Gnadensonne – persönlich wesenhaft in dem ganzen unendlichen himmlischen Morgenreich nirgends zu erschauen.
GS|2|2|5|0|Dieser Zustand, in welchem während einer solchen Abwesenheit die seligsten Geister den Herrn nicht sehen, wird eine Wonneruhe genannt; denn in diesem Zustand werden alle die Seligen durch sich selbst wieder zu einer höheren Seligkeit vorbereitet, und die große Sehnsucht, mit welcher sie den Herrn erwarten, ist dasjenige, was sie vorbereitet.
GS|2|2|6|0|Aus diesem Grunde aber sehen wir nun auch die ganze endlos weit gedehnte Morgengegend vor unseren Augen wie in ein Leben übergegangen, denn von allen endlosen Räumen dieses Himmels strömen die Engelsgeister herbei, um den nun anlangenden Vater mit dem allerheißliebendsten Herzen zu empfangen.
GS|2|2|7|0|Nun aber richten wir auch einen Blick auf unsere überaus erstaunte Gesellschaft. Der Prior wendet sich zum Herrn und spricht: O Du endlos heiliger und allerliebevollster Vater, was um Deines heiligen Willens wegen ist denn das? Sind das lauter allerhöchst selige Engelsregister oder ist das alles nur eine Erscheinlichkeit? Denn es ist ja doch beinahe kaum anzunehmen, dass bei der außerordentlich großen Bosheit der Menschen auf der Erde Deine allerhöchsten Himmel also bevölkert sein sollten. Denn auf der Erde wussten wir aus dem Munde frommer, in den reinen Geist verzückter Menschen, dass nur ganz entsetzlich außerordentlich wenige in diesen allerhöchsten Himmel gelangen; etwas mehr in die zwei unteren Himmel, sehr viele in den sogenannten Reinigungsort, und gar sehr außerordentlich viele – o Herr, behüte uns davor – in die Hölle!
GS|2|2|8|0|Da die Erde nur etwas über fünftausend Jahre das Menschengeschlecht trägt, so ist diese Erscheinung von der Unzahl der hier nun sichtbaren Geister nicht begreiflich. Denn es sind ihrer hier ja nur nach einem oberflächlichen Augenmaß genommen so viele, dass sie, Mann an Mann gestellt, eine ganze Million von Jahren von Jahr zu Jahr abwechselnd und sich fortwährend neu ersetzend, die Erde also anfüllen möchten, dass zwischen ihnen sicher kein Apfel, der unter sie fiele, auf den Boden käme. O Herr und allerbester und liebevollster Vater! Das ist für mich ein ganz entsetzlich unbegreiflicher Anblick! Es müssten nur auch in Deinem obersten Himmel vollkommene Zeugungen stattfinden; sonst ist mir die Sache rein unbegreiflich.
GS|2|2|9|0|Der Herr spricht: Ja, Mein lieber Sohn, du wirst in Meinem Haus auf noch so manche Erscheinungen stoßen, die dir noch viel unbegreiflicher vorkommen werden denn diese. Aber sie sind nichts weniger als etwa pure Erscheinungen, sondern die allervollkommenste und allergediegenste Wahrheit.
GS|2|2|10|0|Hier gibt es durchgehends keine Augentäuschungen wie auch keine Spiegelfechtereien, sondern alles, was du hier siehst, ist vollkommen fest und handgreiflich wahr. Denn im Reich der Liebe ist alles vollkommen truglos und in seine möglichst engste Schranke in sich vereint. Daher sind auch diese Geister so gut wie nun du vollkommen wahre Wesen und sind allesamt und sämtlich Meine lieben Kinder!
GS|2|2|11|0|Wenn du den Maßstab von all diesen Kindern allein auf deine Erde ausdehnst, da dürftest du mit deiner Rechnung freilich wohl etwas zu kurz kommen; denn Meiner Kinder von der Erde sind freilich nicht so viele hier, und welche von da sind, diese sind ausschließend Bewohner Meiner heiligen Stadt.
GS|2|2|12|0|Wenn du aber je auf der Erde bei einer heiteren Nacht den gestirnten Himmel betrachtet hast, so wirst du dich doch von der zahllosen Menge der Gestirne überzeugt haben. Und meinst Du, diese Gestirne seien bloß glänzende Punkte am unermesslichen Himmel? Siehe, das sind ebenfalls zahllose Welten, auf denen überall die gleichen Menschen wohnen und erkennen Mich überall als den Herrn Himmels und ihrer Welt.
GS|2|2|13|0|Siehe, die Kinder der Erde sind Mir am nächsten, weil Ich sie dort wesenhaft persönlich im Fleisch zu Meinen ersten Kindern gemacht habe. Und sie sind demnach hier nach Mir diejenigen, welche da richten die zwölf Geschlechter Israels, welches in dieser allerhöchst himmlisch weitesten und geistig allerinwendigsten Bedeutung so viel besagt als:
GS|2|2|14|0|Diesen Meinen Kindern ist es von Mir aus gegeben, mit Mir zu beherrschen, zu erforschen und zu richten die Unendlichkeit und alle zahllosen Schöpfungen in ihr. Und die Kinder aus den anderen Gestirnen stehen ihnen also zu Diensten, wie die Glieder eines Leibes zum Dienste des Willens im Geiste allzeit bereitstehen. Daher bilden diese Geister mit einem Meiner Kinder in großem Maßstab der Liebetätigkeit nach genommen wie einen Menschen, versehen mit allen zum Bedarf seines Willens notwendigen Gliedern.
GS|2|2|15|0|Demnach ist ein Kind von der Erde aus Mir gehend ein vollkommener Wille von zahllosen anderen Geistern aus den Gestirnen, die zwar an und für sich auch ein jeder seinen eigenen Willen haben und können tun nach ihrer freien, wonnigen Lust, was sie wollen. Dennoch aber geht in liebewirkenden Fällen der Wille Meiner Hauptkinder in sie alle aus und ein, und dann sind sie zu Milliarden wie ein Mensch, dessen wirkender Willensgeist eines Meiner Kinder ist! Solches verstehst du nun freilich noch nicht so ganz und gar, aber mache dir vorderhand nichts daraus; denn in Meiner ewigen Wohnstadt gibt es noch gar viele Hochschulen, in welchen du noch so manches Neue wirst kennenlernen.
GS|2|2|16|0|Für jetzt aber begnüge dich auf deine Frage mit dieser Meiner Liebeantwort und gehe nun mit Mir samt deinem Weib und deinem Bruder in diese Meine Hütte, die wir soeben erreicht haben. Allda sollst du zuerst in Meinem Reich an Meinem Tisch speisen und genießen das ewig wahre Brot und das allerlebendigste Wasser. Und so denn geht mit Mir in die Wohnung!
GS|2|2|17|0|Seht, alle begeben sich hinein, und der Prior macht große Augen, als er in der Hütte diese goldene Einfachheit antrifft, versehen mit ganz ländlich ordinärem Hausgerät. Und der Herr fragt ihn: Nun, Mein geliebtester Sohn, wie gefällt dir Mein Hauswesen? – Der Prior spricht: O Herr, Du allerliebevollster, heiligster Vater. Da gefällt es mir gar überaus wohl, denn es sieht doch wahrhaftig so aus, als wenn man sich auf der Erde in einer reinlichen, friedlichen Keuschlershütte [Kleinbauernhütte] befände. Aber nur kommt es mir wirklich überaus wunderbarlich vor, wie Du, o allerbester, allerheiligster Vater, dem doch alle himmlischen und weltlichen Herrlichkeiten zu eigen sind, Dich mit einer solchen einfachsten Behausung begnügen magst! Fürwahr, das macht Dich ja noch ums Unaussprechliche liebenswürdiger und heiliger, als sich der allervollkommenste Geist nur im allergeringsten Teil davon vorzustellen vermag.
GS|2|2|18|0|Der Herr spricht: Ja sieh, Mein geliebtester Sohn, bei Mir heißt es denn doch auch und das sicher mit Recht: Sapienti pauca sufficiunt! [Dem Weisen genügt wenig!] – Der Prior beugt sich vor lauter Liebe zur Erde und spricht in gänzlicher Zerflossenheit seines Gemütes: O Du allerbester, liebevollster, heiligster Vater! Nicht Sapienti, sondern: quam maxime aeterne Sapientissimo! [Nicht der Weise, sondern der Weiseste aller Zeiten!] Und das sind, o Herr und mein allerliebevollster heiliger Vater, sicher nicht pauca, sondern ebenfalls quam maxime immense multa! [Das ist nicht wenig, sondern überaus viel!] Denn diese an und für sich einfachen und wenigen Sachen sind sicher in sich von so entsetzlich außerordentlicher, wunderbarer Bedeutung, dass ich davon wohl ewig kaum den geringsten Teil erfassen werde.
GS|2|2|19|0|Der Herr spricht: Mein lieber Sohn! Stelle dich nur wieder gerade, und es wird sich nach dem eingenommenen Mahl an Meinem Tisch schon gar bald zeigen, wie viel du von diesem Wenigen auf einmal wirst zu fassen imstande sein. Mache aber mit der Mahlzeit kein großes Wesen, denn hier wirst du finden, wie im buchstäblichen Sinne des Wortes und der Bedeutung die kurzen Haare bald gebürstet sind. Denn von den sogenannten großen himmlischen Fresstafeln ist hier keine Rede, sondern hier speist man ganz einfach und lebt sozusagen bei Brot und Wasser. Aber du wirst es an Meinen Kindern gar bald entdecken, dass sie bei dieser einfachen Kost überaus gut aussehen. Daher setze dich nur zum Tisch, denn dieser ist schon mit Brot und Wasser versehen, und iss und trink, so wie du Mich essen und trinken wirst sehen.
GS|2|3|1|1|Die karge Versorgung durch den Herrn auf den materiellen Weltkörpern und die freigebige Versorgung in Seinem Reich. Stets wachsende Seligkeit bedingt Tätigkeit
GS|2|3|1|1|(Am 3. Mai 1843 von 5 3/4 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|3|1|0|Seht nun, unsere erhabene Gesellschaft speist, und unser Prior wie auch die anderen verwundern sich außerordentlich hoch über den unendlichen Wohlgeschmack dieses Brotes und ebenso auch über den des lebendigen Wassers. Und der Prior spricht in der größten Devotion: O Herr und allerliebevollster heiliger Vater! Dieses Brot schmeckt ja gerade also, als wenn es zusammengesetzt wäre aus den allerschmackhaftesten und allernährendsten Speisen der ganzen Erde, und das Wasser, als wäre es ein Auszug aus den allerbesten Weinen, die je irgend auf der Erde wachsen, wenn man hier eine solche Vergleichung machen darf und kann.
GS|2|3|2|0|Der Herr spricht: Ja, Mein lieber, geliebter und geliebtester Sohn! Du hast nicht schlecht den Geschmack dieser einfachen Mahlzeit bemessen. Denn siehe, wie aus der reinen Liebe in Mir alle guten Früchte auf der Erde wie auf allen anderen Weltkörpern zum Vorschein kommen und ihr Geschmack, ihr Wohlgeruch, ihre Tauglichkeit bezüglich der Ernährung und dann ihre schätzbare Wirkung hervorgehen – also wird auch dieses Brot als der erste Grundbegriff alles dessen, was auf allen Weltkörpern vorkommt, dieses in liebeguter und brauchbarer Art ursächlich in sich enthalten.
GS|2|3|3|0|Denn aus diesem Brot stammt jedes Brot ab, weil dieses Brot ein wahrhaftiges, lebendiges Brot ist, welches ist gleich Meiner Liebe, die sich hier allen Meinen Kindern zur ewigen lebendigen Sättigung darbietet. Und das Wasser ist ebenfalls wie das Brot der Grund aller Dinge, denn es ist das Licht der Liebe, und ist somit der Mitgenuss für alle Meine Kinder ewig an Meiner Weisheit, d. h. alle Meine Kinder, die hier bei Mir sind, sind in Meiner Weisheit Tiefe und somit auch in aller Meiner Macht und Kraft!
GS|2|3|4|0|Siehe, das ist das wahre lebendige Wasser, von dem Ich auf der Erde geredet habe zum Weib am Jakobsbrunnen, dass denjenigen ewig nimmer dürsten wird, der von diesem Wasser trinken wird!
GS|2|3|5|0|Der Prior spricht: O Herr und allerliebevollster, heiligster Vater! Dieses sehe ich jetzt ganz klar ein. Fürwahr, nach dem Genuss dieses Wassers fange ich an, in die unbegreiflichen Tiefen Deiner Allmacht und Deiner Weisheit zu schauen, dass es mich wahrhaft erhaben seligst angenehm zu schauern anfängt. Aber dieses möchte ich denn doch noch wissen, ob ich fürderhin nimmermehr so ein Wasser werde zu trinken und so ein gutes Brot daneben zu essen bekommen?
GS|2|3|6|0|Der Herr spricht: O Mein geliebtester Sohn, darum sei dir ja nicht bange. Diese Speise und dieser Trank wird hier ewig nimmer ausgehen, und du wirst es allzeit in so reichlicher Menge haben können, dass du dich irgendeines Mangels ewig nie wirst zu beklagen haben. Denn in diesem Meinem Reich gibt es ewig unversiegbare Quellen, Flüsse, Ströme und Meere in endlos großer Menge; daher denn auch durchaus nicht zu befürchten ist, als sollte davon nicht ein jeder in der hinreichendsten Menge haben.
GS|2|3|7|0|Siehe, Ich bin nur auf den materiellen Weltkörpern etwas ökonomisch und halte da Meine wahrhaftigen Bekenner und Nachfolger so kurz als möglich. Denn da der Mensch die Wege des Lebens werktätig studieren muss, um sich auf diesen Wegen das ewige Leben eigen zu machen, da gehört kein voller Magen dazu. Denn ihr habt ja bei euren Studien ein altes Sprichwort: „Ein voller Bauch schlägt alles in Wind und Rauch“, – oder: „plenus venter non studet libenter.“ [Ein voller Bauch studiert nicht gern.]
GS|2|3|8|0|Siehe, daher alsdann bin Ich auch aus höchst weisen Gründen etwas karg auf den Weltkörpern, dafür aber bin Ich dann hier die unendliche Freigebigkeit selbst; und es muss alles in der allerhöchsten Reichlichkeit und Fülle ewig vorhanden sein. Auf den Weltkörpern sehe Ich nicht gern, so da jemand spricht: Dieser Stein ist mein. Hier aber will Ich euch ganze Sonnengebiete, wie ihr zu sagen pflegt, auf den Rücken hängen. Denn Ich habe dergleichen Schätze ja in endloser Menge; die ganze Unendlichkeit ist erfüllt von den größten Wunderwerken Meiner Liebe, Weisheit und Allmacht. Warum sollte Ich da karg sein? Wenn auf der Erde ein tausend Klafter großes Fleckchen tausend Taler kostet, so gebe Ich hier um einen Taler tausend Sonnen mit allen ihren Planeten her. Ich meine, dieser Umtausch wird doch von einiger Bedeutung sein.
GS|2|3|9|0|Darum denn sorge dich ja nicht, ob du immer etwas zu essen und zu trinken haben wirst; denn bei so viel Grundstücken wird sich doch mit der leichtesten Mühe von der Welt ein ehrliches Stückchen Brot gewinnen lassen.
GS|2|3|10|0|Der Prior spricht: O Du mein herzinnigst allerliebster Jesus! Für diese Deine Verheißung bin ich noch viel zu ungeheuer blöd und dumm. Ich bin ja hier in diesem Häuschen so unendlich zufrieden und unaussprechlich selig, dass ich mir ja nicht ein Sonnenstäubchen mehr hinzuwünschen könnte. Dafür überlass ich auch diese von Dir ausgesprochenen unendlichen Güter von ganzem Herzen wem anderen viel Würdigeren denn ich bin. Wenn ich nur die Versicherung habe, dass Du hier beständig zu Hause bist, da brauche ich für die ganze Ewigkeit nichts mehr. Denn das Bewusstsein des ewigen Lebens in Deiner Gegenwart und die allerwunderbarst selige Anschauung Deiner Allmachts-Werke, dann dieses mir von Dir geschenkte Weibchen und dieser mein Bruder in mein Mitgefühl [aufgenommen] und nur so manchmal ein Stückchen Brot und ein kleines Schlüpferl [ein Mundvoll] von dem Wasser, da bin ich ja schon für die ganze Ewigkeit unaussprechlich seligst versorgt!
GS|2|3|11|0|Der Herr spricht: Ja, Mein lieber Sohn, das sehe Ich wohl; aber siehe, dieses dein seliges Gefühl ist nur ein erster Anflug der eigentlichen wahren Seligkeit. Würdest du hier bloß in aller Ruhe und Untätigkeit dieses alles genießen, so würdest du mit der Länge der Dauer bei aller Anmut dennoch übersättigt werden, und es würde dich gar vieles, was dich jetzt erfreut, nicht mehr erfreuen. Darum habe Ich für die stets wachsende Seligkeit dadurch schon von Ewigkeit vorgesorgt, dass ein jedes Meiner Kinder hier fortwährend eine wohlangemessene Tätigkeit und einen guten Wirkungskreis überkommt; daher auch kann jetzt, wie ewig vorhin, nicht von einem beständigen Bleiben in einer solchen Hütte die Rede sein.
GS|2|3|12|0|Wir werden daher selbst diese Hütte auf eine Dauer verlassen und uns in Meine Stadt begeben. Allda wirst du erst dein Eigentum kennenlernen wie mit demselben Deine wahrhaftige ewige Bestimmung. Daher wollen wir uns nun auch wieder erheben und unsere Reise weiter fortsetzen. Die Heere der Geister aber, die du vorhin unsrer harrend erblickt hast, sind keineswegs der vollkommene summarische Inbegriff aller der Einwohner dieses ewigen obersten Morgenhimmels, sondern diese Heere gehören allein deinem künftigen Wirkungskreis an. Doch nicht hier, sondern in Meiner Stadt und in deinem eigenen Wohnhaus in derselben sollst du das Nähere erfahren. Seht, der Prior sinkt fast in den Boden vor dem unendlichen Ausspruch des Herrn. Aber der Herr stärkt ihn und winkt nun allen dreien, Ihm zu folgen. Also folgen denn auch wir diesem erhabenen Zug weiter.
GS|2|4|1|1|Struktur der drei Himmel. Der Erdenmensch als Zentrum aller Menschen anderer Erdkörper
GS|2|4|1|1|(Am 4. Mai 1843 von 4 3/4 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|4|1|0|Seht nun, wie alle die zahllosen Heere von seligen Geistern sich herbei an unsere Straße ziehen und da gleichsam ein lebendiges Spalier bilden, welches, wie ihr in eurem Geiste leicht sehen könnt, sich in einer geraden Linie unabsehbar hin vorwärtszieht. Betrachtet euch die mannigfaltig himmlisch schönen Gestalten, welche sich zu beiden Seiten im Vorübergehen uns zu Gesichte stellen, denn in dieser Betrachtung könnt ihr Bewohner aller Gestirne besehen, nur müsst ihr euch dabei nicht denken, dass in dieser endlosen Reihe nun etwa viele von einem Gestirn oder Planeten hier gegenwärtig sind, sondern von jedem Gestirn sind nur zwei, nämlich ein männlich und ein weiblich Wesen. Denn würden mehrere nur von jedem einzelnen Gestirn gegenwärtig sein, so wäre dieser wenn schon für euer Auge endlos weitgedehnte Raum, wenn auch geistig genommen, zu klein, um sie alle zu fassen, und ihr möchtet sie dann nicht überschauen.
GS|2|4|2|0|Ihr fragt hier: Nachdem eures inneren Wissens zufolge sich auch auf so manchen großen Planeten und besonders Sonnen riesenhaft große Menschen vorfinden, so ist es hier zu verwundern, dass diese seligen Geister hier dennoch von ganz gewöhnlicher Größe sind, nur mit kleinen Unterschieden wie allenfalls auf dem Erdkörper. Ich sage euch: Hier, wo der Herr wohnt, ist nirgends ein Unterschied, wohl aber in anderen Himmelsgebieten, wo der Herr nur in Seiner Gnadensonne gegenwärtig ist.
GS|2|4|3|0|Dergleichen Himmelsgebiete sind fürs Erste der erste oder unterste Himmel, in dem bloß die Weisheit und aus dieser hervorgehende Liebachtung zum Herrn wohnt, und fürs Zweite der Mittags- oder zweite Himmel, welcher da besteht aus denen, die aus dem Glaubenswahren in der Liebe zum Nächsten und daraus zum Herrn sind.
GS|2|4|4|0|Jeder dieser zwei genannten Himmel ist an und für sich unendlich und fasst alle die zahllosen Myriaden Geister, welche irdischermaßen ehedem auf ihren Weltkörpern rechtlich gelebt haben. Und dazu sind diese beiden Himmel noch so eingeteilt, dass in entsprechender Form die Planetargeister gerade an jener Stelle des Himmels ihre freien seligen Wohnungen haben, allwo sich naturmäßigerseits ihr Erdkörper befindet. Ihr müsst euch demnach diesen Himmel also vorstellen, dass sein geistiger Flächenraum ein endlos weitgedehnter und alle Sonnen und Planeten in sich wie einzelne Punkte fassender ist.
GS|2|4|5|0|Ihr fragt freilich, wie solches möglich, da es fürs Erste drei geschiedene Himmel gibt, die Planeten aber ungeschieden und zudem auch die Planeten und Sonnen so unter- und übereinander gesteckt sind, dass sie darob unmöglich mit einer Fläche gewisserart planimetrisch übereinstimmen können. Wie sei demnach solches zu verstehen?
GS|2|4|6|0|Ich sage euch: Naturmäßig genommen wird das freilich wohl nicht so recht übereinander zu bringen sein; aber entsprechend geistig sicher auf das Anschaulichste und Klarste. Dessen ungeachtet aber kann euch auch ein naturmäßiges Bild die Sache sehr aufhellen. Wir wollen versuchen, ob wir nicht eines aufzustellen imstande sind, was da für unseren Zweck taugen möchte. Und so hört denn!
GS|2|4|7|0|Nehmt ihr z. B. euren Erdkörper. Der feste Boden und dessen bevölkerte Oberfläche bilde den ersten Himmel, die Region der Luft, namentlich die der Wolken, bilde den zweiten Himmel, die über den Wolken endlos weitgedehnte Äther-Region den dritten und obersten. So greifen alle diese drei Himmel ineinander, sind aber dennoch voneinander so abgesondert, dass aus dem unteren Himmel wohl niemand in den zweiten und noch weniger in den dritten, wie auch vom zweiten in den dritten niemand gelangen kann; wohl aber ist es umgekehrt der Fall.
GS|2|4|8|0|Auf einem jeden Erdkörper halten sich in diesen drei Regionen zahllose lebende Wesen auf. Auf dem Boden gröbere materielle, in der Wolkenregion geistigere und leichte, in der dritten Region ganz ätherisch leichte und völlig unsichtbare. Und dennoch stehen diese drei Wesengattungen auf jedem Erdkörper in beständiger wechselseitiger Korrespondenz.
GS|2|4|9|0|Nun hätten wir einen Teil des Bildes. Ihr wisst aber auch, dass ein jeder sich frei bewegende Erdkörper von den zahllosen Strahlen anderer entfernter Weltkörper beschienen wird. Seht, auf diese Weise nimmt er in seine drei Regionen oder seine drei Flächen Teile vom ganzen Universum auf.
GS|2|4|10|0|Durch diese wechselseitige Einwirkung steht er denn auch in steter Verbindung mit dem ganzen Universum, und der ganze Einfluss setzt sich dann auf einem und demselben Erdkörper in all seinen drei Regionen wohl entsprechend in die stete Verbindung. Das Ätherische bleibt in dem Äther, das Atmosphärische in der Atmosphäre und das Tellurische auf dem Erdkörper.
GS|2|4|11|0|Dadurch stehen aber die Atmosphären aller Sonnen und Planeten stets also gegeneinander in wechselseitiger Entsprechung, dass sich das Ätherische fremder Planeten nur mit dem Ätherischen eures Planeten, das Atmosphärische mit dem Atmosphärischen und das Tellurische mit dem Tellurischen verbindet.
GS|2|4|12|0|Da wir nun solche Verbindungen ersichtlichermaßen dargestellt haben, so können wir zur dritten Betrachtung unseres Bildes übergehen, und diese ist die entsprechend geistige. Vollkommen entsprechend Gleiches entspricht in geistiger Beziehung einer Fläche, die sich allenthalben durchaus gleich ist; demnach ist in der geistigen Erscheinlichkeit das naturmäßig oder tellurisch Gleiche aller Weltkörper wie eine endlos weitgedehnte Fläche, ebenso das Atmosphärische wie das Ätherische anzusehen.
GS|2|4|13|0|Die Entsprechungen aber bestehen in der geistigen Welt nur aus dem Gemütsleben der Menschen auf den Erdkörpern. Ihr sagt, dass das Tellurische in seiner endlosen Mannigfaltigkeit entspricht den vielen naturmäßigen Gestirnen; also ist es auch. Auch das naturmäßige Gemütsleben eines Menschen hat Entsprechung mit dem naturmäßigen Gemütsleben der Menschen aller Gestirne; ebenso ist es der Fall mit dem weisegeistigen und ebenso auch mit dem liebegeistigen Teil des Menschen auf eurem Erdkörper. Nun seht und habt Acht!
GS|2|4|14|0|Der Mensch auf eurem Erdkörper ist gleichsam in seiner Art das Zentrum aller Menschen anderer Erdkörper, und das darum, weil der Herr auf der Erde Selbst ist ein Mensch dem Fleische nach geworden.
GS|2|4|15|0|Der erste oder unterste Himmel, welcher auch der naturmäßig-geistige Himmel genannt wird, fasst selige Menschen eures Erdkörpers, und ein jeder solcher selige Mensch bildet eine gleiche Fläche, in welcher alle anderen Gestirnmenschen zu ihm sich also verhalten wie die Linien, welche von einem Mittelpunkt ausgehen oder von einem möglichst weitesten Kreis wieder in den Mittelpunkt zusammenlaufen.
GS|2|4|16|0|Aber die naturmäßige Fläche ist und kann nicht sein eine ununterbrochen fortlaufende, sondern ist in sich allzeit wie erscheinlich abgeschlossen. Daher werdet ihr auch den naturmäßigen Himmel allzeit wie in einzelne, wenn schon zahllos viele Vereine getrennt erschauen.
GS|2|4|17|0|Der zweite Himmel, welchen wir unter dem mittägigen kennen, ist schon konkreter, hat aber dennoch in seiner endlosen Ausdehnung gewisse Zwischenräume, die sich wie endlos weitgedehnte Meere ausnehmen, über welche die diesem Himmel eigentümlichen Geister nur unter einer höheren Leitung gelangen können.
GS|2|4|18|0|Betrachtet aber nun die dritte ätherische Abteilung, in welcher naturmäßig alle zahllosen Weltkörper schwimmen. Diese ist allenthalben vollkommen konkret. Also ist demnach in entsprechender Form auch der höchste Liebehimmel so gestellt, dass er alle anderen umgibt, sie trägt und leitet. Es wird nun gar nicht schwer sein, zu begreifen, dass mit diesem höchsten Himmel sich alles andere am Ende wie konkret verflachen muss, indem alles von ihm werktätig durchdrungen wird.
GS|2|4|19|0|Daher haben die seligen Geister der Erde in diesem Himmel denn auch diesen unbegrenzten Wirkungskreis aus der Liebe des Herrn. Sie können sich allenthalben hin verfügen. Überall ist für sie ein ebener Weg. Für sie gibt es nirgends ein „Auf“ und ein „Ab“, wie ihr in entsprechender Weise auch nicht annehmen könnt, dass ein ätherisch leichter Mensch, auf welchen kein Erdkörper mehr eine Anziehung zu äußern vermag, sich im lichten Äthermeer irgend auf und ab leichter und schwerer bewegen könnte, indem er sicher nach jeder Richtung hin sich mit gleicher Leichtigkeit bewegen wird, also wie ein Gedanke, dem das „Auf“ und „Ab“ doch auch hier sicher einerlei ist.
GS|2|4|20|0|Solches aber wird in entsprechend geistiger Weise „eben“ genannt und ist erschaulich wie eine unendliche Fläche, darum denn auch aller Welten Geister sich in dieser Fläche notwendig samt ihren entsprechenden Weltkörpern aufhalten und dann auch mit uns Zentralgeistern aus dem Herrn in notwendig dienlicher Verbindung stehen müssen.
GS|2|4|21|0|Das sei euch vorläufig eine gute Beantwortung auf eure Frage. Wenn aber mit unserer nächsten Betrachtung der Herr diese Seine Gesellschaft installieren wird in ihre ewige Bestimmung, da werdet ihr aus Seinem Munde alles dieses in einem werktätig noch viel helleren Licht erschauen.
GS|2|4|22|0|Es ist schwer, geistige Verhältnisse mit naturmäßigen mit der naturmäßigen Sprache in ersichtlich begreifliche Verbindung zu bringen. Aber dessen ungeachtet vermag die große Liebe und Weisheit des Herrn allenthalben Wunder zu wirken. Daher werdet ihr auch hier den besseren Teil erst aus dem Munde des Herrn bekommen. Nun aber nähern wir uns schon wieder der heiligen Stadt, daher wollen wir unsere Aufmerksamkeit auch dahin wenden.
GS|2|5|1|1|Wie das Wort im Himmel als vollkommene Musik zu vernehmen ist. Die rechte Ordnung von Gottesliebe und Nächstenliebe
GS|2|5|1|1|(Am 5. Mai 1843 von 4 3/4 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|5|1|0|Seht, wie diesmal noch reichhaltigere Scharen im höchsten Glanz uns entgegenziehen! Und wenn ihr ebenfalls eure Ohren öffnen wollt, so werdet ihr auch große Gesangschöre vernehmen, wo das Wort in sich selbst als die höchst allervollkommenste Musik aller Musiken zu vernehmen ist.
GS|2|5|2|0|Ihr denkt hier freilich wohl nach, wie solches möglich sei. Ich aber sage euch: Es ist nichts leichter möglich wie auch nichts geistig ordnungsmäßiger als eben die Musik des Wortes. Warum denn? Wenn ihr euer artikuliertes Wort hier aufstellt, welches an und für sich nur die äußerste Rinde des eigentlichen wahren Wortes ist, welches ganz inwendig in dem äußeren Wort ist, so wird es mit der musikalischen Darstellung des Wortes wohl ein wenig schwer gehen. Aber wenn ihr auf den eigentlichen Grund des Wortes zurückgeht, so werdet ihr die Sache ganz natürlich ordnungsmäßig finden.
GS|2|5|3|0|Was aber ist der Grund des Wortes? Der erste Grund ist natürlich wie von allem so auch vom Wort – die Liebe. Wie spricht sich aber die Liebe inwendig aus? Die Liebe spricht sich stets mit einem begehrenden Zug aus, das heißt, sie will alles an sich ziehen! Dieser edle Zug sieht nach allen Seiten um sich herum, und was seinem Auge begegnet, das ergreift er in der Art, wie es ist, und bemüht sich, den erschauten Gegenstand sich stets näher zu bringen und endlich gar mit sich zu vereinen.
GS|2|5|4|0|Dieser Zug wird bei euch die Begierde genannt. Was liegt denn eigentlich in dieser Begierde? Nichts anderes, als sich stets mehr und mehr zu erfüllen mit dem, was eben dieser Begierde vollkommen harmonisch zusagt. Diese Begierde ist aber somit auch eine fortwährend lebendige Empfindung, durch welche eben die Begierde in sich das Bedürfnis wahrnimmt, sich stets mehr und mehr zu erfüllen.
GS|2|5|5|0|Nun habt Acht! Die Liebe zum Herrn und daraus zum Nächsten empfindet demnach das Bedürfnis nach dem Herrn und nach allem dem, was der Herr ist.
GS|2|5|6|0|Böse Liebe aber ist, wie ihr wisst, in allem das Gegenteil. Wenn aber die gute, edle Liebe in sich die stets wachsende Erfüllung mit dem empfindet, was ihr ein einziges Bedürfnis ist, so fühlt sie in sich solche Sättigung. Und diese Sättigung ist das sich wonniglich selbstbewusste Gefühl, welches eben durch seine Sättigung und die aus dieser Sättigung bewirkte Lebenstätigkeit das Licht der Liebe in sich selbst hervorbringt. In diesem Licht wird alles in sich Aufgenommene wie plastisch und geht in harmonische Formen erhabenster Art über.
GS|2|5|7|0|Aus dem Bewusstsein der Sättigung und aus der Anschauung der lebendigen Formen in sich geht dann erst jenes wonnige Gefühl hervor, welches ihr unter dem Begriff „Die Seligkeit des ewigen Lebens“ kennt.
GS|2|5|8|0|Nun gebt ferner Acht! Wenn die lebendige Liebe einmal auf diese Weise gesättigt und in ihr Licht übergegangen ist, so findet sie dann ein zweites Bedürfnis, nämlich die Mitteilung. Und diese Mitteilung ist dann gleich der Nächsten- oder Bruderliebe, welche aber nie eher vollkommen da sein kann, als bis der Mensch in seiner Liebe zum Herrn eben vom Herrn diese gerechte Sättigung überkommen hat.
GS|2|5|9|0|Daher ist auch die wahre Ordnung der Nächstenliebe nur diejenige, so jemand seinen Bruder aus dem Herrn liebt. Im Gegenteil aber, wenn jemand den Herrn liebt aus seinen Brüdern, ist das dann eine umgekehrte Ordnung, welche mit der ersten Ordnung in keinem harmonischen Zusammenhang steht. Warum denn? Weil es doch hoffentlich natürlicher ist, in Dem alles ist, auch alles zu suchen, als in dem, da noch bei weitem nicht alles ist, das vollkommenste Alles zu suchen. Oder noch deutlicher gesprochen:
GS|2|5|10|0|Es ist doch sicher geordneter, in Gott alle seine Brüder zu suchen, als in seinen Brüdern den unendlichen Gott! In Gott wird sogar ein jeder alles finden, aber in seinem Bruder dürfte es wohl manchmal sehr stark im Zwielicht stehen, das allerhöchste Wesen Gottes zu finden. Er findet es wohl auch; aber es ist ein großer Unterschied zwischen dem Finden und Finden.
GS|2|5|11|0|Diesen Unterschied könnet ihr irdischermaßen also bemessen, als so ihr da hättet ein gutes Fernrohr. Seht ihr am rechten Ort durch dasselbe, d. h. dass ihr das große Objektivglas nach außen wendet und die kleinen Okulargläser ans Auge setzt, so werdet ihr damit die Gegenstände, die ihr beschaut, auch in der natürlichen Vergrößerung finden; denn hier schaut ihr wie aus dem Zentrum des Objektivglases Strahlenweite hinaus. Wenn ihr aber das Fernrohr umkehrt, so werdet ihr zwar wohl auch diejenigen Gegenstände erblicken, welche ihr früher erblickt habt; aber diese Gegenstände werden ums eben so Vielfache verkleinert erscheinen, als sie ehedem vergrößert dastanden, und ihr werdet euch eine ganz entsetzlich große Mühe nehmen müssen, wenn ihr nur einigermaßen entfernte Gegenstände werdet erblicken und dieselben völlig erkennen wollen.
GS|2|5|12|0|Würdet ihr fragen, ob das geistig genommen gesündigt ist oder nicht? O nein! Gesündigt ist es durchaus nicht. Denn wenn ihr durch ein umgekehrtes Fernrohr die Gegenden betrachtet, so werden sie euch auch gar schön und wunderlieblich vorkommen, nur wird es euch, wie gesagt, sehr viele Mühe kosten, sie nur einigermaßen zu erkennen als das, was sie sind.
GS|2|5|13|0|Also ist es auch mit der Liebe zum Herrn aus dem Nächsten. Der Herr ist wohl in einem jeden Bruder, denn Er ist ja das Leben Selbst in einem jeden, aber im kleinsten Abbild, also wie der Mensch selbst des ganzen unendlichen Himmels kleinstes Abbild ist oder – der Mensch ist ein Himmel in kleinster Gestalt.
GS|2|5|14|0|Wer aber aus dem Herrn den Bruder liebt, der schaut aus dem Zentrum des Strahlenbrennpunktes, vom Objektiv seines Fernrohres ausgehend, alle seine Brüder liebend an und sieht da in seinen Brüdern viel mehr, als was er ehedem gesehen hat.
GS|2|5|15|0|Ehedem sah und gewahrte er eigentlich vielmehr, dass in seinen Brüdern ein göttlicher Funke wohne, und sah somit eine Menge göttlicher Fünklein. Jetzt aber sieht er in seinen Brüdern, dass der Herr in ihnen alles in allem ist, und statt der Fünklein sieht er jetzt große Sonnen in seinen Brüdern flammen, aus deren Licht sich fortwährend neue herrliche Formen gleich wunderbaren Schöpfungen Gottes entwickeln.
GS|2|5|16|0|Ich meine, solches dürfte euch nun klar sein, und wir wollen daher jetzt sehen, wie wir unsere Wortmusik aus dem allen herausbekommen werden. Ich sage euch, nichts leichter als nun das. Nur eine Frage müssen wir noch voransenden, und diese ist: Was ist denn eigentlich die Musik in sich? Die Musik, in irdischer Form nur betrachtet, ist nichts als ein durch Tonmittel für die äußeren gröberen Sinne vernehmbar gemachtes und gewisserart verkörpertes Darstellen des inneren harmonischen Gefühls.
GS|2|5|17|0|Wenn aber das also dargestellte innere harmonische Gefühl äußerlich dargestellt Musik ist, so wird doch etwa das Gefühl in sich selbst umso mehr die wahre Musik sein, da es der Grund der äußeren Musik ist.
GS|2|5|18|0|Wir Geister fühlen in unserer seligen Liebesättigung und denken durch die aus dem Liebelicht in uns entstandenen Formen aus dem Herrn. Dieses Fühlen und Denken ist unsere allergrößte Seligkeit, weil sich eben darin das Leben des Herrn in uns ausspricht.
GS|2|5|19|0|Denkt euch nun die Harmonie. Der Herr ist in uns das Grundwort, also der Grundton, unsere Sättigung aus dem Herrn ist das zweite harmonische Intervall, das Licht aus dieser Sättigung ist das dritte harmonische Intervall, die Formen aus dem Licht sind, was ihr Melodie nennt.
GS|2|5|20|0|Ihr habt aber in eurer Musik, damit sie vollendeter und ein wohl zusammengreifendes Ganzes sei, einen Kontrapunkt, da ihr eine Melodie auf eine lebendige Weise begleitet und diese Begleitung in sich selbst ebenfalls als ein reines Thema aufgestellt werden kann.
GS|2|5|21|0|Wir wollen sehen, ob sich solches auch in unserer Grundmusik vorfindet. Ganz sicher; denn was ist der gegenseitige Ideen- und Formenaustausch oder der Austausch unserer inneren, seligsten Gefühle anderes als ein wahrhaft himmlischmusikalischer Kontrapunkt, da ein seliger Bruder die Seligkeit seines Bruders aufnimmt und dieselbe mit der Seligkeit der anderen harmonisch verbindet, auf welche Weise dann das selige Ineinander-Überströmen und Verbinden und wieder Lösen gleich wird einem nach eurer Art allerkunstvollst gebauten großen himmlischen Oratorium! Versteht ihr nun solches?
GS|2|5|22|0|Ihr fragt, ob man dergleichen Musik immer hört? Ich aber frage euch: Wann hört denn ihr auf der Erde eine Musik? – Ihr sagt: Wenn sich Musiker zu einem solchen Zweck vereinen und dann nach dem vorbeschriebenen Zeichen anfangen, ihren Tonwerkzeugen die Töne zu entlocken. – Gut, sage ich euch; also ist es auch mit der Grundmusik in dem Himmel der Fall.
GS|2|5|23|0|Bei solchen Gelegenheiten, wo der Herr also wieder einzieht, wie jetzt, wird das selige Gefühl aller himmlischen Geister auf das Höchste getrieben, und diese höchste Stufe des allerseligsten Gefühls spricht sich wie die allerherrlichste Musik aus.
GS|2|5|24|0|Im gewöhnlichen Zustand aber spricht sich das Wort also aus wie bei euch. Dessen ungeachtet aber hat dennoch jeder himmlische Geist hier das vollkommene Vermögen in sich, alles, wenn er will, in vollster Harmonie in sich selbst zu vernehmen, wie auch andere vernehmen zu lassen, was er in dieser harmonischen Hinsicht denkt und fühlt.
GS|2|5|25|0|So könntest du, A. H. W., ein Tonwerk, das du auf der Erde nur einzeltönig (successio) dichten und erfinden kannst, sogleich in dir selbst wie mit dem größtmöglichsten Orchester aufgeführt vernehmen.
GS|2|5|26|0|Ich meine nun, dass euch bereits alles klar sein dürfte. Daher könnt ihr euch nun im Geiste auch mit mir ein wenig vergnügen, wie die herrlichen Harmonien aus den uns stets näher kommenden seligen Scharen an unser Ohr dringen.
GS|2|5|27|0|Seht aber nun auch unseren Prior ein wenig an, wie der sich aus lauter überseliger Wonne nicht mehr zu raten und zu helfen weiß und soeben den Herrn fragt, was solches denn doch alles zu bedeuten habe. Der Herr aber spricht zu ihm: Mein geliebter Sohn, habe nur noch eine kleine Geduld und empfinde der Seligkeit ersten Grad; an Ort und Stelle soll dir alles klar werden. Wir wollen eher die Stadt erreichen und dann erst in der Stadt selbst das Weitere abmachen.
GS|2|5|28|0|Sieh aber die erste kleine Schar, die Mir entgegenkommt, und rate, wer diese sind, aus denen die Schar besteht?
GS|2|5|29|0|Der Prior spricht: O Herr! Woher sollte ich das aus mir nehmen? Dass es überselige Brüder und Engel sind, das ist gewiss; wer sie aber namentlich sind, das könnte ich wohl nimmer erraten.
GS|2|5|30|0|Der Herr spricht: Nun, so will Ich dir es denn kundgeben: das sind Meine Brüder. Die ersten vorderen zwei sind der dir sicher wohlbekannte Petrus und der Paulus, hinter dem Petrus einhergehend siehst du Meinen lieben Johannes, hinter dem Johannes siehst du den Matthäus und Lukas. Der Markus aber folgt uns und war derjenige, der euch zuerst von Mir gesandt aufsuchte. Und die noch mehr rückwärts Folgenden sind die anderen Apostel. Doch nun nichts mehr weiter, sondern wie gesagt in der Stadt, Mein geliebter Sohn, wird erst die Enthüllung folgen!
GS|2|6|1|1|Insignien der Apostel und seligen Geister bezeichnen persönliche Einzelheiten und auf Erden ausgeübter Beruf
GS|2|6|1|1|(Am 6. Mai 1848 von 4 3/4 – 6 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|6|1|0|Seht, wir sind am euch schon bekannten Stadttor, welches gemacht ist aus allen Edelsteinen, so wie die Mauer um die Stadt und die Häuser in der Stadt.
GS|2|6|2|0|Seht in die Gasse, welche da genannt wird die Hauptstraße, die Straße des Herrn und die Straße der Mitte alles Lichtes, wie in dieser Straße gar viele allerseligste Engelsgeister, wie Kinder angetan, uns von allen Seiten entgegenströmen.
GS|2|6|3|0|Seht, alles ist voll des allerhöchsten Liebeweisheitsglanzes. Aber beschaut dagegen den Herrn, der geht noch immer so einfach daher, wie wir Ihn vom Anfang gesehen haben; ein blauer Rock ist alles, was Ihn ziert der äußeren Erscheinlichkeit nach. Aber auch Seine Brüder gehen Ihm gleich einfach einher, und wie ihr auch bemerken könnt, so trägt ein jeder ein kleines Zeichen von dem, wie einen Orden am Rock, das ihn auf der Erde wesentlich unterschied von einem anderen seiner Brüder, wie auch, was er auf der Erde als naturmäßiger Mensch zur Fristung seiner natürlichen Bedürfnisse für ein Gewerbe trieb.
GS|2|6|4|0|So werdet ihr bei dieser Gelegenheit den Petrus erschauen geziert mit zwei Schlüsseln, die übers Kreuz gelegt sind. Unter den zwei Schlüsseln aber werdet ihr ein Fischernetz in kleinem Maßstab wie aus kleinen Diamanten gewirkt erschauen. Die Bedeutung dieser beiden Insignien brauche ich euch wohl nicht mehr zu erklären. Manchmal bei besonderen Gelegenheiten bekommt so ein Apostel noch mehrere Insignien. So erblickt man auch manchmal ebenfalls als eine Bußzierde den Hahn wie auch ein Schwert.
GS|2|6|5|0|Seht den Paulus an, der hat ein zweischneidiges Schwert; unter dem Schwert aber, mit farbigen Diamanten gewirkt, einen kleinen Teppich. Bei besonderen Gelegenheiten hat er auch noch ein rötliches Pferd und über dem Pferd wie einen Feuerstrahl, unter dem Pferd aber eine Rolle und einen Griffel. Und so wie diese zwei ersten Apostel, so haben auch alle anderen bei solchen Gelegenheiten auf ihren Kleidern auf ihr irdisches Leben und Wirken Bezug habende Insignien.
GS|2|6|6|0|Diese Insignien sind von sehr großer Bedeutung und dienen ihren Inhabern im allerhöchst und tiefst geistigen Sinne dazu, wozu einst nur äußerlich vorbildlich in der jüdischen Kirche dem Hohenpriester seine Thumim- und Urim-Täfelchen gedient haben. Denn auch hier sind die allerseligsten Geister nicht in einem stets gleich hohen Grad der innersten Weisheit aus dem Herrn, sondern darin findet auch hier ein Zustandswechsel statt, welcher zu vergleichen ist mit dem Wirkungsstand und dem darauf erfolgten Raststand. Im Wirkungsstand ist ein jeder nach Bedarf mit der tiefsten Weisheit des Herrn ausgerüstet, im Raststand aber bedarf niemand solcher Tiefe, sondern auch hier einer gewissen Sabbatruhe in der stillen heimlichen Liebe zum Herrn.
GS|2|6|7|0|Aus dem Grunde denn auch im Wirkungsstand die Apostel wie auch alle anderen seligen Geister mit ähnlichen Insignien versehen sind; nicht als ob sie nicht ohne dieselben aus dem Herrn möchten in die Fülle der Weisheit gesetzt werden, sondern weil diese Insignien gewisserart die Wurzel anzeigen wie auch das ursprüngliche Samenkorn, aus welchem alle ihre Weisheit aus dem Herrn hervorgegangen ist – darum sie denn auch grundweise und wahrhaftige Fürsten des Himmels heißen und auch in aller Wahrheit sind.
GS|2|6|8|0|Aber nun seht, wir befinden uns schon vor einem gar mächtig großen, überstark glänzenden Palast. Der Herr hält vor dem majestätischen Tor desselben, aus welchem schon wieder neue herrliche Lobgesänge entgegenhallen, und spricht zum Prior: Nun, mein geliebtester Sohn, hier sind wir in unserer unveränderlichen ewigen Wohnung zu Hause. Wie gefällt es dir hier? Sage Mir, ob du eine große Lust hättest, hier zu bleiben? – Der Prior spricht, in eine tausendfache Demut versunken: O Herr, Du alleiniger ewiger König aller Majestät und Glorie! Du Gott, heilig, überheilig, Du allmächtiger Schöpfer aller Himmel und aller Welten! Als ich von Dir in den früheren Himmel geleitet ward, da blieb in meinem Herzen aber dennoch so viel Raumes übrig, dass ich noch irgendeines Wunsches fähig war. Aber hier, wo sich Deine unendliche Herrlichkeit in solch einer nie geahnten endlosen Fülle darstellt und ich vor meinen Blicken wie zahllose Schöpfungen auf- und untergehend erschaue und Deine endlos weisen Pläne und Wege voll des allerhöchsten Lichtes – da, o Herr, ist mein Herz vor Dir nicht mehr fähig zu reden, denn zu groß, zu herrlich und heilig bist Du, und ein unendliches Nichts bin ich vor Dir!
GS|2|6|9|0|In der vorigen Himmelsgegend, da hätte ich mich wohl noch zu wünschen getraut, etwa ein allergeringster Hausknecht bei irgendeinem seligen Bruder zu sein. Aber hier, wo mir alles so unendlich heilig vorkommt, wo ich mich kaum zu atmen und meinen allerunwürdigsten Fuß zu setzen getraue auf den Boden dieser allerheiligsten Stadt, der ja einen bei weitem größeren Lichtglanz von sich strömen lässt als das Licht aller Sonnen zusammengenommen, und wo mich die zu unendliche Majestät dieser heiligen Wohnungen und ihrer Einwohner zufolge meiner gänzlichen Nichtigkeit ganz rein verzehrt – da bleibt mir, o Herr, kein Wunsch mehr übrig! Wenn ich Dich aber schon um etwas bitten dürfte, so wäre das dahin gerichtet, dass Du mich wo hinaus in so eine ganz einfache Hütte möchtest verschieben lassen; denn dieser zu endlosen Wonne und Seligkeit bin ich zu endlos unwürdig!
GS|2|6|10|0|Der Herr spricht: Aber mein lieber Sohn, dein größter Wunsch war ja doch der, bei Mir zu sein. Wenn Ich aber nun hier wohne, wie magst du dich denn scheuen vor Meiner Wohnung? Du hast dich selbst ausgesprochen und gesagt: O Herr! Wo Du bist, da ist überall gut sein! Wenn Ich aber hier für ewig beständig vorzugsweise zu Hause bin, soll demnach hier nicht gut sein, zu sein? Daher bedenke dich und rede!
GS|2|6|11|0|Der Prior spricht: O Herr, Du allerbester, allmächtiger, heiliger Vater! Mit diesem meinem Ausspruch wird es wohl ewig seine Richtigkeit haben wie auch damit, dass es hier nur zu unendlich wonnig und selig zu wohnen wäre. Aber nur das Einzige, o Herr, bemerke ich hier, dass allhier lauter Fürsten wohnen, und keiner von ihnen hat irgendeinen Knecht und geringen Diener. Wenn es möglich wäre, so irgend in einem allerletzten Winkel dieser heiligen Stadt so ein Dienstplätzchen zu bekommen von der möglichst allergeringsten Art, vorausgesetzt, dass hier dergleichen Dienstposten existieren, da möchte ich mir freilich hier vor allen anderen Plätzen in der ganzen Unendlichkeit ein solches Plätzchen von Dir erbitten. Aber in so einem Palast, wie dieser da ist, vor dessen Tor wir nun stehen, da kommt mir schon der möglichst allergeringste Posten zu endlos groß, wichtig und heilig vor, als dass ich mich nur höchst entferntermaßen demselben nähern könnte.
GS|2|6|12|0|Der Herr spricht: Hast du denn nicht gehört, dass in Meinem Reich derjenige der Größte ist, welcher der Kleinste und Letzte sein will? Wenn du demnach gar so möglichst klein hinauswillst, da bleibt Mir nichts anderes übrig, als dich zum möglichst Größten hier zu machen.
GS|2|6|13|0|Der Prior spricht: O Herr, Du allerbester, heiligster Vater! Wenn ich bestimmt wüsste, dass hier derjenige im Ernst der Geringste und am wenigsten Bedeutende ist, der sich für den Vorzüglichsten und Größten hält, da mache mich nur geschwinde zum größten und glänzendsten Fürsten dieser Stadt, damit ich darob der Unbedeutendste und Allergeringfügigste werde!
GS|2|6|14|0|Der Herr spricht: Mein geliebtester Sohn! Wer nach deiner Art groß werden will, der ist bei Mir wahrhaftig groß. Daher sage Ich dir aber nun auch: Nicht ein Diener und nicht ein Knecht in diesem Wohnhaus sollst du Mir sein, sondern dieses Haus habe Ich für dich errichtet zum ewig eigentümlichen herrlichen Besitz. Daher ziehe hier mit deinem Weib und deinem Bruder an Meiner Seite ein. Ich will dich hier installieren und dir die Herrschaft über dieses ganze Haus einräumen. Die Dienerschaft dieses Hauses hast du schon gesehen. Sie besteht aus jenen seligen Geistern, die uns beim ersten Eintritt in dieses Mein Reich in zahllosen Heerscharen entgegengekommen sind. Und so ziehe mit Mir ein, und Ich werde dir in diesem deinem Haus erst deine volle ewige Bestimmung enthüllen!
GS|2|7|1|1|Der himmlische Palast. Der zweifache Judas Iskariot – der Mensch und der Satan. Die Abendmahlstafel
GS|2|7|1|1|(Am 8. Mai 1843 von 5 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|7|1|0|Nun seht da gerade vor uns eine breite, glänzende Treppe, welche mit lauter wie von durchsichtigem Gold angefertigten Geländern versehen ist; also diese Treppe führt hinauf in die mittlere Herrnwohnung. Unsere Gesellschaft bewegt sich nun hinauf, begleitet von den Aposteln; also folgen auch wir ihnen nach. Hier sind wir schon am Eingangstor in den großen Herrnsaal. Der Herr öffnet die Tür, und wir alle ziehen hinein in den Saal. Seht, welche unendliche Pracht und Herrlichkeit in diesem übergroßen Herrnsaal anzutreffen ist! Der Boden ist ebenfalls wie von durchsichtigem Gold, und wenn ihr deutlich auf denselben seht, so werdet ihr aus diesem Gold allenthalben eine Schrift schimmern sehen.
GS|2|7|2|0|Was etwa wohl diese Schrift besagt? Ich sage euch: Nichts mehr und nichts weniger als alle die Taten, welche unser Prior aus seiner wahren inneren Liebe verrichtet hat. Dann seht zu beiden Seiten des großen Saales fünf rote leuchtende Säulen, welche also aussehen wie weißglühendes Erz in einer viertelstundweiten Entfernung auf der Erde betrachtet, allwo es hellrötlich aussieht, und das zwar zufolge der Dichtigkeit der Luft, durch welche so ein Strahl sich durcharbeiten muss. Nur ist natürlicherweise, wie ihr es im Geiste hier erschauen könnt, das Leuchten dieser Säulen ums Unaussprechliche stärker.
GS|2|7|3|0|Seht aber nun auch auf die Fußgestelle dieser großen Säulen, wie sie allenthalben geschmückt sind ebenfalls wieder mit einer mehr denn alle Sonnen stark leuchtenden Schrift. Lest es und ihr werdet finden, dass darauf die zehn Gebote gezeichnet sind. Betrachtet aber die Schrift noch näher, und ihr werdet in einem jeden einzelnen Buchstaben eine kleinere Schrift entdecken, aus welcher Schrift der innere Sinn der Gebote erkannt werden kann.
GS|2|7|4|0|Seht aber auch in die Höhe, und ihr werdet von einer jeden Säule einen weißglänzenden überherrlichen Bogen gegen die Mitte des hohen Plafonds strahlenförmig hin- und zusammenlaufen sehen. Auf dem Punkt, wo die Bögen sich strahlenförmig ergreifen, seht ihr eine mächtig stark leuchtende Sonne, und mitten in der Sonne werdet ihr mit hellrot flammender Schrift das endlos viel bedeutende Wort Liebe gezeichnet finden.
GS|2|7|5|0|Seht aber auch die Wände dieses Saales an, welche aus den allerkostbarsten Edelsteinen erbaut sind. Nähert euch einem Teil der Wand und betrachtet sie genau, und ihr werdet allenthalben eine Schrift entdecken, und zwar in der Mitte der Gesteine gleich kleinen Sternchen schimmernd. Und wenn ihr nur ein wenig wollt zu lesen anfangen, so werdet ihr alsbald finden, dass diese Schrift das Wort Gottes enthält, und zwar im Buchstabensinn zuerst, etwas tiefer im Stein im geistigen und noch tiefer und zumeist in der Höhe den himmlischen Sinn darstellend. Diese vier Wände enthalten nur die vier euch bekannten Evangelisten; die beiden langen Seitenwände den Matthäus und Lukas, die schmäleren Wände des Hinter- und Vordergrundes den Markus und Johannes.
GS|2|7|6|0|Ihr möchtet wohl auch wissen, ob hier nirgends auch das Alte Testament zu erblicken ist? Hier in diesem Trakt nicht; aber was ihr gewisserart bei euch „zu ebener Erde“ nennt, das ist alles gebaut aus dem Alten Testament, und was ihr bei euch auf der Erde die unsichtbare Grundfeste des Hauses nennt, das besteht aus der Urkirche der Erde.
GS|2|7|7|0|Nun aber seht auf den Vordergrund hin; allda werdet ihr eine herrliche Tafel gedeckt erschauen, ein wie gebratenes Lamm in der Mitte in einer goldenen Schüssel, einen Laib Brot daneben und einen großen Kelch voll des herrlichsten Weines.
GS|2|7|8|0|Seht, nun spricht der Herr zum Prior: Mein geliebter Sohn, siehe hier eine andere Tafel; wie kommt sie dir vor? – Der Prior spricht: O Herr, Du allerliebevollster heiliger Vater! Obschon diese endlose Herrlichkeit dieses Saales mich zu Boden drückt, so bemerke ich aber dennoch, dass diese Tafel eine überaus starke Ähnlichkeit mit derjenigen hat, welche Du auf Erden vor Deinen bitteren Leiden mit Deinen lieben Aposteln und Jüngern gehalten hast.
GS|2|7|9|0|Der Herr spricht: Mein geliebter Sohn, du hast recht gesprochen, denn also sprach Ich ja an der Tafel, dass Ich weder von dem Lamm noch von dem Wein eher etwas mehr genießen werde, als bis es im Reich Gottes, also in Meinem Reich, neu bereitet wird. Siehe, hier ist es neu bereitet! Hier wollen wir demnach dieses Mahl wieder miteinander halten und dabei nicht mehr in die Traurigkeit, sondern in die allerhöchste Freude übergehen. Daher setzt euch alle mit Mir zu dieser Tafel, und zwar in der Ordnung, wie wir auf der Erde gesessen sind.
GS|2|7|10|0|Du fragst zwar hier auch nach dem Judas, ob dieser auch bei der Tafel sein wird. Was meinst du wohl, ob sich der Verräter hierher schicken möchte? – Der Prior spricht: O Herr, Du allerliebevollster heiliger Vater! Ich weiß wohl, dass Deine Gerechtigkeit so groß ist wie Deine Liebe, Gnade und Erbarmung. Aber dessen ungeachtet, ich muss es Dir offen bekennen, würde es mir dennoch etwas hart geschehen, wenn ich diesen verlorenen Apostel im Ernst für ewig missen müsste; denn Du hast ja selbst gesagt, dass dieser eine verloren ging, damit die Schrift erfüllt werde. Dieser Text hat mich denn auch heimlich in Hinsicht dieses unglücklichen Apostels stets mit einem kleinen Trost erfüllt, denn ich sagte zu mir: Der Judas musste vielleicht, wenn schon nach seiner freien Wahl, auch so ein Dir dienendes Werkzeug sein, also ein Apostel der Toten, damit eben durch seinen Verrat Dein sicher von Ewigkeit vorbestimmter heiliger Plan in die allerheiligst herrlichste Ausführung kam! Siehe, o Herr, Du allerliebevollster heiliger Vater! Solches flößte mir dann immer eine selige Hoffnung für den armen, unglücklichen Apostel ein. Noch mehr aber ward ich allzeit dadurch beruhigt, wenn ich bedachte, wie Du am Kreuz den Vater in Dir für alle Deine Feinde um Vergebung batest; und da konnte ich denn den armen Judas trotz seines Selbstmordes nicht ausschließen. Dazu war ja auch doch offenbar an dieser seiner letzten Tat der nach der Schrift in ihn fahrende Teufel schuld. Daher also möchte ich wohl auch diesen Apostel, wenn schon nicht hier, so aber doch wenigstens irgendwo nicht im höchsten Grad unglücklich wissen.
GS|2|7|11|0|Der Herr spricht: Höre, Mein geliebter Sohn, es gibt nicht einen, sondern zwei Judas Iskariot. Der eine ist der Mensch, der mit Mir auf der Erde gelebt, und der andere ist der Satan, der in seiner damaligen Freiheit sich diesen Menschen zinspflichtig gemacht hat. Dieser zweite Judas Iskariot ist wohl noch gar vollkommenst der Grund der alleruntersten Hölle – aber nicht also der Mensch Iskariot, denn diesem ward es vergeben, und inwieweit, brauchst du dich nur umzusehen. Denn derjenige, der soeben mit deinem Bruder spricht und nun auch einen Liebeverrat begeht, indem er deinem Bruder schon im Voraus Meine große Liebe zeigt, ist eben derjenige Judas Iskariot, um den du besorgt warst. Bist du nun zufrieden mit Mir?
GS|2|7|12|0|Der Prior, vor Liebe zum Herrn beinahe vergehend, spricht: O Herr, Du allerunendlichst liebevollster, allerheiligster Vater! Wahrlich wahr, ich habe Dich wohl allzeit für allerhöchst liebevoll und endlos gut mir vorgestellt. Dessen ungeachtet aber hätte ich mir nie getraut zu denken, dass sich Deine unendliche Erbarmung, Gnade und Liebe auch bis zum Judas erstrecken sollten! Denn auf der Erde hätte ich mich mit einem solchen Gedanken sicher für grob versündigt geglaubt. Aber nun sehe ich, wie endlos weit Deine unendliche Güte, Gnade und Erbarmung alle menschlichen Vorstellungen übertreffen. O Herr, was sollte ich denn tun, wie sollte ich Dich denn lieben, dass ich doch nur einigermaßen in meinem Herzen solcher Deiner unendlichen Liebe entsprechen könnte?
GS|2|7|13|0|Der Herr umarmt den Prior, drückt ihn an Seine Brust und spricht zu ihm: Siehe, Mein geliebter Sohn, so wie du Mich jetzt liebst, gibst du Mir den größten Ersatz für Meine unendliche Liebe. Daher gehe nun aber auch mit Mir an den Tisch und iss und trink das wahre lebende Abendmahl, damit du in diesem Genuss alle die Stärkung überkommst, welche dir, einem großen Fürsten in diesem Meinem Reich, stets und ewig wachsend vonnöten ist!
GS|2|7|14|0|Seht, nun setzen sie sich alle zur Tafel und an der rechten Seite des Herrn nimmt der Prior mit seinem Weib und seinem Bruder Platz. Zur linken Seite seht ihr den Johannes, dann gleich nach ihm Petrus und dann den Paulus und so auch die anderen Apostel und Jünger.
GS|2|7|15|0|An der rechten Seite des armen Bruders des Priors sitzt der Judas und nach ihm noch einige andere, die ich euch hier noch nicht nennen will. Weiter herüber seht ihr auch unseren Joseph und neben ihm die Maria; neben der Maria die Magdalena und noch andere euch wohlbekannte weibliche Wesen. Daneben seht ihr den Lazarus, den Nikodemus und noch einige große Freunde des Herrn.
GS|2|7|16|0|Ihr fragt nun, da noch mehrere Stühle unbesetzt sind, ob sich darauf niemand setzen wird? Ja, meine lieben Freunde und Brüder, ich muss auch mich zu Tisch setzen und ihr, als noch irdische Geister, dürft nicht aus Meiner Sphäre. Daher wird nichts anderes übrigbleiben, als dass auch wir nach der geheimen Beheißung des Herrn die drei noch leer gelassenen Stühle in Beschlag nehmen, und so denn esst und trinkt dort mir und allen anderen gleich.
GS|2|7|17|0|Wenn ihr an dieser Tafel – wenn auch für eure Sinne unfühlbar – werdet gespeist haben, so wird euch ein inneres, euren Geist sättigendes Gefühl sagen, dass ihr im Geiste an dieser Tafel gespeist habt. Es wird euch daraus eine große, bedeutende Stärkung werden, welche ihr gar wohl empfinden werdet. Scheut euch aber nicht, sondern in eurer Demut und Liebe genießt das Mahl des ewigen Lebens. Und so denn folgt mir ganz beherzt und unbedenklich zur Tafel!
GS|2|8|1|1|Die Bedeutung des himmlischen Abendmahls. Wer in der himmlischen Residenz des Herrn wo wohnt. Austritt aus der Sphäre des Markus
GS|2|8|1|1|(Am 9. Mai 1843 von 4—6 Uhr nachmittags.)
GS|2|8|1|0|Da wir uns nun bei der Tafel befinden, so wollen wir auch an dem hohen Schatz der Tafel teilnehmen. Hört aber, was der Herr vor dem Mahl spricht, indem Er sagt: Meine geliebten Kindlein! Als Ich einst auf Erden nach Meiner Auferstehung zu euch kam, da fragte ich euch, indem ihr etwas hungrig wart und eben nicht viel zu essen hattet: „Kindlein, habt ihr nichts zu essen?“ – Da zeigtet ihr Mir etwas Brot und etliche Fische. Ich segnete euch die Fische und das Brot und setzte Mich dann mit euch zu Tisch und aß mit euch. Nun frage Ich euch nicht mehr, ob ihr zu essen oder nicht zu essen habt, sondern aus Meinem unendlichen Schatz und Vorrat habt ihr in endloser Fülle ewig genug. Aber soll darum dieses von Mir auf Erden ausgesprochene Wort für hier keine Geltung haben?
GS|2|8|2|0|Ich sage euch: Diese Frage soll hier umso mehr eine vollkommene Geltung denn auf der Erde haben; und Ich kann aus diesem Meinem Reich allezeit diese höchst gewichtige Frage tun. – Ihr werdet Mir darauf antworten:
GS|2|8|3|0|O liebevollster Vater! Wir haben hier in Deinem großen Haus nur zu unendlich viel zu essen. – Ich aber sage euch:
GS|2|8|4|0|Diese Frage soll von Mir aus nicht gestellt sein, als beträfe sie euch, sondern diese Frage soll also gestellt sein, dass sie von Mir aus durch euch hinab zu Meinen Kindern auf die Erde dringen und durch diese übergehen soll in die ganze Unendlichkeit. Denn die Kinder auf der Erde sind nun in dem Zustand, als ihr wart sobald nach Meiner Auferstehung. Sie sind voll trauriger Gedanken und wissen noch nicht, was mit dem Herrn geschehen ist. Sie haben ebenfalls nur eine dürftige Nahrung, die da gleicht den Fischen und dem Brot, das ihr hattet.
GS|2|8|5|0|Die Fische sind das Alte und das Brot das Neue Testament. Wie aber diese Speise ist bei den Kindern auf der Erde zum Teil versalzen, zum Teil ausgetrocknet, so ist es hier unter uns umso mehr an der Zeit, uns nun öfter mit dieser Frage an diese Kindlein zu wenden und sie zu fragen: Kindlein! Habt ihr nichts zu essen?
GS|2|8|6|0|Und sie werden uns ihren Vorrat vorweisen, und wir wollen ihnen diese Speise segnen zum guten, lebendigen Gedeihen, wie Ich euch eure Fischlein und euer Brot gesegnet habe, und wollen uns dann mit ihnen zum Tisch ihres Glaubens und ihrer Liebe setzen und mit ihnen essen, d. h. wir wollen sie im Geiste und in der Wahrheit aus ihrem schwachen Vorrat die wahren Wege zum ewigen Leben kennen lehren!
GS|2|8|7|0|Seht, hier ist die Mahlzeit, die Tafel gedeckt mit dem wohlbereiteten Lamm, Brot und Wein. Das Lamm, eine Speise gleich Meinem Herzen, das Brot, eine Speise gleich Meiner Liebe und Erbarmung, der Wein ein Trank aus Meiner unendlichen Weisheit Fülle.
GS|2|8|8|0|Ihr genießt es mit Mir, und Ich habe nicht nötig, euch zu fragen: Kindlein, habt ihr etwas zu essen? Aber so ihr es genießt mit Mir, da gedenkt der armen Kindlein auf der Erde und fragt sie aus Meiner höchsten Liebe in euch: Kindlein, Brüder und Schwestern, habt ihr etwas zu essen? Und die Kindlein werden euch erwidern: O Brüder! Seht uns an in unserer großen Armut; ein wenig hartes Brot und etliche stark versalzene Fischlein ist all unsere Habe! Macht sie uns nur einigermaßen genießbar.
GS|2|8|9|0|Wenn ihr solches vernehmen werdet, da kehrt euch hin zu ihnen und bringt ihnen die lebendigen Überreste von dieser Tafel, d. h. gebt ihnen eine lebendige Erleuchtung; helft ihnen reinigen ihr Gemach, damit Ich auch bei ihnen einziehen kann und sie dann Selbst frage: Kindlein! Habt ihr nichts zu essen?
GS|2|8|10|0|Und wenn sie dann sagen werden: O Herr, Du liebevollster Vater! Siehe, ein wenig Brot und einige Fischlein haben wir, so werde Ich dann zu ihnen sagen: Bringt alles her, was ihr habt, und Ich will es euch segnen mit Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung und will euch geben nun ein lebendiges, inneres, geistiges Brot! So ihr dieses Brot essen werdet und trinken von Meinem Wein, so werden dadurch euer hart gewordenes Brot und eure versalzenen Fische erweicht und gereinigt und euch also zu einer lebendigen Speise werden, an welcher ihr euch hinreichend sättigen werdet zum ewigen Leben.
GS|2|8|11|0|Also, Meine lieben Kinder, Brüder und Freunde, ist diese einst von Mir an euch gestellte Frage auch hier von der größten Wichtigkeit und von der allertiefsten Bedeutung!
GS|2|8|12|0|Esst also nun mit Mir und trinkt und seid dabei in aller Liebe eingedenk derjenigen, die noch in der Tiefe ihres Fleisches wohnen und nicht erschauen können Mein Reich, Meine Gnade, Meine Liebe und Erbarmung!
GS|2|8|13|0|Seht, nun zerteilt der Herr das Lamm wie auch das Brot und teilt es an alle aus. Nun ist es ausgeteilt; wir haben unsere Portionen vor uns, danken wir dafür dem heiligen Geber so guter Gaben und genießen dann in Freude und großer Liebewonne unseres Herzens dies heilige Mahl des ewigen Lebens!
GS|2|8|14|0|Seht, alle greifen nun nach dem dargereichten Mahl und verzehren dasselbe mit großer, freudiger Rührung im Hinblick auf den allerliebevollsten heiligen Geber. Also greifen nun auch wir danach und tun, was die andern tun.
GS|2|8|15|0|Wir zehren nun an dem heiligen Mahl des Lebens. Wie herrlich, wie wohlschmeckend, wie stärkend und belebend ist es! Mit jedem Schluck empfinden wir, als würden unsere Blicke in die unendlichen Tiefen der göttlichen Gnade erweitert, und desto heller fängt die Flamme der ewigen Liebe in unseren Herzen an zu lodern! Mit dem Genuss des Fleisches enthüllen sich wunderbare neue große Gedanken Gottes in uns; mit dem Genuss des Brotes werden diese großen Gedanken zu einer endlos großen neuen Wirklichkeit, und mit dem Genuss des Weines strömt in die neuen Schöpfungen ein neues wunderbarst herrlichstes Leben über. Und wir sehen in dem Gesamtgenuss eine Vollendung, vor deren Größe, Erhabenheit, Herrlichkeit und Heiligkeit aus dem Herrn selbst unsere allergrößten himmlischen Gedanken und Gefühle wonnigst angenehm erschauern und vor dem Herrn wie in ein Nichts herabsinken!
GS|2|8|16|0|Was sagt ihr, meine lieben Freunde und Brüder, zu dieser Mahlzeit? Ihr seid, wie ich merke, stumm vor der zu großen Enthüllung, welche euch samt mir ward in diesem Mahl.
GS|2|8|17|0|Ich aber sage euch: Bei solchen Gelegenheiten geht es niemandem aus uns auch nur um ein Haar besser. Denn niemals ist der Herr größer und unerforschlich wunderbarer als eben in solchen Momenten, da Er Sich am allermeisten herablässt zu Seinen Kindern!
GS|2|8|18|0|Er liebt zwar fortwährend alle Seine Kinder gleich mächtig, aber nicht immer lässt Er sie die große Macht Seiner Liebe in aller Fülle empfinden. In solchen Momenten aber lässt Er solches zu. Daher sind aber auch Seine Kinder von einer solchen Seligkeitsfülle durchdrungen, in welcher sie zwar von der größten Liebe zum Herrn ergriffen werden, aber zugleich auch die größte Demut in ihren Herzen zu dem Herrn empfinden.
GS|2|8|19|0|Nun aber ist, wie ihr seht, die Tafel auch schon zu Ende, und der Herr wendet Sich an den Prior und spricht zu ihm: Nun, Mein geliebter Sohn, wie hat dir Meine Mahlzeit geschmeckt?
GS|2|8|20|0|Der Prior spricht ganz zerknirscht: O Herr, Du allerbester, allerliebevollster, allerheiligster Vater! Diese Deine Mahlzeit hat mir nicht nur unendlich allerseligst wohl geschmeckt, sondern ich bin dadurch mit einem neuen Leben erfüllt worden. Nun ist mir alles klar. Ich sehe nun meine Bestimmung, und Deine unendlich wunderbaren Wege, auf welchen Du Deine Kinder zum Leben führst, sind enthüllt vor mir.
GS|2|8|21|0|Ich weiß nun, was ich zu tun habe, und meine größte Wonne sehe ich wie einen klar vorgezeichneten Weg vor mir, wie ich zu gehen und zu wirken habe. Endlos groß ist zwar der Wirkungskreis, den Du mir allergnädigst als einem unwürdigsten Diener zugeteilt hast. Aber ich sehe ja auch, wie Du nur allein alles in allem bist und wie leicht mit Dir die größten Dinge zu vollenden sind!
GS|2|8|22|0|Daher bin ich denn nun auch überseligst froh darüber, dass Du mir einen solchen Wirkungskreis erteilt hast, und freue mich endlos darauf, wann es Dir wohlgefallen wird, mich den ersten Dienst tun zu lassen in Deinem Reich!
GS|2|8|23|0|Nur eines, o Herr und allerheiligster, liebevollster Vater, ist mir noch ein wenig unklar, nämlich hinsichtlich der Bewohnung dieses Hauses und hinsichtlich derjenigen Dienerschaft, die Du mir schon außer der Stadt in Deinem Reich gezeigt hast. Soll wohl ich auch in diesem Deinem Haus wohnen oder wird mir irgendeine andere Wohnung beschieden und werden dann diejenigen seligen dienenden Geister auch in dem Haus wohnen, wo ich wohnen werde in dieser Stadt?
GS|2|8|24|0|Der Herr spricht: Mein geliebter Sohn, siehe, die ganze Stadt ist im Grunde des Grundes Mein großes Wohnhaus; dessen ungeachtet aber ist dennoch ebendieser Teil, in dem wir uns hier befinden, gewisserart Meine Hauptresidenz, und Ich bin hier der vollkommenste Hausherr.
GS|2|8|25|0|Viele Geister wohnen in abgesonderten Häusern dieser Stadt, die schon bewohnt sind; aber noch gar endlich [endlos?] viele stehen leer, darum Ich dir denn auch gar leicht ein eigentümlich Haus geben könnte. Allein Ich will solches nicht, sondern Ich will dich behalten samt deinem Weib und deinem Bruder in dieser Meiner Hauptresidenz; also wie alle, die da an der Tafel gespeist haben, Bewohner dieser Meiner Residenz sind, und sind darum aus Mir die Hauptgrundfesten Meines Himmels und die Hauptlenker Meiner Schöpfungen. Sonach denn verbleibe du auch hier für ewig bei Mir! Was die Dienerschaft betrifft, so wohnt sie nicht in der Stadt, sondern ihre Wohnungen sind in den endlos weiten Umkreisen dieser Stadt; aber du hast sie alle in dir. Den du willst, rufe in dir, und er wird da sein.
GS|2|8|26|0|Wenn Ich dich absenden werde auf eine oder die andere Welt, da rufe zu dir die Geister ebendieser Welt, und du wirst in der Sphäre dieser Geister ihre Welt und das Bedürfnis dieser Welt erschauen. Hast du solches erschaut, dann rufe in deinem Herzen die Macht Meiner Liebe hervor, und wirke aus dieser dem Bedürfnis einer oder der anderen Welt wohl entsprechend.
GS|2|8|27|0|Ich könnte dir auch alle die Sphären mit einem Blick erschauen machen, aber du würdest dadurch eines mächtigen Grades der Seligkeit beraubt werden. Daher sollst du – deiner eigenen, größtmöglichsten Seligkeit wegen – eine Welt erst dann erschauen in all ihrer von Mir ausgehenden Wunderfülle und Tiefe, wenn du auf einer oder der anderen Welt wirst aus Meiner Liebe heraus zu tun haben. Siehe, hier aber gleich anstoßend an diesen Saal ist eine große Wohnung; in dieser wirst du nachbarlich wohnen mit allen diesen Meinen Kindern, Brüdern und Freunden. Du möchtest zwar wohl auch wissen, wo denn so ganz eigentlich in diesem Haus Meine Wohngemächer sind?
GS|2|8|28|0|Ich sage dir: Ich habe keine eigentümlichen Wohngemächer in diesem Haus, die Ich als ein unmittelbarer Herr bewohnen möchte, sondern Ich wohne stets unter euch, bald bei dem, bald bei dem anderen. Und dieser Saal ist unser Ratssaal; von da aus geht es allzeit ans Geschäft. So werden auch soeben jetzt mehrere – zufolge Meiner ersten Tafelanrede – zur Erde hinabgehen und dort an die Kinder Meine Frage tun. Du aber sollst erst nach einer nächsten Mahlzeit ein gar wichtiges Geschäft überkommen.
GS|2|8|29|0|Wenn du dich aber unterdessen manchmal mit Meinen Kindern aus dem Alten Testament besprechen willst, so lass dich nur hinabgeleiten zu ebener Erde; da wirst du sie alle antreffen. Und somit segne ich dich wie alle die hier Anwesenden und durch sie die ganze Unendlichkeit und hebe somit die Tafel auf!
GS|2|8|30|0|Seht, nun erhebt sich alles von der Tafel, und alles dankt und lobt den Herrn. Und der Herr geht hin, umarmt einen jeden und segnet ihn noch sonderheitlich. Alles geht nun auch seiner neuen Bestimmung zu, und der Herr führt unseren Prior, sein Weib und den armen Bruder in die bestimmte Wohnung und spricht zum armen Bruder: Siehe, du hast noch kein Weib, es ist aber eines schon auf dem Erdkörper für dich bestimmt. Wenn dieses hier ankommen wird, da sollst du mit demselben in die Ehe treten. Unterdessen aber sei ein treuer Bruder aller deiner Brüder, wie du dann ein lieber Bruder aller deiner Brüder bist.
GS|2|8|31|0|Nun ist die große Installation geschehen. Ihr habt gar Wunderbares bei dieser Führung mit angesehen. Bis hierher musste ich euch führen; nun aber wird euch ein anderer führen. Daher mögt ihr nun wieder aus meiner Sphäre treten. Ihr seid hinausgetreten und seht, da harrt der Herr eurer am euch schon gar wohlbesetzten Platz!
GS|2|9|1|1|Die Verschiedenheit der Sphäre jedes seligen Geistes. Die Verschiedenheit unter den Propheten und Evangelisten. Gleichzeitige Übereinstimmung und Verschiedenheit
GS|2|9|1|1|(Am 11. Mai 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|9|1|0|Nun frage Ich, euer Hauptführer, euch wieder: Wie hat es euch behagt in der Sphäre dieses Meines Bruders? Ich sehe in euch die Antwort mit gar vielen Buchstaben geschrieben, und diese Antwort lautet: O Herr, Du allerliebevollster, heiligster Vater! In der Sphäre dieses Geistes haben wir ja doch Dinge geschaut, die von außerordentlicher und wichtiger Art waren, dass wir uns darüber gar nicht auszusprechen vermögen. Haben wir auch nicht alles gesehen, wie Deine Wege überall beschaffen sind, so haben wir aber doch dennoch einen so triftigen allgemeinen Überblick bekommen, wie Deine unendliche Liebe und Weisheit die verirrten Schafe sucht und findet, dass wir demnach füglich behaupten möchten, wir sind in der Sphäre dieses Geistes auf den Hauptpunkt einer allgemeinen Übersicht geführt worden, von welchem aus wir alle die Geisterwelt von der unvollkommensten bis allervollendetsten Sphäre haben kennengelernt, wofür wir Dir ewig nie genug werden danken können. Ja, es kommt uns nun also vor, als könnte man das Wesen des geistigen Reiches unmöglich mehr triftiger durchgehen für die Kürze der Zeit, bezüglich des umfassenden Anblickes und der Erfahrung, als wir in der Sphäre dieses Brudergeistes aus Dir es geschaut haben.
GS|2|9|2|0|Ja, Meine lieben Kinder, solches ist sicher richtig und wahr; ihr habt die Verhältnisse im vollen Licht der Wahrheit geschaut. Aber dessen ungeachtet mache Ich euch auf Mein schon vor eurem Eintritt in die geistigen Sphären bekannt gemachtes Diorama aufmerksam, und demzufolge sage Ich euch, dass sich die Dinge in der Geisterwelt in der Sphäre eines jeden einzelnen seligen Geistes wieder ganz anders gestalten, und sind dann in dieser anderen Gestaltung wieder ebenso gut und wahr wie in der Sphäre eines früheren Geistes. Solches muss auch im allervollkommensten Reich der Engel stattfinden; sonst wäre ja ein Geist dem anderen entbehrlich, und keiner würde dem anderen können eine neue übergroße Seligkeit bereiten. Da aber ein jeder Geist dann etwas Besonderes hat und Ich es einem jeden zulasse, dass sich das Seinige gestalte nach seiner Art, so hat dann auch die selige Freude eines Engels an der Seligkeit eines anderen ewig nimmer ein Ende! Damit ihr aber solches so recht tüchtig einsehen und begreifen mögt, so will Ich euch solches noch zuvor durch einige anschauliche Beispiele erhellen, bevor ihr euch wieder in die Sphäre eines zehnten Geistes begebt.
GS|2|9|3|0|Nehmt an, es wären in einem großen Saal hundert wirklich tief gelehrte Männer. Diesen Männern würde ein sehr denkwürdiger Stoff, z. B. über die Strahlenbrechung des Lichtes, zur Verarbeitung gegeben. Unter diesen hundert Gelehrten aber sind nicht alle von gleichen Fächern Gelehrte, sondern der eine ist ein berühmter Rechenmeister, der andere ein Philosoph, ferner ein Naturforscher, ein Astronom, ein Botaniker, ein Zoologe, ein Mineraloge und wieder andere ein Geognost, ein tüchtiger Optiker, ein Geograph, andere wieder ein Geschichtsforscher, ein Archäologe, ein Dichter, ein Philologe, ein Psychologe, ein Anthropologe, ein Arzt, ein anderer wieder ein Theosoph und so fort durch alle Stufen menschlicher Gelehrtheit. Alle diese hundert Gelehrten haben sicher die schriftstellerische Eigenschaft, ihre Gedanken über das aufgegebene Thema wohlabgesondertermaßen zu Papier zu bringen.
GS|2|9|4|0|Wenn aber nun alle diese hundert Gelehrten mit der Arbeit fertig sein werden, da nehmt dann eines jeden Arbeit zur Hand und lest seinen aufgezeichneten Gedanken oder das bearbeitete Thema, und ihr könnt vollends versichert sein, es werden nicht zwei darunter sich vorfinden, die dieses Thema auf eine und dieselbe Art bearbeitet hätten. Denn ganz anders wird sich der Mathematiker, ganz anders der Dichter, ganz anders der Mystiker und ganz anders, wie gesagt, ein jeder gegen den anderen ausdrücken, und wenn ihr recht aufmerksam die Ausarbeitungen durchgeht, so wird sich in eines jeden Ausarbeitung sein Steckenpferd gar leicht erkennen lassen.
GS|2|9|5|0|Wenn ihr aber dann gefragt würdet um das Urteil, der welche aus all diesen hundert Gelehrten das Thema der Wahrheit am angemessensten bearbeitet habe, so werdet ihr nichts anderes sagen können als: Wir finden, dass da ein jeder für sich den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Da ist keinem in seiner Art etwas einzuwenden, es hat ein jeder recht. In der Hauptsache stimmen sie alle überein, nur die Art der Darstellung ist nach der Liebe des Darstellers verschieden.
GS|2|9|6|0|Gut, sage Ich euch. Seht, wie die Gedanken über einen und denselben Gegenstand von vielen Menschen verschieden sind, also sind auch die Sphären der Engelsgeister verschieden; aber im Grunde des Grundes gehen sie doch alle auf eine und dieselbe Wahrheit hinaus. Um die Sache aber noch anschaulicher zu machen, nehmen wir ein anderes Beispiel:
GS|2|9|7|0|Es wäre über einen Psalm Davids eine gute Musik zu setzen. Ein König eines Landes setzt einen großen Preis auf die bestmusikalische Bearbeitung dieser Aufgabe, und sobald machen sich an allen Orten die tüchtigsten Musiker an diese Arbeit. Nach abgelaufener Frist werden die Kompositionen eingesendet; es sind vierzig Exemplare da. Der König als ein großer Liebhaber solcher klassischen Musik lässt nacheinander von Tag zu Tag eine Komposition um die andere aufführen. Geht aber hin in diese Produktionen und hört sie an. Und wenn ihr sie alle werdet angehört haben, nachdem sie von lauter allertüchtigsten Komponisten bearbeitet sind, wie wird da euer Urteil lauten?
GS|2|9|8|0|Ihr werdet sicher sagen: Fürwahr, da ist in seiner Art eine Arbeit so tüchtig und wunderschön wie die andere; aus einer jeden lässt sich der große Meister erkennen. Aber wie verschieden die Auffassung, wie verschieden die angebrachte musikalische Rhythmik, wie verschieden die Grundtonarten, wie verschieden die Instrumentierung und die Verteilung des Gesanges, wie verschieden die Melodien, wie verschieden die Begleitungen derselben! In einer jeden ganz andere Bindungen und ganz andere Lösungen!
GS|2|9|9|0|Gut, sage Ich euch; sagt Mir aber nun auch, die welche Komposition – bei der natürlich bestmöglichsten Aufführung – euch am meisten wohlgefiel. Da werdet ihr im Grunde des Grundes nichts anderes sagen können als: Eine jede dieser Kompositionen hat uns in ihrer Art überaus wohl gefallen; dennoch aber waren einige darunter, die uns gewisserart mehr befreundend vorkamen denn manche und andere.
GS|2|9|10|0|Wieder gut, sage Ich euch; was das „mehr befreundend“ betrifft, das liegt in der Annäherung der Sphäre des Komponisten zu der euren. An und für sich aber ist jede Komposition voll Leben, Geist und Wahrheit.
GS|2|9|11|0|Die welche wird aber dann den Vorrangpreis bekommen? Ich sage euch: Wenn der geistreiche König Mir gleich gerecht sein will, so wird er seinen Beutel über die bestimmte Prämie hinaus öffnen müssen und einem jeden die ausgesprochene Prämie zukommen lassen.
GS|2|9|12|0|Aus dem aber könnt ihr nun schon sehr bedeutend klar entnehmen, dass die Sphären der Engelsgeister sich ebenso, nur natürlich in hellst beschaulicher Erscheinlichkeit, gestalten müssen, wie uns dieses zweite Beispiel gar klar gezeigt hat. Überall ist Wahrheit; aber weil nach dem verschiedenen Grad der Liebe auch das formende Licht verschieden ist, so sind auch die Formen anders, aber dennoch immer also gestellt, dass sie einer und derselben Grundwahrheit völlig entsprechen.
GS|2|9|13|0|Damit ihr aber nicht denkt, als ließe sich dergleichen nur in diesen zwei gegebenen Beispielen erschauen, so will Ich euch zufolge Meiner sehr erfinderischen Eigenschaft noch einige andere auftischen. Nehmen wir an: Von zehn großen Malern sollte eine Morgenlandschaft geliefert werden. Die Landschaften sind fertig und geliefert. Geht hin und betrachtet sie, es ist eine schöner und wahrer als die andere. Eine jede drückt auffallend eine Morgengegend aus; aber keine sieht der anderen auch nur in einem Punkt gleich.
GS|2|9|14|0|Seht, das kommt daher, weil ein jeder Geist seine eigene von Mir aus wunderbarst gestellte Sphäre hat, durch welche er sich selbst und allen seinen Brüdern die größte Wonne und Seligkeit bereiten kann. Dazu ist noch eines jeden Geistes Sphäre unendlich und in ihrer Art ewig unerschöpflich an den allermannigfaltigsten Wundergestaltungen. Und so endlos wunderbarst mannigfaltig die Gestaltungen in der Sphäre eines Engelsgeistes auch sind und ihr bei der Betrachtung der einen offenbar sagen müsst: Über diese unendlich wundervolle Mannigfaltigkeit lässt sich kein weiterer Gedanke mehr fassen!, da sage Ich euch: Geht nur geschwinde in die Sphäre eines anderen über und euer Urteil wird gleich anders lauten und ihr werdet da sagen: Ja, was ist denn das? Da sind ja schon wieder ganz unerhört andere Formen! Und Ich sage euch dazu: Also ist es der Fall mit dem geistigen Diorama. Das äußere Fensterchen ist gleich; aber nur hineingeguckt und überall eine andere Welt!
GS|2|9|15|0|Ich habe aber noch ein Beispiel vorrätig: Wenn ihr in der Schrift alle die Propheten, dann die Evangelisten wie auch die Briefe des Paulus, die noch anderer Apostel und Jünger und am Ende noch die Offenbarung Johannis durchgeht, da werdet ihr doch offenbar sagen müssen: Da schreibt doch ein jeder eine andere Sprache, bedient sich anderer Bilder und bearbeitet einen ganz anderen Stoff; selbst die vier Evangelisten stimmen sogar bei den geschichtlichen Tatsachen nicht miteinander überein. Der Paulus predigt in seinen Briefen weder ein noch das andere Evangelium; und die Offenbarung Johannis ist an und für sich schon so in wunderliche Bilder eingehüllt, dass man daraus nie völlig klug werden kann.
GS|2|9|16|0|Nun frage Ich aber, weil in gewisser Hinsicht ein jeder anders geschrieben hat: Welcher hat denn dann recht geschrieben? Die Antwort kann darauf wohl unmöglich eine andere sein als diese: Ein jeder schreibt eine und dieselbe Wahrheit, ein jeder predigt Mich, ein jeder gebietet die Liebe, die Demut, Sanftmut und Geduld. Die Tatsachen sind von jedem ganz dieselben erzählt; wer sie im gerechten geistigen Licht auffasst, der wird darin die wunderbarste Übereinstimmung finden. Wenn ihr die verschiedenen Verse zusammenstellt aus allen Propheten und Evangelisten, so werden sie sein, im wahren Licht betrachtet, wie Früchte eines und desselben Baumes.
GS|2|9|17|0|Nun seht, ebenso auch wieder verhält es sich mit den Sphären der vollkommenen Geister. Ich könnte euch noch eine Menge Beispiele geben; aber vorderhand genügen diese.
GS|2|9|18|0|Da an Meiner Seite aber steht schon derjenige Geist, in dessen Sphäre ihr alles dieses tatsächlich erschauen und am Ende sagen werdet: Fürwahr, ganz anders waren die Dinge in dieses Geistes Sphäre gestaltet; aber im Grunde des Grundes laufen sie dennoch auf eines hinaus und zeigen, dass der Herr alles in allem, also überall die ewige und unendliche Liebe und Weisheit Selbst ist.
GS|2|9|19|0|Da ihr denn nun solches im Voraus wisst, so begebt ihr euch in die Sphäre dieses zehnten Geistes, und habt da auf alles abermals sehr wohl Acht. Amen.
GS|2|10|1|1|Unterschied des Schauens im Glaubenslicht und im Liebelicht. Der Geist des Menschen. Die Ursache arger Gedanken
GS|2|10|1|1|(Am 12. Mai 1843 von 4 3/4 – 6 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|10|1|0|Ihr befindet euch schon in seiner Sphäre, und somit will Ich euch auch sogleich kundtun, dass ihr euch in der Sphäre Meines lieben Johannes befindet. Und sonach haltet euch an ihn; der wird euch gar viel Wunderbares und Erhabenes in seiner Art zeigen. Der Johannes winkt euch, ihm zu folgen; also folgt ihm denn auch!
GS|2|10|2|0|Der Johannes spricht: Meine geliebten Brüder in unserem Herrn Jesu Christo, ihr habt mich zwar schon aus der Sphäre eines anderen lieben, seligen Brudergeistes gesehen; aber damals war es noch nicht an der Zeit, euch in meine Sphäre aufzunehmen. Da ihr aber nun durch meinen lieben Bruder Markus seid in so vielen wichtigen Dingen unterrichtet worden, so ist es nun auch an der Zeit, dass ihr in meiner Sphäre Erfahrungen macht, welche in ihrer Art euch ganz besonders in die geheime Liebe des Herrn mehr und mehr einweihen sollen.
GS|2|10|3|0|In all den früheren Sphären habt ihr Erscheinungen geschaut, und aus diesen Erscheinungen erst musstet ihr die Wahrheit finden. Seht, das ist die erstere Art, wo der Mensch aus seinem Glaubenslicht zuerst die Formen erschaut, sie aber nirgends bis auf den Grund erfasst und sie erst dann versteht, wenn sie ihm im obersten Licht der höchsten Liebe enthüllt werden.
GS|2|10|4|0|Aus diesem Grunde habt ihr auch in der Sphäre meiner neun vorhergehenden Brüder alle die Erscheinungen anfangs so angeschaut wie ein Blinder die Farben. Ihr saht mannigfache Formen und Handlungen, habt aber beim ersten Anblick nichts von allem verstanden, das ihr geschaut habt aus eurem Glaubenslicht. Aber ein zweites, viel tieferes Schauen ist dasjenige, welches aus der Liebe geschieht. Allda sieht man nicht sogleich, was schon da ist, sondern man sieht nur das, was man in seiner Liebe erfasst, und sieht dann das Erfasste vom Grund aus.
GS|2|10|5|0|Aus dem Glaubenslicht ist man ein suchender Betrachter des schon Daseienden; aus dem inwendigen Liebelicht, welches da ist das eigentliche lebendige Licht des Herrn im Menschen, wird man aber selbst ein Schöpfer und beschaut dann dasjenige vom Grund aus, was man geschaffen hat.
GS|2|10|6|0|Ihr denkt euch wohl, als wäre demnach der frühere Zustand ein günstigerer denn dieser zweite, inwendigste, tiefste. Ich aber sage euch: Solches ist irrig; denn je konstantere Außenformen ein geschaffenes Wesen beschaut, desto unvollkommener ist es in seiner Art.
GS|2|10|7|0|Der Mensch in seinem naturmäßigen Leben auf dem Erdkörper ist zuallererst in einem solchen Schauen. Er vergnügt sich zwar an der Begaffung konstanter Formen; aber wie verhält er sich zu ihnen in seinem Geist? Ich sage euch, wie ein allerverarmtester Bettler vor der Flur des Hauses eines hartherzigen Reichen. Er sieht auch die wunderbare reiche Pracht des großen Hauses des Reichen, aber wenn er in dasselbe eintreten will, so wird er von hundert dienstbaren Wesen dieses Hauses allerhärtest abgewiesen. Was hat der Arme nun beim Anblick dieses Prachthauses gewonnen? Nichts als ein beklommenes, schmerzendes Herz, welches zu ihm spricht: Für dergleichen Paläste zu betreten hast du keinen Fuß!
GS|2|10|8|0|Seht, gerade so verhält es sich mit dem Beschauer konstanter Außenformen. Welche Lust ist es wohl, sich vor einen Baum hinzustellen und zu beschauen seine Formen? Wenn man aber an den Baum klopft und möchte eingelassen werden, um zu schauen sein lebendiges, wunderbares Walten, so wird man allzeit hart abgewiesen und es heißt: Nur bis zu meiner Oberfläche, bis zu meiner Außenform, von da aber um kein Haar mehr weiter! Ihr könnt zwar einen Stein in eure Hand nehmen und ihn werfen, wohin ihr wollt; ihr könnt ihn auch zerstoßen und zermalmen, auflösen und gänzlich verflüchtigen, und dennoch ist der Stein euer Herr und lässt euch nicht schauen in seine Geheimnisse.
GS|2|10|9|0|So steht es mit allen Außenformen, welche sich einem Auge zur Beschauung darstellen. Sie sind fortwährend Herren und Meister des Beschauers, und dieser kann tun, was er will, so kann er nirgends den Einlass bis auf den Grund bekommen. Daher müssen überall langgedehnte Erklärungen und Erläuterungen hinzugefügt werden, wenn der Beschauer nur irgendein kleines Licht über die geschauten Dinge bekommen will.
GS|2|10|10|0|In der Art sind denn auch die Formen in der Geisterwelt, wenn sie sich schon als da seiend in einer gewissen Bestimmtheit dem Auge des Beschauers darstellen. Der Beschauer sieht sie wohl, aber versteht sie nicht. Also habt auch ihr gar viele Formen in der Sphäre meines lieben Bruders geschaut; sagt mir aber, ob ihr auch eine eher verstanden habt, als bis der Führer euch dieselbe erleuchtet hat?
GS|2|10|11|0|Hat sie aber der Führer auch also beschaut wie ihr? Seht, das ist eine andere Frage. Ich sage euch: Wenn er sie also beschaut hätte, so hätte er euch wohl schwerlich über das eine oder das andere ein gerechtes Licht verschaffen können. Allein er hat sie aus sich beschaut, d. h. er hat sie aus dem Licht des Herrn in ihm selbst geschaffen, und ihr saht somit seine Schöpfungen! Sie waren die vollkommenste Wahrheit in allen ihren Teilen; aber ihr verstandet sie nicht ohne seine Erläuterung.
GS|2|10|12|0|Nun aber in meiner Sphäre werdet ihr eine ganz umgekehrte Erfahrung machen, welche ihr sogleich von diesem unserem ganz unförmlichen dunstähnlichen Standpunkt ersehen könnt. Seht ihr irgendeine Form, eine Welt, einen Himmel, irgendein Licht außer dem grauen Dunst, welcher uns von allen Seiten umgibt?
GS|2|10|13|0|Ihr sagt: Liebster Freund und Bruder in der Liebe des Herrn! Außer uns, dir und dem grauen Dunst sehen wir nach allen Richtungen hin nichts. – Gut, sage ich euch, meine geliebten Brüder, ihr braucht auch durchaus nicht mehr zu sehen; denn gerade dieser Standpunkt ist notwendig, damit ihr in das eigentliche wahre Grundschauen des Geistes könnt eingeweiht werden.
GS|2|10|14|0|Ihr wisst, dass der Geist des Menschen ist ein vollkommenes lebendiges Abbild des Herrn und hat in sich den Funken oder Brennpunkt des göttlichen Wesens. So er aber solches unleugbar in sich fasst, so fasst er ja auch das Alles des Herrn in sich. Er trägt somit das Unendliche vom Kleinsten bis zum Größten vollkommen göttlicherweise in sich, oder er hat des Herrn Alles durch seine mächtige Liebe zu Ihm wie auf einen Punkt in sich vereint.
GS|2|10|15|0|Nun, wenn also, wozu demnach die Anschauung fremder außengestellter Formen? Heraus mit dem, was jeder von euch mir gleich in sich trägt, und wir werden dann gar bald Dinge wie aus uns geschaffen erschauen.
GS|2|10|16|0|Ihr fragt: Wie wird wohl solches möglich sein? – Ich aber sage euch: Habt ihr noch nie eure Gedanken näher geprüft und eure Wünsche neben den Gedanken?
GS|2|10|17|0|Woher kommen denn die Gedanken? Die Antwort liegt einfach wie endlosfach im Brennpunkt Gottes in euch. Seht, in diesem mächtigen Brennpunkt ist die Fabrik eurer Gedanken und Wünsche gestellt; von diesem Brennpunkt aus denkt ihr ursprünglich, und die Zahl eurer Gedanken ist unendlich, weil in dem göttlichen Brennpunkt in euch ebenfalls Göttliches in all seiner Unendlichkeit vorhanden ist.
GS|2|10|18|0|Ihr möchtet sagen: Wenn also, woher kämen denn hernach arge Gedanken? Ich aber sage euch, dass in diesem Brennpunkt durchaus keine argen Gedanken zugrunde liegen wie auch keine argen Wünsche. Alle Gedanken sind da frei und makellos, nur die Wünsche sind unter die Botmäßigkeit des freien Willens eines jeden Menschen gestellt. Denkt ihr aus euch heraus, so werden eure Gedanken alle aus der Liebe entspringen, und ihr werdet in euch bald das selige Bedürfnis der fortwährenden Mitteilung gewahren, zufolge dessen ihr alles mit euren Brüdern allerreichlichst teilen möchtet. Dadurch werdet ihr dann aber auch Schöpfer von lauter guten Werken, die euch folgen werden.
GS|2|10|19|0|Aber da ein jeder Mensch auch den freien Willen hat und dazu Vermögen, aus sich heraus auch äußere, also fremde Formen zu beschauen, so kann er mit seinem Willen und mit seiner seinem Willen untertänigen Liebe diese fremden Formen ergreifen und sie sich eigen machen. Seht, diese fremden Formen werden dann als geraubte auch zu begierlichen Gedanken im Menschen, und diese – weil sie nun aus der Eigenliebe entspringen, welche ist eine Raub- und Herrschliebe, weil sie sich aller fremden Formen für sich bemächtigen will und herrschen über alles, wessen sie sich bemächtigt hat – sind dann die eigentlichen bösen Gedanken. Ihr sagt ja selbst: Fremdes Gut tut kein gut! – Das ist denn doch in der Hauptlebensfrage sicher die allergewichtigste Bedingung, und ein jeder, der nicht auf seinem Grund baut, der baut auf Sand. Wie man aber auf eigenem Grund baut, das soll euch meine Sphäre lehren.
GS|2|11|1|1|Demonstration des Schauens im Liebelicht. Hervorrufung eines Sternes. Das ganze Universum ist in euch
GS|2|11|1|1|(Am 17. Mai 1843 von 4 1/2 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|11|1|0|Vermögt ihr hier etwas zu denken? Ihr bejaht solches. So denkt euch denn einen Gegenstand, was immer euch beliebt; sucht nicht lange, sondern nehmt das Nächstbeste. Wenn ihr aber den Gedanken habt, da haltet ihn fest und lasst ihn nicht weiter.
GS|2|11|2|0|Ihr habt einen Gedanken gefasst; was ist sein Bild? Ihr sagt: Es ist ein einziger Stern, den wir uns jetzt denken. – Gut, sage ich euch; stellt euch den Stern so recht lebendig vor, lasst ihn nicht aus und sagt mir dann, wie euch der Stern vorkommt.
GS|2|11|3|0|Ihr sprecht: Je fester wir ihn fassen, desto größer und leuchtender kommt er uns vor. – Wieder gut, sage ich euch; fasst ihn noch tüchtiger und fixiert ihn mit den Blicken eurer inneren Sehe noch fester. Was seht ihr jetzt?
GS|2|11|4|0|Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder, es kommt uns vor, als finge der Stern an auseinanderzugehen gleich einer Blütenknospe im Frühjahr, sein Licht wird noch stärker und mächtiger, und es kommt uns vor, als gewänne der Stern an seinem Flächenraum und ist schon messbar.
GS|2|11|5|0|Abermals gut, sage ich euch; vertieft euch aber nur noch inniger, macht eure Blicke groß und fest und wollt fest in euch den Stern näher entwickelt haben; und sagt mir, wie euch nach dieser Betrachtung der Stern vorkommt.
GS|2|11|6|0|Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder, der Stern hat bereits Mondesgröße bekommen, und sein Licht blendet schon nahe die Sehe unseres Geistes!
GS|2|11|7|0|Wieder gut, sage ich euch. Es ist also; denn ich ersehe den Strahlenglanz eures Sternes ja schon aus euren Augen. Ich aber sage euch nun weiter: Lasst ja den Stern nicht aus, sondern betrachtet ihn inniger und inniger und fester und fester und werdet mächtiger in eurem Wollen, so wird sich der Stern alsbald nach der Macht eures Wollens und Schauens richten. Was erschaut ihr nun?
GS|2|11|8|0|Ich sehe schon, wie ihr voll Erstaunens werdet, denn ihr seht euren Stern schon so erweitert und vergrößert vor euch, dass ihr mit leichter Mühe große, erhabene Einzelheiten desselben ausnehmt. Nun bemerkt ihr schon sogar Bewegungen auf der Oberfläche dieses groß gewordenen Sternes. Ihr möchtet zwar schon im Voraus wissen, was diese Bewegungen sind und was sich da bewegt. Ich aber sage euch nichts; denn nun müsst ihr selbst alles finden.
GS|2|11|9|0|Fixiert euren Stern nur noch fester und stärker und mächtigt euer Wollen, und es soll sich sogleich zeigen, was diese Bewegungen sind und was sich da bewegt. Was habt ihr denn für Gedanken bei diesen erschauten Bewegungen?
GS|2|11|10|0|Ihr sagt: Wir denken dabei an Wolken und an ein wogendes Meer.
GS|2|11|11|0|Ich sage euch: Haltet jetzt auf dem Stern, den ihr nicht mehr verlieren könnt, auch diese Gedanken fest und sagt mir dann, was ihr erschaut.
GS|2|11|12|0|Ihr fragt nun: Lieber Freund und Bruder im Herrn! Wir erschauen nun im Ernst, wie über uns schon sehr nahe stehenden Weltflächen Wolken hin und her ziehen, und zwischen den großen Landflächen entdecken wir noch größere Flächen wogenden Meeres. Wir sehen auch schon große Unebenheiten der weitgedehnten Ländereien und ersehen leuchtende Inseln inmitten der großen Meeresflächen; aber weiter können wir noch nichts ausnehmen.
GS|2|11|13|0|Gut, sage ich euch; zieht euch nun die großen Ländereien und die großen Meeresflächen dieses eures Sternes nur näher, und ihr werdet gleich mehreres darauf erschauen. Ich merke schon aus euren Augen, dass ihr meinen Rat befolgt. Nun, was erschaut ihr denn?
GS|2|11|14|0|Ihr sprecht: Siehe da, das Land ist uns schon äußerst nahe gekommen. Wir entdecken nun schon weitgedehnte Wälder, auch eine Menge zerstreuter Wohnhäuser von einer sehr seltsamen Form, auch große Flüsse. Und siehe, nun können wir auch schon kleine Bäche ausnehmen, und an den Ufern des großen Meeres entdecken wir auch hier und da wie Städte errichtet; auch Bewegungen auf der Oberfläche des Gewässers wie von allerlei Schiffen können wir entnehmen.
GS|2|11|15|0|Nun gut; was meint ihr wohl, woher dieses alles kommt? Ihr sprecht: Lieber Freund und Bruder, wir wissen es nicht. – Ich aber frage euch: Woher kam denn der Stern? – Ihr sagt: Diesen dachten wir und hielten ihn dann fest in unseren Gedanken.
GS|2|11|16|0|Nun, wenn der Stern aus euch kam, woher sollte denn seine Entwicklung anders kommen als von euch? Denn als der Stern durch euer Festhalten größer und größer ward, so entwickelte er durch seine Größe in euch den mit der Begierde gefüllten Gedanken, an dem Stern selbst eine Welt zu erschauen. Diesen Gedanken hieltet ihr dann unwillkürlich mit dem Stern selbst fest und wart dadurch Schöpfer alles dessen, was ihr nun auf der weitgedehnten Oberfläche dieses Sternes erblickt.
GS|2|11|17|0|Ihr wisst aber, dass ohne Kraft und Gegenkraft ewig nie an eine Wirkung gedacht werden kann. Also sage ich zu euch und frage euch: Warum konntet ihr denn einen Stern anfangs denken? Ihr seht mich groß an; ich aber sage euch: Weil nicht nur ein sondern gar viele Sterne in eurem Geist in kleinster Abbildgestalt zugrunde liegen. Aus diesen vielen Sternen habt ihr ein Exemplar aus euch genommen und es euch stets näher und näher beschaulich vorgestellt.
GS|2|11|18|0|Wie war aber die Vergrößerung dieses kleinsten Abbildes möglich in euerem Geist? Hier kommt es auf die Kraft und Gegenkraft an. Die Kraft liegt in euch, die Gegenkraft ist geschaffen und ewig gefestet von Gott. Wenn ihr die Kraft in euch hervorruft, was ist da wohl natürlicher, als dass diese in dem Augenblick des Hervorrufens mit der entsprechenden Gegenkraft aus Gott nach eurem Wollen stets mehr und mehr zusammenstoßen muss? Denn die Kraft liegt in euch; die Gegenkraft ist außer euch; und alles, was ihr demnach in euch hervorruft, muss dann in Gott seinen ewig vorbildlichen Gegensatz finden. Der Stern als Gegensatz ist erschaffen von Gott, wie er ist in seiner Ordnung, Form und Gestalt; dessen vollkommen ebenmäßiges Abbild aber ist auch als abgeleitete Kraft in euch gelegt, weil euer Geist selbst ein Abbild Gottes ist.
GS|2|11|19|0|Nun, wisst ihr aber, auf welche Weise alle Dinge beschaut werden? Ihr sagt: Durch das Licht. – Gut, sage ich euch; das Licht fällt auch irdischermaßen genommen zum größten Teil hinaus in den unendlich großen freien Raum. Was erblickt ihr aber bei einem heiteren Tag in der wohlerleuchteten blauen Atmosphäre? – Ihr sagt: Da erblicken wir nichts, außer die blaue Farbe der Luft. – Ich aber frage euch: Warum erblickt ihr da nichts? – Ihr sagt: Weil es da keinen Gegenstand gibt. – Was versteht ihr aber unter einem Gegenstand? Warum sagt ihr nicht lieber Vorstand als Gegenstand? Ihr wisst nicht, was ihr sagen sollt; ich aber sage euch: Wenn ihr ein Ding beschaut nach seiner Form, so ist das Ding doch offenbar etwas, das euch gegenübersteht, also ein Gegenstand. Wenn aber etwas zwischen das Ding und euch gestellt würde, als etwa eine Wand, ein Schleier, eine Wolke, so würdet ihr doch sicher sagen: Dieses steht uns vor dem Gegenstand, den wir beschauen möchten, und ist somit ein offenbarer Vorstand oder ein hindernder Vorgegenstand. Wenn ihr aber nun zufolge eines solchen Vorstandes den eigentlichen Gegenstand nicht erschauen mögt, was wird davon wohl der Grund sein? Seht, nichts anderes, als dass euch die vom Gegenstand zurückgeworfenen Strahlen nicht begegnen können, und somit auch nicht das in euch zugrunde liegende Bild belebend hervorzurufen vermögen.
GS|2|11|20|0|Wisst ihr, so ihr nicht in euch hättet die Sonne, und brennten deren Millionen am Himmel, so möchtet ihr nicht eine erschauen! Und hättet ihr nicht in euch die Erde und alles, was in ihr und auf ihr ist vom Atom angefangen bis zur größten allgemeinen Form hinüber vollkommen, so könntet ihr nicht eines der Dinge erschauen und keines derselben denken und dasselbe im Wort aussprechen.
GS|2|11|21|0|Und hättet ihr ferner nicht das ganze Universum in euch, da wäre sternlos der ganze Himmel für euer Auge. Und hättet ihr also nicht in euch das geistige Reich der Himmel und das ewige Leben aus dem Herrn, wahrlich, ihr könntet dasselbe weder denken noch aussprechen. Wie sich aber dieses alles verhält, also ist es zu nehmen mit der Kraft und Gegenkraft.
GS|2|11|22|0|Auf der naturmäßigen Welt ruft der von außen in euch fallende Strahl das in euch ruhende Ebenmaß hervor, und ihr erschaut durch die Wirkung der Gegenkraft und der Kraft in euch den also beschauten Gegenstand.
GS|2|11|23|0|Wie geht denn solches im Geist vor sich? Wie ist das rechte geistige Schauen bestellt? Gerade umgekehrt. Ihr nehmt ein Abbild aus euch. Dieses Abbild findet aber sobald seinen Gegensatz, als es in euch fest hervorgerufen wird. Je mehr ihr nun den in euch gefassten Gegenstand festhaltet, desto mehr strebt dieser seinen ewig gestellten Gegensatz an, entwickelt ihn mehr und mehr und macht ihn eben also auch stets beschaulicher.
GS|2|11|24|0|Wenn ihr wie durch euren vorliegenden Stern es mit der inneren Beschauung so weit gebracht habt, dass er sich euch schon sehr ausgebreitet und enthüllt darstellt, so müsst ihr nicht denken, solches sei etwa ein Werk einer leeren Phantasie. O nein! Das ist es nicht im Geringsten, sondern es ist volle Wirklichkeit. Aber nur ist sie euch noch unbekannt in ihrem Grund, woher sie ist und wo sie ruht. Kann man denn solches nicht erfahren? O sicher; denn wo die Wirklichkeit ruht, da ruht auch ihr Name, ihre Ordnung, ihr Wirkungskreis und ihr Standort.
GS|2|11|25|0|Es heißt aber im Wort des Herrn: „Aus den Früchten mögt ihr den Baum erkennen.“ Wenn wir solches wissen, da wird es doch wohl nicht schwer sein, auf die Wirklichkeit dessen zu kommen, was sich nun vor euren Blicken schon so nahe entwickelt hat. Daher versucht euch in der erhöhten Tätigkeit eures Geistes. Beschaut die vorliegende Welt genauer, bringt sie euch näher und näher, bis sie euch so nahe wird, dass ihr eure Füße auf den Boden derselben setzen mögt.
GS|2|11|26|0|Ist solches geschehen, so habt ihr euch mit diesem Gegenstand in eine lebendige Verbindung gesetzt; er wird euch zur Grundlage, und ihr werdet auf dieser Grundlage tätig werden können. Wenn ihr in dieser Tätigkeit es so weit werdet gebracht haben, dass ihr darin den mächtigen Zug der Liebe des Herrn in euch verspüren werdet, und diese Liebe heißer und heißer sich entzünden wird, in helle Flammen übergehend, so wird dadurch eure Unterlage in allen ihren Teilen, da ihr nur immer hinblicken werdet, in selbst lebendige Formen sich auflösen nach der Art, wie sie in euch abbildlich vorhanden sind. Und diese Formen werden dann rückwirkend die in euch zugrunde liegenden belebend hervorrufen und euch selbst kundgeben, wer und wo eure Grundlage ist.
GS|2|11|27|0|Seht, also ist alles Erkennen eine Folge des vorhergehenden Erschauens; das Erschauen aber die Folge des Strahlens und Gegenstrahlens oder die Folge der Kraft in euch und der Gegenkraft außer euch. Wir haben unsere Welt uns auf diese Weise schon sehr nahe gebracht; also nur noch einen kräftigen Zug im Geiste, und wir werden uns sogleich mit unseren Füßen auf der aus euch hervorgehenden Welt befinden!
GS|2|12|1|1|Betretung des hervorgerufenen Sternes. Die Erkenntnis Gottes
GS|2|12|1|1|(Am 18. Mai 1843 von 5 3/4 – 7 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|12|1|0|Nun seht, die Welt ist unter unseren Füßen; nun versuchen wir, auch ein wenig auf ihr herumzugehen. Ihr wundert euch jetzt wohl, dass euch diese Welt so gut trägt, und ihr schaut die herrlichen Ländereien, viele Berge mit Wäldern; die herrlichsten Fluren, Äcker und Gärten mit verschiedenartigen Wohnhäusern seht ihr allenthalben herum. Ihr sagt: Aber solches haben wir doch nicht gedacht!
GS|2|12|2|0|Ich aber sage euch: Es hat solches streng genommen auch nicht not; denn habt ihr mit der Kraft in euch die Gegenkraft angezogen, welche eigentlich der Grund der Kraft in euch ist, da gibt dann die angezogene Gegenkraft schon ohnehin das, was sie in sich hat. Denn eure Kraft entspricht der Gegenkraft in allen ihren Teilen.
GS|2|12|3|0|Durch die Wirkung der Gegenkraft, welche ihr in euch angezogen habt, aber werden die Teile der Kraft in euch entwickelt, und so ist der Akt dieser scheinbaren Schöpfung aus euch nichts anderes als eine Entwicklung dessen, was in euch ist.
GS|2|12|4|0|Daher könnt ihr auch nicht so ganz eine Welt nach eurem Belieben erschaffen, sondern nur die hervorrufen, welche in euch zugrunde liegt. Es brauchen daher auch nicht alle Teile einer solchen Welt von euch gedacht zu werden; ist die Welt gedacht und durch euren Willen und eure Liebe vollkommen entwickelt, dann kann sie sich unmöglich anders vorstellen, als wie sie bestellt ist urgründlich vom Herrn aus.
GS|2|12|5|0|Ihr seid demnach nicht etwa im Ernst Schöpfer dieser Welt, denn das Schöpfungsrecht kann nie ein Geschöpf überkommen. Aber die Fähigkeit, das Geschaffene, welches endlos in euch vorhanden ist, aus euch hervorzurufen auf die euch nun bekannt gegebene Art, solches liegt in der Fähigkeit eines jeden vollkommenen Geistes. Unvollkommene Geister haben zwar auch eine ähnliche Fähigkeit in sich; aber weil sie keine Festigkeit haben, so können sie auch das in ihnen zugrunde Liegende nicht hervorrufen. Denn ein unvollkommener Geist ist ein unbeständiger Geist. Er ist eine Wetterfahne und ein Rohr, das vom Wind hin und her geweht wird, und ist zugleich ein törichter Baumeister, der sein Haus auf lockerem Sand baut. Darum denn kann auch ein unvollkommener Geist nichts anderes, als nur Ephemeriden hervorrufen, die da gleich sind den vorüberfliehenden Augenlidbildern, welche ihr erschauen mögt, so ihr in der Nacht eure Augen schließt, allda ihr erschaut ein chaotisches Gewirr und mitten in diesem Gewirr verschiedenartige Zerrbilder, welche sich flüchtig entwickeln und wieder also flüchtig vergehen.
GS|2|12|6|0|Aber nicht also ist es mit dem vollkommenen Geiste, der in seinem Zentrum feststeht. Was er hervorruft, ruft er in der Ordnung des Herrn hervor und ruft nicht etwas Ungeschaffenes, also eine leere Phantasie, sondern ein urgeschaffenes Ding hervor.
GS|2|12|7|0|Seht, so stehen die Sachen. Wir aber befinden uns nun auf dieser Welt, die ihr aus euch hervorgerufen habt und wollen sie darum ein wenig überwandern und beschauen.
GS|2|12|8|0|Seht, da vor uns ist ein großer Garten mit einem sehr prachtvollen Gebäude, welches in der Mitte des Gartens steht, da wollen wir hinziehen; also folgt mir!
GS|2|12|9|0|Seht, da ist schon das Gartentor. Wie ich aber bemerke, so seid ihr ja sehr prachtliebende Bauherren, denn die Gartenmauer besteht aus lauter Edelsteinen und das Tor ist gediegenes Gold. Und da seht nur einmal hin, die Gartenwege sind alle mit gold- und silberdurchwirktem Sand überzogen, und die Fruchtbeete des Gartens sind ja auf das zierlichste mit kleinen Goldgeländern umfangen und die Spangen der Geländer durchgehends mit unterschiedlichen herrlichen Edelsteinen besetzt. Nein, wahrhaftig, das heißt doch verschwenderisch gebaut! Sogar die in den höchsten Reihen gesetzten herrlichen Fruchtbäume sind mit den schönsten silbernen Geländern umfangen, und je in der Mitte eines jeden Beetes ist ein kleiner Springbrunnen angebracht, der sein Gewässer in die verschiedenartigsten Formen aus sich treibt. Weil die Wege gar so herrlich bestellt sind, da müssen wir denn doch eine tiefere Promenade in den Garten machen.
GS|2|12|10|0|Die Wege, wie ich merke, sind sogar wie Sofas von unten gepolstert; ja es ist, wie ich sage, stets eine größere Verschwendung in eurer Baukunst zu erschauen. Wir hätten bereits schon eine tüchtige Strecke in dem Garten zurückgelegt; aber das Hauptwohngebäude scheint noch so ganz tüchtig im weiten Hintergrund zu stehen.
GS|2|12|11|0|Aber da vorne sehe ich ja gerade eine weitgedehnte Säulengalerie, die Säulen aus lauter geschliffenen Diamanten, die herrlichen Bögen über den Säulen aus lauter Rubinen, der Gang über den Bögen aus blankem Gold, die Galerie aus reinstem durchsichtigstem Gold und die Spangen der Galerie aus allerfeinstem weißem Gold. Das will ich denn doch eine Pracht heißen! Und unter dem Gang zwischen den Säulen, also zu ebener Erde, sehe ich wie einen herrlichen Wasserkanal, über welchen die herrlichsten Brücken führen. Und da seht nur einmal hin, über dem Kanal ist ein überaus großer, freier Platz. Der Boden dieses Platzes ist eine Fläche aus feinstem durchsichtigem Gold. Dort, schon nahe an dem herrlichen Gebäude, erschaue ich himmelanragende Säulen aus weißem Gestein und auf der Spitze einer jeden Säule flackert eine große dreifarbige Fahne aus Weiß, Rot und Grün.
GS|2|12|12|0|Fürwahr, je weiter man euer Bauwerk betrachtet, desto großartiger, kühner und erhabener wird es; und das eigentliche Wohngebäude erst im Hintergrund, das hat ja eine beinahe meilenweite Front aus drei Stöcken bestehend! Jedes Stockwerk hat ein Maß nach dem Auge geschätzt von sechshundert sechs und sechzig Ellen; das ist die Zahl eines Menschen. Die Fenster sind hoch und breit. Das Eingangstor ist überhoch und überbreit und ist verfertigt aus reinstem Gold, und aus den Fenstern, deren Front ebenfalls 666 zählt, strahlt aus der untersten Reihe ein weißes, aus der mittleren ein grünes und aus der obersten Reihe ein rotes Licht. Und das Dach dieses übergroßen Gebäudes bildet eine einzige ungeheure Pyramide. Es fehlt dem ganzen Garten und Gebäude nichts als Einwohner. Wo habt ihr denn diese gelassen, als ihr dieses herrliche Gebäude aufgeführt habt?
GS|2|12|13|0|Ihr sagt wohl: Lieber Freund und Bruder, du bist zwar ein großer Liebling des Herrn, aber bei dieser deiner Sprache guckt denn doch so eine kleine Fopperei heraus. Denn von so einer unermesslichen, reichen Pracht ist uns noch nie was auch nur im allertiefsten Traum vorgekommen, geschweige erst, dass wir da Baumeister eines solchen endlos herrlichen und allerreichlichst prachtvollsten Werkes sein sollten. Denn wenn wir so etwas gebaut hätten, da müssten wir doch auch dabei gewesen sein. Aber davon haben wir nicht die leiseste Spur auch nur von einer allerleisesten Ahnung. Daher wird es bei uns auch einen sehr starken Haken haben hinsichtlich der Bewohner, welche allenfalls diesen unbeschreiblich allerprachtvollsten Palast bewohnen sollten.
GS|2|12|14|0|Meine lieben Freunde und Brüder, ihr denkt hier unrecht. Ihr habt dieses Werk freilich nicht erbaut, so wenig als diese ganze Welt. Aber ihr habt dieses prachtvolle Wohngebäude samt dieser Welt aus euch hervorgerufen, und das will ja denn doch auch etwas gesagt haben. Ihr sprecht aber ja nicht selten unter euch: Dieses und jenes hat mich erbaut. Was wollt ihr denn damit sagen? Ich sage euch, nichts anderes als: Dieses und jenes hat aus meinem inneren Lebensgrund eine Kraft erweckt, die mich belebt hat in dieser oder jener Art. Und diese Belebung bildete sich in mir zu einer erhabenen geistigen Form aus, und ich erkannte in dieser Form, dass der Herr überall die allerhöchste Liebe und Weisheit Selbst ist! Mein Herz erbrannte in dieser Erkenntnis, und ich betete Gott darin an im Geist und in der Wahrheit!
GS|2|12|15|0|Das also ist eine rechte Erbauung. Und nun seht, da haben wir ja eine Form der Erbauung vor uns. In euch selbst habt ihr euch erbaut; die Erbauung ward zur Form, und ihr schaut in dieser Form der göttlichen Liebe und Weisheit unendliche Macht und Kraft, und das ist gleich einer großen Verwunderung, welche allzeit der Liebe vorangeht. Warum denn? Welcher aus euch ist je in ein weibliches Wesen eher verliebt geworden, als bis er es gesehen und bewundert hatte?
GS|2|12|16|0|Seht, also ist es auch hier der Fall. Wer könnte wohl Gott lieben, wenn er Ihn nicht zuvor erkennte? Also das Erkennen geht der Liebe doch notwendig voraus?
GS|2|12|17|0|Wenn der Mensch das Wort Gottes hört und Seine Werke betrachtet, dadurch wird der Gedanke Gottes im Menschen hervorgerufen. Ist der Gedanke einmal hervorgerufen, so soll ihn der Mensch nicht mehr auslassen, sondern ihn ebenfalls fester und fester fassen. Dieses Fester- und Festerfassen ist der Glaube. Wenn nun der Mensch durch den festen Glauben, also durch das stets größere Fixieren des Gedankens Gottes in sich, Gott Selbst zu einem lebendigen Gefühl gemacht hat, so betritt er mit seinen Füßen die Welt Gottes in sich. Er erschaut in dieser Welt Wunderdinge über Wunderdinge.
GS|2|12|18|0|Dieses Erschauen ist die wachsende Erkenntnis Gottes. Aber die Welt, die wundervolle, ist noch wesenleer, das Prachtgebäude hat noch keine Bewohner. Aber seht, dort in der Mitte des Gebäudes, das nun vor uns steht, ist ein Opferaltar errichtet und auf dem Opferaltar eine Menge frisches Holz gelegt. Wir wollen es anzünden, und es soll sich dann sogleich zeigen, ob diese Welt wesenleer ist. Womit aber werden wir das Holz anzünden?
GS|2|12|19|0|Ich sage euch: Das sehr merkwürdige Feuerzeug liegt in eurem Herzen; es heißt Liebe! Diese wollen wir an den Altar hintragen, und ihr werdet euch dann sobald überzeugen, dass im Menschen nicht nur die puren Gedanken Gottes, sondern auch die lebendigen Wesen wohnen! Was würde es auch nützen, so jemand sagte: Siehe hier meine Brüder, siehe da meine Schwestern, wenn er sie aber nicht liebte? Liebt er sie aber, so liebt er sie doch sicher nicht draußen, sondern in seinem Herzen! Und so denn sind sie für ihn auch nicht draußen, sondern sie sind in der Liebe seines Herzens. Also zünden wir das Holz nur an, damit dieses Gebäude Einwohner bekomme!
GS|2|13|1|1|Die Größe und das Wesen von Jesus und Seinem Namen. Geheimnis der Menschwerdung Gottes
GS|2|13|1|1|(Am 19. Mai 1843 von 5 1/2 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|13|1|0|Ihr fragt: Wie werden wir Feuer unserem Herzen entlocken, damit wir mit demselben dieses Holz entzünden möchten? – O Brüder und Freunde! Welch eine Frage von euch! Ist denn nicht ein einziger Gedanke an Jesus hinreichend, um das Herz für Ihn überhell aufflammen zu machen? O Brüder und Freunde! Könntet ihr es fassen, was dieser Name aller Namen besagt, was er ist, und welch eine Wirkung in Ihm, ihr müsstet ja augenblicklich in eine so mächtige Liebe zu Jesu übergehen, deren Feuer hinreichend wäre, ein ganzes Heer von Sonnen zu entzünden, dass sie darob noch ums Tausendfache heller flammen möchten in ihren endlos weiten Raumgebieten, als solches bis jetzt der Fall ist.
GS|2|13|2|0|Ich sage euch: Jesus ist etwas so ungeheuer Großes, dass, so dieser Name ausgesprochen wird, die ganze Unendlichkeit von zu großer Ehrfurcht erbebt. Sagt ihr: Gott, so nennt ihr zwar auch das allerhöchste Wesen; aber ihr nennt Es in seiner Unendlichkeit, da Es ist erfüllend das unendliche All und wirkt mit Seiner unendlichen Kraft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Aber in dem Namen Jesus bezeichnet ihr das vollkommene, mächtige, wesenhafte Zentrum Gottes, oder noch deutlicher gesprochen:
GS|2|13|3|0|Jesus ist der wahrhaftige, allereigentlichste, wesenhafte Gott als Mensch, aus dem erst alle Gottheit, welche die Unendlichkeit erfüllt, als der Geist Seiner unendlichen Macht, Kraft und Gewalt gleich den Strahlen aus der Sonne hervorgeht. Jesus ist demnach der Inbegriff der gänzlichen Fülle der Gottheit oder: In Jesu wohnt die Gottheit in Ihrer allerunendlichsten Fülle wahrhaft körperlich wesenhaft; darum denn auch allzeit die ganze göttliche Unendlichkeit angeregt wird, so dieser unendlich heiligst erhabene Name ausgesprochen wird!
GS|2|13|4|0|Und dieses ist zugleich auch die unendliche Gnade des Herrn, dass Er Sich hat gefallen lassen, anzunehmen das körperlich Menschliche. Warum aber tat Er dieses? Hört, ich will euch nun ein kleines Geheimnis enthüllen!
GS|2|13|5|0|Vor der Darniederkunft des Herrn konnte nimmer ein Mensch mit dem eigentlichen Wesen Gottes sprechen. Niemand konnte dasselbe je erschauen, ohne dabei das Leben gänzlich zu verlieren, wie es denn auch beim Moses heißt: „Gott kann niemand sehen und leben zugleich!“ Es hat Sich zwar der Herr in der Urkirche, wie auch in der Kirche des Melchisedek, zu der sich Abraham bekannte, zwar öfter persönlich gezeigt und hat gesprochen mit Seinen Heiligen und Selbst gelehrt Seine Kinder. Aber dieser persönliche Herr war eigentlich doch nicht unmittelbar der Herr Selbst, sondern allzeit nur ein zu dem Zweck mit dem Geist Gottes erfüllter Engelsgeist.
GS|2|13|6|0|Aus solch einem Engelsgeist redete dann der Geist des Herrn also, als wenn es unmittelbar der Herr Selbst redete. Aber in einem solchen Engelsgeist war dennoch nie die vollkommenste Fülle des Geistes Gottes gegenwärtig, sondern nur insoweit, als es für den bevorstehenden Zweck nötig war.
GS|2|13|7|0|Ihr könnt es glauben: in dieser Zeit konnten auch nicht einmal die allerreinsten Engelsgeister die Gottheit je anders sehen als ihr da seht die Sonne am Firmament. Und keiner von den Engelsgeistern hätte es je gewagt, sich die Gottheit unter irgendeinem Bild vorzustellen, wie solches auch noch unter Moses Zeiten dem israelischen Volk auf das Strengste geboten wurde, dass es sich nämlich von Gott kein geschnitztes Bild, also durchaus keine bildliche Vorstellung machen sollte.
GS|2|13|8|0|Aber nun hört: Diesem unendlichen Wesen Gottes hat es einmal wohlgefallen, und zwar zu einer Zeit, in welcher die Menschen am wenigsten daran dachten, Sich in Seiner ganzen unendlichen Fülle zu vereinen und in dieser Vereinigung anzunehmen die vollkommene menschliche Natur!
GS|2|13|9|0|Nun denkt euch: Gott, den nie ein geschaffenes Auge schaute, kommt als der von der allerunendlichsten Liebe und Weisheit erfüllte Jesus auf die Welt!
GS|2|13|10|0|Er, der Unendliche, der Ewige, vor dessen Hauch Ewigkeiten zerstäuben wie lockere Spreu, wandelte und lehrte Seine Geschöpfe, Seine Kinder, nicht wie ein Vater, sondern wie ein Bruder!
GS|2|13|11|0|Aber das alles wäre noch zu wenig. Er, der Allmächtige, lässt Sich sogar verfolgen, gefangen nehmen und dem Leibe nach töten von Seinen nichtigen Geschöpfen! Sagt mir: Könnt ihr euch eine unendlich größere Liebe, eine größere Herablassung denken, als diese, die ihr an Jesu kennt?!
GS|2|13|12|0|Durch diese unbegreifliche Tat hat Er alle Dinge des Himmels anders gestaltet. Wohnt Er auch in Seiner Gnadensonne, aus welcher das Licht allen Himmeln unversiegbar zuströmt, so aber ist Er dennoch ganz derselbe leibhaftige Jesus, wie Er auf der Erde in all Seiner göttlichen Fülle gewandelt ist als ein wahrer Vater und Bruder, als vollkommener Mensch unter Seinen Kindern gegenwärtig. Er gibt all Seinen Kindern alle Seine Gnade, Liebe und Macht und leitet sie Selbst persönlich wesenhaft, endlos mächtig zu wirken in Seiner Ordnung!
GS|2|13|13|0|Ehedem war zwischen Gott und den geschaffenen Menschen eine unendliche Kluft, aber in Jesu ist diese Kluft beinahe völlig aufgehoben worden; denn Er Selbst, wie ihr wisst, hat uns dieses ja doch sichtbar angezeigt fürs Erste durch Seine menschliche Darniederkunft, fürs Zweite, dass Er uns nicht einmal, sondern zu öfteren Malen Brüder nannte, fürs Dritte, dass Er mit uns aß und trank und alle unsere Beschwerden mit uns trug, zum Vierten, dass Er als der Herr der Unendlichkeit sogar der weltlichen Macht Gehorsam leistete, zum Fünften, dass Er Sich hat von weltlicher Macht sogar gefangen nehmen lassen, zum Sechsten, dass Er sich sogar durch die weltlich mächtige Intrige hat ans Kreuz heften und töten lassen, und endlich zum Siebten, dass Er Selbst durch Seine Allmacht den Vorhang im Tempel, welcher das Allerheiligste vom Volk trennte, zerrissen hat!
GS|2|13|14|0|Daher ist Er auch der alleinige Weg, das Leben, das Licht und die Wahrheit. Er ist die Tür, durch welche wir zu Gott gelangen können, d. h. durch diese Tür überschreiten wir die unendliche Kluft zwischen Gott und uns, und finden da Jesus, den ewigen, unendlich heiligen Bruder!
GS|2|13|15|0|Ihn, der es also gewollt hat, dass diese Kluft aufgehoben würde, können wir denn nun doch sicher über alles lieben!
GS|2|13|16|0|Daher, wie ich gleich anfangs gesagt habe, genügt zur Erweckung unserer Liebe zu Jesu ja doch sicher schon ein einziger Gedanke – nur Sein Name in unseren Herzen ausgesprochen sollte ewig genug sein, um in aller Liebe für Ihn zu erbrennen! Daher sprecht auch ihr in euren Herzen diesen Namen würdig aus, und ihr werdet es selbst erschauen, in welcher Fülle das Feuer der Liebe aus euren Herzen hervorbrechen wird, zu entzünden das Holz des Lebens, durch welches die Heiden genesen sollten an diesem neuen Opferaltar.
GS|2|13|17|0|Solche Heiden, wie sie einst mein Bruder Paulus bekehrte, gibt es in dieser Zeit noch gar viele; ja es gibt Heiden, die sich Christen nennen, aber dabei ärger sind in ihren Herzen als diejenigen, die einst Moloch und Baal anbeteten.
GS|2|13|18|0|Wenn das Holz auf diesem Altar wird zum Brennen kommen, da erst werdet ihr in dieser aus euch selbst gerufenen Welt so manches erschauen, das ihr bis jetzt noch nicht erschaut habt. Denn ich sage euch: In der Welt der Geister gibt es unergründliche Tiefen. Kein geschaffener Geist könnte dieselben je ermessen; aber wir sind im Geiste des Herrn. Sein Geist lebt, waltet und wirkt in uns, und in diesem Geiste ist uns keine Tiefe unergründlich; denn niemand kann wissen, was im Geiste ist, denn allein der Geist. So kann auch niemand wissen, was in Gott ist, denn allein der Geist Gottes. Jesus, der vereinigte Gott in aller Fülle, aber hat uns erfüllt mit Seinem Geiste. Und mit diesem Seinem Geiste in uns können wir auch dringen in Seine göttlichen Tiefen. Also denkt euch nun den Namen aller Namen, den Heiligsten aller Heiligkeit, die Liebe aller Liebe, das Feuer des Feuers – und das Holz am Altar wird brennen!
GS|2|14|1|1|Die Liebe als Mittel der Erkenntnis
GS|2|14|1|1|(Am 20. Mai 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|14|1|0|Ihr habt es getan und gedacht den Namen, der da heilig, heilig, heilig ist in euch! Und seht, schon lodert eine herrliche Flamme auf dem Altar, verzehrend das Holz des Lebens als eine Nahrung zur Belebung der Wesen dieser Welt in euch.
GS|2|14|2|0|Nun seht euch aber auch ein wenig um. Blickt hinauf in die überaus herrlichen Galerien dieses Prachtgebäudes und sagt mir, was ihr erschaut. Ihr sprecht: O Freund und Bruder, da sehen wir ja eine übergroße Menge Menschen beiderlei Geschlechts. Ihre Formen sind herrlich und wunderbar schön, und sie sind gekleidet herrlicher denn die Könige der Erde. Wie ist solches möglich? Sind diese auch in uns?
GS|2|14|3|0|Liebe Brüder, ich sage euch: Wo eine ganze Welt ruht, da muss ja doch auch das vorhanden sein, was die Welt trägt. Ihr sagt freilich: Gibt es denn wohl eine Welt von solcher Herrlichkeit im unermesslichen Schöpfungsraum? – Jawohl, meine lieben Freunde und Brüder! Ihr müsst andere Weltkörper nicht nach eurer Erde bemessen, denn diese ist ein Bettelstübchen nur gegen die Paläste der Fürsten. Ihr habt bei der naturmäßigen Darstellung der Sonne und einiger Planeten eures Sonnengebietes sicher die Beobachtung gemacht, um wie vieles prachtvoller und herrlicher diese eingerichtet sind denn eure Erde. Ich aber sage euch: Dieses alles ist noch eine pure Bettelei gegen so manche Herrlichkeiten der größeren Weltkörper im unermesslichen Schöpfungsraum. Auch selbst diese Welt, die ihr aus euch hervorgerufen habt und auf der wir nun herumgehen, ist noch bei weitem die herrlichste nicht.
GS|2|14|4|0|Es gibt in dem Bereich des Sternbildes Orion, Löwe und im Sternbild des Großen Hundes Sonnenwelten, vor deren Herrlichkeit und unermesslicher Pracht ihr beim kürzesten Anblick schon vergehen würdet.
GS|2|14|5|0|Doch ihr möchtet wohl wissen, was das für eine Welt ist. Wie werden wir aber solches herausbringen? Fragt ihr einen Bewohner dieser Welt, so wird er euch höchstens mit einem fremden Namen bereichern; das wird aber dann auch alles sein, was ihr davon erfahren mögt. Sage ich es euch, so werdet ihr auch nicht viel mehr gewinnen. Ihr sollt es aber in euch finden. Seid ihr solches imstande, so wird die Erkenntnis dieser Welt für euch in der geistig wissenschaftlichen Sphäre erst nützlich sein.
GS|2|14|6|0|Wie aber solches anstellen? Das ist freilich eine andere Frage. Wir wollen aber solches dennoch versuchen. Ein Beispiel soll uns da den Weg zeigen. Und so habt denn Acht! Wenn ihr beispielsweise von irgendeinem Punkt, da ihr euch befindet, irgendeinen Gegenstand erschaut, der sich in einer mäßigen Entfernung von euch befindet, so könnt ihr leicht bestimmen, welchen Gegenstand ihr erschaut habt, denn ihr könnt euch in diesem Falle, wie ihr zu sagen pflegt, orientieren.
GS|2|14|7|0|Wollt ihr den Gegenstand näher beschauen, so braucht ihr nichts als entweder eine tüchtige Augenwaffe oder eine allfällige Hinreise zu dem vorher beobachteten Gegenstand. Das wäre somit der natürliche Weg. Wenn ihr euch aber gleich anfangs bei einem merkwürdigen Gegenstand befindet, so wird es schon ein wenig schwerer zu bestimmen sein, von welchen äußeren Aussichtspunkten dieser Gegenstand wohlerkenntlich am vorteilhaftesten zu erschauen ist. Und habt ihr solche Punkte in der weiten Peripherie des merkwürdigen Gegenstandes in eurer Nähe auch wirklich aufgefunden, so werdet ihr denn doch genötigt sein, diese Punkte alle zu bereisen, um von ihnen aus die Überzeugung einzuholen, wie sich euer naher Gegenstand von ihnen aus beschauen lässt. Habt ihr solches getan, so habt ihr dann schon sicher dieses Resultat überkommen, dass dieser Gegenstand sich hauptsächlich nur von einem Punkt am vorteilhaftesten ausnehmen und erkennen lässt.
GS|2|14|8|0|Das wäre alles klar und verständlich, sagt ihr; aber unsere Welt, auf der wir sind, will uns noch nicht bekannt werden. – Macht nichts, meine lieben Freunde und Brüder, wir sind mit unserer Erörterung aber auch noch nicht am Ende. Es wird schon zu rechter Zeit uns alles noch klar werden. Habt nur Acht auf den weiteren Verlauf meiner beispielsweisen Verhandlung.
GS|2|14|9|0|Wenn ihr auf der Erde seid und schaut bei einer sternhellen Nacht den gestirnten Himmel an und habt zugleich auch eine gute Sternkarte bei euch, so wird es euch eben nicht zu schwer werden, bald einen und bald den anderen Stern beim Namen zu nennen. Habt ihr aber dadurch etwas gewonnen? Kennt ihr jetzt den Stern? Oder werdet ihr ihn erkennen als einen schon von der Erde aus beobachteten, wenn ihr ihn selbst betreten würdet? Ich sage euch: Solches wird ebenso wenig der Fall sein wie jetzt.
GS|2|14|10|0|Ich setze aber den umgekehrten Fall, ihr befändet euch auf irgendeinem von der Erde noch gar wohl sichtbaren Stern, z. B. auf einem Sonnenkörper im Sternbild der sogenannten Plejaden. Wenn ihr aber dann wieder zurückkommt auf eure Erde, würdet ihr da wohl mit Bestimmtheit angeben können, welcher aus den etlichen neunzig Sternen dieses Sternbildes gerade derjenige ist, auf dem ihr euch befunden habt? Solches, meine ich, wird auch etwas schwer sein, weil die Sterne dieses Sternbildes nur von eurer Erde gesehen eine solche Form bilden, in ihrer eigentlichen Stellung aber sind sie durch unermessliche Räume voneinander entfernt. Und wenn ihr euch demnach auf einem oder dem anderen Stern befindet, so werden die anderen, welche von eurer Erde aus gesehen dieses Sternbild ausmachen, sich unter ganz anderen Sterngruppen des gestirnten Himmels befinden, und ihr werdet es in der Wirklichkeit sicher ewig nicht herausbringen, welche Sterne von eurer Erde aus gesehen das Sternbild der Plejaden formierten. Daher ihr denn auch nicht bestimmen können werdet, auf welchem Stern dieses Sternbildes ihr euch befunden habt.
GS|2|14|11|0|Ihr sagt: Das ist wieder richtig; aber noch immer befinden wir uns auf einer fremden Welt. – Ich sage euch: Auch dieses ist richtig, sage euch aber noch hinzu, dass sich auf diese für euch gewöhnliche Beobachtungs- und Erkennungsweise diese Welt nicht wird erkennen lassen. Wie werden wir denn hernach solches entziffern? Denn es hilft da weder Beobachtung, noch Mathematik, noch Sternenkarte und die allerbesten mathematischen Sehwerkzeuge.
GS|2|14|12|0|Solches ist richtig; aber dessen ungeachtet gibt es ein ganz einfaches Mittel, solch eine Welt mit der leichtesten Mühe von der Welt zu erkennen. Ich werde euch im Verlaufe dieses meines begonnenen Beispiels nur so kleine Stößchen versetzen, und ihr werdet dadurch bald von selbst, wie ihr zu sagen pflegt, den Nagel auf den Kopf treffen. Jetzt will ich euch das erste Stößchen versetzen; und so habt denn Acht!
GS|2|14|13|0|Wisst ihr, woher eure Kinder sind? Wisst ihr, wo sich ihr geistiges und ihr seelisches Prinzip ehedem aufgehalten hat, als bis sie euch aus den Weibern sind geboren worden? Ihr sagt: Solches wissen wir durchaus nicht. – Ich frage euch aber wieder und gebe euch dadurch ein neues Stößchen: Wie erkennt ihr aber demnach die geborenen Kinder als die eurigen und die Kinder euch als ihre Eltern? – Diese Frage soll euch schon so einen recht starken Wink geben. Ist es nicht die Liebe, die euch die Kinder gibt? Werden sie nicht in der Liebe empfangen? Seht, wenn das Kind zur Welt geboren wird, da umfassen es die Mutter und der Vater sogleich mit großer Liebe, und das ist schon die erste Taufe. Hat das Kind auch noch keinen Namen, so hat es aber dennoch ein Zeichen glühend in die Herzen der Eltern eingegraben, welches unerlöschlich ist. Dieses Zeichen ist nichts anderes als die Liebe. Durch diese Liebe wächst die beiderseitige Erkenntnis und Bekanntschaft immer größer und entfaltet sich immer mehr und mehr und wird am Ende so intim und stark und mächtig, dass ihr euer Kind unter jeder Zone sobald erkennen werdet, und das Kind wird dasselbe ganz sicher imstande sein, besonders wenn es notabene in irgendeiner kleinen Not steckt.
GS|2|14|14|0|Seht, in euren Kindern habt ihr auf dem Weg der Liebe eine bei weitem wunderbarere Welt für beständig kennengelernt, als diese da ist, welche wir jetzt betreten, und ihr werdet das Merkmal nicht leichtlich vergessen und verlöschen aus euren Herzen.
GS|2|14|15|0|Wie gefällt euch dieses Stößchen? Könnt ihr den Nagel noch nicht auf den Kopf treffen? Ich sehe, es will euch dieser Hieb noch nicht so ganz und gar gelingen. Wir wollen daher noch ein Stößchen versuchen: Ihr kämt nach einem fernen Landgebiet des Erdteiles Amerika, und alldort zwar in eine Stadt. Es ist euch alles weltfremd, und ihr mögt schauen, wie ihr wollt, und horchen, wie ihr wollt, so wird euch kein bekannter Strahl außer der Sonne, des Mondes und der Sterne in die Augen fallen, und kein bekannter Laut wird euren Ohren begegnen, und ihr werdet euch so fremd vorkommen, dass ihr euch beinahe selbst nicht kennt.
GS|2|14|16|0|Aber da ihr euch so in den Gassen herumtreibt, kommt euch auf einmal ein Mensch unter, der euch so von ganzem Herzen freundlich anblickt. Dieser Blick hat euch diese Gasse schon etwas freundlicher gemacht, und ihr werdet sie euch am meisten merken.
GS|2|14|17|0|Dieser Mann aber geht auf euch zu, spricht euch in eurer Muttersprache an, und die noch sehr fremde Gasse wird euch schon nahe ganz heimatlich vorkommen. Der Mann aber nimmt euch auf mit aller Liebe; ihr zieht mit ihm in sein Haus. Dadurch ist diese ganze fremde Stadt euch auf einmal so heimlich geworden, dass ihr anfangt, sie in eurem Herzen zu umfassen.
GS|2|14|18|0|Der Mann führt euch ferner in mehrere Häuser, allda ihr überall liebevollst und freundlichst aufgenommen werdet; und ihr seid in der fremden Stadt wie zu Hause. In kurzer Zeit lernt ihr auch noch dazu die Landessprache kennen, und ihr seid wie Eingeborene. Die Gegenden dieser fremden Welt oder des fremden Erdteiles werden euch ganz heimatlich ansprechen, und ihr seid sozusagen in diesem Land ganz zu Hause. Und werdet ihr es auch auf eine Zeit verlassen, und dann wieder dahin kommen, so werdet ihr es sicher auf der Stelle erkennen.
GS|2|14|19|0|Was ist aber das Kennzeichen, welches Merkmal hat wohl das Land, dass ihr es wieder so schnell erkennt? Fragt die Liebe und das freudige Gefühl eures Herzens und sie werden euch augenblicklich kundgeben den Grund, auf welchem eure Erkenntnis dieses Landes ruht. Auf diese Weise werdet ihr auch nun mit der leichtesten Mühe von der Welt nach kurzem Verlauf unserer Betrachtungen auf dieser Welt diese Welt selbst also erkennen, dass es euch eine Unmöglichkeit wird zu sagen: Wir kennen sie nicht! Ich sage euch: Wie die Liebe alles in allem ist, so ist auch alles aus der Liebe!
GS|2|14|20|0|Wonach lässt sich wohl eine Frucht erkennen? Ihr sagt: Aus der Form, Farbe und dem Geschmack. – Wessen Produkte aber sind Form, Farbe und Geschmack? Sie sind Produkte der Liebe. Ihr erkennt am Geschmack die Muskatellertraube; warum denn? Weil dieser Geschmack einem bestimmten Teil eurer Liebe entspricht. Also wollen wir denn auch hier sehen, welchem Teil unserer Liebe diese Welt entsprechen wird. Und haben wir das mit der leichtesten Mühe gefunden, so haben wir auch schon alles. Das Wie, Wo und Woher wird sich dann von selbst künden.
GS|2|15|1|1|Erläuterung der Kundgabe über die drei Weisen aus dem Morgenland. Die Lichtseite der Astrologie
GS|2|15|1|1|(Am 22. Mai 1843 von 4 1/2 – 7 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|15|1|0|Ihr sagt: Gut wäre es freilich, wenn man nur gleich wüsste, welchem Teil unserer Liebe, oder welcher Himmelsgegend derselben man eben diese Welt unterschieben sollte. – Ich aber sage euch, meine lieben Freunde und Brüder: Da ihr die Hauptsache schon durch meine Stößchen zum Dreiviertelteil aus euch gefunden habt, so wird es wohl nicht so schwer sein, auch das vierte Viertel durch allenfalls noch ein paar Stößchen zu finden. Ich will euch zu dem Behuf sogleich eine Frage geben, deren Beantwortung ihr schon zum Voraus in euch habt. Die Frage aber sei diese: Habt ihr nie etwas gehört von der sogenannten alten Astrologie? – Ihr sagt: O sicher, dergleichen Bücher finden sich noch heutigentags unter uns vor. Aber auf dieselben wird man etwa doch nicht zu viel halten dürfen? – Ich sage euch: Auf die Art, wie ihr darauf zu halten pflegt, freilich wohl nicht, denn das wäre ein absurder Aberglaube und wäre sündhaft, darauf zu halten. Aber es hat jede Sache zwei Seiten, nämlich eine Licht- und eine Schattenseite. Wir wollen uns daher nicht der Schatten-, sondern der Lichtseite dieses altertümlichen Mysteriums bedienen.
GS|2|15|2|0|Wie lautet aber diese? Ihr Name heißt: Kunde der Entsprechungen. Auf dem Weg der Entsprechung aber haben ein jedes Ding, eine jede Form und ein jedes gegenseitige Verhältnis der Formen wie der Dinge einen entsprechend geistigen Sinn. Und so hatten einen solchen Sinn und haben es noch alle die Sterne und ihre Bilder. Wer demnach diese Bilder von dieser Lichtseite lesen und verstehen kann, der ist auch ein Astrologe aus dem Reich der Geister des Lichtes, d. h. er ist ein wahrhaftiger Weiser, wie da auch die drei Astrologen aus dem Morgenland wahrhaftige Weise waren, da sie erkannt hatten den Stern des Herrn und haben sich führen lassen von ihm und haben durch ihn gefunden den Herrn der Herrlichkeit.
GS|2|15|3|0|Ich sehe wohl in euch soeben eine Frage, was da betrifft die eben erwähnten drei weisen Sternkundigen aus dem Morgenland. Ich weiß, dass ihr darüber auch schon eine Erläuterung bekommen habt. Aber solches wisst ihr nicht, dass eben aus den Himmeln keine Kunde völlig enthüllt zu den Menschen auf der Erde gelangen kann, sondern allzeit noch ist eine jede Kunde mit einer Hülse umschlossen. Denn ohne eine solche hülsige Umschließung könnte keine Kunde aus den Himmeln, welche rein geistig ist, zu den Menschen gelangen, so wenig als da jemand von euch imstande wäre, den für den Leib nur tauglichen ätherischen Nahrungsstoff ohne Beigabe gröberer Materie in sich aufzunehmen.
GS|2|15|4|0|Denn das Brot, das ihr esst, besteht aus lauter kleinen Hülschen, welche die Träger sind des eigentlichen Nährstoffes.
GS|2|15|5|0|Wenn aber demnach eure schon empfangene Kunde über die drei Weisen aus dem Morgenland ebenfalls noch ein wenig umhülst ist, so können wir sie hier ebenfalls ein wenig enthülsen. Es kann aus dieser Enthülsung ja etwa auch so ein kleines Stößchen hervorgehen, und unsere Lichtseite der Astrologie, die wir eben brauchen, wird uns stets anschaulicher.
GS|2|15|6|0|Ihr habt so viel erfahren über diese drei Weisen, als seien sie vorstellend dagewesen, den Adam, den Kain und den Abraham bezeichnend. Solches ist richtig; aber würdet ihr es ganz komplett wörtlich nehmen, so würdet ihr dadurch ebenso gut noch in einer Irre sein, als wenn ihr an das ominöse Himmelszeichen glauben wolltet, in welchem nach der Kalenderrechnung ihr geboren seid. Ihr sagt: Das mag wohl sein; aber wie soll man denn hernach die Sache nehmen, die doch hier und da zumeist kerzengerade ausgesprochen ist? – Ich sage euch: Wie man solche Sachen nehmen soll, wird sich sogleich klärlich darstellen.
GS|2|15|7|0|Ihr habt doch auch allerlei handgreifliche Gegenstände vor euch als da sind allerart Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen. Sagt mir, wenn ihr diese Gegenstände also nehmt und begreifen wollt, wie sie kerzengerade vor euch stehen, versteht ihr sie dann? Ihr könnt wohl sagen: Siehe, das ist ein hoher Berg, er hat eine sehr romantische Form, sein Gestein besteht aus Urkalk, auf seiner höchsten Spitze muss eine herrliche Aussicht sein, und in seinem Inneren werden vielleicht manche Metalle rasten. – Wenn ihr solches von dem Berg ausgesagt habt, dann seid ihr aber auch schon fertig.
GS|2|15|8|0|Um kein Haar besser wird es euch bei den Pflanzen und Tieren gehen, da ihr nur das beurteilen könnt, und das noch dazu überaus oberflächlich, was euch in die Sinne fällt oder was kerzengerade vor euch ist. Aber was die innere, höhere, geistige Ordnung betrifft, sagt, mit welchem Maßstab wollt ihr diese bemessen?
GS|2|15|9|0|Also stehen auch hier Adam, Kain und Abraham unter dem Bild der drei Weisen aus dem Morgenland kerzengerade vor euch, und zufolge der euch gewordenen Kunde aus den Himmeln.
GS|2|15|10|0|Aber wie ihr das Reich der Mineralien, der Pflanzen und Tiere durchaus noch nicht versteht aus dem Grund, also ist es auch der Fall mit den drei Weisen aus dem Morgenland.
GS|2|15|11|0|Adam, Kain und Abraham waren zugegen. Solches ist euch gegeben worden zur Kunde über die Frage hinsichtlich der Bedeutung der Weisen aus dem Morgenland. Wie aber waren sie zugegen? Seht, das ist eine andere Frage. Diese habt ihr nicht gestellt; daher blieb diese Frage auch eine Hülse über die euch gewordene Kunde. Nun aber ist es an der Zeit, diese Hülse zu brechen, da wir zu unserem Zweck die reinere Wahrheit gebrauchen. Und so wisst denn:
GS|2|15|12|0|Diese drei Weisen waren drei ganz gewöhnliche Priester besserer Art aus den Gefilden Assyriens. Ihr wisst, dass zur Zeit Salomons die euch wohlbekannte große Königin des Assyrischen Reiches nach Jerusalem kam, um Salomons Weisheit zu hören. Also zu dieser Zeit schon war auch diesem heidnischen Volk durch seinen besseren Teil der Priester eine Prophezeiung gemacht worden, dass ihre Söhne einst einen Stern entdecken werden, welcher allen Völkern der Erde aufgehen wird. Seit dieser Prophezeiung blieb denn auch immer ein Teil der besseren Priesterschaft dieses Volkes dabei stehen und beobachtete fortwährend den gestirnten Himmel. Diese Priester reisten zu dem Behuf auch nach allen Landen, wo in derselben Zeit sich irgend große Weise aufhielten, und lernten von solchen so manche tiefe Weisheit, besonders aber die Weisheit in der Kunde der Entsprechungen.
GS|2|15|13|0|Zur Zeit der Geburt Christi war das Gremium dieser Priester ziemlich groß geworden; aber bis auf drei ließen sich alle von der Gewinnsucht hinreißen und dienten somit dem Mammon. Nur drei blieben bei der reinen Weisheit, verschmähten die Welt und ihre Schätze und suchten den Lohn ihrer geistigen Tätigkeit allein im Geist und in der Wahrheit.
GS|2|15|14|0|Was geschah denn zur Zeit der Geburt unseres hochgelobten und über alles geliebten Herrn?
GS|2|15|15|0|Sie entdeckten einen ungewöhnlich glänzenden Stern aufgehend und beobachteten seinen Gang und die Sternbilder, unter denen er aufging und welche er passierte. Als sie so mit der inneren entsprechenden Bedeutung dieses Sternes beschäftigt waren, und der Stern gegen die Mitte der Nacht gerade über ihren Zenit zu stehen kam, da erschienen ihnen drei Männer mit weißen Kleidern angetan und sprachen zu ihnen: Kennt ihr den Stern? Und die Weisen sprachen: Wir kennen ihn nicht. – Die Männer aber, die da erschienen sind, sprachen zu den Weisen: Lasst euch anrühren von uns an euren Stirnen und an euren Brüsten, und ihr werdet sobald die große Bedeutung dieses Sternes erkennen. Die Weisen aber sagten: Seid ihr etwa Zauberer aus Indien, dass ihr uns solches antun wollt?
GS|2|15|16|0|Die drei erschienenen Männer aber erwiderten: Das sind wir mitnichten, denn wir wollen euch nicht die Macht der Hölle enthüllen, sondern die Kraft Gottes wollen wir euch zeigen und euch führen dahin, da Sich der ewige Herr Himmels und der Erde niedergelassen hat in aller Seiner göttlichen Fülle. Einer Jungfrau ward die endlose Gnade zuteil: Sie hat vom Herrn empfangen und hat geboren ein Kind aller Kinder, einen Menschen aller Menschen und einen Gott aller Götter! Seht, das wollen wir euch zeigen, und aus diesem Grunde lasst euch anrühren von uns! Und die Weisen sprachen: Es sei denn, wie ihr wollt; aber zuvor sagt uns, wer ihr seid?
GS|2|15|17|0|Und der eine aus den drei Erschienenen sagte: Habt ihr je etwas gehört, wie es war im Anfang der Welt? Seht, ein Leib ward mir gegeben von Gott, den trug ich neunhundertunddreißig Jahre und ward also geschaffen der erste Mensch dieser Erde; mein Name war Adam, der Erstling Gottes auf dieser Erde. Nach diesen Worten ließ sich der Älteste von dem Geist Adams anrühren, und als der Geist den Ältesten anrührte, ward er sobald unsichtbar; aber der Älteste war erfüllt von dem Geist Adams.
GS|2|15|18|0|Und auf dieselbe Weise geschah es mit den beiden anderen, und sie wurden erfüllt, der Ältere mit dem Geist Kains und der Jüngere mit dem Geist Abrahams, ohne jedoch dabei von ihrer eigentümlichen Individualität nur im Geringsten etwas zu verlieren. Aber im Augenblick dieser Handlung erkannten sie die große Bedeutung dieses Sternes und die Worte der Prophezeiung, welche geschehen wird, wie schon gesagt wurde, zur Zeit der großen Königin dieses Landes.
GS|2|15|19|0|Daher machten sie sich auch sobald auf den Weg von ihrem Beobachtungsplatz, rüsteten ihre Kamele aus und geboten ihren Knechten, einzukaufen Myrrhen, Gold und Weihrauch. Denn solches war im selben Land die gebräuchliche Opferung einem neugeborenen König; Myrrhen dem Kind, Gold dem König, welcher bei ihnen hieß Mensch der Menschen, wie ein solches königliches Kind ein Kind der Kinder, und Weihrauch opferte man dem König ebenfalls, weil der König als gesalbter Machthaber der Gottheit auf Erden angesehen ward. Als solches alles herbeigeschafft war, da wurde auch sogleich die Reise angetreten, und der Stern war der Wegweiser, und die drei Geister waren die inneren Führer unserer bekannten drei Weisen aus dem Morgenland.
GS|2|15|20|0|Seht, in dieser Darstellung habt ihr eure Kunde enthülst und dennoch auch zugleich die innere Wahrheit mit, dass in ebendiesen drei Weisen Adam, Kain und Abraham gegenwärtig waren. Und Abraham, der sich gar lange schon auf diesen Tag in seinem Geiste gefreut hat, dass er ihn sehen möchte, wie es der Herr Selbst von ihm aussagte, hat ihn auch wirklich gesehen leiblich durch die Weisen, geistig in sich und himmlisch in dem erschauten Kind der Kinder, Menschen der Menschen und Gott der Götter.
GS|2|15|21|0|Aus dieser Darstellung aber könnt ihr auch zur Genüge ersehen, wie die wahre Astrologie beschaffen sein soll. Wir haben ebenfalls einen Stern erschaut von ganz ungewöhnlicher Art in uns oder am Firmament unseres Geistes. Sind wir rechte Astrologen, so werden wir auch sicher mit der leichtesten Mühe unser letztes Viertelchen finden und werden gar wohl erkennen, wo hinaus es so ganz eigentlich mit unserem Stern will.
GS|2|15|22|0|Es ist wahr, es liegen noch große Milliarden und Milliarden von Sternen und Welten in euch; aber aus diesen großen Milliarden hat sich einer nur gelöst. Dieser steht vor uns und liegt unter unseren Füßen gleichwie ein herrliches himmlisches Vaterland; aber wir fragen: Wo stehst du, herrliche Welt, in deiner großen Wirklichkeit? Aus welcher Gegend der weiten Himmel traf dein mächtiger Strahl dein Ebenbild in uns und stellte es hinaus, einen herrlichen Abglanz aus dir? Und wir wissen nicht, woher dein Strahl kam!
GS|2|15|23|0|O Freunde und Brüder! Es klingt sonderbar solch ein Fragen, wenn man das Werk unter seinen Füßen hat. Habt ihr nie etwas gelesen von einer großen Burg der Geister wie von einer Burg der Seelen? Seht, darin liegen kleine Andeutungen von einer großen geheimen Wahrheit, die aber bis jetzt noch unentdeckt geblieben ist. Ich aber sage euch: Was zum Herrn will, muss auch den Weg zum Herrn gehen. Ich sage euch noch gar gewichtig hinzu: Freuet euch hoch, denn der Herr hat aus Milliarden den Staub, die Erde, erkoren; sie ist die Geburtsstätte der Geister, welche zum Herrn wollen, aus allen endlosen Gebieten der Schöpfung geworden!
GS|2|15|24|0|Nun haben wir nicht mehr weit, seht an diese Welt, die nun unter euren Füßen ist, ein altes Vaterhaus eures Geistes! Große Pracht trefft ihr hier, und solche Prachtliebe habt ihr auch auf die Erde mitgenommen. Aber der Herr mag nicht die Pracht, darum hat Er die Erde gedemütigt. Wisst ihr jetzt noch nicht, wo hinaus es mit unserer Welt will? Ja, ich sehe schon, ihr könnt die Astrologie noch nicht recht verdauen. Ich werde euch aber nun auf etwas aufmerksam machen.
GS|2|15|25|0|Es war zu allen Zeiten und bei allen Völkern gebräuchlich, dass sie sagten und auch hier und da ganz fest glaubten, dieser oder jener sei ihr Stern. Buchstäblich genommen hätte es freilich wenig Grund, aber geistig genommen hat es einen desto tüchtigeren; denn woher irgendein Geist ist, von dorther hat er auch seine Liebe. Nun aber sind all die Myriaden Gestirne entweder Vor- oder Nach-Wohnstätten der Geister. Wenn solches der Fall, so ist es auch sicher klar, dass eines jeden Erdmenschen Geist aus einem Stern als Vorwohnort her ist; und dieser Stern ist der erste, der bei der inneren Beschauung auch sicher zuerst auftaucht.
GS|2|15|26|0|Nun dürft ihr einmal den gestirnten Himmel mustern und den wohlgefälligsten Stern betrachten; der euch am behaglichsten anstrahlen wird, bei dem bleibt. Seht, das wird der entsprechende sein, durch welchen dieser geweckt wurde.
GS|2|15|27|0|Darin liegt aber auch der Unterschied zwischen den Kindern der Welt, welche da sind von unten her und sind Kinder der Erde, und zwischen den Kindern des Lichtes, welche sind von oben her und sind Kinder der Sonnen oder Kinder des Lichtes und demnach berufen, als Knechte so oder so gleich dem Herrn zu dienen und zu leuchten den Kindern der Welt, damit auch diese würden gewonnen zu den Kindern des Lichtes und wahrhaftigen Erben des ewigen Lebens, welches der Herr bereitet allen Seinen geschaffenen Geistern von Ewigkeit her, indem Er für sie gemacht hat im unendlichen Schöpfungsgebiet zahllose Schulen zur Gewinnung der Freiheit des Lebens und hat ihnen selbst gesetzt auf dieser Erde ein heiliges Ziel in Seinem Kreuz, damit sie alle würden wahrhaftige Kinder Seiner Liebe und allerseligste Erben Seiner Erbarmung und Gnade!
GS|2|15|28|0|Ich meine, das vierte Viertel ist uns hoffentlich bekannt. Wenn wir uns aber auf dieser Welt erst ein wenig werden herumgetrieben haben, da wird uns schon noch wie von selbst so manches Geheimnis klar werden, davon euch und aller Welt bisher noch eben nicht zu viel geträumt haben möchte.
GS|2|15|29|0|Es hat aber der Herr nach Seiner Auferstehung noch gar vieles mit uns, Seinen Erwählten, gesprochen, welches nicht aufgezeichnet ward; und wäre es auch aufgezeichnet worden, so hätte die Welt die Bücher vor der Menge und vor der Größe und Tiefe des Inhaltes nicht fassen können. Hier aber wird euch so manches davon kundgetan; daher mögt ihr wohl aufmerksamen Geistes sein, um in euch zu fassen das große Geheimnis des Lebens und die innere große Weisheit des Geistes!
GS|2|16|1|1|Geschöpfe Gottes und Kinder Gottes. Bedingungen zur Gotteskindschaft
GS|2|16|1|1|(Am 24. Mai 1843 von 4 3/4 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|16|1|0|Wir wollen nun einen weiteren Versuch [machen] und dadurch uns auch diese menschlichen Wesen hier ein wenig näher vertraut machen, um daraus zu entnehmen, wessen Geistes Kinder sie sind, und auf welcher Stufe innerer Geistesverwandtschaft wir mit ihnen stehen. Seht die Formen dieser Menschen ein wenig näher an, und ihr werdet gar bald daraus ersehen, dass eben diese Menschen ihrer Form nach mit euch eine sehr bedeutende Ähnlichkeit haben. Solche Beobachtung gibt uns einen bedeutenden Wink, dass sie dem geistigen Vermögen nach auch so ziemlich ähnlich sein müssen, weil ihre äußeren Formen solches, wenn schon etwas oberflächlich, kundgeben.
GS|2|16|2|0|Wie aber ihre innere geistige Beschaffenheit, als da ist ihre Liebe und ihre Begierde wie auch ihr Verständnis, näher und klarer beschaulich aussieht, wollen wir aus ihren Gesprächen abnehmen; denn wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über. Und der Herr hat in eines jeden Menschen Herz den Trieb gelegt, demzufolge er nie mit dem so ganz zufrieden ist, was er hat, sondern fortwährend nach etwas Höherem trachtet. Dieser Trieb hat, wie alles, zwei Seiten, eine Licht- und eine Schattenseite. In der Schattenseite ist der Mensch blind, und das Höhere, was er verlangt, ist niedriger, als was er hat. Aber in der Lichtseite dieses Triebes verabscheut der Mensch alles Gegebene und will durchaus nur das Allerhöchste, nämlich nichts mehr und nichts weniger als den Herrn Selbst!
GS|2|16|3|0|Und so denn werden wir auch sogleich vernehmen, wie diese Menschen hier durchaus nicht zufrieden sind mit dem, was ihrer ist. Die unbeschreibliche Pracht ihrer Wohnung, dieses Gartens wie auch dieser ganzen Welt, um deren Besitz eure Erdenkönige tausend Jahre Krieg führen würden, sehen diese Menschen mit keinen anderen Augen an, als mit welchen ihr da anseht auf eurer Erde eine allergemeinste Keuschlerhütte, und haben daher fortwährend größeres Verlangen nach etwas Erhabenerem, Großartigerem und bei weitem Würdigerem. Wir aber wollen sie doch selbst ein wenig behorchen, um daraus zu entnehmen, was für Triebe in ihrem Geist walten.
GS|2|16|4|0|Seht, da vor uns befindet sich ein alter ehrwürdiger Greis, der soeben bei der Gelegenheit, da das Opferholz auf dem Altar von selbst ist brennend geworden, eine Rede an die Bewohner dieses Palastes halten wird; denn eine solche Erscheinung gilt den Bewohnern dieser Welt als ein heimliches Wahrzeichen, aus welchem sie entnehmen, dass der Herr ihren Wünschen nachkommen will. Und so hört denn! Er spricht:
GS|2|16|5|0|Ihr alle, die ihr dieses mein Stammhaus bewohnt, seid Zeugen, dass auf unser Rufen eine heilige Flamme über den Altar gekommen ist, um zu verzehren das wohlduftende Opfer. Gar viele, die auf dieser Welt leben, beachten solches nicht und halten es nur für Trug und Täuschung der Sinne. Wir unseres Hauses aber sind der alten Offenbarung getreu, in welcher gesagt wird, dass Gott, unser Herr, ein einiger Gott ist, der da gemacht hat diese Welt für uns zur Bewohnung und hat uns gegeben den freien Willen entweder selig zu verbleiben auf dieser Welt im Geiste fürder und fürder oder sich zu erheben von dieser Welt in irgendeine andere, allda Er ewig zu Hause ist unter Seinen Kindern.
GS|2|16|6|0|Wer aus euch demnach die große Lust und Sehnsucht hat, den Weg dahin anzutreten, der mag sich nun an den Herrn wenden, da Er Sein Ohr zu uns gewendet hat, damit der Herr ihn umwandle und ihn setze auf die Welt, da Er Selbst unter Seinen Kindern zu Hause ist.
GS|2|16|7|0|Ihr wisst, dass der Herr, unser einiger Gott, zweierlei Wesen gestaltet hat, die sich selbst frei bestimmen können. Die erste Art sind wir Geschöpfe, begabt mit freiem Willen und einem verständigen Gemüt, auf dass wir selbsttätig sein möchten zu unserer Freude und zu unserer großen Wohlfahrt. Aber diesen Seinen Geschöpfen hat der Herr nur diese Welt leiblich wie geistig zur Wohnung eingeräumt für bleibend.
GS|2|16|8|0|Dieses angenehme Los zu erreichen ist überaus leicht, denn wer da glaubt, dass der Herr ist ein einiger Gott Himmels und aller Welt, die wir betreten mit unseren Füßen, und gibt aus diesem Gedanken heraus dem Herrn der Herrlichkeit die Ehre durch Opfer und Anbetung auf die Art, wie desgleichen üblich ist auf dieser ganzen Welt, insoweit wir sie kennen, der hat sich, wie ihr alle wisst, dieses angenehmen Loses würdig gemacht. Und die Umwandlung wird geschehen, wie uns allen bekannt ist, auf die höchst angenehme und wohltuende Art, auf welche überaus sich zu freuen ein jeder Bewohner dieser Welt das vollste Recht hat.
GS|2|16|9|0|Wenn wir aber die zweite Art der Geschöpfe betrachten, deren freilich wohl viel weniger sein dürften, so finden wir an ihnen laut der Offenbarung, dass sie nicht nur Geschöpfe wie wir, sondern wahrhaftige Kinder des einigen Gottes sind. Diese Kinder sind in aller Machtvollkommenheit Gottes, und ihre Seligkeit ist gleich der Seligkeit Gottes; denn sie haben alles, was Gott hat, sie tun alles, was Gott tut, und Gott tut, was sie tun!
GS|2|16|10|0|Ihnen ist Gott nicht mehr ein Gott also, wie Er uns ist ein ewig unzugänglicher, den nie ein Auge schauen kann, das da ist ein Auge dieser Welt; sondern ihnen ist Er ein wahrhaftiger Vater, der allzeit unter ihnen ist, sie führt und leitet und spricht mit ihnen wie ich mit euch und sorgt für sie, baut für sie und kocht für sie, dass sie ewig keine Sorge haben dürfen, und sie sind in ihrer Vollendung dann vollkommene Herren wie ihr allmächtiger Vater über die ganze Unendlichkeit und freuen sich ihrer unendlichen Machtvollkommenheit, die ihnen ist aus ihrem Vater!
GS|2|16|11|0|Solch ein Los ist freilich wohl ganz etwas anderes als das unsrige; ja es ist gegen das unsrige unter gar keinem Verhältnis mehr aussprechlich.
GS|2|16|12|0|Sind wir Geschöpfe dieser Welt aber für ewig ausgeschlossen, auch zu erlangen dieses unaussprechliche Los? Was spricht darüber die Offenbarung, die wir haben bekommen dereinst in der Urzeit der Zeiten von einem mächtigen Geist für alle Zeiten dieser Welt?
GS|2|16|13|0|Also lautet sie mit kurzen Worten: Einen Altar erbaut euch in eurer Wohnung, und dieser Altar sei allzeit belegt mit wohlduftendem Holz übers Kreuz und über die Quere. So jemand den einen Gott erkannt hat in seinem Glauben, der frage sein Herz, ob es entzündbar ist, so wird die Flamme des Herzens das Holz am Altar ergreifen und es verzehren unter hellen Flammen. In diesen Flammen wird der im Herzen Entzündete lesen die großen, heiligen, aber überschweren Bedingungen, durch welche er werden kann zu einem Kind Gottes.
GS|2|16|14|0|Nun frage ich euch: Welcher aus euch, meinen Hausgenossen und Kindern, mag die Bedingungen lesen in der Flamme, der trete herbei und lese! Hat jemand die überschweren Bedingungen genehm gefunden, der lege – nach der Offenbarung – seine Hand an den Altar, und Gott der Allmächtige wird seinen Geist nehmen, ihn führen auf jene Welt, da Er wohnt, und wird gestalten den Geist zu einem neuen Menschen, der zwar nur auf eine kurze Zeit einen sterblichen, schmerzhaften Leib wird herumschleppen müssen und wird sich müssen in diesem Leib bis zum Tod demütigen. Und wenn er schon wird durch und durch gedemütigt sein, dann erst wird er sich müssen schmerzhaft völlig töten lassen, um aus dem Tod erst dann zu erstehen zu einem wahren Kind Gottes!
GS|2|16|15|0|Nun seht, es tritt ein Mann aus der Mitte der ganzen bedeutenden Menge und liest aus der Flamme folgende Bedingung: Unzufriedener mit deinem seligen Los! Was willst du? Du kennst bis jetzt keine Leiden, und nie hat ein Schmerz dein Wesen berührt. Der Tod ist dir fremd, und noch nie hat eine schwere Bürde deinen Nacken berührt. Bleibst du auf dieser Welt nach der ewigen Ordnung Gottes, so kannst du ewig nie fallen, verdorben werden und zugrunde gehen. Was dein Herz wünscht und fühlt, hast du und wirst es allzeit haben.
GS|2|16|16|0|Bist du aber mit dem nicht zufrieden und willst dahin ziehen, da die Kinder Gottes gezeugt werden, so wisse, dass dich Gott, dein Herr, mächtig durch allerlei große Leiden, Schmerzen und Trübsale wird bis auf den letzten Lebenstropfen durchprüfen lassen, bevor du durch den Tod umgewandelt wirst zu einem Kind! Wehe dir aber, wenn du die Prüfung nicht bestanden hast; da wirst du für die Eitelkeit dieser deiner Bestrebung ewig im Zornfeuer der Gottheit büßen müssen, und es wird mit dir nimmer besser, sondern stets ärger und qualvoller dein ewiger Zustand!
GS|2|16|17|0|Du wirst aber auf dieser Welt, da die Kinder Gottes gezeugt werden, mit der vollkommensten Blindheit geschlagen sein, und nichts wird dir von allem dem, was du nun hier erfährst, zum Behuf deiner ferneren Führung im Bewusstsein übrigbleiben; denn du wirst da genötigt sein, ein ganz neues, mühevolles und beschwerliches Leben zu beginnen. Nichts wird dir somit bleiben als allein für deine größte Gefahr die Begierde des Lebens dieser Welt.
GS|2|16|18|0|Du wirst dich nach allen ähnlichen Vollkommenheiten und Herrlichkeiten sehnen, große Anlagen und Fähigkeiten des Geistes wirst du klar gewahren müssen; aber in deinem schweren, mühseligen Leib wirst du keine ausführen können. Und wenn du aber dennoch alldort Mittel finden wirst, so manches, wenn schon unvollkommenst, ins weltliche Werk zu setzen, danach dein Geist seinem übriggebliebenen Trieb nach sich sehnen wird, so wirst du dich dadurch schon versündigen vor Gott; und wirst du davon nicht abstehen, so wird eine ewige Verdammnis ins ewige Zornfeuer Gottes dein Los sein!
GS|2|16|19|0|Hier ist dein von Gott aus, was du hast; dort auf jener Welt wirst du dir nicht einen Grashalm zueignen dürfen. Reichtum und große Pracht gehört hier zur Tugend, dort aber wird sie dir zum tödlichen Laster gerechnet werden. Hier darfst du wollen, und der Erdboden gehorcht deinem Wink; dort aber wirst du dir die Nahrung im schmerzlichen Schweiße des Angesichtes mühsamst selbst suchen und bereiten müssen.
GS|2|16|20|0|Das sind die Bedingungen, die zu erfüllen deiner harren, so du dich zu einem Kind Gottes aufschwingen willst. Es ist nicht unmöglich, dass du Gnade und Erbarmung bei Gott finden wirst, so du Ihn wirst lieben über alles und wirst sein wollen der Nichtigste und Geringste und wirst ertragen alle Leiden und Schmerzen mit großer Geduld und völligster Hingebung in den Willen Gottes; aber es ist viel leichter möglich, dass du fällst, als dass du erstehst. Daher besinne dich und lege dann deine Hand auf den Altar, auf dass dir werde nach deinem Wollen!
GS|2|16|21|0|Nun seht, so verhält es sich mit der Sache. Wir wollen uns aber damit noch nicht begnügen, sondern diese Verhandlung noch ein wenig beobachten. Und euch wird daraus gar bald in euch selbst ein gewaltiges Licht aufgehen, und ihr werdet das Wo, Woher und Wohin sehr klar zu begreifen anfangen.
GS|2|17|1|1|Die Kindschaft Gottes ist mit einem Gott liebenden Herzen zu erlangen
GS|2|17|1|1|(Am 26. Mai 1843 von 4 1/2 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|17|1|0|Unser Bewerber um die Kindschaft hat nun alles gelesen, was in der Flamme geschrieben stand, und richtet seine Blicke nun wieder an den Ältesten. Seine Frage ist sehr leicht zu erraten; ihr habt sie schon in euch. Daher braucht ihr sie nur herauszuholen, und wir werden sogleich unseren Bewerber um die Kindschaft also reden hören, wie ihr es in euch zuvor empfunden habt.
GS|2|17|2|0|Die Bedingungen sind schwer, und unser Kindschaftsbewerber erschauert vor ihnen; daher fragt er denn auch den Ältesten und spricht: Ich habe gelesen die Forderungen Gottes in der Flamme Seines Eifers. Ich sehe daraus den Vorteil dieses Lebens und den großen Nachteil eines höheren, darum meine ich, es wird klüger sein zu bleiben, was man ist auf dieser unteren Stufe, als sich aufzuschwingen zu dem nahe Unerreichbaren.
GS|2|17|3|0|Es mag freilich wohl für unsereinen etwas Undenkliches sein, sich als einen Gott in einem Kind Gottes zu fühlen; ja etwas unbegreiflich Erhabenes muss es sein, mit einem Blick in die unendlichen Tiefen der göttlichen Macht und Weisheit zu dringen. Ja etwas ganz unaussprechlich Seliges muss es sein, mit dem ewigen allmächtigen Schöpfer aller Ewigkeit und Unendlichkeit in einem stets sichtbaren allerliebfreundlichsten Verhältnis zu stehen und in Gott dem Herrn ein Mitherr zu sein aller Unendlichkeit. Aber die Bedingungen, solche Größe zu erreichen, sind zu schauderhaft schwer und sind also gestellt, dass da sicher unter gar vielen Tausenden kaum einer den hohen Zweck seiner Unternehmung erreichen dürfte.
GS|2|17|4|0|Daher habe ich mich wohl besonnen und werde vollkommen Verzicht leisten auf diese Unternehmung. Wer aber an meiner statt solches wagen will, dem werde ich nicht in den Weg treten; aber ich werde ihm kundgeben, was ich gelesen habe in der Flamme.
GS|2|17|5|0|Der ehemalige Bewerber um die Kindschaft hat seine Fragrede beendet und der Älteste holt soeben die Antwort aus uns, das heißt, er wird das sprechen, was in uns schon gesprochen ist.
GS|2|17|6|0|Ihr könnt solches freilich wohl noch nicht klar vernehmen in euch; aber in der Ordnung des Herrn ist es schon einmal also eingerichtet, dass die Rede eines Menschen ein Produkt ist alles dessen, was da verborgen liegt in der Tiefe seines Lebens. Und wenn ein Mensch spricht, so wird er dazu gewisserart genötigt durch die innere Anregung, welche hervorgeht aus allem dem Entsprechenden, was da verborgen liegt in der Tiefe seines Lebens.
GS|2|17|7|0|Da wir solches nun aus uns geholt haben, so wollen wir denn nun auch vernehmen, was der Älteste spricht. Hört, solche Laute entströmen seinem Munde, und solches ist ihr Sinn:
GS|2|17|8|0|Mein Sohn! Du hast gelesen die große Wahrheit in der Flamme des göttlichen Eifers. Wahr ist alles bis auf ein Häkchen, und kein Zeichen kam umsonst in der wallenden Flamme zum Vorschein; aber ein Zeichen, das da in der Mitte der Flamme über der inwendigen Glut verborgen lag, hast du nicht gesehen.
GS|2|17|9|0|Siehe, wenn du dieses Zeichen zu all dem Gelesenen hinzufügst, so wird dir alles in einem anderen Licht gezeigt werden.
GS|2|17|10|0|Siehe, dieses aber war das Zeichen, das du übersehen hattest: In der Mitte der Glut, von allen Seiten mit der lebendigen Flamme umfasst, stak ein Herz, und das Herz flammte, und dieses Flammen aus diesem Herzen bildete eben diejenigen Zeichen, die du gelesen hast. Liest du diese Zeichen für sich, da sind sie schauerlich, überschauerlich; liest du sie aber aus diesem Herzen, so sind sie gefüllt voll der seligsten Hoffnungen. Für sich allein sind sie ein Gericht, aus dem nirgends mehr ein freier Ausweg in ein besseres Leben zu erschauen ist; aus dem Herzen aber sind sie eine Erbarmung Gottes, in welcher niemand ewig je verlorengehen kann, wer sich einmal in dem Herzen befindet.
GS|2|17|11|0|Siehe, mein Sohn, es kommt alles darauf an, ob du Gott lieben kannst oder nicht. Kannst du Gott lieben in aller Demut deines Herzens, so bist du in diesem Herzen; kannst du aber Gott nicht lieben, dann bist du nicht im Herzen, sondern im Gericht. Und da ist es dann wohl besser, du bleibst hier im kleinen Gericht selig, als dass du dich begeben möchtest zur Erstrebung der Kindschaft Gottes, aber dadurch dann gelangen in das große Gericht, von dem nach den Zeichen in der Flamme schwerlich je ein Ausweg zu finden sein wird.
GS|2|17|12|0|Das sind die Verhältnisse in der Fülle der Wahrheit. Fürwahr, wir wissen es aus dem Munde der Engel Gottes, dass eben Gott keiner Welt so viel Gnade, Erbarmung und Liebe bezeigt und bezeigt hat, als eben derjenigen, allda Er für Sich zeugt und erzieht Seine Kinder. Denn Er Selbst hat alldort die Ordnung also eingerichtet, dass Er ihnen gleich ward zu einem Menschen und trug für Seine Kinder alle möglichen Beschwerden und wollte für sie aus unendlich großer Vaterliebe sogar Seinem Menschlich-Leiblichen nach getötet werden auf eine kurze Zeit durch die Hände Seiner eigenen Kinder!
GS|2|17|13|0|Siehe, mein Sohn, solches alles ist uns wohlbekannt und ist richtig. Aber richtig ist es auch, dass der Herr unser Gott allda am meisten verlangen wird von Seinen Geschöpfen, zu handeln in Seiner Ordnung, allda Er für sie auch am allermeisten aus Seiner göttlichen Fülle gearbeitet hat. Nun weißt du alles, was da nottut, um einzugehen in das Reich der Kindschaft Gottes.
GS|2|17|14|0|Daher magst du nun tun, was dir gut dünkt. Willst du die Bedingungen eingehen, so musst du sie im Herzen eingehen, und du wirst nicht verloren sein. Denn solches wissen wir auch, dass der Herr eher eine ganze Schöpfung zerstören würde, ehe Er ein Kind als vollkommen verloren gäbe!
GS|2|17|15|0|Wenn du demnach im Herzen bist, so wird der Herr sorgen für dich als ein allerwahrhaftigster Vater. Willst du aber ohne das Herz die Bedingungen über dich nehmen, so wirst du nicht bestehen unter der Last der großen Prüfungen Gottes; denn für die, welche in Seinem Herzen sind, hat Er kein Gesetz gegeben, denn allein das, dass sie Ihn lieben stets mehr und mehr.
GS|2|17|16|0|Welche aber außerhalb des Herzens sind, diese sind aber auch von Gesetzen über Gesetzen umlagert, welche schwer zu halten sind; und die Übertretung eines einzigen zieht schon im Augenblick der Übertretung ein tödliches Gericht nach sich, in welchem es dann fortwährend schwerer und schwerer wird, die andere große Masse von Gesetzen zu halten. Aus diesem kannst du nun mit voller Gewissheit beurteilen, was da erforderlich ist zur Erlangung der Kindschaft Gottes. Danach handle denn auch; denn du bist frei!
GS|2|17|17|0|Nun wollen wir denn wieder unseren Bewerber betrachten. Seht, er bedenkt sich die Sache ganz ernstlich und spricht abermals zum Ältesten: Höre, du Vater dieses Hauses! Mir ist nun ein Gedanke gekommen, und der Gedanke lautet also: Wenn ich hier den ernstlichen Entschluss fasse, nicht ein Kind des Herrn zu werden, sondern nur ein unterster Diener der geringsten Seiner Kinder, bloß aus dem Grunde, um auf diese Weise ganz geheim liebend dem allmächtigen Herrn einmal in eine Ihn sichtbare Nähe zu gelangen, so meine ich, solches dürfte denn doch nicht gefehlt sein. Wird aber der Herr meines Grundsatzes eingedenk sein und mich in solche Verhältnisse stellen, in welchen ich diesen meinen Grundzweck erreichen könnte? Wenn das der Fall ist, so will ich meine Hand auf den Altar legen.
GS|2|17|18|0|Der Alte spricht: Des kannst du vollends versichert sein; denn aus welchem Grunde da jemand zur Kindschaft des Herrn gelangen will, aus eben diesem Grunde wird der Herr ihn auch werden lassen in jener Welt das, durch was er erreichen kann, was da liegt im Grund seines Lebens. Willst du der Geringste sein, da wird dich der Herr tragen auf Seinen Händen. Wer aber der Größte sein will, der wird den Herrn nicht zum Führer haben, sondern der Herr wird hinter ihm einhergehen und wird belauschen seine Schritte und Tritte, und wenn der Großseinwollende gelangen wird zu einem Abgrund und wird nicht frei umkehren, so wird ihn der Herr weder rufen, noch ziehen zurück vom Abgrund, sondern ihm überlassen, entweder frei umzukehren oder sich frei hinabzustürzen in den ewigen Abgrund.
GS|2|17|19|0|Du aber hast in dir den demütigsten Grund gefasst; dieser Grund wird dein Leben und die Erbarmung vom Herrn unwiderruflich erwirken, – und so denn kannst du getrost deine Hand auf den Altar legen!
GS|2|17|20|0|Seht nun, der Bewerber spricht: Herr, Du Allmächtiger in Deiner Liebe, Gnade und Erbarmung! Aus keinem anderen Grunde, denn aus der reinen Liebe nur will ich zu Dir; daher verlass mich nicht in der Zeit meiner Schwäche, und sei du allein all meine Kraft und Stärke! In welcher Gestalt immer ich in der neuen Welt auftreten werde, sei Deine Liebe mir das alleinige, ewige, mächtige Vorbild meines Lebens, nach welchem ich trachten will aus all meiner von Dir mir verliehenen eigenen Lebenskraft. Verhülle mir ganz, was ich hier war und hier hatte, damit ich desto leichter erstrebe alle Niedrigkeit in meiner großen Liebe zu Dir; aber den Grund lass allzeit auftauchen in mir, auf dass ich kräftiger werde stets in der Liebe zu Dir! Und so denn übergebe ich mich, o Herr, Deiner unendlichen Liebe, Erbarmung und Gnade!
GS|2|17|21|0|Seht, hier legt der Bewerber seine Hand auf den Altar. Die mächtige Flamme ergreift ihn und im Augenblick ist er nicht mehr unter den Bewohnern dieses Hauses.
GS|2|17|22|0|Wo ist er denn aber nun hin? Seht, in dem Augenblick ist er schon in die Seele einer leiblichen Mutter gelegt, die da empfangen hatte, und wird ausgeboren zu einem männlichen Kind. Solches nimmt euch wohl ein wenig wunder; ich aber sage euch: Ist es denn weniger wunderbar, dass die Geister eurer Sonne sichtbar vor euren Augen ausgeboren werden von den Pflanzen eures Erdkörpers, wie in den nachfolgenden Tiergattungen mannigfachster Art? Solches seht ihr doch täglich und wundert euch wenig darüber, und doch ist dieser Prozess viel verwickelter, größer und langwieriger, denn dieser der Übersiedlung eines Geistes. Denn bei der Übertragung der Sonnengeister handelt es sich um die Entwicklung eures Leibes und eurer Seele, welches alles wie ein tausendmal tausendfach Zusammengesetztes erscheint; hier aber, d. h. von dieser Sonnenwelt, die eine Zentralsonnenwelt ist, handelt es sich um die fertige Übersiedlung eines Geistes, welcher in dem neuen Leib seines Grundes zufolge nichts anderes zu tun hat, als in seiner Liebe eins zu werden mit der lebendigen Seele in der Liebe zum Herrn.
GS|2|17|23|0|Und diese Einung ist die erlangte Kindschaft des Herrn, aus welcher hervorgeht ein neues Geschöpf, erstaunlich allen Himmeln; denn es ist ein Geschöpf aus der Ehe der Himmel und ein Geschöpf der Erlösung des Herrn, und dieses Geschöpf ist groß vor dem Herrn, und ist ein Kind des ewigen heiligen Vaters! Seht, das ist das nun enthüllte große Geheimnis auf der Erde. Daher seid auch ihr. Aber nicht alle Menschen der Erde haben von da her ihren geistigen Ursprung, denn es gibt noch gar viele solche Geistersonnen im endlosen Schöpfungsraum. Wir wollen aber noch eher uns in dieser näher umsehen, bevor wir in eine andere übergehen werden.
GS|2|18|1|1|Die Wichtigkeit von der mit dem Herrn vereinten Willenskraft des Geistes
GS|2|18|1|1|(Am 27. Mai 1843 von 4 3/4 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|18|1|0|Wir haben hier nichts mehr zu tun, somit können wir uns auf unserer Welt wieder weiterbewegen; denn wenn man nur einmal eine Welt hat, also eine gute Unterlage, so kann man dann auf derselben herumgehen, wie man will, und allerlei gute Erfahrungen machen.
GS|2|18|2|0|Wohin aber sollen wir uns nun begeben? Hier will ich nicht sagen: Dahin oder dorthin, sondern auch solches sollt ihr bestimmen. Aber auf eines muss ich euch aufmerksam machen, und das ist, dass ihr eine einmal gefasste Bestimmung, hier- oder dorthin zu gehen, festhalten müsst, und es muss beim ersten Gedanken bleiben. Denn hier kommt es nicht darauf an, dass da jemand sagen möchte: Ich weiß nicht recht und bin zweifelhaft, ob ich mich links oder rechts wenden soll, da bei solchen Zweifeln diese Welt, die ihr betretet, sobald wieder vor euch verschwinden würde. Daher muss ein jeder Gedanke festgehalten werden und kein zweiter den ersten verdrängen. Im Geist ist das durchgehends der Fall; denn wer da nicht fest ist, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes. Also wie der Herr Selbst spricht: „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes.“
GS|2|18|3|0|Das will aber mit anderen Worten für unseren gegenwärtigen rein geistigen Zustand nichts anderes gesagt haben, als dass man im Geist bei gar keiner Gelegenheit sich wankelhaft benehmen soll. Der erste Gedanke muss auch der erste Entschluss und die erste vollkommene Festigkeit sein; denn wäre im Geist solches nicht der Fall, so stünde es schon lange gar schlecht mit aller Schöpfung.
GS|2|18|4|0|Nehmt ihr nur an, ein allergeringster Wankelmut im Geist Gottes, ein augenblickliches Zurückziehen Seines unbestechlichsten festesten Willens, würde auch sogleich eine augenblickliche Vernichtung aller Dinge nach sich ziehen.
GS|2|18|5|0|Ihr sagt zwar: Solches kann man sich freilich wohl gar leicht vom Geist Gottes denken; ob aber für die Erhaltung der Dinge auch eine gleiche Festigkeit von Seiten anderer Ihm nahestehender Geister vonnöten ist, das ist nicht so klar.
GS|2|18|6|0|Ich sage euch aber: Es ist eines so klar wie das andere. Aus eben diesem Grunde kann nichts Unreines in das Reich Gottes eingehen; denn die Himmel sind das Zentralregiment des Herrn. Sie sind in ihrer Art vollkommen eins mit dem Willen des Herrn; und würde jemand in den Himmel gelangen, der da nicht eins wäre mit dem Willen des Herrn vollkommen, so würden dieses sobald alle Schöpfungsgebiete wahrnehmen. Denn solches würde allerlei Unordnungen in der Schöpfung hervorrufen, und tausend der grimmigsten Höllen würden in all ihrer freien Wut nicht einen solchen Schaden anrichten als ein einziger unordentlicher Geist im Reich Gottes!
GS|2|18|7|0|Solange ihr unter der Führung anderer Geister bloß passive Betrachter der geistigen Verhältnisse wart, so lange konntet ihr freilich wohl mit euren Gedanken wechseln, wie ihr wolltet; und es blieb dennoch alles, wie ihr zu sagen pflegt, beim Alten. Jetzt aber seid ihr aktive Betrachter der geistigen Verhältnisse, d. h. ihr betrachtet nicht Dinge, die in meiner Sphäre sind, also nicht auf meinem Grund und Boden, sondern ihr betrachtet nun als selbst Geister Dinge eurer Sphäre. Ihr wart früher Gäste eines anderen Bruders und durftet euch nicht entfernen von ihm, wolltet ihr genießen in seinem Haus; jetzt aber bin ich euer Gast, und ihr könnt mich herumführen, wo ihr wollt.
GS|2|18|8|0|Aber, wie gesagt, es kommt darauf an, dass ihr eure Gedanken fest haltet, also eure Schöpfung fixiert; sonst stehen wir alle drei sogleich wieder in unserem früheren Dunst.
GS|2|18|9|0|Als euch ehedem mein Bruder herumgeführt hat in seiner Sphäre, da musste er ebenfalls seine Schöpfung festhalten; sonst hättet ihr gar wenig zu sehen bekommen. Dieses aber ist dem reinen vollkommenen Geist ein Leichtes, weil er seine Willenskraft vollkommen aus dem Herrn hat. Ihr habt euren Willen zwar auch aus dem Herrn, aber er ist noch nicht fest und vollkommen genug, um ihn gleich den vollkommenen Geistern allenthalben fixieren zu können. Darum aber sagte ich euch nun auch dieses, damit ihr wisst, wie man im Geist lebt und erhält den Schatz der Kraft seines Geistes.
GS|2|18|10|0|Wenn jemand auf dem Erdkörper lebt und will sein Eigentum erhalten, so muss man es wohl verwahren, damit nicht Diebe und Räuber es verderben und wegnehmen, was man besitzt. Hier ist es ebenso; Diebe und Räuber sind wankelmütige, begierliche Gedanken im Geist. Wer diesen nicht sogleich feste Schutzmauern setzt, der verliert bald gar leicht das schöne Eigentum seines Geistes.
GS|2|18|11|0|Also sagte auch der Herr: „Wer da hat, dem wirds gegeben, dass er in der Fülle haben wird; wer aber nicht hat, dem wird genommen, was er hat, oder er wird das, was er hat, verlieren.“ – Was ist aber, das jemandem genommen werden kann, das er nicht hat, und jemandem gegeben werden, das er hat, um es dann zu besitzen in der Fülle? Es ist des Geistes vereinte Willenskraft in dem Herrn! Wer sie hat, der wird dadurch endlose Reichtümer finden in seinem Geist und dann im Besitz sein der Kraft und der Güter, und das ist ein Besitz in der Fülle.
GS|2|18|12|0|Wer aber diese mit dem Herrn vereinte Willenskraft im Geist nicht hat, was wird dessen Los wohl sein, da es hier für niemand einen anderen Besitz gibt, als den höchst eigenen aus sich? Ich sage euch: Das Los eines solchen Geistes wird kein anderes sein als die entweder plötzliche oder sukzessive Verarmung; denn so jemand von euch einen Rock haben will, ist aber selbst kein Schneider, so muss er zu einem Schneider gehen, damit ihm dieser einen Rock macht. Wenn es aber keinen Schneider gäbe, oder wenn man aus einem Ort alle Schneider vertriebe und auch niemand sich selbst einen Rock machen könnte, so dürfte es doch ein wenig künstlich hergehen, um zu einem Rock zu gelangen.
GS|2|18|13|0|Seht, also ist es auch hier der Fall; der Herr schuf den Menschen nach Seinem Ebenbild und hatte ihn mit werktätig schöpferischer Kraft ausgerüstet. Diese aber hat Er nur wie ein Samenkorn in ihn gelegt. Ihr sagt aber selbst schon und wisst es aus der Schrift, da es heißt: „Und die Werke folgen ihnen nach.“
GS|2|18|14|0|Wenn also, so kann ein unfester, kraft- und wertloser Geist, der sich nie in irgendeiner Festigkeit versucht hatte, ja doch im reinen Geisterreich unmöglich anders als ganz leer ankommen. Wie vieles aber daran liegt, dass der Mensch festen, unwankelhaften Geistes sei, zeigt der Herr bei verschiedenen Gelegenheiten.
GS|2|18|15|0|Er begünstigt Petrus wegen der Festigkeit seines Glaubens; wieder heißt Er den einen klugen Mann, der auf einen Felsen baut, wieder spricht Er vom Johannes dem Täufer, dass er kein Rohr ist, das von dem Wind hin und her bewegt wird. Gar oft spricht Er: „Es geschehe dir nach deinem Glauben; dein Glaube hat dir geholfen!“ – Also spricht Er auch offenbarlich aus, indem Er sagt: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“, wodurch Er ebenfalls sagen will, dass sie, nämlich zu denen Er gesprochen hat, einen Gott gleich festen Willen haben und sich durch nichts aus der festen Richtung ihres Geistes bringen lassen sollten. Also preist Er auch die Macht des festen Geistes mit folgenden Worten an:
GS|2|18|16|0|„So ihr Glauben hättet wie ein Senfkörnlein groß, so könntet ihr zu diesem Berg sprechen: Hebe dich von hinnen und stürze ins Meer! Es wird geschehen nach eurem Glauben.“
GS|2|18|17|0|Aus diesen wenigen angeführten Texten, dergleichen es noch eine Menge gibt, könnt ihr aber auch schon hinreichend klar entnehmen, worauf es vorzugsweise im Reich der Geister ankommt.
GS|2|18|18|0|Ich sage euch aber noch hinzu, was euch vielleicht etwas sonderbar vorkommen wird, und dennoch ist es die unbestechlichste Wahrheit. Wenn die Menschen auf der Erde wüssten, worauf es ankommt, um in ihrem Wollen zu effektuieren, so würde gar manches Wunderbare geschehen; aber die Menschen zum größten Teil wissen ja kaum, dass sie einen Geist haben, weil dieser bei ihnen schon lange von ihrer Materie aufgesogen worden ist. Woher sollen sie es dann wissen, was in ihrem Geist liegt?
GS|2|18|19|0|Euch aber, da ihr nun den Geist schon ein wenig habt kennengelernt, kann ich es nun schon ein wenig kundgeben, worauf es hauptsächlich ankommt, um eben aus dem Geist mächtig, unfehlbar, bestimmt und wahrhaft wunderbar zu wirken.
GS|2|18|20|0|Worauf kommt es denn eigentlich an? Hört, ich will euch dafür ein kleines Rezeptchen geben. Nehmt davon alle Morgen und Abende einen guten Esslöffel voll ein, und ihr werdet euch überzeugen, dass dieses Rezept ein wahrhaftiges Wunder-Arkanum ist.
GS|2|18|21|0|Die erste Spezies besteht darin, dass man sich gleich nach dem Erwachen mit dem Herrn durch die Liebe in Seinen Willen vereint; solches muss auch abends geschehen. Wenn dann jemand etwas möchte, so habe er Acht auf den ersten Gedanken; das ist die zweite Spezies. Diesen halte er nun augenblicklich fest und vertausche ihn um alle Weltreichtümer nicht mehr mit einem zweiten.
GS|2|18|22|0|Hat er solches getan, dann bitte er den Herrn, dass Er Sich möchte mit Seiner unendlichen Stärke vereinen mit der Schwäche des eigenen Willens, erfasse den Herrn dabei abermals mit seiner Liebe, – das ist die dritte Spezies. Ist solches in aller wankellosen Festigkeit geschehen, dann geselle er zu diesen drei Spezies noch eine vierte hinzu, und das ist der fixiert feste Glaube.
GS|2|18|23|0|Wenn diese vier Spezies beisammen sind vollkommen, so ist die Wundermedizin auch schon fertig.
GS|2|18|24|0|Wer es nicht glauben will, der wird in sich wohl schwerlich die Probe abführen können; wer es aber glaubt, der gehe hin und tue desgleichen, und er wird sich überzeugen von der vereinten Kraft des Herrn in seinem Geist. Dieses Geheimnis musste ich euch hier mitteilen, weil es hier am rechten Platze ist.
GS|2|18|25|0|Ihr wisst demnach nun auch, was ihr hier auf dieser unserer Welt zu tun habt, damit wir weiterkommen; ein Gedanke, eine feste Bestimmung, und wir werden den Ort vor uns haben, dahin wir wollen.
GS|2|18|26|0|Dieses Geheimnis aber, das ich euch nun kundgegeben habe, gilt für alle naturmäßige wie für alle geistige Welt; denn es ist ganz dasselbe, welches der Herr und alle Seine Apostel und Jünger gelehrt hat, und zwar bei der Gelegenheit, da Er sagte: „Ohne Mich könnt ihr nichts tun; mit Mir aber, versteht sich von selbst, alles!“
GS|2|18|27|0|Und weiter, da Er sagte: „Um was ihr immer den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird Er euch geben.“ – Hier hat der Herr in der Bitte keine Ausnahme gesetzt, indem Er sagte: „um was immer.“
GS|2|18|28|0|Also zeigte Er auch: Wenn zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind, so wird Er mitten unter ihnen sein; und um was sie da bitten werden, wird ihnen gegeben. – Der Verfolg dieser Weltbereisung wird jedoch, wie schon bemerkt, euch noch so manches verborgene Geheimnis lichten. Der neue Ort aber steht schon vor uns; also wollen wir ihm uns nahen!
GS|2|19|1|1|Ein Prachtbau auf einer Anhöhe
GS|2|19|1|1|(Am 29. Mai 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|19|1|0|Ich sollte euch zwar fragen, wie euch dieser neue Ort gefällt. Allein, da ich nun auf eurem Grund und Boden mit euch einhergehe, so kann ich solches aus der guten Ordnung der Dinge wohl nicht tun, indem doch der Fremdling, so er zu einem Hausbesitzer kommt, denselben nicht fragen kann, wie ihm sein Eigentum gefalle; wohl aber kann der Hausbesitzer solch eine Frage an den Fremdling stellen. Doch ihr mögt mich hier noch nicht fragen um solches, da ihr selbst noch stark Fremdlinge in eurem Eigentum seid; daher muss ich denn doch die Ordnung umkehren und euch die Frage geben, die ihr eigentlich mir geben solltet.
GS|2|19|2|0|Dies wäre einerseits wohl gut; aber ich sehe einen anderen Haken, und dieser besteht in der noch sehr mangelhaften geistigen Beschauung in euch, derowegen ihr auf meine Frage eben nicht die ersprießlichste Antwort zuwege bringen dürftet. Was wird denn da wohl zu tun sein? Wir wollen gleich einen Mittelweg finden, auf welchem wir uns darüber verständigen werden, und dieser Weg wird darin bestehen, dass wir die Frage ganz weglassen und sodann zu einer beschaulichen Erörterung übergehen.
GS|2|19|3|0|Nun seht denn, dieser neue Ort ist fürwahr noch herrlicher um Bedeutendes als es der erste war. Auf einer bedeutenden Berghöhe steht ein überaus prachtvollstes Gebäude. Die Wände sind von lauter durchsichtigem Gold, die Säulengänge vor den Wänden bestehen aus diamantenen und Rubinensäulen, das Dach des überaus großen Gebäudes bildet eine Kaiserkrone, welche mit überaus großen, allerfeinsten Edelsteinen besetzt ist.
GS|2|19|4|0|Vor der Ebene den Berg hinan bis zum ersten Säulengang führt eine überaus breite Stiege, deren Staffeln aus undurchsichtigem Gold angefertigt sind. Die Geländer beiderseits der Staffeln bestehen aus lauter Pyramiden, welche von Spitze zu Spitze mit Ketten von rotem Gold miteinander verbunden sind.
GS|2|19|5|0|In der Mitte einer jeden Pyramide ist ein weißer, runder Sonnenstein eingefügt, welcher im Ernst einen unbeschreiblich schönen Glanz von sich wirft; und zwischen einer jeden Pyramide hinter der Kette steht ein prächtig ausgewachsener Pappelbaum, dessen Blätter wie mit Gold eingefasste grüne allerfeinste Sammetstreifchen spielen, und ein Baum ist so groß wie der andere.
GS|2|19|6|0|Und zugleich bemerke ich auch, dass über die breite Treppe herab noch obendrauf drei bei einer Klafter breite Sammetstreifen, zwei von grüner und in der Mitte ein einzelner von der schönsten roten Farbe, also gezogen sind, dass sie sich in den Staffeln gehörig fest anliegend staffelmäßig mit den Staffeln selbst einfurchen.
GS|2|19|7|0|Und diese Treppe geht nicht in einem Zuge von Staffel zu Staffel fort, sondern wie ich bemerke, so hat sie von je dreißig zu dreißig Staffeln einen sehr geräumigen Absatz, über welchem sich obendrauf noch ein überherrlicher Triumphbogen angebracht befindet. Der Triumphbogen besteht, wie ich sehe, über die ganze Breite der Stiege aus je dreißig diamantenen Säulen, welche zuoberst mit Bögen aus den überaus stark von selbst leuchtenden Sonnensteinen verfertigt sind.
GS|2|19|8|0|Über den Bögen aber ist erst eine Galerie angebracht, auf welcher sich gar herrlich herumwandeln lassen muss. Und wie ich bemerke, so ist die Galerie abwechselnd aus lauter Rubinen und Smaragden erbaut. Fürwahr, das will ich doch eine wahrhaft sonnenkaiserliche Pracht nennen!
GS|2|19|9|0|Und da seht nur wieder noch einmal hin; der ganze vollkommen runde Berg, der da einer ziemlich flachen, aber zuoberst stumpfen Pyramide gleicht, ist an seinem Fuß von einem allerherrlichsten bei hundert Klaftern breiten Wasserkanal umgeben. Der ganze Kanal ist künstlich angelegt und durch und durch gepflastert mit dem feinsten weißen Marmor, und die beiden Ufer sind mit goldenen Geländern eingefasst. Die Wege zu beiden Seiten des Geländers sind blank gepflastert mit Jaspis, und der Weg ist an der Seite, welche vom Kanal abgewendet ist, mit den herrlichsten Fruchtbäumen besetzt.
GS|2|19|10|0|Hier, wo die Treppe oder die Stiege über den Berg hinaufgeht, ist eine überherrliche Brücke aus rotem Marmor angefertigt. Und das künstlich zierratierte Geländer besteht aus weißem Gold, und seine Zierrate sind besetzt mit vielen und kostbaren Edelsteinen. Aber das Herrlichste sind die spitzigen Obelisken, aus der Mitte des Wassers im Kanal ein jeder bei dreißig Klaftern hoch emporgehend. Der Obelisk ist aus Topas, und in der Höhe schießt ein noch einmal so hoher Wasserstrahl empor und fällt in zahllosen strahlenden Perlen wieder in den weiten Kanal herab. Und da seht ins Wasser, wie dasselbe belebt ist von allerlei strahlenden Fischchen; fürwahr, das ist eine große Pracht!
GS|2|19|11|0|Wir wollen uns aber nun über die Stiege hinaufbegeben und unser prachtvolles Gebäude auf dem Berg in einen näheren Augenschein nehmen. Über diese Stiege geht es sich wirklich sehr bequem und sanft. Da seht nur wieder einmal her, wir haben die erste Ruhestelle erreicht.
GS|2|19|12|0|Blickt nur auf den Boden; sein Grund ist blau, und in diesem blauen Grund sind weißglänzende Sterne eingelegt, und nun diese außerordentliche Reinlichkeit übertrifft ja alles, was man sich nur denken kann!
GS|2|19|13|0|Gehen wir aber weiter; da seht die zweite Ruhestelle. Diese hat einen grünen Bodengrund wie aus einem Stück poliertem Smaragd, und auf seiner Oberfläche erglänzen in der schönsten Ordnung rosenrote Sterne.
GS|2|19|14|0|Gehen wir aber nur weiter; da seht die dritte Ruhestelle. Der Boden ist rot wie Karmin, aber glänzend wie Rubin, und in der schönsten neuen Ordnung erglänzen auf seiner Oberfläche hellgrüne Sterne. Gehen wir aber nur weiter; seht, da ist schon die vierte Ruhestelle. Da seht diesen Boden an; er ist violett wie aus Amethyst, und in seiner Oberfläche erglänzen in der schönsten Ordnung sichtbare Sterne.
GS|2|19|15|0|Gehen wir nur weiter; da ist schon die fünfte Ruhestelle. Da seht den Boden; er ist gelb wie ein Topas, und von seiner Oberfläche erglänzen karminrote Sterne. Gehen wir aber nur weiter; da seht, wir sind an der sechsten Ruhestelle. Der Boden ist dunkelgrün, und die Sterne, die von seiner Oberfläche erglänzen, schillern mehrfarbig wie geschliffene Diamanten.
GS|2|19|16|0|Gehen wir aber nur weiter; da ist schon die siebte Ruhestelle. Da seht einmal diesen Boden an; dunkelrot wie ein Sammet eines Kaisermantels, und dunkelorangegelbe Sterne glänzen beinahe unerträglich stark auf seiner Oberfläche und geben dem roten, durchsichtigen Boden eine ganz sonderbar geheimnisartige Beleuchtung. Nein, ich muss es sagen, ich hätte eher alles erwartet, als eine solche Pracht in euch. Es gibt noch eine Menge solcher Ruheplätze über uns hinauf; es dürften deren wohl noch bei dreiundzwanzig sein.
GS|2|19|17|0|Doch gehen wir nun alle in einem Zuge durch, denn ich bin beinahe schon müde geworden von der großen Prachtanschauung. Wir haben nur einen schnellen Zug gemacht und stehen nun unter dem ersten Bogengang, welcher mit lauter diamantenen Säulen unterstützt ist.
GS|2|19|18|0|Betrachtet einmal diesen Gangboden zwischen den Säulen; er bildet einen hellstrahlenden Regenbogen, und eine jede Farbenlinie ist mit entsprechend verschiedenfarbigen hellglänzenden Sternen besetzt. Fürwahr eine überhimmlische Pracht!
GS|2|19|19|0|Und da seht, außerhalb dieses Bogenganges, mehr dem Gebäude zu, erhebt sich eine allgemeine Rundtreppe, bestehend aus dreißig Staffeln. Diese sind aus lauter Smaragd und sind abermals eingelegt mit hellrot glänzenden Sternen und seht, oberhalb dieser dreißig allgemeinen Rundstaffeln befindet sich schon wieder ein zweiter Bogengang, unterstützt mit Säulen von dem allerkostbarsten glänzenden Sonnenstein. Die Bögen über den Säulen sind aus lauter Rubinen und das Geländer über den Rubinbögen aus grünem Gold. Und da seht den Boden an; dieser ist von himmelblauer Farbe wie aus gleichfarbigen Hyazinthen zusammengefügt und ist abgeteilt in sieben Reihen nacheinander fortlaufender rot und grün glänzender Sterne.
GS|2|19|20|0|Wir sind durch diesen Bogengang durch. Da seht, abermals eine Rundstaffelei, bestehend aus abermals dreißig Staffeln, über welche man an das weite Plateau des Berges gelangt, auf welchem das eigentliche Prachtgebäude erbaut ist. Die Staffeln sind ebenfalls aus Hyazinthsteinen angefertigt und sind durch und durch ebenfalls mit rot und grün leuchtenden Sternen geziert.
GS|2|19|21|0|Nun sind wir erst auf dem eigentlichen Hauptplateau, aber da seht einmal diese Pracht an! Das Plateau, so eben und glänzend wie die Fläche eines geschliffenen Diamanten, ist von azurblauer Farbe und ist in den wunderbarst schönsten Reihen besetzt mit verschiedenfarbig hellglänzenden Sternen. Und das Plateau hat von diesem Rand bis zum Hauptgebäude hin einen Durchmesser von noch hundert Klaftern. Fürwahr, diese Pracht ist beinahe unaussprechlich zu nennen!
GS|2|19|22|0|Aber jetzt seht erst einmal das Hauptgebäude an! Es ist ein Rundgebäude aus drei Stockwerken bestehend, davon ein jedes eine Höhe von dreißig Klaftern hat, und die Wände bestehen aus lauter aneinandergereihten Säulen, und ein jedes Stockwerk erglänzt in einer anderen Farbe, und die Stockwerke sind durch die herrlichsten Galerien nach außen hinaus voneinander unterschieden.
GS|2|19|23|0|Und da seht, innerhalb der Säulenreihen ist erst eine kontinuierliche Wand erbaut von dem allerkostbarsten weißen, von selbst leuchtenden Sonnenstein; und die Pracht, die Pracht! Die äußere Säulenwand besteht im ersten Stockwerk aus Smaragd; die Säulenwand des zweiten Stockwerks aus lauter Rubin, die Säulenwand des dritten Stockwerks aus lauter Hyazinth. Wie herrlich bricht sich da das mächtige Licht der inneren kontinuierlichen Wand durch diese Säulenreihen der äußeren Wand! Man glaubt ja, alle zahllosen Farbenabstufungen im hellsten Glanz zu erschauen. Fürwahr, da ist der Pracht zu viel auf einem Punkt zusammengedrängt.
GS|2|19|24|0|Es hat zwar wohl dem Anschein nach das Gebäude bei siebentausend Klaftern im Umfang, wobei das Auge einen hinreichenden Übersichtsraum gewinnt; aber man wird bei dem überprachtvoll herrlichen Anblick im Ernst wonnemüde. Daher wollen wir uns auch sogleich in das Innere des Gebäudes für unseren Hauptzweck begeben und sehen, wie es dort aussieht.
GS|2|20|1|1|Das prachtvolle Wohngebäude. Die belebende Wirkung der Liebe
GS|2|20|1|1|(Am 30. Mai 1843 von 4 1/4 – 6 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|20|1|0|Da stehen wir schon am Eingangstor; aber wie es mir und sicher auch euch vorkommt, so kommen wir gerade vom Regen in die Traufe. Da seht nur einmal an die kaum aussprechliche Pracht des Eingangstores selbst! Es hat die volle Höhe des ersten Stockwerks, also eine Höhe von nahe dreißig Klaftern und eine Breite von zwölf Klaftern. Die Seitenpfeiler des Tores sind massive Diamantpflöcke, genau ins Quadrat gezogen, und die Flächen dieser beiden Pfeiler sind noch in drei Reihen nebeneinander mit blauen, roten und grünen Sternen vom hellsten Glanz geziert. Der Bogen dieses Portals ist gezogen aus dem kostbaren weißen Sonnenstein und ist ebenfalls in der schönsten Ordnung geziert mit roten, blauen und grünen Sternen. Über dem Portal, d. h. über dem Bogen desselben, ist noch ein massives allerfeinstes Rotgoldgeländer, und zuoberst der Handleiter des Geländers sind in gerechten Entfernungen runde Kugeln von dem allerfeinsten und kostbarsten weißen Sonnenstein gestellt, welche ein außerordentlich schönes weißes Licht von sich strahlen lassen. Die Torflügel sind aus künstlich durchbrochenem feinstem Gold angefertigt und sind mit Kreuzspangen aus weißem Gold überzogen, in welche Spangen auf das wunderbarst Zierlichste alle möglichen Gattungen der Edelsteine vom reinsten und schönsten Schliff eingesetzt sind.
GS|2|20|2|0|Das wäre also bloß das Tor. Durch dieses gelangen wir in die wunderbar schöne Torhalle, welche zu beiden Seiten mit dreifachen Galerien, welche aus lauter weißen Säulen bestehen, geziert ist. Die Gänge der Galerien sind mit Geländern von Rubinen und Diamanten versehen. Und seht den Boden nur der unteren ebenerdigen Galerie. Er ist ein reiner Mosaikboden, in welchem ihr die herrlichsten Girlanden von Blumen hellglänzend eingearbeitet erschaut, und die Farben der Blumen in den Girlanden wechseln bei jeder Wendung und spielen wie ein künstlich gearbeiteter Regenbogen, d. h. wenn es einem Menschen möglich wäre, statt des Regenbogens einen allerverschiedenfarbigsten Blumenkreis zu setzen, die Blumen aber stets also ihre Farben wechselten wie ein wohlgeschliffener Brillant in den Strahlen der Sonne.
GS|2|20|3|0|Ja, was sagt ihr denn zu dieser unermesslichen Pracht? Ist das nicht mehr als was ein menschlicher Geist auf einmal ertragen kann?
GS|2|20|4|0|Aber gehen wir nur hinein in den Mittelraum dieses Gebäudes, von welchem uns schon ganze Ströme von Licht entgegenkommen. Seht, es ist eine überaus große Rotunde. Der Boden ist azurblau und ist durchgehends besetzt mit den euch wohlbekannten Sternbildern eures sichtbaren Himmels. Die Sterne glänzen aber bei weitem stärker als die ihr zur Nachtzeit schaut von eurer Erde. Die Wände dieser Rotunde bestehen ebenfalls aus drei übereinandergestellten mächtigen Säulenreihen. Die unterste Reihe besteht aus lauter Rubinen, die mittlere Reihe aus lauter Smaragd und die oberste Reihe aus reinstem Hyazinth. Jede Reihe ist mit weißen Bögen miteinander verbunden, über welchen allerprachtvollste Galerien aus durchsichtigem Gold angefertigt sind.
GS|2|20|5|0|Hinter den Säulenreihen erblickt ihr eine kontinuierliche Wand von einem selbstleuchtenden lichtrosenroten Stein aufgeführt, durch welche Mauerwand verhältnismäßig große Fenster und Türen auf die herrlichen Galerien leiten.
GS|2|20|6|0|Aber nun hebt eure Augen noch höher zum Plafond dieser Rotunde empor! Seht, er ist nichts anderes als die wunderherrliche große Kuppe, welche wir schon von außen her als eine großartige Kaiserkrone erschaut haben, besetzt mit den prachtvollsten und von selbst glänzenden Edelsteinen dieses Zentralsonnen-Weltkörpers, welche Edelsteine nach der inneren Rotunde herab ein wunderbares Licht verbreiten.
GS|2|20|7|0|Was steht aber da in der Mitte der Rotunde? Seht, es ist schon wieder ein Altar, und zwar aus einem Rubinstück, in welchem in den schönsten Kreisen weißglänzende Sterne eingesetzt sind. Und auf dem Altar erblicken wir abermals Holz quer übereinandergelegt. Wir dürfen nicht lange fragen: wozu dieses? – sondern uns nur an unseren früheren Palast zurückerinnern, und die Antwort ist schon fertig.
GS|2|20|8|0|Ich sehe aber nun etwas in euch, und dieses lautet also: Unaussprechlich verschwenderisch ist die endlos reiche Pracht dieses Palastes. Fürwahr, wenn so etwas auf der Erde darstellbar wäre, so würden sich davor sogar die größten Kaiser und Könige allzugering fühlen, um Herren einer solch endlosen Pracht zu sein, sondern sie würden solch einen Palast zu einem allgemeinen Tempel des Herrn ehrfurchtsvollst weihen. Ja, also ist fürwahr diese endlose Pracht selbst für den kühnsten Geist zur Beschauung völlig unerträglich.
GS|2|20|9|0|Aber bei dieser Pracht vermissen wir denn schon wieder gerade die Hauptsache, nämlich die Menschen. Ohne solche ist die größte Pracht tot, und wir können ihr kein inneres Wohlgefallen abgewinnen. Wir können wohl sagen: Unendlich groß ist die wunderbare Macht und Weisheit des Herrn, der allein nur solche Herrlichkeiten gestalten kann. Sollten wir sie aber genießen ohne Brüder und Schwestern, da wäre uns die gemeinste Erdkeusche [Erdhütte] mit Brüdern und Schwestern ums Unaussprechliche lieber.
GS|2|20|10|0|Ja, meine lieben Brüder und Freunde, ihr urteilt zwar nach einem guten und richtigen Gefühl; wisst ihr aber auch, worin solches liegt, dass ihr allzeit eher die Wohnungen der Menschen erschaut als die Menschen in den Wohnungen selbst?
GS|2|20|11|0|Seht, das hat darin seinen Grund, weil ihr als noch naturmäßige Menschen um gute zwei Drittteile noch mehr an der Materie als an dem inwendigen Geistigen hängt. Diese Materie aber ist tot, weil gerichtet, damit sie sich formen lasse. Darum denn erschaut auch ihr aus eurer naturmäßigen Sphäre dasjenige, was mit ihr verwandt ist.
GS|2|20|12|0|Wollt ihr das Lebendige sehen, da müsst ihr die zwei Drittel durchbrechen und schon wieder in das Zentrum der Liebe greifen, allwo das Leben zu Hause ist. Sodann wird das Holz auf diesem Altar zu brennen anfangen, und wir werden uns sogleich überzeugen, dass die Hallen und Gemächer dieses großen Palastes nicht so unbelebt sind, als es euch auf den ersten naturmäßigen Anblick vorkommt.
GS|2|20|13|0|Ihr fragt hier, warum denn hier allzeit die Entzündung des Holzes auf dem Altar zum Behuf der beschaulichen Gewahrwerdung der Menschen, welche solch einen Palast bewohnen, vonnöten ist?
GS|2|20|14|0|Ich sage euch: Um diesen Grund einzusehen, gibt es ja auf der Erde schon eine Menge Beispiele. Ich will euch nur ein paar zeigen, und ihr werdet sogleich klüger werden.
GS|2|20|15|0|Seht an die große Pracht eines Wintertages und auch einer hellen Winternacht. Die ganze weite Oberfläche der Erde ist mit zahllosen Diamanten überstreut, welche beim Licht der Sonne wie zahllose Sterne widerstrahlen und das Auge des Beschauers vor übermäßigem Lichtglanz beinahe erblinden machen. Die Äste der Bäume sind mit lauter Diamantkristallen besetzt, und zu einer reinen Nachtzeit funkeln die Sterne am Himmel in vervielfachter Glanzpracht. Aber wenn ihr hinschaut über diese von zahllosen Diamanten schimmernde weite Fläche, so ist sie wie tot, denn das Leben sucht warme Gemächer und mag sich nicht belustigen an dieser kalten, erstarrten Pracht. Wenn aber im Frühjahr der Sonne Strahl nicht nur Licht, sondern auch Wärme zu spenden anfängt, da vergeht die große Pracht der Erde; aber dafür ersteht aus den inneren Gemächern das sich vor der kalten Pracht zurückgezogene Leben. Dieses Leben verzehrt die Pracht des Winters und umschafft sie neu in eine viel herrlichere.
GS|2|20|16|0|Ihr braucht bei diesem Beispiel nichts hinzuzusetzen als das, dass die Wärme gleich ist der belebenden Liebe, welche Wärme hervorgeht aus der Mitte der Sonne; so werdet ihr gar leicht verstehen, warum hier auf diesem Altar das Holz zuvor durch eure Liebe entzündet werden muss, bevor ihr die lebendigen Bewohner dieser Pracht erschauen mögt.
GS|2|20|17|0|Ein zweites Beispiel könnt ihr bei zwei Menschen auf der Erde noch werktätiger erschauen. Seht dort z. B. einen Palast, diesen bewohnt ein alles Menschengeschlecht verachtender Geizhals. Geht hin; nicht einmal gar zu viele Fliegen werdet ihr um diesen Palast herumfliegen sehen, geschweige erst Menschen. Warum sieht es denn hier so leer aus? Weil keine Liebe im Haus ist.
GS|2|20|18|0|Geht aber hin zu einem anderen auch recht schönen Wohnhaus; dieses bewohnt ein wohlhabender großer Menschenfreund. Seht, da wimmelt es von Menschen, alt, jung, groß und klein; die Bäume sind belebt von Vöglein, die Dächer des Hauses von Tauben, der Hof vom Geflügel und anderen nützlichen zahmen Haustieren; auch für die Fliegen gibt es immerwährend was zu naschen, und alles, was ihr nur anschaut, ist fröhlichen und heiteren Mutes. Ja, warum denn hier so lebendig? Weil im Haus die Liebe wohnt! Die Wärme der Liebe ist fühlbar in weite Entfernung hin und zieht alles an sich.
GS|2|20|19|0|Ich meine, aus diesen zwei Bildern werdet ihr noch leichter erschauen, warum wir hier eher das Holz anzünden müssen, bevor sich um uns das Leben dieses Palastes wird zu sammeln anfangen. Erfasst somit eure Liebe zum Herrn und zu allen, die aus Ihm hervorgegangen sind; und das Holz wird brennend werden, und wir werden gar bald umlagert sein von Tausenden der Menschen, die da allzeit bewohnen diese prachtvolle Wohnstätte.
GS|2|21|1|1|Einiges über die Menschen der prachtvollen Wohnstätte
GS|2|21|1|1|(Am 31. Mai 1843 von 5 3/4 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|21|1|0|Ihr habt getan, was ich euch geraten habe; und seht, schon ergreift eine herrliche Flamme, die da glänzt wie ein Morgenrot, den Holzstoß auf dem Altar, und ein unbeschreiblich hoher Wohlgeruch erfüllt schon die überherrlichen Hallen und Galerien dieses großen Palastes.
GS|2|21|2|0|Aber nun seht auch hinauf auf die Galerien, wie es von Menschen zu wimmeln anfängt; und alles eilt herab in die große Rotunde!
GS|2|21|3|0|Seht einmal diese Menschen an, von welch unbeschreiblicher Schönheit sie sind! Die Weiber, als wären sie vom reinsten ätherischen Lichtstoff geformt, und die Männer sehen wie Feuerflammen aus, so sie sich ergriffen hätten zu einer wunderherrlichen, liebernst-majestätischen Menschenform.
GS|2|21|4|0|Nun seht, es kommt aus der großen Menge dieser herrlichen Menschen schon wieder ein Ältester hervor und trägt wie einen Herrscherstab in seiner Hand. Seine Haare sind so weiß wie frisch gefallener, von der Sonne beschienener Schnee und wallen in reichen Locken bis an den halben Rücken hinab. Sein Bart, ebenfalls so weiß, kraust sich bis über den Unterleib; seine Größe ist ehrwürdig erhaben vor der Größe der anderen Menschen. Nach eurem Erdmaß dürfte er wohl bei sieben Schuh haben.
GS|2|21|5|0|Ihr möchtet wohl wissen, warum er einen Stab trägt? Ist er vielleicht ein Herrscher oder sonst etwas Erhabenes vor seinen Mitmenschen? Ich sage euch: Er ist bloß ein Ältester und hat das Ansehen eines Patriarchen. Unter ihm stehen hier bei tausend solcher Paläste, wie wir einen schon vorher gesehen haben, und er ist somit auch ein Ausbund von Weisheit.
GS|2|21|6|0|Wenn die Menschen in den untergeordneten Wohnungen irgendeines hohen Rates bedürfen, so kommen sie zu ihm. Aber er sendet niemals etwa Boten aus, um die Untergeordneten in einem oder dem anderen Fach der Weisheit zu unterweisen. Denn hier gilt der Grundsatz der vollkommenen Freiheit allein; und diese darf nie eigenmächtig weder durch Wort noch Tat gefährdet werden. Daher können hier die Bewohner der anderen untergeordneten Paläste in Berücksichtigung auf diesen Hauptpalast tun unter sich, was sie wollen.
GS|2|21|7|0|Nur feindlich darf sich niemand wagen in das weite Territorium dieses Palastes zu treten. Würde solches geschehen, dann würde auch sogleich der mächtige Patriarchenstab in eine durch den Willen des Patriarchen mächtige Bewegung gesetzt werden. Dergleichen jedoch ist auf dieser Zentralsonnenwelt nicht leichtlich denkbar, obschon es gerade nicht außer der Möglichkeit ist. Denn ein jedes untergeordnete Haus besitzt ebenfalls fürs Erste alle erdenklichen Reichtümer, Pracht und Schätze aller Art; dazu hat noch ein jedes Haus für sich allzeit einen weisen Ältesten, wie ihr schon einen habt kennengelernt, und somit ist von einer Feindseligkeit schwerlich je eine Rede.
GS|2|21|8|0|Ein einziger Umstand nur ist allda vorhanden, der manchmal ein wenig drohend auszusehen anfängt; und das ist die mächtige Weiberliebe der Bewohner dieser Zentralsonnenwelt.
GS|2|21|9|0|Die Weiber solch eines Hauptpalastes sind, wie ihr seht, aus so manchen Rücksichten ums Bedeutende schöner als die der untergeordneten Paläste. Es verhält sich diese Sache beinahe also, wie bei euch auf der Erde, da auch, im letzteren Falle versteht sich von selbst, das Weibervolk eines gebildeten reichen Hauses, wie auch einer ganzen besseren Stadt schöner und reizender ist als das des Landmanns, welches natürlicherweise durch eine geringere Bildung des Geistes und durch die mannigfache Verkümmerung an Leibesreiz durch die schwere Handarbeit jenem nachsteht. Wenn bei euch so ein rüstiger Landmannssohn sich so in einem reichen, ansehnlichen und wohlgebildeten Stadtvaterhaus ein Weib holen dürfte, da ließe er sicher sein Landweibervolk sitzen. Die Ursache, warum, ist mehr als mit Händen zu greifen.
GS|2|21|10|0|Ein ähnlicher Fall kann sich denn auch hier ereignen, und das beinahe leichter als auf der Erde. Wenn so die jungen männlichen Menschen zufolge ihrer Freiheit dann und wann so einen Hauptpalast besuchen und nicht selten allda der ätherischen weiblichen Schönheiten gewahr werden, dann fängt es sie an, ganz gewaltig lüstern zu jucken, und sie möchten dann alles aufs Spiel setzen, um sich in den Besitz einer solchen unaussprechlichen Schönheit zu setzen. Es ist aber eine Frage, ob sie so etwas nicht auf einem gerechten Weg erreichen können? Auch das können sie beinahe auf dieselbe Art, wie solches auf der Erde nicht selten der Fall ist.
GS|2|21|11|0|Wie kann sich aber auf der Erde der Sohn eines sogenannten gemeinen Landmanns zum Besitz einer ausgezeichneten Tochter eines vornehmen Stadthauses verhelfen? Durch geistigen Fleiß! Ein solcher Landjunker durchläuft mit allem Fleiß die wissenschaftliche Bahn, zieht dann durch seine eminenten Fähigkeiten die Aufmerksamkeit des Landesherrn auf sich. Dieser macht ihn dann zu einem hohen Beamten, und unser ehemaliger Bauernjunker kann nun als ein bedeutender Herr mit dem ruhigsten Gewissen von der Welt in einem solchen vornehmen Haus anklopfen, und man wird ihm nicht den Riegel vor die Tür schieben. Das ist ein Weg.
GS|2|21|12|0|Ein anderer Landjunker wird in bedenklichen Zeiten zwar zum Soldatenstand genommen, welcher Stand freilich wohl für das Reich der Himmel sich in einem sehr umgekehrten, unvorteilhaftesten Maßstab verhält. Aber wenn es eine allgemeine Not erfordert, so kann er auch gerecht sein, also wie er es war zu Zeiten Davids.
GS|2|21|13|0|Wenn dann ein solcher zum Soldatenstand gestellter Bauernjunker sich als Vaterlandsverteidiger durch Tapferkeit und Umsicht auszeichnet, so wird er in kurzer Zeit von seinem König oder Kaiser selbst zur Würde eines Feldherrn erhoben, als solcher er dann in gräflichen und fürstlichen Häusern anklopfen darf, und man wird dem Günstling des Kaisers mit offenen Armen entgegenkommen, der von seiner Geburt nichts als ein einfacher Bauernsohn ist.
GS|2|21|14|0|Seht, auf beinahe dieselbe Weise geht es auch hier. Auf dem einfachen Begehrungsweg ist freilich wohl nichts zu erreichen; aber auf dem Weg des Verdienstes durch einen entschiedenen Grad von hoher Weisheit kann sich ein jeder Mensch der unteren Ordnung in den Besitz einer solchen ätherischen weiblichen Palast-Schönheit bringen.
GS|2|21|15|0|Worin bestehen aber diese Verdienste? Ihr dürft nur die Pracht der Gebäude ein wenig betrachten, und ihr werdet doch gar leicht zu dem Schluss kommen und sagen: Wenn diese Gebäude von Menschenhänden aufgeführt werden, so müssen die Menschen im Fach der Kunst in baulichen Dingen, wie auch im Fach von allerlei Manufaktureien überaus große Meister sein. Ja, so ist es auch; was ihr immer hier seht und antrefft, ist alles ein Werk menschlicher Hände dieses Weltkörpers, und da sie des edlen Materials in großer Menge besitzen, so bieten sie auch alles Erdenkliche auf, ihre Wohnstätten so wunderherrlich als nur möglich zu machen.
GS|2|21|16|0|Wenn dann jemand aus seiner Weisheit etwas Tüchtiges erfunden und zuwege gebracht hat, bringt es dann vor den Rat der Ältesten eines Hauptpalastes und wird sein Werk als etwas Besonderes gewürdigt, so wird er mit der Würde eines Meisters in seiner Sache belehnt. Hat er dann dazu auch für den Glanz des Hauptpalastes etwas durch sein Talent bewirkt und bewerkstelligt, so darf er dann schon mit dem besten Gewissen im Hauptpalast anklopfen, und er bekommt ein ihm wohlgefälligstes Weib.
GS|2|21|17|0|Das ist dann aber auch schon der höchste Lohn, den ein solcher Weisheitsmeister in seinem Fach erlangen kann. Er verlangt sich aber auch keinen höheren; und ich bin der Meinung, insoweit ich euch kenne, ihr gäbt für einen solchen Preis ein ganzes Kaisertum her. Einem solchen beglückten Weisheitsmeister in seinem Fach aber werden dann auch zufolge solch einer Beglückung ganz außerordentliche Vorteile zuerkannt. Fürs Erste bekommt er einen eigenen Grund und Boden, welchen für ein gewisses Territorium nur der Älteste des Hauptpalastes zu verleihen hat. Auf diesem neuen Grund kann er sich dann einen neuen Palast nach seinem besten Geschmack erbauen.
GS|2|21|18|0|Wie bekommt er aber die Bauleute? Nichts leichter als das; denn zu solch einem Begünstigten drängt sich alles hin und sucht sich bei ihm verdienstlich zu machen, um dadurch in ihm einen begünstigenden Freund und Fürsprecher im Hauptpalast zu gewinnen, was einigen auch dann und wann zuteilwird.
GS|2|21|19|0|Aber eben bei solchen Gelegenheiten gibt es dann auch mehrere, denen solche Begünstigungen aus so manchen Rücksichten nicht zuteilwerden können. Die Folge ist dann manchmal eine kleine Erbitterung, und zufolge solcher Erbitterung gesellen sich dann einige Glücks- und Begünstigungslüsterne zusammen und wollen das nicht selten mit Gewalt erreichen, was andere durch ihr Verdienst erreicht haben. Und da gibt es denn so einen kleinen Krieg, der aber allzeit für die Gewaltlinge fruchtlos ausfällt, denn der Palastälteste darf sich nur mit seinem Stab zeigen, und die Gewalttätigen sind in die Flucht geschlagen.
GS|2|21|20|0|Ja, aber warum fürchten sich denn die Gewalttätigen gar so sehr vor dem Stab? Weil der Stab das Symbol der Willenskraft des Weisen und Ältesten des Palastes ist. Ihr habt die Willenskraft der Menschen schon in der Sonne kennengelernt, und zwar beim naturmäßigen Teil derselben. Diese Willenskraft habt ihr auch in ihrer Vollmacht dort ganz besonders in den Ältesten gefunden.
GS|2|21|21|0|In dieser Zentralsonne ist aber eben die Willenskraft noch entschiedener, und die Unterschiede derselben vom Hauptältesten bis zum gewöhnlichen Menschen herab sind ebenso merklich, wie da die Unterschiede der Größen zwischen Zentralsonnen, Planetarsonnen, Planeten und ihren Monden es sind; daher denn auch die Willenskraft eines solchen Hauptpalastweisen gar wohl bekannt ist unter all den anderen Menschen, die in seinem Weisheits- und Willensterritorium wohnen. Wie aber die Weisheit eines solchen Weisen schmeckt, das sollt ihr zu eurem größten Erstaunen sogleich erfahren.
GS|2|22|1|1|Die Bedingungen zur Erreichung der Kindschaft Gottes
GS|2|22|1|1|(Am 1. Juni 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr nachmittags.)
GS|2|22|1|0|Seht, er erhebt seinen Stab, welches so viel sagen will als: Hört mich mit der gespanntesten und allertiefsten Aufmerksamkeit! – Nachdem, wie ihr seht und in euch gar leicht merken könnt, sich alles Volk in die Aufmerksamkeit begab, so senkt der Älteste seinen Stab und spricht: Meine gesamten Kinder und Sprösslinge meiner Kinder! Ihr seid eingeweiht, und die Führungen des allerhöchsten Gottes, des allmächtigen Schöpfers und Lenkers aller Dinge, sind euch nicht unbekannt. Also seid ihr eingeweiht in die Worte unseres Propheten, der da einst [als] ein großer Geist einherging im Namen Gottes über die endlos weiten Triften unserer Welt, deren Ende noch keiner ermessen hat, und niemand aus uns weiß, in welche unbegreiflichen Tiefen der Schöpfung ihre Oberfläche dringt.
GS|2|22|2|0|Dieser große Geist allein überschritt die Welt von einem Ende zum anderen; denn seine Bewegung war gleich der eines zackenden Lichtes, und seine Stimme rollte wie mächtige Donner, und unsere Welt erbebte bis in den innersten Grund, wenn er sprach!
GS|2|22|3|0|Seine Worte sind unter uns geblieben, und wir haben sie aufbewahrt in unserer Sternschrift. Ihr mögt gehen und stehen in diesem meinem Haus, wo immer ihr wollt, so wird euch diese Sternenschrift durch ihren hellen Glanz entgegenstrahlen und allzeit von Neuem beleben eures Geistes innere Weisheit.
GS|2|22|4|0|Wie aber lautet aus den vielen Worten dieses Prophetengeistes ein mächtiger Wink, der hier um den Altar mit den Sternen gezeichnet ist? Wer von euch kann sagen: Ich kann ihn nicht lesen, denn ich selbst ja habe euch alle die Zeichen der Sterne lesen gelehrt?
GS|2|22|5|0|Sehen wir aber hinauf in das endlose, bläuliche Luftmeer, und ihr könnt dort allzeit von dem großen Schöpfer dasselbe gezeichnet finden, was unsere Hand hier nachgeahmt hat. Wie lautet denn sonach dieser Wink? Hört, ich will ihn euch wiederholen: Inmitten des großen Hofes des Sternenpalastes errichte du Ältester dem einigen Gott einen Altar und lege Holz quer übereinander darauf; das Holz aber sei makellos und vom besten Geruch. Doch sollst du dieses Holz nie mit einem weltlichen Feuer entzünden, sondern ein Feuer aus deinem Gemüt soll dieses Holz zur Flamme bringen. Wenn das Holz aber durch das Feuer des Gemütes wird flammend werden, dann gehe hin und erforsche dich und die Deinen im Licht dieser Flamme, ob jemand deines Hauses fähig sei, zu betreten die Wohnstätte Gottes. Wer sich fähig fühlt, der trete zum Altar und lese in der Flamme die Bedingungen, die er zu erfüllen hat auf der Welt, die der große Gott für Sich nur und für Seine Kinder geschaffen hat. – So lautet der Wink.
GS|2|22|6|0|Ihr wisst aber alle, wie lange nach unserem genauen Zeitmesser das Holz schon auf dem Altar liegt, und niemand aus uns vermochte es zu entzünden, denn uns allen fehlte es beständig an der Kraft des Gemütes. Wohl weiß ich, dass niemand aus uns nach der Auflegung des Holzes den Altar des Herrn nur mit einer Fingerspitze angerührt hat, und dennoch ist wunderbarerweise nun einmal das geheiligte Holz in den Brand geraten. Was sollen wir nun tun?
GS|2|22|7|0|Ich sage euch: Prüfe sich ein jedes, Mann oder Weib, wie sein Gemüt vor Gott dem Allmächtigen beschaffen ist. Wer aus euch allen hat den Mut, das allerhöchste Wesen Gottes zu erfassen mit seiner Liebe? Wer vermag alles niederzulegen vor dem Altar und nichts zu behalten denn allein die Liebe seines Herzens zu dem allmächtig ewig großen Gott, der trete hervor und versuche zu lesen, was die Flamme zeigt. Fürwahr, wer solches zu tun wird imstande sein, der hat einen großen Weg vor sich, einen Weg von der größten Freiheit bis zur niedrigsten Knechtschaft, einen Weg von diesem vollkommenen Leben durch den Tod, einen Weg von diesem höchsten Lichtgrad in die größte Nacht und durch dieselbe, einen Weg von der größten Seligkeit und Wonne, die wir alle empfinden, in die größte Trübsal, in das größte Elend und in die größte Not, einen Weg von unserem ununterbrochenen Wohlbefinden in und durch einen unerträglichen Schmerz, um auf diesem Weg unsicher zu gelangen in einer nirgends bestimmten Zeit zur Wohnung Gottes. Wohl dem, der diese Wohnung je erreichen kann, wer da werden kann ein Kind Gottes!
GS|2|22|8|0|Aber welch ein Weg dazu! Leichter wäre es, unsere Welt, so endlos groß sie auch sein mag, auszuforschen, als zu erreichen dieses allerhöchste Ziel.
GS|2|22|9|0|So viel konnte ich euch allen im Voraus sagen; wer aber den Mut hat, dem sei dadurch der Weg nicht abgeschnitten, denn wo der Herr, der Allmächtige, das eine tut, da wird Er auch das andere tun.
GS|2|22|10|0|Nun seht, also hat unser Ältester gesprochen. Mit großer Sachkenntnis und tiefer Weisheit hat er seine Worte geführt; daher wollen wir nun achtgeben, welchen Effekt sie bei seinen Kindern und Kindeskindern hervorgebracht haben. Meint ihr wohl, dass sich bei seiner abschreckenden Reisebeschreibung jemand entschließen wird, der den Weg zur Wohnstätte Gottes antreten möchte?
GS|2|22|11|0|Seht, kein männlich Wesen will sich diesmal hervortun; aber dort seht, ein gar wundersam schönes weibliches Wesen tritt hervor und spricht zum Ältesten: Zeuger meines Lebens durch die Kraft Gottes in dir! Meine Brust schwillt auf vor mächtiger Liebe zu dem einigen Gott, ohne dessen einmal mögliche sichtbare Gegenwart sich nie eine vollkommene Seligkeit denken lässt. Ich möchte zu Ihm, und möchte sein eine allergeringste Magd in einem Seiner kleinsten Häuser, deren Er sicher in endloser Zahl haben wird. Mich schreckt der Weg nicht ab; wo und wie er zu finden ist, wird mir die Flamme weisen. Habe ich da die Gewissheit eingeholt, da lass mich denn auch ziehen nach dem Wink des mächtigen Propheten, der da zu allem Volk dieser endlos großen Welt geredet im Namen und in der Kraft des allmächtigen Gottes!
GS|2|22|12|0|Der Älteste spricht: So denn trete hierher vor mich und kehre dein Angesicht zur Flamme und lies, was sie zu dir spricht. – Das weibliche Wesen tritt hin vor den Ältesten und liest aus der Flamme: Dein Gott und dein Herr ist ein Gott voll Liebe und Erbarmung und wird dir geben zu tragen ein sanftes Joch und eine leichte Bürde. Sei demütig in deinem Herzen; vergiss dieser Welt große Pracht und empfiehl dich dem allmächtigen Schutz des großen Gottes! Er wird dich Selbst unsichtbar auf Seinen eigenen Händen tragen durch ein kurzes materielles Leben bis zu Seiner Wohnung, allda du überkommen wirst die große Kindschaft und wirst leben ewig in des allmächtigen göttlichen Vaters Haus. Hast du Mut in deiner Liebe zu diesem großen Gott, so lege deine Hand auf den Altar!
GS|2|22|13|0|Der Älteste spricht: Nun, meine Tochter, du hast die Bedingung der großen Gnade Gottes gelesen; was willst du nun tun? – Die Tochter spricht: Ich will nach meiner stets mächtiger werdenden Liebe zu meinem und zu deinem Gott, und werde ich dort sein, so will ich deiner gedenken, wenn es des Herrn Wille sein wird, auf dass auch du mit noch vielen anderen mir folgen möchtest. Ich weiß wohl, dass auch diese Welt herrlich ist, und dass wir mit den reinen Geistern, die da einen feineren Leib angenommen haben als da ist der unsrige, allzeit Gesellschaft pflegen können. Wir können erschauen mit leichter Mühe ihre hohe Seligkeit, und diese ist von der Art, dass sie uns die Seligkeit des natürlichen Lebens nicht trübt; denn viel haben die seligen Geister dieser Welt fürwahr nicht vor uns, außer dass sie sich nach ihrem Willen erheben können und machen schnellere Bewegungen, als wir sie im natürlichen Zustand zu machen imstande sind, indem wir uns nicht erheben können gleich ihnen, hoch empor in die Räume des starken Lichtes.
GS|2|22|14|0|Nun aber bedenke, was es dagegen sagen will, ein Kind Gottes zu heißen und zu sein, welches mit einem Blick mehr erschaut, als wir in zahllosen großen Zeitabstechern. Darum will ich denn auch meine Hand auf den Altar legen!
GS|2|22|15|0|Seht, diese Tochter legt ihre Hand auf den Altar, und sie ist nicht mehr zu erschauen unter der Gesellschaft. Was aber wird nun die Gesellschaft tun? Das wollen wir bei der nächsten Gelegenheit betrachten!
GS|2|23|1|1|Die weise Rede des Ältesten über geweckte und gewöhnliche Menschen
GS|2|23|1|1|(Am 9. Juni 1843 von 5 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|23|1|0|Seht, soeben tritt wieder unser Ältester hervor und spricht zu all den Anwesenden: Meine geliebten Kinder und Kindeskinder! Ihr wisst, woher wir diejenigen Steine nehmen, welche als selbstleuchtende Sterne gar köstlich eingelegt sind in die anderen kostbaren Bausteine. Es ist der Grund der großen Gewässer, welche gar tief sind, aus dem sie unsere wohlgeübten Wassertaucher holen. Also ist alles Herrliche, Große und Kostbare in schwer zugänglichen Tiefen verborgen; also sind auch wir oberflächlich wohl befähigt für tiefe Weisheit von Gott dem Allmächtigen erschaffen.
GS|2|23|2|0|Da wir einmal da sind, so empfinden wir unser Dasein unter gar keinen Schwierigkeiten; es lässt sich so ganz leicht in einem Zuge hindurch leben. Wollen wir aber die in uns vorhandenen Fähigkeiten beleben, wollen wir in die Tiefe der Weisheit dringen, dann wird das Leben kein Scherz mehr, sondern es unterliegt dann einem großen Ernst und einem angestrengten Forschen nach dem, was der göttlichen Weisheit entspricht.
GS|2|23|3|0|Menschen, die den großen Schatz in der Tiefe ihres Lebensmeeres gefunden haben, werden dann ebenfalls wie das Meer selbst. Sie sind ihrem Außen nach wogend gleich anderen Menschen, und dieses Wogen spricht sich in mannigfacher weiser Tätigkeit aus.
GS|2|23|4|0|Der Unterschied zwischen der wogenden Tätigkeit geweckter und gewöhnlicher Menschen besteht darin, dass der in sich selbst Geweckte tut und handelt nach dem in ihm vorgefundenen ewigen Gesetz der göttlichen Ordnung. Der gewöhnliche Mensch aber handelt nach den von außen her gegebenen Gesetzen, welche da entstammen dem lebendigen Gesetz derer, die da in sich gefunden haben die innere Weisheit, welche in sie gelegt hat vom Urgrund schon die allerhöchste Weisheit des Schöpfers.
GS|2|23|5|0|Wenn aber demnach zwischen den selbst geweckten und den bloß äußerlich nachahmenden Menschen beinahe gar kein wesentlicher Unterschied zu erkennen ist, wie kann man demnach erforschen und aus der Erfahrung klar werdend sagen: Siehe, das ist ein Selbstgeweckter und das nur ein bloß äußerer Nachahmer?
GS|2|23|6|0|Meine geliebten Kinder und Kindeskinder! Seht alle hin auf den Altar, allda noch die geheiligte Flamme lodert. Welcher aus euch hatte wohl Mut, nach dem Vernehmen der Bedingungen zur Erlangung der Kindschaft Gottes seine Hand zu legen auf den Altar?
GS|2|23|7|0|Als ich euch die Anforderungen aus meiner Weisheit gezeigt hatte, da bebtet ihr alle, und ein jeder schauderte vom Altar der Umwandlung zur Kindschaft Gottes zurück. Aber eine Jungfrau – welche wohl die schlichteste in diesem meinem Palast war, so dass da niemand aus uns allen ahnen mochte, dass in eben diesem gar schlichten jungfräulichen Wesen eine so tiefe Weisheit als vollkommen geweckt zugrunde lag (ihr Werk bürgt uns dafür) – zeigte uns allen, wie diejenigen Menschen geartet sind und sein sollen, in denen die innere Weisheit geweckt ist durch die stille Selbsttätigkeit und Selbstforschung des eigenen Geistes.
GS|2|23|8|0|Wir sind Bewohner dieses Hauptpalastes, tiefe und innere Weisheit soll uns darob auszeichnen vor allen anderen gewöhnlichen Menschen; wie aber steht es mit unserer männlichen Weisheit, wenn sie zuschanden ward vor einer schwachen Jungfrau? Ja, wie steht es dann mit unserer Weisheit, wenn in den Wohnhäusern untergeordneter Menschen sich ebenfalls so beherzte Weise vorfinden sollten, die da Mut genug besitzen – in aller Demut und Liebe zu Gott – ihre Hände auf den Altar Gottes zu legen?
GS|2|23|9|0|Ihr zuckt mit den Achseln und macht mit dem Kopf und mit den Augen eine zweideutige Bewegung, ich aber sage euch: Fürwahr, unsere Weisheit ist gleich dem Schaum des Meeres, dessen Blasen auf ihrer Oberfläche zwar auch ein schönes Farbenspiel schillern lassen; aber man darf so eine schillernde Blase nur anhauchen und sie ist samt ihrem Farbenspiel wie aus dem Dasein völlig verschwunden.
GS|2|23|10|0|Die Weisheit solcher aber, die da gleichen der Jungfrau hier, die Mut genug besaß, um zu legen ihre Hand auf den Altar, ist gleich demjenigen herrlichen Gestein im tiefen Grund des Meeres, mit welchem wir wohl das Gemäuer unserer Wohnung in Sternenform zieren und legen in die Figuration der Sterne des Propheten Worte. Wir selbst aber sind kaum gleich den flachen Bausteinen, deren Oberfläche, aber nicht deren Inneres, mit den strahlenden Steinen beschrieben ist.
GS|2|23|11|0|Wer aus euch kann diesen meinen Ausspruch wohl werktätig widerlegen? Wer hat aus euch noch Mut, seine Hand zu legen auf den Altar, allda noch die Flamme lodert? Ich sehe keinen aus euch sich erheben und hervortreten, sondern ihr alle zieht euch zurück, und niemand aus euch erwidert mir etwas.
GS|2|23|12|0|Was sollen wir denn tun, da noch die Flamme lodert? Ich will euch einen Rat geben und dieser lautet also: Fallt alle nieder auf eure Angesichter vor dem Altar Gottes, lobt und preist den allmächtigen Gott, damit Er uns alle wenigstens insoweit tiefer erwecken möchte, dass wir dadurch wenigstens das erkennen möchten in der Tiefe unseres Lebens, wie viel uns noch abgeht, um zu werden, was da geworden ist unsere Schwester, unsere weise Jungfrau.
GS|2|23|13|0|Und sollten wir auch nimmer den hohen Mut überkommen, zu legen unsere Hände auf den Altar, so aber bitten wir doch Gott, den Allmächtigen, Er möchte uns wenigstens auf dieser Welt insoweit durch Seine unendliche Weisheit beleben, dass wir dann allzeit als wahrhaft weise Vorbilder denen vorwandeln könnten, die in großen Volksmengen diesem unserem Hauptpalast allzeit untertänig sind, und sich’s für das größte Glück schätzen, von diesem Hauptpalast aus irgendeine Begünstigung oder gar eine Braut zu überkommen. Und wir sind, wie es sich jetzt gezeigt hat, bei aller unserer sonstigen Weisheit dumm genug und geben, wenn es sich um eine Braut handelt, sicher allzeit die Weiseste her; während wir in der Meinung sind, gerade diejenige herzugeben, welche für unseren Palast am wenigsten taugt. Ist es aber auch recht, dass wir so tun?
GS|2|23|14|0|Ich sage: In Hinsicht dessen, wie wir es tun, ist es unrecht; aber in Hinsicht dessen, wie der allmächtige Gott Himmels und der Erde Sich auch unsere Dummheit zinspflichtig machen kann, ist es vollkommen recht, was da geschieht, und ganz besonders bei solchen Brautgaben, wenn unsere Dummheit hinters Licht geführt wird und der allweise Gott eine Blume aus unserem Hauptpalast hinwegnimmt, deren eben dieser unser Palast nicht wert ist, also wie wir selbst es nicht wert sind, dass da diese heilige Flamme noch in gleicher Stärke fortlodert auf dem Altar Gottes.
GS|2|23|15|0|Wie sehr ich aber in dieser meiner Rede an euch alle recht oder unrecht habe, dafür spricht sehr gewaltig die große außerordentliche Wunderpracht dieser unserer großen Patriarchalwohnung.
GS|2|23|16|0|Sagt mir, wer aus uns hat wohl je einen Stein herbeigeschafft und wer je einen Bauplan entworfen? Seht, das alles ist ein Werk derjenigen Menschen in der flachen Ebene drunten, welche uns, d. h. unserer sein sollenden tiefen Weisheit liebewillig untertänig sind. Wenn aber solches unleugbar der Fall ist, so ist es [dem] gegenüber aber auch klar, dass in der tiefen Flachheit unserer großen Landschaften es Menschen gibt, denen wir nicht würdig sind, ins Angesicht zu blicken.
GS|2|23|17|0|Wenn demnach aber solche Menschen sich durch die Verdienste ihrer Weisheit unserem Palast nähern, um sich zu erwerben eine bessere Braut, ist es dann nicht vollkommen recht und allerbilligst, dass ihnen eben die Allerwürdigste zuteilwird? Ja, meine lieben Kinder und Kindeskinder, was Gott der Allmächtige tut, das allein ist wohlgetan; und also ist es ums Unvergleichliche besser, dass wir unsere Töchter den Freunden Gottes geben zu ihrer Freude, als dass wir sie ihnen vorenthalten und sie behalten für unsere eigene große Dummheit.
GS|2|23|18|0|Und so denn fallt samt mir nieder vor dem Altar und bittet um so viel Weisheit, dass ihr euch nicht heimlich schämen müsst vor denen, die vor uns gering sein wollen. Und in der Flamme werden wir dann gar deutlich lesen, was uns zu tun übrigbleibt, um zu erreichen dasjenige von Gott, das uns mehr frommen soll, denn unsere Dummheit. Also geschehe es, Amen!
GS|2|24|1|1|Verstandesmensch und Gemütsmensch
GS|2|24|1|1|(Am 10. Juni 1843 von 4 1/2 – 6 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|24|1|0|Nun seht, die ganze zahlreiche Inwohnerschaft dieses Hauptpalastes fällt in einem Kreis auf ihr Angesicht vor dem Altar, auf welchem noch die Flamme lodert. Auch der Älteste verabsäumt nicht, solches zu tun.
GS|2|24|2|0|Ihr möchtet wohl wissen, wie solche Menschen nun beten? Solche Menschen beten in ihrer Art also, wie ihr da betet in eurer Art. Sie beten zu Gott, dem allerhöchsten Herrn Himmels und der Erde. Ihr Gebet ist eine Bitte, welcher der lebendige Wunsch innewohnt, dass ihnen der Herr das geben möchte, um was sie Ihn bitten. Ihr betet nach eurer Art, wohlgemerkt, wenn ihr wahrhaft betet, in eurem Herzen, und begleitet euer Gebet ebenfalls mit dem Wunsch des Erhörens eurer Bitte, in welcher eigentlich das Gebet besteht.
GS|2|24|3|0|Bei diesen Menschen aber ist das Gebet mehr ein Gebärdengebet, denn ein inneres Herzensgebet; es ist ungefähr dasselbe, als so ihr arbeitet mit eurem Verstand und gebärdet euch dabei unwillkürlich nach der Art eurer Gedanken. Also ist das Gebet dieser Menschen kein Gefühlsgebet, welches aus dem Herzen kommt, sondern ein Verstandesgebet, welches aus den Gedanken der Seele im Kopf herkommt. Die Menschen überlegen in dieser Stellung ein jeder nach dem Grad seiner Weisheit, was da wohl das Klügere wäre.
GS|2|24|4|0|Ihre Stellung dabei beurkundet nicht, wie bei euch, eine gewisse demütige und zerknirschte Andacht des Herzens, sondern es ist nur ein Zeichen, dass sie in diesem Zustand sich gegenseitig nicht im Geringsten stören sollen. Ein jeder überlegt ungestört bei sich das Klügere mit dem Wunsch, dass Gott der Allmächtige dasselbe möchte geschehen lassen. Hat jemand nach seiner Art den weisesten Punkt gefunden, so mag er für sich dann auch ganz ruhig wieder aufstehen und dann lesen in der Flamme, inwiefern sein Weisheitspunkt in der Schrift der Flamme sich wiederfinden lässt. Lässt er sich finden, so bleibt der aufgestandene Beter schon stehen. Lässt sich aber sein Weisheitspunkt in der Flamme nicht finden, so legt sich der Beter sogleich wieder auf sein Angesicht nieder und betet oder denkt vielmehr weiter nach, was in seiner Sphäre wohl das Klügste sein dürfte.
GS|2|24|5|0|Seht, das ist das Gebet im Allgemeinen bei den Menschen dieses Weltkörpers; ganz besonders aber derjenigen, welche den Patriarchalhäusern angehören. Ihr sagt hier freilich wohl: Warum wenden sich denn diese Menschen nicht lieber an den Herrn, auf dass Er ihnen zeigte die rechte Klugheit? Denn das müssen sie doch einsehen, dass der Herr endlos weiser ist denn all ihr Verstand, und dass Er ihnen auch das sicher geben kann und wird, um was sie Ihn bitten.
GS|2|24|6|0|Ich sage euch: Solches ist wohl richtig gedacht, insofern jemand die großen Weltverhältnisse nicht kennt, aber wenn jemand diese kennt, so wird er allenthalben die heilige Ordnung des Herrn erkennen und wird sagen, dass auch diese Menschen in ihrer Art vor Gott vollkommen gültig beten, weil so zu beten ihre Ordnung ist.
GS|2|24|7|0|Warum denn aber? Die Ursache wird sich gar leicht darstellen lassen; und so hört denn!
GS|2|24|8|0|Diese Menschen erkennen und sagen: Wenn wir uns zu Gott kehrten darum, dass Er uns gebe eine wahre Klugheit, so würden wir dadurch Gott einen Vorwurf machen und einen großen Schimpf antun, denn wir würden dadurch ja vor Gott die Behauptung aufstellen, als hätte Er als der Allerweiseste und Allergerechteste uns trügen wollen, und müssen wir daher die Klugheit, welche der Herr Gott Himmels und der Erde (die Bewohner dieses Weltkörpers wie jedes andern nennen ihre Unterlage ebenso gut Erde wie ihr die eurige) in uns gelegt hat, in hohen Ehren halten und sie benutzen nach Seiner Ordnung. Wenn wir diese Klugheit in uns werden verbraucht haben und sehen dann das Bedürfnis nach einer höheren Klugheit ein, so erst steht uns zu, Gott zu bitten um das, was uns mangelt, indem wir es verbraucht haben.
GS|2|24|9|0|Seht, in dieser Ordnung stehen die Menschen dieses Weltkörpers und beten auch danach. Wem entsprechen sie aber in dem Wesen des Menschen? Sie entsprechen, nachdem sie Bewohner einer Zentralsonne sind, dem Gehirn; freilich wohl nur einem einzelnen Nerv in selbem, welcher Nerv zunächst dem Ausläufer des Sehnervs ziemlich nahe an der Gehirnhaut liegt. Darum denn ist auch ihre Art und ihre Ordnung diese, dass sie zumeist mit dem, was sie haben, vollkommen zufrieden sind; ungefähr auf diese Weise, wie die Verstandesmenschen bei euch auch mit nichts so sehr zufrieden sind, wie mit ihrem Verstand, indem ein jeder glaubt, den besten zu haben, und oft, je weniger Verstand jemand besitzt, er desto zufriedener mit demselben ist.
GS|2|24|10|0|Ganz anders verhält es sich freilich wohl mit dem Gefühlsmenschen, der in seinem Herzen denkt. Dieser erkennt, dass alles menschliche Verstandeswissen ein pures Stückwerk ist, und dass derjenige Mensch der verständigste ist und der weiseste, der es dahin gebracht hat, dass er in seiner Demut sagen kann: Ich weiß nichts; denn all mein Wissen wiegt nicht ein Sonnenstäubchen gegen die unendliche Weisheit Gottes auf. Ein solcher Mensch hat dann erst den wahren Weisheitshunger überkommen, welcher ihn die große Speisekammer erst wird auffinden lassen, welche der Herr so überreichlich ausgestattet hat.
GS|2|24|11|0|Gibt es aber nicht auch in dieser unserer Zentralsonnenwelt ähnliche Menschen? O ja, wir haben bereits zwei gesehen, und das sind diejenigen, welche da ihre Hände auf den Altar gelegt haben. Denn die Hand auf den Altar legen besagt eben solches, dass da ein Mensch seine große Armut in sich aufgefunden hat, neben ihr aber auch ein hellschimmerndes Lämpchen, das da steht vor einer beschriebenen Tafel im eigenen Herzen, auf welcher mit deutlich leserlicher Schrift geschrieben steht:
GS|2|24|12|0|„Unsterblicher Geist! Demütige dich in deiner Hoheit; entzünde dich in deiner Liebe zu Gott und kehre also zu Ihm, der dich erschaffen hatte, zurück. Alldort im großen Vaterhaus wirst du es in endloser Fülle finden, was dir hier so sehr gebricht!“
GS|2|24|13|0|Und seht nun, wenn jemand aus diesen Menschen solches alles in sich gefunden hat, dann wird er ein stiller Weiser und trachtet nach nichts anderem sehnlicher, als zu gelangen auf den Weg, der da führt nach jenem Ziel, das er gefunden hat auf der erleuchteten Tafel in seinem Herzen. Es hat zwar ein jeder Mensch dieses Weltkörpers ein solches Täfelchen in sich; aber nicht ein jeder lässt das schimmernde Lämpchen vor demselben leuchten, sondern versetzt das Lämpchen zuallermeist in die Mitte seines Gehirns. Daher es denn auch kommt, dass aus den zahllos vielen Bewohnern dieses Weltkörpers nur gar wenige dahin gelangen, dass sie legen möchten ihre Hand auf den Altar.
GS|2|24|14|0|Aber wenn ihr einen Blick auf eure Erde zurückwerft, so werdet ihr nahe dasselbe Verhältnis ohne angestrengtes Suchen mit leichter Mühe finden. Denkt nur an das Wort des Herrn, indem Er sagte: „Viele sind berufen, aber wenige auserwählt.“ – Und ihr werdet die Auserwählten eines bedeutenden Ortes sehr leicht auf den Fingern abzählen können.
GS|2|24|15|0|Worin aber liegt der Grund? Weil niemand oder aus den vielen nur höchst wenige sich die Worte des Herrn gefallen lassen, welche da lauten: „Verleugne dich selbst, nehme das Kreuz auf deine Schulter und folge Mir nach!“
GS|2|24|16|0|Den Menschen auf dieser Zentralsonnenwelt ist freilich wohl diese endlose Gnade nicht zuteilgeworden, dass ihnen der Herr Selbst den geraden und nächsten Weg mit eigenem heiligem Mund gelehrt und gezeigt und ihnen auf diese Weise nicht nur ein schimmerndes Lämpchen, sondern eine ganze Zentralsonne vor ihr Täfelchen hingestellt hätte, aber dessen ungeachtet stehen sie nicht außer der Möglichkeit, das Täfelchen des ewigen Lebens in ihren Herzen zu finden und danach ihr Leben einzurichten. Dazu leben sie auch lange genug, um das in sich zu gewärtigen; – denn es gibt allda Menschen, die so alt sind wie ein halbes Menschengeschlecht auf eurer Erde. Zudem sind sogar die Geisterseelen der Abgestorbenen, wenn sie es wollen, derselben Übersiedlung fähig, als wie sie es waren bei ihren Leibesleben, zwischen welchen beiden Leben bei den Menschen dieser Welt ohnehin kein gar zu bedeutender Unterschied obwaltet, indem sie sich allzeit sehen und sprechen können, so oft sie solches nur wollen.
GS|2|24|17|0|Wir aber haben nun auch genug, um die Art des Betens dieser Menschen einzusehen; unsere Beter haben sich bereits erhoben um den Altar, und wir wollen darum ihrem ferneren Benehmen noch eine kurze Aufmerksamkeit spenden und uns sodann wieder weiterbegeben auf dieser unserer Welt.
GS|2|25|1|1|Unterschied zwischen Kindern der Sonne und Kindern Gottes
GS|2|25|1|1|(Am 12. Juni 1843 von 4 1/2 – 6 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|25|1|0|Unser Ältester erhebt wieder seinen Stab und öffnet seinen Mund. Was wird er nun wohl sprechen zu seinen Kindern? Selbstanhören wird auf diese Frage die beste Antwort geben; und so hören wir denn, wie er spricht. Seine Worte lauten:
GS|2|25|2|0|Meine lieben Kinder und Kindeskinder! Ihr habt euch versammelt vor dem Altar, auf dem noch die Flamme Gottes lodert. Ein würdig Lob habt ihr dem Allmächtigen dargebracht; darum spricht der Geist Gottes aus der Flamme zu uns:
GS|2|25|3|0|Dem Großen bin Ich groß, dem Kleinen klein, dem Starken stark und dem Schwachen schwach; aber in dieser Schwäche ruht eine geheime Stärke, welche mächtiger ist als alle Pracht der Großen. Wer barmherzig ist, dem bin Ich barmherzig; wer Gutes tut, dem soll Gutes getan werden. Dem Herrn bin Ich ein Herr; aber dem Diener ein Knecht. Der Weise mag nicht mit Meinem Licht spielen; aber dem Einfältigen soll alle Flur Meiner göttlichen Fülle offenstehen. Der da ist voll Verstand, für den wohne Ich im unzugänglichen Licht; aber mit dem Törichten vor der Welt und ihrem Glanz will Ich wie ein Bruder einhergehen. Die Kinder der Sonne haben große Macht, ihr Hauch ist stärker, denn der kleinen Erdkörper größter Sturm, und vor ihren Gedanken beugt sich ihre Welt und treibt neue Flammen aus ihren weiten Triften. Die aber Meine Kinder sind und sein wollen, müssen schwach sein, und ihre Schwäche muss erst eine Kraft werden in Mir. Die Kinder der Sonne mögen Mich anbeten in ihrem Licht; aber Meine Kinder beten Mich an in ihrem Feuer. Die Kinder der Sonne sind, was sie sind; aber Meine Kinder dürfen nicht bleiben, was sie sind, sondern sie müssen verzehrt werden, damit sie in ihrer Verrichtung [Vernichtung] das erst werden, was sie sein sollen.
GS|2|25|4|0|Was wollt ihr Kinder der Sonne? Ihr habt euren gut gemessenen Teil; wollt ihr mehr, soll euch auch mehr gegeben sein; wollt ihr eine größere Seligkeit, wie könnt ihr wohl mehr verlangen, als was euch wird nach eurer Erkenntnis und nach eurem Wollen? Wollt ihr aber Meine Kinder werden, da müsst ihr nicht gewinnen, sondern nur alles verlieren wollen. Denn wie euer Los als Kinder der Sonne ein solches ist, dass ihr euch schmücken könnt mit ewig wachsenden Schätzen und Reichtümern, so ist andererseits das Los Meiner Kinder, stets ärmer zu werden, und das insoweit, dass sie nicht einmal das eigene Leben als ihnen eigen betrachten dürfen. Und ihre Liebe, welche der Grund ihres Lebens ist, müssen sie stets bereit sein, zahllosen Brüdern zu spenden.
GS|2|25|5|0|Was ihr besitzt, ist euch gegeben zum ewigen, unumschränkten Eigentum; Meine Kinder aber dürfen nichts besitzen, nicht einmal einen eigenen Tisch führen, sondern alles, was ihnen nottut, haben sie nirgends denn bei Mir in Meinem Haus zu nehmen. Ihr seid mächtige Herren eurer Welt; Meine Kinder aber müssen sein arme Knechte, sie müssen arbeiten mit ihren Händen. Wenn sie sich aber etwas erarbeitet haben, da dürfen sie es nicht behalten als ein Eigentum, sondern es sobald einbringen in Mein Haus, allda Ich es dann erst jedem gebe, was er liebegerechtermaßen notwendig bedarf. Ihr wohnt in Palästen, die an Glanz und großer Pracht alles Erdenkliche überbieten; Meine Kinder aber müssen Hütten bewohnen, vor deren Niedrigkeit und gänzlicher Glanzlosigkeit euch schaudern würde. Aber Meine Kinder sind dennoch Meine Kinder und sind bei Mir allzeit, und tun allzeit nach Meinem Willen, welcher endlos mächtig ist den Mächtigen, aber auch endlos sanft den Kleinen und Schwachen.
GS|2|25|6|0|Wollt ihr Meine Kinder werden, so müsst ihr solches bedenken und alle Vorteile eures Lebens auf ewig fahren lassen. Selbst euer Leben mit seinem klarsten Bewusstsein muss Mir geopfert werden; nichts dürft ihr behalten als eure gänzlich ausgeleerte Wesenheit. Denn so, wie ihr seid, seid ihr wohl auch Gefäße des Lebens, welches ausgeht aus Meinem Licht; aber als Meine Kinder müsst ihr zur Wohnstätte Meines eigenen ewigen Geistes werden, und dieser kann nicht wohnen in der Flüchtigkeit eures Lichtes, sondern nur in der großen Festigkeit, welche gediegen genug ist, um zu widerstehen dem allmächtigen Feuer Meines eigenen ewigen Liebelebens.
GS|2|25|7|0|Euch ziert ein mächtiger Willensstab, und wenn ihr ihn erhebt, da bebt eure große Welt unter der großen Zwangsmacht eures Willens; Meine Kinder aber müssen ein schweres Querholz auf ihre Schultern lagern, welches sie zu Boden drückt und ihnen gibt den Tod, über welchen ihre kleine Welt mächtig jubelt. Erst aus diesem Tod können sie erstehen, werden Mir gleich, und tun dann was Ich tue; nicht aber um zu herrschen gleich euch, sondern um zu dienen allen mit der größten Liebe, Sanftmut und vollsten Ergebung in Meinen Willen. Meint ihr, dies ist etwas Geringes, sich zu ergeben ganz in Meinen Willen? Hört und vernehmt es!
GS|2|25|8|0|Sich zu ergeben vollkommen in Meinen Willen will mehr sagen, als so jemand aus euch die ganze unendliche Schöpfung in seine Faust fassen möchte und spielen damit wie mit kleinsten Sandbröckelchen. Ja es will mehr gesagt haben, als so ihr hinginget an jene weiten Triften eurer Welt, allda aus unermesslich weiten Klüften die allerhöchste Glühkraft der Flammen unaufhörlich wütet und möchte sich einer allda hinabstürzen in den Krater und in sich schlürfen mit einem Zuge die endlos wütende Glut- und Flammenmasse. Und dennoch müssen Meine Kinder Meinen unendlich ewig mächtigen Willen bis auf den letzten Tropfen vollkommen in sich aufnehmen, bevor sie vollkommen Meine Kinder werden können.
GS|2|25|9|0|Ihr beurteilt und kennt die unendliche Macht Meines Willens; wer aus euch kann sich Meinem Willen gegenüberstellen und sagen: Herr! lass mich kämpfen mit Dir? – Wird nicht ein leisestes Fünklein ihn sobald vernichten, als wäre er nie dagewesen? Ja, ein leisestes Fünklein Meines Willens reicht hin, zahllose Sonnenwelten ins Nichts zu wandeln, als da ist diese, die ihr bewohnt.
GS|2|25|10|0|Wenn ihr aber solches nach euerer Beurteilung klärlichst erschaut, was wohl werdet ihr dazu sagen, so Ich es euch aus Meinem Feuer kundgebe, dass es eine Aufgabe ist und eine unerlässliche Bedingung, dass sich Meine Kinder Meinen Willen müssen vollkommen untertan machen? Um aber diese für euch unaussprechlich große Aufgabe zu lösen, müssen Meine Kinder oder diejenigen, welche Meine Kinder werden wollen, in ihrer Freiheitsprobeperiode fortwährend die Last Meines Willens tragen lernen und müssen sich durch das Feuer Meines Eifers unter vieler Angst und Qual gänzlich verzehren lassen, damit sie dadurch dem endlosen ewigen Feuer Meines Willens für ewig verwandt werden. Und gar viele, welche diese Probe in ihrer gesonderten Freiheitsperiode nicht bestanden haben, werden sich dann nach ihrer Umänderung gefallen lassen müssen, für euch undenklich lange Zeitperioden sich im Feuer Meines Willens zu reinigen, und sich dasselbe mit schwerster Mühe angewöhnen, bevor sie zur größten Geringheit unter Meine vollkommenen Kinder werden können aufgenommen werden.
GS|2|25|11|0|Was wollt ihr nun? Wollt ihr bleiben, oder wollt ihr im Ernst Meine Kinder werden? Seht, noch lodert der kleine Funke Meines Willens am Altar. Wollt ihr bleiben, so bleibt, wollt ihr aber zur Kindschaft gelangen, so legt eure Hände auf den Altar! –
GS|2|25|12|0|Seht, also hat unser Ältester aus der Flamme allen vorgelesen. Was aber sprechen nun die Kinder auf diese Vorlesung? Sie sprechen: Großer Gott! Es muss freilich wohl etwas Unendliches sein, ein Kind von Dir zu werden, aber wenn Dein Wille noch heftiger ist, als die endlose Glut, welche unsere Welt trägt in ihren weiten Schlünden, wer mag demnach solche ertragen und leben dabei? Daher lass uns bleiben, was wir sind, und lass Dir allzeit ein Opfer bringen von unserer Weisheit! Nehme daher die Schreckensflamme auf Deinem Altar wieder zurück und lass uns ziehen und leben in unserem Frieden!
GS|2|25|13|0|Aus der Flamme ertönt nun ein Wort: Also geschehe nach eurem Wollen. Dennoch aber soll allzeit das Holz auf dem Altar liegen; denn Ich will die Wege erhalten, auf denen Meine große Liebe und Erbarmung wandelt.
GS|2|25|14|0|Wisst aber, dass es bei Mir ein Leichtes ist, das euch schwer dünkt, und etwas Hartes, was euch leicht dünkt. Euch ist zwar lieber eure herrschende Freiheit, aber Ich habe dennoch allein nur Mein Wohlgefallen an der Einfalt und dienlichen untergeordneten Knechtschaft Meiner Kinder; denn es gibt keinen Herrn, dem da ein anderer Herr lieber wäre denn sein eigener Knecht, der ihm allzeit ist ein getreuester Diener. Daher gibt der eine Herr dem anderen nur den bedungenen Pflichtteil; aber der Knecht wird belohnt von seinem Herrn. Meine Kinder aber sind auch Meine Knechte; daher haben sie auch Meinen Lohn als Knechte und Mein Erbe als Kinder! Solches bedenkt allzeit; und wenn einmal wieder das neue Holz auf eurem Altar wird zu flammen anfangen, so bedenkt, dass ein Vater besser ist als ein Herr! Nun aber zieht in euren Frieden, und die Flamme Meines Willens erlösche, damit der eure herrsche auf eurer Welt! Jedoch bis hin nur zu jenen Gebieten, da Mein Wille lodert aus endlosen Tiefen heraus; dahin wage sich keiner. Denn nur der fruchtbare Boden bleibe euch untertan; aber die Flamme sei Mein. Amen!
GS|2|25|15|0|Nun seht, die Flamme am Altar ist erloschen. Der Älteste senkt seinen Stab, und die gesamte Bevölkerung dieses Palastes zieht hinaus ins Freie, um sich nach dieser großartigen Lektion neu zu stärken. Wir aber ziehen auch wieder hinaus, und von da fürbass zu einem anderen Ort.
GS|2|26|1|1|Beschreibung einer Zentralsonne und ihrer Sonnenkreisgebiete
GS|2|26|1|1|(Am 16. Juni 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|26|1|0|Da wären wir nun schon wieder auf unserem wohlbekannten Prachtplateau; seht, es hat sich noch nicht verändert. Ihr möchtet gern die vor uns hinausgewanderten Bewohner dieses Palastes sehen, wo sie sich denn nun aufhalten. Geht nur auf den Rand des Plateaus, und ihr werdet die schönen Bewohner gar bald erschauen, wie sie sich vergnügen, einige in den euch bekannten Rundgalerien, einige auf den Triumphbogen über unserer bekannten Treppe; und da seht, eine ganze Legion schwärmt schon unten am Kanal herum.
GS|2|26|2|0|Ihr fragt, wie so schnell sich diese Menschen allorts hin verfügen können? Ich aber sage euch, dass solches hier gar leicht möglich ist. Fürs Erste sind ihre Leiber viel leichter denn die eurigen auf der Erde; dazu ist meist allen Sonnenbewohnern eine bedeutende Willenskraft eigen, der zufolge sie so manches ausführen können, was da den Erdbewohnern sicher unmöglich ist. Und so können sie sich denn auch über ihrem Weltboden mit einer bedeutend größeren Schnelligkeit bewegen, als es euch begreiflich ist.
GS|2|26|3|0|Diese Eigenschaft ist aber für die Bewohner einer Welt von solch immenser Größe auch von großer Notwendigkeit, denn wenn sie sich nur so schnell wie ihr auf der Erde bewegen würden, was würden sie da wohl ausrichten bei so manchen Gebietsbereisungen, allda oft ein einzelnes Kreisgebiet, wie das da ist dieses Palastes, einen größeren Flächenraum hat, als wie groß da ist der hunderttausendfache Flächenraum eures Erdkörpers. Zentralsonnenkörper unterscheiden sich dadurch von den Planetarsonnen, dass sie nicht so wie diese bewohnbare Gürtel haben, sondern nur bewohnbare große Gebiete, die man allenfalls Oasen nennen könnte. Wie viel solcher Oasen auf einer Zentralsonne vorkommen, deren Umfang mehrere Billionen Meilen eures Maßes beträgt, dürfte sich verständlicherweise kaum bestimmen lassen, aber so viel könnt ihr mit Sicherheit annehmen, als es da gibt in solch einem Sonnengebiet Planetarsonnen und Planeten um dieselben, welche Planetarsonnen mit ihren Planeten freilich wohl allesamt und sämtlich zu dieser einen Zentralsonne halten müssen.
GS|2|26|4|0|Sind diese übergroßen Kreisgebiete, deren es also eine Unzahl gibt, voneinander abgemarkt oder nicht? Sie sind sehr scharf voneinander abgemarkt. Wodurch denn? Zumeist durch endlos weitgedehnte Feuerkraterreihen, hier und da auch durch überaus hohe Gebirge, deren Spitzen, wenn sie von der Erde ausgingen, gar leichtlich euren Mond in seiner Bahn beirren dürften; haben manchmal auch noch einen größeren Flächenraum auf ihrer Höhe, als etwa die halbe Oberfläche eurer Erde.
GS|2|26|5|0|Dass die Füße solcher Berge einen noch sehr bedeutenderen Umfang und Durchmesser haben werden, könnt ihr euch leicht von selbst vorstellen. Noch eine dritte Art Begrenzung solcher Kreisgebiete sind hier und da entweder große und breite Ströme oder auch überaus große Weltmeere, welche von einem solchen großartigen Wasserinhalt sind, dass eure Erde, wenn sie hineinfiele, sich gerade so ausnehmen würde und in dem Meer gerade einen solchen Unterschied veranstaltete, als so ihr in das Meer eurer Erde möchtet eine Perle hineinwerfen. Es ist aber auch notwendig, dass auf einem Weltkörper, auf dem es ortsweise gar so überaus feurig zu Werke geht, auch große Löschapparate vorhanden sind.
GS|2|26|6|0|Hier und da entdeckt man auf diesem Weltkörper auch weitziehende und sehr breite Lichtwasserströme. Das Wasser solcher Ströme ist nicht durchsichtig und um sehr Bedeutendes schwerer als ein anderes gewöhnliches, durchsichtiges Wasser.
GS|2|26|7|0|Diese Lichtflutung aber kann mit nichts Ähnlichem auf eurer Erde verglichen werden, da sie allein nur solchen Sonnenkörpern eigen ist. Die Bewohner sammeln dieses Lichtwasser in gewisse Formen, allda es dann bald stockt und zum sogenannten selbstleuchtenden weißen Stein wird. Es ist mit diesem Wasser in dieser Hinsicht beinahe ein ähnlicher Fall wie mit eurem Erdenwasser, welches auch bald in salzigen Kristallen erstockt, wenn es von der Gesamtmasse abgeschlossen wird. Aber an und für sich im Strombett stockt dieses Lichtwasser nicht, indem es eben alldort aus seinem Bett die stets erweichende Nahrung bezieht.
GS|2|26|8|0|Wohin ergießt sich denn gewöhnlich ein solches Gewässer? Ein solches Gewässer entspringt gewöhnlich aus den vielen, mit großen Feuerkratern versehenen Bergen, sammelt sich da zu einem nicht selten viele tausend Meilen breiten Strom, durchfließt dann oft ein Gebiet, dessen Länge nicht selten bedeutender ist als allenfalls die Entfernung der Erde bis zu eurer Sonne und ergießt sich dann manchmal in ein anderes großes Wassermeer, zumeist aber in hier und da große ausgebrannte Feuerkrater, füllt diese nach und nach aus, macht mit der Zeit aus den übergroßen und übertiefen Schlünden ein ebenes Land, welches einen für euch unbeschreiblichen Glanz verbreitet. Mit der Zeit aber stockt es auch gänzlich und kann als fruchtbares Land gebraucht werden.
GS|2|26|9|0|Aus solchen Stellen wird dann auch hier und da der weiße Baustein gebrochen, welcher von selbst leuchtet und gewöhnlich zu Bogen über den Säulen wie auch zu kontinuierlichen Wänden eines Gebäudes benutzt wird. Jedoch hat der gebrochene und dann beschnittene Stein nicht den Wert wie der aus dem Stromwasser frisch gegossene, weil er minder leuchtet als der gegossene.
GS|2|26|10|0|Das wären demnach die Begrenzungen unserer Kreisgebiete. Können aber diese Begrenzungen oder Abmarkungen der Kreisgebiete nicht überschritten werden? Dieses ist hier wohl nicht leichtlich der Fall; denn fürs Erste ist ein solches Kreisgebiet schon so unendlich groß, dass darauf millionenmal Millionen Menschen überaus wohl versorgt und höchst räumlich bequem leben können, und hat auf seiner Oberfläche zahllose Herrlichkeiten und Wundermannigfaltigkeiten, dass die Bewohner eines solchen Kreisgebietes ihr ganzes Leben lang daran hinreichend zu schauen, zu studieren und geistig zu genießen haben, und kümmern sich dann um ein nächstes Gebiet fast noch weniger, als ihr euch kümmert auf eurer Erde, wie es in einem fremden Planeten aussieht, besonders wenn ihr auf derselben recht wohl versorgt seid.
GS|2|26|11|0|Auch wissen gar viele der Bewohner eines solchen Kreisgebietes, solange sie in ihrem Leib leben, nicht, dass es noch andere Gebiete gibt, sondern sind vielmehr der Meinung, wenn sie zu einer oder der anderen unübersehbaren Kreisgebiet-Abmarkung kommen, dass diese entweder als Feuer oder als Wasser, Gebirge oder als Lichtflutung schon ewig fortdauert.
GS|2|26|12|0|Sehr bedeutende Weise wissen es wohl aus den Gesprächen mit den Geistern, dass auf dieser ihrer Welt es noch gar zahllos viele bewohnbare Kreisgebiete gibt. Aber solches wissen sie nur unter dem Siegel einstweiliger strenger Verschwiegenheit und teilen es nur ebenfalls jenen mit, welche da in die tieferen Geheimnisse der göttlichen Weisheit wollen eingeweiht werden.
GS|2|26|13|0|Es gibt hier und da wohl recht große Freunde von hohen Bergen, die sie gern besteigen, wenn sie sich nur einigermaßen besteigen lassen. Aber was da diese überaus hohen Grenzgebirge betrifft, da lassen sich auch die größten Gebirgsfreunde den Appetit vergehen. Denn fürs Erste sind sie ihnen denn doch ein wenig zu hoch, dann hier und da auch zu steil; und die höchsten Kuppen kommen nicht selten schon zu nahe dem ätherischen Lichtstoff zu stehen, in welchem selbst ihre Feuerleiber noch weniger aushalten dürften als eure Fleischleiber auf jenen Höhen eurer Erde, welche ebenfalls schon so ziemlich in den Luftätherstoff hineingreifen.
GS|2|26|14|0|Zudem sind auch diese hohen Grenzgebirge zumeist in überaus stark leuchtende Wolken gehüllt, welche diesen Bewohnern in großer Nähe durchaus nicht zusagen, weil sie in ihrer Nähe ein zu grelles Licht von sich werfen, durch welches das Gesicht der Menschen so sehr geblendet wird, dass sie dann nichts mehr ausnehmen mögen, was sie umgibt.
GS|2|26|15|0|Seht, also denn weiß der Herr allenthalben Seine freien Geschöpfe in den gehörigen Schranken zu halten.
GS|2|26|16|0|Es möchte freilich wohl einer oder der andere sagen: Ja, was würde denn das machen, wenn auf solch einem Kreisgebiet Menschen von verschiedenen Gebieten zusammenkommen könnten? Darauf kann ich nichts anderes sagen als: Die Weisheit und Ordnung des Herrn geht durchaus tiefer allenthalben, als sie ein Mensch mit seinem geringen Verstandespfund ermessen kann. Man könnte aber auch sogar auf eurer Erde fragen, warum sich auf diesem kleinen Weltkörper die Nationen, welche auf ihm leben, nicht also bunt durcheinander mengen wollen, wie das Gras und Kräutelwerk auf einer Wiese? Ihr werdet mir zur Antwort geben:
GS|2|26|17|0|Weil die Nationen verschiedene politische und moralische Verfassungen haben, welche sich durchaus nimmer vergleichen können. Es kann zwar jede für sich in ihrer strengen Ordnung gar wohl bestehen; aber alle auf einem Haufen beisammen würden eine noch viel grässlichere Disharmonie bewerkstelligen, als so man alle Pfeifen einer Orgel möchte zu gleicher Zeit tönen machen.
GS|2|26|18|0|Die Antwort ist gut. Aus ihr aber könnt ihr auch gar leicht entnehmen, wie es auf einem solchen immensen Weltkörper zuginge, wenn auf ihm die großen Nationen sich also berühren könnten, wie sich die kleinen Nationen der Erde allenfalls berühren können. Mehr brauche ich euch in dieser Hinsicht nicht zu sagen. Damit ihr aber solches noch gründlicher verstehen mögt, wollen wir auch diesmal sogleich auf ein anderes Kreisgebiet übergehen, und ihr werdet da einen sehr bedeutenden Unterschied, von diesem Kreisgebiet aus betrachtet, finden. Und so denn machen wir uns auf die Reise nach der Richtung eures Wollens.
GS|2|27|1|1|Warum es auf den Zentralsonnen fast keine Tiere gibt. Beleuchtung des Beispiels vom reichen Jüngling. Aus Glaube und Hoffnung entwickelt sich die Liebe
GS|2|27|1|1|(Am 19. Juni 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|27|1|0|Ich merke schon den Zug, dahin ihr wollt; und so gehen wir auch schon diesem Zuge nach. Seht, links und rechts in diesem Kreisgebiet, das wir noch betreten, welche endlose Pracht und Herrlichkeit da von allen Seiten strahlt! Paläste und Wohnungen von nie geahnter Herrlichkeit, Größe und Majestät!
GS|2|27|2|0|Ihr fragt zwar: In diesem Land erdrücken einen wohl die großartigsten Herrlichkeiten; aber wie mag es wohl kommen, dass wir allda außer den Fischen in dem Kanal, welcher um den Palastberg ging, noch kein anderes vierfüßiges größeres Tier entdeckt haben? – Meine geliebten Freunde und Brüder, außer den Fischlein, wie auch sehr sparsamen Vöglein werdet ihr in dieser Zentralsonne durchaus kein anderes Tier entdecken. Dergleichen Tiere sind nur in den Planetarsonnen und in ihren Planeten und Monden vorhanden, weil eben diese gewisserart stufenweise abwärts mehr und mehr vom Auswurf solcher Zentralsonnen gebildet sind, wodurch, wie ihr meines Wissens schon gar oft erfahren habt, das Leben eine härtere Durchkämpfung machen muss, um zur gehörigen Gediegenheit und Reinheit zu gelangen; und ihr könnt euch dieses Verhältnis merken:
GS|2|27|3|0|Je mehr Feuer eine Welt in sich birgt, desto weniger der harten und groben Materie, welche dem Leben nicht förderlich, sondern hinderlich ist. Je weniger Feuer aber eine Welt in sich birgt, desto grobmaterieller ist sie auch, und das Leben hat einen härteren Kampf durchzumachen, um zu seiner stets konstanten Freiheit und Reinheit zu gelangen.
GS|2|27|4|0|Warum denn? Wie lässt sich solches wohl sichtlichermaßen erweisen? Solches könnt ihr schon auf der Erde ganz klar, und zwar bei den Menschen selbst erschauen. Menschen, die voll Liebe zum Herrn und zu ihren Brüdern sind, gleichen den Welten, die da voll inneren Feuers sind. Wie leicht solche Menschen zum inneren wahren Leben gelangen, lehrt euch vielfache Erfahrung und das eigene Wort des Herrn Selbst, da Er spricht: „Mein Joch ist sanft, und Meine Bürde ist leicht.“
GS|2|27|5|0|Menschen aber, die wenig Feuer besitzen, also mehr lau sind, brauchen schon eines bedeutenden prüfenden Stoffes, bis sie geweckt werden und das Leben finden in sich. Und es geht eben nicht zu geschwinde mit ihnen, weil sich ihre Materie noch immer als ein wahres Löschmittel gegen das Feuer des Lebens dazwischenmengt und so das baldige Erwachen des Geistes hindert.
GS|2|27|6|0|Wieder nehmen wir einen anderen Menschen, der bezüglich der Liebe zum Herrn ganz kalt ist. Dieser gleicht schon einem Planeten, und da gehört schon sehr viel Anstoßes und Triebes, bis dieser in eine geregelte Lebensbahn kommt und sich nur nach und nach von auf ihn von außen her wirkenden Strahlen beleuchten und erwärmen lässt.
GS|2|27|7|0|Warum denn solches? Weil so ein Mensch sich ganz im Grobweltlichen zuvor begründet hat und aus diesem sehr schwer ins Reingeistige übergeht. Wieder gibt es Menschen, die man als vollkommen feuerlos gleich lange ausgebrannten Vulkanen annehmen kann. Diese Menschen haben demnach auch gar nichts Geistiges mehr an sich und gleichen den Monden, die auch beinahe aller atmosphärischen Luft, wenigstens auf der einen Seite, gänzlich ledig sind. Sie kehren ihrem Planeten stets die unwirtlichste Seite zu und wenden die wirtlichere stets von selbem ab; also ebenfalls ähnliche Menschen.
GS|2|27|8|0|Sie sind nicht aufnahmefähig für ein höheres Leben, welches noch den Planeten umgibt; daher haben sie auch nur eine Richtung, und diese ist ihre eigene Selbstsucht. Wenn sie sich schon auf ihrer karg wirtlichen Seite manchmal dem Licht zuwenden, so verzehren sie dasselbe aber dennoch nur zu ihrem materiellen Ersprießen, aber nimmer zur Belebung und zur Bildung des geistigen Lebens, welches sich in der liebtätigen Wechselwirkung durch die Sphären ausspricht, in denen jedes geistige Leben wirksam ist. Solche Menschen haben nur eine halbe Sphäre, und diese ist gleich der Eigenliebe, indem sie allzeit abgewendet ist von der Sphäre des Nächsten. Sie laufen zwar mit dem besseren Teil der Menschheit mit, halten sich aber dennoch stets gehörig fern von derselben, auf dass sie ja nichts verlieren möchten von ihrem materiellen, nichtigen Reichtum, und haben in ihrem Tun und Lassen eine stets schwankende Bewegung, durch welche sie jeder Gelegenheit ausweichen, allda sie liebtätigermaßen könnten in Anspruch genommen werden.
GS|2|27|9|0|Wie schwer solche Menschen zum inneren Leben gelangen, spricht der Herr ebenfalls bei der Gelegenheit des Ereignisses mit dem reichen Jüngling [aus], der auch zum Herrn kam, um sich durch Sein Licht zu bereichern, doppelt, irdisch und geistig; aber alles zusammen dennoch im fest materiellen Sinne.
GS|2|27|10|0|Es könnte leichtlich jemand fragen, warum denn hier gerade ein reicher Jüngling, und warum nicht lieber irgendein alter Geizhals im evangelischen Beispiel aufgenommen oder zugelassen ward. Seht, es muss alles seinen vielseitig entsprechenden Grund haben. Also ist ja auch ein jeder Mond ein Weltenjüngling, und zudem spricht sich auch das Wesen des Eigennutzes in einem Jüngling allzeit lebendiger aus denn in einem Greis. Denn unter tausend Greisen dürftet ihr kaum zehn von geizig eigennütziger Art treffen, diese können verglichen werden mit den fernstehenden Planeten. Aber unter tausend Jünglingen werdet ihr ebenfalls kaum zehn finden, welche sich nicht vom Eigennutz lenken und treiben lassen.
GS|2|27|11|0|Betrachtet nur einen Jüngling, was alles er tut und unternimmt seiner eitlen Weltversorgung wegen! Der eine rennt sich die Füße ab, um irgendeine reiche Partie zu machen; der andere studiert sich zu Tode, um es einst, versteht sich bald, möglichst zu einem ansehnlichen Beamten zu bringen. Ein anderer verlegt sich auf allerlei Kriechereien, um dadurch seinem schwächeren Talent zu überhelfen. Und so setzt der eine wie der andere fast durch die Bank alles Göttliche und Geistige völlig zur Seite und lässt sich wie eine Windfahne gebrauchen, um nur irgendein irdisches Ziel dadurch zu erhaschen.
GS|2|27|12|0|Seht, aus diesem Grunde wird denn auch im Evangelium ein Jüngling, und zwar ein reicher Jüngling, zugelassen und aufgeführt; ein Jüngling, weil er zumeist von solchen eigennützigen Interessen beseelt ist, reich aber, weil ein Jüngling eben die größte Tüchtigkeit, zum Reich Gottes zu gelangen, in sich hat, so er sich selbst verleugnen möchte und treten in die Fußstapfen des Herrn.
GS|2|27|13|0|Ich meine, aus diesem Beispiel werdet ihr mein aufgestelltes Verhältnis gründlich begreifen können; und es kommt allzeit darauf an, je mehr Feuer und daraus hervorgehender Wärme oder Liebe zu Gott und zu allen nächsten Brüderschaften, desto weniger Materie oder desto weniger des Todes, und somit desto mehr des Lebens in sich haltend. Im Gegensatz aber dann auch stufenfolglich: je mehr Materie, desto weniger Feuer, und somit auch desto weniger wahren Lebens vorhanden ist. Aus diesem Grunde denn auch auf einer solchen Zentralsonne, deren ganzes Wesen nahe ein pures Feuer ist, auch das materielle, tierische Leben bis auf einige Unbedeutendheiten völlig mangelt.
GS|2|27|14|0|Da wir nun solches wissen, so können wir auch mit einem desto lebensfreieren Gemüt unsere Bahn verfolgen. Da seht nur einmal vorwärts hin; wir stehen am Ufer eines euch schon vorhinein bekanntgegebenen Lichtstromes, über welchen wir, um in ein anderes Kreisgebiet dieses Landes zu gelangen, werden unsere Schritte setzen müssen.
GS|2|27|15|0|Ihr sagt, mit euren geistigen Augen diese endlos stark strahlende unübersehbare Stromoberfläche betrachtend, in eurem Gemüt: Wie werden wir über dieses Sonnenglutmeer mit wohlerhaltenen Füßen und unerblindeten Augen gelangen können? – Ich sage euch aber, wie ich euch schon einmal gesagt habe: Für den Geist darf nie eine Bedenklichkeit vorhanden sein. Festes Wollen und unerschütterliches Vertrauen müssen die ewige Richtschnur des Geistes sein. Daher bedenkt auch ihr euch nicht, sondern wollt und vertraut, so wird uns dieses Element nach unserem Wollen und Vertrauen dienstbar sein müssen. Nun ihr wollt und vertraut, und die strahlenden Fluten tragen uns ganz wohlbehalten mit Blitzesschnelle in ein anderes fernes Weltgebiet hin.
GS|2|27|16|0|Seht, dort in noch tüchtiger Ferne taucht schon ein festes Ufer über den strahlenden Wogen empor. Himmelanstrebende Berge, mit grün leuchtenden Wäldern besetzt, sind die ersten Trophäen eines weiten, bewohnbaren Kreisgebietes, die da unsere Augen überaus angenehm und erhaben herrlich begrüßen. Wird es wohl steil sein über dieses Gebirge zu gehen?
GS|2|27|17|0|Wann fragt denn ein Geist über die Steile eines Gebirges auf einer Welt, dem die Bahnen zwischen Welten selbst offenstehen? Also werden wir wohl auch über diese Steile ohne ein lästiges Müdewerden mit der allerleichtesten Mühe gelangen.
GS|2|27|18|0|Wir sind am Ufer und somit auch schon am Fuß des Berges. Seht den Boden, wie sanft bekleidet er ist mit einem überweichen Gras und welche höchste Reinheit er uns zur Beschauung darbietet! Ist es nicht eine Lust, auf solch einem Boden unter den überherrlichen grünstrahlenden Bäumen zu wandeln? Ja fürwahr, das ist schon an und für sich himmlisch herrlich!
GS|2|27|19|0|Ihr möchtet wohl wissen, ob diese Bäume Früchte tragen? Diese Bäume tragen keine Früchte; aber ihr grüner Strahl verbindet sich mit dem weißen Strahl des Stromes und macht den weißen Strahl dadurch intensiver, lebendiger und in endlos weite Ferne hin wirkender, und es ist beinahe dasselbe, als so jemand mit dem weißen Licht seines Glaubens das mit demselben verbundene grüne Licht der Hoffnung betrachtet und daraus ersieht, dass der Glaube dadurch gesättigter und auch lebendiger wird, denn ein Glaube ohne Hoffnung wäre ein unerträgliches Licht. Es geschieht aber durch die Vereinbarung dieser zwei Lichter auch zugleich eine Zeugung der Liebe; denn wer da glaubt und hofft, der fängt auch an bald zu lieben Den, an den er glaubt und auf den er vertraut.
GS|2|27|20|0|So ist auch hier diese überweitgedehnte grünstrahlende Waldstrecke dieses großen Gebirges vor uns eine Sättigung des weißen Stromlichtes. Und seht euch nach der Flutung des Stromes abwärts ein wenig um, da werdet ihr auch die beiden Lichter in ein rotes übergehen sehen, welches ebenfalls so viel besagt, als dass sich im Verfolge des Glaubens und Vertrauens die Liebe zu entwickeln anfängt. Ähnliches kann euch auch die Betrachtung eines jeden Regenbogens zeigen, darum er auch ein wahrer Bogen des Friedens genannt werden kann; es versteht sich von selbst, in geistiger Beziehung. Indem wir aber nun solches wissen, so können wir uns ganz wohlgemut über die sanft aufsteigende Waldflur zu bewegen anfangen.
GS|2|28|1|1|Wanderung in ein weiteres Sonnenkreisgebiet. Liebe der Urgrund von Glauben und Hoffnung und zugleich deren Frucht
GS|2|28|1|1|(Am 21. Juni 1843 von 4 3/4 – 7 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|28|1|0|Seht, es geht den Berg hinan nicht so steil, als es von außen her das Ansehen hatte; denn solche Berge sehen nur von einer gewissen Entfernung sehr steil aus, in der Wirklichkeit sind sie es bei weitem nicht, was sie zu sein scheinen. Sie nehmen aber eine desto größere Fläche ein, weil sie nur ganz gemächlich aufsteigen; und das ist aber auch notwendig, damit aus solcher weitgedehnten Waldfläche ein hinreichendes Quantum des grünen Lichtes, in das weiße Licht des angrenzenden Lichtstromes überströmend, aufnehmen kann den ätherisch sättigenden Teil.
GS|2|28|2|0|Denn das weiße Licht des Stromes ist noch gänzlich rein ätherisch, oder wenn ihr es leichter versteht, es ist in sich selbst im Äther, der noch nichts anderes in sich aufgenommen hat, aber dessen ungeachtet in ungeteilter Weise alles in sich enthält, gleichwie allenfalls das Wasser ein Träger dessen ist, was die Erde nur immer aufzuweisen hat.
GS|2|28|3|0|Der grüne Lichtäther aber ist gewisserart hungrig, nachdem er sicher alle anderen ätherischen Stoffe verzehrt bis auf den grünen, der darum auch ein ausstrahlender ist. Zufolge seines Hungers aber bekommt er eben durch die weiße Farbe des Lichtäthers, welcher dem Strom entstammt, die vollkommene Sättigung, welche sich dann durch die rötliche Färbung ausspricht.
GS|2|28|4|0|Ähnliches könnt ihr auch gar wohl vielfach auf eurer Erde finden; ihr dürft euch nur an die meisten Baumfrüchte, wie auch an so viele Blumen hinwenden. Wie sieht da alles im unreifen Zustand aus? Grün; aber dieses Grün als eine hungrige Farbsubstanz sättigt sich fortwährend mit dem weißen Licht der Sonne – und wie spricht sich dann die völlige Sättigung, welche das eigentliche Reifsein der Früchte bezeichnet, aus? Gewöhnlich zuallermeist in einer mehr oder weniger geröteten Farbe oder doch wenigstens sicher in einer solchen, welche der roten Farbe zunächst entstammt oder wohl gar in dieselbe übergeht.
GS|2|28|5|0|Auf der Erde aber ist dieses alles nur unvollkommen vorhanden, während es auf einem Zentralsonnenkörper im tätigsten Maße zur Erscheinung kommt. Ihr sagt wohl: Wie kommt es denn aber, dass bei uns auf der Erde gar viele Früchte in ihrem Reifwerden und vollkommenen Reifsein in die vollkommene blaue Farbe übergehen? Desgleichen gibt es auch eine Menge blauer Blumen, und wir wissen nicht, auf welche Weise solche blaue Farbe von der roten abgeleitet werden kann. – Ich sage euch: Betrachtet nur einmal so ganz vollkommen eine solche blaue Frucht und ihr werdet es bald gewahr werden, dass die blaue Farbe nur ein äußerer leicht abwischbarer Anhauch ist; die Hauptfarbe aber ist dennoch die rote.
GS|2|28|6|0|Wenn ihr mit einem überaus sehr feinen Glasstaub eine rote Fläche überstäuben möchtet, so wird euch die Fläche sobald nicht mehr rot, sondern bläulich vorkommen. Um aber die Sache noch besser zu erschauen, dürft ihr aus einer solchen blauen Frucht nur den Saft herausnehmen, und ihr werdet daraus gar leicht die Erfahrung machen, dass der Grund vom Blau vollkommen rot ist. Noch deutlicher aber zeigt euch eine Morgen- oder Abendröte, wie allda die blaue Farbe der Luft bei einer gewissen Strahlenbewegung gar leicht in die rote übergeht. Darum kann denn auch die blaue Farbe für nichts anderes als nur für eine dunstige Umhülsung der roten angesehen werden.
GS|2|28|7|0|Noch deutlicher werdet ihr solches ersehen, wenn ihr z. B. eine doch sicher vollkommen blaue Kornblume mit einem Mikroskop betrachtet, allwo ihr aus den tausend aneinandergereihten Kristallchen gar häufig die vollkommen rote Farbe werdet hervorblitzen sehen. Ich meine, wir haben genug, um einzusehen, dass sich die Sättigung zwischen Grün und Weiß allzeit so gut durch die rote Farbe ausspricht, wie sich die durch den Glauben genährte und gesättigte Hoffnung vollkommen in der Liebe ausspricht, deren entsprechende Farbe eben das Rot ist. Ihr solltet zwar die Sache nun wohl verstehen und einsehen; aber ich erschaue soeben in dieser Beziehung noch eine kleine Lücke in euch, welche wir während unserer Gebirgsbesteigung ja noch gar leicht ausfüllen können.
GS|2|28|8|0|Wie gestaltet aber stellt sich diese Lücke dar? Seht, ihr versteht noch nicht, wie obige erklärte gegenseitige Lichtfarbensättigung dem entsprechend verwandten Glauben, der Hoffnung und der Liebe entspricht. So habt denn Acht, wir wollen die Sache gleich näher beleuchten. Die weiße Farbe entspricht dem Glauben. Wie aber die weiße Farbe als allerfeinstätherischer Stoff alle anderen Stoffe oder Farben in sich trägt, also trägt auch der Glaube in feinster geistiger Substanz schon alles Unendliche des Reiches Gottes und des göttlichen Wesens selbst in sich. Ein jeder Mensch aber ist gleich diesem mit grünstrahlenden Bäumen bewachsenen Berg, von welchem die grüne Hoffnungsfarbe beständig ausstrahlt. Und ihr werdet nicht leichtlich auf der ganzen Erde einen hoffnungslosen Menschen finden, während es eine Menge glaubens- und liebelose gibt.
GS|2|28|9|0|Die Hoffnung aber verzehrt sich beständig und gelangt nie zu irgendeiner Kraft, wenn sie nicht eine gerechte Nahrung bekommt, was ihr aus einer Menge moralischer und naturmäßiger Beispiele auf eurer Erde zur Übergenüge erschauen könnt.
GS|2|28|10|0|Als moralische Beispiele können euch alle erdenklichen Grade und Arten der Verzweiflung hinreichend belehrend dienen, denn eine jede Verzweiflung hat sicher ihren Grund in der sich selbst völlig aufgezehrten Hoffnung. Naturmäßige Beispiele sind noch mehrere vorhanden.
GS|2|28|11|0|Setzt einmal einen Blumentopf auf längere Zeit in einen vollkommen finsteren Ort; beschaut ihn dann etwa nach einem Vierteljahr, und ihr werdet nur gar zu klar finden, wie sehr da die grüne Farbe in eine weißlichtblassgelbe, also in die völlige Farbe des Todes übergegangen ist.
GS|2|28|12|0|Es versteht sich von selbst, dass man hier nur die Farbe der belebten Pflanzenwelt, aber nicht die Farbe der Mineralien verstehen muss, da in den Mineralien diese Farbe wie vollkommen gefangen ist und einem in der Hoffnung abgestorbenen Menschen gleicht, wo ebenfalls seine Hoffnung mit ihm selbst gefangen genommen ward – aus welchem Grunde denn auch solche Menschen jenseits zumeist in einer dunkelgrünen Farbe zum Vorschein kommen, welche nach und nach durch die Einsicht, dass ihre entsprechende Hoffnung nicht realisiert werden kann, entweder in die schimmelgraue oder gar vollkommen schwarze übergeht, welch letzte Farbe aber eigentlich gar keine Farbe mehr ist, wie auch gar kein Licht, sondern es ist der vollkommene Mangel an allem. Also ist hier darum nur von der lebendigeren Pflanzenfarbe die Rede.
GS|2|28|13|0|Es strahlt freilich wohl die grüne Farbe ihr Grün aus und verzehrt alles andere des ätherischen Farbentums. Das eben aber ist ja auch das Charakteristische der Hoffnungen. Die Hoffnung verzehrt ja ebenfalls alles mit großer Begierlichkeit, und wir können uns keinen größeren Vielfraß vorstellen als eben die Hoffnung. Was hofft oft nicht alles übereinander und durcheinander der Mensch und malt sich das Gehoffte mit seiner Phantasie in den allerbuntesten Farben aus; es versteht sich dasjenige, was er hofft. Alle diese Gemälde verzehrt er nicht, und kommt er in den Zustand, dass ihm sogar seine Phantasie kein Gemälde mehr zu liefern imstande ist, dann ist er aber auch schon am allertraurigsten daran, denn da beißt er in seine eigene Hoffnung hinein und verzehrt sie. Das ist dann der Blumentopf im vollkommenen finsteren Ort.
GS|2|28|14|0|Wie aber kann die Hoffnung gesättigt werden? Setzt den Blumentopf nur wieder ans weiße Licht der Sonne, aber nicht zu jäh, so wird er wieder zu grünen anfangen. Warum denn? Weil er außerordentlich hungrig nach einer reellen Sättigung geworden ist.
GS|2|28|15|0|Gehen wir auf den entsprechend moralischen Teil über. Wer wohl lässt sich lieber trösten als ein Betrübter, also in seiner Hoffnung getäuschter Mensch? Oder wer sucht begieriger einen reellen Trost, also eine moralische Sättigung seiner verhungerten Hoffnung, als eben ein solch nahe hoffnungslos gewordener Mensch? Bringt ihn an den Strom des Lichtes, und er wird da in vollsten Zügen in sich aufnehmen, was ihm vorerst am meisten zusagt.
GS|2|28|16|0|Aus dem aber kann auch gar klar ersehen werden, wie die Hoffnung durch den Glauben stets mehr und mehr und endlich vollkommen realisiert gesättigt werden kann. Ein hungriger Mensch ist traurig. Wollt ihr ihn heiter machen, so sättigt ihn, und in seiner Sättigung wird ihm alle Hungertraurigkeit vergehen, es wird sich eine Heiterkeit seines Gemüts bemächtigen, und in dieser Heiterkeit wird er mit der größten dankbarsten Liebe seine Gastfreunde erfassen.
GS|2|28|17|0|Seht, gerade also geht es dem nach Wahrheit oder nach der Realisierung seiner Ideen hungernden Menschen. Bringt ihn an den wahren Strom des Lichtes, und er wird sich gar bald mit demselben verbinden und sich sättigen nach seiner Herzenslust und nach seinem Bedürfnis. Und wenn er gar leicht und gar bald gewahren wird, dass diese Sättigung eine wahrhaftige ist, welche für all seine noch leeren Ideen als vollkommen sättigend taugt, so wird er ebenfalls gar bald heiteren Mutes werden und den großen Gastgeber gar ehestens mit großer Glut seiner Liebe ergreifen; welche Liebe an und für sich schon eine vollkommene Sättigung ausdrückt, oder: in der Liebe ist alles des Glaubens und alles der Hoffnung in der vollkommen realisierten Reife und Sättigung vorhanden. Und so ist die Liebe einerseits die durch den Glauben vollkommen gesättigte Hoffnung; anderseits aber ist sie aus eben dem Grunde, weil sie die Hoffnung und den Glauben als gesättigt in sich schließt, auch der Urgrund von beiden. Ihr sagt: Wie kann denn das sein? – Ich meine, etwas Natürlicheres und leichter Begreiflicheres dürfte es wohl kaum geben als eben das.
GS|2|28|18|0|Woher kommt ein Baum? Ihr sagt: Aus einem Kern. – Woher kommt denn der Kern? Aus dem Baum, sagt ihr.
GS|2|28|19|0|Nun, wenn also, so wird etwa doch der Kern alles, was da ist des Baumes, der aus ihm hervorgeht, eher grundursächlich in sich fassen müssen. Wenn aber der Baum sich wieder in einem neuen Kern erneuen will, so muss er auch wieder sein Alles in den Kern niederlegen.
GS|2|28|20|0|Ihr möchtet freilich wohl wissen, ob der Herr eher den Baum oder den Kern erschaffen hat? Ich meine, dieses Geheimnis müsse sich beinahe mit den Händen greifen lassen. Hätte der Herr den Baum eher erschaffen als den Kern, da könnt ihr versichert sein, dass Er solches auch gegenwärtig täte, denn Er ist in Seiner Handlungsweise durchaus nicht veränderlich, und Er tut nicht heute so und morgen anders, und ihr würdet in diesem ersten Falle fortwährend wie durch einen Zauberschlag plötzlich entstandene Bäume erblicken. Ihr aber seht einen jeden Baum fortwährend nur nach und nach stets mehr und mehr auswachsen und sich entwickeln.
GS|2|28|21|0|Dieser Akt aber zeigt ja mehr als mit zehn Sonnen auf einmal beleuchtet, dass der Herr nicht nötig hatte, einen fertigen Baum zu erschaffen, sondern das Samenkorn nur. Und wenn dasselbe in die Erde kommt, da entwickelt es sich, und es wird dann in dieser Entwickelung eine vollendete Form dessen, was der Herr in eben das Samenkorn gelegt hat.
GS|2|28|22|0|In dem Samenkorn aber liegt schon wieder die Fähigkeit, sich am Ende selbst wieder zu finden, und der Baum selbst und seine ganze Aktivität ist dann nichts anderes als ein zweckmäßiger Prozess vom Kern zum Kern; und es ist meiner Meinung nach doch viel richtiger und klüger anzunehmen, dass eine Linie ein Produkt ist von vielen aneinandergereihten Punkten, und wird darum auch von zwei Endpunkten begrenzt, als dass man so ziemlich stark törichterweise annehmen möchte, der Punkt sei ein Produkt einer zusammengeschrumpften Linie und sei zu beiden Seiten (N.B. deren es eine zahllose Menge hat) von zwei Linien begrenzt.
GS|2|28|23|0|Ich meine, aus diesem Wenigen werdet ihr gar leicht einsehen, dass der Herr das Samenkorn eher als den Baum erschuf, d. h. Er erschuf zwar beide zugleich, aber den Baum legte Er zu gleicher Zeit unentwickelt in das Samenkorn.
GS|2|28|24|0|Ebenso ist auch sicher die Liebe der Urgrund von allem, und alles muss dann endlich wieder in diesen Grund zurückkehren, wenn es nicht zugrunde gehen will. Bei dieser Gelegenheit aber haben wir auch die Höhe unseres Berges erreicht, und so wollen wir uns auch sogleich tiefer in unser neues Kreisgebiet wagen.
GS|2|29|1|1|Fortsetzung der Wanderung in gerader Linie. Überwindung von Hindernissen auf dem Weg
GS|2|29|1|1|(Am 23. Juni 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|29|1|0|Da seht nur einmal hin in die etwas tiefer gelegene unübersehbar große Ebene, die nach links und rechts, so weit nur immer das Auge reicht, von diesem bewaldeten Gebirge begrenzt ist. Was erblickt ihr in dieser Ebene? Sicher nichts anderes als ich: in einer sehr tüchtigen Entfernung ragt eine staffelförmige Rundpyramide überaus hoch empor. Man kann von dieser Entfernung außer einem Brillantglanz noch nichts Näheres ausnehmen. Aber dessen ungeachtet verspricht schon dieser erste Anblick etwas unerhört großartig Erhabenes, darum wollen wir denn auch hurtig darauf lossteuern, um uns so bald als möglich in der völligen Nähe dieses erhabenen Prachtwerkes zu befinden. Seht, wir haben zwar keinen abgetretenen Weg, noch weniger eine Fahrstraße dahin; aber wenn ich diesen herrlichen Boden betrachte, welcher viel zarter und feiner aussieht als der allerfeinste Seidensammetstoff, da meine ich, braucht es keines abgetretenen Weges, sondern nur die Beobachtung der geraden Linie, und wir werden uns geistig schnellen Schrittes sobald dort befinden, wo wir sein wollen.
GS|2|29|2|0|Wisst ihr aber auch, was geistig genommen die gerade Linie bezeichnet? Die gerade Linie bedeutet oder bezeichnet den unwandelbar festen Willen, welcher durch keine noch so widrige Erscheinung auf was anderes abzulenken ist; und eben diese gerade Willenslinie soll auch hier gemeint sein.
GS|2|29|3|0|Ihr fragt zwar in euch, ob wir denn bei diesem Weg noch auf Hindernisse stoßen sollten, die uns die Erreichung des Zieles erschweren dürften? Das wird sich alles auf dem Weg zeigen. Bis jetzt ging es noch gut, und wir haben im Verlaufe unseres Gespräches schon eine so ziemliche Strecke zurückgelegt, und so ich hinblicke, da dieses außerordentliche Bauwerk sich befindet, da kann ich schon so manches genau ausnehmen, was ich ehedem von der Gebirgshöhe nicht imstande war.
GS|2|29|4|0|So kann ich nun schon recht gut ausnehmen, dass dieses außerordentliche Bauwerk aus zwölf Abteilungen besteht, die fast in der Art sich übereinander erheben, als wenn ihr auf der Erde ein ausgezogenes Fernrohr, natürlich von der allerriesenhaftesten Gattung, perpendikulär aufgestellt hättet, welches Fernrohr eben auch zwölf Züge haben müsste. Und wenn ihr die Sache so recht betrachtet, da werdet ihr bald mit leichter Mühe entdecken, dass ein jedes dieser zwölf Stockwerke aus lauter aneinandergereihten Säulen besteht, und seht ein jedes Stockwerk in einer anderen Farbe erglänzend.
GS|2|29|5|0|Aber wozu sich die Augen in die Ferne hin verderben? Wir werden das ganze Werk in der vollen Nähe ohnehin von Angesicht zu Angesicht betrachten können; aber gehen wir nur hurtig darauf los. Aber ich merke, dass ihr eure Augen auf einen nicht mehr fern von uns abstehenden ziemlich hohen Wall richtet. Das hätte ja so einen Anschein von einem bedeutenden Weghindernis und eines Abschnitzels [Ablenkung] von unserer geraden Linie, da einen Mauerbrecher wir nicht bei uns haben.
GS|2|29|6|0|Wenn die Mauer dieses Walles nach irdischem Maßstab kerzengerade aufsteigt und unterhalb kein Tor angebracht ist, da dürfte es freilich wohl einen kleinen Haken haben, die gerade Linie fortwährend beizubehalten, und doch dürfen wir sie nicht verlassen; denn im Geiste nur um eine Linie auf die Seite gerückt, will so viel sagen, als mit einem Augenblick diese ganze schöne Welt aus unserem Gesichtskreis verlieren. Aber wir sind ja noch nicht an der Mauer; daher den Mut nicht verlieren, und es wird sich die Sache vielleicht besser machen, als wir es erwarten.
GS|2|29|7|0|Ich bemerke aber nun auch vor dem Wall große und weitgedehnte Baumreihen, aus denen allerlei Säulen und Pyramiden emporragen. Es könnte da wohl sehr leicht geschehen, dass wir bei unserer geraden Linie auf einen Baum oder auf eine Säule stoßen und wären demnach genötigt, eines solchen Hindernisses wegen ein wenig von der geraden Linie abzubiegen.
GS|2|29|8|0|Ihr sagt: Wie wäre es denn, so wir uns geistigermaßen in die Luft emporschwingen möchten, und durch diese am leichtesten in gerader Linie hinziehen zu unserem großartigen Ziel?
GS|2|29|9|0|Ich sage euch: Auch dieses könnten wir tun; aber dadurch setzen wir uns einer doppelten Gefahr aus, diese unsere Welt sobald aus unserem Gesichtskreis zu verlieren, fürs Erste, weil ein solcher Aufschwung eben auch eine Verletzung der geraden Linie ist, und fürs Zweite dürfen wir ja so lange nicht unsere Füße von diesem Boden trennen, solange wir diese Welt beschauen wollen. Denn trennen wir unsere Füße vom Boden, so sinkt die ganze Welt unter uns in ihre erste unkenntliche Sterngestalt zurück. Daher bleibt uns nichts anderes übrig, als allen vorkommenden allfälligen Hindernissen mit fester Stirn zu begegnen.
GS|2|29|10|0|Nun seht, die Baumreihen hätten wir bereits erreicht. So weit als mein Auge in diesen Alleewald hineindringt, geht es überraschend geradlinig aus; aber dort recht tief darin erblicke ich etwas wie einen aufgerichteten Altar, und dieser Altar steht meines Erachtens gerade in der Mitte dieser Allee. Es macht aber nichts, nur mit fester Stirn darauf los, und es muss sich der Weg machen geradeso, wie wir ihn haben wollen, denn es wäre für einen Geist doch wohl traurig, wenn er sich von naturmäßigen Hindernissen sollte den Weg verrammen lassen.
GS|2|29|11|0|Nun, da sind wir schon am Altar. Fürwahr, dieses erste Monument zeigt schon, wenn auch noch in einem entfernten Maßstab, von welch einer unbeschreiblichen Pracht erst das Hauptwerk sein muss.
GS|2|29|12|0|Seht, dieser Altar hat etwa eine Höhe von einer Klafter. Er besteht aus lauter Rundstäben, welche von einem überaus glänzenden Material angefertigt sind, welches aber sicher auf keinem anderen Weltkörper in dieser Eigentümlichkeit vorkommt. Da seht nur einmal die Stäbe an; sie sehen ja nicht einmal fest aus, sondern haben das Ansehen, als wären sie lauter abwärts schießende Wasserstrahlen, welche aber ohne sogenannten Seitenspritzer abwärts in goldene Trichter schießen. Denn die flammende Strahlenbewegung in diesen Rundstäben zeigt beinahe solches an, als wären diese Stäbe nichts als nur runde Wasserstrahlen, welche etwa durch eine Mittelsäule von irgend her zuerst aufwärts, und hier, wie wir es sehen, nach den Regeln der Wasserbaukunst abwärts fallen. Um sich aber zu überzeugen, greifen wir mit den Händen nach den Stäben – seht, das Ganze ist nur eine Eigentümlichkeit des Materials. Dieses hat in sich solche flammende Bewegung, dass es scheint, als wäre es ein reinstes fließendes Wasser; an und für sich aber ist es fest, als wäre es ein Diamant.
GS|2|29|13|0|Und da seht über den Stäben die herrlich eingeländerte Rundtafel, wie sie strahlt, als hätte man im Ernst eine kleine Sonne auf diese aneinandergereihten Stäbe gelegt, welche zuunterst in goldene Trichter einmünden, welche Trichter aber ebenfalls wieder in eine rot und blau schillernde allerherrlichste runde Kristallplatte eingeschichtet sind. Fürwahr, diesen Altar auf diesem schönen Rundplatz, welcher von den allerherrlichsten Bäumen in der schönsten Ordnung umfriedet ist, deren Äste zuoberst wie riesige Arme zusammen greifen, zu sehen, ist an und für sich schon so etwas Bezauberndes, dass man es mit der größten Zufriedenheit eine geraume Zeit betrachten möchte, wenn man noch dazu den überherrlichen grünen Sammetboden bedenkt und die Stämme der Bäume, welche das Ansehen haben, als wären sie lauter mächtige blaue, halbdurchsichtige Rundsäulen, an denen nicht der allerleiseste Makel zu entdecken ist.
GS|2|29|14|0|Was sagt ihr denn zu dieser ersten Pracht? Ich muss es aufrichtig gestehen, dass mich diese erhabene Einfachheit mehr anspricht und fesselt, als alle schon vorher geschauten Herrlichkeiten dieser Welt. Wir vergessen bei der Betrachtung dieser Herrlichkeit aber ja ganz, dass wir noch weiterzugehen haben.
GS|2|29|15|0|Aber die gerade Linie, wie werden wir diese heraus bekommen?
GS|2|29|16|0|Sollten wir etwa diesen überherrlichen Altar möglicherweise niederrennen? Fürwahr, so etwas wäre beinahe nicht übers Herz zu bringen, und besonders wenn man obendrauf noch bedenkt, dass so ein Werk viele Arbeit und vielen Fleiß von Menschenhänden dieser Welt vonnöten hatte und dass es sicher zu einem von dieser Menschheit geheiligten Werk dasteht. Und dazu ist noch das Zerstören überhaupt am allerentferntesten von der göttlichen Ordnung abstehend.
GS|2|29|17|0|Was werden wir demnach hier tun? Ihr sagt: Als Geister durch die Materie rennen, was wird es denn sein? Ist doch der Herr auch durch die verschlossene Tür zu Seinen Aposteln gekommen.
GS|2|29|18|0|Ich sage euch: Das ist zwar wahr; aber wir sind nicht Herren, sondern Diener und Knechte des Herrn, diese aber dürfen nicht alles tun, was der Herr getan hat, außer der Herr wollte es. Daher weiß ich mir nun schon einen Rat. Wir werden uns an den Herrn der Herrlichkeit wenden, und zwar in der Liebe unseres Herzens, und ich bin überzeugt, es wird sich die gerade Linie gleich herstellen.
GS|2|29|19|0|Nun seht, ich habe solches getan und ihr nun in mir; und seht, da eilt schon aus dem Hintergrund ein männlich Wesen hervor, rührt soeben den Altar an, und dieser teilt sich bei der Mitte wie auseinandergehend, und wir können nun unsere Linie weiter verfolgen.
GS|2|29|20|0|Ihr fragt nun wohl, ob dieser Altar im Ernst solch eine mechanische Vorrichtung habe, dass er für ähnliche geradlinige Reisezwecke allzeit auf gleiche Weise teilbar ist? Ich sage euch: Für den Herrn ist alles in einem allerzweckmäßigsten Maße eingerichtet, die Menschen dürfen eine Sache noch so fest miteinander verbinden, der Herr aber ist der Werkmeister des Stoffes. Der Mensch weiß wohl um die Glieder seines Werkes, und wie diese zu trennen sind, aber der Herr kennt die Glieder des Stoffes und weiß auch, wie diese zu trennen sind.
GS|2|29|21|0|Daher braucht ihr zur Beobachtung der geraden Lebenslinie nichts als die stets wachsende Liebe zum Herrn, und ihr werdet durch Felsen, Feuer und Wasser also wandeln können, als hättet ihr mit gar keinem Hindernis zu kämpfen.
GS|2|29|22|0|Ich aber mache euch noch obendrauf aufmerksam: Habt recht wohl Acht auf alle die Erscheinungen, die uns auf diesem Weg aufstoßen werden, und ihr werdet am Ende so manche Verhältnisse eurer Welt darin wie in einem großartigen Zauberspiegel erkennen. Nun aber steht vor uns schon wieder eine überaus weitgedehnte offene Allee in gerader Linie, und wir können daher wieder mit gutem Gewissen vorwärtsschreiten.
GS|2|29|23|0|Ihr möchtet wohl gern wissen, was nun mit dem geteilten Tempel geschehen wird. Wird er sich wieder ergreifen, oder wird er also geteilt verbleiben? Ich aber sage euch: Versteht mich wohl, und lasst das, was hinter uns ist; denn wir haben vor uns noch gar vieles und bei weitem Größeres. Wenn wir aber am Hauptziel sein werden, dann werden wir ohnehin von der Höhe einen allgemeinen Überblick erhalten. Und so lasst uns weiterziehen.
GS|2|30|1|1|Fortsetzung der Wanderung. Bedeutung der Hindernisse. Bitten sollen den Nöten nach eigener Erkenntnis entsprechen
GS|2|30|1|1|(Am 24. Juni 1843 von 4 1/4 – 6 1/3 Uhr nachmittags.)
GS|2|30|1|0|Die vor uns liegende offene Allee ist zwar etwas enger als die vorhergehende, allein diese Erscheinung ist für den Fortschritt auf unserer geraden Linie nicht im Geringsten hinderlich, sondern gerade nur das Gegenteil, denn je enger irgendeine Gasse wird, desto leichter ist ja die Mitte derselben zu beobachten und in der Mitte in gerader Richtung fortzugehen.
GS|2|30|2|0|Solche Erscheinung hat ja aber darin ihren Grund, dass alle diese Alleen strahlenförmig von dem Zentrum des Hauptgebäudes heraus bemessen und angelegt sind; und könnten wir von der Höhe gerade über dem Hauptgebäude herabblicken, so würden wir diese ganze Prachtanlage wie eine ausstrahlende Sonne erblicken.
GS|2|30|3|0|Und seht, das ist schon ein gutes Zeichen; also ist ja die gerade Linie schon bedungen, wir dürfen dieser nur folgen, und es kann sich gar nicht fehlen, dass wir baldmöglichst das Hauptziel erreichen. Wir sind schon, wie ihr seht, gut über die Hälfte dieser zweiten Allee geschritten, und es lässt sich darum schon recht gut das vorliegende Ende erschauen. Aber ich bemerke schon soeben wieder hinter dem Abschluss dieser Allee ein neues Hindernis glänzen, welches uns von der geraden Bahn ein wenig ablenken möchte. Wir aber wollen dieses vorliegenden zweiten Hindernisses kaum mehr gedenken; denn wie das erste wird auch dieses zweite uns den gerechten Platz machen müssen.
GS|2|30|4|0|Was aber ist etwa, das uns da entgegenstrahlt? Nur einige beschleunigte Schritte noch und da seht einmal hin, ja fürwahr, da kann man sich beim ersten Anblick ja nicht einmal genug fassen; denn zu groß ist die Pracht dieser Allee-Verzierung. Was wären da auf der Erde alle noch so kunstvoll ausgedachten Wasserkünste und Feuerwerks-Evolutionen! Da sprüht es ja nur von erhabener Pracht und Herrlichkeit.
GS|2|30|5|0|Seht, die Platte, welche dieses zweite große Baumrondeau wie in einem Stück überpflastert, sieht doch gerade so aus wie eine kleinwellige Oberfläche eines allerreinsten Wassers, und dennoch ist die Fläche vollkommen eben und überaus fest. Das Sonderbarste bei dieser ganzen Geschichte ist nur das, dass man durch eine merkwürdige Strahlenbrechung wirklich in seinem Gesicht so sehr getäuscht wird, dass man die Oberfläche dieser Pflasterung wie fort und fort wellend erschaut, und jede Wellenwendung erstrahlt in einem anderen Licht. Das will ich denn doch ein brillantes Strahlenspiel nennen!
GS|2|30|6|0|Und in der Mitte dieses weiten Baumrondeaus ist eine Säule aufgestellt, und diese hat gerade das Ansehen, als so man bei euch auf der Erde eine Wasserhose erschauen möchte. Seht nur, wie sich ein förmliches Wasser wie in Wirbelkreisen sprudelnd auf und ab zu treiben scheint, und ein jeder Wirbel erstrahlt fortwährend abwechselnd in tausend Farben; und seht und fühlt diese Säule an, sie ist bei all dieser scheinbaren Lebendigkeit fest wie ein Diamant. Fürwahr, wer diese Materialzusammensetzung und Bearbeitung solch einer Zierde nicht für ziemlich stark wunderbar hält, von dessen Munde möchte ich doch selbst vernehmen, was ihm ein Wunder deucht.
GS|2|30|7|0|Und da seht noch ganz hinauf zur Spitze dieser Säule, wie sie dort in überaus strahlende Äste gleich einer Trauerweide ausläuft und anstatt der Blätter allerlei strahlende Zäpfchen herabhängen lässt.
GS|2|30|8|0|Ja, was sagt ihr denn zu dieser Pracht? Fürwahr, ihr seid mit Recht stumm; denn fürs Gefühl lässt sich dergleichen nicht beschreiben, und man muss zufrieden sein, wenn man nur einen höchst matten Schattenriss davon selbst mit der größten und glühendsten Sprachfertigkeit hat entwerfen können.
GS|2|30|9|0|Es wäre sonst alles recht, wenn sich diese ganze herrliche Geschichte nur nicht in der Mitte unserer Wandellinie befände. Was meint ihr wohl, wird sich auch diese Allee-Zierde also wie die vorhergehende teilen lassen? Bei der ersten könnte man noch eher versucht werden zu glauben, die ganze Sache beruhte auf künstlich mechanischen Grundsätzen und war darum auch leicht auseinander bewegbar; aber bei dieser höchst kolossalen Zierde dürfte wohl ein jeder Mechanismus zu kurze und zu schwache Arme bieten, um diese gar mächtige Säule nach der vorerst geschauten Art zu entzweien. Was sollen wir denn nun tun? Ihr sagt: Derjenige, der das erste Hindernis geteilt hat, der Herr nämlich, wird auch mit diesem zweiten sicher gar leicht fertig werden.
GS|2|30|10|0|Ihr habt recht geantwortet. Aber es muss dabei etwas beobachtet werden, was ihr bisher noch nicht kennt, und so hört denn: Der Herr ist zwar überall der allmächtige Helfer und Besieger aller Hindernisse, aber Er muss auch nach dem Grad und Maß des Hindernisses zu Hilfe gerufen werden, sodann erst wird es geschehen, was da geschehen soll.
GS|2|30|11|0|Ihr sagt hier freilich: Ja, warum aber das? So wir den Herrn um Hilfe anflehen, da wird Er uns wohl nicht weniger helfen, als wir es vonnöten haben. – Ich aber sage euch: Ihr habt in einer Hinsicht zwar wohl recht, aber nur insoweit, als ihr daneben irrigerweise anzunehmen genötigt seid, dem Herrn sei wenig oder gar nichts daran gelegen, wie euer eigenes Erkenntnisvermögen bestellt ist. So etwas aber anzunehmen, meine ich, dürfte doch ein wenig zu töricht sein.
GS|2|30|12|0|Der Herr aber will ja vor allem die Selbsterkenntnis der Kinder erheben; daher lässt Er auch alles von ihnen eher beurteilen und bemessen, also auch ihre Not, auf dass sie Ihm dann dieselbe nach ihrem Erkenntnis vortragen sollen, und Er ihnen dann helfe nach ihrem eigenen Erkenntnis und Verlangen.
GS|2|30|13|0|Aus diesem Grunde aber, meine lieben Brüder und Freunde, soll da auf der Erde auch niemand ein sündiges Hindernis auf der eben sein sollenden Bahn seines Lebens mit einem leichtfertigen Maßstab bemessen, sonst muss er sich selbst zuschreiben, wenn ihm nach vielen Gebeten nicht die völlige erwünschte Hilfe wird.
GS|2|30|14|0|Denn der Herr ist zwar überaus liebevollst gut und freigebig mit Seiner Gnade und Erbarmung, aber dabei dennoch stets im vollkommensten Grad respektierend die freie Tätigkeit des Geistes in jeder Beziehung, sowohl in der Willens- als in der Erkenntnissphäre.
GS|2|30|15|0|Unter uns aber gesagt, tut ein jeder Mensch für sich genommen besser, wenn er in Anbetracht seiner selbst, wie ihr zu sagen pflegt, aus einer Mücke einen Elefanten macht, als umgekehrt, und es wird dann sein, dass derjenige, der von solch einem Standpunkt aus um vieles bittet, auch viel empfangen wird; wer aber um weniges bittet, der erwarte ja nicht, dass ihm der Herr ein unerkanntes und unverlangtes Plus auf den Rücken nachwerfen wird.
GS|2|30|16|0|Tut ihr ja auch das Gleiche auf der Erde untereinander. Warum sollte es der Herr nicht tun, der dafür den liebeweisesten Grund hat? Wird wohl selbst ein allerbestgesinnter reicher Mann einem, der ihn bittet, ihm zweihundert Taler zu leihen, allenfalls streng benötigte zweitausend Taler geben? Ich sage euch: Solches wird er nicht tun, und wüsste er es auch augenscheinlichst, dass der bittende Entleiher unumgänglich notwendig der größeren Summe vonnöten hat.
GS|2|30|17|0|Er wird wohl allenfalls aus dem edlen Grund seines Herzens zum Entleiher sagen: Ich leihe dir recht gern die verlangte Summe, wenn sie dir in deinem Bedürfnis nur genügen wird. Wenn bei solch einem Stupfer der Entleiher sich noch immer in seinen blindtörichten Schüchternheitsschranken bewegt und bleibt bei seiner ersten Petition, sagt euch selbst, wer dann die Schuld trägt, wenn es dem Entleiher mit 200 Talern nicht gedient ist.
GS|2|30|18|0|Aus dem Grunde aber soll sich ein jeder genau erforschen und seine Not genau bemessen, und dann erst sich an den heiligen, allmächtigen Helfer wenden, so wird ihm schon sicher die gerechte Hilfe werden, wenn er dieselbe glaubensfest, vertrauensvoll und liebeernstlich von Ihm erwartet.
GS|2|30|19|0|Und so denn wollen und müssen nun auch wir hier den Herrn ein wenig fester angehen als beim ersten Hindernis, so wird uns auch hier der Herr die Bahn öffnen. Worin aber besteht die größere Festigkeit in dem Angehen des Herrn?
GS|2|30|20|0|Der Schmied sagt zu seinem Gesellen: Zur Schmelzung von wenig Eisen genügt auch eine geringere Kohlenglut, und die Esse braucht dazu den Atem nicht zu tief zu holen. – Wenn aber ein großer Klumpen Eisen soll geschmolzen werden, da spricht der Schmiedmeister zu seinem Gesellen: Nun bringe drei Körbe fester Kohle, und lass die Esse festweg gehen, sonst wird der große Metallklumpen kaum in die Rotglühhitze gelangen. – Ich meine, diese Schmiedmeistersregel, welche doch so ziemlich mit Händen zu greifen ist, wird auch für uns gar überaus wohl anzuwenden sein. Mehr Kohle, mehr Essenwind heißt so viel: Mehr Liebe und mehr Vertrauen, und es wird werden nach dem gläubigen Verlangen!
GS|2|30|21|0|Ich habe bei mir das getan, und ihr musstet es tun in mir, und seht, diese Wasserhosensäule ist schon wieder geteilt, und wir können mit der leichtesten Mühe von der Welt nun wieder unseren Marsch weiter fortsetzen.
GS|2|30|22|0|Versteht ihr aber auch dieses zweite Hindernis, welches voll trüglichen Scheines ist und zeigt sich, als wäre es lebendig in allen Ecken und Winkeln? Rührt man es aber an, da ist es überall hart und widerstrebend fest. Seht, sich durch die Irrtümer durchzuarbeiten, ist ein bei weitem Leichteres; denn wer nur einigermaßen geweckten Geistes ist, wird die niedrige Dummheit bald leicht von der glänzendst reinsten Wahrheit zu trennen imstande sein, und das ist die Besiegung des ersten Hindernisses. Aber hier ist die Welt im Gesamtmaßstab mit all ihrer buntstrahlenden Flitterei; und es braucht bei weitem mehr, um dieses Hindernis aus dem Weg zu räumen als das frühere.
GS|2|30|23|0|Es gibt sicher recht viele Menschen auf der Erde, welche schon lange die Wahrheit in ihrem strahlenden Licht erkannt haben. Aber von der Welt können sie sich doch nicht trennen; denn ihre Strahlen sagen ihnen zu sehr zu. Wie viel solcher anlockender Flitterstrahlen aber die Welt in sich fasst und wie beschaffen diese sind, kann euch eine nur ein wenig scharfe Betrachtung dieser Alleeverzierung auf ein Haar zeigen. Besitztümer, Geld, allerlei Bequemlichkeiten, guter Tisch, schöne, honette Kleider und dergleichen noch sehr viel mehreres sind noch gar mächtige Flitterstrahlen der Welt, selbst für schon recht tüchtig weise Männer. Für Weiber wollen wir kein Wort führen; denn da ist die Dummheit zumeist in ihrem Ursitz zu Hause.
GS|2|30|24|0|Es gleicht aber ein Mensch, der sich an solchem Weltflitterwerk gefällt, einem Reichen im Traum, der da mit Millionen hin und her wirft, wenn er aber erwacht, so drückt nicht ein einziger Groschen seine Börse. Ich meine, ihr werdet mich verstehen; und da unser Hindernis besiegt ist, so können wir schon wieder weiterziehen.
GS|2|31|1|1|Fortsetzung der Wanderung. Der Eingang vom Materiellen ins geistige Leben in Entsprechungsbildern
GS|2|31|1|1|(Am 26. Juni 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|31|1|0|Seht, schon wieder eine herrliche Allee vor uns, die sich ebenfalls wieder gegen das Ende verengt; das ist bereits schon die dritte, welche wir betreten. Wenn ihr diese drei Alleen so nacheinander betrachtet, so stecken sie gewisserart ineinander wie drei aufeinander gesteckte Kegel, von denen die Endspitze immer in die Basis des folgenden hineinfällt; denn wenn die erste Allee mit ihren Linien fort liefe, so müssten sich dieselben eben auf dem Punkt kreuzen, da wir das erste Monument angetroffen haben. Aber die Berechnung ist so gestellt, dass die beiden Baumlinien gerade dort aufhören, wo wir nach der Beendung einer Allee allzeit ein großes Baumrondeau angetroffen haben, in dessen Mitte das Ornament stand. Daher fängt jetzt diese dritte Allee ebenfalls wieder sehr breit an und wird am Ende, wie die früheren, recht schmal enden.
GS|2|31|2|0|Könnte da nicht allenfalls jemand sagen: Aber ich finde die Sache durchaus nicht ästhetisch? Entweder soll die Allee gleichlinig fortlaufen, oder sie soll verhältnismäßig breiter werden, und das zwar in dem Verhältnis auseinander laufend, in welchem Verhältnis sich sonst eine parallel laufende Allee scheinbar verengt. Auf diese Weise würde dann so eine Allee von ihrem Anfang das scheinbare Ansehen eines länglichen Quadrates oder einer vollkommen gleichweiten Bahn bis ans Ende bekommen. Solch eine Anlage würde mehr Wissenschaft und Geist verraten, als solch eine Zusammenschrumpfung einer Allee.
GS|2|31|3|0|Dieses ist zwar richtig; solch eine Anlage muss für das Auge offenbar drückend erscheinen, besonders bei einer solchen Länge, wie diese da ist. Aber die Menschen, welche allhier diese Allee angelegt haben, haben einen viel höheren Zweck damit verbunden als allein den der Ästhetik nur. Und so bezeichnen diese drei Alleen ganz vollkommen sinnig und richtig den Eingang vom Materiellen in das geistige, innere Leben.
GS|2|31|4|0|Wie aber soll solches begriffen werden? Das werden wir gar leicht herausbringen; denn Ähnliches befindet sich auch auf eurer Erde, wenn gerade nicht auch durch eine Allee ausgedrückt. Einige Beispiele werden uns diese Sache bei Gelegenheit der Durchwanderung dieser dritten Allee, in welcher ohnehin nicht viel Erhebliches zu beschauen ist, ganz vollkommen erhellen.
GS|2|31|5|0|Nehmen wir an, irgendein eines Faches kundiger Mann schreibt für ebendieses sein Fach ein Buch. Dieses Buch fängt zuerst mit einer nicht selten überaus breiten und dazu auch gehörig langweiligen Vorrede an, und gewöhnlich ist die Vorrede allzeit um desto umfangreicher, je geist- und umfangschmäler das darauffolgende Werk selbst ist. Diese Vorrede beengt sich nach und nach auf eine ganz einfache und zugleich auch nicht selten schmale Nutzverheißung, wo es gewöhnlich mit wenigen Worten gesagt ist, was ehedem unnötigerweise die ganze Vorrede gesagt hat. Die Vorrede wäre glücklicherweise zu Ende. Dieser folgt ein leeres, weißes Blatt, auf welchem manchmal nichts, manchmal aber mit großen Buchstaben das wichtige Wort: Einleitung steht. Blättert man dieses verhängnisvolle Blatt um, so fängt dann eben wieder eine noch breitere Einleitung an, als wie breit ehedem die Vorrede war. In dieser Einleitung kommt eigentlich, so wie in der Vorrede, nichts anderes vor, als nur eine etwas breiter gehaltene Belobung und Anempfehlung des darauffolgenden Hauptwerkes. Womit endet aber diese mehrere Ellen lange Einleitung? Gewöhnlich mit ähnlichen kurzen Ausdrücken: Wir wollen uns nicht länger mehr mit den Vorbegriffen abgeben, sondern zur Hauptsache selbst schreiten; alldort wird der geehrte Leser alles gehörig beleuchtet finden, was in dieser Einleitung nur kurz berührt werden konnte. – Und das ist aber dann auch schon das Ende.
GS|2|31|6|0|Warum hat denn der Verfasser seine Einleitung so breit angefangen und ließ sie gar so entsetzlich schmal enden? Hätte er sie nicht ebenso gut ganz weglassen können? Wir können diese Frage weder bejahen, noch verneinen, ob sie fest für seinen Zweck taugt; ob sie auch für den Zweck des Lesers taugt, das wird der Leser, wenn er das ganze Werk wird durchgelesen haben, am leichtesten bestimmen.
GS|2|31|7|0|Nach dieser Einleitung kommt dann das Hauptwerk selbst. Was wird wohl etwa in diesem vorkommen, welches ebenfalls wieder sehr breit und vielverheißend anfängt? Sicher nichts anderes als dasjenige mit noch etwas mehr Worten gesagt, als was schon in der Vorrede und in der Einleitung gesagt worden ist. Und so endet der Geograph sein Werk mit der Darstellung gewöhnlich eines sehr unbedeutenden Fleckens; denn für große Orte hat er einen besseren Platz, und sie stehen allzeit mehr im Anfang.
GS|2|31|8|0|Der Mathematiker setzt am Ende seines tiefdurchdachten Werkes gewöhnlich noch einige kurze noch unaufgelöste Aufgaben hinzu, von denen gewöhnlich die letzte die am wenigsten sagende ist.
GS|2|31|9|0|Der Geschichtsschreiber verspart auch das allerunbedeutendste Faktum für die allerletzte Blattseite, während er im Anfang ganz entsetzlich breite Blicke über die ganze Erdoberfläche warf; und so dürft ihr – mit Ausnahme des Wortes Gottes – fast alle Werke betrachten, und ihr werdet finden, dass sie am Ende ganz schmal hinausgehen. Das wäre ein Beispiel, welches hoffentlich hinreichend durchleuchtet ist.
GS|2|31|10|0|Betrachten wir aber den Bau eines Hauses, eines Turmes oder einer Kirche; wie breit geht es von Anfang zu, und am Ende endet das Haus in ein zusammenlaufendes Dach, der Turm in seine Spitze und die Kirche auch gewöhnlich in ein sehr spitzig zusammenlaufendes Dach. Dieses Beispiel bedarf keiner weiteren Beleuchtung; denn der tägliche Anblick gibt hierzu die rechte Erklärung.
GS|2|31|11|0|Ein drittes Beispiel gibt euch die Betrachtung eures zeremoniellen Gottesdienstes. Mit großem Pomp wird aus der sogenannten Sakristei gezogen und wird sich dann vor dem Altar wie im Hintergrund der Kirche am musikalischen Chor stets breiter und breiter gemacht; aber allenfalls nach der dritten Messzeremonie werden die Messteile schon kürzer und auch gewöhnlich weniger sagend, und dort, wo man eigentlich die größte Breite erwarten sollte, nämlich bei der Gelegenheit der sogenannten Aufwandlung, da sieht es schon sehr schmal aus, dann wird es immer schmäler, bis sich endlich alles in das überaus kurze „Ite, missa est“ verliert.
GS|2|31|12|0|Ein sogenanntes Schauspiel bei euch fängt nicht selten überaus geheimnisvoll breit an und endigt sich dann gewöhnlich in einer überaus wenig sagenden Blindheirat. Also fangen auch eure musikalischen Stücke samt den musikalischen Instrumenten sehr breit an und enden nicht selten so schmal, dass man im Ernst sagen müsste: Für diesen letzten höchst einfachen Ausgang hätte es fürwahr nicht so viel Aufhebens gebraucht. So fängt auch eure Tonleiter mit einem donnerähnlichen, breitschwebenden, tiefen Basston an und endet am Ende in den schönsten Chorden mit einem überaus feinen und schmalen Mausquietscher. Habt ihr schon genug an den Beispielen?
GS|2|31|13|0|Da wir aber die Allee noch nicht gar zu Ende gebracht haben, und uns eben in einer schon recht tüchtigen Enge derselben befinden, so können wir ja auch noch ein Beispiel zum größten Überfluss hinzufügen, welches uns in unsere Sache ein überaus helles Licht geben soll; denn im Geist geht es wie auf der Welt. Auf der Welt haben die Menschen nie zu viel Geld; und hat jemand noch so viel, so wird er es nicht verschmähen, noch mehr hinzuzubekommen. Desgleichen hat man im Geist auch nie zu viel Licht; und so wünscht der Weise, noch immer weiser zu werden. Darum wird uns auch dieses Beispiel nicht überflüssig sein, da es das Licht vermehrt.
GS|2|31|14|0|Wie lautet aber dieses Beispiel? Das liegt euch sehr nahe; ihr dürft nur einen Blick in die gegenwärtige Erziehung eurer Kinder tun, und ihr habt das ganze Beispiel schon auf einem Haufen beisammen. Was für großartige und breite Pläne macht oft ein bemitteltes Elternpaar für seine Kinder? Der Sohn muss studieren und daneben noch allerlei andere Künste und Fertigkeiten sich eigen machen; und für die Tochter laufen wenigstens ein halbes Dutzend allerlei Meister ins Haus. Die Sache sieht ja aus, als sollte aus dem Sohn ein Regent und aus der Tochter das Weib eines Herrschers werden. Endlich hat der Sohn seine Studienbahn vollendet und die Tochter sich aus den meisterlichen Krallen mit allerlei eben nicht vielsagenden Fertigkeiten entwunden. Was geschieht aber jetzt?
GS|2|31|15|0|Der wohlgebildete und vielstudierte Sohn wird in eine enge Kanzlei auf eine schmale Praktikantenbank geschoben, von der aus eben nicht die größte Fernsicht genommen werden kann, und bei der Tochter heißt es: Nun müssen wir sie auch ein wenig fürs Häusliche erziehen lassen. Wenn ihr diese Stellung nur ein wenig aufmerksam betrachtet, so kann euch die sich stets mehr verengende Allee des anfangs so breit projektierten menschlichen Lebens unmöglich entgehen.
GS|2|31|16|0|Aber für den Sohn fängt bald nach seiner sehr schmalen Praxissphäre wieder eine etwas breit anfangende Amtsallee an, und die Tochter wird an einen Mann verheiratet, von dem man anfangs auch sehr viel Breites erwartete. Aber die Amtssphäre des Sohnes schmälert sich endlich im Pensionsstand schon wieder ein, und die Aussichten der verheirateten Tochter gewinnen auch durchaus nicht an Breite, sondern wie bei ihr so manche weibliche Vorteile nach und nach sich verflüchtigen, so wird sie am Ende samt den Aussichten schmäler.
GS|2|31|17|0|Nun, was aber ist das Finale der dritten Lebensallee? Ich meine, dieses darf ich euch nicht näher bezeichnen; ihr dürft nur in den nächstbesten Friedhof gehen, allda werdet ihr eine Menge Ausläufer menschlicher breit angefangener Lebensalleen finden.
GS|2|31|18|0|Und seht, in eben diesem Sinne bauen diese Sonnenmenschen alles geradeso, wie es den Lebensverhältnissen vollkommen entspricht.
GS|2|31|19|0|Einst bauten die Menschen der Erde auch ähnlichermaßen. Die sogenannten ägyptischen Pyramiden sind noch sprechende Zeugen dafür; denn diese großartigen Gebäude waren nichts als Grabmäler großer und mächtiger Menschen. Je größer und mächtiger einer war, eine desto größere Pyramide ließ er sich als Grabmal erbauen. Wer sie zuunterst messen möchte, der würde auf bedeutende Unterschiede stoßen; aber zuoberst liefen alle auf eine ganz haargleiche Spitze aus.
GS|2|31|20|0|Ähnliche Weisheit in noch viel tüchtigerem Maßstab finden wir denn auch hier auf dieser Lichtwelt, wo die Menschen besonders dieses Kreisgebietes wahrhaftige Grundweise sind. Jedoch die Folge wird uns davon Helleres bieten.
GS|2|31|21|0|Da wir aber bei dieser Gelegenheit unserer Unterwegs-Beredung wieder an das erwünschte, hier im Ernst sehr schmale Ende der Allee gekommen sind, so wollen wir nun auch wieder einen mutigen Blick vorwärts tun und sehen, ob sich da kein Geheimnis mehr vorfindet, das uns nötigen dürfte, unsere gerade Linie beugen zu müssen. Bis jetzt erschaue ich außer der uns schon nahe stehenden großen Ringmauer kein Hindernis, daher können wir uns über diese freie noch übrige Ebene bis zur Mauer schon ganz ungehindert bewegen. Wie es uns aber bei der Mauer ergehen wird, das wird die Erfahrung selbst zeigen, daher nur mutig bis zur Mauer hingeschritten!
GS|2|32|1|1|Fortsetzung der Wanderung. Erklärung der tiefen Bedeutung derselben. Die geistige Entwicklung des Menschen
GS|2|32|1|1|(Am 27. Juni 1843 von 5 1/4 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|32|1|0|Es möchte wohl noch eine Strecke Weges von zwei Meilen sein oder achttausend Klaftern eures Feldmaßes. Die Strecke ist eben, und man kann mit dem Auge über die Fläche hin nicht alles ausfindig machen, das irgendeinem Hindernis ähnlich sein könnte. Für unseren gegenwärtigen Standpunkt ist außer einem Pyramidenkreis von kleiner Gattung nichts zu entdecken. Die Pyramiden selbst aber stehen auch nicht auf unserer Linie, und so können wir sie auch nicht als ein Hindernis ansehen; es müsste nur hinter den Pyramiden sich etwas vorfinden. Ich aber sage kurz und gut, gehen wir nur darauf los, und der Weg wird ja wohl zeigen, was wir noch zu bekämpfen haben werden.
GS|2|32|2|0|Wenn ich hier nicht euer Gast, sondern ihr die meinigen wärt, da wären wir schon lange an Ort und Stelle; aber ich muss hier eure Ungewissheit und Unschlüssigkeit leitend mit euch teilen. Daher geht der Marsch auch ein wenig langsamer. Es schadet aber solches der Sache gar nicht; denn wir wissen uns den etwas zögernden Weg – mit der Gnade des Herrn – ja gar wohl zunutze zu machen.
GS|2|32|3|0|Dazu ist es auch sehr angenehm zu gehen auf diesem grünlich-blauen Samtboden, und so können wir uns die etwas längere Marschdauer schon gefallen lassen. Auch rückt uns wenigstens gut die Hälfte des merkwürdigen Hauptgebäudes im Mittelpunkt dieser Ringmauer stets näher, und so haben denn auch unsere Augen fortwährend vollauf zu tun. Die Pyramidenreihe hätten wir bereits erreicht, wie ihr merken könnt, und es zeigt sich noch immer kein anderes Hindernis als die zufolge unserer Annäherung beständig höher werdende Ringmauer; und diese selbst, wie es mir jetzt vorkommt, ist durchaus nicht kontinuierlich, sondern besteht aus lauter Säulengalerien, welche Säulen einen überaus prachtvollen Anblick zu gewähren anfangen.
GS|2|32|4|0|O seht nur hin, es sind ja drei Säulengalerien übereinander; aber die Säulen sind bei allem dem dennoch wenigstens dem jetzigen Anschein nach ziemlich knapp aneinandergereiht. Also nur mutig darauf losgeschritten und den Mut nicht sinken gelassen! Bald werden wir dieses großartig scheinende Hindernis meines Erachtens als gar kein Hindernis mehr anzuschauen Ursache haben, denn, wie ich bemerke, werden bei unserer Annäherung die Räume zwischen den Säulen merklicher und merklicher; und seht, vor den Säulen ist eine zusammenhängende Staffelei angebracht, über welche man sicher von jeder Seite her wenigstens in die unterste Galerie gelangen kann.
GS|2|32|5|0|Ja, seht nur hin, die Säulen stehen recht weit auseinander, und wir können sicher zwischen ihnen in Reih und Glied durchziehen. Ja, ja, meine lieben Freunde und Brüder, so ist es. Jede gute Arbeit ist ihres Lohnes wert; wir sind mutig darauf losgeschritten, und da wir das größte Hindernis zu finden glaubten, da finden wir gerade gar keines. Wir haben diese endlos prachtvolle Staffelei erreicht, welche meinem Erkennen nach aus lauter rotem durchsichtigem Gold angefertigt und dazu noch zwischen einer jeden Säule bis zur anderen hin mit einem mir bis jetzt noch nicht vorgekommenen Stoff auf diesem Weltkörper für die Fußwandler auf das allerprachtvollst Zierliche überdeckt ist.
GS|2|32|6|0|Zwölf Staffeln sind es nur; diese werden wir gar leichtlich überschreiten. Also nur hinauf! Wir sind in der Galerie. Da seht einmal das Bodenpflaster dieser Galerie an; sieht es nicht aus, als wäre es eine rundgestreckte, weit ausgedehnte, allerfeinst geschliffene Diamantfläche in einer Breite von zehn Klaftern eures Maßes genommen? Und seht es nur recht genau an, es ist nirgends etwas Zusammengefügtes zu entdecken, also durchgehends kein Stückwerk, sondern ein vollkommen Ganzes. Und betrachtet einmal die Säulen, die nach innen gewendet sind oder die inwendige Reihe bilden. Eine jede ist umfasst mit einer Wendeltreppe aus dem allerherrlichsten Rubin, und die Treppe ist eingeländert mit den zierlichsten Stäben aus weißem Gold, und über einem jeden der vielen Stäbe des Geländers ist eine hellblau strahlende Kugel angebracht, welche ein wunderliebliches Licht von sich wirft.
GS|2|32|7|0|Ihr möchtet wohl wissen, wozu diese Wendeltreppe, und das um jede Säule gleichförmig? Der erste Grund ist offenbar, um auf die zweite Galerie zu gelangen; aber dazu brauchte ja nicht eben eine jede Säule mit solch einer Wendeltreppe versehen zu sein.
GS|2|32|8|0|Solches liegt in der Weisheit dieser Menschen, derzufolge sie allenthalben in die Höhe gelangen können, ohne dass eines das andere nur im Geringsten beirren möchte; denn diese Säulen stellen die Lehrer oder Führer dar. Wie aber kein Führer und Lehrer also beschaffen sein soll, dass man durch sein Geleit nicht in die Höhe gelangen möchte, also darf auch keine solche entsprechende Säule ohne eine in die Höhe leitende Wendeltreppe sein.
GS|2|32|9|0|Ihr sagt hier gleichwohl und fragt, warum denn nicht auch aus eben dem Grunde die äußere Säulenreihe bestaffelt ist? Seht, das liegt schon wieder im Grund der Weisheit dieser Menschen, demzufolge die äußere Säulenreihe wohl auch Lehrer darstellt; aber Lehrer von naturmäßiger Beschaffenheit, also Lehrer in äußeren Dingen. Diese aber können mit ihrem Lehrfach niemanden erheben, daher sind auch diese äußeren Säulen ohne Staffeln.
GS|2|32|10|0|Ja ihr könnt hier betrachten, was ihr wollt, so werdet ihr überall die vollkommenste und innigste Entsprechung mit den äußeren wie mit den inneren Verhältnissen des Menschen finden. Also ist uns der Weg von unserer letzten Allee ganz einförmig vorgekommen. Es war nichts da als der schöne Boden und die etwas sparsame eben nicht ansehnliche Pyramidenreihe, darauf die glückliche Erweiterung in geräumige Säulengalerien der von uns früher groß hinderlich vermeinten Ringmauer und über dieselbe eine halbe Ansicht des Hauptgebäudes in der Mitte. Das war aber auch alles, was uns auf dieser Reise über die freie Ebene vorkam.
GS|2|32|11|0|Ihr meint, hinter dieser höchst einfachen Erscheinung dürfte doch nicht gar zu viel Bedeutendes in entsprechender Hinsicht stecken. Ich aber sage euch: In eben dieser etwas langweiligen Reise liegt etwas ganz außerordentlich Tiefes verborgen. Es ist freilich wenig, was uns da begegnete; aber nach eurem Spruch, dass dem Weisen das Wenige genüge und er in selbem gar Großes finde, ist auch dieses Wenige so bestellt, dass es uns vollkommen genügen kann, wenn wir es nur mit einem einigermaßen weisen Blick betrachten. Damit ihr euch aber davon einen kleinen Begriff machen könnt, so will ich euch vorderhand nur einige ganz unbedeutende Stupfer geben, nach denen ihr mit sehr leichter Mühe das Tiefere selbst finden könnt.
GS|2|32|12|0|Aus den drei Alleen, also aus den drei Demütigungsgraden aus dem Leiblichen, Seelischen und Geistigen, sind wir auf einmal in den freien Raum oder entsprechend in die innere Freiheit des Geistes gelangt, und das mit den Mitteln, welche uns der Herr Selbst verordnet hatte. Und diese Mittel sind die äußere Weisheit der Lehre des Herrn, welche der Mensch zuerst buchstäblich beobachten muss, bis er zum inneren geistig freien Bewusstsein gelangt.
GS|2|32|13|0|Herrlich ist der Boden, auf dem man wandelt, überall frei und ohne Hindernis, und blau ist seine Farbe, voll sanften Glanzes; also ist auch das freie Bewusstsein des Geistes, welches sich in einer unwandelbaren Beständigkeit ausspricht. Aber in der Mitte des freien Raumes sind Pyramiden angebracht. Das sind ja Grabmäler; was zeigen denn diese an? Ihr möchtet wohl sagen: Vielleicht das gänzliche Absterben für die Welt. Das, meine lieben Brüder und Freunde geschieht schon bei der Reise durch die drei Alleen.
GS|2|32|14|0|Diese Pyramiden aber zeigen hier nur an das sich zur Ruhe legen der äußeren Weisheit, und dass man in dieser Sphäre kein Hindernis mehr zu erwarten hat, entsprechend, dass man sich der Möglichkeit enthoben hat, je mehr vor Gott sündigen zu können. Denn jeder Geist, an dem nichts Äußeres mehr klebt, kann nicht mehr sündigen und ist aus diesem Grunde erst rein.
GS|2|32|15|0|Warum denn? Weil er vollkommen eins mit dem Herrn geworden ist! Mehr brauche ich euch in dieser Hinsicht nicht zu sagen; denn so jemand tut, was der Herr will und tut, der wird etwa dadurch doch nicht sündigen.
GS|2|32|16|0|Als wir ganz nahe noch dem Austritt aus der letzten Allee waren, da kamen uns die herrlichen Säulengalerien noch wie eine kontinuierliche, unübersteigliche Ringmauer vor; also eine schauerliche Linie, über die zu gelangen sich beinahe gar keine Aussicht darbietet. Als wir aber über die Pyramidenreihe hinaus waren, da fing sich die Mauer an, in getrennte Säulen aufzulösen, und nach sehr kurzer Reisefrist ward uns das zu einer großartigen Herrlichkeit und zu gar keinem Hindernis mehr, was wir ehedem schon eine geraume Zeit hindurch am meisten befürchteten.
GS|2|32|17|0|Was wohl stellt solches vor? Betrachtet den Tod eures Leibes. Das ist doch sicher für jeden noch äußerlich lebenden Menschen der am meisten gefürchtete Moment, also ein überaus allerstärkstes Lebensbahn-Hindernis. Das ist es auch sicher für jedermann, solange er die Pyramidenreihe nicht hinter dem Rücken hat.
GS|2|32|18|0|Hat aber jemand bei der Ablegung alles äußeren Weisheitsscheines in seinem Geist vollkommen den Herrn angezogen, dann wird dieses gefürchtete Hindernis ein überaus herrlicher Prachtanblick werden, und ein jeder wird da sicher den heißesten Wunsch tragen, sobald als möglich über die zwölf Staffeln in die untere Galerie zu gelangen.
GS|2|32|19|0|Woher rühren denn die zwölf Staffeln? Diese stellen sinnbildlich die zehn Gebote Moses und dann noch dazu die zwei Gebote der Liebe aus dem Munde des Herrn dar; so wie die drei übereinanderstehenden Galerien darstellen Naturmäßiges im Geistigen, Geistiges im Geistigen und Himmlisches im Geistigen. Ich meine nun, aus diesem Stößchen dürftet ihr die Erscheinungen auf dem Marsch über den freien Platz nun so ziemlich begreifen bis auf die halbe Ansicht des Mittelgebäudes, welches die Gnade des Herrn bezeichnet und vorderhand allein sichtbar ist, bis jenseits der Galerien auch der Hauptgrund sichtbar wird, welcher die Liebe des Herrn ist oder der Herr Selbst in Seiner Persönlichkeit. Da wir solches wissen, so ziehen wir wieder weiter.
GS|2|33|1|1|Ungeheure Prachtentfaltung und Lichtwunder eines Zentralsonnen-Hauptgebäudes
GS|2|33|1|1|(Am 28. Juni 1843 von 5 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|33|1|0|Wird es wohl schwer sein, von hier weiterzuziehen, so müssen wir von hier aus auch noch die gerade Linie beobachten? Gehen wir nur hinaus in den freien überaus geräumigen Raum, welcher sich vorfindet zwischen dieser weiten Rundgalerie und zwischen dem Hauptmittelgebäude, und wir werden da sobald sehen, was da zu machen sein wird.
GS|2|33|2|0|Da seht nur einmal zwischen den zwei vor uns stehenden mit Wendeltreppen versehenen inneren Säulen hinaus und sagt mir, was ihr erblickt.
GS|2|33|3|0|Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder, für diesen Anblick finden wir keine Worte, um das zu beschreiben, was alles sich da dem armseligen Auge in der allerwunderbarsten Art darstellt! Eine Fläche voll wogenden Glanzes stellt sich unseren Blicken dar, und aus einer jeden Woge sprühen Millionen Strahlen über Strahlen, ein jeder von einer anderen Farbe; und die Strahlen ergreifen sich gegenseitig und bilden vorübergehende Formen. Die Formen gehen hier und da ineinander über und bilden eine neue Form.
GS|2|33|4|0|Dort, weiter gegen das Hauptmittelgebäude zu, sehen wir diese Strahlenwogen sich in den buntesten Kreisen drehen, und die Kreise erheben sich oft kegelförmig über den Boden, und diese Kegel schimmern in einem wechselnden Licht, dessen zauberhaft allerschönster Reiz mit keinem Wort zu beschreiben ist. Und endlich über diese Lichtkreise hin erblicken wir die unterste Säulenreihe des großen Mittelpalastes.
GS|2|33|5|0|Die Säulen scheinen sich aufwärts wirbelnde Flammen von hellroter Farbe zu sein, und hinter diesen merkwürdigen Säulen strahlt eine lichtblaue Wand hervor, welche zwischen den Säulen versehen ist, aus welchen Pforten aber ein wunderherrliches grünlich-weißes Licht strahlt. Das ist alles, was wir bis jetzt ausnehmen können.
GS|2|33|6|0|Wenn wir auf die wogende Beweglichkeit dieser Fläche hinblicken, so kommt es uns vor, als wenn der Boden irgendein Gewässer wäre, über welches dann gewisserart festen Fußes nicht darüberzukommen sein dürfte. Nur auf das Einzige können wir einen diese Sache widerlegenden Rückblick tun, dass wir in der letzten Alleeverzierung ebenfalls eine solche wogende Fläche angetroffen haben, welche darum nichts weniger als flüssig war, und so kann es wohl sein, dass dieses Lichtwogen dieser Fläche vor uns ebenfalls nur eine Augentäuschung ist.
GS|2|33|7|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, also verhält es sich auch mit der Sache. Alles, was ihr hier als beweglich erschaut, ist nur ein Spiel des Lichtes, welches auf den Zentralsonnenkörpern besonders stark zu Hause ist, und das umso stärker auf irgendeinem Punkt, je mehr sich dieser dem großen Äquator solch einer Zentralsonne nähert. Daher gibt es hier ein Material, welches an und für sich zwar überaus fest ist, und nimmt eine große Politur an, viel stärker als der feinste Diamant bei euch. Wenn eine so große Fläche dann gehörig geglättet ist, da nimmt sie dann auch umso begieriger die mächtigen Lichtstrahlen aus dem einen solchen Sonnenkörper umgebenden Lichtäther auf und wirft dann nach der Übersättigung eben diese Strahlen wieder zurück. Und so entsteht aus dem Ein- und Gegenstrahlen solch eine wogende Wirkung, in der Nähe als sich zu allerlei Lichtformen bildende, durcheinanderbewegende Wogen, in der Entfernung aber zu Kreisen. Warum denn? Weil in der Entfernung alle Bewegungen wie auch alle Formen sich fortwährend mehr und mehr abrunden, welches ihr schon auf eurem Erdkörper aus verschiedenen Erscheinungen abnehmen könnt.
GS|2|33|8|0|Geht ihr z. B. auf eine bedeutende Höhe und seht euch den weiten Horizont an, der an und für sich sehr uneben ist, so werdet ihr ihn aber dennoch ganz gerundet erblicken; die Ursache liegt darin, weil die kleinen Unebenheiten gegen den ganzen weiten Horizontkreis so gut als gänzlich verschwinden.
GS|2|33|9|0|Ferner beschaut ihr eine mehrkantige Säule von einer gewissen Entfernung, und sie wird euch nicht kantig, sondern rund erscheinen.
GS|2|33|10|0|Ferner geht an einen breiten Strom und betrachtet das Fortfließen des Wassers vom nächsten Ufer angefangen bis zum entgegengesetzten hin, da wird sich diese Erscheinung am meisten bestätigen. Am nächsten Ufer werdet ihr das Stromwasser bunt durcheinanderwogend, aber am entgegengesetzten Ufer bei einer etwas längeren Betrachtung lauter ineinander verschlungene Kreise erblicken, in denen die Fluten des Stromes sich langsam fortzuwirbeln scheinen.
GS|2|33|11|0|Wie uneben die Weltkörper auf ihrer Oberfläche sind, das kann euch eure Erde zur Genüge zeigen; aber von großen Entfernungen betrachtet werden sie zu einem vollkommen runden Kreis, d. h. wenn schon nicht ganz vollkommen zirkelrund, so aber doch an der außen erscheinenden Randlinie als vollkommen eben.
GS|2|33|12|0|Es ließen sich noch eine Menge solcher Beispiele anführen; allein ich meine, dass diese genügen, um die vor uns liegende so ziemlich stark ins Wunderbare gehende Erscheinung zu begreifen, d. h. als Erscheinlichkeit selbst, ohne innere geistig entsprechende Bedeutung, auf welche wir erst bei der passenden Gelegenheit kommen werden.
GS|2|33|13|0|Wir brauchen vorderhand nichts anderes zu wissen, als dass der vor uns ausgebreitete Boden vollkommen fest ist, und wir können uns dann sogleich schnurgerade auf demselben fortzubewegen anfangen; und so denn treten wir nur wohlgemut hinaus!
GS|2|33|14|0|Wir sind heraus aus der Galerie auf dem Boden und seht, er ist fest, und da wir stehen, ist das Wogenspiel des Lichtes nicht zu erschauen, und so können wir uns nun schon gegen das Hauptgebäude hin bewegen. Macht aber einen Blick auf das Gebäude hin, welches nun schon in seiner ganzen enthüllten Pracht vor uns steht.
GS|2|33|15|0|Was sagt ihr zu diesem Werk? Ihr sagt, was ich eigentlich auch sage: Da hört das Reden auf, und man wird stumm vor dem zu großartig erhabensten Anblick! Wenn man sich so einen ins Unendliche veredelten und verherrlichten babylonischen Turm vorstellen würde, so hätte man ungefähr wohl noch das beste Bild davon; nur müsste man die schneckenartig aufwärtsführenden Gänge des babylonischen Turmes hinwegnehmen und denselben in zehn Stockwerke einteilen, von denen ein jedes einen etwas engeren Kreis beschreibt. Das wäre aber demnach nur eine nackte Form ohne Licht; hier aber ist die großartigste und edelste Form übergossen mit einer unbeschreiblichen Pracht und Glorie des Lichtes. Um wie viel steht sonach die gedachte Form dieser unbeschreiblichen, alle Begriffe übersteigenden Herrlichkeit nach.
GS|2|33|16|0|Gehen wir aber nur näher; es wird sich die Sache immer mehr und mehr entwickeln in ihrer unendlichen Pracht. Ihr seht die untere Reihe von hier so, als bestünde sie aus einzelnen großen Säulen, von denen eine jede eine Höhe von dreißig Klaftern hat. Die Höhe mögt ihr wohl richtig beurteilt haben; aber die Säule an und für sich nicht. Wenn ihr genau hinseht, da werdet ihr eine jede Säule so erblicken, als wäre sie mit Rundstäben belegt; aber wir sind jetzt schon näher, und es lässt sich nun schon recht gut ausnehmen, dass eine solche Säule, die sich in eine Entfernung hin nur als eine Säule ausnimmt, in dieser Nähe ein ganzer Kreis von mehreren Säulen ist, welche wir früher nur als einzelne Stäbe an einer großen Säule erschauten.
GS|2|33|17|0|Und nun seht, wir sind glücklicherweise schon an die große Staffelei dieses Zentralgebäudes gekommen und erblicken, dass eine jede solche Hauptsäule aus dreißig in einem Kreis herumgestellten Säulen besteht, von denen eine jede von der anderen noch so weit entfernt absteht, dass wir ganz bequem in solch ein Säulen-Rondeau treten und uns darin überzeugen können, dass es noch hinreichend Raum hat zur Aufnahme von tausend Menschen.
GS|2|33|18|0|Aber zugleich betrachtet diese herrliche Einrichtung; längs des Kreises dieser Säulen windet sich im inwendigen Raum eine überaus prachtvolle Treppe in sanfter Steigung und mit den allerprachtvollsten Geländern versehen hinauf in das nächste Stockwerk. Und seht, eine jede Säule oder vielmehr ein jeder Säulenkreis, den wir von hier erblicken, hat eine gleiche Einrichtung.
GS|2|33|19|0|Der Boden solch eines Säulenkreises ist hellgrün und die Galerien, welche die aufsteigende Treppe einfassen, sehen aus wie flammendes Gold; und da seht hinaus, der Boden dieser ersten großen, ebenerdigen Galerie ist von der Farbe eines allerschönsten Amethystes, in welchen allerlei Diamantzierarten wie ein Mosaik eingearbeitet wären. Was sagt ihr zu dieser wahrhaft entsetzlichen Pracht?
GS|2|33|20|0|Ich sehe, dass es euch hier abermals so geht wie mir, man findet für die Buchstabensprache keine Worte. Gehen wir aber nun eine solche Treppe aufwärts und beschauen das zweite Stockwerk; allda erst werden wir Dinge zu Gesicht bekommen, die alles bisher Geschaute überdecken werden. Und so dann folgt mir auf der Treppe.
GS|2|34|1|1|Einzelheiten des Hauptgebäudes und deren Entsprechung
GS|2|34|1|1|(Am 1. Juli 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr nachmittags.)
GS|2|34|1|0|Seht, da sind wir schon in der Galerie des ersten Stockwerkes. Ihr seht da wieder Säulenrondeaus teils einzelner großer Säulen aufgestellt, und in der Mitte dieser Säulenrondeaus seht ihr hier wie Altäre aufgerichtet, welche demjenigen Altar eben nicht unähnlich sind, den wir auf der Wanderung hierher in der Allee zuerst angetroffen haben, und die innere Rundung des Säulenkreises ist abermals, wie ihr seht, allenthalben mit einer unaussprechlich prachtvollen Treppe versehen.
GS|2|34|2|0|Wozu denn aber diese Altäre in der Mitte dieser Säulenrondeaus? Einesteils dienen sie zur offenen Zierde eines solchen Säulenrondeaus, andernteils aber bezeichnen sie den ersten Grad der Erkenntnis Gottes, während die Säulenrondeaus zu ebener Erde ganz leer sind und bezeichnen das Menschliche im gänzlichen Naturzustand.
GS|2|34|3|0|Aber beseht die Pracht dieser Säulen; die sind nicht mehr glatt, sondern gewunden. In der Höhlung der Windung ist eine Verzierung von herrlichstem Laubwerk, und der Bauch der Windung ist besetzt mit den allerwunderherrlichsten selbstleuchtenden Edelsteinen, welche wie Halbkugeln hineingefügt sind. Die Farbe der Säulen selbst ist bläulich-grün, das Laubwerk ist wie flammendes Gold, der Boden des Rondeaus ist wie ein überaus stark funkelnder Rubin, und die Treppe ist hier von weiß flammendem Silber angefertigt.
GS|2|34|4|0|Seht aber den Boden der Galerie. Dieser ist aus lauter allerfeinstem Hyazinth, das prachtvollste Geländer nach außen hinaus von Porphyr, und die innere Wand des Hauptgebäudes besteht aus Onyx, welcher ist ein gar herrlicher Edelstein, und das bogenartige Gewölbe zwischen den Säulen und der kontinuierlichen Wand aber besteht aus dem allerherrlichsten Opal, in welchem allerlei farbige, selbstleuchtende Steine in der allerherrlichsten Ordnung eingelegt sind.
GS|2|34|5|0|Und da seht hin, zwischen einem jeden Säulenrondeau ist in der festen Wand des Hauptgebäudes ein hohes und breites Tor angebracht. Dieses Tor hat, wie ihr bemerken könnt, zwei Flügel, welche an einer in der Mitte des Tores angebrachten viereckigen Säule eingehängt sind und sich somit nicht in der Mitte, sondern zu beiden Seiten öffnen. Die viereckige Säule ist ein flammendes Diamantstück, und die Torflügel bestehen aus flammendem Gold, welches noch herrlicher ist als das durchsichtige; dergleichen freilich wohl auf der Erde nicht vorkommt.
GS|2|34|6|0|Ein durchsichtiges Gold könnte auf der Erde wohl erzeugt werden; wie aber? Durch Verglasung; denn ihr wisst, dass alle Metalle, wenn sie den höchsten Hitzegrad ausgestanden haben, gewisserart in eben diesem Hitzegrad verbrennen. Nach dem Verbrennen bleibt aber nichts als wie eine Art Schlacke übrig. Wenn nun diese Schlacke wieder zermalmt wird und gemengt mit einem dieselbe auflösenden Salz, so kommt sie in den Fluss, und wenn sie dann abgekühlt wird, so ist diese durch das Salz und natürlicherweise große Hitze flüssig gewordene Masse zum durchsichtigen Glas geworden. Wenn also aus der freilich auf dem Erdkörper sehr teuer zu stehen kommenden Goldschlacke auf oben gezeigte Weise ein Glas verfertigt würde, so würde so ein Glas von gelb-rötlicher Farbe das allerfeinste durchsichtige Gold geben.
GS|2|34|7|0|Aber ein flammendes Gold auf der Erde darzustellen, wäre wohl die reinste Unmöglichkeit. Nicht einmal auf den Planetarsonnen geht solches an, sondern allein nur auf den Zentralsonnen, allwo das Licht in für euch allerunermessbarster Intensität zu Hause ist. Allda ist demnach jeder durchsichtige Körper der beständigen Durchflammung fähig, weil er das in sich aufgenommene Licht zufolge des ihn umgebenden Lichtes nimmer verzehren kann. Und so geschieht durch solch einen beständigen Konflikt zwischen Licht und Licht ein solches Flammen, welches den Anschein hat, als wäre die Materie im fortwährend brennenden Zustand. Rührt man aber so eine Materie an, so ist sie vollkommen fest und nicht im Geringsten irgend erhitzt, sondern gerade im Gegenteil, je flammender etwas ist, desto kühler ist es,
GS|2|34|8|0|und steht eben darum in einer nicht geringen Entsprechung mit denjenigen Menschen auf eurer Erde, die da nach außen hin sehr feurig sind und über alles eifern; rührt man aber ihr Herz an, so erstaunt man über die Kälte desselben! So könnt ihr Menschen antreffen, die sich für die Unterstützung der Armen aus lauter Feuereifer die Zunge wund reden können; wenn ihnen aber heimlich ein Armer begegnet, da sind sie kälter als das tausendjährige Eis eines Gletschers, welches der gewöhnliche Sonnenstrahl nicht zu schmelzen vermag, wohl aber hier und da in kleinen Portionen ein wohlgenährter Blitz.
GS|2|34|9|0|Also sieht es auch zuallermeist mit den berühmten Kanzelpredigern aus. Sie zünden mit ihrem übermäßigen Feuer eine Hölle an, in welcher es kein auch dem allermächtigsten Feuer verwandtes Wesen nur eine Sekunde lang aushalten könnte; fragt ihr sie hernach, was ihr Herz zu einem so außerordentlich hohen höllischen Hitzegrad sagt, so wird euch die Antwort werden: Ich befinde mich recht wohl dabei. Ein guter Braten und ein wohlgenährtes Glas Wein auf so eine hitzige Predigt bringt bei ihm alles wieder ins Gleichgewicht.
GS|2|34|10|0|Das wäre demnach eine Entsprechung unseres flammenden Goldes; aber diese ist eben nicht die empfehlenswerte. Es gibt aber auch eine anempfehlenswerte, d. i. eine geistig gute, und diese lautet also:
GS|2|34|11|0|Menschen, die voll Liebe sind in ihrem Herzen, gegen diese ist auch die Liebe des Herrn mächtig wirkend. Dadurch geschieht ein Konflikt zwischen Liebe und Liebe, und diese Liebe wirkt dann wohltätig nach außen. Sie erleuchtet und erwärmt, was sie umgibt; aber in sich selbst bleibt sie kühl. Warum denn? Weil sie keine Eigenliebe ist. Solches bezeigt auch das flammende Gold. Nun wüssten wir diese Entsprechung; und so können wir die Torflügel schon ein wenig in den Augenschein nehmen.
GS|2|34|12|0|Da seht nur her, welche Erhabenheiten plastisch in diese Torflügel eingearbeitet sind! Sieht die Sache nicht beinahe aus wie eine Bilderschrift, welche aus der Mitte der Masse, aus welcher die Flügel angefertigt sind, in den wunderbarsten Farben durchstrahlt? Und da seht durch eine glatte Fläche des Torflügels in das Innere des Gebäudes! Ihr fahrt zurück; was lauter habt ihr denn da gesehen? Ich lese es schon an euren Gesichtern; ihr habt Menschen entdeckt, und das von nie geahnter Schönheit! Ja, ja, so ist es.
GS|2|34|13|0|Diesen Menschen dürfen wir uns für jetzt noch nicht nahen, sondern wir müssen früher von der stets steigenden Pracht dieses Gebäudes gehörig abgestumpft werden, sonst könnten wir samt und sämtlich einen kleinen Schaden an unserer geistigen Gesundheit erleiden. Denn so vollkommen ist nie ein Geist selbst des höchsten Himmels, dass er unvorbereitetermaßen alle Schönheit der Schöpfungen des Herrn anschauen möchte, ohne dabei eine zeitweise Beschädigung zu überkommen.
GS|2|34|14|0|Damit wir aber hier nicht zu sehr angefochten werden, so begeben wir uns nur ganz hurtig in ein solches Säulenrondeau und über die Treppe in das zweite Stockwerk, oder nach der Zahl der Galerie gewisserart in das dritte, allda uns wieder ganz andere Dinge erwarten.
GS|2|34|15|0|Ich merke zwar noch einen zweifelhaften Punkt in euch, und dieser besteht schon wieder in einem etwas zweifelhaften Zahlenverhältnis, und zwar darin, dass wir alle von der Entfernung her dieses ganze Hauptgebäude aus zwölf Stockwerken bestehend erschauten, in dieser Nähe aber nur aus zehn. Lassen wir die Sachen nur gut sein, wenn wir uns am zehnten Stockwerk befinden werden, so wird sich die Sache schon aufklären. Für jetzt aber gehen wir nur in unser zweites Stockwerk oder in die dritte Galerie.
GS|2|35|1|1|Die zweckmäßige Art der Fortbewegung und Entwicklung. Das zweite Stockwerk des Hauptgebäudes
GS|2|35|1|1|(Am 3. Juli 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|35|1|0|Seht, es kommt nur auf eine Vorübung an, und man steigt dann in einer höheren Sphäre mit eben der Leichtigkeit in eine noch höhere, als man vorher von einer unteren Sphäre in eine nach ihr folgende höhere gestiegen ist.
GS|2|35|2|0|Ihr sagt freilich, dass es auf der Erde nicht eben ganz vollkommen derselbe Fall ist; denn je höher man dort steigt, desto schwerer werden einem auch die Füße, und so braucht jeder nächste Tritt eine etwas stärkere Anstrengung als der vorhergehende. Das ist richtig; aber ihr müsst dabei bedenken, dass so ihr irgend natürlichermaßen in die Höhe steigen wollt, ihr da in einem Zuge fortgeht und macht nicht verhältnismäßige Raststationen zwischen einem und dem anderen Höhepunkt. Dadurch aber müsst ihr dann ja notwendigerweise ermüdet werden. Teilt ihr aber eine zu besteigende Höhe ab, und zwar in solche Rastabsätze, wo ihr von einem bis zum anderen nicht müde werden könnt, da werdet ihr nach einer zweckmäßigen Rast jeden folgenden Absatz mit gleicher Kraft und Müdlosigkeit besteigen können.
GS|2|35|3|0|Dass aber solches richtig ist, könnt ihr sehr leicht aus eurem täglichen Leben ersehen. Ihr geht da doch häufig hin und her und werdet dabei nicht müde. Warum denn nicht? Weil ihr inzwischen wieder gehörig ausruht. Zählt aber eure Schritte zusammen, die ihr in einem Tag hindurch macht, so werden derselben so viele sein, dass ihr mit denselben in einer geraden Linie leichtlich eine Strecke von zehn Stunden Feldweges zurücklegen würdet. Nun aber macht ihr einen Weg von zehn Stunden, so werdet ihr bis zum Niedersinken müde werden.
GS|2|35|4|0|Seht, also ist meine Annahme und Erklärung richtig; so jemand im Wege und im Emporsteigen desselben nicht müde werden will, da mache er Absätze für eine gehörige Rast, und er wird am Ende bei einer zurückgelegten Reisestrecke von zehn Stunden, ob eben oder aufwärts, noch dieselbe Kraft in seinen Füßen haben, wie er sie gehabt hat beim ersten Schritt, und bei einer weiter fortgesetzten Reise wird er statt müder nur stärker werden.
GS|2|35|5|0|Auf dieselbe Weise aber verhält es sich auch mit dem geistigen Fortschreiten, wie auch mit demjenigen, welches halb geistig und halb materiell ist. Nehmt ihr z. B. jemanden an, der auf irgendeinem musikalischen Instrument ein Virtuose werden wollte; was wird aus ihm wohl werden, wenn er sein Instrument den ganzen Tag und so auch noch dazu etwa die halbe Nacht nicht aus der Hand legt und dazwischen einige Stunden ruht? Ich sage euch: Nicht acht Tage wird er solch eine Übung aushalten. Warum denn nicht? Weil eine jede Bewegung sowohl des Leibes wie des Geistes eine viel größere Anstrengung der Lebenskräfte fordert als der Zustand der Ruhe.
GS|2|35|6|0|Die Anstrengung der Lebenskräfte aber ist eine Verzehrung derselben, durch welche sie nicht gestärkt, sondern natürlicherweise nur geschwächt werden müssen. Der Mensch aber ist so eingerichtet, dass sich im Zustand der Ruhe seine verzehrten Kräfte durch das beständige Einfließen des Herrn aus den Himmeln ersetzen. Und so durch den öfteren zweckmäßigen Gebrauch die Lebenskräfte zu öfteren Malen in Anspruch genommen werden, so werden eben durch diesen Gebrauch die Gefäße zu fernerer Aufnahme der Lebenskraft nach und nach stets mehr erweitert und gestärkt, wodurch dann der Mensch bei einer stufenmäßig geordneten Lebensweise an der Kraft und Stärke notwendig zunehmen muss, weil er als ein Gefäß auf diese Art und Weise stets mehr der Lebenskraft in sich aufnehmen kann.
GS|2|35|7|0|Sonach wird ein Wanderer durch den zweckmäßigen Gebrauch der Kraft seiner Füße von Tag zu Tag stärker. Der auf einem musikalischen Instrument sich zweckmäßig Übende wird tüchtiger und tüchtiger, und der im Geist Fortschreitende wird ebenfalls von Periode zu Periode fähiger und fähiger werden, ohne wahnsinnige Ermüdung des Geistes sich in die größten Höhen und Tiefen der Weisheit emporzuschwingen.
GS|2|35|8|0|Wollte aber jemand von heute bis morgen schon das erreichen, was ein geordnet Fortschreitender im Verlaufe von mehreren Jahren erreicht hat, so wird er ein Narr; denn er wird über das Maß des geordneten Zufließens seine geistige Lebenskraft verzehren und dann im Geist zum Hinfallen schwach und ohnmächtig werden.
GS|2|35|9|0|Die hungrigen Gefäße für Lebenskraft werden dann gleich einem Polypen alles aufzusaugen anfangen, was ihnen nur unterkommt, Unflat und Gold, Licht und Finsternis; also alles durcheinander. Diese ungleichartigen Substanzen aber werden dann in den Gefäßen zu gären anfangen, der Geist solcher Gärung wird bald die schwachen Gefäße zerreißen, und der Zustand, wo ihr sagt: Bei dem ist das Radel laufend geworden, wird fertig sein.
GS|2|35|10|0|Aus dem aber werdet ihr meines Erachtens nun schon ganz klar abnehmen können, dass ein jedes zweckmäßige Fortschreiten oder Aufsteigen in zweckmäßige Rastabsätze eingeteilt sein muss; und man wird dann mit der größten Leichtigkeit von der Welt jedes gute Ziel erreichen können.
GS|2|35|11|0|Wer da ein großes Fass neuen Mostes hat und zieht ihn fortwährend von einem Fass ins andere ab, um ihn dadurch etwa zu klären und stärker zu machen, der wird sich bei einem hundertmaligen Abziehen sicher überaus getäuscht finden; denn dadurch wird der Most sicher nie nicht nur allein nicht klar und stark werden, sondern, da in einem jeden Fass etwas zurückbleibt, so wird er am Ende durch lauter Hin- und Herziehen den Most auch zum größten Teil einbüßen. Lässt er aber den Most im Fass in der gehörigen Ruhe, so wird dieser tätig werden, alle Unreinigkeit von selbst hinausarbeiten und dadurch sich stets mehr und mehr klären und eben dadurch auch stets mehr und mehr sättigen mit der geistigen Kraft.
GS|2|35|12|0|Hat er einmal die erste Stufe der Klarheit erreicht, dann wird es recht sein, ihn abzuziehen in ein anderes reines Fass, allda keine unlauteren Treber mehr auf dem Grund liegen, welche die geistige Kraft des Weines schwächen; sondern er wird nun auf reinerem Grund mit sich selbst, also mit seiner eigenen Kraft zu tun bekommen und sich durch diese eigene Kraftübung stets mehr und mehr stärken und kräftigen.
GS|2|35|13|0|Geradeso ist es auch mit dem Menschen; von Stufe zu Stufe muss er steigen und von Stockwerk zu Stockwerk. So kommt er höher und höher in der Sphäre seines Lebens und aller Erkenntnisse desselben. Und so sind wir nun auch in unser zweites Stockwerk gelangt ohne die geringste Ermüdung und können uns nun hier in diesen herrlichen Galerien recht breit, und wie ihr zu sagen pflegt, patzig herummachen und betrachten alle diese großen Herrlichkeiten.
GS|2|35|14|0|Was die Bauart betrifft, so gleicht sie vollkommen der der ersten zwei von uns schon gesehenen und betretenen Galerien, nur sind die das nächste Stockwerk tragenden mächtigen Säulenrondeaus etwas tiefer zurückgesetzt als die der vorigen Galerien.
GS|2|35|15|0|Das Unterschiedliche zwischen dieser und der vorigen Galerie liegt zuerst in der ganz anderen Färbung des Baumaterials, ganz besonders aber in dem, dass in der Mitte dieser Säulenrondeaus statt eines Altares eine Art großer Gartenvase von der prachtvollsten und zierlichsten Arbeit sich befindet, aus welcher ein natürliches kleines Bäumchen wächst.
GS|2|35|16|0|Ihr werdet etwa meinen, die Wurzeln dieses Baumes werden mit der Zeit die Vase auseinandertreiben. Des seid ohne Sorge. Die Weisheit dieser Menschen hat dagegen schon gehörig fürgesorgt; denn wird das Bäumchen mit der Zeit stärker und stärker, so wird es dann behutsam hinausgenommen und übersetzt in ein mächtiges Geschirr, das wir erst im nächsten Stockwerk antreffen werden. Dafür aber wird in die Vase dieses Stockwerkes wieder ein frischer Same gelegt, aus welchem ein neues ähnliches edles Bäumchen erwächst.
GS|2|35|17|0|Hat denn auch diese gärtnerische Operation irgendeinen geistigen Grund? Allerdings, meine lieben Freunde und Brüder! Im ersten Stockwerk haben wir nur einen Altar in der Mitte gesehen. Dieser bezeichnete die erste gewisserart bloß nur buchstäbliche Erkenntnis Gottes; also ein Samenkorn, welches erst ins Erdreich kommen muss, um aus demselben zu einem Baum zu erwachsen, unter dessen Ästen dann die Vögel des Himmels Wohnung nehmen können.
GS|2|35|18|0|Und seht, hier ist dieses im ersten Stock noch ledige Samenkorn schon in die Erde gelegt und aus derselben erwachsen zu einem kleinen Bäumchen, und bezeichnet den Zustand des Menschen, wie er sobald ein moralisches Wesen wird, sobald er von Gott eine Erkenntnis in sich aufgenommen hat und ist dann auch schon zur künftigen Fruchttragung geeignet, wie zur Wohnung der Vögel des Himmels. Und so werdet ihr im Verhältnis auch alles andere in diesem zweiten Stockwerk finden.
GS|2|35|19|0|Der Boden der Galerie sieht aus wie ein weißglühend Erz, die Säulen sind rötlich-grün, der Boden der Säulenrondeaus, auf dem die Vase steht, ist weiß wie eine Sonne. Die Vase selbst ist aus einem Stück Rubin geformt und ruht auf einem dreifüßigen Gestell, welches aus flammendem Gold verfertigt ist, und das Erdreich in der Vase sieht aus als wie ein Smaragdsamt. Die Treppe um die Säulen ist hier aus einem hellblauen Material angefertigt und mit grünem, mächtig stark schimmerndem Laubwerk verziert. Die Wand des Hauptgebäudes ist rosenrot, die Tore in das Innere sind aus Smaragd, die Mittelsäule, auf der die beiden Flügel hängen, ist aus durchsichtigem Gold, und der Plafond in dieser Galerie samt seiner herrlichen Verzierung ist lichtgrün und glänzt mächtiger als die Sonne durch ein lichtgrünes Glas beschaut.
GS|2|35|20|0|Nun aber begeben wir uns auch hier zu einer Tür hin und wollen durch ihr leicht durchsichtiges Material einen Blick ins Innere tun. Wir sind dabei; also seht hinein! Was sehe ich? Ihr sinkt ja völlig ohnmächtig zusammen, was hat euch denn da gar so erschüttert? Ich weiß schon, die in diesem Stockwerk noch viel schöneren Menschengestalten.
GS|2|35|21|0|Ja, ich sage euch, die bildliche Schönheit dieser Menschen ist so groß, dass ihr auf eurer Erde nicht imstande wärt, eine solche Schönheit anzuschauen ohne das Leben plötzlich zu verlieren. Ich sage euch aber noch mehr: Der Glanz dieser Schönheit würde buchstäblich sogar eure ganze Erde in wenig Augenblicken völlig auflösen. Daher aber verlassen wir auch wieder diese Galerie und steigen somit ins dritte Stockwerk oder auf die vierte Galerie.
GS|2|36|1|1|Das dritte Stockwerk und dessen Entsprechung. Die geistige Entwicklung eines Menschen
GS|2|36|1|1|(Am 4. Juli 1843 von 4 1/4 – 6 Uhr nachmittags.)
GS|2|36|1|0|Wir hätten auch diese vierte Galerie oder das dritte Stockwerk erreicht. Dass hier nun alles noch ums Vielfache herrlicher und verklärter ist als in den vorigen Stockwerken, braucht kaum besonders erwähnt zu werden.
GS|2|36|2|0|Ein Blick in diese in tausend allerglänzendsten Farben flammend strahlenden Galerien zeigt uns mit mehr als sprechender Klarheit, von welch unaussprechlicher Schönheit diese vierte Galerie ist; aber das sonderbare Gefäß im Säulenrondeau verdient eine nähere Beachtung. Beschaut es genau, und das von allen Seiten, und ihr werdet am Ende sagen müssen: Fürwahr, das sieht eher einem Schiff als irgendeinem Gartengefäß ähnlich. Und dennoch ist dieses schiffartige Gefäß gefüllt mit rötlich-blau schimmernder Erde, aus welcher in der Mitte des Gefäßes ein ganz tüchtiger Baum emporgewachsen ist, dessen Stamm von blendend weißer Farbe und glatt ist wie poliertes Silber. Die Äste und Blätter auf demselben aber gleichen so ziemlich den Ästen und Blättern eines Feigenbaumes auf der Erde, nur sind die Äste glänzend rot wie Korallen im Grund des Meeres, und die Blätter sind blau-grün, an den Rändern mit kleinen wie Gold glänzenden Streifchen verbrämt, und über den Blättern zeigen sich im Ernst schon Knospen, darunter einige völlig zum Aufbruch zeitig sind.
GS|2|36|3|0|Das schiffartige Gefäß aber scheint aus hellrotem Gold zu sein und ist am Rand herum gar überaus zierlich mit einem verhältnismäßig festen, von durchsichtigem Gold angefertigten Geländer umfasst, aus welchem Geländer kleine nach innen zu gebogene Röhren auslaufen und, wie es sich zeigt, fortwährend das Erdreich im Gefäß mit Wasser tropfenweise befruchten. Und das Wasser hat einen Wohlgeruch wie das allerfeinste Nardusöl. Und der Boden des Säulenrondeaus scheint aus einer ähnlichen Masse verfertigt zu sein wie der große Hofraum zwischen der dreifachen Ringgalerie und diesem Hauptzentralgebäude; denn man kann hinsehen, wie man mag und will, so wellt und wogt es immer auf seiner Oberfläche, und dennoch wissen wir, dass er sicher fest ist.
GS|2|36|4|0|Merkwürdig sind dazu noch die einzelnen Säulen dieses Rondeaus. Ihre Farbe ist lichtgrau, aber durchsichtig, und in der Mitte einer jeden Säule scheint es lichtrot in gewundenen Röhren auf- und abzusteigen, wie eine rote durchsichtige Flüssigkeit, welches der ganzen Säule ein sonderbar merkwürdig erhabenes Ansehen gibt. Und merkwürdig ist dabei, dass all die anderen Säulenrondeaus und ihre Säulen auf eine ganz haargleiche Weise in allem gestellt sind. In ihrer Mitte ist überall ein solches Schiffgefäß mit einem Baum, und überall entdecken wir in der Mitte der Säulen gewundene Röhren, in welchen gleichmäßige rote Flüssigkeit auf- und absteigt. Also sind auch die Rundtreppen innerhalb eines solchen Säulenrondeaus hier scheinbar etwas steiler gehalten als wie in den früheren und scheinen aus einer Masse zu sein, welche unserem dunkelgrünen Glas gleicht, nur dass das Glas der Erde kein Eigenlicht hat und somit auch nicht mit einer so lebendigen Farbe förmlich in sich selbst zu glühen vermag.
GS|2|36|5|0|Also ist es richtig, meine lieben Freunde und Brüder; aber was mag dieses alles wohl besagen? Wir wollen nicht lange herumgreifen und herumstehen, sondern die Sache gleich beim rechten Ort anpacken.
GS|2|36|6|0|Was den in diesem schiffartigen Gefäß vorkommenden Baum betrifft, so haben wir bereits in der vorigen Galerie erfahren, dass er aus der dortigen Vase hierher überpflanzt wird, so er dort die gehörige Größe erhalten hat. Was geschieht denn aber hier mit ihm, so er auch da für dieses Gefäß zu mächtig wird? Wir haben ähnliche Alleen schon passiert. Wenn er hier die Früchte getragen hat, dann werden die Früchte abgesammelt und der Baum wird mit leichter Mühe hinaus versetzt in die Alleen und anderen Baumgruppen, allda er dann fortwährend blühen und Früchte tragen kann in die große Menge. Und hat er dort einmal ausgedient, so wird sein Holz genommen und seine Äste und sein Laubwerk und wird alles dieses auf den Altar gelegt, den ihr zuerst gesehen habt in der Allee, dann auf diesem Altar angezündet und somit Gott geopfert. Das wäre sonach das Schicksal des Baumes; – aber wir haben noch das Gefäß vor uns.
GS|2|36|7|0|Warum hat denn dieses solch eine schiffähnliche Gestalt? Weil das Schiff auch hier auf diesem Weltkörper ein tragbares Fahrzeug über der Oberfläche des Gewässers ist. Um aber anzuzeigen, dass für den Baum hier noch keines Bleibens ist, wird ihm ein solches Gefäß gegeben. Der wogende Boden stellt scheinbar einen noch untüchtigen Grund vor, auf dem man kein Standquartier machen kann. Die graue Farbe der Säulen bezeichnet die Wehmut über das noch nicht beständige Leben des Baumes, und der rote rollende Saft in den gewundenen Röhren zeigt an, dass das wahre Leben in der Mitte aller äußeren Festigkeit wallen muss, wenn das äußere Leben fest und bleibend werden sollte zur beständigen Tragung und freien Bewegung des inneren Lebens. Das bedeuten sonach die Form und Beschaffenheit der Säulen eines solchen Säulenrondeaus.
GS|2|36|8|0|Die etwas steiler empor gehende Treppe bezeigt, dass der Fortschritt auf einem nicht festen Grund schwieriger und manchmal aufhaltender ist, als wenn man seine Schritte über das feste Land tun kann. Noch verständlicher gesprochen bezeigt die etwas steiler aufwärts gehende Treppe, dass der Mensch, wenn er einmal zu einer selbständig moralischen Wesenheit geworden ist, durch die alleinigen Tropfen der Erkenntnis schwerer vorwärts und aufwärts kommt, als wie ihm da anzeigt der rote in der Mitte der Säule leicht auf- und absteigende Saft, durch welchen dem freien moralisch gewordenen Menschen noch etwas verhüllt, aber doch fasslich klar genug gezeigt wird, der welche Weg zur Erreichung der wahren Höhe des Lebens der tauglichste und am wenigsten beschwerlichste ist.
GS|2|36|9|0|Durch die Röhrchen, welche vom Geländer des schiffartigen Gefäßes sich einwärts bogen, sehen wir zur Befeuchtung des Erdreiches Tropfen fallen; aber in der Mitte der Säulen steigt fortwährend eine ununterbrochene Masse Saftes auf und ab. Was bezeigt denn solches? Die Tropfen aus den Röhrchen sind die Erkenntnis von außen her und sind gewisserart nie ein Ganzes, sondern allzeit nur ein Stückwerk; und durch sie wird auch zumeist das äußere Formleben gebildet, aber nicht das inwendige einfache Hauptleben.
GS|2|36|10|0|Also wird auch der Mensch durch allerlei Erkenntnisse wohl recht fein gebildet, bleibt aber bei all seiner großgelehrten Bildung ein zerstreuter, aber kein in eins versammelter Mensch, und gleicht als solcher einem Baum, der in einem Schiff wächst, da er nämlich keine Festigkeit hat und für ihn in dieser Art noch keines Bleibens ist. Das Beste an ihm ist, wenn er auf den vielen und bunten Zweigen seiner äußeren Erkenntnisse gute Früchte bringt; diese werden behalten, aber der Baum nicht. Aber die Säule, die ein vereintes Leben wallen lässt in ihrer Mitte, bleibt fort und fort als eine feste, herrliche Stütze zur Tragung des Reiches Gottes.
GS|2|36|11|0|Seht, das alles bezeigt so ein vor uns stehendes Säulenrondeau in dieser vierten Galerie; und ihr könnt von dieser Erkenntnis den sehr leichten Schluss machen, dass Menschen, die ihre Gebäude in solch einer hohen Entsprechung des Lebens aufführen, sicher überaus weise sein müssen. Solches bezeigt auch ihre strahlende Schönheit. Diese Menschen, die in dieser vierten Galerie wohnen, haben auch Entsprechung mit allem dem, was ihr hier seht. Sie sind überaus weise und schön, und das mehr als alle, die wir bisher gesehen haben.
GS|2|36|12|0|Darum wollen wir sie auch nicht ansehen, da deren Anblick euch eher einen Schaden als einen Nutzen bringen könnte, denn, wie ich schon bemerkt habe, ihr müsst eher von der großen Pracht und Weisheit bei der Beschauung dieses Zentralgebäudes förmlich abgestumpft werden, alsdann werdet ihr erst fähig sein, auch die Menschen, welche zu vielen Tausenden in diesem übergroßen Gebäude wohnen, in den Augenschein zu nehmen. Und so werden wir uns sogleich wieder höher, in das vierte Stockwerk oder in die fünfte Galerie, begeben und alldort wieder eine neue Pracht, Herrlichkeit und Weisheit dieser Menschen erschauen. Und so denn erheben wir uns über diese, wenn schon ein wenig steilere Treppe.
GS|2|37|1|1|Das vierte Stockwerk und dessen Entsprechung. Der gewöhnliche Mensch und der ungewöhnliche Mensch
GS|2|37|1|1|(Am 6. Juli 1843 von 4 3/4 – 6 Uhr nachmittags.)
GS|2|37|1|0|Hier sind wir schon auf der fünften Galerie oder in dem vierten Stockwerk. Was erblickt ihr hier, das euch gar stark unterschiedlich von der vorigen Galerie vorkommt? Ihr sagt: Das Unterschiedliche, was uns hier besonders auffällt, besteht in einer weißen, ziemlich hohen Pyramide, die sich da ebenfalls wieder in der Mitte der Säulenrondeaus befindet. Und die Spitze der Pyramide ist, für uns zum ersten Mal merkwürdig genug, mit einer kleinen, einen nackten Menschen vorstellenden Statue geziert. Und diese Statue hat eine rötlich-weiße Farbe und ist in ihrem verjüngten Maßstab so vortrefflich geformt, dass man gerade glauben möchte, sie habe Leben. Solange wir bis jetzt auf diesem Weltkörper uns befinden, haben wir eine ähnliche Darstellung noch nicht entdeckt.
GS|2|37|2|0|Was das Übrige dieses vierten Stockwerkes oder dieser fünften Galerie betrifft, so unterscheidet es sich im Wesentlichen eben nicht so viel mehr von der unteren Galerie, nur dass der Fußboden dieser Galerie von flammend blauer Farbe ist, die Säulen von rötlich-weißer wie die Statue auf der Spitze der Pyramide, und die beinahe ins Dunkelrote gehende feste Wand des Hauptgebäudes ist das ziemlich Unterschiedliche von der vorigen Galerie. Aber wir müssen es fürwahr bekennen, dass wir von dem großen Glanz und von der Farbenpracht desselben schon so abgestumpft sind, dass wir auf dergleichen Unterschiede eben nicht mehr die größte Aufmerksamkeit verwenden. Aber was da dieses Zierakulum des Säulenrondeaus betrifft, so ist es uns überaus merkwürdig, da wir dergleichen, wie gesagt, auf diesem Weltkörper noch nicht gesehen haben. Es wird sicher nicht bloß als eine Zierde da sein, sondern wird haben einen guten Sinn, und diesen möchten wir in nähere Erfahrung bringen.
GS|2|37|3|0|Gut, meine lieben Freunde und Brüder, eure Bemerkung und euer Wunsch ist recht, vollkommen und billig, und so hört mich denn an; ich will die Bedeutung dieses Zierakulums in euch selbst ausfindig machen. Was bedeutet wohl die Pyramide? Ich habe euch die Bedeutung davon schon bei einer anderen Gelegenheit kundgetan. Wollt ihr aber die Bedeutung, wie sie hier gar wohl gegründet ist, herausbringen, so betrachtet, wie eine Pyramide gestaltlich gebaut und wie da geartet ist ihr Zweck, und ihr werdet dadurch schon einen ganz tüchtigen Wink über die Bedeutung dieses Zierakulums in euch selbst erschauen.
GS|2|37|4|0|Die Pyramide ist zuunterst breit und endet zuoberst in einer Spitze; also soll auch das gerechte demütige Leben des Menschen sein. Wie aber das Leben des Menschen sich zu arten anfängt, haben wir in den vorigen Galerien an dem Baum gesehen, wo der Baum aus einem gar kleinen Samenkörnchen sich stets mehr und mehr in seinen Ästen und Zweigen ausbreitet. Also breitet sich auch der Mensch aus in seinen verschiedenen Grundanlagen und daraus hervorgehenden mannigfaltigen Erkenntnissen, aber damit auch mit allerlei gearteten Begierden verbunden.
GS|2|37|5|0|Was ist aber mit diesem ausgebreiteten Menschen mit der Zeit und in der Zeit? Er wird aus seinem schwankenden Boden hinausgenommen und eingegraben hinter der Stätte der Gräber, allda die Probealleen sind. Oder verständlich gesprochen: Alles, was der Materie gehört, wird von der Materie wieder verschlungen, und es kümmert sich niemand um diejenigen Früchte, welche die von der Materie aufgenommene Materie noch eine Zeit lang hervorbringt. Es werden nur diejenigen Früchte als gehaltvoll aufbewahrt, welche der Baum in den Gefäßen trug.
GS|2|37|6|0|Seht, also ist es auch mit dem Menschen. Was er Gutes gewirkt hat in der Zeit seines Lebens, welches da glich einem ausgebreiteten Baum, das wird aufbewahrt. Wenn aber der Mensch stirbt, so wird sein Leib eingegraben und somit alle seine weltläufigen Erkenntnisse mit ihm. Bleibt der Leib ohne Fruchttragung im Grab? O nein; auf seinen vielen Ästen und Zweigen erwächst noch eine Menge Würmer, die sich nach und nach über ihren sie erzeugenden Baum selbst hermachen und ihn dann ebenso nach und nach bis auf den letzten Tropfen aufzehren. Die Würmer selbst aber haben schon wieder andere Gäste in sich, die sie nach und nach in den Schlamm der Erde und endlich in die Erde selbst verwandeln.
GS|2|37|7|0|Das ist das Bild eines gewöhnlichen Weltmenschen. Durch diese Pyramide aber wird ein ungewöhnlicher Mensch dargestellt. Aber dieser ungewöhnliche Mensch stellt gerade einen Menschen vor, wie er vom Grunde des Grundes aus sein soll. Wie denn?
GS|2|37|8|0|Der sich ausgebreitete Mensch fängt an, seine Erkenntnisse und seine Begierden fortwährend mehr und mehr auf einen Punkt zu vereinen, und dieser Punkt ist Gott in der Höhe! Je mehr er dahin blickt zu Dem, der ihn erschaffen hat zu einem freien Leben, in desto stets enger werdende Kreise werden seine Erkenntnisse und Begierden getrieben und gezogen; und das so lange fort, bis der Mensch die Spitze oder den Kulminationspunkt der Demut aus seiner völligen Selbstverleugnung in all seinen weltlichen Begierlichkeiten erreicht hat.
GS|2|37|9|0|Was wird dann die Pyramide für den sich auf der Spitze der Demut befindlichen Menschengeist? Sie wird das, was sie war bei den alten Ägyptern, nämlich ein Grabmal für alle seine für die Welt gänzlich abgestorbenen Erkenntnisse, Begierlichkeiten und daraus hervorgehenden Leidenschaften.
GS|2|37|10|0|Was aber erschauen wir hier über der Spitze der Pyramide? Eine überaus wohlgebildete kleine Gestalt eines Menschen von rötlich-weißer Farbe. Seht, ein gar herrlich überaus treffendes Bild der Wiedergeburt des Menschen! Aus der Demut und der völligen Selbstverleugnung, also aus der Spitze der Pyramide geht er hervor. Wodurch ist er in die Spitze gelangt? Das zeigt seine Farbe; durch Glauben und Liebe zu Gott! Und seine kleine aber vollkommene Gestalt besagt so viel, als der Herr einst Selbst gesagt hat zu uns, Seinen Jüngern: „So ihr nicht werdet wie die Kindlein, da werdet ihr nicht eingehen in das Reich Gottes!“
GS|2|37|11|0|Die außerordentlich weich gehaltene Plastik bezeigt die Sanftmut; die Festigkeit des Materials, aus dem die kleine Statue geformt ist, aber bezeigt, dass der Mensch erst in solch einer wahren Wiedergeburt des Geistes in die unwandelbare Festigkeit des ewigen Lebens gediehen ist.
GS|2|37|12|0|Der flammende blaue Boden bezeichnet dann ebenfalls den zwar einfachen, aber beständigen Grund zum ewigen Leben. Die mit der Statue gleichfarbigen Säulen aber bezeichnen ebenfalls die tragenden Stützen, welche da sind der wahre lebendige Glaube an Gott den Herrn und daraus die Liebe zu Ihm.
GS|2|37|13|0|Seht, das ist die überaus sinnige Bedeutung dieses Zierakulums. Begeben wir uns aber nun, da wir solches wissen, sogleich in die sechste Galerie oder in das fünfte Stockwerk. Alldort werden wir wieder auf einen höheren Grad der Weisheit der Bewohner dieses Zentralgebäudes stoßen.
GS|2|37|14|0|Ihr möchtet wohl gern einen Blick auf die anwesenden Bewohner im Inneren dieses vierten Stockwerkes machen. Ich aber sage euch: Lasst euch solch eine Begierde vergehen, denn ihr würdet hier noch weniger als in den früheren Galerien solch einen zu erhaben schönsten Anblick vertragen. Zur rechten Zeit aber werden wir schon ohnehin in einen näheren Konflikt treten mit den Bewohnern dieses Gesamtgebäudes; und so wollen wir nicht Säumens machen, sondern uns, wie gesagt, sogleich begeben in den fünften Stock oder auf die sechste Galerie.
GS|2|38|1|1|Das fünfte Stockwerk und dessen Entsprechung. Der vollendete Mensch
GS|2|38|1|1|(Am 7. Juli 1843 von 5 1/2 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|38|1|0|Wir sind oben; wie gefällts euch hier? Ihr sagt: Überaus gut; aber es wird hier von diesem fünften Stockwerk oder von der sechsten Galerie schon ganz entsetzlich hoch hinabzuschauen! Es ist nur gut, dass da immer eine Galerie tiefer hinab über die andere hervorsteht; sonst würden wir eine solche Höhe kaum vertragen. Dass sonst alles in der früheren Art und Weise gestellt ist, lässt sich wohl auf den ersten Augenblick erschauen; aber was da die Verzierung des Säulenrondeaus betrifft, so ist diese hier wirklich wieder ganz neu. Eine majestätisch große weiße glänzende Kugel ruht auf einer in der Mitte etwas erhabenen runden grünen Kreisplatte; auf der Kugel aber steht hier in einer wohlgehaltenen männlichen Stellung eine überaus meisterlich gearbeitete, einen vollkommenen Mann darstellende Statue. Die Statue blickt aufwärts; die linke Hand hält sie an der Brust und mit der rechten deutet sie hin in die Ferne auf die Weise, wie da ein Herrscher gestellt ist. Die Farbe der Statue geht ebenfalls ins rötlich-weiße über; aber die Haare sind völlig weiß und so auch der Bart. Die Nägel an den Fingern glänzen wie Sterne, der Mund ist halb geöffnet. Das ist aber auch alles, was wir von der Form dieser merkwürdigen Zierde herauszubringen imstande sind.
GS|2|38|2|0|Auffallend ist es, dass hier die Säulen blau sind, der Fußboden aber rot und hier nicht so stark wellend und flammend wie ähnlichermaßen in den unteren Galerien, sondern die schwingende Bewegung, die wir an dem Boden bemerken, gleicht mehr dem Schwingen eines elastischen Körpers, da die Bewegungen gleichartig sind. Die Wand des inneren Gebäudes ist hier dunkelgrün, aus welchem Grün eben auch fortwährend eine hellrote Lichtfarbe herausvibriert.
GS|2|38|3|0|Wenn man die Sache so recht in den Augenschein nimmt, so kommt es einem vor, dass das Gebäude hier in einem beständigen Vibrierzustand ist. Nur die Säulen lassen ihre wunderschöne blaue Farbe ganz ruhig ausströmen; und was wir bei diesen Säulen auch noch bemerken und bei den vorhergehenden nicht bemerkt haben, so sind das die Kapitelle, welche über einer jeden Säule wie aus durchsichtigem Gold in einer unbeschreiblich kunstvoll schönsten Form angebracht sind. Lieber Freund und Bruder, das ist nun alles, was uns hier sonderheitlich auffallen konnte. Was aber dieses alles etwa besagen dürfte, dem sind wir nicht gewachsen und schon am allerwenigsten, was das Verhältnis dieser stets merkwürdiger werdenden Säulenrondeaus betrifft.
GS|2|38|4|0|Liebe Freunde und Brüder! Ihr habt das Notwendige und Zweckdienliche hinreichend gut beschaut. Was euch hier sonderheitlich aufgefallen ist, ist eben auch dasjenige, was wir zu unserem Zweck brauchen können. Es hat hier zwar eine jede auch noch so kleine Verzierung ihren höchst weisen Grund; aber dieser betrifft gewisse ausschließende Verhältnisse, die nur allein für diesen Weltkörper und namentlich für dieses Kreisgebiet gang und gäbe sind.
GS|2|38|5|0|Was aber die von euch bemerkten sonderheitlichen Verzierungen betrifft, so haben sie einen allgemeinen Sinn, welcher wie ein Licht von diesem Zentralsonnenkörper ausgehend für die ganze Schöpfung gilt. Damit ihr aber diese Verzierung so geschwind und so gut als möglich erkennen mögt, so müssen wir einen kleinen Blick auf die vorige Galerie werfen. Dort haben wir gesehen auf der Spitze der Pyramide eine kleine Statue. Sie bezeichnete die Wiedergeburt des Menschen in seinem Geist. Unter ihr war das abgeschüttelte Weltliche noch in einer vollkommenen Pyramide ersichtlich.
GS|2|38|6|0|Nun aber seht hier die gegen die Mitte ein wenig erhabene grüne Rundplatte. Diese ist nichts anderes als die frühere durch das große Gewicht des groß gewachsenen wiedergeborenen Menschengeistes ganz zusammengedrückte Pyramide, oder hier ist es, wo die Berge und Täler geebnet sind. Das ist richtig.
GS|2|38|7|0|Aber woher kam die große weiße Kugel und was besagt sie? Die Kugel sowie der Kreis ist das Symbol der Vollendung; zugleich aber stellt sie auch dar, dass der Geist des Menschen im vollkommenen Sieg über sein Weltliches sich selbst eine neue Welt schafft, welche ist hervorgehend aus seiner vollendeten Weisheit. Also wird auch ein jeder vollendete Geist einst der Schöpfer seiner eigenen Welt werden, oder er wird die Welt bewohnen, die hervorgegangen ist aus den Werken seiner Liebe und aus dem lebendigen Licht seines Glaubens. Und dazu bezeigt die Kugelgestalt die höchstmögliche Vollendung einer solchen Welt, vollendet in der Liebe, vollendet in der Weisheit und vollendet in jeglicher Tüchtigkeit.
GS|2|38|8|0|Dass aber die Kugel eine solche Vollendung anzeigt, könnt ihr daraus zur Übergenüge ersehen, so ihr einen Weltkörper um den anderen betrachtet, welche Weltkörper der Herr als das, was sie sind, vollendet erschuf. Wie sehen aber diese Weltkörper aus? Seht, sie sind vollkommene Kugeln. Warum aber drückt sich durch die Kugel das Vollendete aus? Messt einmal die Kugel mit einem Zirkel aus, und ihr werdet über diese Kugel zahllose Kreise machen können vom größten bis zum kleinsten. Die Oberfläche oder der äußere Umfang der Kugel wird nach jeder Richtung einen und denselben Kreis geben. Ferner könnt ihr, wo ihr immer wollt, auf der Kugel einen kleineren Kreis machen, so wird er sich überall ganz vollkommen in der Mitte der ganzen Oberfläche der Kugel befinden. Solches ist auf einem jeden anders geformten Körper nicht möglich, auch auf dem Kreis nicht; denn so ihr beim Kreis oder vielmehr auf dem Raum des Kreises irgendeinen kleineren Kreis macht, so wird er sich doch sicher nicht mehr in der Mitte der Kreisfläche befinden, aber auf der Fläche einer Kugel ist er überall vollkommen in der Mitte. Seht, also drückt die Kugel wie kein anderer Körper die höchstmögliche Vollendung aus, wie auch die höchstmögliche Freiheit des geistigen Lebens.
GS|2|38|9|0|Wie aber? Auf der Oberfläche der Kugel könnt ihr, wohin ihr wollt, einen kleineren Kreis oder einen Punkt setzen, und er wird sich vollkommen in der Mitte befinden, d. h. in der Mitte der gesamten Oberfläche der Kugel. Und da könnt ihr tun, was ihr wollt, und ihr könnt da unmöglich gegen dieses mathematisch richtige Gesetz je auch nur den allerleisesten Fehler begehen.
GS|2|38|10|0|Seht, also steht es auch mit der vollendeten Handlungsfreiheit des vollendeten Geistes. Er kann tun, was er nur immer mag und will, und es ist ihm eine reine Unmöglichkeit, sich je gegen die allervollkommenste göttliche Ordnung zu verstoßen. Und seht, aus eben diesem Grunde ist dieser Statue solch ein überaus vielsagendes Symbol unterlegt.
GS|2|38|11|0|Wissen wir nun solches, da zeigt uns die vollkommen männliche Statue ja eben nichts anderes als einen vollendeten Menschen im Geist. Der Blick nach oben ist der unverwandte Blick zu Gott und rechtfertigt den Satz: „Schaut unverwandt auf Mich!“ Die linke Hand, an das Herz gelegt, bezeigt die ausschließende Liebe zu Gott; die andere Hand, herrschend in die Ferne hinausgestreckt, besagt, dass alles dem Gesetz der Liebe untertan ist.
GS|2|38|12|0|Dass der Mensch bildlich hier steht auf der Kugel, bezeigt seine Erhabenheit über alle andere Schöpfung; denn alle andere Schöpfung in ihrer Vollendung macht den Gesamtinhalt der Kugel aus. Keine andere Erhabenheit ist auf ihrer Oberfläche zu entdecken; nur der Mensch allein steht gleich einem mächtigen Herrscher über alle Schöpfung erhaben da wie ein zweiter Gott über die ganze Unendlichkeit.
GS|2|38|13|0|Der halb offene Mund bezeigt, dass neben Gott kein anderes Wesen als nur allein der Mensch wortfähig ist. Die gleich Sternen strahlenden Nägel an den Fingern aber bezeichnen die schöpferische Macht und Kraft und Weisheit, welche da innewohnt jedem vollendeten Geist.
GS|2|38|14|0|Dass ferner noch die blauen Säulen die unerschütterliche Beständigkeit und deren durchsichtig goldenen Kapitelle die göttliche Weisheit bezeichnen und die kleinen Schwebungen des Bodens das ruhige, geregelte, einfache Leben, braucht kaum näher erwähnt zu werden.
GS|2|38|15|0|Da wir nun dieses wichtige Zierakulum dieses fünften Stockwerkes auf eine solch nützliche und zweckmäßige Weise haben kennengelernt, so können wir uns schon wieder um ein Stockwerk höher begeben. Ihr sagt zwar: Wie aber werden wir da hinaufkommen; denn in diesen Rondeaus erblicken wir keine Rundtreppe? – Ich aber sage euch: Seht nur ein wenig genauer, und ihr werdet sie schon erschauen. Sie ist hier nur aus einem überaus durchsichtigen, sonst aber festen Material angefertigt, um dadurch den reingeistigen Aufschwung oder den allermakellosesten Weg in die Höhe zu bezeichnen, auf dem ein jeder Tritt vollkommen beobachtet werden kann. – Da wir nun solches noch hinzuwissen, so begeben wir uns sonach nur wohlgemut in das sechste Stockwerk oder in die siebte Galerie.
GS|2|39|1|1|Im Zustand der Furcht zeigt der Mensch seine Schwächen
GS|2|39|1|1|(Am 8. Juli 1843 von 4 1/2 – 6 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|39|1|0|Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder! Auf dieser überaus stark durchsichtigen Rundtreppe ist es denn doch ein wenig fatal aufwärts zu steigen, denn es kommt einem ja gerade so vor, als so man sich in die freie Luft erheben möchte, und das Hinabsehen auf den stets tiefer zu liegen kommenden Boden wird im Ernst etwas schwindelerregend! Und wenn das Hinaufgehen schon so sonderbar ist, da wird das Zurückgehen sicher noch sonderbarer werden. – Ja, ja, meine lieben Brüder und Freunde, die Sache sieht wohl so aus und scheint eure Besorgnis zu rechtfertigen; aber dessen ungeachtet werdet ihr am Ende erfahren, dass sich alle die jetzt geschauten Verhältnisse so gestalten werden, dass ihr gar nicht achten werdet und nicht im Geringsten merken, mit welcher Leichtigkeit und Anmut wir da zurückkommen werden.
GS|2|39|2|0|Übrigens müsst ihr euch solches hinzumerken, dass die Höhen nur für denjenigen schwindelerregend sind, der sich fortwährend in der ebenen Tiefe befand; aber für beständige Bewohner der Höhen, und für diejenigen auch, die viel auf den Höhen zu tun hatten, sind sie das nicht im Geringsten sowohl in naturmäßiger als in staatlicher Hinsicht. So klimmt der Gebirgsbewohner und auch so mancher andere Höhenfreund über Wände und Steilen hinauf, deren Anblick einen beständigen Ebenlandsbewohner schon von fernehin in einen fieberhaften Zustand versetzt, während doch der Gebirgs- und Höhenbewohner jauchzend mit seinem Reise- und Steigapparat über die furchtbarsten Abgründe hinüberblickt.
GS|2|39|3|0|So auch, wenn ein Mann geringen Standes sich etwa in einer solchen Lage befindet, vor seinem Landesherrn zu erscheinen, und zwar an dessen prachtvollem Hof, mit welcher Furcht und Scheu naht er sich der Prachtwohnung seines Landesfürsten! Jede Staffel in derselben wird ihm glühender unter den Füßen, je mehr er sich demjenigen Gemach nähert, in dem gewöhnlichermaßen der Landesfürst sein Ohr leiht.
GS|2|39|4|0|Betrachten wir aber dagegen einen Minister oder einen hohen Feldherrn, besonders wenn er noch obendrauf ein bedeutender Günstling des Landesfürsten ist, und also auch das an und für sich unbedeutende Hofgesinde. Diese gehen sicher ohne die geringste Beklemmung zum Landesfürsten, und letztere, dieser Höhe wie angeboren angewöhnt, treiben nicht selten bübischen Mutwillen über jene Stufen, welche unserem schlichten Landmann gar so schwindelerregend und heiß vorgekommen sind.
GS|2|39|5|0|Ja selbst in bürgerlicher Hinsicht mangelt es nicht an solchen Beispielen; nehmen wir an einen schlichten wohlgebildeten jungen Mann, dessen Lebensverhältnisse ihm mit gutem Gewissen gestatten, sich ein ihm teures Weib zu nehmen. Er kennt ein Haus, und die Tochter des Hauses gefällt ihm überaus wohl; aber die Verhältnisse dieses Hauses überbieten die irdischen Vorteile des seinen um ein sehr Bedeutendes. Er weiß zwar, dass der Familienvater dieses Hauses ein sehr respektabler und geachteter, guter Mann ist; aber dessen überragende Verhältnishöhe flößt unserem Brautwerber so viel schwindelerregende Bedenklichkeiten ein, dass dieser sich kaum wagt, mit guter Hilfe verlässlicher Führer und Wegweiser die Verhältnishöhe seines erwählten Hauses zu besteigen.
GS|2|39|6|0|Da es aber dennoch sein muss, so muss er das Wagestück bestehen; aber wie wird es ihm, wenn er die Türschwelle seines verhängnisvollen Hauses betritt, von dem er sein Glück erwartet? Der Puls wird schneller wie beim Besteigen eines hohen Berges, der Atem kürzer, und sein ganzes Wesen geht bei der Annäherung der Tür, da der Hausvater und der Vater seiner Braut zugleich wohnt, in eine sehr stark schwingende Bewegung über; Furcht, Glaube, Hoffnung und Liebe sind in einem Knäuel untereinandergemengt.
GS|2|39|7|0|Anfangs bringt er kaum ein Wort heraus, oder er misst jede Silbe, bevor er sie ausspricht, um ja dadurch etwa nirgends eine Blöße zu zeigen, deren sich ein jeder Mensch so inkognito stets mehrerer bewusst ist. Warum denn aber? Weil der Mensch nirgends leichter, wie auch in gar keinem Zustand seine Schwächen und Blößen an den Tag legt, auch sogar seine Fehler, als wenn er sich im Zustand der Furcht befindet.
GS|2|39|8|0|Nehmt an einen Virtuosen, wenn er seiner Sache noch so gewachsen ist, aber dennoch sich einiger Stellen in seinem vorzutragenden Stück bewusst ist, dass sie ihm bloß unter zwei Ohren und Augen manchmal ein wenig misslungen sind, so wird er dieser Stellen wegen in eine Furcht versetzt, in welcher er nicht selten, da er derselben nicht Meister werden kann, eben diese etwas zweifelhaften Stellen, wie ihr zu sagen pflegt, verhaut. Also war hier die Furcht derjenige Zustand, in welchem unser Virtuose seine Schwächen an den Tag legte.
GS|2|39|9|0|Ein guter Fußgeher auf ebenem Land will gar nichts wissen von irgendeiner Schwäche seines Gehewerkes. Wenn es aber einmal heißt: Freund, du musst mit mir auf die Spitze jenes Berges; wirst du dich solches wohl getrauen? So wird unser guter Fußgeher wohl sagen: Was hältst du von mir? Ich sollte mich mit meinem Gehewerk über jene Bergspitze nicht wagen, der ich doch schon mehrere hundert Meilen Feldweges gemacht hab? – Aber es kommt auf den Ernst; unser guter Fußgeher kommt in seinem Leben zum ersten Mal auf solche bedeutende Höhe.
GS|2|39|10|0|Bei der Ersteigung einer sehr steilen Partie fangen seine Füße an zu schlottern; wenn er einen Schritt getan hat, so fängt er beim zweiten an zu zweifeln und mit sich sehr stark Rat zu pflegen, ob er ihn noch wagen sollte oder nicht. So aber der andere Freund ihm erst die hohe Spitze zeigt, da fängt unser guter Fußgänger völlig an zu zagen und lässt sich samt dem anderen den Sicherheitsstrick um den Leib schnüren.
GS|2|39|11|0|Was kommt denn hier heraus? Die Höhenfurcht hat die Schwächen in den Füßen unserem guten Fußgeher enthüllt, darum er selbst am Sicherheitsstrick jeden Schritt, den er tut, ja so sicher und wohl ausforscht und dabei dennoch stets in der Furcht ist, mit der leichtesten Mühe von der Welt einen Fehltritt zu tun. Also ist auch unser Brautbewerber; er hat sich in der gewöhnlichen Lebensfläche sehr wohl herumzutummeln verstanden; aber auf dieser ernsten Höhe, da es sich um die Sicherheit eines jeden Trittes handelt, heißt es auch jeden Schritt, also jede Silbe auf eine sehr genaue Waage legen, um, wie ihr zu sagen pflegt, aus der Pastete keinen Talgen zu machen.
GS|2|39|12|0|Wie es sich aber mit diesen drei beispielsweise aufgeführten irdisch menschlichen Standpunkten verhält, also verhält es sich auch entsprechendermaßen mit den geistigen.
GS|2|39|13|0|Der Schwindel als die Frucht der Furcht bleibt nicht aus; je höher man steigt, desto furchtsamer und behutsamer wird man in seinem Gemüt und somit auch desto glaubensscheuer.
GS|2|39|14|0|Seht, wenn ich mit euch nun sprechen möchte in der höchsten himmlischen Weisheitsform, so würdet ihr zu verzagen und zu verzweifeln anfangen und wäre keiner aus euch imstande, selbst bei der beherztesten Vornahme auch nur drei Zeilen niederzuschreiben.
GS|2|39|15|0|Ich aber gehe darum mit euch und rede darum vollkommen nach eurer Art, oder ich wandle auf eurem angewohnten Grund und Boden und erhebe euch nur kaum merklich nach und nach. Aber selbst bei dieser kaum merklichen Erhebung fängt euch schon ein wenig an zu schwindeln bei der Besteigung unseres sechsten Stockwerkes oder der siebten Galerie über diese etwas stark durchsichtige Treppe.
GS|2|39|16|0|Wenn aber unser den Landesfürsten besuchender Landmann sich eine Zeit lang mit eben dem sehr herablassenden Fürsten besprechen wird, da wird ihm der staatliche Höhenschwindel samt der ganzen Furcht vergehen, und er wird eine viel behaglichere Rückreise haben über die heißen Staffeln des Palastes, als sie zuvor hin zum Palast des Landesfürsten war.
GS|2|39|17|0|Der Höhenbesteiger wird auf der Spitze des Berges mutiger und schwindelfester, und der Rückweg wird ihm, wie ihr zu sagen pflegt, nicht selten einen wahren Spaß machen.
GS|2|39|18|0|Also auch unser Brautwerber, wenn er in die Erfahrung gebracht hat, dass er in seinem geliebten Haus einen festeren Boden gefunden hat, als er ihn erwartete, wird auch sicher einen ums sehr Bedeutende fröhlicheren Rückweg haben, als ihm der heiße Hinweg vorkam.
GS|2|39|19|0|Und seht, gerade so wird es auch uns ergehen; wir werden auch bis zur Erreichung der Vollhöhe dieses Gebäudes noch so manche Schwindelhöhe zu bestehen haben; aber die Vollhöhe wird dann alles ins Gleichgewicht setzen, und wir werden überaus frohen Mutes die Rückreise anzutreten imstande sein.
GS|2|39|20|0|Bei dieser Gelegenheit unseres belehrenden Gespräches haben wir auch unsere stark durchsichtige Treppe, wie ihr selbst bemerken könnt, ganz behaglich überschritten, und uns auf diese Weise eine jede Staffel zunutze gemacht.
GS|2|39|21|0|Nun aber befinden wir uns schon auf der siebten Galerie, oder im sechsten Stockwerk, und somit sage ich euch: Schaut hier alles recht behaglich und aufmerksam an; denn was ihr hier finden werdet, wird von noch viel höheren Interessen sein als alles, was wir bis jetzt gesehen und dann erörtert haben in der Art der Weisheit dieser Bewohner. Also, wie gesagt, auf diesem sechsten Stockwerk oder auf der siebten Galerie nehmt förmlich eure Augen in die Hand, beschaut alles wohl und gebt es mir dann kund, was ihr gesehen habt; und wir werden dann die Bedeutung sicher nicht verfehlen.
GS|2|40|1|1|Das sechste Stockwerk und dessen Entsprechung. Aus der Liebe in die Weisheit
GS|2|40|1|1|(Am 10. Juli 1843 von 4 1/2 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|40|1|0|Wie ich merke, so habt ihr alles wohl angesehen und so denn könnt ihr nun auch schon kundgeben, was ihr gesehen habt; und so sagt denn, was ihr auf dieser siebten Galerie oder auf dem sechsten Stockwerk als besonders auffallend erblickt habt. Ich sehe es euch an, dass ihr euch bei dieser Vorstellungsart noch nicht so recht auskennt und könnt auch die geschaute Sache nicht gehörig bezeichnen; daher muss wohl ich euch ein wenig zu Hilfe kommen.
GS|2|40|2|0|Fürs Erste, meine lieben Freunde und Brüder, merkt man auf dieser siebten Galerie schon ein wenig die Rundung derselben, während man in den unteren Galerien wegen des großen Kreises davon noch nicht etwas Merkliches hat gewahren können. Fürs Zweite merkt ihr, dass hier die Säulenrondeaus nicht mehr von dem bedeutenden Umfang sind wie auf den früheren Galerien; auch besteht ein Säulenrondeau nicht mehr aus dreißig, sondern nur mehr aus zwanzig Säulen, und der innere Platz ist darum auch etwas beschränkter. Fürs Dritte bemerkt ihr, dass hier der Boden lichtrot, die Säulen, die Wände und der Plafond aber lichtblau sind, die Tore durch die Wände des Hauptgebäudes aber ins Dunkelhochrote übergehen. An dem allem bemerkt ihr keine Flammungen, obschon sonst einen überaus starken Glanz, und sagt in euch auch aus dem Grunde: Was die äußere Pracht dieser gegenwärtigen Galerie betrifft, so steht sie offenbar den vorhergehenden etwas nach; aber was da die äußeren Galeriegeländer und die Verzierung der Rondeaus betrifft, so haben diese wenigstens auf den ersten Anblick so manches vor den vorhergehenden voraus.
GS|2|40|3|0|Fürs Erste bestehen die Galerien wie aus lauter Sternen, aus denen ganze feste Zierrate gebildet und dann zu einem brauchbaren Ganzen zusammengesetzt sein möchten. Die Sterne sind von überaus hellem Glanz und strahlen in tausendfachen Färbungen durcheinander, und die Rundtreppe innerhalb der Säulenrondeaus scheint bloß aus Sternenlinien gefügt zu sein und es ist zwischen diesen Sternenlinien kein anderes festes Material zu erschauen. Das ist jetzt aber auch alles, inwieweit unsere Sprache zur Darstellung dessen reicht, was wir hier erblicken. Aber was da betrifft die Mittelverzierung des Rondeaus, die wir wohl auch erblicken, so ist sie ein Gegenstand, der zu hoch über unserem Sprachfähigkeits-Horizont besteht, und wir können diesen Gegenstand auch darum durchaus nicht bezeichnen.
GS|2|40|4|0|Ja, ja, meine lieben Freunde und Brüder, das ist es aber eben auch, was ich euch schon anfangs angemerkt habe, und habe es gar wohl gewahrt, dass euch die Beschreibung dieses Gegenstandes ein wenig schwerfallen dürfte. Darum habe ich aber das auch gleich anfangs über mich genommen. Und so habt denn recht wohl Acht! Wir wollen uns diesem Ziergegenstand möglichst zuallernächst hinstellen und ihn mit aller Aufmerksamkeit in Augenschein nehmen.
GS|2|40|5|0|Wir sind nun in dessen möglichst vollkommener Nähe; und da seht hinab auf den Boden des Rondeaus. Was erblicken wir denn? Einen bei sieben Klaftern im Umfang habenden Sternenkreis, welcher aus sieben Reihen von Sternen zusammengestellt ist, und zwar in der Ordnung der Färbung eines Regenbogens, und dieser Kreis hat eine Breite von drei Spannen. Innerhalb dieses Kreises erhebt sich ein violetter Altar zu einer Höhe von sechs Spannen und hat einen Umfang von etwa drei Mannsklaftern, d. h. nach dem ausgestreckten Handmaß genommen. Der obere Rundrand ist mit einem Reif aus ein wenig flammendem Gold umfasst, und über dem Reif ist noch ein eine halbe Spanne hohes, aus lauter Rundsäulchen bestehendes, glänzendweißes Geländerchen angebracht, über welchen Geländersäulchen wieder ein Breitreif aus hochrotem durchsichtigem Gold angefertigt ist, über welchem gerade an den Stellen, wo unter ihm die Säulchen stehen, noch mehr ins Dunkelblaue gehende vollkommen runde kleine Kugeln angebracht sind, und jede dieser Kugeln hat um ihre Mitte noch einen kleinen hellschimmernden Sternenkreis.
GS|2|40|6|0|Aus der Mitte der eingeländerten Fläche dieses Altares aber erhebt sich eine ganz vollkommen lichtgrüne Säule, und über dieser Säule ist ein aus Sternen zusammengefügter großer Kreis angefertigt. Innerhalb dieses Kreises ist dann eine große Menge wie geometrischer Figuren aus hellroten und weißen Sternchen zusammengefügt, welche da samt ihrer Kreisumfassung einen überaus geheimnisvoll imposanten Anblick gewähren.
GS|2|40|7|0|Vom Plafond herab aber hängt an einer massiven Goldschnur ein anderer Kreis, welcher nicht aufrechtstehend, sondern horizontal in gleicher Größe über den aufrechtstehenden zu stehen kommt, d. h. über den an der grünen Mittelsäule angefertigten, sieht aber diesem in allem vollkommen ähnlich. Seht, das wäre die Gestalt des für euch etwas schwer beschreibbaren Zierakulums eines solchen Säulenrondeaus.
GS|2|40|8|0|Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder im Herrn! Es wäre alles recht überaus erhaben, schön und gut; aber es wird dieses Zierakulum gleich den früheren sicher auch eine tiefweise Bedeutung haben, wie du dich darüber auch schon selbst ausgesprochen hast; aber was für Bedeutung, wie lautet diese? Das ist eine andere Frage. Wenn es auf uns zur Erörterung ankäme, so hätten wir schon genug getan, so wir mit der Beschreibung zurechtgekommen wären und hätten die Entsprechung dann gar sicher ewig besseren Zeiten überlassen. Aber da du uns schon aus so vielen Verlegenheiten geholfen hast, da sind wir auch hier der festen guten Meinung, dass es dir auch in diesem Falle eben nicht zu schwer ankommen dürfte, uns darüber so ein kleines Lichtchen zu verschaffen.
GS|2|40|9|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, wir befinden uns hier auf der ersten Stufe über die halbe Höhe dieses Gebäudes, und da haben wir nun schon mit Gegenständen purer Weisheit zu tun. Bisher waren wir im Grund, d. h. in der Liebe, jetzt aber gehen wir aus der Liebe in die Weisheit, welches ist ein gerechter Weg vor Gott. Da aber Objekte der Weisheit ums überaus Bedeutende schwerer zu fassen sind als Objekte der Liebe, so müssen wir uns hier auch schon ein wenig mehr zusammennehmen, um nicht, wie ihr zu sagen pflegt, aus dem Sattel geworfen zu werden.
GS|2|40|10|0|Ihr sagt hier freilich: Davon sehen wir nicht so recht den Grund ein, denn in der Liebe ist ja auch die höchste Weisheit vorhanden; können wir sie dort vereint mit der Liebe erfassen, so wird sie uns auch im absoluten Zustand nicht gar zu leicht durchgehen. – Ja, meine lieben Freunde und Brüder, ihr urteilt sonst ziemlich richtig; aber diesmal muss ich euch sagen, dass ihr schon wieder einen ziemlich starken Hieb ins Blaue gemacht habt. Damit ihr aber solches von mir nicht nur allein hört, sondern auch bei euch so recht sonnenklar einseht, so will ich auch ein paar Beispielchen aufführen, die euch zur Genüge meinen Ausspruch bestätigen sollen; und so hört denn!
GS|2|40|11|0|Wenn ihr auf eurem Erdkörper hin und her wandelt und begegnet da zahllosen Gegenständen, welche alle von der Sonne wohl beleuchtet sind, da werdet ihr nicht einen finden, den ihr nicht mit euren Händen anfassen und weitertragen könntet, wenn nur sein Gewicht eure Kräfte nicht überragt; wonach ihr bei keinem Gegenstand sagen könnt, dass er nicht aufnahmsfähig wäre, und so ihr ihn ergreift, ihr auch zugleich sein Licht mit ergreift. Nun aber versucht einmal, euch an dem freien Licht zu vergreifen und tragt es in Bündeln hin und her. Ich meine, solches wird euch ein wenig schwer gehen.
GS|2|40|12|0|Seht, wo das Licht schon an einen festen Körper, welcher der Liebe entspricht, gebunden ist, da könnt ihr freilich das Licht samt dem Körper ergreifen und es dann hin und her tragen nach eurem Belieben; aber wie schon bemerkt, das freie Licht lässt solch einen Akt durchaus nicht zu. Das wäre ein Beispielchen. Betrachten wir noch ein anderes, aus dem da ersichtlich werden soll, dass der Mensch das Licht genießen und sich dasselbe leibhaftig zunutze machen kann; aber erst auf dem Wege der göttlichen Ordnung. Wie aber das, soll sogleich nachstehendes Beispielchen zeigen.
GS|2|40|13|0|Woraus und woher reift wohl die Frucht des Baumes und des Weizenhalms? Ihr sagt: Unfehlbar aus dem Licht und aus der mit dem Licht verbundenen Wärme. – Ihr habt gut geantwortet. Seht aber nun, eine Frucht ist sonach ein Produkt des Lichtes und der Wärme, und aus sonst lediglich nichts.
GS|2|40|14|0|Das Licht aber gibt sich hier der Wärme gefangen, und je mehr Wärme, desto mehr Licht wird sich auch derselben gefangen geben. Und aus diesen zweien geht dann eine vollreife Frucht hervor, die ihr dann genießen könnt und nehmt auf diese Weise dann mit der genossenen Frucht mit der leichtesten Mühe von der Welt das gefangene Licht notwendig in euch auf, und dieses gefangene Licht ist dann auch jener ätherische Stoff, der eurem Organismus die belebende Nahrung gibt.
GS|2|40|15|0|Könnte denn da nicht jemand sagen: Wenn solches offenbar und sicher richtig ist, da dürfte man ja auch sich nur der leuchtenden Sonne gegenüberstellen und das ihr entströmende Licht fleißig in sich hineinschlürfen, und man wird da jede grobe Mahlzeit ersparen. – Ich aber sage: Es kommt da nur auf eine Probe an. Die Sonnenmahlzeit ist euch ohnedies schon bekannt; es soll nur jemand zehn Tage lang eine reine Sonnenmahlzeit halten, und sein Organismus wird ihm schon am zweiten Tag kundgeben, wie viel des Nahrungsstoffes er in sich eingeschlürft habe.
GS|2|40|16|0|Aus diesem Beispiel aber könnt ihr noch klarer denn aus den vorigen erschauen, dass das Licht für sich allein in seinem freien Zustand ungenießbar ist, und sich somit niemand an ihm sättigen kann. Wenn es aber in der göttlichen Ordnung durch die göttliche Kraft selbst gefangen wird, dann erst ist es genießbar und nährend. Aus diesem Grunde soll auch der Mensch all sein Weltlicht in sein Herz gefangen nehmen, allwo es gebunden wird mit der Lebenswärme, und er wird dann aus diesem Licht eine rechte Nahrung für seinen Geist überkommen. Und desgleichen müssen auch wir hier das Geschaute der reinen Formen der Weisheit in unsere Liebe zum Herrn erst gefangen nehmen, alsdann erst werden wir die Entwicklung derselben in uns gar bedeutungsvoll erschauen und uns eine tüchtige Mahlzeit bereiten können. Der Herr wird uns dann auch diesen Altar öffnen, wie Er uns geöffnet hat den in der Allee.
GS|2|41|1|1|Die entsprechungsgemäße Bedeutung der Installation im sechsten Stockwerk. Die göttliche Weisheit durchdringt die ganze Schöpfung
GS|2|41|1|1|(Am 12. Juli 1843 von 5 1/4 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|41|1|0|Nun seht und habt wohl Acht; ich habe in mir das Ausgesprochene getan, und ihr habt solches getan durch mich, und so wird es auch ein Leichtes sein, die freiere Weisheit mit der Kraft des Herrn in uns zu erfassen und sie begreiflich vorstellig zu machen für unsere Begriffe. Um aber die Sache gehörig zu erfassen und zu begreifen, müsst ihr vorerst die [Zahl] der Stockwerke und Galerien in Anschlag bringen.
GS|2|41|2|0|Wir sind im sechsten Stockwerk oder auf der siebten Galerie, also in jeder Hinsicht über der Hälfte des Gebäudes. So die untere Grund- und bei weitem größere Hälfte der Brust des Menschen und somit all dem der Liebe entspricht, so bedeutet diese zweite, obere Hälfte den Kopf des Menschen und entspricht somit dem Verstand und der Weisheit desselben.
GS|2|41|3|0|Hier stehen wir sonach auf der ersten Stufe der Weisheit oder auf derjenigen Stufe, wo die reine Weisheit und die Liebe zusammengreifen. Wenn ihr nun dieses ein wenig beachtet, so wird euch das Zierakulum dieses Säulenrondeaus, wie auch gleicherweise dieselben Verzierungen aller Rondeaus dieses Stockwerkes auseinanderzugehen anfangen.
GS|2|41|4|0|Seht hier den Altar; er stellt vermöge seiner Gestalt, Farbe und Verzierung die in die Weisheit reichende Liebe dar. Die kleine Säule, in welche der geheimnisvolle Kreis eingefestet ist, stellt gewisserart den Hals des Menschen dar, entsprechendermaßen aber die größtmöglichste Demut. Was geht aber aus der Demut hervor? Seht an den eingefesteten Kreis. Durch diesen Kreis wird das Haupt des Menschen dargestellt; entsprechendermaßen aber ist es das Licht der Weisheit, welches aus der Wärme der Liebe hervorgeht.
GS|2|41|5|0|Die Sternchen, aus denen er zusammengefügt ist, samt den ebenfalls aus Sternchen zusammengesetzten Figuren, welche seinen freien Raum ausfüllen, bezeichnen die mannigfaltigen Erkenntnisse und Einsichten, welche natürlichermaßen allesamt und sämtlich ein Angehör der Weisheit sind. Der Sternenkreis zuunterst am Boden um den Altar aber besagt, dass die Liebe, ihre wahre Demut und auch ihre Weisheit göttlichen Ursprunges sind und gehen hervor aus der Werktätigkeit des Menschen nach dem göttlichen Willen.
GS|2|41|6|0|Durch den siebenfachen Kreis wird der göttliche Wille beschaulich dargestellt. Die einzelnen Sternchen aber, aus denen er zusammengesetzt ist, bezeichnen die Werke, welche der Mensch verrichtet in der göttlichen Ordnung zufolge der Erkenntnis des göttlichen Willens. Aus dem aber geht hervor, dass niemand Gott lieben kann, so er nicht erfüllt Seinen Willen. Wer aber Seinen Willen erfüllt, indem er seinen eigenen Willen, sich selbst verleugnend, gefangen nimmt, dem erst wird die Liebe zu Gott zuteil. Und so sind die Werke nach dem Willen Gottes die edlen Samenkörner, aus denen da erwächst die überaus und über alles beseligende und für ewig belebende Liebe zu Gott!
GS|2|41|7|0|So aber jemand solche Liebe überkommen hat, der hat auch mit ihr die Weisheit überkommen, welche gleich ist der göttlichen Weisheit, weil die Liebe selbst, aus der solche Weisheit hervorgeht, göttlich ist. Dass die mannigfach geformten Zeichen des Kreises die vielfachen zusammenhängenden, in der göttlichen Ordnung und Weisheit begründeten erhabensten Erkenntnisse bezeichnen, braucht kaum näher erwähnt zu werden.
GS|2|41|8|0|Insoweit hätten wir denn auch unser Zierakulum gelöst. Aber wir erblicken ja noch vom Plafond herabhängend ganz frei einen ähnlichen Kreis, wie der in die kleine Säule eingefestete ist, und dieser horizontal hängende Kreis berührt mit seinem Zentrum genau genommen die oberste Sphäre unseres in die kleine Säule eingefesteten Kreises. Was wird wohl dieser Kreis bezeichnen?
GS|2|41|9|0|Dieser Kreis bezeichnet die göttliche Weisheit, wie diese beständig aus den Himmeln einfließt und fortwährend belebt und ordnet die ihr entsprechende Weisheit eines jeglichen Menschen, der da lebt der göttlichen Ordnung gemäß.
GS|2|41|10|0|Dass sich diese beiden Kreise berühren, bezeichnet, dass der wahren göttlichen Weisheit Geist im Menschen in die Tiefen derselben, welche durch das Zentrum dargestellt sind, eindringt, und kann demnach himmlische und göttliche Dinge begreifen, ja mit dem Herrn Selbst wohl erschaulicherweise umgehen und sich mit Ihm besprechen wie ein Kind mit seinem Vater, oder wie ein Bruder mit dem anderen. Seht, das ist nun das Ganze, kurz möglichst und wohlverständlich dargestellt.
GS|2|41|11|0|Ihr sagt und fragt hier freilich: Lieber Freund und Bruder! Woher nehmen denn die Menschen dieses Zentralsonnen-Weltkörpers solche Weisheit, in welcher fürwahr buchstäblich das ganze geistige Lebenswesen eines jeden auf unserer Erde lebenden Menschen mit der höchsten Klarheit bezeichnet wird? Wenn Menschen auf unserer Erde zufolge geistiger Entsprechung Ähnliches errichten würden, so wäre das begreiflich, weil, wie du es augenzeuglich weißt, der Herr und Schöpfer aller Himmel und Welten auf dieser Erde Selbst leibhaftig gelebt, gewandelt und gelehrt hat. Aber auf diesem Weltkörper, der sicher in einer unaussprechlichen Entfernung von unserer Erde absteht, solche Weisheit zu treffen, die ganz vollkommen der göttlich irdischen gleicht, ist fürwahr überaus seltsam. Wie ist das möglich?
GS|2|41|12|0|Meine lieben Freunde und Brüder, diese Frage würde euch in einem Verein himmlischer Geister einer sehr bedeutenden Lache aussetzen. Wovon ernähren sich die Finger und Extremitäten eures Leibes? Ihr esst doch nicht in die Extremitäten hinein; die Füße haben keinen Mund und Schlund, um eine eigens für sie bestimmte Nahrung aufzunehmen, die Hände und die Finger an denselben haben dergleichen auch nicht, und so hat euer Leib noch eine zahllose Menge von großen und kleinen Teilen, welche alle ihr nicht einzeln abzufüttern braucht.
GS|2|41|13|0|Der Mensch hat nur einen Mund und einen Magen, was dieser aufnimmt, geht an alle anderen Teile gehörig präpariert über; also hat er auch nicht in einem jeden Glied ein Herz, sondern er hat nur eines in der Brust, und dieses hat seine Adern und Gefäße durch den ganzen Leib ausgebreitet und sendet durch dieselben sein Leben in alle Fibern des ganzen Leibes, und das allenthalben nach der wohlberechnet zweckmäßigen Aufnahmefähigkeit fürs Leben.
GS|2|41|14|0|Ihr habt aber gehört, dass die ganze große Schöpfung Gottes naturmäßig wie geistig vollkommen einen Menschen darstellt, welcher Mensch somit in der endlos großen Allgemeinheit sicher auch nur einen Magen und ein Herz hat. Ihr kennt den großen Kostgeber und kennt auch die Kost, mit der der große Kostgeber Seinen großen Menschen speist; sie heißt das Brot des Lebens, oder zu deutsch gesprochen, sie ist die Liebe Gottes!
GS|2|41|15|0|So ihr aber in allen Teilen eures Leibes eine und dieselbe Kost findet, die ihr in euren Magen aufnehmt, und überall dasselbe Blut, welches dem Herzen in alle eure Leibesteile entströmt, so wird es doch auch kein Wunder sein, so ihr in diesem Teil des großen Weltmenschen dieselbe göttliche Liebe und Weisheit findet, welche ihr auf eurer Erde gefunden habt und auch noch allzeit findet und finden könnt.
GS|2|41|16|0|Eine solche Zentralsonne ist gewisserart ein Hauptnerv des großen Weltmenschen, und die kleineren Sonnen und Planeten sind gleich den kleineren Nebennerven, Adern und Fasern; und der Hauptnerv wird doch sicher vom selben Saft ernährt, von welchem die kleineren Nerven, Fibern und Fasern ernährt und erhalten werden. Wo ein Herr, ein Schöpfer und ein und derselbe Gott ist, da kann es auch in Seiner unermesslichen Schöpfung nur eine göttliche Liebe, eine göttliche Weisheit und eine göttliche Ordnung geben! Außer ihr möchtet noch irgendeinen zweiten Gott und Schöpfer annehmen, vorausgesetzt, dass euer Gemüt und Verständnis einer solchen Torheit fähig wäre; da könnte man dann auch wohl auf eine andere Ordnung der Dinge gegründetermaßen hinblicken und allenfalls eine Frage aufwerfen, wie da die eurige war. Aber bei obwaltenden nur vollkommenst eingöttlichen Umständen bleibt es bei einer Kost, bei einer Weisheit und bei einer Ordnung. Da wir aber nun solches alles doch sicher klar einsehen, so wollen wir uns auch sogleich wieder um ein Stockwerk höher begeben, und das zwar in das siebte oder in die achte Galerie. Sieht diese Rundtreppe auch so ziemlich luftig aus, so macht euch aber dennoch nichts daraus; denn sie wird uns schon noch ertragen; und so denn wollen wir gehen.
GS|2|42|1|1|Das siebte Stockwerk und dessen Entsprechung. Die absolute Weisheit
GS|2|42|1|1|(Am 13. Juli 1843 von 5 1/2 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|42|1|0|Seht, unser Aufmarsch ist besser gegangen, als ihr euch es gedacht habt. Wir sind, wie ihr seht, sonach auch schon im siebten Stockwerk oder auf der achten Galerie. Wie findet ihr diesen Platz?
GS|2|42|2|0|Ihr sagt: Lieber Freund, hier sieht es schon sehr luftig aus; die Säulen der Rondeaus sind wie aus dem feinsten durchsichtigsten Glas, der Boden, auf dem wir stehen, ist ebenfalls aus einer blau-weißlichten Materie, welche überaus stark glattglänzend ist. Die Geländer, welche von Säulenrondeau zu Säulenrondeau diese Galerie umfassen, sind ebenfalls von einem sehr durchsichtigen Material angefertigt, so dass man durch dasselbe mit nur höchst unbedeutender Schwächung des Augenlichtes schauen kann, und so wir aufwärts schauen zum Plafond, so ist auch dieser von einer gleichen licht-bläulichen Masse angefertigt, welche ebenfalls schon so ziemlich durchsichtig zu sein scheint; denn man sieht ja stellenweise recht bequem in die neunte Galerie hinauf.
GS|2|42|3|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, das ist alles richtig also. Ihr möchtet wohl wissen, ob diese schon sehr stark durchsichtige Materie von eben der Festigkeit ist, wie jene etwas weniger durchsichtige der unteren Stockwerke? Ich sage euch: Dessen könnt ihr vollkommen versichert sein; denn je durchsichtiger im harten Zustand irgendeine Materie hier ist, desto fester ist sie auch in ihren Teilen.
GS|2|42|4|0|Ihr sagt: Da wäre es ja doch in der Bauordnung, das Festere in den Grund zu legen, der ja doch die ganze Last des Gebäudes zu tragen hat, und das weniger Feste, weil weniger Durchsichtige in den oberen Teilen eines solchen Gebäudes zu verwenden, wo das Gebäude stets leichter und leichter wird.
GS|2|42|5|0|Ihr urteilt nach eurer Art recht, und für die Bauordnung auf eurem Erdkörper wäre also auch sicher besser gesorgt; aber eine andere Welt, eine andere Bauordnung. Solches aber wisst ihr dennoch, dass die harten Gegenstände spröde und leicht springbar sind, während die weniger harten wohl noch immer eine große Festigkeit haben, sind aber dabei dafür mehr schmiegsam, weniger gebrechlich und können daher unbeschädigt einen desto größeren Druck aushalten als die ganz harten Gegenstände. Was nehmt ihr an, was da wohl härter sei, eine Kugel aus gediegenem Glas oder eine Kugel aus gediegenem Kupfer? Um das Kupfer zu schneiden oder zu ritzen, bedarf es wahrlich nicht der härtesten Schneidewerkzeuge; mit einem gewöhnlichen Brotmesser könnt ihr ohne Anstrengung ganz bedeutende Partikel davon schneiden oder schaben. Um die gläserne Kugel zu lädieren, braucht ihr schon überaus harte Gegenstände wie feinen Quarz, allerhärtesten, feinsten Stahl oder den Diamant. Nun aber nehmt die beiden Kugeln, stellt über eine jede ein Gewicht von tausend Zentnern und gebt einer jeden eine vollkommen harte Unterlage. Die gläserne Kugel wird zu weißem Staub erdrückt werden, aber die kupferne wird mit einiger eben nicht zu bedeutenden Plattdrückung davonkommen.
GS|2|42|6|0|Aus diesem Beispiel könnt ihr hinreichend erschauen, warum bei diesem Gebäude die härteren Materialien zuoberst sind verwendet worden. Zuunterst würden sie höchstwahrscheinlich das Geschick der gläsernen Kugel unter dem Gewicht von tausend Zentnern gehabt haben; hier aber sind sie davor schon vollkommen gesichert und für die Tragung der noch über ihnen ruhenden Last hinreichend fest und stark genug, und wir haben unterdessen durch unser Gewicht schon gar nichts zu befürchten.
GS|2|42|7|0|Dass aber hier alles härter, spröder und durchsichtiger wird, hat einen bedeutungsvollen Sinn, über den man aber ebenfalls nicht gar zu viel sagen kann, wie man von der harten Materie selbst durch die festesten Werkzeuge eben nie gar zu große Brocken ablösen kann. Der Diamant bei euch auf der Erde ist sicher der härteste und zugleich auch der allerdurchsichtigste Körper; aber die ihn schleifen, oder nach eurer Kunstsprache „schneiden“, die werden es euch genau zu sagen wissen, was dazu gehört, um nur atomgroße Teile von ihm abzulösen.
GS|2|42|8|0|Seht, also verhält es sich aber auch mit der stets reiner werdenden Weisheit; ein Brocken von ihr ist härter zu verzehren und zu zerlegen als eine ganze Welt voll Liebe. Man könnte sagen: Ein solcher Weisheitsknäuel gleicht einem Bündel Flöhe, welche, wenn das Bündel geöffnet wird, mit der größten Hast davonhüpfen, und es gehört viel Behändigkeit dazu, um aus Tausenden irgendein paar matt gewordene zu erhaschen. Daher lässt sich auch, wie gesagt, über die harte und durchsichtige Beschaffenheit des Materials dieses siebten Stockwerkes oder dieser achten Galerie nicht mehr gar zu viel sagen.
GS|2|42|9|0|So viel aber ist gewiss und klar, dass die Gegenstände im Licht der Weisheit, d. h. der absoluten Weisheit stets durchsichtiger, aber dafür stets desto undurchdringlicher werden; und je höher sie steigen, desto durchsichtiger und härter werden sie, so zwar, dass man am Ende auf der festen Materie steht und geht, aber man sieht sie vor lauter Durchsichtigkeit nicht mehr. Also ist es auch mit der absoluten Weisheit der Fall. Man hat wohl einen Grund, auf dem man sich befindet; aber das ist dann schon auch alles, was man von dem Grund herausbringt. Wollt ihr ihn näher untersuchen, und zwar mit euren Augen, so werdet ihr, je länger von euch ein solcher Körper beobachtet wird, ihn stets mehr aus dem Licht eures Gesichtes verlieren und werdet selbst da, wo ihr wenigstens auf den ersten Blick etwas zu erschauen vermeintet, nichts mehr erschauen.
GS|2|42|10|0|Ist es nicht ebenso mit der absoluten Weisheit? Ja, solches mögt ihr schon aus so mancher Erfahrung wissen. Sollte euch aber die Sache noch nicht hinreichend klar sein, wie sich die absolute Weisheit entsprechend zu dem Baumaterial dieses großen Wohngebäudes verhält, da will ich euch nur beispielsweise so ein kleines Weisheitsbröckchen hinwerfen, und ihr könnt daran nagen, wie ihr wollt, und schaben, wie ihr wollt, und ihr werdet nichts herausbringen. Und so hört denn!
GS|2|42|11|0|Sieben Kreise sind ineinander verschlungen; die Kreise durchdringen sich, die durchdrungenen verzehren sich und die verzehrten erheben sich in die, so nicht verzehrt sind, und die sieben Kreise haben kein Maß und keinen Mittelpunkt. Sie sind sieben ohne Ende; eine Zahl, welche durchdringt den Kreis der sieben, und die sieben den einen!
GS|2|42|12|0|Seht, das ist so ein Bröckchen absoluter Weisheit! Ich habe euch damit in wenig Worten so ungeheuer vieles gesagt, dass ihr dasselbe mit gewöhnlichen Begriffen in alle Ewigkeit nicht auseinandersetzen würdet. So ihr aber den Weisheitssatz lest, da wird es euch auf den ersten Augenblick vorkommen, als müsstet ihr daraus zu irgendeiner, wenn schon nicht Total-, so doch Partial-Löse kommen. Versucht aber nur, daran zu schaben und zu feilen und setzt das Mikroskop eures Verstandes an diese Materie; je mehr ihr euch damit abgeben werdet, desto luftiger wird die Materie und desto weniger ersichtlich in ihr, und sie selbst stets mehr und mehr dem Augenlicht eures Verstandes entschwindend.
GS|2|42|13|0|Ich meine, ihr werdet genug haben, um daraus zu der Einsicht zu kommen, dass für einen noch gebundenen Geist mit der absoluten Weisheit nicht viel zu machen ist. Daher bleiben wir nur hübsch schön bei der Kost, welche der gute heilige Vater für uns bereitet und gesegnet hat; zu einer Zeit aber, wenn euer Geist ungebundener wird, werdet ihr auch von der absoluten Kost mehr herabzubeißen imstande sein denn jetzt. So aber dem Weisen das Wenige genügt, da werden auch wir bei den geringeren Brocken, welche sich uns auf diesen Weisheitsgalerien darstellen werden, zur vollsten Genüge bekommen. Wir haben aber hier noch das Zierakulum des Säulenrondeaus vor uns; betrachtet es, und wir wollen dann sehen, wie viel sich vom selben wird herabzwicken lassen.
GS|2|43|1|1|Ein die absolute Weisheit darstellendes Ornament. Funktionsweise eines Perpetuum-mobiles auf der Zentralsonne
GS|2|43|1|1|(Am 14. Juli 1843 von 5 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|43|1|0|Soviel ich merke, so habt ihr euch mit euren Augen in das Zierakulum so recht hineinverpicht und es gewisserart von Atom zu Atom so recht nagelfest betrachtet; daher wird es euch nun nicht schwer werden, sich darüber vollkommen auszusprechen und es ebenso gut zu beschreiben, als wie gut ihr es angeschaut habt. Sonach könnt ihr sogleich mit der Beschreibung dieses Zierakulums beginnen. Aber wie es mir vorkommt, so werdet ihr ja mit der Beschauung nicht fertig. Was ist es denn, das euch ob dieses Ornaments die Augen an dasselbe so sehr bindet? Ist es wohl das Ornament selbst oder sind es dessen Teile?
GS|2|43|2|0|Ich aber merke nun gar wohl, warum ihr mit der Beschauung nicht fertig werdet. Das Ornament dieses Rondeaus ist unstet, und ihr könnt ob der stets neu vorkommenden Form nicht ins Klare kommen. Ja, ja, dieses Ornament ist ein wahres Kaleidoskop, in welchem auch bei jedem Umdrehen sich andere Formen zeigen, und die früheren kommen nicht wieder zum Vorschein. Ich sage euch daher auch:
GS|2|43|3|0|Es wird euch wenig helfen; so ihr dieses Ornament auch eine ganze Ewigkeit hindurch betrachten möchtet, so werdet ihr aber dennoch nimmer zu einer Schlussform kommen, sondern an der Stelle der entschwundenen stets neue und auch sonderbare zu Gesichte bekommen. Daher beschreibt nur dasjenige des Ornamentes, was an demselben stetig zu erschauen ist, und lasst den inneren Formenwechsel beiseite. Also worin besteht denn dieses?
GS|2|43|4|0|Ihr sagt hier: Lieber Freund und Bruder, das ganze Ornament an und für sich ist von höchst einfacher Art, insoweit wir es als fertig mit unseren Augen betrachten können. In einem über zwei Klafter im Durchmesser habenden ganz einfachen Goldreif ist eine gläserne Kugel angebracht, etwa also, als wie bei uns auf der Erde ein Himmels- oder Erdglobus innerhalb eines messingnen beweglichen Meridians. Die Kugel dreht sich fortwährend innerhalb dieses großen Reifes, den sie beinahe ganz ausfüllt. Der Reif ist nicht mehr vom Boden aus irgend befestigt, sondern hängt an einer massiven Goldschnur, welche mit Sternen eingewirkt ist, vom Plafond herab; und bei jeder nur etwas merklichen Drehung ersieht man in dieser großen durchsichtigen Glaskugel fortwährend neue Formen von ebenfalls durchsichtiger, aber dennoch buntfarbiger Beschaffenheit, und die Formen sind nicht selten von so anziehender Art, dass man sich daran nicht genug satt schauen kann. Aber wie man so eine Form mit seinem Auge recht fest fassen möchte, um sie zu beurteilen, da ist sie schon nicht mehr vorhanden, und eine andere, welche mit der vorhergehenden keine Ähnlichkeit hat, tritt an ihre Stelle; und das geht fort und fort.
GS|2|43|5|0|Und so man glaubt, dass wenn die Kugel wieder mit ihrem Gürtel auf demselben Punkt sich befinden wird, von welchem man bei einer früheren Drehung eine bestimmte Form erschaut hat, wieder eben dieselbe Form zum Vorschein kommen möchte, so hat man sich gar gewaltig getäuscht; denn von einer einmal geschauten Form ist wenigstens bis jetzt vor unseren Augen nicht die allerleiseste Spur zum Vorschein gekommen. Das ist, lieber Freund und Bruder, alles, was wir an diesem sonderbaren Ornament als höchst merkwürdig entdeckt haben.
GS|2|43|6|0|Dass auch die anderen Säulenrondeaus ganz gleich beschaffene Ornamente haben, erschauen wir von diesem Punkt recht genau. Es ist hier demnach nur die Frage: Wer treibt diese Kugel fortwährend um ihre Achse, und was bedeutet sie wie das ganze Ornament?
GS|2|43|7|0|Meine lieben Freunde und Brüder! Seht, da hängt denn an diesem Ornament schon wieder so ein fataler absoluter Weisheitsbrocken, von dem sich für eure Einsicht eben nicht gar zu viel wird herabzwicken lassen. Was die Umdrehung dieser Kugel betrifft, so ist sie wohl an und für sich leicht zu erklären und zu begreifen.
GS|2|43|8|0|So ihr nur wisst, dass der große, vollkommene Rundstabreif inwendig hohl ist und an der Stelle, wo die Spindel der Kugel in den Reif hineingesteckt ist, ein überaus klug berechneter Mechanismus angebracht ist, der als ein Perpetuum mobile betrachtet werden kann, durch welches eben diese durchsichtige, aus feinstem Glas zu bestehen scheinende Kugel in einen fortwährend gleichen Umschwung gebracht wird, so könnt ihr dann mit dieser Beantwortung euch vollkommen zufrieden stellen.
GS|2|43|9|0|Ihr möchtet hier freilich wohl die Triebkraft solch eines Perpetuum-mobile-Mechanismus näher kennen. Wenn ihr solches wisst, welches zu erklären eben nicht zu schwer sein wird, so werdet ihr deswegen das Ornament noch um kein Haar besser verstehen als ohne eine solche Erklärung.
GS|2|43|10|0|Ich sehe aber, dass ihr nach einem Perpetuum-mobile-Mechanismus sehr lüstern seid; so muss ich euch schon die Einrichtung desselben ein wenig auseinandersetzen; nur müsst ihr euch dabei ein unabnützbares Material denken, welches aber nur auf solchen Weltkörpern zu Hause ist, wie da ist diese unsere Zentralsonne. Aber auf den Erdkörpern, wie der eurige einer ist, kann sich solch ein Material unmöglich vorfinden, weil alle die erdkörperlichen Materialien einem unaussprechlich viel geringeren Licht- und Hitzegrad entstammen denn die einer solchen Zentralsonnenwelt.
GS|2|43|11|0|Wenn wir dieses voraussetzen, so ist dann die Darstellung des Mechanismus von der höchst einfachsten Art von der Welt. Wie sieht dann dieser aus? Seht, bis ungefähr ein Drittteil zuunterst ist der vollkommen dicht verschlossene Reif mit einer unverdunstbaren Flüssigkeit angefüllt, etwa von der Art und Beschaffenheit, als wäre es bei euch möglich, ein überaus gereinigtes Quecksilber darzustellen in vollkommen durchsichtigem und überaus leichtflüssigem Zustand. Von zuoberst des Reifes aber langt ein sogenanntes Polyorganon herab in die Flüssigkeit, aber nur auf der einen Seite.
GS|2|43|12|0|Dieses Polyorganon saugt zufolge seiner mächtigen Attraktion zu der Flüssigkeit dieselbe fortwährend auf. Dieses Polyorganon reicht aber auf der entgegengesetzten Seite des Reifes bis zu einem Drittel der ganzen Reifhöhe herab, und lässt die auf der anderen Seite eingesogene Flüssigkeit herabträufeln. Vor dem Ende des Polyorganons ist ein trichterartiger Tropfensammler angebracht, dessen unterste Röhre an ein wohlberechnetes löffelartiges Schaufelwerk geleitet ist. Dieses Schaufelwerk ist unmittelbar an der Spindel befestigt, an welcher die Kugel selbst im Kreis hängt. Wenn durch einen oder mehrere herabfallende Tropfen ein Schäufelchen voll geworden ist, so wird das Schäufelchen natürlich schwerer, senkt sich dann abwärts, und bringt auf diese Weise die ganze große Kugel zum Umschwung. Hat das Schäufelchen zuunterst wieder seine Flüssigkeit ausgegossen, so wird unterdessen schon wieder ein anderes gefüllt und sinkt wieder herab. Und da das Polyorganon ebenso viel Flüssigkeit fortwährend aufsaugt, als es auf dieses Schaufelwerk herabträufeln lässt, so ist das Perpetuum mobile unter den vorher angegebenen Bedingungen ja überaus leicht möglich, wenn ihr noch dazu bedenkt, dass diese Materie, aus welcher die Spindel und überhaupt das ganze Ornament besteht, keiner Abnützung und somit auch keiner Reibung fähig ist. Denn die Glätte der Spindel und des Zylinders, in welchem die Spindel läuft, ist so außerordentlich groß, dass sie sich gegenseitig zur Umdrehung nicht das leiseste Hindernis setzt. Es ist, als möchte sich eine solche Spindel im reinsten Äther bewegen. Und da die große glasartige Kugel auch höchst mathematisch genau sphärisch gleichgewichtig in der Spindel hängt, so wird auch ihre Ruhe schon durch das Gewicht eines kleinen Tropfens hinreichend leicht gestört. Ein solches Fabrikat aber gehört bei diesen höchst weisen Menschen zu keinem Wunderwerk.
GS|2|43|13|0|Ihr sagt: Diesen Perpetuum-mobile-Mechanismus begreifen wir jetzt ganz vollkommen; aber den beständigen Formenwechsel in der Glaskugel, das werden wir schwerlich begreifen. Ja, meine lieben Freunde und Brüder, da wird es freilich einen kleinen Haken haben; aber unmöglich ist es eben nicht, darüber irgendeine Einsicht zu erlangen. Auf eurem Erdkörper wäre so etwas darzustellen wohl eine ziemlich reine Unmöglichkeit, weil auf dem Erdkörper die mannigfaltigsten sogenannten imponderablen Stoffe nicht für bleibend aufgefangen werden können; aber auf einem Zentralsonnenkörper ist solches gar leicht möglich.
GS|2|43|14|0|Und so könnt ihr solches zu eurer Wissenschaft erfahren, dass diese Kugel inwendig hohl ist, und ist aber gefüllt mit allerlei solchen imponderablen Grundstoffen. Bei der geringsten Drehung vermischen sich diese Stoffe fortwährend durcheinander, ohne sich vermöge ihrer Verschiedenartigkeit vollkommen zu vermengen. Durch diese Vermischung geschieht aber dann auch fortwährend eine neue Formbildung, welche sich bei einer stets darauffolgenden fortwährenden Umdrehung der glasartigen Kugel notwendig verändern muss. Ihr könnt wohl im Großen auf eurem Erdkörper Ähnliches erschauen, wo ebenfalls die imponderablen Stoffe innerhalb der großen Luftkugel, welche natürlich den ganzen Erdkörper einfasst, auch fortwährend neue Formen zur Erscheinlichkeit bringen. Aber diese imponderablen Stoffe stehen auf einem Erdkörper auf einer viel geringer tätigen Potenz als auf einer solchen Zentralsonne; daher ist auch ihr Gebilde gewöhnlich unausgebildet, wie ihr solches bei den Bildungen des Gewölkes und noch mancher anderer Lufterscheinungen erschauen könnt. In dieser Kugel hier sind aber diese Stoffe gewisserart in ihrer konzentriertesten Potenz eingeschlossen; daher sind auch die entwickelten Formen unbeschreiblich und gewähren dann, wenn schon in kleinerem Maßstab, den allerimposantesten Anblick.
GS|2|43|15|0|Ich meine nun, so viel es für eure Begriffsfähigkeit möglich tunlich war, so hätten wir auch diese Erscheinlichkeit so ziemlich entziffert; aber was bedeutet solches alles? Das ist eine ganz außerordentlich andere Frage. Es ist, wie schon anfangs bemerkt, ein Weisheitsbrocken, von dem sich nicht viel wird herabzwicken lassen, und wir werden zufrieden sein müssen, darüber nur einen höchst flüchtig allgemeinen Blick werfen zu können. Und so lässt sich die ganze Sache also zusammenfassen, dass durch dieses Ornament die absolute Weisheit ganz allein für sich dargestellt wird und ist unter diesem Gesichtspunkt etwas sich fortwährend Bewegendes und Form-Wechselndes, deren Bedeutung und innerer Zusammenhang nur dem Einen, aber sonst keinem ewig je entzifferbar ist.
GS|2|43|16|0|Also ist es ja auch auf eurer Erde der Fall. Wer kann die zahllosen Formen der Wolken verstehen? Die höchste Weisheit sinkt bei dem fortwährend erneuten Anblick in den Staub zurück und muss sagen: Herr! wie gar nichts sind alle Menschen und Geister vor Dir! – Desgleichen wollen auch wir hier tun und uns dann statt einer leeren weiteren Erörterung lieber sogleich auf die neunte Galerie oder in das achte Stockwerk begeben. Die Treppe sieht hier wohl wie alles schon sehr luftig aus; aber uns wird sie schon gar wohl noch tragen, und so beginnen wir unseren Weitermarsch.
GS|2|44|1|1|Das achte Stockwerk. Über das Eingehen in das Leben des Geistes
GS|2|44|1|1|(Am 17. Juli 1843 von 4 3/4 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|44|1|0|Wir sind oben; seht euch nur recht tüchtig um und beachtet vorzugsweise die Säulenrondeaus-Ornamente. Aus diesen, wie ihr bisher schon erfahren habt, lernen wir von Stockwerk zu Stockwerk die Weisheit der hier wohnenden Menschen kennen und zugleich die allgemeine Menschen- und Weltordnung eines ganzen Sonnengebietes, vorzugsweise desjenigen, auf dessen Zentralsonne wir uns gegenwärtig befinden.
GS|2|44|2|0|Was das Übrige dieser Galerie betrifft, so ist eben nicht zu viel für unsere Augen besonders Erhebliches daran zu entdecken, denn das ganze Baumaterial bis auf die innere kontinuierliche Wand ist schon ganz vollkommen hell durchsichtig, so dass man nur mehr aus den Glanzflächen erkennen kann, dass es ein Material ist, sonst aber ist es, wie gesagt, vollkommen durchsichtig gleich der Luft. Die innere kontinuierliche Wand aber ist blendend weiß; die Tore in die inneren Gemächer sind lichtblau. Jetzt sind wir aber mit den Farben auch schon fertig, was das Bauwesen der Galerie betrifft; daher ziehen wir uns sogleich in ein Säulenrondeau, um in selbem das Merkwürdige zu erschauen, was uns um eine so ganz eigentliche geistige Galerie höher heben wird.
GS|2|44|3|0|Wir sind im Rondeau. Ihr sagt zwar: Lieber Freund und Bruder, hier muss man die Säulen dieses Rondeaus mehr greifen als schauen. Sie glänzen wohl ungemein, wenn man ihnen so recht vor ihren Flächenspiegel tritt; sieht man aber so flüchtig hinweg, fürwahr, da könnte man recht gut in die Säule rennen, ohne vorher gesehen zu haben, welch ein Stein des Anstoßes auf einen harrt.
GS|2|44|4|0|Du hast zwar früher gesagt, wir sollten das Ornament dieses Säulenrondeaus recht extra scharf ins Auge fassen, denn es stecke gar Großes dahinter. Aber wir schauen schon jetzt hin und her und auf und ab, und können mit Mühe nur die Säulen erschauen und innerhalb derselben eine ganz ungemein keusche, zarte und überaus durchsichtige Rundtreppe, versehen mit einem gleichmäßigen beiderseitigen Geländer; aber von einem Ornament dieses Säulenrondeaus können wir bei der allerstrengsten Aufmerksamkeit auch nicht die allerleiseste Spur entdecken. Sollen wir aber daraus etwas für unsere innere Wiss- und Weisheitsbegierde Ersprießliches schöpfen, so müssen wir doch etwas Erschauliches vor uns haben; denn aus diesem Nichts wird doch sicher unmöglich viel mehr als wieder nichts herauskommen.
GS|2|44|5|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, seht, das Sehvermögen des Menschen ist durchgehends so eingerichtet, dass es aus den zwei Extremen heraustretend auf eine Zeit lang unbrauchbar ist. Denn ist jemand lange im heftigen Licht gestanden und kommt dann in ein dunkles Gemach, so wird er mit dem besten Gesichte die Gegenstände im selben nicht unterscheiden können. Ebenso ist es auch umgekehrt der Fall; hat sich jemand längere Zeit in einem dunklen Gemach aufgehalten und tritt dann plötzlich ans helle Licht, so wird er auch in den ersteren Augenblicken vor lauter Licht nichts mehr sehen, gleichwie die Vögel der Nacht am Tag nichts sehen. Erst nach einigen Sekunden werden die Bilder anfangen, sich seinem Auge immer klarer und klarer darzustellen.
GS|2|44|6|0|Also geht es euch auch hier; denn der Lichtunterschied von Galerie zu Galerie, von Stockwerk zu Stockwerk ist groß verschieden und wird durch die Anwendung des stets heller und heller werdenden Baumaterials bewirkt. Daher müssen wir uns hier in dieser Lichthöhe ein wenig Augenkraft übend verweilen, und so werden dann schon noch Sachen zum Vorschein kommen, die wir jetzt auf diesen ersten Augenblick freilich wohl nicht erschauen mögen.
GS|2|44|7|0|Ihr fragt: Wie sollen wir das so ganz eigentlich anstellen? – Ich sage euch: Schaut nur hin auf die weiße Wand, euer Auge wird vor dem großen weißen Glanz bald lichtmatt genug werden, und ihr werdet dann alsobald die Umrisse unseres Ornamentes zu erspähen anfangen. – Ihr sagt hier freilich: Lieber Freund und Bruder, wie es uns vorkommt, so wird sich die Sache nicht recht tun lassen; denn ist das geistige Auge homogen mit dem leiblichen, so wird es durch einen längeren Anblick in seiner Schärfe ja nur getötet, aber unmöglich mehr belebt und gestärkt. Daher wären wir der Meinung, das Auge eher in irgendeine Dunkelheit zu versetzen, und es wird dann stärker werden zur Aufnahme des Lichtes.
GS|2|44|8|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, dem Anschein nach sollte es wohl so sein; aber solche Annahme taugt nicht für diesen Platz. Wollt ihr aber davon den Grund tüchtiger erschauen, so will ich euch durch ein fassliches Beispiel darauf aufmerksam machen.
GS|2|44|9|0|Wie findet ihr die Morgen- oder Abendsonne auf den ersten Anblick, den ihr nach ihr richtet? Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder, unerträglich stark glänzend; und wir können die runde Form ihres Körpers nicht ausnehmen, sondern ihre Gestalt ist gleich einem unförmigen Feuerball. – Gut, meine lieben Freunde und Brüder; was geschieht aber, so ihr euch besiegt und fangt an, konstant in diesen Feuerball zu schauen? – Ihr sagt: Der Glanz verliert sich nach und nach, und vor unseren Augen steht bloß eine schneeweiße Scheibe, die an ihrem Rand fortwährend zu vibrieren scheint, und wenn wir recht lange hinschauen, so können wir sogar die größten Flecken auf ihrer Oberfläche wie sehr kleine schwarze Punkte entdecken.
GS|2|44|10|0|Wieder gut, meine lieben Freunde und Brüder; warum aber könnt ihr nun solches? Ist euer Auge etwa gestärkt worden durch den beständigen vehementen Lichtanblick der Sonne? O nein! Euer Auge ist dadurch eigentlich geschwächt worden, was ihr sehr leicht gewahren könnt, so ihr nur von der Sonne weg euer Auge einem anderen Gegenstand zuwendet. Wie werdet ihr einen solchen Gegenstand erschauen? Seht, wie im Traum oder in einem schon recht tüchtigen Nachtdunkel.
GS|2|44|11|0|Wenn wir aber nun solches aus der Erfahrung wissen, so werden wir wohl auch leicht verstehen, wozu der etwas länger anhaltende Anblick der weißen kontinuierlichen Wand dieses Gebäudes gut sein soll; nämlich wozu der längere Anblick der Sonne gut war. Ihr habt dort durch den längeren Anblick die reine Sonnenscheibe sogar mit ihren Flecken erschaut; und wir werden hier in dieser Lichtmasse nach und nach anfangen, das Ornament dieses Säulenrondeaus zu erschauen.
GS|2|44|12|0|Ihr fragt hier noch einmal und sagt: Aber lieber Freund und Bruder, haben die Bewohner dieses Gebäudes aller Gebäude auch so lange zu tun, um ihre Ornamente zu erschauen, mit denen sie dieses Säulenrondeau geschmückt haben, wie wir? – O nein, meine lieben Freunde und Brüder; ihr Auge erschaut alles dieses mit derselben Leichtigkeit, wie ihr die verschiedenen Gegenstände auf eurer Erde. Aber euer Auge muss ein wenig geübt werden, um die Dinge hier auszunehmen.
GS|2|44|13|0|Ihr sagt zwar: Lieber Freund und Bruder, diese deine Augenpräparation für uns kommt uns ein wenig eitel vor, denn wir sind ja doch auf der Erde und mögen von dem, was du uns durch die Gnade des Herrn kundgibst, bei dem allerbesten Willen so viel wie nichts erschauen. Wir schreiben wohl unsere Sache, sehen aber dabei nur das, was uns umgibt; aber für alle diese Herrlichkeiten sind nicht unsere Augen die Wahrnehmungswerkzeuge, sondern bisher nur noch immer unsere Ohren.
GS|2|44|14|0|Liebe Freunde und Brüder! Das ist von der sehr stark naturmäßigen Seite aus betrachtet ganz klar und richtig, aber von der nur einigermaßen mehr geistigen schon ganz grundfalsch. Wenn ihr eure äußeren groben Sinne in Anschlag bringt, da wird es sich mit der Anschauung dieser herrlichen Dinge freilich wohl etwas schwer tun; ich aber rede hier von der Angewöhnung des geistigen Sinnes; und das Auge des Geistes ist euer Vorstellungsvermögen, euer Gefühl und die mit demselben lebendig verbundene Phantasie.
GS|2|44|15|0|Dieses Auge müsst ihr öffnen und in das weiße Licht des Geistes wenden, und in solcher Wendung eine Zeit lang euch ruhig verhalten; so werdet ihr das, was hier besprochen wird, mit eurem geistigen Auge ebenso gut zu schauen anfangen, als so ihr es schauen möchtet mit eurem Fleischesauge.
GS|2|44|16|0|Also muss ja notwendig ein jeder, der in das Leben seines Geistes eingehen will, sich tagtäglich auf eine Zeit lang in die vollkommene Ruhe seines Geistes begeben und muss in dieser nicht etwa mit allerlei Gedanken umherschweifen, sondern er muss einen Gedanken nur fassen und diesen als ein bestimmtes Objekt unverwandt betrachten.
GS|2|44|17|0|Der beste Gedanke ist hier freilich der Herr. Und wenn jemand solches mit Eifer und aller möglichen Selbstverleugnung fort und fort tun wird, so wird dadurch die Sehe wie das Gehör seines Geistes stets mehr und mehr an innerer Schärfe gewinnen, und nach einer eben nicht zu langen Zeit werden diese beiden Sinneswerkzeuge des Geistes so sehr erhöht werden, dass er mit der größten Leichtigkeit dort geistige Formen von der wunderbarsten Art erblicken wird, wo er eher nichts als eine formlose Leere zu erschauen wähnte. Und so wird er auch mit eben der Leichtigkeit Töne und Worte vernehmen, da ihm ehedem eine ewige Stille zu sein schien. Ich meine, ihr werdet mich verstehen, was ich euch damit habe sagen wollen und werdet hoffentlich auch einsehen, dass euer Einwurf hinsichtlich des Schauens um ein Bedeutendes eitler war als meine Beheißung, wie geartet ihr eure Sache [Sehe] zum ferneren Anblick dieser Herrlichkeiten stärken sollt.
GS|2|44|18|0|Beobachtet ihr also nur meinen Rat und beschaut die weißglänzende Wand oder in euch diejenige Gemütsseite, die da ledig ist von eitlen Gedanken der Welt; und ihr werdet das ganz einfache aber vielsagende Zierakulum dieses Säulenrondeaus gar bald und leicht erschauen.
GS|2|44|19|0|Seht nur hin; an einer durchsichtigen weißen Schnur hängt eine ganz einfache etwa eine Klafter im Durchmesser habende höchst rein durchsichtige Kugel, und vom Boden des Säulenrondeaus geht eine vollkommen runde, sehr schmale Kegelpyramide mit der Spitze bis zur Kugel empor und ist ebenso durchsichtig wie die Kugel selbst. Bemerkt ihr solches? Ihr sagt: Wir merken solches schon wie in einem ganz leisen Bild in uns. – Gut, sage ich euch; denkt aber nun darüber selbst ein wenig nach und seht, ob ihr die Bedeutung dieses Ornamentes nicht annähernd finden werdet. In der nächsten Gelegenheit will ich dann euren Fund gehörig beleuchten.
GS|2|45|1|1|Die göttlich-geistige Weisheit ist Torheit vor der Welt
GS|2|45|1|1|(Am 18. Juli 1843 von 5 1/4 – 7 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|45|1|0|Ihr habt solches getan und habt darüber ein wenig nachgedacht; und ich sage euch: Hier ist das Verhältnis also: Ihr hättet darüber denken können, was ihr gewollt, und ihr hättet entsprechendermaßen vollkommen richtig und wahr ein Bild innerer Bedeutung dieses Ornamentes treffen müssen. Ihr sagt hier freilich wohl mit etwas erstauntem Gemüt:
GS|2|45|2|0|Wenn sich die Sache also verhält, da hat man es im Reich der Geister überaus leicht. Man kann auf diese Weise ganz gedanken- und sinnlos allerlei unzusammenhängende Phrasen hintereinander herplaudern und das noch dazu zur erörternden Beantwortung einer allerwichtigsten Lebensfrage, und man hat am Ende doch durch allerlei nichtige Faseleien unwillkürlich die größte Weisheit hervorgebracht.
GS|2|45|3|0|Wir sind aber gegenteils der Meinung, dass man im Geist, um wahrhaft geistig weise zu sprechen, noch ums Unvergleichliche bündiger sprechen muss denn auf der Erde, und das aus solchem gewiss sicheren Grunde, weil dem Geist auch viel triftigere und bündigere Hilfsmittel zu Gebote stehen, so er im völlig absoluten Zustand sich befindet, als auf der zerbröckelten Außenwelt, wenn er obendrauf noch von seiner schweren Fleischmasse gefangen und niedergedrückt ist.
GS|2|45|4|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, ihr habt einerseits wohl recht, so ihr das Geistige mit ziemlich irdischem Maßstab bemesst; bemesst ihr aber das Geistige geistig, so werdet ihr leichtlich gewahr werden, dass eure vorliegende Schlussfolgerung auf sehr untüchtigen Füssen basiert. Ihr habt sicher gelesen in den Briefen meines lieben Bruders Paulus, da er sich nicht selten darüber ausspricht, dass die Weisheit der Weisen in Christo vor der Welt eine barste Torheit sei. Seht, das ist sie auch richtig; wie denn aber?
GS|2|45|5|0|Seht, wenn ihr zählt, da meint ihr, die Ordnung in eurem Zahlensystem sei vollkommen und habe keine Lücken. Wenn ich euch aber sage, dass zwischen jeder Zahl eine unausfüllbare Kluft vorhanden und diese Kluft nur dem höchsten Geist erschaulich ausgefüllt ist, was werdet ihr dann für ein Urteil fällen, so ein vom höchsten Gnadenlicht erfüllter Geist vor euch hintritt und zählt zwischen eins und zwei zahllose Milliarden hinein und sagt am Ende: Und noch ist die Kluft zwischen euren zwei systematischen Ordnungszahlen bei weitem nicht ausgefüllt. – Und wenn er euch da noch in tiefere und tiefere unausgefüllte Klüfte zwischen den von ihm gezählten Milliarden führen wird, welche sich alle zwischen eurer Eins und Zwei befinden, so werdet ihr sagen:
GS|2|45|6|0|Das Wesen hat im höchsten Grad überspannte Begriffe und faselt da von unendlichen Größen, wo wir nichts als zwei knapp aneinanderstoßende Einheiten erschauen.
GS|2|45|7|0|Ein anderer Geist mag zu euch kommen und wird euch Geschichten über eure Erde erzählen, über die graue Vorzeit wie über die jüngste Vergangenheit und Gegenwart, welche auf der Erde eigentlich nie geschehen sind. Ja, er kann noch einen anderen Streich tun, er kann wirkliche Taten aus der Gegenwart ins graue Altertum zurückversetzen und umgekehrt die Taten des grauen Altertums in die gegenwärtige Zeit; so kann er auch die Orte verwechseln, wo eine oder die andere Tat begangen ward. Also kann er auch die Erde mit der Sonne austauschen und dergleichen noch mehr solches für eure Urteilskraft entsetzlich widersprechendes Zeug. Er kann da tausend setzen, wo ihr eins habt, und so auch umgekehrt. Was werdet ihr mit eurer irdisch weise geordneten Beurteilung dazu sagen? Sicher werdet ihr nichts anderes herausbringen als: Siehe da, der Geist faselt!
GS|2|45|8|0|Ihr sagt in eurer Weltweisheit: Wenn ich bin und denke, so bin ich der, der ich bin und denke. – Der Geist aber wird zu euch sagen: Ich bin und bin nicht; ich denke und denke nicht; ich bin, der ich nicht bin; und ich denke, wie ich nicht denke. – Was werdet ihr dazu sagen? Nichts anderes als: Siehe da, der Geist faselt schon wieder! Denn ordnungsmäßig kann ein bestimmtes Sein ja doch nicht zu gleicher Zeit ein Nichtsein sein.
GS|2|45|9|0|Seht, aus diesem aber könnt ihr leicht erschauen, dass sich die geistige Weisheit niemals nach dem irdischen Maßstab bemessen lässt. Damit ihr aber doch davon irgendeinen leisen Begriff bekommt, so will ich nur das Sein und Nichtsein und das Denken und Nichtdenken nach geistiger Weisheit ein wenig beleuchten. Und so hört!
GS|2|45|10|0|Wenn der Geist sagt: Ich bin und denke, so zeigt er dadurch an, dass der Herr in ihm alles in allem ist; und sagt er von sich aus: Ich bin nicht und denke nicht, so redet er, dass ohne den Herrn für sich selbst kein Wesen etwas ist noch etwas vermag. Wie ists denn aber, wenn der Herr in der tiefen Weisheit Ähnliches von Sich aussagt, der doch ewig alles in allem ist? Seht, dann bezeigt solches, dass der Herr Selbst in Sich Selbst ewig vollkommen ist und denkt. Wenn Er aber spricht: Ich bin nicht und denke nicht, so besagt das so viel als: Alle Wesen sind zwar Geschöpfe von Mir und sind Meine durch Meinen Willen festgehaltenen lebendigen Gedanken; und es gibt kein Ding in der ganzen Unendlichkeit, das Ich nicht gedacht und schöpferisch mit Meinem Willen gefestet hätte. Damit aber Meinen Geschöpfen die vollkommene Freiheit werde, so gebe Ich Meine Gedanken so vollkommen frei, als hätte Ich sie nicht gedacht und nicht geschaffen, auf dass sie nun wie aus sich ganz frei denken, schalten und walten können, als hingen sie von Mir nicht im Geringsten ab und als wäre Ich gar nicht vorhanden.
GS|2|45|11|0|Seht, das ist dann der Weisheitssinn in den geistigen Begriffen, welche mit irdisch geordnetem Maßstab in ihrer geistigen Einfachheit freilich wohl als Faseleien angesehen werden müssen. Wie es sich aber mit diesem für euch ein wenig erhellten Weisheitsbeispiel verhält, also verhält es sich auch mit allen den früher angeführten Rechen- und historischen Beispielen; und ihr könnt einen Geist fragen: Wie viel ist zwei mal vier? und der Geist gäbe euch zur Antwort: Zwei mal vier ist Judäa oder China oder Asien oder Europa oder Jerusalem oder Bethlehem oder der König Salomo und dergleichen noch eine zahllose Menge Mehreres, so hätte er euch allzeit die untrüglich wahre Antwort gegeben.
GS|2|45|12|0|Aber ihr werdet dazu sagen: Dass zwei mal vier acht sind, das sehen wir ein, aber dass zwei mal vier Länder, Städte und Völker bezeichnen sollen, das scheint wohl eine starke Faselei zu sein. – Mit irdisch geordnetem Verstand genommen, sicher; aber mit geistigem, wo eine jede Zahl einen unerschöpflichen entsprechenden geistigen Grundsinn hat, wird die Antwort vollkommen richtig sein. Ich sehe aber, dass euch diese Angabe zu sehr wissbegierlich kitzelt, und ihr möchtet gern ein leises Fünklein darüber haben, so will ich euch ja gleichwohl ein paar Fünklein vorspringen lassen.
GS|2|45|13|0|Seht, zwei mal vier sind acht; wie ist es aber Jerusalem? Seht, in der Zahl 8 ist die Zahl 7 unfehlbar enthalten. Die Zahl 7 aber besagt die Vollmacht der sieben Geister Gottes, welche Entsprechung haben in den sieben Farben und sonach auch mit dem Leben eines jeden Menschen. Aber nun haben wir bei der Zahl 7 die Zahl 1; was besagt denn diese? Sie besagt, dass diese sieben Geister nicht sieben, sondern im Grunde nur vollkommen ein Geist sind; und das ist gleichsam in der Zahl 8 ausgedrückt, in welcher Zahl zu gleicher Zeit die Geister Gottes abgesondert und dann daneben zu eins vereint entsprechend dargestellt werden; und dieses vereinte Eins zu dem früheren wie geteilten Sieben gibt die vollkommene Zahl 8.
GS|2|45|14|0|Nun aber stellt Jerusalem den Herrn ebenfalls unter dem wirkenden Standpunkt der Liebe und Weisheit vor; welches ihr aus der Veranlassung der Entstehung dieser Stadt und ihrer zweckdienlichen Einrichtung gar wohl ersehen könnt. Sonach ist der Herr oder Seine Liebe und Weisheit oder die eben das bezeichnende Stadt Jerusalem ja vollkommen identisch; und die den Herrn als in eins vollendetes Wesen darstellende Zahl 8 muss ja dann alles dasjenige ebenfalls bezeichnen, was immer nur aus was immer für einem Standpunkt betrachtet, den Herrn in Seiner vereinten Vollkommenheit darstellt. Jerusalem aber tut solches; also kann es auch mit eben dem gleichen Recht unter der Zahl 8 bezeichnet sein.
GS|2|45|15|0|Wie es sich aber mit Jerusalem verhält, verhält es sich im Grunde des Grundes mit allem anderen; indem der Herr doch sicher überall alles in allem ist; und somit die Zahl 8 in der bestimmten Sphäre eines so gut wie das andere vollkommen richtig bezeichnen kann.
GS|2|45|16|0|Ihr sagt hier freilich: Wenn es sich mit 8 tut, so muss es sich auch mit allen anderen Zahlen tun. Das ist richtig und sicher; aber ihr werdet solches, solange ihr noch mit irdischen Zahlen und Maßstäben herumspringt und der Meinung seid, dass Gott und die reineren Geister ebenso zählen müssen wie ihr, nicht völlig in der Tiefe begreifen können.
GS|2|45|17|0|Wenn aber ein Prophet spricht: Vor Gott sind tausend Jahre wie ein einzelner Tag, und die Zahl aller Menschen ist gleich null vor dem Herrn; was sagt ihr denn zu diesem mathematischen Verhältnis? Denn im Grunde müsst ihr denn doch sagen: Gott hat die Jahre und die Tage gestellt, und hat das Jahr zusammengesetzt aus dreihundert und sechzig Tagen, und musste da ja doch die Tage und Jahre Selbst eher wohl unterschieden haben, sonst wäre es Ihm sicher nicht möglich gewesen, Tage und Jahre so wohlgeordnet und wohl unterscheidbar nacheinander folgen zu machen.
GS|2|45|18|0|So aber der Herr solches ersichtlichermaßen allerhöchst klar berechnend getan hat und Selbst sicher am besten weiß, aus wie viel Tagen ein Jahr besteht, wie kann Er denn Seiner eigenen gestellten Ordnung gewisserart wie vergessen, dieselbe so sehr unbeachtet überspringen wollen und tausend Jahre einem einzelnen Jahrestag gleichstellen?
GS|2|45|19|0|Seht, solch ein Spruch kommt euch viel natürlicher vor, weil ihr euch denselben schon mehr angewöhnt, ihn schon zu öfteren Malen gehört und darüber auch schon mehr oder weniger passende Vergleichungen angestellt habt. Würdet ihr aber nie etwas davon gehört haben, so würde er euch ebenso wundersam klingen, als so ich euch sagen möchte: Siebenhundertdreißig und vier Jahre sind gleich 27 Tagen und etlich wenigen Stunden und einer Stunde und einer Minute für sich.
GS|2|45|20|0|Aus diesem aber will ich euch nur zeigen, dass die Zahlen, Jahre und Tage und Stunden und Minuten im Geiste durchaus nicht das bezeichnen, als was sie dastehen, sondern die Weisheit des Geistes ist eine andere als die des irdischen Verstandes. Und so denn werdet ihr hoffentlich nun auch ein wenig zu begreifen anfangen, dass ich ehedem vollkommen richtig zu euch gesprochen habe, da ich zu euch sagte: Ihr mögt über die Bedeutung dieses Zierakulums was immer für ein Entsprechungsbild aufgestellt haben, so habt ihr dennoch vollkommen den wahren Sinn dieses Säulenrondeau-Ornamentes bezeichnet.
GS|2|45|21|0|Damit ihr aber euch davon desto lebendiger überzeugen mögt, so setzt wie zufällig ein bezeichnendes Entsprechungsbild über die Bedeutung dieses Ornamentes auf, und ich werde euch mit der Gnade des Herrn bei der nächsten Gelegenheit zeigen, dass ich in der aufgestellten Behauptung vollkommen recht habe.
GS|2|46|1|1|Ineinanderfließen von Ewigkeit und Zeit. Die Katze und die Maus
GS|2|46|1|1|(Am 19. Juli 1843 von 4 3/4 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|46|1|0|Ich habe vernommen und wohl eingesehen euer vergleichend aufgestelltes Bild und muss euch noch obendrauf hinzu bekennen, dass ihr auf eurer Erde in kurzer Zeit Besitzer von Millionen werden könntet, so euch der Haupttreffer aus den Lotterien so sicher wäre, als wie grundrichtig eure aufgestellte Vergleichung die innere Bedeutung unseres vorliegenden Ornamentes darstellt. Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber das will hier eben nicht zu viel gesagt haben; denn wo man den Nagel nirgends anders als auf den Kopf treffen kann, da hört es dann auch auf, eine Kunst zu sein, ja sogar ein Gelingen, einen Nagel auf den Kopf zu treffen. Denn ihr hättet auch ebenso gut sagen können: Die untere Spitzpyramide bedeutet eine „Maus“ und die hängende Kugel eine „Katze“ – und ihr hättet die Sache ebenso richtig bezeichnet als mit der „Zeit“ und mit der „Ewigkeit“. Dass aber solches alles richtig ist, wird sogleich unsere nachfolgende Betrachtung zeigen.
GS|2|46|2|0|Dass eine Kugel, welche nirgends einen Anfang und nirgends ein Ende hat, am allerfüglichsten die Ewigkeit bezeichnet, also wie auch die der Ewigkeit innigst verwandte Unendlichkeit, das ist schon eine uralte sinnbildliche Wahrheit.
GS|2|46|3|0|Ein Kreis bedeutet wohl auch die Ewigkeit, aber nur so, wie sie gewisserart als eine unendliche Zeitenfolge zu betrachten ist; aber die Ewigkeit in sich, welche gewisserart weder eine Vergangenheit, noch eine Zukunft, sondern eine fortwährende Gegenwart all des schon vor undenklichen Zeiten Geschehenen und des nach undenklichen Zeiten noch zu Geschehenden wie in einem unendlichen Zeitenknäuel vollkommen gegenwärtig darstellt, wird durch eine Kugel symbolisch bezeichnet.
GS|2|46|4|0|Eine Spitzpyramide von kreisrunder Form aber bezeichnet allerdings die Zeitenfolge; warum denn? Weil fürs Erste die Kreisrundung der Spitzpyramide den Ausgang aus der Ewigkeit dadurch anzeigt, dass sie eigentlich eine gestreckte Kugel beschreibt, deren Kreise sich gegen die Streckpunkte stets mehr und mehr beengen. Schneidet ihr eine solche nach zwei Seiten gestreckte Kugel bei der Mitte auseinander, d. h. durch den Gürtel, so werdet ihr dann zwei Pyramiden bekommen, welches aber so viel sagt, dass durch diese Manipulation die eigentliche Ewigkeit in sich zu einer Zeitenfolge ist ausgedehnt worden. Und da ihr die ausgestreckte Kugel durch den Gürtel auseinander teilt, da liegen alle Fakta dazwischen; denn da ist ihr Anfang und ihr Ende.
GS|2|46|5|0|So könnt ihr euch auch keine begrenzte Zeit denken, wohl aber eine eingeteilte. Wo ihr aber die gestreckte Kugel als die zur Zeitenfolge ausgedehnte Ewigkeit abteilt, da steckt, wie gesagt, irgendein Faktum von seinem Anfang bis zu seinem End dazwischen, ohne das an keine Zeiteinteilung zu denken ist. Denn denkt nur einmal nach, wie lange messt ihr wohl schon die Zeit? Von eurer Geburt an bis zur gegenwärtigen Lebensperiode. Seht, das ist euer Durchschnitt; dieser schließt den Anfang und das Ende eures irdischen Lebens in sich, und nach beiden Seiten hin ist eine endlos ausgestreckte Linie, deren Ende nirgends als nur für euch bei eurem Lebens-Durchschnitt zu finden ist, d. h. vor eurer Geburt ist eine ewig lange Zeit vergangen, und nach eurem Übertritt wird ebenfalls wieder eine unendliche Zeitenfolge fortwähren.
GS|2|46|6|0|Nun seht unser Ornament an; eine Kugel, gänzlich vollkommen durchsichtig, hängend an einer ebenfalls vollkommen durchsichtig glatten Schnur. Diese Kugel berührt mit ihrer untersten Sphäre die Spitze unserer Rundpyramide. Was will solches denn sagen?
GS|2|46|7|0|Die in sich komplette Ewigkeit oder Unendlichkeit, welche durch die Kugel dargestellt wird, dehnt sich in der Pyramide zu einer ewigen Zeitenfolge aus und fließt aus der Kugel wie aus einem ewigen Urborne, gleichsam durch die Spitzpyramide in die taten- und werkreichen Zeitperioden aus.
GS|2|46|8|0|In diesem nun so viel als möglich erklärenden Satz werdet ihr sicher so ziemlich klar ersehen, dass euer Bild zur vorläufigen Erklärung dieses Ornamentes ein sicher ganz überaus wohlgelungenes war, denn ihr mögt es wenden und drehen, wie ihr wollt, so werdet ihr allzeit dasselbe Endresultat bekommen.
GS|2|46|9|0|Aber wie ginge es denn mit der Katze und mit der Maus? Seht, ihr dürft die Sache nur umkehren und das Bild ist wieder richtig. Die Katze ist ein Tier, das fortwährend mit der Mordlust für Mäuse und auch andere mausähnliche Tierchen erfüllt ist; die Pyramide stellt sonach eine Maus dar, wie schon im Anfang bezeichnet wurde, und die Katze die Kugel.
GS|2|46|10|0|Wie aber die Katze, ein Raubtier, fortwährend die Mäuse verschlingen will, verschlingt ja auch die Ewigkeit fortwährend alle die aus ihr herausgetretenen Zeitfolgen und alle Werke in denselben.
GS|2|46|11|0|In der Ewigkeit könnt ihr alles: Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges wie auf einem Punkt beisammen treffen. Wenn es aber also anzutreffen ist, so muss es als ein Verschlungenes anzutreffen sein.
GS|2|46|12|0|Seht auf unsere Katze; könntet ihr sie geistig beschauen, so würdet ihr in diesem Tier nichts anderes als ein Aggregat von nahe zahllos vielen Mäusen und mausähnlichen Tierchen erschauen. Dass solches richtig ist, dafür spricht die ziemlich bedeutende Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Tiergattungen. Bei der Katze ist alles nur mehr abgerundet, welches die größere Inhaltskomplettheit darstellt, ähnlich mit der Kugel. Bei der viel kleineren Maus ist alles mehr gespitzt; das bezeigt die bei weitem geringere Inhaltskomplettheit.
GS|2|46|13|0|Ihr sagt hier freilich: Wenn ein erklärendes Bild vollkommen richtig sein soll, da muss es auch den Abgang und nicht nur allein den Auf- oder Rückgang, also das Ausbeuten ebenso gut wie das Wiederverzehren bezeichnen. Es ist wahr, die Katze verschlingt die Mäuse, wie die Ewigkeit die Zeitenfolgen und ihre Werke; aber die Zeitfolgen und ihre Werke gehen auch aus der Ewigkeit hervor. Ob aber auch die Mäuse aus der Katze hervorgehen? Darüber scheinen die vielen Weisen des Morgenlandes zu schweigen; und wir sind der Meinung, dass wir solches auch mit einem zentralsonnengroßen Stein der Weisen in der Hand kaum herausbringen werden!
GS|2|46|14|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, mit eurer irdischen Weisheit dürfte es da wohl ein wenig schwer gehen. Aber es war dennoch bei den alten Weisen ein ganzer Wust von Sprichwörtern, mittels deren man für einen wirklich Weisen so ziemlich dartun könnte, dass aus den Katzen durch eine gewisse naturgemäße kreisförmige Umbildung die Mäuse am Ende wieder aus der Katze hervorgehen. Ihr sagt schon: Jedem Lappen gefällt seine Kappen; die Alten haben gesagt: Similis simili gaudet – gleich und gleich gesellt sich gern, und dergleichen noch eine Menge ähnlicher Sprichwörtchen.
GS|2|46|15|0|Ihr wisst aber, dass bei dem Umstehen eines Tieres dessen animalischer Nervengeist allein nur in eine höhere Ordnung aufsteigt; der zurückgebliebene Körper als ein Aggregat von unteren Naturpotenzen zerfällt dann wieder und kehrt durch den Kreisgang genau wieder auf den Punkt zurück, der sein ordnungsmäßiger Vorgänger ist.
GS|2|46|16|0|Die Katze nimmt das Leben derjenigen Tierwelt, die sie verzehrt, in sich auf und befördert in sich dasselbe zu einer höheren Stufe. Aber der Leib der Katze macht eine Rückbewegung, und die in ihm noch vorhandenen Kräfte bilden sich durch den Zyklus wieder zu Mäusen und darum – (jedem gefällt das Seinige) – gefällt auch der Katze ihr Wesen, welches durch den geordneten Zyklus zurückgekehrt ist in der Maus und in allen jenen Tierchen, die mit dieser auf einer verwandten Stufe stehen.
GS|2|46|17|0|Also seht nun, dass auch dieses Bild richtig ist, und wir haben bei dieser Gelegenheit unser Ornament möglichst umfassend beleuchtet und wollen uns, da hier aus der sehr durchsichtigen Materie nicht viel mehr herauszubekommen ist, sogleich um ein Stockwerk höher begeben, also ins neunte oder in die zehnte Galerie.
GS|2|47|1|1|Das neunte Stockwerk. Über Unsichtbarkeit im materiellen und geistigen Sinn. Unterschied zwischen Weisheits- und Liebelicht
GS|2|47|1|1|(Am 21. Juli 1843 von 5 – 7 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|47|1|0|Wir hätten uns über die überaus zarte Rundtreppe heraufgehoben und befinden uns nun ganz wohlbehalten im neunten Stockwerk oder auf der zehnten Galerie. So denn seht euch nur sogleich recht aufmerksam um und sagt es mir dann nach der gewöhnlichen Art und Weise, was alles ihr hier Neues und Denkwürdiges erschaut habt.
GS|2|47|2|0|Ihr macht hier, wie ich sehe, ein wenig große Augen und stutzt. Was ist es denn, das euch hier also zu befremden scheint?
GS|2|47|3|0|Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder, außer einer lichtgrauweißlichen, kontinuierlichen Wand des Hauptgebäudes entdecken wir zu einer Abwechslung gar nichts, außer, so wir abwärts sehen, Teile der früheren Galerien; aber darauf wir stehen, mögen wir nicht erschauen, also weder einen Boden, noch irgendein Säulenrondeau, noch ein Geländer und schon am allerwenigsten irgendein Säulenrondeau-Ornament. Sollten sich aber jedoch solche Dinge auch auf dieser ganz entsetzlich luftigen zehnten Galerie vorfinden, so bitten wir dich im Ernst um eine Augensalbe, denn mit so bestelltem Augenlicht werden wir ganz entsetzlich wenig zu Gesichte bekommen und danach urteilen können, was alles Wunderherrliches und Vielbedeutendes sich etwa auf dieser zehnten Galerie vorfindet.
GS|2|47|4|0|Lieber Freund und Bruder! Wenn allfällig im Inneren dieses neunten Stockwerkes auch Menschen wohnen und von ebenfalls so überaus durchsichtiger Natur sind wie diese gegenwärtige Galerie, da meinen wir, wird es für uns keine Gefahr haben, solche anzusehen; so wenig, als es auf der Erde für die Menschen von irgendeiner sinnlich bezaubernden Gefahr ist, wenn sie auch von den allererhabenst schönsten himmlischen Wesen umgeben sind, aber von ihnen nicht ein Atom groß zu sehen bekommen.
GS|2|47|5|0|Wenn wir überhaupt so recht aufmerksam auf die kontinuierliche Wand hinsehen, so entdecken wir nicht einmal irgendeine Eingangstür; und es hat sehr stark den Anschein, als wohnten hierin entweder pure Geister, oder es wohne gar niemand darinnen. Fürwahr, über diese höchst luftige Einrichtung könnte man sich im Ernst ein wenig lustig machen, denn wo nichts zu sehen ist, da ist für das betrachtende Subjekt auch so gut wie gar kein Objekt vorhanden. Ohne Objekt aber möchten wir denn doch auch ein wenig wissen, wie man da zu irgendeinem anschaulichen Begriff desselben gelangen kann, außer man schmiedet aus seiner eigenen Phantasie ein ganzes Regiment Hypothesen, mischt sie dann wie Spielkarten untereinander, wirft sie in einen Glückstopf, zieht blindlings eine aus demselben hervor und macht dann diese zu einem Haupttreffer.
GS|2|47|6|0|Fürwahr, auf dieser Galerie scheint es sehr stark, dass wir werden zu unsichtbaren Hypothesen unsere Zuflucht nehmen und sagen müssen, was allenfalls sich hier vorfinden kann; aber nicht, was sich etwa im Ernst vorfindet.
GS|2|47|7|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, dem Anschein nach habt ihr freilich wohl hier in so manchen Stücken recht; aber der Wirklichkeit nach sind eure Angaben und Mutmaßungen, wie auch so manche witzig scheinende Phrasen noch ums Außerordentliche viel luftiger und durchsichtiger als die Gegenstände dieser zehnten Galerie.
GS|2|47|8|0|Habt ihr nie gehört auf der Erde und nie gesehen, welches Mittels sich die Blinden statt des Augenlichtes bedienen? Ihr sagt: Diese greifen und befühlen, ob und was da ist. – Nun gut; wenn ihr hier für diese Gegenstände so gut wie blind seid, so greift, und ihr werdet euch dann ja wohl überzeugen, ob etwas oder ob nichts da sei.
GS|2|47|9|0|Ich sage euch: Wir befinden uns knapp an einem Säulenrondeau, welches hier freilich wohl nur mehr aus zwölf einzelnen Säulen besteht. Tastet ein wenig um euch, und euer Gefühl wird euch gar bald sagen, wie es sich mit der Sache verhält. Seht, da hinter euch ist gleich eine Säule; nur hingelangt, und ihr werdet sie sogleich sicher recht wohl gewahren.
GS|2|47|10|0|Nun, ihr habt solches getan; habt ihr eine Säule entdeckt oder nicht? Ihr sagt: Fürwahr, lieber Freund und Bruder, wir haben noch dazu eine überaus feste Säule mit unseren Händen entdeckt; aber was ist denn das für eine entsetzliche Materie, die bei solch einer außerordentlichen Festigkeit so durchsichtig ist, dass von ihr auch mit dem schärfsten Blick keine Spur zu entdecken ist? Auf der Erde ist solch eine Erscheinung undenklich.
GS|2|47|11|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, ich sage euch hierzu nichts anderes als: Alles richtet sich nach der Gestalt der Sache. Es werden sich aber dennoch Beispiele finden lassen, durch die diese Erscheinung sich sogar auf eurer Erde recht gut wird erklären lassen. Die Erfahrung wird es euch lehren, so sie es euch nicht schon gelehrt hat, dass ganz gleiche Gegenstände, d. h. Gegenstände von vollkommen gleicher Farbe, voneinander unter gewissen Bedingungen mit dem allerschärfsten Auge nicht unterscheidbar sind.
GS|2|47|12|0|Nehmt zum ersten Beispiel eine vollkommen weiße Wand und malt dann mit eben der vollkommen weißen Farbe eine Landschaft auf diese weiße Wand, und wenn sie fertig wird, dann versucht eure Augen, ob ihr von der Landschaft etwas entdecken werdet? Seht, da hätten wir schon ein Beispiel.
GS|2|47|13|0|Nehmt einen geschliffenen Diamanten und legt ihn in durch eine kleine Esse angefachte Kohlenglut. Der Diamant wird sobald, ja im ersten Augenblick, in die vollkommene Glühe der Kohlen übergehen, obschon sich bei solcher Hitze nicht im Geringsten verflüchtigen. Ruft dann jemanden herbei, der die Stelle nicht weiß, dahin der Diamant ist gelegt worden, und er kann einen ganzen Tag lang in die Glut hineinstarren, und ihr könnt versichert sein, dass er so wenig wie ihr selbst von dem Diamanten die allerleiseste Spur entdecken wird. Warum denn nicht? Weil der Diamant als ein höchst durchsichtiger Körper unter ganz gleichen Licht- und Glühumständen selbst als ein überaus fester Körper von seiner Umgebung nicht unterscheidbar ist, indem seine Kanten unter solchen ganz gleichen Umständen keine Abmarkung seiner Form erschaulich zulassen.
GS|2|47|14|0|Seht, das ist schon wieder ein Beispiel auf der Erde. Geht in eine Glasfabrik; nehmt da Glasperlen oder sonstige Gegenstände aus Glas mit und werft sie hinein in die weißglühend flüssige Glasmasse im Schmelztiegel, seht dann recht fest hinein und beschreibt euch gegenseitig die verschiedenen Glasperlformen, wie sie allenfalls aussehen; ihr werdet davon so viel wie gar nichts entdecken. Seht, da hätten wir schon wieder ein Beispiel auf der Erde.
GS|2|47|15|0|Nun ein euch gar nahes Beispiel! Schüttet in ein ganz reines Glas ebenfalls ein ganz reines Wasser und versucht dann, ob ihr vom gefüllten Glas die innere Wand, an der natürlich das Wasser liegt, entdecken könnt? Noch mehr Beispiele! Legt ein vollkommen reines Glas in ein ebenfalls vollkommen reines Wasser, und ihr werdet von dem Glas eben nicht gar zu viel zu Gesichte bekommen. Ferner lasst euch von vollkommen reinem Glas, welches auf beiden Seiten spiegelblank geschliffen ist, eine Fensterscheibe einschneiden und versucht vom Zimmer aus, etwas vom Glas der Fensterscheibe zu entdecken. Ihr könnt versichert sein, ein jeder Fremde, der in euer Zimmer kommen wird, wird zu euch sagen: Aber warum lasst ihr denn da keine Scheibe hineinschneiden? – Warum wird er denn solches sagen? Weil er die Materie des reinen Glases von der gleich reinen Luft nicht zu unterscheiden vermag.
GS|2|47|16|0|Dann ferner geht an einem nebligen Tag an ein Wasser und versucht, ob ihr vom Wasser etwas entdecken könnt, wenn der Nebel auf desselben Oberfläche liegt. Andere Gegenstände werdet ihr in gleicher Entfernung noch recht gut ausnehmen; aber nur die Oberfläche des Wassers nicht, weil dieses natürlich die gleiche Färbung mit dem über ihm schwebenden Nebel annimmt. Desgleichen werdet ihr auch auf einem Gletscher selbst schon bei einem schwachen Nebel von den Eisformen desselben, sogar unter euren Füßen, nichts mehr zu entdecken imstande sein. Die Ursache liegt ebenfalls im gleichen Licht.
GS|2|47|17|0|Nehmt ihr z. B. zum Beschluss noch an, ihr befändet euch in einer Doppelsonnen-Weltsphäre, allda nicht selten für die Bewohner der Planeten eine Sonne die andere, wenn schon in bedeutender Entfernung, also übersteigt, wie bei einer Sonnenfinsternis euer Mond scheinbar die Sonne übersteigt. Beim Mond könnt ihr ganz genau merken, inwieweit dessen scheinbare Scheibe über die scheinbare Scheibe der Sonne gezogen ist. Würdet ihr wohl auf eine gleiche Art zwei übereinander gezogene Sonnenscheiben ebenso gut unterscheiden können? Ihr würdet da nichts als eine Zusammenschmelzung der zwei Sonnen in vollkommen eine ausnehmen; aber die Abmarkung der einen Glanzscheibe gegen die andere wird euren Augen völlig entgehen ob des gleichen Lichtes.
GS|2|47|18|0|Ich meine, wir werden der Beispiele genug haben, aus denen ihr die Nichtsichtbarkeit der Gegenstände dieser Galerie gar leicht erklärlich finden werdet. Der Grund liegt nämlich darin, weil die Gegenstände in gleicher Farbe und gleicher Durchsichtigkeit mit dem sie allenthalben umgebenden ätherischen Lichtstoff sind.
GS|2|47|19|0|Dieses ist aber nicht nur materiell richtig, sondern auch geistig. Denkt euch eine Gesellschaft von vollkommen gleich weisen Menschen; wie werden sich die untereinander verhalten? Ich sage euch: Nicht anders wie Blinde, Taube und Stumme, denn keiner wird dem anderen etwas zu sagen haben, weil er schon vorausweiß, dass sein Nachbar ganz bestimmt das weiß, was er ihm sagen möchte. Ein gleicher Fall ist ja schon in eurem gewöhnlichen Leben ersichtlich vorhanden.
GS|2|47|20|0|Was tun zwei Bekannte, so sie dann und wann zusammenkommen? Seht, sobald fragt einer den anderen: Nun, was gibt es denn Neues? – Weiß einer dem anderen etwas Neues zu erzählen, so wird ihn der andere mit großer Aufmerksamkeit anhören; wissen aber beide miteinander nichts, so wird der Diskurs von sehr kurzer Dauer sein. Warum denn? Weil in diesem Falle die beiderseitigen Wissenschaftslichtfarben ganz homogen sind. Derselbe Fall wird es auch sein, wenn beide eine und dieselbe Neuigkeit schon geraume Zeit wissen. Wie der eine dieselbe zu erzählen anfangen wird, so wird ihm der andere sogleich sagen: O das ist ja schon etwas Altes; wenn du nichts Besseres weißt, so haben wir schon ausgeredet.
GS|2|47|21|0|Desgleichen ist es auch der Fall, wenn ein Blinder den anderen führen soll, oder ein Dummer den anderen unterrichten. Wie weit dergleichen Menschen kommen werden, ist bekannt und braucht nicht näher erörtert zu werden.
GS|2|47|22|0|Aber aus eben dem Grunde können auch die Menschen auf dem Erdkörper die sie umgebenden Geister nicht sehen, weil sie selbe sehen möchten mit ihren Augen, die da homogen sind mit ihrem Verstand, und dieser homogen mit der formellen Substanz der Geister.
GS|2|47|23|0|Wenn aber jemand geht in seine Liebe, welche ein anderes Licht ist als das Licht der puren Weisheit, so wird er auch sobald die geistigen Formen um sich zu schauen anfangen, und diese werden sobald verschwinden, wie er sie in sein Denken aufnehmen wird. Seht, das ist so ein kleiner Anfang von dem, was wir hier werden kennenlernen; fangt daher nur recht tüchtig an, um euch umherzugreifen, und wir werden fürs nächste Mal hinreichend zur belehrenden Erörterung bekommen.
GS|2|48|1|1|Die zwölf Träger des Lebens
GS|2|48|1|1|(Am 22. Juli 1843 von 5 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|48|1|0|Ihr habt schon mehrere Säulen begriffen; nun verfügt euch denn auch in die Mitte auf diese Stelle hierher, da ich mich befinde, und greift da auch ein wenig nach aufwärts und sagt mir, was ihr da begriffen habt.
GS|2|48|2|0|Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder, wenn uns das Gefühl nicht täuscht, so begreifen wir Kugeln etwa von der Größe eines Menschenkopfes. Und diese sind wie an zwei Querstäbe gesteckt und bilden sonach ein gleicharmiges horizontal hängendes Kreuz vom Boden gerade so weit entfernt, dass wir es mit unseren Händen noch so ziemlich leicht erreichen können. Das ist aber auch schon alles, was wir hier zu entdecken vermögen.
GS|2|48|3|0|Bei der Umfassung der Säulen haben wir auch noch eine höher hinaufführende Treppe entdeckt, welche mit einem flachen Geländer umfasst ist. Wie sich’s aber über solch eine nicht sichtbare Treppe wird höher wandeln lassen, das mag wohl auf jeden Fall der nachfolgenden Erfahrung vorbehalten sein. In dem liegt nun gar alles, was wir entdeckt haben, und du, lieber Freund und Bruder, magst uns darüber eine Erklärung geben, wenn darüber überhaupt eine Erklärung möglich ist.
GS|2|48|4|0|Wenn es eigentlich auf uns ankäme, so wären wir bei weitem eher geneigt, uns von dieser zu durchsichtigen Galerie eher wieder um einige Stocke abwärts zu begeben als nur einige Staffeln in eine wahrscheinlich durchsichtigere Galerie noch höher zu gehen; aber, wie gesagt, es kommt hier allein auf dich an. Wir sind mit der Darstellung dieser höchst unsichtbaren Denkwürdigkeiten zu Ende, mache du nun daraus, was dir gut dünkt. Dass wir dir ein geneigtes Ohr leihen werden, dessen brauchen wir dich gar nicht im Voraus zu versichern.
GS|2|48|5|0|Gut, meine lieben Freunde und Brüder; ihr habt die auf dieser zehnten Galerie merkwürdigen Gegenstände richtig beschrieben, abgerechnet einige schwache Witzfloskeln, die freilich wohl nicht so ganz hierher taugen. Es ist zwar wohl der Witz auch ein Produkt der Weisheit; aber er steht als solches auf der alleruntersten Stufe derselben. Alle sogenannte Satire ist fortwährend auf gewisse menschliche Schwachheiten berechnet und ist daher ein schlechter Fechtmeister; denn ein Held, welcher nur gegen Kinder zu Felde zieht und will vor diesen Schwächlingen seine Stärke zeigen, beim Anblick eines wirklichen Helden aber Berge über sich ruft, verdient wahrlich diesen Namen nicht.
GS|2|48|6|0|Der Löwe ist kein Mückenfänger; der aber da Mücken fängt und sich mit dem Abwägen einer Schafwolllocke abgibt, der hat sicher die Natur des Löwen nicht. Also ist auch die Satire und andere ihr entstammende Witzeleien mit der eigentlichen Tiefsinnigkeit der Weisheit des Geistes spottwenig verwandt; man könnte sie sehr gut und am allerbezeichnendsten eine allerbarste Schmarotzerpflanze am Baum der tiefen inneren Erkenntnis des Lebens nennen.
GS|2|48|7|0|Also, solches ist auch gut, dass ihr euch es merkt; denn die Dinge, die wir vor uns haben, sind von zu ernst großartig erhabenster Art, als dass wir sie gewisserart mit einem eitlen Laubwerk von den Schmarotzerpflanzen verzieren sollten. Wie groß und vielbedeutend aber diese Gegenstände sind, werdet ihr sogleich aus meiner folgenden Erörterung entnehmen; und so hört denn!
GS|2|48|8|0|Die Säulen dieses Rondeaus stellen die Lebenskräfte des Menschen dar. Zwölf Säulen habt ihr entdeckt. Wenn ihr das Gebiet der Leben äußernden Kräfte durchgeht, so werdet ihr mit leichter Mühe finden, dass dasselbe auch auf zwölf ähnlichen Trägern ruht.
GS|2|48|9|0|Wie lauten aber diese Träger, welche Namen haben sie? Wir wollen sie ganz kurz durchgehen; der erste Träger heißt: Du sollst allein an einen Gott glauben.
GS|2|48|10|0|Der zweite Träger: Den Namen Gottes, der da heilig ist, überheilig, sollst du nimmer, weder durch Worte noch Gedanken, Begierden und Taten entheiligen.
GS|2|48|11|0|Der dritte Träger heißt: Unterlass nie, die Ruhe des Herrn zu feiern, sondern gedenke in dieser in deinem Herzen Gottes, deines Herrn und Schöpfers! Denn in dieser Ruhe nur wird dich der Herr, dein Gott, ansehen und segnen dein Leben.
GS|2|48|12|0|Der vierte Träger heißt: Zolle allzeit Gehorsam, Liebe und Achtung denen, die dich durch die Kraft Gottes in ihnen gezeugt haben, so wirst du dadurch dir das Wohlgefallen Gottes erringen; und dieses wird sein ein mächtiger Grund aller Wohlfahrt deines Lebens!
GS|2|48|13|0|Der fünfte Träger heißt: Achte das Leben in allen deinen Brüdern, so wirst du den Wert des eigenen Lebens erkennen; tötest du aber einen aus deinen Brüdern, so hast du dadurch deinem eigenen Leben eine tödliche Wunde versetzt.
GS|2|48|14|0|Der sechste Träger lautet und heißt: Achte die zeugende Kraft in dir wie die aufnehmende im Weib; denn siehe, Gott, dein Herr, hat dieses allmächtige Fünklein aus Seiner höchsten und tiefsten Liebe in dich gelegt. Missbrauche daher nie diese heilige Kraft Gottes in dir und zerstreue sie nicht vergeblich; so wirst du ein allzeitiger Mehrer deines eigenen Lebens und des Lebens deiner gezeugten Kinder sein.
GS|2|48|15|0|Der siebte Träger lautet: Siehe, alles, was da ist, ist ein Eigentum des Herrn, deines Gottes und Schöpfers; was Er gemacht hat, hat Er für alle gemacht. So dein Bruder aber eine Frucht vom Baum genommen hat, so hat er sie aus der Hand Gottes genommen; und du sollst dir dann kein eigenmächtig Recht einräumen, ihm, dem Bruder nämlich, die einmal genommene Frucht auf was immer für eine Art wegzunehmen. Es ist besser, nichts zu nehmen und nichts zu haben, als etwas zu nehmen und zu haben, das zuvor schon ein anderer Bruder aus der Hand des Herrn zu eigen empfing; denn der Herr allein ist ein allein rechtmäßiger Ausspender Seiner Dinge. Wer daher sich die Rechte Gottes anmaßt, der ist ein Frevler in der göttlichen Erbarmung und versteinert sein Herz, auf dass es ja nicht mehr fähig werde zur Aufnahme des Lebens.
GS|2|48|16|0|Der achte Träger heißt: Gott ist die ewige Wahrheit. In Seiner Wahrheit sprach Er Sein ewiges Wort aus, und das Wort selbst ist die Wahrheit Gottes. Aus diesem Wort bist du Mensch hervorgegangen; daher sollst du diesem ewig heiligen Ursprung getreu bleiben und selbst alle deine Worte allzeit demjenigen gleich treu und wahr stellen, aus dem du selbst hervorgegangen bist; wo nicht, so tötest du das Urwort in dir und somit dein eigenes Leben.
GS|2|48|17|0|Der neunte Träger lautet: Gott, der Herr, hat dir mannigfache Sinne und Kräfte verliehen. Diese sollst du im Zaum halten wie ein junges Bäumchen im Garten deines Lebens, damit es mächtig heranwachse zur riesigen Kraft und Stärke eines mächtigen Baumes. Wenn du aber solche deine Sinne, Triebe und Begierden nach allen Richtungen herumschießen lässt, so wird dein Lebensbaum nie zur vereinten Kraft erwachen, sondern entweder verdorren oder zu einem nichtigen Gebüsch und Gestrüpp werden, in dem sich wohl allerlei Geschmeiß aufhalten wird, aber die Vögel des Himmels nimmer ihre Wohnung nehmen werden.
GS|2|48|18|0|Der zehnte Träger heißt: Siehe das Weib nicht mit begierlichen Augen an, und das Weib deines Nachbars und deines Bruders betrachte in der Begierde deines Herzens als wäre es nicht da, so wird dadurch deinem Geist ein freies Gedeihen werden. Und wirst du in der Kraft deines Geistes dich befinden, dann wird es dir ein Leichtes sein, die Kraft des Geistes in deinem Weib dir wahrhaftig zu vermählen, welches wird sein eine wahre Ehe vor Gott. Verbindest du dich aber mit deinem Weib nach deiner Begierde, die noch unreif ist, so wirst du durch solchen Verband deinen Geist mit dem Geist deines Weibes nur zusammenknebeln, wodurch dann aus zwei Geistern ein unbehilflicher Sklave wird, und wird da nicht können ein Geist dem anderen die heilige Lebensfreiheit je verschaffen, sondern noch die ursprüngliche in der stets mächtigeren Umstrickung verlieren.
GS|2|48|19|0|Wie heißt denn der elfte Träger? So heißt er: Gott ist in Sich Selbst die ewige und allerreinste Liebe Selbst. Aus dieser unendlichen Liebe bist du Mensch hervorgegangen; also ein Werk der Liebe bist du. Daher sollst du auch Gott, deinen Schöpfer, der dich ganz und gar aus Seiner Liebe gebildet hat, mit aller deiner Liebe ergreifen und Ihn lieben über alles! Tust du solches, so ergreifst du das ewige, unvergängliche Leben und lebst ewig in selbem. Tust du es nicht, da trennst du dich vom Leben, und das Los deiner Trennung ist der ewige Tod!
GS|2|48|20|0|Der zwölfte Träger endlich lautet: Siehe Mensch, wie du, so sind auch alle deine Brüder aus einer und derselben unendlichen Liebe Gottes hervorgegangen. Daher kannst du Gott nicht lieben über alles, wenn du deine Brüder nicht liebst, welche ebenso gut wie du nichts anderes als die allmächtige Liebe des Herrn wesenhaft sind.
GS|2|48|21|0|Meine lieben Brüder und Freunde! Ich meine, unser Säulenrondeau ist dadurch zur Genüge beleuchtet worden. Ein unsichtbares Kreuz hängt in der Mitte desselben und ist aus so viel Kugeln quer zusammengestellt, als wie viel Säulen wir hier gezählt haben; ist aber nur durch das Gefühl, und nicht mit dem Licht der Augen wahrzunehmen.
GS|2|48|22|0|Seht ihr hier das Geheimnis des Glaubens? Nicht schauen könnt ihr, das ihr glaubt, obschon es ewig fest vor euren Augen steht.
GS|2|48|23|0|Befühlt zuvor die inneren Lebensträger in euch und geht dann in euer Inneres, da werdet ihr alle Lebenskräfte vereint in diesem heiligen Zeichen erschauen. Eine jede Lebenskraft ist eine Säule und eine Kugel am Zeichen, die Säule darstellend die Kraft, die Kugel die Vollendung des Lebens in jedem Zweig desselben.
GS|2|48|24|0|Das Kreuz, auf eurer Erde aufgestellt, ist in seiner Zusammenfassung ein Bild des Glaubens. In seinen Einzelheiten stellt es mit dem aufrechtstehenden Balken, der größer und länger ist denn der Querbalken, die Liebe zu Gott, und mit dem Querbalken die Liebe des Nächsten dar. Dieses horizontal hängende Kreuz aber hier bezeichnet die Weisheit, das Licht des Geistes in seiner Vollendung, und dessen Einzelteile die reine himmlische Liebe, welche gleich ist in Gott zu Gott wie zu dem Nächsten. Seht das ist schon tiefe Weisheit und liegt im großen Geheimnis des Kreuzes wie in den Zwölfen, die der Herr erwählt hatte. Ihr könnt dieses alles nun begreifen; wie aber? Mit der Liebe!
GS|2|49|1|1|In der Liebe zum Herrn ist alles zu begreifen
GS|2|49|1|1|(Am 26. Juli 1843 von 5 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|49|1|0|Wollt ihr tiefer nachdenken? Wollt ihr mit dem Verstandeslicht dieses Geheimnis näher beleuchten? Wollt ihr es mit euren Händen greifen? Ich sage euch: Dies alles ist fruchtlos. So wenig ihr die Umrisse eines weißen Gemäldes auf einer weißen Wand mit den Augen eures Fleisches werdet unterscheiden und ausnehmen können, möchtet ihr Jahre und Jahre lang dahin starren, ebenso wenig werdet ihr in solche Geheimnisse mit den gewöhnlichen Schau- und Urteilsmitteln näher enthüllend zu dringen imstande sein; denn es geht hier alles gleichen Schrittes.
GS|2|49|2|0|Die Anschauung der Gegenstände dieser Galerie, da ihr nichts erschauen mögt, und das Erfassen innerer, tiefster Weisheit, das geht, wie gesagt, alles gleichen Schrittes. Ich aber sagte: Mit Liebe erfasst ihr alles, in der Liebe zum Herrn könnt ihr alles begreifen. Die Liebe gibt neue Form und Färbung den Dingen aus der Weisheit, und das in dem Licht der Weisheit endlos fern liegt, das zieht die Liebe in einen engen Kreis zur Beschauung zusammen. Aber es muss wahre, vollkommene Liebe sein; denn mit der Halb- oder Viertelliebe wird da wenig gedient sein. Solches ist auch natürlich begreiflich; ja es könnte im Grunde nichts natürlich begreiflicher sein als das. Wir haben eine Menge Beispiele, und viele sind vor euren Augen, von denen allen ihr dasselbe erlernen mögt.
GS|2|49|3|0|Nehmen wir an, jemand hätte Lust, bei einigem Vermögenszustand sich ein Haus zu erbauen; aber zum Aufbau des Hauses gehört ein viel- und mannigfaches Material. Es braucht viel Mühe und Arbeit, um das Material zusammenzubringen; es braucht viel Geduld, so manche Aufopferung, viel Aufmerksamkeit und so noch so manches, bis das Haus fertig wird.
GS|2|49|4|0|Mit der bloßen Lust und mit dem freudigen Gedanken wird das Haus schwerlich je zu stehen kommen. Wenn aber im Gemüt desjenigen, der ein Haus bauen möchte lassen, eine mächtige Liebe zum Haus erweckt ist, so werden alle Bedingungen mit einem großen Eifer ergriffen. Und werden diese Bedingungen näher und näher dem Bauplatz gebracht, da wird die Liebe auch stets heftiger und zieht am Ende alles auf einen Platz zusammen, setzt vieler Menschen Hände in tätige Bewegung durch ihr eigenes Leben. Und das Haus als ein Werk der Liebe wird bald in seiner Vollendung dastehen, und ihr werdet dann sagen, wenn ihr das schmucke Haus anseht: Wer hätte sich das vor einem halben Jahr gedacht, wo das Material noch weit zerstreut herumlag, dass es sobald zu einem schmucken Haus sollte herangebildet werden?! Nun aber hat es der menschliche Geist geordnet, und das Haus steht da, ein Inbegriff von den verschiedenartigsten Materialien, die alle zu einem Zweck wohl verbunden und vereinbart sind.
GS|2|49|5|0|Jetzt fragt euch aber selbst: Wer war denn hier so ganz eigentlich der Baumeister? Wer zog die Materialen und die Bauleute zusammen? Etwa das Geld des Bauherrn oder sein fester Wille oder seine Einsicht? Ich sage euch: Weder das eine oder das andere, sondern die Liebe allein ist der mächtige Grundstein zum Bau dieses Hauses. Die Liebe des Bauherrn hat das Material zusammengezogen und rief die Bauleute herbei; ohne diese hätte der Bauherr weder ein Geld zum Bau hergegeben, noch hätte er das Material und die Bauleute zusammengebracht.
GS|2|49|6|0|Und da das Haus auf diese Weise fertig ist, so kann nun jedermann die zweckdienliche Form desselben anschauen, während ohne die feste Liebe des Bauherrn das gesamte Material wie in einem formlosen Chaos weit und breit in seinem Ursein zerstreut wäre liegengeblieben. Ich meine, dieses Beispiel ist so recht tüchtig handgreiflich und bedarf doch sicher keiner näheren Erörterung. Gehen wir auf ein anderes Beispiel über. Denkt euch einen Menschen, der zufolge seiner formellen Phantasie eine große Anlage zu einem bildenden Künstler hat. Dieser Mensch hat eine recht bedeutende Lust beim Anblick schon fertiger Kunstwerke, wie beim Anblick der erhabenen Natur, selbst ein solcher Künstler zu werden; aber es fehlt ihm noch an dem eigentlichen Ernst, sich dazu zu setzen und diese Kunst praktisch zu studieren anzufangen.
GS|2|49|7|0|Was ist wohl da die Ursache, dass dieser Mensch bei so glänzenden Anlagen noch nicht den Griffel und den Pinsel ergriffen hat, um eifrigst zu studieren die Grundrisse und Hauptelemente zu solcher Kunst?
GS|2|49|8|0|Ich sage euch: Diesem Menschen fehlt sonst gar nichts als die wahre Liebe zu dieser Kunst. Wenn er von der Liebe durchdrungen wird, dann werden wir bald herrlich entworfene Formen von unserem angehenden Bildner auf den für diese Kunst bestimmten Flächen zu erschauen anfangen und bald gar herrliche Meisterstücke.
GS|2|49|9|0|Wer ist da wohl der eigentliche Informator? Wer verbindet die innere Phantasie mit den äußeren Formen? Wer die so entwickelten Formen mit den Farben durch den Pinsel auf der weißlackierten Leinwand? Meint ihr, das hänge von den guten Instruktoren oder von den Vorzeichnern ab?
GS|2|49|10|0|O ich sage euch: Alles dieses ist null und nichtig, sondern allein die eigene große Liebe zu dieser Kunst hat einen neuen großen Meister gebildet, der das Formlose aus der endlos weit zerstreuten Weisheitslichtsphäre zusammenzieht und es darstellt in neuen herrlichen Formen, die von jedermanns Augen nun gar wohl betrachtet werden können.
GS|2|49|11|0|Seht, das ist schon wieder ein so klares Beispiel für unsere Sache, dass es keiner weiteren Erörterung bedarf. Wir wollen aber noch ein Beispiel hierhersetzen, und zwar eines, das euch so recht handgreiflich auf der eigenen Nase sitzt.
GS|2|49|12|0|Gehen wir auf die sehr vielsagende Tonkunst über. Ihr werdet unter vielen Menschen sicher recht viele Freunde dieser Kunst finden, die sich alle überaus ergötzt fühlen werden, wenn sie eine herrliche Produktion von einem wahrhaftigen Künstler zu hören bekommen. Sind sie aber darum selbst Künstler? Ich meine, das werdet ihr auch selbst recht gut zu beurteilen imstande sein, dass da unter den sich ergötzenden Zuhörern sicher nur äußerst wenige sich vorfinden werden, die dieses Namens einigermaßen würdig sind.
GS|2|49|13|0|Ja, aber warum sind denn alle diese entzückten Zuhörer nicht auch selbst Künstler, sondern bloß nur Liebhaber der Kunst? Warum ist nur ein so Vorzüglicher auf einer Tribüne vor ihnen, der mit seinen aus den Himmeln entlehnten Tönen die Gemüter der Zuhörer so überaus fröhlich stimmt und ihren Seelen ein anderes, höheres, vollkommeneres Leben verkündet?
GS|2|49|14|0|Könnte da man nicht sagen: Was da einem Menschen möglich ist, das sollte ja auch den anderen Menschen ebenfalls geradewegs nicht unmöglich sein; ein jeder nach seiner Art und nach seinen Talenten könnte bei der völligen Gewecktheit seines Geistes, der da ein Abkömmling göttlicher Vollkommenheiten ist, doch sicher auch etwas Tüchtiges leisten. Wird es wohl anzunehmen sein, so man dagegen bemerken würde und sagen: Ja, das hängt von den Meistern ab; hätten dieser und jener gediegene Meister gehabt, so wären sie auch selbst gediegene Meister geworden; aber „ex trunco non fit Mercurius“ [aus einem Klotz wird kein Gott], wie ihr zu sagen pflegt, also kann auch ein ungeschickter Meister schwerlich je einen Meister seiner Kunst bilden? – Es ist wahr, wer selbst nichts kann, der wird einen anderen auch nicht gar zu viel zu lehren imstande sein.
GS|2|49|15|0|Aber nehmen wir dagegen an, wie viele Schüler so mancher wahrhaftige Künstlermeister nicht selten unter seiner instruktiven Leitung hat, und betrachten dagegen, wie spott- und blutwenig nur einigermaßen zu beachtende Künstler aus der Schule eines solchen Meisterkünstlers hervorgehen, und wir werden bei dieser Betrachtung auf einen Schluss kommen müssen, der uns sagen wird:
GS|2|49|16|0|Weil denn aus der bestmöglichsten Künstlerschule so wenig Künstler hervorgehen, so muss eigentlich der wahre Grund doch in etwas ganz anderem stecken, durch den der Schüler ein wahrer Künstler wird, als in dem Meister, der für sich, allen Anforderungen genügend, wohl ein vollendeter Künstler ist. Haben die Schüler etwa zu wenig Talent, zu wenig Fleiß, oder werden sie durch manche andere Umstände verhindert, der Kunst so recht obzuliegen?
GS|2|49|17|0|Aha, ich sehe schon, was da jemand sagen will. Dieser Meister hat nur das Unglück, unter vielen seiner Schüler kein Genie zu besitzen. Und ich sage darauf ganz unverhohlen: Dieser Meister hat mit weniger Ausnahme fast lauter Genies unter seinen Schülern gehabt, und doch ist aus keinem Genie etwas geworden. Aber er hatte keinen unter seinen Schülern, der mit der innersten, mächtigsten Liebe zur Kunst wäre erfüllt gewesen. Daher wird auch nur derjenige ein wahrer Künstler, dessen Herz fortwährend lichterloh auflodert von mächtiger Liebe zur Kunst.
GS|2|49|18|0|Hauche Liebe, d. h. wahre lebendige Liebe in das Herz deines Schülers, und du kannst versichert sein, dass durch dieses Feuer alle für diese Kunst erforderlichen Organe in kürzester Zeit so wunderbar ausgebildet werden, dass sich darob ein jeder Zuhörer allerhöchlichst verwundern und sagen müssen wird: Ja, da sieht wohl ein wahrhaftiger großer Künstler schon in seiner Vollendung heraus!
GS|2|49|19|0|Seht, also ist auch hier die Liebe der eigentliche wahrhaftige Meister, bildet den Tonkünstler zu einer Gefühlsgröße heran, von welcher sich ein anderer Mensch gar keinen Begriff machen kann, und macht dieser Gefühlsgröße auch den ganzen anderen Organismus in kurzer Zeit so sehr untertänig, dass durch denselben auch alle sogenannten technischen Schwierigkeiten mit einer wunderbaren Sicherheit können besiegt werden.
GS|2|49|20|0|Wie aber die Liebe hier ist rein alles in allem, so ist sie auch dann erst vorzugsweise alles über alles in der großen Kunst des Lebens! Mit der Liebe könnt ihr in Tiefen dringen, vor denen es selbst so manchen Geistern schaudert; aber ohne die Liebe oder mit etwas zu wenig Liebe wird nie ein vollkommener Künstler an das Tageslicht des Geistes treten. Darum sagte ich auch gleich anfangs: Wollt ihr tiefer in diese Dinge hoher Weisheit schauen, da müsst ihr die Liebe vollernstlich zur Hand nehmen, und muss nicht sein eine halbe oder eine Viertelliebe, sondern eine Liebe im Vollmaß.
GS|2|49|21|0|Ergreift daher unseren allerliebevollsten Herrn und Vater in Jesu Christo so recht kernfest in eurem Herzen, und ihr werdet euch sodann bald überzeugen, was alles die Liebe zu Gott vermag.
GS|2|49|22|0|Fürwahr, ich sage nicht zu viel: Wenn ihr Liebe hättet im Vollmaß, so hättet ihr auch den mächtigen, lebendigen Glauben; und mit solcher Liebe und solchem Glaubenslicht aus ihr könntet ihr Sterne vom Firmament herabreißen! – Erweckt euch daher, und wir werden noch auf dieser zehnten Galerie Wunderdinge erschauen!
GS|2|50|1|1|Die Erweckung der Liebe zum Herrn
GS|2|50|1|1|(Am 27. Juli 1843 4 1/2 – 5 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|50|1|0|Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder, du magst wohl allerdings recht haben, und es ist also, wie du gesagt hast. Aber siehe, es ist mit der plötzlichen Erweckung der Liebe eine schwere Sache, was wir hier und da schon aus der Erfahrung wissen. Es hat sogar in dieser Hinsicht mit dem sogenannten Verliebtwerden einen Haken. Wenn man der Sache so recht nachspürt, so bringt man gar bald in die Erfahrung, dass man überhaupt die Liebe nicht in seiner Gewalt hat, und man kann nicht sagen, dass man in ein Wesen, wann man nur immer will, mag verliebt werden, sondern es fügt sich solches nach den Umständen und nach den Bedingungen, und man ist als Liebender durchgehends kein aktives, sondern ein rein passives Wesen und muss im buchstäblichen Sinne genommen die Liebe nicht selten als eine Zentnerlast herumschleppen; und es gibt dann und wann durchaus kein Mittel, sich derselben ledig zu machen wie einer anderen Last.
GS|2|50|2|0|Und so meinen wir denn auch hier, wären wir wirkliche Meister der Liebe, so würde es sicher durchaus nicht fehlen, dass wir den Herrn ergriffen mit der flammendsten Heftigkeit unserer Herzen. Aber wir können tun, was wir wollen, können drücken unser Herz und unser Gefühl pressen, wie die Trauben auf einer Kelter gepresst werden, und es kommt alles eher heraus als eine von dir beschriebene flammende Liebe.
GS|2|50|3|0|Daher sind wir der Meinung, dass entweder die Liebe zum Herrn von einer ganz anderen Beschaffenheit sein muss als etwa diejenige, die ein Mensch in der Blüte seines Lebens nicht selten zu einer schönen Jungfrau empfindet, oder die Liebe zum Herrn, wenn sie der Liebe zu einer Jungfrau ähnlich sein soll, muss unmittelbar vom Herrn Selbst nach Seiner großen Erbarmung in das Herz eingegossen werden; sonst ist es beinahe unmöglich, dass der Mensch aus seiner eigenen Kraft den Herrn allzeit mit der heftigsten Liebe erfassen könnte, wann er nur immer wollte.
GS|2|50|4|0|Und wenn es hier demnach auf uns ankommt, allhier plötzlich die größte Liebe zum Herrn zu erwecken, so wird es mit der Anschauung der Wunderdinge auf dieser Galerie sicher ebenfalls einen starken Haken haben. Denn wir können wollen, wie nur immer möglich, und dennoch können wir trotz alles intimsten Wollens unser Herz nicht also entflammen im Moment des Wollens, als wie leicht wir in der Nacht eine Kerze anzünden. Hier also, lieber Freund und Bruder, wird es eines guten Rates gar sehr vonnöten haben.
GS|2|50|5|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, ihr habt einerseits wohl recht, und die Liebe ist stets des Menschen Meister, wie wir schon gestern in den Beispielen gesehen haben, weil sie so ganz eigentlich sein Leben selbst ist. Das Leben aber kann nicht beherrscht werden von dem, was nicht Leben ist; daher muss es schon ein anderes Mittel geben, dem die Liebe gehorcht und willig folgt dem höheren Rat dessen, dem sie gehorcht.
GS|2|50|6|0|Worin besteht aber dieses Mittel? Dieses Mittel besteht in der klaren Vorstellung dessen, was man so ganz eigentlich mit der Fülle der Liebe erfassen will.
GS|2|50|7|0|Versucht einmal, ob ihr bloß dem Namen nach, und möge er noch so majestätisch klingen, euch in irgendeine Jungfrau verlieben mögt! Ja, ihr werdet es bei solcher Bekanntschaft mit der Liebe eben nicht gar zu weit bringen; denn was man entweder gar nicht oder viel zu wenig kennt, das kann man ebenso wenig mit der Liebe erfassen, als wie wenig man etwas, das gar nicht da ist oder subtil da ist, mit den Händen ergreifen kann.
GS|2|50|8|0|Wenn ihr aber von der vorbesagten Jungfrau eine vollkommene Beschreibung überkommen werdet, wie sie aussieht und wie sie beschaffen ist, und wenn ihr von dieser Jungfrau selbst noch obendrauf ein Handbilletchen gewissermaßen unbekannterweise überkommt, in welchem sie einen oder den anderen aus euch vollkommen ihrer Liebe versichert, aus dem angegebenen Grunde, weil sie euch aus den Beschreibungen ebenfalls auf das Vorteilhafteste hat kennen gelernt, so wird eure Liebe zu dieser Jungfrau sobald erwachen, und ihr werdet den allersehnlichsten Drang in euch zu verspüren anfangen, so bald als nur immer möglich sich dahin zu begeben, allda die Jungfrau eurer in aller Liebe harrt. Und eure Liebe wird heftiger und heftiger werden, je mehr Vorteilhaftes ihr von der Jungfrau unterwegs oder im Verlaufe der Zeit vernehmen werdet.
GS|2|50|9|0|Seht, das ist sicher aus der Erfahrung richtig. Ich aber frage euch nun: Wie könnt ihr diese Jungfrau denn so mächtig in eurem Herzen ergreifen, da ihr sie ja doch nie gesehen habt und sie euch auch geflissentlich kein Porträt zukommen lässt, um euch gewisserart keine Vorsättigung, welche die eigentliche Liebe schwächen dürfte, zu gewähren? Die Antwort ist leicht und liegt ebenfalls in der Erfahrung: Weil ihr zu einer tüchtigen und wohlgegründeten Vorstellung gelangt seid, durch welche euch die besagte Jungfrau stets mehr und mehr vielseitig auf das Vorteilhafteste dargestellt wurde.
GS|2|50|10|0|Ihre Eigenschaften, ihre Schönheit haben euch gefangen genommen, und ihr könnt nicht umhin, sie bei solchen Vorteilen, die sie euch bietet, zu achten und zu lieben.
GS|2|50|11|0|Seht, in dem ganz natürlichen Beispiel liegt es aber ja auch ganz offenkundig, auf welche Weise man sich der Liebe des Herrn bemächtigen kann.
GS|2|50|12|0|Die Erkenntnis des Herrn ist die mächtige Triebfeder, welche die Funken im Herzen zusammenzieht, und dann durch dieselben das ganze Herz in eine helle Flamme versetzt.
GS|2|50|13|0|Wer möchte wohl Gott lieben können, so er Ihn nicht kennte? Wer Ihn aber stets mehr und mehr [erkennt, wer könnte Ihn nicht stets mehr und mehr] lieben?
GS|2|50|14|0|Doch aber müsst ihr die Liebe zum Herrn nicht platterdings mit der Liebe zu einer vorbeschriebenen Jungfrau völlig vergleichen wollen, sondern ihr müsst sie mehr gleich stellen der reineren Liebe zwischen Kindern und Eltern.
GS|2|50|15|0|Diese Liebe aber ist nicht ein gewisser leidenschaftlicher Brand, sondern sie ist ein sanftes Wehen, welches den Menschen in seiner Freiheitssphäre ebenso wenig beirrt, als wie wenig die Kinderliebe die Kinder in ihrer Tätigkeit nur im Geringsten beirrt. Sie lieben ihre Eltern sicher außerordentlich stark; natürlich sind hier die guten Kinder zu verstehen. Ja sie wissen oft gar nicht, wie stark sie ihre Eltern lieben.
GS|2|50|16|0|Um das Maß solcher Liebe zu erschauen, dürft ihr nur bei einem leidigen Todesfall entweder des Vaters oder der Mutter solcher Kinder zugegen sein, so werden euch ihre Tränen und das Ringen ihrer Hände sobald das sehr gewichtige Maß der Liebe der Kinder zu ihren Eltern kundgeben. Und dennoch hättet ihr bei Lebzeiten der Eltern bei aller sorgsamen Betrachtung solche Intensität der Liebe nicht herausgefunden. Seht, also verhält es sich auch mit der Liebe zum Herrn. Sie ist, wie gesagt, ein sanftes Wehen, ein hochachtendes Gefühl, voll erhaben zarten Nachklanges, und beirrt niemanden in seiner Freiheitssphäre.
GS|2|50|17|0|Nicht mit Leidenschaft drückt sie das Herz des Gottliebenden, sondern mit großer Freudigkeit und genügender lebendiger Speise erfüllt und sättigt sie fortwährend Geist, Herz und Leib des Menschen. Daher braucht ihr nur in eurem Herzen „Vater“ zu rufen, und ihr habt genug getan! Und der Vater wird euer Herz allzeit, insoweit es nottut, sättigen und kräftigen mit Seiner Liebe.
GS|2|50|18|0|Ihr braucht nicht einmal ein Bild, sondern nur die Erkenntnis in eurem Herzen von Gott, und ihr habt genug der Liebe, insoweit sie hier nottut, zu erhellen die Wunder, die da sind vor unseren Augen. Tut also solches, und schaut dann!
GS|2|51|1|1|Das Licht der Liebe und das Licht der Weisheit. Über Philosophen
GS|2|51|1|1|(Am 28. Juli 1843 von 4 3/4 – 7 1/2 nachmittags.)
GS|2|51|1|0|Ihr habt so viel als möglich meinem Rat Folge geleistet und staunt nun schon, soviel ich merke, über die Maßen ob des Anblicks der Wunderdinge, die sich nun hier in einem ganz anderen Licht klar beschaulich darstellen.
GS|2|51|2|0|Ihr sagt und fragt freilich wohl: Aber lieber Freund und Bruder, wie ist solches um des Herrn willen wohl möglich?! Siehe, als wir so in unserem Gemüt des Herrn gedachten, da umwandelte sich allmählich das weiße Licht, von dem alle die Dinge hier umflossen waren, in ein rötliches, und dieses rötliche Licht lässt nun die Gegenstände in ihm ganz klar erschauen.
GS|2|51|3|0|Wir sehen nun die Säulenrondeaus, die Galerie, die Türen in das innere Gebäude, das herabhängende gleicharmige, aus Kugeln zusammengesetzte Kreuz. Der Kugeln zählen wir nun sichtbarlich genau also zwölf, wie wir sie früher nur tastbar gezählt haben.
GS|2|51|4|0|Und da siehe, welch eine Pracht in diesen Kugeln! Eine jede scheint eine kleine Welt zu sein, in deren innerem Raum nahe zahllose Wunderdinge wie lebendig zu erschauen sind, und in einer jeden Kugel etwas ganz anderes. Und soviel wir mit unseren Augen merken können, so scheinen diese inneren förmlichen Schöpfungen genau den zwölf Artikeln zu entsprechen, die du, lieber Freund und Bruder, uns in zwölf so herrlichen Abschnitten vorgeführt hast.
GS|2|51|5|0|Ach, welche Herrlichkeit es doch ist, solche Wunderdinge anzusehen! Fürwahr, nimmer satt kann man werden; immer neuen Reiz bekommt dieser Miniaturwelten-Anblick in diesen zwölf Kugeln, aus denen das Kreuz formiert ist.
GS|2|51|6|0|Und da sieh nur einmal die Säulen an. Fürwahr, äußerlich sind sie doch so glatt poliert, dass wir uns die Oberfläche des Äthers nicht glatter denken mögen; aber das Inwendige der Säule ist ja förmlich lebendig und entspricht in gedehnterem und ausführlicherem Maßstab all dem wunderbar Erscheinlichen in den Kugeln. Es ist nun überaus wunderbar anzublicken, wie die Farben der mannigfaltigsten Formen, die sich innerhalb einer solchen Säule bewegen, fortwährend überaus sanft abwechseln.
GS|2|51|7|0|Ein sanftes Schillern reizt das Auge immer von neuem, denn bei der leisesten Wendung treten Farben zum Vorschein, und das Merkwürdigste dabei aber ist, dass dieselben Farben, die da gleich sind denen auf unserer Erde, hier einen ganz anderen Charakter annehmen. Wir haben auch ein Rot, ein Grün, ein Blau, ein Violett, ein Gelb und die verschiedensten Übergänge von diesen Farben; aber fürwahr, wer da nachdenken will und mag, der soll es tun und eine Basis setzen für jede Farbe, und auf dieser Basis den Grund derselben bestimmen. Ja er soll sagen, welches Rot ist das Grundrot, welches Grün das Grundgrün, welches Blau das Grundblau, welches Violett das Grundviolett und welches Gelb das Grundgelb, von dem dann alle anderen Farbnuancen abgeleitet werden.
GS|2|51|8|0|Welches Rot ist denn das so ganz eigentliche Rot? Ist das Blutrot das eigentliche oder das Rosenrot oder das Purpurrot oder das Scharlachrot oder das Karminrot? Alles ist rot, und doch sieht ein Rot dem anderen nicht gleich. Ist das Dunkelrot mehr das Grundrot oder das Lichtrot? Und dergleichen Unterschiede hat jede Farbe; wo wohl ist der Grund einer jeden? Siehe, lieber Freund und Bruder, das mag auf der Erde wohl niemand bestimmen, aber hier erblicken wir im Ernst die Grundfarben, und diese kommen uns vor, als was man von einer reifen Ananas spricht, sie habe jeglichen Geschmack in sich, den man sich einbildet.
GS|2|51|9|0|Und so sehen wir hier auch im Ernst Farben, die nicht selten wie aus dem Hintergrund hervor strahlen, und diese Farben haben ein so sonderbares Schillern, dass man in Rot alle seine Nuancen auf einmal erschaut, und es richtet sich dieses Schillern beinahe nach dem Wunsch des Beschauers; das welche Rot man sich am stärksten vorstellt, dasselbe sticht auch im Augenblick am stärksten hervor, ohne jedoch das eigentliche Grundfarbenwesen des Rot zugrunde zu richten. Ja fürwahr, von ähnlichen Farben lässt sich ein armer Sünder auf der Erde wohl nie etwas träumen.
GS|2|51|10|0|Also haben wir auf der Erde wohl lauter geteilte und gebrochene Farben; aber von einer Grundfarbe, die da alle ihre Nuancen in sich fasste, haben wir durchaus nichts. Es gibt bei uns wohl auch Schillerungen in dem Wesen der Farbe, aber bei diesen Schillerungen kommt bei jeder Wendung eine ganz andere Farbe zum Vorschein. Aber bei diesem Schillern hier schillern in der roten Farbe nur alle Nuancen vom Rot in der grünen alle Nuancen vom Grün, und so weiter durch alle Farbenabstufungen hindurch.
GS|2|51|11|0|Daneben aber entdecken wir wunderbarerweise noch ganz neue fremde Farben, die uns noch auf unserer mageren Erde nie vorgekommen sind. Ja fürwahr, so ist auf der Erde alles nur ein Stückwerk, alles nur ein matter, höchst gebrochener Schimmer von der Herrlichkeit, die wir hier in solcher Grundüberfülle erschauen!
GS|2|51|12|0|O lieber Freund und Bruder! Sage uns doch, wie wir diese Sache nehmen sollen? Warum konnten wir ehedem im weißen Licht nichts, nun in diesem rötlichen aber gar so endlos vieles erschauen?
GS|2|51|13|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder! Seht, das bewirkt alles die Liebe und ihr Licht. Ich habe es euch ja gleich im Anfang gesagt: Im absoluten Licht der Weisheit ist für einen beschränkten Geist nichts oder wenig zu erschauen. Aber im Licht der Liebe wird das Licht der Weisheit in Formen gezwängt und kann aus der einmal gestellten Form nicht wieder entweichen, solange das Licht der Liebe, oder besser, das Feuer der Liebe es wie mit tausend mächtigen Armen gefangen hält. Im absoluten Licht der Weisheit gleicht der Mensch einer vom Weinstock abgetrennten Rebe, welche verdorrt, sich mit der Zeit verflüchtigt und nimmer irgendeine Frucht bringt. Aber im Licht der Liebe bleibt sie am Weinstock und bringt tausendfältige Frucht. Dass solches durchaus buchstäblich richtig ist, mögt ihr auch schon mit der leichtesten Mühe von der Welt an euren sogenannten kalten Weltweisen in die klarste Erfahrung bringen. Diese Menschen verachten die Liebe, erklären sie sogar für eine Torheit und schwärmen fortwährend in lauter übersinnlichen Kalkulationen herum, bauen Grundsätze über Grundsätze, machen Hypothesen über Hypothesen und verlieren sich aus den Grundsätzen und Hypothesen in zahllose ebenso nichtige Schlüsse, als wie nichtig da sind ihre Grundsätze und Hypothesen selbst. Und wenn ihr sie am Ende aller ihrer Grundsätze, Hypothesen und Schlüsse fragt über eines oder das andere, so werden sie euch überall eine solche Antwort geben, die sie fürs Erste selbst nicht im Geringsten verstehen und ihr sie somit noch weniger verstehen werdet, und der allerweiseste Schluss, den die Allerweisesten am Ende herausbringen, ist der, dass sie als die Allerweisesten nichts wissen, nichts haben, und nichts sind!
GS|2|51|14|0|Um aber dieses noch besser einzusehen, kann ich euch gleichwohl ein paar solcher Weltweisen aus der alten und neuen Zeit anführen. Ihr werdet sicher vom Sokrates, Aristoteles und Plato gehört und gelesen haben. Diese drei Weisen, obschon man sie zu den besseren rechnen könnte, haben mit all ihrer Weisheit bei weitem nicht den millionsten Teil von dem herausgebracht, als was ein ganz einfaches, noch kaum lesen könnendes Kind herausbringt, so es den Herrn zum ersten Mal gläubig den lieben guten Himmelsvater nennt!
GS|2|51|15|0|Sie haschten nach Erscheinungen und Erfahrungen; aber wozu nützten ihnen diese, da sie von keiner den Grund erfassen konnten, welcher da allein in der Liebe zum Herrn liegt?
GS|2|51|16|0|Wer möchte wohl die zahllosen Erscheinungen im Ernst zählen wollen, wer in der Unendlichkeit auf ihren Grund dringen? Denn wo er immer einen zu haben glauben wird, da wird er sich gerade in dem trüglichen Mittelpunkt der Unendlichkeit befinden, von dem aus es natürlichermaßen wieder nach allen Seiten hin unendlich fortgeht.
GS|2|51|17|0|Wer aber die Liebe hat, der hat den Grund aller Dinge und aller Erscheinungen in sich, weil er den Herrn in sich hat, und kann daher auch allenthalben mit der leichtesten Mühe von der Welt auf den Grund kommen; aber der Weisheits- oder Unendlichkeitsjäger, der wird in der Unendlichkeit wohl schwerlich irgendein Ziel finden, dahin er sein flüchtiges und nichtiges Weisheitswurfgeschoß richten möchte.
GS|2|51|18|0|Ich meine, aus diesen wenigen Beispielen dürfte euch die Sache wohl so ziemlich klar sein, besonders wenn ihr dazu noch ein paar Blicke auf die Weltweisen eurer Zeit werft, die da alle ihr Wurfgeschoß auf den Herrn hin richteten, und wollten Ihn fangen und messen mit der Elle und mit der Messrute. Was aber haben sie mit all ihrer Weisheit am Ende errungen? Nichts als den Verlust des Herrn sogar!
GS|2|51|19|0|Den sie suchten im Unendlichen, im Unzugänglichen, den fanden sie nicht und waren am Ende genötigt, aus ihrer eigenen Nichtigkeit einen Gott zu kreieren, der aber freilich dann erst Gott ist, so es ihnen als Obergöttern beliebt, solch einen Begriff in ihre Vorstellung aufzunehmen. Ich meine, um diese allereklatanteste Dummheit auf den ersten Blick einzusehen, bedarf es durchaus nicht mehr als eines höchstens fünf bis sieben Jahre alten Kinderverstandes. Und der einfachste Mensch, dem sogar das Wort „Weltweisheit“ oder „Philosophie“ ebenso fremd wie die beiden Erdpole ist, wird bei einer solchen Gottheits-Pronuntiation [Gottheitsrede] auf den ersten Augenblick die zwar höchst einfache, aber desto treffendere Entgegnung zum Vorschein bringen und sagen:
GS|2|51|20|0|He, Freund, wie kann denn das sein? Wenn Gott erst dann Gott wäre, wenn ihr Ihn denkt, da möchte ich denn doch auch wissen, wer euch erschaffen hat, und hat euch die Fähigkeit gegeben, dass ihr eben einen Gott denken könnt? Denn das, was ihr von Gott aussagt, ist ja noch viel dümmer, als so da jemand ganz ernstlich behaupten möchte, dass ein Haus von sich selbst gebaut wird, ohne Baumeister, und ein Mensch erst dann ein Baumeister wird, wenn ihn allenfalls ein von sich selbst entstandenes Haus dafür annehmen will.
GS|2|51|21|0|Seht, hat der schlichte Mensch in seiner ganz einfachen Pronuntiation [Rede] nicht ums Unbegreifliche weiser gesprochen als das ganze hochweise philosophische Gremium zusammengenommen? Ja, bei dem kann man sagen: Der hat das Zentrum des Nagels getroffen und hat mit einem Schlag eine ganze Butte voll weise glänzender Schmeißfliegen erschlagen, denn eine Schmeißfliege ist doch unstreitig das treffendste Bild und Symbolum für einen absoluten Philosophen; diese glänzt auch, als wäre sie mit lauter Gold umzogen. Wenn man sie im freien Zustand irgend sieht, da sollte man doch glauben, dieses Tier müsse doch die allerköstlichste Lichtäthernahrung in sich aufnehmen, durch welche es zu einer solchen äußeren Glanzpracht gelangt. Aber nur ein Haufen Exkremente, ob menschliche oder andertierische, irgendwohin stellen und man wird sogleich ins Klare kommen, welch Geistes Kind und von welcher Kost genährt dieses Tierchen ist. Findet es einen Schmeißhaufen, da tanzt es so lange herum, bis es allen Succus demselben entwunden hat. In die Überreste legt es dann noch eine Menge Würmer, welche nach kurzer Zeit in dieser eben nicht zu ästhetischen Wohnstätte zu neuen Fliegen derselben Art ausgeboren werden.
GS|2|51|22|0|Tun eure Philosophen nicht auf ein Haar dasselbe? Wenn ihr sie äußerlich betrachtet, da haben sie ein Ansehen, als strotzten sie vom gediegendsten Gold der echten Weisheit, und ihre Beschäftigung nennen sie eine rein geistige. Fragt ihr sie aber im Ernst nach etwas rein Geistigem, so werdet ihr bei diesen Menschen sogleich auf den allergröbsten Materialismus stoßen, demzufolge sie euch sogleich dartun werden, dass ohne Materie durchgehends nichts Geistiges gedacht werden kann, und das Geistige somit erst von der Materie abstrahiert werden muss und nicht und nirgends als absolut bestehen kann, sondern muss zu seiner Äußerung allenthalben einen materiellen Organismus haben; fällt dieser hinweg, so fällt auch alle geistige Wirkung und Äußerung hinweg. Die menschliche Gedankenfähigkeit ist dann nichts anderes als die Wirkung des materiellen Organismus, in dem sich die Kräfte wie in einer chemischen Retorte erst entwickeln müssen, um dann so lange zu wirken, solange die Retorte nicht zerschlagen wird. Ist die Retorte aber durch einen unglücklichen Stoß um ihr Dasein gekommen, dann ist es auch mit den in ihr entwickelten und wirkenden chemischen Kräften zu Ende.
GS|2|51|23|0|Seht, gerade also philosophiert ja unsere Schmeißfliege auch und sagt gewisserart durch ihre Handlung: Ich lebe nur aus dem Unrat und lebe so lange, als ich irgendeinen Unrat finde. Nehmt ihr mir den Unrat weg, so ist mein Leben dahin. Denn meine Lebenskraft sauge ich nur aus dem Unrat und bin daher in allen meinen Teilen nichts als ein glänzender Unrat selbst; nehmt diesen hinweg, und ich glänzende Schmeißfliege habe aufgehört zu sein! Wohl mir, dass ich noch eine Reproduktionskraft besitze; sonst ginge mit der Wegnahme des Unrates nicht nur ich für mich, sondern mit mir mein ganzes Geschlecht auf einen Hieb völlig zugrunde.
GS|2|51|24|0|Also absolute Philosophen kleben sich an die Materie, weil sie in ihr ein Zentrum oder einen eigentlichen Standpunkt gefunden zu haben glauben.
GS|2|51|25|0|Warum aber halten sie sich an die Materie? Weil sie sich gleich einer Schmeißfliege fortwährend im unhaltbaren luftigen alleinigen Weisheitslicht herumbewegen. Weil sie aber da nichts finden, so muss es ihnen ja wohltun, wenn sie auf irgendeinen materiellen Brocken aufsitzen können und da mit ihren wissenschaftlichen Saugrüsseln den geistigen Lebensstoff herauszupumpen versuchen. Wenn aber dieser gar bald ausgepumpt sein wird, da bleibt ihnen am Ende nichts anderes übrig, als sich entweder in ihren Schülern oder wenigstens in ihren hinterlassenen Schriften zu reproduzieren, damit durch dieselben noch die letzten Reste der Exkremente aufgezehrt werden und von ihnen am Ende nichts mehr Gültiges übrigbleibt als ihre Namen und dass sie mit all ihren geistigen Arbeiten durchaus nichts Geistiges gefunden haben.
GS|2|51|26|0|Seht, solches alles lehrt und zeigt uns wesenhaft das rötliche Licht; daher wollen wir in diesem Licht uns auch sogleich in das zehnte Stockwerk oder auf die elfte Galerie begeben. Hier ist die Treppe; also nur mutig darauf losgeschritten!
GS|2|52|1|1|Das zehnte Stockwerk. Über die geistige Art der Konversation
GS|2|52|1|1|(Am 29. Juli 1843 von 5 1/4 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|52|1|0|Wir wären an Ort und Stelle. Seht euch daher nur recht wacker um und gebt mir dann kund, was alles ihr hier seht; aber wohlgemerkt, so ihr die Gegenstände hier sehen wollt, da müsst ihr in dem roten Licht verbleiben. Im weißen Licht würdet ihr da ebenso wenig wie auf der vorhergehenden Galerie ausnehmen.
GS|2|52|2|0|Ich merke zwar eine Frage in euch, die etwas sonderlich klingt. Sie passt freilich nicht so ganz wohlgemessen hierher; aber weil sie schon einmal da ist, so wollen wir auch um eine genügende Antwort besorgt sein. Also aber lautet die Frage, und also fragt ihr in euch und sagt:
GS|2|52|3|0|Lieber Freund und Bruder! Es ist alles erhaben, schön, wahr und gut, was wir hier sehen, und ganz besonders, was wir aus deinem Munde vernehmen. Aber eine Sache ist fortwährend dabei, der wir nicht so ganz eigentlich auf den Grund kommen können, und diese Sache gibt sich soeben durch diese unsere, aber dennoch von dir uns bekanntgegebene Frage kund.
GS|2|52|4|0|Siehe, wir eigentlich fragen und reden und werden ebenfalls als persönlich redend und fragend angeführt; und dennoch reden und fragen wir nicht, sondern du bist allzeit derselbe, der sowohl für sich, aus sich, wie für uns ebenfalls aus sich spricht. So siehst du nicht selten eine Frage in uns, von der wir noch keine Ahnung haben. Ebenso gestaltet gibst du uns unsere eigenen Erörterungen und Urteile kund, von denen uns noch eben gar nicht zu viel geträumt hat. Du fragst uns, und wir antworten dir aus deinem eigenen Munde; denn wenn es im Ernst auf uns zur Beantwortung ankäme, da würde es sehr viel Stummheit absetzen, und wir wüssten auf gar viele deiner Fragen keine Silbe zu antworten.
GS|2|52|5|0|Sage uns daher, lieber Freund und Bruder, wie wir uns solches zusammenreimen sollen! Wie reden wir aus dir, und wie haben wir dir jetzt selbst diese gegenwärtige Frage gestellt, von der wir vor einigen Augenblicken noch nicht eine allerleiseste Regung in uns verspürt hatten?
GS|2|52|6|0|Meine lieben Freunde und Brüder! Da will ich euch bald aus eurem Traum helfen. Wenn ihr einem sehr erfahrenen und geschickten Botaniker die Wurzel einer Pflanze zeigt, so wird er euch sogleich die Gestalt der Pflanze beschreiben oder sie aufzeichnen von Punkt zu Punkt. Und wenn die Pflanze dann vor euren Augen gebildet sein wird, so werdet ihr sie auch alsbald für eine schon gar wohl bekannte erkennen.
GS|2|52|7|0|Wenn ihr irgendein Gerippe, also ein bloßes Knochenskelett einem geschickten Anatomen gebt, so wird er aus der Gestaltung der Knochen euch ganz wohltreffend die Gestalt der einstigen Person anzugeben imstande sein; denn solches erkennt er aus der Lage und aus der Verbindung der Knochen. Wenn er ein geschickter Wachsbildner ist, so wird er die Knochen mit dem Wachs so geschickt zu überziehen imstande sein, dass ihr die völlig lebende Person, die euch bekannt war, wie neu auferstanden vor euch werdet zu erblicken vermeinen.
GS|2|52|8|0|Ein geschickter Chemiker, dem ihr eine zusammengesetzte Flüssigkeit zeigt, da ihr nicht wisst, woraus sie zusammengesetzt ist, wird euch mit der leichtesten Mühe von der Welt die Flüssigkeit in ihre früheren Teile zerlegen, und ihr werdet dann die Teile bald erkennen, wessen Geistes Kinder sie sind, ob Schwefel, ob Kalk u.a.m.
GS|2|52|9|0|Wenn ihr ein Samenkorn irgend findet und wisst nicht, von welcher Pflanze es ist, da mögt ihr zu einem sehr geschickten Gärtner hingehen und ihm zeigen das Samenkorn, und er wird es euch auf den ersten Augenblick zu sagen wissen, von welcher Pflanze es herrühre, und wird euch auch eine allfällig vorrätige ähnliche Pflanze zeigen, welche solchen Samen trägt.
GS|2|52|10|0|Könntet ihr bei all diesem nicht auch fragen und sagen: Ja, wie ist denn das? Wie kann man sich so höchst geringe Merkmale merken und dann aus selben auf das Vorhergehende oder Nachfolgende mit Bestimmtheit schließen?
GS|2|52|11|0|Seht, meine lieben Freunde und Brüder, das geht alles gewisserart von der Wurzel aus. Dass ich eure Fragen weiß und kundgebe wie auch eure Antworten, liegt darin, weil ich als ein purer Geist ein geistiger Botaniker, ein geistiger Anatom, ein geistiger Chemiker und ein geistiger Gärtner bin und erkenne dann aus den euch noch unbekannten Wurzeln in euch, welche Frage mit der Zeit aus denselben zum Vorschein kommen würde. Als Anatom durchschaue ich euer inneres Gebäude und erschaue mit großer Leichtigkeit die Wechselwirkungen eurer Gefühle und die aus ihnen hervorzugehenden Urteile und Schlüsse. Als Chemiker verstehe ich diejenigen Urteile in euch, die noch chaotisch und verworren untereinandergemengt sind, sobald klassisch zu sondern und kann sie euch dann schon in der gerechten Ordnung vorführen. Als Gärtner kenne ich allen Samen in euch, welcher da besteht in den verschiedenartigen Worten und Begriffen. Ihr wisst es noch nicht, was aus ihnen hervorwachsen wird, wenn sie dem inneren lebendigen Boden des Geistes entkeimen werden. Ich aber bin ein Gärtner und kann euch im Voraus alle eure geistigen Pflanzenarten zeigen, welche aus diesem oder jenem Samen hervorgehen müssen, die ihr bei weitem noch nicht erkennt.
GS|2|52|12|0|Daher kann ich wohl für euch fragen und antworten also, wie ihr im Grunde selbst fragen und antworten würdet. Im Grunde tut ihr aber auf der Erde ja beinahe immer dasselbe.
GS|2|52|13|0|Wenn ihr jemanden um etwas fragt, so tut ihr solches darum, weil ihr in euch wohl den Keim, aber nicht die erwachsene Pflanze der Antwort gewahrt; und wenn euch dann der Gefragte eine Antwort gibt, so ist das nicht etwa seine Antwort, sondern eure eigene aus des anderen Munde. Bei dem Gefragten war sie schon ausgewachsen; aber bei euch war sie es noch nicht. Nach der Erteilung der Antwort von Seiten des Gefragten aber habt ihr sie bald verstanden und von ihr das Gefühl überkommen, als wäre sie auf eurem Grund und Boden gewachsen.
GS|2|52|14|0|Desgleichen ist es auch der Fall, so euch jemand um etwas fragt oder euch auch bei gewissen Gelegenheiten eine Frage in den Mund legt, wie ihr zu sagen pflegt. Da werdet ihr auch dann sobald antworten und fragen; aber nicht, als wäre die Antwort euer oder die Frage, sondern sie ist dessen, der sie euch gab. Denn das wird doch etwa sicher sein, dass ihr niemanden um etwas fragen werdet, was ihr ehedem wisst, und werdet auch niemandem eine Antwort geben, der euch um nichts fragt.
GS|2|52|15|0|Die Frage aber ist ein Bedürfnis, welches wie eine Sprosse der Antwort vorangeht. Wenn aber die Frage eine Sprosse ist, wäre es da nicht der größte Unsinn zu behaupten, die der Sprossen folgende Blüte und Frucht, wenn sie durch die von außen einwirkende Wärme entwickelt und gereift wird, gehöre darum einem anderen Baum an als dem nur, auf dem die Sprosse zum Vorschein kam?
GS|2|52|16|0|Ich meine aber, ein jedweder, der da fragt, fragt aus dem Bedürfnis, um eine ihm genügende Antwort zu erhalten. Wenn aber die Antwort für ihn ein Bedürfnis ist, so gehört sie doch sicher in seine Lebenssphäre und nicht in die eines anderen, dem sie kein Bedürfnis mehr sein kann, weil er sie schon hat.
GS|2|52|17|0|Ich meine, aus diesem werdet ihr wohl mit leichter Mühe zu entnehmen imstande sein, wie es zwischen uns geistig zugeht, dass ich für euch frage, als wenn ihr fragen würdet, und also auch für euch antworte, als wenn ihr selbst antworten würdet.
GS|2|52|18|0|Ihr würdet auch selbst so fragen und antworten, wie ich aus euch für euch frage und antworte, so eure Fragen und Antworten schon reif wären. Da sie aber noch nicht reif sind, und wir nicht Zeit haben, auf deren Reife in euch zu warten, so muss ich ja gleichwohl aus euren Wurzeln, aus eurem noch mannigfaltigen Chaos und aus euren Sämereien im Voraus fragen und antworten, gerade also, als tätet ihr solches selbst.
GS|2|52|19|0|Ich meine, dass wir auch mit diesem freilich wohl etwas kitzligen Punkt klärlich zu Ende sein möchten, daher sollt ihr euch ob künftiger ähnlicher Erscheinungen nicht mehr stoßen, sondern ganz wohlgemut drauflos auf alles achtgeben; denn hier bin ich ja, wie schon im Anfang bemerkt, euer Gast, daher mag ich ja wohl von dem eurigen nehmen und es euch vorführen. Klingt euch solches auf eurer Erde noch ein wenig sonderbar, so macht euch im Ernst nichts daraus, denn im Geist ist das die gewöhnliche Art zu konversieren. Da besteht keine Sprache in Fragen und Antworten, sondern im gegenseitigen vollkommenen Erkennen, und so redet da immerwährend einer aus dem anderen, wie auch einer aus allen und alle aus einem. Wenn ich denn auf diese Weise aus euch antworte und frage, so tue ich nichts geistig Ungewöhnliches, oder wie ihr sagt „Unnatürliches.“ Seht euch daher auf dieser elften Galerie oder in diesem zehnten Stockwerk nur recht um, und es wird da schon wieder so manches zu fragen und zu antworten geben.
GS|2|53|1|1|Die Einrichtung des zehnten Stockwerks und deren Entsprechung. Allein durch die Liebe zum Herrn und aus dieser heraus zum Nächsten erlangt der Mensch die Vollkommenheit des Lebens
GS|2|53|1|1|(Am 31. Juli 1843 von 5 – 7 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|53|1|0|Da ihr euch nun so ziemlich umgesehen, so könnt ihr nun auch schon anzugeben anfangen, was alles ihr gesehen habt. Ihr sagt nun: Lieber Freund und Bruder! Wir haben der wunderbarsten Dinge hier eine Menge gesehen; aber wer mag sie mit unserem beschränkten Begriffs- und Wortreichtum so vollkommen schildern, dass jemand daraus klug werden könnte und aus der Schilderung schwerlich [klärlich] entnehmen, was das für Dinge sind?! Daher meinen wir, hier wäre es wohl recht gut, so du gewissermaßen einen Dolmetscher machen möchtest.
GS|2|53|2|0|Ja, meine lieben Freunde und Brüder, eure bedenkliche Aussage von Beschränktheit eures Begriffs- und Wortreichtums ist allerdings wahr, aber dessen ungeachtet sollt ihr von all dem Geschauten dennoch so viel aussagen, als wie viel ihr davon mit euren Begriffen und Worten bezeichnen mögt; denn ihr müsst das hier immer vor Augen haben, dass ihr euch hier so ganz eigentlich auf eurem eigenen Grund und Boden befindet, soll euch meine Erörterung darüber geistlich zunutze kommen. Sage ich es euch ohne irgend eure Vorkundgabe dessen, das ihr geschaut habt, so mache ich euch dadurch eures Grundes ledig, und es besteht dann sogleich und sofort kein Anknüpfungspunkt mehr zwischen meiner an euch gerichteten Erörterung und eurer inneren Aufnahmefähigkeit.
GS|2|53|3|0|Die Sache verhält sich beinahe also, als so sich zwei Freunde durch die Handreichung begrüßen möchten, von denen der eine in seinem Haus den anderen empfängt. In der Regel der Freundschaft muss doch der Hausherr dem ihn besuchenden Freund zuerst die Hand reichen, sodann erst kommt die Reihe an den Besucher.
GS|2|53|4|0|Ihr möchtet hier freilich denken und sagen: Mit dergleichen Regeln nehmen wir es aber nie so genau; daher können sie für uns nicht als ein völlig normaler Beweis angesehen werden, aus dem wir folglichermaßen zuerst eine Vorangabe des hier Geschauten kundtun sollen.
GS|2|53|5|0|Ich aber sage euch, meine lieben Freunde und Brüder, wenn euch dieses freundliche Haus-Beispiel zu wenig triftig zu sein scheint, so kann ich euch schon mit einem haltbareren aufwarten.
GS|2|53|6|0|Seht an das Verhältnis eurer Erde zur Sonne; die Erde ist bei sich selbst doch sicher zu Hause, und die Sonne ist ihr gegenüber nur als ein sie stets besuchender Gastfreund anzusehen. Was muss aber die Erde tun vorerst, wenn sie von der Sonne Strahlen will erleuchtet werden?
GS|2|53|7|0|Ihr sagt: Die Erde muss da eine Fläche um die andere zuerst der Sonne zuwenden, sodann fallen sobald die Strahlen der Sonne auf den zugewandten Teil.
GS|2|53|8|0|Gut, meine lieben Freunde und Brüder; seht die Erde zur Nachtzeit an, ist sie da nicht eben so voll von den mannigfaltigsten Dingen wie am Tag? Aber ihr könnt nur das wenigste davon so recht ausnehmen, was und wie es ist; dass aber etwas da ist, solches ist bestimmt, sicher und wahr. Wenn aber die Erde stehen bliebe und möchte warten, bis die Sonne über ihren unerleuchteten Teil sich erheben wird, fürwahr, da wird sie fürs Erste ganz entsetzlich lange zu warten haben und ihre Dinge werden nie in ihrer Vollzahl und in ihrer formellen Beschaffenheit ersichtlich werden. So aber die Erde fortwährend sich dreht und eine Fläche um die andere unter die Sonne hinschiebt, so werden die Dinge auf derselben sobald in ihrer Vollkommenheit ersichtlich werden, die man zur Nachtzeit nur mit genauer Not wahrgenommen hat.
GS|2|53|9|0|Seht, so müsst auch ihr als Hauseigentümer von euch selbst euch zuerst zu mir herüberwenden, der ich nun völlig im Namen des Herrn bei euch bin; und der Teil, den ihr mir zuwenden werdet, wird dann ebenfalls sogleich beleuchtet werden, dass ihr ihn klarer zu erkennen und richtiger zu bezeichnen vermögen werdet.
GS|2|53|10|0|Und so denn fangt nur an, wenigstens das euch möglicherweise Bekanntere kundzugeben. Zählt einmal die Säulen eines Säulenrondeaus; wie viele findet ihr deren hier im zehnten Stockwerk?
GS|2|53|11|0|Ihr sagt: Lieber Freund und Bruder! So wir uns nicht irren bei dem Rundherumzählen, so sind ihrer hier nun zwei weniger denn in der vorigen Galerie, also nur zehn. Dafür aber bemerken wir hier in der Mitte des Säulenrondeaus statt irgendeiner anderen Verzierung zwei gar mächtig starke, fest aneinandergestellte Säulen, welche gleich den anderen zehn den Plafond des Säulenrondeaus wie auch den der ganzen Galerie tragen helfen und eine höher leitende Treppe geht hier nicht mehr innerhalb der Runde der zehn Säulen, sondern in der Mitte auf diesen zwei Säulen aufwärts. Übrigens erscheint hier alles vollkommen glatt und wir mögen schauen, wie wir wollen, so ist aber nirgends etwas von einer Verzierung zu entdecken; auch ist, soviel wir ausnehmen können, der Plafond dieser elften Galerie nicht mehr wie gewölbt, sondern ganz flach hinlaufend. Alles ist von gleicher überschneeweißer Farbe und durchsichtig; nur die innere kontinuierliche Wand scheint etwas ins Rötlichbläuliche überzugehen, und die Tore hinein sind, als wären sie von durchsichtigem Silber.
GS|2|53|12|0|Jetzt, lieber Freund und Bruder, sind wir aber auch fertig, insoweit die Dinge hier für uns möglichermaßen zu bezeichnen sind. Die flüchtigen Formen aber, welche sich sowohl in der festen Masse der Säulen wie der anderen Teile dieser Galerie fortwährend abwechselnd darstellen, können wir unmöglich bezeichnen. Denn fürs Erste sind sie zu flüchtig und zu schnell wechselnd, und fürs Zweite ihre Formen zu wenig intensiv, und unser Auge vermag da nicht viel mehr als nur wie ein sich stets durcheinandermengendes Chaos zu entdecken, und somit wären wir so ganz und gar zu Ende mit all dem hier Geschauten. Was es nun bedeutet, das lassen wir, lieber Freund, dir über.
GS|2|53|13|0|Nun gut, meine lieben Freunde und Brüder. Ich bin mit eurer Kundgabe ja vollkommen zufrieden, und es wäre auch gar überaus töricht von mir, von euch mehr zu verlangen, als ihr zu geben imstande seid. Habt aber nun Acht, wir wollen sogleich das von euch Geschaute ein wenig näher beleuchten.
GS|2|53|14|0|Die zehn Säulen dieses Rondeaus sind in ihrer Bedeutung mit den Händen zu greifen; denn sie bezeichnen ja augenscheinlichst das Zehngesetzliche, welches eigentlich aus der göttlichen Weisheit hervorgeht. Denn die Liebe gibt keine Gesetze, sondern nur die göttliche Weisheit, welche da ist der Grund der göttlichen Ordnung; denn die Gesetze sind ein vorgezeichneter Weg, den man wandeln soll, um ans Ziel des Lebens zu gelangen, und sie sind auch zugleich die Grundfesten, auf denen das Leben zufolge der göttlichen Ordnung ruht.
GS|2|53|15|0|Zu was aber würde wohl jemandem der Weg in der stockfinstersten Nacht dienen, so er auch noch so gerne auf demselben wandeln möchte? Ebenso wenig würde jemandem ein irgend gestellter Stützpunkt nützen, wenn er ihn erst in der stockfinstersten Nacht suchen sollte.
GS|2|53|16|0|Daher müssen die Gesetze, die der sonstigen Nacht der Liebe gegeben sind, als Weg und als Stützpunkt leuchtend sein, damit der Wanderer sich auf dem Weg nicht verirren mag und den ordnungsmäßigen Stützpunkt des Lebens allzeit finden kann.
GS|2|53|17|0|Also ist es hier ja leicht ersichtlich, wie diese zehn weiß strahlenden Säulen das Zehngesetzliche der Lebensordnung aus Gott mit den Händen zu greifen bezeichnen. In der unteren Galerie haben wir die zwei Säulen der Liebe noch in der äußeren Reihe eingeteilt ersehen. Aber dafür war in der Mitte das merkwürdige Kreuz, welches ebenfalls die leidende Liebe darstellt.
GS|2|53|18|0|Hier aber erblicken wir die zwei Säulen der Liebe an der Stelle des Kreuzes in der Mitte unseres Säulenrondeaus. Sie sind fest aneinandergereiht und die Treppe, die nach oben führt, ist von den äußeren zehn Säulen genommen und alleinig um die zwei mittleren Säulen gewunden.
GS|2|53|19|0|Ich meine, die Bedeutung solcher Stellung wird ebenfalls nicht schwer zu erraten sein. Ihr dürft nur das Evangelium des Herrn zur Hand nehmen, und ihr werdet da finden, dass Er das ganze Mosaische Gesetz wie auch alle Propheten in das alleinige Zweigesetz der Liebe übertrug, nämlich: „Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst!“ – Diese beiden Gesetze hat der Herr Selbst als gleichlautend bezeichnet, aus dem Grunde sind die zwei Säulen in dieser Mitte sich fürs Erste ganz gleich, und fürs Zweite noch dazu fest aneinandergereiht und sind die alleinigen Träger des Weges nach oben. Ich meine, solches versteht ihr.
GS|2|53|20|0|Was aber den euch so wunderbar vorkommenden chaotischen Formenwechsel in den Säulen betrifft, so bezeichnet dieser das Wandelbare des menschlichen Gemütes, welches sich innerhalb der Gesetze befindet. Woher aber rührt in diesen Säulen solch beständiges wallendes chaotisches Formenwechseln? Was ist wohl der Grund solcher Erscheinung?
GS|2|53|21|0|Der Grund davon liegt in dem von außen einwirkenden heftigen Licht, durch welches diese Luft in ein fortwährendes Schwingen versetzt wird. Da aber das Material dieser Säulen überaus spiegelblank poliert und dazu noch überaus durchsichtig und strahlenbrechungsfähig ist, so spiegeln sich diese Luftwellchen oder Luftschwingungen darin ziemlich lebhaft ab, und wir vermeinen dadurch gewisse Formen in den Säulen hin und her und auf und ab wallend zu erblicken. Nun stellen wir einen Menschen hierher, der sich unter Gesetzen befindet. Er befindet sich dadurch im hellen Licht des Gesetzes, welches von innen stets lebendig in ihn einwirkt, und dann befindet sich dieser Mensch seinem Äußeren nach im Licht der Welt, welches aber von außen her ebenfalls stets wie wogend einwirkt.
GS|2|53|22|0|Was entsteht aber dadurch im Menschen? Ein fortwährender Ideenwechsel; bald beschleichen ihn die Formen der Welt, bald wieder die Formen seines inneren Lichtes. Wirkt das äußere Licht stark auf den Menschen ein, so werden die Formen des inneren Lichtes verdunkelt und haben keine Klarheit mehr; im Gegenteil aber werden die Formen des äußeren Lichtes stets nichtiger und schwächer ausnehmbar, je mehr das innere Licht zu reagieren anfängt.
GS|2|53|23|0|Wenn dann jemand die Formen des inneren Lichtes ergreift und sie mit seinem Geist stets mehr und mehr fixiert, so wird aus der ehemaligen stets wechselnden Flexibilität der Lichtformen eine konstante Form, welche dann fortwährend dem von außen hereinwirkenden Licht einen dasselbe demütigenden Widerstand leistet; und der Mensch ist dadurch zur erschaulich bestimmten Idee des inneren ewigen Lebens des Geistes gelangt.
GS|2|53|24|0|Das entsprechende Bild zeigen euch die zwei mittleren Säulen, in und an denen ihr keinen solchen Formentanz mehr entdeckt. Wenn ihr aber genauer nach demselben blickt, so werdet ihr in einer jeden eine ganz gleiche vollkommen alleredelst ausgebildete Menschengestalt erschauen, welche in all ihren Teilen klar und gleich durchleuchtet ist.
GS|2|53|25|0|Seht, solches bezeigt, dass der Mensch einzig und allein nur durch die Liebe zum Herrn und aus dieser heraus zum Nächsten zu der Vollkommenheit des Lebens in seinem Urfundament gelangen kann. Ich meine, ihr werdet nun so ziemlich im Reinen sein. Was die übrigen Teile der Galerie betrifft, so besagen sie nichts anderes als das vollkommen Ordnungsmäßige der wahren Weisheit, welche da ist die Grundwahrheit im Geiste und ein Licht ohne andere Verzierung und Ausschmückung und ist das, was ihr die nackte Wahrheit nennt. Da wir aber solches wissen, so wollen wir uns auch sogleich wieder über die Treppe um die zwei Säulen höher hinauf auf den großen freien Platz begeben.
GS|2|54|1|1|Das Dach des Gebäudes. Über das Fortschreiten des Geistes
GS|2|54|1|1|(Am 2. August 1843 von 5 1/4 – 7 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|54|1|0|Ihr fragt und sagt hier: Wir kommen somit aufs eigentliche Dach dieses Gebäudes, da du von einem großen, freien Platz gesprochen hast. Das wäre alles gut und richtig, lieber Freund und Bruder. Auf diesem freien Platz wären wir somit auf dem elften Stockwerk oder auf der zwölften Galerie. Da aber das Dach doch unmöglich weder als eine Galerie noch als ein Stockwerk betrachtet werden kann, so können wir uns jene Fernsicht nicht erklären, als wir von dem wohlbekannten Gebirge so ganz eigentlich zwölf Stockwerke erschaut haben. Waren diese zwölf Stockwerke bloß eine optische Täuschung oder hat es damit eine andere Bewandtnis? Wir haben im Verlaufe der Besteigung dieses wundervollen Gebäudes zwar schon einmal dieses Nichtübereinkommens erwähnt, jedoch damals hast du uns auf bessere Gelegenheiten verwiesen und sagtest, was es damit für eine Bewandtnis habe, werden wir am rechten Ort und an rechter Stelle erfahren. Und so möchten wir von dir ein wenig im Voraus erfahren, ob nun an diesem freien Platz solcher rechte Ort und solche rechte Stelle sein wird, da wir solches erfahren möchten?
GS|2|54|2|0|Meine lieben Freunde und Brüder! Ich sage euch: Steigt nur mutig aufwärts, und oben in glänzender Freie werdet ihr schon ohnehin ersehen, was alles ihr erfahren werdet.
GS|2|54|3|0|Die Sache, die euch so sehr am Herzen liegt, ist nicht von so großer Bedeutung, als ihr sie euch vorstellt, sondern ist von der Art, dass sie sich ohnehin beim ersten Anblick in der oberen Freie von selbst erklären wird. Wir aber werden in dieser Freie mit ganz anderen Dingen zusammenstoßen, die da von bei weitem größerer Wichtigkeit und höherem geistigem Interesse sein werden, als das euch noch abgängige zwölfte Stockwerk. Und so geht denn nun munter und hurtig aufwärts, damit wir ehemöglichst unsere Freie erreichen.
GS|2|54|4|0|Seht, wenn man seine Schritte beschleunigt, so kommt man eher ans Ziel, als so man dieselben verzögert. Solches ist sicher und richtig und braucht keinen mathematischen Beweis; aber der Geist ist auch des Fortschreitens fähig, und das bei weitem mehr als der formelle Leib. Wie aber kann der Geist seine Schritte beschleunigen und wie verzögern? Seht, das lässt sich nicht so geschwinde ganz klar begreifen; daher wird es wohl notwendig sein, noch vor dem völligen Eintritt auf den obersten freien Platz ein paar Wörtlein darüber zu verlieren, und so hört mich denn an!
GS|2|54|5|0|Ihr wisst, dass das Fortschreiten des Geistes nicht etwa in einem stets mehr und mehr Weiserwerden, sondern lediglich nur in einem stets mehr mit Liebe zum Herrn Erfülltwerden besteht, aus welcher stets größeren Liebesfülle ohnehin alle anderen Vollkommenheiten und Fähigkeiten des Geistes erwachsen. Wenn aber solches klar und ersichtlich ist, so fragt es sich: Wie aber soll da der Mensch es anstellen, dass er ehemöglichst zur Liebefülle zum Herrn gelangt? Denn es ist ja bekannt, wie so manche Menschen sich den Herrn recht tiefst angelegen sein lassen. Fragt man sie aber um ihre geistige Vervollkommnung, da sagen sie:
GS|2|54|6|0|Was unsere geistige Vervollkommnung betrifft, so wird es der liebe Gott wissen, was es doch damit etwa für eine Bewandtnis hat. Wir halten Seine Gebote so viel, als es uns nur immer möglich ist; wir beobachten alle anderen Regeln, wir halten die tägliche Sabbatruhe und beten viel zu Gott dem Herrn und bitten Ihn auch zu jeder Zeit um die baldmöglichste Vollendung unseres Geistes. Aber dessen ungeachtet gewahren wir nur kaum merkliche Fortschritte, und wenn wir nicht sehr auf uns Acht haben, so kommt es uns noch überdies vor, als hätte unser Geist nicht nur keinen Fortschritt, sondern eher einen Rückschritt gemacht, so dass wir darüber uns schon so manchmal ganz leisen Zweifeln überlassen und uns so heimlich gedacht haben: Entweder sind wir für solch einen geistigen Fortschritt gar nicht berufen oder die ganze Behauptung von der Vervollkommnung des Geistes ist wenigstens im irdischen Leben nichts anderes als eine fromme Fabel oder doch wenigstens eine Hypothese.
GS|2|54|7|0|Seht nun, meine lieben Brüder und Freunde, das ist so die gewöhnliche Antwort auf die Frage über den zögernden Fortschritt des Geistes, welcher bei den Menschen auf der Erde wohl zuallermeist gang und gäbe ist.
GS|2|54|8|0|Sollte es denn in solchem Fortschreiten keine wahre Beschleunigung geben können? Sollte es denn keine Corneliusse mehr geben, über welche der Geist Gottes eher kommt, bevor sie vom Petrus getauft werden? Seht, das ist eine ganz andere Frage, und ihre Beantwortung ist sicher von der größten praktischen Wichtigkeit. Wie aber werden wir solche Frage, die von einer so großen Wichtigkeit ist, auf die befriedigendste Weise zu jedermanns klarer Einsicht beantworten können? Das soll uns so schwer nicht werden; denn wo es für eine Sache genug anschauliche Beispiele gibt, da darf man sie bloß als Evangelisten betrachten, und die Antwort gibt sich dann von selbst. Wir wollen uns daher nicht länger beim Vorwörteln aufhalten, sondern sogleich nach dem nächsten besten Beispiel greifen.
GS|2|54|9|0|Nehmen wir an, in irgendeiner Hauptstadt lernen Tausende z. B. die Musik. Unter diesen Tausenden sind wenigstens einige Hunderte mit wirklich ausgezeichneten Musiktalenten begabt; wie viele aber werden aus all diesen Schülern wohl als wirkliche Künstler und Virtuosen hervorgehen? Vielleicht einer, vielleicht aber auch gar keiner; und es wird einer Stadt am Ende zu gratulieren sein, wenn aus zehn Jahrgängen einer oder höchstens zwei hervorwachsen werden, die sich den Namen „Künstler“ und „Virtuose“ im Vollmaß eigen gemacht haben. Ist aber das nicht ein barster Schimpf für die Menschheit, da doch ein jeder sagen kann: Ich habe ja auch einen unsterblichen Geist in mir, ein Ebenbild Gottes! Wie steht es aber mit solchen Ebenbildern der allerhöchsten Vollkommenheit, so sich die wenigsten nur kaum über die Mittelmäßigkeit emporzuarbeiten imstande sind? Die größte Anzahl aber bleibt schon ohnehin unter dem Gefrierpunkt stehen, obschon sie auch ein Ebenbild Gottes ist. – Warum solches sich so gestaltet, werden wir sogleich in den Studierzimmern unserer Musikschüler erschauen.
GS|2|54|10|0|Seht, da ist gleich eine Gasse, bestehend aus hundert Häusern, da wohnen wenigstens tausend Musikschüler. Gehen wir in Nr. 1 hinein. Seht, da schläft soeben der Schüler recht sanft und das noch hübsch weit weg von seinem Instrument. Wird er wohl ein Künstler? Ich meine, im Schlaf lernt man die Kunst nicht. Gehen wir ins Haus Nr. 2. Seht, da legt sich der Schüler gerade an, um vom schönen Tag zu profitieren und eine kleine Landpartie zu machen, davon er ein großer Freund ist. Wird er wohl ein Künstler? Ich meine, auf den Straßen, am Feld und im Wald lernt man die Kunst nicht. Gehen wir ins Haus Nr. 3. Seht, da sitzt doch ein Schüler bei seinem Instrument und übt gähnend seine Aufgabe. Wird er wohl ein Künstler? Ich meine, für die Kunst ist ein gähnender Eifer zu gering.
GS|2|54|11|0|Aber gehen wir wieder ins nächste Haus. Seht, da treffen wir gar keinen Schüler an, und die liederlich durcheinander liegenden Musikalien, welche sonst ganz wohl erhalten aussehen, geben uns einen hinreichenden Beweis vom Eifer unseres Schülers. Wird etwa aus diesem ein Künstler herauswachsen? Ich meine, da könnte eher das ganze Instrument zu Gold werden, als der Schüler zu einem Künstler. Gehen wir ins nächste Haus; vielleicht finden wir da so einen angehenden Künstlerheros. Hört, es übt sich ja einer; aber seht ihn an, seine Augen sind voll Tränen, denn er ist von seinem Vater, der sich’s für seinen Sohn viel kosten lässt, soeben dazu geprügelt worden. Wird aus diesem ein Künstler? Da sagt ihr schon: Ex trunco non fit Mercurius [aus einem Klotz wird kein Gott]; welches ebenso viel sagen will als: Aus der geprügelten Liebe zur Kunst wird nicht sehr viel Künstlerschaft zum Vorschein kommen. Sollten wir in noch mehrere Häuser hineingehen, um ähnliche Kunstjünger zu besuchen? Ich meine, solches wird nicht vonnöten sein.
GS|2|54|12|0|Aber seht, ganz am Ende der Gasse in einer ganz unansehnlichen Kneipe wohnt eine ärmliche Familie; da wollen wir hineingehen und sehen, wie dort die Kunst betrieben wird, weil auch ein Kind dieses ärmlichen Vaters die Musik lernt. Seht, der Knabe hat an diesem Tag wenigstens schon seine acht Stunden studiert; nun abends aber will der Vater des Knaben Gesundheit wegen ihn mitnehmen auf einen kleinen Spaziergang. Aber seht nur den Knaben an, wie er sein Instrument ans Herz drückt und es liebkost, als wäre es sein größter Lebensfreund! Nur mit bedeutender Mühe und großer Beredung von Seiten des Vaters trennt sich unser Kunstjünger mit Tränen im Auge von seinem Liebling und spricht: Du mein teuerstes Kleinod! In kurzer Zeit, ja in sehr kurzer Zeit gehöre ich wieder ganz dir an! – Ich frage nun: Wird aus diesem ein Künstler? – Geht hin, hört seine Töne, die er in kurzer Zeit aus seinem Instrument zu ziehen gelernt hat, und ihr werdet sagen: Ach, das sind Wundertöne! Man glaubt, sie kommen von überirdischen Räumen herab. – Ja, ja, meine lieben Freunde und Brüder, dieser Jünger wird sicher ein großer Künstler; denn dieser hat schon den rechten Lehrmeister in seiner Brust, und dieser Meister lehrt ihn, alles der Kunst zum Opfer zu bringen und lässt ihn nirgends ein größeres Vergnügen treffen und finden, als eben in seiner zu erlernenden Kunst.
GS|2|54|13|0|Alle früheren waren wohl auch Jünger der Kunst, aber sie hatten keine Liebe zu ihr und werden es daher ohne diesen Meister auch nie weiterbringen. Warum aber hatten sie keine Liebe? Weil ihnen die Weltzottelei lieber war als die Selbstverleugnung und ein vollernstliches Ergreifen der Liebe zur Kunst. Aus diesem Grunde aber werden sie auch nur die Früchte ihrer Weltzottelei, aber nie die der herrlichen Kunst ernten.
GS|2|54|14|0|Nun seht, dieses Beispiel gibt uns einen genügenden Aufschluss, worin die Beschleunigung der geistigen Fortschritte den Grund hat.
GS|2|54|15|0|Wird man wohl zu der inneren Vollendung gelangen auf Spaziergängen, in Theatern oder bei geselligen Freundschaftszirkeln oder bei anderen weltlichen Geschäften von was immer für einer Art? O nein; aus all dieser Weltzottelei wachsen durchaus keine Corneliusse heraus, wie solches auch der Herr Selbst gar deutlich gezeigt hat, als Er in einem Gleichnis mehrere Freunde zu einem Gastmahl lud, und die Freunde aber sich mit allerlei entschuldigten, darum sie der Einladung nicht folgen mögen. Der eine hat mit ein Paar Ochsen etwas zu tun; ein anderer ist in Heiratsangelegenheiten; ein dritter kauft einen Grund, und so kann keiner kommen. – Seht, das sind Weltzottler, die die Fortschritte des Geistes sicher nicht beschleunigen. Sie sind zwar sonst sehr respektable Freunde des Herrn, sonst hätte Er sie nicht laden lassen; aber nur die Zeit fehlt ihnen, zu kommen.
GS|2|54|16|0|Der Herr aber spricht zum reichen Jüngling: Gib alles hintan und folge Mir nach, so wirst du einen Schatz im Himmel dir bereiten, oder mit anderen Worten: Du wirst die Vollendung deines Geistes überkommen!
GS|2|54|17|0|Wer diesem Ruf nicht so folgt, wie ihr von meinen Brüdern, den Aposteln wisst, wie diese dem Herrn auf den ersten Ruf gefolgt sind, der muss sich denn auch gefallen lassen, dass der Herr mit ihm ebenso herumzottelt, wie der Gerufene es zu tun pflegt mit dem Herrn. Daraus aber können wir folgende ganz kurze Regel ziehen:
GS|2|54|18|0|Je mehr Weltzottelei, desto weniger geistigen Fortschritts; je weniger Weltzottelei, desto beschleunigter die Fortschritte des Geistes. Mit gar keiner Weltzottelei aber kann aus jedem Menschen ein Cornelius herauswachsen. Mehr braucht ihr nicht; daher öffnet das Pförtlein und steigt in die lichte Freie!
GS|2|55|1|1|Beschreibung der Bauten auf dem Dach. Verminderung von Licht durch weiteres Licht
GS|2|55|1|1|(Am 4. August 1843 von 5 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|55|1|0|Wir sind an Ort und Stelle; was sagt ihr denn zu diesem Anblick? Hat das Auge eines auf der Erde lebenden Menschen, ich meine, das Auge seiner Seele, je in seiner allertiefsten Phantasie etwas Ähnliches auch nur geahnt?! Seht, der noch außerordentlich große Rundplatz, auf dem wir uns befinden, ist hellgrünstrahlend, und dieses Strahlen ist kein wogendes, sondern ein ruhiges Strahlen. Womit wäre wohl dieser Boden zu vergleichen? Etwa mit einem überaus wohl polierten Smaragd? O welch ein matter Vergleich wäre das. Sollte man etwa den Boden mit dem allerfeinsten Seidensamt vergleichen, der da strahlt, als wären die Fäden, aus denen er bereitet ist, aus grünem Gold angefertigt? Ich sage, auch dieser Vergleich ist matt und passt nicht hierher. Ja, mit irdischen Vergleichen werden wir da durchaus nicht weiterkommen. Wir werden daher etwas höher greifen müssen; unsere Hände werden wir weit hinaus in den endlosen Raum strecken und in selbem einzelne Planetarsonnen treffen, die mit einem solchen grünen Licht ihre sie umgebenden Weltkörper erleuchten. Ja, eine Sonne muss es sein, und diese muss als eine flache Scheibe hierhergelegt werden; dann ist der Vergleich richtig.
GS|2|55|2|0|Also das wäre der Boden, auf dem wir jetzt stehen; er ist wie eine mächtig strahlende Ätherfläche einer Sonne, und dennoch ist er fest wie ein Diamant. Was sagt ihr zu dieser endlosen Pracht? Ihr seid stumm und mögt kein Wörtlein hervorbringen. Ja, meine lieben Freunde und Brüder, das ist auch vollkommen begreiflich; denn wo es uns lichtgewohnten Geistern des Himmels schwer wird zu reden, da wird es auch euch sicher umso schwerer werden, indem ihr von dergleichen Lichterhabenheiten in solcher unermesslichen Fülle noch nie in eurem Gemüt etwas zu sehen bekommen habt.
GS|2|55|3|0|Lassen wir aber dieses; den Boden hätten wir angeschaut, wenden wir unsere Blicke nun auf die unaussprechlich prachtvollste Umfassung dieses großen freien Platzes. Seht, ein weißes Geländer umgibt zuerst diesen ganzen großen freien Platz. Von zehn zu zehn Klaftern aber steigt vom Geländer aus ein über hundert Klafter hoher Obelisk. Seine strahlende Farbe ist ebenfalls blendend weiß; zuoberst aber, seht, ziert einen jeden solchen Obelisk eine bald rot, bald grün, bald blau, bald violett, bald gelb, und so noch durch mehrere Farbnuancen hindurch gar mächtig strahlende ziemlich große Kugel. Es nimmt sich dieses so aus, als stünde zuoberst eines jeden solchen Obelisken, deren es um diesen großen freien Platz noch immer mehrere Hunderte gibt, eine allerbarste Sonne, die da gar mächtig diesen freien Platz erleuchtet.
GS|2|55|4|0|Man könnte hier freilich sagen: Wozu auf einer solchen Zentralsonne noch so viel leuchtende Körper? Es wäre wohl fürs Auge wohltuender, eher auf eine Verminderung als auf eine solche Verstärkung des Lichtes anzutragen. Ich sage euch: Dafür ist eben durch die Aufstellung solcher mächtig leuchtenden Körper gesorgt. Solches, sagt ihr, ist eben nicht leicht zu begreifen. Ich aber sage euch, dass solches ganz natürlich gar leicht begriffen werden kann. Wieso denn, auf welche Weise? Dafür, meine lieben Freunde, gibt es auch wohl schon auf der Erde eine Menge recht handgreiflicher Beispiele, und das naturmäßig und geistig genommen.
GS|2|55|5|0|Seht, wenn bei euch zur Sommerszeit alle Vegetation in weißer Farbe zum Vorschein käme, und zwar sogestaltig weiß, wie da ist der Schnee des Winters, da kann ich euch ganz bestimmt versichern, ihr könntet zur Tageszeit nicht möglicherweise ins Freie treten, ohne ehestens von der überaus starken Macht des Lichtes gänzlich geschmolzen und aufgelöst zu werden; denn die Strahlen der Sonne fallen zur Zeit des Sommers zu intensiv auf die Oberfläche desjenigen Teiles der Erde, den ihr bewohnt. Zur Winterszeit aber ist die weiße Farbe von guter Wirkung; denn ohne diese würde das Licht zu wenig Wirkung haben; und es würde mit der Zeit die Kälte so sehr zunehmen, dass ihr unmöglich es in der freien Luft aushalten könntet. Aber die weiße Farbe des Schnees wirft das Licht wieder zurück und erwärmt dadurch nachträglichermaßen die Luft.
GS|2|55|6|0|Zur Sommerszeit aber muss die Vegetation die Oberfläche der Erde buntfarbig überdecken; durch diese weise Vorrichtung wird der Sonne intensiver Strahl in seinem wirksamsten Teil verzehrt, und nur der sanfte Teil desselben bricht sich aus der buntfarbigen Oberfläche des Erdbodens wieder zurück. Ihr könntet auch ein ähnliches Phänomen künstlich im Kleinen versuchen, und da gebe ich euch solches an.
GS|2|55|7|0|Stellt zur Nachtzeit auf die Mitte eines Tisches eine stark leuchtende argantische Lampe. Wenn ihr sie einzeln dastehend betrachtet, so wird ihr Licht euer Auge beleidigen; nehmt aber mehrere Lampen, stellt sie um diese weißflammende herum, und steckt aber über ihre weißen Flammen verschieden gefärbte Glaszylinder. Dadurch werdet ihr ein Licht von allerlei Farben bekommen, d. h. eine jede dieser umstehenden Lampen wird ein anders gefärbtes Licht ausstrahlen. Was wird aber davon der Effekt sein? Der Effekt wird folgender sein, dass ihr das Licht der mittleren weißen Lampe ohne den allergeringsten Anstand werdet ganz bequem anschauen können, und es wird euch vorkommen, dass es dadurch dunkler geworden ist beim Brand von wenigstens zehn Lampen, als es ehedem bei dem Brand der einen weißen der Fall war. Dass solches richtig ist, zeigt euch tagtäglich die ganze Natur wie auch die aus ihr geschöpfte Erfahrung, nach der Weise angestellt, wie ich es euch nun kundgegeben habe.
GS|2|55|8|0|Geistig muss aber die Sache auch richtig sein; warum denn? Weil sie im Geiste eher als in der Natur vorhanden sein muss. Ist sie aber geistig richtig, dann ist auch schon für die naturmäßige Richtigkeit der unumstößlichste Beweis geliefert. Wird solch ein Beweis für die geistige Richtigkeit wohl schwer zu liefern sein? O nein! Ihr selbst habt dafür schon ein recht gutes Sprichwort, welches diesfalls unsere Sache allergenügendst erklärt; und dieses Sprichwort lautet: Ex omnibus aliquid, et in toto nihil. [In allem etwas, im Ganzen nichts.] – Ein Mensch, der in allen Fächern des menschlichen Wissens bewandert sein will, in dessen seelischer Leuchtkammer wird es gewiss sehr buntstrahlig aussehen. Fasst aber alle diese Strahlen zusammen, so werden sie kaum so viel Stärke haben, um zur Nachtzeit ein Gemach allenfalls so zu beleuchten wie Sonnenkäferchen, und im Geiste wird sich solcher Effekt auch auf das Deutlichste aussprechen; denn solche vielwissenschaftlich gebildete Menschen sind weder im Einzelnen, noch im Ganzen tüchtig, um über eines oder das andere eine allen Anforderungen genügende Ansicht von sich zu geben.
GS|2|55|9|0|Ich meine, dieses ist so deutlich gegeben, dass wir darüber kein Wort mehr zu verlieren brauchen und können uns daher wohlunterrichtet wieder auf unsere herrliche freie Fläche wenden und da genügend erkennen, zu welchem Zweck hier solche Lichtwechslungen angebracht sind. Und so hätten wir den Boden dieses Platzes und seine Umfassung hinreichend betrachtet.
GS|2|55|10|0|Nun aber schaut noch in die Mitte dieses großen freien Platzes hin; dort erhebt sich noch eine mächtig große Säulenronde, welche zuoberst mit einer dunkelrot strahlenden Krone überdeckt ist. Der Säulen, die diese Krone tragen, gibt es dreißig; eine jede ist von der anderen zwei Klafter entfernt. In der Mitte dieser Säulenronde entdeckt ihr einen karminroten Altar, auf dem unser bekanntes Querholz liegt. Dahin wollen wir uns auch sogleich begeben und dann wohl Acht haben, was alles sich noch auf dieser herrlichen freien Fläche zutragen wird. Zugleich aber mache ich euch auch darauf aufmerksam, dass eben diese mächtige Säulenronde, deren Säulen von helllichtblauer Farbe sind, den von euch bisher vermissten zwölften Stock dieses Gebäudes von der Ferne herüber ansichtig bildet. Da wir nun mit diesem Anstand zurecht sind, so begeben wir uns sogleich in die Ronde hin und warten dort ab, was alles sich noch unseren Blicken darstellen wird. Und so denn gehen wir.
GS|2|56|1|1|Die monumentale Größe des Hauptgebäudes und das Wesen der darin lebenden Menschen
GS|2|56|1|1|(Am 5. August 1843 von 5 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|56|1|0|Wir sind in der Ronde und am Altar; wie ihr seht, so sind wir auch hier noch, wie ihr zu sagen pflegt, mutterselig allein. Ihr sagt hier freilich wohl: Das ist aber auch sonderbar genug auf dieser Welt, wohin wir nur immer kommen, entdecken wir wohl die größte Pracht, und in der Pracht spricht sich auch die größtdenkbarste Weisheit aus; aber Menschen scheinen hier fortwährend einen ewigen Feiertag zu haben und sitzen neben ihrer größten Pracht in ihren Kammern. Es wäre ja doch angenehm und überaus erheiternd, auch nur ein Paar miteinander wandeln zu sehen; aber so sieht man nichts als die tote Pracht, der das Leben fast gänzlich zu mangeln scheint. Also sind wir auch hier auf diesem freien Platz von lauter Wundern menschlicher Kühnheit und Weisheit umfangen; aber die Baumeister sind, Gott weiß es wo, verborgen.
GS|2|56|2|0|Fürwahr, dieses Hauptgebäude in seinem Gesamtumfang ist ja doch so etwas großartig erhaben Prachtvollstes, dass wir es gar nicht zu denken vermögen, als sei es ein Menschenwerk; denn so etwas ist nur Gott möglich zu erbauen, aber Geschöpfen scheint es kaum möglich zu sein. Und wenn es im Ernst Geschöpfe dieser Welt erbaut haben sollen, so müssen sie fürs Erste Riesenkräfte besitzen, fürs Zweite müssen sie eine Ausdauer und einen Mut haben, wovon sich noch kein menschlicher Geist einen Begriff machen kann, und fürs Dritte muss ihr vollendeter Sinn so sehr weise ästhetisch sein, dass sich über denselben hinaus ebenfalls kein Atom mehr denken lässt. Und dennoch ist von all diesen wunderbaren Menschen in der Freie nirgends etwas zu erblicken. Warum denn nicht?
GS|2|56|3|0|Sind diese Menschen so schüchtern, so eingezogen oder haben sie, wie schon bemerkt, gerade zu der Zeit, so wir irgend anlangen, einen Feiertag oder, weil es hier keine Tage gibt, eine gemessene Ruhezeit?
GS|2|56|4|0|Liebe Freunde und Brüder, bei dem letzten Ausspruch verbleibt, und ihr habt den richtigen Grund gefunden, vermöge welchem gerade zu der Zeit, so wir uns an irgendeinem Ort befinden, diese Menschen eine gewisse Rast oder Ruhe halten. Ist diese zu Ende, dann dürft ihr glauben, dass es bei euch auf der Erde in der allerbelebtesten Weltstadt nicht so lebendig zugeht, als an solch einem Ort.
GS|2|56|5|0|Denn nicht leichtlich würdet ihr auch auf der Erde einen volkreicheren Ort antreffen als dieser da ist, auf dem wir uns gegenwärtig befinden. Und ihr könnt es keck glauben, dass sich in diesem Gebäude über zehn Millionen Menschen aufhalten; denn wie groß dieses Gebäude ist, habt ihr euch von der Entfernung her schon einen kleinen Begriff machen können.
GS|2|56|6|0|Betrachtet nur einmal diesen Platz, auf dem wir uns noch befinden, und ihr müsst euch gestehen, dass er groß genug wäre, eine der größten Städte von eurem Europa aufzunehmen; und dennoch beträgt er kaum ein Viertel des ebenerdigen Durchmessers dieses großen Gebäudes. Dazu können wir solche Größe auch nur mit unseren geistigen Augen leicht überschauen, und sie wird uns so gestaltet erträglich.
GS|2|56|7|0|Mit euren leiblichen Augen würdet ihr da nur sehr kleine Partien auf einmal zu überschauen imstande sein; denn der Maßstab ist zu groß für die Pupille eines fleischlichen Auges und würde sich nach allen Seiten hin verengen und sich auch etwas ins Blaue zu verlieren anfangen. Aus diesem aber könnt ihr sicher den Schluss ziehen, dass es in den freien Zeiten in all diesen Räumen und in der ganzen weiten Gegend überaus lebendig zugeht.
GS|2|56|8|0|Zudem ist es besonders hier auch notwendig, dass ihr mit diesen überaus schönen Menschen nicht eher eine sichtbare Bekanntschaft macht, als bis ihr euch an den überaus erhabenen Dingen, welche voll der tiefsten Bedeutung sind, ein wenig abgestoßen habt. Denn würden wir sogleich mit diesen allerwunderbarst schönsten Menschen früher in Konflikt treten, bevor ihr alles andere Wichtige angeschaut und gehörig nutzbringend betrachtet habt, so würdet ihr euch in die Menschen so sehr vergaffen, dass euch alles andere noch so erhaben Pracht- und Bedeutungsvollste um eine hohle Nuss feil wäre! Aus eben dieser Ursache aber muss ich euch auch an solch einen Ort zu einer solchen Zeit hinbringen, in der die Bewohner solch eines Ortes gerade ihre Ruhe zu halten pflegen.
GS|2|56|9|0|Dass es aber hier überaus lebendig vor sich geht, werdet ihr euch sobald überzeugen. Wir werden durch unsere bekannte Manipulation dieses Holz auf dem Altar brennend machen, und sobald werden sich die Räume dieses weiten Platzes von allen Seiten her zu füllen anfangen.
GS|2|56|10|0|Ihr möchtet wohl wissen, ob diese Menschen hier von unserer Gegenwart irgendeine Ahnung haben oder uns etwa wohl gar zu sehen imstande sind? Ich aber sage euch: Vorderhand ist weder das eine noch das andere der Fall. Aber wir werden uns hier ihnen zeigen und uns mit ihnen auch in eine Zwiesprache einlassen und das darum, damit ihr alles kennenlernt, wie es hier zugeht; denn wir werden uns nach diesem Ort sobald von dieser Welt hinwegbegeben und noch der Glanzoberfläche eurer Sonne eine kleine Visite abstatten.
GS|2|56|11|0|Daher wollen wir uns denn hier auch den Bewohnern zeigen und uns mit ihnen über manches besprechen, damit ihr dadurch selbst erfahrt, wessen Geistes Kinder sie sind.
GS|2|56|12|0|Ich mache euch aber zum Voraus aufmerksam, dass ihr euch ja niemandem nähert und ihn anrührt, denn solches würde euch vor der Zeit von dieser Welt hinwegbringen, und ihr könntet den zu mächtig reizbaren Eindruck nicht vertragen. Solches muss sogar ich beachten, der ich doch schon gar lange alles Naturmäßigen ledig bin, und darf ebenfalls keinen hier noch in seinem Leib lebenden Menschen anrühren.
GS|2|56|13|0|Ihr fragt freilich, warum denn ich solches nicht dürfe. Bei mir ist es wieder der umgekehrte Fall. Denn diese Menschen haben einen zu entsetzlich großen Begriff von den Kindern des Herrn; und ihre Achtung und Liebe zu diesen Kindern des Herrn ist zu unbeschreiblich heftig und stark, dass sie sich darob durch eine Berührung von mir alsbald aus lauter Liebe verzehren und am Ende gänzlich auflösen würden.
GS|2|56|14|0|Daher wird es euch auch gar nicht wundernehmen dürfen, so ihr mich schroff ernstlich werdet mit diesen Menschen reden sehen und hören; denn solches muss ich tun aus Liebe zu ihnen. Desgleichen müsst auch ihr beobachten.
GS|2|56|15|0|Durch eine äußerlich liebevoll scheinende Behandlung würdet ihr ihnen bei weitem mehr schaden als nützen; denn also ist alles in der Ordnung des Herrn bestellt.
GS|2|56|16|0|Der Leib des Menschen hat ebenfalls verschiedene Teile, die zwar zu einem gemeinsamen Lebenszweck tätig sind und auch sein müssen; möchte sich aber jemand irgendein Glied abschneiden und es etwa aus lauter Liebe zu diesem Glied in sein Herz hineinarbeiten wollen, so wird er dadurch nicht nur das Glied, sondern auch das Herz töten.
GS|2|56|17|0|Also bleibt aber auch dieselbe Ordnung unter den mannigfaltigen Dingen und Geschöpfen in dem unermesslichen Schöpfungsgebiet des Herrn. Sie sind alle füreinander gegenseitig da und dienen sich gegenseitig zu einem und demselben Lebenszweck; aber nur müssen sie sich nicht selbst versetzen und verwechseln, was durch eine ungeregelte und unzeitige Liebe geschehen kann, wollen sie sich nicht gegenseitig verderben.
GS|2|56|18|0|Unter einer gerechten, ordnungsmäßigen, weisen Beschränkung können wir uns allen Geschöpfen nahen und uns mit ihnen in einen gerechten wechselseitigen Rapport setzen auf die Weise, wie da alle Glieder eines Leibes im beständigen Rapport stehen; was darüber ist, das ist verderblich. Und so denn macht euch gefasst; ich werde meine Hand an den Altar legen, die Flamme wird das Holz ergreifen, und von hundert und hundert Seiten her werdet ihr sobald Menschen herzueilend erschauen.
GS|2|56|19|0|Ich lege nun meinen Finger an den Altar; seht, das Holz ist von Flammen ergriffen, – und nun seht hinaus, wie sich die Pförtlein zu öffnen anfangen!
GS|2|57|1|1|Wie auf Sonnenwelten Menschen existieren können
GS|2|57|1|1|(Am 7. August 1843 von 4 3/4 – 7 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|57|1|0|Und seht ferner! Schon entströmen den hundert und hundert Pförtlein ernstheitere Scharen und eilen behände hierher. Seht einmal an die herrlichen Menschen; wie unbeschreiblich schön sind ihre Formen; welche Weichheit und welche harmonische Zartheit in allen Teilen! Der Mann unterscheidet sich von dem Weib nur durch einen mäßigen Bart und durch die flache Brust, in allem Übrigen ist er ebenfalls von großer Weich- und Zartheit und stellt in aller Fülle eine vollkommen männliche Gestalt dar. Seine ganze Kleidung ist, wie ihr seht, ein einziges Hemd, ein wenig bis unter seine Knie hinabreichend. Das Hemd des Mannes ist von lichtblauer Farbe und hat den Glanz wie das Gefieder am Hals eines Pfaues bei euch. Das Weib hat eine rosenrote Schürze nur um die Hüfte gehangen, so dass diese Schürze ihren Bauch bis hinab zu den Waden, also auch ihre Fußschenkel und ihr Gesäß bedeckt. Der obere Leib ist teilweise frei und ist sonst bloß nur mit den reichlichen lichtgoldstrahlenden Haaren bedeckt; alles andere aber ist bloß.
GS|2|57|2|0|Betrachtet nun eine solche weibliche Gestalt in der Nähe; seht die unbeschreibliche Feinheit ihrer Haut an; könnt ihr euch erinnern, auf der Erde je irgendeine so zarte Oberfläche eines Gegenstandes gesehen zu haben? Seht ihr auf diesem Leib irgendeine allergeringste Falte oder irgendein Hervortreten der Haut, genötigt durch einen Knochen oder einen Knorpel des inwendigen Leibes?
GS|2|57|3|0|Seht, so blank und flach eine allerfeinst gedrehte und polierte Kugel ist, da nirgends eine das ästhetische Auge störende Erhöhung zu ersehen ist, also blank flach abgerundet ist auch allenthalben der Leib eines solchen Weibes; und da ist kein Unterschied zwischen Jung und Alt, im Gegenteil, je älter hier ein Weib wie auch ein Mann wird, desto vollendeter bilden sich ihre Formen aus; ja im hohen Alter von manchmal mehr denn tausend Jahren werden diese Menschen so außerordentlich vollkommen schön, dass da ihre wahrhaft ätherisch seelische Schönheit durch keines Wortes Kraft und Macht dargestellt werden kann.
GS|2|57|4|0|Ja, die Schönheit eines solchen hochbejahrten Menschenpaares hier ist nicht selten so außerordentlich groß, dass sie, so sie irgend auf eurer Erde sich befände, im Ernst gesprochen die härtesten Steine wie Wachs zerfließen [machen] würde.
GS|2|57|5|0|Ja, eure ganze Erde wäre nicht imstande, solch eine glänzendste Schönheit einer menschlichen Form zu tragen und daneben zu bestehen. Würde die Erde auch noch Meister der schönen Form, so aber könnte sie dennoch das für einen Erdbewohner unaussprechlich und unbegreiflich intensive Licht eines solchen Menschen nicht vertragen; denn ihr könnt es mit Bestimmtheit annehmen, dass ein solcher Mensch hier eine größere Masse Licht aus sich herausströmen lässt als nicht selten eine ganze Planetarsonne zur Erleuchtung und Erwärmung ihres ganzen Planetargebietes.
GS|2|57|6|0|Ihr sagt hier freilich und fragt: Wenn solches also der Fall ist, so fragt es sich, welchen Stoffes wohl ist der Leib dieser Menschen, der da bestehen kann in solch einer endlos und unberechenbar allermächtigsten Lichtfülle. Denn wir wissen es auf der Erde, dass selbst der Diamant in einer durch die Hohlspiegel bewirkten und auf einen Punkt zusammengedrängten Strahlenmasse aus der Sonne nicht bestehen kann, sondern sich sobald verflüchtigt; und doch ist solch ein Strahlenpunkt vielleicht nicht der ärmste [äonste?] Teil der gesamten Lichtstärke der Sonne. Hier aber soll ein einzelner nicht viel größerer Mensch, als wir es sind, eine so intensive Lichtmasse in sich und um sich fassen, dass mit solcher Lichtfülle eine ganze Planetarsonne für all ihre Planeten mit einem vollkommen hinreichend starken Lichtgrad über alle ihre weit gedehnten Gebiete könnte gesättigt werden.
GS|2|57|7|0|Sonach lässt sich bei solcher vergleichenden Betrachtung, lieber Freund und Bruder, wohl gar sehr die Frage stellen, aus welchem Stoff solche Menschen wohl erschaffen sein müssen, um solch einen unaussprechlich mächtigen Grad des Lichtes zu ertragen?
GS|2|57|8|0|Meine lieben Freunde und Brüder! Wenn ihr hier auf dieser Sonne nach rein irdischen Begriffen und Verhältnissen urteilt, da werdet ihr wohl schwerlich je zu einem richtigen Resultat gelangen; wenn ihr aber euch das zu einem Grundsatz macht und sagt: Eine jede Welt und eine jede Sonne hat ihre eigentümlichen Gesetze, unter denen sie besteht, – so werdet ihr der Wahrheit und der Grundursache solch eines Bestehens im Licht um ein sehr Bedeutendes näher gerückt sein.
GS|2|57|9|0|Zudem habt ihr ja ähnliche Andeutungen schon auf eurer Erde. Geht von einem Land ins andere, von einem Weltteil in den anderen, von einer Insel auf die andere, und ihr werdet da schon so bedeutende Varietäten in den Lebensverhältnissen finden, dass ihr euch darüber nicht genug zu verwundern imstande sein werdet. Betrachtet ihr dazu noch, wie es in allen Elementen noch lebende Wesen in zahlloser Menge gibt, so werdet ihr noch mehr darüber zur Klarheit gelangen, dass das Leben sich unter den verschiedenartigsten äußeren Verhältnissen aussprechen und erhalten kann. Wenn aber solches schon auf der Erde materiell genommen bei euch klarst bemerkbar wird, um wie viel mehr gilt dann solche Regel für verschiedene Weltkörper.
GS|2|57|10|0|Es gibt bei euch Tiere in zahlloser Menge, die außer dem Wasser keine Minute lang zu leben imstande sind; dann aber gibt es Tiere und Wesen, die nur unter der Erde im dichtesten Schlamm und selbst in den Steinen einzig und allein ihr Leben zu fristen imstande sind. Solche Schlammtiere in den Tiefen unterirdischer Schlünde sind euch wohl bisher noch gänzlich unbekannt; aber Steintiere, als z. B. Steinfliege, Steinspinne, Steinbiene, Steinkröte u. d. m. sind von den Naturforschern der Erde schon hier und da aufgefunden worden; aber nur wissen es die Naturforscher nicht, dass sich dergleichen Tiere in den Steingattungen selbst produzieren, indem die auch den Stein durchwaltenden Lebenskräfte sich ergreifen und als Intelligenzen sich in einer Form ausbilden, natürlicherweise nach der in sie vom Herrn gelegten Ordnung.
GS|2|57|11|0|Ja, wenn ihr die Sache so recht beim scharfen Licht betrachten würdet, so würdet ihr finden, dass alle sämtlichen Steine, ja das gesamte Wesen eurer Erde nichts als sich mächtig ergriffene Klumpen von lauter abgelegten Leibern oder Lebenslarven sind, und dass diese Lebenslarven noch immer einige, freilich wohl hart gebundene Grundlebenskraft in sich fassen, welche sich hier und da bei leichterem Flottwerden wieder ergreift, aus der leichteren sie umgebenden Materie sich in eine neue mitlebende Form ausbildet und dann in derselben sich eine Zeit lang aufhält zur mächtigeren Stärkung des ersten in dieser neuen Form sich ergriffenen Grundlebens.
GS|2|57|12|0|Seht, ein solches Wesen kann dann in solch einer Materie wohl existieren; bringt ihr es aber von da in die freie atmosphärische Luft, so wird es in wenigen Minuten dahin sein. Umgekehrtermaßen aber wird es auch denjenigen Wesen ergehen, deren Lebenselement nur die freie atmosphärische Luft ist. Wenn aber ihr, die ihr nur in der atmosphärischen Luft zu leben vermögt, euch in den überaus leichten Äther begeben möchtet, so wird es euch da geradeso ergehen als wie einem Fisch, so ihr ihn vom Wasser in die freie Luft emporhebt.
GS|2|57|13|0|Desgleichen gibt es aber auch eine zahllose Menge für euch nicht sichtbar lebender Wesen in der Region des Äthers; diese können nur im Äther und nicht mehr in der Luft und noch weniger in einer dichteren Materie leben. Wesen aber, welche im Äther zu leben imstande sind, sind auch imstande stets mehr und mehr im Licht zu leben. Sie haben freilich für euch nicht sichtbare Leiber; aber deswegen existieren sie dennoch, und zwar in einer solchen unendlichen Zahlfülle, dass ihr euch davon ewig nie werdet einen hinreichenden Begriff machen können.
GS|2|57|14|0|So denn müsst ihr euch auch diese Menschen nicht als grobmateriell-körperlich denken, sondern überaus ätherisch-zart und feinmateriell, welcher Beschaffenheit aber dann das Licht in seiner größten Intensität auch nichts mehr anhaben kann.
GS|2|57|15|0|Solche Verhältnisse gibt es ja auch im reinen Geisterreich, da es Geister gibt, die überaus schwerfällig und finster sind und daher ihr Leben auch nur in den dichtesten innersten Teilen der Erde fristen können; – und wieder gibt es Geister, welche etwas leichter sind und daher die oberen Teile der Erde wie auch die Gewässer bewohnen, allda ihr Leben fristen und ihr Wesen treiben; – und wieder gibt es Geister, die in der halben unteren Luftregion leben und in derselben ihr Wesen treiben; – und wieder gibt es Geister, natürlich schon von vollkommener Art, welche die oberen reineren Luftregionen, etwa von der Gegend der Gletscher angefangen, bewohnen; – und wieder gibt es Geister, welche die erste Region des Äthers, und dann Geister, welche die höchsten und freiesten Ätherregionen und weiten freien Räume zwischen den Weltkörpern bewohnen; – und endlich gibt es allervollkommenste Geister, welche die obersten Sphären der Sonnen bewohnen, die da sind ein ewiges Licht. Und die Geister von unten bis nach oben können einander nicht erschauen, d. h. deutlicher gesprochen: Die Geister einer unteren Stufe können die einer höheren Stufe nicht erschauen; wohl aber ist solches umgekehrt möglich und auch in der Ordnung gangbar.
GS|2|57|16|0|Solches aber ist auch notwendig, denn würden die unteren unvollkommeneren Geister die oberen vollkommeneren zu erschauen imstande sein, so würden sie dadurch in ihrer Freiheit beeinträchtigt werden; die vollkommeneren aber müssen die unvollkommeneren sehen, damit sie dieselben allzeit in der gehörigen Hut haben können.
GS|2|57|17|0|Aus dieser Betrachtung, meine ich, sollte euch wohl klar werden, wie diese Menschen hier in solcher Lichtintensität gar wohl bestehen können.
GS|2|57|18|0|Ihr habt zwar ehedem die Strahlenwirkung der Sonne durch einen Hohlspiegel bewirkt angeführt; ich aber sage euch: Es ist wahr, dass der höchst intensive Lichtpunkt, der da aus dem Hohlspiegel ausgeht, solch große Kraft der Auflösung in sich hat; aber woher kommt denn dieser Strahl? Von nirgendwo anders her, als von dem vom Hohlspiegel aufgenommenen Bild der Sonne, also endlich doch vom Hohlspiegel her. Da ließe sich denn doch wohl fragen: Wie mag dessen Strahl wohl den Diamant zerstören, während doch die viel leichter zerstörbare Materie des Hohlspiegels selbst nicht den allergeringsten Schaden leidet?
GS|2|57|19|0|Eine noch größere Frage wäre diese: Nach der auflösbaren Lichtstärke eines Brennpunktes aus dem Hohlspiegel zu urteilen, muss die Sonne auf ihrer ätherischen Lichtoberfläche ja eine so außerordentlich auflösende Kraft besitzen, dass ein noch bei weitem größerer Weltkörper, als da eure Erde ist, wie ein Wassertropfen am weißglühenden Eisen im Augenblick aufgelöst würde, wie er sich solcher Sonnenlichtglanzfläche nur auf etliche tausend Meilen nähern würde.
GS|2|57|20|0|Die Sonne selbst aber ist auch ein dichter materieller, freilich wohl immens großer Klumpen; wie ist es denn, dass dieser Klumpen von der unendlichen auflösenden Kraft nicht auch sobald zerstört wird? Seht, warum die Sonne in sich selbst gar wohl bestehen kann und noch andere Wesen auf ihr, findet ihr gründlich dargestellt in der ersten Einleitung zur Sonne, welche euch vom Herrn Selbst mitgeteilt ist; und ich sage euch demnach hier nur so viel, dass das Licht allzeit von einem leuchtenden Körper nach außen, aber nie nach dem leuchtenden Körper zurück in solcher zerstörenden Heftigkeit wirkend ist.
GS|2|57|21|0|Ihr wisst aber, dass wir uns hier auf einer Zentralsonne befinden, auf welcher das Licht in unmessbarer Intensität zu Hause ist. Aus diesem Grunde ist hier auch alles so höchst glanzvoll poliert, damit dadurch alles auf die Gegenstände einwirkende Licht trotz seiner immensen Intensität nahe bis auf den letzten Tropfen zurückgeworfen wird und kann darum mit den Körpern nicht zerstörend in Wechselwirkung treten.
GS|2|57|22|0|Und nun seht, aus eben demselben Grunde ist auch die Haut dieser Menschen so unaussprechlich zart und ihre Form so vollkommen als möglich abgerundet. Denn dadurch wird das auf sie einfallende Licht schnell zurückgeworfen und kann auf sie unmöglich zerstörend einwirken, ebenso wenig als das vom Hohlspiegel ausstrahlende Licht auf den Hohlspiegel selbst zerstörend wirken kann, weil es von seiner stark glänzend polierten Oberfläche zurückgeworfen wird. Freilich muss sich die Glanzoberfläche eines Körpers nach dem Grad der auf ihn einfallenden Lichtstärke richten.
GS|2|57|23|0|Aus dem aber geht dann hervor, dass auf einer jeden Welt das in Formen gehüllte Leben unter den dazu erforderlichen Gesetzen ganz wohl denkbar ist.
GS|2|57|24|0|Ich meine, wir brauchen über diesen Punkt nicht viele Worte mehr zu machen, denn ihr könnt aus dem schon hinreichend entnehmen, dass fürs Erste selbst eine Zentralsonne trotz aller ihrer Lichtintensität noch gar wohl zur Tragung frei lebender Wesen tauglich ist, und fürs Zweite könnt ihr daraus auch fast mit den Händen greifen, dass die menschlich lebenden Wesen auf solch einer Welt notwendig von solcher Zartheit und Schönheit sein müssen, ohne die sie nicht auf solch einer Welt zu existieren vermöchten. Da wir aber nun solches wissen, so können wir uns mit diesen überaus schönsten Menschen schon in einen näheren Konflikt einlassen.
GS|2|58|1|1|Begegnung mit den Bewohnern dieser Zentralsonne. Die misslungene Geistervertreibung
GS|2|58|1|1|(Am 8. August 1843 von 5 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|58|1|0|Wie sollen wir aber solches tun? Zunächst hängt ein solcher Effekt vom Herrn ab, dann aber von unserem festen Willen; mit diesem müssen wir uns selbst gewisserart fixieren, und haben wir das getan, so wird unsere Wesenheit sobald sichtbar vor diesen Menschen in die Erscheinlichkeit treten.
GS|2|58|2|0|Also tun wir denn auch das, und ihr werdet euch überzeugen in eurem inwendigen Schauvermögen, dass uns diese Menschen als vollkommen anwesend erschauen.
GS|2|58|3|0|Wir haben das getan. Und nun seht, wie diese Menschen ganz große Augen zu machen anfangen, drei ganz weltfremde Gäste unter ihnen zu erblicken! Einigen wird ganz unheimlich zumute, daher ziehen sie sich auch zurück, die anderen wissen nicht, was sie aus uns machen sollen.
GS|2|58|4|0|Daher geht auch schon eine Deputation an den Ältesten dieses Palastes ab, auf dass er herbeikommen, sein Urteil über uns abgeben und bestimmen solle, wer wir sind.
GS|2|58|5|0|Es beraten sich zwar einige Altweise über uns; aber wie wir leicht merken, so hat keiner den Mut, sich uns zu nahen und uns selbst über unsere Wesenheit zu befragen. Es ließe sich hier wohl fragen, woran es denn so ganz eigentlich liege, dass diese sonst so weisen Menschen den Mut nicht haben, sich uns zu nahen und uns selbst zu fragen. Die Ursache ist eben nicht so schwer zu finden, als man es auf den ersten Augenblick glauben möchte, und wir wollen sie bald heraushaben; und so hört denn!
GS|2|58|6|0|Zu manchen Gelegenheiten erscheinen diesen Menschen hier und da Geister. Aber auf diesem Platz ist es durch ihre Weisheit nicht bekannt, dass sich allda je ein Geist gezeigt hätte noch zeigen möchte, und da sie die Geister nur an bestimmten Plätzen zu sehen gewohnt sind, so fällt es ihnen umso mehr auf, hier auf diesem für alle Geister verpönten Ort nun Wesen zu erschauen, die sie für nichts anderes als Geister erkennen. Dieser Grund klingt freilich wohl, als wäre er ein wenig hohl, aber er ist das mitnichten und lässt sich sogar mit ähnlichen Erscheinungen auf der Erde in ein ziemliches Gleichgewicht bringen.
GS|2|58|7|0|Nehmen wir an, es gibt auf der Erde so manche Menschen, welche das Vermögen haben, Geister zu sehen; manche aber wenigstens dieselben wahrzunehmen. Wenn dergleichen Menschen z. B. in alten Burgen, auf Friedhöfen oder in anderen berüchtigten Gegenden zur nächtlichen Zeit irgend ein oder das andere Geistwesen erschauen, so wird es ihnen weniger als ungewöhnlich auffallen. So es sich aber ereignen sollte, dass sie dergleichen Wesen an einem ganz ungewöhnlichen Ort erblicken, als z. B. etwa auf einer öffentlichen Landstraße, auf einem allgemeinen Belustigungsort oder bei einem öffentlichen Volksfest, so wird eine solche Erscheinung einen sicher äußerst betrübenden Eindruck auf diejenigen machen, die ihrer ansichtig geworden sind.
GS|2|58|8|0|Und seht, ungefähr einen ähnlichen Eindruck macht unsere Erscheinung auf diese Menschen, und das auf diesem Platz; und das darum umso mehr, weil es bei diesen Menschen für eine Regel und Ordnung gilt, allhier nie ein geistiges Wesen zu erblicken, weil hier ein Freiplatz ist, von dem alle Geister verpönt bleiben sollen.
GS|2|58|9|0|Was aber diese Sache noch für einen ferneren Ausgang nehmen wird, werden wir sogleich erfahren, denn der Älteste naht sich uns schon mit einer Menge Geisterprobungs- und Geisterbannungs-Requisiten.
GS|2|58|10|0|Seht einen langen mit allerlei glänzenden Streifen umwundenen Stab in seiner Hand; ein anderer trägt ein siebeneckiges Tischchen, auf einer jeden Ecke ein anderes geheimnisvolles Zeichen eingegraben. Das zeigt uns ebenfalls, dass es hier auf eine Geisterprobung losgeht. Ein anderer neben dem Ältesten trägt einen großen goldenen Kreis, welcher freilich wohl von innen hohl ist; aber in dieser Höhlung ist künstlichermaßen ein Band gespannt und ist gewisserart von einer ähnlich magischen Wirkung für den Glauben dieser Menschen, als von welcher Wirkung da bei euch sind die sogenannten Amulette und Skapuliere. Ein dritter trägt hinter dem Weisesten und Ältesten wie ein einstiger römischer Liktor ein ganzes Bündel rotschimmernder Stäbe. Noch ein vierter trägt einen großen Knäuel übereinandergewundener Schnüre. Was wohl möchten diese Requisiten alles bezeichnen?
GS|2|58|11|0|Die Erfahrung wird es sogleich zeigen. Ihr müsst aber ja nicht erwarten, dass uns sobald jemand anreden wird und fragen, wer wir seien. Solches wird alles durch diese Instrumente geschehen; und so habt nur Acht!
GS|2|58|12|0|Seht, schon hat der Älteste den Kreis auf den Boden niedergelegt und lässt sich von zwei anderen Weisen in denselben hineinheben; denn selbst gehen darf er nicht, sonst wäre er nicht hinreichend isoliert von dem Geist und könnte demselben nicht den gehörigen Willenstrotz bieten. Nun steht er im Kreis, hebt seinen Stab empor und macht Miene, als wollte er einen gewaltigen Hieb über uns führen. Allein dadurch zeigt er uns nur die Macht seines Willens und die entschlossene Festigkeit seiner Herrschaft über uns Geisterwesen. Wären wir so ganz gewöhnliche Geister dieser Welt, so müssten wir, wie ihr zu sagen pflegt, Reißaus nehmen. Da wir aber nicht Geister von dieser Welt sind, so bleiben wir stehen. Was wird aber jetzt geschehen?
GS|2|58|13|0|Seht, jetzt wird der geheimnisvolle Tisch auch in den Kreis hineingestellt, und der Älteste haucht die Eckzeichen an, bestreicht den Tisch darauf mit dem Stab und führt ihn nun an unsere Gesichter. Wären wir Geister von dieser Welt und dazu etwas hartnäckiger Natur, so müssten wir jetzt uns ebenfalls sobald davonmachen, wollten wir nicht am Haupt in den Brand übergehen.
GS|2|58|14|0|Da uns aber auch diese Manipulation nicht angegriffen hat, so wird nun der Schnurknäuel hineingereicht. Das eine Ende wird an dem Stab befestigt, den der Älteste in seiner Hand hält und ihn zugleich auf den geheimnisvollen Tisch stützt, der Knäuel aber wird dann hinausgegeben. Und seht, alle Anwesenden nehmen diesen Knäuel von Hand zu Hand, stets abwindend, und ein jeder behält die Schnur in der Hand. Was soll denn das bedeuten? Das bedeutet die Verstärkung des Willens; man könnte diese Schnur eine magnetische nennen. Durch diesen allgemeinen Willensrapport sollen wir ganz bestimmt weichen, sobald der Stab über uns gesenkt wird; – allein wir weichen nicht.
GS|2|58|15|0|Daher machen unsere schönen Geisterbannungs-Manipulanten beiderlei Geschlechts ganz verzweifelt erschrockene Mienen, und es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zu den exorzistisch mächtigen Stäben zu greifen. Seht, die Stäbe werden schnell verteilt, und der Älteste im Kreis nimmt drei, während ein jeder andere nur einen empfängt. Der Älteste schlägt sich nun dreimal auf die Achseln; desgleichen tun auch die anderen. Das solle uns ganz bestimmt zum Weichen bringen, so wir Geister wären. Weil wir aber nicht weichen und uns bei all dieser verhängnisvollen Manipulation ganz wohl befinden, so werden wir nun nicht mehr für Geister, sondern für Wesen ihresgleichen gehalten; freilich wohl nicht als solche, die in einem solchen Palast geboren sind, sondern als ganz gewöhnliche Landstreicher, die sich freilich unbefugtermaßen die große Keckheit dreist genommen haben und betraten dieses außerordentliche Heiligtum der allervornehmsten und weisesten Menschen dieses großen Kreisgebietes, welches freilich wohl mehr Flächenraum hat als einmalhunderttausend eurer Erden. Was wird aber in dieser Hinsicht nun mit uns geschehen?
GS|2|58|16|0|Seht, der Kreis wird aufgehoben, das Tischchen weggetragen und der Exorzismus körperlichermaßen auf uns angewendet.
GS|2|58|17|0|Aber nun seht, der Älteste hat soeben mit seinen drei Stäbchen auf meine Achsel einen Hieb geführt, und seine Stäbchen sind gewisserart ganz leicht durch meinen erscheinlichen Leib gefahren. Das war aber auch genug, um diese gesamte Menschenmasse in einen verzweifelten Schreck zu versetzen.
GS|2|58|18|0|Was werden denn diese erschreckten Menschen jetzt tun? Einige entferntere, die sich den Pförtlein näher befanden und glücklicherweise an der Schnur wegen ihres Nichtauslangens nicht teilgenommen haben, haben es schon getan, das heißt, sie haben schon das sogenannte schnelle Consilium Abeundi genommen. Die an der Schnur Teilhabenden samt dem Ältesten möchten auch desgleichen tun. Aber der Älteste will doch vor seinen Kindern keinen unweisen Feigfuß machen; daher hat er sich bereits entschlossen, nicht an uns, sondern vorerst an die Seinen eine zu beherzigende Anrede zu machen. Seht, er deutet ihnen, aufmerksam zu sein, und richtet soeben diese Worte an sie:
GS|2|58|19|0|Hört, ihr meine Kinder und Kinder der Kinder! Ich habe gegen diese drei geheimnisvollen Wesen alles in Anwendung gebracht, was seit undenklichen Zeiten der Zeiten allzeit mächtig gewirkt hat auf dergleichen Gäste, wo immer sich dieselben gezeigt haben. Waren sie guter Art, wie wir es sind, so offenbarten sie sich uns sogleich und gaben uns treulich an, wes Grundes sie erschienen sind. Waren sie aber listiger Art, als da gewöhnlich sind Geister derjenigen aus den Landgebieten, denen es nie gestattet war, zufolge ihrer unausgezeichneten Lebensweise, sich diesem heiligen Wohnort zu nahen, so mussten sie selbst bei ihrer größten listigen Hartnäckigkeit wenigstens bei der letzten Stäbe-Manipulation und bei der vollsten Konföderation unseres Willens sobald weichen.
GS|2|58|20|0|Wären sie natürliche Wesen, so wären sie vor meinem Dreistabhieb sicher sobald gewichen; allein, wie ihr alle gesehen habt, mein Hieb fuhr durch das ganze mittlere Wesen und dasselbe rührte sich nicht. Also ist solches ein Zeichen, dass diese Wesen höherer Art sein müssen.
GS|2|58|21|0|Daher habe ich mich mit meinem ganzen Leben entschlossen, mich diesen Wesen zu nähern und mich allerdemütigst zu erkundigen, was da wohl der Grund solch einer gänzlich ungewöhnlichen Erscheinung sein dürfte. Haltet aber dessen ungeachtet fest an der Schnur, damit wir dadurch ja mit einem Herzen und mit einem Willen uns diesen geheimnisvollen Wesen wirksam zu nähern vermögen.
GS|2|58|22|0|Seht, nach diesem Aufruf bewegt sich unser Ältester, der seinem Aussehen nach gleichwohl der Jüngste heißen könnte, zu uns mit der größten hier sittlichen Ehrfurcht, welche darin besteht, dass er seine beiden Hände über die Stirn legt, um dadurch anzuzeigen, dass seine Weisheit vor uns null und nichtig ist, und dann mit freier Brust uns entgegentretend, um anzuzeigen, dass er alle seine Liebe und sein Leben uns zum Opfer zu bringen bereit ist.
GS|2|58|23|0|Nun steht er vor uns; welch ein Adel, welch eine allererhabenste Schönheit in seiner Form! Lässt sich etwas Zarteres und Weicheres auch nur ahnen? Ich meine, solches wird wohl von euch keinem möglich sein. Nun aber macht dieser unbeschreiblich schöne Mensch Miene, mit uns zu reden, und so denn wollen wir ihn anhören!
GS|2|59|1|1|Bedingungen zur Erlangung der Gotteskindschaft ohne Inkarnation auf der Erde
GS|2|59|1|1|(Am 16. August 1843 von 5 1/4 – 7 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|59|1|0|Hört ihn an, denn er beginnt Worte an uns zu richten, und die Worte lauten:
GS|2|59|2|0|[Der Älteste:] Hört mich an, ihr überaus geheimnisvollsten Wesen! Ich habe nach unserer weisen Art unsere von alters her allzeit sicher wirkenden Schutzmittel angewendet; sie halfen aber nichts. Ihr seid Geister; denn solches erkannte ich mittels meines Stabhiebes, und ihr müsst gar überaus mächtige Geister sein, da euch alle meine Schutzmittel nicht hintanzutreiben vermochten. Gebt mir aber doch kund, wer und woher ihr seid, auf dass ich mit meinem ganzen großen Haus mich zu einem würdigen Empfang eurer Wesenheit vorbereite.
GS|2|59|3|0|Wir haben wohl Kenntnisse in unserer tiefsten Weisheit, dass Gott der Herr, der allmächtige Erschaffer aller Dinge, unserer großen Welt und anderer Welten und aller hohen Geister, einst auf irgendeiner Welt Sich niedergelassen und die Kinder solcher Welt zu den Seinigen gemacht hat. Und diese Kinder, als Kinder des unendlichen Gottes, sollen von einer unendlichen Vollmacht und Stärke sein, und das in jeder Beziehung, sowohl in der wirkenden Kraft als auch in der dazu erforderlichen Weisheit.
GS|2|59|4|0|Sagt mir, seid ihr etwa von dort her? Denn seid ihr von dort her, dann wehe uns allen armmächtigen Bewohnern dieser Welt! Denn wir wissen aus unserer tiefsten Weisheit, dass dergleichen Kindergottesgeister nicht nur eine solche Welt, wie da die unsrige ist, sondern ganze Heere solcher Welten mit einem leisen Hauch zu vernichten imstande sind.
GS|2|59|5|0|Seid ihr demnach Geister solcher Art und sind wir grobe Sünder vor euch, so fordert Opfer zur Sühnung; aber nur verderbt uns und unsere Welt nicht!
GS|2|59|6|0|Nun rede ich: Höre mich an, du weiser Ältester dieses Ortes! Wir sind das, als was zu sein du uns bezeichnet hast. Aber wir sind nicht im Geringsten darum hier, um etwa eure Welt und euch zu vernichten, ja nicht einmal ein Haar soll euch gekrümmt werden, und nicht das geringste Opfer sollt ihr uns darbringen; denn solches gebührt allein Gott, dem Herrn, unserem allerliebevollsten Vater, der da lebt, schafft und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit!
GS|2|59|7|0|Aber solches möchten wir uns von euch erbitten, dass ihr uns für eine sehr kurze Dauer mit derselben Liebe aufnehmen sollt, mit welcher wir zu euch gekommen sind, nämlich mit der Liebe Gottes in euren Herzen.
GS|2|59|8|0|Der Zweck unseres Hiererscheinens aber ist, nach dem Willen des Herrn einen belehrenden Blick in eure Welt zu tun und euch bei solcher Gelegenheit auch zu verkündigen die große und unendliche Liebe und Erbarmung Gottes zu all Seinen geistig lebendigen Geschöpfen!
GS|2|59|9|0|Daher fürchtet euch nicht vor uns; sondern seid fröhlich und voll heiteren Mutes; denn Gott, unser Herr und Vater, hat alle Seine Geschöpfe für Freude und Seligkeit nur, aber nie für Schrecknisse, Traurigkeiten, Qualen und Schmerzen erschaffen!
GS|2|59|10|0|Nun spricht der Älteste: Eine überaus große Ehre und ein ebenmäßig großes Lob sei dem heiligen Erschaffer aller Dinge, dass Er uns so gnädig heimgesucht hat in Seinen endlos großmächtigen Kindern. Wir sind nun überzeugt, dass ihr nicht zu unserem Untergang, sondern nur zu unserer großen Wohlfahrt hierhergekommen seid; daher aber seid uns auch wie kein Ding auf dieser Welt und kein Geschöpf in der größten Vollliebe unserer Herzen willkommen!
GS|2|59|11|0|Hier wendet sich der Älteste zu seinen Kindern und spricht zu ihnen: Seht hierher, alle Kinder meines Hauses! Der große Gott hat uns gar lieblich heimgesucht, um uns zu zeigen die Nichtigkeit unserer Weisheit und die Schwäche unserer Liebe. Seht, diese, die da unüberwindbar, gar höchst schlicht und einfach vor uns stehen, ohne Glanz und Prunk, sind wahrhaftige Kinder des ewig allmächtigen, großen Gottes. Was ist all unser Glanz und all unsere Pracht gegen die unbegreifliche Erhabenheit solcher glanzlosen Schlichtheit, welche aber dennoch erfüllt ist mit aller Fülle der göttlichen Kraft!? Fallt nieder und lobt und betet an den großen Gott, der uns in solcher Erscheinung eine unendlich große Gnade und Erbarmung erwiesen hat!
GS|2|59|12|0|Seht, schon einige Male brannte das Holz auf dem Altar, und keiner aus uns hatte den Mut, die Hände auf denselben zu legen, um dadurch in jene Welt zu gelangen, die Gott der Herr für Seine Kinder erschaffen hat, um auf derselben zu überkommen eben auch die Kindschaft Gottes entweder in einem neuen Leib oder in einer schutzgeistigen Stellung. Jetzt aber haben wir die Gelegenheit vor uns, zu erfahren die gründlichen Bedingungen, welche dazu erforderlich sind. Bisher wussten wir wohl aus den Zeichen der Flamme, was alles der große Gott von jenen fordert, die da in Seine Kindschaft übergehen wollen. Die Zeichen waren sicher richtig; aber nicht also unsere Erkenntnis und unser Glaube. Diese werden uns sagen, was man so ganz eigentlich zu tun hat, um zu solcher unendlichen Gnade zu gelangen, – und so habt denn Acht, denn der hohe Geist in der Mitte hat mich verstanden, und er wird es uns allen kundtun, was da ist der reine Wille Gottes und was wir tun sollen zur Erreichung des Wohlgefallens Gottes.
GS|2|59|13|0|Nun rede ich: Höre, du achtbarer Ältester dieses Hauses! Eure Zeremonie, eure Flammenzeichen-Deuterei ist zur Erreichung eures vorgesteckten Zweckes gänzlich überflüssig; diese Zeremonie ist kaum nur ein äußeres Bild dessen, das ihr innerlich in euch tun sollt. Ich aber will euch, und namentlich dir für euch alle, in der Fülle der Wahrheit zeigen, was da allein ist der rechte Weg; und so wolle mich denn vernehmen!
GS|2|59|14|0|Weißt du, was da ist die Liebe zu Gott? Willst du ein Kind des Herrn sein, so musst du nicht sein wollen der Erste und der Vornehmste, sondern musst sein gleich einem geringsten Knecht gegen alle diejenigen, die du führst. Du musst sie nicht lehren die Weisheit in sich, sondern die Demut und Liebe in sich, dann wirst du und die Deinigen erst diejenige wahre Weisheit überkommen, in welcher da zugrunde liegt alle wirkende Kraft. Die ganze Regel ist demnach diese:
GS|2|59|15|0|Sei von ganzem Herzen demütig! Liebe Gott aus all deinen Lebenskräften über alles und erfülle in dem Seinen Willen, dass du deine Brüder und Schwestern liebst und achtest mehr denn dich selbst! Wenn du solches tust, so bist du ein Kind Gottes und brauchst deine Hand nicht an den Altar zu legen; denn darin ist der Unterschied zwischen den Kindern und sonstigen vernünftigweisen Geschöpfen Gottes, dass die Kinder ihr Herz, die Geschöpfe aber nur ihre Hand an den Altar legen. Gott aber sieht nie auf die Werke und Zeichen der Hand, sondern allein nur auf die Werke und Zeichen des Herzens.
GS|2|59|16|0|Was nützt es dir, so du mit der erlernten Weisheit und Kraft deiner Kinder noch größere Werke aufführen ließest, als da ist dieses Gebäude, das uns trägt? Siehe, solches vermag der Herr mit einem allerleisesten Gedanken, und Seine Kinder vermögen es auch durch Seine Kraft in ihnen; ja sie vermögen nicht nur dergleichen Werke im Augenblick, sondern ganze Schöpfungen mit einem einzigen Gedanken ins Dasein zu rufen. Und wenn du dagegen deiner Kinder Hände-Werke betrachtest, die sie mühsam aufführen mussten, sage mir, was sind sie dagegen? Nichts als ein eitles Mühen nach dem, was auf diese Art unerreichbar ist.
GS|2|59|17|0|Daher beachte das, was ich dir nun angezeigt habe, und bei euch allen wird ein anderes Lebenslicht aufgehen; denn Wesen, wie ihr seid, hat die unendliche Liebe Gottes nicht zur Knechtschaft, sondern für die ewige Freiheit erschaffen! Diese Freiheit aber könnt ihr nimmer durch eure Weisheit erlangen, sondern allein nur durch Demut und Liebe zu Gott. Du fragst mich, wie man es denn anstellen soll, um Gott über alles zu lieben?
GS|2|59|18|0|Ich sage dir: Geradeso, als wie du es anstellst, wenn dein Herz für irgendein großes darzustellendes Werk erbrennt. Allda ist dir alles Sonstige, als wäre es nicht da, und du lebst allein für dein Werk. Kehre die Sache um, und betrachte alles deiner Welt für wertlos, und setze den Herrn über alles in deinem Herzen, so liebst du Gott über alles; und in dieser Liebe wird der Geist Gottes in deinem Herzen Wohnung nehmen, und du wirst von diesem Augenblicke an sein ein wahrhaftiges Kind Gottes! Nun weißt du alles.
GS|2|59|19|0|Willst du danach handeln, so wirst du auch das erlangen, was du erlangen möchtest. Denn siehe, Gott der Herr, der gute Vater aller Seiner Kinder, hat keine Freude an der Pracht und am Glanz; darum sind auch wir, Seine Kinder, ganz einfach und schlicht; und Er Selbst als Vater ist der Einfachste und Schlichteste unter Seinen Kindern!
GS|2|59|20|0|Daher wirst du Ihn mit all dieser großen Pracht nimmer bestechen, denn dergleichen zu erzeugen vermag Er mit einem Gedanken, wie Er diese übergroße Welt und noch zahllose andere ebenso große und noch größere Welten erschaffen hat.
GS|2|59|21|0|Aber mit einem reinen liebeerfüllten Herzen wirst du Ihn bestechen, und Er wird dir in einem Augenblick mehr geben, als du mit all deiner Weisheit nach undenklichen Zeiten und Zeiten erlangen magst.
GS|2|59|22|0|Nun weißt du auch, wie Gott der Herr beschaffen ist und wie man Ihn lieben muss; daher magst du handeln danach, und du wirst nicht notwendig haben, dich auf eine andere Welt zu übersetzen.
GS|2|59|23|0|Besinne dich aber nun, fasse diese meine Worte zusammen und gib mir dann kund, wie du sie aufgefasst hast, und ich werde dir dann noch fasslicher zeigen, wie du es anzustellen hast, um zur wahrhaftigen Liebe zu Gott zu gelangen.
GS|2|59|24|0|Seht, unser Ältester legt seine Hände auf die Brust und fängt an nachzudenken. Wir aber wollen harren und dann vernehmen, mit welchen Resultaten er zum Vorschein kommen wird.
GS|2|60|1|1|Weitere Details zur Erlangung der Gotteskindschaft ohne Inkarnation auf der Erde. Von der Menschwerdung des Herrn
GS|2|60|1|1|(Am 17. August 1843 von 5 1/2 – 7 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|60|1|0|Nun spricht der Älteste, und wir wollen ihn hören, denn er hat sich die Sache weise überlegt, und ihr werdet euch verwundern, mit welcher tiefen Weisheit unser Mann zum Vorschein kommen wird. Seine Worte aber fangen also an zu lauten:
GS|2|60|2|0|Hoher Abgesandter dessen, der da allmächtig ist und erschaffen hat alles Licht und alle Masse der Welt! Dein Rat ist so überaus gut, triftig und allerinnerlichst weise, dass sich darüber von mir, als dem Weisesten dieses Ortes, nicht die allerleiseste Einwendung machen lässt.
GS|2|60|3|0|Wahr ist es, dass die Liebe oder der Drang im Herzen zu seinem Schöpfer alles vermag; denn wenn ich mit meinem Herzen als dem Grund meines Lebens den Schöpfer ergriffen habe, so habe ich mich auch sicher vollkommen mit Ihm verbunden und somit in eins gestellt, und da ich dadurch mit dem Grund meines Lebens auch meinen Willen vollkommen dem allmächtigen Willen des Schöpfers unterworfen habe, so ist es auch nicht anders denkbar, als dass ich fürder nur das wollen kann, was da ist der Wille des allmächtigen Gottes.
GS|2|60|4|0|Bis hierher, erhabener Gesandter, wäre alles in der vollkommensten Ordnung und lässt sich nicht im Geringsten irgendeine Einwendung machen; aber nun kommt etwas anderes. Wenn sich dieses mit dem obigen Grundsatz vereinen lässt, dann ist freilich wohl alles gewonnen; lässt sich aber solches nicht tun, so bleibt, wie bisher, die Erlangung der Kindschaft Gottes ein überaus fragliches Problem, und wir können höchstens den frommen Wunsch in uns danach tragen, aber ungeachtet dessen dennoch nie die Kindschaft Gottes überkommen. Dieser Punkt, der dem oberen Grundsatz zuwiderläuft, ist aber folgender:
GS|2|60|5|0|Mir ist es bekannt, dass alle Weltkörper samt ihren Bewohnern mit einem vollkommenen Menschen in vollkommener, unabänderlicher Korrespondenz stehen, und zwar so, dass eine Welt entspricht einem Gliedteil, eine andere wieder einem anderen; und so korrespondieren zahllose Welten mit den zahllosen Einzelheiten, aus denen ein vollkommener Mensch durch die Macht der göttlichen Weisheit geschaffen ist.
GS|2|60|6|0|Nun aber wissen wir auch, dass die Glieder und alle die Teile eines Menschen wohl zu einem und demselben Lebenszweck dienlich sind; aber die Erfahrung lehrt es nur zu augenscheinlich, dass aus dem Fuß nie eine Hand, aus der Hand nie ein Kopf, aus dem Mund kein Ohr, aus der Zunge kein Auge, aus der Nase keine Brust u. d. m. werden kann. Also hat der Mensch ein lebendiges Herz in sich, und dieses liegt wirkend in seiner Brust. Von diesem Herzen lebt zwar der ganze Leib, und es ist nicht zu behaupten, dass an und für sich irgendein Teil des Leibes zufolge der göttlichen Ordnung weniger wichtig ist als der andere; aber dessen ungeachtet hat alles Leben doch nur im Herzen seinen Grundsitz, und die Glieder des ganzen Leibes können nie das Herz ersetzen.
GS|2|60|7|0|So dasselbe unwiderlegbar wahr ist, wie möglich können dann diejenigen, wenn auch in ihrer Art vollkommenen Geschöpfe die Kindschaft Gottes überkommen, so sie in ihrer Art nicht eben auch dem Herzen des großen Gottes entsprechen, da sie nicht sind auf einer Welt, die da von Gott Selbst aus korrespondierend gestellt ist mit Seinem Herzen? Was nützte es einem Glied, so es auch den größten Drang in sich empfinden würde, in ein Herz umwandelt zu werden? Wird solches je geschehen?
GS|2|60|8|0|Also bin ich der Meinung, da wir Bewohner dieser Welt nach unserer Wissenschaft nur mit dem Auge des Herrn korrespondieren, dass wir darum nimmer können Korrespondenzen Seines Herzens werden, oder wir können nimmer die volle Kindschaft Gottes überkommen, außer wir müssten eher gänzlich zunichtegemacht werden. Alsdann erst ließe sich eine neue Umgestaltung mit unserer Bestandsordnung denken. Solches aber geschieht sichtbar durch die Händeauflegung der Mutigsten auf den flammenden Altar, allda sie dann im Augenblick zu sein aufhören und von ihnen nichts übrigbleibt, als jenes stumme Fluidum, welches in einem jeden Wesen, sei es eine Welt, ein Stein, eine Pflanze oder ein anderes lebendiges Geschöpf, mit dem Herzen des Schöpfers gänzlich unbewusstermaßen in der Entsprechung steht.
GS|2|60|9|0|Siehe nun, erhabenster Gesandter, dies ist der zweite Grundsatz, der für uns Bewohner dieser Welt den ersten von dir ausgesprochenen wenigstens für meine bisherige Erkenntnis notwendigerweise gänzlich zunichtemacht.
GS|2|60|10|0|Weißt du mir dagegen ein anderes Licht zu zeigen, durch welches diese meine gegründete Erkenntnis widerstrahlt wird, so gib es mir gnädigst kund, und ich will dasselbe also aufnehmen und es mir also eigen machen, als hätte nie ein anderes Licht die inneren Gemächer meines Lebens erhellt.
GS|2|60|11|0|Nun spreche wieder ich: Höre, mein achtbarer Ältester dieses Hauses! Du hast weise gesprochen in deiner Art; aber deine Weisheit ist nicht geschmeidig und nicht flüssig, weil sie stets von der schroffen äußeren Form ausgeht. Du treibst dich fortwährend in lauter Entsprechungen herum und bleibst daher auch gleich einem Glied am Leib haften und kannst nicht verlassen deine Stelle.
GS|2|60|12|0|Siehe, das ist aber ja nur das Eigentümliche der äußeren gerichteten Form; aber der reine freie Geist hat kein Gericht und kann daher in seiner Ganzheit allzeit vollkommen mit der Liebe Gottes in der Entsprechung stehen. Denn es gibt in der ganzen Unendlichkeit kein anderes Leben, als das Leben, welches ausgeht aus der Kraft der Liebe in Gott.
GS|2|60|13|0|Korrespondierst du schon deiner wesentlichen äußeren Form nach nicht mit dem Herzen Gottes, so aber korrespondierst du deinem Leben nach so gut wie ich vollkommen mit dem Herzen Gottes; und wäre solches nicht der Fall, so hättest du ewig kein Leben und dein Geist wäre kein Geist, wenn er nicht wäre eine Kraft mit der unendlichen Kraft der ewig lebendigen Liebe im Herzen Gottes.
GS|2|60|14|0|Deinem formellen Wesen nach, welches in harte Entsprechungen eingeschichtet ist, kannst du freilich wohl nicht die Kindschaft Gottes überkommen, aber in deinem Geist so gut wie ich, wenn du durch die Liebe zu Gott denselben deiner schroffen Wesenheit entbinden kannst.
GS|2|60|15|0|Solches aber ist nur dadurch möglich, wenn du dich in deiner inneren Begierlichkeit gänzlich aller Weltpracht und Herrlichkeit völlig flott [frei] machen kannst und dann mit der gesamten Kraft deines Lebens nichts als allein das Wesen der Liebe Gottes ergreifst.
GS|2|60|16|0|Dieses Wesen aber ist das Göttlich-Menschliche, oder es ist der dir undenkbare Gott in Seiner Wesenheit ein vollkommener Mensch, der da auf einer Welt, „Erde“ genannt, Selbst das Fleisch angenommen hat und ward ein Mensch vollkommen also, wie alle von Ihm geschaffenen Menschen es sind.
GS|2|60|17|0|Und dieser vollkommene Mensch aller Menschen hat sogar einen schmerzlichsten Tod Seines Fleisches aus unendlicher Liebe zu all Seinen Geschöpfen erleiden wollen, um ihnen dadurch die endlos heilige Pforte zu öffnen, durch welche sie als Seine Kinder also zu Ihm gelangen und Ihn sehen und sprechen können wie ihresgleichen, als wären sie ebenfalls Götter also, wie Er es ist von Ewigkeit.
GS|2|60|18|0|Der Name dieses Menschen aller Menschen, der da ist Gott von Ewigkeit und hat erschaffen alle Dinge, heißt nunmehr Jesus, welcher Name besagt, dass Er ist ein Heiland aller Seiner Geschöpfe. Und Sein Wort, das Er geredet hat, ward gerichtet an alle Kreatur, und somit hat Er auch alle Seine Kreatur zum Heil Seiner Liebe berufen, und du bist davon so wenig ausgeschlossen als ich, Sein Zeitgenosse auf Erden, es war.
GS|2|60|19|0|Er Selbst sagte: „Ich aber habe noch viele Schafe, die nicht in diesem Schafstall sind; und diese will Ich hierherführen, damit da ein Hirt und eine Herde werde!“
GS|2|60|20|0|Siehe, unter solche Schafe oder Geschöpfe, die nicht [in diesem Schafstall (der Erde) sind, gehörst auch du], wie alle Bewohner dieser großen Welt; ergreift diesen Gottmenschen Jesus in eurem Herzen und legt keinen Wert auf eure Welt, so seid ihr schon Kinder Gottes, wie ihr da lebt und webt.
GS|2|60|21|0|Ich sage dir nicht, als solltest du darob dein großes überprachtvollstes Haus niederreißen und an dessen Stelle setzen unansehnliche Wohnhütten; aber reiße es in deinem Herzen nieder, und besitze es also, als besäßest du es gar nicht. Gib alles dem Herrn zu eigen und wandle in aller Demut und Liebe zu Ihm wie zu deinen Kindern, Brüdern und Schwestern, so wird der Geist des Herrn Selbst über dich kommen und dich leiten in alle Weisheit der Himmel! Siehe, das tut not; alles andere aber ist null und nichtig vor dem Herrn.
GS|2|60|22|0|Denke dir einmal, wie groß die Liebe des Gottmenschen sein muss, da Er, der ewige alleinige Herr und Schöpfer der Unendlichkeit, Selbst völlig arm sein will, damit alle Seine Kinder desto reicher würden!
GS|2|60|23|0|Wenn du aber nun solches aus der Tiefe der rein göttlichen Weisheit und Liebe in mir erfahren hast, so suche du allen Reichtum zu fliehen; gib alles mit der größten Liebe der unendlichen Liebe des Herrn wieder zurück und suche im Besitz Seiner Selbst, und nichts anderem dazu, den allerhöchsten Reichtum, dann wirst du das allerhöchste Gut besitzen in unendlicher Fülle!
GS|2|60|24|0|Suche nicht die Kraft und die Macht des Herrn dir eigen zu machen, sondern suche vielmehr ein Allerschwächster und Allergeringster in Seinem Reich zu werden und nichts zu besitzen als Seine Liebe und nichts zu wünschen, als nur bei Ihm zu sein, dann wirst du ewig wohnen wie ein zartes, vielgeliebtes Kindlein auf den allerheiligsten Armen des ewig allerliebevollsten Vaters!
GS|2|60|25|0|Siehe, das ist der wahre Grundsatz; nach diesem lebe und du wirst nicht brauchen samt den Deinen auch nur mit einem Finger den Altar anzurühren und wirst dennoch ganz vollkommen die Kindschaft Gottes auf dieser deiner Welt zu überkommen vermögen.
GS|2|60|26|0|Stoße dich aber nicht an meiner nun bei weitem weniger schönen Form, als da ist die deinige; denn an der Form ist nichts gelegen. Eure endlos schöne Form ist nur ein äußeres Bedürfnis für diese Welt, welche vom Herrn gestellt ist, zu erleuchten mit ihrem mächtigen Licht nahe zahllose andere kleinere Welten, welche nicht also, wie diese, mit dem Licht umhüllt sind. Also ist für diese Welt solche Zartheit der äußeren Form deines Wesens ein Bedürfnis, da ihr mit einer anderen unmöglich auf dieser Welt bestehen würdet; aber ganz anders verhält es sich mit der Schönheit des Geistes. Diese richtet sich nimmer nach der äußeren Form, sondern lediglich nur nach der alleinigen Liebe zum Herrn; denn diese ist die wahre und allerhöchste Schönheit des Lebens!
GS|2|60|27|0|Nun überdenke du, mein achtbarer Ältester, diese meine Worte, und sage mir dann, inwieweit du sie verstanden hast und inwieweit nicht, und ich werde dir dann sobald jeden dir möglich aufstoßenden Zweifel aus dem Grund deines Lichtes also erhellen, dass du mit leichter Mühe auf den wahren Grund der ewigen Wahrheit Gottes schauen sollst – und also tue das!
GS|2|60|28|0|Seht, unser Ältester und alle seine Kinder fallen auf ihr Angesicht und fangen an, in ihren Herzen sich zu regen. Wir aber wollen abwarten, was da herauskommen wird.
GS|2|61|1|1|Demut und Gotteskindschaft
GS|2|61|1|1|(Am 19. August 1843 von 5 1/2 – 7 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|61|1|0|Der Älteste erhebt sich nun wieder, und wie ihr in eurem Gemüt leicht bemerken könnt, so schickt er sich wieder an, mit mir zu reden. Es sei! Ich habe ihm solches gestattet; also soll er auch reden und so spricht er denn:
GS|2|61|2|0|Allererhabenster unter den Gesandten des großen Gottes! Darum du ein Zeitgenosse nach deinem Zeugnis warst auf jener Erde, auf welcher es dem großen Gott gefallen hatte, gleich Seinen Geschöpfen ein Mensch zu sein, um dadurch aller Kreatur die Pforten zum ewigen Leben zu öffnen, – dir sage ich, dass ich deinen Worten auf den möglichen Grund des Grundes nachgespürt, sie sämtlich als recht befunden und meine Weisheit angestrengt habe, um irgendeinen Widerspruch zu finden. Allein ich vermochte auch nicht auf einen Punkt zu stoßen, der mir die große Wahrheit deiner Aussage nur im Geringsten hätte verdächtigen können.
GS|2|61|3|0|Ich sehe es nun klar ein, dass man nach deiner Lehre auf jeder Welt die Kindschaft Gottes überkommen kann, so man nur danach handelt und sein inneres Leben sucht in dem Namen des Gottmenschen freizumachen. Ich sehe auch ein, dass das Händeauflegen auf den flammenden Altar nur vielmehr ein äußeres Bild dessen ist, was das menschliche Geschöpf im Grunde des Grundes geistig in sich tun soll.
GS|2|61|4|0|Also in dem wäre nirgends auch nur ein allerleisester Zweifel vorhanden; aber ein ganz anderes Ding steckt hier im Hintergrund, und in dieser Hinsicht bin ich noch trotz dieser lichten Welt in einer bedeutenden Dunkelheit, und dieser mir dunkle Punkt lautet also:
GS|2|61|5|0|Du hast gesagt, die Demut ist die Grundbedingung zur Erlangung der Kindschaft Gottes; denn aus dieser ausschließlich die Liebe zum alleinigen Gott hervorgeht. Nun aber kann doch niemand ewig je in Abrede stellen, dass da „ein Kind Gottes sein“ doch sicher unendlich mehr sagen will, als wenn man hier auf dieser Welt auch das allerhöchste und allervollkommenste geistige Wesen ist. Hier weiß ich mir nicht zu bescheiden und aufzuklären, ob beim „unter was immer für einer Handlungsbedingung mehr werden wollen“ irgend von einer wahren Demut die Rede sein kann.
GS|2|61|6|0|Ich setze den Fall, ich will als Kind Gottes auf der allergeringsten und allerletzten Stufe stehen und will durchaus keine Kraft und keine Macht, sondern allein nur die selige Fähigkeit, Gott den Allmächtigen stets mehr und mehr zu lieben aus allen Kräften eines geistigen Lebens, das wäre doch sicher die geringstmöglichste Forderung im Zustand der Kindschaft Gottes.
GS|2|61|7|0|Wenn ich aber dagegen bedenke, dass ich in meinem gegenwärtigen Zustand auch nicht ein Atom gegen die sichere Größe solch eines allergeringsten Kindes Gottes ausmache, so will ich ja doch offenbar in der Erlangung solcher geringsten Kindschaft Gottes notwendigerweise mehr werden. Bei uns heißt eine solche Demut, durch welche ein Mensch irgend mehr werden will, eine schmähliche Kriecherei. Wie ist dann solche geistige Demut vor Gott zu nehmen, wo man doch notgedrungenermaßen entweder im schlimmeren Falle mehr werden will, als man vom Urbeginn der göttlichen Ordnung her war, oder wo man im besseren Falle wenigstens alleroffenbarlichst mehr werden muss. Wenn das Mehrwerden nicht voranstünde, so wäre dein mir vorgezeichneter Weg in jedem Punkt als vollgültig anzunehmen. Da sich aber dieses verhängnisvolle „Mehr“ weder auf die eine, noch auf die andere Art hinwegschaffen lässt, so kann ich die Demut nicht als diejenige Tugend betrachten, welche zur Erlangung der Kindschaft notwendig sein soll, da sie, nämlich diese Tugend, am Ende zufolge des Mehrwerdens doch nur als eine Gleißnerei, Kriecherei und Heuchelei betrachtet werden kann.
GS|2|61|8|0|Zu diesem Punkt gesellt sich aber noch eine andere Fraglichkeit und diese besteht darin: Hat irgendein freidenkendes, sich selbst bewusstes und freitätiges Geschöpf das Recht, unter irgendeinem Vorwand mit der Stellung unzufrieden zu sein, welche ihm die allerhöchste Güte und Weisheit Gottes vom Uranbeginn an erteilt hatte? Was ist die Unzufriedenheit? Sie ist fürs Erste die Ungenügsamkeit an dem Gegebenen und eben darum auch der Undank für das Gegebene.
GS|2|61|9|0|Nun fragt es sich: Wenn ich durch Liebe und Demut ein Kind Gottes, also ums Unaussprechliche mehr werden will, als ich jetzt bin, wie sieht es da mit meiner Zufriedenheit und Dankbarkeit für das aus, was ich durch die unendliche Gnade Gottes allhier bin?
GS|2|61|10|0|Sind die Demut und die Liebe unter solchem Anbetracht wohl genügend, solchem Undank als Äquivalent entgegenzustehen, besonders wenn nicht einmal Gott Selbst mir das unaussprechliche Mehr im Zustand der Kindschaft Gottes hinwegräumen kann?
GS|2|61|11|0|Ich meine, du erhabenster Gesandter wirst mich wohl verstehen, was ich damit, wenn schon abgerissen, im klaren Ideengang habe sagen wollen. Ja, wenn du sagst, ich werde als Kind Gottes ums Außerordentliche geringer, schwächer, unvollkommener, als ich hier bin, so ist die Demut ein rechter Weg, die Kindschaft Gottes zu erlangen; aber mit dem Bewusstsein, mehr zu werden in jeder Hinsicht, ist die Demut offenbar, wenigstens für diesen meinen gegenwärtigen Begriffszustand, der unpassendste Weg.
GS|2|61|12|0|Denn siehe, bei uns, wie du es sicher aus der Weisheitskraft des Herrn wissen wirst, ist solche unwandelbare Sitte, dass da nie ein Mensch [um irgendein Entgelt] etwas tun darf, sondern das gegenseitige Bedürfnis und die gegenseitige gleiche Bruderliebe müssen für alle Zeiten der Zeiten der alleinige Beweggrund zu handeln bleiben. Wenn ich aber meinen Bruder liebe, auf dass er mir dann einen Dienst erweisen möchte oder mich wenigstens auch lieben solle, wenn ich also durch meine Bruderliebe auch nichts als bloß nur die Gegenliebe verlange oder für eine geleistete Handlung auch nur den kürzesten Dank, so ist das bei uns eine grobe Untugend.
GS|2|61|13|0|Wenn ich mich vor jemandem demütige, auf dass er mir nur ein freundliches Gesicht zeigen möchte, so bin ich schon ein Heuchler im ersten geringeren Grad. Kurz und gut, wir kennen kein anderes Handlungsmotiv als das gegenseitige Bedürfnis. Da es Not ist, da wird gehandelt, ob darauf Dank oder Undank erfolgt; ohne Not aber wird keine Hand gerührt und kein Fuß um eine Linie vorwärtsgesetzt. Dadurch bleibt ein jeder Mensch fortwährend gleich in seinem Rang, und keiner kann auf eine andere Weise den anderen überbieten, als allein nur durch eine tiefere Weisheit, durch welche er in den Stand gesetzt wird, alle möglichen Bedürfnisse in seinen Brüdern zu erkennen und nachher also auch die Handlungen einzurichten, dass sie seinen Brüdern ohne das allergeringste Entgelt zugutekommen. Wenn nach solchen Handlungen die bewohltätigten Brüder dem Handelnden entgegenkommen und erweisen ihm da Dankbarkeit und Liebe, so kann er diese der Seligkeit seiner Brüder wegen wohl annehmen; aber ja nicht im Geringsten darum, als möchte er selbst darin irgendeinen Lohn für seine Handlung überkommen wollen. Wenn du nun diese unsere Sitte ein wenig durchachtest, so wirst du, und stündest du noch endlos höher als du stehst, sicher finden, dass sich’s mit der Demut und Liebe zur Erlangung der Kindschaft Gottes durchaus nicht tut.
GS|2|61|14|0|Lass mich nichts erlangen, und ich will dir im nächsten Augenblick all diese großen Herrlichkeiten hier zerstören und in einem Loch, das ich mir in das Erdreich bohren werde, gleich einem Wurm wohnen, der da auf unserer Welt geschaffen ist, das Erdreich bis zu einer bestimmten Tiefe zu lockern. Aber um mehr zu werden, will ich gerade den entgegengesetzten Weg einschlagen, und will nicht scheinbar abwärtssteigen, um aufwärts zu kommen, sondern ich will aufwärtssteigen, und es soll vor Gott ein jeder Schritt, den ich tue, ein vollkommen wahrer, aber auch nie selbst dem Anschein nach ein gleisnerischer sein.
GS|2|61|15|0|Wer zu mir kommt und will mehr werden, den prüfe ich, ob er für das Mehr Fähigkeiten besitzt; besitzt er sie, so werde ich ihm eine höhere Stelle einräumen, darum er mit aufrichtigem Herzen zu mir gekommen ist. Wer aber zu mir kommt, fällt sogleich auf sein Angesicht nieder und spricht: Höre mich an, Ältester! Ich will glückselig sein, so du mich nur hinaus in die entlegensten Baumreihen als den letzten Platzreiniger anstellst. Da spreche ich zu ihm: Hebe dich hinweg! Du bist eines schleichenden und kriechenden Gemütes; als Letzter wolltest du hier angestellt werden, um dich nach und nach hereinzuschleichen bis ins oberste Stockwerk. Hier aber kann kein kriechendes Gemüt seine Stelle finden, daher demütige dich ganz und verlasse ohne je eine Aussicht, hier eine Stelle zu bekommen, sogleich diesen meinen Wohnort. Denn warum wolltest du nicht aufrichtig und der Wahrheit gemäß handeln? Hättest du dies getan, so hätte ich dich geprüft; also aber sei dir, solange du ein Gleisner bleiben wirst, auch der entfernteste Zutritt zu diesem meinem Wohnhaus untersagt.
GS|2|61|16|0|Ich meine, gegen diese Handlungsmaxime kann der vollkommenste Weise nichts einwenden, denn die Wahrheit ist der Grund aller göttlichen Ordnung, und wider diese soll kein freitätiges Wesen sich verstoßen, solange es seines Gottes würdig bleiben soll.
GS|2|61|17|0|Ich will mit diesen meinen für mich klaren Ansichten dir freilich wohl nicht vorgreifen; aber das Recht hat aus dem Grund der inneren Wahrheit ein jedes von Gott freidenkend und freiwollend erschaffene Wesen, demjenigen seine innere Ordnung aufzuschließen, der es auf den Weg einer anderen Ordnung zu überbringen und zu übersetzen den guten Willen hat. Daher wirst du denn mir diese meine Äußerung sicher zugutehalten und wirst mir darüber, wie ich es erwarte, auch sicher einen genügenden Bescheid geben.
GS|2|61|18|0|Es ist möglich, dass ich das Wesen der Kindschaft Gottes noch zu wenig aufgefasst habe. Ohne dem aber, meine ich, dürfte es wohl schwer halten, hier einen zu billigenden Mittelweg zu finden; denn die Wahrheit ist überall nur eine, und diese ist der sich selbstbewusste Grund eines jeden geschaffenen Menschen. Zwei Wahrheiten aber können ewig nie nebeneinander bestehen, da die eine die andere aufheben sollte; daher können auch nicht du und ich zugleich recht haben. Soll aber dieses der Fall sein, so ist nur mein Unverstand noch dazwischen, dass ich deine Wahrheit nicht sogleich als die meinige anzuerkennen vermag. Daher wird es für mich notwendig sein, dass du dich deutlicher ausdrückst, und zwar fürs Erste, was da im Grunde des Grundes ist die Demut, dann die wahre Liebe und die dadurch zu erlangende Kindschaft Gottes. Solches also tue mir kund, und ich werde nach vollkommen erkannter Wahrheit ein jedes Häkchen deines Wortes allergetreuest in diesem meinem ganzen Haus beobachten, darum bitte ich dich für mich und für mein ganzes Haus!
GS|2|62|1|1|Wahre Demut, wahre Liebe, wahre Gotteskindschaft
GS|2|62|1|1|(Am 21. August 1843 von 5 1/2 – 7 Uhr nachmittags.)
GS|2|62|1|0|Nun rede ich und sage: Höre du, mein achtbarer Ältester dieses Ortes und oberster Leiter dieses ganzen großen Kreisgebietes! Das, was du Demut nennst, das ist auch bei uns, so wie du es bezeichnet hast, nichts weniger als irgendeine Demut, sondern ist bloß ein Trug, wo der also Demütige sich selbst betrügt, weil er durch einen ihm gar nicht eigenen Grad des Lebens will in eine höhere Stufe desselben aufgenommen werden.
GS|2|62|2|0|Da du aber meinst, dass man bei der Erlangung der Kindschaft Gottes auch bei dem allerbesten Willen das Mehrwerden unmöglich vermeiden kann, da auch sage ich dir, dass du dich in dieser Hinsicht am meisten geirrt hast. Wie wahr aber dieser mein Ausspruch ist, will ich dir aus dem alleruntrüglichsten Wort, welches der Herr, Gott und Schöpfer Himmels und der Erden Selbst zu uns geredet hat, in das hellste Licht führen.
GS|2|62|3|0|Das Wort aber lautete also: „Lasst die Kleinen zu Mir kommen und wehrt es ihnen nicht; denn ihrer ist das Himmelreich!“ – Weiter sprach der Herr: „So ihr nicht werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht eingehen in das Reich Gottes!“ – Und noch weiter sprach Er: „Wer aus euch der Erste und Größte sein will, der sei der Geringste und sei der Knecht aller!“
GS|2|62|4|0|Siehe, darin liegt das Wesen der Kindschaft Gottes. Wenn du meinst, in der Kindschaft des Herrn wirst du mehr sein, wirst eine größere Kraft haben und wirst reicher sein an aller Pracht und Macht, da sage ich dir: Bleibe, was du bist; denn von einem Mehrwerden in jeder Hinsicht ist da gar ewig keine Rede. Hier bist du leiblich, wie geistig, ein vollendeter Herr. Solange du lebst in deinem Leib, muss sich alle Materie der Oberfläche dieser deiner Welt gehorsamst fügen unter die Macht deiner Weisheit, bist du aber im Geist, so muss dir diese deine Welt von ihrem Zentrum aus untertänig sein, und so einem jeden Geist deinesgleichen, da ihr alle Bewohner dieser Welt im Geiste einer Weisheit und eines Willens seid, wie solches schon auf den ersten Blick aus eurer sittlichen und staatlichen Einrichtung zu ersehen ist.
GS|2|62|5|0|Da aber von dieser Welt, die du bewohnst, zahllose andere Welten bestandlich abhängen, so bedenke, welch eine Herrschermacht dir im Geist eigen ist, indem von der Leitung deiner Welt, die dir im Geist völlig anvertraut ist, die Ordnung und Erhaltung zahlloser anderer Weltkörper samt ihren Bewohnern abhängt.
GS|2|62|6|0|Betrachten wir dagegen aber ein Kind Gottes; was hat denn dieses für eine Macht, was für einen Herrschbezirk? Siehe, ich kann es dir mit der größten Bestimmtheit sagen: Ein Kind Gottes darf, solange es im Leib lebt, sich auf der Welt nicht einmal ein Stäubchen zueignen, nicht einmal seinen Leib, auch nicht sein Leben, sondern es muss alles hintanzugeben und allzeit in der Fülle der Wahrheit zu sagen und zu bekennen bereit sein: Mir gehört nichts, ich bin nichts; selbst das Leben, das ich habe, ist lediglich des Herrn. Das ist also das weltliche Verhältnis; ist etwa das geistige glänzender? O mitnichten! Das geistige erst muss in einer Zentralarmut bestehen.
GS|2|62|7|0|Auf der Welt darf man sich doch wenigstens ein Stück Brot selbst nehmen, und man darf auch hin und her gehen, wie es einem beliebt; aber im Geist hört auch diese Freiheit auf. Man ist allda ein ewiger Gast des Vaters, und die Kinder dürfen nur das Brot genießen, das sie unmittelbar aus der Hand des Vaters empfangen. Sie dürfen nur dahin gehen, wohin es der Vater will. Sie dürfen nicht in glänzenden Gebäuden wohnen, sondern in ganz höchst einfachen Hütten.
GS|2|62|8|0|Die Kinder dürfen nie müßig sein und müssen, sooft es der Vater will, mit Fleiß bearbeiten Seine Felder und die Ernte getreu und emsig einbringen in Seine Scheuern. Und wenn sie alle ihre Arbeit noch so emsig und getreu verrichtet haben, so müssen sie aber dennoch nach verrichteter Arbeit hingehen zum Vater und vor Ihm statt einer auszeichnenden Belohnung allerdemütigst wahr bekennen, dass sie völlig unnütze und faule Knechte waren.
GS|2|62|9|0|Du darfst, wie bemerkt, mit glänzender Macht und Kraft in deinem Geist Weltengebiete und endlose Räume zu deinem großbeseligenden Vergnügen nach deinem eigenen Willen bereisen, wir Kinder Gottes dagegen ohne Seinen Willen nicht einmal den Fuß über die Schwelle setzen. Du darfst reden, was du willst; wir Kinder nur, was uns in den Mund gelegt wird.
GS|2|62|10|0|Siehe, das und mehreres anderes sind so die Unterschiede zwischen euch erhabenen und mächtigen, alle Schöpfung Gottes lenkenden Geistern, und uns, den Kindern Gottes, euch gegenüber.
GS|2|62|11|0|Ihr vermögt aus euch alles, was ihr wollt; wir aber vermögen aus uns nichts, sondern nur allein dann, wenn es der Herr will, und dann selbst nicht um ein Haar mehr, als was der Herr will!
GS|2|62|12|0|Wir sind bezüglich auf den Herrn zwar also, wie da sind die Glieder eines Leibes gestellt. Diese Glieder machen zwar wohl mit dem inwendigen Leben des Leibes ein Wesen aus; aber nicht ein Glied am ganzen Leib kann für sich tun, was es will, sondern jede seiner Handlungen und alle Tatkraft geht nicht vom Glied, sondern nur von der im Leib herrschenden Grundkraft aus. Also können sich auch die Glieder nicht selbst ernähren, wenn sie auch allerfleißigst arbeiten, sondern müssen all ihren Erwerb eher in die Hauptkammer des inneren Lebens abliefern; und dann erst verteilt die lebende Kraft die gebührende Nahrung an die Glieder, die da gearbeitet haben.
GS|2|62|13|0|Ganz anders aber verhält es sich mit dem Verhältnis der äußeren freien Menschen, welche nicht als Glieder an einen Leib gebunden sind, sondern für sich selbst als vollkommen freie Wesen dastehen. Siehe, diesen kann ich wohl auch sagen: Habt die Güte und verrichtet mir diese Arbeit, und die freundschaftlich gesinnten Menschen werden die Arbeit auch verrichten. Aber nach beendeter Arbeit sind sie völlig frei von meinem Willen und können für sich tun, was sie wollen.
GS|2|62|14|0|Ich aber frage dich: Verhält sich dieses auch so mit den Gliedern meines eigenen Leibes? O mitnichten! Diese hängen fortwährend in all ihren Teilen von meiner inneren Willenskraft ab und können sich derselben nie widersetzen; denn sie müssen ja mit der inneren lebenden Kraft vollkommen ein Wille sein, sonst ginge doch sicher das ganze menschliche Wesen zugrunde.
GS|2|62|15|0|Siehe, wenn du dieses von mir nun Gesagte nur ein wenig durchachtest, so wird es dir sicher ganz klar werden, was es mit deinem scharf bedingten Mehrwerden der Kinder Gottes für eine Bewandtnis habe.
GS|2|62|16|0|Wenn du daher die Kindschaft Gottes überkommen willst, so musst du des Gedankens, etwas dabei zu gewinnen, allervollkommenst ledig werden. Du musst dich nicht als Kind Gottes in einer endlos vollkommenen Stellung erschauen, sondern gerade umgekehrt musst du die Sache nehmen. Und hast du solches getan, so wird sich dann daraus schon von selbst zeigen, ob zur Erlangung der Kindschaft Gottes die wahre Demut und Liebe zu Gott ein vollkommen gerechter oder ein trüglicher Weg sei.
GS|2|62|17|0|Denn das kannst du dir von Gott wohl vorstellen, der die unendlich allerhöchste Wahrheit Selbst ist, dass Er nicht durch ein gegebenes Mittel einen ganz anderen Zweck wird erreicht haben wollen, als wie gestaltet das Mittel selbst bestellt ist.
GS|2|62|18|0|Wer in der Demut seines Herzens sich stets verringert und verkleinert, wird der wohl darauf rechnen können, dass der Herr ihn darum ganz entgegengesetzt vergrößern wird? Ja, Er wird ihn zwar vergrößern, aber nicht in deiner vermeintlichen Mehrwerdung, sondern allein nur in der größeren Demut und in der größeren Liebe. Und das ist also eine rechte Vergrößerung im Geist, weil man als Kind Gottes dasjenige, wonach man strebt, also die Geringheit im vollkommensten Maße überkommt.
GS|2|62|19|0|Also ist auch die Liebe eines Kindes Gottes zu Gott durchaus nicht irgendeine Schmeichelei, durch welche sich dasselbe in irgendeine allmächtige Gunst Gottes zu versetzen imstande wäre, sondern die wahre Liebe muss ein innerer Trieb sein, Gott über alles, als den alleinigen vollkommensten Herrn anzuerkennen, sich selbst aber als ein vollkommenes Nichts Ihm gegenüber zu betrachten. Man muss die höchste Glückseligkeit darin suchen, Gott den Vater zu lieben über alles, darum Er ist Gott und Vater. Und für solche Liebe darf man ewig keines Entgeltes gedenken, als allein der Gnade, Gott den Vater also lieben zu dürfen.
GS|2|62|20|0|Siehe, mein achtbarer Ältester, so stehen die Sachen. Denke nun darüber ein wenig nach und sage mir dann, wie du nun den von mir dir vorher vorgezeichneten Weg zur Erlangung der Kindschaft Gottes findest. Nur musst du dabei immer vor Augen haben, dass mit deinem Mehrwerden als Kind Gottes es ewig nie eine Realität hat. Solches verstehe wohl und gib mir dann deine Meinung kund!
GS|2|63|1|1|Das Wesen der Gotteskindschaft auf den Punkt gebracht
GS|2|63|1|1|(Am 22. August 1843 von 5 1/4 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|63|1|0|Hört! unser Ältester spricht: Hoher Gesandter des großen Gottes! Jetzt bin ich ganz im Klaren, und die ganze Sache der Kindschaft Gottes bekommt jetzt ein ganz anderes Gesicht. Da sich aber die Sache sicher so und nicht anders verhält, da musst du mir vergeben, dass es, von meiner Seite betrachtet, nicht nur gewisserart wider die göttliche Ordnung wäre, nach der sogenannten ganz eigentlichen Kindschaft Gottes zu trachten, an der nach deiner gegenwärtigen Aussage fürwahr wenig, wo nicht gar nichts gelegen ist. Es wäre sogar eine offenbare Torheit, für nichts das Gute und Reichliche, das man besitzt, fahrenzulassen. Da sage ich: Gott und Vater hin und her, und ich als das Kind Gottes hin oder her, wenn ich dabei gänzlich gewinnlos mich verhalten müsste.
GS|2|63|2|0|Es ist einerseits nicht zu leugnen, dass der Gedanke, Gott zum Vater zu haben, und das durch die allerintimste gegenseitige Liebe, jeden anderen Gedanken rein zugrunde richtet; denn ein größeres Verhältnis kann sich kein geschaffenes Wesen denken. Aber wenn man auf der anderen Seite betrachtet, dass man in Rücksicht dieses großen Gedankens und großen Namens an und für sich dennoch gar nichts ist und sein darf, ja, dass man sogar zum letzten Dienst für alle Geschöpfe stets bereit dastehen muss, so ficht einen, wie wir da sind auf dieser Welt, dieser Gedanke und dieser große Name gar nicht mehr an.
GS|2|63|3|0|Wenn wir hier alles haben können, was unser Herz verlangt, zeitlich und ganz besonders im Geist ewig, als Kinder aber uns nicht einmal nach eigenem Willen über die Schwelle rühren dürften, höre, da bleiben wir doch sicher, was wir sind; denn um nichts zu werden, bedürfte es nie eines Daseins! Ist ein Wesen aber einmal da, so setzt dieses sein Dasein schon eine fortwährend höhere Entwicklung seiner Kräfte voraus; nicht aber – (wenn man bedenkt, dass man hier fortwährend in den Erkenntnissen und Kräften zunimmt) – dass man hernach, wo man die höchste Vollendung erwartet, nichts als eine völlige Nichtung aller Kräfte und Erkenntnisse, die man sich hier zu dem Behuf eigen gemacht hat, erwarten solle.
GS|2|63|4|0|Ich meine, du wirst mich gründlich verstanden haben, denn ich habe hier so geredet, wie da ein jedes nur einigermaßen weise denkende Wesen notwendig hätte reden müssen, so es die Verhältnisse der Kindschaft Gottes von dir auf die obige Weise erörtert vernommen hätte.
GS|2|63|5|0|Meinesteils aber bin ich über die Kindschaft Gottes einer ganz anderen Meinung und behaupte ganz festweg, dass hinter der Kindschaft Gottes ganz außerordentlich mehr verborgen ist, als du es mir kundgegeben hast. Es mag schon immerhin sein, dass man als Kind sicher aus der höchsten Liebe zum Vater freiwillig alles hintan gibt. Solches ist ganz eigentümlich im Charakter der Liebe; – dass man aber andererseits für solch ein geringes Opfer etwas Unaussprechliches zu erwarten hat, das kann mir die ganze Ewigkeit nicht absprechen!
GS|2|63|6|0|Wir haben hier zwar nach unserer geistigen Lehre die große Fähigkeit zugute, als Geister alle Tiefen der Schöpfungen Gottes zu bereisen und sich unaussprechlich zu erlustigen an Seinen ewig zahllosen allermannigfaltigsten Wunderwerken; aber wie es mir so tief ahnend vorkommt, so können die Kinder Gottes das mit einem Blick übersehen, wozu wir Ewigkeiten brauchen. Wir haben wohl Macht, als Geister die Dinge unserer Welt und wie ausfließend auch noch anderer von dieser abhängenden Welten zu ordnen; aber die Kinder Gottes, als mit Gott allernächst und intimst vereint, sind sicher Mitschöpfer. Und während wir doch immer nur Materielles zu ordnen haben, so haben aber die Kinder aus Gott, ihrem Vater, die Macht nicht nur über die gesamte endlose materielle Schöpfung, sondern auch über alle geistige Kreatur.
GS|2|63|7|0|Siehe, das ist meine Meinung, für deren Wahrheit ich alles zum Pfand biete, was immer ich nur auf dieser Welt mein nennen darf. Du hast freilich wohl gesagt, dass ein Kind ohne den Willen des Vaters sich nicht über die Schwelle bewegen darf, darf sich selbst keine Speisen nehmen und muss wohnen in einfachen Hütten. Das lasse ich alles recht gerne zu. Aber wenn man als Kind Gottes mit einem Blick alle endlosen Herrlichkeiten Gottes überschauen kann, da möchte ich doch wohl wissen, wozu man seine Füße über die Schwelle setzen sollte? Wenn man ferner in der vollkommenen schöpferischen Fähigkeit mit Gott Selbst im ewigen Zentrum steht, von wo aus alle zahllosen Geschöpfe ernährt werden, da möchte ich auch den Grund wissen, der einen nötigen würde, sich selbst eine Kost zu nehmen, so man im Zentrum alles Lebens steht. Und eben also, denke ich, steht es mit der Einfachheit der Wohnung der Kinder Gottes. Ob jetzt eine Hütte oder ein Palast, das wird doch etwa alles eins sein, so man in sich selbst alle Herrlichkeiten Gottes anschaulich vereinigt.
GS|2|63|8|0|Wenn man in der Herrlichkeit über alle Unendlichkeit und Ewigkeit sich befindet, welche einem alle Geschöpfe in der Unendlichkeit nicht im Geringsten zu schmälern vermögen, da kann man gleichwohl ein allergeringster Diener sein und ein Knecht aller Knechte; denn was verliert ein solcher dadurch? Muss ihm darum nicht, wenn es sein muss, dennoch die ganze Schöpfung auf einen allerleisesten Wink den pünktlichsten Gehorsam leisten?
GS|2|63|9|0|Es ist wahr, unsere Geister haben auch Kraft und Gewalt, zu beherrschen die eigene Welt, aber sind sie darum Herren derselben? O nein! Sie tun zwar, was sie wollen, aber sie können nicht wollen, was sie wollen. Unser Wille liegt in eurem Grund, ihr aber seid frei in dem Wollen Dessen, der euer Vater ist!
GS|2|63|10|0|Hoher Gesandter des Herrn! Ich glaube, dass ich die Sache richtig bemessen habe; dessen ungeachtet aber bitte ich dich, du möchtest mir darüber noch einige Wörtlein schenken, damit ich aus denselben erkennen möchte, inwieweit mein Urteil mit der allerhöchsten Wahrheit verwandt ist.
GS|2|63|11|0|Nun spreche ich und sage: Höre, mein achtbarer Ältester dieses Ortes! Ich wusste es ja, dass du in dir das rechte Licht finden wirst, so ich dir dazu nur den rechten Weg gezeigt habe. Dein Urteil ist richtig; du hast diesmal das Wesen der Kindschaft Gottes genau erkannt. Wie du die Sache bezeichnet hast, also ist es auch; aber mit der Demut und mit der Liebe bist du dadurch denn doch wieder genötigt, das dir von dir früher so gerühmte „Weniger“ zu erlangen.
GS|2|63|12|0|Was aber wird sich da machen lassen? Denn siehe, du bist weder mit dem einen noch mit dem anderen zufrieden. Beim Mehrerlangen ist dir die Demut und die Liebe ein schlechtes Mittel, also keine Tugend; das Wenigererlangen für solche Tugend kommt dir als eine Torheit vor. Wie soll die Sache demnach bestellt sein, dass du zufriedengestellt werden möchtest? Ich will dir dieses Rätsel lösen.
GS|2|63|13|0|Siehe, du bist noch in dem Begriff, dass man nur dann mehr bekommen müsse, wenn man mehr verlangt, und weniger, wenn man wenig verlangt. Ich aber sage dir: Das ist ein geschöpflicher Maßstab; aber beim Schöpfer ist da ein ganz umgekehrter Fall. Der viel verlangt, wird wenig empfangen; der wenig verlangt, wird viel empfangen; und wer nichts verlangt, dem wird alles zuteilwerden!
GS|2|63|14|0|Diese Sache möchtest du wohl ein wenig unnatürlich finden; aber siehe, es gibt ja auch bei dir ähnliche Verhältnisse, und du handelst in dieser Hinsicht durchgehends nicht anders, als da handelt der Herr. Wenn dir z. B. jemand einen geringen Dienst erweist, verlangt dafür aber einen großen Lohn, wie wird er in deinem Herzen empfangen sein? Du sagst: Da wird er gering empfangen sein. – Wenn er dir aber einen großen Dienst erwiesen hat, und verlangt wenig dafür, wie wird der in deinem Herzen empfangen sein? Du sprichst: Der wird groß empfangen sein. – Wenn dir aber jemand alles getan hat, was du nur immer wünschst, und verlangt am Ende nichts von dir, denn er tat alles ja nur aus Liebe zu dir, sage, wie wird der in deinem Herzen empfangen sein? Du sprichst: Diesen werde ich zu meiner Rechten setzen, und er soll in allem mit mir in gleichem Besitz stehen; denn solcher hat sich mein Herz in der Fülle zinspflichtig gemacht!
GS|2|63|15|0|Siehe, mein achtbarer Ältester, das ist auf ein Haar das Verhältnis Gottes zu Seinen Geschöpfen; und tust du das Letzte, so bist du ein Kind Gottes und wirst ebenfalls von Ihm zu Seiner Rechten gestellt werden. Solches bewirkt die Liebe, denn Gott sieht nicht auf das alleinige Werk, sondern allein auf die Liebe. Geht das Werk aus der Liebe hervor, dann hat es vor Gott einen Wert; geht es aber nur aus der alleinigen Weisheit hervor, dann hat es entweder keinen Wert, oder nur insoweit einen, inwieweit die Liebe damit im Spiel war. Nun weißt du alles, und ich habe dir nichts mehr zu sagen. Willst du den dir klarst bezeichneten Weg wandeln, so weißt du nun recht wohl, welch ein Ziel du erlangen kannst; bleibst du aber, wie du bist, so wirst du ebenfalls dein gutes Ziel erreichen, aber nur das der so ganz eigentlichen Kindschaft Gottes nicht.
GS|2|63|16|0|Nun seht, unser Ältester wird ganz demütig und überdenkt wohl meine Worte. Er wird sobald eine Anrede an seine Kinder zu machen anfangen; diese wollen wir noch anhören, sodann dieses Volk segnen und uns sogleich von dannen begeben.
GS|2|64|1|1|Die Zentralsonnenbewohner entscheiden sich für den Weg der Gotteskindschaft
GS|2|64|1|1|(Am 24. August 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr nachmittags.)
GS|2|64|1|0|Der Älteste öffnet soeben seinen Mund, und so wollen wir ihn denn auch sogleich anhören. Seine Worte lauten also: So hört mich denn an, ihr alle meine Kinder, die ihr hier gegenwärtig seid, und gebt es auch kund denen, die nicht hier sind, das ich zu euch reden werde! Ihr wisst, dass wir bei ähnlichen Gelegenheiten, so das Holz am Altar durch eine höhere Macht ist brennend geworden, aus der Flamme des brennenden Holzes die überschweren Bedingungen gelesen haben, durch deren Erfüllung allein nur die Erlangung der hohen Kindschaft Gottes möglichst ist. Nie ward uns das außerordentliche Glück zuteil, aus dem Munde eines Kindes Gottes zu vernehmen, wie man fürs Erste auf dem natürlich kürzesten Weg die Kindschaft Gottes erlangen kann, und was so ganz eigentlich hinter der Kindschaft Gottes verborgen liegt.
GS|2|64|2|0|Dieser hocherhabene Gast mit seinen zwei Beigästen aber hat uns aus der Urquelle und aus dem Urgrund gezeigt, das all unsere Weisheit nimmer erreicht haben würde. Wir wissen nun, dass Gott, der allmächtige Schöpfer aller Dinge, Selbst ein vollkommener Mensch ist und allzeit wohnt unter denjenigen als Vater, die Seine Kinder sind.
GS|2|64|3|0|Dann haben wir erfahren allergründlichst und genauest, was ein Kind Gottes ist und warum es als solches erkannt werden muss. Dann haben wir als den dritten Punkt gar hell erleuchtet überkommen, wie da alle freien Geschöpfe, die ihrer selbst bewusst sind und Gott als ihren Schöpfer erkennen, auf die allereinfachste und sicher allerzweckmäßigste Weise auch zu Kindern Gottes werden.
GS|2|64|4|0|Dass solches alles richtig ist, bedarf keines weiteren Beweises; denn fürs Erste steht der Bürge für die Fülle solcher Wahrheit noch unter uns, und fürs Zweite bürgt meine eigene Weisheit, aus welcher ich, wie ihr alle gar wohl habt vernehmen können, dem hohen Boten sicher alle erdenklichen Einwürfe gemacht habe, um daraus zu ersehen, ob seine Aussagen auch die strengste Prüfung der Weisheit bestehen mögen.
GS|2|64|5|0|Ihr habt aber auch alle wieder vernommen, mit welch einer ehernen Festigkeit mir der hohe Gast allzeit entgegenkam, und mich durch der Wahrheit Macht seiner Worte hinausleitete aus dem Irrsal meiner Erkenntnisse nahe völlig geraden Weges. Wenn wir nun solche handgreifliche Beweise für die große Triftigkeit der Aussage dieses Boten haben, was wollen wir da noch mehr?
GS|2|64|6|0|Es fragt sich demnach hier nur einzig und allein das, ob wir die vorgezeichneten Wege ernstlich wandeln wollen oder nicht – wollen wir den Weg der Demut, der Liebe und aller Selbstverleugnung im Geist und in der Wahrheit betreten, oder wollen wir solches nicht? Welche Frage ebenso viel sagen will als:
GS|2|64|7|0|Wollen wir nach der Ablegung dieses unseres flüchtigen Leibes als Geister ewige Wächter dieser unserer, wenn schon großen Welt bleiben, oder wollen wir nach der Ablegung dieses Leibes im Geist sofort zu Kindern Gottes werden und dahin kommen, da Er, der ewig und endlos allein über alles mächtige Gott und Herr wohnt unter Seinen Kindern und sie liebt mit all der unendlichen Liebekraft Seines Herzens?
GS|2|64|8|0|Seht, meine lieben Kinder, das ist eine außerordentliche großwichtige Frage, welche sich nur durch die allerweisesten Worte beantworten lässt. Zugleich aber mache ich euch alle auch darauf aufmerksam, dass unser Zustand nach der Ablegung des Leibes im Geist ebenfalls ein überaus herrlicher ist, der an äußerer Pracht und Herrlichkeit sicher alles andere Erdenkliche bei weitem übertrifft. Wir sind hier schon im Leib so ungemein schön geformt, dass unsere Form sogar, wie ich gar wohl bemerkt habe, den Kindern Gottes eine große Bewunderung abnötigte; und doch ist diese leibliche Schönheit kaum ein flüchtiger Schattenriss gegen die, welche da ein Eigentum ist unseres unsterblichen Geistes. Also sind auch unsere äußeren leiblichen Wohnungen schon von solch einer Glanzpracht, dass Bewohner anderer kleinerer Welten darob sicher beim ersten Anblick das Leben einbüßen würden. Und dennoch kostet uns ihre Erbauung eine geringe Mühe; denn mit der Macht unseres vereinigten Willens sind wir ja vollkommene Herren der Materie, welche sich fügen, schmiegen und heben muss nach unserem Willen.
GS|2|64|9|0|Aber was ist selbst die allererhabenste und großartigste materielle Gebäudepracht gegen diejenige unserer Geister, die da jene ferne Lichthülle bewohnen, welche unsere nahe unbegrenzt große Welt überaus weit räumlich umgibt.
GS|2|64|10|0|Seht, solches alles wissen wir wie schon aus vielfacher Erfahrung; denn es gibt ja mehrere unter uns, denen es schon zu öfteren Malen gegönnt war, die geistigen Dinge unserer Welt allerklarst zu schauen. Sonach ist unser Los durchgehend ein unberechenbar herrliches, denn wir sind als Geister ja wahrhaftige Großherren, denen nicht nur ihre ganze nahe endlose Welt zur allerklarsten Beschauung zu Gebote steht, sondern noch zahllose andere Welten, welche alle von dieser unserer großen Welt mehr oder weniger abhängen. Das alles, meine Kinder, unter einem Gesichtspunkt vereinigt, kann uns nichts anderes sagen als:
GS|2|64|11|0|Was wollt ihr denn noch, ihr allerglücklichsten Kinder einer Welt, die da ist eine Lichtträgerin für Myriaden und Myriaden anderer Welten? Also ist es auch wahr, wer so viel hat wie wir, wer so glücklich ist wie wir, bei dem spricht sich doch sicher ein hoher Grad von Torheit aus, wenn er noch mehr erlangen und noch glücklicher werden will.
GS|2|64|12|0|Seht, diese sicher weise Schlussfolgerung habe ich auch diesem hohen Gast dargestellt, und er hat sie mir ebenso vorteilhaft bestätigend erwidert. Aber hört mich nun an, meine Kinder! Es handelt sich bei der Erlangung der Kindschaft Gottes aber durchgehends nicht um das Mehr- oder Glücklicherwerden, sondern ums Vollkommener- und Lebendigerwerden in der Liebe Gottes. Ihr wisst aber alle aus eigener Erfahrung, dass allhier unser größtes Glück wie auch unsere größte Glückseligkeit nichts so sehr als nahe ganz allein unsere gegenseitige Liebe bedingt. Je mehr wir uns lieben, je inniger wir uns in der Liebe körperlich wie geistig vereinen, desto glückseliger sind wir auch!
GS|2|64|13|0|Sind nicht diejenigen Zeitmaße für uns die glücklichsten, wenn wir innerhalb der Wände unseres Wohnhauses uns in der gegenseitigen Liebe vereinen und die ganze wunderbar schöne Außenwelt keines Blickes würdigen? Ihr alle könnt auf diese Frage aus eurer lebendigen Erfahrung nichts anderes erwidern als: Das ist in der Fülle die lebendige Wahrheit!
GS|2|64|14|0|Nun wohl denn; seht, darin liegt auch der große Unterschied zwischen unserer allergrößten, aber dabei dennoch immer äußeren Glückseligkeit und der allerinwendigsten Seligkeit der Kinder Gottes. Wenn uns aber schon unsere gegenseitige geschöpfliche Liebe also beglückt, wie endlos beglückend muss da erst diejenige Liebe sein, wo Geschöpfe als Kinder Gottes ihren Schöpfer als Vater sichtbar in der allerhöchsten Liebe ergreifen können und von Ihm wieder endlos allmächtig gegenergriffen werden?! Wo auf dieser ganzen großen Welt lebt wohl ein Wesen, welches nur ein Atom von der Größe solcher Seligkeit zu erfassen imstande wäre, wo das Geschöpf als Kind seinem Schöpfer, seinem Gott gegenüber, Ihn mit aller Liebe erfassen kann und von Ihm wieder entgegen mit der allergrößten Liebe erfasst wird?!
GS|2|64|15|0|Seht, meine lieben Kinder, das ist der unendliche Unterschied zwischen uns und den Kindern Gottes! Denkt, wie endlos klein muss das uns beseligende Fünklein der Liebe sein gegen die endlose Fülle der Liebe, welche da wohnt in Gott! Und doch macht dieses endlos kleinste Fünklein unsere größte Seligkeit aus! Wie groß aber muss demnach die Seligkeit derjenigen Wesen sein, welche mit der ganzen unendlichen Fülle der Liebe ihres göttlichen Vaters spielen können?!
GS|2|64|16|0|Was wollen wir demnach tun? Wollen wir bleiben, was wir sind, oder wollen wir mit neuen Lebenskräften als Kinder hinüber in die Arme des allmächtigen, heiligen, ewigen Vaters eilen?
GS|2|64|17|0|Ich lese nun in euren Angesichtern, dass ihr alle alles verlassen wollt, um zum Vater zu gelangen! Ja, das ist auch mein allervollkommenster Sinn; lieben wollen wir Ihn, als hätten wir tausend Herzen, und demütig wollen wir sein also, als hätten wir gar kein Dasein, um nur nach diesem äußeren Leben hinüberzugelangen, da dieser heilige Vater wohnt!
GS|2|64|18|0|Und du, hoch erhabener Bote, nehme in der Fülle der Wahrheit diese unsere Versicherung an, dass wir nun alle eines Sinnes sind und wollen wandeln die von dir uns gezeigten Wege. Segne uns auf dieser neuen Bahn, auf dass wir ja glücklich dahin gelangen möchten, allwo du dich schon sicher lange allerseligst befindest in der Wohnung Gottes, deines endlos heiligen Vaters!
GS|2|64|19|0|Seht, nach diesen Worten fällt der Älteste auf sein Angesicht, und seine Kinder folgen seinem Beispiel. Nun aber segnen wir sie, und da wir sie gesegnet haben, so lasst euch von mir ein wenig erheben. Nun seht, wir haben uns erhoben, und unsere schöne Welt schwebt schon als ein winziges Sternchen wieder in einer endlosen Tiefe. Aber seht da hinab; es ist eure Sonne. Nicht mehr ferne sind wir ihr, aber dennoch wollen wir nicht zu eilig, sondern mehr sachte uns ihrer geheiligten Oberfläche nähern. Aber diesmal nicht der materiellen, sondern der geistigen, welche da eben der materiellen an gleichem Ort und an gleicher Stelle völlig entspricht. Und so denn lassen wir uns sanft hinab!
GS|2|65|1|1|Erklärungen zum Wesen von Sphären und geistigen Vereinen
GS|2|65|1|1|(Am 25. August 1843 von 5 1/4 – 6 3/4 nachmittags.)
GS|2|65|1|0|Seht, wir sind bereits an der geistigen Oberfläche eurer Sonne angelangt. Wie gefällt es euch hier? Soviel ich merke, so macht ihr ganz wunderliche Gesichter und sagt: Fürwahr, auch hier ist es unbegreiflich herrlich und anmutig zu sein. Es ist zwar von jener nahe schaudererregenden Glanzpracht der früheren Sonnenwelt keine Spur zu entdecken; aber dessen ungeachtet sind hier die gar lieblichen Gärten und überaus herrlichen blumigen Auen, unterspickt mit kleinen niedlichen Häuschen, auch überaus wonnig anzusehen. Was aber hier den wonnigen Anblick noch mehr erhöht, ist, dass wir hier in den Gärten und in den Auen und ganz besonders um die Häuschen eine Menge Kinderchen erschauen und auch größere Menschengeister, welche sich mit diesen Kinderchen gar freundlich abgeben.
GS|2|65|2|0|Aber nur eines kommt uns hier etwas stark sonderbar vor. Siehe, lieber Freund, es hat uns der Herr Selbst nach der Beschauung der naturmäßigen Sonne eben auch auf die geistige Sonne gesetzt. Da aber haben wir von alledem nicht das Allergeringste gesehen, was wir jetzt sehen, sondern wir sahen bloß nur eine endlos weitgedehnte Fläche, welche wohl mit einer Art Gras und hier und da auch mit kleinen Bäumchen allenthalben gleich verziert war. Und dann sahen wir auch über dieser unermesslich weiten Oberfläche Geister hin und her und auf und ab ziehen, nahe wie die Ephemeriden auf der Erde beim Sonnenauf- oder nahen Niedergang. Das war aber auch alles. Wollten wir mehr sehen, da war uns die Sphäre eines Geistes vonnöten.
GS|2|65|3|0|Daraus aber gehen für uns nun drei wichtige Fragepunkte hervor. Der erste lautet also: War diejenige geistige Sonne, die wir in der Gegenwart des Herrn so ganz einfach erschauten, identisch mit dieser, die wir jetzt sehen? Der zweite Punkt lautet: Wenn diese Sonne identisch ist mit der ersten von uns betretenen, so fragt es sich, ob auf ihrer Oberfläche das eine ganz andere Stelle ist, als da war diejenige, die wir zuerst gesehen haben? Der dritte Fragepunkt aber lautet also: Falls dies diejenige Sonne ist und wir auf ihrer Oberfläche das nicht erschauen, was wir in der Gegenwart des Herrn beim ersten Erschauen der geistigen Sonne gesehen haben, ob wir solches dann deiner Sphäre zu verdanken haben?
GS|2|65|4|0|Du hast uns freilich gleich anfangs kundgegeben, dass wir nicht in deiner, sondern du dich nur in der unsrigen Sphäre befindest. Es kann freilich leicht für uns unbewusstermaßen ein Sphärentausch vor sich gegangen sein; darum aber fragten wir dich denn nun auch, wie sich diese Sache verhält.
GS|2|65|5|0|Meine lieben Freunde und Brüder! Ich muss euch hier schon sogleich im Voraus melden, dass euch hier auf alle sämtlichen drei Fragepunkte keine passende Antwort wird gegeben werden können; und das einfach aus dem Grunde, weil ihr um das nicht gefragt habt, welches beantwortlich das Verhältnis dieser gegenwärtigen Erscheinung enthielte.
GS|2|65|6|0|Als ihr in der Gegenwart des Herrn die Oberfläche der geistigen Sonne betreten habt, da habt ihr die Oberfläche der Sonne nicht speziell, sondern in der unendlichen Sphäre des Herrn allerhöchst allgemein betreten, denn in der Sphäre des Herrn ist nimmer ein endlich spezieller Anblick allein für sich denkbar. Denn in Seiner Sphäre enthält jedes speziell Scheinbare sogleich an und für sich Unbegrenztes, Unendliches, und der einfache Boden, den ihr damals betreten habt, war ein Boden der unendlichen geistigen Sonne des Herrn, in welcher alle unendlichen Sphären begriffen sind.
GS|2|65|7|0|Die Geister, die ihr da hin und her wandeln saht, sind nicht etwa einzelne Geister, sondern ein jeder solcher einzelne Geist, den ihr da auf derjenigen Oberfläche geschaut habt, ist ein ganzer Verein von zahllosen Geistern, in dem an und für sich wieder noch zahllose kleinere Vereine vorhanden sind, die da ebenfalls bestehen aus seligen Geistern spezieller Art also, wie wir jetzt da beisammen sind. Aus dem aber könnt ihr solches gar leicht als vollkommen überzeugend erschauen, indem ihr erst in der Sphäre eines solchen allgemeinen Großgeistes zu der spezielleren Anschauung der geistigen und himmlischen Dinge gelangt seid.
GS|2|65|8|0|Ihr macht hier freilich ein ganz verdutztes Gesicht und sagt: Aber höre, lieber Freund, wie geht denn das? Fürwahr, diese deine Aussage kommt uns ein wenig unsinnig vor, denn der Herr hat uns ja die Namen der einzelnen sich uns genahten Geister kundgegeben, darunter auch sogar einige uns irdisch nahe Anverwandte sich befanden, diese aber können doch an und für sich einen solchen allgemeinen Himmelvereinsengel nicht darstellen. Zudem haben wir sie auch nach dem Eintritt in ihre Sphäre ebenso gesehen wie zuvor, und sie haben mit uns geredet wie du und haben uns geführt; wie wäre demnach solches zu verstehen?
GS|2|65|9|0|Ich sage euch, meine lieben Brüder und Freunde, es wird wohl ziemlich schwer halten, dass ihr die Verhältnisse der Himmel so ganz klar durchblicken möchtet. Was ich aber zu eurer geistigen Berichtigung tun kann, will ich ja tun und will euch wieder allerlei Stößchen versetzen, durch welche ihr wenigstens der großen Wahrheit näher auf die Spur gelangen könnt, und so hört denn! Was sprach der Herr, als Er einmal ein Zeugnis gab über Johannes den Täufer? Seine Worte lauteten: „Von allen, die bisher aus den Weibern geboren wurden, war keiner größer als er; der Kleinste aber im Reich Gottes ist größer als er!“ – Was will denn das sagen? Nichts anderes als: Von allen speziellen Menschen ist keiner an und für sich größer denn Johannes; aber die da nach der Lehre des Herrn in das neue Reich der Himmel aufgenommen werden zu reinen Kindern Gottes, da werden die Geringsten schon größer sein als der größte spezielle Mensch an und für sich es ist.
GS|2|65|10|0|Warum denn? Weil sie nicht nur an und für sich durch ihre Liebe zum Herrn groß werden, sondern da ihre Liebe zum Herrn Unendliches erfasst, so werden sie zu Vorstehern der himmlischen Vereine, und im Angesicht des Herrn dehnt sich da die Liebessphäre eines solchen seligen Geistes wie zu einem zweiten großen Menschen aus. Und diese Sphäre ist an und für sich so ganz eigentlich ein solcher Himmelsverein, in welchen alle diejenigen guten Geister aufgenommen werden, die mit dem Vorsteher des Vereins, und somit auch Schöpfer desselben, in gleicher Liebe zum Herrn sind.
GS|2|65|11|0|Ähnliche Beispiele sind ja auch schon auf der Erde vorhanden. Die Staatenvereine sind schon ein äußeres Bild davon, und ein jeder Bürger des Staates trägt gewisserart den Namen des obersten Staatsvorstehers, welcher da entweder ist ein Kaiser, König, Herzog, Fürst usw. Engere Vereine sind Städte, Märkte, Dörfer und Gemeinden, da ein jeder Einwohner gewisserart auch den Namen seines Vereines trägt und man sagt: das ist ein Pariser, das ist ein Londoner, das wieder ein Wiener usw. Unsere Sache aber näher bezeichnend sind die Religionsvereine, die man freilich wohl unpassend genug Sekten nennt. Nehmen wir aber die Sekte an, so werden wir finden, dass da eine jede ihren Hauptgründer hat. Was ist da ein solcher Hauptgründer zu der von ihm gegründeten Sekte? Er ist der Vorsteher einer solchen Sekte oder eines solchen Vereines, welcher da geistig genommen sich zu einer allgemeinen Form ausbildet, welche vollkommen ähnlich ist der speziellen des Gründers.
GS|2|65|12|0|Wer demnach z. B. den lutherischen Glauben völlig angenommen hat, der wohnt geistig genommen schon in der allgemeinen geistigen Form des Luther oder er ist ein Bewohner des lutherischen Vereins. Solch ein Verein ist schon ein großer, der in sich schon wieder eine Menge kleinerer Vereine hat, welche allesamt und sämtlich ihre Vorsteher haben, welche man Gemeinden nennen kann; und eine jede solche Gemeinde hat ihren allzeitigen Vorsteher und Leiter, welcher da gewisserart ein allgemeiner geistiger Leib oder ein zu bewohnender kleinerer Verein für alle diejenigen ist, die da seines Glaubens und seiner Liebe sind.
GS|2|65|13|0|Also verhält es sich auch mit den ersten Ausbreitern der Lehre des Herrn wie auch mit Swedenborg, den ihr auch habt kennengelernt. Eure Weltlich-Anverwandten aber sind einesteils freilich wohl nur Bewohner eines solchen Vereines. Da sie aber doch durch die Werke ihrer Liebe so gar manche Menschen ihren Herzen nähergezogen haben, so haben sie sich dadurch auch einen Verein gebildet und sind daher auch in ihrer Art kleine Vorsteher ihrer Vereine, aus dem Grunde ihr sie auch auf dem Gemeinplatz in der Sphäre des Herrn als einzelne Vereinsgeister erschauen mochtet.
GS|2|65|14|0|Ich meine, durch dieses Stößchen dürftet ihr schon so ziemlich ins Klare gekommen sein. Dass sich aber solches richtig also verhält, könnt ihr auch daraus klar entnehmen, wie der Herr zu den Aposteln sagte, da sie Ihn fragten, was sie dafür wohl dereinst empfangen werden, dass sie Seinetwegen alles verlassen haben. „Ihr werdet auf zwölf Stühlen sitzen und richten die zwölf Geschlechter Israels!“ – Welches ebenso viel sagen will als: Aus dem Wort, das ihr in Meinem und aus Meinem Geiste predigen werdet allen Völkern, werden errichtet werden nach eurer Anzahl ebenso viele Hauptvereine, darinnen ihr nach eurer Art werdet die Hauptleiter und Vorsteher sein. – Ich meine, solches ist nahe mit den Händen zu greifen. Damit euch aber die Sache dennoch klarer wird, wollen wir nächstens noch zu einigen Stößchen unsere Zuflucht nehmen.
GS|2|66|1|1|Gemeingeist und zugleich spezieller Geist. Über die menschliche Form der himmlischen Vereine
GS|2|66|1|1|(Am 29. August 1843 von 5 1/4 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|66|1|0|Wie man aber noch gewisserart ein Gemeingeist sein kann, während man an und für sich nur ein spezieller Geist ist, wollen wir, wie gesagt, aus noch ein paar Stößchen erproben. Ein Stößchen liegt offenbar am allerklarsten in einem Wort des Herrn Selbst, allda Er spricht:
GS|2|66|2|0|„Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben.“ – Was will denn das sagen? Wie taugt es zu unserem Begriff? Der Herr ist der allereigentlichste Gemeingeist, da gewisserart ein jeder einzelne Menschen- und Engelsgeist vollkommen Seines Ebenmaßes ist, und dann alle zahllosen Geister zusammengenommen wieder vollkommen ähnlich sind wie in Eins dem Einen Geist Gottes. Wie es aber vom Herrn gegen jeden einzelnen Geist und gegen alle Geister in einen zusammengefasst der Fall ist, also ist es auch gleichermaßen der Fall zwischen den Menschengeistern.
GS|2|66|3|0|Derjenige Menschengeist, der durch seine Liebe, Demut und Weisheit dem Herrn am nächsten ist, ist schon stets mehr und mehr ein Gemeingeist, weil seine Liebe, Demut und Weisheit gar viele andere Geister in seine Sphäre gezogen haben, und bei manchen noch fortwährend ziehen, wenn sie, nämlich solche Gemeingeistmenschen, auch schon lange nicht mehr leiblich auf der Erde leben. Solches aber stellt sich in der geistigen Welt als ein Verein dar, der also ausgebildet ist, gewisserart in weitester Umfassung, wie der spezielle Gemeingeist für sich selbst einzeln persönlich Dastehendes ist.
GS|2|66|4|0|Es wäre hier freilich zu fragen: Wie aber bekommt denn ein solcher Verein gerade die Gestalt eines solchen gemeingeistigen Menschen? Er könnte ja gar wohl auch also aussehen, wie da aussieht eine bewohnbare Welt. Warum muss denn gerade die Gestalt eines Menschen im hohen Reich der Geister das formelle Substrat eines für himmlische Wesen bewohnbaren Vereins sein?
GS|2|66|5|0|Um diese Frage gehörig verständlich zu beantworten, muss ich euch darauf aufmerksam machen, dass die für euch naturmäßig bewohnbaren Welten an und für sich eigentlich nichts anderes sind als gewisserart, wenigstens für euer Auge, chaotische Konglomerate von Seelen zu Seelen, welche in der Urzeit der Zeiten als ordnungsmäßige Gefäße der Geister aus Gott bei dem allgemeinen Fall des einen großen Gemeingeistes notwendigerweise mitfallen mussten. Aus diesen Seelen oder geistigen Gefäßen sind dann erst durch die erbarmende und endlose Willensmacht des Herrn die Welten, wie sie sind, geschaffen worden, und sind nun darum da, dass diese Seelen mit ihren Geistern nach einer weise vorgezeichneten Stufenfolge wieder vereint werden sollen.
GS|2|66|6|0|Seht aber an all die kaum zählbaren Vorgangsstufen und fragt euch zufolge eurer Vorkenntnisse: Was ist das Ziel solcher gradativen Fortschreitung? Und die Antwort wird euch die nächstbeste Anschauung eines jeden Menschen geben.
GS|2|66|7|0|Was ist ein Mensch sonach? Er ist in seiner vollendeten gottähnlichen Form gewisserart ein Gemeinleben von zahllosen vorangegangenen speziellen Leben, welches beim Steinmoos die ersten Lebensäußerungen zu entwickeln begann, sich dann durch alle Pflanzenwelt durchwand, von der Pflanzenwelt in die Tierwelt überging und von der gemeinsamen Tierwelt sich erst zu der vollendeten Form des Menschen ausbildete.
GS|2|66|8|0|Im Menschen fängt also zuerst alle frühere zerrissene Seelen- und Geistes-Wesenheit an, ihre Urform zu gewinnen; also ist es dann ja wohl doch natürlich, dass im Reich der vollendeten Geister es im Grunde des Grundes keine anderen Formen geben könne als eben die Urgrundform des gottähnlichen Menschen.
GS|2|66|9|0|Also ist denn ein Verein in der Gestalt eines Menschen ja eben die rechte Form und ist im wahren und vollkommensten Sinne eine herrliche bewohnbare Welt für Geister zu nennen, weil diese Form in sich selbst jedem Einzelteil des Menschen entspricht und somit kein Bewohner solch einer Welt vonnöten hat, zu säen und dann zu ernten, sondern er findet in solch einer vollkommenen Welt seinen bestimmten Platz, der ihm alles gibt, was der Bewohner nur immer vonnöten hat; also wie auch kein Nerv im menschlichen Leib zu säen und zu ernten braucht für sich, um sich aus solcher Ernte zu ernähren, sondern auf dem Platz des Leibes er sich befindet, auf eben dem Platz ist für ihn schon um alles gesorgt, und er braucht nichts anderes als zu leben und zu genießen.
GS|2|66|10|0|Ich meine, dieses ziemlich ausgedehnte Stößchen soll in euch doch so ziemlich klar sein. Nur ein Umstand ist noch dabei, nämlich in dieser Hinsicht, was da betrifft die Anschauung des Gemeingeistigen in einer Person aus der Sphäre des Herrn, und für diesen Umstand werden wir noch so ein Stößchen anbringen. Denn es lässt sich nämlich fragen: Wie möglich kann ein Spezialgeist in seiner Einheit auf den Standpunkt erhoben werden, dass er als solcher eine ganze geistige Vielheit als eine Persönlichkeit nur vor sich erschaut?
GS|2|66|11|0|Das ist ein ziemlich schwieriger Punkt; aber wie gesagt, ein ziemlich wohlgenährtes Stößchen wird ihn schon wieder ins rechte Gleichgewicht bringen. Um aber dieses Stößchen so wirksam als möglich zu machen, wollen wir zuerst einen Griff in die naturmäßige Welt tun; und so hört!
GS|2|66|12|0|Könnt ihr eure ganze Erde überschauen? Ihr sagt: Mitnichten, denn ihre Oberfläche ist zu ausgedehnt, als dass es möglich wäre, sie zu überschauen. – Gut, sage ich; warum aber könnt ihr die viel größere Sonne überschauen? Ihr sagt: Weil sie von unseren Augen so weit absteht, dass von ihrer ganzen Oberfläche alle ausgehenden Strahlen in einem solchen Winkel auf unser Auge fallen, den dasselbe zufolge seiner Gestaltung bequem aufnehmen kann. – Nun gut, wir haben unsere Sache schon so vollkommen als nur immer möglich.
GS|2|66|13|0|Seht, wie es in der naturmäßigen Welt Erscheinungen gibt, da man sagen kann: Diese Sache ist nahe, diese aber räumlich weit entlegen, also gibt es auch in der geistigen Welt erscheinliche Zustände, durch welche ein Objekt in eine große Entfernung zurücktritt. Und wäre es an und für sich noch so groß und aus einer unzähligen geistigen Vielheit bestehend, so wird es in der geistigen Entfernung dennoch als ein einzelnes konkretes Wesen leichtlich übersehbar sein.
GS|2|66|14|0|Aber die geistige Entfernung ist erscheinlichermaßen nicht also beschaffen wie die naturmäßige, in welcher jene Gegenstände wirklich dem Raum nach weit entfernt sind, die das Auge als weit entfernt erblickt. Im Geiste aber sind diejenigen Dinge, welche scheinbar räumlich weit abzustehen kommen, nicht weit vom Auge des Betrachters entfernt, sondern können ebenso nahe wie die allernächst erscheinlichen sein, da für den Geist ohnehin keine scheinbare Entfernung etwas ausmacht. Aber im Gegenteil können oft scheinbar überaus nahe liegende Dinge auch überaus entfernt sein, und dann sieht man sie zwar wie in der tastbaren Nähe; aber dessen ungeachtet sind sie, wie gesagt, geistig überaus weit entfernt.
GS|2|66|15|0|Ihr sagt: Das klingt ein wenig rätselhaft. – Ich aber sage: Nichts weniger als das; ein kleiner Wink noch hinzugefügt, und ihr werdet dieses Rätsel ganz gelöst vor euch haben. Es fragt sich:
GS|2|66|16|0|Wann ist man im Geiste von aller anderen Wesenheit wohl am entferntesten? Sicher nur dann, wenn man sich in der unmittelbaren Nähe des Herrn befindet; denn zwischen Ihm und aller anderen Wesenheit ist fortwährend eine ewige unübersteigliche Kluft vorhanden, und dennoch ist man wieder umgekehrt in der sphärischen Nähe des Herrn allen Dingen in ihrer Gemeinheit am nächsten, weil der Herr in ihnen alles in allem ist.
GS|2|66|17|0|Ihr aber wart auf eurer ersten geistigen Sonne unmittelbar in der Sphäre des Herrn. Wie mussten sich demnach alle Vereine der himmlischen Geister zu euch verhalten? Ganz klar begreiflichermaßen unmöglich anders als wie sehr entfernte. Dennoch habt ihr sie auch wie in eurer völligen Nähe geschaut.
GS|2|66|18|0|Das kommt daher, weil der Herr fürs Erste alles in allem ist, und das Auge eines jeden Geistes in der Sphäre des Herrn dem der unmündigen Kindlein ähnlich ist, welche da nicht selten nach dem Mond und nach den Sternen greifen, als wären sie im Ernst in ihrer völligen Nähe, während sie doch, wie ihr wisst, in stets gleich großer Entfernung sich befinden.
GS|2|66|19|0|Ich meine, nun sollte euch die Sache über die von euch in der Sphäre des Herrn zuerst geschaute geistige Sonne klar sein. Und so wollen wir uns denn wieder in den Hainen, Fluren und Gärten dieser eurer Sonne entsprechenden eigentlichen geistigen Sonne näher umsehen und mit ihren sehr jugendlichen Bewohnern eine ebenfalls nähere Bekanntschaft machen, und der nächste Garten, den wir vor uns sehen, soll uns zu dem Behuf auch zuerst aufnehmen.
GS|2|67|1|1|Das Reich der bald nach ihrer Geburt verstorbenen Kinder. Wie diese Kinder sich entwickeln und sprechen lernen
GS|2|67|1|1|(Am 31. August 1843 von 5 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|67|1|0|Hier vor uns ist schon die Pforte; also nur mutig hineingetreten! Wir sind in dem Garten. Seht nun hier, wie niedlich und in der schönsten Ordnung alles gestellt ist! Kleine Baumalleen durchkreuzen den großen Garten, und bei jeder Kreuzung entdecken wir ein kleines Baumrondeau, welches in der Mitte mit einem kleinen Tempel geziert ist. Die Wege sind mit dem schönsten Rasen überdeckt und geben auf diese Weise einen überaus sanft zu wandelnden Weg ab. Zwischen den Alleen entdecken wir freie Räume, auf denen eine Menge der schönsten Blümchen wachsen, ungefähr in der Art wie allenfalls in einem guten Frühjahr auf eurer Erde auf den Wiesen.
GS|2|67|2|0|Ihr sagt hier, wie es wohl kommt, dass diese Blumen nicht nach gärtnerischer Kunst geordnet sind, sondern nur ganz bunt durcheinandergemischt dem Boden entwachsen? Das kommt daher, weil hier schon eine vollkommene Welt ist, und somit alles Wachstum auf einer jeden Stelle vollkommen entsprechend ist mit den geistigen Begriffsfähigkeiten, welche die Bewohner einer solchen Stelle zu eigen haben.
GS|2|67|3|0|Hier wohnen aber eben gerade die jüngsten Kinderchen, welche auf der Erde bald nach ihrer Geburt dem Leib nach gestorben sind. Diese Kinderchen können doch unmöglich noch irgend geordnete Begriffe und Vorstellungen vom Herrn und Seinem Wort haben; daher seht ihr hier auch alles jung, klein und bunt durcheinander.
GS|2|67|4|0|Da seht einmal vorwärts! Dort in der Mitte dieses großen Gartens werdet ihr ein Gebäude entdecken, das da fast die Gestalt eines großen Treibhauses bei euch hat. Was ist es wohl? Nur hingegangen und sich überzeugt, und wir werden gleich sehen, was es ist.
GS|2|67|5|0|Seht, wir sind schon dabei; hineingetreten durch die Tür, die vor uns geöffnet ist, und es wird sich sogleich zeigen, was darin anzutreffen sein wird. Wir sind herein; seht, eine beinahe unabsehbar lange Kleinbettenreihe befindet sich fortlaufend wie auf einer Terrasse etwa drei Schuh über den Boden gestellt. Und seht weiter, hinter der vorderen Reihe lässt sich wie durch eine Gasse getrennt auch schon eine zweite, dann eine dritte, vierte, fünfte, usf. bis zehnte erschauen. Und seht, in einem jeden dieser kleinen Bettchen sehen wir ein Kindlein ruhen, und in einer jeden solchen Gasse gehen fortwährend mehrere hundert von Wärtern und Wärterinnen auf und ab und sehen sorgfältigst nach, ob einem oder dem anderen Kindlein nicht etwas vonnöten ist.
GS|2|67|6|0|Wie viel solcher Bettchen dürften wohl hier in diesem Raum vorhanden sein? Solches können wir leicht berechnen; auf einer Reihe befinden sich zehntausend solcher Bettlein, und zehn Reihen haben wir in dieser Abteilung gezählt, das wären sonach hunderttausend. Wie viel gibt es aber solche Abteilungen nur in diesem Gebäude? Es gibt deren zehn; und so werden im ganzen Gebäude eine Million solcher Bettchen vorhanden sein. Jede Abteilung aber steigt hier von Tag zu Tag nach eurer Rechnung; und die Kindlein, die heute in dieser Abteilung in diesen wunderbaren Lebensbettchen ausgereift werden, werden sobald übertragen in die nächste Abteilung.
GS|2|67|7|0|Wenn auf diese Weise die Kindlein hier durch die zehn Abteilungen dieses Gebäudes aus- und durchgereift werden, so kommen sie dann schon in ein anderes Gebäude, allwo sie nicht mehr in solchen Bettchen ruhen dürfen, sondern da sind für sie gewisse sanfte Geländerreihen errichtet, in denen sie stehen und gehen lernen. Auch dieses Gebäude hat ebenfalls zehn Abteilungen, in welchen das Gehen fortwährend ausgebildet wird. Sind die Kindlein des Gehens vollkommen kundig, da ist schon ein anderes Gebäude von wieder zehn Abteilungen; in diesem Gebäude wird für das Sprechen der Kindlein gesorgt, welche Sorge so klug eingeleitet ist, dass es sich fürwahr der Mühe lohnt, dahin zu gehen und diese Unterrichtsanstalt näher in den Augenschein zu nehmen.
GS|2|67|8|0|In diesem Gebäude haben wir ohnehin nicht mehr viel zu lernen; denn das lässt sich von selbst denken, dass diese ganz unzeitig von der Welt herübergebrachten Kindlein lediglich durch die Liebe des Herrn ausgereift werden, und dass die Aufseher darin solche Engelsgeister sind, welche auf der Erde ähnlichermaßen große Kinderfreunde waren. Und da wir nun dieses wissen, so begeben wir uns ins dritte Gebäude.
GS|2|67|9|0|Seht, dort mehr gegen Mittag steht es in schon einer ziemlich großgedehnten Form; gehen wir also nur hin und sogleich hinein! Seht, wir sind schon in der einen Abteilung, und zwar in der ersten; merkt ihr nicht, wie es da wimmelt von den kleinen Scholaren und unter ihnen von freundlichen und geduldigen Lehrern und Lehrerinnen? Und seht, wie diese Kinderchen mit einer allerverschiedenartigsten und buntesten Menge von allerlei Spielereien versehen sind. Wozu dienen ihnen denn diese? Fürs Erste zur stummen Begriffssammlung in ihrer Seele, welche hier eigentlich ihr Wesen ist. Hier hören wir noch nichts reden; aber gehen wir in eine zweite Abteilung.
GS|2|67|10|0|Seht, da sind die Kindlein nicht mehr so bunt durcheinander, sondern sitzen auf weichen langgedehnten niederen Bankreihen. Und vor je zehn Kinderchen sehen wir einen Lehrer, der einen Gegenstand in der Hand hält, ihn benennt und von den Kinderchen, so gut es nur immer geht, freiwillig nachsprechen lässt. Die Gegenstände sind allzeit so gewählt, dass sie die Aufmerksamkeit der Kindlein an sich ziehen.
GS|2|67|11|0|Zudem werdet ihr hier auch bemerken, dass die langen Bankreihen durch aufsteigende Querwände von zehn zu zehn Kinderchen abgeteilt sind. Das ist darum so gestellt, damit bei der Vorweisung eines Gegenstandes die nächste anstoßende Zehnkinderchenreihe bei der Aufweisung eines Gegenstandes in der Aufmerksamkeit nicht gestört wird.
GS|2|67|12|0|In dieser Abteilung lernen die Kinderchen bloß die einfachen Gegenstände benennen. In der nächsten Abteilung werden sie schon auf die Benennung zusammengesetzter Begriffe geleitet, wo nämlich ein Begriff zum Grund und der andere zur Bestimmung liegt. In der vierten Abteilung lernen sie schon von selbst die Begriffe verbinden und auch diejenigen Worte kennen, durch welche Handlungen und Tätigkeiten, wie auch Zustände, Beschaffenheiten und Eigenschaften ausgedrückt werden.
GS|2|67|13|0|In der fünften Abteilung geht schon ein förmliches Plaudern an. Solches wird so bewerkstelligt, dass die Lehrer mittels allerlei Gegenständen gewisse Tableaus und kleine Theater aufführen und lassen sich dann von den Kindlein erzählen, was sie jetzt gesehen haben und was da geschehen ist.
GS|2|67|14|0|In der sechsten Abteilung wird dieser Lehrzweig in einem schon etwas größeren und sinnumfassenderen Maßstab fortgesetzt. Da werden schon etwas größere Tableaus und Theater in der Art aufgeführt, dass sie auf den Herrn einen Bezug haben; nur wird den Kinderchen hier noch nicht Weiteres davon kundgegeben als bloß nur das äußere Bild, und sie müssen dann dasselbe wieder in der bestimmten Lehrzeit so nacherzählen, wie sie es gesehen haben.
GS|2|67|15|0|In der siebten Abteilung, wo die Kinder schon ganz förmlich reden können und ihre Auffassungsfähigkeit schon einen merklich höheren Grad erreicht hat, werden schon ganz bedeutend große, allgemeine, auf den Herrn Bezug habende geschichtliche Darstellungen, nicht nur allein in der Form der Tableaus, sondern schon dramatisch gegeben, und das gewöhnlich auf eine für die Kinder so anziehende Weise, dass sich diese förmlich vergaffen und verhören, und eben dadurch sich alles das Geschaute und Gehörte desto tiefer einprägen.
GS|2|67|16|0|In der achten Abteilung lassen die Lehrer schon von den Kinderchen selbst kleine Tableaus aufführen und sich dann wieder erzählen, was durch solch ein Tableau dargestellt ward.
GS|2|67|17|0|Dadurch werden die Kinderchen auf die zweckmäßigste Art zur Selbsttätigkeit und zum Selbstdenken angeleitet.
GS|2|67|18|0|In der neunten Abteilung müssen die Kinderchen schon selbst neue Darstellungen zu erfinden anfangen, natürlich unter der Leitung ihrer weisen Lehrer, und die erfundenen müssen sie dann auch darstellen, zuerst bloß stumm, dann aber auch redend.
GS|2|67|19|0|In der zehnten Abteilung werden wir schon eine Menge Schauspieler und Dramatiker erschauen, und ihre Sprache wird so wohl gebildet sein, dass ihr dazu werdet sagen müssen: Fürwahr, so kann mancher auf der Erde nicht reden, wenn er auch schon eine Universität durchlaufen hat. Man muss hier freilich wohl sagen:
GS|2|67|20|0|Im Geist lernt es sich schneller denn im materiellen Leib, welcher nicht selten mit großen Schwächen und Unbehilflichkeiten behaftet ist. Das ist allerdings wahr. Aber würde auf der Erde auch eine ähnliche Lehrmethode beobachtet sein, so würden die dort lebenden und wachsenden Kinder ebenfalls ums Unvergleichliche schneller zum geistig entwickelten Ziel gelangen als so, wo das Kind zuerst mit allerlei Unrat angestopft wird, welcher hernach bei der gründlicheren Bildung des Kindes erst mühsam hintan geschafft werden muss, bevor das Kind zu etwas Reinerem aufnahmsfähig wird.
GS|2|67|21|0|Um euch ein Bild des näheren Verständnisses wegen zu geben, will ich euch nur darauf aufmerksam machen, was ihr selbst schon öfter erfahren habt. Nehmt ihr an ein für die Musik talentiertes Kind; was könnte ein solches in der frühesten Zeit unter einer wahren und schulgerechten Leitung leisten? Wenn man aber solch einem Kind statt eines gründlichen Lehrers einen barsten Pfuscher gibt, der gewisserart selbst alles besser versteht als gerade das, worin er Unterricht erteilt, gibt dem Schüler dazu noch ein schlechtes Instrument, welches entweder wenig oder gar keinen Ton hat und dazu regelmäßig fortwährend verstimmt ist und das alles unter dem Vorwand: Für den ersten Anfang ist es gut genug! Wird aus solch einem talentierten Musikschüler wohl je etwas werden? Wir wollen sehen.
GS|2|67|22|0|Nach drei unnütz verschwendeten Jahren wird endlich unserem Schüler ein etwas besserer Meister gegeben. Dieser aber hat wenigstens drei Jahre zu tun, um all den eher angewohnten Unflat aus seinem Scholaren zu bringen. Nun sind sechs Jahre verstrichen, und unser Schüler kann noch nichts. Man will aber nun den ersten Fehler dadurch gut machen, dass man, um aus dem Kind etwas zu machen, demselben sogleich einen exzellentesten Meister gibt. Dieser Meister hat aber keine Geduld und der Schüler keine große Freude mehr. Also vergehen wieder drei Jahre, und unser talentvoller Schüler hat es kaum zu einem höchst mittelmäßigen Stümper gebracht, während er bei einer gerechten Grundleitung schon in den ersten drei Jahren hätte etwas Bedeutendes leisten können.
GS|2|67|23|0|Seht, so geht es mit allem Unterricht auf der Erde; darum auch die Fortschritte der Bildung so langsam vor sich gehen. Hier aber ist alles auf das Zweckmäßigste geordnet, darum geht auch jede Bildung mit Riesenschritten vorwärts. Die Fortsetzung wird uns noch glänzendere Resultate zeigen.
GS|2|68|1|1|Erlernen des Lesens und Schreibens aller weltlicher Schriften
GS|2|68|1|1|(Am 2. September 1843 von 5 1/4 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|68|1|0|Ihr habt jetzt gesehen, wie allda die unmündigen Kindlein sprechen lernen; was folgt aber auf das Sprechen? Seht, da vor uns ist schon ein anderes Gebäude. In dieses werden wir hineintreten, und es wird sich da sofort zeigen, was mit diesen Kindern ferner geschieht. Wir sind schon im Gebäude, welches gar herrlich gebaut ist, und entdecken hier nicht mehr die früheren Abteilungen, sondern das ganze Gebäude stellt einen sehr großen Saal vor, der Raum genug hat, wie ihr euch mit der inneren Sehe überzeugen könnt, um eine Million solcher Scholaren zu fassen, und dazu noch auf je zehn zu zehn einen Lehrer obendrauf.
GS|2|68|2|0|Was geschieht aber hier? Seht, da vor uns ist solch ein Schöckchen [Grüppchen], ihr seht mitten einen runden Tisch, um welchen zehn kleine Scholaren mit einem Lehrer bequem logiert sind. Was haben sie, die Scholaren nämlich, vor ihnen am Tisch liegen? Wir erblicken Bücher, deren Blätter etwas steif sind, und auf den Blättern sind nach der Reihe hin kleine, gar überaus meisterhafte Bilderchen.
GS|2|68|3|0|Was tun die Schüler mit diesen Bilderchen? Sie sehen sie an und reden hernach oder sagen gewisserart dem Lehrer ihr angeschautes Bild auf. Seht, das ist der erste Anfang zum Lesen; hier werden bloß ausgearbeitete Bilder gelesen.
GS|2|68|4|0|Seht eine Menge Tische hier im Vordergrund, welche in einer geraden Linie über die Breite des Saales hinlaufen; da befinden sich, wie ihr seht, lauter Anfänger im Lesen. Ihr sagt hier freilich und fragt: Das ist alles recht, richtig und schön, wenn es sich bloß um das Lesen einer reinen Bilderschrift handelt; aber wenn hier auch das Lesen mittels stummer Zeichen oder sogenannter Buchstaben gang und gäbe ist, so sehen wir noch nicht recht ein, wie möglich diese stummen einlautigen Zeichen aus diesen niedlichen Bilderchen hervorgehen werden.
GS|2|68|5|0|Lasst es nur gut sein, meine lieben Brüder und Freunde! Wie solches hier vor sich geht, wird euch schon bei den nächsten Tischreihen klar werden; und ihr werdet euch überzeugen, dass man hier auf ganz natürlichem Weg ohne das vorhergehende Buchstabieren und Syllabieren ganz vortrefflich kann lesen lernen.
GS|2|68|6|0|Seht, da ist schon die zweite Reihe; was erblickt ihr hier? Ihr sagt: Nichts anderes als im Grunde dieselben Bücher; aber nur sind die Bilder nicht mehr völlig ausgearbeitet, sondern bloß nur mit den sogenannten Konturlinien gegeben. – Seht, da gehört schon mehr Denken dazu, um aus der Verbindung der Linien das früher gut ausgearbeitete Bild wieder herauszufinden. Zugleich aber werdet ihr daraus ersehen, dass dadurch das innere Gemüt mehr zur Tätigkeit angeleitet wird, je mehr für die äußere Beschauung von einem Bild hinwegfällt; oder das innere Gemüt wird angeleitet, die abgängige Ausführung selbst hinzuzuschaffen. Was die Schüler bei dieser zweiten Reihe tun, haben wir bereits gesehen.
GS|2|68|7|0|Gehen wir zur dritten; wir sind hier. Was seht ihr hier? Ihr sagt: Wieder Bücher wie früher; aber hier sehen wir bloß nur Grundlinien, um welche die anderen Konturlinien bloß durch Pünktchen ausgedrückt sind. – Seht, hier ist es schon schwerer, das eigentliche Bild herauszufinden; aber dass man dabei schon mehr zu der eigentlichen Grundbedeutung, gewisserart zum Fundament des Bildes zurückgeführt wird, ist ersichtlich. Zugleich wird hier die Bedeutung der Bilder schon gründlicher gelesen, und die Linien fangen an, für sich selbst mehr Bedeutung zu gewinnen.
GS|2|68|8|0|Es wird auch zugleich erklärt, was da eine gerade, eine krumme und eine kreisförmige Linie ist.
GS|2|68|9|0|Gehen wir zur vierten Reihe; was erblickt ihr da? Ebenfalls wieder Bücher, wo zwar auch noch die Grundlinien vorkommen; aber sie sind mehr mit den Konturpunkten umfasst. Da aber die vorkommenden Bilder eine Menge historischer, meistens auf den Herrn Bezug habende Situationen darstellen, und somit bei jedem Bild eine oder auch mehrere menschliche Figuren vorkommen, so werden durch diese Grundlinien fürs Erste alle Teile und Gliederungen des Menschen ersichtlich dargestellt, daraus die Schüler gar leicht ersehen, wie die Teile des Menschen geordnet sind, und was für Bedeutung da die einfachen Linien in Bezug auf die verschiedenen Teile und Gliederungen des Menschen haben.
GS|2|68|10|0|Was geht aber aus dem hervor? Das werden wir sogleich bei der nächsten Reihe sehen.
GS|2|68|11|0|Seht, wir sind schon bei ihr. Da sehen wir dieselben Linien kleiner aneinandergereiht und hier und da die Endteile der Linien in gewisse Punkte auslaufend. Was besagt denn solches? Es ist noch immer das erste Bild; aber die Linien gehen schon mehr in eine stumme Zeichenform über, und die Schüler müssen diese stummen Zeichen also erkennen, als hätten sie das komplette Bild vor sich.
GS|2|68|12|0|Gehen wir aber wieder zur nächsten Reihe. Da erblickt ihr in den Büchern bloß nur ein, zwei oder drei Hauptlinien, und zwar in viel kleinerem Maßstab gegeben. Diese einzelnen Hauptlinien werden hier und da mit kleinen Bögchen darum zusammengehängt, um dadurch anzuzeigen, dass sie zusammengehören. Die Nebenlinien werden nur hier und da mit wenigen kurzen Strichelchen und Punkten angezeigt.
GS|2|68|13|0|Seht, ist das nicht schon eine förmliche Schrift? Ja sicher ist sie es; und sie ist die so ganz eigentliche rechte Schrift, welche mit dem ganzen Wesen des Menschen korrespondiert. Ihr sagt: Das ist richtig; aber wie sieht es denn mit den einzelnen Lauten oder mit dem sogenannten ABC aus? – Ich sage euch: Das liegt schon alles darin; denn die sogenannten Selbstlaute sind durch die Punkte und kleinen Strichelchen angezeigt, die Mitlaute aber werden durch die Hauptlinien und deren Verbindungen dargestellt. Und fürs Dritte liest man allhier nie nach den einzelnen Buchstaben und lernt sie auch darum nicht voraus des Lesens wegen kennen, sondern da ist der Weg gerade umgekehrt. Man lernt hier zuerst aus den allgemeinen Zeichen lesen, wie ihr gesehen habt, und aus diesen allgemeinen Zeichen lernt man erst nachher die einzelnen Grundlautzeichen erkennen und zusammensetzen und aus den zusammengesetzten wieder die allgemeinen Zeichen herausfinden.
GS|2|68|14|0|Seht, das ist hier die Art und Weise, auf die allerkürzeste und allerzweckmäßigste Art den Schülern das Lesen beizubringen.
GS|2|68|15|0|Dass zu der Erlernung des Lesens schon die frühere Erlernung des Sprechens ungemein viel beiträgt, braucht kaum näher erwähnt zu werden, indem solches ohnehin mit den Händen gegriffen werden kann. Denn der Unterschied zwischen den Mitteln besteht bloß darin, dass sie bei der Erlernung des Sprechens plastisch und dramatisch sind, beim Erlernen des Lesens aber sind sie flach dargestellt.
GS|2|68|16|0|Wir erblicken aber hier noch mehrere Reihen; was geschieht wohl da? Es wird noch fortwährend vollkommener lesen gelehrt; und dieses besteht darin, dass die Schüler aus der Gestalt dieser inneren Schrift, welche geistig ist, durch Entsprechungen am Ende auch alle weltlichen, äußeren Schriften finden und erkennen lernen; und mit nichts sonst als bloß mit dem Lesen, wird sich in diesem Gebäude abgegeben. Dass dabei die Schüler auch gewisserart schon von selbst das Schreiben lernen, braucht kaum erwähnt zu werden; denn nach dieser Methode werden, wie ihr zu sagen pflegt, mit einem Streich zwei Fliegen erschlagen.
GS|2|68|17|0|Ihr fragt hier freilich und sagt: Ja, wenn diese vielleicht kaum fünf- bis siebenjährigen Kinderchen, nach irdischem Maßstab genommen, solches alles erlernen, was bleibt ihnen denn dann noch zu erlernen übrig? Denn wie wir gesehen haben, so haben sie während des Sprechenlernens durch die zahllos mannigfaltigen Tableaus sich ja ohnehin schon fast alles eigen gemacht, was der Mensch in seinem Geist sich nur vorzustellen vermag. Und noch bei weitem mehreres hat ihnen die Erlernung des Lesens geboten, denn in ihren Bildern kamen ja doch so außerordentlich viele und mannigfaltigste Situationen vor, dass man mit ihrer Verwirklichung eine ganze Unendlichkeit ausfüllen könnte. Da ist es fürwahr nicht leichtlich einzusehen, was für höhere Schulen es hier noch geben sollte.
GS|2|68|18|0|Lasst es nur gut sein; die Folge wird es euch zeigen, was man hier noch alles zu erlernen hat. Ihr müsst ja nicht denken, dass man im Reich der Geister als selbst Geist schon gewisserart, wie ihr zu sagen pflegt, alle Weisheit der Himmel mit dem Löffel gefressen hat, und das noch etwa auf einen Schluck obendrauf. Denn das wäre fürwahr eine außerordentliche Einförmigkeit des Lebens, wenn man sich in einer solchen Stellung befände, die keiner Vervollkommnung mehr fähig ist. Wenn aber der Herr Selbst immer, was ihr freilich nicht recht wohl begreifen werdet, in der Entwicklung Seiner unendlichen Kraft fortschreitet, was ihr leicht aus der Fortschöpfung und Fortpflanzung aller Dinge erschauen könnt, wie sollte es da für Seine Kinder je irgendeinen Stillstand geben? Wie aber solche Fortschreitungen geschehen, wird die Folge zeigen.
GS|2|69|1|1|Erlernen von Erdkunde und Weltgeschichte
GS|2|69|1|1|(Am 4. September 1843 von 4 3/4 – 6 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|69|1|0|Seht, hier vor uns steht schon wieder ein anderes und bei weitem größeres Haus; was wird denn hier gelehrt? Wir werden gleich dahinterkommen. Ihr wisst, dass diese Kindlein ihren Geburtsort, die Erde, aus dem Grunde nie haben vermocht kennenzulernen, weil sie zu frühzeitig, und zwar gleich nach ihrer Geburt, dem Leibe nach verstorben sind. Da es aber zur Erkenntnis des Herrn auch notwendig ist, den Ort näher zu kennen, den Er zum Hauptplatz Seiner Erbarmungen erwählt hatte, so müssen auch diese Kindlein ebendiesen Ort darum näher kennenlernen, um daraus zu ersehen, wie der Herr und wo der Herr ist ein Mensch geworden, um zu erlösen das gesamte menschliche Geschlecht und einzurichten die Erde für eine Lehrstube Seiner Kinder. Also wird hier im ganz eigentlichen Sinne die Geographie der Erde gelehrt, und das sicher auf eine zweckmäßigere Weise, als solches bei euch der Fall ist.
GS|2|69|2|0|Wie aber diese Geographie der Erde hier vorgetragen wird, wollen wir uns sogleich überzeugen. Seht, in der Mitte des großen Saales, in dem wir uns nun befinden, befindet sich auf einem großen, prachtvollen Gestell ein Erdglobus fast auf die Art, wie bei euch auf der Erde. Ihr müsst das nicht etwa bloß nur gewisserart unbedingt annehmen, sondern unter der überzeugenden Bedingung, dass da auf der Erde ja sicher nirgends sich etwas in was immer für einem Fach vorfindet, das da nicht entsprechendermaßen schon lange vorher im Geiste vorhanden wäre. Also ist auch ein Erdglobus bei euch auf der Erde durchaus keine solche Erfindung, die da nicht zuvor im reinen Gebiet des Geistes schon lange, ja ewig lange vorhanden gewesen wäre.
GS|2|69|3|0|Solches könnt ihr auch aus dem ganz vollkommen erschauen, so ihr euch selbst fragt: Was war wohl eher vorhanden, die Erde oder ein von Menschen verfertigter Globus, der gegenwärtig eben die alte Erde nur höchst mangelhaft und dürftig abbildend darstellt?
GS|2|69|4|0|Ich meine aber, da im Geist des Herrn die Erde sicher schon gar lange bestanden hat, so wird es wohl auch mit dem Bestehen des Abbildes der Erde seine guten, geweisten Wege haben. Sonach kann dieser Globus hier ja auch ganz wohl geistig genommen in seiner Ordnung sein und ist in der Fülle der Wahrheit auch in einer bedeutend größeren Ordnung, als er es bei euch auf der Erde je wird sein können.
GS|2|69|5|0|Geht nur näher und betrachtet ihn. Er ist auf seiner Oberfläche nicht also gezeichnet, wie solches bei euch auf der Erde zu sein pflegt, sondern er ist eine förmliche plastische Strahlentypik, gleich euren sogenannten Daguerreotypen, welche ebenfalls den allerunscheinbarsten Gegenstand im kleinsten Maßstab wieder zum Vorschein bringen. Der große Unterschied aber zwischen der irdischen äußeren Strahlentypik und dieser inneren geistigen ist unberechenbar groß; denn hier darf bei der genauesten Beobachtung auch nicht ein Atom fehlen und muss die ganze Natur der Erde allervollkommenst genau dargestellt sein.
GS|2|69|6|0|Dass aber solches hier bewerkstelligt ist, könnt ihr beim ersten Anblick in der vollen Nähe erkennen; denn seht, die Bächlein, Flüsse, Ströme und Meere sind hier ganz natürlich; die Bäche, Flüsse und Ströme fließen und das Meer nimmt sie auf.
GS|2|69|7|0|Seht an weiter! Die Gebirge, wie sie ganz getreu in kleinem Maßstab die der Erde vorstellen, sind ersichtlich aus denselben Stoffen. Die Gletscher haben ihren Schnee und Eis, die Kalkgebirge ihren Kalk, die niederen Alpen ihre Weiden und tiefer hinab ihre Waldungen. Und seht nur genau, eine jede Stadt ein jedes Dorf ist genau abgebildet.
GS|2|69|8|0|Da ist z. B. eben eure Wohnstadt. Betrachtet sie, und ihr werdet finden, dass da nicht das Geringste abgeht. Seht aber auch, wie sogar Wolken und Nebel herumziehen gerade nach den Richtungen und in denselben Formen, wie sie gleichzeitig allzeit auf der wirklichen Erde sich befinden. Seht, das ist sicher ein vollkommenster Globus. Er ist freilich wohl ziemlich groß; sein Durchmesser dürfte nach eurem Maßstab bei zwanzig Klaftern haben.
GS|2|69|9|0|Wie aber kann er da wohl nach allen Seiten übersehen werden? Sehr leicht; denn seht, fürs Erste hängt oder ruht er vielmehr ganz parallel auf dem großen Gestell mittels einer mächtigen Spindel mit einer Rundgalerie, welche gerade die Höhe der Pole erreicht. Auf dieser Galerie befinden sich unsere Scholaren, unterspickt mit ihren Lehrern, und besichtigen einmal einen ganzen Meridian. Haben sie diesen gut inne, so wird der Globus um einen Meridian weitergerückt und so fort, bis auf diese Weise die ganze Erde durchstudiert ist.
GS|2|69|10|0|Ist aber das der einzige Globus, und sind die Scholaren mit dessen Durchstudierung mit der Geographie schon fertig? O nein! Seht, da weiter vor uns ist schon wieder ein großer Saal; in dem befindet sich ein ähnlicher Globus, die Erde um tausend Jahre früher darstellend, und wieder in einem anstoßenden großen Saal einer, die Erde wieder um tausend Jahre früher darstellend, und das geht so fort bis zu Adam.
GS|2|69|11|0|Seht, auf diese Weise erlernen diese Schüler mit der Geographie auch zugleich die Weltgeschichte; nur gehen sie allzeit den umgekehrten Weg. Sie fangen allzeit bei der Gegenwart an, und gehen somit von den Erscheinungen auf die Ursache; welches ebenso viel sagen will als von außen nach innen gehen.
GS|2|69|12|0|Ihr fragt hier und sagt: Auf der Erde aber geschehen ja von Jahr zu Jahr nicht selten ganz gewaltige Veränderungen; wie lassen sich diese wohl auf den großen, allzeit tausend Jahre in sich fassenden Globen erlernen? Da sage ich nichts anderes als: Seht euch nur ein wenig um und seht, was alles in solch einem überaus großen Saal enthalten ist. Seht, in einer ziemlichen Entfernung herum stehen in einem jeden Saal noch zehn etwas kleinere Globen. Diese stellen die Erde von hundert zu hundert Jahren dar, und zwar ebenso lebendig genau, wie solches auf den großen zu ersehen ist. Hinter diesen zehn Globen werdet ihr wieder noch eine große Menge in guter Ordnung entdecken, auf denen die Erde von Jahr zu Jahr verändert dargestellt wird, und hinter diesen die letzte weiteste Reihe, in der ihr ganz kleine, kaum drei Schuh im Durchmesser habende Globen findet, daran die Veränderung der Erde von Tag zu Tag dargestellt wird.
GS|2|69|13|0|Im ersten Saal könnt ihr bemerken, dass in dieser letzten Reihe nach eurer Rechnung von Tag zu Tag ein neuer Globus hinzugefügt wird, d. h. im Saal, der euer gegenwärtiges Jahrtausend vorstellt. Damit aber die Schüler nicht so viel mit den kleinen Globen herumzuschaffen haben, so wird ihnen von den Lehrern auf dem großen Globus schon alles vorangedeutet, welche Veränderungen sich hier oder da auf der Erde zugetragen haben. Dadurch erfahren die Schüler schon alles und können sich hernach zur eigenen Bekräftigung auf den kleinen Globen selbst überzeugen.
GS|2|69|14|0|Am Ende des letzten Saales, da die Erde zu Zeiten Adams dargestellt wird, befindet sich auch eine Öffnung, durch welche unsere Schüler die wirkliche Erde wie durch einen Tubus erschauen können, um sich dadurch die völlige Überzeugung von allem dem zu verschaffen, was sie durch diese Säle von der Erde gelernt haben.
GS|2|69|15|0|Wie lange dauert aber nach eurer Zeitrechnung ein solcher Lehrkurs? Höchstens sechs bis sieben Tage; denn ihr müsst hier bei weitem größere und ungehindertere reingeistige Auffassungsfähigkeit in Anspruch nehmen, derzufolge ein solches gewecktes geistiges Kind in einer Minute mehr fasst als ihr auf der Erde in einem Jahr. Im Gegenteil gibt es freilich wohl wieder im Reich der Geister, die da unvollkommen sind, Situationen, wo ein Geist in hundert Jahren geringere Fortschritte macht als ein Mensch auf der Erde in einer Minute.
GS|2|69|16|0|Also gibt es auch auf eurer entsprechenden Erde und besonders auch auf dem Mond Lehr- oder Besserungsanstalten für Geister, in denen sie ganz erbärmlich schlechte Fortschritte machen. Aber diese gehören nicht hierher, allda die Geister sich in ihrer Vollkommenheit und ursprünglichen Reinheit befinden.
GS|2|69|17|0|Was aber lernen die Kinder nach diesem Kurs? Seht, vor uns, weiter gegen Mittag, steht ja schon wieder ein enorm großes Gebäude. Was wird wohl in diesem gelehrt? Ich sage euch: Nichts anderes, als was natürlich die Unterlage des äußeren Erdwesens ist, also die natürliche Geologie und die Entstehung der Erde. Ist dieses erst alles anschaulich und gründlich aufgefasst, so wird dann zur geschichtlichen und von dieser zur geistigen Erde übergegangen. Wie aber solches alles vorgetragen wird, davon werdet ihr euch an Ort und Stelle ebenso gut überzeugen, als wie ihr euch von allem bisher überzeugt habt.
GS|2|70|1|1|Belehrung über das Wesen und die Entstehung der Erde
GS|2|70|1|1|(Am 6. September 1843 von 4 1/2 – 6 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|70|1|0|Das neue Gebäude steht vor uns und wir treten hinein. Was seht ihr hier in dem großen Saal? Ihr seht offenbar nichts anderes als schon wieder einen aufgestellten Globus, welcher sich von einem früheren gar nicht unterscheidet. Wie sollte aber auf diesem Globus die Geologie studiert werden? Gehen wir nur näher, und es wird sich die Sache auch gleich näher zeigen.
GS|2|70|2|0|Seht, dieser Globus geht fürs Erste gerade in der Mitte von Pol zu Pol in zwei Teile auseinander. Es kostet nur einen Druck und die ganze innere Gestalt der Erde ist von Pol zu Pol sichtbar. Das Gefüge und der Bau sind genau nach der wirklichen Erde dargestellt; ja sogar das Mineral, wie es sich hier zeigt, ist ganz vollkommen dasselbe! Wenn ihr die nun geteilte Kugel betrachtet, so werdet ihr ersehen, wie die Erde gewisserart in sich noch eine Erde im kleineren Maße enthält, welche aber dennoch mit der äußeren Erde durch feste organische Bande zusammenhängt.
GS|2|70|3|0|In dieser kleineren Erde seht ihr mehr gegen den Nordpol zu noch eine etwas längliche, hier freilich mittengeteilte Kugel; diese ist voll Geäder und Kanäle in ihrem Inneren. Gerade unter dem Äquator seht ihr einen großen, hohlen Raum, der hier scheinbarermaßen mit einer feuerähnlichen Masse durchwebt ist. Und von dieser Feuermasse seht ihr in zahllosen Organen das Feuer nach außen der Erde hinaussteigen, und von dieser inneren Feuerhöhlung seht ihr auch besonders gegen den Südpol hin mehrere große gewundene Röhren, durch welche ihr eine Menge brennender Dämpfe durchströmend erschaut, welche durch das Einströmen des Wassers von der Oberfläche der Erde in diesen Feuerraum nämlich fortwährend gebildet werden und durch ihr gewaltiges Hinausströmen gegen den Südpol nämlich den täglichen Umschwung der Erde bewirken.
GS|2|70|4|0|Es ist nicht an der Zeit, euch hier das ganze Erdwesen zu zerlegen, sondern bloß nur zu zeigen, auf welche Art und Weise unsere vorgerückteren geistigen Schüler allhier das innere Wesen der Erde erkennen lernen. Ich meine, es braucht kaum mehr darüber erwähnt zu werden, da doch sicher ein jeder aus euch auf den ersten Blick ersehen kann, dass die Geologie oder der Bau des ganzen Erdwesens auf keine weisere und sinnigere Weise könnte gelehrt und von den Schülern erkannt werden, als eben auf diese.
GS|2|70|5|0|Zugleich aber wird hier nebst der materiellen Geologie noch darauf hingedeutet, wie alle die Stoffe und die aus ihnen gebildeten Organe im Grunde nichts als geistig entsprechende Formen sind, in denen ein gefangenes geistiges Leben zu seiner Löse vorbereitet wird. Und es wird ihnen auch der Stufengang gezeigt, wie das gefangene Leben, vom Zentrum der Erde ausgehend, durch zahllose Stufen aufwärtssteigt und sich da auf der Oberfläche der Erde wieder in zahllosen neuen Formen kundgibt und fortbildet. Seht, das alles erlernen die Schüler in diesem Saal.
GS|2|70|6|0|Ihr fragt freilich: Bei gar so viel geistigen Schülern wird ein solcher Globus doch zu wenig sein? – O seht euch nur ein wenig um in diesem Saal, und ihr werdet noch eine gar große Menge ähnlicher Apparate erschauen, teils in gleich großer Form und teils in kleineren Formen. Und alle diese Globen sind so eingerichtet, dass sie in alle möglichen Teile können zerlegt werden. Nachdem wir auch dieses gesehen haben, so können wir uns schon wieder um einen Saal weiter bewegen.
GS|2|70|7|0|Wir sind im zweiten anstoßenden Saal. Seht, dieser hat die Form einer überaus weiten und hohen Rotunde, welche ringsum in tausend bedeutend große und ziemlich tiefe Säulennischen oder gewisserart Kapellen eingeteilt ist. Hier seht ihr in der Mitte dieser Rotunde nichts als über einem großen Tisch ein flüchtiges weißlichtgraues Gewölk.
GS|2|70|8|0|Was bedeutet dieses? Seht nur nach allen Richtungen auf die runden Fenster, von denen aus einer jeden Kapelle eines das Licht gerade auf diesen Tisch her wirft.
GS|2|70|9|0|Durch das Zusammenstoßen der Strahlen wird ebendieses scheinbare Gewölk erzeugt. Was sollen aber die Schüler daraus lernen? Nichts anderes als die geordnete Entstehung einer Welt. Wie aber aus solchem Strahlen-Konflikt nach dem Willen des Herrn eine Welt entstehen muss, das lässt sich in diesen ringsum angebrachten tausend Kapellen ersehen.
GS|2|70|10|0|In der ersten Kapelle ersehen wir in etwas kleinerem Maßstab dasselbe Phänomen, das wir schon in der Mitte des Saales gesehen haben. In der nächsten Kapelle hat das früher noch unordentliche Gewölk schon mehr eine länglichrunde Form, welche aber noch überaus schwankend ist.
GS|2|70|11|0|In einer jeden darauffolgenden Kapelle wird die Form stets beständiger und gewisserart auch solider. Also gehen wir hundert Kapellen durch. Nach der hundertsten erblicken wir durch den leicht durchsichtigen Nebelball schon einen kristallreinen Wassertropfen schweben. Und wenn wir wieder ein paar hundert Kapellen durchgegangen sind, so werden wir in einer jeden den Wasserball größer erblicken, bis er endlich schon die Größe des früheren Nebelballes bekommt.
GS|2|70|12|0|Von da an erblicken wir in der Mitte des Wasserballes kleine durchsichtige Kristallchen, nicht unähnlich jenen glatten gefrorenen Schneeflocken, welche bei bedeutender Kälte nicht selten wie kleine Diamanttäfelchen herumfliegen.
GS|2|70|13|0|In den nächsten darauffolgenden Kapellen erschauen wir stets mehr solcher Kristalle, um welche sich gegen das Zentrum zu eine Art bläulichen Geflechtes herumzuwinden anfängt und auf diese Weise die vorher losen Kristallchen miteinander verbindet.
GS|2|70|14|0|In dem weiteren Fortgang dieser Kapellen erschauen wir in der Mitte des Wasserballes schon stets mehr einen graulichen und undurchsichtigen Klumpen, um den sich wie um einen Baumast im kalten Winter wieder neue klare Kristalle ansetzen und wie Diamanten durch den Wasserball hindurchschimmern.
GS|2|70|15|0|Gehen wir weiter, so sehen wir auch schon wieder diese neu angesetzten Kristalle durch ein neues bläuliches Gewebe angebunden, und aus dem stets dunkler werdenden Klumpen erschauen wir auch schon wieder eine Menge runder Luftbläschen nach allen Seiten aufsteigen, durch welche über dem Wasserball sich schon eine Art atmosphärischer Luft zu bilden anfängt. Und ihr seht, dass diese Aktion, je weiter vorwärts wir gehen, desto größer und ersichtlicher wird.
GS|2|70|16|0|Nachdem wir bei dieser langsamen Fortbildung wieder einige hundert Kapellen durchgegangen sind, stellt sich uns hier in der nächstanstoßenden schon ein gewaltig brausender Klumpen in der Mitte eines ziemlich großen Wasserballes vor. Bedeutende Blasen entsteigen fortwährend demselben und sind hier schon Träger einer Art dunstiger Substanzen, welche sich über die Oberfläche des Wasserballs beim Zerplatzen der aufsteigenden Blasen wie leichte Nebel über die Oberfläche des Wassers ausbreiten. Und seht, diese Aktionen werden von Kapelle zu Kapelle heftiger. Bei der hundertsten Kapelle erblicken wir schon hier und da durch den schon stark verkristallisierten Wasserball glühende Stellen, von denen fortwährend wie bei einem siedenden Wasser Dämpfe aufsteigen, und das in zahllosen Blasen und Bläschen.
GS|2|70|17|0|Weiter vorwärts entdecken wir schon bedeutende Kristallspitzen über die Oberfläche des Wassers hinausragen und den Wasserball nur hier und da von den über ihm schwebenden Dämpfen befreit.
GS|2|70|18|0|Weiter vorwärts sehen wir schon bedeutende Feuerstrahlen aus dem Inneren heraus die Oberfläche des Wassers zerreißen, das Wasser gewaltig wogen, durch dieses Wogen neugebildete kleine Kristallchen in die inneren Fugen hineinschwemmen und auf diese Weise den inneren undurchsichtigen Ball dadurch stets der Oberfläche des Wassers gleich runder und fester werden.
GS|2|70|19|0|Wieder weiter von Kapelle zu Kapelle fortschreitend, begegnen wir schon Blitzen, welche sich freilich in kleinem Maßstab in den Dämpfen erzeugen, welche den eigentlichen Ball schon so sehr einnehmen, dass man durch sie nur mit Mühe denselben mehr erschauen kann.
GS|2|70|20|0|Gegen das Ende dieses Weltbildungsmuseums sehen wir ganz gewaltige feurige Eruptionen, welche den innersten festesten Grund über die Oberfläche des Wassers erheben, und dadurch Berge und anderes festes trockenes Land bilden. In dem Fortschreiten entdecken wir hier und da das kahle, feste Gestein schon mit Moos überzogen und in den tieferen Gegenden ein weicheres Erdreich, welches sich durch das Vermoosen des Gesteines und durch das Auflösen desselben durchs Feuer gebildet hat.
GS|2|70|21|0|Im weiteren Verfolge entdecken wir das Wasser schon, wie ihr zu sagen pflegt, infusorisch belebt, und die Bildung des vegetativen Erdreichs geht rascher vor sich. Bei einer nächsten Kapelle entdecken wir schon eine Art Gewürm im Wasser. Wieder weiter wird die tierische Bildung im Wasser stets potenzierter und reichlicher; und so seht ihr durch solches Fortschreiten von Kapelle zu Kapelle die Erde endlich bis zu dem Zustand gediehen, in welchem die Schöpfung des Menschen ihren Anfang nimmt. Diese ist jedoch nicht mehr hier, sondern in einem nächsten Saal zu sehen.
GS|2|70|22|0|Wie aber werden etwa diese Kapellen zeiträumlich voneinander unterschieden sein? Ich sage euch: Obschon diese Zeiträume gewisserart sich nicht völlig gleichen, so könnt ihr aber doch von Kapelle zu Kapelle bei tausend Millionen von Jahren annehmen, und ihr werdet euch eben nicht zu viel irren. Denn wenn ihr die Größe der Erde betrachtet, so werdet ihr es auch begreifen können, welche Zeiten-Multiplikation dazu erfordert wird, um aus dem völlig nichtigen Lichtäther einen Tautropfen zu gewinnen und diesen hernach freilich wohl durch steten und stets mehr [potenzierten Zuwachs] bis zur gegenwärtigen Größe der Erde sich ausdehnen und mehr verfesten zu sehen. Mehr brauche ich euch kaum zu sagen.
GS|2|70|23|0|Dass die Schüler auf diese Weise die Entstehung einer Welt und hier namentlich der Erde am meisten praktisch erlernen auf dem Wege solcher belehrenden Anschauung, versteht sich von selbst. Und so denn können wir in den nächsten Saal übertreten, wo die Schöpfung des Menschen dargestellt wird und somit auch die geschichtliche und geistige Erde ihren Anfang nimmt.
GS|2|71|1|1|Die heilige Schule des Lebens. Unterschied von Gotteskindschaft und Gottesdienerschaft
GS|2|71|1|1|(Am 7. September 1843 von 4 3/4 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|71|1|0|Es ist hier natürlicherweise nicht der Platz, dass wir allda die ganze Schöpfungsgeschichte des Menschen, wie auch dessen Geschichte bis in die gegenwärtige Zeit gewisserart von Punkt zu Punkt darstellen sollen, sondern wir erschauen hier nur die Art und Weise, wie solches alles unseren kleinen geistigen Zöglingen beigebracht wird.
GS|2|71|2|0|Solches könnt ihr im Voraus als zur Genüge bekannt annehmen, dass hier im Reich der vollkommenen Geister in entsprechender Weise alles ums Unberechenbare weiser und klüger angestellt wird, um irgendeinen guten Zweck zu erreichen, als auf der Erde; und das schon aus diesem sehr einfachen Grund, weil man hier nicht bei eins bis ins Infinitum zu zählen anfängt, sondern man fängt hier gewisserart beim Infinitum an und zählt von da bis auf eins zurück, oder was ebendasselbe ist, man geht hier nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen; was freilich wohl auch auf der Erde der beste Weg wäre, wenn die Menschen nicht so eitel töricht und dumm wären.
GS|2|71|3|0|Aber da die Menschen auf der Erde nur nach den nichtigsten und eitelsten Dingen streben, an den Herrn nur so lange glauben und auf Ihn vertrauen (wohlgemerkt beim besten Maßstab der Menschen), solange ihnen leiblichermaßen nichts abgeht; kommt aber eine geringe Versuchung, da fallen sie sobald in ihre alten Zweifel zurück und werfen sich statt dem Herrn nur einer wenig nützenden und sehr schlecht helfenden Welt in die Arme. Also sind schon die besten Menschen beschaffen; woraus aber erhellt, dass ihr Sinn durchaus nicht nach innen, sondern nur nach außen gekehrt ist.
GS|2|71|4|0|Wo aber der Glaube, das Vertrauen und die Liebe zum Herrn so überaus höchst dürftig bestellt sind, da lässt sich freilich wohl keine ähnlich geistige Bildung erwarten, in welcher der Mensch in einer Minute einen größeren Fortschritt machen würde als auf die gewöhnliche, höchst elende weltliche Weise in zwanzig Jahren, ja manchmal sogar kaum in hundert, wenn das menschliche Leben überhaupt so lange dauern würde.
GS|2|71|5|0|Es sind aber alle Menschen vom Herrn aus darauf angewiesen, keine andere als diese nur alleinige Bildung anzunehmen. Aber sie lassen die heilige Schule des Lebens ruhen, und wissen überhaupt nicht, was sie aus ihr machen sollen, und plagen sich dafür lieber ihr ganzes Leben lang mit nichtigen Erkenntnissen der toten Natur und ihrer Verhältnisse. Und wenn sie sich dann am Ende ihres Lebens fragen: Was Wichtiges und Großes haben wir nun wohl erreicht durch unser mühsames Studium? so wird ihnen ihr eigenes Gefühl die Antwort geben: Wir haben es so weit gebracht, dass wir jetzt im allerwichtigsten Moment unseres Lebens im Ernst nicht einmal wissen, ob wir Männlein oder Weiblein sind; und wissen nicht, ob wir jetzt noch ein Leben zu erwarten haben oder keines.
GS|2|71|6|0|Sind Himmel, Hölle und Geisterwelt Märchen, erfunden von arbeitsscheuen Klosterhockern; oder sollte wohl etwas daran sein? Ist nichts daran, was ist dann und was wird dann mit uns? Ist aber etwas daran, wo kommen wir dann hin, aufwärts oder abwärts?
GS|2|71|7|0|Seht, das sind die sicheren Früchte weltlicher äußerer Gelehrtheit. Man wird freilich sagen: Wenn das schon der Gelehrtheit Früchte sind, welche Früchte werden dann diejenigen Menschen haben, die sowohl auf dem Land wie auch in den Städten nicht viel vernünftiger emporwachsen als das Vieh auf der Weide und das Getier in den Wäldern? Hier sage ich euch nichts, als was der Herr Selbst gesprochen hat:
GS|2|71|8|0|„Wer da nicht wiedergeboren wird in seinem Geist, der wird nicht in das Reich der Himmel oder des ewigen Lebens eingehen!“
GS|2|71|9|0|Zur Erlangung der Wiedergeburt der Geister aber ist die Beobachtung derjenigen heiligen Schule des Lebens in all ihren Teilen notwendig, welche der große heilige Meister alles Lebens aus Seinem eigenen heiligen Munde den Menschen der Erde gepredigt und sie besiegelt hat mit Seinem eigenen Blut!
GS|2|71|10|0|Wer diese Schule nicht zur Hand nehmen will also werktätig, wie es in der Schule angezeigt ist, der muss sich nur selbst zuschreiben, wenn er dadurch das Leben seines Geistes verwirkt.
GS|2|71|11|0|Das ist aber doch wohl sicher, dass ein jeder noch so einfache Besitzer irgendeines Gutes wissen muss und auch wissen wird, dass er fürs Erste ein Besitzer eines wie immer gestalteten Gutes ist, und wird fürs Zweite wissen, was für ein Gut und von welchem Wert er besitzt.
GS|2|71|12|0|So ihm jemand wird wollen sein Besitztum streitig machen, dem wird er sicher einen derben Prozess an den Hals hängen; warum denn? Weil er ganz bestimmt weiß, dass er ein Besitzer ist, und weiß, was er besitzt.
GS|2|71|13|0|So aber daneben jemand ist Besitzer des ewigen Lebens im Geist, sagt, kann dieser wohl fragen, ob seine Seele und Geist mit dem Leben des Leibes vergehen werden oder nicht? Wer da fragt: Wie, wann und was, woher und wohin? der ist sicher kein Besitzer des ewigen Lebens, sondern ist nichts als ein feiler Lohnknecht der Welt und fürchtet sich über alles, das Leben seines Leibes zu verlieren; warum denn? Weil er kein anderes kennt.
GS|2|71|14|0|Diejenigen aber, welche da sind und ehedem waren wahre Schüler aus der Schule des Herrn zum ewigen Leben, verachteten den Tod des Leibes und harrten mit großer Freude und Wonne nur der völligen Auflösung der schweren äußeren Lebensbande der Welt. Sie bezeugten die Wahrheit der Schule des Lebens aus dem Herrn als Märtyrer mit ihrem Blut.
GS|2|71|15|0|Sucht in der gegenwärtigen Zeit die Märtyrer! Es gibt wohl hier und da recht wackere Verteidiger der heiligen Schule des Lebens aus Christo, dem Herrn. Aber diese Verteidiger gleichen den Hühnern auf dem Baum, die sich über den unter ihnen herumtanzenden Fuchs lustig machen, weil ihnen ihr Instinkt sagt, dass ihr Feind ihnen so nicht auf die Haut kommen kann. Sind aber die Hühner am Boden und der Fuchs kommt unter sie, da ist es mit dem „Sichlustigmachen“ über den Feind gar, und die Todesangst nötigt unsere tapferen befiederten Helden zur schleunigsten Flucht.
GS|2|71|16|0|Also ist es heutzutage auch der Fall mit der Glaubensstärke. Solange sich jemand in irgendeinem Erdwinkel sicher weiß vor den Krallen herrsch- und habsüchtiger Großen der Welt, so lange auch redet er gleich einem Moses auf Sinai. Haben aber diese großen und mächtigen Freunde der Welt und Feinde der Wahrheit unseren Moses aufgespürt und machen Miene, ihn auf eine weltlich höchst unangenehme Weise in Empfang zu nehmen, dann sieht unser Wahrheitsprediger Nr. 1, ob nicht irgendein Pförtchen zum Entwischen noch offensteht. Sollte dieses verrammt sein, dann wird bei strenger weltlicher Prüfung von Seiten des stark bedrohten Propheten diejenige mutige Maßregel ergriffen, welche eurer Wissenschaft nach der sternkundige Copernicus ergriffen hatte, als er vor sich den Scheiterhaufen zu seinem nicht geringen Trost erblickte; oder wie auch manche wirklich fromme Menschen in Spanien zu den löblichen Zeiten der Inquisition getan haben, da sie auch lieber wollten so manche vom Herrn Selbst ihnen mitgeteilte Lehren verbrennen, als über sich selbst eine bedeutende Unannehmlichkeit kommen lassen.
GS|2|71|17|0|Jedoch das sind immer noch an und für sich lobens- und achtenswerte Menschen, denn in sich selbst sind sie dennoch von der Wahrheit überzeugt, nur nach außen hin haben sie nicht Mut, dieselbe zu bekennen.
GS|2|71|18|0|Der Herr hat aber da freilich wohl gesagt: „Wer Mich bekennen wird vor der Welt, den werde auch Ich bekennen vor Meinem Vater!“ oder anders gesagt: Wer mich wahrhaft in seinem Geist wird aufgenommen haben, der wird Mich auch bekennen in der Fülle der Kraft der Wahrheit in ihm vor aller Welt; Ich aber werde ihn darum auch erkennen in der Fülle Meiner Liebe als Vater.
GS|2|71|19|0|Wenn aber die Sache sich also ausspricht, so wird daraus sicher nichts anderes zum Vorschein kommen, als fürs Erste, wie es da lautet im Wort des Herrn: „Viele sind berufen, aber wenige auserwählt!“ – oder verdeutlicht gesprochen: Es werden zwar viele jenseits das ewige Leben erlangen, aber nur ganz wenigen wird das große Glück zuteilwerden, als Kinder ins eigentliche Vaterhaus aufgenommen zu werden. Denn die Erlangung dieser Gnade kostet Gewalt; und die es nicht mit Gewalt an sich reißen, die werden es nicht bekommen.
GS|2|71|20|0|Aber auf einer anderen Seite heißt es wohl auch: „Mein Joch ist sanft und Meine Bürde ist leicht.“ – Diese Stelle mag denjenigen zum Trost gereichen, welche die Wahrheit wohl in sich überzeugend haben, aber dabei dennoch auch so viel Welt, dass sie ihnen den Mut benimmt, die Wahrheit offen vor der Welt zu bekennen. Diese haben dann wirklich an der in ihnen vorhanden seienden Wahrheit des ewigen Lebens ein sanftes Joch und eine leichte Bürde. Diejenigen wenigen aber, welche alles Weltliche aus sich verbannt haben überkommen dann den Geist der Kraft und Stärke, fürchten keine Welt mehr, bekennen die ewig lebendige Wahrheit in ihnen offen und reißen durch die Gewalt ihres Glaubens und ihrer Liebe zum Herrn das Haus des Vaters an sich.
GS|2|71|21|0|Solches aber mögt ihr auch daraus ersehen, wenn da irgendein Familienvater hätte sein Gut auf dem Land und hätte aber dabei auch mehrere recht brave Dienstboten nebst seinen Kindern. Wenn aber Diebe und Räuber in das Haus einbrechen, da werden die Dienstboten sich vor Furcht und Angst verkriechen; aber die erwachsenen Söhne werden mit aller Kraft, mit allem Mut die frevelnden Räuber und Diebe ergreifen und das Leben des Vaters und der Mutter mit ihrem Mut und mit ihrer Kraft schützen.
GS|2|71|22|0|Sind die Dienstboten darum schlecht, weil sie sich verkrochen haben? Nein, das sind sie eben nicht; aber sie sind schwache, wenig belebte und somit mutlose Wesen. Aber die Kinder haben das Leben des Vaters in ihrem Grund; daher ist ihnen auch nichts so heilig als dasselbe. Sollen sie aber, die Dienstboten nämlich, fürs Verkriechen belohnt werden? Ich meine, man braucht kein Jurist zu sein, um einzusehen, dass man in diesem Falle fürs ängstliche Verkriechen sich keines Lohnes wert gemacht hat.
GS|2|71|23|0|Solches aber steht ja auch im Worte des Lebens: „Wer viel säen wird, der wird auch viel ernten, und wer wenig säen wird, wird auch wenig ernten.“
GS|2|71|24|0|Ich meine, und aus diesem bisher Gesagten wird es eben nicht so schwer sein zu erkennen, dass sich die Menschen auf dem Wege ihrer jetzigen Weltschulen eben nicht zu viel des ewigen Lebens werden eigen gemacht haben; und die überaus magere Aussaat wird auch eine ebenso überaus magere Ernte zur Folge haben.
GS|2|71|25|0|Darum aber zeige ich euch auch nach dem Willen des Herrn die lebendigen Kinderschulen in der Sonne, auf dass ihr daraus entnehmen möchtet, wie man auch eigentlich auf der Welt die Schule des Lebens handhaben sollte. Und wir stehen nun in dem Saal, wo wir nächstens die Schöpfungsgeschichte des Menschen und seine weitere Geschichte auf der Erde und den geistigen Zustand derselben werden erkennen lernen.
GS|2|72|1|1|Belehrung zur Schöpfungsgeschichte des Menschen und Bildung der geistigen Erde
GS|2|72|1|1|(Am 9. September 1843 von 5 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|72|1|0|Seht, auch in dieses überaus großen Saales Mitte befindet sich ein enorm großer Globus, um den da eine Galerie angebracht ist. Und da auch dieser Saal eine große Rotunde ist, deren Rundwand mit vielen bedeutend großen Kapellen versehen ist, so erblicken wir in diesen Kapellen auch noch eine Menge kleinere Globen, welche da zu dem vorbestimmten Zweck dienen.
GS|2|72|2|0|Gehen wir aber hin auf die Galerie und besichtigen dort den großen aufgestellten Globus; allda werden wir die Schöpfungsgeschichte des Menschen erschauen. Wir sind auf der Galerie; so habt denn Acht, wie ein hier anwesender Lehrer solches seinen Schülern kundtun wird.
GS|2|72|3|0|Seht, er neigt sich über die große Kugel und rührt sie an. Und seht, an der Stelle, da er sie angerührt hatte, geht sobald ein starkes Licht auf, das Licht ergreift sich, bildet sich aus zu einer Form und die Form ist gleich einem Menschen. Und seht weiter; der Lehrer rührt die Kugel abermals an, und ein feiner Staub entsteigt der berührten Stelle, umhüllt die frühere Lichtgestalt, und das Licht gibt nun keinen Schein mehr von sich und ist schon umfasst in gleicher Form mit einer irdischen Hülle.
GS|2|72|4|0|Und nun seht, der Lehrer beugt sich abermals hin und haucht die noch unbelebte Form an und sie wird lebendig, bewegt sich auf dem Platz von selbst und betrachtet die Dinge um sich. Und seht wieder weiter; die Form wird müde des Betrachtens, sie fällt dahin und geht in einen Schlafzustand über.
GS|2|72|5|0|Aber nun beugt sich der Lehrer wieder hin und rührt die schlafende Form an der Seite an, und ihr seht von der Seite dieser Form wieder ein Licht aufsteigen, das Licht ergreift sich zu einer zweiten menschlichen Form und steht unbeweglich vor der noch schlafenden ersten Form. Aber der Lehrer berührt wieder die erste Form, und ein wenig nasse schweißige Masse, wie ein trüber Tropfen, entwindet sich der ersten Form, löst sich in einen kleinen Nebel auf und umhüllt als solcher die zweite Lichtform. Das Licht verschwindet, und die zweite Form ist ähnlich der ersten, aber sie ist noch nicht belebt; darum rührt sie der Lehrer abermals an – und seht, sie lebt und bewegt sich munter hin und her.
GS|2|72|6|0|Aber nun rührt der Lehrer auch die erste Figur wieder an; und seht, sie erhebt sich, und da sie eine zweite erblickt, die ihr ähnlich ist, so hat sie eine sichtbar große Freude daran und führt schon eine Mienensprache mit derselben. Der Lehrer stellt hier gewisserart den Herrn vor und bewirkt nun scheinbar dasselbe mit der ihm vom Herrn dazu verliehenen Kraft, was der Herr in der großen Wirklichkeit verrichtet hatte. Er spricht auch ganz dieselben Worte, die der Herr gesprochen hat und die Schüler merken auf die große Macht solcher Worte.
GS|2|72|7|0|Nun aber seht hin, wie sich der Lehrer diesem erstgeschaffenen Menschenpaar offenbart und wie er dieses Menschenpaar lehrt.
GS|2|72|8|0|Seht, der Lehrer rührt sich an an der Brust. Alsbald geht ein heller Strahl aus der angerührten Stelle hin zu dem neugeschaffenen Menschenpaar und stellt sich vor demselben ebenso auf als ein dritter Lichtmensch. Und was der Lehrer nun nach den euch bekannten Worten des Herrn vor den Schülern spricht, dasselbe spricht auch der aus dem Strahl aus des Lehrers Brust dargestellte dritte Mensch zu dem erstgeschaffenen Menschenpaar.
GS|2|72|9|0|Es ist nicht weiter nötig, euch den Verfolg der ferneren Darstellung weiter mit ansehen zu lassen, denn es geht alles nun, was ihr aus dem Alten und Neuen Worte wisst, buchstäblich vor sich, nur werden dabei die Zeugungsmomente verhüllt. Denn dafür ist noch eine andere gewisserart geistige Zeit, in der unsere Schüler bei größerer Reife ihres Wesens davon auf eine höchst erbauliche Weise unterrichtet werden.
GS|2|72|10|0|Ich mache euch aber darauf aufmerksam, dass die Lehrer auf dieselbe Weise ihren Schülern die ganze fernere Führung des menschlichen Geschlechts auf eine allerzweckmäßigste Art darstellen und am Ende die ganze Erdoberfläche bevölkern und lassen von diesen Völkern selbst handeln auf der Erdoberfläche. Diese erbauen Hütten und Städte, bändigen Tiere zu ihrem Gebrauch, führen Kriege und verfolgen sich genau so, wie es auf der Erde in der Wirklichkeit der Fall war. Und seht, solches geschieht bis zur gegenwärtigen Zeit.
GS|2|72|11|0|Die besonderen Momente in der großen Weltgeschichte, als da ist zuerst die Schöpfung des Menschen, dann die Sündflut Noahs, dann die Bundschließung mit Abraham, Isaak und Jakob, dann die große Führung des israelitischen Volkes unter Moses und dessen Nachfolger, dann die Geschichte unter David und Salomo, dann die Geburt des Herrn und von der an die wichtigsten Momente der Ausbreitung Seiner Lehre bilden Hauptabschnitte des Unterrichtes.
GS|2|72|12|0|Ist ein solcher Hauptabschnitt vollendet, so werden die Schüler zu den kleinen, in den Kapellen stehenden Globen geführt und müssen da ihren Lehrern wiederholen in selbstschöpferischer Art, was ihnen die Lehrer auf dem großen Globus gezeigt haben. Dadurch wird das Ganze des Unterrichtes selbst lebendig, und die Schüler wissen dann die Begebenheiten der Erde von Punkt zu Punkt also lebendig ganz, als wären sie auf der wirklichen Erde selbst von allem mittätige Zeugen gewesen.
GS|2|72|13|0|Wenn die Schüler diesen wichtigen Lehrzweig sich eigen gemacht haben, dann erst werden sie wieder zum großen Globus geführt und die Lehrer zeigen ihnen dann zugleich die geistige Erde und wie sich diese bildet aus dem Menschengeschlecht.
GS|2|72|14|0|Sie zeigen ihnen die Sphären, wie sich diese stets reiner und heller über der eigentlichen materiellen Erde gestalten, und wie eben diese Sphären dann eine landschaftliche Gestaltung bekommen, sobald ein Geist von einem verstorbenen Menschen in irgendeine Sphäre aufsteigt und von derselben den ihm zusagenden Besitz nimmt.
GS|2|72|15|0|Aber zugleich zeigen die Lehrer den Schülern die unterirdischen stets finsterer werdenden Sphären, und wie die Seelen böser verstorbener Menschen hinabsinken in solche finstere Sphären. Und wo sie irgendeinen zusagenden Besitz nehmen, dahin drängen sich auch bald mehrere, fangen sich an zu drücken und, dadurch in den Zorn übergehend, sich auch zu entzünden, und haben sie sich entzündet, so erschauen die Schüler, wie solche finstere Seelen dann entsprechendermaßen in die verschiedenartigsten scheußlichsten Gestalten übergehen und sich in diesen in stets tiefere und finsterere Sphären versenken.
GS|2|72|16|0|Bei dieser Gelegenheit wird es den Schülern auch erklärt, was die Sünde ist und wie ein freies Wesen sich auf der Erde lebend versündigen kann.
GS|2|72|17|0|Haben die Schüler dieses alles wohl begriffen, dann werden sie aus diesem Saal hinausgeführt und in einen anderen größeren Garten geleitet, in dem da schon höhere Lehranstalten sich befinden. Dass die Schüler in diesem ersten Garten natürlicherweise nicht in einem Atem fortlernen und dazwischen gar wohlgeordnete Spielstunden haben, das versteht sich von selbst. Denn auch der Geist hat ordnungsmäßig zu seiner Stärkung ruhender Perioden vonnöten, was der Herr schon bei der ersten Schöpfungsgeschichte dadurch anzeigte, nachdem Er nach den bekannten sechs Schöpfungswerktagen einen siebten Ruhetag bestimmt hatte.
GS|2|72|18|0|Und zu den Zeiten Christi hat der Herr Selbst gezeigt, dass Er nach getaner Arbeit gleich einem jeden anderen Menschen geruht hat. Also müssen auch die Geister hier Ruheperioden haben, in denen sie sich wieder zum neuen Unterricht stärken; und so tritt auch, besonders beim Übertritt von einem Lehrgarten in den anderen, eine bedeutende Ruheperiode ein. In dieser wird den Schülern gegönnt, mit ihren Lehrern, wenn sie danach eine Lust haben, sogar Besuche ihren Anverwandten auf dem wirklichen Erdkörper abzustatten, welches aber gewöhnlich allzeit nur dann geschieht, wenn ihre verwandten Erdbewohner im tiefen Schlaf sind und im wachen Zustand nur höchst selten etwas davon wissen; besonders dann schon gar nicht, wenn sie mehr irdisch gestimmt sind als geistig.
GS|2|72|19|0|Manche solcher Schüler, da sie vom Herrn schon gar vieles wissen, haben den Wunsch, den Herrn zu sehen. Solcher Wunsch aber wird nur selten gestattet und das aus dem Grunde, weil sie als Geister noch zu schwach sind, um dem ewigen, allmächtigen Geist Gottes gegenüber beständig zu bleiben und solche Nähe auszuhalten. Ihre größte Lieblingsressource aber besteht darin, so sie Maria, als ihre allgemeine geistige Obervorsteherin und Mutter, besuchen dürfen. Maria besucht gar oft alle diese großen Lehranstalten; aber nicht allzeit sichtbar den kleinen Geistern, wohl aber den Lehrern.
GS|2|72|20|0|Ihr fragt, ob alle verstorbenen Kinder von der Geburt an bis in ihr zwölftes Jahr alle diese Schulen durchmachen müssen? Allerdings, aber nicht in einem und demselben Garten; denn da gibt es für jedes Alter einen eigenen Anfangsgarten. Aber was den zweiten Garten betrifft, da kommen sie schon alle zusammen. Wie und was aber dort die nahe zahllos vielen Kindergeister erlernen und in was für einen Zustand sie übergehen, wird euch die Folge zeigen.
GS|2|73|1|1|Das Schulhaus der göttlichen Gebote. Das erste Gebot
GS|2|73|1|1|(Am 11. September 1843 von 5 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|73|1|0|Wir dürfen von hier keine gar große und weite Reise machen, der nächste Garten wird sogleich vor unseren Augen stehen. Seht hin, in einer mäßigen Entfernung begrüßen uns schon unabsehbar weit gedehnte Baumreihen, hinter denen wir einen überaus großen und ebenmäßig prachtvollen Palast erblicken. Das ist schon der nämliche Garten, in welchen wir zu kommen haben, in diesem werdet ihr auch sogar diejenigen Kinder antreffen, die euch der Herr auf der Erde genommen hat.
GS|2|73|2|0|Ob ihr sie aber sogleich erkennen werdet, das ist freilich wohl eine andere Frage; denn im Geist haben die Kinder nicht mehr das Anähnelnde der Gestalt ihrer irdischen Eltern, sondern nur das Anähnelnde in entsprechendem Maße nach der Aufnahmefähigkeit für das Liebegute und Glaubenswahre aus dem Herrn mit dem Herrn. Dessen ungeachtet aber können sie auch bei gewissen Gelegenheiten das irdisch Anähnelnde, welches in ihrer Seele haftet, annehmen und sich dadurch der Form nach denjenigen kennbar machen, welche von der Erde hier anlangen und von den geistigen Verhältnissen noch eben nicht gar zu viel wissen.
GS|2|73|3|0|Wir wollen aber vorderhand nicht zu lange davon sprechen, sondern uns lieber sogleich in den Garten begeben, um uns allda von allem dem mit den eigenen geistigen Augen zu überzeugen, was wir sonst nur mit dem Mund hier ausfechten müssten.
GS|2|73|4|0|Seht, an den Baumreihen sind wir schon, welche in vielen Reihen oder Alleen allda gesetzt sind, in denen ihr die schönsten blumigsten Wege entdeckt und auch hier und da Kinder munter auf denselben wandeln seht. Gehen wir aber nur tiefer hinein, und wir werden uns sobald bei dem erst geschauten Palast befinden.
GS|2|73|5|0|Seht, da steht er schon vor uns, und das in einer nahe unabsehbar weit gedehnten Länge. Tausendmal tausend Fenster laufen in einer Reihe fort. Ein jedes ist bei sieben Klafter hoch. Über der Höhe der Fenster entdecken wir noch eine kleinere Fensterreihe, welche jedoch überall genau über den unteren großen Fenstern zu stehen kommen.
GS|2|73|6|0|Ihr sagt und fragt hier: Aber um des Herrn willen, ist dieses ganze Gebäude, dieser unabsehbar lange Palast, nur der einzige Saal? – Ich sage euch: Solches ist er mitnichten, sondern er besteht aus zwölf Abteilungen. In der Höhe aber, da ihr die zweite Reihe der kleinen Fenster bemerkt, läuft ununterbrochen eine herrliche und breite Galerie um den ganzen Saal, von welcher Galerie aus man, ohne die Schüler gewisserart zu ebener Erde zu stören, alle die zwölf Abteilungen nacheinander übersehen und sich da überzeugen kann, was alles in ihnen vorkommt. Gehen wir aber nun hinein, damit euch alles klar werde.
GS|2|73|7|0|Seht, da sind wir schon am Eingang. Wir brauchen aber nicht auf die Galerie hinaufzugehen, da wir diesen kleinen Kindergeistern ohnehin zum größten Teil unsichtbar bleiben müssen. Bemerkbar werden wir nur den Lehrern; diese aber sind schon unterrichtet, warum wir hier sind.
GS|2|73|8|0|Nun seht, hier sind wir schon im ersten Saal. Was seht ihr in der Mitte dieses großen Saales auf einer weißen Tafel, welche auf einer Säule aufrecht stehend angebracht ist, geschrieben? Ihr sagt: Zuoberst die uns wohlbekannte Zahl 1, die sicher die Nummer des Saales sein wird, und unterhalb: Weg zur Freiheit des Geistes! – Das Eins bedeutet, sage ich euch, nicht die Nummer des Saales, sondern es bezeichnet das erste Gesetz Gottes durch Moses.
GS|2|73|9|0|Ihr fragt: Was sollen aber die vielen Kinder, die wir hier schon ziemlich erwachsen erschauen, mit dem irdischen Gesetz Moses, welches wohl für Sterbliche, irdisch ungläubige Menschen gilt, aber doch sicher nicht für Kinder, welche als reine Geister hier schon lange die lebendigste Überzeugung von dem Dasein des einen Gottes haben, indem ihnen solches doch schon bei dem ersten Elementarunterricht, wie wir solches gesehen haben, zur Übergenüge lebendigst anschaulich bei jeder Gelegenheit gezeigt wird?
GS|2|73|10|0|Meine lieben Freunde und Brüder, die Sache verhält sich ganz anders, als ihr meint. Ähnliches findet ihr aber auch auf der Erde, allda ihr auch die Kinder fragen und betrachten könnt, wo ihr wollt, und ihr werdet bei ihnen überall einen wirklich lebendigen Glauben an einen Gott antreffen. Denn niemand ist gläubiger als die Kinder, und es gibt doch nicht leichtlich irgendein so böswilliges Elternpaar, das da seinen Kindern, wenigstens zu Anfang ihres Seins, verweigern möchte, einen Gott zu erkennen, indem solches jede Religion vorschreibt und den Eltern wenigstens aus politisch-moralischen Gründen solches ihre Kinder erlernen und erkennen zu lassen, zur Pflicht gemacht wird.
GS|2|73|11|0|Sollte man da nicht eben auch glauben, dass solchen von Gott unterrichteten Kindern nach der Zeit kein fernerer Unterricht von Gott nottut? Ihr müsst da selbst bekennen und sagen: Ja, ein solcher Unterricht tut jedermann bis an sein letztes Lebensende not; denn nur gar zu leicht werden die ersten Eindrücke in den Kinderjahren verwischt, und dann stehen die den Kinderschuhen entwachsenen Menschen da, als hätten sie nie etwas von Gott gehört. – Ich sage euch: ein solches Verwischen ist hier freilich wohl nicht leichtlich möglich; aber das müsst ihr doch annehmen, dass diese Kinder, zufolge ihrer frühen Hierherkunft, auf der Erde keine Gelegenheit hatten, die Freiheitsprobe für ihren Geist, welche ist die eigentliche Lebensprobe, zu bestehen. Daher muss diese überaus wichtige Aktion für das Leben des Geistes allhier ins vollste Werk gesetzt werden. Denn bisher waren diese Kindergeister nur gewisserart geistig lebendige Maschinen. Hier aber handelt es sich ums Lebendigwerden aus ihnen selbst, und darum müssen sie auch alle diejenigen Gebote kennenlernen, dieselben dann werktätig an sich selbst erproben und erfahren, wie sich ihr selbst lebendiges geistiges Wesen unter einem gegebenen Gesetz verhält.
GS|2|73|12|0|Und so denn ist auch hier das erste Gebot gegeben, welches da lautet: „Du sollst an einen Gott glauben und dir nie denken, als gäbe es entweder keinen Gott, oder es gäbe zwei, drei oder mehrere Götter.“
GS|2|73|13|0|Hier fragt es sich dann freilich wieder weiter: Wie kann man denn demjenigen an einen Gott zu glauben gebieten, der ohnehin an einen Gott lebendig glaubt und keinen Zweifel darüber hat? Das ist fürwahr eine gute Bemerkung; darum aber werden eben hier die Kinder von ihren Lehrern durch allerlei Lehre und Taten in einen solchen Zustand versetzt, in welchem sie von allerlei Zweifeln über das Dasein Gottes behaftet werden, welche Unterrichtsweise man hier die Abödung des eigenen Geistes nennt.
GS|2|73|14|0|Um aber solches bei diesen Kindern zu bewirken, lassen die Lehrer nicht selten die merkwürdigsten Dinge wie zufällig vor den Augen ihrer Schüler entstehen, lassen sie dieselben betrachten und fragen sie dann, ob dazu Gott vonnöten war, den sie doch dabei nicht als handelnd gesehen haben. Sagen da die Kinder, Gott kann solches bloß durch Seinen Willen bewirken, ohne dabei wesenhaft notwendig gegenwärtig zu sein, da lassen die Lehrer ihre Schüler selbst verschiedene Dinge denken, und was da gedacht wird von den Kindern, das steht schon fertig da. Dabei fragen dann die Lehrer die Kinder wieder, wer nun solches getan habe.
GS|2|73|15|0|Dadurch werden schon mehrere ins Zwielicht gebracht. Einige sagen, solches hätten sie selbst getan, andere wieder meinen, es haben solches die Lehrer nach der Erkenntnis der Gedanken in den Schülern getan. Einige aber sagen, sie hätten sich solches wohl gedacht; es müsste doch ein allmächtiger Gott es zugelassen haben, darum das von ihnen Gedachte als ein vollendetes Werk vor ihnen erschien.
GS|2|73|16|0|Wenn die Schüler so ziemlich noch immer beim festen Glauben an einen Gott verbleiben, da fragen sie dann die Lehrer, woher sie denn das wüssten, dass es einen Gott gebe. Die Schüler antworten ihnen da gewöhnlich: Solches haben uns die ersten weisen Lehrer gelehrt. – Nun fragen sie aber diese Lehrer und sagen: Was würdet ihr denn dann sagen, so wir als die offenbar weiseren Lehrer sagen und lehren, dass es keinen Gott gibt, und dass das alles, was ihr seht, von uns gemacht und errichtet ist? Und was werdet ihr sagen, wenn wir von uns aussagen, dass wir die eigentlichen Götter sind?
GS|2|73|17|0|Seht, hier stutzen die Kinder ganz gewaltig und fragen dann die Lehrer, was sie denn nun in diesem Falle tun sollten?
GS|2|73|18|0|Diese aber sagen zu ihnen: Sucht in euch, was ihr da tun müsst; gibt es einen Gott, so müsst ihr Ihn in euch finden, und gibt es keinen, so werdet ihr auch ewig keinen finden.
GS|2|73|19|0|Wenn dann die Kinder fragen, wie sie in sich ein solches Suchen anstellen sollten, da sagen die Lehrer: Versucht, den Gott, den ihr meint, dass Er ist, in euren Herzen also zu lieben, als wäre Er einer. Nehmt in solcher Liebe zu, und wenn es einen Gott gibt, so wird Er euch in eurer Liebe antworten, gibt es aber keinen, da werdet ihr in euren Herzen keine Antwort bekommen.
GS|2|73|20|0|Seht, hier fangen die Schüler an, in ihr Inneres zu gehen und fangen an, den früher bloß nur kindlich geglaubten Gott im Ernst zu lieben. Aber da geschieht es, dass Sich Gott der Herr nicht sobald meldet, und unsere Kinder dadurch in nicht geringe Zweifel kommen. Wie sie aber aus diesen gebracht werden, wird der Verfolg zeigen.
GS|2|74|1|1|Wie Gott zu finden ist
GS|2|74|1|1|(Am 13. September 1843 von 5 1/4 – 6 3/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|74|1|0|Seht, da sind schon einige, die sich soeben an ihren Lehrer wenden und ihm die Bemerkung machen, dass sie nun im Ernst zu glauben genötigt seien, es gebe keinen Gott außer den Lehrern, die vor ihnen Wunderdinge leisten, indem sich Gott trotz der Heftigkeit ihrer Liebe, mit der sie Ihn in ihren Herzen erfasst haben, auch nicht einem unter ihnen zu einer allergeringsten Wahrnehmung gezeigt habe.
GS|2|74|2|0|Was tun aber die Lehrer auf diese Äußerung ihrer Schüler? Hört nur den an, an den solcher Bericht ergangen ist; er spricht also zu seinen Schülern:
GS|2|74|3|0|Meine geliebten Kinder! Es mag wohl sein, dass sich bei euch Gott noch nicht gemeldet habe; es kann aber auch sein, dass Er sich gemeldet hat, ihr aber wart zu unaufmerksam und habt eine solche Anmeldung nicht wahrgenommen.
GS|2|74|4|0|Sagt mir daher: Wo wart ihr, als ihr Gott in euren Herzen erfasst habt? Wart ihr draußen unter den Bäumen des Gartens oder auf den Galerien des Saales, oder wart ihr auf dem großen Söller des Saalgebäudes oder in irgendeiner Kammer, oder wart ihr in euren Wohnstuben, welche da außerhalb dieses großen Lehrgebäudes reichlich erbaut sind? Und sagt mir auch, was alles ihr hier und da mit gesehen, bemerkt und empfunden habt.
GS|2|74|5|0|Die Kinder sprechen: Wir waren draußen unter den Bäumen und betrachteten da die Herrlichkeiten der Schöpfungen Gottes, an den wir glauben sollen, und lobten Ihn darob, dass Er so herrliche Dinge gemacht hat, und stellten Ihn uns vor als einen recht lieben Vater, der gern zu Seinen Kindern kommt, und haben dadurch auch in unseren Herzen eine große Sehnsucht gefasst, Ihn zu erschauen und Ihm dann mit all unserer kindlichen Liebe entgegenzueilen, Ihn zu erfassen und nach all unserer möglichen Kraft zu liebkosen.
GS|2|74|6|0|Allein es kam von keiner Seite irgendein Vater zu uns. Wir fragten uns auch sorgfältig untereinander, ob einer oder der andere aus uns noch nichts merke vom Vater. Allein ein jeder aus uns bekannte offenherzig, dass er davon nicht von fernher auch nur etwas Allerleisestes merke.
GS|2|74|7|0|Wir verließen dann den Platz, eilten auf die Söller des Lehrsaalgebäudes und taten allda dasselbe. Allein der Erfolg war ganz derselbe wie unter den Bäumen. Wir gingen von da in unsere Wohnstuben, in der Meinung, da wird uns der Vater am ehesten besuchen, denn wir beteten da viel, und baten Ihn inbrünstigst, dass Er Sich uns zeigen möchte. Allein es war alles umsonst! Und da wir sonach deinen Rat vergeblich befolgt haben, so sehen wir uns nun genötigt, deiner Lehre beizupflichten, dass es nämlich eher keinen als einen Gott gebe; – und haben so unter uns beschlossen: Wenn es schon irgendeinen Gott gibt, so gibt es aber dennoch keinen ganzen, sondern einen geteilten in all den lebenden und freitätigen Wesen, wie ihr und wir da sind. Gott ist demnach nur ein Inbegriff der lebendigen Kraft, welche aber erst in den Wesen, wie ihr und wir es sind, freitätig sich und andere erkennend und dadurch auch mächtig wirkend auftritt.
GS|2|74|8|0|Seht hier die kleinen Philosophen, und erkennt aber auch zugleich den Grund oder das falsche Samenkorn, von dem alle die schlüpfrigen Vernunftsspekulationen die Frucht sind!
GS|2|74|9|0|Was spricht aber unser Lehrer zu diesen Philosophemen seiner Schüler? Hört, also lauten seine Worte: Meine lieben Kinderchen! Nun habe ich den Grund in euch recht klar erschaut, warum sich euch kein Gott gezeigt habe, weder unter den Bäumen, noch auf dem Söller, noch in den Wohnstuben; (d. h. so viel, als weder im Forschen in der Natur durch Erfahrungen und Zergliederungen derselben, noch auf dem Wege höherer Vernunft- und Verstandesspekulation, noch in eurem nicht viel besseren als einem Alltagsgemüt), weil ihr schon mit den Zweifeln hinausgegangen seid.
GS|2|74|10|0|Ihr habt Gott nicht bestimmt, sondern nur allenfalls möglicherweise erwartet. Gott aber, so einer ist, muss ja doch in Sich Selbst die höchste abgeschlossene Bestimmtheit sein. Wenn ihr aber mit der Unbestimmtheit eures Denkens, Glaubens und Wollens die höchste göttliche Bestimmtheit suchtet, wie möglich hätte sich da euch solche wohl offenbaren können? Merkt euch demnach wohl, was ich euch nun sagen werde:
GS|2|74|11|0|Wenn ihr Gott suchen wollt, wollt Ihn auch erschaulich finden, da müsst ihr ja mit der größten Bestimmtheit hinaustreten und Ihn auch so suchen. Ihr müsst ohne den allergeringsten Zweifel fort glauben, dass Er ist, und wenn ihr Ihn auch noch so lange nicht irgend zu Gesicht bekommen solltet, und müsst dann auch mit eurer Liebe Ihn ebenso bestimmt ergreifen, als wie bestimmt ihr an Ihn glaubt. Sodann wird es sich erst zeigen, ob ihr in eurem Denken, Glauben, Wollen und Lieben die größtmöglichste Bestimmtheit erlangt habt.
GS|2|74|12|0|Habt ihr dieselbe erlangt, so wird Sich auch Gott euch sicher zeigen, so Er einer ist. Habt ihr aber diese Bestimmtheit nicht erlangt, so werdet ihr ebenso unverrichteter Dinge wieder zu mir zurückkehren, wie es diesmal der Fall war.
GS|2|74|13|0|Seht, die Kinder überdenken die Lehre des Lehrers wohl, und eines, scheinbar das schwächste aus ihnen, tritt hin zum Lehrer und spricht: Höre mich an, du lieber weiser Lehrer! Meinst du denn nicht, wenn ich so ganz allein in mein Wohnstübchen ginge und möchte da Gott den Herrn als den allerliebevollsten Vater allein mit meiner Liebe recht bestimmt ergreifen, indem ich ohnehin noch nie so recht zweifeln habe können darüber, ob es einen oder keinen Gott gebe, sondern in mir – aller Gegenbeweise ungeachtet – fortwährend bei einem Gott stehengeblieben bin. Meinst du demnach nicht, Er würde Sich mir zeigen, wenn ich Ihn allein lieben möchte? Denn das viele Denken und Glauben danach kommt mir ohnehin etwas mühselig vor.
GS|2|74|14|0|Der Lehrer spricht zum Kind: Gehe hin, mein liebes Kindlein, und tue, was dir gut dünkt; wer weiß vorderhand, ob du nicht recht habest? Ich kann dir nun weder ein Ja noch ein Nein geben, sondern sage zu dir: Gehe hin und erfahre, was alles die Liebe vermag!
GS|2|74|15|0|Nun seht, das Kindlein läuft aus dem Saal in seine Wohnstube, und die anderen Schüler befragen den Lehrer noch einmal, ob er die Unternehmung des einen Kindes, das sich jetzt in seine Wohnstube entfernte, dem vorziehe, was sie nun nach seinem Rat zu tun gedenken, nämlich mit aller Bestimmtheit hinauszugehen und zu forschen nach Gott.
GS|2|74|16|0|Der Lehrer aber spricht: Ihr habt gehört, was ich zu dem einen eurer Mitschüler gesagt habe, nämlich weder ein Ja noch ein Nein; eben dasselbe sage ich auch zu euch. Geht hin oder hinaus; tut, was euch am besten dünkt, und die Erfahrung wird es zeigen, welcher Weg der bessere und der kürzere ist, oder ob der eine falsch oder der andere richtig, oder ob beide falsch oder beide richtig seien.
GS|2|74|17|0|Nun seht, ein Teil der Kinder erfasst die Bestimmtheit, ein anderer aber die Liebe allein. Die die Bestimmtheit Erfassenden gehen voll tiefen Denkens, Wollens und festen Glaubens hinaus in den Garten; ein Teil aber begibt sich in ihre Wohnstuben, um Gott zu suchen.
GS|2|74|18|0|Aber da seht hin, soeben kommt das zuerst mit der Liebe zu Gott hinausgeeilte Kind, geleitet von einem schlichten Mann, in den Saal herein und geht schnurgerade auf den Lehrer los. Was lauter wird es wohl hervorbringen?
GS|2|74|19|0|Hört, es spricht: Lieber, weiser Lehrer, da sieh einmal her! Als ich in meinem Wohnstübchen den lieben großen Himmelsvater so recht zu lieben anfing, da kam dieser einfache Mann zu mir und fragte mich, ob ich den Vater im Himmel wohl im Ernst so lieb hätte. Ich aber sprach zu ihm: O lieber Mann, das kannst du mir ja aus meinem Angesicht lesen. – Dann aber fragte mich der Mann, wie ich mir den großen Himmelsvater in meinem Gemüt vorstellte. Und ich sagte zu ihm: Ich stelle mir Ihn so wie einen Menschen vor; aber nur muss Er sehr groß und stark sein und auch sicher einen großen Glanz um sich haben, weil schon diese Welt und die Sonne, die ihr scheint, so überaus herrlich und glänzend ist.
GS|2|74|20|0|Hier hob mich der schlichte Mann auf, drückte mich an sein Herz und gab mir einen Kuss und sprach dann zu mir: Führe mich hinüber in den Lehrsaal zu deinem Lehrer; dort wollen wir das Weitere ausmachen und recht gründlich ersehen, wie der Himmelsvater aussieht, wenn Er einer ist, und wie Er alles aus Sich erschafft, leitet und regiert. Und nun siehe, lieber weiser Lehrer, da bin ich nun mit dem schlichten Mann. Was dünkt dir wohl, wer dieser Mann sein möchte, weil er gar so lieb mit mir umgegangen ist?
GS|2|74|21|0|Und der Lehrer spricht in sichtbar allerhöchster Liebe und Achtung: O überglückliches Kind, du hast schon den Rechten gefunden; siehe das ist Gott, unser allerliebevollster Vater! – Und der Herr beugt Sich nun nieder, nimmt das Kind auf Seinen Arm und fragt es: Bin Ich wohl Der, als den mich dein Lehrer dir angekündigt hat? – Und das Kind spricht in großer Aufregung: O ja, Du bist es, das erkenne ich ja an Deiner unendlichen Güte, denn wer sonst ist so gut wie Du, dass er mich auf seine Arme nähme und möchte mich also herzen und kosen wie Du?! Ich liebe Dich aber nun auch so unbegreiflich, dass ich mich ewig nimmer von Dir trennen kann; musst mich darum nicht mehr hier lassen, lieber heiliger Vater! Denn solche Güte und Liebe habe ich noch nie empfunden wie jetzt auf Deinen Armen! – Und der Herr spricht: Fürchte dich nicht, Mein Kindlein! Wer Mich einmal wie du gefunden hat, der verliert Mich ewig nimmer. Aber nun musst du ganz still sein von Mir; denn es kommen auch die anderen Kindlein, die Mich suchten, aber noch nicht gefunden haben. Diese wollen wir auf eine kleine Probe setzen, auf dass sie Mich auch finden sollen; daher sei nun ruhig, bis Ich dir winken werde!
GS|2|75|1|1|In der Sehnsucht nach dem himmlischen Vater liegt ein großer Beweis für Sein Dasein
GS|2|75|1|1|(Am 19. September 1843 von 4 3/4 – 6 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|75|1|0|Nun seht, soeben kommen auch die anderen suchenden Kinder herein; und aus ihren Gesichtern lässt sich gar klar entnehmen, dass sie weder auf die eine noch die andere Art Den gefunden haben, den zu suchen sie ausgegangen sind. Sie nähern sich darum zum zweiten Mal, ganz schüchtern, ihrem Lehrer, und der Lehrer fragt sie: Nun, meine lieben Kinder, wie sieht es denn aus mit dem Suchen unter den Bäumen oder auf dem Söller oder auf den Galerien oder mit dem Suchen desjenigen Teiles aus euch, die sich vorgenommen haben, den Herrn im Wohnstübchen zu suchen? Wie ich sehe, so zuckt ihr alle mit den Achseln; habt ihr denn noch nicht gefunden und gesehen den guten lieben Vater, den einigen Gott aller Himmel und aller Welten? Wie ist nun euer Glaube bestellt? Habt ihr noch Zweifel über das Dasein Gottes?
GS|2|75|2|0|Die Kinder sprechen: Ach lieber, erhabener Lehrer, was die Zweifel betrifft, so haben wir jetzt derselben mehr als ehedem; denn siehe, weder unser festes Wollen, noch unser allerlebendigster Glaube, noch alle unsere gegründetsten Gedanken auf Gott den Herrn, noch unser fester Liebewille haben etwas vermocht. Für bestimmt, wenn es irgendeinen Gott und Herrn gäbe, so müsste Er Sich uns doch auf eine oder die andere Art geoffenbart haben; denn siehe, am Ende haben wir uns alle vereint und den festen Glauben gefasst, dass es einen heiligen, guten, lieben Gott und Vater geben müsse. Wir haben Ihn mit all unserer Liebe erfasst und bei Seinem von dir uns kundgegebenen Namen gerufen, indem wir sagten: Ach liebster, heiliger Vater Jesus, komme, komme doch zu uns, erhöre unser kindlich Flehen und zeige uns, dass Du einer bist und uns auch lieb hast, wie wir Dich lieb haben! – Und siehe, lieber erhabener Lehrer, also riefen wir eine geraume Zeit hindurch; aber keine Spur ließ sich von irgendeinem himmlischen Vater vernehmen. Es war alles umsonst; daher sind wir nun darob unserer Sache völlig gewiss, dass es außer euch erhabenen Lehrern keinen anderen höheren Lehrer oder Gott gibt.
GS|2|75|3|0|Wir wollen zwar dadurch noch nicht behaupten und sagen: Unsere Zweifel sind geradewegs auf festen Grund gestellt. Aber das können wir sicher annehmen, dass nach solcher unwirksamer Gestalt der Dinge sich über das Dasein Gottes eher Zweifel als ein fester Glaube daran erheben können.
GS|2|75|4|0|Aber wir sehen auch den einen, der sich von uns abgesondert hat, mit der alleinigen Liebe den Herrn suchend; hat auch dieser nichts gefunden?
GS|2|75|5|0|Der Lehrer spricht: Meine lieben Kinderchen, darüber kann ich euch vorderhand weder ja noch nein sagen. – Die Kinder aber fragen den Lehrer weiter: Lieber erhabener Lehrer! Wer ist denn jener fremde einfache Mann dort, um den sich der eine aus uns so herumtut und sieht ihn gar so verliebt an? Ist vielleicht dessen Vater von der Erde hier angekommen?
GS|2|75|6|0|Der Lehrer spricht: Meine lieben Kinderchen, da ist schon wieder etwas, was ich euch nicht sagen kann. So viel aber mögt ihr vorderhand zur Wissenschaft nehmen, dass da jener schlichte Mann gar außerordentlich weise ist, daher müsst ihr euch wohl recht zusammennehmen, so er etwa mit euch über dies oder jenes sich besprechen möchte.
GS|2|75|7|0|Die Kinder sagen: Ach lieber erhabener Lehrer, können denn so ganz einfache Menschen auch weise sein? Denn siehe, wir haben bis jetzt erfahren, dass die Lehrer, je weiser sie wurden, bis auf dich, auch stets erhabener und glänzender ausgesehen haben. Jener Mann aber sieht gar nicht so erhaben und glänzend aus, sondern ist um gar vieles einfacher und schlichter als du. Da kommt es uns dann etwas sonderbar vor, dass er gar so außerordentlich weise sein soll.
GS|2|75|8|0|Der Lehrer spricht: Ja, meine lieben Kinderchen, bei der inneren allertiefsten Weisheit kommt es durchaus nicht auf das äußere Glänzen an, sondern da heißt es: Je mehr Glanz von außen, desto weniger Licht von innen, je mehr Licht aber von innen, desto weniger Glanz dem außen nach. – Geht aber nur hin und fragt ihn einmal um etwas, und ihr werdet euch gleich überzeugen, wie weise er ist.
GS|2|75|9|0|Nun gehen die Kinderchen hin zum Herrn und fragen Ihn noch unbekannterweise: Du lieber schlichter, einfacher Mann! Möchtest du uns denn nicht gestatten, dass wir dich um etwas fragen dürften?
GS|2|75|10|0|Der Herr spricht: O von ganzem Herzen gern, Meine geliebten Kinderchen! Fragt nur zu, und Ich werde Mich mit der Antwort schon zurechtfinden. – Die Kinder fragen den Herrn: Da du uns dich zu fragen erlaubt hast, so fragen wir dich gerade um das, was uns allen am meisten am Herzen liegt. Siehe, wir suchen und beweisen schon eine geraume Zeit hin und her, für und dagegen, ob es einen Gott gibt, der da wäre ein überaus guter Vater im Himmel aller Menschen, die nur je irgendwo leben. Wir können aber diesem Vater nirgends auf die Spur kommen, und unser Lehrer selbst will oder kann uns in dieser Sache auch nichts Gegründetes sagen. Das aber hat er uns gesagt, dass du gar überaus weise sein sollst; daher möchten wir wohl von dir erfahren, ob es einen solchen Gott und Vater gibt oder nicht? Wenn du davon irgendetwas weißt, so sage es uns doch. Denn wir werden dich gar aufmerksam anhören, und es soll deinem Munde kein Wort entschlüpfen, das wir nicht mit der größten Aufmerksamkeit gar sehr beachten möchten.
GS|2|75|11|0|Der Herr spricht: Ja, Meine lieben Kinderchen, da habt ihr Mir freilich eine sehr schwere Frage gegeben, die Ich euch kaum werde beantworten können; denn sage Ich euch, es gibt einen solchen Gott und Vater, da werdet ihr sagen, das genügt uns nicht, solange wir Ihn nicht sehen. Und wenn ihr dann sagt, lass uns sehen den Vater, was werde Ich dann zu euch sagen? Ich könnte euch mit dem Finger zeigen dahin oder dorthin, und ihr würdet nichts erblicken; denn wohin Ich euch auch immer zeigen möchte, würdet ihr dennoch nie euren Gott und Vater finden. Möchte Ich aber zu euch sagen: Kinder, der Vater ist hier unter euch! Werdet ihr es wohl glauben?
GS|2|75|12|0|Würdet ihr nicht fragen: Wo ist Er denn? Ist Er einer aus den Lehrern dieses großen Saales? Und Ich dann zu euch sage: O nein, Meine geliebten Kinder! Was werdet ihr dann tun? Ihr werdet Mich ganz groß ansehen und sagen: Siehe, der Mann hat uns zum Besten. Wenn es nicht einer aus den vielen Lehrern ist, welcher ist es denn? Du wirst es doch nicht sein? Denn so einfach, schlicht und glanzlos wie du da bist, kann doch der allererhabenste Himmelsvater nicht aussehen!
GS|2|75|13|0|Und wenn ihr Mir dann eine solche Antwort gegeben habt, was wohl soll Ich euch darauf erwidern? Daher sollt ihr Mich gerade um etwas anderes fragen; denn mit der Beantwortung dieser eurer ersten Frage scheint es sich nicht so recht tun zu wollen.
GS|2|75|14|0|Die Kinder sprechen: O lieber, weiser Mann! Siehe, das geht nicht so. An der Beantwortung einer anderen Frage ist uns nichts gelegen; aber daran, ob es einen oder keinen himmlischen Vater gibt, liegt unser ganzes Wohl. Denn gibt es einen Vater im Himmel, so sind wir alle überselig, gibt es aber keinen, so sind wir da, als wären wir ohne allen Grund und wissen nicht, wofür, wodurch und für was. Daher, wenn es dir möglich ist, mache dich nur an die Beantwortung der ersten Frage; darum bitten wir dich alle recht inständigst!
GS|2|75|15|0|Denn dass du ein sehr weiser Mann bist, das haben wir schon aus deiner ausweichenden Antwort entnommen. Daher führe uns dem einen Vater näher, denn es muss sicher einen geben, und das merken wir daraus, dass wir nach eben diesem himmlischen Vater eine stets größere Sehnsucht bekommen, je mehr Er Sich hinter unseren kindlichen Zweifeln verbergen will.
GS|2|75|16|0|Wenn Er schon durchaus nicht wäre, woher käme denn da diese Sehnsucht in uns, die doch auch ebenso lebendig ist wie wir selbst? Mit der Sehnsucht also muss ja auch die Gewissheit über das Dasein eines himmlischen Vaters wachsen!
GS|2|75|17|0|Der Herr spricht: Nun, Meine lieben Kinderchen, ihr nehmt Mir ja gerade das Wort aus dem Munde! Fürwahr, in der Sehnsucht liegt ein gar großer Beweis; was aber ist wohl die Folge der Sehnsucht? Nicht wahr, Meine lieben Kinderchen, die Folge wird das sein, dass man sich dessen vergewissern möchte, danach man sich sehnt. – Ihr sagt: O ja, das sei eine gute Antwort. – Ich aber frage euch nun: Was ist denn der Grund der Sehnsucht? – Ihr sagt es Mir, es ist die Liebe zu dem, nach dem man sich sehnt.
GS|2|75|18|0|Wenn man aber etwas im Grunde und in der Fülle der Wahrheit erschauen will, genügt es dazu wohl, um nur bei der Sehnsucht und ihrer Folge zu verbleiben? Ihr sagt Mir: O nein, lieber Mann von gar großer Weisheit! Da muss man auf den Grund selbst zurückgehen. Kündet sich da die große Wahrheit nicht an, dann ist alles falsch; kündet sie sich aber da an, so ist man zu der lebendigen Überzeugung gekommen, dass sie ewig nirgends anders als nur in ihrem Grunde selbst zu erkennen und zu erschauen ist.
GS|2|75|19|0|Seht aber nun her, ihr Kinderchen! Dieser eine Bruder aus euch ging diesen Weg; und seht, er hat den Vater gefunden! Fragt ihn, wo Er ist, und er wird euch mit dem Finger auf den Vater zeigen!
GS|2|75|20|0|Nun fallen die anderen über den einen her und verlangen das von ihm. Und dieser eine spricht: O meine lieben Brüder! Da seht her, den ihr für schlicht und einfach haltet, der ist es Selbst! Den ihr so lange vergeblich gesucht habt, der ist der gute, liebe himmlische Vater – heilig, überheilig ist Sein Name! Glaubt es mir, denn ich habe Seine Herrlichkeit schon gesehen. Glaubt aber nicht darum, weil ich es euch sage, sondern nähert euch alle mit euren Herzen zu Ihm, und ihr werdet Ihn also wahr und herrlich finden, wie ich Ihn gefunden habe!
GS|2|75|21|0|Seht, diese Kinder tun nun alle einen Ruf, da sie den Vater erkennen: O Vater, Vater, Vater!!! Du bist es, ja, Du bist es! Denn wir ahnten es mächtig in Deiner Nähe! Da wir Dich aber gefunden haben, so wolle Dich ja nimmer vor uns verbergen, auf dass wir Dich wieder so schwer suchen müssten!
GS|2|75|22|0|Und der Herr spricht: Amen! Kindlein, von nun an sollen eure Gesichter nimmer von Mir abgewendet werden! Werde Ich Mich auch nicht stets also, wie jetzt, unter euch aufhalten, so werde Ich aber doch in jener Sonne dort, die euch leuchtet, zugegen sein! Das Weitere wird euch euer Lehrer von Mir kundtun.
GS|2|76|1|1|Belehrung über das zweite und dritte Gebot
GS|2|76|1|1|(Am 25. September 1843 von 4 1/2 – 6 1/4 Uhr nachmittags.)
GS|2|76|1|0|Wir brauchen aber nun die Sache nicht weiter zu verfolgen, was diese Kinder hier weiter von ihren Lehrern über den Herrn empfangen; denn die Epoche oder den Zustand, in dem sie den Herrn wie völlig verloren haben, haben sie überstanden, und somit auch den ersten Lehrsaal, deren es in dieser Abteilung, wie ihr schon früher gesehen habt, zwölf gibt. Es wäre zu gedehnt, in all den folgenden Lehrsälen den fortschreitenden Unterricht mit diesen Kindern mitzumachen. Damit ihr aber doch wisst, was in diesen Sälen gelehrt wird und auf welche Weise, so sage ich euch, dass ihr solches schon aus der ersten Tafel in der Mitte des ersten Lehrsaales habt entnehmen können, um was es sich in diesem großen Lehrgebäude handelt – um nichts anderes als um die zehn Gebote Moses und endlich um die zwei Gebote der Liebe.
GS|2|76|2|0|In einem jeden darauffolgenden Saal wird ein neues Gebot praktisch gelehrt und geübt, und das durchgehends auf dieselbe Weise, wie ihr es mit dem ersten Gebot hier in dem ersten Saal zu beobachten hinreichend Gelegenheit gehabt habt.
GS|2|76|3|0|So wird sogleich in dem nächsten Saal das Gebot: „Du sollst den Namen Gottes nicht eitel nennen“ – verhandelt. Solches versteht ihr auch freilich wohl nicht, was dieses Gebot im Grunde besagt, darum will ich euch auch in die rechte Bedeutung dieser Gebote durch kleine Stupfer und Stößchen versetzen.
GS|2|76|4|0|Demnach wird hier in diesem zweiten Saal dieses Gebot nicht etwa also ausgelegt, als solle da niemand bei unwichtigen Gelegenheiten ohne gebührende Hochachtung und Ehrfurcht den wie immer lautenden Namen des Herrn aussprechen, welches Interdikt gewisserart so viel als gar nichts heißen würde. Denn so da jemand der Meinung ist, er müsse den Namen des Herrn nur im äußersten Notfall und da allzeit mit der allerhöchsten Ehrfurcht und Ehrerbietung aussprechen, so will das nicht mehr und nicht weniger gesagt haben als: man soll den Namen Gottes gewisserart gar nie aussprechen, indem hier zwei Bedingungen vorausgesetzt sind, unter denen der Name Gottes ausgesprochen werden soll. Diese Bedingungen aber sind fürs Erste selbst auf solche Schrauben basiert, von welchen aus sicher kein Mensch in sich zu jener Überzeugung gelangen kann, bei welcher Gelegenheit solch ein äußerster Notfall zum Vorschein kommt, bei dem man würdigermaßen den allerheiligsten Namen aussprechen dürfte. Und fürs Zweite, wenn auch ein solcher Fall sich ereignen möchte, wie z. B. eine alleraugenscheinlichste Lebensgefahr, welche unter verschiedenen Zuständen den Menschen heimsuchen kann, so fragt sich aber dann dabei, ob wohl irgendein Mensch in solch einem äußerst bedenklichen Zustand diejenige Geistesgegenwart und diejenige Fassungskraft besitzen wird, in der er oberwähnter würdigstermaßen den wie immer gestalteten Namen des Herrn auszusprechen vermöchte?
GS|2|76|5|0|Wenn ihr also die Erklärung dieses zweiten Gebotes betrachtet, wie sie gewöhnlich auf der Erde vorkommt, so müsst ihr notwendig zu diesem Endurteil gelangen, dass der Name des Herrn eigentlich gar nie ausgesprochen werden solle, und das aus dem einfachen Grunde, weil die zwei gegebenen Bedingungen wohl kaum denkbar je miteinander übereinstimmen können. Denn ich möchte wohl denjenigen Menschen auf der Erde kennen, der in seiner höchsten Bedrängnis sich in jenen ruhig erhabenst ehrerbietigsten und andächtigsten Zustand versetzen möchte, in welchem er würdigermaßen den Namen des Herrn aussprechen dürfte.
GS|2|76|6|0|Wenn solches richtig wäre, so dürfte auch kein Mensch beten, denn im Gebet nennt er ja auch den Namen des Herrn. Der Mensch aber soll doch tagtäglich beten und Gott die Ehre geben und soll nicht auf den äußersten Notfall das Gebet beschränken.
GS|2|76|7|0|Es geht aber aus allem hervor, dass dieses Gebot unrichtig aufgefasst ist. Um aber aller Grübelei darüber mit einem Hieb ein Ende zu machen, sage ich euch in aller Kürze, wie dieses Gebot im Grunde des Grundes solle aufgefasst werden, – und sonach heißt: „Du sollst den Namen Gottes nicht eitel nennen“ so viel als:
GS|2|76|8|0|Du sollst den Namen Gottes nicht bloß mit dem Namen nennen, nicht bloß nur den artikulierten Laut von ein paar Silben aussprechen, sondern, da Gott der Grund deines Lebens ist, so sollst du Ihn auch allzeit im Grunde deines Lebens aussprechen, das heißt, du sollst Ihn nicht mechanisch, sondern allzeit lebendig werktätig aussprechen; denn was immer du tust, das tust du mit der von Gott dir verliehenen Kraft. Verwendest du diese Kraft zu argem Handeln, so entheiligst du offenbar das Göttliche in dir; und dieses ist deine Kraft, der lebendige Name Gottes!
GS|2|76|9|0|Seht, so viel also sagt dieses Gebot, dass man den Namen Gottes fürs Erste erkennen soll, was Er ist, und worin Er besteht; und soll dann denselben nicht eitel mit äußeren Worten nur aussprechen wie einen anderen Namen, sondern allzeit tatkräftig, weil der Name Gottes die Tatkraft des Menschen ist. Daher soll der Mensch auch alles, was er tut, in diesem Namen tun. Und tut er das, so ist er einer, der den Namen Gottes nicht eitel mit äußeren Worten, sondern tatkräftig und lebendig in sich ausspricht.
GS|2|76|10|0|Und seht, auf diese Weise, also praktisch, wird dieses zweite Gebot in diesem zweiten Saal den Schülern gelehrt, und so lange bei jedem durchgeübt, bis er darin eine gerechte Fertigkeit überkommen hat. Hat er das, so geht es dann in den dritten Saal zum dritten Gebot über, welches, wie ihr wisst, da lautet:
GS|2|76|11|0|„Du sollst den Sabbat heiligen.“ Was will aber das sagen, besonders hier, wo keine Nacht mehr mit dem Tag wechselt, und somit nur ein ewiger Tag fortwährt? Wann ist da wohl Sabbat? Ist das Gebot aber göttlicher Abkunft, so muss es eine ewige und nicht nur zeitliche Regel sein und muss im Reich der Geister diejenige vollgültige Bedeutung haben wie auf der Erde.
GS|2|76|12|0|Bei euch heißt es, man soll an dem als Sabbat gebotenen Feiertag durchaus keine knechtliche Arbeit verrichten, worunter nämlich alle Erwerbstätigkeit verstanden werden soll. Wohl aber ist es erlaubt, Spektakel aufzuführen, zu spielen, gleich den Heiden zu tanzen. Einen Tag vor dem Sabbat zu fasten ist geboten, um an dem Sabbat desto besser und mehr fressen zu können. Also ist auch den Wirten erlaubt, ihre Speisen zu verkaufen und ihre Gäste an einem Feiertag mehr als an einem sonstigen zu betrügen. Das heißt demnach rechtlichermaßen den Sabbat heiligen; nur keine mehr gesegnete Arbeit auf dem Feld und auf dem Acker darf verrichtet werden, alles andere aber ist für den Sabbat tauglich.
GS|2|76|13|0|Der Herr aber hat auf der Welt gezeigt, dass man auch am Sabbat gar füglich arbeiten und Gutes wirken kann. Wenn aber der Herr Selbst am Sabbat gearbeitet hat, da meine ich, solle jeder Mensch des Beweises genug haben, dass da unter Heiligung des Sabbats etwas ganz anderes verstanden werden soll als nicht zu arbeiten und in die Hände nehmen, was nützlich und ersprießlich ist.
GS|2|76|14|0|Was aber wird demnach unter der Heiligung des Sabbats verstanden? Was ist der Sabbat? Ich will euch ganz kurz sagen:
GS|2|76|15|0|Der Sabbat ist weder der Samstag, noch der Sonntag, noch der Oster- oder der Pfingstsonntag, noch irgendein anderer Tag in der Woche oder im Jahr, sondern er ist nichts anderes als der Tag des Geistes im Menschen, das göttliche Licht im menschlichen Geist, die aufgehende Sonne des Lebens in der menschlichen Seele. Und das ist der lebendige Tag des Herrn im Menschen, den er fortwährend mehr und mehr erkennen und heiligen soll durch alle seine Handlungen, die er verrichten soll aus Liebe zu Gott und daraus aus Liebe zu seinem Nächsten.
GS|2|76|16|0|Da aber der Mensch diesen heiligen Ruhetag des Herrn im Gewühl der Welt nimmer finden kann und mag, daher soll er freilich wohl sich von der Welt zurückziehen und diesen Tag des Lebens der heiligen Ruhe Gottes in sich suchen.
GS|2|76|17|0|Darum war auch dem Volk der Israeliten geboten, wenigstens einen Tag in der Woche dazu zu bestimmen, an welchem es sich von weltlichen Geschäften zurückziehen und allein diesen Tag des Lebens in sich suchen sollte. Aber man beobachtete das Gesetz bloß äußerlich materiell und brachte es auf diesem Wege am Ende so weit, dass man nicht einmal den Herrn des Sabbats erkannte, den heiligen Vater nicht, als Er von unendlichster Liebe getrieben zu Seinen Kindern kam auf die Erde!
GS|2|76|18|0|Ich meine, aus diesen Worten dürfte es euch völlig begreiflich sein, was da unter der Heiligung des Sabbats verstanden und wie diese gehandhabt werden soll.
GS|2|76|19|0|Und zugleich aber dürfte euch auch begreiflich sein, ob sich eure Sonntagsheiligung wohl als eine Sabbatsheiligung in der Wahrheit ausnimmt, ob man durch eine Stunde kirchlichen Andachtsdienstes, dann aber durch lauter Weltunterhaltungen wohl zum innern, ewig lebendigen Ruhetag des Herrn gelangen kann.
GS|2|76|20|0|Wenn ich auf der Erde mit euch wäre, da möchte ich wohl einen sehr großen Preis auf den Beweis stellen, ob sich durch das Kirchenlaufen, dann durchs tüchtige Fressen, endlich durchs Spazierengehen, Fahren oder Reiten, mitunter auch durchs Tanzen, Spielen und Saufen, durchs nicht seltene Lügen und Betrügen, durchs gewöhnlich ehrabschneiderische Visitemachen und dergleichen Unternehmungen mehr der wahre Sabbat im Geiste finden und heiligen lässt. Wer weiß, ob es nicht Philosophen gibt, die solchen Beweis zu liefern imstande wären; – bei uns möchte er sich freilich ausnehmen wie eine falsche Münze.
GS|2|76|21|0|Dass allhier den Kindern auf praktische Weise nur die lebendige Sabbatsheiligung gelehrt und eingeübt wird, braucht kaum näher erwähnt zu werden. Und ihr könnt euch daraus einen gründlichen Begriff machen, wie im Grunde des Grundes diese Gebote des Herrn tatsächlich sollen verstanden werden.
GS|2|76|22|0|Also aber, wie mit diesen zwei Geboten und vorhin mit dem ersten, wollen wir in aller Kürze auch noch die anderen durchgehen, damit ihr den gehörigen Begriff überkommt, in welchem Sinne alle die Gebote hier den Kindern beigebracht werden. Und so wollen wir fürs Nächste sogleich das vierte Gebot im vierten Saal in aller Kürze betrachten.
GS|2|77|1|1|Belehrung über das vierte Gebot
GS|2|77|1|1|(Am 26. September 1843 von 5 – 6 Uhr nachmittags.)
GS|2|77|1|0|Das vierte Gebot, wie ihr es auf der Erde habt, lautet: „Ehre Vater und Mutter, auf dass du lange lebst und es dir wohlgehe auf Erden“. Dieses Gebot ist so gut göttlichen Ursprunges wie die ersten drei. Was gebietet es aber und was verheißt es? Nichts anderes als den Gehorsam der Kinder gegen ihre Eltern und für diesen Gehorsam eine zeitliche Vergünstigung.
GS|2|77|2|0|Kann da nicht jedermann fragen und sagen: Wie? Ein göttliches Gebot sanktioniert sich bloß nur durch zeitliche Verheißungen und hat nichts Ersichtliches im Hintergrund, darin ewige geistige Vorteile geboten würden? Was liegt wohl an solch einer zeitlichen Vergünstigung? Was liegt am Wohlleben, was am langen Leben, wenn hinter demselben nichts Höheres folgt?
GS|2|77|3|0|Es ist wahr: Gut und lange leben ist besser als kurz und schlecht. Wenn aber am Ende des Lebensabschnitts der unwirtliche Tod erscheint, welchen Vorzug hat das gute und lange Leben vor dem schlechten und kurzen? Ich meine, dazu braucht man eben kein Fundamental-Mathematiker zu sein, um sagen zu können: Der Unterschied läuft überall in eine reine Null aus; denn der Erste überkommt so gut wie der Zweite ein allerbestes Nichts, und er fragt sich dann wenig darum, wie der Weg zu diesem Empfang beschaffen war, ob gut oder schlecht.
GS|2|77|4|0|Also wäre denn, nach diesem Maßstab betrachtet, das vierte Gebot auf einem sehr schlüpfrigen Grund basiert, und die Eltern wären fürwahr übel daran, so ihre Kinder mit solcher Philosophie schon auf die Welt geboren würden, und die Kinder selbst würden bei solcher Betrachtung wenig Grund finden, ihren Eltern zu gehorchen. Ferner lässt sich noch über dieses Gebot folgende kritische Betrachtung anstellen. Wie das Gebot klingt, so hat es nur eine zeitliche Basis, also bloß nur die Pflicht der Kinder gegen ihre Eltern darstellend.
GS|2|77|5|0|Es fragt sich demnach: Was soll es denn mit diesem Gebot hier im Geisterreich, wo die Kinder hier ihren Eltern auf Erden auf ewig enthoben sind? Sind sie aber ihrer Eltern enthoben, da werden sie doch sicher auch der irdischen Pflicht gegen sie enthoben sein; und dennoch bemerken wir hier in diesem vierten Saal dieses Gebot auf der Tafel gezeichnet. Soll es etwa für diese Kinder auf den Herrn bezogen werden? Das ließe sich allerdings hören, wenn nur darunter nicht der Verheißungssatz stände: „Auf dass du lange lebst und es dir wohlgehe auf Erden“. Stünde es: „Auf dass du ewig lebst und es dir wohlgehe im Himmel“, da wäre eine solche Transversion des Gesetzes gar überleicht zu verstehen; aber eine zeitliche Verheißung im ewigen Reich der Geister klingt denn doch etwas sonderbar.
GS|2|77|6|0|Was meint ihr wohl, was sich hier wird tun lassen, um diesem Gesetz ein vollgegründetes göttliches Ansehen zu verschaffen? Ihr zuckt da freilich mit den Achseln und sagt so ganz leise in euch: Lieber Freund und Bruder! Wenn es hier auf unsere Erörterung ankommt, da wird es mit der reingeistig göttlichen Sphäre dieses Gesetzes einen bedeutenden Haken haben; denn nach obiger Betrachtung lässt sich da mit so leichter Mühe als man glaubt, eben nicht gar zu viel Geistiges herausfinden.
GS|2|77|7|0|Ich sage euch aber, dass ebendieses Gebot, wie beinahe kein anderes, am meisten rein geistig ist. Ihr macht da große Augen; aber darum ist die Sache doch nicht anders. Damit ihr aber solches auf einen Hieb erschaut, so will ich nichts anderes tun, als dieses Gesetz nur mit etwas umgeänderten Worten sagen, wie es auch hier in diesem Lehrsaal vorgetragen wird, und ihr werdet die Fülle der Wahrheit sogleich erschauen. Wie also lautet es aber hier? Hört!
GS|2|77|8|0|Kinder! Gehorcht der Ordnung Gottes, welche ausgeht aus Seiner Liebe und Weisheit (d. i. Vater und Mutter), auf dass ihr lange lebt auf Erden unter Wohlergehen. Was ist langes Leben, und was ist dagegen ewiges Leben? Das „lange Leben“ bezeichnet das Leben in der Weisheit; und es wird „lang“ nicht die Dauer, sondern die Ausbreitung und die stets größere Mächtigwerdung des Lebens verstanden; denn das Wort oder der Begriff „Leben“ schließt ja schon für sich die ewige Dauer ein. Aber das Wort „lang“ bedeutet ja durchaus keine Dauer, sondern nur eine Ausbreitung der Lebenskraft, mit welcher das lebende Wesen stets mehr und mehr in die Tiefen des göttlichen Lebens langt, und eben dadurch sein eigenes Leben stets vollkommener, fester und wirksamer macht.
GS|2|77|9|0|Dieses hätten wir; aber das „Wohlergehen auf Erden“ – was besagt denn das? Nichts anderes als das Sich-zu-eigen-machen des göttlichen Lebens, denn unter der „Erde“ wird hier das Eigenwesen verstanden, und das Wohlergehen in diesem Wesen ist nichts anderes als das freie Sein in sich selbst nach der sich völlig eigengemachten göttlichen Ordnung.
GS|2|77|10|0|Diese kurze Erklärung genügt, um einzusehen, dass ebendieses Gesetz völlig rein geistiger Art ist. Wenn ihr es bei Muße genauer durchprüfen wollt, so werdet ihr es auf eigener Erde finden, dass es so ist. Also aber wird es auch hier praktisch den Kindern beigebracht, und das mit dem größten Nutzen. Da wir aber nun solches wissen, so begeben wir uns sogleich in den fünften Saal.
GS|2|78|1|1|Belehrung über das fünfte Gebot
GS|2|78|1|1|(Am 28. September 1843 von 4 1/2 – 5 1/2 Uhr nachmittags.)
GS|2|78|1|0|Ihr seht in diesem fünften Saal abermals eine Tafel angebracht, und auf dieser steht es mit wohlleserlicher Schrift geschrieben: „Du sollst nicht töten“. Wenn ihr dieses Gebot nur einigermaßen beim Licht betrachtet und dazu die Geschichte des israelitischen Volkes mit in den Augenschein nehmt, so müssten eure Augen mit mehr als dreifachem Star behaftet sein, wenn ihr es nicht auf den ersten Augenblick ersehen würdet, dass es mit diesem Gebot einen sonderbaren Haken hat. „Du sollst nicht töten!“ Wie, wo, wann und was denn?
GS|2|78|2|0|Was heißt „töten“ überhaupt? Heißt töten bloß den Leib lebensuntätig machen oder heißt es den Geist seiner himmlischen Lebenskraft berauben? Ist das Töten bloß auf den Leib des Menschen gesetzlich beschränkt, da kann die Tötung des Geistes doch unmöglich darunter gemeint sein; denn es heißt ja eben, dass gewisserart ein jeder Mensch sein Fleisch töten solle, um gegenüber den Geist zu beleben, wie da auch der Herr Selbst spricht: „Wer sein Leben, d. h. das Leben des Fleisches, liebt, der wird es verlieren; wer es aber flieht um Meinetwillen, der wird es erhalten“.
GS|2|78|3|0|Ingleichen zeigt sich dieses auch in der Natur der Dinge. Wird bei einer Frucht die äußere Rinde oder Hülse nicht zum Sterben gebracht, so wird die Frucht zu keinem lebendigen Keim kommen. Also geht aber aus allem dem hervor, dass eine Tötung des Fleisches nicht zugleich auch eine Tötung des Geistes sein kann. Wird aber unter diesem Gesetz bloß nur die Tötung des Geistes verstanden, wer ist dann wohl sicher mit seinem Leibesleben?
GS|2|78|4|0|Im Gegenteil aber ist es auch zugleich jedermann bekannt, dass die besonders in gegenwärtiger Zeit überaus vielfach vorkommenden Belebungen des Fleisches nichts als Tötungen des Geistes sind. Betrachtet ihr gleich daneben die Geschichte des israelitischen Volkes, dem da gewisserart, wie ihr zu sagen pflegt, diese Gesetze frisch gebacken gegeben wurden, so findet ihr den merkwürdigen Kontrast, dass der Gesetzbringer Moses selbst zuerst eine Menge Israeliten hat töten lassen; und seine Nachfolger mussten mit den am Gesetz sich Verschuldenden das Gleiche tun.
GS|2|78|5|0|„Du sollst nicht töten“ – dieses Gesetz lag so gut wie alle anderen in der Bundeslade. Was tat aber das ganze israelitische Heer, als es ins Gelobte Land einzog, mit den früheren Bewohnern dieses Landes? Was tat selbst David, der Mann nach dem Herzen Gottes? Was der größte Prophet Elias? Seht, sie töteten alle, und das sehr vielfach und oft so ziemlich grausam noch obendrauf.
GS|2|78|6|0|Wer da aus euch nüchternen und unbefangenen Geistes ist, muss der nicht in sich selbst das Urteil aussprechen und sagen: Was ist das für ein Gebot, wider das, wie sonst über gar keines, selbst die ersten von Gott gestellten Propheten zu handeln genötigt waren?
GS|2|78|7|0|Ein solches Gebot ist ja doch so gut wie gar keines. Auch in unseren Zeiten ist das Töten der Brüder im Krieg sogar eine Ehrensache! Ja, der Herr Selbst tötet Tag für Tag Legionen von Menschen dem Leib nach; und doch heißt es: „Du sollst nicht töten!“ Und David musste sogar einen Heerführer umbringen lassen, da er gegen einen zu vernichtenden Ort, freilich wohl meineidig, schonend sich benommen hatte.
GS|2|78|8|0|Gut, sage ich, so steht es mit dem Gebot auf der Erde. Hier aber sehen wir es im Reich der Himmel, wo fürs Erste kein Wesen mehr das andere töten kann, und fürs Zweite auch sicher nie jemand auch nur den allerleisesten Gedanken, jemanden zu töten, in sich fassen wird. Wozu steht es also hier auf der Tafel geschrieben? Etwa aus bloß rein historischer Rücksicht, damit die Schüler hier erlernen sollen, was es auf der Erde für Gebote gibt und gegeben hat? Oder sollen fürs Zweite etwa diese allergutmütigsten Kindergeister dieses Gebotes wegen auf eine Zeit lang in eine Mordlust versetzt werden und diese dann gegenüber dem Gesetz in sich selbst bekämpfen? Das könnte man zwar annehmen; aber welchen Schluss oder welches Endresultat wird man daraus bekommen? Ich sage euch nichts anderes als: Wenn die Mordlust den Kindern am Ende doch wieder benommen werden muss, so sie sich als Mordlustige dem Gesetz gegenüber als vollkommen genügend bewährt haben, so muss man ja eben auch annehmen, dass sie dabei weder was gewonnen noch verloren haben würden, so sie nie wären mit der Mordlust erfüllt gewesen.
GS|2|78|9|0|Ich sehe aber, dass bei dieser gründlichen Darstellung der Sache ihr nun selbst nicht wisst, was ihr so ganz eigentlich aus diesem Gebot machen sollt. Ich aber sage euch: Sorgt euch nicht; wenige Worte werden genügen, um euch alles bisher Zweifelbare ins klarste Licht zu stellen, und das Gesetz wird gleich würdig wie auf der Erde also auch im Himmel wie eine Sonne am Himmel strahlen!
GS|2|78|10|0|Damit ihr aber die nachfolgende Erklärung leicht und gründlich fasst, so mache ich euch bloß nur darauf aufmerksam, dass nämlich in Gott die ewige Erhaltung der geschaffenen Geister die unwandelbare Grundbedingung aller göttlichen Ordnung ist. Wisst ihr nun das, so blickt auf das Gegenteil, nämlich auf die Zerstörung; und ihr habt das Gebot geistig und körperlich bedeutungsvoll vor euch.
GS|2|78|11|0|Sagt demnach anstatt: Du sollst nicht töten – du sollst nicht zerstören, weder dich selbst, noch alles das, was deines Bruders ist; denn die Erhaltung ist das ewige Grundgesetz in Gott Selbst, demzufolge Er ewig ist und unendlich in Seiner Macht. Da aber auf der Erde auch des Menschen Leib bis zur von Gott bestimmten Zeit für die ewig dauernde Ausbildung des Geistes notwendig ist, so hat ohne ein ausdrückliches Gebot Gottes niemand das Recht, eigenwillig weder seinen eigenen Leib noch den seines Bruders zu zerstören.
GS|2|78|12|0|Wenn hier also von der gebotenen Erhaltung die Rede ist, da versteht es sich aber dann auch schon von selbst, dass jedermann noch weniger berechtigt ist, den Geist seines Bruders wie auch seinen eigenen durch was immer für Mittel zu zerstören und für die Erlangung des ewigen Lebens untüchtig zu machen. Gott tötet freilich wohl tagtäglich der Menschen Leiber; aber zur rechten Zeit, wenn der Geist entweder auf die eine oder die andere Weise irgendeine Reife überkommen hat. Auch die Engel des Himmels, als fortwährende Diener Gottes, erwürgen in einem fort der Menschen Leiber auf Erden; aber nicht eher, als bis sie vom Herrn den Auftrag haben, und dann nur auf diejenige Art und Weise, wie es der Herr haben will.
GS|2|78|13|0|Sonach aber erlernen auch die Kinder hier auf geistig praktischem Weg, worin die Erhaltung der geschaffenen Dinge besteht und wie sie vereint mit dem Willen des Herrn stets auf das Allersorglichste muss gehandhabt werden. Und wenn ihr dieses nun nur einigermaßen begriffen habt, so wird es sicher einleuchtend sein, fürs Erste die große Würde dieses Gesetzes selbst zu erschauen, und fürs Zweite, warum es hier auch im Reich der himmlischen Kindergeister vorkommt. Da wir aber solches wissen, so können wir uns auch sogleich in den sechsten Saal begeben.
GS|2|79|1|1|Das sechste Gebot. Was ist Unkeuschheit?
GS|2|79|1|1|(Am 29. September 1843 von 4 1/4 – 6 Uhr nachmittags.)
GS|2|79|1|0|Hier erblicken wir wieder eine Tafel in der Mitte des Saales, und auf der Tafel steht mit deutlich leserlicher Schrift geschrieben: „Du sollst nicht Unkeuschheit treiben, nicht ehebrechen“. Unverkennbar ist dies das sechste Gebot, welches der Herr durch Moses dem israelitischen Volk gegeben hatte. Dieses Gebot ist sicher in seiner Grundbedingung eines der schwierigsten zu erfassen und es dann auch genau im Lebensgrund zu beobachten.
GS|2|79|2|0|Was wird denn eigentlich durch dieses Gebot verboten? Und wen geht dieses Gebot überhaupt an, den Geist, die Seele oder den Leib? Wer soll da aus diesen drei Lebenspotenzen nicht Unkeuschheit treiben? Das wäre eine Frage. Was aber ist so ganz eigentlich die Unkeuschheit und was der Ehebruch? Ist die Unkeuschheit der gegenseitige Begattungsakt? Wenn das der Fall ist, so ist auf jede Zeugung durch dieses Gebot Beschlag gelegt; denn wir finden in dem einfachen Gebot durchaus keine bedingnisweise Ausnahme gestellt; es heißt einmal: „Du sollst nicht Unkeuschheit treiben“.
GS|2|79|3|0|Wenn also der Akt der Begattung gewisserart als der Kulminationspunkt der Unkeuschheit angesehen wird, so möchte ich selbst denjenigen kennen, der unter der gegenwärtigen Gestalt der Dinge auf der Erde eine Zeugung ohne diesen verbotenen Akt bewerkstelligen möchte. Ob jetzt in der Ehe oder nicht in der Ehe, der Akt ist derselbe. Ob er wirklich in kinderzeuglicher Absicht begangen wird oder nicht, er ist derselbe. Zudem hat das Gebot selbst keine Bedingung in sich, durch welche eine geregelte Ehe von der Unkeuschheit ausgenommen wäre.
GS|2|79|4|0|Andererseits betrachtet aber muss doch jedem Menschen einleuchtend sein, dass es dem Herrn an der Fortpflanzung des menschlichen Geschlechts vorzugsweise gelegen ist und an einer weisen Erziehung desselben. Auf welchem Wege aber sollte sich das Menschengeschlecht fortpflanzen, wenn ihm der Zeugungsakt bei Strafe des ewigen Todes verboten ist? Ich meine, das kann ein jeder Mensch mit den Händen greifen, dass es hier offenbar einen Haken hat.
GS|2|79|5|0|Dazu aber muss noch ein jeder sich notgedrungen selbst das Zeugnis geben, dass sicher bei keinem zu haltenden Gebot die Natur dem Menschen allgemein so mächtige Prügel unter die Füße wirft, über die er stolpern muss, als eben bei diesem. Ein jeder Mensch, wenn seine Erziehung einigermaßen geordnet war, findet gar keinen Anstand, oder höchstens einen sehr geringen nur, in der Haltung der übrigen Gebote; aber bei diesem Gebot macht die Natur allzeit einen kräftigen Strich selbst durch die Rechnung eines Apostels Paulus!
GS|2|79|6|0|Offenbar sehen wir eine Interdiktion der fleischlichen Lust, welche mit dem Zeugungsakt unzertrennlich verbunden ist. Liegt also das Verbot nur an der fleischlichen Lust und nicht zugleich auch an dem Zeugungsakt, so fragt es sich, ob von dem ordnungsmäßigen Zeugungsakt die fleischliche Lust zu trennen ist? Wer aus euch kann solches erweisen und behaupten, die beiden gesetzlich geordneten Ehegatten empfänden beim Zeugungsakt nicht auch die zeitliche Lust? Oder wo ist dasjenige Gattenpaar, das da nicht wenigstens zur Hälfte wäre durch die bevorstehende fleischliche Lust zum Zeugungsakt aufgefordert worden?
GS|2|79|7|0|Wir sehen aber nun daraus, dass wir mit diesem Gebot hinsichtlich der Unkeuschheit in Anwendung auf den leiblichen Zeugungsakt durchaus nicht aufkommen können. Denn entweder muss es einen reinen Zeugungsakt geben, der mit der Fleischeslust nichts zu tun hat, oder, wenn sich ein solcher Akt nicht erweisen lässt, der fleischliche Zeugungsakt nicht unter diesem Gesetz stehen und als eine freiwillkürliche, straflose Handlung des Menschen angesehen werden muss. Denn solches ist schon bemerkt, dass sich das Gesetz ganz schonungslos und aller ausnahmsweisen Bedingung ledig ausspricht.
GS|2|79|8|0|Das notwendige Bestehen der Menschen aber spricht sich laut gegen das Verbot dieses Aktes aus, sowie die allzeit schonungslos begehrende Natur. Denn da mag jemand sein, wes Standes er will, so wird er davon nicht freigesprochen, wenn er zu seiner Reife gelangt ist. Er müsste sich denn verstümmeln lassen und seine Natur töten, sonst tut es sich wenigstens in seiner Begierlichkeit dazu auf keinen Fall, wenn er auch durch äußere Umstände von der Aktivität abgehalten wird.
GS|2|79|9|0|Also mit dem Fleisch tut es sich auf keinen Fall. Vielleicht geht dieses Gesetz allein die Seele an? Ich meine, da die Seele durchaus das lebende Prinzip des Leibes ist und die freie Aktion desselben rein nur von der Seele abhängt, ohne welche das Fleisch völlig tot ist, so dürfte es denn doch wohl schwerlich einen so Supergelehrten irgendwo geben, der da im Ernst behaupten könnte, die Seele habe mit den freien Handlungen des Leibes nichts zu tun.
GS|2|79|10|0|Der Leib ist ja doch sicher nur das Werkzeug der Seele, künstlich eingerichtet zu ihrem Gebrauch; was soll es demnach mit einem Gebot allein für den Leib, der an und für sich eine tote Maschine ist? Wenn jemand mit einer Hacke einen ungeschickten Hieb gemacht hat, war da wohl die Hacke schuld oder seine Hand? Ich meine, solches wird doch niemand behaupten wollen, dass hier der Hacke der ungeschickte Hieb zuzuschreiben sei.
GS|2|79|11|0|Ebenso wenig kann man auch den Zeugungsakt als eine sündige Handlung dem Leib zuschreiben, sondern allein nur dem handelnden Prinzip, das hier die lebendige Seele ist. Also muss aber auch unsere bisherige kritische Beleuchtung dieses Gebotes bloß nur der Seele gelten, welche im Fleisch denkt, will und handelt; und so ist eben die Seele nach dem vorlaufenden Kriterium notwendig frei von diesem Gebot. Also mit der Seele geht es auch nicht; so wird es doch mit dem Geist gehen. Wir wollen sehen, was sich der Geist wird abgewinnen lassen.
GS|2|79|12|0|Was ist denn der Geist? Der Geist ist das eigentliche Lebensprinzip der Seele, und die Seele ist ohne den Geist nichts als ein substantiell ätherisches Organ, welches wohl zur Aufnahme des Lebens alle Fähigkeit besitzt, ist aber ohne den Geist nichts als ein substantiell-geistig-ätherischer Polyp, der seine Arme fortwährend nach dem Leben ausbreitet und alles einsaugt, was seiner Natur zuspricht.
GS|2|79|13|0|Die Seele also ohne den Geist ist bloß eine stumme polarische Kraft, welche den stumpfen Sinn nach der Sättigung in sich trägt, aber selbst keine Urteilskraft besitzt, daraus ihr klar würde, womit sie sich sättigt und wozu ihr die Sättigung dient. Sie ist zu vergleichen mit einem Erzkretin, der keine andere Begierde in sich verspürt als diejenige, sich zu sättigen. Womit und warum? Davon hat er keinen Begriff. Wenn er einen großen Hunger verspürt, so frisst er, was ihm unterkommt, ob Unrat oder ob Brot oder eine barste Kost für Schweine, das ist ihm gleich.
GS|2|79|14|0|Seht, dasselbe ist die Seele ohne den Geist. Und diese angeführten Kretins haben eben auch bloß nur ein seelisches Leben, wo in der Seele entweder ein zu schwacher Geist oder oft auch wohl gar kein Geist vorhanden ist. Dass aber solches sicher der Fall ist, [dazu] braucht ihr nichts als einen Blick nur in die Welt der finsteren Geister zu werfen; was sind diese? Sie sind nach dem Tode fortlebende Seelen, die bei Leibesleben auf die leichtsinnigste und oft böswilligste Weise ihren Geist in sich so sehr geschwächt und niedergedrückt haben, dass er ihnen in solchem Zustand kaum die allerkargst gemessene Lebensregung zu verschaffen imstande ist, bei der aber alle Lebensvorteile nicht selten im ewigen Hintergrund bleiben müssen!
GS|2|79|15|0|Wie aber gebärden sich solche Wesen jenseits gegenüber den seligen lebendigen Geistern? Nicht anders als pure Trottel, also geistige Kretins, in aller Weise noch missgestaltet obendrauf, so zwar, dass nicht selten von einer menschlichen Gestalt nicht die allerleiseste Spur mehr zu entdecken ist. Diese Wesen sind in der Geisterwelt in ihrer Handlungsweise so wenig mehr zurechnungsfähig, als es ein Kretin oder Trottel ist, [woraus aber nun hervorgeht, dass nicht die Seele an und für sich, sondern nur im Besitz des Geistes, dem allein das freie Wollen innewohnt, zurechnungsfähig ist,] im Grunde also nur der Geist.
GS|2|79|16|0|Wenn aber das nun evident erwiesen ist, so fragt sich: Wie und auf welche Weise kann denn der absolute Geist Unkeuschheit treiben? Kann der Geist fleischliche Begierden haben? Ich meine, einen größeren Widerspruch dürfte es doch kaum geben als den, so sich jemand wollte im Ernst einen fleischlichen Geist denken, der notgedrungenermaßen materiell sein müsste, um selbst grobmaterielle Begierden in sich zu haben.
GS|2|79|17|0|Wenn aber schon ein Arrestat an seinem Arrest sicher nicht das größte Wohlbehagen findet, so wird umso mehr der absolute Geist noch eine desto geringere Passion haben, sich mit seinem freiesten Wesen mit der groben Materie auf immer zu verbinden und an derselben seine Lust zu finden. In diesem Sinne ist also ein Unkeuschheit treibender Geist doch sicher der größte Unsinn, den je ein Mensch aussprechen kann. Nun fragt sich demnach: Was ist die Unkeuschheit, und wer soll dieselbe nicht treiben, indem wir gesehen haben, dass sowohl der Leib, die Seele und der Geist für sich nicht Unkeuschheit treiben können, so wie wir sie bisher kennen?
GS|2|80|1|1|Fortsetzung der Erläuterung zum Wesen der Unkeuschheit
GS|2|80|1|1|(Am 30. September 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr nachmittags.)
GS|2|80|1|0|Es dürften zwar einige sagen: Moses hat sich späterhin darüber näher ausgesprochen, indem er den Zeugungsakt ordnungsmäßig nur zwischen den gesegneten Ehegatten erlaubt, anderartig aber verboten hat, und hat auf die anderartige Zeugung, besonders wenn ein verheirateter Mann mit dem Weib eines anderen Mannes solchen Akt begehen möchte, verordnet, dass solch eine Tat als Ehebruch zu betrachten sei und die Ehebrecher sich beiderseits des Todes schuldig machen. Solches ist richtig, aber nachträgliche Verordnungen geben dem einfach im Anfang gegebenen Gesetz dennoch keine andere Gestalt. Wer sich daran binden will, muss im ersten Gesetz seinen Prozess behaupten; denn weder die Unkeuschheit noch der Ehebruch sind darin auf eine bestimmte Art verboten.
GS|2|80|2|0|Wir haben bisher klärlich erläutert, was man allenfalls unter der Unkeuschheit verstehen könnte. Indem aber alles das auf den Zeugungsakt hinweist, so kann man auch die von uns bisher als bekannt angenommene Art der Unkeuschheit unmöglich durch dieses Gesetz als verboten ansehen.
GS|2|80|3|0|Nun aber meldet sich ein in der Sache Wohlerfahrener, dieser spricht: Unter Unkeuschheit, die da verboten ist, wird bloß die leere Befriedigung des sinnlichen Triebes verstanden. – Gut, sage ich; wenn aber ein Mann mit eines anderen Mannes Weib, die von ihrem Mann nicht befruchtet werden kann, im Ernst ein Kind zeugt, frage, kann ihm das als sündiger Ehebruch angerechnet werden? Ich frage weiter: Wenn ein Jüngling, von seiner Natur getrieben, mit einem Mädchen ein Kind gezeugt hat, kann ihm das zur Sünde der Unkeuschheit angerechnet werden?
GS|2|80|4|0|Ich frage weiter: Wenn ein Mann aus der Erfahrung weiß, dass sein Weib nicht befruchtungsfähig ist, er beschläft sie aber dennoch, weil sie ein üppiges Fleisch hat, das ihn reizt, also dieser Mann doch offenbar seinen sinnlichen Trieb leer befriedigt; kann ihm dieser Akt zur Sünde der Unkeuschheit angerechnet werden?
GS|2|80|5|0|Ich frage weiter: Es gibt besonders in dieser Zeit, wie es auch zu allen Zeiten gegeben hat, eine Unzahl Menschen beiderlei Geschlechts, welche gar wohl zeugungsfähig sind und besitzen eine sie mächtig drängende Natur; sind aber vermöge politischer und dürftiger Verhältnisse nicht imstande, sich zu verehelichen. Wenn nun solche doppelt bedrängte Menschen den Akt der Zeugung begehen, sündigen sie wider dieses sechste Gebot?
GS|2|80|6|0|Man wird sagen: Sie sollen ihren Trieb Gott aufopfern und sich nicht begatten, so werden sie nicht sündigen. Ich aber sage: Welch ein Richter kann solch einen Fehler als eine wirkliche Sünde erklären? Was hat denn der Reiche darum für ein Verdienst, dass er sich ein ordentliches Weib nehmen kann, vor dem Armen, der natürlichermaßen dieser Glückseligkeit allzeit entbehren muss? Soll somit der Bemittelte ein größeres Recht auf die Zeugung seinesgleichen haben als der Arme? Heiligt also das Geld die Zeugung darum, weil sich der Reiche in den ordentlichen Besitz eines Weibes setzen kann, was natürlich tausend Unbemittelten unmöglich ist?
GS|2|80|7|0|Dazu lässt sich noch fragen: Wer ist denn so ganz eigentlich schuld an der vielfachen Verarmung der Menschen? Sicher niemand anderer als der glückliche Reiche, der durch seine eigennützige Spekulation so viele Schätze an sich zieht, durch welche nicht selten tausend Menschen sich für den ordentlichen Ehestand hinreichend befähigen könnten. Und dennoch sollte da der reiche Ehemann allein von der Sünde der Unkeuschheit frei sein, so er mit seinem ordentlichen Weib Kinder zeugt, und der Arme allein sollte der Sündenbock sein, weil er sich eben kein Weib nehmen kann? Wäre das nicht geradeso geurteilt, als so man auf der Erde irgendeinen Wallfahrtsort bestimmen möchte und dazu ein Gebot gäbe, demzufolge niemand zu Fuß diesen Ort besuchen darf, um dort irgendeine sein sollende Gnade zu empfangen, sondern ein jeder, der diesen Ort besucht und eine Gnade empfangen will, muss in einer höchst eleganten Equipage dahin gefahren kommen?
GS|2|80|8|0|Wer ein solches Gebot für gerecht finden sollte, der müsste doch sicher im Ernst von einer solchen Welt sein, von welcher der Schöpfer Himmels und der Erde selbst nichts weiß, das heißt von einer Welt, die nirgends existiert; oder er müsste ein Abgeordneter des Satans sein!
GS|2|80|9|0|Wir sehen aber nun aus diesen Betrachtungen, dass sich’s mit der Erklärung unseres sechsten Gebotes durchaus nicht tut. Was werden wir denn anfangen, um diesem Gebot einen vollgültigen Sinn abzugewinnen? Ich sage euch aber im Voraus: Es ist die Sache nicht so leicht, als es sich jemand vorstellen möchte. Ja, ich sage:
GS|2|80|10|0|Um den richtigen Sinn dieses Gebotes zu gewinnen, muss man ganz tief greifen und die Sache in der Grundwurzel fassen; sonst wird man sich dabei immer in derjenigen zweifelhaften Lage befinden, in der man leichtlich das, was nicht im entferntesten Sinne eine Sünde ist, als Sünde betrachten wird, und was wirklich eine Sünde ist, kaum der Mühe wert halten, es als eine Sünde zu betrachten.
GS|2|80|11|0|Wo aber ist diese Wurzel? Wir werden sie sogleich haben. Ihr wisst, dass die Liebe der Urgrund und die Grundbedingung aller Dinge ist. Ohne Liebe wäre nie ein Ding erschaffen worden, und ohne die Liebe wäre so wenig irgendein Dasein denkbar, als wie wenig sich je ohne die wechselseitige Anziehungskraft eine Welt nach dem Willen des Schöpfers gebildet hätte. Wer das etwa nicht fassen sollte, der denke sich nur von einer Welt die wechselseitige Anziehungskraft hinweg, und sobald wird er sehen, wie sich alle Atome einer Welt plötzlich voneinander trennen und sich verflüchtigen werden wie ins Nichts.
GS|2|80|12|0|Also ist die Liebe der Grund von allem und ist zugleich der Schlüssel zu allen Geheimnissen.
GS|2|80|13|0|Wie aber lässt sich eben die Liebe mit unserem sechsten Gebot in eine erklärende Verbindung bringen? Ich sage euch, nichts leichter als das, indem bei gar keinem Akt in der Welt die Liebe so innig verwebt ist wie gerade bei dem, den wir zu dem unkeuschsündigen rechnen.
GS|2|80|14|0|Wir wissen aber, dass der Mensch einer zweifachen Liebe fähig ist, nämlich der göttlichen, welche aller Selbstliebe entgegen, dann der Selbstliebe, welche aller göttlichen Liebe entgegen ist.
GS|2|80|15|0|Nun fragt es sich: So jemand den Akt der Zeugung begeht, was für Liebe war da der Beweggrund dazu, die Eigenliebe, unter deren Botmäßigkeit auch jegliche Genusssucht steht, oder die göttliche Liebe, welche nur mitteilen will, was sie hat, ihrer selbst gänzlich vergessend? Seht, wir sind jetzt schon so ziemlich dem eigentlichen Hauptkern auf der Spur.
GS|2|80|16|0|Setzen wir nun zwei Menschen; der eine begeht den Akt aus selbstsüchtiger Genusssucht, der andere aber in dankbarer Andacht für die Zeugungsfähigkeit, seinen Samen einem Weib mitzuteilen, um in ihr eine Frucht zu erwecken. Welcher von den beiden hat denn gesündigt? Ich glaube, um hier einen Richter zu machen und ein rechtes Urteil zu fällen, wird eben so schwer nicht sein.
GS|2|80|17|0|Damit uns aber die Sache völlig klar wird, müssen wir uns auch mit dem Begriff „Unkeuschheit“ näher vertraut machen. Was ist Keuschheit und was ist Unkeuschheit? Keuschheit ist derjenige Gemütszustand des Menschen, in welchem er aller Selbstsucht ledig ist, oder indem er rein ist von allen Makeln der Eigenliebe. Unkeuschheit, entgegen der Keuschheit, ist derjenige Gemütszustand, in welchem der Mensch nur sich selbst berücksichtigt, für sich selbst handelt und seines Nebenmenschen, besonders in Berücksichtigung des Weibes, gänzlich vergisst.
GS|2|80|18|0|Die Selbstsucht aber ist nirgends schmählicher, als gerade bei dem Akt, da es sich um eine Fortzeugung eines Menschen handelt. Warum denn? Die Ursache liegt am Tage. Wie der Grund, wie der Same, so auch wird die Frucht. Ist göttliche Liebe, also die Keuschheit der Same, so wird auch eine göttliche Frucht zum Vorschein kommen; ist aber Eigenliebe, Selbst- und Genusssucht, also der unkeusche Zustand des Gemütes der Same, welch eine Frucht wird da hervorgehen?
GS|2|80|19|0|Seht, in dem liegt es, was durch das sechste Gebot verboten ist, und wäre dieses Gebot beobachtet worden, so wäre die Erde noch ein Himmel, denn es gäbe auf ihr keinen selbstsüchtigen und herrschsüchtigen Menschen! Aber dieses Gebot ist schon im Anbeginn der Menschen übertreten worden, und die Frucht dieser Übertretung war der eigennützige und selbstsüchtige Kain.
GS|2|80|20|0|Aus dem aber geht hervor, dass nicht nur die sogenannte fälschlich bezeichnete Unzucht, welche man besser Genusssucht nennen sollte, in die Reihe unserer zu behandelnden Sünde gehört, sondern jegliche Genusssucht, wie gestaltet sie auch immer sein mag, besonders aber, wenn ein Mann das ohnehin schwache Weib sich eigennützig zum genusssüchtigen Nutzen macht, ist als Sünde der Unkeuschheit zu betrachten. Ein kurzer Verfolg wird uns die Sache noch klarer vor die Augen bringen.
GS|2|81|1|1|Was ist Hurerei? Selbst- und Genusssucht sind Unkeuschheit
GS|2|81|1|1|(Am 2. Oktober 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr abends.)
GS|2|81|1|0|Man könnte hier sagen, indem es im sechsten Gebot nur heißt: „Du sollst nicht Unkeuschheit treiben“, dass da die Hurerei nicht als verboten angesehen werden kann, indem es im sechsten Gebot nirgends heißt: Du sollst nicht Hurerei treiben. – Ich aber sage: Was ist die Hurerei, welcher Art sie auch sein mag, geistig oder fleischlich? Sie ist eine sichere Anbequemung des Lasters, und zwar auf folgende Weise: Man philosophiert sich über sündigende Möglichkeit hinaus, setzt alle Erscheinungen in das Gebiet natürlicher Bedürfnisse. Wenn nun jemandem seine eigene Wesenheit die Forderung kundgibt, sie zu befriedigen, so tut der Mensch zufolge seines Verstandes und seiner Erfindungskraft ja nur etwas Lobenswertes und Ersprießliches, so er für alle zu fordernden Bedürfnisse seiner Natur Mittel zustande bringt, durch welche denselben Genüge geleistet werden kann. Das Tier muss zwar seine Bedürfnisse in der rohesten instinktmäßigen Art befriedigen, weil es keinen Verstand, keine Vernunft und keinen Erfindungsgeist hat. Dadurch aber erhebt sich ja eben der Mensch über das gemein naturmäßig Tierische, dass er allen den Anforderungen seiner Art auf eine raffinierte Weise Genüge leisten kann.
GS|2|81|2|0|Wer kann einem Menschen zur Sünde rechnen, so er sich mit Hilfe seines Verstandes ein stattliches Haus zur Bewohnung erbaut, und somit ein ehemaliges Erdloch oder einen hohlen Baum mit demselben vertauscht? Wer kann einem Menschen zur Sünde anrechnen, wenn er sich einen Wagen erbaut, das Pferd zähmt, und dann viel bequemer eine Reise macht als mit seinen eigenen schwachen, leidigen Füßen? Wer ferner kann noch dem Menschen zum Fehler anrechnen, so er sich die Naturfrüchte zu seiner Nahrung kocht und würzt und sie ihm wohlschmeckender macht? Oder sind die Dinge in der Welt für wen anderen als für den Menschen erschaffen worden, damit er sie zweckdienlich benützen sollte?
GS|2|81|3|0|Wie viel Schönes und Nützliches hat der Mensch entdeckt zu seiner Bequemlichkeit und zu seiner Erheiterung? Sollte ihm das zum Fehler angerechnet werden, so er durch seinen Verstand seinem Schöpfer Ehre macht, ohne den der Weltkörper so unkultiviert dastände wie eine barste Wüste, auf der alles durcheinanderwüchse in der schönsten chaotischen Ordnung wie Kraut, Rüben und Brennnesseln?
GS|2|81|4|0|Wenn aber dem Menschen die verschiedenartige Kultivierung des Erdbodens doch unmöglich zu einem Fehler angerechnet werden kann, obschon sie in sich durchaus nichts anderes Zweckdienliches enthält als die angenehmere und bequemere Genießung der Dinge in der Welt; so wird doch andererseits auch ein raffinierter Zeugungsgenuss dem Menschen auch mitnichten können zum Fehler angerechnet werden, indem sich sonst selbst der gebildete Mensch in diesem Akt am wenigsten von dem Tier unterschieden hat. Also auch dieser Trieb des Menschen muss auf eine veredeltere und raffiniertere Weise befriedigt werden können, und das aus demselben Grunde, aus welchem man sich bequeme Wohnhäuser erbaut, weiche Kleider verfertigt, geschmackvolle Speisen bereitet, u. dgl. Annehmlichkeiten mehr.
GS|2|81|5|0|Man nehme nur den Fall, ein Mensch gebildeten Standes hat zu seiner Befriedigung die Wahl zwischen zwei Weibspersonen, die eine ist ein schmutziges ganz verwahrlostes, gemeines Bauernmensch, die andere aber ist ein wohlerzogenes, sehr nett gekleidetes, am ganzen Leibe makelloses und sonst üppiges und reizendes Mädchen, als die Tochter eines ansehnlichen Hauses. Frage: Wonach wird der gebildete Mann greifen? Die Antwort wird hier kein Kopfbrechen brauchen; sicher nur nach Nr. 2, denn vor Nr. 1 wird es ihm ekeln. Also ist auch hier eine Raffinerie sicher am zweckdienlichsten Platze, weil der Mensch durch sie beurkundet, dass er ein höheres Wesen ist, welches alles Unangenehme und Schmutzige zu reinigen und angenehmer darzustellen die volle Macht und Kraft in sich hat.
GS|2|81|6|0|Da aber der Mann wie das Weib in dieser Hinsicht ein öfteres Bedürfnis sich zu befriedigen in sich mächtig wahrnehmen, wobei man doch nicht allzeit die Anforderung machen kann, in optima forma ein Kind zu erzeugen, wird es da wider die Gebühr der Ausübung seiner Verstandeskräfte sein, wenn er da die Mittel aufstellt, durch welche die Befriedigung dieses Triebes zuwege gebracht werden kann, sei es nur durch den blinden Beischlaf mit den Weibern oder durch Selbstbefriedigung oder im Notfall durch die sogenannte Knabenschändung? Denn dadurch unterscheidet sich ja eben auch der Mensch von dem Tier, dass er eben auch diesen am meisten naturmäßigen Trieb auf anderen Wegen befriedigen kann als gerade auf jenen nur, auf die er von der rohen Natur primo loco [an erster Stelle] angewiesen wurde. Und sonach sind ja ganz besonders wohlkonditionierte Bordellhäuser und dergleichen Anstalten mehr zu billigen, und können dem Verstand des Menschen keineswegs zur Unehre, sondern nur zur Ehre gereichen.
GS|2|81|7|0|Seht, was lässt sich, naturmäßig betrachtet, allem dem entgegen einwenden? Denn das ist richtig, dass das Tier dergleichen Kultivierungen und allerlei Nuancierungen in der Befriedigung seines Geschlechtstriebes nimmer zuwege bringen kann; und so ist darin gewisserart eine Meisterschaft des menschlichen Verstandes unleugbar zu entdecken. Das ist alles richtig, das Tier hat in allem dem seine Zeit, außer welcher es ganz stumpf für die Befriedigung dieses Triebes bleibt.
GS|2|81|8|0|Aber was ist alle diese Raffinierung? Das ist eine kurze Frage, aber ihre Beantwortung ist groß und gewichtig. Diese Raffinierung hat doch sicher nichts anderes zum Grundmotiv als die entsetzlich leidige Genusssucht. Die Genusssucht aber, wissen wir, ist ein unverkennbares Kind der Eigenliebe, welche aber mit der Herrschliebe ganz identisch einhergeht.
GS|2|81|9|0|Es ist wahr, in einem stattlichen Haus lässt sich angenehmer wohnen denn in einer niedrigen Erdhütte. Betrachten wir aber die Einwohner! Wie stolz und hochtrabend sehen wir den Bewohner eines Palastes einhergehen, und wie völlig zerknirscht beugt sich der schlichte Hüttenbewohner vor einem solchen glänzenden Palastherrn!
GS|2|81|10|0|Betrachten wir die Bewohner einer großen Stadt und dagegen die eines niedrigen Bauerndorfes. Die Bewohner der großen Stadt wissen sich aus lauter Genusssucht nicht zu helfen, alles will angenehm leben, alles sich unterhalten, alles glänzen und womöglich ein bisschen herrschen. Kommt ein solcher armer Landbewohner in die große Stadt, so muss er wenigstens einen jeden Stiefelputzer etc. „Euer Gnaden“ anreden, will er sich nicht irgendeiner Grobheit aussetzen.
GS|2|81|11|0|Gehen wir aber ins Dorf, da werden wir noch Hausväter antreffen, nicht selten friedliche Nachbarn, welche sich nicht „Euer Gnaden“ und „Herr von“ titulieren. Was ist da wohl vorzuziehen, wenn ein Bauer zum anderen spricht: „Bruder!“ oder wenn in der Stadt ein nur ein wenig Bemittelter zu einem etwas mehr Bemittelten „Euer Gnaden“ und „Herr von“ und dgl. mehr spricht?
GS|2|81|12|0|Ich meine, es wird kaum nötig sein, dergleichen unsinnige Raffinierungsgeburten des menschlichen Verstandes noch weiter zu verfolgen, sondern wir können sogleich den Hauptspruch machen: Alle solche genusssüchtigen Verfeinerungen sind nach der vorangehenden Betrachtung nichts als Abgöttereien; denn sie sind Opfer des menschlichen Geistes an die äußere tote Naturmäßigkeit.
GS|2|81|13|0|Sind sie aber Abgöttereien, so sind sie auch die barste Hurerei, und dass sie nicht in die Sphäre der Keuschheit aufgenommen werden können, beweist ihre Tendenz.
GS|2|81|14|0|Warum ward Babel eine Hure genannt? Weil dort alle erdenkliche Raffinerie zu Hause war. Also heißt auch „die Hurerei treiben“ im vollkommensten Sinne: der Unkeuschheit dienen nach aller Lebenskraft. Und so ist ein reicher Ehemann, der sich ein üppiges und geiles Weib genommen hat des alleinigen Genusses wegen, nichts mehr und nichts weniger als ein barster Hurer und dessen Weib eine barste Hure. Und ebenso wird auch hier diesen Kindern die Unkeuschheit in ihrem Fundament gezeigt, wie sie nämlich ist eine allerbarste Selbst- und Genusssucht.
GS|2|81|15|0|Es war notwendig, dieses Gebot für euch um desto gründlicher zu beleuchten, weil sich der Mensch eben über keines so leicht hinwegsetzt wie über dieses. Ich meine daher, dass ihr nun auch diesen Vortrag versteht; und so wollen wir uns denn auch sogleich in den siebten Saal begeben.
GS|2|82|1|1|Betrachtung des siebten Gebotes
GS|2|82|1|1|(Am 4. Oktober 1843 von 4 1/2 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|2|82|1|0|Wir sind im siebten Saal; und seht, in der Mitte desselben auf einer an einer lichten weißen Säule befindlichen Tafel steht mit deutlich leserlicher Schrift geschrieben: „Du sollst nicht stehlen!“ Hier drängt sich beim ersten Anblick dieser Gesetzestafel doch sicher einem jeden sogleich die Frage auf:
GS|2|82|2|0|Was sollte hier gestohlen werden können, da niemand ein Eigentum besitzt, sondern ein jeder nur ein Fruchtnießer ist von dem, was der Herr gibt? Diese Frage ist natürlich und hat ihren guten Sinn, kann aber auch eben mit dem[selben] Recht auf dem Weltkörper aufgestellt werden; denn auch auf dem Weltkörper gibt alles, was da ist, der Herr, und doch können die Menschen einander bestehlen auf alle mögliche Art.
GS|2|82|3|0|Könnte man da nicht auch fragen und sagen: Hat der Herr die Welt nicht für alle Menschen gleich geschaffen, und hat nicht jeder Mensch das gleiche Recht auf alles, was die geschaffene Welt zum verschiedenartigen Genuss bietet? So aber der Herr sicher die Welt nicht nur für einzelne, sondern für alle geschaffen, und ein jeder das Recht hat, die Produkte der Welt nach seinem Bedürfnis zu genießen, – wozu war denn hernach dieses Gebot gut, durch welches den Menschen offenbar irgendein Eigentumsrecht eingeräumt ward, durch welches erst hernach ein Diebstahl möglich geworden ist? Denn wo kein Mein und kein Dein ist, sondern bloß ein allgemeines Unser aller, da möchte ich den doch sehen, der da bei dem besten Willen seinem Nächsten etwas zu stehlen vermöchte.
GS|2|82|4|0|Wäre es demnach nicht klüger gewesen, statt dieses Gebotes, durch welches ein abgesondertes Eigentumsrecht gefährlichermaßen eingeräumt wird, alles Eigentumsrecht für alle Zeiten aufzuheben, wodurch dieses Gebot dann vollkommen entbehrlich würde, alle Eigentumsgerichte der Welt nie entstanden wären, und die Menschen auf die leichteste Weise untereinander als wahrhafte Brüder leben könnten?
GS|2|82|5|0|Dazu muss man noch bedenken, dass der Herr dieses Gebot durch Moses gerade zu einer solchen Zeit gegeben hat, wo aber auch nicht ein Mensch aus allen den überaus zahlreichen Israelskindern irgendein eigenes Vermögen hatte; denn was da das mitgenommene Gold und Silber aus Ägypten betrifft, so war es ein Eigentum des ganzen Volkes unter der Aufsicht ihres Anführers.
GS|2|82|6|0|Was aber die Kleidung betrifft, so war sie höchst einfach und dabei so armselig, dass da ein einziges Kleidungsstück in eurer gegenwärtigen Zeit sicher nicht den Wert von einigen schlechten Groschen übersteigen würde. Und dazu hatte nicht einer aus den Israeliten einen Kleidungsvorrat, sondern was er am Leib trug, das war alles, was er besaß.
GS|2|82|7|0|Dazu kam hernach dieses Gebot. Und sicher musste das israelitische Volk einander mit großen Augen fragen: Was sollen wir einander nicht stehlen? Etwa unsere Kinder, da doch ein jeder froh ist in dieser gegenwärtigen bedrängten Lage, wenn er so kinderarm als möglich ist? Sollten wir uns gegenseitig etwa unsere Töpfe stehlen? Was sollten wir aber dabei gewinnen? Denn wer da keinen Topf hat, der hat ohnedies das Recht, sich im Topf seines Nachbarn, so er etwas Kochbares hat, mitzukochen. Hat er aber einen Topf, da wird er es nicht notwendig haben, sich noch eines zweiten zu bemächtigen, um dadurch noch mehr zum Hin- und Herschleppen zu haben. Es ist fürwahr nicht einzusehen, was wir hier einander stehlen könnten. Etwa die Ehre? Wir sind alle Diener und Knechte eines und desselben Herrn, der den Wert eines jeden Menschen gar wohl kennt. So wir einander auch gegenseitig verkleinern wollten, was würden wir dadurch erzwecken im Angesicht dessen, der uns allzeit durch und durch schaut? Also wissen wir durchaus nicht, was wir aus diesem Gebot machen sollen. Soll dieses Gebot für künftige Zeiten gelten, falls uns der Herr einmal ein Eigentum absonderlich einräumen wollte? Wenn das, da lasse Er uns lieber so, wie wir sind, und das Gebot hebt sich von selbst auf.
GS|2|82|8|0|Seht, also räsonierte im Ernst auch hier und da das israelitische Volk, und solches war ihm auch für seine Lage in der Wüste nicht zu verdenken; denn allda war jeder gleich reich und gleich groß, d. h. in seinem Ansehen.
GS|2|82|9|0|Könnte aber nun nicht das gegenwärtige gläubige Volk neutestamentlich mit dem Herrn also räsonierend aufbegehren und sagen: O Herr! warum hast Du denn dereinst ein solches Gebot gegeben, durch welches mit der Zeit den Menschen auf der Erde ein absonderliches Eigentumsrecht eingeräumt ward und durch welches ferner eben zufolge dieses eingeräumten Eigentumsrechtes sich eine zahllose Menge von Dieben, Straßenräubern und Mördern gebildet hat? Hebe daher dieses Gebot auf, damit das Heer der Diebe, Mörder und Räuber und allerlei Betrüger und ein zweites Heer der Weltrichter aufhören möchte, jegliches in seiner Art aller Nächstenliebe ledig, tätig zu sein!
GS|2|82|10|0|Ich sage hier: Der Aufruf lässt sich hören und erscheint unter dieser kritischen Beleuchtung als vollkommen billig. Wie und warum denn? Fürs Erste kann man von Gott als dem allerhöchst liebevollsten Vater doch sicher nichts anderes als nur das allerhöchst Beste erwarten. Wie sollte man da wohl denken können, Gott, als der allerbeste Vater der Menschen, habe ihnen da wollen eine Verfassung geben, welche sie offenbar unglücklich machen muss, und das zwar zeitlich und ewig?
GS|2|82|11|0|Wenn man aber Gott doch sicher die allerhöchste Güte, die allerhöchste Weisheit und somit die sichere Allwissenheit notwendig zuschreiben muss, derzufolge Er doch wissen müsste, welche Früchte ein solches Gebot unfehlbar wird tragen müssen, da kann man ja doch nicht umhin zu fragen: Herr! warum hast Du uns solch ein Gebot gegeben? Warum uns durch dasselbe nicht selten namenlos unglücklich gemacht? War es im Ernst Dein Wille also, oder hast Du dieses Gebot nicht gegeben, sondern die Menschen haben es erst nachträglich eingeschoben ihres Eigennutzes wegen, indem sie sich etwa vorgenommen haben, sich von der allgemeinen Zahl ihrer Brüder abzusondern und sich in solchem Zustand dann berechtigtermaßen eigentümliche Schätze zu sammeln, und durch ihre Hilfe sich dann desto leichter als Herrscher über ihre gesammelten armen Brüder zu erheben? Seht, alles das lässt sich hören, und kann solches niemand in Abrede stellen. Und man muss noch obendrauf einem menschlichen Verstand einige Körner echten Weihrauchs streuen, so er es in dieser Zeit wenigstens der Mühe wert gefunden, die Gesetze Moses auf diese Weise kritisch zu beleuchten. Aber wer hat bei dieser Kritik etwas gewonnen? Die Menschen nichts und der Herr sicher auch nicht, denn es spricht sich in dieser Kritik offenbar nicht die göttliche Liebe und Weisheit aus.
GS|2|82|12|0|Wie aber soll denn dieses Gesetz genommen und betrachtet werden, damit es als vollkommen geheiligt vor Gott und allen Menschen erscheint, dass es ausspreche die höchst göttliche Liebe und Weisheit und in sich trage die weiseste Fürsorge des Herrn zum zeitlichen und ewigen Glückseligkeitsgewinn? So, wie es bis jetzt erklärt ward, besonders in der gegenwärtigen Zeit, hat es freilich nur Unheil verbreiten müssen. Daher wollen wir nach der Erbarmung des Herrn die wahre Bedeutung dieses Gebotes enthüllen, auf dass die Menschen in selbem fürder ihr Heil, aber nicht ihr Unheil finden sollen. Um aber das zu bewerkstelligen, werden wir vorerst betrachten, was da unter dem Stehlen verstanden werden muss.
GS|2|83|1|1|Was unter Stehlen zu verstehen ist
GS|2|83|1|1|(Am 5. Oktober 1843 von 4 3/4 – 6 Uhr abends.)
GS|2|83|1|0|Dass vorderhand unter dem Begriff „Stehlen“ unmöglich die eigenmächtige Wegnahme der materiellen Güter eines anderen verstanden werden konnte, erhellt klar daraus, weil besonders zur Zeit der Gesetzgebung niemand aus dem israelitischen Volk ein Eigentum besaß. Und selbst als das Volk ins Gelobte Land eingezogen ist, die staatliche Verfassung desselben also bestellt war, der zufolge niemand in diesem Land ein ganz vollrechtiges Eigentum besitzen konnte, sondern es war dabei so viel als möglich auf eine Gütergemeinschaft abgesehen, und ein jeder dürftige Israelit, wenn er übrigens in der göttlichen Ordnung lebte, musste überall die gastfreundlichste Aufnahme und Unterkunft finden.
GS|2|83|2|0|Wäre aber in diesem Gebot unter dem Stehlen die willkürliche und eigenmächtige Wegnahme des Gutes eines anderen verstanden gewesen, so fiele, wie es im Verlaufe dieser Darstellung hinreichend klar gezeigt wurde, notwendig der unfehlbare Tadel auf den Gesetzgeber, indem Er dadurch gewisserart stillschweigend dem Erwerb, der Industrie und somit auch dem Wucher das Wort gesprochen hätte. Denn das muss doch jedem Menschen auf den ersten Blick in die Augen fallen, so er nur im geringsten Maße eines etwas helleren Denkens fähig ist, dass alsbald das Eigentumsrecht als vollkommen sanktioniert und bestätigt eingeführt ist, sobald man ein Gesetz gibt, durch welches das Eigentum eines jeden als vollkommen gesichert erscheinen muss.
GS|2|83|3|0|Wie könnte man aber doch auf der anderen Seite ein solches Gesetz von demjenigen Gesetzgeber erwarten, der mit Seinem eigenen Munde zu Seinen Schülern gesprochen hat: „Sorgt euch nicht, was ihr essen und trinken werdet und womit euren Leib bekleiden, denn das alles ist Sache der Heiden. Sucht vor allem das Reich Gottes; alles andere wird euch schon von selbst hinzufallen.“
GS|2|83|4|0|Weiter spricht derselbe Gesetzgeber: „Die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihr Geschleif, aber des Menschen Sohn hat nicht einen Stein, den Er unter Sein Haupt lege!“ Wieder auf einer anderen Seite sehen wir Seine Schüler sogar an einem Sabbat Ähren abraufen, also offenbar stehlen. Als sich aber die Eigentümer des Ackers darüber beschwerten, sagt: wer bekam da von dem großen Gesetzgeber den Verweis und eine ganz tüchtige Zurechtweisung? Ihr braucht nur im Buch nachzusehen und es wird euch alles klar sein.
GS|2|83|5|0|Weiter sehen wir denselben Gesetzgeber einmal in der Lage, einen Mautzins entrichten zu müssen. Hat Er in Seine eigene Tasche gegriffen? O nein, sondern Er wusste, dass im nahen See ein Fisch einen verlorenen Stater verschluckt hatte. Der Petrus musste hingehen und dem durch die Kraft des Herrn gehaltenen Fisch die Münze aus dem Rachen nehmen und mit derselben den Mautzins bezahlen.
GS|2|83|6|0|Ich frage aber: Hat nach euren Eigentumsrechten der Finder auf ein auf was immer für Weise gefundenes Gut das disponible Eigentumsrecht? Musste der große Gesetzgeber nicht wissen – oder wollte Er es nicht wissen –, dass Er von diesem im Fisch gefundenen Gut nur auf ein Drittteil das disponible Eigentumsrecht hatte, und das nur nach der vorausgegangenen öffentlichen oder amtlichen Bekanntgebung seines Fundes? Er hat aber solches nicht getan. Sonach hat Er ja offenbar einen zweidrittelteiligen Diebstahl gemacht, oder eine Veruntreuung, was ebenso viel ist.
GS|2|83|7|0|Ferner ließe sich nach den Rechtsprinzipien fragen – wenn man voraussetzt, dass nur gar wenige Juden es in der Fülle wussten, wer eigentlich Christus war –, wer Ihm das Recht eingeräumt hatte, die bekannte Eselin ihrem Eigentümer abnehmen zu lassen und sie dann Selbst nach Seinem Gutdünken zu gebrauchen.
GS|2|83|8|0|Man wird hier sagen: Er war ja der Herr der ganzen Natur und Ihm gehörte ja ohnehin alles. – Das ist richtig, aber wie spricht Er denn in weltlicher Hinsicht, dass des Menschen Sohn keinen Stein habe, und auf der anderen Seite spricht Er Selbst, dass Er nicht gekommen ist, um das Gesetz aufzuheben, sondern dasselbe nur zu erfüllen bis auf ein Häkchen.
GS|2|83|9|0|Wenn wir Seine Geschichte verfolgen wollten, so würden wir noch so manches finden, wo der große Gesetzgeber nach den gegenwärtigen Eigentumsrechtsprinzipien und nach der umfassenden juridischen Erklärung des siebten Gebotes gegen eben diese Rechtsprinzipien sich offenbar vergriffen hat. Was würde hier jemandem geschehen, so er einem Eigentümer einen Baum zerstörte oder so er eine ganze große Herde von Schweinen vernichtete und dergleichen mehr? Ich meine, wir haben der Beispiele genug, aus denen sich mehr als klar ersehen lässt, dass der große Gesetzgeber mit diesem siebten Gebot einen ganz anderen Sinn verbunden hat, als er nach der Zeit von der habsüchtigen und eigennützigen Menschheit ausgeheckt worden ist.
GS|2|83|10|0|Man wird sagen: Das ist nun ganz klar und ersichtlich; aber welchen Sinn Er damit verbunden hat, das liegt noch hinter einem starken Schleier! – Ich aber sage: Nur Geduld! Haben wir bis jetzt die falsche Auffassung dieses Gebotes gehörig beleuchtet, so wird sich die rechte Bedeutung in diesem Gebot sicher auch leicht finden lassen; denn vermag jemand die Beschaffenheit der Nacht zu durchblicken, dem wird es doch wohl nicht bange sein dürfen, dass er am Tag zu wenig Licht haben wird.
GS|2|83|11|0|Was heißt denn hernach im wahren eigentlichen Sinne: „Du sollst nicht stehlen?“ Im eigentlichen wahren Sinne heißt das so viel:
GS|2|83|12|0|Du sollst nimmer die göttliche Ordnung verlassen, dich nicht außer dieselbe hinausstellen und der Rechte Gottes bemächtigen wollen.
GS|2|83|13|0|Was sind aber diese Rechte und worin bestehen sie? Gott allein ist heilig und Ihm allein kommt alle Macht zu! Wen Gott Selbst heiligt und ihm die Macht erteilt, der besitzt sie rechtmäßig; wer sich aber selbst heiligt und die göttliche Macht an sich reißt, um im Glanz derselben eigennützig und habsüchtig zu herrschen, der ist im wahrhaftigen Sinne ein Dieb, ein Räuber und ein Mörder!
GS|2|83|14|0|Wer sonach sich eigenmächtig und selbstliebig durch was immer für äußere Schein- und Trugmittel, mögen sie irdischer oder geistiger Art sein, über seine Brüder erhebt, der ist’s, der solches Gebot vollkommen übertritt. In diesem Sinne wird es auch diesen Kindern hier gelehrt, und ihnen auf praktischem Wege gezeigt, dass da kein Geist je die ihm innewohnende Kraft und Macht eigenmächtig gebrauchen soll, sondern allzeit nur in der göttlichen Ordnung.
GS|2|83|15|0|Man wird aber jetzt sagen: Ja, wenn so, da ist das bekannte Stehlen und Rauben ja erlaubt. – Ich aber sage: Nur Geduld, die nächste Folge soll alles ins klare Licht bringen. Für jetzt aber wollen wir uns mit dem zufriedenstellen, indem wir einmal wissen, was da unter dem Stehlen zu verstehen ist, und dass der Herr durch dieses Gebot nie ein Eigentumsrecht eingeführt hat.
GS|2|84|1|1|Wann und wie den Weltreichen ihr zusammengeraubter Reichtum genommen und derselbe unter den Armen verteilt werden soll. Wie Geldverleih und Zinsen geregelt sein sollen
GS|2|84|1|1|(Am 6. Oktober 1843 von 4 3/4 – 6 Uhr abends.)
GS|2|84|1|0|Es lässt sich nun fragen, da der Herr nie ein Eigentumsrecht eingeführt und daher auch unmöglich je ein Gebot gegeben hatte, durch welches man ganz besonders ein zusammengewuchertes Vermögen so vieler geiziger Wucherer respektieren soll, und das gegenüber einer Unzahl von den allerärmsten Menschen, – ob man denn wohl stehlen dürfte, dasjenige nämlich, was sich solche Wucherer, dem göttlichen Gesetz zuwider, zusammengescharrt haben? Denn man nimmt doch einem Dieb nach den irdischen Gesetzen, sobald man ihn nur ertappt, seine gestohlenen Sachen weg. Sollte man denn nicht umso mehr das Recht haben, den allerbarsten Dieben und Räubern dem göttlichen Gesetz gegenüber ihre zusammengeraubten Reichtümer wegzunehmen und sie unter die Dürftigen zu verteilen?
GS|2|84|2|0|Nach dem Verstandesschluss könnte man dieser Anforderung von vornherein gerade nichts einwenden; aber der rechte Mensch hat noch höhere Kräfte als seinen Verstand in sich. Was werden aber diese zu dieser Verstandesbilligung sagen?
GS|2|84|3|0|Fragen wir unsere Nächstenliebe und unsere Gottesliebe. Was spricht sie in ihrem inwendigsten, ewig lebendigsten Geist aus Gott? Sie spricht nichts anderes, als was der Herr Selbst gesprochen hat, nämlich: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ Und wer sein äußeres Leben liebt, der wird das innere verlieren; wer aber sein äußeres Leben flieht und geringachtet, der wird das innere behalten. Das spricht alsdann der innere Geist.
GS|2|84|4|0|Wir sehen nirgends eine Anforderung, dass wir uns über die Güter der Reichen der Welt hermachen sollten. Der Herr Selbst spricht: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ So befiehlt Er auch nicht dem reichen Jüngling, seine Güter zu verkaufen, sondern erteilt ihm nur den freundschaftlichen Rat nebst der Verheißung des ewigen Lebens.
GS|2|84|5|0|Da wir sonach aber nirgends auf ein Gebot vom Herrn aus stoßen, durch welches Er ausdrücklich befohlen hätte, sich irgend des Reichtums der Wucherer zu bemächtigen, so liegt es auch sicher klar am Tage, dass ein wahrhaftiger Christmensch nicht das Recht hat, sich über die Güter der Reichen herzumachen. Selbst derjenige, der in der größten Not ist, hat nicht vom Herrn aus ein irgend nachzuweisendes Recht, sich im größten Notfall der Güter selbst eines barsten Diebes zu bemächtigen; wohl aber hat bei einem großen Notzustand ein ganzes Volk das Recht dazu.
GS|2|84|6|0|Warum denn? Weil dann der Herr Selbst im Volk waltend auftritt und bewirkt dadurch für die nimmersatten Wucherer ein gerechtes Gericht. Nur soll sich da niemand erlauben, außer im höchsten Notfall, die Wucherer und die reichen Hartherzigen zu ermorden, sondern ihnen nur so viel von ihren höchst überflüssigen Schätzen wegzunehmen, als das Volk zu seiner Unterstützung nötigst bedarf, um sich wieder auf die Füße des friedlichen Erwerbes stellen zu können.
GS|2|84|7|0|Dem reichen Wucherer aber solle noch immer so viel gelassen werden, damit er auf der Welt keine Not leide; denn das ist ja sein einziger Lohn für seine Arbeit. Der Herr aber will niemanden strafen, sondern jedermann nur belohnen nach der Art seiner Tätigkeit.
GS|2|84|8|0|Da der Reiche aber und der Wucherer nach diesem Erdleben nichts mehr zu erwarten hat, da ist es ja recht und billig, dass eben ein solcher Reicher und Wucherer für sein Talent dort seinen Lohn findet, wo er gearbeitet hat.
GS|2|84|9|0|Zudem will der Herr auch keinen Menschen auf dieser Welt völlig richten, damit da für einen jeden die Möglichkeit noch vorhanden bleibe, sich freiwillig von der Welt abzuwenden und zum Herrn zurückzukehren. Würde nun solch einem reichen Wucherer alles weggenommen werden, so erscheint er schon als völlig gerichtet; denn Verzweiflung wird sich seiner bemächtigen und eine endlose Zornwut, in der er unmöglich je den Weg des Heils betreten kann. Ist ihm aber noch ein genügendes Vermögen gelassen worden, so ist er fürs Erste keiner irdischen Not ausgesetzt und erscheint nicht als völlig unbelohnt für sein Ersparungstalent; fürs Zweite aber kann er in diesem Zustand als nicht völlig gerichtet ja auch noch den Rat befolgen, den der Herr dem reichen Jüngling gegeben hat, und kann dadurch zum ewigen Leben gelangen.
GS|2|84|10|0|Am wenigsten aber sollen bei solchen äußersten Unternehmungen von Seiten eines tiefverarmten Volkes blutige Grausamkeiten ausgeübt werden; denn sobald solches geschieht, da wirkt nicht mehr der Herr mit dem Volk und das Volk wird seine Tat nicht gesegnet sehen. Denn wenn es heute siegen wird, so wird es morgen wieder geschlagen, und wird da ein Blut wider das andere fließen! Nie soll der Mensch vergessen, dass alle Menschen seine Brüder sind. Was er unternimmt, das soll er stets mit einem liebeerfüllten Herzen unternehmen; niemandem soll er je etwas Böses tun wollen, sondern allzeit nur etwas Gutes, besonders im geistigen Teil zum ewigen Leben Wirkendes.
GS|2|84|11|0|Ist so sein Sinn beschaffen, dann wird der Herr seine Handlung segnen, im Gegenteil aber verfluchen! Denn so der Herr Selbst niemandem ein ewig tödlicher Richter sein will, dem doch alle Gewalt im Himmel und auf Erden eigen ist, und niemanden zu fragen hat, was Er tun oder nicht tun soll, umso weniger soll ein Mensch auf der Erde etwas nach seinem argen Willen tun.
GS|2|84|12|0|Wehe aber dem Volk, welches ohne die äußerste Notwendigkeit sich gegen die Reichen und Mächtigen erhebt! Das wird für seine Tat allerbitterst gezüchtigt werden; denn die Armut ist des Herrn. Wer den Herrn liebt, der liebt auch die Armut; der Reichtum und das Wohlleben aber ist der Welt und des Satans! Wer nach diesem, was der Welt ist, trachtet und es liebt, der hat sich auch vom Scheitel bis zur Zehe dem Satan einverleibt!
GS|2|84|13|0|Solange also irgendein Volk sich des Tages nur einmal halbwegs sättigen und noch das Leben erhalten kann, so lange auch soll es sich nicht erheben. Wenn aber die Reichen und Wucherer beinahe alles an sich gerissen haben, so dass Tausenden von armen Menschen der augenscheinlichste Hungertod droht, dann ist es Zeit, sich zu erheben und die überaus überflüssigen Güter der Reichen untereinander zu teilen; denn dann will es der Herr, dass die Reichen bis zu einem großen Teil für ihre schändliche Eigenliebe und Habsucht sollen gezüchtigt werden.
GS|2|84|14|0|Zum Schluss der Abhandlung dieses Gebotes dürfte vielleicht noch jemand fragen, ob die Zinsnahme für geliehene Kapitalien nicht gewisserart auch wider das siebte Gebot ist. Da sage ich: Wenn in einem Staat der Zinsfuß gesetzlich bestimmt ist, so ist es auch erlaubt, nach diesem Zinsfuß von den Reichen die Interessen zu nehmen; hat aber jemand einem Bedürftigen ein erforderliches Kapital geliehen, so soll er dafür keine Zinsen verlangen.
GS|2|84|15|0|Hat sich dieser Notdürftige mit diesem Kapital insoweit beholfen, dass er sich nun in seiner Gewerbshantierung bürgerlich wohl befindet, so soll er darauf bedacht sein, das ausgeliehene Kapital seinem Freund wieder zurückzuerstatten. Will er aus Dankbarkeit die gesetzlichen Zinsen zahlen, so soll sie der Ausleiher nicht annehmen, wohl aber den Rückzahler erinnern, solche an seine ärmeren Brüder zu verabfolgen nach seiner Kraft.
GS|2|84|16|0|Ganz Armen aber soll niemand ein Kapital leihen, sondern was er ihnen gibt, das soll er ihnen ganz geben. Das ist in dieser Hinsicht der Wille des Herrn. Wer ihn befolgt, der wird des Herrn Liebe haben. Da wir somit alles, was dieses Gebot betrifft, berührt haben, so können wir uns sogleich in den achten Saal begeben, allda wir ein Gebot werden kennen lernen, das diesem siebten in vieler Hinsicht gleichen wird.
GS|2|85|1|1|Betrachtung des achten Gebots. Wie Geister lügen können
GS|2|85|1|1|(Am 11. Oktober 1843 von 4 3/4 – 6 Uhr abends.)
GS|2|85|1|0|Wir sind im achten Saal und sehen allda wieder auf der uns aus allen früheren Sälen wohlbekannten Rundtafel mit deutlicher Schrift gezeichnet: „Du sollst kein falsches Zeugnis geben“ – oder was ebenso viel sagt: Du sollst nicht lügen!
GS|2|85|2|0|Es klingt dieses Gebot im Reich der reinen Geister wohl sonderbar, indem ein Geist in seinem reinen Zustand aller Lüge unfähig ist. Denn ein Geist kann unmöglich anders sprechen, als wie er denkt, indem der Gedanke schon sein Wort ist. Und der Geist im reinen Zustand kann darum auch keine Unwahrheit über seine Lippen bringen, weil er ein einfaches Wesen ist und in sich keinen Hinterhalt haben kann.
GS|2|85|3|0|Der Lüge ist sonach nur ein unreiner Geist fähig, wenn er sich mit einer Materie umhüllt. Ist aber ein Geist, auch von unreiner Beschaffenheit, seiner gröberen Umhüllung ledig, so kann er eben auch keine Unwahrheit von sich bringen.
GS|2|85|4|0|Aus diesem Grunde umhüllen sich denn auch die argen Geister mit allerlei groben Truggestalten, um in dieser Umhüllung lügen zu können.
GS|2|85|5|0|Also musste sich auch der bekannte Satan im Paradies vor dem ersten Menschenpaar mit der materiellen Gestalt einer Schlange umhüllen, auf dass er dadurch in sich einen Hinterhalt bekam und hernach anders denken und anders sprechen konnte.
GS|2|85|6|0|Aus diesem alleinigen Grunde sind auch die Menschen auf Erden imstande zu lügen so oft sie wollen, weil sie in ihrem Leib einen Hinterhalt haben und können von diesem aus die Maschine des Leibes gerade in entgegengesetzter Richtung gegen dem bewegen, wie sie denken.
GS|2|85|7|0|Solches jedoch, wie bemerkt, ist den reinen Geistern nicht möglich. Sie können zwar wohl, so sie gegen irdische Menschen sich äußern, in Entsprechungen sich kundgeben und sagen dann auch nicht selten ganz etwas anderes, als was der innere Sinn ihrer Rede darstellt. Aber das heißt nicht lügen, sondern das heißt nur die geistige Wahrheit in irdische Bilder legen, welche dieser Wahrheit genau entsprechen.
GS|2|85|8|0|Wir sehen aber aus dem, dass dieses Gebot für die Geister gar nicht taugt, indem sie ganz bestimmt der Fähigkeit zu lügen gänzlich ermangeln.
GS|2|85|9|0|Für wen aber gilt hernach dieses Gebot? Ich weiß, man wird mit der Antwort bald fertig werden und sagen: Es gilt für die mit Materie umhüllten Geister und gebietet ihnen, ihre Umhüllung nicht anders zu gebrauchen, als wie in ihnen ihr Denken und aus demselben hervorgehendes Wollen im reingeistigen Zustand beschaffen ist.
GS|2|85|10|0|Wir wissen aber, dass dieses Gebot, so gut wie alle früheren, von Gott, als dem Urgrund alles Geistigen, ausgeht. Als solches aber kann es unmöglich nur eine materielle und nicht auch zugleich eine geistige Geltung haben.
GS|2|85|11|0|Um der Sache aber so ganz recht auf den Grund zu kommen, müssen wir erörtern, was eigentlich unter „Lügen“ oder „falsches Zeugnis geben“ zu verstehen ist. Was ist denn hernach die Lüge oder ein falsches Zeugnis in sich selbst? Ihr werdet sagen: Eine jegliche Unwahrheit ist das. – Ich aber frage: Was ist denn eine Unwahrheit? – Da dürfte wohl auch jemand mit der Antwort bald fertig werden und sagen: Jeder Satz, welchen der Mensch ausspricht, um dadurch jemanden zu täuschen, ist eine Unwahrheit, eine Lüge, ein falsches Zeugnis. – Es ist dem außen nach alles gut, aber nicht also dem innen nach. Wir wollen dafür eine kleine Probe aufstellen.
GS|2|85|12|0|Frage: Kann der Wille denken? Ein jeder Mensch muss solches verneinen, indem er offenbar sagen muss: Der Wille verhält sich zum Menschen wie das Zugvieh zum Wagen. Dieses zieht wohl kräftig denselben; aber wo wird es den Wagen hinbringen ohne den denkenden Fuhrmann?
GS|2|85|13|0|Weiter frage ich: Kann der Gedanke wollen? Kehren wir zum Fuhrwerk zurück. Kann der Fuhrmann bei dem besten Verstand ohne Zugkraft der Lasttiere den schweren Wagen von der Stelle bringen? Ein jeder muss hier sagen: Da können tausend der gescheitesten Fuhrleute neben dem schwer belasteten Wagen alle möglichen philosophischen Grundsätze aufstellen, und dennoch werden sie mit all diesen Prachtgedanken den Wagen so lange nicht von der Stelle bringen, bis sie in ihren Gedanken nicht darin übereinkommen, dass vor dem Wagen eine verhältnismäßige Zugkraft angebracht werden muss.
GS|2|85|14|0|Aus diesem Beispiel aber haben wir nun gesehen, dass der Wille nicht denken, und dass der Gedanke nicht wollen kann. Sind aber Gedanke und Wille vereint, so kann der Wille doch nur das tun, wozu ihn der Gedanke leitet.
GS|2|85|15|0|Nun aber frage ich weiter: Wenn es sich mit der Sache so verhält, wer kann denn dann lügen aus dem Menschen? Der Wille sicher nicht, denn dieser ist ein Etwas, welches sich allzeit nach dem Licht des Gedankens richtet. Kann der Gedanke lügen? Sicher nicht, er ist einfach und kann sich nicht teilen. Aber der Leib wird etwa lügen können im Menschen? Wie aber etwa der Leib lügen könnte als eine für sich tote Maschine, welche nur durch den Gedanken und Willen des Geistes durch die Seele zur Tätigkeit angeregt wird, das wäre wirklich überaus merkwürdig irgend in Erfahrung zu bringen.
GS|2|85|16|0|Ich entdecke aber soeben einen Psychologen, und zwar aus der Klasse der geistigen Dualisten, dieser spricht: Die Seele des Menschen ist auch ein sich selbst bewusstes denkendes Wesen und denkt zum Teil aus den naturmäßigen und zum Teil aus den geistigen Bildern. Und so können sich in ihr gar wohl zweierlei Arten von Gedanken bilden, nämlich naturmäßige und geistige. Sie kann daher wohl die geistigen in sich denken, da ihr aber auch der Wille zur Disposition dasteht, so kann sie anstatt der auszusprechenden sein sollenden Wahrheit oder des geistigen Gedankens den naturmäßigen, der geistigen Wahrheit ganz entgegengesetzten Gedanken aussprechen. Und tut sie das, so lügt sie oder gibt ein falsches Zeugnis. Was meint ihr wohl, ist dieser Schluss richtig?
GS|2|85|17|0|Den Anschein von Richtigkeit hat er wohl, für den äußeren Menschen genommen betrachtet, aber im Grunde des Grundes ist er dennoch falsch; denn was würde da wohl für eine Tätigkeit zum Vorschein kommen, wenn man zur Fortschaffung etwa eines Wagens vorne sowie rückwärts gleich viele und gleich starke Zugpferde und daneben auch Fuhrleute zur Leitung der Pferde anspannen und anstellen möchte?
GS|2|85|18|0|Wie hier der Wagen nie von der Stelle gebracht würde, also möchte es doch wohl auch mit dem Leben eines Menschen aussehen, wenn dasselbe auf zwei sich entgegengesetzte lebendige Prinzipien sich gründen möchte. Das wäre gerade so viel wie plus 1 und minus 1, welches addiert gleich nichts gibt.
GS|2|85|19|0|Es muss also nur ein lebendes Prinzip sein; wie aber kann dieses lügen und falsches Zeugnis geben?
GS|2|85|20|0|Entweder kann dieses eine Prinzip, wie erwiesen, gar nicht lügen und falsches Zeugnis geben, oder unter dem Begriff „lügen“ und „falsches Zeugnis geben“ muss gründlichermaßen etwas ganz anderes verstanden werden, als was bisher verstanden wurde.
GS|2|85|21|0|Da sagt freilich jemand: Wenn die Sache so zu nehmen ist, so ist eine jede uns bekannte Lüge, jeder falsche Eid, wie auch jeder Wortbetrug als unsündhaft und frei gang und gäbe zu betrachten. Gut, sage ich, die Einwendung wäre so übel nicht, aber nach eurem Sprichwort: „Wer zuletzt lacht, der lacht am besten“ werden wir uns auch ein ähnliches Vergnügen auf den Schluss vorbehalten.
GS|2|86|1|1|Erläuterung des achten Gebots seinem inwendigsten Gehalt nach
GS|2|86|1|1|(Am 12. Oktober 1843 von 4 1/2 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|2|86|1|0|Damit wir aber diesen gordischen Knoten auch so gewisserart mit einem Hieb entwirren mögen, so wollen wir uns gleich über die Erörterung des Hauptbegriffes in diesem achten Gebot machen.
GS|2|86|2|0|Wir wissen, dass vom Herrn aus einem jeden Geist ein freier Wille und also auch ein freier Gedanke zur Beleuchtung des freien Willens gegeben ward. Und dieser Gedanke im Geist ist eigentlich die Sehe und das Licht des Geistes, durch welches er die Dinge in ihrer naturmäßigen Sphäre erschauen kann.
GS|2|86|3|0|Neben diesem Licht, das jeder Geist eigentümlich von Gott wesenhaft erhalten hat, hat er aber auch noch eine zweite Fähigkeit, ein innerstes, allerheiligstes Licht von Gott aufzunehmen; aber nicht durch sein Auge, sondern durch das Ohr, welches eigentlich auch ein Auge ist. Aber nicht ein Auge zur Aufnahme äußerer Erscheinlichkeiten, welche hervorgebracht werden durch den allmächtigen Willen des Herrn, sondern es ist ein Auge zur Aufnahme des reingeistigen Lichtes aus Gott, nämlich des Wortes Gottes.
GS|2|86|4|0|Solches mögt ihr schon aus eurer noch naturmäßigen Beschaffenheit abnehmen, wenn ihr nur einigermaßen darauf achtet, wie sehr das unterschieden ist, was ihr durch eure Augen erschaut und daneben durch eure Ohren erhorcht. Durch eure Augen könnt ihr nur naturmäßige Bilder erschauen, mit euren Ohren aber könnt ihr Strahlen aus der innersten göttlichen Tiefe aufnehmen.
GS|2|86|5|0|Ihr könnt die Sprache der Geister in der Harmonie der Töne vernehmen oder besser gesagt: ihr könnt die geheimen Formen der innersten geistigen Schöpfung schon äußerlich materiell durch eure fleischlichen Ohren vernehmen. Wie tief zurück steht da das Auge vor dem Ohr?!
GS|2|86|6|0|Seht, so ist es auch bei dem Geist. Er ist vermöge solcher Einrichtung befähigt, Zweifaches aufzunehmen, nämlich das äußere Bildliche und das innere wesenhaft Wahre.
GS|2|86|7|0|In diesem Doppelschauen liegt das Geheimnis des freien Willens zugrunde.
GS|2|86|8|0|Ein jeder Mensch, sei er jetzt rein geistig oder noch mit der Materie umhüllt, hängt durch diese Fähigkeit ganz natürlichermaßen zwischen einem Inneren und Außen. Er kann sonach allzeit eine zahllose Menge von Außenformen erschauen, kann aber auch zu gleicher Zeit ebenso viel der inneren, rein göttlichen Wahrheit in sich aufnehmen.
GS|2|86|9|0|Mit dem Licht von außen fasst er nichts von all dem Geschauten als bloß nur die äußere Form und kann dadurch in sich selbst eben durch die Aufnahme dieser Formen der Schöpfer seiner Gedanken sein.
GS|2|86|10|0|Mit diesen Gedanken kann er auch seinen frei disponiblen Willen in Bewegung setzen, wie und wann er will.
GS|2|86|11|0|Gebraucht er das andere Auge des inneren göttlichen Lichtes nicht, sondern begnügt und beschäftigt er sich bloß mit den Formen, so ist er ein Mensch, der sich offenbar selbst betrügt; denn die Formen sind für ihn so lange leere Erscheinungen, als bis er sie nicht in ihrer Tiefe erfassen kann.
GS|2|86|12|0|Wenn aber ein Mensch auch zugleich vom Herrn aus das innere Licht hat und erschaut, so er nur will, das Innere der Formen, verstellt sich aber selbst dabei und zeugt von den Außenformen anders, als er ihre hohe Bedeutung mit dem inneren geistigen Auge, welches das Ohr ist, erschaut, so gibt er den äußerlich erschauten Formen doch offenbar ein falsches Zeugnis.
GS|2|86|13|0|Hier haben wir nun schon aus der Wurzel erörtert, was im Grunde des Grundes „ein falsches Zeugnis geben“ heißt. In der Hauptsache aber kommt es wieder darauf an, dass der Mensch von der göttlichen Wahrheit in sich nicht anders reden soll, als er sie in sich gewahrt.
GS|2|86|14|0|Im Allerinwendigen aber verhält sich die Sache so: Die Liebe ist gleich dem inwendigst erschauten Wahrheitslicht unmittelbar aus Gott, und die Weisheit ist gleich dem ausstrahlenden Licht aus Gott durch alle unendlichen ewigen Räume.
GS|2|86|15|0|So aber jemand die Liebe hat, wendet sie aber nicht an, sondern ergreift bloß nur mit seinem äußeren Licht und seinem von diesem Licht geleiteten Willen die nach außen gehenden Strahlen fortwährend mehr und mehr ins Unendliche, wird daher immer schwächer, aber zufolge seines Ausfluges nach allen Seiten geistig genommen stets aufgeblähter und auch stets weniger empfänglich für das inwendige Liebewahrheitslicht aus Gott –
GS|2|86|16|0|wenn also das der Fall ist, so wird ein solcher Mensch Gott stets unähnlicher und gibt dadurch mit jedem Atom seines Seins der göttlichen Wesenheit, deren vollkommenes Ebenmaß er sein sollte, ein vom Grunde aus falsches Zeugnis.
GS|2|86|17|0|Wer demnach das göttliche Wort vernimmt, folgt aber demselben nicht, sondern folgt bloß nur dem, was da seine äußeren Augen besticht und dadurch seinen sinnlichen Willen reizt, der gibt mit einem jeden Tritt, den er macht, mit einem jeden Wort, das er spricht, mit einer jeden Bewegung der Hand, die er macht, ein falsches Zeugnis. Wer da auch reden möchte die reinste göttliche Wahrheit, das reine Wort des Evangeliums, so lügt er aber doch und gibt dem Herrn ein falsches Zeugnis, weil er nicht nach dem Wort und nach der Wahrheit handelt.
GS|2|86|18|0|So da jemand betet und versichert seine Andacht zu Gott, lebt aber nicht nach dem Wort des Herrn, der ist ein Lügner, soweit er warm und lebendig ist; denn sein Gebet ist da bloß nur eine äußere Formel, deren innerer Wert gänzlich verlorengeht, weil das innere göttliche Licht nicht dazu verwendet wird, um das Inwendige dieser äußeren Form zu beleuchten und zu beleben.
GS|2|86|19|0|Es ist gerade so viel, als wenn jemand auch mit der größten Entzückung einen Stern betrachtet. Was nützt ihm aber all diese Entzückung und Betrachtung, wenn er den Stern nicht in seiner völligen Nähe als eine wundervolle Welt betrachten kann? Er gleicht da einem Hungernden vor einem versperrten Brotschrank. Er mag diesen Brotschrank noch so sehnsüchtig und noch so verehrend betrachten, wird er aber davon gesättigt? Sicher nicht. Denn solange er nicht in das Innere des Brotes beißen und dasselbe nicht aufnehmen kann in seinen Magen, wird ihm alle Betrachtung, Verehrung und Entzückung vor dem Brotschrank nichts nützen.
GS|2|86|20|0|Wie aber kann man den Brotschrank der wahren Gottähnlichkeit in sich eröffnen und sich daran sättigen? Sicher nicht anders, als wenn man dasjenige inwendigste Mittel in sich gebraucht und sich sogestalt nach der von Gott vernommenen Wahrheit richtet. Dass man von den nach außen hin geschauten Formen nur das zum tätigen Gebrauch aufnimmt, was und inwieweit man dasselbe mit dem innersten Licht als völlig in der Entsprechung übereinstimmend und sonach göttlich wahr gefunden hat. Sobald das nicht der Fall ist, so ist alles, was der Mensch tut und unternimmt, ein falsches Zeugnis über die innere göttliche Wahrheit und somit eine barste Lüge gegenüber einem jeden Nebenmenschen.
GS|2|86|21|0|Darum spricht der Herr: „Wer da betet, der bete im Geist und in der Wahrheit“, und: „So ihr betet, da geht in euer Kämmerlein“, und weiter: „Denkt nicht, was ihr reden werdet, sondern zur Stunde wird es euch in den Mund gelegt werden.“
GS|2|86|22|0|Hier sind offenbar die äußeren Gedanken angezeigt, welche schon darum an und für sich keine Wahrheit sind, weil sie Gedanken sind; denn die Wahrheit ist inwendigst, ist das Motiv zur Handlung nach dem Wort Gottes und gibt sich allzeit eher kund als eine darauffolgende leere Gedankenflut.
GS|2|86|23|0|Demnach soll sich auch ein jeder nach dieser inneren Wahrheit richten und danach tätig sein. So wird er stets mehr und mehr seine Gedanken mit diesem inneren Licht werktätig verbinden und dadurch in sich zur Einheit und somit zur göttlichen Ähnlichkeit gelangen, in welcher es ihm dann für ewig unmöglich wird, einen Lügner zu machen.
GS|2|86|24|0|Dass aber dann auch ein jeder, der anders spricht, als er denkt, und anders handelt, als er spricht und denkt, ein Lügner ist, versteht sich von selbst; denn ein solcher ist schon ganz in der alleräußersten, gröbsten Materie begraben und hat seinem Geist die ganze göttliche Form benommen. Also wird auch diesen Schülern hier dieses Gebot seinem inwendigsten Gehalt nach erläutert. Und da wir solches wissen, so können wir uns sogleich weiter in den neunten Saal begeben.
GS|2|87|1|1|Das neunte Gebot. Besitzrecht und Nutzungsrecht
GS|2|87|1|1|(Am 17. Oktober 1843 von 4 3/4 – 7 Uhr abends.)
GS|2|87|1|0|Wir sind bereits im neunten Saal und erschauen allda wieder unsere Rundtafel, auf welcher es geschrieben steht:
GS|2|87|2|0|„Du sollst nicht nach dem verlangen, was deines Nächsten ist, weder nach seinem Haus, nach seinem Ochsen, nach seinem Esel und nach seinem Grund, noch nach allem dem, was auf demselben wächst.“
GS|2|87|3|0|Wenn wir dieses Gebot hier betrachten, so müssen wir offenbar uns in die nämlichen Urteile verlieren und die nämliche Kritik durchmachen, die wir schon bereits im siebten Gebot haben kennengelernt. Denn auch hier ist abermals vom Eigentum die Rede, wo man nach dem kein Verlangen haben soll, was da, versteht sich von selbst, sich einer oder der andere nach außen hin rechtlich zueignet.
GS|2|87|4|0|Wer sollte da nicht sogleich wieder auf die Frage kommen und sagen: Wie konnte wohl dieses Gebot dem israelitischen Volk in der Wüste gegeben werden, indem daselbst doch niemand weder ein Haus, noch einen Ochsen, noch einen Esel, noch einen Grund und eine Saat auf demselben hatte? Man müsste sich nur dieses Eigentum bei dem israelitischen Volk gegenseitig eingebildet haben. Und da könnte es allenfalls so viel heißen: Wenn sich dein Nächster irgendetwas Ähnliches zu besitzen einbildet, so sollst du dir nicht auch einbilden, etwas Ähnliches oder gar die Einbildung deines Nächsten selbst dir also eigentümlich einzubilden, als wäre sie im Ernst dein Eigentum oder als möchtest du sie wenigstens als eigentümlich besitzen.
GS|2|87|5|0|Ich meine, es werden hier nicht eben zu viel kritischer Urteile vonnöten sein, um das überaus Luftige solch eines Gebotes auf den ersten Blick einzusehen. Ein Gebot muss ja nur allzeit zu irgendeiner Sicherung einer festen wirklichen Realität da sein, an deren Verlust einem jeden etwas gelegen sein muss. Was aber ein Luftschlösserarchitekt gegen einen anderen Luftschlösserarchitekten verliert, so dieser sich im Ernst die gesetzwidrige Dreistigkeit nehmen sollte, seinem Gefährten ähnliche Luftschlösser zu bauen, ich meine, solch einen enormen Schaden abzuwägen, [dazu] würde wohl eine ganz entsetzlich fühlbare, überaus ätherisch fein geisterhafte Haarwaage vonnöten sein. Sollte nach der Meinung einer gewissen Sekte auf der Erde der Erzengel Michael mit dergleichen Instrumenten im Ernst zum Überfluss versehen sein, so bin ich aber doch fest überzeugt, ein so überaus zartfühlendes Gewicht-Maßinstrument fehlt ihm sicher.
GS|2|87|6|0|Ich zeigte aber hier solches nur an, um dadurch das völlig Nichtige eines rein eingebildeten Besitztums so klar als möglich vor die Augen zu stellen. Wenn sich die Sache aber so verhält, wozu dann ein solches Gebot, welches durchaus keine Sicherung des Eigentums eines anderen im Schilde führen kann, wo niemand ein ähnliches Eigentum besitzt, nach dem man zufolge dieses Gebotes kein Verlangen tragen soll?
GS|2|87|7|0|Man wird aber hier einwenden und sagen: Der Herr hat das vorausgesehen, dass sich die Menschen mit der Zeit untereinander ein Eigentumsrecht kreieren werden, und in dieser Hinsicht bei dieser Gelegenheit schon im Voraus ein Gebot erlassen, durch welches ein künftiges Eigentum der Menschen gesichert sein und niemand ein gegenseitiges Recht haben sollte, sich das Eigentum seines Nächsten auf was immer für eine Art zueignen zu dürfen. – Das wäre ein schöner Schluss! Ich meine, man könnte der göttlichen Liebe und Weisheit nicht leichtlich eine größere Entehrung zufügen als durch ein solches Judicium [Urteil].
GS|2|87|8|0|Der Herr, der es doch sicher vor allem einem jeden Menschen abraten wird, sich auf der Erde etwas anzueignen, der Herr, vor dem jeder irdische Reichtum ein Gräuel ist, sollte ein Gebot erlassen haben zum Behuf und zur Begünstigung der Habsucht, der Eigenliebe, des Wuchers und des Geizes, ein Gebot zur sicheren Erweckung des gegenseitigen Neides?
GS|2|87|9|0|Ich glaube, es wird hier nicht vonnöten sein, noch mehrere Worte zu verlieren; denn das Widersinnige solch einer Exegese liegt zu offen vor jedermanns Augen, als dass es nötig wäre, ihn durch ein Langes und Breites daraufzuführen.
GS|2|87|10|0|Um aber die Sache doch auch für den Blindesten handgreiflich zu machen, frage ich einen jeden grundgelehrten Juristen: Worauf gründet sich denn das Eigentumsrecht ursprünglich? Wer hat denn dem ersten Menschen das Eigentumsrecht einer Sache eingeräumt? Nehmen wir an ein Dutzend Auswanderer in einem noch unbewohnten Erdstrich. Sie finden ihn und siedeln sich dort an. Laut welcher Eigentums- und Besitzrechts-Urkunde können sie sich denn eines solchen Landes als Eigentümer bemächtigen und sich als rechtmäßige Besitzer im selben sesshaft machen?
GS|2|87|11|0|Ich weiß schon, was man hier sagen wird; nichts anderes als „Primo occupanti jus.“ [„Wer zuerst kommt, hat das Grundrecht.“] – Gut, sage ich, wer aber hat demnach von den zwölf Auswanderern mehr oder weniger Recht auf das neuaufgefundene Land? Man wird sagen: Streng genommen hat der erste Veranlassgeber zu der Auswanderung, oder der, der allenfalls vom Verdeck eines Schiffes dieses Land zuerst erschaut hatte, mehr Recht. Gut, was hat aber der Veranlassgeber vor den anderen? Wären sie nicht mit ihm gezogen, so wäre er sicher auch daheim geblieben. Was hat denn der erste Erschauer vor den übrigen? Dass er vielleicht schärfere Augen als die anderen hat? Sollen dann dieses nur ihm zugutekommenden Vorzuges wegen die anderen benachteiligt sein? Das wäre hoffentlich doch etwas zu unbillig judiziert! Also müssen doch sicher alle zwölf ein gleiches Eigentumsrecht auf dieses vorgefundene Land haben.
GS|2|87|12|0|Was werden sie denn aber tun müssen, um ihr gleiches Besitztumsrecht auf dieses Land zu realisieren? Sie werden es teilen müssen in zwölf gleiche Teile. Wer aber sieht bei dieser Teilung nicht auf den ersten Wurf die Zwistigkeit ein? Denn sicher wird der A zum B sagen: Warum muss denn gerade ich diesen Teil des Landes in Besitz nehmen, der nach meiner Beurteilung offenbar schlechter als der deinige ist? – Und der B wird aus demselben Grunde erwidern: Ich sehe aber nicht ein, warum ich meinen Landteil gegen den deinigen vertauschen soll. – Und so können wir unsere zwölf Kolonisten zehn Jahre lang das Land teilen lassen, und wir werden es nicht erleben, dass da die Teilung allen vollkommen recht sein wird.
GS|2|87|13|0|Aber die Zwölf werden etwa untereinander übereinkommen und das Land zu einem Gemeingut machen; ist das der Fall, kann da unter den Zwölfen ein das Eigentum sicherndes Gebot erlassen werden? Kann jemand dem anderen etwas wegnehmen, wenn das ganze Land allen gleich gehört und somit auch dessen Produkte, von denen ein jeder nach seinem Bedarf nehmen kann, ohne dem anderen dafür eine Rechnung zu legen?
GS|2|87|14|0|Man ersieht hier im ersten Fall, dass ursprünglich eine Eigentumsrechtskreierung nicht leichtlich denkbar ist. Dass solches sicher der Fall ist, dürft ihr nur auf die ersten Ansiedler von gewissen Gegenden eures eigenen Landes hinblicken, als z. B. auf die sogenannten Herren Klostergeistlichen, die gewisserart die ersten Kolonisten einer Gegend waren. Wären sie mit der Teilung zurechtgekommen und hätten sie selbe für gut befunden, so hätten sie sicher kein Gemeingut daraus gebildet.
GS|2|87|15|0|Kurz und gut, wir können tun, was wir wollen, so können wir nirgends ein ursprüngliches Eigentumsrecht herausfinden. Und wenn da jemand mit seinem „primo occupanti“ kommt, da frage ich, ob man den Postokkupanten [Nachbesitzer] bei seinem Auftreten in der Welt entweder gleich töten oder ihn langsam verhungern lassen sollte, oder sollte man ihn aus diesem Land treiben, oder ihn auf die Barmherzigkeit der Primookkupanten [Erstbesitzer] anweisen, und ihn aber daneben sogleich gegen die Primookkupanten mit dem neuesten Gebot belegen?
GS|2|87|16|0|Ich meine, da ließe sich denn doch wohl fragen, aus welchem Grunde denn solch ein Postokkupant gegen die Primookkupanten sogleich bei seinem ersten Auftreten, für das er nicht kann, gleich zu einem Sündenbock gemacht werden sollte, während die ersten sich gegenseitig in dieser Art nie versündigen können? Welcher Jurist kann mir wohl solch ein Benehmen als rechtskräftig erweisen? Ich meine, man müsste hier nur einen Satan zum Advokaten machen, der solches zu erweisen imstande wäre; denn einem jeden nur einigermaßen richtig und billig denkenden Menschen dürfte ein solcher Rechtsbeweis wohl so gut als unmöglich sein.
GS|2|87|17|0|Ich sehe aber schon, man wird sagen: Bei den ersten Kolonisierungen eines Landes kann zwischen den Kolonisten freilich wohl kein wechselseitiges Eigentumsrecht statthaben, besonders wenn sie sich untereinander fürs Gemeingut einverständlich ausgeglichen haben. Aber zwischen Kolonisationen, welche die ersten Staatenbildungen sind, tritt doch sicher sobald das Eigentumsrecht ein, sobald sie sich gegenseitig als bestehend festgestellt haben.
GS|2|87|18|0|Gut, sage ich; wenn das der Fall ist, so muss sich fürs Erste eine jede Kolonie mit einem ursprünglichen Eigentumsrecht ausweisen. Wie aber kann sie das, nachdem sie nur ein Nutzungsrecht vom Herrn aus hat, aber kein Besitzrecht?
GS|2|87|19|0|Das Nutzungsrecht hat seine Urkunde in dem Magen und auf der Haut. Wo aber spricht sich das Besitzrecht aus, besonders wenn man erwägt, dass ein jeder Mensch, sei er einheimisch oder ein Fremdling, in seinem Magen und auf seiner Haut dieselbe göttliche vollgültige Nutzungsrechtsurkunde mit sich bringt, wie sie der Einheimische hat? Wenn man sagt: Das Besitzrecht hat seinen Grund im Nutzungsrecht ursprünglich, so hebt dieser Satz sicher jedes spezielle Besitztum auf, weil jeder das gleiche Nutzungsrecht hat. Kehrt man aber die Sache um und sagt: Das Besitzrecht verschafft einem erst das Nutzungsrecht, da kann man dagegen nichts anderes sagen als das alte Rechtswort: „Potiori jus“ [das Recht des Stärkeren], was mit anderen Worten so viel sagen will als: Schlage so viel Nutzungsrechtsbesitzende tot, damit du dir allein einen Strich Landes durch die Gewalt deiner Faust völlig zueignen kannst.
GS|2|87|20|0|Sollte etwa noch einigen fremden Nutzungsrechtsbesitzern der Appetit kommen, dir dein erkämpftes Besitztum laut ihres göttlichen Nutzungsrechtes streitig zu machen, so schlage sie alle schön fleißig tot, oder setze sie wenigstens im besseren Falle als steuerpflichtige Untertanen ein, damit sie in deinem erkämpften Besitztum im Schweiße ihres Angesichtes für dich arbeiten und du ihnen dann ihr Nutzungsrecht nach deinem Wohlgefallen bemessen kannst. Trete auf, wer da will, und erweise mir ein anderes Besitzrecht; fürwahr ich will ihm dafür meine ganze Seligkeit abtreten und mich dafür zu einem notdürftigsten Bürger der Erde machen lassen!
GS|2|87|21|0|Wer kann, von göttlicher Seite betrachtet, den Krieg rechtfertigen? Was ist er? Nichts als ein grausamster Gewaltstreich, das Nutzungsrecht den Menschen zu nehmen und dafür ein Besitzrecht gewaltsam einzuführen, das heißt, das göttliche Recht vertilgen und an dessen Stelle ein höllisches einführen.
GS|2|87|22|0|Wer könnte demnach von Gott aus wohl ein Gesetz erwarten, welches das ursprüngliche, in jedermanns Wesen sich deutlich beurkundende göttliche Nutzungsrechtsgesetz aufheben sollte, und an dessen Stelle mit göttlicher Macht und Autorität ein höllisches Besitztumsgesetz rechtskräftigen? Ich meine, das Widersinnige dieser Behauptung ist für einen Erzblinden sogar sonnenhell und klar ersichtlich und mit behandschuhten Händen zu greifen.
GS|2|87|23|0|Daraus geht aber hervor, dass dieses Gesetz sicher eine andere Bedeutung haben muss, als es die Menschen darstellen, wie es nur das Besitztum sichert. Als göttliches Gesetz muss es ja auch ewig in allen Himmeln aus der Tiefe der göttlichen Ordnung geltend sein. Wo aber besitzt jemand im Himmel Häuser, Ochsen, Esel und Äcker? Im Himmel sind lauter Nutzungsrechtige, und der Herr allein besitzungsrechtig. Wir wollen daher sogleich zu der rechten Bedeutung dieses Gesetzes übergehen.
GS|2|88|1|1|Das aus dem Sammelrecht abgeleitete Besitzrecht führt zu einem Alleinherrscher
GS|2|88|1|1|(Am 14. Oktober 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|2|88|1|0|Bevor wir jedoch die volle Löse aussprechen wollen, wird es notwendig sein, noch einige Bemerkungen voranzuschicken, durch welche so manchen juridischen Vielfraßen und übergelehrten Völkerrechts-Verkündigern der Mund soll gestopft werden. Denn diese könnten etwa das Besitzrecht vom Sammelrecht ableiten, wodurch sie uns wenigstens scheinbar schlagen könnten. Daher wollen wir uns auch in diesem Punkt verschanzen.
GS|2|88|2|0|Es ist allerdings nicht in Abrede zu stellen, dass da jedermann vor dem Nutzungsrecht das Sammelrecht haben muss. Denn so jemand sich nicht mit seinen Händen und mit seiner Kraft eher etwas holt und zubereitet, so kann er sein Nutzungsrecht nicht geltend machen. Denn das ist einmal richtig, bevor jemand einen Apfel in den Mund stecken will, muss er ihn vom Baum oder vom Boden lesen.
GS|2|88|3|0|Für das Sammelrecht hat er ebenfalls mehrere göttliche Urkunden aufzuweisen. Urkunde Nr. 1 sind die Augen. Mit diesen muss er schauen, wo etwas ist. Urkunde Nr. 2 sind die Füße. Mit diesen muss er sich dahin bewegen, wo etwas ist. Und Urkunde Nr. 3 sind die Hände. Mit denen muss er dahin greifen und nehmen, da etwas ist. Also laut dieser Urkunde hat der Mensch vom Herrn aus das Sammelrecht als urrechtlich zu seinem unbestreitbaren Eigentum.
GS|2|88|4|0|Könnte man aber hier nicht sagen: Ist dasjenige nicht vollkommen ein Eigentum dessen, der es laut seines göttlichen Sammelrechtes sich zusammengesammelt hat zu seiner Nutzung? Hat nun jemand anderer das Recht, seine Hände oder sein Verlangen danach zu richten, was sich sein Nächster zusammengesammelt hatte? – Denn offenbar bedingt ein Recht das andere. Habe ich vom Schöpfer aus das natürliche Nutzungsrecht, das im Magen und auf der Haut geschrieben ist, so muss ich auch das Sammelrecht haben, weil ich ohne das Sammelrecht das Nutzungsrecht nicht befriedigen kann.
GS|2|88|5|0|Was nützt mir aber das Sammelrecht, wenn es mir den Bissen nicht sichert, den ich zum Mund führe? Denn so da jedermann das Recht hat, mir den Apfel, den ich mit meiner Hand laut meines Sammelrechtes aufgeklaubt habe, aus der Hand zu nehmen, weil er etwa zu bequem ist, sich selbst einen aufzuklauben, so gehe ich offenbar mit meinem Nutzungsrecht ein und muss nolens volens verhungern.
GS|2|88|6|0|Es ist somit notwendig, dass das Sammelrecht wenigstens auf das ein Eigentumsrecht anfordern kann, was es sich gesammelt hat, weil sonst an kein Nutzungsrecht ehrlichermaßen zu denken ist.
GS|2|88|7|0|Mit dem Sammelrecht verbindet sich das Bereitungs- und Verfertigungsrecht. Ist es mir aber nicht gestattet, auf das von mir Bereitete und Verfertigte ein vollkommenes Eigentumsrecht geltend zu machen, so ist mir alle Tätigkeitskraft umsonst, und ich bin genötigt, erstens alle essbaren Dinge irgend heimlich roh zu verzehren und zweitens stets nackt herumzugehen. Denn so ich mir ein Kleid verfertige und ein anderer, der zu diesem Geschäft zu faul ist, nimmt es mir laut seines Nutzungsrechtes weg, Frage, was sollte denn da mein eigenes Nutzungsrecht dazu für eine Miene machen?
GS|2|88|8|0|Wenn ich mir in einer kälteren Gegend ein Haus erbaue und habe laut des Sammel- und Verfertigungsrechtes gar kein Eigentumsrecht dabei, da kann mich die nächstbeste Gesellschaft aus dem Haus treiben und selbst davon an meiner statt ihr Nutzrecht ausüben.
GS|2|88|9|0|Daraus aber ist ja ersichtlich, dass mit dem natürlichen Erwerbsrechte ein gewisses prärogatives Eigentumsrecht für den gewerbstätigen Menschen eingeräumt sein muss, indem ohne ein solches Eigentumsrecht, rein genommen und betrachtet, keine menschliche Gesellschaft als bestehend möglich auch nur gedacht werden kann.
GS|2|88|10|0|Ist aber nun das Sammel- und das Bereitungsrecht als vollkommen gültig eingeräumt, so muss auch ein Fleck Grundes, auf dem ich eine Saat angebaut, wie ein Baum, den ich gepflanzt und veredelt habe, mir prärogativ als Eigentum eingeantwortet sein.
GS|2|88|11|0|Frage aber weiter: Wer antwortet mir solches ein beim Urbeginn einer Kolonie? Die Sache lässt sich leicht erklären. Die Kolonisten wählen aus ihrer Mitte einen von jeder Habsucht ledigen und zugleich weisesten Chef. Diesem räumen sie die Austeilungs- und somit auch die Einantwortungsrechte ein, unter der eidlichen gegenseitigen Schutzversicherung zur Aufrechthaltung und Befolgung seines Ausspruches, welcher Versicherung zufolge ein oder der andere Widersetzling von den Ordnungsliebenden in die Schranken des Ausspruches von Seiten des Oberhauptes zurückgewiesen wird. Auf die Mittel, wie oder wodurch, kommt es nicht an, denn diese können und müssen erst nach dem Grad der Widerspenstigkeit bestimmt und dann gehandhabt werden.
GS|2|88|12|0|Wer sieht hier nicht auf den ersten Augenblick die Unterwürfigkeit und die erste monarchialische Gründung eines Staates? Wer aber sieht auch nicht zugleich ein, dass, sobald das Sammel- und Erwerbs- und Bereitungsrecht mit einem prärogativen Eigentumsrecht systematisch verbunden ist, dann daneben niemandem aus seinem ihm zuerkannten Eigentum jemand das Sammel-, Erwerbs- und Bereitungsrecht beschränken kann. Im Gegenteil muss es dem leitenden Chef ja nur vorzugsweise daran gelegen sein, seine Leitlinge so viel als möglich zum Sammel- und Bereitungsfleiß auf ihren eigentümlich eingeräumten Besitzungen anzuspornen. Und je mehr jemand auf seinem Besitztum durch Fleiß sich erwirbt, in eine desto angenehmere Lage versetzt er sich, seinem Nutzungsrecht die unbeschränkte Gewähr zu leisten.
GS|2|88|13|0|Ist aber einmal dieses notwendige Eigentumsrecht zur Sicherung des Sammel-, Erwerbs- und Nutzrechtes notwendig festgestellt, so zieht dieses Recht ja notwendig das Hutrecht nach sich; denn ohne dieses Recht ist ja keiner ein prärogativer Besitzer des ihm vom Chef eingeantworteten Eigentums.
GS|2|88|14|0|Dieses Hutrecht aber setzt zuerst eine genaue Vermessung des Besitztums voraus. Sind die Grenzen einmal festgezogen, dann erst kann ein jeder Besitzer von dem Hutrecht oder dem Recht der Verteidigung seines Eigentums den Gebrauch zu machen anfangen.
GS|2|88|15|0|Dieses Hutrecht ist aber ohne bevollmächtigte Hüter nicht ausführbar. Es müssen also Wehrmänner aufgestellt werden, welche das unbeschränkte Recht haben, die Grenzen eines jeden vollkommen zu sichern. Sie müssen also das Exekutionsrecht haben, welches so viel als ein Straf- oder Züchtigungsrecht ist. Wer aber sollte diese Wehrmänner leiten? Sicher niemand anderer als der die ganze Kolonie leitende Chef.
GS|2|88|16|0|Hier haben wir also ganz notwendig die Entstehung des Militärstandes, zugleich aber auch die Feststellung einer unbeschränkten Macht des Chefs, der nun schon durch die Wehrmänner gebieten und seine Gebote sanktionieren kann.
GS|2|88|17|0|Haben wir es so weit gebracht, wer kann da noch auftreten und sagen: Die gegenwärtigen Staatsverfassungen sind nicht auf diesem göttlichen Recht basiert? Ja, es ist einem Kritiker alles recht, nur kann er noch das Obereigentumsrecht des Monarchen nicht begreifen. Ich aber sage: Hat man das Frühere so erwiesen, was bei weitem schwieriger ist, so lässt sich das Obereigentumsrecht eines Monarchen daneben mit einer Schlafmütze beweisen. – Wir wollen sehen.
GS|2|88|18|0|Wenn nun von Seiten der Weisheit des leitenden Chefs alles beeigentumsrechtigt ist, und sind dem Chef zur Bewachung des Besitztums der Kolonisten allzeit disponible Wehrmänner an die Seite gestellt, hat da der Chef nicht ein zweifaches Recht, die durch seine Weisheit beglückten Kolonisten zu fragen und zu sagen: Ich bin in eurer Mitte, habe durch meine Weisheit für euch gesorgt, und ihr habt mich eben darum zum leitenden Chef gemacht, weil ihr mich als den am wenigsten habsüchtigen Mann unter euch wohl gekannt habt.
GS|2|88|19|0|Ich habe sonach das Land unter euch gerecht verteilt und schütze nun mit meiner Weisheit und mit den weise geleiteten Wehrmännern euer Eigentum. Aber bei der Verteilung habe ich zufolge meiner Habsuchtslosigkeit auf mich vergessen. Ihr werdet aber doch sicher einsehen, so euch an meiner ferneren weisen Leitung notwendig etwas gelegen sein muss, dass ich von der Luft nicht leben kann. Was soll ich denn hernach zu meinem Unterhalt haben, um leben zu können? Fürs Erste habe ich keine Zeit zum Sammeln, denn ich muss meine Zeit zum steten Nachdenken verwenden, wie sich euer Besitztum fortwährend sichern lassen möchte.
GS|2|88|20|0|Ihr werdet also einsehen, dass ein getreuer Arbeiter auch seines Lohnes wert ist. Daher verordne ich, dass ihr miteinander darüber übereinkommt, mir aus eurem eigentümlich gesicherten Vorrat einen Unterhalt zu verschaffen, und ich kann das von euch mit umso größerem Recht ansprechen, weil die Erhaltung eures gegenseitigen prärogativen Eigentumsrechtes lediglich von meiner Erhaltung abhängt. Neben meiner Erhaltung aber ist noch die andere euer Eigentum sichernde Erhaltung der Wehrmannschaft vonnöten, denn auch sie hat nicht Zeit zum Arbeiten, indem sie eure Grenzen in guter Ordnung bewachen muss.
GS|2|88|21|0|Euer eigenes Heil und Wohl müssen es euch sonach vor die Augen stellen, dass ich und die Wehrmannschaft euch gegenüber erwerbslos dastehen, und dass darum ein jeder aus euch zur festen Gründung seines eigenen Wohles sich zu einer bestimmten Steuerung an mich wird bequemen müssen.
GS|2|88|22|0|Diese ausgesprochene Forderung erscheint allen Kolonisten als vollkommen rechtlich und billig, und sie bequemen sich zur Steuerung. Und auf diese Weise hat der leitende Chef schon sein erstes natürliches, wenn schon nicht Ober-, so doch Miteigentumsrecht bei allen Kolonisten geltend gemacht.
GS|2|88|23|0|Zwischen dem Miteigentumsrecht und dem Obereigentumsrecht aber ist eine so kleine Kluft, über welche sogar das kleinste Kind dem anderen in den Sack greifen kann. Denn der Chef braucht hier bloß zu sagen: Meine lieben Kolonisten! Es kann euch nicht unbekannt sein, dass uns irgend gegenüber noch eine andere Kolonie sich uns gleichermaßen sesshaft gemacht hat. Um aber uns vor ihr zu schützen, müsst ihr mir ganz unumschränkt das Recht allseitig einantworten, dass ich als euer Chef gewisserart im Notfall als Obereigentümer eueres Eigentums dastehen und in einem solchen Falle die Außengrenzen befestigen können muss nach meiner weisen Einsicht, und muss das Recht haben, in euer aller Namen zu eurem Wohl mit einer fremden Nation, falls sie mächtiger sein sollte als wir, zweckmäßig zu unterhandeln.
GS|2|88|24|0|Ferner müsst ihr als die meiner Leitung bedürftigen Kolonisten auch aus dem allerverständigsten Grunde einsehen, dass ich als euer Haupt fürs Erste in euerer Mitte einen festen Ort erbaut haben muss, in dem ich mich als euer Haupt vor allem zu eurer Erhaltung notwendig schützen und erhalten kann. Und fürs Zweite ist es zu meiner für euer Wohl berechneten Sicherheit nicht nur genug, dass ihr mir ein Wohnhaus errichtet, sondern um mein Wohnhaus herum in gerechter Anzahl noch andere Wohnhäuser zur Aufnahme der lediglich von meiner Leitung abhängigen Wehr- und Hutmannschaft, d. h. mit anderen Worten gesagt: Ihr müsst mir in eurer Mitte eine feste Wohnstätte erbauen, in welcher ich vollkommen gesichert bin, sowohl vor fremden als auch unter gewissen Fällen vor euren eigenen möglichen Angriffen.
GS|2|88|25|0|Wir sehen hier mit sicher klarem Augenlicht, wie hier der Monarch sich notwendigerweise zum Obereigentümer eines Landes stempelt. Aber das sei noch nicht hinreichend. Wir wollen noch andere Gründe vernehmen, und das zwar aus dem Munde des Gründers selbst, denn er spricht ferner:
GS|2|88|26|0|Meine lieben Kolonisten, den unumstößlichsten Grund für die Errichtung eines festen Wohnplatzes für mich in eurer Mitte habe ich zu eurer Einsicht dargetan. Also hättet ihr den ersten Grund. Hört mich aber an fürs Zweite: Das Land ist ausgedehnt; es ist unmöglich, dass ich überall selbst sein sollte, daher will ich mit euch eine Prüfung halten und werde aus euch die Weiseren als meine Amtsführer und Stellvertreter im Land verteilen. Diesen Stellvertretern ist dann jedermann denselben Gehorsam zu seinem eigenen Wohl schuldig wie mir selbst.
GS|2|88|27|0|Sollte aber jedoch einem oder dem anderen Untertan meiner weisen Leitung von diesen meinen erwählten Amtleuten ein vermeintliches Unrecht zugefügt worden sein, so hat in diesem Falle ein jeder das Recht, seine Beschwerde vor mir anzubringen, wo er dann versichert sein kann, dass ihm nach Umstand der Sache das vollkommene Recht zuteilwird, wogegen ihr mir aber eben zu eurem eigenen Wohle, damit da allen Streitigkeiten vorgebeugt werde, die treueste und gewissenhafteste Versicherung geben müsst, sich ohne die geringste fernere Widerrede meinem Endurteil willigst zu fügen. Im entgegengesetzten Falle mir zum Wohle aller ebenfalls das unbestreitbare Recht von allen zugesichert werden muss, einen solchen Widerspenstling gegen mein Endurteil mit züchtigender Gewalt zur Befolgung meines Willens zu nötigen. Wenn dieses alles in der Ordnung errichtet und gehandhabt wird, dann erst werdet ihr ein wahrhaft glückliches Volk sein!
GS|2|88|28|0|Wir sehen hier einen zweiten von allem Früheren abgeleiteten Schritt: Nr. 1 zur Alleinherrschaft und Nr. 2 zum obereigentümlichen Besitz des ganzen Landes. Und also hätten wir den vollkommenen ersten in der Natur der Sache begründeten Grund als auf diese Weise unwiderlegbar zur Schau gestellt. Dieser Grund kann der natürliche, von der menschlichen Gesellschaft abgeleitete notwendige genannt werden. Aber es wird da jemand sagen: Solches ist alles an und für sich also naturgerecht richtig, als wie sicher und gewiss der Mensch der Augen zum Sehen und der Ohren zum Hören bedarf. Aber wir sehen diese an und für sich noch ganz rohen Kolonisten an und erblicken sie im Ernst allertätigst und voll Gehorsam gegen ihren Leiter.
GS|2|88|29|0|Aber aus eben diesem Gehorsam fangen sich die Kolonisten an mit der Zeit vor ihrem Leiter stets mehr und mehr zu fürchten. Und in dieser Furcht fragen bald der eine, bald der andere sich gegenseitig: Aber worin liegt es denn doch, dass unter uns dieser alleinige Mensch so außerordentlich gescheit ist und wir alle gegen ihn sind als wahrhaftige Tölpel zu betrachten? – Diese Frage, so gering und unscheinbar sie in ihrem Anfang erscheint, ist von außerordentlicher Wichtigkeit und drückt in ihrer Beantwortung erst dem Umstand der Alleinherrschaft und des Obereigentums eines Monarchen das unverletzbare Amtssigill auf. Das klingt sonderbar, dürfte so mancher im Voraus sagen, allein nur eine kleine Geduld, und wir werden die Sache sogleich in einem anderen Licht erschauen!
GS|2|89|1|1|Die Beachtung des alleinigen Buchstabensinnes des neunten Gebotes führt zu großem Leid. Die Beachtung des geistigen Sinnes hingegen zu großem Heil
GS|2|89|1|1|(Am 16. Oktober 1843 von 4 1/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|2|89|1|0|Seht, bis jetzt haben wir alles das aus dem Naturgrund sich entwickeln gesehen; aber es fehlte bisher auch noch jedem Grund eine höhere göttliche Sanktion, durch die allein der Mensch auf der Erde, besonders in seinem einfachen Naturzustand, zur unverbrüchlichen Beobachtung alles dessen geleitet wird, was ihm von seinem Oberhaupt als Pflicht auferlegt wurde.
GS|2|89|2|0|Je mehr im Anfang ein solcher Primitivmonarch sein Volk weise leitet, und je mehr das Volk durch die Erfolge davon überzeugt wird, dass der Leiter wirklich weise ist, desto mehr wird es sich auch gegenseitig zu fragen anfangen: Woher hat dieser seine Weisheit und woher wir unsere Dummheit? Das Volk weiß noch außerordentlich wenig oder nichts von Gott, der Leiter aber hat davon schon mehr oder weniger tüchtige Begriffe.
GS|2|89|3|0|Was braucht er nun, wenn das Volk in naturmäßiger Hinsicht so viel als möglich geordnet dasteht, zu tun, besonders wenn er solche Fragen von vielen Seiten her in Erfahrung bringt? Er beruft die Fassungsfähigeren zusammen, verkündigt ihnen ein höchstes Wesen, welches alles erschaffen hat und alles leitet, und sagt ihnen dann zur Beantwortung ihrer vielseitigen Frage, dass er zu ihrem Wohle die leitende Weisheit unmittelbar von solch einem höchsten Wesen habe, und zeigt ihnen als einem überaus gläubigen Volk mit der größten Leichtigkeit von der Welt erstens die unleugbare Existenz einer allerhöchsten, alles erschaffenden, erhaltenden und leitenden Gottheit, und dass eben von dieser Gottheit nur derjenige mit tiefer Weisheit begabt wird, den sie zur beseligenden Leitung der Völker geschaffen hatte.
GS|2|89|4|0|Das will dann so viel sagen als: „Von Gottes Gnaden“, oder wie bei den Römern: „Favente Jove“. Ist dieser Schritt gemacht, so ist der Alleinherrscher und Obereigentümer ganz fix und fertig und sitzt nun vollkommen sicher in seiner Herrsch-Mitte, unterstützt von naturmäßig mächtiger und von geistig noch mächtigerer Notwendigkeit.
GS|2|89|5|0|Ein jeder, der nun alles dieses also gründlichermaßen durchgegangen ist, muss endlich sagen: Fürwahr, allem dem lässt sich nicht ein Atom groß einwenden, denn es hängt ja alles mit den ersten naturrechtlichen Urkunden eines jeden Menschen so eng zusammen, dass man daran nicht den allerkleinsten Faden entzweischneiden darf, um nicht eine glückliche menschliche Gesellschaft bis in ihre innersten Fundamente zu zerstören. Denn man nehme da hinweg, was man wolle, so wird sich der Defekt sobald in den ersten Naturprinzipien eines jeden Menschen wahrzunehmen anfangen.
GS|2|89|6|0|Wenn aber demnach die Sache sich so verhält, so folgt ja doch ganz sonnenklar heraus, dass der Herr Himmels und der Erde durch dieses neunte Gebot nichts als die vollkommene Sicherung des bestimmten Eigentums zur Aufrechthaltung der ersten Naturrechtsprinzipien aufgestellt hat. Und so kann da kein anderer Sinn hinter dem Gebot stecken, als den seine Worte bezeichnen.
GS|2|89|7|0|Denn so man diesem Gebot irgendeinen anderen Sinn unterlegen will oder kann, so hebt man dadurch den von einem höchsten Wesen sanktionierten Hauptgrund des ersten naturrechtlichen bürgerlichen Verbandes auf. Das Eigentumsrecht, wenn es aufgehoben ist, hebt notwendigerweise die früheren Urdokumente eines jeden Menschen auf, und niemand kann da mehr etwas sammeln und verfertigen. Kann er das nicht, so gehen sein Magen und seine Haut unter, und der Mensch wird mit seiner Existenz schlimmer daran sein als jedes Tier. Mit der Wegnahme des Wortsinnes von diesem Gebot nimmt man ja schon im Voraus jedes leitende Oberhaupt hinweg, und die Menschheit steht in ihrem ersten unter das Tierreich gesunkenen allerwildesten chaotischen Naturzustand da.
GS|2|89|8|0|Das ist richtig, meine lieben Freunde und Brüder. Wir haben bis jetzt gesehen, dass durch die Darstellung des inneren geistigen Sinnes der äußere naturmäßige Sinn in seiner gerechten Außenwirkung nirgends verletzt worden ist. Wir haben auch gesehen, dass durch die Unkenntnis des inneren Sinnes ein gegebenes Gebot entweder nur sehr schwer oder nicht selten kaum zum dritten Teil desselben, manchmal aber auch gar nicht beobachtet wird und beobachtet ward.
GS|2|89|9|0|Wird aber ein Gebot dem inneren Sinne nach erkannt, so gibt sich die naturmäßige Beobachtung von selbst, gerade also, als so da jemand einen guten Samen in das Erdreich legt, sich dann aus ihm die fruchttragende Pflanze von selbst entwickeln wird, ohne dass der Mensch dabei weiter eine ohnehin zu nichts führende Manipulation anwenden solle.
GS|2|89|10|0|Und so ist es auch bei diesem Gebot der Fall. Wird es innerlich erkannt und beobachtet, so fällt alles Äußere, was da der Buchstabensinn berührt, von selbst der guten göttlichen Ordnung zufolge aus. Ist aber das nicht der Fall, klebt man bloß am äußeren Sinn, so hebt man eben dadurch alle die urrechtlichen Dokumente des Menschen auf. Die Herrscher werden zu Tyrannen und die Untertanen zu Geizhälsen und Wucherern, und die Haut der Sanften wird über die Militärtrommel gespannt oder die gutmütigen Esel von Untertanen werden zum arglistigen Spielwerkzeug der Mächtigen und Wucherer.
GS|2|89|11|0|Die Folgen davon sind Volksaufstände, Revolutionen, gänzliche Staatenumwälzungen und Zerstörungen, gegenseitige Volkserbitterungen, dann darauffolgende langwierige blutige Kriege, Hungersnot, Pestilenz und Tod.
GS|2|89|12|0|Wie lautet aber demnach derjenige Sinn, durch dessen Beobachtung alle Völker ihr unzerstörbares zeitliches und ewiges Glück finden müssen? Er lautet also ganz kurz:
GS|2|89|13|0|Achtet euch untereinander aus gegenseitiger wahrhafter Bruderliebe, und keiner beneide den anderen, so er von Mir, dem Schöpfer aus, seiner größeren Liebe wegen mehr begnadigt wurde. Der Begnadigtere aber lasse seine daraus hervorgehenden Vorteile allen seinen Brüdern als Bruder so viel als möglich zugunsten kommen, so werdet ihr dadurch unter euch einen ewigen Lebensverband gründen, den keine Macht ewig je zu zerstören wird imstande sein!
GS|2|89|14|0|Wer sieht aus dieser Darstellung dieses Gebotes nicht auf den ersten Augenblick ein, dass durch seine Beobachtung nicht ein Häkchen des Buchstabensinnes gekrümmt wird. Und wie leicht ist dann dieses Gebot naturmäßig zu beobachten, wenn man es also geistig beobachtet. Denn wer seinen Bruder achtet in seinem Herzen, der wird auch seine Sammlungen und Einrichtungen achten. Durch die geistige Beobachtung dieses Gebotes wird allem Wucher und aller übertriebenen Erwerbssucht vorgebeugt, welche aber im alleinigen Buchstabensinn nur ihren sanktionierten Vertreter oder Advokaten finden. Eine kleine Nachbetrachtung wird uns dieses alles noch ins klarste Licht setzen.
GS|2|90|1|1|Das gerechte Maß von Nahrung, Kleidung, Haus und Grundbesitz pro Person
GS|2|90|1|1|(Am 19. Oktober 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr abends.)
GS|2|90|1|0|Es ist in diesem allem, wie in dem Gebot, geistig und naturmäßig durchaus nicht als sünd- oder fehlerhaft bezeichnet, dass jemand das mit seinen Händen für seine Notdurft Gesammelte und Verfertige sich aneigne, und zwar in einem solchen Grad, dass sein Nachbar durchaus nicht das Recht haben soll, ihm ein solches Eigentumsrecht auf was immer für eine Weise streitig zu machen. Im Gegenteil findet ein jeder nur eine vollkommene Sicherstellung seines rechtlich erworbenen Eigentumes darinnen.
GS|2|90|2|0|Wohl aber ist in allem dem Gesagten, wie im Gebot selbst, eine weise Beschränkung in dem Recht, zu sammeln, einem jeden geboten. Dass das Gebot aber solches im naturmäßigen Sinne sogar aus der göttlichen Ordnung heraus bezweckt haben will, lässt sich fürs Erste aus den ersten jedem Menschen angeborenen Ureigentumsrechts-Dokumenten auf das Sonnenklarste erweisen. Wie aber? Das wollen wir sogleich sehen.
GS|2|90|3|0|Wie viel bedarf der erste Rechtskompetent nach gerechtem Maße im Menschen, der Magen nämlich? Solches kann ein jeder mäßige Esser sicher auf ein Haar bestimmen. Nehmen wir an, ein mäßiger Esser braucht für den Tag drei Pfund an Speise; das lässt sich auf dreihundertfünfundsechzig Tage überaus leicht berechnen. Das ist sonach auch ein naturgerechtes Bedürfnis eines Menschen. Dieses Quantum darf er für sich alljährig sich ersammeln. Hat er Weib und Kinder, so kann er für jede Person dasselbe Quantum zusammenbringen, und er hat da vollkommen seinem Naturrecht zur gerechten Folge gehandelt. Einem starken Esser, der besonders schwere Arbeiten verrichten muss, sei das Doppelte sich zu ersammeln vollkommen frei gestattet.
GS|2|90|4|0|Wenn dieses allgemein beobachtet wird, da wird die Erde nimmer von einer Not zu klagen haben. Denn vom Herrn aus ist ihr fruchtbarer Flächenraum so gestellt, dass bei gehöriger Bearbeitung und Verteilung des Bodens zwölftausend Millionen Menschen vollkommen genügend ihren Lebensunterhalt finden können. Gegenwärtig aber leben kaum etwas über eintausend Millionen Menschen auf der Erde, und darunter gibt es bei siebenhundert Millionen Notleidende.
GS|2|90|5|0|Worin liegt der Grund davon? Weil eben die Bedingungen dieses göttlichen Gesetzes, welches in der Natur eines jeden Menschen gegründet ist, nicht in die lebendige Ausübung gebracht werden.
GS|2|90|6|0|Gehen wir aber weiter. Wie groß da ein Mensch ist, und wie viel er zur Bedeckung seiner Haut bedarf, lässt sich ebenfalls überaus leicht bemessen. Es sei aber einem jeden Menschen gestattet, sich nach Beschaffenheit der Jahreszeit eine vierfache Hautbedeckung zu verschaffen. Das ist der naturgerechte Maßstab für die Ansammlung der Kleiderstoffe und der Bereitung derselben. Ich will aber noch einmal so viel hinzufügen, was die Oberkleidung betrifft, und viermal so viel für die Unterkleidung, und das des reinlichen Wechsels wegen.
GS|2|90|7|0|Wenn dieser Maßstab beobachtet wird, da wird es auf der ganzen Erdoberfläche keinen nackten Menschen geben. Aber wenn auf der Erde ungeheure Kleiderstoff-Fabriken errichtet sind, die alle Kleiderstoffe in ihrem Urzustand um die barsten erzwungenen Schandpreise an sich kaufen, daraus dann eine zahllose Menge, und das bei weitem mehr luxuriöser als nützlicher Kleidungszeuge fabrizieren, und dieselben erst dann zumeist um himmelschreiende Preise an die dürftige Menschheit verkaufen, zudem aber auch so viele wohlhabende Menschen sich im Verlaufe von zehn Jahren, besonders weiblicherseits, mit mehr als hundertfachem Kleiderwechsel versehen – da wird dieses naturgerechte Ebenmaß auf das Allergewaltigste gestört, und von tausend Millionen Menschen müssen wenigstens sechshundert Millionen nackt herumgehen! Gehen wir aber weiter.
GS|2|90|8|0|Wie groß braucht denn ein Haus zu sein, um ein Paar Menschen mit Familie und der nötigen Dienerschaft ehrlich und bequem zu beherbergen? Geht aufs Land und überzeugt euch, und ihr werdet darüber sicher ins Klare kommen, dass zu einer solchen gerechten und bequemen Beherbergung keine hundert Zimmer fassende Schlösser und Paläste erforderlich sind.
GS|2|90|9|0|Was über ein solches Verhältnis ist, ist wider die Ordnung Gottes und somit wider Sein Gebot.
GS|2|90|10|0|Wie groß muss denn ein Grundstück sein? Nehmen wir ein mittelerträgliches Land. Auf diesem kann bei mäßiger Bearbeitung, und zwar auf einem Flächenraum von tausend eurer Quadratklaftern, für einen Menschen selbst in Mitteljahren ein vollkommen hinreichender, ein Jahr dauernder Lebensbedarf erbeutet werden. Bei einem guten Boden lassen wir das Doppelte vom Mittelboden für eine Person gelten. So viel Personen sonach ein Familienhaus zählt, so oftmal darf es naturrechtlich solchen bestimmten Grundboden-Flächenraum in den Besitz nehmen. Wir wollen aber in unserem Ausmaß recht freigebig sein und geben ad personam [für die Person] das Doppelte und bestimmen solches auch vollkommen als naturrechtlich von Gott aus gebilligt. Wenn die Gründe so verteilt würden, so könnten ebenfalls über siebentausend Millionen Familien auf der Erdoberfläche ihr vollkommen gesichertes Grundbesitztum finden.
GS|2|90|11|0|Wie es aber jetzt auf der Erde mit der Grundverteilung aussieht, so gehört der Grund und Boden kaum siebzig Millionen Grundbesitzern vollkommen zu eigen. Alles andere Volk ist entweder nur im Mit-, Unter- oder Pachtbesitz, und der noch bei weitem allergrößte Teil des Volkes auf der Erde hat nicht einen Stein, den er seinem Haupt unterlegen könnte.
GS|2|90|12|0|Wer sonach in was immer für einer Hinsicht über dieses jetzt gegebene Maß besitzt, der besitzt es gegen das göttliche und gegen das Naturgesetz widerrechtlich und trägt als solcher Besitzer die fortwährende Versündigung an diesem Gebot an sich; – welche Versündigung er nur dadurch zu tilgen imstande ist, wenn er den möglichst größten Grad der Freigebigkeit besitzt und sich gewisserart nur als einen Sachwalter ansieht, seinen zu großen Besitz für eine gerechte Anzahl Nichtshabender zu bearbeiten. Wie aber solches in diesem Gebot zugrunde liegt, wollen wir im zweiten Punkt dieser Nachbetrachtung ersehen.
GS|2|91|1|1|Wer sich gegen das neunte Gebot versündigt
GS|2|91|1|1|(Am 20. Oktober 1843 von 4 1/2 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|2|91|1|0|Fürs Zweite drückt das Gebot selbst die weise Beschränkung des Sammel- und Verfertigungsrechtes offenkundig und handgreiflich aus. Wenn wir das im ersten Punkt bezeichnete verhältnismäßige Urgrundeigentümliche daneben zur Beschauung aufstellen, so deutet das Gebot ja genau darauf hin, indem es doch ausdrücklich untersagt, ein Verlangen nach dem zu haben, was des anderen ist.
GS|2|91|2|0|Was ist also des anderen? Des anderen ist auf dem vom Herrn zum allgemeinen Unterhalt der Menschen geschaffenen Erdboden gerade so viel, was ihm sein naturrechtliches, von seinem Bedürfnis abgeleitetes Ausmaß gibt. Wer demnach über dieses Ausmaß sammelt und verfertigt, der versündigt sich schon im ersten Grad tatsächlich wider dieses Gebot, indem in diesem Gebot sogar die verlangende Begierde schon als sträflich dargestellt ist.
GS|2|91|3|0|Im zweiten Grad versündigt sich der Träge gegen dieses Gebot, der zu faul ist, sein ursprünglich gerechtes Sammelrecht auszuüben, dafür nur stets mit der Begierde schwanger herumgeht, sich dessen zu bemächtigen, was ein anderer urnaturrechtlich gesammelt und verfertigt hat.
GS|2|91|4|0|Wir sehen daraus, dass man sich sonach gegen dieses Gebot auf eine zweifache Weise verfänglich machen kann, d. i. erstens durch eine übertriebene Sammel- und Verfertigungsgier, und zweitens durch gänzliche Unterlassung derselben. Für beide Fälle aber steht das Gebot gleichlautend mit der weisen Beschränkung da. Im ersten Falle beschränkt es die übertriebene Sammel- und Verfertigungsgier, im zweiten Falle die Faulheit und beabsichtigt dadurch die gerechte Mitte; denn es drückt nichts anderes aus als die Achtung mit Liebe vereint für das naturgerechte Bedürfnis des Nebenmenschen.
GS|2|91|5|0|Man wird aber hier entgegentreten und sagen: Es gibt in der gegenwärtigen Zeit überaus reiche und wohlhabende Menschen, welche bei all ihrem Reichtum und ihrer Wohlhabenheit nicht eine Quadratspanne Grundeigentum besitzen. Sie haben sich durch glückliche Handelsspekulationen oder Erbschaft in einen großen Geldreichtum versetzt und leben nun von ihren rechtlichen Zinsen. Was soll es mit diesen? Ist ihr Vermögen nach dem göttlichen Urrecht naturgesetzrechtlich oder nicht? Denn sie beschränken durch ihren Geldbesitz keines Menschen Grundbesitztum, indem sie sich nirgends etwas ankaufen wollen, sondern sie leihen ihr Geld auf gute Posten zu den gesetzlichen Zinsen aus; oder sie machen anderweitige erlaubte Wechselgeschäfte und vermehren dadurch ihr Stammkapital jährlich um viele tausend Gulden, wo sie nach dem Recht des Naturbedürfnisses nicht den hundertsten Teil ihres jährlichen Einkommens zu ihrer guten Verpflegung bedürfen. Sie sind aber dabei nicht selten im Übrigen sehr rechtliche, mitunter auch wohltätige Menschen. Verfehlen sich auch diese gegen unser neuntes Gebot?
GS|2|91|6|0|Ich sage hier: Es ist das einerlei, ob jemand auf was immer für eine Art über sein Bedürfnis hinaus zu viel Geldschätze oder zu viel Grund besitzt. Das alles ist äquivalent. Denn wenn ich so viel Geld habe, dass ich mir damit mehrere Quadratmeilen Grund und Boden als staatsgesetzlich eigentümlich ankaufen kann, so ist das ebenso viel, als wenn ich mir für dieses Geld schon wirklich so viel Grund und Boden zu eigen gemacht hätte. Im Gegenteil ist es sogar schlechter und der göttlichen Ordnung viel mehr zuwiderlaufend. Denn wer da so viel Grundeigentum besäße, der müsste dabei doch notwendigerweise einige tausend Menschen einen Lebensunterhalt sich mit verschaffen lassen, indem er für sich einpersönlich doch unmöglich einen so großen Grundbesitz zu bearbeiten imstande wäre.
GS|2|91|7|0|Betrachten wir aber dagegen einen Menschen, der zwar keinen Grundbesitz hat, aber so viel Geld, dass er sich mit demselben nahe ein Königreich ankaufen könnte; so kann er dieses Geld im strengsten Falle allein nutzbringend verwalten, oder er braucht dazu höchstens einige wenige Berechnungsgehilfen, die allein von ihm einen im Verhältnis zu seinem Einkommen sehr gemäßigten Gehalt haben, welcher auch oft kaum hinreicht, ihre Bedürfnisse, besonders wenn sie Familie haben, zu befriedigen.
GS|2|91|8|0|Kein solcher Geldbesitzer aber kann sich mit der Art und Weise, wie er zu dem Geld gekommen ist, entschuldigen, ob durch Spekulation, ob durch eine gewonnene Lotterie oder ob durch eine Erbschaft. Denn in jedem Fall steht er vor Gott geradeso da wie ein Hehler neben dem Dieb. Wieso denn, dürfte jemand fragen?
GS|2|91|9|0|Was heißt reich werden durch glückliche Spekulation? Das ist und heißt nichts anderes als einen rechtmäßigen Verdienst vieler wucherisch an sich reißen, dadurch vielen den rechtmäßigen Verdienst entziehen und ihn sich allein zueignen. In diesem Fall ist ein durch glückliche Spekulation reich gewordener Mensch ein barster Dieb selbst. Bei einem Lotteriegewinn ist er es auf gleiche Weise, weil ihm der Einsatz von vielen allein zugutekommt. Bei einer Erbschaft aber ist er ein Hehler, der das widerrechtliche Gut seiner Vorfahren [in Besitz nimmt], die nur auf die zwei vorerwähnten Arten es sich haben eigen machen können.
GS|2|92|1|1|Die große Gefahr von weltlichem Reichtum und dem Verlangen danach
GS|2|92|1|1|(Am 21. Oktober 1843 von 4 3/4 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|2|92|1|0|Aber man wird sagen: Diese Bestimmung klingt sonderbar; denn was kann der Erbe dafür, wenn er das Vermögen entweder seiner Eltern oder sonstiger reicher Anverwandten staatsgesetzlich rechtlich überkommen hat? Sollte er für sich bei solcher Überkommung den naturgerechten Anteil berechnen und von dem Erbe nur so viel nehmen, als dieser Anteil ausmacht, und sollte dann den anderen Teil an wen immer verschenken? Oder sollte er wohl zwar das ganze Vermögen übernehmen, davon aber nur den ihm gebührenden Naturteil als Eigentum annehmen, den großen Überschuss aber entweder zur Unterstützung dürftig gewordener Faulenzer selbst verwalten oder solchen Überschuss sogleich zum Behuf wohltätiger Anstalten an die Vorsteher eben dieser Anstalten abtreten?
GS|2|92|2|0|Diese Frage ist hier so gut wie eine, der man gewöhnlich entweder gar keine oder im höchsten Falle eine nur höchst einsilbige Antwort schuldig ist. Sind denn das göttliche Gesetz und das Staatsgesetz oder die göttliche Weisheit und Fürsorge und die weltlich staatliche Politik und sogenannte Diplomatik eines und dasselbe? Was spricht denn der Herr? Er spricht: „Alles, was vor der Welt groß ist, ist vor Gott ein Gräuel!“
GS|2|92|3|0|Was Größeres aber gibt es wohl auf der Welt, als, von göttlicher Seite abwärts betrachtet, eine usurpierte Staatsgewalt, welche nimmer nach dem göttlichen Rat, sondern nur nach ihrer weltlichen Staatsklugheit, welche in der Politik und Diplomatie besteht, die Völker unterjocht, und ihre Kräfte zur eigenen prasserisch fructitiven und konsumtiven Wohlfahrt benutzt?
GS|2|92|4|0|Wenn es aber schon gräuelhaft und schändlich ist, so irgendein Mensch nur einen, zwei oder drei seiner Brüder hintergeht, um wie viel gräuelhafter vor Gott muss es sein, wenn sich Menschen mit aller Gewalt zu krönen und zu salben wissen, um sodann unter solcher Krönung und Salbung ganze Völker zu ihrem eigenen schwelgerischen Vorteil auf alle erdenkliche Art und Weise zu hintergehen, entweder durch die sogenannte Staatsklugheit, oder, so sich’s mit dieser nicht tun sollte, mit grausamer offener Gewalt!
GS|2|92|5|0|Ich meine, aus diesem Sätzlein lässt sich ungefähr mit Händen greifen, wie sehr der meisten gegenwärtigen Staaten Rechte dem göttlichen schnurgerade entgegenlaufen. Ich meine auch ferner, wenn der Herr zum reichen Jüngling spricht: „Verkauf alle deine Güter und verteile sie unter die Armen, du aber folge Mir nach, so wirst du dir einen Schatz im Himmel bereiten“, so wird dieser Ausspruch doch hoffentlich hinreichend sein, um daraus zu ersehen, welche Verteilung der irdische reiche Mensch, wenn er das Reich Gottes ernten will, mit seinem Reichtum machen sollte. Tut er das nicht, so muss er sich selbst zuschreiben, wenn ihn das nämliche Urteil treffen wird, welches der Herr bei eben dieser Gelegenheit über den traurig gewordenen Jüngling ausgesprochen hat, dass nämlich ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr durchkäme denn ein solcher Reicher in das Himmelreich! Wobei freilich wohl sehr verdächtigermaßen der Umstand sehr zu berücksichtigen ist, dass der Herr hier ein so höchst bedauernswürdigstes Urteil über einen Jüngling, also sicher über einen Erben ausgesprochen hat.
GS|2|92|6|0|Man könnte hier füglich fragen: Warum musste denn hier gerade ein reicher Jüngling und warum nicht irgendein schon bejahrter Spekulant auftreten, an dem der Herr Sein ewiges Missfallen an allem irdischen Reichtum kundgegeben hätte? Die Antwort liegt ganz nahe; weil der Jüngling noch kein eingefleischter Reichtumsverwalter war, sondern er war noch auf dem Punkt, von welchem aus solche Jugend gewöhnlich noch den irdischen Reichtum nicht gehörig zu würdigen versteht, und konnte sich aus eben dem Grunde dem Herrn wenigstens auf eine kurze Zeit nähern, um von Ihm die rechte Weisung und den rechten Gebrauch seines Reichtums zu vernehmen. Erst bei der Erkennung des göttlichen Willens fällt er dann vom Herrn ab und kehrt zu seinen Reichtümern heim.
GS|2|92|7|0|Also hatte der Jüngling doch dieses Vorrecht, eben als Jüngling, der noch nicht zurechnungsfähig war, sich dem Herrn zu nahen. Aber der schon eingefleischte, mehr betagte reiche Wirt, Spekulant und Wucherer stehen als Kamele hinter dem Nähnadelöhr, durch das sie erst schlüpfen müssten, um gleich dem Jüngling zum Herrn zu gelangen. Also ist es einem solchen Reichen gar nicht mehr gegönnt und gegeben, gleich dem Jüngling sich beim Herrn einzufinden. Für diese aber hat der Herr leider ein anderes sehr zu beachtendes Beispiel aufgeführt in der Erzählung vom reichen Prasser. Mehr brauche ich euch nicht zu sagen.
GS|2|92|8|0|Wer von euch aber nur ein wenig denken kann, der wird aus allem dem mit der größten Leichtigkeit finden, dass dem Herrn Himmels und aller Welten kein menschliches Laster so gräuelhaft verächtlich war als eben der Reichtum und dessen gewöhnliche Folgen; denn für kein anderes Laster sehen wir den Herrn über Leben und Tod allerklarstermaßen den Abgrund der Hölle erschaulich auftun als gerade bei diesem.
GS|2|92|9|0|Sei es Totschlag, Ehebruch, Hurerei und dergleichen mehrerer, bei allem dem hat niemand vom Herrn auf der Erde erlebt, dass Er ihn darum zur Hölle verdammt hätte. Aber dieses Wucherlaster hat Er allenthalben sowohl beim Priesterstand als wie auch bei jedem anderen Privatstand auf das Allerdringlichste mit Wort und Tat gezüchtigt!
GS|2|92|10|0|Wer kann gegenüber allen anderen menschlichen Vergehungen dem Herrn nachweisen, dass Er über irgendeinen solchen Sünder Seine allmächtige Hand züchtigend aufgehoben hätte? Aber die Wechsler, Taubenkrämer und dergleichen noch mehreres Spekuliergesindel musste sich gefallen lassen, von der allmächtigen Hand des Herrn Selbst mit einem zusammengewundenen Strick allererbärmlichst aus dem Tempel hinausgeprügelt und gezüchtigt zu werden!
GS|2|92|11|0|Wisst ihr aber, was das sagen will? Dieses höchst wahre evangelische Begebnis will nicht mehr und nicht weniger sagen, als dass der Herr Himmels und aller Welten eben von diesem Laster der abgesagteste Feind ist. Bei jedem anderen spricht Seine göttliche Liebe von Geduld, Nachsicht und Erbarmen, aber über dieses Laster spricht Sein Zorn und Grimm!
GS|2|92|12|0|Denn hier verrammt Er den Zutritt zu Ihm durch das bekannte Nadelöhr, eröffnet ersichtlich den Abgrund der Hölle und zeigt in demselben einen wirklich Verdammten, spricht sich gegenüber den herrsch- und habsüchtigen Pharisäern also entsetzlich aus, dass Er ihnen deutlich zu erkennen gibt, wie da Hurer, Ehebrecher, Diebe und noch andere Sünder eher in das Reich Gottes eingehen werden denn sie.
GS|2|92|13|0|Endlich ergreift Er im Tempel sogar eine züchtigende Waffe und treibt schonungslos alle die wie immer gearteten Spekulanten hinaus und bezeichnet sie als Mörder des göttlichen Reiches, indem sie den Tempel, der eben das göttliche Reich vorstellt, schon sogar selbst zu einer Mördergrube gemacht haben.
GS|2|92|14|0|Wir könnten dergleichen Beispiele noch mehrere anführen, aus denen sich überall entnehmen ließe, wie ein überaus abgesagter Feind der Herr gegen dieses Laster ist. Aber wer nur einigermaßen zu denken vermag, dem wird dieses sicher genügen. Und bei eben dieser Gelegenheit können wir auch noch einen ganz kurzen Blick auf unser neuntes Gebot machen, und wir werden aus diesem Blick ersehen, dass der Herr eben bei keinem anderen menschlichen Verhältnis, bei keiner anderen selbst verbotenen Gelegenheit und Tätigkeit sogar das Verlangen beschränkt hat wie eben in dieser Ihm allermissfälligsten wucherischen Gelegenheit.
GS|2|92|15|0|Überall verbietet Er ausdrücklich nur die Tätigkeit, hier aber schon das Verlangen, weil die Gefahr, welche daraus für den Geist erwächst, zu groß ist, indem es den Geist völlig von Gott abzieht und gänzlich zur Hölle kehrt, was ihr auch daraus ersehen könnt, dass sicher ein jeder andere Sünder nach einer sündigen Tat eine Reue empfindet, während der reiche Spekulant über eine glücklich gelungene Spekulation hoch aufjubelt und triumphiert!
GS|2|92|16|0|Und das ist der rechte Triumph der Hölle, und der Fürst derselben sucht daher die Menschen auch vorzugsweise auf jede mögliche Art mit Liebe für den Weltreichtum zu erfüllen, weil er wohl weiß, dass sie mit dieser Liebe erfüllt vor dem Herrn am abscheulichsten sind und Er Sich ihrer darum am wenigsten erbarmt! Mehr brauche ich euch darüber nicht zu sagen.
GS|2|92|17|0|Wohl jedem, der diese Worte tief beherzigen wird, denn sie sind die ewige unumstößliche göttliche Wahrheit! Und ihr könnt es über alles für wahr halten und glauben, denn nicht eine Silbe darin ist zu viel, eher könnt ihr annehmen, dass hier noch bei weitem zu wenig gesagt ist. Solches aber merke sich ein jeder: Der Herr wird bei jeder anderen Gelegenheit eher alles Erdenkliche aufbieten, bevor er jemanden wird zugrunde gehen lassen, aber gegenüber diesem Laster wird Er nichts tun, außer den Abgrund der Hölle offen halten, wie Er es im Evangelium gezeigt hat. Dieses alles ist übergewiss und wahr, und wir haben dadurch den wahren Sinn dieses Gebotes kennengelernt. Und ich sage noch einmal: Beherzige ein jeder dies Gesagte wohl! Und nun nichts mehr weiter. Hier ist der zehnte Saal, und so treten wir in denselben ein!
GS|2|93|1|1|Das zehnte Gebot. Die Lächerlichkeit der buchstäblichen Auffassung desselben
GS|2|93|1|1|(Am 23. Oktober 1843 von 5 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|2|93|1|0|Wir sind darinnen und erblicken auf der Tafel mit deutlicher Schrift geschrieben: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib!“
GS|2|93|2|0|Dass dieses Gebot hier im reinen Reich des Geistes und ganz besonders im Reich der Kinder sicher einem jeden Denker etwas sonderbar klingt, braucht kaum erwähnt zu werden. Denn fürs Erste wissen diese Kinder noch nicht im Geringsten, was da etwa ist ein ehelich Weib, und fürs Zweite ist hier auch das Verehelichen etwa beider Geschlechter untereinander durchaus nicht gang und gäbe, besonders im Reich der Kinder. Also im Geisterreich findet dieses Gebot, dieser Betrachtung zufolge, offenbar keine Anwendung.
GS|2|93|3|0|Man wird aber sagen: Warum sollte denn der Herr unter zehn Geboten nicht eines gegeben haben, welches allein den irdischen Verhältnissen entsprechen muss? Denn auf der Erde ist die Verbindung zwischen Mann und Weib gang und gäbe und ist daher ein altbegründetes, auf der göttlichen Ordnung beruhendes Verhältnis, welches aber ohne ein Gebot nicht in der göttlichen Ordnung verbleiben kann. Also kann man hier ja annehmen, dass der Herr unter den zehn Geboten eines bloß für die Aufrechthaltung der Ordnung eines äußeren, irdischen Verhältnisses wegen gegeben hat, damit durch die Aufrechthaltung dieser Ordnung eine geistige, innere, höher stehende nicht gestört wird.
GS|2|93|4|0|Gut, sage ich; wenn dem aber so ist, da sage ich: Dieses Gebot ist dann von diesem Standpunkt aus betrachtet nichts anderes als ein höchst überflüssiger Pleonasmus des ohnehin ganz dasselbe gebietenden sechsten Gebotes. Denn auch in diesem wird in seinem völligen Verlaufe alles als verboten dargestellt, was immer nur auf die Unzucht, Hurerei und den Ehebruch irgendeine Beziehung hat, sowohl in leiblicher, wie ganz besonders in geistiger Hinsicht.
GS|2|93|5|0|Wenn wir nun dieses ein wenig gegeneinander abwägen, so ergibt sich fürs Erste daraus, dass dieses Gebot für den Himmel gar nicht taugt, und dass es fürs Zweite neben dem sechsten Gebot rein überflüssig ist.
GS|2|93|6|0|Ich sehe aber jemanden, der da kommt und spricht: He, lieber Freund, du irrst dich. Dieses Gebot, wenn schon an und für sich nahe dasselbe verbietend, was da verbietet das sechste Gebot, ist dennoch für sich ganz eigen und höher stehend und tiefer greifend, als da ist das sechste Gebot. Denn beim sechsten Gebot wird offenbar nur die effektive grobe Handlung, in diesem zehnten aber das Verlangen und die Begierde als die allzeitigen Grundursachen zur Tat verboten. Denn man sieht es ja gar leicht ein, dass hier und da besonders junge Ehemänner auch gewöhnlich junge schöne Weiber haben. Wie leicht ist es einem anderen Mann, dass er seines vielleicht nicht schönen Weibes vergisst, sich in das schöne Weib seines Nächsten vergafft, in sich dann einen stets größeren Trieb und ein stets größeres Verlangen erweckt, seines Nächsten Weib zu begehren und mit ihr seine geile Sache zu pflegen.
GS|2|93|7|0|Gut, sage ich, wenn man dieses Gebot von diesem Standpunkt primo loco [an erster Stelle] betrachtet, so ergeben sich daraus nicht mehr als eine halbe Legion Lächerlichkeiten und Narrheiten über Hals und Kopf, durch welche das Göttliche eines solchen erhabenen Gebotes in den schmutzigsten Staub und in die stinkendste Kloake des weltlichen Witzes und Verstandes der Menschen herabgezogen werden muss. Wir wollen beispiels- und erläuterungshalber geflissentlich einige Lächerlichkeiten anführen, damit dadurch jedermann klar werde, wie entsetzlich seicht und auswendig dieses Gebot über acht Jahrhunderte hindurch aufgefasst, erklärt und zu beobachten befohlen ward.
GS|2|93|8|0|Ein Mann soll alsdann kein Verlangen nach dem Weib seines Nächsten haben. Hier lässt sich fragen: Was für ein Verlangen oder Begehren? Denn es gibt ja eine Menge redlicher und wohlerlaubter Verlangen und Begehrungen, die ein Nachbar an das Weib seines Nächsten richten kann. Aber im Gebot heißt es unbedingt, „kein Verlangen haben“. Dadurch dürfen nur die beiden Nachbarn miteinander in der Konversation stehen, die Weiber aber müssen sie gegenseitig stets mit Verachtung ansehen. Und das ist nichts mehr und nichts weniger als gerade [die] türkische Auffassung dieses mosaischen Gebotes.
GS|2|93|9|0|Ferner, wenn man die Sache buchstäblich und materiell betrachtet, so muss man doch hoffentlich alles buchstäblich nehmen und nicht ein paar Worte buchstäblich und ein paar Worte geistig daneben; was sich geradeso ausnimmt, als so jemand an einem Fuß ein schwarzes und an dem anderen ein ganz subtil durchsichtiges weißes Beinkleid trüge. Oder als wollte jemand behaupten, ein Baum müsse so wachsen, dass sein halber Stamm mit Rinde und der andere halbe Stamm ohne Rinde sonach zum Vorschein käme. Dieser Betrachtung zufolge verbietet das zehnte Gebot nur das Verlangen nach dem Weib des Nächsten. Wer kann das im buchstäblichen Sinne sein? Niemand anderer als entweder die nächsten Nachbarn oder auch nahe Blutsverwandte. Buchstäblich dürfte man also nur nach den Weibern dieser beiderlei Nächsten kein Verlangen haben, die Weiber entfernter Bewohner eines Bezirks, besonders aber die Weiber der Ausländer, die sicher keine Nächsten sind, können daher ohne weiteres verlangt werden. Denn solches wird doch ein jeder ohne Mathematik und Geometrie begreifen, dass man im Vergleich zum nächsten Nachbarn einen anderen, einige Stunden entfernten oder gar einen Ausländer für einen Nächsten oder Nächstseienden nicht anerkennen kann. Seht, auch das ist türkisch, denn diese halten dieses Gebot nur als Türken gegeneinander; gegen fremde Nationen haben sie da gar kein Gesetz. Gehen wir aber weiter.
GS|2|93|10|0|Ich frage: Ist das Weib meines Nächsten denn von der Haltung des göttlichen Gesetzes ausgenommen? Denn im Gesetz steht nur, dass ein Mann nach dem Weib seines Nächsten kein Verlangen haben soll. Aber von dem, dass etwa ein geiles Weib nach ihrem nächsten Nachbarn kein Verlangen haben soll, davon steht im Gebot keine Silbe. Man gibt auf diese Weise den Weibern offenbar notwendig ein Privilegium, die ihnen zu Gesicht stehenden Männer ohne alles Bedenken zu verführen. Und wer wird es ihnen verbieten, solches zu tun, da für diesen Fall vom Herrn aus kein Gebot vorhanden ist? Auch das ist aus der türkischen Philosophie; denn die Türken wissen aus dem Buchstabensinn, dass die Weiber von solchem Gesetz frei sind. Daher sperren sie dieselben ein, damit sie ja nicht irgend ins Freie kommen und andere Männer nach ihnen lüstern machen möchten. Und gestattet schon ein Türke irgendeinem seiner Weiber einen Ausgang, so muss sie sich aber so unvorteilhaft für ihre inwendigen Reize vermummen, dass sie sicher sogar einem ihr begegnenden Bären einen sehr bedenklichen Respekt einflößen würde, und darf ihre Reize nur allein vor ihrem Mann entfalten. Wer kann da auftreten und dagegen behaupten, als wäre solches nicht aus dem Buchstabensinn des Gebotes zu erkennen? Offenbar hat diese Lächerlichkeit seinen unleugbaren Grund eben im Gebot selbst. Gehen wir aber weiter.
GS|2|93|11|0|Können nicht die nächsten Nachbarn etwa schon erwachsene Töchter haben oder andere recht saubere Dienstmädchen? Ist es nach dem zehnten Gebot erlaubt oder nicht, nach den Töchtern oder anderen Mädchen des Nächsten ein Verlangen zu haben, selbst als Ehemann? Offenbar ist solches gestattet, denn im sechsten Gebot ist vom Verlangen keine Rede, sondern nur von der Tat. Das zehnte Gebot verbietet aber nur das Verlangen nach dem Weib, also ist das Verlangen nach den Töchtern und allfälligen anderen hübschen Mädchen des Nächsten ohne Widerrede erlaubt. Seht, da haben wir wieder eine türkische Auslegung des Gesetzes mehr. Um die Sache aber recht sonnenklar anschaulich zu machen, wollen wir noch einige solcher Lächerlichkeiten anführen.
GS|2|94|1|1|Zu welchen Abirrungen das unbestimmte Du im zehnten Gebot geführt hat
GS|2|94|1|1|(Am 25. Oktober 1843 von 4 3/4 – 5 1/2 abends.)
GS|2|94|1|0|Im Gesetz heißt es: „Du sollst nicht verlangen deines Nächsten Weib“. Lässt sich denn da nicht fragen: Wer ist denn so ganz eigentlich der Du? Ist er ein Verheirateter, ein Witwer, ein unverheirateter junger Mann, ein Jüngling, oder ist es etwa gar auch ein Weib, zu dem man doch auch sagen kann: Du sollst dies oder jenes nicht tun? – Man wird hier sagen: Das ist vorzugsweise fürs männliche Geschlecht bestimmt, ohne Unterschied, ob dasselbe ledig oder verheiratet ist; und dass die Weiber so mitlaufend auch miteinverstanden werden können und nicht das Recht haben sollen, andere Männer zu verlocken und zu begehren, das alles versteht sich von selbst.
GS|2|94|2|0|Ich aber sage dagegen: Wenn aber schon die Menschen ihre Satzungen gar fein zu bestimmen imstande sind und in eben ihren Satzungen für jeden möglichen Fall gar feine und kluge Sonderungen machen, so wird man gegenüber dem Herrn doch nicht den Vorwurf machen können, als hätte Er fürs Erste gar aus Unkunde ganz unbestimmt ausgedrückte Gesetze gegeben, oder Er hätte fürs Zweite gleich einem pfiffigen Advokaten Seine Gesetze also auf Schrauben gestellt, dass die Menschen darüber unvermeidlich sich so oder so versündigen müssen.
GS|2|94|3|0|Ich meine, eine solche Folgerung aus der näheren Betrachtung des freilich wohl ganz unbestimmt gegeben scheinenden Gesetzes zu machen, wäre denn doch etwas zu arg. Man kann daher viel leichter schließen, dass dieses Gesetz, wie alle übrigen, ein sicher höchst bestimmtes ist. Nur ist es mit der Zeit und ganz besonders in der Zeit des entstandenen Hierarchentums also verdreht und fälschlich ausgelegt worden, dass nun kein Mensch mehr den eigentlichen wahren Sinn dieses Gesetzes kennt. Und das ist geschehen aus purer Habsucht. Denn im eigentlichen reinen Sinne hätte dieses Gesetz dem Priesterstand nie einen Pfennig getragen, in seinem verdeckten Sinn aber gab es Anlass zu allerlei taxierten Vermittlungen, Dispensen und Ehescheidungen, und das natürlich in der früheren Zeit bei weitem ums Unvergleichliche mehr als jetzt. Denn da war die Sache also gestellt, dass zwei oder mehrere Nachbarn sich gegen die Versündigung an diesem Gesetz durchaus nicht verwahren konnten. Wie denn?
GS|2|94|4|0|Sie mussten natürlicherweise mehrere Male im Jahr aus übergroßer Furcht vor der Hölle gewissenhaft beichten. Und da wurden sie in diesem Punkt gar emsig examiniert, und es war, im Falle irgendein Nachbar ein schönes junges Weib hatte, schon sogar ein Gedanke, ein Blick, etwa gar eine Unterredung von Seiten der anderen Nachbarn, natürlich männlicherseits, als eine ehebrecherische Sünde gegen dieses Gebot erklärt, welche meistens mit einer Opferbuße belegt ward. Geschah irgend gar eine etwas stärkere Annäherung, so war auch schon die volle Verdammnis fertig, und der einmal auf der einen Waagschale St. Michaels in die Hölle Hinabgesunkene musste in die gegenüber ganz leere Waagschale sehr bedeutende Opfer werfen, damit diese die Überschwere bekamen und den armen verdammten Sünder andererseits wieder glücklich aus der Hölle herauszogen. Und die Gottes Macht innehabenden Priester gehörten da durchaus nicht unter diejenigen Partien, welche nur sehr vieles verlangen, sondern sie wollten im Ernst lieber alles!
GS|2|94|5|0|Denn auf diese Weise mussten einst viele sehr wohlhabende sogenannte Ritter und Grafen ins Gras beißen und noch obendrauf zur aus der Hölle erlösenden Buße ihre Güter der Kirche vermachen, bei welcher Gelegenheit dann ihre allenfalls zurückgebliebenen Weiber zur Sühnung der Strafe für ihren ungetreuen Mann in irgendein Kloster aufgenommen wurden. Und die allenfalls zurückgebliebenen Kinder sowohl männlicher als weiblicherseits sind dann auch gewöhnlich in solche Klöster eingeteilt worden, in denen man keine irdischen Reichtümer besitzen darf.
GS|2|94|6|0|Ich meine, es dürfte genug sein, um das wirklich Schmähliche einzusehen, was alles aus der Verdrehung dieses Gesetzes zum Vorschein kam. Und das bestimmte „Du“ des Gesetzes war die Urquelle zu Dispensen, welche gewöhnlich am meisten eingetragen haben. Hatte jemand ein großes Opfer gebracht, so konnte man das Du so modifizieren, dass der Sünder wenigstens nicht in die Hölle kam. Im Gegenteil aber konnte dieses Du auch so verdammlich bestimmt werden, und das zufolge der angemaßten Löse- und Bindegewalt, dass dem Sünder nur sehr bedeutende Opfer aus der Hölle behilflich in der Erlösung sein konnten.
GS|2|94|7|0|Wir haben jetzt gesehen, zu welchen Abirrungen das unbestimmte Du Gelegenheit gegeben hat. Wir wollen uns aber damit noch nicht begnügen, sondern noch einige solche lächerliche Auslegungen mehr betrachten, damit es daraus jedem umso klarer wird, wie notwendig für jedermann die Bekanntschaft mit dem reinen Sinn des Gesetzes ist, ohne den er nie frei werden kann, sondern stets sklavisch verbleiben muss unter dem Fluch des Gesetzes! Und so gehen wir weiter.
GS|2|95|1|1|Weitere Beispiele verkehrter Auffassung des zehnten Gebotes
GS|2|95|1|1|(Am 26. Oktober 1843 von 3 3/4 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|2|95|1|0|Wie das Gesetz lautet, wissen wir; es untersagt ein Verlangen oder ein Begehren. Nun aber fragt es sich: Irgendein Mann ist verarmt, während sein Nachbar ein reicher Mann ist. Das Weib des Nachbarn als des Nächsten an unserem armen Menschen, hat ein ihm bekanntes mitleidiges und mildtätiges Herz. Unser Armer bekommt nun offenbar ein Verlangen nach dem mildtätigen Weib seines Nachbarn und begehrt sie, dass sie ihm möchte den Hunger stillen. – Frage, hat dieser gesündigt oder nicht? Er hat offenbar ein Verlangen und Begehren nach dem Weib seines Nachbarn gestellt. Nachdem es aber heißt: Du sollst kein Verlangen nach dem Weib deines Nächsten haben – wer kann hier begründetermaßen dieses billige Verlangen des Armen als unsündhaft erklären? Denn unter „kein Verlangen, kein Begehren haben“ muss doch sicher jedes Verlangen und jedes Begehren untersagt sein, da in dem Wort „kein“ durchaus keine Exemtion erweislich ist. So muss denn auch dadurch ein wie immer geartetes Verlangen untersagt sein.
GS|2|95|2|0|Leuchtet aus dieser Erklärung nicht augenscheinlich hervor, dass der Herr dadurch das weibliche Geschlecht offenbar habe von der Liebtätigkeit abwendig machen wollen, wonach dann sicher eine jede Wohltat, die irgendeine Hausfrau einem armen Menschen erteilt, als vollkommene, dem göttlichen Gebot zuwiderlaufende Sünde anzusehen ist?
GS|2|95|3|0|Lässt sich aber so ein unsinniges Gebot von Seiten der allerhöchsten Liebe des Herrn wohl denken? Man wird hier freilich sagen: Das Gebot beschränkt sich nur auf das fleischliche wollüstige Verlangen. – Ich aber sage: Es ist gut, lassen wir es also bei dem bewendet sein, nur muss man mir dabei erlauben, einige Bemerkungen zu machen. Stoßen diese Bemerkungen dieses Bewendet-sein-lassen um, dann muss sich’s ein jeder Einwender gefallen lassen, bei der Bestimmung dieses Gebotes einen anderen Weg zu ergreifen. Und so vernehme man die Bemerkungen.
GS|2|95|4|0|Das Gebot soll also lediglich ein sinnlich fleischliches Verlangen untersagen. Gut, sage ich, frage aber dabei: Ist im Gebot ein Weib bestimmt angegeben oder sind im Gebot alle Weiber darunter verstanden oder finden gewisse natürliche Exzeptionen statt?
GS|2|95|5|0|Nehmen wir an, mehrere sich gegenüberstehende Nachbarn haben alte, durchaus nicht mehr reizende Weiber. Da können wir auch versichert sein, dass diese Nachbarn hinsichtlich ihrer gegenseitigen Weiber durchaus kein fleischliches Verlangen mehr haben werden. Also müssten darunter nur die jungen Weiber verstanden sein und die jungen nur dann, wenn sie schön und reizend sind. Also werden auch alte und abgelebte Männer sicher nicht mehr viel von fleischlich sinnlichen Begierden gequält sein gegenüber was immer für Weibern ihrer Nachbarn.
GS|2|95|6|0|Dadurch sehen wir aber, dass dieses Gesetz nur unter großen Bedingungen geltend ist. Also hat das Gesetz Lücken und hat somit keine allgemeine Geltung. Denn wo schon die Natur Ausnahmen macht und ein Gesetz nicht einmal die volle naturmäßige Geltung hat, wie soll es sich da ins Geistige erstrecken? Wer solches nicht begreifen kann, der breche nur einen Baum ab und sehe, ob er dann noch wachsen wird und Früchte tragen.
GS|2|95|7|0|Ein göttliches Gesetz aber muss doch sicher so gestellt sein, dass dessen beseligende Geltung für alle Ewigkeiten gesetzt ist. Wenn es demnach aber schon im Verlaufe des kurzen irdischen Daseins unter gewissen Umständen natürlicherweise über die geltenden Schranken hinausgedrängt wird, also schon im Naturzustand des Menschen als wirkend zu sein aufhört, was soll es dann für die Ewigkeit sein? Ist nicht jedes Gesetz Gottes in Seiner unendlichen Liebe gegründet? Was ist es denn aber hernach, wenn ein solches Gesetz außer Geltung tritt? Ist das etwas anderes, als so man behaupten möchte, die göttliche Liebe tritt ebenfalls unter gewissen Umständen außer Geltung für den Menschen?
GS|2|95|8|0|Darauf aber beruht auch der traurige Glaube eurer heidnisch-christlichen Seite, demzufolge die Liebe Gottes nur so lange dauert, solange der Mensch auf dieser Welt lebt. Ist er einmal gestorben dem Leibe nach und steht lediglich seelisch und geistig da, so fängt sogleich die unwandelbare allerschrecklichst gestrenge, strafende Zorngerechtigkeit Gottes an, bei der von einer Liebe und Erbarmung ewig keine Rede mehr ist.
GS|2|95|9|0|Hat der Mensch durch seine Lebensweise den Himmel verdient, so kommt er nicht etwa zufolge der göttlichen Liebe, sondern nur zufolge der göttlichen Gerechtigkeit in den Himmel, und das natürlich durch das eigene, Gott dienliche und wohlgefällige Verdienst. Hat aber der Mensch nicht also gelebt, so ist die augenblickliche ewige Verdammnis vorhanden, aus der nimmer eine Erlösung zu erwarten ist – was mit anderen Worten nichts anderes sagen will, als so es irgendeinen törichten Vater gäbe, der da ein solches Gesetz in seinem Haushalt aufstellte, und das gegen seine Kinder, welches also lauten möchte:
GS|2|95|10|0|Ich gebe allen meinen Kindern von der Geburt an bis in ihr siebtes Jahr vollkommen Freiheit. In dieser Zeit sollen sie alle meine Liebe ohne Unterschied genießen. Nach Verlauf des siebten Jahres aber ziehe ich bei allen Kindern meine Liebe zurück und will sie von da an entweder richten oder beseligen. Die als unmündige Kinder meine schweren Gesetze gehalten haben, die sollen nach dem siebten Jahr sich fortan meines höchsten Wohlgefallens zu erfreuen haben. Welche sich aber im Verlaufe des siebten Jahres nicht völlig bis auf ein Atom nach meinem schweren Gesetz gebessert haben, diese sollen fortan für alle Zeiten aus meinem väterlichen Haus verflucht und verworfen werden. – Sagt, was würdet ihr zu einem so grausamen Esel von einem Vater sagen? Wäre das nicht ungeheuer mehr als die allerschändlichste Tyrannei aller Tyranneien?
GS|2|95|11|0|Wenn ihr aber solches doch sicher schon bei einem Menschen für unberechenbar töricht, arg und böse finden würdet, wie entsetzlich unsinnig müssen da wohl die Menschen sein, wenn sie noch viel Ärgeres Gott, der die allerhöchste Liebe und Weisheit Selbst ist, solche kaum aussprechliche Schändlichkeiten ansinnen und zuschreiben können!
GS|2|95|12|0|Was tat der Herr am Kreuz als die alleinige göttliche Weisheit, da Sie gewisserart dem außen nach wie geschieden war von der ewigen Liebe? Er, als die Weisheit, und als solche der Grund aller Gerechtigkeit, wandte Sich Selbst an den Vater oder an die ewige Liebe, forderte diese nicht gewisserart gerechtermaßen um die Rache auf, sondern Er bat die Liebe, dass Sie allen diesen Missetätern, also auch allen den Hohenpriestern und Pharisäern all ihre Tat vergeben möchte, indem sie nicht wissen, was sie tun!
GS|2|95|13|0|Solches tut also hier schon die göttliche Gerechtigkeit für Sich. Soll dann die unendliche göttliche Liebe da zu verdammen anfangen, wo die göttliche Gerechtigkeit die noch endlos barmherzigere Liebe um Erbarmung anfleht?
GS|2|95|14|0|Oder wenn man das nicht gelten lässt, dass es dem Herrn wirklich Ernst war mit Seiner Bitte, und sagt, solches habe Er nur beispielsweise getan, macht man da den Herrn nicht zu einem Heuchler, indem man Ihn nur scheinhalber am Kreuz um Vergebung bitten lässt? Heimlich aber lässt man in Ihm doch die unvertilgbare Rache übrig, derzufolge Er in Sich dennoch alle diese Übeltäter schon lange in das allerschärfste höllische Feuer verdammt hatte!
GS|2|95|15|0|O Welt! O Menschen! O allerschrecklichster Unsinn, der je irgend in der ganzen Unendlichkeit und Ewigkeit erdacht werden könnte! Kann man sich wohl etwas Schändlicheres denken, als so man zur allerfalschesten, freilich wohl zeitlichen Autoritätsbegründung der Hölle den Herrn am Kreuz zu einem Lügner, Scheinprediger, Verräter und somit zum allgemeinen Weltenbetrüger macht? Aus wessen anderem Munde als nur allein aus dem Munde des Erzsatans kann solche Lehre und können solche Worte kommen?
GS|2|95|16|0|Ich meine, es genügt auch hier wieder, um euch zu der Einsicht zu bringen, welche Gräuel aus einer höchst verkehrten Deutung und Auslegung eines göttlichen Gesetzes hervorgehen können. Dass es so ist bei euch auf der Welt, das könnt ihr bereits wohl schon selbst mit den Händen greifen. Aber warum es so ist, aus was für einem Grunde, das wusstet ihr nicht und konntet es auch nicht wissen; denn zu mächtig verwirrt ward der Gesetzesknoten, und nimmer hätte jemand diesem Knoten die volle Lösung geben können.
GS|2|95|17|0|Daher hat Sich der Herr eurer erbarmt und lässt euch in der Sonne, da es doch sicher licht genug ist, die wahre Lösung dieses Knotens verkünden, auf dass ihr den allgemeinen Grund aller Bosheit und Finsternis erschauen möchtet.
GS|2|95|18|0|Man wird freilich sagen: Ja, wie kann denn doch so viel Übel von dem Missverstand der zehn Gebote Moses abhängen?
GS|2|95|19|0|Da meine ich: Weil diese zehn Gebote von Gott gegeben sind und tragen in sich die ganze unendliche Ordnung Gottes selbst.
GS|2|95|20|0|Wer sonach in einem oder dem anderen Punkt auf was immer für eine Art aus der göttlichen Ordnung tritt, der bleibt in gar keinem Punkt mehr in der göttlichen Ordnung, indem diese gleich ist einem geraden Weg. So jemand wo immer von diesem Weg abweicht, kann er da sagen: Ich bin nur ein Viertel, Fünftel, Siebtel oder Zehntel des Weges abgewichen? Sicher nicht. Denn wie er nur im Geringsten den Weg verlässt, so ist er schon vom ganzen Weg hinweg, und will er nicht auf den Weg zurückkehren, da wird man doch sicher und gewiss behaupten können, dass derjenige einzelne Punkt am Weg, da der Wanderer von selbem abgewichen ist, den Wanderer sicher vom ganzen Weg entfernt hatte.
GS|2|95|21|0|Und ebenso verhält es sich auch mit jedem einzelnen Punkt des göttlichen Gesetzes. Es kann nicht leichtlich jemanden geben, der sich am ganzen Gesetz gewaltigst versündigt hätte, indem solches auch nahe unmöglich wäre. Aber es ist genug, wenn sich jemand in einem Punkt versündigt und beharrt dann dabei; so kommt er auf diese Weise doch vom ganzen Gesetz hinweg, und wenn er es nicht will und der Herr ihm nicht behilflich sein möchte, so käme er nimmer auf den Weg des Gesetzes oder der göttlichen Ordnung zurück. Und so könnt ihr auch versichert sein, dass die meisten Übel der Welt vom freilich wohl leider anfänglich eigen- und böswilligen Unverstand oder vielmehr von der böswilligen Verdrehung des Sinnes dieser beiden letzten göttlichen Gebote herrühren.
GS|2|95|22|0|Wir haben nun aber auch der Lächerlichkeiten und falschen Auslegungen dieses Gebotes zur Genüge kundgegeben; daher wollen wir denn auch zur rechten Bedeutung dieses Gesetzes schreiten, in deren Licht ihr alle die Albernheiten noch ums Unvergleichliche heller erleuchtet erschauen werdet.
GS|2|96|1|1|Grund des Verdecktseins des eigentlichen Sinnes des zehnten Gebotes
GS|2|96|1|1|(Am 23. Oktober 1843 von 3 1/2 – 6 Uhr abends.)
GS|2|96|1|0|Es werden hier so manche, die das Vorhergehende durchgelesen haben, sagen: Da sind wir im Ernst sehr neugierig darauf, was dieses Gebot für einen eigentlichen beständigen Sinn hat, nachdem jeder Sinn, den wir ehedem diesem Gebot beigelegt haben, unwiderlegbar ins Allerunsinnigst-Lächerlichste gezogen und dargestellt ward. Wir möchten im Ernst schon sehr gern erfahren, wer demnach der Du, der Nächste und dessen Weib ist? Denn aus dem Gebot lässt sich mit Bestimmtheit nichts aufstellen. Der Du kann wohl sicher jedermann sein, ob aber darunter auch ein Weib verstanden sein kann, das steht noch in weitem Felde. Der Nächste ließe sich wohl allenfalls etwas näher bestimmen, besonders wenn man dieses Wort in einem umfassenderen Sinne nimmt, wodurch dann jedermann unser Nächster ist, der irgend unserer Hilfe bedarf. Mit dem Weib aber hat es sicherlich den größten Anstand; denn man weiß nicht, wird darunter nur ein verheiratetes Weib oder auch das ledige weibliche Geschlecht mitverstanden. Es ist hier freilich mehr in der einfachen als in der vielfachen Zahl; aber das macht eben auch die Sache um kein Haar bestimmter. Denn wenn man in irgendeinem Erdteil die Polygamie annimmt, so hätte es da mit der einfachen Zahl offenbar wieder einen neuen Haken. Aus allem diesem sind wir umso neugieriger auf den eigentlichen Sinn dieses Gebotes, indem der Buchstabensinn allenthalben ganz gewaltig unstichhaltig ist.
GS|2|96|2|0|Und ich sage hinzu: Also ist es bestimmt und klar, dass sich mit der Annahme des puren äußeren Buchstabensinnes nur der größte Unsinn, nie aber irgendeine gegründete Wahrheit darstellen lässt.
GS|2|96|3|0|Man wird hier freilich wohl sagen: Ja warum hat denn der Herr das Gesetz nicht sogleich so gegeben, dass es für jedermann nicht verdeckt, sondern ganz offen so erschiene, in was für einem Sinne es eigentlich gegeben und wie es nach eben diesem Sinne zu beobachten ist?
GS|2|96|4|0|Diese Einwendung lässt sich dem außen nach wohl hören und klingt als eine ziemlich weise gestaltete Antiphrase; aber beim Licht betrachtet ist sie so schön dumm, dass man sich nicht leichtlich etwas Dümmeres vorstellen kann. Damit aber die außerordentliche Albernheit dieser Einwendung einem jeden sogleich in die Augen fällt, als stünde er nur wenige Meilen von der Sonne entfernt und diese doch sicher plötzlich mit seinen Augen wahrnehmen würde – oder damit es einem dabei wird, wie dem, der in einem Wald den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, so will ich für diese Gelegenheit einige natürliche, ganz kurz gefasste Betrachtungen aufstellen.
GS|2|96|5|0|Nehmen wir an, einem sogenannten Naturforscher und Botaniker möchte es der Bequemlichkeit seiner Untersuchung wegen einfallen [folgendermaßen zu fragen], und [diese Frage würde] also lauten: Warum hat denn die schöpfende Kraft des schaffenden allerhöchsten Wesens die Bäume und Pflanzen nicht so erschaffen, dass der Kern auswendig und die Rinde inwendig wäre, auf dass man mit leichter Mühe durch Mikroskope das Aufsteigen des Saftes in die Äste und Zweige und dessen (nämlich des Saftes) Reaktionen und andere Wirkungen genau beobachten könnte? Denn es kann doch nicht des Schöpfers Absicht gewesen sein, den denkenden Menschen sogestaltet auf die Erde zu setzen, dass er nie in das Geheimnis der Wunderwirkungen in der Natur eindringen sollte. – Was sagt ihr zu diesem Verlangen? Ist es nicht im höchsten Grad dumm?
GS|2|96|6|0|Nehmen wir aber an, der Herr möchte Sich von einer solchen Aufforderung bestechen lassen und die Bäume also umkehren samt den Pflanzen – werden da nicht gleich wieder andere Naturforscher hinzukommen und sagen: Was nützt uns die Betrachtung des auswendigen Kerns, da wir dabei nicht die wunderbare Bildung der inneren Rinde entdecken können? – Was folgt nun hieraus? Der Herr müsste Sich auch jetzt wieder fügen und auf eine mir fürwahr nicht begreifliche Art Rinde und Kern auswendig am Baum anbringen. Nehmen wir aber an, der Herr hätte solches im Ernst zuwege gebracht und das Inwendige des Baumes besteht nun bloß im Holz. Wird da nicht ein anderer Naturforscher sobald ein neues Bedürfnis kundgeben und sagen: Durch die Rinde und auf einer Seite durch den Kern ist nun die ganze wunderbare Bildung des Holzes verdeckt. Könnte denn ein Baum nicht so gestaltet sein, dass alles, Kern, Holz und Rinde auswendig wäre oder wenigstens so durchsichtig wie die Luft?
GS|2|96|7|0|Ob man einen aus notwendig zahllos vielen Organen zusammengefügten Baum so durchsichtig wie die Luft oder wenigstens wie ein reines Wasser gestalten kann, das sollen Optiker und Mathematiker entscheiden. Was aber übrigens auf vollkommen luftigen Bäumen für Früchte wachsen werden, das dürfte einer ungefähr in den Gegenden des Nordpols oder Südpols in gute Erfahrung bringen. Denn dort geschehen manchmal solche Phänomene, dass zufolge der großen Kälte, auf die Weise wie bei euch im Winter auf den Glasfenstern, dort aber in der Luft kristallinische Eisbäume aufschießen. Ob auf diesen Bäumen auch Feigen und Datteln zum Vorschein kommen, ist bis jetzt noch nicht ermittelt worden.
GS|2|96|8|0|Was aber andererseits diejenigen Bäume betrifft, wo alles, Kern, Holz und Rinde, auswendig sein sollte, so könnt ihr dessen vollkommen versichert sein, dass es ebensoleicht wäre, eine viereckige Kugel zu machen als einen solchen Baum. Ich meine, durch diese Betrachtung sollte die Dummheit obiger Einwendung schon so ziemlich sonnenhaft vor den Augen liegen. Aber um die Sache, wie gewöhnlich, wahrhaft überflüssig klar zu machen, wollen wir noch ein paar Betrachtungen hinzufügen.
GS|2|96|9|0|Nehmen wir an, ein Arzt muss sehr viel studieren, und wenn er schon einen ganzen schweren Wagen voll Gelehrsamkeit gleich einem Polypen in sich eingeschlürft hat, und dann zu einem bedenklich kranken Patienten verlangt wird, so steht er nicht selten also am Krankenlager, wie ein paar neueingespannte Ochsen an einem steilen Berg. Der Arzt wird von den Umstehenden gefragt: Wie finden Sie den Kranken, was fehlt ihm denn? Wird es ihm wohl zu helfen sein?
GS|2|96|10|0|Ob dieser Fragen macht der Arzt ein zwar gelehrtes, aber dabei dennoch stark bedenklich verlegenes Gesicht und spricht: Meine Lieben! Jetzt lässt sich noch nichts bestimmen, ich muss erst durch eine Medizin die Krankheit prüfen. Werden sich da Reaktionen so oder so ergeben, so werde ich schon wissen, wie ich daran bin. Treten aber hier keine Reaktionen auf, da müsst ihr selbst einsehen, dass unsereiner in den Leib nicht hineinschauen kann, um den Sitz der Krankheit nebst ihrer Beschaffenheit ausfindig zu machen.
GS|2|96|11|0|Da spricht aber jemand etwas lakonisch: Herr Arzt, da hätte unser Herrgott wohl besser getan, wenn Er den Menschen entweder so erschaffen hätte wie der Schreiner einen Schrank, den man aufsperren und hineinsehen kann, was darinnen ist. Oder der Schöpfer hätte sollen bei dem Menschen die heikleren Teile, zu denen man auf diese Weise so schwer gelangen kann, gleich den Fingern, Ohren, Augen und Nasen außerhalb gestellt haben, damit man diesem Teil sogleich leicht entweder mit einem Pflaster, mit einer Salbe oder mit einem anderen Umschlag zu Hilfe kommen könnte. Am besten aber wäre es offenbar, Er hätte entweder den Menschen sollen durchsichtig wie das Wasser erschaffen oder Er hätte ihn überhaupt nicht sollen aus gar so lebensgefährlichen Teilen zusammensetzen und ihn überhaupt mehr wie einen Stein gestalten sollen.
GS|2|96|12|0|Der Arzt rümpft hier etwas die Nase, spricht aber dennoch: Ja, mein lieber Freund, das wäre freilich gut und besser, aber es ist einmal nicht so, wie du soeben den Wunsch geäußert hast. Und so müssen wir uns schon damit zufriedenstellen, wenn wir nur auf dem Weg der Erfahrungen etwas genauer über den inneren Gesundheits- oder Krankheitszustand eines Menschen zu schließen imstande sind. Denn wäre der Mensch auch wie ein Kasten aufzumachen, so wäre das fürs Erste für jeden Menschen noch um vieles lebensgefährlicher, als es so ist; nur ein ein wenig ungeschickter Griff in das Innere [wäre lebensgefährlich], und könnte man auch durch ein solches Aufmachen die Eingeweide beschauen, so würde aber einem das noch sehr wenig nützen. Die Eingeweide und ihre feinen Organe müssen doch verschlossen bleiben, indem bei Eröffnung derselben auch auf der Stelle alle Lebenssäfte und alle Lebenstätigkeit flott würden. Was aber die auswendige Stellung der inwendigen Leibesteile betrifft, fürwahr, mein Lieber, das gäbe der menschlichen Gestalt durchaus einen höchst unästhetischen Anblick. Und wenn der Mensch erst völlig durchsichtig wäre, so würde sich ein jeder gegenseitig vor dem anderen erschrecken, denn er würde da einmal den Hautmenschen, dann den Muskelmenschen, den Gefäßmenschen, den Nervenmenschen und endlich den Knochenmenschen auch zu gleicher Zeit erschauen. Dass ein solcher Anblick nicht einladend wäre, das kannst du wohl dir von selbst einbilden.
GS|2|96|13|0|Ich meine, bei dieser Betrachtung wird einem das Alberne der obigen Einwendung noch klarer in die Augen springen.
GS|2|96|14|0|Aber es ist noch jemand, der da spricht: Solches ist bei natürlichen, materiellen Dingen freilich wohl widersinnigst zu denken, dass da ihr Inwendiges auch zugleich ihr Äußeres ausmachen sollte. Aber das Wort für sich ist ja doch weder ein Baum, noch ein Tier, noch ein Mensch, sondern es ist schon an und für sich geistig, indem es nichts Materielles an sich trägt. Warum sollte das hernach noch gleich einem Baum oder Menschen irgendeinen unbegreiflichen inneren Sinn haben? Oder wie sollte dieser möglich sein, wenn man die ohnehin außerordentliche Einfachheit und Flachheit des Wortes betrachtet?
GS|2|96|15|0|Gut, sage ich, nehmen wir das Wort „Vater“. Was bezeichnet es? Ist das Wort schon der Vater selbst oder bezeichnet das Wort wirklich einen wesenhaften Vater, von dem ebendieses Wort bloß nur ein äußerer Merkmalstypus ist? Man wird sagen: Offenbar ist hier das Wort nicht der Vater selbst, sondern nur eine äußere Bezeichnung desselben. – Gut, sage ich, und frage aber dabei: Was muss man denn dann alles unter diesem Wort verstehen, auf dass man ebendieses Wort als einen äußeren richtig bezeichnenden Typus anerkennt? – Antwort: Das Wort muss einen Menschen darstellen, der ein gehöriges Alter hat, verheiratet ist, mit seinem Weib wirklich lebende Kinder erzeugt hat und dieselben dann wahrhaft väterlich leiblich und geistig versorgt.
GS|2|96|16|0|Wer kann hier nur im Geringsten in Abrede stellen, dass diese ziemlich gedehnte und überaus wesentliche Bedeutung im einfachen Wort „Vater“ stecken muss, ohne welche dieses Wort gar kein Wort wäre?
GS|2|96|17|0|Wenn aber schon in äußeren Beziehungen ein jedes einfache Wort eine mehr inwendige Erklärung und Zergliederung zulassen muss, um wie viel mehr muss demnach ein jedes äußere Wort auch einen inwendigen geistigen Sinn haben, indem doch sicher alles, was durch äußere Worte bezeichnet wird, selbst ein inwendiges Geistiges, also Kraftvolles und Wirkendes haben muss. Ein Vater hat sicher auch Seele und Geist. Wird das Wort den Begriff „Vater“ wohl richtig bezeichnen, wenn es sein Seelisches und Geistiges ausschließt? Sicher nicht, denn der wesenhafte Vater besteht aus Leib, Seele und Geist, also aus Auswendigem, Innerem und Inwendigstem. Wenn sonach der wesenhafte Vater lebendig also beschaffen ist, muss solches dann nicht auch wie in einem Spiegel im Wort, durch das der wesenhafte Vater als Vater bezeichnet wird, ebenso gut vollkommen bezeichnend zugrunde liegen?
GS|2|96|18|0|Ich meine, deutlicher und klarer lässt sich ein notwendiger innerer Sinn des Wortes nicht darstellen. Und daraus aber kann auch ersichtlich sein, dass der Herr, so Er auf der Welt Seinen Willen kundgibt, Er ihn für äußere Menschen nach Seiner ewigen göttlichen Ordnung nicht anders kundgeben kann, als eben nur durch äußere, bildliche Darstellungen, in denen dann offenbar ein innerer und ein innerster Sinn zugrunde liegt; wodurch dann der ganze Mensch von seinem Inwendigsten bis zu seinem Äußersten nach der göttlichen Liebe versorgt ist.
GS|2|96|19|0|Da wir aber nun die Notwendigkeit und die Gewissheit solcher Einrichtung mehr als handgreiflich dargetan haben, so wird es nun auch ein gar Leichtes sein, den inneren, wahren Sinn unseres Gesetzes beinahe von selbst zu finden, und so er von mir dargestellt wird, wenigstens als den unumstößlich einzig wahren und allgemein geltenden zu erkennen. Und so gehen wir sogleich zu solcher Darstellung über!
GS|2|97|1|1|Der geistige Sinn des zehnten Gebotes
GS|2|97|1|1|(Am 28. Oktober 1843 von 3 3/4 – 6 Uhr abends.)
GS|2|97|1|0|Das Gesetz lautet sonach, wie wir es bereits nur schon zu überaus stark auswendig wissen: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib“ – oder: Du sollst kein Verlangen haben nach deines Nächsten Weib, was eines und dasselbe ist. – Wer ist denn das Weib und wer ist der Nächste?
GS|2|97|2|0|Das Weib ist eines jeden Menschen Liebe und der Nächste ist jeder Mensch, mit dem ich irgend in Berührung komme oder der irgend, wo es sein kann, möglich und notwendig ist, meiner Hilfe bedarf. Wenn wir das wissen, so wissen wir im Grunde schon alles.
GS|2|97|3|0|Was besagt demnach das Gebot? Nichts anderes als: Ein jeder Mann soll nicht eigenliebig die Liebe seines Nächsten auffordernd zu seinem Besten verlangen; denn Eigenliebe ist an und für sich nichts anderes, als sich die Liebe anderer zuziehen zum eigenen Genuss, aber von ihm selbst keinen Funken Liebe mehr wiederzuspenden.
GS|2|97|4|0|So lautet demnach das Gesetz in seinem geistigen Ursinn. Man sagt aber:
GS|2|97|5|0|Hier ist es doch offenbar in einem Sinn des Buchstabens wiedergegeben, den man im Anfang ebenso gut wie jetzt hätte aussprechen können; und es wäre dadurch so vielen Abirrungen vorgebeugt gewesen. – Ich aber sage: Das ist allerdings richtig. Wenn man einen Baum bei der Mitte auseinanderspaltet, so kommt dann sicher der Kern auch nach außen, und man kann ihn ebenso bequem beschauen wie ehedem beim konkreten Baum die alleinige Rinde.
GS|2|97|6|0|Der Herr aber hat den inneren Sinn darum geflissentlich weise in ein äußeres naturmäßiges Bild verhüllt, damit dieser heilige, inwendige, lebendige Sinn nicht sollte von irgend böswilligen Menschen angegriffen und zerstört werden, wodurch dann alle Himmel und Welten in den größten Schaden gebracht werden könnten. Aus diesem Grunde hat auch der Herr gesagt: „Vor den großen und mächtigen Weisen der Welt soll es verborgen bleiben und nur den Kleinen, Schwachen und Unmündigen geoffenbart werden“.
GS|2|97|7|0|Es verhält sich aber ja schon mit den Dingen der Natur gerade also. Nehmen wir an, der Herr hätte die Bäume so erschaffen, dass ihr Kern und ihre Hauptlebensorgane zu äußerst des Stammes lägen – sagt selbst, wie vielen Todesgefahren wäre da ein Baum zu jeder Sekunde ausgesetzt?
GS|2|97|8|0|Ihr wisst, wenn man an einem Baum seinen inneren Kern etwa geflissentlich oder mutwillig durchbohrt, so ist es um den Baum geschehen. Wenn irgendein böser Wurm die Hauptstammwurzel, welche mit dem Kern des Baumes in engster Verbindung ist, durchnagt, so stirbt der Baum ab. Wem ist nicht der sogenannte bösartige Sportenkäfer [Borkenkäfer] bekannt? Was tut dieser den Bäumen? Er nagt zuerst am Holz und frisst sich hier und da in die Hauptorgane des Baumes ein und der Baum stirbt ab. Wenn der Baum auf diese wohlverwahrte Weise schon so manchen Lebensgefahren ausgesetzt ist, wie vielen Lebensgefahren wäre er erst dann ausgesetzt, so seine Hauptlebensorgane zu äußerst des Stammes lägen?
GS|2|97|9|0|Seht, gerade so und noch ums Unaussprechliche heikliger verhält es sich mit dem Wort des Herrn. Würde da gleich anfänglich der innere Sinn nach außen hinausgekehrt gegeben, so bestände schon gar lange keine Religion mehr unter den Menschen; denn sie hätten diesen inneren heiligen Sinn in seinem Lebensteil ebenso gut zernagt und zerkratzt, wie sie es mit der äußeren Rinde am Baum des Lebens getan haben – und hätten schon lange die innere heilige Stadt Gottes ebenso gut zerstört, dass da kein Stein auf dem anderen geblieben wäre, wie sie es fürs Erste mit dem alten Jerusalem getan haben und wie mit dem äußeren, allein Buchstabensinn innehabenden Wort.
GS|2|97|10|0|Denn das Wort Gottes in seinem äußeren Buchstabensinn, wie ihr es in der Heiligen Schrift vor euch habt, ist von dem Urtext so sehr verschieden, als wie verschieden das heutige höchst elende Städtchen Jerusalem von der alten Weltstadt Jerusalem ist.
GS|2|97|11|0|Alle diese Versetzung und Zerstückung und auch Abkürzung im alleinigen äußeren Buchstabensinn ist aber dennoch dem inneren Sinn nicht nachteilig, weil der Herr durch Seine weise Vorsehung schon von Ewigkeit her also die Ordnung getroffen hat, dass eine und dieselbe geistige Wahrheit unter den verschiedenartigsten äußeren Bildern unbeschadet erhalten und gegeben werden kann.
GS|2|97|12|0|Aber ganz anders wäre es dann der Fall, wenn der Herr sogleich die nackte innere geistige Wahrheit ohne äußere schützende Umhüllung gegeben hätte. Sie [die Welt] hätte diese heilige, lebendige Wahrheit zernagt und zerstört nach ihrem Gutdünken, und es wäre eben dadurch um alles Leben geschehen gewesen.
GS|2|97|13|0|Weil aber der innere Sinn so verdeckt ist, dass ihn die Welt unmöglich je ausfindig machen kann, so bleibt das Leben gesichert, wenn auch dessen äußeres Gewand in tausend Stücke zerrissen wird. Und so klingt dann freilich der innere Sinn des Wortes, wenn er geoffenbart wird, ebenfalls so als wäre er gleich dem Außensinn des Wortes, und kann ebenfalls durch artikulierte Laute oder Worte ausgedrückt werden; deswegen bleibt er dennoch ein innerer, lebendiger, geistiger Sinn und ist als solcher dadurch erkennbar, weil er die gesamte göttliche Ordnung umfasst, während das ihn enthaltende Bild nur ein spezielles Verhältnis ausdrückt, welches, wie wir gesehen haben, nie von einer allgemeinen Geltung sein kann.
GS|2|97|14|0|Wie aber das soeben abgehandelte Gebot im Bild ein äußeres Hüllwerk nur ist, und wie der euch nun bekanntgegebene innere Sinn ein wahrhaft innerer, geistiger und lebendiger ist, wollen wir sogleich durch eine kleine Nachbetrachtung in ein klares Licht setzen.
GS|2|97|15|0|Das äußere bildliche Gebot ist bekannt, innerlich heißt es: Habe kein Verlangen nach der Liebe deines Bruders oder deiner Schwester!
GS|2|97|16|0|Warum wird denn hier dieses inhalts- und lebensschwere Gebot in das Bild des nicht zu begehrenden Weibes gehüllt?
GS|2|97|17|0|Ich mache euch bei dieser Gelegenheit nur auf einen Ausspruch des Herrn Selbst aufmerksam, in dem Er Sich über die Liebe des Mannes zum Weib also äußert, da Er spricht: „Also wird ein Sohn seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weib anhangen“.
GS|2|97|18|0|Was will der Herr dadurch anzeigen? Nichts anderes als: des Menschen mächtigste Liebe auf dieser Welt ist die zu seinem Weib. Was aber liebt der Mensch in seiner Ordnung mehr auf der Welt als sein liebes braves, gutes Weib? Im Weib steckt somit des Mannes ganze Liebe, wie auch umgekehrt das Weib in seiner Ordnung sicher nichts mächtiger liebt als einen ihrem Herzen entsprechenden Mann.
GS|2|97|19|0|So wird denn auch in diesem Gebot unter dem Bild des Weibes, des Mannes – oder des Menschen überhaupt – komplette Liebe gesetzt, weil das Weib im Ernst nichts anderes als eine äußere, zarte Umhüllung der Liebe des Mannes ist.
GS|2|97|20|0|Wem kann nun bei dieser Erklärung entgehen, dass unter dem Bild: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib“ ebenso viel gesagt ist als: Du sollst nicht dir zu deinem Vorteil die Liebe deines Nächsten verlangen, und das natürlich die ganz komplette Liebe, weil das Weib auf der Welt ebenfalls die komplette Liebe des Mannes in sich begreift.
GS|2|97|21|0|Wenn ihr aber nun dieses nur einigermaßen genau betrachtet, so werdet ihr es gar leicht sogar mit den Händen greifen, dass alle die äußeren, uns bekannten Unbestimmtheiten des äußeren bildlichen Gesetzes nichts als lauter innere allgemeine Bestimmtheiten sind. Wie aber, wollen wir sogleich sehen.
GS|2|97|22|0|Seht, das „Du“ ist unbestimmt. Warum denn? Weil dadurch im inneren Sinne jedermann verstanden wird; ob des männlichen oder des weiblichen Geschlechts, das ist gleich. Also ist das Weib ebenfalls unbestimmt, und es ist nicht gesagt, ob ein altes oder ein junges, ob eins oder mehrere, ob ein Mädchen oder eine Witwe. Warum ist solches unbestimmt? Weil die Liebe des Menschen nur eine ist, und ist weder ein altes noch ein junges Weib, noch eine Witwe, noch ein lediges Mädchen, sondern sie als die Liebe ist in jedem Menschen nur gleich eine, nach welcher der andere Nebenmensch kein Verlangen haben soll, weil fürs Erste diese Liebe eines jeden Menschen eigenstes Leben selbst ist, und weil fürs Zweite dann ein jeder, der nach solcher Liebe ein habsüchtiges, neidisches oder geiziges Verlangen hat, gewisserart als ein Mordlustiger neben seinem Nächsten erscheint, indem er sich der Liebe oder des Lebens desselben zu seinem Vorteil bemächtigen möchte. Also ist auch der Nächste unbestimmt. Warum denn? Weil dadurch im geistigen Sinne jeder Mensch ohne Unterschied des Geschlechts verstanden wird.
GS|2|97|23|0|Ich meine, daraus sollte euch schon so ziemlich klar sein, dass der von mir euch kundgegebene innere Sinn der alleinig rechte ist, weil er alles umfasst.
GS|2|97|24|0|Es wird freilich hier vielleicht mancher, aus seinem Mondviertellicht heraus sich hochbrüstend, einwendend sagen: Ja, wenn die Sache sich so verhält, da ist es ja hernach gar keine Sünde, wenn jemand seines Nächsten Weib oder Töchter beschläft oder sie dazu verlangt. – Da sage ich: Oho, mein lieber Freund! Mit diesem Einwurf hast du ungeheuer stark ins Blaue gedroschen. Wird unter dem, dass du nicht die Liebe deines Nächsten begehren solltest, und zwar seine komplette Liebe, nicht alles das verstanden, was er als lebensteuer in seinem Herzen trägt? Siehe, also sind auch im Ernst nicht nur das Weib und die Töchter deines Nächsten in diesem Gebot deinem Verlangen vorenthalten, sondern alles, was die Liebe deines Bruders umfasst.
GS|2|97|25|0|Aus diesem Grunde wurden auch uranfänglich die zwei letzten Gebote als ein Gebot zusammengezogen gegeben, und sind nur dadurch unterschieden, dass im neunten Gebot des Nächsten Liebe mehr sonderheitlich zu respektieren dargestellt ward, in unserem zehnten Gebot aber eben dasselbe als im inwendigsten Sinne ganz allgemein zusammengefasst zur respektierenden Beobachtung dargestellt wird.
GS|2|97|26|0|Dass sonach dadurch auch das Begehren des Weibes und der Töchter des Nächsten verboten ist, kann doch sicher ein jeder Mensch mit seinen Händen greifen, und es verhält sich mit der Sache geradeso, als so man jemandem einen ganzen Ochsen gibt, man damit auch seine Extremitäten, seinen Schweif, Hörner, Ohren und Füße etc. mitgibt. Oder so der Herr jemandem eine Welt schenken würde, da wird Er ihm doch alles, was auf derselben ist, mitgeben und nicht sagen: Nur das Innere der Welt gehört dir, die Oberfläche aber gehört Mir.
GS|2|97|27|0|Ich meine nun, klarer kann die Sache zum Verständnis des Menschen nicht gegeben werden. Wir haben nun den inneren, wahren Sinn dieses Gebotes, wie er in allen Himmeln ewig geltend ist und die Glückseligkeit aller Engel bedingt, vollkommen kennengelernt und sind jedem möglichen Einwurf begegnet. Also sind wir damit auch zu Ende und wollen uns daher sogleich in den elften glänzenden Saal vor uns begeben. Allda werden wir erst alles bisher Gesagte im klarsten Licht wie auf einem Punkt zusammengefasst und bestätigt finden. Also treten wir hinein!
GS|2|98|1|1|Das elfte Gebot – die Gottesliebe. Gleichnis vom Sonnenaufgang
GS|2|98|1|1|(Am 30. Oktober 1843 von 4 1/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|2|98|1|0|Wir sind bereits in diesem Saal und ersehen hier in der Mitte des Saales ebenfalls auf einer großen, weißen, glänzenden Säule eine runde Tafel. Sie glänzt wie die Sonne, und in ihrer Mitte steht mit rubinrot leuchtender Schrift geschrieben:
GS|2|98|2|0|„Du sollst Gott deinen Herrn lieben über alles, aus deinem ganzen Gemüt und aus allen deinen von Gott dir verliehenen Lebenskräften“.
GS|2|98|3|0|Nebst dieser inhaltsschweren, prachtvollen Sonnentafel erblicken wir auch, mehr als sonst in irgendeinem Saal, eine Menge schon völlig groß gewachsener Kinder, welche, wie ihr bemerken könnt, bald die Tafel anblicken, bald sich wieder mit ihren Lehrern besprechen und bald ganz in sich versunken, die Hände kreuzweise auf die Brust legend, gleich Statuen dastehen. Der ganze Anblick sagt schon im Voraus, dass es sich hier um etwas gar außerordentlich Wichtiges handle.
GS|2|98|4|0|Es dürfte vielleicht mancher fragen und sagen: Solches stünde wohl offenbar zu erwarten. Aber wenn man die Sache recht beim Licht betrachten will, so will dieses auf der Sonnentafel aufgeschriebene Gebot ja doch sicher nichts anderes sagen, als was im Grunde zusammengenommen alle die früheren Gebote gesagt haben. Warum muss denn gerade diese Tafel hier also glänzen, während doch alle übrigen vorhergehenden zehn Tafeln nur ganz einfach weiß und wie gewöhnlich mit einer dunklen Substanz beschrieben waren? – Diese Bemerkung ist nicht ganz ohne Gehalt. Dessen ungeachtet aber verliert sie hier ihren Wert, so wie alle anderen Lehren und Behauptungen gegen ein einziges Wort aus dem Munde des Herrn all ihren Schein notwendig verlieren müssen.
GS|2|98|5|0|Es verhält sich mit der Sache gerade so, wie es sich auf der Welt in der großen Natur tagtäglich nahe handgreiflich beurkundet. Nehmen wir an, wie viele tausend und tausendmal tausend kleinere und mitunter auch stärkere und etwas größere Lichter strahlen in jeder Nacht aus den hohen Himmeln zur finsteren Erde herab. Der Mond selbst ist nicht selten die ganze Nacht hindurch tätig. Neben diesen herrlichen Lichtern zünden zur Nachtzeit die Menschen auf der Erde nahe ebenso viele künstliche Lichter an.
GS|2|98|6|0|Bei diesem schauerlichen Wust von Lichtern und Lichtern sollte man doch glauben, es müsse in der Nachtzeit auf der Erde vor lauter Licht gar nicht auszuhalten sein. Allein die Erfahrung hat noch allzeit gezeigt, dass es auf der Erde nach dem Untergang der Sonne trotz der stets mehr und mehr auftauchenden Lichter am Himmel auch stets finsterer wird, je tiefer sich die Sonne unter den Horizont hinabsenkt.
GS|2|98|7|0|Wer kann sagen, diese Lichter seien nicht herrlich? Ja, ein nur mittelmäßiger Verehrer der Wunder Gottes muss beim Anblick des gestirnten Himmels zur Nachtzeit sich auf die Brust klopfen und sagen: O Herr, ich bin nicht würdig, in diesem Deinem Heiligtum, in diesem Deinem unendlichen Allmachtstempel zu wandeln! – Ja fürwahr, man kann in jeder Nacht mit vollstem Recht ausrufen: O Herr! Wer Deine Werke betrachtet, hat eine eitle Lust daran!
GS|2|98|8|0|Warum denn eine eitle? Weil ein jeder Mensch für sich im Ernst hinreichenden Grund hat, aus lauter Lust und Wonnegefühl darum fromm-eitel zu sein, weil Derjenige, der solche Wunderwerke erschuf, sein Vater ist!! Es hat also ein jeder gar billigermaßen ein heiliges Recht darauf, sich zu freuen, wenn er also in einer Nacht mehr in sich zurückgekehrt die großen Wunderwerke seines allmächtigen Vaters betrachtet. Und fürwahr, die Flamme einer Lampe und die am Herd ist nicht minder ein Wunderwerk des allmächtigen Vaters, als das brillant strahlende Licht der zahllosen Sterne des Himmels!
GS|2|98|9|0|Und seht nun, aller dieser hoch zu bewundernden Wunderpracht gleicht das Alte Testamentswort in allen seinen Teilen.
GS|2|98|10|0|Wir erblicken an diesem alten, aber immer noch nächtlichen Himmel eine kaum zählbare Menge von größeren und kleineren Lichtern. Sie strahlen herrlich, und wer sie betrachtet, wird allzeit mit einer geheimen, heiligen Ehrfurcht erfüllt. Warum denn? Weil sein Geist Großes ahnt hinter diesen Lichtern. Aber sie sind noch zu weit entfernt von ihm. Er kann schauen und greifen und fühlen, aber die kleinen Lichter wollen mit ihrem großen Inhalt seinem forschenden Geist nicht näher rücken.
GS|2|98|11|0|Wer sind aber diese Himmelslichter in dem alten Himmel des Geistes?
GS|2|98|12|0|Seht, es sind alle die euch bekannten vom Geist Gottes erfüllten Patriarchen, Väter, Propheten, Lehrer und Führer des Volkes. Aber auch auf der Erde gibt es ja eine Menge künstlicher Lichter, wer sollen denn diese sein im Alten Testament? Das sind diejenigen achtenswerten Menschen, die nach dem Wort, welches aus dem gottbegeistigten Menschen kam, treulich lebten und durch ihren Lebenswandel ihre Nachbarn erleuchteten und erquickten.
GS|2|98|13|0|Also haben wir diese recht herrliche Nachtszene vor uns. Wohl werden durch so manche nächtliche Partialstürme hier und da die Strahlen des Himmels mit schnell dahineilenden Wolken flüchtig verdeckt. Aber derselbe Sturm, der ehedem eine lichtfeindliche Wolke über das prachtvolle Sternengezelt brachte, eben derselbe Sturm treibt diese Wolke über den Horizont hinab, und nach ihm wird reiner das Firmament, als es zuvor war. Alles wird ängstlich ob eines solchen kurzwährenden Sturmes und wünscht sich wieder die ruhige, herrliche, von so vielen tausend Lichtern durchleuchtete Nacht. Aber ein Naturkundiger spricht: Solche Stürme sind nichts als gewöhnliche Vorboten des nahen Tages, daher solle man nicht ängstlich sein.
GS|2|98|14|0|Also ist es auch fürwahr. Denn wo große Kräfte in Bewegung gesetzt werden, da kann man doch mit Recht schließen und sagen: Hier kann eine noch größere, ja die allergrößte Urkraft nicht fern sein, denn kleine Winde sind nichts als Seitenströmungen eines irgend nicht sehr fernen großen Orkans. Also hat unser Naturkundiger ja recht, und wir erquicken uns noch immer an der herrlichen Pracht der Wundermacht.
GS|2|98|15|0|Wir schwärmen gleich den Verliebten unter den vielen Fenstern des großen Prachthauses herum, und blicken mit phantasie- und sehnsuchtsvoller Brust hinauf zu den durch eine Nachtlampe schwach erleuchteten Lichtöffnungen des Hauses, hinter denen wir den Gegenstand unserer Liebe wittern.
GS|2|98|16|0|Viele Ahnungen, tausend inhaltsschwere Gedanken zucken da gleich Sternschnuppen über unseren Liebehimmel, aber kein solch flüchtiges ephemeres Licht will dem Durst unserer Liebe eine genügende Labung reichen.
GS|2|98|17|0|Also geht es den Menschen auch in dem alten nächtlichen Sternenhimmel des Geistes. Aber was geschieht? Der Aufgang fängt sich an zu röten, heller und heller wird es über dem Horizont des Aufganges. Noch einen Blick nach dem ehemals so herrlichen Himmel, und was ersieht man? Nichts anderes, als einen Stern um den anderen verschwinden.
GS|2|98|18|0|Die Sonne, die herrliche, geht mit ihrem urewigen Tagesglanz auf und kein Sternchen am Himmel ist mehr zu erschauen, denn die eine Sonne hat jedes Himmelsatomchen heller gemacht mit dem einen Licht, als in der Nacht all die zahllosen Sterne zusammengenommen so etwas zu bewirken imstande gewesen wären.
GS|2|98|19|0|Und dem harrenden Verliebten, der die ganze Nacht hindurch vergeblich geschwärmt hatte, geht am für ihn inhaltsschweren Haus nur ein Fenster auf. Und von diesem einen Fenster begrüßt ihn der ersehnte Gegenstand seines Herzens und sagt ihm mit einem wohlwollenden Blick mehr als ehedem die Nacht hindurch seine zahllosen Phantasien und Gedanken!
GS|2|98|20|0|So sehen wir in der großen Natur eine Szene tagtäglich, die der unsrigen geistigen vollkommen entspricht.
GS|2|98|21|0|Den Mond, gleich dem Moses, sehen wir mit abnehmendem und ganz erblasstem Licht soeben hinter das abendliche Gebirge untertauchen, als die mächtige Sonne am Morgen über den Horizont emporsteigt. Was ehedem in der Nacht auch immer in ein noch so geheimnisvolles Dunkel gehüllt war, steht jetzt hell erleuchtet vor jedermanns Augen!
GS|2|98|22|0|Das ist alles die Wirkung der Sonne. Und am geistigen Himmel alles die Wirkung des Einen Herrn, des Einen Jesus, der da ist der alleinige Einige Gott Himmels und aller Welten!
GS|2|98|23|0|Was Er Selbst in Sich ist als die göttliche Sonne aller Sonnen, das ist auch ein jedes einzelne Wort aus Seinem Munde gesprochen gegen alle zahllosen Worte aus dem Munde begeisterter Patriarchen, Väter und Propheten. Zahllose Ermahnungen, Gesetze und Vorschriften ersehen wir im Verlaufe des Alten Testamentes. Das sind Sterne und auch künstliche Lichter der Nacht. Dann aber kommt der Herr, spricht ein Wort nur, und dieses Wort wiegt das ganze Alte Testament auf!
GS|2|98|24|0|Und seht, aus eben diesem Grunde erscheint auch dieses eine erste Wort hier in diesem elften Saal als eine selbstleuchtende Sonne, deren Licht zahllose Sterne wohl erleuchtet, aber es dagegen ewig nimmer vonnöten hat, sich des Gegenschimmers der Sterne zu bedienen. Denn es ist ja das Urlicht, aus dem alle die zahllosen Sterne ihr teilweises Licht genommen haben.
GS|2|98|25|0|Und so wird es denn auch hier in dieser Erscheinlichkeit sicher begreiflich sein, warum die vormaligen zehn Tafeln nur allein weiß, also mattschimmernd, aufgerichtet sind, wogegen wir hier das urewige Sonnenlicht dargestellt erschauen, das keines Vor- und Nachtlichtes bedarf, sondern schon in sich alles Licht fasst.
GS|2|98|26|0|Wer dieses nur einigermaßen beherzigt, der wird es sicher vollkommen einsehen, warum der Herr gesagt hat: „In diesem Gebot der Liebe sind Moses und alle Propheten enthalten“. Es ist sicher ebenso viel gesagt, als so man natürlichermaßen sagen möchte: Am Tag erblickt man darum die Sterne nicht mehr und hat deren Licht auch nicht mehr vonnöten, weil all ihr Licht in dem einen Licht der Sonne zahllos aufgewogen wird. – Wie aber durch solches hier die vollste Wahrheit sich handgreiflich darbietet, werdet ihr in der Folge ersehen.
GS|2|99|1|1|Die Liebe Gottes entspricht der allbelebenden Wärme
GS|2|99|1|1|(Am 31. Oktober 1843 von 4 1/4 – 5 1/4 Uhr abends.)
GS|2|99|1|0|Die Liebe Gottes ist der Urgrundstoff aller Geschöpfe, denn ohne diese hätte ewig nie etwas erschaffen werden können. Diese Liebe entspricht der allbelebenden und zeugenden Wärme, und nur durch die Wärme seht ihr die Erde unter euren Füßen grünen.
GS|2|99|2|0|Durch die Wärme wird der starre Baum belaubt, blühend, und die Wärme ist es in ihrem Wesen, die die Frucht am Baum reift. Es gibt überhaupt auf der ganzen Erdoberfläche nirgends ein Wesen oder ein Ding, das da seinen Ursprung im gänzlichen Wärmemangel nehmen könnte.
GS|2|99|3|0|Man wird hier etwa sagen und einwenden: Das Eis ermangelt doch sicher aller Wärme, und besonders das Polareis. Mit dem wird die Wärme doch nicht gar zu viel zu schaffen haben, denn bei nahe vierzig Grad Kälte möchte man wohl dasjenige Wärmemessungsinstrument kennen, das dort noch irgendeine Wärme heraustüpfeln könnte. – Ich aber sage hierzu nichts anderes, als dass die Gelehrten dieser Erde noch dasjenige Instrument nicht erfunden haben, wodurch sie den eigentlichen Wärmestoff vom eigentlichen Kaltstoff wohl ausmesslich aussondern und gewissenhaft bestimmen könnten. Bei uns, die wir im inwendigen reinen Wissen sind, ist ein ganz anderes Maß eingeführt und gebräuchlich.
GS|2|99|4|0|Die Gelehrten der Erde fangen da mit der Messung der Kälte an, wo das Wasser gefriert. Wenn beim Gefrierpunkt schon die eigentliche Kälte anfängt, da möchte ich denn doch den Grund wissen, nach welchen Gesetzen oder auf welche Art und Weise dann die Kälte zunehmen kann? Warum empfindet man bei euch eine Temperatur von etwa vier bis fünf Graden unter dem sogenannten Eispunkt noch ganz leidlich erträglich? Wenn aber das Thermometer bis auf achtzehn Grade hinabgesunken ist, da wird ein jeder die Kälte schon sehr schmerzlich empfinden. Kann man hier nicht sagen, und das mit vollem Recht: Achtzehn Grad Kälte sind darum empfindlicher als vier Grade, weil bei vier Graden offenbar noch mehr Wärme als bei achtzehn Graden vorherrschend ist? Kann man nun achtzehn Grade schon als komplette Kälte annehmen? O nein, denn man hat schon dreißig Grad Kälte erlebt. Diese war noch viel schmerzlicher als die mit achtzehn Graden. Warum denn? Weil sie wieder bei weitem weniger Wärme in sich enthielt als die mit achtzehn Graden. Aber vierzig Grade werden noch schmerzlicher sein als dreißig. Ist man aber darum schon berechtigt, die vierzig Grade als komplett vollkommen wärmelos zu erklären?
GS|2|99|5|0|Ich aber will euch sagen, dass das nichts als Übergänge von der Wärme zur Kälte und also auch umgekehrt sind. Daher kann man diesen viel richtigeren Maßstab annehmen:
GS|2|99|6|0|Jedes Ding, jeder Körper, der noch erwärmungsfähig ist, kann nicht völlig kalt genannt werden, sondern er hat ebenso viel Wärme in sich, als wie groß und dicht er ist. Ein Eisklumpen vom höchsten Norden kann am Feuer geschmolzen und das Wasser dann bis zum Sieden gebracht werden. Hätte dieses Eis nicht gebundene Wärme in sich, nimmer könnte es erwärmt werden.
GS|2|99|7|0|Kälte ist demnach diejenige Eigenschaft eines Wesens, in der durchaus keine Erwärmungsfähigkeit mehr vorhanden ist. Und so kann man mit Recht selbst die Bildung des Eises am Nordpol nur einzig und allein der Reaktion der Wärme zuschreiben, wo sie von der Kälte bedroht ihre Körper ergreift, zusammenzieht und festet, damit sie der eigentlichen Kälte den festesten Widerstand leisten können.
GS|2|99|8|0|Die Wärme ist demnach gleich der Liebe, die eigentliche Kälte aber gleich der eigentlichsten höllischen Liebelosigkeit. Wo diese herrschend auftreten will, da bewaffnet sich ihr gegenüber die alles belebende und erhaltende Liebe, und die eigentliche alles ertötende Kälte vermag der so bewaffneten Liebe keinen Sieg abzugewinnen.
GS|2|99|9|0|Was heißt denn hernach: „Liebe Gott über alles“? – Natürlicherweise betrachtet kann es unmöglich etwas anderes heißen als:
GS|2|99|10|0|Verbinde deine dir von Gott gegebene Lebenswärme mit der dich erschaffenden und erhaltenden Urwärme deines Schöpfers, so wirst du das Leben ewig nimmer verlieren.
GS|2|99|11|0|Wirst du aber deine Liebe oder deine Lebenswärme freiwillig von der göttlichen Urlebenswärme trennen und gewisserart als ein selbständig herrschendes Wesen da sein wollen, so wird deine Wärme keine Nahrung mehr haben.
GS|2|99|12|0|Du wirst dadurch in einen stets größeren Kältegrad übergehen. Und je tiefer du hinabsinken wirst in die stets mächtiger kaltwerdenden Grade, desto schwerer wird es halten, dich wieder zu erwärmen. Bist du aber in die vollkommene Kälte übergegangen, dann bist du ganz dem Satan anheimgefallen, allwo du als rein kalt keiner Erwärmung mehr fähig bist!
GS|2|99|13|0|Was da mit dir weiter, davon weiß kein Engel des Himmels eine Silbe dir zu sagen.
GS|2|99|14|0|In Gott sind freilich wohl unendliche Tiefen. Wer aber wird diese ergründen und dabei das Leben erhalten?
GS|2|99|15|0|Ich meine, aus dieser kurzen Vorerwähnung wird man schon so ziemlich klar sich einen Begriff zu machen anfangen können, warum dieses Gebot, dieses eine Wort des Herrn, der Inbegriff, ja eine Sonne aller Sonnen und ein Wort aller Worte ist. In der Folge wollen wir mehreres davon sprechen.
GS|2|100|1|1|Wie soll man Gott lieben?
GS|2|100|1|1|(Am 3. November 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|2|100|1|0|Ich sehe einen, der da kommt und spricht: Es wäre ja schon alles recht, aber wie sollte man dieses eine göttliche Wort an Gott Selbst realisieren? Wie sollte man denn so ganz eigentlich Gott lieben, und das noch obendrauf über alles? Sollte man in Gott etwa also verliebt sein, als wie verliebt da ist ein junger Bräutigam in seine allerschönste und reichste Braut? Oder sollte man in Gott also verliebt sein, als wie verliebt da ist ein Mathematiker in eine mathematische Berechnung oder ein Astronom in seine Sterne? Oder sollte man also verliebt sein wie ein Spekulant in seine Ware oder ein Kapitalist in sein Geld oder wie ein Herrschaftsbesitzer in seine Herrschaften oder auch wie ein herrschender Monarch in seinen Thron? Das sind die einzig möglichen Maßstäbe ernster menschlicher Liebe, denn der Kinder Liebe zu ihren Eltern kann man nicht füglich als einen ernsten Maßstab der Liebe aufstellen, indem das Beispiel lehrt, dass Kinder ihre Eltern verlassen können, um entweder irgendeine gute Heirat zu machen oder irgend viel Geld zu gewinnen. Bei all dem tritt die Liebe der Kinder zu ihren Eltern zurück und muss notwendig einer mächtigeren Platz machen. Daher sind hier nur die mächtigsten Maßstäbe der menschlichen Liebe angeführt, und da fragt es sich, nach welchem soll man so eigentlich die Liebe zu Gott bemessen?
GS|2|100|2|0|Wenn aber nun jemand kommt und spricht: Nach diesem oder jenem, da sage ich als der Einwender: Freund! Das kann nicht sein.
GS|2|100|3|0|Es ist wahr, die von mir angeführten mächtigsten Liebemaßstäbe sind wohl die einzigen, wonach des Menschen größte Liebekraft bemessen werden kann; aber es heißt ja, man solle Gott über alles lieben, was so viel sagen will als: mehr, als alles in der Welt.
GS|2|100|4|0|Da fragt es sich, wie es anfangen, wie die Liebe zu einer Potenz erheben, von der sich kein menschlicher Geist einen irgend messbaren oder vergleichbaren Begriff machen kann? Man wird etwa sagen: Man solle Gott noch mehr lieben als sein eigenes Leben. – Da sage ich, der Einwender: Mit der Liebe des eigenen Lebens hält die allerhöchste Liebe zu Gott noch weniger irgendeinen Vergleich aus als die Liebe der Kinder zu ihren Eltern. Denn es gehört schon viel dazu, dass die Kinder ihr Leben aus Liebe zu ihren Eltern aufs Spiel setzen, im Gegenteil haben sie es lieber, so die Eltern für sie auf Leben und Tod kämpfen.
GS|2|100|5|0|Sonach erscheint die Eigenliebe der Kinder gegenüber der Liebe zu ihren Eltern nicht selten bei weitem mächtiger. Aber wir sehen andererseits, dass die Kinder der Menschen für andere Vorteile überaus häufig ihr Leben beinahe verachtend aufs Spiel setzen. Der eine segelt stürmische Nächte hindurch über den Ozean, ein anderer stellt sich vor die feuernde Front der feindlichen Armee, ein dritter begibt sich nicht selten in lockere Abgründe der Erde, um sich aus derselben metallene Schätze zu holen. Und so sehen wir, dass diese äußeren weltlich-ernsten Maßstäbe menschlicher Liebe sicher kräftiger sind und eine allgemeinere Geltung haben als die Liebe der Kinder zu ihren Eltern und die Liebe zum eigenen Leben.
GS|2|100|6|0|Aber was nützen alle diese Maßstäbe, wenn über sie kräftig hinaus die Liebe zu Gott auf einer solchen Potenz stehen soll, gegen die alle anderen Liebemaßstäbe ins reine Nichts zurücksinken sollen? Seht, meine lieben Freunde und Brüder, unser Einwender hat uns scharf angegriffen, und wir werden uns recht kräftig auf die Hinterbeine stellen müssen, um gegen den Einwender das Übergewicht zu gewinnen.
GS|2|100|7|0|Aber ich sehe soeben wieder einen ganz ernstlich aussehenden Gegenkämpfer. Dieser tritt seines Sieges ganz sicher auf und spricht: Oh, mit diesem Einwender werden wir bald fertig werden, denn dazu hat uns der Herr ja Selbst den ausdrücklichen Maßstab gegeben, wie man Gott lieben soll. Ich brauche daher nichts anderes zu sagen, als was der Herr Selbst gesagt hat, nämlich: „Wer Meine Gebote hält, der ist es, der Mich liebt“. – Das ist somit der eigentliche Maßstab, wie man Gott lieben soll.
GS|2|100|8|0|Wenn der Einwender genug scharfe und starke Zähne hat, so soll er da noch versuchen, irgendeine andere non plus ultra [unübertreffliche] Liebeswage aufzustellen. Gut, sage ich, der Einwender ist noch zur Seite und macht sehr starke Miene, diesen Einwurf ein wenig zu zerbeißen. Wir wollen ihn daher auch ein wenig anhören und sehen, was alles er hervorbringen wird. Er spricht:
GS|2|100|9|0|Gut, mein lieber, freundlicher Gegner! In der Aufstellung deiner Einwendung hast du mir gegenüber zum Maßstab der höchsten Liebe zu Gott nicht viel mehr bewiesen als ein ziemlich festes Gedächtnis, dem du so manche Texte aus der hl. Schrift zu danken hast. Aber siehe, wer aus all den Texten einen lebendigen Nutzen ziehen will, der muss nicht nur wissen, wie sie lauten, sondern er muss in sich lebendig verstehen, was sie sagen wollen.
GS|2|100|10|0|Was würdest denn du sagen, so ich dir eben aus dem Munde des Herrn Selbst gesprochen nicht nur einen, sondern mehrere schnurgerade Gegensätze aufstellen würde, laut denen der Herr Selbst die Liebe aus der Erfüllung des Gesetzes als nicht genügend darstellt? Du machst zwar jetzt ein Gesicht, als möchtest du sagen: Dergleichen Texte dürften in der Schrift doch wohl etwas karg ausgestreut sein. – Ich aber erwidere dir: Lieber Freund, durchaus nicht. Höre mich nur an, ich will dir gleich mit einem halben Dutzend, so du es willst, aufwarten. Höre mich nur an!
GS|2|100|11|0|Ist dir bekannt das Gespräch des Herrn mit dem reichen Jüngling? Fragt nicht dieser: „Meister, was soll ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?“ – Was antwortet ihm da der Herr? Du sprichst gewisserart triumphierend: Der Herr spricht: „Halte die Gebote und liebe Gott, so wirst du leben!“ – Gut, sage ich, was spricht aber der Jüngling? Er spricht: „Meister, das habe ich von meiner Kindheit an gehalten“.
GS|2|100|12|0|Das ist alles richtig. Warum aber, frage ich, hat der Jüngling diese Antwort dem Herrn gegeben? Er wollte Ihm dadurch sagen: Trotzdem, dass ich das alles von meiner Kindheit an gehalten habe, so verspüre ich aber dennoch nichts von dem wunderbaren ewigen Leben in mir.
GS|2|100|13|0|Warum erklärt der Herr nun darauf dem Jüngling die Haltung der Gebote zur Erreichung des ewigen Lebens nicht als genügend, sondern macht sogleich einen sehr gewaltigen Zusatz, indem Er spricht: „So verkaufe alle deine Güter, verteile sie unter die Armen und folge Mir nach!“
GS|2|100|14|0|Frage, wenn der Herr also Selbst einen solchen Zusatz macht, genügen da als höchste Liebe zu Gott die beobachteten Gesetze? Siehe, da hat es schon einen Haken, gehen wir aber weiter!
GS|2|100|15|0|Was spricht einmal der Herr zu Seinen Aposteln und Jüngern, als Er ihnen die zu erfüllenden Pflichten vorstellt und anpreist? Er spricht nichts anderes als bloß die einfachen, sehr bedeutungsvollen Worte: „Wenn ihr aber alles getan habt, da bekennt, dass ihr faule und unnütze Knechte seid“.
GS|2|100|16|0|Ich frage dich nun: Erklärt hier der Herr die Haltung der Gebote als genügend, indem Er doch offenbar erklärt, dass sich ein jeder das Gesetz vollkommen erfüllende Mensch als völlig unnütz betrachten solle? Siehe, da wäre der zweite schon etwas gewaltigere Haken. Aber nur weiter!
GS|2|100|17|0|Kennst du dasjenige Gleichnis von dem Pharisäer und Zöllner im Tempel? Der Pharisäer gibt sich frohen Gewissens selbst vor dem Heiligtum das treue Zeugnis, dass er, wie gar viele nicht, das Gesetz Moses in seinem ganzen Umfang allzeit genauest, also vollkommen buchstäblich erfüllt habe. Der arme Zöllner rückwärts in einem Winkel des Tempels aber gibt durch seine ungeheuer demütige Stellung jedem Beobachter überaus getreu zu erkennen, dass er eben mit der Haltung des Mosaischen Gesetzes nicht gar viel muss zu schaffen gehabt haben, denn seiner Sünden gar wohl inne, getraut er sich nicht einmal zum Heiligtum Gottes hinaufzublicken, sondern bekennt selbst seine Wertlosigkeit vor Gott und bittet Ihn um Gnade und Erbarmen.
GS|2|100|18|0|Da möchte ich denn doch wohl wissen von dir, du mein lieber textkundiger Freund, warum, wenn das Gesetz genügt, der Herr hier den das ganze Gesetz streng beobachtenden Pharisäer als ungerechtfertigt und den armen sündigen Zöllner als gerechtfertigt aus dem Tempel gehen lässt?
GS|2|100|19|0|Sehe, wenn man das so recht beim Licht betrachtet, so scheint es, als hätte der Herr da mit der alleinigen Haltung des Gesetzes schon wieder Selbst einen dritten sehr bedeutenden Haken gemacht. Du zuckst nun schon mit den Achseln und weißt nicht mehr, wie du daran bist. Mache dir aber nichts daraus, es soll schon noch besser kommen! Also nur weiter.
GS|2|100|20|0|Was möchtest du denn sagen, wenn ich dir aus der Schrift, also aus dem Munde des Herrn Selbst einen Text anführen möchte, laut welchem Er das ganze Gesetz indirekt als völlig ungültig erklärt und setzt dafür ein ganz anderes vehiculum [Fahrzeug] auf, durch welches Er Selbst einzig und allein die Gewinnung des ewigen Lebens verbürgt?
GS|2|100|21|0|Du sprichst nun: Guter Freund, diesen Text möchte ich auch hören. – Sollst ihn gleich haben, mein lieber Freund! Was spricht einmal der Herr, als Er ein Kind am Weg fand, es aufnahm, herzte und koste? Er spricht: „So ihr nicht werdet wie dieses Kind, so werdet ihr in das Himmelreich nicht eingehen!“
GS|2|100|22|0|Frage: Hat dieses Kind, das noch kaum einige Worte zu lallen imstande war, die Gesetze Moses je studiert und dann sein Leben streng danach gerichtet? Auf der ganzen Welt gibt es sicher keinen so dummen Menschen, der so etwas behaupten könnte. Frage demnach: Wie konnte der Herr hier als höchstes Motiv zur Gewinnung des ewigen Lebens ein Kind aufstellen, das mit dem ganzen Gesetz Moses noch nie ein Jota zu tun hatte? Freund, ich sage hier nichts weiter als: So es dir beliebt, so mache mir darüber eine einwendliche Erörterung. Du schweigst. So ersehe ich, dass du mit deiner Aufstellung bei diesem vierten Haken schon so ziemlich tief dich in den Hintergrund zurückgezogen hast. Mache dir aber noch immer nichts daraus; denn es soll schon noch besser kommen!
GS|2|101|1|1|Gott über alles zu lieben bedingt mehr als die alleinige Haltung des Gesetzes
GS|2|101|1|1|(Am 6. November 1843 von 3 3/4 – 6 Uhr abends.)
GS|2|101|1|0|Du hast in diesen vier Punkten gesehen, dass der Herr einesteils die alleinige Haltung des Gesetzes zur Erlangung des eigentlichen ewigen Lebens nicht als hinreichend darstellt und in dem vierten Punkt dasselbe sogar indirekt aufhebt.
GS|2|101|2|0|Was möchtest du aber sagen, so ich dir ein paar Punkte anführen möchte, wo der Herr sich über die Haltung des Gesetzes sogar tadelnd bezeigt? Du sagst hier: Das wird wohl nicht möglich sein! – Dafür kann ich dir sogleich nicht nur mit einem, sondern, so du es willst, mit mehreren Beispielen aufwarten. Höre!
GS|2|101|3|0|Jeder, der das Mosaische Gesetz in seinem Umfang nur einigermaßen durchblättert hat, dem muss es bekannt sein, wie sehr Moses die Gastfreundschaft dem jüdischen Volk anbefohlen hatte. Wer sich gegen die Gastfreundschaft versündigte, war vor Gott und vor den Menschen für strafwürdig erklärt, und das Gesetz der Gastfreundschaft ward dem jüdischen Volk, welches sehr zur Habsucht geneigt war, umso mehr eingeschärft, um dieses Volk dadurch fürs Erste vor der Eigenliebe und Habsucht zu verwahren und es zur Nächstenliebe zu leiten.
GS|2|101|4|0|Gesetz war es daher, einen fremden Gast, besonders wenn er der jüdischen Nation angehörte, mit aller Aufmerksamkeit zu empfangen und zu bedienen; und dieses Gesetz rührte her von Gott; denn Gott und [nicht] Moses war der Gesetzgeber.
GS|2|101|5|0|Als aber eben derselbe Herr, der einst durch Moses die Gesetze gegeben hatte, zu Bethania in das Haus des Lazarus kam, da war Martha gesetzesbeflissenst und bot alle ihre Kräfte auf, um diesen allerwürdigsten Gast ja gebührendst zu bedienen. Maria, ihre Schwester, vergisst vor lauter Freude über den erhabenen Gast des Gesetzes, setzt sich ganz untätig zu Seinen Füßen hin und hört mit der größten Aufmerksamkeit die mannigfaltigsten Erzählungen und Gleichnisse des Herrn an. Martha, über die völlige Untätigkeit ihrer Schwester und über die Gesetzesvergessenheit derselben bei dieser Gelegenheit ein wenig erregt, wendet sich selbst ganz eifrig zum Herrn und spricht: „Herr! ich habe so viel zu tun; heiße Du doch meiner Schwester, dass sie mir ein wenig überhelfe!“ – Oder noch deutscher gesprochen: Herr, Du Gründer des Mosaischen Gesetzes, erinnere doch meine Schwester an die Haltung desselben.
GS|2|101|6|0|Was spricht aber der Herr hier? „Martha, Martha!“ spricht Er, „du machst dir viel zu schaffen um Weltliches! Maria aber hat sich den besseren Teil erwählt, welcher von ihr ewig nimmer wird genommen werden.“
GS|2|101|7|0|Sage du mir, mein lieber Freund, nun, ob das nicht ein offenbarer Tadel gegen die gar emsige und genaue Haltung des Gesetzes vom Herrn aus ist, und im Gegenteil eine außerordentliche Belobung derjenigen Person, die sich gewisserart um das ganze Gesetz nicht kümmert, sondern nur durch ihre Handlungsweise also spricht:
GS|2|101|8|0|Herr, so ich nur Dich habe, da ist mir die ganze Welt um den schlechtesten Stater feil! – Zeigt hier der Herr nicht wieder, dass die alleinige Haltung des Gesetzes niemandem denjenigen besseren, ja besten Teil gibt, der von ihm ewig nimmer genommen wird? Siehe, das ist demnach ein fünfter Haken. Aber nur weiter!
GS|2|101|9|0|Was spricht der Herr Selbst beim Moses, und das im dritten Gebot: Du sollst den Sabbat heiligen!? – Frage, was tut aber der Herr Selbst im Angesichte Seiner buchstäblichen Erfüller des Gesetzes? Siehe, Er geht her und entheiligt Selbst den Sabbat, offenbar nach dem Buchstabensinn des Gesetzes, und erlaubt sogar Seinen Jüngern, an einem Sabbat die Ähren zu lesen und sich zu sättigen mit den Körnern. Wie gefällt dir diese Haltung des Gesetzes Moses, wo der Herr Selbst nicht nur allein für Sich, sondern zum sehr starken Ärgernis der buchstäblichen Gesetzeserfüller den ganzen Sabbat über den Haufen wirft? Du wirst sagen, das konnte der Herr ja wohl tun, denn Er ist auch ein Herr des Sabbats.
GS|2|101|10|0|Gut, aber ich frage: Wussten die sich ärgernden Pharisäer, dass des Zimmermanns Sohn ein Herr des Sabbats war? – Du meinst, sie hätten solches sollen an Seinen Wunderwerken erkennen. – Da aber sage ich dir: Bei diesem Volk waren Wunderwerke nicht hinreichend, um die vollkommene Göttlichkeit in Christo zu erkennen, denn Wunderwerke haben alle Propheten gewirkt zu allen Zeiten, die echten sowie auch mitunter die falschen. Also kann man das nicht voraussetzen, dass da die Wunder Christi die Pharisäer von Seiner Göttlichkeit und Herrlichkeit hätten überzeugen sollen.
GS|2|101|11|0|Alle Propheten aber bis auf Ihn haben den Sabbat geheiligt, Er allein warf ihn über den Haufen. Musste das nicht den Buchstabenerfüllern ein Ärgernis sein? Allerdings, und dennoch ließ der Herr nicht handeln mit Sich.
GS|2|101|12|0|Was geht aber aus dem hervor? Nichts anderes, als dass der Herr die Haltung des Gebotes allein für sich betrachtet ganz unten ansetzt. Warum denn? Ein kleines Gleichnis aus deiner eigenen Sphäre wie aus der Sphäre eines jeden Menschen, der je in der Welt gelebt hat, soll dir die Antwort bringen:
GS|2|101|13|0|Ein Vater hat zwei Kinder. Er hat diesen zwei Kindern seinen Willen wie gesetzlich bekanntgegeben. Einen Acker und Weingarten zeigte er ihnen und sprach: Ihr seid kräftig geworden, und so verlange ich von euch, dass ihr für mich nun den Weingarten und den Acker fleißig bearbeiten sollt. Aus euerem Fleiß werde ich erkennen, wer aus euch beiden mich am meisten liebt. – Nun, das ist das Gesetz, laut welchem natürlich demjenigen Sohn, der den Vater am meisten liebt, des Vaters Herrlichkeit zuteilwird.
GS|2|101|14|0|Was tun aber die beiden Söhne? Der eine nimmt den Spaten und sticht den ganzen Tag fleißig die Erde um und bestellt den Acker und den Weingarten. Der andere lässt sich bei der Arbeit mehr, wie man zu sagen pflegt, gut geschehen. Warum denn? Er spricht: Wenn ich auf dem Acker oder in dem Weingarten bin, da muss ich stets meinen lieben Vater entbehren; zugleich bin ich nicht so herrlichkeitssüchtig wie mein Bruder. Habe ich nur meinen lieben Vater, kann ich nur um Ihn sein, der meinem Herzen alles ist, da frage ich wenig um eine oder die andere Überkommung einer Herrlichkeit.
GS|2|101|15|0|Der Vater sagt diesem zweiten Sohn auch dann und wann: Aber siehe, wie dein Bruder fleißig arbeitet und sucht sich meine Liebe zu verdienen. – Der Sohn aber spricht: O lieber Vater! Wenn ich am Feld bin, da bin ich dir fern, und mein Herz lässt mich nicht ruhen, sondern spricht zu mir immer laut: Die Liebe wohnt nicht in der Hand, sondern im Herzen, daher will sie auch nicht mit der Hand, sondern mit dem Herzen verdient sein! Gib Du, Vater, meinem Bruder, der so emsig arbeitet, den Acker und den Weingarten. Ich aber bin hinreichend von dir aus beteilt, wenn du mir nur erlaubst, dass ich dich nach meiner Herzenslust allzeit lieben darf, wie ich dich lieben will und muss, weil du mein Vater, mein Alles bist!
GS|2|101|16|0|Was wird da wohl der Vater nun sagen, und das aus dem innersten Grund seines Herzens? Sicher nichts anderes als:
GS|2|101|17|0|Ja, du mein geliebtester Sohn, dein Herz hat dir das meinige enthüllt; das Gesetz ist nur eine Prüfung. Aber mein Sohn, die Liebe steckt im Gesetz nicht; denn jeder, der das Gesetz allein hält, hält dasselbe aus Eigenliebe, um sich dadurch mit seiner Tatkraft meine Liebe und meine Herrlichkeit zu verdienen. Der aber also das Gesetz hält, der ist noch fern von meiner Liebe, denn seine Liebe hängt nicht an mir, sondern am Lohn.
GS|2|101|18|0|Du aber hast dich umgekehrt, hast das Gesetz zwar nicht verschmäht, weil es dein Vater gegeben hat, aber du hast dich erhoben über das Gesetz, und deine Liebe führte dich über demselben zu deinem Vater zurück. Also soll denn auch dein Bruder den Acker und den Weingarten überkommen und in meine Herrlichkeit treten; du aber, mein geliebtester Sohn, sollst haben, was du gesucht hast, nämlich den Vater Selbst und alle seine Liebe!
GS|2|101|19|0|Ich meine, mein lieber Freund, aus diesem Gleichnis wird es etwa doch hübsch handgreiflich klar sein, was da mehr ist, die allein trockene Gesetzhaltung oder die Übergehung derselben und das Ergreifen der alleinigen Liebe.
GS|2|101|20|0|Sollte dir die Sache noch nicht völlig klar sein, da frage ich dich: So du wärst in der Gelegenheit, dir aus zwei Jungfrauen eine Braut zu suchen, von denen du überzeugt wärst, dass dich beide lieben, aber noch nicht völlig überzeugt, die welche aus ihnen am meisten – würdest du nicht sehr wünschen, zu erfahren, die welche dich am meisten liebt, um sonach auch die dich am meisten Liebende zu wählen? – Du sprichst: Das ist ganz klar; aber wie es anstellen, um das zu erfahren? – Das wollen wir sogleich haben.
GS|2|101|21|0|Siehe, zu der ersten kommst du hin. Sie ist emsig und tätig. Aus Liebe zu dir weiß sie sich aus lauter Arbeit nicht aus [noch ein], und das aus lauter Arbeit für dich, denn sie macht für dich Hemden, Strümpfe, Nachtleibchen und dergleichen noch mehrere Kleidungsstücke, und hat damit so vollauf zu tun, dass sie nicht selten aus lauter Arbeit kaum gewahr wird, wenn du zu ihr kommst. Siehe, das ist die erste. Die zweite arbeitet sehr lässig. Sie arbeitet zwar auch für dich, aber ihr Herz ist zu sehr mit dir beschäftigt, als dass sie ihre Aufmerksamkeit der Arbeit spenden könnte. Besuchst du sie, und erblickt sie dich von weitem zu ihr gehend, da ist von einer Arbeit gar keine Rede mehr; denn da kennt sie nichts Höheres, nichts Verdienstlicheres als dich allein! Du allein bist ihr alles in allem, für dich gibt sie alle Welt! Sage mir, die welche aus den beiden wirst du dir wählen?
GS|2|101|22|0|Du sprichst: Lieber Freund! Um eine ganze Trillion ist mir ja die zweite lieber, denn was liegt mir an den paar Hemden und Strümpfen? Offenbar ist ja hier ersichtlich, dass mich die erste ja nur zu verdienen sucht dadurch, dass sie von mir die Anerkennung ihres Verdienstes erzwingen will. Die andere aber sucht mich zu erlieben. Sie ist über alle Verdienstlichkeit hinaus und kennt nichts Höheres als mich und meine Liebe. Diese würde ich auch zu meinem Weib nehmen.
GS|2|101|23|0|Gut, sage ich dir, mein lieber Freund, siehst du hier nicht deutlich das Wesen der Martha und der Maria? Siehst du, was der Herr zu der gesetzesbeschäftigten Martha spricht und was zu der müßigen Maria?
GS|2|101|24|0|Aus dem aber kannst du auch ersehen, was der Herr über das Gesetz von jedem Menschen verlangt, und zugleich handgreiflich zu erkennen gibt, worin die Liebe des Menschen zu Gott besteht. Aus eben dem Grunde verflucht der Herr sogar, erregt in Seinem Herzen, die Buchstabenerfüller (die Pharisäer und Schriftgelehrten nämlich) des Gesetzes, lobt den sündigen Zöllner und macht den Dieben, Hurern und Ehebrechern das Himmelreich eher zugänglich als den trockenen Buchstabendreschern.
GS|2|101|25|0|Daher frage ich, der Einwender, nun mit vollstem Recht noch einmal, nach welchem Maßstab man Gott über alles lieben soll? Habe ich den Maßstab, dann habe ich alles, habe ich aber den Maßstab nicht, dann liebe ich wie einer, der nicht weiß, was die Liebe ist. Daher noch einmal die Frage:
GS|2|101|26|0|Wie soll man Gott über alles lieben? Und ich, Johannes, sage: Gott über alles lieben heißt:
GS|2|101|27|0|Gott über alles Gesetz hinaus lieben! Wie das, soll die Folge zeigen.
GS|2|102|1|1|Wie man Gott über das Gesetz hinaus lieben soll
GS|2|102|1|1|(Am 7. November 1843 von 4 1/4 – 5 1/2 Uhr abends.)
GS|2|102|1|0|Um aber gründlich zu erfahren und einzusehen, wie man Gott über das Gesetz hinaus lieben soll, muss man wissen, dass das Gesetz an und für sich nichts anderes als der trockene Weg zur eigenen Liebe Gottes ist.
GS|2|102|2|0|Wer Gott in seinem Herzen zu lieben anfängt, der hat den Weg schon zurückgelegt; wer aber Gott nur durch die Haltung des Gesetzes liebt, der ist mit seiner Liebe noch immer ein Reisender auf dem Weg, allda keine Früchte wachsen und nicht selten Räuber und Diebe des Wanderers harren.
GS|2|102|3|0|Wer aber Gott rein liebt, der liebt Ihn schon über alles! Denn Gott über alles lieben heißt ja: Gott über alles Gesetz hinaus lieben. Wer draußen am Weg ist, der muss fortwährend von Schritt zu Schritt weiterschreiten, um so auf die mühevollste Weise das vorgesteckte Ziel zu erreichen. Wer aber Gott sogleich liebt, der überspringt den ganzen Weg, also das ganze Gesetz, und er liebt sogestaltet Gott über alles.
GS|2|102|4|0|Man dürfte hier vielleicht sagen: Das klingt sonderbar, denn nach unseren Begriffen heißt ja Gott über alles lieben: Gott mehr lieben als alles in der Welt. – Gut, sage ich und frage aber zugleich dabei: Welchen Maßstab hat aber der Mensch dafür, um solch eine Liebe zu bemessen? Der Einwender hat diese Maßstäbe der für den Menschen höchst möglichen Liebe auf der Welt deutlich genug auseinandergesetzt und gezeigt, dass der Mensch auf diese Weise für die Über-alles-Liebe zu Gott durchaus keinen Maßstab hat.
GS|2|102|5|0|Ich aber sage: Ist durch das gegebene Gesetz nicht alles dargetan, wie der Mensch sich in seiner Begierde und Liebe zu den weltlichen Dingen zu verhalten hat? Im Gesetz sind sonach alle Dinge dargestellt, und für die Liebe des Menschen daneben die gerechte Beschränkung gegeben, nach der sich ein jeder Mensch zu den weltlichen Dingen zu verhalten hat.
GS|2|102|6|0|Wenn aber nun jemand Gott über das Gesetz hinaus liebt, der liebt Ihn sicher auch über alle weltlichen Dinge hinaus, weil, wie gesagt, eben durch das Gesetz die Benutzung der weltlichen Dinge und das Verhalten zu denselben nach der göttlichen Ordnung dargestellt wird. Ein kurzer Nachtrag in vergleichender Stellung wird die ganze Sache sonnenklar machen.
GS|2|102|7|0|Der Herr spricht zum reichen Jüngling: „Verkaufe alles, teile es unter die Armen, und folge Mir!“ – Was heißt das? Mit anderen Worten nichts anderes als: So du, Jüngling, das Gesetz beobachtet hast, so erhebe dich nun über dasselbe, gib der Welt alle Gesetze und alle ihre Dinge zurück, und du bleibe bei Mir, so hast du das Leben!
GS|2|102|8|0|Wer wird hier nicht erkennen, was „Gott über das Gesetz hinaus lieben“ heißt?
GS|2|102|9|0|Weiter, der Herr spricht zu den Jüngern: „So ihr nicht werdet wie dies Kindlein, so werdet ihr nicht in das Reich Gottes eingehen.“ – Was will denn das sagen? Nichts anderes als:
GS|2|102|10|0|So ihr nicht wie dieses Kindlein, alles in der Welt nichts achtend, weder das Gesetz, noch die Dinge der Welt, zu Mir kommt und Mich wie dieses Kind mit aller Liebe ergreift, so werdet ihr nicht in das Reich Gottes eingehen! – Warum denn nicht? Weil der Herr Selbst wieder spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben!“ Wer also zu Mir, der Ich vollkommen eins bin mit dem Vater, kommen will, der muss durch Mich in den Stall eingehen; denn Ich Selbst bin die Tür und der Stall oder das Reich Gottes Selbst.
GS|2|102|11|0|Solange sonach jemand nicht den Herrn Selbst ergreift, so lange kann er nicht zu Ihm kommen, und wenn er gleich wie ein Fels tausend Gesetze unveränderlich beobachtet hätte. Denn wer am Weg noch ist, der ist noch nicht beim Herrn, wer aber beim Herrn ist, was sollte der noch mit dem Weg zu schaffen haben?
GS|2|102|12|0|Aber hier unter euch gibt es Toren, und das zu vielen Hunderttausenden, die den Weg viel höher halten als den Herrn. Und wenn sie schon beim Herrn sind, so kehren sie wieder um, entfernen sich von Ihm, um nur am elenden Weg zu sein! Solche haben mehr Freude mit der Knechtschaft, mit der Sklaverei, mit dem harten Joch als mit dem Herrn, der jeden Menschen frei macht, überaus leicht sein Joch und sanft seine Bürde. Leicht das Joch, auf dass es ihn nicht drücke im Zuge des Lebens am Nacken der Liebe zum Herrn und gar sanft die Bürde, welche ist das alleinige Gesetz der Liebe! Weiter sehen wir ein Beispiel.
GS|2|102|13|0|Der gerechte Pharisäer lobt sich selbst am Weg; aber der Zöllner rückwärts findet den ganzen Weg überaus beschwerlich. Denn nimmer mag er das Ziel desselben erschauen. Er beugt sich daher tiefst vor dem Herrn in seinem Herzen, erkennt seine Schwäche und Unfähigkeit, den Weg genau zu gehen. Dafür aber erfasst er Gott den Herrn mit seinem Herzen und macht dadurch einen Riesensprung über den ganzen beschwerlichen Weg und erreicht dadurch sein Ziel!
GS|2|102|14|0|Wer wird hier nicht mit den Händen greifen, was „den Herrn über alles lieben“ heißt? Also gehen wir weiter. Die Martha ist am Weg, die Maria am Ziel! Hier braucht man kaum mehr darüber zu sagen, denn zu klar und deutlich zeigt sich hier, was „den Herrn über alles lieben“ heißt.
GS|2|102|15|0|Wollen wir aber die Sache noch zum Überfluss klarer haben, da betrachten wir noch die Szene, wo der Herr den Petrus dreimal fragt, ob er Ihn liebt. Warum fragt Er ihn denn dreimal? Denn der Herr wusste ja ohnehin, dass Ihn Petrus liebhatte, und wusste auch, dass Ihm Petrus alle die drei gleichen Fragen mit demselben Herzen und demselben Munde gleichbedeutend beantworten wird. Das wusste der Herr sicher. Aber darum hat Er auch diese Frage nicht an den Petrus gestellt, sondern darum, dass der Petrus bekennen sollte, dass er frei ist und den Herrn über alles Gesetz hinaus liebe. Und so bedeutet die erste Frage: „Petrus, liebst du Mich?“ – Petrus, hast du Mich gefunden auf dem Weg? – Solches bejaht Petrus, und der Herr spricht: „Weide Meine Schafe“, das heißt: Lehre auch die Brüder Mich also finden! – Die zweite Frage: Petrus, liebst du Mich? heißt: Petrus, bist du bei Mir, bist du an der Tür? – Der Petrus bejaht solches, und der Herr spricht: „Also weide Meine Schafe!“ oder: Also bringe auch die Brüder, dass sie bei Mir seien an der Tür zum Leben! – Und zum dritten Mal fragt der Herr den Petrus: „Liebst du Mich?“ Das heißt so viel als: Petrus, bist du über alles Gesetz hinaus? Bist du in Mir wie Ich in dir? – Ängstlich bejaht solches Petrus, und der Herr spricht abermals: „Also weide Meine Schafe und folge Mir!“ Das heißt so viel als: Also bringe auch du die Brüder, dass sie in Mir seien und in Meiner Ordnung und Liebe wohnen gleich wie du.
GS|2|102|16|0|Denn dem Herrn folgen heißt: in der Liebe des Herrn wohnen. Ich meine, mehr noch zu sagen, was Gott über alles lieben heißt, wäre denn doch etwas überflüssig. Und da wir nun solches wissen und das Licht des Lichtes erkannt haben, so wollen wir uns sogleich in den zwölften und letzten Saal begeben.
GS|2|103|1|1|Das zwölfte Gebot – die Nächstenliebe. Gerechte und ungerechte Nächstenliebe
GS|2|103|1|1|(Am 8. November 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|2|103|1|0|Wir sind darin und erblicken hier in der Mitte dieses großen und prachtvollen Saales ebenfalls wieder eine Sonnentafel und in der Mitte derselben mit rotleuchtender Schrift geschrieben: „Dies ist dem ersten gleich, dass du deinen Nächsten liebst wie dich selbst; darinnen ist das Gesetz und die Propheten.“ – Da dürfte sogleich jemand aufstehen und sagen: Wie soll das zu verstehen sein: den Nächsten wie sich selbst lieben? Denn die Sichselbst- oder Eigenliebe ist ein Laster, somit kann die gleichförmige Nächstenliebe doch auch nichts anderes als ein Laster sein, indem die Nächstenliebe auf diese Weise die Selbst- oder Eigenliebe ja offenbar als Grund aufstellt. Will ich als ein tugendhafter Mensch leben, so darf ich mich nicht selbst lieben. Wenn ich mich aber nicht selbst lieben darf, so darf ich ja auch den Nächsten nicht lieben, indem das Liebeverhältnis zum Nächsten dem Eigenliebeverhältnis als vollkommen gleichlautend entsprechen soll. Demnach hieße ja „den Nächsten wie sich selbst lieben“ den Nächsten gar nicht lieben, weil man sich selbst auch nicht lieben soll.
GS|2|103|2|0|Seht, das wäre schon so ein gewöhnlicher Einwurf, welchem zu begegnen es freilich nicht gar zu schwerfallen dürfte, indem eines jeden Menschen Eigenliebe so viel als sein eigenes Leben selbst ausmacht, so versteht sich in diesem Grad die natürliche Eigenliebe von selbst, denn keine Eigenliebe haben, hieße so viel als kein Leben haben!
GS|2|103|3|0|Es handelt sich hier demnach zu erkennen den Unterschied zwischen der gerechten und ungerechten Eigenliebe.
GS|2|103|4|0|Gerecht ist die Eigenliebe, wenn sie nach den Dingen der Welt kein größeres Verlangen hat, als was ihr das reiche Maß der göttlichen Ordnung zugeteilt hatte, welches Maß in dem siebten, neunten und zehnten Gebot hinreichend gezeigt wurde. Verlangt die Eigenliebe über dieses Maß hinaus, so überschreitet sie die bestimmten Grenzen der göttlichen Ordnung und ist beim ersten Übertritt schon als Sünde zu betrachten. Also nach diesem Maßstab ist demnach auch die Nächstenliebe einzuteilen; denn so jemand einen Bruder über dieses Maß hinaus liebt, so treibt er mit seinem Bruder oder mit seiner Schwester Abgötterei und macht ihn dadurch nicht besser, sondern schlechter.
GS|2|103|5|0|Früchte solcher übermäßigen Nächstenliebe sind zumeist alle die heutigen und allzeitigen Beherrscher der Völker. Wieso denn? Irgendein Volk hat einen aus seiner Mitte wegen seiner mehr glänzenden Talente über das gerechte Maß hinaus geliebt, machte ihn zum Herrscher über sich und musste sich’s hernach gefallen lassen, von ihm oder wenigstens von seinen Nachkommen für diese Untugend gar empfindlich gestraft zu werden.
GS|2|103|6|0|Man wird hier sagen: Aber Könige und Fürsten müssen ja doch sein, um die Völker zu leiten, und sie seien von Gott Selbst eingesetzt. – Ich will dagegen nicht geradewegs verneinend auftreten, aber beleuchten die Sache, wie sie ist und wie sie sein sollte, will ich hier bei dieser Gelegenheit.
GS|2|103|7|0|Was spricht der Herr zum israelitischen Volk, als es einen König verlangte? Nichts anderes als: „Zu allen Sünden, die dieses Volk vor Mir begangen hat, hat es auch diese größte hinzugefügt, dass es, mit Meiner Leitung unzufrieden, einen König verlangt“. – Aus diesem Satz lässt sich, meine ich, hinreichend erschauen, dass die Könige von Gott aus dem Volk nicht als Segen, sondern als ein Gericht gegeben werden.
GS|2|103|8|0|Frage: Sind Könige notwendig an der Seite Gottes zur Leitung der Menschheit? Diese Frage kann mit derselben Antwort beantwortet werden wie eine andere Frage, welche also lautet: Hat der Herr bei der Erschaffung der Welt und bei der Erschaffung des Menschen irgendeines Helfers vonnöten gehabt?
GS|2|103|9|0|Frage weiter: Welche Könige und Fürsten helfen dem Herrn zu jeder Zeit wie gegenwärtig, die Welten in ihrer Ordnung zu erhalten und sie auf ihren Bahnen zu führen? Welchen Herzog braucht Er für die Winde, welchen Fürsten für die Ausspendung des Lichtes und welchen König zur Überwachung des unendlichen Welten- und Sonnenraumes? Vermag der Herr ohne menschlich fürstliche und königliche Beihilfe den Orion zu gürten, dem Großen Hund seine Nahrung zu reichen und all das große Welten- und Sonnenvolk in unverrücktester Ordnung zu erhalten, sollte Er da hernach wohl vonnöten haben, bei den Menschen dieser Erde Könige und Fürsten einzusetzen, die Ihm in Seinem Geschäft überhelfen sollten?
GS|2|103|10|0|Gehen wir auf die Urgeschichte eines jeden Volkes zurück, und wir werden es finden, dass ein jedes Volk uranfänglich eine rein theokratische Verfassung hatte, das heißt, sie hatten keinen anderen Herrn über sich als Gott allein. Erst mit der Zeit, als hier und da Völker mit der höchst freien und allerliberalsten Regierung Gottes unzufrieden wurden, weil es ihnen unter solcher zu gut ging, da fingen sie sich gegenseitig an zu viel zu lieben. Und gewöhnlich war irgendein Mensch besonderer Talente halber der allgemeinen Liebe zum Preis. Man verlangte ihn zum Führer. Aber beim Führer blieb es nicht, denn der Führer musste Gesetze geben, die Gesetze mussten sanktioniert werden, und so ward aus dem Führer ein Herr, ein Gebieter, ein Patriarch, dann ein Fürst, ein König und ein Kaiser.
GS|2|103|11|0|Also sind Kaiser, Könige und Fürsten von Gott aus nie erwählt worden, sondern nur bestätigt zum Gericht für diejenigen Menschen, die zufolge ihres freien Willens solche Kaiser, Könige und Fürsten aus ihrer Mitte erwählt hatten und haben ihnen eingeräumt alle Gewalt über sich.
GS|2|103|12|0|Ich meine, es wird diese Beleuchtung hinreichen, um einzusehen, dass jedes Übermaß sowohl der Eigen- als der Nächstenliebe vor Gott ein Gräuel ist.
GS|2|103|13|0|Den Nächsten sonach wie sich selbst lieben heißt: den Nächsten in der gegebenen göttlichen Ordnung lieben, d. h. in jedem gerechten Maße, welches von Gott aus einem jeden Menschen vom Urbeginn an zugeteilt ist. Wer solches noch nicht gründlich einsehen möchte, dem will ich noch ein paar Beispiele hinzufügen, aus denen er klar ersehen kann, welche Folgen das eine wie das andere Übermaß mit sich bringt.
GS|2|103|14|0|Nehmen wir an, in irgendeinem Dorf lebt ein Millionär. Wird dieser das Dorf beglücken, oder wird er es ins Unglück stürzen? Wir wollen sehen. Der Millionär sieht, dass es mit den öffentlichen Geldbanken schwankt; was tut er? Er verkauft seine Obligationen und kauft dafür Realitäten, Güter. Die Herrschaft, zu der er früher nur ein Untertan war, befindet sich in großen Geldnöten, wie gewöhnlich. Unser Millionär wird angezogen, der Herrschaft Kapitalien zu leihen. Er tut es gegen gute Prozente und auf die sichere Hypothek der Herrschaft selbst. Seine Nachbarn, die anderen Dorfbewohner, brauchen auch Geld. Er leiht es ihnen ohne Anstand auf grundbücherliche Intabulation. Die Sache geht etliche Jahre fort. Die Herrschaft wird immer unvermögender und seine Dorfnachbarn nicht wohlhabender. Was geschieht? Unser Millionär packt zuerst die Herrschaft, und diese, im Besitz von keinem Groschen Geldes mehr, muss sich auch auf Gnade und Ungnade ergeben, bekommt höchstens aus lauter Großmut ein Reisegeld, und unser Millionär wird Herrschaftsinhaber und zugleich Herr von seinen ihm schuldenden Nachbarn. Diese, weil sie ihm weder Kapital noch Interessen zu zahlen imstande sind, werden bald abgeschätzt und exequiert.
GS|2|103|15|0|Hier haben wir die ganz natürliche Folge des Glückes, welches ein Millionär oder ein Besitzer des Übermaßes der Eigenliebe den Dorfbewohnern bereitet hat. Mehr braucht man darüber nicht zu sagen. Gehen wir aber auf den zweiten Fall über.
GS|2|103|16|0|Es lebt irgendwo eine überaus dürftige Familie. Sie hat kaum so viel, um ihr tägliches Leben allerkümmerlichst zu fristen. Irgendein überaus reicher und auch überaus selten wohltätiger Mann lernt diese arme, aber sonst brave und schätzenswerte Familie kennen. Er, im Besitz von mehreren Millionen, erbarmt sich dieser Familie und denkt also bei sich: Ich will diese Familie auf einmal wahrhaft zum Schlagtreffen glücklich machen. Ich will ihr eine Herrschaft schenken und noch obendrauf ein ansehnliches Vermögen von einer halben Million, und will dabei die Freude haben, zu sehen, wie sich die Gesichter dieser armen Familie ganz sonderlich aufheitern werden. – Er tut es, wie er beschlossen. Eine ganze Woche lang werden in der Familie nichts als Freudentränen vergossen, auch dem lieben Herrgott wird manches „Gott sei Dank“ entgegengesprochen.
GS|2|103|17|0|Betrachten wir diese beglückte Familie aber nur ungefähr ein Jahr später, und wir werden an ihr allen Luxus so gut entdecken, als er nur immer in den Häusern der Reichen zu Hause ist. Diese Familie wird zugleich auch hartherziger und wird sich nun an allen jenen so inkognito zu rächen bemüht sein, die sie in ihrer Not nicht haben ansehen wollen. Das „Gott sei Dank“ wird verschwinden, aber dafür werden Equipage, livrierte Bediente u. dgl. m. eingeführt.
GS|2|103|18|0|Frage: Hat dieses gewaltige Übermaß der Nächstenliebe dieser armen Familie genützt oder geschadet? Ich meine, hier braucht man nicht viel Worte, sondern nur mit den Händen nach all dem Luxus zu greifen, und man wird es auf ein Haar finden, welchen Nutzen diese Familie fürs ewige Leben durch ein an ihr verübtes Übermaß der Nächstenliebe empfangen hat. Aus dem aber wird ersichtlich, dass die Nächstenliebe sowie die Eigenliebe stets in den Schranken des gerechten göttlichen Ordnungsmaßes zu verbleiben hat.
GS|2|103|19|0|Wenn der Mann sein Weib über die Gebühr liebt, da wird er sie verderben. Sie wird eitel, wird sich hochschätzen und wird daraus eine sogenannte Kokette, und der Mann wird kaum Hände genug haben, um überall hinzugreifen, dass er die Anforderungen seines Weibes befriedigt.
GS|2|103|20|0|Auch ein Bräutigam, wenn er seine Braut zu sehr liebt, wird sie dreist und am Ende untreu machen.
GS|2|103|21|0|Also ist das gerechte Maß der Liebe allenthalben vonnöten. Aber dennoch besteht die Nächstenliebe in etwas ganz anderem, als wir bis jetzt haben kennengelernt. Worin aber innerer geistiger Weise die Nächstenliebe besteht, das wollen wir im Verfolge dieser Mitteilung ganz klar erkennen lernen.
GS|2|104|1|1|Worin die wahre Nächstenliebe besteht
GS|2|104|1|1|(Am 10. November 1843 von 4 1/2 – 6 1/2 Uhr abends.)
GS|2|104|1|0|Um aber gründlich zu wissen, worin die eigentliche wahre Nächstenliebe besteht, muss man auch im Voraus wissen und gründlich verstehen, wer so ganz eigentlich ein Nächster ist. Darin liegt der Hauptknoten begraben. Man wird sagen: Woher aber sollte man das nehmen? Denn der Herr Selbst, als der alleinige Aufsteller der Nächstenliebe, hat da nirgends nähere Bestimmungen gemacht. Als Ihn die Schriftgelehrten fragten, wer der Nächste sei, da zeigte Er ihnen bloß in einem Gleichnis, wer ein Nächster zum bekannten verunglückten Samaritan war, nämlich ein Samaritan selbst, der ihn in die Herberge brachte und früher Öl und Wein in seine Wunden goss.
GS|2|104|2|0|Aus dem aber geht hervor, dass nur unter gewissen Umständen die verunglückten Menschen an ihren Wohltätern Nächste haben und sind somit auch umgekehrt die Nächsten zu ihren Wohltätern. Wenn es also nur unter diesen Umständen Nächste gibt, was für Nächste haben denn dann die gewöhnlichen Menschen, welche weder selbst ein Unglück zu bestehen haben, noch irgend einmal in die Lage kommen, einem Verunglückten beizuspringen? Gibt es denn keinen allgemeineren Text, der die Nächsten näher bezeichnen möchte? Denn bei diesem ist nur die höchste Not und auf der anderen Seite eine tüchtige Wohlhabenheit, gepaart mit einem guten Herzen, als Nächsttum einander gegenübergestellt.
GS|2|104|3|0|Wir wollen daher sehen, ob sich nicht solche ausgedehntere Texte vorfinden. Hier wäre einer, und dieser lautet also:
GS|2|104|4|0|„Segnet, die euch fluchen, und tut Gutes euren Feinden!“ Das wäre ein Text, aus welchem klar zu ersehen ist, dass der Herr die Nächstenliebe ziemlich weit ausgedehnt hat, indem Er sogar die Feinde und Flucher nicht ausgenommen hat.
GS|2|104|5|0|Ferner lautet ein anderer Text: „Macht euch Freunde am ungerechten Mammon“. Was will der Herr damit anzeigen? Nichts anderes, als dass der Mensch keine Gelegenheit solle vorübergehen lassen, um dem Nächsten Gutes zu tun, und gestattet sogar, in äußerer Hinsicht genommen, eine offenbare Veruntreuung am Gut eines Reichen, wenn dadurch, freilich nur im höchsten Notfall, vielen oder wenigstens mehreren Bedürftigen geholfen werden kann.
GS|2|104|6|0|Weiter finden wir einen Text, wo der Herr spricht: „Was immer ihr einem aus diesen Armen Gutes tut in Meinem Namen, das habt ihr Mir getan“. Diesen Satz bestätigt der Herr bei der Darstellung des jüngsten oder geistigen Gerichtes, da Er zu den Auserwählten, wie zu den Verworfenen spricht: „Ich kam nackt, hungrig, durstig, krank, gefangen und ohne Dach und Fach zu euch, und ihr habt Mich aufgenommen, gepflegt, bekleidet, gesättigt und getränkt“ – und desgleichen zu den Verworfenen, wie sie solches nicht getan haben. Und die Guten entschuldigen sich, als hätten sie solches nie getan, und die Schlechten, als möchten sie solches wohl getan haben, so Er zu ihnen gekommen wäre. Und der Herr deutet dann deutlich an:
GS|2|104|7|0|„Was immer ihr den Armen in Meinem Namen getan oder nicht getan habt, das galt Mir.“
GS|2|104|8|0|Aus diesem Text wird die eigentliche Nächstenliebe schon so ziemlich klar herausgehoben, und es wird gezeigt, wer demnach die eigentlichen Nächsten sind.
GS|2|104|9|0|Wir wollen aber noch einen Text betrachten, und dieser lautet also: „So ihr Gastmähler bereitet, da ladet nicht solche dazu, die es euch mit einem Gegengastmahl vergelten können. Dafür werdet ihr keinen Lohn im Himmel haben, denn solchen habt ihr auf der Welt empfangen. Ladet aber Dürftige, Lahme, Bresthafte, in jeder Hinsicht arme Menschen, die es euch nicht wieder vergelten können, so werdet ihr euren Lohn im Himmel haben. Also leiht auch denen euer Geld, die es euch nicht wieder zurückerstatten können, so werdet ihr damit für den Himmel wuchern. Leiht ihr aber euer Geld denen, die es euch zurückerstatten können samt Interessen, so habt ihr euren Lohn dahin. Wenn ihr Almosen gebt, da tut solches im Stillen, und eure rechte Hand soll nicht wissen, was die linke tut. Und euer Vater im Himmel, der im Verborgenen sieht, wird euch darum segnen und belohnen im Himmel!“
GS|2|104|10|0|Ich meine, aus diesen Texten sollte man schon so ziemlich mit den Händen greifen, wer vom Herrn aus als der eigentliche Nächste bezeichnet ist. Wir wollen darum sehen, was für ein Sinn dahintersteckt.
GS|2|104|11|0|Überall sehen wir vom Herrn aus nur Arme den Wohlhabenden gegenübergestellt. Was folgt daraus? Nichts anderes, als dass die Armen den Wohlhabenden gegenüber als die eigentlichen Nächsten vom Herrn aus bezeichnet und gestellt sind, und nicht Reiche gegen Reiche und Arme gegen Arme. Reiche gegen Reiche können sich nur dann als Nächste betrachten, wenn sie sich zu gleich guten, Gott wohlgefälligen Zwecken vereinen. Arme aber sind sich ebenfalls nur dann als Nächste gegenüberstehend, so sie sich ebenfalls nach Möglichkeit in der Geduld und in der Liebe zum Herrn wie unter sich brüderlich vereinen.
GS|2|104|12|0|Der erste Grad der Nächstenliebe bleibt demnach immer zwischen den Wohlhabenden und Armen, und zwischen den Starken und Schwachen, und steht in gleichem Verhältnis mit dem zwischen Eltern und Kindern.
GS|2|104|13|0|Warum aber sollen die Armen gegenüber den Wohlhabenden, die Schwachen gegenüber den Eltern als vollkommen die Allernächsten betrachtet und behandelt werden? Aus keinem anderen als aus folgendem ganz einfachen Grund, weil der Herr, als zu einem jeden Menschen der Allernächste, Sich vorzugsweise nach Seinem eigenen Ausspruch in den Armen und Schwachen wie in den Kindern auf dieser Welt repräsentiert. Denn Er spricht ja Selbst: „Was immer ihr den Armen tut, das habt ihr Mir getan!“ Werdet ihr Mich schon nicht immer wesenhaft persönlich unter euch haben, so werdet ihr aber dennoch allzeit Arme als gewisserart (wollte der Herr sagen) Meine vollkommenen Repräsentanten unter euch haben.
GS|2|104|14|0|Also spricht der Herr auch von einem Kind: „Wer ein solches Kind in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf“.
GS|2|104|15|0|Aus allem dem geht aber hervor, dass die Menschen gegenseitig sich nach dem Grad mehr oder weniger als Nächste zu betrachten haben, je mehr oder weniger sie erfüllt sind vom Geist des Herrn. Der Herr aber spendet seinen Geist nicht den Reichen der Welt, sondern allzeit nur den Armen, Schwachen und weltlich Unmündigen. Der Arme ist dadurch schon mehr und mehr vom Geist des Herrn erfüllt, weil er ein Armer ist, denn die Armut ist ja ein Hauptanteil des Geistes des Herrn.
GS|2|104|16|0|Wer arm ist, hat in seiner Armut Ähnlichkeit mit dem Herrn, während der Reiche gar keine hat. Diese kennt der Herr nicht. Aber die Armen kennt Er. Daher sollen die Armen den Reichen die Nächsten sein, zu denen sie, die Reichen, kommen müssen, wenn sie sich dem Herrn nahen wollen; denn die Reichen können unmöglich sich als dem Herrn Nächsten betrachten. Denn der Herr Selbst hat bei Gelegenheit der Erzählung vom reichen Prasser die unendliche Kluft zwischen Ihm und ihnen gezeigt. Nur den armen Lazarus stellt Er in den Schoß Abrahams, also als Ihm, dem Herrn, am nächsten.
GS|2|104|17|0|Also zeigte der Herr auch bei der Gelegenheit des reichen Jünglings, wer zuvor seine Nächsten sein sollten, bevor er wieder kommen möchte zum Herrn und Ihm folgen. Und es stellt der Herr allenthalben die Armen wie die Kinder als Ihm die Nächsten oder auch als Seine förmlichen Repräsentanten dar. Und diese sollte der Wohlhabende lieben wie sich selbst, nicht aber auch zugleich die seinesgleichen. Denn darum sprach der Herr, dass dieses Gebot der Nächstenliebe dem ersten gleich ist, womit Er nichts anderes sagen wollte als: Was ihr den Armen tut, das tut ihr Mir!
GS|2|104|18|0|Dass sich aber die Reichen nicht gegenseitig als die Nächsten betrachten sollen, erhellt daraus, wo der Herr spricht, dass die Reichen nicht wieder Reiche zu Gaste laden und ihr Geld nicht wieder den Reichen leihen sollen, wie auch, da Er dem reichen Jüngling nicht geboten hatte, seine Güter an die Reichen, sondern nur an die Armen zu verteilen.
GS|2|104|19|0|Wenn aber irgendein Reicher sagen möchte: Meine Allernächsten sind doch meine Kinder, da sage ich: Mitnichten! Denn der Herr nahm nur ein armes Kind, das am Weg förmlich bettelte, auf und sprach: „Wer ein solches Kind in Meinem Namen aufnimmt, der nimmt Mich auf!“ Mit Kindern der Reichen hatte der Herr nie etwas zu tun gehabt.
GS|2|104|20|0|Aus dem Grunde begeht der Reiche, wenn er ängstlich für seine Kinder sorgt, eine gar starke Sünde gegen die Nächstenliebe. Der Reiche sorgt dadurch für seine Kinder am besten, wenn er fürs Erste für eine dem Herrn wohlgefällige Erziehung sorgt und sein Vermögen nicht für seine Kinder aufspart, sondern es den Armen zum allergrößten Teil zuwendet. Tut er das, so wird der Herr seine Kinder ergreifen und sie führen den besten Weg. Tut er das nicht, so wendet der Herr Sein Angesicht weg von ihnen, zieht Seine Hände zurück und überlässt schon sogleich ihre zarteste Jugend den Händen der Welt, was so viel sagen will als den Händen des Teufels, damit dann aus ihnen Weltkinder, Weltmenschen, was so viel sagen will als selbst Teufel werden.
GS|2|104|21|0|Wüsstet ihr, wie überaus bis in den untersten, dritten Grad der Hölle alle die Stammkapitalien und besonders die Fideikommisse vom Herrn aus auf das Erschrecklichste verflucht sind, ihr würdet da vor Schreck und Angst zur Härte eines Diamanten erstarren!
GS|2|104|22|0|Daher sollen ja alle Reichen, wo sie immer sein mögen, dieses so viel als möglich beherzigen, ihr Herz so viel als möglich von ihren Reichtümern abwenden und damit, nämlich mit den Reichtümern, so viel als möglich Gutes tun, wollen sie der ewigen Selchküche entgehen. Denn es gibt jenseits eine zweifache Selchanstalt, eine langwierige in düsteren Örtern, von denen aus nur ganz unbegreiflich eingeschmälerte Pfade führen, vor denen es den Wanderern nicht viel besser ergeht wie den Kamelen vor den Nadelöhren. Es gibt aber auch eine ewige Selchanstalt, aus der meines Wissens bis jetzt noch keine Pfade führen. Das also zur Beherzigung für Reiche wie auch für jedermann, der irgend so viel besitzt, dass er den Armen noch immer etwas tun kann. Daraus aber ist nun dargetan, worin die eigentliche Nächstenliebe besteht. Also auch wird sie hier in der Sonne gelehrt und fortwährend ausgeübt. Wie aber solches geschieht, wollen wir in der Folge näher betrachten.
GS|2|105|1|1|Praktischer Unterricht der jenseitigen Schüler in der Nächstenliebe
GS|2|105|1|1|(Am 18. November 1843 von 4 1/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|2|105|1|0|Ihr wisst, dass nirgends mit dem bloß theoretischen Wissen und Glauben etwas getan ist. Was nützt es jemanden, wenn er seinen Kopf mit tausend noch so richtigen Theorien angestopft hat? Was nützt es jemanden, wenn er alles fest für wahr hält, was in dem Buch des Lebens geschrieben steht? Das alles nützt einem gerade so viel, als so sich da jemand alle musikalischen Theorien buchstäblich eigen gemacht hätte und auch zu der vollgläubigen Einsicht gelangt wäre, dass er, wenn er sich der Theorien praktisch bedienen würde, im Ernst die eminentesten Kompositionen ans Tageslicht zu fördern imstande wäre, oder wenigstens einen auserlesenen Virtuosen abzugeben auf einem oder dem anderen Instrument. Frage: Wird er behufs aller dieser gründlichen Kenntnisse ohne nur die geringste praktische Fertigkeit irgendein Stück von einigem Wert zu komponieren imstande sein? Oder wird er selbst auch nur den allerleichtesten Takt einer Komposition entweder schlechtweg zu singen oder auf einem anderen musikalischen Instrument vorzutragen vermögen? Sicher nicht, denn ohne praktische Übung nützt keine Theorie,
GS|2|105|2|0|und es ist gerade dasselbe, als so es irgendeinen törichten Vater geben möchte, der da ein Kind hätte, es zwar sonst pflegen würde und ausbilden seinen Verstand, möchte ihm aber die Füße stets verbunden halten. Frage: Wird das Kind gehen können, wenn es auch gehen gesehen und alle Geharten und Fußbewegungen über einen spanischen Tanzmeister theoretisch in seinem Kopf hätte? Der erste Schritt, den es wagen wird, wird schon so unsicher ausfallen, dass das theoretisch gebildete Kind sogleich am Boden liegen wird.
GS|2|105|3|0|Es ist somit mehr als klar gezeigt, dass das alleinige Wissen ohne Praxis zu nichts taugt. Denn es ist ein brennender Luster in einem leeren Saal, dessen Licht für sich allein brennt und niemandem zugute wird. Demnach ist die tatsächliche Ausübung dessen, was man erkannt hat und weiß, ja unfehlbar die alleinige Hauptsache. Und da es aber im Reich der reinen Geister nur ganz vorzugsweise allzeit aufs Tun ankommt und die Tätigkeit aus der Nächstenliebe das Hauptaxiom alles geistigen Wirkens ist, so wird auch ebendieses Gebot der Nächstenliebe hier mehr tatsächlich als theoretisch gelehrt.
GS|2|105|4|0|Wie denn aber? Diese schon ganz erwachsenen Schüler, wie ihr seht, werden bei allerlei Gelegenheiten von den schon vollkommeneren Geistern mitgenommen und müssen besonders bei denjenigen Neuangelangten von der Erde unterscheiden lernen die wahrhaftigen Nächsten, die weniger Nächsten und dann auch die Fernen. Sie müssen da erkennen, wie sie sich zu den Nächsten, zu den weniger Nächsten und zu den Fernen zu verhalten haben.
GS|2|105|5|0|Bekanntlich ist das Mitleidsgefühl der Jugend größer als des festen Mannesalters. Daher geschieht es denn auch, dass diese unsere Schüler alles, was ihnen unterkommt, mit einem großen Mitleid und großer Erbarmung aufnehmen.
GS|2|105|6|0|Diese möchten gleich alles in den Himmel hineinschieben, indem sie noch nicht aus der Erfahrung wissen, dass der Himmel nur den eigentlichen Allernächsten eine große Seligkeit gewährt, den weniger Nächsten und den Fernen aber ist er eine größere, auch allergrößte Qual. Bei diesen Gelegenheiten also lernen sie erst völlig erkennen, wie die eigentliche Nächstenliebe darin besteht, dass man einem jeden Wesen seine Freiheit lassen muss und ihm geben das Seinige.
GS|2|105|7|0|Denn wenn man jemandem etwas anderes tun will, als was dessen Liebe verlangt, so hat man ihm keinen Liebesdienst erwiesen. Wenn jemand seinen Nachbarn um einen Rock bittet, und der Nachbar gibt ihm dafür einen Laib Brot, wird der Bittende damit zufrieden sein? Sicher nicht, denn er hat ja nur um den Rock, aber nicht um das Brot gebeten.
GS|2|105|8|0|Wenn jemand in ein Haus geht und verlangt eine Braut, und man gibt ihm anstatt der Braut einen Korb voll Salz, wird er damit zufrieden sein? Ferner, wenn jemand einen Weg machen möchte in einen gegen Norden gelegenen Ort, da er ein Geschäft hat, ein Freund aber lässt seinen Wagen einspannen, nimmt den Geschäftsmann, der nach Norden soll, auf und fährt mit ihm nach Süden, wird ihm damit geholfen sein?
GS|2|105|9|0|Daher müssen alsdann ganz besonders die Geister, bevor sie ihre Nächstenliebe in die praktische Anwendung bringen wollen, erst genau die Liebeart derjenigen Geister erforschen, die ihnen zugeführt werden. Wie sich diese Liebe vorfindet, gerade also muss auch nach dieser Liebe gehandelt werden.
GS|2|105|10|0|Wer in die Hölle will, muss dahin sein Geleit haben, denn also ist seine Liebe, ohne welche es für ihn kein Leben gibt. Und wer in den Himmel will, dem muss diejenige Leitung werden, dass er, auf den gerechten Wegen geläutert, dann vollkommen befähigt in den Himmel gelangt und in demselben als ein wahrer geheiligter Bürger bestehen kann.
GS|2|105|11|0|Aber da ist es auch nicht genug, einen Geist in einen und denselben Himmel zu bringen, sondern der Himmel muss der Liebe des Geistes auf ein Atom entsprechen, denn jeder andere Himmel wird sich mit einem himmlischen Bürger nicht vertragen, und es wird ihm darin ergehen, wie einem Fisch in der Luft.
GS|2|105|12|0|Denn eines jeden Menschen Liebeart ist das ihm eigentümliche Lebenselement. Findet er dieses nicht, so ist’s um sein Leben bald geschehen. Daher muss denn auch die Nächstenliebe im Reich der reinen Geister höchst genau und richtig eher geläutert und gebildet werden, bevor diese Geister wahrhaft in der göttlichen Ordnung die Neuangekommenen wie auch die schon lange im Geisterreich Seienden wahrhaft beseligend und belebend aufzunehmen imstande sind.
GS|2|105|13|0|Die Bildung dieser Nächstenliebe und die Läuterung derselben besteht demnach lediglich in dem, zu erforschen und zu erkennen die Liebeart in den Geistern, und dann daneben aber zu erkennen und einzusehen die Wege der göttlichen Ordnung, auf welchen diese Geister zu führen und wie sie zu führen sind.
GS|2|105|14|0|Keinem Geist darf irgend Gewalt angetan werden. Sein freier Wille, gepaart mit seiner Erkenntnis, bestimmt den Weg und die Liebe des Geistes die Art und Weise, wie er auf demselben zu leiten ist.
GS|2|105|15|0|Wenn die Geister erst an den Ort ihrer ihnen zusagenden Liebe kommen und dort bösartig auftreten, dann erst ist es an der Zeit – aber wieder nur nach der Art der Bosheit – strafend entgegenzuwirken anzufangen.
GS|2|105|16|0|Und seht nun, in allem dem werden unsere Schüler auf das Allergenaueste, was die Nächstenliebe betrifft, praktisch unterrichtet. Wenn sie nun darin eine Fertigkeit erlangt haben, bekommen sie die Weihe der Vollendung und werden dann auf eine genau verhältnismäßig bestimmte Zeit lang den lebenden Menschen auf der Erde zu Schutzgeistern gegeben, und das zumeist aus dem Grunde, um sich bei dieser Gelegenheit in der wahren Geduld des Herrn zu üben. Denn ihr glaubt es kaum, wie schwer es einem solchen himmlisch gebildeten Geist ankommt, mit den halsstarrigen Menschen dieser Erde so im höchsten Grad nachgebend umzugehen, dass es diese gar nie merken dürfen, dass sie von einem solchen Schutzgeist auf allen Wegen begleitet und nach ihrer Liebe geleitet werden.
GS|2|105|17|0|Fürwahr, es ist keine Kleinigkeit, wenn man mit aller Macht und Kraft ausgerüstet ist und darf als Anhänger nicht Feuer vom Himmel rufen, sondern muss jetzt im Bewusstsein seiner Macht und Kraft fortwährend einen Zuseher machen, wie der ihm anvertraute Mensch sich in allerlei Argem der Welt begründet und des Herrn stets mehr und mehr zu vergessen anfängt.
GS|2|105|18|0|Eine Kindsmagd hat mit dem allerbengelhaftest unartigen Kind einen barsten Himmel gegen die Aufgabe eines anfänglichen Schutzgeistes. Wie viele Tränen müssen diese vergießen, und ihr ganzes Einwirken darf nur in einem allerleisesten Gewissenseinflüstern bestehen oder höchstens bei außerordentlichen Gelegenheiten in der Verhütung gewisser Unglücksfälle, welche auf die Sterblichen der Erde von der Hölle angelegt sind. In allem Übrigen dürfen sie nicht einwirken.
GS|2|105|19|0|Nun aber stellt euch nur so ein wenig das nicht selten bittere Los eines sogenannten Hauslehrers oder Hofmeisters vor, wenn er so recht rohe und bengelhafte Kinder zur Erziehung bekommt. Ist da nicht schon ein Holzhauerzustand besser? Ganz sicher, denn das Holz lässt sich nach dem Willen des Holzhauers fällen und spalten, aber das ungehobelte Kind spottet des Willens seines Meisters. Doch dieser Zustand ist nur kaum ein leisester Schatten gegen den eines Schutzgeistes, dessen Schutzbefohlener entweder ein Geizhals, ein Dieb, ein Räuber, ein Mörder, ein Spieler, ein Hurer und Ehebrecher ist. Alle solche Gräueltaten muss der Schutzgeist stets passiv mit ansehen und darf nicht mit all seiner Kraft nur im Geringsten vorgreifend entgegenwirken. Und wenn bei manchen Gelegenheiten ein Vorgriff schon gestattet ist, so muss er aber dennoch so klug angelegt werden, dass der Schützling dadurch in der Freiheitssphäre seines Willens nicht im Geringsten, sondern nur höchstens in der tatsächlichen Ausführung desselben behindert wird.
GS|2|105|20|0|Seht, das ist sonach das zweite praktische Geschäft, in welchem sich unsere geweihten Schüler in der Nächstenliebe und vorzüglich in der Geduld des Herrn üben müssen. Was aber mit ihnen nach dieser Geduldübung geschieht, wird die Folge zeigen.
GS|2|106|1|1|Grund und Folgen des Lasters. Die erste Hölle
GS|2|106|1|1|(Am 14. November 1843 von 4 1/4 – 6 Uhr abends.)
GS|2|106|1|0|Wenn unsere in der Geduld wohl eingeübten Schüler von ihrem Amt gewöhnlich nach dem Ableben eines ihnen anbefohlenen Schützlings von dieser äußeren Welt zurückkehren, dann haben sie noch, so lange der naturmäßig geistige Zustand der Seele eines hier abgestorbenen Menschen dauert, in ihrer Nähe zu verbleiben. Zur Zeit der Enthüllung oder Abödung, da ohnehin ein jeder Geist sich selbst gänzlich überlassen wird, kehren sie dann wieder in die geistige Sonne zurück. Und von da an erst geht es auf eine neue Bestimmung aus. Wohin aber? Das ist sehr leicht zu erraten, wenn man bedenkt, dass unsere Schüler bis jetzt hinreichend Gelegenheit gehabt haben, die Gesetzwidrigkeiten zuerst als Lehrlinge geistig-wissenschaftlich, dann als Schutzgeister praktisch zu beschauen und zu erkennen.
GS|2|106|2|0|Dass aber hinter diesen Erkenntnissen noch ein drittes steckt, und hinter dem dritten noch ein viertes, das muss einem jeden sonnenklar sein, der da wohl weiß, dass jedes Laster eine gewisse Folge als das erreichte Ziel in sich hat, und dass sich erst in diesem Ziel der Grund oder die Hauptursache des Lasters erkennen lässt. Denn so jemand die Folgen des Lasters nicht geschaut hat und nicht völlig erkennt den Grund des Lasters, so hat er noch immer keine genug freie und feste Abneigung gegen das Laster. Ersieht er aber einmal solches und erkennt es lebendig, wie die Folge eine ganz ordnungsmäßige und unabänderliche ist und wie sie in sich schon solchen Grund birgt, dann erst wird er aus seinem freien Erkennen und Wollen ein vollkommen fester Gegner alles Lasters.
GS|2|106|3|0|Wo aber müssen unsere Schüler hingehen, um solches zu erkennen? Sie müssen an der Seite mächtiger und wohlerfahrener Geister die Höllen durchwandern, und zwar von der ersten bis zur letzten und untersten. In der ersten und zweiten erschauen sie die Folgen des Lasters, und besonders in der zweiten, wie sich innerhalb der noch überaus wohlersichtlichen Folgen der Grund des Lasters schon mehr und mehr durchleuchtend erschauen lässt. Und in der dritten und untersten Hölle erst lernen sie den Grund oder die Hauptursache alles Lasters erkennen.
GS|2|106|4|0|Es dürfte vielleicht mancher sagen: Die Folge und der Grund sind zwei Punkte eines Kreises, die auf einem und demselben Punkt zusammentreffen, denn sicher begeht niemand eine Handlung aus einem anderen Grund als allein aus dem nur, den er eben als die Folge seiner Handlung realisiert haben will.
GS|2|106|5|0|Wenn z. B. jemand den diebischen Entschluss fasst, irgendjemandem das Geld zu stehlen, so ihn dazu die Liebe zum Geld und sein Vorteil zu dieser Handlung bestimmt; das war sicher der Grund seiner Handlung. Hat er sich nun auf die diebische Weise des Geldes bemächtigt, so war diese Bemächtigung doch sicher die Folge seiner Handlung, und war aber und ist dabei nichts anderes als der realisierte frühere Grund zu dieser Handlung selbst.
GS|2|106|6|0|Ich aber sage: Wenn man die Sache von dem Standpunkt betrachtet, dann tut man nichts anderes, als an seiner eigenen Erkenntnis einen Hochverrat begehen, und zeigt dadurch an, dass man mit der inneren Weisheit noch nie etwas zu tun gehabt hat. Daher wollen wir sogleich ein anderes Gegenbeispiel aufstellen, aus dem sich gar klar ersehen lassen wird, dass die Folge und der eigentliche Grund der Handlung ganz verschieden aussehen.
GS|2|106|7|0|Bevor wir aber das Beispiel noch aufstellen, müssen wir einige Sätze kundgeben, welche aus der göttlichen Ordnung herausfließen und somit jeder Handlung die bestimmte Folge von Ewigkeit her anzeigen, in welcher dann im Einklang mit der Handlung sich der Grund ersehen lässt.
GS|2|106|8|0|Die Sätze aber lauten also: Jede Handlung hat eine von Gott aus entsprechend bestimmt sanktionierte Folge, und diese Folge ist das unabänderliche Gericht, welches jeder Handlung unterschoben ist. Also ist es vom Herrn gestellt, dass sich jede Handlung am Ende selbst richtet.
GS|2|106|9|0|Wie aber von jeder guten Handlung der Herr als nur ein Grund anzunehmen ist, also verhält es sich auch mit jeder bösen Handlung. Auch jede böse Handlung hat demnach allzeit ihren einen und denselben Grund. Das sind die Lehrsätze.
GS|2|106|10|0|Nun wollen wir diese beispielsweise beleuchten. Nehmen wir an einen Hurer; dieser trieb, solange er lebte, ohne Schonung und ohne die geringste Rücksicht auf was immer für Personen die Unzucht. Äußerlich konnte niemand die Folgen dieses Lasters an ihm erschauen, denn der Leib ist nicht immer ein Folgenspiegel des Lasters. Dieser Mensch aber hatte durch diese seine lasterhafte Handlungsweise seinen Geist ganz in die grobe fleischlich-materielle Liebe herabgezogen, hat seine Lebenskräfte vergeudet, materiell und geistig genommen. Was bleibt ihm am Ende übrig? Nichts als ein Polypenleben seiner Seele. Diese gelangt jenseits mit nichts als mit ihrer sinnlich-fleischlichen Genussbegierde an, und ihr Bestreben ist das eines Polypen, nämlich in ihrer Art unausgesetzt fortzugenießen. Denn von einer geistig dirigierenden Reaktion ist da gar keine Rede mehr, indem der Geist schon bei Leibesleben bis auf den letzten Tropfen mit der sinnlichen Seele amalgamiert worden ist.
GS|2|106|11|0|Frage: Kann jenseits eine solche Seele für eine höhere Belebung zugänglich oder fähig sein? Wer solches radikal einsehen will, der fange sich einmal einen Polypen aus dem Meer und versuche, ob er aus ihm einen Luftspringer machen kann. Diese Arbeit wird sicher niemandem gelingen, denn sobald er den Polypen aus seinem Schlammelement hebt und in die reine Luft auf einen trocknen Ort setzt, so wird der Polyp bald absterben, einschrumpfen, in die Verwesung übergehen und endlich zu einem leimartigen Klumpen vertrocknen.
GS|2|106|12|0|Seht, gerade derselbe Fall ist es mit einer solchen geilen, genusssüchtigen Seele. Sie ist ein Schlammpolyp und hat nur eine lebenerregende Begierde, nämlich die des Genießens, und alle ihre Intelligenz geht dahin, sich die Genüsse zu verschaffen. Was ist demnach die Folge? Nichts anderes als dieser elende und höchst klägliche Zustand der Seele selbst, nämlich das stets tiefere Zurücksinken in das allergemeinst und niedrigst Tierische. Und dieser Zustand ist eben das, was man die erste Hölle nennt. Diese ist somit die Folge, und zwar die ganz natürlich ordnungsmäßig gerechte Folge, indem die Seele durch diese verbotene Handlungsweise am Ende in denjenigen untersten Tierstand zurückgeht, aus dem sie früher vom Herrn durch so viele Stufen aufwärts bis zum freien Menschen erhoben wurde.
GS|2|106|13|0|Dieser Zustand als Folge aber wird vom Herrn darum bezüglich auf die Genussbegierde so überaus kümmerlich gehalten, damit dadurch der in der Seele noch immer sich vorfindende Geist mehr und mehr von der Sinnlichkeit ausscheiden möchte. Diese Operation ist die einzig alleinige, durch welche eine solche Seele samt ihrem Geist noch möglicherweise rettbar ist und sein kann. Denn wird die Seele also fortgenährt, so wird sie in ihrer Begierde immer stärker, und da wird von der Rettung des Geistes wohl ewig nie eine Rede sein können.
GS|2|106|14|0|Was ist aber gewöhnlich im schlimmen Falle für eine zweite Folge dieser notwendigen Behandlungsweise?
GS|2|106|15|0|Hört! Da der Geist einer solchen Seele mit ihr völlig eins war, so ist auch alle seine Liebe in die Begierlichkeit seiner Seele übergegangen. Wird er nun durch das Fasten der Seele freier, so tritt er dann böswillig und überaus tief beleidigt und gekränkt auf, dass man ihn durch den Vorenthalt der Nahrung für seine leibhaftige Seele hat verkümmern lassen, um ihn dadurch zu bändigen.
GS|2|106|16|0|Aus solcher Beleidigung und Kränkung geht der Geist in einen Zorn über und verlangt Entschädigung. Wo aber findet er diese? In der zweiten Hölle!
GS|2|106|17|0|Seht, was ist nun die zweite Hölle? Nichts anderes als die Folge der ersten. Und in dieser Folge lässt sich schon auf den eigentlichen Urgrund der ersten Handlungsweise blicken.
GS|2|106|18|0|Denn der Zorn ist nichts anderes als eine Frucht der übermäßigen Selbstliebe, und diese hat ihre Wurzeln in der Herrschsucht, welche die Triebfeder zu allen Lastern ist und hat die dritte oder unterste Hölle zu ihrem Wohnsitz. Wie sich aber aus der zweiten Hölle endlich auch eine dritte entwickelt, und wie unsere Schüler solches alles praktisch mit anschauen und erfahren müssen, wollen wir in der Folge betrachten.
GS|2|107|1|1|Über Gehorsam und Todesfurcht. Die zweite Hölle
GS|2|107|1|1|(Am 15. November 1843 von 4 1/4 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|2|107|1|0|Wisst ihr, warum die Menschen auf der Erde den Gehorsam leisten? Die Antwort ist sehr leicht. Etwa aus großer Achtung vor der Person des Herrschers? O nein! Denn was man hochachtet, über das schimpft man im Geheimen nicht, noch weniger verflucht und verwünscht man es. Desgleichen aber geschieht von Seiten der Untertanen nicht selten gegenüber ihrem Monarchen. Dem man aber nicht aus Achtung gehorcht, dem gehorcht man noch weniger aus Liebe. Also können wir hier keinen anderen Grund des Gehorsams auffinden als die Furcht.
GS|2|107|2|0|Worauf gründet sich die Furcht? Diese gründet sich erstens auf die eigene Ohnmacht, zweitens auf die Übermacht des Herrschers und drittens auch darauf, weil man weiß, dass ein Monarch mit dem Leben seiner Untertanen bei Gelegenheiten niemals schonend umgeht. Denn einem Menschen, der mit nicht selten mehr als einer Million Mordwerkzeugen versehen ist und für die Tötung eines wie vieler Menschen niemandem eine Rechenschaft schuldig ist, ist in keinem Fall übers Maß zu trauen; denn der Zorn eines Herrschers kann der Tod von vielen Tausenden sein.
GS|2|107|3|0|Wenn wir die Sache betrachten, wie sie ist, so streicht sich das immer mehr heraus, dass die Todesfurcht das Hauptmotiv des Gehorsams ist.
GS|2|107|4|0|Nehmen wir aber an, in einem Staat wären lauter vollkommen wiedergeborene geistesgeweckte Menschen, so hätte es mit der Furcht vor der Todesstrafe seine geweisten Wege, und der Herrscher müsste da ganz andere Maßregeln ergreifen, wenn er noch ein Volksleiter verbleiben wollte.
GS|2|107|5|0|Worauf gründet sich aber die Todesfurcht bei den Menschen? Ich sage euch: Auf lediglich nichts anderes, als auf die Ungewissheit, ob nach dem Verlust dieses Lebens es noch ein anderes gibt. Wer von euch fürchtet sich wohl vor dem Schlafengehen, obschon der Schlaf nichts anderes als ein periodischer Tod des Leibes ist? Warum fürchtet man sich vor dem Schlaf nicht? Weil man die erfahrungsmäßige Sicherheit hat, dass man nach dem Schlaf wieder zu ebendemselben, wenn schon gewisserart neuen Leben erwacht. Könnte man diese Erfahrung hinwegnehmen, so würde sich ein jeder Mensch vor dem Schlaf ebenso fürchten wie vor dem Leibestod, wie es auch wirklich ähnliche Menschen auf der Erde gibt, die da glauben, sie haben ein ephemeres Leben, welches alle Tage vergeht, und am nächsten Tag stecke ganz jemand anderer in ihrer Haut als am vorhergehenden.
GS|2|107|6|0|Dieser Glaube ist so ein Zweig einer außerordentlich an die Seelenwanderung glaubenden Volksklasse in einem Teil Asiens, die da der Meinung ist, ihre Seele fahre von Tag zu Tag von einem Tier zum anderen und wohne höchstens nur einen Tag in dem Leib eines Menschen. Wenn sich des anderen Tages eine andere Seele in demselben Menschen der Vergangenheit erinnert, so rühre das von der Einrichtung des Leibes her, durch die eine jede nachkommende Seele notwendig in dasjenige Bewusstsein versetzt werden müsse, wie solches von der Einrichtung des Leibes bewirkt werde. Das ist also ihre Philosophie, derzufolge sich dann ein jeder Mensch ganz entsetzlich vor dem Schlaf fürchtet, indem er diesen für nichts anderes ansieht, als für das Mittel nur, durch das die alte Seele aus dem Leib hinausgeschafft wird, um einer anderen Platz machen zu müssen. Aus dem Grunde suchen sich diese Menschen auch so viel als möglich den Schlaf durch allerlei Mittel zu vertreiben; und dieses hat sehr viel Ähnlichkeit mit dem sich Fürchten vor dem Leibestod bei den gewöhnlichen Erdmenschen.
GS|2|107|7|0|Würde der Mensch eines geweckten Geistes gewärtig sein, dem von einem Tod nie etwas träumen kann, so würde er sich um den Abfall des Leibes ebenso wenig kümmern und denselben fürchten, als sich ein gewöhnlicher Mensch um den Schlaf kümmert und denselben fürchtet. Denn des Geistes Erfahrung ist das ewige Leben, welches unmöglich zerstörbar ist, so wie der Seele Erfahrung es ist, dass der eingeschlafene Leib des anderen Tages sicher wieder erwacht, darum sie denn auch vor dem Schlaf keine Furcht hat.
GS|2|107|8|0|Die Furcht vor dem Tod als vor einer möglichen Vernichtung des Daseins liegt demnach in der Seele so lange, als der Geist in ihr nicht erwacht und in ihr sonach auch ein ganz anderes Bewusstsein erzeugt.
GS|2|107|9|0|Also gehen wir nun mit dieser Vorkenntnis wieder in unsere erste Hölle. In der ist die Seele nichts als ein Genuss- oder Fresspolyp, und das aus lauter stummer Selbstsucht und Selbstliebe, aus dem Grunde, weil sie in der Nichtrealisierung ihrer Genusssucht die Vernichtungsmöglichkeit fortwährend vor Augen hat.
GS|2|107|10|0|In der zweiten Hölle ist durch die starke Fastenbehandlung, wie uns bekannt, die begierliche Seele mehr und mehr eingeschrumpft, und dem mit ihr amalgamierten Geist ist dadurch mehr Freiheit durch diese Absonderungsmethode geworden. In selten besserem Falle kehrt so mancher Geist hier um, kräftigt sich und erhebt dann seine Seele stets mehr und mehr. Im gewöhnlich schlimmen Falle erwacht der Geist zwar auch; da er aber in diesem Erwachen in solcher Vernachlässigung seiner Seele sich überaus gekränkt und beleidigt und auch mit vernachlässigt zu fühlen anfängt, so wird er zornig und lässt in diesem seinem Zorn stets mehr und mehr die Idee in sich aufkeimen, derzufolge ihm für solche Unbill von Seiten der Gottheit eine kaum zu berechnende große Genugtuung zugutekommen sollte.
GS|2|107|11|0|Allein, je mehr der Geist mit dieser Idee großwächst, desto stärker setzt er seine Rechnung an und auch desto unzufriedener wird er mit jeder ihm vorgeschlagenen Maßgabe der ewigen Genugtuung.
GS|2|107|12|0|Aus dieser immer größeren Forderung, welche in der stets größeren Unzufriedenheit ihren Grund hat, geht dann der also stets mehr und mehr wach werdende Geist in ein sich rächenwollendes Selbstgenugtuungsgefühl über. In diesem Gefühl wird er stets mehr zum vollkommeneren Verächter Gottes. Er ersieht auch zugleich stets mehr und mehr seine Unzerstörbarkeit und stärkt sich mit der Idee, dass der Geist sich durch die Erhöhung seiner Begriffe und Forderungen ins Unendliche stärken kann. Und aus diesem Gefühl erwächst dann auch sogar diese Idee, dass die Gottheit sich fürchte vor der stets wachsenden Macht solcher Geister, Sich darum verberge, und diese Ihre mächtigen Feinde durch gewisse furchtsame und schwache Spitzelgeister heimlich beobachten lasse, was die mächtigen Geister tun. Sieht es bedenklich aus, so retiriert Sich die Gottheit dann wieder tiefer und sucht Sich auf alle mögliche Weise vor einem zu mächtigen Angriff solcher Kraftgeister zu verwahren.
GS|2|107|13|0|Durch diese Idee wird das übermächtige Selbstgefühl des Geistes immer stärker, das Rachegefühl gegen eine vermeintliche Verschmitztheit der Gottheit stets größer. Die Gottheit wird dann natürlich stets ohnmächtiger; der Geist geht dann in den allerförmlichsten Abscheu vor der Gottheit über, fängt Sie allerbitterst an zu verachten und zu hassen, und dabei aber sich selbst als ein Numen supremum [höheres Wesen] anzusehen!
GS|2|107|14|0|Tritt dieser Fall ein, dann ist die dritte Hölle auch schon fertig. Wie diese so sich hervorbildet, müssen unsere Schüler alles auf dem Wege der göttlichen schützenden Vorsehung ganz geheim mitbeobachten, und dann in der untersten Hölle bis zum eigentlichen Grund des Lasters alles auf dem Wege der Erfahrung erkennen lernen. Wie sich aber am Ende in dieser untersten und bösesten aller Höllen des eigentlichen Lasters Grund beurkundet, wird die Folge zeigen.
GS|2|108|1|1|Wie das Allerkleinste neben dem Allergrößten bestehen kann. Die unterste Hölle
GS|2|108|1|1|(Am 16. November 1843 von 4 1/2 – 6 Uhr abends.)
GS|2|108|1|0|Es dürfte hier so mancher sagen: Wie ist das wohl einzusehen und zu verstehen, dass irgendeine im höchsten Grad untergeordnete Lebenskraft aus der Sphäre ihres Bewusstseins sich gegen eine unendliche, allervollkommenste Lebenspotenz auflehnen kann, von welcher sie, nämlich die untere Lebenspotenz, doch sicher irgend weiß und innewerden muss, dass sich ein Minimum der Lebenskraft gegen das Unendliche nimmer behaupten kann, und von einem Überwinden ist da ja doch ewig keine Rede!? – Gut, sage ich, solcher Einwurf klingt nicht übel, aber er rührt immer noch von einem bedeutenden Grad des Unverstandes her. Man könnte ihn wohl im außerordentlichen Falle approximativ nennen. Aber da es im reinen Geisterreich keine Hypothesen und somit auch keine Approximationen gibt, sondern nur Wahrheiten, so kann er nicht einer völligen Beantwortung würdig sein.
GS|2|108|2|0|Denn eine geistige Antwort ist eine volle Wahrheit. Enthält aber ein Fragesatz diese nicht, so kann ihm auch keine Antwort werden. Der Fragende wird zwar wohl eine Antwort bekommen, aber nie als direkt auf seine Frage passend, sondern nur als eine indirekte Wahrheit. So wird es auch hier sein. Und wenn die Antwort da sein wird, wird sich der fragliche Einwurf von selbst aufheben.
GS|2|108|3|0|Ob also eine untere, oder wie hier, höchst untergeordnete Lebenspotenz sich auflehnen kann oder nicht, oder ob sie durch die unendliche völlig zerstörbar ist, sollen sogleich einige kleine Beispiele zeigen.
GS|2|108|4|0|Wie schwer ein ganzes Felsengebirge ist, braucht kaum eine nähere Bestimmung für den, der nur einmal mit der Tragung einiger kleiner Steine zu tun gehabt hatte. Woraus besteht denn so ein kleines Felsengebirge? Aus lauter atomistisch kleinen Partikeln, welche durch die wechselseitige Anziehungskraft fest aneinanderkleben. Wenn wir unter das Gebirge hineingraben bis zur Stelle, auf der die höchste Gebirgskuppe, und zwar die schwerste, ruht, so entdecken wie bei dieser Hineingrabung überall ganz wohlerhaltene und überaus feste Steinwände. Aus diesen festen Steinwänden nehmen wir nur ein allerkleinstes Partikelchen, legen es auf eine Platte aus Stahl oder aus einem Stein, drücken dann einen Hammer nur ein wenig auf dieses Partikelchen, und es wird zerstäuben.
GS|2|108|5|0|Frage: Wie möglich hat sich denn dieses Partikelchen gegen den Druck des Hammers nicht halten können, während es früher Jahrtausende hindurch einem so unberechenbar mächtigen Druck einer ganzen Gebirgsschwere Widerstand zu leisten vermochte? – Man wird sagen: Unter dem Gebirge war es ein konkreter Teil der ganzen Masse und konnte somit mit Hilfe der anderen Teile dem allgemeinen Druck widerstehen, einzeln aber hatte es keine Nebenhilfe und musste daher schon einem geringen Druck weichen. – Gut, hat aber dieser geringe Druck dieses Partikelchen völlig zerstört? Durchaus nicht, sondern nur zerteilt in noch viel kleinere Partikelchen.
GS|2|108|6|0|Könnte man denn keinen solchen Druck irgend anbringen, um diese Partikelchen völlig zu vernichten? Auch das ist weder durch den Druck, noch durch was immer für eine andere Kraftanwendung möglich. Denn auf dem einen Wege kann es nur in die kleinsten Teile zerteilt, auf einem anderen aber in ein einfaches und nachher noch weniger zerstörbares Element verwandelt werden.
GS|2|108|7|0|So ruht auch die ganze Schwere der Erde auf ihrem kleinwinzigsten Mittelpunkt. Wie kann dieser wohl einer solchen von allen Seiten auf ihn einwirkenden Schwerkraft widerstehen? Aus dem einfachen Grunde, weil nach der ewigen göttlichen Ordnung in der ganzen unendlichen Schöpfung nichts Vernichtbares vorhanden ist, und das Allerkleinste kann sich gegen das Allergrößte fortwährend behaupten, wenn nicht in einer, so doch wieder in einer anderen Form.
GS|2|108|8|0|Unterschieben wir aber nun diesen kleinen Teilchen ein vollkommenes Bewusstsein, demzufolge sie inne sind, dass sie ewig unvernichtbar da sind; frage hier: Welche Kraft kann sie da bändigen und welche vollkommen besiegen? Oder verliert darum ein ganzes Gebirge etwas, wenn sein Minimum der Unterlage unzerstörbar ist? – Sicher nicht, denn wäre ein Atom zerstörbar, müssten es auch die anderen sein, und auf diese Weise wäre es auch mit dem ganzen großen Gebirge geschehen.
GS|2|108|9|0|Derselbe Fall wäre es mit der Erde, und mit Gott Selbst würde es am Ende nicht besser gehen, wenn in Seiner ganzen Unendlichkeit irgendetwas Vernichtbares vorhanden wäre.
GS|2|108|10|0|Also ist das die feste, ewige göttliche Ordnung, dass da das Allerkleinste neben dem Allergrößten bestehen kann. Wenn aber demnach die kleinste Lebenspotenz in ihrer geistigen Sphäre sich als untötbar und somit unvernichtbar erkennt, so hat sie auch keine Furcht mehr vor der allerhöchsten Lebenspotenz. Und dieses Bewusstsein erhebt dann die unterste Lebenspotenz zu einem Herrschergefühl, in welchem sie also spricht: Ich bin der obersten Lebenspotenz, die sich als die Gottheit ansieht, so notwendig und unentbehrlich zu ihrem Dasein, dass sie ohne mich nicht bestehen kann. Wenn wir mehrere, ja zahllos viele untere Potenzen uns in eins vereinen, so können wir vom Zentrum aus wirken und die vermeintliche oberste Potenz zu der untersten machen. Und diese kann uns dann ebenso gut anbeten, wie sie solches nun von uns verlangt. Wie man möglicherweise einer Welt Innerstes nach außen kehren kann, also kann es auch mit uns Lebenskräften der Fall sein. Vereinen wir untere Potenzen uns und legen nach außen einen Sturm, und die Gottheit liegt als untere Lebenspotenz zu unseren Füßen.
GS|2|108|11|0|Seht, das ist die rein höllische Philosophie, und das ist zugleich der eigentliche Grund alles Lasters, und sein Name ist Herrschsucht!
GS|2|108|12|0|Und mit diesem Begriff haben wir nun auch das ganze Wesen der untersten Hölle kennengelernt, und dieses Wesen entspricht der äußeren Erscheinlichkeit eines Weltkörpers. Auf der Oberfläche ist der erste Grad der Hölle in der polypenartigen Genusssucht deutlich zu erkennen; denn da ist alles ein Fresser, was ihr nur anseht. In der mehr inneren Rinde der Erde beurkundet sich das Fasten und Magerwerden; es ist nirgends eine Vegetation. Wie im starren und rachebrütenden Tod liegt alles dahin; höchstens hier und da zeigen sich Feuerquellen und andere heiße Wasserquellen als entsprechende Bilder des schon überall durchblickenden Zornes der Geister dieser Hölle.
GS|2|108|13|0|Gehen wir in das Inwendige der Erde, da entdecken wir nichts als ein fortwährendes allermächtigstes Durcheinandergedränge. Ein Feuer weckt und erstickt das andere. Jeder Wassertropfen, der da hineingelangt, wird alsobald in den glühenden Dampf verwandelt.
GS|2|108|14|0|Je mehr aber hier agiert wird, desto größer stellt sich allzeit die Reaktion über der Oberfläche der Erde dar und dämpft allzeit mit der größten Leichtigkeit alle die inneren Reaktionen. Und so ist es von dem Herrn weisest eingeleitet, dass Ihm alle diese Höllen trotz ihres allerentsetzlichsten Widerwillens zur ewigen Erhaltung der Dinge dienen müssen. Und dieser Dienstmuss, welcher diesen höllischen Geistern wohlbekannt ist, ist dann ihre größte Qual, weil sie da sehen, wie all ihre Aktion trotz ihres Widerwillens im Allgemeinen der göttlichen Ordnung auf ein Haar entsprechen muss.
GS|2|108|15|0|Das ist aber auch zugleich die unendliche Liebe und Weisheit des Herrn, und auf diesem alleinigen Wege ist es möglich, diesen allerärgsten Wesen Schranken in ihrer herrschsüchtigen Handlungsweise zu setzen. Denn so sie sehen, dass Sich der Herr ihre bösesten Unternehmungen allzeit vollkommen zugute machen kann, da werden sie erbost und tun gar nichts mehr, – bis sie wieder einen neuen Plan gefasst haben, um ihn gegen den Herrn in Ausführung zu bringen. Welchen der Herr natürlich auch wieder so, wie die früheren, zu benützen weiß. Das ist demnach die Aktion und das Wesen der untersten Hölle, theoretisch betrachtet.
GS|2|108|16|0|Wie sich aber alles dieses in der Erscheinlichkeit kundgibt, [dazu] wollen wir in der Folge einige Betrachtungen machen, und das zwar durch alle drei Höllen hindurch!
GS|2|109|1|1|Bilder der ersten und zweiten Hölle
GS|2|109|1|1|(Am 17. November 1843 von 4 3/4 – 6 Uhr abends.)
GS|2|109|1|0|Wie es erscheinlich in der ersten Hölle aussieht, habt ihr schon im Verlaufe der Mitteilungen aus der Sonne einmal gesehen, wie auch die Eingänge verschiedenartig in die erste Hölle. Nur muss ich das Wenige noch beisetzen, dass derjenige Eifer eben derjenigen höllischen Geister, die ihr in der ersten Hölle geschaut habt, vorzugsweise nur ein Genuss- oder, wie ihr zu sagen pflegt, ein Fress-Eifer ist. Es gleicht dieser Zustand demjenigen auf der Erde, in welchem allda die Menschen auch alles Mögliche ergreifen, um, wie ihr zu sagen pflegt, zu einem Brot zu gelangen.
GS|2|109|2|0|Die einen errichten verschiedenartige Gewerbe, die anderen haschen nach Beamtenstellen, wieder andere nach irgendeiner guten Heirat. Aber das alles tun sie nicht irgend des Guten wegen, sondern rein nur ihrer selbst und des Brotes wegen. Sie kümmern sich in diesem Zustand gar wenig um irgendeine Herrlichkeit, sondern es liegt ihnen alles daran, eine gewisse Versorgung zu bekommen.
GS|2|109|3|0|Nach himmlischer Art sorgt man sich um gar nichts außer allein um die Liebe und die Erkenntnis Gottes. Für alles andere sorgt der Herr! Nach der höllischen Art aber sorgt man sich gerade umgekehrt. Man will eine sichere Fressversorgung haben und denkt sich im besten Falle: Wenn ich erst für alle äußeren Bedürfnisse gedeckt bin, so will ich dann erst sehen, ob der Geist mit dieser Versorgung nicht mitzufrieden ist. Wenn aber dann jemand eine äußere Versorgung erlangt, welche gewöhnlich mit irgendeiner kleinen Herrlichkeit verbunden ist, so geht der Versorgte bald in einen seiner Herrlichkeit entsprechenden Hochmut über, den er durch einen gewissen Glanz stets mehr und mehr aufzurichten bemüht ist; aus welchem Grunde denn auch junge Beamte wie auch angetretene Gewerbsleute – versteht sich ein jeder in seiner Sphäre – sich stets mehr und mehr aufzublähen anfangen, und gar bald nicht mehr wissen, wie sie sitzen, stehen, gehen, sehen, hören und reden sollen, damit man ihnen sogleich auf den ersten Augenblick anerkennt und gewisserart anerkennen soll und von der Nase herunterlese, in was für einer Herrlichkeit sie stecken und was für ein vielsagendes Amt sie bekleiden.
GS|2|109|4|0|Wenn solche Menschen auf diese Weise versorgt sind, da sollten sie sich um nichts mehr sorgen, denn sie haben ja ihr bestimmtes Einkommen und Brot erhalten, und sollten jetzt auch für das Geistige zu sorgen anfangen. Aber – ganz umgekehrt! Jetzt ist mit der Versorgung das Glanz- und Herrschbedürfnis eingetreten. Darum sorgen sie jetzt mehr als je dafür, um nur höher und höher zu steigen, wie die Gewerbsleute, um nur reicher und reicher zu werden. In dieser Lage werden sie voll Neid und inneren Hasses gegen diejenigen, die ihnen irgend im Weg stehen.
GS|2|109|5|0|Die Nächstenliebe geht bei ihnen so weit, dass so mancher Unterbeamte nichts sehnlicher wünscht als den Tod seines ihm vorgesetzten höheren Beamten, um bei solcher Gelegenheit dann die Stelle des Höheren einzunehmen. Und der Gewerbsmann wünscht nichts sehnlicher als Fallimente seiner Kollegen, damit er dann allein alles Geschäft an sich reißen könnte. Seine Nächstenliebe geht so weit, dass er alle seine Geschäftsgenossen mit einem Tropfen Wasser umbringen möchte, wenn solches nur irgend möglich wäre. Er unternimmt auch alles Erdenkliche, um, wo und wie nur immer möglich, seinen Nebengeschäftsmann zu ruinieren.
GS|2|109|6|0|Wenn ihr dieses weltliche Benehmen nur ein wenig klar durchbeleuchtet, so habt ihr schon die erste Hölle vollkommen in dem Fressbestreben und wie diese in die zweite Hölle übergeht, in dem Hass, Zorn, Neid und Herrschbestreben auf ein Haar genau getroffen vor euch. Ihr braucht hier nichts als die äußeren sittlichen und bürgerlichen Staatsgesetze hinwegzustreifen, und die erste wie die zweite Hölle sind buchstäblich und bildlich vor euch.
GS|2|109|7|0|Was sich auf der Welt unter dem Deckmantel der sittlichen und bürgerlichen Gesetze noch immer in einer gewissen Dezenz ausnimmt, das tritt bei Hinwegnahme der sittlichen und bürgerlichen Gesetze sogleich als Raub, Krieg und Mordbrennerei auf. Da habt ihr dann das vollkommene Bild der ersten Hölle.
GS|2|109|8|0|Und wollt ihr das Bild der zweiten Hölle, so tut dasselbe, und ihr werdet sogleich allenthalben eine geheime Verschmitztheit zu entdecken anfangen, und allenthalben werdet ihr nirgends zwei Menschen oder Geister sich gegenüberstehend entdecken, die nicht gegenseitige Todfeinde wären. Begegnen sie sich auch äußerlich freundlichst und voll Höflichkeit wie auch voll anscheinender gegenseitiger Liebe, so ist aber alle diese Liebe dennoch nichts anderes als purer Hass. Denn das ist Politik, um den Gegner zum Frieden zu stimmen, ihn auf die feinste Art zu entwaffnen, um ihn dann desto sicherer ohne Widerstand überfallen zu können und bis in den Grund und Boden zu verderben.
GS|2|109|9|0|Betrachtet auf eurer Erde die sogenannten Kriecher und Speichellecker. Das sind gewöhnlich die größten Todfeinde derjenigen, vor denen sie kriechen, und erheben sie aus demselben Grunde wie ein Geier eine Schildkröte, um sie, wenn er mit ihr die rechte Höhe erlangt hat, auf das Allerschmählichste fallen zu lassen, um durch ihren Fall noch mehr zu gewinnen.
GS|2|109|10|0|Seht, das ist wieder buchstäblich und bildlich die rein höllische Liebe des zweiten Grades; daher in dieser Hölle dann schon auch allerlei Trugkünste gehandhabt werden, um durch sie sich gegenseitig zu fangen und zu verderben, in der tollsten Meinung, durch den Fall anderer stets mehr und mehr auf jede mögliche Weise zu gewinnen.
GS|2|109|11|0|Auf diese Weise lernen auch unsere Schüler die Höllen zuerst theoretisch und dann praktisch erscheinlich durch und durch kennen. Und so hätten auch wir in möglichst gründlicher Kürze die ersten zwei Höllen erscheinlich beschaut. Wer diese Darstellung nur ein wenig nachdenkend beachtet, der hat alles sonnenklar vor sich. Was aber die Erscheinlichkeit der dritten Hölle betrifft, so wollen wir derselben eine eigene Betrachtung widmen, denn diese muss am meisten erkannt sein, weil sie der Grund alles Lasters ist.
GS|2|110|1|1|Die Ursache der verschiedenen Darstellungen der Hölle
GS|2|110|1|1|(Am 18. November 1843 von 4 1/4 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|2|110|1|0|Ihr werdet euch denken, noch mehr aber so mancher andere, so er bei dieser Mitteilung gegenwärtig wäre: Es ist wohl recht löblich und auch moralisch nützlich, dergleichen Eröffnungen zu vernehmen, durch welche gewisserart bildlich das Grundböse dargestellt wird; aber es gibt nun bereits eine halbe Legion Beschreibungen der Hölle auf Erden. Sie scheinen alle ähnlichen Ursprungs zu sein, aber wie verschieden sind sie voneinander! Bei dem einen ist die Hölle ein feuriger Schwefelpfuhl, bei den anderen ein nagender Glühwurm, wieder bei anderen ein wütend Feuer, eine ewige Finsternis, ein ewiger Tod. Bei einigen werden die Verdammten gepeinigt, gesotten und gebraten, bei den anderen sind sie die allerbarsten Freiherren. Einige wieder erblicken in der Hölle nichts als eine entsetzliche Kälte, andere wieder den glühendsten Zorneifer. Einige erblicken darin elendste, verkrüppeltste und ausgehungertste Menschengestalten, andere wieder ein Aggregat von den sonderbarsten, scheußlichsten Gestalten, die je nur irgendeiner menschlichen Phantasie entstammen können. Und so hat man unter dem Begriff der Hölle einen wahrhaftigen Proteus vor sich, den man unter gar keiner Gestalt festhalten kann.
GS|2|110|2|0|Wird demnach hier auch eine den menschlichen reinen Begriffen vollkommen zusagende und für diese Zeit wohlbegreifliche Darstellung der Hölle gegeben, wer aber bürgt dafür, dass diese Darstellung mit der Zeit nicht wieder durch eine andere verdrängt wird? Denn nichts existiert so vielfach unter allerlei Gestalten unter den Menschen als eben dieser Schreckensort unter dem Begriff „die Hölle“.
GS|2|110|3|0|Gut, sage ich euch, meine lieben Freunde! Euer bedenklicher Einwurf hat seinen guten Grund, denn er stützt sich vollkommen auf die Realität dessen, was davon da ist, nämlich von dem Begriff der Hölle. Darum aber will und muss auch ich euch hier die Hölle in einem solchen allgemeinen Licht zeigen, in welchem Licht jede mögliche Darstellung derselben, die bis jetzt irgendwo auf der Erde gang und gäbe ist, ihre vollkommene Rechtfertigung finden soll.
GS|2|110|4|0|Wenn man die Hölle nur der Äußerlichkeit nach oberflächlich betrachtet, so ist es höchst begreiflich, warum sie als ein wahrer Proteus in stets anderer Erscheinlichkeit auftritt. Aber ganz anders verhält es sich mit der Sache dann, wenn man sie vollkommen aus ihrem Grund betrachtet.
GS|2|110|5|0|Damit ihr aber solches vollkommen klar einseht, wollen wir durch kleine Beispiele eben diese sehr verfängliche Sache so beleuchten, dass sie vor jedermanns Augen unter der Beleuchtung der Sonne dastehen soll.
GS|2|110|6|0|Nehmen wir an, in einem Staat gibt es sicher gar viele Tausende von Menschen; alle diese Menschen – Kretins, Trottel und unmündige Kinder ausgenommen – machen sich allerlei bunte Begriffe von der geheimen Staatspolitik. Wer solche näher kennen will, darf nur mit verschiedenen Menschen sich darüber in ein Gespräch einlassen. Die einen sehen nichts als Krieg vor sich, die anderen nichts als geheime Verrätereien, wieder andere geheime Volksbetrügerei, andere wieder lauter Klugheit. Einige schreien laut über Ungerechtigkeit, andere können wieder keine genug lobhudlerischen Worte finden, um die Verfassung, die geheime staatskluge Politik über den grünen Klee hinaus zu loben.
GS|2|110|7|0|Das wären aber noch lauter nüchterne Ansichten des gebildeteren Teiles im Volk über die geheim-politische Staatsverwaltung. Wer aber davon Lächerlichkeiten über Lächerlichkeiten vernehmen will, der begebe sich in sehr finstere Dorfstuben so mancher Landbauern, und er darf überzeugt sein, dass er in solchen Kabinetten alles vernehmen wird, was immer nur eine ungebildete, rohe menschliche Phantasie hervorzubringen imstande ist. Zum Beispiel, dass der Kaiser die Absicht habe, eine Stadt vergiften zu lassen, dass er in einem Land will die Pest dem Volk einimpfen lassen, oder dass er mit einem fremden Monarchen einen Bund geschlossen habe, irgend ein Landvolk mit dem Schwert in einer Nacht umzubringen und die Güter der umgebrachten Untertanen also gewalttätigst an sich zu reißen; – anderer Albernheiten nicht zu gedenken, wo der Monarch bei irgendeiner Gelegenheit entweder seine eigene Seele oder die Seelen irgend seiner Untertanen zur Gewinnung eines großen irdischen Vorteils dem Teufel leibhaftig verschrieben habe! Dass das alles sich richtig also verhält, braucht keines näheren Beweises, indem es einem jeden freisteht, sich davon tagtäglich hundertmal statt einmal überzeugen zu können.
GS|2|110|8|0|Dass sich also die Sache so verhält, unterliegt keinem Zweifel, frage aber: Wer aus all diesen tausend und tausend politischen Begriffsaufstellern hat denn den rechten Begriff, den rechten Grund der geheimen Staatsverwaltung aufgestellt? Im Grunde gar keiner; aber dessen ungeachtet hält ein jeder mit geheimnisvoller, weise tuender Miene den seinen für den richtigsten. Wie aber ist das möglich, über etwas begründete Begriffe aufzustellen, davon man selbst keinen Begriff hat?
GS|2|110|9|0|Seht, der Grund davon liegt zum Teil in der äußeren Erscheinlichkeit wie in der Individualität dessen, der die Erscheinlichkeit betrachtet. Je weniger inneren geweckten Grund der Betrachtende hat, desto irrsinnigere Begriffe kombiniert er sich von der Erscheinlichkeit. Und seht, gerade also verhält es sich bis jetzt mit dem Begriff der Hölle.
GS|2|110|10|0|Nur äußerst wenigen Sehern ward es gegönnt, in den Grund dieses Ortes einen Scharfblick zu tun, aber sehr vielen ward es gestattet, eines oder das andere Erscheinliche dieses Ortes zu erblicken. Und so hat die Darstellung des Erscheinlichen durch ihre voluminöse Masse stets den wahren Grund überboten. Aus diesem Grunde hat sich dann die Hölle unter so mannigfachen Gestalten vervielfacht und niemand wusste und weiß es bis jetzt vollkommen, wie er mit diesem Ort daran ist.
GS|2|110|11|0|Frage aber weiter: Wer im Staat könnte denn wohl von der geheimen Staatsverfassung den richtigsten Grundbegriff aufstellen? Sicher niemand als eben der kluge Monarch selbst.
GS|2|110|12|0|Wenn sich die Sache unwiderlegbar so verhält, da wird diese Frage auch für das düstere jenseitige Verhältnis passen, und die Antwort darauf wird keine andere sein, als dass nur derjenige über diesen Ort den allerrichtigsten und allgemein geltenden Grundbegriff aufstellen kann, der da ein Herr ist wie über alle Himmel, so auch über alle Höllen!
GS|2|110|13|0|Wie aber jemand, der in den Grund der geheimen Staatsverwaltung eingeweiht ist, mit leichter Mühe den Grund von allen den im Volk kursierenden Begriffen erschauen wird, so wird auch derjenige, der den wahren Grund dieses Ortes unter dem Begriff der Hölle vom Herrn aus kennt, den Grund aller albernen Begriffe darüber einsehen.
GS|2|110|14|0|Ein jeder Mensch trägt nach seiner Individualität den Himmel wie die Hölle in sich.
GS|2|110|15|0|Wird er nun durch einen gewissen Zustand seiner eigenen Individualität ansichtig, so wird er dadurch nur seiner eigenen unausgebildeten Hölle oder seines höchst unvollkommenen Himmels ansichtig. Auf diesem Wege können dann zahllosfache verschieden aussehende Höllen entstehen.
GS|2|110|16|0|Ist aber das hernach schon als Grund anzunehmen? Sicher so wenig, als wenn einer, der am seichten Ufer mit einem Spazierstäbchen das Meer misst, wo es höchstens einen halben Schuh tief ist, dann im Ernst auftreten und fest behaupten möchte, das Meer sei nur einen halben Schuh tief, denn er selbst habe es gemessen. Ebenso gilt es auch hier von der Behauptung aller Seher, die da sagen: Ich habe die Hölle in diesem und jenem Zustand also gesehen. – Wie wenig aber jemand das seichte Ufer, das wohl auch zum Meer gehört, als den eigentlichen Hauptgrund des Meeres ansehen kann, ebenso wenig kann auch eine solche geschaute Erscheinlichkeit der Hölle als der wahre Grund angenommen werden.
GS|2|110|17|0|Wie sich aber hernach der eigentliche Grund finden und gründlichst beschauen lässt, wird die Folge zeigen.
GS|2|111|1|1|Der Mensch lebt im Geist fort wie in seinem Leibesleben auf der Erde
GS|2|111|1|1|(Am 20. November 1843 von 4 3/4 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|2|111|1|0|Wenn man aber diesen Hauptgrund der Hölle gründlich erschauen will, so muss man ihn zuerst dort erschauen, wo das jewaige Licht des Auges für die Eindrücke empfänglich ist, und von diesem Gesichtspunkt dann mittels geistiger Wendung auch auf das Geistige entsprechendermaßen folgerecht schließen. Will man aber das, so muss man zum Voraus als unabänderlich bestimmt annehmen und einsehen, dass die Lebensverhältnisse und die Äußerungen derselben unter einem und ebendemselben ewig unveränderlichen Herrn stets die einen und dieselben sind. Mit anderen Worten gesagt:
GS|2|111|2|0|Der Mensch lebt im Geist genau auf ein Haar genommen ebenso fort, wie er mit seinem Leibesleben, welches nur ein Mit- oder Mittelleben ist, hier auf der Erde lebt.
GS|2|111|3|0|Man wird hier sagen: Das klingt sonderbar. Damit scheint es nicht seine völlige Richtigkeit zu haben, denn das geistige Leben muss doch sicher etwas anderes sein und unter ganz anderen Verhältnissen gedacht werden als das naturmäßige Leben.
GS|2|111|4|0|Ich aber sage: Wer so spricht, der hat sicher noch keine Ahnung von dem, wie er naturmäßig lebt. Frage:
GS|2|111|5|0|Lebt denn bei Leibesleben der Leib oder der Geist? Was ist das Prinzip des Lebens? Ist es der Leib oder der Geist? Ich meine, der nur etwas klarer zu denken vermag, wird doch nicht die Prinzipien des Lebens im Leib, sondern nur allein im Geist suchen. Denn wären die Lebensprinzipien im Leib, so wäre der Leib unsterblich. Der Leib aber ist sterblich, somit kann er auch nicht die Grundfesten des Lebens in sich haben, sondern nur der Geist, der unsterblich ist. Das Leben des Leibes ist daher nur ein durch das des Geistes bedingtes. Der ganze Leib verhält sich passiv und völlig negativ zum Geist. Daher ist sein Leben auch nur ein erregtes Mitleben, gerade also, wie irgendein Werkzeug auch in der Hand eines Handwerkers passiv wirkend mitlebt, solange es der Handwerker in seiner lebendigen Hand dirigiert. Lässt er es aber fallen oder legt er es zur Seite, dann hat es mit dem Mitleben des Werkzeuges und mit seiner effektiven Tätigkeit ein Ende.
GS|2|111|6|0|Wer wird wohl so toll und dumm sein und etwa den Satz aufstellen wollen: Der Handwerker muss sich nach den Verhältnissen des Werkzeuges richten, statt das ganz Klare einzusehen, dass nur der Handwerker sich brauchbare Werkzeuge nach seinem Bedürfnis wie nach seinem Verhältnis verfertigt. Wenn also der Werkmeister die Verhältnisse des Werkzeugs nach seinem Verhältnis bestimmt, so wird es etwa doch auch klar sein, dass die Verhältnisse des mitlebenden Leibes von denen des lebendigen Geistes abhängen, aber nicht umgekehrt.
GS|2|111|7|0|Und so lebt der Geist allzeit nur ganz allein aus seinen eigenen Lebensprinzipien und in seinen allzeit eigenen Lebensverhältnissen, an denen der Leib so wenig zu ändern vermag, wie das tote Werkzeug an den Verhältnissen des Handwerkers.
GS|2|111|8|0|Wenn aber jemand einem Handwerker zusieht, wie er sein Werkzeug gebraucht, und hat die Einsicht in den Plan, was der Handwerker mit dem Werkzeug hervorbringen will, kann der wohl nur einigermaßen vernünftigerweise behaupten und sagen: Es muss am Ende durch den Gebrauch des Werkzeuges doch etwas ganz anderes zum Vorschein kommen und müssen sich ganz andere Verhältnisse mit dem Produkt entwickeln, als welche in der klaren Absicht des Werkmeisters laut des vorliegenden Planes liegen? Wäre das nicht eine unsinnige Behauptung? Ganz sicher, denn was da in die offenbare Erscheinlichkeit tritt, ist doch sicher der Effekt des lebenden Werkmeisters, nicht aber des Werkzeuges.
GS|2|111|9|0|Also ist auch das Lebensverhältnis des Geistes stetig, ob im oder ohne Gebrauch des werkzeuglichen Leibes. Und wer demnach die Hölle hier gründlich beschauen will, der beschaue sie hier unter demselben Verhältnis im Leibesleben wie einst im absoluten geistigen. Denn die Hölle ist auf der Welt ebenso genau von Zug zu Zug gegenwärtig, wie sie im absoluten geistigen Zustand sich beurkundet. Nichts mehr und nichts weniger gibt es weder hier noch dort; und also in diesem Bild werden wir sie auch am klarsten und am effektvollsten beschauen.
GS|2|111|10|0|Um aber das eigentliche Bild der Hölle für jedermann auf dieser Welt noch klarer und anschaulicher zu machen, wollen wir zum Voraus noch den sehr kleinen Unterschied zwischen dem naturmäßigen und geistig absoluten Lebensverhältnis der Menschheit dartun, und das so viel wie möglich auf eine handgreifliche Weise.
GS|2|111|11|0|Stellt euch einen Schreiner vor. Dieser hat einen Kasten zu verfertigen. Zu dessen Verfertigung bedarf er mehrerer euch bekannter Werkzeuge. Er arbeitet fleißig darauf und wird in etlichen Tagen mit seinem Kasten fertig. Zum Fertigwerden des Kastens war besonders sein Trieb, der ihn zum Fleiß anspornte, der Grund. Warum war er denn fleißig und gehorchte seinem inneren Trieb? Weil er des Nutzens wegen den Kasten sobald als nur immer möglich hatte fertigmachen wollen. Frage aber weiter: Woher rührt denn dieser Trieb, was ist sein Grund? Dieser Trieb rührt von der schöpferischen Fähigkeit des Geistes her. Wie denn? Weil der Geist diese Eigenschaft in sich hat, dasjenige, was er in seiner Idee geschaffen hat, auch sogleich objektiv zu realisieren.
GS|2|111|12|0|Im absolut geistigen Zustand kann er das, denn was er denkt, ist auch da. Aber in Verbindung mit seinem ihn hemmenden Leib kann er das mit der äußeren Materie nicht. Daher muss er seinen Leib als das Werkzeug nur zur sukzessiven Tätigkeit antreiben, um auf diese Weise dann seine Idee nach und nach zu realisieren. Und diese Einrichtung ist vom Herrn aus darum also getroffen, damit der Geist sich in diesem Leben vor allem und bei jeder möglichen Gelegenheit in der allernotwendigsten Eigenschaft alles Lebens fortwährend übe, welche Eigenschaft, als die Mutter der Demut, die göttliche Geduld heißt. Denn das muss ein jeder nur ein wenig reif Denkende einsehen, dass die Geduld fürs ewige Leben umso notwendiger ist, indem dieses Leben kein Ende hat, da sie schon für das naturmäßige Leben der Grund von allen guten und großen Effekten ist, während dieses Leben nur ein vergängliches ist.
GS|2|111|13|0|Könnte unser Schreiner seinen Kasten sogleich erschaffen, wie er ihn in seiner Idee sich vorgestellt hat, so wäre ihm das sicher lieber. Aber wo bliebe da die über alles wichtige Übung für die Geduld und wo die wechselseitige äußere naturmäßige Sicherheit, wenn in dieser materiellen Welt dem noch an seinen Leib gebundenen Geist seine ursprüngliche schöpferische Eigenschaft unbeschränkt zu Gebote stände?
GS|2|111|14|0|Nach der Ablegung dieses Leibes bekommt zwar ein jeder Geist diese Eigenschaft wieder. Der Gute allein nur reell effektiv, der Böse phantastisch und chimärisch; denn wie sein Grund, so seine Wirkung.
GS|2|111|15|0|Nun seht, in diesem vorgeführten Beispiel ist der Unterschied zwischen dem naturmäßigen und absolut geistigen Leben handgreiflich dargetan, welcher kurz gesagt darin besteht, dass der Geist im naturmäßigen Leben seine Ideen nur langsam und nie ganz vollkommen zu realisieren imstande ist, weil ihn daran seine grobe Materialität hindert, mit der er umkleidet ist, während er im absoluten Zustand seine Idee plötzlich realisiert haben will. Der Wille ist immer derselbe, die Idee ebenfalls, nur die Ausführung ist beschränkt im naturmäßigen Leben. Und so ist diese Beschränkung der einzige Unterschied zwischen den beiden Leben, und sonst ist gar kein Unterschied vorhanden. Dass dieser Unterschied in der Materie haftet, braucht kaum erwähnt zu werden. Da wir nun solches sicher handgreiflich und sonnenklar kennen, so wollen wir sogleich so ganz eigentliche Bilder der Fundamentalhölle anführen.
GS|2|112|1|1|Bilder der Fundamentalhölle
GS|2|112|1|1|(Am 21. November 1843 von 4 – 5 1/2 Uhr abends.)
GS|2|112|1|0|Nr. 1: Stellt euch einen reichen Spekulanten vor. Beschaut recht diesen ewigen Nimmersatt. Was ist seine Liebe und was sein Wollen? Nichts anderes als sich auf jede mögliche, nur einigermaßen bürgerlich gesetzlich erlaubte Art der Habseligkeiten eines ganzen Landes, endlich eines ganzen Reiches zu verschaffen, und ist ihm das gelungen, auch mehrerer Reiche, wo nicht der ganzen Erdoberfläche zu bemächtigen. Es gelingt ihm freilich wohl solcher Plan nicht so ganz und gar, und er wird seine Idee schwerlich gänzlich realisieren. Dabei aber geht sie in ihm doch nicht zugrunde und wird heimlich also lauten: Hätte ich nur eine Kriegsmacht von wenigstens ein paar Millionen unbesiegbarer Krieger, so holte ich mir alles Gold und alles Silber, alle Edelsteine und alle Perlen von der ganzen Welt auf einen Haufen zusammen.
GS|2|112|2|0|Mancher hat auch solchen Wunsch: Wenn doch über ein ganzes Land eine solche Pest käme, welche bis auf mich alle Menschen ins Gras beißen machen möchte, so bliebe ich auch der natürlichste Universalerbe des ganzen Landes. Und wenn dann Menschen von irgendeinem anderen Land hereinkämen und möchten mir meine Universalerbschaft streitig machen, da sollte sie gleich an der Grenze wieder die Pest packen und sie erwürgen!
GS|2|112|3|0|Seht, das ist so ein Bild der Fundamentalhölle, das ihr tagtäglich unter den Menschen finden könnt, und das bei allen Klassen, vom gemeinsten Krämer angefangen bis zum größten Großspekulanten. Was hindert diese daran, dass sie solche löbliche Ideen nicht realisieren können? Nichts als die fatale Materie. Nehmen wir nun diese hinweg und betrachten darauf mit denselben Eigenschaften den absoluten Geist, und wir haben die Fundamentalhölle in optima forma vor uns.
GS|2|112|4|0|Nr. 2: Da steht ein geringer Offizier vor uns. Was für ein Hauptgedanke wohnt in seiner Brust? Etwa der, dem Staat nützliche Dienste zu leisten? O nein, das ist der letzte. Avancieren, das ist der Hauptgedanke; wenn es möglich wäre, alle Stunde eine Stufe höher zu klimmen, in einem Jahr wenigstens ein General zu werden und als solcher selbst wieder so bald als möglich in die höheren Rangstufen überzugehen. Hat er auch, setzen wir den Fall, die höchste Stufe erreicht, so wird sein Plan, oder wenigstens sein Hauptgedanke sich darin aussprechen: Nur hinaus mit ungeheuren Kriegsscharen zur Besiegung aller Völker, und sind diese besiegt und habe ich die Macht in meinen Händen, dann müssen alle Kaiser, Könige und Fürsten vor meinem Schwert zittern!
GS|2|112|5|0|Wer hier die Herrschsucht in unserem Offizier vermisst, der muss mit siebenfacher Blindheit geschlagen sein. Was ist hier wieder der Unterschied, dass solches unser Offizier nicht zu realisieren vermag? Wie oben die materiellen, naturmäßigen, beschränkenden Verhältnisse. Die Materie klopft unserem Helden auf die Finger, und er muss sich nolens volens seine geringe Offiziersstelle gefallen lassen. Dafür aber schimpft er nicht selten ganz ausgezeichnet und sucht seine Herrschlust seinen Untergebenen so fühlbar als möglich zu machen. Das geringste Verschulden von Seiten eines Untergebenen wird mit tyrannischer Unbarmherzigkeit geahndet. Nehmt ihr bei diesem Offizier die materiellen Hindernisse hinweg, und ihr habt schon wieder ein zweites vollkommenes Bild der Fundamentalhölle in einer non plus ultra-Form vor euch.
GS|2|112|6|0|Auch dieses Bild könnt ihr tagtäglich vielfach vor euch finden, besonders in derjenigen Menschenklasse, welche berechtigt ist, einen Degen zu tragen, wie auch bei derjenigen Menschenklasse, die das Privilegium hat, ein sogenanntes adeliges Wappenzerrbild von ihrem wenig sagenden Namen zu führen. Überall werdet ihr da die Herrschlust finden, und das im gediegensten Zustand. Und das ist ja eben der Grund der untersten aller Höllen, welcher unersättlich ist und seine Herrschlust und Gier bis ins Unendliche ausgedehnt haben will. In der Folge der Bilder mehr!
GS|2|113|1|1|Ein weiteres Bild der untersten Hölle
GS|2|113|1|1|(Am 24. November 1843 von 4 – 6 Uhr abends.)
GS|2|113|1|0|Nr. 3. Betrachten wir so einen recht ausgepichten Buhler wie auch ingleichen eine ähnliche Buhldirne. Was ist der ununterbrochene Sinn eines solchen Fleischlings? Nichts, als wenn es möglich wäre und die Natur es gestattete, mit all den allerschönsten und üppigsten Mädchen ohne Unterlass zu buhlen, und das auf jede erdenkliche Weise. Wo immer das Auge eines solchen ein nur einigermaßen annehmbares weibliches Wesen trifft, da kann ein jeder auf den ersten Augenblick aus seinen Augen lesen, und er wird keine andere Silbe darin finden, als dass dieser Buhler das angeschaute weibliche Wesen, wo es ihm vorkam und ihm begegnete, auf der Stelle für seine Lust gebrauchen möchte, ohne im Geringsten darauf Rücksicht zu nehmen, zu welchem Zweck der Zeugungsakt von Gott eingesetzt und geschaffen ward. Wenn nicht bürgerliche Sittengesetze ihn daran hinderten, so wäre auch kein weibliches Wesen selbst auf dem alleröffentlichsten Platz sicher vor seiner Gier.
GS|2|113|2|0|Doch das schadet der Sache im Grunde nicht und gestaltet sie nicht anders, denn unser Fleischheld hat in seiner Begierde dennoch gebockt mit seinem ihm angenehmen Gegenstand. Nehmen wir aber an, solch ein sinnlicher Mensch hat ein hinreichendes Vermögen und kann sich dadurch alle die Genüsse, danach sein Sinn dürstet, mit weniger Ausnahme verschaffen. Was tut er? Nichts als ganze Länder bereisen, um sich in diesen verschiedene extrafeine Genüsse zu verschaffen; denn in seinem Ort schmeckt ihm nichts mehr, weil er fürs Erste schon alles abgenossen hat, und fürs Zweite, weil er so manches doch trotz seines großen Vermögens nicht erreichen kann, worauf er sozusagen noch irgendeine Passion hätte.
GS|2|113|3|0|Wenn unser Fleischheld alles so durch und durch genossen hat und seine Natur ihm ganz gewaltig den schnöden Dienst zu versagen anfängt, da greift er zu künstlichen Mitteln, um dadurch seine abgestumpfte Natur wieder neu zu beleben. Dergleichen Mittel werden zuerst aus der Apotheke genommen; fruchten diese nicht mehr, dann wird einem solchen bis auf den letzten Tropfen abgelebten Fleischhelden ein gewisser schandvoller Beischlaf von gesunden Knaben und Jünglingen verordnet. Dadurch wird seiner Natur ebenfalls wieder etwas aufgeholfen; denn die hochgelehrten Ärzte wissen solches ja, dass die Ausdünstung der männlichen Jugend am allerstärkendsten auf einen decrepiden [gealterten] und gänzlich ausgelebten Fleischbock einwirkt. Auf diese Weise wird dann unser Fleischheld auch ein Knabenschänder.
GS|2|113|4|0|Seine Natur kehrt sich ganz um, er bekommt einen förmlichen Ekel vor dem Fleisch der Weiber und sucht dann nur sich mit dem stärkenden Fleisch der männlichen Jugend zu befriedigen. Und hat er sich auch bei dieser Art einen Ekel über den buhlerischen Fleischgenuss bereitet und sich die gänzliche Unfähigkeit zugezogen, so wird er dann zornig über eine solche Einrichtung der Natur, die ihm keinen Stich mehr hält.
GS|2|113|5|0|Sein Glaube an Gott war schon lange ein vollkommenes Opfer; denn das hat die Fleischsünde in sich, dass sie zuerst alles Geistige tötet. Durch diese Sünde ist der Mensch ein allergröbster materieller Egoist, und liebt niemanden außer sich und will, dass alles seiner Begierde Zusagende ihm allein dienen solle. Er ist in sich selbst über alle Maßen verliebt, daher hasst er alles, was nicht seiner Begierde huldigt. Aus dem Grunde er dann, wie gesagt, ein allerpurster egoistischer Stockmaterialist ist, und von einer Göttlichkeit und von irgendetwas Geistigem ist keine Spur mehr in ihm zu treffen.
GS|2|113|6|0|Aus diesem Grunde ist er aber dann auch ein reiner Atheist und die Natur, d. h. die äußere, sichtbare, grobe, ist sein Gott. Diesem Gott bringt er so lange seine Opfer, als er in der noch brauchbaren Kraft seiner eigenen Natur die Erfahrung macht, dass ihm dieser Naturgott durch solche Einrichtung reizende und angenehme Genüsse verschafft. Wehe aber diesem Naturgott, wenn er unserem Helden einmal den Dienst versagt! Fürwahr, es wäre gar nicht möglich, alle die bitteren und schändlichen Lästerungen wiederzugeben, mit denen unser Fleischritter diesen Naturgott ehrt. Zorn, Rache, Grimm und Wut sind dann die Beigaben oder Wappenschilde, welche er führt. Hätte er Macht, zwischen zwei Fingern würde er die ganze Schöpfung zerpulvern. Und das Fleisch der Weiber, das ihn so geschwächt hatte, wie auch das der männlichen Jugend, das ihm keine Stärkung mehr gab, würde er mit glühenden Messern zerschneiden und mit glühenden Hämmern zerklopfen. Fürwahr ihr könnt es glauben, der heimliche Zorn eines rechten Buhlknechtes, wenn er sich vollkommen ausgebuhlt hat, übersteigt alle menschlichen Begriffe. Ein Mordbrenner, ein Totschläger, ein Straßenräuber dürften noch mehr menschliches Gefühl in sich haben als ein solcher überaus fleischgieriger Buhler, dem sein Fleisch den Dienst versagt.
GS|2|113|7|0|Gibt es etwa wenig dergleichen Freudenmänner auf der Erde? O nein, ich kann euch des vollkommen versichern, dass da auf einen Geldgeizigen allerwenigstens tausend solche Fleischhelden kommen. Fürwahr, wer aus euch ein Vater ist und hat eine Tochter, die nur einiges fleischliches Ansehen hat, so darf er ganz sicher darauf rechnen, dass, besonders in einer Stadt, mit ihr in jeder Stunde des Tages wenigstens hundertmal begierliche Unzucht getrieben wird.
GS|2|113|8|0|Man wird zwar hier sagen: Das tut ja nichts, Gedanken und unausführbare Begierden sind zollfrei. – Ich aber setze hinzu und sage: Allerdings, für den Blinden im Geiste, der über die Materie hinaus auch nicht um ein Haar breit zu schauen vermag. Was würde aber so ein Vater sagen, so ihm das geistige Auge geöffnet würde und er dann mehrere hundert Wollüstlinge vor sich erblickte, die alle eine und dieselbe Tochter auf jede erdenkliche Art vor seinen Augen schänden? Fürwahr, sein Gesicht dürfte da wohl ein wenig über die gewöhnliche Proportion hinauswachsen; und wie hier gesagt, also ist es.
GS|2|113|9|0|Das Fleisch der Tochter kann wohl behütet werden. Das ist aber auch das Wenigste. Wer behütet aber ihren Geist und dessen ausstrahlende Sphäre, mit welcher sich unsere Fleischholde in Verbindung setzen und sie in ihre schändliche Sucht verkehren? Meint ihr, das sei von keinem nachteiligen Einfluss für eure Tochter? Oh, da irrt ihr euch überaus gewaltig!
GS|2|113|10|0|Führt eure Tochter nur öfter auf solche Plätze, wo sie vielfach von sinnlichen Augen begafft wird, und euere Tochter wird in kurzer Zeit sinnlich fleischlich gestimmt werden und heimlich bei sich stets mehr und mehr anfangen, eure elterlichen sittlichen Ermahnungen zu bespötteln und zu belachen. Und ihr Sinn wird stets mehr und mehr dahin gerichtet werden, wo sie eine solche sinnliche Männerbrut wittert. Es wird hier vielleicht mancher sagen: Nein, das ist zu arg; das ist eine Schwärmerei, die man gleich a priori verdammen muss. Was soll da eine unschuldige Begierde oder ein heimlicher wollüstiger Gedanke ohne weitere Berührung auf ein ganz fremdes Objekt für eine nachteilige Wirkung haben? – Und ich sage dazu nichts als: Erstens an Menschen von solcher Ansicht und von solcher Geistesgewecktheit ist diese Mitteilung ebenso wenig gerichtet, wie die Sonne an den Mittelpunkt der Erde. Und fürs Zweite aber frage ich diejenigen, die in der Sphäre des sogenannten Somnambulismus irgendeine Erfahrung und selbst die Beobachtung gemacht haben, wie auf magnetische Personen sich nähernde Fleischbolde eine störende Wirkung hervorbrachten, – woher diese Wirkung kommt und worin sie ihren Grund hat? Hat doch auch ein solcher ungebetener Gast die Somnambule nicht berührt, und dennoch empfindet sie im Augenblick eine krampfhafte und nicht selten schmerzliche Wirkung beim Eintritt eines solchen Gastes.
GS|2|113|11|0|Seht, der Grund liegt in der sogleich erfolgten schändlichen Herabziehung der geistigen Sphäre der Somnambule. Bei der Somnambulen aber entsteht daraus kein moralisches Übel, weil fürs Erste ihre Sphäre abgeschlossener ist, und fürs Zweite, weil jede Somnambule sogleich alles Mögliche aufbietet, um einen solchen Gast von sich zu entfernen.
GS|2|113|12|0|Frage: Geschieht das auch im natürlichen Zustand, wo die Sphäre eines jeden Menschen viel ausgedehnter ist und wo er die Empfindung des Nachteiles in sich nicht wahrnimmt? Fürwahr, die Einwirkung ist im naturmäßigen Zustand noch um vieles ärger als im somnambulen, aus welchem Grunde denn auch für dergleichen unkeusche Gedanken und Begierden ein eigenes Gebot gegeben ist, dass sich ein jeder derselben enthalten und entschlagen soll.
GS|2|113|13|0|Wer demnach einen solchen Fleischbold betrachtet, wie er ist, der sieht schon wieder ein vollkommenes Bild der Hölle vor sich. Er streife ihm nur die Materie ab und beschaue dessen absoluten Geist, und er wird Wunder über Wunder von A bis Z erschauen. Zuerst einen Geiler auf jede erdenkliche Weise, zugleich aber daneben einen Wütenden, der mit dem entsetzlichsten Ingrimm sich am Schöpfer wie an der ganzen Schöpfung allerschändlichst rächen will wegen der vermeinten Unvollkommenheit seiner Natur. Mehr brauche ich hier nicht zu sagen; denn wer Augen hat, der kann selbst schauen. Im nächsten weiblichen Bild werden wir die Erscheinung dieser Hölle noch klarer vor uns haben.
GS|2|114|1|1|Hochmut und Herrschsucht in der Maske von Tugend und Schamhaftigkeit
GS|2|114|1|1|(Am 27. November 1843 von 4 3/4 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|2|114|1|0|Es braucht einen geringen Grad von physiologischer Kenntnis, um im Allgemeinen herauszufinden, dass im weiblichen Geschlecht die Herrschsucht der vorherrschendste Charakterzug ist; denn Herrschlust und Eitelkeit sind Zwillingsgeschwister und haben somit eine und dieselbe Stammwurzel. Wo aber ist das Weib, das nicht irgendeinen Grad von Eitelkeit besäße, sei es jetzt in ihrem Kleiderwesen oder in ihrer Zimmereinrichtung oder in noch so manchem anderen?
GS|2|114|2|0|Prüft den Zug dieser Eitelkeit und ihr werdet hinter ihm nichts finden als das lebendige Samenkörnchen des Hochmutes und hinterdrein der Herrschsucht.
GS|2|114|3|0|Man wird hier sagen: Nein, das heißt die Sache zu tief und zu grob angepackt! Im Gegenteil sollte man einen gewissen Grad von Eitelkeit bei dem weiblichen Geschlecht eher loben als also beinahe schonungslos an den Pranger des tiefsten Tadels stellen. Denn dieser gewisse Grad von Eitelkeit bei dem weiblichen Geschlecht ist sicher nur ein Kind der weiblichen Scham und des damit verbundenen Reinlichkeitssinnes, was aber doch offenbar nur eine lobenswerte Tugend und nie ein Fehler des weiblichen Geschlechts ist. – Gut, sage ich, es ist auf der Welt leider so weit gekommen, dass man das Gefühl der Scham für eine Tugend hält und mit der Ehre die Menschheit krönt, und das ist die beste Ernte für die Hölle; denn auf diesem Weg müssen die Menschen fallen, wo sie auf einem anderen höchstens fallen könnten.
GS|2|114|4|0|Man fragt: Wieso denn? – Ich aber frage: Wessen Anteil ist des Menschen irdische Ehre? Ist sie ein Anteil seiner Demut oder ein Anteil seines Hochmutes? Der Demütige strebt nach der untersten Stufe, da es keine Ehre und Auszeichnung mehr gibt, wie ingleichen der Herr mit dem großen Beispiel vorangegangen ist und Seine Ehre in die allerhöchste Demütigung und in das, was eigentlich die größte Weltschande ist, gesetzt hat.
GS|2|114|5|0|Eine ähnliche Ehre wurde allen Seinen ersten Nachfolgern zuteil. Ich aber frage: Was hat da das Schamgefühl zu tun, wo man zuerst verfolgt und verspottet und endlich nackt ans Kreuz geschlagen wird? Wie viel Ehre mag wohl der noch im Leibe haben, wie viel Schamgefühl, der auf den Galgen gezogen wird? Ich meine, bei dieser Gelegenheit dürften diese beiden so hochgeachteten Menschlichkeitsattribute so ziemlich in den Hintergrund gestellt sein.
GS|2|114|6|0|Wenn man aber schon etwas als eine Tugend aufführen will, so sollte man dasselbe doch wenigstens in einem oder dem anderen Punkt auf Christus als den Zentralpunkt aller Tugend zurückbeziehen können. Ich aber frage: Bei welcher Gelegenheit hat Er je die Scham und das Ehrgefühl als eine Tugend des Menschen angepriesen? Im Gegenteil untersagte Er es Seinen Jüngern und Aposteln, nach irgendeiner Ehre zu streben, indem Er zu ihnen sagte, dass sie sich nicht sollten grüßen und ehren lassen, gleichwie es die Pharisäer verlangten und gern sehen und haben, dass man sie auf den Gassen grüßt und Rabbi nennt. Das ist sicher jedem Christen bekannt, der nur einmal das Evangelium gelesen hat.
GS|2|114|7|0|Demzufolge aber kann ich durchaus nicht begreifen, aus welchem Grunde man das Schamgefühl und die damit verbundene Ehrsucht, welche bei dem weiblichen Geschlecht ganz besonders vorherrschend ist, als eine Tugend aufstellen kann.
GS|2|114|8|0|Man wird hier sagen: Man nehme dem weiblichen Geschlecht das Schamgefühl weg und man wird bald lauter Huren vor sich haben. – Oho, sage ich, geht es auf diesem Weg? Dann sage ich ganz bestimmt hinzu: Es gibt dann in dieser Hinsicht eben kein besseres Reizmittel für das weibliche Geschlecht, als das Schamgefühl; nichts als ein bisschen Gelegenheit dazu und ein jedes weibliche Wesen ist vermöge dieses Gefühls zum Betrieb der Unzucht völlig reif; denn nichts leichter ist über den Daumen gedreht als eben ein solches Gefühl, das nichts anderes als seine eigene Eitelkeit zum Grunde hat. Das bisschen Ehre, das dem Schamgefühl gegenübersteht, ist wohl eine so höchst schwache Stütze für die Tugend, dass man über sie auch nicht den allerleisesten Wind kommen lassen darf, um sie nicht augenblicklich zu verwehen.
GS|2|114|9|0|Aus dem aber geht doch klar hervor, dass es mit dieser Art der weiblichen Tugend einen gar außerordentlich verhängnisvollen Haken hat. Um aber dieses so in ein recht scharfes Licht zu stellen, will ich euch so ganz aus eurem Leben gegriffene Beispielchen vorführen.
GS|2|114|10|0|Ich setze den Fall, einer von euch gerät zufällig unglücklicherweise etwa an einem Morgen in ein weibliches Ankleidekabinett, in welchem soeben einige Jungfrauen noch so ziemlich in der Negligé versammelt sind. Ein Zetergeschrei wird sich erheben, und die Jungfern werden nach allen Winkeln und hinter alle Vorhänge die Flucht ergreifen, und das natürlich aus lauter Schamgefühl. Was aber habt ihr gesehen bei dieser Gelegenheit von all ihren weiblichen Reizen? Höchstens einen zerzausten Kopf, ein ungewaschenes, schläfriges Gesicht, einen höchstens über den Ellenbogen bloßen Arm und allenfalls noch etwa eine halbe Brust hinzu. Nun aber ziehen sich diese Jungfern an. Der Arm wird nicht selten bis unter die Achseln bloßgestellt, der Nacken und auch der Busen, soviel nur eine gewisse Dezenz gestattet, unbekleidet gelassen oder höchstens mit einem höchst durchsichtigen Spitzenzeug bedeckt, um damit die Reizbarkeit der nackten Teile zu erhöhen. So angezogen hat es mit dem Morgen-Schamgefühl ein Ende.
GS|2|114|11|0|Frage: Liegt hier das Schamgefühl in der Jungfrau oder im Negligékleid? Aber nur weiter! Dieselbe ganz verzweifelt schamhafte Jungfrau, die beim Morgenbesuch vor lauter Schamgefühl beinahe vom Schlag getroffen worden wäre, und die sich in dieser schamhaften Stunde um keinen Preis der Welt von einem Mann hätte anrühren lassen, – ich sage, eben diese superschamhafte Jungfrau wird abends in einem beinahe halbnackten Zustand auf einen Ball geführt und lässt sich nun von ihrem Tänzer ganz mordhaft angreifen und nicht selten kreuz und quer abdrücken. Frage: Wo hat dieser Kulminationspunkt alles Schamgefühls sein morgiges superjungfräuliches Schamgefühl versetzt? Sicher auch zu Hause im unvorteilhaften Negligégewand. Aber nur weiter!
GS|2|114|12|0|Dasselbe schamhafte Mädchen hat entweder auf dem Ball oder bei einer anderen Gelegenheit, etwa bei einer ganz ehrsamen Visite oder bei einem noch ehrbaren, ganz unschuldigen Spaziergang eine ihr zusagende jungmännliche Augenbekanntschaft gemacht, oder vielleicht auch etwas darüber. Für diesen Gegenstand wird so viel als möglich bei jeder Gelegenheit dem Schamgefühl Lebewohl gesagt. Gar bald wird unsere Schamhafte den Blicken ihres erwählten Gegenstandes ablauschen, wohin diese am meisten gerichtet werden, und unsere schamhafte Jungfrau wird sobald alle Sorgfalt darauf verwenden, um diejenigen Teile so vorteilhaft als möglich öffentlich zu präsentieren, von denen sie gemerkt hat, dass sie von ihrem gewählten Gegenstand am meisten beäugelt worden sind.
GS|2|114|13|0|Wenn ihr gewählter Gegenstand unsere schamhafte Jungfrau etwa in einer Gesellschaft treffen wird, in der sie sich gewisserart von der ehrbarsten Seite zeigen will, da wird er sich schon begnügen müssen, so sie ihm bei günstiger Gelegenheit ein paar verstohlene Blicke zuwirft, aber desto mehr wird sie bemüht sein, ihm ihre Königschaft in der Gesellschaft an den Tag zu legen. Wehe ihm, wenn er sich da vergäße und sich ihr zu viel nähern möchte! Denn so was könnte ihm beinahe das Genick brechen. Wenn es aber so eine rendezvousmäßige Zusammenkunft gibt, besonders an einem Ort, wohin die Strahlen der Sonne nicht direkt einfallen, auch die Schallwellen des Weltgetümmels sehr gebrochen oder gar nicht dahin gelangen, da wird das Schamhaftigkeitsgefühl völlig besiegt, und unsere am Morgen so schamhafte Jungfrau gibt sich ihrem geliebten Gegenstand, ich möchte sagen, von Angesicht zu Angesicht oder vom Kopfscheitel bis zur Ferse zur Beschauung preis; und was die, ich möchte sagen, beinahe allgemeine Betastung betrifft, so wird diese bei einer solchen Gelegenheit auch durchaus nicht als ein crimen laesae [Verstoß] gegen das jungfräuliche Schamgefühl betrachtet.
GS|2|114|14|0|Auf diese Weise geht dann dieses angepriesene Tugendgefühl völlig unter; und ich frage: Wo ist nun die Wirkung dieses so hoch gepriesenen Gefühles? Es ist verflogen und seine wahre Gestalt durch die Abnahme der Maske gezeigt. Und jeder Nüchterne kann es also erschauen, wie es nichts anderes als eine Schlange in der weiblichen Brust ist, oder der untersten Hölle erstes Samenkorn, von welchem hernach, wenn es sich entfaltet hat, alle möglichen weiblichen Laster wie aus einem Füllhorn hervorsprudeln. Wie aber dieses vor sich geht, wollen wir in der Folge so handgreiflich wie bis jetzt vor jedermanns Augen stellen.
GS|2|115|1|1|Folgen des Hochmutes
GS|2|115|1|1|(Am 28. November 1843 von 4 1/4 – 5 1/4 Uhr abends.)
GS|2|115|1|0|Gehen wir auf unsere züchtige Jungfrau wieder zurück und verfolgen sie abermals in eine Gesellschaft, wo sie zufolge ihrer weiblichen Reize die Königin spielt. Ihr Geliebter findet sich auch in dieser Gesellschaft ein. Was tut aber nun seine Favoritin? Gibt sie sich etwa mit ihm ab? O nein, sondern mit einer Menge anderer Gesellschaftsbesucher, und lässt sich von denen über Hals und Kopf den sogenannten Hof machen. Aus welchem Grunde denn aber eigentlich?
GS|2|115|2|0|Ich sage, weil ich die Welt sehr genau kenne: Sie tut das nicht etwa, um ihrem gewählten Liebhaber untreu zu werden, sondern ihm bloß nur zu zeigen, welch einen enormen Wert sie hat, und sagt ihm dadurch gewisserart indirekt: Erkenne aus dieser Erscheinung, welch einen Millionenschatz du an mir hast!
GS|2|115|3|0|Der Liebhaber aber, weil er nicht im Besitz der Allwissenheit ist, fasst die Sache von einem anderen Gesichtspunkt auf, wird bald düster und augenabwendig von derjenigen Stelle, wo sich seine Geliebte den Hof machen lässt. Und wirft er auch schon noch verstohlene Blicke auf den verhängnisvollen Punkt hin, so sind diese schon allzeit von einer solchen Ausstrahlung, der es jedermann auf den ersten Blick ankennen kann, wessen Geistes Kind sie ist, nämlich der brennenden Eifersucht.
GS|2|115|4|0|Unsere Jungfrau merkt dieses auch, bessert sich aber dadurch nicht im Geringsten. Wohl aber fängt sie an, ihr Spiel noch ärger zu treiben, um sich an ihrem Liebhaber zu rächen, der gerade da ihren hohen Wert zu verkennen anfing, wo sie ihn am meisten vor ihm entfalten wollte. Bei dieser Gelegenheit sucht der Liebhaber so früh als möglich sich von der Gesellschaft zurückzuziehen, mit dem Wahlspruch in seinem Herzen: Warte Kanaille! Wenn wir, versteht sich, nur einmal noch unter vier Augen zusammenkommen, da werde ich dir meine Meinung auf eine Art bekanntgeben, an die du denken sollst! Denn nun verlange ich nichts mehr, als mich nach Gebühr zu rächen an dir für deine Untreue.
GS|2|115|5|0|Sie kommen zusammen, und die Frucht dieser Zusammenkunft sind die brennendsten Vorwürfe aller Art. Eine Liebescheidung ist nicht selten die Folge, nur selten eine Wiedervereinigung, welche aber ebenso wenig mehr Stich hält wie die erste Liebe. Nichtwiedervereinigung und Vereinigung gehen aber immer auf dasselbe hinaus; denn vereinigen sie sich wieder, so dient gewöhnlich diese Wiedervereinigung dazu, sich beiderseitig den Wert so viel möglich noch fühlbarer zu machen, und so ist eine solche Wiederliebe meistens nichts anderes als eine verkappte Rache. Und vereinigen sie sich nicht, so werden sie auch gegenseitig jede Gelegenheit aufsuchen, wo eins dem anderen im übertreffenden Zustand seine Verachtung auf das Unbarmherzigste fühlen lässt.
GS|2|115|6|0|Die Jungfrau setzt sich bald aus lauter Rache über alle Schranken des Schamgefühls hinaus, wird eine förmliche Kokette. Und kriecht da der alte Liebhaber nicht zu Kreuze, was sie eigentlich wünscht, so wird sie auch mit demselben heroischen Rachegefühl eine förmliche Hure, im Gegenteil dann gewöhnlich der Liebhaber den letzten Rest seines alten Gefühls aus seinem Herzen verbannt. Und hat unsere eheschon schamhafte Jungfrau den süßen Stachel der Wollust verkostet, so bringt sie, wie ihr zu sagen pflegt, kein Gott mehr auf die Bahn der Tugend zurück. Wird sie dadurch unglücklich, so wälzt sie im vollsten Grimm ihres Herzens zumeist alle Schuld auf denjenigen ersten Liebhaber, der ihre Absicht und ihre erste Tugend so schändlich verkannt habe.
GS|2|115|7|0|Was ist aber das hernach? Es ist nichts anderes als die schon völlig entwickelte Frucht des ersten so hoch gepriesenen weiblichen Schamgefühls. Und der Name der Frucht lautet: Unterste vollkommene Hölle! oder auch: Vollkommen reife Hölle, wenn die äußere Schale hinwegfällt! – Denn was würde so eine unglückliche Jungfrau demjenigen alles antun, den sie, wenn schon irrwähnig, als den Grund ihres Unglückes anschaut?
GS|2|115|8|0|Wenn es ihr möglich wäre, im Augenblick ihrer freien Wut ihn von tausend glühenden Schlangen in Stücke zernagt zu sehen, so würde diese Rache kaum noch ein kühlender Tautropfen auf ihr wutentflammtes Herz sein.
GS|2|115|9|0|Wer das nicht glauben möchte, der besuche eine solche unglückliche Jungfrau und lasse sich mit ihr in ein Gespräch über den bewussten Gegenstand ihres Unglückes ein, und er wird im besten Falle aus einem weiblichen Munde sobald alle Vulkane der Erde sprühen sehen. Im schlimmeren Falle aber wird es heißen: Ich bitte, mich damit zu verschonen! – Wenn ihr solches vernommen habt, so könnt ihr schon denken, um welche Zeit es ist. Wir hätten nun so weit die Früchte beleuchtet, wie sie für die Hölle reifen; nächstens aber werden wir die Sache spezieller beleuchten.
GS|2|116|1|1|Alle Geheimnisse werden im geistigen Zustand offenbar. Die hartnäckigen Liebeschulden
GS|2|116|1|1|(Am 29. November 1843 von 4 1/4 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|2|116|1|0|Nicht selten geschieht es, dass eine solche gekränkte Jungfrau aus bloßer Rache gegen ihren früheren Liebhaber einen anderen heiratet, für den sie keinen Funken Liebe in ihrem Herzen trägt. Mit dieser Tat wollte sie ihren früheren, sie verkennenden Liebhaber auf das Allerempfindlichste strafen, ja wohl möglich ihn durch solche Kränkung sogar aus der Welt hinaus arbeiten. Was geschieht aber?
GS|2|116|2|0|Der alte Liebhaber kränkt sich nicht, sondern er sucht sich so viel als möglich gutes Mutes eine andere Geliebte aus; und das nicht selten eine bessere, als die erste war. Welchen Effekt aber bewirkt das nun bei der ersten verheirateten Geliebten? Sie wird mürrisch und verschlossen. Ihr Mann fragt sie um die Ursache, aber umsonst. Denn das, was sie drückt, ist vor ihren Augen zu groß und zu schwer und zu verdächtig gegen ihren neuen Gemahl, als dass sie es ihm anvertrauen sollte. Sie tut zwar keine weiteren Schritte mehr, um ihrem alten Geliebten irgend Steine unter die Füße zu legen und ihn über Abgründe zu locken, aber desto tiefer begräbt sie diese Ursache ihres Grams in ihr Herz. Es vergehen dann Jahre, und wie die Zeit gewöhnlich das beste Pflaster ist, freilich wohl nur ein palliatives zur Heilung so mancher Wunden, so heilt sie auch diese, und solche Menschen werden nach und nach nicht selten recht gute Freunde.
GS|2|116|3|0|Man wird hier sagen: Nun, wenn das der Fall ist, da wird wohl auch die Hölle ihren letzten Rest schon empfangen haben; denn wo einmal Freundschaft an die Stelle der ehemaligen Feindschaft tritt, da tritt ja doch sicher entsprechendermaßen auch der Himmel an die Stelle der Hölle. So scheint es freilich wohl dem außen nach. Aber da sehen wir eben vor uns einen Krieger, der viele Wunden auf seinem Leib trägt. Alle diese Wunden haben ein palliatives Pflaster und die Zeit geheilt. Wenn das Wetter schön ist, da geht unser wundeninnehabender Krieger ganz munter einher und weiß kaum, dass sein Leib voll vernarbter Wunden ist; mit einem Wort, er ist dabei gesucht, kreuzfidel und lustig. Aber nun kommt ein böses Wetter. Seine Wunden fangen sich an zu rühren, und je böser das Wetter wird, desto unausstehlicher fangen ihn seine Wunden an zu brennen. Wie ein Verzweifelter wälzt er sich auf seinem Lager und flucht über das ganze Kriegswesen, über alle Feldherren, über den Kaiser, ja über Gott, über seine Eltern und über den Tag, an dem er geboren ward.
GS|2|116|4|0|Seht, da haben wir ein treues Bild vor uns für dergleichen moralische Palliativfreundschaften, welche wohl eine Folge der irdischen vergesslichen Zeit sind. Aber lassen wir ein böses Wetter einrücken, das heißt, lassen wir von solchen Freunden ihre absoluten Geister jenseits in eben dem Moment zusammentreten, in welchem sie auf der Erde gegeneinander gesündigt haben, und dann im Moment, wo sie mittels des hellen Schauens ihres Geistes alle die Nachteile erschauen, welche aus ihrer gegenseitigen Versündigung hervorgegangen sind, daneben aber auch die Vorteile, welche sie auf dem Wege der Nichtversündigung hätten erlangen können, und wir werden die zwei sich mit der allergrößten Verachtung und gegenseitigen, entsetzlichsten Verwünschung begegnen sehen. Und das ist doch sicher kein Himmel im entsprechenden Maße, wie es sich dem außen nach zu erschauen gab, sondern die barste Hölle in der untersten Potenz.
GS|2|116|5|0|Daher heißt es auch in der Schrift, dass sich ein jeder gar wohl prüfen soll, und es ist nichts so verborgen und so Geheimes in dem Menschen, als dass es dereinst nicht sollte laut von den Dächern der Häuser verkündet werden. Welches so viel sagen will als: Der Mensch hat nichts so vollkommen Allerinwendigstes in sich, als dass es sich im absolut geistigen Zustand nicht ganz äußerlich erschaulich beurkunden sollte. Aus diesem Grunde denn wohl einem jeden Menschen überaus zu raten ist, alle seine freundlichen und feindlichen Verhältnisse, in denen er sich je befunden hat, ja allergenauest zu prüfen, welchen Effekt sie auf sein Gemüt ausüben würden, so er wieder in optima forma in dieselben zurückversetzt werden möchte. Denn auf das muss sich ein jeder hier auf der Erde lebende Mensch gefasst machen, dass er jenseits im absolut geistigen Zustand in alle jene verhängnisvollen Zustände ganz lebendigst versetzt wird, welche ihm hier als die größten Steine des Anstoßes galten; denn der Herr Selbst ist mit diesem Beispiel vorangegangen.
GS|2|116|6|0|Zuerst auf der Welt wurde Er von Seinen Feinden gerichtet und zwischen Missetätern gekreuzigt, dann stieg Seine wesenhafte Seele nicht sogleich in den Himmel, sondern zur Hölle hinab, da Seine größten Feinde Seiner harrten, wennschon mitunter auch so manche alte Freunde wie die alten Väter und gar viele Propheten und Lehrer.
GS|2|116|7|0|Wenn jemand auf dieser Welt nicht den letzten Heller zurückbezahlt hat, wird er nicht vermögend sein, in das Himmelreich einzugehen. Darum heißt es hier fleißig alle die alten Schuldbücher durchgehen und besonders diejenigen, welche das Wort Liebe als Aufschrift führen. Liebeschulden sind für Jenseits die hartnäckigsten. Ein Millionenraub wird leichter aus der geistigen Gedächtniskammer vertilgt als eine Liebeschuld. Warum denn? Weil ein Millionenraub nur eine äußere, den Geist nichts angehende, gewaltige Verschuldung ist; aber die Liebeschuld betrifft gerade zuallermeist den ganzen Geist, weil alles, was Liebe ist, das eigentliche Wesen des Geistes ausmacht. Aus diesem Grunde ist für den Menschen auch nichts so gefährlich auf dieser Welt, wie das sogenannte Verliebtwerden; denn dieser Zustand nimmt den ganzen Geist in Anspruch. Treten hernach äußere Hindernisse ein, welche dergleichen vorzeitige gegenseitige Geschlechtsliebe nicht reüssieren lassen, so ziehen sich die beleidigten Geister wohl zurück, lassen sich durch allerlei Weltgeflitter verteilen; aber nichtsdestoweniger werden sie aus dem Grunde geheilt.
GS|2|116|8|0|Kommt dann das geistige böse Wetter hinterdrein, so brechen diese Wunden von neuem auf. Und dieser zweite Zustand wird dann um vieles ärger sein als der erste; wie auch in der Schrift von den ausgetriebenen sieben Geistern die Rede ist. Da wird auch durch äußere Mittel wohl das Haus gereinigt und der böse Feind durchwandert dürre Wüsten und Steppen, nimmt noch sieben andere, die ärger sind denn er, zu sich und zieht dann wieder in sein altes, gereinigtes Haus ein.
GS|2|116|9|0|Das alte, gereinigte Haus ist der Geist, der gereinigt wird auf dieser Welt durch äußere Mittel; der böse Geist ist der schlechte Zustand, in dem sich ein Mensch einmal auf dieser Erde befunden hat. Dieser ward freilich durch die äußeren Mittel völlig hinausgeschafft. Er durchwandert nun dürre Wüsten und Steppen, das heißt, der Geist des Menschen heilt und vernarbt seine Wunden, dass sie dürre werden und nicht mehr bluten. Aber der böse Geist kehrt zurück mit noch sieben anderen, das heißt so viel als: Im absolut geistigen Zustand werden alle seine Wunden wieder bloßgestellt, brechen von neuem auf und mit bei weitem größerer Heftigkeit; und das ist dann der Zustand, der schlimmer ist als der erste.
GS|2|116|10|0|Überall aber, wo ihr ein Wesen gegen das andere im höchsten, verderblichsten Zorn auftreten seht, da ist auch schon die Fundamentalhölle vollendet da!
GS|2|116|11|0|Aus diesem Grunde rate ich, Johannes, als nun wohlerfahrener, ewiger Diener und Knecht des Herrn allen Menschen, besonders aber den Eltern, die da Kinder haben, dass sie eben ihre Kinder vor nichts so sorgfältigst warnen sollten, als vor dem sogenannten Verliebtwerden. Wie sehr der Geist darunter leidet, könnt ihr bei jedem studierenden Jüngling, der sich irgend unzeitigermaßen verliebt hat, schon naturmäßig klar erschauen. Denn ein solcher Jüngling ist sicher für seine ganze Lebenszeit verdorben und ist keines geistigen Fortschrittes fähig. Möchte er sonst auch was immer für eine Leidenschaft haben, so könnt ihr sie ihm durch eine gerechte Leitung hinwegnehmen und aus ihm einen ordentlichen Menschen machen. Aber ein gewisses lebendiges Zauberbild, das sich mit dem Geist einmal amalgamiert hat, bringt ihr schwerer aus einem jugendlichen Gemüt, was immer für Geschlechts, als einen Berg von seiner Stelle.
GS|2|116|12|0|Und in eben solchem unzeitigen Verliebtwerden liegt die größte geistige Unzucht zugrunde; denn Unzucht oder Hurerei ist alles, was auf den Betrug des Geistes abgesehen ist.
GS|2|116|13|0|Da aber die Liebe am meisten des Geistes ist, so ist ein Betrug der Liebe oder eine offenbare Verschuldung an derselben der wahren geistigen Unzucht tiefster und unterster Grad oder die eigentliche unterste Hölle.
GS|2|116|14|0|Das bisher Gesagte hat jedermann überaus gut und lebendigst zu beherzigen. Nächstens solcher speziellen Betrachtungen mehr.
GS|2|117|1|1|Jeder Mensch trägt die Hölle und den Himmel in sich
GS|2|117|1|1|(Am 30. November 1843 von 4 – 5 1/2 Uhr abends.)
GS|2|117|1|0|Man wird hier sagen: Es ist allerdings sehr wahrscheinlich, dass die Sache am Ende eine Wendung nimmt und jede dem Geist versetzte Wunde in seinem absoluten Zustand offenbar und reagierend wird. Aber nach der Grunderläuterung der Fundamentalhölle sehen wir noch immer nicht ein, wie dergleichen Reminiszenzen beleidigter Liebe auf dieser Welt im absoluten geistigen Zustand sich als Grundhölle beurkunden sollen. Denn da gibt es ja doch nicht leichtlich einen Menschen auf der Erde, der nicht ähnliche Kränkungen entweder selbst erlitten hat oder Ursache derselben war. Und nimmt man das an, dass sich im absolut geistigen Zustand solche Reminiszenzen als grundhöllisch beurkunden, so möchten wir im Ernst wissen, wie viel Menschen aus einem ganzen Jahrhundert in den Himmel gelangen.
GS|2|117|2|0|Wie kann solches dem Menschen auch zu einem so höchst verdammlichen Gericht gereichen, wenn er sich in einem höchst passiven Zustand gegen eine göttliche Ordnung versündigen muss, da sie in sich aufrecht zu halten dem Menschen die dazu erforderliche Kraft vielfacher Erfahrung gänzlich mangelt?!
GS|2|117|3|0|Gut, sage ich, wer mir solch einen Einwurf macht, den ersuche ich, das Frühere etwas gründlicher durchzugehen, allda er dargetan finden wird, wie ich bei dieser Gelegenheit durchaus nicht darstelle, wer in die Hölle kommt und wie viele; sondern lediglich nur das, was rein Hölle in ihrer Erscheinlichkeit bei den Menschen ist, jedermänniglich kundtue. Denn auf der ganzen Erde gibt es keinen so vollkommenen Menschen, der nicht ebenso gut die ganze Hölle vom Grunde aus vollkommen in sich trüge, als wie er in sich trägt den ganzen Himmel.
GS|2|117|4|0|Indem ich aber hinreichend zuvor dargetan habe, was im Menschen der Himmel ist und wie dieser in ihm geschaffen und fortgepflanzt wird, ebenso muss ich ja auch zeigen, wie im Menschen die Hölle geschaffen und fortgepflanzt wird.
GS|2|117|5|0|Es wäre traurig und höchst unbarmherzig, wenn ein Mensch aus diesem Grunde, weil er das vollkommen erscheinliche Bild der Hölle in sich trägt, auch schon ein ausgemachter Bewohner derselben sein sollte. Denn wäre das der Fall, so müssten auch alle Engel höllische Geister sein; denn auch sie tragen das vollkommene Bild der Hölle erscheinlich in sich. Wäre das nicht der Fall, da wäre es ja keinem Engel möglich, je in diesem Ort einzudringen und allda die empörten Geister zur Ruhe zu bringen, und ich selbst könnte euch die Hölle nicht zeigen und enthüllen, so ich sie nicht vollständig in mir hätte. Und dazu wäre das auch für die Bewohner des Himmels sehr gefährlich, so sie nicht das entsprechende erscheinliche Bild der Hölle in sich hätten, indem sie da nicht erschauen könnten, was alles die Hölle gegen sie unternimmt.
GS|2|117|6|0|So aber kann kein Geist in der ganzen Hölle irgendetwas unternehmen, das wir nicht augenblicklich in uns erschauen möchten.
GS|2|117|7|0|Zugleich verhalten sich Hölle und Himmel in den Menschen wie die zwei entgegengesetzten Polaritäten, ohne die kein Ding existierbar gedacht werden kann.
GS|2|117|8|0|Und so dient das zu jedermanns Kenntnis, dass hier durchaus nicht die Rede ist von dem, wer in die Hölle kommt, denn das hieße die Menschheit richten auf der Erde, sondern allein nur von dem, was die Hölle in sich selbst ist.
GS|2|117|9|0|Dass aber dergleichen Liebeveruntreuungen in sich selbst rein Hölle sind, kann ein jeder daraus ersehen, weil eben diese Veruntreuungen Eigenliebe und Herrschsucht zum Fundament haben.
GS|2|117|10|0|Denn was ist die Eifersucht anderes als die Erwachung der Eigenliebe, der Selbst- und Herrschsucht? Denn der Eifersüchtige ist nicht darum eifersüchtig, dass etwa sein erwählter Gegenstand zu wenig Liebe hätte, sondern nur darum, weil er selbst in seiner Forderung verkürzt wird und seinen Wert zu gering angesetzt findet in demjenigen Gegenstand, von dem er eben die höchste Achtung erwartete.
GS|2|117|11|0|Frage: Ist das nicht der ganz entgegengesetzte Pol von dem, wo man seiner selbst aus Liebe zu seinem Nächsten was immer für eines Geschlechts gänzlich vergessen soll, um sich ganz zum Wohle seines Nächsten bereit zu halten?
GS|2|117|12|0|Wie aber kann ein jeder Mensch auf die leichteste Art von der Welt diese Grundhölle in sich unterjochen, sie nicht aktiv, sondern rein passiv machen?
GS|2|117|13|0|Das ist überaus leicht. Man vergebe dem beleidigten wie dem beleidigenden Teil von ganzem Herzen im Namen des Herrn und segne die Beleidigten wie die Beleidigenden ebenfalls im Namen des Herrn (es versteht sich von selbst, dass solches alles vollernstlich geschehen muss) – und die ganze Hölle ist im Menschen schon unterjocht!
GS|2|117|14|0|Ich sage euch: Fürwahr, ein reumütiger Blick zum guten Vater genügt, um der Hölle für alle Ewigkeit zu entrinnen! Seht an den Missetäter am Kreuz, er war ein Räuber und Mörder; aber da blickte er zum Herrn empor und sprach mit großer, schmerzhafter Zerknirschung seines Herzens: „O Herr! Wenn Du in Dein Reich kommst und wider uns große Missetäter zu Gericht ziehen wirst, da gedenke meiner und strafe mich nicht zu hart für meine großen Missetaten, die ich verübt habe!“
GS|2|117|15|0|Und seht, der große, allmächtige Richter sprach zu ihm: „Wahrlich, heute noch sollst du bei Mir im Paradies sein!“
GS|2|117|16|0|Aus diesem allerwahrhaftigsten Begebnis kann doch hoffentlich ein jeder nur einigermaßen gläubige Christ abnehmen, wie überaus wenig es im Grunde bedarf, die ganze allerunterste, mächtigste Hölle auf ewig zu unterjochen.
GS|2|117|17|0|Das Beispiel des samaritischen Weibes am Jakobsbrunnen, das mit sieben Männern gebuhlt hatte, ist obigem Beispiel gleich, wo der Herr zu ihm spricht: „Weib, gib Mir zu trinken!“ Und wieder: „Wenn du wüsstest, wer Der ist, der zu dir spricht: Weib, gib Mir zu trinken, so würdest du zu Ihm sagen, dass Er dir vom lebendigen Wasser zu trinken gebe, auf dass dich ewig nimmer dürste!“ So lauten die Worte getreu, wie sie an Ort und Stelle gewechselt wurden.
GS|2|117|18|0|Wer aber sieht hier nicht, was für einen geringen Ersatz der Herr von dieser Sünderin für die Hingabe des Himmelreichs verlangt – bloß einen Trunk Wassers! Also auch ist sicher einem jeden nur einigermaßen in der Schrift bewanderten Christen das Begebnis mit der Ehebrecherin und das Leben der Maria Magdalena bekannt. Der ersten ihre Schuld schreibt der Herr zweimal in den Sand und Magdalena durfte Ihm die Füße salben und war diejenige, zu der der Herr nach Seiner Auferstehung zuerst kam! Ebenso zeigt der Herr auch beim verlorenen Sohn und im Suchen des hundertsten verlorenen Schafes, wie wenig Er von dem Sünder zur Erlangung der Gnade und Erbarmung verlangt!
GS|2|117|19|0|Darum wollen wir hier auch nicht kundtun, wer in die Hölle kommt, sondern nur, wie die Hölle in sich selbst beschaffen ist.
GS|2|118|1|1|Wann kommt ein Sünder in die Hölle?
GS|2|118|1|1|(Am 1. Dezember 1843 von 5 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|2|118|1|0|Ich habe schon wieder einen, wie ihr zu sagen pflegt, auf der Mücke, der da spricht: Es ist alles recht; die Anschauung des Erscheinlichen der Hölle kann von manchem Nutzen sein, aber nicht eher, als dann, bis man weiß, wann die im Menschen oder in einer ganzen menschlichen Gesellschaft erscheinliche Hölle so positiv auftritt, dass sie zur Hauptpolarität wird, und diejenigen Individuen, bei denen sie sich also äußert, wirklich der Hölle angehören. Kurz gesagt, wer, wie und wann man in die Hölle kommt, muss man genau wissen, sonst nützt einem alle noch so genaue Kenntnis des Erschaulichen der Hölle nichts. Denn wer da nicht weiß, wo er in die Hände des Feindes geraten kann, wie und wann, der ist schon verloren; denn wo er sich am sichersten wähnen wird, eben da wird er von seinem Feind überfallen werden, und er ist sicher ohne Rettung verloren. Daher fragt es sich: Wann kommt ein wie immer gearteter Sünder in die Hölle und wann nicht?
GS|2|118|2|0|Diese Frage kann man füglich stellen, weil man aus der hl. Schrift so viele Beispiele hat, wo ganz gleiche Sünder bestimmt in die Hölle gekommen sind und ganz gleiche wurden gerettet. Ich Johannes aber sage: Diese Frage klingt wohl, als wenn sie irgendeinen weisen Grund hätte; aber dennoch ist hier nichts weniger als das der Fall. Denn so ich die Erscheinlichkeit der Hölle dartue, so tue ich auch indirekt das dar, wem so ganz eigentlich die Hölle zukommt. Denn man wird hoffentlich sich doch bei dieser Darstellung unter dem Begriff Hölle keinen positiv kerkerlichen Ort denken, in welchen man kommen kann, sondern nur einen Zustand, in welchen sich ein freies Wesen durch seine Liebe, durch seine Handlung, versetzen kann. Und ein jeder Mensch, der nur einigermaßen reif zu denken imstande ist, wird hier doch leicht mit den Händen greifen, dass ein jeder Mensch so lange der Hölle angehört, solange er nach ihren Prinzipien handelt. Ihre Prinzipien aber sind Herrschsucht, Eigenliebe und Selbstsucht. Diese drei sind den himmlischen Prinzipien schnurstracks entgegen, welche da sind die Demut, Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten.
GS|2|118|3|0|Wie leicht ist das voneinander zu unterscheiden, ja leichter, als man da unterscheidet die Nacht vom Tag. Wer bei sich ganz klar erfahren will, ob er der Hölle oder dem Himmel angehört, der frage nur sorgfältig sein inneres Gemüt. Sagt dieses fleißig nacheinander nach der Grundneigung und Liebe: Das ist mein und jenes ist auch mein, und das möchte ich und jenes möchte ich auch, dieser Fisch ist mein und den anderen will ich fangen, gebt mir alles, denn ich möchte, ja ich will alles. – Wo das Gemüt sich also hören lässt, da ist noch die Hölle der positive Pol.
GS|2|118|4|0|Wenn aber das Gemüt sagt: Nichts ist mein, weder dieses noch jenes, alles ist des Einen und ich bin des geringsten nicht wert, und so ich etwas habe oder hätte, soll es nicht mein, sondern meiner Brüder sein. – Wenn das, wie gesagt, die innere Antwort des Gemütes ist, so ist der Himmel der positive Pol.
GS|2|118|5|0|Wenn sonach jemand eine Maid erwählt hat, und ein anderer erwählt sie auch; ist dann der Erste sobald voll der gröbsten Eifersucht, wenn der Zweite auch einen Zutritt erhält, so ist bei ihm schon der Pol der Hölle agierend. Spricht aber der Erste: Meine Liebe, du allein bist deines Herzens Gebieterin. Ich liebe dich wahrhaft, darum will ich kein Opfer von dir, wohl aber bin ich bereit, dir jedes Opfer zu deinem Besten zu bringen; darum bist du von mir aus vollkommen frei. Tue demnach, was du willst und wie es dir gut dünkt; meine aufrichtige Liebe und Freundschaft wirst du darum nie verlieren. Denn zwänge ich dich, mir deine Hand zu reichen, da würde ich nur mich in dir lieben und möchte dich zu einer Sklavin machen. Ich aber liebe nicht mich in dir, sondern dich allein in mir. Daher hast du von mir aus auch die vollkommenste Freiheit, alles zu ergreifen, was du zu deinem Glück für am meisten tauglich hältst.
GS|2|118|6|0|Seht, aus dieser Sprache leuchtet schon der Bürger des Himmels heraus; denn so spricht man im Himmel. Und wer so vom Grunde seines Herzens aus sprechen kann, in dem ist schon kein positiver Tropfen von einer Hölle mehr vorhanden.
GS|2|118|7|0|Wer sich bei diesem am meisten kitzligen Punkt also verleugnen kann, der wird sich in den anderen weniger kitzligen Punkten umso leichter verleugnen. Wer aber da eifersüchtig wird, und bricht sogleich mit seiner Geliebten die Liebe und verwünscht sie in seinem Herzen durch Verachtung, Groll und Zorn, und begegnet ebenso seinem Nebenbuhler, der agiert schon aus der Hölle, die bei ihm ganz überaus klar den positiven Pol bildet.
GS|2|118|8|0|Die Regel für den Himmlischen ist diese: Wer bei was immer sieht, dass damit auch die Liebe seines Nächsten beschäftigt ist, da soll er sich sogleich zurückziehen und seinem Nächsten gegen die Realisierung seiner Liebe keine Schranken mehr setzen; denn es ist besser, bei jeder Gelegenheit in der Welt ganz leer abzufahren, als durch irgendeinen wenn auch ganz unbedeutenden Kampf etwas zu gewinnen.
GS|2|118|9|0|Denn je mehr einer hier opfert, desto mehr wird er jenseits finden. Wer hier einen härenen Rock opfert, wird dort einen goldenen finden, wer zwei opfert, der wird dort zehn finden, und wer hier eine gewählte Jungfrau opfert, dem werden dort hundert Unsterbliche entgegenkommen. Und wer hier einem auch nur ein mageres Stück Land abtritt, dem wird dort eine ganze Welt gegeben. Wer hier einem geholfen hat, gegen den werden jenseits hundert ihre Arme ausstrecken und ihm helfen ins ewige Leben! Und so wird niemand etwas verlieren, was er hier opfert. Wer reichlich sät, der wird auch reichlich ernten, wer aber sparsam sät, der wird auch sparsam ernten.
GS|2|118|10|0|Ich meine nun, das dürfte wohl hinreichen, um jedermann so ziemlich handgreiflich zu machen, wann in ihm die Hölle oder wann der Himmel zum positiven Pol wird. Und so wird wohl niemand mehr vonnöten haben, mit der lächerlichen Frage zum Vorschein zu kommen: Wer, wie und wann kommt man entweder in die Hölle oder in den Himmel? – Denn niemand kommt weder in die Hölle noch in den Himmel, sondern ein jeder trägt beides in sich.
GS|2|118|11|0|Ist die Hölle positiv, so macht der ganze Mensch schon die Hölle aus, wie er leibt und lebt; ist aber der Himmel positiv, so ist aber eben auch schon der ganze Mensch der Himmel selbst, wie er leibt und lebt. Und so braucht auch niemand zu fragen: Wie sieht es im Himmel und wie in der Hölle aus, sondern ein jeder betrachte die eigene Polarität, und er wird es genau sehen, wie es entweder in der Hölle oder im Himmel aussieht.
GS|2|118|12|0|Denn es gibt nirgends einen Ort, der Himmel oder Hölle heißt, sondern alles das ist ein jeder Mensch in und an sich selbst; und niemand wird je irgend in einen anderen Himmel oder in eine andere Hölle gelangen, als die er in sich trägt.
GS|2|118|13|0|Ihr habt euch hinreichend überzeugt, wie wir uns in jener Zentralsonne befanden und haben dort Wunderdinge geschaut. Wo aber war diese Sonne? In euch! Wo sind wir jetzt? Der Erscheinlichkeit nach zwar auf der geistigen Sonne, aber der Wirklichkeit nach in euch selbst.
GS|2|118|14|0|Wie solches möglich ist, zeigt euch ein jeder Traum, davon ihr schon die triftigsten Abhandlungen erhalten habt, und gerade so verhält es sich (nur mit Ausnahme vom Traum, wo das Dasein ein unentschiedenes ist) mit der größten klarsten Entschiedenheit im absoluten geistigen Zustand. Um das aber noch gründlicher zu verstehen, wollen wir nächstens einige Beispiele betrachten.
GS|2|119|1|1|Jeder Mensch ist durch die Art seiner Liebe der Schöpfer seiner eigenen inneren Welt
GS|2|119|1|1|(Am 4. Dezember 1843 von 4 1/4 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|2|119|1|0|Ein guter Landschaftsmaler und zugleich großer Freund von schönen Landpartien kommt von solch einer Landpartie nach Hause. Die Gegend aber, die er bei dieser Landpartie gesehen hat, gefällt ihm so überaus wohl, dass er für immer in derselben sich aufhalten möchte. Seine Geschäfte aber lassen ihm solches nicht zu. Was bleibt ihm daher übrig, um sich doch wenigstens dem Schein nach in dieser für ihn so herrlichen Gegend zu befinden? Er malt diese Gegend auf die zwei leeren bedeutend großen Wände seines Wohnzimmers, und das nach seiner großen Kunstfertigkeit so vortrefflich, dass ein jeder, der ihn besucht, sich hoch verwundernd augenblicklich die herrliche, allgemein bekannte schöne Gegend erkennt.
GS|2|119|2|0|Frage: Wo hat denn unser Maler das Vorbild für diese Gegend hergenommen? Hat er etwa irgend Kupferstiche vor sich gehabt? Oder hat er selbst an Ort und Stelle früher die Gegend konturmäßig aufgenommen? Nein, weder eins noch das andere, sondern er hat die lebendige Kontur der Gegend in seiner Phantasie festbehalten und sie hier auf der Wand getreu wiedergegeben.
GS|2|119|3|0|Das ist ganz richtig, und ein jeder Mensch sieht davon die Möglichkeit ein, aber sicher sieht es nicht ein jeder Mensch ein, auf welche Weise unser Maler die schöne Gegend in seiner Phantasie auf diese Wand gebracht hat. Hier fragt es sich also: Wie und auf welche Weise hat denn dieser Maler die Gegend in seiner Phantasie auf die Wand gebracht? Seht, das ist ein gar wichtiger Lebensprozess und besagt gar viel; daher wollen wir ihn auch ein wenig näher beleuchten. Wir haben bei der Gelegenheit der Beschauung unserer Zentralsonne so klar als möglich kennen und einsehen gelernt, was alles in dem Geist des Menschen vorhanden ist. Denn wäre es nicht in dem menschlichen Geist vorhanden, woher wohl könnte er von dem je eine Idee fassen und sich irgendeine Vorstellung machen, was noch nie ein sterbliches Auge geschaut hat?
GS|2|119|4|0|Nun aber kann der Mensch in sich selbst zu unbegreiflich hohen und übersinnlich geistigen Anschauungen gelangen, und so muss er dann ja alles das in sich haben, was je seine Phantasie hervorbringen kann.
GS|2|119|5|0|Die Phantasie eines Menschen aber kann rein und unrein sein. Rein ist sie dann, wenn, freilich wohl selteneren Falles, der unsterbliche Geist des Menschen in seinem Leib schon so absolut dasteht, dass seine reinen Bilder nicht durch die Bilder der Außenwelt getrübt und verunreinigt werden. So kann auch die Phantasie durch die Auffassung bloß äußerer Bilder rein sein, wenn sie durch die Kraft der Seele die geschauten Bilder festhält und sie dann bei Gelegenheit naturgetreu wiedergibt. Unrein aber ist die Phantasie, wenn fürs Erste sich der Geist noch zu sehr passiv in seinem Leib sowohl zu seinen inneren Bildern wie zu denen der Außenwelt verhält, allwo sich dann alles durcheinandermengt, Geistiges und Naturmäßiges, und wenn er ein Phantasiebild aufstellt, niemand daraus klug werden kann, was es so ganz eigentlich vorstellt, ob Geistiges oder Naturmäßiges, zu welcher Klasse von unreinen Phantasiebildern alle jene mittelalterlichen mystischen Obszönitäten gehören, laut welcher der Himmel seine wunderliche Gestalt erhalten hatte, die Hölle und das sogenannte Fegfeuer zu einem Bratofen ward und dergleichen Torheiten mehr.
GS|2|119|6|0|Daraus aber geht hervor, dass im Geist, der das ganze Leben seiner Seele wie seines Leibes ausmacht, vorerst schon alles vorhanden sein muss, vom Kleinsten bis zum Größten, was die ganze Unendlichkeit fasst, also Himmel und Hölle, und inzwischen diesen beiden Extremen die ganze naturmäßige Welt. Und dieses endlos lebendigreiche Vermögen des Geistes ist dann das, was ihr im allgemeinen Sinne die Phantasie nennt.
GS|2|119|7|0|Wenn dann jemand aus dieser reichen Kammer etwas hervorholen will, so darf er dafür nur seine Liebe erwecken. Je stärker die Liebe wird, desto heftiger ihre Flamme und desto heftiger ihre Wärme und ihr Licht.
GS|2|119|8|0|Durch diese Eigenschaft der Liebe wird das von ihr erfasste Bild selbst lebendig, prägt sich durch das Licht der Liebe immer deutlicher und deutlicher aus, bis es endlich wie die Gegend unseres Malers die Vollreife erlangt hat. Und dieses durch die Eigenschaft der Liebe ausgereifte Bild im Menschen selbst ist die eigentliche innere Welt des Geistes.
GS|2|119|9|0|Nun wissen wir, woher der Maler das Bild genommen hat. Allein das ist das wenigere; wir wissen noch etwas mehr, und das besteht darin, dass der Geist auf diese Weise der Schöpfer seiner eigenen Welt ist.
GS|2|119|10|0|Wir wissen aber auch, dass jedes Ding in der Welt entsprechend gut oder schlecht sein kann, und dazu wird es von der Liebe gemacht. Ist die Liebe nach der Ordnung Gottes, so wird durch sie alles gut; ist diese wider die Ordnung Gottes, so wird durch sie alles schlecht. Auf diese Weise entwickelt dann in sich ein jeder Mensch entweder den Himmel oder die Hölle.
GS|2|119|11|0|Eine jede Tat und Handlung muss eine Ortsunterlage und an und für sich selbst eine gewisse Form haben, oder besser Harmonie, unter welcher sie geschieht.
GS|2|119|12|0|Wie kommt euch aber eine Gegend vor auf der Erde, in welcher ihr Denkmäler von vielen Gräueltaten findet? Sicher wird euch bei ihrem Anblick ein geheimer Schauder befallen. Seht, das ist schon die Form des Höllischen; denn im Geist bildet sich hernach ebenfalls eine solche Welt aus, die voll Denkmäler von Gräueltaten ist. In dieser Welt erschaut der Geist unendliche Tiefen zurück und in ihnen sein unverbesserliches böses Verhalten. Aber ganz anders verhält es sich, wenn ihr in eine Gegend kommt, in der von jeher edle Menschen gewohnt haben, die überaus viel Gutes und Edles taten. Gar heimlich wird es euch da vorkommen, und ihr werdet ein verklärendes Gefühl in euch überkommen, als befändet ihr euch etwa im Schoße Abrahams, und das ist ein Vorgefühl des Himmels. Im absolut geistigen Zustand prägt sich dann ebendieses Gefühl samt der Form auf das Lebendigste aus, und diese Form ist des Himmels geistige Örtlichkeit und, wie ihr leicht einseht, ebenfalls ein Werk des Geistes.
GS|2|119|13|0|Aus dem aber geht dann klar hervor, dass ein jeder Mensch durch die Art seiner Liebe der Schöpfer seiner eigenen inneren Welt wird, und dass er nie in irgendeinen Himmel oder in irgendeine Hölle kommen kann, sondern nur in das Werk seiner Liebe. Darum es auch heißt: „Und eure Werke folgen euch.“ Und auf eben diese Weise, wie wir jetzt die Erscheinlichkeit der Hölle durchgemacht haben, auf eben diese Weise machen es unsere bekannten Sonnenschüler durch. Was aber mit ihnen nachher geschieht, wollen wir nächstens betrachten.
GS|2|120|1|1|Das Mittelreich. Wie die Sonnenschüler sich dort weiterentwickeln
GS|2|120|1|1|(Am 5. Dezember 1843 von 4 1/4 – 5 3/4 Uhr abends.)
GS|2|120|1|0|Kommen sie etwa, wie ihr zu sagen pflegt, aus der Hölle zurück in den Himmel? Das wäre sehr irdisch gesprochen, denn diese Schüler kommen eigentlich nie in die Hölle, sondern nur in den Zustand, in ihrer eigenen Sphäre dieselbe zu beschauen. Es braucht nichts weiter als eines gerechten Abscheus des antipolarischen oder höllischen Zustandes, und unsere Schüler sind wieder in ihrer eigentlichen positiv himmlischen Sphäre. Da aber der eigentliche Himmel sich nicht durch die alleinigen Erkenntnisse und Einsichten erlangen lässt noch durch eine nonnenhaft untätige Gebets- und Verehrungs-Liebe, sondern lediglich nur durch die Werke der Liebe, die ein ersprießliches Wohltun gegen den Nächsten zum Grunde haben, so müssen unsere Schüler, um den wahren Himmel zu erreichen, sich nun auch gefallen lassen, sich in einen ganz ernstlich tätigen Zustand zu begeben.
GS|2|120|2|0|Worin aber besteht dieser? Das werden wir mit wenigen Worten heraushaben. Seht an die naturmäßig-geistige Sphäre eurer Erde oder das sogenannte Mittelreich, welches auch den Namen „Hades“ führt, und ungefähr das ist, was ihr als Römischgläubige, freilich ziemlich stark irrig, unter dem „Fegfeuer“ versteht. Am besten kann dieses Reich einem großen Eintrittszimmer verglichen werden, allwo alles ohne Unterschied des Standes und Ranges eintritt und sich dort zum ferneren Eintritt in die eigentlichen Gastgemächer gewisserart bequemlich vorbereitet.
GS|2|120|3|0|Also ist auch dieser Hades derjenige erste naturmäßig-geistige Zustand des Menschen, in den er gleich nach dem Tod kommt.
GS|2|120|4|0|Denn niemand kommt entweder sogleich in den Himmel noch auch sogleich in die Hölle, außer es müsste im ersten Falle jemand schon auf der Erde entweder vollkommen wiedergeboren sein aus der reinen Liebe zum Herrn, oder er müsste im zweiten Falle ein allerböswilligster Frevler gegen den heiligen Geist sein. Im ersten Falle wäre sonach der Himmel ohne Eintritt in das Mittelreich, im zweiten Falle aber auch sogleich die unterste Hölle zu erwarten; und der Himmel im ersten Falle darum, weil ihn ein solcher Mensch schon in der höchsten Vollendung in sich trägt, und im zweiten Falle die Hölle darum, weil ein solcher Mensch alles Himmlischen völlig ledig geworden ist. Doch das ist nur eine Nebenbemerkung, die nicht zur Sache gehört; daher wollen wir uns dabei auch nicht länger aufhalten, sondern sogleich unsere Blicke dahin wenden, wo und was unsere Schüler zu tun bekommen.
GS|2|120|5|0|Dieses große Mittelreich ist die Hauptwerkstätte für alle himmlischen Geister. Da bekommen alle vollauf zu tun. Denn denkt euch diesen Ort, der alle Stunden eures Tages über fünf bis siebentausend neue Ankömmlinge erhält. Diese müssen alle sogleich durchgeprüft und an den ihnen vollkommen entsprechenden Ort gebracht werden. Oder besser gesprochen: Sie müssen sobald in einen solchen Zustand hineingeleitet werden, der mit ihrer Grundliebe in eins zusammenfällt. Daher müssen sie in all ihren Neigungen erforscht und erprobt werden; und wohin sie sich dann am meisten neigen, dahin muss ihnen auch geistig der Weg geöffnet sein.
GS|2|120|6|0|Auf der Welt tut sich das freilich wohl nicht; denn das wäre der allerbarste sogenannte St. Simonismus, welcher in der kürzesten Zeit die ganze Erde in ein Raub- und Mordnest verwandeln möchte. Aber im Geisterreich wird gewisserart eben dieser St. Simonismus beobachtet, und ein jeder kann demzufolge seiner Neigung ganz ungehindert nachgehen.
GS|2|120|7|0|Man wird hier freilich sagen: Wenn es dort also [zugeht], wer wird da in den Himmel gelangen? Dort gilt es aber anders; und es heißt: Jeder Arzt muss eher seinen Patienten vom Grunde aus erkennen, bis er ihm erst eine Medizin verschreiben kann, die ihn vom Grunde aus heilen soll. Denn jenseits ist niemandem mit einer Palliativ-Kur etwas gedient. Also muss jenseits gewisserart werktätig ein jeder neue Ankömmling ein Generalbekenntnis von A bis Z seines Lebens ablegen. Und ist solches geschehen, dann erst geschieht eine Veränderung des Zustandes, welcher die vollkommene Enthüllung heißt. In diesem Zustand steht dann ein jeder Geist völlig nackt da und gelangt dann in einen dritten Zustand, welcher die Abödung, wohl auch die Abtötung alles dessen genannt wird, was der Mensch mitgenommen hat.
GS|2|120|8|0|Von da aus kommt der Geistmensch dann erst im guten Falle entweder in den ersten Himmel oder aber auch in die erste Hölle im schlimmen Falle.
GS|2|120|9|0|Wie sich dieser Ort der Abödung in der Erscheinlichkeit darstellt, hat euch mein Vorgänger in der abendlichen Gegend allda hinreichend gezeigt, wo ihr euch unter den Moosessern in der stockfinsteren Gegend befunden habt. Wie diese Geister dann daraus sukzessive in den ersten Himmel gelangen oder auch gleicherweise in die erste Hölle, das alles habt ihr bildlich klar dargestellt gesehen.
GS|2|120|10|0|Daher können wir nun sogleich die Frage lösen, was bei allen diesen Gelegenheiten unsere Schüler so ganz eigentlich zu tun bekommen. Ihr Geschäft ist erforschen und die Wege öffnen bis zum Ort der Abödung. In diesem aber haben sie vorderhand dann nichts weiter mehr zu tun; denn für das Weitere müssen schon tüchtigere Engelsgeister sorgen.
GS|2|120|11|0|Wie aber geschieht solche Erforschung und Wegeröffnung? Wir haben früher den sogenannten St. Simonismus berührt und wollen nun durch ein kleines Beispiel die Sache in aller Kürze so klar als möglich darstellen. Und so hört denn!
GS|2|120|12|0|Ein jeder Mensch, der hier seinen Standespflichten gemäß gelebt hat und auch bei seinem Austritt aus dieser Welt mit allen sogenannten geistlichen Gütern versehen worden ist, fragt jenseits sogleich nach dem Himmel. Er wird auch erscheinlichermaßen sogleich in einen Zustand erhoben, der für ihn des Himmels Örtlichkeit bildet.
GS|2|120|13|0|Solcher Himmel aber wird allzeit in seiner Wahrheit dargestellt, welche allzeit wahrlich himmelhoch verschieden ist von der, welche der neue Ankömmling in seiner begründeten Idee mit hinübergebracht hat. Dass ihm aber ein solcher Himmel ebenso wenig gefällt, als wie es hier so manchem gegenwärtigen Bischof, Prälaten, usw. der geistlichen Würden mehr, gefallen möchte, wenn sie auf einmal mit eigener Hand zum Nutzen ihrer Brüder den Pflug ergreifen müssten, das lässt sich sehr leicht einsehen.
GS|2|120|14|0|Daher verlangt auch ein solcher Himmelgast, dem es in solch einem Himmel gar nicht gut wird, gleich wieder von selbem hinaus. Und wie er wieder in seinen gewöhnlichen Zustand zurückkommt, so sucht er sogleich in sich, was ihn auf der Erde am meisten vergnügt hat. Er findet zum Beispiel, dass schöne Weiber und Mädchen seine größte Freude auf der Erde waren. Solches merken sobald die ihn erforschenden und leitenden Geister und stellen ihm vor, dass dieses für den Himmel nicht taugt, indem seine Begierde unlauter ist. Aber da protestiert er sogleich und spricht: Setzt mich nur auf die Probe, lasst mich zu den schönsten Weibern und Mädchen, und ich werde mich mit ihnen ganz gebührlich unterhalten. Nach solcher Äußerung wird dem Gast sogleich gewillfahrt. Er wird genau in jene Zustände geführt, in denen er sich nach und nach ganz leibhaftig in all jenen Szenen befindet, die ihm auf der Welt so viel Vergnügen gemacht haben. Hier aber weichen die Geister zurück und lassen ihn allein agieren; doch immer unter ihrer für ihn unsichtbaren Beobachtung.
GS|2|120|15|0|Dass der Gast hier alle seine Szenen repetiert, braucht kaum erwähnt zu werden. Was aber mit ihm dann weiter geschieht und [was] das Geschäft unserer Geister ist, in der Folge.
GS|2|121|1|1|Die Reinigung der Geister und deren Führung bei Wahrung der vollen Freiheit der Geister
GS|2|121|1|1|(Am 6. Dezember 1843 von 4 1/4 – 5 1/4 Uhr abends.)
GS|2|121|1|0|Hat ein solcher Gast eine solche Szene von einer seiner Hauptleidenschaften durchgemacht, so wird er dann gewöhnlich voll Ekels gegen solch ein flüchtiges Vergnügen, indem er sich dabei überzeugt, dass daran nichts Reelles ist. Solches müsst ihr wissen, dass solche Geister auch jenseits den Beischlaf pflegen; aber sie empfinden statt des Lustreizes einen sehr bedeutenden Lustschmerz, und diese Eigentümlichkeit macht ihnen umso eher eine solche Leidenschaft zum Ekel.
GS|2|121|2|0|Ist aber eine solche Leidenschaft auf diese Weise besiegt, dann sucht der Geist in sich etwas anderes, was ihm sonst irgend auf der Welt Vergnügen machte, z. B. ein Spiel. Ist das der Fall, so sehnt er sich nach einer Spielgesellschaft. Auch diese wird ihm gewährt. Er kommt unter bekannte Freunde, und ihr erstes Zusammenkommen verlangt nichts anderes, als die schnelle Arrangierung eines Spieles. Und sobald wird er in den Zustand versetzt, in welchem er alles das findet, was zum Spiel wie in seinem eigenen Haus auf der Welt vonnöten ist – Karten, Geld und dergleichen wie sich’s gehört. Das Spiel beginnt, endet aber dann gewöhnlich mit der gänzlichen Verspielung seines Geldes und seines Hauses. Dass er dadurch wieder einen Hass auf das Spiel bekommt, versteht sich leichtlich von selbst; aber leider auch dabei auf die Spieler, die ihm alles abgenommen haben. Aber da sind eben wieder unsere Leiter sogleich bei der Hand, zeigen ihm das Nichtige seiner Leidenschaft und wie er sich durch dieselbe von Gott stets mehr und mehr entfernt, statt dass er sich Ihm nähern sollte.
GS|2|121|3|0|Und auf diese Weise taucht in unserem neuen Gast alles wieder auf, was er von seinen Kinderjahren an getrieben hat. Selbst die Musik, wenn sie eine mehr sinnliche Leidenschaft ausmacht und mehr von dem Betreiber derselben als eine mit Hochmut verbundene Gewinnsache betrieben ward, kommt dort in gleicher Reihe als böse Leidenschaft vor und wird auf die gleiche Weise hinausgearbeitet. Auch die Malerei und Poesie, kurz alles, was den Menschen auf der Welt bei irgendeinem Grad von Vorzüglichkeit zu einem Hochmutseigendünkel verleitet hat, muss auf eine ähnliche Weise hinausgeschafft werden.
GS|2|121|4|0|Aber solches alles muss der Geist am Ende freiwillig tun, denn niemand wird je zu etwas auf was immer für eine Weise gezwungen und gewisserart gerichtet, sondern er selbst muss sich selbst zwingen und sich selbst richten!
GS|2|121|5|0|Und das ist eben dann das Geschäft vorzugsweise dieser leitenden Engelsgeister, dass sie jeden Neuangekommenen nach und nach vollkommen in sich selbst führen und ihn allda alles finden lassen, was er nur immer durch sein ganzes Erdenleben in sich aufgenommen hat, und zwar zuerst das Gröbere und hernach das Feinere.
GS|2|121|6|0|So mancher, besonders Römischgläubige, wird das nicht sehr billig finden, denn fürs Erste will er von den gebeichteten Sünden nichts mehr wissen, und fürs Zweite glaubt er an ein besonderes Gericht, welches der Herr mit jedem Verstorbenen gleich nach dem Tod insbesondere vornimmt.
GS|2|121|7|0|Der wird das nicht leichtlich annehmen, dass der Herr nie jemanden richtet und schon am allerwenigsten in der Geisterwelt. Eher noch wäre solches auf der materiellen Welt anzunehmen, wenn man die so mannigfachen Züchtigungen gottvergessener Menschen als ein Gericht annehmen will. Seine Tat aber ist hernach erst der Richter, denn wie seine Liebe ist, so ist seine Tat, und so auch sein Leben.
GS|2|121|8|0|Nur das Einzige ist vom Herrn von Ewigkeit fest bestimmt, dass ein jedes Leben seine bestimmten Wege hat, über die es ewig nimmer hinaus kann. Diese Wege aber sind so intim mit der Natur des Lebens verflochten, dass sie eben mit dem Leben selbst das Leben ausmachen; und würde man jemandem einen solchen Weg abschneiden, so schneidet man ihm seine Freiheit und somit auch sein Leben ab. Und ein solcher Abschnitt wäre so ganz eigentlich ein Gericht, welches jedem Geist den Tod brächte.
GS|2|121|9|0|Zugleich aber wäre der Herr Selbst nicht mehr vollkommen frei, so Er auch nur einem einzigen Geist die volle Freiheit nähme; so wie ein Weltrichter schon dadurch nicht mehr frei ist und sich selbst gerichtet hat, sobald er nur einen Menschen ins Gefängnis verurteilt hatte. Denn ist er auch sonst in seinem Wirken frei, so ist er aber schon bei diesem einzigen beschränkt; denn so gut dieser im Gefängnis schmachtet, schmachtet auch das Urteil des Richters mit und darf nicht eher aus dem Gefängnis als der Gefangene selbst. In der materiellen Welt nimmt sich eine solche Gefangenschaft freilich nicht sehr evident aus, aber desto evidenter und effektvoller wird sie in der geistigen Welt.
GS|2|121|10|0|Wohl aber hat der Herr einem jedem Haupt- und Grundleben ein vollkommen entsprechendes Ziel gesetzt, und das zwar zufolge Seiner unendlichen Liebe und Erbarmung; und dieses Ziel ist eben wieder kein Gericht, sondern nur ein Sammelpunkt, wo ein jeder Geist sein zerstreutes Leben und den Effekt desselben vollkommen wiederfinden soll. Desgleichen ein Ziel ist die Hölle sowohl wie der Himmel, und die Geister einem oder dem anderen Ziel zuzuführen in ihrer vollen Freiheit, macht sonach das Hauptgeschäft unserer bekannten Engelsgeister im Mittelreich aus.
GS|2|121|11|0|Wie diese Führung geschieht, haben wir bereits gesehen, und was hernach mit dem geführten Geist geschieht, wissen wir auch. Und so bleibt uns nur noch übrig zu erfahren, was nach dieser Arbeit unsere leitenden Geister für ein anderes Geschäft überkommen.
GS|2|122|1|1|Weiterführung der Sonnenschüler durch die Planeten und Sphären der Sonne bis ins Neue Jerusalem
GS|2|122|1|1|(Am 7. Dezember 1843 von 4 – 5 1/2 Uhr abends.)
GS|2|122|1|0|Auch das wird uns nicht viel Mühe kosten, denn wir dürfen nur bedenken, dass es außer dieser Erde noch eine sehr große Anzahl anderer Erdkörper gibt, auf denen ebenso wie auf dieser Erde freie Wesen wohnen, – und es wird sich leicht herausfinden lassen, welche nächstkommende Beschäftigung unsere Geister überkommen. Ein jeder Erdkörper gehört irgendeinem ganzen Planetensystem zu; und je ein ganzes Planetensystem steht untereinander geistig also, wie natürlich, in einer Wechselverbindung und Wechselwirkung.
GS|2|122|2|0|Dasjenige Planetensystem jedoch, das da zu eurer Sonne gehört, ist das erste, in welches unsere Geister wirkend übergehen. Nr. 1 steht der Mond. Auf demselben wird von diesen Geistern zuerst freilich wohl noch immer mehr ein pönitables [strafendes?] als ein freies Lehramt ausgeübt; und so sind diese Geister hier ungefähr das, was bei euch die sogenannten Elementarlehrer sind, welche neben dem Lehrbuch auch zugleich eine Zuchtrute oder den sogenannten Patzenferl [Rute des Schulmeisters] in ihrer Hand halten.
GS|2|122|3|0|Warum hier solches notwendig ist, wisst ihr gar überaus gut; aber ihr wisst auch, wie es im Mond aussieht, was es mit seinen Bewohnern für eine Bewandtnis hat und auch, wie sie unterrichtet werden. Und so bleibt uns darüber nichts Weiteres mehr zu sagen übrig.
GS|2|122|4|0|Von da aus gehen diese Lehrer mit ihren Schülern etwa nicht sogleich in den Himmel über, sondern in die geistige Sphäre des Planeten Merkur, allwo sich auch schon höhere Lehrer aufhalten. Von dem Merkur geht es dann in die Venus; von dieser, größerer Demütigung halber, in den Mars. Für jene, welche im Mars noch nicht den gerechten Grad der Demütigung sich eigen gemacht haben, wird dann auch, wie ihr zu sagen pflegt, ein Abstecher in die vier kleinen Planeten gemacht. Bei denjenigen aber, welche im Mars sich schon einen großen Grad der Demut eigen gemacht haben, wird sogleich eine Erhebung in den Jupiter bewerkstelligt. Vom Jupiter aus erst wird in den überaus herrlichen Saturn übergegangen, von da in den Uranus und endlich in den euch schon bekannten letzten Planeten unter dem Namen Miron. Aber es versteht sich, überall nur in die geistige Sphäre dieser Planeten.
GS|2|122|5|0|Es könnte hier jemand fragen: Ist denn das der gewöhnliche Weg, welchen alle Geister durchgeführt werden müssen, um endlich einmal in den Himmel zu gelangen?
GS|2|122|6|0|O nein, sage ich, diesen Weg betreten unter der Leitung der uns bekannten Geister nur diejenigen Menschen, welche hier sehr naturmäßig und eitel sinnlich waren. Diese müssen auf dem freilich wohl etwas langwierigen wissenschaftlichen Weg in die Liebe und Weisheit des Herrn eingeleitet werden; und das darum, weil die naturmäßige Sinnlichkeit des Menschen eine Folge der Aufnahme jener Wirkung ist, welche man die planetarische bei den Menschen nennt.
GS|2|122|7|0|Es ist zwar kein Mensch passiv genötigt, diese planetarische Wirkung in sich aufzunehmen; wenn er sich aber durch Anreizungen des Fleisches und noch anderer die Sinnlichkeit erregender Vergnügungen befähigt, so nimmt er dann auch solche Einflüsse halb leidend und halb tätig in sich auf. Da aber diese Einflüsse zumeist sinnlicher Art sind, so sind sie schlecht; und der Mensch kann in ihrem geistig entsprechenden Besitz nicht eher in das Reich der Himmel gelangen, als bis er von all diesen Besessenheiten ledig wird.
GS|2|122|8|0|So ist z. B. eine übertriebene Reise- und Handelslust eine Einwirkung des Merkur, wie er auch als solcher schon bei den uralten Weisen bekannt war. Von der Venus rührt das schöngeistige verliebte Wesen her, wie es ebenfalls schon den alten Weisen bekannt war; vom Mars die Kampf- und Herrschlust, wie es auch die alten Weisen gekannt haben; vom Jupiter eine übertriebene pedantische Ehrsucht zufolge tiefer Gelehrsamkeit; vom Saturn eine leichte Erregbarkeit der Leidenschaften; vom Uranus eine große Prachtliebe und vom Miron eine übertriebene Lust zu allerlei Künsten wie Musik, Poesie, Malerei, Mechanik, Industrie aller Art u. dgl. m.
GS|2|122|9|0|Es ist hier nicht die Rede, als bekäme der Mensch der Erde solches etwa aus den Planeten; sondern der Mensch hat solches alles ursprünglich in sich im gerechten Maße und kann dasselbe auch in sich wecken und gerecht gebrauchen. Aber wenn der Mensch sich auf einen oder den anderen Zweig zu sehr hinwirft, so exzitiert er eben dadurch die Einwirkung eines solchen Planeten, weil er den in sich tragenden Planeten besonders hervorhebt und sich seinem Einfluss preisgibt, weil er eben dadurch den beiderseitigen wechselwirkenden Polaritäten durch die Erweckung seiner besonderen Leidenschaft den ungehinderten Verkehr einräumt, was eben nicht schwer zu begreifen ist für den, der noch etwas von der Ursache des Sehens sich von meinen ersten Erläuterungen gemerkt hat, denen zufolge niemand etwas sehen kann, was er nicht in sich hat. Und aus eben diesem Grunde müssen dann solche Geister diese Planetenreise durchmachen und gewisserart auf dem wissenschaftlichen Erfahrungsweg all das Fremdartige dort deponieren, von woher sie es aufgenommen haben.
GS|2|122|10|0|Sind sie damit fertig, so erst kommen sie in die Sonne, in welcher sie ebenfalls zuerst alle die gleichen planetarischen Eigenschaften im Grunde des Grundes durchzumachen haben, und nach Beendung solcher Schule erst dann zu den geringsten Wärtern der kleinen Kinder werden.
GS|2|122|11|0|Die Führer werden aber hier dann zu Hauptlehrern. Und haben sie eine Schule bis zur Vollendung emporgebracht, so erst werden sie zu Bürgern der heiligen Stadt Jerusalem aufgenommen, allwo sie aber jedoch zuerst die bei weitem Allergeringsten sein müssen, und müssen da sich leiten lassen von den Hauptbürgern für allerlei großartige Geschäfte, welche herzuzählen eine Welt voll Bücher nicht fassen würde! Denn wie unendlich die Schöpfungen des Herrn sind, so unendlich verzweigt sind auch die Geschäfte der Engel des obersten Himmels.
GS|2|122|12|0|Nun wisst ihr den ganzen Fortgang und die endliche Bestimmung der Kindergeisterengel und kennt somit auch die geistige Einrichtung der Sonne. Und somit ist auch mein Lehramt für euch zu Ende. Kehrt daher wieder dorthin zurück, wo der Herr Selbst euer harrt!
GS|2|123|1|1|Rückblick auf die geschauten zehn Geistersphären
GS|2|123|1|1|(Am 11. Dezember 1843 von 4 1/4 – 5 Uhr abends.)
GS|2|123|1|0|Nun seid ihr wieder hier. Möchtet ihr Mir denn nicht so in euerem Gemüt kundtun, was alles ihr bei Meinem Johannes gesehen, erfahren und somit gelernt habt? Ihr steht jetzt wohl voll Achtung da vor Mir und sagt in euch: Was sollen wir Dir, o Herr, erzählen, Dir, dem unsere Gedanken schon eher bekannt waren, als wir sie noch gedacht haben, ja eher, als noch eine Sonne die Strahlen aus der weiten Unendlichkeit an sich zog, um sie dann wieder aus sich mit vielfach erhöhter Kraft strahlen zu lassen?
GS|2|123|2|0|Ja, Meine lieben Kinder, der Vater weiß zwar für alles; aber dessen ungeachtet bespricht Er sich gern mit Seinen Kindern, als wüsste Er nicht für alles. Ich aber sehe in euch eine geheime Frage und diese lautet also:
GS|2|123|3|0|O Vater, Du ewige Liebe und Wahrheit! Unbegreiflich groß und wunderbar über alle menschlichen Begriffe ist das, was wir nun in den Sphären Deiner Engelsgeister vom ersten bis zum letzten gesehen, gehört, erfahren und gelernt haben. Nun aber möchten wir von Dir dazu noch ein heiliges Wort vernehmen, das uns kundtäte, ob alles das wirklich also die volle Wahrheit ist?
GS|2|123|4|0|Seht, Meine lieben Kinder, so lautet eure geheime Frage, und Ich antworte euch darauf also: Gleich im Anfang schon, als wir das äußere Zifferblatt unserer Uhr betreten haben, oder vielmehr diese Außensphäre der geistigen Sonne, habe Ich euch gesagt, wie der Himmel und die ganze geistige Welt sich nicht irgend örtlich zur Erscheinlichkeit darstellen, sondern sie sind, wie alle geistige Welt, in den Geistern selbst. Oder: die Lebenssphäre eines Geistes ist seine Welt, die er bewohnt.
GS|2|123|5|0|Ich sagte, um euch davon zu überzeugen, euch ein Gleichnis vor, in welchem ihr ein sogenanntes Diorama beschautet. Diesem Gleichnis gleich führte Ich dann vor euch nach einer gewissen Ordnung die hier noch anwesenden zehn Geister und zeigte euch dabei an, wie ihr allda ebenfalls ein geistiges Diorama treffen und in der Sphäre eines jeden Geistes ein anderes Bild der geistigen Welt zur Beschauung bekommen werdet.
GS|2|123|6|0|Solches war auch der Fall, wie ihr euch bisher nun zehnfach überzeugt habt, indem ihr in der Sphäre eines jeden dieser zehn Engelsgeister allzeit die geistige Welt in einer ganz anderen Form erschautet. Das ist nun mehr als sonnenklar vor euch; und Ich aber habe euch noch hinzugesagt, dass ihr dieses geistige Diorama in ebendenselben Geistern wiederholtermaßen durchgehen könnt und ihr werdet die geistige Welt wieder in einer ganz anderen Form erschauen.
GS|2|123|7|0|Also dürftet ihr auch in die Sphären noch anderer Geister treten, und ihr würdet in einer jeden solchen Sphäre wieder eine ganz andere Form der geistigen Welt sowohl in ihren einzelnen Verhältnissen wie in ihrem Gesamtbestand erblicken. Danach aber betrachtet, kann Ich euch auf eure Frage auch keine allgemein bestimmte Antwort geben, außer dass Ich euch sage, es verhält sich hier in allem so: Wie der Same, so ist die Frucht, wie die Werke, so der Lohn, und wie die Liebe als Grund der Werke, also die Form der Welt, die sie geistig in sich erschafft.
GS|2|123|8|0|Ihr habt zwar verschiedene Formen geschaut, aber dennoch überall eine und dieselbe Wahrheit. Denn an der Form liegt nichts, sondern alles nur an der Wahrheit.
GS|2|123|9|0|Und so wollte Ich euch nicht etwa zeigen, wie der Himmel, die geistige Welt oder die Hölle aussehen, sondern nur, wie sich dieses alles nach der Art der Liebe in eines jeden Menschen Geist ausbildet.
GS|2|123|10|0|Aus dem Grunde habt ihr im überreichen Maße tausenderlei Formen geschaut, und bei jeder Form ward euch die innere Wahrheit kundgetan. Und somit kann Ich euch sagen, dass ihr in der Sphäre der Wahrheit den ganzen Umfang des geistigen Lebens gesehen habt.
GS|2|123|11|0|Was aber natürlich die Formen betrifft, so geht dieses so sehr in das Unendliche, dass ihr es in Ewigkeiten nicht im geringsten Teil sogar völlig erschauen werdet können! Und so könnt ihr damit vollkommen ruhigen Gemüts in der Fülle der Wahrheit zufrieden sein; besonders wenn Ich euch noch hinzusage, dass, solange diese Erde von Menschen bewohnt wird, die geistigen Lebensverhältnisse noch nie so umfassend und völlig enthüllt kundgegeben wurden wie dieses Mal.
GS|2|123|12|0|Was immer da jemand sucht, in welch immer für einem Verhältnisse er sich befindet, kann er in dieser Veroffenbarung auf ein Atom genau finden, wie es mit ihm steht.
GS|2|123|13|0|Wer dieses alles mit tiefer Aufmerksamkeit und großer Andacht durchlesen wird, der wird die große überzeugende Wahrheit nicht nur in dieser Sonnenveroffenbarung, sondern lebendig in sich selbst finden.
GS|2|123|14|0|Damit aber ein jeder das alles in sich selbst als vollkommen wahr finden möge, will Ich in der noch kurzen Folge einige Gleichnisse und Bilder hinzufügen, welche alle die geheimen Winkel dieser Offenbarung erleuchten sollen. Für heute daher Meinen Segen und gut!
GS|2|124|1|1|Über die den Formen zugrunde liegende Wahrheit
GS|2|124|1|1|(Am 12. Dezember 1843 von 4 1/4 – 5 1/2 Uhr abends.)
GS|2|124|1|0|Wenn ihr im Evangelium nachlest, so werdet ihr mit leichter Mühe finden, unter was für allgemeinen Bildern Ich Selbst das Himmelreich dargestellt habe. Unter den Gleichnissen findet sich das Senfkörnlein vor. Dieses Gleichnis ist eben auch dasjenige, welches nun am allermeisten hierher taugt. Klein ist dieses Korn; wer sieht in ihm die baumartig große Pflanze? Doch trägt dieses Senfkörnlein eine ganze Unendlichkeit seinesgleichen in sich. Zahllose ganz gleiche Senfkörnlein können aus dem einen hervorgehen. Sät zahllose solche Senfkörnlein in das Erdreich, und ihr werdet wohl lauter gleiche Pflanzen daraus bekommen. Aber was die gewisse Symmetrie der Form betrifft, da wird nicht ein Stamm dem anderen gleichen, so wenig, als ihr auf einem und demselben Baum imstande seid, zwei vollkommen gleich symmetrische Blätter zu treffen.
GS|2|124|2|0|Wer dieses Beispiel von diesem Gesichtspunkt fasst, der wird daraus doch sicher den Schluss ziehen und sagen: An der symmetrischen Form, welche man eine bleibende oder konstante nennen könnte, liegt nichts; denn ob ein Blatt auf diesem oder jenem Punkt des Stammes oder eines Astes und Zweiges hervorkommt, ob es etwas größer oder kleiner oder ob der Stamm selbst höher oder niederer dem Boden entwächst, mehr oder weniger Äste und Zweige schießt und diese allzeit noch in einer anderen Ordnung, so macht das alles nichts, wenn nur der Stoff der Pflanze und deren Brauchbarkeit eine und dieselbe bleibt.
GS|2|124|3|0|Seht, das ist im Grunde nichts anderes, als so Ich euch sage: An der Form oder an dem Erscheinlichen der Geisterwelt liegt an und für sich gar nichts, wenn nur alle diese endlos verschiedenen Formen und Erscheinungen eine und dieselbe Wahrheit und einen und denselben Zweck zum Grund haben.
GS|2|124|4|0|Und so trägt denn ein jeder Mensch ein anderes Samenkorn für die Entwicklung der geistigen Welt in sich, welches in ihm aufgeht, endlich zu einem Baum wird, welcher da ist die Form der inneren Welt.
GS|2|124|5|0|Wenn ihr verschiedene Samenkörner in die Erde streut, und das in eine und dieselbe Erde; meint ihr wohl, dass daraus ganz gleiche Gewächse zum Vorschein kommen sollen? Oder dass selbst aus einem und demselben Samenkorn ein vollkommen gleiches Gewächs hervorwachse, so eben dasselbe Samenkorn mehrfach in die Erde gelegt wird? O mitnichten, überall etwas anderes und bei gleichartigem Samen wenigstens ein anderes Bild.
GS|2|124|6|0|Aber alles dessen ungeachtet bleibt sich der Grundstoff gleich; und ihr könnt auf eurem chemischen Weg alle Materie zerlegen, wie ihr nur immer wollt und könnt, und dennoch werdet ihr bei der letztmöglichen Zerlegung auf nichts als zwei Urgrundstoffe kommen, nämlich auf den euch wohlbekannten sehr flüchtigen Kohlenstoff und den zusammenziehenden Sauerstoff.
GS|2|124|7|0|Seht, das ist wieder gleich der Grundwahrheit und dem Hauptzweck aller Formenerscheinlichkeit im Reich der Geister.
GS|2|124|8|0|Überall ist nur ein Gott, ein Vater, eine Liebe, eine Weisheit, und aus ihr geht hervor das Unendliche wie das Ewige!
GS|2|124|9|0|Beschaut das Gewölk, das tagtäglich über eurer Erde Boden in der Luft dahinzieht. Habt ihr je schon eine beständige Form an selbem entdeckt? Wenn es am Morgen also steht, werdet ihr es am Abend gleich also erblicken? Oder am nächsten Tag oder in einem nächsten Jahr?
GS|2|124|10|0|Endlos verschieden verändern sich die Formlinien des Gewölks; nimmer erblickt ihr ganz dieselben wieder, die ihr schon geschaut habt. Beirrt euch aber das in eurem Dasein? Sicher mitnichten; denn es mag die Wolke unter was immer für einer Form in der Luft dahinschweben, sie bleibt deswegen doch nur eine Wolke, als nur eine Wahrheit, und ihr Zweck ist, den Regen zu geben, und das ebenfalls in einer und derselben Art, wenn alle Bedingungen ordnungsmäßig vorhanden sind, die zur Erzeugung des Regens vonnöten sind.
GS|2|124|11|0|Und so liegt hier wieder nichts an der Form, sondern einzig und allein nur am Grund und am Zweck alles.
GS|2|124|12|0|Überhaupt, was das erscheinliche Wesen betrifft, so ist dessen stets andere Form nur zur Weckung des Geistes da, der darin sein Wonnegefühl findet. Denn unter einem ewigen vollkommenen Einerlei würde alles in einen ewigen Schlaf dahinsinken.
GS|2|124|13|0|Nur aber muss der Mensch sein Heil und seine Seligkeit nicht in der Form, sondern in der Realität und in der Wirklichkeit suchen. Was die Form betrifft, so habe Ich für ihren ewigen, stets neu reizenden Formenwechsel schon von Ewigkeit her gesorgt; und es gilt auch dafür der Grundtext aus dem Evangelium:
GS|2|124|14|0|„Sucht nur vor allem das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; alles andere wird euch hinzugegeben werden.“
GS|2|124|15|0|Fragt daher nicht diesen oder jenen: Wie sieht der Himmel aus und wie die Geisterwelt? – Denn alles das ist eitel! Sondern sucht jegliches Wort von Mir in euch lebendig zu machen durch die Werke der Liebe; und ihr habt dann schon in euch den Himmel lebendig und alles, was der Geisterwelt ist.
GS|2|124|16|0|Denn es wird nie jemand in einen Himmel kommen, der da also aussehen möchte, wie er ihn so oder so beschrieben in sein Gedächtnis und in sein Vorstellungsvermögen aufgenommen hat, indem ein jeder den eigenen Himmel und die eigene Geisterwelt in sich trägt, davon die Form sich allzeit richten wird nach der Art der Liebe, die in ihm ist, und nach den Werken, die aus ihr hervorgegangen sind.
GS|2|124|17|0|Wenn aber jemand einem Fremden möchte die Gestalt eines Apfelbaumes dadurch vollkommen erkenntlich machen, dass er zu ihm spräche: Siehe, da vor uns steht ein Apfelbaum; merke dir genau die Höhe und Dicke des Stammes, genau die Lage seiner Äste und Zweige und ebenso die Blätter und die Rinde, und du wirst jeden Apfelbaum erkennen, der dieser Form vollkommen entspricht. Der so Unterrichtete zeichnet sich die Form des Baumes genau auf und geht damit in einen großen Baumgarten, der nahe aus lauter Apfelbäumen besteht. Er passt seine aufgezeichnete Form überall an; da er aber dieselbe also vollkommen nicht wiederfindet, so existiert für ihn in diesem Baumgarten kein Apfelbaum.
GS|2|124|18|0|Also soll sich da niemand in irgendeiner Erscheinlichkeit begründen; denn da wird er allzeit hohl ausgehen. Wenn er aber die Sache im Geist der Wahrheit nimmt, so wird er unter einer jeden Form die Wahrheit finden und den Weg und das Leben!
GS|2|124|19|0|Diese Sache ist von großer Wichtigkeit; daher soll all dieses Gegebene jedermann wohl überdenken und es genau prüfen in sich, damit er zufolge dieser Prüfung der Weisheit wahren Grundstein finden möchte. Also heißt es und wird es sein ewig wahr und gut. Zur näheren Beleuchtung alles dessen nächstens der Beispiele mehr!
GS|2|125|1|1|Das Himmelreich gleicht der gegenwärtigen Zeit. Das Gleichnis vom Sämann
GS|2|125|1|1|(Am 13. Dezember 1843 von 4 1/4 – 6 Uhr abends.)
GS|2|125|1|0|Was ferner noch das Himmelreich betrifft, so ist es gleich dieser eurer gegenwärtigen Zeit, welche wieder gleich ist dem Sämann im Evangelium, der da guten Samen ausstreute, von dem ein Teil auf den Weg, ein Teil ins Gebüsch, ein Teil auf Steinboden und nur ein Teil auf gutes Erdreich fiel.
GS|2|125|2|0|Seht nur euere Zeit an, ob sie nicht also dem Sämann und dem Himmelreich gleicht?
GS|2|125|3|0|Das Wort wird allenthalben ausgesät; allorts leben noch geweckte Menschen, die das Wort aus dem inneren Grund erläutern. Allein die Bedürfnisse der Menschheit in der gegenwärtigen Zeit sind gleich geworden dem Weg, auf den der Same fällt, oder auf Deutsch gesprochen: Sie sind rein weltlich geworden. Daher macht das Wort bei ihnen gerade solch einen Effekt, als würfe man Erbsen an die Wand, da sicher keine wird picken bleiben und noch weniger Wurzeln schlagen in dem harten, steilen und platten Grund.
GS|2|125|4|0|Daher dürfte Ich alle Engel des Himmels herabsenden und von ihnen das Wort des Lebens allorts verkünden lassen auf die wunderbarste Weise – heute, morgen und übermorgen werden es die Menschen ganz erschüttert anhören und annehmen, aber weiter hinaus werden sie anfangen, das Wunder ganz gleichgültig zu betrachten und dabei ihren Weltgeschäften nachrennen wie zuvor.
GS|2|125|5|0|Das sind die industriellen Menschen und deren nimmer zu sättigenden Bedürfnisse. Sie gleichen dem Gebüsch und den Dornen. Geht anfangs das Wort auch auf, so wird es aber dennoch bald erstickt, und die Menschen werden hernach gleichgültiger gegen dasselbe als zuvor. Denn eher sprachen sie: So wir es auf einem wirklich wunderbaren Weg erhielten, da wollten wir ja glauben und danach tun. Ich aber willfahre auch diesem Wunsch. Fast an allen Orten spende Ich es nun, wie hier, wunderbar aus. Welche Effekte aber macht es? Höchstens hier und da politische Bedenklichkeiten; das ist aber auch schon das meiste. Dass sich aber jemand daran kehren möchte – dieses gute Erdreich – wo ist es?
GS|2|125|6|0|Ich sage: Wo hundert Millionen Menschen leben, da ist viel zu viel mit tausend gesagt, die sich daran wahrhaft lebendig kehren möchten. Was nützen darunter zehn oder hundert Tausende, die das wohl recht gläubig anhören, wenn es aber aufs Tun kommt, so lassen sie sich von einem Tag bis zum anderen Zeit; denn sie sagen: Warum sollte man sich denn gar so anstrengen, um irgendein ewiges Leben zu erlangen? Gibt es ein ewiges Leben, wie sie es glauben, so wird es wohl nicht so schwer sein, dasselbe zu erlangen; daher nur lustig gelebt und am Ende dennoch selig gestorben! Was braucht man darüber mehr?
GS|2|125|7|0|Da haben wir aber auch zugleich den steinigen und sandigen Grund. Dieser nimmt wohl auch den Samen auf, und dieser geht auch bis zur Hälfte auf; aber der Boden hat keine Feuchtigkeit, und so geht am Ende noch das was aufgegangen ist zugrunde!
GS|2|125|8|0|Also hält sich der alleinige Glaube nie, wenn er nicht durch die Tat belebt wird. Gleich also, wie die pure Theorie ohne tatsächliche Übung und Anwendung derselben nie einen praktischen Menschen hervorgehen machen wird.
GS|2|125|9|0|Also könnt ihr jetzt auch eine Legion um die andere moralischer und religiöser Plauderer finden. Aber alle diese Plauderer wollen an sich keine Probe machen und nicht ein Steinchen mit einem Finger anrühren. Denn ein jeder glaubt schon damit etwas außerordentlich Verdienstliches geleistet zu haben, wenn er nur gut gepredigt und durch sein moralisches und religiöses Geplauder allenfalls einige dumme Andächtler und Schwärmer zuwege gebracht hat.
GS|2|125|10|0|Niemand aber will im Ernst die Wege versuchen, durch welche er unmittelbar dahin gelangen möchte, allwo er mit Mir Selbst in die Verbindung träte und dann aus Meinem Munde eine lebendige Lehre bekäme, die ihn erst zu einem guten Erdreich umgestalten könnte.
GS|2|125|11|0|Es gibt zwar eine Menge Gottesgelehrte und Theosophen; aber darunter kaum einen, der nach Johannes wirklich von Gott gelehrt wäre, der da spricht, dass alle sollen von Gott gelehrt sein!
GS|2|125|12|0|Fürwahr, so Ich nicht aus Meiner großen Erbarmung heraus jemanden aufrütteln möchte hier und da, gleichwie ein emsiger Hausherr sein träges und faules Gesinde aufrüttelt, so wüsste von den Zeiten der Apostel angefangen bis jetzt beinahe kein Mensch, was das lebendige Wort ist und was es heißt „von Gott gelehrt sein“.
GS|2|125|13|0|Die derzeitigen Gottesgelehrten stellen Mich lieber ganz geheimnisvoll über alle Sterne hinaus und lassen Mich da in einem völlig unzugänglichen Licht sitzen. Warum aber tun sie das? Sie tun das aus verschiedenen Gründen. Der erste wäre z. B. der: Weit weg ist gut vor dem Schuss. Der zweite möchte also lauten: Keinem Menschen ist es sonach möglich, sich Gott so zu nähern, dass er von Ihm gelehrt würde. Und noch ein Grund, der sich auf den vorigen stützt, lautet also: Gott hat dem Menschen Vernunft und Verstand gegeben; das sei das lebendige Wort Gottes im Menschen. Wer sich danach kehrt, der lebt nach dem Willen Gottes, und der seinen Verstand und seine Vernunft ausbildet, der ist schon von Gott gelehrt; denn niemand kann von Gott unmittelbar, sondern nur also mittelbar gelehrt werden, indem Gott ja über allen Sternen im unzugänglichen Licht wohnt.
GS|2|125|14|0|Wenn dann gegenüber diesen geheimnisvollen theosophischen Thesen Ich dennoch hier und da jemanden erwecke, der dann unmittelbar von Mir ein lebendiges Wort empfängt, so wird er von dem größten Teil der gegenwärtigen Menschheit als ein Narr und Schwärmer erklärt, mitunter auch als ein Betrüger und Scharlatan, der sich einige Fähigkeiten seines Verstandes zugute zu machen versteht. Sagt, ob es nicht also ist?
GS|2|125|15|0|Es werden euch verschiedene Männer nicht unbekannt sein, und das aus der neuen Zeit, vom achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert wie auch so manche noch aus einem früheren Jahrhundert. Was aber ist ihr Los? Nichts als die stumme Vergessenheit. Der gelehrten Welt genügt, dass sie ihre Namen kennt. Was aber diese Männer aus Mir gelehrt haben, das geht sie nichts an. Und wenn es auch noch hier und da einen oder den anderen gibt, der ein solches Buch liest, so kommt er aber dennoch bald auf Sätze, die mit seiner Vernunft nicht übereinstimmen. Er verwirft daher auch bald das Ganze und lässt sonach unseren von Mir gelehrten Mann ruhen.
GS|2|125|16|0|Wenn es gut geht, so lässt man höchstens allein Mir noch einige Gerechtigkeit widerfahren; aber Meine Boten sind lauter Narren und Betrüger.
GS|2|125|17|0|Ist nicht also eure Zeit beschaffen? Ich meine, das kann ein jeder mit der Hand greifen.
GS|2|125|18|0|Da aber das Himmelreich keine irgendwo vorhandene Örtlichkeit ist, sondern nur ein Zustand des vollkommenen Lebens, so ist das Himmelreich auch vollkommen gleich eurer Zeit, und zwar in dieser Zeit; nämlich es ist karg, armselig, klein, selten.
GS|2|125|19|0|Und da es noch ist, daselbst ist es nicht rein. Wird aber das wohl ein Himmelreich sein, so es nicht ganz rein ist? Ich sage euch: Das Himmelreich ist in dieser Beziehung sehr relativ, und das darum, weil einem jeden Narren seine Kappe am besten gefällt.
GS|2|125|20|0|Ein jeder findet in seiner Dummheit sein Himmelreich. Ob das wahre aus Mir, das ist eine andere Frage. Dieses ist wahrlich selten, karg und spärlich geworden. Warum denn? Weil bei den Menschen das gute Erdreich ausgegangen ist! Daher mag Ich auch nun säen, wie Ich will, den allerbesten und reinsten Samen, so fällt er aber dennoch auf lauter Wege, zwischen Dornen und auf steinigen Boden, hier und da zwischen eine Ritze am Weg. So gehen auch zwischen einer Steinkluft etwa aus einer Million Körner tausend auf und hundert erreichen die Reife. Und das ist dann die ganze Ernte und das ganze Himmelreich! Und das ist doch sicher karg, selten und spärlich!
GS|2|125|21|0|Aus dem könnt ihr abermals ersehen, dass alles bisher Gesagte seinen guten Grund hat, dass an der oberflächlichen Erscheinlichkeit des Geistigen ebenso wenig gelegen ist wie an den Erscheinungen der Zeit. Sie sind taub und hohl, aber für den Weisen sind sie eine Schrift, aus deren Grundzügen er mit leichter Mühe die innere Wahrheit findet; denn einer jeden Erscheinlichkeit geht ein wirkender Grund voraus. Ist die Erscheinlichkeit edel und gut, so wird es auch in gleichem Maße der Grund sein; ist die Erscheinlichkeit aber unedel, das heißt weltlich, so wird es auch ihr Grund gleichen Maßes sein.
GS|2|125|22|0|Wer alsdann alles Geistige in seiner wahren Gestalt erschauen will, der binde sich nicht an das Erscheinliche, sondern er bediene sich desselben nur zur Erforschung des Grundes. Hat er diesen, so hat er das ganze Wesen aller Geisterwelt. Wie aber dieser zu erforschen ist aus dem Erscheinlichen, soll in der Folge gezeigt werden.
GS|2|126|1|1|Wie man von der äußeren Erscheinlichkeit auf den inneren Grund schließen kann. Ein Baum als Beispiel für das geistige Reich
GS|2|126|1|1|(Am 14. Dezember 1843 von 4 1/4 – 6 Uhr abends.)
GS|2|126|1|0|Im Verlaufe der ganzen Mitteilung aus dem Gebiet des geistigen Sonnenreichs ist wohl in dieser Hinsicht jedes einzelne kleinlichste Verhältnis gezeigt worden, wie die Geisterwelt mit der naturmäßigen zusammenhängt; und man könnte darum hier füglich sagen: Um aus den Erscheinlichkeiten auf den Grund schließen zu können, – darüber ist es nahe unnötig, hier noch etwas Weiteres zu sagen, indem eben dieser Gegenstand im Verlaufe der ganzen Mitteilung in all seinen Zweigen auf das Hinreichendste beleuchtet worden ist.
GS|2|126|2|0|Ich aber sage: Des Guten hat der Mensch nie zu viel; wohl aber am Schlechten. Denn viel Gutes mag oft das Schlechte nicht bessern; aber ein wenig Schlechtes kann oft viel Gutes verderben!
GS|2|126|3|0|Und so wollen wir auch noch durch so manche anschauliche Beispiele unseren vorliegenden Gegenstand so klar als möglich beleuchten.
GS|2|126|4|0|Seht an einen Baum. Sein Wesen, wie es da ist, stellt euch das ganze Wesen der Geisterwelt in ihrem Verhältnis zur naturmäßigen Welt in entsprechender Erscheinlichkeit dar.
GS|2|126|5|0|Das Inwendigste des Baumes, der Kern also, ist das Himmlische, der Stamm, die Äste und die Zweige sind das eigentliche Geisterreich, das sein Leben hat vom inwendigen Kern. Über dem Holz des Stammes werdet ihr die Rinde erblicken, welche das Außenerscheinliche des Baumes ist. Diese Rinde an und für sich ist völlig tot; aber unter der äußeren völlig toten Rinde befindet sich noch eine andere Rinde, die ihr die lebendige nennt. Diese ist gleich demjenigen Verbindungszustand, wo das Geistige in das Materielle übergeht.
GS|2|126|6|0|Betrachten wir die Wirkung dieser Rinde. Aus ihr geht zuerst die äußere tote Rinde hervor, und wieder geht aus dieser lebendigen Rinde all das vergängliche Blätterwerk, wie auch die äußere Form der Blüte und endlich selbst die äußere Rinde der Frucht hervor.
GS|2|126|7|0|Alle diese Produkte aber sind nicht bleibend; sie fallen ab nach der Zeit, wenn sie ihre Dienste geleistet haben.
GS|2|126|8|0|Seht, so ist es mit der Welt und allem dem, was ihr angehört. Alles das gleicht der äußeren Rinde, den Blättern und Blüten, aber auch endlich den Früchten eines Baumes. Diese fallen ab. Aber der Baum besteht und trägt in seinem inneren Leben zahllosfältig das Außenbild des Erscheinlichen und Vergänglichen. Wie kann man aber nun aus dem Erscheinlichen auf den inneren wahren Grund schließen? Ich sage: Auf die leichteste Weise von der Welt. Ihr dürft nur das Erscheinliche euch verunendlichfältigt und zugleich gesamtwirkend zweckdienlich vorstellen, so habt ihr den Grund des Geistigen schon vor euch.
GS|2|126|9|0|Der Hauptgrund aber ist dadurch ersichtlich zu finden, so ihr die ganze vieljährige vegetative Aktion eines Baumes betrachtet. Er besteht in lediglich nichts anderem, als in der steten Mehrung und fortwährend sich steigernden Kräftigung des Lebens.
GS|2|126|10|0|Ganz einfach wird dieses in einem einzelnen kleinen Samenkorn in die Erde gesetzt. Welche Lebenskraft ursprünglich in diesem Samenkorn ist, z. B. in einer Eichelnuss, kann ein jeder Mensch erproben, wenn er eine solche Nuss in seine Hände nimmt und damit herumspielen kann als wie mit einer Federflaume.
GS|2|126|11|0|Wenn aber eben diese sehr unbedeutende Eichelnuss in die Erde gesetzt wird, so fängt sich in ihr das vegetative Leben an zu kräftigen. Ein junger Eichbaum mit höchstens zwei Blättern wird zuerst ersichtlich. In diesem ersten Stadium ist das vegetative Leben des werdenden Eichbaumes noch schwach. Es übertrifft in seinem Gewicht vielleicht kaum um das Zehnfache das Gewicht der vorigen glatten Eichnuss. Aber betrachten wir es nur um dreißig Jahre später. Da hat es sich schon eine so mächtige vegetative Lebenskraft angeeignet, dass ihr an seinem Stamm mehrere hundert Pferde anbinden könnt, und sie werden ihn mit all ihrer riesigen Kraft nimmer dem Boden zu entreißen vermögen. Betrachtet es aber in einem Alter von hundert Jahren. Welch ein riesiger, majestätischer Baum, und welche allen Stürmen trotzende Kraft in ihm! Wie viel tausendfältig hat diese hundertjährige Eiche in den gleichen Eichelnüssen ihr ursprüngliches kleines vegetatives Leben reproduziert! Und wie mächtig hat sie durch ihre Abfälle und dadurch gewisserart mit dem Überfluss ihrer vegetativen Lebenskraft den Boden um sich herum gedüngt und ihn zur steten Vermehrung der eigenen Lebenskraft belebt!
GS|2|126|12|0|Kurz, ein solcher Baum ist zu einer Welt voll Lebens geworden. Und das alles kam von einer einzelnen unbedeutenden Eichelnuss.
GS|2|126|13|0|Seht, also geht ursprünglich von Mir aus nur ein Fünklein der Lebenskraft, mit dem Vermögen ausgerüstet, sich als eine Lebenskraft bis ins Unendliche zu stärken und zu kräftigen. Und dazu dient eben diese Erscheinlichkeit am Baum zu jedermanns klarster Evidenz.
GS|2|126|14|0|Wir sagten ehedem: Aus der lebendigen Rinde geht das erscheinliche Blätterwerk hervor, und die äußere Blüte und selbst die Rinde der Frucht. In der Frucht selbst bekommt der Keim des Kernes nur ein überaus kleinstes Fünklein aus dem allgemeinen Leben des Baumkernes. Der Kern wird samt der Frucht reif und stellt den Menschen in seiner Welterscheinlichkeit dar. Höchst einfach und wenig sagend ist seine außenerscheinliche Form und gering seine Kraft. Aber er ist gleich einer Eichelnuss. Wenn er in das gute Erdreich Meines Willens gesetzt wird, da geht sein innerer Keim auf, und dieser wird endlich selbst zum mächtigen Baum, dessen Kraft die Kraft zahlloser ehemaliger Eichelnüsse übertrifft.
GS|2|126|15|0|Und seht, so hat ein jeder Mensch den Keim seines geistigen Zustandes, der die eigentliche Geisterwelt ist, schon in sich. Er ist auf dieser Welt ein Lebensfünklein, das sich kräftigen soll zu einer Lebenssonne. Aus seinem atomgroßen Lebenskeim soll ein riesiger mächtiger Lebensbaum werden. Und also ist es.
GS|2|126|16|0|Wie die Eichelnuss zahllose Wälder voll der riesigsten Bäume in sich trägt, die sich alle sicher aus dem einzelnen Kern entwickeln können, so trägt auch der Mensch in seinem klein scheinenden Leben auf dieser Welt eine unendliche Kräftigung und Potenzierung desselben in sich.
GS|2|126|17|0|Es heißt aber im Evangelium, wo der spricht, der sein Talent vergraben hatte: „Ich weiß, dass du ein strenger Mann bist und willst ernten, da du nicht gesät hast. Wo du eins setzt, da willst du tausend gewinnen; darum vergrub ich das Talent, auf dass ich es dir gebe, wie du es mir gegeben hast.“
GS|2|126|18|0|Darauf aber spricht der Herr des Talentes: „Ei, du schalkhafter Knecht! Wusstest du, dass ich ein ungerechter Mann bin und will ernten, da ich nicht gesät habe, warum trugst du denn nicht das Talent zu einem Wechsler, der mir darum Wucherprozente gegeben hätte?“
GS|2|126|19|0|Seht, aus dieser Stelle, welche also lauten sollte, erscheint ganz klar, dass Ich das Leben in den möglichst kleinsten Partien aus Mir hinausstreue in die endlosen Gebiete Meines allwaltenden Seins, um aus einer jeglichen dieser kleinsten Lebenspartien eine übermäßig potenzierte Lebensmasse zurückzubekommen.
GS|2|126|20|0|Seht, das ist der wahre innerste Grund alles geistigen Lebens: Aber bin Ich da wirklich ein harter, eigennütziger, ungerechter Lebenswucherer? O nein! Denn außer Mir gibt es ja nirgends ein Leben, und das aus dem einfachen Grunde, weil es ewig nirgends ein „außer Mir“ gibt! Ich bin die Nährquelle ewig für alles Leben!
GS|2|126|21|0|Was würde wohl mit dem Leben werden in den Zeiten der Zeiten, so diese Urgrundquelle alles Lebens versiegen möchte? Seht, da würde sich am Ende alles Leben ins Unendliche verflüchtigen, und nichts bliebe dann am Ende übrig als eine ewig leere, finstere, tote Unendlichkeit!
GS|2|126|22|0|So aber Ich als die Urgrundnährquelle für alles Leben Mich Selbst in jedem Augenblick, unendlich in Mich Selbst wiederkehrend, stets endlos kräftige und stärke, so wird dadurch auch alles partielle Leben, welches sich in euch geschaffenen Menschen ausspricht, ja auch ins gleichmäßig Unendliche potenziert, genährt und gestärkt.
GS|2|126|23|0|Je stärker der Vater, desto stärker auch die Kinder. Aus der Ameise gehen wohl Ephemeriden, aber keine Adler und Löwen hervor. Überall erzeugt das Schwache wieder Schwaches und das Starke Starkes. Wie aber das Schwache nie Starkes erzeugt, so erzeugt auch das Starke nie Schwaches. Ein Adler ist nie der Erzeuger einer furchtsamen Taube und ein Hase kann sich nicht rühmen, als wäre der Löwe sein Erzeuger.
GS|2|126|24|0|So ihr aber Kinder eines allmächtigen Vaters seid und tragt den Lebenskeim des Vaters in euch, so kräftigt diesen Keim im guten Erdreich Meines Willens und macht stark den Vater in euch, so werdet auch ihr dadurch gleichen Maßes im Vater stark werden. Denn der Vater verlangt nicht eure Stärke für Sich, sondern für euch selbst verlangt Er sie, damit auch ihr also vollkommen werden sollt, wie Er Selbst in Sich oder im Himmel vollkommen ist.
GS|2|126|25|0|Seht, das ist ein Bild, wie ihr von der äußeren Erscheinlichkeit auf den inneren Grund des Lebens schließen könnt. Nächstens ein anderes Bild zu demselben Zweck!
GS|2|127|1|1|Ein Menschenkind als Bild des Himmelreichs und des Universums
GS|2|127|1|1|(Am 16. Dezember 1843 von 4 1/2 – 6 1/4 Uhr abends.)
GS|2|127|1|0|Wir haben in der vorhergehenden Veroffenbarung ein kräftiges Bild vor jedermanns Augen gestellt, nach welchem jedweder mit der leichtesten Mühe von den äußerlichen Erscheinlichkeiten auf den inneren Grund schließen kann. Da aber dieses Feld sehr groß ist und die Erscheinlichkeiten auf demselben zahllos sind, so hat der Mensch der rechten Bilder nie zu viel, um sich in jeder Lage seines erscheinlichen Daseins den rechten Rat zu schaffen. Und so werden wir zu einem anderen, in sich zwar ganz einfachen, aber desto inhaltsschwereren und allgemeineren Bild zur Beleuchtung unserer Sache schreiten.
GS|2|127|2|0|Was Einfacheres wohl könnte es geben als so ein harmloses, ärmliches Menschenkind? Dieses hat zwei bewegliche Füße, dann einen Leib voll Eingeweide; es hat dann zwei bewegliche Arme, einen beweglichen Kopf. In dem Kopf sind zwei Ohren, die immer gleich voneinander entfernt bleiben, und das eine hört dennoch allzeit dasselbe gleichwie das andere. Also hat es auch zwei Augen, die auch ihren festen Standpunkt im Kopf haben und einander nicht nähergerückt werden können, obschon sie für sich einer Bewegung fähig sind. Und mit diesen beiden Augen kann jedes einzelne Ding für sich als einzeln beschaut werden. Dann in der Mitte der Augen sitzt die zweimündige Nase. Sie atmet die Lebensluft in sich und lässt die Unreinigkeit des Hauptes abfließen. Also hat es denn auch einen Mund, dessen unterer Teil allein beweglich ist. Und in selbem hat es zwar unbewegliche Zähne, aber eine desto beweglichere Zunge. Der ganze andere Leib besteht dann aus einer Haut, aus Fleisch, Blut, Nerven, Fasern, Adern und Knochen, in denen sich ein Mark vorfindet. Seht, das ist das Bild unseres Kindes.
GS|2|127|3|0|Wer ahnt es aber, was alles hinter dieser ganz einfachen Erscheinlichkeit steckt? Wer ersieht darin einen ganzen Himmel? Wer das ganze unendliche Universum?
GS|2|127|4|0|Wer sucht in diesem einfachen Bild einen Konflikt der gesamten Schöpfung, sowohl in der geistigen als auch in der naturmäßigen Sphäre?
GS|2|127|5|0|Möchte da nicht jemand sagen: In dem Kind ist solches wohl kaum ersichtlich; aber lassen wir es zum Mann werden, dann wird sich in seinem Denken und Handeln vielleicht wohl so manches finden lassen, damit man daraus folgerungsweise erkennen kann, dass der Mensch sicher zum wenigsten ein integrierender Teil der ganzen Schöpfung ist.
GS|2|127|6|0|Ich aber sage: Dessen bedarf es nicht; das Kind allein genügt. Seine zwei einfachen Füße bezeugen Meine väterlich tragende Liebsorge, welche sich in den zehn einfachen Gesetzen ausspricht, die euch bekannt sind. Und die Füße sind aus dieser Ordnung auch der Unterstützung halber und der Festhaltung wegen mit zehn Zehen versehen.
GS|2|127|7|0|In der naturmäßigen Sphäre aber stellen sie das Planetensystem vor, welches ebenfalls die unterste Stütze eines Sonnensystems ist. Ja, das Planetenwesen nötigt gleich den Füßen durch seine Bewegung den großen Hauptleib der Sonne in die große Hauptbewegung.
GS|2|127|8|0|Aus dieser ganz kurzen Darstellung könnt ihr entnehmen, dass schon in den Füßen des Kindes das ganze liebsorgliche Wesen geistiger Art, wie das ganze Planetenwesen naturmäßiger Art vorhanden ist.
GS|2|127|9|0|Auf den Füßen ruht der Leib als die Hauptwerkstätte des Lebens. Wer ersieht hier in geistiger Sphäre nicht sogleich das Wesen der belebenden Liebe aus Mir? Und wer erschaut in dem Leib nicht sobald die Sonne, welche ist der belebende Leib des ganzen Planetensystems?
GS|2|127|10|0|Im Leib ist das Herz als der Grundsitz des Lebens und das allerklarste Bild der Liebe. Diese Liebe ist fortwährend tätig und führt allen Teilen des Leibes die Nahrung zu.
GS|2|127|11|0|Diese Liebe hat gleich neben ihr den Magen. Dieser ist die gastfreundschaftliche Küche, in welchem die Liebe durch ihr Feuer die Speisen verkocht und sie dann, gar herrlich zubereitet, in alle Teile führt.
GS|2|127|12|0|Eine Lunge ist da gleichsam ein zweiter Magen, eine zweite Küche, durch welche zu den in der ersten Küche bereiteten Speisen ätherische Kost hinzugegeben wird, damit die Speisen der ersten Küche lebendig werden und zur Unterstützung des Lebens taugen.
GS|2|127|13|0|Wie herrlich zeigt das Bild dieser zwei Küchen, in deren Mitte das tätige Herz waltet, wie das Geistige in das Naturmäßige eingreift, um es selbst zu vergeistigen und also einer höheren Bestimmung zuzuführen. Und das alles geschieht durch die stets tätige Vermittlung des Herzens, dieses getreuesten Bildes der Liebe!
GS|2|127|14|0|Wer kann hier verkennen Mein eigen Liebewalten, wie auch Ich einerseits stets das Verlorene aufnehme, es in der großen Küche der naturmäßigen Schöpfung verkoche, und dann belebe durch den Hauch Meiner Gnade und Erbarmung, aus der zweiten großen Küche, welche da ist der Himmel, und ist gleich der Lunge im Menschen.
GS|2|127|15|0|Jeder Atemzug kann jedem Menschen sagen, wie Ich eben aus den Himmeln fortwährend einwirke, damit das Leben bestehe dadurch, dass Ich eben durch dieses Einfließen stets den Tod in das Leben zu verwandeln anstrebe.
GS|2|127|16|0|Wer hier nur ein wenig klar zu denken vermag, den wird dieses wunderbare Entsprechungsbild sicher nicht ohne Licht lassen. Gehen wir aber weiter.
GS|2|127|17|0|Zu beiden Seiten des Leibes sind zwei Hände angebracht. Diese stellen in geistiger Hinsicht die werktätige Liebe dar, welche sich in weiten Räumen allorts frei herum bewegen kann und fortwährend wirkt und schafft.
GS|2|127|18|0|Durch die Hände wird sonach auch Meine freiwaltende, ungebundene Macht dargestellt, welche aber dennoch nicht außer der bestimmten ewigen Grundordnung wirkt, denn auch eine jede Hand trägt als äußerste Ausläufer die Finger, deren Zahl den Ausläufern an den Füßen gleichkommt. Nur sind die Ausläufer an den Füßen an dieselbe gerichtete Ordnung gebunden, während die Ausläufer an den Händen die freie Tätigkeit in dieser Ordnung bedeuten.
GS|2|127|19|0|Also wäre z. B. ein im Geist nicht wiedergeborener Mensch gleich der gebundenen Ordnung der Füße und ein wiedergeborener Mensch gleich der freien Ordnung der Hände.
GS|2|127|20|0|Wer hier wieder zu denken vermag, der wird die entsprechende Wahrheit finden; besonders wenn er noch die naturmäßige Sonne betrachtet, wie auch diese im Ausfluss ihrer Strahlen ihre offenbaren freitätigen Hände gar sehr beschaulich darstellt.
GS|2|127|21|0|Nun hätten wir noch den Kopf, einen festen Teil über dem Leib, welcher in sich selbst in abgerundeter Form einen kompletten Menschen in seiner geistigen Sphäre darstellt. Die Ohren sind dessen Füße, auf denen er einhergeht. Die Augen sind seine Arme, mit denen er gar weit herum um sich greifen kann. Die Nase ist die Lunge; der Mund ist der Magen. In ihm ist gleich dem Herzen die Zunge, welche sowohl die materiellen wie die geistigen Speisen verarbeiten hilft; die materiellen durch das Unterschieben unter die zermalmenden Zähne und dann durch das Hinabschlingen. Das ist ihre materielle Beschäftigung. Aber die Zunge gibt auch der Stimme einen verständlichen, artikulierten Laut, und sie ist es, die die inneren Gedanken in verständige Worte umwandelt.
GS|2|127|22|0|Das innere Mark des Hauptes stellt das gesamte entsprechende Eingeweide des Menschen dar oder sein verfeinertes und vergeistigtes Leben.
GS|2|127|23|0|Und so führt der Mensch in seinem Gesamtumfang in seiner ganz einfachen, beschaulichen Form den Menschen durch all seine drei Stufen vor; in seinen Füßen die gebundene Naturmäßigkeit, in seinem Leib dessen geistige Sphäre, die noch mit Verschiedenem zu tun und zu kämpfen hat und durch den Kopf seine himmlische Sphäre, wo der Mensch an und für sich zwar in einer festen, unwandelbaren Beschaffenheit dasteht, aber eben dadurch in seiner Wirkungssphäre um desto weiter hinausgreifend ist, wie die Bestandteile des Kopfes schon beim naturmäßigen Menschen endlos weiter hinausreichen als die Bestandteile des Leibes.
GS|2|127|24|0|Nun seht, das ist ein ganz einfaches, aber klares Bild. In dieses Bildes äußerer Erscheinlichkeit ist das Ganze des Himmels, das Ganze der dem Himmel untergeordneten Geisterwelt und so auch das Ganze der dem Himmel und der Geisterwelt untergeordneten naturmäßigen Welt in allen ihren Einzelteilen.
GS|2|127|25|0|Ich meine, wenn ihr dieses Bild, besonders in der Schlichtheit eines harmlosen Kindes, betrachtet, so werdet ihr in dieser Erscheinlichkeit jede andere mit Leichtigkeit finden und allenthalben auch ebenso leicht auf deren Grund zu kommen imstande sein. Und so hätten wir denn auch der Bilder genug; und es bleibt uns nichts mehr übrig, als einige Nacherinnerungen diesem ganzen Werk beizufügen, wie dasselbe nutzbringend soll gelesen und danach gehandhabt werden.
KJ|0|0|1|1|Vorrede
KJ|0|0|1|1|Vom Herrn Jesu Christi Selbst kundgegeben als Einleitung zu Seiner Jugendgeschichte unterm 22. Juli 1843 und 9. Mai 1851 durch denselben Mund, den Er zum Organ dieses Werkes erwählt hat.
KJ|0|0|1|0|Ich lebte die bekannte Zeit bis zum dreißigsten Jahr geradeso, wie da lebt ein jeder wohlerzogene Knabe, dann Jüngling und dann Mann, und musste durch den Lebenswandel nach dem Gesetz Mosis die Gottheit in Mir – wie ein jeder Mensch Mich in sich – erst erwecken.
KJ|0|0|2|0|Ich Selbst habe müssen so gut wie ein jeder andere ordentliche Mensch erst an einen Gott zu glauben anfangen und habe Ihn dann stets mehr und mehr mit aller erdenklichen Selbstverleugnung auch müssen mit stets mächtigerer Liebe erfassen und Mir also nach und nach die Gottheit erst völlig untertan machen.
KJ|0|0|3|0|Also war Ich, als der Herr Selbst, ein lebendiges Vorbild für jeden Menschen, und so kann nun deshalb auch ein jeder Mensch Mich geradeso anziehen, wie Ich Selbst die Gottheit in Mir angezogen habe, und kann mit Mir selbständig ebenalso völlig Eins werden durch die Liebe und durch den Glauben, wie Ich Selbst als Gottmensch in aller endlosen Fülle vollkommen Eins bin mit der Gottheit.
KJ|0|0|4|0|Auf die Frage, wie die Kindes-Wunder Jesu und dessen göttlich geistige Tätigkeit mit Seinem gleichsam isolierten Menschsein in den Jünglings- und Mannesjahren und in diesen wieder die in denselben verrichteten Wunder zusammenhängen, wenn man sich Ihn in diesen Jahren nur als Mensch denken soll, – diene als Antwort der Anblick eines Baumes vom Frühjahr bis in den Herbst.
KJ|0|0|5|0|Im Frühjahr blüht der Baum wunderbar und beherrscht ihn eine große Tätigkeit. Nach dem Abfall der Blüte wird der Baum wieder, als wäre er untätig. Gegen den Herbst hin aber erscheint der Baum wieder in seiner vollsten Tätigkeit – die Früchte, die sicher wunderbaren, werden gewürzt, gefärbt, schöner denn vorher die Blüte, und also gereift, und der ihnen gegebene Segen wird seiner Bande los und fällt als solcher in den Schoß der hungrigen Kindlein.
KJ|0|0|6|0|Mit dem Auge des Herzens wird man imstande sein, dies Bild zu fassen, aber niemals mit den Augen des Weltverstandes. Die fraglichen Stellen, ohne der Gottheit Jesu nahe zu treten, sondern diese im Glauben des Herzens, der da ist ein Licht der Liebe zu Gott, festhaltend – lassen sich nur zu leicht erklären, sobald man aus dem Herzen heraus rein wird, dass die volle Einung der Fülle der Gottheit mit dem Menschen Jesu nicht auf einmal, wie mit einem Schlag, sondern – wie alles unter der Leitung Gottes – erst nach und nach, gleich dem sukzessiven  Erwachen des göttlichen Geistes im Menschenherzen, und erst durch den Kreuzestod vollends erfolgt ist; obschon die Gottheit in aller ihrer Fülle auch schon im Kind Jesus wohnte, aber zur Wundertätigkeit nur in der Zeit der Not auftauchte.
KJ|0|0|7|0|Der leibliche Tod Jesu ist die tiefste Herablassung der Gottheit in das Gericht aller Materie und somit die eben dadurch mögliche vollends neue Schaffung der Verhältnisse zwischen Schöpfer und Geschöpf.
KJ|0|0|8|0|Durch den Tod Jesu erst wird Gott Selbst vollkommen Mensch und der geschaffene Mensch zu einem aus solcher höchsten göttlichen Gnade neu gezeugten Kind Gottes, also zu einem Gott, und kann erst also als Geschöpf seinem Schöpfer als dessen vollendetes Ebenmaß gegenüberstehen und in diesem seinen Gott, Schöpfer und Vater schauen, sprechen, erkennen und über alles lieben und allein dadurch gewinnen das vollendete ewige, unzerstörbare Leben in Gott, aus Gott und neben Gott. Dadurch ist aber auch des Satans Gewalt (böser Wille) dahin gebrochen, dass er die vollste Annäherung der Gottheit zu den Menschen, und umgekehrt dieser ebenalso zur Gottheit, nicht mehr verhindern kann.
KJ|0|0|9|0|Noch kürzer gesagt: Durch den Tod Jesu kann nun der Mensch vollends mit Gott fraternisieren, und dem Satan ist da kein Zwischentritt mehr möglich; darum es auch im Wort zu den grabbesuchenden Weibern heißt: „Geht hin und sagt es Meinen Brüdern!“ – Des Satans Walten in der äußeren Form mag wohl stets noch bemerkbar sein, aber den einmal zerrissenen Vorhang zwischen der Gottheit und den Menschen kann er ewig nicht mehr errichten und so die alte unübersteigbare Kluft zwischen Gott und den Menschen von neuem wiederherstellen.
KJ|0|0|10|0|Aus dieser kurzen Erörterung der Sache aber kann nun jeder im Herzen denkende und sehende Mensch sehr leicht und klar den endlosesten Nutzen des leiblichen Todes Jesu einsehen. Amen.
KJ|0|0|11|1|Biographisches Evangelium des Herrn von der Zeit an, da Joseph Mariam zu sich nahm
KJ|0|0|11|0|Jakobus, ein Sohn Josephs, hat solches alles aufgezeichnet; aber es ist mit der Zeit so sehr entstellt worden, dass es nicht zugelassen werden konnte, als authentisch in die Schrift aufgenommen zu werden. Ich aber will dir das echte Evangelium Jakobi geben, aber nur von der obenerwähnten Periode angefangen; denn Jakobus hatte auch die Biographie Mariens von ihrer Geburt an mit aufgenommen, wie die des Joseph. – Und so schreibe denn als erstes Kapitel:
KJ|0|1|1|1|Übergabe der Jungfrau Maria an Joseph
KJ|0|1|1|0|Joseph aber war mit einem Hausbau beschäftigt in der Gegend zwischen Nazareth und Jerusalem.
KJ|0|1|2|0|Dieses Haus ließ ein vornehmer Bürger aus Jerusalem dort der Herberge wegen erbauen, da sonst die Nazaräer bis Jerusalem kein Obdach hatten.
KJ|0|1|3|0|Maria aber, die im Tempel auferzogen ward, ist reif geworden und war nach dem Mosaischen Gesetz not, sie aus dem Tempel zu geben.
KJ|0|1|4|0|Es wurden darum Boten in ganz Judäa ausgesandt, solches zu verkünden, auf dass die Väter kämen, um, so jemand als würdig befunden würde, das Mägdlein zu nehmen in sein Haus.
KJ|0|1|5|0|Als solche Nachricht auch zu Josephs Ohren kam, da legte er sobald seine Axt weg und eilte nach Jerusalem und daselbst an den bestimmten Versammlungs- und Beratungsplatz in dem Tempel.
KJ|0|1|6|0|Als sich aber nach Ablauf von drei Tagen die sich darum gemeldet Habenden wieder am vorbestimmten Ort versammelt hatten und ein jeder Bewerber um Maria einen frischen Lilienstab so bestimmtermaßen dem Priester dargereicht hatte, da ging der Priester sobald mit den Stäben in das Innere des Tempels und betete dort.
KJ|0|1|7|0|Nachdem er aber sein Gebet beendet hatte, trat er wieder mit den Stäben heraus und gab einem jeglichen seinen Stab wieder.
KJ|0|1|8|0|Alle Stäbe aber wurden sobald fleckig, nur der zuletzt dem Joseph überreichte blieb frisch und makellos.
KJ|0|1|9|0|Es hielten sich aber darob einige auf und erklärten diese Probe für parteiisch und somit für ungültig und verlangten eine andere Probe, mit der sich durchaus kein Unfug verbinden ließe.
KJ|0|1|10|0|Der Priester, darob etwas erregt, ließ sobald Mariam holen, gab ihr eine Taube in die Hand und behieß sie zu treten in die Mitte der Bewerber, auf dass sie daselbst die Taube frei soll fliegen lassen,
KJ|0|1|11|0|und sprach noch vor dem Auslassen der Taube zu den Bewerbern: „Seht, ihr Falschdeuter der Zeichen Jehovas! Diese Taube ist ein unschuldig reines Tier und hat kein Gehör für unsere Beredung,
KJ|0|1|12|0|sondern lebt allein in dem Willen des Herrn und versteht allein die allmächtige Sprache Gottes!
KJ|0|1|13|0|Haltet eure Stäbe in die Höhe! Auf dessen Stab diese Taube, so sie das Mägdlein auslassen wird, sich niederlassen wird und auf dessen Haupt sie sich setzen wird, der soll Mariam nehmen!“
KJ|0|1|14|0|Die Bewerber aber waren damit zufrieden und sprachen: „Ja, dies soll ein untrüglich Zeichen sein!“
KJ|0|1|15|0|Da aber Maria die Taube auf Geheiß des Priesters freiließ, da flog dieselbe sobald zu Joseph hin, ließ sich auf seinen Stab nieder und flog dann vom selben sogleich auf das Haupt Josephs.
KJ|0|1|16|0|Und der Priester sprach: „Also hat es der Herr gewollt! Dir, du biederer Gewerbsmann, ist das untrügliche Los zugefallen, die Jungfrau des Herrn zu empfangen! So nehme sie denn hin im Namen des Herrn in dein reines Haus zur ferneren Obhut, Amen.“
KJ|0|1|17|1|Am 24. Juli 1843
KJ|0|1|17|0|Als aber der Joseph solches vernommen hatte, da antwortete er dem Priester und sprach: „Siehe, du gesalbter Diener des Herrn nach dem Gesetz Mosis, des getreuen Knechtes des Herrn Gott Zebaoth, ich bin schon ein Greis und habe erwachsene Söhne zu Hause und bin seit lange her schon ein Witwer; wie werde ich doch zum Gespött werden vor den Söhnen Israels, so ich dies Mägdlein nehme in mein Haus!
KJ|0|1|18|0|Daher lasse die Wahl noch einmal ändern und lasse mich draußen sein, auf dass ich nicht gezählt werde unter den Bewerbern!“
KJ|0|1|19|0|Der Priester aber hob seine Hand auf und sprach zum Joseph: „Joseph! Fürchte Gott den Herrn! Weißt du nicht, was Er getan hatte an Datan, an Korach und an Abiram?
KJ|0|1|20|0|Siehe, es spaltete sich die Erde, und sie alle wurden von ihr verschlungen um ihrer Widerspenstigkeit willen! Meinst du, Er könnte dir nicht desgleichen tun?
KJ|0|1|21|0|Ich sage dir: Da du das Zeichen Jehovas untrüglich gesehen und wahrgenommen hast, so gehorche auch dem Herrn, der allmächtig ist und gerecht und allzeit züchtigt die Widerspenstigen und die Abtrünnlinge Seines Willens!
KJ|0|1|22|0|Sonst aber sei gewaltig bange dir in deinem Haus, ob der Herr solches nicht auch an deinem Haus verübe, was Er verübt hat an Datan, Korach und Abiram!“
KJ|0|1|23|0|Da ward dem Joseph sehr bange, und er sprach in großer Angst zum Priester: „So bete denn für mich, auf dass der Herr mir wieder gnädig sein möchte und barmherzig, und gebe mir dann die Jungfrau des Herrn nach Seinem Willen!“
KJ|0|1|24|0|Der Priester aber ging hinein und betete für Joseph vor dem Allerheiligsten, – und der Herr sprach zum Priester, der da betete:
KJ|0|1|25|0|„Betrübe Mir den Mann nicht, den Ich erwählt habe; denn gerechter als er wandelt wohl keiner in Israel, und keiner auf der ganzen Erde, und keiner vor Meinem ewigen Thron in allen Himmeln!
KJ|0|1|26|0|Und gehe hinaus und gebe die Jungfrau, die Ich Selbst erzogen habe, dem gerechtesten der Männer der Erde!“
KJ|0|1|27|0|Hier schlug sich der Priester auf die Brust und sprach: „O Herr, Du allmächtiger einiger Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, sei mir Sünder vor Dir barmherzig; denn nun erkenne ich, dass Du Dein Volk heimsuchen willst!“
KJ|0|1|28|0|Darauf erhob sich der Priester, ging hinaus und gab segnend im Namen des Herrn das Mägdlein dem geängstigten Joseph
KJ|0|1|29|0|und sprach zu ihm: „Joseph, gerecht bist du vor dem Herrn, darum hat Er dich erwählt aus vielen Tausenden! Und so magst du im Frieden ziehen, Amen.“
KJ|0|1|30|0|Und Joseph nahm Mariam und sprach: „Also geschehe denn allzeit der allein heilige Wille meines Gottes, meines Herrn! Was Du, o Herr, gibst, ist ja allzeit gut; daher nehme ich ja auch gerne und willigst diese Gabe aus Deiner Hand! Segne sie aber für mich und mich für sie, auf dass ich ihrer würdig sein möchte vor Dir jetzt, wie allzeit; Dein Wille, Amen.“
KJ|0|1|31|1|Am 26. Juli 1843
KJ|0|1|31|0|Da aber Joseph solches geredet hatte vor dem Herrn, da ward er gestärkt im Herzen, ging sodann mit Maria aus dem Tempel und führte sie dann in die Gegend von Nazareth und daselbst in seine ärmliche Behausung.
KJ|0|1|32|0|Es wartete aber die nötige Arbeit des Joseph; daher machte er in seiner Behausung diesmal auch nicht Säumens und sprach daher zur Maria:
KJ|0|1|33|0|„Maria, sieh, ich habe dich nach dem Willen Gottes zu mir genommen aus dem Tempel des Herrn, meines Gottes; ich aber kann nun nicht bei dir verbleiben und dich beschützen, sondern muss dich zurücklassen, denn ich muss gehen, um meinen bedungenen Hausbau zu besorgen an der Stelle, die ich dir auf der Reise hierher gezeigt habe!
KJ|0|1|34|0|Aber siehe, du sollst darum nicht allein zu Hause sein! Ich habe ja eine mir nahe anverwandte Häuslerin, die ist fromm und gerecht; die wird um dich sein und mein jüngster Sohn; und die Gnade Gottes und Sein Segen wird dich nicht verlassen.
KJ|0|1|35|0|In aller Bälde aber werde ich mit meinen vier Söhnen wieder nach Hause kommen zu dir und werde dir ein Leiter sein auf den Wegen des Herrn! Gott der Herr aber wird nun über dich und mein Haus wachen, Amen.“
KJ|0|2|1|1|Marias Arbeit am Tempelvorhang
KJ|0|2|1|0|Es war aber zu der Zeit noch ein Vorhang im Tempel vonnöten, da der alte hie und da schon sehr schadhaft geworden ist, um zu decken das Schadhafte.
KJ|0|2|2|0|Da ward denn von den Priestern ein Rat gehalten, und sie sprachen: „Lasst uns einen Vorhang machen im Tempel des Herrn zur Deckung des Schadhaften.
KJ|0|2|3|0|Denn es könnte ja heute oder morgen der Herr kommen, wie es geschrieben steht, – wie würden wir dann vor Ihm stehen, so Er von uns den Tempel also verwahrlost fände?“
KJ|0|2|4|0|Der Hohepriester aber sprach: „Urteilt nicht doch gar so blind, als wüsste der Herr, dessen Heiligtum im Tempel ist, nicht, wie nun da bestellt ist der Tempel!
KJ|0|2|5|0|Ruft mir aber dennoch sieben unbefleckte Jungfrauen aus dem Stamm Davids, und wir wollen dann eine Losung halten, wie da die Arbeit ausgeteilt sein soll!“
KJ|0|2|6|0|Nun gingen die Diener aus, zu suchen die Jungfrauen aus dem Stamm Davids und fanden mit genauer Not kaum sechs und zeigten solches dem Hohepriester an.
KJ|0|2|7|0|Der Hohepriester aber erinnerte sich, dass die dem Joseph erst vor wenigen Wochen zur Obhut übergebene Maria ebenfalls aus dem Stamm Davids sei, und gab solches sobald den Dienern kund.
KJ|0|2|8|0|Und sobald gingen die Diener aus, zeigten solches dem Joseph an, und er ging und brachte Mariam wieder in den Tempel, geleitet von den Dienern des Tempels.
KJ|0|2|9|1|Am 27. Juli 1843
KJ|0|2|9|0|Als aber die Jungfrauen in der Vorhalle versammelt waren, da kam sobald der Hohepriester und führte sie allesamt in den Tempel des Herrn.
KJ|0|2|10|0|Und als sie da versammelt waren in dem Tempel des Herrn, da sprach sobald der Hohepriester und sagte:
KJ|0|2|11|0|„Hört, ihr Jungfrauen aus dem Stamm Davids, der da verordnet hatte nach dem Willen Gottes, dass da die feine Arbeit am Vorhang, der da scheidet das Allerheiligste vom Tempel, allzeit soll von den Jungfrauen aus seinem Stamm angefertigt werden,
KJ|0|2|12|0|und soll nach seinem Testament die mannigfache Arbeit durch Verlosung ausgeteilt werden, und soll dann eine jede Jungfrau die ihr zugefallene Arbeit nach ihrer Geschicklichkeit bestens verfertigen!
KJ|0|2|13|0|Seht, da ist vor euch der schadhafte Vorhang, und hier auf dem goldenen Tisch liegen die mannigfachen rohen Stoffe zur Verarbeitung schon bereitet!
KJ|0|2|14|0|Ihr seht, dass solche Arbeit nottut; daher lost mir sogleich, auf dass es sich herausstelle, diewelche aus euch da spinnen soll den Goldfaden und den Amiant- und den Baumwollfaden,
KJ|0|2|15|0|den Seidenfaden, dann den hyazinthfarbigen, den Scharlach und den echten Purpur!“
KJ|0|2|16|0|Und die Jungfrauen losten schüchtern, da der Hohepriester über sie betete; und da sie gelost hatten nach der vorgezeichneten Ordnung, hatte es sich herausgestellt, wie die Arbeit verteilt werden sollte.
KJ|0|2|17|0|Und es fiel der Jungfrau Maria, der Tochter Annas und Joakims, durchs Los zu der Scharlach und der echte Purpur.
KJ|0|2|18|0|Die Jungfrau aber dankte Gott für solche gnädige Zuerkennung und Zuteilung solch rühmlichster Arbeit zu Seiner Ehre, nahm die Arbeit und begab sich damit, vom Joseph geleitet, wieder nach Hause.
KJ|0|2|19|0|Daheim angelangt machte sich Maria sogleich an die Arbeit freudigen Mutes; Joseph empfahl ihr allen Fleiß, segnete sie und begab sich dann sogleich wieder an seinen Hausbau.
KJ|0|2|20|0|Es begab sich aber dieses zur selbigen Zeit, als der Zacharias, da er im Tempel das Rauchopfer verrichtete, zufolge seines kleinen Unglaubens ist stumm geworden, darum für ihn ein Stellvertreter ward erwählt worden, unter dem diese Arbeit ist verlost worden.
KJ|0|2|21|0|Maria aber war verwandt sowohl mit Zacharias wie mit dessen Stellvertreter, darum sie denn auch ums Doppelte ihren Fleiß vermehrte, um ja recht bald, ja womöglich als Erste mit ihrer Arbeit fertig zu werden.
KJ|0|2|22|0|Aber sie verdoppelte ihren Fleiß nicht etwa aus Ruhmlust, sondern nur um nach ihrer Meinung Gott dem Herrn eine recht große Freude dadurch zu bereiten, so sie baldmöglichst und bestmöglichst ihre Arbeit zu Ende brächte.
KJ|0|2|23|0|Zuerst kam die Arbeit an dem Scharlach, der da mit großer Aufmerksamkeit musste gesponnen werden, um den Faden ja hie und da nicht dicker oder dünner zu machen.
KJ|0|2|24|0|Mit großer Meisterschaft wurde der Scharlachfaden von der Maria gesponnen, so dass sich alles, was nur ins Haus Josephs kam, höchlichst verwunderte über die außerordentliche Geschicklichkeit Mariens.
KJ|0|2|25|0|In kurzer Frist von drei Tagen ward Maria mit dem Scharlach zu Ende und machte sich sodann alsogleich über den Purpur; da sie aber diesen stets annässen musste, so musste sie während der Arbeit öfter den Krug nehmen und hinausgehen, sich ein Wasser zu holen.
KJ|0|3|1|1|Ankündigung der Geburt des Herrn durch einen Engel
KJ|0|3|1|1|Am 28. Juli 1843
KJ|0|3|1|0|An einem Freitag morgens aber nahm Maria abermals den Wasserkrug und ging hinaus, ihn mit Wasser zu füllen, und horch! – eine Stimme sprach zu ihr:
KJ|0|3|2|0|„Gegrüßt seist du, an der Gnade des Herrn Reiche! Der Herr ist mit dir, du Gebenedeite unter den Weibern!“
KJ|0|3|3|0|Maria aber erschrak gar sehr ob solcher Stimme, da sie nicht wusste, woher sie kam, und sah sich darum auch behände nach rechts und links um; aber sie konnte niemanden entdecken, der da geredet hätte.
KJ|0|3|4|0|Darum aber ward sie noch voller von peinigender Angst, nahm eiligst den gefüllten Wasserkrug und eilte von dannen ins Haus.
KJ|0|3|5|0|Als sie da bebend anlangte, stellte sie sobald den Wasserkrug zur Seite, nahm den Purpur wieder zur Hand, setzte sich auf ihren Arbeitssessel und fing den Purpur wieder gar emsig an fortzuspinnen.
KJ|0|3|6|0|Aber sie hatte sich noch kaum so recht wieder in ihrer Arbeit eingefunden, siehe, da stand schon der Engel des Herrn vor der emsigen Jungfrau und sprach zu ihr:
KJ|0|3|7|0|„Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast eine endlos große Gnade gefunden vor dem Angesicht des Herrn; siehe, du wirst schwanger werden vom Wort Gottes!“
KJ|0|3|8|0|Als Maria aber dieses vernommen hatte, da fing sie an, diese Worte hin und her zu erwägen, und konnte nicht erfassen ihren Sinn; darum sprach sie denn zum Engel:
KJ|0|3|9|0|„Wie soll denn das vor sich gehen, bin ich doch noch lange nicht eines Mannes Weib und habe auch noch nie dazu eine Bekanntschaft mit einem Mann gemacht, der mich sobald nähme zum Weib, auf dass ich gleich anderen Weibern schwanger würde und dann gebäre ihnen gleich?“
KJ|0|3|10|0|Der Engel aber sprach zur Maria: „Höre, du erwählte Jungfrau Gottes! Nicht also soll es geschehen, sondern die Kraft des Herrn wird dich überschatten.
KJ|0|3|11|0|Darum wird auch das Heilige, das da aus dir geboren wird, der Sohn des Allerhöchsten genannt werden!
KJ|0|3|12|0|Du sollst Ihm aber, wann Er aus dir geboren wird, den Namen Jesus geben; denn Er wird erlösen Sein Volk von all den Sünden, vom Gericht und vom ewigen Tode.“
KJ|0|3|13|0|Maria aber fiel vor dem Engel nieder und sprach: „Siehe, ich bin ja nur eine Magd des Herrn; daher geschehe mir nach Seinem Willen, wie da lauteten deine Worte!“ – Hier verschwand der Engel wieder, und Maria machte sich wieder an ihre Arbeit.
KJ|0|4|1|1|Marias kindlich-unschuldiges Gespräch mit Gott
KJ|0|4|1|1|Am 1. August 1843
KJ|0|4|1|0|Als aber darauf der Engel sobald wieder verschwand, da lobte und pries Maria Gott den Herrn und sprach also bei sich in ihrem Herzen:
KJ|0|4|2|0|„O was bin ich denn doch vor Dir, o Herr, dass Du mir solche Gnade erweisen magst?
KJ|0|4|3|0|Ich soll schwanger werden, ohne je einen Mann erkannt zu haben; denn ich weiß ja nicht, was Unterschiedes da ist zwischen mir und einem Mann.
KJ|0|4|4|0|Weiß ich denn, was das so in der Wahrheit ist, schwanger sein? O Herr! Siehe, ich weiß es ja nicht!
KJ|0|4|5|0|Weiß ich wohl, was das ist, wie man sagt: ‚Siehe, ein Weib gebäret‘? – O Herr! Siehe mich gnädig an; ich bin ja nur eine Magd von vierzehn Jahren und habe davon nur reden gehört – und weiß aber darum doch in der Tat nichts!
KJ|0|4|6|0|Ach, wie wird es mir Armseligen ergehen, so ich werde schwanger sein – und weiß nicht, wie da ist solch ein Zustand!
KJ|0|4|7|0|Was wird dazu der Vater Joseph sagen, so ich ihm sagen werde, oder er es etwa also merken wird, dass ich schwanger sei?!
KJ|0|4|8|0|Etwas Schlimmes kann das Schwangersein ja doch nicht sein, besonders wenn eine Magd, wie einst die Sara, vom Herrn Selbst dazu erwählt wird?
KJ|0|4|9|0|Denn ich habe es ja schon öfter im Tempel gehört, welch eine große Freude die Weiber haben, wenn sie schwanger sind!
KJ|0|4|10|0|Also muss das Schwangersein wohl etwas recht Gutes und überaus Beseligendes sein, und ich werde mich sicher auch freuen, wenn mir das von Gott gegeben wird, dass ich schwanger werde!
KJ|0|4|11|0|Aber wann, wann wird das geschehen, und wie? Oder ist es schon geschehen? Bin ich schon schwanger, oder werde ich es erst werden?
KJ|0|4|12|0|O Herr! Du ewig Heiliger Israels, gebe mir, Deiner armen Magd, doch ein Zeichen, wann solches geschehen wird, auf dass ich Dich darob loben und preisen möchte!“
KJ|0|4|13|0|Bei diesen Worten ward Maria von einem lichten Ätherhauch angeweht, und eine gar sanfte Stimme sprach zu ihr:
KJ|0|4|14|0|„Maria, sorge dich nicht vergeblich; du hast empfangen, und der Herr ist mit dir! Mache dich an deine Arbeit, und bringe sie zu Ende, denn fürder wird für den Tempel keine mehr gemacht werden von dieser Art!“
KJ|0|4|15|0|Hier fiel Maria nieder, betete zu Gott und lobte und pries Ihn für solche Gnade. Nachdem sie aber dem Herrn ihr Lob dargebracht hatte, erhob sie sich und nahm ihre Arbeit zur Hand.
KJ|0|5|1|1|Die Übergabe der beendeten Tempelarbeit Mariens
KJ|0|5|1|1|Am 2. August 1843
KJ|0|5|1|0|In wenigen Tagen ward Maria auch mit dem Purpur fertig, ordnete ihn dann und nahm den Scharlach und legte ihn zum Purpur.
KJ|0|5|2|0|Darauf dankte sie Gott für die Gnade, dass Er ihr hatte lassen ihre Arbeit so wohl vollenden, wickelte dann das Gespinst in reine Linnen und machte sich damit nach Jerusalem auf den Weg.
KJ|0|5|3|0|Bis zum Hausbau, da Joseph arbeitete, ging sie allein; aber von da an begleitete sie wieder Joseph nach Jerusalem und daselbst in den Tempel.
KJ|0|5|4|0|Da angelangt, übergab sie sobald die Arbeit dem Hohepriester.
KJ|0|5|5|0|Dieser besah wohl den Scharlach und den Purpur, fand die Arbeit allerausgezeichnetst gut und belobte und begrüßte darum Mariam mit folgenden Worten:
KJ|0|5|6|0|„Maria, solche Geschicklichkeit wohnt nicht natürlich in dir, sondern der Herr hat mit deiner Hand gewirkt!
KJ|0|5|7|0|Groß hat dich darum Gott gemacht; gebenedeit wirst du sein unter allen Weibern der Erde von Gott dem Herrn, da du die Erste warst, die da ihre Arbeit dem Herrn in den Tempel überbracht hat.“
KJ|0|5|8|0|Maria aber, voll Demut und Freude in ihrem Herzen, sprach zum Hohepriester:
KJ|0|5|9|0|„Würdiger Diener des Herrn in Seinem Heiligtum! O lobe mich nicht zu sehr, und erhebe mich nicht über die anderen; denn diese Arbeit ist ja nicht mein Verdienst, sondern allein des Herrn, der da meine Hand leitete!
KJ|0|5|10|0|Darum sei Ihm allein ewig alles Lob, aller Ruhm, aller Preis und alle meine Liebe und alle meine Anbetung ohne Unterlass!“
KJ|0|5|11|0|Und der Hohepriester sprach: „Amen, Maria! Du reine Jungfrau des Herrn, du hast wohl geredet vor dem Herrn! So denn ziehe nun wieder hin im Frieden; der Herr sei mit dir!“
KJ|0|5|12|0|Darauf erhob sich Maria und ging mit Joseph wieder bis zur Baustelle hin, allda sie eine kleine Stärkung, bestehend aus Brot und Milch und Wasser, zu sich nahm.
KJ|0|5|13|0|Es wohnte aber bei einer halben Tagesreise weit über einem kleinen Gebirge vom Bauplatz eine Muhme Mariens, namens Elisabeth; diese möchte sie besuchen und bat den Joseph darum um die Erlaubnis.
KJ|0|5|14|0|Joseph aber gestattete ihr gar bald, solches zu tun, und gab ihr zu dem Behuf auch den ältesten Sohn zum Führer mit, der sie so weit begleiten musste, bis sie das Haus Elisabeths erschaute.
KJ|0|6|1|1|Der wunderbare Empfang Mariens bei Elisabeth
KJ|0|6|1|1|Am 3. August 1843
KJ|0|6|1|0|Bei der Elisabeth angelangt, d. h. bei ihrem Haus, pochte sie gar bald schüchternen Gemütes an die Tür nach dem Gebrauch der Juden.
KJ|0|6|2|0|Als aber Elisabeth vernommen hatte das schüchterne Pochen, gedachte sie bei sich: „Wer pocht denn da so ungewöhnlich leise?
KJ|0|6|3|0|Es wird ein Kind meines Nachbars sein; denn mein Mann, der da stumm noch ist im Tempel und harrt der Erlösung, kann es nicht sein!
KJ|0|6|4|0|Meine Arbeit aber ist wichtig; soll ich sie wohl weglegen des unartigen Kindes meines Nachbars wegen?
KJ|0|6|5|0|Nein, das will ich nicht tun, denn es ist eine Arbeit für den Tempel, und diese steht höher denn die Unart eines Kindes, das da sicher wieder nichts anderes will, als mich bekanntermaßen necken und ausspötteln.
KJ|0|6|6|0|Daher werde ich fein bei der Arbeit sitzen bleiben und das Kind lange gut pochen lassen.“
KJ|0|6|7|0|Maria aber pochte noch einmal, und das Kind im Leib der Elisabeth fing an vor Freude zu hüpfen, und die Mutter vernahm eine leise Stimme aus der Gegend des in ihr hüpfenden Kindes, und die Stimme lautete:
KJ|0|6|8|0|„Mutter, gehe, gehe eiligst; denn die Mutter meines und deines Herrn, meines und deines Gottes ist es, die da pocht an die Tür und besucht dich im Frieden!“
KJ|0|6|9|0|Elisabeth aber, als sie das gehört hatte, warf sogleich alles von sich, was sie in den Händen hatte, und lief und öffnete der Maria die Tür,
KJ|0|6|10|0|gab ihr dann nach der Sitte sogleich ihren Segen, umfing sie dann mit offenen Armen und sagte zu ihr:
KJ|0|6|11|0|„O Maria, du Gebenedeite unter den Weibern! Du bist gebenedeit unter allen Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes!
KJ|0|6|12|0|O Maria, du reinste Jungfrau Gottes! Woher wohl kommt mir die hohe Gnade, dass mich die Mutter meines Herrn, meines Gottes besucht?!“
KJ|0|6|13|0|Maria aber, die nichts von all den Geheimnissen verstand, sagte zur Elisabeth:
KJ|0|6|14|0|„Ach liebe Muhme, ich kam ja nur auf einen freundlichen Besuch zu dir; was sprichst du denn da für Dinge über mich, die ich nicht verstehe? Bin ich denn schon im Ernst schwanger, dass du mich eine Mutter nennst?“
KJ|0|6|15|0|Elisabeth aber erwiderte der Maria: „Siehe, als du zum zweiten Mal pochtest an die Tür, da hüpfte sobald das Kindlein, das ich unter meinem Herzen trage, vor Freude und gab mir solches kund und grüßte dich in mir zum Voraus!“
KJ|0|6|16|0|Da blickte Maria auf zum Himmel und gedachte, was da der Erzengel Gabriel zu ihr geredet hatte, obwohl sie von all dem noch nichts verstand, und sprach:
KJ|0|6|17|0|„O Du großer Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, was hast Du wohl aus mir gemacht? Was bin ich denn, dass mich alle Geschlechter der Erde selig preisen sollen?“
KJ|0|6|18|0|Elisabeth aber sprach: „O Maria, du Erwählte Gottes, trete in mein Haus und stärke dich; da wollen wir uns besprechen und gemeinschaftlich Gott loben und preisen aus allen unseren Kräften!“
KJ|0|6|19|1|Am 4. August 1843
KJ|0|6|19|0|Und die Maria folgte sobald der Elisabeth in ihr Haus und aß und trank und stärkte sich und ward voll heiteren Mutes.
KJ|0|6|20|0|Elisabeth aber fragte die Maria um vieles, was alles sie im Tempel während ihres Dortseins als Zuchtkind des Herrn erfahren habe, und wie ihr alles das vorgekommen sei.
KJ|0|6|21|0|Maria aber sagte: „Teure, vom Herrn auch gar wohl gesegnete Muhme! Ich meine, diese Dinge stehen für uns zu hoch, und wir Weiber tun unklug, so wir uns über Dinge beraten, darüber der Herr die Söhne Aarons gesetzt hatte.
KJ|0|6|22|0|Daher bin ich der Meinung, wir Weiber sollen die göttlichen Dinge Gott überlassen und denen, die Er darüber gestellt hatte, und sollen nicht darüber grübeln.
KJ|0|6|23|0|So wir nur Gott lieben über alles und Seine heiligen Gebote halten, da leben wir ganz unserem Stande gemäß; was darüber ist, gebührt den Männern, die der Herr beruft und erwählt.
KJ|0|6|24|0|Ich meine, liebe Muhme, das ist recht, darum erlasse mir die Ausschwätzerei aus dem Tempel; denn er wird darum nicht besser und nicht schlechter. Wenn es aber dem Herrn recht sein wird, dann wird Er schon den Tempel züchtigen und umgestalten zur rechten Zeit.“
KJ|0|6|25|0|Elisabeth aber erkannte in diesen Worten die hohe Demut und Bescheidenheit Mariens und sagte zu ihr:
KJ|0|6|26|0|„Ja, du gnaderfüllte Jungfrau Gottes! Mit solchen Gesinnungen muss man ja auch die höchste Gnade vor Gott finden!
KJ|0|6|27|0|Denn also, wie du sprichst, kann nur die höchst reinste Unschuld sprechen; und wer danach lebt, der lebt sicher gerecht vor Gott und aller Welt.“
KJ|0|6|28|0|Maria aber sagte: „Das gerechte Leben ist nicht unser, sondern des Herrn, und ist eine Gnade!
KJ|0|6|29|0|Wer da aus sich gerecht zu leben glaubt, der lebt vor Gott sicher am wenigsten gerecht; wer aber stets seine Schuld vor Gott bekennt, der ist es, der da gerecht lebt vor Gott.
KJ|0|6|30|0|Ich aber weiß nicht, wie ich lebe, mein Leben ist eine pure Gnade des Herrn; daher kann ich auch nichts anderes tun, als Ihn allzeit lieben, loben und preisen aus allen meinen Kräften! Ist dein Leben wie das meinige, da tue desgleichen, und der Herr wird daran mehr Wohlgefallen haben, als möchten wir noch so viel über die Verhältnisse des Tempels miteinander verplaudern.“
KJ|0|6|31|0|Elisabeth aber erkannte gar wohl, dass aus der Maria ein göttlicher Geist wehe, stellte daher ihre Tempelfragen ein und ergab sich, Gott lobend und preisend, in Seinen Willen.
KJ|0|6|32|1|Am 5. August 1843
KJ|0|6|32|0|Also verbrachte aber Maria noch volle drei Monate bei der Elisabeth und half ihr wie eine Magd alle Hausarbeit verrichten.
KJ|0|6|33|0|Mittlerweile hatte aber auch unser Joseph seinen Bau beendet und befand sich mit seinen Söhnen wieder zu Hause und besorgte da seinen kleinen, freilich nur gemieteten Grund.
KJ|0|6|34|0|Eines Abends aber sagte er zum ältesten Sohn: „Joel, gehe und rüste mir für morgen früh mein Lasttier; denn ich muss Mariam holen gehen!
KJ|0|6|35|0|Das Mädchen ist nun schon bei drei Monate aus meinem Haus, und ich weiß nicht, was da mit ihr geschieht.
KJ|0|6|36|0|Ist sie auch beim Weib des stumm gewordenen Hohepriesters, so kann man aber doch nicht wissen, ob dieses Haus von allen Versuchen dessen, der Eva verlockt hatte, frei ist!
KJ|0|6|37|0|Also will ich denn morgen hinziehen und mir das Mädel wieder holen, auf dass mir etwa mit der Zeit Israels Söhne nicht übel nachreden sollen und der Herr mich züchtige ob meiner Sorglauheit des Mädchens willen.“
KJ|0|6|38|0|Und Joel ging und tat nach den Worten des Joseph; aber der Joel war kaum fertig mit seiner Arbeit, so stand auch schon Maria vor der Hausflur und grüßte den Joseph und bat ihn um die Wiederaufnahme in sein Haus.
KJ|0|6|39|0|Joseph, ganz überrascht von dieser Erscheinung Mariens, fragte sie sogleich: „Bist du es wohl, du Ungetreue meines Hauses?“
KJ|0|6|40|0|Und Maria sprach: „Ja, ich bin es, aber nicht ungetreu deinem Haus; denn ich wäre lange schon wieder gerne dagewesen, aber ich habe mich nicht getraut, allein über das waldige Gebirge zu ziehen, – und du sandtest auch keinen Boten um mich! Also musste ich ja wohl so lange ausbleiben!
KJ|0|6|41|0|Nun aber besuchten drei Leviten das Weib Zacharias’, und da sie wieder heimkehrten nach Jerusalem, so nahmen sie mich mit, brachten mich an die Grenze deines Grundes, segneten mich dann und dein Haus und zogen dann ihres Weges weiter, und ich eilte hierher zu dir wieder, mein lieber Vater Joseph!“
KJ|0|6|42|0|Obschon der Joseph gerne die Maria ein wenig ausgezankt hätte ob ihres langen Ausbleibens, so konnte er aber solches doch nicht über sein Herz bringen; denn fürs Erste hatte die Stimme Mariens sein edelstes Herz zu sehr gerührt, und fürs Zweite sah er sich selbst als Schuldiger, da er Mariam so lange nicht durch einen Boten hatte holen lassen.
KJ|0|6|43|0|Er ließ daher das Mädchen zu sich kommen, um es zu segnen, und das Mädchen sprang zu Joseph hin und koste ihn, wie da die unschuldigsten Kinder ihre Eltern und sonstigen Wohltäter zu kosen pflegen.
KJ|0|6|44|0|Joseph aber ward darüber ganz gerührt und ward voll hoher Freude und sprach: „Siehe, ich bin ein armer Mann und bin schon bejahrt, aber deine kindliche Liebe macht mich vergessen meine Armut und mein Alter! Der Herr hat dich mir gegeben zu einer großen Freude, darum will ich ja auch ziehen und arbeiten mit Freuden, um dir, mein Kindlein, ein gutes Stückchen Brot zu verschaffen!“
KJ|0|6|45|0|Bei diesen Worten fielen dem alten Mann Tränen aus seinen Augen. Maria aber trocknete behände dessen feuchte Wangen und dankte Gott, dass Er ihr einen so guten Nährvater gegeben hatte.
KJ|0|6|46|0|In der Zeit aber vernahm Joseph plötzlich, als würden Psalmen gesungen vor seinem Haus.
KJ|0|7|1|1|Josephs Ahnungen und Befürchtungen
KJ|0|7|1|1|Am 7. August 1843
KJ|0|7|1|0|Joseph aber ward von hohen Ahnungen erfüllt und sprach zur Maria: „Kind des Herrn! Viel Freude ist meinem Haus in dir gegeben, meine Seele ist von hohen Ahnungen erfüllt!
KJ|0|7|2|0|Aber ich weiß es auch, dass der Herr diejenigen, die Er liebhat, allzeit schmerzlich heimsucht; daher wollen wir Ihn allzeit bitten, dass Er uns allen allzeit gnädig und barmherzig sein möchte!
KJ|0|7|3|0|Es ist sogar möglich, dass der Herr durch dich und mich die alte, schon morsch gewordene Bundeslade wird erneuert haben wollen?!
KJ|0|7|4|0|Soll so etwas aber im Zuge sein, da wehe mir und dir; wir werden da eine gar harte Arbeit zu überstehen haben! Doch nun nichts mehr davon!
KJ|0|7|5|0|Was da kommen muss, das wird auch sicher kommen, und wir werden es nicht zu verhindern vermögen; aber so es kommen wird, dann wird es uns ergreifen mit allmächtiger Hand, und wir werden zittern vor dem Willen Dessen, der die Festen der Erde gestellt hatte!“
KJ|0|7|6|0|Maria aber verstand von all diesem nichts und tröstete daher den sehr bekümmert aussehenden Joseph mit solchen Worten:
KJ|0|7|7|0|„Lieber Vater Joseph! Werde nicht betrübt ob des Willens des Herrn; denn wir wissen es ja, dass Er mit Seinen Kindern ja allzeit nur das Beste will! Ist der Herr mit uns, wie Er es war mit Abraham, Isaak und Jakob, und wie Er noch allzeit war mit denen, die Ihn liebten, was Leids und Arges soll uns da wohl begegnen?“
KJ|0|7|8|0|Joseph aber war mit dieser Tröstung zufrieden und dankte dem Herrn in seinem Herzen aus allen seinen Kräften, darum Er ihm in der Maria einen solchen Trostengel hatte gegeben, und sagte darauf:
KJ|0|7|9|0|„Kinder, es ist schon spät des Abends geworden; darum stimmen wir den Lobgesang an, verzehren dann unser gesegnetes Abendbrot und begeben uns dann zur Ruhe!“
KJ|0|7|10|0|Solches geschah, und Maria eilte dann und brachte das Brot her, und Joseph teilte es aus; es nahm aber alle wunder, dass das Brot diesmal von einem gar so guten Geschmack war.
KJ|0|7|11|0|Joseph aber sagte: „Dem Herrn alles Lob! Was Er segnet, das schmeckt allzeit wohl und ist vom besten Geschmack!“
KJ|0|7|12|0|Und die Maria aber bemerkte dann dem Joseph gar liebreichst weise: „Siehe, lieber Vater, also sollst du dich ja auch nicht fürchten vor den Heimsuchungen des Herrn; denn sie sind ja eben auch Seine gar köstlichen Segnungen!“
KJ|0|7|13|0|Und der Joseph sprach: „Ja, ja, du reine Tochter des Herrn, du hast recht! Ich will ja in aller Geduld tragen, was immer der Herr mir aufbürden wird; denn zu schwer wird Er mir Seine Bürde und zu hart Sein Joch ja nicht machen, denn Er ist ja ein Vater voll Güte und Erbarmung – auch in Seinem Eifer! Und so geschehe denn allzeit Sein heiliger Wille!“
KJ|0|7|14|0|Darauf begab sich die fromme Familie zur Ruhe und arbeitete zu Hause die folgenden Tage.
KJ|0|7|15|0|Tag für Tag aber ward der Leib Marias voller; da sie solches wohl merkte, so suchte sie ihre Schwangerschaft vor den Augen Josephs und seiner Söhne so gut als nur immer möglich zu verbergen.
KJ|0|7|16|0|Aber nach einer Zeit von zwei Monaten half ihr ihr Verbergen nichts mehr, und der Joseph fing an Argwohn zu schöpfen und beriet sich insgeheim mit einem seiner Freunde in Nazareth über den sonderbaren Zustand Mariens.
KJ|0|8|1|1|Joseph verhört Maria
KJ|0|8|1|1|Am 9. August 1843
KJ|0|8|1|0|Der Freund Josephs aber war ein Sachkundiger; denn er war ein Arzt, der da die Kräuter kannte und bei gefährlichen Geburten nicht selten den Wehmüttern beistand.
KJ|0|8|2|0|Dieser ging mit Joseph und besah insgeheim Mariam, – und als er sie beschaut hatte, sprach er zu Joseph:
KJ|0|8|3|0|„Höre mich an, Bruder aus Abraham, Isaak und Jakob, deinem Haus ist ein großes Unheil widerfahren, – denn siehe, die Magd ist hochschwanger!
KJ|0|8|4|0|Du bist aber auch selbst schuld daran; denn siehe, es ist nun der sechste Mond, da du aus warst auf deinem Hausbau! Sage, wer hätte denn da wohl achthaben sollen auf die Magd?“
KJ|0|8|5|0|Joseph aber antwortete: „Siehe, Maria war unter der Zeit kaum drei Wochen in einem fort zu Hause, und das im Anfang, da sie in mein Haus kam; dann brachte sie volle drei Monde bei ihrer Muhme Elisabeth zu!
KJ|0|8|6|0|Nun aber sind bereits auch zwei Monde, da sie unter meiner beständigen Aufsicht sich befindet, verflossen, und ich habe nie jemanden gesehen, der da zu ihr offen oder heimlich gekommen wäre!
KJ|0|8|7|0|Und in der Zeit meiner Abwesenheit aber war sie ja ohnehin in den besten Händen; mein Sohn, der sie geleitet hat zur Elisabeth, gab mir den teuersten Eid zuvor, dass er, außer im Notfall, auch nicht einmal ihr Kleid anrühren wolle auf dem ganzen Weg!
KJ|0|8|8|0|Und so weiß ich mit großer Bestimmtheit, dass da Maria von meinem Haus aus völlig rein sein müsse; ob aber solches auch der Fall ist mit dem Haus des Zacharias, das unterliegt freilich wohl einer anderen Frage!
KJ|0|8|9|0|Soll ihr das etwa im Tempel begegnet sein von einem Diener desselben? Davor wolle mich der Herr bewahren, so ich da möchte einer solchen Meinung sein; denn so was hätte der Herr längst ruchbar gemacht durch die allzeitige Weisheit des Hohepriesters!
KJ|0|8|10|0|Ich aber weiß nun, was ich tun werde, um der Wahrheit der Sache auf die rechte Spur zu kommen. Du, Freund, magst nun wieder im Frieden ziehen, und ich werde mein Haus einer starken Prüfung unterziehen!“
KJ|0|8|11|0|Josephs Freund verzog nicht und ging sobald aus dem Haus Josephs; Joseph aber wandte sich sobald an Maria und sprach zu ihr:
KJ|0|8|12|0|„Kind! mit welcher Stirn soll ich nun aufschauen zu meinem Gott? Was soll ich nun sagen über dich?
KJ|0|8|13|0|Habe ich dich nicht als eine reine Jungfrau aus dem Tempel empfangen, und habe ich dich nicht treulich gehütet durch mein tägliches Gebet und durch die Getreuen, die da sind in meinem Haus?
KJ|0|8|14|0|Ich beschwöre dich darum, dass du mir sagst, wer es ist, der es gewagt hatte, mich zu betrügen und sich also schändlichst zu vergreifen an mir, einem Sohn Davids, und an dir, die du auch demselben Haus entsprossen bist!
KJ|0|8|15|0|Wer hat dich, eine Jungfrau des Herrn, verführt und geschändet?! Wer hat es vermocht, deinen reinsten Sinn also zu trüben? – und wer, zu machen aus dir eine zweite Eva?!
KJ|0|8|16|0|Denn also wiederholt sich an mir ja leibhaftig die alte Geschichte Adams, denn dich hat ja augenscheinlich gleich der Eva eine Schlange betört!
KJ|0|8|17|0|Also antworte mir auf meine Frage! Gehe aber, und fasse dich; denn dir soll es nicht gelingen, mich zu täuschen!“ – Hier warf sich Joseph vor Gram auf einen mit Asche gefüllten Sack auf sein Angesicht und weinte.
KJ|0|8|18|0|Maria aber zitterte vor großer Furcht, fing an zu weinen und zu schluchzen und konnte nicht reden vor zu großer Furcht und Traurigkeit.
KJ|0|8|19|0|Joseph aber erhob sich wieder vom Sack und sprach mit einer etwas gemäßigteren Stimme zur Maria:
KJ|0|8|20|0|„Maria, Kind Gottes, das Er Selbst in Seine Obhut genommen, warum hast du mir das getan? Warum hast du deine Seele so sehr erniedrigt und vergessen deines Gottes?!
KJ|0|8|21|0|Wie konntest du solches tun, die du auferzogen warst im Allerheiligsten und hast deine Speise empfangen aus der Hand der Engel und hast diese glänzenden Diener Gottes allzeit gehabt zu deinen Mitgespielen?! O rede, und schweige nicht vor mir!“
KJ|0|8|22|0|Hier ermannte sich Maria und sprach: „Vater Joseph, du gerecht harter Mann! Ich sage dir: So wahr ein Gott lebt, so wahr auch bin ich rein und unschuldig und weiß bis zur Stunde von keinem Mann etwas!“
KJ|0|8|23|0|Joseph aber fragte: „Woher ist denn hernach das, was du unter deinem Herzen trägst?“
KJ|0|8|24|0|Und Maria erwiderte: „Siehe, ich bin ja noch ein Kind und verstehe nicht die Geheimnisse Gottes! Höre mich aber an, und ich will es dir ja sagen, was mir begegnet ist! Solches aber ist auch so wahr, als wie da lebt ein gerechter Gott über uns!“
KJ|0|9|1|1|Josephs Kummer und Sorge. Ein Engel des Herrn erscheint Joseph im Traum
KJ|0|9|1|1|Am 10. August 1843
KJ|0|9|1|0|Und Maria erzählte dem Joseph alles, was ihr, da sie noch am Purpur arbeitete, begegnet ist, und schloss dann ihre Erzählung mit dieser Beteuerung:
KJ|0|9|2|0|„Darum sage ich dir, Vater, noch einmal: So wahr Gott, der Herr Himmels und der Erde lebt, so wahr auch bin ich rein und weiß von keinem Mann und kenne auch ebenso wenig das Geheimnis Gottes, das ich unter meinem Herzen, zu meiner eigenen großen Qual, nun tragen muss!“
KJ|0|9|3|0|Hier verstummte Joseph vor Maria und erschrak gewaltig; denn die Worte Mariens drangen tief in seine bekümmerte Seele, und er fand bebend seine geheime Ahnung bestätigt.
KJ|0|9|4|0|Er aber fing darum an, hin und her zu sinnen, was er da tun soll, und sprach so bei sich in seinem Herzen:
KJ|0|9|5|0|„So ich ihre vor der Welt, wie sie nun ist, doch unwiderlegbare Sünde darum verberge, weil ich sie nicht als solche mehr erkenne, so werde ich als Frevler erfunden werden gegen das Gesetz des Herrn und werde der sicheren Strafe nicht entgehen!
KJ|0|9|6|0|Mache ich sie aber wider meine innerste Überzeugung als eine feile Sünderin vor den Söhnen Israels offenbar, da doch das, was sie unter ihrem Herzen trägt, nur – nach ihrer unzweideutigen Aussage – von einem Engel herrührt,
KJ|0|9|7|0|so werde ich ja von Gott dem Herrn erfunden werden als einer, der ein unschuldig Blut überliefert hatte zum Gerichte des Todes?!
KJ|0|9|8|0|Was soll ich also mit ihr beginnen? Soll ich sie heimlich verlassen, d. h., soll ich sie heimlich von mir tun und sie irgend verbergen im Gebirge, nahe an der Grenze der Griechen? Oder soll des Tages des Herrn ich harren, auf dass Er mir am selben kundtue, was ich da tun soll?
KJ|0|9|9|0|Wenn aber morgen oder übermorgen jemand zu mir kommt aus Jerusalem und erkennt Mariam, was dann? Ja, es wird wohl das Beste sein, ich entferne sie heimlich und sorge für sie geheim, ohne dass da jemand anderer außer meinen Kindern etwas davon erfährt!
KJ|0|9|10|0|Ihre Unschuld wird mit der Zeit der Herr sicher offenbar machen, und dann ist alles gerettet und gewonnen; und so geschehe es denn im Namen des Herrn!“
KJ|0|9|11|0|Darauf tat Joseph solches der Maria ganz insgeheim kund, und sie fügte sich vorbereitend in den beabsichtigten guten Willen Josephs und begab sich dann, da es schon spät abends geworden war, zur Ruhe.
KJ|0|9|12|0|Joseph aber versank über seinen mannigfachen Gedanken ebenfalls in einen Schlummer; und siehe, ein Engel des Herrn erschien ihm im Traum und sprach zu ihm:
KJ|0|9|13|0|„Joseph, sei nicht bange ob der Maria, der reinsten Jungfrau des Herrn! Denn was sie unter dem Herzen trägt, ist erzeugt vom heiligen Geiste Gottes, und du sollst ihm, wenn es geboren wird, den Namen Jesus geben!“
KJ|0|9|14|0|Hier erwachte Joseph vom Schlaf und pries Gott den Herrn, der ihm solche Gnade erwiesen hatte.
KJ|0|9|15|0|Da es aber schon des Morgens war, so kam Maria schon für die beabsichtigte Reise fertig zum Joseph und zeigte ihm an, dass es schon an der Zeit sein dürfte.
KJ|0|9|16|0|Joseph aber umfasste das Mädchen, drückte es an seine Brust und sprach zu ihr: „Maria, du Reine, du bleibst bei mir; denn heute hat mir der Herr ein mächtig Zeugnis über dich gegeben, denn das aus dir geboren wird, soll Jesus heißen!“
KJ|0|9|17|0|Hieran erkannte Maria sobald, dass der Herr mit Joseph geredet hatte, da sie denselben Namen vernahm, den ihr der Engel gab, da sie davon dem Joseph doch nichts erwähnt hatte zuvor!
KJ|0|9|18|0|Und der Joseph hütete darauf das Mädchen sorgsam und ließ es an nichts gebrechen, das ihr in dem Zustand vonnöten war.
KJ|0|10|1|1|Ankündigung der römischen Volkszählung. Der Verräter Annas
KJ|0|10|1|1|Am 11. August 1843
KJ|0|10|1|0|Es ist aber zwei Wochen lang nach diesem Begebnis ein großer Rat in Jerusalem gehalten worden, und zwar darüber, da man von einigen in Jerusalem wohnenden Römern vernommen hatte, dass der Kaiser werde das gesamte jüdische Volk zählen und beschreiben lassen.
KJ|0|10|2|0|Solche Nachricht hatte einen großen Schreck bei den Juden, denen es verboten war, Menschen zu zählen, hervorgebracht.
KJ|0|10|3|0|Darum berief der Hohepriester zu dem Behuf eine große Versammlung zusammen, zu der alle Ältesten und Kunstmänner, wie da der Joseph einer war, erscheinen mussten.
KJ|0|10|4|0|Joseph aber hatte gerade eine kleine Reise ins Gebirge wegen Bauholz unternommen und blieb etliche Tage aus.
KJ|0|10|5|0|Der Bote aus Jerusalem aber, der unter der Zeit zu Joseph kam und ihm die Einladung zur großen Versammlung überbrachte, gab, da er Joseph nicht antraf, dessen älterem Sohn die Beheißung, dass dieser solches, sobald Joseph nach Hause käme, ihm ja unverzüglich auf das Dringendste zu benachrichtigen habe!
KJ|0|10|6|0|Joseph aber kam schon am nächsten Tag morgens wieder nach Hause. Der Sohn Joses benachrichtigte ihn sogleich davon, was da gekommen ist aus Jerusalem.
KJ|0|10|7|0|Joseph aber sagte: „Nun bin ich fünf Tage lang im Gebirge herumgestiegen und bin daher überaus müde geworden, und meine Füße würden mich nimmer tragen, so ich nicht zuvor ein paar Tage werde geruht haben; daher bin ich diesmal genötigt, dem Ruf Jerusalems nicht zu folgen.
KJ|0|10|8|0|Übrigens ist diese ganze große Versammlung keine hohle Nuss wert; denn der mächtige Kaiser Roms, der sein Zepter nun schon sogar über die Länder der Skythen schwingt, wird wenig Notiz nehmen von unserer Beratung und wird tun, was er will! Daher bleibe ich nun fein zu Hause!“
KJ|0|10|9|0|Es kam aber nach drei Tagen ein gewisser Annas aus Jerusalem, der da ein großer Schriftgelehrter war, zu Joseph und sprach zu ihm:
KJ|0|10|10|0|„Joseph, du kunstverständiger und schriftgelehrter Mann aus dem Stamm Davids! Ich muss dich fragen, warum du nicht in die Versammlung gekommen bist?“
KJ|0|10|11|0|Joseph aber wandte sich zum Annas und sprach: „Siehe, ich war fünf Tage lang im Gebirge und wusste nicht, dass ich berufen ward.
KJ|0|10|12|0|Da ich aber nach Hause kam und durch meinen Sohn Joses die Nachricht erhielt, war ich zu müde und schwach, als dass es mir möglich gewesen wäre, mich sobald gen Jerusalem auf die Beine zu machen! Zudem aber ersah ich ja ohnehin auf den ersten Blick, dass diese ganze große Versammlung wenig oder gar nichts nützen wird.“
KJ|0|10|13|0|Während aber Joseph solches gesprochen hatte, sah sich der Annas um und entdeckte unglücklicherweise die hochschwangere Jungfrau.
KJ|0|10|14|0|Er verließ daher auch wie ganz stumm den Joseph und eilte, was er nur konnte, nach Jerusalem.
KJ|0|10|15|0|Allda ganz atemlos angelangt, eilte er sogleich zum Hohepriester und sagte zu ihm:
KJ|0|10|16|0|„Höre mich an, und frage mich nicht, warum der Sohn Davids nicht in die Versammlung kam; denn ich habe unerhörte Gräueldinge in seinem Haus entdeckt!
KJ|0|10|17|0|Siehe, Joseph, dem Gott und du das Zeugnis gabst dadurch, dass du ihm die Jungfrau anvertraut hast, hat sich unbeschreiblich tief und grob vor Gott und vor dir verfehlt!“
KJ|0|10|18|0|Der Hohepriester aber war ganz entsetzt über die Nachricht Annas’ und fragte ganz kurz: „Wie so, wie das? Rede mir die vollste Wahrheit, oder du bist heute noch des Todes!“
KJ|0|10|19|0|Und der Annas sprach: „Siehe, die Jungfrau Maria, die er laut des Zeugnisses Gottes aus diesem Tempel des Herrn zur Obhut erhielt, hat er weidlichst geschändet; denn ihre schon hohe Schwangerschaft ist ein lebendiges Zeugnis davon!“
KJ|0|10|20|0|Der Hohepriester aber sprach: „Nein, Joseph hat das nimmer getan! Kann auch Gott ein falsches Zeugnis geben?!“
KJ|0|10|21|0|Annas aber sprach: „So sende denn deine vertrautesten Diener hin, und du wirst dich überzeugen, dass da die Jungfrau im Vollernst hochschwanger ist; ist sie es aber nicht, so will ich hier gesteinigt werden!“
KJ|0|11|1|1|Das Verhör Marias und Josephs im Tempel. Rechtfertigung durch das unbeschädigte Trinken des Fluchwassers. Maria wird Josephs Frau
KJ|0|11|1|1|Am 16. August 1843
KJ|0|11|1|0|Der Hohepriester aber besann sich eine Zeitlang und sprach also bei sich: „Was soll ich tun? Annas ist voll Eifersucht seit der Wahl der Jungfrau, und man soll nie auf den Rat eines Eifersüchtigen handeln.
KJ|0|11|2|0|Wenn sich’s aber mit Maria dennoch also verhalten würde, und ich hätte die Sache gleichgültig behandelt, was werden dann die Söhne Israels sagen, und zu welch einer Rechenschaft werden sie mich fordern?
KJ|0|11|3|0|Ich will daher dennoch insgeheim Diener hinsenden zu Joseph, die, falls sich die schlimme Sache bestätigen sollte, die Jungfrau samt Joseph sogleich hierher ziehen sollen!“
KJ|0|11|4|0|Also ward es gedacht und beschlossen. Der Hohepriester berief insgeheim vertraute Diener und gab ihnen kund, was sich im Hause Josephs zugetragen habe, und sandte sie dann sobald zu Joseph hin mit der Bestimmtheit, wie sie zu handeln haben, falls sich die Sache bestätigen sollte.
KJ|0|11|5|0|Und die Diener begaben sich eiligst hin zu Joseph und fanden alles also, wie es ihnen der Hohepriester bezeichnet hatte.
KJ|0|11|6|0|Und der Älteste aus ihnen sagte zu Joseph: „Siehe, darum sind wir aus dem Tempel hierher gesandt worden, auf dass wir uns überzeugen sollen, wie es mit der Jungfrau steht, da von ihr üble Gerüchte zu den Ohren des Hohepriesters gelangt sind.
KJ|0|11|7|0|Wir aber fanden die traurige Mutmaßung leider bestätigt; daher lasse dir keine Gewalt antun, und folge uns mit der Maria in den Tempel, allda du aus dem Munde des Hohenpriesters das gerechte Urteil vernehmen sollst!“
KJ|0|11|8|0|Und Joseph folgte mit Maria sobald ohne Widerrede den Dienern vor das Gericht in den Tempel.
KJ|0|11|9|0|Als er da vor dem Hohepriester anlangte, fragte der erstaunte Hohepriester sobald die Maria, in ernstem Ton redend:
KJ|0|11|10|0|„Maria! Warum hast du uns das getan und hast mögen gar so gewaltig erniedrigen deine Seele?
KJ|0|11|11|0|Vergessen hast du des Herrn, deines Gottes, – du, die du auferzogen warst im Allerheiligsten, und hast deine tägliche Speise empfangen aus der Hand des Engels,
KJ|0|11|12|0|und hast allzeit vernommen seine Lobgesänge, und hast dich erheitert, hast gespielt und getanzt vor dem Angesicht Gottes! Rede, warum hast du uns solches getan?“
KJ|0|11|13|0|Maria aber fing an bitterlich zu weinen und sprach unter gewaltigem Schluchzen und Weinen: „So wahr Gott, der Herr Israels, lebt, so wahr auch bin ich rein und habe noch nie einen Mann erkannt! Frage den von Gott erwählten Joseph!“
KJ|0|11|14|0|Und der Hohepriester wandte sich darauf zu Joseph und fragte ihn: „Joseph, ich beschwöre dich im Namen des ewig lebendigen Gottes, sage mir es unverhohlen, wie ist das geschehen, hast du solches getan?“
KJ|0|11|15|0|Und der Joseph sprach: „Ich sage dir bei allem, was dir und mir heilig ist, so wahr der Herr, mein Gott, lebt, so wahr auch bin ich rein vor dieser Jungfrau, wie vor dir und vor Gott!“
KJ|0|11|16|0|Und der Hohepriester erwiderte: „Rede nicht ein falsches Zeugnis, sondern sprich vor Gott die Wahrheit! Ich aber sage dir: Du hast erstohlen dir deine Hochzeit, hast nicht Kunde gegeben dem Tempel und hast nicht zuvor dein Haupt gebeugt unter die Hand des ewig Gewaltigen, auf dass Er gesegnet hätte deinen Samen! Daher rede die Wahrheit!“
KJ|0|11|17|1|Am 18. August 1843
KJ|0|11|17|0|Joseph aber ward stumm auf solche Rede des Hohepriesters und mochte kein Wörtlein erwidern; denn zu bitter ungerecht ward er vom Hohepriester beschuldigt.
KJ|0|11|18|0|Da aber Joseph tief schweigend vor dem Hohepriester dastand und nicht reden mochte, da öffnete sobald wieder der Hohepriester seinen Mund und sprach:
KJ|0|11|19|0|„Gib uns die Jungfrau wieder, wie du sie erhalten hast aus dem Tempel des Herrn, da sie war so rein wie eine aufgehende Sonne an einem allerheitersten Morgen!“
KJ|0|11|20|0|In Tränen zerfließend stand Joseph da und sprach nach einem mächtigen Seufzer:
KJ|0|11|21|0|„Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, was habe ich armer Greis denn vor Dir so Arges getan, dass Du mich nun so gewaltig schlägst?!
KJ|0|11|22|0|Nehme mich von der Welt; denn zu hart ist es, als ein allzeit Gerechter vor Dir und aller Welt solch eine Schmach zu erleiden!
KJ|0|11|23|0|Meinen Vater David hast Du gezüchtigt, darum er gesündigt hatte am Urias.
KJ|0|11|24|0|Ich aber habe noch nie an einem Menschen mich versündigt und vergriffen mich an irgendeines Menschen Sache, noch an einem Tier, und habe das Gesetz allzeit beobachtet bis auf ein Häkchen; o Herr, warum schlägst Du mich denn?
KJ|0|11|25|0|O zeige mir eine Sünde vor Dir, und ich will ja gerne die Strafe des Feuers erleiden! Habe ich aber gesündigt vor Dir, da sei verflucht der Tag und die Stunde, da ich geboren ward!“
KJ|0|11|26|0|Der Hohepriester aber ward erbittert ob dieser Rede Josephs und sprach in großer Aufgeregtheit seines Gemütes:
KJ|0|11|27|0|„Wohl denn, da du vor Gott deine laute Schuld bekämpfst, so will ich euch beide trinken lassen das Fluchwasser Gottes, des Herrn; und es werden offenbar werden eure Sünden in euren Augen und vor den Augen alles Volkes!“
KJ|0|11|28|0|Und sobald nahm der Hohepriester das Fluchwasser und ließ davon den Joseph trinken und sandte ihn dann nach dem Gesetz in ein dazu bestimmtes Gebirge, das da nahe an Jerusalem lag.
KJ|0|11|29|0|Und desgleichen gab er auch solches Wasser der Jungfrau zu trinken und sandte sie dann ebenfalls ins Gebirge.
KJ|0|11|30|0|Nach drei Tagen aber kamen beide gänzlich unverletzt zurück, und alles Volk wunderte sich, dass an ihnen keine Sünde ist offenbar gemacht worden.
KJ|0|11|31|0|Der Hohepriester aber sprach dann selbst ganz über alle Maßen erstaunt zu ihnen: „So Gott der Herr eure Sünde nicht hat offenbar machen wollen, da will auch ich euch nicht richten, sondern spreche euch für schuldlos und ledig.
KJ|0|11|32|0|Da aber die Jungfrau schon schwanger ist, so soll sie dein Weib sein zur Buße, darum sie mir unbewusstermaßen ist schwanger geworden, und soll fürder nimmer einen anderen Mann bekommen, so sie auch eine junge Witwe würde! Also sei es! Und nun zieht wieder im Frieden von dannen.“
KJ|0|11|33|0|Joseph aber nahm nun Mariam und ging mit ihr in seine Heimat und ward voll Freuden und lobte und pries seinen Gott. Und seine Freude war nun umso größer, da nun Maria sein rechtmäßiges Weib ist geworden.
KJ|0|12|1|1|Josephs Kummer wegen der vom Kaiser angeordneten Volkszählung
KJ|0|12|1|1|Am 19. August 1843
KJ|0|12|1|0|Und Joseph verbrachte nun ganz wohlgemut mit Maria, die nun sein Weib war, noch zwei Monate in seinem Haus und arbeitete für den Unterhalt Mariens.
KJ|0|12|2|0|Als aber diese Zeit verstrichen war und Maria der Zeit der Entbindung nahe war, da geschah ein neuer Schlag, welcher unseren Joseph in eine große Bekümmernis versetzte.
KJ|0|12|3|0|Der römische Kaiser Augustus ließ nämlich in allen seinen Landen einen Befehl ergehen, demzufolge alle Völker seines Reiches sollen beschrieben und gezählt und der Steuer und Rekrutierung wegen klassifiziert werden.
KJ|0|12|4|0|Und so waren auch die Nazaräer von diesem Gebot nicht ausgenommen, und Joseph ward genötigt, auch sich Bethlehem, der Stadt Davids, zu nahen, in welcher die römische Beschreibungskommission aufgestellt war.
KJ|0|12|5|0|Als er aber dieses Gebot vernahm, dessentwegen er schon ohnehin zu einer Versammlung nach Jerusalem ist berufen worden, da sprach er bei sich selbst:
KJ|0|12|6|0|„Mein Gott und mein Herr, das ist ein harter Schlag für mich gerade zu dieser Zeit, da Maria der Entbindung so nahe ist!
KJ|0|12|7|0|Was soll ich nun tun? Ich muss wohl meine Söhne einschreiben lassen, denn diese sind dem Kaiser leider waffenpflichtig; aber was soll ich, um Deines Namens willen, o Herr, mit Maria machen?
KJ|0|12|8|0|Daheim kann ich sie nicht lassen; denn was würde sie da machen, wenn ihre Zeit sie zu drängen anfinge?
KJ|0|12|9|0|Nehme ich sie aber mit, wer steht mir da dafür, dass ihre Zeit sie nicht schon unterm Wege befällt und ich dann nicht wissen werde, was da mit ihr zu machen sein wird, da sie doch noch mehr ein Kind als ein so ganz festes Weib ist?
KJ|0|12|10|0|Und bringe ich sie auch noch mit genauer Not hin vor die Amtleute Roms, wie soll ich sie da einschreiben lassen?
KJ|0|12|11|0|Etwa als mein Weib, davon doch niemand außer mir und dem Hohepriester bis jetzt noch etwas weiß?
KJ|0|12|12|0|Wahrhaftig, dessen schäme ich mich beinahe vor den Söhnen Israels; denn sie wissen es, dass ich ein über siebzig Jahre alter Greis bin! Was werden sie sagen, so ich das kaum fünfzehnjährige Kind, im hochschwangeren Zustand noch dazu, als mein rechtmäßiges Weib einschreiben lasse?!
KJ|0|12|13|0|Oder soll ich sie als meine Tochter einschreiben lassen? Es wissen aber ja die Söhne Israels, woher Maria ist, und dass sie nimmer meine Tochter ist!
KJ|0|12|14|0|Lasse ich sie als die mir anvertraute Jungfrau des Herrn einschreiben, was dürften da einige, die noch nicht wissen möchten, dass ich mich im Tempel gerechtfertigt habe, zu mir sagen, so sie Mariam hochschwanger erschauen würden?
KJ|0|12|15|0|Ja, ich weiß, was ich nun wieder tun will: den Tag des Herrn will ich abwarten! An diesem wird der Herr, mein Gott, machen, was Er wird wollen, und das wird auch das Beste sein. Und also geschehe es denn!“
KJ|0|13|1|1|Aufbruch von Joseph und seiner Familie nach Bethlehem
KJ|0|13|1|1|Am 21. August 1843
KJ|0|13|1|0|Am selben Tag aber noch kam ein alter weiser Freund aus Nazareth zu Joseph und sagte zu ihm:
KJ|0|13|2|0|„Bruder! siehe, also führt der Herr Sein Volk über allerlei Wüsten und Steppen! Die aber willig folgen, dahin Er lenkt, die kommen ans rechte Ziel!
KJ|0|13|3|0|Wir schmachteten in Ägypten und weinten unter Babels Ketten, und der Herr hatte uns dennoch wieder frei gemacht.
KJ|0|13|4|0|Nun haben die Römer ihre Adler über uns gesandt; es ist des Herrn Wille! Daher wollen wir auch tun, was Er will; denn Er weiß es sicher, warum Er es also will!“
KJ|0|13|5|0|Joseph aber verstand wohl, was der Freund zu ihm geredet hatte, und als der Freund ihn segnete und wieder verließ, da sprach der Joseph zu seinen Söhnen:
KJ|0|13|6|0|„Hört mich an! Der Herr will es, dass wir alle nach Bethlehem ziehen müssen; also wollen wir uns denn auch Seinen Willen gefallen lassen und tun, was Er will.
KJ|0|13|7|0|Du, Joel, sattle die Eselin für Maria und nehme den Sattel mit der Lehne; und du, Joses, aber zäume den Ochsen und spanne ihn an den Karren, in dem wir Lebensmittel mitführen wollen!
KJ|0|13|8|0|Ihr drei, Samuel, Simeon und Jakob, aber bestellt den Karren mit haltbaren Früchten, Brot, Honig und Käse, und nehmt davon so viel, dass wir auf vierzehn Tage versehen sind; denn wir wissen es nicht, wann die Reihe an uns kommen wird, und wann wir frei werden, und was mit Maria geschehen kann unterwegs! Darum legt auch frische Linnen und Windeln auf den Karren!“
KJ|0|13|9|0|Die Söhne aber gingen und bestellten alles, wie es ihnen der Joseph anbefohlen hatte.
KJ|0|13|10|0|Als sie aber alles nach dem Willen Josephs bestellt hatten, kamen sie zurück und zeigten es dem Joseph an.
KJ|0|13|11|0|Und Joseph kniete nieder mit seinem ganzen Haus, betete, und empfahl sich und all die Seinen in die Hände des Herrn.
KJ|0|13|12|0|Als er aber mit solchem Gebet, Lob und Preis zu Ende war, da vernahm er eine Stimme wie außerhalb des Hauses, welche da sprach:
KJ|0|13|13|0|„Joseph, du getreuer Sohn Davids, der da war ein Mann nach dem Herzen Gottes!
KJ|0|13|14|0|Als David auszog zum Kampf mit dem Riesen, da war mit ihm die Hand des Engels, den ihm der Herr zur Seite stellte, und siehe, dein Vater ward ein mächtiger Sieger!
KJ|0|13|15|0|Mit dir aber ist nun Der Selbst, der ewig war, der Himmel und Erde erschaffen hatte, der zu Noahs Zeiten regnen ließ vierzig Tage und Nächte und ersaufen ließ alle Ihm widrige Kreatur,
KJ|0|13|16|0|der dem Abraham gab den Isaak, der dein Volk führte aus Ägypten und mit Moses erschrecklich redete auf dem Sinai!
KJ|0|13|17|0|Siehe, Der ist in deinem Haus nun leibhaftig und wird ziehen mit dir auch nach Bethlehem; daher sei ohne Furcht, denn Er wird es nicht zulassen, dass dir ein Haar gekrümmt werde!“
KJ|0|13|18|0|Als aber Joseph solche Worte vernommen hatte, da ward er fröhlich, dankte dem Herrn für diese Gnade und ließ dann sogleich alles zur Reise sich bereiten.
KJ|0|13|19|0|Er nahm Mariam und setzte sie so weich und bequem als nur immer möglich auf das Lasttier und nahm dann den Zügel in seine Hand und führte die Eselin.
KJ|0|13|20|0|Die Söhne aber machten sich um den beladenen Karren und fuhren mit demselben nach der Eselin Getrabe.
KJ|0|13|21|0|Nach einiger Zeit aber gab Joseph den Zügel seinem ältesten Sohn über; er aber ging Mariam zur Seite, da diese manchmal schwach ward und sich im Sattel nicht selbst zu halten imstande war.
KJ|0|14|1|1|Marias Gesicht von den zwei Völkern. Zuflucht in einer Höhle
KJ|0|14|1|1|Am 23. August 1843
KJ|0|14|1|0|Also kam unsere frömmste Gesellschaft nahe bis auf sechs Stunden vor Bethlehem hin und machte da eine Rast im Freien.
KJ|0|14|2|0|Joseph aber sah nach der Maria und fand, dass sie voll Schmerzes sein musste; daher gedachte er ganz verlegen bei sich selbst:
KJ|0|14|3|0|„Was kann das sein? Marias Antlitz ist voll Schmerzes, und ihre Augen sind voll Tränen! Vielleicht bedrängt sie ihre Zeit?“
KJ|0|14|4|0|Darum sah Joseph Mariam noch einmal genauer an; und siehe, da fand er sie zu seinem großen Erstaunen lachend!
KJ|0|14|5|0|Darum fragte er sie auch sobald: „Maria, sage mir, was wohl geht in dir vor? Denn ich sehe dein Angesicht bald voll Schmerzes, bald aber wieder lachend und vor großer Freude glänzend!?“
KJ|0|14|6|0|Maria aber sagte darauf zu Joseph: „Siehe, ich sah nun zwei Völker vor mir; das eine weinte, und da weinte ich notgedrungen mit.
KJ|0|14|7|0|Das andere aber wandelte lachend vor mir und war voll Freude und Heiterkeit; und ich musste mitlachen und in seine Freude übergehen! Das ist alles, was meinem Antlitz Schmerz und Freude entwand.“
KJ|0|14|8|0|Als Joseph solches vernommen hatte, da ward er wieder beruhigt, denn er wusste, dass Maria öfter Gesichte hatte; daher ließ er denn auch wieder zur Weiterreise aufbrechen und zog hinauf gen Bethlehem.
KJ|0|14|9|0|Als sie aber in die Nähe von Bethlehem kamen, da sprach Maria auf einmal zum Joseph:
KJ|0|14|10|0|„Höre mich an, Joseph! Das in mir ist, fängt mich an ganz gewaltig zu bedrängen; lasse daher stillhalten!“
KJ|0|14|11|0|Joseph erschrak völlig vor diesem plötzlichen Ausruf Mariens; denn er sah nun, dass das gekommen ist, was er eben am meisten befürchtet hatte.
KJ|0|14|12|0|Er ließ daher auch plötzlich stillhalten. Die Maria aber sprach wieder sobald zu Joseph:
KJ|0|14|13|0|„Hebe mich herab von der Eselin; denn das in mir ist, bedrängt mich mächtig und will von mir! Und ich mag dem Drang nicht mehr widerstehen!“
KJ|0|14|14|0|Joseph aber sprach: „Aber um des Herrn willen! Du siehst ja, dass hier nirgends eine Herberge ist, – wo soll ich dich denn hintun?“
KJ|0|14|15|0|Maria aber sprach: „Siehe, dort in den Berg hinein ist eine Höhle; es werden kaum hundert Schritte dahin sein! Dorthin bringt mich; weiter zu kommen, ist mir unmöglich!“
KJ|0|14|16|0|Und Joseph lenkte sobald sein Fuhr- und Reisewerk dahin und fand zum größten Glück in dieser Höhle, da sie den Hirten zu einem Notstall diente, etwas Heu und Stroh, aus welchem er sogleich für Mariam ein notdürftiges Lager bereiten ließ.
KJ|0|15|1|1|Josephs wunderbare Erfahrungen und seine Begegnung mit der Wehmutter
KJ|0|15|1|1|Am 24. August 1843
KJ|0|15|1|0|Als aber das Lager bereitet war, brachte Joseph Mariam sobald in die Höhle, und sie legte sich aufs Lager und fand Erleichterung in dieser Lage.
KJ|0|15|2|0|Als Maria aber also erleichtert sich auf dem Lager befand, da sagte Joseph zu seinen Söhnen:
KJ|0|15|3|0|„Ihr beiden Ältesten bewacht Mariam und leistet ihr im Falle früher Not die gerechte Hilfe, besonders du Joel, der du einige Kenntnisse in dieser Sache dir durch den Umgang mit meinem Freund in Nazareth erworben hast!“
KJ|0|15|4|0|Den anderen dreien aber befahl er, den Esel und den Ochsen zu versorgen und den Karren auch irgend in der Höhle, welche so ziemlich geräumig war, unterzubringen.
KJ|0|15|5|0|Nachdem aber Joseph solches alles also wohl geordnet hatte, sagte er zu Maria: „Ich aber will nun gehen hinauf auf den Berg und will in der Stadt meines Vaters mir eine Wehmutter in aller Eile suchen und will sie bringen hierher, dir zur nötigen Hilfe!“
KJ|0|15|6|0|Nach diesen Worten trat der Joseph sobald aus der Höhle, da es schon ziemlich spät abends war und man die Sterne am Himmel recht wohl ausnehmen konnte.
KJ|0|15|7|0|Was aber Joseph bei diesem Austritt aus der Höhle alles für wunderliche Erfahrungen gemacht hatte, wollen wir mit seinen eigenen Worten wiedergeben, die er seinen Söhnen gab, als er mit der gefundenen Wehmutter in die Höhle zurückkehrte und Maria schon geboren hatte.
KJ|0|15|8|0|Die Worte Josephs aber lauten also: „Kinder! wir stehen am Rande großer Dinge! Ich verstehe nun dunkel, was mir die Stimme am Vorabend vor unserer Abreise hierher gesagt hatte; wahrlich, wäre der Herr unter uns – wennschon unsichtbar – nicht gegenwärtig, so könnten unmöglich solche Wunderdinge geschehen, wie ich sie jetzt geschaut habe!
KJ|0|15|9|0|Hört mich an! Als ich hinaustrat und fortging, da war es mir, als ginge ich, und als ginge ich nicht; – und ich sah den aufgehenden Vollmond und die Sterne im Aufgang wie im Niedergang, und siehe, alles stand still, und der Mond verließ nicht den Rand der Erde, und die Sterne am abendlichen Rand wollten nimmer sinken!
KJ|0|15|10|0|Dann sah ich Scharen und Scharen der Vöglein sitzen auf den Ästen der Bäume; alle waren mit ihren Gesichtern hierher gewendet und zitterten wie zu Zeiten großer bevorstehender Erdbeben und waren nicht zu verscheuchen von ihren Sitzen, weder durch Geschrei noch durch Steinwürfe.
KJ|0|15|11|0|Und ich blickte wieder auf dem Erdboden umher und ersah unweit von mir eine Anzahl Arbeiter, die da um eine mit Speise gefüllte Schüssel saßen. Einige hielten ihre Hände unbeweglich in der Schüssel und konnten keine Speise aus der Schüssel heben.
KJ|0|15|12|0|Die aber schon eher einen Bissen der Schüssel enthoben hatten, die hielten ihn am Mund und mochten nicht den Mund öffnen, auf dass sie den Bissen verzehrten; aller Angesichter aber waren nach aufwärts gerichtet, als sähen sie große Dinge am Himmel!
KJ|0|15|13|0|Dann sah ich Schafe, die von den Hirten getrieben wurden; aber die Schafe standen unbeweglich da, und des Hirten Hand, der sie erhob, um zu schlagen die ruhenden Schafe, blieb wie erstarrt in der Luft, und er konnte sie nicht bewegen.
KJ|0|15|14|0|Wieder sah ich eine ganze Herde Böcke, die hielten ihre Schnauzen über dem Wasser und mochten dennoch nicht trinken, denn sie waren alle wie gänzlich gelähmt.
KJ|0|15|15|0|Also sah ich auch ein Bächlein, das hatte einen starken Fall vom Berg herab, und siehe, das Wasser stand still und floss nicht hinab ins Tal! Und so war alles auf dem Erdboden anzusehen, als hätte es kein Leben und keine Bewegung.
KJ|0|15|16|0|Als ich aber also dastand oder ging und nicht wusste, ob ich stehe oder gehe, siehe, da ersah ich endlich einmal wieder ein Leben!
KJ|0|15|17|0|Ein Weib nämlich kam dem Berg entlang herabgestiegen gerade auf mich an und fragte mich, als sie vollends bei mir war: ‚Mann, wo willst du hingehen so spät?‘
KJ|0|15|18|0|Und ich sprach zu ihr: ‚Eine Wehmutter suche ich; denn in der Höhle dort ist eine, die gebären will!‘
KJ|0|15|19|0|Das Weib aber antwortete und sprach: ‚Ist sie aus Israel?‘ – Und ich antwortete ihr: ‚Ja, Herrin, ich und sie sind aus Israel; David ist unser Vater!‘
KJ|0|15|20|0|Das Weib aber sprach weiter und fragte: ‚Wer ist die, welche in der Höhle dort gebären will? Ist sie dein Weib, oder eine Anverwandte, oder eine Magd?‘
KJ|0|15|21|0|Und ich antwortete ihr: ‚Seit kurzem – allein vor Gott und dem Hohenpriester nur – mein Weib. Sie aber war noch nicht mein Weib, da sie schwanger ward, sondern ward mir nur zur Obhut in mein Haus vom Tempel durch das Zeugnis Gottes anvertraut, da sie früher auferzogen ward im Allerheiligsten!
KJ|0|15|22|0|Wundere dich aber nicht über ihre Schwangerschaft; denn das in ihr ist, ist wunderbar gezeugt vom heiligen Geiste Gottes!‘ – Das Weib aber erstaunte sich darob und sagte zu mir: ‚Mann, sage mir die Wahrheit!‘ – Ich aber sagte zu ihr: ‚Komm, siehe und überzeuge dich mit deinen Augen!‘“
KJ|0|16|1|1|Die Vision der Wehmutter
KJ|0|16|1|1|Am 25. August 1843
KJ|0|16|1|0|Und das Weib willigte ein und folgte dem Joseph hin zur Höhle; da sie aber zur Höhle kamen, da verhüllte sich dieselbe plötzlich in eine dichte weiße Wolke, dass sie nicht den Eingang finden mochten.
KJ|0|16|2|0|Ob dieser Erscheinung fing sich die Wehmutter hoch zu verwundern an und sprach zu Joseph:
KJ|0|16|3|0|„Großes ist widerfahren am heutigen Tag meiner Seele! Ich habe heute morgen ein großwunderbarstes Gesicht gehabt, in dem alles sich also gestaltete, wie ich es jetzt in der Wirklichkeit gesehen habe, noch sehe und noch mehr sehen werde!
KJ|0|16|4|0|Du bist derselbe Mann, der mir im Gesicht entgegenkam; also sah ich auch zuvor alle Welt ruhen mitten in ihrem Geschäft und sah die Höhle, wie eine Wolke über sie kam, und habe mit dir geredet, wie ich nun geredet habe.
KJ|0|16|5|0|Und ich sah noch mehreres Wunderbarstes in der Höhle, als mir meine Schwester Salome nachkam, der ich allein mein Gesicht am Morgen anvertraute!
KJ|0|16|6|0|Darum sage ich denn nun auch vor dir und vor Gott, meinem Herrn: Israel ist ein großes Heil widerfahren! Ein Retter kam, von oben gesandt, zur Zeit unserer großen Not!“
KJ|0|16|7|0|Nach diesen Worten der Wehmutter wich sobald die Wolke von der Höhle zurück, und ein gewaltiges Licht drang aus der Höhle der Wehmutter und dem Joseph entgegen – so, dass es die Augen nicht zu ertragen imstande waren, und die Wehmutter sprach: „Wahr ist also alles, was ich gesehen habe im Gesicht! O Mann! du Glücklicher, hier ist mehr denn Abraham, Isaak, Jakob, Moses und Elias!“
KJ|0|16|8|0|Nach diesen Worten aber fing das starke Licht an, nach und nach erträglicher zu werden, und das Kindlein ward sichtbar, wie es gerade zum ersten Mal die Brust der Mutter nahm.
KJ|0|16|9|0|Die Wehmutter aber trat mit Joseph nun in die Höhle, besah das Kindlein und dessen Mutter, und als sie alles auf das Herrlichste gelöst fand, sagte sie:
KJ|0|16|10|0|„Wahrlich, wahrlich, das ist der von allen Propheten besungene Erlöser, der da ohne Bande frei sein wird schon im Mutterleib, um anzudeuten, dass er all die harten Bande des Gesetzes lösen wird!
KJ|0|16|11|0|Wann aber hat jemand gesehen, dass ein kaum geborenes Kind schon nach der Brust der Mutter gegriffen hätte!?
KJ|0|16|12|0|Das bezeigt ja augenscheinlichst, dass dieses Kind einst als Mann die Welt richten wird nach der Liebe und nicht nach dem Gesetz!
KJ|0|16|13|0|Höre, du glücklichster Mann dieser Jungfrau, es ist alles in der größten Ordnung; darum lasse mich aus der Höhle treten, denn mir fällt es schwer nun auf die Brust, da ich empfinde, dass ich nicht rein genug bin, um die zu heilige Nähe meines und deines Gottes und Herrn zu ertragen!“
KJ|0|16|14|0|Joseph erschrak völlig über diese Worte der Wehmutter. Sie aber eilte aus der Höhle ins Freie.
KJ|0|16|15|0|Als sie aber aus der Höhle trat, da traf sie draußen ihre Schwester Salome, welche ihr ob des bewussten Gesichtes nachgefolgt ist, und sprach sogleich zu ihr:
KJ|0|16|16|0|„Salome, Salome! Komme und sehe mein Morgengesicht in der Wirklichkeit berichtigt! Die Jungfrau hat in der Fülle der Wahrheit geboren, was die menschliche Weisheit und Natur nimmer zu fassen vermag!“
KJ|0|16|17|0|Die Salome aber sprach: „So wahr Gott lebt, kann ich eher nicht glauben, dass eine Jungfrau geboren habe, als bis ich sie werde mit meiner Hand untersucht haben!“
KJ|0|17|1|1|Die ungläubige Salome
KJ|0|17|1|1|Am 26. August 1843
KJ|0|17|1|0|Nachdem aber die Salome solches geredet hatte, trat sie sobald hinein in die Höhle und sprach:
KJ|0|17|2|0|„Maria, meine Seele beschäftiget kein geringer Streit; daher bitte ich, dass du dich bereitest, auf dass ich mit meiner wohlerfahrenen Hand dich untersuche und daraus ersehe, wie es mit deiner Jungfrauschaft aussehe!“
KJ|0|17|3|0|Maria aber fügte sich willig in das Begehren der ungläubigen Salome, bereitete sich und ließ sich untersuchen.
KJ|0|17|4|0|Als aber die Salome Marias Leib anrührte mit ihrer prüfenden Hand, da erhob sie sobald ein gewaltiges Geheul und schrie überlaut:
KJ|0|17|5|0|„Wehe, wehe mir meiner Gottlosigkeit wegen und meines großen Unglaubens willen, dass ich habe wollen den ewig lebendigen Gott versuchen! – denn seht, seht hierher! – meine Hand verbrennt im Feuer des göttlichen Zornes über mich Elende!!!“
KJ|0|17|6|0|Nach diesen Worten aber fiel sie sobald vor dem Kindlein auf ihre Knie nieder und sprach:
KJ|0|17|7|0|„O Gott meiner Väter! Du allmächtiger Herr aller Herrlichkeit! Gedenke mein, dass auch ich ein Same bin aus Abraham, Isaak und Jakob!
KJ|0|17|8|0|Mache mich doch nicht zum Gespött vor den Söhnen Israels, sondern schenke mir meine gesunden Glieder wieder!“
KJ|0|17|9|0|Und siehe, sobald stand ein Engel des Herrn neben der Salome und sprach zu ihr: „Erhört hat Gott der Herr dein Flehen; tritt zu dem Kindlein hin und trage Es, und es wird dir darob ein großes Heil widerfahren!“
KJ|0|17|10|0|Und als solches die Salome vernommen hatte, da ging sie auf Knien vor Maria hin und bat sie um das Kindlein.
KJ|0|17|11|0|Maria aber gab ihr willig das Kindlein und sprach zu ihr: „Es möge dir zum Heil gereichen nach dem Ausspruch des Engels des Herrn; der Herr erbarme Sich deiner!“
KJ|0|17|12|0|Und die Salome nahm das Kindlein auf ihre Arme und trug es kniend und sprach, sobald sie das Kindlein auf dem Arm hatte:
KJ|0|17|13|0|„O Gott! Du allmächtiger Herr Israels, der Du regierst und herrschst von Ewigkeit! In aller, aller Fülle der Wahrheit ist hier Israel ein König der Könige geboren, welcher mächtiger sein wird denn da war David, der Mann nach dem Herzen Gottes! Gelobt und gepriesen sei Du von mir ewig!“
KJ|0|17|14|0|Nach diesen Worten ward die Salome sobald völlig wieder geheilt, gab dann unter der dankbarsten Zerknirschung ihres Herzens das Kindlein der Maria wieder und ging also gerechtfertigt aus der Höhle wieder.
KJ|0|17|15|0|Als sie aber draußen war, da wollte sie sobald laut zu schreien anfangen über das große Wunder aller Wunder und hatte auch ihrer Schwester sogleich zu erzählen angefangen, was ihr begegnet ist.
KJ|0|17|16|0|Aber sobald meldete sich eine Stimme von oben und sprach zur Salome: „Salome, Salome! verkündige ja niemandem, was Außerordentliches dir begegnet ist; denn die Zeit muss erst kommen, wo der Herr von Sich Selbst zeugen wird durch Worte und Taten!“
KJ|0|17|17|0|Hier verstummte sobald die Salome, und Joseph ging hinaus und bat die beiden Schwestern, nun wieder in die Höhle zurückzutreten nach dem Wunsch Marias, auf dass da niemand etwas merken soll, was Wunderbarstes in dieser Höhle nun vorgefallen sei. Und die beiden traten wieder demütig in die Höhle.
KJ|0|18|1|1|Lobgesänge der Engel und Anbetung der Hirten
KJ|0|18|1|1|Am 28. August 1843
KJ|0|18|1|0|Als aber alle also in der Höhle versammelt waren, da fragten die Söhne Josephs ihren Vater (den Joseph nämlich):
KJ|0|18|2|0|„Vater, was sollen wir nun tun? Es ist alles wohl versorgt! Die Reise hat ermüdet unsere Glieder, dürfen wir uns denn nicht zur Ruhe legen?“
KJ|0|18|3|0|Und Joseph sprach: „Kinder! ihr seht ja, welch eine endlose Gnade von oben uns allen widerfahren ist; daher sollt ihr wachen und Gott loben mit mir!
KJ|0|18|4|0|Ihr aber habt ja gesehen, was da der Salome begegnet ist in der Höhle, da sie ungläubig war; daher sollen auch wir nicht schläfrig sein, wann uns der Herr heimsucht!
KJ|0|18|5|0|Geht aber hin zur Maria, und rührt an das Kindlein; wer weiß es, ob eure Augenlider nicht sobald also gestärkt werden, als hättet ihr mehrere Stunden lang fest geschlafen!“
KJ|0|18|6|0|Und die Söhne Josephs gingen hin und rührten das Kindlein an; das Kindlein aber lächelte sie an und streckte Seine Händchen nach ihnen, als hätte Es sie als Brüder erkannt.
KJ|0|18|7|0|Darob sie sich alle hoch verwunderten und sprachen: „Fürwahr, das ist kein natürliches Kind! Denn wo hat je jemand so etwas erlebt, dass jemand wäre von einem kaum geborenen Kind gottseligst also begrüßt worden!?
KJ|0|18|8|0|Zudem sind wir nun auch im Ernst noch obendrauf plötzlich also gestärkt worden in allen unseren Gliedern, als hätten wir nie eine Reise gemacht und befänden uns daheim an einem Morgen mit dem völligst ausgerasteten Leib!“
KJ|0|18|9|0|Und der Joseph sagte darauf: „Seht, also war mein Rat gut. Aber nun merke ich, dass es anfängt, mächtig kühl zu werden; daher bringt den Esel und Ochsen hierher! Die Tiere werden sich um uns lagern und werden durch ihren Hauch und ihre Ausdünstung einige Wärme bewirken; und wir selbst wollen uns darum auch um die Maria lagern!“
KJ|0|18|10|0|Und die Söhne taten solches. Und als sie brachten die beiden Tiere in die Nähe Marias, da legten sich diese sogleich am Hauptteil des Lagers Mariens und hauchten fleißig über Mariam und das Kindlein hin und erwärmten es also recht gut.
KJ|0|18|11|0|Und die Wehmutter sprach: „Fürwahr, nichts Geringes kann das sein vor Gott, dem sogar die Tiere also dienen, als hätten sie Vernunft und Verstand!“
KJ|0|18|12|0|Die Salome aber sprach: „O Schwester! Die Tiere scheinen hier mehr zu sehen als wir! Was wir uns noch kaum zu denken getrauen, da beten schon die Tiere an Den, der sie erschaffen hatte!
KJ|0|18|13|0|Glaube mir, Schwester, so wahr Gott lebt, so wahr auch ist hier vor uns der verheißene Messias; denn wir wissen es ja, dass sich nie bei der Geburt selbst des größten Propheten solche Wunderdinge zugetragen haben!“
KJ|0|18|14|0|Maria aber sagte zur Salome: „Gott der Herr hat dir eine große Gnade erwiesen, darum du solches erschaust, davor selbst meine Seele erbebt!
KJ|0|18|15|0|Aber schweige davon, wie es dir zuvor der Engel des Herrn geboten hatte; denn sonst könntest du uns ein herbes Los bereiten!“
KJ|0|18|16|0|Die Salome aber gelobte der Maria zu schweigen ihr Leben lang, und die Wehmutter folgte dem Beispiel ihrer Schwester.
KJ|0|18|17|0|Und so ward nun alles ruhig in der Höhle. In der ersten Stunde aber vor dem Sonnenaufgang vernahmen alle gar mächtige Lobgesänge draußen vor der Höhle.
KJ|0|18|18|0|Und Joseph sandte sogleich seinen ältesten Sohn, nachzusehen, was es sei, und wer so gewaltig singe die Ehre Gottes im Freien.
KJ|0|18|19|0|Und der Joel ging hinaus und sah, dass alle Räume des Firmaments erfüllt waren hoch und nieder mit zahllosen Myriaden leuchtender Engel. Und er eilte erstaunt in die Höhle zurück und erzählte es allen, was er gesehen.
KJ|0|18|20|1|Am 29. August 1843
KJ|0|18|20|0|Alle aber waren hoch erstaunt über die Erzählung des Joel und gingen hinaus und überzeugten sich von der Wahrheit der Aussage Joels.
KJ|0|18|21|0|Als sie solche Herrlichkeit des Herrn aber gesehen hatten, da gingen sie wieder in die Höhle und gaben Maria auch das Zeugnis. Und der Joseph sagte zur Maria:
KJ|0|18|22|0|„Höre, du reinste Jungfrau des Herrn, die Frucht deines Leibes ist wahrhaftig eine Zeugung des heiligen Geistes Gottes; denn alle Himmel zeugen nun dafür!
KJ|0|18|23|0|Aber wie wird es uns gehen, so nun alle Welt notwendig erfahren muss, was hier vor sich gegangen ist? Denn dass nicht nur wir, sondern auch alle anderen Menschen nun sehen, welch ein Zeugnis für uns durch alle Himmel strahlt, – das habe ich an vielen Hirten nun gesehen, wie sie ihre Angesichter gen oben gerichtet hielten!
KJ|0|18|24|0|Und sangen mit gleicher Stimme mit den mächtigen Chören der Engel, welche nun – allen sichtbar – erfüllen alle Räume der Himmel hoch und nieder bis zur Erde herab!
KJ|0|18|25|0|Und ihr Gesang lautete wie der der Engel: ‚Tauet herab, ihr Himmel, den Gerechten! Friede den Menschen auf der Erde, die eines guten Willens sind!‘ – Und: ‚Ehre sei Gott in der Höhe in Dem, der da kommt im Namen des Herrn!‘
KJ|0|18|26|0|Siehe, o Maria, solches vernimmt und sieht nun die ganze Welt; also wird sie auch kommen hierher und wird uns verfolgen, und wir werden müssen fliehen über Berg und Tal!
KJ|0|18|27|0|Daher meine ich, wir sollten uns so bald als nur immer möglich heben von hier und, sobald ich werde beschrieben sein – was heute früh noch geschehen soll –, uns wieder begeben nach Nazareth zurück und von dort gehen zu den Griechen über, aus denen ich einige recht wohl kenne. Bist du nicht meiner Meinung?“
KJ|0|18|28|0|Maria aber sprach zu Joseph: „Du siehst aber ja, dass ich heute noch nicht dies Lager verlassen kann; daher lassen wir alles dem Herrn über! Er hat uns bisher geführt und beschützt, so wird Er uns auch sicher noch weiter führen und gar treulich beschützen!
KJ|0|18|29|0|Will Er uns vor der Welt offenbaren, sage, wohin wollen wir fliehen, da Seine Himmel uns nicht entdecken möchten?!
KJ|0|18|30|0|Daher geschehe Sein Wille! Was Er will, das wird recht sein. Siehe, hier auf meiner Brust ruht ja, Dem dieses alles gilt!
KJ|0|18|31|0|Dieser aber bleibt bei uns, und so wird auch die große Herrlichkeit Gottes von uns nicht weichen, und wir können da fliehen, wohin wir nur immer wollen!“
KJ|0|18|32|0|Als Maria aber noch kaum solches ausgeredet hatte, siehe, da standen schon zwei Engel als Anführer einer Menge Hirten vor der Höhle und zeigten den Hirten an, dass hier Derjenige geboren ist, dem ihre Lobgesänge gelten.
KJ|0|18|33|0|Und die Hirten traten ein in die Höhle und knieten nieder vor dem Kindlein und beteten Es an; und die Engel kamen auch scharenweise und beteten an das Kindlein.
KJ|0|18|34|0|Joseph aber blickte mit seinen Söhnen ganz erstaunt hin nach der Maria und dem Kindlein und sprach: „O Gott, was ist denn das? Hast Du denn Selbst Fleisch angenommen in diesem Kind?
KJ|0|18|35|0|Wie wohl wäre es möglich sonst, dass Es angebetet würde selbst von Deinen heiligen Engeln? Bist Du aber hier, o Herr, was ist denn nun mit dem Tempel – und mit dem Allerheiligsten?!“
KJ|0|18|36|0|Und ein Engel trat hin zum Joseph und sprach zu ihm: „Frage nicht, und sorge dich nicht; denn der Herr hat die Erde erwählt zum Schauplatz Seiner Erbarmungen und hat nun heimgesucht Sein Volk, wie Er es vorhergesagt durch den Mund Seiner Kinder, Seiner Knechte und Propheten!
KJ|0|18|37|0|Was aber geschieht nun vor deinen Augen, das geschieht nach dem Willen Dessen, der da ist heilig über heilig!
KJ|0|18|38|0|Hier verließ der Engel den Joseph und ging wieder hin und betete an das Kindlein, welches nun alle die Betenden mit offenen Händchen anlächelte.
KJ|0|18|39|0|Als aber nun die Sonne aufging, da verschwanden die Engel; aber die Hirten blieben und erkundigten sich beim Joseph, wie möglich doch solches vor sich gegangen ist.
KJ|0|18|40|0|Joseph aber sagte: „Hört, wie wunderbar das Gras wächst aus der Erde, also geschah auch dieses Wunder! Wer aber weiß, wie das Gras wächst? So wenig weiß ich euch auch von diesem Wunder kundzugeben! Gott hat es also gewollt; das ist alles, was ich euch sagen kann!“
KJ|0|19|1|1|Der römische Hauptmann Cornelius besucht die heilige Familie in der Höhle
KJ|0|19|1|1|Am 30. August 1843
KJ|0|19|1|0|Die Hirten aber waren mit diesem Bescheid zufrieden und fragten den Joseph nicht weiter und gingen von dannen und brachten der Maria allerlei Stärkungen zum Opfer.
KJ|0|19|2|0|Als die Sonne aber schon eine Stunde der Erde geleuchtet hatte, da fragte der Joseph die Wehmutter:
KJ|0|19|3|0|„Höre mich an, du meine Freundin und Schwester aus Abraham, Isaak und Jakob! Siehe, mich drückt die Beschreibung ganz gewaltig, und ich wünsche nichts sehnlicher, als sie hinter mir zu haben!
KJ|0|19|4|0|Ich aber weiß nicht, wo in der Stadt sie gehalten wird; lasse daher die Salome hier bei der Maria, mich aber führe mit meinen Söhnen hin zu dem römischen Hauptmann, der da die Beschreibung führt!
KJ|0|19|5|0|Vielleicht werden wir sogleich vorgenommen werden, so wir sicher die ersten dort sein werden?“
KJ|0|19|6|0|Und die Wehmutter sagte zum Joseph: „Gnadenvoller Mann, höre mich an! Der Hauptmann Cornelius aus Rom wohnt in meinem Haus, das schier eines der Ersten ist in der Stadt,
KJ|0|19|7|0|und hat daselbst auch seine Amtsstube. Er ist zwar ein Heide, aber sonst ein guter und rechtlicher Mensch; ich will hingehen und ihm alles anzeigen bis auf das Wunder, und ich meine, die Sache wird abgetan sein!“
KJ|0|19|8|0|Dieser Antrag gefiel Joseph wohl, da er ohnehin eine große Scheu vor den Römern, besonders aber vor der Beschreibung hatte; er bat daher obendrauf noch die Wehmutter, solches zu tun.
KJ|0|19|9|0|Und die Wehmutter ging und fand den Cornelius, der noch sehr jung war und am Morgen gerne lang schlief, noch im Bett und gab ihm alles kund, was da notwendig war.
KJ|0|19|10|0|Cornelius aber stand sogleich auf, warf seine Toga um und sprach zu seiner Hausherrin: „Weib, ich glaube dir alles; aber ich will dennoch selbst mit dir hingehen, denn ich fühle einen starken Drang dazu!
KJ|0|19|11|0|Es ist nach deiner Erzählung nicht weit von hier, und so werde ich zur rechten Zeit noch am Arbeitstisch sein! Führe mich also nur gleich hin!“
KJ|0|19|12|0|Und die Wehmutter erfreute sich dessen und führte den ihr wohlbekannten biederen, jungen Hauptmann hin, welcher ihr vor der Höhle gestand und sagte: „O Weib, wie leicht gehe ich in Rom zu meinem Kaiser, und wie schwer wird es mir hier, in diese Höhle einzutreten!
KJ|0|19|13|0|Das muss etwas Besonderes sein! Sage mir doch, ob du irgendeinen Grund weißt; denn ich weiß, dass du eine biedere Jüdin bist!“
KJ|0|19|14|0|Die Wehmutter aber sprach: „Guter Hauptmann des großen Kaisers! Harre hier vor der Höhle nur einen Augenblick; ich will hineingehen und will dir die Lösung bringen!“
KJ|0|19|15|0|Und sie ging und sagte es dem Joseph, dass der gute Hauptmann selbst draußen vor der Höhle harre, und dass er herein möchte, aber sich nicht getraue aus einem ihm unerklärlichen Grund.
KJ|0|19|16|0|Als der Joseph solches vernahm, ward er gerührt und sprach: „O Gott, wie gut bist Du, dass Du sogar das vor mir in Freude verwandelst, davor ich mich am meisten gefürchtet habe! Darum sei Dir allein alles Lob und alle Ehre!“
KJ|0|19|17|0|Nach diesen Worten eilte er sogleich aus der Höhle und fiel dem Cornelius zu Füßen, sagend: „Machtträger des großen Kaisers, habe Erbarmen mit mir armem Greis! Siehe, mein junges Weib, das mir durchs Los im Tempel zuteil ward, hat hier sich entledigt ihrer Frucht diese Nacht, und gestern bin ich erst hier angekommen, daher mochte ich nicht mich sogleich bei dir melden lassen!“
KJ|0|19|18|0|Und der Cornelius sagte, den Joseph aufhebend: „O Mann, sei des unbesorgt, es ist schon alles in der Ordnung! Lasse mich aber auch hineintreten und sehen, wie du hier eingelagert bist!“
KJ|0|19|19|0|Und der Joseph führte den Cornelius in die Höhle. Als aber dieser das Kindlein erblickte, wie Es ihm entgegenlächelte, da erstaunte er ob solchen Benehmens des Kindleins und sagte: „Beim Zeus, das ist selten! Ich bin ja wie neu geboren, und nie noch habe ich eine solche Ruhe und Freude in mir gewahrt! Fürwahr, heute sind Geschäftsferien, und ich bleibe euer Gast.“
KJ|0|20|1|1|Cornelius ahnt die Göttlichkeit des Jesuskindes
KJ|0|20|1|1|Am 31. August 1843
KJ|0|20|1|0|Joseph aber, darüber hoch erfreut, sprach zum Hauptmann: „Machtträger des großen Kaisers, was wohl kann ich armer Mann dir für deine große Freundschaft entgegenbieten? Womit werde ich dir in dieser feuchten Höhle aufwarten können?
KJ|0|20|2|0|Wie dich bewirten deinem hohen Stande gemäß? Siehe, hier in dem Karren ist meine ganze Habseligkeit, teils mitgebracht aus Nazareth, teils aber ein Geschenk schon von den hierortigen Hirten!
KJ|0|20|3|0|Wenn du davon etwas genießen kannst, so sei ein jeder Bissen, den du in deinen Mund führen möchtest, tausendfach gesegnet!“
KJ|0|20|4|0|Cornelius aber sagte: „Guter Mann, kümmere und sorge dich ja nicht um mich; denn siehe, hier ist ja meine Hausherrin, diese wird schon Sorge tragen für die Küche, und wir werden alle genug haben um ein lichtes Geldstück, das da geziert ist mit des Kaisers Haupt!“
KJ|0|20|5|0|Hier gab der Hauptmann der Wehmutter eine Goldmünze und hieß sie sorgen für ein gutes Mittag- und Abendmahl und, sobald es der Kindbetterin möglich wird, auch für eine bessere Wohnung.
KJ|0|20|6|0|Joseph aber sagte darauf zum Cornelius: „O herrlicher Freund! Ich bitte dich, mache dir doch unsertwegen keine Unkosten und Bemühungen; denn wir sind für die wenigen Tage, die wir hier noch zubringen werden, ohnehin – dem Herrn, Gott Israels, alles Lob – gut versorgt!“
KJ|0|20|7|0|Hier sagte der Hauptmann: „Gut ist gut, aber besser ist besser! Daher lasse es nur geschehen, und lasse mich dadurch deinem Gott auch ein freudig Opfer bringen; denn siehe, ich ehre aller Völker Götter!
KJ|0|20|8|0|Also will ich auch den deinigen ehren; denn Er gefällt mir, seit ich Seinen Tempel zu Jerusalem gesehen habe. Und Er muss ein Gott von großer Weisheit sein, da ihr solch eine große Kunst von Ihm erlernt hattet!?“
KJ|0|20|9|0|Joseph aber sprach: „O Freund! Wäre es möglich mir, dich von der alleinigen einigen Wesenheit unseres Gottes zu überführen, wie gerne würde ich es tun zu deinem größten ewigen Wohl!
KJ|0|20|10|0|Aber ich bin ein schwacher Mensch nur und vermag solches nicht; aber suche du irgend unsere Bücher auf und lese sie, da du unserer Sprache so wohl kundig bist, und du wirst da Dinge finden, die dich ins höchste Erstaunen setzen werden!“
KJ|0|20|11|0|Und der Cornelius sagte: „Guter Mann, was du mir nun freundlichst geraten hast, das habe ich schon getan, habe auch wirklich Erstaunliches darinnen gefunden!
KJ|0|20|12|0|Unter anderem aber bin ich auch auf eine Vorhersage gekommen, in der den Juden ein neuer König für ewig verheißen ist; sage mir, ob du wohl weißt, nach der Auslegung solcher Vorsage, wann da dieser König kommen wird – und von woher?“
KJ|0|20|13|0|Hier ward der Joseph etwas verlegen und sagte nach einer Weile: „Dieser wird kommen aus den Himmeln als der Sohn des ewig lebendigen Gottes! Und Sein Reich wird nicht von dieser, sondern von der Welt des Geistes und der Wahrheit sein!“
KJ|0|20|14|0|Und der Cornelius sprach: „Gut, ich verstehe dich; aber ich habe auch gelesen, dass dieser König in einem Stall bei dieser Stadt soll geboren werden von einer Jungfrau! Wie ist denn das zu nehmen?“
KJ|0|20|15|0|[Joseph:] „O guter Mann, du hast scharfe Sinne! Ich kann dir nichts anderes sagen als: Gehe hin, und siehe an das Mägdlein mit dem neugeborenen Kind; dort wirst du finden, das du finden möchtest!“
KJ|0|20|16|1|Am 1. September 1843
KJ|0|20|16|0|Und der Cornelius ging hin und betrachtete die Jungfrau mit dem Kindlein mit scharfen Augen, um aus ihr und in dem Kind den künftigen König der Juden zu entdecken.
KJ|0|20|17|0|Er fragte daher auch die Maria, auf welche Weise sie also früh ihres Alters ist schwanger geworden.
KJ|0|20|18|0|Maria aber erwiderte: „Gerechter Mann, so wahr mein Gott lebt, so wahr auch habe ich nie einen Mann erkannt!
KJ|0|20|19|0|Es geschah aber vor drei Vierteln des Jahres, da ein Bote des Herrn zu mir kam und unterrichtete mich mit wenig Worten, dass ich vom Geiste Gottes aus soll schwanger werden.
KJ|0|20|20|0|Und also geschah es denn auch; ich ward, ohne je einen Mann erkannt zu haben, schwanger; und siehe, hier vor dir ist die Frucht der wunderbaren Verheißung! Gott aber ist mein Zeuge, dass solches alles also geschehen ist!“
KJ|0|20|21|0|Hier wandte sich der Cornelius an die beiden Schwestern und sagte: „Was sagt denn ihr zu dieser Geschichte? Ist das ein feiner Trug von diesem alten Mann, ein für ein blindes, abergläubiges Volk guter Vorschutz, um sich bei solchen Umständen der gesetzlichen Strafe zu entziehen?
KJ|0|20|22|0|Denn ich weiß, dass Juden für derlei Fälle die Todesstrafe gesetzt haben! Oder soll daran im Ernst etwas sein, – das noch schlimmer wäre als im ersten Fall, weil da des Kaisers Gesetz müsste in schärfste Anwendung gebracht werden, das da jeden Aufwiegler schon im ersten Keim erstickt haben will?! O redet die Wahrheit, damit ich weiß, wie ich mit dieser sonderbaren Familie dran bin!“
KJ|0|20|23|0|Die Salome aber sprach: „Höre mich an, o Cornelius, ich bitte dich bei aller deiner großkaiserlichen Vollmacht! Habe ja mit dieser armen und doch wieder endlos reichen Familie nichts Ernstes und Gesetzliches zu schaffen!
KJ|0|20|24|0|Denn du kannst es mir glauben, denn ich stehe mit meinem Kopf für die Wahrheit: dieser Familie stehen alle Mächte der Himmel, wie dir dein eigener Arm, zu Gebote, davon ich die lebendigste Überzeugung erhielt.“
KJ|0|20|25|0|Hier stutzte Cornelius noch gewaltiger und fragte die Salome: „Also auch Roms heilige Götter, Roms Helden, Waffen und unbesiegbare Macht? O Salome! Was redest du?!“
KJ|0|20|26|0|Salome aber sagte: „Ja, wie du gesagt, also ist es! Davon bin ich lebendigst überzeugt; magst du es aber nicht glauben, da gehe hinaus und sehe an die Sonne! Sie leuchtet heute schon bei vier Stunden, und siehe, sie steht noch im Osten und getraut sich nicht weiterzuziehen!“
KJ|0|20|27|0|Und der Cornelius ging hinaus, sah an die Sonne, kam sobald wieder zurück und sagte ganz erstaunt: „Fürwahr, du hast recht; wenn die Sache mit dieser Familie in Beziehung steht, so gehorcht dieser Familie sogar der Gott Apollo!
KJ|0|20|28|0|Also muss hier Zeus sein, der mächtigste aller Götter, und es scheint sich die Zeit Deukalions und der Pyrrha zu erneuen; wenn aber das der Fall ist, so muss ich solch eine Begebenheit ja sogleich nach Rom vermelden!?“
KJ|0|20|29|0|Bei diesen Worten erschienen zwei mächtige Engel; ihre Angesichter leuchteten wie die Sonne und ihre Kleider wie der Blitz. Und sie sprachen: „Cornelius! Schweige sogar gegen dich von dem, was du gesehen hast, – sonst gehst du und Rom heute noch zugrunde!“
KJ|0|20|30|0|Hier überfiel den Cornelius eine große Furcht. Die beiden Engel verschwanden; er aber ging hin zum Joseph und sprach: „O Mann! Hier ist endlos mehr als ein werdender König der Juden! Hier ist Der, dem alle Himmel und Höllen zu Gebote stehen! Daher lass mich wieder ziehen von hier; denn ich bin's nicht wert, in solcher Nähe Gottes mich zu befinden!“
KJ|0|21|1|1|Der Hauptmann Cornelius versorgt die heilige Familie
KJ|0|21|1|1|Am 2. September 1843
KJ|0|21|1|0|Und der Joseph, selbst ganz frappiert durch diese Äußerung des Cornelius, sagte zu ihm: „Wie groß dieses Wunder ist in sich, wüsste ich dir selbst zu künden nicht!
KJ|0|21|2|0|Dass aber große und mächtige Dinge dahinterstecken, das kannst du mir glauben; denn um geringer Sachen wegen würden sich nicht alle Mächte der ewigen Himmel Gottes also bewegen!
KJ|0|21|3|0|Aber darum ist dennoch kein Mensch in seinem freien Willen gehemmt und kann tun, was er will; denn das erkenne ich aus dem Gebot, das dir die zwei Engel des Herrn gegeben haben!
KJ|0|21|4|0|Denn siehe, der Herr könnte ja unseren Willen bei dieser Gelegenheit gerade also durch Seine Allmacht binden, wie Er den Willen der Tiere bindet, und wir müssten dann handeln nach Seinem Willen!
KJ|0|21|5|0|Aber Er tut das nicht und gibt dafür nur ein freies Gebot, daraus wir ersehen können, dass wir frei aus uns das wollen und tun können, was da ist Sein heiliger Wille.
KJ|0|21|6|0|Also bist auch du in keiner Fiber deines Lebens im Geringsten gebunden und kannst daher tun, was du willst! Willst du heute mein Gast sein, da bleibe; willst du aber das nicht oder getraust dir es nicht, so hast du ebenfalls den freiesten Willen.
KJ|0|21|7|0|Hätte ich dir aber zu raten, da würde ich freilich dir wohl also raten und sagen: O Freund, bleibe! – denn besser aufgehoben bist du nun wohl in der ganzen Welt kaum irgend, als hier unter dem sichtbaren Schutz aller himmlischen Mächte!“
KJ|0|21|8|0|Und der Cornelius sagte: „Ja, du gerechter Mann vor den Göttern und vor deinem Gott, und vor allen Menschen, dein Rat ist gut, und ich will ihn befolgen und will bleiben bis morgen bei dir!
KJ|0|21|9|0|Aber nur so viel werde ich mich jetzt mit meiner Hausherrin auf eine kurze Zeit entfernen, dass ich Anstalten treffen kann, durch die ihr alle – wenn schon hier in dieser Höhle – besser gelagert werdet.“
KJ|0|21|10|0|Und der Joseph sagte: „Guter Mann, tue, was du willst! Gott, der Herr, wird es dir dereinst vergelten!“
KJ|0|21|11|0|Hier ging der Hauptmann mit der Wehmutter in die Stadt und ließ zuerst verkünden durch alle Gassen, dass an dem Tag Amtsferien sind; nahm dann dreißig Kriegsknechte, gab ihnen Bettzeug, Zelte und Brennholz und hieß sie dies alles hinaustragen zur Höhle.
KJ|0|21|12|0|Die Wehmutter nahm Speise und Trank in gerechter Menge mit sich und ließ noch mehr nachtragen.
KJ|0|21|13|0|In der Höhle angelangt, ließ der Hauptmann sogleich drei Zelte aufrichten; ein reiches für Maria, eines für sich, Joseph und seine Söhne und eines für die Wehmutter und ihre Schwester.
KJ|0|21|14|0|Und im Zelt Mariens ließ er ein frisches und gar weiches Bett aufrichten und versah das Zelt noch mit anderen nötigen Einrichtungen. Also richtete er auch die anderen Zelte zweckmäßig ein, ließ dann einen Kochherd in aller Geschwindigkeit von seinen Knechten erbauen, legte selbst Holz darauf und machte Feuer zur Erwärmung der Höhle, in welcher es sonst ziemlich kalt war in dieser Jahreszeit.
KJ|0|22|1|1|Cornelius bei der heiligen Familie in der Höhle. Die Prophezeiung Josephs
KJ|0|22|1|1|Am 4. September 1843
KJ|0|22|1|0|Also versorgte unser Cornelius die fromme Familie und blieb den ganzen Tag und die ganze Nacht bei ihr.
KJ|0|22|2|0|Des Nachmittags aber kamen auch wieder die Hirten, anzubeten das Kindlein, und brachten allerlei Opfer.
KJ|0|22|3|0|Als sie aber in der Hütte Zelte und den römischen Hauptmann erschauten, da wollten sie fliehen aus großer Furcht vor ihm;
KJ|0|22|4|0|denn es waren mehrere Beschreibungsflüchtlinge unter ihnen, die sich vor der auf solche Flüchtlinge gesetzten Strafe gar gewaltigst fürchteten.
KJ|0|22|5|0|Der Hauptmann aber ging hin zu ihnen und sprach: „Fürchtet euch nicht vor mir, denn ich will euch nun alle Strafe nachlassen; aber bedenkt, was da nach dem Willen des Kaisers geschehen muss, und kommt daher morgen, und ich werde euch so zart und sanft als nur möglich beschreiben!“
KJ|0|22|6|0|Da nun die Hirten erfahren hatten, dass der Cornelius ein so sanfter Mensch ist, da verloren sie ihre Scheu und ließen sich am nächsten Tag alle beschreiben.
KJ|0|22|7|0|Nach der Rede mit den Hirten aber fragte der Hauptmann den Joseph, ob die Sonne diesmal nimmer den Morgen verlassen werde.
KJ|0|22|8|0|Und der Joseph erwiderte: „Diese Sonne, die heute der Erde aufgegangen ist, ewig nimmer! Aber die natürliche geht ihren alten Weg nach dem Willen des Herrn fort und wird in etlich Stündlein untergehen.“
KJ|0|22|9|0|Solches aber sprach der Joseph prophetisch und wusste und verstand im Grunde selbst kaum, was er geredet hatte.
KJ|0|22|10|0|Und der Hauptmann aber fragte den Joseph: „Was sagst du hier? Siehe, ich habe deiner Worte Sinn nicht begriffen; daher rede verständlicher zu mir!“
KJ|0|22|11|0|Und der Joseph sprach: „Es wird eine Zeit kommen, in der du dich wärmen wirst in den heiligen Strahlen dieser Sonne und baden in den Strömen ihres Geistes!
KJ|0|22|12|0|Mehr zu sagen aber weiß ich dir nicht und verstehe selbst nicht, was ich dir nun gesagt habe; die Zeit aber wird es dir enthüllen, da ich nicht mehr sein werde, in aller Fülle der ewigen Wahrheit.“
KJ|0|22|13|0|Und der Hauptmann fragte den Joseph nicht mehr und behielt diese tiefen Worte in seinem Lebensgrunde.
KJ|0|22|14|0|Am nächsten Tage aber grüßte der Hauptmann die gesamte Familie und gab ihr die Versicherung, dass er so lange für sie sorgen werde, als sie sich allda aufhalten werde, und werde sie in seinem Herzen behalten sein Leben lang.
KJ|0|22|15|0|Nachdem aber begab er sich an sein Geschäfte und gab der Wehmutter wieder eine Münze, zu sorgen für die Familie.
KJ|0|22|16|0|Joseph aber sprach zu seinen Söhnen, als der Hauptmann schon fort war: „Kinder, wie ist denn das, dass ein Heide besser ist als so mancher Jude? Sollen etwa hierher die Worte Isaias passen, da er spricht:
KJ|0|22|17|0|‚Siehe, Meine Knechte sollen vor gutem Mut jauchzen; ihr aber sollt vor Herzeleid schreien und vor Jammer heulen!‘?“ – Und die Söhne Josephs erwiderten: „Ja, Vater, diese Stelle wird hier in ihrer Fülle erklärt und verstanden.“
KJ|0|23|1|1|Anweisung eines Engels zum Aufbruch nach Jerusalem
KJ|0|23|1|1|Am 5. September 1843
KJ|0|23|1|0|Also verlebte Joseph sechs Tage in der Höhle und ward an jedem Tag besucht vom Cornelius, der da emsigst sorgte, dass dieser Familie ja nichts abgehen solle.
KJ|0|23|2|0|Am sechsten Tag frühmorgens aber kam ein Engel zu Joseph und sprach: „Verschaffe dir ein Paar Turteltauben, und ziehe am achten Tag von hier nach Jerusalem!
KJ|0|23|3|0|Maria soll die Turteltauben nach dem Gesetz opfern, und das Kind muss beschnitten werden und erhalten den Namen, der dir und der Maria ist angezeigt worden!
KJ|0|23|4|0|Nach der Beschneidung aber zieht wieder hierher, und verweilt hier so lange, bis ich es euch anzeigen werde, wann und wohin ihr von hier ziehen sollt!
KJ|0|23|5|0|Du, Joseph, wirst dich zwar früher zur Abreise anschicken; aber ich muss dir sagen: Du wirst nicht um einen Pulsschlag eher von hier kommen, als bis es der Wille Dessen sein wird, der bei dir ist in der Höhle!“
KJ|0|23|6|0|Nach diesen Worten verschwand der Engel, und der Joseph ging hin zur Maria und zeigte ihr solches an.
KJ|0|23|7|0|Maria aber sprach zu Joseph: „Siehe, ich bin ja allzeit eine Magd des Herrn, und so geschehe mir nach Seinem Wort!
KJ|0|23|8|0|Ich aber hatte heute einen Traum, und in diesem Traum kam das alles vor, was du mir jetzt eröffnet hast; daher sei nur besorgt um das Taubenpaar, und ich werde mit dir am achten Tag getrost ziehen nach der Stadt des Herrn.“
KJ|0|23|9|0|Es kam aber bald nach dieser Erscheinung eben auch wieder der Hauptmann auf einen Morgenbesuch, und der Joseph zeigte ihm sogleich an, warum er am achten Tag werde nach Jerusalem ziehen müssen.
KJ|0|23|10|0|Und der Hauptmann bot dem Joseph sogleich alle seine Gelegenheit an und wollte ihn führen lassen nach Jerusalem.
KJ|0|23|11|0|Aber der Joseph dankte ihm darum für den herrlich guten Willen und sprach: „Siehe, also ist es der Wille meines Gottes und Herrn, dass ich also ziehen soll nach Jerusalem, wie ich hierher gezogen kam!
KJ|0|23|12|0|Und so will ich denn auch die kurze Reise also anstellen, auf dass der Herr mich nicht züchtige meines Ungehorsams willen.
KJ|0|23|13|0|So du aber schon bei dieser Gelegenheit mir etwas tun willst, so verschaffe mir zwei Turteltauben, die da zu opfern sind in dem Tempel, und erhalte mir die Wohnstätte!
KJ|0|23|14|0|Denn am neunten Tag werde ich wieder hierher kommen und werde mich darinnen so lange aufhalten, als es da von mir verlangen wird der Herr!“
KJ|0|23|15|0|Und der Cornelius versprach dem Joseph, all das Verlangte zu bieten, und ging darauf fort und brachte dem Joseph selbst eine ganze Taubensteige voll Turteltauben, aus denen sich der Joseph die schönsten aussuchen musste.
KJ|0|23|16|0|Nachdem aber ging der Hauptmann wieder an sein Geschäft und ließ die Taubensteige (Taubenhaus) unterdessen bis auf den Abend in der Höhle, allda er sie dann selbst wieder abholte.
KJ|0|23|17|0|Am achten Tag aber, als der Joseph nach Jerusalem abgereist war, ließ Cornelius eine Wache hinstellen vor die Höhle, die da niemanden aus und ein gehen ließ, außer die zwei ältesten vom Joseph zurückgelassenen Söhne und die Salome, die sie mit Speise und Trank versah; denn die Wehmutter zog mit nach Jerusalem.
KJ|0|24|1|1|Beschneidung und Namensgebung Jesu. Simeon und das Jesuskind
KJ|0|24|1|1|Am 6. September 1843
KJ|0|24|1|0|Am achten Tag nachmittags aber – nach gegenwärtiger Rechnung um die dritte Stunde – ward das Kindlein im Tempel beschnitten und bekam den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, ehe noch das Kindlein im Mutterleib empfangen war.
KJ|0|24|2|0|Da aber für den äußersten Fall der erwiesenen Jungfrauschaft Marias auch ihrer Reinigung Zeit konnte als gültig angesehen werden, so wurde Maria auch sogleich gereinigt im Tempel.
KJ|0|24|3|0|Darum nahm Maria bald nach der Beschneidung das Kindlein auf ihren Arm und trug Es in den Tempel, auf dass sie Es mit Joseph darstellte dem Herrn nach dem Gesetz Mosis.
KJ|0|24|4|0|Wie es denn auch geschrieben steht im Gesetz Gottes: „Allerlei Erstgeburt soll dem Herrn geheiligt sein.
KJ|0|24|5|0|Und soll darum geopfert werden ein Paar Turteltauben oder ein Paar junge Tauben!“
KJ|0|24|6|0|Und Maria opferte ein Paar Turteltauben und legte es auf den Opfertisch; und der Priester nahm das Opfer und segnete Mariam.
KJ|0|24|7|0|Es war aber auch ein Mensch zu Jerusalem, namens Simeon, der war überaus fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; denn er war erfüllt mit dem Geiste Gottes.
KJ|0|24|8|0|Diesem Mann hatte zuvor der Geist des Herrn gesagt: „Du wirst nicht den Tod des Leibes sehen, bevor du nicht sehen wirst Jesum, den Gesalbten Gottes, den Messias der Welt.“
KJ|0|24|9|0|Darum kam er nun aus einer inneren Anregung in den Tempel, da gerade Joseph und Maria sich mit dem Kind noch in dem Tempel befanden und noch taten, was alles das Gesetz verlangte.
KJ|0|24|10|0|Als er aber das Kindlein erblickte, da ging er sobald hin zu den Eltern und verlangte bittend, dass sie ihn möchten dasselbe auf eine kurze Zeit auf seine Arme nehmen lassen.
KJ|0|24|11|0|Das frommste Elternpaar aber tat das gerne dem alten, überfrommen Mann, den sie wohl kannten.
KJ|0|24|12|0|Und Simeon nahm das Kindlein auf seine Arme, koste es, lobte dabei Gott inbrünstigst und sprach endlich:
KJ|0|24|13|0|„Herr! nun lasse Du Deinen Diener im Frieden fahren, wie Du es gesagt hast;
KJ|0|24|14|0|denn meine Augen haben nun den Heiland gesehen, den Du verheißen hast den Vätern und den Propheten.
KJ|0|24|15|0|Dieser ist es, den Du bereitet hast vor allen Völkern!
KJ|0|24|16|0|Ein Licht zu leuchten den Heiden, ein Licht zum Preise Deines Volkes Israel.“
KJ|0|24|17|0|Joseph und Maria aber wunderten sich selbst über die Worte Simeons; denn sie verstanden noch nicht, was er von dem Kind ausgesagt hatte.
KJ|0|24|18|0|Simeon aber gab das Kindlein nun der Maria wieder, segnete darauf beide und sprach dann zur Maria:
KJ|0|24|19|0|„Siehe, dieser wird gesetzt zum Fall und zur Auferstehung vieler in Israel, und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird!
KJ|0|24|20|0|Ein Schwert aber wird durch deine Seele dringen, auf dass da vieler Herzen offenbar werden!“
KJ|0|24|21|0|Maria aber verstand die Worte Simeons nicht; aber dessen ungeachtet behielt sie dieselben tief in ihrem Herzen.
KJ|0|24|22|0|Desgleichen tat es auch der Joseph und lobte und pries Gott darum gar mächtig in seinem Herzen.
KJ|0|25|1|1|Das Zeugnis der Prophetin Hanna über das Jesuskind
KJ|0|25|1|1|Am 7. September 1843
KJ|0|25|1|0|Es war aber zu dieser Zeit auch eine Prophetin im Tempel – Hanna war ihr Name; sie war eine Tochter Phanuels vom Stamm Assers.
KJ|0|25|2|0|Diese war schon im hohen Alter und war so fromm, dass sie, als sie sich in ihrer Jugend mit einem Mann verband, aus Liebe zu Gott sieben Jahre sich nicht enthüllte dem Mann und behielt diese Zeit ihre Jungfrauschaft.
KJ|0|25|3|0|In ihrem achtzigsten Jahre ward sie Witwe, ging da sobald in den Tempel und verließ denselben nicht mehr.
KJ|0|25|4|0|Sie diente hier ausschließlich Gott dem Herrn allein durch Beten und Fasten nahe Tag und Nacht aus eigenem Antrieb.
KJ|0|25|5|0|Bei dieser Gelegenheit aber war sie schon vier Jahre also im Tempel und kam nun auch herzu, pries Gott den Herrn und redete also zu allen, die da auf den Erlöser harrten zu Jerusalem, was ihr der Geist Gottes gab.
KJ|0|25|6|0|Als sie aber zu Ende war mit ihren prophetischen Worten, da bat auch sie um das Kindlein, koste es und pries und lobte Gott.
KJ|0|25|7|0|Nachdem aber gab sie das Kindlein wieder der Maria und sagte zu ihr: „Glücklich und gebenedeit bist du, o Jungfrau, darum du die Mutter meines Herrn bist.
KJ|0|25|8|0|Lasse dir es aber ja nie gelüsten, dich darum preisen zu lassen; denn Das nur, was da saugt an deiner Brust, ist allein würdig, von uns allen gelobt, gepriesen und angebetet zu werden!“
KJ|0|25|9|0|Nach diesen Worten kehrte die Prophetin wieder zurück, und Joseph und Maria gingen, nachdem sie bei drei Stunden im Tempel zugebracht hatten, wieder aus demselben und suchten bei einem Verwandten Herberge.
KJ|0|25|10|0|Als sie aber dahin kamen, fanden sie das Haus verschlossen; denn der Verwandte befand sich diesmal eben auch in Bethlehem bei der Beschreibung.
KJ|0|25|11|0|Joseph aber wusste nicht, was er nun tun solle; denn fürs Erste war es bereits tiefe Nacht, wie es in dieser kürzesten Tageszeit gewöhnlich zu sein pflegt, und es war auch fast kein Haus mehr offen um diese Zeit, und das umso mehr, da es ein Vorsabbat war.
KJ|0|25|12|0|Im ganz Freien zu übernachten, war es zu kalt, indem der Reif auf den Feldern lag und dazu noch ein kalter Wind wehte.
KJ|0|25|13|0|Als Joseph also hin und her dachte und den Herrn bat, dass Er ihm helfen möchte aus dieser Not,
KJ|0|25|14|0|siehe, da kam auf einmal ein junger vornehmer Israelit auf den Joseph zugeschritten und fragte ihn: „Was machst du denn so spät mit deinem Gepäck auf der Gasse? Bist du nicht auch ein Israelit – und weißt nicht den Gebrauch?“
KJ|0|25|15|0|Joseph aber sagte: „Siehe, ich bin aus dem Stamm Davids! Ich war aber im Tempel und habe geopfert dem Herrn; da hat mich die frühe Nacht übereilt, und nun kann ich keine Herberge finden und bin in großer Angst ob meines Weibes und ihres Kindes!“
KJ|0|25|16|0|Und der junge Israelit sagte zu Joseph: „So kommt mit mir denn; ich will euch bis morgen eine Herberge mieten um einen Groschen oder um dessen Wert!“
KJ|0|25|17|0|Und Joseph folgte mit Maria, welche sich auf dem Lasttier befand, und mit seinen drei Söhnen dem Israeliten in ein prachtvollstes Haus und nahm dort in einer niederen Kammer Herberge.
KJ|0|26|1|1|Notunterkunft bei dem jungen Israeliten Nikodemus. Dieser erkennt den Herrn
KJ|0|26|1|1|Am 9. September 1843
KJ|0|26|1|0|Am Morgen aber, als Joseph sich schon zur Abreise nach Bethlehem angeschickt hatte, kam der junge Israelit und war willens, den Mietgroschen zu verlangen.
KJ|0|26|2|0|Aber als er in die Kammer trat, befiel ihn alsobald eine so mächtige Angst, dass er darob keinen Laut über seine Lippen zu bringen vermochte.
KJ|0|26|3|0|Joseph aber trat hin zu ihm und sagte: „Freund! siehe, was wohl hältst du an mir für einen Groschen wert? Das nehme, da ich kein Geld in meinem Besitz habe!“
KJ|0|26|4|0|Nun erholte sich der Israelit etwas und sagte mit bebender Stimme: „Mann aus Nazareth, nun erst erkenne ich dich! Du bist Joseph, der Zimmermann, und bist derselbe, dem vor neun Monden Maria, die Jungfrau des Herrn, aus dem Tempel durchs Los zugefallen ist!
KJ|0|26|5|0|Hier ist dieselbe Jungfrau! Wie hast du sie gehütet, da sie nun Mutter ist in ihrem fünfzehnten Jahr? Was ist da vorgefallen?
KJ|0|26|6|0|Wahrlich, du bist der Vater nicht! Denn Männer von deinem Alter und von deiner Gottesfurcht, die anerkannt ist in ganz Israel, tun desgleichen nimmer.
KJ|0|26|7|0|Aber du hast erwachsene Söhne; kannst du bürgen für deren Unschuld? Hast du sie stets in den Augen gehabt und hast beobachtet all ihr Denken, Handeln, Tun und Lassen?“
KJ|0|26|8|0|Joseph aber entgegnete dem jungen Mann und sprach: „Nun habe auch ich dich erkannt; du bist Nikodemus, ein Sohn Penjams aus dem Stamm Levi! Wie magst du mich erforschen wohl, da dir solches nicht zukommt? Mich aber hat der Herr erforscht darum im Heiligtum und auf dem Berg des Fluches und hat mich gerechtfertigt vor dem Hohen Rat; was für Schuld willst du noch an mir und meinen Söhnen finden?
KJ|0|26|9|0|Gehe aber hin in den Tempel und erforsche den Hohen Rat, und es wird über mein ganzes Haus dir ein rechtes Zeugnis gegeben werden!“
KJ|0|26|10|0|Diese Worte drangen dem jungen reichen Mann tief ins Herz, und er sagte: „Aber um des Herrn willen, wenn es also ist, so sage mir doch, wie es zugegangen ist, dass diese Jungfrau also geboren hat! Ist das ein Wunder, oder ist es natürlich?“
KJ|0|26|11|0|Hier trat die anwesende Wehmutter hin zum Nikodemus und sprach: „Mann! Hier ist der Mietgroschen für die höchst dürftige Herberge! Halte uns aber nicht vergeblich länger auf; denn wir müssen noch heute in Bethlehem eintreffen!
KJ|0|26|12|0|Bedenke aber, was das ist, was heute in deinem Haus dürftig beherbergt war um einen Groschen! Wahrlich, wahrlich! deine herrlichsten Zimmer, die mit Gold und Edelsteinen geziert sind, wären zu schlecht für solche Herrlichkeit Gottes, die da eingekehrt ist in diese Kammer, die sich höchstens für Sträflinge schickt!
KJ|0|26|13|0|Gehe aber hin und rühre an das Kindlein, auf dass von deinen Augen falle die grobe Decke und du sehest, wer dich heimgesucht hatte! Ich als Wehmutter aber habe das alte Recht, dir zu gestatten, das Kindlein anzurühren.“
KJ|0|26|14|0|Hier ging Nikodemus hin und rührte an das Kindlein; und als er es berührt hatte, da ward ihm die innere Sehe auf eine kurze Zeit erschlossen, dass er ersah die Herrlichkeit Gottes.
KJ|0|26|15|0|Er fiel sobald nieder vor dem Kind und betete es an und sprach: „Welche Gnade, welche Liebe und welche Erbarmung muss, o Herr, in Dir sein, dass Du also dein Volk heimsuchst!
KJ|0|26|16|0|Was soll aber ich nun mit meinem Haus geschehen lassen, und was mit mir, dass ich die Herrlichkeit Gottes also verkannt habe?!“
KJ|0|26|17|0|Die Wehmutter aber sprach: „Bleibe in allem, wie du bist; aber allertiefst schweige von dem, was du gesehen, sonst unterliegst du dem Gericht Gottes!“ – Hier gab Nikodemus den Groschen zurück, ging weinend hinaus und ließ hernach diese Kammer mit Gold und Edelsteinen verzieren. Joseph aber machte sich sogleich auf die Reise.
KJ|0|27|1|1|Rückkehr der heiligen Familie nach Bethlehem. Das Jesuskind in der Krippe
KJ|0|27|1|1|Am 11. September 1843
KJ|0|27|1|0|Abends, noch eine Stunde vor dem Untergang der Sonne, erreichten die hohen Reisenden Bethlehem wieder und zogen ein in die schon bekannte Höhle.
KJ|0|27|2|0|Die beiden zurückgebliebenen Söhne, die Salome und der Hauptmann kamen ihnen mit offenen Armen entgegen und fragten die Zurückkehrenden sorglichst, wie es ihnen ergangen ist auf der Reise.
KJ|0|27|3|0|Und Joseph erzählte alles, was ihnen begegnet ist, bekannte aber auch zuletzt, dass er an diesem Tag noch völlig nüchtern sei samt allen den Mitreisenden; denn der höchst geringe Vorrat hatte kaum für die schwache Maria hingereicht.
KJ|0|27|4|0|Als der Hauptmann solches vom Joseph vernommen hatte, da ging er sogleich in den Hintergrund der Höhle und brachte eine Menge den Juden erlaubter Speisen hervor und sprach dann zum Joseph:
KJ|0|27|5|0|„Hier segne es dir dein Gott, und segne es du nach deiner Sitte, und stärkt und sättigt euch alle daran!“
KJ|0|27|6|0|Und der Joseph dankte Gott und segnete die Speise und aß dann ganz wohlgemut mit Maria und seinen Söhnen und mit der Wehmutter.
KJ|0|27|7|0|Es war aber der Maria das Kindlein den ganzen Tag hindurch schon schwer geworden, darum sie denn auch zum Joseph sagte:
KJ|0|27|8|0|„Joseph, siehe, wenn ich nur neben mir ein Plätzchen hätte, das Kindlein niederzulegen, um meinen Armen eine kleine Ruhe zu gönnen, da wäre ich für alles versorgt, und das Kindlein Selbst könnte Sich ruhiger im Schlaf stärken!“
KJ|0|27|9|0|Als der Hauptmann solchen Wunsch Mariens noch kaum gemerkt hatte, da sprang er sogleich in den Hintergrund der Höhle zurück und brachte eilends eine kleine Futterkrippe hervor, welche für Schafe bestimmt war (und also aussah, wie heutzutage die Futtertröge vor den Gasthöfen auf dem Land).
KJ|0|27|10|0|Die Salome aber nahm sogleich schönstes frisches Heu und Stroh, belegte das Kripplein damit, deckte dann ein frisches Tuch darüber und machte also ein weiches Bettchen fürs Kindlein.
KJ|0|27|11|0|Maria aber wickelte das Kindlein in frische Linnen, drückte Es dann an ihre Brust, küsste Es, gab Es dann dem Joseph zu küssen und dann auch allen Anwesenden und legte Es dann in das wohl sehr ärmliche Bettchen für den Herrn Himmels und der Erde.
KJ|0|27|12|0|Gar ruhig schlief das Kindlein, und Maria konnte nun ruhig essen und sich stärken am Mahl, welches ihnen der überaus gutherzige Hauptmann bereitet hatte.
KJ|0|27|13|0|Nach der Mahlzeit aber sprach wieder Maria zu Joseph: „Joseph, lasse mir mein Lager zurechtmachen, denn ich bin gewaltig müde von der Reise und möchte mich darum zur Ruhe begeben!“
KJ|0|27|14|0|Salome aber sprach: „O Mutter meines Herrn, siehe, dafür ist schon lange bestens gesorgt; komm und siehe!“
KJ|0|27|15|0|Und Maria erhob sich, nahm wieder das Kindlein und ließ sich auch das Kripplein in ihr Zelt tragen und begab sich also zur Ruhe; und das war die erste völlige Schlafnacht für Maria nach der Geburt.
KJ|0|27|16|0|Der Hauptmann aber ließ ja fleißig heizen auf dem Herd und weiße Steine wärmen und mit selben das Zelt Mariens umstellen, auf dass sie mit dem Kindlein ja keine Kälte leiden solle; denn es war dies eine kalte Nacht, in der das Wasser im Freien zu festem Eis ward.
KJ|0|28|1|1|Die Kunde von den drei Anführern aus Persien. Fahndung des Herodes nach dem neugeborenen König der Juden. Marias Gottvertrauen
KJ|0|28|1|1|Am 12. September 1843
KJ|0|28|1|0|Am Morgen des kommenden Tages aber sprach Joseph: „Was sollen wir nun noch länger hier? Maria ist wieder gestärkt, daher wollen wir aufbrechen und uns nach Nazareth begeben, allwo wir doch eine ordentliche Unterkunft haben!“
KJ|0|28|2|0|Als aber der Joseph schon sich zum Aufbruch anzuschicken anfing, da kam der Hauptmann, welcher vor Tagesanbruch schon in der Stadt etwas zu tun hatte, wieder zurück und sprach zum Joseph:
KJ|0|28|3|0|„Gotteswürdiger Mann! Du willst aufbrechen zur Heimreise; aber für heute, morgen und übermorgen widerrate ich es dir!
KJ|0|28|4|0|Denn siehe, soeben sind Nachrichten durch meine Leute, die heute gar früh schon von Jerusalem angekommen sind, zu meinen Ohren gekommen, dass da in Jerusalem drei mächtige persische Karawanen eingezogen sind!
KJ|0|28|5|0|Drei oberste Anführer als Magier hatten sich beim Herodes um den neugeborenen König der Juden angelegentlichst erkundigt!
KJ|0|28|6|0|Dieser, von der Sache als ein römischer Mietfürst aus Griechenland nichts wissend, wandte sich an die Hohepriester, auf dass sie ihm kundgäben, wo der Neugesalbte geboren werden sollte.
KJ|0|28|7|0|Diese aber gaben ihm kund, dass solches in Judäa, und zwar in Bethlehem, geschehen solle; denn also stünde es geschrieben!
KJ|0|28|8|0|Darauf entließ der Herodes die Priester und begab sich mit seiner ganzen Dienerschaft wieder zu den drei Anführern und gab ihnen kund, was er von den Hohepriestern erkundschaftet hatte,
KJ|0|28|9|0|und empfahl darauf den dreien, in Judäa ja sorglichst den Neugesalbten der Juden zu suchen und, wenn sie ihn fänden, ja sobald wieder zu ihm zurückzukehren, auf dass auch dann er käme und dem Kind seine Huldigung darbrächte.
KJ|0|28|10|0|Weißt du aber, mein geliebtester Freund Joseph, dass ich weder den Persern, am allerwenigsten aber dem überaus herrschsüchtigen Herodes traue?!
KJ|0|28|11|0|Die Perser sollen Magier sein und sollen die Geburt durch einen sonderbaren Stern entdeckt haben. Das will ich gar nicht in Abrede stellen; denn haben sich hier bei der Geburt dieses Knäbleins so große Wunder gezeigt, so hat solches auch in Persien geschehen können.
KJ|0|28|12|0|Aber das ist für die Sache eben auch der misslichste Umstand; denn offenbar geht es dieses Kind an. Finden es die Perser, so wird es auch der Herodes finden!
KJ|0|28|13|0|Und wir werden uns dann sehr auf die Hinterbeine zu stellen haben, um dem alten Fuchs aus den Krallen zu kommen!
KJ|0|28|14|0|Daher musst du, wie gesagt, wenigstens drei Tage noch hier verweilen an diesem abseitigen Ort, binnen welcher Zeit ich mit den Königsuchern sicher eine gute Wendung machen werde; denn siehe, ich gebiete hier über zwölf Legionen Soldaten! Mehr brauche ich dir zu deiner Ruhe nicht zu sagen. Nun weißt du das Nötigste; bleibe daher! Ich aber gehe nun wieder und werde um des Tages Mitte wieder zu dir kommen!“
KJ|0|28|15|1|Am 13. September 1843
KJ|0|28|15|0|Joseph, durch diese Nachricht samt seiner Familie eingeschüchtert, blieb und wartete in aller Ergebung in den Willen des Herrn ab, was da aus dieser sonderbaren Fügung werden solle.
KJ|0|28|16|0|Und er ging hin zur Maria und erzählte ihr, was er soeben vom Hauptmann vernommen hatte.
KJ|0|28|17|0|Die Maria aber sprach: „Des Herrn Wille geschehe! Was alles für bittere Dinge sind uns schon bisher begegnet, – und der Herr hat sie alle in Honig verwandelt!
KJ|0|28|18|0|Sicher werden uns auch die Perser nichts zuleide tun, falls sie im Ernst zu uns kommen sollten; und sollten sie an uns irgendeine bedungene Gewalt verüben wollen, so haben wir ja durch die Gnade Gottes den Schutz des Hauptmanns für uns!“
KJ|0|28|19|0|Und der Joseph sagte: „Maria, das alles ist in der Ordnung! Die Perser fürchte ich auch eben nicht so sehr; aber den graubärtigen Herodes, dieses reißende Tier in menschlicher Gestalt, – der ist es, den ich fürchte, und auch der Hauptmann sich scheut vor ihm!
KJ|0|28|20|0|Denn wird es durch die Perser allenfalls erwiesen, dass da unser Knäblein der neugesalbte König ist, dann wird uns nichts als eine schnöde Flucht übrigbleiben!
KJ|0|28|21|0|Denn dann wird auch unser Hauptmann aus staatlichen römischen Rücksichten uns seines Heils willen zum Feind werden müssen und wird uns, statt zu retten, nur verfolgen müssen, will er nicht als ein Abtrünniger und als ein geheimer Verräter seines Kaisers angesehen werden!
KJ|0|28|22|0|Und das sieht er heimlich auch sicher ein, da er selbst zu mir bezüglich des Herodes nicht unbedeutende Bedenklichkeiten zu erkennen gab.
KJ|0|28|23|0|Darum, meine ich, lässt er uns auch noch drei Tage hier harren! Geht es gut, so bleibt er sicher unser Freund!
KJ|0|28|24|0|Geht es aber schlecht, so hat er uns aber auch bei der Hand, um uns der Grausamkeit Herodis auszuliefern, und wird dadurch noch obendrauf von seinem Kaiser eine große Auszeichnung erhalten, darum er auf eine so feine Art einen jüdischen König, der einst dem Staat gefährlich werden könnte, aus der Welt befördert hatte!“
KJ|0|28|25|0|Maria aber sagte darauf: „Joseph! Ängstige dich und mich nicht vergeblich! Siehe, haben wir doch das Fluchwasser getrunken, und es ist uns nichts geschehen! Warum sollen wir uns denn nun ängstigen, da wir doch schon so viel der Herrlichkeit Gottes ob dieses Kindes gesehen und erprobt haben?!
KJ|0|28|26|0|Gehe es, wie es wolle, ich sage dir: Der Herr ist mächtiger denn die Perser, der Herodes, der Kaiser Roms und der Hauptmann samt seinen zwölf Legionen! Daher sei ruhig, wie du siehst, dass ich ruhig bin!
KJ|0|28|27|0|Übrigens aber bin ich überzeugt, dass der Hauptmann eher alles aufbieten wird, als bis er notgedrungen unser Feind werden wird!“
KJ|0|28|28|0|Damit ward der gute, frommste Joseph wieder beruhigt und ging hin und erwartete den Hauptmann und ließ von seinen Söhnen die Höhle beheizen und einige Früchte kochen für Maria und für sich und die Söhne.
KJ|0|29|1|1|Die Karawane der drei Sternkundigen vor der Höhle. Der führende Stern
KJ|0|29|1|1|Am 14. September 1843
KJ|0|29|1|0|Der Mittag war herangekommen, aber der Hauptmann verzog diesmal, und Joseph zählte mit banger Erwartung die Augenblicke; aber der Hauptmann kam nicht zum Vorschein.
KJ|0|29|2|0|Darum wandte sich der Joseph zum Herrn und sprach: „Mein Gott und mein Herr, ich bitte Dich, dass Du mich doch nicht so sehr möchtest ängstigen lassen; denn siehe, ich bin alt und schon ziemlich schwach in allen meinen Gelenken!
KJ|0|29|3|0|Daher stärke mich durch eine Verkündung, was ich tun soll, um nicht zuschanden zu werden vor allen Söhnen Israels!“
KJ|0|29|4|0|Als der Joseph also gebetet hatte, siehe, da kam der Hauptmann fast außer Atem und sprach zu Joseph:
KJ|0|29|5|0|„Mann meiner höchsten Achtung! Soeben komme ich von einem Marsch zurück, den ich selbst mit einer ganzen Legion nahe auf den drittel Weg gen Jerusalem gemacht habe, um etwas von den Persern zu erspähen,
KJ|0|29|6|0|und habe auch allorts Spione aufgestellt, aber bis jetzt konnte ich nichts entdecken! Sei aber nur ruhig; denn wenn sie kommen, müssen sie auf meine ausgestellten Posten stoßen!
KJ|0|29|7|0|Da aber soll es ihnen eben nicht zu leicht werden, irgendwo durchzubrechen und hierher zu gelangen, bevor sie nicht von mir sind verhört und beurteilt worden! Ich gehe nun darum sogleich wieder und werde die Wachen verstärken; am Abend bin ich bei dir!“
KJ|0|29|8|0|Hier eilte der Hauptmann wieder fort, und der Joseph lobte Gott und sprach zu seinen Söhnen: „Nun setzt die Speisen auf den Tisch, und du, Salome, frage die Maria, ob sie mit uns am Tisch essen will, oder sollen wir ihr die Speisen aufs Lager bringen?“
KJ|0|29|9|0|Maria aber kam selbst mit dem Kindlein ganz heiteren Mutes heraus aus ihrem Zelt und sprach: „Weil ich stark genug bin, will ich bei euch am Tisch essen; nur das Krippel [Kripplein] schafft her fürs Kindlein!“
KJ|0|29|10|0|Joseph aber war darüber voll Freuden und setzte vor Maria die besten Stücke hin; und sie lobten Gott den Herrn und aßen und tranken.
KJ|0|29|11|0|Als sie aber noch kaum abgespeist hatten, siehe, da entstand auf einmal vor der Höhle ein starkes Lärmen. Der Joseph sandte den Joel, nachzusehen, was es gäbe.
KJ|0|29|12|0|Als der Joel aber hinausblickte zur Tür (denn die Höhle war am Ausgang gezimmert), da sah er eine ganze Karawane von Persern mit belasteten Kamelen und sprach mit ängstlicher Stimme:
KJ|0|29|13|0|„Vater Joseph! Um des Herrn willen, wir sind verloren! Denn siehe, die berüchtigten Perser sind hier mit vielen Kamelen und großer Dienerschaft!
KJ|0|29|14|0|Sie schlagen ihre Zelte auf und lagern sich in einem weiten Kreis, unsere Höhle ganz umringend, und drei mit Gold, Silber und Edelsteinen gezierte Anführer packen goldene Säcke aus und machen Miene, sich herein in die Höhle zu begeben!“
KJ|0|29|15|0|Diese Nachricht machte unseren guten Joseph beinahe sprachunfähig; mit großer Mühe brachte er die Worte heraus: „Herr, sei mir armem Sünder barmherzig! Ja, jetzt sind wir verloren!“ – Maria aber nahm das Kindlein und eilte damit in ihr Zelt und sprach: „Nur wenn ich tot bin, werdet ihr Es mir entreißen!“
KJ|0|29|16|0|Joseph aber ging nun hin zur Tür, geleitet von seinen Söhnen, und sah verstohlen hinaus, was da machten die Perser.
KJ|0|29|17|0|Als er aber die große Karawane und die aufgerichteten Zelte erschaute, da ward es ihm doppelt bange ums Herz, dass er darob inbrünstigst zu flehen anfing, der Herr möchte ihm nur diesmal aus solcher großen Not helfen.
KJ|0|29|18|0|Als er aber also flehte, siehe, da kam der Hauptmann in ganz kriegerischer Rüstung, geleitet von tausend Kriegern, und stellte die Krieger zu beiden Seiten der Höhle auf.
KJ|0|29|19|0|Er selbst aber ging hin und befragte die drei Magier, aus welcher Veranlassung und wie – von ihm also ganz unbemerkt – sie hierher gelanget seien.
KJ|0|29|20|0|Und die drei sprachen einstimmig zum Hauptmann: „Halte uns ja nicht für Feinde; denn du siehst ja, dass wir keine Waffen mit uns führen, weder offene noch verborgene!
KJ|0|29|21|0|Wir sind aber Sternkundige aus Persien, und wir haben eine alte Prophezeiung, in dieser steht es geschrieben, dass in dieser Zeit den Juden wird ein König der Könige geboren werden, und seine Geburt wird durch einen Stern angezeigt werden.
KJ|0|29|22|0|Und die da den Stern sehen werden, die sollen sich auf die Reise machen und ziehen, dahin sie der mächtige Stern führen wird; denn sie werden dort den Heiland der Welt finden, wo der Stern wird seinen Stand nehmen!
KJ|0|29|23|0|Siehe aber, ob diesem Stall steht der Stern, sicher jedermann sichtbar am hellen Tag sogar! Dieser war unser Führer hierher; hier aber blieb er stehen ob diesem Stall, und wir haben sicher ohne allen Anstand die Stelle erreicht, allwo das Wunder aller Wunder sich lebendig vorfindet, ein neugeborenes Kind, ein König der Könige, ein Herr der Herren von Ewigkeit!
KJ|0|29|24|0|Diesen müssen wir sehen, anbeten und Ihm die allerhöchste Huldigung darbringen! Daher wolle uns ja nicht den Weg verrammen; denn sicher hat uns kein böser Stern hierher geführt!“
KJ|0|29|25|0|Hier sah der Hauptmann nach dem Stern und verwunderte sich hoch über ihn; denn fürs Erste stand er ganz nieder, und fürs Zweite war sein Licht nahe so stark wie das Naturlicht der Sonne.
KJ|0|29|26|0|Als der Hauptmann aber sich von alledem überzeugt hatte, da sprach er zu den dreien: „Gut, ich habe nun aus euren Worten und aus dem Stern die Überzeugung erlangt, dass ihr redlichen Sinnes hierher gekommen seid. Aber nur sehe ich nicht ein, was ihr zuvor in Jerusalem beim Herodes zu tun hattet?! Hat euch der Stern auch jenen Weg gezeigt?
KJ|0|29|27|0|Warum hat euch denn euer Wunderführer nicht sogleich hierher geführt, indem doch alsonach sicher hier der Ort eurer Bestimmung ist? Darüber verlange ich noch eine Antwort von euch, sonst kommt ihr nicht in die Höhle!“
KJ|0|29|28|0|Die drei aber sagten: „Der große Gott wird das wissen! Sicher muss es in Seinem Plan liegen; denn keiner aus uns hatte je den Sinn gefasst, sich Jerusalem auch nur von ferne zu nahen!
KJ|0|29|29|0|Und du kannst uns völlig glauben, uns gefielen die Menschen in Jerusalem gar nicht, am wenigsten aber der Fürst Herodes! Da wir aber schon dort waren und aller Stadt Aufmerksamkeit auf uns gerichtet war, so mussten wir doch zeigen, was da ist unsere Absicht!
KJ|0|29|30|0|Die Priester gaben uns Kunde durch den Fürsten, der uns bat, dass wir ihm wieder die Kunde überbringen sollen von dem gefundenen König, auf dass auch er käme und brächte dem neuen König seine Huldigung dar.“
KJ|0|29|31|0|Der Hauptmann aber sprach: „Das werdet ihr nimmer tun; denn ich kenne die Absicht dieses Fürsten! Eher bleibt ihr hier als Geiseln! Ich aber gehe nun hinein und will mich mit dem Vater des Kindes über euch besprechen.“
KJ|0|30|1|1|Die drei Sternkundigen huldigen dem Herrn und bringen Ihm Geschenke
KJ|0|30|1|1|Am 16. September 1843
KJ|0|30|1|0|Als der gute Joseph alles das vernommen hatte, da ward es ihm leichter ums bedrängte Herz; und da er vernommen hatte, dass der Hauptmann zu ihm kommen werde, so machte er sich auf seinen Empfang bereit.
KJ|0|30|2|0|Und der Hauptmann trat ein, grüßte den Joseph und sprach dann zu ihm: „Mann meiner höchsten Achtung!
KJ|0|30|3|0|Siehe, durch wunderbare Fügung sind diese draußen nun harrenden Morgenländer hierher gekommen. Ich habe sie scharf geprüft und habe an ihnen nichts Arges entdeckt!
KJ|0|30|4|0|Sie wünschen dem Kind nach der Beheißung ihres Gottes ihre Huldigung darzubringen, und so bin ich der Meinung, du kannst sie ohne die allergeringste Furcht hereinlassen, wann es dir gelegen ist.“
KJ|0|30|5|0|Und der Joseph sprach: „Wenn es also ist, da will ich meinen Gott loben und preisen; denn Er hatte wieder einen glühenden Stein von meinem Herzen genommen!
KJ|0|30|6|0|Aber es hatte sich zuvor die Maria etwas entsetzt, als sich die Perser um diese Höhle zu lagern anfingen; darum muss ich doch zuvor nachsehen, wie sie bestellt ist, auf dass da ein unvorbereitetes Eintreten dieser Gäste sie nicht noch mehr erschreckt, als sie sich schon ehedem vor ihnen erschreckt hatte.“
KJ|0|30|7|0|Der Hauptmann aber billigte diese Vorsicht Josephs; und der Joseph ging hin zur Maria und benachrichtigte sie von allem, was er vom Hauptmann vernommen hatte.
KJ|0|30|8|0|Und Maria ganz heiteren Mutes sprach: „Friede allen Menschen auf Erden, die eines treuen und guten Herzens sind und haben einen Willen, der sich von Gott lenken lässt!
KJ|0|30|9|0|Diese sollen nur kommen, wann es ihnen des Herrn Geist anzeigen wird, und sollen den Segen ihrer Treue ernten! Denn ich habe nicht die allergeringste Furcht vor ihnen!
KJ|0|30|10|0|Aber wenn sie eintreten werden, musst du doch mir recht nahe zur Seite stehen; denn es würde sich doch nicht schicken, dass ich sie ganz allein empfinge in diesem Zelt!“
KJ|0|30|11|0|Der Joseph aber sagte: „Maria, so du Kraft hast, da stehe auf mit dem Kind, nehme das Krippel [Krippchen] und lege Es vor dir in dasselbe, und dann können die Gäste eintreten und dem Kind ihre Ehre geben!“
KJ|0|30|12|0|Und die Maria vollzog sogleich diesen Willen Josephs, und Joseph sprach darauf zum Hauptmann:
KJ|0|30|13|0|„Siehe, wir sind bereit; so da die drei eintreten wollen, da können wir es ihnen schon andeuten, dass wir nach unserer Armut ganz auf ihren Empfang bereitet sind!“
KJ|0|30|14|0|Und der Hauptmann ging hinaus und kündigte solches den dreien an. Die drei aber fielen sobald zur Erde nieder, lobten Gott für diese Gestattung, nahmen dann die goldenen Säcke und begaben sich allerehrfurchtsvollst in die Höhle.
KJ|0|30|15|1|Am 18. September 1843
KJ|0|30|15|0|Der Hauptmann öffnete die Tür, und die drei traten mit der allerhöchsten Ehrfurcht in die Höhle; denn es ging im Augenblick ihres Eintretens ein mächtiges Licht vom Kind aus.
KJ|0|30|16|0|Als sie, die drei Weisen nämlich, sich auf ein paar Tritte dem Krippel [Krippchen], darinnen das Kindlein lag, näherten, da fielen sie sobald auf ihre Angesichter nieder und beteten dasselbe an.
KJ|0|30|17|0|Bei einer Stunde lang lagen sie, von der höchsten Ehrfurcht ergriffen und gebeugt, vor dem Kind; dann erst erhoben sie sich langsam und richteten kniend ihre mit Tränen befeuchteten Angesichter auf und besahen den Herrn, den Schöpfer der Unendlichkeit und Ewigkeit.
KJ|0|30|18|0|Die Namen der drei aber waren Chaspara, Melcheor und Balthehasara.
KJ|0|30|19|0|Und der Erste, in Gesellschaft des Geistes Adams, sprach: „Gebet Gott die Ehre, das Lob, den Preis! Hosianna, hosianna, hosianna Gott, dem Dreieinigen, von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
KJ|0|30|20|0|Hier nahm er den goldgewirkten Beutel, in dem dreiunddreißig Pfunde feinsten Weihrauchs waren, und übergab ihn mit der größten Ehrerbietung der Maria mit den Worten:
KJ|0|30|21|0|„Nimm ohne Scheu, o Mutter, dies geringe Zeugnis dessen, davon mein ganzes Wesen ewig erfüllt sein wird! Nimm hin den schlechten äußeren Tribut, den jedes denkende Geschöpf aus dem Grunde seines Herzens seinem allmächtigen Schöpfer schuldet für ewig!“
KJ|0|30|22|0|Maria nahm den schweren Beutel und übergab ihn dem Joseph, und der Spender erhob sich, stellte sich hin zur Tür und kniete da abermals nieder und betete den Herrn in dem Kind an.
KJ|0|30|23|0|Und sobald erhob der zweite, der da ein Mohr war und des Kains Geist in seiner Gesellschaft hatte, einen etwas kleineren Beutel, aber von gleichem Gewicht, gefüllt mit reinstem Gold, und überreichte ihn der Maria mit den Worten:
KJ|0|30|24|0|„Was dem König der Geister und der Menschen auf Erden gebührt, bringe ich da ein kleinstes Opfer Dir, Du Herr der Herrlichkeit ewig! Nimm es hin, o Mutter, die du geboren hast, das aller Engel Zunge ewig nie wird auszusprechen imstande sein!“
KJ|0|30|25|0|Hier übernahm Maria den zweiten Beutel und übergab ihn dem Joseph. Und der opfernde Weise erhob sich und ging hin zum ersten und tat, was dieser tat.
KJ|0|30|26|0|Sodann erhob sich der dritte, nahm seinen Beutel, gefüllt mit allerfeinster Goldmyrrhe, einer damals allerkostbarsten Spezerei, und übergab ihn der Maria mit den Worten:
KJ|0|30|27|0|„Der Geist Abrahams ist in meiner Gesellschaft und sieht nun den Tag des Herrn, auf den er sich so mächtig gefreut hatte!
KJ|0|30|28|0|Ich aber, Balthehasara, opfere hier in kleiner Gabe, was da gebührt dem Kind der Kinder! Nimm es hin, o Mutter aller Gnade! Ein besseres Opfer aber berge ich in meiner Brust; es ist meine Liebe, – diese soll diesem Kind ewig ein wahrstes Opfer bleiben!“
KJ|0|30|29|0|Hier nahm Maria den ebenfalls dreiunddreißig Pfunde schweren Beutel und übergab ihn dem Joseph. Der Weise aber erhob sich dann auch und ging hin zu den zwei ersten, betete an das Kindlein und ging nach vollendetem Gebet mit den ersten zweien hinaus, da ihre Zelte aufgerichtet waren.
KJ|0|31|1|1|Maria verweist auf die väterliche Fürsorge Gottes. Die Redlichkeit und Weisheit Josephs
KJ|0|31|1|1|Am 19. September 1843
KJ|0|31|1|0|Als die drei Weisen aber völlig wieder draußen waren und sich zur Ruhe begeben hatten in ihren Zelten, da sagte die Maria zum Joseph:
KJ|0|31|2|0|„Siehe, siehe nun, du ängstlicher, sorgerfüllter Mann, wie herrlich und gut der Herr, unser Gott, ist, wie gar so väterlich Er für uns sorgt!
KJ|0|31|3|0|Wer hätte von uns sich je im Traum etwas solches können beifallen lassen? Aus unserer großen Angst hat Er solch einen Segen für uns bewirkt und hat alle unsere große Furcht und Sorge in eine so große Freude verwandelt!
KJ|0|31|4|0|Von denen wir befürchteten, dass sie nach dem Leben des Kindes trachten möchten, gerade von denen haben wir erlebt, dass sie Ihm nur eine Ehre dargebracht hatten, wie wir sie nur immer Gott, dem Herrn, schuldig sind!
KJ|0|31|5|0|Und haben uns noch obendrauf so reichlich beschenkt, dass wir uns um den Wert der Geschenke ein sehr ansehnliches Landgut völlig zu eigen ankaufen können und können dort für die Erziehung des göttlichen Kindes sicher nach dem Willen des Herrn bestens sorgen!
KJ|0|31|6|0|O Joseph! Heute erst will ich dem allerliebvollsten Herrn danken, Ihn loben und preisen die ganze Nacht hindurch; denn Er ist nun unserer Armut auch so sehr zuvorgekommen, dass wir uns jetzt recht gütlich behelfen können! Was sagst denn du dazu, lieber Vater Joseph?“
KJ|0|31|7|0|Und der Joseph sprach: „Ja, Maria, unendlich gut ist Gott der Herr denen, die Ihn lieben über alles und alle ihre Hoffnung auf Ihn allein richten; – aber ich meine, nicht uns, sondern dem Kind gelten die Geschenke, und wir haben demnach nicht das Recht, sie zu gebrauchen nach unserem Gutdünken.
KJ|0|31|8|0|Das Kind aber heißt Jesus und ist ein Sohn des Allerhöchsten; daher müssen wir zuerst den allerhabensten Vater fragen, was da mit diesen Schätzen geschehen soll!
KJ|0|31|9|0|Und was Er damit anordnen wird, das wollen wir auch tun; ohne Seinen Willen aber will ich sie nicht anrühren mein Leben lang und will dir und mir lieber auf die beschwerlichste Art von der Welt ein gesegnetes Stückchen Brotes verdienen!
KJ|0|31|10|0|Habe ich dich und meine Söhne doch bis jetzt durch die vom Herrn gesegnete Arbeit meiner Hände ernährt; also werde ich es mit der Hilfe des Herrn auch noch fürder zu tun vermögen!
KJ|0|31|11|0|Daher sehe ich nicht auf diese Geschenke, sondern allein auf den Willen des Herrn und auf Seine Gnade und Liebe.
KJ|0|31|12|0|Das sind die drei größten, uns allzeit mächtig segnenden Geschenke Gottes; Sein heiliger Wille ist mir der köstlichste Weihrauch, Seine Gnade das reinste und schwerste Gold, und Seine Liebe die allerköstlichste Myrrhe!
KJ|0|31|13|0|Diese drei Schätze dürfen wir allzeit ohne Scheu verschwenderisch gebrauchen; aber diesen Weihrauch, dieses Gold und diese Myrrhen da in den goldenen Säcken dürfen wir nicht anrühren ohne die ersten drei Hauptschätze, die uns bis jetzt noch immer die reichlichsten Interessen abgeworfen haben.
KJ|0|31|14|0|Also, liebe Maria, wollen wir tun, und ich weiß, der Herr wird uns darum mit großem Wohlgefallen ansehen; Sein Wohlgefallen aber sei uns der allergrößte Schatz!
KJ|0|31|15|0|Was meinst du, holdeste Maria, habe ich recht oder nicht? Ist also nicht am besten mit diesen Schätzen die rechte Bestimmung getroffen?“
KJ|0|31|16|0|Hier wurde die Maria bis zu Tränen gerührt und lobte die Weisheit Josephs. Und der Hauptmann fiel dem Joseph um den Hals und sprach: „Ja, du bist noch ein wahrer Mensch nach dem Willen deines Gottes!“ – Das Kindlein aber sah den Joseph lächelnd an, hob ein Händchen auf und tat, als segnete Es den Nährvater, den frömmsten Joseph.
KJ|0|32|1|1|Abreise der drei Sternkundigen. Menschenhilfe und Gotteshilfe
KJ|0|32|1|1|Am 20. September 1843
KJ|0|32|1|0|Die drei Weisen aber traten in einem Zelt zusammen und besprachen, was sie nun tun sollten.
KJ|0|32|2|0|Sollen sie dem Herodes das gegebene Wort halten, oder sollen sie hier zum ersten Mal wortbrüchig werden?
KJ|0|32|3|0|Und so sie einen anderen Weg in ihr Land einschlagen sollten, da frage es sich, welchen, der sie sicher brächte in ihr Land wieder.
KJ|0|32|4|0|Und einer fragte den anderen: „Wird wohl der wunderbare Stern, der uns hierher geführt hatte, uns auch wieder anderen Weges nach Hause führen?“
KJ|0|32|5|0|Als sie sich aber also berieten, siehe, da trat auf einmal ein Engel unter sie und sprach zu ihnen: „Sorgt euch nicht vergeblich, der Weg ist schon gebahnt!
KJ|0|32|6|0|So gerade als da fällt der Sonne Strahl auf die Erde am Mittag, ebenso geraden Weges sollt ihr morgen in euer Land anderen Weges denn über Jerusalem geleitet werden!“
KJ|0|32|7|0|Darauf verschwand der Engel, und die drei begaben sich zur Ruhe. Und früh am Morgen zogen sie von da hinweg und gelangten auf dem kürzesten Weg bald wieder in ihr Land, allwo sie vielen Freunden die große Ehre Gottes verkündeten und weckten sie wieder im rechten Glauben an den einigen Gott.
KJ|0|32|8|0|Am selben Morgen aber fragte der Joseph den Hauptmann, wie lange er denn noch in dieser Höhle werde verweilen müssen.
KJ|0|32|9|0|Der Hauptmann aber sagte freundlichst zum Joseph: „Mann meiner höchsten Achtung! Glaubst du denn, ich halte dich hier wie einen Gefangenen?
KJ|0|32|10|0|O welch ein Gedanke! Wie soll ich, ein Wurm im Staub vor der Macht deines Gottes, dich wohl je gefangen halten!? Was aber meine Liebe zu dir tut, siehe, das ist ja keine Gefangenschaft!
KJ|0|32|11|0|Von meiner Macht aus bist du zu jeder Stunde frei und kannst ziehen, dahin du willst! Aber nicht ebenso frei bist du von meinem Herzen aus; das möchte dich freilich hier halten für alle Zeit, denn es liebt dich und dein Söhnlein mit unbeschreiblicher Macht!
KJ|0|32|12|0|Sei aber noch ein paar Tage ruhig; ich will sogleich Kundschafter nach Jerusalem senden und dort erfahren, was da der graue Fuchs machen wird, so die Perser ihm das Wort nicht gehalten haben!
KJ|0|32|13|0|Dann aber werde ich mich schon zu richten wissen und werde dich schützen gegen jede Verfolgung dieses Wüterichs.
KJ|0|32|14|0|Denn du kannst es mir glauben, dieser Herodes ist der größte Feind meines Herzens, und ich will ihn schlagen, wo ich nur immer mag und kann!
KJ|0|32|15|0|Ich bin freilich wohl nur ein Hauptmann und bin noch selbst ein Untergebener dem höheren Feldherrn, der zu Sidon und Smyrna residiert und befiehlt über zwölf Legionen in Asien.
KJ|0|32|16|0|Aber ich bin kein gemeiner Zenturio, sondern bin ein Patrizier und gebiete daher nach meinem Titel mit über die zwölf Legionen in Asien! So ich eine oder die andere gebrauchen will, da brauche ich nicht erst nach Smyrna zu senden, sondern als Patrizier nur zu gebieten, und die Legion muss mir gehorchen! Daher kannst du auf mich schon rechnen, wenn sich Herodes erheben sollte!“
KJ|0|32|17|1|Am 22. September 1843
KJ|0|32|17|0|Joseph dankte dem Hauptmann für diese allerfreundlichste Sorgfalt, setzte aber dann hinzu und sprach:
KJ|0|32|18|0|„Höre mich nun auch an, du achtbarster Freund! Siehe, du hast dich ehedem wohl auch allerwachsamst gesorgt wegen der Perser; aber was hat das alles genützt?!
KJ|0|32|19|0|Die Perser kamen ungesehen von all deinen tausend Augen und hatten lange ehe schon ihr Lager geschlagen, als du auch nur einen von ihnen entdecken mochtest!
KJ|0|32|20|0|Siehe, hätte mich da der Herr, mein Gott, nicht beschützt, wo wäre ich nun schon mit deiner Hilfe? Ehe du zum Vorschein kamst, hätten die Perser mich samt meiner Familie schon lange erwürgen können!
KJ|0|32|21|0|Daher sage ich dir nun als ein wärmsten Dankes vollster Freund: Menschenhilfe ist zu nichts nütze; denn alle Menschen sind nichts vor Gott!
KJ|0|32|22|0|So aber Gott der Herr uns helfen will und auch allein nur helfen kann, da sollen wir uns gar nicht viel Mühens machen; denn es wird trotz alles unseres Mühens dennoch alles also geschehen, wie es der Herr will, aber nie, wie wir es wollen.
KJ|0|32|23|0|Unterlasse daher das mühsame und gefährliche Auskundschaften in Jerusalem, durch das du fürs Erste wenig Erhebliches erfahren möchtest und fürs Zweite, so es aufkäme, dir noch meinetwegen ein herbes Los bereiten könntest!
KJ|0|32|24|0|In dieser Nacht aber wird es mir der Herr ohnehin sicher anzeigen, was da Herodes tun wird, und was ich werde tun müssen; daher magst du nun samt mir ganz ruhig sein und den Herrn allein über mich und dich walten lassen, und es wird schon alles recht sein.“
KJ|0|32|25|0|Als der Hauptmann aber solche Rede vom Joseph vernommen hatte, ward er sehr bewegt in seinem Gemüt, und es tat ihm weh, dass der Joseph seine Hilfe abgelehnt hatte.
KJ|0|32|26|0|Joseph aber sprach: „Guter, liebster Freund! dich schmerzt es, weil ich dir es abgeraten habe, dich ferner noch um meine Wohlfahrt zu kümmern.
KJ|0|32|27|0|Aber so du die Sache beim hellen Licht betrachtest, da musst du ja doch selbst notwendig dasselbe finden!
KJ|0|32|28|0|Siehe, wer aus uns hat noch je die Sonne und den Mond und alle die Sterne über das Firmament getragen? Wer aus uns noch je den Winden, Stürmen und Blitzen geboten?
KJ|0|32|29|0|Wer hatte dem mächtigen Meer sein Bett gegraben, wer aus uns den großen Strömen ihren Weg vorgezeichnet?
KJ|0|32|30|0|Welchen Vogel haben wir den schnellen Flug gelehrt und wann sein Gefieder geordnet? Wann für ihn die klang- und sangreiche Kehle gebildet?
KJ|0|32|31|0|Wo wohl steht das Gras, zu dessen Wachstum wir den lebendigen Samen gebildet hätten?
KJ|0|32|32|0|Siehe, das alles aber tut der Herr täglich! So dich aber Sein mächtiges wunderbares Walten doch in jedem Augenblick an Seine unendlich liebvollste Fürsorge erinnert, wie sollte es dich da wundern, wenn ich dich freundlichst darauf aufmerksam mache, da vor Gott alle Menschenhilfe in den Staub der Nichtigkeit zurücksinkt?“
KJ|0|32|33|0|Diese Worte brachten den Hauptmann wieder in eine günstige Stimmung; aber dessen ungeachtet sandte er dennoch heimlich Kundschafter nach Jerusalem, um zu erfahren, was dort vor sich ginge.
KJ|0|33|1|1|Vorbereitungen zur Flucht nach Ägypten
KJ|0|33|1|1|Am 23. September 1843
KJ|0|33|1|0|In dieser Nacht aber erschien dem Joseph, wie der Maria, ein Engel im Traum und sprach:
KJ|0|33|2|0|„Joseph! verkaufe die Schätze und kaufe dir noch einige Lasttiere; denn du musst mit deiner Familie nach Ägypten fliehen!
KJ|0|33|3|0|Siehe, Herodes ist in einen mächtigen Grimm ausgebrochen und hatte beschlossen, alle Kinder von ein bis zwölf Jahren Alters zu ermorden, darum er von den Weisen hintergangen ward!
KJ|0|33|4|0|Diese hätten es ihm anzeigen sollen, wo der neue König geboren ward, auf dass er dann seine Schergen ausgesandt hätte, welche das Kind hätten ermorden sollen, welches da ist der neue König.
KJ|0|33|5|0|Wir Engel der Himmel aber haben die Weisung vom Herrn erhalten, ehe noch, als Er in die Welt ging, über alles das allsorglichst zu wachen, was eure Sicherheit betrifft!
KJ|0|33|6|0|Darum denn kam ich nun zu dir, um es dir anzuzeigen, was der Herodes tun wird, da er des Einen nicht bestimmt habhaft werden kann.
KJ|0|33|7|0|Der Hauptmann selbst wird müssen dem Herodes Subsidien leisten, will er nicht von ihm beim Kaiser verraten werden; darum sollst du dich schon morgen auf die Reise machen!
KJ|0|33|8|0|Solches aber kannst denn du wohl auch dem Hauptmann anzeigen, und er wird dir behilflich sein zur schleunigen Abreise! Also geschehe im Namen Dessen, der da lebet und sauget die Brüste Marias!“
KJ|0|33|9|0|Hier ward Joseph wach, und also auch die Maria, die da sogleich mit ängstlicher Stimme den Joseph zu sich rief und ihm dann sogleich ihren Traum erzählte.
KJ|0|33|10|0|Joseph aber ersah sobald sein Gesicht in der Erzählung Mariens und sagte darauf: „Maria! sorge dich nicht, noch vor der Mitte des Tages sind wir schon übers Gebirge – und in sieben Tagen in Ägypten!
KJ|0|33|11|0|Ich will aber nun, da es schon helle wird, sogleich ausgehen und alles bestellen zur schnellen Abreise.“
KJ|0|33|12|0|Hier ging der Joseph auch sobald mit den drei ältesten Söhnen, nahm die Schätze und trug sie hin zu einem Wechsler, welcher ihm sobald die Tür öffnete und ihm alles ablöste um den gerechten Betrag.
KJ|0|33|13|0|Dann ging der Joseph zu einem Lasttierhändler, geleitet von einem Diener des Wechslers, und kaufte sogleich noch sechs lastbare Esel und kam also wohl ausgerüstet wieder in die Höhle zurück.
KJ|0|33|14|0|Daselbst harrte auch schon der Hauptmann seiner und erzählte ihm sogleich, was für allergrausamst schändlichste Nachrichten ihm von Jerusalem überbracht worden sind.
KJ|0|33|15|1|Am 25. September 1843
KJ|0|33|15|0|Joseph aber verwunderte sich nicht sehr über diese Erzählung des Hauptmanns, sondern sprach nur in einem gottergebenen Ton:
KJ|0|33|16|0|„Geehrter Freund! was du mir hier kundgibst, das alles und viel genauer ließ mir in dieser Nacht, wie ich es dir gestern meldete, der Herr kundgeben, was alles der Herodes beschlossen hatte!
KJ|0|33|17|0|Siehe, du selbst wirst ihm noch obendrauf müssen Subsidien leisten; denn er will um Bethlehem und in der Stadt selbst alle Kinder von etlichen Wochen Alters bis ins zwölfte Jahr erwürgen lassen, um unter ihnen auch auf das meine zu kommen!
KJ|0|33|18|0|Darum muss ich heute noch fliehen von hier, dahin mich des Herrn Geist führen wird, um der Grausamkeit Herodis zu entkommen.
KJ|0|33|19|0|Darum aber ersuche ich dich, dass du mir den sicheren Weg gen Sidon weisest; denn schon in einer Stunde muss ich aufbrechen!“
KJ|0|33|20|0|Als der Hauptmann aber solches vernommen hatte, ward er ergrimmt über alle Maßen über den Herodes und schwor ihm unversiegbare Rache, sagend:
KJ|0|33|21|0|„Joseph, so wahr es jetzt Tag wird und die Sonne schon über dem Horizont steht, so wahr dein Gott lebt, so wahr will ich mich als edelster Patrizier Roms eher ans Kreuz binden lassen, ehe ich solch ein Unternehmen den Wüterich werde ungestraft verüben lassen!
KJ|0|33|22|0|Führen will ich dich sogleich übers Gebirge selbst mit einer guten Bedeckung; und weiß ich dich in Sicherheit, dann werde ich zurückeilen und sogleich einen Eilboten nach Rom senden, der dem Kaiser alles anzeigen soll, was da der Herodes zu unternehmen gedenkt.
KJ|0|33|23|0|Ich aber werde alles Mögliche aufbieten, um hier das Vorhaben des Scheusals zu hintertreiben.“
KJ|0|33|24|0|Und der Joseph erwiderte: „Guter, achtbarster Freund! Wenn du schon etwas tun kannst, da beschütze wenigstens die Kinder von drei bis zwölf Jahren! Solches wird in deiner Macht stehen!
KJ|0|33|25|0|Aber die Kindlein von der Geburt an bis ins zweite Jahr wirst du nicht zu schützen vermögen!
KJ|0|33|26|0|Ersteren Schutz aber wirst du auch nicht durch Gewalt, sondern allein durch Klugheit zu bewerkstelligen imstande sein!
KJ|0|33|27|0|Der Herr aber wird dich in solcher Klugheit leiten! Darum denke nicht viel, was du tun wirst; denn der Herr wird dich leiten im Geheimen!“
KJ|0|33|28|0|Der Hauptmann aber sprach: „Nein, nein, der Kinder Blut solle nicht fließen; eher will ich militärische Gewalt brauchen!“
KJ|0|33|29|0|Joseph aber sprach: „Siehe, was kannst du wohl tun, so der Herodes schon mit einer ganzen römischen Legion soeben Jerusalem verlässt, – wirst du wider deine eigene Macht ins Feld ziehen? Daher tue, wie dich der Herr leiten wird, damit du auf freundlichem Wege doch die Drei- bis Zwölfjährigen rettest!“ – Hier gab der Hauptmann nach.
KJ|0|34|1|1|Flucht der heiligen Familie. Ankunft in Tyrus bei Cyrenius
KJ|0|34|1|1|Am 26. September 1843
KJ|0|34|1|0|Nach dieser Unterredung Josephs mit dem Hauptmann sprach der Joseph zu seinen Söhnen: „Macht euch auf, und rüstet die Lasttiere!
KJ|0|34|2|0|Die sechs neuen Esel sattelt für mich und euch und den alten und approbierten für die Maria! Nehmt, soviel ihr könnt, von den Esswaren mit; den Ochsen mit dem Karren aber lassen wir hier der Wehmutter zum Angedenken und zum Lohn für ihre Aufmerksamkeit für uns!“
KJ|0|34|3|0|Also ward der Ochse mit dem Karren von der Wehmutter in Besitz genommen und wurde zu keiner Arbeit mehr verwendet.
KJ|0|34|4|0|Die Salome aber fragte den Joseph, ob sie nicht mit ihm ziehen dürfte.
KJ|0|34|5|0|Und der Joseph sprach: „Das kommt auf dich an; ich aber bin arm, das weißt du, und kann dir keinen Lohn geben, so du mir eine Magd abgeben möchtest!
KJ|0|34|6|0|Hast du aber Mittel und kannst sorgen mit mir für den Mund und für des Leibes Haut, da kannst du mir ja folgen!“
KJ|0|34|7|0|Die Salome aber sprach: „Höre, du Sohn des großen Königs David! Nicht nur für mich, sondern für deine ganze Familie soll mein Vermögen auf hundert Jahre genügen!
KJ|0|34|8|0|Denn ich bin reicher an Weltgütern, als du dir es gedenken möchtest! Warte aber nur noch eine Stunde, und ich werde mit Schätzen beladen reisefertig dastehen!“
KJ|0|34|9|0|Joseph aber sprach: „Salome, siehe, du bist eine junge Witwe und bist Mutter; du musst also auch deine zwei Söhne mitnehmen!
KJ|0|34|10|0|Siehe, das wird dir viel Arbeit machen, und ich habe keine Minute Zeit mehr zu verlieren; denn in drei Stunden wird schon Herodes hier seinen Einzug halten, und in einer Stunde werden schon seine Vorboten und Läufer eintreffen!
KJ|0|34|11|0|Daraus aber kannst du ersehen, dass es für mich unmöglich ist, auf deine Zurechtrichtung zu warten!
KJ|0|34|12|0|Daher meine ich, so du bleibst, tust du besser, indem ich nicht durch dich aufgehalten werde; komme ich aber einst nach dem Willen des Herrn wieder zurück, so werde ich wieder Nazareth beziehen.
KJ|0|34|13|0|So du mir aber schon einen Dienst erweisen willst, so ziehe bei Gelegenheit nach Nazareth und verpachte auf weitere drei bis sieben oder zehn Jahre meinen Grund, auf dass er nicht in fremde Hände komme!“
KJ|0|34|14|0|Und die Salome stand von ihrer Forderung ab und begnügte sich mit diesem Auftrag.
KJ|0|34|15|0|Nachdem umarmte Joseph den Hauptmann und segnete ihn – und berief dann die Maria, auf dass sie sich setze auf ihr Lasttier mit dem Kindlein.
KJ|0|34|16|0|Als sonach alles zur Abreise bereitet war, sprach der Hauptmann zum Joseph: „Mann meiner höchsten Achtung! Werde ich dich je wieder zu sehen bekommen – und dieses Kind mit der Mutter?!“
KJ|0|34|17|0|Und der Joseph sprach: „Es werden kaum drei Jahre verfließen, werde ich dich wieder begrüßen und das Kind und Seine Mutter! Des sei versichert; – nun aber lasse uns aufbrechen, Amen.“
KJ|0|34|18|1|Am 27. September 1843
KJ|0|34|18|0|Hier bestieg Joseph sein Lasttier, und seine Söhne folgten seinem Beispiel; und Joseph ergriff die Zügel des Lasttieres der Maria und führte es unter Lobpreisung des Herrn aus der Höhle.
KJ|0|34|19|0|Als sich nun alles schon im Freien befand, da ersah Joseph, wie sich eine Menge Volkes aus der Stadt zu drängen anfing, um den Abzug des Neugeborenen zu sehen, indem es durch die heimkehrende Wehmutter und durch den Wechsler erfuhr, dass solches geschehen werde.
KJ|0|34|20|0|Dem Joseph aber kam die Gafflust sehr ungelegen; er bat daher den Herrn, Er möchte ihn doch so bald als möglich dieser schnöden Gafflust müßiger Menschen entziehen.
KJ|0|34|21|0|Und siehe, sobald fiel ein dichter Nebel über die ganze Stadt, und es war niemandem möglich, auch nur fünf Schritte weit zu sehen.
KJ|0|34|22|0|Das Volk aber ward darob verdrießlich und zog sich wieder in die Stadt zurück, und der Joseph, geleitet vom Hauptmann und der Salome, konnte ungesehen das nächste Gebirge erreichen.
KJ|0|34|23|0|Als er sogestaltig die Grenze zwischen Judäa und Syrien erreichte, da gab dem Joseph der Hauptmann einen Schutzbrief an den Landpfleger Cyrenius, der über Syrien gestellt war.
KJ|0|34|24|0|Und der Joseph nahm ihn mit Dank an, und der Hauptmann sprach: „Cyrenius ist ein Bruder zu mir; mehr brauche ich dir nicht zu sagen, und so denn reise glücklich und komme wieder also!“ Hier kehrte der Hauptmann um mit der Salome, und Joseph zog weiter im Namen des Herrn.
KJ|0|34|25|0|Um die Mittagsstunde hatte Joseph die Vollhöhe des Gebirges erreicht, in einer Entfernung von zwölf Stunden von Bethlehem, welche schon ganz in Syrien lag, auch zu der Zeit von den Römern Coele Syria genannt ward.
KJ|0|34|26|0|Denn Joseph musste diesen etwas größeren Umweg nehmen, indem von Palästina kein sicherer Weg nach Ägypten führte.
KJ|0|34|27|0|Seine Reiseroute aber war folgende: Am ersten Tag kam er in die Nähe der kleinen Stadt Bostra. Allda übernachtete er, den Herrn preisend. Da geschah es auch, dass Räuber zu ihm kamen, um ihn zu berauben.
KJ|0|34|28|0|Als sie aber das Kindlein ersahen, fielen sie auf ihr Angesicht, beteten Dasselbe an, und flohen dann überaus erschreckt ins Gebirge.
KJ|0|34|29|0|Von da zog der Joseph des anderen Tages wieder über ein starkes Gebirge und kam am Abend in die Gegend von Panea, einem Grenzstädtchen zwischen Palästina und Syria nördlich.
KJ|0|34|30|0|Von Panea aus erreichte er am dritten Tag die Provinz Phoenicia und kam in die Gegend von Tyrus, wo er am nächsten Tag sich mit seinem Schutzbrief zum Cyrenius begab, welcher in der Zeit sich geschäftehalber in Tyrus aufhielt.
KJ|0|34|31|0|Cyrenius nahm den Joseph freundlichst auf und fragte ihn, was er ihm tun solle.
KJ|0|34|32|0|Joseph aber sprach: „Dass ich sicher nach Ägypten käme!“ – Und der Cyrenius sagte: „Guter Mann, du hast einen starken Umweg gemacht; denn Palästina liegt Ägypten ja um vieles näher denn Phoenicia! Nun musst du doch wieder Palästina durchwandern – und musst von hier nach Samaria, von dort nach Joppe, von dort nach Askalon, von da nach Gaza, von da nach Geras und von da erst nach Elusa in Arabien!“
KJ|0|34|33|0|Da ward Joseph traurig, darum er sich also verirrt hatte. Aber der Cyrenius fasste Mitleid mit dem Joseph und sprach: „Guter Mann, es schmerzt mich deine Not. Du bist zwar ein Jude und ein Feind der Römer; aber da mein Bruder, mein Alles, dich so lieb hat, da will auch ich dir eine Freundschaft tun.
KJ|0|34|34|0|Siehe, morgen geht ein kleines, aber sicheres Schiff von hier nach Ostracine ab! Mit diesem sollst du in drei Tagen dort anlangen; und bist du in Ostracine, so bist du auch schon in Ägypten! Ich werde dir aber auch einen Schutzbrief mitgeben, demzufolge du in Ostracine wirst ungehindert verweilen und dir auch etwas ankaufen können. Für heute aber bist du mein Gast; lasse daher dein Gepäck hereinbringen!“
KJ|0|35|1|1|Die heilige Familie bei Cyrenius. Durch die Annäherung des Jesuskindes verschwinden Götzenstatuen
KJ|0|35|1|1|Am 28. September 1843
KJ|0|35|1|0|Und der Joseph ging hinaus und führte seine Familie vor das Haus, da Cyrenius wohnte, und dieser befahl sogleich seiner Dienerschaft, Josephs Lasttiere zu versorgen,
KJ|0|35|2|0|und führte den Joseph mit Maria und den fünf Söhnen in sein vorzüglichstes Gemach, in dem alles von Edelsteinen, Gold und Silber strotzte.
KJ|0|35|3|0|Es standen aber da auf einem weißen, feinst polierten marmornen Tisch eine Menge etwa einen Schuh hohe Statuen, aus korinthischem Erz gar wohl geformt.
KJ|0|35|4|0|Und Joseph fragte den Landpfleger, was diese Figuren wohl darstellten.
KJ|0|35|5|0|Der Landpfleger aber sagte gar freundlich: „Guter Mann, siehe, das sind unsere Götter! Wir müssen sie halten und kaufen von Rom gesetzmäßig, wenn wir auch keinen Glauben daran haben.
KJ|0|35|6|0|Ich betrachte sie bloß nur als Kunstwerke, und darin liegt auch einzig irgendein kleiner Wert für mich in diesen Götterfiguren; sonst aber muss ich sie nur allzeit mit der gegründetsten Verachtung ansehen!“
KJ|0|35|7|0|Und der Joseph fragte darauf den Cyrenius: „Höre, wenn du also denkst, so bist du ja ein Mensch ohne Gott und ohne Religion! Beunruhigt dir denn das nicht dein Gewissen?“
KJ|0|35|8|0|Und Cyrenius sprach: „Nicht im Geringsten; denn wenn es keinen anderen Gott gibt, als diese erzenen es da sind, da ist ja ein jeder Mensch mehr Gott als dieses dumme Erz, in dem kein Leben ist. Ich aber meine, es gibt irgendeinen wahren Gott, der ewig lebendig ist und allmächtig; darum verachte ich solchen alten Unsinn!“
KJ|0|35|9|0|Es war aber Cyrenius auch ein großer Kinderfreund und näherte sich darum der Maria, welche das Kind auf ihren Armen hielt, und fragte die Mutter, ob sie nicht müde sei ob der beständigen Tragung des Kindes.
KJ|0|35|10|0|Und die Maria sprach: „O mächtiger Herr des Landes! Freilich wohl bin ich schon gar sehr müde; aber meine große Liebe zu diesem meinem Kind macht mich alle Ermüdung vergessen!“
KJ|0|35|11|0|Und der Landpfleger erwiderte der Maria: „Siehe, auch ich bin ein großer Kinderfreund, bin vermählt wohl, aber die Natur oder Gott haben mich noch mit keiner Nachkommenschaft gesegnet; daher pflege ich fremde Kinder – sogar die der Sklaven – nicht selten zu mir zu nehmen an Kindesstelle!
KJ|0|35|12|0|Ich will damit aber nicht sagen, als sollest du mir auch das deinige geben; denn es ist ja dein Leben!
KJ|0|35|13|0|Aber bitten möchte ich dich, dass du es mir auf meine Arme legen möchtest, auf dass ich es herzte und koste ein wenig nur!“
KJ|0|35|14|0|Da Maria in dem Landpfleger solche Herzlichkeit fand, sprach sie: „Wer deines Herzens ist, der mag wohl dies mein Kindlein auf seine Arme nehmen!“
KJ|0|35|15|0|Hier übergab Maria das Kindlein dem Landpfleger zur Kosung, – und als der Landpfleger das Kindlein auf seine Arme nahm, da bemächtigte sich seiner ein so wonnigstes Gefühl, das er noch nie empfunden hatte.
KJ|0|35|16|0|Und er trug das Kindlein im Saal hin und her – und kam mit Ihm auch dem Göttertisch nahe.
KJ|0|35|17|0|Diese Annäherung aber kostete sogleich allen den Götzenstatuen das Dasein, denn sie zerrannen wie Wachs auf glühendem Eisen.
KJ|0|35|18|0|Darob entsetzte sich Cyrenius und sprach: „Was ist denn das? Das harte Erz zerfloss so ganz und gar, dass von ihm aber auch nicht eine Spur zurückgeblieben ist! Du weiser Mann aus Palästina, erkläre mir doch das! Bist du ein Magier denn?“
KJ|0|36|1|1|Cyrenius erfährt von der Göttlichkeit des Jesuskindes und beginnt eine Untersuchung
KJ|0|36|1|1|Am 29. September 1843
KJ|0|36|1|0|Joseph aber ward selbst über die Maßen erstaunt und sprach darum zum Cyrenius: „Höre mich an, mächtiger Pfleger des Landes! Es kann dir nicht unbekannt sein, dass da nach dem Gesetz meines Volkes ein jeder Zauberer verbrannt werden muss.
KJ|0|36|2|0|Wäre ich sonach ein Zauberer, da wäre ich nicht so alt geworden, als ich bin; denn schon lange wäre ich als solcher den Hohenpriestern in Jerusalem in die Hände gefallen!
KJ|0|36|3|0|Daher kann ich dir hier nichts anderes sagen, als dass diese Erscheinung sicher von der großen Heiligkeit dieses Kindes abhängt!
KJ|0|36|4|0|Denn schon bei der Geburt dieses Kindes geschahen Zeichen, darüber sich alles entsetzt hatte: alle Himmel standen offen, die Winde schwiegen, die Bäche und Flüsse standen still, die Sonne blieb am Horizont stehen,
KJ|0|36|5|0|der Mond ging nicht von der Stelle, bei drei Stunden nicht; also rückten auch die Sterne nicht weiter, die Tiere fraßen und soffen nicht, und alles, was sich sonst regt und bewegt, versank in eine tote Ruhe! Ich selbst war im Gehen und musste stehen!“
KJ|0|36|6|0|Als der Cyrenius solches vom Joseph vernommen hatte, sprach er zu ihm: „Also ist dies das merkwürdige Kind, von dem mir mein Bruder geschrieben hatte mit den Worten:
KJ|0|36|7|0|‚Bruder, eine Neuigkeit muss ich dir berichten: In der Nähe von Bethlehem ist ein Kind von einem jungen Weib jüdischer Nation geboren worden, von dem eine große Wunderkraft ausgeht; ich möchte meinen, dass es ein Götterkind sei!
KJ|0|36|8|0|Aber dessen Vater ist ein so kreuzehrlicher Jude, dass ich es nicht über mich zu bringen vermag, darüber nähere Untersuchungen anzustellen!
KJ|0|36|9|0|Wenn du etwa in der Kürze nach Jerusalem ziehen solltest, so dürfte es für dich nicht ohne Interesse sein, in Bethlehem diesen Mann zu besuchen! Ich meine stets, dass das Kind so ein verkappter junger Jupiter oder wenigstens Apollo ist. Komme aber, und urteile selbst!‘
KJ|0|36|10|0|Siehe, guter Mann, so viel ist mir von der Sache bekannt; aber was du mir nun gesagt hast, ist mir rein unbekannt. Darum sage mir, ob du der nämliche Mann bist, von dem mir mein Bruder aus Bethlehem gemeldet hatte?“
KJ|0|36|11|0|Und der Joseph sprach: „Ja, mächtiger Herr, ich bin derselbe! Wohl aber deinem Bruder, dass er dir nicht mehr von dem Kind kundgab!
KJ|0|36|12|0|Denn er hat vom Himmel ein Wort bekommen, zu schweigen von allem dem, was da geschehen ist! Wahrlich, hätte er dir mehr gesagt, so wäre mit Rom geschehen, was da jetzt vor deinen Augen geschehen ist mit den Götterfiguren, die da standen auf dem Tisch!
KJ|0|36|13|0|Heil aber dir und deinem Bruder, so ihr schweigen mögt; denn ihr sollt darum Gesegnete des Herrn, des ewig lebendigen Gottes, des Schöpfers Himmels und der Erde sein!“
KJ|0|36|14|0|Diese Worte flößten dem Cyrenius eine große Achtung vor dem Joseph und eine Furcht vor dem Kind ein, dass er darob sogleich wieder das Kind auf die Arme der Maria legte.
KJ|0|36|15|1|Am 30. September 1843
KJ|0|36|15|0|Nachdem aber wandte er sich wieder zum Joseph und sprach zu ihm: „Guter, ehrlicher Mann, habe nun wohl Acht auf das, was ich zu dir reden werde;
KJ|0|36|16|0|denn mir ist jetzt ein guter Gedanke durch den Kopf gefahren, und diesen sollst du hören und mir darüber zur Rede stehen!
KJ|0|36|17|0|Siehe, wenn dieses Kind göttlicher Abkunft ist, so musst ja auch du als dessen Vater es sein; denn ex trunco non fit Mercurius [aus einem Klotz wird kein Gott], und auf den Dornen wachsen keine Trauben! Also kann wohl auch von einem gewöhnlichen Menschen kein Götterkind entsprossen!
KJ|0|36|18|0|Du aber scheinst mir im Übrigen denn doch ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein, so wie deine fünf anderen Söhne, die da hinter dir stehen; ja die junge Mutter selbst, zwar eine artige Jüdin, scheint eben auch nichts Götterähnliches zu besitzen!
KJ|0|36|19|0|Dazu gehört eine große, fast überirdische Schönheit und große Weisheit, wie wir es aus den Traditionen wissen von den Weibern, mit denen sich einmal die Götter sollen abgegeben haben, – wozu aber freilich wohl ein überaus starker Glaube gehört, den ich durchaus nicht besitze!
KJ|0|36|20|0|Zudem aber muss ich dich noch auf etwas aufmerksam machen, und das ist, dass du dich mit deinem Götterkind als ein von Bethlehem aus nach Ägypten reisen Wollender hierher hast verirren mögen, was daraus erhellt, dass du traurig und verlegen warst, als ich dir angezeigt habe, wie du dich gar so weit verirrt hast auf dem Weg nach Ägypten!
KJ|0|36|21|0|Soll dein Gott – oder die Götter Roms – denn unkundig des nächsten Wegs von Bethlehem aus nach Ägypten sein?
KJ|0|36|22|0|Siehe, das sind grobe Widersprüche, die sich häufen, je mehr man die Sache verfolgt! Dazu ist aber doch sogar eine Drohung von dir beim Untergang Roms gegeben, so ich oder mein Bruder das Kind verriete!
KJ|0|36|23|0|Warum aber sollen Götter dem schwachen Sterblichen drohen, als hätten sie eine Furcht vor ihm? Sie brauchen ja nur frei auf die Erde zu treten, und alles muss blind gehorchen ihrem mächtigen Willen!
KJ|0|36|24|0|Siehe, die Sache deiner Kundgabe kommt mir daher als eine schwache Ausflucht zu sein vor, um mich hinters Licht zu führen, auf dass ich dich nicht erkennen soll, wer du so ganz eigentlich bist, ob ein jüdischer Magier, der sich nach Ägypten begibt, um dort bei diesem Metier sein Brot zu finden, da er in seinem Vaterland des Lebens nicht sicher ist, –
KJ|0|36|25|0|oder ob etwa gar ein verschmitzter jüdischer Spion, vom herrschsüchtigen Herodes bestochen, um zu erspähen, wie da die Uferfestungen Roms bestellt sind?!
KJ|0|36|26|0|Ich habe freilich wohl den Schutzbrief meines Bruders und den Brief, von dem ich dir erwähnte, – aber ich habe darüber mit meinem Bruder noch nicht gesprochen, und so können diese Dokumente auch falsch sein; denn auch meines Bruders Schrift ist nachzumachen!
KJ|0|36|27|0|Ich halte dich aber nun für beides, also für einen Magier und für einen Spion! Rechtfertige dich nun auf das Gründlichste, sonst bist du mein Gefangener und wirst der gerechten Strafe nicht entgehen!“
KJ|0|36|28|0|Bei dieser Rede sah der Joseph dem Cyrenius fest ins Angesicht und sagte: „Sende einen Eilboten an deinen Bruder Cornelius, gebe die beiden Briefe mit, und dein Bruder soll bezeugen, ob sich die Sache mit mir also schändlich verhalte, als du der argen Meinung bist!
KJ|0|36|29|0|Und solches fordere ich nun von dir; denn meine Ehre ist vor Gott, dem Ewigen, gerechtfertigt und soll nicht von einem Heiden zertreten werden! Bist du auch ein Patrizier Roms, so bin ich aber ein Nachsohn des großen Königs David, vor dem der Erdkreis bebte, und als solcher lasse ich mich von keinem Heiden entehren!
KJ|0|36|30|0|Ich aber werde dir nun nicht eher von der Seite gehen, als bis du mir meine Ehre wieder wirst hergestellt haben; – denn die Ehre, die mir Gott gegeben hat, soll mir kein Heide nehmen!“
KJ|0|36|31|0|Diese energischen Worte machten den Cyrenius stutzen; denn also hatte er als Landpfleger, der da unumschränkt über Leben und Tod zu gebieten hat, noch nie ihm gegenüber reden gehört. Er dachte darum bei sich: Wenn dieser Mensch sich nicht einer außerordentlichen Kraft mir gegenüber bewusst wäre, so könnte er nicht also reden! Ich muss daher nun ganz anders mit ihm zu reden anfangen.
KJ|0|37|1|1|Cyrenius akzeptiert die Verteidigungsrede Josephs. Gemeinsames Abendessen
KJ|0|37|1|1|Am 2. Oktober 1843
KJ|0|37|1|0|Nach solcher Vornahme wandte sich Cyrenius wieder an den Joseph und sprach: „Guter Mann, du brauchst mir darum nicht gram zu werden! Denn das wirst du mir denn doch zugeben, dass ich als Landpfleger wohl das Recht haben werde, jemandem auf den Zahn zu fühlen, um zu sehen, wes Geistes er ist?!
KJ|0|37|2|0|Dass ich aber dich davon nicht ausnehmen konnte – wie gerne ich es auch sonst getan haben würde –, da brauchst du nur auf jenen verhängnisvollen Tisch hinzublicken, der da seiner Zierde ledig geworden ist, und dir muss es ja doch klar sein, dass man Menschen deiner Art etwas schärfer ansehen muss als bloß nur solche, die da bedeutungslos gleich Tagesfliegen umherstreichen.
KJ|0|37|3|0|Ich meine daher, dadurch dir keine Beleidigung zugefügt zu haben, im Gegenteil nur eine Auszeichnung, indem ich dich also bedeutungsvoll ansah und redete zu dir, wie es sich für mich als Landpfleger gebührt.
KJ|0|37|4|0|Denn siehe, mir ist einzig und allein nur um die volle Wahrheit über deine Herkunft zu tun, weil ich dich für sehr bedeutungsvoll ansehe!
KJ|0|37|5|0|Und darum stellte ich auch geflissentlich Zweifel über dich auf, damit du ganz vor mir auftreten sollest!
KJ|0|37|6|0|Deine Sprache aber hat mir gezeigt, dass du ein Mensch bist, an dem keine Täusche haftet! Und so brauche ich weder eine zweite Nachricht von meinem Bruder, noch eine höhere Beglaubigungsurkunde von irgendwo anders her; denn ich sehe nun, dass du ein vollkommen ehrlicher Jude bist! Sage, braucht es da noch mehr?“
KJ|0|37|7|0|Und der Joseph sprach: „Freund, sieh, ich bin arm; du aber bist ein mächtiger Herr! Mein Reichtum ist meine Treue und Liebe zu meinem Gott und die vollste Ehrlichkeit gegen jedermann!
KJ|0|37|8|0|Du aber bist neben deiner Kaisertreue auch noch überreich an Gütern der Welt, die ich entbehre. Wenn dir jemand deiner Ehre zu nahe tritt, da bleiben dir aber dennoch die Güter der Welt.
KJ|0|37|9|0|Was bleibt aber da mir, so ich die Ehre verliere? Mit Schätzen der Welt kannst du dir die Ehre erkaufen; womit aber werde ich sie erkaufen?
KJ|0|37|10|0|Darum wird der Arme ein Sklave, so er einmal seine Ehre und Freiheit vor dem Reichen verloren hatte; hat er aber darüber irgend heimliche Schätze, so kann er sich Ehre und Freiheit wieder erkaufen.
KJ|0|37|11|0|Du aber hast mir gedroht, mich zu deinem Gefangenen zu machen; sage, hätte ich da nicht alle meine Ehre und Freiheit verloren?
KJ|0|37|12|0|Und hatte ich da nicht recht, so ich mich davor verteidigte, indem ich doch von dir, dem Landpfleger Syriens und Mitpfleger der Küste zu Tyrus und Sidon, bin zur Rede gestellt worden?“
KJ|0|37|13|0|Der Cyrenius aber sprach: „Guter Mann! Nun bitte ich dich – lasse uns das Vorgefallene gänzlich vergessen!
KJ|0|37|14|0|Siehe, die Sonne steht dem Horizont nahe! Meine Diener haben die Mahlzeit im Speisesaal bereitet; geht daher mit mir und stärkt euch, – denn ich habe keine römischen, sondern eures Volkes Speisen zurichten lassen, die ihr essen dürft! Daher folgt mir ohne einen Gram auf mich, nun eurem Freund!“
KJ|0|37|15|1|Am 3. Oktober 1843
KJ|0|37|15|0|Und der Joseph folgte dem Cyrenius mit Maria und den fünf Söhnen in den Speisesaal und erstaunte über die Maßen über die unbeschreibliche reiche Pracht des Speisesaales selbst, wie über die Pracht der Tafelgeschirre, welche zumeist aus Gold, Silber und kostbaren Edelsteinen angefertigt waren.
KJ|0|37|16|0|Da aber die reichen Gefäße mit lauter heidnischen Götterfiguren geziert waren, da sprach Joseph zum Cyrenius:
KJ|0|37|17|0|„Freund, ich ersehe, dass da alle diese deine Tafelgefäße mit deinen Göttern geziert sind! Du kennst da aber ja schon die ausgehende Kraft meines Kindes!
KJ|0|37|18|0|Siehe, so ich mich mit meinem Weib zu Tisch hinsetze und mein Weib mit ihrem Kind, so kommst du im Augenblick um alle deine reichen Geschirre und Gefäße!
KJ|0|37|19|0|Daher rate ich dir, lasse entweder ganz ungezierte Gefäße oder ganz gemeine tönerne aufsetzen, sonst stehe ich dir nicht für dein Gold und Silber!“
KJ|0|37|20|0|Als der Cyrenius solches vom Joseph vernommen hatte, da erschrak er und befolgte sogleich den Rat Josephs. Die Diener brachten sobald in ganz glatten tönernen Gefäßen die Speisen und schafften die goldenen und silbernen sogleich beiseite.
KJ|0|37|21|0|Es verlockte aber die Neugier dennoch den Cyrenius, dem Kind einen herrlichen Goldpokal in die Nähe zu bringen, um sich zu überzeugen, ob des Kindes Nähe wohl auch aufs Gold so zerstörend einwirken werde, wie ehedem auf die erzenen Figuren.
KJ|0|37|22|0|Und der Cyrenius musste diese Neugier im Ernst mit dem plötzlichen Verlust des kostbaren Pokals auf eine Zeit bezahlen.
KJ|0|37|23|0|Nachdem aber er des Pokals ledig geworden war, erschrak er und stand da, als wäre er von einem elektrischen Schlag berührt worden.
KJ|0|37|24|0|Nach einer Weile erst sprach er: „Joseph, du großer Mann, du hast mir wohl geraten, darum danke ich dir!
KJ|0|37|25|0|Ich selbst aber will verflucht sein, so ich eher von dieser Stelle weiche, als bis ich erfahre von dir, wer da dieses Kind ist, da ihm eine solche Kraft innewohnt!“
KJ|0|37|26|0|Hier wandte sich Joseph zum Cyrenius und erzählte ihm in aller Kürze die Empfangs- und Geburtsgeschichte des Kindes.
KJ|0|37|27|0|Und der Cyrenius aber, als er solches vom Joseph in festem Ton vernommen hatte, fiel sobald vor dem Kind nieder und betete Es an.
KJ|0|37|28|0|Und siehe, im Augenblick stand der zerstörte Pokal, aber ganz glatt, auf dem Boden vor dem Cyrenius, von gleichem Gewicht. Der Cyrenius erhob sich und wusste sich nun vor Freude und Seligkeit nicht zu helfen.
KJ|0|38|1|1|Cyrenius schlägt vor, das Wunderkind an den Kaiserhof nach Rom zu bringen
KJ|0|38|1|1|Am 4. Oktober 1843
KJ|0|38|1|0|In dieser seligen Gemütsstimmung sprach der Cyrenius zum Joseph: „Höre mich weiter an, du großer Mann! Wäre ich nun Kaiser zu Rom, ich würde dir den Thron und die Kaiserkrone abtreten!
KJ|0|38|2|0|Und wüsste es der Kaiser Augustus also, wie ich nun, – für dieses Kind, da würde er dasselbe tun! Hält er auch große Stücke darauf, dass er der mächtigste Kaiser der Erde ist, so aber weiß ich doch auch, wie sehr er alles Göttliche weit über sich setzt.
KJ|0|38|3|0|Willst du, so schreibe ich an den Kaiser und versichere dir im Voraus, dass er dich nach Rom mit der größten Ehre ziehen wird und wird dem Kind, als einem unzweideutigen Sohn des höchsten Gottes, den größten und herrlichsten Tempel erbauen!
KJ|0|38|4|0|Und wird Ihn erhöhen im selben bis ins Infinitum und wird selbst sich in den Staub legen vor dem Herrn, dem die Elemente und alle Götter gehorchen müssen!
KJ|0|38|5|0|Dass solches aber bei dem Kind der Fall ist, habe ich mich nun zum zweiten Mal überzeugt, indem vor Ihm sich nicht einmal der Jupiter zu schützen vermag und kein Erz vor Seiner Macht besteht!
KJ|0|38|6|0|Wie gesagt, so du willst, will ich heute noch Boten nach Rom senden! Fürwahr, das würde in der großen Kaiserstadt eine unendliche Sensation erregen und würde das stolze Priestertum sicher etwas herabsetzen, das da ohnehin nicht mehr weiß, auf welche Art es die Menschheit am zweckdienlichsten betrügen und belügen soll!“
KJ|0|38|7|0|Joseph aber entgegnete dem Cyrenius: „Lieber, guter Freund! Meinst du denn, dass Dem an der Ehrung Roms etwas gelegen ist, dem da Sonne, Mond, Sterne und alle Elemente der Erde allzeit gehorchen müssen?!
KJ|0|38|8|0|Hätte Er gewollt, dass Ihn alle Welt ehrte wie einen Götzen, da wäre Er vor aller Welt Augen in aller Seiner ewig unendlichen göttlichen Majestät zur Erde herabgekommen! Dadurch aber wäre auch alle Welt zum Untergang gerichtet worden!
KJ|0|38|9|0|Er aber hat die Niedrigkeit der Welt erwählt, um die Welt zu beseligen, wie es geschrieben steht im Buch der Propheten; und so lasse du es mit der Botschaft nach Rom gut sein!
KJ|0|38|10|0|Willst du aber Rom vernichtet sehen, da tue, wie dir es gut dünkt! Denn siehe, Dieser ist gekommen zum Fall der Welt der Großen und Mächtigen, und zur Erlösung der Armseligen, ein Trost den Betrübten, und zur Auferstehung derer, die im Tode sind!
KJ|0|38|11|0|Ich glaube also fest in meinem Herzen, aber nur dir habe ich nun diesen meinen Glauben kundgetan; sonst aber soll ihn niemand von mir ausgesprochen vernehmen!
KJ|0|38|12|0|Behalte aber auch du diese Worte als ein Heiligtum der Heiligtümer in deinem Herzen bis zur Zeit, da dir eine neue Lebenssonne aufgehen wird, so wirst du gut fahren!“
KJ|0|38|13|0|Diese Worte Josephs gingen wie Pfeile ins Herz des Cyrenius und stimmten ihn ganz um, so zwar, dass er sogleich bereit gewesen wäre, all sein Ansehen niederzulegen und die Niedrigkeit zu ergreifen.
KJ|0|38|14|0|Aber der Joseph sagte zu ihm: „Freund! Freund! – bleibe, was du bist; denn die Macht in der Hand von Menschen deiner Art ist ein Segen Gottes dem Volk! Denn siehe, was du bist, das bist du weder aus dir, noch aus Rom, sondern allein aus Gott! Daher bleibe, was du bist!“ – Und der Cyrenius lobte den unbekannten Gott und setzte sich dann zum Tisch und aß und trank heiteren Mutes mit Joseph und Maria.
KJ|0|39|1|1|Joseph belehrt den Cyrenius
KJ|0|39|1|1|Am 5. Oktober 1843
KJ|0|39|1|0|Obschon aber sonst die Römer an lange dauernde Fressgelage gewöhnt waren, so war aber doch davon der Cyrenius eine Ausnahme.
KJ|0|39|2|0|Wenn er dergleichen Fressgelage nicht dann und wann zur Ehrung des römischen Kaisers halten musste, so war bei ihm die Mahlzeit nur kurz; denn er war einer derjenigen Philosophen, die da sagen: „Der Mensch lebt nicht, um zu essen, sondern er isst nur, um zu leben, – und dazu braucht es nicht tagelang dauernder Fressgelage.“
KJ|0|39|3|0|Und so war denn auch die geheiligte Mahlzeit nur kurz und war bloß auf die nötige Stärkung des Leibes berechnet.
KJ|0|39|4|0|Nach der also kurzen Mahlzeit dankte der Joseph dem Herrn für Speise und Trank und segnete dafür den Gastgeber.
KJ|0|39|5|0|Dieser aber ward darob sehr gerührt und sagte zu Joseph: „O wie hoch doch steht deine Religion über der meinigen! Um wie vieles stehst du der allmächtigen Gottheit näher denn ich!
KJ|0|39|6|0|Und um wie vieles bist du daher auch mehr Mensch, als ich es je werde werden können!“
KJ|0|39|7|0|Joseph aber erwiderte dem Cyrenius: „Edler Freund, du kümmerst dich um etwas, was dir der Herr soeben jetzt gegeben hatte!
KJ|0|39|8|0|Ich aber sage dir: Bleibe du, was du bist; in deinem Herzen aber allein nur vor Gott, dem ewigen Herrn, demütige dich und suche allen Menschen im Geheimen Gutes zu tun, und du bist Gott so nahe als meine Väter Abraham, Isaak und Jakob!
KJ|0|39|9|0|Siehe, in diesem Kind hat dich ja der allmächtige Gott heimgesucht; du hast Ihn auf deinen Armen getragen! Was willst du noch mehr? Ich sage dir, du bist gerettet vom ewigen Tod und wirst hinfort keinen Tod an dir mehr sehen, noch fühlen, noch schmecken!“
KJ|0|39|10|0|Hier sprang der Cyrenius vor Freude auf und sprach: „O Mann! – was sprichst du?! Ich werde nicht sterben?!
KJ|0|39|11|0|O sage mir, wie ist solches möglich?! Denn siehe, bis jetzt ist noch kein Mensch vom Tod verschont geblieben! Soll ich also wirklich in die Zahl der ewig lebendigen Götter aufgenommen werden also, wie ich jetzt lebe?!“
KJ|0|39|12|0|Joseph aber sprach: „Edler Freund, du hast mich nicht verstanden; ich aber will dir sagen, wie es an deinem irdischen Ende zugehen wird. Und so wolle mich in aller Kürze anhören!
KJ|0|39|13|0|So du ohne diese Gnade gestorben wärst, da hätten schwere Krankheit, Schmerzen, Kummer und Verzweiflung deinen Geist und deine Seele samt dem Leib getötet, und dir wäre nach diesem Tode nichts geblieben als ein quälendes, dumpfes Bewusstsein deiner selbst.
KJ|0|39|14|0|In dem Falle glichest du jemandem, der da im eigenen Haus, welches über ihm zusammengestürzt ist, ist halb zu Tod verschüttet worden; – und ward also bei lebendigem Leibe begraben und muss nun also den Tod fühlen und gar verzweifelt bitter schmecken, indem er sich nimmer zu helfen vermag.
KJ|0|39|15|0|Stirbst du aber nun in dieser Gnade Gottes, da wird nur dieser schwere Leib dir schmerzlos abgenommen werden, und du wirst erwachen zu einem ewigen vollkommensten Leben, in dem du nicht mehr fragen wirst: Wo ist mein irdischer Leib?!
KJ|0|39|16|0|Und du wirst, so dich der Herr des Lebens rufen wird, nach deiner geistigen Freiheit selbst deinen Leib ausziehen können wie ein altes lästiges Gewand!“
KJ|0|39|17|0|Diese Worte machten auf den Cyrenius einen allermächtigsten Eindruck. Er fiel darob vor dem Kind nieder und sprach: „O Herr der Himmel! So belasse mich denn in solcher Gnade!“ Das Kind aber lächelte ihn an und hob ein Händchen über ihn.
KJ|0|40|1|1|Die Weisheit Marias
KJ|0|40|1|1|Am 6. Oktober 1843
KJ|0|40|1|0|Nachdem stand der Cyrenius auf und sprach zur Maria: „O du glücklichste aller Weiber und aller Mütter der Erde! Sage mir doch, wie es dir ums Herz ist, so du doch sicher in dir die vollste Überzeugung hast, dass da der Herr Himmels und der Erde auf deinen Armen ruht!“
KJ|0|40|2|0|Maria aber sprach: „Freund, wie fragst du mich darum, was dir dein eigenes Herz sagt?
KJ|0|40|3|0|Siehe, wir gehen auf derselben Erde, die Gott aus Sich erschaffen hatte; Seine Wunder treten wir fort und fort mit unseren Füßen, und doch gibt es Millionen und Millionen Menschen, die ihre Knie lieber vor den Werken ihrer Hände beugen als vor dem ewig wahren lebendigen Gott!
KJ|0|40|4|0|Wenn aber die Menschen Gottes große Werke nicht zu wecken vermögen, wie soll das nun ein Kind in den Windeln bewirken?
KJ|0|40|5|0|Darum wird es nur wenigen gegeben sein, in dem Kind den Herrn zu erkennen! Jenen nur, die dir gleich eines guten Willens sind.
KJ|0|40|6|0|Die aber eines guten Willens sind, die werden nicht Not haben, zu mir zu kommen, auf dass ich ihnen kund täte, wie es mir ums Herz ist.
KJ|0|40|7|0|Das Kind wird Sich Selbst offenbaren in ihren Herzen und wird sie segnen und wird es sie fühlen lassen, was da fühlt die Mutter, die das Kind auf ihren Armen trägt!
KJ|0|40|8|0|Glücklich, ja überglücklich bin ich, da ich dies Kind auf meinen Armen trage!
KJ|0|40|9|0|Aber größer und glücklicher noch werden in der Zukunft diejenigen sein, die Es allein in ihren Herzen tragen werden!
KJ|0|40|10|0|Trage Es auch du unvertilgbar in deinem Herzen, und es wird dir werden, dessen dich mein Gemahl Joseph versichert hatte!“
KJ|0|40|11|0|Als Cyrenius diese Worte von der holden Maria vernommen hatte, konnte er sich nicht genug verwundern über ihre Weisheit.
KJ|0|40|12|0|Er sagte darob zum Joseph: „Höre, du glücklichster aller Männer der Erde! Wer hätte je solch eine allertiefste Weisheit in deinem jungen Weib gesucht!?
KJ|0|40|13|0|Fürwahr, so es irgendeine Minerva gäbe, da müsste sie sich ja endlos tiefst verkriechen vor ihr, dieser allerholdesten Mutter!“
KJ|0|40|14|0|Der Joseph aber sprach: „Siehe, ein jeder Mensch kann weise sein in seiner Art aus Gott; ohne Den aber gibt es keine Weisheit auf der Erde!
KJ|0|40|15|0|Daraus aber ist ja auch die Weisheit meines Weibes erklärlich.
KJ|0|40|16|0|Da aber der Herr aus dem Maul der Tiere schon zu den Menschen geredet hatte, wie soll Er das nicht können durch den Mund der Menschen?!
KJ|0|40|17|0|Doch lassen wir nun das; denn ich meine, es wird Zeit sein, für die morgige Abreise zu sorgen!“
KJ|0|40|18|0|Der Cyrenius aber sagte: „Joseph, sei des unbekümmert; denn dafür ist schon lange gesorgt! Ich selbst werde dich morgen bis nach Ostracine begleiten!“
KJ|0|41|1|1|Die Seereise nach Ägypten. Joseph segnet die Schiffsleute und den Cyrenius
KJ|0|41|1|1|Am 9. Oktober 1843
KJ|0|41|1|0|Darauf sprach Joseph zum Cyrenius: „Edler Freund, gut und edel ist dein Vorsatz; aber du wirst ihn kaum auszuführen imstande sein!
KJ|0|41|2|0|Denn siehe, noch in dieser Nacht werden Briefe zu dir gelangen vom Herodes aus, in denen du aufgefordert wirst, Kindlein männlichen Geschlechtes längs dem Meeresufer von ein bis zwei Jahren aufzufangen und nach Bethlehem zu schicken, damit sie Herodes dort töten wird!
KJ|0|41|3|0|Du kannst dich aber dem Herodes wohl widersetzen; aber dein armer Bruder muss leider zu diesem bösen Spiel eine politisch gute Miene machen, um sich nicht dem Biss dieser giftigsten aller Schlangen auszusetzen.
KJ|0|41|4|0|Glaube mir, während ich nun bei dir bin, wird in Bethlehem gemordet, und hundert Mütter zerreißen in Verzweiflung ihre Kleider ob dem grausamsten Verlust ihrer Kinder!
KJ|0|41|5|0|Und das geschieht alles dieses einen Kindes wegen, von dem die drei Weisen Persiens geistig aussagten, dass Es ein König der Juden sein wird!
KJ|0|41|6|0|Herodes aber verstand darunter einen Weltkönig, darum will er ihn töten, indem er selbst die Herrschaft Judäas erblich auf sich bringen will und fürchtet, dieser möchte sie ihm einst entreißen, – während dies Kind doch nur in die Welt kam, das Menschengeschlecht zu erlösen vom ewigen Tode!“
KJ|0|41|7|0|Als der Cyrenius solches vernommen hatte, da sprang er auf vor Grimm gegen den Herodes und sprach zu Joseph:
KJ|0|41|8|0|„Höre mich an, du Mann Gottes! Dieses Scheusal soll mich nicht zu seinem Werkzeug dingen! Heute noch werde ich mit dir abreisen, und in meinem eigenen dreißigruderigen Schiff wirst du ein gutes Nachtlager finden!
KJ|0|41|9|0|Meinen vertrautesten und bei allen Göttern geschworenen Amtsgehilfen aber werde ich schon die Weisung geben, was sie mit allen Boten zu tun haben, die da mit an mich gerichteten Depeschen hier anlangen.
KJ|0|41|10|0|Siehe, nach unseren geheimen Gesetzen müssen sie so lange in Gewahrsam gehalten werden, bis ich wieder hierher komme!
KJ|0|41|11|0|Die Briefe aber werden ihnen abgenommen und müssen mir ohne Wissen der Herodesboten nachgesendet werden, auf dass ich daraus ersehe, wessen Inhaltes sie sind.
KJ|0|41|12|0|Ich aber weiß nun schon, wes Inhaltes die Briefe sicher sein werden, und weiß auch, wie lange ich ausbleiben werde. Sollten Nachboten kommen, so wird auch sie der Wartturm aufnehmen auf so lange, bis ich wiederkomme!
KJ|0|41|13|0|Und so lasse du nun deine Familie reisefertig machen, und wir wollen sogleich mein sicheres Schiff besteigen!“
KJ|0|41|14|0|Der Joseph aber ward nun damit zufrieden, und in einer Stunde befanden sich alle ganz wohl untergebracht im Schiff; selbst die Lasttiere Josephs wurden wohl untergebracht. Ein Nordwind blies, und die Fahrt ging wohl vonstatten.
KJ|0|41|15|1|Am 10. Oktober 1843
KJ|0|41|15|0|Sieben Tage dauerte die Fahrt, und alle Matrosen und Schiffsleute beteuerten, dass sie so ganz ohne den allergeringsten Anstand noch nie dieses Gewässer durchrudert hätten, als diesmal, –
KJ|0|41|16|0|was sie aber für diese Zeit umso mehr für wunderbar hielten, indem – wie sie ihres Glaubens sagten – der Neptun in dieser Zeit gar heikel sei mit seinem Element, da er seine Schöpfungen im Grund des Meeres ordne und mit seiner Dienerschaft Rat halte!
KJ|0|41|17|0|Der Cyrenius aber sagte zu den sich wundernden Schiffsleuten: „Hört, es gibt eine zweifache Dummheit: die eine ist frei, die andere geboten!
KJ|0|41|18|0|Wärt ihr in der freien, da wäre euch zu helfen; aber ihr seid in der gebotenen, welche sanktioniert ist, und da ist euch nicht zu helfen.
KJ|0|41|19|0|Und so mögt ihr ja dabei bleiben, als habe Neptunus seinen Dreizack verloren und habe sich nun nicht getraut, mit seiner schuppigen Hand uns zu züchtigen für unseren Frevel, den wir an ihm begangen haben!“
KJ|0|41|20|0|Der Joseph aber sprach zum Cyrenius, fragend: „Ist es nicht üblich, dass man den Schiffsleuten einen Lohn verabreicht? Sage es mir, und ich will es tun, wie sich’s gebührt, damit sie uns nichts Übles nachreden sollen!“
KJ|0|41|21|0|Der Cyrenius aber sagte: „Lasse das gut sein; denn siehe, diese sind unter meinem Gebot und haben ihren Dienstsold; daher hast du dich um Weiteres nicht zu kümmern!“
KJ|0|41|22|0|Joseph aber erwiderte: „Das ist sicher und wahr, – aber sie sind doch auch Menschen wie wir; daher sollen wir ihnen auch als Menschen entgegenkommen!
KJ|0|41|23|0|Ist ihre Dummheit eine gebotene, so sollen sie ihre Haut dem Gebot weihen, aber ihren Geist soll meine Gabe ihnen frei machen!
KJ|0|41|24|0|Lasse sie daher hierher kommen, auf dass ich sie segne und sie in ihrem Herzen möchten zu gewahren anfangen, dass auch für sie die Sonne der Gnade und Erlösung aufgegangen ist!“
KJ|0|41|25|0|Hier berief der Cyrenius die Schiffsleute zusammen, und der Joseph sprach über sie folgende Worte:
KJ|0|41|26|0|„Hört mich an, ihr getreuen Diener Roms und dieses eures Herrn! Treu und fleißig habt ihr das Schiff geleitet; ein guter Lohn soll von mir, dem diese Fahrt galt, euch dargereicht werden!
KJ|0|41|27|0|Aber ich bin arm und habe weder Gold noch Silber; aber ich habe die Gnade Gottes im reichen Maße, und das die Gnade jenes Gottes, den ihr ‚den Unbekannten‘ nennt!
KJ|0|41|28|0|Diese Gnade möge euch der große Gott in eure Brust gießen, auf dass ihr lebendigen Geistes werdet!“
KJ|0|41|29|0|Auf diese Worte kam über alle ein endloses Wonnegefühl, und alle fingen an, den unbekannten Gott zu loben und zu preisen.
KJ|0|41|30|0|Und der Cyrenius erstaunte sich über diese Wirkung des Segens vom Joseph und ließ sich dann selbst segnen vom Joseph.
KJ|0|42|1|1|Die Ankunft in Ostracine
KJ|0|42|1|1|Am 11. Oktober 1843
KJ|0|42|1|0|Auch der Cyrenius ward von einem großen Wonnegefühl befallen, dass er darob sprach: „Höre du, mein achtbarster Mann! Ich empfinde nun also, wie ich’s empfunden habe, als ich das Kindlein auf meinen Armen hielt.
KJ|0|42|2|0|Bist du denn mit demselben einer Natur? Oder wie ist das, dass ich nun den gleichen Segen empfinde?“
KJ|0|42|3|0|Der Joseph aber sprach: „Edler Freund, nicht von mir, sondern allein vom Herrn Himmels und der Erde geht eine solche Kraft aus!
KJ|0|42|4|0|Mich durchströmt sie nur bei solcher Gelegenheit, um dann segnend in dich überzufließen; aber ich selbst habe solche Kraft ewig nicht, denn Gott allein ist Alles in Allem!
KJ|0|42|5|0|Ehre aber in deinem Herzen stets diesen einen, allein wahren Gott, so wird die Fülle dieses Seines Segens nie von dir entweichen!“
KJ|0|42|6|0|Und weiter sprach der Joseph: „Und nun Freund, siehe, wir haben mit der allmächtigen Hilfe des Herrn dieses Ufer erreicht, sind aber, wie es mir vorkommt, noch lange nicht in Ostracine!
KJ|0|42|7|0|Wo zu liegt es denn, auf dass wir dahin zögen? Denn siehe, der Tag neigt sich! Was werden wir tun? Werden wir weiterziehen oder hier verbleiben bis morgen?“
KJ|0|42|8|0|Und der Cyrenius sprach: „Siehe, wir sind am Eingang der großen Bucht, in deren innerstem Winkel zu unserer Rechten Ostracine liegt als eine reiche Handelsstadt!
KJ|0|42|9|0|In mäßigen drei Stunden mögen wir sie erreichen; aber so wir in der Nacht dort anlangen, so werden wir schwer eine Unterkunft finden! Daher wäre ich der Meinung, für heute hier im Schiff zu übernachten und uns morgen dahin zu begeben.“
KJ|0|42|10|0|Joseph aber sprach: „O Freund, wenn es nur drei Stunden sind, da sollten wir nicht hier übernachten! Dein Schiff mag wohl hier verbleiben, auf dass du kein Aufsehen erregst in dieser Stadt – und ich im Geheimen komme an den Ort meiner Bestimmung!
KJ|0|42|11|0|Denn würde die römische Besatzung alldort das Schiff eines Landpflegers Roms entdecken, so müsste sie dich mit großen Ehren empfangen,
KJ|0|42|12|0|und ich müsste dann nolens volens mit dir als Freund deine Beehrungen teilen, was mir wirklich im höchsten Grade unangenehm wäre.
KJ|0|42|13|0|Daher wäre es mir wohl sehr erwünscht, dass wir uns sogleich weiter auf die Reise machten! Denn siehe, meine Lasttiere sind nun hinreichend ausgerastet und können uns gar leicht in kurzer Zeit nach Ostracine bringen!
KJ|0|42|14|0|Meine Söhne sind stark und gut bei Füßen; diese können zu Fuß gehen, und du bedienst dich mit einer nötigen Dienerschaft ihrer fünf Lasttiere, und so ziehen wir leicht den Weg nach der nimmer fernen Stadt!“
KJ|0|42|15|0|Cyrenius willigte in den Rat Josephs, übergab das Schiff den Schiffsleuten zur treuen Obhut, nahm dann vier Diener mit sich, bestieg die Lasttiere Josephs und zog dann sogleich mit Joseph in die Stadt.
KJ|0|42|16|0|In zwei Stunden war diese erreicht. Als sie aber in die Stadt einzogen, wurden sie um Schutzbriefe von der Torwache belangt.
KJ|0|42|17|0|Cyrenius aber gab sich dem Wachkommandanten zu erkennen; dieser ließ sogleich ihn begrüßen von den Soldaten und machte dann sogleich Anstalten für die Unterkunft.
KJ|0|42|18|0|Und so ward unsere Reisegesellschaft ohne den geringsten Anstand alsogleich in dieser Stadt recht wohl aufgenommen und auf das Vorteilhafteste untergebracht.
KJ|0|43|1|1|Cyrenius kauft ein Anwesen für die heilige Familie
KJ|0|43|1|1|Am 12. Oktober 1843
KJ|0|43|1|0|Des anderen Tages am Morgen aber sandte der Cyrenius sogleich einen Boten zum Obersten der Militärbesatzung und ließ ihm sagen, dass er sobald als tunlich, aber ohne alles Gepränge zu ihm kommen soll.
KJ|0|43|2|0|Und der Oberste kam zum Cyrenius und sprach: „Hoher Stellvertreter des großen Kaisers in Coele Syria und oberster Kommandant von Tyrus und Sidon, lasse mich vernehmen deinen Willen!“
KJ|0|43|3|0|Und der Cyrenius sprach: „Mein geachtetster Oberster! Fürs Erste wünsche ich, dass mir diesmal keine Ehrenbezeigungen erwiesen werden; denn ich bin inkognito hier.
KJ|0|43|4|0|Fürs Zweite aber möchte ich von dir erfahren, ob hier entweder in der Stadt selbst ein kleines Wohnhaus oder wenigstens nicht ferne von der Stadt irgendeine Villa käuflich oder wenigstens mietlich zu haben ist.
KJ|0|43|5|0|Denn ich möchte für eine überaus hochschätzbarste, allerehrenwerteste jüdische Familie so etwas kaufen.
KJ|0|43|6|0|Denn diese Familie hat sich aus uns wohlbekannten Gründen aus Palästina, von dem sauberen Herodes verfolgt, flüchten müssen und sucht nun Schutz in unserer römischen Biederkeit und allzeitigen strengen Gerechtigkeit.
KJ|0|43|7|0|Ich habe alle Umstände dieser Familie genau untersucht und habe sie als höchst rein und gerecht befunden! Dass sie aber unter solchen Umständen unter Herodes freilich wohl nicht bestehen kann, das ist ebenso gut begreiflich, als es begreiflich ist, dass dieses Scheusal von einem Vierfürsten Palästinas und einem Teil Judäas Roms größter Feind ist!
KJ|0|43|8|0|Ich meine, du verstehst mich, was ich dir damit sagen will? Daher also möchte ich für diese benannte Familie allhier so etwas Kleines und Nutzbares ankaufen.
KJ|0|43|9|0|Wenn dir so etwas bekannt ist, so tue mir den Gefallen und zeige es mir an! Denn siehe, ich kann mich für diesmal nicht lange aufhalten, da wichtige Geschäfte meiner harren in Tyrus; daher muss heute noch alles in die Ordnung gebracht werden!“
KJ|0|43|10|0|Und der Oberste sprach zum Cyrenius: „Durchlauchtigster Herr! Da ist der Sache bald geholfen; ich selbst habe mir etwa eine halbe Milie außer der Stadt eine recht nette Villa erbaut und habe da Obstgärten und drei schöne Kornäcker angelegt.
KJ|0|43|11|0|Mir aber bleibt zu wenig Zeit übrig, mich damit gehörig abgeben zu können. Sie ist mein vollkommenes Eigentum; wenn du sie haben willst, so ist sie mir um hundert Pfund samt Schutz und Schirm verkäuflich und kann als ein unbesteuertes Gut besessen werden.“
KJ|0|43|12|0|Als der Cyrenius solches vernommen hatte, reichte er dem Obersten die Hand, ließ sich von seinen Dienern die Säckel bringen und zahlte dem Obersten die Villa sogleich noch ungesehen bar aus und ließ sich dann, ungesehen vom Joseph, vom Obersten dahin geleiten, um da seinen Kauf zu besichtigen.
KJ|0|43|13|0|Als er die ihm überaus gut gefallende Villa besehen hatte, da befahl er sogleich seinen Dienern, in der Villa so lange zu verweilen, bis er mit der Familie zurückkommen werde.
KJ|0|43|14|0|Sodann begab er sich mit dem Obersten in die Stadt, ließ sich von ihm auf Pergament den Schutz- und Schirmbrief ausfolgen, empfahl sich dann beim Obersten und begab sich damit voll heimlicher Freude hin zum Joseph.
KJ|0|43|15|0|Dieser fragte ihn sogleich, sagend: „Guter lieber Freund, ich muss meinem Gott danken, dass Er dich also gesegnet hat, dass du mir bisher so viel Freundschaft hast erweisen mögen!
KJ|0|43|16|0|Ich bin nun gerettet und habe hier für diese Nacht eine herrliche Unterkunft gehabt! Aber ich muss hier verbleiben; wie wird es in der Zukunft aussehen – wo werde ich wohnen, wie mich fortbringen? Siehe, dafür muss ich mich sogleich umsehen.“
KJ|0|43|17|0|Und der Cyrenius sagte: „Ganz wohl, mein allerachtbarster Mann und Freund, lasse daher deine Familie aufpacken deine Sachen, und ziehe dann sogleich mit Sack und Pack mit mir, und wir wollen einige hundert Schritte außer der Stadt etwas aufsuchen, weil in der Stadt meiner Erkundigung nach nichts zu haben ist!“ – Das gefiel dem Joseph wohl, und er tat, was der Cyrenius verlangte.
KJ|0|44|1|1|Cyrenius übergibt Joseph das gekaufte Anwesen
KJ|0|44|1|1|Am 13. Oktober 1843
KJ|0|44|1|0|Als der Cyrenius bei der gekauften Villa mit dem Joseph und dessen Familie anlangte, da sagte der Joseph zum Cyrenius:
KJ|0|44|2|0|„Edler Freund, da gefiele es mir; eine prunklose Villa, ein artiger Obstgarten voll Datteln, Feigen, Granatäpfeln, Orangen, Äpfeln und Birnen, Kirschen,
KJ|0|44|3|0|Trauben, Mandeln, Melonen und einer Menge Grünzeug! Und daneben ist noch Wiesengrund und drei Kornäcker, das alles sicher hierzu gehört!
KJ|0|44|4|0|Fürwahr, nicht Glänzendes und Prunkendes möchte ich haben; aber diese nutzbringend angelegte Villa, die da eine große Ähnlichkeit hat mit meinem Mietgrund zu Nazareth in Judäa, möchte ich entweder mieten oder gar kaufen!“
KJ|0|44|5|0|Hier zog der Cyrenius den Kauf- Schutz-und-Schirmbrief hervor und übergab ihn dem Joseph mit den Worten:
KJ|0|44|6|0|„Der Herr, dein und nun auch mein Gott, segne es dir! Hiermit übergebe ich dir den steuerfreien Vollbesitz dieser Villa!
KJ|0|44|7|0|Alles, was du mit einem Gebüsch dicht umwachsen und mit einem Palisadenzaun umfangen erschaust, gehört zu dieser Villa! Hinter dem Wohngebäude ist noch eine geräumige Stallung für Esel und Kühe! Zwei Kühe wirst du finden; Lasttiere aber hast du ohnehin genug für deinen Bedarf.
KJ|0|44|8|0|Solltest du aber etwa mit der Zeit wieder in dein Vaterland zurückkehren wollen, so kannst du diese Besitzung verkaufen und mit dem Geld dir irgendwo anders etwas anschaffen!
KJ|0|44|9|0|Mit einem Wort – du, mein großer Freund, bist von nun an im Vollbesitz dieser Villa und kannst damit tun, was du willst.
KJ|0|44|10|0|Ich aber werde heute, morgen und übermorgen noch hier verbleiben, damit des Herodes arge Boten desto länger auf mich harren sollen!
KJ|0|44|11|0|Und nur diese kurze Zeit will ich einen Mitgebrauch, aus großer Liebe zu dir, von dieser Villa machen!
KJ|0|44|12|0|Ich dürfte es zwar nur gebieten, und es müsste mir im Augenblick der kaiserliche Palast eingeräumt werden, – fürs Erste, weil ich mit der kaiserlichen Vollmacht ausgerüstet bin,
KJ|0|44|13|0|und fürs Zweite, weil ich ein naher Anverwandter des Kaisers bin!
KJ|0|44|14|0|Aber dieses alles vermeide ich aus großer Achtung und Liebe zu dir, ganz besonders aber zu dem Kind, das ich wenigstens unwiderruflich für den Sohn des allerhöchsten Gottes halte!“
KJ|0|44|15|0|Der Joseph aber war über diese edle Überraschung so sehr gerührt, dass er nur aus dankbarster Freude weinen, aber nicht reden konnte.
KJ|0|44|16|0|Auch der Maria ging’s nicht besser; aber sie fasste sich eher und ging zum Cyrenius und drückte ihre Dankbarkeit dadurch aus, dass sie das Kindlein dem Cyrenius auf die Arme legte. Und der Cyrenius sprach ganz gerührt: „O Du mein großer Gott und Herr, ist denn auch ein Sünder wert, Dich auf seinen Händen zu tragen? O sei mir denn gnädig und barmherzig!“
KJ|0|45|1|1|Die Besichtigung des Anwesens. Vergleich der Flucht mit der Urgeschichte der Juden
KJ|0|45|1|1|Am 14. Oktober 1843
KJ|0|45|1|0|Joseph nahm, nachdem er sich aus seiner großen Überraschung erholt hatte, mit dem Cyrenius alles in Augenschein.
KJ|0|45|2|0|Und Maria, die das Kindlein wieder von den Armen des Cyrenius nahm, besah auch alles mit und hatte eine rechte Freude über die große Güte des Herrn, darum Er auch irdisch für sie so wohl gesorgt hatte.
KJ|0|45|3|0|Und als sie alles besehen hatten und ins reine Wohnhaus eingekehrt waren, da sprach die Maria ganz selig zum Joseph:
KJ|0|45|4|0|„O mein teurer, geliebter Joseph! Siehe, ich bin über die Maßen fröhlich, dass der Herr so gut für uns gesorgt hatte!
KJ|0|45|5|0|Ja, es kommt mir überhaupt vor, als hätte der Herr die ganze alte Ordnung umgekehrt!
KJ|0|45|6|0|Denn siehe, einst führte Er die Kinder Israels aus Ägypten ins gelobte Land Palästina, damals Kanaan genannt.
KJ|0|45|7|0|Nun aber hat Er Ägypten wieder zum gelobten Land gemacht und floh mit uns oder führte uns vielmehr Selbst hierher, von wo Er einst unsere Väter erlösend führte durch die Wüste ins gelobte Land, das da überfloss von Milch und Honig.“
KJ|0|45|8|0|Und der Joseph sprach: „Maria, du hast eben nicht ganz unrecht in deiner heiteren Bemerkung;
KJ|0|45|9|0|aber nur bin ich der Meinung, dass deine Aussage nur für diese unsere gegenwärtige Stellung taugt.
KJ|0|45|10|0|Im Allgemeinen aber kommt es mir also vor, als hätte der Herr nun mit uns das getan, was Er einst mit den Söhnen Jakobs getan hatte, als eben im Land Kanaan die große Hungersnot ausgebrochen ist!
KJ|0|45|11|0|Das israelitische Volk blieb dann bis Moses in Ägypten; aber Moses führte es wieder heim durch die Wüste.
KJ|0|45|12|0|Und ich glaube, also wird es uns auch ergehen; auch wir werden nicht hier begraben werden und werden sicher müssen zur rechten Zeit wieder nach Kanaan zurückkehren!
KJ|0|45|13|0|Zu unserer Väter Heimführungszeit musste zwar erst ein Moses erweckt werden; wir aber haben den Moses des Moses schon in unserer Mitte!
KJ|0|45|14|0|Und so meine ich, es wird also geschehen, wie ich es ausgesprochen hatte!“
KJ|0|45|15|0|Und die Maria behielt alle diese Worte in ihrem Herzen und gab dem Joseph das Recht.
KJ|0|45|16|0|Auch der Cyrenius hatte diesem Gespräch aufmerksamst zugehört und gab dann dem Joseph zu verstehen, dass er mit der Urgeschichte der Juden näher bekannt werden möchte.
KJ|0|46|1|1|Joseph erzählt Cyrenius die Geschichte des jüdischen Volkes, der Schöpfung und der Menschheit. Cyrenius berichtet davon dem Kaiser
KJ|0|46|1|1|Am 16. Oktober 1843
KJ|0|46|1|0|Joseph befahl dann seinen Söhnen, die Tiere zu versorgen und dann nachzusehen, wie es mit den Esswaren aussehe.
KJ|0|46|2|0|Und diese gingen und taten alles nach dem Willen Josephs, versorgten die Tiere, melkten die Kühe,
KJ|0|46|3|0|gingen dann in die Speisekammer und fanden dort einen großen Vorrat von Mehl, Brot, Früchten und auch mehrere Töpfe voll Honig.
KJ|0|46|4|0|Denn der Wachkommandant war ein großer Bienenzüchter nach der Schule, wie sie in Rom gang und gäbe war, dass sie darum sogar ein damaliger Dichter Roms besang.
KJ|0|46|5|0|Und sie brachten daher bald Brot, Milch, Butter und Honig in das Wohnzimmer zum Joseph.
KJ|0|46|6|0|Und Joseph besah alles, dankte Gott und segnete all die Speisen, ließ sie dann auf den Tisch legen und bat den Cyrenius, daran teilzunehmen.
KJ|0|46|7|0|Dieser erfüllte auch den Wunsch Josephs gerne; denn auch er war ein großer Freund von Milch und Honigbrot.
KJ|0|46|8|0|Während der Mahlzeit aber erzählte der Joseph dem Cyrenius ganz kurz die Geschichte des jüdischen Volkes nebst der Geschichte der Schöpfung und des Menschengeschlechtes
KJ|0|46|9|0|und stellte das alles also bündig und folgerecht dar, dass es dem Cyrenius ganz einleuchtend ward, dass da Joseph sicher die verbürgteste Wahrheit geredet hatte.
KJ|0|46|10|0|Er ward darob einesteils sehr vergnügt für seinen Teil, aber wieder anderseits betrübt für die Seinen in Rom, von denen er wohl wusste, in welcher schändlichen Finsternis sie waren.
KJ|0|46|11|0|Daher sprach er zu Joseph: „Erhabener Mann und nun größter Freund meines Lebens!
KJ|0|46|12|0|Siehe, ich habe nun einen Plan gefasst! Alles, was ich nun von dir vernommen habe, werde ich also meinem nahe leiblichen Bruder, dem Kaiser Augustus, berichten, aber nur also, als hätte ich’s zufällig von einem mir übrigens ganz unbekannten Juden voll Biederkeit vernommen.
KJ|0|46|13|0|Dein Name und dein Aufenthalt wird nicht im allerentferntesten Sinne berührt; denn warum soll denn der beste Mensch in Rom, der Kaiser Augustus, mein Bruder, ewig sterben müssen?!“
KJ|0|46|14|0|Diesmal willigte Joseph ein, und der Cyrenius schrieb noch in Ostracine drei Tage lang und sandte es durch ein Extraschiff nach Rom an den Kaiser, mit der alleinigen Unterschrift: Dein Bruder Cyrenius.
KJ|0|46|15|0|Die Durchlesung dieser Nachricht von Seite des Cyrenius hatte dem Kaiser die Augen geöffnet; er fing dann das jüdische Volk zu achten an und verschaffte ihm sogar die Gelegenheit, gegen eine kleine Taxe als echt römische Bürger aufgenommen zu werden.
KJ|0|46|16|0|Zugleich aber wurden alle extrafeinen Heidentumsprediger unter irgendeinem Vorwand aus Rom verbannt.
KJ|0|46|17|0|Aus einem ähnlichen Grund auch der sonst in Rom so beliebte Dichter Ovidius aus Rom verbannt wurde, davon man den Grund nicht erfahren konnte; und so erging’s dann unter dem Augustus auch dem Priesterstand nicht am besten.
KJ|0|47|1|1|Die Abreise des Cyrenius. Der Brief des Cyrenius an den Landpfleger Jerusalems und den Kindermörder Herodes
KJ|0|47|1|1|Am 17. Oktober 1843
KJ|0|47|1|0|Am vierten Tag empfahl sich dann erst Cyrenius, nachdem er zuvor dem Stadtobersten ganz besonders ans Herz gelegt hatte, dieser Familie ja seinen Schutz bei jeder Gelegenheit unverzüglich angedeihen zu lassen.
KJ|0|47|2|0|Als er aber fortzog, da wollte ihm die ganze Familie das Geleit geben bis zum Meer, da sein Schiff vor Anker lag.
KJ|0|47|3|0|Aber Cyrenius lehnte das freundschaftlichst ab und sprach: „Liebster, erhabener Freund, bleibe du nun ungestört allhier!
KJ|0|47|4|0|Denn man kann nicht wissen, was alles für Nachboten schon mein Schiff eingeholt haben – und mit was für Nachrichten!
KJ|0|47|5|0|Obschon du aber nun vollkommen gesichert bist, so ist aber hier doch auch für mich jene Klugheit vonnöten, durch welche von den Nachzettlern niemand erfahren soll, warum ich diesmal im Januarius [Januar] Ägypten besucht habe!“
KJ|0|47|6|0|Joseph aber verstand den Cyrenius wohl, blieb zu Hause und segnete diesen Wohltäter an der Hausflur.
KJ|0|47|7|0|Darauf begab sich der Cyrenius unter der Verheißung, den Joseph bald wieder zu besuchen, von dannen mit seinen vier Dienern und erreichte also zu Fuß gar bald sein Schiff.
KJ|0|47|8|0|Allda angelangt, wurde er sobald mit großem Jubel empfangen, – aber hintendrein auch von einigen anderen hier angelangten Boten mit einem großen Jammergeschrei.
KJ|0|47|9|0|Denn viele Eltern flüchteten sich von der Küste Palästinas vor der Verfolgung Herodis, des Kindermörders, und erzählten sogleich über Hals und Kopf, welche Gräuel der Herodes um Bethlehem und im ganzen südlichen Teil Palästinas mit Hilfe der römischen Soldaten verübe.
KJ|0|47|10|0|Hier schrieb der Cyrenius sogleich einen Brief an den Landpfleger von Jerusalem und einen an den Herodes selbst, – und das gleichen Sinnes.
KJ|0|47|11|0|Der Brief aber lautete also kurz: „Ich, Cyrenius, ein Bruder des Kaisers und oberster Landpfleger über Asien und Ägypten – befehle euch im Namen des Kaisers, eurer Grausamkeit auf der Stelle Einhalt zu tun;
KJ|0|47|12|0|widrigenfalls ich den Herodes als einen barsten Rebellen ansehen werde und werde ihn züchtigen nach dem Gesetz, nach der Gebühr und nach meinem gerechten Zorn!
KJ|0|47|13|0|Seine Gräuel aber hat der Landpfleger von Jerusalem genau zu untersuchen und mich davon unverzüglich in Kenntnis zu setzen, auf dass mir der Wüterich der gerechten Strafe für seine Tat nicht entgehe!
KJ|0|47|14|0|Geschrieben auf meinem Schiff ‚Augustus‘ an der Küste zu Ostracine, im Namen des Kaisers, dessen oberster Stellvertreter in Asien und Ägypten und sonderheitlich Landpfleger in Coele Syria, Tyrus und Sidon – Cyrenius vice Augustus.“
KJ|0|48|1|1|Die List des Herodes. Der zweite Brief des Cyrenius an Herodes
KJ|0|48|1|1|Am 18. Oktober 1843
KJ|0|48|1|0|Der Landpfleger von Jerusalem und der Herodes aber entsetzten sich gewaltigst über den Brief des Cyrenius, stellten ihr Gräuelgetriebe ein und sandten Boten nach Tyrus, die dem Cyrenius anzeigen sollten, aus welcher wichtigen Ursache sie solches taten.
KJ|0|48|2|0|Sie schilderten mit den grellsten Farben die Gesandtschaft der ohnehin schlüpfrigen Perser und behaupteten sogar, dass sie gar wichtige, geheime Spuren entdeckt hätten, dass sogar des Cyrenius Bruder, Cornelius, in diese geheime, ganz asiatische Verschwörung als Oberhaupt mit begriffen sei.
KJ|0|48|3|0|Denn man habe in Erfahrung gebracht, dass der Cornelius diesen neuen König der Juden in seinen Schutz genommen hatte.
KJ|0|48|4|0|Und Herodes sei nun gesonnen, Boten nach Rom darob zu senden, so ihm vom Cyrenius nicht Gewähr geleistet werde.
KJ|0|48|5|0|Cyrenius habe daher den Cornelius der strengsten Untersuchung zu unterziehen, – wo nicht, so werde der Bericht an den Kaiser unausbleiblich abgehen!
KJ|0|48|6|0|Diese Reprise, welche der Cyrenius, schon wieder in Tyrus, erhielt, machte ihn anfangs stutzen.
KJ|0|48|7|0|Aber er fasste sich bald, vom göttlichen Geist geleitet, und schrieb folgende Zeilen an den Herodes, sagend nämlich:
KJ|0|48|8|0|„Wie lautet das geheime Gesetz des Augustus für allfällige Entdeckungen der Komplotte? Es lautet also: ‚So jemand irgendein geheimes Komplott entdeckt, so hat er sich ruhigst zu benehmen und alles sogleich umständlichst der höchsten Staatsbehörde des Landes anzuzeigen!
KJ|0|48|9|0|Weder ein sonderheitlicher Landpfleger, noch weniger ein Lehensherr aber hat ohne den ausdrücklichen Befehl der obersten Staatsbehörde, welche alles eher wohl zu untersuchen hat, einen Finger ans Schwert zu legen.
KJ|0|48|10|0|Denn nirgends kann ein unzeitiger Angriff einen größeren Schaden für den Staat bewirken als eben in diesem Punkt;
KJ|0|48|11|0|indem das Komplott dadurch sich zurückzieht und seinen bevorhabenden Umtrieb unter noch verschmitztere Kniffe verbirgt und ihn in günstigeren Umständen sicher, seinen Zweck nicht verfehlend, zum effektiven Vorschein bringt!‘
KJ|0|48|12|0|Das ist in dieser gar wichtigsten Hinsicht des weisesten Kaisers eigenmündiges Gebot!
KJ|0|48|13|0|Habt ihr darnach gehandelt? Mein Bruder Cornelius aber hat darnach gehandelt! Er hat sich des sein sollenden neuen Königs der Juden sobald bemächtigt,
KJ|0|48|14|0|hat mir ihn in die Gewalt geliefert, und ich habe mit ihm schon lange die gerechtesten Verfügungen nach der Gewalt getroffen, die mir über Asien und Ägypten zusteht.
KJ|0|48|15|0|Mein Bruder hat euch alles das vorgestellt; allein er redete zu tauben Ohren!
KJ|0|48|16|0|Als wahrhafte Rebellen habt ihr gegen alle Vorstellung meines Bruders den Kindermord unternommen und habt mich noch obendrauf keck aufgefordert, dass ich euch unterstützen sollte! Heißt das, das kaiserliche Gesetz handhaben?
KJ|0|48|17|0|Ich aber sage euch, der Kaiser ist bereits von allem unterrichtet und hat mich bevollmächtigt, den Landpfleger von Jerusalem abzusetzen, obschon er mir anverwandt ist, und dem Herodes eine Strafe von zehntausend Pfund Gold aufzulegen.
KJ|0|48|18|0|Der entsetzte Landpfleger hat sich binnen fünf Tagen bei mir einzufinden und der Herodes seine Geldbuße in längstens dreißig Tagen hier völlig zu entrichten, im widrigen Falle er seines Lehnsrechtes verlustig erklärt wird. Fiat! Cyrenius vice Augustus.“
KJ|0|49|1|1|Cyrenius bestraft Herodes. Maronius Pilla vor Cyrenius
KJ|0|49|1|1|Am 19. Oktober 1843
KJ|0|49|1|0|Dieser Brief des Cyrenius hatte erst den Landpfleger von Jerusalem wie den Herodes in die größte Angst versetzt.
KJ|0|49|2|0|Herodes und der Landpfleger, namens Maronius Pilla, begaben sich darum schleunigst zum Cyrenius.
KJ|0|49|3|0|Herodes, um von seiner Buße etwas herabzuhandeln, und der Landpfleger, um in sein Amt wieder aufgenommen zu werden.
KJ|0|49|4|0|Als sie mit großem Gefolge in Tyrus anlangten, da entsetzte sich das Volk; denn es war der Meinung, Herodes werde auch hier seine Grausamkeit ausüben mit dem Einverständnis des Cyrenius.
KJ|0|49|5|0|Daher lief es außer Atem zu ihm, warf sich nieder und bat und schrie um Gnade und Erbarmen!
KJ|0|49|6|0|Cyrenius aber, da er die Veranlassung zu dieser Erscheinung nicht wusste, entsetzte sich anfangs, –
KJ|0|49|7|0|fasste sich aber dann und fragte das Volk ganz freundlichst, was es denn gäbe, was vorgefallen sei, darum es also gewaltig geängstigt vor ihm schreie.
KJ|0|49|8|0|Das Volk aber schrie: „Er ist da, er ist da, der Grausamste der Grausamen, der in ganz Palästina viele Tausende von den unschuldigsten Kindern ermorden ließ!!!“
KJ|0|49|9|0|Nun erst erriet Cyrenius den Grund der Angst des Volkes, tröstete es, worauf das Volk sich wieder beruhigte und von dannen ging; er aber machte sich gefasst auf den Empfang der beiden.
KJ|0|49|10|0|Kaum war das Volk aus der Residenz des Cyrenius hinweggezogen, so ließen schon auch die beiden sich anmelden.
KJ|0|49|11|0|Der Herodes trat zuerst vor den Cyrenius, verbeugte sich tiefst vor der Kaiserlichen Hoheit und erbat sich die Erlaubnis zu reden.
KJ|0|49|12|0|Und der Cyrenius sprach mit großer Erregtheit: „Rede du, für den die Hölle zu gut ist, um ihm einen Namen zu geben! Rede, du bösartigster Auswurf der untersten Hölle! Was willst du von mir!?“
KJ|0|49|13|0|Und der Herodes, ganz erblassend vor den Donnerworten des Cyrenius, sprach bebend: „Herr der Herrlichkeit Roms! Zu unerschwingbar groß ist die von dir diktierte Buße; erlasse mir daher die Hälfte!
KJ|0|49|14|0|Denn Zeus sei mir Zeuge, dass ich, was ich getan habe, im gerechten Eifer für Rom getan habe!
KJ|0|49|15|0|Ich habe freilich grausam gehandelt, aber es war nicht anders möglich; denn die persische, gar glänzende Gesandtschaft hat mich offenbar dazu veranlasst, indem ich von ihr hintergangen ward gegen ein von ihr mir gegebenes Wort!“
KJ|0|49|16|0|Cyrenius aber sprach: „Hebe dich von hier, arger Lügner zu deinem Vorteil! Mir ist alles bekannt! Bekenne dich unverzüglich zur diktierten Buße, oder ich lasse dir auf der Stelle hier deinen Kopf vom Rumpf schlagen!!!“
KJ|0|49|17|0|Hier bekannte sich Herodes zur Buße, und das unter der Geisel des abgeforderten Lehensbriefes, der ihm erst nach der geleisteten Buße wieder überreicht ward.
KJ|0|49|18|0|Und der Cyrenius ließ ihn darauf sich entfernen und ließ darauf den Maronius Pilla vor.
KJ|0|49|19|0|Dieser aber, da er im Vorgemach die Stimmung des Cyrenius vernommen hatte, kam schon mehr als eine Leiche, als noch als ein lebendiger Mensch vor den Cyrenius.
KJ|0|49|20|0|Cyrenius aber sprach: „Pilla, fasse dich, denn du warst gezwungen! Du musst mir wichtige Aufschlüsse geben; darum ließ ich dich rufen! Deiner harrt keine Buße, außer die deines Herzens vor Gott!“
KJ|0|50|1|1|Das Verhör von Maronius durch Cyrenius
KJ|0|50|1|1|Am 20. Oktober 1843
KJ|0|50|1|0|Nach dieser Anrede des Cyrenius fiel dem Maronius Pilla ein gewaltiger Stein von der Brust; der Puls fing an freier zu gehen, und er ward bald fähig, dem Cyrenius zur Rede zu stehen.
KJ|0|50|2|0|Und als Cyrenius sah, dass der Maronius Pilla sich erholt hatte, fragte er ihn folgendermaßen:
KJ|0|50|3|0|„Ich sage dir, gebe mir die gewissenhafteste Antwort darüber, worüber ich dich fragen werde! Denn jede ausflüchtige Antwort wird dir mein gerechtes Missfallen zuziehen! Und so vernehme denn meine Frage!
KJ|0|50|4|0|Sage mir, kennst du die Familie, deren erstgeborenes Kind der sogenannte neue König der Juden sein soll?“
KJ|0|50|5|0|Maronius Pilla antwortete: „Ja, ich kenne sie persönlich nach der Kundgabe der Judenpriester in Jerusalem! Der Vater heißt Joseph und ist ein Zimmermann ersten Rufes in ganz Judäa und halb Palästina und ist sesshaft nahe bei Nazareth.
KJ|0|50|6|0|Seine Redlichkeit ist im ganzen Land, wie auch in ganz Jerusalem bekannt. Er musste vor ungefähr elf Monden ein reif gewordenes Mädchen aus dem jüdischen Tempel zur Obhut nehmen, ich glaube, durch eine Art Losung.
KJ|0|50|7|0|Dieses Mädchen hat wahrscheinlich in Abwesenheit dieses biederen Zimmermanns etwas zu früh der Venus gehuldigt, ward schwanger, darob dann meines Wissens dieser Mann grobe Anstände mit der jüdischen Priesterschaft zu bestehen hatte.
KJ|0|50|8|0|Insoweit ist mir die Sache wohl bekannt; aber mit der Entbindung dieses Mädchens – das da dieser Mann, um der Schande zu entgehen, die er von seinen Genossen zu befürchten hatte, noch vor der Entbindung zum Weib genommen haben soll – haben sich überaus mystische Sagen im Volk verbreitet, und man kann darüber nicht ins Klare kommen!
KJ|0|50|9|0|Sie hat bei der Gelegenheit der Volksbeschreibung in Bethlehem entbunden, und zwar in einem Stall; so viel habe ich herausgebracht.
KJ|0|50|10|0|Alles Weitere ist mir völlig unbekannt; solches sagte ich auch dem Herodes!
KJ|0|50|11|0|Dieser aber meinte, Cornelius habe diese ihm von den Persern verdächtig gemachte Familie irgend im Volk verbergen wollen, um ihm den Lehnsthron streitig zu machen, da er wohl weiß, dass dein Bruder sein Freund nicht ist!
KJ|0|50|12|0|Darum nahm er denn auch zu dieser exzentrischen Grausamkeit seine Zuflucht, um dadurch vielmehr dem Cornelius seinen Plan zu vereiteln, als so ganz eigentlich dieses neuen Königs habhaft zu werden.
KJ|0|50|13|0|Er übte somit mehr aus Rache gegen deinen Bruder, als aus Furcht vor diesem neuen König, diese kindermörderische Rache aus. Das ist nun alles, was ich dir zu sagen weiß über diese sonderbare Begebenheit!“
KJ|0|50|14|1|Am 21. Oktober 1843
KJ|0|50|14|0|Und der Cyrenius sprach weiter: „Bisher habe ich aus deinen Worten ersehen, dass du zwar die Wahrheit geredet hast; aber dass du dabei vor mir auch gewisserart den Herodes weißwaschen möchtest, ist mir keineswegs entgangen!
KJ|0|50|15|0|Ich sage dir aber, wie ich geschrieben habe, die Tat des Herodes lässt sich durch nichts entschuldigen!
KJ|0|50|16|0|Denn ich will es dir sagen, warum Herodes diese allerunmenschlichste Grausamkeit ausgeübt hatte.
KJ|0|50|17|0|Höre! Herodes ist selbst der allerherrschsüchtigste Mensch, den je die Erde genährt hatte!
KJ|0|50|18|0|Wenn er es könnte und einigermaßen nur eine entsprechende Macht dazu hätte, so würde er heute noch mit uns Römern, den Augustus nicht ausgenommen, das tun, was er mit den unschuldigsten Kindern getan hatte! Verstehst du mich?!
KJ|0|50|19|0|Er hatte diesen Kindermord nur darum unternommen, weil er der Meinung war, uns Römern einen groß respektablen Dienst zu erweisen und sich dadurch als echter römischer Patriot zu zeigen, auf dass ihm der Kaiser mein Amt zum Lehnsfürstentum noch hinzu anvertrauen möchte;
KJ|0|50|20|0|wodurch er dann gleich mir vice Caesaris unumschränkt mit dem Drittel der ganzen römischen Macht disponieren könnte und könnte sich dadurch dann auch von Rom ganz los und unabhängig machen, um als Alleinherrscher über Asien und Ägypten dazustehen.
KJ|0|50|21|0|Verstehst du mich?! Siehe, das ist der mir gar wohlbekannte Plan dieses alten Scheusals; und wie ich ihn kenne, so kennt ihn nun auch Augustus!
KJ|0|50|22|0|Nun aber frage ich dich bei deinem Kopf zum Pfand der Wahrheit, die du mir darüber zu erteilen hast, ob du von diesem Plan Herodis nichts gewusst hattest, als er dich zu seinem schändlichsten Werkzeug gedingt hatte?
KJ|0|50|23|0|Rede! aber bedenke, dass dich hier jede unwahre ausflüchtige Silbe das Leben kostet! Denn mir ist in dieser Sache jeder Punkt auf ein Haar bekannt!“
KJ|0|50|24|0|Hier ward der Maronius Pilla wieder zur Leiche und stotterte: „Ja, du hast recht, ich wusste auch, was der Herodes im Schilde führte.
KJ|0|50|25|0|Aber ich fürchtete seinen argen Intrigengeist und musste darum tun nach seinem Verlangen, um ihm dadurch den Grund zu einer noch größeren Intrige zu zerstören.
KJ|0|50|26|0|Ganz also durch und durch aber, wie ich den Herodes jetzt durch dich kenne, habe ich ihn ehedem doch nicht erkannt; denn hätte ich das, da lebte er nicht mehr!“
KJ|0|50|27|0|Und Cyrenius sprach: „Gut, ich schenke dir im Namen des Kaisers zwar das Leben; aber in dein Amt werde ich dich nicht eher einsetzen, als bis deine Seele genesen wird von einer starken Krankheit! Bei mir hier wirst du gepflegt, deine Stelle aber wird einstweilen mein Bruder Cornelius versehen; denn siehe, ich traue dir nimmer! Daher bleibst du hier, bis du gesund wirst!“
KJ|0|51|1|1|Die Verfügungen des Cyrenius betreffend Maronius
KJ|0|51|1|1|Am 24. Oktober 1843
KJ|0|51|1|0|Als der Maronius Pilla solch Urteil vom Cyrenius vernommen hatte, da sprach er mit bebender Stimme:
KJ|0|51|2|0|„Wehe mir, denn es ist alles verraten! Ich bin ein Republikaner, und solches ist dem Kaiser offen dargelegt, – wehe, ich bin verloren!“
KJ|0|51|3|0|Der Cyrenius aber sprach: „Wohl wusste ich, wessen Geistes Kinder ihr seid, und welch ein Grund dich zum Kindermord mit dem Herodes verbündet hatte.
KJ|0|51|4|0|Darum handelte ich auch also, wie ich gehandelt habe!
KJ|0|51|5|0|Wahrlich, so du nicht samt mir dem ersten Haus Roms entstammen möchtest, ich hätte dir den Kopf ohne Gnade herabschlagen lassen,
KJ|0|51|6|0|wo ich dich nicht sogar hätte ans Querholz heften lassen! Ich aber habe dich darum begnadigt, weil du fürs Erste vom Herodes mehr verleitet wardst zu diesem Schritt, und weil du einer der ersten Patrizier Roms bist samt mir und dem Augustus Caesar.
KJ|0|51|7|0|Aber in dein Amt kommst du nicht, solange Herodes leben wird, und solange du nicht vollkommen geheilt sein wirst!
KJ|0|51|8|0|Die Bedingung deines Hierseins aber wirst du dadurch erfüllen, dass du ohne alle Widerrede dich der Arbeit unterziehen wirst, die ich dir zuteilen werde, und dass du streng unter meinen Augen wandeln wirst!
KJ|0|51|9|0|Im Frühjahr aber werde ich einen amtlichen Ausflug nach Ägypten machen, – dahin wirst du mich begleiten!
KJ|0|51|10|0|Dort wohnt außer der Stadt ein alter Weiser; diesem werde ich dich unter die Augen stellen, – und er wird dir alle deine Krankheit kundtun!
KJ|0|51|11|0|Und es wird sich dort auf den ersten Augenblick zeigen, inwieweit allen deinen Aussagen zu trauen ist!
KJ|0|51|12|0|Bereite dich daher wohl vor; denn dort wirst du mehr antreffen denn das Orakel zu Delphi!
KJ|0|51|13|0|Denn dort wirst du vor einen Richter gestellt werden, dessen Augenschärfe das Erz fließen macht wie ein Wachs! Bereite dich daher wohl vor; denn bei diesem meinem Ausspruch wird es verbleiben!“
KJ|0|52|1|1|Cyrenius reist mit Maronius nach Ägypten. Die ersten Worte des Jesuskindes
KJ|0|52|1|1|Am 25. Oktober 1843
KJ|0|52|1|0|Das bestimmte Frühjahr kam gar bald heran; denn in dieser Gegend ist dessen Anfang schon im halben Februar.
KJ|0|52|2|0|Aber der Cyrenius bestimmte seine Reise nach Ägypten erst im halben März, welcher Monat bei den Römern gewöhnlich für militärische Geschäfte festgesetzt war.
KJ|0|52|3|0|Als sonach der halbe März erschien, ließ der Cyrenius sobald wieder sein Schiff ausrüsten und trat mit Maronius Pilla gerade am fünfzehnten die Reise nach Ägypten an.
KJ|0|52|4|0|In fünf Tagen war diesmal die Reise zurückgelegt.
KJ|0|52|5|0|Diesmal ließ der Cyrenius sich in Ostracine mit allen Ehren empfangen; denn er musste diesmal große militärische Musterungen und Visitationen halten.
KJ|0|52|6|0|Darum musste er sich diesmal auch mit allen Auszeichnungen empfangen lassen.
KJ|0|52|7|0|Es machte sonach diese Ankunft des Cyrenius ein übergroßes Aufsehen in Ostracine, welches auch bis zu unserer bekannten Villa sich verbreitete.
KJ|0|52|8|0|Joseph sandte darum die zwei ältesten seiner Söhne in die Stadt, auf dass sie sich genau erkundigen sollten, was das sei, darum die ganze Stadt in solcher Bewegung ist.
KJ|0|52|9|0|Und die beiden Söhne gingen eiligst und kamen bald mit der guten Botschaft zurück, dass der Cyrenius in der Stadt angekommen sei, und wo er wohne.
KJ|0|52|10|0|Als der Joseph solches vernommen hatte, sprach er zu Maria: „Höre, diesen großen Wohltäter müssen wir sogleich dankbar besuchen, und das Kindlein darf nicht zurückbleiben!“
KJ|0|52|11|0|Und die Maria, voll Freuden über diese Nachricht, sprach: „O lieber Joseph, das versteht sich von selbst; denn das Kindlein ist ja der eigentliche Liebling des Cyrenius!“
KJ|0|52|12|0|Und sogleich zog Maria dem schon recht stark gewachsenen Kind ganz neue, von ihr selbst verfertigte Kleider an und fragte so in ihrer mütterlichen Liebe und Unschuld das Kindlein:
KJ|0|52|13|0|„Gelt, Du mein herzallerliebstes Söhnchen, Du mein geliebtester Jesus, Du gehst auch mit, den lieben Cyrenius zu besuchen?“
KJ|0|52|14|0|Und das Kindlein lächelte die Maria gar munter an und sprach deutlich das erste Wort; und das Wort lautete:
KJ|0|52|15|0|„Maria! jetzt folge Ich dir, bis du Mir einst folgen wirst!“
KJ|0|52|16|0|Diese Worte brachten eine solch erhabene Stimmung im ganzen Haus Josephs hervor, dass er darob nahe auf den Besuch des Cyrenius vergessen hätte.
KJ|0|52|17|0|Aber das Kindlein ermahnte den Joseph selbst, sein Vorhaben nicht aufzuschieben; denn der Cyrenius hätte diesmal viel zu tun zur Wohlfahrt der Menschen.
KJ|0|53|1|1|Zusammentreffen der heiligen Familie mit Cyrenius und Maronius
KJ|0|53|1|1|Am 26. Oktober 1843
KJ|0|53|1|0|Darauf machten sich Joseph und Maria sogleich auf den kurzen Weg; und der älteste Sohn Josephs begleitete sie, ihnen den nächsten Weg zur Burg zeigend, in der sich Cyrenius aufhielt.
KJ|0|53|2|0|Als sie aber auf den großen Platz gelangten, siehe, da war derselbe ganz mit Soldaten angefüllt, dass nicht leichtlich zum Eingang in die Burg zu gelangen war.
KJ|0|53|3|0|Und der Joseph sprach zur Maria: „Geliebtes Weib, siehe, was für uns Menschen unmöglich ist, das bleibt unmöglich!
KJ|0|53|4|0|Also ist es auch jetzt rein unmöglich, durch alle diese Soldatenreihen zur Burg zu gelangen; daher, sollen wir geradezu wieder umkehren und eine günstigere Zeit abwarten!?
KJ|0|53|5|0|Auch das Kindlein blickt diese rauen Kriegerreihen ganz ängstlich an! Es könnte leicht erschreckt werden und darauf krank werden, und wir hätten dann die Schuld; daher kehren wir wieder zurück!“
KJ|0|53|6|0|Maria aber sprach: „Geliebtester Joseph! Siehe, so mich meine Augen nicht täuschen, so ist jener Mann, der soeben da vor dieser letzten Reihe mit einem glänzenden Helm auf dem Kopf dahergeht, ja eben der Cyrenius!
KJ|0|53|7|0|Warten wir daher ein wenig, bis er daher kommt; vielleicht wird er unser ansichtig und wird uns dann sicher einen Wink geben, was wir zu tun haben, ob wir zu ihm kommen sollen, oder nicht!“
KJ|0|53|8|0|Und der Joseph sprach: „Ja, geliebtes Weib, du hast recht; es ist offenbar Cyrenius selbst!
KJ|0|53|9|0|Aber siehe einmal dem anderen Helden, der neben ihm einhergeht, so recht fest ins Gesicht! Wenn das nicht der berüchtigte Landpfleger von Jerusalem ist, so will ich nicht Joseph heißen!
KJ|0|53|10|0|Was tut dieser hier? Sollte seine Gegenwart uns gelten? Sollte uns Cyrenius schändlichst also an den Herodes ausgeliefert haben?!
KJ|0|53|11|0|Das Beste an der Sache ist, dass er mich und dich persönlich sicher nicht kennt, und so können wir uns noch durch eine neue Flucht tiefer nach Ägypten hinein retten.
KJ|0|53|12|0|Denn kennte er mich oder dich, so wären wir schon verloren; denn er ist nun kaum mehr zwanzig Schritte von uns entfernt und könnte uns sogleich ergreifen lassen!
KJ|0|53|13|0|Daher ziehen wir uns nur schleunigst zurück, sonst ist es mit uns geschehen, so der Cyrenius unser ansichtig wird, der uns sicher noch gar wohl kennt!“
KJ|0|53|14|0|Hier erschrak Maria und wollte sogleich zurückfliehen. Aber das Volksgedränge gestattete hier keine Flucht; denn die Neugierde trieb so viele Menschen auf den Platz, dass durch sie es wohl unmöglich war, sich hindurchzudrängen.
KJ|0|53|15|0|Joseph sagte daher: „Was unmöglich ist, das ist unmöglich; ergeben wir uns daher in den göttlichen Willen! Der Herr wird uns auch diesmal sicher nicht verlassen!
KJ|0|53|16|0|Stecken wir aber doch zur Vorsicht so hübsch die Köpfe zusammen, auf dass wenigstens der Cyrenius uns nicht vom Angesicht erkennt!“
KJ|0|53|17|0|Bei dieser Gelegenheit aber kam auch der Cyrenius so ziemlich knapp an den Joseph und schob ihn ein wenig vom Weg. Joseph aber konnte des Gedränges wegen nicht weichen; daher sah Cyrenius seinen hartnäckigen Mann sich näher an und erkannte sobald den Joseph.
KJ|0|53|18|0|Als er des Joseph ansichtig ward und der Maria und des ihn anlächelnden Kindes, da wurden seine Augen vor Freude voll Tränen; ja so erfreut ward Cyrenius darüber, dass er kaum zu reden vermochte.
KJ|0|53|19|0|Doch aber fasste er sich so bald als möglich, ergriff mit Hast die Hand Josephs, drückte sie an sein Herz und sprach:
KJ|0|53|20|0|„Mein erhabenster Freund! Du siehst mein Geschäft!
KJ|0|53|21|0|O vergebe mir, dass ich noch nicht dich habe besuchen können; aber soeben ist die Musterung zu Ende! Ich werde sogleich die Truppen abziehen lassen in ihre Kasernen,
KJ|0|53|22|0|sodann dem Obersten meinen kurzen Befehl erteilen für morgen und dann alsogleich hier umgekleidet bei dir sein und dich geleiten in deine Wohnung!“
KJ|0|53|23|0|Hier wandte er sich noch voll Freude zur Maria und zu dem Kind und fragte, gleichsam das Kindlein kosend:
KJ|0|53|24|0|„O Du mein Leben, Du mein Alles, kennst Du mich noch, hast Du mich lieb, Du mein holdestes Kindchen Du!?“
KJ|0|53|25|0|Und das Kindchen hob Seine Händchen weit ausgebreitet gegen den Cyrenius auf, lächelte ihn gar sanft an und sprach dann deutlich:
KJ|0|53|26|0|„O Cyrenius! Ich kenne dich wohl und liebe dich, weil du Mich so sehr lieb hast! Komme, komme nur zu Mir; denn Ich muss dich ja segnen!“
KJ|0|53|27|0|Das war zu viel für das Herz des Cyrenius; er nahm das Kind auf seine Arme, drückte Es an sein Herz und sprach:
KJ|0|53|28|0|„Ja! Du mein Leben, mit Dir auf meinen Armen will ich das Kommando zum langen Frieden der Völker erteilen!“
KJ|0|53|29|0|Hier rief er den Obersten zu sich, erteilte ihm seine volle Zufriedenheit und befahl ihm, die Truppen abziehen zu lassen und drei Tage lang auf Kosten des eigenen Beutels (d. h. des Cyrenius Beutel) verpflegen zu lassen, und lud dann den Obersten auf ein gutes Mahl nebst mehreren Hauptleuten auf die Villa Josephs ein.
KJ|0|53|30|0|Er aber zog, wie er war, geleitet von dem sich stets mehr wundernden Maronius Pilla, sogleich das Kindlein selbst tragend, mit Joseph und der Maria hinaus auf die Villa und ließ dort durch seine Diener sogleich ein festlich Mahl bereiten. Das aber machte ein großes Aufsehen in der Stadt; denn alles Volk ward entflammt mit Liebe für den Cyrenius, da es in ihm einen so großen Kinderfreund ersah.
KJ|0|54|1|1|Josephs Sorge wegen der Anwesenheit des Maronius. Cyrenius beruhigt ihn
KJ|0|54|1|1|Am 27. Oktober 1843
KJ|0|54|1|0|Dem Joseph aber war alles recht, und er lobte in seinem Herzen auch Gott den Herrn inbrünstigst für diese überglückliche Wendung seiner ängstlichen Besorgnis.
KJ|0|54|2|0|Aber dennoch genierte ihn der Maronius ein wenig; denn er wusste noch immer nicht, was denn so ganz eigentlich dieser Freund des Herodes hier mache.
KJ|0|54|3|0|Daher nahte er sich noch auf dem Weg ganz unvermerkt dem Cyrenius und fragte ihn etwas leise:
KJ|0|54|4|0|„Edelster Freund der Menschen! Ist dieser Held, der da vor dir zieht, nicht der Maronius von Jerusalem?
KJ|0|54|5|0|Wenn er es ist, dieser Freund des Herodes, was macht er wohl hier?!
KJ|0|54|6|0|Sollte er etwa irgend Wind von mir erhalten haben und will mich hier aufsuchen und gefangen nehmen?
KJ|0|54|7|0|O edelster Freund! belasse mich nicht länger in dieser bangen Ungewissheit!“
KJ|0|54|8|0|Der Cyrenius aber ergriff die Hand Josephs und sagte ebenfalls ganz leise zu ihm:
KJ|0|54|9|0|„O du mein liebster, erhabenster Freund! Fürchte dich vor dem im Ernst wirklich gewesenen Landpfleger von Jerusalem ja nicht im Geringsten!
KJ|0|54|10|0|Denn heute noch sollst du dich selbst überzeugen, dass er einen bei weitem größeren Grund hat, sich vor dir zu fürchten, als du vor ihm!
KJ|0|54|11|0|Denn siehe, er ist nun nimmer Landpfleger in Jerusalem, sondern er ist nun, wie du ihn siehst, mein barster Gefangener und wird seine Stelle nicht eher wieder einnehmen, als bis er vollkommen geheilt sein wird!
KJ|0|54|12|0|Ich habe ihn aber gerade deinetwegen mitgenommen; denn als ich ihn verhörte der Gräueltat in Palästina wegen,
KJ|0|54|13|0|da gab er vor, dich und die Maria persönlich zu kennen. Wie es sich aber jetzt zeigt, so kennt er weder dich noch dein Weib Maria!
KJ|0|54|14|0|Und das ist schon ein sehr gutes Wasser auf unsere Mühle.
KJ|0|54|15|0|Er weiß aber keine Silbe, dass du hier bist; darum musst du dich auch nirgends verraten!
KJ|0|54|16|0|Denn er erwartet hier nur einen überweisen Mann, der ihm seine Eingeweide enthüllen wird;
KJ|0|54|17|0|und dieser ist kein anderer als du selbst! Denn darum habe ich ihn nach meiner Aussage mitgenommen, dass er in dir den weisen Mann soll kennen und zu seinem Besten verkosten lernen.
KJ|0|54|18|0|Er fürchtet dich daher schon im Voraus ganz entsetzlich und ist, nach seinem sehr blassen Aussehen zu schließen, schon sicher der Meinung, dass du der von mir erwähnte Mann sein wirst!
KJ|0|54|19|0|Aus diesem wenigen kannst du vorderhand dich schon ganz beruhigen; die Folge aber wird dir dieses alles ins klarste Licht setzen!“
KJ|0|54|20|0|Als der Joseph solches vom Cyrenius vernommen hatte, da ward er überfroh und unterrichtete heimlich die Maria und den ältesten Sohn, wie sie sich gegen den Maronius zu benehmen haben, damit da ja nichts irgend von dem Plan des Cyrenius verraten werden möchte. Und so wurde vorsichtigen Schrittes auch die Villa erreicht und daselbst das Mahl bereitet, wie es schon bekanntgegeben wurde.
KJ|0|55|1|1|Das Gastmahl in Haus des Joseph. Das Jesuskind offenbart Seine Weisheit
KJ|0|55|1|1|Am 28. Oktober 1843
KJ|0|55|1|0|Die Mahlzeit war bereitet, und die Gäste, die da geladen waren, kamen auch herbei; und der Cyrenius, bisher noch immer das Kindlein lockend, das mit ihm spielte und ihn auch liebkoste, gab der Maria wieder das Kindlein und gab Zeichen zum Essen.
KJ|0|55|2|0|Alles setzte sich zum reinen Tisch; aber Maria, da sie keine stattlichen Kleider hatte, ging mit dem Kindlein in ein Seitengemach und setzte sich zum Tisch der Söhne Josephs.
KJ|0|55|3|0|Es merkte aber solches sobald der Cyrenius, eilte selbst der lieben Mutter nach und sprach:
KJ|0|55|4|0|„O du allerliebste Mutter dieses meines Lebens, was willst du denn tun?!
KJ|0|55|5|0|An dir und an deinem Kind ist mir ja am meisten gelegen; du bist die Königin unserer Gesellschaft, und gerade du möchtest nicht teilnehmen an meinem Freudenmahl, das ich gerade deinetwegen hier veranstalten ließ!?
KJ|0|55|6|0|O siehe, das geht durchaus nicht an! Komme daher nur geschwind herein ins große Gemach und setze dich an meiner Rechten, – und neben mir zur Linken sitzt dein Gemahl!“
KJ|0|55|7|0|Maria aber sprach: „O siehe, du lieber Herr, ich habe ja gar ärmliche Kleider; wie werden sich diese an deiner so glänzenden Seite ausnehmen!?“
KJ|0|55|8|0|Cyrenius aber sprach: „O du liebe Mutter! So dich meine goldenen Kleider, die für mich gar keinen Wert haben, beirren sollten, da möchte ich sie sogleich von mir werfen und dafür einen allergemeinsten Matrosenrock anziehen, um dich nur bei meiner Tafel nicht zu missen!“
KJ|0|55|9|0|Da die Maria von der großen Herablassung des Cyrenius überzeugt war, so kehrte sie um und setzte sich also neben den Cyrenius zur Tafel mit dem Kind auf ihren Armen.
KJ|0|55|10|0|Als sie nun alle am Tisch saßen, da sah das Kindlein fortwährend den Cyrenius lächelnd an; und der Cyrenius konnte auch vor lauter Liebe zu diesem Kind seine Augen nicht abwenden von Ihm.
KJ|0|55|11|0|Eine kurze Zeit hielt er es aus; aber dann wurde seine Liebe zum Kind zu mächtig,
KJ|0|55|12|0|und er fragte den lieben Kleinen: „Gelt, Du mein Leben, Du möchtest wieder zu mir auf meine Arme?!“
KJ|0|55|13|0|Und das Kindlein lächelte den Cyrenius gar lieblich an und sprach wieder sehr deutlich:
KJ|0|55|14|0|„O mein geliebter Cyrenius! Zu dir gehe Ich sehr gerne, weil du Mich so lieb hast! Darum habe auch Ich dich so lieb!“
KJ|0|55|15|0|Und sogleich streckte der Cyrenius seine Arme nach dem Kind aus und nahm Es zu sich und koste Es inbrünstigst.
KJ|0|55|16|0|Maria aber sprach scherzend zum Kindlein: „Mache aber den Herrn Cyrenius ja nicht irgend schmutzig!“
KJ|0|55|17|0|Und der Cyrenius aber sprach in hoher Rührung: „O liebe Mutter! Ich möchte wohl wünschen, dass ich so rein wäre, dieses Kind würdig auf meinen Armen zu tragen!
KJ|0|55|18|0|Dies Kind kann mich nur reinigen, aber nimmer beschmutzen!“
KJ|0|55|19|0|Hier wandte er sich wieder zum Kind und sprach: „Mein Kindlein, gelt ja, ich bin wohl noch sehr unrein, sehr unwürdig, Dich zu tragen?“
KJ|0|55|20|0|Das Kindlein aber sprach abermals deutlich: „Cyrenius, wer Mich liebt wie du, der ist rein, und Ich liebe ihn, wie er Mich liebt!“
KJ|0|55|21|0|Und der Cyrenius fragte das Kindlein ganz entzückt weiter, sagend: „Aber wie kommt es, Du mein Kindlein, dass Du, noch kaum etliche Monate alt, schon so vernünftig und deutlich sprichst? Hat Dich Deine liebe Mutter das gelehrt?“
KJ|0|55|22|0|Das Kindlein aber, gar sanft lächelnd, richtete Sich auf den Armen des Cyrenius ganz gerade auf und sprach wie ein kleiner Herr:
KJ|0|55|23|0|„Cyrenius, da kommt es nicht auf das Alter und auf das Erlernen an, sondern was für einen Geist man hat! Lernen muss nur der Leib und die Seele; aber der Geist hat schon alles in sich aus Gott!
KJ|0|55|24|0|Ich aber habe den rechten Geist vollmächtig aus Gott; siehe, darum kann Ich auch schon so früh reden!“
KJ|0|55|25|0|Diese Antwort brachte den Cyrenius, wie auch die ganze andere Gesellschaft, völlig außer sich vor Verwunderung, und der Oberste selbst sagte: „Beim Zeus, dieses Kind beschämt schon jetzt mit dieser Antwort alle unsere Weisen! Was ist da Plato, Sokrates und hundert andere Weise mehr! Was aber wird dieses Kind erst leisten im Mannesalter?“ – Und der Cyrenius sprach: „Sicher mehr als alle unsere Weisen samt allen unseren Göttern!“
KJ|0|56|1|1|Des Maronius Ansicht über das Jesuskind
KJ|0|56|1|1|Am 30. Oktober 1843
KJ|0|56|1|0|Der Cyrenius aber wandte sich bald nach diesen Wunderworten des Kindleins an den stets blasser werdenden Maronius und sagte zu ihm:
KJ|0|56|2|0|„Maronius Pilla, was sagst denn du zu diesem Kind? Hast du je etwas Ähnliches gesehen und gehört?
KJ|0|56|3|0|Ist das nicht offenbar mehr als unsere Mythe von Zeus, da er auf einer Insel soll an einer Ziege gesaugt haben?
KJ|0|56|4|0|Nicht bei weitem mehr als die fragliche Tradition von den Gründern Roms, den Nährkindern einer Wölfin?!
KJ|0|56|5|0|Rede! Was deucht dich hier? Denn darum bist du mein Geleitsmann, dass du etwas hören, sehen, lernen und darüber dann vor mir urteilen sollst!“
KJ|0|56|6|0|Der Maronius Pilla fasste sich hier, so gut er es nur konnte, und sprach:
KJ|0|56|7|0|„Hoher Befehlshaber von Asien und Ägypten, was soll ich armer Tropf hier sagen, wo die größten alten Weltweisen verstummen müssten und Apollos und Minervas Weisheit wie auf einem glühenden Amboss des Vulkan gar jämmerlich zum dünnsten Blech breitgeschlagen wird?!
KJ|0|56|8|0|Ich kann hier nichts anderes sagen als: Den Göttern hat es wohlgefallen, aus ihrer aller Mitte einen allerweisesten Gott auf die Erde zu stellen; und Ägypten als der alte, von allen Göttern begünstigtste Boden muss auch dieses Gottes aus allen Göttern Vaterland sein, ein Land, das den Schnee und das Eis nicht kennt!“
KJ|0|56|9|0|Und der Cyrenius sagte etwas lächelnd: „Du hast gewisserart nicht unrecht!
KJ|0|56|10|0|Aber siehe, nur darin scheinst du dich geirrt zu haben, dass du dies Kind ein Kind aus allen Göttern nanntest!
KJ|0|56|11|0|Denn sieh, da zu meinen beiden Seiten sitzen des Kindes Vater und Mutter ja, und diese sind Menschen, wie wir beide es sind!
KJ|0|56|12|0|Wie soll hernach aus ihnen ein Gottkind aller Götter zum Vorschein kommen?
KJ|0|56|13|0|Obendrauf aber würden sich dadurch ja offenbar die hohen Bewohner des Olymps eine ganz gewaltige Laus in den Pelz gesetzt haben, die ihnen durch ihr enormes Weisheitsübergewicht gar bald den Garaus machen würde!
KJ|0|56|14|0|Ich ersuche dich darum, dich anders zu beraten; denn sonst läufst du Gefahr, dass dich für solch eine Demonstration alle Götter zugleich angreifen werden und werden dich beim lebendigen Leibe vor den Minos, Aiakos und Rhadamanthys stellen und dich darauf dem Tantalus zur Seite stellen!“
KJ|0|56|15|0|Hier stutzte der Maronius und sprach nach einer Weile: „Consulische Kaiserliche Hoheit! Ich glaube, das Gericht der drei Unterweltsrichter ist schon beinahe eingegangen, und die Götter haben, wie es mir vorkommt, auch schon so ziemlich stark ihren Olymp gelüftet!
KJ|0|56|16|0|Wenn wir nur weise Menschen haben, die sicher auch ihre Weisheit nicht aus den Pfützen haben, da dürften wir unserer Götter Rat gar bald entbehren lernen!
KJ|0|56|17|0|Fürwahr, dieses Wunderkindes Worte stehen schon jetzt in einem größeren Ansehen bei mir als drei Olympe voll ganz frisch gebackener Götter!“
KJ|0|56|18|0|Und der Cyrenius sprach: „Maronius! Wenn das dein vollster Ernst ist, dann sei dir alles vergeben; aber wir wollen darüber eher noch so manches Wort wechseln; darum vorderhand nichts mehr weiter!“
KJ|0|57|1|1|Vernehmung des Maronius durch Cyrenius in Anwesenheit der heiligen Familie
KJ|0|57|1|1|Am 31. Oktober 1843
KJ|0|57|1|0|Nach der Beendung der Mahlzeit, welche bei Cyrenius nie über zwei Stunden dauerte, begaben sich der Oberst und die Zenturionen wieder in die Stadt mit dem ausdrücklichen Befehl, ihm an diesem Tag keine Ehrenbezeigungen mehr zu erweisen.
KJ|0|57|2|0|Als sich alle sonach entfernt hatten, da nahm der Cyrenius erst den Maronius sozusagen recht ad cordam [an die Kandare].
KJ|0|57|3|0|Er fragte ihn darum in der Gegenwart des Josephs und der Maria, die wieder das Kindlein auf ihren Armen hatte:
KJ|0|57|4|0|„Maronius! Du hast mir in Tyrus, als ich dich verhört hatte nach dem Herodes, gesagt, und hast es mir förmlich beteuert, den gewissen biederen Zimmermann Joseph aus der Gegend von Nazareth persönlich zu kennen;
KJ|0|57|5|0|also auch eine gewisse Maria, die eben der Zimmermann aus dem Tempel zum Weib oder bloß nur zur Obhut soll übernommen haben!
KJ|0|57|6|0|Gebe mir daher eben jetzt, da wir bei diesem meinem Gastwirt gute Muße haben, eine nähere Beschreibung davon!
KJ|0|57|7|0|Denn ich habe dieser Tage in Erfahrung gebracht, dass sich diese Familie im Ernst hier in Ägypten befinden soll und soll eine ganz andere sein als diejenige, die mir mein Bruder überantwortet hatte und von mir aus sich noch in gutem Gewahrsam befindet.
KJ|0|57|8|0|Denn so viel Rechts- und Menschlichkeitsgefühl wirst du ja trotz der Herodianischen Gräuelgenossenschaft haben, um anzuerkennen, dass es doch sicher höchst grausam wäre, unschuldige Menschen – woher sie auch immer sein mögen – ohne Not gefangen zu halten?!
KJ|0|57|9|0|Gebe du mir daher eine sichere Beschreibung von dem berüchtigten Paar, auf dass ich es in dieser Gegend aufsuchen und gefangen nehmen kann; denn das erfordern streng unsere Staatsgesetze!
KJ|0|57|10|0|Ich aber bin berechtigt, solches umso mehr von dir zu verlangen, weil du selbst es mir gestanden hattest, diese Familie persönlich zu kennen, an deren richtiger Habhaftwerdung mir nun alles gelegen sein muss!“
KJ|0|57|11|0|Hier fing der Maronius wieder ganz gewaltig an zu stutzen und wusste nicht, was er nun sagen solle; denn er hatte weder den Joseph, noch die Maria zuvor gesehen.
KJ|0|57|12|0|Nach einer Weile sagte er mit ganz stotternder Stimme erst:
KJ|0|57|13|0|„Consulische Kaiserliche Hoheit! Auf deine Güte und Nachsicht bauend, muss ich dir endlich beim Zeus und allen anderen Göttern beteuern und eidlich bekennen, dass ich den besagten Joseph samt der gewissen Maria nicht im Geringsten kenne!
KJ|0|57|14|0|Denn mein Bekenntnis in Tyrus war nur eine leere Ausflucht, da ich damals noch böswillig dich zu täuschen suchte.
KJ|0|57|15|0|Nun aber habe ich mich bei dir überzeugt, dass du durchaus nicht zu täuschen bist; so hat sich denn auch mein Wille geändert, und ich habe dir demnach die volle Wahrheit kundgetan!“
KJ|0|57|16|0|Hier winkte der Cyrenius dem reden wollenden Joseph, zu schweigen noch, und sagte zum Maronius:
KJ|0|57|17|0|„Ja, wenn ich so mit dir stehe, da werden wir uns schon noch etwas länger beschauen und besprechen müssen; denn nun erst erkenne ich dich als einen vollkommen staatsgefährlichen Menschen! Gebe mir daher nun Rede und Antwort auf jegliche meiner Fragen eidlich!“
KJ|0|58|1|1|Verteidigungsrede des Maronius. Cyrenius befragt Joseph und verkündet sein Urteil
KJ|0|58|1|1|Am 2. November 1843
KJ|0|58|1|0|Der Maronius aber sagte darauf zum Cyrenius: „Consulische Kaiserliche Hoheit! Wie wohl soll ich nun noch ein staatsverdächtiger Anhänger des Herodes sein?
KJ|0|58|2|0|Denn ich erkenne es ja nun, dass dieser Wüterich nach der Alleinherrschaft von Asien strebt!
KJ|0|58|3|0|Soll ich ihm dazu etwa behilflich sein? Wie wäre da solches möglich? Mit der Handvoll Jerusalemer konnte sich Herodes höchstens über die Kinder der Juden wagen!
KJ|0|58|4|0|Und diese Gewalttat hat ihm schon eine solche Schlappe beigebracht, dass er ein ähnliches Unternehmen für alle Zeiten der Zeiten unterlassen wird!
KJ|0|58|5|0|Ich aber war ja ohnehin ein Werkzeug der Not und musste handeln nach dem Willen dieses Wüterichs, weil er mir mit Rom drohte!
KJ|0|58|6|0|Da ich aber nun von dir aus ganz klar weiß, wie die Sachen stehen, und zudem auch keine Macht in meinen Händen habe und auch keine mehr haben will,
KJ|0|58|7|0|sehe ich fürwahr nicht ein, wie und auf welche Art ich noch ein staatsgefährlicher Mensch sein soll?!
KJ|0|58|8|0|Behalte du mich bei dir als ewige Geisel meiner Treue für Rom, und du machst mich glücklicher, als so du mich wieder zum Landpfleger von Palästina und Judäa machst!“
KJ|0|58|9|0|Diese Worte sprach der Maronius ganz ernstlich, und es war seiner Rede keine Zweideutigkeit zu entnehmen.
KJ|0|58|10|0|Darum sprach der Cyrenius zu ihm: „Gut, mein Bruder, ich will dir glauben, was du geredet hast; denn ich habe in deinen Worten nun viel Ernst gefunden!
KJ|0|58|11|0|Aber eines geht mir zur vollsten Bekräftigung der Wahrheit deiner Worte noch ab, und das ist das Urteil jenes weisen Mannes, dessen ich dir schon in Tyrus erwähnt hatte.
KJ|0|58|12|0|Und siehe, dieser Mann, dieses Orakel aller Orakel, steht vor uns hier!
KJ|0|58|13|0|Dieser Mann hat dich bis in die innerste Gedankenregung durchschaut; darum wollen wir nun ihn fragen, was er von dir hält!
KJ|0|58|14|0|Und dir soll nach seinem Ausspruch geschehen! Setzt er dich wieder zum Landpfleger in Jerusalem ein, so bist du heute noch zum Landpfleger von Jerusalem ernannt;
KJ|0|58|15|0|tut er aber das aus höchst weisen und guten Gründen nicht, so bleibst du meine Geisel!“
KJ|0|58|16|0|Hier wurde darum Joseph gefragt, und er sprach: „Edelster Freund Cyrenius! Von mir aus ist Maronius nun rein, und du kannst ihm wieder seine Stelle geben ohne Bedenken!
KJ|0|58|17|0|Wir aber stehen in der Hand des allmächtigen, ewigen Gottes; welche Macht soll sich da gegen uns auflehnen können?“
KJ|0|58|18|0|Hier hob Cyrenius seine Hand auf und sprach: „So schwöre ich denn auch dir, Maronius Pilla, beim lebendigen Gott dieses Weisen, dass du von nun an wieder Landpfleger von Jerusalem bist!“
KJ|0|58|19|0|Maronius aber sprach: „Gebe dies Amt wem anderen, und behalte mich als deinen Freund bei dir; denn das macht mich glücklicher!“
KJ|0|58|20|0|Und der Cyrenius sprach: „So sei denn mein Amtsgefährte, solange Herodes leben wird, und dann erst Oberpfleger vom ganzen Judenland!“ – Und der Maronius nahm diesen Antrag dankbar an.
KJ|0|59|1|1|Die Herrschsucht des Herodes und sein schreckliches Ende
KJ|0|59|1|1|Am 3. November 1843
KJ|0|59|1|0|Nachdem aber sprach Joseph zum Maronius: „Da ich nun durch die große Gnade meines Gottes und meines Herrn dich erkannt habe, dass in dir kein arger Wille mehr haftet,
KJ|0|59|2|0|so gebe du mir kund, wie du es wahrgenommen wirst haben, wie da des Herodes Herz beschaffen ist gegen die Kinder, die er gemordet hatte wegen des neuen Königs der Juden?
KJ|0|59|3|0|Ist es nicht erweicht worden durch das unschuldigste Blut der Kinder, durch das Wehklagen der Mütter?!
KJ|0|59|4|0|Was würde er tun, so er durch eine neue Nachricht erführe, dass er unter den vielen gemordeten Kindern dennoch das rechte nicht ermordet hat?!
KJ|0|59|5|0|Wenn er erführe, dass das rechte Kind ganz wohlbehalten irgend in Judäa oder Palästina noch lebe?!“
KJ|0|59|6|0|Hier sah der Maronius den Joseph ganz verdutzt an und sprach nach einer Weile:
KJ|0|59|7|0|„Wahrhaft tiefweisester Mann! da kann ich dir nichts anderes sagen als:
KJ|0|59|8|0|So du von deiner Weisheit den allerübelsten Gebrauch machen möchtest und vom Herodes zehntausend Pfund Goldes verlangen dafür, dass du ihm mit Bestimmtheit das rechte Kind verrietest;
KJ|0|59|9|0|fürwahr, du würdest diese enorme Goldsumme im Voraus erhalten!
KJ|0|59|10|0|Denn das Gold ist dem Wüterich nichts gegen seine Herrschlust.
KJ|0|59|11|0|Da er des Goldes so viel hat, dass er Häuser aus purem Gold bauen könnte, so achtet er es kaum; aber wenn er sich den Thron sichern könnte, da möchte er all sein Gold ins Meer werfen und dafür eine Welt voll Menschen erschlagen!
KJ|0|59|12|0|Siehe, auch mich wollte er anfangs schwer bestechen mit Gold, Diamanten, Rubinen und größten Perlen!
KJ|0|59|13|0|Allein meine echt römische Patriziertugend verwies solches streng dem alten Bluthund!
KJ|0|59|14|0|Das entflammte aber seinen Zorn noch mehr, und er drohte mir dann aus seinem patriotischen Scheingrund mit Rom!
KJ|0|59|15|0|Dann erst musste ich tun, was er wollte, und war mir kein Ausweg möglich; denn er gab mir aus eigener Hand eine Urkunde, laut welcher er die ganze Rechnung mit Rom auf sich nahm.
KJ|0|59|16|0|Darum war ich gezwungen zu handeln, wie es dir sicher bekannt ist.
KJ|0|59|17|0|Dass aber demnach von seinem Herzen bis zur Stunde nichts Gutes zu erwarten ist, des kannst du vollends versichert sein!
KJ|0|59|18|0|Ich glaube, mehr brauche ich dir, der du ein so tiefst Weiser bist, kaum kundzugeben von diesem wahren König aller Furien, von diesem lebendigen Medusenhaupt!“
KJ|0|59|19|0|Und der Joseph sprach: „Der ewig einige, wahre Gott segne dich für diese getreuen Worte!
KJ|0|59|20|0|Glaube es mir, du wirst dich überzeugen, Gott, der ewig Gerechte, wird diesem Auswurf der Menschheit noch auf der Welt eine Krone, nach der er so blutdürstig ist, aufs Haupt setzen, vor der sich alle Welt wundern wird!“
KJ|0|59|21|0|Hier hob das Kindlein Seine Hand hoch auf und sprach wieder ganz deutlich: „Herodes, Herodes! Ich habe keinen Fluch für dich; aber eine Krone auf dieser Welt sollst du tragen, die dir zur großen Qual wird und schmerzlicher denn die Last des Goldes, die du nach Rom zahlen musstest!“
KJ|0|59|22|0|Zur Zeit, als das Kindlein dieses in Ägypten ausgesprochen hatte, ward Herodes mit Läusen übersät, und sein Gesinde hatte durch das noch übrige Leben des Herodes nichts zu tun, als ihn von den Läusen zu reinigen, die sich stets mehrten und endlich auch seines Leibes Tod herbeiführten.
KJ|0|60|1|1|Cyrenius ergrimmt über den Herodes. Das Jesuskind beruhigt ihn mit einem Wunder
KJ|0|60|1|1|Am 4. November 1843
KJ|0|60|1|0|Als der Cyrenius aber solches vom Maronius Pilla vernommen hatte und den Ausspruch Josephs und des Kindleins, da entsetzte er sich förmlich und sprach:
KJ|0|60|2|0|„O ihr ewigen Mächte eines allerhöchsten Beherrschers der Unendlichkeit! Habt ihr denn keine Blitze mehr, um sie über dieses Scheusal von einem Vasallen Roms zu schleudern?!
KJ|0|60|3|0|O Augustus Caesar, mein guter Bruder! Welche Furie hat denn dir damals deine Augen geblendet, als du dieses Scheusal, diesen Auswurf aus dem untersten Tartarus, aus dem wahren Orkus mit Palästina und Judäa belehntest?!
KJ|0|60|4|0|Nein, nein, das ist zu viel auf einmal zu vernehmen! Maronius! Warum sagtest du mir damals nichts davon, als Herodes in Tyrus vor meinem Verhör stand?!
KJ|0|60|5|0|Standrechtlich hätte ich ihm da augenblicklich das Medusenhaupt vom Rumpf schlagen lassen!
KJ|0|60|6|0|Und lange schon stünde ein würdiger Vasall an der Stelle dieses Scheusals aus Griechenland!
KJ|0|60|7|0|Was aber kann ich jetzt tun? Seine Buße hat er geleistet; ich kann ihm nun keine zweite auferlegen, darf ihn nicht weiter strafen!
KJ|0|60|8|0|Warte aber, du alter Bluthund, du Hyäne aller Hyänen, auf dich soll eine Jagd gemacht werden, von welcher es allen Furien noch nie etwas geträumt hatte!“
KJ|0|60|9|0|Maronius, Joseph und Maria bebten vor dem Grimm des Cyrenius; denn sie wussten nicht, was alles der Cyrenius etwa unternehmen wird.
KJ|0|60|10|0|Auch getraute sich nun niemand eine Frage an ihn zu stellen; denn zu aufgeregt war sein Gemüt.
KJ|0|60|11|0|Das Kindlein allein äußerte keine Furcht vor der gewaltigen Stimme des Cyrenius, sondern sah ihm stets ruhig ins Gesicht.
KJ|0|60|12|0|Und als sich des Cyrenius Sturm etwas gelegt hatte, da sprach auf einmal das Kindlein wieder ganz deutlich zum Cyrenius:
KJ|0|60|13|0|„O Cyrenius! Höre Mich an! Komme her zu Mir, nehme Mich auf deine Arme, und trage Mich hinaus ins Freie, dort werde Ich dir etwas zeigen!“
KJ|0|60|14|0|Diese Worte flossen wie Balsam auf das wunde Herz des Cyrenius, und er ging sobald mit offenen Armen hin zum Kindlein, nahm Es voll Liebe gar sanft auf seine Arme und trug Es unter der Begleitung des Joseph, der Maria und des Maronius Pilla hinaus ins Freie.
KJ|0|60|15|0|Im Freien bald angelangt, fragte das Kindlein sogleich den Cyrenius mit deutlichen Worten:
KJ|0|60|16|0|„Cyrenius, wer aus uns beiden hat denn wohl den längsten Arm? Messe den Meinen gegen den deinen!“
KJ|0|60|17|0|Den Cyrenius befremdete diese Frage, und er wusste nicht, was er darauf dem Kind antworten sollte; denn er sah doch offenbar den seinigen für dreimal so lang an, als beide des Kindes zusammengenommen.
KJ|0|60|18|0|Das Kindlein aber sprach wieder: „Cyrenius, du siehst deinen Arm für viel länger als den Meinigen an?!
KJ|0|60|19|0|Ich aber sage dir, dass der Meinige dennoch um vieles länger ist als der deinige!
KJ|0|60|20|0|Siehst du dort in tüchtiger Ferne von uns eine hohe Säule, geziert mit einem Götzen?
KJ|0|60|21|0|Lange von hier mit deinem längeren Arm hin, reiße sie nieder, und zermalme sie dann mit deinen Fingern!“
KJ|0|60|22|0|Der Cyrenius, noch betroffener als früher, aber sprach nach einer kurzen Pause: „O Kindlein, Du mein Leben, das ist außer Gott wohl niemandem möglich!“
KJ|0|60|23|0|Das Kindlein aber streckte sobald Seinen Arm nach der Säule, die gut tausend Schritte entfernt stand, und die Säule stürzte nieder und ward sobald zu Staub!
KJ|0|60|24|0|Und das Kindlein sprach darauf: „Also kümmere dich nicht vergeblich um den Herodes; denn Mein Arm langt ja weiter als der deinige! Herodes hat seinen Lohn; du aber vergebe ihm, wie Ich ihm vergeben habe, so wirst du besser fahren, denn auch er ist ein blinder Erdensohn!“ – Diese Worte nahmen dem Cyrenius allen Groll, und er fing an, heimlich das Kind ganz förmlich anzubeten.
KJ|0|61|1|1|Maronius entsetzt sich über das vom Jesuskind gewirkte Wunder
KJ|0|61|1|1|Am 6. November 1843
KJ|0|61|1|0|Der Maronius Pilla aber entsetzte sich über diese wunderbare Erscheinung so sehr, dass er am ganzen Leibe bebte wie das Laub der Espe bei einem gewaltigen Sturm.
KJ|0|61|2|0|Joseph aber ersah sobald des Maronius große Not, trat darum auch sobald zu ihm hin und sprach:
KJ|0|61|3|0|„Maronius Pilla, warum bebst du denn nun gar so sehr? Hat dir jemand etwas zuleide getan?“
KJ|0|61|4|0|Und der Maronius erwiderte dem Joseph: „O Mann, der du deinesgleichen nicht hast auf Erden, du hast es leicht; denn du bist ein Gott, dem alle Elemente gehorchen müssen!
KJ|0|61|5|0|Ich aber bin nur ein sterblicher schwacher Mensch, dessen Leben, so wie die Existenz jener Säule, in deiner Hand steht!
KJ|0|61|6|0|Mit deinem Gedanken kannst du mich, wie sicher eine ganze Welt, im Augenblick vernichten!
KJ|0|61|7|0|Wie soll ich da nicht beben vor dir, der du sicher der mächtige Urvater aller unserer Götter bist, so sie irgend wirklich existieren sollten?!
KJ|0|61|8|0|Dem Jupiter Stator war jene Säule schon seit undenklichen Zeiten geweiht; alle Stürme und Blitze bebten aus großer Ehrfurcht vor ihr zurück!
KJ|0|61|9|0|Und nun zerstörte sie sogar dein unmündiges Kind! Kann aber dein Kind schon solches, welche Macht muss erst in dir zugrunde liegen?!
KJ|0|61|10|0|Lasse dich daher anbeten von mir unwürdigstem Erdwurm!“
KJ|0|61|11|0|Joseph aber sprach: „Höre, Freund und Bruder Maronius, du bist in einer großen Irre!
KJ|0|61|12|0|Ich bin nicht mehr als du, also nur ein sterblicher Mensch! So du aber auf dein Leben schweigen kannst vor aller Welt, da will ich dir etwas sagen!
KJ|0|61|13|0|Schweigst du aber nicht, so wird es dir nicht viel besser ergehen, als es jener Säule ergangen ist!
KJ|0|61|14|0|Und so höre mich denn an, so du willst und es dir getraust!“
KJ|0|61|15|0|Der Maronius aber bat den Joseph auf den Knien, ihm ja nichts zu erzählen; denn es könnte ihm doch einmal irgend zufällig etwas entfallen, und da wäre er verloren.
KJ|0|61|16|0|Joseph aber sprach: „Des sei völlig unbesorgt; der Herr Himmels und der Erde züchtigt nie jemanden des Zufalls wegen!
KJ|0|61|17|0|Daher magst du ganz ohne Furcht mich anhören; was ich dir sagen werde, wird dich nicht verderben, wohl aber erhalten für ewig!“
KJ|0|61|18|0|Und der Cyrenius das Kindlein anbetend, kosend auf seinen Händen noch, trat hin zum Joseph und sagte zu ihm:
KJ|0|61|19|0|„Mein größter und liebster Freund! Lasse du den Maronius nun, wie er ist; ich selbst will ihn heute bei mir eher vorbereiten, und morgen kannst du ihm dann erst die höhere Weihe geben!“
KJ|0|61|20|0|Und Joseph war damit einverstanden und begab sich dann mit der Gesellschaft sobald wieder in das Wohnhaus.
KJ|0|62|1|1|Josephs Lehre von der Bruder- und Menschenliebe
KJ|0|62|1|1|Am 7. November 1843
KJ|0|62|1|0|Am Abend aber sprach der Cyrenius zum Joseph: „Mein Freund, mein göttlicher Bruder! Wie sehr leid ist es mir, dass ich heute nicht bei dir übernachten kann!
KJ|0|62|2|0|Und wie leid ist es mir, dass ich den morgigen Tag bis nach Mittag dem Staatsgeschäft widmen muss!
KJ|0|62|3|0|Aber um die dritte Stunde des Nachmittags werde ich mit Maronius wieder zu dir kommen, und du wirst ihm dann auf meine Unterweihe die heilige Oberweihe geben!
KJ|0|62|4|0|Denn siehe, es liegt mir sehr viel daran, dass dieser sonst so kenntnisreiche Mensch gerettet werde durch die heilige Lebensschule deines Gottes, die ich für die allein wahre und lebendige halte!“
KJ|0|62|5|0|Und der Joseph sprach: „Ja, du hoher Freund, das ist recht und billig; denn nichts ist dem Herrn angenehmer, als so wir unsere Feinde mit Liebe behandeln und sorgen für ihr zeitliches und ewiges Wohl!
KJ|0|62|6|0|Betrachten wir jeden Sünder als einen irrenden Bruder, so wird uns auch Gott als Seine irrenden Kinder betrachten,
KJ|0|62|7|0|im Gegenteil aber nur als böswillige Geschöpfe, die da allzeit Seinen Gerichten unterliegen und werden getötet gleich den Ephemeriden!
KJ|0|62|8|0|Denn siehe, darum hat der Herr uns Menschen zwei Augen gegeben und nur einen Mund zum Reden, auf dass wir mit dem einen Auge nur die Menschen als Menschen, mit dem anderen aber als Brüder betrachten sollen!
KJ|0|62|9|0|Fehlen die Menschen vor uns, da sollen wir das Bruderauge offen halten und das Menschenauge schließen;
KJ|0|62|10|0|fehlen aber die Brüder vor uns, da sollen wir das Bruderauge schließen und das Menschenauge auf uns selbst richten und uns alsonach selbst gegenüber den fehlenden Brüdern als fehlende Menschen ansehen.
KJ|0|62|11|0|Mit dem einen Mund aber sollen wir alle gleich einen Gott, einen Herrn und einen Vater bekennen, so wird Er uns als Seine Kinder anerkennen!
KJ|0|62|12|0|Denn auch Gott hat zwei Augen und einen Mund; mit dem einen Auge sieht Er Seine Geschöpfe – und mit dem anderen Seine Kinder!
KJ|0|62|13|0|Beschauen wir uns mit dem Bruderauge, da sieht uns der Vater mit dem Vaterauge an;
KJ|0|62|14|0|beschauen wir uns aber mit dem Menschenauge, da sieht uns Gott nur mit dem Schöpferauge an, und Sein eben auch nur ein Mund kündet den Kindern Seine Liebe, oder als den Geschöpfen Sein Gericht!
KJ|0|62|15|0|Also ist es recht und billig, dass wir also für unseren Bruder Maronius sorgen!“
KJ|0|62|16|0|Hier segnete Joseph den Cyrenius und den Maronius; die beiden begaben sich dann in die Stadt mit ihrer Suite, – und Joseph bestellte sein Hauswesen.
KJ|0|63|1|1|Zurechtweisung des Jakob durch das Jesuskind
KJ|0|63|1|1|Am 8. November 1843
KJ|0|63|1|0|Am Abend legte Maria das schon müde gewordene Kindlein in die Wiege, die der Joseph schon zu Ostracine verfertigt hatte.
KJ|0|63|2|0|Und Josephs jüngster Sohn musste gewöhnlich die Kindsmagd machen und wiegte auch jetzt das Kindlein, auf dass Es einschlafen möchte.
KJ|0|63|3|0|Und Maria ging in die Küche, um ein nötiges Nachtmahl zu bereiten.
KJ|0|63|4|0|Der wiegende Sohn Josephs aber hätte gerne gehabt, dass das Kindlein diesmal etwas früher einschlafen möchte, weil er gerne mit seinen Brüdern draußen die Beleuchtung eines Triumphbogens geschaut hätte, der mittlerweile unfern der Villa dem Cyrenius ist errichtet worden.
KJ|0|63|5|0|Er wiegte daher das Kindlein fleißig und sang und pfiff dabei.
KJ|0|63|6|0|Aber das Kindlein wollte dennoch nicht einschlafen; wenn er mit der Wiege innehielt, da fing das Kindlein sich gleich wieder zu rühren an und zeigte dem Wieger an, dass Es noch nicht schlafe.
KJ|0|63|7|0|Das brachte unsere männliche Kindsmagd beinahe zur Verzweiflung, indem es draußen schon vor lauter brennender Fackeln ganz hell geworden war.
KJ|0|63|8|0|Er beschloss daher, das Kindlein, wenn Es auch noch wache, ein wenig zu verlassen, um das draußige Spektakel ein wenig anzugaffen.
KJ|0|63|9|0|Als sich also unser Jakob aber erhob, da sprach das Kindlein: „Jakob, wenn du Mich nun verlässt, so soll es dir übel ergehen!
KJ|0|63|10|0|Bin Ich denn nicht mehr wert als das törichte Spektakel draußen und deine eitle Neugier?
KJ|0|63|11|0|Siehe, alle Sterne und alle Engel beneiden dich um diesen Dienst, den du Mir nun erweist, und du bist voll Ungeduld über Mich und willst Mich verlassen?
KJ|0|63|12|0|Wahrlich, so du das tust, da bist du nicht wert, Mich zum Bruder zu haben!
KJ|0|63|13|0|Gehe nur hinaus, wenn dir das Spektakel der Welt lieber ist als Ich!
KJ|0|63|14|0|Siehe, das ganze Zimmer ist voll Engel, die da bereit sind, Mir zu dienen, wenn dir dein kleiner und leichter Dienst an Mir lästig ist!“
KJ|0|63|15|0|Diese Rede benahm dem Jakob plötzlich alle Lust zum Hinausgehen.
KJ|0|63|16|0|Er blieb daher an der Wiege und bat das Kindlein förmlich um Vergebung und wiegte Es fleißig wieder fort.
KJ|0|63|17|0|Und das Kindlein sprach zum Jakob: „Es sei dir alles vergeben; aber ein anderes Mal lasse dich ja nimmer von der Welt bestechen!
KJ|0|63|18|0|Denn Ich bin mehr als alle Welt, alle Himmel und alle Menschen und Engel!“
KJ|0|63|19|0|Diese Worte brachten unseren Jakob beinahe ums Leben; denn er wurde leise gewahr, Wer da sicher hinter dem Kind stecke.
KJ|0|63|20|0|Nun aber kamen auch schon Maria und Joseph und die anderen vier Söhne Josephs ins Zimmer und setzten sich zum Tisch; Jakob aber erzählte sogleich, was ihm begegnet ist.
KJ|0|64|1|1|Josephs Rede über die Liebe zu Gott und die Liebe zur Welt
KJ|0|64|1|1|Am 9. November 1843
KJ|0|64|1|0|Als der Jakob mit seiner Erzählung zu Ende war, da sprach Joseph zum Jakob:
KJ|0|64|2|0|„Ja, also ist es und ist auch allzeit also gewesen und wird allzeit also sein; man muss Gott mehr lieben, im geringsten Teil schon, als alle Herrlichkeiten der Welt!
KJ|0|64|3|0|Denn was geben einem Menschen auch alle die schreienden Herrlichkeiten der Welt?
KJ|0|64|4|0|David selbst musste flüchten vor seinem eigenen Sohn, und Salomo musste bitter am Ende die Ungnade des Herrn empfinden, weil er zu sehr den Herrlichkeiten der Welt nachhing!
KJ|0|64|5|0|Gott aber schenkt uns zu jeder Sekunde ein neues Leben; wie sollten wir Ihn da nicht im geringsten Teil mehr lieben als alle Welt, die vergeht und ist voll Aases und Unrates!
KJ|0|64|6|0|Wir aber sind ja unter uns alle überzeugt, dass dies unser Kindlein von Oben ist und heißt Gottes Sohn.
KJ|0|64|7|0|Es ist somit kein geringer Teil Gottes; daher ist es auch billig, dass wir Es mehr lieben als alle Welt!
KJ|0|64|8|0|Seht an den Heiden Cyrenius! Nicht uns gilt das, was er an uns tut, sondern dem Kindlein; denn sein Herz sagt es ihm, dass nach seinem Begriff ein allerhöchstes Gottwesen mit diesem unserem Kind in engster Verbindung stehe, darum er Es dann fürchtet und liebt.
KJ|0|64|9|0|Tut aber solches schon ein Heide, um wie viel mehr müssen wir erst desgleichen tun, die wir vollends wissen, woher dies Kindlein kam, Wer Sein Vater ist.
KJ|0|64|10|0|Daher soll allzeit all unser Augenmerk auf dies Kindlein gerichtet sein; denn das Kind ist mehr als wir und alle Welt!
KJ|0|64|11|0|Nehmt euch an mir ein Beispiel, und seht, welche schweren Opfer ich alter Mann alles schon diesem Gotteskind gebracht habe!
KJ|0|64|12|0|Aber ich brachte sie leicht und mit großer Liebe, weil ich Gott mehr liebe als alle Welt!
KJ|0|64|13|0|Haben wir aber dadurch je irgendetwas verloren? O nein! Wir haben noch nach jedem Opfer gewonnen!
KJ|0|64|14|0|Also denkt und tut auch ihr alle dasselbe, und ihr werdet nie etwas verlieren, sondern allzeit nur hoch gewinnen!
KJ|0|64|15|0|Zudem ist dies Kind ja ohnehin so sanfter Art, dass es wahrlich eine höchste Freude ist, bei Ihm zu sein!
KJ|0|64|16|0|Nur höchst selten weint Es laut. Es ist nie noch krank gewesen, und wenn man Es lockt, so sieht Es so munter und fröhlich umher und lächelt jeden Menschen allzeit so herzlich an, dass man dadurch zu Tränen gerührt wird.
KJ|0|64|17|0|Und jetzt, da Es auch wunderbar auf einmal zu reden hat angefangen, möchte man Es ja gar erdrücken vor lauter Liebe!
KJ|0|64|18|0|Daher also, meine Kinder, bedenkt wohl, wer dieses Kindlein ist, und wartet und pflegt Es ja sorgfältigst!
KJ|0|64|19|0|Denn sonst könnte Es euch gebührendermaßen strafen, wenn ihr Es, als unser höchstes Gut, geringer achten möchtet als alle die nichtssagenden Torheiten der Welt!“
KJ|0|64|20|0|Diese Rede brachte alle die fünf Söhne zum Weinen, und alle standen vom Tisch auf und umlagerten die Wiege des Kindes.
KJ|0|64|21|0|Das Kindlein aber sah Seine Brüder auch gar freundlichst an und segnete sie und sprach: „O Brüder, werdet Mir gleich, wollt ihr ewig glücklich sein!“ – Und die Brüder weinten und aßen nichts am selben Abend.
KJ|0|65|1|1|Das Jesuskind sagt einen heftigen Sturm voraus. Der tobende Sturm. Ankunft des flüchtenden Cyrenius
KJ|0|65|1|1|Am 10. November 1843
KJ|0|65|1|0|Die Söhne Josephs aber wollten nicht mehr die Wiege verlassen; denn zu mächtig ergriff sie die Liebe zu ihrem göttlichen kleinen Bruder!
KJ|0|65|2|0|Da es aber schon ziemlich spät geworden war, da sprach der Joseph zu den Söhnen:
KJ|0|65|3|0|„Ihr habt nun hinreichend gezeigt, dass ihr das Kindlein liebt!
KJ|0|65|4|0|Es ist schon spät in die Nacht geworden, und morgen wird es wieder früh Tag werden; daher mögt ihr euch im Namen des Herrn zur Ruhe begeben!
KJ|0|65|5|0|Das Kindlein schläft nun bereits, stellt behutsam die Wiege an das Bett der Mutter, und begebt euch dann in euer Schlafgemach!“
KJ|0|65|6|0|Solches hatte der Joseph noch kaum ausgesprochen, da schlug das Kindlein die Augen auf und sprach:
KJ|0|65|7|0|„Bleibt für diese Nacht alle hier, und behaltet die Schlafstube für Fremde, die heute hier noch die Zuflucht nehmen werden!
KJ|0|65|8|0|Denn bald wird ein allergewaltigster Sturm diese Gegend heimsuchen, desgleichen noch nie in dieser Gegend erhöret ward!
KJ|0|65|9|0|Aber niemand aus euch fürchte sich; denn es wird darum niemandem ein Haar gekrümmt werden!
KJ|0|65|10|0|Versperrt aber darum ja keine Tür, auf dass die Flüchtlinge nicht sich in diesem Haus zu retten vermöchten!“
KJ|0|65|11|0|Joseph erschrak über diese Vorsage des Kindes und eilte sogleich hinaus, um zu sehen, von woher das Gewitter kommen würde.
KJ|0|65|12|0|Als er aber draußen war, bemerkte er nirgends ein Wölklein; der Himmel war rein, und kein Lüftchen regte sich.
KJ|0|65|13|0|Eine Grabesstille war über die ganze Gegend verbreitet, und von einem herannahenden Sturm war ewig nirgends eine Rede.
KJ|0|65|14|0|Joseph kehrte darum sobald zurück, gab Gott die Ehre und sagte:
KJ|0|65|15|0|„Das Kindlein wird vielleicht geträumt haben; denn von einem Sturm ist nirgends eine Rede!
KJ|0|65|16|0|Der Himmel ist rein nach allen Seiten, und kein Lüftchen regt sich; woher soll da ein Sturm werden?!“
KJ|0|65|17|0|Kaum hatte Joseph noch diese Worte ausgesprochen, da geschah auf einmal ein Knall wie von tausend Donnern; die Erde erbebte so gewaltigst, dass in der Stadt mehrere Häuser und Tempel zusammenstürzten.
KJ|0|65|18|0|Gleich darauf fing ein so heftigster Orkan zu wüten an, dass er das nahe Meer in die Stadt ellenhoch trieb; und alles Volk, durch den gewaltigsten Erdstoß geweckt, eilte hinaus aus der Stadt auf die höher liegenden Orte.
KJ|0|65|19|0|Und der Cyrenius selbst mit Maronius und seinem ganzen Gefolge kam bald eiligst fliehend in die Villa zum Joseph und erzählte ihm flüchtig die Schauderszenen, die das Erdbeben und der Sturm bewirkten.
KJ|0|65|20|0|Joseph aber beruhigte den Cyrenius dadurch, dass er ihm sogleich kundgab, was das Kindlein ehedem geredet hatte. Hier fing der Cyrenius leichter zu atmen an, und das Toben des Sturmes erschreckte ihn nicht mehr; denn er fühlte sich wie wohlgeborgen.
KJ|0|66|1|1|Das Jesuskind beruhigt den besorgten Cyrenius
KJ|0|66|1|1|Am 11. November 1843
KJ|0|66|1|0|Als der Cyrenius sich nun so ganz wieder erholt hatte, ging er hin zur Wiege und betrachtete das Kind, in seiner Brust großer Gedanken voll.
KJ|0|66|2|0|Das Kindlein aber schlief ganz ruhig, und das entsetzliche Toben des Sturmes beirrte Es nicht im Schlaf.
KJ|0|66|3|0|Es fing aber in der Kürze der Zeit der Orkan so heftig an das Gebäude zu stoßen, dass der Cyrenius einen Einsturz befürchtete.
KJ|0|66|4|0|Er sprach daher zum Joseph: „Erhabener Freund! Ich meine, dem steten Zunehmen der Gewalt des Sturmes zufolge sollten wir doch lieber dies Gebäude verlassen!
KJ|0|66|5|0|Denn wie leicht kann eine mächtige Windhose dieses wenn auch feste Gebäude ergreifen und uns alle unter dem Schutt desselben begraben!
KJ|0|66|6|0|Daher ergreifen wir lieber frühzeitig die Flucht, da wir denn doch nicht sicher sein können davor, als könnte so etwas nicht hier ebenso gut geschehen als wie in der Stadt!“
KJ|0|66|7|0|Hier schlug das Kindlein plötzlich wieder Seine himmlisch göttlichen Augen auf und erkannte sogleich den Cyrenius und sprach gar deutlich zu ihm:
KJ|0|66|8|0|„Cyrenius! Wenn du bei Mir bist, brauchst du dich nicht zu fürchten vor diesem Sturm!
KJ|0|66|9|0|Denn die Stürme auch liegen, wie alle Welt, in der Hand deines Gottes!
KJ|0|66|10|0|Die Stürme müssen sein und müssen verscheuchen das ausgebrütete Böse der Hölle leibhaftig!
KJ|0|66|11|0|Aber denen, die um Mich sind, können sie nimmer zu Leibe; denn auch die Stürme kennen ihren Herrn und tun nicht planlos, was sie tun.
KJ|0|66|12|0|Denn der Eine, der höchst liebevoll, weise und allmächtig ist, hält ihre Zügel in Seiner Hand.
KJ|0|66|13|0|Daher sei ohne Furcht, Mein Cyrenius, hier bei Mir, und sei versichert, dass da niemandem auch nur ein Haar gekrümmt wird!
KJ|0|66|14|0|Denn diese Stürme wissen es genau, Wer hier zu Hause ist.
KJ|0|66|15|0|Siehe, haben die Menschen doch heute abend sogar dir, der du doch nur ein Mensch bist, eine feurige Ehrung dargebracht!
KJ|0|66|16|0|Hier aber ehren die Stürme Jemanden, der mehr ist als nur ein Mensch! Findest du das unbillig?
KJ|0|66|17|0|Siehe, das ist ein Loblied der Natur, die ihren Herrn und Schöpfer preist! Ist das nicht billig?
KJ|0|66|18|0|O Cyrenius, die Luft, die dich anweht, versteht auch Den, der sie erschuf; darum kann sie Ihn auch preisen!“
KJ|0|66|19|0|Diese Worte des bald wieder einschlafenden Kindleins machten alles verstummen, und Cyrenius kniete sich zur Wiege nieder und betete heimlich das Kindlein an.
KJ|0|67|1|1|Die heidnischen Priester verlangen Menschenopfer
KJ|0|67|1|1|Am 13. November 1843
KJ|0|67|1|0|Also verging eine ruhigere Stunde, und man kümmerte sich nicht mehr zu sehr um das draußige Wüten und Toben des Sturmes.
KJ|0|67|2|0|Nach dem Verlaufe von einer Stunde aber kamen Eilboten zum Cyrenius ins Haus Josephs und erzählten, sagend:
KJ|0|67|3|0|„Hoher, mächtiger Herr! Unerhörte Dinge geschehen!
KJ|0|67|4|0|Feuer bricht an mehreren Orten aus der Erde;
KJ|0|67|5|0|fliegende Feuersäulen werden von dem Orkan hin und her getrieben und zerstören alles, was sie erreichen!
KJ|0|67|6|0|Nichts ist fest und stark genug, ihrer entsetzlichen Kraft zu widerstehen!
KJ|0|67|7|0|Die Priester haben gesagt: Alle gesamten Götter hätten sich erzürnt und wollen uns alle vernichten!
KJ|0|67|8|0|Also ist es aber auch; denn man hört deutlich das Gebell des Cerberus, und die Furien tanzen schon allenthalben herum! Der Vulkan hat seine Essen auf die Oberwelt gerichtet!
KJ|0|67|9|0|Seine mächtigen Zyklopen zertrümmern mutwillig die Häuser und die Berge!
KJ|0|67|10|0|Und der Neptun hat alle seine Macht zusammen in eine vereint!
KJ|0|67|11|0|Gleich Bergen erhebt er das Meer und will uns alle ertränken!
KJ|0|67|12|0|Wenn nicht plötzlich große Menschenopfer den überaus erzürnten Göttern dargebracht werden, so ist es um uns alle geschehen!
KJ|0|67|13|0|Tausend Jünglinge und tausend Jungfrauen haben die Priester zur Sühnung bestimmt; und wir sind darum in aller Eile an dich abgesandt, auf dass wir von dir das Fiat empfangen sollen!“
KJ|0|67|14|0|Der Cyrenius erschrak über diese Botschaft ganz gewaltig und wusste nicht, was er nun beginnen soll.
KJ|0|67|15|0|Dem Priesterruf getraute er sich der Staatspolitik wegen nicht schnurgerade zu widersetzen.
KJ|0|67|16|0|Das Opfer aber zu billigen, war seinem Herzen noch unmöglicher, als den Priestern zu widersprechen.
KJ|0|67|17|0|Er wandte sich daher an das Kindlein, welches eben wach geworden war, und fragte Es um einen Rat in dieser schrecklichen Sache.
KJ|0|67|18|0|Das Kindlein aber sprach: „Sei ruhig! Denn in einer Minute wird sich der Sturm legen, und die, welche Menschen schlachten wollten, sind nicht mehr! Daher sei ruhig, Mein Cyrenius!“
KJ|0|68|1|1|Cyrenius hält die heidnischen Priester zurück
KJ|0|68|1|1|Am 14. November 1843
KJ|0|68|1|0|Die Eilboten aber warteten noch immer auf den Opferbefehl des Cyrenius.
KJ|0|68|2|0|Cyrenius aber erhob sich von der Wiege und sprach zu den Eilboten:
KJ|0|68|3|0|„Geht hin zu den Priestern, und überbringt mir die Liste der zum Opfer bestimmten Jünglinge und Mädchen;
KJ|0|68|4|0|denn ich muss mich überzeugen, ob die Wahl gerecht ist!“
KJ|0|68|5|0|Die Eilboten rannten davon bei schon gänzlich eingetretener Ruhe des Sturmes.
KJ|0|68|6|0|In der Stadt angelangt, fanden sie aber das Priestergebäude zu ihrem Entsetzen schon in einen mächtigen Schutthaufen verwandelt, unter dem bis auf drei Unterpriester alle anderen höheren Priester ihren Untergang fanden.
KJ|0|68|7|0|Die Eilboten kehrten darum bald um und brachten dem Cyrenius die Nachricht, was da mit den Priestern geschehen ist.
KJ|0|68|8|0|Der Cyrenius, nun völligst überzeugt von der Richtigkeit der Aussage des Kindleins, wusste nun nicht, was er tun solle, und wollte wieder das Kindlein um Rat fragen.
KJ|0|68|9|0|Aber in dem Augenblick kamen auch die drei noch über gebliebenen Unterpriester.
KJ|0|68|10|0|Diese fragten nun auch eiligst, was da zu tun sein werde, indem ein neuer Erdstoß alle die frommen Diener der Götter in ihrem Palast begraben hatte, während sie schon zur großen Opferung ausgerüstet waren.
KJ|0|68|11|0|„Die tausend Jünglinge und die tausend Mägde stehen schon zur großen Opferung an jenem Platz bereitet, an dem die Säule des Jupiters stand, nun aber auch völlig vernichtet ist!
KJ|0|68|12|0|Soll die Opferung sobald oder erst beim Aufgang der Sonne vorgenommen werden!?
KJ|0|68|13|0|Aufgehoben kann sie auf keinen Fall werden, da dadurch die Götter ob des Undankes und wegen der Menschen Treulosigkeit in einen noch größeren Zorn sicher geraten könnten!“
KJ|0|68|14|0|Und der Cyrenius erwiderte den drei Unterpriestern:
KJ|0|68|15|0|„Heute darf die Opferung auf keinen Fall unternommen werden und morgen früh bei Todesstrafe nicht eher, als bis ich persönlich dazu den Befehl erteilen werde!“
KJ|0|68|16|0|Darauf verließen die drei Unterpriester den Cyrenius und begaben sich auf den Platz, allda die armen Opfer weinten und wehklagten und aus großer Marter- und Todesangst die Hände zu den Göttern rangen, dass sie verschont werden möchten.
KJ|0|68|17|0|Cyrenius aber konnte kaum den nächsten Morgen erwarten; denn ihn dauerten die geängsteten Opfer zu sehr, da sie eine solche Schauernacht zu bestehen haben!
KJ|0|69|1|1|Die Angst der jugendlichen Menschenopfer. Cyrenius verordnet den teuflischen Priestern ihre eigene Medizin und verurteilt sie zum Tode
KJ|0|69|1|1|Am 15. November 1843
KJ|0|69|1|0|Die drei Unterpriester aber, als sie auf den Opferplatz gelangten, verkündeten den Opferwachen sogleich, wie den armen von aller Todesangst übermannten jungen Opfern, dass die vorbestimmte und unabänderliche Opferung erst am nächsten Morgen um desto bestimmter vorgenommen werde, weil solche der hohe Cyrenius selbst also angeordnet hatte.
KJ|0|69|2|0|In welche Stimmung diese Nachricht die zweitausend Opfer versetzt hatte, braucht keiner näheren Beschreibung für den, der es aus der geschichtlichen Tradition weiß, dass derlei Opfer zur Versöhnung verschiedenartiger Götter auch sehr verschiedenartig gemartert und getötet wurden.
KJ|0|69|3|0|(Es dürfte für manchen zu empörend sein, alle die bei tausend verschiedenen Marterarten zu vernehmen; daher wollen wir sie auch übergehen.
KJ|0|69|4|0|Dafür aber wollen wir sogleich mit dem Cyrenius und dem Maronius und Joseph am frühen Morgen den Opferplatz besuchen und uns dort ein wenig umsehen!)
KJ|0|69|5|0|Am frühesten, überaus heiteren Morgen begaben sich die drei Obenerwähnten an den vorbestimmten Opferplatz.
KJ|0|69|6|0|Mit der größten Erbitterung vernahm der Cyrenius schon von der Ferne das entsetzliche Angstgeschrei der zu opfernden Jugend.
KJ|0|69|7|0|Er beschleunigte daher seine Schritte, um ja baldmöglichst dieser Schauderszene ein Ende zu machen.
KJ|0|69|8|0|Auf dem Platz angelangt, entsetzte er sich über das unmenschliche Gefühl der drei Unterpriester, welche schon mit der größten Sehnsucht des Cyrenischen Befehls zum Würgen harrten.
KJ|0|69|9|0|Cyrenius ließ die Priester sogleich zu sich kommen und fragte sie: „Sagt mir, dauert euch diese herrliche Jugend gar nicht, so sie allergrausamst ermordet werden sollte? Habt ihr für sie kein Mitleid in eurer Brust?!“
KJ|0|69|10|0|Und die Priester sprachen: „Wo die Götter fühlen, da hat es mit dem Menschlichkeitsgefühl ein Ende!
KJ|0|69|11|0|Den Göttern ist der Menschen Leben nichts – und oft nur ein Gräuel; daher stimmt das uns, ihre Diener auf Erden, nach ihrer Art, und wir können daher kein Erbarmen in uns tragen,
KJ|0|69|12|0|wohl aber nur eine Wonne und einen Jubel in dem, wie wir den Göttern pünktlichst zu dienen vermögen!
KJ|0|69|13|0|Also freuen wir uns auch schon jetzt über die Maßen auf die Schlachtung dieser ohnehin selten von den hohen Göttern verlangten Opfer!“
KJ|0|69|14|0|Diese Äußerung versetzte dem Cyrenius einen so mächtigen Stoß aufs Herz, dass er vor Zorn über diese Priester zu beben anfing.
KJ|0|69|15|0|In kurzer Zeit sich ermannend aber sprach er wieder zu den Priestern: „Wie aber, wenn Zeus selbst sich hier befände und schenkte diesen Opfern das Leben! Was würdet ihr dann tun?“
KJ|0|69|16|0|Und die Priester erwiderten: „Dann müsste die Opferung umso bestimmter vorgenommen werden, weil das nur eine Prüfung für unseren priesterlichen Diensteifer wäre!
KJ|0|69|17|0|Würden wir dann uns der bestimmten Opfer erbarmen, so würde uns Zeus als Frevler ansehen und uns vernichten mit Blitz und Donner!“
KJ|0|69|18|0|Cyrenius aber fragte die Priester weiter und sprach: „Was haben denn die anderen hohen Priester vor den Göttern dann verbrochen, dass sie so übel sind in ihrem Palast getötet worden?“
KJ|0|69|19|0|Und die Priester erwiderten: „Weißt du denn nicht, dass über allen Göttern und ihren Priestern noch ein unerbittliches Fatum herrscht?!
KJ|0|69|20|0|Dieses hat die Priester getötet, wie ehedem die Götter aufgereizt; die Götter aber kann es nicht töten, wohl aber die noch hie und da sterblichen Priester!“
KJ|0|69|21|0|„Gut“, sprach der Cyrenius, „heute nach Mitternacht kam das Fatum zu mir und erteilte mir den Befehl, aller dieser Jugend das Leben zu schenken – und dafür euch zu opfern, und das so bestimmt, als ich Cyrenius heiße und mein Bruder Julius Augustus Caesar als oberster Consul und Kaiser in Rom herrscht! Was sagt ihr denn zu dieser Kunde?!“
KJ|0|69|22|0|Diese Schreckenskunde machte die Priester erblassen und die anderen Opfer wieder zum Bewusstsein gelangen. Denn hier ließ Cyrenius sogleich allen Opfern die Freiheit verkünden, aber die drei Priester binden und für die Hinrichtung vorbereiten.
KJ|0|70|1|1|Cyrenius begründet den um Gnade flehenden heidnischen Priestern sein Todesurteil
KJ|0|70|1|1|Am 16. November 1843
KJ|0|70|1|0|Joseph aber trat nun zum Cyrenius hin und fragte ihn, sagend: „Geachtetster liebster Freund! Ist das dein vollkommenster Ernst, diese drei Götzenknechte zu töten?“
KJ|0|70|2|0|Und der Cyrenius, voll Grimm gegen diese allergefühllosesten drei Menschentiger, sprach zum Joseph:
KJ|0|70|3|0|„Ja, mein erhabenster Freund! Hier will ich ein Beispiel statuieren, daran alles Volk erkennen soll, dass ich nichts so sehr ahnde als die gänzliche Lieblosigkeit!
KJ|0|70|4|0|Denn ein Mensch ohne Liebe und ohne allem Mitleidsgefühl ist der Übel größtes auf der Erde.
KJ|0|70|5|0|Alle reißenden Tiere sind Lämmer gegen ihn, und die Furien der Hölle sind nur kaum schlechte Schüler gegen ihn zu nennen!
KJ|0|70|6|0|Darum erachte ich es auch als erste und oberste Pflicht eines wahren Völkerregenten, derlei Scheusale auszurotten und gänzlich von der Erde zu vertilgen!
KJ|0|70|7|0|Priester sollen das Volk ja aber nur ganz besonders in der Liebe unterrichten; sie sollen jedermann mit einem guten Beispiel vorangehen!
KJ|0|70|8|0|Wenn aber diese ersten Volkslehrer und Leiter zu Furien werden, was soll dann aus ihren Schülern werden?
KJ|0|70|9|0|Daher weg mit derlei Bestien! Ich sinne nun nur auf die martervollste Todesart nach; habe ich diese, sodann soll sogleich der Stab über sie gebrochen werden!“
KJ|0|70|10|0|Joseph aber getraute sich kaum mehr dem Cyrenius etwas einzuwenden, denn dieser hatte diese Worte in einem zu mächtigen Ernst gesprochen.
KJ|0|70|11|0|Nach einer Weile aber fielen die drei Priester vor dem Cyrenius nieder und baten ihn um Gnade unter der Versicherung, dass sie ihr Leben sicher ändern werden, und seien auch bereit, auf der Stelle ihr Priestertum niederzulegen.
KJ|0|70|12|0|Für die Gewinnung der Gnade aber appellierten sie an das priesterliche Gesetz, welches sie also und nicht anders zu handeln bestimmt habe.
KJ|0|70|13|0|Cyrenius aber sprach: „Meint ihr Bösewichte denn, ich kenne die Gesetze der Priester nicht?!
KJ|0|70|14|0|Hört, das außerordentliche Opfergesetz lautet also: ‚Wenn irgendein Volk ersichtlichermaßen den Göttern durch seine Ausschweifung untreu geworden ist und die Götter dasselbe dann heimsuchen mit Krieg, Hunger und Pest, dann sollen die Priester das Volk zur Besserung ermahnen.
KJ|0|70|15|0|Kehrt sich das Volk daran, da sollen es die Priester wieder segnen und dem Volk zur Pflicht machen, zur Versöhnung der Götter gewisse Opfer an Gold, Vieh und Getreide vor die Priester zu bringen, die dann diese Opfer weihen und dann damit ein Rauchwerk machen sollen!
KJ|0|70|16|0|Sollte es jedoch irgendein so hartnäckiges, unbekehrbares Volk geben, das da der Priester spottete, da sollen die Priester die Spötter samt ihren Kindern ergreifen lassen und sie in unterirdischen Gemächern mit der Zuchtrute unterrichten sieben Monde lang!
KJ|0|70|17|0|Bekehren sich da die Frevler, so sollen sie wieder auf freien Fuß gesetzt werden; bekehren sie sich aber nicht, da sollen sie durch das Schwert fallen – und dann erst zur Sühne der Götter in die Flamme gelegt werden!‘
KJ|0|70|18|0|Lautet nicht also das alte weise Opfergesetz? War hier Krieg, Hunger und Pest? War diese schöne Jugend abtrünnig den Göttern? Habt ihr sie zuvor sieben Monde lang unterrichtet? – Nein!!! – Sondern aus der Ehr- und Geilsucht wolltet ihr sie töten; und darum müsst ihr sterben als die größten Frevler an eurem eigenen Gesetz!“
KJ|0|71|1|1|Aufgrund Josephs Bitte ändert Cyrenius sein Urteil in eine nur scheinbare Todesstrafe für die bösartigen Priester
KJ|0|71|1|1|Am 17. November 1843
KJ|0|71|1|0|Nach dieser Erklärung des Cyrenius trat abermals der Joseph zu ihm und sprach:
KJ|0|71|2|0|„Cyrenius, du mein großerhabener Freund und Bruder! Ich meine, du sollst die Strafe für diese drei Götzenknechte, welche wohl im Ernst böswillig sind, dem Herrn überlassen.
KJ|0|71|3|0|Denn glaube mir, niemand tut dem Herrn, dem allmächtigen Gott Himmels und der Erde, einen wohlgefälligen Dienst, selbst dann nicht, wenn er den größten Missetäter umbringen lässt!
KJ|0|71|4|0|Überlasse du daher unbesorgt dem Allmächtigen die gerechte Züchtigung dieser drei, und der Herr wird dich segnen durch die Strafe, die Er diesen dreien nur zu sicher wird zukommen lassen, wenn sie sich nicht zu einer übergroßen Reue und völligen Umkehr wenden werden!
KJ|0|71|5|0|Gehen sie aber in sich zur wahren Reue und Umkehr zum einig wahren Gott über, so können sie ja auch noch edle Menschen werden!“
KJ|0|71|6|0|Diese Worte Josephs brachten den Cyrenius zum Nachdenken darüber, was er so ganz eigentlich tun solle.
KJ|0|71|7|0|Nach einer Weile beschloss er, die drei wenigstens einer starken Todesangst auszusetzen als Reprise für die, welche sie der armen Jugend verursacht hatten.
KJ|0|71|8|0|Daher sprach er zum Joseph: „Mein innigster, mein erhabenster Freund und Bruder! Ich habe nun deinen Rat wohl erwogen und werde ihn auch befolgen!
KJ|0|71|9|0|Aber nur für diesen Augenblick kann ich das nicht tun! Ich muss diesen dreien einmal den angedrohten Stab brechen und sie zu einem martervollsten Tode verurteilen!
KJ|0|71|10|0|Haben sie erst eine vierundzwanzigstündige Todesangst ausgestanden, dann bitte du mich laut vor allem Volk an diesem Richtplatz um die Gnade und um die Aufhebung der Todesstrafe;
KJ|0|71|11|0|und ich werde dich offenbar erhören und dann nach der gesetzlichen Ordnung diesen drei Wichten das Leben schenken!
KJ|0|71|12|0|Ich meine, also wird es recht sein; denn siehe, sogleich begnadigen kann ich sie nicht, weil ich sie als schwarze Verbrecher am priesterlichen Gesetz erkannt habe!
KJ|0|71|13|0|Nach dem Gesetz müssen sie das Todesurteil vernehmen; ist das geschehen, so kann dann erst bei außerordentlichen Fällen die Begnadigung an die Stelle der Exekution des Urteils treten.
KJ|0|71|14|0|Und so will ich mich sogleich an dieses Werk machen!“
KJ|0|71|15|0|Joseph billigte das, und der Cyrenius berief sogleich die Richter, die Liktoren und die Büttel zu sich und sprach:
KJ|0|71|16|0|„Schafft drei eiserne Kreuze her und Ketten; die Kreuze befestigt in dem Boden und heizt vierundzwanzig Stunden um die aufgestellten Kreuze!
KJ|0|71|17|0|So diese in dieser Zeit die rechte Glühhitze haben werden, dann werde ich kommen und die drei Frevler an die glühenden Kreuze aufziehen lassen! Fiat.“
KJ|0|71|18|0|Darauf nahm der Cyrenius einen Stab, zerbrach ihn, warf ihn den dreien unter die Füße und sprach:
KJ|0|71|19|0|„Nun habt ihr euer Urteil vernommen! Bereitet euch daher vor; denn ihr seid solchen Todes würdig! Fiat.“
KJ|0|71|20|0|Wie tausend Blitze schlug dieses Urteil die drei; sie fingen an sogleich zu heulen und zu wehklagen und alle Götter zu Hilfe zu rufen!
KJ|0|71|21|0|Sie wurden dann auch sogleich unter feste Wache genommen, und die Büttel gingen sogleich ins Richthaus und schafften die anbefohlenen Marterwerkzeuge herbei. Cyrenius, Joseph und Maronius aber begaben sich nach dem sogleich wieder nach Hause.
KJ|0|72|1|1|Marias Zweifel an der Macht des Jesuskindes werden beseitigt. Der Grund für die Flucht vor Herodes
KJ|0|72|1|1|Am 18. November 1843
KJ|0|72|1|0|Als sich Cyrenius mit Joseph und Maronius Pilla wieder der Villa näherte, ging Maria mit dem Kind auf dem Arm den dreien ganz ängstlich entgegen und fragte sogleich den Joseph:
KJ|0|72|2|0|„Mein Joseph, mein geliebtester Gemahl! O sage mir, was da mit der Jugend geschehen ist!
KJ|0|72|3|0|Denn wenn hier bei solchen sicher nicht selten vorkommenden Elementarstürmen allzeit derlei Opferungen stattfinden, da sind ja auch wir nicht sicher mit unserem Kind!
KJ|0|72|4|0|Hat Es auch eine große Macht, – aber wir mussten uns doch trotz dieser Macht aus Palästina vor dem Herodes flüchten!
KJ|0|72|5|0|Woraus ich denn auch den Schluss gemacht habe: Für gewisse Fälle hat das Kind noch zu wenig Macht; daher liegt es da an uns, Es all den großen Gefahren zu entziehen!“
KJ|0|72|6|0|Und der Joseph sprach zur Maria: „O du mein mir von Gott dem Herrn Selbst angetrautes Weib, fürchte dich nicht darob!
KJ|0|72|7|0|Denn siehe, nicht ein Haar von der zur schmählichsten Sühnopferung bestimmten Jugend ist ihr angetastet worden!
KJ|0|72|8|0|Unser lieber Cyrenius hat sogleich ihr die Freiheit gegeben und verurteilte dafür die drei Priester, die gestern hier waren und die Einwilligung für die Schlachtung der Jugend vom Cyrenius verlangten, zum allerschmerzlichsten Glühkreuzestode!
KJ|0|72|9|0|Aber – unter uns gesagt – nur scheinhalber! Morgen in der Frühe werden sie anstatt der Exekution des Todesurteils die Begnadigung empfangen!
KJ|0|72|10|0|Und diese Lektion wird ihnen sicher zu einer vollsten Witzigung dienen, der zufolge sie künftighin sicher kein ähnliches Götzensühnopfer in Vorschlag bringen werden!
KJ|0|72|11|0|Daher also sei du, mein geliebtestes Weib, ganz völlig unbesorgt und denke: Der Herr, der uns bis jetzt so sicher geführt hatte, der wird uns auch in der Zukunft nicht in die Macht der Heiden überliefern!“
KJ|0|72|12|0|Maria ward durch diese Worte Josephs vollkommen beruhigt, und ihr Gesicht heiterte sich wieder auf.
KJ|0|72|13|0|Und das Kindlein lächelte der Mutter ins Angesicht und sprach zu ihr:
KJ|0|72|14|0|„Maria! So jemand einen Löwen also gebändigt hätte, dass dieser ihn gleich einem sanftmütigen Lasttier herumtrüge,
KJ|0|72|15|0|meinst du wohl, dass es da löblich wäre, sich auf dem mächtigsten Rücken des Löwen zu fürchten vor den flüchtigen Hasen?!“
KJ|0|72|16|0|Maria erstaunte über die tiefe Weisheit dieser Worte, aber sie verstand sie nicht.
KJ|0|72|17|0|Und das Kindlein sprach daher noch einmal zur Maria, und sprach ganz ernsten Angesichtes:
KJ|0|72|18|0|„Ich bin der mächtige Löwe von Juda, der dich auf Seinem Rücken trägt; wie magst du dich denn fürchten vor denen, die Ich mit einem Hauch verwehen kann wie lose Spreu?!
KJ|0|72|19|0|Meinst du denn, Ich bin vor Herodes geflohen, um Mich zu sichern vor seiner Wut?!
KJ|0|72|20|0|O nein! Ich floh nur, um ihn zu schonen; denn hätte ihn Mein Angesicht gesehen, da wäre es mit ihm für ewig aus gewesen!
KJ|0|72|21|0|Siehe, die Kindlein aber, die für Mich erwürgt worden sind, sind überaus glücklich schon in Meinem Reich – und sind täglich um Mich und loben und preisen Mich und erkennen in Mir schon vollkommen ihren Herrn für ewig!
KJ|0|72|22|0|Siehe Maria, also stehen die Dinge! Daher du wohl von Mir allenthalben schweigen sollst, wie es befohlen ward; aber du für dich sollst es wohl wissen, wer Der ist, den du ‚Gottes Sohn‘ heißen sollst und Ihn auch also geheißen hast!“
KJ|0|72|23|0|Diese Worte erschütterten die Maria durch und durch; denn sie sah nun ganz ein, dass sie den Herrn auf ihren Armen trägt!
KJ|0|72|24|0|Es hatte aber auch der Maronius, der sich hier hinter der Maria befand, die Worte des Kindes vernommen und fiel nieder vor dem Kind.
KJ|0|72|25|0|Nun erst entdeckte der Cyrenius Mariam; denn früher war er in einem Gespräch mit einem seiner ihn begleitenden Sekretäre begriffen.
KJ|0|72|26|0|Er eilte daher plötzlich hin zum Kind und grüßte und koste Es. Und das Kindlein tat desgleichen und sprach: „Cyrenius! erhebe den Maronius, denn er ist nun schon bearbeitet; nun darf er Mich erkennen! Verstehst du Mich, was Ich damit sagen will?!“
KJ|0|73|1|1|Aufbruch zur Stadt, um den Notleidenden zu helfen. Die an Cyrenius gerichtete Bedingung des Jesuskindes
KJ|0|73|1|1|Am 20. November 1843
KJ|0|73|1|0|Als aber also die ganze Gesellschaft bei der Villa angelangt war, da sandte der Cyrenius sogleich seinen Adjutanten in die Stadt an den Obersten der Stadt und ließ ihm bedeuten, dass an diesem wie am künftigen Tag keine Paraden und keine Ausrückungen stattfinden sollen.
KJ|0|73|2|0|Denn solches war bei den Römern bei außerordentlichen Gelegenheiten gebräuchlich, dass da bei gewissen Erscheinungen – wie etwa eine Mondes- oder Sonnenfinsternis, ein starkes Ungewitter,
KJ|0|73|3|0|feurige Meteore, Kometen, das plötzliche Auftreten eines Irrsinnigen, das Befallenwerden von der sogenannten Epilepsie,
KJ|0|73|4|0|imgleichen auch außerordentliche Scharfgerichtstage – die Sitten den Römern nicht gestatteten, zugleich andere Staatsgeschäfte zu unternehmen.
KJ|0|73|5|0|Denn alle derlei Tage galten den sonst vielseitig biederen Römern als Unglückstage oder als besondere Tage der Götter, welche die Menschen sofort zu heiligen und nicht zu ihrem eigenen Geschäft zu verwenden haben.
KJ|0|73|6|0|Obschon aber Cyrenius bei sich eben nicht viel auf diese leeren Sitten hielt, so musste er solches aber dennoch des Volkes wegen tun, welches noch fest an solchen Torheiten hing.
KJ|0|73|7|0|Als der Adjutant aber abgegangen war, da sprach der Cyrenius zum Joseph: „Edelster Bruder und Freund! Lasse du nun ein Morgenmahl richten! Nach dem Morgenmahl aber wollen wir alle samt und sämtlich in die Stadt gehen und wollen dort die Verheerungen des Sturmes in den Augenschein nehmen!
KJ|0|73|8|0|Wir werden bei dieser Gelegenheit sicher viele arme und verunglückte Bürger dieses Ortes antreffen und werden ihnen auch helfen auf jede mögliche Weise.
KJ|0|73|9|0|Sodann werden wir den Hafen besichtigen und sehen, wie es mit den Schiffen aussieht, ob und wie sie beschädigt worden sind.
KJ|0|73|10|0|Es wird sich da sicher so manche Arbeit für deine Söhne ergeben, die ich sogleich zu Oberbauführern ernennen will, indem es ohnehin gerade in dieser Stadt an Baukundigen überaus mangelt.
KJ|0|73|11|0|Denn Ägypten ist nun in architektonischer Hinsicht bei weitem nicht mehr das, was es einst vor tausend Jahren war zu den Zeiten der alten Pharaonen.“
KJ|0|73|12|0|Joseph befolgte sogleich das Verlangen des Cyrenius, ließ ein frugales Morgenmahl bereiten, bestehend aus Brot, Honig und Milch und einigen Früchten.
KJ|0|73|13|0|Nach dem Mahl aber erhob sich der Cyrenius und die ganze Tischgenossenschaft und wollte sogleich seinem Vorhaben nach in die Stadt ziehen;
KJ|0|73|14|0|aber das Kindlein berief den Cyrenius zu Sich und sprach zu ihm: „Mein Cyrenius! Du ziehst in die Stadt, der notleidenden Bürgerschaft irgend zu helfen, und dein größter Wunsch ist, dass Ich bei dir sein möchte!
KJ|0|73|15|0|Ja, Ich will auch mit dir ziehen, aber du musst Mich hören und Meinen Rat befolgen!
KJ|0|73|16|0|Siehe, die an der größten Not Leidenden sind wohl jene drei von dir zur vierundzwanzigstündigen Todesangst Verurteilten!
KJ|0|73|17|0|Siehe aber hinzu! Ich habe keine Freude am zu großen Schmerz der Elenden; daher ziehen wir zuerst dahin und helfen diesen Allerunglücklichsten! Danach wollen wir erst die weniger Unglücklichen in der Stadt und den Meereshafen besuchen!
KJ|0|73|18|0|Tust du das, so werde Ich mit dir ziehen; tust du aber das nicht, so bleibe Ich daheim! Denn siehe, Ich bin auch ein Herr in Meiner Art und kann tun, was Ich will, ohne Mich an dich zu halten! Befolgst du aber Meinen Rat, da will Ich Mich dann wohl an dich halten!“
KJ|0|74|1|1|Begnadigung der drei heidnischen Priester. Deren Wiederbelebung durch das Jesuskind
KJ|0|74|1|1|Am 21. November 1843
KJ|0|74|1|0|Als der Cyrenius solches vernommen hatte von dem ihm über allen stehenden kleinen Wiegenredner, wie er Ihn manchmal nannte, da stutzte er bei sich selbst und wusste nicht, was er so ganz eigentlich tun solle.
KJ|0|74|2|0|Denn auf der einen Seite sah er sich vor dem Volk als ein wankelmütiger Feldherr und oberster Statthalter gewaltig prostituiert,
KJ|0|74|3|0|anderseits aber hatte er dennoch zu viel Respekt vor der erprobten Macht des Kindes!
KJ|0|74|4|0|Er sann eine Zeitlang hin und her und sprach nach einer Weile wie zu sich selbst:
KJ|0|74|5|0|„O Scylla, o Charybdis, o Mythe des Herkules am Scheideweg!
KJ|0|74|6|0|Hier steht der Held zwischen zwei Abgründen; weicht er dem einen aus, so stürzt er unvermeidlich in den anderen!
KJ|0|74|7|0|Was soll ich nun tun? Wohin mich wenden? Soll ich zum ersten Mal wankelmütig vor dem Volk erscheinen und tun den Willen dieses mächtigen Kindes?
KJ|0|74|8|0|Oder soll ich tun nach meinem ohnehin sehr milden Beschluss?“
KJ|0|74|9|0|Hier berief wieder das Kindlein den Cyrenius zu Sich und sprach lächelnd: „Du Mein lieber Freund, du rührst hohle Eier und hohle Nüsse durcheinander!
KJ|0|74|10|0|Was ist die Scylla und was die Charybdis und was der Held Herkules vor Mir? Folge du Mir, und du wirst mit allen diesen Nichtigkeiten nichts zu tun bekommen!“
KJ|0|74|11|0|Und der Cyrenius, sich erholend von seinem Wankelmut, sprach zum Kind:
KJ|0|74|12|0|„Ja, Du mein Leben, Du mein kleiner Sokrates, Plato und Aristoteles in der Wiege! Dich will ich zufriedenstellen, und komme daraus, was es wolle!
KJ|0|74|13|0|Und so lasst uns denn hinziehen auf den Richtplatz und dort unser Urteil sobald in Gnade verwandeln!“
KJ|0|74|14|0|Hier näherte sich auch der Maronius dem Cyrenius und sagte ganz sachte zu ihm:
KJ|0|74|15|0|„Kaiserliche Consulische Hoheit! Ich bin ganz mit dem Rat des Kindes einverstanden; denn mir ist gerade jetzt eingefallen, dass die Todesstrafe bei priesterlichen Angelegenheiten nie ohne die Einwilligung des Pontifex Maximus in Rom über die Priester verhängt werden darf, –
KJ|0|74|16|0|außer diese wären Staatsaufwiegler, was sie aber hier nicht sind, sondern nur blinde Eiferer ihrer Sache!
KJ|0|74|17|0|Daher billige ich den Rat des Kindes sehr; dessen Befolgung kann dir daher nur nützen, aber nie schaden!“
KJ|0|74|18|0|Den Cyrenius freute diese Bemerkung des Maronius, und er machte sich darum sogleich auf den Weg mit der ganzen vorbestimmten Gesellschaft.
KJ|0|74|19|0|Am Richtplatz angelangt, fand er die drei Priester schon fast entseelt vor zu großer Angst vor dem martervollsten Tode.
KJ|0|74|20|0|Nur einer aus ihnen hatte noch so viel Geistesgegenwart, dass er vor dem Cyrenius sich mühsamst erhob und ihn um eine gnädigere Todesart bat.
KJ|0|74|21|0|Cyrenius aber sprach zu ihm, wie zu den anderen zweien: „Seht an das Kind, das diese Mutter auf ihren Armen trägt, das gibt euch das Leben wieder! Und so schenke ich es euch auch und widerrufe mein Urteil!
KJ|0|74|22|0|Erhebt euch daher wieder, und wandelt frei! Fiat! Und ihr Wachen, ihr Richter, Liktoren und Büttel, zieht ab mit allem! Fiat!“
KJ|0|74|23|0|Dieser Gnadenruf benahm den drei Priestern das Leben; aber das Kindlein streckte die Hand über die drei, und sie erwachten wieder ins Leben und folgten sogleich ganz erheitert ihrem kleinen Lebensretter!
KJ|0|75|1|1|Besichtigung der Stadt nach dem Sturm. Das Jesuskind spricht vom Schwert als Hirtenstab
KJ|0|75|1|1|Am 22. November 1843
KJ|0|75|1|0|Vom Richtplatz sich schnell hinwegbegebend, zog die ganze Gesellschaft nun in die Stadt im Gefolge von den drei begnadigten Priestern.
KJ|0|75|2|0|Als sie, die Gesellschaft nämlich, aber in der Stadt am großen Platz anlangte – und zwar vor dem mächtigen Schutthaufen des großen Tempels und des ganzen, noch größeren Priesterpalastes,
KJ|0|75|3|0|da schlug der Cyrenius die Hände über dem Kopf zusammen und sprach mit lauter Stimme:
KJ|0|75|4|0|„Wie sehr verändert siehst du aus! Ja, so kann nur eines Gottes Macht wirken!
KJ|0|75|5|0|Nicht langer Zeiten bedarf es, sondern ein Wink der Allmacht genügt, den ganzen Erdkreis in Staub zu verwandeln!
KJ|0|75|6|0|O Menschen! Wollt ihr kämpfen mit Dem, der den Elementen gebietet, und sie folgen Seinem Wink?!
KJ|0|75|7|0|Wollt ihr Richter sein, wo der Gottheit Allmacht gebietet, und herrschen, wo euch ein leiser Wink des ewigen Herrschers zertrümmert?!
KJ|0|75|8|0|Nein, nein! Ich bin ein Tor, dass ich noch mein Schwert umgürtet trage, als hätte ich eine Macht!
KJ|0|75|9|0|Weg mit dir, du elendes Zeug! Da, in diesem Schutthaufen ist der beste Platz für dich! Mein wahres Schwert aber sollst Du sein! Du, den die Mutter auf ihren Armen trägt!“
KJ|0|75|10|0|Hier löste der Cyrenius plötzlich sein Schwert samt dem Ehrengürtel vom Leib und wollte es mit aller Gewalt in den Schutthaufen schleudern.
KJ|0|75|11|0|Aber das Kindlein, das Sich zur Seite des Cyrenius auf den Armen der Maria befand, sprach zu ihm:
KJ|0|75|12|0|„Cyrenius! Tue nicht, was du tun willst, – denn wahrlich, der das Schwert nach deiner Art trägt, der trägt es gerecht!
KJ|0|75|13|0|Wer das Schwert gebraucht als Waffe, der werfe es von sich!
KJ|0|75|14|0|Wer es aber gebraucht als einen Hirtenstab, der behalte es; denn also ist es der Wille Dessen, dem Himmel und Erde ewig gehorchen müssen!
KJ|0|75|15|0|Du bist aber ein Hirte denen, die in das Buch deines Schwertes geschrieben sind!
KJ|0|75|16|0|Daher umgürte dich nur wieder mit der gerechten Ehre, auf dass dich dein Volk erkennt, dass du ihm ein Hirte bist!
KJ|0|75|17|0|Bestünde deine Herde aus pur Lämmern, da bedürftest du keines Stabes!
KJ|0|75|18|0|Aber es gibt darunter sehr viele Böcke; darum möchte Ich dir lieber noch einen Stab hinzulegen, als dir den einen nehmen!
KJ|0|75|19|0|Wahr ist es! Außer in Gott gibt es keine Macht; aber wenn dir Gott die Macht verleiht, dann sollst du sie nicht dahin von dir werfen, was Gottes Fluch gerichtet hat!“
KJ|0|75|20|0|Diese Worte brachten den Cyrenius sogleich wieder zur Umgürtung des Schwertes unter steter stiller Anbetung des Kindleins. Die drei Priester aber entsetzten sich allergewaltigst vor der Weisheit dieses Kindes.
KJ|0|76|1|1|Die drei Priester erkundigen sich nach der Weisheit des Jesuskindes. Josephs Rede über den einen wahren Gott und den Ursprung der heidnischen Götter
KJ|0|76|1|1|Am 24. November 1843
KJ|0|76|1|0|Mit der größten Hochachtung näherten sich die drei Priester dem Joseph und fragten ihn, wie dieses Kind zu einer solchen allerwunderbarsten Weisheit gelangt ist, und wie alt es schon sei.
KJ|0|76|2|0|Joseph aber sprach zu ihnen: „Liebe Freunde, fragt nicht zu früh danach; denn eine zu vorzeitige Antwort könnte euch das Leben kosten!
KJ|0|76|3|0|Folgt uns aber, und lasst eure vielen Götter fallen, und glaubt, dass es nur einen wahren Gott Himmels und der Erde gibt, und glaubt, dass dieser eine wahre Gott Derjenige ist, den das Volk Israel anbetet und ehrt zu Jerusalem, so werdet ihr es in euch und aus diesem Kind erfahren, woher Dessen Weisheit sei!“
KJ|0|76|4|0|Die Priester aber sprachen: „O Mann, du redest hier seltsame Worte!
KJ|0|76|5|0|Sind denn unsere Hauptgötter, der Zeus, der Apollo, der Merkur, der Vulkan, der Pluto, Mars und Neptun, die Juno, die Minerva, die Venus und andere mehr nichts als bloße Werke der menschlichen Phantasie?“
KJ|0|76|6|0|Und der Joseph erwiderte: „Hört mich an, ihr Freunde! Alle eure Götter sind entstanden durch die Phantasie eurer Urväter, die den einen Gott noch gar wohl gekannt hatten!
KJ|0|76|7|0|Sie aber waren seltene Dichter und Sänger an den Höfen der alten Könige dieses Landes und personifizierten – zwar in guten Entsprechungen – die Eigenschaften des einen wahren Gottes!
KJ|0|76|8|0|Ihnen war Jupiter als die Güte und Liebe des Vaters von Ewigkeit darstellend, Apollo war die Weisheit des Vaters, und die Minerva stellte die Macht dieser Weisheit dar.
KJ|0|76|9|0|Merkur bedeutete die Allgegenwart des einen Gottes durch Seinen allmächtigen Willen.
KJ|0|76|10|0|Die Venus stellte die Herrlichkeit und die Schönheit und die ewige gleiche Jugend des Gottwesens dar.
KJ|0|76|11|0|Vulkan und Pluto stellten des einen Gottes Vollmacht über die ganze Erde dar.
KJ|0|76|12|0|Mars stellte den göttlichen Ernst dar und das Gericht und den Tod für die Gerichteten.
KJ|0|76|13|0|Neptun stellte den wirkenden Geist des einen Gottes in allen Gewässern dar, wie Er durch sie die Erde belebt.
KJ|0|76|14|0|So stellte die alte Isis, wie Osiris, die göttliche, unantastbare Heiligkeit dar, welche da ist die göttliche Liebe und Weisheit urewig in sich.
KJ|0|76|15|0|Und so stellten alle anderen Untergötter nichts als lauter Eigenschaften des einen Gottes in entsprechenden Bildern dar.
KJ|0|76|16|0|Und das war eine recht löbliche Darstellung; denn man wusste da nichts anderes, als dass dieses alles nur den einen Gott bezeichne in der verschiedenen Art Seiner zahllosen Auswirkungen.
KJ|0|76|17|0|Aber mit der Zeit haben Eigennutz, Selbstliebe und die Herrschsucht die Menschen geblendet und verfinstert.
KJ|0|76|18|0|Sie verloren den Geist, und es blieb ihnen nichts als die äußere Materie, und sie wurden zu Heiden, was so viel heißt als: sie wurden zu groben Materialisten und verloren den einen Gott, nagten daher an den äußeren, leeren, unverstandenen Bildern gleich Hunden, die da heißhungrig nackte Knochen benagen, an denen kein Fleisch mehr haftet! Versteht ihr mich?“
KJ|0|76|19|0|Die drei sahen einander groß an und sprachen: „Wahrlich, du bist in unserer Religion besser bewandert denn wir! Wo aber hast du solches erfahren?“
KJ|0|76|20|0|Joseph aber sprach: „Geduldet euch nur; das Kind wird es euch kundtun! Daher folgt uns, und kehrt nicht wieder um!“
KJ|0|77|1|1|Die Ausgrabung der Verschütteten. Die Belebung der sieben Katakombenführer
KJ|0|77|1|1|Am 25. November 1843
KJ|0|77|1|0|Die drei Priester fragten nun um nichts mehr weiter; denn sie erkannten in dem Joseph einen Mann, der in die alten Mysterien Ägyptens tief eingeweiht zu sein schien, was sonst nur bei den höchsten Oberpriestern dieses Landes der Fall war.
KJ|0|77|2|0|Der Cyrenius aber wandte sich um und fragte die drei Priester, wie viel ihresgleichen hier ums Leben gekommen sind.
KJ|0|77|3|0|Und die drei sprachen: „Mächtigster Statthalter! Ganz genau können wir dir die Zahl nicht angeben;
KJ|0|77|4|0|aber über siebenhundert waren es gewiss, die da begraben wurden, ohne die Zöglinge beiderlei Geschlechts mit eingerechnet!“
KJ|0|77|5|0|„Gut“, sprach der Cyrenius, „wir wollen uns von der Sache bald genauer überzeugen!“
KJ|0|77|6|0|Er fragte darauf den Joseph, ob es nicht rätlich wäre, die Verschütteten auszugraben.
KJ|0|77|7|0|Und der Joseph erwiderte: „Das ist sogar strenge Pflicht; denn es könnten hie und da in den Katakomben noch Zöglinge am Leben sein, und diese zu retten ist strenge Pflicht!“
KJ|0|77|8|0|Als der Cyrenius solches vernommen hatte, ließ er sogleich zweitausend Arbeiter dingen, die sich alsogleich an die Wegschaffung des Schuttes machen mussten.
KJ|0|77|9|0|In wenigen Stunden wurden schon sieben Leichen hervorgezogen, und das waren gerade die Katakombenführer.
KJ|0|77|10|0|Und der Cyrenius sagte: „Wahrlich, um diese tut es mir leid; denn ohne ihre Hilfe werden wir nicht viel richten in dem unterirdischen Labyrinth von zahllosen Gängen und Gängen!“
KJ|0|77|11|0|Das Kindlein aber sagte zum Cyrenius: „Mein Cyrenius! Was da die Katakomben betrifft, so wird in ihnen nicht viel Ersprießliches zu treffen sein;
KJ|0|77|12|0|denn diese liegen schon seit mehreren Jahrhunderten unbenützt und sind angefüllt mit Schlamm und Ungeziefer aller Art!
KJ|0|77|13|0|Diese sieben Führer in den Katakomben aber hatten bloß nur den Titel als solche; aber von ihnen hatte noch nie einer eine Katakombe betreten.
KJ|0|77|14|0|Siehe, damit du aber glaubst, was Ich dir sage, so sage Ich dir aber auch, dass diese sieben Führer nicht ganz tot, sondern nur sehr betäubt daliegen und können daher wieder ins Leben gerufen werden!
KJ|0|77|15|0|Lasse sie reiben an den Schläfen, an der Brust, im Genick und an den Händen und Füßen von kräftigen Weibern, und sie werden sobald erwachen aus ihrer Betäubung!“
KJ|0|77|16|0|Und der Cyrenius fragte das Kindlein: „O Du mein Leben! So Du sie anrührtest, da würden sie doch auch sicher erwachen?!“
KJ|0|77|17|0|Das Kindlein aber sprach: „Tue, was Ich dir geraten; denn Ich darf nicht zu viel tun, will Ich nicht statt des Segens ein Gericht der Welt geben!“
KJ|0|77|18|0|Cyrenius verstand zwar diese Worte nicht; aber er befolgte dennoch den Rat des Kindleins.
KJ|0|77|19|0|Er ließ sogleich zehn kräftige Jungfrauen bringen, dass sie rieben die sieben Führer.
KJ|0|77|20|0|Nach einigen Minuten erwachten die sieben und fragten die Umstehenden, was da mit ihnen geschehen sei, und was hier geschehe.
KJ|0|77|21|0|Und der Cyrenius ließ sie sogleich führen in eine gute Herberge; aber das Volk wunderte sich hoch über diese Erweckung und erwies den Jungfrauen eine große Verehrung.
KJ|0|78|1|1|Die Verwüstung allein der Göttertempel
KJ|0|78|1|1|Am 27. November 1843
KJ|0|78|1|0|Nachdem wurde weiter gegraben, und der Cyrenius erließ den Befehl, dass alle Leichen, welche nicht irgend zu sehr verstümmelt seien, auf einen gewissen mit Matten überdeckten Platz sollen mit den Gesichtern zur Erde gelegt werden;
KJ|0|78|2|0|die sehr Verstümmelten allein sollen sogleich auf die gewöhnliche Art auf dem allgemeinen Beerdigungsplatz entweder verbrannt oder acht Fuß tief begraben werden.
KJ|0|78|3|0|An den wenig Verstümmelten aber sollen ähnliche Erweckungsversuche gemacht werden wie mit den sieben.
KJ|0|78|4|0|Und so einer oder der andere wieder ins Leben käme, er sogleich in die Herberge zu den sieben gebracht werde.
KJ|0|78|5|0|Als dieser Befehl erteilt ward, begab sich Cyrenius von dannen mit seiner Gesellschaft, um noch andere Stadtteile in den Augenschein zu nehmen.
KJ|0|78|6|0|Zu seiner großen Verwunderung aber fand er, dass da nirgends ein bürgerliches Haus irgend beschädigt war;
KJ|0|78|7|0|wohl aber war nirgends ein Göttertempel mehr zu finden, der nicht im Schutt zertrümmert daläge, bis auf einen einzigen, kleinen, verschlossenen mit der Aufschrift: „Dem unbekannten Gott!“
KJ|0|78|8|0|Als die Gesellschaft unter großem Volksgefolge also die ganze nicht unbedeutende Stadt von achtzigtausend Einwohnern zum größten Teil durchwandert hatte, da berief Cyrenius den Joseph zu sich und sprach zu ihm:
KJ|0|78|9|0|„Höre, du mein allererhabenster Freund und Bruder! Ich muss heimlich über die sonderbare Wirkung des Erdbebens wie des Sturmes geradezu lachen!
KJ|0|78|10|0|Da sehe nur einmal hin! Längs dieser Gasse vor uns stehen Häuser von so elender Bauart; trockene Steine sind ohne Mörtel – noch ziemlich unsymmetrisch dazu – zu einer Wand übereinandergelegt.
KJ|0|78|11|0|Man sollte glauben, dass sie kaum fest genug wären, um der Erschütterung zu widerstehen, welche durch den Huftritt eines nur einigermaßen schweren Pferdes hervorgebracht wird!
KJ|0|78|12|0|Aber siehe, diese wahren Ameisengebäude stehen unversehrt da! Nicht eines ist irgend auch nur im Geringsten beschädigt,
KJ|0|78|13|0|während mitten unter diesen wahren Vonheutebismorgen-Häusern die für Jahrtausende fest gebauten Tempel nach der Bank alle in die schmählichsten Schutthaufen verwandelt sind!
KJ|0|78|14|0|Wie findest du diese höchst merkwürdige Erscheinung? Ist es hier nicht handgreiflich, dass das Erdbeben wie der Sturm sehr intelligent müssen zu Werke gegangen sein?!
KJ|0|78|15|0|Fürwahr! ich muss es dir zu meiner großen Freude bekennen und sagen:
KJ|0|78|16|0|Wenn dein Söhnlein nicht mit Seinem allmächtigen Finger ein wenig unter den Tempeln in Gesellschaft mit dem Sturm herumgespielt hatte, so will ich nicht Cyrenius heißen!“
KJ|0|78|17|0|Joseph aber sprach: „Behalte es für dich ganz allein, was du glaubst, und rede ja zu niemandem davon – denn es wird schier also sein!
KJ|0|78|18|0|Wir begeben uns aber nun zum Hafen und wollen da sehen, ob sich dort für mich keine Arbeit vorfindet!“ – Und der Cyrenius befolgte sogleich den Rat Josephs und zog an des Meeres Ufer hin.
KJ|0|79|1|1|Die Vernichtung allein der Götzen im Hafen. Rückkehr nach Hause
KJ|0|79|1|1|Am 28. November 1843
KJ|0|79|1|0|Am Ufer des Meeres angelangt, allwo der Hafen für die Schiffe teils von der Natur und teils durch die Kunst der Menschen errichtet war, erstaunte sich der Cyrenius ebenfalls nicht wenig.
KJ|0|79|2|0|Denn es war nirgends ein Schaden zu entdecken, außer dass am prachtvollsten Schiff des Cyrenius alle sogenannten mythologischen Verzierungen möglichst vernichtet waren.
KJ|0|79|3|0|Cyrenius sprach daher zum Joseph: „Mein allerachtbarster Freund, bei obwaltenden Umständen werden deine Söhne wenig zu tun bekommen!
KJ|0|79|4|0|Siehe, nicht ein Fahrzeug hat irgendeinen sonstigen Schaden erlitten, außer dass da – mir sehr willkommen – besonders auf meinem Schiff die Götzen wahrscheinlich haben das Meerwasser zum Verkosten bekommen,
KJ|0|79|5|0|was mir aber eben sehr lieb ist; denn ich werde sicher keine mehr irgend auf meinem Schiff anbringen lassen!
KJ|0|79|6|0|Deinem Gott sei alles Lob und alle Ehre dafür!
KJ|0|79|7|0|Deine Söhne aber werde ich dessen ungeachtet für allfällige kleine Reparaturen, die sich hier und da an den Schiffen als vonnöten zeigen werden, schon also belohnen, als ob sie was Großes getan hätten!“
KJ|0|79|8|0|Und der Joseph sprach zum Cyrenius: „O Freund und Bruder, sorge dich nicht zu sehr um den Verdienst meiner Kinder!
KJ|0|79|9|0|Siehe, nicht des Verdienstes wegen, sondern um dir einen guten Dienst erweisen zu können, wäre ich dir gerne mit meinen Söhnen in solcher baulichen Hinsicht zu Hilfe gekommen; es hat dir aber der Herr geholfen, und so ist es besser, und du kannst meiner Hilfe nun leichtlich entbehren.
KJ|0|79|10|0|Wir aber haben nun bereits alles gesehen; daher meine ich, da es schon bei der Gelegenheit so ziemlich spät nachmittags geworden ist, wir sollten uns nun wieder nach Hause begeben und allenfalls morgen das etwa noch Übrige in den Augenschein nehmen!“
KJ|0|79|11|0|Und der Cyrenius sprach: „Der Meinung bin ich auch; denn mich dauert der armen Mutter schon ganz über die Maßen. Daher müssen wir nun trachten, sobald als möglich nach Hause zu kommen!
KJ|0|79|12|0|Ich aber werde aber für sie sogleich eine Sänfte bringen lassen, auf dass sie nach Hause getragen wird mit dem Kindlein!“
KJ|0|79|13|0|Und das Kindlein meldete sich sogleich hinter dem Cyrenius und sprach zu ihm:
KJ|0|79|14|0|„Das tust du sicher; denn diese Mutter ist schon sehr müde geworden, indem sie an Mir sehr schwer zu tragen hat!
KJ|0|79|15|0|Im Nachhauseziehen aber darfst du deinem Vorhaben zufolge nicht durch den gewissen Priesterplatz den Weg nehmen!
KJ|0|79|16|0|Denn so Ich mit der Mutter vorübergetragen würde, da nun schon bei hundert Verschüttete auf den Matten liegen,
KJ|0|79|17|0|so würden sie plötzlich alle lebendig, und das gäbe dir und allem Volk ein Gericht, das da jedem sehr übel bekäme!
KJ|0|79|18|0|Also aber werden sie durch menschliche Hilfe unter Meiner geheimen Einwirkung durch die Nacht erweckt werden!
KJ|0|79|19|0|Dadurch wird der Schein des Wunderbaren vermieden, und du und alles Volk bleibt verschont vor einem den Geist für ewig tötenden Gericht!“
KJ|0|79|20|0|Der Cyrenius befolgte genau diesen Rat, hocherfreut in seinem Herzen; die Sänfte ward augenblicklich herbeigeschafft, und Maria mit dem Kindlein begab sich in dieselbe.
KJ|0|79|21|0|Und der Cyrenius bestimmte einen anderen Weg, auf welchem die ganze Gesellschaft, die drei Priester mitgerechnet, gar bald und ganz bequem die Villa Josephs erreichte.
KJ|0|80|1|1|„Die Ich liebe, die necke Ich auch und kneipe und zupfe sie!“
KJ|0|80|1|1|Am 29. November 1843
KJ|0|80|1|0|In der Villa wieder angelangt, begab sich Joseph sogleich zu seinen Söhnen, welche soeben mit der Bereitung eines Mittagsmahles beschäftigt waren, und sprach zu ihnen:
KJ|0|80|2|0|„Gut, gut, meine Söhne, ihr seid meinem Wunsch zuvorgekommen; aber wir haben heute um drei Gäste mehr, nämlich die drei Priester, die heute früh sind zum Tode ausgesetzt worden!
KJ|0|80|3|0|Diese wollen wir ganz besonders gut bewirten, damit sie unsere Freunde werden in der Anerkennung unseres Vaters im Himmel,
KJ|0|80|4|0|der uns zu Seinen Kindern erwählt hat durch den Bund, den Er mit unseren Vätern gemacht hatte!
KJ|0|80|5|0|Du, Jakob, aber gehe sogleich hinaus, der sehr müde gewordenen Mutter entgegen, und nehme ihr unser aller allerliebstes Kindlein ab,
KJ|0|80|6|0|und bringe Es sogleich zur Ruhe; denn Es ist auch schon sichtbar müde und sehnt Sich nach der Wiege!“
KJ|0|80|7|0|Und sogleich lief der Jakob hinaus und zu der Maria, die soeben aus der Sänfte stieg, und nahm ihr sogleich mit großer Liebe und Freude das Kindlein von den Armen.
KJ|0|80|8|0|Das Kindlein aber erwies dem Jakob eben auch dieselbe große Freude; denn Es hüpfte auf seinen Armen und lächelte und kneipte und zupfte ihn, wo Es ihn mit Seinen Händchen nur erwischen konnte.
KJ|0|80|9|0|Die drei Priester aber, die vor diesem Kind den allerungeheuersten Respekt hatten, verwunderten sich in aller Freude ihres Gemütes, da sie an diesem Kind auch etwas echt Kindliches entdeckten.
KJ|0|80|10|0|Einer aus ihnen aber ging hin zum Jakob und fragte ihn in gut hebräischer Sprache:
KJ|0|80|11|0|„Sage mir, ist dieses Wunderkind aller Kinder stets so munter, ja man möchte sagen – sogar ein wenig neckend schlimm, wie Kinder gewöhnlicher Art manchmal freilich erst in zwei oder drei Jahren es sind?“
KJ|0|80|12|0|Das Kindlein aber antwortete sogleich Selbst an der Stelle des Jakobs:
KJ|0|80|13|0|„Ja, ja, Mein Freund! Die Ich liebe, die necke Ich auch und kneipe und zupfe sie; aber das geschieht nur jenen, die Mich so wie Mein Jakob lieben – und Ich sie auch so liebe wie diesen Meinen lieben Jakob!
KJ|0|80|14|0|Aber Ich tue ihnen darum doch nicht Leids an! Nicht wahr, du Mein lieber Jakob, es tut dir nicht weh, so Ich dich zupfe und kneipe?“
KJ|0|80|15|0|Und der Jakob, wie gewöhnlich gleich zu Tränen gerührt, sprach: „O Du mein göttlich allerliebstes Brüderchen, wie könntest Du mir wehe tun?!“
KJ|0|80|16|0|Und das Kindlein erwiderte darauf dem Jakob: „Jakob, Mein Bruder, du hast Mich wahrlich lieb!
KJ|0|80|17|0|Ich aber habe auch dich so lieb, dass du es in Ewigkeit nie genug wirst begreifen können, wie lieb Ich dich habe!
KJ|0|80|18|0|Siehe, du Mein lieber Bruder Jakob, die Himmel sind weit und endlos groß; zahllose glänzende Lichtwelten fassen sie, wie die Erde einen Tautropfen!
KJ|0|80|19|0|Und die Welten sind Träger von zahllosen glücklichsten Wesen deiner Art; aber glücklicher ist unter ihnen keines als du, nun Mein liebster Bruder! Jetzt verstehst du Mich noch nicht; aber du wirst Mich schon noch recht gut verstehen mit der Zeit. Schlafen aber mag Ich jetzt nicht, wenn die Menschen um Mich wachen! Aber bei dir will Ich bleiben!“
KJ|0|80|20|0|Diese Rede brach unserem Jakob von neuem wieder sein Herz, dass er darob weinte vor Liebfreude; der fragende Priester aber sank beinahe in den Boden vor lauter Ehrfurcht und Höchstachtung dieses Kindes!
KJ|0|81|1|1|Cyrenius möchte auch vom Jesuskind geneckt werden. Eine Verheißung für Rom
KJ|0|81|1|1|Am 1. Dezember 1843
KJ|0|81|1|0|Der Cyrenius, der diese Worte des Kindleins ebenfalls gar wohl vernommen hatte, begab sich augenblicklich hin zum Kindlein und fragte Es gar liebreich:
KJ|0|81|2|0|„O Du mein Leben! Du hast mich dann gewiss nicht so lieb, weil Du mich, so ich Dich auf meinen Armen hatte, noch nie gekneipt und gezupft hast?“
KJ|0|81|3|0|Das Kindlein aber sprach: „O Cyrenius! Sorge dich nicht darum; denn siehe, alle die Unannehmlichkeiten, die du Meinetwegen schon erduldet hast, waren lauter Kneipereien und Zupfereien von Mir, darum Ich dich so lieb habe!
KJ|0|81|4|0|Verstehst du Mich nun, was Ich dir gesagt habe?
KJ|0|81|5|0|Ich werde dich aber schon noch öfter kneipen und zupfen – und werde aus lauter Liebe zu dir recht schlimm sein!
KJ|0|81|6|0|Aber höre, deswegen musst du dich aber dennoch nicht fürchten vor Mir, denn es wird dir dabei kein Wehe geschehen, so wie bis jetzt; verstehst du Mich, Mein lieber Cyrenius?“
KJ|0|81|7|0|Der Cyrenius, voll der tiefsten Achtung in seinem Herzen vor dem Kind, sprach ganz betroffen und gerührt:
KJ|0|81|8|0|„Ja, ja, Du mein Leben, ich verstehe Dich gar wohl und weiß, was Großes Du mir gesagt hast!
KJ|0|81|9|0|Aber dessen ungeachtet möchte ich aber doch auch, dass Du mich also wie Deinen Bruder ein wenig kneipen und zupfen möchtest!“
KJ|0|81|10|0|Und das Kindlein sprach zum Cyrenius: „O Mein lieber Freund, du wirst doch nicht kindischer sein als Ich?
KJ|0|81|11|0|Glaubst du denn, dass Ich dich darum mehr lieben werde?
KJ|0|81|12|0|O siehe, da irrst du dich sehr; denn mehr noch, als Ich dich ohnehin liebe, kann Ich dich ja doch unmöglich lieben!
KJ|0|81|13|0|Wahrlich, auch du wirst die Größe und Stärke Meiner Liebe zu dir ewig nie erfassen und begreifen können!
KJ|0|81|14|0|Höre, kein Säkulum mehr wird vorüberziehen, da Rom in Meine Burg vielfach einziehen wird!
KJ|0|81|15|0|Nun ist zwar die Zeit noch nicht da, aber glaube es Mir, du stehst schon jetzt an der Schwelle, die bald von gar vielen wird betreten werden!
KJ|0|81|16|0|Verstehe! – aber nicht körperlich, sondern geistig in Meinem zukünftigen Reich für ewig!“
KJ|0|81|17|0|Diese Worte des Kindes erregten eine große Sensation bei allen Anwesenden, und der Cyrenius wusste nicht, was er daraus machen solle.
KJ|0|81|18|0|Er wandte sich daher zur danebenstehenden Maria und fragte sie, ob sie verstünde, was das göttliche Kindlein nun ausgesagt hatte.
KJ|0|81|19|0|Maria aber sprach: „O Freund! – wäre dies ein gewöhnliches Menschenkind, so würden wir Menschen Es auch verstehen;
KJ|0|81|20|0|aber so ist Es von höherer Art, und wir verstehen Es nicht! Behalten wir aber alle Seine Worte in uns; die Zeitenfolge wird sie uns schon im wahren Licht enthüllen!“
KJ|0|82|1|1|Cyrenius versucht die Verheißung des Jesuskindes zu ergründen
KJ|0|82|1|1|Am 1. Dezember 1843
KJ|0|82|1|0|Hier kam der Joseph wieder aus der Villa und lud die Gesellschaft zum schon bereiteten Mahl.
KJ|0|82|2|0|Cyrenius aber, sich durchkreuzender großer Gedanken voll, berief den Joseph zu sich und erzählte ihm, was ihm nun das Kindlein und am Ende die befragte Maria gesagt haben,
KJ|0|82|3|0|und fragte daher den guten Joseph auch zugleich, wie solche Worte und Reden zu verstehen seien.
KJ|0|82|4|0|Joseph aber erwiderte dem etwas zu sehr erregten Cyrenius, sagend nämlich:
KJ|0|82|5|0|„O Freund und Bruder, ist dir die Mythe unbekannt, die eines Menschen erwähnt, der einst den Mantel der Isis lichten wollte?“
KJ|0|82|6|0|Und der Cyrenius, ganz erstaunt über diese unerwartete Frage, sprach:
KJ|0|82|7|0|„O erhabener Freund, die Mythe ist mir gar wohl bekannt; der Mensch ging elend zugrunde! Aber was willst du mir nun damit sagen auf meine Frage?“
KJ|0|82|8|0|Und der Joseph erwiderte dem Cyrenius: „Liebster Freund, nichts anderes als: Hier ist mehr denn die Isis!
KJ|0|82|9|0|Darum befolge den Rat meines Weibes, und du wirst ewig gut fahren!“
KJ|0|82|10|0|Daneben stand aber auch der Maronius Pilla und sprach bei dieser Gelegenheit:
KJ|0|82|11|0|„Consulische Kaiserliche Hoheit! Ich bin sonst in derlei Sachen zwar noch sehr dumm, aber diesmal kommt es mir vor, als so ich den Weisen verstanden hätte auf ein Haar!“
KJ|0|82|12|0|Und der Cyrenius erwiderte ihm: „Wohl dir, so du dessen in dir überzeugt bist!
KJ|0|82|13|0|Ich aber kann mich vorderhand dessen noch nicht rühmen.
KJ|0|82|14|0|Mein Gehirn ist zwar sonst auch gerade nicht kreuz und quer vernagelt; aber diesmal will es mir die gerechten Dienste nicht leisten!“
KJ|0|82|15|0|Und der Maronius sprach: „Ich meinesteils verstehe die Sache also: Greife nicht nach zu fernen Dingen; denn dazu ist deine Hand zu kurz!
KJ|0|82|16|0|Es wäre freilich wohl sehr ehrsam, ein glücklicher Phaeton zu sein;
KJ|0|82|17|0|aber was kann da der schwache Sterbliche tun, wenn die Sonne zu ferne über ihm ihren Weg gebahnt hat!?
KJ|0|82|18|0|Er muss sich bloß an ihrem Licht begnügen und dabei die Sonne leitende Ehre und Macht jenen Wesen ganz gutwillig überlassen, die sicher längere Arme haben als er, der schwache Sterbliche!
KJ|0|82|19|0|Wie lang aber der unsichtbare Arm dieses Kindes ist, davon haben wir uns gestern überzeugt!
KJ|0|82|20|0|Siehe, Consulische Kaiserliche Hoheit, verstehe ich nicht aus dem Salze das, was dieser weise Mann geredet hatte?
KJ|0|82|21|0|Und der Cyrenius gab dem Maronius recht, beschwichtigte sein Herz und begab sich wohlgemut mit dem Joseph in die Villa und stärkte sich am frugalen Mahl.
KJ|0|82|22|0|Die drei Priester aber getrauten sich kaum die Augen zu öffnen; denn sie meinten, das Kind sei entweder Zeus oder gar das Fatum selbst.
KJ|0|83|1|1|Die Furcht und Fluchtgedanken der drei heidnischen Priester
KJ|0|83|1|1|Am 2. Dezember 1843
KJ|0|83|1|0|Nachdem aber die Mahlzeit vorüber war und alles sich wieder vom Tisch erhoben hatte, da trat einer der Priester hin zum Joseph und fragte ihn in der tiefsten Demut:
KJ|0|83|2|0|„Uranos, oder doch wenigstens Saturnus als Vater des Zeus! Denn das bist du sicher leibhaftig, obschon du deine Göttlichkeit ehedem in der Stadt vor uns zu verbergen dich bestrebtest;
KJ|0|83|3|0|so tatst du solches aber dennoch, um uns zu prüfen, ob wir dich im Ernst erkennten oder nicht.
KJ|0|83|4|0|Nur eine Zeitlang verkannten wir dich, und darum bitten wir dich um Vergebung unserer groben Blindheit!
KJ|0|83|5|0|Die ehemalige Sprache deines Kindes aber hat uns allen ein Licht angezündet, und wir wissen nun genau, wo wir uns befinden!
KJ|0|83|6|0|O mache uns daher sogestaltig glücklich, dass du uns kundgebest, wie wir dir ein Opfer bringen sollen, wie deinem göttlichen Weib und wie deinem Kind, dem sich sicher durch deine Allmacht verjüngenden Zeus?!“
KJ|0|83|7|0|Joseph aber erstaunte sich über diese plötzliche Veränderung der drei Priester, denen er doch früher in der Stadt den Irrgrund ihres Heidentums klar und wohlbegreiflich auseinandergesetzt hatte.
KJ|0|83|8|0|Er sann daher nach, was er ihnen nun antworten solle. Aber das Kindlein verlangte sogleich hin zum Joseph;
KJ|0|83|9|0|und als Es dort anlangte auf den Armen Jakobs, sprach Es sogleich zum Joseph:
KJ|0|83|10|0|„Lasse du die Armen, und verweise es ihnen nicht; denn sie sind blind und schlafen und träumen!
KJ|0|83|11|0|Behalte sie aber einige Tage hier, und Meine Brüder werden sie schon aus ihrem Schlaf und Traum erwecken! Wenn sie sehen werden, wie ihr selbst zu Gott betet, da werden sie ihren Uranos, Saturnus und Zeus schon fallenlassen!“
KJ|0|83|12|0|Diese Worte beruhigten den Joseph vollkommen, und er machte darauf sogleich den drei Priestern den Vorschlag, unterdessen unter seinem Dach zu wohnen, bis sich mit ihnen irgendeine versorgliche Bestimmung treffen werde.
KJ|0|83|13|0|Die drei Priester aber, sich kaum zu atmen aus lauter Ehrfurcht getrauend, getrauten sich umso weniger den Vorschlag abzulehnen, indem sie nun durchaus nicht wussten, wie sie so ganz eigentlich daran seien.
KJ|0|83|14|0|Sie nahmen sonach den Vorschlag an; aber unter sich murmelten sie:
KJ|0|83|15|0|„Ach! – wäre es hier möglich, davonzulaufen und sich in irgendeinem letzten Winkel der Erde zu verkriechen, wie glücklich wären wir da!
KJ|0|83|16|0|Aber so müssen wir hier verbleiben im Angesichte der offenbaren Hauptgötter. O welche Qual ist das für uns Nichtswürdigste!“
KJ|0|83|17|0|Der Cyrenius aber merkte solche Murmlerei unter den dreien, trat daher hin und wollte sie darob zur Rede stellen.
KJ|0|83|18|0|Das Kindlein aber sprach: „Mein Cyrenius, bleibe zurück; denn Mir ist es nicht unbekannt, was in den dreien vorgeht.
KJ|0|83|19|0|Ihr Plan ist die Frucht ihrer Blindheit und ihrer törichten Furcht und führt nichts anderes im Schilde, als eine Flucht vor uns in irgendeinen allerentferntesten Erdwinkel.
KJ|0|83|20|0|Siehe, das ist alles, und darum brauchst du dich nicht gleich so zu ereifern!
KJ|0|83|21|0|Lasse hier in diesem Haus nur Mir das Gericht über, und sei versichert, dass da niemandem ein Unrecht geschehen werde!“
KJ|0|83|22|0|Und der Cyrenius ward damit zufrieden und begab sich mit Joseph in die Freie wieder; die drei Priester aber begaben sich in ihr angewiesenes Gemach.
KJ|0|84|1|1|Der Mythos von der Entstehung der Stadt Ostracine. Cyrenius Sorge wegen der Göttertempel
KJ|0|84|1|1|Am 4. Dezember 1843
KJ|0|84|1|0|In der Freie angelangt, fingen sich an der Joseph und der Cyrenius über so manche Dinge zu besprechen, während unter der Zeit die Maria das Kindlein versorgte im Haus
KJ|0|84|2|0|und die Söhne Josephs sich abgaben mit der Beordnung des Hauswesens, wobei ihnen die Dienerschaft des Cyrenius so manche Dienste leistete.
KJ|0|84|3|0|Nach mehreren weniger gehaltvollen Gesprächen zwischen Joseph und Cyrenius in Begleitung des Maronius Pilla aber kam auch ein wichtiger Punkt zur Sprache, und dieser lautete also, und das aus dem Munde des Cyrenius:
KJ|0|84|4|0|„Erhabener Freund und Bruder! Siehe, die Stadt und das ganze große Gebiet, welches noch zur Herrschaft der Stadt gehört, zählt bei achtzigtausend Menschen sicher!
KJ|0|84|5|0|Darunter gibt es nur sehr wenige deines Glaubens und deiner Religion.
KJ|0|84|6|0|Sie sind zumeist mehr oder weniger seit Jahrtausenden meines Wissens Erzgötzendiener.
KJ|0|84|7|0|Ihre Götzentempel haben sie alle in dieser uralten Stadt, von der die Mythe sagt, sie sei bei Gelegenheit der Götterkriege mit den Giganten der Erde erbaut worden, und das vom Zeus selbst zum Zeichen des Sieges über diese Giganten der Erde.
KJ|0|84|8|0|Merkur habe die Knochen der Giganten sammeln müssen und sie versenken ins Meer; dadurch sei dieses Land entstanden.
KJ|0|84|9|0|Über diese Gigantenknochen habe Zeus dann durch einen ganzen Monat Sand und Asche regnen lassen und mitunter große und schwere Steine.
KJ|0|84|10|0|Darauf habe Zeus die alte Ceres beordert, sie solle dieses Land fruchtbar machen und in seiner Mitte nicht zu ferne vom Meer eine Burg und eine Stadt erbauen zum Zeichen des großen Sieges.
KJ|0|84|11|0|Zeus selbst aber werde dann ein Volk aus der Erde rufen, welches für alle Zeiten der Zeiten dieses Land und diese Stadt bewohnen solle.
KJ|0|84|12|0|Aus dieser meiner Kundgabe wirst du nun leicht ersehen, dass ebendieses Volk, wie nicht leichtlich ein anderes irgend auf der Erde, noch fest der Meinung ist, die Stadt zu bewohnen, welche die Götter selbst erbaut haben,
KJ|0|84|13|0|aus welchem Grunde du denn auch die überaus zerlumpten Wohnhäuser allzeit ersiehst, indem sich kein Mensch an dem Werk der Götter etwas auszubessern getraut, um sich nicht zu versündigen gegen sie.
KJ|0|84|14|0|Ganz besonders solle die alte Ceres mit Hilfe des Merkur und des Apollo die Tempel eigenhändig erbaut haben.
KJ|0|84|15|0|Das ist die Mythe und zugleich der noch feste Glaube dieses sonst gutmütigen Volkes, welches trotz seiner Armut sehr gastfreundlich und ausnahmsweise ehrlich ist.
KJ|0|84|16|0|Was aber wird nun hier zu tun sein, wenn das Volk etwa die Wiederherstellung der Tempel verlangt?
KJ|0|84|17|0|Sollte man ihm die Tempel wieder aufbauen oder nicht, – oder sollte man es bekehren zu deiner Lehre?
KJ|0|84|18|0|Und tut man das, was werden die benachbarten Völker dazu sagen, die auch noch nicht selten diese Stadt besuchen, die nun umso mehr, wie freilich schon seit gar langen Zeiten, mehr eine Ruine als eine eigentliche Stadt ist!?“
KJ|0|85|1|1|Joseph beseitigt die Sorge des Cyrenius. Vorhersage über das Ende Ostracines
KJ|0|85|1|1|Am 4. Dezember 1843
KJ|0|85|1|0|Und weiter redete der Cyrenius: „O Freund, wahrlich, hier wird ein guter Rat sehr teuer!
KJ|0|85|2|0|Hast du in der lebendigen Kammer deiner echten göttlichen Weisheit einen Rat dafür, so gebe mir ihn!
KJ|0|85|3|0|Denn wahrlich, je mehr ich nun über diese Sache nachdenke, desto kritischer und verwickelter wird sie!“
KJ|0|85|4|0|Und der Joseph sprach darauf zum Cyrenius: „Höre mich an, edelster Freund! Aus dieser Verlegenheit kann dir sehr leicht geholfen werden!
KJ|0|85|5|0|Ich will dir dafür einen guten Rat geben, der dir das Rechte zeigen wird, was du zu tun haben sollst bei dieser Gelegenheit.
KJ|0|85|6|0|Siehe, du bist nun in deinem Herzen meines lebendigen Glaubens und liebst und ehrest samt mir den einig-wahren Gott!
KJ|0|85|7|0|Ich sage dir aber, solange du dich sorgen wirst, so lange auch wird Gott nichts tun für dich!
KJ|0|85|8|0|Wie du aber alle deine Sorge auf Ihn legst und dich um nichts anderes kümmerst und sorgst als darnach nur, eben diesen wahren Gott stets mehr zu erkennen und stets mehr zu lieben,
KJ|0|85|9|0|da wird dann Er dir in allem zu helfen anfangen, und alles, was du heute noch krumm ersiehst, wird morgen gerade vor dir stehen!
KJ|0|85|10|0|Lasse du daher diese Stadt nur da vom Schutt reinigen, wo allenfalls unter demselben Menschen begraben sein möchten, was soeben geschieht.
KJ|0|85|11|0|Alle anderen Tempel, unter deren Schutt sich nichts als höchstens einige sehr plumpe, wertlose, zertrümmerte Götzen befinden, aber lasse als Ruinen liegen!
KJ|0|85|12|0|Denn was Elemente zerstören, gilt diesem blinden Volk so viel, als hätten es die Götter zerstört.
KJ|0|85|13|0|Es wird daher sich auch gar nicht darum bemühen, diese Tempel selbst wieder aufzubauen;
KJ|0|85|14|0|denn es fürchtet sich, dass es wider den Willen der Götter dadurch tätig wäre, was ihm eine große Strafe zuziehen könnte.
KJ|0|85|15|0|Priester aber, die das auf eine erdichtete Aufforderung von Seiten der Götter durch die Hände und Mittel des Volkes zu ihrem Besten unternommen hätten, sind nicht mehr, –
KJ|0|85|16|0|und die noch da sind, werden nimmer Tempel für Götzen erbauen!
KJ|0|85|17|0|Also kannst du darob ganz ohne Sorge sein; der Herr Himmels und der Erde wird das Beste machen für dich und fürs ganze Volk!
KJ|0|85|18|0|In dieser Zeit aber wird ohnehin mehrere Städte ein ähnliches Los treffen, dass sie verschüttet werden hie und da; und so wird es wenig auffallen, so diese alte Stadt in zehn Jahren gänzlich zur Ruine wird!“
KJ|0|85|19|0|Diese Rede Josephs tröstete den Cyrenius, und er kehrte wieder ganz wohlgemut mit Joseph in die Wohnung zurück.
KJ|0|86|1|1|Die Heimkehr des Cyrenius nach Ostracine
KJ|0|86|1|1|Am 5. Dezember 1843
KJ|0|86|1|0|Im Speisezimmer angelangt, fragte der Cyrenius den Joseph: „Lieber Freund, du mein Alles, siehe, mir ist soeben ein guter Gedanke durch die Brust und in den Kopf gefahren!
KJ|0|86|2|0|Was meinst du, wäre es in meiner Sache, von der wir draußen uns besprachen und du mir darüber wohl das Beste und Tröstlichste gesagt hast, nicht ersprießlich für die volle Beruhigung meines Gemütes,
KJ|0|86|3|0|so ich die drei hier anwesenden Priester einvernehmen möchte, was da ihre Meinung wäre?“
KJ|0|86|4|0|Und der Joseph sprach: „So dir mein Wort noch nicht genügt, – du bist hier der Herr und kannst tun, was dir beliebt zu deiner Beruhigung,
KJ|0|86|5|0|obschon ich der Meinung bin, dass hier mit diesen Priestern eben nicht viel zu reden sein wird, solange sie mich für den Uranos oder Saturnus und das Kindlein für den sich verjüngenden Zeus halten!
KJ|0|86|6|0|Wenn du sie demnach fragen wirst darum, daran es dir liegt, so werden sie dich offenbar an mich und an das Kindlein verweisen!“
KJ|0|86|7|0|Als der Cyrenius solches vom Joseph vernommen hatte, da stand er sobald ab von seinem Verlangen und sprach darauf:
KJ|0|86|8|0|„Nun bin ich ganz im Klaren; mein Gemüt ist völlig beruhigt, und ich kann meine fernere Zeit wieder ganz ruhig dem ordentlichen Staatsgeschäft widmen.
KJ|0|86|9|0|Es ist bereits Abend geworden; ich werde mich daher wieder in die Stadt begeben mit meiner Dienerschaft!
KJ|0|86|10|0|Morgen aber nachmittags bin ich wieder bei dir; sollte ich aber dennoch eher irgend deines Rates vonnöten haben, dann werde ich noch am Vormittag dich zu mir entbitten!“
KJ|0|86|11|0|Hier segnete Joseph den Cyrenius und den Maronius, und der Cyrenius begab sich noch zur Wiege, küsste ganz leise das schlafende Kindlein.
KJ|0|86|12|0|Sodann erhob er sich und begab sich mit Tränen in seinen Augen von dannen.
KJ|0|86|13|0|Während des Ganges sah er sich wenigstens einige hundert Mal nach der Villa um, welche nun für ihn mehr war als alle Schätze der Welt.
KJ|0|86|14|0|Joseph aber sandte dem Cyrenius auch einen Segen um den anderen nach, solange er nur noch etwas von der Schar des Cyrenius entdecken konnte.
KJ|0|86|15|0|Als nichts mehr vom Cyrenius zu entdecken war, da erst begab sich Joseph wieder ins Haus und da zur Maria, die gerade – wie gewöhnlich um diese Zeit – tief im Gebet zu Gott versammelt war.
KJ|0|86|16|0|Sobald sie aber den Joseph bei sich gewahrte, erhob sie sich und sprach: „Lieber Gemahl, fürwahr, dieser Tag hat mich ganz ausgewechselt! Die Welt, die Welt! – sie ist für den Menschen kein Gewinn!“
KJ|0|86|17|0|Und der Joseph sprach: „Mein getreuestes Weib, du hast recht; aber ich denke, solange der Herr mit uns ist, da verlieren wir in der Welt auch nichts! Daher sei guten Mutes; morgen wird uns wieder die alte Sonne neu und herrlich aufgehen! Dem Herrn allein alle Ehre ewig Amen.“
KJ|0|87|1|1|Das Loblied Josephs und seiner Söhne. Die Wirkung auf die drei heidnischen Priester
KJ|0|87|1|1|Am 6. Dezember 1843
KJ|0|87|1|0|Maria aber, die von jeher nie viel Worte machte und auch nie nach der Art der Weiber das letzte Wort haben wollte, begnügte sich in ihrem Herzen mit der ganz einfachen und ebenso kurzen Tröstung Josephs.
KJ|0|87|2|0|Sie begab sich darauf zur Ruhe, von Joseph dem Herrn in seinem Herzen aufgeopfert.
KJ|0|87|3|0|Joseph aber begab sich darauf zu seinen Söhnen und sagte zu ihnen: „Kinder, der Abend ist herrlich und schön; gehen wir hinaus ins Freie!
KJ|0|87|4|0|Da wollen wir im großen heiligen Tempel Gottes ein Loblied anstimmen und wollen dem Herrn danken für alle die unendlichen Wohltaten, die Er uns und unseren Vätern von Anbeginn der Welt erwiesen hatte!“
KJ|0|87|5|0|Alsogleich ließen die Söhne Josephs alles stehen und folgten dem Vater.
KJ|0|87|6|0|Und er führte sie auf einen freien kleinen Hügel, welcher etwa hundert Schritte von der Villa entfernt lag, zum Grund Josephs gehörte und ungefähr eine Höhe von zwanzig Klaftern hatte.
KJ|0|87|7|0|Es bemerkten aber solche Bewegung die drei Priester und meinten, die Götter begeben sich für die Nacht etwa in den Olymp, um da einen allgemeinen Rat zu halten mit allen Göttern.
KJ|0|87|8|0|Daher erhoben sie sich auch bald aus ihrem Gemach und schlichen ganz heimlich und leise dem Joseph nach.
KJ|0|87|9|0|An dem Hügel angelangt, horchten sie unter einem dichtbelaubten Feigenbaum, was da etwa die vermeinten Götter im Olymp beschließen würden.
KJ|0|87|10|0|Aber wie sehr fingen sie sich an, unter sich zu verwundern, als sie die vermeinten Götter erster Klasse gar mächtig und ergreifend einen Gott anbeten und lobsingen vernahmen.
KJ|0|87|11|0|Ganz besonders aber wirkten folgende Stellen eines Psalms Davids auf sie, welche Stellen also lauten:
KJ|0|87|12|0|„Herr Gott, Du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen ward, bist Du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit!
KJ|0|87|13|0|Der Du den Menschen lässest sterben und sprichst: ‚Kommt wieder, Menschenkinder!‘
KJ|0|87|14|0|Denn tausend Jahre sind vor Dir wie ein Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.
KJ|0|87|15|0|Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, und sie sind dann wie ein Schlaf und gleichwie ein Gras, das welk geworden ist,
KJ|0|87|16|0|das da frühe blüht und bald welk wird und des Abends abgehauen wird und dann verdorrt.
KJ|0|87|17|0|Das macht Dein Zorn, dass wir so vergehen, und Dein Grimm, dass wir so plötzlich dahinmüssen!
KJ|0|87|18|0|Denn unsere Missetat stellst Du vor Dich und unsere unerkannte Sünde in das Licht vor Deinem Angesicht!
KJ|0|87|19|0|Darum fahren alle unsere Tage dahin durch Deinen Zorn, und wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.
KJ|0|87|20|0|Unser Leben währet etwa siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so war es voll Mühe und Arbeit; denn es fahret schnell dahin, als flögen wir von dannen!
KJ|0|87|21|0|Wer glaubt es aber, dass Du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor solchem Deinem Grimm?
KJ|0|87|22|0|Lehre uns aber bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
KJ|0|87|23|0|Herr, kehre Dich doch wieder zu uns und sei Deinen Knechten gnädig!
KJ|0|87|24|0|Fülle uns frühe mit Deiner Gnade, so wollen wir Dich rühmen und in Dir fröhlich sein unser Leben lang!
KJ|0|87|25|0|Erfreue uns nun wieder, nachdem Du uns lange geplaget hast und wir so lange im Unglück waren!
KJ|0|87|26|0|Zeige Deinen Knechten Deine Werke und Deine Ehre ihren Kindern!
KJ|0|87|27|0|Und Du Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände bei uns; ja, das Werk unserer Hände wolle Du fördern!“ [Psalm 90]
KJ|0|87|28|0|Als die drei diesen Gesang gar deutlich vernahmen, da begaben sie sich sogleich wieder in ihr Gemach.
KJ|0|87|29|0|Und einer sprach zu den anderen zweien: „Fürwahr, das können keine Götter sein, die so zu einem Gott beten und Seinen Zorn und Grimm sogar über sie anerkennen!“
KJ|0|87|30|0|Und ein anderer sprach: „Das wäre im Grunde das wenigste; aber dass dieses Gebet ganz uns getroffen hatte, da liegt das Ungetüm begraben!
KJ|0|87|31|0|Daher nun stille; die Betenden kommen zurück! Morgen aber wollen wir das Vernommene tiefer prüfen für uns; also nur stille für heute, denn sie kommen!“
KJ|0|88|1|1|Joel wird von einer Giftschlange gebissen und vom Jesuskind wiederbelebt
KJ|0|88|1|1|Am 7. Dezember 1843
KJ|0|88|1|0|Joseph behieß aber dann seine Söhne, dass sie ihr allfälliges Geschäft noch beenden sollen und darauf zur Ruhe gehen.
KJ|0|88|2|0|Er selbst aber, da er auch schon eine Müdigkeit in seinen Gliedern zu verspüren anfing, begab sich darauf gleich zur Ruhe.
KJ|0|88|3|0|Also ward dieser Tag, der reich an Erscheinungen war, beschlossen.
KJ|0|88|4|0|Am nächsten Tag aber war unser Joseph, wie gewöhnlich, schon eine geraume Zeit vor dem Aufgang der Sonne auf und weckte auch seine Söhne zur Arbeit.
KJ|0|88|5|0|Denn er sprach: „Golden ist die Morgenstunde; was wir in ihr tun, ist gesegneter als des ganzen folgenden Tages Mühe!“
KJ|0|88|6|0|Und so ging er mit Ausnahme des Jakob, welcher beim Kindlein verbleiben musste, mit den älteren vier Söhnen sobald hinaus auf einen Acker und bestellte ihn.
KJ|0|88|7|0|Der älteste Sohn aber arbeitete am fleißigsten und wollte den anderen dreien vorkommen.
KJ|0|88|8|0|Siehe aber, als er so recht emsig mit dem Spaten in die Erde stach, da hob er auf einmal eine sehr giftige Schlange aus dem Boden!
KJ|0|88|9|0|Und die Schlange bewegte sich schnell und biss ihn in den Fuß.
KJ|0|88|10|0|Wohl eilten die drei jüngeren Brüder herbei und erschlugen die Schlange; aber dessen ungeachtet schwoll der Fuß des Bruders zusehends, ein Schwindel befiel ihn, und er sank bald in den Tod dahin.
KJ|0|88|11|0|Joseph und die drei jüngeren Brüder fingen an zu wehklagen und flehten zu Gott, dass Er ihnen doch den Joel wieder erwecken möchte.
KJ|0|88|12|0|Und der Joseph verfluchte die Schlange und sagte zu den dreien: „Nun soll ewig nimmermehr eine Schlange diesen Boden bekriechen!
KJ|0|88|13|0|Hebt den Bruder aber auf und tragt ihn nach Hause; denn es muss also dem Herrn gefallen haben, dass Er mir den Stammhalter nahm!“
KJ|0|88|14|0|Und die drei Brüder erhoben weinend den Joel und trugen ihn nach Hause, und Joseph zerriss sein Gewand und folgte ihnen wehklagend.
KJ|0|88|15|0|Im Haus angelangt, kam, durch das Wehklagen erschreckt, ihnen alsbald die Maria mit dem Kind entgegen, und der Jakob folgte ihr.
KJ|0|88|16|0|Beide aber stießen einen Jammerschrei aus, als sie den entseelten Joel und den Joseph mit zerrissenem Gewand erblickten.
KJ|0|88|17|0|Auch die drei Priester kamen sobald herbei und erschraken nicht wenig über den Anblick des Leichnams.
KJ|0|88|18|0|Und einer sprach zum Joseph: „Nun erst glaube ich dir völlig, dass du auch nur ein Mensch bist; denn wärst du ein Gott, wie könnten da deine Kinder sterben, und wie möchtest du sie nicht sobald erwecken?!“
KJ|0|88|19|0|Das Kindlein aber sprach: „Ihr irrt euch alle; Joel ist wohl betäubt und schläft, aber tot ist er nicht!
KJ|0|88|20|0|Bringt eine Meerzwiebel her; legt sie ihm auf die Wunde, und es soll alsbald besser mit ihm werden!“
KJ|0|88|21|0|Eiligst brachte Jakob eine solche Zwiebel herbei und legte sie dem Joel auf die Wunde;
KJ|0|88|22|0|und er kam in wenigen Augenblicken wieder zu sich und fragte alle, was denn mit ihm vorgefallen sei.
KJ|0|88|23|0|Die Umstehenden aber erzählten ihm alles sobald und lobten und priesen Gott für die Rettung; die drei Priester aber bekamen eine große Achtung vor dem Kind, – aber eine noch größere vor der Zwiebel.
KJ|0|89|1|1|Das Gott wohlgefällige Opfer. Die Einheit des Jesuskindes mit dem göttlichen Vater
KJ|0|89|1|1|Am 9. Dezember 1843
KJ|0|89|1|0|Darauf begab sich Joseph sobald mit seiner ganzen Familie in das Schlafgemach und lobte und pries Gott laut bei einer Stunde lang;
KJ|0|89|2|0|und machte auch ein Gelübde, demzufolge er, sobald er wieder nach Jerusalem käme, dem Herrn ein Opfer darzubringen sich verpflichtete.
KJ|0|89|3|0|Das Kindlein aber sprach zum Joseph: „Höre du Mich an! Meinst du, der Herr hat daran ein Wohlgefallen?
KJ|0|89|4|0|O da irrst du dich gewaltig, – siehe, weder an den Brandopfern noch am Blut der Tiere und ebenso wenig am Mehl, Öl und Getreide hat Gott ein Wohlgefallen,
KJ|0|89|5|0|sondern allein nur an einem reumütigen, zerknirschten und demütigen Herzen, das Ihn über alles liebt!
KJ|0|89|6|0|Hast du aber etwas Übriges, so gebe denen, die da nackt, hungrig und durstig sind, so wirst du eine rechte Opferung dem Herrn darbringen!
KJ|0|89|7|0|Ich enthebe dich daher von deinem Gelübde und der Pflicht für den Tempel darum, weil Ich dazu die volle Macht habe!
KJ|0|89|8|0|Ich Selbst aber werde einst dein Gelübde in Jerusalem auf eine Art erfüllen, dass daran die ganze Erde gesättigt wird für die Ewigkeit!“
KJ|0|89|9|0|Joseph aber nahm das Kindlein auf seine Arme und küsste Es und sagte dann zu Ihm:
KJ|0|89|10|0|„Du mein allergeliebtester kleiner Jesus, Dein Joseph dankt Dir dafür zwar aus ganzem Herzen und erkennt die vollste heilige Wahrheit Deines wunderbarsten Ausspruchs;
KJ|0|89|11|0|aber siehe, Gott, Dein und unser aller Vater, hat dennoch solches durch Moses und die Propheten angeordnet und uns, Seinen Kindern, zu halten befohlen!
KJ|0|89|12|0|O sage es mir, hast Du, mein Söhnchen, obschon göttlicher heilig wunderbarer Abkunft, wohl das Recht, die Gesetze des großen Vaters, der in Seinen Himmeln wohnt ewig, aufzuheben?“
KJ|0|89|13|0|Das Kindlein aber sprach: „Joseph, so Ich es dir auch sagen würde, wer Ich bin, so möchtest du es Mir dennoch nicht glauben, indem du in Mir nur ein Menschenkind erschaust!
KJ|0|89|14|0|Aber dennoch sage Ich dir: Da Ich bin, da ist auch der Vater; da Ich aber nicht bin, da ist auch der Vater nicht.
KJ|0|89|15|0|Ich aber bin nun hier und nicht im Tempel; wie solle dann der Vater im Tempel sein?!
KJ|0|89|16|0|Verstehst du das? Siehe, wo des Vaters Liebe ist, da ist auch Sein Herz; in Mir aber ist des Vaters Liebe und somit auch Sein Herz!
KJ|0|89|17|0|Niemand aber trägt sein Herz außer sich, also auch der Vater nicht; da Sein Herz ist, da ist auch Er! Verstehst du solches?“
KJ|0|89|18|0|Diese Worte erfüllten den Joseph, die Maria wie die fünf Söhne mit tiefer heiliger Ahnung; und sie gingen dann hinaus und lobten in ihren Herzen den so nahen Vater. Und die Maria machte sich dann an die Bereitung eines Morgenmahls.
KJ|0|90|1|1|Die Sitte der Waschung. Die bedeutsame Frage der heidnischen Priester nach Josephs Gottesdank
KJ|0|90|1|1|Am 11. Dezember 1843
KJ|0|90|1|0|Das Morgenmahl war bald bereitet, denn es bestand in nichts anderem als in einem Topf aufgesottener frischer Milch mit etwas Honig mit Thymian und in Brot.
KJ|0|90|2|0|Maria selbst brachte es auf den Tisch und rief den Joseph und die fünf Söhne wie auch die drei Priester zum Tisch.
KJ|0|90|3|0|Und der Joseph erschien sobald mit dem Kind auf seinem Arm, übergab Es der Mutter und begab sich dann zum Tisch.
KJ|0|90|4|0|Hier stimmte er sogleich dem Herrn sein Loblied an; und als das Loblied abgesungen war, da fragte Joseph nach gewohnter Sitte, ob alles gewaschen sei.
KJ|0|90|5|0|Und Maria, die fünf Söhne und das Kindlein sprachen: „Ja, wir sind alle gar wohl gewaschen!“
KJ|0|90|6|0|Und der Joseph erwiderte: „Also mögt ihr auch essen! Wie sieht es aber mit euch dreien aus, habt auch ihr euch gewaschen?“
KJ|0|90|7|0|Die drei Priester aber sprachen: „Bei uns ist es nicht Sitte, sich am Morgen mit Wasser zu waschen, wohl aber am Abend.
KJ|0|90|8|0|Am Morgen salben wir uns mit Öl, auf dass uns die Hitze des Tages nicht zu lästig werde.“
KJ|0|90|9|0|Und der Joseph sprach: „Das mag gut sein; so ich in euer Haus käme, würde ich ein Gleiches tun mit euch.
KJ|0|90|10|0|Da ihr aber nun bei mir im Haus seid, so beobachtet meine Sitte; denn sie ist besser als die eurige!“
KJ|0|90|11|0|Die Priester aber baten, dass sie damit verschont werden möchten.
KJ|0|90|12|0|Da wollte Joseph den Priestern das Waschen erlassen;
KJ|0|90|13|0|aber das Kindlein sprach: „Fürwahr, zum Stein soll ein jeder Bissen in ihrem Magen werden, so sie sich nicht eher reinwaschen mit Wasser, bevor sie teilnehmen an dem Tisch, an dem Ich gegenwärtig bin!“
KJ|0|90|14|0|Diese Worte brachen den drei Priestern sogleich ihre Sitte, und sie verlangten Wasser und wuschen sich.
KJ|0|90|15|0|Nachdem sie sich aber gewaschen hatten, da lud sie Joseph sogleich wieder zu Tisch;
KJ|0|90|16|0|aber die Priester weigerten sich und getrauten sich nicht, denn sie fürchteten das Kind.
KJ|0|90|17|0|Das Kindlein aber sprach: „So ihr euch nun weigern werdet, zum Tisch zu gehen und da mit uns das gesegnete Morgenmahl zu halten, so werdet ihr sterben!“
KJ|0|90|18|0|Und sogleich begaben sich die Priester zum Tisch und aßen mit großer geheimer Ehrfurcht vor dem Kind.
KJ|0|90|19|0|Als aber das Morgenmahl verzehrt war, da erhob sich Joseph wieder und brachte Gott den Dank dar.
KJ|0|90|20|0|Die Priester aber fragten ihn darauf: „Welchem Gott dankst denn du? Ist denn nicht dies Kind der erste rechte Gott? Wie dankst du da noch einem anderen?“
KJ|0|90|21|0|Diese Frage frappierte den Joseph sehr, und er wusste nicht, was er darauf erwidern solle.
KJ|0|90|22|0|Aber das Kindlein sprach: „Joseph! – sorge dich nicht vergeblich; denn was die drei geredet haben, wird erfüllt werden! Aber jetzt sei du ohne Sorge! Denn du betest dennoch nur zu einem Gott und Vater!“
KJ|0|91|1|1|Das wahre Gebet zu Gott
KJ|0|91|1|1|Am 12. Dezember 1843
KJ|0|91|1|0|Joseph küsste das Kindlein und sprach: „Ja fürwahr, wäre in Dir nicht das Herz des Vaters, nimmer wärst Du solcher Worte fähig!
KJ|0|91|2|0|Denn wo wohl auf der ganzen Erde ist ein Kind Deines Alters, das da vermöchte solche Worte aus sich zu reden, die noch nie ein Weiser geredet hatte!
KJ|0|91|3|0|Darum sage mir, ob ich Dich als meinen Gott und Herrn vollkommen anbeten soll?“
KJ|0|91|4|0|Diese Frage Josephs an das Kindlein überraschte alle anwesenden Gemüter.
KJ|0|91|5|0|Aber das Kindlein sprach sanft lächelnd zum Joseph: „Joseph! – weißt du wohl, wie der Mensch zu Gott beten soll?
KJ|0|91|6|0|Siehe, du weißt es nicht völlig; darum will Ich es dir sagen.
KJ|0|91|7|0|Höre! Im Geiste und in der Wahrheit soll der Mensch zu Gott beten, nicht aber mit den Lippen, wie es die Kinder der Welt tun, die da meinen, dass sie dadurch Gott gedient haben, so sie eine Zeitlang mit ihren Lippen gewetzt haben.
KJ|0|91|8|0|Willst du aber im Geiste und in der Wahrheit beten, da liebe du Gott in deinem Herzen, und tue Gutes allen Freunden und Feinden, so wird dein Gebet gerecht sein vor Gott!
KJ|0|91|9|0|So aber jemand zu gewissen Zeiten eine kurze Zeit nur mit den Lippen gewetzt hat vor Gott und hat während solcher Wetzerei an allerlei weltliche Dinge gedacht, die ihm mehr am Herzen lagen als all sein loses Gebet, ja mehr als Gott Selbst, – sage, ist das dann wohl auch ein Gebet?
KJ|0|91|10|0|Wahrlich, Millionen solcher Gebete werden bei Gott gerade also erhört werden, als da erhört ein Stein die Stimme eines Schreiers!
KJ|0|91|11|0|So du aber durch die Liebe zu Gott betest, da brauchst du nimmer zu fragen, ob du Mich nun als den allerheiligsten Gott und Vater anbeten sollst.
KJ|0|91|12|0|Denn wer also zu Gott betet, der betet auch zu Mir; denn der Vater und Ich sind einer Liebe und eines Herzens!“
KJ|0|91|13|0|Diese Worte bekehrten alle zur reinen Einsicht, und sie wussten nun, warum Jesus ein Sohn Gottes geheißen werden solle.
KJ|0|91|14|0|Josephs Brust ward nun voll der höchsten himmlischen Wonne.
KJ|0|91|15|0|Und die Maria frohlockte heimlich über das Kindlein und behielt alle solche Worte in ihrem Herzen; desgleichen auch die Söhne Josephs.
KJ|0|91|16|0|Die drei Priester aber sprachen zu Joseph: „Erhabenster Weiser aller Zeiten!
KJ|0|91|17|0|Einige ganz geheime Worte möchten wir mit dir ganz allein auf jenem Hügel reden, allwo du gestern Abend mit deinen Söhnen so herrlich und erbauend gebetet hast zu deinem Gott!“
KJ|0|91|18|0|Das Kindlein aber sprach da sogleich in die Mitte, sagend nämlich:
KJ|0|91|19|0|„Meint ihr denn, Meine Ohren werden zu kurz und werden auf dem Hügel nicht euren Mund erreichen? O ihr irrt euch; denn Meine Ohren reichen so weit wie Meine Hände! Daher besprecht euch nur vor Mir hier.“
KJ|0|92|1|1|Die Blindheit und Torheit der drei heidnischen Priester
KJ|0|92|1|1|Am 13. Dezember 1843
KJ|0|92|1|0|Die drei Priester aber wurden darob sehr verlegen und wussten nun nicht, was sie machen sollten; denn sie getrauten sich ihr Anliegen nicht in der Gegenwart des Kindes dem Joseph zu enthüllen.
KJ|0|92|2|0|Das Kindlein aber sah sie an und sprach darauf mit einer recht festen Stimme:
KJ|0|92|3|0|„Möchtet ihr nicht auch aus Mir einen Götzen machen?
KJ|0|92|4|0|Dort an jenem Hügel möchtet ihr einen Tempel erbauen, im selben ein Schnitzwerk nach Mir anbringen auf einem goldenen Altar und diesem Schnitzwerk dann opfern nach eurer Art.
KJ|0|92|5|0|Versucht nur so etwas zu unternehmen; wahrlich sage Ich euch, der Erste, der dafür einen Schritt tun und nur einen Finger ausstrecken wird, soll sogleich am Platz des Todes sein!
KJ|0|92|6|0|Wollt ihr Mir aber schon einen Tempel erbauen, da erbaut ihn in euren Herzen lebendig;
KJ|0|92|7|0|denn Ich bin lebendig, aber nicht tot, und will daher lebendige, aber nimmer tote Tempel!
KJ|0|92|8|0|So ihr aber schon glaubt, dass in Mir da wohne die Fülle der Gottheit leibhaftig, bin Ich da nicht Selbst genug ein Tempel lebendig vor euch?! Weshalb solle da von Mir noch ein Schnitzwerk und ein steinerner Tempel sein?
KJ|0|92|9|0|Was ist da mehr, Ich – oder so ein nichtssagender Tempel und ein Schnitzwerk von Mir?
KJ|0|92|10|0|So der Lebendige bei euch und unter euch ist, wofür solle da dann der Tote wohl gut und dienlich sein?
KJ|0|92|11|0|O ihr blinden Toren! Ist denn das nicht mehr, so ihr Mich liebt, als wenn ihr Mir tausend Tempel aus Steinen erbauen möchtet und möchtet dann tausend Jahre lang in denselben vor geschnitzten Bildern von Mir eure Lippen wetzen in verbrämten Röcken?!
KJ|0|92|12|0|So aber ein armer Mensch zu euch käme, der da nackt wäre und hungrig und durstig,
KJ|0|92|13|0|ihr aber möchtet sagen: ‚Siehe, das ist ein Halbgott, denn also erscheinen diese hohen Wesen!
KJ|0|92|14|0|Lasst uns von ihm ein Bild machen und es dann setzen in einen Tempel, auf dass es von uns verehrt werde!‘
KJ|0|92|15|0|Sagt Mir, so ihr das sicher tätet, würde damit dem armen Menschen wohl etwas gedient sein, und möchtet ihr sein Bild auch aus purem Gold anfertigen?!
KJ|0|92|16|0|Wird es aber dem Armen nicht mehr frommen, so ihr ihn nach eurer Liebe bekleidet und reicht ihm dann Speise und Trank?
KJ|0|92|17|0|Ist aber Gott nicht lebendiger noch als jeder Mensch der Erde, indem doch alles das Leben aus Ihm hat?
KJ|0|92|18|0|Soll Gott etwa blind sein, der die Sonne erschuf und gab dir ein sehend Auge?!
KJ|0|92|19|0|Oder soll Der taub sein, der dir das Ohr gemacht hat, und gefühllos, der dir die Empfindung gab?
KJ|0|92|20|0|Siehe, wie töricht wäre das gedacht und geredet!
KJ|0|92|21|0|Gott ist sonach ja das vollkommenste Leben Selbst, also die vollkommenste Liebe; wie wollt ihr Ihn denn hernach wie einen Toten anbeten und ehren?
KJ|0|92|22|0|Bedenkt dieses, auf dass ihr in eurer Blindheit geheilt werdet.“
KJ|0|92|23|0|Diese Rede trieb die drei Priester zu Boden; sie ersahen die heilige Wahrheit und redeten am selben Tag nichts mehr.
KJ|0|93|1|1|Heilung einer Blinden durch das Badewasser des Jesuskindes
KJ|0|93|1|1|Am 14. Dezember 1843
KJ|0|93|1|0|Nach solcher bezeigten Höchstachtung kehrten die drei Priester wieder in ihr angewiesenes Gemach zurück und verblieben im selben bis zum Untergang der Sonne.
KJ|0|93|2|0|Sie redeten nichts, sondern ein jeder aus ihnen dachte über die Worte des wunderbar redenden Kindes nach.
KJ|0|93|3|0|Joseph aber gab Gott die Ehre in seinem Herzen und dankte inbrünstigst für die endlos große Gnade, dass er der Nährvater des Sohnes Gottes ward.
KJ|0|93|4|0|Als er also mit Maria und seinen Söhnen Gott die Ehre und das Lob gegeben hatte und die Maria das Kindlein ebenfalls versorgt hatte,
KJ|0|93|5|0|da ward das Kindlein wieder dem Jakob übergeben, und Joseph ließ sich von der Maria das zerrissene Kleid zusammenheften und ging dann mit seinen vier Söhnen wieder hinaus auf den Acker und bestellte ihn.
KJ|0|93|6|0|Maria aber reinigte unterdessen das Zimmergerät des Hauses, damit es rein sei zum Empfang der Gäste, die da nachmittags wiederzukommen versprochen hatten.
KJ|0|93|7|0|Als sie mit der Reinigung zu Ende war, da sah sie wieder beim Kind nach, ob Ihm nichts fehle.
KJ|0|93|8|0|Das Kindlein aber begehrte die Brust und dann ein Bad, und das mit reinem kaltem Wasser.
KJ|0|93|9|0|Maria tat das alles sogleich; und als sie das Kindlein gebadet hatte, kam ein blindes Weib ins Zimmer zur Maria und klagte viel über ihr Elend.
KJ|0|93|10|0|Maria aber sprach zu diesem blinden Weib: „Ich sehe wohl, dass du sehr elend bist; aber was kann ich dir da wohl tun, dass dir damit geholfen wäre?“
KJ|0|93|11|0|Und das Weib sprach: „Höre mich an! In dieser Nacht hat es mir geträumt gar wunderbar!
KJ|0|93|12|0|Ich sah, wie du ein gar mächtig leuchtendes Kind hattest; dieses Kind begehrte von dir Brust und Bad.
KJ|0|93|13|0|Das Bad war ein frisches Wasser; und als du das Kind darinnen gebadet hast, da ward das Wasser voll leuchtender Sterne!
KJ|0|93|14|0|Da erinnerte ich mich, dass ich blind bin, und wunderte mich nicht wenig, wie ich solches alles zu sehen vermöchte.
KJ|0|93|15|0|Du aber hast daneben zu mir geredet: ‚Weib, so nehme denn dieses Wasser, und wasche dir die Augen, und du wirst sehend!‘
KJ|0|93|16|0|Da wollte ich sogleich nach dem Wasser greifen und mir die Augen waschen; aber ich ward sobald wach – und bin noch blind geblieben!
KJ|0|93|17|0|Heute am Morgen aber sprach jemand zu mir: ‚Gehe hinaus, und suche! Du wirst das Weib mit dem Kind treffen; denn du wirst eher in kein Haus kommen als in das allein!‘
KJ|0|93|18|0|Hier bin ich nun am sicheren Ziel meiner großen Mühe, Angst und Gefahr!“
KJ|0|93|19|0|Hier reichte Maria dem blinden Weib das Badewasser, und das Weib wusch sich damit das Gesicht und ward im Augenblick sehend.
KJ|0|93|20|0|Das Weib aber wusste sich vor lauter Dank nicht zu helfen und wollte das sogleich in ganz Ostracine ausposaunen; Maria aber verbot dem Weib solches auf das Nachdrücklichste.
KJ|0|94|1|1|Das edle Wesen Marias
KJ|0|94|1|1|Am 15. Dezember 1843
KJ|0|94|1|0|Das Weib aber bat Mariam, ob sie ihr nicht erlauben möchte, dass sie bei ihr eine Zeitlang verbleibe, auf dass sie dem Haus diente, in dem ihr ein so großes Heil widerfahren ist.
KJ|0|94|2|0|Maria aber sprach: „Weib, das steht nicht bei mir, denn ich bin selbst nur eine Magd des Herrn.
KJ|0|94|3|0|Verharre aber eine Zeitlang, bis mein Gemahl vom Feld heimkehrt; von ihm sollst du den rechten Bescheid bekommen!“
KJ|0|94|4|0|Das Weib aber fiel der Maria zu den Füßen und wollte sie förmlich als eine Göttin anzubeten anfangen; denn sie sah die Heilung ihres Gesichtes als ein zu großes Wunder an, indem sie eine Blindgeborene war.
KJ|0|94|5|0|Maria aber verwies ihr solches streng und entfernte sich in ein anderes Gemach.
KJ|0|94|6|0|Das Weib aber fing darob an zu weinen, da sie der Meinung ward, als hätte sie dadurch ihre größte Wohltäterin beleidigt.
KJ|0|94|7|0|Jakob aber, der im selben Zimmer das Kindlein lockte, sah das Weib an und sprach zu ihr:
KJ|0|94|8|0|„Was weinst du, als hätte dir jemand etwas zuleide getan?“
KJ|0|94|9|0|Das Weib aber sprach: „Ach, du lieber Jüngling! Ich habe ja die beleidigt, die mir das Licht der Augen gab; wie solle ich da nicht weinen?“
KJ|0|94|10|0|Der Jakob aber sprach: Ah, – sorge dich um etwas anderes! Das junge Weib, das dir das Badewasser reichte, ist sanfter als eine Turteltaube; darum kann sie nimmer beleidigt werden.
KJ|0|94|11|0|Wenn sie auch jemand beleidigen möchte, so kann er aber das doch nicht zuwege bringen.
KJ|0|94|12|0|Denn da segnet sie ihn für eine Beleidigung zehn Mal und bittet selbst den Beleidiger auf eine Art um seine Freundschaft wieder, der auch der härteste Stein nicht widerstehen könnte!
KJ|0|94|13|0|Siehe, so gut ist dieses Weib! Daher sei ja ohne Sorge; denn ich versichere dir, dass sie soeben zu Gott für dich betet!“
KJ|0|94|14|0|Und also war es auch. Maria betete fürwahr zu Gott für dieses Weib, dass Er ihr den Verstand erleuchten möchte, und sie dann einsehe, dass sie (die Maria nämlich) auch nur ein schwaches Weib sei.
KJ|0|94|15|0|Maria war wohl vom höchsten Adel; aber ihre Freude bestand darin, dass sie gedemütigt werde allorts und von jedermann.
KJ|0|94|16|0|Nach einer Weile aber kam die gute, liebe Maria wieder zurück und bat im Ernst das Weib um Vergebung darum, so sie dieselbe etwa zu hart angefahren hätte.
KJ|0|94|17|0|Dieses Benehmen von Seite der Maria brachte das dankbare Weib völlig um vor lauter Liebe zur Maria.
KJ|0|94|18|0|Und das Weib sprach in der völligen Verzückung ihrer Liebe:
KJ|0|94|19|0|„O du helle Psyche meines Geschlechtes, was ehedem dein edelstes Herz mir verwies, das werden dir einst Völker tun!
KJ|0|94|20|0|Denn aus allen Weibern der Erde bist du sicher die Erste, die mit den hohen Göttern umso sicherer im Bunde steht, da sie nebst ihrer wahren Göttertugend auch gar so unaussprechlich lieb, hold und schön ist!“
KJ|0|94|21|0|Maria aber sprach: „Liebes Weib, nach meinem Tod sollen die Menschen mit mir machen, was sie wollen; aber bei meinen Lebzeiten soll das nicht geschehen!“
KJ|0|94|22|0|Hier kam der Joseph mit den vier Söhnen wieder zurück; und die Maria führte ihm sogleich das Weib vor und erzählte ihm alles, was da vorgefallen ist.
KJ|0|95|1|1|Joseph nimmt die geheilte Blinde bei sich auf. Sie erzählt ihre Lebensgeschichte
KJ|0|95|1|1|Am 16. Dezember 1843
KJ|0|95|1|0|Als das Weib sobald erkannte, dass Joseph der Gemahl der Maria ist, da ging sie hin und brachte vor ihn die Bitte, dass sie in seinem Haus verbleiben dürfte.
KJ|0|95|2|0|Und der Joseph sprach zum Weib: „So dir solche Gnade widerfuhr, wie es mir mein Weib kundgab nun in deiner Gegenwart, und du willst darum dankbar diesem Haus sein, so magst du wohl bleiben!
KJ|0|95|3|0|Denn siehe, ich habe hier einen ziemlich großen Grund und habe mehrere Haustiere und habe ein geräumiges Haus.
KJ|0|95|4|0|Und so wird sich’s an der Beschäftigung nicht fehlen, und Raum zur Wohnung ist auch genug da.
KJ|0|95|5|0|Mein Weib ist ohnehin mehr von schwacher Beschaffenheit in ihrer Leibeskraft; daher wirst du mir einen guten Dienst erweisen, wenn du hie und da meinem Weib in der häuslichen Arbeit überhelfen magst.
KJ|0|95|6|0|Für alle deine Bedürfnisse soll gesorgt sein; aber im Gelde kann ich dir keinen Lohn geben, indem ich selbst keines habe.
KJ|0|95|7|0|Bist du mit diesem Antrag zufrieden, so magst du hier verbleiben nach deiner Lust, aber nicht aus irgendeiner vermeinten Pflicht!“
KJ|0|95|8|0|Diese Worte machten das Weib, die ohnehin eine ganz arme Waise war, überaus glücklich, und sie lobte das Haus über die Maßen, in dem ihr so viel Gutes entgegenkam.
KJ|0|95|9|0|Joseph aber fragte sie nach dem Geburtsort und nach ihrem Alter, und welcher Religion sie wohl sei.
KJ|0|95|10|0|Und das Weib erwiderte: „Aller Ehre würdigster Mann! Ich bin aus Rom gebürtig, bin die Tochter eines mächtigen Patriziers!
KJ|0|95|11|0|Mein ältliches Aussehen entspricht nicht meinem Alter; denn ich bin erst kaum zwanzig Sommer eine Bewohnerin der Erde.
KJ|0|95|12|0|Ich kam blind zur Welt; meinen Eltern aber riet ein Priester, sie sollen mich nach Delphi bringen, allda würde ich durch Apolls Erbarmung das Licht der Augen bekommen.
KJ|0|95|13|0|Als dieser Rat meinen Eltern gegeben ward, da war ich zehn Jahre und sieben Monate alt.
KJ|0|95|14|0|Meine Eltern, die sehr reich waren und mich als die einzige Tochter überaus liebten, befolgten diesen Rat.
KJ|0|95|15|0|Sie mieteten ein Schiff, um mit mir nach Delphi zu steuern.
KJ|0|95|16|0|Wir befanden uns aber kaum drei Tage auf dem Meer, da kam ein allergewaltigster Sturm und trieb das Schiff mit großer Schnelligkeit in diese Gegend.
KJ|0|95|17|0|Ungefähr zweihundert Klafter außerhalb des Ufers, wie es mir mein Lebensretter oft erzählte, ward das Schiff auf eine Klippe geschleudert,
KJ|0|95|18|0|und bis auf einen Matrosen und mich, der mich gerettet hatte, ging alles zugrunde, und somit auch meine guten Eltern.
KJ|0|95|19|0|Nimmer fand sich eine Gelegenheit, die mich in meine Vaterstadt zurückbrächte. Der Matrose starb auch hier schon vor fünf Jahren, und ich bin nun eine von großer Not und Traurigkeit abgezehrte waise Bettlerin in diesem Ort.
KJ|0|95|20|0|Doch da ich solch eine Gnade sicher bei den Göttern gefunden habe und habe meiner Augen Licht bekommen und nun sehen kann meine Wohltäter, so will ich ja gerne vergessen meiner großen Trübsal!“
KJ|0|95|21|0|Diese Erzählung des scheinbaren Weibes brachte alles zum Weinen; und der Joseph sprach: „O du arme Waise, sei getröstet; denn hier sollst du deine Eltern vielfach wiederfinden!“
KJ|0|96|1|1|Wie die geheilte Blinde ihre verlorenen Eltern vielfach wiederfindet
KJ|0|96|1|1|Am 18. Dezember 1843
KJ|0|96|1|0|Das vermeintliche Weib aber verstand den Joseph nicht völlig, was er mit der Gewinnung der mehrfachen Eltern gemeint hatte; daher fragte sie ihn:
KJ|0|96|2|0|„O du lieber, überguter Mann, in dessen Haus mir eine so endlos wunderbar große Gnade widerfuhr, was wohl meinst du damit, dass mir nach deinem Wort eine mehrfache Wiederfindung meiner verlorenen Eltern hier werden soll?“
KJ|0|96|3|0|Joseph aber sprach zu ihr: „Fürwahr, du sollst in meinem Haus meinen Kindern gleich gehalten werden dein Leben lang!
KJ|0|96|4|0|Du sollst bei mir den einig und ewig wahren Gott erkennen lernen, der da ist Derselbe, der dich erschaffen hatte und dir nun wiedergab das Licht deiner Augen.
KJ|0|96|5|0|Ja du sollst deinen Gott und Herrn wesenhaft erkennen und sollst von Ihm Selbst gelehrt werden!
KJ|0|96|6|0|Also wirst du auch hier gar bald einem hohen Römer in diesem meinem Haus begegnen, der deine Sache in Rom ordnen wird.
KJ|0|96|7|0|Und dieser Römer ist Cyrenius, ein Bruder des Augustus.
KJ|0|96|8|0|Er kannte sicher deine Eltern und wird sich auf mein Anraten sicher auch für deiner Eltern Sache deinetwegen in Rom verwenden. Und das werden doch deine Eltern mehrfach sein, geistlich und leiblich?!
KJ|0|96|9|0|Denn so irgend deine leibhaftigen Eltern lebten, sage, könnten diese mehr tun für dich?
KJ|0|96|10|0|Hätten sie dir wohl das Licht deiner Augen wiedergegeben, und hätten sie dir wohl den einigen, ewigen, wahren Gott zu zeigen vermocht?
KJ|0|96|11|0|Deine leiblichen Eltern hätten dich wohl zeitlich versorgt, hier aber wirst du für ewig versorgt werden, so du diese Versorgung nur annehmen willst!
KJ|0|96|12|0|Sage, was ist dann wohl mehr, deine leiblichen Eltern, die das Meer verschlungen hat, oder deine jetzigen, denen das Meer im Namen des einen Gottes gehorchen muss?“
KJ|0|96|13|0|Hier war das vermeintliche Weib völlig stumm vor lauter Hochachtung und Liebe gegen den Joseph.
KJ|0|96|14|0|Denn sie meinte, da sie ohnehin schon hie und da so ganz leise reden gehört hatte, als wohne irgend in der Gegend von Ostracine der Zeus, sie sei nun in der leibhaftigen Gegenwart desselben.
KJ|0|96|15|0|Joseph aber erkannte gar bald den Wahn des Weibes und sprach zu ihr:
KJ|0|96|16|0|„O Magd, o Tochter! Halte mich ja nicht für mehr als ich bin; am wenigsten aber für etwas, das nichts ist!
KJ|0|96|17|0|Ich bin dir gleich ein Mensch, das genüge dir vorderhand. Mit der Zeit aber wird es schon heller werden um dich; daher gut für jetzt!
KJ|0|96|18|0|Bringt aber nun das Mittagsmahl; nach diesem wollen wir mehreres kennenlernen. Also geschehe es.“
KJ|0|97|1|1|Joseph nimmt die geheilte Blinde als Tochter auf
KJ|0|97|1|1|Am 19. Dezember 1843
KJ|0|97|1|0|Die Söhne Josephs gingen sogleich hinaus und brachten das Mittagsmahl herein.
KJ|0|97|2|0|Joseph aber sprach: „Was ist mit den dreien, werden sie mit uns das Mittagsmahl halten, oder werden sie etwa lieber für heute in ihrem Gemach speisen?
KJ|0|97|3|0|Geht hinaus und erkundigt euch darnach, und es soll ihnen werden, wie sie es am liebsten haben wollen!“
KJ|0|97|4|0|Und die Söhne gingen und fragten die drei; diese aber sprachen nichts, sondern bedeuteten den Söhnen, dass sie vor dem Untergang nichts reden und nichts zu sich nehmen werden, weder Speise noch Trank.
KJ|0|97|5|0|Solches berichteten die Söhne dem Joseph, und Joseph war damit zufrieden und sprach:
KJ|0|97|6|0|„Wenn sich die drei das zu einer Gewissenssache gemacht haben, da würden wir sündigen an ihnen, so wir sie nicht belassen möchten in der Treue ihres Gelübdes!
KJ|0|97|7|0|Setzen wir uns daher im Namen des Herrn nur zum Tisch und verzehren dankbar, was uns Gott beschert hat!“
KJ|0|97|8|0|Das vermeintliche Weib aber sprach: „O Herr dieses Hauses! Du bist zu gut, und ich habe keinen Wert; daher bin ich wohl nicht würdig, an deinem Tisch zu essen! An der Flur des Hauses will ich dankbarst verzehren, was mir deine Güte bescheren wird!
KJ|0|97|9|0|Zudem sind auch meine gar zu zerlumpten Kleider und mein ungewaschener Leib wohl nicht schicklich für einen Tisch eines solchen Herrn, wie du einer bist!“
KJ|0|97|10|0|Joseph aber sprach zu den Söhnen: „Geht und bringt vier große Krüge Wassers; stellt sie ins Seitengemach der Maria!
KJ|0|97|11|0|Du, Weib, aber gehe und wasche das Weib und kämme sie und ziehe ihr deine besten Kleider an!
KJ|0|97|12|0|Und wenn sie also köstlich und festlich ausgestattet sein wird, dann führe sie hierher, damit sie mit uns ohne Scheu halte das Mittagsmahl!“
KJ|0|97|13|0|In einer halben Stunde war der Wille Josephs vollzogen, und ganz gereinigt stand nun an der Stelle des Weibes ein gar liebes, schüchternes und überaus dankbares Mädchen da, in deren Gesicht nur noch die Spuren der ehemaligen Traurigkeit zu sehen waren.
KJ|0|97|14|0|Sie war ihren Zügen nach von großer Schönheit, und in ihren Augen lag tiefe Demut, aber auch tiefe Liebe.
KJ|0|97|15|0|Joseph hatte eine rechte Freude an diesem Kind nun und sprach: „O Herr, ich danke Dir, dass Du mich dazu ausersehen hast, diese Arme zu retten; in Deinem allerheiligsten Namen will ich sie zur völligen Tochter aufnehmen!“
KJ|0|97|16|0|Und zu den Söhnen sich wendend, sprach er: „Seht an eure arme Schwester, und grüßt sie als Brüder!“
KJ|0|97|17|0|Mit viel Freuden taten das die Söhne Josephs, und am Ende sprach auch das Kindlein:
KJ|0|97|18|0|„Also, wie von euch, sei sie auch von Mir angenommen; das ist ein gutes Werk und macht Mir viel Freude!“
KJ|0|97|19|0|Als aber das Mädchen das Kindlein also reden hörte, da verwunderte sie sich und sprach: „O Wunder! – was ist das, dass dies Kindlein also redet wie ein Gott!?“
KJ|0|98|1|1|Das Glaubensbekenntnis der geheilten Blinden
KJ|0|98|1|1|Am 20. Dezember 1843
KJ|0|98|1|0|Das Mädchen ging sogleich hin zum Kindlein und sprach:
KJ|0|98|2|0|„O was bist Du doch für ein außerordentliches Wunderkind!
KJ|0|98|3|0|Ja, Du bist dasselbe leuchtende Kindlein, von dem es mir so wunderbar geträumt hatte, dass Es die Mutter gebadet hatte und mir hernach dasselbe Badewasser das Licht meiner Augen gab!
KJ|0|98|4|0|Ja, ja, Du göttlich Kindlein! Du gabst mir das Licht der Augen; Du bist mein Heiland; Du bist der wahre Apollo von Delphi!
KJ|0|98|5|0|Ja, Du bist in meinem Herzen schon jetzt mehr als alle Götter Roms, Griechenlands und Ägyptens!
KJ|0|98|6|0|Welch ein hoher göttlicher Geist muss in Dir wohnen, der Dir schon so früh Deine Zunge gelöst hatte, und der durch Dich schon jetzt so heilbringend und mächtig wirkend sich zu erkennen gibt!?
KJ|0|98|7|0|Heil euch Menschen der Erde, die ihr samt mir in großer Finsternis und Trübsal lebt!
KJ|0|98|8|0|Hier ist die Sonne der Himmel, die euch Blinden, wie mir, die Sehe wiedergeben wird!
KJ|0|98|9|0|O Rom! du mächtige Bezwingerin der Erde, siehe, hier vor mir lächelt der Held mich an, der dich in einen Schutthaufen umwandeln wird!
KJ|0|98|10|0|Sein Panier wird Er über deinen Mauern aufpflanzen, und du wirst zu Grabe gehen; wie da verweht wird vom Sturm eine lose Spreu, so wirst du verweht werden!“
KJ|0|98|11|0|Das Kindlein aber bot dem Mädchen die Hand und verlangte zu ihr.
KJ|0|98|12|0|Und das Mädchen nahm Es mit tausend Freuden zu sich und herzte und koste Es.
KJ|0|98|13|0|Das Kindlein aber spielte mit den reichen Locken des Mädchens und sprach dabei ganz leise zum Mädchen:
KJ|0|98|14|0|„Glaubst du, Meine liebe Schwester, wohl den Worten, die du ehedem ausgesprochen hast vor Mir, da Ich Mich noch auf den Armen Meines Bruders befand?“
KJ|0|98|15|0|Und das Mädchen sprach eben auch ganz leise zum Kindlein:
KJ|0|98|16|0|„Ja, Du mein Heiland, Du mein Licht, Du meine erste Morgensonne! Jetzt glaube ich umso fester, da Du mich darnach gefragt hast!“
KJ|0|98|17|0|Und das Kindlein sprach darauf: „Wohl dir, dass du in deinem Herzen also glaubst, wie du geredet hast!
KJ|0|98|18|0|Aber das sage Ich dir, halte vorderhand nichts geheimer als eben dieses dein Glaubensbekenntnis!
KJ|0|98|19|0|Denn nie hat der Feind alles Lebens sein Ohr also gespitzt, als gerade in dieser Zeit!
KJ|0|98|20|0|Daher schweige von Mir, und verrate Mich ja nicht, wenn es dir daran liegt, von diesem Feind nicht für ewig getötet zu werden!“
KJ|0|98|21|0|Das Mädchen aber gelobte solches allerkräftigst und ward in der Zeit, da sie das Kindlein lockte, so ganz vollkommen jugendlich schön, dass sich darob alle höchst zu verwundern anfingen; und das Mädchen konnte sich vor lauter Seligkeit beinahe gar nicht helfen, ja so selig war sie, dass sie zu jauchzen und zu kirren begann.
KJ|0|99|1|1|Joseph berichtet Cyrenius von der geheilten Blinden
KJ|0|99|1|1|Am 21. Dezember 1843
KJ|0|99|1|0|Als das Mädchen noch in ihrer größten Freude sich befand, da kam gerade der Cyrenius wieder in Gesellschaft des Maronius Pilla zum Joseph, wie er es am vorigen Abend versprochen hatte.
KJ|0|99|2|0|Joseph und Maria empfingen ihn mit großer, herzlichster Freude, und der Cyrenius sprach:
KJ|0|99|3|0|„O du mein erhabener Freund und Bruder, was habt ihr denn doch erlebt, darob ihr zu meiner großen Freude so heiter seid?“
KJ|0|99|4|0|Joseph aber wies den Cyrenius sogleich an das Mädchen und sprach:
KJ|0|99|5|0|„Siehe, dort mit dem Kindlein auf dem Arm und in eine tiefe Wonne versunken, siehst du den Gegenstand unserer Freude!“
KJ|0|99|6|0|Der Cyrenius blickte das Mädchen näher an und sprach darauf zum Joseph:
KJ|0|99|7|0|„Hast du sie denn zu einer Kindsmagd angenommen? Woher kam denn diese schöne israelitische Maid?“
KJ|0|99|8|0|Und der Joseph erwiderte dem vor Neugierde brennenden Cyrenius:
KJ|0|99|9|0|„O hoher Freund! – siehe, ein Wunder brachte sie unter dies Obdach! Sie kam blind zu mir, aussehend wie ein betagtes allerärmstes Bettelweib.
KJ|0|99|10|0|Durch die Wundermacht des Kindleins aber bekam sie ihr Gesicht, und es zeigte sich dann, dass sie erst eine Magd von kaum zwanzig Sommern ist, und ist eine Waise, darum ich sie denn auch zu meiner Tochter angenommen habe; und das ist der so ganz eigentliche Grund unserer Freude!“
KJ|0|99|11|0|Und der Cyrenius, das Mädchen mit stets größerem Wohlgefallen betrachtend, während das Mädchen aus lauter Wonne den Cyrenius noch gar nicht bemerkte, obschon er in seinem vollen Glanz gegenwärtig war, sprach zum Joseph:
KJ|0|99|12|0|„O Freund, o Bruder! – wie sehr bedaure ich mich nun, dass ich ein hoher römischer Patrizier bin!
KJ|0|99|13|0|Fürwahr, ich gäbe alles darum, so ich ein Jude wäre und könnte diese herrliche Jüdin von dir mir nun zum Weib erbitten!
KJ|0|99|14|0|Denn du weißt, dass ich ledig und kinderlos bin. O was könnte mir so ein Weib, von dir gesegnet, sein!“
KJ|0|99|15|0|Und der Joseph lächelte den Cyrenius an und fragte ihn: „Was würdest du denn tun, so dies Mädchen keine Jüdin, sondern eine Römerin hohen Standes wäre, dir gleich?
KJ|0|99|16|0|So sie die einzige Tochter eines Patriziers wäre, deren Eltern den Untergang in den Fluten des Meeres bei einer Fahrt nach Delphi fanden?“
KJ|0|99|17|0|Hier sah der Cyrenius den Joseph ganz verblüfft an und sagte nach einer stummen Weile:
KJ|0|99|18|0|„O erhabener Freund und Bruder! Was sprichst du hier!? Ich bitte dich, erkläre dich deutlicher; denn die Sache scheint mich nahe anzugehen!“
KJ|0|99|19|0|Joseph aber sagte: „Mein hoher Freund! Siehe, es hat alles seine Zeit; daher gedulde dich auch du hier ein wenig, und das Mädchen selbst wird dir alles kundgeben!
KJ|0|99|20|0|Du aber gebe mir kund vorderhand, wie es mit den ausgegrabenen Leichen aus dem Schutt des Tempels aussieht!“
KJ|0|100|1|1|Cyrenius wirbt um die Hand der geheilten Blinden. Das Eherecht im alten Rom
KJ|0|100|1|1|Am 22. Dezember 1843
KJ|0|100|1|0|Cyrenius aber sprach zum Joseph: „O Freund und Bruder! Kümmere dich nicht der Leichen; denn in dieser Nacht sind bei zweihundert zum Leben gebracht worden, und ich habe für ihr Unterkommen heute den ganzen Vormittag gesorgt!
KJ|0|100|2|0|Und sollten im Verlaufe der Schuttwegräumung noch mehrere unversehrte Leichen vorgefunden werden, so wird für sie gesorgt sein wie für die bisherigen.
KJ|0|100|3|0|Siehe, das ist in kurzem das Ganze und ist bei weitem von keinem so großen Interesse nun für mich als eben diese Maid, die nach deiner mir höchst glaubwürdigen Aussage die Tochter eines römischen verunglückten Patriziers sein soll!
KJ|0|100|4|0|Lasse mich daher vorher genau in Erfahrung bringen, wie es mit diesem Kind steht, auf dass ich dann ja alles aufbieten kann, was zum Wohle dieser Waise erforderlich ist.
KJ|0|100|5|0|Siehe, wie ich dir schon ehedem gesagt habe, ich bin ledig und habe keine Kinder; kann sie wohl besser versorgt werden, als so ich sie als ein Bruder des Kaisers zum festen Weib nehme?!
KJ|0|100|6|0|Daher also liegt mir die Geschichte dieses Mädchens nun vor allem stets mehr und mehr – und mehr am Herzen!
KJ|0|100|7|0|Verschaffe mir daher nur sogleich die Gelegenheit, dass ich mich mit diesem herrlichen Kind bespreche und wohl berate!“
KJ|0|100|8|0|Und der Joseph sprach zum Cyrenius: „Hoher Freund und Bruder! Du sprichst da zu mir, dass du ledig seist, und hast doch in Tyrus selbst zu mir geredet, dass du vermählt bist mit einem Weib, – nur hast du keine Kinder mit ihr!?
KJ|0|100|9|0|Sage mir, wie soll ich das nehmen? Du kannst dir wohl ein zweites Weib nehmen, so das erste unfruchtbar ist; aber wie du als ein vermählter Gatte noch ledig seist, fürwahr, das verstehe ich nicht! Darüber erkläre dich deutlicher!“
KJ|0|100|10|0|Und der Cyrenius lächelte bei dieser Gelegenheit und sprach: „Lieber Freund! Ich sehe, dass du mit den Gesetzen Roms nicht vertraut bist; daher muss ich dir schon einen näheren Aufschluss erteilen, – und so höre mich denn!
KJ|0|100|11|0|Siehe, wir Römer haben ein dreifaches Eherecht; zwei darunter sind nicht bindend, nur eines ist bindend.
KJ|0|100|12|0|Laut den zwei nicht bindenden Gesetzen kann ich mich vermählen wohl mit einer Sklavin sogar; ich habe aber darum dennoch kein festes Weib, sondern nur eine gesetzlich erlaubte Beischläferin, und ich bin dabei ledig noch und kann mir allzeit ein standesmäßiges rechtes Weib nehmen.
KJ|0|100|13|0|Der Unterschied der ersten zwei nicht bindenden Gesetze besteht bloß darin, dass ich im ersten Falle mir bloß eine Konkubine nehmen kann, ohne die geringste Verbindlichkeit, sie je zum rechtmäßigen Weib zu nehmen.
KJ|0|100|14|0|Im zweiten Falle aber kann ich auch die Tochter von einem standesmäßigen Haus mir bloß von ihren Eltern anbinden lassen unter der Bedingung, sie zum rechtmäßigen Weib zu nehmen, so ich mit ihr ein bis drei lebende Kinder erzeuge, darunter wenigstens eines ein Knabe ist.
KJ|0|100|15|0|Im dritten Falle tritt dann erst das festbindende Gesetz ein, laut dem ich erst vor dem Altar Hymens von einem dazu bestimmten Priester mit einem rechtmäßigen Weib fest verbunden werde und dann nicht mehr ledig, sondern verheiratet bin.
KJ|0|100|16|0|Also hebt bei uns weder die Vermählung (nuptias capere), noch die examinative Ehe (patrimonium), sondern allein die wirkliche Verheiratung (uxorem ducere) den ledigen Stand auf nach den Gesetzen, wie sie jetzt bestehen.
KJ|0|100|17|0|Also können wir nuptias capere, patrimonium facere und uxorem ducere, und nur das Letzte hebt das Ledigsein auf.
KJ|0|100|18|0|Siehe, darum auch bin ich umso mehr ledig, da ich mit der Konkubine keine Kinder erzeugen kann, und wäre sogar dann noch ledig, so ich mit ihr Kinder hätte, weil die Konkubinat-Kinder bei uns kein Recht auf den Vater haben, außer der Vater adoptiert sie mit des Kaisers Einwilligung!
KJ|0|100|19|0|Nun weißt du alles, daher ersuche ich dich, mich nun mit der Geschichte dieses Mädchens näher vertraut zu machen; denn ich bin nun vollkommen entschlossen, mich mit ihr sogleich vollkommen zu verheiraten!“
KJ|0|100|20|0|Als der Joseph das vom Cyrenius vernommen hatte, da sprach er: „Wenn also, dann will ich selbst zuvor das Mädchen unterrichten und vorbereiten, auf dass sie ein solcher Antrag nicht schwäche oder gar töte!“
KJ|0|101|1|1|Tulia und Cyrenius lernen sich kennen
KJ|0|101|1|1|Am 23. Dezember 1843
KJ|0|101|1|0|Darauf ging der Joseph hin zum noch immer mit dem Kindlein beschäftigten Mädchen, zupfte sie am Ärmel und sprach zu ihr:
KJ|0|101|2|0|„Höre, meine teure Tochter! Hast du denn im Ernst noch nicht bemerkt, wer sich nun hier befindet? Blicke doch einmal auf und sehe!“
KJ|0|101|3|0|Hier erwachte das Mädchen aus ihrer Wonne und ersah den glänzenden Cyrenius.
KJ|0|101|4|0|Sie erschrak förmlich und fragte ganz ängstlich: „O du mein lieber Vater Joseph, wer ist dieser gar so stark glänzende Mann? Was will er hier? Woher kam er denn?!“
KJ|0|101|5|0|Und der Joseph sprach zum Mädchen: „O fürchte dich nicht, meine Tochter Tullia! Siehe, das ist der überaus gute Cyrenius, ein Bruder des Kaisers und Statthalter von Asien und einem Teil Afrikas!
KJ|0|101|6|0|Dieser wird deine Sache in Rom sicher in die beste Ordnung bringen; denn du bist ihm schon beim ersten Anblick sehr teuer geworden!
KJ|0|101|7|0|Gehe aber hin, und bitte ihn um Gehör, und trage ihm deine ganze Lebensgeschichte vor, und sei versichert, dass du nicht zu tauben Ohren wirst geredet haben!“
KJ|0|101|8|0|Das Mädchen aber sprach: „O du mein lieber Vater! Das getraue ich mir nicht; denn ich weiß, so ein Herr prüft ganz entsetzlich strenge bei solchen Gelegenheiten, und hat er irgendeinen Punkt erfahren, der sich nicht erweisen lässt, da droht er einem gleich mit dem Tode!
KJ|0|101|9|0|Wie es mir in meiner Armut schon einmal ergangen ist, da mich sicher auch ein solcher Herr zu examinieren hatte angefangen, woher ich wäre.
KJ|0|101|10|0|Und als ich ihm alles getreu kundgab, da forderte er dann gar strenge Beweise von mir.
KJ|0|101|11|0|Da ich ihm aber solche in meiner gänzlichen Verwaistheit und blanksten Armut nicht herzustellen vermochte, da gebot er mir das gestrengste Schweigen und drohte mir mit dem Tode, so ich noch mehr davon zu jemandem reden möchte.
KJ|0|101|12|0|Ich bitte dich darum, verrate auch du mich nicht, sonst bin ich sicher verloren!“
KJ|0|101|13|0|Hier trat der Cyrenius, der diese leise Unterredung vernommen hatte, hin zur Tullia und sprach zu ihr:
KJ|0|101|14|0|„O Tullia! Fürchte den nicht, der ja alles aufbieten will, um dich so glücklich als möglich zu machen!
KJ|0|101|15|0|Sage mir nichts als nur den Namen deines Vaters, so du ihn dir noch gemerkt hast, und mehr brauche ich nicht.
KJ|0|101|16|0|Doch fürchte ja nichts, wenn dir auch der Name deines Vaters entfallen wäre; du bleibst mir gleich teuer darum, dass du nun eine Tochter dieses meines größten Freundes bist!“
KJ|0|101|17|0|Hier bekam die Tullia schon mehr Mut und sprach zum Cyrenius: „Wahrlich, wenn mich dein sanftes Auge täuscht, so ist die ganze Welt eine Lüge! Ich will dir daher ja wohl sagen, wie mein guter Vater hieß.
KJ|0|101|18|0|Siehe, sein Name war Victor Aurelius Dexter Latii! So du ein Bruder des Kaisers bist, da muss dieser Name dir nicht fremd sein.“
KJ|0|101|19|0|Als der Cyrenius diesen Namen vernommen hatte, da ward er sichtbar gerührt und sprach mit gebrochener Stimme:
KJ|0|101|20|0|„O Tullia, das war ja ein rechter Bruder meiner Mutter! Ja, ja, von dem weiß ich ja, dass er mit einem rechtmäßigen Weib eine blindgeborene Tochter hatte, die er über alles liebte!
KJ|0|101|21|0|O wie oft habe ich ihn beneidet um sein Glück, das eigentlich ein Unglück war! Aber ihm war die blinde Tullia mehr als die ganze Welt!
KJ|0|101|22|0|Ja ich selbst war in diese Tullia, da sie noch kaum vier bis fünf Jahre alt war, ganz verliebt und habe oft bei mir geschworen, diese oder sonst keine soll mein rechtes Weib werden dereinst!
KJ|0|101|23|0|Und – o Gott! – nun finde ich dieselbe himmlische Tullia hier im Haus meines himmlischen, göttlichen Freundes!
KJ|0|101|24|0|O Gott, o Gott! – das ist zu viel Lohnes auf einmal für einen schwachen Sterblichen um das Wenige, das ich, ein Nichts vor Dir, o Herr, tat!“ – Hier sank der schwachgewordene Cyrenius auf einen Stuhl und fasste sich nach einer Weile erst wieder zur ferneren Rede mit der Tullia.
KJ|0|102|1|1|Über die Ehe und den Ehebruch
KJ|0|102|1|1|Am 27. Dezember 1843
KJ|0|102|1|0|Nach der Erholung sprach der Cyrenius wieder zur Tullia: „Tullia! Möchtest du mir denn nicht die Hand reichen und werden mein rechtmäßiges Weib, so ich dich dazu aus dem tiefsten Grunde meines Herzens erbitten würde?“
KJ|0|102|2|0|Und die Tullia sprach: „Was möchtest du mir wohl tun, so ich dir solches verweigern würde?“
KJ|0|102|3|0|Und der Cyrenius sprach etwas erregt, aber immer aus dem besten Herzen:
KJ|0|102|4|0|„Dann würde ich es Dem aufopfern, den du auf deinen Armen hältst, und würde sodann traurig ziehen von dannen!“
KJ|0|102|5|0|Und die Tullia fragte den Cyrenius weiter, sagend nämlich: „Was würdest du denn dann tun, so ich Den, der nun auf meinen Armen ruht, um einen Rat fragen würde, was ich tun soll,
KJ|0|102|6|0|und Er widerriete mir, anzunehmen deinen Antrag, und hieße mich treu verbleiben dem Haus, das mich so überaus freundlichst aufgenommen hatte!?“
KJ|0|102|7|0|Und der Cyrenius stutzte bei dieser Frage ein wenig, sprach aber dennoch etwas verlegen:
KJ|0|102|8|0|„Ja dann, du meine herrlichste Tullia, dann müsste ich freilich ohne Widerrede sobald abstehen von meinem Verlangen!
KJ|0|102|9|0|Denn gegen den Willen Dessen, dem alle Elemente gehorchen, kann sich der sterbliche Mensch ewig nimmer auflehnen!
KJ|0|102|10|0|O frage das Kindlein aber ja sogleich, auf dass ich ja ehestens erfahre, wie ich daran bin!“
KJ|0|102|11|0|Das Kindlein aber richtete Sich sogleich auf und sprach: „Ich bin nicht ein Herr dessen, was der Welt ist; daher seid ihr von Mir aus in allem Weltlichen frei.
KJ|0|102|12|0|Habt ihr aber wahre Liebe in euren Herzen zueinander gefasst, da sollt ihr dieselbe nicht brechen!
KJ|0|102|13|0|Denn es gibt bei Mir kein anderes Gesetz für die Ehe, als welches da mit glühender Schrift geschrieben steht in euren Herzen!
KJ|0|102|14|0|Habt ihr euch aber schon beim ersten Anblick laut dieses lebendigen Gesetzes erkannt und verbunden, da sollt ihr euch auch nicht mehr trennen, so ihr nicht sündigen wollt vor Mir!
KJ|0|102|15|0|Ich halte aber kein weltlich Eheband für gültig, sondern allein das des Herzens.
KJ|0|102|16|0|Wer dieses bricht, der ist ein wahrhaftiger Ehebrecher vor Mir!
KJ|0|102|17|0|Du, Mein Cyrenius, hast zu dieser Tochter dein Herz gar mächtig gefasst; daher sollst du es nicht mehr abwenden von ihr!
KJ|0|102|18|0|Und du, Tochter, aber warst beim ersten Anblick brennend schon in deinem Herzen zum Cyrenius, darum bist du schon sein Weib vor Mir und brauchst nicht erst eines zu werden!
KJ|0|102|19|0|Denn bei Mir gilt nicht äußerer Rat oder Widerrat, sondern allein der Rat eurer Herzen ist bei Mir gültig.
KJ|0|102|20|0|Bleibt sonach diesem für ewig getreu, wollt ihr nicht zu wahrhaftigen Ehebrechern werden vor Mir!
KJ|0|102|21|0|Verflucht aber sei ein Widerräter aus weltlichen Gründen in der Sache der Liebe, die von Mir ist!
KJ|0|102|22|0|Was ist denn mehr, – die lebendige Liebe, die aus Mir ist, oder der weltliche Grund, der aus der Hölle ist?!
KJ|0|102|23|0|Wehe aber auch der Liebe, deren Grund die Welt ist; sie sei verflucht!“
KJ|0|102|24|0|Diese Worte des Kindleins machten, dass sich alle entsetzten, und niemand getraute sich weiter etwas zu reden in der Sache der Ehe.
KJ|0|103|1|1|Die toten und die lebendigen Ehegesetze
KJ|0|103|1|1|Am 28. Dezember 1843
KJ|0|103|1|0|Da aber alle auf diese Rede des Kindleins ganz bestürzt vor sich dahinblickten und niemand etwas zu reden sich getraute, da öffnete auf einmal das Kindlein wieder den Mund und sprach:
KJ|0|103|2|0|„Was steht ihr alle denn nun so traurig um Mich herum? Habe Ich euch doch nichts zuleide getan!
KJ|0|103|3|0|Dir, Mein Cyrenius, gab Ich, darnach dein Herz dürstete, und also auch dir, du liebe Tullia; was wollt ihr denn mehr?
KJ|0|103|4|0|Soll Ich denn etwa den lebendigen Ehebruch gutheißen, während doch ihr Menschen auf den toten die Todesstrafe gesetzt habt?
KJ|0|103|5|0|Welch ein Verlangen wohl wäre das?! Ist denn das, was im Leben vorgeht, nicht mehr, als was im Tode gerichtet ist?
KJ|0|103|6|0|Ich meine, des sollt ihr euch wohl freuen, aber nicht trauern, darum es also ist!
KJ|0|103|7|0|Wer da liebt, liebt der im Herzen oder im Kopf?
KJ|0|103|8|0|Ihr aber habt eure Ehegesetze nicht dem Herzen, sondern nur dem Kopf entlockt!
KJ|0|103|9|0|Das Leben aber ist nur im Herzen und geht vom selben in alle Teile des Menschen aus, und somit auch in den Kopf, welcher in sich kein Leben hat, sondern tot ist.
KJ|0|103|10|0|So ihr aber schon die Gesetze des Kopfes mit dem Tode sanktioniert, die samt dem Kopf tot sind, um wie viel billiger ist es dann, die lebendigen ewigen Gesetze des Herzens zu respektieren!
KJ|0|103|11|0|Daher aber freut euch, dass Ich als der Lebendige unter euch die Gesetze des Lebens festhalte; denn täte Ich solches nicht, so wäre über euch alle schon lange der ewige Tod gekommen!
KJ|0|103|12|0|Darum aber kam Ich in die Welt, auf dass durch Mich alle die Werke und Gesetze des Todes vernichtet werden und an ihre Stelle treten müssen die alten Gesetze des Lebens!
KJ|0|103|13|0|So Ich euch aber im Voraus zeige, was da sind die Gesetze des Lebens, und was die des Todes, was Leids wohl tue Ich euch dadurch, dass ihr darob trauert und euch vor Mir fürchtet, als hätte Ich euch anstatt des Lebens den Tod gebracht?!
KJ|0|103|14|0|O ihr Törichten! In Mir ist das alte ewige Leben zu euch gekommen; daher freut euch und seid nimmerdar traurig!
KJ|0|103|15|0|Und du, Mein Cyrenius, nehme hin das Weib, das Ich dir gebe; und du, Tullia, nehme den Mann, den Ich dir zugeführt habe vollernstlich; nur sollt ihr euch nimmer verlassen!
KJ|0|103|16|0|Wenn euch aber des Leibes Tod getrennt wird haben, dann soll der überlebende Teil frei sein dem Außen nach, aber die Liebe soll währen ewiglich, Amen.“
KJ|0|103|17|0|Diese Worte des Kindleins setzten alle ins größte Erstaunen.
KJ|0|103|18|0|Und die Tullia sprach, ganz zitternd vor der größten Ehrfurcht:
KJ|0|103|19|0|„O Menschen! Dieses Kind ist kein Menschenkind, sondern Es ist die höchste Gottheit Selbst!
KJ|0|103|20|0|Denn also kann kein Mensch, sondern nur ein Gott reden; nur ein Gott als das Grundleben Selbst kann die Gesetze des Lebens kennen und kann sie in uns erwecken!
KJ|0|103|21|0|Wir Menschen aber sind alle tot; wie könnten wir da die Gesetze des Lebens finden und dieselben als solche setzen?
KJ|0|103|22|0|O Du überheiliges Kindlein, jetzt erst erkenne ich klar, was ich ehedem dunkel geahnt habe! Du bist der Herr Himmels und der Erde von Ewigkeit! Dir sei daher auch alle meine Anbetung!“
KJ|0|104|1|1|Cyrenius verzichtet auf Eudokia um der Tullia willen
KJ|0|104|1|1|Am 29. Dezember 1843
KJ|0|104|1|0|Diese hohe Sprache von Seite der Tullia hatte den Cyrenius ganz begeistert, und er trat hin zur Tullia, die noch das Kindlein auf den Armen hielt, und sprach in der höchsten Rührung zum Kindlein:
KJ|0|104|2|0|„O Du mein Leben, Du wahrer Gott meines Herzens! Da Du mich denn schon mit diesem Mädchen also gnädigst verbunden hast, so bitte ich, ein armer Sünder, Dich denn auch um Deinen Segen, dem ich getreu verbleiben werde mein Leben lang!“
KJ|0|104|3|0|Und das Kindlein richtete sich sobald auf und sprach: „Ja, du Mein lieber Cyrenius, dich segne Ich mit deinem Weib Tullia!
KJ|0|104|4|0|Aber das Weib, das bis jetzt deine Vermählte war, die musst du dafür Mir geben!
KJ|0|104|5|0|Denn tätest du solches nicht, so bliebest du vor Mir in der Sünde des Ehebruchs; denn du hast das Weib geliebt – und liebst es noch sehr!
KJ|0|104|6|0|So du aber Mir das Weib überlieferst und sie ganz Mir gibst und opferst, so hast du Mir auch deine Sünde gegeben.
KJ|0|104|7|0|Ich aber bin ja darum in diese Welt gekommen, dass Ich alle Sünde der Menschen der Welt auf Mich nehme und sie tilge durch Meine Liebe vor Ihrem göttlichen Angesicht auf ewig! Also geschehe es!“
KJ|0|104|8|0|Und der Cyrenius stutzte anfangs ein wenig bei dieser Aufforderung; denn seine Vermählte war eine überaus schöne griechische Sklavin, die er um teures Geld erkauft hatte.
KJ|0|104|9|0|Er liebte sie wegen ihrer großen Schönheit sehr, obschon er mit ihr keine Kinder hatte.
KJ|0|104|10|0|Diese Griechin war zwar schon dreißig Jahre alt, aber sie war dessen ungeachtet noch so schön, dass sie von den geringen Heiden als eine förmliche Venus angebetet ward.
KJ|0|104|11|0|Darum war diese Aufforderung für unseren guten Cyrenius etwas stark, und es wäre ihm viel lieber gewesen, wenn sie nicht erfolgt wäre.
KJ|0|104|12|0|Aber das Kindlein ließ Sich dadurch nicht irremachen, sondern bestand fest auf Seiner Forderung.
KJ|0|104|13|0|Da aber der Cyrenius sah, dass das Kindlein von Seiner Forderung durchaus nicht weichen wollte, so sprach er zum Kindlein:
KJ|0|104|14|0|„O Du mein Leben! Siehe, meine Vermählte, die schöne Eudokia, ist mir sehr ins Herz gewachsen, und ich werde sie sehr schwer missen!
KJ|0|104|15|0|Fürwahr, so es tunlich wäre, möchte ich eher Dir die Tullia lassen, als die gar so schöne Eudokia hintangeben?!“
KJ|0|104|16|0|Das Kindlein aber lächelte den Cyrenius an und sprach zu ihm: „Hältst du Mich denn für einen Tauschkrämer?
KJ|0|104|17|0|O siehe, das wohl bin Ich nicht! Oder hältst du Mich für ein Wesen, das mit sich um ein ausgesprochenes Wort handeln lässt?
KJ|0|104|18|0|O da sage Ich dir, so du zu Mir sprächest: ‚Lasse vergehen den ganzen sichtbaren Himmel und die sichtbare Erde!‘, so würde Ich dir eher Gehör geben, als dass Ich zurücknehme ein einmal ausgesprochenes Wort!
KJ|0|104|19|0|Wahrlich sage Ich dir: Sonne, Mond und Sterne und diese Erde werden vergehen, wie ein Kleid werden sie veralten und so zunichte werden; aber Meine Worte ewig nimmer!
KJ|0|104|20|0|Daher wirst du auch sobald die Eudokia hierherbringen lassen und dann erst empfangen die Tullia, gesegnet von Mir.
KJ|0|104|21|0|Wirst du dich aber sträuben, da lasse Ich dir die Eudokia sterben – und gebe dir dann die Tullia nimmer.
KJ|0|104|22|0|Denn was du tust, muss du frei tun; eine gerichtete Tätigkeit hat vor Mir keinen Wert!
KJ|0|104|23|0|Stirbt die Eudokia, dann bist du schon gerichtet mit ihrem Tode und kannst nicht mehr der Mann der Tullia werden.
KJ|0|104|24|0|Opferst du Mir aber frei die Eudokia, dann bist du wahrhaft frei, und die Tullia kann dein rechtes Weib sein!
KJ|0|104|25|0|Zwei Weiber aber kannst du zufolge Meiner Ordnung nicht haben; denn im Anfang ward nur ein Mann und ein Weib erschaffen.
KJ|0|104|26|0|Also tue, wie Ich nun zu dir geredet habe, auf dass da nicht ein Gericht über dich komme!“
KJ|0|104|27|0|Diese Worte des Kindes brachten den Cyrenius zu dem plötzlichen Entschluss, die Eudokia aus der Stadt holen zu lassen;
KJ|0|104|28|0|denn er hatte sie mitgenommen von Tyrus, ließ sie aber niemanden sehen, auf dass da ja auch niemand von ihren großen Reizen solle bestochen werden.
KJ|0|104|29|0|Aber dennoch vertraute er sie selbst jetzt noch niemand anderem an als allein dem ältesten Sohn Josephs und dem Maronius Pilla.
KJ|0|104|30|0|Diese beiden gingen im Geleit der Leibwache des Cyrenius hin in die Residenz des Cyrenius und brachten gar bald die schöne Eudokia in die Wohnung des Joseph; die Eudokia aber verwunderte sich sehr darüber und wusste nicht, wie es kam, dass sie der Cyrenius nun zum ersten Mal durch fremde Männer holen ließ.
KJ|0|105|1|1|Eudokias Aufbegehren. Marias Trostworte
KJ|0|105|1|1|Am 30. Dezember 1843
KJ|0|105|1|0|Als der Cyrenius nun die Eudokia gegenüber der Tullia ersah, da fand er, dass sie bedeutend schöner war als die Tullia, und es tat ihm weh, sich nun für immer von ihr zu trennen.
KJ|0|105|2|0|Und er fragte darum das Kindlein noch einmal, ob er sie nicht wenigstens als Magd und als Gesellschafterin der Tullia bei sich behalten dürfe.
KJ|0|105|3|0|Das Kindlein aber sprach: „Mein Cyrenius! Du kannst so viele Mägde, als du willst, in dein Haus nehmen,
KJ|0|105|4|0|aber nur die Eudokia nicht! Diese musst du hierlassen, und das darum, weil Ich es zu deinem Wohl also haben will!“
KJ|0|105|5|0|Als aber die Eudokia solches sah und gar wohl vernahm, wie dieses unmündige Kindlein dem Cyrenius gebieterisch antwortete,
KJ|0|105|6|0|da entsetzte sie sich und sprach: „Aber um aller Götter willen, was ist denn das?! Ein unmündiges Kind gebietet dem, vor dem Asien und Ägypten zittert, so er spricht!
KJ|0|105|7|0|Und der große Gebieter hört ängstlich an das so entschieden gebietende Kind und fügt sich willig nach dessen Ausspruch?!
KJ|0|105|8|0|Wie ich höre, so soll ich mich vom Cyrenius trennen, damit eine andere meinen Platz einnehme!
KJ|0|105|9|0|O das wird so leicht nicht geschehen, als da etwa gar dieses unmündige Kind meint!
KJ|0|105|10|0|Es wäre für dich, du mächtiger Cyrenius, denn doch eine barste Schande, so du dich etwa gar von diesem Kind befehligen möchtest lassen; daher sei ein Mann und ein Römer!“
KJ|0|105|11|0|Als der Cyrenius aber solches von der Eudokia vernommen hatte, da erregte er sich und sprach:
KJ|0|105|12|0|„Ja, Eudokia! Gerade jetzt werde ich dir zeigen, dass ich ein Mann und ein Römer bin!
KJ|0|105|13|0|Siehe, so dieses Kind, das die Tullia lockt, auch nicht göttlicher Abkunft wäre und Es möchte zu mir nahe also reden, so würde ich Ihm folgen!
KJ|0|105|14|0|Dieses Kind aber ist von der allerhöchsten göttlichen Abkunft, und so will ich Ihm umso mehr folgen, was immer Es von mir will!
KJ|0|105|15|0|Was wohl wird dir lieber sein: zu tun, was dies Kind aller Kinder will, oder zu sterben für ewig?“
KJ|0|105|16|0|Diese Worte des Cyrenius an die Eudokia waren von großer Wirkung.
KJ|0|105|17|0|Sie fing zwar an zu weinen, darum sie nun auf einmal so viel Herrlichkeit verlassen müsste,
KJ|0|105|18|0|aber sie dachte dabei, wie sich eines Gottes Rat nicht mehr abändern lässt; und so ergab sie sich in diese Fügung.
KJ|0|105|19|0|Es trat aber die Maria zur Eudokia hin und sprach zu ihr: „Eudokia! – traure nicht ob diesem Tausch!
KJ|0|105|20|0|Denn du gabst nur eine gar geringe Herrlichkeit hin, um für sie eine gar große andere zu empfangen!
KJ|0|105|21|0|Siehe, auch ich bin eines Königs Tochter, aber die königliche Herrlichkeit ist lange vergangen, und siehe, nun bin ich eine Magd des Herrn, und das ist eine größere Herrlichkeit als alles Königtum der Welt!“
KJ|0|105|22|0|Diese Worte wirkten gar mächtig auf die Eudokia, und sie fing an Herz zu fassen im Hause Josephs.
KJ|0|106|1|1|Eudokia verlangt nach Aufklärung über das Jesuskind
KJ|0|106|1|1|Am 2. Jänner 1844
KJ|0|106|1|0|Es fragte aber die Eudokia die Maria, woher es denn komme, dass dies Kindlein so voll Wunderkraft und so höchst göttlicher Natur sei.
KJ|0|106|2|0|Und wie es denn gekommen wäre, dass nun der Cyrenius gar so sehr von den Worten des Kindleins abhänge.
KJ|0|106|3|0|Maria aber sprach zur Eudokia gar holdseligst: „Liebe Eudokia! Siehe, es lässt sich nicht ein jeder Prügel übers Knie brechen!
KJ|0|106|4|0|Jedes Ding braucht seine Zeit und seine Weile; mit der lieben Geduld kommen wir am weitesten!
KJ|0|106|5|0|Wirst du erst eine Zeit bei mir sein, da wirst du schon alles erfahren; vorderhand aber glaube, dass dies Kind größer ist als alle Helden und Götter Roms!
KJ|0|106|6|0|Hast du vorgestern nicht verspürt die große Macht des Sturmes?
KJ|0|106|7|0|Siehe, dieser kam aus der mächtigen Hand Dessen, den noch die Tullia lockt!
KJ|0|106|8|0|Siehe, was aber die Gewalt dieses Sturmes mit den Tempeln in der Stadt tat, das könnte sie auch mit der ganzen Erde tun!
KJ|0|106|9|0|Nun weißt du vorderhand genug und darfst nicht mehr wissen deines Heils willen;
KJ|0|106|10|0|wann du aber reifer wirst, dann wirst du auch mehr erfahren!
KJ|0|106|11|0|Darum bitte ich dich auch deines Heils willen, dass du davon schweigst vor jedermann; redest du aber davon, so wirst du gerichtet werden!“
KJ|0|106|12|0|Diese Worte Marias brachten die Eudokia zur Ruhe, und sie fing an bei sich gar sehr darüber nachzudenken, was sie von der Maria vernommen hatte.
KJ|0|106|13|0|Maria aber ging hin zur Tullia und nahm ihr das Kindlein wieder von den Armen, und sprach zu ihr:
KJ|0|106|14|0|„Siehe, dich hat dies mein Söhnchen schon gesegnet, und du wirst darum glücklich sein für immer!
KJ|0|106|15|0|Dort aber ist die arme Eudokia; diese hat bis jetzt noch nicht die endlos große Wohltat des Kindleinssegens empfunden! Daher will ich das Kindlein auch auf die Arme der Eudokia legen, auf dass sie empfinde, welche Macht aus dem Kindlein geht!“
KJ|0|106|16|0|Darauf trug die Maria das Kindlein zur Eudokia hin und sprach zu ihr:
KJ|0|106|17|0|„Hier – Eudokia, ist mein und dein Heil! Nehme es auf eine kurze Zeit auf deine Arme und empfinde, wie süß es ist, eine Mutter solch eines Kindes zu sein!“
KJ|0|106|18|0|Mit großer Ehrfurcht nahm die Eudokia das Kindlein auf ihre Arme;
KJ|0|106|19|0|aber sie fürchtete dies geheimnisvollste Kind und getraute sich dabei kaum zu rühren.
KJ|0|106|20|0|Das Kindlein aber lächelte und sprach: „O Eudokia! Fürchte dich nicht vor Mir; denn Ich bin nicht dein Verderber, sondern dein Heiland!
KJ|0|106|21|0|In der Kürze der Zeit aber wirst du Mich schon besser kennenlernen, als du Mich jetzt kennst!
KJ|0|106|22|0|Dann wirst du Mich nicht mehr fürchten, sondern lieben, wie Ich dich liebe!“ – Diese Worte benahmen der Eudokia die Furcht, und sie fing an, das Kindlein zu herzen und zu kosen.
KJ|0|107|1|1|Die große Uneigennützigkeit Josephs. Cyrenius übergibt ihm acht arme Kinder zur Erziehung
KJ|0|107|1|1|Am 3. Jänner 1844
KJ|0|107|1|0|Nun aber sprach der Cyrenius zum Joseph: „Erhabener Freund und Bruder! Ich habe nun in deinem Haus mein größtes Glück in jeder Hinsicht gemacht; sage nun, welchen Lohn du für dich von mir verlangst?!
KJ|0|107|2|0|O sage, wie kann ich es dir nur im geringsten Maße vergelten, was alles du an mir getan hast?!
KJ|0|107|3|0|Bringe aber ja etwa nicht diese Villa in den Anschlag, welche als Lohn für dich wohl etwas zu Geringes und zu Elendes ist!“
KJ|0|107|4|0|Und der Joseph sprach: „O Bruder und Freund! Was wohl hältst du von mir?!
KJ|0|107|5|0|Meinst du denn, ich bin ein Wohltatskrämer und tue Gutes nur eines Lohnes wegen?
KJ|0|107|6|0|O wie groß irrst du dich da, wenn du solches von mir glaubst!
KJ|0|107|7|0|Siehe, ich kenne nichts Elenderes als einen bezahlten Wohltäter und eine bezahlte Wohltat!
KJ|0|107|8|0|Wahrlich, ich sei verflucht und der Tag und die Stunde, in der ich geboren ward, so ich von dir auch nur einen Stater annehmen möchte!
KJ|0|107|9|0|Nehme du daher nur ganz wohlgemut dein Weib zu dir, die gereinigte Tullia; was du ihr und noch so manchen Armen tun wirst, das werde ich allzeit als einen guten Lohn für meine Taten an dir ansehen und annehmen!
KJ|0|107|10|0|Dieses Haus doch verschone mit jeder Dotation; denn was ich habe, ist genug für uns alle – wozu solle da ein mehreres?
KJ|0|107|11|0|Du meinst etwa, ich werde für die Eudokia irgendein Kostgeld von dir verlangen? Oh – des sei ruhig!
KJ|0|107|12|0|Ich nehme sie auf als eine Tochter und werde sie erziehen in der Gnade Gottes.
KJ|0|107|13|0|Wo aber ist wohl der Vater, der sich für die Erziehung seiner Tochter je noch von jemandem hatte etwas zahlen lassen?!
KJ|0|107|14|0|Ich sage dir, Eudokia ist mehr wert als alle Welt; daher gibt es auf der Welt auch keinen Lohn, der mir nun um sie annehmbar geboten werden könnte.
KJ|0|107|15|0|Der große Lohn aber, den ich für all mein Tun habe, siehe, der liegt nun in den Armen der Eudokia!“
KJ|0|107|16|0|Als aber der Cyrenius diese große Uneigennützigkeit Josephs ersah, da sprach er höchst gerührt:
KJ|0|107|17|0|„Wahrlich, vor Gott und allen Menschen der Erde stehst du allein da als ein Mensch aller Menschen!
KJ|0|107|18|0|Dich mit Worten zu rühmen, wäre eine vergebliche Mühe; denn du bist über jedes Menschenwort erhaben!
KJ|0|107|19|0|Ich aber weiß, was ich tun werde, um dir zu zeigen, wie überaus hoch ich dich achte und schätze!
KJ|0|107|20|0|Ein Geschenk werde ich dir machen, das du sicher nicht von dir abweisen wirst!
KJ|0|107|21|0|Siehe, ich habe in Tyrus drei Mädchen und fünf Knaben von ganz dürftigen Eltern, die aber schon verstorben sind.
KJ|0|107|22|0|Diese lieben Kinder werde ich hierher zu dir bringen lassen, auf dass sie von dir erzogen werden!
KJ|0|107|23|0|Dass ich für ihren Unterhalt sorgen werde, des kannst du vollends versichert sein.
KJ|0|107|24|0|Wirst du mir auch das abschlagen? – Nein, Joseph, du mein erhabenster Bruder, das wirst du sicher nicht tun!“
KJ|0|107|25|0|Und der Joseph sprach ganz gerührt: „Nein, Bruder, das werde ich dir nimmer versagen! Sende diese Kinder daher nur so bald als möglich hierher; sie sollen bestens versorgt werden in allem, was ihnen nottut!“
KJ|0|108|1|1|Die Bedenken des Cyrenius wegen der Einsegnung der Ehe
KJ|0|108|1|1|Am 4. Jänner 1844
KJ|0|108|1|0|Der Cyrenius, durch diese Versicherung Josephs ganz zufriedengestellt, sagte darauf zum Joseph:
KJ|0|108|2|0|„Erhabenster Freund! – nun ist ein jeder meiner Wünsche erfüllt, und ich habe nun nichts mehr, das ich wünschen möchte!
KJ|0|108|3|0|Nur ein fataler Umstand waltet noch neben meinem großen Glück, und dieser besteht darinnen:
KJ|0|108|4|0|Tullia, die himmlische, ist nun zwar von Gott aus gesegnet mein rechtmäßigstes Weib; aber siehe, ich bin dem Außen nach noch ein Römer und muss daher auch des Volkes wegen mich von einem Priester zeugnisweise förmlich einsegnen lassen!
KJ|0|108|5|0|Eine solche Einsegnung aber kann nur von einem Oberpriester des Hymen vorgenommen werden, wodurch sie dann erst ein rechtskräftiges Bündnis wird.
KJ|0|108|6|0|Wie stellen wir aber hier solches an, da außer den drei Unterpriestern nicht einer mehr vorhanden ist?“
KJ|0|108|7|0|Und der Joseph sprach zum Cyrenius: „Was kümmert dich das, an dem nichts liegt?
KJ|0|108|8|0|Wenn du nach Tyrus wieder zurückkehren wirst, da wirst du der Priester genug treffen, die dich ums Geld einsegnen werden, wenn du schon auf dieser Einsegnung Wert irgendein Gewicht legst.
KJ|0|108|9|0|So du aber bleibst, wie du nun bist, so wirst du besser tun; denn du bist ja auch ein Herr über dein eigen Gesetz!?
KJ|0|108|10|0|Ich aber erinnere mich, einmal von einem Römer gehört zu haben, dass da in Rom ein geheimes Gesetz bestehe, welches also laute:
KJ|0|108|11|0|‚So ein Mann ein Mädchen erwählt in der Gegenwart eines Stummen, eines Narren oder eines unmündigen Kindes,
KJ|0|108|12|0|und diese sind bei der Erwählung gutmütig und lächeln dabei, so ist die Ehe dadurch vollkommen gültig, und muss darauf dem betreffenden Priester davon eine Anzeige gemacht werden,
KJ|0|108|13|0|wobei freilich ein kleines glänzendes Opfer nicht fehlen darf.‘
KJ|0|108|14|0|Hat es mit diesem geheimen Gesetz seine Richtigkeit, was braucht es da mehr?
KJ|0|108|15|0|Lasse die drei Priester kommen, die da bei mir sind; diese werden dir das Zeugnis geben, dass du in der Gegenwart eines dich anlächelnden und dich sogar segnenden Kindes, das erst kaum im vierten Monat Alters ist, die Tullia erwählt hast!
KJ|0|108|16|0|Hast du dieses ganz unschuldige Zeugnis und etwas Goldes, was braucht es da mehr fürs ganze römische Volk?!“
KJ|0|108|17|0|Und der Cyrenius hüpfte vor Freude förmlich in die Höhe und sprach zum Joseph:
KJ|0|108|18|0|„Fürwahr, du erhabenster Bruder hast vollkommen recht! Es besteht im Ernst ein solches Gesetz; nur konnte ich mich anfangs desselben nicht sogleich entsinnen!
KJ|0|108|19|0|Jetzt ist alles in der besten Ordnung; bestelle mir daher nur die drei Priester, und ich werde alsogleich über diesen Punkt eine gehörige Rücksprache mit ihnen führen!“ – Und Joseph ließ darauf sogleich die drei noch stummen Priester ins Zimmer treten.
KJ|0|109|1|1|Die Bedenken der drei Priester. Die Eheschließung des Cyrenius mit Tullia
KJ|0|109|1|1|Am 5. Jänner 1844
KJ|0|109|1|0|Die drei Priester kamen sogleich, und einer sagte: „Nur ein Gebot des Statthalters vermag uns heute die Zunge zu lösen;
KJ|0|109|2|0|denn wir taten heute am Morgen einen Schwur, diesen ganzen Tag über kein Wort zu reden und keinen Bissen in den Mund zu nehmen!
KJ|0|109|3|0|Aber, wie gesagt, wir brechen nun am Abend diesen Schwur, weil wir dazu durch das Gebot des Statthalters genötigt werden! Möge er dereinst für uns die Rechnung machen!“
KJ|0|109|4|0|Der Cyrenius aber sprach: „Wahrlich, genötigt habe ich euch mitnichten; aber so ihr euch darüber ein Gewissen macht, da nehme ich ja recht gerne die Rechnung auf mich!
KJ|0|109|5|0|Denn ich bin ja im Haus Dessen, den derlei Rechnungen grundursächlich angehen, und da glaube ich, dass es mir in der Probe dieser Rechnung nicht so schwer gehen dürfte, als ihr es euch törichterweise vorstellt!“
KJ|0|109|6|0|Und der Joseph sprach: „O Bruder! Die Probe ist schon fertig, daher sage den dreien nur, was du von ihnen zu verlangen hast!“
KJ|0|109|7|0|Einer der Priester aber kam dem Cyrenius zuvor und fragte ihn, was sie für ihn etwa tun sollten.
KJ|0|109|8|0|Und der Cyrenius, sich ganz kurz fassend, trug den dreien sogleich sein Anliegen vor.
KJ|0|109|9|0|Die drei aber sprachen: „Das Gesetz ist richtig, und die Tat ist es desgleichen; aber wir sind nur Unterpriester, und unser Zeugnis wird nicht als gültig angesehen werden!“
KJ|0|109|10|0|Und der Cyrenius erklärte ihnen, dass in diesem Falle wegen gänzlicher Ermangelung eines Oberpriesters jeder Unterpriester ein oberpriesterliches Amt und Recht auszuüben sogar verpflichtet sei.
KJ|0|109|11|0|Die Priester aber sprachen: „Das ist richtig; aber siehe, als wir vor zwei Tagen die oberpriesterliche Gewalt ausüben wollten, da hattest du uns verdammt!
KJ|0|109|12|0|Wenn wir nun wieder vor dir ein oberpriesterliches Recht ausübten, würdest du uns da nicht abermals etwa verdammen?!“
KJ|0|109|13|0|Cyrenius aber sprach etwas erregt: „Damals verdammte ich euch, weil ihr ein oberpriesterliches Recht ganz gesetzwidrig ausüben wolltet.
KJ|0|109|14|0|Nun aber habt ihr das gesetzliche Recht vor euch; so ihr darnach handelt, da habt ihr sicher keine Verdammung von mir zu fürchten!
KJ|0|109|15|0|Wohl aber will ich euch darob ein Opfer verabreichen, das euch euren Lebensunterhalt sichern solle, und ein Opfer für Rom wird nicht unterm Wege bleiben!“
KJ|0|109|16|0|Und die Priester sprachen: „Gut, aber wir drei gehören nun auch nicht mehr den Göttern zu und wollen mit Roms Heidentum nichts mehr zu schaffen haben!
KJ|0|109|17|0|Wird unser Zeugnis wohl gültig sein, so man in Rom erfahren wird, dass wir zum Glauben Israels übergetreten sind?“
KJ|0|109|18|0|Und der Cyrenius sprach: „Ihr wisst es so gut als ich, dass in Rom ums Geld jedes Zeugnis gültig ist!
KJ|0|109|19|0|Daher tut ihr das, was ich von euch verlange, alles andere geht euch nichts an; denn darum werde schon ich sorgen!“
KJ|0|109|20|0|Diese Versicherung erst bewog die Priester, dem Cyrenius das verlangte Zeugnis auszustellen und ihn damit zu segnen.
KJ|0|109|21|0|Als der Cyrenius nun das Zeugnis hatte, dann erst reichte er der Tullia die Hand und erhob sie als nun sein rechtmäßiges Weib
KJ|0|109|22|0|und gab ihr einen Ring und ließ sogleich königliche Kleider für sie aus der Stadt holen.
KJ|0|110|1|1|Das Jesuskind tröstet die Eudokia
KJ|0|110|1|1|Am 8. Jänner 1844
KJ|0|110|1|0|In kurzer Zeit waren die königlichen Kleider für die Tullia herbeigeschafft, und sie ward mit denselben angetan, wie schon voran bemerkt ward.
KJ|0|110|2|0|Maria aber nahm ihr Kleid wieder, wusch es, und behielt es dann wieder für sich.
KJ|0|110|3|0|Cyrenius wollte der Maria freilich wohl auch königliche Kleider dafür geben;
KJ|0|110|4|0|aber Maria wie Joseph lehnten solches feierlichst von sich ab.
KJ|0|110|5|0|Da aber die Eudokia sah die Tullia in ihrer wahren Königspracht, da ward es ihr doch schwer ums Herz, dass sie heimlich zu seufzen anfing.
KJ|0|110|6|0|Aber das Kindlein sprach leise zu ihr: „Eudokia, Ich sage dir, seufze du nicht der Welt wegen, sondern seufze du deiner Sünde wegen, so wirst du besser fahren!
KJ|0|110|7|0|Denn siehe, Ich bin mehr als Cyrenius und Rom; hast du Mich, dann hast du mehr, als besäßest du die ganze Welt.
KJ|0|110|8|0|Willst du aber Mich vollkommen haben, dann musst du bereuen deine Sünde, der zufolge du unfruchtbar wurdest.
KJ|0|110|9|0|Wirst du aber in Liebe zu Mir deine Sünden bereuen, dann erst wirst du nach dem Maße deiner Liebe zu Mir erkennen, Wer Ich so ganz eigentlich bin!
KJ|0|110|10|0|Wann du Mich aber erkennen wirst, dann wirst du glücklicher sein, als wärest du die Gemahlin des Kaisers selbst!
KJ|0|110|11|0|Denn siehe, der Kaiser muss starke Wachen halten, auf dass er nicht vom Thron vertrieben wird.
KJ|0|110|12|0|Ich aber bin Mir allein genug; Geister, Sonnen, Monde, Erden und alle Elemente sind Mir gehorsam; und dennoch brauche Ich keine Wachen und lasse Mich von dir dennoch auf den Armen tragen trotz dem, dass du eine Sünderin bist!
KJ|0|110|13|0|Daher sei ruhig und weine nicht; denn du hast empfangen, was der Tullia abgenommen ward, da sie empfing die königlichen Kleider!
KJ|0|110|14|0|Und das ist endlos mehr als jene goldschimmernden Königskleider, welche tot sind und den Tod bringen,
KJ|0|110|15|0|während du das Leben auf deinen Armen trägst und den Tod ewig nimmer schmecken wirst, so du Mich liebst!“
KJ|0|110|16|0|Diese Worte des Kindleins wirkten so sehr heilsam auf das Gemüt der Eudokia, dass sie vor gar großen Freuden hoher seligster Verwunderung zu weinen anfing.
KJ|0|110|17|0|Maria aber bemerkte, dass die Eudokia in Freudentränen ihre Augen badete, ging darum zu ihr und fragte sie:
KJ|0|110|18|0|„Holde Eudokia, was wohl ist dir, darum ich süße Tränen in deinen Augen entdecke?“
KJ|0|110|19|0|Und die Eudokia erwiderte nach einem tiefen Wonneseufzer:
KJ|0|110|20|0|„O du glücklichste der Mütter auf der ganzen Erde! Siehe, dein Kindlein hat zu mir wunderbar geredet!
KJ|0|110|21|0|Wahrlich, nicht sterbliche Menschen in all ihrer Weltgröße, sondern nur Götter können solcher Worte fähig sein!
KJ|0|110|22|0|Großer Gedanken und Ahnungen ist nun voll meine Brust. Wie aus einer verborgenen Tiefe steigen sie in mir gleich wie helle Sterne aus dem Meer empor; und darum weine ich vor Entzückung!“
KJ|0|110|23|0|Maria aber sprach: „Eudokia, gedulde dich nur, nach den Sternen wird auch die Sonne kommen; in ihrem Licht erst wirst du erschauen, wo du bist! Aber nun still, denn Cyrenius kommt hierher.“
KJ|0|111|1|1|Das Jesuskind segnet das Brautpaar. Seine Warnung vor dem trügerischen Glück der Welt
KJ|0|111|1|1|Am 9. Jänner 1844
KJ|0|111|1|0|Als der Cyrenius mit der Tullia hinkam zur Eudokia, die noch das Kindlein auf dem Arm hielt, da sprach er zum Kindlein:
KJ|0|111|2|0|„O Du mein Leben, Du mein Alles; Dir allein danke ich dies mein großes, wunderbares Glück!
KJ|0|111|3|0|Ich tat nur etwas Weniges für Dich, und Du belohntest mich so unaussprechlich und machtest mich zum glücklichsten Menschen der Erde!
KJ|0|111|4|0|O wie soll ich armer Sünder Dir je genug dafür danken können?!“
KJ|0|111|5|0|Das Kindlein aber richtete Sich auf, hob Seine rechte Hand empor und sprach:
KJ|0|111|6|0|„O Mein lieber Cyrenius Quirinus, Ich segne dich nun und dein Weib Tullia, auf dass ihr auf der Welt miteinander glücklich leben sollt!
KJ|0|111|7|0|Aber das sage Ich dir auch, schätze dich im Glück der Welt nie als zu glücklich, sondern halte die Welt samt ihrem Glück für einen Schauplatz des Truges, so wirst du in der rechten Weisheit das Leben der Welt genießen!
KJ|0|111|8|0|Denn siehe, alles in der Welt ist gerade das Gegenteil von dem, als was es sich dir darstellt; die alleinige Liebe nur, wenn sie aus des Herzens Grunde kommt, ist wahr und gerecht!
KJ|0|111|9|0|Wo du Leben ohne der Liebe erblickst, da ist kein Leben, sondern der Tod!
KJ|0|111|10|0|Wo du aber ob der Ruhe der wahren Liebe den Tod wähnst, da ist Leben zu Hause, und niemand kann dasselbe zerstören!
KJ|0|111|11|0|Du weißt es nicht, wie locker die Unterlage ist, auf der du stehst; Ich aber weiß es, darum sage Ich dir solches alles!
KJ|0|111|12|0|Grabe hier nur tausend Klafter tief, und du wirst einen mächtigen Abgrund vor dir haben, der dich verschlingen wird.
KJ|0|111|13|0|Also grabe nicht zu tief in die Welt hinein, und freue dich der Entdeckungen in der Tiefe der Welt nicht!
KJ|0|111|14|0|Denn wo immer jemand zu tief in die Welt hinein gräbt, da auch bereitet er sich den eigenen Untergang.
KJ|0|111|15|0|Traue dem Punkt nicht, auf dem du stehst; denn er ist locker und kann dich verschlingen, so du ihn aufgräbst und machst eine Mine in den Boden!
KJ|0|111|16|0|Bedenke, alles auf der Welt kann dich töten, weil alles selbst in sich den Tod trägt; nur die alleinige Liebe nicht, so du sie bewahrst in ihrer Reinheit!
KJ|0|111|17|0|Mischst du sie aber mit weltlichen Dingen, so wird sie schwer und kann dich auch töten, wie leiblich also auch geistig.
KJ|0|111|18|0|Bleibe sonach in der reinen uneigennützigen Liebe; liebe den einen Gott als deinen Vater und Schöpfer über alles und die Menschen als deine Brüder wie dich selbst, so wirst du das ewige Leben haben in solcher deiner Liebe, Amen.“
KJ|0|111|19|0|Diese überweisen Worte des Kindleins flößten dem Cyrenius wie allen Anwesenden eine so tiefe Achtung ein, dass sie bebten am ganzen Leib.
KJ|0|111|20|0|Joseph aber ging hin zum Cyrenius und sprach: „Bruder, fasse dich, und ziehe unter dem Segen dieses Hauses in die Stadt! Halte aber alles, was du hier hörtest und empfingst, vorderhand verborgen! Morgen aber komme und halte hier das Hochzeitsmahl!“ – Und der Cyrenius begab sich sogleich in die Stadt mit der Tullia und mit seinem Gefolge.
KJ|0|112|1|1|Weißgekleidete Jünglinge helfen im Stall und in der Küche
KJ|0|112|1|1|Am 10. Jänner 1844
KJ|0|112|1|0|Als der Cyrenius schon ziemlich stark am Abend aus dem Haus Josephs mit den Seinen sich in die Stadt begab, da sagte der Joseph zu seinen Söhnen:
KJ|0|112|2|0|„Kinder, geht nun, und bestellt unsere Wirtschaft, versorgt die Kühe und die Esel, und bereitet uns dann ein Nachtmahl, und das ein gutes und frisches; denn ich muss ja heute noch meine neue Tochter beim fröhlichen Mahl adoptieren und segnen!“
KJ|0|112|3|0|Darauf gingen die Söhne Josephs sogleich und taten, wie es ihnen der Joseph befohlen hatte.
KJ|0|112|4|0|Aber wie erstaunten sie, als sie im Stall mehrere weißgekleidete Jünglinge antrafen, die da gar emsig das Vieh Josephs warteten.
KJ|0|112|5|0|Die Söhne Josephs fragten sie, wer ihnen solches zu tun geboten hatte, und wessen Diener sie seien.
KJ|0|112|6|0|Die Jünglinge aber sprachen: „Wir sind allzeit Diener des Herrn, und der Herr hat solches zu tun uns geboten; darum tun wir es auch!“
KJ|0|112|7|0|Die Söhne Josephs aber fragten die Jünglinge: „Wer ist euer Herr, und wo ist er zu Hause, ist es etwa der Cyrenius?“
KJ|0|112|8|0|Und die Jünglinge sprachen: „Unser Herr ist auch der eurige, wohnt bei euch, aber Cyrenius ist nicht Sein Name!“
KJ|0|112|9|0|Da meinten die Söhne Josephs, solches sei offenbar ihr Vater selbst, und sprachen daher zu den Jünglingen:
KJ|0|112|10|0|„Wenn also, da geht mit uns, auf dass euch unser Vater, der hier der Herr dieses Hauses ist, erkenne, ob ihr wirklich seine Diener seid!“
KJ|0|112|11|0|Und die Jünglinge sprachen: „Melkt die Kühe zuvor, sodann wollen wir mit euch gehen und uns eurem Herrn vorstellen!“
KJ|0|112|12|0|Hier nahmen die Söhne die Milchgefäße und melkten dreimal so viel als sonst, wenn sie ihre Kühe zuvor noch so gut bestellt hatten.
KJ|0|112|13|0|Da erstaunten sie über die Maßen und konnten sich nicht erklären, wie die Kühe diesmal gar so viel Milch gaben.
KJ|0|112|14|0|Als sie aber mit dem Melken der Kühe zu Ende waren, da sprachen die Jünglinge:
KJ|0|112|15|0|„Nun, da ihr mit eurer Arbeit fertig seid, so lasst uns ins Haus ziehen, allda euer und unser Herr wohnt!
KJ|0|112|16|0|Aber euer Vater hatte auch ein gutes Nachtmahl bei euch angeordnet; dieses muss eher bereitet sein, bevor wir ins Gemach des Herrn treten!“
KJ|0|112|17|0|Sogleich gingen die Jünglinge in die Küche, und siehe, da waren auch schon mehrere Jünglinge mit der Bereitung eines köstlichen Abendmahls vollauf beschäftigt.
KJ|0|112|18|0|Es dauerte aber dem Joseph die Arbeit der Söhne etwas über die gewohnten Maßen; daher ging er nachzusehen, was diese täten.
KJ|0|112|19|0|Wie aber erstaunte er, als er die Küche gedrängt voll Arbeiter traf!
KJ|0|112|20|0|Er fragte sogleich die Söhne, was denn das um des Herrn willen wäre.
KJ|0|112|21|0|Aber die Jünglinge antworteten: „Joseph, kümmere dich nicht; denn was da ist und geschieht, ist und geschieht wirklich um des Herrn willen! Lasse uns aber erst das Nachtmahl bereiten, dann wirst du das Nähere vom Herrn Selbst erfahren.“
KJ|0|113|1|1|Joseph tröstet die furchtsame Maria. Gemeinsames Abendmahl mit den Erzengeln des Herrn
KJ|0|113|1|1|Am 11. Jänner 1844
KJ|0|113|1|0|Joseph ging darauf sogleich wieder ins Zimmer und erzählte der Maria und der Eudokia, was er nun gesehen habe, und was draußen in der Küche vor sich gehe.
KJ|0|113|2|0|Maria und die Eudokia erstaunten darob ganz gewaltig, und die Maria sprach:
KJ|0|113|3|0|„O großer Gott, so sind wir doch keine Sekunde sicher vor Deinen Heimsuchungen! Kaum hat die eine den Fuß außer der Tür, so setzen schon wieder hundert neue dafür die Füße ins Zimmer!
KJ|0|113|4|0|O Herr, willst Du uns denn gar keine Ruhe gönnen?! Sollen wir etwa schon wieder fliehen, und nun etwa vor den Römern? Oder was soll aus dieser Erscheinung werden?!“
KJ|0|113|5|0|Joseph aber sprach: „Liebe Maria, ängstige dich nicht vergeblich! Siehe, wir sind ja lauter Wanderer in dieser Welt, und der Herr ist unser Führer!
KJ|0|113|6|0|Wohin der Herr uns führen will, dahin folgen wir Ihm auch ganz ergeben in Seinen heiligen Willen; denn Er allein weiß es ja, wo und was für uns am besten ist!
KJ|0|113|7|0|Siehe, du ängstigst dich allzeit, so uns der Herr etwas Neues zusendet; ich aber bin darob voll Freuden, – denn nun weiß ich es ja, dass der Herr allzeit für unser Bestes sorgt!
KJ|0|113|8|0|Heute morgen hatte der Herr eine starke Prüfung über mich gesandt; ich ward darob sehr traurig.
KJ|0|113|9|0|Aber die Traurigkeit währte nicht lange; der Getötete ward erweckt und lebt, und ich bin wieder voll Heiterkeit und freue mich nun auf ein gutes, gesegnetes Nachtmahl.
KJ|0|113|10|0|Tue du desgleichen, und es wird dir viel besser bekommen als alle deine vergebliche jugendliche Furcht und Ängstlichkeit!“
KJ|0|113|11|0|Diese Worte Josephs beruhigten die Maria, und sie ward nun selbst voll Neugierde, zu sehen die neuen Köche in der Küche.
KJ|0|113|12|0|Sie erhob sich darum und wollte nachsehen; aber im Augenblick traten die Söhne Josephs mit Speisen beladen ins Zimmer, und alle die Jünglinge folgten ihnen mit der allerhöchsten Ehrfurcht.
KJ|0|113|13|0|Und als sie in die Nähe des Kindleins kamen, da fielen sie plötzlich auf ihre Knie nieder und beteten dasselbe an.
KJ|0|113|14|0|Das Kindlein aber richtete Sich auf und sprach zu den Jünglingen: „Erhebt euch, ihr Erzengel Meiner endlosen Himmel!
KJ|0|113|15|0|Ich habe eure Bitte erhört! Eure Liebe will Mir dienen auch hier in Meiner Niedrigkeit; doch Ich, euer Herr von Ewigkeit, habe noch nie eures Dienstes bedurft!
KJ|0|113|16|0|Da aber eure Liebe so mächtig ist, da bleibt drei Erdtage hier und dient diesem Haus; aber außer denen, die hier im Haus sind, erfahre niemand, wer ihr seid!
KJ|0|113|17|0|Nun aber haltet das Nachtmahl mit Meinem Nährvater und mit Meiner Gebärerin und mit dieser Tochter, die Mich auf ihren Händen hat, mit den drei Suchenden und mit Meinen Brüdern!“
KJ|0|113|18|0|Darauf erhoben sich die Jünglinge, Maria nahm das Kindlein, und alles setzte sich zum Tisch, stimmte mit Joseph das Loblied an, und aß und trank überselig und fröhlich.
KJ|0|113|19|0|Die Erzengel als Jünglinge aber weinten vor Seligkeit und sprachen:
KJ|0|113|20|0|„Wahrlich, Ewigkeiten sind unter unseren Blicken vergangen voll der höchsten Wonne!
KJ|0|113|21|0|Aber alle die wonnevollsten Ewigkeiten sind aufgewogen durch diesen Augenblick, in dem wir am Tisch des Herrn speisen, ja am Tisch Seiner Kinder, unter denen Er ist in aller Seiner Fülle! O Herr! Lasse auch uns zu Deinen Kindern werden!“
KJ|0|114|1|1|Zuriel und Gabriel geben sich Maria zu erkennen. Der Größte ist der Geringste
KJ|0|114|1|1|Am 12. Jänner 1844
KJ|0|114|1|0|Als das Nachtmahl eingenommen war und sodann alle dem Herrn mit Joseph ein Danklied dargebracht hatten, da sprach einer der Jünglinge zur Maria:
KJ|0|114|2|0|„Maria, du Gebenedeite unter den Weibern der Erde! Erinnerst du dich meiner nicht mehr? Bin ich nicht der, welcher im Tempel so oft mit dir gespielt hat und hat dir allzeit eine gute Speise und einen süßen Trank gebracht?“
KJ|0|114|3|0|Hier schmuzte [schmunzelte] die Maria und sprach: „Ja, ich erkenne dich, du bist Zuriel, ein Erzengel! Du hast mich aber manchmal auch sehr geneckt, da du mit mir sprachst, aber dich nicht sehen ließest;
KJ|0|114|4|0|und ich musste dich oft stundenlang bitten, bis du dich bewegen ließest dazu, dass ich dich ersah!“
KJ|0|114|5|0|Und der Jüngling sprach: „Siehe, du gebenedeite Mutter, also war es des Herrn Wille, der dich überlieb hatte.
KJ|0|114|6|0|Wie aber das Herz in dir, als der Sitz der Liebe, fortwährend pocht und dein ganzes Wesen stupft und neckt,
KJ|0|114|7|0|also ist das auch die Art der Liebe des Herrn, dass sie ihre Lieblinge fortwährend stupft, zupft und neckt, aber auch eben dadurch das Leben bildet und dauerhaft macht für die Ewigkeit!“
KJ|0|114|8|0|Maria ward über diese Erklärung sehr erfreut und lobte die große Güte des Herrn.
KJ|0|114|9|0|Ein anderer Jüngling aber wandte sich auch zur Maria und sprach: „Gebenedeite Jungfrau! Erkennst du auch mich? Es wird nicht viel über ein Jahr sein, als ich dich besucht habe in Nazareth!“
KJ|0|114|10|0|Und Maria erkannte ihn an der Stimme und sprach: „Ja, ja, du bist Gabriel! Wahrlich, dir gleich ist keiner; denn du hast der Erde wohl die größte Botschaft gebracht, und das Heil allen Völkern!“
KJ|0|114|11|0|Und der Jüngling erwiderte der Maria: „O Jungfrau! – im Anfang hast du dich geirrt; denn siehe, der Herr hat schon mit mir angefangen, Sich zur Ausführung der größten Tat der kleinsten und geringsten Mittel zu bedienen!
KJ|0|114|12|0|Darum bin ich wohl nur der Geringste und Kleinste im Reich Gottes, aber nicht der Größte! Wohl habe ich der Erde die größte und heiligste Botschaft gebracht;
KJ|0|114|13|0|aber darum bin ich nicht, als wäre mir an Größe keiner gleich; wohl aber umgekehrt, wie ich nämlich der Geringste bin im Reich Gottes!“
KJ|0|114|14|0|Da verwunderte sich Maria samt Joseph über die große Demut des Jünglings.
KJ|0|114|15|0|Das Kindlein aber sprach: „Ja, dieser Engel hat recht! Im Anfang war der Größte Mir der Nächste.
KJ|0|114|16|0|Dieser aber erhob sich und wollte Mir gleich sein, und wollte Mich übertreffen, und entfernte sich darum von Mir.
KJ|0|114|17|0|Darum aber baute Ich dann Himmel und Erde und gab die Ordnung, dass nur das Geringe Mir am nächsten sein solle!
KJ|0|114|18|0|Nun aber erwählte Ich für Mich alle Niedrigkeit der Welt; und es werden darum nur die die Größten sein bei Mir, die gleich Mir in der Welt wie in sich selbst die Geringsten und Niedrigsten sind.
KJ|0|114|19|0|Und so hast du, Mein Gabriel, recht aus dir, und die Mutter hat auch recht; denn also bist du der Größte, weil du der Geringste bist aus und in dir!“
KJ|0|114|20|0|Als das Kindlein solche Worte zu dem Jüngling Gabriel redete, da fielen sobald alle Jünglinge nieder auf ihre Knie und beteten Dasselbe an.
KJ|0|114|21|0|Die Eudokia aber forschte hin und her; denn sie wusste nicht, was sie aus diesen überschönen Jünglingen machen sollte.
KJ|0|114|22|0|Sie vernahm wohl, wie man diese Jünglinge ‚Erzboten‘ nannte, und das aus dem Reich Gottes, aber sie hielt Palästina wie auch Oberägypten dafür. Sie fragte daher, ob das etwa Gesandte seien.
KJ|0|114|23|0|Ein Jüngling aber sprach: „Eudokia, gedulde dich nur! Siehe, wir verbleiben ja drei Tage hier, und da werden wir uns schon noch besser kennenlernen!“ – Und die Eudokia war damit zufrieden und begab sich bald zur Ruhe.
KJ|0|115|1|1|Ein nächtlicher Überfall wird von den Erzengeln vereitelt
KJ|0|115|1|1|Am 13. Jänner 1844
KJ|0|115|1|0|Joseph aber sprach: „Kinder und Freunde! Es ist schon spätabends geworden; daher meine ich, es wird an der Zeit sein, sich zur Ruhe zu begeben?!“
KJ|0|115|2|0|Die Jünglinge aber sprachen: „Ja, Vater Joseph, du hast recht; ihr alle, die ihr noch in den sterblichen Leibern wohnt, geht zur stärkenden Ruhe!
KJ|0|115|3|0|Wir aber werden hinausziehen vor dein Haus und werden es bewachen!
KJ|0|115|4|0|Denn es hat der Feind des Lebens nun listigerweise erfahren, dass hier der Herr wohnt, und hat beschlossen, in dieser Nacht dieses Haus mörderisch zu überfallen.
KJ|0|115|5|0|Daher aber sind wir da, um zu schützen dieses Haus; und so der Feind kommen wird, da soll er übel zugerichtet werden!“
KJ|0|115|6|0|Joseph und Maria, die noch wache Eudokia, die drei Priester und die Söhne Josephs erschraken gewaltigst über diese Nachricht.
KJ|0|115|7|0|Und Joseph sprach: „Wenn also, da mag ich nicht ruhen, sondern mit euch wachen die ganze Nacht hindurch!“
KJ|0|115|8|0|Die Jünglinge aber sprachen: „Seid alle ganz außer Sorge; wir sind unser genug und haben auch Kraft genug, nach dem Willen des Herrn die ganze Schöpfung in Nichts zu verwandeln!
KJ|0|115|9|0|Wie sollen wir uns dann vor einer Handvoll bedungener feiger Mörder fürchten!?
KJ|0|115|10|0|Denn siehe, die ganze Sache besteht darinnen: Einige Freunde der zugrunde gegangenen Priesterschaft haben in Erfahrung gebracht durch die Mühe des Satans, dass der Cyrenius ein großer Freund der Juden geworden ist, und das durch dieses Haus.
KJ|0|115|11|0|Darum machten sie ein geheimes Komplott und schworen, in dieser Nacht dies Haus zu überfallen und alles zu ermorden, was darinnen ist.
KJ|0|115|12|0|Wir aber haben solchen Plan schon lange vorgesehen [vorhergesehen] und sind darum gekommen, um dieses Haus zu schützen.
KJ|0|115|13|0|Sei daher ganz ruhig; morgen aber wirst du sehen, wie wir diese Nacht hindurch für dich arbeiten werden!“
KJ|0|115|14|0|Als der Joseph aber solche treue Schutzversicherung von den Jünglingen vernommen hatte, da lobte und pries er Gott,
KJ|0|115|15|0|zeigte darauf zuerst der Eudokia ihr Schlafgemach, segnete sie als seine Tochter, und sie begab sich zuerst und sogleich zur Ruhe.
KJ|0|115|16|0|Darauf ging Maria mit dem Kindlein ins selbe Gemach und nahm diesmal Dasselbe zu sich ins Bett.
KJ|0|115|17|0|Dann gingen auch die drei Priester in ihr Gemach; Joseph und die Söhne aber blieben im Speisezimmer und wachten.
KJ|0|115|18|0|Die Jünglinge aber gingen hinaus und lagerten sich um das Haus.
KJ|0|115|19|0|Als die Mitternacht herankam, da vernahm man Waffengeklirr auf dem Weg aus der Stadt zur Villa.
KJ|0|115|20|0|In wenigen Minuten war das ganze Haus Josephs umzingelt von dreihundert bewaffneten Männern.
KJ|0|115|21|0|Als sie aber nun ins Haus dringen wollten, da erhoben sich die Jünglinge und erwürgten im Augenblick bis auf einen Mann die ganze Schar.
KJ|0|115|22|0|Den einen aber banden sie und führten ihn in eine Kammer zum Zeugnis für den nächsten Tag.
KJ|0|115|23|0|Und so ward Josephs Haus wunderbar gerettet und blieb dann im Frieden und sicher vor jedem künftigen Anfall.
KJ|0|116|1|1|Wiederbelebung der getöteten Mörder durch das Badewasser des Jesuskindes. Deren Übergabe an Cyrenius
KJ|0|116|1|1|Am 15. Jänner 1844
KJ|0|116|1|0|Am Morgen, schon früh vor dem Aufgang, war alles tätig im Hause Josephs.
KJ|0|116|2|0|Die Jünglinge bestellten den Stall und die Küche mit den Söhnen Josephs; denn es musste ja so manches fürs Hochzeitsmahl des Cyrenius bereitet werden.
KJ|0|116|3|0|Joseph selbst aber ging mit ein paar Jünglingen, mit Zuriel und Gabriel, hinaus und besichtigte die Leichen und sprach zu den beiden:
KJ|0|116|4|0|„Was soll daraus werden? Werden wir sie doch zuvor begraben müssen, bis Cyrenius aus der Stadt kommen wird?!“
KJ|0|116|5|0|Die Jünglinge aber sprachen: „Joseph! – sorge dich nicht darum, denn gerade der Statthalter muss das sehen, welche Macht in deinem Haus wohnt!
KJ|0|116|6|0|Darum bleiben diese Leichen liegen, bis der Cyrenius kommt, und er selbst mag sie dann hinwegräumen lassen.“
KJ|0|116|7|0|Joseph war mit diesem Bescheid zufrieden und begab sich dann mit den beiden wieder ins Haus.
KJ|0|116|8|0|Als sie ins Zimmer traten, war Maria gerade mit dem Bad des Kindleins beschäftigt, wobei ihr die Eudokia – wo möglich – half.
KJ|0|116|9|0|Die beiden aber blieben stehen in der größten Ehrerbietung, mit übers Kreuz an die Brust gelegten Händen, solange das Kindlein gebadet ward.
KJ|0|116|10|0|Als aber das Kindlein gebadet und wieder angezogen ward mit frischer Wäsche, da berief Es sobald den Joseph um einer Sache willen zu sich und sprach:
KJ|0|116|11|0|„Joseph! – es soll auf dem Grund, der diesem Haus angehört, niemand ums Leben kommen!
KJ|0|116|12|0|Die Sache aber, um derentwillen Ich dich berief, ist, dass du dies Wasser nimmst und es aufbewahrst.
KJ|0|116|13|0|Wann aber der Cyrenius aus der Stadt kommen wird und wird sehen die Erwürgten, sodann nehme das Wasser und besprenge sie; und sie werden dann erwachen und vor das Staatsgericht geführt werden.
KJ|0|116|14|0|Bindet aber zuvor einer jeden Leiche am Rücken die Hände, auf dass, so sie erwache, nicht sobald die Waffe ergreife und sich verteidige!“
KJ|0|116|15|0|Als Joseph solches vernommen hatte, da tat er mit Hilfe der beiden sogleich, was das Kindlein geredet hatte.
KJ|0|116|16|0|Und als er der letzten Leiche die Hände gebunden hatte, da auch kam schon der Cyrenius im vollen Glanz aus der Stadt mit einem großen Gefolge.
KJ|0|116|17|0|Er entsetzte sich aber beim Anblick dieser gebundenen Leichen und fragte hastig, was hier geschehen.
KJ|0|116|18|0|Joseph aber, ihm alles kundgebend, ließ sich das Wasser bringen und besprengte sogleich die Leichen, worauf sich diese wie aus einem tiefen Schlaf erhoben.
KJ|0|116|19|0|Cyrenius aber, nun von allem unterrichtet, ließ diese Erweckten sogleich ins Staatsgefängnis bringen.
KJ|0|116|20|0|Und als diese alle, samt dem am Leben Gelassenen, abgeführt wurden unter scharfer Bewachung, begab sich Cyrenius mit seiner Braut ins Gemach und lobte und pries da den Gott Israels über alle Maßen.
KJ|0|117|1|1|Cyrenius und die Engel Gottes
KJ|0|117|1|1|Am 16. Jänner 1844
KJ|0|117|1|0|Es hatte aber diese Erscheinung den Cyrenius dennoch etwas verstimmt, und er wusste nicht, was er nun mit diesen Verrätern tun solle.
KJ|0|117|2|0|Er trat darum zum Joseph hin und besprach sich mit ihm; Joseph aber erwiderte ihm:
KJ|0|117|3|0|„Sei guten Mutes, du mein Bruder im Herrn! Denn es wird dir darob kein Haar gekrümmt werden.
KJ|0|117|4|0|Siehe, du bist auf der Erde sicher mein größter Freund und Wohltäter; aber was hätte mir heute in der Nacht alle deine Freundschaft genützt?
KJ|0|117|5|0|Diese gedungenen Mörder hätten mich in der Nacht samt meinem ganzen Haus sieden und braten können, ohne dass du davon etwas eher erfahren hättest, als bis du heute am Morgen, da du zu mir kamst, nichts mehr von mir gefunden hättest!
KJ|0|117|6|0|Wer war da mein Retter? Wer hatte die geheimen Pläne der Bösen schon lange eher durchschaut und hat mir zur rechten Zeit Hilfe gesandt?
KJ|0|117|7|0|Siehe, es war der Herr! Mein Gott und dein Gott! Also sei du guten Mutes; denn auch du bist nun in der allschützenden Hand des Herrn, und Er wird es nicht zulassen, dass dir auch nur ein Haar gekrümmt werde!“
KJ|0|117|8|0|Mit gerührtem Herzen dankte der Cyrenius an der Seite seiner Tullia, die sich mit dem Kindlein beschäftigte, dem Joseph für diesen Trost.
KJ|0|117|9|0|Aber er ersah zugleich die zwei herrlichen Jünglinge und gewahrte auch, dass deren in der Küche noch mehrere zugegen sind.
KJ|0|117|10|0|Er fragte darum den Joseph, woher denn diese gar so schönen, überzarten Jünglinge wären, ob das etwa auch gerettete Unglückliche seien.
KJ|0|117|11|0|Joseph aber sprach: „Siehe, ein jeder Herr hat seine Diener; du weißt aber nun ja, dass mein Kindlein auch ein Herr ist?!
KJ|0|117|12|0|Und siehe, das sind Seine Diener; diese sind es auch, die dies Haus heute Nacht vor dem Untergang bewahrt haben!
KJ|0|117|13|0|Rate aber nicht, woher des Landes sie sind; denn da wirst du nichts richten, indem diese Helfer von einer unbeschreiblichen Kraft und Macht sind.“
KJ|0|117|14|0|Also werden sie es dir nicht kundgeben, und mit Zwang wirst du gegen sie nichts ausrichten, indem sie zu mächtig und endlos kräftig sind!
KJ|0|117|15|0|Und der Cyrenius sprach: „So sind das Halbgötter, wie wir sie haben in unserer fabelhaften Lehre?
KJ|0|117|16|0|Wie?! – Solltet auch ihr neben dem einen Gott solche Halbgötter haben, welche bestimmt sind, dem Menschen wie dem Hauptgott gute Dienste zu leisten?!“
KJ|0|117|17|0|Und der Joseph sprach: „O Bruder, da irrst du gewaltig! Siehe, von Halbgöttern ist bei uns ewig keine Rede;
KJ|0|117|18|0|wohl aber von schon überseligen Geistern, die nun Engel Gottes sind, einst aber auch wie wir auf der Erde gelebt haben!
KJ|0|117|19|0|Doch was du nun von mir erfahren hast, davon schweige, als hättest du nie etwas erfahren, sonst könnte deinem Leib Übles begegnen!“
KJ|0|117|20|0|Hier legte Cyrenius den Finger auf den Mund und schwor zu schweigen bis in seinen Tod.
KJ|0|117|21|0|Hier traten die zwei Jünglinge hin zum Cyrenius und sprachen: „Nun gehe mit uns hinaus, auf dass wir dir unsere Kraft zeigen!“
KJ|0|117|22|0|Und der Cyrenius ging mit ihnen hinaus, und siehe, ein Berg im tiefen Hintergrund verschwand durch ein Wort aus dem Munde der Jünglinge!
KJ|0|117|23|0|Hier ersah der Cyrenius erst den Grund, warum er schweigen müsse, und er schwieg davon auch durch sein ganzes Leben – und alle, die mit ihm waren.
KJ|0|118|1|1|Die Macht des Herrn und die der Engel. Warum der Herr trotz Seiner Allmacht Diener hat
KJ|0|118|1|1|Am 17. Jänner 1844
KJ|0|118|1|0|Nach dieser Machtbezeigung führten die beiden Jünglinge den Cyrenius wieder ins Gemach, da Joseph, Maria mit dem Kindlein, die Tullia, die Eudokia und die drei Priester, der Maronius und noch anderes Gefolge des Cyrenius sich befanden.
KJ|0|118|2|0|Und der Joseph trat sogleich zum Cyrenius hin und fragte ihn:
KJ|0|118|3|0|„Nun, erlauchtester Bruder und Freund, was sagst du zu diesen Dienern des Herrn?“
KJ|0|118|4|0|Und der Cyrenius sagte: „O erhabenster Bruder! Da ist zwischen ihnen und dem Herrn ja nahe gar kein Unterschied; denn sie sind ebenso mächtig wie Er!
KJ|0|118|5|0|Das Kindlein zerstörte letzthin durch den Wink mit einer Hand die große Statue des Zeus;
KJ|0|118|6|0|diese Diener aber zerstörten durch ein Wort einen ganzen Berg! Sage, was Unterschiedes wohl ist da zwischen Herr und Diener?!“
KJ|0|118|7|0|Und der Joseph erwiderte dem Cyrenius: „O Freund! – dazwischen ist ein endlos großer Unterschied!
KJ|0|118|8|0|Siehe, der Herr tut solches alles aus Sich Selbst ewig; Seine Diener aber mögen solches nur aus dem Herrn dann tun, wann Er es haben will!
KJ|0|118|9|0|Ist das nicht der Fall, da vermögen sie aus sich so wenig als ich und du, und alle ihre eigene Kraft vermag nicht ein Sonnenstäubchen zu zermalmen!“
KJ|0|118|10|0|Der Cyrenius aber erwiderte: „Ich verstehe dich; was du gesagt hast, ist richtig und bedarf keiner weiteren Erläuterung.
KJ|0|118|11|0|Aber so das alles nur der Herr wirkt und die Diener in sich keine Kraft haben, wozu sind sie Ihm denn hernach?“
KJ|0|118|12|0|Und der Joseph sprach: „Siehe, du Herrlicher, du lieber Bruder, hier ist das Kindlein, wende dich mit dieser Frage an Dasselbe, – das wird dir darüber die gültigste Antwort geben!“
KJ|0|118|13|0|Und der Cyrenius tat desgleichen, und das Kindlein richtete Sich auf und sprach:
KJ|0|118|14|0|„Cyrenius, du bist nun Gatte und hast in dieser Nacht schon befruchtet dein Weib, auf dass dir ein Nachkomme werde!
KJ|0|118|15|0|Ich sage dir aber, du wirst deren zwölf noch bekommen! Wenn du aber ein Vater von zwölf Kindern sein wirst, sage Mir, wozu sie dir sein werden, und warum und wozu du überhaupt Kinder haben willst?
KJ|0|118|16|0|Kannst du denn etwa ohne solche deine Kinder deine Geschäfte nicht gut und rüstig genug versehen?“
KJ|0|118|17|0|Hier stutzte der Cyrenius gewaltig und sprach nach einer Weile etwas verlegen:
KJ|0|118|18|0|„Was das Versehen meiner regierenden Staatsgeschäfte betrifft, da hat es seine geweisten Wege, und ich bedarf dazu der Kinder nicht!
KJ|0|118|19|0|Aber nur in meinem Herzen spricht sich ein mächtiges Bedürfnis für den Besitz der Kinder aus, und dieses Bedürfnis heißt Liebe!“
KJ|0|118|20|0|Und das Kindlein sprach: „Gut, wenn du aber Kinder haben wirst, wirst du sie nicht auch aus purer Liebe in deine Geschäfte ziehen und wirst ihnen geben Macht und Gewalt darum, weil sie deine Kinder sind, und wirst sie machen zu deinen gewaltigen Dienern?“
KJ|0|118|21|0|Und der Cyrenius erwiderte: „O Herr, das werde ich wohl gewiss sicher tun!“
KJ|0|118|22|0|Und das Kindlein erwiderte wieder: „Nun siehe, wenn du als Mensch schon solches aus deiner Liebe zu deinen Kindern tust, warum soll es denn Gott nicht tun als ein heiliger Vater mit Seinen Kindern aus Seiner unendlichen Liebe zu ihnen?!“
KJ|0|118|23|0|Diese Antwort sagte dem Cyrenius alles, erfüllte ihn, wie alle, mit der höchsten Achtung, und er fragte hernach um nichts mehr.
KJ|0|119|1|1|Das Hochzeitsmahl des Cyrenius. Anlegen und Wiederablegen der Festkleider
KJ|0|119|1|1|Am 18. Jänner 1844
KJ|0|119|1|0|Hier kamen aber auch schon die Söhne Josephs herein und sagten zu ihm: „Vater, das Morgenmahl ist reichlich bereitet!
KJ|0|119|2|0|So du willst, wollen wir den großen Speisetisch ordnen und sodann das Mahl aufsetzen.“
KJ|0|119|3|0|Und der Joseph sprach: „Gut, meine Kinder, tut das, zieht aber eure neuen Kleider an, denn wir werden nun am Morgen das Hochzeitsmahl des Cyrenius halten!
KJ|0|119|4|0|Ihr müsst auch am Tisch sein, darum müsst ihr auch hochzeitlich angezogen sein! Geht nun, und tut alles, was da gut, recht und schicklich ist!“
KJ|0|119|5|0|Und die Söhne ordneten den Tisch und gingen dann und taten, wie es ihnen der Joseph geboten hatte.
KJ|0|119|6|0|Es traten aber auch die beiden Jünglinge hin zum Joseph und sprachen:
KJ|0|119|7|0|„Vater Joseph, was meinst du wohl? Siehe, unser Gewand, das wir anhaben, ist nur unser Werkkleid; sollen auch wir uns in ein hochzeitliches Kleid werfen?“
KJ|0|119|8|0|Joseph aber erwiderte: „Ihr seid Engel des Herrn, und dies euer Gewand ist ja ohnehin das schönste Hochzeitsgewand; wozu solle da euch ein anderes zieren?“
KJ|0|119|9|0|Die Jünglinge aber sprachen: „Siehe, wir wollen niemandem ein Ärgernis geben; das du deinen Söhnen befohlen hast, wollen auch wir tun und wollen bei deinem Tisch in unseren Hochzeitskleidern zugegen sein!
KJ|0|119|10|0|Lasse uns daher hinausziehen, auf dass wir die Kleider wechseln gleich deinen Söhnen!“
KJ|0|119|11|0|Und Joseph sprach: „So tut denn, was ihr sicher vom Herrn aus für nötig findet! Ihr seid ja allzeit Diener des Herrn und wisst auch allzeit Seinen Willen; also tut darnach!“
KJ|0|119|12|0|Und die beiden Jünglinge gingen hinaus, und in kurzer Zeit kamen sie mit den Söhnen Josephs und all den anderen Jünglingen in also hellstrahlenden Kleidern wie die Morgenröte im schönsten Rotglanz.
KJ|0|119|13|0|Ihre Gesichter, Füße und Hände aber strahlten wie die Sonne, wenn sie aufgeht.
KJ|0|119|14|0|Cyrenius und all sein Gefolge entsetzten sich vor dieser unendlichen Pracht und Majestät.
KJ|0|119|15|0|Und der Cyrenius sprach in einer ängstlichen Eile zum Joseph:
KJ|0|119|16|0|„Allererhabenster Freund, ich habe jetzt gesehen die endlose Herrlichkeit deines Hauses! Lasse mich aber hinausziehen, denn diese Herrlichkeit verzehrt mich!
KJ|0|119|17|0|Warum musstest du aber auch deinen Söhnen eine Umkleidung geboten haben? Ohne die wären sicher auch des Herrn Diener in ihrer früheren, mir so wohltuenden Einfachheit und Glanzlosigkeit geblieben!“
KJ|0|119|18|0|Hier ermannte sich Joseph, dem auch sein Atem vor lauter Glanz zu kurz wurde, und befahl wieder seinen Söhnen, ihre Werkkleider anzuziehen.
KJ|0|119|19|0|Die Söhne gingen und taten das; aber auch die Jünglinge gingen und wechselten ihr Gewand und kamen dann mit den Söhnen Josephs wieder in ihrer ersten Einfachheit.
KJ|0|119|20|0|Nun ward es dem Cyrenius wieder leichter ums Herz, und er konnte sich nun zum Tisch setzen mit seinem Weib und seinen Gefährten.
KJ|0|119|21|0|Und so besetzte er den oberen Teil des Tisches mit den Seinen und Joseph, Maria mit dem Kindlein, die Eudokia, die Söhne Josephs und die Jünglinge den unteren Teil des Tisches und aßen und tranken alle nach dem Lobgesang Josephs.
KJ|0|119|22|0|Einige Hauptleute samt dem Obersten aber meinten, sie seien nun leibhaftig an der Tafel der Götter im Olymp, und wussten sich vor lauter Wonne nicht zu helfen; denn sie wussten nichts vom Haus Josephs, wie es beschaffen ist.
KJ|0|120|1|1|Josephs Sorge wegen der vorschriftsmäßigen Feier des Osterfestes
KJ|0|120|1|1|Am 19. Jänner 1844
KJ|0|120|1|0|Nach der Beendigung der köstlichen Morgenmahlzeit, welche bei einer Stunde lang angedauert hatte, ward vom Joseph der Lobgesang gesprochen, und alles erhob sich vom Tisch.
KJ|0|120|2|0|Da aber der Tag ein Vorsabbat, also ein Freitag war, auf den die Osterfeste der Juden fielen, so war es dem Joseph etwas bange, und er wusste hier mitten unter lauter Römern nicht, wie er diese Feste begehen solle.
KJ|0|120|3|0|Denn er wusste, dass ihn diese nun auch am Sabbat der Ostern so gut wie an einem anderen Tag besuchen werden.
KJ|0|120|4|0|Darum war es ihm denn, wie gesagt, bange, wie er diesen gar außerordentlich hohen Sabbat heiligen solle.
KJ|0|120|5|0|Da umringten ihn aber die Jünglinge und sprachen: „Höre uns an, du gerechter, aber vergeblich besorgter Mann!
KJ|0|120|6|0|Du weißt es, dass um diese Zeit auch die Engel Gottes sich in Jerusalem einfanden – als Erzengel, Cherubim und Seraphim.
KJ|0|120|7|0|Und das Allerheiligste ward stets von ihnen bewohnt, wie du es weißt, und wie es weiß dein Weib.
KJ|0|120|8|0|Weil du aber weißt, dass wir nur dem Herrn nachgehen und nicht dem Tempel zu Jerusalem, – so sind wir auch nicht im Tempel!
KJ|0|120|9|0|Da der Herr im Tempel wohnte zu Jerusalem, da auch waren wir im Tempel.
KJ|0|120|10|0|Nun aber wohnt Er hier, und wir sind auch hier, zu feiern mit dir die Ostern, und ist keiner aus uns im Tempel, der nun gar weidlich verlassen ist.
KJ|0|120|11|0|Wie sollst du aber besser die Ostern feiern, als so du gleich uns handelst?!
KJ|0|120|12|0|Siehe, wir aber werden morgen dasselbe tun, als was wir heute getan haben und noch tun werden, und das wird recht sein!
KJ|0|120|13|0|Tue du desgleichen, und du wirst mit uns in der vollsten Gegenwart des Herrn des Sabbats und aller Feste den Sabbat und das Osterfest recht begehen!
KJ|0|120|14|0|Frage das allerhabenste Kindlein, und Es wird dir dasselbe sagen und treulichst kundtun!“
KJ|0|120|15|0|Und der Joseph sprach: „Es ist alles recht und gut und wahr, aber was ist da mit dem Gesetz Mosis? Hört dieses auf?“
KJ|0|120|16|0|Die Jünglinge aber sprachen: „Gerechter Mann, du irrst dich, – sage, hatte Moses je das Osterfest nach Jerusalem beschieden?
KJ|0|120|17|0|Hat er nicht allein nur da das Fest bestimmt, wo der Herr mit der Bundeslade ist!?
KJ|0|120|18|0|Siehe, nun aber ist der Herr nicht mehr mit der Bundeslade, sondern Er ist mit dir und mit deinem Haus leibhaftig!
KJ|0|120|19|0|Sage nun, wo solle nach Moses rechtermaßen das Osterfest begangen werden?“
KJ|0|120|20|0|Und der Joseph sprach: „Wenn also, da muss das Fest freilich wohl hier begangen werden! Aber was tun wir mit den vielen Heiden hier?“
KJ|0|120|21|0|Und die Jünglinge sprachen: „O gerechter Sohn aus David, kümmere dich dessen nicht, sondern tue, was wir tun werden, und es wird schon alles recht sein!“
KJ|0|120|22|0|Hier verlangte das Kindlein den Joseph, bei welcher Gelegenheit die Jünglinge sobald niederfielen, und sprach:
KJ|0|120|23|0|„Joseph, wie heute, so morgen und übermorgen; – sorge dich aber nicht der Unbeschnittenen wegen, denn diese sind nun besser als die Beschnittenen!
KJ|0|120|24|0|Siehe, an der Beschneidung der Vorhaut liegt nichts, alles aber an der Beschneidung des Herzens!
KJ|0|120|25|0|Diese Römer aber haben ein edel beschnittenes Herz; darum halte Ich auch nun mit ihnen und nicht mit den Juden das Osterfest!“
KJ|0|120|26|0|Diese Worte brachten den Joseph wieder ins Gleichgewicht; er ward voll Freude und übergab alle Sorge den Jünglingen für das Osterfest.
KJ|0|121|1|1|„Wo Ich bin, da sind auch die wahren Ostern!“
KJ|0|121|1|1|Am 20. Jänner 1844
KJ|0|121|1|0|Nachdem aber also die Feierung der Ostern bestimmt war und Joseph sich in alles ergab,
KJ|0|121|2|0|da trat der Cyrenius hin zu Joseph und sprach: „Erhabenster Freund und Bruder! Siehe, heute war ich dein Gast und werde es bis auf den Abend verbleiben!
KJ|0|121|3|0|Morgen aber werde ich in meiner Burg ein kleines Fest bereiten und lade dazu dein ganzes Haus ein, wie es hier versammelt ist,
KJ|0|121|4|0|und ich hoffe, du wirst mir diese Freundschaft nicht abschlagen?!
KJ|0|121|5|0|Denn nicht, um dir dadurch einen Ersatz zu machen, lade ich dich, sondern aus meiner großen Liebe und Achtung, die ich für dich und dein ganzes Haus hege, tue ich das!
KJ|0|121|6|0|Denn siehe, auf übermorgen habe ich meine Abreise darum festgesetzt und kann nicht so lange hier verweilen, als ich mir anfangs vorgenommen habe;
KJ|0|121|7|0|denn dringende Geschäfte veranlassen mich dazu, dass ich meinen Plan abändern muss.
KJ|0|121|8|0|Aber eben aus dem Grunde möchte ich einmal das Glück haben, dich bei mir zu bewirten, und das sicher auf eine deiner würdige Art!“
KJ|0|121|9|0|Hier stutzte der Joseph wieder und wusste nicht, was er tun solle; denn er hatte den heiligen Ostersabbat vor sich, den er doch wenigstens in seinem Haus feiern wollte.
KJ|0|121|10|0|Er sagte daher zum Cyrenius: „Allerwertester Freund und Bruder im Herrn!
KJ|0|121|11|0|Siehe, morgen ist bei uns Juden der wichtigste Festtag, den ein jeder Jude innerhalb seiner Hausflur wenigstens feiern muss, wenn er schon nicht zum Tempel in Jerusalem ziehen kann!
KJ|0|121|12|0|Ich müsste mir den bittersten Vorwurf machen, wenn ich dies erste unserer Gesetze in die Luft treiben würde;
KJ|0|121|13|0|daher kann ich dir in dieser Hinsicht wirklich nichts versprechen!
KJ|0|121|14|0|So du aber zu mir kommen willst und dein bevorhabendes Fest in meinem Haus feiern, das eigentlich auch dir gehört, so wird es mir überaus angenehm sein!“
KJ|0|121|15|0|Und Cyrenius sprach: „Aber Bruder! Bist du denn ungläubiger denn ich, ein Heide nach deinen Worten von Geburt an!?
KJ|0|121|16|0|Was ist dein Kind? Ist Es nicht der Herr, von dem alle deine Gesetze sind vom Anfang!?
KJ|0|121|17|0|Sind die Jünglinge nicht Seine Urdiener? Hat Er nicht das Recht, die Gesetze zu bestimmen, der so allmächtig auf den Armen der jungen Mutter ruht?!
KJ|0|121|18|0|Wie, wenn Dieser mich erhörte, würdest du auch dann noch deinen Festtag höher halten als Sein göttlich Wort?“
KJ|0|121|19|0|Hier erhob Sich das Kindlein und sprach: „Ja Cyrenius, du hast recht geredet; aber nur behalte alles bei dir!
KJ|0|121|20|0|Morgen aber sind wir alle deine Gäste; denn wo Ich bin, da sind auch die wahren Ostern. Denn Ich bin der Befreier der Kinder Israels aus Ägypten!“
KJ|0|121|21|0|Als der Joseph solches vernahm, da ließ er seine Ostern fahren und nahm des Cyrenius Einladung an.
KJ|0|122|1|1|Die guten Verfügungen des Cyrenius betreffend die Meuterer und die drei Unterpriester
KJ|0|122|1|1|Am 22. Jänner 1844
KJ|0|122|1|0|Nach dieser Osterfesthaltungsbestimmung, mit der, wie schon erwähnt, Joseph zufriedengestellt ward, fragte aber wieder Joseph den Cyrenius, wie es mit der Wegschaffung des Tempelschuttes aussehe und wie mit den Ausgegrabenen.
KJ|0|122|2|0|Und der Cyrenius sprach: „O du mein erhabenster Bruder und Freund! Kümmere nur du dich dessen nicht!
KJ|0|122|3|0|Denn damit sind schon nach meiner Einsicht die besten Bestimmungen getroffen worden!
KJ|0|122|4|0|Der Schutt ist schon bis aufs letzte Steinchen hinweggeräumt, die rein erschlagenen Priester begraben, und die geretteten werde ich übermorgen nach Tyrus mitnehmen und dort mit ihnen die rechten Verfügungen treffen!
KJ|0|122|5|0|Siehe, also steht es mit dieser Sache! Ich meine, sie ist so gut und gerecht als möglich bestellt?“
KJ|0|122|6|0|Und der Joseph sprach: „Ja, fürwahr, besser hätte auch ein Vater für seine eigenen Kinder nicht gesorgt! Ich bin damit vollkommen zufrieden!
KJ|0|122|7|0|Aber was wirst du mit den Meuterern machen, die da gestern in der Nacht mein Haus überfielen?“
KJ|0|122|8|0|Und der Cyrenius sprach: „Siehe, das sind Hochverräter und haben sich dadurch der Todesstrafe schuldig gemacht.
KJ|0|122|9|0|Du aber weißt es, dass ich vom Blutvergießen kein Freund, sondern nur der größte Feind bin!
KJ|0|122|10|0|Daher habe ich ihnen die Todesstrafe erlassen und habe aber dafür ihre wohlverdiente Strafe dahin beschieden, dass sie darum zu lebenslänglichen Sklaven werden!
KJ|0|122|11|0|Und ich meine, diese Strafe wird an der Stelle der Todesstrafe nicht zu groß sein, besonders wenn dem sich ganz Gebesserten auch geheim die Freiwerdung möglich belassen wird.
KJ|0|122|12|0|Sie kommen auch nach Tyrus mit, allwo mit ihnen die weiteren Verfügungen getroffen werden.“
KJ|0|122|13|0|Und der Joseph sprach: „Lieber Bruder! Auch da hast du ganz der göttlichen Ordnung getreu gehandelt, und ich kann dich darum nur loben als einen wahrhaft weisen Statthalter!
KJ|0|122|14|0|Aber nun hätte ich noch eines auf dem Herzen! Siehe, da sind noch die drei Unterpriester; was soll mit diesen [geschehen] nach deinem Rat?“
KJ|0|122|15|0|Und der Cyrenius sprach: „O erhabenster Freund und Bruder! Auch für die habe ich gesorgt.
KJ|0|122|16|0|Der nun so wie ich denkende Maronius nimmt sie zu sich und wird sie zu seinen Beamten verwenden in dem Amt, das ich ihm zuteilen werde.
KJ|0|122|17|0|Sage, ist es recht also? Wahrlich, wäre größer und tiefer meine Einsicht, so könnte ich sicher noch bessere Verfügungen treffen!
KJ|0|122|18|0|Aber so handle ich denn, wie es mir am besten vorkommt, und denke, dein Herr und dein Gott wird ja segnen meinen guten Willen, wenn er auch nicht aus der besten Einsicht hervorgeht?!“
KJ|0|122|19|0|Und der Joseph sprach: „Der Herr hat schon gesegnet deine Einsicht, wie deinen Willen, und du hast darum auch schon die besten Verfügungen getroffen!
KJ|0|122|20|0|Nun aber noch eines: Bis wann wirst du mir die acht Kinder übersenden, darunter fünf Knaben und drei Mädchen seien?“
KJ|0|122|21|0|Und der Cyrenius sprach: „Mein Bruder, mein Freund, das wird meine erste Sorge sein, sowie ich in Tyrus anlangen werde!
KJ|0|122|22|0|Nun aber lasse uns hinaus ins Freie ziehen, denn es ist heute ein äußerst freundlicher Tag, und wir wollen da unseren Herrn loben.“ – Und Joseph setzte darum gleich das ganze Haus in Bewegung.
KJ|0|123|1|1|Die Wanderung zum heiligen Berg. Begegnung mit reißenden Tieren und deren Zähmung
KJ|0|123|1|1|Am 23. Jänner 1844
KJ|0|123|1|0|Der Cyrenius mit seinem Gefolge, der Maronius mit den drei Priestern und Joseph mit der Maria und mit dem Kindlein, zwei Jünglinge und die Eudokia bildeten den Zug.
KJ|0|123|2|0|Maria und die Eudokia saßen auf zwei Eseln, die die beiden Jünglinge leiteten.
KJ|0|123|3|0|Die anderen Jünglinge aber blieben mit den Söhnen Josephs daheim und halfen ihnen das Haus bestellen und bereiten ein gutes Brot und Mittagsmahl, welches aber freilich erst am Abend verzehrt ward.
KJ|0|123|4|0|Außer der Stadt befand sich aber ein Berg, der ganz mit Zedern bewachsen war und maß bei vierhundert Klafter Höhe.
KJ|0|123|5|0|Dieser Berg ward von den Heiden als ein Heiligtum verehrt, daher auch auf ihm kein Baum gefällt ward.
KJ|0|123|6|0|Nur ein Weg, den die Priester angelegt hatten, führte bis zur Vollhöhe, auf der ein offener Tempel errichtet war, von dem man nach allen Seiten hin eine weite und reizende Aussicht hatte.
KJ|0|123|7|0|Wegen der dichten Bewaldung dieses ziemlich weitgedehnten Berges aber hielten sich auch fortwährend eine Menge reißender Bestien in den dichten Waldungen dieses Berges auf, die die Besteigung dieses Berges unsicher und gefährlich machten.
KJ|0|123|8|0|Die drei Priester aber wussten wohl von dieser Eigenschaft des Berges; daher traten sie auch hin zum Cyrenius, als er schon den Fuß des Berges erreicht hatte, und zeigten ihm solches an.
KJ|0|123|9|0|Und der Cyrenius sprach: „Seht ihr denn nicht, dass ich keine Furcht habe?
KJ|0|123|10|0|Warum soll ich auch diese haben? Ist ja doch der Herr aller Himmel und aller Welt mitten unter uns und zwei von Seinen allmächtigen Dienern!“
KJ|0|123|11|0|Die Priester ermannten sich bei diesen Worten des Cyrenius und traten wieder zurück, und der Zug ging rasch bergan.
KJ|0|123|12|0|Als aber die ganze Gesellschaft sich etwa eine gute halbe Stunde tief im Gebirgswald befand, da sprangen plötzlich drei mächtige Löwen aus des Waldes Dickicht hervor und verrammten dem Cyrenius den Weg.
KJ|0|123|13|0|Cyrenius erschrak darob nicht wenig und schrie um Hilfe.
KJ|0|123|14|0|Und sogleich traten die zwei Jünglinge hervor, bedrohten die drei Bestien, und diese verließen im Augenblick brüllend die Stelle.
KJ|0|123|15|0|Aber sie flohen nicht ins Dickicht zurück, sondern begleiteten die Gesellschaft am Rand des Weges und taten niemandem etwas Leids an.
KJ|0|123|16|0|Als aber die Gesellschaft wieder eine halbe Stunde weiter kam, da kam ihr eine ganze Karawane von Löwen und Panthern und Tigern entgegen.
KJ|0|123|17|0|Als aber diese unheimliche Karawane der beiden Jünglinge ansichtig ward, da teilte sie sich zu beiden Seiten des Weges und machte also unserer Gesellschaft Platz.
KJ|0|123|18|0|Vielen in der Gesellschaft im Gefolge des Cyrenius aber war diese Begegnung Ehrfurcht und allen Respekt einflößend, dass sie sich darob kaum zu atmen getrauten.
KJ|0|123|19|0|Als sie aber bemerkten, wie die Bestien in der Nähe des Kindleins niedersanken und bebten, da ging den furchtsamen Heiden ein Licht auf, und sie fingen an zu ahnen, wer im Kind zu Hause ist.
KJ|0|124|1|1|Maria mit dem Jesuskind vertreibt die Schlangen auf der Bergeshöhe
KJ|0|124|1|1|Am 24. Jänner 1844
KJ|0|124|1|0|Diese Bestienkarawane aber kehrte nicht um, sondern sie zog etwas knurrend ihren Weg weiter.
KJ|0|124|2|0|Die Eudokia an der Seite Marias, wie auch die Tullia an der Seite des Cyrenius, der nun knapp vor den zwei Eseln ging, überfiel bei dem Anblick wohl eine kleine Ohnmacht;
KJ|0|124|3|0|aber der Joseph und die Maria flößten ihnen so viel Mut ein, dass ihnen bald alle Furcht wieder verging.
KJ|0|124|4|0|Und der Zug ging wieder ungehindert weiter und hatte nun bis auf die Vollhöhe keinen Anstand mehr.
KJ|0|124|5|0|Aber auf der Vollhöhe angelangt, und zwar in die herrliche Freie, allda auf dem höchsten Punkt der Tempel stand, da erhob sich ein neuer Anstand.
KJ|0|124|6|0|In der Gegend des Tempels war ein förmliches Lager von den giftigsten Klapperschlangen und Vipern.
KJ|0|124|7|0|Zu Hunderten sonnten sie sich auf dem weiten freien Platz um den Tempel herum.
KJ|0|124|8|0|Als dieses Geschmeiß der anrückenden Gesellschaft ansichtig ward, da fing es an zu klappern und zu züngeln und zu pfeifen.
KJ|0|124|9|0|Das Gefolge des Cyrenius ward darob ganz starr vor Angst. Besonders schlecht ging es hier der Tullia, die zu Fuß ging; die ward ganz wie von Sinnen und sah hier ihren Untergang vor Augen in ihrer großen Angst.
KJ|0|124|10|0|Aber nicht nur die Menschen, sondern auch die drei Löwen fingen an, ein gewisses Angstgetöne von sich zu geben, und schmiegten sich so eng als möglich an die Menschen.
KJ|0|124|11|0|Dem Cyrenius machte zwar dieser Anblick nichts, aber dennoch genierte er ihn seines Weibes und seines Gefolges wegen.
KJ|0|124|12|0|Er wandte sich darum an den Joseph und sprach: „Bruder, sage den beiden Dienern des Herrn, dass sie dieses Geschmeiß bedrohen sollen!“
KJ|0|124|13|0|Der Joseph aber sprach: „Es hat dieses nicht vonnöten!
KJ|0|124|14|0|Denn siehe, da ist mein Weib eine Hauptmeisterin; lassen wir sie nur voraustreten mit ihrem Lasttier,
KJ|0|124|15|0|und du wirst es sehen, wie dieses Geschmeiß vor ihr die Flucht ergreifen wird!“
KJ|0|124|16|0|Und die Maria mit dem Kindlein auf dem Arm trat mit ihrem Lasttier hervor; und als die Bestien die Maria ersahen,
KJ|0|124|17|0|da flohen sie plötzlich mit Blitzesschnelle von dannen, und nicht eine war irgend mehr zu erblicken.
KJ|0|124|18|0|Es verwunderte sich aber darob das ganze Gefolge des Cyrenius, und viele fragten sich ganz erstaunt untereinander:
KJ|0|124|19|0|„Ist das nicht etwa gar die Hygeia, der auch alle Schlangen sollen auf einen Wink gehorcht haben?“
KJ|0|124|20|0|Cyrenius aber, der solches Fragen vernahm, sprach: „Was redet ihr von Hygeia, die nie war!?
KJ|0|124|21|0|Hier ist mehr als Juno, die auch nie war; es ist das von Gott dem Höchsten erwählte Weib dieses erhabensten Weisen!“
KJ|0|124|22|0|Hier stutzten alle aus dem Gefolge des Cyrenius; aber keiner getraute sich weiter jemanden darüber zu fragen.
KJ|0|125|1|1|Einsturz des Tempels auf der Bergeshöhe
KJ|0|125|1|1|Am 25. Jänner 1844
KJ|0|125|1|0|Als die Vollhöhe dieses Berges auf die Weise von all dem Geschmeiß gereinigt war, da sprach der Cyrenius zu seiner Dienerschaft:
KJ|0|125|2|0|„Geht in den Tempel und fegt ihn, und bedecket den Altar mit reinen Tüchern, und legt dann den mitgenommenen Mundvorrat auf denselben!
KJ|0|125|3|0|Wir werden sodann in diesem schönen Aussichtstempel eine kleine Stärkung zu uns nehmen!“
KJ|0|125|4|0|Sogleich ging die Dienerschaft des Cyrenius und tat, was ihr anbefohlen ward.
KJ|0|125|5|0|Als also alles bestellt war, da machte der Cyrenius dem Joseph und der Maria die Einladung, dass sie ihm in den Aussichtstempel folgen sollen, um dort eine kleine Stärkung und Erfrischung zu nehmen.
KJ|0|125|6|0|Der Joseph aber sprach: „Bruder, ich sage dir, lasse eilends alles aus dem Tempel holen, sonst fällt er eher zusammen, als bis du deine Sachen wirst herausgeholt haben!
KJ|0|125|7|0|Denn siehe, dies Gebäude ist schon überaus alt, verwittert und locker und hat einst zu großen Schändlichkeiten den Priestern gedient!
KJ|0|125|8|0|Darum wird es nun nur noch von einigen argen Geistern zusammengehalten.
KJ|0|125|9|0|Trete nun ich mit meinem Weib und Kindlein in dies lose Gebäude, da werden die argen Geister entfliehen, und der ganze Tempel stürzt dann in dampfende Trümmer über uns zusammen!
KJ|0|125|10|0|Ich bitte dich darum, befolge meinen Rat, und du wirst gut fahren!“
KJ|0|125|11|0|Der Cyrenius machte hier große Augen und befolgte den Rat Josephs aber dennoch augenblicklich.
KJ|0|125|12|0|Es war aber seine Dienerschaft kaum noch, wennschon eiligst, mit diesem Geschäft fertig, als man eine große Menge schwarzer Fliegen aus dem Tempel entfliegen sah unter einem wilden Stoßgesumse.
KJ|0|125|13|0|Bei dieser Erscheinung rief Joseph den Dienern zu: „Begebt euch schleunigst aus dem Tempel, sonst leidet ihr Schaden!“
KJ|0|125|14|0|Wie vom Sturmwind ergriffen, schossen auf diesen Zuruf Josephs die Diener des Cyrenius aus dem Tempel.
KJ|0|125|15|0|Als sie aber kaum noch einige Schritte in größter Eile vom Tempel entfernt waren, da stürzte schon der Tempel unter großem Gekrache zusammen.
KJ|0|125|16|0|Alles entsetzte sich und schlug die Hände über dem Kopf zusammen; selbst die drei getreuen Löwen machten bei dieser Gelegenheit etwas Reißaus, kamen aber nachderhand wieder.
KJ|0|125|17|0|Man fragte sich allseitig um den Grund dieser Begebenheit; aber unter den Heiden – mit Ausnahme des Cyrenius – konnte niemand dem anderen einen Bescheid erteilen.
KJ|0|125|18|0|Als aber die Gesellschaft sich von dem Schreck ein wenig erholt hatte, da fragte der Cyrenius den Joseph, wo da wohl ein sicherer Platz wäre, den er möchte für die Erfrischungen decken lassen.
KJ|0|125|19|0|Und Joseph zeigte ihm ein ganz freies grünes Plätzchen unter einem Gebirgsfeigenbaum, der voll von Blüten und Früchten war.
KJ|0|125|20|0|Und sogleich sandte Cyrenius seine Diener dahin, ließ den Platz reinigen und dann gar zierlich decken und darauf legen allerlei mitgenommene Erfrischungen.
KJ|0|126|1|1|Brand des Palastes und der Schiffe des Cyrenius. Dieser gerät in Zorn
KJ|0|126|1|1|Am 26. Jänner 1844
KJ|0|126|1|0|Darauf lud der Cyrenius den Joseph abermals ein, dass er sich mit ihm an die Erfrischungen machen möchte samt der Maria, dem Kindlein und der Eudokia.
KJ|0|126|2|0|Hier ging der Joseph sogleich mit den Seinen und nahm zuunterst Platz und segnete die Speise und aß und trank.
KJ|0|126|3|0|Dem Beispiel Josephs folgten auch die zwei Jünglinge und dann die ganze andere Gesellschaft.
KJ|0|126|4|0|Als sie aber also ganz wohlgemut beisammensaßen und aßen und tranken,
KJ|0|126|5|0|siehe, da bemerkte der Maronius, der da an der Seite des Cyrenius saß, wie sich über die Stadt Ostracine eine mächtige Rauchsäule zu erheben anfing,
KJ|0|126|6|0|und wie auch am etwas fernen Meeresufer sich ebenfalls dichte Rauchsäulen zu erheben anfingen.
KJ|0|126|7|0|Er zeigte solches dem Cyrenius sogleich an, und dieser erkannte sobald, dass da in der Stadt eben sein Palast in Flammen stehe, – und vermutete, dass auch am etwas fernen Meeresufer seine Schiffe angezündet seien.
KJ|0|126|8|0|Wie von tausend Blitzen getroffen, sprang hier Cyrenius auf und schrie:
KJ|0|126|9|0|„Um des Herrn willen, – was muss ich erschauen?! Sind das die Früchte meiner Güte an euch elenden Ostracinern?
KJ|0|126|10|0|Wahrlich, ich will diese Güte in die Wut eines Tigers umwandeln, und ihr sollt euren Frevel büßen, wie ihn noch keine Furie in der untersten Hölle gebüßt hat!
KJ|0|126|11|0|Auf, Freunde und Brüder! Nun ist für uns hier keines Bleibens mehr! Auf, auf zur gerechten Rache gegen diese Frevler!!!“
KJ|0|126|12|0|Alles Gefolge des Cyrenius sprang auf diesen furchtbaren Ruf des Cyrenius mit Blitzesschnelle auf und raffte im Nu alles zusammen.
KJ|0|126|13|0|Nur Joseph blieb mit den Seinigen ganz ruhig sitzen und sah kaum nach der Gegend hin, da es brannte.
KJ|0|126|14|0|Der Cyrenius bemerkte das und fuhr den Joseph hastig an, sagend:
KJ|0|126|15|0|„Was für ein Freund bist du mir wohl, so du im Anblick meines Unglücks also ruhig hier sitzen kannst!
KJ|0|126|16|0|Weißt du doch, dass ich ohne dich diesen Gebirgsweg nicht sicher passieren kann wegen der vielen reißenden Bestien!
KJ|0|126|17|0|Daher erhebe dich und stelle mich sicher, sonst erbitterst du mich auch gegen dich!“
KJ|0|126|18|0|Und Joseph sprach ganz gelassen: „Siehe, du zornentbrannter Römer, gerade jetzt werde ich dir nicht folgen!
KJ|0|126|19|0|Was wirst du wohl tun, so du etwa in zwei Stunden hinabkommst? Wird in der Zeit nicht alles schon von den Flammen verzehrt sein?!
KJ|0|126|20|0|Willst du aber dafür Rache üben, da meine ich, es dürfte dazu noch immer Zeit genug sein!
KJ|0|126|21|0|Wärst du nicht also aufgefahren, wahrlich, ich hätte es den beiden Jünglingen gesagt, und diese hätten dem Brand augenblicklich ein Garaus gemacht.
KJ|0|126|22|0|Da du aber selbst also aufgefahren bist, so ziehe nun selbst hin, und dämpfe mit deinem Zorn das Feuer!“
KJ|0|127|1|1|Joseph beruhigt Cyrenius. Die zwei Erzengel löschen den Brand
KJ|0|127|1|1|Am 27. Jänner 844
KJ|0|127|1|0|Diese ganz ernstlich vom Joseph gesprochenen Worte machten auf den Cyrenius einen gar mächtigen Eindruck, und er wusste nicht, was er darauf sagen solle;
KJ|0|127|2|0|auch getraute er sich dem sichtlich etwas aufgeregten Mann nicht noch mit irgendeinem Wort zu kommen.
KJ|0|127|3|0|Darum sagte er zur Tullia: „Gehe du hin zu dem weisen Mann und trage ihm meine verzeihliche Not und die von ihr bewirkte Aufregung meines Gemütes vor!
KJ|0|127|4|0|Bitte ihn um Verzeihung und versichere ihm, dass ich ihm in aller Zukunft keine solche Minute mehr bereiten werde!
KJ|0|127|5|0|Nur möchte er mich diesmal nicht sitzenlassen und solle mir nicht versagen seinen Beistand!“
KJ|0|127|6|0|Joseph aber vernahm wohl, was der Cyrenius zu der Tullia geredet hatte.
KJ|0|127|7|0|Er stand darum auf, ging hin zum Cyrenius und sprach: „Edler Freund und Bruder in Gott dem Herrn! Wir haben bis jetzt noch keine Unterhändler gebraucht,
KJ|0|127|8|0|sondern wir haben unser gegenseitiges Anliegen uns allzeit offen bekannt!
KJ|0|127|9|0|Wozu solle da dein Weib eine Unterhändlerin machen, als wären wir beide uns nicht genug?
KJ|0|127|10|0|Meinst du etwa, als könnte auch ich mich irgendeiner Sache wegen erzürnen?
KJ|0|127|11|0|O siehe, da würdest du dich sehr irren an mir! Mein Ernst ist nur die Frucht meiner großen Liebe zu dir!
KJ|0|127|12|0|Schlecht aber ist der Freund, der seinen Freund im Notfall nicht auch ein Wort des Ernstes kann vernehmen lassen!
KJ|0|127|13|0|Siehe, wäre an der Sache, die dich nun so kümmert, etwas, da dürftest du doch versichert sein, dass ich dich zuerst darauf aufmerksam gemacht hätte, wie ich es dir sonst noch bei jeder Gelegenheit tat!
KJ|0|127|14|0|Hier aber ist nichts als ein ganz leeres Blendwerk von Seiten derjenigen argen Geister, die hier vertrieben wurden!
KJ|0|127|15|0|Sie üben nun eine blinde Rache aus und wollen uns darum beunruhigen, weil wir sie hier aus ihrem alten Nest vertrieben haben.
KJ|0|127|16|0|Siehe, das ist das Ganze! Hättest du mich früher gefragt, bevor du dich erregtest, da hättest du nicht einmal vonnöten gehabt, dich vom Boden zu erheben!
KJ|0|127|17|0|Du aber trautest sogleich deinen Sinnen und erregtest dich für nichts und nichts!
KJ|0|127|18|0|Nun aber setze dich nur ganz beruhigt wieder nieder, und schaue mit gelassenen Blicken dem Brand zu, und sei versichert, er wird bald ein Ende nehmen!“
KJ|0|127|19|0|Diese Kundgabe Josephs war für den Cyrenius freilich wohl ungefähr das, was da ist für eine Kuh ein neues Tor;
KJ|0|127|20|0|aber er glaubte dennoch, was ihm der Joseph gesagt hatte, obschon er von dieser Sache nichts verstand.
KJ|0|127|21|0|Joseph aber sprach in der Gegenwart des Cyrenius zu den Jünglingen:
KJ|0|127|22|0|„Blickt auch ihr einmal hin nach der Stätte, da die hier Vertriebenen ihren Mutwillen treiben, damit des ein Ende werde zur Beruhigung meines Bruders!“
KJ|0|127|23|0|Und die zwei taten das, und siehe, im Augenblick war von der Brunst keine Spur mehr zu entdecken.
KJ|0|127|24|0|Nun erst begriff der Cyrenius etwas besser, was ihm zuvor Joseph kundgab, und ward nun wieder heiteren Mutes; aber vor den zwei Jünglingen wie vor dem Joseph bekam er einen ungeheuren Respekt.
KJ|0|128|1|1|Cyrenius wird belehrt über die Zupfereien des Jesuskindes. Joseph erklärt die Wunder der Natur
KJ|0|128|1|1|Am 29. Jänner 1844
KJ|0|128|1|0|Nachdem also alles wieder zur Ordnung und Ruhe gebracht ward, da richtete Sich das Kindlein auf und sprach zum Cyrenius:
KJ|0|128|2|0|„Höre Mich an, du edelherziger Mann! Erinnerst du dich noch dessen, wie Ich den Bruder Jakob bei den Haaren zupfte?
KJ|0|128|3|0|Siehe, da wolltest du, dass Ich auch dich also bei den Haaren zupfen sollte!
KJ|0|128|4|0|Ich versprach dir solches, und siehe, nun halte Ich auch schon Mein Versprechen;
KJ|0|128|5|0|denn all die kleinen Überraschungen, die dir seither vorkamen, sind nichts als die dir verheißenen Zupfereien bei deinen Haaren!
KJ|0|128|6|0|Wenn dir aber in der Zukunft wieder solche vor- und zukommen werden, da erinnere dich dieser Meiner Worte und fürchte nichts, und werde nimmer zornig;
KJ|0|128|7|0|denn du wirst darob kein Haar verlieren! Dem Ich solches tue, den liebe Ich! – und der hat nichts zu fürchten weder in dieser noch in der anderen Welt!“
KJ|0|128|8|0|Dem Cyrenius kamen bei dieser Erklärung des Kindleins die Tränen, und er wusste sich vor lauter Liebe und Dank nicht zu helfen.
KJ|0|128|9|0|Es vernahmen aber auch viele umstehende Heiden solche Rede des Kindleins und erstaunten sich über alle Maßen, wie dies Kindlein von einem Vierteljahr Alters also vollkommen weise und klarst zu reden vermag.
KJ|0|128|10|0|Und es wandten sich einige an den Joseph und fragten ihn, wie doch solches zuging, dass dies Kindlein in so frühester Zeit also vollkommen ausgebildet zu reden vermag.
KJ|0|128|11|0|Joseph zuckte hier mit den Achseln und sprach: „Liebe Freunde! Auf der großen Erde, und besonders im Gebiet des Lebens, zeigen sich hie und da die wunderbarsten Erscheinungen.
KJ|0|128|12|0|Sie geschehen vor unseren Augen zwar, aber wer kann die geheimen Gesetze einer schaffenden Gottheit bestimmen, nach denen sie solches wirkt?!
KJ|0|128|13|0|Fürwahr, wir treten, als selbst die größten Wunder, der Wunder Unzahl täglich mit unseren Füßen – und beachten sie kaum!
KJ|0|128|14|0|Wer aus uns aber weiß, wie dieses zahllose Wunderwerk entsteht – wie das Gras, wie der Baum, wie der Wurm, wie die Mücke, wie der Fisch im Wasser?
KJ|0|128|15|0|Fürwahr, uns bleibt da nichts übrig, als die Wunder zu betrachten und den großen heiligen Werkmeister derselben zu rühmen, zu loben und anzubeten!“
KJ|0|128|16|0|Diese Erklärung des Joseph beruhigte vollkommen die fragenden Heiden,
KJ|0|128|17|0|und sie sahen von diesem Augenblick die ganze Natur mit ganz anderen Augen an.
KJ|0|128|18|0|Sie zerstreuten sich dann nach allen Seiten des freien Berges und betrachteten die Wunder der Schöpfung.
KJ|0|128|19|0|Der Cyrenius aber wandte sich dennoch heimlich an den Joseph und fragte ihn, ob er solches im Ernst nicht wüsste.
KJ|0|128|20|0|Und Joseph beteuerte ihm das und sprach: „Wende dich darob an das Kindlein; das wird dir sicher die beste Auskunft geben.“
KJ|0|129|1|1|Die wunderbare Redefähigkeit des erst wenige Monate alten Jesuskindes
KJ|0|129|1|1|Am 30. Jänner 1844
KJ|0|129|1|0|Und der Cyrenius wandte sich darauf sogleich allerdemütigst an das Kindlein und sprach:
KJ|0|129|2|0|„Du mein Leben, Du mein Alles! Siehe, es ist dennoch, so man es auch weiß, Wer Du bist, zu unerhört wunderbar, dass Du, ein Kindlein von drei Monden Alters, gar so vollkommen und überweise zu reden vermagst!
KJ|0|129|3|0|Ich möchte darum von Dir auf diesem Berg, da sich schon so viel Wunderbarstes zutrug, ein kleines Licht empfangen! Möchtest Du mir denn darüber nicht einige Worte geben?“
KJ|0|129|4|0|Das Kindlein aber sprach: „Cyrenius, siehe, dort an der Seite Josephs befinden sich die zwei Diener; wende dich an sie, die werden dir das kundtun!“
KJ|0|129|5|0|Der Cyrenius befolgte sogleich diesen Rat und wandte sich in dieser Sache an die beiden Jünglinge.
KJ|0|129|6|0|Und die sprachen: „Siehe, das ist eine rein himmlische Sache; so wir sie dir auch kundgeben, da wirst du sie aber dennoch nicht fassen!
KJ|0|129|7|0|Denn naturmäßige Menschen können nimmer das reinst Himmlische erfassen, weil ihr Geist noch nicht ledig ist, sondern gefangen von aller Materie der Welt.
KJ|0|129|8|0|Du aber bist auch noch zum größten Teil naturmäßig; also wirst du auch das nicht fassen, was wir dir kundgeben werden!
KJ|0|129|9|0|Du aber willst davon Kunde erhalten, so wollen wir sie dir auf des Herrn Geheiß auch geben;
KJ|0|129|10|0|aber das Verstehen können wir dir nicht geben darum, da du noch ein naturmäßiger Mensch bist.
KJ|0|129|11|0|Und so höre uns! Siehe, das Kindlein, wie Es ist in Seiner menschlichen Art, kann euch gegenüber als naturmäßigen Menschen noch lange nicht reden!
KJ|0|129|12|0|Das wird Es erst in einem Jahr halbwegs imstande sein!
KJ|0|129|13|0|Aber im Herzen des Kindleins wohnt die Fülle der ewigen allmächtigen Gottheit!
KJ|0|129|14|0|Wenn nun dies Kindlein dir vernehmlich und überweise spricht, da spricht nicht das dir sichtbare Kind, sondern die Gottheit aus dem Kind in dein zu dem Behuf erwecktes Gemüt.
KJ|0|129|15|0|Und du vernimmst dann die Worte also, als redete das dir sichtbare Kindlein.
KJ|0|129|16|0|Aber dem ist es nicht also, sondern da redet nur die dir unsichtbare Gottheit!
KJ|0|129|17|0|Und was du wie von außen her zu hören meinst, das hörst du nur in dir selbst; und das ist mit jedem der Fall, so er dies Kindlein reden hört!
KJ|0|129|18|0|Damit du dich aber davon überzeugst, so stelle dich nun so ferne, als du willst, von hier, da man des Kindleins natürliche Stimme nicht mehr vernehmen möchte.
KJ|0|129|19|0|Und das Kindlein wird dann dich anreden, und du wirst Es in der Ferne so gut vernehmen wie in der größten Nähe! Gehe und erfahre das!“
KJ|0|129|20|0|Und der Cyrenius, vom Ganzen zwar nichts verstehend, ging aber dennoch bei tausend Schritte nach des Berges Fläche hin.
KJ|0|129|21|0|Da vernahm er auf einmal den Ruf des Kindleins ganz hell und klar, der also lautete:
KJ|0|129|22|0|„Cyrenius! Kehre nur schnell wieder zurück; denn unter dem Punkt, darüber du stehst, ist eine Höhle, voll von Tigern!
KJ|0|129|23|0|Diese fangen an dich zu wittern; daher eile zurück, ehe sie deiner ansichtig werden!“
KJ|0|129|24|0|Der Cyrenius solches vernehmend, floh sogleich mit Windesschnelle zurück und stand nun ganz verblüfft da. Er wollte weiter fragen, aber er wusste am Ende nicht, um was er so ganz eigentlich fragen sollte; denn diese Erfahrung war ihm zu wunderlich.
KJ|0|130|1|1|Die beiden Erzengel geben ein großes Zeugnis über das Wesen des Herrn und Seine Menschwerdung
KJ|0|130|1|1|Am 31. Jänner 1844
KJ|0|130|1|0|Die beiden Jünglinge sprachen darauf nichts weiter; aber der Cyrenius war durch diese Erklärung zu sehr angestochen worden, als dass er nun ruhen konnte.
KJ|0|130|2|0|Als er sich nach einiger Zeit erst wieder gesammelt hatte, da sprach er zu den beiden Jünglingen:
KJ|0|130|3|0|„Hocherhabenste Diener Gottes von Ewigkeit ganz sicher! Eure Erklärung ist zu wunderbar erhaben und all mein Leben anziehend, als dass ich mich mit dem begnügen solle, was ihr mir gesagt und gezeigt habt!
KJ|0|130|4|0|Ich erkenne nun wohl vollkommen, dass ich ein aller höheren Weisheit vollkommen lediger Verstand- und Naturmensch bin, der kaum um eine Spanne weiter sieht, als er greift.
KJ|0|130|5|0|Sollte es aber nicht möglich sein, mir nur ein wenig mehr Einsicht zu verschaffen?!
KJ|0|130|6|0|Ich bitte euch demütigst darum, tut mir solches, öffnet mir ein in mir sicher verborgen liegendes tieferes Erkenntnisvermögen,
KJ|0|130|7|0|auf dass ich wenigstens das, was ihr mir kundgegeben habt, klarer verstehen möchte!“
KJ|0|130|8|0|Die beiden aber sprachen: „Siehe, du sonst so lieber Freund und Bruder, du bittest hier um vor der Zeit Unmögliches!
KJ|0|130|9|0|Denn solange du noch im Fleische wandelst, magst du nimmer Dinge der höchsten göttlichen Weisheit begreifen!
KJ|0|130|10|0|Denke dir, Gott, der Herr, der hier in aller Seiner endlosen und ewigen Fülle in diesem Kindlein wohnt, hätte zahllose Myriaden der herrlichsten und übergroßen Welten und Erden, deren endlos kleinsten Teil du zur Nachtzeit als Sternchen am Himmel erschaust,
KJ|0|130|11|0|die Er Sich hätte, wie diese Erde, für Seine Menschwerdung erwählen können! Und dennoch hat Er diese magere Erde erwählt, die doch unter allen zahllosen Weltkörpern der elendeste und schlechteste ist in jeder Hinsicht genommen!
KJ|0|130|12|0|Aber Ihm, dem ewigen Herrn der Unendlichkeit, hat es also wohlgefallen; Er tat es, wie es vor unseren Augen liegt!
KJ|0|130|13|0|Meinst du aber, Er hat dazu etwa unseres Rates bedurft oder etwa unserer Einwilligung?
KJ|0|130|14|0|O siehe, das wäre grundirrig gedacht! Er tut von Ewigkeit allein, was Er will, und nie ist noch jemand Sein Ratgeber gewesen!
KJ|0|130|15|0|Wer aber kann Ihn fragen und sagen: ‚Herr! – was tust Du, und warum tust Du es?‘
KJ|0|130|16|0|Er Selbst ist in Sich ewig die höchste Vollendung, die höchste Weisheit, die größte Liebe und Sanftmut!
KJ|0|130|17|0|Er ist in Sich die allein allerhöchste Kraft und Macht; ein Gedanke der Vernichtung in Seiner Brust, und alles sinkt im schnellsten Augenblick ins Nichts zurück!
KJ|0|130|18|0|Und siehe, dennoch lässt Er Sich hier als ein schwaches Menschenkind auf den Armen einer schwachen jüdischen Jungfrau locken!
KJ|0|130|19|0|Und Er, der zahllose Sonnen, Welten und Wesen endloser Art mit der belebenden, allerweisest zweckdienlichsten Kost allerreichlichst von Ewigkeit versieht, saugt hier auf dieser mageren Erde Selbst die schwachen Brüste einer fünfzehnjährigen Jungfrau!
KJ|0|130|20|0|Er als das Grundleben alles Lebens hat Selbst das Kleid des Todes, der Sünde angezogen und hat Sich verborgen im Fleisch und Blut!!!
KJ|0|130|21|0|Was sagst denn du dazu? Wie kommt dir das vor? Möchtest du darüber nicht auch eine hellere Beleuchtung haben?!
KJ|0|130|22|0|Siehe, sowenig aber du das je in der Tiefe erfassen wirst, ebenso wenig kann dir hier über das Frühreden dieses allerhöchsten Kindes mehr gesagt werden.
KJ|0|130|23|0|Liebe Es aber aus allen deinen Kräften in dir, und verrate Es nirgends, so wirst du auch in dieser Liebe etwas finden, was dir sonst alle Himmel in Ewigkeiten nicht zu offenbaren vermöchten!“
KJ|0|130|24|0|Diese Worte erfüllten den Cyrenius mit einer so ungeheuren Achtung vor dem Kind, dass er sogleich vor Demselben niederfiel und weinend sprach: „O Herr! Ich bin ewig solcher Gnade nicht wert, die ich hier genieße!“
KJ|0|130|25|0|Das Kindlein aber sprach: „Cyrenius, stehe auf, und verrate Mich nicht! Ich kenne ja dein Herz, und liebe dich, und segne dich; darum erhebe dich!“ – Und der Cyrenius erhob sich sobald, ganz bebend vor Liebe und Achtung.
KJ|0|131|1|1|Ein Gewittersturm zieht heran
KJ|0|131|1|1|Am 1. Februar 1844
KJ|0|131|1|0|Es kamen aber die anderen, die sich ehedem nach allen Seiten der sehr gedehnten Fläche des Berges zerstreut hatten, mit ganz bekümmerten Gesichtern zurück.
KJ|0|131|2|0|Denn sie ersahen aus dem südwestlichen Teil Ägyptens sich gar mächtige schwarze Wolken erheben, die allzeit Vorläufer großer Stürme waren.
KJ|0|131|3|0|Nordöstlich gegen Ostracine hin war freilich wohl alles rein; aber desto schauerlicher sah es über dem Gebirge, wie schon gesagt, südwestlich aus.
KJ|0|131|4|0|Diese Zurückgekommenen rieten daher zu einer schnellen Heimkehr.
KJ|0|131|5|0|Der Cyrenius aber sagte: „Wenn es an der rechten Zeit sein wird, werden uns schon diese mächtigen Weisen kundgeben!
KJ|0|131|6|0|Solange sich aber diese ruhig verhalten, da wollen auch wir uns kein graues Haar wachsen lassen!“
KJ|0|131|7|0|Der Maronius und der Oberste sprachen aber: „Du hast recht; aber gehe hin über diese kleine Anhöhe, und siehe, und du wirst sicher auch unserer Meinung sein!
KJ|0|131|8|0|Denn da sieht es ja aus, als wenn alle Furien auf einmal die Erde in den Brand gesteckt hätten!“
KJ|0|131|9|0|Cyrenius aber fragte den etwas schlummernden Joseph:
KJ|0|131|10|0|„Freund und Bruder, hast du vernommen, was diese da mir für eine warnende Nachricht gebracht hatten?“
KJ|0|131|11|0|Und der Joseph sprach: „Ich schlummerte und weiß kaum, wovon da nun unter euch die Rede war.“
KJ|0|131|12|0|Und der Cyrenius sprach: „So erhebe dich, und gehe mit mir auf diese Anhöhe, und du wirst den Stoff unserer Rede sogleich entdecken!“
KJ|0|131|13|0|Und Joseph erhob sich und ging mit dem Cyrenius auf die Höhe.
KJ|0|131|14|0|Als sie da anlangten, zeigte der Cyrenius dem Joseph sogleich das höchst drohende Aussehen des herannahenden Sturmes.
KJ|0|131|15|0|Und der Joseph sprach: „Ja, was willst du da nun machen?
KJ|0|131|16|0|Fliehen? Wohin? In einer Viertelstunde ist der Sturm längstens da!
KJ|0|131|17|0|Nach Ostracine brauchen wir laufend anderthalb Stunden; bevor wir noch durch den oberen Teil der Gebirgswaldung kommen, hat uns der Sturm lange schon eingeholt!
KJ|0|131|18|0|Was dann in der unsicheren Schlucht, wenn uns eine Legion von Bestien umringen werden, was sie bei großen Stürmen gerne tun?!
KJ|0|131|19|0|Und wenn uns obendrauf noch reißende Wolkenbruchströme ereilen und uns schonungslos in die Tiefe mitreißen?! Was machen wir dann?
KJ|0|131|20|0|Daher bleiben wir lieber hier auf der Höhe, da können wir höchstens nass werden, während uns im Wald allerlei Ungemach zustoßen kann!“
KJ|0|131|21|0|Der Cyrenius war mit diesem Rat zufrieden und ging mit Joseph unter den Feigenbaum zurück.
KJ|0|131|22|0|Aber die Gesellschaft des Cyrenius machte dabei dennoch sehr bedenkliche Mienen; besonders als sie die drei Löwen auf einmal aufspringen und die Flucht in die Wälder ergreifen sah.
KJ|0|131|23|0|Und der Maronius sprach zum Joseph selbst: „Siehe, die drei uns getreu gewordenen Bestien haben sicher im Vorgefühl für die Kalamität, die uns hier erwartet, die sie schützende Flucht ergriffen! Sollen wir nicht desgleichen tun?“
KJ|0|131|24|0|Joseph aber sprach: „Der Mensch hat nicht vom Tier zu lernen, was er tun soll, sondern vom Herrn der Natur!
KJ|0|131|25|0|Ich aber bin der Meinung, dass ich klüger bin als das Tier; darum bleibe ich und werde den Sturm hier abwarten und nach demselben erst aufbrechen, falls einer kommen wird!“ – Damit mussten sich nun alle zufriedenstellen und bleiben in banger Erwartung.
KJ|0|132|1|1|Blitze schlagen ein. Die ängstlichen Heiden. Auf ein Wort des Jesuskindes verschwindet das Gewitter
KJ|0|132|1|1|Am 3. Februar 1844
KJ|0|132|1|0|Es dauerte aber keine Viertelstunde, als sich der Gipfel des Berges auf einmal in Nebel zu hüllen anfing, und das so dicht, dass es förmlich finster wurde.
KJ|0|132|2|0|Die ganze Gesellschaft des Cyrenius fing an zu wehklagen und sprach:
KJ|0|132|3|0|„Da haben wir’s jetzt! Der Zeus wird uns hier schön bedienen!
KJ|0|132|4|0|Hier wird es nicht heißen: Ferne von Zeus, ferne vom Blitz!
KJ|0|132|5|0|Sondern hier können wir alle gar übel umkommen; denn Sterbliche sollen sich den Göttern nie über die Gebühr nahen, wollen sie mit heiler Haut auf der Erde wandeln!“
KJ|0|132|6|0|Der Cyrenius aber sprach etwas scherzhaft: „Nun sollen mich eure Götter allesamt etwas gerne haben!
KJ|0|132|7|0|Ich habe einen besseren Gott gefunden, bei dem es nicht heißt: Ferne von Ihm, auch ferne vom Blitz!
KJ|0|132|8|0|Sondern da heißt es ganz umgekehrt: Ferne von Ihm, ferne vom Leben – und sehr nahe dem tötenden Blitz!
KJ|0|132|9|0|Aber nahe bei Ihm heißt dann auch so viel als: Nahe dem Leben – und sehr ferne vom tötenden Blitz!
KJ|0|132|10|0|Darum schrecken mich nun auch diese Nebel gar nicht; denn ich weiß ja, dass wir alle dennoch sehr ferne vom tötenden Blitz sind!“
KJ|0|132|11|0|Als aber der Cyrenius solches noch kaum ausgesprochen hatte, da zuckte schon ein knallender Blitz gerade vor der Gesellschaft in die Erde, und diesem folgte bald eine Legion!
KJ|0|132|12|0|Das frappierte den Cyrenius ein wenig, und seine Gefährten sprachen: „Wie gefällt dir das auf deine frühere Äußerung?“
KJ|0|132|13|0|Und der Cyrenius sprach: „Sehr gut; denn das ist ja ein wahrhaftes Mordsspektakel, bei dem von uns noch keiner das Leben verloren hatte!
KJ|0|132|14|0|Mir scheint, eure Götter gewahren hier den Bruder des Kaisers – und wen ganz anderen noch; darum tun sie uns diese Ehre an!“
KJ|0|132|15|0|Ein Hauptmann aber aus der Gesellschaft des Cyrenius, der noch so ziemlich stark unter dem Pantoffel der Götter stand, sprach zum scherzenden Cyrenius:
KJ|0|132|16|0|„Aber ich bitte Eure Kaiserliche Consulische Hoheit, scherzt ja nicht hier mit den Göttern! – denn wie leicht könnte das der flinke Merkur dem Zeus benachrichten, und wir wären dann alle mit einem Blitz verloren!“
KJ|0|132|17|0|Und der Cyrenius sprach, noch mehr scherzend: „Mein lieber Hauptmann, setze dich darob ganz ruhig zur Erde nieder!
KJ|0|132|18|0|Denn der Merkur hat nun einen ewigen Hausarrest von Zeus bekommen, und der Zeus selbst hat von einer ganz anderen Juno eine so derbe Maulschelle bekommen, dass ihm darob das Hören und Sehen für ewig verging!
KJ|0|132|19|0|Daher magst du nun ganz ruhig sein in dieser Hinsicht; denn von nun an wird der Zeus mit Blitz und Donner nicht viel mehr zu schaffen haben!“
KJ|0|132|20|0|Es fing aber bei dieser Gelegenheit stets heftiger an zu blitzen und gar furchtbar zu donnern, und der Hauptmann bemerkte:
KJ|0|132|21|0|„Oh! Ihre Kaiserliche Consulische Hoheit werden diese Schmährede gegen die Götter sicher noch hoch bereuen!“
KJ|0|132|22|0|Und der Cyrenius sprach: „Heute sicher nicht; vielleicht morgen, wenn mir so viel Zeit übrigbleiben wird!
KJ|0|132|23|0|Denn siehe, so ich gleich dir und noch so manchem anderen Toren die Götter fürchten möchte, da würde ich gerade jetzt unter diesem Feuermeer nicht also reden!
KJ|0|132|24|0|Weil ich aber eben die Götter durchaus nicht mehr fürchte, darum rede ich also!“
KJ|0|132|25|0|Damit war der Hauptmann abgefertigt und getraute sich dann nicht weiter mit der Kaiserlichen Hoheit zu reden.
KJ|0|132|26|0|Ein Blitz aber schlug gerade zwischen dem Joseph, der Maria und den beiden Jünglingen ein.
KJ|0|132|27|0|Da richtete sich das Kindlein auf und sprach: „Entlarve dich, du Ungetüm!“
KJ|0|132|28|0|Auf dies Wort fielen auf einmal alle die Wolken nieder. Der Himmel ward ganz rein; aber dafür erblickte man eine Menge Geschmeiß am Boden herumkriechen.
KJ|0|132|29|0|Die beiden Jünglinge aber richteten einen Blick auf den Boden, und alles Geschmeiß floh teilweise dem Wald zu, teilweise aber ward’s vernichtet.
KJ|0|132|30|0|Dieser Akt machte alles verstummen, was mit Cyrenius sich auf dem Berg befand; denn man wusste nicht, wie solches kam.
KJ|0|133|1|1|Ein nachdenklich gewordener römischer Oberster spricht mit Cyrenius über die sonderbaren Erscheinungen
KJ|0|133|1|1|Am 5. Februar 1844
KJ|0|133|1|0|Nach einer langen Weile des Staunens über Staunens nahte sich der Oberste ganz bescheiden dem Cyrenius und sprach:
KJ|0|133|2|0|„Eure Hoheit! Ich weiß, dass dieselben sich sehr viel mit der Naturwissenschaft abgegeben haben, wie solches auch mehrere erlauchte Häupter Roms es taten!
KJ|0|133|3|0|Ich bin zwar für mich stets mehr Soldat als irgendein Naturgelehrter gewesen;
KJ|0|133|4|0|aber diese höchst sonderbare Erscheinung, die hier vor unseren Augen geschah, nötigt mich zum Nachdenken.
KJ|0|133|5|0|Doch aber mag ich keinen anderen Grund irgend erschauen als im Ernst den wunderbaren nur, der da durch die sonderbare Macht dieses jüdischen Kindes erklärlich ist.
KJ|0|133|6|0|Sollte aber da im Ernst kein anderer Grund vorhanden sein? Sollte es nicht irgend geheime Gesetze in der Natur geben, nach denen solches ebenso gut erzeugt werden muss, wie sonst der Regen, Hagel und der Schnee?
KJ|0|133|7|0|O gebt mir da ein kleines Lichtlein, damit ich doch auch etwas verstehen möchte und nicht wie ein Strumpf eines Illyriers dastehe!“
KJ|0|133|8|0|Und der Cyrenius sprach zum Obersten: „O Freund! – du hast dich schlecht beraten, darum du dich in dieser Sache an mich gewendet hast!
KJ|0|133|9|0|Denn da verstehe ich geradeso viel als du; dass solches sicher nach einem Gesetz geschah, so viel ist gewiss!
KJ|0|133|10|0|Wie aber das Gesetz beschaffen ist, das wird wohl schwerlich jemand anderer wissen als allein der große Gesetzgeber der Natur!
KJ|0|133|11|0|Ob wir Sterbliche aber berechtigt sind, den großen Gesetzgeber um die Beschaffenheit solcher Gesetze zu fragen, das ist mir wenigstens völlig unbekannt!“
KJ|0|133|12|0|Der Oberste aber sprach: „Seht, Eure Hoheit, da ist ja der weise Jude, da sein wunderbares Kind und die höchst merkwürdigen beiden Jünglinge, die uns heute Morgen mit ihren Glanzkleidern so sehr außer aller Fassung gebracht haben!
KJ|0|133|13|0|Wie wäre es denn, so wir uns in dieser höchst merkwürdigen Sache an sie wendeten?“
KJ|0|133|14|0|Und der Cyrenius sprach: „Versuche es, so du dazu Mut genug besitzt!
KJ|0|133|15|0|Mir mangelt bei dieser Gelegenheit dieser; denn ich ersehe nun ganz klar, dass das Wesen ganz anderer Art sind, als wir es sind!“
KJ|0|133|16|0|Und der Oberste sprach: „An Mut gerade gebricht es mir nicht;
KJ|0|133|17|0|aber wenn Ihre Hoheit solcher Meinung sind, da will ich doch sicher keinen Hochverräter machen und begnüge mich mit meiner Ignoranz!“
KJ|0|133|18|0|Der Joseph aber sprach zum Cyrenius: „Bruder, nun lasse zum Aufbruch ordnen; denn die Sonne hat sich schon ziemlich geneigt!“
KJ|0|133|19|0|Der Cyrenius tat solches, und in kurzer Zeit ward die Rückreise angetreten, die ohne alle Hindernisse vor sich ging; und in zwei Stunden ward die Villa wieder erreicht.
KJ|0|134|1|1|Rückkehr zu Josephs Haus. Der älteste Sohn Josephs erzählt von wunderbaren Erscheinungen. Die drei Löwen
KJ|0|134|1|1|Am 6. Februar 1844
KJ|0|134|1|0|Bei der Villa wieder angelangt, ward die Gesellschaft sogleich von den Söhnen Josephs und ganz besonders aber von den zurückgebliebenen Jünglingen auf das Liebfreundlichste begrüßt.
KJ|0|134|2|0|Und die Söhne zeigten dem Vater Joseph sogleich alles an, was sie unterdessen gemacht und wie sie seinen Willen auf das Pünktlichste erfüllt hatten.
KJ|0|134|3|0|Zugleich aber erzählte der älteste Sohn dem Joseph, was alles sich unter der Zeit wunderbar in der Gegend von Ostracine zugetragen hatte.
KJ|0|134|4|0|„Ganz besonders“, sagte der Erzähler, „hat der plötzliche Brand der Residenz in der Stadt alle Bewohner erschreckt!
KJ|0|134|5|0|Als aber diese sich bemühten, dem Brand Einhalt zu tun, da erlosch das gewaltige Feuer auf einmal und war keine Spur mehr von selbem zu entdecken.
KJ|0|134|6|0|Darauf ersahen wir auf einmal, dass sich der Berg in feurige Wolken einzuhüllen begann, und tausend Blitze zuckten durcheinander.
KJ|0|134|7|0|Da gedachten wir des Sinai, der zur Zeit der großen Offenbarung Gottes an unsere Väter gerade also ausgesehen haben mag.
KJ|0|134|8|0|Wir waren da sehr, sehr besorgt um euch; aber die Jünglinge vertrösteten uns und sagten, dass da niemandem auch nur ein Haar gekrümmt wird.
KJ|0|134|9|0|Wie aber der Berg also sich in feurige Wolken zu hüllen anfing, siehe, da wurden wir aber gar bald dennoch recht gewaltig erschreckt:
KJ|0|134|10|0|Drei ungeheure Löwen sprangen in großer Hast auf uns zu vom Weg des Berges.
KJ|0|134|11|0|Wir erschraken darob sehr. Aber die Jünglinge sprachen: ‚Fürchtet euch nicht; denn diese Tiere suchen Schutz in der Wohnung Dessen, dem alle Dinge gehorchen müssen!‘
KJ|0|134|12|0|Und siehe, also war es auch! Die drei Löwen eilten sogleich in unsere Karrenschupfe, allwo sie sich noch ganz ruhig befinden.
KJ|0|134|13|0|Wir gingen ehedem nach dem Sturm mit einigen Jünglingen hin und besahen die riesigen Bestien;
KJ|0|134|14|0|da erhoben sie sich bald und gaben Zeichen von unverkennbarer Ergebung und Freundlichkeit! Siehe, Vater Joseph, das alles ist wunderbarst vor sich gegangen in eurer Abwesenheit.“
KJ|0|134|15|0|Und der Joseph sprach: „Nun gut, gut mein Sohn; das alles haben auch wir erlebt! Du hättest deine Erzählung fast etwas zu lange dauernd gemacht!
KJ|0|134|16|0|Nun geht aber und bestellt den Tisch; denn wir alle brauchen Stärkung, da uns der Berg ein wenig hergenommen hatte!
KJ|0|134|17|0|Und die Söhne mit den anderen Jünglingen eilten sogleich in die Küche und in das Speisezimmer und brachten in kurzer Zeit alles in die schönste Ordnung.
KJ|0|134|18|0|Der Cyrenius aber sprach: „Fürwahr, das nimmt mich sehr wunder, dass diese drei Bestien, anstatt sich in ihren Höhlen zu verkriechen, hierher die Zuflucht nahmen!
KJ|0|134|19|0|Am Ende werden sie beim Haus bleiben und dasselbe treu bewachen, wie man ähnliche Beispiele von dieser Tiergattung mehrere hat?!“
KJ|0|134|20|0|Und der Joseph sprach: „Mir ist alles recht, was dem Herrn recht und wohlgefällig ist!
KJ|0|134|21|0|Es kann aber auch sein, dass diese Tiere dir folgen werden zu einem Schutz deines Schiffes?!“
KJ|0|134|22|0|Und der Cyrenius sprach: „Dann wird es auch mir recht sein, was der Herr will, obschon mich der Herr auch ohne diese Löwen beschützen kann!“
KJ|0|134|23|0|Hier kamen die drei Löwen hervor und stellten sich um den Cyrenius und gaben ihm ihre Freundlichkeit zu erkennen.
KJ|0|134|24|0|Und der Cyrenius sprach: „Das ist aber im Ernst sonderbar; du lieber Bruder darfst nur etwas reden, so geschieht es auch schon!“
KJ|0|134|25|0|Die beiden Jünglinge aber sprachen: „Diese drei Tiere werden dir noch heute in der Nacht gute Dienste tun!
KJ|0|134|26|0|Denn der Herr weiß allzeit die tauglichsten Mittel, durch die Er jemandem hilft.
KJ|0|134|27|0|Solche Tiere aber waren schon öfter in göttlichem Dienst; daher werden sie jetzt auch erwählt, dir zu dienen in einer Sache, die deiner harrt! Und also geschehe es!“
KJ|0|135|1|1|Das Mahl im Haus des Joseph. Das Jesuskind warnt Cyrenius vor einem Attentat. Die drei Löwen bewachen das Nachtlager des Cyrenius und töten die Angreifer
KJ|0|135|1|1|Am 7. Februar 1844
KJ|0|135|1|0|Nach dieser Beredung verließen die drei Löwen den Cyrenius wieder und zogen sich in ihre Karrenschupfe zurück.
KJ|0|135|2|0|Der Cyrenius wollte zwar noch so manches über diese Erscheinung mit dem Joseph sprechen, aber es kamen soeben die Söhne Josephs und zeigten ihm an, dass das Mahl bereitet und der Tisch bestellt ist.
KJ|0|135|3|0|Und der Joseph lud daher sogleich die ganze Gesellschaft ein, in das Speisegemach zu treten und sich zu stärken am Tisch mit Speise und Trank.
KJ|0|135|4|0|Auf diese Einladung begab sich nun alles in das Speisegemach und aß die gesegneten Speisen und stillte sich den Durst mit Wasser und etwas Zitronensaft.
KJ|0|135|5|0|Nach der Mahlzeit, die bei einer Stunde gedauert hatte, dankte Joseph Gott und segnete alle die hier anwesenden Gäste.
KJ|0|135|6|0|Das Kindlein aber verlangte den Cyrenius; und als dieser in der höchsten Demut sich diesem näherte, sprach Es zu ihm:
KJ|0|135|7|0|„Cyrenius, heute in der Nacht wirst du von einer kleinen verräterischen Rotte überfallen werden in deinem Schlafgemach!
KJ|0|135|8|0|Ich aber gebe dir darum die drei Löwen mit; diese lasse im Gemach bei dir, wie sie dir folgen werden.
KJ|0|135|9|0|Wenn die verräterische Horde in dein Gemach treten wird, da wird sie plötzlich von den drei Löwen auf das Grimmigste angefallen und zerrissen werden!
KJ|0|135|10|0|Dir aber wird dabei kein Haar gekrümmt werden! Scheue dich aber nicht vor den drei Löwen; denn diese erkennen in dir vollkommen ihren Herrn!“
KJ|0|135|11|0|Inbrünstigst dankte der Cyrenius dem Kindlein in seinem Herzen und überhäufte Es mit vielen Küssen, desgleichen auch sein Weib, die Tullia, die aber nicht wusste, was das Kindlein ehedem mit dem Cyrenius geredet hatte.
KJ|0|135|12|0|Und als es schon ziemlich Abend geworden war, da brach der Cyrenius mit seiner Gesellschaft auf, wiederholte noch einmal seine Einladung auf den nächsten Tag und begab sich dann gesegnet in die Stadt.
KJ|0|135|13|0|Als er aber seinen Fuß über die Hausflur gesetzt hatte, da waren auch die drei Löwen schon bei der Hand und begleiteten den Cyrenius festweg in seine Wohnung.
KJ|0|135|14|0|Und als er da sich auf sein Lager mit der Tullia begab, umlagerten die Löwen dasselbe, ihre leuchtenden Augen auf die Eingangstür unverwandt richtend.
KJ|0|135|15|0|Es gingen die Diener des Cyrenius noch öfter aus und ein; aber die Löwen achteten ihrer nicht.
KJ|0|135|16|0|Es war aber um die zweite Nachtwache, da kamen zwanzig vermummte Männer ganz leisen Trittes ins Gemach des Cyrenius und nahten sich ganz leise dem Schlaflager desselben.
KJ|0|135|17|0|Als sie aber kaum mehr fünf Schritte vom Lager entfernt standen und ihre Dolche hervorzogen,
KJ|0|135|18|0|da stürzten auf einmal die drei Löwen unter dem furchtbarsten Gebrüll auf sie los und zerrissen sie in wenigen Augenblicken in Stücke, und nicht einer entkam diesem Angriff!
KJ|0|135|19|0|Denn auf so einen Angriff war keiner gefasst; bei dem ersten Ansprung geriet alles in die größte Angst und Verwirrung und gedachte an keine Verteidigung.
KJ|0|135|20|0|Aus dem Grunde fand auch keiner den Rückweg und ward somit eine Beute der Wut der Löwen.
KJ|0|135|21|0|Und so ward der Cyrenius in dieser Nacht wunderbar durch die drei Löwen gerettet und staunte am nächsten Tag morgens nicht wenig, als er der zerrissenen Leichen im Zimmer ansichtig ward.
KJ|0|136|1|1|Cyrenius entdeckt einen Verräter unter seiner Dienerschaft. Das Gericht des Löwen
KJ|0|136|1|1|Am 8. Februar 1844
KJ|0|136|1|0|Der Cyrenius weckte aber auch sogleich seine Dienerschaft und berief sie, dass sie ihm zur Rede stehe, wie solche Verräterei geschah.
KJ|0|136|2|0|Die Dienerschaft erschrak über diesen Anblick und sprach zum erzürnten Statthalter:
KJ|0|136|3|0|„Allergestrengster, gerechtester und mächtigster Herr, Herr! Die Götter sollen unsere Zeugen sein, dass wir von allem dem nicht eine Silbe wussten!
KJ|0|136|4|0|Wir wollen alle des Todes sein, so wir daran nur die allergeringste Teilnahme oder selbst nur die geringste Wissenschaft haben!“
KJ|0|136|5|0|Und der Cyrenius sprach: „Also schafft denn diese Leichen hinaus und beerdigt sie vor dieser Burg auf dem offenen Platz zum abschreckenden Beispiel für alle jene, die etwa noch ihres Sinnes wären!“
KJ|0|136|6|0|Die Dienerschaft aber hatte eine große Furcht vor den drei Löwen, die noch das Lager des Cyrenius streng bewachten, und sprach:
KJ|0|136|7|0|„O Herr, Herr! Siehe, wir getrauen uns nicht, hier etwas anzurühren; denn die drei Bestien sehen zu grimmig aus und könnten uns das tun, was sie diesen Meuterern taten?!“
KJ|0|136|8|0|Und der Cyrenius sprach: „Wer aus euch redlichen Gewissens ist, der trete hervor und überzeuge sich, dass auch diese grimmigen Tiere die Treue respektieren!“
KJ|0|136|9|0|Auf diese Rede des Cyrenius traten bis auf einen alle hervor, und die Löwen taten ihnen nicht das mindeste zuleide.
KJ|0|136|10|0|Cyrenius aber fragte den Rückgebliebenen: „Warum bleibst denn du zurück, während du doch siehst, wie deine Kameraden von den Löwen nicht im Allergeringsten beleidigt werden?!“
KJ|0|136|11|0|Und der Gefragte sprach: „Herr, Herr, sei mir barmherzig; denn ich habe ein unreines Gewissen!“
KJ|0|136|12|0|Und der Cyrenius fragte ihn: „Worin besteht denn die Unreinheit deines Gewissens? Rede, willst du nicht sterben!“
KJ|0|136|13|0|Und der Gefragte sprach: „Herr, Herr! – ich wusste von diesem Verrat seit gestern Morgen, wollte aber dir nichts davon kundtun, weil ich bestochen ward mit hundert Pfund Silbers!
KJ|0|136|14|0|Denn ich dachte mir, du wirst ohnehin gerettet werden, wie der weise Mann draußen in der Villa gerettet ward, und so nahm ich das Silber an.“
KJ|0|136|15|0|Hier sprang der Cyrenius auf und sprach: „Also muss denn ein jeder ehrliche Menschenfreund unter seinen Dienern und Freunden auch einen Teufel haben!?
KJ|0|136|16|0|Du elender Schurke, da trete her vor das Gericht Gottes! Findest du Gnade vor diesem Gericht, da will auch ich dich nicht richten!
KJ|0|136|17|0|Findest du aber vor diesem Gericht keine Gnade, so bist du schon gerichtet für ewig!“
KJ|0|136|18|0|Hier fing der Gefragte und also Beheißene an zu zagen und sank ohnmächtig zusammen.
KJ|0|136|19|0|Da stand ein Löwe auf, bewegte sich hin zu dem Ohnmächtigen, erfasste dessen Hand und schleppte ihn ganz behutsam hin vor den Cyrenius, allwo der Schuldige regungslos liegenblieb.
KJ|0|136|20|0|Dann aber sprang derselbe Löwe mit großer Hast in das offene Gemach und packte im selben einen Ballen, zog ihn hervor und zerriss ihn in tausend Stücke.
KJ|0|136|21|0|Und die hundert Pfunde Silbers kamen zum Vorschein, die der Diener für sein Schweigen erhielt.
KJ|0|136|22|0|Der Cyrenius staunte nicht wenig über diese Erscheinung.
KJ|0|136|23|0|Der Löwe aber fasste darauf wieder den Schuldigen am Arm, zog ihn in das Seitengemach und legte ihn gerade an die Stelle hin, wo ehedem der Ballen lag.
KJ|0|136|24|0|Da versetzte er ihm einige Schweifhiebe, die den Betäubten wieder zu sich brachten, und tat ihm sonst nichts an.
KJ|0|136|25|0|Darauf kam der Löwe wieder zurück an seine vorige Stelle und verhielt sich mit den zwei Kameraden ganz ruhig.
KJ|0|136|26|0|Die Dienerschaft begann nun die Leichen wegzuräumen nach des Cyrenius Befehl. Und der Cyrenius lobte und pries den Gott Israels, dass Er ihn also wunderbar gerettet hatte, – und in einer Stunde ward das Schlafgemach völlig wieder gereinigt.
KJ|0|137|1|1|Cyrenius berichtet Tullia das Vorgefallene. Empfang der heiligen Familie
KJ|0|137|1|1|Am 9. Februar 1844
KJ|0|137|1|0|Die Tullia aber erwachte erst von einem stärkenden Schlaf, als im Schlafgemach keine Spur von dem vorhanden war, was in dieser Nacht vorging.
KJ|0|137|2|0|Und der Cyrenius fragte sie, ob sie ganz ruhig geschlafen habe.
KJ|0|137|3|0|Und die Tullia beteuerte ihm solches, indem sie von der Gebirgsreise sehr ermüdet war.
KJ|0|137|4|0|Und der Cyrenius sprach: „Das war ein großes Glück für dich!
KJ|0|137|5|0|Denn wärest du wach gewesen in der Nacht, so hättest du eine große Angst ausgestanden!
KJ|0|137|6|0|Denn siehe, noch vor einer Stunde war dieses Gemach ein Anblick des Schreckens!“
KJ|0|137|7|0|Ganz erstaunt fragte die Tullia hier den Cyrenius, was es denn gegeben habe, und was da vorgefallen sei.
KJ|0|137|8|0|Und der Cyrenius zeigte der Tullia die drei Löwen und sprach mit einer sehr erhobenen Stimme:
KJ|0|137|9|0|„Tullia! – siehe, das sind doch drei schreckliche Tiere; sie sind Könige der tierischen Kraft, Wut und Grausamkeit, so sie gereizt werden!
KJ|0|137|10|0|Und wehe jedem Wanderer in der Wildnis, da sie hausen!
KJ|0|137|11|0|Nichts rettet ihn vor ihrer Wut! Ein Sprung, und der Mensch liegt zerrissen im glühenden Staub der Wüste!
KJ|0|137|12|0|Und doch gibt es Menschen, gegen die diese Tiere Genien der Himmel sind!
KJ|0|137|13|0|Also haben die drei reißenden Tiere uns beide in dieser Nacht vor der Wut der Menschen bewahrt und haben zwanzig Meuterer in diesem Gemach zerrissen!“
KJ|0|137|14|0|Tullia entsetzte sich ob dieser Erzählung ihres Gemahls und sprach:
KJ|0|137|15|0|„Wie ging denn das zu? Warum wusste ich denn nichts davon? Hast du schon eher etwas gewusst, warum gabst du mir nichts kund davon?“
KJ|0|137|16|0|Und der Cyrenius sprach: „Tullia, ich wusste wohl, dass in dieser Nacht etwas vorfallen werde;
KJ|0|137|17|0|aber in welcher Art, genau gesprochen, wusste ich nicht; denn ich wusste nur so viel, als mir das göttliche Kind meines Freundes kundgab.
KJ|0|137|18|0|Dass ich dir aber davon nichts kundgab, lag in meiner großen Liebe zu dir, du mein Herzensweibchen!
KJ|0|137|19|0|Und siehe, nun ist alles vorüber; der Gott Israels hat uns wunderbar vor einem schändlichsten Untergang gerettet,
KJ|0|137|20|0|dafür wir Ihn aber auch lieben, loben und preisen wollen unser Leben lang in unseres Herzens Tiefe!
KJ|0|137|21|0|Nun aber, da du schon angekleidet bist, lasse uns der erhabenen Familie entgegenziehen und sie empfangen noch vor dem Tor der Stadt!“
KJ|0|137|22|0|Der Cyrenius gebot nun seiner Dienerschaft, alles fürs bevorstehende Fest zu bereiten und gar wohl zu ordnen,
KJ|0|137|23|0|und befahl dem verräterischen Diener, ihm zu folgen vor das Stadttor.
KJ|0|137|24|0|Im selben Augenblick aber kam der Maronius mit den drei Priestern hervor aus einem anderen Teil der Burg und kündigte dem Cyrenius an, dass sich die erhabenste Familie schon der Burg nahe.
KJ|0|137|25|0|Hier ließ der Cyrenius alles im Stich und eilte mit pochendem Herzen seinem Freund Joseph entgegen, der ihm aber schon an der ersten Treppe mit Maria mit dem Kind und mit seinem ganzen himmlischen Gefolge mit ausgebreiteten Armen entgegenkam.
KJ|0|138|1|1|Ein Tropfen Mitleid ist bei jeder Gelegenheit besser als ein ganzer Palast voll der strengsten Gerechtigkeit. Die Gesellschaft im großen Schlafsaal des Cyrenius
KJ|0|138|1|1|Am 10. Februar 1844
KJ|0|138|1|0|Der Cyrenius umarmte den Joseph mit der größten Innigkeit und gab ihm kund in kurzen Worten, was diese Nacht hindurch in der Burg vorgefallen ist.
KJ|0|138|2|0|Und der Joseph sprach: „Mein geliebtester Freund und Bruder im Herrn, was du mir erzählen willst, wusste ich noch eher, als es geschah, auf ein Haar, wie es hernach geschehen ist!
KJ|0|138|3|0|Aber eines hättest du darnach nicht also tun sollen, wie du es getan hast;
KJ|0|138|4|0|und dieses eine besteht darin, dass du die zerrissenen Leichen auf dem öffentlichen Platz hast begraben lassen!
KJ|0|138|5|0|Du hast es zwar in einer rechtlich politischen Hinsicht getan, um nämlich damit das andere Volk durch ein solches Beispiel abzuhalten von ähnlichen Versuchen;
KJ|0|138|6|0|aber das ist ein sehr unhaltbares Mittel! Denn siehe, nichts auf der Welt dauert kürzer als der Schreck, die Furcht und die Traurigkeit!
KJ|0|138|7|0|Daher ist auch ein diese drei Stücke erweckendes Mittel um kein Haar haltbarer, als die durch dasselbe erweckten Stücke selbst.
KJ|0|138|8|0|Hat aber irgendein Mensch diese drei Embleme des Gerichtes mit der Freiheit seines Geistes abgeschüttelt, dann wird er erbost und fällt dann mit doppelter Wut über den grausamen Richter her.
KJ|0|138|9|0|Daher leite du die Menschen allzeit mit der ewig bleibenden Liebe, und suche solche notwendigen, aber dabei dennoch schaudererregenden Beispiele vor dem Volk zu verbergen, so wirst du stets die Liebe des Volkes genießen!
KJ|0|138|10|0|Ich sage dir, ein Tropfen Mitleid bei jeder Gelegenheit ist besser denn ein ganzer Palast voll der besten und gestrengsten Gerechtigkeit!
KJ|0|138|11|0|Denn das Mitleid bessert den Feind wie den Freund; aber die strengste und beste Gerechtigkeit macht den Gerechten stolz und hochmütig,
KJ|0|138|12|0|und der Schuldige und Gerichtete wird voll Ingrimms und sinnt nur, wie er sich rächen möchte an dem Gerechten.
KJ|0|138|13|0|Was du aber nun getan hast, das lässt sich nicht mehr ungetan machen.
KJ|0|138|14|0|Aber für die Zukunft merke dir diese Regel; sie ist besser als Gold, und besser als reinstes Gold!“
KJ|0|138|15|0|Der Cyrenius fiel hier dem Joseph abermals um den Hals und dankte ihm für diese Lehre wie ein Sohn seinem Vater.
KJ|0|138|16|0|Darauf begab sich die ganze Gesellschaft ins Schlafgemach des Cyrenius, das da, wie es bei den Großen Roms üblich war, stets in einem großen Saal bestand.
KJ|0|138|17|0|Denn die Römer sagten: Im Schlaf dünste der Mensch allzeit die Krankheit aus;
KJ|0|138|18|0|hat diese nicht den gerechten Raum, sich im Schlafgemach zu zerstreuen, so fällt sie wieder auf den Menschen zurück, und er wird krank!
KJ|0|138|19|0|Aus dem Grunde hatten dann reiche Römer sogar Fontänen in ihren großen Schlafsälen, die die Luft reinigten und die bösen Dünste an sich zogen.
KJ|0|138|20|0|Und so war auch in dieser Burg das Schlafgemach des Cyrenius der größte Saal und war versehen mit zwei Fontänen mit breiten Wasserbassins, in denen mehrere Meerzwiebeln herumschwammen.
KJ|0|138|21|0|Der Boden des Saales war aus schwarzem und braunem Marmor, und der ganze Saal war von großer altägyptischer Pracht.
KJ|0|138|22|0|In diesem Saal also befand sich nun die ganze Gesellschaft und besprach sich über so manches aus der Vorzeit, während die Dienerschaft des Cyrenius auf das Eifrigste bemüht war, alles Anbefohlene bestens zu ordnen in den Nebensälen.
KJ|0|139|1|1|Der reumütige Diener
KJ|0|139|1|1|Am 12. Februar 1844
KJ|0|139|1|0|Es stand aber auch der verräterische Diener in einer Ecke des Saales und bereute bei sich seinen Schritt, den er gegen seinen Herrn unternommen hatte;
KJ|0|139|2|0|aber niemand gedachte seiner, denn alles war in tiefweise Gespräche vertieft.
KJ|0|139|3|0|Die getreue Dienerschaft des Cyrenius aber hatte ohnehin links und rechts vollauf zu tun mit der Arrangierung der Tafel, mit der Küche und mit dem Aufrichten von Ornamenten aller Art.
KJ|0|139|4|0|Und so gedachte auch die Dienerschaft nicht ihres übertraurigen Kameraden.
KJ|0|139|5|0|Da erhoben sich auf einmal die drei Löwen und trabten hin zu dem reuevollen Diener des Cyrenius und beleckten ihn und gaben ihm durch allerlei Gebärden gewisserart ihr Mitleid zu erkennen.
KJ|0|139|6|0|Da bemerkte zuerst der Maronius, was da die drei Löwen für ein Wesen hatten mit dem Diener, und zeigte solches dem Cyrenius an;
KJ|0|139|7|0|denn der Maronius befürchtete, es möchten die drei Bestien etwa gar einen Appetit auf den Diener bekommen.
KJ|0|139|8|0|Als der Cyrenius diese sonderbare Situation seines verräterischen Dieners bemerkte, da erst fing er an, sich mit dem Joseph über das Vergehen dieses Dieners zu besprechen.
KJ|0|139|9|0|Und der Joseph sprach: „Freund und Bruder, siehe hier einen Akt dessen, was ich dir ehedem auf der Treppe geraten habe und habe es dir gezeigt, wie ein Tropfen Mitleids besser ist als ein ganzer Palast voll der besten Gerechtigkeit!
KJ|0|139|10|0|Die drei Tiere gehen dir hier mit einem guten Beispiel vor; gehe hin und tue als Mensch etwas Besseres!
KJ|0|139|11|0|Ich aber habe auf der Herreise von der Villa von einem dieser Diener des Herrn erfahren, wie du bei deinem Weib heute Morgen diese drei Tiere gerühmt hast.
KJ|0|139|12|0|Wie kommt es denn nun, dass dir nun eben diese drei Tiere zeigen, was du gleich anfangs hättest tun sollen?
KJ|0|139|13|0|Siehe, also lehrt der Herr fortwährend den Menschen!
KJ|0|139|14|0|Es geschieht in der Welt nichts umsonst; aus der Drehung eines Sonnenstäubchens sogar kannst du wahre Weisheit lernen!
KJ|0|139|15|0|Denn es wird durch dieselbe Weisheit und Allmacht Gottes gelenkt und erhalten wie die Sonne und der Mond des Himmels!
KJ|0|139|16|0|Umso mehr aber kannst du diese Erscheinung als einen gar starken Wink des Herrn betrachten, der dir gar klar sagt, was du tun sollst!
KJ|0|139|17|0|Gehe hin, und erhebe den dreifach Armen und Tiefgesunkenen; gehe hin, und erhebe einen überaus betrübten und reuevollsten Bruder!
KJ|0|139|18|0|Denn diesen hat nun der Herr dir zubereitet, auf dass er dir ein allergetreuester Bruder werde!“
KJ|0|139|19|0|Als der Cyrenius solches vom Joseph vernommen hatte, da eilte er hin und griff dem Diener unter die Arme und sprach:
KJ|0|139|20|0|„Bruder! – du hast an mir übel gehandelt; da ich aber Reue bei dir fand, so erhebe dich wieder!
KJ|0|139|21|0|Doch von nun an sollst du nicht mehr als ein Knecht, sondern als ein getreuer Bruder an meiner Seite wandeln!“
KJ|0|139|22|0|Das brach dem Diener das Herz, dass er laut zu weinen anfing und zu klagen, wie er sich an solchem Adel eines Menschen der Menschen habe versündigen können.
KJ|0|140|1|1|Cyrenius nimmt den reuigen Diener als Bruder. Der Einwand der übrigen Dienerschaft
KJ|0|140|1|1|Am 13. Februar 1844
KJ|0|140|1|0|Da der Cyrenius aber die große Erkenntlichkeit dieses Dieners sah und seine große Reue, so tröstete er ihn und sprach:
KJ|0|140|2|0|„Siehe, du mein neuer Bruder im Herrn! Wir alle Menschen sind fehlerhaft vor Gott, und Gott verzeiht uns die Fehler, so wir sie erkennen und bereuen!
KJ|0|140|3|0|Und doch ist Gott heilig, während wir alle große Sünder vor Ihm sind!
KJ|0|140|4|0|Wenn aber der Heilige verzeiht, warum sollen wir Sünder gegenseitig uns unsere Fehler nicht verzeihen?
KJ|0|140|5|0|Solange der Mensch nicht zur wahren Furie herabgesunken ist, so lange bleibt auch die Gnade Gottes über ihm.
KJ|0|140|6|0|Ist aber der Mensch auf der Welt einmal ein kompletter Teufel geworden, da hat Gott Seine Gnade von ihm genommen und hat ihn übergeben dem Gericht der Hölle!
KJ|0|140|7|0|Darum sind die zwanzig, die dich bestochen haben, von den Löwen zerrissen worden; denn die waren schon Teufel!
KJ|0|140|8|0|Du aber wardst verschont, indem du nur ein Verlockter warst und warst blind und wusstest nicht, was du getan hast!
KJ|0|140|9|0|Gott der Herr hat Seine Gnade nicht von dir genommen und hat dir die Augen geöffnet, auf dass du zur vollen Einsicht der Sünde an dir gelangt bist.
KJ|0|140|10|0|Du hast deine erkannte Sünde bereut, und Gott hat dir die Sünde vergeben!
KJ|0|140|11|0|Darum vergebe auch ich dir das Vergehen an mir und mache dich somit zu meinem Freund und zu meinem Bruder im Herrn!
KJ|0|140|12|0|Ich erhebe dich darum und führe dich hin zu meiner heiligst erhabenen Gesellschaft.
KJ|0|140|13|0|Sei daher nun guten Mutes, und folge mir, auf dass du von meinem hohen Freund gesegnet werdest mir zu einem wahrhaftigen Bruder!“
KJ|0|140|14|0|Diese recht herrliche Rede des Cyrenius an den verräterischen Diener war von bester Wirkung.
KJ|0|140|15|0|Der Diener ward getröstet und gestärkt dadurch, erhob sich und folgte, in Tränen zerfließend, dem Cyrenius hin zur Gesellschaft.
KJ|0|140|16|0|Als er dort anlangte, da hob der Joseph sobald seine Hände auf und segnete den Diener und sprach dabei nichts als: „Der Herr sei mit dir!“
KJ|0|140|17|0|Darauf befahl der Cyrenius, sogleich glänzende herrliche Kleider herbeizuschaffen und sie dem Diener anzulegen,
KJ|0|140|18|0|und belehnte ihn sogleich mit einem Ehrennamen und gab ihm dann einen Bruderkuss.
KJ|0|140|19|0|Darauf berief der Cyrenius die gesamte Dienerschaft zusammen und stellte diesen neuen Bruder ihr vor und gebot ihr, ihm zu gehorchen.
KJ|0|140|20|0|Die Diener aber sprachen: „Wie bist du denn ein gerechter Richter, so du den Verräter erhöhst, uns aber erniedrigst, die wir dir allzeit die größte Treue erwiesen haben?!“
KJ|0|140|21|0|„Kümmert euch das“, sprach der Cyrenius, „wenn ich gut und barmherzig bin? Wem aus euch ist bei mir je etwas abgegangen? Und doch hat noch nie einer aus euch sein Leben für mich aufs Spiel gesetzt!
KJ|0|140|22|0|Dieser aber war der Letzte allzeit unter euch und hat sein Leben um mich aufs Spiel gesetzt; durch seine Handlung bin ich meiner Feinde ledig geworden! Verdient er darum nicht diesen Rang?“
KJ|0|140|23|0|Hier verstummte die Dienerschaft und ging wieder an ihr Geschäft und ward mit diesem Bescheid zufrieden.
KJ|0|140|24|0|Ein Jüngling der Himmel aber sprach: „Geradealso wird es einst auch im Reich Gottes zugehen; es wird mehr Freude über einen reuigen Sünder sein als über neunundneunzig Gerechte, die nie gesündigt haben!“
KJ|0|141|1|1|Vorbereitung des Morgenfestmahls. Die Einladung der Armen
KJ|0|141|1|1|Am 14. Februar 1844
KJ|0|141|1|0|Während dieser Gelegenheit ward auch das Morgenmahl bereits fertig und die Tische wohl bestellt;
KJ|0|141|2|0|und die Diener kamen und zeigten solches dem Cyrenius an.
KJ|0|141|3|0|Und der Cyrenius ging und besah alles, und da er alles in der größten und besten Ordnung fand, da ging er und lud die Gesellschaft zum Tisch in den großen Nebensaal.
KJ|0|141|4|0|Als Joseph da hineintrat, konnte er sich nicht genug verwundern, darum er hier in diesem Saal sich in einem kleinen Tempel Salomons zu Jerusalem zu befinden glaubte.
KJ|0|141|5|0|Es war aber diese Arrangierung ein Werk des Maronius Pilla, der natürlich als ehemaliger Statthalter von Jerusalem gar wohl wusste, wie der Tempel aussah aus- und inwendig.
KJ|0|141|6|0|Voll Freuden sprach Joseph: „Fürwahr, zu dem Zweck hättest du, mein Bruder Cyrenius Quirinus, keinen besseren Gedanken ins Werk setzen können!
KJ|0|141|7|0|Und ich bin, wie in Jerusalem, nun auf dem Rüstfest; es fehlt bloß das Allerheiligste, und der Tempel wäre fertig, so dieses auch da wäre!
KJ|0|141|8|0|Der Vorhang ist wohl da; aber hinter dem fehlt die Bundeslade!“
KJ|0|141|9|0|Der Cyrenius aber sprach: „Bruder, ich dachte, das Allerheiligste bringst du ohnehin lebendig mit, warum solle es künstlich dann da sein?“
KJ|0|141|10|0|Hier erst ermannte sich Joseph aus seinem Überraschungstraum und gedachte des Kindleins und der Maria.
KJ|0|141|11|0|Es berief aber nun das Kindlein den Cyrenius zu Sich und sprach zu ihm (hier fielen die Engel auf ihre Angesichter nieder):
KJ|0|141|12|0|„Cyrenius, viel hast du getan, um dem reinsten Mann der Erde eine Freude zu machen; aber auf eines hättest du bald vergessen!
KJ|0|141|13|0|Siehe, du gibst heute ein großes, gar herrliches Gastmahl!
KJ|0|141|14|0|Was drei Weltteile nur immer Bestes und Edelstes hervorbringen, ist heute hier vereint!
KJ|0|141|15|0|Daran tust du auch wohl; denn fürwahr, eine größere Ehre widerfuhr durch alle Ewigkeit und Unendlichkeit auf keiner Welt einem Haus, als nun diesem deinen!
KJ|0|141|16|0|Denn du hast nun vor dir, vor Dem alle Himmelsmächte ihr Antlitz verdecken!
KJ|0|141|17|0|Joseph hat dir angedeutet, dass das Allerheiligste in diesem Tempel leer ist.
KJ|0|141|18|0|Siehe, also ist es auch! Es solle aber nicht also sein.
KJ|0|141|19|0|Sende hinaus deine Diener, und sie sollen allerlei Arme, Blinde, Lahme, Krüppel und bresthafte Menschen hierher bringen!
KJ|0|141|20|0|Für diese lasse im nachgebildeten Allerheiligsten auch einen Tisch decken und sie festlich bewirten, und Meine Diener werden sie warten!
KJ|0|141|21|0|Und siehe, also wird dann das Allerheiligste lebendig sein und wird den Allerheiligsten besser vorstellen als nun die leere Bundeslade in Jerusalem!
KJ|0|141|22|0|Zugleich aber sorge auch für drei Ziegenböcke; diese werfe den Löwen vor, auf dass auch sie genährt werden!“
KJ|0|141|23|0|Der Cyrenius küsste darauf das Kindlein und befolgte sogleich dessen Rat.
KJ|0|141|24|0|Und im Verlaufe von einer Stunde war das vorbildliche Allerheiligste mit Armen angefüllt, und die Löwen bekamen ihre Kost.
KJ|0|142|1|1|Die Platzordnung am Festtisch
KJ|0|142|1|1|Am 15. Februar 1844
KJ|0|142|1|0|Nachdem alles also bestellt und geordnet ward, da erst erhob Joseph seine Augen gen Himmel und dankte dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
KJ|0|142|2|0|Und als er sein Dankgebet beendet hatte, da erst nahm er ganz untenan mit den Seinen Platz am königlich bestellten Tisch des Cyrenius.
KJ|0|142|3|0|Der Cyrenius aber eilte sogleich hin zum Joseph und sprach zu ihm:
KJ|0|142|4|0|„Nein, nein, mein erhabenster Freund und Bruder! Das geht nicht an; denn dieses Fest geht dich an und nicht mich!
KJ|0|142|5|0|Daher ist dort zuoberst des Tisches dein Platz, und nicht hier zuunterst!
KJ|0|142|6|0|Erhebe dich demnach, und lasse dich von mir selbst dort zuoberst am Tisch, da er mit Gold gedeckt ist, hinsetzen, und das mit allen dir Angehörigen!
KJ|0|142|7|0|Dahier aber werden meine Leute sitzen und liegen; denn also habe ich selbst es angeordnet!“
KJ|0|142|8|0|Joseph aber sprach: „Cyrenius! Siehe, eben darum, da ich dein aufrichtigster Freund und Bruder bin, bleibe ich mit den Meinen hier auf diesem Platz sitzen!
KJ|0|142|9|0|Denn siehe, bei mir verlierst du nichts, wenn ich auch hier auf dem untersten Platz sitze;
KJ|0|142|10|0|aber bei deinen großen Staatsamtsgefährten verlierst du viel, so du sie nicht obenan setzt!
KJ|0|142|11|0|Daher lasse die Sache also gut sein! Auf der Welt soll die Welt ihren Vorzug haben; im Reich Gottes aber wird erst der ganz umgekehrte Fall sein, – denn dort werden die Letzten die Ersten sein beim Tisch Abrahams, Isaaks und Jakobs!“
KJ|0|142|12|0|Der Cyrenius aber sprach: „O Bruder! Ich habe mich gefreut auf diesen Tag, dass ich dir, einem Königssohn, auch eine königliche Ehre antäte!
KJ|0|142|13|0|Nun aber ist die Halbscheid [Hälfe] meiner Freude dahin, indem ich gerade dich, dem alles das gilt, ganz untenan sehen muss!
KJ|0|142|14|0|Bruder! Gehe und setze dich doch wenigstens auf den Mittelplatz, auf dass ich dir beim Tisch doch näher bin!“
KJ|0|142|15|0|Und der Joseph sprach: „Aber mein geliebtester Bruder, du wirst doch nicht kindisch sein!?
KJ|0|142|16|0|Du weißt ja, dass ich allzeit und überall in der Ordnung bleiben muss, die mir Gott der Herr vorschreibt in meinem Herzen!
KJ|0|142|17|0|Wie willst du mich denn über diese Ordnung hinaus versuchen wollen?!
KJ|0|142|18|0|Setze du obenan deine Großen und Glänzenden; und du als Herr kannst dich hinsetzen, wohin du willst, indem dir jeder Platz am Tisch gebührt!
KJ|0|142|19|0|Und somit ist diese Sache abgetan; am goldenen Gedeck werden deine Großen schon den ersten Platz erkennen und werden sich höchst geehrt fühlen, so du ihnen solche Ehrenplätze ganz einräumst und selbst einen niedereren für dich erwählst!“
KJ|0|142|20|0|Der Cyrenius verstand die Worte Josephs, wies darauf seinen Großen die ersten Plätze an,
KJ|0|142|21|0|er selbst aber setzte sich mit der Tullia an der Mitte des Tisches.
KJ|0|142|22|0|Und so war alles wohl geordnet; die Großen waren voll Freude, dass sie obenan saßen,
KJ|0|142|23|0|Cyrenius war vergnügt in der Mitte, und Joseph mit den Seinen war überheiter, dass er auch bei diesem großen Glanzfest in der Ordnung Gottes verbleiben konnte.
KJ|0|143|1|1|Der nach Gott forschende römische Hauptmann
KJ|0|143|1|1|Am 16. Februar 1844
KJ|0|143|1|0|Das Morgenmahl aber dauerte bei einer Stunde lang, und ward unter dem Essen viel geredet über allerlei Dinge.
KJ|0|143|2|0|Ein Hauptmann aber, der auch bei der Bergbesteigung mit war, fragte zu Ende der Tafel einen von den drei ehemaligen Unterpriestern:
KJ|0|143|3|0|„Höre du mich nun an! Siehe, wir haben eine Götterlehre, nach der es von Göttern nur wimmelt, dahin wir nur immer sehen mögen;
KJ|0|143|4|0|ich aber habe noch nie etwas von einem Gott gesehen, noch irgend wahrgenommen!
KJ|0|143|5|0|Von tausend Dingen habe ich nicht selten geträumt, aber von irgendeiner Gottheit nie!
KJ|0|143|6|0|Wer aber kann aus allen nun lebenden Menschen jetzt auftreten und gewissenhaft wahr bekennen: ‚Ich habe den Zeus oder irgendeine andere Gottheit gesehen und gesprochen‘?
KJ|0|143|7|0|Nachdem wir aber doch auch ebenso gut Menschen sind als die, welche in der Urzeit mit den Göttern sollen einen Umgang gehabt haben,
KJ|0|143|8|0|so sehe ich da nicht ein, warum uns die Götter nun also im Stich lassen und kümmern sich nicht im Geringsten mehr um uns!
KJ|0|143|9|0|Könntest du als ein ehemaliger Priester mir denn nicht davon irgendeinen haltbaren Grund angeben?“
KJ|0|143|10|0|Der Unterpriester aber sprach: „Lieber Freund, ich bitte dich um alles in der Welt, frage du mich nur um solche höchst alberne Dinge nimmer!
KJ|0|143|11|0|Unsere Götter sind nichts als reine Ephemeriden, die aus dem Sumpf unserer Dummheit progeneriert [geboren] werden.
KJ|0|143|12|0|Da wir aber in solcher unserer Dummheit nichts Besseres als unsere eigenen Sumpfgeburten erspähen mögen, so bevorzugen wir diese und stellen sie uns selbst als Götter vor,
KJ|0|143|13|0|erbauen ihnen Tempel und beten dann in selben die allernichtigsten Produkte unserer Dummheit an.
KJ|0|143|14|0|Siehe, das sind die Götter, denen wir Tempel erbaut haben, und Rom an ihnen strotzt!
KJ|0|143|15|0|Ja, es gibt wohl einen wahren Gott; dieser aber war allzeit heilig, und wir allerunreinste Wesen in unseren Herzen können Ihn nicht erschauen, wohl aber Seine Werke!
KJ|0|143|16|0|Willst du aber von diesem einen Gott mehreres erfahren, da wende dich an jenen reinen Juden; der wird Ihn dich, ich schwöre es dir, sicher näher kennen lehren!“
KJ|0|143|17|0|Mit diesem Bescheid war der Hauptmann zufrieden; denn er bekam da gerade die Antwort, die er schon lange gesucht hatte.
KJ|0|143|18|0|Und er bewegte sich auch hin zum Joseph und brachte ihm sein Anliegen vor.
KJ|0|143|19|0|Und Joseph sprach: „Guter Mann, es hat alles seine Zeit! Wenn du reif wirst, wird es dir geoffenbart werden; darum begnüge dich vorderhand mit dieser Verheißung!“
KJ|0|144|1|1|Die Nachbildung des Allerheiligsten. Einspruch des Jesuskindes
KJ|0|144|1|1|Am 17. Februar 1844
KJ|0|144|1|0|Als der nach Gott forschende Hauptmann auf die Art abgefertigt war, da sprach der Joseph zum Cyrenius:
KJ|0|144|2|0|„Bruder, nun lasse uns auch einmal das Allerheiligste beschauen!“
KJ|0|144|3|0|Und der Cyrenius fügte sich mit großer Freude der Anforderung seines ihm über alles werten Freundes.
KJ|0|144|4|0|Aber das Kindlein erhob sich und sprach zum Joseph:
KJ|0|144|5|0|„Höre Mich an, du getreuer Ernährer Meines Leibes! Du selbst hast ehedem zum nach Gott forschenden Hauptmann gesagt:
KJ|0|144|6|0|‚Es hat alles seine Zeit; wenn du erst reif wirst, dann wird dir schon das Weitere geoffenbart werden! Mit dieser Verheißung begnüge dich vorderhand!‘
KJ|0|144|7|0|Also sage denn Ich aber auch hier vor dem Eintritt in das hier vorbildliche wie nachbildliche Allerheiligste:
KJ|0|144|8|0|Es hat auch dieser Eintritt seine Zeit! Noch seid ihr alle nicht reif dazu; wenn ihr aber reif werdet, da will Ich es durch Meine Diener vor euch eröffnen lassen!
KJ|0|144|9|0|Vorderhand aber begnügt euch auch ihr mit dieser Verheißung!“
KJ|0|144|10|0|Hier sahen der Joseph und der Cyrenius einander groß an, und die Verlegenheit des einen übertraf die des anderen.
KJ|0|144|11|0|Und der Joseph sprach zur Maria: „Das sieht gut aus, so das Kindlein mir jetzt Gesetze gibt, wo Es Seine Füße noch in den Windeln hat!
KJ|0|144|12|0|Was wohl wird Es dann tun, wenn Es zehn Jahre zählen wird, und was, wenn zwanzig?“
KJ|0|144|13|0|Maria aber sprach zum Joseph: „Aber lieber Vater Joseph, wie kannst denn auch du schwach werden!?
KJ|0|144|14|0|Zeigen es dir ja doch die Engel durch ihre übergroße Demut, wer dies Kindlein ist!
KJ|0|144|15|0|Und die vielen Wunder, die um uns geschehen, sind ja auch ein lauter und sonnenklarer Beweis für diese große Wunderwahrheit aller Wahrheit – und aller Wahrheit!
KJ|0|144|16|0|Siehe, ich, dein getreues Weib und deine Magd, aber merke es wohl, was die Worte des Kindleins im Schilde führen!
KJ|0|144|17|0|Tue du das, und ich glaube im Voraus überzeugt zu sein, dass da sogleich ein anderer Wind wird zu wehen anfangen!“
KJ|0|144|18|0|Und der Joseph fragte darauf wieder die Maria: „Ja – was ist es denn, das ich nun tun solle?“
KJ|0|144|19|0|Und die Maria sagte: „Siehe an den Mann, der da sucht, und zeige ihm weise, Das er sucht, – Dem er so ferne zu sein wähnt und doch so nahe ist!“
KJ|0|144|20|0|Und das Kindlein sah den Joseph freundlichst lächelnd an und sprach dazu:
KJ|0|144|21|0|„Ja, ja, du Mein geliebtester Joseph, das Weib hat recht; gehe hin und belehre den Hauptmann!
KJ|0|144|22|0|Denn siehe, denen, die da bitten, suchen und anklopfen, muss aufgetan werden die lange verschlossene Pforte in Mein Reich!
KJ|0|144|23|0|Doch musst du nicht gerade mit dem Finger auf Mich her zeigen, indem Meine Zeit noch nicht da ist; denn du weißt es ja, dass da alles seine Zeit haben muss!“
KJ|0|144|24|0|Joseph küsste darauf das Kindlein und ging darauf hin zum Hauptmann und sprach zu ihm:
KJ|0|144|25|0|„Komme und höre! Wonach dich verlangt, das solle dir werden!“ – Und der Hauptmann horchte mit Freuden der Rede Josephs.
KJ|0|145|1|1|Joseph beschreibt dem Hauptmann den Messias. Das Ende der heidnischen Tempel. Der lebendige Tempel im Herzen
KJ|0|145|1|1|Am 19. Februar 1844
KJ|0|145|1|0|Als der Hauptmann vom Joseph sogestaltig die Hauptgrundzüge der Lehre Gottes erhielt und somit auch einige Andeutungen von dem Messias,
KJ|0|145|2|0|da ward er sehr tiefsinnig und fragte nach einer Weile, wann dieser Messias kommen werde.
KJ|0|145|3|0|Joseph aber antwortete und sprach: „Dieser Messias, durch den alle Menschen vom Joch des Todes befreit werden, und der die abgefallene Erde wieder mit den Himmeln verbinden wird, ist bereits schon da!“
KJ|0|145|4|0|Und der Hauptmann forschte und sprach: „So dieser Messias bereits da ist, so sage es mir, wo Er ist – und woran kann man Ihn erkennen?“
KJ|0|145|5|0|Und Joseph antwortete und sprach: „Das steht mir nicht offen, dass ich dir Ihn mit dem Finger zeigen solle;
KJ|0|145|6|0|aber was da betrifft die Erkenntnismale, so will ich dir gleichwohl einiges davon kundgeben, und so wolle mich hören!
KJ|0|145|7|0|Siehe, der Messias wird fürs Erste der lebendige ewige Sohn des Allerhöchsten, dir bisher unbekannten Gottes sein!
KJ|0|145|8|0|Eine allerreinste Jungfrau wird Ihn empfangen auf eine allerwunderbarste Weise durch die alleinige Kraft des Allerhöchsten!
KJ|0|145|9|0|Wenn Er aber empfangen und dann geboren sein wird, da wird alle Fülle der allerhöchsten Kraft Gottes wohnen in Seinem Fleische.
KJ|0|145|10|0|Und so Er auf der Erde wohnen wird leibhaftig, da werden Seine Diener und Boten aus den hohen Himmeln zur Erde niedersteigen und werden geheim, und vielen Menschen auch offenbar, Ihm dienen.
KJ|0|145|11|0|Er wird durch Worte und Taten beseligen alle, die Ihm folgen werden in der Tat nach Seinem Wort und werden entflammen ihre Herzen für Ihn!
KJ|0|145|12|0|Die Ihn aber nicht werden erkennen wollen, die wird richten Sein allmächtiges Wort, das Er mit ehernem Griffel in eines jeden Menschen Herz schreiben wird!
KJ|0|145|13|0|Seine Worte aber werden nicht sein wie die eines Menschen, sondern werden sein voll Kraft und voll Lebens; und wer die Worte hören wird und wird sie behalten in seinem Herzen zur Tat darnach, der wird den Tod nimmer schmecken ewiglich!
KJ|0|145|14|0|In Seinem Wesen aber wird Er sein so sanft wie ein Lamm und zart wie eine Turteltaube;
KJ|0|145|15|0|aber dennoch werden Seinem leisesten Hauch gehorchen alle Elemente!
KJ|0|145|16|0|So Er den Winden gebieten wird gar leise, da werden sie losbrechen und werden das Meer zerfurchen bis in den Grund!
KJ|0|145|17|0|Wenn Er über die wogende See hinblicken wird, da wird das Gewässer zum ruhigen Spiegel werden!
KJ|0|145|18|0|So Er zur Erde hauchen wird, da wird sie ihre alten Gräber öffnen und alle Toten wieder zum Leben ausliefern müssen!
KJ|0|145|19|0|Und das Feuer wird dem zur Kühlung werden, der des Messias Wort lebendig in der Brust tragen wird!
KJ|0|145|20|0|Nun, lieber Hauptmann, hast du die wesentlichsten Merkmale des Messias, an denen du Ihn leicht erkennen kannst.
KJ|0|145|21|0|Mehr von Ihm zu sagen, ist mir nicht gestattet; das ‚wo Er ist‘ aber wirst du da sicher recht leicht und recht bald finden!“
KJ|0|145|22|0|Diese Erklärung machte einen gar mächtigen Eindruck auf den Hauptmann, dass er darauf sich kaum mehr etwas zu reden getraute.
KJ|0|145|23|0|Er ging darauf zu dem schon früher angeredeten Unterpriester und sprach zu ihm:
KJ|0|145|24|0|„Hast du von der Seite vernommen, was dieser überweise Jude zu mir geredet hatte?“
KJ|0|145|25|0|Und der Unterpriester sprach: „Ich sage dir: ein jedes Wörtchen drang tief in meine staunende Seele!“
KJ|0|145|26|0|Und der Hauptmann sprach: „Also sage mir, was es denn da hernach mit unseren Göttern für ein Ende nehmen wird, so der mir höchst merkwürdig bezeichnete Weltmessias auftreten wird in der vollen Aktivität Seiner vollgöttlichen Kraft?“
KJ|0|145|27|0|Und der Unterpriester erwiderte: „Hast du vor drei Tagen nicht empfunden die Kraft des nächtlichen Orkans?
KJ|0|145|28|0|Auf dem Berg, – hast du da nicht gesehen das plötzliche Ende unseres ehemaligen Apollotempels und alle die darauf folgenden Zeichen?
KJ|0|145|29|0|Siehe, gerade also wird es in der Kürze der Zeit auch Rom ergehen; zum staubigen Schutt werden die Tempel werden!
KJ|0|145|30|0|Und da man nun noch dem Zeus Opfer bringt, da wirst du in der Kürze einen zerworfenen Steinhaufen erschauen; aber dafür werden die Menschen lebendige Tempel erbauen in ihren Herzen!
KJ|0|145|31|0|In diesen wird ein jeder Mensch gleich einem Priester dem einig wahren Gott ein lebendiges Opfer darbringen können, überall und zu jeder Zeit! So viel und nicht mehr kann ich dir sagen! Willst du mehr? Siehe, dort sind sie, die mehr wissen als ich; darum frage mich nicht weiter!“
KJ|0|146|1|1|Wie man den Messias erkennt und wie man Gott liebt. Die Blinden im nachgebildeten Allerheiligsten erhalten ihr Augenlicht wieder
KJ|0|146|1|1|Am 20. Februar 1844
KJ|0|146|1|0|Darauf fragte der Hauptmann den Unterpriester auch nicht mehr weiter, sondern begab sich sogleich wieder hin zum Joseph.
KJ|0|146|2|0|Allda angelangt, erzählte er sogleich alles, was er von dem Unterpriester vernommen hatte,
KJ|0|146|3|0|und fragte aber darauf auch sogleich den Joseph, was er von allem dem im Ernst halten solle.
KJ|0|146|4|0|Und der Joseph antwortete und sprach: „Halte du vorderhand von allem dem, was dir gesagt ward, so viel, als dir gesagt wurde;
KJ|0|146|5|0|alles andere aber erwarte in aller Geduld von der Folge, so wirst du am besten fahren!
KJ|0|146|6|0|Denn siehe, in Fragen und Antworten besteht das heilige Reich des Messias nicht,
KJ|0|146|7|0|sondern allein nur in der Geduld, Liebe, Sanftmut und in der völligen Ergebung in den göttlichen Willen!
KJ|0|146|8|0|Denn bei Gott lässt sich nichts übers Knie brechen, nichts erzwingen und am allerwenigsten aber etwas ertrotzen!
KJ|0|146|9|0|Wann es der Herr aber für gut befinden wird für dich, dann auch wird Er dich in die höhere Offenbarung leiten!
KJ|0|146|10|0|Fasse aber sofort lebendige Liebe zu dem dir von mir ganz rein geoffenbarten Gott; durch sie wirst du am ersten dahin gelangen, wo du so ganz eigentlich sein möchtest!
KJ|0|146|11|0|Ja! – Solche Liebe wird dir in einem Wurf mehr geben lebendig, als was du mit einer Million toter Fragen erbeuten möchtest!“
KJ|0|146|12|0|Und der Hauptmann fragte und sprach: „Gut, mein geachtetster weisester Freund! Ich will solches alles tun; aber nur das musst du mir sagen, wie man deinen Gott liebt, den man noch zu wenig kennt?“
KJ|0|146|13|0|Und der Joseph sprach: „Wie du deinen Bruder und deine allfällige Braut liebst, also auch liebe Gott!
KJ|0|146|14|0|Liebe deine Nebenmenschen als lauter Brüder und Schwestern in Gott, und du wirst dadurch auch Gott lieben!
KJ|0|146|15|0|Tue allzeit und allenthalben Gutes, so wirst du die Gnade Gottes haben!
KJ|0|146|16|0|Sei barmherzig gegen jedermann, so wirst du auch bei Gott die wahre lebendige Barmherzigkeit finden!
KJ|0|146|17|0|Ferner sei in allen Dingen gelassen, sanft und voll Geduld, und fliehe den Stolz, den Hochmut und den Neid wie die Pestilenz,
KJ|0|146|18|0|dann wird der Herr eine mächtige Flamme in deinem Herzen erwecken,
KJ|0|146|19|0|und das gewaltige Licht dieser geistigen Flamme wird alle Finsternisse des Todes aus dir verscheuchen, und du wirst dann in dir selbst eine Offenbarung finden, in der du alle deine Fragen auf das Glänzendste lebendig beantwortet finden wirst!
KJ|0|146|20|0|Siehe, das ist der rechte Weg zum Licht und Leben aus Gott, das ist die rechte Liebe zu Gott; diesen Weg wandle!“
KJ|0|146|21|0|Als der Hauptmann diese kräftige Lehre vom Joseph erhielt, da hielt er sobald inne mit seinen noch vielen übrigen Fragen und versenkte sich in tiefe Gedanken.
KJ|0|146|22|0|Zu gleicher Zeit aber ward auch von den Jünglingen der Vorhang weit auseinandergezogen, und Joseph ersah sobald, dass es nun an der Zeit sei, in dieses nachgebildete Allerheiligste zu treten.
KJ|0|146|23|0|Schon von ferne der Tiefe dieses großen Saales ward von Seiten der armen Gespeisten ein mächtiger Dankruf entgegengesandt.
KJ|0|146|24|0|Als aber der glänzende Cyrenius erst völlig mit Joseph und Maria mit dem Kindlein in das nachbildliche Allerheiligste eintrat, da ward es völlig aus bei den Armen.
KJ|0|146|25|0|Dem Cyrenius kostete dieser Anblick viele Freuden- und Mitleidstränen, desgleichen auch dem Joseph und der Maria.
KJ|0|146|26|0|Es waren aber viele Blinde, Lahme und Krüppel aller Art darunter; denn ihre Zahl enthielt Hunderte.
KJ|0|146|27|0|Da betete geheim die Maria, nahm dann das Tuch, womit sie öfter das Kindlein abwischte, und wischte damit allen Blinden die Augen; und alle bekamen darauf das Augenlicht wieder! Nach dieser Tat wollte das Loben und Preisen kein Ende nehmen; darum begab sich die Gesellschaft auf kurz wieder in den Hauptsaal zurück.
KJ|0|147|1|1|Das Jesuskind heilt die Kranken, obwohl diese Maria um Heilung anrufen. Die Geheilten können dem nach dem Wunderheiler fragenden Hauptmann keine rechte Antwort geben
KJ|0|147|1|1|Am 21. Februar 1844
KJ|0|147|1|0|Nach einer Weile erst ging die erhabene Gesellschaft wieder in das nachbildliche Allerheiligste und ward wieder mit der größten Preisung empfangen.
KJ|0|147|2|0|Die Lahmen, Krüppel und sonstigen Bresthaften aber schrien: „O du herrliche Mutter! Die du halfst den Blinden, wir bitten dich, befreie auch uns von unserer großen Qual!“
KJ|0|147|3|0|Maria aber sprach: „Was ruft ihr zu mir? Ich kann euch keine Hilfe leisten; denn ich bin gleich euch nur eine schwache sterbliche Magd meines Herrn!
KJ|0|147|4|0|Aber Der, den ich auf meinen Armen trage, kann euch wohl helfen; denn in Ihm wohnt die ewige Fülle der göttlichen Allkraft!“
KJ|0|147|5|0|Es horchten aber die Kranken nicht auf die Rede der Maria, sondern schrien noch viel mehr: „O herrliche Mutter, helfe uns, helfe uns Armen, und mache uns frei von unserer Qual!“
KJ|0|147|6|0|Da richtete sich das Kindlein auf und streckte Seine Hand über die Kranken aus, und sie wurden alle im Augenblick vollkommen gesund.
KJ|0|147|7|0|Die Lahmen sprangen wie Hirsche, die Krüppel wurden gerade wie die Zedern auf dem Libanon, und alle sonstigen Bresthaften wurden von ihren Leiden befreit.
KJ|0|147|8|0|Und die Engel traten dann zu allen diesen Armen, hießen sie schweigen, und verkündigten ihnen die Nähe des Reiches Gottes auf Erden!
KJ|0|147|9|0|Diese Begebenheit brachte unseren Hauptmann aus seinem tiefen Gedankentraum, und er ging ebenfalls ins Allerheiligste der Gesellschaft nach.
KJ|0|147|10|0|Allda angelangt, trat er sogleich zum Joseph hin und fragte ihn: „Erhabener Freund, was geschah hier? Ich sehe ja hier weder Blinde noch Lahme, noch Krüppel und sonstige Elende mehr!
KJ|0|147|11|0|Wie?! – Sind sie alle durch ein Wunder geheilt worden, oder war ihr ehedem elender Zustand nur eine Verlarvung?“
KJ|0|147|12|0|Und der Joseph sprach: „Gehe hin und rede darüber mit denen selbst, die dir jetzt so rätselhaft vorkommen! Diese werden es dir am besten zu sagen wissen, was sich nun mit ihnen zugetragen hatte!“
KJ|0|147|13|0|Und der Hauptmann tat sogleich, was ihm der Joseph geraten hatte; denn das Fragen war überhaupt dieses Hauptmanns schwache Seite.
KJ|0|147|14|0|Er bekam aber überall eine und dieselbe Antwort; überall lautete es: „Auf wunderbare Weise ward ich gesund!“
KJ|0|147|15|0|Und der Hauptmann kam wieder zum Joseph und fragte ihn:
KJ|0|147|16|0|„Wer aus euch wirkte denn das Wunder? Wem aus euch ist solch eine Wunderkraft eigen? Wer aus euch ist denn sicher ein Gott?!“
KJ|0|147|17|0|Und der Joseph sprach: „Siehe, dort stehen wieder die armen Geheilten!
KJ|0|147|18|0|Gehe abermals hin und frage sie; diese werden dir schon den rechten Wink geben!“
KJ|0|147|19|0|Und der Hauptmann wandte sich sogleich wieder an die Armen und fragte um den Wundermann.
KJ|0|147|20|0|Die Armen aber sprachen: „Siehe an die große Gesellschaft; aus ihrer Mitte kam uns wunderbar die Heilung!
KJ|0|147|21|0|Die kleine Jüdin scheint die Macht zu tragen – wie aber? Das werden die Götter besser wissen als wir!“
KJ|0|147|22|0|Nun wusste der Hauptmann nicht viel mehr als vorher.
KJ|0|147|23|0|Joseph aber sprach zum Hauptmann: „Siehe, du bist ein Reicher Roms; versorge nun diese Armen aus Liebe zu Gott, so wirst du mehr erfahren! Für jetzt aber begnüge dich mit dem!“
KJ|0|148|1|1|Die Versorgung der Armen
KJ|0|148|1|1|Am 22. Februar 1844
KJ|0|148|1|0|Als der Hauptmann solches vom Joseph vernommen hatte, da bedachte er sich nicht lange, sondern ging hin zum Cyrenius und sprach:
KJ|0|148|2|0|„Kaiserliche Consulische Hoheit! Hochdieselben haben sicher vernommen, was da meiner Geringheit der weise Jude geraten hatte?
KJ|0|148|3|0|Ich habe mich darob sogleich entschlossen, seinem Rat die pünktlichste Folge zu leisten.
KJ|0|148|4|0|Darum bitte ich Hochdieselben, mir diesen meinen Beschluss zu genehmigen, laut dem ich alle diese Armen wie meine eigenen Kinder in meine Versorgung nehmen möchte!“
KJ|0|148|5|0|Und der Cyrenius sprach: „Mein achtbarster lieber Hauptmann! Es tut mir leid, dass ich dir dieses erhabene Vergnügen nicht zukommen lassen kann!
KJ|0|148|6|0|Denn siehe, soeben habe ich sie alle schon in meine eigene Versorgung übernommen!
KJ|0|148|7|0|Aber darum darfst du dich nicht betrüben; denn du wirst noch Arme genug antreffen.
KJ|0|148|8|0|Befolge an denen den Rat des weisen Juden, und du wirst den gleichen Lohn einernten!“
KJ|0|148|9|0|Der Hauptmann verneigte sich hier vor dem Cyrenius, ging sogleich zum Joseph hin und sprach:
KJ|0|148|10|0|„Da siehe nun, was kann ich nun tun, wenn mir der Cyrenius schon lange zuvorgekommen ist? Woher werde ich nun Arme nehmen? Denn hier sind sie von ganz Ostracine beisammen!“
KJ|0|148|11|0|Und der Joseph lächelte hier freundlich den Hauptmann an und sagte zu ihm:
KJ|0|148|12|0|„O mein bester Freund! Sorge du dich nur darum nicht; denn an allem hat die Erde stets einen größeren Mangel gehabt als an Armen!
KJ|0|148|13|0|Siehe, es dürfen da nicht gerade Blinde, Lahme, Krüppel und sonstige Bresthafte sein!
KJ|0|148|14|0|Gehe hin und durchsuche die Familien in den Häusern, überzeuge dich von ihrer mannigfachen Not, und du wirst sogleich Gelegenheit in Menge finden, deinen Überfluss gehörig an den Mann zu bringen!
KJ|0|148|15|0|Siehe, diese Stadt ist ja im Ganzen ohnehin mehr eine Ruine als irgendeine nur einigermaßen ansehnliche blühende Stadt!
KJ|0|148|16|0|Durchsuche nur die halbzerfallenen Wohnungen so mancher Bürger, und du wirst das Eitle deiner Betrübnis wegen Mangels an Armen sogleich überklar einsehen!“
KJ|0|148|17|0|Der Hauptmann aber sagte: „Lieber weiser Freund, da hast du wohl recht!
KJ|0|148|18|0|Aber diese Armen werden mir wenig Aufschluss über den kommenden Messias erteilen können, indem sie doch samt mir irrgläubig sind dir gegenüber!
KJ|0|148|19|0|Diese [hier] aber haben nun an sich so viel Wunderbares erlebt und hätten mir nach und nach so manches enthüllen können!?“
KJ|0|148|20|0|Und der Joseph erwiderte dem Hauptmann: „Oho, mein lieber Freund! Meinst du denn, die Enthüllung des Geistigen liegt in den Armen?
KJ|0|148|21|0|O da bist du in großer Irre! Siehe, die Enthüllung liegt nur in der Liebe deines eigenen Herzens und Geistes! Wenn du Liebe ausübst, dann wird aus der Flamme solcher Liebe dir ein Licht werden, aber nie aus dem Munde der Armen!“ – Mit dieser Erklärung ward der Hauptmann zufrieden und fragte hinfort nicht mehr, was er tun solle.
KJ|0|149|1|1|Die wunderbare Reparatur eines alten Schiffs. Das Jesuskind spricht über den Sabbat
KJ|0|149|1|1|Am 23. Februar 1844
KJ|0|149|1|0|Nach dieser Beruhigung des Hauptmanns gab der Cyrenius dem Obersten einen Befehl, laut dem dieser für den nächsten Tag noch ein Schiff ausrüsten musste, in welchem diese Armen nach Tyrus überbracht werden.
KJ|0|149|2|0|Der Oberst aber sprach: „Kaiserliche Consulische Hoheit! Es liegt meines Wissens nur noch ein altes karthagisches Schiff draußen im Hafen, das aber schon sehr schadhaft ist.
KJ|0|149|3|0|Schiffsbauleute gibt es in dieser Stadt nicht, wohl hie und da nur höchst elende Zimmerleute, die mit der genauesten Not etwa ein Fischerfloß zusammenbinden können.
KJ|0|149|4|0|Es steht demnach sehr in Frage, wie wir das alte Karthagerschiff zurechtbringen werden!“
KJ|0|149|5|0|Und der Cyrenius sprach: „Sorge dich nicht; dafür soll sogleich der beste Rat geschafft werden!
KJ|0|149|6|0|Siehe, jener weise Jude ist seiner Kunst nach ein großer Meister als Zimmermann, und also auch seine fünf Söhne!
KJ|0|149|7|0|Diesen will ich um Rat fragen, und ich bin überzeugt, er wird mir ganz besonders in dieser Sache den besten Rat erteilen!“
KJ|0|149|8|0|Hier wandte sich der Cyrenius sogleich an den Joseph und stellte ihm die Sache vor.
KJ|0|149|9|0|Joseph aber sprach: „Freund und Bruder! Es wäre alles recht und gut, wenn nur heute nicht unser größter Sabbat wäre, an dem wir keine Arbeit anrühren dürfen!
KJ|0|149|10|0|Aber es gibt vielleicht hier Zimmerleute, die unser Sabbat nichts angeht; denen will ich ja wohl die Anleitung geben.“
KJ|0|149|11|0|Es erhob sich aber da das Kindlein und sprach: „Joseph! – des Sabbats wegen darf ein jeder Mensch Gutes tun!
KJ|0|149|12|0|Die Feier des Sabbats besteht nicht sosehr im Müßigsein den ganzen Tag hindurch, sondern vielmehr in guten Werken.
KJ|0|149|13|0|Moses hat wohl die Feier des Sabbats hoch geboten und in seinem Gebot jede unnötige und knechtlich bezahlte Arbeit als eine Schändung des Sabbats bezeichnet, die vor Gott ein Gräuel ist;
KJ|0|149|14|0|aber an einem Sabbat den Willen Gottes zu tun, hat Moses nie verboten!
KJ|0|149|15|0|Es steht nirgends im Gesetz, dass man an einem Sabbat einen Bruder soll zugrunde gehen lassen!
KJ|0|149|16|0|Ich aber als der Herr des Sabbats sage: Tut auch am Sabbat allzeit Gutes, so werdet ihr den Sabbat am besten feiern!
KJ|0|149|17|0|Getraust du, Joseph, dich aber schon nicht, scheinbar nur das Gesetz Mosis zu übertreten durch die leichte Ausbesserung jenes Schiffes, so sollen das sogleich Meine Diener tun!“
KJ|0|149|18|0|Und Joseph sprach: „Mein göttlich Söhnchen, Du hast wohl recht; aber siehe, ich bin im Gesetz alt geworden und will es auch nicht dem Schein nach übertreten!“
KJ|0|149|19|0|Da berief das Kindlein sogleich die Jünglinge und sprach: „Also geht ihr hin und erfüllt Meinen Willen;
KJ|0|149|20|0|denn der Joseph achtet das Gesetz mehr als den Gesetzgeber und den Sabbat mehr als den Herrn des Sabbats!“
KJ|0|149|21|0|Und so schnell wie ein Gedanke verließen die Jünglinge den Saal und brachten auch im Augenblick das Schiff zurecht und kamen auch sobald wieder zurück.
KJ|0|149|22|0|Alles verwunderte sich über diese Schnelligkeit, und viele glaubten nicht, dass das Schiff in Ordnung sei. Aber es kamen bald Boten vom Hafen, die diese Tat dem Cyrenius anzeigten. Darauf begab sich dann die ganze Gesellschaft ans Ufer und besichtigte das Schiff und wunderte sich über solche Fertigkeit dieser Jünglinge.
KJ|0|150|1|1|Cyrenius dankt Joseph für das nun kostbare Schiff. Das Jesuskind spricht über Wohltätigkeit
KJ|0|150|1|1|Am 24. Februar 1844
KJ|0|150|1|0|Der Cyrenius aber besah das Schiff genau und berechnete, für wie viele Menschen darinnen wohl Raum sein dürfte.
KJ|0|150|2|0|Und er fand, dass da recht bequem tausend Menschen im Notfall könnten untergebracht werden.
KJ|0|150|3|0|Bei dieser Berechnungsgelegenheit aber überzeugte sich der Cyrenius auch von der außerordentlichen Festigkeit und Zierlichkeit dieses Schiffes;
KJ|0|150|4|0|denn es sah nicht also aus, als wäre es ein altes und geflicktes, sondern das ganze Schiff sah also aus, als wäre es gegossen.
KJ|0|150|5|0|Keine Fuge war zu entdecken, und am Holz konnte man keine Jahre, Äste und sonstige Fasern und Poren bemerken.
KJ|0|150|6|0|Als der Cyrenius sich von allem dem überzeugte und vom Schiff zurück ans Ufer zu der Gesellschaft – natürlich mit seinem nötigen Gefolge – kam, da trat er sogleich zum Joseph hin und sprach:
KJ|0|150|7|0|„Mein allererhabenster Freund, du glücklichster der Menschen auf Erden! Über das Wunder wundere ich mich nun gar nicht mehr; denn ich weiß es ja jetzt nur zu gut, dass bei Gott alle Dinge möglich sind!
KJ|0|150|8|0|Ich weiß, dass das kein gemachtes und geflicktes, sondern ein ganz neuerschaffenes Schiff ist; aber ich wundere mich dessen nicht.
KJ|0|150|9|0|Denn dem Herrn wird es wohl ein gleich Leichtes sein, entweder eine ganze Welt oder ein solches Schiff zu erschaffen; denn die Erde ist ja doch auch ein Schiff, das gar viele Menschen trägt auf dem Meer der Unendlichkeit!
KJ|0|150|10|0|Aber dass du mich nun zu deinem großen Schuldner gemacht hast, siehe, das macht mich nun denken, auf welche Weise ich dir je diese Schuld abtragen werde können?!
KJ|0|150|11|0|Denn siehe, dieses Schiff, das ehedem kaum ein Pfund Silbers wert war, indem es schon mehr einem Wrack als einem Schiff glich, ist nun über zehntausend Pfunde Goldes wert!
KJ|0|150|12|0|Denn es kann nun zu einer Reise über die Herkulessäulen (Gibraltar) nach Britannien gebraucht werden, wie zur Umschiffung von ganz Afrika bis nach Indien!
KJ|0|150|13|0|Wahrlich! – so ein Werk ist ja doch für den Weltgebrauch mit keinem Gold zu bezahlen!
KJ|0|150|14|0|Siehe, du mein erhabenster Freund, das ist es, was mich nun sehr denken macht, wie ich dir je diese Schuld abtragen werde!
KJ|0|150|15|0|Möchtest du das Gold achten, so wahr dein und nun auch mein Gott lebt, so sollst du in sieben Tagen zehntausend Pfunde haben!
KJ|0|150|16|0|Aber ich weiß, dass das Gold vor deinen Augen ein Gräuel ist, und so macht mich das nun traurig, dass ich dir, meinem größten Freund, schuldig bleiben muss!“
KJ|0|150|17|0|Und der Joseph ergriff des Cyrenius Hand, drückte sie an seine Brust und wollte reden; aber es kamen ihm auch die Tränen beim Anblick dieses edlen Römers.
KJ|0|150|18|0|Dafür aber richtete sich das Kindlein auf, lächelte den Cyrenius an und sprach: „Mein lieber Cyrenius Quirinus! Wahrlich sage Ich dir, so du einen Armen nur in Meinem Namen aufgenommen hättest, da hättest du schon mehr getan, als was zehntausend solche Schiffe wert sind!
KJ|0|150|19|0|Du aber hast mehrere Hunderte nun in kurzer Zeit versorgt, und Ich müsste dir gar viele solche Schiffe dafür geben, um dich irdisch dafür zu entschädigen!
KJ|0|150|20|0|Denn siehe, bei Mir gilt ein Mensch mehr als eine ganze Welt voll solcher Schiffe! Darum lasse dich’s nicht kümmern deiner vermeinten Schuld wegen!
KJ|0|150|21|0|Was du den Armen tust, das tust du auch Mir; aber nicht hier auf der Erde werde Ich dich belohnen, sondern wenn du sterben wirst, da werde Ich sobald deine Seele erwecken und dich gleichmachen diesen Meinen Dienern da, die das Schiff ausbesserten!“
KJ|0|150|22|0|Cyrenius weinte hier und beteuerte, dass er von nun an sein ganzes Leben zum Wohle der armen leidenden Menschheit verwenden werde.
KJ|0|150|23|0|Das Kindlein aber hob Seine Hand, sprach Amen, und segnete darauf den Cyrenius und das Schiff.
KJ|0|151|1|1|Der Hauptmann sucht nach Armen. Vor Gott ist es ums Endlose rühmlicher, ein Wohltäter an seinen Brüdern zu sein, als der allergrößte Held in der tollen Welt
KJ|0|151|1|1|Am 26. Februar 1844
KJ|0|151|1|0|Darauf begab sich dann die ganze Gesellschaft wieder in die Stadt und da in die Burg, allwo unterdessen das Mittagsmahl nach vollkommen jüdischer Sitte bereitet ward.
KJ|0|151|2|0|Alles nahm wieder die früheren Plätze ein und stärkte sich am schmackhaft bereiteten Mittagsmahl.
KJ|0|151|3|0|Zu Ende der Mahlzeit bemerkte erst der Cyrenius, dass der bekannte Hauptmann sich nicht unter den Gästen befand.
KJ|0|151|4|0|„Wo ist er, was tut er?“ war die allgemeine Frage zuoberst am römischen Teil der Tafel.
KJ|0|151|5|0|Cyrenius aber wandte sich an seinen Joseph und fragte ihn darum.
KJ|0|151|6|0|Und der Joseph antwortete und sprach: „Kümmere dich nicht um ihn; denn er ist gegangen, die Armen der Stadt aufzusuchen!
KJ|0|151|7|0|Es liegt ihm nun noch freilich mehr an der Auffindung des inneren Lichtes als so ganz eigentlich an den Armen;
KJ|0|151|8|0|aber das tut nichts zur Beeinträchtigung seiner Sache, – denn im Suchen selbst wird sich ihm der rechte Weg von selbst auftun!“
KJ|0|151|9|0|Als der Cyrenius nun solches erfuhr, da ward er überfroh und lobte den Hauptmann in seinem Herzen.
KJ|0|151|10|0|Als sich aber der römische Teil in allerlei Mutmaßungen über den Grund der Abwesenheit des Hauptmanns zerteilte, da kam er ganz heiter selbst zu der Gesellschaft und ward sogleich von allen Seiten her mit tausend Fragen bestürmt.
KJ|0|151|11|0|Der Hauptmann aber, als selbst ein großer Freund vom Fragen, war darum nichts weniger als ein Freund vom Antworten.
KJ|0|151|12|0|Er ging daher sogleich zum Cyrenius hin und entschuldigte sich, darum er bei der Mittagstafel diesmal einen Ausreißer gemacht hatte.
KJ|0|151|13|0|Und der Cyrenius reichte dem Hauptmann die Hand und sprach zu ihm:
KJ|0|151|14|0|„Fürwahr, und stünden wir vor dem Feind, und du hättest aus einem solchen Grund deinen Kampfplatz verlassen, so hättest du bei mir nichts zu verantworten!
KJ|0|151|15|0|Denn wahr, wahr, wie ich es jetzt einsehe, so tun wir mehr, so wir auch nur einem Menschen Gutes tun, als gewönnen wir alle Reiche der Welt für Rom!
KJ|0|151|16|0|Gott dem Herrn liegt mehr an einem Menschen als an der ganzen sonstigen Welt!
KJ|0|151|17|0|Darum tun wir auch vor Gott ein bei weitem Größeres, so wir als Brüder aus Liebe einen Bruder versorgen leiblich – und so viel möglich auch geistig,
KJ|0|151|18|0|als so wir gegen viele Tausende der ärgsten Feinde ins Feld zögen!
KJ|0|151|19|0|Ja, es ist vor Gott ums Endlose rühmlicher, ein Wohltäter an seinen Brüdern zu sein, als zu sein der allergrößte Held in der tollen Welt!“
KJ|0|151|20|0|Und das Kindlein sprach dazu: „Amen, also ist es, Mein Cyrenius Quirinus!
KJ|0|151|21|0|Bleibe du auf diesem Weg; fürwahr, so sicher wie dieser führt kein anderer zum ewigen Leben! Denn die Liebe ist das Leben; wer die Liebe hat, der hat auch das Leben!“ – Darauf segnete das Kindlein den Cyrenius und den Hauptmann mit den Augen.
KJ|0|152|1|1|Cyrenius als Vorläufer des Paulus. Das Jesuskind sagt den Fall Jerusalems voraus. Das Licht wird den Heiden übergeben werden
KJ|0|152|1|1|Am 27. Februar 1844
KJ|0|152|1|0|Nach dieser Verhandlung öffneten die Jünglinge wieder den Vorhang, und die ganze Gesellschaft begab sich wieder zu den Armen. Und das Kindlein richtete Sich auf und segnete die Armen mit den Augen.
KJ|0|152|2|0|Dann wandte Es Sich zu dem Cyrenius und sprach zu ihm mit einer gar lieblichen Stimme:
KJ|0|152|3|0|„Mein geliebter Cyrenius Quirinus! Siehe, diese Meine Diener, die du als zarte Jünglinge hier erschaust, überwachen in Meinem Namen die ganze Schöpfung!
KJ|0|152|4|0|Jede Welt und jede Sonne muss ihnen gehorchen auf den leisesten Wink;
KJ|0|152|5|0|und so siehst du, dass Ich ihnen eine unbegrenzte Macht eingeräumt habe.
KJ|0|152|6|0|Wie Ich aber diesen Meinen Dienern zur geordneten Leitung alle Schöpfung übergeben habe, also übergebe Ich hier dir diese viel größeren Welten des Lebens!
KJ|0|152|7|0|Siehe, diese Brüder und Schwestern sind mehr als eine ganze Unendlichkeit voll Weltkörper und Sonnen für sich!
KJ|0|152|8|0|Ja, Ich sage dir, ein Kind in der Wiege ist mehr als alle Materie im ewig endlosen Raum!
KJ|0|152|9|0|Bedenke demnach, was Großes du in dieser Spende von Mir erhältst und über wie Großes Ich dich setze!
KJ|0|152|10|0|Leite mit aller Liebe, Sanftmut und Geduld diese Armen auf dem rechten Weg zu Mir, und du sollst darum dereinst die Größe des Lohnes ewig nie ermessen können!
KJ|0|152|11|0|Ich, dein Herr und dein Gott, mache dich hiermit zu einem Vorläufer im Reich der Heiden, auf dass der (hier wird auf Paulum gedeutet), den Ich dereinst senden werde zu den Heiden, eine leichte Aufnahme finden soll!
KJ|0|152|12|0|Ich werde in der Folge aber auch einen Vorläufer zu den Juden senden;
KJ|0|152|13|0|aber Ich sage dir, dieser soll einen harten Stand haben! Und was er tun wird im Schweiße seines Angesichts, das wirst du im Schlaf bewirken!
KJ|0|152|14|0|Darum aber wird auch den Kindern das Licht genommen und euch in aller Fülle überantwortet werden!
KJ|0|152|15|0|Und Ich lege darum in dir als Kind den Samen, der einst Mir den Baum geben wird, auf dem gar edle Früchte für Mein Haus erwachsen werden ewig.
KJ|0|152|16|0|Aber den Feigenbaum bei den Kindern, den Ich schon zu den Zeiten Abrahams pflanzte in Salem – einer Stadt, die Ich im Melchisedek mit Meiner eigenen Hand erbaut habe –, werde Ich verfluchen, darum er nichts als Blätter trägt!
KJ|0|152|17|0|Wahrlich, Mich hat es noch allzeit gehungert; viele Male ließ Ich den Baum in Salem durch gute Gärtner düngen, und dennoch trug er Mir keine Frucht!
KJ|0|152|18|0|Darum aber soll auch, ehe ein Säkulum verrinnen wird, die Stadt, die Meine Hand für Meine Kinder erbaut hatte, durch euch Fremdlinge fallen; deines Bruders Sohn soll das Schwert gegen Salem ergreifen!
KJ|0|152|19|0|Wie aber du nun diese Armen zu Kindern annimmst, so auch werde Ich euch Fremdlinge zu Meinen Kindern annehmen, und werden hinausstoßen die Kinder!
KJ|0|152|20|0|Diese Worte behalte du bei dir und handle im Verborgenen darnach; Ich aber werde dich allzeit segnen mit der unsichtbaren Krone Meiner ewigen Liebe und Gnade, Amen!“
KJ|0|152|21|0|Diese Worte machten alles verstummen. Die Engel lagen auf ihren Angesichtern, und niemand getraute sich etwas zu reden und zu fragen.
KJ|0|153|1|1|Ist das Jesuskind ein Prophet, ein Sohn Gottes oder Gott Selbst?
KJ|0|153|1|1|Am 28. Februar 1844
KJ|0|153|1|0|Nach einer Weile erst zog der Cyrenius den Joseph auf die Seite und sagte zu ihm:
KJ|0|153|2|0|„Mein erhabenster Freund und Bruder! Hast du vernommen, was das Kindlein geredet hatte zu mir?!
KJ|0|153|3|0|Hast du vernommen, wie Es nun einmal ganz offen heraussagte: Ich – dein Herr – und dein – Gott?!
KJ|0|153|4|0|Nehme ich dazu Seine Willensmacht und die Diener aus den Himmeln der Himmel, die allzeit auf ihre Angesichter niederfallen, wenn das Kleine spricht, so ist das Kind ja der alleinige, ewige, wahrhaftige Gott und Schöpfer der Welt und aller Dinge auf ihr?!
KJ|0|153|5|0|Freund! Bruder! – was sagst du zu diesem meinem Bekenntnis? Ist es nicht also? Oder ist es anders?!
KJ|0|153|6|0|Der Joseph stutzte hier selbst ein wenig; denn er hielt das Kind wohl für einen vollkommenen Sohn Gottes, aber für die Gottheit Selbst hielt er Ihn nicht!
KJ|0|153|7|0|Er sprach daher nach einer Weile: „Das Kind für Gott Selbst zu halten, dürfte etwas gewagt sein!
KJ|0|153|8|0|Es ist aber ja bei den Juden also, dass sie Kinder Gottes sind – und sind demnach auch Söhne Gottes!
KJ|0|153|9|0|Und das datiert sich schon seit dem Vater Abraham her, der auch ein Sohn Gottes war, und also sind es auch seine Nachkommen.
KJ|0|153|10|0|Zudem hat es bei uns noch allzeit große und kleine Propheten gegeben, und wenn sie redeten, so redeten sie aus Gott, und Gott rechtete und redete aus ihnen stets in der ersten Person.
KJ|0|153|11|0|Also spricht einmal der Herr durch Isaias: ‚Denn Ich bin der Herr, dein Gott, der das Meer bewegt, dass seine Wellen wüten; – Mein Name heißt: Herr – Zebaoth.
KJ|0|153|12|0|Ich lege Mein Wort in deinen Mund und bedecke dich unter dem Schatten Meiner Hände, auf dass Ich den Himmel pflanze und die Erde gründe und zu Zion spreche: Du bist Mein Volk!‘
KJ|0|153|13|0|Und siehe, wenn der Prophet auch also redet in der ersten Person, als wäre er selbst der Herr, so ist er aber dennoch nicht der Herr, sondern des Herrn Geist redet nur also durch des Propheten Mund!
KJ|0|153|14|0|Und siehe, also wird es auch hier sein; Gott erweckt in diesem Kind einen gar mächtigen Propheten und redet nun schon durch seinen Mund frühzeitig, wie einst durch den Mund des Knaben Samuel!“
KJ|0|153|15|0|Hier war der Cyrenius beruhigt zwar, aber das Kindlein verlangte den Joseph und den Cyrenius und sprach zu Joseph:
KJ|0|153|16|0|„Joseph, du weißt wohl, dass der Herr durch den Mund der Propheten geredet hatte wie in der ersten Person zumeist;
KJ|0|153|17|0|aber weißt du nicht, was der Herr eben einmal beim Isaias spricht, da Er sagt:
KJ|0|153|18|0|‚Wer ist Der, der von Edom kommt, mit rötlichten Kleidern von Bazra? Der so geschmückt ist in Seinen Kleidern und einhertritt in Seiner großen Kraft?
KJ|0|153|19|0|Ich bin Es, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin zu helfen!
KJ|0|153|20|0|Warum ist denn Dein Gewand so rotfarb und Dein Kleid wie eines Keltertreters?
KJ|0|153|21|0|Ich trete die Kelter allein, und ist niemand unter den Völkern mit Mir; Ich habe sie gekeltert in Meinem Zorn und zertreten in Meinem Grimm.
KJ|0|153|22|0|Daher ist ihr Vermögen auf Meine Kleider gespritzt, und Ich habe all Mein Gewand besudelt!
KJ|0|153|23|0|Denn Ich habe einen Tag der Rache Mir vorgenommen; das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist gekommen!
KJ|0|153|24|0|Denn Ich sah Mich um, da war kein Helfer; und Ich war im Schrecken, und niemand enthielt Mich, sondern Mein Arm musste Mir helfen, und Mein Zorn enthielt Mich!
KJ|0|153|25|0|Darum habe Ich die Völker zertreten in Meinem Zorn und habe sie trunken gemacht in Meinem Grimm und ihr Vermögen zu Boden gestoßen!‘
KJ|0|153|26|0|Joseph! Kennst du Den, der von Edom kommt und nun gekommen ist und nun zu dir spricht: Ich bin Es, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin zu helfen!?“
KJ|0|153|27|0|Bei diesem Wort legte der Joseph seine Hand auf die Brust und betete in sich das Kindlein an.
KJ|0|153|28|0|Und der Cyrenius sagte nach einer Weile ganz still zum Joseph: „Bruder! Mir kommt es in dieser für Mich freilich zu weisen Rede des Kindleins vor, als hätte ich doch recht?!“
KJ|0|153|29|0|Und der Joseph sprach: „Ja, du hast recht; aber um desto mehr muss dir nun am Schweigen davon gelegen sein, willst du leben!“ – Und der Cyrenius schrieb sich diese Mahnung tief in sein Herz und beobachtete sie auch sein Leben lang.
KJ|0|154|1|1|Der fragliebhabende Hauptmann und der schöne Engel
KJ|0|154|1|1|Am 29. Februar 1844
KJ|0|154|1|0|Nach dieser Szene kam unser Hauptmann hin zum Cyrenius und fragte ihn, wie viel Mann er am Abend zu seinen Diensten zur Burg beordern solle.
KJ|0|154|2|0|Solches aber fragte der Hauptmann darum, weil er wusste, dass der Cyrenius noch am Abend werde sein Gepäck ins Schiff bringen lassen und ebenso auch den Mundbedarf für mehrere Hunderte, die er von Ostracine nach Tyrus mitnahm.
KJ|0|154|3|0|Der Cyrenius aber sah den Hauptmann an und sprach: „Mein lieber Freund! Wenn ich dafür erst jetzt sorgen solle, da wäre es übel gesorgt!
KJ|0|154|4|0|Zur Versorgung des neuen Schiffes aber, das diese Armen aufnehmen wird, wird heute noch also gedacht werden, dass da keiner der Reisenden Not leiden wird.
KJ|0|154|5|0|Hast du nicht gesehen, wie schnell das alte Karthagerschiff hergestellt ward durch diese Jünglinge?
KJ|0|154|6|0|Siehe, auf dieselbe Weise kann und wird es auch mit allem versorgt werden!
KJ|0|154|7|0|Was aber da meine eigenen Schiffe betrifft, so sind diese schon lange mit allem auf ein Jahr versehen, und das im strengsten Falle für tausend Mann.
KJ|0|154|8|0|Aus dem Grunde solle nun meinetwegen kein Mann bemüht werden, sondern in seinem kaiserlichen Dienst stehen bleiben.“
KJ|0|154|9|0|Diese Erwiderung nahm den Hauptmann wunder, indem sonst der Cyrenius sehr auf die militärische Aufmerksamkeit sah.
KJ|0|154|10|0|Er fragte darauf den Cyrenius, sagend: „Eure Kaiserliche Consulische Hoheit! Wer sind denn hernach diese Jünglinge? Sind das echte ägyptische Zauberer, oder sind das etwa gar Halbgötter oder berühmte Magier und Sternenkundige aus Persien?“
KJ|0|154|11|0|Und der Cyrenius sprach: „Mein lieber Freund, hier ist weder das eine noch das andere!
KJ|0|154|12|0|Sondern, wenn du schon wissen willst, wer diese Jünglinge sind, da gehe hin und frage einen aus ihnen, und du wirst ohne mein Verschulden ins Klare kommen!“
KJ|0|154|13|0|Der Hauptmann verneigte sich hier vor dem Cyrenius und wandte sich sogleich an einen der anwesenden Jünglinge und fragte ihn:
KJ|0|154|14|0|„Höre mich, mein allerliebenswürdigster, allerherrlichster, allerschönster, mich ganz bezaubernder, du über alle meine Begriffe herrlicher, du endlos zarter, du mit deiner unbegreiflichen Schönheit meine Zunge lähmender, du a – a – all – er – allerholdester – Jüngling!
KJ|0|154|15|0|Ja – um – was habe – habe – habe – ich denn – so ganz eigentlich fragen wollen?“
KJ|0|154|16|0|Und der bis auf den Glanz in die volle himmlische Schönheit übergehende Jüngling sagte darauf zum Hauptmann:
KJ|0|154|17|0|„Das wirst du ja doch wissen? Frage nur zu, du Freund der Frage; ich will dir ja alles gerne beantworten!“
KJ|0|154|18|0|Der Hauptmann aber war ganz weg ob der zu großen Schönheit des Jünglings und konnte kein Wort über seine Zunge bringen.
KJ|0|154|19|0|Nach einer Weile, als er sich an der für ihn unbegreiflichen Schönheit des Jünglings vollgegafft hatte, da erst bat er den Jüngling um einen Kuss.
KJ|0|154|20|0|Und der Jüngling küsste den Hauptmann und sprach: „Damit ein Band zwischen uns auf ewig! Suche du nur die nähere Bekanntschaft jenes weisen Juden, und dir wird viel Lichtes werden!“
KJ|0|154|21|0|Der Hauptmann aber ward darauf so entsetzlich verliebt in diesen Jüngling, dass er sich aus lauter Liebe nicht zu helfen wusste, und vergaß ganz auf seine Frage.
KJ|0|154|22|0|Und diese Liebe quälte ihn bis zum Abend und war eine kleine Strafe für des Hauptmanns Fragliebhaberei; am Abend aber ward er wieder geheilt und hatte keine Lust mehr, sich einem solchen Jüngling zu nahen.
KJ|0|155|1|1|Cyrenius bereitet sich auf seine Abreise vor. Josephs Voraussage über einen Sturm und einen Überfall
KJ|0|155|1|1|Am 1. März 1844
KJ|0|155|1|0|Am Abend wurde noch ein Abendmahl bereitet und dann zu sich genommen und sodann Vorkehrungen zur Abreise für den nächsten Tag getroffen.
KJ|0|155|2|0|Es war aber nach dem Wissen des Cyrenius und seiner Suite das neue Karthagerschiff noch mit nichts belastet und versorgt, und der Cyrenius kümmerte sich heimlich doch ein wenig darob.
KJ|0|155|3|0|Aber es trat ein Jüngling zu ihm und sagte: „Quirinus! Du sollst dich auch heimlich um nichts kümmern;
KJ|0|155|4|0|denn siehe, um was du dich nun sorgst, das ist lange schon in der besten Ordnung!
KJ|0|155|5|0|Bestelle nur dieses dein Haus zur guten Ordnung in deiner Abwesenheit; für alles andere wird schon von unserer Seite gesorgt werden im Namen des Herrn Gott Zebaoth!“
KJ|0|155|6|0|Der Cyrenius glaubte – und sorgte sich nun um gar nichts mehr, was da das Wesen der Schiffe betraf.
KJ|0|155|7|0|Darauf berief der Cyrenius den Hauptmann zu sich und übergab ihm die Leitung und Besorgung der Burg.
KJ|0|155|8|0|Und als der Hauptmann diesen seinen gewöhnlichen Dienst wieder angetreten hatte,
KJ|0|155|9|0|da berief der Cyrenius den Obersten zu sich, übergab ihm wieder die Vollmacht über das in dieser Stadt stationierte Militär;
KJ|0|155|10|0|denn bei den Römern durfte der Oberste in Gegenwart des Statthalters das Militär nicht nach eigenem Gutdünken kommandieren, denn da war der Statthalter sozusagen alles in allem.
KJ|0|155|11|0|Als der Cyrenius mit der Anordnung fertig war, da ging er zu Joseph hin und sprach:
KJ|0|155|12|0|„Mein allererhabenster, ja ich möchte sagen, du mein heiliger Freund und Bruder! Was alles habe ich nun doch dir und ganz besonders deinem allerheiligsten Kindlein zu danken!
KJ|0|155|13|0|Wie, wann, womit werde ich dir je diese große Schuld abzutragen imstande sein!?
KJ|0|155|14|0|Du hast mir die Tullia gegeben, hast mir das Leben wunderbar gerettet!
KJ|0|155|15|0|Ja, ich kann ja gar nicht aufzählen alle die außerordentlichen Wunderwohltaten, die du mir erwiesen hast in der kurzen Zeit dieses meines Hierseins!“
KJ|0|155|16|0|Und der Joseph sprach: „Freund! Wie lange ist es denn, dass ich in großer Bedrängnis stand?!
KJ|0|155|17|0|Da warst du mir zu einem rettenden Engel des Herrn zu Tyrus entgegengesandt!
KJ|0|155|18|0|Und siehe, also wäscht fortwährend eine Hand die andere am großen Körper der gesamten Menschheit.
KJ|0|155|19|0|Doch nun nichts mehr weiter von dem! Siehe, es ist Abend geworden! Die Villa liegt eine Stunde außer der Stadt; daher lasse mich nun aufbrechen und nach Hause ziehen!
KJ|0|155|20|0|Meinen und des Herrn Segen hast du und alle deine Gefährten vielfach; daher magst du getrost ziehen von hier!
KJ|0|155|21|0|Die drei Löwen aber nehme in dein Schiff, und sie werden dir gute Dienste tun!
KJ|0|155|22|0|Denn ihr werdet Sturm haben und werdet nach Kreta verschlagen werden, und die räuberischen Kreter werden euch überfallen.
KJ|0|155|23|0|Und hier wird es sein, wo dir die drei Löwen wieder einen guten Dienst tun werden!“
KJ|0|155|24|0|Hier ward der Cyrenius furchtsam; aber Joseph tröstete ihn und versicherte ihm, dass da niemand auch nur den allergeringsten Schaden leiden werde.
KJ|0|156|1|1|Der Dank des Maronius, der drei Priester und der Tullia. Das Schweigegebot Josephs
KJ|0|156|1|1|Am 2. März 1844
KJ|0|156|1|0|Darauf kam der Maronius Pilla mit den drei Priestern zum Joseph und dankte ihm für alle die Wunderwohltaten.
KJ|0|156|2|0|Und der Joseph ermahnte ihn, zu schweigen von allem dem, was er hier gesehen hatte;
KJ|0|156|3|0|und der Maronius gelobte solches mit den drei Priestern auf das Feierlichste.
KJ|0|156|4|0|Darauf kam die Tullia, fiel vor der Maria nieder und zerfloss in Tränen des Dankes.
KJ|0|156|5|0|Maria aber beugte sich samt dem Kindlein nieder, erhob die Tullia und sprach zu ihr:
KJ|0|156|6|0|„Sei mir gesegnet im Namen Dessen, der auf meinen Armen ruht! Sei stets dankbar in deinem Herzen eingedenk dieses Kindes, so wirst du in Ihm dein Heil finden!
KJ|0|156|7|0|Deiner Zunge aber lege eine Fessel an und verrate uns gen niemanden!
KJ|0|156|8|0|Denn wann es an der Zeit sein wird, da wird der Herr schon Selbst Sich vor der Welt offenbaren!“
KJ|0|156|9|0|Darauf entließ Maria die noch schluchzende Tullia.
KJ|0|156|10|0|Joseph aber sprach zum Cyrenius: „Freund! Siehe, viele aus deinem Gefolge waren Zeuge von so manchen Wundertaten; diesen gebiete du ihres Heils willen, dass auch sie schweigen möchten von allem dem!
KJ|0|156|11|0|Denn jeden Verräter dieser rein göttlichen Sache wird der Tod treffen, wenn er nicht schweigen will!“
KJ|0|156|12|0|Der Cyrenius gelobte solches dem Joseph und versicherte ihm, dass da nie jemand auch nur eine Silbe erfahren solle.
KJ|0|156|13|0|Joseph aber belobte den Cyrenius und erinnerte ihn schließlich an die verheißenen acht Kinder, die da in fünf Mädchen und drei Knaben bestünden.
KJ|0|156|14|0|Und der Cyrenius sprach: „O Freund, das wird wohl mein erstes Geschäft sein!
KJ|0|156|15|0|Aber nun nur eine Frage noch: Siehe, ich werde in diesem Jahr noch wegen der Tullia nach Rom müssen!
KJ|0|156|16|0|Mein Bruder Augustus Caesar, da er schon einiges von mir, wie du es weißt, erfahren hatte, wird mich sicher um mehreres fragen.
KJ|0|156|17|0|Was werde ich ihm sagen? Inwieweit darf ich diesen edlen Menschen in dies Geheimnis einweihen?“
KJ|0|156|18|0|Und der Joseph sprach: „Du kannst Ihm, aber nur unter vier Augen, so manches stecken!
KJ|0|156|19|0|Aber erinnere ihn, dass er, so er schweigt, in seiner Kaiserwürde ungestört verbleiben wird, also auch seine Nachkommen!
KJ|0|156|20|0|So er aber auch nur eine Silbe irgendwo wird fallenlassen, da wird ihn Gott sogleich strafen!
KJ|0|156|21|0|Und wird er sich aber auflehnen gegen den Allmächtigen, da wird er mit ganz Rom im Augenblick untergehen!“
KJ|0|156|22|0|Der Cyrenius dankte inbrünstigst dem Joseph für diese Bescherung; und Joseph segnete ihn und begab sich dann mit all den Seinen nach der Villa.
KJ|0|157|1|1|Die Schwere des Herrn. Das Jesuskind verstummt
KJ|0|157|1|1|Am 4. März 1844
KJ|0|157|1|0|Außer der Stadt übergab die Maria das Kindlein dem Jakob; denn sie ward müde geworden, da sie Es diesen ganzen Tag auf ihren Händen hielt.
KJ|0|157|2|0|Und der Jakob war voll Freuden, dass er wieder einmal seinen Liebling zu tragen bekam.
KJ|0|157|3|0|Das Kindlein aber schlug die Augen auf und sprach: „Du Mein lieber Jakob! Du hast Mich wohl recht von ganzem Herzen lieb!
KJ|0|157|4|0|Aber so Ich dir recht schwer würde, hättest du Mich dann auch noch so lieb?“
KJ|0|157|5|0|Und der Jakob sprach: „O du mein allerliebstes Brüderchen! Wenn Du auch mein Gewicht hättest, so würde ich Dich aber dennoch mit dem brennendsten Herzen auf meinen Armen tragen!“
KJ|0|157|6|0|Das Kindlein aber sprach: „Mein Bruder, jetzt freilich werde Ich dir nicht schwer werden,
KJ|0|157|7|0|aber es wird einst die Zeit kommen, in der Ich dir zur großen Last werde!
KJ|0|157|8|0|Daher tust du wohl, dass du dich jetzt schon liebend an Mein Gewicht gewöhnst;
KJ|0|157|9|0|wenn demnach die schwere Zeit kommen wird, da wirst du Mich in Meinem Vollgewicht ebenso leicht tragen, wie du Mich jetzt trägst als Kind!
KJ|0|157|10|0|Ich sage dir aber, jeder, der Mich nicht zuvor als ein Kind ertragen wird, wird erliegen unter Meinem Vollgewicht dereinst!
KJ|0|157|11|0|Wer Mich aber in seinem Herzen, wie du nun auf deinen Händen, tragen wird als ein kleines schwaches Kindlein, dem werde Ich auch im Mannesalter zu einer eben also geringen Bürde werden!“
KJ|0|157|12|0|Und der Jakob, nicht verstehend diese hohen Worte, fragte liebkosend das Kindlein:
KJ|0|157|13|0|„O Du mein allerliebstes Brüderchen, Du mein Jesus! Wirst Du Dich denn auch als Mann herumtragen lassen?“
KJ|0|157|14|0|Das Kindlein aber sprach: „Du liebst Mich aus allen deinen Kräften, und das genügt Mir!
KJ|0|157|15|0|Deine Einfalt aber ist Mir lieber als die Weisheit der Weisen, die viel rechnen und voraussagen, ihre Herzen aber dabei kälter sind denn das Eis.
KJ|0|157|16|0|Was du jetzt noch nicht fasst, das wirst du mit den Händen greifen in der rechten Zeit!
KJ|0|157|17|0|Siehe, Ich aber bin nun nur noch ein Kind, das in einem vollunmündigen Alter ist;
KJ|0|157|18|0|und siehe, Meine Zunge ist dennoch gelöst, und Ich rede mit dir wie ein gesetzter Mann!
KJ|0|157|19|0|Möchte Ich nun also verbleiben, da wäre Ich gleich einem Doppelwesen, ein Kind dem Auge – und ein Mann dem Ohr.
KJ|0|157|20|0|Also aber kann es nun nicht verbleiben! Ich werde Mir noch auf ein Jahr die Zunge binden vor allen bis auf dich;
KJ|0|157|21|0|du aber wirst Meine Stimme nur in deinem Herzen vernehmen!
KJ|0|157|22|0|Wann Ich aber wieder mit dem Mund reden werde, dann wird dein Auge Mich wohl männlicher erschauen, aber dein Ohr wird nur Kindisches vernehmen von Mir!
KJ|0|157|23|0|Dir aber habe Ich nun solches kundgetan, auf dass du dich dann nicht ärgern sollst an Mir – und also sei es!“
KJ|0|157|24|0|Hier ward das Kindlein wieder ganz sprachlos und gebärdete sich gleich jedem anderen. Und während dieser Beredung ward auch schon die Villa erreicht.
KJ|0|158|1|1|Gabriel lindert die Sabbatangst des Joseph. Das Verschwinden der Engel
KJ|0|158|1|1|Am 5. März 1844
KJ|0|158|1|0|In der Villa angelangt, befahl Joseph sogleich den vier älteren Söhnen, nachzusehen bei den Tieren und sie zu versorgen und sodann sich bald zur Ruhe zu begeben.
KJ|0|158|2|0|Und diese gingen eiligst und taten solches alles; aber sie kamen bald zurück und sagten zum Joseph:
KJ|0|158|3|0|„Vater, es ist wunderbar! Die Rinder wie die Esel sind gefüttert und getränkt, und dennoch sind ihre Futterkörbe voll, und die Wasserschaffe sind gestrichen voll; wie ist das?“
KJ|0|158|4|0|Und der Joseph ging selbst nachzusehen und fand die Aussage der vier Söhne bestätigt.
KJ|0|158|5|0|Da kehrte er zurück und fragte die noch anwesenden Jünglinge, ob sie solches getan hätten an einem Sabbat.
KJ|0|158|6|0|Und die Jünglinge bejahten solches; der Joseph aber sprach ganz bedenklich zu den Jünglingen:
KJ|0|158|7|0|„Wie doch seid ihr Diener des Herrn und mögt nicht heiligen den Sabbat?!“
KJ|0|158|8|0|Der Gabriel aber sprach darauf: „O du reiner Mann, wie kannst du denn eine solche Frage an uns stellen?!
KJ|0|158|9|0|Ist der heutige Tag nicht vergangen wie ein jeder andere, ist die Sonne nicht auf- und untergegangen wie an einem jeden anderen Gemeintag? Ist heute nicht auch der Morgen-, Mittags- und Abendwind gegangen?
KJ|0|158|10|0|Als wir am Meer standen, hast du da nicht gesehen desselben regsamsten Wellengang? Warum wollte es denn nicht feiern den Sabbat?
KJ|0|158|11|0|Wie hast du denn heute gehen, essen und trinken mögen und holen den Atem – und hast nicht untersagt deinem Herzen zu schlagen?!
KJ|0|158|12|0|Siehe, du sabbatängstlicher Mann, alles, was da in der Welt ist und geschieht, besteht ja allein durch die uns vom Herrn verliehene Tatkraft und wird von uns geleitet und regiert!
KJ|0|158|13|0|So wir nun ruhen möchten einen Tag hindurch, sage, ginge da nicht sogleich die ganze Schöpfung zugrunde?
KJ|0|158|14|0|Siehe, also müssen wir den Sabbat nur durch unsere Tätigkeit in der Liebe zum Herrn feiern, aber nicht durch ein müßiges Nichtstun!
KJ|0|158|15|0|Die wahre Ruhe im Herrn besteht sonach in der wahren Liebe im Herzen zu Ihm und in der unablässigen Tätigkeit darnach zur Erhaltung der ewigen Ordnung.
KJ|0|158|16|0|Alles andere ist vor Gott ein Gräuel voll menschlicher Torheit.
KJ|0|158|17|0|Dieses bedenke du wohl, und scheue dich an keinem Sabbat Gutes zu tun, so wirst du dem Herrn, deinem wie meinem Schöpfer, vollähnlich sein!“
KJ|0|158|18|0|Auf diese Rede fielen alle Jünglinge auf ihre Angesichter vor dem Kindlein nieder und verschwanden darauf.
KJ|0|158|19|0|Joseph aber grub diese Worte tief in sein Herz und ward forthin nicht mehr so sehr ängstlich an einem Sabbat.
KJ|0|159|1|1|Die Nachtruhe. Eudokias Verwunderung und Sehnsucht nach Gabriel
KJ|0|159|1|1|Am 6. März 1844
KJ|0|159|1|0|Als die Jünglinge verschwunden waren, da fragte die Eudokia die Maria, wer denn so ganz eigentlich diese Jünglinge waren.
KJ|0|159|2|0|Denn die Eudokia war noch eine Heidin und wusste nichts von den außerordentlichen Geheimnissen des Himmels.
KJ|0|159|3|0|Dass aber bei dieser Gelegenheit auch die Heiden die Engel sahen, rührte daher, weil für die Zeit hindurch ihr inneres Auge erschlossen gehalten ward;
KJ|0|159|4|0|und das Verschwinden der Engel war sonach nichts anderes als das Sich-wieder-Schließen der geistigen inneren Sehe, –
KJ|0|159|5|0|aus dem Grunde es auch nach dem Verschwinden der Engel der Eudokia vorkam, als wäre sie aus einem tiefen Traum erwacht.
KJ|0|159|6|0|Sie empfand sich nun wieder ganz naturmäßig, und alles, was sie den ganzen Tag hindurch gesehen, gehört und getan hatte, kam ihr wie ein sehr lebhafter Traum vor.
KJ|0|159|7|0|Darum denn auch ist die obige Frage von Seiten der Eudokia an die Maria verzeihlich;
KJ|0|159|8|0|denn sie war nun wieder ganz im Außenzustand, und dieser war heidnisch.
KJ|0|159|9|0|Und die Maria aber antwortete und sprach: „Eudokia, wir werden noch länger beisammenbleiben, und dir wird alles klar werden, was dir jetzt noch dunkel ist!
KJ|0|159|10|0|Für heute aber wollen wir uns zur Ruhe begeben; denn ich bin sehr müde!“
KJ|0|159|11|0|Die Eudokia begnügte sich wohl äußerlich mit dieser Vertröstung; aber in ihrem Herzen stieg die Begierde.
KJ|0|159|12|0|Joseph aber sagte: „Meine Kinder! Es ist Nacht geworden; schließt die Tore und begebt euch zur Ruhe!
KJ|0|159|13|0|Denn morgen ist ja ohnehin noch der Sabbater (Nachsabbat), an dem wir nicht arbeiten; da werden wir uns über so manches noch besprechen können!
KJ|0|159|14|0|Für heute aber lobet den Herrn und tut, wie ich es euch anbefohlen habe!
KJ|0|159|15|0|Du, Jakob, aber bereite die Wiege und bringe das Kindlein zur Ruhe, und stelle die Wiege ans Lager der Mutter!
KJ|0|159|16|0|Und du, Eudokia, begebe dich auch in dein Schlafgemach und stärke deine Glieder mit einem süßen Schlaf im Namen des Herrn!“
KJ|0|159|17|0|Und die Eudokia ging sogleich in ihr bestimmtes Gemach, legte sich auf ihr Lager, aber ferne blieb der Schlaf;
KJ|0|159|18|0|denn zu erregt war ihr feurig Gemüt ob dem Verschwinden der Jünglinge.
KJ|0|159|19|0|Denn sie hatte sich in den Gabriel verliebt und wusste sich nun nicht zu raten und zu helfen, da der Gegenstand ihres Herzens so plötzlich vor ihren Augen verschwand.
KJ|0|159|20|0|Da aber alles ruhte und schlief, da erhob sich die Eudokia und öffnete ein Fenster und blickte hinaus.
KJ|0|159|21|0|Da stand plötzlich der Gabriel vor ihr und sprach: „Du musst dein Herz zur Ruhe bringen!
KJ|0|159|22|0|Denn siehe, ich bin nicht ein Mensch gleich dir, sondern ich bin nur ein Geist und bin ein Bote Gottes!
KJ|0|159|23|0|Das Kindlein aber bete an; denn dieses ist der Herr, der wird beruhigen dein Herz!“ – Darauf verschwand der Engel wieder, und die Eudokia bekam Ruhe.
KJ|0|160|1|1|Jakob und Eudokia bringen Joseph dazu, seinen Betwinkel zu verlassen und das Jesuskind anzubeten
KJ|0|160|1|1|Am 7. März 1844
KJ|0|160|1|0|Am Morgen, eine Stunde vor dem Aufgang, war wie gewöhnlich im Hause Josephs schon alles lebendig, und das Kindlein selbst strampelte ganz munter in der Wiege und ließ freudige Kindleinstöne wie halb singend von Sich hören.
KJ|0|160|2|0|Jakob spielte mit dem Kindlein nach seiner Weise und machte dem Herrn der Unendlichkeit mit seiner Hand allerlei Bewegungen vor und sang und pfiff dabei.
KJ|0|160|3|0|Es war aber die Maria noch auf ihrem Lager und schlummerte; darum machte der in seinem Morgengebet versunkene Joseph dem Jakob ein wenig Vorwürfe, da er also lärme und nicht achte auf das Gebet und auf die noch schlummernde Mutter.
KJ|0|160|4|0|Der Jakob aber entschuldigte sich und sprach: „Lieber Vater, siehe, es hat ja der Herr Himmels und der Erde ein Wohlgefallen an meiner Beschäftigung mit Ihm!
KJ|0|160|5|0|Wir aber sollen ja allzeit das nur tun, was dem Herrn wohlgefällt!
KJ|0|160|6|0|Und siehe, es gefällt dem Herrn, was ich tue! Wie mag es dir doch zuwider sein?
KJ|0|160|7|0|Die Mutter aber würde sicher nicht so gut schlummern, wenn wir beide, ich und das Kindlein, nicht also lärmten!
KJ|0|160|8|0|Ich bitte dich, lieber Vater, mich dadurch für entschuldigt zu halten und mir fürder nicht Vorwürfe zu machen, so ich auch bei meiner Bestimmung manchmal wie ausgelassen erscheine vor dir, aber dabei doch dem Herrn wohlgefalle!“
KJ|0|160|9|0|Joseph aber sprach: „Ja, ja, es ist schon alles recht, – ich sehe es ja gerne, dass du also gut mit dem Kindlein umzugehen weißt;
KJ|0|160|10|0|aber nur musst du in der Zukunft keinen solchen Lärm machen, wenn du siehst, dass da noch jemand schläft und irgendein anderer im Gebet zu Gott versammelt ist!“
KJ|0|160|11|0|Der Jakob dankte dem Joseph für diese Ermahnung, und fragte ihn aber darauf, sagend nämlich:
KJ|0|160|12|0|„Vater! Wenn du also betest zu Gott, wie du jetzt gebetet hast, zu was für einem Gott betest denn du da?
KJ|0|160|13|0|Was ich von diesem Kind nun weiß, so kann es unmöglich je irgendeinen größeren und wahrhaftigeren Gott geben, wie dieses Kindlein Es zufolge des lautesten Zeugnisses aus dem Himmel ist!
KJ|0|160|14|0|Wenn aber das laut den Propheten und laut den vielen Wunderzeugnissen der Fall ist?
KJ|0|160|15|0|Wenn es im Propheten heißt: ‚Wer ist Der, so von Edom kommt, mit rötlichten Kleidern von Bazra? Der so geschmückt ist in Seinen Kleidern und einhertritt in Seiner großen Kraft? Ich bin Es, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin zu helfen!‘
KJ|0|160|16|0|Vater! – diese Worte hat das Kindlein gestern vor dir auf Sich bezogen! Wer ist Es denn? Denn solches kann doch kein Mensch von sich sagen! Gott aber gibt es nur einen!
KJ|0|160|17|0|Wer ist demnach das Kindlein, das da spricht: ‚Ich bin Es, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin zu helfen!‘?“
KJ|0|160|18|0|Hier stutzte Joseph und sprach: „Fürwahr, mein Sohn Jakob, du hast recht; du bist besser daran bei der Wiege, als ich hier in meinem Betwinkel!“
KJ|0|160|19|0|Bei diesen Worten trat, von höchster Entzückung voll, die Eudokia aus ihrem Gemach, schön wie eine Morgenröte, und fiel vor der Wiege nieder und betete das Kindlein an.
KJ|0|160|20|0|Und als sie eine halbe Stunde da also betete, erhob sie sich und sprach: „Ja, ja, Du allein bist es, und außer Dir ist keiner mehr!
KJ|0|160|21|0|Ich habe heute Nacht im Traum gesehen eine Sonne am Himmel, und die war leer und hatte wenig Licht.
KJ|0|160|22|0|Dann aber ersah ich auf der Erde dies Kindlein, und Es glänzte wie tausend Sonnen, und von Ihm aus ging ein mächtiger Strahl hin zu jener leeren Sonne und erleuchtete sie durch und durch!
KJ|0|160|23|0|In diesem Strahl sah ich die Engel, die hier waren, auf- und abschweben, ihre Zahl war endlos, aber ihre Angesichter waren unablässig auf das Kindlein gerichtet! Ach, welch eine Herrlichkeit war das!“
KJ|0|160|24|0|Diese Erzählung brachte den Joseph ganz aus seinem Betwinkel, und er hielt nun auch alles auf das Kindlein und betete oft an der Wiege.
KJ|0|161|1|1|Sorge wegen dem Verstummen des Jesuskindes. Man soll Gott nicht versuchen
KJ|0|161|1|1|Am 8. März 1844
KJ|0|161|1|0|Bei dieser Gelegenheit erwachte auch die Maria, rieb sich den Schlaf aus den Augen, stand sogleich auf und wusch sich und wechselte im Nebenkabinett das Schlafkleid mit dem Tageskleid.
KJ|0|161|2|0|In kurzer Zeit kam sie ganz gereinigt wieder zurück, gleichend einem Engel des Himmels, so schön, so gut, so fromm und so sorglich ergeben in den Willen des Herrn.
KJ|0|161|3|0|Sie begrüßte den Joseph und küsste ihn, umarmte dann die Eudokia und küsste sie.
KJ|0|161|4|0|Nach dieser gar freundlichen Begrüßung, die dem alten Joseph allzeit einige Tränen der Freude kostete, kniete – sich im Herzen überaus demütigend – die Maria voll Liebe zur Wiege nieder und gab betend dem Kindlein die Brust.
KJ|0|161|5|0|Nachdem das Kindlein gesogen hatte, ließ die Maria sogleich ein frisches Bad bereiten und badete das Kindlein wie gewöhnlich.
KJ|0|161|6|0|Und das Kindlein strampelte munter im Badebecken herum und ließ fleißig Seine unartikulierte Stimme hören.
KJ|0|161|7|0|Als das Kindlein gebadet war und getrocknet und wieder in frische Kleidchen und Fußwindeln gesteckt,
KJ|0|161|8|0|da fragte die Maria das Kindlein, wie Es Sich befinde, ob Ihm wohltäten die frischen Kleiderchen.
KJ|0|161|9|0|Denn sie wusste ja, dass das Kindlein reden kann, und das göttlich weise; aber niemand außer dem Jakob wusste, dass das Kindlein Sich die Zunge wieder gebunden hatte.
KJ|0|161|10|0|Daher befremdete sie alle, dass das Kindlein auf die Fragen der Maria keine Antwort erteilte.
KJ|0|161|11|0|Maria bat darauf das Kindlein inständigst, dass Es doch nur ein wenig reden möchte; aber das Kindlein trieb Seine Kinderstimme, und von einem Wort war keine Rede mehr.
KJ|0|161|12|0|Das beunruhigte die Maria wie den Joseph, und sie gedachten, ob etwa die Engel das Gottkind nicht bei der Nacht in den Himmel brachten und ließen dafür ein ganz gewöhnliches Kind in der Wiege.
KJ|0|161|13|0|Denn der Glaube an die Auswechslung der Kinder war bei den Juden sehr gang und gäbe.
KJ|0|161|14|0|Maria wie der Joseph betrachteten das Kindlein gar ängstlich, ob Es wohl noch Dasselbe wäre,
KJ|0|161|15|0|konnten aber nicht die allerleiseste Unähnlichkeit entdecken, weder am Kopf noch irgendwo anders.
KJ|0|161|16|0|Da sprach die Maria: „Hebt das Badewasser auf, und sucht einen Kranken, und bringt ihn hierher;
KJ|0|161|17|0|denn bis jetzt hat dies Wasser stets eine wunderheilsame Kraft gehabt!
KJ|0|161|18|0|Wird der Kranke gesund, so haben wir noch unser Kindlein, und wird er nicht gesund, so hat es Gott dem Herrn wohlgefallen, uns ein anderes Kind an die Stelle des Seinen zu geben!“
KJ|0|161|19|0|Hier wollte Jakob reden; aber das Kindlein verbot es ihm wohlvernehmlich in seinem Herzen, und er schwieg.
KJ|0|161|20|0|Joseph aber sandte sogleich den ältesten Sohn in die Stadt, dass er brächte einen Kranken.
KJ|0|161|21|0|In anderthalb Stunden kam er mit einem Blinden, und Maria wusch ihm die Augen mit dem Badewasser; aber der Blinde bekam nicht das Licht seiner Augen.
KJ|0|161|22|0|Diese Erscheinung machte die Maria, den Joseph, die vier Söhne und die Eudokia traurig; nur Jakob blieb heiter und nahm das Kindlein und lockte Es.
KJ|0|161|23|0|Der Blinde aber murrte, weil er meinte, dass er nur gefoppt worden sei.
KJ|0|161|24|0|Joseph aber vertröstete ihn und versprach ihm die Verpflegung lebenslänglich als Entschädigung für diese vermeintliche Fopperei. Damit ward der Blinde wieder beruhigt.
KJ|0|161|25|0|Joseph aber bemerkte des Jakobs Heiterkeit und stellte sie ihm als eine Sünde gegen ihn als Vater dar.
KJ|0|161|26|0|Jakob aber sprach: „Ich bin heiter, weil ich weiß, woran ich bin; ihr aber trauert, weil ihr das nicht wisst! Wisst ihr denn nicht, dass man Gott nicht versuchen solle?“
KJ|0|161|27|0|Hier hauchte Jakob den Blinden an, und dieser ward sehend im Augenblick; alle aber staunten nun den Jakob an und wussten nicht, wie sie daran waren.
KJ|0|162|1|1|Jakob überzeugt Joseph davon, dass das Jesuskind nicht ausgewechselt worden sein kann
KJ|0|162|1|1|Am 9. März 1844
KJ|0|162|1|0|Nach einer Weile trat Joseph näher hin zum Jakob und fragte ihn, woher in seinem Hauch solche Kraft käme.
KJ|0|162|2|0|Und der Jakob sprach: „Lieber Vater! – ich habe in mir eine Stimme vernommen, die zu mir sprach:
KJ|0|162|3|0|‚Hauche dem Blinden ins Angesicht, und er wird sein Gesicht wohlleuchtend wieder erhalten!‘
KJ|0|162|4|0|Und siehe, ich glaubte fest dieser Stimme in mir, tat nach ihrem Wort, und der Blinde ist sehend!“
KJ|0|162|5|0|Und der Joseph sprach: „Das wird also sein, wie du nun geredet hast;
KJ|0|162|6|0|aber von woher kam die mächtige Stimme in dich, wie vernahmst du sie?“
KJ|0|162|7|0|Und der examinierte Jakob sprach: „Lieber Vater! – siehst du denn nicht Den, der nun auf meinen Armen spielt mit meinen Locken?
KJ|0|162|8|0|Ich glaube, Dieser ist es, der in mir zu mir solches wunderbar geredet hatte!“
KJ|0|162|9|0|Und der Joseph fragte den Jakob weiter und sprach:
KJ|0|162|10|0|„Hältst du das Kindlein wohl für das echte noch? Meinst du nicht, dass Es uns ausgewechselt worden wäre?!“
KJ|0|162|11|0|Und der Jakob sprach: „Wer oder welche Macht sollte wohl imstande sein, den Allmächtigen auszutauschen?
KJ|0|162|12|0|Fielen doch die Engel allzeit auf ihr Angesicht, wenn das Kindlein wunderbarlichst redete; wie sollten sie da an Ihm, dem Allmächtigen, also handeln können?!
KJ|0|162|13|0|Ich halte sonach das Kindlein für das erste und echte so gewiss und wahr, wie gewiss und wahr ich noch nie an eine Auswechslung der Kindlein geglaubt habe!“
KJ|0|162|14|0|Und der Joseph sprach: „Mein lieber Sohn, du hast hier mir einen nicht sehr festen Beweis deines Glaubens gegeben!
KJ|0|162|15|0|Denn siehe, also spricht David selbst, indem er sagt: ‚Warum toben die Heiden, und die Leute reden so vergeblich?
KJ|0|162|16|0|Die Könige im Land lehnen sich auf, und die Herren ratschlagen miteinander wider den Herrn und Seinen Gesalbten und sprechen:
KJ|0|162|17|0|Lasst uns zerreißen des Bande und von uns werfen seinen Strick!‘
KJ|0|162|18|0|Siehe, mein Sohn, diese Worte sind geistig, und die Könige sind die Mächte, und das Land ist das große Reich der unsichtbaren Mächte! Was aber führen diese im Sinne, wovon reden sie?
KJ|0|162|19|0|Ist darin nicht die Möglichkeit angezeigt, dass sie auch ihre Hände an den Herrn legen können?!“
KJ|0|162|20|0|Und der Jakob sprach: „Allerdings, wenn es der Herr zulassen würde!
KJ|0|162|21|0|Aber es heißt ja schon im Anfang dieses Gesanges fragend: ‚Warum toben die Heiden, und warum reden die Leute so vergeblich?‘
KJ|0|162|22|0|Will David damit nicht etwa die Unzulänglichkeit solcher Mächte wider den Herrn bezeichnen?!
KJ|0|162|23|0|Weiter unten aber heißt es ja ausdrücklich: ‚Aber Der im Himmel wohnt, lacht ihrer und spottet ihrer!
KJ|0|162|24|0|Er wird einst reden mit ihnen in Seinem Zorn, und mit Seinem Grimm wird Er sie schrecken!‘
KJ|0|162|25|0|Lieber Vater! Ich meine, diese zwei Strophen des großen Gottessängers rechtfertigen zur Genüge meinen Glauben!
KJ|0|162|26|0|Denn sie geben mir zur Genüge kund, dass der Herr allzeit ein Herr bleibt und an Ihm keine Auswechslung ausgeübt werden kann!“
KJ|0|162|27|0|Joseph erstaunte sich über die Weisheit seines Sohnes und ging mit dem ganzen Haus wieder zur Annahme des echten Kindleins zurück und lobte und pries Gott darum.
KJ|0|163|1|1|Wie die Familie Josephs ihren Lebensunterhalt verdient. Ankunft der acht Kinder von Tyrus. Joseph nimmt die Kinder an, jedoch nicht das von Cyrenius gesendete Gold
KJ|0|163|1|1|Am 11. März 1844
KJ|0|163|1|0|Auf diese Weise war nun alles wieder in der alten guten Ordnung im Hause Josephs.
KJ|0|163|2|0|Joseph und seine Söhne machten allerlei kleine Holzgerätschaften und verkauften diese an die Bewohner der Stadt um billige Preise;
KJ|0|163|3|0|und das taten sie natürlich neben ihrer sonstigen Hausarbeit.
KJ|0|163|4|0|Maria und die Eudokia aber besorgten das Häusliche und machten Kleider und manchmal auch zierliche Arbeiten für reiche Familien in der Stadt.
KJ|0|163|5|0|Denn Maria war sehr geschickt in aller Kunstspinnerei und strickte ganze Kleider.
KJ|0|163|6|0|Die Eudokia aber war eine gute Näherin und wusste mit der Nadel wohl umzugehen.
KJ|0|163|7|0|Und so verdiente sich die Familie stets das Nötige und hatte so viel, um im Notfall auch anderen Armen beizustehen.
KJ|0|163|8|0|In einem Vierteljahr erst kamen die acht Kinder von Tyrus an – natürlich geleitet von verlässlichen Freunden des Cyrenius –
KJ|0|163|9|0|und brachten ein mächtiges Kostgeld mit, welches in achthundert Pfunden Goldes bestand.
KJ|0|163|10|0|Joseph aber sprach: „Die Kinder nehme ich wohl, aber das Gold nehme ich nicht; denn darauf liegt des Herrn Fluch!
KJ|0|163|11|0|Nehmt es daher nur wieder mit, und gebt es dem Cyrenius, er wird schon wissen, warum ich es nicht annehmen kann und darf!
KJ|0|163|12|0|Überbringt ihm aber meinen Segen und meinen Gruß!
KJ|0|163|13|0|Und sagt ihm, dass ich ihn im Geiste begleitet habe auf seiner Heimreise und war Zeuge von allem, was ihm begegnet ist,
KJ|0|163|14|0|und habe ihn gesegnet allzeit, wo ihm eine Gefahr drohte!
KJ|0|163|15|0|Wegen des Verlustes der drei Tiere auf der Insel Kreta solle er sich nicht ängstigen; denn also hatte es der Herr, den er kennt, gewollt!“
KJ|0|163|16|0|Darauf segnete Joseph die Freunde des Cyrenius und übernahm mit großer Freude die acht Kinder, die sich sogleich überaus heimisch fühlten im Hause Josephs.
KJ|0|163|17|0|Darauf nahmen die Freunde des Cyrenius das Gold wieder und begaben sich schnell wieder nach Tyrus zurück.
KJ|0|163|18|0|Joseph aber pries Gott für die Zugabe dieser Kinder, segnete sie und übergab sie der Leitung Mariens, die eine Hauptschulmeisterin war, indem sie im Tempel in allem möglichen unterrichtet ward.
KJ|0|163|19|0|Und die Kinder lernten griechisch, hebräisch und auch römisch lesen und schreiben.
KJ|0|163|20|0|Denn diese drei Sprachen musste in der Zeit fast jeder Mensch reden und im Notfall auch schreiben können. Notabene: Die römische Sprache aber war damals ungefähr das, was heute die gallische ist, und durfte nicht fehlen bei einer besseren Erziehung.
KJ|0|164|1|1|Austreibung eines bösen Geistes aus dem Knaben einer Mohrenfamilie
KJ|0|164|1|1|Am 12. März 1844
KJ|0|164|1|0|Von dieser Periode ging’s im Hause Josephs ganz ruhig zu und ereignete sich nichts Wunderbares.
KJ|0|164|2|0|Und dieser ruhige Zustand dauerte ein volles Jahr, da das Kindlein schon Selbst gehen konnte und auch reden und spielen mit den anderen acht Kindern.
KJ|0|164|3|0|In dieser Zeit kam eine Mohrenfamilie, die ein sehr krankes Kind hatte, ins Haus des Joseph.
KJ|0|164|4|0|Denn diese Familie hatte in der Stadt gehört, dass sich in diesem Haus ein Wunderarzt befinde, der alle Krankheiten heilt.
KJ|0|164|5|0|Das kranke Kind war ein Knabe von zehn Jahren und ward von einem bösen Geist gar jämmerlich gequält.
KJ|0|164|6|0|Der Geist ließ dem Knaben Tag und Nacht keine Ruhe, warf ihn hin und her, trieb ihm den Bauch auf und bereitete ihm dadurch unerträgliche Schmerzen.
KJ|0|164|7|0|Bald wieder trieb er ihn ins Wasser und bald ins Feuer.
KJ|0|164|8|0|Als aber dieser Geist sich im Hause Josephs befand, da ward er ruhig und rührte sich nicht.
KJ|0|164|9|0|Joseph aber fragte den Vater des Knaben, der Griechisch verstand, was es mit dem Knaben für eine Bewandtnis habe.
KJ|0|164|10|0|Und der Vater erzählte dem Joseph alles getreust, was sich nur immer mit dem Knaben zugetragen hatte vom Anbeginn.
KJ|0|164|11|0|Darauf berief Joseph den Jakob, der sich wie gewöhnlich als ein sechzehnjähriger Jüngling mit dem Kindlein beschäftigte, und gab ihm die Not dieser Mohrenfamilie kund.
KJ|0|164|12|0|Jakob aber wandte sich an das Kindlein und herzte Es und redete in seinem Herzen mit Ihm.
KJ|0|164|13|0|Das Kindlein aber sprach ganz laut in hebräischer Sprache:
KJ|0|164|14|0|„Mein Bruder! Meine Zeit ist noch lange nicht da; aber gehe du hin zu dem kranken Knaben, des Geschlecht das Zeichen Kains trägt!
KJ|0|164|15|0|Rühre ihn mit dem Zeigefinger der linken Hand an der Brustgrube an, und sobald wird der böse Geist für immer entweichen aus dem Knaben!“
KJ|0|164|16|0|Und der Jakob ging sobald hin und tat, wie ihm das Kindlein befohlen hatte.
KJ|0|164|17|0|Da riss der böse Geist den Knaben zum letzten Mal und schrie:
KJ|0|164|18|0|„Was willst du Schrecklicher denn mit mir, wohin soll ich nun ziehen, da du mich vor der Zeit aus meiner Wohnung treibst?!“
KJ|0|164|19|0|Und der Jakob sprach: „Der Herr will es! Nicht ferne ist das Meer; wo es am tiefsten ist, da sollst du wohnen im Grund, und der Schlamm soll deine Wohnstätte sein fürder, Amen!“
KJ|0|164|20|0|Hier verließ der Geist den Knaben, und der Knabe ward gesund im Augenblick.
KJ|0|164|21|0|Darauf wollte die Familie den Joseph belohnen; Joseph aber nahm nichts an und entließ die Familie wieder im Frieden und lobte Gott für diese Wunderheilung an diesem Knaben.
KJ|0|165|1|1|Jakob besucht mit dem Jesuskind den Fischer Jonatha. Christophorus trägt das Jesuskind
KJ|0|165|1|1|Am 13. März 1844
KJ|0|165|1|0|Von dieser Geschichte dauerte wieder ein halbes Jahr in voller Ruhe und geschah nichts Wunderbares.
KJ|0|165|2|0|Denn das Kindlein vermied durch Seine innere Kraft sorglichst alles, was zu irgendeiner Wundertat hätte einen Anlass geben können.
KJ|0|165|3|0|Es war munter und spielte mit den anderen Kindern, wenn diese Zeit hatten.
KJ|0|165|4|0|Sonst aber ging Es am liebsten mit dem Jakob herum und plauderte mit ihm, wenn sie allein waren, ganz gescheit.
KJ|0|165|5|0|Aber mit den anderen Kindern plauderte Es ganz wie andere Kinder in dem Alter von zwei Jahren.
KJ|0|165|6|0|Es lebte aber in der Gegend ein ausgewanderter Jude und betrieb die Fischerei im nahen Meer und lebte von diesem Erwerb.
KJ|0|165|7|0|Dieser Jude aber war sehr groß von Gestalt und war riesenhaft stark.
KJ|0|165|8|0|An einem Vorsabbat morgens bald nach dem Frühstück nahm Jakob das Kindlein und ging mit der Erlaubnis Josephs zu diesem Juden, der geraden Weges eine gute Stunde vom Haus Josephs entfernt war.
KJ|0|165|9|0|Das aber tat Jakob, weil ihn dieser Jude schon öfter eingeladen hatte, und weil es ihm das Kindlein geboten hatte heimlich.
KJ|0|165|10|0|Als Jakob mit dem Kindlein nun ins Haus des Fischers kam, da war dieser hocherfreut und setzte dem Jakob sogleich einen gut zubereiteten Fisch vor.
KJ|0|165|11|0|Und Jakob aß davon nach seiner Lust und gab ganz ausgesuchte kleine Stückchen auch seinem kleinen Brüderchen zum Verkosten.
KJ|0|165|12|0|Und das Kindlein verzehrte auch mit sichtlichem Appetit die kleinen Portionen, die Ihm der Jakob in den Mund steckte.
KJ|0|165|13|0|Das freute den Fischer so sehr, dass er darob unwillkürlich zu Tränen gerührt wurde.
KJ|0|165|14|0|Jakob aber wollte sich bald wieder nach Hause begeben;
KJ|0|165|15|0|der Fischer aber bat ihn inständigst, dass er den Tag über bei ihm verbleiben möchte.
KJ|0|165|16|0|„Am Abend aber“, sprach er, „will ich dich samt dem allerliebsten kleinen Bruder nach Hause tragen!“
KJ|0|165|17|0|Denn siehe, du hattest wohl bei anderthalb Stunden zu tun gehabt, weil du diesen Meeresarm, der durchaus sehr seicht ist, umgehen musstest!
KJ|0|165|18|0|Ich aber messe fast zwei Klafter; das Wasser geht mir kaum bis zum Leib, da es am tiefsten ist!
KJ|0|165|19|0|Ich nehme dich dann samt dem Kind auf meinen Arm, wate mit euch durch den Meeresarm und bringe euch dann leicht mit noch einer guten Portion von frischen besten Fischen in einer kleinen Viertelstunde nach Hause!“
KJ|0|165|20|0|Hier sprach das Kindlein: „Jonatha! Dein Wille ist gut; aber wenn Ich dir mit Meinem Bruder nur etwa nicht zu schwer werde?“
KJ|0|165|21|0|Und der Jonatha lächelte und sprach: „O du mein liebes Kindlein, so ihr hundertmal so schwer wäret, als ihr seid, so könnte ich euch noch gar leicht ertragen!“
KJ|0|165|22|0|Und das Kindlein sprach: „Jonatha, da kommt es nur auf eine Probe an; versuche Mich allein über den Arm, der kaum fünfzig Klafter breit ist, hin und her zu tragen, und es wird sich zeigen, wie es mit deiner Stärke für uns beide aussieht!“
KJ|0|165|23|0|Jonatha ging sogleich in diese Probe, nahm mit der Einwilligung Jakobs das Kindlein auf seinen Arm und watete mit Ihm den Arm des Meeres durch.
KJ|0|165|24|0|Hinüber ging es leidlich, obschon Jonatha sich über die Schwere des Kindleins hoch verwunderte.
KJ|0|165|25|0|Im Zurücktragen aber ward das Kindlein so schwer, dass Jonatha es für nötig fand, einen starken Balken zu nehmen, um, sich auf denselben stützend, das Kindlein mit der genauesten Not von der Welt ans Ufer zu bringen.
KJ|0|165|26|0|Als er da ankam, setzte er sobald das Kindlein ans Ufer, da der Jakob wartete, und sprach: „Um Jehovas willen, was ist das? Schwerer als dies Kind kann die ganze Welt nicht sein!?“
KJ|0|165|27|0|Und das Kindlein sprach lächelnd: „Das sicher; denn du hast jetzt auch bei weitem mehr getragen, als was die ganze Welt ausmacht!“
KJ|0|165|28|0|Jonatha aber, sich kaum erholend, fragte: „Wie soll ich das nehmen?“
KJ|0|165|29|0|Jakob aber sprach: „Lieber Jonatha, nehme du die Fische, und begleite uns trockenen Weges nach unserer Heimat, und bleibe die Nacht bei uns; morgen soll dir darin ein Licht werden!“
KJ|0|165|30|0|Darauf nahm Jonatha drei Lägel der besten Fische und begleitete die beiden noch vormittags nach Hause zum Joseph, der ihn mit viel Freuden aufnahm, denn sie waren von Jugend auf Schulfreunde gewesen.
KJ|0|166|1|1|Joseph klärt Jonatha über das Wesen des Jesuskindes auf
KJ|0|166|1|1|Am 14. März 1844
KJ|0|166|1|0|Jonatha übergab dem Joseph die drei Lägel Fische, mit denen er ihm eine große Freude machte; denn Joseph war ein großer Freund von Fischen.
KJ|0|166|2|0|Darauf sagte er zum Joseph: „Mein geliebtester Jugendfreund, sage mir doch, was du für ein Kind hast!
KJ|0|166|3|0|Fürwahr, es kann höchstens zwei bis drei Jahre alt sein, und es spricht so gescheit, als wäre es ein erwachsener Mann!
KJ|0|166|4|0|Und siehe, ich, der ich doch zwei Ochsen unter meinen Armen, wie du zwei Lämmer, tragen kann, wollte den Jakob mit dem Kindlein den ganzen Tag über bei mir behalten und wollte sie abends, den Meeresarm durchwatend, zu dir nach Hause bringen!
KJ|0|166|5|0|Als ich solchen meinen Wunsch aber dem Jakob kundgab, da redete mich das Kindlein an und sprach zu meinem nicht geringen Erstaunen:
KJ|0|166|6|0|‚Jonatha, dein Wille ist gut; aber so wir dir nur etwa nicht zu schwer werden?!‘
KJ|0|166|7|0|Dass ich ob dieser kindlich besorglichen Frage beim Bewusstsein meiner Kraft lächeln musste, das versteht sich von selbst!
KJ|0|166|8|0|Aber das Kindlein sprach darauf, es komme da nur auf eine Probe an; ich solle versuchen, es allein durch den Meeresarm hin und her zu tragen, um mich zu überzeugen, ob es mir nicht zu schwer werden möchte!
KJ|0|166|9|0|Mit der Einwilligung Jakobs nahm ich das Kindlein auf meinen Arm und trug es durchs Wasser.
KJ|0|166|10|0|Hinüber war es noch erträglich; aber zurück musste ich einen Stock nehmen, auf den ich mich stützte, und gelangte nur mit der genauesten Not von der Welt an das drübige Ufer!
KJ|0|166|11|0|Denn fürwahr, du, lieber Freund, kannst mir’s glauben, das Kind ward dir so entsetzlich schwer, dass ich gerade glaubte, eine Weltenlast liege auf meinen Armen!
KJ|0|166|12|0|Als ich das Ufer erreichte, das Kindlein schnell dem Jakob übergab und mich ein wenig erholte,
KJ|0|166|13|0|da fragte ich den Jakob, was denn das wäre, wie sei dies Kind schwerer als eine Welt?
KJ|0|166|14|0|Da sprach das Kindlein unaufgefordertermaßen wieder,
KJ|0|166|15|0|ich hätte nun mehr getragen, als so ich getragen hätte eine ganze Welt!
KJ|0|166|16|0|Freund, von dem allen ist dein Jakob Zeuge gewesen! Nun frage ich dich darum und sage:
KJ|0|166|17|0|Was um Jehovas willen hast du denn für ein Kind? Fürwahr, da kann es nicht natürlicher Dinge sein!“
KJ|0|166|18|0|Und der Joseph sprach zu Jonatha: „Wenn du schweigen könntest wie eine Mauer – ansonsten dein Leben in große Gefahr käme –, da möchte ich dir, meinem alten allerbiedersten Freund, wohl etwas erzählen!“
KJ|0|166|19|0|Und der Jonatha schwor und sprach: „Bei Gott und allen Himmeln! Ich will tausendmal sterben im Feuer, so ich dich je mit einer Silbe verrate!“
KJ|0|166|20|0|Da nahm ihn Joseph mit sich auf seinen Lieblingshügel und erzählte ihm den ganzen Hergang der Sache des Kindleins, von der Jonatha eher noch keine Silbe wusste.
KJ|0|166|21|0|Jonatha aber, als er solches in kurz gefasster Darstellung vernommen hatte, fiel auf seine Knie nieder und betete vom Hügel aus das Kindlein an, das soeben inmitten der acht anderen Kinder Sich herumtummelte,
KJ|0|166|22|0|und sprach am Ende seines langen Gebetes: „O du Seligkeit der Seligkeiten! Mein Gott, mein Schöpfer hat mich besucht! Ich habe Ihn, der alle Welt und alle Himmel trägt, auf meinen Armen getragen!? O du endlose Gnade der Gnade! O du Erde, bist du wohl wert solcher Gnade!? Ja, jetzt verstehe ich die Worte des Gottkindes: ‚Mehr als eine Welt hast du getragen!‘“ – Darauf verstummte Jonatha und konnte vor Entzückung eine Stunde kein Wort aus seinem Mund bringen.
KJ|0|167|1|1|Wer den Herrn liebt, der wird auch vom Herrn geliebt. Das Zeugnis des Jesuskindes über Jonatha
KJ|0|167|1|1|Am 15. März 1844
KJ|0|167|1|0|Als der Jonatha seine Andacht auf solche lebendige Weise verrichtet hatte, da sprach Joseph zu ihm:
KJ|0|167|2|0|„Mein geliebter Freund, du wohnst allein mit deinen drei Gehilfen in deiner Hütte.
KJ|0|167|3|0|Heute am Vorsabbat wirst du ohnehin keine Fische mehr fangen; darum bleibe heute bei mir, desgleichen auch über den morgigen Sabbat!“
KJ|0|167|4|0|Und der Jonatha sprach: „Ja, mein Freund und Bruder, wenn das Gottkind nicht wäre, da möchte ich wohl bei dir verbleiben;
KJ|0|167|5|0|aber siehe, ich bin ein sündiger Mensch und bin unrein in allen meinen Teilen und Gliedern!
KJ|0|167|6|0|Denn ich habe, seit ich unter den Heiden lebe, kaum mehr an die Satzungen Mosis gedacht und lebte mehr heidnisch als jüdisch.
KJ|0|167|7|0|Und so kann ich da wohl nicht verbleiben, da selbst der Allerheiligste wohnt!“
KJ|0|167|8|0|Und der Joseph sprach: „Bruder, dein Grund ist gut; aber bei mir wird er nicht angenommen!
KJ|0|167|9|0|Denn siehe, der Herr, der sogar gegen alle Heiden Sich so gnädig bezeigt, wird Sich zu dir sicher noch gnädiger bezeigen, indem du ein reuiger Jude bist!
KJ|0|167|10|0|Du brauchst Ihn nur zu lieben und kannst rechnen, dass dich auch der Herr lieben wird über die Maßen!
KJ|0|167|11|0|Denn siehe, die acht Kinder und die Eudokia sind Heiden, und dennoch geht das Kindlein mit ihnen herum und hat sie lieb über die Maßen!
KJ|0|167|12|0|Also wird Es auch dich gar liebreichst aufnehmen und wird Sich mit dir wie mit Seinem besten Freund abgeben!“
KJ|0|167|13|0|Auf diese Rede fasste Jonatha Mut und begab sich mit Joseph wieder vom Hügel hinab in die Wohnung, allwo schon lange das Mittagsmahl bereitet war.
KJ|0|167|14|0|Joseph berief nun alles zum Tisch. Die Maria nahm das Kindlein und setzte sich auch neben dem Joseph, wie gewöhnlich, zum Tisch.
KJ|0|167|15|0|Das Kindlein aber wollte nicht die für Ihn bereitete Milchspeise genießen.
KJ|0|167|16|0|Und Maria ward ängstlich darob, denn sie meinte, es müsse dem Kindlein etwas fehlen.
KJ|0|167|17|0|Das Kindlein aber sprach: „Warum ängstigest du dich denn Meinetwegen?
KJ|0|167|18|0|Siehe, der Jonatha hat Mir eine bessere Speise gebracht; diese werde Ich essen, und diese wird Mich wahrhaft sättigen!“
KJ|0|167|19|0|Maria aber verstand hier sogleich die Fische, die zuletzt auf den Tisch gesetzt wurden.
KJ|0|167|20|0|Das Kindlein aber sprach: „Maria, du hast Mich nicht verstanden!
KJ|0|167|21|0|Denn die Fische meine Ich nicht, obschon sie natürlich besser schmecken als diese gestrige Milch, die da schon topfig ist, und die Joel nahm statt einer frischen, um ein Mus zu kochen für Mich.
KJ|0|167|22|0|Aber die große Demut und die große Liebe seines Herzens (des Jonatha nämlich), die er Mir schon öfter bezeigte, ohne Mich zu kennen – diese meine Ich!
KJ|0|167|23|0|Ich sage dir, du Maria, Jonatha ist ein starker Mensch in seinen Gliedern, aber die Liebe seines Herzens ist noch viel stärker!
KJ|0|167|24|0|Und diese seine Liebe zu Mir ist die gar kräftige Kost, die Mich nun sättigt! Doch aber werde Ich auch von seinen Fischen essen; aber das saure Mus mag Ich nicht!“ – Darob ward aber Jonatha so erfreut, dass er laut zu weinen anfing.
KJ|0|168|1|1|Das von Joel schlecht bereitete Mus. Das Jesuskind gibt Erziehungsrichtlinien vor
KJ|0|168|1|1|Am 16. März 1844
KJ|0|168|1|0|Nun kostete erst die Maria das Mus, das der Joel fürs Kindlein bereitet hatte, und fand es im Ernst etwas sauer und kleingrießartig topfig.
KJ|0|168|2|0|Da berief sie sobald den Joel, der sich noch ganz geschäftig in der Küche mit dem Braten der Fische abgab.
KJ|0|168|3|0|Als dieser kam, sagte die Mutter voll Ernstes: „Joel! – da verkoste einmal das Mus!
KJ|0|168|4|0|Hast du denn gar so wenig Achtung vor dem Kind, vor dem Vater Joseph und vor mir, dem getreuen Weib deines Vaters, dass du mir solches antun magst?!
KJ|0|168|5|0|Haben denn unsere Kühe und Ziegen keine frische Milch mehr im Euter?
KJ|0|168|6|0|Warum nahmst du eine gestrige, schon sauer gewordene, die man wohl kalt genießen kann, so man durstig ist, aber nicht gekocht, da sie schädlich ist ganz besonders den Kindern?!“
KJ|0|168|7|0|Hier kostete auch der Joseph das Mus und wollte schon ein kleines Donnerwetter über den Joel senden.
KJ|0|168|8|0|Aber das Kindlein richtete Sich auf und sprach: „O ihr Menschen ihr! Warum wollt ihr denn Mich überall überbieten?!
KJ|0|168|9|0|Ist denn nicht genug, was Ich über den Joel bemerkte? Warum wollt ihr ihn denn nach Mir völlig richten?
KJ|0|168|10|0|Meint ihr, Ich habe ein Wohlgefallen an solcher eurer Strenge? – O nein! – Mir gefällt allein nur die Liebe, Sanftmut und die Geduld!
KJ|0|168|11|0|Joel hat sich durch seine Unachtsamkeit allerdings strafbar gemacht,
KJ|0|168|12|0|darum Ich ihn aber auch durch Meine tadelnde Bemerkung sogleich gestraft habe! Diese Strafe ist aber hinreichend; wozu da noch eine weitere Rüge und ein Donnerwetter obendrauf?
KJ|0|168|13|0|Es tut wohl jeder Vater recht, so er die kleinen unartigen Kinder mit der Rute bestraft, aber den erwachsenen Söhnen solle er stets ein weiser und sanfter Lehrer sein!
KJ|0|168|14|0|Nur so ein Sohn sich auflehnte gegen den Vater, dem solle gedroht werden!
KJ|0|168|15|0|Bekehrt er sich da, so solle er wieder in den alten Frieden gesetzt werden;
KJ|0|168|16|0|bekehrt er sich aber nicht, da solle er verstoßen und vom Haus des Vaters und aus seinem Vaterland getrieben werden!
KJ|0|168|17|0|Joel aber hat ja nichts verbrochen; nur die Lust zu den Fischen gestattete ihm nicht so viel Zeit, dass er eine Ziege gemolken hätte!
KJ|0|168|18|0|Von nun an aber wird er das auch sicher nimmer tun; darum sei ihm auch alles vergeben!“
KJ|0|168|19|0|Darauf berief das Kindlein den Joel zu Sich und sprach: „Joel! – wenn du Mich liebst, wie Ich dich liebe, so bereite in der Zukunft deinem Vater und deiner Mutter keinen solchen Kummer mehr!“
KJ|0|168|20|0|Joel aber fing vor Rührung zu weinen an und fiel auf seine Knie nieder und bat das Kindlein, die Maria und den Joseph um Vergebung.
KJ|0|168|21|0|Und der Joseph sprach: „Stehe nur auf, mein Sohn, was dir der Herr vergibt, das sei dir auch von mir und der Mutter vergeben!
KJ|0|168|22|0|Gehe aber nun und sehe nach, was die Fische machen!“
KJ|0|168|23|0|Und das Kindlein sagte ebenfalls hurtig dazu: „Ja, ja, gehe nur, sonst werden die Fische überbraten, da sie dann nicht gut wären; denn Ich will ja Selbst davon essen!“
KJ|0|168|24|0|Diese Besorglichkeit gefiel den anderen acht Kindern so gut, dass sie aus Freude laut lachten.
KJ|0|168|25|0|Das Kindlein aber lachte Selbst recht herzlich mit und brachte in die ganze Tischgesellschaft eine recht heitere Stimmung, und Jonathas Augen waren voll entzückender Freudentränen.
KJ|0|169|1|1|Das Fischessen. Die Menschen werden Maria dem Herrn entgegen der althergebrachten Ordnung vorziehen. Die Segnung und wunderbare Vermehrung der gebratenen Fische
KJ|0|169|1|1|Am 18. März 1844
KJ|0|169|1|0|In kurzer Zeit brachte Joel auf einem Rost die gebratenen Fische herein und setzte sie auf den Tisch.
KJ|0|169|2|0|Joseph legte sogleich einem jeden eine gute Portion vor und vergaß nicht auf sich;
KJ|0|169|3|0|aber vor das Kindlein legte er natürlich keine Portion vor, denn das ward ja ohnehin von der Mutter beteiligt.
KJ|0|169|4|0|Das Kindlein aber war diesmal damit nicht zufrieden, sondern begehrte auch eine ganze Portion.
KJ|0|169|5|0|Da sprach der Joseph: „Aber Du mein allerliebstes Söhnchen, Du mein Jesus, das wäre wohl viel zu viel für Dich!
KJ|0|169|6|0|Fürs Erste könntest Du es ja unmöglich wegessen, und fürs Zweite, wenn Du es verzehrtest, würde es Dich krank machen!
KJ|0|169|7|0|Siehst Du aber nicht, dass ich darum der Mutter ja ohnehin eine größere Portion vorgelegt habe, weil sie Dich zu versorgen hat?!
KJ|0|169|8|0|Daher sei nur ganz ruhig, mein Söhnchen; denn Du wirst nicht zu kurz kommen!“
KJ|0|169|9|0|Und das Kindlein sprach: „Das weiß Ich wohl, und noch so manches, was du nicht weißt!
KJ|0|169|10|0|Aber schicksam wäre es doch gewesen, wenn du auch dem Herrn eine ganze Portion gegeben hättest!
KJ|0|169|11|0|Weißt du wohl, wer Melchisedek, der König von Salem war? Du weißt es nicht!
KJ|0|169|12|0|Ich aber weiß es und sage es dir: Der König von Salem war der Herr Selbst; aber außer Abraham durfte es niemand ahnen!
KJ|0|169|13|0|Darum verneigte sich Abraham bis zum Erdboden vor Ihm und gab Ihm freiwillig von allem den zehnten Teil.
KJ|0|169|14|0|Joseph! Ich bin derselbe Melchisedek, und du bist gleich dem Abraham!
KJ|0|169|15|0|Warum willst denn du Mir nicht den Zehent geben von diesen guten Fischen?
KJ|0|169|16|0|Warum bescheidest du Mich auf die Mutter? Wer wohl hat den Fisch wie das Meer gemacht? War es Maria – oder Ich, ein König von Salem von Ewigkeit?!
KJ|0|169|17|0|Siehe, Ich bin hier in Meinem Eigentum von Ewigkeit, und du willst Mir nicht einmal eine ganze Portion Fisches vorsetzen? Das sieht doch rar aus!
KJ|0|169|18|0|Darum aber wird es auch kommen, dass einst die Menschen Meiner Leibesmutter bei weitem größere Portionen vorsetzen werden denn Mir!
KJ|0|169|19|0|Und Ich werde auf das passen müssen, was der Mutter vorgesetzt wird, und da wird ferne sein die Ordnung Melchisedeks!“
KJ|0|169|20|0|Joseph aber wusste nicht, was er darauf sagen solle. Er teilte aber sobald seinen Teil und setzte die größere Hälfte dem Kindlein vor.
KJ|0|169|21|0|Das Kindlein aber sprach: „Wer Mir etwas gibt und behält einen Teil für sich, der kennt Mich nicht!
KJ|0|169|22|0|Wer Mir geben will, der gebe Mir alles, sonst nehme Ich es nicht an!“
KJ|0|169|23|0|Hier schob Joseph auch noch freudigst seinen Teil vor das Kindlein.
KJ|0|169|24|0|Das Kindlein aber hob Seine Rechte und segnete die zwei Teile und sprach:
KJ|0|169|25|0|„Wer das Ganze Mir gibt, der gewinnt hundertfach! Nehme den Fisch wieder vor dich, Joseph, und esse! Was dir überbleiben wird, das erst gebe Mir!“
KJ|0|169|26|0|Hier nahm Joseph den Fisch wieder und aß viel davon. Als er aber nimmer essen konnte, da ist noch so viel übergeblieben, dass es für zwölf Personen genug gewesen wäre. Und das Kindlein aß dann von dem Übergebliebenen.
KJ|0|170|1|1|Jonatha fragt Joseph nach seinen Empfindungen im Hinblick auf das göttliche Kind
KJ|0|170|1|1|Am 20. März 1844
KJ|0|170|1|0|Nach dieser Tischszene, die dem Jonatha viele Freuden- und auch Reuetränen gekostet hatte, sagte eben der Jonatha zum Joseph:
KJ|0|170|2|0|„Joseph, du mein alter Jugendfreund, sage mir doch so ganz aufrichtig – wie unendlich glücklich fühlst du dich denn, wenn du die Größe deiner Berufung überdenkst?!
KJ|0|170|3|0|Was empfindest du, wenn du das Kindlein ansiehst und dein lebendig glaubend Herz sagt es dir: ‚Siehe, das Kindlein ist Gott Jehova Zebaoth,
KJ|0|170|4|0|der mit Adam redete, mit Henoch, mit Noah, mit Abraham, Isaak und Jakob;
KJ|0|170|5|0|der unsere Väter aus dieses Landes harter Not erlöste durch Moses und gab Selbst das Gesetz in der Wüste;
KJ|0|170|6|0|und ernährte durch vierzig Jahre das große Volk in der Wüste, in der nichts als nur hie und da ein Dornstrauch und eine Distel erwächst;
KJ|0|170|7|0|der durch den Mund der Heiligen und Propheten geredet hatte!‘?
KJ|0|170|8|0|O Joseph, sage, sage es mir! – was empfindest du da, was in solcher Gegenwart Dessen, der Himmel und Erde gegründet hatte?!
KJ|0|170|9|0|Ja, der die Engel erschuf und machte das erste Menschenpaar und belebte es mit Seinem ewig lebendigen Odem!
KJ|0|170|10|0|Oder – sage! – ist es dir, wenn du das überdenkst, wohl möglich zu reden?!
KJ|0|170|11|0|Bindet die Anschauung des Kindes dir nicht schon also deine Zunge, dass du aus zu großer Ehrfurcht vor Dem, der ewig war, schweigen musst?!“
KJ|0|170|12|0|Und der Joseph erwiderte dem Jonatha: „Du hast recht, dass du mich also fragst;
KJ|0|170|13|0|aber denke selbst nach, – was solle ich machen?! Es ist nun einmal also, und ich muss das Allerhöchste also ertragen, als wäre es etwas Niederes; sonst könnte ich ja unmöglich bestehen!
KJ|0|170|14|0|Siehe, Gott ist einmal Gott, und wir sind Seine Geschöpfe! Er ist Alles, und wir alle sind nichts!
KJ|0|170|15|0|Dieses Verhältnis ist gerechnet richtig. Kannst du aber selbst durch deinen allerhöchsten Gedankenflug an diesem Verhältnis etwas ändern?
KJ|0|170|16|0|Siehe, daher ist dein Gefrage eitel! Möchte ich auch ein Herz haben, so groß die Erde ist, und einen Kopf so groß wie der Himmel, und möchte da Gefühle und Gedanken ziehen, vor denen alle Engel erbeben möchten, –
KJ|0|170|17|0|sage, welchen Dienst würde ich dadurch Dem erweisen, der die ganze Unendlichkeit, wie ich ein Sandkörnchen, in Seiner Rechten trägt?!
KJ|0|170|18|0|Werde ich dadurch mehr Mensch und Gott weniger Gott sein?!
KJ|0|170|19|0|Siehe, darum ist deine Frage eitel! Alles, was ich tun kann, ist, dass ich das Kindlein liebe aus allen meinen Kräften und erweise Ihm den nötigen Dienst, den Es von mir verlangt!
KJ|0|170|20|0|Alles andere Großgedankenwerk aber lasse ich aus dem Grunde beiseite, weil ich wohl weiß, dass mein erhabenster und größter Gedanke gegen die Größe Gottes ein barstes prahlerisches Nichts ist!“
KJ|0|170|21|0|Diese Antwort brachte den Jonatha auf ganz andere Gedanken, und er setzte hernach dem Joseph keine solchen Fragen mehr.
KJ|0|171|1|1|Das Verscheuchen der Fliegen und Bienen. „Butter und Honig wird Er essen.“ Das Jesuskind verweist auf Isaias Kap. 7, 15-18
KJ|0|171|1|1|Am 21. März 1844
KJ|0|171|1|0|Gegen den Abend dieses Tages, der – wie schon bekanntgegeben – ein Vorsabbat war, aber nahm Jakob das Kindlein und ging auf den Lieblingshügel Josephs.
KJ|0|171|2|0|Und der Joseph und der Jonatha folgten bald dem Beispiel Jakobs und begaben sich auch auf den Hügel.
KJ|0|171|3|0|Jakob aber nahm, wie gewöhnlich, fürs Kindlein etwas Butter und Honig in einem kleinen Töpfchen mit sich und ein Stückchen Weizenbrotes,
KJ|0|171|4|0|davon er dem Kindlein öfter eine kleine Portion in den Mund steckte; denn das Kindlein aß am liebsten ein Stückchen Honig-und-Butterbrotes.
KJ|0|171|5|0|Als aber Jakob sein Töpfchen auf ein Bänkchen hinsetzte und sich mit dem Kindlein munter im Gras des sanften Hügels herumtrieb,
KJ|0|171|6|0|da besuchten sobald einige Bienen und Fliegen das Töpfchen und schmausten nach Lust an dem süßen Inhalt.
KJ|0|171|7|0|Da aber Joseph solches merkte, so sagte er zum Jakob: „Gehe und decke doch das Töpfchen mit etwas zu, sonst wird dessen Inhalt bald von Fliegen und Bienen verzehrt sein!“
KJ|0|171|8|0|Und der Jakob kam schnell mit dem Kindlein herzu und wollte diese Gäste aus dem Töpfchen verscheuchen; aber sie gehorchten ihm nicht.
KJ|0|171|9|0|Da sprach das Kindlein: „Jakob, gib Mir das Töpfchen, und Ich werde sehen, ob sich die Fliege und die Biene auch vor Mir ungehorsam bezeigen wird!“
KJ|0|171|10|0|Hier gab Jakob dem Kindlein das Töpfchen in die Hände, und das Kindlein zischte mit einem dreimaligen Kscht – Kscht – Kscht – in das Töpfchen, und im Augenblick verloren sich die Fliegen und die Bienen.
KJ|0|171|11|0|Darauf gab Jakob dem Kindlein ein Stückchen Butter-und-Honigbrotes, und das Kindlein nahm es und verzehrte es zufrieden.
KJ|0|171|12|0|Jonatha aber, der zuvor mit dem Joseph allerlei aus der Zeichenweisheit Ägyptens sprach, bemerkte diese Handlung, die sehr geringfügig zu sein schien, und fragte den Joseph, ob darin auch irgendeine tiefweise Bedeutung läge.
KJ|0|171|13|0|Und der Joseph erwiderte ihm: „Das meine ich eben nicht; denn nicht in gar jeder kleinlichen Handlung liegt eine verborgene Weisheit.
KJ|0|171|14|0|Sooft jemand Butter und Honig frei stellt, da werden sich immer Fliegen und Bienen einfinden und daran zehren!
KJ|0|171|15|0|Man könnte diese Erscheinung, wie tausend andere, wohl bei guten Gelegenheiten gleichnisweise gebrauchen, aber an und für sich ist diese Handlung leer!“
KJ|0|171|16|0|Das Kindlein aber lief hier zum Joseph und sprach ganz munter:
KJ|0|171|17|0|„Mein liebster Joseph, diesmal hast du einen Hieb ins Blaue gemacht!
KJ|0|171|18|0|Wie liest du im Isaias? Steht es nicht also von Mir geschrieben: ‚Butter und Honig wird Er essen, dass Er wisse, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen.
KJ|0|171|19|0|Ehe aber der Knabe lernt, das Böse zu verwerfen und das Gute zu erwählen, wird das Land, davor dir graut, verlassen sein von seinen zwei Königen.
KJ|0|171|20|0|Der Herr aber wird über dich, über dein Volk und über deines Vaters Haus Tage kommen lassen, die nicht da waren seit der Zeit, da Ephraim von Juda ist durch den König zu Assyrien getrennt worden!
KJ|0|171|21|0|Denn zur Zeit wird der Herr zischen der Fliege am Ende der Wasser in Ägypten und der Biene im Lande Assur!‘ (7, 15-18)
KJ|0|171|22|0|Siehe Joseph! – was in den Worten des Propheten liegt, das liegt auch in dieser Handlung;
KJ|0|171|23|0|aber die Zeit der Enthüllung ist noch nicht da, obschon nimmer ferne!
KJ|0|171|24|0|Kennst du aber den Sohn der Prophetin, der da hieß ‚Raubebald, Eilebeute‘?
KJ|0|171|25|0|Kennst du den Sohn, den eine Jungfrau gebären wird und wird Ihn heißen ‚Immanuel‘!?
KJ|0|171|26|0|Siehe, das alles bin Ich! Aber eher wirst du das nicht völlig fassen, bis Ich als der ‚Raubebald‘, ‚Eilebeute‘ und als ‚Immanuel‘ von der Höhe Vater und Mutter rufen werde!“
KJ|0|171|27|0|Hier lief das Kindlein wieder dem Jakob zu. Joseph und Jonatha aber sahen einander groß an und konnten sich nicht genug verwundern über die Worte des Kindleins und über das merkwürdige bildliche Zusammentreffen der vorigen Aktion mit den Worten des Propheten.
KJ|0|172|1|1|„Der ist ein Sünder, der keine Liebe hat!“
KJ|0|172|1|1|Am 22. März 1844
KJ|0|172|1|0|Jonatha aber, nachdem er sich vom Staunen über diese Rede des Kindleins ein wenig erholt hatte, sprach zum Joseph:
KJ|0|172|2|0|„Bruder! Fürwahr, so fest ich es mir auch vorgenommen habe, heute und morgen bei dir zu bleiben, so aber werde ich doch kaum diesem Vorhaben getreu verbleiben!
KJ|0|172|3|0|Denn sieh, mir kommt nun hier alles zu heilig vor! Wie in einer Einöde scheine ich hier zu sein, in der einem Wanderer alles, was er ansieht, zuruft: ‚Hier ist kein Platz für dich, sondern nur für Geister!‘
KJ|0|172|4|0|Auch kommt es mir vor wie auf einem überhohen Berg, an dessen Spitze wohl der Zauber der weiten Aussicht anfangs die Sinne besticht;
KJ|0|172|5|0|aber gar bald spricht zu ihm die kalte reinste Luft:
KJ|0|172|6|0|‚Du träges und unreines Menschenlasttier, ziehe bald zurück in deine stinkende Heimat!
KJ|0|172|7|0|Denn hier, wo sich des reinsten Äthers reinste Geister wiegen, ist keines Bleibens für eine unreine Seele!‘
KJ|0|172|8|0|Wie rein war der große Prophet Moses; und dennoch sprach der Herr zu ihm, als er Ihn zu sehen verlangte:
KJ|0|172|9|0|‚Mich, deinen Gott, kannst du nicht sehen und leben zugleich!‘
KJ|0|172|10|0|Hier ist derselbe Herr in der Fülle Seiner Heiligkeit, – Er ist hier, der Verkündigte durch aller Propheten Mund!
KJ|0|172|11|0|Wie solle es mir möglich sein, noch länger Seine sichtbare Gegenwart zu ertragen hier, der ich doch ein alter Sünder bin am ganzen Gesetz Mosis?!“
KJ|0|172|12|0|Joseph aber sprach: „Lieber Freund und Bruder, du weißt ja, was das Hauptgesetz ist; warum willst du denn lieber nach Hause ziehen, als dieses Gesetz lebendig beobachten?!
KJ|0|172|13|0|Liebe den Herrn aus allen deinen Kräften, und gedenke nicht beständig deiner Sünden, so wirst du dem Herrn sicher angenehmer sein als durch deine beständigen Ausrufungen!
KJ|0|172|14|0|Warte, bis dich das Kindlein verabschieden wird! Wenn das geschehen wird, da glaube, dass du Seiner unwürdig bist;
KJ|0|172|15|0|solange aber das nicht der Fall sein wird, da bleibe, – denn mehr zu Hause als hier wirst du wohl ewig nirgends sein!“
KJ|0|172|16|0|Hier kam das Kindlein hinzu und sprach: „Joseph! – du hast schon recht, dass du den Jonatha ein wenig geputzt hast; warum ist er also eigensinnig und will nicht hierbleiben, da Ich ihn doch so lieb habe?!“
KJ|0|172|17|0|Darauf wandte Sich das Kindlein an den Jonatha und sprach:
KJ|0|172|18|0|„Jonatha! – willst denn du im Ernst nicht hier verbleiben? Was Übles wohl geschieht dir hier, dass du nicht bleiben willst?“
KJ|0|172|19|0|Und Jonatha sprach: „Mein Gott und mein Herr! Siehe, ich bin ja ein grober Sünder am Gesetz!“
KJ|0|172|20|0|Das Kindlein aber sprach: „Was sprichst du von Sünden? Ich erkenne keine an dir!
KJ|0|172|21|0|Weißt du, wer ein Sünder ist? Ich sage dir: Der ist ein Sünder, der keine Liebe hat!
KJ|0|172|22|0|Du aber hast Liebe, und so bist du kein Sünder vor Mir; denn Ich habe sie, die Sünde, dir vergeben, darum Ich über Moses bin ein Herr von Ewigkeit!“
KJ|0|172|23|0|Hier weinte Jonatha und fasste neuen Entschluss zu bleiben und nahte sich dem Kindlein und herzte und koste Es.
KJ|0|173|1|1|Das Jesuskind spricht über die Gesetze des Moses und die Liebe. Warum der Herr Sünder den Gerechten vorziehen wird
KJ|0|173|1|1|Am 23. März 1844
KJ|0|173|1|0|Als aber Jonatha das Kindlein also herzte und koste, da sprach dasselbe zu ihm:
KJ|0|173|2|0|„Jonatha, versuche Mich jetzt einmal zu tragen! Jetzt werde Ich dir sicher nicht so schwer vorkommen als über den Meeresarm!“
KJ|0|173|3|0|Und der Jonatha nahm voll Freude und Liebe das Kindlein auf seine Arme und fand Es so leicht wie eine Flaume.
KJ|0|173|4|0|Da sprach er zum Kindlein: „Mein Gott und mein Herr! – wie wohl solle ich das fassen?!
KJ|0|173|5|0|Dort beim Meer warst Du mir zu einer Weltlast; hier aber bist Du mir eine Federflaume!?
KJ|0|173|6|0|Und das Kindlein sprach: „Jonatha, also wie dir wird es jedem ergehen!
KJ|0|173|7|0|Denn Meine große Last liegt nicht in Mir, sondern im Gesetz Mosis!
KJ|0|173|8|0|Da du Mich nicht kanntest, sondern nur das Gesetz, und hattest Mich auf deiner Achsel, da drückte nicht Meine, sondern des Gesetzes Last nur deine Schultern weltenschwer.
KJ|0|173|9|0|Nun aber hast du Mich, den Herrn über Moses und über das Gesetz, erkannt in deinem Herzen, und siehe, des Gesetzes Last ist nicht mehr mit Mir, dem Herrn des Gesetzes!
KJ|0|173|10|0|Also aber wird es geistig in der Zukunft allen Gesetzesträgern ergehen!
KJ|0|173|11|0|Wahrlich sage Ich dir: Die Gerechten aus dem Gesetz werden heulen und mit den Zähnen knirschen;
KJ|0|173|12|0|aber der Herr wird in den Häusern der Sünder zu Tische sitzen und wird sie heilen und annehmen zu Seinen Kindern!
KJ|0|173|13|0|Die Verlorenen werde Ich suchen, die Kranken, die hart Gefangenen und Bedrängten werde Ich heilen, erlösen und befreien;
KJ|0|173|14|0|aber die Gerechten am Gesetz sollen ungerechtfertigt aus Meinem Haus ziehen!
KJ|0|173|15|0|Wahrlich sage Ich dir: Den Zöllner und Sünder werde Ich preisen in Meinem Haus;
KJ|0|173|16|0|aber den Gerechten werde Ich mit einer starken Bürde belasten vor Mir in Meinem Haus!
KJ|0|173|17|0|Ja, – eine Hure solle Mich salben, und einer Ehebrecherin Schuld will Ich in den Sand zeichnen, und die Sünder sollen Mich anrühren;
KJ|0|173|18|0|aber verflucht solle sein ein Gesetzesritter und ein Schriftgelehrter, so er Mich anrühren wird!
KJ|0|173|19|0|Die des Gesetzes Last getötet hat, die werde Ich aus den Gräbern ziehen;
KJ|0|173|20|0|aber vor den Buchstabenfressern des Gesetzes werde Ich das Tor zum Leben so eng wie ein Nadelöhr machen!“
KJ|0|173|21|0|Ob dieser Worte entsetzte sich Joseph und sprach: „Aber Kindlein, was sprichst Du für schreckliche Dinge!?
KJ|0|173|22|0|Das Gesetz hat ja auch Gott gegeben, wie solle da ein Sünder besser sein denn ein Gerechter!?“
KJ|0|173|23|0|Das Kindlein aber sagte: „Wohl hat Gott das Gesetz gegeben; aber nicht für den Weltverstand, sondern für das Herz! Und Moses selbst hat das ganze Gesetz in die Liebe zu Gott gesetzt!
KJ|0|173|24|0|Das Gesetz wohl ist geblieben, aber die Liebe ist lange schon erstorben!
KJ|0|173|25|0|Ein Gesetz aber, in dem keine Liebe mehr ist, ist kein nütze, und der es hält ohne Liebe, ist ein toter Sklave desselben!
KJ|0|173|26|0|Darum ist Mir nun ein Heide und ein freier Sünder lieber als ein toter gefesselter Sklave des Gesetzes!“
KJ|0|173|27|0|Hier schwieg Joseph und dachte über diese Worte nach; das Kindlein aber fing wieder von kindlichen Dingen zu plaudern an mit Jonatha und mit Seinem Jakob.
KJ|0|174|1|1|Viel Wissen macht das Erdenleben unbehaglich. Viel Liebe macht das Erdenleben angenehm und nimmt die Todesfurcht. Das Jesuskind erklärt das Wesen des Mondes
KJ|0|174|1|1|Am 26. März 1844
KJ|0|174|1|0|Da es aber schon Abend geworden war und der Mond gerade im Volllicht über Ostracine aufging,
KJ|0|174|2|0|da bewunderte Jonatha von diesem Hügel dessen schöne Gestalt und ergötzte sich an seinem Licht und ward ganz still.
KJ|0|174|3|0|Joseph aber bemerkte solches und fragte den Jonatha: „Bruder, was ersiehst du wohl in der leuchtenden Mondesscheibe, darum du sie gar so aufmerksam betrachtest?“
KJ|0|174|4|0|Und der Jonatha antwortete und sprach: „Ich ersehe eigentlich gar nichts – außer die alten stets gleichen Flecke!
KJ|0|174|5|0|Doch aber denke ich allzeit, sooft ich also den Mond sehe, was etwa doch die Flecken sind, und was überhaupt der Mond ist, warum wir ihn bald gar nicht, bald wie eine Sichel, bald wieder so und so sehen?
KJ|0|174|6|0|Wenn du etwa davon etwas Näheres kennst, so gebe es mir kund! Denn von derlei Dingen höre ich sehr gerne reden!“
KJ|0|174|7|0|Und der Joseph sprach: „Lieber Freund! In dieser Hinsicht gleichen wir einander ganz vollkommen;
KJ|0|174|8|0|und so bin ich über die sonderbare Beschaffenheit dieses Gestirns ebenso bewandert wie du.
KJ|0|174|9|0|Und so werde ich dir in dieser Hinsicht spottwenig zu sagen imstande sein! Das Kindlein wird da sicher mehr wissen als ich; darum frage du Dasselbe!“
KJ|0|174|10|0|Und der Jonatha fragte mit einiger Beklommenheit das Kindlein über des Mondes Beschaffenheit.
KJ|0|174|11|0|Und das Kindlein sprach: „Jonatha! So Ich dir den Mond zeige, da wirst du auch die Sonne sehen wollen und darnach die zahllosen Sterne!
KJ|0|174|12|0|Sage, wann wird dann deine Schaulust und Wissbegierde ein Ende nehmen?
KJ|0|174|13|0|Siehe, viel Wissen macht den Kopf schwer und das Erdenleben unbehaglich!
KJ|0|174|14|0|Aber viel Liebe im Herzen zu Gott und deinen Brüdern macht das Erdenleben angenehm und benimmt alle Furcht vor dem Tode!
KJ|0|174|15|0|Denn diese Liebe ist ja in sich selbst das ewige Leben; wer aber das hat, der wird dereinst auch zu schauen bekommen alle Schöpfung!
KJ|0|174|16|0|Denn die wahren Liebhaber Gottes werden anschauen Sein Angesicht! Das aber ist das Angesicht Gottes, was Er erschaffen hatte durch Seine Weisheit und durch Seine ewige Allmacht!
KJ|0|174|17|0|Denn die Weisheit und die Allmacht ist das Angesicht Gottes, also wie die Liebe Sein Grundwesen ist von Ewigkeit!
KJ|0|174|18|0|Da du Mich aber schon gefragt hast über den Mond, so sage Ich dir: er ist eine Nebenerde und hat Berge, Täler, Früchte, Tiere und Wesen deiner Art.
KJ|0|174|19|0|Aber der Teil, den du siehst, ist frei und nackt und leer und hat weder Wasser noch Feuer.
KJ|0|174|20|0|Der Teil nur, den du nicht siehst, ist der Erde gleich;
KJ|0|174|21|0|sein Licht ist von der Sonne, und sein Lichtwechsel kommt von seiner Stellung und verändert sich in jeder Minute nach dem Umschwung um die Erde. Und die Flecken sind tiefere und dunklere Orte der Prüfung.
KJ|0|174|22|0|Nun weißt du, was der Mond ist; bist du damit zufrieden?“ – Und der Jonatha bejahte diese Frage und versenkte sich in tiefe Gedanken.
KJ|0|175|1|1|Die Mondfinsternis
KJ|0|175|1|1|Am 27. März 1844
KJ|0|175|1|0|Da aber Maria mit der Eudokia ihre häuslichen Geschäfte beendet hatte, da begab sie sich ebenfalls auf den Hügel, geleitet von der Eudokia.
KJ|0|175|2|0|Und das Kindlein lief ihr entgegen und hüpfte freudig um die herrliche Mutter.
KJ|0|175|3|0|Maria aber nahm das schon ziemlich schwere Kindlein auf ihre etwas müden Arme und koste Es und sagte scherzweise:
KJ|0|175|4|0|„Aber heute bist Du schwer! Du warst gewiss recht genäschig und hast zu viel Honig, Butter und Brot gegessen?“
KJ|0|175|5|0|Und das Kindlein sprach: „Zahlt sich’s wohl aus! So ein Töpfchen, das der Jakob leicht in seiner Faust verbergen kann!
KJ|0|175|6|0|Dann ein Stückchen Brotes, das man auch nicht dem Wind preisgeben darf, auf dass er es nicht sobald in die Luft erhebe wie ein dürres Baumblatt!
KJ|0|175|7|0|Davon wird man doch sicher nicht sehr gewichtig werden!
KJ|0|175|8|0|Ich muss dir sagen, dass Ich im Ernst recht hungrig bin und freue Mich schon aufs Nachtmahl.
KJ|0|175|9|0|Siehe, Joseph und Jonatha haben eher den ganzen Mond gespeist und sind doch noch hungrig, da sie doch nicht mehr wachsen;
KJ|0|175|10|0|wie solle Ich da von der Fliegenjause satt geworden sein, der Ich doch wachsen muss?!“
KJ|0|175|11|0|Und die Maria sprach zum Kind: „Mein Söhnchen, aber heute bist Du wieder recht schlimm!
KJ|0|175|12|0|Siehe, wenn Joseph und Jonatha den Mond gespeist hätten, da würde er wohl nimmer so schön vom Himmel herableuchten!“
KJ|0|175|13|0|Und das Kindlein aber sprach: „Weib und Mutter! Ich bin nicht schlimm; sondern du hast Mich nur nicht verstanden!
KJ|0|175|14|0|Gehe aber nur hin zu den zweien, und sie werden dir sogleich auch etwas vom Mond zum Verkosten geben!“
KJ|0|175|15|0|Hier lächelte Maria und ging hin zu Joseph, und grüßte ihn, und fragte ihn, was er da gar so vertieft nachdenke,
KJ|0|175|16|0|und warum er mit Jonatha gar so emsig nach dem Vollmond blicke.
KJ|0|175|17|0|Und der Joseph sah sich kaum nach der Maria um und sprach: „So störe mich nicht in meiner Betrachtung;
KJ|0|175|18|0|denn ich möchte nun etwas entziffern mit dem Jonatha! Jesus hatte uns Winke gegeben, die müssen ausgearbeitet werden; daher sei ruhig nun, und störe uns nicht!“
KJ|0|175|19|0|Hier sah die Maria das Kindlein an, das da heimlich lächelte, und das Kindlein sprach:
KJ|0|175|20|0|„Siehst du nun, wie Joseph und Jonatha noch am Mond zehren? Warte aber nur hier ganz geduldig, und lasse Mir durch den Jakob ein Stückchen Brotes holen und eine Pomeranze!
KJ|0|175|21|0|Denn das Zehren am Mond vom Joseph und Jonatha macht Mich noch hungriger, als Ich ohnehin schon bin!“
KJ|0|175|22|0|Und die Maria sandte sogleich den Jakob und ließ bringen, was das Kindlein verlangte.
KJ|0|175|23|0|Darauf aber fragte sie das Kindlein, bis wann die beiden mit ihrer Mondesentzifferung fertig würden.
KJ|0|175|24|0|Und das Kindlein sprach: „Habe nur Acht; heute und jetzt sogleich wird eine Finsterung des Mondes kommen, die wird bei drei Stunden währen!
KJ|0|175|25|0|Die zwei aber wissen nicht, woher diese rührt; darum werden sie meinen, sie haben im Ernst den Mond verzehrt, besonders Jonatha!
KJ|0|175|26|0|Und diese Erscheinung wird dieser Betrachtung ein Ende machen.
KJ|0|175|27|0|Darnach werde Ich sie schon wieder belehren, wie Ich es sonst zu tun pflege, wenn es nottut.
KJ|0|175|28|0|Aber zuvor müssen beide recht tüchtig anrennen und müssen ihre Berechnungen zu Staub werden sehen!“
KJ|0|175|29|0|Als das Kindlein kaum diese Worte ausgeredet hatte, da bekam der Mond schon einen dunkelbraunen Einbug.
KJ|0|175|30|0|Jonatha bemerkte das zuerst und zeigte es dem Joseph an.
KJ|0|175|31|0|Joseph bemerkte natürlich ganz überrascht dasselbe und noch mehr, da die Verfinsterung in jedem Augenblick wuchs.
KJ|0|175|32|0|Da wurde bald beiden bange, und Joseph fragte sogleich das Kind: „Was ist das, was mit dem Mond vorgeht?“
KJ|0|175|33|0|Und das Kindlein sprach: „Du siehst ja, dass Ich esse, was willst du da Mich stören? Warte, bis Ich mit der Pomeranze also fertig werde wie ihr mit dem Mond, dann werde Ich schon weiter reden!“
KJ|0|175|34|0|Joseph schwieg darauf, und als der Mond sich ganz verfinsterte, da erschraken beide, und alles musste sich nun ins Haus begeben, und Jonatha meinte im Ernst, dass er den Mond verzehrt hatte.
KJ|0|176|1|1|Josephs und Jonathas Überlegungen zur Mondfinsternis. Das Jesuskind erklärt deren wahre Ursache
KJ|0|176|1|1|Am 28. März 1844
KJ|0|176|1|0|Im Haus angelangt, sprach der Jonatha zum Joseph: „Bruder! – was wird aus dieser höchst fatalen Geschichte werden?
KJ|0|176|2|0|Bei meinem armen Leben, da sieh einmal zum Fenster hinaus, der ganze Mond ist bereits bei Butz und Stängel weggezehrt!
KJ|0|176|3|0|Und finster ist’s nun draußen ganz entsetzlich!
KJ|0|176|4|0|Ja, ja, ich habe es aber auch schon öfter von gelehrtesten Heiden gehört, dass der Mensch die Gestirne des Himmels nicht zählen und auch sonst nicht zu aufmerksam betrachten solle,
KJ|0|176|5|0|denn da könne es leicht geschehen, dass sie herunterfielen auf die Erde!
KJ|0|176|6|0|Und träfe der Mensch etwa seinen eigenen Leitstern, und fiele dieser herab, so wäre der Mensch hin und verloren!
KJ|0|176|7|0|Der Mond aber ist ja auch ein Gestirn am Himmel und kann demselben sonderbaren Gesetz unterworfen sein!
KJ|0|176|8|0|Und da kann es sein, dass wir ihn getroffen haben, und er fiel irgendwo teilweise zu Boden auf die Erde; denn ich sah eine Menge Partikel davonfliegen (Sternschnuppen).
KJ|0|176|9|0|Oder wir sind nun vom Mond besessen und werden zu Mondsüchtigen werden, was für uns eine große Plage wird!
KJ|0|176|10|0|Eines davon ist sicher der Fall! Denn dass der Mond nicht mehr besteht, das kann man mit den Händen greifen; aber wer ihn aufgezehrt hatte, oder wohin er kam, das ist nun eine ganz andere Frage!“
KJ|0|176|11|0|Und der Joseph sprach: „Weißt du was, das habe ich wohl schon öfter gehört, dass zuweilen der Mond wie auch die Sonne verfinstert wird.
KJ|0|176|12|0|Und das könnte jetzt wohl auch gar leicht der Fall sein, obschon ich mich selbst nicht erinnern kann, je etwas dergleichen gesehen zu haben!
KJ|0|176|13|0|Das aber habe ich gehört von alten Leuten, dass da zuweilen die Engel Gottes diese zwei Himmelslichter also putzen wie wir eine Lampe, so der Docht einen Butzen bekommt,
KJ|0|176|14|0|während welcher Arbeit es dann natürlich etwas finster wird auf der Erde. Und das könnte jetzt wohl auch der Fall sein!
KJ|0|176|15|0|Denn die Fabel, dass da ein Drache die beiden Gestirne zu verschlingen anfängt, ist zu dumm und gehört dem finstersten Heidentum an.“
KJ|0|176|16|0|Während sich aber Joseph und Jonatha über den Mond also besprachen, fing der Mond auf der anderen Seite an wieder sichtbar zu werden.
KJ|0|176|17|0|Und die Kinder und die Söhne Josephs bemerkten das und sprachen: „Seht, seht, der Mond kommt schon wieder zum Vorschein!“
KJ|0|176|18|0|Die beiden blickten hinaus, und dem Jonatha fiel ein Stein vom Herzen, weil er nun den Mond wieder zu sehen bekam.
KJ|0|176|19|0|Hier fragte wieder der Joseph das Kindlein, wie denn doch solches zuging.
KJ|0|176|20|0|Das Kindlein aber sprach: „Lasst doch den armseligen Mond zuvor aus dem Schatten, den die Erde wirft, heraustreten, dann erst wollen wir sehen, ob er sich verändert hatte!
KJ|0|176|21|0|Die Erde ist ja kein endloser Körper, sondern ist so rund wie die Pomeranze, die Ich ehedem verzehrte,
KJ|0|176|22|0|und schwebt frei und ist um sie ein endloser freier Raum; darum können der Sonne Strahlen sie allzeit überleuchten auf allen Seiten.
KJ|0|176|23|0|Also muss die große Erde ja auch einen Schatten werfen, und kommt der Mond in diesen, so wird er finster, da sonst auch er von der Sonne beleuchtet wird. Mehr sage Ich euch aber nicht!“ – Hier sahen Joseph und Jonatha einander an und wussten nichts darauf zu erwidern.
KJ|0|177|1|1|Das Jesuskind erschafft eine Erde in kleinem Maßstab und erklärt das Wesen der Erde
KJ|0|177|1|1|Am 29. März 1844
KJ|0|177|1|0|Nach einer Weile erst sagte der Jonatha zum Joseph: „Bruder! Wer aber hätte sich das je auch nur im Traum können einfallen lassen, dass die Erde eine ungeheuer große Kugel sei?!
KJ|0|177|2|0|Wir bewohnen also bloß nur die Oberfläche dieser Kugel?
KJ|0|177|3|0|Aber was soll ich aus dem Meer machen? Ist das auch zur Kugel gehörig – oder schwimmt die eigentlich feste Erdkugel auf selbem?“
KJ|0|177|4|0|Hier machte sich das Kindlein auf und sprach: „Auf dass ihr heute vor lauter Grübeln nicht um den wohltätigen Schlaf kommen mögt, so muss Ich euch schon aus eurem Traum helfen!
KJ|0|177|5|0|Tretet näher, und du, Jakob, bringe geschwind eine recht schön runde Pomeranze!“
KJ|0|177|6|0|Als die Pomeranze herbeigeschafft ward, da nahm das Kindlein dieselbe zur Hand und sprach:
KJ|0|177|7|0|„Seht, das ist die Erde! Ich will aber nun, dass diese Pomeranze vollends der Erde gleichen soll im kleinsten Maßstab und soll haben Berge, Täler, Flüsse, Seen, Meere und auch Ortschaften, wo sie von den Menschen erbaut sind. Es werde!!!“
KJ|0|177|8|0|In dem Augenblick befand sich in der Hand des Kindleins eine ganz vollkommene Erdkugel in kleinem Maßstab.
KJ|0|177|9|0|Man sah das Meer, die Flüsse, die Seen, die Berge und auch die Städte so ganz natürlich auf dieser Kugel, die aber freilich durch das „Es werde!“ hundertmal so groß wie eine Pomeranze ward.
KJ|0|177|10|0|Alles drängte sich nun herzu, um diese wunderbare Kleinerschaffung der Erde zu betrachten.
KJ|0|177|11|0|Joseph fand darauf bald Nazareth und Jerusalem und erstaunte sich über die außerordentliche Richtigkeit.
KJ|0|177|12|0|Die Eudokia fand bald Theben in ihrem Vaterland und erstaunte sich über die Richtigkeit.
KJ|0|177|13|0|Also ward auch Rom gefunden und noch eine Menge anderer bekannter Orte.
KJ|0|177|14|0|Über eine Stunde dauerte die Betrachtung dieser Erdkugel und wollte kein Ende nehmen.
KJ|0|177|15|0|Selbst der Maria gefiel diese kleine Erde so gut, dass sie sich höchlichst erquickte ob deren Betrachtung.
KJ|0|177|16|0|Und die acht Kinder, die waren ganz wie versteinert mit ihren Augen in diese Erdkugel verpicht.
KJ|0|177|17|0|Das Kindlein erklärte nun umständlich das Wesen der Erde wie ein Professor der Geographie, und alle verstanden Seine Rede.
KJ|0|177|18|0|Als aber das Kindlein mit dieser Erklärung fertig war, da sprach Es zum Jakob:
KJ|0|177|19|0|„Jakob! – nun nehme einen Faden und hänge diese Kugel irgendwo frei auf, auf dass die Wissbegierigen morgen auch noch eine Arbeit finden sollen!
KJ|0|177|20|0|Für heute aber lassen wir diese Erde im Frieden und begeben uns selbst zur Ruhe, d. h. nach dem Nachtmahl;
KJ|0|177|21|0|denn Ich bin hungrig und durstig geworden, während ihr am Mond und an der Erde gezehrt habt!“
KJ|0|177|22|0|Und der Joseph befahl sogleich dem Küchenmeister Joel, ein Nachtmahl zu bereiten und es auf den Tisch zu setzen. Und der Joel ging mit den anderen drei Brüdern und bereitete ein gutes Abendmahl.
KJ|0|178|1|1|Jonathas Heimkehr
KJ|0|178|1|1|Am 30. März 1844
KJ|0|178|1|0|Als das Abendmahl aber bereitet und verzehrt ward, da sprach Jonatha zum Joseph:
KJ|0|178|2|0|„Bruder, du wirst wenig Platz haben; darum lasse mich jetzt in dieser schönen Nacht nach Hause ziehen, allwo für meine große Person auch ein gehörig großes Lager bereitet ist!
KJ|0|178|3|0|Morgen aber will ich schon eine Stunde vor dem Aufgang bei dir sein!“
KJ|0|178|4|0|Joseph aber sprach: „Bruder, wenn du keine andere Sorge hast als allein die um ein für dich gehörig geräumiges Nachtlager, da magst du keck hier verbleiben;
KJ|0|178|5|0|denn daran soll es in diesem nun meinem Haus keinen Mangel haben!
KJ|0|178|6|0|Siehe da im Vorhaus links eine Tür, da ist ein sehr geräumiges Kabinett!
KJ|0|178|7|0|In diesem habe ich für dich schon ein gutes Lager richten lassen!
KJ|0|178|8|0|Ich meine, es wird für dich groß genug sein; daher magst du darob wohl hier verbleiben!?
KJ|0|178|9|0|Und der Jonatha sprach: „Bruder, du bist sehr gütig gegen mich, und ich erkenne es nun nur zu genau, dass ich nirgends mehr daheim bin als hier,
KJ|0|178|10|0|und bin auch überzeugt, dass dein Lager für mich groß und übergut genug sein wird!
KJ|0|178|11|0|Aber siehe, es zieht mich etwas ganz gewaltig nach Hause, und das jetzt auf einmal ganz mächtig also, dass ich lieber fliegen möchte dahin, als sonst mich zu Fuß bewegen!“
KJ|0|178|12|0|Da aber Joseph solches vernahm, da sprach er: „Der Wille ist dein, und du kannst tun, was du willst; daher kannst du ziehen oder bleiben!“
KJ|0|178|13|0|Darauf begab sich Jonatha zum Kindlein und beurlaubte sich allerdemütigst beim selben.
KJ|0|178|14|0|Das Kindlein aber sprach: „Jonatha, wenn du schon durchaus fort willst, so magst ja gehen; aber vergesse nicht auf die Rückkehr!
KJ|0|178|15|0|Ich aber sage dir, dass dein diesnächtlicher Zug mit dem großen Netz dir nichts tragen wird!
KJ|0|178|16|0|Ich werde dir aber einen Hai ins Netz treiben, und der wird dich plagen bis zum Aufgang und wird am Morgen zerreißen dein bestes Fischzeug!
KJ|0|178|17|0|Und dennoch wirst du seiner nicht habhaft werden; denn er wird alle deine Mühe mit einem Schweifschlag ins Wasser zunichtemachen!“
KJ|0|178|18|0|Als der Jonatha aber solches vom Kindlein vernommen hatte, da sattelte er plötzlich in seinem Wollen um und sagte zum Joseph:
KJ|0|178|19|0|„Bruder, wenn also, da bleibe ich! Denn siehe, ich wollte dir morgen ein großes Lägel voll der auserlesensten Fische bringen;
KJ|0|178|20|0|und dieser Gedanke zog mich so mächtig nach Hause!
KJ|0|178|21|0|Da ich aber nun vernommen hatte, wie es mit diesem Zug ausfallen solle, so bleibe ich bei dir!
KJ|0|178|22|0|Lasse mich daher auf mein bestimmtes Lager bringen, und ich werde da ganz ruhig schlafen, und geschehe daheim, was da wolle!“
KJ|0|178|23|0|Das Kindlein aber sprach: „Jonatha, also gefällst du Mir besser, als so du dein Herz verbergen willst!
KJ|0|178|24|0|Nun aber sage Ich dir, ziehe nach Hause; denn heute in der Mitternacht wirst du Mir einen wichtigen Dienst tun!“
KJ|0|178|25|0|Darauf erhob sich Jonatha und ging, vom ganzen Haus Josephs gesegnet, eilends nach Hause.
KJ|0|179|1|1|Die Rettung des Cyrenius und der Seinen aus Seenot
KJ|0|179|1|1|Am 1. April 1844
KJ|0|179|1|0|Es war aber nach der heutigen Rechnung die zehnte Stunde abends, als der Jonatha nach Hause kam.
KJ|0|179|2|0|Da Jonatha aber in dieser Zeit nach Hause kam, da fand er seine drei Gehilfen mit ihren Weibern und Kindern recht tätig noch und hörte sie jubeln und also untereinander sprechen:
KJ|0|179|3|0|„Das war gut und recht, dass unser Herr verreiste und hat uns Gelegenheit gegeben, in der wir ihm zeigen können, welch treue Diener seines Hauses wir sind!
KJ|0|179|4|0|Tausend Pfunde Thunfische, tausend Pfunde Störe, drei junge Haie, zehn Schwertfische, einen Delphin und bei zweihundert Pfunde kleiner edler Fische haben wir heute gefangen!
KJ|0|179|5|0|Welche Freude wird er haben, wenn er solchen Reichtum an Fischen finden wird!“
KJ|0|179|6|0|Hier meldete sich Jonatha, und alles lief ihm wie einem Vater entgegen und zeigte ihm den glücklichen Fang an.
KJ|0|179|7|0|Jonatha belobte sie und küsste sie und sprach darauf: „Da ihr heute schon so fleißig wart, so geht nun und bringt die großen Fische, als: die Haie, die Schwerte, den Delphin und die Störe, gevierteilt in die große Selchkammer!
KJ|0|179|8|0|Und macht aber ja sogleich einen starken Rauch von allerlei wohlduftendem Gesträuch, auf dass diese Fische wegen der Hitze nicht in Fäulnis übergehen! Und salzt besonders die Haie und den Delphin gut ein, und spart nicht die Meerzwiebeln dabei und den Thymian!
KJ|0|179|9|0|Die Thune und die anderen kleineren Fische aber gebt in die großen Lägel!“
KJ|0|179|10|0|Und sein erster Gehilfe aber sprach: „O Herr! Was du nun anbefohlen hast, das ist schon am Tag geschehen, und ist alles schon in der größten Ordnung!“
KJ|0|179|11|0|Da ging der Jonatha hin und überzeugte sich von allem und sprach: „Kinder und Brüder, das ist kein gewöhnlicher Fang!
KJ|0|179|12|0|Da hat eine höhere Kraft mitgewirkt; darum aber wollen wir auch harren heute bis nach Mitternacht und wollen sehen, ob solche höhere Macht unsere Kraft darum nicht in Anspruch nehmen wird!
KJ|0|179|13|0|Ihr habt die starke Mondesverfinsterung gesehen! Das ist ein sicheres Zeichen, dass heute noch ein Unglück irgendjemandes harrt! Darum wollen auch wir harren bis Mitternacht, ob nicht jemand unserer Hilfe bedürftig wird!
KJ|0|179|14|0|Geht daher, und macht das große Boot, das ein Segel hat und zehn starke Ruder, fertig zur Abfahrt!“
KJ|0|179|15|0|Und die drei Gehilfen gingen sogleich und taten das.
KJ|0|179|16|0|Sie aber waren kaum noch mit der Herstellung des großen Bootes fertig, da begann schon ein mächtiger Wind das Wasser des Meeres aufzuwühlen.
KJ|0|179|17|0|Da sprach Jonatha zu den dreien: „Nun haben wir keine Zeit mehr zu verabsäumen! Ruft eure zehn Söhne und stellt sie an die Ruder! Du, Fischmeister, ergreife das Steuerruder, und ich selbst werde die vorderen zwei großen Ruder bearbeiten!
KJ|0|179|18|0|Das Segel aber zieht ein, da wir einen Gegenwind haben; und also gehe es sogleich im Namen des Allmächtigen hinaus auf die hohe See!“
KJ|0|179|19|0|Als sie also eine gute Stunde hinausgesteuert hatten und viel zu tun hatten mit den starken Wellen, da vernahmen sie ein starkes Angstgeschrei von der hohen, mächtig wogenden See.
KJ|0|179|20|0|Jonatha ruderte mutigst darauf los und erreichte in einer Viertelstunde ein großes römisches Schiff, das auf einer Sandbank festsaß und vom Wogendrang schon sehr geneigt war.
KJ|0|179|21|0|Sogleich wurden Strickleitern geworfen, und alle Menschen – bei hundert an der Zahl – wurden gerettet, an deren Spitze eben unser Cyrenius sich befand mit der Tullia und mit dem Maronius Pilla.
KJ|0|180|1|1|Jonatha und Cyrenius. Die Bergung des römischen Schiffes. Das gemeinsame Frühstück
KJ|0|180|1|1|Am 2. April 1844
KJ|0|180|1|0|Der Cyrenius aber fragte den riesenhaften Retter, wie wohl die Gegend hieße, in der er sich jetzt befände, und wie er – als der Retter.
KJ|0|180|2|0|Und Jonatha erwiderte: „Herr! Du musst ein Fremder sein, da dir die Gegend unbekannt ist, die doch so viel Charakteristisches in sich hat?“
KJ|0|180|3|0|Und der Cyrenius sprach: „Freund! Eine Gegend hat nicht selten eine Ähnlichkeit mit der anderen, und im Zwielicht des Mondes erkennt man nicht selten die eigene Heimat nicht!
KJ|0|180|4|0|Ganz besonders aber geht es mit dem Erkennen der Gegenden dann schlecht, wenn zuvor das Gemüt mit der Todesangst zu tun hatte!
KJ|0|180|5|0|Daher magst du mir wohl kundgeben, wie diese Gegend heißt, in die mich der entsetzliche Sturm verschlagen hat!
KJ|0|180|6|0|Und der Jonatha sprach: „Lieber Herr! Du weißt ja, dass da eine Regel ist, nach der man einem Geretteten nicht sogleich sagen darf, wo er ist.
KJ|0|180|7|0|Denn ist er vom Ort seiner Bestimmung weit weg, da wird er zu traurig, so er solches gleich nach überstandener Gefahr erfährt;
KJ|0|180|8|0|ist er aber durch eine zufällige Wendung des Sturmes dennoch nahe an den Ort seiner Bestimmung verschlagen worden, da könnte auf eine frühere Todesangst solch eine Freude das Leben kosten!
KJ|0|180|9|0|Darum solle der Retter im Anfang verschwiegen sein und erst nach einer Zeit den Geretteten kundtun, was sie zu wissen verlangen!“
KJ|0|180|10|0|Da der Cyrenius aber solche Antwort von dem ihm noch unbekannten Retter erhalten hatte, da sprach er:
KJ|0|180|11|0|„Wahrhaftig, du bist ein edler Retter und hast die rechte Weisheit dazu; darum steure nur hurtig zu, auf dass wir bald Land bekommen!“
KJ|0|180|12|0|Und der Jonatha sprach: „Siehe, die Bucht ist schon da, sie läuft am Ende in einen schmalen Arm aus.
KJ|0|180|13|0|Wären wir auf einem festen ruhigen Punkt, da sähen wir lange schon meine Fischerhütte!
KJ|0|180|14|0|In einer kleinen Viertelstunde sind wir lange schon auf trockenem Land; denn der Wind ist uns nun sehr günstig.“
KJ|0|180|15|0|Der Cyrenius war mit dieser Antwort zufrieden, und der Jonatha fuhr pfeilschnell die Bucht hindurch und erreichte in wenigen Minuten das erwünschte Ufer.
KJ|0|180|16|0|Als das Boot am Ufer befestigt ward, da stiegen sogleich alle ans Land, und der Cyrenius dankte laut dem Gott Israels, dass Er ihn gerettet hatte mit allen seinen Teuren.
KJ|0|180|17|0|Als der Jonatha aber solches vernommen hatte, dass Cyrenius, den er nicht kannte in dieser Zeit, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs preise, da sprach er:
KJ|0|180|18|0|„Mein Freund! Nun bin ich doppelt froh, darum ich in dir einen Israeliten gerettet habe; denn auch ich bin ein Sohn Abrahams!“
KJ|0|180|19|0|Und der Cyrenius sprach: „Das gerade bin ich nicht, sondern ich bin wohl ein Römer; aber dennoch kenne ich die Heiligkeit deines Gottes und bekenne Ihn darum ganz allein!“
KJ|0|180|20|0|Und der Jonatha sprach: „Das ist noch besser! Morgen wollen wir mehr davon reden; für heute aber begebt euch zur Ruhe!
KJ|0|180|21|0|Siehe, meine Hütten sind geräumig und reinlich! Stroh habe ich auch in großer Menge, daher macht euch ein Lager; ich aber werde sogleich wieder umkehren und sehen, ob euer Schiff nimmer flott zu machen ist!“
KJ|0|180|22|0|Der Cyrenius sprach zwar: „Freund, da ist ja morgen auch noch Zeit!“
KJ|0|180|23|0|Jonatha aber sagte: „Morgen ist Sabbat; da heißt es von aller knechtlichen Arbeit ruhen! Darum muss vor dem Aufgang noch alles in Ordnung gebracht werden!“
KJ|0|180|24|0|Darauf bestieg Jonatha mit seinen Gehilfen wieder das Boot und fuhr, da sich der Wind etwas gelegt hatte, um so beschleunigter hinaus zum Schiff des Cyrenius und hatte mit der Flottmachung desselben umso weniger zu tun, da ihm die Flut des Meeres bei Gelegenheit des Vollmondes gut zustattenkam.
KJ|0|180|25|0|Er ergriff sogleich das Schlepptau, befestigte es ans Boot und ruderte voll Freude in die ziemlich tiefe Bucht und brachte so das ganze große Schiff in seinen sicheren Hafen und ließ es befestigen am Ufer mittels eines sehr langen Taues, da er nicht zum Anker kommen konnte.
KJ|0|180|26|0|Nach dieser gut zweistündigen Arbeit begab sich Jonatha schon ziemlich am hellen Morgen nach Hause, legte sich auf sein Lager und ruhte drei Stunden lang mit seinen Gehilfen.
KJ|0|180|27|0|Auch der Cyrenius und sein Gefolge ruhten und schliefen ziemlich lang in den Morgen hinein.
KJ|0|180|28|0|Als der Jonatha wohlgestärkt erwachte, da lobte und pries er Gott in dem Kind Josephs und gedachte, was Dasselbe zu ihm geredet hatte.
KJ|0|180|29|0|Darauf befahl er den Weibern, sogleich die besten Thunfische – bei dreißig an der Zahl – zu schlachten und zu rösten für die vielen Gäste, zu welcher Arbeit den Weibern er selbst mit allen seinen Gehilfen behilflich war.
KJ|0|180|30|0|Als nach einer Stunde das Frühstück bereitet ward, ging Jonatha selbst in die Hütten und weckte seine geretteten Gäste.
KJ|0|180|31|0|Cyrenius war wohl als Erster wach und fand sich ganz gestärkt und heiter und fragte den Jonatha auch sogleich, ob er das Schiff wohl noch getroffen habe.
KJ|0|180|32|0|Und Jonatha sprach: „Erhebe dich und sehe zu diesem Fenster hinaus!“
KJ|0|180|33|0|Und der Cyrenius erhob sich sogleich, sah hinaus und sah sein großes Schiff ganz wohl erhalten im Hafen.
KJ|0|180|34|0|Da ward er überfroh, ja dankbarst gegen den riesigen Retter Jonatha gerührt, und sprach:
KJ|0|180|35|0|„O Freund! Solche Tat kann nicht gemein belohnt werden; wahrlich diese Tat will ich auf eine Art belohnen, wie sie nur ein Kaiser zu lohnen vermag!“
KJ|0|180|36|0|Jonatha aber sprach: „Freund, lasse das jetzt gut sein; komme aber mit deinem Gefolge zum Frühstück!“
KJ|0|180|37|0|Und der Cyrenius sprach, sich hoch verwundernd: „Was, du willst uns auch noch bewirten? O du edler Mann! Werde ich erst erfahren von dir, wo ich bin, und wer du bist, dann sollst du auch erfahren, wer ich bin, und ein großer Lohn soll dir dann werden!“
KJ|0|180|38|0|Darauf erhob sich alles vom Lager und folgte dem Jonatha in die große Hütte, allwo schon das Frühstück der Gesellschaft harrte; und alle aßen die wohlbereiteten Fische mit großer Lust und rühmten den Jonatha über die Maßen.
KJ|0|180|39|0|Jonatha aber sagte: „O rühmt nicht mich; denn an allem dem hat jemand anderer – und nicht ich – das große Verdienst!
KJ|0|180|40|0|Ich war nur ein plumpes Werkzeug Dessen, der mich also beschickt hatte und hat mir vorangezeigt, dass ich in dieser Nacht einen wichtigen Dienst werde zu versehen bekommen.
KJ|0|180|41|0|Und also war es denn auch; ich fand dich in großer Not und ward dir zum Retter, und das war der Wille des Allerhöchsten!
KJ|0|180|42|0|Diesen heiligen Willen habe ich erfüllt, und das Bewusstsein, den Willen Gottes aus Liebe zu Ihm Selbst erfüllt zu haben, ist mein hoher Lohn, – und wärst du ein Kaiser selbst, so könntest du mir keinen höheren geben!
KJ|0|180|43|0|Daher bitte ich dich auch, an keine andere Belohnung bei dir selbst zu denken.
KJ|0|180|44|0|Bringe nur dein schönes und großes Schiff wieder in Ordnung; und so ich erfahren werde von dir den Ort deiner Bestimmung, da werde ich dir noch obendrauf mit Rat und Tat an die Hand gehen!“
KJ|0|180|45|0|Hier sprach der Cyrenius: „Freund! – das sollst du gleich erfahren!
KJ|0|180|46|0|Siehe, der Ort meiner Bestimmung für diesmal ist Ostracine in Ägypten; denn ich bin der Statthalter und ein Bruder des Kaisers – mein Name ist Cyrenius Quirinus!“
KJ|0|180|47|0|Bei diesen Worten fiel Jonatha auf die Knie nieder und bat um Gnade, wenn er sich etwa in etwas vermessen hätte.
KJ|0|180|48|0|Als aber der Cyrenius den Jonatha aufrichten wollte, da kam Joseph mit seiner ganzen Genossenschaft, den Jonatha zu besuchen, weil dieser sich versprochenermaßen so lange nicht einfinden wollte beim Joseph.
KJ|0|181|1|1|Cyrenius begegnet unerwartet Joseph und seiner Familie. Wiedersehen mit dem Jesuskind
KJ|0|181|1|1|Am 3. April 1844
KJ|0|181|1|0|Joseph aber ging nicht alsogleich in die Hütte, sondern er sandte einen Boten hinein und ließ es dem Jonatha vermelden, dass er hier sei.
KJ|0|181|2|0|Jonatha erhob sich bald und sprach zum Cyrenius:
KJ|0|181|3|0|„Kaiserlich-Königliche Consulische Hoheit! Ich bitte noch einmal um Vergebung, so ich etwa irgend mich an dir vergangen habe durch eine gutgemeinte Grobheit!
KJ|0|181|4|0|Denn wie bei mir sonst alles massiv ist, so ist auch bei manchen Gelegenheiten meine Zunge!
KJ|0|181|5|0|Jetzt aber muss ich wieder hinaus; denn mein Nachbar und mein allerwürdigster Freund hat mich heute heimgesucht!“
KJ|0|181|6|0|Und der Cyrenius sprach zum Jonatha: „O Freund, du mein teuerster Lebensretter! Tue nach deinem Wohlgefallen, und sehe nicht auf mich, deinen Schuldner!
KJ|0|181|7|0|Ich werde mich jetzt hier nur etwas besser ankleiden und dann sobald selbst dir nachkommen.“
KJ|0|181|8|0|Nun verließ Jonatha den Cyrenius und begab sich schnell hinaus, um den Joseph zu empfangen.
KJ|0|181|9|0|Joseph aber ging unterdessen etwas uferabwärts, wo das Schiff war, um es näher zu betrachten.
KJ|0|181|10|0|Und der Jonatha eilte dem Joseph und seiner Genossenschaft nach und holte sie auch bald ein.
KJ|0|181|11|0|Als sich die beiden begrüßt hatten und Jonatha das ihm zulaufende Kindlein auf seine Arme nahm und Es liebkoste,
KJ|0|181|12|0|da fragte Joseph ganz verwundert den großen Freund:
KJ|0|181|13|0|„Aber Bruder, sage mir doch – woher hast du das Schiff?
KJ|0|181|14|0|Oder sind im selben Gäste, Reisende angekommen?
KJ|0|181|15|0|Fürwahr, das ist ein Prachtschiff, wie man solcher Art Schiffe nur aus Rom kommen sieht!“
KJ|0|181|16|0|Und der Jonatha sprach: „O Freund, siehe, darum musste ich gestern noch deine Villa verlassen!
KJ|0|181|17|0|Ein Sturmwind hatte gestern ein römisches Schiff auf eine Sandbank außer der Bucht gesetzt.
KJ|0|181|18|0|Meiner Mühe – durch die Gnade dieses meines Kindchens – ist es gelungen, das Schiff vor dem sicheren Untergang zu retten.
KJ|0|181|19|0|Die Geretteten, bei hundert an der Zahl, befinden sich noch in meiner Wohnung, die glücklicherweise für sie hinreichend geräumig ist;
KJ|0|181|20|0|und ich denke, sie werden heute noch abfahren, da der Ort ihrer Bestimmung glücklicherweise ohnehin unsere Stadt selbst ist, wie sie mir sagten.
KJ|0|181|21|0|Sie wissen zwar noch nicht, wo sie sich befinden; denn das muss man den Geretteten ja nicht sogleich kundtun.
KJ|0|181|22|0|Wann sie aber fortreisen werden, dann werde ich ihnen schon ohnehin den Wegweiser machen!“
KJ|0|181|23|0|Und der Joseph fragte den Jonatha, ob die Geretteten nicht kundgaben, wer und woher sie wären.
KJ|0|181|24|0|Der Jonatha aber antwortete: „Du weißt ja, dass man nicht aus der Schule schwätzen darf;
KJ|0|181|25|0|denn solange die Geretteten nicht fort sind, dürfen ihre Namen nicht verraten werden, weil ihnen das bei der künftigen Reise schädlich sein könnte!“
KJ|0|181|26|0|Hier sagte das Kindlein zum Jonatha: „O Mann! – du hast wohl ein edles Herz, in dem keine Falschheit wohnt;
KJ|0|181|27|0|aber was da so manchen alten Aberglauben betrifft, da bist du noch sehr reich!
KJ|0|181|28|0|Hier aber ist’s dennoch besser zu schweigen, als zu reden; denn in wenig Augenblicken wird sich die Sache ohnehin aufklären!“
KJ|0|181|29|0|Als das Kindlein aber solches geredet hatte, da auch trat der Cyrenius mit seinem Gefolge aus der Hütte und begab sich gegen das Schiff, also genau an die Stelle, da sich Joseph befand.
KJ|0|181|30|0|Als er nun dahin kam, da sprach er zur Tullia: „Weib! Da sieh einmal hin! Ist die Gesellschaft dort bei unserem Retter nicht ausgerissen der gleich, derentwegen wir nach Ostracine reisten?!
KJ|0|181|31|0|Bei Gott dem Lebendigen, ich habe noch nie etwas Ähnlicheres gesehen! Und siehe, unser Wirt hat auch soeben ein Kindlein auf den Armen, das dem heiligen völlig gleicht, das unser himmlischer Freund in Ostracine hat!“
KJ|0|181|32|0|Hier verlangte das Kindlein auf die Erde gesetzt zu werden und lief, als Es frei war, sogleich dem schon sehr nahe kommenden Cyrenius entgegen.
KJ|0|181|33|0|Und der Cyrenius blieb stehen und betrachtete mit großer Aufmerksamkeit das ihm zulaufende Kindlein.
KJ|0|181|34|0|Das Kindlein aber sprach, als Es etwa drei Schritte noch vom Cyrenius abstand:
KJ|0|181|35|0|„Cyrenius, Cyrenius, Mein lieber Cyrenius! Siehe, wie Ich dir entgegeneile; warum eilst denn du nicht auch also Mir entgegen?!“
KJ|0|181|36|0|Hier erkannte Cyrenius das Kindlein, fiel sogleich auf die Knie samt der Tullia nieder und schrie förmlich:
KJ|0|181|37|0|„O mein Gott, o mein Herr! – Wer – wo – bin ich denn, dass Du – o mein Gott! – Du – mein Schöpfer, mein Leben, der Du allein mir alles, alles bist, in diesem mir noch fremden Ort mir entgegenkommst?!“
KJ|0|181|38|0|Das Kindlein aber sprach: „Mein lieber Cyrenius, du bist schon am rechten Ort; denn wo Ich bin, da ist schon der rechte Ort für dich! Siehe, dort kommt ja schon der Joseph, die Maria, die Eudokia, Meine Brüder und deine acht Kinder!“
KJ|0|181|39|0|Hier sprach der Cyrenius: „O Du mein Leben, da ist zu viel Seligkeit auf einmal für mich!“ – Darauf fing er an zu weinen vor Seligkeit und konnte nicht reden vor zu heiliger Empfindung.
KJ|0|182|1|1|Cyrenius begrüßt Joseph und berichtet von vielen unangenehmen Dingen, die er zu bestehen hatte
KJ|0|182|1|1|Am 12. April 1844
KJ|0|182|1|0|Nun kam auch der Joseph herbei und weinte samt der Maria vor Freuden, dass er nach zwei Jahren wieder einmal seinen Freund Cyrenius zu sehen bekam.
KJ|0|182|2|0|Das Kindlein aber sagte zum Cyrenius: „Cyrenius! – es ist genug, so du in aller Liebe dein Herz vor Mir beugst;
KJ|0|182|3|0|deine Knie aber magst du gerade halten! Denn siehe, du hast viel Gefolge bei dir, das Mich noch nicht kennt, und du sollst Mich nicht verraten durch solche Stellung!
KJ|0|182|4|0|Daher erhebe dich vom Boden und mache es, wie es da macht der Joseph, der Jonatha, die Maria und alle die anderen; auch dein Weib soll sich aufrichten!“
KJ|0|182|5|0|Darauf erhob sich Cyrenius mit der Tullia, nahm sogleich das Kindlein auf seine Arme und koste Es.
KJ|0|182|6|0|Mit dem Kindlein auf dem Arm trat er erst dem Joseph näher und sprach:
KJ|0|182|7|0|„Sei mir vom Grunde meines Herzens aus gegrüßt! Wie überaus oft hat sich mein Herz nach dir gesehnt!
KJ|0|182|8|0|Allein die fatalen Staatsgeschäfte haben sich im Verlaufe dieser zwei Jahre so sehr gehäuft, dass ich nimmer Zeit zu gewinnen wusste, um dieser hohen heiligen Forderung meines Herzens nachzukommen.
KJ|0|182|9|0|Nun erst hatte ich alles insoweit in Ordnung gebracht, dass ich auf eine kurze Zeit dich, meinen heiligen Freund, besuchen konnte.
KJ|0|182|10|0|Aber selbst jetzt, da ich dem Drang meines Herzens nachkam, wäre ich beinahe zugrunde gegangen, so nicht ganz sicher dieses heiligste Kindlein mir einen Retter entgegengesandt hätte!
KJ|0|182|11|0|O mein Freund und Bruder! Ich habe in diesen zwei Jahren gar viel ausgestanden!
KJ|0|182|12|0|Verfolgung, Verrat, Verschwärzung beim Kaiser und viele andere höchst unangenehme Dinge hatte ich zu bestehen.
KJ|0|182|13|0|Aber ich dachte dabei allzeit an das, was mir einmal vor zwei Jahren das heiligste Kindlein gesagt hatte, nämlich: dass Es diejenigen zupfe und kneipe, die Es liebhat.
KJ|0|182|14|0|Und fürwahr, alle die Stürme um mein Gemüt herum waren im Ernst nichts als lauter Liebkosungen dieses meines Herrn aller Herren!
KJ|0|182|15|0|Denn wo immer sich eine Woge wider mich erhob und mich mit Haut und Haaren zu verschlingen drohte,
KJ|0|182|16|0|da auch zerschellte sie sich an einer noch mächtigeren Gegenwoge, und es blieb nichts als nur ein eitel leerer Schaum zurück.
KJ|0|182|17|0|Und so bin ich nun auch hier nach einer ausgestandenen großen Gefahr, die alles zu verschlingen drohte, ganz wohlbehalten angelangt und befinde mich nun in deiner mir so überheiligen Gesellschaft; und aller Sturm, der mich ängstigte, hat sich wie zu einer ewigen Ruhe gelegt!“
KJ|0|182|18|0|Hier umarmte der Joseph den Cyrenius und sprach: „Ja, Bruder im Herrn, wie du nun geredet hast, also ist es auch!
KJ|0|182|19|0|Ich wusste im Geheimen ja allzeit darum, was mit dir vorging; aber ich lobte darum allzeit den Herrn, dass Er dich also liebhatte.
KJ|0|182|20|0|Nun aber siehe dorthin gegen Mittag und Morgen, und du wirst leicht die Stadt und noch leichter deine Villa erkennen!
KJ|0|182|21|0|Lasse daher dein Schiff versorgen und ziehe mit mir; daheim erst wollen wir uns so recht herzlich ausplaudern!“
KJ|0|182|22|0|Als der Cyrenius hinblickte und gar bald die Villa erkannte, da ward es völlig aus bei ihm, und er konnte sich nicht genug verwundern über alles das.
KJ|0|183|1|1|Cyrenius berichtet über seine merkwürdige Schiffsreise. Aufbruch zur Villa Josephs
KJ|0|183|1|1|Am 13. April 1844
KJ|0|183|1|0|Als sich der Cyrenius so recht durchgewundert hatte, da er sich nach allen Seiten hin von der Richtigkeit überzeugt hatte, da erst fing er ganz verblüfft wieder ordentlicher zu reden an und sprach zum Joseph:
KJ|0|183|2|0|„Ja, du mein erhabenster Freund und Bruder, es geschehe sogleich nach deinem Verlangen;
KJ|0|183|3|0|aber zwei Dinge müssen eher noch berichtigt sein!
KJ|0|183|4|0|Fürs Erste muss mein großer Retter belohnt sein – und das auf eine kaiserliche Art!
KJ|0|183|5|0|Und fürs Zweite muss ich von dir eher noch erfahren, wie es so ganz eigentlich möglich war, dass ich gerade hierher verschlagen ward, dahin ich es am allerwenigsten vermeinte!
KJ|0|183|6|0|Denn siehe, schon von Tyrus angefangen, hatte ich stets einen starken Ostwind, der sich nach und nach in einen förmlichen Orkan umwandelte!
KJ|0|183|7|0|Ich ward von diesem widrigen Wind bereits zehn volle Tage auf der hohen See – Gott weiß es, wo überall – herumgetrieben.
KJ|0|183|8|0|Als ich aber mit der Hilfe dieses großen Retters gestern in der Mitternacht endlich einmal wieder Land unter meine Füße bekam, da dachte ich mich in Spanien zu befinden, und zwar nahe an den Säulen des Herkules!
KJ|0|183|9|0|Und nun bin ich anstatt im vermeinten Spanien genau da, wohin ich so ganz eigentlich habe kommen wollen!
KJ|0|183|10|0|O Bruder, o Freund! – nur einen kleinen Aufschluss gebe mir darüber!“
KJ|0|183|11|0|Und der Joseph sagte: „Freund, lasse aber doch dein Schiff eher von deinen Leuten untersuchen, ob alles in Ordnung ist;
KJ|0|183|12|0|dann erst will ich dir mit der Gnade des Herrn über deine Seefahrt etwas kundtun!“
KJ|0|183|13|0|Und der Cyrenius erwiderte dem weisen Joseph: „O Freund! – du kommst mir heute sehr sonderlich vor!
KJ|0|183|14|0|Prüfst du mich? Oder was ist es, das du mit mir vorhast?
KJ|0|183|15|0|Ist heute doch der Sabbat deines und meines Herrn, auf den du sonst überaus viel gehalten hast!
KJ|0|183|16|0|Und wahrlich, ich verstehe dich nicht und weiß es auch nicht, warum du heute mich zu einer Arbeit zwingen willst?!
KJ|0|183|17|0|Siehe, Dieser hier, der da heilig, überheilig auf meinen Armen ruht, hat sicher lange schon mein Schiff geordnet, darum ich Ihn liebe über alles!
KJ|0|183|18|0|Wozu wohl wäre da meine Sorge? Ich war in großer Gefahr und sorgte mich viel;
KJ|0|183|19|0|aber alle meine Sorge war zu nichts nütze, denn nur Er ganz allein hat mir Rettung gebracht!
KJ|0|183|20|0|Darum will ich mich aber fürder auch um nichts mehr sorgen und werde das Schiff heute schon ganz gewiss ruhen lassen! Ist das nicht recht also?“
KJ|0|183|21|0|Und das Kindlein küsste den Cyrenius und sagte: „Joseph hat dich in Meinem Namen nur versucht, weil du den Jonatha eher belohnen wolltest, als mit ihm nach der Villa ziehen.
KJ|0|183|22|0|Ich aber sage dir, du sollst den Jonatha gar nicht belohnen; denn Ich Selbst bin ja sein Lohn!
KJ|0|183|23|0|Darum mache dich nur auf, und ziehe mit dem Joseph; daheim soll dir alles klar werden!“ – Und der Cyrenius tat sogleich, was das Kindlein ihm geraten hatte, und alles zog nach der Villa.
KJ|0|184|1|1|Die Gemeinschaft begibt sich auf den Lieblingshügel Josephs. Joseph erklärt die Meerfahrt des Cyrenius
KJ|0|184|1|1|Am 15. April 1844
KJ|0|184|1|0|Als mit Ausnahme der Dienerschaft des Jonatha die ganze Gesellschaft sich in und bei der Villa Josephs befand, da befahl der Joseph sogleich seinen Söhnen, für ein gutes Mittagsmahl zu sorgen.
KJ|0|184|2|0|Und der Jonatha übergab ihnen zu dem Behuf die gute Ladung der edelsten Thunfische, die er mitgenommen hatte.
KJ|0|184|3|0|Nach dieser Beheißung begab sich Joseph mit des Cyrenius Hauptgefolge und natürlich mit dem Cyrenius selbst, mit Maria, mit Jonatha und mit dem Kindlein, das noch der Cyrenius auf seinen Armen trug, auf den Lieblingshügel.
KJ|0|184|4|0|Und die Eudokia und die Tullia wie die acht Kinder blieben nicht im Haus, sondern folgten ebenfalls der Gesellschaft auf den sehr geräumigen Hügel.
KJ|0|184|5|0|Hier angelangt, setzte sich alles auf die vom Joseph gemachten Bänke nieder und erquickten sich unter dem duftenden Schatten von Rosen-, Myrthen- und Papyrusbäumen.
KJ|0|184|6|0|Denn der Hügel hatte zwei Abteilungen: die eine war dicht umwachsen, diese galt für den Tag;
KJ|0|184|7|0|die eine aber war frei und galt nur für die Abend- und Nachtzeit, um daselbst die frische Luft und eine freie Aussicht über die Gegend wie über den Himmel zu genießen.
KJ|0|184|8|0|Also in der herrlichen Laube des Hügels angelangt und allda Platz genommen, fragte der Cyrenius den Joseph, ob er ihm jetzt nicht die versprochene Aufklärung über seine Meeresfahrt geben möchte.
KJ|0|184|9|0|Und der Joseph antwortete und sprach: „Ja, Bruder, hier ist der Ort und die Zeit dazu, und so wolle mich denn anhören!
KJ|0|184|10|0|Siehe, der Ostwind stellt dar die Gnade Gottes; diese trieb dich stürmisch zu Dem, den du nun auf deinen Armen hältst!
KJ|0|184|11|0|Es kennen und erkennen aber noch gar viele des Herrn Gnade nicht, wann und wie sie wirkt.
KJ|0|184|12|0|Also erkanntest auch du nicht, was des Herrn allmächtige Gnade mit dir vorhatte!
KJ|0|184|13|0|Du dachtest dich für verloren und meintest, der Herr habe deiner völlig vergessen;
KJ|0|184|14|0|und siehe, als du strandetest auf der Sandbank durch die mächtigste Gnade des Herrn und glaubtest dich für verloren, da erst hat dich der Herr mit aller Gewalt ergriffen und hat dich gerettet von jeglichem Untergang!
KJ|0|184|15|0|Also aber ist allzeit gewesen und wird ewig sein die Art des Herrn, diejenigen zu führen, die da waren und sein werden auf dem Weg zu Ihm!
KJ|0|184|16|0|Warum aber führte dich der Herr also? Siehe, als um Tyrus herum bekannt ward, dass du zu Schiffe hierher gehen wirst, da sammelten sich bezahlte Meuterer,
KJ|0|184|17|0|nahmen Fahrzeuge und wollten dich auf der hohen See mörderisch überfallen!
KJ|0|184|18|0|Da sandte der Herr plötzlich einen starken Ostwind;
KJ|0|184|19|0|dieser schob dein Schiff gar schnell vor deinen Feinden hinfort, dass sie es nimmer zu erreichen vermochten.
KJ|0|184|20|0|Da aber deine Feinde dich dennoch nicht aus den Augen ließen, sondern dich stets nur umso grimmiger verfolgten, da ward des Herrn Gnade über dich zu einem Orkan.
KJ|0|184|21|0|Dieser Orkan ersäufte deine Feinde im Meer und setzte dein Schiff an rechter Stelle in die Ruhe, allwo dir dann die volle Rettung ward. Cyrenius! – verstehst du nun diese deine Meeresfahrt?“
KJ|0|185|1|1|Das rechte Beten. Cyrenius staunt über die Fortschritte seiner acht Kinder
KJ|0|185|1|1|Am 16. April 1844
KJ|0|185|1|0|Als der Cyrenius aber solches vom Joseph vernommen hatte, da wandte er sich sogleich an das auf seinen Armen ruhende Kindlein und sprach zu Ihm:
KJ|0|185|2|0|„O Du, dessen Namen meine Zunge nimmer würdig ist auszusprechen! Das war sonach lauter Gnade von Dir, Du mein Herr und mein Gott?!
KJ|0|185|3|0|Wie, auf welche Weise aber soll ich Dir nun danken, wie Dich loben und preisen für solche übergroße wunderbarste Gnade?!
KJ|0|185|4|0|Was kann ich, ein armer blöder Mensch, Dir, o Herr, wohl entgegentun, da Du mir so endlos gnädig bist und schützt mich mehr denn Dein eigen Herz?“
KJ|0|185|5|0|Und das Kindlein sprach: „Mein geliebter Cyrenius! Ich hätte dich noch um vieles lieber, wenn du nur nicht immer vor Mir also aufseufzen möchtest!
KJ|0|185|6|0|Was habe denn Ich und du davon, wenn du also seufzt vor Mir?
KJ|0|185|7|0|Ich sage dir, sei du lieber heiteren Mutes, und liebe Mich wie alle anderen Menschen in deinem Herzen; da wirst du Mir lieber sein, als so du immer seufzt für nichts und nichts!“
KJ|0|185|8|0|Und der Cyrenius sagte allerzärtlichst zum Kindlein:
KJ|0|185|9|0|„O Du mein Leben, Du mein Alles! Darf ich denn nicht beten zu Dir, meinem Gott und meinem Herrn?“
KJ|0|185|10|0|Das Kindlein aber erwiderte: „O ja, das darfst du wohl; aber nicht durch allerlei unendliche Exklamationen,
KJ|0|185|11|0|sondern allein in deinem Geiste, der die Liebe in dir ist zu Mir, und in deren Wahrheit, die da ist ein rechtes Licht, das da entströmt der Flamme der Liebe.
KJ|0|185|12|0|Meinst du denn, Ich werde durch der Menschen Gebete fetter und mächtiger und größer, als Ich also ohne solcher Gebete ohnehin es bin!?
KJ|0|185|13|0|O sieh, darum habe Ich Mich ja aus Meiner ewigen Unendlichkeit gestellt in diesen Leib, auf dass Mich die Menschen mehr mit ihrer Liebe anbeten sollen –
KJ|0|185|14|0|und sollen dabei sparen ihren Mund, ihre Zunge und ihre Lippen; denn ein solches Beten entwürdigt den Anbeter wie den Angebeteten, weil es ist ein totes Zeug, ein Eigentum der Heiden!
KJ|0|185|15|0|Was tust du denn mit deinen guten Freunden und Brüdern, so du mit ihnen zusammenkommst?
KJ|0|185|16|0|Siehe, du erfreust dich über sie und grüßt sie und bietest ihnen Hände, Brust und Kopf!
KJ|0|185|17|0|Desgleichen tue auch mit Mir, und Ich werde von dir ewig nichts anderes verlangen!
KJ|0|185|18|0|Und nun sei völlig heiter, und sehe auch dich ein wenig nach deinen Kindern um, und frage sie ein wenig aus, was alles sie schon gelernt haben,
KJ|0|185|19|0|und du wirst selbst eine größere Freude haben daran und wirst auch Mir eine größere Freude machen, als wenn du hundert Jahre nacheinander fortseufzen und exklamieren möchtest!“
KJ|0|185|20|0|Darauf ward der Cyrenius recht heiter und berief sogleich die acht Kinder zu sich und fragte sie über so manches aus.
KJ|0|185|21|0|Die Kinder aber gaben ihm auf jede Frage so gründlich kenntnisreiche Antworten, dass er sich darob nicht genug verwundern konnte.
KJ|0|185|22|0|Da war es aber auch völlig aus beim Cyrenius vor lauter Freude; die Kinder aber freuten sich auch, dass sie so gescheit waren, und der Cyrenius beschenkte sie alle reichlich und lobte den Meister.
KJ|0|186|1|1|Der Knabe Sixtus macht Cyrenius ein Geschenk. Sein Vortrag über das Wesen der Erde
KJ|0|186|1|1|Am 17. April 1844
KJ|0|186|1|0|Es trat aber darauf der älteste von den drei Knaben hin zum Cyrenius und sagte zu ihm:
KJ|0|186|2|0|„Vater Quirinus Cyrenius! Da du uns nun ausgefragt hast über so manches und wir dir keine Antwort schuldig geblieben sind und hattest Freude darob an uns allen gefunden, –
KJ|0|186|3|0|möchtest du für deine Liebe und Sorge für uns nicht auch ein kleines Gegengeschenk annehmen von mir?“
KJ|0|186|4|0|Der Cyrenius lächelte über diese Frage und sprach zum Knaben:
KJ|0|186|5|0|„Dein Antrag, mein lieber Sixtus, ist mir sehr erfreulich und lieb; aber nur musst du mir die Sache näher beschreiben, mit der du mich beschenken willst,
KJ|0|186|6|0|und ich werde es euch allen dann gleich sagen, ob ich sie annehmen kann oder nicht!“
KJ|0|186|7|0|Darauf erwiderte der Knabe und sprach: „O Vater Quirinus Cyrenius! Es ist keine Sache, die wir dir zum Geschenk bringen wollen und können,
KJ|0|186|8|0|sondern eine neue Wissenschaft, von der du bis jetzt sicher noch keine Ahnung hast!“
KJ|0|186|9|0|Als der Cyrenius solches von seinem Sixtus vernommen hatte, da sagte er zu ihm:
KJ|0|186|10|0|„Höre, du mein lieber Sixtus, wenn sich die Sache also verhält, da kannst du mir schenken, so viel du nur immer willst, und ich werde alles bereitwilligst annehmen!“
KJ|0|186|11|0|Nach dieser Äußerung von Seite des Cyrenius sagte der Knabe:
KJ|0|186|12|0|„Nun denn, so dir, o Vater Quirinus Cyrenius, das angenehm ist, so wolle mich denn anhören!
KJ|0|186|13|0|Du hast bis jetzt sicher noch nie in der Wahrheit gehört, wie da unsere Erde aussieht, und was sie für eine Gestalt hat!
KJ|0|186|14|0|Was meinst du wohl, welche Gestalt sie hat, die große Erde, die uns alle trägt und ernährt durch die Gnade Gottes in ihr?“
KJ|0|186|15|0|Und der Cyrenius stutzte über diese Frage und wusste nicht, was er sagen solle darauf.
KJ|0|186|16|0|Nach einer Weile sagte er erst zum Knaben: „Höre, Knabe, deine Frage setzt mich in eine große Verlegenheit; denn ich kann dir darauf keine bestimmte Antwort geben!
KJ|0|186|17|0|Wir haben wohl allerlei Mutmaßungen über das Wesen der Erde; aber wo es sich um eine bestimmte Wahrheit handelt, da kann man nicht mit Mutmaßungen zum Vorschein kommen!
KJ|0|186|18|0|Daher rede nur du jetzt ganz allein, und ich werde dich hören und dann beurteilen deine Darstellung.“
KJ|0|186|19|0|Hier lief der Knabe auf einen Wink des Joseph ins Haus und brachte ganz behutsam denjenigen Erdglobus, den das Kindlein in der Nacht vorher wegen der Mondesfinsternis geschaffen hatte aus einer Pomeranze.
KJ|0|186|20|0|Als der Cyrenius dieses Produkt erschaute, da verwunderte er sich und sprach: „Ja, – was ist denn das? Ist das etwa gar das vermeintliche Geschenk?
KJ|0|186|21|0|Du sagtest ja ehedem, das Geschenk bestünde in keiner Sache, sondern nur in einer wissenschaftlichen Erörterung!?
KJ|0|186|22|0|Das aber ist ja eben nur eine Sache und keine wissenschaftliche Erörterung!“
KJ|0|186|23|0|Der Knabe aber sprach: „Lieber Vater Quirinus Cyrenius, das ist wohl wahr, aber diese Sache kann ich dir nicht zum Geschenk machen, weil sie nicht mein ist;
KJ|0|186|24|0|aber sie ist hier vonnöten, wenn du mich verstehen sollst!“
KJ|0|186|25|0|Hier fing der Knabe wie ein Professor mit Hilfe der Erdkugel an, das Wesen der Erde zu erörtern, und das mit einer solchen Gründlichkeit, die den Cyrenius ins tiefste Erstaunen versetzte.
KJ|0|186|26|0|Und als der Knabe fertig war, sagte das Kindlein zum Cyrenius: „Also ist es! Damit dir aber davon ein Andenken bleibe, so soll auch diese kleine Erde dein sein, bis du einst in Meinem Reich eine größere überkommen wirst!“
KJ|0|187|1|1|Cyrenius freut sich über den ihm geschenkten Erdglobus. Die göttliche Ordnung
KJ|0|187|1|1|Am 18. April 1844
KJ|0|187|1|0|Der Cyrenius ward über dieses Geschenk so außerordentlich erfreut, dass er sich ordentlich gar nicht zu helfen wusste vor lauter Seligkeit.
KJ|0|187|2|0|Nach einer Weile, als er den herrlichen Globus recht nach allen Seiten hin und her und auf und ab beschaut hatte, und hatte sich überzeugt von der höchst richtigen Darstellung aller ihm bekannten Punkte, fing er erst wieder zu reden an und sprach:
KJ|0|187|3|0|„Joseph, das ist denn doch ein überlautes Zeugnis für uns alle über Den, der einst die Erde erschaffen hatte!
KJ|0|187|4|0|Denn was wohl ist dem Allmächtigen schwerer, zu erschaffen eine große Erde – oder zu erschaffen eine so kleine zu unserer Belehrung über die große, die uns trägt?!
KJ|0|187|5|0|Ich meine, das wird wohl eines und dasselbe sein!
KJ|0|187|6|0|O Gott, o großer Gott! – welche endlose Fülle der Vollkommenheiten aller Art muss in Dir wohnen, dass Dir solche Wunderdinge so höchst leicht möglich sind!?
KJ|0|187|7|0|Wer sich in Dich mit seinem Gemüt vertieft, der ist schon selig auf der Welt!
KJ|0|187|8|0|Wer Dich hat und liebend trägt in seinem Herzen, wie endlos glücklich ist wohl der zu preisen!
KJ|0|187|9|0|O wie ekelhaft erscheint mir nun das eitle Getriebe der Weltmenschen!
KJ|0|187|10|0|O du mein armseliger Bruder Augustus, wüsstest du und kenntest, was ich nun weiß und kenne, wie sehr würde dich dein wankender Thron anekeln!
KJ|0|187|11|0|O Du mein kleiner Jesus, Du mein Leben, Du mein Alles! Möchtest Du denn nicht meinem Bruder durch Deine Allmacht zeigen, wie nichtig und wie gar entsetzlich schmutzig sein Thron ist?“
KJ|0|187|12|0|Das Kindlein aber sprach: „Cyrenius, sehe an alle die Kreaturen der Erde,
KJ|0|187|13|0|und du wirst darunter gute und schlechte finden dir gegenüber!
KJ|0|187|14|0|Meinst du wohl, dass sie darum auch Mir gegenüber also sind?
KJ|0|187|15|0|Siehe, der Löwe ist ein grausames Tier und schont kein Leben in seiner Wut!
KJ|0|187|16|0|Hast du dieses Tier auch Mir gegenüber also gefunden?
KJ|0|187|17|0|Mitnichten – sagst du in deinem Gemüt, denn dieser König der Wüste rettete mir zwei Mal das Leben!
KJ|0|187|18|0|Siehe, also steht es auch mit deinem Bruder; er kann nicht sein wie du, und du nicht wie er.
KJ|0|187|19|0|Denn Ich habe darum allerlei Kreatur werden lassen, weil sie Meiner ewigen Ordnung zufolge also vonnöten ist!
KJ|0|187|20|0|Und so musste es auch geschehen, dass dein Bruder ward, was er ist, und du auch wurdest, was du bist!
KJ|0|187|21|0|So aber dein Bruder spricht: ‚Herr! Ich weiß nicht, was ich bin, und was ich tue, sondern Deine Kraft ist mit mir, und ich handle nach ihrer Bestimmung!‘ –
KJ|0|187|22|0|dann ist dein Bruder gerecht wie du, und du sollst dich um ihn nicht kümmern; denn dereinst werden eines jeden Werke offenbar werden!“ – Diese Rede brachte den Cyrenius wieder auf bessere Gedanken über Augustus, und er betrachtete wieder seine kleine Erde.
KJ|0|188|1|1|Die Prüfung des Cyrenius. Tod der eifersüchtigen Tullia
KJ|0|188|1|1|Am 19. April 1844
KJ|0|188|1|0|Als der Cyrenius aber diese Erdkugel abermals mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, da verlangte das Kindlein freigestellt zu werden, um auf dem Hügel ein wenig hin und her zu hüpfen.
KJ|0|188|2|0|Und der Cyrenius setzte Es gar sanft auf die Erde und sprach:
KJ|0|188|3|0|„O Du mein Leben, Du mein Heil, Du mein Alles! Nur von meinen Händen gebe ich Dich leiblich frei,
KJ|0|188|4|0|aber nimmer, nimmer aus meinem Herzen! Denn da lebst Du nunmehr ganz allein; ja Du ganz allein bist meine Liebe!
KJ|0|188|5|0|Wahrlich, so ich nur Dich, o Du mein Heiland, habe, dann ist mir die ganze Welt mit allen ihren Schätzen nichtiger als das Nichts selbst!“
KJ|0|188|6|0|Hier stand das Kindlein auf, wandte sich wieder zum Cyrenius und sprach zu ihm:
KJ|0|188|7|0|„Ich muss denn doch wieder bei dir verbleiben, obschon Ich recht gerne ein wenig herumhüpfen möchte, weil du Mich gar so lieb hast!
KJ|0|188|8|0|Hättest du fortweg deine kleine Erde beschaut, siehe, da wäre Mir bei dir zu sein wohl ein wenig langweilig geworden;
KJ|0|188|9|0|aber da du dein Herz wie alle deine Aufmerksamkeit wieder völlig Mir zugewandt hast, da muss Ich bei dir verbleiben und kann Mich nicht trennen von dir!
KJ|0|188|10|0|Aber höre du, Mein lieber Cyrenius! Was wird denn dein Weib dazu sagen, wenn sie sicher vernommen hat, dass du Mich ganz allein nur liebst?“
KJ|0|188|11|0|Und der Cyrenius sprach: „Herr, wenn ich nur Dich habe, was frage ich da um mein Weib und um die ganze Welt! Siehe, das alles ist mir um die leichteste Münze feil!
KJ|0|188|12|0|O Du mein Jesus, welche Seligkeit kann größer wohl sein als allein die nur: Dich über alles zu lieben und von Dir wiedergeliebt zu werden!
KJ|0|188|13|0|Darum möchte ich eher die Tullia verachten wie einen Heuschreckenzug, bevor ich nur um ein Haarbreit von der Liebe zu Dir weichen möchte!“
KJ|0|188|14|0|Das Kindlein aber sprach: „Cyrenius, so Ich dich aber darob ein wenig prüfte, denkst du wohl, dass du da beständig verbleiben möchtest?“
KJ|0|188|15|0|Und der Cyrenius sprach: „Nach meinem gegenwärtigen Gefühl dürftest Du wohl die Erde unter meinen Füßen zerstäuben und mir die Tullia tausendfach nehmen, so es möglich wäre, so würde ich aber dennoch in meiner gleichen Liebe zu Dir verbleiben!“
KJ|0|188|16|0|Hier sank plötzlich die Tullia wie vom Schlag gerührt zu Boden und ward völlig tot.
KJ|0|188|17|0|Alle Anwesenden erschraken heftig. Man brachte sogleich wohlgegorenen Zitronensaft und frisches Wasser und labte sie;
KJ|0|188|18|0|aber es war alle Mühe vergeblich, denn die Tullia war völlig tot.
KJ|0|188|19|0|Als der Cyrenius aber sah, dass die Tullia ernstlich tot war, da verhüllte er sein Angesicht und fing an, recht sehr traurig zu werden.
KJ|0|188|20|0|Nun aber fragte das Kindlein den traurigen Cyrenius: „Cyrenius! Wie kommst du Mir nun vor? Siehe, noch ist die Erde ganz, und dein Weib ist noch lange nicht tausendmal getötet, wie du’s verlangtest, – und du trauerst, als hättest du alles in der Welt verloren?!
KJ|0|188|21|0|Hast du Mich nun nicht gleich wie ehedem, der Ich dir doch alles war?! Wie magst du nun trauern gar so sehr!?“
KJ|0|188|22|0|Hier seufzte der Cyrenius tief auf und sprach gar kläglich: „O Herr! Ich wusste es ja nicht, wie teuer mir die Tullia war, solange ich sie hatte; ihr Verlust erst zeigte mir nun ihren Wert!
KJ|0|188|23|0|Darum trauere ich – und werde trauern wohl mein Leben lang um sie, die mir eine so edle und treue Gehilfin war!“
KJ|0|188|24|0|Da seufzte das Kindlein tief auf und sprach: „O ihr wetterwendischen Menschen! Wie wenig Beständigkeit wohnt in eurem Herzen!
KJ|0|188|25|0|Wenn ihr schon also seid in Meiner Gegenwart, was werdet ihr dann erst sein, so Ich nicht unter euch sein werde?!
KJ|0|188|26|0|Cyrenius! Was war Ich dir vor einigen Minuten, – und was bin Ich dir jetzt?
KJ|0|188|27|0|Dein Angesicht verhüllst du vor Mir wie vor der Welt, und dein Herz ist so voll Traurigkeit, dass du kaum vernehmen magst Meine Stimme!
KJ|0|188|28|0|Ich aber sage dir: Wahrlich, also bist du Meiner noch nicht wert!
KJ|0|188|29|0|Denn wer noch sein Weib mehr liebt denn Mich, der ist Meiner nicht wert, da Ich doch mehr bin als ein Weib, geschaffen durch Meine Macht!
KJ|0|188|30|0|Ich sage dir, berate dich in der Zukunft besser, sonst wirst du auf dieser Welt Mein Angesicht nimmer erschauen!“
KJ|0|188|31|0|Darauf ging das Kindlein zum Joseph hin und sagte zu ihm: „Joseph! Lasse die Tote ins Kämmerlein bringen und sie legen auf ein Totengerüst!“
KJ|0|188|32|0|Joseph aber sagte: „Mein Söhnchen, wird sie nimmer lebend?“
KJ|0|188|33|0|Und das Kindlein sprach: „Frage Mich nicht darum; denn nun ist noch lange nicht Meine Zeit, sondern tue, wie Ich dir sagte!
KJ|0|188|34|0|Siehe, das Weib ward eifersüchtig auf Mich, als Mir Cyrenius seine Liebe gestand; diese Eifersucht und dieser Liebeneid hat sie so schnell getötet! Darum frage Mich nicht weiter, sondern lasse sie ins Kämmerlein aufs Gerüst bringen; denn sie ist wirklich tot!“
KJ|0|188|35|0|Der Joseph ließ darauf sogleich die Leiche ins Haus tragen und bereiten in einem Seitenkämmerlein ein Gerüst und dann die Leiche legen darauf.
KJ|0|188|36|0|Alles ging nun zum Cyrenius hin und tröstete ihn ob diesem plötzlichen Verlust seines Weibes.
KJ|0|188|37|0|Cyrenius aber enthüllte bald wieder sein Gesicht, richtete sich auf wie ein rechter Held und sprach:
KJ|0|188|38|0|„O liebe Freunde, tröstet mich nicht vergeblich; denn ich habe meinen Trost schon gefunden in meinem eigenen Herzen,
KJ|0|188|39|0|und keinen besseren könnet ihr mir wohl nicht geben!
KJ|0|188|40|0|Seht, hier hat der Herr mir ja wunderbar dies edle Weib gegeben, und hier hat Er sie mir wieder genommen; denn Er allein ist ja der Herr über alles Leben!
KJ|0|188|41|0|Ihm sei darum auch alles aufgeopfert, und Sein heiliger Name sei darum ewig gelobt und gepriesen!
KJ|0|188|42|0|Es ist zwar ein harter Schlag auf mein fleischig Herz; aber ich empfinde ihn nun aber auch um desto belebender für meinen Geist!
KJ|0|188|43|0|Denn dadurch hat der Herr mich frei gemacht, und ich gehöre nun ganz, aller irdischen Bande ledig, Ihm allein zu, und Er allein ist nun der heilige Einwohner meines Herzens! Darum tröstet mich nicht; Er ist allein ja mein Trost für ewig!“
KJ|0|188|44|0|Hier kam das Kindlein wieder zum Cyrenius und sagte zu ihm: „Amen! Also sei es für ewig!
KJ|0|188|45|0|Wie ein Hauch werden diese Erdenjahre vergehen, in denen wir noch hier wirken werden; dann aber wirst du dort sein, wo Ich sein werde ewig unter denen, die Mich lieben werden dir gleich! Also sei es ewig, ewig, ewig!“
KJ|0|189|1|1|Das Jesuskind bekennt Cyrenius als einen Erstling, den Seine Liebe erweckt hat
KJ|0|189|1|1|Am 20. April 1844
KJ|0|189|1|0|Es kamen aber nun auch die Söhne Josephs und zeigten an, dass das Mahl bereitet sei.
KJ|0|189|2|0|Und der Joseph ging hin zum Cyrenius und zeigte ihm, der sich eben mit dem Kindlein wieder vollauf beschäftigte, solches an und fragte ihn, ob er vor Traurigkeit wohl eine Speise werde zu sich nehmen können.
KJ|0|189|3|0|Und der Cyrenius sprach: „O mein erhabener Bruder, meinst du denn, dass ich irgendeinen Hunger habe?
KJ|0|189|4|0|Da sieh einmal her! Wie kann man hungrig wohl werden in der Gesellschaft Dessen, durch den in jedem Augenblick Myriaden und Myriaden gesättigt werden!?
KJ|0|189|5|0|Was aber meine von dir vermeinte Traurigkeit betrifft, da sage ich aus der Fülle meiner Liebe zu Dem, der dich und mich erschuf:
KJ|0|189|6|0|Wie solle ich trauern wohl in der Gesellschaft meines und deines Herrn?!
KJ|0|189|7|0|Siehe, da du ein Weizenkorn in die Erde streust, das da in ihr verfault, da lässt Er hundert an die Stelle des einen treten!
KJ|0|189|8|0|Also ist es ja auch hier der Fall; wo der Herr eines nimmt, da gibt Er bald tausend dafür!
KJ|0|189|9|0|Mir hat Er wohl die eifersüchtige Tullia genommen, dafür aber hat Er Sich mir Selbst gegeben!
KJ|0|189|10|0|O Bruder, welch ein unendlicher Ersatz ist das für meinen so geringen Verlust!
KJ|0|189|11|0|Anstatt meines Weibes darf ich nun Ihn in meinem Herzen ewig mein nennen! O Bruder, wie solle ich da wohl noch um die Tullia trauern können?!“
KJ|0|189|12|0|Hier sprach Joseph: „O Bruder! Du bist groß geworden vor dem Herrn; wahrlich, du bist ein Heide gewesen, und bist nun besser denn viele Israeliten!
KJ|0|189|13|0|Ja, ich selbst muss es vor dir bekennen: Dein Herz und dein Mund beschämt hoch mich selbst!
KJ|0|189|14|0|Denn eine solche Ergebung in den Willen des Herrn habe ich an mir selbst noch nicht erlebt!“
KJ|0|189|15|0|Hier richtete Sich das Kindlein auf und sprach: „Joseph, Ich weiß, warum Ich dich erwählte; doch größer warst du noch nie vor Mir als eben jetzt, da du deine Schwäche vor einem Heiden bekennst!
KJ|0|189|16|0|Ich aber sage dir, da du dem Cyrenius schon das Zeugnis gabst, dass er besser ist als viele Israeliten:
KJ|0|189|17|0|Cyrenius ist hier mehr als Abraham, Isaak und Jakob, und mehr als Moses und die Propheten, und mehr als David und Salomo!
KJ|0|189|18|0|Denn deren Taten waren gerecht durch den Glauben und durch große Gottesfurcht in ihren Herzen;
KJ|0|189|19|0|Cyrenius aber ist ein Erstling, den Meine Liebe geweckt hatte; und das ist mehr als der gesamte alte Bund, der tot war, während Cyrenius nun ganz lebendig ist!
KJ|0|189|20|0|Du kennst des Tempels Herrlichkeit in Jerusalem; er ist ein Werk Salomonischer Weisheit.
KJ|0|189|21|0|Aber dieser Tempel ist tot wie sein Werkmeister, der Mich den Weibern opferte!
KJ|0|189|22|0|Cyrenius aber hat in seinem Herzen mit großer Selbstverleugnung Mir nun einen neuen, lebendigen Tempel erbaut, in dem Ich wohnen werde ewiglich; und das ist mehr denn alle Weisheit Salomons!“
KJ|0|189|23|0|Hier fing Cyrenius an zu weinen vor Seligkeit, und Joseph wie die Maria zeichneten sich diese Worte tief in ihre Herzen; denn sie waren voll Kraft und voll Lebens.
KJ|0|190|1|1|Das Jesuskind verstößt gegen gesellschaftliche Gebräuche. Die Erweckung der Tullia
KJ|0|190|1|1|Am 22. April 1844
KJ|0|190|1|0|Das Kindlein aber sprach darauf wieder zum Cyrenius:
KJ|0|190|2|0|„Cyrenius, du bist nun wohl gesättigt in deinem Herzen, und diese Sättigung wird dir bleiben ewig!
KJ|0|190|3|0|Aber dein Leib ist hungrig, und du bedarfst einer Stärkung für denselben Zweck, zu welchem Zweck Ich Selbst für Meinen Leib einer natürlichen Stärkung bedarf.
KJ|0|190|4|0|Daher gehe du nur mit Mir hinab ins Haus, allda wollen wir einen guten Fisch, den heute der Jonatha mitgenommen hatte und den Meine Brüder recht wohl zubereitet hatten, verzehren.
KJ|0|190|5|0|Denn Ich muss dir sagen, dass Ich die Fische viel lieber esse als das öde jüdische Kindskoch; und Ich freue Mich schon recht auf ein gutes Stückchen!
KJ|0|190|6|0|O Ich sage dir, du Mein liebster Cyrenius, die Fische esse Ich sehr gerne und habe darum auch den Jonatha sehr lieb, weil er ein reiner Fischer ist und bringt uns öfter die besten Fische!
KJ|0|190|7|0|Und weißt du, Mein liebster Cyrenius, nach dem Essen musst du dann mit Mir ein wenig spielen, und deine Kinder sollen das auch!
KJ|0|190|8|0|Du bist noch nicht alt und kannst darum schon mit Mir ein wenig herumhüpfen und springen!“
KJ|0|190|9|0|Diese rein kindliche Sprache des Kindleins freute den Cyrenius so sehr, dass er darob ganz der toten Tullia vergaß, obschon darob seine Gesellschafter trauerten;
KJ|0|190|10|0|und einige aus der Gesellschaft aber auch sich um den Cyrenius zu sorgen anfingen ob seiner Heiterkeit, die ihnen ein Wahnsinn zu sein schien.
KJ|0|190|11|0|Der Maronius selbst ging hin zum Cyrenius und fragte ihn um sein Befinden.
KJ|0|190|12|0|Das Kindlein aber antwortete sogleich anstatt des Cyrenius und sprach:
KJ|0|190|13|0|„O Maronius! Sorge dich nicht um diesen Meinen Freund; denn der war noch in seinem ganzen Leben nie wahnsinnsfreier als jetzt!
KJ|0|190|14|0|Ich wollte, du wärest also gesund wie Cyrenius, da würdest du sicher keine solche Fragen stellen in Meiner Gegenwart!
KJ|0|190|15|0|Gehe aber auch du mit uns hinab zur Tafel; vielleicht heilt dich ein gutes Stückchen Fisches!
KJ|0|190|16|0|Darauf begab sich Cyrenius mit dem Kindlein, mit Joseph, Maria, Jonatha, Eudokia und mit den acht Kindern ins Haus, und der Maronius folgte ihnen, obschon ein wenig wie auf Nadeln gehend;
KJ|0|190|17|0|aber die andere große Gesellschaft trauerte und ging nicht zum Mittagsmahl.
KJ|0|190|18|0|Nach dem Essen aber, das da allen sehr wohl geschmeckt hatte, begehrte das Kindlein sogleich wieder hinaus ins Freie, um mit dem Cyrenius und mit den acht Kindern zu spielen.
KJ|0|190|19|0|Maria aber sagte: „Höre Du, mein Jesus! Nun darfst Du wohl nicht spielen, und die acht Kinder auch nicht; denn fürs Erste ist ja Sabbat, und fürs Zweite haben wir eine Leiche im Haus, und da darf man nicht spielen, sondern schön ruhig und bescheiden sein!“
KJ|0|190|20|0|Das Kindlein aber sagte: „Weib, was für ein Geist heißt dich also zu Mir reden?
KJ|0|190|21|0|Ist der Sabbat denn mehr als Ich – und das tote Weib mehr als Mein Wille?!
KJ|0|190|22|0|Damit du aber siehst, dass Ich übern Sabbat und übers tote Weib stehe und selbes Mich nicht hindere in Meiner Freude, so erwache es!“
KJ|0|190|23|0|Bei dem Wort erhob sich die Leiche vom Gerüst und kam bald ins Zimmer.
KJ|0|190|24|0|Das Kindlein aber befahl, ihr etwas zu essen zu geben, und ging dann sogleich mit dem Cyrenius ins Freie, während sich alles über diese Erweckung höchst zu verwundern anfing.
KJ|0|191|1|1|Wettlauf des Jesuskindes mit Cyrenius. Über die Lebensmeisterschaft
KJ|0|191|1|1|Am 23. April 1844
KJ|0|191|1|0|Als das Kindlein mit dem Cyrenius und den anderen acht Kindern draußen im Freien war, da sagte das Kindlein zum Cyrenius:
KJ|0|191|2|0|„Sieh dort einen Baum; wie weit wohl kann er von hier sein?“
KJ|0|191|3|0|„Ich meine“, sprach Cyrenius, „bei zweihundert Schritte dürfte er von hier, gut genommen, entfernt sein!?“
KJ|0|191|4|0|Und das Kindlein sprach: „So machen wir einen Wettlauf und überzeugen uns, wer von uns die schnellsten Füße hat!“
KJ|0|191|5|0|Und der Cyrenius lächelte und sprach: „O Herr, mit der natürlichen Kraft wirst Du wohl als der Letzte zum Baum gelangen!“
KJ|0|191|6|0|Und das Kindlein sagte: „Das wird erst der Erfolg zeigen – und so machen wir den Versuch!“
KJ|0|191|7|0|Hier liefen diese Renner aus allen Kräften, und das Kindlein war der erste Okkupant des Baumes.
KJ|0|191|8|0|Beim Baum angelangt, sagte der Cyrenius, fast ganz außer Atem:
KJ|0|191|9|0|„O Herr! Ich wusste es ja, dass Du nicht natürlich laufen wirst und wirst somit das Ziel am ersten erreicht haben!
KJ|0|191|10|0|Denn Dich tragen unsichtbare Kräfte; mich aber tragen nur meine trägen Füße!“
KJ|0|191|11|0|Das Kindlein aber sprach: „Cyrenius, hier hast du dich einmal wieder geirrt; denn deine Füße werden so wie die Meinen von unsichtbaren Kräften belebt.
KJ|0|191|12|0|Aber der Unterschied besteht nur darin, dass Ich ein Meister, du aber nur ein Schüler der Kräfte bist.
KJ|0|191|13|0|So du aber deine Kräfte recht üben wirst, dann wirst auch du sie wie der Meister gebrauchen können!
KJ|0|191|14|0|Nun aber laufen wir wieder zurück, und wir wollen da sehen, wer da zuerst den Platz vor dem Haus erreichen wird!“
KJ|0|191|15|0|Hier bog sich der Cyrenius schnell zur Erde, hob das Kindlein auf und lief mit Ihm auf den Platz – und war bei weitem der Erste am Platz.
KJ|0|191|16|0|Allda angelangt, lächelte das Kindlein und sprach: „Das war recht lustig!
KJ|0|191|17|0|Siehe, du hast es gleich zur Meisterschaft gebracht; du sahst den Meister, nahmst Ihn auf, und wardst somit selbst zum Meister!
KJ|0|191|18|0|Siehe aber auch die Lehre daraus: Also wird in der Zukunft niemand mehr ein Meister aus sich;
KJ|0|191|19|0|wenn er aber den Meister aufnehmen wird, da wird er ein Meister durch den Meister, den er aufgenommen hat.
KJ|0|191|20|0|Es liegt wenig daran, wer da schneller laufen kann; dessen ungeachtet aber solle sich ein jeder bestreben, das von Mir gezeigte Ziel am ersten und als Erster zu erreichen!
KJ|0|191|21|0|Wer aber mit der eigenen Kraft den Lebenslauf beginnen wird, der wird der Letzte sein;
KJ|0|191|22|0|wer aber tun wird, wie du eben jetzt beim zweiten Lauf getan hast, der wird auch dir gleich als der Erste am Ziel sich befinden!
KJ|0|191|23|0|Nun aber lasse uns zu einer anderen Spielerei übergehen und uns dabei recht kindlich erheitern!“
KJ|0|192|1|1|Das Jesuskind erklärt Cyrenius das Grübchenspiel
KJ|0|192|1|1|Am 24. April 1844
KJ|0|192|1|0|Darauf wandte sich das Kindlein zum Sixtus als dem ältesten der Knaben von den Cyrenischen Kindern und sagte zu ihm:
KJ|0|192|2|0|„Sixtus, gehe und mache da vorne am abgetretenen Weg zehn Grübchen, ein jedes eine Spanne vom anderen entfernt! Was dann damit zu geschehen hat, das weißt du schon.
KJ|0|192|3|0|Dann bringe du die zehn Kügelchen, die der Jakob aus Lehm für uns zum Spielen gemacht hat, und wir werden dann ein wenig Kügelchen werfen; – du weißt schon wie, denn du hast es Mich ja gelehrt!“
KJ|0|192|4|0|Darauf tat Sixtus sogleich, was das Kindlein verlangte.
KJ|0|192|5|0|Als die zehn Grübchen gemacht und die Lehmkügelchen herbeigeschafft waren, da sagte das Kindlein zum Cyrenius:
KJ|0|192|6|0|„Nun lasse Mich nur wieder frei, damit Ich dir erklären kann und zeigen, wie dieses Spiel geht; aber ihr anderen Kinder dürft Mir nun nichts einreden, weil Ich dem Cyrenius selbst die Sache erklären will!“
KJ|0|192|7|0|Hier wandte sich das Kindlein ganz pathetisch an den Cyrenius und sprach:
KJ|0|192|8|0|„Siehe, das Spiel geht also: Drei Schritte vor diesen Grübchen musst du stehen, dann ein Kügelchen scheiben.
KJ|0|192|9|0|Bringst du es durch einen gelungenen Wurf ins zehnte und somit letzte und entfernteste Grübchen, so bist du des Spieles König; bringst du es ins neunte, dann bist du ein Minister; im achten bist du ein Feldherr!
KJ|0|192|10|0|Im siebenten ein Landpfleger, im sechsten ein Richter, im fünften ein Priester, im vierten ein Landmann, im dritten ein Vater, im zweiten eine Mutter und im ersten ein Kind!
KJ|0|192|11|0|Wie dann das Spiel weitergeht, das werde Ich dir schon wieder erklären, wenn die Grübchen besetzt sein werden.“
KJ|0|192|12|0|Hier nahm lächelnd der Cyrenius ein Kügelchen und schob es nach dem Wege, und das Kügelchen rollte sogleich ins erste Grübchen!
KJ|0|192|13|0|Und das Kindlein fragte: „Bist du mit deinem Stand zufrieden? Ansonst kannst du als Anfänger noch zwei Mal scheiben!“
KJ|0|192|14|0|Und der Cyrenius sagte: „Mein herrlichstes Leben, Mein Jesus! Ich bleibe schon, wo ich nun bin!“
KJ|0|192|15|0|Und das Kindlein sprach: „Gut, so scheibet ihr nun darauf, einer nach dem anderen. Ich werde dann zuletzt scheiben!“
KJ|0|192|16|0|Und die Kinder schoben ihre Kügelchen, besetzten aber nicht alle Grübchen, sondern sie kamen oft zu zwei und zu drei in ein Grübchen.
KJ|0|192|17|0|Am Ende schob das Kindlein und kam wie sonst allzeit ins zehnte Grübchen.
KJ|0|192|18|0|Da hielt sich ein Mädchen auf und sprach: „Aber so muss denn der kleine Jesus allzeit ein König sein!“
KJ|0|192|19|0|Das Kindlein aber sagte zum Mädchen: „Warum grämst du dich darob? Hast doch vor Mir geschoben, warum bist denn so ungeschickt in deiner Hand!?
KJ|0|192|20|0|Grolle Mir aber nicht darob, sonst werde Ich gleich wieder eine Maus über dich kommen lassen, vor der du dich so sehr fürchtest!“
KJ|0|192|21|0|Darauf sagte das Mädchen nichts mehr und begnügte sich allein in ihrem zweiten Grübchen.
KJ|0|192|22|0|Es war aber das neunte, achte, siebente und sechste Grübchen unbesetzt; da sagte der Cyrenius zum Kindlein:
KJ|0|192|23|0|„Siehe, Du mein Leben! Nun gibt es noch keinen Minister, keinen Feldherrn, keinen Landpfleger und keinen Richter!
KJ|0|192|24|0|Wer wird nun diese Hauptstellungen übernehmen?“
KJ|0|192|25|0|„Diese Stellen“, sprach das Kindlein, „muss nun Ich Selbst versehen, weil sie niemand besetzt hatte; denn alle die unbesetzten Posten müssen von einem, vom Königsgrübchen gerechnet, besetzten übernommen werden!
KJ|0|192|26|0|Wäre der Minister besetzt, da fielen die drei nachfolgenden leeren Posten ihm zu; da er aber unbesetzt ist, so fallen die vier Grübchen nun dem König zu! Da nun aber die Grübchen besetzt sind, so gehen wir nun aufs eigentliche Spiel über!“
KJ|0|193|1|1|Das Grübchenspiel: Der erste Schub. Cyrenius im Kindergrübchen
KJ|0|193|1|1|Am 25. April 1844
KJ|0|193|1|0|Und weiter sprach das Kindlein zum Cyrenius: „Nun, da Ich der König bin, so muss Mir aus euch auch ein jeder wie einem König gehorchen!
KJ|0|193|2|0|Und so hört nun Meine Gesetze! Das Grübchen der Priester sei weise und ernst-gut!
KJ|0|193|3|0|Wenn du lachst, wenn jemand anderer lacht, dann fehlst du und wirst deines Amtes enthoben und fällst in die Strafe dadurch.
KJ|0|193|4|0|Du Grübchen des Landmanns sei tätig; wenn du lau bist, wirst du hungern müssen!
KJ|0|193|5|0|Du Vatergrübchen sei voll Liebe gegen deine Kinder, und erziehe sie recht und gerecht, sonst wirst du ihnen zum Gespött werden!
KJ|0|193|6|0|Du Muttergrübchen sei häuslich und voll Gottesfurcht, auf dass deine Säuglinge weise werden!
KJ|0|193|7|0|Und du mein gutes, liebes Kindergrübchen, bleibe wie du bist: ein steter Lehrer der Weisen zur Weisheit in Gott!
KJ|0|193|8|0|Nun, das sind die Gesetze; diese müssen genau befolgt werden!
KJ|0|193|9|0|Will aber jemand eine Gnade von Mir, der muss knieend zu Mir darum kommen!
KJ|0|193|10|0|Nun geht und handelt, und lasst Mich allein! Du Cyrenius aber musst mit Vater und Mutter gehen, weil du ein Kind bist!“
KJ|0|193|11|0|Nun gingen ein Mädchen und ein Knabe als Priester ganz ernst und gravitätisch davon und stellten sich auf einen etwas erhabeneren Platz.
KJ|0|193|12|0|Dann gingen zwei Mädchen und ein Knabe als Landleute davon und tummelten sich dann recht geschäftig am Boden herum, als hätten sie die wichtigste Arbeit.
KJ|0|193|13|0|Darauf gingen wieder ein Knabe und ein Mädchen, gar ernstlich sich haltend, davon und stellten den Vater dar, weil der Vater auch in seinem Herzen eine Mutter sein solle, um ein rechter Vater zu sein.
KJ|0|193|14|0|Darauf ging die alleinige Mutter und nach ihr das Kind, nämlich der Cyrenius; und die Mutter aber scheute sich vor ihrem Kind und getraute sich nicht, mit ihm zu reden und ihm weise Lehren zu geben.
KJ|0|193|15|0|Sie kehrte sich darum zum König und bat Ihn um die Gnade, dass Er ihr einen anderen Posten geben möchte.
KJ|0|193|16|0|Der König aber beschied sie zu den Priestern, und diese fingen an zu lachen, als sie die Mutter auf sie zulaufen sahen.
KJ|0|193|17|0|Da berief der König sogleich die Priester und setzte sie ab, weil sie gelacht haben, da sie ernstweise hätten sein sollen, und steckte sie unter die Landleute.
KJ|0|193|18|0|Die Landleute aber fingen bald untereinander zu hadern und zu zanken an, und der König berief sie und machte sie recht aus und stiftete Ruhe unter ihnen.
KJ|0|193|19|0|Nun kam wieder die Mutter und begehrte einen anderen Posten.
KJ|0|193|20|0|Der König aber sprach: „Da du die Liebe darstellst in ihrer Weisheit, so sei du der Priester!“
KJ|0|193|21|0|Nun aber kam der Vater und beklagte sich, dass er kein Weib habe, weil die Mutter ein Priester ist.
KJ|0|193|22|0|Und der König sprach: „So nehme das Kind und gehe hin und werde, was die Mutter ist!“
KJ|0|193|23|0|Und also geschah es; aber der Priester fing an, starke Achtungsforderungen an die Landleute zu machen.
KJ|0|193|24|0|Da fing es bald an darunter und darüber zu gehen, und der König berief daher alles wieder zurück und sprach: „Ich sehe, dass ihr uneins seid; daher wollen wir zu einem neuen Schub schreiten!“
KJ|0|194|1|1|Das Grübchenspiel: Der zweite Schub. Cyrenius im Ministergrübchen. Das neidische Mädchen
KJ|0|194|1|1|Am 26. April 1844
KJ|0|194|1|0|Cyrenius musste wieder zuerst scheiben, und sein Kügelchen kam nun ins neunte Grübchen, und die Kinder des Cyrenius sagten:
KJ|0|194|2|0|„Vater Cyrenius, aber das heißt doch gestiegen!? Vom Kind zum Minister, und das beim ersten Schub!
KJ|0|194|3|0|Wenn du noch einmal scheiben möchtest, da möchtest du sicher ins Königsgrübchen kommen!“
KJ|0|194|4|0|Und der Cyrenius sprach: „Meine Kinder, ich bin schon zufrieden mit dieser Würde; nehmt daher nur ihr die Kügelchen, und scheibt!
KJ|0|194|5|0|Seht, dass ihr recht häufig ins Kindergrübchen kommt; denn da werdet ihr am eigentlichsten und besten Platz sein!“
KJ|0|194|6|0|Darauf schob sogleich der Sixtus und kam ins Kindergrübchen und hatte eine rechte Freude daran.
KJ|0|194|7|0|Darauf schob das älteste Mädchen und kam wieder ins zweite Muttergrübchen.
KJ|0|194|8|0|Das Mädchen aber murrte wieder und sprach: „Ach, so muss ich denn schon wieder die Mutter sein!“
KJ|0|194|9|0|Das Kindlein aber ging hin, nahm das Kügelchen aus der Grube, gab es dem Mädchen wieder in die Hand und sprach:
KJ|0|194|10|0|„Da – scheibe noch einmal, du Unzufriedene; sehe aber zu, dass du nicht wieder Mutter wirst!“
KJ|0|194|11|0|Und das Mädchen schob wieder und kam wieder ins nämliche Grübchen und fing an förmlich zu weinen aus Ärger.
KJ|0|194|12|0|Da trat das Kindlein wieder hin zum Mädchen und sprach: „O du herrschsüchtiges Wesen! Wahrlich, in dir verleugnet sich des Urweibes Natur nicht!
KJ|0|194|13|0|Was solle Ich mit dir tun, du Schlangennatur, du Löwentatze?
KJ|0|194|14|0|Nur geschwind eine Maus her, die soll dich recht plagen, dann wirst du Mir schon anders werden!“
KJ|0|194|15|0|Hier fiel das Mädchen sogleich auf die Knie vor dem Kindlein nieder und sprach weinend:
KJ|0|194|16|0|„Mein liebster Jesus, ich bitte dich, nur keine Maus oder Ratte; denn da fürchte ich mich ganz entsetzlich!
KJ|0|194|17|0|Ich will ja tausend Male lieber Mutter sein, als nur eine einzige Maus sehen!“
KJ|0|194|18|0|Das Kindlein aber sprach: „Diesmal will Ich dich mit der Maus noch verschonen;
KJ|0|194|19|0|aber wenn du Mir noch einmal murrst, dann sollen zehn Mäuse auf einmal über dich kommen und beschnüffeln deine Füße!“
KJ|0|194|20|0|Da ward das Mädchen mäuschenstill und sah ganz geduldig zu, wie die anderen Kinder alle anderen Grübchen besetzten,
KJ|0|194|21|0|und hielt sich nicht auf, als sogar ein zweites Mädchen das Vatergrübchen besetzte, was ihr sonst allzeit am ärgsten war, so dahin nicht ein Knabe kam.
KJ|0|194|22|0|Am Ende schob das Kindlein wieder und kam schon wieder ins Königsgrübchen.
KJ|0|194|23|0|Da biss sich das Mädchen vor geheimem Ärger in die Lippen.
KJ|0|194|24|0|Und das Kindlein lächelte, nahm einen kleinen Zweig und tupfte mit demselben alle die Kügelchen an und blies dann über die Grübchen, und im Augenblicke saß statt des Kügelchens eine muntere Maus darinnen.
KJ|0|194|25|0|Als das Mädchen dieser Tierchen ansichtig ward, da fing es an ganz entsetzlich zu schreien und zu kirren und lief davon.
KJ|0|194|26|0|Da kam Joseph heraus und fragte: „Was hast Du, mein lieber Jesus, schon wieder mit dem Mädchen, dass sie gar so schreit?“
KJ|0|194|27|0|Und das Kindlein sprach: „Sie ist wie immer neidig; darum habe Ich wieder einige Mäuse über sie kommen lassen!“
KJ|0|194|28|0|Hier lächelte Joseph und ging, das Mädchen wieder zu beguten; die übrigen Kinder aber setzten nun ruhig ihr Spiel fort, denn sie ersahen nichts von den schrecklichen Mäusen.
KJ|0|195|1|1|Das Jesuskind im Gespräch mit dem eigensinnigen Mädchen
KJ|0|195|1|1|Am 27. April 1844
KJ|0|195|1|0|Nach einer Weile kam auch das Mädchen wieder, und das Kindlein fragte sie sogleich, ob sie wieder mitspielen wolle.
KJ|0|195|2|0|Das Mädchen aber sagte: „Zusehen will ich wohl, aber mitspielen will ich nicht; denn mich ärgert geschwind etwas, und dann bist Du sogleich schlimm!
KJ|0|195|3|0|Und so mag ich nicht mitspielen; denn ich habe eine zu große Furcht vor Dir, weil du sogleich mit den Mäusen und Ratten da bist!“
KJ|0|195|4|0|Das Kindlein aber sprach: „Ja, warum bist denn du aber auch so dumm und ärgerst dich über Dinge, bei denen du nichts verlierst, ob sie so oder so ausfallen?!
KJ|0|195|5|0|Sei mit dem zufrieden, was dir durchs Los zukommt, und es werden hinfort keine Mäuse und Ratten über dich kommen!
KJ|0|195|6|0|Sieh Mich an! Ich scheibe allzeit zuletzt, und Ich murre nicht, da Mir doch der Vorrang gebührte!
KJ|0|195|7|0|Warum murrst dann du, da du doch als Mädchen die Geduld selbst sein solltest?“
KJ|0|195|8|0|Und das Mädchen sprach: „Was kann denn ich dafür? Warum habe ich denn ein solches Gemüt? Ich selbst habe es mir nicht gegeben; und so bin ich, wie ich bin, und kann nicht anders sein!
KJ|0|195|9|0|Da ich aber weiß, dass ich also bin, darum spiele ich nun lieber nicht mit, als dass ich mich wieder ärgern solle, um von Dir dann wieder mit den Mäusen bestraft zu werden!“
KJ|0|195|10|0|Das Kindlein aber wandte Sich hinweg und sprach wie zu Sich: „Siehe, die Kinder der Welt begehren auf mit Dir und tadeln an ihnen Dein Werk, weil sie Dich nicht kennen!
KJ|0|195|11|0|Doch – ein Wurf und noch ein Wurf, und die Kinder der Welt sollen anders von Dir denken!“
KJ|0|195|12|0|Darauf wandte Sich das Kindlein wieder um und sprach zum Mädchen: „Wem aber gibst du dann die Schuld, dass du also ärgerlich bist und bist nicht zufrieden mit deinem Los?“
KJ|0|195|13|0|Das Mädchen aber sprach: „Wahrhaftig! – wenn Du, mein lieber Jesus, einen einmal zu fragen anfängst, dann nimmt es kein Ende,
KJ|0|195|14|0|und Du wirst dadurch dann ein ganz entsetzlich lästiges Kind!
KJ|0|195|15|0|Was weiß ich, wer daran schuld ist, dass ich also bin? Du bist ja selbst so ein kleiner Prophet und bist ein Wunderkind, das mit Gott reden kann!
KJ|0|195|16|0|Frage Diesen, wenn solches möglich ist, der wird es Dir am besten zu sagen wissen, warum ich also bin!“
KJ|0|195|17|0|Hier trat das Kindlein näher zum Mädchen und sprach: „Du Mädchen! So du Mich kenntest, da würdest du anders reden;
KJ|0|195|18|0|da du Mich aber nicht kennst, da redest du, wie dir die Zunge gewachsen ist!
KJ|0|195|19|0|Da siehe einmal hinauf zur Sonne! Was meinst du, was diese ist und von wem sie ihren Glanz hat?“
KJ|0|195|20|0|Das Mädchen aber sprach schon ganz ungeduldig: „Aber dass Du gerade auf mich eine solche Passion hast, mich förmlich zu martern mit Deinen Fragen!
KJ|0|195|21|0|Da siehe, dort sind noch sieben, diese haben Ruhe vor Dir; gehe auch einmal zu ihnen, und belästige sie mit Deinem ewigen Gefrage!“
KJ|0|195|22|0|Und das Kindlein sprach: „O Mädchen! Siehe, diese sind gesund und bedürfen keiner Arznei; du aber bist krank in deiner Seele, darum möchte Ich dir wohl helfen, wenn du nicht so stützig wärest!
KJ|0|195|23|0|Da du aber so sehr stützig bist, so wird dir schwer zu helfen sein!
KJ|0|195|24|0|Das aber merke du dir: So ein Engel der Himmel Gottes die Gnade hätte, von Mir dir gleich befragt zu werden, so würde er vor zu großer Seligkeit also erbrennen, dass er durch sein Liebefeuer die ganze Erde im Augenblick zerstören würde!
KJ|0|195|25|0|Gehe aber nun von Mir; Ich mag dich nicht mehr, darum du so stützig und eigensinnig bist!“ – Hier ging das Mädchen davon und weinte heimlich; Jesus aber dirigierte als König fort Seine Spielgenossen.
KJ|0|196|1|1|Das Grübchenspiel: Der dritte und der finale vierte Schub
KJ|0|196|1|1|Am 29. April 1844
KJ|0|196|1|0|Im Verlauf dieses zweiten Spieles aber fielen wieder einige Zwistigkeiten unter den Spielenden aus.
KJ|0|196|2|0|Der Minister ward zu gefürchtet, weil das der Cyrenius selbst war; der Feldherr wie der Landpfleger und der Richter getrauten sich kaum zu rühren gegen den Minister und schmollten heimlich bei sich über solche Ordnung.
KJ|0|196|3|0|Besonders waren ein paar Mädchen, die da den Landpfleger und den Richter machten, nicht zufrieden, weil sie ohne des Ministers Einwilligung nichts tun dürften.
KJ|0|196|4|0|Nur Sixtus in seinem Kindergrübchen ward vollkommen zufrieden.
KJ|0|196|5|0|Das Kindlein aber sah diese Uneinigkeit und berief daher alle wieder zusammen, teilte die Kügelchen wieder aus und ließ zum dritten Male scheiben.
KJ|0|196|6|0|Bei diesem Schub aber kam der Cyrenius ins Königsgrübchen und das Kindlein ins Kindsgrübchen;
KJ|0|196|7|0|und alle Kinder hatten eine recht große Freude, dass auch einmal der zwei Jahre und vier Monate alte Jesus ins Kindergrübchen kam.
KJ|0|196|8|0|Hier kam sogar das gewisse Mädchen wieder und sagte zum Kindlein: „Siehe, da ist der rechte Platz für Dich; das freut mich, dass Du auch einmal in dieses langweilige Grübchen kamst!“
KJ|0|196|9|0|Das Kindlein aber sprach: „Siehe, das Ministergrübchen ist noch frei! Nehme ein Kügelchen und scheibe, vielleicht kommst du hinein?“
KJ|0|196|10|0|Darauf nahm das Mädchen doch wieder das Kügelchen und schob und kam richtig ins Ministergrübchen.
KJ|0|196|11|0|Als sie sich aber im Ministergrübchen erschaute, da wurde sie ganz brennend rot vor Freude, dass endlich einmal ihr Ehrgeiz befriedigt worden ist, und sprach scherzend:
KJ|0|196|12|0|„Nun, mein Jesus, freue Dich; jetzt werde ich Dich schon strafen, wenn Du ungehorsam sein wirst!“
KJ|0|196|13|0|Und das Kindlein sagte: „Weißt du, die Kinder sind frei vom Gesetz; was willst du Mir dann tun, und was machen mit Mir?“
KJ|0|196|14|0|Das Mädchen aber sprach: „Lass nur einmal das Spiel anfangen, und Du sollst sogleich sehen, ob der Minister keine Gewalt über die Kinder hat!“
KJ|0|196|15|0|Darauf teilte Cyrenius als der König das Spiel aus, und alles ging auf seine Plätze und übte dort sein Amt aus.
KJ|0|196|16|0|Der Minister aber hetzte besonders den Priester gegen das Kind auf, auf dass er es ja nicht zu sich kommen solle lassen.
KJ|0|196|17|0|Also hatten auch die anderen Stände kein Gehör für das Kind.
KJ|0|196|18|0|Und das Kind lief darum zum König und beklagte sich nach der Regel des Spieles bei ihm ob seiner Verfolgung.
KJ|0|196|19|0|Und der König sprach: „O Herr, ich bin in diese Regeln noch zu wenig eingeweiht!
KJ|0|196|20|0|Da nun aber sich schon wieder dieser Regeln ungeachtet eine Unordnung ins Spiel eingeschlichen hatte, da will ich die kleine Gesellschaft wieder einberufen, und so Du willst, können wir sogleich einen neuen Schub machen!“
KJ|0|196|21|0|Und das Kindlein sprach: „Ja – Cyrenius, einen neuen, und für ewig den letzten!
KJ|0|196|22|0|Und so rufe die Kinder zusammen, auf dass wir die letzte Probe machen!“
KJ|0|196|23|0|Und der Cyrenius berief die Kinder zusammen und verteilte die Kügelchen, und es ward geschoben.
KJ|0|196|24|0|Diesmal aber schoben alle Kinder samt dem Cyrenius ins Kindergrübchen; nur allein Jesus schob ins Königsgrübchen.
KJ|0|196|25|0|Da fing aber Sein Grübchen an sobald glühend zu werden und Sein Kügelchen zu strahlen wie die Sonne!
KJ|0|196|26|0|Und das Kindlein nahm das strahlende Kügelchen und legte es ins Vatergrübchen und fragte dann den Cyrenius:
KJ|0|196|27|0|„Cyrenius! Verstehst du nun schon ein wenig dieses bedeutungsvollste Spiel?“
KJ|0|196|28|0|Und der Cyrenius sprach: „O Herr, Du mein Leben! – wie solle ich das verstehen?“
KJ|0|196|29|0|Und das Kindlein sprach: „So höre Mich denn an; Ich werde es euch allen gar klar und gründlich deuten!“
KJ|0|197|1|1|Das Jesuskind erklärt die Bedeutung des Grübchenspiels
KJ|0|197|1|1|Am 30. April 1844
KJ|0|197|1|0|Und das Kind fing sogleich an, wie ein weiser Lehrer einer Synagoge zu reden und sprach:
KJ|0|197|2|0|„Das aber ist die Bedeutung dieses Spiels: Von der Schöpfung, wie vor ihr war Gott von Ewigkeit der Herr!
KJ|0|197|3|0|Der erste Wurf: Die alten Geister erwachen und wollen sich die Herrlichkeit Gottes nicht gefallen lassen, und das Spiel hat keine Ordnung.
KJ|0|197|4|0|Von Adam bis Noah und von Noah bis Moses dauert dieses Spiel.
KJ|0|197|5|0|Das stützige Mädchen ist die Liebe und die Welt, der aber die Liebe zuwider ist.
KJ|0|197|6|0|Zu Noahs Zeiten wird sie durch Drohung gestraft, wie dies Mädchen mit den Mäusen.
KJ|0|197|7|0|Aber die Welt bessert sich nicht, sondern verfällt allmählich wieder in die Abgötterei und will Altäre, sichtbare Gottheit und viel Zeremonie.
KJ|0|197|8|0|Da beruft der Herr das Spiel unter Moses zusammen, und es geschieht ein zweiter Wurf!
KJ|0|197|9|0|Anfangs scheint es, diesmal wird es sich halten; aber nur einmal dem Moses den Rücken zugewandt, und das goldene Kalb ist fertig!
KJ|0|197|10|0|Also fängt das Mädchen erst an recht zu zanken, auf dass es dann im Ernst gestraft wird mit der Drohung in der Wirklichkeit.
KJ|0|197|11|0|Und so war die Sündflut viel mehr eine gar starke Drohung als gewisserart eine Strafe.
KJ|0|197|12|0|Aber die Strafe des Volkes in der Wüste war eine wahre Strafe, da sie durchs Feuer geschah wie einst zu Sodom.
KJ|0|197|13|0|Auf den Wurf geht das Spiel an; aufrichtig gesagt, anfangs geht es gut, aber aus purer Furcht, denn diesem Spiel fehlt die Mutter, die Liebe, die davonging, weil sie nicht herrschen durfte.
KJ|0|197|14|0|Bis auf diese Zeit dauerte dies mosaische Spiel und rieb sich auf durch lauter Empörungen und durch die stete Furcht.
KJ|0|197|15|0|Wieder ruft der Herr die kleine Schar zusammen; der Wurf geschieht, und der Herr wird zum Kind!
KJ|0|197|16|0|Da kommt die Liebe und äußert eine gewisse Freude über den ohnmächtigen Stand des Herrn.
KJ|0|197|17|0|Die Liebe wirft nun auch, und es gelingt ihr zu erreichen die erste Stufe des Thrones.
KJ|0|197|18|0|Und da verfolgt sie den Herrn bis zum Tode und lässt Ihm über tausend und nahe neunhundert Jahre keine Ruhe und hetzt alles wider Ihn auf!
KJ|0|197|19|0|Dann aber ersieht die gestellte Weltherrschaft selbst, dass es sich also nicht mehr tue.
KJ|0|197|20|0|Und ein letzter Wurf geschieht, der Herr wird wieder der alte Herr; voll glühendsten Eifers wird Sein Stand und voll Gnade Sein Wurf!
KJ|0|197|21|0|Und alles Volk wird vom Kinderstand den Vater erkennen, so Er dem Volk als Solcher in aller Seiner Liebemacht näher und näher rücken wird!
KJ|0|197|22|0|Und das wird der letzte Wurf sein, und wird fürder keiner mehr geschehen! Denn der Vater wird dann ewig der Vater sein!
KJ|0|197|23|0|Siehe, das ist dieses Spieles Sinn! Nun aber gehen wir wieder ins Haus, um zu sehen, was die erwachte Tullia macht; und so folgt Mir alle!“
KJ|0|198|1|1|Maria und Eudokia bemühen sich um die erweckte Tullia und ignorieren den Herrn. Ein Bild der Zukunft: Die römische Kirche und die Marienverehrung
KJ|0|198|1|1|Am 2. Mai 1844
KJ|0|198|1|0|Als unsere Spielgesellschaft in das Haus kam, wurde sie kaum bemerkt; denn alles war noch vollauf mit der wiedererwachten Tullia beschäftigt.
KJ|0|198|2|0|Einige trösteten sie, andere wieder machten sich so um sie her und beobachteten sie und besorgten einen abermaligen Rückfall in ihren Tod.
KJ|0|198|3|0|Selbst Maria und die Eudokia waren mit ihr beschäftigt und brachten ihr allerlei Stärkungen und Erfrischungen.
KJ|0|198|4|0|Und die Söhne Josephs samt dem Jakob waren mit der Bereitung des Abendmahles beschäftigt.
KJ|0|198|5|0|Nur der Joseph und der Jonatha saßen im Nebenzimmer auf einer Strohbank und besprachen sich über so manches aus der Vorzeit;
KJ|0|198|6|0|und sie auch waren die einzigen, die die Eintretenden bemerkten, standen darum auf und gingen dem Cyrenius und dem Kindlein entgegen und empfingen sie natürlich auf das Allerfreundlichste.
KJ|0|198|7|0|Das Kindlein lief aber sogleich zum Joseph und sagte zu ihm:
KJ|0|198|8|0|„Wie lange werden die Toren die wiedererwachte Tullia noch trösten, laben und stärken?
KJ|0|198|9|0|Sie lebt ja schon lange gut genug und wird nicht wieder sterben vor ihrer rechten Zeit; was wollen dann die Toren?!“
KJ|0|198|10|0|Und der Joseph sprach: „Was kümmert uns das? Lassen wir ihnen ihre Freude; denn wir verlieren ja nichts dadurch!“
KJ|0|198|11|0|Und das Kindlein sagte darauf: „Das ist wohl offenbar wahr, und Ich will Mich darob auch wenig kümmern;
KJ|0|198|12|0|aber das, meine Ich, solle doch auch richtig sein: Wenn schon die Erweckte eine so große Bewunderung verdient, da solle doch der Erwecker nicht gar zu sehr im Hintergrund stehenbleiben!?“
KJ|0|198|13|0|Und der Joseph sprach: „Da hast Du, mein Söhnchen, wohl ganz recht; aber was lässt sich hier machen?
KJ|0|198|14|0|Solle ich Dich als den unfehlbaren Erwecker aufführen, so hieße das, Dich vor der Zeit an die, die Dich noch lange nicht kennen, verraten – und das wäre unklug!
KJ|0|198|15|0|Hauchtest Du ihnen aber eine solche Erkenntnis wunderbar in ihr Gemüt, da wären sie gerichtet!
KJ|0|198|16|0|Daher lassen wir sie, wie sie sind; wir aber bleiben hier im Geheimen beisammen im Geiste und in der Wahrheit!
KJ|0|198|17|0|Wenn sie sich bis zum Überdruss aber an der Römerin werden satt getröstet und angegafft haben, dann werden sie etwa wohl kommen und werden mit uns Gemeinschaft machen!“
KJ|0|198|18|0|Und das Kindlein sprach: „Seht auch hier wieder ein Bild der Zukunft!
KJ|0|198|19|0|Also werden sich auch dereinst die, welche unter unserem Dach sein werden, mit der toten Römerin abgeben um der weltlichen Dinge wegen,
KJ|0|198|20|0|und Maria wird unter den Römern und mit der Römerin viel zu tun haben!
KJ|0|198|21|0|Aber dennoch werden die in unserem Haus nicht unsere Genossen, sondern vielmehr sein, was sie nun sind, nämlich Heiden, und werden Meiner nicht achten, sondern allein der Maria!
KJ|0|198|22|0|Und Meine eigentliche Gesellschaft wird verborgen und klein bleiben zu allen Zeiten auf der Welt!
KJ|0|198|23|0|Tullia war eine blinde Bettlerin und ward sehend durch Mein lebendiges Wasser
KJ|0|198|24|0|und ward dann ein erstes Weib des großen Reiches der Heiden.
KJ|0|198|25|0|Da sie aber eifersüchtig ward, da auch fand sie den Tod.
KJ|0|198|26|0|Wieder ward sie erweckt, dass sie lebe; sie lebt, aber noch mag sie Meiner nicht gewahr werden.
KJ|0|198|27|0|Werde Ich sie wohl durch ein Gericht auf Mich müssen aufmerksam machen?
KJ|0|198|28|0|Ich aber will noch warten einige Zeit und sehen, ob sich die Römerin nicht erheben wird und kommen zu Mir, ihrem Erwecker! Joseph, verstehst du dies Bild?!“
KJ|0|199|1|1|Jesus erklärt den Grund Seiner Darniederkunft und macht Voraussagen über die Zukunft der Menschheit
KJ|0|199|1|1|Am 3. Mai 1844
KJ|0|199|1|0|Da aber Joseph solches vom Kindlein vernommen hatte, da sprach er:
KJ|0|199|2|0|„O mein Gottsöhnchen! – ich habe Dich in meiner Tiefe wohl verstanden.
KJ|0|199|3|0|Aber ich muss dazu bekennen, dass Du mir da eben keine angenehme Vorsage gemacht hast!
KJ|0|199|4|0|Denn so nach Dir, wie vor Dir, der größte Teil der Menschen Heiden und Götzendiener verbleiben werden, wozu ist dann diese Deine Darniederkunft?
KJ|0|199|5|0|Wozu solche Erniedrigung Deiner endlosen ewigen Heiligkeit? Willst Du nur wenigen helfen? Warum nicht allen?!“
KJ|0|199|6|0|Das Kindlein aber sprach: „O Joseph, du hast ja eine Menge eitler Fragen!
KJ|0|199|7|0|Hast du noch nie den gestirnten Himmel betrachtet? Siehe, ein jeder Stern, den du erschaust, ist eine Welt, ist eine Erde, auf der, wie hier, freie Menschen wohnen!
KJ|0|199|8|0|Und zahllose gibt es, die noch keines Sterblichen Auge erspäht hatte; und siehe, diesen allen gilt diese Meine Darniederkunft!
KJ|0|199|9|0|Wie und warum aber, das wirst du einst in Meinem Reich in größter Klarheit erschauen!
KJ|0|199|10|0|Darum wundere dich nicht, so Ich über dieser Erde Menschen dir eine solche Vorsage gemacht habe;
KJ|0|199|11|0|denn Ich habe deren ohne Zahl und Ende; und alle diese Zahl- und Endlosen bedürfen dieser Meiner Darniederkunft –
KJ|0|199|12|0|und bedürfen deren darum, weil solcher Meine eigene ewige Ordnung bedarf, aus der diese Erde wie alle anderen ohne Zahl und Ende hervorgegangen sind.
KJ|0|199|13|0|Also wird es auf der Erde wohl also zugehen, wie Ich es dir vorausgesagt habe!
KJ|0|199|14|0|Aber darum wird der ewig heilige Zweck dieser Meiner Darniederkunft dennoch nicht ein vergeblicher sein!
KJ|0|199|15|0|Denn sieh: Alle die zahllosen Welten, Sonnen und Erden haben ihre Bahnen, und diese haben eben auch zahl- und endlos verschiedene Richtungen.
KJ|0|199|16|0|Überall sind andere Gesetze und überall eine andere Ordnung;
KJ|0|199|17|0|aber am Ende kommen sie doch alle in der einen Meinen Grundordnung zurecht und entsprechen dem einen großen Hauptzweck wie die Glieder des Leibes und deren Verrichtungen.
KJ|0|199|18|0|Und siehe, also wird es auch mit den Menschen der Erde am Ende sein, und sie werden dereinst im Geiste dennoch alle erkennen, dass es nur einen Gott, einen Herrn, einen Vater und nur ein vollkommenes Leben in Ihm gibt.
KJ|0|199|19|0|Wie und wann aber? Das bleibt bei Dem, der es dir nun gesagt hat!
KJ|0|199|20|0|Aber es werden zuvor noch viele Winde über den Boden der Erde wehen müssen
KJ|0|199|21|0|und viel Wassers dem Himmel entstürzen und viel Holzes verbrannt werden, bis man sagen wird:
KJ|0|199|22|0|Siehe, nun ist eine Herde und ein Hirt, ein Gott und nur ein Mensch aus Zahllosen, ein Vater und ein Sohn in und aus den Zahl- und Endlosen!“
KJ|0|199|23|0|Ob dieser Rede des Kindleins stiegen dem Cyrenius, dem Jonatha wie dem Joseph die Haare zu Berge, und der Joseph sprach:
KJ|0|199|24|0|„O Kindlein! Deine Worte werden immer unbegreiflicher, wunderbarer und wahrhaft entsetzlicher!
KJ|0|199|25|0|Wer mag deren endlose Tiefe erfassen?! Darum rede mit uns nach unserem Verständnis, sonst gehen wir zugrunde unter solcher Tiefe Deiner Rede!“
KJ|0|199|26|0|Das Kindlein aber lächelte und sprach: „Joseph! Siehe, gerade heute bin Ich recht aufgelegt, euch Enthüllungen zu machen, dass ihr alle darob erschaudern sollt!
KJ|0|199|27|0|Und ihr sollt daraus in der Fülle ersehen, dass in Mir im Ernst der vollkommene Herr der Ewigkeit zu Hause ist und nun wohnt unter euch! Und so hört Mich weiter an!“
KJ|0|200|1|1|Jesus prophezeit Seinen Tod und Seine Auferstehung
KJ|0|200|1|1|Am 4. Mai 1844
KJ|0|200|1|0|Und das Kindlein redete also: „Joseph! Was wirst denn du sagen, so die Kinder der Welt den Herrn dereinst ergreifen und töten werden mit Hilfe des Satans?
KJ|0|200|2|0|Wenn sie Ihn wie einen Raubmörder ergreifen werden und werden Ihn schleppen vors Weltgericht, da der Geist der Hölle sein Walten hat?
KJ|0|200|3|0|Und dieses wird den Herrn aller Herrlichkeit ans Kreuz heften lassen! Was sagst denn du dazu?!
KJ|0|200|4|0|Wenn mit Ihm geschehen wird, wie die Propheten von Ihm ausgesagt haben, deren Worte dir wohlbekannt sind! – Was sagst wohl dazu?“
KJ|0|200|5|0|Als die drei solches vom Kindlein vernommen hatten, da erschraken sie sehr, und Joseph sprach sehr heftig:
KJ|0|200|6|0|„Mein Jesus, mein Gottsöhnchen, wahrlich, solches geschehe nur Dir nicht!
KJ|0|200|7|0|Die Hand, die sich je an Dir vergreifen würde, solle verflucht sein ewig, und ihres Trägers Seele solle ewig in der möglichst größten Qual ihren Frevel büßen!“
KJ|0|200|8|0|Und der Cyrenius schlug sich auch samt Jonatha zu der Partei Josephs und sprach:
KJ|0|200|9|0|„Ja, wenn solches je möglich geschehen könnte, für ewig wahr, da will ich von heute an der grausamste Tyrann werden!
KJ|0|200|10|0|Zweihunderttausend der geübtesten Krieger stehen unter meinem Befehl; nur einen Wink kostet es mich, und Tod und Verderben sei aller Welt gebracht!
KJ|0|200|11|0|Ehe ein frecher Teufel von einem Menschen seine Satanshände an dieses Kind legen solle, eher will ich alle Menschen umbringen lassen auf der ganzen Erde!“
KJ|0|200|12|0|Das Kindlein aber lächelte und sprach: „Dann werden ja aber dennoch deine Krieger bleiben; wer wird denn dann diese aus der Welt schaffen?
KJ|0|200|13|0|Siehe, Mein lieber Cyrenius, wer da weiß, was er tut, und tut Ungerechtes, so tut er die Sünde und ist ein Täter des Übels!
KJ|0|200|14|0|Wer aber nicht weiß, was er tut, und tut also Ungerechtes, dem solle es vergeben sein; denn er wusste es ja nicht, was er tat!
KJ|0|200|15|0|Nur – so jemand wohl wüsste, was er täte, und möchte nicht tun aus sich Ungerechtes, wenn er aber gezwungen wird, da sträubt er sich nicht und tut Ungerechtes, der ist ein Sklave der Hölle und zieht sich selbst das Gericht auf den Hals!
KJ|0|200|16|0|Die Hölle aber weiß wohl, dass da mit den blinden Werkzeugen besser zu handeln ist als mit den sehenden;
KJ|0|200|17|0|daher hält sie auch fortwährend die Blinden in ihrem Sold, – und eben diese Blinden werden den Herrn der Herrlichkeit ans Kreuz heften!
KJ|0|200|18|0|Wie willst du aber einen Blinden strafen darob, so er am Weg mit dem Fuß anstieß und fiel und zerbrach sich Arme und Beine?!
KJ|0|200|19|0|Daher bleibe du mit deiner Macht nur so hübsch fein zu Hause, die viel mehr Unheil als Heil auf der Erde stiften möchte!
KJ|0|200|20|0|Und sei versichert, dass Der, den die Menschen dem Fleische nach töten werden in ihrer Blindheit, im Geiste und in Seiner Kraft und Macht nicht getötet wird, sondern alsobald wieder erstehen wird aus eigener Kraft und Macht –
KJ|0|200|21|0|und wird erst dadurch eröffnen aller Kreatur den Weg zum ewigen Leben!“
KJ|0|200|22|0|Der heftige Ton des Cyrenius aber brachte auch die Tullia-Gesellschaft zur Aufmerksamkeit auf die kleine Gesellschaft.
KJ|0|200|23|0|Das Kindlein aber verwies die Gesellschaft zurück und sprach: „Geht an eure Sache; denn was hier vorgeht, ist nicht für euch, ihr Blinden!“ – Und die Gesellschaft zog sich wieder zurück.
KJ|0|201|1|1|Voraussage des Jesuskindes über die Zurückstellung des Herrn und Seiner Nachfolger
KJ|0|201|1|1|Am 6. Mai 1844
KJ|0|201|1|0|Es waren aber auch Maria, die Eudokia und der Jakob unter denen, die da zurückgewiesen wurden.
KJ|0|201|2|0|Maria aber ging dennoch hinein, und die Eudokia und der Jakob folgten ihr.
KJ|0|201|3|0|Und die Maria aber bog sich nieder zum Kindlein und sprach:
KJ|0|201|4|0|„Höre Du mein Söhnchen! Du bist ja ganz entsetzlich schlimm!
KJ|0|201|5|0|Wenn Du mich schon jetzt von der Tür weisest, was wirst Du erst dann tun mit mir, wenn Du ein Mann wirst?!
KJ|0|201|6|0|Siehe, so schlimm darfst Du nicht sein gegen die, die Dich unter ihrem Herzen mit großer Angst und mannigfacher Qual getragen hatte!“
KJ|0|201|7|0|Das Kindlein aber sah die Maria gar liebernst an und sprach:
KJ|0|201|8|0|„Was heißt du Mich dein Söhnchen?! Weißt denn nicht mehr, was der Engel zu dir geredet hatte?“
KJ|0|201|9|0|Wie sollst du Das heißen, was aus dir geboren ward?!
KJ|0|201|10|0|Siehe, der Engel sprach: ‚Und was aus dir geboren wird, wird Gottes Sohn, – Sohn des Allerhöchsten heißen!‘
KJ|0|201|11|0|Wenn sicher also und nicht anders, wie nennst du Mich denn hernach dein Söhnchen?!
KJ|0|201|12|0|Wenn Ich dein Sohn wäre, da würdest du dich mehr mit Mir abgeben denn mit der Tullia!
KJ|0|201|13|0|Da Ich aber nicht dein Sohn bin, so ist dir auch die Tullia mehr am Herzen denn Ich!
KJ|0|201|14|0|Wenn Ich irgend draußen herumspringe und dann wieder zur Tür hereinkomme, da kommt Mir kein Mensch mit flammendem Herzen entgegen,
KJ|0|201|15|0|und Ich bin da schon wie ein alltägliches Brot für Knechte und Mägde, und niemand breitet gegen Mich die Arme aus!
KJ|0|201|16|0|Aber wenn so eine Stadtklatscherin hierherkommt, da wird sie sogleich mit allen Ehren empfangen!
KJ|0|201|17|0|Und also ist es auch jetzt mit der dummen Tullia, die von Mir das Leben erhielt; der kriecht ihr aus lauter Aufmerksamkeit beinahe in den Steiß.
KJ|0|201|18|0|Mich, den Geber des Lebens, aber beachtet ihr kaum!
KJ|0|201|19|0|Sage selbst, ob das wohl in der Ordnung ist?
KJ|0|201|20|0|Bin Ich nicht mehr als irgendeine dumme Stadtklatscherin und nicht mehr als diese Tullia?
KJ|0|201|21|0|O freut euch, ihr alle Meine einstigen Nachfolger-Knechte; wie es nun Mir ergeht, so wird es auch euch ergehen!
KJ|0|201|22|0|Eure Gönner werden euch in einen Mistwinkel stellen, so sie Besuche erhalten werden von ihren Klatschbrüdern und Klatschschwestern!“ – Diese Worte drangen tief ins Herz Mariens, und sie kehrte sich darauf sehr daran.
KJ|0|202|1|1|Das Jesuskind beklagt sich über die geringe Beachtung von Seiten der Eltern und Hausgenossen. Jakob als Leidensgenosse
KJ|0|202|1|1|Am 7. Mai 1844
KJ|0|202|1|0|Auf diese Worte bog sich auch Jakob zum Kindlein nieder und sprach zu Ihm:
KJ|0|202|2|0|„Höre! Du mein geliebter Jesus, Du mein zartes Brüderchen, wenn Du einmal schlimm wirst, dann ist es mit Dir ja beinahe nicht mehr auszuhalten!
KJ|0|202|3|0|Möchtest Du mir nicht auch einen solchen Verweis geben, wie Du ihn gegeben hast der Mutter Maria?
KJ|0|202|4|0|Du kannst es wohl tun; aber dann werde ich auch greinen mit Dir, warum Du mich nicht zum Spiel geladen hast, da ich doch von ganzem Herzen gerne dabei gewesen wäre!“
KJ|0|202|5|0|Das Kindlein aber sprach: „O sorge dich nicht, Jakob, dass Ich dir etwas sagen werde;
KJ|0|202|6|0|denn deine beständige Aufmerksamkeit für Mich ist Mir schon bekannt!
KJ|0|202|7|0|Zudem teilen wir ja gar oft das Los, und da geht es dir wie Mir!
KJ|0|202|8|0|Siehe, wenn du öfter mit Mir ausgehst und trägst Mich dann wieder nach Hause von irgendwoher, manchmal sogar aus der Stadt, wenn du in selber etwas zu tun hast und Mich dann mitnimmst,
KJ|0|202|9|0|da kommt uns niemand entgegen! Wir gehen ohne weitere Begleitung fort, und so wir nach Hause wieder zurückkehren, da kommt uns keine Seele entgegen!
KJ|0|202|10|0|Wie wir allein ausgegangen sind, so kommen wir auch allein wieder zurück!
KJ|0|202|11|0|Und wenn wir dann und wann um eine Viertelstunde zu spät kommen, da werden wir noch obendrauf recht tüchtig ausgemacht!
KJ|0|202|12|0|Und sind wir zu Hause, da dürfen wir uns eben auch nicht viel rühren, wollen wir nicht einen Putzer bekommen!
KJ|0|202|13|0|Und so viel da manchmal geplaudert wird von allerlei Dingen, sage, ob wir auch zu den interessanten Dingen gehören, denen einige Worte im Tag gelten möchten?
KJ|0|202|14|0|Aber wenn sich so ein Bekannter aus der Stadt melden lässt und sagt: ‚Ich werde dich am Montag besuchen‘,
KJ|0|202|15|0|da freut sich unser Haus schon drei Tage darauf und redet nachher noch drei Tage davon!
KJ|0|202|16|0|Und wenn der Freund kommt, da läuft ihm alles entgegen, und wenn er wieder geht, so wird er bis zu seiner Haustür begleitet.
KJ|0|202|17|0|Wenn aber wir gehen und kommen, da rührt sich keine Katze im Haus!
KJ|0|202|18|0|Wohl aber heißt es, wenn so ein beredter Stadtklatscher hierherkommt: ‚Jakob, gehe jetzt mit dem Kleinen nur hübsch hinaus!‘
KJ|0|202|19|0|Und wir ziehen dann sogleich ohne Begleitung hinaus und dürfen nicht eher wiederkommen, als bis es dem Klatscher beliebt hatte, wieder unter der gesamten Begleitung des Hauses abzuziehen!
KJ|0|202|20|0|Nur wenn der Cyrenius oder der Jonatha kommt, dann gelten auch wir etwas, wenn nicht wichtige Betrachtungen hinderlich sind!
KJ|0|202|21|0|Darum sorge dich nicht, dass Ich dir etwas sagen werde, das dich schmerzen könnte; denn wir sind ja beide gleichgestellt, was das Ansehen und die Liebe betrifft!
KJ|0|202|22|0|Wenn wir uns den ganzen Tag nicht rühren und mucksen, dann sind wir ‚brav‘! Und dieses ‚brav‘ aber ist dann auch unser ganzer Lohn! Bist du damit zufrieden? Ich bin es nicht!“
KJ|0|202|23|0|Als Joseph und Maria solches vernahmen, da ward es beiden bange. Das Kindlein aber beruhigte sie und sprach: „Nur in der Zukunft ein wenig anders; das Vergangene ist vorüber!“ – Und der Jakob weinte vor großer Freude in seinem Herzen.
KJ|0|203|1|1|Das Jesuskind verbirgt sich vor der Welt nicht Seinetwegen, sondern der Welt wegen. Der Unterschied zwischen Maske und Klugheit
KJ|0|203|1|1|Am 8. Mai 1844
KJ|0|203|1|0|Darauf berief der Joseph das Kindlein zu sich und sprach zu selbem:
KJ|0|203|2|0|„Höre Du mich nun an; was ich nun sagen werde, das sage ich nicht Deinetwegen, sondern derer wegen, die hier sind!
KJ|0|203|3|0|Denn ich weiß, dass Du allzeit durchschaust meine geheimsten Gedanken, und ich brauche darum nichts zu sagen zu Dir; aber die hier sind, sollen auch wissen, was ich zu Dir habe!
KJ|0|203|4|0|Siehe, es ist wahr, dass wir oft dem Außen nach wie lau gegen Dich waren;
KJ|0|203|5|0|aber diese Lauheit war nur eine Maske unserer inneren Achtung und Liebe zu Dir, auf dass Du nicht ruchbar würdest vor der grausamen Welt!
KJ|0|203|6|0|Wer kennt wohl besser als Du die Welt?! Und so wirst eben Du es auch am besten einsehen, dass unser bisheriges öffentliches Benehmen gegen Dich also sein musste, damit wir mit Dir sicher sind.
KJ|0|203|7|0|Und so bitte ich Dich, vergebe uns so manche Scheinkälte unserer Herzen, die in sich aber dennoch allzeit bei Deinem Anblick erglühten wie eine Morgenröte!
KJ|0|203|8|0|In der Zukunft aber wollen wir uns gegen Dich schon so auch offen verhalten, wie es uns unser innerer Drang gebieten wird!“
KJ|0|203|9|0|Nach dieser Anrede sprach das Kindlein: „Joseph! Du hast wahr geredet; aber dessen ungeachtet gibt es aber dennoch einen großen Unterschied zwischen Maske und Klugheit!
KJ|0|203|10|0|Die Maske macht das Gemüt kalt; aber die Klugheit erwärmt es!
KJ|0|203|11|0|Wozu aber Maske, wo die Klugheit ausreicht? Wozu Verstellung, wo die natürliche Weisheit tausend Sicherungsmittel bietet?!
KJ|0|203|12|0|Bin Ich nicht der Herr, dem die ganze Unendlichkeit auf einen Wink gehorchen muss, weil sie nichts als nur ein festgehaltener Gedanke aus Mir ist und ist da als ein ausgesprochenes Wort aus Meinem Munde?!
KJ|0|203|13|0|Bin Ich aber der alleinige, wahrhaftige Herr, wie solle da zu Meiner Sicherung vor der Welt deine Gemütsmaskierung wirksamer sein als eine ganze Welt voll von Meiner ewigen Macht?!
KJ|0|203|14|0|Siehe, ein Hauch aus Meinem Munde – und die ganze sichtbare Schöpfung ist nicht mehr!
KJ|0|203|15|0|Meinst du da wohl, Ich habe deiner Gemütsmaske vonnöten, um Mich und dich vor den Nachstellungen der Welt zu verwahren?!
KJ|0|203|16|0|O nein! Dessen bedarf Ich nicht! Denn Ich halte Mich nicht etwa aus Furcht vor der Welt verborgen,
KJ|0|203|17|0|sondern allein nur des Gerichtes wegen, damit die Welt nicht gerichtet werde, so sie Mich erkennte in ihrem Argen!
KJ|0|203|18|0|Daher seid ihr alle in der Zukunft wohl klug des Heiles der Welt wegen;
KJ|0|203|19|0|aber mit der Maske bleibt Mir ferne, denn diese ist in ihrer besten Stellung eine Geburt der Hölle!
KJ|0|203|20|0|Und du, Maria, kehre zu deiner ersten Liebe zurück, sonst wirst du dereinst viel Trauer zu bestehen haben darum, dass du Mich jetzt der Welt wegen durch die Maske deines Herzens kalt behandelst!“
KJ|0|203|21|0|Dieses Wort brach der Maria das Herz, und sie ergriff mit aller Macht ihrer Liebe das Kindlein und drückte Es an ihr Herz und koste Es mit der größten Glut ihrer mütterlichen Liebe.
KJ|0|204|1|1|Die Liebe der Menschen und die Liebe Gottes. Das Gleichnis vom als Bettler verkleideten König. Das Jesuskind putzt die Tullia
KJ|0|204|1|1|Am 9. Mai 1844
KJ|0|204|1|0|Als Maria das Kindlein eine Zeitlange abgeherzt hatte, da fragte sie Es ganz furchtsam:
KJ|0|204|2|0|„Mein Jesus, wirst Du mich, Deine Magd, wohl wieder lieben, wie die Magd Dich ewig lieben wird?“
KJ|0|204|3|0|Und das Kindlein lächelte die Maria gar freundlichst an und sprach:
KJ|0|204|4|0|„Aber was hast du da wieder für eine schwache Frage gestellt!
KJ|0|204|5|0|Wenn Ich dich nicht mehr liebte als du Mich, was – wahrlich, wahrlich! – wärest du da wohl?
KJ|0|204|6|0|Siehe, so du Mich liebtest mit der Glut aller Sonnen, so aber wäre dennoch solche deine Liebe nichts gegen jene Meine Liebe, wie Ich den ärgsten Menschen selbst noch in Meinem Zorn liebe!
KJ|0|204|7|0|Und Mein Zorn selbst ist mehr Liebe als deine größte Liebe!
KJ|0|204|8|0|Was ist dann erst Meine eigentliche Liebe, die Ich zu dir habe?!
KJ|0|204|9|0|Wie hätte Ich dich wohl je zu Meiner Gebärerin gewählt, wenn Ich dich nicht geliebt hätte mehr, als es je die Ewigkeit fassen wird?!
KJ|0|204|10|0|Siehe, wie schwach da deine Frage ist! Ich aber sage dir: Nun gehe und bringe die Tullia;
KJ|0|204|11|0|denn Ich habe gar wichtige Dinge mit ihr zu reden!“
KJ|0|204|12|0|Hier gehorchte die Maria plötzlich und ging und holte des Cyrenius Weib.
KJ|0|204|13|0|Als die Tullia ganz furchtsam in das Kabinett trat, da sich das Kindlein befand, da richtete Sich das Kindlein auf und sprach zur Tullia:
KJ|0|204|14|0|„Tullia, du Erweckte, höre! Es war einst ein großer König und war ledig und voll männlicher Schönheit und voll echter göttlicher Weisheit.
KJ|0|204|15|0|Dieser König sprach zu sich: ‚Ich will gehen und mir ein Weib suchen in einem fremden Ort, da mich niemand kennt!
KJ|0|204|16|0|Denn ich will ein Weib nehmen meiner selbst willen, und das Weib solle mich lieben, darum ich ein weiser Mann bin; aber nicht, da ich ein großer König bin!‘
KJ|0|204|17|0|Und so zog er aus seinem Reich in die ferne Fremde und kam da in eine Stadt und machte da bald Bekanntschaft mit einem Haus.
KJ|0|204|18|0|Die Tochter des Hauses ward erwählt, und diese hatte eine große Freude; denn sie erkannte bald in dem Bewerber eine große Weisheit.
KJ|0|204|19|0|Der König aber dachte: ‚Du liebst mich nun wohl, da du mich siehst und meine Gestalt und meine Weisheit dich fesselt!
KJ|0|204|20|0|Ich aber will sehen, ob du mich wahrhaft liebst! Darum werde ich mich als Bettler verkleiden und werde dich so öfter belästigen.
KJ|0|204|21|0|Du aber sollst nicht wissen und irgend im Geringsten erfahren, dass ich im Bettler stecke.
KJ|0|204|22|0|Wohl aber solle der Bettler ein Zeugnis von mir tragen, als sei er mein inniger Freund, aber sonst arm in dieser Fremde wie sein Freund.
KJ|0|204|23|0|Und es solle sich da zeigen, ob diese Tochter mich wahrhaft liebt!‘
KJ|0|204|24|0|Und wie sich der große König die Sache ausgedacht hatte, also wurde sie auch sogleich ausgeführt.
KJ|0|204|25|0|Es kam nach einiger Zeit, da der König zum Schein verreiste, der Bettler zur Tochter und sprach zu ihr:
KJ|0|204|26|0|‚Liebe Tochter dieses reichen Hauses, siehe, ich bin sehr arm und weiß, dass du große Reichtümer besitzt!
KJ|0|204|27|0|Ich saß am Tor, als dein herrlicher Bräutigam von dir sich verreiste, und bat ihn um ein Almosen.
KJ|0|204|28|0|Da blieb er stehen und sprach: ‚Freund! Ich habe hier nichts, das ich dir reichen könnte außer dies Angedenken von meiner Braut, die sehr reich ist!
KJ|0|204|29|0|Gehe in jüngster Zeit zu ihr, und zeige ihr das in meinem Namen, und sie wird dir so sicher geben, als sie mir geben würde, dessen du vonnöten hast!
KJ|0|204|30|0|Wenn ich aber ehestens zurückkehren werde, da werde ich ihr tausendfach alles ersetzen!‘
KJ|0|204|31|0|Als die Tochter solches vernommen, war sie voll Freuden und beteilte den Bettler.
KJ|0|204|32|0|Da ging der Bettler und kam in wenigen Tagen wieder und ließ sich melden bei der Tochter.
KJ|0|204|33|0|Die Tochter ließ ihn auf ein anderes Mal bescheiden, da sie nun Besuche hatte.
KJ|0|204|34|0|Der Bettler kam zum anderen Male und ließ sich melden.
KJ|0|204|35|0|Da hieß es: ‚Die Tochter ist mit einigen Freunden ausgegangen!‘ – Und der Bettler kehrte traurig zurück.
KJ|0|204|36|0|Als er an das Haustor kam, da begegnete ihm die Tochter in der Mitte ihrer Freunde und achtete des Bettlers kaum.
KJ|0|204|37|0|Wohl sagte dieser: ‚Liebe Braut meines Freundes, wie liebst du ihn denn, so du seinen Freund nicht hörst?‘
KJ|0|204|38|0|Die Tochter aber sprach: ‚Ich will Zerstreuung; wenn der Freund kommen wird, den werde ich schon wieder lieben!‘
KJ|0|204|39|0|Darauf begab sich am nächsten Tag der Bettler wieder zur Tochter und fand sie voll Heiterkeit; denn sie hatte ja eine recht muntere Gesellschaft.
KJ|0|204|40|0|Und der Bettler fragte sie: ‚Liebst du wohl deinen Bräutigam, und bist so heiter, da er verreiste in Geschäften um dich?‘
KJ|0|204|41|0|Da schaffte die Tochter den Bettler hinaus und sprach: ‚Das wäre ein Verlangen! Ist’s nicht genug, so ich ihn liebe, wenn er da ist? Was solle ich ihn in seiner Abwesenheit auch lieben? Wer weiß, ob er mich liebt!?‘
KJ|0|204|42|0|Hier warf der Bettler sein zerrissenes Oberkleid weg und sprach zur erstaunten Tochter:
KJ|0|204|43|0|‚Siehe, der verreist ist, war stets hier, zu merken deine Liebe!
KJ|0|204|44|0|Du aber dachtest kaum an ihn, und der, der dir das Zeichen deines Schwures zeigte, ward verstoßen und verhöhnt, da dir die Weltgesellschaft besser zusagte!
KJ|0|204|45|0|Aber siehe, eben dieser ist jener, der nun vor dir steht, und ist jener große König, dem alle Welt zugehört!
KJ|0|204|46|0|Und dieser gibt dir nun alles zurück, was du ihm gabst, tausendfach; aber dir kehrt er für ewig den Rücken, und du sollst nimmer sein Angesicht sehen!‘
KJ|0|204|47|0|Tullia, kennst du diesen König und diesen Bettler? Siehe, Ich bin es, und du bist die Tochter! Auf der Welt sollst du glücklich sein;
KJ|0|204|48|0|was aber nachher, das sagt dir dies Gleichnis!
KJ|0|204|49|0|Ich gab dir Leben und großes Glück, und du magst Meiner nicht gedenken!
KJ|0|204|50|0|O du blind geborene Römerin! Ich habe dir Licht gegeben, und du hast Mich nicht erkannt!
KJ|0|204|51|0|Ich gab dir einen Mann aus den Himmeln, und du wolltest an ihm Meinen Liebeteil für dich nehmen!
KJ|0|204|52|0|Da warst du tot; Ich habe dich wieder erweckt, und du nahmst dafür der Welt Huldigungen an und achtetest Meiner nicht!
KJ|0|204|53|0|Und jetzt, da Ich dich rufen ließ, bebst du vor Mir wie eine Ehebrecherin!
KJ|0|204|54|0|Sage! – was wohl solle Ich mit dir anfangen?
KJ|0|204|55|0|Solle Ich ferner noch betteln vor deiner Tür?
KJ|0|204|56|0|Nein! – das werde Ich nicht; aber Ich werde dir geben deinen Teil, und dann werden wir quitt sein!“
KJ|0|204|57|0|Diese Worte erfüllten das ganze Haus Josephs mit Entsetzen.
KJ|0|204|58|0|Das Kindlein aber begehrte mit Seinem Jakob allein hinaus in die Freie zu gehen und kehrte bis zum Spätabend nicht wieder zurück.
KJ|0|205|1|1|Maria tröstet die klagende Tullia. Der Herr lässt nur selten das folgen, was der Prophet androhen muss. Tullia erkennt ihr unlauteres Herz und findet zur Reue
KJ|0|205|1|1|Am 11. Mai 1844
KJ|0|205|1|0|Nach einer Weile erst erholte sich die Tullia wieder und fing an gar bitterlich zu weinen und sagte:
KJ|0|205|2|0|„O Herr, warum ward ich sehend einst in diesem Haus, warum das Weib des Cyrenius, dass ich nun in meinem vermeintlichen Glück so viel zu leiden habe?!
KJ|0|205|3|0|Warum erwecktest Du die Tote, warum musste denn wieder Leben in meine Brust kehren?!
KJ|0|205|4|0|Bin ich denn zur Qual geboren worden? Warum gerade ich, während doch Tausende und Tausende ruhig und glücklich leben und wissen kaum von einer Träne, die der Schmerz dem Auge erpresst!?“
KJ|0|205|5|0|Maria aber, von Mitleid gerührt, vertröstete die Tullia mit folgenden Worten:
KJ|0|205|6|0|„Tullia, du musst nicht hadern mit dem Herrn, deinem und meinem Gott!
KJ|0|205|7|0|Denn siehe, das ist schon so Seine Art und Weise, dass Er gerade diejenigen, die Er liebt, recht starken Prüfungen aussetzt!
KJ|0|205|8|0|Solches erkenne du in deinem Herzen, und erwecke deine Liebe von neuem zu Ihm, und Er wird sobald vergessen Seiner Drohung und wird dich aufnehmen von neuem in Seine Gnade!
KJ|0|205|9|0|Denn Er hatte schon gar oft gedroht den Übeltätern und hat ihnen den Untergang auf den nächsten Tag durch die Propheten verkünden lassen und bezeichnen die Stelle, auf der die Hunde ihr Blut auflecken sollen.
KJ|0|205|10|0|So aber die Übeltäter zur Buße griffen, da sprach Er sobald zum Propheten: ‚Siehst du nicht, dass er Buße tut? Darum will Ich ihn auch nicht strafen!‘
KJ|0|205|11|0|Als Jonas berufen ward von Gott, den Niniviten, die in alle Sünden versunken waren, den Untergang zu verkünden,
KJ|0|205|12|0|da wollte dieser nicht hingehen, denn er sprach: ‚Herr! Ich weiß, dass Du nur höchst selten das folgen lässt, was der Prophet androhen muss!
KJ|0|205|13|0|Darum will ich nicht hinziehen, auf dass ich als ein Prophet vor den Niniveern nicht zuschanden würde, wenn Du Dich ihrer sicher wieder erbarmen wirst!‘
KJ|0|205|14|0|Siehe, sogar dieser Prophet setzte einen gegründeten Zweifel in den Zorn Gottes!
KJ|0|205|15|0|Ich aber rate dir, tue das, was die Niniveer taten, und du wirst wieder zu Gnaden aufgenommen werden!“
KJ|0|205|16|0|Diese Worte flößten der Tullia wieder Mut ein, und sie fing an, über sich nachzudenken, und fand bald eine Menge Fehler in sich und sprach:
KJ|0|205|17|0|„O Maria! Jetzt erst ersehe ich, und es wird mir klar, warum mich der Herr also züchtigt!
KJ|0|205|18|0|Siehe, mein Herz ist voll Sünden und voll Unlauterkeit! Oh, wie werde ich es je zu reinigen vermögen?!
KJ|0|205|19|0|Wie kann ich es also wagen – mit einem so höchst unreinsten Herzen den Heiligen aller Heiligkeit zu lieben?!“
KJ|0|205|20|0|Und die Maria sprach: „Eben darum musst du Ihn lieben in deiner reuigen Schulderkenntnis; denn solche Liebe allein nur wird dein Herz reinigen vor Ihm – dem Heiligen aller Heiligkeit!“
KJ|0|205|21|0|Als spät am Abend das Kindlein mit Seinem Jakob wieder ins Haus kam, da ging Es sobald zur Maria und verlangte etwas zu essen. Und Maria gab Ihm sogleich etwas Butter, Brot und Honig.
KJ|0|205|22|0|Darauf sagte Es: „Ich sehe noch eine andere Speise, gib Mir auch davon zu essen! Siehe, es ist das Herz der Tullia; gebe es Mir, weil du es schon für Mich zubereitet hast!“ – Hier fiel die Tullia vor dem Herrn nieder und weinte.
KJ|0|205|23|0|Maria aber sprach: „O Herr! Erbarme Dich der Armen, die da viel leidet!“
KJ|0|205|24|0|Und das Kindlein sprach: „Ich habe Mich ihrer schon gar lange erbarmt, sonst hätte Ich sie nimmer erweckt!
KJ|0|205|25|0|Nur sie war es, die von Meiner Erbarmung keine Notiz nehmen wollte und wollte lieber hadern mit Mir in ihrem Herzen, als Mich aufnehmen in selbem!
KJ|0|205|26|0|Da sie aber nun ihr Herz zu Mir gewendet hatte, so habe Ich ihr getan wie den Niniveern!“
KJ|0|205|27|0|Nach diesen Worten ging das Kindlein hin zu Tullia und sprach zu ihr:
KJ|0|205|28|0|„Tullia, siehe, Ich bin nun recht müde geworden. Du hast Mich einst auf deinen Armen schon getragen, und es tat Mir wohl; denn du hattest recht weiche Arme!
KJ|0|205|29|0|Also erhebe dich auch jetzt, und nehme Mich auf deine Arme und fühle, wie süß es ist, den Herrn des Lebens in den Armen zu haben!“
KJ|0|205|30|0|Dies Begehren des Kindleins brach der Tullia völlig das Herz.
KJ|0|205|31|0|Mit der ihrem Herzen möglich höchsten Liebe nahm sie das Kindlein auf ihre weichen Arme und sprach weinend:
KJ|0|205|32|0|„O Herr! Wie möglich wohl ist das, dass Du mir nun gegen Deine schreckliche Drohung so gnädig bist?!“
KJ|0|205|33|0|Und das Kindlein sprach: „Weil du die alte Tullia, die Mir zuwider war, ausgezogen und eine neue, Mir werte, angezogen hast! Doch jetzt sei ruhig; denn nun habe Ich dich schon wieder lieb!“ – Durch diese Szene wurden alle zu Tränen gerührt.
KJ|0|206|1|1|Nur drei Tränen hat der Herr in das Auge des Menschen gelegt: die Freudenträne, die Mitleidsträne und die Träne, die der Schmerz erpresst
KJ|0|206|1|1|Am 13. Mai 1844
KJ|0|206|1|0|Je länger aber nun die Tullia das Kleine auf den Armen hatte, desto mehr erkannte sie ihre Lebensfehler in sich und weinte darob sehr von Zeit zu Zeit.
KJ|0|206|2|0|Da richtete Sich das Kindlein auf und sprach zur Tullia: „Du Meine liebe Tullia! Das gefällt Mir schon wieder nicht von dir, dass du nun in einem fort weinst, da du Mich doch auf deinen Armen hast!
KJ|0|206|3|0|Sei nun heiter und fröhlich; denn Ich habe kein Wohlgefallen an den Tränen der Menschen, wenn sie da fallen, wo sie nicht vonnöten sind!
KJ|0|206|4|0|Meinst du etwa, deine Tränen werden reinigen dein Herz von aller Sünde vor Mir?
KJ|0|206|5|0|O siehe, das ist töricht! Die Tränen gleiten wohl über deine Wangen und trüben deine Augen, was dir schädlich ist sogar,
KJ|0|206|6|0|aber übers Herz gleiten die Tränen nicht und reinigen es auch nicht; wohl aber machen sie es oft verschlossen, dass dann weder etwas Gutes noch etwas Böses in selbes eingehen kann!
KJ|0|206|7|0|Und siehe, das bringt dann auch den Tod dem Geist, der im Herzen wohnt!
KJ|0|206|8|0|Denn ein trauriger Mensch ist stets ein beleidigtes Wesen, und dieses Wesen ist für nichts aufnahmefähig.
KJ|0|206|9|0|Nur drei Tränen habe Ich in das Auge des Menschen gelegt, und diese sind: die Freudenträne, die Mitleidsträne und die Träne, die der Schmerz erpresst.
KJ|0|206|10|0|Diese allein mag Ich sehen; aber die Trauerträne, die Reueträne und Zornträne, die aus dem Mitleid mit sich selbst entsteht, sind Früchte des eigenen Grund und Bodens und haben bei Mir einen geringen Wert.
KJ|0|206|11|0|Denn die Trauerträne entstammt einem beleidigten Gemüt und verlangt Ersatz; kommt dieser nicht, so umwandelt sich ein solch Gemüt leicht in einen geheimen Zorn und endlich in ein Rachegefühl.
KJ|0|206|12|0|Die Reueträne ist ähnlichen Ursprungs und kommt erst dann nach der Sünde zum Vorschein, so eben die Sünde eine wohltätige Züchtigung nach sich gezogen hat.
KJ|0|206|13|0|Dann aber ist sie keine Träne über die Sünde, sondern nur eine Träne ob der Züchtigung und darum auch über die Sünde, weil diese die Züchtigung zur Folge hatte.
KJ|0|206|14|0|Auch diese Träne bessert das Herz nicht; denn der Mensch flieht dann die Sünde nicht aus Liebe zu Mir, sondern nur aus Furcht vor der Strafe; und siehe, das ist ärger denn die Sünde selbst!
KJ|0|206|15|0|Was aber die Zornträne betrifft, so ist sie nicht wert, dass Ich von ihr ein Wort spräche; denn diese ist ein Quellwasser aus dem Fundament der Hölle!
KJ|0|206|16|0|Diese Träne aber befeuchtet wohl dein Auge nicht, sondern nur die Reueträne.
KJ|0|206|17|0|Ich aber sage dir, trockne dir auch diese von deinen Augen; denn du siehst ja, dass Ich an ihr keine Freude habe!“
KJ|0|206|18|0|Hier wischte sich die Tullia ihre Augen aus und sprach: „O Herr! Wie endlos weise und gut bist Du doch!
KJ|0|206|19|0|O wie heiter und fröhlich könnte ich sein, wenn ich keine Sünderin wäre!
KJ|0|206|20|0|Aber ich habe in Rom auf Geheiß des Kaisers einem Götzen des Volkes wegen geopfert, und diese Tat nagt wie ein böser Wurm an meinem Herzen!“
KJ|0|206|21|0|Und das Kindlein sagte: „Diese Sünde habe Ich dir schon eher vergeben, als du sie begangen hast.
KJ|0|206|22|0|Aber du warst Mir um die Liebe des Cyrenius neidisch; – siehe, das war eine grobe Sünde! Ich aber habe dir nun alles vergeben, und du hast keine Sünde mehr, weil du Mich wieder liebst; daher aber sei fröhlich und heiter!“
KJ|0|206|23|0|Darauf ward die Tullia, wie alles im Hause Josephs, wieder voll Heiterkeit, und alle begaben sich darauf zum Nachtmahl.
KJ|0|207|1|1|Das Jesuskind sagt einen Sturm voraus. Eudokias Furcht vor dem Sturm
KJ|0|207|1|1|Am 14. Mai 1844
KJ|0|207|1|0|Nach dem Nachtmahl segnete Joseph alle die Gäste, und das Kindlein segnete sie auch und sagte:
KJ|0|207|2|0|„Nun begebt euch alle zur Ruhe; fürchtet euch aber nicht, wenn zur Nachtzeit ein kleiner Sturm an unser Haus stoßen wird;
KJ|0|207|3|0|denn es wird da niemandem ein Haar gekrümmt werden!
KJ|0|207|4|0|Denkt, Der hier unter euch wohnt, ist auch ein Herr der Stürme!“
KJ|0|207|5|0|Nach diesen Worten, die unter den Schiffsleuten des Cyrenius eine Besorgnis um das Schiff erregten, sagte ein Schiffsknecht:
KJ|0|207|6|0|„Dieses Kind ist ein rechter Prophet, denn es prophezeit Schlimmes!
KJ|0|207|7|0|Daher sollen wir wohl sogleich dahin ziehen, wo das Schiff des Cyrenius schwach befestigt sich befindet, und sollen es soviel als möglich ans Ufer ziehen und da festmachen!?“
KJ|0|207|8|0|Da erhob sich Jonatha und sprach: „Lasst diese Sorge gut sein!
KJ|0|207|9|0|Denn fürs Erste wird der Herr schon auch das Schiff zu schützen wissen;
KJ|0|207|10|0|fürs Zweite aber habe auch ich Leute daheim, die mit dem Schiffsicherungswesen besser umzugehen wissen als ihr, und werden das Schiff des Statthalters schon zu sichern wissen. Daher mögt ihr samt mir schon ganz ruhig sein!“
KJ|0|207|11|0|Damit war alles beruhigt, und alles begab sich zur Ruhe.
KJ|0|207|12|0|Maria aber bereitete dem Kindlein auch sogleich ein recht weiches und frisches Bett, legte Es dann nieder und stellte das kleine Bettchen neben ihr Lager.
KJ|0|207|13|0|Es schliefen aber gewöhnlich die Maria und die Eudokia in einem Bett beisammen, und also auch jetzt.
KJ|0|207|14|0|Die Eudokia aber, eine tüchtige Furcht vor dem vorgesagten Sturm habend, sagte zur Maria:
KJ|0|207|15|0|„Maria, siehe, ich habe eine starke Furcht vor dem sicher kommenden Sturm!
KJ|0|207|16|0|Wie wäre es denn, so wir das Kindlein heute zwischen uns in die Mitte nähmen?
KJ|0|207|17|0|Da wären wir doch gewissest sicher vor jeglicher Gefahr!“
KJ|0|207|18|0|Da aber das Kindlein solche Besorgnis von der Eudokia vernommen hatte, da lächelte Es und sagte darauf:
KJ|0|207|19|0|„O Eudokia! Manchmal bist du recht gescheit, aber manchmal wieder dümmer als der Blitz!
KJ|0|207|20|0|Meinst du wohl, dass Ich nur dann schützen kann, so Ich Mich in deinem Schoß befinde?!
KJ|0|207|21|0|O da bist du in großer Irre! Siehe, Mein Arm ist länger, als du meinst!
KJ|0|207|22|0|Und wärest du am Ende aller Welten, so würde Ich dich noch so gut wie hier schützen können!
KJ|0|207|23|0|Daher sei ruhig, und gehe wie sonst zur Ruhe, und du wirst morgen schon wieder gesund aufstehen!“ – Das beruhigte die Eudokia, und sie legte sich mit Maria sogleich zur Ruhe.
KJ|0|208|1|1|Der entsetzliche nächtliche Sturm
KJ|0|208|1|1|Am 15. Mai 1844
KJ|0|208|1|0|Nach zwei Stunden, als sich alles schon in der Ruhe befand, kam ein gar mächtiger Orkan und stieß so gewaltig an das Haus, dass das ganze Haus erbebte.
KJ|0|208|2|0|Alle Schlafenden wurden durch diesen dröhnenden Stoß aufgeweckt.
KJ|0|208|3|0|Und da der Orkan fortwütete und von tausend Blitzen und dem gewaltigsten Donner begleitet war,
KJ|0|208|4|0|so fing bald an alles zu beben und zu zagen, was sich nur im Hause Josephs befand.
KJ|0|208|5|0|Zu dem Wüten und Toben des Orkans gesellte sich auch noch das Geheul von einer Menge wilder reißender Tiere und vermehrte die Angst der Gäste im Hause Josephs.
KJ|0|208|6|0|Alles fing sich an in das Gemach zu drängen, in dem sich Joseph, Cyrenius und Jonatha befanden, und suchte da Schutz.
KJ|0|208|7|0|Joseph aber stand auf und machte Licht und tröstete die Zagenden, so gut es ihm nur immer möglich war.
KJ|0|208|8|0|Desgleichen tat auch der Riese Jonatha und der Cyrenius.
KJ|0|208|9|0|Aber da der Sturm stets heftiger wurde, so gab das Trösten der drei nicht viel aus; und ganz besonders wurden dadurch die meisten in die größte Todesangst versetzt, als einige Tiger bei den freilich wohl mit Gittern versehenen Fenstern anfingen, ihre Tatzen hineinzustecken unter einem gar unheimlichen Geheule.
KJ|0|208|10|0|Als dem Joseph selbst das Ding ein wenig zu arg ward, da erregte er sich und sprach zum Sturm:
KJ|0|208|11|0|„Verstumme, du Ungetüm, im Namen Dessen, der hier wohnt, ein Herr der Unendlichkeit,
KJ|0|208|12|0|und beunruhige fürder nimmer, die da der Ruhe bedürfen zur Nachtzeit! Es geschehe!“
KJ|0|208|13|0|Solche Worte rief der Joseph mit großer Kraft aus, dass sich darob alle entsetzten, mehr noch als vor dem Wüten des Orkans.
KJ|0|208|14|0|Aber sie wollten dennoch nichts effektuieren, worüber dann Joseph noch mehr erregt wurde und noch heftiger seine Drohung an den Sturm richtete.
KJ|0|208|15|0|Aber auch diese blieb fruchtlos, und der Orkan spottete des Josephs.
KJ|0|208|16|0|Da ward Joseph zornig über den ungehorsamen Orkan und verfluchte ihn.
KJ|0|208|17|0|In diesem Moment ward das Kindlein wach und sagte zum Jakob, der sich neben dem kleinen Bett befand:
KJ|0|208|18|0|„Jakob, gehe hinein zum Joseph und sage ihm, er solle seinen Fluch wieder zurücknehmen; denn er fluchte, das er nicht kennt!
KJ|0|208|19|0|Morgen aber wird er erst den Grund dieses Sturmes einsehen und erkennen dessen guten Grund; in wenigen Minuten aber wird er ohnehin zu Ende sein.“
KJ|0|208|20|0|Darauf ging Jakob sogleich zum Joseph und sagte zu ihm, was ihm das Kindlein aufgegeben hatte.
KJ|0|208|21|0|Da ermannte sich Joseph, tat, was ihm Jakob kundgab, und bald darauf legte sich der Sturm; die Bestien verloren sich, und alles im Hause Josephs begab sich wieder zur Ruhe.
KJ|0|209|1|1|Joseph findet eine Menge Menschengebeine und blutige Waffen. Cyrenius lässt alles verbrennen
KJ|0|209|1|1|Am 17. Mai 1844
KJ|0|209|1|0|Am nächsten Morgen stand Joseph wie gewöhnlich schon sehr früh auf und teilte an seine vier Söhne die Tagesarbeiten aus.
KJ|0|209|2|0|Die erste war, dass sie zu sorgen haben für ein gutes Frühstück, und was dann der Tag geben wird.
KJ|0|209|3|0|Nach solcher Beorderung ging er hinaus und sah nach, was da etwa der nächtliche Sturm alles für Schaden angerichtet hatte.
KJ|0|209|4|0|Als er aber so hin und her ging, da fand er bald eine Menge abgenagter Menschengebeine
KJ|0|209|5|0|und traf eine Menge Stellen an, die mit Menschenblut besudelt waren.
KJ|0|209|6|0|Er entsetzte sich ob solchen Anblickes ganz gewaltig und konnte sich dieses Rätsel nicht lösen.
KJ|0|209|7|0|Als er aber etwas fürbass ging, da fand er auch eine Menge Dolche und kleiner Lanzen, die häufig mit Blut besudelt waren.
KJ|0|209|8|0|Bei diesem Anblick fing ihm an ein ganz sonderbares Licht aufzugehen, und er fing an, so ganz leise des Orkans und der durch denselben herbeigeführten Tiere wohltätigen Grund einzusehen.
KJ|0|209|9|0|Schnell begab sich darauf Joseph zu seinen vier Söhnen und zeigte ihnen solches an und behieß drei, zu sammeln die Knochen und die Waffen.
KJ|0|209|10|0|In der Zeit von eineinhalb Stunden lag ein ganzer großer Haufen Gebeine unter einem Baum aufgeschichtet und daneben ein zweiter Haufen von blutigen Waffen.
KJ|0|209|11|0|Nach dem Frühstück erst führte Joseph den Cyrenius und den Jonatha hinaus und zeigte ihnen diesen sonderbaren Morgenfund.
KJ|0|209|12|0|Als der Cyrenius dessen ansichtig ward, da schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und sprach:
KJ|0|209|13|0|„Aber um des allmächtigen Herrn willen, was ist denn das?!
KJ|0|209|14|0|Woher diese Totengebeine, woher diese noch von frischem Blut triefenden Waffen?
KJ|0|209|15|0|Joseph, Bruder, Freund! Hast du keine Ahnung, die dir leise einflüsterte den Grund dieses Gräuels?!“
KJ|0|209|16|0|Und der Joseph sprach: „Freund und Bruder, das sind entweder Seeräuber oder jene Meuterer, die dein Schiff verfolgten!
KJ|0|209|17|0|Doch lasse uns zuvor alles das vernichten durchs Feuer;
KJ|0|209|18|0|sodann erst wollen wir der Sache näher auf den Grund zu kommen trachten!“
KJ|0|209|19|0|Der Cyrenius begnügte sich damit, und alle seine Leute mussten von allen Seiten Holz herbeischleppen.
KJ|0|209|20|0|Und als gegen Mittag ein gehörig großer Haufen Holzes auf einem freien Platz aufgerichtet war, da wurden die Gebeine samt den Waffen auf den großen Holzstoß gelegt und also verbrannt.
KJ|0|210|1|1|Der Sieg über die Feinde des Cyrenius. Das Jesuskind läuft dreimal um die Brandfläche und macht eine Prophezeiung, die niemand versteht
KJ|0|210|1|1|Am 18. Mai 1844
KJ|0|210|1|0|Nachdem im Verlaufe von etlichen Stunden alles verbrannt war und von dieser Szene von allen den übrigen Gästen niemand etwas bemerkt hatte – indem es der Herr also haben wollte – außer der Dienerschaft des Cyrenius,
KJ|0|210|2|0|da erst kamen die Tullia, der Maronius Pilla und die Obersten und die Hauptleute samt Maria und Jakob, der das Kindlein führte, an diesem Tag zum ersten Mal aus dem Haus ins Freie.
KJ|0|210|3|0|Und der Maronius Pilla, da er eine sehr feine Nase hatte, nahm sogleich einen Brandgeruch wahr,
KJ|0|210|4|0|ging sogleich zum Joseph und sagte: „Edelster Freund, merkst du nichts von dem Geruch nach einem wilden Brand in deinen Nüstern?“
KJ|0|210|5|0|Und der Joseph führte ihn etwas hinter das Haus und zeigte ihm mit dem Finger die Brandstätte.
KJ|0|210|6|0|Und Maronius fragte, was denn da dem Feuer preisgegeben ward.
KJ|0|210|7|0|Und der Joseph sprach: „Freund! Darum eben ward die Sache dem Feuer übergeben, auf dass sie nicht aller Welt in die Augen fallen solle!
KJ|0|210|8|0|Der Cyrenius aber weiß alles; darum wende dich an ihn, der wird es dir sagen, was da war; denn er war Zeuge von allem!“
KJ|0|210|9|0|Damit war der Maronius abgefertigt und mit ihm noch einige neugierige Forscher.
KJ|0|210|10|0|Es verlangte aber darauf das Kindlein, mit Joseph, Cyrenius, Jonatha und mit Seinem Jakob zur Brandstätte zu gehen, die noch hie und da ein wenig dampfte.
KJ|0|210|11|0|Als diese dort anlangten, da lief das Kindlein dreimal um die bedeutend große Brandfläche, nahm einen zur Hälfte verbrannten Dolch und gab ihn dem Cyrenius und sprach:
KJ|0|210|12|0|„Cyrenius, siehe, nun sind deine Feinde besiegt, und zu Asche ward ihre Festigkeit!
KJ|0|210|13|0|Hier ist der letzte feindliche Rest in Meiner Hand, und dieser ist untauglich geworden!
KJ|0|210|14|0|Ich übergebe ihn dir zum Zeichen, dass du keine Rache üben sollst fürder an denen, die wider dich waren – und einige wenige es noch sind!
KJ|0|210|15|0|Denn also unbrauchbar und verschlackt, wie dieser Dolch hier, solle auch aller Zorn in dir und in deinen wenigen Feinden sein!
KJ|0|210|16|0|Diese deine Feinde aber gingen von Tyrus aus und wollten dich hier verderben.
KJ|0|210|17|0|Ich aber wusste den Tag und die Stunde und den Augenblick, da du in Gefahr schwebtest.
KJ|0|210|18|0|Darum ließ Ich in dieser Nacht zur rechten Zeit einen Sturm kommen, der die reißenden Tiere aus dem Gebirge trieb
KJ|0|210|19|0|und musste die Meuterer in große Furcht und Angst versetzen, auf dass sie unbehilflich wurden, als sie von den Bestien angefallen worden sind.
KJ|0|210|20|0|Und siehe, also wird es in der Zukunft sein! Ein mächtig Feuer aus der Höhe wird kommen über die Gebeine der Frevler und wird sie verzehren bis zu Staub und Asche!
KJ|0|210|21|0|Der Herr aber wird dreimal um die Brandstätte der Welt ziehen, und es wird Ihn niemand fragen und sagen: ‚Herr! – was tust Du?‘
KJ|0|210|22|0|Und beim dritten Umgang erst solle der letzte Stahl des Zornes von der Erde genommen werden!“
KJ|0|210|23|0|Alle aber machten ob dieser Rede große Augen, denn niemand verstand ihren Sinn.
KJ|0|211|1|1|Viele Dinge werden den Menschen nicht offenbar werden, solange sie auf der Erde leben. Das Mittagsmahl
KJ|0|211|1|1|Am 20. Mai 1844
KJ|0|211|1|0|Nach einer Weile aber ging Joseph zum Kindlein hin und fragte Es, wie solches zu verstehen wäre.
KJ|0|211|2|0|Und das Kindlein sprach: „Joseph, da forschst du vergeblich!
KJ|0|211|3|0|Denn gar viele Dinge gibt es, die euch nicht offenbar werden, dieweil ihr lebt auf der Erde.
KJ|0|211|4|0|Wer aber kommen wird nach diesem Leben in Mein Reich geistig, dem wird alles im Licht gezeigt werden!
KJ|0|211|5|0|Darum frage hier nicht nach Dingen, die dich nun nichts angehen!
KJ|0|211|6|0|Lasse aber nun Erde bringen und mit ihr bedecken diese Brandfläche!“
KJ|0|211|7|0|Und der Joseph wandte sich hier an den Cyrenius, und dieser ließ sogleich durch seine Leute Erde herbeischaffen und mit selber bedecken die Stelle.
KJ|0|211|8|0|Nach dieser Arbeit ward es Mittag geworden, und die Söhne Josephs waren auch mit ihrem Mittagsmahl fertig und hielten es in der Bereitschaft für die vielen Gäste.
KJ|0|211|9|0|Und das Kindlein sprach Selbst zum Joseph: „Lieber Joseph! Ich bin schon recht hungrig geworden; drei große Fische sind gebraten, daher gehen wir zum Essen!“
KJ|0|211|10|0|Joseph aber sprach: „Das ist recht löblich; aber werden die Fische wohl für mehr als hundert Personen ausreichen?!“
KJ|0|211|11|0|Und das Kindlein erwiderte: „No – und ob! Hast du doch die großen Tiere gesehen; wie magst darnach fragen?
KJ|0|211|12|0|Ein jeder Fisch hat gut hundert Pfunde; da braucht es wahrlich nichts mehr, und es ist genug für zweihundert Menschen!
KJ|0|211|13|0|Daher gehen wir nun nur nach Hause; denn Ich bin schon sehr hungrig, und besonders auf die guten Fische des Mittelmeeres!“
KJ|0|211|14|0|Und der Joseph berief sogleich alle zum Mittagsmahl und begab sich in die Villa.
KJ|0|211|15|0|Unterwegs aber fragte der Cyrenius das holde Kindlein, ob denn dieses Meer wohl richtig ein Mittelmeer (mare mediterraneum) ist.
KJ|0|211|16|0|Und das Kindlein sprach: Ob’s richtig oder nicht – Ich muss ja nach eurer Art mit euch reden, so Ich von euch verstanden werden will!
KJ|0|211|17|0|Nach dem Essen aber kannst du auf der kleinen Erdkugel nachsehen, und du wirst da es wohl finden, ob dieser Ausdruck passt!?“
KJ|0|211|18|0|Darauf lief das Kindlein voraus mit Seinem Jakob, um ja bald am Tisch zu sein.
KJ|0|211|19|0|Und als der Joseph kam, da lächelte ihm das Kindlein schon vom Tisch entgegen, indem Es schon ein Stückchen Fisches in der Hand hielt.
KJ|0|211|20|0|Joseph aber freute sich dessen sehr geheim; nur sagte er des Anstandes wegen:
KJ|0|211|21|0|„Aber – Du mein liebstes Kindlein, so ein großes Stück! Wirst Du es wohl wegzehren können?“
KJ|0|211|22|0|Und das Kindlein lächelte noch mehr und sprach: „Sorge dich um etwas anderes; denn dafür haben schon deine Väter gesorgt, dass Meinem Magen nicht leichtlich etwas schadet, – denn die haben Mir gar oft die schlechtesten und größten Brocken aufgetischt.“ – Hier verstand Joseph wohl, was das Kindlein sagen wollte.
KJ|0|212|1|1|Jakob und das Jesuskind vergessen auf das Tischgebet. Das Jesuskind fragt Joseph, warum und zu wem Es beten soll. Das Jesuskind verlässt mit Jakob den Mittagstisch
KJ|0|212|1|1|Am 21. Mai 1844
KJ|0|212|1|0|Darauf aber begann Joseph sein gewöhnliches Tischgebet und segnete die Speise –
KJ|0|212|2|0|und fragte darauf das Kindlein, ob Es wohl auch schon gebetet hätte.
KJ|0|212|3|0|Das Kindlein aber lächelte wieder und sagte zum Jakob:
KJ|0|212|4|0|„Du, jetzt wird’s uns gut gehen! Wir haben ja beide aufs Bitt- und Dankgebet vergessen und haben aber dennoch schon gegessen vom Fisch!
KJ|0|212|5|0|Rede du jetzt, so gut es geht, sonst sind wir offenbar wieder in einer Strafe und werden etwas fasten müssen!“
KJ|0|212|6|0|Und der Jakob, etwas verlegen, sagte: „Lieber Vater Joseph, ich bitte dich um Vergebung! Denn ich habe diesmal wirklich samt meinem Jesus zu beten vergessen!“
KJ|0|212|7|0|Als der Joseph solches von Jakob vernommen hatte, da machte er ein etwas finsteres Gesicht und sprach:
KJ|0|212|8|0|„Habt ihr aufs Beten vergessen, so vergesst auch aufs Essen bis auf den Abend, und geht nun unterdessen ein wenig lustwandeln ins Freie!“
KJ|0|212|9|0|Und das Kindlein lächelte hier den Jakob an und sprach: „Nun, da haben wir’s ja! Habe Ich nicht geredet ehedem, dass es da aufs Fasten ankommen wird?!
KJ|0|212|10|0|Aber warte doch noch ein wenig; Ich will mit dem Joseph auch doch noch zuvor ein paar Wörtlein sprechen!
KJ|0|212|11|0|Vielleicht lässt er dann etwas handeln mit sich wegen dem Fasten bis zum Abend!?
KJ|0|212|12|0|Und der Jakob sprach im Geheimen: „Herr! – tue Du, was Dir als Bestes dünkt, und ich werde dann Deinem Beispiel folgen.“
KJ|0|212|13|0|Und das Kindlein fragte den Joseph, sagend nämlich: „Joseph! Ist das wohl dein vollkommener Ernst?!“
KJ|0|212|14|0|Und der Joseph sprach: „Ja – ganz natürlich; denn wer nicht betet, der solle auch nicht essen!“
KJ|0|212|15|0|Und das Kindlein lächelte abermals und sprach: „Aber das heiße Ich scharf sein!
KJ|0|212|16|0|Siehe, so Ich so scharf wäre, als du nun bist, da hätten gar viele eine Fastenstrafe, die heute doch essen, obschon sie nicht gebetet haben!
KJ|0|212|17|0|Ich möchte aber doch von dir einmal vernehmen, warum und zu wem Ich so ganz eigentlich beten solle?!
KJ|0|212|18|0|Und dann möchte Ich auch von dir erfahren, zu wem du so ganz eigentlich betest in deinem Gebet, und zu wem der arme Jakob hätte beten sollen?!“
KJ|0|212|19|0|Und Joseph sprach: „Zu Gott dem Herrn, Deinem heiligen Vater musst Du beten, darum Er heilig ist, überheilig!“
KJ|0|212|20|0|Und das Kindlein sprach: „Da hast du freilich wohl recht!
KJ|0|212|21|0|Aber das Fatale an der Sache ist nur das, dass du eben den Vater aller Heiligkeit nicht kennst, zu dem du betest!
KJ|0|212|22|0|Und diesen Vater wirst du noch lange nicht erkennen, weil dich deine alte Gewohnheitsblende daran hindert!“
KJ|0|212|23|0|Darauf sprach das Kindlein zum Jakob: „Gehen wir nur hinaus, und du sollst sehen, dass man draußen im Freien auch ohne Gebet etwas zu essen bekommen kann!“
KJ|0|212|24|0|Darauf lief das Kindlein mit Seinem Jakob hinaus und ließ Sich nicht zurückhalten.
KJ|0|213|1|1|Maria und Cyrenius tadeln Joseph
KJ|0|213|1|1|Am 22. Mai 1844
KJ|0|213|1|0|Als das Kindlein und der Jakob aber draußen waren, da sagte die Maria zum Joseph:
KJ|0|213|2|0|„Höre, du mein lieber Gemahl und Vater Joseph! Manchmal bist du gegen das göttliche Kind denn doch etwas zu scharf!
KJ|0|213|3|0|Was könnte man denn sonst wohl bei einem natürlichen Menschenkind von zwei und ein drittel Jahren erwarten?
KJ|0|213|4|0|Wer wohl würde es schon einer so strengen Zucht unterziehen?
KJ|0|213|5|0|Du aber bist gegen dies Kind aller Kinder also zuchtstreng, als wäre Es in Gott weiß was für einem reifen Alter!
KJ|0|213|6|0|Siehe, das kommt mir sehr unbillig vor! Hast du Es dann und wann auch über die Maßen lieb, so bist du aber dennoch manchmal wieder so strenge gegen Dasselbe, als hättest du keine Liebe zu Ihm!“
KJ|0|213|7|0|In diesen Ton der Maria stimmten auch sogleich der Cyrenius, der Jonatha, die Tullia, die Eudokia und der Maronius Pilla.
KJ|0|213|8|0|Und der Cyrenius sagte extra noch zum Joseph: „Freund! Ich weiß wirklich nicht, wie du mir manchmal vorkommst!
KJ|0|213|9|0|Einmal lehrst du mich im Kindlein Selbst das allerhöchste Wesen Gottes erkennen, –
KJ|0|213|10|0|gleich darauf verlangst du wieder vom Kindlein, dass Es einen Gott anbeten solle!
KJ|0|213|11|0|Sage mir, wie sich das zusammenreimt? Ist das Kindlein das Gottwesen Selbst, wie solle Es dann zu einem Gott beten? Kommt dir nicht solche deine Forderung ein wenig unsinnig vor?
KJ|0|213|12|0|Und ich setze den Fall, das Kindlein wäre nicht Das, als was ich Es nun ganz ungezweifelt erkenne und allzeit anbete,
KJ|0|213|13|0|da, meine ich als ein wahrer Kinderfreund, dürfte denn dein Begehren von einem Wiegenkind doch etwas töricht sein;
KJ|0|213|14|0|denn wer wird da von einem neun Vierteljahre alten Kind ein strenges Gebet verlangen?
KJ|0|213|15|0|Darum musst du mir nun das schon zugutehalten, so ich als ein Heide dir sage:
KJ|0|213|16|0|Freund, du musst mit dreifacher Blindheit geschlagen sein, wenn du das Kindlein nicht allzeit gleich zu würdigen imstande bist!
KJ|0|213|17|0|Fürwahr, diesmal esse auch ich keinen Bissen, so das Kindlein mit Seinem Jakob nicht hier an meiner Seite Sich befinden wird!
KJ|0|213|18|0|Ist es nicht lächerlich sogar, so du um die Segnung der Speise Gott den Herrn anflehst und schaffst dann eben denselben einen Gott und Herrn vom Tisch weg, darum Er nicht gebetet hatte nach deiner angewohnten Art?!
KJ|0|213|19|0|Darum fragte dich auch sicher das Kindlein, zu wem Es so ganz eigentlich beten solle, und zu wem du betest, und zu wem auch der Jakob hätte beten sollen.
KJ|0|213|20|0|Du aber hast meines Dafürhaltens nicht gemerkt, was das Kindlein dir dadurch hat sagen wollen!“
KJ|0|213|21|0|Diese recht triftigen Bemerkungen gingen dem Joseph sehr zu Herzen, und er ging hinaus, das Kindlein samt dem Jakob zu holen.
KJ|0|213|22|0|Aber er rief da den Jakob und das Kindlein vergebens, denn die beiden hatten sich schnell entfernt; wohin aber – das wusste niemand.
KJ|0|214|1|1|Joseph sucht das Jesuskind und findet Es auf einem Hügel. „Das wahre Gebet ist die Liebe zu Mir!“
KJ|0|214|1|1|Am 23. Mai 1844
KJ|0|214|1|0|Da aber dem Joseph darauf bange ward, so berief er sobald die vier älteren Söhne und sagte zu ihnen:
KJ|0|214|2|0|„Geht und helft mir suchen das Kindlein und den Jakob! Denn ich habe mich versündigt am Kind, und es ist mir gewaltig bange ums Herz!“
KJ|0|214|3|0|Und die vier Söhne gingen eilends aus nach allen Seiten und suchten das Kindlein bei einer Stunde lang, fanden Es aber nirgends und kamen unverrichteter Dinge nach Hause.
KJ|0|214|4|0|Als der Joseph aber sah, dass die vier Söhne allein nach Hause kamen, da ward es ihm gar sehr bange ums Herz, dass er darob hinausging recht weit von der Villa und weinte dort recht bitterlich über sein vermeintes Vergehen gegen das Kind.
KJ|0|214|5|0|Als er aber also weinte, da vernahm er eine Stimme, die zu ihm sprach:
KJ|0|214|6|0|„Joseph! – du Gerechter, weine nicht, und lasse dich nicht beunruhigen von den Menschen in deinem Gemüt!
KJ|0|214|7|0|Denn Ich, den du nun ängstlich und voll bangen Gemütes suchst, bin dir näher, als du glaubst.
KJ|0|214|8|0|Gehe aber in der Richtung deines Angesichts vorwärts, und deine Augen werden Den erschauen, der nun zu dir redet und den du suchst!“
KJ|0|214|9|0|Auf diese wunderbaren Worte erhob sich Joseph getröstet und ging eiligst vorwärts nach der Richtung seines Angesichts, bei einer halben Stunde Feldweges.
KJ|0|214|10|0|Und da er also ging, kam er an einen bedeutenden Hügel, der eine Höhe von hundertsiebzig Klaftern hatte.
KJ|0|214|11|0|Da dachte er und sprach bei sich: „Soll ich auch auf diesen Hügel steigen bei dieser starken Hitze?“
KJ|0|214|12|0|Und die Stimme sprach wieder: „Ja, auch auf diesen Hügel musst du gehen; denn auf der Höhe erst sollen deine Augen den Herrn schauen, den du nicht gesehen hast, da Er bei dir zu Tische saß!“
KJ|0|214|13|0|Da der Joseph solches vernommen hatte, da achtete er der großen Hitze nicht und ging eilig den Hügel hinauf.
KJ|0|214|14|0|Und als er nahe an den Scheitel kam, da fand er diesen in dichte Nebel verhüllt und wunderte sich sehr, dass ein so kleiner Berg in dieser Jahreszeit Nebel hatte; denn es war die Zeit um die Ostern.
KJ|0|214|15|0|Als er sich aber da also wunderte, siehe, da kamen bald der Jakob und das Kindlein aus den Nebeln zum Vorschein, und das Kindlein sprach:
KJ|0|214|16|0|„Joseph! – scheue dich nicht, und komme mit heiterem Gemüt mit Mir auf den Scheitel dieses Hügels,
KJ|0|214|17|0|und überzeuge dich daselbst, dass nun die Zeit noch nicht da ist, in der der Herr fasten solle darum, da Er nicht gebetet hatte!
KJ|0|214|18|0|Es wird wohl eine Zeit kommen, in der der Herr fasten wird, aber jetzt ist sie noch nicht da. Und so folge Mir!“
KJ|0|214|19|0|Und der Joseph folgte dem Kindlein und kam bald auf die Höhe.
KJ|0|214|20|0|Als er auf der Höhe sich befand, da wichen die Nebel, und auf einem fein polierten Querbalken aus Zedernholz befand sich ein gebratenes Lamm, ein Pokal voll köstlichen Weines und ein Laib feinsten Weizenbrotes.
KJ|0|214|21|0|Hier staunte Joseph über die Maßen und sprach: „Aber woher habt ihr denn das alles genommen? Haben das euch die Engel gebracht, oder hast Du, o Herr, es geschaffen?!“
KJ|0|214|22|0|Und das Kindlein schaute zur Sonne und sprach: „Joseph, siehe, auch diese Leuchte der Erde speist an Meinem Tisch!
KJ|0|214|23|0|Und Ich sage dir, sie braucht in einer Stunde mehr, als wie groß diese Erde ist, die dich trägt; und siehe, sie hat noch nie Hunger und Durst gelitten! Und solche Kostgänger habe Ich zahllos viele und noch endlos größere!
KJ|0|214|24|0|Meinst du wohl, dass Ich dann fasten werde, wenn du Mich vom Tisch schaffst, so Ich Mich Selbst nicht anbeten will zur Unzeit?
KJ|0|214|25|0|O siehe, das hat der Herr nicht vonnöten! Komme aber nun du an Meinen Tisch und speise mit Mir; aber diesmal ohne dein angewohntes Gebet!
KJ|0|214|26|0|Denn das wahre Gebet ist die Liebe zu Mir; hast du diese, dann kannst du deinen Lippen allzeit die Mühe ersparen!“ – Und der Joseph ging hinzu und aß und trank am wahren Tisch des Herrn und fand die Speise gar himmlisch wohlschmeckend.
KJ|0|215|1|1|Joseph trägt das Kreuz. Seine Rückkehr mit dem Jesuskind und mit Jakob
KJ|0|215|1|1|Am 24. Mai 1844
KJ|0|215|1|0|Nach dieser himmlischen Mahlzeit auf dem kleinen Berg sagte der Joseph zum Kindlein:
KJ|0|215|2|0|„Mein Herr und mein Gott! Ich armer alter Greis bitte Dich, vergebe mir, so ich Dich doch sicher beleidigt habe, und kehre wieder mit mir in das Haus zurück!
KJ|0|215|3|0|Denn ohne Dich kann ich nun nimmer zurückkehren; kehre ich aber ohne Dich zurück, so werden dann alle gar bitter wider mich ziehen und werden mich strafen mit harten Worten!“
KJ|0|215|4|0|Und das Kindlein sprach: „Ja, ja, Ich gehe ja wohl mit dir; denn hier werde Ich nicht eine Wohnstätte aufrichten und bleiben allda!
KJ|0|215|5|0|Aber eines verlange Ich von dir, und das besteht darin, dass du diesen Meinen Tisch auf deine Achseln nimmst und ihn trägst vor Mir nach Hause!
KJ|0|215|6|0|Scheue aber nicht dessen Last; denn die wird dich wohl ein wenig drücken, aber nicht beugen und noch weniger schwächen!“
KJ|0|215|7|0|Auf diese Worte nahm Joseph das schöne Kreuz und Jakob die Überbleibsel von der Mahlzeit und traten also mit dem Kindlein in der Mitte den Rückweg an.
KJ|0|215|8|0|Nach einer Weile sprach Joseph zum Kindlein: „Höre, Du mein geliebtester Jesus! Das Kreuz ist denn doch recht schwer, – könnten wir denn nicht ein wenig rasten?“
KJ|0|215|9|0|Und das Kindlein sprach: „Joseph, du hast schon größere Lasten als Zimmermann getragen, die dir nicht Ich auferlegt habe;
KJ|0|215|10|0|und siehe, da mochtest du dir keine Rast eher gönnen, als bis du die Last an ihren Ort befördert hast!
KJ|0|215|11|0|Nun trägst du zum ersten Mal nur eine kleine Last für Mich und willst dir schon nach tausend Schritten eine Rast nehmen!?
KJ|0|215|12|0|O Joseph! – trage, trage Meine leichte Last ohne Rast, so wirst du einst in Meinem Reich den rechten Lohn finden!
KJ|0|215|13|0|Siehe, an diesem Kreuz wirst du Meiner Bürde gewahr, und es wird dir durch seinen kleinen Druck sagen, was Ich auf der Welt dir bin!
KJ|0|215|14|0|Aber wenn du diese Welt in Meinen Armen verlassen wirst, dann wird dir dieses Kreuz zu einem feurigen Eliaswagen werden, in dem du seligst vor Mir aufwärts fahren wirst!“
KJ|0|215|15|0|Nach diesen Worten küsste der alte Joseph das ziemlich schwere Kreuz und trug es ohne Rast weiter;
KJ|0|215|16|0|und es kam ihm nimmer so schwer vor, dass er es dann leicht ganz bis zur Villa brachte.
KJ|0|215|17|0|Es war aber bei der Villa alles in der gespanntesten Erwartung, und das voll großer Ängstlichkeit, von welcher Seite etwa der Joseph mit dem Kindlein und mit dem Jakob zurückkommen möchte.
KJ|0|215|18|0|Als aber nun die Maria, der Cyrenius und die anderen endlich einmal der drei Kommenden ansichtig wurden, da war es aus!
KJ|0|215|19|0|Alles lief ihnen mit offenen Armen entgegen, und die Maria erfasste sogleich das Kindlein und herzte Es mit krampfhafter Liebe.
KJ|0|215|20|0|Der Cyrenius aber verwunderte sich über Joseph, wie dieser einen Galgen als ein Symbol der höchsten Schande und Schmach da auf seinen Achseln nach Hause schleppen mochte.
KJ|0|215|21|0|Und das Kindlein auf den Armen der Mutter richtete Sich auf und sagte zum Cyrenius:
KJ|0|215|22|0|„Wahrlich, wahrlich! – dieses Zeichen der größten Schmach wird zum Zeichen der höchsten Ehre werden!
KJ|0|215|23|0|Wenn du es nicht also tragen wirst nach Mir, wie es nun der Joseph trägt, da wirst du nicht kommen in Mein Reich dereinst!“ – Diese Worte brachten den Cyrenius zum Schweigen, und er fragte darauf nicht weiter über die Bürde Josephs.
KJ|0|216|1|1|Kalter Fisch mit Zitronensaft und Öl
KJ|0|216|1|1|Am 25. Mai 1844
KJ|0|216|1|0|Darauf begab sich alles wieder ins Haus und allda nach dem Willen des Kindleins zum Tisch.
KJ|0|216|2|0|Denn es hatte noch keiner von den Hauptgästen irgendeinen Bissen in den Mund gesteckt; die drei großen Fische lagen noch fast ganz unangetastet da.
KJ|0|216|3|0|Da aber während des Suchens des Kindleins mehrere Stunden vergingen und der Tag dem Abend nahe war,
KJ|0|216|4|0|da wurden natürlich die Fische auch kalt, in welchem Zustand sie von den Juden zumeist nicht genossen werden durften.
KJ|0|216|5|0|Da aber die Sonne dennoch nicht untergegangen war, so durften die Fische wohl noch genossen werden; nur mussten sie frisch wieder übers Feuer gebracht und wohl erwärmt werden.
KJ|0|216|6|0|Darum berief Joseph sogleich seine vier Köche und befahl ihnen, die Fische wieder zu überbraten.
KJ|0|216|7|0|Das Kindlein aber sprach: „Joseph, lasse diese Arbeit gut sein; denn von nun an sollen auch die Fische kalt genossen werden, wenn sie nur gebraten sind zuvor!
KJ|0|216|8|0|Lasse aber anstatt des Wiederbratens Zitronen und gutes Öl bringen,
KJ|0|216|9|0|und diese Fische werden also besser schmecken, als so sie wieder gebraten würden!“
KJ|0|216|10|0|Joseph befolgte sogleich den Rat des Kindleins und ließ bringen einen ganzen Korb Zitronen und ein tüchtiges Gefäß voll frischen Öles.
KJ|0|216|11|0|Und alle Gäste waren auf diese neue Kost lüstern, wie sie etwa doch schmecken werde.
KJ|0|216|12|0|Cyrenius war der erste, der sich ein recht tüchtiges Stück vom Fisch nahm und gab darauf Öl und den Saft einer Zitrone.
KJ|0|216|13|0|Und als er zu essen begann, da konnte er nicht genug rühmen den Wohlgeschmack des also zubereiteten Fisches.
KJ|0|216|14|0|Auf solche Erfahrung des Statthalters griffen dann auch die anderen Gäste zu, und allen schmeckte diese Kost so wohl, dass sie sich nicht genug darüber verwundern konnten.
KJ|0|216|15|0|Als Joseph selbst eine recht ansehnliche Probe davon gemacht hatte, da sprach er:
KJ|0|216|16|0|„Fürwahr! Wenn Moses je einen also zubereiteten Fisch genossen hätte, da hätte er diese Kost sicher auch in seine Diät aufgenommen!
KJ|0|216|17|0|Aber er musste eben in der Küche nicht so wohl bewandert gewesen sein wie Du, mein allerliebster Jesus!“
KJ|0|216|18|0|Hier lächelte das Kindlein recht herzlich und sprach gar freundlich:
KJ|0|216|19|0|„Mein lieber Vater Joseph! Der Grund liegt darin:
KJ|0|216|20|0|Unter Moses in der Wüste hieß es: Der Hunger ist der beste Koch! – und das Volk hätte zu seinem Verderben oft rohes Fleisch gegessen aus Hunger;
KJ|0|216|21|0|darum musste Moses eine solche Diät vorschreiben, und die Speisen mussten frisch und warm genossen werden.
KJ|0|216|22|0|Nun aber heißt es und wird allzeit heißen fürder: Der Herr ist der beste Koch! – und da kann man dann schon auch einen kalten Fisch mit Zitronen und Öl genießen.
KJ|0|216|23|0|Und das darum, weil der kalte, aber doch gut gebratene Fisch gleich ist dem Zustand der Heiden, der Zitronensaft gleich der sie einenden und zusammenziehenden Kraft aus Mir, und das Öl gleich Meinem Wort an sie. Verstehst du nun, warum der Fisch also besser schmeckt?“ – Alles ward darob bis zu Tränen gerührt und wunderte sich hoch über des Kindes Weisheit.
KJ|0|217|1|1|Warum sich das Mittelmeer wirklich in der Mitte der Erde befindet
KJ|0|217|1|1|Am 28. Mai 1844
KJ|0|217|1|0|Als sich aber alle an den kalten Fischen gesättigt hatten, da erhoben sie sich, dankten dem Joseph für dieses gute Mahl und begaben sich dann ins Freie; denn die Sonne war noch nicht völlig untergegangen.
KJ|0|217|2|0|Als die meisten Gäste aus dem Gefolge des Cyrenius draußen waren, da sprach das Kindlein zu ihm:
KJ|0|217|3|0|„Cyrenius! – erinnerst du dich nicht mehr, was du Mich draußen an der Brandstätte gefragt hast, da Ich die Fische des Mittelmeeres angelobt habe, wie sie gut und köstlich sind?“
KJ|0|217|4|0|Der Cyrenius dachte hier ein wenig nach, fand aber seine Frage nicht wieder in seiner Erinnerung.
KJ|0|217|5|0|Er sprach darum zum Kindlein: „O Du mein Herr, Du mein Leben! – vergebe mir, ich muss es vor Dir gestehen, dass ich darauf ganz rein vergessen habe!“
KJ|0|217|6|0|Hier lächelte das Kindlein wieder und sagte voll Sanftmut zum etwas verlegenen Cyrenius:
KJ|0|217|7|0|„Hast du Mich nicht gefragt, ob das Mittelmeer wohl wirklich in der Mitte der Erde sei?
KJ|0|217|8|0|Ich aber beschied dich auf die kleine Erdkugel, auf der du nachsehen sollst und dich überzeugen, ob dieses Meer wohl wirklich in der Mitte der Erde sich befinde.
KJ|0|217|9|0|Nun siehe, jetzt hätten wir ja die schönste Zeit dazu, diese Sache abzumachen!
KJ|0|217|10|0|Darum nehme die kleine Erde zur Hand und hole dir die Antwort auf deine Frage!“
KJ|0|217|11|0|Und der Cyrenius sprach: „Ja – bei meiner armen Seele, darauf hätte ich sicher ganz vollkommen vergessen, so Du, o Herr, mich nun nicht daran gemahnt hättest!“
KJ|0|217|12|0|Hier sprang sogleich der Jakob ins Nebengemach und brachte die kleine Erde dem Cyrenius.
KJ|0|217|13|0|Dieser aber suchte dann sogleich das Mittelmeer und fand es auch bald.
KJ|0|217|14|0|Als er aber nun mit seinem Finger auf das Mittelmeer wies, da fragte ihn das Kindlein:
KJ|0|217|15|0|„Cyrenius, ist das wohl der Erde Mitte? – oder wie findest du die Sache?“
KJ|0|217|16|0|Und der Cyrenius sprach: „Ich bin wohl ein tüchtiger Rechner nach Euklides und Ptolemäus (Lagos König in Ägypten)
KJ|0|217|17|0|und weiß daher aus der Planimetrie, dass auf einer Kugeloberfläche darum ein jeder beliebig angegebene Punkt in der Mitte der Oberfläche ist, weil er fürs Erste mit dem Mittelpunkt der Kugel in der genauesten Korrespondenz steht,
KJ|0|217|18|0|und weil von ihm aus bis zu seinem Gegensatz alle ausgehenden Linien von gleicher Beugung und Dimension sind.
KJ|0|217|19|0|Nach diesem Grundsatz kann dies Meer gleichwohl das ‚Mittelmeer‘ heißen.
KJ|0|217|20|0|Aber ich finde dann freilich auch, dass da ein jedes Meer unter demselben Verhältnis steht und ebenso gut ein Mittelmeer sein kann.“
KJ|0|217|21|0|Und das Kindlein sprach: „Da hast du wohl recht; aber dennoch passen die Euklidischen Verhältnisse nicht hin,
KJ|0|217|22|0|und dieses Meer kann dennoch ausschließlich ein Mittelmeer heißen,
KJ|0|217|23|0|denn die wahre Mitte ist da, wo der Herr ist!
KJ|0|217|24|0|Siehe, der Herr aber ist nun da an diesem Meer, und so ist auch da des Meeres Mitte!
KJ|0|217|25|0|Siehe, das ist eine andere Berechnung, von der dem Euklid nichts geträumt hatte, und sie ist richtiger als die seine!“
KJ|0|217|26|0|Diese Erklärung weckte den Cyrenius gewaltig, und er forschte dann weiter.
KJ|0|218|1|1|Alles braucht seine Zeit und Ordnung. Die göttlichen Tiefen soll man nicht vor der rechten Zeit erforschen wollen. Der Weg zur Weisheit
KJ|0|218|1|1|Am 29. Mai 1844
KJ|0|218|1|0|Es bemerkte aber das Kindlein dem Cyrenius, da dieser sich anfing in weitere Forschungen einzulassen:
KJ|0|218|2|0|„Cyrenius! – du forschst umsonst weiter und möchtest sogleich die ganze Hand haben, wo Ich dir einen Finger gezeigt habe!
KJ|0|218|3|0|Siehe, das geht nicht an! Denn alles braucht seine Zeit und seine feste unwandelbare Ordnung!
KJ|0|218|4|0|Wenn du einen Baum blühen siehst, da möchtest du freilich auch schon die reife Frucht haben.
KJ|0|218|5|0|Aber siehe, das geht nicht; denn ein jeglicher Baum hat seine Zeit und seine Ordnung!
KJ|0|218|6|0|Die Zeit und die Ordnung aber ist aus Mir von Ewigkeit, und so kann Ich nicht wider Mich ziehen;
KJ|0|218|7|0|daher kann auch von der Zeit und von der Ordnung nichts vergeben werden!
KJ|0|218|8|0|Ich liebe dich wohl mit aller Fülle Meiner göttlichen Kraft; aber darum kann Ich dir doch keine Minute von der flüchtigen Zeit schenken;
KJ|0|218|9|0|denn diese muss fortfließen wie ein Strom und ist unaufhaltsam und hat keine Ruhe eher, als bis sie die großen Ufer der unwandelbaren Ewigkeit erreicht hat!
KJ|0|218|10|0|Daher ist dein weiteres Forschen in Meine Tiefen etwas eitel.
KJ|0|218|11|0|Denn du wirst auf solchem Wege Meinen Tiefen dennoch nicht eher um ein Haar näherkommen, als bis es an der Zeit sein wird!
KJ|0|218|12|0|Darum lasse ab von derlei Forschungen, und mühe deinen Geist nicht vergeblich ab; denn zur rechten Zeit solle dir alles frei aus Mir werden!
KJ|0|218|13|0|Du möchtest nun in der Tiefe begreifen, warum da die Mitte ist, da Ich bin?!
KJ|0|218|14|0|Ich sage dir aber, solches kannst du nun noch nicht begreifen; darum sollst du vorerst glauben und im Glauben die wahre Demut deines Geistes erweisen!
KJ|0|218|15|0|Wird dein Geist erst durch die wahre Demut die rechte Tiefe in sich erreicht haben, dann wirst du auch aus dieser Tiefe in Meine Tiefen helle Blicke tun können.
KJ|0|218|16|0|Wenn du aber forschend deinen Geist erheben wirst, dann wird dieser seine lebendige Tiefe stets mehr und mehr verlassen, und du wirst dich dadurch von Meinen Tiefen entfernen und dich ihnen nicht nahen!
KJ|0|218|17|0|Ja – Ich sage dir noch hinzu: Von nun an solle alle tiefe Weisheit vor den Weisen der Welt verborgen bleiben;
KJ|0|218|18|0|aber den Einfältigen, den schwachen Kindern und Waisen solle sie ins Herz gelegt werden!
KJ|0|218|19|0|Darum werde du ein Kind in deinem Gemüt, und es wird dann die rechte Zeit für dich sein, die rechte Weisheit zu überkommen!“
KJ|0|218|20|0|Der Cyrenius staunte ganz gewaltig über diese Lehre und fragte dann das Kindlein, sagend nämlich:
KJ|0|218|21|0|„Ja – wenn also, da darf dann ja kein Mensch mehr die Schrift lesen lernen und eine Schrift selbst schreiben?
KJ|0|218|22|0|Denn so Du das alles dem Würdigen frei gibst, wozu dann das mühsame Lernen?“
KJ|0|218|23|0|Und das Kindlein sprach: „Durch ein rechtes und demütiges Lernen wird der Acker für die Weisheit gedüngt, und das ist auch in Meiner Ordnung.
KJ|0|218|24|0|Aber du musst das Lernen nicht als den Zweck oder für die Weisheit selbst ansehen, sondern nur als ein Mittel!
KJ|0|218|25|0|Wann aber der Acker gedüngt sein wird, dann werde schon Ich den Samen streuen, woraus dann erst die rechte Weisheit hervorsprossen wird! Verstehst du solches?“ – Hier schwieg Cyrenius und forschte nicht mehr weiter.
KJ|0|219|1|1|Das Kreuz als Ausdruck der puren Liebe Gottes
KJ|0|219|1|1|Am 30. Mai 1844
KJ|0|219|1|0|Nach dieser höchst lehrreichen Unterredung des Kindleins mit dem Cyrenius aber wandte sich auch der Joseph an das Kindlein und fragte Es, was da nun mit dem nach Hause gebrachten Kreuz geschehen solle.
KJ|0|219|2|0|Und das Kindlein sprach: „Joseph! – Ich sage dir: Das hat schon seinen Mann und seinen Platz gefunden!
KJ|0|219|3|0|Sagt doch auch ihr zu einem Kaufmann: ‚Du hast eine gute Ware, diese wirst du nicht lange besitzen;
KJ|0|219|4|0|denn für die wird sich wohl bald irgendwo ein kauflustiger Käufer finden!‘
KJ|0|219|5|0|Und siehe, so ein Kaufmann bin Ich auch! Ich habe eine gute Ware gebracht zum freien Verkauf.
KJ|0|219|6|0|Und es hat sich auch schon ein Käufer eingefunden und hat es durch seine Liebe zu Mir an sich gekauft;
KJ|0|219|7|0|und der Käufer ist Jonatha, der starke Fischer!
KJ|0|219|8|0|Solle er für seine vielen Fische denn nichts haben, mit denen er uns so oft schon reichlich versehen hat?!
KJ|0|219|9|0|Eine Hand wäscht die andere; wer ein Wasser reicht, dem solle wieder Wasser gereicht werden!
KJ|0|219|10|0|Wer da ein Öl reicht, dem solle auch wieder reichlich Öl werden!
KJ|0|219|11|0|Wer da tröstet, dem solle auch ein Trost werden für ewig!
KJ|0|219|12|0|Wer aber Liebe reicht, dem solle auch wieder Liebe werden!
KJ|0|219|13|0|Jonatha aber hat Mir alle seine Liebe gegeben; also gab Ich ihm denn in dem Kreuz auch Meine Liebe!
KJ|0|219|14|0|Ihr habt Mir zwar wohl auch Liebe im Wasser und Öl gegeben;
KJ|0|219|15|0|aber Ich sage dir, pure Liebe ist Mir denn doch lieber, als die mit Wasser und Öl!
KJ|0|219|16|0|Das Kreuz aber ist nun zu Meiner puren Liebe geworden!
KJ|0|219|17|0|Darum gab Ich es dem Jonatha, weil dieser eine pure Liebe zu Mir hat;
KJ|0|219|18|0|denn er allein liebt Mich Meiner Selbst willen, und das ist pure Liebe!
KJ|0|219|19|0|Er liebte Mich, ohne zu wissen, wer Ich bin; ihr aber liebtet Mich weniger, da ihr doch wusstet, wer Ich so ganz eigentlich bin.
KJ|0|219|20|0|Und siehe, das war eine Liebe mit recht viel Wasser! Darum sollet ihr auch nie einen Wassermangel leiden – in euren Augen nämlich auf dieser Welt!
KJ|0|219|21|0|Cyrenius liebte Mich mit Öl; darum solle er auch dereinst mit dem Öl des Lebens gesalbt werden, wie ihr getränkt mit dem Wasser des Lebens!
KJ|0|219|22|0|Aber vollends in Meinem Gemach sollen nur die dereinst wohnen, die Mich pur lieben!“
KJ|0|219|23|0|Diese Rede des Kindleins brachte den Joseph in eine tüchtige Angst, und der Cyrenius selbst machte große Augen.
KJ|0|219|24|0|Das Kindlein aber sprach: „Ihr sollet aber darum doch nicht meinen, dass Ich euch das Kreuz vorenthalten werde; denn wer da haben wird ein freies Herz, der solle auch das freie Kreuz überkommen!“ – Dieser Bescheid beruhigte wieder das Gemüt des Joseph und des Cyrenius.
KJ|0|220|1|1|Jeder Mensch wird geheiligt und neu geboren durch die Liebe zu Gott in seinem Herzen
KJ|0|220|1|1|Am 31. Mai 1844
KJ|0|220|1|0|Bei dieser Rede des Kindleins aber fiel der Jonatha, von seinem heißen Liebegefühl gedrungen, vor dem Kindlein nieder und weinte aus zu großer Freude und Dankbarkeit.
KJ|0|220|2|0|Das Kindlein aber sprach zu den anderen: „Seht ihr, wie mächtig da ist des Jonatha Liebe zu Mir?
KJ|0|220|3|0|Wahrlich sage Ich euch, aus einer jeden Träne, die nun seinen Augen entstürzt, solle einst eine Welt für ihn in Meinem Reich werden!
KJ|0|220|4|0|Ich habe euch zwar schon den Wert und den Unterschied der Tränen gezeigt; aber hier sage Ich euch noch einmal hinzu:
KJ|0|220|5|0|Keine Träne ist größer vor Mir als die allein, die denen des Jonatha gleicht!“
KJ|0|220|6|0|Bei diesen Worten des Kindleins ermannte sich der große Jonatha und sprach:
KJ|0|220|7|0|„O Du allmächtiger Herr meines Lebens! Wie bin ich – ein großer Sünder – wohl solcher endlosen Gnade und Erbarmung von Dir würdig?!“
KJ|0|220|8|0|Das Kindlein aber sagte: „Jonatha, frage dich, wie du Mich denn wohl also mächtig lieben kannst in deinem Herzen, so du ein so großer Sünder bist?
KJ|0|220|9|0|Ist die Liebe zu Mir nicht heilig in sich, wie Ich Selbst in Meinem Göttlichen es bin?
KJ|0|220|10|0|Wie wohl magst du als ein so großer Sünder solche heilige Liebe ertragen in deinem Herzen?
KJ|0|220|11|0|Wird denn nicht ein jeder Mensch geheiligt und ganz neu geboren durch die Liebe zu Gott in seinem Herzen?
KJ|0|220|12|0|So du aber voll von dieser Liebe bist, sage, was ist demnach in dir, das du Sünde nennest?
KJ|0|220|13|0|Siehe, eines jeden Menschen Fleisch ist wohl eine Sünde in sich; darum muss auch eines jeden Menschen Fleisch sterben!
KJ|0|220|14|0|Ja, Ich sage dir, sogar dieses Fleisch Meines Leibes ist unter der Sünde Sold und wird darum auch gleich dem deinigen absterben müssen!
KJ|0|220|15|0|Aber diese Sünde ist ja keine freiwillige, sondern nur eine gerichtete und steht für deinen freien Geist in keiner Rechnung.
KJ|0|220|16|0|Darum wird dein Wert nicht nach deinem Fleische, sondern lediglich nur nach deiner freien Liebe bestimmt.
KJ|0|220|17|0|Und es wird dereinst nicht heißen: Wie war dein Leib, sondern – wie war deine Liebe?!
KJ|0|220|18|0|Siehe, so du einen Stein wirfst in die Höhe, da bleibt er aber dennoch nicht in der Höhe, sondern er fällt bald wieder herab zur Erde.
KJ|0|220|19|0|Warum denn? Weil die Materie der Erde ihn als eine gerichtete Liebe, von der er selbst voll ist, anzieht.
KJ|0|220|20|0|Warum aber fallen die Wolken und die Sterne nicht vom Himmel? Siehe, darum, weil sie des Himmels Liebe anzieht!
KJ|0|220|21|0|Nun, so dein Herz aber voll Liebe ist zu Gott, dem ewig Lebendigen, wohin wohl wird dich diese allein freie, selbst lebendige Liebe ziehen?!“
KJ|0|220|22|0|Diese letzte Frage erfüllte alle Anwesenden mit der größten Wonne, und sie wussten nun alle, wie sie daran waren.
KJ|0|221|1|1|Ein Mittel gegen die lästige Insektenplage
KJ|0|221|1|1|Am 1. Juni 1844
KJ|0|221|1|0|Nach dieser Berichtigung des Jonatha, wie auch der anderen, die hier zugegen waren, sagte der Joseph:
KJ|0|221|2|0|„Freunde, der Abend ist schön; wie wäre es denn, so wir vor der Nachtruhe noch auf eine Stunde hinaus ins Freie uns begeben möchten?
KJ|0|221|3|0|Denn hier in den Zimmern ist es nun ganz gewaltig schwül;
KJ|0|221|4|0|und geht man in solcher Schwüle zu Bett, da kann man weder schlafen noch ruhen!“
KJ|0|221|5|0|Und das Kindlein sprach: „Joseph, dieser Meinung bin Ich auch; aber nur sollen draußen nicht so viele lästige Insekten herumsumsen, da wäre es an den Abenden draußen noch angenehmer zu sein!“
KJ|0|221|6|0|Und der Joseph sprach: „Ja, Du mein Leben, da hast Du wohl sehr recht!
KJ|0|221|7|0|Wenn es nur da ein Mittel gäbe, um durch selbes nicht wider Deine Ordnung diesen lästigen Kleingästen einen Abschied geben zu können, so wäre das nicht selten äußerst wünschenswert!“
KJ|0|221|8|0|Und das Kindlein sprach: „Oh, ein solches Mittel wird sich wohl bald finden lassen!
KJ|0|221|9|0|Gehe und nehme eine Schüssel voll warmer Kuhmilch und stelle sie hinaus, und du wirst es sehen, wie alle diese tausend und tausend lästigen Kleingäste die Schüssel umlagern werden, und werden uns Ruhe gönnen!“
KJ|0|221|10|0|Joseph befahl sogleich seinen Söhnen, eine Schüssel warmer Milch hinauszustellen.
KJ|0|221|11|0|Und die Söhne Josephs taten sogleich, was ihnen der Joseph geboten hatte.
KJ|0|221|12|0|Und wie die Schüssel mit warmer Milch sich im Freien befand, da entdeckte man in dem matten Abenddämmerungslicht bald einen immensen Schwarm von allerlei Stechinsekten über der Milchschüssel.
KJ|0|221|13|0|Und alles wunderte sich über diese Erfindung, durch welche Millionen von Gelsen und Schnaken auf einen Punkt sich zusammenzogen und dort einen förmlichen Milchkrieg miteinander führten.
KJ|0|221|14|0|Und der Cyrenius sagte: „Siehe, wie einfach und zweckmäßig doch ist die Vorrichtung!
KJ|0|221|15|0|Eine kaum zu beachtende Schüssel voll warmer Milch befreit uns von der lästigen Insektenplage!
KJ|0|221|16|0|Fürwahr, das solle auch sogleich in Tyrus ins Werk gesetzt werden!
KJ|0|221|17|0|Denn auch dort belästigen zur Abendzeit Millionen solcher Tiere die Menschen.“
KJ|0|221|18|0|Und das Kindlein sprach: „Das Mittel ist wohl recht gut, aber überall wird es nicht mit Erfolg angewendet werden können;
KJ|0|221|19|0|denn es sind nicht überall dieselben Verhältnisse,
KJ|0|221|20|0|und solche Verhältnisse, wie sie nun hier stattfinden, möchten wohl sonst nirgends vorhanden sein!
KJ|0|221|21|0|Daher wirkt auch nur hier dieses Mittel also ausgezeichnet. Wo aber diese Verhältnisse nicht stattfinden, da wird auch das Mittel nicht also wirken!
KJ|0|221|22|0|Doch nun sehe zum Himmel empor, und du wirst einen Kometen entdecken!“ – Hier sah der Cyrenius aufwärts und ersah sobald einen starken Kometen.
KJ|0|222|1|1|Ein Komet. In der Gegenwart des Herrn wird auch Moses nichtig
KJ|0|222|1|1|Am 3. Juni 1844
KJ|0|222|1|0|Als der Cyrenius aber den starken Kometen so recht beschaut hatte, da sprach er:
KJ|0|222|2|0|„Fürwahr, ein sonderbarer Stern! Es ist der erste, den ich sehe!
KJ|0|222|3|0|Gehört habe ich wohl schon öfter von diesen mythischen Unglücksboten am Himmel!“
KJ|0|222|4|0|Auf diese Bemerkung des Cyrenius kam auch der Maronius Pilla herbei und sagte:
KJ|0|222|5|0|„Da sehe einmal hin! Der Tempel des Janus ist kaum sieben Jahre geschlossen, und alles sagte:
KJ|0|222|6|0|‚Nun wird Rom einen ewigen Frieden bekommen!‘, denn so lange sei dieser Tempel noch nicht geschlossen gewesen!
KJ|0|222|7|0|Da haben wir aber nun schon das entsetzliche Zeichen vor unseren Augen, dass der Janustempel gar bald wieder erschlossen wird,
KJ|0|222|8|0|und dass es auf den großen Marsfeldern gar lebendig wird zuzugehen beginnen!“
KJ|0|222|9|0|Joseph aber fragte den Maronius Pilla, ob er denn wohl im Ernst so einen Schweifstern für einen Kriegsboten halte.
KJ|0|222|10|0|Und der Maronius sprach ganz ernstlich: „O Freund, das ist eine eherne Wahrheit! Ich sage dir, Krieg über Krieg!“
KJ|0|222|11|0|Und der Cyrenius sprach dazu: „Nun sind die zwei Rechten einmal beisammen!
KJ|0|222|12|0|Joseph hängt noch immer mächtig an seinem Moses, und Maronius Pilla kann seines altheidnischen Aberglaubens nicht ledig werden!“
KJ|0|222|13|0|Joseph aber sprach: „Hochschätzbarster Bruder und Freund Cyrenius! Ich aber meine, Moses ist doch immerhin besser als der Janustempel in Rom!“
KJ|0|222|14|0|Und der Cyrenius sprach: „Allerdings! Aber so man den Herrn Selbst, den Jehova Selbst in Seiner Fülle hat, da meine ich, sollen Moses wie der dumme Janus so hübsch in den Hintergrund treten, und das ein für alle Mal!
KJ|0|222|15|0|Der Komet scheint laut alten, ungegründeten Sagen wohl ein Unglücksbote zu sein;
KJ|0|222|16|0|aber ich glaube, unser Herr und allerliebster Jesus in Seiner Gottheit Fülle wird auch ein Herr über diesen mutmaßlichen Herrn des Unglücks sein! Bist du nicht meiner Meinung?“
KJ|0|222|17|0|Und der Joseph sprach: „Das sicher! Aber darum ist Moses doch nicht mit dem Janus Roms zu vergleichen, auch in dieser Gegenwart des Herrn!“
KJ|0|222|18|0|Und der Cyrenius sprach: „Das will ich auch nicht; aber so ich den Herrn habe, dann sind wenigstens mir Moses und Janus gleich!“
KJ|0|222|19|0|Hier sprach das Kindlein zum Cyrenius: „Bei dem bleibe du!
KJ|0|222|20|0|Denn wahrlich, wo es sich um die Unendlichkeit handelt, da schwinden alle Größen, und die Null zählt so viel als eine Million!“
KJ|0|222|21|0|Diese Antwort des Kindleins gab dem Joseph einen kleinen Stoß, und er hielt darauf dem Moses kein Vorwort mehr vor dem Cyrenius.
KJ|0|223|1|1|Der Milchschüsselkomet
KJ|0|223|1|1|Am 4. Juni 1844
KJ|0|223|1|0|Darauf aber kam der bei solchen Gelegenheiten allzeit stark nach dem Grunde forschende Jonatha zum Joseph und sprach:
KJ|0|223|2|0|„Bruder, da wäre schon wieder so etwas, wo uns der Herr, wie letzthin bei der Mondesfinsternis, aus dem Traum helfen könnte!
KJ|0|223|3|0|Was meinst du, so wir Ihn darum fragten, würde Er uns darüber wohl einen Aufschluss geben?!“
KJ|0|223|4|0|Und der Joseph sprach: „Mein lieber Bruder Jonatha, da kommt es nur auf eine Probe an!
KJ|0|223|5|0|Wer fest dem Herrn traut, der hat auf guten Grund gebaut!
KJ|0|223|6|0|Gehe hin zum Kindlein, das Sich nun im Schoß Mariens befindet, und frage Es,
KJ|0|223|7|0|und es wird sich wohl zeigen, was du für eine Antwort auf deine Frage bekommen wirst!“
KJ|0|223|8|0|Auf diese Worte Josephs begab sich der Jonatha sogleich in aller Liebe und Demut zum Kindlein und wollte fragen.
KJ|0|223|9|0|Aber das Kindlein kam dem Jonatha zuvor und sprach:
KJ|0|223|10|0|„Jonatha, Ich weiß schon, was du willst; aber das ist nicht für dich!
KJ|0|223|11|0|Gehe aber ins Haus, und nehme eine kleine Fackel,
KJ|0|223|12|0|zünde sie an, und gehe dann mit der brennenden Fackel hin zur Milchschüssel, die da den Gelsen und Schnaken ist gestellt worden,
KJ|0|223|13|0|und Ich sage dir, du wirst da auch einen Kometen samt seiner Grundnatur erschauen!“
KJ|0|223|14|0|Jonatha tat hier sogleich, was ihm das Kindlein geraten hatte.
KJ|0|223|15|0|Und siehe, als er mit der brennenden Fackel der Milchschüssel in die Nähe kam, über der Millionen von Mücklein, Gelsen und Schnaken kreisend herumschwirrten,
KJ|0|223|16|0|da entdeckte er auch im Ernst einen mehrere Klafter langen schimmernden Schweif, der natürlich aus den fliegenden Insekten bestand,
KJ|0|223|17|0|zu welchem Schweif die Milchschüssel den Kopf bildete.
KJ|0|223|18|0|Dieses Phänomen wurde auch von vielen anderen Personen entdeckt,
KJ|0|223|19|0|und alle staunten über die Ähnlichkeit dieser gemachten Erscheinung mit dem Kometen am Himmel.
KJ|0|223|20|0|Und der Jonatha ging hin zum Kindlein und fragte Es, wie er nun das nehmen solle.
KJ|0|223|21|0|Und das Kindlein sprach: „Vorderhand also, wie du es gesehen hast! Das Geheimnis aber dürfen nicht alle erfahren!
KJ|0|223|22|0|Daher begnüge dich einstweilen mit dem! Morgen wird auch ein Tag sein.“
KJ|0|224|1|1|Das Jesuskind erklärt das Wesen eines Kometen
KJ|0|224|1|1|Am 5. Juni 1844
KJ|0|224|1|0|Hier fing der Jonatha an sehr stark nachzudenken und konnte durchaus keinen gescheiten Gedanken fassen.
KJ|0|224|2|0|Das Kindlein aber merkte natürlich alsogleich, dass da der Jonatha den Milchschüsselkometen mit dem Himmelskometen nicht zusammenreimen konnte.
KJ|0|224|3|0|Daher richtete Es Sich auf und sprach zum Jonatha:
KJ|0|224|4|0|„Mein lieber Jonatha! Siehe, in dir geht es jetzt gerade also zu, wie dir es das Bild des Milchschüsselkometen gezeigt hatte!
KJ|0|224|5|0|Eine große Schüssel voll Milch stellt dein Herz dar, worin deine Liebe die Milch ist.
KJ|0|224|6|0|Aber ober der Milch befindet sich nun auch ein ungeheurer Mücken-, Gelsen- und Schnakenschwarm gleich dem ober jener Milchschüssel.
KJ|0|224|7|0|Und diesen Schwarm bilden deine etwas stark ins Lächerliche gehenden Gedanken über die ähnliche Natur der beiden Kometen.
KJ|0|224|8|0|Aber – Freund Jonatha! – wer wird denn den Kern des Himmelskometen im Ernst für eine Milchschüssel halten und seinen Schweif für einen Gelsenschwarm?!
KJ|0|224|9|0|Das sind ja nur Entsprechungen, aber keine vollkommenen naturmäßigen Ähnlichkeiten!
KJ|0|224|10|0|Weißt du aber wohl, was da eine Entsprechung ist? Was ist eine Schüssel, was die Milch darin und was der Gelsen- und Schnakenschwarm?
KJ|0|224|11|0|Siehe, du verstehst das nicht; so höre denn, Ich will dir davon etwas sagen!
KJ|0|224|12|0|Die Schüssel stellt dar ein Gefäß zur Aufnahme von Substanzen, an die die nährende Lebenskraft aus Mir gebunden ist.
KJ|0|224|13|0|Die Milch aber ist eine solche Substanz, die aus Mir die nährende Lebenskraft in sich trägt im reichlichsten Maße.
KJ|0|224|14|0|In den Mücken, Gelsen und Schnaken ist die Lebenskraft schon frei tätig;
KJ|0|224|15|0|aber so sie nicht genährt wird mit einer gerechten nährenden Lebenskraft, da wird sie bald schwach und kann sich nicht ausbilden für eine höhere und vollkommenere Stufe.
KJ|0|224|16|0|Nun siehe, der Himmelskomet ist nichts als eine neu geschaffen werdende Welt!
KJ|0|224|17|0|Der Kern ist das Gefäß zur Aufnahme der nährenden Lebenskraft aus Mir.
KJ|0|224|18|0|Diese Lebenskraft wird durch ein eben dieser Lebenskraft von Mir aus gegebenes eigenes Feuer gar mächtig durchwärmt und löst sich dadurch in nährende Dämpfe auf.
KJ|0|224|19|0|Damit aber diese schon eine mehr ausgebildete Lebenskraft tragenden Dämpfe sich nicht verflüchtigen und dem neuen Weltkörper entzogen werden,
KJ|0|224|20|0|da werden sie von einer Unzahl Monaden (Äthertierchen) aufgenommen und durch sie wieder dem neu werdenden Weltkörper zu seiner vollkommeneren Ausbildung zugetragen.
KJ|0|224|21|0|Siehe, das ist die entsprechende Ähnlichkeit zwischen dem Himmels- und unserem Milchschüsselkometen!
KJ|0|224|22|0|Forsche aber nun nicht weiter nach, auf dass deine Liebe nicht schwach wird ob des Forschens!“
KJ|0|224|23|0|Diese Erklärung haben wohl recht viele mit angehört, aber keiner verstand sie; aber viele glaubten es, dass es also sein werde.
KJ|0|225|1|1|Über das Forschen
KJ|0|225|1|1|Am 7. Juni 1844
KJ|0|225|1|0|Es fragte aber der Cyrenius das Kindlein und sprach: „O Du mein Leben! Warum darf oder warum solle man denn in Deinen Werken nicht tiefer nachforschen?
KJ|0|225|2|0|Warum wohl ist solch ein Forschen nach Deinem Ausspruch der Liebe zu Dir nachteilig?!
KJ|0|225|3|0|Ich meine aber da gerade im Gegenteil, wenn man Deine Werke erst stets tiefer und tiefer und klarer und klarer erkennt, so muss man ja offenbar zunehmen in der Liebe zu Dir und nicht schwächer werden darinnen!
KJ|0|225|4|0|Denn es ist also ja selbst unter uns Menschen schon der Fall, dass auch ein Mensch uns immer umso teurer wird, je mehr Vollkommenheiten wir an ihm entdecken.
KJ|0|225|5|0|Und wie viel mehr wird das erst gegen Dich, dem Herrn und Schöpfer aller Größe und Vollkommenheit und Herrlichkeit der Fall sein, so wir Dich immer tiefer und tiefer erkennen!
KJ|0|225|6|0|Darum möchte wohl ich selbst Dich, Du mein Leben, bitten, dass Du mir über diesen sonderbaren Stern einige nähere Aufschlüsse geben möchtest!
KJ|0|225|7|0|Denn mein Herz sagt es mir, dass ich Dich dann erst ganz vollkommen werde lieben können, so ich Dich tiefer und tiefer in Deinem allmächtigen höchstweisen Wunderwirken erkennen werde.
KJ|0|225|8|0|Es kann ja doch niemand Dich als den einigen Gott und Herrn lieben, so er Dich nicht zuvor erkennt;
KJ|0|225|9|0|also ist unsere Dich-Erkennung von unserer Seele ja der Hauptgrund zur Liebe zu Dir!
KJ|0|225|10|0|Gleichwie auch ich mein Weib eher erkennen musste, bevor ich sie in mein Herz aufnehmen konnte! So ich sie nie erkannt hätte, da wäre sie auch sicher nie mein Weib geworden!“
KJ|0|225|11|0|Hier lächelte das Kindlein und sprach: „O du Mein lieber Cyrenius! Wenn du Mir also öfter so weise Lehren gäbst, da müsste Ich am Ende ja doch wohl auch so recht ein grundgescheiter Mensch werden!
KJ|0|225|12|0|Siehe, da hast du Mir ja lauter neue Sachen gesagt;
KJ|0|225|13|0|aber nun denke dir’s, du warst Mir nun ein Lehrer, indem du Mir beweisen wolltest, dass entgegen Meiner Warnung vor dem zu vielen Forschen in Meinen Werken solches der Seele des Menschen für die Sphäre ihrer Liebe zu Mir nicht etwa nicht zuträglich ist, sondern gerade nur zuträglich!
KJ|0|225|14|0|Wie solle demnach nun Ich, ein Schüler zu dir, dich über dir unbekannte Dinge unterrichten!?
KJ|0|225|15|0|Wenn dir für die Liebe bessere Gründe bekannt sind, als sie dir dein Gott und dein Schöpfer gibt, wie kannst du von Ihm dann eine tiefere Unterweisung erflehen?
KJ|0|225|16|0|Oder meinst du wohl, Gott wird Sich durch von den Menschen gefasste und aufgestellte Vernunftgründe zu etwas bewegen lassen, als wäre Er ein Richter nach den Weltgesetzen?
KJ|0|225|17|0|O Cyrenius! – da bist du wohl noch in einer sehr starken Irre!
KJ|0|225|18|0|Siehe, Ich allein kenne ja Meine ewige Ordnung, welche da die Mutter aller Dinge ist!
KJ|0|225|19|0|Aus dieser Ordnung bist auch du hervorgegangen! Die Liebe deines Geistes zu Mir ist dein eigenstes Leben.
KJ|0|225|20|0|Wenn du nun diese Liebe zu Mir von Mir abwenden willst auf Meine Geschöpfe, um Mich dann stärker zu lieben, da du Mich doch sichtbar lebendig vor dir hast,
KJ|0|225|21|0|sage, wird solch eine törichte Liebestärkung wohl ihren Grund haben?
KJ|0|225|22|0|Ja – wer Mich noch nicht kennt und nicht hat, der mag wohl auf deinen Wegen zu Mir sich erheben!
KJ|0|225|23|0|Aber so Mich Selbst schon jemand auf seinem Schoß hat, wozu sollen dann dem deine Staffeln dienen?“
KJ|0|225|24|0|Hier stutzte der Cyrenius gewaltig, fühlte sich sehr getroffen, und niemand fragte mehr nach dem Kometen.
KJ|0|226|1|1|Zurücktreten der Göttlichkeit im Jesuskind
KJ|0|226|1|1|Am 8. Juni 1844
KJ|0|226|1|0|Als die Sache mit dem Kometen aber geschlichtet war, da sagte sogleich wieder das Kindlein zum Joseph:
KJ|0|226|2|0|„Joseph, durch die zwei Tage machte Ich einen förmlichen Hausherrn, und ihr alle gehorchtet Mir;
KJ|0|226|3|0|aber von nun an übergebe Ich wieder dir diese hausherrliche Stelle, und wie du alles ordnen wirst, also solle es auch geschehen!
KJ|0|226|4|0|Von jetzt an bin Ich wieder wie ein jeglich Menschenkind, und muss es sein; denn auch Mein Fleisch muss wachsen zu euer aller Heil.
KJ|0|226|5|0|Daher erwartet für jetzt wie für die künftige Zeit in diesem Land keine offenen Wundertaten mehr von Mir!
KJ|0|226|6|0|Lasst euch aber dennoch in eurem Glauben und Vertrauen an Meine Macht und Gewalt nicht irremachen;
KJ|0|226|7|0|denn was Ich war von Ewigkeit, das bin Ich allzeit und werde es sein in Ewigkeit!
KJ|0|226|8|0|Fürchtet daher nie die Welt, die nichts ist vor Mir; aber fürchtet euch, an Mir irre zu werden, – denn das wäre der Tod eurer Seele!
KJ|0|226|9|0|Mit dem übernehme du, Joseph, wieder das Hausruder, und führe es recht und gerecht im Namen Meines Vaters, Amen.
KJ|0|226|10|0|Also reise auch du, Cyrenius, am morgigen Tag wieder glücklich nach Tyrus, allwo schon wichtige Geschäfte deiner harren!
KJ|0|226|11|0|Meine Liebe und Gnade ist mit dir, und so magst du ruhig sein. Alles andere aber mache mit dem Joseph ab; denn er ist nun der Hausherr!“
KJ|0|226|12|0|Darauf berief das Kindlein den Jakob zu Sich und sprach zu ihm:
KJ|0|226|13|0|„Jakob! – zwischen uns aber walte das erste Verhältnis, das dir schon bekannt ist!
KJ|0|226|14|0|Und bei allem dem hat es zu verbleiben in diesem Land, Amen!“
KJ|0|226|15|0|Joseph aber ward darob ganz traurig und bat das Kindlein inständigst, dass Es ja fortwährend also in Seiner Göttlichkeit verbleiben möchte.
KJ|0|226|16|0|Das Kindlein aber redete nun ganz kindisch, und in Seiner Rede war nun keine Spur mehr von irgendetwas Göttlichem.
KJ|0|226|17|0|Es ward auch bald schläfrig, und der Jakob musste Es zu Bett bringen.
KJ|0|226|18|0|Noch lange in die Nacht saß die Gesellschaft beisammen und besprach sich so und so über den Grund solcher Veränderung am Kindlein;
KJ|0|226|19|0|aber keiner sagte etwas Rechtes, sondern es fragte vielmehr einer den anderen,
KJ|0|226|20|0|aber von keiner Seite kam irgendeine gültige Antwort.
KJ|0|226|21|0|Und der Joseph sprach endlich: „Wir wissen, was uns nottut, und was wir zu tun haben, und damit können wir auch zufrieden sein!
KJ|0|226|22|0|Es ist aber schon spät in der Nacht; daher meine ich, es wird nun am besten sein, wir begeben uns zur Ruhe!?“
KJ|0|226|23|0|Damit waren alle mit dem Joseph einverstanden und begaben sich auch sobald zur guten Ruhe ins Haus.
KJ|0|227|1|1|Die leere Speisekammer. Josephs Sorge wegen der Bewirtung der Gäste. Jonathas Hilfe
KJ|0|227|1|1|Am 10. Juni 1844
KJ|0|227|1|0|Am nächsten Tage war Joseph wie gewöhnlich schon viel eher auf den Beinen als jemand anderer und ging hinaus zu sehen, was es für einen Tag geben werde.
KJ|0|227|2|0|Er fand alle Zeichen zu einem schönen Tag und ging dann wieder ins Haus und weckte seine Söhne, auf dass sie für die Gäste ein gutes Frühstück bereiten möchten.
KJ|0|227|3|0|Und die Söhne erhoben sich bald und gingen nachzusehen, welchen Vorrat wohl noch die Speisekammer bieten möchte.
KJ|0|227|4|0|Und als sie die Speiskammer durchsuchten, da kamen sie alsobald zum Joseph und sprachen:
KJ|0|227|5|0|„Höre, du lieber Vater, dein Auftrag wäre wohl ganz recht und gut;
KJ|0|227|6|0|aber unsere Speisekammer ist durch die etlichen Tage so sehr gelüftet worden, dass es uns geradewegs unmöglich wird, auch nur für zehn Personen eine Mahlzeit zu gewinnen!
KJ|0|227|7|0|Rate uns daher, wo wir die Esswaren hernehmen sollen, und die Mahlzeit solle in einer Stunde fertig sein!“
KJ|0|227|8|0|Hier kratzte sich der Joseph ein wenig hinter den Ohren und ging selbst in die Speisekammer und fand allda die Aussagen seiner Söhne bestätigt, was ihm dann noch eine größere Verlegenheit einjäugte [bereitete].
KJ|0|227|9|0|Er sann hin und her und konnte nichts finden, was ihn aus seiner Verlegenheit reißen könnte.
KJ|0|227|10|0|Als aber Joseph also nachsinnend dastand im Vorhaus, da kam Jonatha aus seinem Schlafgemach, grüßte und küsste seinen alten Freund und fragte ihn, was er denn also traurig und nachdenklich dastünde.
KJ|0|227|11|0|Und Joseph zeigte dem Jonatha sobald den Grund seiner Verlegenheit, nämlich die leere Speisekammer.
KJ|0|227|12|0|Als der Jonatha das erschaute, da sagte er zum Joseph:
KJ|0|227|13|0|„O du mein allergeliebtester Freund, darum darf es dir wohl nicht bange werden!
KJ|0|227|14|0|Siehe, meine Speisekammern sind noch sehr voll; ich besitze noch bei zweitausend Zentner geräucherter Fische!
KJ|0|227|15|0|Daher lasse nun sogleich deine Söhne mit mir gehen, und in anderthalb Stunden solle es in deiner Speisekammer sogleich anders aussehen!“
KJ|0|227|16|0|Dieser Antrag war ein wahrer Balsam auf das Herz Josephs, und er nahm ihn auch alsogleich an.
KJ|0|227|17|0|Es vergingen aber noch nicht eineinhalb Stunden, da kamen schon Jonatha und die vier Söhne mit einer starken Ladung von Fischen.
KJ|0|227|18|0|Die Söhne brachten bei vier Zentner geräucherter Fische, und Jonatha brachte drei große Lägel voll frischer Fische und zehn große Laibe Weizenbrotes.
KJ|0|227|19|0|Als der Joseph die Ankommenden also bepackt erschaute, da ward er voll Freude und dankte und pries Gott für solche Bescherung und umarmte und küsste dann den Jonatha.
KJ|0|227|20|0|Darauf ward es in der Küche bald sehr lebendig.
KJ|0|227|21|0|Die Söhne tummelten sich munter herum; die Maria und die Eudokia kamen selbst bald aus dem Schlafgemach und gingen und melkten die Kühe.
KJ|0|227|22|0|Und so ward in einer halben Stunde schon ein reichliches Morgenmahl bereitet für mehr als hundert Gäste.
KJ|0|228|1|1|Josephs Uneigennützigkeit. Die echten und die falschen Diener Gottes
KJ|0|228|1|1|Am 11. Juni 1844
KJ|0|228|1|0|Als auf diese Art das Morgenmahl bereitet war und alle Gäste sich auf den Beinen befanden, da ging Joseph sogleich zum Cyrenius und fragte ihn, ob er schon bereitet sei, das Morgenmahl zu nehmen.
KJ|0|228|2|0|Und der Cyrenius sagte zum Joseph: „O mein allererhabenster Freund und Bruder! Ich bin freilich wohl bereitet mit meiner ganzen Suite;
KJ|0|228|3|0|aber ich weiß auch, dass du in deiner Speisekammer nicht einen solchen Vorrat hast, um mehrere Tage hindurch über hundert Menschen zu bewirten.
KJ|0|228|4|0|Daher werde ich für heute früh in die Stadt meine Dienerschaft senden, allda sie Esswaren kaufen sollen für mich und dich!“
KJ|0|228|5|0|Als der Joseph solches vernommen hatte, da sprach er:
KJ|0|228|6|0|„O lieber Freund und Bruder, das kannst du immerhin tun für dein Schiff;
KJ|0|228|7|0|aber für mich wäre eine solche Mühe wohl ganz rein vergeblich.
KJ|0|228|8|0|Denn siehe, fürs Erste ist das Morgenmahl schon bereitet, und fürs Zweite befindet sich in meiner Speisekammer noch so viel, dass ihr alle es in acht Tagen kaum aufzehren möchtet.
KJ|0|228|9|0|Darum sorge dich nur um mich nicht; denn wahrlich, ich bin bestens versorgt!“
KJ|0|228|10|0|Und der Cyrenius sprach: „Wahrlich, wahrlich, wenn mir nichts anderes von deinem allerhöchsten Berufe Zeugnis gäbe, so gäbe es mir im vollsten Maße deine ganz unbegreifliche Uneigennützigkeit!
KJ|0|228|11|0|Ja, daran wird man allzeit die rechten und die falschen Diener Gottes genau voneinander unterscheiden!
KJ|0|228|12|0|Die rechten werden uneigennützig sein im hohen Grade, und die falschen werden sein gerade das Gegenteil!
KJ|0|228|13|0|Denn die rechten dienen Gott im Herzen und haben auch da den allerhöchsten ewigen Lohn.
KJ|0|228|14|0|Die Falschen aber dienen einem nach ihrer bösen Art gemodelten Gott in der Welt der Welt wegen;
KJ|0|228|15|0|daher suchen sie auch den Lohn der Welt und lassen für jeden Schritt und Tritt sich gar unmäßig bezahlen.
KJ|0|228|16|0|Denn das weiß ich als ein geborener Heide am besten, wie sich die römischen Priester bis ins Indefinitum für jeden Schritt und Tritt bezahlen lassen.
KJ|0|228|17|0|Wahrlich, ich selbst habe für einen Rat einmal an den Oberpriester müssen hundert Pfunde Goldes bezahlen!
KJ|0|228|18|0|Frage: War das ein rechter Diener eines wahren Gottes?
KJ|0|228|19|0|Du aber hast mich nun schon bei drei Tage bewirtet, und welche Lehren habe ich in deinem Haus empfangen, und du nimmst noch nichts an!
KJ|0|228|20|0|Nicht einmal für meine acht Kinder nimmst du etwas an! Es wird daraus doch etwa einleuchtend sein, wie die echten und rechten Diener Gottes aussehen?!“
KJ|0|228|21|0|Joseph aber sprach: „Bruder, rede nun nicht weiter davon, denn auch solche Rede ist zu viel für mich,
KJ|0|228|22|0|sondern setze dich zum Tisch, und sogleich wird das Morgenmahl da sein!“ – Und der Cyrenius befolgte sogleich den Wunsch Josephs und setzte sich zum Tisch.
KJ|0|229|1|1|Das Morgenmahl. Das Jesuskind will Maria nicht gehorchen
KJ|0|229|1|1|Am 12. Juni 1844
KJ|0|229|1|0|Als sich nun alles am Speisetisch befand, da wurden auch sobald gar schmackhaft zubereitete Fische auf den Tisch gesetzt,
KJ|0|229|2|0|und der Cyrenius verwunderte sich hoch, wie denn der Joseph schon also in aller Frühe eine solche Menge ganz frischer Fische hat bekommen können.
KJ|0|229|3|0|Und der Joseph zeigte hier auf den großen Jonatha und sprach etwas scherzhaftig:
KJ|0|229|4|0|„Siehe, wenn man einen so großen Fischmeister zum Freund hat, da braucht man gar nicht weit zu greifen, und die Fische sind da!“
KJ|0|229|5|0|Hier lächelte der Cyrenius und sprach: „Ja, da hast du wohl recht!
KJ|0|229|6|0|Wahrlich, bei solchen Umständen kann man allzeit frische Fische haben, und ganz besonders, wenn man noch Wen in seinem Haus hat!“
KJ|0|229|7|0|Und der Joseph hob hier seine Hände auf und sprach mit dem gerührtesten Herzen:
KJ|0|229|8|0|„Ja, Bruder Cyrenius! Und noch Wen, dessen wir alle ewig nicht würdig sein werden!
KJ|0|229|9|0|Dieser segne uns allen dieses gute Morgenmahl, dass es uns wahrhaft stärken möchte in unseren Gliedern und in unserer Liebe zu Ihm – dem Allerheiligsten!“
KJ|0|229|10|0|Dieser Ausruf Josephs brachte alle Gäste zum Weinen, und alle lobten den großen Gott in dem noch schlafenden Kindlein.
KJ|0|229|11|0|Als sich aber die Gäste nach der beendigten Lobpreisung an die Fische machten, da ward auch das Kindlein wach;
KJ|0|229|12|0|und der gute Geruch von den Fischen sagte Ihm gleich, was sich auf dem Tisch befinde.
KJ|0|229|13|0|Daher war Es auch flugs aus Seinem niederen Bettchen, lief sogleich ganz nackt zum Tisch, da sich die Maria befand, und verlangte zu essen.
KJ|0|229|14|0|Maria aber nahm Es sogleich auf ihren Schoß und sagte zum Jakob:
KJ|0|229|15|0|„Gehe, und bringe mir geschwind ein frisches Hemdchen aus der Kammer!“
KJ|0|229|16|0|Und der Jakob tat sogleich nach dem Wunsch Marias und brachte ein frisches Hemdchen.
KJ|0|229|17|0|Das Kindlein aber wollte Sich diesmal das Hemdchen nicht anziehen lassen.
KJ|0|229|18|0|Da ward die Maria ein wenig unwillig und sprach: „Siehe, Du mein Kindlein, es schickt sich ja nicht, nackt beim Tisch zu sein!
KJ|0|229|19|0|Daher werde ich recht schlimm sein, wenn Du Dich nicht anziehen lässt!“
KJ|0|229|20|0|Der Cyrenius aber, ganz zu Tränen gerührt über den Anblick des zarten Knäbleins, sagte zur Maria:
KJ|0|229|21|0|„O liebe, holdeste Mutter, gebe mir also das Kindlein, auf dass ich Es noch einmal also ganz nackt locke und kose!
KJ|0|229|22|0|Wer weiß es, ob mir auf dieser Welt noch einmal dieses endlose Glück zuteilwird!
KJ|0|229|23|0|Und das Kindlein lächelte den Cyrenius an und verlangte sogleich zu ihm.
KJ|0|229|24|0|Und die Maria übergab Es auch sogleich dem Cyrenius, und er weinte vor Freude und Seligkeit, als das gesunde Kindlein gar munter auf seinem Schoß herumstrampelte.
KJ|0|229|25|0|Und der Cyrenius fragte Es sogleich, welches Stück vom Fisch Es essen möchte.
KJ|0|229|26|0|Und das Kindlein sprach in ganz kindlicher Weise: „Gib Mir dasjenige weiße Stück, wo keine Gräten darinnen sind!“
KJ|0|229|27|0|Und der Cyrenius gab dem Kindlein sogleich das beste und reinste Stück in die Hände, welches Dasselbe mit Freude ganz behaglich verzehrte.
KJ|0|229|28|0|Nachdem Es Sich gesättigt hatte, da sprach Es: „Das war gut! Jetzt ziehe du Mich an!
KJ|0|229|29|0|Denn wenn Ich hungrig bin, da will Ich früher essen und dann erst ein Kleid nehmen!“ – Darauf sprach das Kindlein nichts weiter und ließ Sich ganz ruhig das Hemdchen vom Cyrenius anziehen.
KJ|0|230|1|1|Der Respekt des Jesuskindes vor Seiner Mutter Maria
KJ|0|230|1|1|Am 13. Juni 1844
KJ|0|230|1|0|Als das Kindlein angezogen war, da fragte Es der Cyrenius wieder, ob Es nicht etwa noch ein gutes Stückchen vom Fisch genießen möchte.
KJ|0|230|2|0|Das Kindlein aber sprach in Seiner Weise: „Ein kleines Stückchen möchte Ich freilich noch;
KJ|0|230|3|0|aber Ich getraue es Mir nicht zu nehmen, weil Mich da die Mutter gleich wieder auszanken möchte!“
KJ|0|230|4|0|Und der Cyrenius sprach: „O Du mein endlos allergeliebtestes Kindlein! Wenn ich es Dir darreiche, da wird die Mutter nichts sagen!“
KJ|0|230|5|0|Das Kindlein aber sprach ganz naiv zum Cyrenius: „Ja, solange du da bist, da wird sie freilich wohl nichts sagen;
KJ|0|230|6|0|aber wenn du fort sein wirst, da kriege Ich’s dann doppelt!
KJ|0|230|7|0|O du glaubst es nicht, wie schlimm dir meine Mutter sein kann, wenn Ich etwas täte, was sie nicht will!“
KJ|0|230|8|0|Der Cyrenius lächelte darob und sagte dann zum Kindlein: „Was meinst Du denn, so ich darob Deine etwas schlimme Mutter ausgreinen [tadeln] möchte, würde das sie nicht nachsichtiger machen gegen Dich?!“
KJ|0|230|9|0|Und das Kindlein sprach: „Ich bitte dich, tue du nur das nicht; denn dann bekäme Ich erst einen Ausputzer, der seinesgleichen nicht hätte, so du fort wärest!“
KJ|0|230|10|0|Hier fragte der Cyrenius das Kindlein weiter und sprach:
KJ|0|230|11|0|„O Du mein Leben, Du mein himmlischstes Kindlein! Wenn aber Deine Mutter so schlimm ist, wie kannst Du sie dann aber dennoch so überaus liebhaben?“
KJ|0|230|12|0|Und das Kindlein antwortete: „Weil sie aus großer Liebe zu Mir schlimm ist; denn sie hat stets die größte Furcht, dass Mir irgendetwas Übles geschehen möchte.
KJ|0|230|13|0|Und siehe, darum muss Ich sie ja dann auch recht liebhaben! Ist sie auch manchmal ohne Grund schlimm, so meint sie’s aber dennoch gut, und darum verdient sie ja auch Meine Liebe!
KJ|0|230|14|0|Siehe, ebendarum würde sie nun auch schlimm sein, so Ich nun noch ein Stückchen Fisches äße, weil sie meint, es könnte Mir schaden.
KJ|0|230|15|0|Es würde Mir freilich wohl nicht schaden; aber Ich will nun Selbst nicht gegen die sorglich gute Meinung Meiner Mutter eine Sünde begehen.
KJ|0|230|16|0|Oh – Ich kann Mich schon auch verleugnen und kann das Gebot Meiner Mutter halten, wenn es gerade sein muss;
KJ|0|230|17|0|aber wenn es gerade nicht sein muss, da kann Ich auch tun, was Ich will.
KJ|0|230|18|0|Und da mache Ich Mir dann nichts daraus, wenn auch die Mutter ein wenig zankt.
KJ|0|230|19|0|Also aber muss es auch jetzt gerade nicht sein, dass Ich noch ein Stückchen Fisches essen solle; darum will Ich Mich auch verleugnen, damit dann die Mutter Mir nichts anhaben solle, wenn du fort sein wirst.“
KJ|0|230|20|0|Hier fragte der Cyrenius wieder das Kindlein und sprach in aller Liebe:
KJ|0|230|21|0|„Ja, Du mein Leben! – wenn Du aber schon einen solchen Respekt vor Deiner irdischen Mutter hast, warum hast Du Dich denn eher von ihr nicht anziehen lassen?
KJ|0|230|22|0|Wird sie darob nicht zanken mit Dir, wenn ich fort sein werde?“
KJ|0|230|23|0|Und das Kindlein sprach: „Das sicher; aber daraus werde Ich Mir eben nicht viel machen!
KJ|0|230|24|0|Denn Ich habe es dir ja schon zuvor gesagt, dass Ich manchmal tue, was Ich will, und frage nicht, ob’s Meiner Mutter recht ist oder nicht.
KJ|0|230|25|0|Aber darum kann dann Meine Mutter noch zanken mit Mir, weil sie dabei eine gute Meinung und einen guten Willen hat.“
KJ|0|230|26|0|Hier lächelte die Maria und sagte scherzweise: „Na, warte Du nur, so wir allein sein werden,
KJ|0|230|27|0|da werde ich Dich schon wieder recht ausgreinen [tadeln], weil Du mich jetzt beim Cyrenius so verklagt hast!“
KJ|0|230|28|0|Und das Kindlein lächelte und sprach: „Oh – das ist nicht dein Ernst! Ich kenne es dir recht gut an, wenn du so recht ernst schlimm bist, – denn da siehst du ganz rot aus im Gesicht; jetzt aber bist du schön weiß, wie Ich, und da bist du nie schlimm.“
KJ|0|230|29|0|Über diese Bemerkung lachten alle, und das Kindlein lächelte auch mit. Maria aber nahm aus Inbrunst das Kindlein und herzte Es über alle Maßen.
KJ|0|231|1|1|Cyrenius gibt Joseph eine große Menge Gold und Silber
KJ|0|231|1|1|Am 14. Juni 1844
KJ|0|231|1|0|Nach dieser kindlichen Szene aber ward auch das Morgenmahl beendet.
KJ|0|231|2|0|Und als der Joseph das Dankgebet beendet hatte, da trat alsbald der Cyrenius zum Joseph hin und sprach:
KJ|0|231|3|0|„Mein geliebtester Freund! Deine Verdienste um mich, wie selbst um meinen Bruder Julius Augustus Quirinus Caesar in Rom sind von so entschiedener Art, dass ich sie dir nie werde lohnend entgelten können.
KJ|0|231|4|0|Aber dich ganz unbelohnt zu lassen – siehe, das ist mir allerreinst unmöglich!
KJ|0|231|5|0|Ich weiß aber, dass du von mir keine königliche Belohnung annimmst;
KJ|0|231|6|0|darum habe ich mich also bedacht: Du hast in diesem Jahr, wie es sich zeigt, eine magere Getreideernte zu hoffen;
KJ|0|231|7|0|und dennoch ist dein Haus ziemlich stark bevölkert.
KJ|0|231|8|0|Neun Personen gehören ohnehin mir an, und ihr seid euer auch acht Köpfe; also in allem siebzehn Köpfe.
KJ|0|231|9|0|Und es sagt mir nun mein Geist, dass deine Mehltruhen leer sind und also auch deine Speisekammer,
KJ|0|231|10|0|dass es dir auch schon mit dem Futter für deine Kühe, Ziegen und Esel schlecht geht.
KJ|0|231|11|0|Siehe, das alles weiß ich sehr genau, wie auch, dass ihr fast nichts mehr anzuziehen habt.
KJ|0|231|12|0|Daher – du mein geliebtester Bruder, musst du wenigstens so viel von mir annehmen, als dir vorderhand nottut!
KJ|0|231|13|0|Ich weiß zwar wohl, dass es im höchsten Grade lächerlich ist, so ein Erdmensch sich vornähme, den Herrn der Unendlichkeit zu unterstützen, dem es ein Leichtes ist, mit einem Wort Myriaden Welten zu erschaffen.
KJ|0|231|14|0|Ich weiß aber auch nun, dass ebendieser heilige Herr der Ewigkeit nicht stets Wunder wirken will wider Seine ewige Wunderordnung, weil damit immer ein Gericht für uns geschaffene Wesen verbunden ist.
KJ|0|231|15|0|Aus dem Grunde musst du von mir diesmal wenigstens so viel annehmen, als es dir nottut,
KJ|0|231|16|0|und wirst mich diesmal nicht, wie sonst gewöhnlich, abweisen!“
KJ|0|231|17|0|Und der Joseph sprach: „Ja, Bruder! – diesmal möchtest du fast recht haben!
KJ|0|231|18|0|Aber zuvor ich von dir doch etwas annehme, muss ich doch den Herrn fragen.“
KJ|0|231|19|0|Hier kam das Kindlein, das Sich schon beim Jakob befand, schnell herbei und sagte zum Joseph:
KJ|0|231|20|0|„Joseph, nehme nur an, was dir der Cyrenius geben will, damit du das Haus dann mit Esswaren versehen magst!“
KJ|0|231|21|0|Darauf willigte Joseph in den Antrag des Cyrenius.
KJ|0|231|22|0|Und dieser übergab dem Joseph sogleich eine Summe von tausend Pfunden Silbers und siebzig Pfunden Goldes.
KJ|0|231|23|0|Joseph dankte darum dem Cyrenius und nahm die schwere Summe an.
KJ|0|231|24|0|Cyrenius aber war darob überheiter und sagte: „Bruder, nun ist mein Herz um tausend Zentner leichter! Aber heute ziehe ich noch nicht von hier, sondern morgen; denn meine zu große Liebe lässt mich nicht von hier!“ – Und Joseph freute sich darob sehr.
KJ|0|232|1|1|Joseph sorgt sich wegen Dieben und Räubern
KJ|0|232|1|1|Am 15. Juni 1844
KJ|0|232|1|0|Joseph aber hatte keine Geldtruhe, in die er das viele Geld täte.
KJ|0|232|2|0|Da befahl der Cyrenius sogleich seiner Dienerschaft, dass sie sich sogleich in die Stadt begeben solle und solle da einen Kasten kaufen, und koste er, was er wolle!
KJ|0|232|3|0|Und die Dienerschaft ging alsogleich und brachte im Verlaufe von zwei Stunden schon einen recht schönen Kasten von Zedernholz, der da zehn Pfunde Silbers gekostet hatte.
KJ|0|232|4|0|Dieser Kasten ward sobald ins Schlafgemach Josephs gestellt, und die Söhne Josephs legten sobald das große und schwere Geld in diesen schönen und starken Kasten.
KJ|0|232|5|0|Als das Geld auf die Art aufgehoben ward, da sprach Joseph:
KJ|0|232|6|0|„Nun bin ich weltlich genommen das erste Mal reich in meinem ganzen Leben;
KJ|0|232|7|0|denn so viel Geld habe ich nie gesehen und noch weniger je so viel besessen!
KJ|0|232|8|0|Aber bisher wusste mein Haus von keinem Dieb etwas und noch weniger von einem Räuber;
KJ|0|232|9|0|von nun an aber werden wir alle nicht genug Augen und Zeit haben, dieses Geld vor Dieben und Räubern zu schützen!“
KJ|0|232|10|0|Der Jonatha aber sagte: „Bruder, sei darob ruhig!
KJ|0|232|11|0|Ich weiß es nur zu bestimmt, über wen die Räuber und Diebe kommen.
KJ|0|232|12|0|Siehe, sie kommen nur über die geizigen und kargen Filze!
KJ|0|232|13|0|Das aber bist du nicht; darum magst du auch ruhig sein, denn von dir bekommt ja ohnehin ein jeder dreimal so viel, als er sonst von dir verlangt!
KJ|0|232|14|0|Darum, meine ich, wirst du wohl mit einer Menge Bettlern zu tun bekommen, aber mit Räubern und Dieben sicher nicht!“
KJ|0|232|15|0|Hier kam auch die Maria herbei und sprach zum Joseph:
KJ|0|232|16|0|„Höre, du lieber Vater, du weißt ja, wie wir in der Stadt unseres Vaters David von den drei weisen Morgenländern, die da aus Persien kamen, auch eine große Last Goldes überkommen haben;
KJ|0|232|17|0|und siehe, nun haben wir kein Sandkörnchen groß mehr davon, obschon wir nie dessen beraubt worden sind!
KJ|0|232|18|0|Also, meine ich, wird es uns auch hier ergehen; es wird kein Jahr verfließen, und wir werden ohne Diebe und Räuber davon nichts mehr besitzen.
KJ|0|232|19|0|Daher sei du nur ganz ruhig! Denn in einem Haus, wo der Herr wohnt, da hat das Gold keinen Stand, und die Räuber und Diebe wollen im Haus des Herrn eben nicht viel zu tun haben!
KJ|0|232|20|0|Denn sie wissen es so gut wie ich und du, dass es nicht geheuer ist, sich an den Schätzen zu vergreifen, die da wie in dem Gotteskasten liegen.“
KJ|0|232|21|0|Als die Maria solches ausgeredet hatte, da kam noch das Kindlein herbei und sprach:
KJ|0|232|22|0|„Joseph, du Getreuer! Du musst nicht so furchtsam auf jenen Kasten hinblicken, in den Meine Brüder das Geld gelegt haben!
KJ|0|232|23|0|Denn da meine Ich, du wärest krank, wenn du so furchtsam aussiehst.
KJ|0|232|24|0|Und siehe, das will Ich nicht, dass du da krank sein sollest!
KJ|0|232|25|0|Dieses Geld wird dich gar nicht lange drücken. Kaufe du nun nur recht viel Mehl und sonstige Esswaren und etwas Kleidung, und verteile das übrige,
KJ|0|232|26|0|und der Kasten wird alsobald wieder leer sein!“ – Diese kindlichen Worte beruhigten den Joseph so sehr, dass er darauf ganz heiter ward.
KJ|0|233|1|1|Jonatha sorgt mit der Kraft des Herrn für Brennholz
KJ|0|233|1|1|Am 17. Juni 1844
KJ|0|233|1|0|Nach allem dem aber berief Joseph die vier Söhne zu sich und sagte zu ihnen:
KJ|0|233|2|0|„Da nehmt dieses Pfund Silbers und geht in die Stadt und kauft dort Mehl und was sonst noch für die Küche vonnöten ist,
KJ|0|233|3|0|und kommt dann und bereitet ein gutes Mittagsmahl, darum mir heute noch der Cyrenius die Ehre gibt!“
KJ|0|233|4|0|Und die Söhne gingen und taten, was ihnen der Vater geboten hatte.
KJ|0|233|5|0|Maria aber kam auch herzu und bemerkte dem Joseph heimlich, dass der Brennholzvorrat auch so sehr eingeschmolzen sei, dass sich mit dem noch vorhandenen kleinen Rest kaum mehr werde ein Mahl bereiten lassen.
KJ|0|233|6|0|Da berief der Joseph den Jonatha und zeigte ihm solche Verlegenheit an.
KJ|0|233|7|0|Und der Jonatha sprach: „Bruder, gebe mir deine große und starke Axt, und ich werde in den Wald dort am Berg gehen!
KJ|0|233|8|0|Fürwahr, in drei Stunden sollst du Holz in Menge haben!“
KJ|0|233|9|0|Und Joseph gab dem Jonatha eine starke Axt, und dieser ging in den Wald des nächsten Berges, der zur Villa gehörte, und hieb dort sobald eine starke Zeder um, befestigte um den Stamm einen starken Strick und zog so den ganzen mächtigen Baum vor das Haus Josephs.
KJ|0|233|10|0|Als er da mit seinem gefällten Baum ankam, da verwunderten sich alle über die enorme Stärke Jonathas.
KJ|0|233|11|0|Und viele Diener des Cyrenius versuchten zugleich den Baum weiterzuziehen, aber ihre Kraftanstrengung war vergeblich;
KJ|0|233|12|0|denn ihrer bei dreißig an der Zahl konnten den Baum nicht um ein Haar von der Stelle bringen, da er im Ganzen bei hundert Zentner wog.
KJ|0|233|13|0|Jonatha aber sagte zu den Dienern des Cyrenius:
KJ|0|233|14|0|„Nehmt doch statt dieses vergeblichen Versuchens große und kleine Äxte zur Hand, und helft mir den Baum geschwind aufscheitern!
KJ|0|233|15|0|Diese Mühe wird dem Hausherrn besser gefallen, als so ihr an diesem Baum meine Riesenkraft bemessen wollt durch eure eitle Bemühung!“
KJ|0|233|16|0|Und sogleich griffen alle Diener des Cyrenius zu, und durch die kräftige Mitwirkung des Jonatha ward der ganze Baum in einer halben Stunde ganz aufgescheitert.
KJ|0|233|17|0|Joseph war darauf voll Freude und sprach: „O das ist vortrefflich!
KJ|0|233|18|0|Fürwahr, das hätte mir drei Tage Arbeit gemacht, bis ich so einen Baum zerscheitert hätte,
KJ|0|233|19|0|und du hast kaum drei Stunden in allem gebraucht!“
KJ|0|233|20|0|Und der Jonatha sagte darauf: „O Bruder! Eine große Leibesstärke ist wohl eine nützliche Sache;
KJ|0|233|21|0|aber was ist sie gegen die Stärke Dessen, der bei dir wohnt, und vor dessen Hauch die ganze Unendlichkeit erbebt?!“
KJ|0|233|22|0|Hier kam das Kindlein zum Jonatha und sagte zu ihm: „Sei still, Jonatha, und verrate Mich nicht; denn Ich weiß, wann Ich Mich zu zeigen habe!
KJ|0|233|23|0|So aber Meine Kraft nun nicht mit dir gewesen wäre, da wärest auch du nicht dieses Baumes Meister geworden! Aber sei stille und rede nichts davon!“ – Da sprach Jonatha nichts weiter und begriff erst, wie er diesen Baum so leicht bemeistert hatte.
KJ|0|234|1|1|Eine Deputation der Ersten und Vornehmsten der Stadt Ostracine erscheint. Der Fluch des Goldes und Silbers
KJ|0|234|1|1|Am 18. Juni 1844
KJ|0|234|1|0|Als aber auf diese Art das Haus Josephs auch mit Holz versehen war und die Söhne Josephs sich recht rüstig an die Bereitung eines Mittagsmahles gemacht hatten,
KJ|0|234|2|0|da kam eine sehr glänzende Deputation aus der Stadt, um zu begrüßen den obersten Statthalter.
KJ|0|234|3|0|Denn diesmal erfuhr niemand in der Stadt etwas von der Anwesenheit des Cyrenius, weil er im gestrengsten Inkognito da sein wollte.
KJ|0|234|4|0|Aber man sah an dem Morgen die bekannte Dienerschaft in der Stadt, wie die Söhne Josephs, und vermutete darum die Gegenwart des Statthalters.
KJ|0|234|5|0|Daher versammelte man sich in der Stadt und kam in allem Glanz heraus, was aber dem Cyrenius diesmal sehr ungelegen kam.
KJ|0|234|6|0|Der Oberste und der schon bekannte Hauptmann waren natürlich an der Spitze einer zahlreichen Procaeritet [Gesellschaft der Ersten und Vornehmsten] der Stadt Ostracine.
KJ|0|234|7|0|Der Oberste entschuldigte sich über die Maßen, dass er es so spät, und das nur durch einen glücklichen Zufall erfahren habe, dass Seine Kaiserliche Consulische Hoheit diese Gegend mit ihrer allerhöchsten Gegenwart beglückten.
KJ|0|234|8|0|Der Cyrenius aber kehrte sich fast um vor geheimem Ärger über diesen für ihn höchst unzeitigen Besuch.
KJ|0|234|9|0|Aber er musste nun dennoch zum bösen Spiel aus politischen Rücksichten eine gute Miene machen und erwiderte darum auch dem Begrüßer mit gleicher Wohlredenheit.
KJ|0|234|10|0|Endlich aber sagte er doch auch zum Obersten: „Lieber Freund, wir große Herren der Welt sind manchmal doch recht übel daran!
KJ|0|234|11|0|Ein gemeiner Mensch kann hingehen, wohin er nur immer will, und er bleibt im süßen Inkognito;
KJ|0|234|12|0|aber wir dürfen nur ein wenig über die Türschwelle uns erheben, und das Inkognito ist schon beim Plunder.
KJ|0|234|13|0|Ich nehme eure stattliche Begrüßung im Namen meines Bruders zwar recht herzlich gut auf;
KJ|0|234|14|0|aber es bleibt dabei, dass ich nun im strengsten Inkognito hier bin!
KJ|0|234|15|0|Das heißt, mit anderen Worten gesprochen, dies mein Hiersein ist ein unamtliches und darf unter gar keiner Bedingung nach Rom berichtet werden!
KJ|0|234|16|0|So ich es erführe, dass sich jemand gewagt hätte, nach Rom einen solchen Bericht zu erstatten, wahrlich, dem solle es nicht am besten ergehen! Denn wohlgemerkt, ich bin im strengsten Inkognito für die Welt hier!
KJ|0|234|17|0|Warum? – das weiß ich, und niemand hat mich darum zu fragen.
KJ|0|234|18|0|Geht aber nun heim und umkleidet euch, und kommt dann wieder heraus zum Mittagsmahl, das ungefähr drei Stunden vor dem Untergang stattfinden wird!“
KJ|0|234|19|0|Hier verbeugte sich die Deputation vor dem Statthalter und zog wieder ab.
KJ|0|234|20|0|Darauf trat der Joseph zum Cyrenius hin und sprach:
KJ|0|234|21|0|„Siehe, das ist schon die erste Wirkung des Geldes, das du mir in so reichlichstem Maße zukommen ließest!
KJ|0|234|22|0|Deine Dienerschaft musste mir dazu einen Kasten kaufen, ward da erkannt – und dein Hiersein verraten.
KJ|0|234|23|0|Wie ich doch immer sage: Am Gold und Silber liegt noch immer der alte Fluch Gottes!“
KJ|0|234|24|0|Das Kindlein aber, das knapp neben dem Joseph Sich befand, sagte lächelnd hinzu:
KJ|0|234|25|0|„Daher kann man dem stolzen Gold und dem hochmütigen Silber keinen größeren Schimpf antun, als so man es im gerechten Maße unter die Bettler austeilt.
KJ|0|234|26|0|Du, Mein lieber Joseph, aber tust das allzeit; daher wird dir der alte Fluch wenig schaden und also auch dem Cyrenius.
KJ|0|234|27|0|Oh – Mir ist es gar nicht bange um dieses Goldes willen; denn hier befindet es sich schon am rechten Platz!“
KJ|0|234|28|0|Diese Worte beruhigten wieder den Joseph wie den Cyrenius, und sie erwarteten darauf recht heiteren Mutes die geladenen Gäste.
KJ|0|235|1|1|Die heilige Familie am Nebentisch. Die schlechte Mahlzeit
KJ|0|235|1|1|Am 19. Juni 1844
KJ|0|235|1|0|In der vorbestimmten Zeit kam die umgekleidete Deputation wieder aus der Stadt, begrüßte alles im Hause Josephs und begab sich dann mit dem Cyrenius zur schon bereiteten Mahlzeit.
KJ|0|235|2|0|Da aber nun unvermuteterweise mehr Gäste zusammenkamen, als man erwartet hatte, so ward der Tisch Josephs zu klein, als dass am selben auch die Familie Josephs hätte Platz haben können.
KJ|0|235|3|0|Daher sagte heimlich das Kindlein zum Joseph: „Vater Joseph, lasse für uns im nebenanstoßenden Zimmer einen kleinen Tisch decken!
KJ|0|235|4|0|Und dem Cyrenius sage, dass er sich darob nicht kränken solle,
KJ|0|235|5|0|und sage ihm, dass Ich schon nach der Mahlzeit wieder zu ihm kommen werde!“
KJ|0|235|6|0|Und der Joseph tat also, wie ihm das Kindlein geraten hatte.
KJ|0|235|7|0|Der Cyrenius aber sagte zum Joseph: „Das geht nicht! So der Herr der Unendlichkeit unter uns ist, da werden wir Ihn doch nicht zum Katzentisch setzen!
KJ|0|235|8|0|O das wäre doch die allersonderbarste Ordnung von der Welt!
KJ|0|235|9|0|Ich sage dir, gerade Er und du müsst am meisten obenan sitzen!“
KJ|0|235|10|0|Und der Joseph sprach: „Liebster Bruder, das wird diesmal wohl nicht angehen!
KJ|0|235|11|0|Denn siehe, es sind nun viele Heiden aus der Stadt da, und denen könnte die zu große Nähe des Herrn gar übel bekommen; daher ist des Kindleins Wille hier wie überall und allzeit zu respektieren.“
KJ|0|235|12|0|Und das Kindlein kam hinzu und sprach: „Cyrenius! Joseph hat schon recht, folge nur seinen Worten!“
KJ|0|235|13|0|Da fand der Cyrenius keinen Anstand mehr und begab sich sogleich mit seiner Suite und mit der Deputation aus der Stadt zum Mittagsmahl.
KJ|0|235|14|0|Und der Joseph bestellte sogleich im nebenanstoßenden Zimmer auch einen recht tüchtigen Tisch, bei dem er, die Maria, das Kindlein mit Seinem Jakob,
KJ|0|235|15|0|der Jonatha, die Eudokia und die acht Kinder des Cyrenius Platz nahmen.
KJ|0|235|16|0|Es wurden aber natürlich auf den Tisch der Gäste mehrere und bessere Speisen aufgetragen und auf den Haustisch weniger und die minder guten.
KJ|0|235|17|0|Und das Kindlein sprach: „O du Schandfleck von einem Erdboden! – musst du denn gerade für deinen Einigen Herrn das Schlechtere hervorbringen!?
KJ|0|235|18|0|O du jetzt fruchtbares Land zwischen Asien und Afrika, du sollst darum für alle Zeiten mit großer Unfruchtbarkeit geschlagen werden!
KJ|0|235|19|0|Fürwahr, wahr! – hätte unser Tisch nicht einige Fische, da wäre für Mich rein nichts Genießbares da!
KJ|0|235|20|0|Hier ein Milchkoch mit etwas Honig, was Ich nicht mag, und da eine gebratene Meerzwiebel, und da eine kleine Melone, und da ein altbackenes Brot und daneben etwas Butter und Honig, –
KJ|0|235|21|0|das ist unsere ganze Mahlzeit; lauter Speisen, die Ich nicht mag, bis auf die wenigen Fische!
KJ|0|235|22|0|Ich will aber nicht, dass es etwa die Gäste schlechter haben sollen als wir;
KJ|0|235|23|0|aber das ist denn doch auch nicht recht, dass wir es um vieles schlechter haben sollen als die Gäste!“
KJ|0|235|24|0|Joseph aber sprach: „O lieber Jesus, so schmolle doch nicht, denn siehe, es geht uns ja allen gleich!“
KJ|0|235|25|0|Und das Kindlein sprach: „Gib Mir vom Fisch, und dann ist es gut für jetzt. Aber ein anderes Mal muss es anders gehen; denn mit dieser Alltagskost kann Ich Mich nicht allzeit begnügen!“ – Joseph merkte sich das und gab dem Kindlein vom Fisch zu essen.
KJ|0|236|1|1|Joseph richtet die vier Köche. Das Jesuskind wird sehr traurig deswegen
KJ|0|236|1|1|Am 20. Juni 1844
KJ|0|236|1|0|Beim Verzehren des Fisches aber fragte das Kindlein den Jonatha, sagend: „Jonatha, ist das wohl die beste Gattung der Fische?
KJ|0|236|2|0|Denn Ich sage dir, dass Mir dieser Fisch gar nicht wohlschmeckt!
KJ|0|236|3|0|Fürs Erste ist er zäh und fürs Zweite so trocken wie ein Stroh.
KJ|0|236|4|0|Fürwahr, das muss keine gute Fischgattung sein, was sich auch daraus erkennen lässt, dass er gar so viele lästige Gräten hat!“
KJ|0|236|5|0|Und der Jonatha erwiderte: „Ja, Du mein Herr und mein Gott! Es ist fürwahr die leichteste Fischgattung!
KJ|0|236|6|0|O hätte doch der Joseph mir früher etwas gesagt, da wäre ich ja gerne zehn Mal für einmal hin und her gelaufen und hätte für Dich den allerbesten Fisch geholt!“
KJ|0|236|7|0|Hier war der Joseph selbst etwas ärgerlich über seine Söhne, darum sie seinen Tisch so übel bestellt hatten.
KJ|0|236|8|0|Das Kindlein aber sprach: „Joseph, ärgern dürfen wir uns deshalb gerade nicht;
KJ|0|236|9|0|aber sonderbar bleibt das immer von Meinen Brüdern, dass sie in der Küche für sich das Beste behalten, uns aber gerade aus allem das Schlechteste auftischen.
KJ|0|236|10|0|Es sei ihnen zwar alles gesegnet; aber schön und löblich ist das von ihnen nicht!
KJ|0|236|11|0|Siehe, du hast Mir wohl das beste Stück vom Fisch gegeben; aber dennoch vermag Ich es nicht wegzuessen, obschon Ich noch recht hungrig bin, –
KJ|0|236|12|0|und das ist doch ein sicheres Zeichen, dass der Fisch schlecht ist!
KJ|0|236|13|0|Da – verkoste dies Stückchen, und du wirst dich überzeugen, dass Ich recht habe!“
KJ|0|236|14|0|Hier kostete der Joseph den Fisch und fand die Aussage des Kindleins vollkommen bestätigt.
KJ|0|236|15|0|Da stand er aber auch sogleich auf und ging in die Küche und fand da, wie sich die vier Söhne mit einem edlen Thunfisch delektierten.
KJ|0|236|16|0|Da war es aber auch aus beim Joseph, und er fing die vier Köche ganz gewaltig zu putzen an.
KJ|0|236|17|0|Diese aber sprachen: „Vater! – siehe, wir müssen alle schwere Arbeit verrichten, warum sollen wir da manchmal nicht auch ein besseres Stückchen verzehren als die, welche nicht arbeiten?!
KJ|0|236|18|0|Zudem ist der Fisch ja auch nicht schlecht, den wir auf deinen Tisch gegeben haben!
KJ|0|236|19|0|Das Kindlein aber, weil Es von euch zu verzärtelt ist, ist nur manchmal zu voll Kapricen, und da ist Ihm dann nichts recht und gut genug!“
KJ|0|236|20|0|Da ward Joseph zornig und sprach: „Gut, weil ihr mir mit solcher Rede begegnetet, so werdet ihr von nun an nimmer für meinen Tisch Speisen bereiten!
KJ|0|236|21|0|Maria wird von jetzt an mein Koch sein, ihr aber mögt für euch kochen, was ihr wollt; aber an meinem Tisch soll keiner aus euch je gesehen werden!“
KJ|0|236|22|0|Hier verließ Joseph die vier Köche und kam ganz erregt durch eine kleine Seitentür zu seiner Tischgesellschaft zurück.
KJ|0|236|23|0|Da ward das Kindlein traurig und fing an völlig zu weinen und schluchzte recht gewaltig.
KJ|0|236|24|0|Da fragten Es sogleich die Maria, der Joseph und der Jakob mit ängstlicher Gebärde, was Ihm fehle, ob Es irgendeinen Schmerz empfinde –
KJ|0|236|25|0|oder was es denn doch sei, darum Es nun gar so plötzlich also traurig und leidig geworden sei.
KJ|0|236|26|0|Das Kindlein aber seufzte tief auf und sprach in einem sehr wehmütigen Ton zum Joseph:
KJ|0|236|27|0|„Joseph! Ist es denn gar so süß, den Armen und Schwachen die eigene Herrlichkeit zu zeigen und sie eines geringen Vergehens wegen völlig zu richten?!
KJ|0|236|28|0|Sehe doch einmal Mich an, wie viele gar entsetzlich schlechte Köche habe Ich in der Welt, die Mich als einen Vater aller Väter schon lange völlig hätten verhungern lassen, so solches an Mir möglich wäre!
KJ|0|236|29|0|Ich sage dir, Köche, die von Mir nichts mehr wissen und auch nichts mehr wissen und hören wollen!
KJ|0|236|30|0|Und siehe, Ich gehe dennoch nicht hinaus, um sie zu richten in Meinem gerechten Zorn!
KJ|0|236|31|0|Ist es denn gar so süß, ein Herr zu sein? Siehe, Ich bin der alleinige Herr der Unendlichkeit, und außer Mir ist ewig keiner mehr!
KJ|0|236|32|0|Und siehe, Ich euer aller Schöpfer und Vater wollte vor euch ein schwaches Menschenkind werden mit allem Zurückhalt Meiner ewigen und unendlichen göttlichen Herrlichkeit,
KJ|0|236|33|0|auf dass ihr durch dieses über alles demütige Beispiel über euren alten Herrschgeist einen Ekel bekommen sollt!
KJ|0|236|34|0|Aber nein! Gerade in dieser Zeit aller Zeiten, in der Sich der Herr aller Herrlichkeit unter alle Menschen erniedrigt hat, um sie alle in solcher Seiner Niedrigkeit zu gewinnen, wollen die Menschen am meisten Herren sein und herrschen!
KJ|0|236|35|0|Ich weiß es wohl, dass du vorzüglich Meinetwegen die vier Köche gerichtet hast;
KJ|0|236|36|0|aber so du Mich als den Herrn erkennst, warum hast du Mir denn da vorgegriffen?!
KJ|0|236|37|0|Siehe, wir alle sind darum noch nicht unglücklich, darum wir mit einem mageren Fisch bedient worden sind; denn wir können uns ja sogleich einen besseren zubereiten lassen!
KJ|0|236|38|0|Die vier Brüder aber sind nun die unglücklichsten Geschöpfe auf der Welt, darum du als Vater sie gerichtet hast;
KJ|0|236|39|0|und siehe, das ist keine gerechte Strafe auf ein so geringes Vergehen!
KJ|0|236|40|0|Was wäret ihr Menschen wohl, so Ich mit euch täte, wie ihr es miteinander tut?! Wenn Ich so kurzmütig und ungeduldig wäre, wie ihr es seid?!
KJ|0|236|41|0|Du weißt es nicht, warum wir diesmal so karg bedient worden sind; Ich aber weiß es.
KJ|0|236|42|0|Darum sage Ich dir, gehe hin und rufe zurück dein Urteil, und der Jakob wird dir dann den Grund dieser schlechten Mahlzeit kundgeben!“
KJ|0|236|43|0|Hier ging der Joseph und berief die vier Söhne, auf dass sie vor ihm bekennten ihren Fehl und er es ihnen dann vergäbe.
KJ|0|237|1|1|Joseph und das Jesuskind vergeben den vier Köchen
KJ|0|237|1|1|Am 21. Juni 1844
KJ|0|237|1|0|Und die vier Söhne Josephs kamen sobald in das Speisezimmer des Joseph, fielen da auch sogleich auf ihre Knie nieder, bekannten ihre Schuld und baten dann den alten Vater Joseph um Vergebung.
KJ|0|237|2|0|Joseph vergab ihnen darauf und nahm sein Urteil zurück.
KJ|0|237|3|0|Darauf aber sagte er zu den vieren: „Ich habe es euch wohl vergeben;
KJ|0|237|4|0|aber ich war auch dabei der von euch am wenigsten Beleidigte.
KJ|0|237|5|0|Aber hier ist das Kindlein, von dem ihr mir zum größten Ärger aussagtet,
KJ|0|237|6|0|Es sei ganz verzärtelt und sei darum manchmal voll Kapricen, da Ihm dann nichts recht und gut genug wäre.
KJ|0|237|7|0|Dadurch habt ihr Es gröblichst beschimpft!
KJ|0|237|8|0|Geht hin und bittet Es vorzugsweise um Vergebung, sonst kann es euch übel ergehen!“
KJ|0|237|9|0|Darauf gingen die vier hin vor das Kindlein und sprachen vor Ihm:
KJ|0|237|10|0|„O Du unser liebes Brüderchen! Siehe, wir haben Dich ungerecht beschimpft vor unserem Vater,
KJ|0|237|11|0|und haben dadurch ihn gröblichst erzürnt, dass er uns darob nahe fluchen musste.
KJ|0|237|12|0|Gar grob haben wir uns an Dir und dem guten Vater Joseph versündigt.
KJ|0|237|13|0|O wirst Du, liebes Brüderchen, uns wohl je solche unsere grobe Sünde vergeben können? Wirst Du uns wieder zu Deinen Brüdern erheben?!“
KJ|0|237|14|0|Hier lächelte das Kindlein die vier Bittenden gar überaus freundlich an, streckte Seine zarten Arme aus und sprach mit Tränen in Seinen göttlichen Augen:
KJ|0|237|15|0|„O steht auf, ihr Meine lieben Brüder, und kommt her, auf dass Ich euch küsse und segne!
KJ|0|237|16|0|Denn wahrlich, wer so wie ihr zu Mir kommt, dem solle vergeben sein und hätte er der Sünden mehr, denn da ist des Sandes im Meer und des Grases auf der Erde!
KJ|0|237|17|0|Wahrlich, wahrlich! – eher noch als diese Erde gegründet war, habe Ich diese Sünde an euch schon geschaut und habe sie euch auch schon gar um vieles eher vergeben, als ihr noch wart!
KJ|0|237|18|0|O ihr Meine lieben Brüder! Seid ja in keiner Angst wegen Meiner; denn Ich habe euch ja alle so sehr lieb, dass Ich wohl aus Liebe zu euch einst sterben werde am Leibe!
KJ|0|237|19|0|Daher habt ja keine Angst vor Mir; denn wahrlich, so ihr Mir auch geflucht hättet, da hätte Ich euch aber dennoch nicht gerichtet, sondern hätte geweint ob der Härte eurer Herzen!
KJ|0|237|20|0|Kommt also her, ihr Meine lieben Brüder, auf dass Ich euch segne, darum ihr Mich ein wenig beschimpft habt!“
KJ|0|237|21|0|Diese endlose Güte des Kindleins brach den vieren das Herz, dass sie weinten wie kleine Kinder.
KJ|0|237|22|0|Auch die andere Tischgesellschaft ward so sehr gerührt, dass sie sich des Weinens nicht enthalten konnte.
KJ|0|237|23|0|Das Kindlein aber richtete Sich auf, ging Selbst zu den vieren hin und segnete und küsste sie und sagte dann zu ihnen:
KJ|0|237|24|0|„Nun, liebe Brüder, werdet ihr es doch merken, dass Ich euch alles vergeben habe!?
KJ|0|237|25|0|Ich bitte euch aber, geht nun in die Küche und bringt uns allen einen besseren Fisch!
KJ|0|237|26|0|Denn fürwahr, Ich bin noch recht hungrig und kann den Fisch aber dennoch nicht essen, den ihr ehedem für uns bereitet habt!“
KJ|0|237|27|0|Hier erhoben sich sobald die vier, küssten das übergute Kindlein und eilten dann übergerührt in die Küche und bereiteten in der kürzesten Zeit einen allerbesten Fisch für den Tisch Josephs.
KJ|0|238|1|1|Entsprechungssinn der schlechten Mahlzeit
KJ|0|238|1|1|Am 22. Juni 1844
KJ|0|238|1|0|Als der gut bereitete Fisch auf den Tisch Josephs kam und sich alle daran delektierten,
KJ|0|238|2|0|und als auch die Tafel beendet ward, da fragte Joseph den Jakob, ob er ihm denn einen etwa wohl gar prophetischen Grund dieses früheren mageren und schlechten und nun am Ende gar wohlschmeckenden Mahles anzugeben wüsste.
KJ|0|238|3|0|Und der Jakob sprach mit der größten Demut und Bescheidenheit:
KJ|0|238|4|0|„O ja, lieber Vater Joseph, insoweit es mir der Herr geben wird, insoweit auch will ich es dir treulich kundtun, was dieses Mahl bedeutet.
KJ|0|238|5|0|Und so bitte ich dich denn, dass du mich ja recht treulich anhören möchtest!“
KJ|0|238|6|0|Alle richteten nun ihre Aufmerksamkeit auf den Mund Jakobs, und dieser begann also zu reden:
KJ|0|238|7|0|„Die magere und schlechte Mahlzeit bezeichnet jene künftige Zeit, in der des Herrn Wort wird verunstaltet werden.
KJ|0|238|8|0|Da werden Seine Knechte den besten Teil für sich behalten und werden ihre Gemeinden mit den Trebern füttern gleichwie die Heiden ihre Schweine.
KJ|0|238|9|0|Die Juden werden sein gleich der gebratenen Meerzwiebel;
KJ|0|238|10|0|denn obschon sie eine Wurzel sind, die am Meer der göttlichen Gnade wuchert und nun völlig gebraten wird am Feuer der göttlichen Liebe,
KJ|0|238|11|0|so wird sie aber dennoch als eine schlechte Speise und als ein höchst mageres Gericht am Tisch des Herrn sich befinden, und wird niemand nach ihr greifen!
KJ|0|238|12|0|Das dumme Milchkoch werden die Griechen sein; diese werden wohl am meisten noch des Herrn Wort echt erhalten!
KJ|0|238|13|0|Aber da sie nur ein äußeres, aber kein inneres Leben darnach führen werden, so werden sie lau und dumm und geschmacklos sein wie dieses Koch, das zwar wohl auch die besten Lebenssäfte in sich trägt, aber weil es kühl ist und nicht gehörig durchkocht ward, so macht es auch eine schlechte Figur auf dem Tisch des Herrn!
KJ|0|238|14|0|Denn es hat keinen Wohlgeruch und somit als noch völlig roh auch keinen Wohlgeschmack für des Herrn Gaumen.
KJ|0|238|15|0|Die Melone ist das Rom. Diese Frucht wächst an einem kriechenden und sich nach allen Gegenden hin windenden Stiel,
KJ|0|238|16|0|auf dem viel taube Blüten vorkommen; aber nur hinter wenigen zeigt sich eine Frucht.
KJ|0|238|17|0|Und wenn schon die Frucht da ist und ihre Reife erlangt, so hätte sie zwar wohl einen recht starken Wohlgeruch;
KJ|0|238|18|0|schneidet man sie aber auf und kostet das innere Fleisch, so wird man sogleich gewahr, dass der Geschmack bei weitem schlechter ist als der Geruch.
KJ|0|238|19|0|Nimmt man nicht gewürzten Honig dazu, so wird es einem nach dem Genuss solcher Frucht sogleich zum Erbrechen übel,
KJ|0|238|20|0|ja man kann sich an solcher Frucht gar leicht den Tod eressen!
KJ|0|238|21|0|Also wird es auch mit Rom stehen eine geraume Zeit, und viele werden sich an dieser Kost den Tod eressen! Und diese Frucht wird ebenfalls als ein schlechtes Gericht auf dem Tisch des Herrn sich befinden und wird von Ihm nicht angerührt werden!
KJ|0|238|22|0|Also sind hier noch Butter, Brot und etwas Honig und etliche magere Fische.
KJ|0|238|23|0|Diese Speisen sind wohl etwas besser und sind von den anderen sehr gesondert und haben wohl noch das rechte Ansehen;
KJ|0|238|24|0|aber es ist in ihnen auch keine Wärme, und des Feuers Hauptwürze hat sie noch nicht alle berührt, daher stehen sie auch hier auf dem Tisch des Herrn und werden nicht gelobt.
KJ|0|238|25|0|Die Fische wohl waren am Feuer; aber sie hatten zu wenig Fett, daher sind sie spehr [trocken] wie ein Stroh, und der Herr kann sie auch nicht genießen.
KJ|0|238|26|0|Unter diesen Speisen aber werden gewisse Sekten verstanden, die sich von ersteren absondern werden und werden wohl Glauben haben;
KJ|0|238|27|0|aber man wird an ihnen keine oder nur sehr wenig Liebe entdecken, und daher werden sie auch nicht angenehm sein vor dem Herrn!
KJ|0|238|28|0|Das ist kurz die Bedeutung dieses Mahles. Ich gab alles kund, was ich empfing; mehr aber empfing ich nicht, darum schweige ich nun.“ – Diese Erklärung machte ein großes Aufsehen wohl, aber niemand verstand sie.
KJ|0|239|1|1|Bedeutung des letzten guten Fisches. Vereinigung der Erde mit der Sonne
KJ|0|239|1|1|Am 25. Juni 1844
KJ|0|239|1|0|Joseph aber sprach darauf zum Jakob: „Du hast im vollsten Sinne im Namen des Herrn großweise geredet, obschon ich wie wir alle das noch nicht zu fassen imstande sind, was du geredet hast.
KJ|0|239|2|0|Da ich aber dessen ungeachtet die Weisheit Gottes in dir erkenne,
KJ|0|239|3|0|und wir alle am Ende einen herrlichen und gar überaus wohlschmeckend zubereiteten Fisch auf unseren Tisch bekamen,
KJ|0|239|4|0|so möchte ich denn auch das von dir erörtert haben, was denn am Ende dieser edle gute Fisch bedeutet.
KJ|0|239|5|0|Sicher wird dir der Herr auch das enthüllen, das da gut ist,
KJ|0|239|6|0|da Er dir ehedem enthüllt hatte, was da schlecht ist und sein wird für alle Welt?!“
KJ|0|239|7|0|Und der Jakob sprach darauf: „Lieber Vater Joseph, das steht ja nicht bei mir, sondern allein beim Herrn!
KJ|0|239|8|0|Ich bin nur ein mattes Werkzeug des Herrn und kann nur dann reden, wenn der Herr mir die Zunge löst.
KJ|0|239|9|0|Darum verlange nicht von mir, das ich nicht habe und dir’s darum auch nicht zu geben vermag,
KJ|0|239|10|0|sondern wende dich darob an den Herrn; so Er es mir geben wird, dann sollst es auch du alsogleich bekommen ganz ungetrübt!“
KJ|0|239|11|0|Hier wandte sich der Joseph sogleich an das Kindlein heimlich und sprach:
KJ|0|239|12|0|„Mein Jesus, lasse mich auch die Bedeutung des guten Fisches erfahren!“
KJ|0|239|13|0|Das Kindlein aber sprach: „Joseph, du siehst ja, dass Ich mit Meinem Fisch noch nicht völlig fertig bin; also warte nur ein wenig noch!
KJ|0|239|14|0|Der Cyrenius ist ja auch noch lange nicht fertig mit seiner Mahlzeit; daher haben wir noch eine halbe Stunde Zeit,
KJ|0|239|15|0|und in dieser Zeit lässt sich noch sehr vieles abmachen, beraten und beschließen.“
KJ|0|239|16|0|Darauf aber wandte Sich das Kindlein zum Jakob und sprach zu ihm:
KJ|0|239|17|0|„Jakob, dieweil Ich dies Mein Stückchen Fisches verzehren werde, kannst du ja gleichwohl reden, was dir in den Mund kommen wird!“
KJ|0|239|18|0|Darauf kiefelte [nagte] das Kindlein wieder an Seinem Fisch, und der Jakob begann sogleich also zu reden:
KJ|0|239|19|0|„Dieser letzte gute Fisch bedeutet die Liebe des Herrn und Seine große Gnade, die Er in den Zeiten, in denen alles sich über den Abgründen des ewigen Todes befinden wird, den Menschen zukommen wird lassen.
KJ|0|239|20|0|Aber zuvor werden die Köche ein tüchtiges Gericht zu bestehen haben!
KJ|0|239|21|0|Erst nach einem solchen Gericht wird jene Zeit kommen, von der schon der Prophet Isaias geweissagt hatte. (Siehe das 19. und das 66. Kapitel. Ersteres beschreibt das vorgehende Gericht und letzteres die Liebe und Gnadenzeit des neuen Jerusalems, welches ist der gute Fisch.)
KJ|0|239|22|0|Und diese Zeit wird dann bleiben auf der Erde und wird von ihr nicht genommen werden fürder; und da wird die Erde eins werden mit der Sonne,
KJ|0|239|23|0|und ihre Bewohner werden bewohnen die großen Lichtgefilde der Sonne und werden leuchten wie sie.
KJ|0|239|24|0|Und der Herr wird allein Herr sein, und Er wird Selbst ein Hirt sein, und alle die leuchtenden Bewohner werden eine Herde sein!
KJ|0|239|25|0|Und also wird die Erde bestehen ewig, und ihre Bewohner ewig, und der Herr wird sein ewig unter ihnen – ein Vater Seinen Kindern von Ewigkeit!
KJ|0|239|26|0|Da wird kein Tod mehr sein; wer da leben wird, der wird leben ewig, und wird nimmer den Tod sehen Amen!“
KJ|0|239|27|0|Hier ward der Jakob wieder still. Die ganze Gesellschaft aber ward ganz stumm vor Verwunderung über die große Weisheit Jakobs, – nur das Kindlein sprach am Ende: „Und so bin Ich auch mit dem Fisch fertig geworden; daher auch da Amen.“
KJ|0|240|1|1|Die Ansicht der Nachbarn über die heilige Familie
KJ|0|240|1|1|Am 26. Juni 1844
KJ|0|240|1|0|Bald darauf erhob sich die Gesellschaft vom Tisch und dankte Gott für die leibliche wie für die geistige Nahrung und begab sich dann zum größten Teil hinaus ins Freie.
KJ|0|240|2|0|Nur Joseph, Maria und das Kindlein mit dem Jakob begaben sich in das große Speisezimmer, allda der Cyrenius sich noch mit seinen Gästen am Tisch befand.
KJ|0|240|3|0|Er bewillkommnete überaus freundlich seine liebsten Freunde und wollte sogleich aufstehen und ihnen einen Platz bereiten.
KJ|0|240|4|0|Das Kindlein aber sprach: „O bleibe, bleibe, du Mein lieber Cyrenius, wie du bist!
KJ|0|240|5|0|Ich bin schon zufrieden, wenn Ich nur in deinem Herzen den gerechten Platz habe!
KJ|0|240|6|0|Was da diesen Tischplatz betrifft, an dem liegt Mir nichts!
KJ|0|240|7|0|Ich gehe aber nun ins Freie mit den Meinen; wenn du mit der Tafel wirst zu Ende sein, so komme Mir nach!“
KJ|0|240|8|0|Darauf lief das Kindlein mit Seinem Jakob flugs hinaus ins Freie und unterhielt Sich dort mit ihm und mit den anderen Kindern.
KJ|0|240|9|0|Einigen Gästen aus der Stadt aber fiel diese sehr verständige und ganz vertrauliche Rede des Kindleins mit dem Cyrenius auf,
KJ|0|240|10|0|und sie fragten, wie alt denn doch dies Kindlein sein dürfte;
KJ|0|240|11|0|denn es rede ja schon wie ein erwachsener Mensch und scheine mit dem Statthalter auf einem sehr vertrauten Fuße zu stehen.
KJ|0|240|12|0|Cyrenius aber sprach: „Was kümmert euch das, so ich ein großer Kinderfreund bin!?
KJ|0|240|13|0|Dass dies Kindlein überaus geistreich ist, das habt ihr alle gesehen!
KJ|0|240|14|0|Wie Es aber in kaum noch dritthalb Jahren Alters zu solcher Verstandesklarheit gelangt ist,
KJ|0|240|15|0|darüber erkundigt euch bei dessen Eltern, diese werden euch darüber wohl den besten Aufschluss zu erteilen imstande sein!
KJ|0|240|16|0|Mich nimmt es aber überhaupt sehr wunder, dass ihr als die nächsten Nachbarn dieses Hauses dessen Einwohner noch nicht näher kennt!?“
KJ|0|240|17|0|Darauf sprachen einige: „Ja – wie sollen wir aber diese Familie auch näher kennen?
KJ|0|240|18|0|Fürs Erste geht sie nirgends hin, und fürs Zweite haben wir ja auch zu wenig Zeit, um zu besuchen diese sonderbare jüdische Familie, bei der man sich überhaupt nicht so ganz recht auskennt;
KJ|0|240|19|0|denn sie hat einen so sonderbar mystischen Anstrich, dass man nicht weiß, was man so ganz eigentlich aus ihr machen solle!
KJ|0|240|20|0|Soviel wir von anderen ganz geringen Menschen erfahren, so ist diese Familie wohl sehr friedsam und tut den Armen viel Gutes;
KJ|0|240|21|0|aber es gibt einige, die da sagen, dass sie schon öfter dieses Haus wie in den hellsten Flammen ersahen, die aber auf ‚ja‘ und ‚nein‘ wieder erloschen, – und so noch so manches andere.
KJ|0|240|22|0|Daher haben wir auch den Mut nicht, diese Familie zu besuchen;
KJ|0|240|23|0|denn der Alte ist und bleibt ein jüdischer Hauptzauberer.
KJ|0|240|24|0|Und mit derlei Menschen ist nicht gut in irgendeine Gesellschaft zu treten!“
KJ|0|240|25|0|Hier lachte der Cyrenius und sprach: „Nun – wenn also – da bleibt ihr nur dabei stehen; denn dann ist dies Haus sicher vor euch!“ – Die Gäste aber sahen den Cyrenius groß an und wussten nicht, wie sie daran waren.
KJ|0|241|1|1|Das böse Vorhaben der eifersüchtigen Gäste. Großbrand in Ostracine
KJ|0|241|1|1|Am 27. Juni 1844
KJ|0|241|1|0|Es fragte aber ein großer Bürger der Stadt Ostracine, wie der Statthalter das meine:
KJ|0|241|2|0|„Warum solle darob dieses Haus sicher sein, da man vielleicht irrwähnig diesen alten Juden für einen Erzzauberer hält?“
KJ|0|241|3|0|Und der Cyrenius sprach: „Weil der schwache Mensch da nichts vermag, wo der urewigen Gottheit Kraft ihre schützende Hand darüberhält.
KJ|0|241|4|0|Dieses Haus aber steht, wie keines mehr auf der weiten Erde, unter dem mächtigsten Schutz solcher Gottheit; also ist es auch unüberwindlich!
KJ|0|241|5|0|Legt eure Hand böswillig an dies Haus, und ihr werdet es sogleich erfahren, um welche Zeit es mit diesem ist!“
KJ|0|241|6|0|Hier stutzten alle die Gäste aus der Stadt und sagten zueinander:
KJ|0|241|7|0|„Der Statthalter will uns nur schrecken, weil er keine Macht bei sich hat.
KJ|0|241|8|0|Würden wir aber im Ernst unsere Hände an dies Haus und an seinen Leib legen, da möchte er sicher bald eine andere Sprache führen!
KJ|0|241|9|0|Lasst uns daher aufstehen vom Tisch und in die Stadt ziehen und von da gegen den Abend wieder mit einer starken Macht hierherkommen,
KJ|0|241|10|0|und da werden wir sogleich sehen, ob der Statthalter noch eine solche Sprache führen wird!?“
KJ|0|241|11|0|Darauf erhob sich bald die ganze Gesellschaft vom Tisch und begab sich ins Freie.
KJ|0|241|12|0|Allda fingen sich die Bürger und der Oberste und der Stadthauptmann beim Cyrenius zu beurlauben an und machten sich darauf auf den Weg in die Stadt.
KJ|0|241|13|0|Der Joseph aber ging zu den Fortgehenwollenden und sagte zu ihnen:
KJ|0|241|14|0|„Warum wollt ihr denn nun schon gehen, da die Sonne noch eine gute Stunde leuchten wird?
KJ|0|241|15|0|Bleibt hier bis zum Abend, und wir wollen dann alle den Cyrenius bis zu seinem Schiff begleiten, wie es sich gebührt;
KJ|0|241|16|0|denn er reist noch heute in der Nacht nach Tyrus ab und wird darum auch heute noch sein Schiff ordnen und besteigen.“
KJ|0|241|17|0|Die also Angesprochenen aber entschuldigten sich und sagten: „Wir haben heute noch ein gar wichtiges Geschäft vor, daher entschuldige du uns bei deinem intimsten Freund!“
KJ|0|241|18|0|Hier kam das Kindlein herbeigelaufen und sprach zum Joseph:
KJ|0|241|19|0|„Lasse sie nur ziehen in die Stadt; denn ihr Geschäft ist von einer Art, das zu Meiner Verherrlichung dienen wird!“
KJ|0|241|20|0|Hier ließ sonach der Joseph die Stadtgäste ziehen und ging mit dem Kindlein zum Cyrenius hin und erzählte ihm, wie diese sich entschuldigten, und was das Kindlein geredet hatte.
KJ|0|241|21|0|Und der Cyrenius sprach: „O mein erhabenster Bruder, diese Art kenne ich!
KJ|0|241|22|0|Sie ist eifersüchtig und weiß sich aus lauter innerer Galle nicht zu raten und zu helfen, weil ich dein Haus besuchte und sie im Stich ließ.
KJ|0|241|23|0|Aber ich bin darum sehr ruhig ob deiner; denn ich weiß es ja, in wessen Schutz du dich befindest!“
KJ|0|241|24|0|Und das Kindlein sprach: „Oh, der dürre Weg soll ihnen heiß werden!
KJ|0|241|25|0|Sie wollen unser Haus heute noch zerstören, und das mit Feuer!
KJ|0|241|26|0|Aber sie sollen nicht Zeit gewinnen dazu, denn sie werden daheim sogleich genug zu tun bekommen!“
KJ|0|241|27|0|Als das Kindlein noch kaum solche Worte ausgeredet hatte, da stand schon die halbe Stadt in Flammen, und niemand dachte mehr an die Zerstörung des Hauses Josephs.
KJ|0|242|1|1|„Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“
KJ|0|242|1|1|Am 28. Juni 1844
KJ|0|242|1|0|Es entsetzten sich aber alle, als sie auf einmal die ungeheure Qualm- und Flammenmasse in die Luft aufsteigend erschauten.
KJ|0|242|2|0|Und der Cyrenius fragte den Joseph, ob man nicht diesen so mächtig hartbedrängten Menschen zu Hilfe eilen solle.
KJ|0|242|3|0|Joseph aber sprach: „Ich meine, wir werden das gut sein lassen!
KJ|0|242|4|0|Denn dem Feuer können wir ohnehin keinen Einhalt tun mit unseren natürlich-menschlichen Kräften;
KJ|0|242|5|0|was aber die dabei Verarmten betrifft, die werden uns noch bald genug und zur rechten Zeit treffen.
KJ|0|242|6|0|Daher seien wir nur ganz ruhig hier; wem’s nottut, der wird schon kommen!“
KJ|0|242|7|0|Und das Kindlein daneben sprach zum Joseph: „Lieber Joseph! Siehe, das wird auch deinen Gold- und Silberkasten um ein sehr Bedeutendes geringer machen!
KJ|0|242|8|0|Auch du, Cyrenius, wirst heute noch vor deiner Abreise um einige Pfunde Goldes und Silbers leichter werden;
KJ|0|242|9|0|denn die hier waren und heimlich uns mit der Zerstörung unseres Hauses gedroht haben, die werden bald als gar sehr gedemütigte Freunde wiederkommen und werden dich um eine Unterstützung angehen.
KJ|0|242|10|0|Daher mache dich nur gefasst darauf! Denke aber nicht, als hätte Ich etwa deren Häuser durch Meine Macht in diesen Brand gesteckt;
KJ|0|242|11|0|denn so etwas tue Ich nicht, und jegliche Rache ist ferne von Mir!
KJ|0|242|12|0|Dir aber sage Ich es: Das hat ihnen ihre Dienerschaft getan;
KJ|0|242|13|0|denn diese hatte schon einen alten Groll auf ihre Herrschaft, da sie von ihr zu karg und hart gehalten war.
KJ|0|242|14|0|Heute fand sie den günstigen Zeitpunkt, sich also zu rächen an ihrer Herrschaft,
KJ|0|242|15|0|dass sie alle ihre Paläste in den Brand steckte.
KJ|0|242|16|0|Und so fielen ohne Mein Zutun diese Weltherren gerade nun in die Grube, die sie für uns gemacht zu haben im Sinne hatten!“
KJ|0|242|17|0|Als der Cyrenius vom Kindlein solches vernommen hatte, da fragte er Es hurtigst, ob man solcher argen Dienerschaft nicht nachstellen solle.
KJ|0|242|18|0|Und das Kindlein sprach: „O lasse das gut sein! Denn fürs Erste hat sie an ihrer hartherzigen Herrschaft ein gutes Werk getan,
KJ|0|242|19|0|fürs Zweite ist sie lange schon mit dem geraubten Schatz über Berg und Tal,
KJ|0|242|20|0|und fürs Dritte wird sie der ihr gebührenden Strafe nicht entgehen, da sie das ganz eigenmächtig aus böser Rache getan hatte!
KJ|0|242|21|0|Daher sei unsere Sorge vorerst auf die gerichtet, die da unserer Hilfe benötigen werden!
KJ|0|242|22|0|Was aber die Brandleger betrifft, für die ist schon gesorgt.
KJ|0|242|23|0|Denn siehe, Gott sieht sie allenthalben und kennt ihren Weg genau!
KJ|0|242|24|0|Daher kann Er sie auch überall ergreifen, wo sie sich auch immer befinden möchten.
KJ|0|242|25|0|Gott ist auch ein allen allergerechtester Richter; daher wird Er ihnen auch den gerechtesten Lohn für ihre Tat zu geben wissen!“
KJ|0|242|26|0|Hier kam die Maria ganz ängstlich hinzu und zeigte dem Joseph eine große Schar gewaffneter Krieger, die sich in Eilschritten gegen die Villa bewegte.
KJ|0|242|27|0|Das Kindlein aber sprach: „O fürchtet euch nicht; das ist die Schutzwache für den Cyrenius, die nun der Oberste aus der Stadt zu eurer Sicherung sendet!
KJ|0|242|28|0|Es werden aber bald auch eine Menge Bürger ihr bald folgen.
KJ|0|242|29|0|Daher sei nun hier nur für ihre Unterkunft gesorgt; alles andere wird sich geben!“
KJ|0|242|30|0|Und wie das Kindlein solches geredet hatte, so war es auch; der Cyrenius bekam Wache, und dieser folgten bald eine Menge Abbrandler.
KJ|0|243|1|1|Die Abgebrannten werden von Joseph und Cyrenius versorgt
KJ|0|243|1|1|Am 1. Juli 1844
KJ|0|243|1|0|Als die Abbrandler beim Haus Josephs ankamen, da erkannte sie eben der Joseph bald, dass sie dieselben Herren waren, die ehedem seine Gäste gewesen sind, und fragte sie:
KJ|0|243|2|0|„Ja – meine geachtetsten Herren, was ist denn mit eurem wichtigen Geschäft, deshalb ihr ehedem also schnell forteiltet?
KJ|0|243|3|0|Bestand es darinnen, dass ihr eure Stadt angezündet habt?
KJ|0|243|4|0|Oder bestand es etwa in ganz etwas anderem, das für mich als ein Geheimnis zu verbleiben hat?!“
KJ|0|243|5|0|Die Abbrandler aber sprachen: „Lieber Menschenfreund! Versuche uns Elende nicht; denn du siehst ja, dass wir nun die aufgelegtesten Bettler sind!
KJ|0|243|6|0|Kannst du uns aber irgend unterstützen, so tue das, und wir wollen deine Leibeigenen sein unser Leben lang!“
KJ|0|243|7|0|Joseph aber sprach: „Nur Roms mächtige Patrizier verstehen sich auf Sklaven und Leibeigene;
KJ|0|243|8|0|ich aber verstehe mich nur auf Brüder, die allzeit gleich meine Brüder sind – wie als Herren, also auch als Bettler!
KJ|0|243|9|0|Darum werde ich euch auch nach Kräften unterstützen.
KJ|0|243|10|0|Aber so ihr wieder auf eurem Boden feststehen werdet, dann nehmt euch kein solches Geschäft mehr vor, wie euer heutiges hätte sein sollen!
KJ|0|243|11|0|Denn so wehe es euch nun tut, dass euch eure Diener und Sklaven so schändlich beraubt und eure Häuser angezündet haben,
KJ|0|243|12|0|ebenso und noch mehr Wehe hätte mir das gemacht, so ihr desgleichen an mir verübt hättet!“
KJ|0|243|13|0|Hier ging der Joseph zum Cyrenius und fragte ihn, was man diesen Unglücklichen auf einmal geben solle.
KJ|0|243|14|0|Und der Cyrenius sprach: „Warte nur ein wenig! Meine Träger, die ich um meine Kasse aufs Schiff gesandt habe, werden sobald da sein!
KJ|0|243|15|0|So ich erst im Besitz meiner größeren Kasse sein werde, dann werden wir schon sehen, wie viel da auf jeden, der schon hier ist und noch kommen wird, fallen solle.“
KJ|0|243|16|0|In einer kleinen Stunde brachten die Boten tausend Säckel Goldes und Silbers.
KJ|0|243|17|0|Jeder Säckel, aus zehn Pfunden bestehend, aber war gemischt mit zwei Pfunden Goldes und acht Pfunden Silbers.
KJ|0|243|18|0|Hier sprach der Cyrenius zum Joseph: „Diese Säckel verteile du unter diese Abbrandler also, dass da auf jeden ein Säckel komme!
KJ|0|243|19|0|Die erübrigten aber verwahre du für noch andere, die noch ankommen werden!
KJ|0|243|20|0|Ich aber will bei der Verteilung nicht zugegen sein, auf dass ich nicht erkannt werde von allem Volk, das hierherkommen wird!
KJ|0|243|21|0|Ich aber werde mich nun mit dem Jonatha in seine Wohnung begeben und hoffe dich am Abend zu sehen!
KJ|0|243|22|0|Joseph billigte das und übernahm mit seinen Söhnen sogleich die Verteilung; und der Cyrenius entfernte sich heimlich mit seinem ganzen Hofstaat und mit dem Jonatha.
KJ|0|244|1|1|„Und so wir alles verlören, der Herr aber bleibt uns, was hätten wir dann verloren?“
KJ|0|244|1|1|Am 2. Juli 1844
KJ|0|244|1|0|Zwei Stunden nach dem vollen Untergang der Sonne hatte Joseph mit der Verteilung zu tun
KJ|0|244|2|0|und wies dabei auch den Dach- und Fachlosen Plätze an, wo sie übernachten konnten;
KJ|0|244|3|0|denn in der Stadt getrauten sich wenige nur zu übernachten, teils wegen des starken Brandgestankes,
KJ|0|244|4|0|teils aber auch wegen der Unsicherheit, da man noch immer fürchten musste, ob das Feuer nicht ehestens dieses oder jenes noch gesunde Haus ergreifen wird.
KJ|0|244|5|0|Als Joseph also sein Geschäft beendet hatte, da fragte er das Kindlein ganz geheim, ob es nun wohl geheuer sein dürfte, das Haus zu verlassen und sich zum Jonatha hinzubegeben.
KJ|0|244|6|0|Und das Kindlein sprach: „Was kümmert dich das Haus und dessen Inhalt?
KJ|0|244|7|0|Gehört es doch nicht uns, sondern dem, der es gekauft hatte, so wie auch der Inhalt, der ebenfalls des Käufers ist.
KJ|0|244|8|0|Daher gehen wir nur zum Jonatha, der für uns sicher einen guten Fisch in der Bereitschaft hat!“
KJ|0|244|9|0|Und der Joseph sprach: „Da hast Du freilich wohl recht;
KJ|0|244|10|0|aber bedenke, dass wir einen Kasten voll Goldes und Silbers haben, und haben Kühe, Ziegen und Esel!
KJ|0|244|11|0|Könnte das nicht ein Raub dieser nun sehr vielen Gäste werden?“
KJ|0|244|12|0|Und das Kindlein sprach: „Joseph, das ist jetzt zu hoch für Mich!
KJ|0|244|13|0|Rede darüber mit dem Jakob, der versteht diese Sachen nun besser als Ich!“
KJ|0|244|14|0|Und der Joseph tat sobald an den Jakob dieselbe Frage.
KJ|0|244|15|0|Und der Jakob sprach: „Vater! Und so wir alles verlören, der Herr aber bleibt uns, was hätten wir dann verloren?
KJ|0|244|16|0|Der Herr aber zieht mit uns zum Jonatha; was sollen wir dann hier im Haus des Statthalters zu verlieren fürchten?!
KJ|0|244|17|0|Lasse dir die ganze Erde rauben und behalte den Herrn, dann hast du mehr, als so alle Himmel und Erden dein vollstes brauchbares Eigentum wären!
KJ|0|244|18|0|Und so ziehe, du redlichster Mann, ohne Furcht und Sorge mit dem Herrn zum Jonatha, und du wirst dich überzeugen, dass wir nichts verlieren werden!“
KJ|0|244|19|0|Diese Worte des Herrn aus dem Munde Jakobs beruhigten den Joseph so sehr, dass er augenblicklich mit seiner ganzen Sippschaft aufbrach und sich zum Jonatha begab.
KJ|0|244|20|0|Alldort harrten schon alle mit der sehnsüchtigsten Erwartung der Ankunft Josephs.
KJ|0|244|21|0|Und als sie seiner ansichtig wurden, da liefen sie wie die Kinder ihrem Vater entgegen, darunter sich auch der Cyrenius befand.
KJ|0|244|22|0|Und als unter solchem Geleit Joseph mit den Seinen in das Haus Jonathas trat, da ließ dieser sogleich die wohlbereiteten Fische auftragen, und alle hielten hier ihr Abendmahl.
KJ|0|245|1|1|Cyrenius bereitet sich auf seine Abreise vor. Er nimmt den Erdglobus und die drei Knaben mit
KJ|0|245|1|1|Am 3. Juli 1844
KJ|0|245|1|0|Nach diesem Abendmahl befahl der Cyrenius seinen Schiffsleuten, das Schiff zu ordnen.
KJ|0|245|2|0|Und diese gingen und brachten im Schiff alles in kurzer Zeit in die beste Ordnung.
KJ|0|245|3|0|Es trat aber auch der Jakob zum Cyrenius hin und fragte ihn, ob er in seiner Eile nicht auf den wunderbaren Erdglobus vergessen hätte, den ihm das Kindlein vor ein paar Tagen zum Geschenk gemacht hatte.
KJ|0|245|4|0|Bei dieser Frage griff sich der Cyrenius förmlich bei den Haaren und wollte sogleich selbst darum fortlaufen.
KJ|0|245|5|0|Der Jakob aber sprach: „O Cyrenius, kümmere dich darob nicht;
KJ|0|245|6|0|denn auf was du vergessen hast, an das habe schon ich gedacht!
KJ|0|245|7|0|Siehe, hier in diesem Winkel in einem Tuch befindet sich der Erdglobus, und du brauchst darum nicht mehr in unsere Wohnung zu laufen!“
KJ|0|245|8|0|Da ward der Cyrenius voll Freuden; er selbst nahm das Kleinod und trug es zum Schiff und übergab es erst dort seinem Schiffshauptmann zur besten Verwahrung.
KJ|0|245|9|0|Als auch dieses Geschäft beendet ward, da ging der Cyrenius zum Joseph und sagte zu ihm:
KJ|0|245|10|0|„Höre, du mein allererhabenster Freund und Bruder, mich nun gütigst an; denn ich habe nun einen guten Gedanken gefasst, und der muss ausgeführt werden!
KJ|0|245|11|0|Siehe, du hast nun in deinem Haus eine Menge Menschen, und es werden dir etliche verbleiben!
KJ|0|245|12|0|Meine Kinder aber machen dir doch mehr oder weniger Sorge und manche Ungelegenheit, und, wie ich es selbst bemerkt habe, ganz besonders die drei Knaben.
KJ|0|245|13|0|Darum habe ich nun bei mir beschlossen, wenigstens eben die drei Knaben mit mir zu nehmen und dir allein die fünf Mädchen zu belassen!“
KJ|0|245|14|0|Und der Joseph sprach: „Liebster Bruder, tue du, was dir am besten deucht, und mir wird alles recht sein!
KJ|0|245|15|0|Aber nur tue du alles nach dem Rat des Herrn, so wird es am besten sein!
KJ|0|245|16|0|Frage darum auch hier den Herrn, und was Er dir sagen wird, das tue!“
KJ|0|245|17|0|Hier wandte sich der Cyrenius sogleich mit der höchsten Liebe und Ehrfurcht an das Kindlein und fragte Es nach dem Rat Josephs.
KJ|0|245|18|0|Und das Kindlein sprach: „Ja, ja, nehme die drei recht schlimmen Knaben nur mit; das ist Mir schon recht!
KJ|0|245|19|0|Der Sixtus wäre Mir zwar schon noch recht, aber auch er bleibt sich nicht gleich und will Mir nichts gelten lassen.
KJ|0|245|20|0|Daher nehme ihn nur auch mit, und sei ja recht streng gegen sie, sonst werden das rechte Weltlinge werden!
KJ|0|245|21|0|Die Mädchen aber lasse nur hier; denn die habe Ich viel lieber, weil sie Mich auch lieber haben als die Knaben!
KJ|0|245|22|0|Aber darum habe Ich sie nicht lieber, weil sie Mädchen sind, sondern nur wegen ihrer größeren Liebe zu Mir.“
KJ|0|245|23|0|Auf diese Äußerung des Kindleins nahm der Cyrenius die drei Knaben und dankte dem Kindlein für diesen herrlichen Rat und ließ sie dann auch sobald aufs Schiff bringen.
KJ|0|246|1|1|Das Gebet des Cyrenius an den Herrn. Tränenreicher Abschied vom Jesuskind
KJ|0|246|1|1|Am 4. Juli 1844
KJ|0|246|1|0|Als das Schiff ganz zum Abfahren bereitet war, da ging der Cyrenius zum Kindlein, kniete vor Ihm nieder und bat Es um den Segen mit folgenden Worten:
KJ|0|246|2|0|„O Herr, Du mein großer Gott, Du mein Schöpfer, Du mein Vater von Ewigkeit,
KJ|0|246|3|0|der Du nach Deinem ewigen Ratschluss hier auf diesem Staub, das wir Erde und Welt nennen, als ein schwaches Menschenkind wandelst in unserer Gestalt,
KJ|0|246|4|0|Du mein allmächtiger Herr, vor dessen leisestem Wink alle Mächte der Unendlichkeit erbeben!
KJ|0|246|5|0|O sieh mich elendsten Wurm vor Dir im Staube meiner vollsten Nichtigkeit gnädig an,
KJ|0|246|6|0|und würdige Du Heiliger aller Heiligkeit mich, einen unwürdigsten Wurm im Staub vor Dir, Deines endlos heiligen Segens!
KJ|0|246|7|0|Lasse, o Du mein Leben, Deinen allerheiligsten Namen alle meine Kraft, Macht und Stärke sein!
KJ|0|246|8|0|O Du mein über alles geliebtester Jesus, Du Urkönig meines Herzens, sieh mich armen schwachen Sünder gnädig und barmherzig an und lasse es zu, dass ich fort und fort in der Liebe zu Dir wachse!
KJ|0|246|9|0|Nimm, o Du mein ewig allergeliebtester Jesus, meine Liebe als den schwachen kleinen Dank an für die endlosen Gnaden und Erbarmungen, die Du mir mit jedem Atemzug erteilst!“
KJ|0|246|10|0|Hier brach dem Cyrenius das Herz vor Liebe, und er konnte nicht mehr reden vor lauter Weinen.
KJ|0|246|11|0|Das Kindlein aber sprang ganz munter hin zum Cyrenius, umarmte ihn und küsste ihn viele Male und sprach dann zu ihm:
KJ|0|246|12|0|„O weine nicht, du Mein liebster Cyrenius; denn du siehst es ja, wie lieb Ich dich habe!
KJ|0|246|13|0|In dieser Meiner Liebe für dich und zu dir aber liegt ja Mein größter Segen!
KJ|0|246|14|0|Ich sage dir, so du bleibst, wie du bist, da bleibst du ewig Mein, und deine Seele solle ewig nimmer den Tod fühlen noch schmecken!
KJ|0|246|15|0|Wie du Mich aber nun um diesen Segen gebeten hast, also bitte auch Ich dich, dass du Mich ja gegen niemanden verratest!
KJ|0|246|16|0|Und Ich bitte dich nicht Meinetwegen, sondern der Welt wegen;
KJ|0|246|17|0|denn diese würde in den Tod sobald übergehen, so sie Mich erkennte vor der Zeit!“
KJ|0|246|18|0|Nach diesen Worten umarmte das Kindlein noch einmal den Cyrenius und küsste ihn klein ab.
KJ|0|246|19|0|Da breitete der Cyrenius seine Arme weit aus und sprach mit der rührendsten Stimme:
KJ|0|246|20|0|„O Gott, o Du mein Gott, o Du mein großer Gott! Was bin ich denn, dass Du mich küsst mit dem Mund, aus dem alle Schöpfung hervorging?!
KJ|0|246|21|0|O ihr leuchtenden Himmel, und du Erde, und ihr Kräfte der Himmel! – seht, seht hierher!
KJ|0|246|22|0|Der, der euch und mich erschaffen hatte, ist hier vor mir und segnet mich mit Seiner allmächtigen Hand!
KJ|0|246|23|0|Wann, wann wirst du, o Erde, es fassen, diese Gnadengröße dieser Zeit fassen, in der deines ewigen Schöpfers und Herrn Füße deinen Boden betreten?!
KJ|0|246|24|0|O du überheiliger Boden, der du den Herrn trägst, wirst du je wohl die Größe solcher Gnade dankbarst, dich selbst zerknirschend vor Demut, erkennen?
KJ|0|246|25|0|O du heilige Stätte, wie schwer verlasse ich dich!“
KJ|0|246|26|0|Hier hob das Kindlein den Cyrenius förmlich auf und ließ ihn nicht wieder niederknien.
KJ|0|246|27|0|Da aber kam auch die Tullia und der Maronius Pilla, und das Kindlein segnete sie alle, und alle weinten, dass sie nun wieder scheiden mussten!
KJ|0|246|28|0|Das Kindlein aber sprach: „Oh, oh, wir scheiden ja nicht! Denn wo euer Herz ist, da wird auch dessen Schatz sein!“
KJ|0|246|29|0|Damit beruhigten sie sich und erhoben sich vom Boden.
KJ|0|247|1|1|Letzte Abschiedsworte. Das eigentliche Zuhause des Herrn ist die Liebe. Die in der Liebe eins Gewordenen werden sich allzeit gegenwärtig sein. Abreise des Cyrenius
KJ|0|247|1|1|Am 5. Juli 1844
KJ|0|247|1|0|Darauf ging der Joseph hin zum Cyrenius und segnete ihn samt seinem ganzen Haus.
KJ|0|247|2|0|Desgleichen auch ging die Maria hin und segnete die Tullia und deren Gefährtinnen.
KJ|0|247|3|0|Und Joseph sprach dann zum Cyrenius: „Bruder, mit dieser meiner Segnung drücke ich dir auch den Wunsch meines Herzens aus, der darin besteht:
KJ|0|247|4|0|Lasse du mir die fünf Mägde ganz, auf dass sie an mir vollkommen ihren Vater haben sollen!
KJ|0|247|5|0|Denn du wirst ohnehin noch eigene Kinder bekommen, die sich in der späteren Zeit mit diesen hart vertragen würden.
KJ|0|247|6|0|Bei mir aber wird darob nie eine Disharmonie entstehen; den Grund kennst du nun so gut als ich.“
KJ|0|247|7|0|Und der Cyrenius willfahrte gerne des Josephs Wunsch und übergab ihm die fünf Mägde völlig zu eigen, worüber der Joseph eine große Freude hatte;
KJ|0|247|8|0|denn er hatte die Mägdlein lieb, weil sie so gelehrig und sehr folgsam waren, und waren von gutem Wuchs und von einer lieblichen Gestalt.
KJ|0|247|9|0|Als dieses abgemacht war, da umarmte der Cyrenius den Joseph und sprach:
KJ|0|247|10|0|„Bruder, so es des Herrn Wille sein wird, da hoffe ich dich bald wiederzusehen!“
KJ|0|247|11|0|Und das Kindlein, das da neben dem Joseph stand, sprach: „Amen sage Ich! So hier nicht, so doch in Meinem Reich!
KJ|0|247|12|0|Denn Ich sage dir, lange werden wir uns nicht mehr in diesem Land aufhalten, weil wir schon zu bekannt sind.
KJ|0|247|13|0|So wir aber ausziehen werden, dann werden wir uns in eine Verborgenheit zurückziehen, auf dass da kein Mensch gerichtet werde.
KJ|0|247|14|0|Jedoch – wir in der Liebe eins Gewordenen werden uns allzeit gegenwärtig sein, im Geiste ewig!
KJ|0|247|15|0|Wo dein Schatz sein wird, da wirst auch du sein mit deinem Herzen, in dem der Hauptschatz wohnt.
KJ|0|247|16|0|Bin Ich dir ein köstlicher Schatz geworden in deinem Herzen, – wahrlich, so sollst du Meiner ewig nimmer ledig werden;
KJ|0|247|17|0|denn da Ich wohne in der Liebe, da bin Ich eigentlichst zu Hause und ziehe nimmer aus – aus solcher Wohnstätte!
KJ|0|247|18|0|Lasse Mich daher fortwährend wohnen in deinem Herzen, und Ich werde für dich in keiner Verborgenheit wohnen!
KJ|0|247|19|0|Denn nur die Liebe allein kann Meine Gegenwart ertragen, wie ein Feuer das andere.
KJ|0|247|20|0|Alles aber, was nicht Feuer ist, das wird vom Feuer zerstört und verzehrt!
KJ|0|247|21|0|Darum auch ziehe Ich Mich vor der Welt zurück, auf dass sie Mein Feuer nicht ergreife und zerstöre!
KJ|0|247|22|0|Frage aber ja nie: ‚Herr! Wo bist Du?‘ – Da werde Ich dir nicht sagen: ‚Hier bin Ich!‘ –
KJ|0|247|23|0|sondern frage sorgfältig dein Herz, ob es Mich liebt, und Ich werde in deinem Herzen, das Mich liebt, zu dir rufen:
KJ|0|247|24|0|‚Hier bin Ich zu Hause in aller Fülle Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung!‘
KJ|0|247|25|0|Nun besteige getrost dein Schiff, und guter Wind solle dich nach Tyrus tragen – Amen.“
KJ|0|247|26|0|Hier empfahl sich der Statthalter Cyrenius zum letzten Mal bei Joseph in Ägypten und bestieg sein Schiff.
KJ|0|247|27|0|Und sobald kam ein guter Wind und eilte mit dem Schiff davon.
KJ|0|247|28|0|Joseph aber begab sich darauf mit seiner Familie in das Haus des Jonatha und verblieb diese Nacht bei ihm.
KJ|0|248|1|1|Joseph und Jonatha retten ein gestrandetes Römerschiff
KJ|0|248|1|1|Am 8. Juli 1844
KJ|0|248|1|0|Am Morgen des nächsten Tages war Joseph wie gewöhnlich der erste auf den Beinen, und er weckte auch bald seine Familie.
KJ|0|248|2|0|Jonatha aber, der auch soeben aus seiner Kammer kam, zu sehen, was es für einen Tag für sein Geschäft geben werde, sprach zu Joseph:
KJ|0|248|3|0|„Aber lieber Freund und Bruder! Was wachst denn du schon so früh auf und treibst auch die Deinen an, dass sie sich erheben sollen!?
KJ|0|248|4|0|Sollst du denn nicht lieber auf den Herrn warten, bis dieser Sich vom Schlaf erheben würde?
KJ|0|248|5|0|Wäre denn nicht dann eben die beste Zeit aufzustehen am Morgen eines Tages?!
KJ|0|248|6|0|Ich bitte dich darum, lasse doch wenigstens deine Familie ruhen noch ein paar Stunden!
KJ|0|248|7|0|Du aber begebe dich mit mir und mit meinen Leuten auf ein Schiffchen, und wir wollen einen Morgenfang machen!“
KJ|0|248|8|0|Dieser Antrag gefiel dem alten Joseph, und er ließ seine Familie noch ruhen und begab sich sogleich mit dem Jonatha in einen großen Fischerkahn.
KJ|0|248|9|0|Jonathas Fischerknechte ordneten die Netze und griffen dann kräftigst zu den Rudern,
KJ|0|248|10|0|und in einer Stunde befanden sich die Morgenfischer schon an der Stelle, wo es am meisten Fische gab.
KJ|0|248|11|0|Als sie aber diese allzeit günstige Fischerstelle erreicht hatten und die Sonne sich ihrem Aufgang nahte,
KJ|0|248|12|0|da bemerkte der Jonatha in der Entfernung etwa einer Stunde ein römisches Schiff stehen und wusste nicht, was er so ganz eigentlich aus demselben machen sollte.
KJ|0|248|13|0|Er sprach darum zum Joseph: „Bruder, ich kenne das Meer dort;
KJ|0|248|14|0|es ist seicht und voller Sandbänke, und gar leicht kann dort ein Seefahrer Roms steckengeblieben sein.
KJ|0|248|15|0|Wir sollten ihm darum wohl schleunigst zu Hilfe eilen!?“
KJ|0|248|16|0|Und der Joseph war damit einverstanden; und es ward sofort hingerudert, und das Schiff ward in einer halben Stunde erreicht.
KJ|0|248|17|0|Und siehe, es war wirklich ein großes Römerschiff, das da einen Gesandten an den Cyrenius führte.
KJ|0|248|18|0|Dieser ward sogleich aufgenommen, und er bat den Jonatha, alles Mögliche aufzubieten, dass das Schiff gerettet werde.
KJ|0|248|19|0|Darauf ergriff Jonatha sogleich das Schlepptau des großen Schiffes und ließ dann kräftig rudern auf seinem großen Boot.
KJ|0|248|20|0|Und es dauerte keine halbe Stunde, als das große Schiff flottgemacht wurde.
KJ|0|248|21|0|Darauf beschenkte der römische Gesandte reichlich den Jonatha und segelte dann weiter gen Morgen.
KJ|0|248|22|0|Jonatha aber kehrte dann mit Gold und Silber anstatt der Fische nach Hause und ließ für diesen Morgen das Fischen in der Ruhe.
KJ|0|249|1|1|Das Jesuskind ist überall zu Hause, wo man Es liebt. Der reiche Fischfang
KJ|0|249|1|1|Am 9. Juli 1844
KJ|0|249|1|0|Als nach ungefähr drei Stunden der Jonatha mit dem Joseph und mit seinem Gold- und Silberfischfang zurückkam, da war in seinem Haus auch schon alles auf den Beinen und sah nach der noch stark rauchenden Stadt hin.
KJ|0|249|2|0|Das Kindlein allein lief mit dem Jakob dem sich dem Ufer nahenden Joseph und Jonatha entgegen.
KJ|0|249|3|0|Und als diese ans Ufer traten, da grüßte und küsste Es die beiden und fragte den Jonatha, ob er wohl schon recht viele Fische gefangen habe.
KJ|0|249|4|0|Dieser aber, das Kindlein ebenfalls mit größter Liebe umfassend, sprach:
KJ|0|249|5|0|„O Du mein Leben, o Du meine Liebe! Mit den Fischen hat es für heute seine geweisten Wege!
KJ|0|249|6|0|Aber ich habe sicher mit Deiner allmächtigen Hilfe ein gestrandetes Römerschiff gerettet, das einen Gesandten an den Cyrenius trug.
KJ|0|249|7|0|Da fielen dann recht viele Gold- und Silberfische in mein Netz, und so ließ ich für heute den eigentlichen Fischfang ruhen.“
KJ|0|249|8|0|Und das Kindlein sagte: „Das ist schon recht und ganz gut;
KJ|0|249|9|0|aber da Ich Mich heute schon auf einen frischen Fisch gefreut habe, so wäre es Mir lieber gewesen, du hättest statt deinen Gold- und Silberfischen die rechten gebracht!“
KJ|0|249|10|0|Der Jonatha aber sprach: „O Du mein Leben, siehe, da längst des Ufers hängen ja eine Menge Fischkästen voll mit den besten Fischen, da werden wir schon ganz frische herausnehmen!“
KJ|0|249|11|0|Und das Kindlein lächelte darauf und sprach: „Ja, wenn also, dann magst du freilich wohl deinen heutigen Gold- und Silberfischfang behalten!
KJ|0|249|12|0|Aber Ich bin schon recht hungrig; wird es lange hergehen, bis da ein Fisch zugerichtet wird?“
KJ|0|249|13|0|Und der Jonatha sprach: „O nein, Du mein Leben, in einer Halbstunde sitzen wir schon beim Tisch!“
KJ|0|249|14|0|Joseph aber sagte zum Kindlein: „Aber Du bist wohl ein rechter Bettler!
KJ|0|249|15|0|Siehe, hier sind wir ja nicht zu Hause; daher müssen wir auch nicht schaffen, als wären wir zu Hause!
KJ|0|249|16|0|Gedulde Dich nur, es wird schon etwas kommen; aber also zu betteln schickt sich ja nicht in einem fremden Haus!“
KJ|0|249|17|0|Das Kindlein aber sprach: „Ei – was da! Ich bin überall zu Hause, wo man Mich liebt!
KJ|0|249|18|0|Wo aber Ich zu Hause bin also, da kann und darf Ich ja doch auch reden, was Ich möchte!
KJ|0|249|19|0|Damit aber Jonatha nicht seine Kästen unentschädigt leeren solle,
KJ|0|249|20|0|da werfe er ein Netz ins Meer, und er solle für uns alle sogleich einen hinreichenden Fang machen! – Jonatha, tue das!“
KJ|0|249|21|0|Jonatha warf sogleich ein großes Netz ins Meer und fing eine unerhörte Menge der edelsten Fische.
KJ|0|249|22|0|Darauf sagte das Kindlein zum Joseph: „Siehe, wenn das in Meiner Macht steht, da werde Ich doch den Jonatha um einen guten Fisch bitten dürfen?“ – Hier wurde der Joseph still; Jonatha aber wusste sich aus lauter Dankbarkeit nicht zu helfen.
KJ|0|250|1|1|Joseph findet sein Haus ausgeplündert vor. Entsprechung zum gereinigten Herzen des Menschen. Man soll auch denen nicht fluchen, die Übles für Gutes tun
KJ|0|250|1|1|Am 10. Juli 1844
KJ|0|250|1|0|Jonatha nahm sogleich zehn der allerschönsten Fische und übergab sie seinem Koch, dass er sie sogleich zurichte.
KJ|0|250|2|0|Er aber half seinen Gehilfen die anderen Fische teils in die Lägel bringen und teils in die Selchkammer.
KJ|0|250|3|0|In einer Viertelstunde waren die Fische bereitet, und alle Angehörigen Josephs begaben sich zum Frühmahl.
KJ|0|250|4|0|Als das Mahl eingenommen ward, da war es auch schon gegen Mittag, und der Joseph sprach:
KJ|0|250|5|0|„Nun aber haben wir auch die höchste Zeit, uns nach Hause zu begeben!
KJ|0|250|6|0|Und du, Bruder Jonatha, wirst mich begleiten und wirst heute noch bei mir zubringen!“
KJ|0|250|7|0|Und der Jonatha sprach voll Freude in seinem Herzen:
KJ|0|250|8|0|„O Bruder! Das tue ich wohl am allerliebsten; denn du weißt es ja, wie endlos und unbegrenzt lieb ich dich habe!“
KJ|0|250|9|0|Darauf nahm der Jonatha drei große Lägel voll der edelsten Fische wieder und zog überheiteren Mutes mit dem Joseph und seiner Familie zur Villa.
KJ|0|250|10|0|Als sie da wieder anlangten, da fanden sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen keinen Menschen von den Abbrandlern mehr,
KJ|0|250|11|0|sondern ganz leer stand das Haus da und offen in allen seinen Gemächern.
KJ|0|250|12|0|Joseph sagte bei solchem Anblick seines Hauses: „Das ist kein gutes Zeichen;
KJ|0|250|13|0|denn hier scheinen Diebe gehandelt zu haben! Nur diese Art flieht, so sie ein Haus bestohlen hatte; der ehrliche Mensch aber bleibt!
KJ|0|250|14|0|Geht ihr, meine Söhne, hinein und untersucht, ob noch etwas im Haus ist, und kommt dann und sagt es mir!“
KJ|0|250|15|0|Und die vier Söhne gingen und untersuchten das Haus und fanden es bis auf das Vieh im Stall rein ausgeplündert.
KJ|0|250|16|0|Also war auch die Speisekammer leer, und im Geldkasten war kein Groschen mehr zu finden.
KJ|0|250|17|0|Da die vier Söhne solches alles also fanden, da wurden sie sehr traurig und kamen zurück und zeigten solches alles dem Joseph an.
KJ|0|250|18|0|Da ward der Joseph zornig über die Schlechtheit der Menschen, die für Wohltaten mit solchem Dank lohnen ihre Wohltäter!
KJ|0|250|19|0|Und er sprach ganz ergrimmt: „Wahrlich, läge es in meiner Macht, ein solches Schandgesinde auf das Empfindlichste zu züchtigen, da würde ich sogleich Feuer vom Himmel über solcher Diebe Häupter regnen lassen!“
KJ|0|250|20|0|Hier trat das Kindlein zum Joseph und sprach: „Ei, ei – Vater Joseph, du bist heute sehr schlimm!
KJ|0|250|21|0|Haben die Diebe dir ja noch Mich gelassen; wie magst du denn ihrer gar so zürnen?!
KJ|0|250|22|0|Siehe, die Diebe haben deinem Haus nur eine recht große Wohltat erwiesen, dass sie es also ausgereinigt haben!
KJ|0|250|23|0|Denn wahrlich, wo in Zukunft ein Haus (das Herz des Menschen) nicht also gereinigt sein wird, da werde Ich nicht einziehen!
KJ|0|250|24|0|Dieses Haus aber ist nun von jeglicher Weltschlacke gereinigt, und es gefällt Mir also sehr wohl!
KJ|0|250|25|0|Denn fürs Erste ist es offen in allen seinen Fächern und Gemächern,
KJ|0|250|26|0|und fürs Zweite ist es ganz gereinigt, und so ist es nun ganz geeignet zu Meinem Einzug! Daher zürne den Dieben nicht, auf dass ihre Sünde nicht größer werde!“
KJ|0|250|27|0|Joseph und alle nahmen sich diese Worte zu Herzen, und das Kindlein sprach am Ende:
KJ|0|250|28|0|„Seht, also handeln alle Menschen an Mir, wie diese Abbrandler an diesem Haus, und dennoch lasse Ich nicht Feuer vom Himmel regnen!
KJ|0|250|29|0|Also flucht auch ihr denen nicht, die Übles für Gutes tun, so werdet ihr wahre Kinder des Einen Vaters im Himmel sein!“ – Diese Worte beruhigten den Joseph vollkommen, und er ging darauf ganz wohlgemut in sein Haus.
KJ|0|251|1|1|Maria weint über den Diebstahl der Kleider. Jonatha gibt der heiligen Familie sein Gold und Silber
KJ|0|251|1|1|Am 11. Juli 1844
KJ|0|251|1|0|Als sich nun alles in dem Haus befand und die Maria sich auch überzeugte, dass sogar ihr Kleiderschrank und der der Eudokia rein ausgeplündert waren,
KJ|0|251|2|0|da kamen ihr Tränen in die Augen, samt der Eudokia, und sie sprach zum Joseph:
KJ|0|251|3|0|„Da siehe einmal her, auch das Kleid, das ich im Tempel hatte, ist ein Raub schlechter Menschen geworden!
KJ|0|251|4|0|Wahrlich, es geschieht mir darum recht hart und wehe in meinem Herzen!
KJ|0|251|5|0|Wir sind in Kleidern ohnehin so dürftig bestellt, als man sich’s je denken kann, und dennoch mussten wir sogar das Notdürftigste einbüßen!
KJ|0|251|6|0|Es sei zwar alles dem Herrn aufgeopfert, aber es schmerzt mich doch, weil es das einzige war, das ich zum notwendigen Wechsel besaß!
KJ|0|251|7|0|Nun habe ich bloß dieses schon schleißige Alltagskleid und nicht einen Groschen, um mir einen nötigsten Wechsel anzuschaffen!
KJ|0|251|8|0|Wahrlich, das tut mir recht weh! Noch mehr aber schmerzt es mich, dass die argen Diebe auch die Wäsche des Kindleins genommen haben!
KJ|0|251|9|0|Das hat nun das einzige Hemdchen, das Es nun am Leibe trägt! Wie werde ich Ihm nun ein zweites anschaffen können!?
KJ|0|251|10|0|O Du mein armes Kindlein, siehe, siehe, jetzt werde ich Dir nicht mehr können alle Tage ein frisches Hemdchen anziehen, das Dir immer so wohl tat!“
KJ|0|251|11|0|Hier trat der Jonatha hinzu, tief gerührt, und sprach: „O du erhabenste, übergeheiligte Mutter meines Herrn! Traure nicht; denn ich habe ja nun auch Gold und Silber!
KJ|0|251|12|0|Mit der größten Freude gebe ich es ja dir bis zum letzten Stater, und du magst es dann gebrauchen nach deinem Bedürfnis!
KJ|0|251|13|0|Ich weiß es zwar wohl, dass der Herr aller Herrlichkeit nicht auf mein Gold und Silber ansteht; denn Er, der alle Tiere und alle Bäume und Kräuter und alle Welt so herrlich bekleidet, wird auch Seines Leibes Mutter nicht nackt werden lassen!
KJ|0|251|14|0|Aber dennoch möchte ich nun gar so gerne meiner Seligkeit willen dir alle meine Schätze zum Opfer bringen!
KJ|0|251|15|0|O Mutter, nehme sie an aus meinem Herzen und aus meiner Hand!“
KJ|0|251|16|0|Hier blickte die Maria den Jonatha freundlichst an und sprach:
KJ|0|251|17|0|„O Jonatha, wie groß und edel bist du! Dein Wille gilt mir fürs Werk!
KJ|0|251|18|0|Wenn es aber dem Herrn angenehm wäre, da möchte ich wohl fürs Kindlein dich um eine Unterstützung bitten!
KJ|0|251|19|0|Sollte es aber jedoch dem Herrn nicht angenehm sein, so habe ich schon alles aus deinem Herzen empfangen, dafür ich dir nie aufhören werde dankbar zu sein!“
KJ|0|251|20|0|Hier kam das Kindlein herzu und sagte zum Jonatha: „Lieber Jonatha, tue das, was die Mutter von dir wünscht, und dir solle einst ein großer Lohn werden!
KJ|0|251|21|0|Denn siehe, wir sind nun wirklich arm, und das umso mehr, da Ich des Heiles der Menschen wegen kein Wunder wirken darf!“
KJ|0|251|22|0|Hier sprang der Jonatha voll Freuden nach Hause und brachte in kürzester Zeit all sein Gold und Silber und legte es der Maria zu Füßen.
KJ|0|251|23|0|Als die Maria und der Joseph solches ersahen, da weinten beide vor Freuden.
KJ|0|251|24|0|Jonatha aber weinte mit und konnte nicht genug Gott danken, dass er solcher Gnade wert ward, die Maria zu unterstützen.
KJ|0|251|25|0|Das Kindlein aber segnete den Jonatha und sprach zur Maria: „Siehe, das wird uns schon wieder ein frisches Hemdchen verschaffen; darum sei nun nur wieder heiter!“ – Und alle wurden wieder heiter und fröhlich.
KJ|0|252|1|1|Die wunderbare Vermehrung des Weizens. Jakobs Rede über die alltäglichen Wunder
KJ|0|252|1|1|Am 12. Juli 1844
KJ|0|252|1|0|Während dieser Verhandlung aber bestellten die Söhne Josephs das Vieh, melkten die Kühe und die Ziegen und gewannen diesmal eine ungewöhnliche Menge der fettesten Milch.
KJ|0|252|2|0|Als sie damit fertig waren, da gingen zwei auf einen schon vollreifen Weizenacker und schnitten mehrere Garben, rieben bald einen recht tüchtigen Korb voll der reinsten Frucht aus den abgeschnittenen Garben.
KJ|0|252|3|0|Und die zwei anderen Brüder aber nahmen dann alsobald den Korb mit der Weizenfrucht, brachten sie in die zwei Handmühlen, die der Joseph selbst verfertigt hatte, und vermahlten in kurzer Zeit das Getreide.
KJ|0|252|4|0|Durch den Segen des Herrn gewannen sie zweimal so viel Mehl, als da ehedem Getreide im Korb vorhanden war.
KJ|0|252|5|0|Und alle diese Arbeit war in drei Stunden beendet. Und als das Mehl in zwei Körben an der Sonne dastand,
KJ|0|252|6|0|da kam der Joseph heraus und fragte die Söhne, woher sie dies schöne Mehl genommen hätten.
KJ|0|252|7|0|Und als ihm die Söhne sagten, wie sie dieses Mehl gewonnen haben, da besah er die ausgeriebenen Garben und sprach:
KJ|0|252|8|0|„Wie ist das möglich? Ich ersehe nur zehn Garben! Sollen diese wohl diese beiden großen Körbe mit Mehl angefüllt haben?!“
KJ|0|252|9|0|Und die Söhne sprachen: „Ja Vater, also ist es! Durch die Gnade Gottes haben wir richtig in kurzer Zeit aus den zehn Garben dieses Mehl gewonnen;
KJ|0|252|10|0|und der Segen Gottes war über den Garben und über unserer Arbeit, – daher dieser reiche Gewinn!“
KJ|0|252|11|0|Darauf dankte der Joseph Gott mit dem gerührtesten Herzen und ging wieder ins Haus und erzählte das allen im Haus.
KJ|0|252|12|0|Und alle gingen hinaus und besahen das Mehl, und einer wie der andere sprach:
KJ|0|252|13|0|„Das ist unmöglich, auf natürlichem Wege allerreinst unmöglich!“
KJ|0|252|14|0|Da nahm der Jakob auf einen inneren Antrieb ein auf dem Boden liegendes Weizenkorn und sprach:
KJ|0|252|15|0|„Des nimmt euch alle wunder, dass da so viel Mehles aus den zehn Garben hervorkam!
KJ|0|252|16|0|Wo aber hat sich noch aus uns je jemand also verwundert, so er so ein Körnchen in die Erde streute und dann bald eine hundertkörnige Ähre aus dem einen Korn entsprossen sah?!
KJ|0|252|17|0|Und doch ist hier das erste tagtägliche Wunder größer als diese doppelte Mehlvermehrung, indem es ein einziges Korn verhundertfältigt!
KJ|0|252|18|0|Hätten die zehn reichen Garben nur einen Korb voll Mehles gegeben, so hätte sich darüber niemand verwundert, obschon ein Korb so gut eine Wundergabe Gottes wäre, als zwei Körbe es sind.
KJ|0|252|19|0|Also verwundert sich auch niemand über eine hundertkörnige Ähre, weil man dieses Wunder schon gewohnt ist.
KJ|0|252|20|0|Ich aber frage, ob es wohl recht ist, Gott da nur zu bewundern, wo Er etwas Ungewöhnliches geschehen lässt, während doch das geordnete Gewöhnliche bei weitem höher steht, da es zu allen Zeiten gleichfort dieselbe endlose Güte, Allmacht, Liebe und Weisheit Gottes bezeugt?!“
KJ|0|252|21|0|Diese Rede Jakobs machte eine große Sensation. Alles lobte darum den Herrn, dass Er dem Menschen eine solche Weisheit gegeben hatte. Die Söhne aber nahmen das Mehl und machten sich an die Bereitung eines guten Mittagsmahles.
KJ|0|253|1|1|Der aus Bosheit begangene Diebstahl. Das Jesuskind zeigt sich unerbittlich gegen böse Mutwillige
KJ|0|253|1|1|Am 13. Juli 1844
KJ|0|253|1|0|In einer Stunde war ein gutes Mittagsmahl bereitet, das in fünf wohlzubereiteten Fischen und in vierzehn Honigkuchen bestand;
KJ|0|253|2|0|denn der Honig war das einzige im Speisekasten, das von den Dieben verschont worden war.
KJ|0|253|3|0|Also ward auch für einen guten Trank gesorgt, den Joseph und die Maria selbst aus Wasser und Zitronensaft mit Beimischung von etwas Honig bereiteten.
KJ|0|253|4|0|Als also das Mahl bereitet ward und aufgetragen auf den Tisch, da erst dachten die Söhne an das Tischzeug, als Löffel, Gabeln und Messer, das im Hause Josephs freilich wohl zum größten Teil von Holz war.
KJ|0|253|5|0|Aber auch dieses unwertvolle Gerät blieb von den Dieben nicht verschont!
KJ|0|253|6|0|Und so hatte der Joseph nun wohl die Speisen auf dem Tisch, aber kein auch nur allernotdürftigstes Esszeug dazu.
KJ|0|253|7|0|Hier ging der Joseph in die Küche und fragte die Söhne, was denn das doch für eine Bestellung des Tisches wäre;
KJ|0|253|8|0|wie man doch ohne Esszeug Speisen auf den Tisch stellen kann und mag!
KJ|0|253|9|0|Die Söhne aber sprachen: „Vater, da sehe einmal her: einen Rost und zwei Töpfe und einen einzigen, allerschlechtesten Kochlöffel, ein Messer und eine hölzerne Gabel haben sie uns gelassen, –
KJ|0|253|10|0|alles andere haben sie uns genommen; also müssen wir auch die Milch nun in einem einzigen Milchschaff stehenlassen, weil auch die Milchtöpfe alle hin sind!“
KJ|0|253|11|0|Als der Joseph sich von dem allem überzeugt hatte, da ging er mit dem einzigen Kochlöffel und mit dem einen Messer und mit der einen Gabel in das Speisezimmer und sprach zum Jonatha:
KJ|0|253|12|0|„Da – Bruder! – siehe, da ist nun unser ganzes Tischgerät! Wahrlich, das ist Mutwille, und der solle bestraft werden!
KJ|0|253|13|0|Ich lasse mir eine Dieberei auf wertvolle Sachen und eine Dieberei aus Not gefallen!
KJ|0|253|14|0|Aber bei diesem Diebstahl ist weder eines noch das andere der Fall;
KJ|0|253|15|0|sondern da leuchtet der sträflichste Mutwille heraus, und den solle auch der Herr nicht ungestraft dahingehen lassen!“
KJ|0|253|16|0|Nach dieser Argumentation saßen alle zum Tisch nieder, und Joseph zerteilte mit dem einen Messer den Fisch und legte vor jeden einen Teil mit der einen Gabel und verteilte auch also die Honigkuchen.
KJ|0|253|17|0|Da aber das Kindlein Sein Schüsselchen nicht vor Sich hatte, da fragte Es den Joseph, ob denn auch das Schüsselchen gestohlen sei.
KJ|0|253|18|0|Und die Maria sprach: „Ganz sicher, Du mein herzallerliebstes Gottsöhnlein; denn sonst wäre es wohl sicher vor Dir!“
KJ|0|253|19|0|Und das Kindlein sprach darauf: „Wahrlich, Joseph hat recht; das war Mutwille, und der solle auch bestraft sein allzeit und ewig!
KJ|0|253|20|0|Der Böses tut und kennt es nicht, der solle belehrt werden, desgleichen auch, der es tut in der Not!
KJ|0|253|21|0|Wer aber das Gute kennt, tut aber dennoch aus purem satanischen Mutwillen Böses, der ist ein Teufel aus dem Fundament der Hölle und muss mit Feuer gezüchtigt werden!“
KJ|0|253|22|0|Darauf verzehrte ein jeder seinen Teil mit der bloßen Hand.
KJ|0|253|23|0|Es waren aber die Essenden noch kaum mit ihrem Mahl zu Ende, da vernahm man schon von draußen her ein gar entsetzliches Geheul.
KJ|0|253|24|0|Was war es denn? Es waren die Diebe, die mutwillig das notwendige Hausgerät Josephs gestohlen hatten, um es zu verderben!
KJ|0|253|25|0|Ein jeder war umwunden mit einer glühenden Schlange und schrie um Hilfe. Aber das Kindlein erhörte sie nicht, sondern trieb sie alle, bei hundert an der Zahl, mit Seiner Allmacht in das Meer, allwo sie alle umkamen. Das war das einzige Mal, wo Sich das Kindlein unerbittlich gezeigt hatte.
KJ|0|254|1|1|Die Kleiderdiebe wehklagen aufgrund der sie verbrennenden gestohlenen Kleider. Das Jesuskind fordert die Rückgabe der Kleider und straft sie nicht weiter
KJ|0|254|1|1|Am 15. Juli 1844
KJ|0|254|1|0|In kurzer Zeit darauf vernahm man auch wieder ein Geheul von einer Ferne, wie von der Stadt her, und sah eine Menge Menschen der Villa Josephs zueilen.
KJ|0|254|2|0|„Was soll denn das schon wieder?“ fragte Joseph den erstaunten Jonatha.
KJ|0|254|3|0|Und dieser sprach: „Bruder! Das wird der Herr, wie auch sonst alles, sicher besser wissen als wir beide!“
KJ|0|254|4|0|Und der Jakob sagte zu beiden: „Macht euch nichts daraus; denn das sind die Kleiderdiebe!
KJ|0|254|5|0|Des Herrn Macht hat sie ereilt; sie büßen nun ihren Frevel an den geheiligten Kleidern;
KJ|0|254|6|0|denn wer sie anzieht oder nur anrührt, der wird sobald von einem inneren Feuer ergriffen und zur Asche verzehrt.
KJ|0|254|7|0|Darum rennen sie nun heulend und wehklagend daher und werden uns bitten, dass wir selbst diese Kleider in der Stadt aus ihren halb abgebrannten Häusern holen sollen, –
KJ|0|254|8|0|was wir auch tun wollen; doch der Herr wird diesen Frevlern das Seinige tun!“
KJ|0|254|9|0|Als der Jakob noch kaum diese Worte ausgesprochen hatte, da waren die heulenden Kleiderdiebe auch schon vor der Tür Josephs.
KJ|0|254|10|0|Allda schrien sie gewaltig um Hilfe und Rettung. Und der Joseph ging hinaus mit dem Jonatha.
KJ|0|254|11|0|Als er draußen war, da schrien ihm dreißig verzweifelte Männer entgegen:
KJ|0|254|12|0|„Du allmächtiger Gott Jupiter, helfe uns, und rette uns; denn wir haben an dir gefrevelt, da wir dich nicht erkannt haben!
KJ|0|254|13|0|Nun aber haben wir dich erkannt; darum bitten wir dich, töte uns, oder hole deines Hauses Kleider in unseren Häusern!“
KJ|0|254|14|0|Da kam das Kindlein heraus und sprach: „Hört, ihr argen Diebe!
KJ|0|254|15|0|Wie ihr die Kleider genommen habt, also bringt sie auch wieder hierher!
KJ|0|254|16|0|Werdet ihr das nicht tun, so soll der Tod euer Los sein!“
KJ|0|254|17|0|Als die Diebe solches vernommen hatten, da sprachen sie:
KJ|0|254|18|0|„Das ist der junge Gott, dem müssen wir folgen, sonst sind wir verloren!“
KJ|0|254|19|0|Und alle rannten plötzlich davon und brachten all die gestohlenen Kleider auf ehernen Stäben wieder.
KJ|0|254|20|0|Denn mit bloßer Hand durfte niemand diese Kleider anrühren.
KJ|0|254|21|0|Als die Kleider herbeigeschafft wurden, da entließ das Kindlein die Diebe und strafte sie weiter nicht. Joseph aber nahm freudigst die Kleider wieder und trug sie ins Haus.
KJ|0|255|1|1|Maria hat Erbarmen mit den Dieben. Durch die Feindesliebe werden die Menschen schön und Gott ähnlich. Das Jesuskind verheißt Maria, eine Königin in Seinem Reich zu werden
KJ|0|255|1|1|Am 16. Juli 1844
KJ|0|255|1|0|Als Maria ihre Kleidung wieder ersah, da ward sie froh wohl, aber zugleich hatte sie auch wieder ein Mitleid mit denen, die ihr die Kleider zurückgebracht hatten.
KJ|0|255|2|0|Denn sie dachte sich: „Diese haben gewiss von dem Geld nichts erhalten, darum sie dann aus Not nach den armen Kleidern gegriffen haben.
KJ|0|255|3|0|Nun werden sie wohl einer starken Not ausgesetzt sein.
KJ|0|255|4|0|O wären sie noch da, ich gäbe ihnen ja gerne die Kleider oder so viel Geldes, dass sie sich ein Kleid darum anschaffen könnten!“
KJ|0|255|5|0|Hier kam das Kindlein zur Mutter und sprach:
KJ|0|255|6|0|„Aber Mutter! – heute aber bist du schön! Wenn du wüsstest, wie schön du bist, du möchtest gerade eitel werden!“
KJ|0|255|7|0|Maria lächelte hier und sagte zum sie streichelnden Kleinen:
KJ|0|255|8|0|„O Du mein liebster Jesus! Bin ich denn nicht alle Tage gleich schön?“
KJ|0|255|9|0|Und das Kindlein sprach: „O ja, du bist wohl stets sehr schön; aber manchmal bist denn doch ein wenig schöner als manchmal!“
KJ|0|255|10|0|Heute aber bist du schon ganz besonders schön! Wahrlich, von tausend Erzengeln bist du nun umringt, und jeder will am nächsten bei dir sein!“
KJ|0|255|11|0|Maria aber verstand des Kindleins Rede nicht und sah sich um und um, ob da irgendein Erzengel zu erschauen wäre.
KJ|0|255|12|0|Aber sie ersah nichts, als was das Zimmer enthielt, und fragte darum das Kindlein:
KJ|0|255|13|0|„Ja, wo sind denn hernach die tausend Erzengel, da ich doch keinen zu erschauen vermag?!“
KJ|0|255|14|0|Da sagte das Kindlein: „Du darfst ja keinen erschauen; da könntest du eitel werden!
KJ|0|255|15|0|Du aber bist nun darum so schön vor allen Engeln der Himmel, weil in deinem Herzen eine so große Barmherzigkeit aufgestiegen ist, die der Meinen nahe gleichkommt!
KJ|0|255|16|0|Denn siehe, seine Feinde gerecht und menschlich einer Buße zu unterziehen, ist eben auch gerecht und Gott wohlgefällig, und es solle allzeit also sein auf der Erde;
KJ|0|255|17|0|aber seinen Feinden von ganzem Herzen ihre Schuld vergeben und ihnen dazu noch Gutes tun und sie segnen, – siehe, das ist rein göttlich!
KJ|0|255|18|0|Das bringt nur die endlose Kraft der göttlichen Liebe zuwege;
KJ|0|255|19|0|denn die menschliche ist dazu zu schwach!
KJ|0|255|20|0|Weil du aber eben solches getan hast, wie es Gott tut, darum bist du nun so schön! Denn Gott ist die allerhöchste Schönheit, weil die höchste Liebe!
KJ|0|255|21|0|Tue aber nun auch, das dein Herz verlangt, so wird dir Mein Reich der Liebe wie ein Königtum zufallen, und du wirst eine Königin sein darinnen ewig!“
KJ|0|255|22|0|Hier sandte die Maria sogleich den Jonatha den Dieben nach; dieser brachte sie zurück, und die Maria beschenkte sie alle reichlichst mit dem Geld, das ihr der Jonatha hatte gegeben also wie dem Joseph.
KJ|0|256|1|1|Joseph und seine Familienmitglieder werden von den Stadtbewohnern für Götter gehalten
KJ|0|256|1|1|Am 17. Juli 1844
KJ|0|256|1|0|Die also beschenkten Diebe aber fielen auf ihre Angesichter nieder und schrien förmlich:
KJ|0|256|2|0|„Solche Güte, solche Großmut, die ist Menschen nimmer eigen; nur die Götter, die nicht sterben, können Feinde noch belohnen!
KJ|0|256|3|0|Wir verdienten hier die Strafe nur, da wir an euch, ihr hohen Götter, gar so arg gefrevelt haben!
KJ|0|256|4|0|Doch ihr, statt uns wohlverdienterweis’ zu strafen, gebt uns Lohn und Segen noch für unsere argen Taten!
KJ|0|256|5|0|Seid ihr da nicht Götter? Ja ihr seid der Himmel allerhöchste Herren ganz gewiss und sicher; denn das künden eure von uns Menschen nie geschauten Taten!
KJ|0|256|6|0|Darum Ehre, Lob und Preis sei euch von allen Menschen auf der Erde!
KJ|0|256|7|0|Und der Fürsten Throne und all ihre Kronen sollen ewig beugen sich vor eurer großen Herrlichkeit!“
KJ|0|256|8|0|Hier erhoben sich die Diebe und gingen dann voll Dank und Ehrfurcht von dannen –
KJ|0|256|9|0|und machten das dann in der ganzen Stadt ruchbar; und alle Bewohner bebten ob solcher Nähe der Götter und gingen verstohlen herum und getrauten sich vor lauter Ehrfurcht nicht zu arbeiten.
KJ|0|256|10|0|Es kamen aber bald die Angesehenen der Stadt hinaus zum Joseph und fragten ihn, ob sich die Sache wohl also verhielte, wie da nun der Pöbel in der halbverbrannten Stadt herumschreie.
KJ|0|256|11|0|Und der Joseph sprach: „Was da betrifft die gute Tat an ihnen, da ist ihr Geschrei richtig;
KJ|0|256|12|0|denn also handelte mein Weib buchstäblich wahr an ihnen!
KJ|0|256|13|0|Aber dass sie uns für Götter halten, das gibt euch – ihr Großen und Reichen, ein schlechtes Zeugnis;
KJ|0|256|14|0|denn damit bezeichnet der arme Pöbel eure große Hartherzigkeit, indem er an euch nichts Götterähnliches erschaut!
KJ|0|256|15|0|Tut desgleichen, was da tat mein Weib, und was da tut mein ganzes Haus, und der Pöbel wird bald aufhören, meines Hauses Einwohner für Götter zu halten!“
KJ|0|256|16|0|Als die Großen und Reichen der Stadt solche sie sehr treffende Rede vom Joseph vernommen hatten, da wurden sie sehr beschämt und zogen davon.
KJ|0|256|17|0|Und sie waren überzeugt, dass der Joseph bloß ein überaus weiser und guter Mensch, aber dabei doch kein Gott ist.
KJ|0|256|18|0|Von da an hatte dann das Haus Josephs Ruhe.
KJ|0|256|19|0|Und seine Familie lebte dann noch ein halbes Jahr ungestört allhier und ward geachtet und hochgeschätzt von jedermann.
KJ|0|256|20|0|Also tat auch das Kindlein in dieser Zeit keine Wunder mehr, und alles lebte hier ganz natürlich. Und der Jonatha aber war mehr beim Joseph als zu Hause; denn hier war für ihn ein seligstes Sein.
KJ|0|257|1|1|Nach dem Tod des Herodes fordert der Engel des Herr Joseph zur Rückkehr nach Israel auf. Die wunderbare Reisevorbereitung. Abschied von Jonatha
KJ|0|257|1|1|Am 18. Juli 1844
KJ|0|257|1|0|Es starb aber um diese Zeit eben auch Herodes, der Kindermörder, und sein Sohn Archelaus folgte ihm in der Regierung.
KJ|0|257|2|0|Jakob sagte das in der Zeit zum Joseph und zu der Maria.
KJ|0|257|3|0|Aber Joseph sprach zum Jakob: „Das will ich dir wohl glauben; aber was solle das bei mir für eine Veränderung herbeiführen?“
KJ|0|257|4|0|Und der Jakob sprach: „Vater! – das zu künden dir, hat der Herr mir nicht gegeben!
KJ|0|257|5|0|Wie aber der Herr noch allzeit durch eines Engels Mund zu dir geredet hatte, was du tun sollst, also wird Er es auch jetzt tun.
KJ|0|257|6|0|Denn es wäre nicht in der göttlichen Ordnung, dass ein Sohn seinem Vater die Wege vorschreiben solle!“
KJ|0|257|7|0|Da sprach Joseph: „Meinst du wohl, dass der Herr solches an mir tun wird?!“
KJ|0|257|8|0|Und der Jakob sprach: „Vater! – also vernahm ich’s in mir nun:
KJ|0|257|9|0|‚Heute noch in der Nacht in einem hellen Traum werde Ich Meinen Engel zu dir senden, der wird dir künden Meinen Willen!
KJ|0|257|10|0|Und wie er es dir künden wird, also sollst du sobald handeln nach seinem Wort!‘“
KJ|0|257|11|0|Als der Joseph solches vom Jakob vernommen hatte, da ging er hinaus und betete zu Gott und dankte Ihm für solch eine Vorkunde durch den Mund seines Sohnes Jakob.
KJ|0|257|12|0|Lange hielt Joseph im Gebet an und begab sich erst nach drei Stunden ins Haus zur Ruhe.
KJ|0|257|13|0|Als er aber also schlief auf seinem Lager, seinen arbeitsmüden Gliedern Ruhe gönnend, da erschien ihm im Traum der Engel des Herrn und sprach zu ihm:
KJ|0|257|14|0|„Stehe auf, nimm das Kindlein und Seine Mutter zu dir, und ziehe hin in das Land Israel; denn sie sind gestorben, die dem Kind nach dem Leben standen!“
KJ|0|257|15|0|Als Joseph solches vernommen hatte, da stand er alsbald auf und verkündete solches der Maria.
KJ|0|257|16|0|Und diese sprach: „Es geschehe des Herrn Wille allzeit und ewig!
KJ|0|257|17|0|Aber wie sprichst du nur von uns dreien? Sollen denn deine Kinder hier verbleiben?“
KJ|0|257|18|0|Und der Joseph sprach: „O mitnichten; denn was der Engel zu mir geredet, das gilt ja für mein ganzes Haus!
KJ|0|257|19|0|Denn also sprach der Herr ja auch oft zu den Propheten, als hätte Er es mit ihnen allein zu tun;
KJ|0|257|20|0|aber dennoch ging des Herrn Rede allzeit das ganze Haus Jakobs an.“
KJ|0|257|21|0|Diese Rede verstanden alle, und die Söhne gingen sobald hinaus, um alles zur Abreise zu ordnen.
KJ|0|257|22|0|Aber sie kamen voll Staunens zurück; denn es war alles schon zur Abreise bereitet, und für jede Person war ein mit allen zur Reise nötigsten Bedürfnissen bepackter Esel in Bereitschaft.
KJ|0|257|23|0|Joseph übergab alles Liegende und Stehende dem Jonatha, der diese Nacht hier zugegen war, segnete ihn und behieß ihn, ihm zu folgen in einem Jahr nach Nazareth.
KJ|0|257|24|0|Also segnete ihn auch das Kindlein und küsste ihn. Jonatha weinte ob solcher plötzlichen Abreise.
KJ|0|257|25|0|Und Joseph bestieg noch viel vor dem Aufgang die Lasttiere und zog nun landwärts von dannen.
KJ|0|258|1|1|Joseph erfährt von der Grausamkeit des Archelaus und will wieder nach Ägypten zurückkehren. Der Herr Selbst befiehlt ihm, nach Nazareth zu ziehen. Ankunft in Nazareth
KJ|0|258|1|1|Am 19. Juli 1844
KJ|0|258|1|0|Nach zehn sehr beschwerlichen Reisetagen kam Joseph mit den Seinen glücklich im Land Israel an und rastete auf einem Berg bei einigen Menschen, die da hausten und von der Viehzucht lebten.
KJ|0|258|2|0|Hier erkundigte sich Joseph genau um alle Verhältnisse seines Vaterlandes.
KJ|0|258|3|0|Da er aber vernahm von diesen Menschen, dass nun Archelaus, ein Sohn Herodis, seinem Vater in der Regierung folgte,
KJ|0|258|4|0|und dass er noch grausamer sei als sein Vater, da übermannte den Joseph und all die Seinen eine große Furcht.
KJ|0|258|5|0|Und er gedachte wieder umzukehren und abermals nach Ägypten zu ziehen, wo nicht nach Tyrus.
KJ|0|258|6|0|Denn obschon er durch den Mund Jakobs erfahren hatte in Ägypten noch, dass nun Archelaus herrsche in Jerusalem,
KJ|0|258|7|0|so erfuhr er aber dennoch nicht, dass dieser König seinen Vater an Grausamkeit noch überträfe.
KJ|0|258|8|0|Und diese Kunde machte hier eben den Joseph also furchtsam, dass er nun wieder umkehren wollte.
KJ|0|258|9|0|Es sprach wohl die Maria zu ihm und sagte:
KJ|0|258|10|0|„Joseph, es hat uns ja der Herr also zu ziehen befohlen, warum fürchten wir über den Herrn den Menschenkönig Archelaus mehr als den Herrn?“
KJ|0|258|11|0|Und der Joseph sprach: „O Maria, du mein geliebtestes Weib, du hast wohl ganz recht gefragt;
KJ|0|258|12|0|aber siehe, ich weiß es, dass da des Herrn Wege oft von der unbegreiflichsten Art sind, und weiß, dass der Herr die Seinen zumeist durch den Tod führt – vom Abel her.
KJ|0|258|13|0|Darum fürchte ich mich denn nun auch, ob der Herr nicht auch mich durch den Tod führen wird!
KJ|0|258|14|0|Und diese meine Mutmaßung gewinnt stets mehr an Wahrscheinlichkeit, je mehr ich die Grausamkeit des neuen Königs in Jerusalem überdenke.
KJ|0|258|15|0|Darum aber habe ich mich nun auch entschlossen, morgen früh wieder umzukehren.
KJ|0|258|16|0|Wahrlich, ist es dem Herrn um unseren Tod zu tun, da schicke Er lieber Löwen, Tiger und Hyänen über uns als den Archelaus!“
KJ|0|258|17|0|Also beschloss Joseph fest, wieder umzukehren.
KJ|0|258|18|0|Aber in der Nacht kam des Herrn Geist Selbst über den Joseph in einem Helltraum.
KJ|0|258|19|0|Und von Gott Selbst bekam Joseph den Befehl, zu ziehen nach Nazareth.
KJ|0|258|20|0|Da erhob sich Joseph sobald und zog sehr früh von dannen.
KJ|0|258|21|0|Und er kam noch am selben Tag in die Ortschaften des galiläischen Landes.
KJ|0|258|22|0|Und kam also auch am selben Tag in der Nacht nach der Stadt Nazareth, nahm da bleibende Wohnung, auf dass erfüllt wurde, was da spricht der Prophet: „Er solle ein Nazaräer heißen!“
KJ|0|259|1|1|Salome und Cornelius unterhalten sich über die mögliche Rückkehr der heiligen Familie nach Nazareth
KJ|0|259|1|1|Am 20. Juli 1844
KJ|0|259|1|0|Wo aber nahm Joseph die Wohnung in Nazareth? Wo stieg er ab, und wo ging er ein?
KJ|0|259|2|0|Es ist in den ersteren Kapiteln, allda von der Abreise Josephs nach Ägypten von Bethlehem weg die Rede war, gesagt worden, wie Joseph die reiche Salome in Bethlehem ersucht hatte, dass sie für ihn seinen Meierhof bei Nazareth pachten möchte.
KJ|0|259|3|0|Hat das Salome getan? Ja – sie tat es nicht nur, was Joseph gewünscht, sondern sie hat den Meierhof förmlich an sich gekauft, und zwar in der doppelten Absicht:
KJ|0|259|4|0|Diesen Hof, falls Joseph oder ein Kind von ihm je wieder zurückkäme, ihnen vollkommen zu eigen einzuhändigen;
KJ|0|259|5|0|gegenfalls aber diesen für sie so hochgeheiligten Hof für sich zum Angedenken an die erhabenste Familie zu behalten.
KJ|0|259|6|0|Sie hielt diesen Hof für so ein Heiligtum, dass sie sich selbst nicht getraute, darinnen zu wohnen; noch weniger nahm sie eine Zinspartei hinein.
KJ|0|259|7|0|Auf dass sie aber dennoch in der Nähe dieser Besitzung leben konnte, kaufte sie einen nachbarlichen Acker hinzu und erbaute da ein recht nettes Häuschen und wohnte im selben mit ihrer Dienerschaft und wurde allda auch öfter vom Cornelius besucht.
KJ|0|259|8|0|Und es traf sich gerade, dass der Cornelius an diesem Tag auf dem Rückweg von einem Amtsgeschäft bei der Salome einsprach, da Joseph wieder nach Nazareth zurückkam.
KJ|0|259|9|0|Es war ein herrlicher Abend, der Mond war voll, und kein Wölkchen trübte irgendeinen Stern am Himmel.
KJ|0|259|10|0|Dieser schöne Abend zog die Salome mit dem Cornelius auf den Söller ihres netten Häuschens, das da ziemlich knapp an der Hauptstraße lag und den Hof Josephs gerade gegen Morgen vor sich in einer Entfernung von etwa siebzig Klaftern hatte.
KJ|0|259|11|0|Beide blickten oft nach der einstmaligen Behausung der erhabenen Familie, und der Cornelius sprach öfter zur Salome:
KJ|0|259|12|0|„Ich sehe die Erscheinung in Bethlehem noch stets lebendig vor mir, wie in einem schönsten, erhabensten Traum, und dieser Hof erinnert mich nun fortwährend daran.
KJ|0|259|13|0|Es war aber auch die Erscheinung in Bethlehem von einer solchen wundervollsten Erhabenheit, dass sie mir stets unerklärlicher wird, je mehr ich daran denke!“
KJ|0|259|14|0|Und die Salome sprach dagegen: „Ja – Freund Cornelius! Auch ich kann es nicht fassen, wie ich bei der Größe jenes Ereignisses noch am Leben habe verbleiben können!
KJ|0|259|15|0|Aber das ist zwischen mir und dir noch der Unterschied, dass ich nun, wie du es weißt, mir nicht helfen kann, und muss das Kind in meinem Herzen allzeit anbeten;
KJ|0|259|16|0|während du die ganze Sache mehr als eine allererhabenste Geschichte betrachtest.
KJ|0|259|17|0|Ich habe mir daher auch schon öfter so im Geiste vorgestellt: Wenn diese Familie je wieder hierherkäme, da könnte ich vor Seligkeit nicht leben!
KJ|0|259|18|0|Wenn sie so drüben wohnte im Hof – o Gott! – was wäre doch das für ein Gefühl für mich!
KJ|0|259|19|0|Wahrlich, alle Himmel der Himmel wären dann auf diesem Söller vereint beisammen!“
KJ|0|259|20|0|Und der Cornelius sprach: „Ja, du hast recht, das wäre auch für mich das Erhabenste!
KJ|0|259|21|0|Was täten wir aber nun, wenn – ich setze den Fall, diese erhabenste Götterfamilie daherzöge, und wir erkennten sie schon von der Ferne?!“
KJ|0|259|22|0|Und die Salome sprach: „O Freund! Rede nicht davon; das würde mich töten vor Wonne!“
KJ|0|259|23|0|Als die beiden in dieser Weise sich gottwohlgefälligst auf dem Söller unterhielten, und es also auch schon ziemlich spät geworden war,
KJ|0|259|24|0|da bemerkte der Cornelius in einer Ferne von etwa zweihundert Klaftern einen Zug, wie eine kleine Karawane, und sprach zur Salome:
KJ|0|259|25|0|„Da sieh einmal hin, noch spät in der Nacht eine Wanderung! Sind es Griechen oder Juden?
KJ|0|259|26|0|Salome, was tätest denn du nun, wenn das eben die erhabenste Familie wäre?!“
KJ|0|259|27|0|Und die Salome erschrak förmlich und sprach: „Aber ich bitte dich, rede nicht immer davon und erwecke nicht stets von neuem in mir neue Wünsche, die nicht erfüllt werden können!
KJ|0|259|28|0|Was würdest denn in einer solchen Seligkeit aller Seligkeiten du tun?“
KJ|0|259|29|0|Und der Cornelius sprach: „Wahrlich, da ginge es auch mir schlecht! Doch siehe, die Karawane macht halt, und ich sehe einen Menschen von ihr gerade auf uns zueilen! Komm, lass uns sehen, wer es ist!?“
KJ|0|259|30|0|Und sie gingen dem Menschen entgegen. Der Mensch aber war ein Sohn Josephs und ging mit einem Krug, ein Wasser zu holen bei dem Haus.
KJ|0|259|31|0|Die beiden aber erkannten ihn nicht; denn also wollte es der Herr, um des Heiles der beiden willen.
KJ|0|260|1|1|Die Söhne Josephs begegnen Salome und Cornelius ohne diese zu erkennen
KJ|0|260|1|1|Am 22. Juli 1844
KJ|0|260|1|0|Als der Joel das Wasser geschöpft hatte, da fragte er die beiden, wie weit es noch nach Nazareth wäre.
KJ|0|260|2|0|Und der Cornelius sprach: „Mein Freund, da siehe hin, und du wirst leicht die Mauern der Stadt erschauen!
KJ|0|260|3|0|Ein Kind erreicht sie leicht in einer Viertelstunde, und somit bist du nun schon so gut wie in Nazareth selbst.“
KJ|0|260|4|0|Joel dankte für diese Auskunft und trug sein Wasser zu seiner Gesellschaft.
KJ|0|260|5|0|Als er damit bei seiner Gesellschaft anlangte, da fragte ihn sobald der Joseph, was er bei dem Häuschen alles für Erkundschaftungen eingeholt hatte.
KJ|0|260|6|0|Und der Joel sprach: „Ein Weib und ein Mann kamen mir sehr freundlich entgegen, gaben mir Wasser und sagten mir, dass hier schon die Stadt Nazareth ist!
KJ|0|260|7|0|Ich aber dachte, wenn das die Stadt ist, da haben wir sicher nicht mehr weit zu unserer Pachtwirtschaft!“
KJ|0|260|8|0|Und der Joseph sprach: „Mein lieber Sohn, da hast du wohl ganz recht;
KJ|0|260|9|0|aber weißt du auch, wem sie nun nach drei Jahren gehört?
KJ|0|260|10|0|Dürfen wir einziehen in unsere einstige Wohnung?
KJ|0|260|11|0|Siehe, daher heißt’s hier wieder unter freiem Himmel übernachten und morgen erst nachsehen, wo sich für uns eine bleibende Wohnstätte wird auffinden lassen!
KJ|0|260|12|0|Gehe aber nun mit deinen Brüdern und sehe irgendwo ein wenig Holzes und Feuers zu bekommen!
KJ|0|260|13|0|Denn hier auf der Höhe dieses Bergtales ist es etwas kühl; darum soll ein kleines Feuer hier angemacht werden, auf dass wir uns beim selben ein wenig erwärmen!“
KJ|0|260|14|0|Darauf gingen die vier Söhne zu ebendemselben Häuschen und fanden die beiden noch auf.
KJ|0|260|15|0|Und sie gaben der Salome kund ihr Anliegen und baten sie um etwas Holz und um ein Feuer.
KJ|0|260|16|0|Hier fragte die Salome samt dem Cornelius, wer denn die Gesellschaft sei, ob man ihr wohl trauen könne.
KJ|0|260|17|0|Und die Söhne sprachen: „Wir kommen aus Ägypten und sind die ehrlichsten Leute von der Welt!
KJ|0|260|18|0|Und unsere Bestimmung ist, uns hier in Nazareth etwas anzukaufen;
KJ|0|260|19|0|denn wir sind im Grunde selbst Nazaräer, nur hat uns eine gewisse Notwendigkeit nach Ägypten auf drei Jahre gebannt.
KJ|0|260|20|0|Da sich aber diese unsere Verbannung wieder gelöst hatte, so sind wir nun wieder da, um uns hier eine Wohnung zu suchen.“
KJ|0|260|21|0|Als die beiden solches vernommen hatten von den vieren, da gaben sie ihnen sobald Holz und Feuer in gerechter Menge, und diese trugen es zum Joseph.
KJ|0|260|22|0|Joseph aber ließ das Holz sogleich anzünden, und alles wärmte sich an dem Feuer.
KJ|0|261|1|1|Salome und Cornelius erkennen die heilige Familie
KJ|0|261|1|1|Am 23. Juli 1844
KJ|0|261|1|0|Es dachten aber die Salome und der Cornelius sehr darüber nach, wer etwa doch diese Gesellschaft aus Ägypten sein dürfte.
KJ|0|261|2|0|Der Cornelius sprach: „Diese vier Männer, die eben nicht alt zu sein scheinen, hatten nach meiner Beobachtung eine starke Ähnlichkeit mit den Söhnen desjenigen wunderbaren Mannes, mit dem wir beide in Bethlehem zu tun hatten.
KJ|0|261|3|0|Auch ihre Sprache hatte einen unverkennbaren nazaräischen Klang.
KJ|0|261|4|0|Du – meine geachtetste Freundin! Dieser Wundermann, der da Joseph hieß, ist ja auch höchst wahrscheinlich nach Ägypten ausgewandert, wie ich es aus dem Schreiben meines Bruders in Tyrus vernommen habe.
KJ|0|261|5|0|Wie – wenn das derselbe Joseph wäre?
KJ|0|261|6|0|Sollen wir da nicht hingehen zu dieser Gesellschaft und sie beschauen? Und falls das die rechte wäre,
KJ|0|261|7|0|sollen wir da nicht sogleich alles aufbieten, um diese allererhabenste Gesellschaft sogleich auf das Herrlichste zu bewirten?“
KJ|0|261|8|0|Als die Salome solches vernommen hatte, da ward sie nahe ohnmächtig vor Entzückung und sprach:
KJ|0|261|9|0|„Ach Freund! – du hast sicher recht, es wird schon also sein; das ist sicher die heilige Familie!
KJ|0|261|10|0|Darum lasse mich sogleich meine Dienerschaft wecken und mit uns hinziehen, wo diese Familie rastet!“
KJ|0|261|11|0|Darauf ging die Salome und weckte alle ihre Dienerschaft.
KJ|0|261|12|0|Und in einer halben Stunde war alles auf den Beinen im Haus der Salome.
KJ|0|261|13|0|Als aber alles in der Bereitschaft war, da sagte der Cornelius zur Salome:
KJ|0|261|14|0|„Nun lasse uns hinziehen und sehen, wer hinter dieser Familie steckt!“
KJ|0|261|15|0|Darauf berief die Salome sogleich alles zusammen im Haus, und die ganze Gesellschaft begab sich hin, wo Joseph rastete bei einem mäßigen Feuer.
KJ|0|261|16|0|Als sie da ankam, da sprach der Cornelius zur Salome:
KJ|0|261|17|0|„Da siehe einmal hin! Dort neben dem Feuer, – ist das nicht die junge Maria, des Josephs Weib mit ihrem Kind?
KJ|0|261|18|0|Und jener alte Mann, – sage, ist das nicht der Joseph, jener wunderbare Mann, den wir in Bethlehem kennen haben gelernt?“
KJ|0|261|19|0|Da machte die Salome die Augen groß auf und starrte hin und erkannte nach und nach, was ihr der Cornelius anzeigte.
KJ|0|261|20|0|Nun war es aber bei der Salome auch aus; sie sank nieder und ward ohnmächtig, und der Cornelius hatte zu tun, um seine Gefährtin auf die Füße zu bringen.
KJ|0|262|1|1|Salome und Cornelius begrüßen die heilige Familie
KJ|0|262|1|1|Am 24. Juli 1844
KJ|0|262|1|0|Als sich die Salome erholt hatte von ihrer Entzückungsohnmacht, da sagte sie zum Cornelius: „O Freund, das ist zu viel auf einmal für einen schwachen Menschen!
KJ|0|262|2|0|Gönne mir nur eine kleine Ruhe, sodann werde ich hingehen und werde dieser heiligen Familie meine Aufrechthaltung ihres Hofes kundtun!“
KJ|0|262|3|0|Und der Cornelius sprach: „Weißt du was, wenn du dich zu schwach fühlst, so lasse mich hingehen in deinem Namen und der Familie anzeigen, was du für sie getan hast!
KJ|0|262|4|0|Denn siehe, hier ist nicht Zeit zu verlieren! Diese erhabenen Reisenden werden sehr müde sein und bedürfen ehestmöglich einer guten Unterkunft; darum will ich an deiner statt sogleich hingehen.“
KJ|0|262|5|0|Als die Salome solches vom Cornelius vernommen hatte, da sprach sie:
KJ|0|262|6|0|„O Freund! – du hast recht; ich aber habe mich schon gefasst nun, und so will ich auch sogleich mit dir hinziehen.“
KJ|0|262|7|0|Nach solchem Entschluss gingen die beiden hin zur Gesellschaft.
KJ|0|262|8|0|Und der Cornelius nahm das Wort und sprach: „Gott, der Herr Israels ist mit euch, wie auch mit mir und meiner Gefährtin Salome!
KJ|0|262|9|0|Es gelang mir, euch zu erkennen, und es unterliegt nun keinem Zweifel mehr, dass du alter, biederer Mann derselbe Joseph mit dem jungen Weib Maria bist, der vor drei Jahren nach Ägypten zog, um der Verfolgung Herodis zu entgehen.
KJ|0|262|10|0|Ich bin darum hergeeilt, um dich alsogleich aufzunehmen und dich in dein Eigentum einzuführen.“
KJ|0|262|11|0|Als der Joseph solches von Cornelius vernahm, da stand er auf und fragte ihn:
KJ|0|262|12|0|„Guter Mann, wer bist du denn, dass du mir solches künden magst?
KJ|0|262|13|0|Sage mir an deinen Namen, und ich will dir sogleich folgen!“
KJ|0|262|14|0|Und der Cornelius sprach: „Erhabenster Greis! Siehe, ich bin der Landpfleger von Jerusalem,
KJ|0|262|15|0|und mein Name ist Cornelius, und bin derselbe, der dir in Bethlehem eine kleine Freundschaft erwies!
KJ|0|262|16|0|Darum sorge dich um nichts weiter nun; denn siehe, diese meine Freundin, die Salome aus Bethlehem, hat deinen Auftrag genau befolgt!“
KJ|0|262|17|0|Hier stürzte die Salome hin zu des Josephs Füßen und sprach mit bebender Stimme:
KJ|0|262|18|0|„Freude mir armen Sünderin, dass dich meine unwürdigsten Augen wiedersehen!
KJ|0|262|19|0|O komme, komme in dein Haus! Denn mein Haus ist solcher Gnade nicht wert!“
KJ|0|262|20|0|Der Joseph ward hier zu Tränen gerührt und sprach:
KJ|0|262|21|0|„O großer Gott, Vater! Wie gut bist Du! Du führst den müden Wanderer ja allzeit ans beste Ziel!“
KJ|0|262|22|0|Darauf umarmte er den Cornelius und die Salome und zog dann sogleich mit ihnen in seinen Hof.
KJ|0|263|1|1|Salome übergibt Joseph seinen Hof. Die große Liebe zum Herrn erweckt Ihn
KJ|0|263|1|1|Am 25. Juli 1844
KJ|0|263|1|0|Die Dienerschaft der Salome und das Gefolge des Cornelius und die Salome und der Cornelius selbst halfen alles Gepäck des Joseph unterbringen.
KJ|0|263|2|0|Und die Salome führte die Gesellschaft in die wohleingerichteten Gemächer des Wohngebäudes.
KJ|0|263|3|0|Und der Joseph verwunderte sich sehr über die große Reinlichkeit, die in seinem Haus hergestellt war.
KJ|0|263|4|0|Es waren alle Betten neu und die alten gereinigt; also war auch der Stall auf das Zweckmäßigste eingerichtet.
KJ|0|263|5|0|Und der Joseph überzeugte sich von allem, wie vortrefflich die Salome für ihn gesorgt hatte.
KJ|0|263|6|0|Und er fragte die Salome: „O liebe Freundin, du siehst ja, dass ich arm bin und habe nun nichts von irgendeinem Vermögen! Wie werde ich dir das wohl je abstatten können?“
KJ|0|263|7|0|Als die Salome solche Frage vom Joseph vernommen hatte, da sprach sie weinend:
KJ|0|263|8|0|„O du mein erhabenster Freund! Was habe ich wohl auf dieser Welt, das ich nicht empfangen hätte von Dem, der nun auf den Armen der zarten Mutter ruht?!
KJ|0|263|9|0|Habe ich es aber doch ewig wahr von Dem empfangen, der bei dir ist so ewig wunderbarst; wie könnte ich das mein nennen, was von Ewigkeit Dessen war, der mit dir ist?!
KJ|0|263|10|0|O – der Herr, der Heilige von Ewigkeit, kam ja nicht in die Fremde zu uns armen Sündern,
KJ|0|263|11|0|sondern Er kam ja in Sein ewiges Eigentum; daher können wir Ihm ja nichts geben, als hätten wir etwas;
KJ|0|263|12|0|sondern wir bringen Ihm nur das Seinige dar mit der Kraft, die Er uns gegeben hatte!
KJ|0|263|13|0|Und also ist wohl jede Erwähnung von einer Schuld an mich von deiner Seite für ewig ungültig; denn ich bin schon durch die Gnade dieses endlos höchsten Berufes, für dich zu sorgen, für alle Ewigkeit belohnt,
KJ|0|263|14|0|und das umso mehr, da ich es in der ganzen Tiefe meines Lebens fühle, dass ich zu diesem heiligen Beruf sicher die Unwürdigste bin!“
KJ|0|263|15|0|Hier konnte die Salome nicht weiterreden; sie schwieg darum und weinte vor Liebe und Wonne.
KJ|0|263|16|0|Das Kindlein aber wurde hier wach und munterte sich auf.
KJ|0|263|17|0|Als Es so recht heiter Sich auf dem Schoß der Maria aufgerichtet hatte, da sah Es gar liebvollst nach der Salome und nach dem Cornelius hin und sprach:
KJ|0|263|18|0|„O Salome, und du auch, Mein Cornelius! Seht, Ich schlief; aber ihr habt Mich aufgeweckt durch eure große Liebe!
KJ|0|263|19|0|Wahrlich, das ist süß und angenehm; also solle es verbleiben für ewig!
KJ|0|263|20|0|Von nun an will Ich schlafen in Meinem Urwesen für jedermann; aber wer mit eurer Liebe zu Mir kommen wird, der wird Mich erwecken für sich auf ewig!
KJ|0|263|21|0|Salome, nun begebe dich zur Ruhe; morgen aber bringe Mir ein gutes Frühstück!“
KJ|0|263|22|0|Salome war darob höchst entzückt, dass sie zum ersten Mal also hat den Herrn reden gehört. Alles lobte und pries Gott und begab sich darauf zur Ruhe.
KJ|0|264|1|1|Salome lädt die Familie Josephs zum Frühstück ein. Das Jesuskind und Salome
KJ|0|264|1|1|Am 26. Juli 1844
KJ|0|264|1|0|Am Morgen war in beiden Häusern schon alles sehr früh auf den Füßen, und die Salome war geschäftigst in ihrer Küche und bereitete ein gutes Frühmahl, bestehend aus Honigkuchen, einer guten Fischbrühe und aus mehreren edlen Fischen,
KJ|0|264|2|0|darunter die Forellen wohl die ersten waren, die man dort häufig aus den Gebirgsbächen fing.
KJ|0|264|3|0|Als das Frühstück fertig war, da eilte die Salome in das Haus des Joseph und lud den Joseph und alle die Seinen zum Frühstück.
KJ|0|264|4|0|Und der Joseph sprach: „Aber siehe, du meine liebe Freundin, warum machst du dir denn meinetwegen gar so große Unkosten?
KJ|0|264|5|0|Siehe, auch meine Söhne sind schon in der Küche geschäftig und bereiten ein Frühmahl;
KJ|0|264|6|0|darum hättest du wohl für uns nicht also sehr gastfreundlich besorgt sein sollen!“
KJ|0|264|7|0|Die Salome aber sprach: „O du mein erhabenster Freund! Verschmähe doch nicht die Arbeit deiner Magd, und komme!“
KJ|0|264|8|0|Darob ward Joseph sehr gerührt, berief alles in seinem Haus zusammen und begab sich mit der Salome in ihr Haus zum Frühstück.
KJ|0|264|9|0|An der Türschwelle erwartete sie der Cornelius und bewillkommnete sie alle auf das Herzlichste.
KJ|0|264|10|0|Und der Joseph hatte eine große Freude, als er nun beim Sonnenlicht seinen Freund Cornelius vollends wiedererkannte.
KJ|0|264|11|0|Darauf begaben sich alle in das schöne Speisezimmer, allwo das Frühstück seiner Gäste harrte.
KJ|0|264|12|0|Als das Kindlein aber die Fische auf dem Tisch erblickte, da lächelte Es und lief zur Salome und sagte zu ihr:
KJ|0|264|13|0|„Aber wer hat dir denn gesagt, dass Ich die Fische gerne esse?
KJ|0|264|14|0|Da hast du Mir wohl eine rechte Freude gemacht; denn siehe, das ist vor allem Meine Leibspeise!
KJ|0|264|15|0|Ich esse wohl auch die Honigkuchen gerne, wie auch die Fischbrühe mit Weizenbrot;
KJ|0|264|16|0|aber die Fische sind Mir dennoch lieber als alle anderen Speisen!
KJ|0|264|17|0|Darum bist du nun schon recht brav, weil du so gut für Mich bedacht warst, und Ich habe dich nun gar liebgewonnen darum!“
KJ|0|264|18|0|Über solche kindliche Belobung war die Salome schon wieder außer sich vor Freude – und weinte.
KJ|0|264|19|0|Das Kindlein aber sprach: „Salome, siehe du weinst ja immer, so du an etwas eine große Freude hast!
KJ|0|264|20|0|Aber siehe, Ich bin kein Freund vom Weinen; darum musst du auch nicht immer weinen, so dich etwas freut, dann werde Ich dich noch lieber haben!
KJ|0|264|21|0|Siehe, Ich möchte recht gerne auf deinem Schoß den Fisch verzehren;
KJ|0|264|22|0|aber Ich getraue es Mir doch nicht, weil du da aus lauter Freude gar zu viel weinen möchtest!“
KJ|0|264|23|0|Da ermannte sich die Salome so viel als da nur immer möglich war und sprach zum Kindlein:
KJ|0|264|24|0|„O Herr! Wer kann Dich schauen wohl ohne Tränen im Auge?“
KJ|0|264|25|0|Und das Kindlein sprach: „Da sehe nur Meine Brüder an, die sehen Mich auch täglich und weinen dennoch nicht, wenn sie Mich sehen!“
KJ|0|264|26|0|Darauf ward die Salome wieder ruhig, und alle begaben sich zum Tisch, und das Kindlein nahm im Schoß der Salome Platz.
KJ|0|265|1|1|Wie die Macht des Herodes Archelaus von Cyrenius und Cornelius eingeschränkt wird. Joseph erhält von Cornelius den römischen Freibrief
KJ|0|265|1|1|Am 27. Juli 1844
KJ|0|265|1|0|Als das Frühstück verzehrt ward, da besprach sich dann der Joseph mit dem Cornelius über den König Archelaus und fragte genau, was das für ein Mensch sei, und wie er herrsche.
KJ|0|265|2|0|Und der Cornelius sagte zum Joseph: „Erhabenster Mann und Freund! Wenn ich und mein Bruder Cyrenius ihm nicht die Stange hielten, da wäre er noch um zehn Male grausamer, als es sein Vater war.
KJ|0|265|3|0|Aber so haben wir seine Gewalt sehr beschränkt aus guten Gründen, und so darf er nichts als bloß nur seine Steuern einheben, und das nach unserem Ermessen!
KJ|0|265|4|0|Und falls die Steuerpflichtigen sich irgend weigerten, die Steuern zu entrichten, so hat er sich an uns zu wenden;
KJ|0|265|5|0|widrigenfalls wir ihm alle Tage die Absetzungsurkunde des Kaisers, die ich allzeit in meinen Händen habe, überreichen und ihn dann als vogelfrei vor allem Volk erklären können.
KJ|0|265|6|0|Demnach hast du von diesem König nicht das Geringste zu befürchten;
KJ|0|265|7|0|denn es sei ihm ja nicht geraten, ja nur irgend im Geringsten wider die bestehenden Vorschriften zu handeln,
KJ|0|265|8|0|sonst ist er morgen kein König mehr, sondern ein geächteter vogelfreier Sklave Roms!
KJ|0|265|9|0|Freund! Ich meine, mehr brauchst du nicht zu deiner Beruhigung.
KJ|0|265|10|0|Ich bin der Landpfleger nun von Jerusalem, und mein Bruder Cyrenius ist quasi ein Vizekaiser von Asien und Afrika, und wir sind deine Freunde!
KJ|0|265|11|0|Ich glaube, eine bessere Bürgschaft, weltlicherweise genommen, kann es wohl in einem Land für einen Menschen nicht geben?!
KJ|0|265|12|0|Und die allergrößte Bürgschaft für deine Sicherheit und Ruhe wohnt wohl in deinem Haus!
KJ|0|265|13|0|Daher sei du ganz ruhig nun, und betreibe deine mir schon bekannte Kunst ohne Scheu und Furcht!
KJ|0|265|14|0|Ich aber werde bei der Bemessung der Steuer für dich schon eine solche Rubrik aussuchen, die dir nicht wehtun wird!“
KJ|0|265|15|0|Als der Joseph solches vom Cornelius vernommen hatte, da ward er wieder ganz heiter, froh und ruhig.
KJ|0|265|16|0|Der Cornelius aber entdeckte die fünf Mädchen des Cyrenius und die Eudokia, die ihm sehr bekannt zu sein schien, die er aber hier dennoch nicht erkannte.
KJ|0|265|17|0|Er fragte daher den Joseph um die näheren Bewandtnisse dieser Personen.
KJ|0|265|18|0|Und der Joseph gab ihm alles kund nach der Wahrheit vollkommen, ohne irgendeinen mystischen Vorhalt.
KJ|0|265|19|0|Als auf die Art der Cornelius erfuhr, wie gar menschenfreundlich der Joseph sich gegen seinen Bruder Cyrenius verhalte und wie höchst uneigennützig, da war es aber auch aus beim Cornelius.
KJ|0|265|20|0|Seine Freude war übergroß, und er küsste darob den Joseph hundert Male und rief die Kinder seines Bruders zu sich und herzte und küsste sie auch.
KJ|0|265|21|0|Zum Joseph aber sprach er: „Weil du also mit meinem Bruder stehst, so sollst du auch für alle Zeiten steuerfrei sein gleich jedem Bürger Roms; und heute hefte ich selbst den Freibrief des Kaisers an dein Haus!“ – Joseph ward darob zu Tränen gerührt, und alles weinte mit ihm vor Freuden.
KJ|0|266|1|1|Cornelius erklärt Joseph die Übermittlung von geheimen Botschaften
KJ|0|266|1|1|Am 29. Juli 1844
KJ|0|266|1|0|Nachdem aber fragte der Cornelius auch den Joseph, ob davon der Cyrenius wohl Kenntnis habe, dass nämlich der Joseph Ägypten verlassen habe.
KJ|0|266|2|0|Und falls er keine Kenntnis hätte, ob man ihn davon aus staatlichen Rücksichten nicht alsogleich solle in die vollste Kenntnis setzen.
KJ|0|266|3|0|Und der Joseph sprach: „Freund, tue du gegen deinen Bruder, was du willst;
KJ|0|266|4|0|aber um das bitte ich dich wohl, dass du ihm sagen möchtest, er solle ja nicht zu bald zu mir kommen!
KJ|0|266|5|0|Und wenn er aber schon kommen möchte, da solle er ja bei Nacht und Nebel kommen, auf dass sein Erscheinen bei mir ja niemand bemerke,
KJ|0|266|6|0|und mein Haus dadurch nicht eine sehr widrige Aufmerksamkeit auf sich ziehe, die mir und dem Kind schädlich und für die göttliche Ruhe meines Hauses störend sein möchte!“
KJ|0|266|7|0|Als der Cornelius solches vom Joseph vernommen hatte, da sprach er:
KJ|0|266|8|0|„O du mein erhabenster Freund, des sei ruhig! Denn was ‚streng inkognito zu jemanden kommen‘ betrifft, da sind wir Römer Meister!
KJ|0|266|9|0|Und so wird, wie ich morgen nach Jerusalem kommen werde, das mein erstes Geschäft sein, dass ich in aller Stille meinen Bruder durch ein Geheimschreiben benachrichtigen werde, dass du hier bist.
KJ|0|266|10|0|Mit so einem Schreiben will ich den Archelaus selbst, wenn es darauf ankäme, zu meinem Bruder senden, und er wird nicht wissen, was darauf steht, wenn das Schreiben auch unversiegelt sich in seinen Händen befände!“
KJ|0|266|11|0|Joseph aber fragte den Cornelius, wie da wohl ein solches Geheimschreiben möglich wäre.
KJ|0|266|12|0|Und der Cornelius sprach: „O erhabenster Freund! Nichts leichter als das!
KJ|0|266|13|0|Siehe, man nimmt einen langen, etwa einen Finger breiten Streifen;
KJ|0|266|14|0|diesen Streifen wickelt man schneckengewindartig ganz genau um einen runden Stab, so dass die Ränder genau aneinanderstoßen.
KJ|0|266|15|0|Ist also der Streifen aufgewunden über den runden Stab, da schreibt man dann nach der Länge des Stabs über alle Gewinde des Pergamentstreifens sein Geheimnis.
KJ|0|266|16|0|Nun hat aber der Cyrenius einen genau gleich dicken Stab, wie da der meinige ist.
KJ|0|266|17|0|Hab’ ich das Schreiben beendet, so wird es dann vom Stab abgerollt und sicher ganz offen an meinen Bruder durch wen immer übersendet, –
KJ|0|266|18|0|und kein Mensch ist dann ohne einen gleichen Stab imstande, den Inhalt eines solchen Schreibens nur von ferne her zu entziffern;
KJ|0|266|19|0|denn er entdeckt auf dem Streifen nichts als zumeist einzelne Buchstaben oder höchstens Silben, aus denen er gewiss in Ewigkeit nicht klug wird, was da auf dem Streifen steht! Joseph, hast du mich verstanden?“
KJ|0|266|20|0|Und Joseph sprach: „Ganz vollkommen, liebster Bruder!
KJ|0|266|21|0|Also magst du immerhin deinem Bruder schreiben; denn also wird das Geheimnis wohl niemand entziffern!“
KJ|0|266|22|0|Darauf wandte sich der Cornelius an die Eudokia und besprach sich über verschiedenes mit ihr.
KJ|0|267|1|1|Cornelius Frage nach dem sich verlorenen habenden Wunderbaren beim Jesuskind
KJ|0|267|1|1|Am 30. Juli 1844
KJ|0|267|1|0|Als sich der Cornelius auch mit der Eudokia hinreichend über alles besprochen hatte, was er zu seiner Kenntnis für nötig fand,
KJ|0|267|2|0|und da er daraus ersehen hatte, wie ihre Aussage genau mit dem Schreiben seines Bruders in der besten Übereinstimmung stand,
KJ|0|267|3|0|da wandte er sich wieder an den Joseph und sprach zu ihm:
KJ|0|267|4|0|„Erhabenster Mann! Nun bin ich in allem ganz vollkommen im Klaren.
KJ|0|267|5|0|Ich will dich nicht mehr fragen, wie und warum du Ägypten wieder verlassen hast, obschon du dort bestens versorgt warst;
KJ|0|267|6|0|denn ich weiß, dass du nichts tust, als was zu tun dir von deinem Gott befohlen wird.
KJ|0|267|7|0|Und da du also genau handelst nach dem Willen deines Gottes, so ist auch dein Handeln allzeit gut und gerecht vor Gott und vor aller Welt, die mir gleich rechtlich denkt und will und handelt.
KJ|0|267|8|0|Aber um eines möchte ich dich noch vor meiner Abreise nach Jerusalem fragen,
KJ|0|267|9|0|und dieses eine besteht darin: Siehe, mir schweben noch alle die Wundererscheinungen deines Kindes, die bei dessen Geburt stattfanden, wie ganz gegenwärtig vor den Augen!
KJ|0|267|10|0|Nun sehe ich eben dieses so wunderbar geborene Kind vor mir, und alles Wunderbare scheint sich an Ihm wie rein verloren zu haben! Sage, wie ist das zu nehmen?!
KJ|0|267|11|0|Und der Joseph sprach: „O Freund, wie fragst du da so sonderbar?!
KJ|0|267|12|0|Hast du denn ehedem das Kind nicht mit der Salome reden gehört?!
KJ|0|267|13|0|Reden wohl alle Menschenkinder in diesem Alter in solcher Weisheitstiefe?!
KJ|0|267|14|0|Findest du denn eine solche Sprache aus dem Munde eines dreijährigen Kindes nicht ebenso wunderbar als eine jede Geburtserscheinung zu Bethlehem?“
KJ|0|267|15|0|Und der Cornelius sprach: „Du hast da wohl recht; aber darum eben ist dieses Wunder mir nichts Neues.
KJ|0|267|16|0|Denn siehe, in Rom habe ich schon Kinder mit einem Jahr Alters nicht selten zum Erstaunen gescheit reden gehört, deren Geburt jedoch ehedem ganz natürlich war!
KJ|0|267|17|0|Aus dem Grunde hat dein außerordentliches Kind nun meine großen Erwartungen nicht befriedigt.“
KJ|0|267|18|0|Hier kam das Kindlein Selbst zum Cornelius und sprach zu ihm:
KJ|0|267|19|0|„Cornelius! Sei du zufrieden mit der Bürde, die Ich dir auf die Schultern geladen habe;
KJ|0|267|20|0|denn siehe, du müsstest nur zu einem Granitberg werden, wolltest du eine größere Last Meines Willens auf deine Schultern laden!
KJ|0|267|21|0|Darum begehre vor der Zeit nicht mehr von Mir!
KJ|0|267|22|0|Zur rechten Zeit aber werde Ich schon genug tun für dich und für alle Welt!“
KJ|0|267|23|0|Als der Cornelius solches vernahm, da forschte er nicht weiter und ließ dann bald sein Gepäck zu seiner Abreise ordnen.
KJ|0|268|1|1|Cornelius bringt den Freibrief Roms an das Haus Josephs an. Die Verheißung des Jesuskindes
KJ|0|268|1|1|Am 31. Juli 1844
KJ|0|268|1|0|In ein paar Stunden war der Cornelius reisefertig, begab sich aber noch früher mit Joseph in dessen Wohnung und heftete dort versprochenermaßen ein ehernes Täfelchen mit des Kaisers Bild und Namenszug an die Tür.
KJ|0|268|2|0|Und dieses Täfelchen war das kaiserliche Freiheitszeichen oder gleichsam ein Freiheitsbrief, laut dem der Pachtkönig desselben Landes kein Recht in was immer über ein solches Haus ausüben durfte.
KJ|0|268|3|0|Als Cornelius mit dieser Arbeit fertig war, da nahm er seinen Griffel und schrieb unter das Täfelchen an die Tür in der römischen Sprache:
KJ|0|268|4|0|Tabulam hanc libertatis Romanae secundum iudicium Caesaris Augusti suamque voluntatem affigit Cornelius Archidux Hierosolymae in plena potestate urbis Romae. [Cornelius, Oberst von Jerusalem, hat diesen römischen Freibrief nach dem Urteil und Willen von Caesar Augustus in Vollmacht der Stadt Rom angebracht.]
KJ|0|268|5|0|Als der Cornelius auch mit dieser Inschrift fertig war, da sprach er zum Joseph:
KJ|0|268|6|0|„Nun, erhabenster Freund, ist dein Haus und Gewerbe von jeglicher Steuer frei, die dir der Archelaus auferlegen möchte.
KJ|0|268|7|0|Nur den Zinsgroschen hast du alljährig nach Rom zu entrichten, den du hoffentlich sehr leicht ersparen wirst!
KJ|0|268|8|0|Diesen Zinsgroschen kannst du entweder in Jerusalem selbst oder auch hier in Nazareth beim kaiserlichen Amt gegen einen Empfangsschein erlegen.
KJ|0|268|9|0|Und so bist du nun gegen alle Nachstellungen von Seiten des Pachtkönigs gesichert; mache dir aber ein Gitterchen über die Tafel, auf dass sie dir niemand raube und meine Unterschrift verderbe!“
KJ|0|268|10|0|Joseph dankte in seinem Herzen Gott dem Herrn für so viel Gnade und segnete vielfach den Cornelius.
KJ|0|268|11|0|Und das Kindlein kam auch hin zum Cornelius und sprach zu ihm:
KJ|0|268|12|0|„Höre du Mich nun auch ein wenig an! Ich will dir zum großen Lohne auch etwas sagen!
KJ|0|268|13|0|Siehe, du hast nun dem Haus Josephs eine große Wohltat erwiesen;
KJ|0|268|14|0|desgleichen werde auch Ich einst deinem ganzen Haus tun!
KJ|0|268|15|0|Ist dieses Haus auch nicht ein Eigentum Meines Nährvaters, sondern nur ein Eigentum der Salome, weil sie es gekauft hatte,
KJ|0|268|16|0|so will Ich aber dennoch in der Zukunft deinem ganz eigenen Haus es vielfach vergelten, was du diesem Haus der Salome getan hast!
KJ|0|268|17|0|Das kaiserliche Freiheitszeichen hast du mit eigener Hand an des Hauses Tür geheftet und hast hinzugefügt deine Unterschrift.
KJ|0|268|18|0|Also werde auch Ich dereinst Selbst Meinen Geist über dein ganzes Haus ausbreiten, durch den du die ewige Freiheit der Himmel Gottes überkommen wirst und in ihr das ewige unvergängliche Leben in Meinem Reich!“
KJ|0|268|19|0|Cornelius hob hier das Kindlein auf und küsste Es und lächelte über solch sonderbare Verheißung des Kindleins;
KJ|0|268|20|0|denn wie hätte er es wohl verstehen sollen, was das Kindlein in solcher göttlichen Weisheitstiefe zu ihm geredet hatte!
KJ|0|268|21|0|Und das Kindlein sprach: „Das wirst du erst dann verstehen, wenn Mein Geist über dich kommen wird!“ – Darauf lief das Kindlein wieder zu Seinem Jakob. Cornelius machte sich zur Abreise fertig, und Joseph fing an, im Haus alles nach seinem Bedürfnis zu ordnen.
KJ|0|269|1|1|Vorbehalte des Jesuskindes hinsichtlich eines geplanten Besuchs bei Freunden und Verwandten
KJ|0|269|1|1|Am 1. August 1844
KJ|0|269|1|0|Als der Joseph mit der tätigsten Beihilfe der Salome an diesem Tag alles in seinem Haus in die gerechte Ordnung gebracht hatte, da dankte er Gott und war voll Freuden, dass er im Land seiner Väter wieder so gut aufgenommen ward.
KJ|0|269|2|0|Am nächsten Tag aber sprach er zur Maria, nachdem er seinen vier älteren Söhnen die Obsorge des Hauswesens übergeben hatte für diesen Tag:
KJ|0|269|3|0|„Maria, du mein getreuestes Weib! Siehe, wir haben hier im Ort herum so manche Verwandte und sonstige gute Freunde und Bekannte;
KJ|0|269|4|0|gehe und nehme das Kindlein, den Jakob und, so du willst, auch die Eudokia mit den fünf Mädchen,
KJ|0|269|5|0|und wir wollen also diesen Tag hindurch alle die hier in Nazareth und in der nahen Umgegend wohnenden Verwandten, Freunde und Bekannten besuchen,
KJ|0|269|6|0|auf dass auch sie, die mich sicher lang betrauert haben, sich an unserer Gegenwart wieder erfreuen sollen!
KJ|0|269|7|0|Und ich werde bei dieser Gelegenheit vielleicht auch wieder irgendeine gute Arbeit bekommen, um für euch alle das nötige Brot zu verdienen.“
KJ|0|269|8|0|Maria war mit diesem Vorschlag gar freudigst einverstanden und ordnete alles zu diesem Behuf.
KJ|0|269|9|0|Nur das Kindlein wollte anfangs nicht mitgehen. Als Ihm aber die Mutter schöntat, da ließ Es Sich dennoch anziehen und bewegen zum Mitgang.
KJ|0|269|10|0|Aber Es sprach: „Ich gehe wohl mit euch; aber tragen solle Mich niemand!
KJ|0|269|11|0|Sondern – so Ich gehe, da will Ich gehen zwischen euch überall hin, dahin ihr gehen wollt!
KJ|0|269|12|0|Fragt Mich aber nicht, warum Ich das also will; denn Ich sage nicht alles geradeheraus, warum Ich etwas so oder so tue!“
KJ|0|269|13|0|Und die Maria sprach zum Kindlein: „Oh, Du wirst Dich schon noch gerne tragen lassen, wenn Du nur recht müde wirst!“
KJ|0|269|14|0|Und das Kindlein sprach: „Oh, des sei du ganz unbesorgt! Ich werde nie müde, so Ich es nicht will!
KJ|0|269|15|0|Wann Ich aber will, dann werde Ich auch müde, – aber dann ist Meine Müdigkeit ein Gericht den Menschen!
KJ|0|269|16|0|Denn nur die Sünde der Menschen kann Mich dahin bringen, dass Ich dann wollen muss, müde zu werden ob der Sünde der Menschen!
KJ|0|269|17|0|Ich aber sage euch vor allem, dass Mich aus euch ja niemand verrate!
KJ|0|269|18|0|Denn es ist genug, dass ihr es wisst, dass Ich der Herr bin!
KJ|0|269|19|0|Ihr wisst es ohne Gericht; denn eure Herzen sind aus den Himmeln.
KJ|0|269|20|0|So es aber die Menschen der Erde erführen vor der Zeit, so würden sie gerichtet sein, und müssten sterben!
KJ|0|269|21|0|Darum aber wollte Ich auch nicht sogleich mitgehen.
KJ|0|269|22|0|Ich musste euch das vorher verkünden; und da ihr nun das wisst, so will Ich ja mit euch gehen.
KJ|0|269|23|0|Aber versteht, nur gehen will Ich, und will nicht getragen sein, auf dass die Erde durch Meine Tritte erfahre, wer nun ihren Boden betritt!“
KJ|0|269|24|0|Alle merkten sich diese Worte wohl und machten sich dann sobald auf den Weg zu ihren Verwandten, Freunden und Bekannten.
KJ|0|270|1|1|Das Gehen des Jesuskindes auf dem Weg in die Stadt verursacht ein Erdbeben
KJ|0|270|1|1|Am 2. August 1844
KJ|0|270|1|0|Als sich darauf Joseph mit den Seinen auf den Weg machte und das Kindlein zwischen Joseph und Maria einherging, da verspürte die ganze Gesellschaft bei jedem Tritt des Kindleins eine recht merkliche Erderschütterung.
KJ|0|270|2|0|Joseph empfand dieses Phänomen ebenfalls zuweilen recht merklich und sagte zur Maria:
KJ|0|270|3|0|„Weib! Verspürst du nicht, wie der Erdboden wankt und bebt?“
KJ|0|270|4|0|Und die Maria sprach: „O das verspüre ich sehr stark!
KJ|0|270|5|0|Wenn uns nur etwa nicht ein mächtiges Ungewitter, das sich gerne nach einem Erdbeben einstellt, unterwegs oder in der Stadt ereilt!
KJ|0|270|6|0|Und siehe, das Erdbeben dauert an, was ich noch nicht erlebt habe!
KJ|0|270|7|0|Oh, dem wird ganz sicher ein gar entsetzlicher Sturm folgen!“
KJ|0|270|8|0|Und der Joseph sprach: „Ich bemerke zwar noch nirgends ein Wölkchen am Himmel;
KJ|0|270|9|0|aber dessen ungeachtet könntest du dennoch gar wohl recht haben!
KJ|0|270|10|0|Wenn dies Erdbeben nicht bald ein Ende nimmt, da wird es nicht einmal geheuer sein, in die Stadt zu ziehen?!“
KJ|0|270|11|0|Als sich aber also die Familie der Stadt nahte, da kamen ihnen schon eine Menge Flüchtige aus der Stadt entgegen und warnten sie, in die Stadt zu ziehen.
KJ|0|270|12|0|Denn sie sagten: „Freunde, woher ihr auch sein mögt, geht ja nicht in die Stadt!
KJ|0|270|13|0|Denn es hat sich vor einer kleinen halben Stunde ein mächtiges Erdbeben erhoben, und man ist keine Minute vor dem Einsturz der Häuser sicher!“
KJ|0|270|14|0|Joseph war hier selbst im flüchtigen Zweifel, was er so ganz eigentlich tun solle, – solle er weitergehen, oder solle er umkehren?
KJ|0|270|15|0|Jakob aber ging hin zum Joseph und sagte zu ihm insgeheim:
KJ|0|270|16|0|„Vater! – du sollst dich nicht fürchten; es werde dieses Erdbeben niemandem auch nur einen allergeringsten Schaden zufügen, weder in der Stadt noch in der Umgegend!“
KJ|0|270|17|0|Joseph verstand nun gleich, woher das Erdbeben kam.
KJ|0|270|18|0|Er ermutigte daher auch sogleich all die Seinen, zu ziehen in die Stadt.
KJ|0|270|19|0|Als aber das die aus der Stadt Flüchtigen sahen, dass der alte Greis dennoch in die Stadt zog,
KJ|0|270|20|0|da sprachen sie bei sich: „Wer muss denn doch dieser Mann sein, dass er keine Furcht vor dem Erdbeben hat?!“
KJ|0|270|21|0|Und sie rieten hin und her; aber niemand erkannte ihn.
KJ|0|270|22|0|Sie wollten aber auch wieder in die Stadt ziehen;
KJ|0|270|23|0|aber da beim Weitergehen des Kindleins die Erde wieder zu beben begann, da flohen sie weiter. Joseph aber zog ganz furchtlos in die Stadt mit seiner Familie.
KJ|0|271|1|1|Joseph verkündet den panischen Nazaräern die rechte Buße
KJ|0|271|1|1|Am 3. August 1844
KJ|0|271|1|0|Als Joseph aber in die Stadt kam, da sah er die Menschen in großer Angst und Verwirrung durcheinanderrennen,
KJ|0|271|2|0|und alles schrie: „Gott, der Herr Abrahams, Isaaks und Jakobs, hat uns schwer heimgesucht!
KJ|0|271|3|0|Zerreißt die Kleider, bestreut mit Asche eure Häupter, und tut Buße, auf dass Sich der Herr wieder unser erbarmen möge!“
KJ|0|271|4|0|Also drängten sich auch einige zum Joseph hin und fragten ihn hastig, ob er nicht auch seine Kleider zerreißen werde.
KJ|0|271|5|0|Joseph aber sprach: „O Brüder! So ihr schon Buße tun wollt, da tut sie lieber in euren Herzen denn in euren Kleidern!
KJ|0|271|6|0|Denn der Herr sieht weder auf die Farbe des Kleides, noch – ob es ganz oder zerrissen ist;
KJ|0|271|7|0|sondern allein auf das Herz sieht der Herr, wie es etwa beschaffen ist!
KJ|0|271|8|0|Denn im Herzen kann stecken Schlechtes, als: arge Gedanken, Begierden, ein schlechter Wille,
KJ|0|271|9|0|Unzucht, Hurerei, Ehebruch und dergleichen mehr.
KJ|0|271|10|0|Solches tut aus euren Herzen, so es darinnen ist, da werdet ihr besser tun, als so ihr eure Kleider zerreißt und mit Asche bestreut euer Haupt!“
KJ|0|271|11|0|Als die verzagten Nazaräer solche Rede vom Joseph vernahmen, da traten sie zurück, und viele aus ihnen sprachen unter sich:
KJ|0|271|12|0|„Siehe da! – wer ist der Mann, der da solche Rede führt in seinem Munde, als wäre er ein großer Prophet?!“
KJ|0|271|13|0|Das Kindlein aber zupfte den Joseph und sagte lächelnd:
KJ|0|271|14|0|„Nun hast du recht geredet; das tat diesen Blinden not!
KJ|0|271|15|0|Aber jetzt solle der Erdboden wieder Ruhe haben, auf dass wir ungestört weiterwandeln können!“
KJ|0|271|16|0|Darauf zog die Familie zu einem Freunde Josephs, der da ein Arzt in Nazareth war.
KJ|0|271|17|0|Als dieser des alten Josephs ansichtig ward, da eilte er ihm mit allen den Seinen entgegen und fiel ihm um den Hals und schrie:
KJ|0|271|18|0|„O Joseph, Joseph, du mein liebster Freund und Bruder! Wie – ja – wie kommst denn du nun in dieser bedrängten Stunde daher?!
KJ|0|271|19|0|Wo warst du denn durch drei lange Jahre?
KJ|0|271|20|0|Woher kommst du nun? Welch ein Engel Gottes hat dich denn nun daher geführt?“
KJ|0|271|21|0|Joseph aber sprach: „Bruder, führe uns erst ins Haus und gebe uns Wasser zum Reinigen der Füße,
KJ|0|271|22|0|sodann sollst du alles erfahren, wo ich war und woher ich nun kam!“ – Und der Arzt erfüllte sogleich des Joseph Wunsch.
KJ|0|272|1|1|Joseph besucht einen befreundeten Arzt. Wie Archelaus das Haus des Artes trotz römischem Freibrief ausgeraubt hat
KJ|0|272|1|1|Am 5. August 1844
KJ|0|272|1|0|Als Joseph mit seiner Familie sich die Füße gereinigt hatte und in das Wohnzimmer des Arztes kam, allda mehrere Kranke in der Pflege sich befanden, da setzte er sich mit den Seinen und erzählte da dem Arzt ganz kurz die Hauptzüge seiner Flucht und deren Grund.
KJ|0|272|2|0|Als der Arzt solches vernommen hatte, da ward er voll Ärgers wider den Herodes und noch mehr aber gegen den noch lebenden Sohn Archelaus.
KJ|0|272|3|0|Er beschrieb diesen Wüterich als noch viel ärger, als wie da war sein Vater.
KJ|0|272|4|0|Und Joseph sprach zu ihm: „Freund! Was du mir nun vom Archelaus erzählt hast, habe ich auch schon auf meiner Hierherreise vernommen.
KJ|0|272|5|0|Aber siehe, der Herr hat darum auch schon für mich gesorgt!
KJ|0|272|6|0|Denn siehe, ich lebe nun in einem Freihaus und bin gleich einem Bürger Roms und habe daher mit dem Wüterich nichts zu tun!“
KJ|0|272|7|0|Und der Arzt sprach: „O Freund, da siehe dies mein Haus, das hatte auch den kaiserlichen Freibrief;
KJ|0|272|8|0|aber unlängst erst kamen zur Nachtzeit des Archelaus Tributschergen, rissen das Täfelchen von der Tür und pfändeten mich am nächsten Tage gar schmählichst!
KJ|0|272|9|0|Ein Gleiches kann auch dir geschehen; daher sei ja auf deiner Hut!
KJ|0|272|10|0|Denn ich sage dir, diesem Teufel von einem König ist nichts heilig; was er nicht raubt, das rauben dann seine Afterpächter und die allerschändlichsten Straßenzöllner!“
KJ|0|272|11|0|Als der Joseph solches vom Arzt vernommen hatte, da ward er selbst voll Ärgers über den Archelaus und sprach:
KJ|0|272|12|0|„Das soll dieser Wüterich nur versuchen, und ich sage dir, es solle ihm darum schlimm ergehen!
KJ|0|272|13|0|Denn ich habe des Landpflegers Wort, dass der Archelaus sobald wie ein Staatsverräter behandelt wird, sobald er Roms Privilegien nicht respektieren sollte!“
KJ|0|272|14|0|Und der Arzt sprach: „O Bruder! Halte du ja auf alles mehr als auf solche Privilegien;
KJ|0|272|15|0|denn kein Fuchs kann sich bei einem Verbrechen schlauer aus der Schlinge ziehen als diese griechische Bestie!
KJ|0|272|16|0|Siehe, was tat er bei mir, als ich mich darum beim Römischen Amt beschwerte?
KJ|0|272|17|0|Er beschuldigte sogleich seinen Anwalt der Eigenmächtigkeit und ließ ihn in den Kerker werfen.
KJ|0|272|18|0|Als ich aber dann um einen Schadenersatz beim Amt einkam, da ward ich abgewiesen mit dem Bescheid:
KJ|0|272|19|0|‚Da ausgewiesenermaßen der König kein Teilnehmer an diesem Frevel ist, so ist er auch nicht ersatzpflichtig, sondern allein der eigenmächtig handelnde Täter.
KJ|0|272|20|0|Bei dem aber hat man nichts vorgefunden; also trifft der Schaden wie bei einem gemeinen Raub den Herrn!‘ – Und siehe, damit ward ich abgefertigt!
KJ|0|272|21|0|Das Taferl wurde mir wohl wieder ans Haustor geheftet; aber auf wie lange, das wird der Archelaus am besten wissen!“
KJ|0|272|22|0|Als der Joseph solches vernommen hatte, da ward er sehr erbost und wusste nicht, was er dazu sagen solle. Das Kindlein aber sprach:
KJ|0|272|23|0|„O ärgere dich nicht des Ohnmächtigen wegen; denn siehe, es gibt noch einen Herrn, der mehr vermag als Rom!“ – Joseph ward darauf ruhig. Der Arzt aber machte dazu gar große Augen; denn er kannte das Kind noch nicht.
KJ|0|273|1|1|Der Arzt vermutet im Jesuskind einen großen Propheten. Das Jesuskind berichtigt des Arztes Verständnis hinsichtlich des Messias
KJ|0|273|1|1|Am 6. August 1844
KJ|0|273|1|0|Nach einer Weile erst fing der Arzt wieder an zu reden und sprach zum Joseph:
KJ|0|273|2|0|„Aber Freund und Bruder! Was in des Herrn Namen hast denn du da für ein Kind, das da schon so weise redet wie ein Oberpriester im Tempel des Herrn, wenn er mit Thummim und Urim angetan vor dem Allerheiligsten steht!?
KJ|0|273|3|0|Wahrlich, es redete nur wenige Worte, und sie drangen mir durch Mark und Bein!
KJ|0|273|4|0|Du hast mir wohl gesagt in deiner Erzählung, wie das Kind die Ursache deiner Flucht nach Ägypten war, und hast mir flüchtig so manches Seltene von dessen Geburt erwähnt,
KJ|0|273|5|0|woraus ich mutmaßte, dass aus diesem Kind mit der Zeit, wenn es die Prophetenschule der Essäer durchmachen würde, ein großer Prophet hervorgehen dürfte.
KJ|0|273|6|0|Aber wie ich es nun habe reden gehört, da braucht es die Schule der Essäer nicht;
KJ|0|273|7|0|denn also ist es ja schon ein Prophet von der ersten Klasse gleich einem Samuel und gleich einem Elias und Isaias!?“
KJ|0|273|8|0|Joseph ward hier ein wenig verlegen und wusste nicht, was er darauf sogleich seinem Freund für eine Antwort geben solle.
KJ|0|273|9|0|Da kam das Kindlein wieder zum Joseph und sagte zu ihm:
KJ|0|273|10|0|„Lasse den Arzt nur bei seinem Glauben; denn auch er ist berufen zum Reich Gottes, aber zu viel solle er nicht erfahren auf einmal!“
KJ|0|273|11|0|Als aber der Arzt auch diese Worte vernahm, da sprach er ganz erstaunt:
KJ|0|273|12|0|„Ja, ja, Bruder Joseph, ich habe recht zu dir geredet!
KJ|0|273|13|0|Das ist schon ein Prophet, der uns verkünden wird den nahen Messias, der uns verheißen ist;
KJ|0|273|14|0|denn er sprach ja vom Reich Gottes nun, zu dem auch ich berufen sei!
KJ|0|273|15|0|Nun sehe ich es aber auch ein, warum dieser kleine Samuel ehedem dich mit einem Herrn vertröstet hatte, der mächtiger ist als Rom!
KJ|0|273|16|0|Ja, wenn der Messias kommen wird, da freilich wird es dem Rom ergehen, wie es einst der Stadt Jericho ergangen ist zu den Zeiten Josuas!“
KJ|0|273|17|0|Das Kindlein aber sprach: „Oho Freund! – was redest du? Weißt du denn nicht, wie es geschrieben ist? Aus Galiläa kommt kein Prophet!
KJ|0|273|18|0|Wenn aber so, wer mag dann wohl Der sein, der daher kommt aus dem Stamm Davids?!
KJ|0|273|19|0|Ich sage dir aber, wenn der Messias kommen wird, da wird Er kein Schwert gegen Rom ziehen,
KJ|0|273|20|0|sondern Er wird nur verkünden lassen Sein geistiges Reich durch Seine Boten auf Erden!“
KJ|0|273|21|0|Hier stutzte der Arzt und sprach nach einer Weile: „Wahrlich! – in dir hat Gott Sein Volk heimgesucht!“
KJ|0|273|22|0|Und der Joseph gab dem Arzt recht, fügte aber dennoch keine weitere Erklärung hinzu.
KJ|0|274|1|1|Das Jesuskind heilt ein gichtbrüchiges Mädchen
KJ|0|274|1|1|Am 7. August 1844
KJ|0|274|1|0|Nach dieser Besprechung aber lief das Kindlein munter im Zimmer herum und fragte die Kranken, die da mit allerlei Gebrechen behaftet waren, was ihnen fehle, und wie sie zu solchen Übeln gekommen sind.
KJ|0|274|2|0|Die Kranken aber sprachen: „Du kleines, munteres Knäblein, das haben wir schon dem Arzt gesagt, der uns darnach heilen wird.
KJ|0|274|3|0|Jetzt vor den Gästen aber würde es sich wohl nicht schicken, dass wir da unsere Sünden bekennen sollen, die da sicher die Ursache unserer Leibesgebrechen sind;
KJ|0|274|4|0|daher gehe du zum Arzt, der wird es dir schon sagen, so es sich schickt für dich!“
KJ|0|274|5|0|Das Kindlein lächelte hier und sprach zu den Kranken:
KJ|0|274|6|0|„Würdet ihr Mir auch dann den Grund von euren Gebrechen nicht kundgeben, so Ich euch ganz bestimmt helfen könnte?“
KJ|0|274|7|0|Und die Kranken sprachen: „O ja, dann schon;
KJ|0|274|8|0|aber dazu wirst du noch sehr viel lernen müssen! Es wird noch eine schöne Zeit verrinnen, bis du ein Arzt wirst!“
KJ|0|274|9|0|Und das Kindlein sprach: „O mitnichten! Denn Ich bin schon ganz ein ausgelernter Arzt und habe es so weit gebracht, dass Ich euch augenblicklich heilen kann.
KJ|0|274|10|0|Und Ich sage euch: Wer aus euch sich Mir am ersten anvertrauen wird, der solle auch am ersten und alsogleich gesund werden!“
KJ|0|274|11|0|Da war ein gichtbrüchiges Mädchen von zwölf Jahren, das fand Wohlgefallen an dem Kind und sagte zu Ihm:
KJ|0|274|12|0|„So komme denn her, du kleiner Arzt, ich will mich von dir heilen lassen!“
KJ|0|274|13|0|Hier lief das Kindlein zu dem Mädchen und sprach zu ihm:
KJ|0|274|14|0|„Weil du Mich zuerst berufen hast, so sollst du auch zuerst gesund werden!
KJ|0|274|15|0|Siehe, Ich kenne deines Gebrechens Grund, er liegt in denen, die dich gezeugt haben;
KJ|0|274|16|0|du aber bist ohne Sünde, daher sage Ich zu dir:
KJ|0|274|17|0|Stehe auf und wandle frei, und gedenke Meiner!
KJ|0|274|18|0|Aber nur rede du zu niemandem, dass Ich dich geheilt habe!“
KJ|0|274|19|0|Und siehe, das zwölfjährige Mädchen ward im Augenblick gesund und stand auf und wandelte frei.
KJ|0|274|20|0|Da aber das die anderen Kranken sahen, da verlangten sie auch geheilt zu werden.
KJ|0|274|21|0|Aber das Kindlein ging nicht an ihre Betten, weil sie Es früher nicht verlangt hatten.
KJ|0|275|1|1|Der Arzt heilt durch die Kraft des Jesuskindes Kranke und wird sehr berühmt
KJ|0|275|1|1|Am 8. August 1844
KJ|0|275|1|0|Als der Arzt aber diese Wunderheilung des von ihm als völlig unheilbar erklärten Mädchens ersah, da war es aber auch aus bei ihm.
KJ|0|275|2|0|Er kam kaum zu Atem vor lauter Staunen und sprach zum Joseph:
KJ|0|275|3|0|„O Bruder! – ich bitte dich, ziehe weg von hier;
KJ|0|275|4|0|denn nun wird es mir gewaltig bange ums Herz!
KJ|0|275|5|0|Denn siehe, ich bin ein sündiger Mensch, und in deinem Kind weht offenbar des Herrn Geist!
KJ|0|275|6|0|Wie aber kann ein armer Sünder bestehen vor dem allsehenden und allmächtigen Geist des Allerhöchsten?!“
KJ|0|275|7|0|Da lief das Kindlein zum Arzt und sprach zu ihm:
KJ|0|275|8|0|„Mann! – warum wirst denn du nun töricht und fürchtest dich vor Mir?
KJ|0|275|9|0|Was Arges tat Ich dir wohl, dass es dir nun also bangt vor Mir?
KJ|0|275|10|0|Meinst du denn, die Heilung des Mädchens war etwa ein Wunder?
KJ|0|275|11|0|O Ich sage dir – mitnichten; denn versuche du nun auch die anderen Kranken auf diese Art zu behandeln, und es wird besser mit ihnen!
KJ|0|275|12|0|Gehe hin, erwecke in ihnen den Glauben, lege ihnen dann die Hände auf, und sie werden genesen im Augenblick!
KJ|0|275|13|0|Aber zuvor musst du selbst fest glauben, dass du ihnen also helfen kannst und auch unfehlbarst sicher helfen wirst!“
KJ|0|275|14|0|Als der Arzt solches vom Kindlein vernommen hatte, da fasste er einen festen Glauben und ging hin zu den Kranken und tat ihnen nach dem Rat des Kindleins.
KJ|0|275|15|0|Und siehe, alle Kranken wurden sobald gesund und zahlten dem Arzt ihre Gebühr und lobten und priesen Gott, dass Er dem Menschen solche Macht verliehen habe.
KJ|0|275|16|0|Dadurch aber fiel dann auch günstigermaßen das Wunderbare vom Kind vor den Augen der Welt weg.
KJ|0|275|17|0|Der Arzt aber gelangte dadurch zu einem ungeheuren Ruf der Berühmtheit,
KJ|0|275|18|0|und viele Kranke kamen dann von weit und breit zu ihm und fanden dort ihre Heilung.
KJ|0|275|19|0|Da aber das zwölfjährige Mädchen sah, dass da auch der Arzt also wunderbar heilte, da meinte es, ‚das Kind hat das durch den Arzt getan‘, und pries darnach auch des Arztes Weisheit.
KJ|0|275|20|0|Das Kindlein aber beschwerte Sich nicht dagegen, denn Es hatte ja darum dem Arzt solche Kraft verliehen, auf dass von Ihm der Verdacht genommen würde.
KJ|0|275|21|0|Nur der Joseph sprach zum Mädchen: „Mädchen, gedenke, dass alle Kraft von Oben kommt!
KJ|0|275|22|0|Da du aber nun keinen Dienst hast, so gehe in mein Haus, und du sollst versorgt sein!“ – Und das Mädchen schloss sich sogleich an Joseph an und ging dann mit ihm.
KJ|0|276|1|1|Joseph besucht den Schullehrer Dumas
KJ|0|276|1|1|Am 9. August 1844
KJ|0|276|1|0|Als der Joseph nach einigen privaten Beredungen wegen allfälliger Zimmerarbeiten mit dem Arzt sich auf den Weg machte, da begleitete ihn der Arzt bis zu einem nächsten Freund, der da ein Schullehrer in Nazareth war und Dumas hieß.
KJ|0|276|2|0|Hier ging der Arzt wieder heim, Joseph aber ging hinein zum Dumas.
KJ|0|276|3|0|Dieser aber erkannte ihn nicht sobald; denn er hatte sich seines alten Freundes ganz entwöhnt.
KJ|0|276|4|0|Da fragte ihn der Joseph, ob er ihn denn wohl im Ernst nicht mehr kenne.
KJ|0|276|5|0|Dumas aber rieb sich die Stirne und sprach:
KJ|0|276|6|0|„Du hast wohl eine auffallende Ähnlichkeit mit einem gewissen Joseph, der hier vor drei Jahren Anstände wegen einer gewissen Tempeldirne hatte!
KJ|0|276|7|0|Dieser sonst so biedere Mann aber musste auch um die Zeit nach Bethlehem zur Beschreibung, und das mit Sack und Pack.
KJ|0|276|8|0|Was dann weiter mit ihm geschehen ist, weiß ich nicht.
KJ|0|276|9|0|Und siehe, mit diesem mir sehr teuren Mann hast du wohl die größte Ähnlichkeit, – aber der wirst du doch sicher nicht sein?“
KJ|0|276|10|0|Und Joseph sprach: „Wie, so ich aber dennoch derselbe wäre, möchtest du da mir keine Arbeit zukommen lassen im Zimmermannsfach?
KJ|0|276|11|0|Denn siehe, ich bewohne nun wieder meinen alten Meierhof!“
KJ|0|276|12|0|Als der Dumas das vom Joseph vernommen hatte, da sprach er:
KJ|0|276|13|0|„Ja, jetzt ist es klar, du bist es, du bist wahrhaftig mein alter Freund und Bruder Joseph!
KJ|0|276|14|0|Aber wo um des Herrn willen kommst du denn nun her?“
KJ|0|276|15|0|Und der Joseph sagte zu ihm: „Bruder, gebe mir zuerst einen nassen Lappen, dass ich meine Füße vom Staub reinige, dann sollst du alles erfahren, was da nottut!“
KJ|0|276|16|0|Und Dumas ließ sogleich einen nassen Lappen bringen und einen Krug Wasser, und die ganze Gesellschaft Josephs reinigte sich die Füße und ging dann in das Schulhaus des Dumas.
KJ|0|276|17|0|Joseph erzählte hier ganz kurz gefasst seine dreijährige Geschichte.
KJ|0|276|18|0|Währenddem aber beschäftigte Sich das Kindlein mit einigen Schulkindern, die gerade hier anwesend waren und lesen und etwas schreiben lernten.
KJ|0|276|19|0|Eines der Schulkinder las dem Kindlein sogleich etwas vor, machte aber dabei Fehler.
KJ|0|276|20|0|Da lächelte allzeit das Kindlein und korrigierte dem Leser fleißig die Fehler aus.
KJ|0|276|21|0|Das fiel bald allen Schulkindern auf, und sie fragten Es, wann und wo Es denn also gut lesen gelernt habe.
KJ|0|276|22|0|Und das Kindlein sprach: „O das ist Mir also angeboren!“
KJ|0|276|23|0|Da lachten alle Kinder und gingen hin und erzählten das alles dem Dumas; und dieser ward darauf aufmerksam auf das Kind und fing an, den Joseph zu befragen über solch ein Vermögen an dem Kind.
KJ|0|277|1|1|Dumas schätzt die alten griechischen Weisen mehr als die jüdischen Propheten. Zurechtweisung durch das Jesuskind
KJ|0|277|1|1|Am 10. August 1844
KJ|0|277|1|0|Joseph aber, da er sah, wie sich der Dumas gar sehr bemühte, das zu erfahren, woher das Kindlein solche wunderbare Eigenschaft habe, sagte zu ihm:
KJ|0|277|2|0|„Bruder! Ich weiß ja noch gar wohl, dass du die Weisheit der Griechen studiertest und hast da des weisen Sokrates Sätze mir gar oft vorgesagt.
KJ|0|277|3|0|Und da hieß es: Der Mensch brauche nichts zu lernen, sondern nur sein Geist werde erweckt auf dem Wege der Erinnerung!
KJ|0|277|4|0|Und der Mensch hat dann alles, was er brauche für die ganze Ewigkeit!
KJ|0|277|5|0|Siehe, das hast du mir als ein weiser Lehrer der Jugend gar oft gesagt!
KJ|0|277|6|0|Nun siehe, wenn solcher dein Grundsatz sicher richtig ist, was braucht es dann mehr?!
KJ|0|277|7|0|Hier siehst du ja demnach nichts als eine lebendige Bestätigung deines sokratischen Satzes.
KJ|0|277|8|0|In diesem meinem Kind ist des Geist sehr früh durch einen eigenen Vorgang in dessen Natur geweckt worden, und so hat dieser Kindmensch auch nun schon für die Ewigkeit zur Genüge,
KJ|0|277|9|0|und wir brauchen Ihm daher nichts mehr zu geben, als was Er hat aus Sich!
KJ|0|277|10|0|Findest du das nicht also richtig, als wie richtig da eins und eins zwei sind?“
KJ|0|277|11|0|Hier griff sich der Dumas auf die Stirne und sprach mit einem gewissen Pathos:
KJ|0|277|12|0|„Ja, also ist es! – denn also war ich es, der da von solcher Weisheit den jüdischen Dummköpfen etwas zum Riechen gebracht hat!
KJ|0|277|13|0|Dich aber meine ich nicht etwa auch darunter; denn du bist ja eben fast der einzige, mit dem ich wohlverstandenermaßen habe über den göttlichen Sokrates, Aristoteles, Plato und dergleichen mehr reden können.
KJ|0|277|14|0|Wir haben zwar wohl auch sehr große Männer, als da sind die Propheten und die ersten großen Könige dieses Volkes;
KJ|0|277|15|0|aber fürs Praktische sind sie nicht also gut zu gebrauchen wie die alten Weisen der Griechen.
KJ|0|277|16|0|Denn unsere Propheten führen stets eine Sprache, die sie selbst vielleicht so wenig als wir nun verstanden haben.
KJ|0|277|17|0|Aber ganz was anderes dagegen sind die alten Griechen;
KJ|0|277|18|0|diese reden doch klar und deutlich, was sie wollen, und sind daher auch für praktische Menschen von größtem Nutzen.
KJ|0|277|19|0|Das rührt aber auch sicher daher, weil sie gleich mir Lehrer des Volkes waren!?“
KJ|0|277|20|0|Joseph lächelte hier bei dieser Gelegenheit; denn er ersah noch ganz unverändert seinen alten Verehrer der Griechen, aber dabei auch den alten Eigenlober.
KJ|0|277|21|0|Er gab ihm daher recht, um sein Kind nicht zu verdächtigen.
KJ|0|277|22|0|Aber das Kindlein Selbst lief zum Dumas hin und sagte zu ihm:
KJ|0|277|23|0|„Aber Freund! – du bist noch sehr dunstig und dumm, so du die jüdischen Weisen den Philosophen der Griechen nachsetzest;
KJ|0|277|24|0|denn die ersten redeten aus Gott, – diese aber reden aus der Welt!
KJ|0|277|25|0|Und da du noch voll des Weltgeistes bist und leer am Geiste Gottes, so verstehst du auch das Weltliche besser als das Göttliche!“
KJ|0|277|26|0|Das gab dem Dumas einen gewaltigen Rippenstoß. Er musste einen gelehrten Gähner machen und sagte zum Joseph nichts, als im Latein: „Dixit – puer ille! Ego autem intellego eius ironiam quam acerbam. Dixi!“ [Der Junge hat gesprochen! Aber ich bemerke seine bittere Ironie. Ich habe gesprochen!] – Darauf entfernte er sich und ließ den Joseph sitzen; dieser aber zog auch weiter.
KJ|0|278|1|1|Joseph kehrt auf den Rat des Jesuskindes nach Hause zurück. Vertreibung der räuberischen Aufseher des Archelaus
KJ|0|278|1|1|Am 12. August 1844
KJ|0|278|1|0|Da aber Joseph sich vom Dumas entfernt hatte, da sagte er zu seiner Gesellschaft:
KJ|0|278|2|0|„Wisst ihr was, es ist zu erwarten, dass wir überall eine gleiche Aufnahme finden dürften, –
KJ|0|278|3|0|daher wollen wir uns nicht viel mehr mit dem Besuchen unserer ehemaligen Freunde und Bekannten und Verwandten abgeben;
KJ|0|278|4|0|denn ich habe es nun schon gesehen beim Dumas, was die Menschen können, so man ihnen irgend nur ein wenig zu nahe tritt!
KJ|0|278|5|0|Mein Sinn ist daher, sich wieder nach Hause zu begeben. Was sagst du, mein getreuestes Weib, dazu?“
KJ|0|278|6|0|Und die Maria sprach: „Joseph, du mein geliebtester Gemahl, du weißt ja, dass ich vor dir keinen Willen habe, da dein Wille auch allzeit der meinige ist und auch sein muss nach der heiligen Ordnung des Herrn;
KJ|0|278|7|0|aber das meine ich wohl, dass wir, da der Herr Selbst in unserer Mitte leibhaftig wandelt, Ihn auch darin um Rat fragen sollen!“
KJ|0|278|8|0|Und der Joseph sprach: „Maria, du mein getreuestes Weib, da hast du vollkommen recht;
KJ|0|278|9|0|das will ich auch alsogleich tun, und wir werden es da genau erfahren, was da das Beste sein dürfte!“
KJ|0|278|10|0|Und das Kindlein sprach hier ganz unaufgefordert: „Wenn es schon überall gut wäre, so wäre es aber dennoch besser, zu Hause zu sein.
KJ|0|278|11|0|Denn seht, Meine Zeit ist noch lange nicht da; so Ich aber schon irgend nun wohin gehe mit euch, so kann Ich aber Meiner Gottheit Fülle dennoch nicht also umhüllen, dass sie nicht von den Umstehenden empfunden werden solle.
KJ|0|278|12|0|Daher ist es für Mich nun daheim am besten; denn da fällt es am wenigsten auf, was in Mir zu Hause ist!
KJ|0|278|13|0|Wenn du, Joseph, in der Zukunft irgend Geschäftsgänge bekommen wirst, da gehe du nur mit deinen anderen Kindern aus;
KJ|0|278|14|0|Mich aber lasse hübsch fein zu Hause, so wirst du durch Mich die wenigsten Umstände haben!“
KJ|0|278|15|0|Joseph begab sich daher wieder nach Hause. Und als er da ankam, da fand er auch schon zu seinem nicht geringen Erstaunen seine vier zurückgelassenen Söhne mit einigen Archelausschen Aufsehern gar gewaltig streiten.
KJ|0|278|16|0|Diese Schmeißfliegen rochen gleich, dass hier jemand eingezogen ist;
KJ|0|278|17|0|daher sie denn auch sogleich bei der Hand waren, den Tribut zu erpressen.
KJ|0|278|18|0|Da ihnen aber die Söhne Josephs den Freibrief Roms an der Tür zeigten, da wurden diese erbost und wollten ihn von der Tür reißen.
KJ|0|278|19|0|Und gerade zu dieser Operation kam Joseph und stellte sogleich die Frage an diese Räuber, nach welchem Recht sie das täten.
KJ|0|278|20|0|Diese aber sprachen: „Wir sind Diener des Königs und tun das nach dem Recht des Königs!“
KJ|0|278|21|0|Joseph aber sprach: „Und ich bin ein Diener Gottes des Allmächtigen und schaffe euch von dannen nach dessen Recht!“ – Hier ergriff die Frevler ein mächtiges Bangen, und sie liefen eiligst davon. Das Haus aber hatte darnach Ruhe vor ähnlichen Frevlern.
KJ|0|279|1|1|Zwei Jahre ohne besondere Ereignisse im Hause Josephs. Jonathas Ankunft aus Ägypten
KJ|0|279|1|1|Am 13. August 1844
KJ|0|279|1|0|Also vergingen zwei Jahre, und es ereignete sich nichts Auffallendes mehr im Hause Josephs.
KJ|0|279|2|0|Cyrenius erhielt wohl sobald die Nachricht von der Übersiedlung des Joseph, konnte ihn aber da dennoch nicht besuchen, weil er gerade in dieser Zeit mit Staatsgeschäften aus Rom überhäuft war.
KJ|0|279|3|0|Und nicht um vieles besser erging es auch dem Cornelius;
KJ|0|279|4|0|denn auch er bekam so oft die dringendsten Geschäfte, sooft er sich eine Vakanz machen wollte, um seine Salome und den Freund Joseph zu besuchen.
KJ|0|279|5|0|Es hatte dies alles schon der Herr also vorgesehen, auf dass das Kindlein in Nazareth in einer desto größeren Unbeachtsamkeit wachsen konnte.
KJ|0|279|6|0|Also war man auch in Nazareth in einer vollen Unkenntnis über das Wesen des Kindes.
KJ|0|279|7|0|Nur der schon bekannte Arzt zog zufolge seiner Wunderkuren eine allgemeine Aufmerksamkeit auf sich;
KJ|0|279|8|0|und es ist förmlich zum Sprichwort geworden, dass man zu den Kranken sagte:
KJ|0|279|9|0|„Wenn dich Nazareth nicht heilt, so heilt dich auch die ganze Welt nicht – und Siloha nicht!“
KJ|0|279|10|0|Salome aber war dennoch stets sehr bemüht, dem Haus Josephs nach Möglichkeit zu dienen, und das Kindlein hielt Sich viel im Haus der Salome auf.
KJ|0|279|11|0|Nach zwei Jahren aber kam endlich der Jonatha aus Ägypten dem Joseph nach und besuchte den Joseph.
KJ|0|279|12|0|Und Joseph hatte eine übergroße Freude, seinen Freund wiederzusehen, und das Kindlein hüpfte auch voll Freuden um Seinen großen Fischer.
KJ|0|279|13|0|Als Jonatha ganz allein bei drei Wochen im Hause Josephs zugebracht hatte, da ihm all die Seinen in Ägypten an einer ausgebrochenen Seuche (Gelbfieber) gestorben waren,
KJ|0|279|14|0|da bat er den Joseph, ob er ihm nicht hier bei Nazareth zu irgendeinem Fischergewerbe verhelfen könnte.
KJ|0|279|15|0|Da stand einmal wieder das Kindlein auf und sagte zum Jonatha:
KJ|0|279|16|0|„Weißt du, lieber Jonatha, hier sind die Menschen böse, zumeist, und sehr eigennützig,
KJ|0|279|17|0|da wird für dich nicht viel zu machen sein! Aber gehe du ans Galiläische Meer, das eben nicht weit von hier ist, da ist die Fischerei noch frei!
KJ|0|279|18|0|Dort wirst du bald ein gutes Plätzchen finden und wirst stets die besten Fische leichtlich bekommen.
KJ|0|279|19|0|Mit diesen Fischen komme dann öfter zum Markt nach Nazareth, und du wirst einen guten Absatz finden!“
KJ|0|279|20|0|Jonatha folgte sogleich diesem Rat, und siehe, er fand da sobald eine Witwe, die am Meer Galiläas ein Häuschen hatte.
KJ|0|279|21|0|Und diese Witwe fand sogleich ein großes Wohlgefallen am Jonatha, nahm ihn in ihr Haus und reichte ihm auch bald die Hand.
KJ|0|279|22|0|Und so ward Jonatha nun abermals ein ausgezeichneter Fischer im Galiläischen Meer und machte ob seiner allerbilligsten Fischpreise allenthalben die besten Geschäfte,
KJ|0|279|23|0|wobei er aber auch stets auf das Eifrigste bemüht war, allwöchentlich dem Joseph und der Salome eine beste Ladung von den edelsten Fischen zu regalieren!
KJ|0|279|24|0|Und dieses Ereignis war seit zwei Jahren das allein denkwürdige; sonst aber ist bis dahin nichts geschehen, das da einer Aufzeichnung wäre wert gewesen.
KJ|0|280|1|1|Das Jesuskind macht zwölf Lehmsperlinge lebendig
KJ|0|280|1|1|Am 14. August 1844
KJ|0|280|1|0|Als das Kind vollends fünf Jahre alt war und einige Wochen darüber, da ging Es einmal an einem Sabbat zu einem Bächlein, das da unfern vom Meierhof Josephs floss.
KJ|0|280|2|0|Es war gar ein heiterer Tag, und mehrere Kinder geleiteten den kleinen munteren Jesus dahin;
KJ|0|280|3|0|denn es hatten alle die Nachbarskinder Jesus gar lieb, weil Er stets munter war und wusste eine Menge unschuldiger Kinderspiele anzuordnen.
KJ|0|280|4|0|Aus diesem Grunde folgten die Nachbarskinder Ihm auch diesmal gar freudig.
KJ|0|280|5|0|Als die kleine Gesellschaft am Bach ankam, da fragte das Kindlein Seine Mitgespielen, ob es wohl erlaubt sein wird, an einem Sabbat zu spielen.
KJ|0|280|6|0|Die Kinder aber sprachen: „Kinder unter sechs Jahren sind nicht unter dem Gesetz, und wir alle sind noch einzeln kaum sechs Jahre alt;
KJ|0|280|7|0|daher können wir wohl spielen auch am Sabbat, denn unsere Eltern haben uns solches noch nie untersagt!“
KJ|0|280|8|0|Und das Jesuskind sprach darauf: „Gut gesprochen, also lasst uns ein Spiel machen!
KJ|0|280|9|0|Auf dass wir aber dennoch niemandem ein Ärgernis geben, so werde Ich ganz allein euch etwas sehr Merkwürdiges zeigen.
KJ|0|280|10|0|Ihr aber müsst euch dabei alle ganz ruhig verhalten!“
KJ|0|280|11|0|Darauf setzten sich die anderen Kinder auf den grasreichen Boden nieder und verhielten sich ganz ruhig und mäuschenstill.
KJ|0|280|12|0|Das Kindlein aber nahm ein Taschenmesserchen und schnitt am glattgetretenen Weg neben dem Bächlein zwölf kleine runde Grübchen aus und füllte sie dann mit Wasser aus dem Bächlein.
KJ|0|280|13|0|Darnach nahm Es neben dem Bächlein häufig befindlichen weichen Lehm und formte in einem Nu eben auch zwölf Vöglein in der Gestalt der Sperlinge und stellte zu jedem Wassergrübchen einen Sperling.
KJ|0|280|14|0|Als die Lehmsperlinge also aufgestellt waren, da fragte das Kindlein die Mitgespielen, ob sie wüssten, was das bedeute.
KJ|0|280|15|0|Und diese sprachen: „Was sonst, als was es ist? Zwölf Grübchen voll Wassers und daneben zwölf Lehmsperlinge!“
KJ|0|280|16|0|Das Kindlein aber sprach: „Das sicher; aber dies Bild bedeutet auch noch ganz etwas anderes!
KJ|0|280|17|0|Hört, Ich will es euch erklären! Die zwölf Grübchen bezeichnen die zwölf Stämme Israels.
KJ|0|280|18|0|Das reine Wasser in ihnen ist das Wort Gottes, das überall gleich ist.
KJ|0|280|19|0|Die toten Lehmsperlinge aber stellen die Menschen vor, wie sie jetzt im Allgemeinen sind.
KJ|0|280|20|0|Diese stehen auch bei dem lebendigen Wasser des Wortes Gottes, aber weil sie zu irdisch sind, wie diese Sperlinge, so stehen sie auch, wie diese hier, tot an den Lebensbecken, die voll sind des Lebens;
KJ|0|280|21|0|aber sie wollen und können dessen nicht achten, weil sie tot sind durch ihre Sünden.
KJ|0|280|22|0|Darum aber kommt der Herr Gott Zebaoth nun und wird in der größten Bedrängnis diese toten Menschen wieder beleben, und sie werden wieder auffliegen können zu den Wolken des Himmels!“
KJ|0|280|23|0|Es bemerkte aber dieses Kinderspiel ein vorübergehender Erzjude, der den Joseph kannte. Er eilte sogleich ins Haus und machte vor Joseph einen großen Lärm, warum er dadurch den Sabbat schände, dass er seinen Kindern also zu spielen erlaube!
KJ|0|280|24|0|Joseph aber ging sogleich mit ihm zu den Kindern und machte freilich nur einen Blindlärm des Fremden willen.
KJ|0|280|25|0|Da sprach das Kindlein: „Das ist auch eine große Bedrängnis, und so gebe Ich euch Lehmsperlingen das Leben! Und nun fliegt von dannen!“
KJ|0|280|26|0|Und plötzlich erhoben sich die Lehmsperlinge [und flogen] davon! Darob aber ergriff alle ein fieberhaftes Staunen, und der Erzjude sagte darauf nichts mehr. Und das war das erste Wunderwerk des Kindleins, als Es fünf Jahre alt war.
KJ|0|281|1|1|Das Jesuskind straft einen zanksüchtigen Knaben namens Annas
KJ|0|281|1|1|Am 16. August 1844
KJ|0|281|1|0|Es sind aber bei dieser Gelegenheit auch nach dem Wege mehrere Juden an die Stelle, da dieses Wunder geschah, gekommen,
KJ|0|281|2|0|und sie fragten gar neugierig den Joseph, was dahier geschehen sei.
KJ|0|281|3|0|Es waren aber dazu auch die nahe wohnenden Eltern eines gewissen sehr zanksüchtigen Knaben gekommen, der da als das einzige Kind von seinen Eltern sehr sehr verzärtelt war.
KJ|0|281|4|0|Das Knäblein Jesus hatte diesem siebenjährigen Knaben schon oft seine Zanklust verwiesen, –
KJ|0|281|5|0|allein, das half eben nicht viel; denn sooft sich eine neue Gelegenheit darbot, da zankte er sogleich wieder und zerstörte sogleich ein Spielzeug.
KJ|0|281|6|0|Dieser Knabe, der sich auch diesmal unter der Gesellschaft der Kinder befand, ward gleich nach dieser Wundertat aufgeregt, nahm einen Weidenzweig und sprach:
KJ|0|281|7|0|„Das zahlt sich aus, so diese Lehmsperlinge davongeflogen sind!
KJ|0|281|8|0|Ich werde sogleich mit diesem Zweig das Wasser auch davonfliegen machen!“
KJ|0|281|9|0|Nach diesen Worten fing dieser Knabe, der da Annas hieß, das Wasser in den Grübchen zu peitschen an und aus den Grübchen zu treiben.
KJ|0|281|10|0|Da brach dem Gottkind die Geduld, und Es sprach in einem sehr ernsten Ton:
KJ|0|281|11|0|„O du mutwilliger, törichter böser Mensch, du – ein kaum überfleischter Teufel, willst zerstören, was Ich gebaut habe!?
KJ|0|281|12|0|O du Elender! – den Ich mit dem leisesten Hauch vernichten kann, du willst Mich ärgern und Mir allzeit trotzen?!
KJ|0|281|13|0|Siehe, auf dass dir dein Unsinn und deine Bosheit klar werde, so verdorre auf drei Jahre gleich dem Zweig, mit dem du Mein Wasser getrieben hast!“
KJ|0|281|14|0|Auf dieses Wort des Gottkindes sank der arge Knabe sobald zusammen und verdorrte also sehr, dass an ihm nichts als Haut und Bein zu sehen war –
KJ|0|281|15|0|und ward so schwach, dass er nimmer stehen und noch weniger gehen konnte.
KJ|0|281|16|0|Da nahmen dessen Eltern traurigen Herzens ihr verdorrtes Kind und trugen es weinend in ihr Haus.
KJ|0|281|17|0|Bald darauf kamen sie zum Joseph ins Haus und belangten ihn darauf solcher Tat seines Kindleins wegen beim Oberrichter –
KJ|0|281|18|0|und das darum, weil Joseph ihnen nicht zuließ, sein Gottkind zu strafen dieser Tat willen.
KJ|0|281|19|0|Als der Oberrichter herbeikam, da lief ihm das Kindlein entgegen und fragte ihn:
KJ|0|281|20|0|„Warum kommst du hierher? Willst du Mich richten?!“
KJ|0|281|21|0|Und der Oberrichter sprach: „Dich nicht, aber deinen Vater!“
KJ|0|281|22|0|Und das Kindlein sprach: „Kehre schnell um, sonst wird dein Gericht über dich fallen!“
KJ|0|281|23|0|Darob aber erschrak der Oberrichter so sehr, dass er plötzlich umkehrte und dann von dieser Sache nichts mehr hören wollte.
KJ|0|281|24|0|Und das war das zweite Wunder, das das Kindlein gewirkt hatte zur gleichen Zeit.
KJ|0|282|1|1|Ein aufgestachelter Hirtenknabe versucht das Jesuskind zu töten. Tod des Hirtenknaben
KJ|0|282|1|1|Am 17. August 1844
KJ|0|282|1|0|Als also auf die Weise das Haus Josephs wieder in der Ordnung war, indem der Oberrichter über den Joseph keine Klage mehr annahm,
KJ|0|282|2|0|da ereignete es sich in acht Tagen darauf, dass der Joseph in ein nahe liegendes Dorf gehen musste, um dort eine Arbeit zu besehen.
KJ|0|282|3|0|Da wollte das Kindlein mit dem Joseph gehen, und Joseph nahm Es auch übergerne mit.
KJ|0|282|4|0|Es hatten aber die Eltern des verdorrten Knaben einen starken Zorn auf den Joseph und dessen Kind.
KJ|0|282|5|0|Joseph aber musste, um ins Dorf zu gelangen, bei dem Haus dieses Knaben Eltern vorüberziehen.
KJ|0|282|6|0|Als da Joseph mit dem Kindlein gegen das Haus zog, da ward er bemerkt,
KJ|0|282|7|0|und der zornige Nachbar sagte zu einem seiner eben auch sehr mutwilligen Dienstbuben, der gewöhnlich die Schafe des Nachbarn hütete:
KJ|0|282|8|0|„Siehe, da kommt eben der Zimmermann mit seiner Pestilenzbrut den Fußsteig herauf!
KJ|0|282|9|0|Gehe, und laufe mit aller Kraft diesen Pfad hinab!
KJ|0|282|10|0|Und kommst du also an den Knaben an der Seite des Zimmermanns, da stoße ihn mit aller Gewalt um, so dass er tot bleiben solle!
KJ|0|282|11|0|Sodann solle mich der alte Spitzbube klagen gehen, und ich werde ihm dann das Gesetz zeigen, dass Kinder unter zwölf Jahren in weltlichen Dingen unzurechnungsfähig sind!“
KJ|0|282|12|0|Als der Hirtenknabe solches von seinem Herrn vernommen hatte und dieser ihm auch, im Falle er das Kind tötete, eine gute Belohnung verhieß,
KJ|0|282|13|0|rannte der Knabe plötzlich aus dem Zimmer und mit großer Hast dem Joseph entgegen.
KJ|0|282|14|0|In diesem Augenblick sprach der verdorrte Sohn Annas im Bett zu seinem Vater:
KJ|0|282|15|0|„O sieh, wie schnell rennt der Hirtenknabe seinem Tode entgegen! – und welch eine Trauer wird das für seine Eltern sein!?
KJ|0|282|16|0|O Vater! – das hättest du nicht tun sollen, denn ich sage dir, wie ich es jetzt sehe: Joseph ist gerecht, und heilig sein Kind!“
KJ|0|282|17|0|Darauf ward der dürre Knabe still, und dessen Vater dachte über dessen Worte [nach].
KJ|0|282|18|0|Aber im Augenblick gelangte der Hirtenknabe in aller Hitze an das Kindlein und stieß Es bedeutend an die Schulter.
KJ|0|282|19|0|Das Kindlein aber fiel nicht und sprach ganz erregt zum Hirtenknaben:
KJ|0|282|20|0|„Das tatest du des Lohnes wegen! Also ist ein jeder Arbeiter seines Lohnes wert, und wie die Arbeit, so der Lohn!
KJ|0|282|21|0|Deine Arbeit war – Mich zu töten! Nun – so sei denn auch der Tod dein Lohn!“
KJ|0|282|22|0|Hier sank der Hirtenknabe plötzlich zusammen und war tot.
KJ|0|282|23|0|Joseph aber erschrak darob sehr; aber das Kindlein sprach: „Joseph, fürchte dich nicht ob Meiner! Denn was hier einem Knaben, das mit der ganzen Welt, so sie uns stoßen will!“ – Darauf zog Joseph weiter und ließ den toten Knaben nach des Kindleins Willen liegen.
KJ|0|283|1|1|Der Vater des Annas hetzt die Dorfbewohner gegen Joseph auf. Verteidigungsrede des Jesuskindes
KJ|0|283|1|1|Am 19. August 1844
KJ|0|283|1|0|Als aber der Joseph in das Dorf kam und dort die Arbeit in den Augenschein nahm,
KJ|0|283|2|0|da kam auch schon der Lärm ihm nach ins Dorf, und ganz besonders von Seiten des Vaters des verdorrten Knaben.
KJ|0|283|3|0|Und dieser suchte im Dorf sogleich die Eltern des getöteten Knaben und schürte sie gegen Joseph.
KJ|0|283|4|0|Und diese liefen hastigst und verzweifelt hin zum Joseph und schrien:
KJ|0|283|5|0|„Weiche von hier mit deinem schrecklichen Kind, bei dem jedes Wort eine vollbrachte Tat ist!
KJ|0|283|6|0|Denn Kinder sollen allzeit ein Segen den Menschen sein von oben;
KJ|0|283|7|0|dein Kind aber ist uns nur zum Fluch gekommen!
KJ|0|283|8|0|Daher weiche von hier, du Unglücksbringer!“
KJ|0|283|9|0|Hier sprach das Kindlein: „Wenn also, was seid denn hernach ihr Mir?
KJ|0|283|10|0|Hast du, Vater des Annas, nicht zu dem Hirtenjungen gesagt, dass er Mich töten solle!?
KJ|0|283|11|0|Hast du ihm nicht sogar einen guten Lohn verheißen, so er Mich tötete, das er sicher täte, da er noch nicht unter dem Gesetz stehe?
KJ|0|283|12|0|Und siehe, also dachte denn auch Ich aus Meinem frühgeweckten Geiste:
KJ|0|283|13|0|Ich bin auch noch lange nicht unter dem Gesetz; daher will Ich dem Knaben auch sogleich den wohlverdienten Lohn geben!
KJ|0|283|14|0|Und wirst du Mich oder den Vater Joseph Meinetwegen vors Gericht ziehen, dann werden auch wir dir das Gesetz zu erklären wissen!
KJ|0|283|15|0|Siehe, also habe Ich gedacht dir gleich – und also auch gehandelt! Wie magst du denn nun deine Handlungsweise an uns unbillig finden?“
KJ|0|283|16|0|Auf diese Rede des Kindleins erschrak der Vater des verdorrten Knaben ganz gewaltig;
KJ|0|283|17|0|denn er entnahm daraus gar klar, dass dies Kindlein auch die Gedanken und geheimen Beschlüsse der Menschen wisse,
KJ|0|283|18|0|und dass man sich daher vor Ihm sehr in Acht nehmen müsse.
KJ|0|283|19|0|Alle die Schreier verließen darauf den Joseph mit dem Kindlein.
KJ|0|283|20|0|Nur der Vater des getöteten Knaben blieb vor Joseph und weinte um seinen Knaben und sprach: „Töten ist keine Kunst; aber lebendig machen!
KJ|0|283|21|0|Daher soll ja niemand töten, der nicht lebendig machen kann!“
KJ|0|283|22|0|Und das Kindlein sprach: „Das auch könnte Ich, so Ich’s wollte; aber dein Knabe war böse, darum will Ich’s nicht!“ – Der Vater aber bat das Kindlein auf solche Rede. Und das Kindlein sprach: „Morgen, aber heute nicht!“
KJ|0|284|1|1|Die den Herrn geistig in ihre Herzen aufnehmen, werden gleich Seine Mutter, Brüder und Schwestern
KJ|0|284|1|1|Am 20. August 1844
KJ|0|284|1|0|Der Vater des toten Knaben aber wollte nicht weichen von dem Kind nun, da er vernommen hatte, dass Es seinen Sohn wieder beleben könnte.
KJ|0|284|2|0|Da sagte Joseph zu ihm: „Freund! Ich sage dir, sei nicht zudringlich; denn das Kind hat Seine Ordnung, nach der Es handelt,
KJ|0|284|3|0|und du wirst von Ihm nichts ernöten, so du noch mehr schreien möchtest!
KJ|0|284|4|0|Gehe aber hin und bringe deinen Knaben in deine Wohnung und lege ihn wie einen Kranken in ein gutes Bett, und morgen solle es dann ja besser werden mit ihm!“
KJ|0|284|5|0|Auf diese Rede verließ dann endlich der Vater des toten Knaben den Joseph und ging und tat nach dem Rat eben des Josephs.
KJ|0|284|6|0|Darauf erst gewann Joseph Ruhe und Zeit und konnte dann mit dem Bauherrn den Arbeitsakkord schließen.
KJ|0|284|7|0|Darauf begab sich dann Joseph wieder nach Hause und erzählte der ihm entgegenkommenden Maria, Eudokia und Salome, was ihm alles auf diesem kurzen Weg begegnet ist.
KJ|0|284|8|0|Alle drei verwunderten sich über solche Argheit der Menschen.
KJ|0|284|9|0|Das Kindlein aber sprach: „O wundert euch der argen Menschen wegen nicht; denn so ihr das tun möchtet, da gäbe es überaus viel zu wundern in der Welt!“
KJ|0|284|10|0|Da sprach die Salome zur Maria: „Aber du meine erhabenste Schwester! Es ist gerade nicht zum Begreifen!
KJ|0|284|11|0|Das Gottkindlein darf nur den heiligen Mund öffnen, so sprüht ordentlich die Weisheit heraus!
KJ|0|284|12|0|Wie ungeheuer weitsichtig weise waren wieder die Worte!
KJ|0|284|13|0|O du überglückliche Mutter solch eines Kindes!“
KJ|0|284|14|0|Und das Kindlein sprach: „Und – o du überglückliche Salome, die du für deinen Herrn ein Haus gekauft hast –
KJ|0|284|15|0|und bist nun Zeugin, wie Er wohnt leibhaftig im selben!
KJ|0|284|16|0|Was Unterschieds wohl ist zwischen der, die Mich auf kurze Zeit in ihrem Leib barg,
KJ|0|284|17|0|und zwischen Meiner rechten Hausfrau, die Mich für immer birgt in ihrem Haus?!
KJ|0|284|18|0|So aber eine Mutter trägt ein Kind im Leib, was wohl tut sie dazu, dass es lebendig wird, wächst und dann zur Welt kommt?
KJ|0|284|19|0|Ist das nicht alles ein Werk Gottes, wo des Menschen Wille nichts vermag?
KJ|0|284|20|0|So aber dann jemand ein Kind aufnimmt in sein Haus und gibt ihm Wohnung, Pflege und Kost für immer – sage, ist das nicht mehr?!
KJ|0|284|21|0|Wahrlich sage Ich dir, die Mich dir gleich in der Zukunft in ihrem Herzen geistig aufnehmen werden, die auch werden sein gleich Meine Mutter, Meine Brüder und Meine Schwestern!“
KJ|0|284|22|0|Diese Worte gruben sich alle tief ins Herz und begaben sich dann still und nachdenkend nach Hause.
KJ|0|285|1|1|Wiedererweckung des toten Hirtenknaben Joras. Sein Vater überzeugt ihn, keine Furcht vor dem Jesuskind zu haben. Joras und das Jesuskind
KJ|0|285|1|1|Am 21. August 1844
KJ|0|285|1|0|Am nächsten Tag aber um dieselbe Zeit, als der Knabe an das Kindlein stieß, ward er im Bett wieder lebend und stand auf und fragte wie ein aus dem Traum Geweckter, was es sei, und wie er daher in dies Bett gekommen.
KJ|0|285|2|0|Und dessen Vater gab ihm alles kund, was da geschehen ist und wie er dahin gekommen.
KJ|0|285|3|0|Da ward der Knabe voll Furcht und sprach: „O Vater, das ist ein erschreckliches Kind!
KJ|0|285|4|0|Das solle ja ein jeder Mensch meiden, dem sein Leben wert ist!
KJ|0|285|5|0|O gebe mich weit von hier in einen Dienst, auf dass ich ja nimmer mit dem schrecklichen Kind zusammenstoße irgendwo bei einer ungünstigen Gelegenheit;
KJ|0|285|6|0|denn da könnte es mich augenblicklich wieder töten!
KJ|0|285|7|0|Aber zu dem früheren Dienstherrn gehe ich nicht wieder; denn der hat mich zum Bösen angeführt!“
KJ|0|285|8|0|Der Vater aber sprach: „Mein Sohn, ich danke Gott, dass ich dich nun wieder habe!
KJ|0|285|9|0|Darum sollst du mir in keinen Dienst mehr kommen,
KJ|0|285|10|0|sondern ich werde dich bei mir behalten, solange ich leben werde!
KJ|0|285|11|0|Das Kind Josephs aber haben wir nicht so sehr zu fürchten, als wie du es meinst!
KJ|0|285|12|0|Denn siehe, eben dieses Kind hat dir offenbar das Leben wiedergegeben zur vorausgesagten Zeit!
KJ|0|285|13|0|Wenn aber also, wie solle da das Kind Josephs gar so schrecklich sein, als wie du es dir vorstellst?!
KJ|0|285|14|0|Siehe, mein Sohn, wer da tötet und nicht wieder lebendig machen kann, der ist schrecklich;
KJ|0|285|15|0|aber wer da töten ohne Blut und dann wieder lebendig machen kann, der ist nicht so schrecklich, als du ihn dir denkst!
KJ|0|285|16|0|Wir aber wollen nun etwas Besseres tun, – hinziehen wollen wir und wollen dort dem Zimmermann danken für deine Erweckung!
KJ|0|285|17|0|Denn das weiß ich schon gar lange, dass der Zimmermann ein überrechtlicher und gottesfürchtiger Mann ist.“
KJ|0|285|18|0|Auf diese Rede des Vaters ließ der Knabe seine Furcht fahren und ging mit demselben zum Joseph.
KJ|0|285|19|0|Dieser aber begegnete ihm schon im Dorf mit seinen vier älteren Söhnen und mit dem Kindlein, das auch mit Joseph ins Dorf wieder zog.
KJ|0|285|20|0|Als der Knabe des Kindleins ansichtig ward, da ward er ganz schwach;
KJ|0|285|21|0|denn er meinte, er müsse nun schon wieder sterben.
KJ|0|285|22|0|Das Kindlein aber kam Selbst sogleich zum furchtsamen Knaben und sprach zu ihm:
KJ|0|285|23|0|„Joras! Fürchte dich nicht vor Mir; denn Ich liebe dich mehr denn die ganze Welt!
KJ|0|285|24|0|Denn liebte Ich dich nicht so mächtig, da hättest du das Leben nicht wieder erhalten;
KJ|0|285|25|0|denn siehe, Meine Liebe ist dein Leben für ewig!“
KJ|0|285|26|0|Als der Knabe das Kindlein also reden hörte, da ward er bald besser aufgelegt und blieb dann den ganzen Tag über und spielte mit dem Kindlein.
KJ|0|285|27|0|Und das Kindlein zeigte dann auch dem Knaben eine Menge sehr sinnreicher Spiele, worüber der Knabe eine übergroße Freude hatte.
KJ|0|286|1|1|Das Jesuskind straft einen bestochenen Dorfrichter
KJ|0|286|1|1|Am 22. August 1844
KJ|0|286|1|0|Als aber Joseph am nächsten Tag wieder mit seinen vier Söhnen ins Dorf zur Arbeit kam und das Kindlein mit ihm,
KJ|0|286|2|0|da kam ein Dorfrichter zu ihm und sprach zu ihm:
KJ|0|286|3|0|„Höre, du Zimmermann! Das ist nicht löblich, dass du dein Knäblein immer mitziehst!
KJ|0|286|4|0|Denn fürs Erste hat es eine giftige Ausdünstung, und die Kinder, die es anrührt, werden fürs Zweite bald krank,
KJ|0|286|5|0|oder sie sterben bald, oder sie werden blind oder taub!“
KJ|0|286|6|0|Als Joseph solche Lüge vernahm, da legte er die Axt beiseite und sprach zum Richter:
KJ|0|286|7|0|„Bringe her die Zeugen, die solches Übel erlitten durch meinen höchst unschuldigsten Knaben Jesus,
KJ|0|286|8|0|und ich will mit ihnen in den Tempel ziehen und mit ihnen die Sache vor dem Hohepriester Gottes abmachen!“
KJ|0|286|9|0|Es war aber dieser Richter bestochen von dem Vater des verdorrten Knaben
KJ|0|286|10|0|und suchte daher ein Mittel, den Knaben Josephs so viel nur möglich zu verdächtigen.
KJ|0|286|11|0|Der Richter aber ging auf diese Rede Josephs hinweg und brachte in kurzer Zeit eine Menge ganz entsetzlich bresthafter Kinder im Dorf zusammen und führte sie hin zum Joseph.
KJ|0|286|12|0|Und als er hier ankam, da sprach er zu ihm: „Da siehe einmal her, das verdanken wir alles deinem giftigen Kind!
KJ|0|286|13|0|Siehe, diese Kinder haben öfter dein Kind besucht und haben mit ihm gespielt;
KJ|0|286|14|0|und siehe, das sind die herrlichen Früchte davon! Verschone daher unser Dorf, und behalte gleichwohl deine Pest zu Hause!“
KJ|0|286|15|0|Als Joseph solches vom Richter vernommen hatte, da ward er ärgerlich, nahm das Kindlein zur Seite, redete Ihm wie ins Gewissen und sprach:
KJ|0|286|16|0|„Wozu doch verübst Du solche Dinge? Siehe, diese leiden ja darunter und hassen und verfolgen uns darum!“
KJ|0|286|17|0|Das Kindlein aber sprach dagegen zum Joseph: „Die Worte, die du jetzt geredet hast, sind nicht aus Mir, sondern aus dir;
KJ|0|286|18|0|denn du hast nun geredet die Worte des Richters, der ein Lügner ist, und nicht Meine Worte, die ewig wahr sind!
KJ|0|286|19|0|Ich aber will dennoch schweigen dir gegenüber und will dir keine Rüge geben ob deiner Leihrede;
KJ|0|286|20|0|aber dieser bestochene Richter mag solcher seiner Anklage wegen seine gerechte Züchtigung hinnehmen!“
KJ|0|286|21|0|Und sobald ward der Richter stockblind. Alle aber, die mit dem Richter waren, entsetzten sich gar gewaltigst ob solcher Tat.
KJ|0|286|22|0|Mehrere darunter wurden völlig verwirrt und schrien:
KJ|0|286|23|0|„Lasst uns nur eiligst von dannen fliehen! Denn ein jedes Wort aus dem Munde dieses Kindes ist eine vollbrachte Tat!“
KJ|0|286|24|0|Da aber nun Joseph auch sah, dass der Richter blind ward und ihm darum sicher viele Plackereien machen werde,
KJ|0|286|25|0|da ereiferte er sich selbst über das Kindlein, nahm Es ein wenig beim Ohrläpplein und zupfte Es, um Es dadurch zu züchtigen der Menschen willen.
KJ|0|286|26|0|Das Kindlein aber ward dadurch erregt und sprach ganz ernstlich zum Joseph:
KJ|0|286|27|0|„Es sei dir genug, dass sie suchen und dennoch nicht finden, das sie suchen!
KJ|0|286|28|0|Du aber hast diesmal nicht weise gehandelt! Weißt du denn nicht, dass Ich dein bin!?
KJ|0|286|29|0|Warum aber willst du Mich betrüben, da Ich dein bin?! O betrübe Mich hinfort nicht mehr, da Ich dein bin!“
KJ|0|286|30|0|Joseph aber ersah bald seinen Fehler, nahm das Kindlein und herzte Es. Alle Umstehenden aber verliefen sich bald aus übergroßer Furcht vor dem Kind.
KJ|0|287|1|1|Der eingebildete Lehrer Piras Zachäus wird von Jesus beschämt
KJ|0|287|1|1|Am 23. August 1844
KJ|0|287|1|0|Nach einer Zeit von ungefähr drei Monden, als Joseph mit der Arbeit im Dorf fertig war, kam ein gewisser Piras Zachäus aus der Stadt zum Joseph auf einen Besuch und machte da auch zum ersten Mal persönliche Bekanntschaft mit dem Kind, von dem er schon so manches vernommen hatte.
KJ|0|287|2|0|Er kam aber heimlich so ganz eigentlich des Kindleins willen.
KJ|0|287|3|0|Denn dieser Piras Zachäus war in der Stadt ein wenig zu tun habender zweiter Lehrer und hielt aber dennoch sehr große Stücke auf seine Weisheit.
KJ|0|287|4|0|Warum aber kam er denn heimlich des Kindleins wegen zum Joseph?
KJ|0|287|5|0|Weil er dachte: ‚Das muss ein sehr talentvoller Knabe sein!
KJ|0|287|6|0|Diesen will ich zu mir in die Schule bringen, auf dass dann durch dessen rasche Fortschritte meine Schule vor der meines Rivalen in den Ruf komme!‘
KJ|0|287|7|0|Er beschäftigte sich darum hauptsächlich mit dem Knaben Jesus, befragte Ihn über manches und bekam allzeit die triftigste Antwort, worüber er sich hoch verwunderte.
KJ|0|287|8|0|Als er das Knäblein also ausgeforscht hatte, da wandte er sich an den Joseph und sprach zu ihm:
KJ|0|287|9|0|„Bruder! – der Kleine hat für sein Alter ja einen außerordentlichen Verstand! Wahrlich wahr, da hast du ein übergescheites Knäblein!
KJ|0|287|10|0|Es ist nur schade, dass es noch nicht lesen kann und zeichnen die Buchstaben!
KJ|0|287|11|0|Möchtest du es denn nicht zu mir in die Schule geben, auf dass es bei mir lerne die Buchstaben, Lesen und Schreiben?!
KJ|0|287|12|0|Und ich will ihn dann noch lehren alle andere Wissenschaft, dass er begrüßen lerne die Ältesten und sie ehren wie Großväter und Väter!
KJ|0|287|13|0|Und – weißt du, dass er auch lieben lerne seine Spielgesellen, mit denen er schon öfter sehr unbarmherzig solle umgegangen sein!
KJ|0|287|14|0|Und dass er endlich auch erlerne das Gesetz Mosis, erkennen die Geschichte des Volkes Gottes und die Weisheit Gottes in den Propheten!“
KJ|0|287|15|0|Und Joseph sprach zu dem Lehrer: „Gut, mein Freund und Bruder! Aber bevor du noch diesen meinen Knaben zu dir in die Schule nimmst, mache hier vor mehreren Zeugen, die heute bei mir sind, einen kleinen Versuch!
KJ|0|287|16|0|Sage Ihm alle Buchstaben vor und erkläre sie Ihm deutlich; dann frage Ihn durch,
KJ|0|287|17|0|und du wirst dann aus dem, was Sich der Knabe wird gemerkt haben von deiner Erklärung, am sichersten urteilen können, wie da beschaffen ist Sein Talent!“
KJ|0|287|18|0|Und der Lehrer tat das sogleich. Er sagte dem Knaben die Buchstaben vom Alpha bis Omega deutlich vor und erklärte auch die Zeichen so gut es ihm nur immer möglich war.
KJ|0|287|19|0|Jesus aber schaute den Lehrer groß an und sprach, als er Ihn darauf befragte, zu ihm:
KJ|0|287|20|0|„O du Heuchler von einem Lehrer! Wie willst du das Beta die Schüler lehren, der du das Alpha noch nie nach seiner Bedeutung erkannt hast?!
KJ|0|287|21|0|Erkläre Mir der wahren Weisheit gemäß das Alpha, und Ich will dir dann glauben, was du sagen wirst über das Beta!
KJ|0|287|22|0|Damit du aber nun erfahrest, dass Ich nicht nötig habe, von dir die Buchstaben und ihren Bau und ihre Bedeutung zu erlernen, so will Ich dir’s erklären und zeigen der Buchstaben wahre Bedeutung!“
KJ|0|287|23|0|Hier fing der kleine Jesus dem ganz verdutzten Lehrer das ganze Alphabet vorzukapiteln an und befragte ihn auch fleißig daneben, ob er es begriffen habe.
KJ|0|287|24|0|Jede Antwort des Lehrers aber fiel so dumm und höchst unvollständig aus, dass darob alle Anwesenden in eine helle Lache gerieten.
KJ|0|287|25|0|Da aber der Lehrer solche erstaunliche Weisheit in dem Kind entdeckte, und wie er da zuschanden geworden ist, da stand er auf und sprach zu den Anwesenden:
KJ|0|287|26|0|„O wehe mir Armem, ich bin nun ganz verwirrt geworden! Mir selbst habe ich Schande, Spott und Schaden bereitet darum, dass ich dieses Knäblein in meine Schule bringen wollte!
KJ|0|287|27|0|O Bruder Joseph! – hebe den Knaben von mir hinweg; denn ich kann nimmer ertragen das Herbe seines Angesichts und das Durchbohrende seiner Rede!
KJ|0|287|28|0|Wahrlich! – dieses Knäblein ist kein Erdgeborenes! Es muss ja bei seiner Weisheit Feuer und Wasser zu bändigen verstehen!
KJ|0|287|29|0|Ich will ein Narr sein allzeit, wenn es nicht lange vor der Erschaffung der Welt ist geboren worden! Jehova wird es wissen, was für ein Mutterleib es getragen, und welcher Schoß es ernährt hat!
KJ|0|287|30|0|Wehe mir! Ich bin schon ein Narr; ich kam, um einen Schüler zu werben, und siehe, ich habe einen Lehrer gefunden, dessen Geiste ich nimmer nachzustreben vermag! O fühlt die Schande, Freunde, mit mir! Ein Greis ward von einem Knäblein zum Narren gemacht, – das ist ja mein Tod!
KJ|0|287|31|0|Darum, o Joseph, hebe den Knaben von mir hinweg; denn er muss etwas Gewaltiges sein, entweder ein Gott oder ein Engel!“
KJ|0|287|32|0|Alle Anwesenden aber fingen nun an, den Lehrer zu trösten; denn er dauerte sie seiner großen Not wegen.
KJ|0|288|1|1|Jesus gibt Piras Zachäus Winke über Sein Wesen
KJ|0|288|1|1|Am 24. August 1844
KJ|0|288|1|0|Als aber Jesus solchen Jammer vom Piras Zachäus vernommen hatte, da lächelte Er und sprach:
KJ|0|288|2|0|„Nun sollen deine Torheiten die Früchte tragen, und es sollen sehend werden, die eines blinden Herzens waren!
KJ|0|288|3|0|Und so höre denn, du Tor, der du den Dumas wie einen Dorn in deinem Auge trägst!
KJ|0|288|4|0|Siehe, Ich bin von oben herab, auf dass Ich die Menschen nach der Welt in ihnen verfluche;
KJ|0|288|5|0|aber darnach nach dem rufe, was oben ist, nach dem Auftrag Dessen, der in Mir ist über Mich und euch,
KJ|0|288|6|0|der Mich gesandt hatte darum aus Sich in Mir, auf dass ihr erlöst würdet!“
KJ|0|288|7|0|Nach dieser Rede des Kindes Jesus wurden alle in der ganzen Umgegend gesund, die da an irgendeinem Gebrechen darniederlagen.
KJ|0|288|8|0|Also wurden auch alle erlöst, deren Weltliches des kleinen Jesus Fluch dann und wann getroffen hatte, bis auf den verdorrten Knaben.
KJ|0|288|9|0|Dieser musste seines Vaters wegen die drei vorbestimmten Jahre unter dem Fluch des Knäbleins zubringen.
KJ|0|288|10|0|Der Piras Zachäus aber erhob sich und ging mit dem Joseph hinaus ins Freie und sprach allda zu ihm:
KJ|0|288|11|0|„Bruder, wir sind nun im Freien und niemand behorcht uns!
KJ|0|288|12|0|Ich bitte dich darum, liebster Bruder, dass du mir kundtätest, was da mit dem Knaben es für eine Bewandtnis habe;
KJ|0|288|13|0|denn das ist, wie ich schon bemerkt habe, durchaus kein natürliches Kind!“
KJ|0|288|14|0|Joseph aber sprach zum Piras Zachäus: „Freund, siehe, wollte ich von der Natur meines Knäbleins reden, da würde ich in vielen Tagen nicht fertig werden.
KJ|0|288|15|0|Zudem aber gestattet das Kind auch mir nicht, aus der Schule zu schwätzen, wann es mir beliebte.
KJ|0|288|16|0|Siehe, da aber kommt gerade das Knäblein zu uns her!
KJ|0|288|17|0|Fasse Mut und Liebe zu Ihm, und Es wird dir alles kundgeben, was dir heilsam ist!“
KJ|0|288|18|0|Und der Lehrer fasste bald Mut und Liebe zum Kindlein, und als Es vollends bei ihm war, da fragte er Es, sagend:
KJ|0|288|19|0|„Du mein herzallerliebstes, wunderbares Bübchen! Möchtest du mir denn nicht näher kundgeben, nach was für Macht in dir du solches alles tust, was ich nun von dir gesehen und auch gehört habe?“
KJ|0|288|20|0|Und das Knäblein lächelte und sprach: „Weißt du, gelehrter Mann, wo oben und wo unten ist?
KJ|0|288|21|0|Denn siehe, die Erde ist rund wie eine Kugel, und ringsum wohnen Menschen und Geschöpfe!
KJ|0|288|22|0|Die welchen wohnen da unten, und die welchen oben? Und die Erde dreht sich täglich um ihre Mitte, und du wirst täglich bei viertausend Meilen herumgetragen, – sage, wann bist du oben und wann unten?“
KJ|0|288|23|0|Hier machte der Lehrer ein ganz verdutztes Gesicht über solche lauter unerhörte Dinge und wusste nicht, was er da sagen solle.
KJ|0|288|24|0|Das Knäblein aber lachte über das dumme Gesicht des Piras Zachäus und sagte zu ihm:
KJ|0|288|25|0|„O du Gelehrter! Was willst du denn lehren dann, so du nicht weißt, dass nur das Licht da den Ausschlag gibt!?
KJ|0|288|26|0|Wo Licht – da ist oben; wo aber Nacht – da ist unten!
KJ|0|288|27|0|Bei dir ist aber auch noch Nacht, daher bist du unten. Ich aber bin allzeit zu oberst des Lichtes gewesen; daher wirst du Meine Lichtnatur in deiner Nacht wohl ebenso wenig fassen können, als wie wenig uns unsere Gegenfüßler, die jetzt Nacht haben, jetzt sehen können!“ – Darauf lief das Kindlein hinweg.
KJ|0|288|28|0|Piras Zachäus aber sagte darauf zum Joseph: „Da haben wir’s jetzt! Jetzt weiß ich so viel wie früher! Sonderbare Rede des Knaben… Lasse mich nun allein, ich will darüber nachdenken!“ – Und Joseph beließ den Lehrer allein im Garten.
KJ|0|289|1|1|Piras Zachäus erkennt Jesus als den Messias und will ihn an die Hohenpriester verraten. Als ihm Jesus droht, ergreift er die Flucht
KJ|0|289|1|1|Am 26. August 1844
KJ|0|289|1|0|Eine volle Stunde dachte der Piras Zachäus über die Worte des Kindleins nach, fand aber nirgends einen Grund.
KJ|0|289|2|0|„Was soll denn dieser Knabe sein?“ sprach er öfter bei sich.
KJ|0|289|3|0|„Ist er etwa gar der Elias, der noch einmal kommen solle?!
KJ|0|289|4|0|Oder ist er der Samuel oder irgendein anderer wiedererstandener großer Prophet?
KJ|0|289|5|0|Er ward in Bethlehem geboren, und von da kommt kein Prophet!
KJ|0|289|6|0|Wohl aber solle von da der Messias kommen!
KJ|0|289|7|0|Ist etwa dieser Knabe gar der Messias Selbst?!
KJ|0|289|8|0|Aus dem Stamm Davids solle er sein! Joseph solle ja ein rechter Nachkömmling Davids sein,
KJ|0|289|9|0|freilich ohne einen glaubwürdigen strengen Beweis.
KJ|0|289|10|0|Die Sache hat dem Anschein nach viel für sich;
KJ|0|289|11|0|aber wer kann das ohne geschichtliche Beweise als fest gegründet annehmen und glauben?!
KJ|0|289|12|0|Und doch ist man beinahe des Knaben wegen genötigt, das also anzunehmen.
KJ|0|289|13|0|Aber der römische Freibrief spricht wieder ganz dawider;
KJ|0|289|14|0|denn der Messias wird doch ein derbster Feind der Römer sein müssen!
KJ|0|289|15|0|Wie aber wird Er das wohl bei solcher Freundschaft mit den Römern, die ihn zu ihrem Bürger gemacht haben?!
KJ|0|289|16|0|Da kann er wohl mit der Zeit ein großer Feldherr Roms werden, ein Messias den Heiden;
KJ|0|289|17|0|für uns aber ein zweischneidiges Schwert, das uns zugrunde richten wird!
KJ|0|289|18|0|Wenn ich das den Hohenpriestern anzeigte, – wahrlich, das könnte mir große Vorteile bringen!?“
KJ|0|289|19|0|Hier kam das Kindlein mit dem Jakob in den Garten wieder und ging zum Lehrer hin und sagte zu ihm:
KJ|0|289|20|0|„Piras Zachäus! Lasse du dir die Lust vergehen, Mich vor der Zeit den Hohenpriestern zu offenbaren;
KJ|0|289|21|0|denn da solle dich beim dritten Schritt schon der Tod ereilen!
KJ|0|289|22|0|Meine Macht hast du erprobt; daher lasse dir das zu einer guten Mahnrede sein!
KJ|0|289|23|0|Was aber du über einen Messias für die Heiden geredet hast mit dir selbst, das solle einen Grund haben!
KJ|0|289|24|0|Denn also solle es auch werden! – ein Licht den Heiden und ein Gericht den Juden und allen Kindern Israels!“
KJ|0|289|25|0|Hier ward ärgerlich der Lehrer und sprach: „Wenn so, da gehe von uns und ziehe zu den Heiden!“
KJ|0|289|26|0|Das Kindlein aber sprach: „Ich bin ein Herr und tue, was Ich will; und du bist nicht einer, der da was zu schaffen hätte!
KJ|0|289|27|0|Daher schweige du und ziehe von hier, sonst wirst du Mich noch nötigen, dich zu schlagen!“
KJ|0|289|28|0|Als der Piras Zachäus solches von dem Knäblein vernommen hatte, da hob er sich schnell und floh von dannen in die Stadt.
KJ|0|289|29|0|Und Joseph ward dadurch eines lästigen Gastes los und ging dann wieder seinem Geschäft nach.
KJ|0|290|1|1|Der Knabe Cenon bricht sich aus Gewinnsucht das Genick. Jesus erweckt ihn vom Tod. Ein prophetischer Hinweis auf Judas Ischariot
KJ|0|290|1|1|Am 27. August 1844
KJ|0|290|1|0|Nach einiger Zeit aber zog dennoch wieder die Liebe die Kinder der Nachbarn zum Joseph hin, wie auch deren Eltern;
KJ|0|290|2|0|und das besonders an den Vorsabbaten (Freitag), an denen man, besonders nachmittags, wenig oder nichts arbeitete.
KJ|0|290|3|0|An einem solchen Vorsabbat kamen mehrere Nachbarn mit ihren Kindern dahin.
KJ|0|290|4|0|Die Mädchen fanden die lieblichste Gesellschaft an den fünf Cyreniusschen Mädchen, die da gar freundlich und schön und arbeitsam waren und in allen Dingen gar viele Kenntnisse besaßen.
KJ|0|290|5|0|Den Knaben aber war der liebe muntere Jesus ohnehin über alles;
KJ|0|290|6|0|denn fürs Erste zeigte Er ihnen so manche überaus sinnige Spiele, die da die Knaben sehr unterhielten;
KJ|0|290|7|0|und fürs Zweite erzählte Er ihnen oft so rührende Geschichtchen als Gleichnisse, dass die kleinen Kinder dabei ganz Aug’ und Ohr waren.
KJ|0|290|8|0|Diesmal aber, da zufolge eines vorhergehenden Gewitterregens der Boden ein wenig feucht war, ward der Söller (dachloser und mit Geländern eingefasster Boden des Hauses) zum Spielplatz erwählt.
KJ|0|290|9|0|Eine Zeitlang ging es recht ruhig her; denn da erzählte der kleine Jesus mehrere sehr anziehende Geschichtchen.
KJ|0|290|10|0|Aber mehr gegen den Abend ward es lebendiger auf dem Söller; denn da hatte Jesus ein kleines Würfelspiel angeordnet, und da gab es öfter etwas zum Springen.
KJ|0|290|11|0|Unter den zwölf anwesenden Knaben aber befand sich ein gewisser Cenon; dieser war ein Hauptwetter und wollte seinen Gespielen durch allerlei halsbrecherische Produktionen ihre mitgenommenen Sparpfennige abgewinnen.
KJ|0|290|12|0|Eine solche Produktion setzte er auch hier ins Werk, und diese bestand darin, dass er elf Pfennige setzte, und zwar gegen den Willen des Herrn Jesus,
KJ|0|290|13|0|und das darauf, dass er auf dem Söllergeländer dreimal herumgehen könne, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.
KJ|0|290|14|0|Komme er dreimal glücklich herum, so müssen ihm die zusehenden anderen elf Kinder zu den elf Pfennigen noch elf hinzulegen;
KJ|0|290|15|0|verliert er aber das Gleichgewicht und fällt, so verliert er seine elf Pfennige.
KJ|0|290|16|0|Die anderen Knaben taten das, und Cenon hüpfte sogleich auf das Geländer, bekam sogleich einen kleinen Schwindel, verlor das Gleichgewicht, fiel sogleich hinab auf den Erdboden, brach sich das Genick und war somit auch auf der Stelle tot.
KJ|0|290|17|0|Da liefen die Eltern des toten Knaben voll Leid und Zorn hinauf auf den Söller, ergriffen Jesus und wollten Ihn misshandeln.
KJ|0|290|18|0|Jesus aber riss Sich von ihnen los, lief hinab zum toten Knaben und rief dort laut:
KJ|0|290|19|0|„Zenon! Stehe auf und zeuge von Mir vor deinen blinden Eltern, ob Ich dich herabgeworfen und getötet habe!“
KJ|0|290|20|0|Hier richtete sich der tote Knabe sogleich auf und sprach:
KJ|0|290|21|0|„O Herr! Du hast mich nimmer herabgeworfen und getötet,
KJ|0|290|22|0|sondern daran war meine Gewinnsucht und schmähliche Hast schuld!
KJ|0|290|23|0|Da mich aber solche meine Sünde getötet hat, da kamst Du, o Herr, wohl zu mir und gabst mir das Leben wieder!“
KJ|0|290|24|0|Als die Eltern des Cenon solches Zeugnis vernahmen, da fielen sie alsbald vor Jesus nieder und beteten die Kraft Gottes in dem Kind Jesus an.
KJ|0|290|25|0|Jesus aber sprach zum Cenon: „Lasse dir aber das zu einer Witzigung sein und enthalte dich fürder von derlei Spielen, die den Tod in sich führen, und bedenke, wie Ich es dir widerraten habe!“
KJ|0|290|26|0|Die Eltern und Cenon weinten aus großem Dankgefühl und begaben sich dann nach Hause.
KJ|0|290|27|0|(Übrigens aber war das eine prophetische Hindeutung auf den einstigen Judas Ischariot, wie sie leicht zu erkennen ist.)
KJ|0|291|1|1|Jesus warnt Joseph davor, sich zugunsten seiner Nachbarn gegen den geizigen Mietkönig beim Statthalter zu verwenden. Wie das Volk – so seine Regierung
KJ|0|291|1|1|Am 28. August 1844
KJ|0|291|1|0|Ein anderes Mal, eben wieder an einem Vorsabbat, kamen mehrere Nachbarn wieder zum Joseph mit ihren Kindern, um sich da mit ihm über manche sie drückende Angelegenheiten zu beraten;
KJ|0|291|2|0|denn diese Nachbarn wussten es, dass Joseph sehr wohlan mit dem Landpfleger war.
KJ|0|291|3|0|Um diese Zeit aber bekam Joseph auch ein Schreiben von Tyrus, und zwar vom Cyrenius, der sich um das Befinden Josephs und ganz besonders um den kleinen Jesus erkundigte, sobald er von Rom in Tyrus wieder ankam.
KJ|0|291|4|0|Um dieses Schreiben aber wussten die Nachbarn nicht,
KJ|0|291|5|0|wie auch nicht, dass Joseph ein so großer Freund vom Statthalter Cyrenius wäre.
KJ|0|291|6|0|Da wollte Joseph mit dem Brief zum Vorschein kommen und wollte dadurch den Nachbarn einen sichereren Trost bereiten,
KJ|0|291|7|0|da er ihnen dadurch zeigen wollte, wie er sich für sie gegen den Mietkönig beim Statthalter selbst wirkungsvollst verwenden werde, –
KJ|0|291|8|0|und das umso sicherer mit dem besten Erfolg darum, weil die Eudokia wie die fünf Mägde vollends dem Cyrenius angehören.
KJ|0|291|9|0|Da sprach aber das Kindlein schnell zum Joseph und sagte sehr heftig:
KJ|0|291|10|0|„Joseph, Joseph! – tue das nimmer, denn Ich bin der Herr!
KJ|0|291|11|0|Wirst du den Brief zeigen, so werde Ich die Erde schlagen; denn Ich bin der Herr auch über Rom – und nicht der Cyrenius! – und nicht der Augustus Caesar!
KJ|0|291|12|0|Ich sage dir, wäre das Volk besser als der Mietkönig, so wüsste Ich den Archelaus zu finden!
KJ|0|291|13|0|Da aber das Volk nicht um ein Haar besser ist, so solle es nur tragen die eigene Last in dem Mietkönig, der da ein Geizhals ist, wie das gesamte Volk!
KJ|0|291|14|0|Hieß es nicht: Aug’ für Aug’, Zahn für Zahn, und so weiter? Also heiße es auch: Geiz für Geiz und Neid für Neid!
KJ|0|291|15|0|Demnach ist Archelaus ja ein wahrer Arzt diesem hartherzigen Volk; und er solle bleiben, wie er ist, bis an sein Ende!“
KJ|0|291|16|0|Diese Rede verdross die Nachbarn, und sie sprachen:
KJ|0|291|17|0|„Das wäre uns ein sauberer Patron von einem Messias!
KJ|0|291|18|0|Uns scheltet er und lobt darum den Heiden Archelaus!“
KJ|0|291|19|0|Das Kindlein aber stampfte mit der Ferse in den Boden und sprach:
KJ|0|291|20|0|„Erde! – erbebe, auf dass deine blinden Kinder erfahren, dass Ich dein Herr es bin!“
KJ|0|291|21|0|Und plötzlich entfuhr der gestampften Stelle Feuer, und der Erdboden bebte gewaltig.
KJ|0|291|22|0|Da erschraken alle Anwesenden und sprachen: „Was doch ist das Kind?! Denn es bebt die Erde ja vor Ihm!
KJ|0|291|23|0|Lasst uns von dannen ziehen; denn neben diesem Kind ist nicht gut sein!“ – Und alles verließ bald den Joseph und eilte davon. Und so ward Joseph wieder einer großen Gefahr enthoben.
KJ|0|292|1|1|Jesus erweckt einen übertrieben eitel fleißigen Knecht vom Tod
KJ|0|292|1|1|Am 29. August 1844
KJ|0|292|1|0|Als Jesus vollends sechs Jahre alt ward und darüber, da hatte die Salome einmal einen schon schlechten Baum fällen lassen und ließ ihn dann von ihren Knechten zerschneiden und zerspalten, um daraus Brennholz zu gewinnen.
KJ|0|292|2|0|Bei dieser Gelegenheit hielt ein junger Knecht große Stücke auf seinen Fleiß und sprach zu seinen drei Mitknechten:
KJ|0|292|3|0|„Lasst mir allein diese Arbeit des Zerspaltens, und ich will so bald fertig werden mit dem ganzen Baum, als ihr drei zusammen!“
KJ|0|292|4|0|Und die Mitknechte überließen ihm gerne diese Ehre.
KJ|0|292|5|0|Er nahm dann seine scharfe Axt und hieb sehr fleißig darauf los.
KJ|0|292|6|0|In solch seinem Eifer aber machte er einmal einen Fehlhieb und traf statt des Holzes seinen rechten Fuß und spaltete ihn von der Zehe bis zur Ferse.
KJ|0|292|7|0|Da sank er zu Boden und schrie um Hilfe; und alles drängte sich zu ihm, aber niemand hatte etwas, dass er ihm verbände den Fuß.
KJ|0|292|8|0|Und so verblutete sich der junge Mensch bald und starb darauf.
KJ|0|292|9|0|Da wurde auch Josephs Haus darauf aufmerksam ob des Jammers und Geschreies beim nahen Haus der Salome.
KJ|0|292|10|0|Und Jesus lief schnell hin und drang durch die umstehende Menschenmasse zum schon toten Knecht vor.
KJ|0|292|11|0|Als Er beim Toten anlangte, da ergriff Er schnell dessen zerspaltenen Fuß, drückte ihn fest zusammen und heilte ihn im Augenblick.
KJ|0|292|12|0|Als der Fuß auf die Art geheilt ward, da ergriff Er dessen Hand und sprach:
KJ|0|292|13|0|„Höre, du eitler junger Mensch! Ich sage dir, stehe auf und spalte weiter dein Holz!
KJ|0|292|14|0|Aber lasse für die Zukunft fahren deine Eitelkeit und wolle nie mehr tun, als du Kraft besitzt,
KJ|0|292|15|0|so wirst du für die Zukunft dich vor ähnlichen Unfällen leichtlichst verwahren!
KJ|0|292|16|0|Denn auch deine Mitknechte haben ihre Arbeitskraft von Gott, und diese sollst du nicht zuschanden machen irgendwann und -wo!
KJ|0|292|17|0|Ist aber irgendeiner aus deinen Mitknechten absichtlich faul und träge, so wird ihn schon der Herr finden;
KJ|0|292|18|0|an dir aber solle es nimmer sein, dass du ihm durch einen übertriebenen eitlen Fleiß darum zu einem Richter werden sollst!“
KJ|0|292|19|0|Hier erhob sich der junge Knecht vollkräftig wieder und spaltete sein Holz weiter.
KJ|0|292|20|0|Alle Anwesenden aber fielen auf ihre Knie vor dem Knaben Jesus nieder und sprachen:
KJ|0|292|21|0|„Lob und Ehre in Dir der Kraft Gottes; denn Dich hatte der Herr früh schon mit aller göttlichen Kraft erfüllt!“
KJ|0|292|22|0|Jesus aber lief schnell wieder nach Hause, denn Er wollte das Lob der Menschen nicht.
KJ|0|293|1|1|Jesus zerbricht einen von Maria für ein förmliches Heiligtum gehaltenen Krug
KJ|0|293|1|1|Am 30. August 1844
KJ|0|293|1|0|Es hatte aber die Maria noch den Krug, mit dem sie ein Wasser holte, als ihr der Engel die heiligste Botschaft überbrachte.
KJ|0|293|2|0|Sie hielt große Stücke auf diesen Krug; ja er war ihr ein förmliches Heiligtum.
KJ|0|293|3|0|Sie sah es sogar nicht gerne, wenn jemand diesen Krug nahm und trank daraus.
KJ|0|293|4|0|Einmal aber, ungefähr acht Tage darauf, als das Wunder bei der Salome verübt ward, war Maria allein mit Jesus im Haus.
KJ|0|293|5|0|Sie war mit der Reinigung einiger Wäsche beschäftigt und brauchte dazu frisches Wasser.
KJ|0|293|6|0|Sie ging daher zu Jesu und sagte zu Ihm: „Du könntest mir wohl leicht einen Krug voll frischen Wassers hohlen!
KJ|0|293|7|0|Da hast Du sogar den durch Dich geheiligten Krug dazu!“
KJ|0|293|8|0|Jesus nahm den Krug und lief damit zum Brunnen, wo eben der Joseph mit den anderen Kindern etwas arbeitete.
KJ|0|293|9|0|Jesus aber stieß am Brunnen mit dem Krug etwas hart an einen Stein, und der Krug lag in vielen Scherben am Boden.
KJ|0|293|10|0|Das ersah ein Mädchen und sprach: „Auweh, ach, ach! Das wird gut aussehen; nun ist der heilige Krug der Hausherrin hin! Aber Du lieber Jesus, warum hast denn Du da nicht besser achtgegeben?
KJ|0|293|11|0|Nein, – aber da wird die Mutter greinen; no, no, da kannst Du Dich freuen darauf!“
KJ|0|293|12|0|Das verdross aber dem Außen nach Jesus ein wenig, und Er sagte zum Mädchen:
KJ|0|293|13|0|„Was geht das dich an, was Ich tue?! Sehe du nur zu, dass du mit deinem Gespinst fertig wirst!
KJ|0|293|14|0|Ich werde trotz des zerbrochenen Kruges dennoch der Maria frisches Wasser in rechter Menge bringen!“
KJ|0|293|15|0|Und das Mädchen sprach: „Das möchte ich auch sehen, wie man ohne Krug ein frisches Wasser ins Haus schaffen kann!“
KJ|0|293|16|0|Hier nahm Jesus sogleich Seinen kleinen roten Mantel, griff ihn an den Enden zusammen und schöpfte Wasser darein und trug es ohne einen Tropfen zu verlieren ins Haus zur Maria.
KJ|0|293|17|0|Alle aber gingen Ihm nach ins Haus ob dieses Wunders.
KJ|0|293|18|0|Als Maria das ersah, da entsetzte sie sich und sagte: „Aber Kind, was ist denn mit dem Krug geschehen?“
KJ|0|293|19|0|Und Jesus sprach: „Siehe, der war Mir schon lange ein Dorn im Auge! Darum versuchte Ich seine Wunderkraft an einem Stein, –
KJ|0|293|20|0|und siehe, es war keine an und in ihm; daher zerbrach er auch sogleich in kleine Stücke!
KJ|0|293|21|0|Ich aber meine, wo Ich bin, da solle Ich doch mehr gelten als so ein dummer Krug, der um kein Haar besser ist als ein jeder andere!“
KJ|0|293|22|0|Auf diese Worte sagte die Maria nichts mehr und schrieb sich dieselben tief in ihr Herz.
KJ|0|293|23|0|Das Mädchen aber sagte darauf auch nichts mehr; denn sie hatte Jesus lieb.
KJ|0|293|24|0|Und Jesus sprach zu ihr: „Siehe, also gefällst du Mir besser, als wenn du deine Zunge bewegst ohne Not!“ – Und das Mädchen war zufrieden mit diesem kleinen Putzer und spann darauf fleißig ihr Garn.
KJ|0|294|1|1|Der achtjährige Jesus wirkt ein Erntewunder in einem sehr schlechten Erntejahr
KJ|0|294|1|1|Am 31. August 1844
KJ|0|294|1|0|Nach diesem Wunderwerk verhielt Sich Jesus bei zwei Jahre ruhig und gehorchte in allem dem Joseph und der Maria.
KJ|0|294|2|0|In Seinem achten Jahr aber zeigte sich ein sehr schlechtes Erntejahr; denn es trat eine große Dürre ein, und alle Saat verdorrte.
KJ|0|294|3|0|Es war schon der siebente Monat, und nirgends zeigte sich etwas Grünes; man musste vielfach das Vieh schlachten, oder man musste um ein teures Geld Heu und Getreide aus Ägypten und aus Kleinasien bringen lassen.
KJ|0|294|4|0|Joseph selbst lebte zumeist von den Fischen, die ihm Jonatha allwöchentlich zukommen ließ, und fütterte seine Haustiere mit dem Schilfgras, das ihm eben auch der Jonatha zusandte.
KJ|0|294|5|0|Im siebenten Monat erst zeigten sich Wolken, und es fing an sparsam periodisch zu regnen.
KJ|0|294|6|0|Da sprach der Joseph zu seinen vier ältesten Söhnen: „Spannt vor den Pflug die Ochsen, und wir wollen im Namen des Herrn etwas Weizen in die Erde säen.
KJ|0|294|7|0|Wer weiß es, vielleicht segnet es dennoch der Herr, da wir Den ja zu unserem Sohn und Bruder rechnen dürfen, den Er gesandt hat in die Welt!
KJ|0|294|8|0|Zwar hat Er durch Diesen nun bereits zwei Jahre kein Zeichen mehr getan, dass wir darob Seiner Hoheit schon förmlich vergaßen!
KJ|0|294|9|0|Aber wer weiß es auch, ob dieses schlechte Jahr nicht eine Folge unserer Vergessenheit an Den ist, der so heilig von oben zu uns kam?“
KJ|0|294|10|0|Hier trat der nun achtjährige Jesus zum Joseph hin und sprach: „Gut, Vater Joseph! – ihr habt Meiner noch nie vergessen; darum aber will Ich mit dir gehen, den Weizen in die Furchen zu legen!“
KJ|0|294|11|0|Den Joseph freute das über die Maßen, und die Maria und alle im Haus sprachen:
KJ|0|294|12|0|„Ja, ja, wo der liebe Jesus säen wird, da wird sicher eine reiche Ernte werden!“
KJ|0|294|13|0|Und Jesus sprach lächelnd: „Der Meinung bin Ich auch; wahrlich, umsonst solle von Mir kein Same in das Erdreich fallen!“
KJ|0|294|14|0|Hierauf ging es ans Ackern und Säen. Joseph säte nach dem Pflug links, und Jesus rechts.
KJ|0|294|15|0|Und so ward der Acker in einem halben Tag bestens bestellt.
KJ|0|294|16|0|Darauf fiel bald ein reichlicher Regen, und der Weizen schlug einen festen Keim und gelangte als eine Sommerfrucht in drei Monaten zur sehr erwünschten Reife.
KJ|0|294|17|0|Da zeigte es sich aber, dass die Ähren, die da zur rechten Seite der Knabe Jesus gesät hatte, durchaus fünfhundert Körner hatten, während die des Joseph nur dreißig bis vierzig Körner hatten.
KJ|0|294|18|0|Darüber hatte sich alles hoch verwundert, und als das Getreide erst dann in der Tenne ausgedroschen ward, da erst zeigte so recht im Vollmaß sich der Segen Gottes;
KJ|0|294|19|0|denn aus einem Malter (siebzig Maß) Weizen, der gesät worden war, wurden genau tausend Malter Ernte – eine Ernte, die noch nie jemand erlebt hatte!
KJ|0|294|20|0|Da aber Joseph nun einen solchen Überfluss hatte, da behielt er für sich siebzig Malter und verteilte neunhundertunddreißig Malter an die Nachbarn.
KJ|0|294|21|0|Und es war damit einer ganzen Umgegend mit dieser wunderbaren Ernte geholfen.
KJ|0|294|22|0|Und es kamen dann viele Nachbarn und lobten und priesen die Kraft Gottes in dem Knaben Jesus.
KJ|0|294|23|0|Dieser aber ermahnte sie zur Liebe zu Gott und zu ihren Nächsten und sprach zu jedermann: „Liebe ist besser als Lob, und eine rechte Gottesfurcht ist mehr wert als Opferbrand!“ – In dieser Zeit ward auch der verdorrte Knabe wieder gesund.
KJ|0|295|1|1|Der zehnjährige Jesus züchtigt einen prügelnden Lehrer
KJ|0|295|1|1|Am 2. September 1844
KJ|0|295|1|0|Von da an tat das Knäblein Jesus wieder kein Zeichen mehr, sondern tat wie alle anderen Menschenkinder.
KJ|0|295|2|0|Nur war Es gerne beim Joseph, wenn er Gerätschaften als: Pflüge, Joche, Stühle, Tische, Betten und dergleichen verfertigte, und es misslang dem Joseph nie etwas.
KJ|0|295|3|0|Da aber das Knäblein bereits ins zehnte Jahr ging und Sich gar nicht mehr unterscheiden wollte von anderen Kindern,
KJ|0|295|4|0|da sprach einmal Joseph zur Maria: „Siehe, die Leute herum schmähen, dass wir Jesus so ganz ohne Schulunterricht aufwachsen lassen, da Er doch so herrliche Talente und Anlagen besäße!
KJ|0|295|5|0|Ich weiß wohl, dass Jesus des Weltschulenunterrichtes nicht vonnöten hat;
KJ|0|295|6|0|aber um den Nachbarn den Mund zu stopfen, möchte ich Ihn gleichwohl zu einem Lehrer geben.
KJ|0|295|7|0|Und da jetzt zwei neue Schulen in der Stadt errichtet worden sind, deren beide Lehrer sehr geschickt sein sollen, so möchte ich es mit dem einen oder mit dem anderen versuchen!“
KJ|0|295|8|0|Maria willigte dazu ein; denn auch sie sah die scheinbare Notwendigkeit dessen ein.
KJ|0|295|9|0|Und Joseph nahm Jesus zu sich und führte Ihn zum ersten Lehrer.
KJ|0|295|10|0|Dieser übernahm das Knäblein sogleich und sprach zum Joseph: „Zuerst solle er – der vielen Griechen unter uns wegen – Griechisch und dann erst Hebräisch lernen!
KJ|0|295|11|0|Ich kenne wohl die sonderbaren Eigenheiten dieses Kindes und habe eine kleine Furcht vor ihm.
KJ|0|295|12|0|Aber ich will dennoch tun, was recht sein wird; nur musst du mir den Knaben ganz übergeben!“
KJ|0|295|13|0|Joseph willigte dazu ein und gab Jesus ganz ins Haus des Lehrers.
KJ|0|295|14|0|Drei Tage genoss hier Jesus die gewöhnliche Freiheit; erst am vierten Tag nahm Ihn der Lehrer ins Schulzimmer.
KJ|0|295|15|0|Allda führte er Ihn an die Tafel und schrieb vor Ihm das ganze Alphabet und fing an es zu erklären.
KJ|0|295|16|0|Nachdem er es einige Male durcherklärt hatte, da fragte er Jesus, was Er Sich davon gemerkt habe.
KJ|0|295|17|0|Jesus aber tat, als wüsste Er nichts von dem Erklärten, und gab dem Lehrer keine Antwort.
KJ|0|295|18|0|Und der Lehrer plagte den Knaben und sich drei Tage lang und bekam nie eine Antwort.
KJ|0|295|19|0|Am vierten Tag aber ward er unwillig und forderte den Knaben Jesus unter Androhung von einer tüchtigen Strafe auf, ihm zu antworten.
KJ|0|295|20|0|Da sprach der Knabe zu ihm: „Wenn du in der Wahrheit ein Lehrer bist, und wenn du die Buchstaben wirklich kennst, so zeige Mir die wahre Grundbedeutung des Alpha, und Ich werde dir die des Beta kundgeben!“
KJ|0|295|21|0|Darob ward der Lehrer zornig und schlug Jesus mit dem Zeigestäbchen an den Kopf.
KJ|0|295|22|0|Das tat dem Knaben weh, und Er sprach zum Lehrer: „Ist das die weise Art, dich deiner Dummheit zu entledigen?
KJ|0|295|23|0|Wahrlich, der Schläge wegen bin Ich nicht bei dir, und das ist nicht die Art, Menschen zu lehren und zu bilden!
KJ|0|295|24|0|Du aber sollst Mir stumm werden und unsinnig darum, dass du Mich, anstatt Mir eine rechte Erklärung zu geben, geschlagen hast!“
KJ|0|295|25|0|Und an der Stelle sank der Lehrer zusammen und ward, wie rasend, gebunden in ein anderes Zimmer gebracht.
KJ|0|295|26|0|Jesus aber kehrte sogleich zum Joseph nach Hause und sagte da:
KJ|0|295|27|0|„Ein anderes Mal bitte Ich Mir einen anderen Lehrer aus, der nicht mit dem Stock in der Hand in die Schule kommt; der aber büßt nun seinen Frevel an Mir!“
KJ|0|295|28|0|Da wusste Joseph, was sicher wieder geschehen war, und sprach zur Maria: „Also dürfen wir Jesus nicht mehr aus den Händen lassen; denn Er züchtigt jeden, der nicht nach Seinem Sinne ist!“
KJ|0|295|29|0|Und die Maria war damit einverstanden; und niemand wagte Jesu einen Vorwurf zu machen.
KJ|0|296|1|1|Ein sanftmütiger Lehrer bei Joseph. Dessen ehrliches Zeugnis über Jesus
KJ|0|296|1|1|Am 3. September 1844
KJ|0|296|1|0|Nach einer Zeit von etlichen Wochen kam aber der zweite neue Lehrer zum Joseph, um ihm einen freundschaftlichen Besuch abzustatten;
KJ|0|296|2|0|denn Joseph hatte ihm zuvor mehrere neue Bänke und Stühle und einen Tisch in sein Schulzimmer gemacht, und hat bei dieser Gelegenheit einen recht biederen Mann in diesem Lehrer zu seinem Freund gewonnen.
KJ|0|296|3|0|Dieser Lehrer machte nun auch die Bekanntschaft mit dem Knaben Jesus und hatte eine rechte Freude an Seinem ernsten, aber dabei dennoch bescheiden munteren Wesen.
KJ|0|296|4|0|Er fragte daher den Joseph, ob der Knabe schon in irgendeiner Schule habe lesen gelernt.
KJ|0|296|5|0|Joseph aber sprach: „Bruder! Ich habe es schon mit ein paar Lehrern versucht, aber beide konnten nichts richten mit Ihm,
KJ|0|296|6|0|denn es ruht in diesem Knaben eine sonderbare Kraft!
KJ|0|296|7|0|Wie Ihm dann ein Lehrer etwas grob kommt, da ist er schon verloren;
KJ|0|296|8|0|denn es braucht da nur ein Wort aus des Knaben Mund über den Lehrer zu kommen, und er ist gestraft auf das Entsetzlichste!
KJ|0|296|9|0|Also war es erst jüngst der Fall mit dem ersten Lehrer, der noch bis zur Stunde ein Narr ist.“
KJ|0|296|10|0|Und der Lehrer sprach: „Ja, ja, das weiß ich wohl; aber der war auch ein Tyrann gegen alle seine Schüler!
KJ|0|296|11|0|Wenn ich den Knaben unterrichtete, wahrlich – ich hätte keine Angst, von ihm gestraft zu werden!“
KJ|0|296|12|0|Da sprach der anwesende Knabe Jesus: „Und was wohl möchtest du Mich lehren?“
KJ|0|296|13|0|Und der Lehrer zog den Knaben liebvollst zu sich, herzte Ihn und sprach dann zu Ihm:
KJ|0|296|14|0|„Ich möchte dich auf eine gar freundliche Art lesen und schreiben und dann die Schrift verstehen lehren!“
KJ|0|296|15|0|Und der Knabe sprach: „Gut, – hast du etwas von der Schrift bei dir, so gebe Mir’s, und Ich will dir eine Probe geben!“
KJ|0|296|16|0|Hier zog der Lehrer sogleich eine Rolle heraus – es war der Daniel – und gab sie dem Knaben.
KJ|0|296|17|0|Der Knabe aber fing sogleich an, die Rolle zu lesen und also zu erklären, dass sich alle Umstehenden über alle Maßen samt dem ganz betroffenen Lehrer zu verwundern anfingen.
KJ|0|296|18|0|Als aber der Lehrer solches von dem Knaben erfahren hatte, da sprach er:
KJ|0|296|19|0|„O Herr! – sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig, denn dieser Knabe ist kein irdischer Mensch!
KJ|0|296|20|0|O Bruder Joseph, jetzt begreife ich es klar, warum mit diesem Knaben kein Lehrer es auszuhalten vermag!
KJ|0|296|21|0|Der Knabe versteht ja ohnehin mehr als alle Lehrer zusammen auf der ganzen Erde! O darum behalte ihn ja daheim!“
KJ|0|296|22|0|Dieses Zeugnis gefiel dem Knaben, und Er sprach: „Weil du so ehrlich bist, so solle auch deinetwillen der andere Lehrer wieder genesen; es geschehe!
KJ|0|296|23|0|Du aber bleibe also ehrlich in deinem Herzen, wie du es nun bist, so wirst du ein rechter Lehrer sein allzeit, Amen.“
KJ|0|296|24|0|Darauf entfernte Sich der Knabe Jesus; der Lehrer empfahl sich auch bald beim Joseph und zog sehr nachdenkend nach Hause. Und mit dem ersten Lehrer ward es zur Stunde besser.
KJ|0|297|1|1|Jakob wird von einer Giftschlange gebissen und von Jesus gerettet. Erweckung des verstorbenen Kephas und des tödlich verunglückten Mallas
KJ|0|297|1|1|Am 4. September 1844
KJ|0|297|1|0|Von da an blieb das Kind Jesus zu Hause, verhielt Sich ruhig und gehorsam und verrichtete auch kleine Arbeiten.
KJ|0|297|2|0|Es tat keine Zeichen ein ganzes Jahr hindurch, – also bis in Sein vollends elftes Jahr.
KJ|0|297|3|0|Im elften Jahr aber verübte Es wieder drei bedeutende Wunderwerke, und diese sollen hier kurz folgen.
KJ|0|297|4|0|Im Frühjahr ging dem Joseph auf einige Tage der Brennholzvorrat aus.
KJ|0|297|5|0|Er sandte darum den Jakob und den Jesus, weil diese am meisten Zeit hatten, in einen nahen Wald, dass sie allda Reisig sammeln sollten.
KJ|0|297|6|0|Die beiden gingen und taten emsig, was ihnen Joseph anbefohlen hatte.
KJ|0|297|7|0|Jakob aber tummelte sich gar sehr, und es blieb für Jesus wenig zu sammeln; denn Jakob griff Jesu überall vor.
KJ|0|297|8|0|In solchem seinem Eifer aber geschah es, dass er nach einem buschigen Reiser griff, unter dem sich eine giftige Natter befand.
KJ|0|297|9|0|Die Natter biss den Jakob in die Hand, da fiel Jakob um vor Schmerz und Entsetzen. Die Hand schwoll plötzlich auf, und Jakob bog sich rücklings und gab Zeichen des Todes.
KJ|0|297|10|0|Da sprang Jesus hinzu, blies in die Wunde, und mit Jakob war es augenblicklich besser.
KJ|0|297|11|0|Die Natter aber wurde entsetzlich aufgetrieben und zerplatzte in tausend Stücke!
KJ|0|297|12|0|Darnach aber sprach Jesus zum Jakob: „Eile mit Weile! In aller Weltarbeit, wenn sie zu eifrig betrieben wird, liegt der Tod!
KJ|0|297|13|0|Daher ist es besser zu sein faul für die Welt, aber umso eifriger für den Geist zu sein bei jeder Gelegenheit!
KJ|0|297|14|0|Also aber sollen die Weltfleißigen stets den Tod ihrer Seele in ihrem Eifer ums Irdische finden!
KJ|0|297|15|0|Ich aber werde die Weltmüßiggänger aufsuchen und werde sie in Meinen Dienst nehmen für ewig! Und denen, die nur eine Stunde des Tages gearbeitet haben, werde Ich gleichen Lohn geben mit denen, die den ganzen Tag über fleißigst gearbeitet haben!
KJ|0|297|16|0|Wohl jedem Faulenzer für die Welt; wehe aber jedem Fleißigen in den Geschäften der Welt! Der erste wird sein Mein Freund – und der zweite Mein Feind!“
KJ|0|297|17|0|Jakob merkte sich diese Worte und lebte darnach und machte sich nichts daraus, wenn er auch öfter den Namen „der Faule und Träge“ bekam;
KJ|0|297|18|0|aber er war von da an desto eifriger in seinem Herzen mit Jesus beschäftigt und gewann endlos viel dabei.
KJ|0|297|19|0|Bald darauf, in zwei Tagen, starb einer Nachbarin, die eine Witwe war, ihr einziges Söhnchen, und sie weinte viel darum.
KJ|0|297|20|0|Da ging Jesus mit Seinem Jakob auch dahin, zu besehen den verstorbenen Knaben.
KJ|0|297|21|0|Da Er aber die heftig weinende Witwe sah, da dauerte sie Ihn, und Er ergriff den toten Knaben bei der Hand und sprach: „Kephas! Ich sage dir, stehe auf, und betrübe nimmer das Herz deiner Mutter!“
KJ|0|297|22|0|Hier stand der Knabe plötzlich auf und begrüßte lächelnd alle Anwesenden.
KJ|0|297|23|0|Da war es aus bei der Witwe, und sie sprach: „O wer doch ist dieser Sohn Josephs, dass er mit einem Wort vermag die Toten zu erwecken?! Ist er ein Gott, oder ein Engel?!“
KJ|0|297|24|0|Jesus aber sprach zur Witwe: „Frage nicht weiter, sondern gebe dem Kephas Milch, auf dass es vollends besser werde mit ihm!“
KJ|0|297|25|0|Und die Witwe ging sobald und brachte erwärmte Milch dem Knaben, – und dieser ward darauf vollends gesund.
KJ|0|297|26|0|Da wollten alle Jesus anzubeten anfangen; Er aber eilte davon, traf andere Kinder und spielte mit ihnen auf eine sehr weise Art.
KJ|0|297|27|0|Als Er aber also da spielte, da fiel bei einem anderen Haus, das da von einigen Stadtzimmerleuten ausgebessert ward, ein Mensch, brach sich das Genick und ward sogleich tot.
KJ|0|297|28|0|Da kamen sogleich eine Menge Menschen zusammen und betrauerten den Unglücklichen, und es war da ein großer Lärm.
KJ|0|297|29|0|Als Jesus diesen Lärm hörte, da ging Er mit dem Jakob auch hinzu, drängte Sich bis zum Toten und sagte zu ihm:
KJ|0|297|30|0|„Mallas! Ich sage dir, stehe wieder auf und arbeite! Nagle aber deine Latten besser an, sonst fällst du noch einmal!
KJ|0|297|31|0|Denn es kommt nicht darauf an, wie viel du gearbeitet hast, sondern wie du gearbeitet hast! Im Neid aber ruht allzeit der Tod!“
KJ|0|297|32|0|Darauf entfernte Sich Jesus schnell wieder, und der Tote stand wieder also gesund auf und arbeitete also kräftig weiter, als wäre ihm nichts geschehen. Die Worte Jesu aber behielt er in seinem Herzen.
KJ|0|297|33|0|Diese drei Wunder geschahen nacheinander in kurzer Frist, und alle Nachbarn wollten darum Jesus anzubeten anfangen.
KJ|0|297|34|0|Jesus aber untersagte ihnen solches und ließ Sich darauf etliche Wochen nicht sehen im Dorf.
KJ|0|297|35|0|Im Hause Josephs aber wurden die drei Taten wohl gemerkt, und es ist viel darüber geredet worden.
KJ|0|298|1|1|Der zwölfjährige Jesus wirkt ein Weisheitswunder unter den Gelehrten im Tempel
KJ|0|298|1|1|Am 6. September 1844
KJ|0|298|1|0|Von da an zog Sich Jesus zurück und verübte offen keine Tatenwunder mehr bis zur Zeit der Hochzeit zu Kana in Galiläa.
KJ|0|298|2|0|Nur im zwölften Jahr verübte der Knabe Jesus, da Er zum Fest nach Jerusalem zum ersten Mal kam, im Tempel, wie es in dem Evangelium bekanntgegeben ist, ein Wunder unter den Gelehrten durch Seine Weisheit,
KJ|0|298|3|0|welches Wunder ich, Jakob, da ich nicht zugegen war, mir erst später vom Herrn Selbst habe kundgeben lassen, das kurz beschrieben darin bestand:
KJ|0|298|4|0|Im großen Gedränge verloren Joseph und Maria Jesus im Tempel und meinten, da Er nicht bei ihnen war, so wird Er sicher mit der Salome oder noch sonstigen Verwandten und Bekannten schon heimgezogen sein.
KJ|0|298|5|0|Und so gingen die beiden der Nazaräer-Karawane nach und trafen sie erst am Abend in der Herberge zwischen Nazareth und Jerusalem.
KJ|0|298|6|0|Da sie aber allda Jesus nicht fanden, da wurden sie sehr betrübt, nahmen einige Begleiter und zogen in der Nacht nach Jerusalem zurück.
KJ|0|298|7|0|Da angelangt, ging Joseph sogleich zum Landpfleger Cornelius, der damals noch in Jerusalem das Land pflegte.
KJ|0|298|8|0|Joseph gab dem ihm überaus freundlich entgegenkommenden Cornelius sogleich kund, was ihm begegnet ist,
KJ|0|298|9|0|und dieser gab dem Joseph sogleich eine römische Wache, mit der Joseph alle Häuser durchsuchen durfte.
KJ|0|298|10|0|Also durchstöberte Joseph nahe ganz Jerusalem und fand Jesus dennoch nirgends nach einem drei Tage langen Suchen.
KJ|0|298|11|0|Da ward es den beiden überaus bange; sie gaben die Wache dem Cornelius ganz traurig zurück und ließen sich nicht trösten von ihm.
KJ|0|298|12|0|Da es aber schon ziemlich gegen den Abend an der Zeit war, da wollte sie Cornelius bei sich behalten.
KJ|0|298|13|0|Joseph aber sprach: „O edler Freund, ich will ja bei dir verbleiben diese Nacht, aber zuvor muss ich hinauf in den Tempel und will dort opfern Gott dem Herrn aus und in meinem traurigen Herzen, das wir verloren haben!“
KJ|0|298|14|0|Da ließ Cornelius den Joseph mit der Maria hinauf in den Tempel ziehen.
KJ|0|298|15|0|Und siehe, da fanden sie Jesus unter den Gelehrten sitzend, wie Er sie befragte, belehrte und ihnen auf ihre Fragen Antworten gab, dass sich darob alle höchlichst erstaunten;
KJ|0|298|16|0|denn Er erklärte ihnen die geheimsten Stellen aus den Propheten, belehrte sie über die Sterne, über ihre Bahnen, über ihr Grundlicht, über ihr zweites, drittes, viertes, fünftes und sechstes und siebentes Licht.
KJ|0|298|17|0|Also beschrieb Er ihnen auch das Wesen der Erden und zeigte ihnen den physischen, psychischen und geistigen Zusammenhang der Dinge –
KJ|0|298|18|0|und bewies allen die Unsterblichkeit der Seele auf eine so unerhörte Art, dass darob alle sprachen:
KJ|0|298|19|0|„Wahrlich, so etwas ist noch nie erhört worden! Ein Knabe von zwölf Jahren ist weiser in einem Finger als wir alle zusammengenommen!“
KJ|0|298|20|0|Da traten Joseph und Maria hin zu Jesus und sprachen zu Ihm:
KJ|0|298|21|0|„Aber warum doch hast Du uns das angetan?! Siehe, wir haben Dich mit großen Schmerzen drei Tage lang gesucht und konnten Dich nicht finden!“
KJ|0|298|22|0|Jesus aber sprach: „Warum tatet ihr das? (Draußen nämlich mit Hilfe der Soldaten.)
KJ|0|298|23|0|Wusstet ihr denn nicht ehedem von dem Haus Meines Vaters, und dass Ich darin tun musste, was da Meines Vaters ist?!“
KJ|0|298|24|0|Die beiden aber verstanden diese Worte nicht, und Jesus folgte ihnen sogleich willig nach Hause, nachdem Er zuvor mit ihnen beim Cornelius übernachtet hatte.
KJ|0|298|25|0|Die Gelehrten aber priesen die Maria überglücklich, dass sie ein solches Kind hatte.
KJ|0|298|26|0|Von da an zog Sich dann Jesus ganz zurück und verübte vor den Menschen bis in Sein dreißigstes Jahr kein Wunder mehr, und lebte und arbeitete dann wie ein jeder andere Mensch.
KJ|0|299|1|1|Wie Jesus als das alleinig ewige Gottwesen an Weisheit und Gnade vor Gott und den Menschen zunehmen konnte
KJ|0|299|1|1|Am 9. September 1844
KJ|0|299|1|0|Nach dem aber heißt es in der Schrift: Und Er nahm zu an Gnade und Weisheit vor Gott und den Menschen und blieb untertänig und gehorsam Seinen Eltern, bis da Er Sein Lehramt antrat.
KJ|0|299|2|0|Frage: Wie konnte Jesus denn als das alleinig ewige Gottwesen an Weisheit und an Gnade vor Gott und den Menschen zunehmen, da Er doch Gott von Ewigkeit war?
KJ|0|299|3|0|Und wie namentlich vor den Menschen, da Er doch von Ewigkeit das endlos allervollkommenste Wesen war?
KJ|0|299|4|0|Um das richtig zu fassen, muss man Jesus nicht abgeschlossen als den alleinigen Gott ansehen;
KJ|0|299|5|0|sondern man muss sich Ihn als einen Menschen darstellen, in dem die alleinige ewige Gottheit Sich gerade also als untätig scheinend einkerkerte, wie da in eines jeden Menschen Wesen der Geist eingekerkert ist.
KJ|0|299|6|0|Was aber ein jeder Mensch nach göttlicher Ordnung tun muss, um seinen Geist frei zu machen in sich,
KJ|0|299|7|0|das musste auch der Mensch Jesus ganz vollernstlich tun, um das Gottwesen in Ihm frei zu machen, auf dass Er eins würde mit Ihm.
KJ|0|299|8|0|Es muss aber jeder Mensch gewisse Schwächen in sich tragen, die da die gewöhnlichen Fesseln des Geistes sind, durch die er wie in einer festen Hülse eingeschlossen ist.
KJ|0|299|9|0|Die Fesseln können aber erst dann zersprengt werden, wenn die mit dem Fleisch vermengte Seele sich durch die gerechte Selbstverleugnung also gestärkt hatte, dass sie fest genug ist, den freien Geist zu fassen und zu halten.
KJ|0|299|10|0|Aus dem Grunde kann der Mensch eben auch nur durch allerlei Versuchungen seine Schwächen gewahren und erfahren, wie und worin sein Geist geknebelt ist.
KJ|0|299|11|0|Wenn er dann gerade in diesen Punkten sich in seiner Seele selbst verleugnet, so löst er dadurch dem Geist die Fesseln ab und fesselt damit die Seele.
KJ|0|299|12|0|Ist dann mit der gerechten Zeit die Seele mit allen den ehemaligen Geistesbanden gefestet, so geht dann freilich ganz natürlich der ganz entfesselte Geist in die ganze starke Seele über,
KJ|0|299|13|0|und diese gelangt dadurch in alle himmlische Machtvollkommenheit des Geistes und wird dadurch für ewig vollkommen Eins mit ihm.
KJ|0|299|14|0|In dem Ablösen einer Fessel um die andere aber besteht das Zunehmen der Seele in der geistigen Kraft, welche da ist die Weisheit und die Gnade.
KJ|0|299|15|0|Die Weisheit ist das helle Schauen der ewigen Ordnung Gottes in sich, und die Gnade ist das ewige Liebelicht, durch das alle die endlosen und zahllosen Dinge, ihre Verhältnisse und Wege erleuchtet werden!
KJ|0|299|16|0|Wie aber das beim Menschen also der Fall ist, also war es auch bei dem Gottmenschen Jesus.
KJ|0|299|17|0|Seine Seele war gleich wie die eines jeden Menschen und war mit umso mehr Schwächen behaftet, weil der allmächtigste Gottgeist Sich Selbst in die gewaltigsten Bande legen musste, um in Seiner Seele gehalten werden zu können.
KJ|0|299|18|0|Also musste die Seele Jesu auch die größten Versuchungen, Sich Selbst verleugnend, bestehen, um ihrem Gottgeist die Bande abzunehmen, Sich damit zu stärken für die endloseste Freiheit des Geistes aller Geister, und also völlig Eins zu werden mit Ihm.
KJ|0|299|19|0|Und eben darin bestand dann auch das Zunehmen der Weisheit und Gnade der Seele Jesu vor Gott und den Menschen, und zwar in dem Maße, als Sich der Gottgeist nach und nach stets mehr und mehr einte mit Seiner freilich göttlichen Seele, welche da war der eigentliche Sohn.
KJ|0|300|1|1|Das Leben und die Seelenkämpfe Jesu von Seinem zwölften bis dreißigsten Jahre. Winke und Beispiele zur Erreichung der Wiedergeburt als Bedingung zum ewigen, seligen Leben. Schlußbemerkung und Segen des Herrn.
KJ|0|300|1|1|Am 9. September 1844
KJ|0|300|1|0|Wie lebte denn nun Jesus, der Herr, von Seinem zwölften Jahr bis zu Seinem dreißigsten Jahr?
KJ|0|300|2|0|Er fühlte in Sich fortwährend auf das Lebendigste die allmächtige Gottheit; Er wusste es in Seiner Seele, dass alles, was die Unendlichkeit fasst, Seinem leisesten Wink untertan ist und ewig sein muss.
KJ|0|300|3|0|Dazu aber hatte Er den größten Drang in Seiner Seele, zu herrschen über alles.
KJ|0|300|4|0|Stolz, Herrschlust, vollste Freiheit, Sinn fürs Wohlleben, Weiberlust und dergleichen mehr, also auch Zorn, waren die Hauptschwächen Seiner Seele.
KJ|0|300|5|0|Aber Er kämpfte aus dem Willen der Seele gegen alle diese gar mächtigsten tödlichsten Triebfedern Seiner Seele.
KJ|0|300|6|0|Den Stolz demütigte Er durch die Armut; aber welch ein hartes Mittel war das für Den, dem alles zugehörte, und Er aber dennoch nichts ‚Mein‘ nennen durfte!
KJ|0|300|7|0|Die Herrschlust bändigte Er durch die Untertänigkeit und durch den willigsten Gehorsam zu denen, die wie alle Menschen gegen Ihn – o wie – gar nichts waren!
KJ|0|300|8|0|Seine ewige, allerhöchste Freiheit bestürmte Er eben damit, dass Er Sich, wennschon endlos schwer, den Menschen wie ein sklavischer Knecht zu den niedrigsten Arbeiten gefangen gab!
KJ|0|300|9|0|Den stärksten Hang zum Wohlleben bekämpfte Er durch gar oftmaliges Fasten – aus Not, und auch aus dem freien Willen Seiner Seele.
KJ|0|300|10|0|Die Weiberlust bekämpfte Er durch nicht selten schwere Arbeit, durch magere Kost, durch Gebet und durch den Umgang mit weisen Männern.
KJ|0|300|11|0|Ja – in diesem Punkt hatte Er ungemein viel auszustehen, indem Sein Äußeres und der Ton Seiner Rede von höchst einnehmender Art waren,
KJ|0|300|12|0|aus welchem Grunde die fünf überaus schönen Cyreniusschen Mägde in Ihn durch die Bank sterbensverliebt waren und untereinander wetteiferten, Ihm am besten zu gefallen.
KJ|0|300|13|0|Ihm gefiel solche Liebe wohl; aber dennoch musste Er allzeit zu jeder sagen: „Noli me tangere!“ [Rühre mich nicht an!]
KJ|0|300|14|0|Da Er ferner die Bosheit der Menschen mit einem Blick durchsah – und sah ihre Hinterlist und Heuchelei, Verschmitztheit und ihre Selbstsucht,
KJ|0|300|15|0|so ist es auch begreiflich, dass Er sehr erregbar war und konnte leichtlichst beleidigt und erzürnt werden.
KJ|0|300|16|0|Aber da mäßigte Er Sein göttliches Gemüt durch Seine Liebe und darauf erfolgte Erbarmung.
KJ|0|300|17|0|Und also übte Er Sein Leben durch lauter schwerste Selbstverleugnungen, um dadurch die zerrüttete ewige Ordnung wiederherzustellen.
KJ|0|300|18|0|Aus dem aber lässt sich leicht ersehen, wie Jesus als Mensch die achtzehn Jahre unter beständigen harten Versuchungen und Bekämpfungen derselben zubrachte.
KJ|0|300|19|0|Und da nun das für jedermann nutzbringend dargetan ist, so bleibt nichts mehr zu sagen übrig, außer die dreitägige Verhandlung mit den Weisen und Gelehrten im Tempel, die aber jetzt, wie noch so manches andere, nicht folgen kann.
KJ|0|300|20|0|Daher begnügt euch einstweilen mit dem, und das andere wird folgen, wenn ihr zum Knecht sagen werdet:
KJ|0|300|21|0|‚Komme, Bruder, zu uns im Namen des Herrn, und bleibe und wohne bei uns!‘
KJ|0|300|22|0|Somit sei auch dies Werk geschlossen, und Mein Segen und Meine Gnade sei mit euch für und für! Amen, Amen, Amen.
STE|0|1|1|1|Eine nützliche Regel
STE|0|1|1|1|Empfangen durch Jakob Lorber am 20. Dezember 1843, abends
STE|0|1|1|0|Meine lieben Kinder! Mit diesen folgenden „Nacherinnerungen“ will Ich euch eine gar wichtige und nützliche Regel geben, ohne die ihr euch durch die Lesung was immer für geistiger guter Bücher keinen Nutzen verschaffen könnt. Ihr mögt die Heilige Schrift, wie auch dieses neue Wort tausendmal nacheinander durchlesen, so werdet ihr aber dennoch ohne diese Regel stets am alten Fleck stehenbleiben.
STE|0|1|2|0|Ihr habt euch so durch das öftere Lesen wohl euer Gedächtnis so recht voll angestopft; fragt aber euren Geist, was er davon gewonnen hat, und seine stumpfe Antwort wird also lauten:
STE|0|1|3|0|„Ich bin wohl chaotisch von allerlei Baumaterialien umlagert, und da liegen Balken und Steine bergartig übereinander; aber aus all diesen Baumaterialien ist noch nicht einmal irgendeine schlechte Hütte erbaut, in der ich frei zu wohnen vermöchte. Ihr häuft zwar das Baumaterial fortwährend auf – lauter Edelsteine und das schönste Zedernholz liegt in plumpen Haufen vor mir –, und ich vermag es nicht zu ordnen. Und habe ich hier und da auch irgend angefangen, eine kleine Ordnung herzustellen, da führt ihr schon wieder eine kolossale Menge neuen Materials dazu, sodass ich notwendig in meiner Tätigkeit ermüden muss und am Ende beim Anblick der Größe des zu ordnenden Materials erschaudere und mit Wehmut denke, wann doch einmal all dieses Material zu einer Wohnung wird geordnet werden können.“
STE|0|1|4|0|Seht, das ist eine ganz gründliche Antwort des Geistes, die ein jeder Mensch, der irgend viel gelesen hat, in sich selbst auf das Allerklarste finden muss.
STE|0|1|5|0|Wenn so jemand sein Leben durch ein paar Tausend Bücher gelesen, welch ein Chaos hat er am Ende in seinem Gedächtnis! Und wenn es gut geht, so wird er nach einer solchen reichhaltigen Belesenheit mit genauer Not so viel sagen können, wie er jetzt erst einsieht, dass er nichts weiß.
STE|0|1|6|0|Was aber ist dieses Geständnis? Es ist nichts anderes als eine und dieselbe wehmütige Klage des Geistes, der dadurch das sagen will, dass er bei dieser ungeheuren Menge des Baumaterials nicht einmal eine allerschlechteste Hütte zur freien Wohnung erbaut überkam.
STE|0|1|7|0|Also gibt es Menschen, die das Alte und Neue Testament von Wort zu Wort auswendig können; fragt sie aber um den inneren Sinn nur eines einzigen Verses, so werden sie da gerade so viel wissen wie diejenigen, die nicht einen einzigen Vers auswendig können, ja oft kaum wissen, dass da eine Heilige Schrift existiert. Was nützt also denen dieses herrliche Material?
STE|0|1|8|0|Der Geist wohnt nur im Geistigen; kann ihm aus diesem Material nicht einmal eine schlechte Hütte erbaut werden im inneren Geiste der Wahrheit, wo soll er dann wohnen, wo seine Rechnung führen, und von welchem Punkt aus soll er das Material zu ordnen anfangen?
STE|0|1|9|0|Ist es denn nicht besser, weniger Material zu besitzen, aus demselben aber für den Geist sogleich eine kleine respektable Wohnung zu erbauen, damit der Geist dann einen festen und freien Platz bekommt, von welchem aus er seine nächsten Pläne machen kann und verwenden nach denselben ein neu anlangendes Material?
STE|0|1|10|0|Was wird ein Acker wohl für ein Gesicht bekommen, wenn er auch das beste Erdreich ist, so ihr tausenderlei Samen, in der größten Unordnung durcheinandergemengt, zu gleicher Zeit auf denselben aussät? Die Samen werden richtig aufgehen; aber zu welchem Nutzen für den Sämann? Fürwahr, das Erträgnis dieses Ackers wird kaum für eine schlechte Fütterung des Viehs taugen. Die stärkeren Pflanzen werden die schwächeren ersticken, das Unkraut wird wuchern, und das Weizenkorn wird nur hier und da sparsam und sehr verkümmert und brandig zum Vorschein kommen.
STE|0|1|11|0|Aus diesem aber geht hervor, dass überall, wo für euch ein Nutzen heraussehen soll, eine Ordnung bewerkstelligt werden muss, ohne die ihr Dornen, Disteln, Kraut und Rüben durcheinanderbaut, das euch nimmer irgend nützen kann.
STE|0|1|12|0|Worin aber besteht diese Ordnung?
STE|0|1|13|0|Wenn ihr einen geläuterten Weizen habt, so sät ihn auf einen reinen und guten Acker, und ihr werdet eine reine und gute Ernte bekommen.
STE|0|1|14|0|Wer da eine gute Baustelle und Material dazu hat, der warte nicht, bis er einen überflüssigen Haufen Baumaterial eher zusammenbekomme, von dem er dann erst sein Haus zu bauen anfangen möchte; denn er wird sich mit dem großen Haufen Baumaterial am Ende den ganzen Bauplatz voll anfüllen.
STE|0|1|15|0|Und so dann der Baumeister kommen und ihn fragen wird: Freund, an welcher Stelle willst du denn das Haus aufgeführt haben? – Was wird er ihm dann entgegnen? – Eher nichts anderes als: Allda, Freund, wo der große Haufen des Baumaterials liegt!
STE|0|1|16|0|Und der Baumeister wird zu ihm sagen: Warum ließest du denn dieses Material am Bauplatz zuvor aufhäufen, bevor wir den Plan gemacht und den Grund gegraben haben? Willst du nun das Haus auf dieser Stelle haben, so musst du all dieses Material zuvor zur Seite schaffen und den Platz ganz frei machen. Dann erst werde ich kommen, werde den Platz ausmessen, den Plan entwerfen, danach den Grund graben lassen und am Ende erst das Material prüfen, ob es durchaus zur Erbauung deines Hauses taugt.
STE|0|1|17|0|Seht, aus diesem Gleichnis könnt ihr schon ziemlich klar entnehmen, wie wenig jemandem eine große Belesenheit nützt, wenn er mit derselben nicht in der wahren Ordnung fortschreitet.
STE|0|1|18|0|Worin aber besteht diese wahre Ordnung? Diese wahre Ordnung besteht ganz einfach darin, dass ein jeder eine jede neue Ladung oder Überkommung des Materials sogleich zu einem Wohngebäude zu ordnen anfängt und greift nicht eher nach einer zweiten Ladung, als bis er die erste verarbeitet hat. Auf diese Weise wird er in seinem Bau rasch vorwärtsschreiten und wird um denselben immer genug freien Raum haben, auf welchem er in guter Ordnung ein hinlängliches neues Baumaterial aufschichten kann.
STE|0|1|19|0|Auf Deutsch und ganz verständlich gesagt aber besteht diese Ordnung darin, dass jeder nach dem Gelesenen sogleich tätig werde und sein Leben danach einrichte – so wird ihm das Gelesene nützen, im Gegenteil aber schaden; denn jeder sei nicht nur ein purer Hörer des Wortes, sondern ein Täter desselben.
STE|0|1|20|0|Nächstens der Erinnerungen mehr!
STE|0|2|1|1|Fortsetzung der einleitenden Regel
STE|0|2|1|1|Am 21. Dezember 1843, abends
STE|0|2|1|0|Es wird zwar jemand hier sagen: „Solches ist ganz richtig, dass man nur durch ein tatsächliches Lesen die wahre Frucht des Lesens ernten kann; aber wenn jemandem so viel Material gegeben wird, so kann man es ja doch des Tuns wegen beiseitestellen und davon nur so viel lesen, wovon man überzeugt ist, dass man es in die Tätigkeit aufnehmen kann.
STE|0|2|2|0|Man bedenke nur die große Masse des Gegebenen in der Heiligen Schrift des Alten wie des Neuen Testamentes; dann daneben die übergroße Masse wahrhaft geistig-exegetischer Bücher. Wenn man alles das nur nach dem Grad der Tätigkeit lesen würde, fürwahr, da möchte man wohl durch sein ganzes Leben hindurch kaum im höchsten Falle mit ein paar Kapiteln fertig werden.“
STE|0|2|3|0|Ich aber sage: Die Sache von diesem Standpunkt betrachtet, hat der Einwender freilich wohl recht; denn wenn man nur so viel und nicht mehr lesen möchte, als von wie viel man umständlich überzeugt ist, es tatsächlich auszuüben, dann freilich wären noch ein paar Kapitel zu viel. Aber diese Sache von einem anderen Standpunkt aus betrachtet, wird des gegebenen Materials nie zu viel; und der Leser kann alles Gelesene sogleich in die Tatsächlichkeit umwandeln.
STE|0|2|4|0|Denn man könnte ja auch beispielsweise sagen: So irgendein Landmann im Besitz eines großen Stückes guterdigen Ackers ist, der ihm eine hundertfältige Ernte abwirft, warum besät er denn den ganzen Acker? Ein Zehntel desselben trägt ja so viel, was der Landmann für seinen Bedarf vonnöten hat.
STE|0|2|5|0|Ich frage aber: Wenn dieser Landmann den ganzen Acker besät mit gutem Korn, und der Acker bringt ihm hundertfältige Ernte, davon ein Zehntel zu seinem Unterhalt genügt, werden ihm darum die überflüssigen neun Zehnteile zum Schaden sein? O sicher nicht! Denn die Hälfte von dem Überfluss kann er an Dürftige verteilen, die ihm dafür überaus dankbar sein werden, und die andere Hälfte des Überflusses kann er auf den Markt bringen. Und da es ein gutes Getreide ist, so wird er viele Käufer finden, die es ihm um vorteilhafte Preise abnehmen werden, und er kann dann mit dem gewonnenen Geld sein anderes Hauswesen bestellen und wird dadurch ein ansehnlicher und reicher Landmann werden.
STE|0|2|6|0|Nun seht, aus diesem Beispiel geht klar hervor, dass so jemand in sich einen guten Acker hat und hat dazu des guten Samens in großer Menge, da soll er in der Aussaat nicht sparsam sein. Denn wer reichlich sät, der wird auch reichlich ernten; wer aber sparsam sät, der wird sparsam ernten! Und was braucht es denn dazu? Wenn einmal nur das Erdreich des Ackers gut bearbeitet ist, so mögt ihr auf demselben noch so viel guten Kornes aussäen, und es wird dennoch kein Korn zugrunde gehen in dem guten Erdreich, sondern ein jedes Korn wird seinen reichlichen Halm schießen.
STE|0|2|7|0|Also ist es auch in dieser Sache, was eben durch das Lesen die geistige Aussaat des Wortes betrifft.
STE|0|2|8|0|Zur Bearbeitung des geistigen Bodens braucht der Mensch nicht mehr als die zwei Gebote der Liebe; mit diesen bearbeitet er gar leicht seinen geistigen Acker. Ist dieser bearbeitet, dann kann jeder so viel in desselben Erdreich säen, als er nur immer kann und mag; oder er kann so viel des guten Gegebenen lesen, als er nur irgend desselben sich in gerechter Menge verschaffen kann – die ganze Heilige Schrift und alle auf dieselbe Bezug habenden wahren Erklärungen –, und er wird nichts aus allem dem in sich aufnehmen, was ihm nicht eine reichliche Ernte abgeben sollte.
STE|0|2|9|0|Denn der Unterschied zwischen dem unfruchtbaren und fruchtbaren Lesen besteht in dem:
STE|0|2|10|0|So jemand zum Beispiel sich durch das alleinige Lesen möchte bearbeiten und erwecken, so gleicht dieses Unternehmen gerade dem, als so da jemand möchte auf einem unbearbeiteten Acker, der weder gedüngt noch gepflügt ist, den Samen ausstreuen. Werden da nicht sobald die Vögel aus der Luft kommen und denselben in kurzer Zeit zum großen Teil auffressen? Und wird ein geringer Teil, der unter das Unkraut des Ackers fiel, nicht sobald von selbem erstickt werden, auf dass da am Ende zur Zeit der Ernte auch nicht ein Korn in einen Halm geschossen irgendwo zu erblicken sein wird?
STE|0|2|11|0|Da aber der Sämann oder der Leser keine Ernte seiner Mühe erblickt, wird er da nicht missmutig und verwünscht endlich den Acker und all das gesäte Korn, das ihm zu keiner Ernte ward?!
STE|0|2|12|0|Auf Deutsch gesagt, solche Menschen werden dann ungläubig, fallen von der ganzen guten Sache ab und halten sie am Ende für einen puren Betrug.
STE|0|2|13|0|Aber ganz anders ist es, so da jemand früher durch die wahre Liebe zu Mir und dem Nächsten seinen Geist lebendig oder vielmehr aus Mir heraus frei gemacht hat und hat eben dadurch seinen Acker gehörig gedüngt und gepflügt; der liest dann die Schriften Meiner Gnade und Erbarmung nicht, damit diese ihn zu einem guten Acker erst bearbeiten sollen, sondern er liest sie aus dem Grunde, um Mich, der Ich in ihm den Geist durch seine Liebe zu Mir erweckt habe, fortwährend von Angesicht zu Angesicht mehr und mehr zu beschauen und dadurch auch möglicherweise stets mehr und mehr zu wachsen in der Liebe zu Mir und daraus zum Nächsten.
STE|0|2|14|0|Wird er in diesem Falle nicht jedes Wort von Mir lebendig finden und ewig wahr, so er in sich selbst vorher schon lebendig ist? Ist er aber nicht vorher in sich selbst lebendig, wird da nicht selbst das lebendigste Wort in ihm ertötet werden?
STE|0|2|15|0|Werft Goldstücke in eine stinkende Pfütze, und das grobe schweflige Salz der Pfütze wird die Goldstücke auflösen und sie ebenfalls in den schmutzigen Schlamm verwandeln. Werft aber im Gegenteil unedlere Metalle in eine echte Goldtinktur, so werden sie alle am Ende dem edlen Gold gleich werden.
STE|0|2|16|0|Seht, also ist es auch gerade hier der Fall! Durch das Lesen Meines Wortes wie durch das Anhören desselben kann ein jeder Mensch für sich und seine Brüder einen unermesslichen Gewinn überkommen, wenn er sich selbst zuvor durch die Beobachtung der zwei Gesetze zu einer Goldtinktur umgewandelt hat. Wenn er aber noch eine Pfütze ist, da werden noch so viele in dieselbe geworfene Goldstücke sie (die Pfütze nämlich) sicher nicht zu einer Goldtinktur machen.
STE|0|2|17|0|So heißt es ja auch: „Der da hat, dem wird’s gegeben werden, dass er in der Fülle habe; wer aber nicht hat, der wird auch noch verlieren, was er hat!“ Unter „haben“ wird hier verstanden: im Besitz eines guten, gedüngten und gepflügten Ackers sein oder in sich selbst sein ein vollkommenes Gefäß, voll der echten wahren Goldtinktur, welche da ist ein freier, lebendiger Geist. Unter „nicht haben“ aber wird verstanden: einen Samen auf ein unbearbeitetes Feld streuen, wodurch der Sämann nicht nur keine Ernte zu erwarten hat, sondern er verliert auch den Samen, den er ausgestreut hat; oder es heißt auch: in sich eine grobschwefelsalzhaltige Pfütze sein, welche nicht nur nimmer zu einer Goldtinktur durch das hineingeworfene Gold umgewandelt werden kann, sondern es geht das Gold, das hineingeworfen wurde, noch obendrein rein verloren.
STE|0|2|18|0|Ich meine, das dürfte doch so ziemlich klar sein; oder wer beim Licht dieser Fackel die Wahrheit noch nicht ersieht, der dürfte wohl schwerlich je von seinem Augenstar befreit werden. Da aber, wie schon gesagt, der blinde Mensch des Lichtes nie zu viel hat, so will Ich auch bei der Gabe dieser Sonne noch gegen das Ende das Licht aller Zentralsonnen auf einen Punkt zusammenziehen, damit sich in solchem allerheftigsten Licht umso klarer wird entnehmen lassen, wer da im Ernst ganz vollkommen blind ist! Nächstens darum solcher Nacherinnerungen mehr.
STE|0|3|1|1|Vom klugen und unklugen Bauführer (Matthäus 7, 24–27)
STE|0|3|1|1|Am 22. Dezember 1843, abends
STE|0|3|1|0|Im Neuen Testament lest ihr ein Gleichnis folgenden Inhalts von einem klugen und wieder von einem unklugen Bauführer: Der eine baute sein Haus auf einen Felsen und der andere auf lockeren Sand. Und ein Sturmwind kam, und ein Platzregen fiel. Das Haus auf dem Felsen trotzte beiden; aber das Haus auf dem Sand ward zugrunde gerichtet.
STE|0|3|2|0|Wer dieses Gleichnis nur von fernhin betrachtet, der muss ja auf der Stelle zwei Zentralsonnen auf einen Blick erschauen.
STE|0|3|3|0|Wem gleicht denn wohl der kluge Bauführer? Sicher demjenigen, der sich früher durch die bekannten zwei Gebote vollkommen fest gestellt hat. Und wenn dann die Stürme und die gewaltigen Regen kommen, so können sie dem Bauführer nicht nur nichts anhaben, sondern sie befestigen sogar sein Haus auf dem Felsen; denn die Winde trocknen das Gemäuer des Hauses recht aus und machen es durstig nach einer Befeuchtung. Kommt dann der Regen, so saugt er sich in die trockenen Wände des Hauses ein, löst hier und da an den Fugen die Teilchen auf, diese werden klebrig und verbinden bei öfterer Wiederholung solcher Szene das Gestein des Mauerwerks immer fester und fester miteinander.
STE|0|3|4|0|Naturmäßige Beispiele von dieser Wahrheit findet ihr an jeder alten Burgruine, welche oft Jahrhunderten trotzt; und wenn sie etwa irgend abgerissen werden sollte, da bricht man leichter ein frisches Gestein als ein solches Gemäuer ab. Die Ursache davon ist der Regen, der durch seine auflösende Kraft gewisse Teile des Steines in eine kalkig-klebrige Masse verwandelt und dadurch das ganze Mauerwerk mit der Zeit zu einem Ganzen verbindet.
STE|0|3|5|0|Und seht, also steht es auch mit einem durch die Gesetze der Liebe geweckten Menschen. Er ist ein Gebäude auf einem Felsen. Die Winde, die da kommen und ans Gebäude stoßen und dasselbe trocken und durstig machen, sind die edlen Begierden, stets mehr und mehr den Urheber aller Dinge zu erkennen, um in solcher Erkenntnis in der Liebe zu Ihm wachsen zu können. Der darauffolgende Platzregen sind die Werke, die der Durstige zu lesen bekommt. Gar begierig saugt er diese in sich und wird allzeit danach gewahr, wie durch deren Einfluss die noch leeren, unverbundenen Klüfte in ihm nach und nach ausgefüllt und zu einer Feste gemacht werden. Und je mehr der Platzregen da auf dieses Gebäude niederfällt, desto fester auch wird nach einem jeden Platzregen das Gebäude.
STE|0|3|6|0|Aber von welch ganz anderer Wirkung sind die Winde und Platzregen bei dem Gebäude, das da in der Tiefe auf lockerem Sand auferbaut ward! Wenn da die Winde kommen und stoßen an das locker stehende Gebäude und erschüttern dasselbe und dann das Gewässer kommt, welches der Platzregen verursachte, so ist es mit dem Gebäude auch zu Ende. Denn die Winde zerstoßen das häufig schon geritzte Gemäuer, an dessen Ritzen und Sprüngen der schlechte Grund die Ursache ist; und kommt dann das Gewässer, so reißt es das ganze Gebäude mit leichter Mühe nieder und spült es in irgendeinen nahen Strom des Verderbens.
STE|0|3|7|0|Ich meine, das dürfte doch auch zentralsonnenhaft klar sein! Denn ein Mensch, der von einer geistigen Vorbereitung nicht einmal eine Ahnung hat, muss doch offenbar zugrunde gehen, wenn er aus der Absicht die geistigen Winde und den geistigen Platzregen über sich kommen lässt, damit diese aus ihm ein festes Gebäude oder einen festen, geistig-weisen Menschen machen sollten.
STE|0|3|8|0|Gebt einem entweder ganzen oder doch wenigstens halben Weltmenschen die Bibel in die Hand und sagt zu ihm: „Freund! Da lese fleißig darin, und du wirst das finden, was dir abgeht, einen verborgenen Schatz, nach dem du immer fragst, bestehend aus Gold, Silber und Edelsteinen, welcher ist ein vollkommenes Leben deiner Seele“, – und dieser Freund wird auf dieses Anraten sich gleich irgendeiner Bibel bemächtigen und wird sie mit großer Aufmerksamkeit lesen.
STE|0|3|9|0|Aber je begieriger und je aufmerksamer er dieses Werk lesen wird, auf desto mehr äußere Widersprüche wird er auch stoßen und wird bald zu seinem Freund sagen: „Freund, ich habe nun das von dir angeratene Buch wenigstens schon sechs- bis siebenmal durchgelesen; aber je öfter und je aufmerksamer ich es durchlese, auf desto mehr Widersprüche und Unsinn komme ich auch. Was soll es mit all diesem bunten Firlefanz, was mit diesen mysteriösen Prophetien, die gerade so viel Zusammenhang zu haben scheinen wie der Chimborasso in Amerika mit dem Himalajagebirge in Asien?
STE|0|3|10|0|Dass diese zwei Berge sicher auf einer und derselben Erde stehen, das ist klar; also stehen auch ähnliche Prophetien in einem und demselben Buch, das ist auch klar. Aber wie solche prophetischen Stellen sinnreich zusammenhängen, oder wie allenfalls der Chimborasso durch den ganzen Mittelpunkt der Erde mit dem Himalajagebirge in Asien zusammenhängt, solches zu ermitteln wird schwerlich einem irdischen Naturforscher gelingen, solange er noch das Feuer fürchtet und für seinen mäßigen Durst am großen Gewässer des Meeres einen zu mächtigen Löschapparat findet.
STE|0|3|11|0|Ich kann dir sagen, mein lieber Freund und Bruder, als ich dieses Buch das erste Mal durchgelesen habe, da kam es mir im Ernst vor, als hätte es irgendeinen verborgenen weisen Sinn; aber je öfter und je kritischer aufmerksam ich es darauf wieder durchlas, desto mehr überzeugte ich mich auch, dass dieses ganze Buch nichts anderes ist als eine allerreichhaltigste Schatzkammer des allerkrassesten Unsinns. Denn abgerechnet einige praktikable alte Wahrheitssprüche, drängt ein Unsinn den anderen, und die alleinigen wenigen Sprüche, welche geradewegs wohl auch nicht das reinste Gold sind, abgerechnet, ist dieses ganze Buch ganz dazu geeignet, der Dummheit der Menschen seiner mystischen Form wegen noch einen jahrhundertelangen Unterhalt zu verschaffen.“
STE|0|3|12|0|Aus diesem Raisonnement [Gedankengang] könnt ihr hinreichend entnehmen, was die Winde und dieser Platzregen aus der Bibel bei unserem weltlichen Sandgebäude für einen Effekt gemacht haben. Ist ein solcher Mensch von einem Sandgebäude aber einmal also zerstört, dann sammle ihn zusammen, wer ihn will; denn Ich und alle Meine Engel finden eine solche Arbeit als eine der allerschwierigsten, und es ist leichter, zehntausend Menschen von allen Gassen und Straßen zum großen Gastmahl des Lebens hereinzubekommen, als einen einzigen solchen Menschen, der mit der Lesung der Bibel auf einen Ochsenkauf ausging.
STE|0|3|13|0|Wie es sich aber mit der Lesung der Bibel verhält, geradeso verhält es sich mit der Lesung aller ihrer inneren, geistigen Exegesen. Denn da wird ein jeder sagen: Wenn das ihr Sinn ist, warum ist sie denn nicht so abgefasst?
STE|0|3|14|0|Und gebt ihr ihm den Grund ihrer bildlichen Form auch noch so klar an, so wird er euch dafür nur ins Gesicht lachen und wird sagen: „Nach der Tat lässt sich leicht prophezeien! Denn jeder Unsinn lässt sich drehen und wenden wie ein Teig, und man kann aus ihm formen, was man will; denn das Chaos sei der Grund aller Dinge, aus ihm lässt sich mit der Zeit alles formen. Aber warum nicht eine Prophezeiung so geben, wie sie tatsächlich geschieht? Der Grund ist, weil man das im Voraus nicht wissen kann; daher gibt man einen mystischen Unsinn, aus dem sich dann jede Tat formen lässt, die in der Zukunft erfolgt.“
STE|0|3|15|0|Das ist dann auch das Endurteil, welches durch keine Zentralsonnenmacht mehr wohl erleuchtet aufgehoben werden kann. Ich meine, das wird auch klar sein; aber dessen ungeachtet wollen wir noch mehrere Zentralsonnen zusammenbringen. Nächstens darum wieder eine Zentralsonne mehr!
STE|0|4|1|1|Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich. (Johannes 14, 6)
STE|0|4|1|1|Am 27. Dezember 1843, abends
STE|0|4|1|0|Wird es wohl schwer sein, noch eine Zentralsonne hierher zu zitieren? O nein, nicht im Geringsten! Denn wir dürfen nur einen jeden nächsten besten Text aus dem Buch des Neuen Testaments hierhersetzen, und eine neue Zentralsonne ist vor euch mit demselben Urlicht und mit derselben Kraft und Wirkung desselben. Zum Beispiel: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch Mich.“
STE|0|4|2|0|Seht, da haben wir gleich wieder eine Zentralsonne! Wer deren Licht in sich erschauen kann, der wird in solcher Beleuchtung sicher einsehen, dass durch das absolute Lesen so viel als wie nichts ausgerichtet ist zum Gewinn des ewigen Lebens.
STE|0|4|3|0|Der Vater ist doch sicher die ewige Liebe in Mir, wie Ich in allem Meinem göttlichen Wesen von Ewigkeit her vollkommen in ihr bin. Denn Ich und der Vater sind Eins, oder Ich und Meine ewige Liebe sind Eins, oder wie die Liebe in ihrer Weisheit lebendig wohnt ewiglich, also wohnt auch die Weisheit in der Liebe, aus der sie hervorgeht, ewiglich.
STE|0|4|4|0|Der Vater oder die Liebe ist das Grundleben alles Lebens; wer nicht zu diesem lebendigen Urborn alles Lebens zurückkommt, der bleibt tot und kann nirgends woanders ein Leben überkommen.
STE|0|4|5|0|Wo aber ist die Tür zum Vater? Und wer ist diese Tür? Sind es die vielen Bücher und Schriften, die jemand liest, oder bin Ich es?
STE|0|4|6|0|Ja, man wird hier bessererseits wohl gleich einstimmen und wird sagen: „Ja fürwahr, wenn man die Lehre Christi genau durchprüft, so kann man nicht leichtlich einer anderen Meinung sein als allein der nur, dass man nur allein durch die Befolgung dieser Lehre ein ewiges Leben für Geist und Seele erreichen kann. Und in dieser Hinsicht sei ganz richtig, was Christus von Sich ausgesagt hat, dass nämlich Er allein der Weg, die Wahrheit und zugleich das Leben Selbst ist.“
STE|0|4|7|0|Und Ich aber sage euch fürwahr: Es gibt Tausende und abermals Tausende, die ein solches Bekenntnis ablegen, und das aus dem Grunde ihrer guten Einsicht; und dennoch sage Ich: Sie sind tot und haben weder den Weg, die Wahrheit, noch die Tür und das Leben gefunden!
STE|0|4|8|0|Man wird hier sagen: „Dies klingt grob und schonungslos! Wie lässt sich so etwas von der allerhöchsten Liebe Gottes hören? Was kann der Mensch mehr tun, als durch den Fleiß seines Studiums zur vollkommenen Einsicht von der großen Wahrheit und Göttlichkeit des großen Lehrmeisters zu gelangen? Was Höheres kann der Mensch wohl tun, als so er die wahre, höchste, heilige Würde des göttlichen Wortes evident zu erkennen strebt und durch seinen Fleiß auch wirklich erkennt?“
STE|0|4|9|0|Ich aber sage: Das ist einerseits wohl wahr; es ist sicher besser, so etwas zu tun, als alles zu verwerfen und dann dem Hochmut der Welt zu frönen. Aber in der Schrift heißt es auch: „Es werden zu der Zeit viele zu Mir sagen: Herr, Herr!“, und dagegen heißt es dann, dass Ich zu ihnen sagen werde: „Weichet von Mir; denn Ich habe euch noch nie erkannt!“
STE|0|4|10|0|Das ist der Grund der euch sicher bekannten Stelle im Neuen Testament. Unter dem Spruch „Herr, Herr!“ wird dargetan, dass Christus wohl als der Weg, die Wahrheit und das Leben erkannt wird. Aber was nützt diese Erkenntnis, so niemand auf dem Weg wandeln will und mag nicht tätig ergreifen die Wahrheit, um durch sie zu gelangen zum Leben?
STE|0|4|11|0|Ein Schauspieler bin Ich doch wohl sicher nicht, dass Ich Mich begnügen möchte allein an dem leeren Beifallsgeklatsche, sondern Meine Sache ist voll des ewigen Ernstes, und Ich verlange daher auch eine ernste Tätigkeit und nicht den leeren alleinigen Beifall!
STE|0|4|12|0|Was würde wohl ein reicher Bräutigam für ein Gesicht machen, wenn ihm verschiedene Bräute allen Beifall bezeugen möchten und möchten ihn loben und rühmen; so er aber eine oder die andere ergreifen möchte, so liefe sie dann davon und möchte noch in ihrem Herzen obendrauf schmähen über eine solche Dreistigkeit?
STE|0|4|13|0|Sagt, wird der Bräutigam wohl eine von solchen törichten Bräuten zum Weib nehmen? Fürwahr, er wird hinausgehen und sich nach einer Hure umsehen und wird zu ihr sagen: „Ich kenne dich, dass du eine Hure bist; aber ich sage dir: Lass ab von deinem Getriebe, und ich will dich zum Weib nehmen!“
STE|0|4|14|0|Und die Hure wird ablassen, von ihrer wahren, neu erwachten Liebe genötigt, und dem Bräutigam zu einem viel geliebten Weib werden – und wird gleichen einer Magdalena, die ehedem unter allen Weibern Israels die Letzte war; als sie aber der rechte Bräutigam rief, da ward sie die Erste unter allen Weibern, die mit dem Bräutigam Selbst die große Auferstehung zum ewigen Leben feierte.
STE|0|4|15|0|Fürwahr, ihre Sache war nicht das Lesen der Bücher; aber als sie den Rechten erkannt hatte, da stand sie sobald ab von ihrem Weltgetriebe und fasste eine starke, unvertilgbare Liebe zu Dem, den sie als den Rechten erkannt hatte, und brachte Ihm ihrer großen Liebe wegen alles zum Opfer, was sie auf dieser Welt hatte.
STE|0|4|16|0|Seht, für eine solche Braut war Ich in der wirklichen lebendigen Tätigkeit der Weg, die Wahrheit und das Leben!
STE|0|4|17|0|Es gab aber gar viele andere zu der Zeit, die Mich auch als das erkannt hatten, aber von der Tätigkeit wollten sie nichts wissen; daher gehört für sie auch der Text: „Also werden die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein!“
STE|0|4|18|0|Ist denn aber der Weg, die Wahrheit und das Leben in der Tat im Ernst so schwer? Heißt es nicht: „Mein Joch ist sanft und Meine Bürde leicht!“? – Ja fürwahr, also ist es auch! Der ganze Weg, die Wahrheit und das Leben und das sanfte Joch und die leichte Bürde stecken in den zwei Geboten der Liebe.
STE|0|4|19|0|Ist es denn gar so schwer, Den zu lieben, der die ewige Liebe Selbst ist? Und ist es wohl schwer, zu lieben den eigenen Bruder? O fürwahr, nichts ist leichter als das! Nehmt nur die Welt, diese alte Pest des Geistes, aus eurer Brust, und ihr werdet erfahren, wie süß und leicht es ist, zu lieben die ewige Liebe und zu lieben den Bruder!
STE|0|4|20|0|Aber schwer freilich wohl ist es, zu lieben die ewige Liebe und den Bruder, wenn das Herz voll ist der Welt, voll der Weltrechnungen, voll des Geldes, voll der Spekulation und voll der höllischen Mathematik, die da auf ein Haar zu berechnen versteht, was ein Groschen auf dem Weg des Wuchers in einem Jahr für Prozente abwerfen muss.
STE|0|4|21|0|Ja fürwahr, wo das Herz dieser Kunst voll ist, da wird der „Herr, Herr“ nicht viel helfen, und der Weg, die Wahrheit und das Leben wird so schmal und dornig ausfallen, dass er wohl schwerlich je wird überwandelt werden können.
STE|0|4|22|0|Was nützt da das Lesen von tausend und tausend noch so wahrheitsvollen Büchern? Werden sie jemanden zum Leben erwecken, der tagtäglich besorgt ist, sein Herz stets mehr und mehr von Tag zu Tag mit allem Unrat der Welt vollzustopfen?
STE|0|4|23|0|Sagt, wird jemand von euch mit einer Bildsäule Kinder zeugen können? Oder wird ein noch so künstlich gemaltes Samenkorn aufgehen, so ihr es in das Erdreich setzt? Sicher weder das eine noch das andere! Das Lebendige kann nur mit dem Lebendigen wieder Lebendiges zeugen, also kann auch das lebendige Wort nur im lebendigen Herzen wieder Früchte bringen.
STE|0|4|24|0|Für den geistig Toten aber ist auch das lebendige Wort nichts als ein gemalter Same und er mag zahllose solche Körner in sich streuen, so wird er aber dennoch nie eine Frucht erzielen; weil er das Wort nicht belebt, so wird das Wort auch nicht lebendig in ihm.
STE|0|4|25|0|Der aber nur weniges hört und tut danach, der ist ein Täter des Wortes und sucht das Reich Gottes wahrhaftig, und alles andere wird ihm hinzugegeben. Ich meine, das ist auch klar; doch nächstens der Zentralsonnen mehr!
STE|0|5|1|1|„Mich dürstet!“ – „Es ist vollbracht!“ (Johannes 19, 28–30)
STE|0|5|1|1|Am 28. Dezember 1843, abends
STE|0|5|1|0|Damit ihr aber nicht etwa am Ende sagen möchtet, als sei nicht ein jeder Text eine völlige Zentralsonne, sondern nur ein solcher etwa, den Ich Selbst hierhersetze, so wählt euch denn selbst einen Text, wie ihr ihn nur immer wollt, und wir werden dann sehen, ob er nicht ganz einen und denselben Hauptgrund als eine solche Zentralsonne vor den Augen des Geistes allerhellst erleuchtet. Und also tut solches!
STE|0|5|2|0|Ihr habt die beiden kleinen Texte genommen: „Mich dürstet!“ und „Es ist vollbracht!“.
STE|0|5|3|0|Bevor wir aber zu der klaren Beleuchtung übergehen, muss Ich euch schon die Versicherung geben, dass Ich euch die Wahl vollkommen freigelassen habe, denn sonst könntet ihr am Ende sagen, als hätte Ich euch gerade das eingegeben, was Ich brauchen kann. Und nun erst gehen wir zur Hauptsache über.
STE|0|5|4|0|„Mich dürstet!“ Wonach? Nach der Liebe, die die Welt nicht hat; darum sie Mir auch nur Essig und Galle zur Stillung Meines Durstes statt des belebenden Wassers reichte und noch bis jetzt fortan immer reicht.
STE|0|5|5|0|„Mich dürstet!“ Wonach? Nach dem Leben, das Ich ursprünglich von Ewigkeit Selbst bin, und das Ich in so reichlicher Fülle von Urbeginn an an ewig zahllose Wesen verschwendet habe!
STE|0|5|6|0|Also nach diesem Leben dürstet Mich! Endlos vielfach ist dieses Leben in den Tod übergegangen. Ich kam, um es dem Tode zu entreißen. Darum dürstete Mich gar sehr im Moment der großen Erlösung nach diesem verschwendeten Leben; aber der Tod hatte so sehr überhandgenommen, dass ihn das ewig lebendige Blut der Liebe nicht zu erwecken vermochte!
STE|0|5|7|0|Als Ich verlangte zu trinken das Leben, so gab man Mir aber dennoch nicht das Leben, sondern man gab Mir zu trinken den Tod! Essig und Galle war der Trank; Essig als das Symbol des Zusammenziehenden und Verhärtenden und die Galle als das Symbol des Hasses, Zornes und Grimmes.
STE|0|5|8|0|Dieses Bild ist klar und deutlich dargestellt, und wir wollen sehen, wie es fürderhin für unsere Sache taugt.
STE|0|5|9|0|Seht, also rufe Ich zu aller Welt, wie zu euch, fortwährend: „Mich dürstet!“, oder was eines und dasselbe ist: Liebt Mich, gebt Mir zu trinken eure Liebe! Liebt Gott über alles und euren Nächsten wie euch selbst! Das ist das Wasser des Lebens, danach Mich in euch dürstet.
STE|0|5|10|0|Frage: Reicht ihr Mir wohl dieses Wasser? Oder reicht ihr Mir nicht vielmehr auch ebenfalls Essig und Galle?
STE|0|5|11|0|Das wenige, das Ich von euch verlange, ist nichts als die Liebe und die Tat danach. Wenn ihr aber anstatt der wahren, lebendigen Liebetat nur lest und dabei nichts tut, außer was eurem Weltsinne so oder so zusagt – Frage: Ist das nicht Essig mit Galle, das ihr Mir an der Stelle des lebendigen Wassers reicht? Ja, Ich sage euch: Je mehr ihr zusammenlest und dabei aber nichts tut, als was euch nach eurem Sinne weltlich erfreut, desto saurer wird der Essig und desto bitterer die Galle.
STE|0|5|12|0|Es heißt dann freilich: „Es ist vollbracht!“ Aber was? Mein eigener Kampf um euch; denn mehr kann Ich nicht tun, als euer Schöpfer, Gott und Herr und das ewige Leben Selbst, als euren Tod auf Mich nehmen!
STE|0|5|13|0|Dass aber Ich nicht getötet werden kann in Meinem ewigen Geist, das braucht keine weitere Erklärung. Nur den Kampf für euer Leben kann Ich bis zur endlos höchsten Stufe treiben. Aber da ihr selbst endlich seid, so muss auch dieser Kampf irgendein möglich höchstes Ziel haben. Ist dieses Ziel erreicht, dann ist der Kampf vollbracht, von Mir aus betrachtet – aber nichtsdestoweniger etwa auch bei euch, die ihr Mir, dem vollbringenden Kämpfer um euer Leben, aus lauter Dankbarkeit statt des lebendigen Liebewassers nur Essig mit Galle reicht.
STE|0|5|14|0|Es ist freilich vollbracht; aber nicht für euch, sondern leider nur für Mich Selbst, oder: Ich habe für euch alles getan, was nur immer in der göttlichen Möglichkeit steht. Darum ist Mein Werk um euch vollbracht. Aber tut auch ihr danach, dass dieses Werk in euch vollbracht wäre?
STE|0|5|15|0|O ja – ihr lest fleißig, ihr schreibt auch fleißig, ihr besprecht euch auch gern von Mir. Aber wenn Ich sage: „Widmet Mir an der Stelle eurer gewissen Weltgedanken und an der Stelle eurer so manchen Welterheiterungen nur eine volle Stunde im Tag; heiligt sie dazu, dass ihr euch in derselben mit nichts als nur mit Mir in eurem Herzen abgebt!“, – oh, da werdet ihr hundert Anstände für einen finden, und hundert weltliche Gedanken werden sich um einen einzigen schwachen geistigen wie ein Wirbelwind drehen!
STE|0|5|16|0|Allerlei weltliche Rücksichten werdet ihr da zum Vorschein bringen; und wenn sich auch jemand für eine solche Stunde entschließen möchte, so wird er sich sicher nicht zu sehr freuen auf dieselbe, sondern vielmehr eine kleine unbehagliche Scheu vor derselben haben und wird dabei fleißig die Minuten auf dem Zifferblatt seiner Uhr zählen und nicht selten mit Ungeduld auf das Finale des Mir geweihten Stündleins harren.
STE|0|5|17|0|Und käme da nur irgendein unbedeutendes Weltgeschäftlein dazwischen, so wird das Stündlein entweder gar kassiert oder wenigstens in eine solche Periode des Tages versetzt, in welcher sich schon gewöhnlich der wohltätige Schlaf über die Sterblichen senkt, und in welcher, besonders beim weiblichen Geschlecht, keine angenehmen Besuche mehr zu erwarten und keine nervenstärkenden Promenaden mehr zu unternehmen sind.
STE|0|5|18|0|Seht, das ist alles Essig und Galle! Und es ist in euch dadurch nicht vollbracht, wenn Ich zufolge Meiner unendlichen Liebe alles Erdenkliche tue, um euch auf den rechten Weg des Lebens zu bringen. Denn zur Vollbringung in euch ist nötig, dass ein jeder sich selbst verleugne aus wahrer Liebe zu Mir, sein Kreuz auf sich nehme und Mir treulich nachfolge.
STE|0|5|19|0|Wer aber tut das? Das weibliche Geschlecht kann wohl, wenn es gut geht, den ganzen Tag für den Leib stechen und heften und kann sich putzen und nicht selten über die Maßen freuen auf irgendeinen Besuch; aber wenn Ich dazu sagen möchte: „Bleibt in eurem Kämmerlein, und gedenkt in eurem Herzen Mein!“, da werden sie traurig, lassen ihre Gesichter hübsch weit herabhängen und sagen: „Aber auf der Welt haben wir doch nichts Gutes!“
STE|0|5|20|0|Frage: Ist das nicht Essig und Galle, wie sich’s gehört? Oder halten solche weiblichen Menschen in ihrem Herzen nicht eine noch so nichtssagende Welterheiterung höher denn Mich? Haben solche Menschen auch in sich vollbracht, wie Ich am Kreuze für sie den großen Kampf vollbracht habe?
STE|0|5|21|0|Gebt ihnen angenehme Bücherchen mit allerlei Histörchen, die Meinetwegen auf Mich Bezug haben sollen; sie werden sie recht gern lesen, besonders wenn darin dann und wann von einer romantischen Heirat die Rede ist oder es kommen darin wunderbare Märchen vor. Gebt ihnen aber nur ein etwas ernster abgefasstes Büchlein, da werden sie gerade mit einem solchen Appetit lesen, als mit welchem da frisst ein an gute Speisen gewöhnter Hund eine ihm dargereichte dürre Brotkrume, die er höchstens anschnüffelt, sie aber dann bald mit gesenktem Schweif und [hängenden] Ohren verlässt.
STE|0|5|22|0|Da aber das Tun doch immer noch etwas Ernsteres ist als das alleinige Lesen selbst des ernstesten Buches, so erklärt sich die Sache von selbst, mit welcher Schwierigkeit da das Tun wird zu kämpfen haben.
STE|0|5|23|0|Es gibt viele, die eine gute Musik gern von Künstlern hören; aber wie wenige darunter wollen sich dahin selbstverleugnen, um durch ein angestrengtes Studium selbst Künstler zu werden.
STE|0|5|24|0|Es ist leicht das Hören und nicht schwer das Lesen und ebenso leicht das Zuschauen; aber das Selbsttun ist für jedermann von keinem großen Reiz. Was nützt aber jemandem das Wissen und Nicht-Tun-danach?
STE|0|5|25|0|Seht, das alles ist Essig mit Galle und bringt das Vollbringen nicht zuwege. In Mir wohl, indem Ich jedermann alles Erdenkliche dazu gebe; aber nicht in dem Menschen, der das nicht also und dazu benützen will, wie und warum Ich es ihm gebe.
STE|0|5|26|0|Daher seid nicht eitle Hörer, sondern Täter des Wortes! Denn nur als Täter löscht ihr Meinen Durst mit dem lebendigen Liebewasser, sonst aber reicht ihr Mir allzeit Essig und Galle.
STE|0|5|27|0|Ich meine, das wird auch klar sein; aber nächstens dennoch der Zentralsonnen mehr!
STE|0|6|1|1|„Und da sie Ihn sahen, beteten sie Ihn an; einige aber zweifelten.“ (Matthäus 28, 17)
STE|0|6|1|1|Am 29. Dezember 1843, abends
STE|0|6|1|0|Auch hier habt ihr wieder die freie Wahl eines Textes; wählt daher, und wir wollen sehen, ob er auch als Zentralsonne für diese unsere vorliegende Sache taugt.
STE|0|6|2|0|„Und da sie Ihn sahen, beteten sie Ihn an; einige aber zweifelten.“
STE|0|6|3|0|Ihr habt diesen Text bestimmt und habt damit auch schon wieder den Nagel auf den Kopf getroffen. Fürwahr, es könnte dieser Text für eine Hauptzentralsonne angesehen werden!
STE|0|6|4|0|„Als sie Ihn sahen, beteten sie Ihn an.“ Wen sahen sie denn? Womit sahen sie Ihn, und wie beteten sie Ihn an?
STE|0|6|5|0|Sie sahen Mich, den Herrn. Womit denn? Mit ihren Augen. Und wie beteten sie Mich an? Mit ihrem Mund. Warum beteten sie Mich denn an? Weil sie [durch] das Wunder wussten, wer Ich bin; sie wussten nämlich, dass Ich der Herr bin. Woher wussten sie aber das? Sie wussten das durch Meine Lehre, durch Meine Taten, und durch das Wunder Meiner Auferstehung.
STE|0|6|6|0|Nun wollen wir sehen, ob ihr nicht desgleichen tut!
STE|0|6|7|0|Ihr seht Mich zwar nicht mit euren Augen, aber desto mehr seht ihr Mich mit euren Ohren und mit den Augen der Seele, welche da sind euer gutes Verständnis. Denn das Sehen mit den Augen ist wohl das wenigste, weil die Bilder, die in dasselbe fallen, sehr flüchtig sind und keinen Bestand nehmen. Das alte Sprichwort ist richtig: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“
STE|0|6|8|0|Aber was ihr wahrnehmt mit den Ohren, ist schon bleibender; denn ein vernommenes Wort könnt ihr zu jeder Zeit so getreu wiedergeben, wie ihr es vernommen habt. Aber versucht dasselbe auch mit einem geschauten Objekt. Selbst einem sehr gewandten Bildner oder Maler wird es nicht leichtlich gelingen, ein geschautes Objekt so getreu wiederzugeben, als wie er es geschaut hat.
STE|0|6|9|0|Aber Objekte, Bilder und Begriffe, die das Ohr aufgenommen hat, bleiben haften, und das überaus getreu; und dieser Treue zufolge könnt ihr reden, und das in verschiedenen Zungen, und könnt das einmal Gehörte oder Gelesene, ja selbst das Geschaute getreu wiedergeben, wie ihr es gehört, gelesen und geschaut habt, und das nach längeren Zeiträumen noch ohne die geringste Verwischung des Eindruckes – während ihr zufolge eures Augenlichtes nicht einmal ein vor euch liegendes Bild also getreu nachzuzeichnen imstande seid, wie ihr es erschaut.
STE|0|6|10|0|Daraus aber geht doch klar hervor, dass das Schauen mit dem Ohr ums Unvergleichliche höher steht als das Schauen mit dem Auge. Also steht das auch viel höher, den Ton eines Wortes verständlich zu hören, als die äußere Form eines Bildes zu beschauen.
STE|0|6|11|0|Ein Blinder kann gar wohl ein Weiser sein, aber ein Stummer wird es nicht leichtlich dahin bringen. Denn die Stummheit ist die gewöhnliche Folge der Taubheit. Und dennoch haben die Stummen gewöhnlich ein viel schärferes Auge, als die da hören und darum nicht stumm sind.
STE|0|6|12|0|Aus dem geht wieder hervor, dass das Schauen mit dem Ohr bei weitem höher steht als das Schauen mit dem Auge. Das Schauen mit dem Auge kann jemanden wohl entzücken und überraschen, besonders wenn Objekte von großer Seltenheit zum Vorschein kommen; aber die Lehre nimmt nur das Ohr auf.
STE|0|6|13|0|Aus dem geht also wieder hervor, dass es besser ist zu hören, als zu sehen. Denn was durch das Gehör eingeht, das erleuchtet und ordnet den Verstand; was aber durch das Auge eingeht, das verwirrt denselben nicht selten gar gewaltig.
STE|0|6|14|0|Wenn zum Beispiel das weibliche Geschlecht nur von fernher von einer neuen Modekleidertracht etwas hören würde, aber davon nie etwas zu Gesicht bekäme, da bliebe ihr Sinn geordnet, und es ließe sich nicht leichtlich ein Frauenzimmer eine neue törichte Mode auf den Leib hängen. Wenn sie aber dazu Bilder zu Gesicht bekommt, so verwirren diese den guten, einfachen Sinn und machen aus dem Weib gar bald eine eitel törichte Putzdocke, die Mir ärgerlicher ist als zehntausend Tollhäusler.
STE|0|6|15|0|Aus dem geht wieder hervor, um wie vieles in jeder Hinsicht das Hören besser ist als das Sehen.
STE|0|6|16|0|Also aber seht ihr Mich auch täglich, und das durch das Ohr eurer Seele, welches ist euer besseres Verständnis; und weil ihr Mich also seht, wie Ich auch bei euch auferstehe, so erkennt ihr Mich gar wohl und betet Mich auch an, und das mit eurem Verständnis und danach auch mit eurem Mund.
STE|0|6|17|0|Nun aber frage Ich: War das von Seiten derjenigen, die Mich da nach der Auferstehung sahen und anbeteten, auch schon genug, um dadurch das ewige Leben zu überkommen?
STE|0|6|18|0|Die drei Fragen, welche der Petrus von Mir empfing, ob er Mich liebe, zeigen mehr als hinreichend, dass das alleinige Sehen und das Anbeten danach noch nicht genügt, einzunehmen Mein Reich und das ewige Leben mit ihm – so wie es nicht genügt, allein zu sagen: „Herr! Herr!“
STE|0|6|19|0|Geradeso aber schaut auch ihr Mich, so ihr Mein Wort lest, und betet Mich auch an durch das Verständnis und durch die Aufmerksamkeit, mit welcher ihr Mein Wort lest. Also könnt auch ihr sagen: „Wir sehen Dich und beten Dich an!“
STE|0|6|20|0|Aber Ich erscheine noch einmal und frage euch Petrusse nicht nur dreimal, sondern zu öfteren Malen: „Liebt ihr Mich?“ – Da sagt euer Mund: „Ja!“ – Aber wenn Ich so recht genau in euer Herz blicke, da erschaue Ich dasselbe gar nicht selten wie einen dunstigen Herbsttag, in allerlei Weltnebel verhüllt, und Ich mag dann vor lauter Nebeln nicht erschauen, ob dieses Ja wohl im Ernst im Grunde eurer Herzen geschrieben steht mit glühender Schrift. Es mag ja sein, dass es darinnen geschrieben ist; aber warum so viele Nebel, die das Herz nicht selten so sehr verdüstern, dass man diese lebendige Inschrift der Liebe zu Mir nicht wohl ausnehmen kann?!
STE|0|6|21|0|Weg also mit diesen Nebeln! Weg mit der alleinigen Anschauung und Anbetung, damit diese Inschrift, welche ein Werk der Tätigkeit nach dem Wort ist, vollends lebendig ersichtlich wird – und Ich Selbst am Ende zufolge des stets heller werdenden Lichtes dieser geheiligten lebendigen Inschrift in eurem Herzen!
STE|0|6|22|0|Was nützt sonach das viele Lesen und Verstehen, wenn die Tat ausbleibt? Was nützt Sehen und Anbeten, aber sich dabei fortwährend fragen lassen: „Petrus, liebst du Mich?“
STE|0|6|23|0|Magdalena sah Mich auch; aber Ich fragte sie nicht: „Magdalena, liebst du Mich?“ Ich musste sie vor lauter Liebe nur abhalten; denn nur gar zu mächtig erwachte sofort beim ersten Anblick ihre Liebe zu Mir. – „Rühre Mich nicht an!“, musste Ich zu ihr sagen, deren Herz beim ersten Anblick in den hellsten Flammen aufloderte.
STE|0|6|24|0|Aber zum Thomas musste Ich sagen: „Lege deine Hände in Meine Wundmale!“, und den Petrus musste Ich fragen, ob er Mich liebe. Da wäre das „Rühre Mich nicht an!“ nicht wohl angewendet gewesen; denn weder im Petrus und noch weniger im Thomas pochte ein Herz Magdalenens Mir entgegen.
STE|0|6|25|0|Also brauche Ich auch zu euch nicht zu sagen: „Rührt Mich nicht an!“, sondern Ich sage euch mehr noch wie zu einem Thomas: „Legt gleichsam nicht nur eure Hände in Meine Wundmale, sondern legt eure Augen, Ohren, Hände und Füße in alle Meine Schöpfung, in alle Meine Himmel und in alle Meine euch enthüllten Wunder des ewigen Lebens, und glaubt dann, dass Ich es bin, der euch solches gibt; und verlange darum nichts, als dass ihr Mich liebt!“
STE|0|6|26|0|Aber da sehe Ich denn immer noch den Petrus am Ufer des Meeres in euch, der sich fortwährend fragen lässt: „Petrus, liebst du Mich?“ Denn Petrusse seid ihr wohl in eurem Glauben, aber noch lange keine Magdalena und kein Johannes, den Ich auch nicht fragte, ob er Mich liebe; denn Ich wusste wohl, warum er Mir folgte, wenn Ich auch zu ihm nicht sagte wie zum Petrus: „Folge Mir!“
STE|0|6|27|0|Petrus folgte Mir, weil Ich ihn Mir folgen hieß; Johannes aber folgte Mir, weil ihn sein Herz dazu trieb. Was wohl dürfte hier besser sein?
STE|0|6|28|0|Petrus ward eifersüchtig auf den Johannes, weil er ihn für geringer achtete als sich selbst; Johannes aber ward von Mir verteidigt, und ihm ward auch in demselben Moment das Bleiben zugesichert, und das ist mehr als das „Folge Mir!“. Denn besser ist, zu dem Ich sage: „Bleibe, wie du bist!“, als dass Ich ihm gebiete, Mir zu folgen.
STE|0|6|29|0|Also ist auch die wahre, tätige Liebe besser als Glauben, Schauen und Anbeten und besser als von Mir viel lesen, aber wenig lieben!
STE|0|6|30|0|Ich meine, das wird auch wieder klar sein; aber darum dennoch der Zentralsonnen mehr!
STE|0|7|1|1|„Dieser ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.“ (Lukas 23, 52)
STE|0|7|1|1|Am 2. Januar 1844, abends
STE|0|7|1|0|Wieder sei euch auch hier die freie Wahl gelassen, eine solche Zentralsonne aus dem Buch des Lebens zu zitieren; und also wählt einen Text!
STE|0|7|2|0|„Dieser ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.“
STE|0|7|3|0|Ihr hättet den Text; aber Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr gerade solche Texte wählt, die schnurgerade auf unsere Sache passen.
STE|0|7|4|0|Joseph von Arimathäa ging hin zum Pilatus und bat um des Herrn Leichnam, der ihm vom Pilato auch gegeben ward.
STE|0|7|5|0|Dieser Joseph von Arimathäa war ein Freund des Nikodemus und tat solches mehr im guten Namen seines Freundes als in seinem eigenen. Denn Nikodemus war ein großer, geheimer Verehrer Christi, aber er getraute sich aus einer gewissen Furcht vor den Hohenpriestern und Pharisäern etwas solches nicht ganz offenbar zu unternehmen; daher übertrug er es seinem Freund, der ebenfalls auch ein großer Freund Christi war, aber ganz im Geheimen. Dieses kurze Prognostikon ist notwendig, damit man das Folgende klarer fasse.
STE|0|7|6|0|Wie passt denn aber demnach dieser Text und überhaupt diese kleine Begebenheit auf unsere Sache?
STE|0|7|7|0|Stellt euch unter „Nikodemus“ die verborgene Liebe zum Herrn vor; unter „Joseph von Arimathäa“ aber stellt euch den Glauben an den Herrn vor.
STE|0|7|8|0|Das ist derselben Handlanger. Also war auch Joseph von Arimathäa hier ein Handlanger des den Herrn geheim liebenden Nikodemus.
STE|0|7|9|0|Was verlangte aber der Glaube vom Pilatus? Er verlangte den Leichnam des Herrn, wickelte denselben, als er ihn vom Kreuz genommen, in weiße Leinen, nachdem er den Leichnam zuvor mit köstlicher Spezerei gesalbt hatte, und legte ihn dann in ein frisches Felsengrab im eigenen Garten, in welchem Grab noch nie jemand gelegen.
STE|0|7|10|0|Was bezeichnet wohl solches alles? Das alles bezeichnet die Wissbegierde des Glaubens in ihrer Befriedigung. Diese an und für sich edle Wissbegierde sucht alles Erdenkliche auf, um in dem eine lebendige Befriedigung zu finden.
STE|0|7|11|0|Zum Pilatus geht sie und erbittet sich die Erlaubnis; das heißt so viel als: Solche Wissbegierde geht zur Welt und sucht in derselben alles Mögliche auf, was ihr zur Bestätigung der Wahrheit dienen könnte.
STE|0|7|12|0|Hat sie von der Welt alles empfangen, was sie suchte, dann wendet sie sich zu dem Gekreuzigten. Aber wie? Sie sucht da alle Worte und Erklärungen ins helle Licht zu stellen, alsonach zu befreien von den geheimnisvollen scheinbaren Widersprüchen, welche in der Heiligen Schrift vorkommen.
STE|0|7|13|0|Dieses gelingt ihr auch; sie hat den Leichnam richtig von dem Kreuz, das in seiner Gestalt eben einen Widerspruch darstellt, befreit. Aber was hat sie, diese edle Wissbegierde nämlich, nun vor sich? Seht, einen toten Leichnam, in dem nun kein Leben ist!
STE|0|7|14|0|Diese edle Wissbegierde sieht das auch ein; aber sie ist dennoch in sich erfreut über diese glückliche Befreiung vom Kreuz. Sie salbt den Leichnam mit köstlichen Spezereien, wickelt ihn in weiße Leinen und legt dann denselben in ein neues Grab, darin noch nie jemand gelegen.
STE|0|7|15|0|Was will das wohl besagen? Durch solche gründliche Beleuchtung des Wortes in der Heiligen Schrift wird unfehlbar die Göttlichkeit desselben ersichtlich und wird auch also geachtet und hochgeehrt. Das ist die Salbung. Denn nicht selten drückt sich da jemand in den erhabensten Ausdrücken aus über die Würde und göttliche Hoheit der Heiligen Schrift; aber alles das ist die Salbung des Leichnams.
STE|0|7|16|0|Der Mensch mit dieser edlen Wissbegierde umwickelt solche erkannte Wahrheit mit der höchsten und reinsten Hochachtung – ja, er erschaudert über die Größe der Weisheit in diesem Buch; und das ist nichts anderes als die Einwicklung des Leichnams in weiße Linnen. Wie unschuldsvoll und rein an und für sich solche Linnen sind, also auch ist eine gleiche demütige Erkenntnis; aber der Leichnam, die Salbe wie die Linnen sind nicht lebendig und geben auch kein Leben.
STE|0|7|17|0|Man wird aber nun diesen Leichnam in ein neues Grab legen. Was ist denn das? Die Erkenntnisse, die der Mensch zufolge seiner edlen Wissbegierde sich eigen gemacht hat, geben ihm kein Leben, keine lebendige Überzeugung; daher fasst er sie alle zusammen und legt sie in das Grab seines tieferen Verstandes, legt da einen Stein darüber, was so viel heißt als: Er legt über all diese rein erkannten Wahrheiten einen recht schweren Zweifel; denn er spricht: „Alle diese Lösungen der verborgenen Geheimnisse in der Heiligen Schrift lassen sich wohl überaus gut hören; aber die anschauliche Überzeugung geben sie dennoch nicht.“
STE|0|7|18|0|Und seht nun, das ist ja der buchstäbliche Zustand eines jeden Viellesers! Er kann all das Gelesene noch so gut verstehen, vom naturmäßigen bis zum innersten geistigen Sinn; will er aber von alldem wohl Erkannten eine tatsächliche Probe, da erfährt er, dass sich nicht einmal ein Sonnenstäubchen vor seinem Willen beugt. Und will er das Leben des Geistes schauen, so begegnet ihm anstatt desselben allzeit die Grabesnacht, in die er den Leichnam gelegt hat; oder mit anderen Worten gesagt: Er bekommt über das Jenseits keine in sich selbst anschauliche Gewissheit, sondern alles ist bei ihm eine Diktion und durchaus nicht mehr, also ein Leichnam im Grab.
STE|0|7|19|0|Was aber ist ihm wohl damit geholfen? Wenn er noch so viel gelesen hat, kann aber durch all das Gelesene zu keiner lebendigen Überzeugung gelangen, so gleicht er fortwährend einem Joseph Arimathäa, der wohl einen Leichnam um den anderen vom Kreuz nimmt und salbt ihn und wickelt ihn in weiße Linnen – aber der Leichnam bleibt Leichnam und wird allzeit ins Grab getragen.
STE|0|7|20|0|Betrachten wir aber daneben wieder unsere Magdalena! Diese hat zwar auch aller dieser Aktion beigewohnt; aber sie wickelte den Leichnam oder das Wort nicht in Leinen und legte es nicht in das Grab, sondern in ihr liebeglühend Herz; und als sie dann zum Grab kam, war der Stein des Zweifels durch die Macht der Liebe hinweggewälzt. Die Leinen lagen gut geordnet zusammengelegt im Grab, welches so viel sagt als: Ihre Liebe hat das göttliche Wort in ihr lebendig geordnet. Sie fand keinen Leichnam mehr, aber dafür fand sie den Lebendigen, der aus dem Grab auferstanden ist.
STE|0|7|21|0|Was ist nun wohl besser, den Leichnam in das Grab legen, oder den Lebendigen über dem Grab finden? Ich meine, es wird offenbar das Zweite besser sein denn das Erste.
STE|0|7|22|0|Warum aber fand die Magdalena, was Joseph von Arimathäa nicht gefunden hat? Weil sie wenig gelesen, aber viel geliebt hat; Joseph aus Arimathäa aber hat viel gelesen – wie der Nikodemus –, aber dafür weniger geliebt. Daher hatte er auch mit dem Leichnam zu tun – Maria aber mit dem Lebendigen!
STE|0|7|23|0|Ich meine, das wird auch klar sein; aber nächstens dennoch wieder eine Zentralsonne mehr!
STE|0|8|1|1|„Und Er, Jesus, war, als Er begann, etwa dreißig Jahre alt, wie man dafürhielt, Sohn Josephs.“ (Lukas 3, 23)
STE|0|8|1|1|Am 3. Januar 1844, abends
STE|0|8|1|0|Setzt nur alsogleich wieder einen von euch gewählten Text an, und wir werden sehen, ob in ihm für unsere Sache irgendein Licht vorhanden ist.
STE|0|8|2|0|„Und Er, Jesus, war, als Er begann, etwa dreißig Jahre alt, wie man dafürhielt, Sohn Josephs.“
STE|0|8|3|0|Der Text ist gegeben und ein übermächtig strahlend Licht mit ihm! Fürwahr, bei diesem Text solltet ihr sogar selbst auf den ersten Augenblick der Sache, die hier zum Zweck taugt, auf den Grund schauen. Wir wollen aber sehen, ob ihr nach einer geringen Vorleitung nicht selbst das Licht erschauen mögt.
STE|0|8|4|0|Er war etwa dreißig Jahre alt, als Er das Lehramt antrat, und man hielt Ihn für den leiblichen Sohn Josephs, des Zimmermanns.
STE|0|8|5|0|Wer ist der „Er“? Dieser „Er“ ist der Herr Selbst, der von Ewigkeit war und ewig sein wird ebenderselbe Herr.
STE|0|8|6|0|Wie war Er aber etwa dreißig Jahre alt, Er, der ewig war? Der Ewige erschuf Sich hier Selbst zum ersten und zum letzten Mal zu einem Menschen, und als ein Mensch zählte auch Er an Sich die Zeit, die aus Ihm war von Ewigkeiten.
STE|0|8|7|0|Er war nahe dreißig Jahre. Was will denn das sagen? Konnte Er als Gott dreißig Jahre zählen? Sicher nicht, denn Er war ewig; also nur als Mensch konnte Er das.
STE|0|8|8|0|Er trat da Sein Lehramt an. Wie denn? Als Gott oder als Mensch? Durch den Beisatz: „Und man hielt Ihn für den leiblichen Sohn Josephs, des Zimmermanns“, wird hinreichend bezeugt, dass der kaum dreißigjährige „Er“ nicht als Gott, sondern nur als Mensch Sein Lehramt angetreten hatte; denn der Gott in Ihm verhielt Sich zu dem kaum dreißigjährigen Zimmermannssohn, wie sich zu einem jeden Menschen verhält sein innerer Geist. Dieser muss zuvor durch entsprechende äußere Tätigkeit, welche aus der Liebe hervorgeht, erweckt werden, bis er dann erst als ein eigenmächtiges, selbsttätiges Wesen handelnd auftritt.
STE|0|8|9|0|Dieser kaum dreißigjährige Sohn des Zimmermanns Joseph dem Außen nach trat demnach Sein Lehramt vollkommen als Mensch und durchaus nicht als Gott an. Die Gottheit trat in Ihm nur bei Gelegenheiten in dem Maße wirkend auf, als Er als Mensch durch Seine Taten dieselbe in Sich flott machte; aber ohne Taten tauchte die Gottheit nicht auf.
STE|0|8|10|0|Frage: Wie konnte aber dieser kaum dreißigjährige Mensch ein Lehramt antreten, wozu doch eine große Gelehrtheit erforderlich ist, welche viel Studium und eine große Belesenheit voraussetzt? Woher kam denn diesem die Weisheit?
STE|0|8|11|0|Denn „Wir kennen Ihn ja, Er ist des Zimmermanns Sohn und hat die Profession Seines Vaters oft genug vor unseren Augen betrieben. Wir wissen, dass Er nie Schulen besucht hat; auch können wir uns nicht leichtlich erinnern, dass Er irgend bei Zeit und Gelegenheit etwa das Buch in die Hand nahm und las darinnen. Er war ein gemeiner Handwerker bis zur Stunde beinahe, und seht, der ist nun ein Lehrer, und Seine Lehre ist voll Salbung und voll tiefer Weisheit, obschon Ihm noch überall der Zimmermann herausschaut. Wie lange wird es denn sein, als Er mit Seinen Brüdern bei uns einen Eselsstall baute? Seht nur Seine echt zimmermannsknoperigen Hände an, und siehe da, Er ist ein Lehrer und ein Prophet sogar, ohne je in die Prophetenschule der Essäer hineingeschmeckt zu haben. Wie sollen wir das nehmen?“
STE|0|8|12|0|Seht, das ist ein buchstäblich wahres Zeugnis, welches dem Zimmermannssohn zu Kapernaum gegeben ward. Aus diesem Zeugnis aber geht klar hervor, dass in diesem kaum dreißigjährigen Zimmermann eben nicht viel von der Gottheit hervorgeschaut haben muss; denn sonst müsste man Ihn doch eines anderen Zeugnisses gewürdigt haben.
STE|0|8|13|0|Woher aber nahm denn dieser ganz reine Mensch solche Lehramtsfähigkeit, da Er weder studiert noch irgend viel gelesen hatte? Dieser Mensch hatte Seine Lehramtsfähigkeit lediglich Seinem Tun zu verdanken.
STE|0|8|14|0|Sein Handeln ging lediglich aus Seiner fortwährend großen Liebe zum Göttlichen und eben also auch aus der Liebe zu dem Nächsten hervor. Er opferte jede Handlung Gott auf und übte sie also, dass Er dabei nie Seinen Vorteil, sondern bloß den Seines Nächsten vor Augen hatte. Daneben verwendete dieser Mensch tagtäglich eine Zeit von drei Stunden der allgemeinen Ruhe in Gott.
STE|0|8|15|0|Dadurch erweckte Er stets mehr und mehr die in Ihm in aller ihrer Fülle schlummernde Gottheit und machte Sie Ihm nach dem Maße und Grade Seiner Tätigkeit zinspflichtig. Und als Er, wie gesagt, kaum das dreißigste Jahr erreicht hatte, war die Gottheit in Ihm bis zu dem Grad erwacht, dass Er durch Ihren Weisheitsgeist diejenige erhabene Fähigkeit überkam, um das bekannte Lehramt, zu dem Er berufen ward, anzutreten.
STE|0|8|16|0|Nach dieser Vorleitung frage Ich euch, ob ihr in diesem Text das überaus stark leuchtende Licht noch nicht erschaut? Ja, ihr erschaut es schon und seht auch, wo es hinauswill, daher werden wir uns im Nachsatz auch nur ganz kurz fassen, um der Sache eine nicht überflüssige Ausdehnung zu geben.
STE|0|8|17|0|Wie soll denn aber demnach der Nachsatz heißen? Seht, ganz kurz also: „Geht hin, und tut desgleichen!“
STE|0|8|18|0|Denkt nicht, dass man nur durch vieles Lesen und Studieren den göttlichen Geist in sich erweckt; denn dadurch tötet man eher denselben und trägt ihn als einen Leichnam zu Grabe. Seid aber dafür tätig nach der Grundregel des Lebens, so wird euer Geist lebendig und wird in sich alles finden, was ihr sonst durch das Lesen von tausend Büchern sicher nicht gefunden hättet.
STE|0|8|19|0|Wenn aber der Geist lebendig ist, so mögt ihr auch lesen, und ihr werdet dann durch das Lesen oder durch das Anhören Meines Wortes Früchte sammeln, welche einen lebendigen Kern oder Grund haben. Ohne die vorherige Erweckung des Geistes aber erntet ihr nur leere Hülsen der Frucht, darin kein lebendiger Kern ist; der lebendige Kern aber ist das innere, lebendige geistige Verständnis.
STE|0|8|20|0|Woher aber sollte das kommen, wenn der Geist zuvor nicht freitätig und lebendig gemacht ward? Der Leib ist eine äußere Hülse, welche abfällt und verwest; die Seele ist des Geistes Nahrung und Leib. So ihr aber bloß lest, um euer äußeres naturmäßiges Erkenntnis zu bereichern, was soll da auf den Geist kommen, der noch nicht im gerechten Maße lebenstätig ist und jedem gelesenen Wort alsogleich mit seinem lebendigen geistigen Erkenntnis entgegenkommt und das von außen herein hülsenhaft gelesene Wort mit seinem lebendigen Kern erfüllt und es dadurch erst lebendig und wirksam macht?
STE|0|8|21|0|Daher gilt immer der alte Grundsatz: „Seid nicht eitle Hörer, sondern Täter des Wortes, so werdet ihr erst des Göttlichen desselben lebendig in euch bewusst werden.“
STE|0|8|22|0|Ich meine, das wird doch auch klar sein; aber da der Mensch, wie schon öfter gesagt, des Lichtes nie genug hat, so wollen wir abermals zu einer von euch gewählten Zentralsonne schreiten.
STE|0|9|1|1|„Da es nun Abend war, kam Er mit den Zwölfen.“ (Markus 14, 17)
STE|0|9|1|1|Am 4. Januar 1844, abends
STE|0|9|1|0|Setzt daher nur wieder einen Text an, und wir werden schon sehen, wie er für unsere Sache passt!
STE|0|9|2|0|„Da es nun Abend war, kam Er mit den Zwölfen.“
STE|0|9|3|0|Wir hätten also den Text vor uns, und Ich muss schon wieder die alte Bemerkung machen, dass ihr noch immer nicht einen Text habt finden können, der nicht für unsere Sache auf das Allergenaueste taugen möchte. Der vorliegende Text scheint zwar dem Außen nach mit unserer Sache eben keine zu große Gemeinschaft zu haben, aber das ist mitnichten der Fall; im Gegenteil, er hat eben mit unserer Sache die allergrößte Gemeinschaft, und hättet ihr ihn nicht gewählt, so hätte Ich ihn gewählt!
STE|0|9|4|0|„Als es Abend war, kam Er mit den Zwölfen.“
STE|0|9|5|0|Wer kam? Der Herr von Ewigkeit kam.
STE|0|9|6|0|Wann denn? Am Abend.
STE|0|9|7|0|Und wohin kam Er denn? In den von Seinen Jüngern bereiteten Speisesaal.
STE|0|9|8|0|Mit wem? Mit Seinen erwählten zwölf Aposteln.
STE|0|9|9|0|Was tat Er dann in dem Speisesaal? Er hielt ein Abendmahl, an welchem sich einige sättigten und einige ärgerten; und zugleich wurde am selben Abend beim Mahl der Verräter bezeichnet.
STE|0|9|10|0|Hier liegt einmal das komplette Bild vor euch, und seine Sache ist mit den Händen zu greifen.
STE|0|9|11|0|Was ist der Abend? Er ist ein halblichter Zustand des Tages, bei dem das Licht im fortwährenden Schwinden ist, so lange, bis endlich nicht eine Wirkung der Sonnenstrahlen irgend mehr zu entdecken ist.
STE|0|9|12|0|Wann aber ist beim Menschen ein solcher Abend? Sicher, in geistiger Hinsicht nämlich betrachtet, dann, wenn er schon sehr viel gelesen und durchstudiert hat, welches viele Lesen und Durchstudieren dem Einfallen der Sonnenstrahlen den ganzen Tag hindurch gleicht. Wie aber diese Sonnenstrahlen in ihrer Erscheinlichkeit naturmäßiger Art sind, so sind auch die Lese- und Studierstrahlen naturmäßiger Art. Die Sonne aber geht am Ende des Tages unter, und es wird dann sobald darauf Abend und endlich auch Nacht.
STE|0|9|13|0|Also geht es auch mit dem Lese- und Studierlicht; der Leser und Studierer wird endlich müde und verdrießlich, weil er durch all sein Lesen und Studieren sein inneres Licht nicht zu vermehren vermochte, so wenig, wie das Licht der Sonne irgend vermehrt werden kann, sondern es bleibt in seinem gleichmäßigen Verhältnis. Im Sommer ist es stärker und im Winter schwächer, und das immer im gleich auf- und abnehmenden Verhältnis. Also auch ist das Morgenlicht schwächer; bis gegen den Mittag ist es im Zunehmen, und gegen den Abend hin wird es ebenfalls schwächer.
STE|0|9|14|0|Gerade also geht es auch mit der äußeren Lese- und Studierbildung des Menschen. Wenn er anfängt zu lesen und zu studieren in einer wohlgenährten Bibliothek, so ist bei ihm der Lese- und Studiermorgen.
STE|0|9|15|0|Wenn er sich schon im Verlaufe von mehreren Jahren die Augen wund gelesen hat und der Meinung ist, Salomons Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben, dann ist bei ihm der Mittag, oder auch der Sommer.
STE|0|9|16|0|Er liest dann weiter und studiert, findet aber leider nichts Neues mehr, sondern stößt auf lauter ihm schon bekannte Ideen. Dadurch wird er ermüdet, weil er fürs Erste keine neue erquickende Nahrung mehr bekommen kann, und fürs Zweite findet er an all den weiteren Lese- und Studierpartien durchaus keine Belege für seine eingesogenen Theorien, sondern nicht selten die gewaltigsten Widerlegungen alles dessen, was er sich mit so großer Mühe eigen gemacht hat.
STE|0|9|17|0|Sein echt vermeintes Gold wird nicht selten zu Blei, und wenn er dieses wenig werte Metall in sich anstatt des Goldes erkannt hat, da wird er bei sich grämlich und missmutig, verliert jeden Grund und steht am Ende da wie ein Wanderer auf einer Alpe, wenn ihn dichte Nebel umfangen haben.
STE|0|9|18|0|Seht, dieser Zustand ist der Abend des Menschen; gewöhnlich sagt man: „Wenn beim Menschen alle Stricke gerissen sind, so kriecht er dann zu Kreuze!“, – was freilich besser wäre, wenn man sagen möchte: „Das Kreuz kriecht über ihn.“
STE|0|9|19|0|Also in der Not fängt dann der Mensch an zu denken, ob an der Lehre Christi wohl etwas daran sei, und dieser Gedanke gleicht diesem Text: „Und Er, der Herr nämlich, kam mit den Zwölfen dahin am Abend.“ Denn der Herr wird hier von dem Bedrängten als der Stifter der Lehre und die Zwölf als die Lehre selbst verstanden.
STE|0|9|20|0|Wohin kommt Er denn mit den Zwölfen? In den mit Speise und Trank bereiteten Saal.
STE|0|9|21|0|Wer ist dieser Saal? Der Mensch selbst an seinem Abend. Denn er hat eine Menge Speise und Trank in sich. Aber da Derjenige nicht da ist, für den solche Speise bereitet ist oder sein soll, so stehen die Speisen so lange da, bis Derjenige kommt, der die Speise segnen und dann genießen möchte; denn ohne Konsumenten ist die Speise vergeblich und hat keinen Wert.
STE|0|9|22|0|So hat auch alle Wissenschaft und Belesenheit keinen Wert, und der Mensch hat vergeblich seinen geistigen Speisesaal und Speisetisch damit bestellt, so Derjenige nicht da ist, der diese Speisen segne, dann verzehre und sie in einen den Geist belebenden Saft verkehre.
STE|0|9|23|0|Der Herr aber kommt am Abend mit den Zwölfen, oder der Gründer mit Seiner Lehre, geht in den Saal ein, setzt Sich zu Tisch, segnet und verzehrt die Speise. Weil aber die Speise naturmäßiger Art ist, so ist ihre Wirkung gleich der Wirkung jenes Abendmahls, bei dem der Herr ein wahres lebendiges Abendmahl in den Worten der Liebe einsetzt – daran sich dann viele Jünger ärgern und sagen: „Was ist das für eine harte Lehre! Wer kann das glauben und befolgen?“ Die Jünger entfernen sich darauf, und bald wird der Verräter bezeichnet.
STE|0|9|24|0|Wer sind denn die Jünger, die sich ärgern und davongehen? Das sind die falschen Begründungen aus alldem Gelesenen und Studierten. Diese werden den Grundsätzen der Lehre Christi als abhold entgegengehalten. Dann erhebt sich bald ein allgemeiner Widerspruch, welcher also lautet: „Eine Lehre, die so voll von einzelnen Widersprüchen ist, kann unmöglich göttlichen Ursprungs sein; also ist sie nur ein temporäres seichtes Produkt wissenschaftlich ungebildeter und daher auch notwendig inkonsequenter Menschen, welche irgend in einer rohen Vorzeit auf dem Wege des Eklektizismus irgendetwas mühsam zusammengestoppelt haben, um sich dadurch die ganze Menschheit tribut- und zinspflichtig zu machen.“
STE|0|9|25|0|Dadurch wird, wie ihr zu sagen pflegt, das Kind samt dem Bade weggeschüttet, oder der Verräter wird bezeichnet, entfernt sich dann bald und tut das, als was er bezeichnet ward. Er überliefert das Lebendige dem Tode und geht dabei selbst zugrunde, und das ist dann die auf den Abend gefolgte Nacht, oder nun ist alles tot im Menschen.
STE|0|9|26|0|Und also komme Ich im Ernst zu jedermann am Abend mit den Zwölfen, finde den Speisesaal und den Speisetisch besetzt, aber es sind lauter naturmäßige Speisen. Verzehre Ich diese auch, oder billige Ich sie unter dem Bedingnis, dass man diese Speisen in werktätige Liebespeisen umwandeln soll, und sage, dass man solches zu Meinem Gedächtnis oder in Meinem Namen und nicht im eigenen der Eigenliebe, Eigenehre und des Eigenlobes wegen tun soll, da fangen sich die Jünger an zu ärgern und werden Mir abhold; der Judas sitzt dann bald nackt da, und es dauert gar nicht lange, dass Mir auf dem Weg solchen Verrates das Todesurteil publiziert wird.
STE|0|9|27|0|Daher wartet nicht ab den Abend, sondern ruft Mich lieber am Morgen, da ihr noch vollkräftig und aufnahmefähig seid, und Ich werde dann zu euch kommen und werde zu euch sagen: Geht nicht zu sehr in den Strahlen der Sonne herum; diese ermüden euch und machen euch untätig, sondern stärkt euch unter dem kühlenden Schatten des Lebensbaumes, auf dass ihr für den ganzen Tag tatkräftig bleibt. Und werde Ich dann auch am Abend zu euch kommen, so werdet ihr Mich gar wohl erkennen; und wenn Ich euch fragen werde: „Wie ist euer Speisesaal bestellt, habt ihr etwa nichts zu essen, hungert es euch?“, so werdet ihr Mir zwar nur einen geringen und dürftigen Speisevorrat aufzuweisen haben, aber Ich werde ihn segnen und werde Mich mit euch zu dem Tisch setzen, an dem kein Verräter mehr Meiner harrt, oder die wenigen Kenntnisse, die ihr habt, werde Ich zu Zentralsonnen ausdehnen, auf dass ihr daraus des Lichtes in endloser Überfülle haben sollt.
STE|0|9|28|0|Ich meine, der Text: „Und Er kam mit den Zwölfen am Abend dahin“, dürfte hier wohl überaus klar vor jedermanns Augen stehen und die Sache völlig erschöpfen. Aber dessen ungeachtet will Ich Meiner Freigebigkeit noch nicht die Grenze setzen.
STE|0|10|1|1|„Er kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ (Johannes 1, 11) – „Pilatus antwortete: ‚Was ich geschrieben, habe ich geschrieben!‘“ (Johannes 19, 22)
STE|0|10|1|1|Am 8. Januar 1841, abends
STE|0|10|1|0|Ihr aber könnt, wie früher, wieder einen Text wählen; tut demnach solches frei!
STE|0|10|2|0|„Er kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ – „Pilatus antwortete: ‚Was ich geschrieben, habe ich geschrieben!‘“
STE|0|10|3|0|Die Texte sind gut und richtig gewählt und bezeichnen die Sache schon in ihrer ersten Stellung, wie ihr zu sagen pflegt, auf ein Haar.
STE|0|10|4|0|Wer kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf? Wer der „Er“ ist, wird hoffentlich bekannt sein; Sein Eigentum sind die Menschen, wie sie sein sollen in der von Mir aus geschaffenen Ordnung, liebtätig nämlich gegen ihre Brüder und voll Ernst der Liebe gegen Gott, ihren Schöpfer.
STE|0|10|5|0|„Aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ Die Seinen sind, die Er von Anbeginn zumeist für Sich erzogen hatte, und hat zu ihnen allzeit gesandt Lehrer und Propheten und hat sie geführt und geleitet wunderbar.
STE|0|10|6|0|Warum nahmen sie Ihn denn nicht auf? Weil Er sie die wahren Wege der tätigen Liebe zum ewigen Leben lehrte; die Seinen aber waren Freunde der Trägheit, Freunde des Wohllebens und Freunde der Herrschaft und Herrlichkeit, und diese vereinbart sich nicht mit der Lehre von der Demut und der tätigen Liebe.
STE|0|10|7|0|Sie sprachen: „Wir haben Moses und die Propheten, welche wir lesen; was brauchen wir da mehr? Was brauchen wir von dir, der du den Sabbat schändest und gering achtest Moses und die Propheten, indem du ihre Satzungen nicht hältst? Ist es nicht genug, so wir die Schrift lesen und studieren und darüber ellenlange Erklärungen schreiben? Was willst du von uns für eine andere, Gottes würdigere Tätigkeit?
STE|0|10|8|0|Ist Gott nicht ein Geist, dessen Wesen man sich unter keinem Bild vorstellen soll? Wie sollte man diesen wohl würdiger ehren und preisen, als wenn man Sein Wort, welches Er durch Moses und die Propheten geredet hat, fortwährend vom Anfang bis zum Ende liest und dasselbe sich selbst und anderen erklärt, damit Gott in Seinem Wollen stets klarer und klarer begriffen werde?
STE|0|10|9|0|Was machst du aus dir selbst? Wir haben Abraham zum Vater und haben Moses und die Propheten; bist du denn mehr denn diese? Was willst du uns lehren, das uns diese nicht gelehrt hätten?
STE|0|10|10|0|Was ist wohl des Menschen Liebetat vor Gott? Sie ist nichts als ein eitler Gedanke. Der Mensch kann nichts tun. Denn in Gott allein wohnt alle Tatkraft. Also bist du ein falscher Lehrer und ein falscher Prophet und bist ein Volksaufwiegler!
STE|0|10|11|0|Wir haben die Schrift vom Alpha bis zum Omega in unserem Kopf; ist das nicht Tätigkeit genug? Oder sollten wir etwa die Schrift nicht studieren und dadurch gering achten die heilige Gabe, welche uns der Herr Gott Zebaoth durch Moses und die Propheten beschieden hat?
STE|0|10|12|0|Du bist einer, der dem göttlichen Willen widerstrebt und sich dennoch für einen Lehrer und Propheten Gottes ausgibt! Steht es aber nicht geschrieben, dass ein jeder falsche Prophet und Zauberer solle mit dem Feuertod bestraft werden?
STE|0|10|13|0|Dieser gemeine Zimmermannssohn, der kaum zu lesen versteht und ebenso wenig etwa imstande ist, seinen Namen zu schreiben, unterfängt sich, uns alten Schriftgelehrten eine Lehre, welche dem Geiste Mosis schnurgerade entgegenstrebt, aufzubürden!“
STE|0|10|14|0|Seht, das sind eine Menge Entgegnungen, laut welcher Derjenige, der in Sein Eigentum gekommen war, von den Seinigen nicht aufgenommen wurde.
STE|0|10|15|0|Warum? Weil Ihn die Seinigen, wie es auch geschrieben steht, nicht erkannt haben.
STE|0|10|16|0|Warum aber erkannten sie Ihn nicht? Weil sie nur pure Leser und Auswendiglerner, aber nie Täter des Wortes Gottes waren.
STE|0|10|17|0|Auf dieselbe Weise komme Ich auch jetzt fortwährend in Mein Eigentum; aber die Meinen wollen Mich nicht aufnehmen und erkennen, dass Ich es bin.
STE|0|10|18|0|Warum wollen sie denn das nicht? Weil ihnen auch, im besten Falle sogar, das Lesen und Hören wie auch das Angaffen Meiner Werke lieber ist als eine kleine Tätigkeit nach Meinem Wort. Daher aber wird auch der Geist in Meinem Eigentum, welches das Herz ist, nicht lebendig und erkennt Mich nicht, weil Mich Mein Eigentum nicht lebendig tätig aufnehmen will.
STE|0|10|19|0|Ich aber sage: Alle diese Schriftgelehrten werden dereinst auch sagen: „Herr! Herr! Wir haben ja in Deinem Namen aus Deinem Wort heraus geweissagt, gepredigt und gelehrt!“
STE|0|10|20|0|Ich aber werde zu ihnen sagen: „Weicht von Mir; Ich habe euch noch nie erkannt! Wer euch zu Lehrern und Weisen gedungen hat, zu dem geht auch hin, damit euch euer Lohn werde! Ich kam wohl zu euch und habe bei euch an die Tür Meines Eigentums geklopft; aber niemand von euch sprach: ‚Komme herein, und belebe unseren Geist, auf dass wir tätig und kräftig werden möchten nach Deinem Wort!‘ Ihr begnügtet euch mit den Schätzen eures Kopfes; aber Meine Scheuern in eurem Herzen habt ihr leer gelassen und habt all Mein Eigentum in euch verwirkt. Daher mögt ihr nun ‚Herr! Herr!‘ schreien, wie ihr wollt, so mag Ich euch aber dennoch nicht erkennen; denn die Meinen erkenne Ich an Meinem Eigentum in ihnen. Ihr aber habt kein Eigentum aus Mir in euch; darum mag Ich euch auch nicht erkennen!“
STE|0|10|21|0|Pilatus bekannte Mich auch auf diese Weise: Er heftete das Zeugnis seines Bekenntnisses über den schmählich Getöteten, während er früher den Lebendigen geißeln und ans Kreuz heften ließ. Sein Bekenntnis steht auch geschrieben, und zwar über dem Haupt des Gekreuzigten zum Zeugnis für alle die, welche das Bekenntnis Gottes wohl in ihrem Kopf, aber keines in ihrem Herzen tragen. Über ihrer Stirne steht es wohl geschrieben: „Jesus Nazarenus Rex Judaeorum“; und sie beharren auch auf dieser Inschrift, welche so viel sagt als: „Herr! Herr!“; aber im Herzen ist keine Inschrift, welche da sagen möchte: „O Herr, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig!“ „Vater unser“ ist im Kopf; aber „Lieber Vater“ ist nicht im Herzen.
STE|0|10|22|0|Pilatus beharrte wohl auf seiner Inschrift und wollte keine andere hinaufsetzen; denn er sprach: „Was geschrieben ist, das ist geschrieben!“ Warum erwies er aber dem Lebendigen früher nicht die Ehre wie hernach dem Toten?
STE|0|10|23|0|Der Grund liegt in dem, warum auch alle die Gelehrten lieber bei ihren Kraftbegründungen und daraus hervorgehenden toten Verehrung verbleiben, als nur in die geringste lebendige Tat der wahren Liebe eingehen zu wollen. Denn sie sind Zwielichtler, welche glauben oder vielmehr der Meinung sind: „Ist an der Sache etwas, so wollen wir durch unser Bekenntnis ihr nicht in den Weg treten; ist aber an der Sache nichts, so haben wir so oder so dadurch nichts verloren. Denn bringt man dem eine Ehre, das da irgend sein soll, so gewinnt man, wenn es ist, und verliert nichts, wenn es nicht ist.“
STE|0|10|24|0|Desgleichen dachte auch Pilatus: „Ist der Gekreuzigte ein höheres Wesen, so habe ich ihm meine Ehre bezeugt, ist er es aber nicht, so bin ich auch gerechtfertigt; denn in dem Falle dient meine Inschrift als ein amtliches Pasquill, aus dem jeder ersehen kann, aus welchem Grunde dieser hier gekreuzigt ward.“
STE|0|10|25|0|Meint ihr, dass bei Mir der erste Grund gelten wird, so es mit dem zweiten seine geweisten Wege hat? – Ich sage euch: Da wird es vorzüglich darauf ankommen, dass diejenigen, die so zu Mir „Herr! Herr!“ rufen, von Mir sicher nicht angehört, erkannt und angenommen werden. Denn das Bekenntnis des Kopfes wird niemand dem ewigen Leben auch nur um ein Haar näherbringen; denn wer zu Mir will, der muss Mich vorher durch die lebendige Liebe in sich aufnehmen, und seine eigene Liebe zu Mir wird es ihm sagen, dass Ich bin und komme zu ihm und gebe ihm das ewige Leben.
STE|0|10|26|0|Niemand aber kann das lieben, das nicht ist; wohl aber kann er in seinem Kopf über alles Nichtseiende verschiedene Phantome aufstellen, und also auch Mich Selbst darunter. Aber da bin Ich nicht, und da wird Mich auch niemand finden und wird nie zur lebendigen Überzeugung von Mir und vom ewigen Leben gelangen; denn da hänge Ich tot unter der Inschrift Pilati!
STE|0|10|27|0|Nur wer da ein Täter wird sein Meines Wortes, der wird an Meinem Grab, da er den Toten suchte, mit der Flamme seines Herzens den Auferstandenen und den Lebendigen finden!
STE|0|10|28|0|Ich meine, das dürfte doch auch wieder klar sein; aber darum nächstens dennoch um eine Zentralsonne weiter.
STE|0|11|1|1|„Da warf er sein Gewand ab, sprang auf und kam zu Ihm.“ (Markus 10, 50)
STE|0|11|1|1|Am 9. Januar 1844, abends
STE|0|11|1|0|Wenn ihr gewählt habt, so schreibt nur geschwind nieder den gewählten Text.
STE|0|11|2|0|„Da warf er (Bartimäus) sein Gewand ab, sprang auf und kam zu Ihm.“
STE|0|11|3|0|Ihr habt einen überaus passenden Text gewählt; dieser Text sollte allen, die auf dieser Welt blind sind, zu einem mächtigen Leitfaden dienen, auf dass sie täten, wie dieser Blinde getan hat, um zu bekommen das wahre Licht der Augen des Geistes.
STE|0|11|4|0|Warum warf denn der Blinde das Gewand weg? Er hätte mit dem Gewand auch zum Herrn hineilen können, als ihn dieser gerufen hatte. Der Blinde war klug, er wusste und berechnete es wohl, dass ihm das schwere Außengewand im schnellen Zug zum Herrn hin hinderlich sein würde. Darum warf er behände das schwere Gewand weg und entledigte sich dadurch des Hinderungsmittels, welches seinen Gang schwerfällig gemacht hätte, – und der Vorteil war, dass er dadurch umso schneller zum Herrn gelangte und von Selbem das Licht seiner Augen wiederbekam.
STE|0|11|5|0|Wer ist denn so ganz eigentlich dieser Blinde? Dieser Blinde ist ein gelehrter Weltmensch, der aber das Gute hat, dass er seiner Blindheit gewahr ist, und zugleich das Gute hat, dass er weiß, wer ihn von seiner Blindheit heilen kann.
STE|0|11|6|0|Es sitzen gar viele solche Blinde an den Wegen, und gar viele tappen in allen Ecken herum. Aber die am Weg sitzen, die schlafen ein, ganz berauscht vom Opiumtrank ihrer Gelehrtheit, und träumen dann also, als ob sie sehen möchten. Diese wissen nicht in der Betäubung ihres gelehrten Traumes, wann der Herr Seinen Weg bei ihnen vorüberzieht, und wissen auch nicht, dass sie blind sind; daher rufen sie auch nicht: „Sohn Davids, helfe mir!“
STE|0|11|7|0|Andere aber, die in allen Winkeln herumtappen und wohl zur Hälfte Den suchen, der sie sehend machen könnte, entfernen sich vom Weg; und wenn der Sohn Davids vorüberzieht, sind sie nicht da und versäumen durch ihr dummes Suchen den Augenblick, wo der Sohn Davids den Weg nach Jericho zieht; daher rufen sie auch nicht und bleiben in ihrer Blindheit.
STE|0|11|8|0|Was ist denn dieser Weg? Dieser „Weg“ ist die prüfende Bahn durch diese Welt; und „Jericho“ ist der endliche Stapelplatz für die, welche diesen Weg zurückgelegt haben, oder mit anderen Worten: es ist zunächst die Geisterwelt.
STE|0|11|9|0|Unser Blinder scheute nicht die ihn bedrohenden Jünger, denn er wusste gar wohl, dass der Herr mächtiger und barmherziger ist als Seine Jünger, die ihn bedroht hatten; daher aber erhörte ihn der Herr auch, und als Er ihn rief, so warf er sogar das letzte Hinderungsmittel von sich, nämlich seinen Rock, um ja so schnell und so sicher als möglich zu Dem zu gelangen, der ihn gerufen hatte.
STE|0|11|10|0|Dieser Blinde ist also ein rechtes Muster, und Ich sage euch: Tut ihr alle desgleichen, die ihr ebenfalls Blinde am Weg seid! Harrt des Herrn am Weg, und so Er vorüberzieht, da lasst euch nicht abschrecken von der Welt, sondern ruft zu Ihm in eurem Herzen, dass Er Sich euer erbarme und euch das Licht des ewigen Lebens gebe. Und wahrlich, Er wird Sich euer erbarmen und wird euch geben, um das ihr gerufen habt.
STE|0|11|11|0|Der Blinde warf sein Gewand weg. Was ist das Gewand? Es ist die Welt, wie auch alle die Belesenheit und Gelehrtheit des äußeren Verstandes. Werft diese hinweg, so Ich euch doch tagtäglich rufe, auf dass sie euch nicht hindern im Gang zu Mir!
STE|0|11|12|0|Wäre es aber von dem Blinden klug gewesen, so er sich bei der Gelegenheit, da Ich ihn gerufen habe, in noch mehrere Röcke eingepanzert hätte? Fürwahr, diese hätten ihn am Ende also beschwert, dass er sich nicht hätte vom Boden erheben und dann noch weniger schnellen Schrittes hineilen können zu Dem, der ihn gerufen hatte.
STE|0|11|13|0|Wenn Ich euch aber täglich rufe, also wie Ich den Blinden gerufen habe, ist es da klug, so ihr euch dazu mit allen möglichen Röcken und Mänteln weltlicher Gelehrtheit bekleiden wollt? Sicher wäre das die größte Torheit! Werft vielmehr lieber alles hinweg, und eilt in eurem Herzen zu Mir, und Ich werde euch die Augen öffnen und werde euch sehend machen in eurem Geist lebendig, auf dass ihr dann mit einem Blick mehr ausrichten werdet, als so ihr in eurer Blindheit Tausende von Jahren herumtappen möchtet.
STE|0|11|14|0|Was nützt dem Blinden sein phantastisches Augenlicht im Traum? Wenn er erwacht, so ist er dennoch also blind, und blinder noch wie zuvor.
STE|0|11|15|0|Was nützt einem alles Gewand von noch so tiefer und schwerer gelehrter Weisheit? Es beschwert ihn, dass er sich nimmer erheben mag, so er gerufen wird zum Empfang des lebendigen Lichtes.
STE|0|11|16|0|Der Geist des Menschen hat ja ohnehin alles in sich; er bedarf nichts weiter als der Öffnung seiner Augen, um zu schauen die endlose Lebenswunderfülle in ihm selbst.
STE|0|11|17|0|Was gewinnt aber dadurch der Geist, so der Mensch mit lauter toten Hülsen und Schatten sein Gedächtnis und seinen Verstand anfüllt? Nichts, sondern er verliert noch dabei und wird in ein Chaos von äußerer Rinde, von den Hülsen und allerlei Schatten eingepanzert, dass er ja nicht leichtlich je zu einer Freiheit und noch weniger zum Empfang des lebendigen Lichtes seiner Augen gelangen kann.
STE|0|11|18|0|Nehmt an, ihr hättet die ganze Bibel auswendig in eurem Kopf; ein anderer hat nur ein paar Verse sich eigen gemacht, und hat aber sein Leben streng danach eingerichtet. Bei diesem werden die zwei Verse lebendig und machen frei seinen Geist; bei euch aber liegt die ganze Schrift tot, und ihr versteht auch nicht einen Vers lebendig.
STE|0|11|19|0|Was ist nun besser: die zwei lebenstätigen Verslein, oder der ganze Buchstabenwust der Heiligen Schrift, davon aber auch nicht ein einziger Vers ins Leben aufgenommen ward? Sicher werden hier die zwei lebenstätigen Verse besser sein!
STE|0|11|20|0|Man wird hier etwa sagen: So jemand mehr weiß, da kann er ja auch desto mehr in seine lebendige Tätigkeit aufnehmen! – Ich aber sage: Der Mensch ist Mein Werk, und darum weiß Ich es am besten, was ihm frommt.
STE|0|11|21|0|Nehmt einen Schüler – Ich setze den Fall, in der Musik –, legt ihm gleich beim Anfang eine große Schule vor, und lasst ihn mit allen Kapiteln derselben zugleich anfangen. Sagt, was wird aus dem? Sicher nichts! Denn er wird vor der Masse ermüden und bald das ganze Studium an den Nagel hängen.
STE|0|11|22|0|Nehmt aber eine kleine Schule, und fangt bei der ersten Skala an, und lasst ihn dieselbe wohl einüben. Wenn er mit leichter Mühe die erste Skala recht bald fertig durchspielen wird können, wird das nicht mehr sein als der erste Versuch mit der ganzen Schule auf einmal?
STE|0|11|23|0|Daher sage Ich zu euch: Werft weg das überflüssige Gewand; macht klein die Schule, und ihr werdet gleich dem Blinden am Weg euch desto leichter erheben und desto schnelleren Schrittes dahin eilen, wohin Ich euch jetzt, wie tagtäglich, rufe.
STE|0|11|24|0|Fürwahr, ihr mögt alle Bibliotheken der Welt zusammenlesen, so werdet ihr darob vor Mir um kein Haar besser stehen und mehr wissen, als so ihr nie etwas gelesen hättet. Warum denn? Weil ihr, wenn ihr von Mir das Licht erhalten wollt, das alles müsst fahren lassen; denn das alles ist nichts als leeres Hülsenwerk und leeres Stroh, welches fürs Feuer bestimmt ist.
STE|0|11|25|0|Schafft ihr dieses leere Hülsen- und Strohwerk nicht aus euch, bevor Mein Liebeflammenlicht zu euch kommt, so wird dieses Feuer das Strohwerk ergreifen, und es wird da zu einem verzweifelten Brand kommen. Schafft ihr aber zuvor all diesen Quark hinaus und werft weg das eiteldumme Gewand, – und wenn da Mein Feuerlicht in euch kommen wird, so wird es keinen Brand verursachen, sondern es wird euch sogleich lieblich durchwärmen und erleuchten euren ganzen Geist, – also wie auch der Blinde am Weg im Augenblick sehend ward, als er zu Mir kam.
STE|0|11|26|0|Ich meine, dieses Bild kann unmöglich klarer und deutlicher gegeben werden; aber es muss, wie alle früheren, ins Leben aufgenommen sein, wenn es eine lebendige Leuchte abgeben soll. Solange das nicht der Fall ist, werdet ihr es wohl beifällig lesen und dann sagen: „Das ist wirklich recht schön!“ Und Ich kann dazu dann nichts anderes sagen als: Das ist wirklich recht dumm von euch; denn solange ihr Meinen lebendigen Ruf für nichts weiter als nur für recht schön findet, da baut ihr Häuser am Sand, und Mein lebendiger Same fällt bei euch auf den Weg und wird leicht zertreten werden und wird keine Frucht bringen.
STE|0|11|27|0|Wenn ihr aber das sogleich lebendig in euch aufnehmt und tut danach, so seid ihr klug; denn da baut ihr das Haus auf dem Felsen, und Mein Same fällt in gutes Erdreich.
STE|0|11|28|0|Mir liegt wenig daran, ob ihr diese Meine Worte schön oder nicht schön findet, aber es liegt Mir alles daran, dass ihr danach handelt; denn nicht der Bewunderung wegen, sondern eures eigenen Heiles willen gebe Ich sie euch.
STE|0|11|29|0|Solches sei von euch wohl erwogen; denn sonst wird es euch keinen Nutzen bringen. Nächstens wieder um eine Zentralsonne weiter!
STE|0|12|1|1|„Fürchte dich nicht, Paulus! Du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir im Schiffe sind.“ (Apostelgeschichte 27, 24)
STE|0|12|1|1|Am 10. Januar 1844, abends
STE|0|12|1|0|Schreibt nur nieder, was ihr habt!
STE|0|12|2|0|„Und (der Engel Gottes) sprach: Fürchte dich nicht, Paulus! Du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir im Schiffe sind.“
STE|0|12|3|0|Ihr habt den Text gewählt, freilich diesmal keine Zentralsonne; denn die Zentralsonnen sind nur in den Propheten und in den vier Evangelisten, insoweit sie eben nur die vier Evangelien beschreiben. Was außer dem ist, ist mehr historische Gelegenheitssache und betrifft weniger die Allgemeinheit, sondern vielmehr diejenige enger gefasste Sphäre, in welcher der historische Teil vor sich ging.
STE|0|12|4|0|Und so ist eben der gewählte Text, obschon von einem Engel gesprochen, eine Botschaft an den Paulus, bei dem er dann auch in der Geltung als völlig abgeschlossen erscheint, und ist demnach, wie ihr leicht begreifen könnt, keine Zentral-, sondern nur eine Neben- oder Planetarsonne.
STE|0|12|5|0|Aber dessen ungeachtet hat er dennoch in sich selbst Geistiges und somit auch weit um sich Leuchtendes; denn es ist ein großer Unterschied, ob da ein Engel aus dem Herrn spricht oder handelt, oder wenn der Herr Selbst aus Sich Selbst spricht oder handelt.
STE|0|12|6|0|Solches war notwendig voraus zu erinnern, damit ihr des Herrn Worte und des Herrn Handlungen vor den Worten und Handlungen der Engel und Apostel zu würdigen und klar zu unterscheiden vermögt. Und da ihr nun solches wisst, so wollen wir sehen, was und wie viel des allgemeinen Lichtes in dem angeführten Text für unsere Sache vorhanden ist.
STE|0|12|7|0|„Fürchte dich nicht, Paulus“, spricht der Engel, „denn du musst dem Kaiser vorgestellt werden!“ besagt so viel als: „Du Täter des Wortes des Herrn, fürchte dich nicht; denn der Herr will es, dass die Welt dich erkenne in deinem Tun. Und wird dich die Welt erkennen, so wird sie dir nachfolgen!“ Und in dieser Nachfolge besteht die versprochene Dotation derjenigen Männer, die mit Paulus im Schiff sind. Denn sie besagt, dass eben diese Männer ebenso, wie Paulus selbst, nicht nur Hörer, sondern wahre Täter des Wortes Gottes werden werden.
STE|0|12|8|0|Aus dieser kurzen Darstellung geht dann auch klar hervor, dass der Herr dem Paulus dadurch nicht hat andeuten wollen, als hätte derselbe etwa darum sollen dem Kaiser vorgestellt werden, um vor demselben entweder einen Schauspieler zu machen, oder dass ihm der Herr die Männer des Schiffes darum zu einem Geschenk gemacht habe, damit Paulus aus ihnen eine Redner- oder Schauspielertruppe hätte gestalten sollen, welche sich dann unter seiner Direktion etwa vor dem Kaiser Roms produzieren sollte.
STE|0|12|9|0|Der Herr hat dem Paulus also zu keinem weltschimmernden Zweck seine Schiffsgenossen geschenkt und hat sie auch sicher nicht etwa zu Leibeigenen des Paulus gemacht, sondern das Geschenk bestand darin, dass der Herr die Herzen der Schiffsgenossenschaft Pauli erwärmte durch ein neu angefachtes Liebefeuer, durch welches sie dann die kurze Lehre Pauli verstanden und alsbald danach tätig wurden.
STE|0|12|10|0|Also in der lebendigen Nachfolge des Beispiels Pauli von Seiten seiner Schiffsgenossenschaft bestand das Geschenk des Herrn an den Paulus; und also musste Paulus auch nicht als ein gelehrter Philosoph und Zungenkünstler dem Kaiser vorgestellt werden, sondern als ein Täter des Guten, und zwar unter dem Zeugnis der ganzen Schiffsmannschaft, welche durch die tatkräftige Weisheit Pauli zum Wohle Roms, wie des Kaisers, ist vor dem Untergang verwahrt worden.
STE|0|12|11|0|Aus diesem könnt ihr nun noch klarer erschauen, dass es da, bei Mir nämlich, weder auf Viel-Worte-Machen noch auf allerlei nichtige zeremonielle Spektakel ankommt, um irgend zum wahren Licht zu gelangen, sondern allein auf das Tun nach Meinem Wort. Denn käme es auf viele Worte an, so hätte der zu Paulus gesandte Engel gut drei Tage lang reden können; aber er sprach nur weniges, und Paulus tat darauf vieles. Und das war besser, als wenn der Engel zum Paulus vieles geredet, Paulus aber darauf sehr weniges getan hätte.
STE|0|12|12|0|Bei Mir geht es nicht so zu als wie bei euren Advokaten auf der Welt, die viel schreiben und auch viel reden, und wenn am Ende viel geschrieben und geredet ward, so kommt dann als Tat alles dessen für den Klienten ganz spottwenig heraus.
STE|0|12|13|0|Und auch geht es bei Mir nicht so als wie bei euren Predigern auf der Welt, die allzeit von der Kanzel eine komplette Stunde lang allerlei Zeug herabschreien; wenn aber die Predigt fertig ist, gehen sie selbst also von der Kanzel, dass sie hernach nicht mit einem Finger das tatsächlich anrühren, was sie gepredigt haben, und neun Zehntel der Zuhörer gehen aus dem Bethaus, ohne sich nur drei Worte von der ganzen Predigt gemerkt zu haben, und ein Zehntel der Zuhörer, die sich etwas von der Predigt gemerkt haben, spricht am Ende: „Heute hat er wieder recht schön gepredigt!“
STE|0|12|14|0|Wenn aber einige Schritte außerhalb des Bethauses ihm ein armer, dürftiger Mensch begegnet und ihn um ein Almosen anspricht, so bekommt er als Frucht einer so schönen Predigt, wenn es gut geht, etwa gar einen kupfernen Kreuzer, welchen der Geber nicht selten mit ärgerlicher Mühe aus einem ganzen Sack voll besserer Münzen hervorsucht; oder der Angeredete spricht zum armen Almosenfleher: „Helf Gott! Ein anderes Mal; heute habe ich nichts Kleines bei mir.“
STE|0|12|15|0|Seht, aus diesen aus dem Leben gegriffenen Beispielen wird etwa doch klar genug hervorgehen, wie schandmäßig klein und gering die Handlung auf eine so ungeheure Predigt folgt. Wäre es nicht besser, wenn die Predigt in wenig Worten bestünde, nach diesen Worten aber möchte dann der Prediger selbst seinen Zuhörern mit einer tatsächlichen Predigt als Muster gleich dem Paulus vorangehen, welches Beispiel eine große Anzahl von seinen Zuhörern zur gleichen Tätigkeit anfachen würde, auf dass Ich zu dem Prediger dann ebenfalls sagen könnte: „Siehe, die hier in diesem Haus sind, habe Ich dir geschenkt, weil du sie durch deine Tat zu Tätern Meines Wortes gemacht hast.“
STE|0|12|16|0|Es steht freilich wohl geschrieben, dass man Wohltaten im Verborgenen üben soll. Das ist auch richtig und wahr. Wenn es sich bloß um die Unterstützung handelt, dann auch soll die Tat verborgen bleiben; aber wenn die Tat eine Lehre sein soll, dann darf ihr Licht nicht unter einen Scheffel gestellt sein, sondern da ist es notwendig, dass Paulus dem Kaiser vorgestellt werde. Und wer da lehrt durch die Tat, dem sollen auch die geschenkt sein, die er durch seine Tat erweckt hat.
STE|0|12|17|0|So man aber jemand nur durch Beredung zu einer guten Tat bewogen hat, dann bleibt es auch gewöhnlich nur bei der beredeten Tat; und soll da eine zweite verübt werden, so gehört dazu ebenfalls wieder eine ellenlange Rede, wovon ihr in den vielen Wohltätigkeitsaufrufen die sprechendsten Beispiele findet.
STE|0|12|18|0|So in irgendeiner Zeitung ein privilegierter Marktschreier, gewöhnlich laut eines amtlichen Ansuchens, einen solchen Wohltätigkeitsaufruf ergehen lässt, da tun dann viele etwas, damit ihre Namen allenfalls auch in der Zeitung bekanntgemacht werden und allenfalls die nächsten öffentlichen Behörden solche Wohltäter in eine gute Note nehmen, – aber aus wirklicher Liebe tut keiner etwas. Und ist der Aufruf einmal verklungen, da kräht kein Hahn mehr nach denjenigen Dürftigen, für die der Aufruf galt.
STE|0|12|19|0|Sollen etwa solche Wohltäter dann auch dem Aufrufmacher zum Geschenk werden? O nein! Die gehen ihn so wenig an als euch der Mittelpunkt derjenigen Sonne, die eher vergeht, als bis ihr Licht auf eurer Erde anlangen wird.
STE|0|12|20|0|Ich meine, das Licht dieser „Nebensonne“ wird auch klar genug sein; wer es benutzt, wird mit einer Zentralsonne belohnt. Wir aber wollen dieser Klarheit ungeachtet dennoch abermals zu einer anderen Zentralsonne schreiten.
STE|0|13|1|1|„Gleich aber wie da waren die Tage Noahs, so wird auch sein die Ankunft des Menschensohnes.“ (Matthäus 24, 37)
STE|0|13|1|1|Am 11. Januar 1844, abends
STE|0|13|1|0|Schreibt nur nieder, was ihr habt!
STE|0|13|2|0|„Gleich aber wie da waren die Tage Noahs, so wird auch sein die Ankunft des Menschensohnes.“
STE|0|13|3|0|Ihr habt den Text angesetzt und schon wieder den rechten getroffen; nur liegt die Sache in diesem Text zu offenkundig vor Augen, oder: diese Zentralsonne steht außerordentlich nahe, sodass es im Ernst wunderlich ist, wenn ihr dieselbe nicht auf den ersten Augenblick selbst erschaut, – besonders aus dem Grunde umso wunderlicher, da ihr die Zeit Noahs nun schon beinahe ganz aufgedeckt vor euch habt.
STE|0|13|4|0|Ihr wisst ja, wie ebenfalls zu den Zeiten Noahs die Völker der Tiefe sich in allerlei Literatur und Wissenschaft geworfen haben. Ein euch bekannter König der Tiefe war ein großer Schriftsteller. Seinem Beispiel folgten Tausende, und in kurzer Zeit war die damalige Welt mit einer Unzahl von Büchern und Schriften überschwemmt.
STE|0|13|5|0|Je mehr diese Literatur überhandnahm, je mehr die Menschen lasen und studierten, desto kälter wurden sie in ihren Herzen, – aber zugleich desto raffinierter zur Erfindung aller erdenklichen Bosheit.
STE|0|13|6|0|Man fing durch die Politik an, die Menschen zu fangen und bald scheute man kein Mittel mehr, wenn es noch so himmelschreiend war, um durch dasselbe irgendeinen eitlen, vorgesteckten herrschsüchtigen Zweck zu erreichen. Man kam am Ende so weit, dass man die Menschen allein nach dem Gold schätzte; wer solches nicht besaß, ward zum Sklaven, ja zum förmlichen Lasttier bestimmt, und man trieb in dieser Weise die Gräuelszenen so weit, dass Mir endlich alle Geduld brechen musste und Ich die Erde nur durch ein allgemeines Gericht vor dem Untergang verwahren konnte.
STE|0|13|7|0|Also standen – wie euch ziemlich bekannt – die Sachen zu Noahs Zeiten. Wie stehen sie denn jetzt?
STE|0|13|8|0|Ich habe euch schon vor einer längeren Zeit in den sogenannten „Zwölf Stunden“ gezeigt, wie die Sachen stehen. Wenn Ich euch nun wieder eine neue solche Enthüllung machen würde, da würdet ihr sehr bedeutende Fortschritte der Weltpolitik und der Grausamkeit entdecken; und Ich sage euch: Es fehlt gar nicht mehr viel, dass ihr völlig in die Zeiten Noahs kommen werdet, wo man am Ende gläserne Häuser bauen musste, damit die Männer der abgefeimtesten Politik allzeit ohne große Schwierigkeit beobachten konnten, was die Untertanen taten.
STE|0|13|9|0|Doch es bedarf der gläsernen Häuser nicht; die geheime Politik ist auch in eurer Zeit so weit gediehen, dass sie nicht ein Mittel unversucht lässt, um dadurch ihren herrschsüchtigen Zweck zu erreichen. Würdet ihr eingeweiht sein in die Geheimnisse so mancher Staaten, fürwahr, ihr würdet über Hals und Kopf schreien: „Herr, so schlage doch einmal zu! Denn ärger könnte es ja doch in der tiefsten Hölle nicht zugehen als da!“
STE|0|13|10|0|Ich aber will euch nicht einweihen in solche Geheimnisse; denn so ihr nur ein kleines Augenmerk auf die Früchte hinwerft, so kann es euch nicht entgehen, mit der größten Bestimmtheit zu erschauen, wessen Geistes Kinder solche Propheten sind, die so herrliche Früchte zum Vorschein bringen. Und worin liegt von allem dem der Grund?
STE|0|13|11|0|Gehen wir in dasjenige Königreich, welches vom Meer umschlossen ist. In diesem Königreich findet ihr Bibliotheken und Zeitschriften in einer solchen Menge, dass man mit den Blättern Europa und Asien dreimal belegen könnte, und nirgends wird so viel gelesen wie in diesem Königreich. Aber auch nicht leichtlich findet ihr irgendwo eine größere Gefühllosigkeit und gänzliche Verhärtung der Herzen als in eben diesem Königreich! Mit der größten Gleichgültigkeit von der Welt kann da ein von Gold strotzender, vielbelesener und gelehrter Großer tausend arme, wehklagende, brot- und obdachlose Menschen vor seinem Palast des Hungertodes sterben sehen, ohne im Geringsten etwa dazu bewegt zu werden, auch nur einem aus den Sterbenden ein Stück Brot zu reichen.
STE|0|13|12|0|Frage: Ist das nicht eine herrliche Frucht der großen Belesenheit und nicht selten tiefer mathematischer und mechanischer Weisheit?
STE|0|13|13|0|Ist es nicht herrlich, wenn man sich durch dergleichen mathematische und mechanische Weisheit arbeitende Maschinen erbauen kann, durch welche Tausende armer Menschen mit einem Schlag brotlos und dem Hungertod preisgegeben werden?
STE|0|13|14|0|Ist es nicht herrlich, Eisenbahnen zu errichten, durch welche fürs Erste eine Menge Fuhrleute und andere Handwerksarbeiter um ihren Verdienst kommen, und fürs Zweite durch ebendiese Prachtstraßen dem Landmann so viele Grundstücke zerstört werden, dass er nachher bald genötigt ist, den Bettelstab zu ergreifen? Und welch ein großer Nutzen sieht erst fürs Dritte heraus, und dieser besteht darin, dass auf solchen Wegen aller Luxus und alle Industrie desselben umso schneller befördert werden kann, damit die arme Menschheit ja desto geschwinder leiblich wie geistig zugrunde gerichtet wird und die Herzen der Reichen baldmöglichst so fest werden wie die Straßen, auf denen sie miteinander durch Handel, Wechsel und Trug konversieren.
STE|0|13|15|0|Sind das nicht herrliche Früchte großer Belesenheit und daraus hervorgehender Gelehrtheit?
STE|0|13|16|0|Heißt man nicht den einen gescheiten Mann, der sich seinen Verstand zu Geld machen kann?
STE|0|13|17|0|Eben darum aber, weil der Verstand so viel Geld einträgt, ist die Liebe ganz außer Kurs gekommen, und die Tätigkeit nach ihr kennt man beinahe nicht mehr. Denn man hat ja Maschinen genug, die aus dem Verstand heraus tätig sind; wozu der Menschenhände?
STE|0|13|18|0|Denn Menschenhände könnten durch ihre Tätigkeit ja etwa gar in einem oder dem anderen großen Negotianten (Geschäftsmann) Liebe zu seinen Arbeitern erwecken. Um sich dieser Gefahr nicht auszusetzen, lasse man ja nur fleißig Maschinen errichten; denn diese arbeiten viel geschwinder und nehmen nie das Herz des Besitzers in Anspruch, sondern nur höchstens dann und wann, wenn zufälligerweise an ihnen etwas beschädigt wird, den Verstand, der das Beschädigte wieder allenfalls auf dem Wege einer Minuendo-Lizitation (per Abstreich) ausbessern lässt.
STE|0|13|19|0|Sagt, ob es nicht bei euch buchstäblich also geht?
STE|0|13|20|0|Das Betteln ist untersagt; aber das Maschinenbauen wird mit Prämien belohnt. Was denn hernach mit den Armen? Oh, da wird ja auch gesorgt! Es gibt ja eine Menge Armenhäuser und Armenväter; es werden Sammlungen angestellt und werden Theater und Bälle gegeben. Dadurch ist für die Armen schon so gut gesorgt, dass die ersteren zu Halbarrestanten werden, und die zweiten, noch Freien, bekommen monatlich eine so erstaunliche Summe, dass sie sich mit derselben höchstens an einem Tag einmal halbwegs satt anessen könnten. Wie viel aus der Armenkasse so ein Armer bekommt, brauche Ich euch nicht bekanntzugeben; das wisst ihr hoffentlich selbst.
STE|0|13|21|0|Stellt aber neben solcher Beteilung das menschliche Bedürfnis auf und das Verbot zu betteln, so wird es euch sicher klar, wie vortrefflich für jene Armen gesorgt ist, die noch glücklicherweise aus irgendeinem solchen Fonds beteiligt sind. Was aber bleibt für diejenigen übrig, die bei den Armenvätern noch kein Gehör gefunden haben?
STE|0|13|22|0|Seht, was das für herrliche Früchte der Literatur, der Belesenheit und der großen Kultur des Verstandes sind!
STE|0|13|23|0|Wäre es denn nicht besser, weniger zu lesen und zu lernen? Und das bestehe darin, dass man wisse, was die Pflicht eines Menschen, ja gar eines Christen sei!
STE|0|13|24|0|Wäre es, wie gesagt, nicht besser, nach solcher wenigen, aber nützlichen Wissenschaft vollauf tätig zu sein und dadurch die wahre Pflicht eines Menschen zu erfüllen, als die Zeit seines ganzen Lebens hindurch zu lesen und zu schreiben, aber auf die Tätigkeit nach Meinem Wort gänzlich zu vergessen?
STE|0|13|25|0|Ich sprach es: „Seid nicht eitle Hörer, sondern Täter des Wortes!“ Wo aber sind diese Täter nun? Sind es etwa die Maschinen- und Luxusfabrikanten? Oder sind es die Eisenbahndirektoren und Unternehmer? Sind es etwa die Industrieritter oder die Zuckerplantageninhaber in Amerika? Oder ist es etwa die geld-, gold- und herrschsüchtige Geistlichkeit? Fürwahr, Ich bin doch gewiss mit überaus weitsehenden und scharfen Augen versehen – und bin genötigt, Mir ebenfalls eine stark vergrößernde Fernröhre zu kreieren, um mit derselben die Täter Meines Wortes auf der Erde aufzusuchen. Bei trillionenmaliger Vergrößerung geht es Mir noch schlecht; denn da zeigt sich die Zahl noch so klein, dass Ich sie fürwahr noch nicht recht ausnehmen kann, ob sie ein Tausender, ein Hunderter, ein Zehner oder gar eine Null ist.
STE|0|13|26|0|Ich habe daher jetzt ein viel größeres Fernrohr in der Arbeit! Ihr werdet sicher verstehen, was Ich damit sagen will, indem ihr selbst ein wenig daran arbeitet; eine ganze Zentralsonnenscheibe soll zum Objektiv dienen. Durch dieses will Ich die Zahl der Täter Meines Wortes genau beschauen. Soll etwa für die ganze Erde sich ein reiner Zehner darstellen, so will Ich Mein Gericht noch auf tausend Jahre verschieben; wenn aber die Zahl unter Zehn steht, so werde Ich Meine Geduld bis zu einem großen allgemeinen Gericht auf die Zahl der Täter Meines Wortes beschränken, – das heißt für jeden Täter ein Jahr.
STE|0|13|27|0|Man wird freilich sagen: „Herr! Es gibt ja noch recht viele wohltätige Menschen!“ – Ich aber sage darauf: „Ja, es gibt recht viele Hunderttausendstel-, Zehntausendstel- und Tausendstel-, wohl auch Hundertstel-Täter Meines Wortes. Wenn Ich sie aber zusammenzähle, so wird kaum einer daraus!“
STE|0|13|28|0|Wieso aber? Was ist der, so er Hunderttausende besitzt und gibt davon an die Armen jährlich höchstens den zehntausendsten Teil seines Vermögens und kennt aber dennoch Mein Wort, das Ich zu dem reichen Jüngling gesprochen habe? Frage: Ist ein solcher mehr als ein Zehntausendstel-Täter Meines Wortes? Wahrlich, um solche frage Ich nicht; diese werden sich in Meinem Fernrohr auch nicht ausnehmen, sondern nur die Ganzen.
STE|0|13|29|0|Zu Noahs Zeiten habe Ich ebenfalls einen solchen Tubus aufgerichtet; und da Ich nicht mehr fand als acht alleinige Täter Meines Wortes, so ließ Ich das Gericht ergehen. Ich fürchte nun, ob Ich bei der gegenwärtigen Beschauung die Zahl Noahs treffen werde, und das aus dem Grunde, weil die Politik und die Industrie diesmal schon einen bei weitem höheren Gipfel erreicht hat als zu den Zeiten Noahs; und was die allenthalben vorkommende Grausamkeit betrifft, so steht sie nicht um ein Haar vor! Nehmt nur die „Zwölf Stunden“ zur Hand und vergleicht!
STE|0|13|30|0|Also ist es jetzt, wie es zu den Zeiten Noahs war, eine reife Frucht der Literatur und der großen Belesenheit. Daraus aber wird auch klar, dass das Heil der Menschen nie vom Viellesen und Vielhören, sondern vom Tun nach dem Gesetz der Liebe abhängt.
STE|0|13|31|0|Ich meine, das dürfte auch klar sein; aber darum nächstens doch eine Zentralsonne mehr wegen der Vergrößerung des Objektivglases auf Meinem Fernrohr!
STE|0|14|1|1|„Wenn sie euch da sagen: Siehe, Er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus; siehe, Er ist in der Kammer!, glaubt es nicht!“ (Matthäus 24, 26) – „Wo ein Aas ist, da werden sich sammeln die Adler.“ (Matthäus 24, 28)
STE|0|14|1|1|Am 12. Januar 1844, abends
STE|0|14|1|0|Schreibt nur hin, was ihr habt!
STE|0|14|2|0|„Wenn sie euch da sagen: Siehe, Er ist in der Wüste!, so geht nicht hinaus; siehe, Er ist in der Kammer!, glaubt es nicht!“ – „Wo ein Aas ist, da werden sich sammeln die Adler.“
STE|0|14|3|0|Ihr habt gerade wieder solche Texte gewählt, die das, was wir für unsere Sache brauchen, als ein offenes Schild gerade auf der Nase tragen. Es wäre wirklich hoch zu verwundern, wenn ihr das sogar mit dem bloßen Verstand nicht auf den ersten Blick recht tüchtig wahrnehmen solltet.
STE|0|14|4|0|Was ist denn eine Wüste? Eine Wüste ist ein Boden, da kein Leben ist. Was ist denn aber eine geistige Wüste? Sicher nichts anderes als ebenfalls ein Feld oder ein Boden, auf welchem Ich nicht wandle und daher auch niemals anzutreffen bin.
STE|0|14|5|0|Wo ist aber dieses Feld oder dieser Boden, auf dem so häufig hinausgegangen wird, um allda zu finden die Wahrheit und den Grund des Lebens? Es ist dieser Boden und dieses Feld nichts anderes als die gesamte Literatur! Und demnach könnte dieser Text auch also heißen:
STE|0|14|6|0|„Wenn man zu euch sagen wird: Siehe, die wahre Weisheit, die lebendige Wahrheit ist in den Büchern; lest sie, und ihr werdet sie finden! – Da sage Ich dann darauf: Geht nicht hinaus in diese Wüste; denn da ist weder Weisheit noch die innere, lebendige Wahrheit zu finden! – Sondern Ich sage: Geht in die Liebe zu Mir und zu eurem Nächsten, sucht in der Tat Mein Reich, so wird euch alles andere in der höchsten Überfülle hinzugegeben werden.“
STE|0|14|7|0|Ich meine, über diesen Text bedarf es wohl keiner weiteren Erklärung mehr, indem seine Bedeutung nur zu sehr mit den Händen zu greifen ist. So leicht aber der erste Text ist, ebenso leicht ist auch der zweite, demzufolge niemand glauben soll, dass Ich in den Kammern sei, wenn man das von Mir aussagt.
STE|0|14|8|0|Was sind denn diese Kammern? Kammern sind in naturmäßiger Sphäre geheime Gemächer, in denen nicht leichtlich etwas Offenkundiges zum Vorschein kommt. Gewöhnlich sind sie die Werkstätten mehr oder weniger politischer Falschmünzerei. So hat auch ein jeder Mensch ein paar Herzenskammern und weiß nie, was in selben vorgeht. Nun wüssten wir so ziemlich die naturmäßige Bedeutung von einer Kammer. Selbst eine sogenannte Rumpelkammer enthält gewöhnlich Gegenstände, die von der Öffentlichkeit abgesperrt sind; und der Besitzer von einer solchen Rumpelkammer weiß oft selbst kaum, was alles für unnützes Zeug in ihr der Vermoderung und dem Schimmel übergeben ist.
STE|0|14|9|0|Was aber ist nach solchem naturmäßigen Vorbild eine geistige Kammer? Ich brauche euch dafür keine eigene Erklärung zu geben, sondern bloß einige solcher Kammern anzuführen, und ihr werdet auf der Stelle auf ein Haar wissen, wie ihr damit daran seid. Diese geistigen Kammern heißen: allerlei Konfessionen, Sekten, klösterliche Vereine, Konklaven, allerlei Mystizismen, Konzilien, Konsistorien. Wir haben genug; denn ihr könnt euch selbst noch eine Menge dergleichen Vereine, Kongregationen und Brüderschaften hinzudenken. Diese passen alle hierher.
STE|0|14|10|0|Demnach könnte der Text so heißen: „Wenn man euch sagen wird, das Reich Gottes oder die lebendige Wahrheit oder die reine Lehre Christi ist in dieser oder jener Konfession oder Sekte usw., oder das ist die alleinseligmachende Kammer, so glaubt es nicht; denn der Herr ist nur bei denen, die Ihn lieben im Herzen und in Werken.“
STE|0|14|11|0|Wo zwei oder drei in Meinem Namen oder in Meiner Liebe (es versteht sich von selbst) tätig beisammen sind, da bin Ich mitten unter ihnen; aber sicher nicht da, wo man sich anstatt über Mein Wort und Meine Liebe nur über weltliche, militärische und Geldangelegenheiten beratet, – wo diejenigen, die sich Meine Priester nennen, auch Festungsbau, Maschinenwesen und Eisenbahnen projektieren.
STE|0|14|12|0|Auch hier, meine Ich wieder, dass der Text so klar gegeben ist, dass ihn wohl auch jedermann mit den Händen greifen kann, wie er genau für unsere Sache passt, in der es ebenfalls nicht genügt, dass man bloß nur in ihr Geheimnis eingehe wie in eine Kammer, sondern dass man danach tätig sei.
STE|0|14|13|0|Das ist alles richtig, aber wir haben noch einen dritten Text. Wie werden wir diesen hierherbringen, dass er auch passe für unsere Sache? Das wird noch leichter gehen, als wie mit den zwei früheren!
STE|0|14|14|0|„Wo ein Aas ist, da versammeln sich die Adler.“
STE|0|14|15|0|Wer ist denn das „Aas“ nun auf dieser Welt, vor dem sie sich ihre Nüstern verstopft und es sie ekelt, wenn man von diesem Aas spricht? Dieses Aas habe Ich leider die Ehre Selbst zu sein!
STE|0|14|16|0|Wer sind denn die freilich wohl etwas selten gewordenen „Adler“? Das sind die wenigen ganzen Liebhaber Dessen, der euch hier dieses kundgibt! Diese wenigen Liebhaber haben ein scharfes Gesicht und eine scharfe Nase; oder sie haben ein tiefes lebendiges Gefühl und demzufolge [eine untrügliche Urteilskraft], was zusammengenommen ist der lebendige Glaube.
STE|0|14|17|0|Warum versammeln sich denn die Adler, wo ein Aas ist? Weil ihnen ihr Instinktgefühl sagt: Da gibt’s für uns eine lebendige Kost! – Darum fliegen sie denn auch hin und sättigen sich zur Übergenüge.
STE|0|14|18|0|Also wissen es auch Meine wahrhaftigen Verehrer und Liebhaber, dass Ich ein wahres Brot des ewigen Lebens bin, und dieses Brot ist Meine Liebe; diese genießen sie in vollen Zügen und ernähren sich dadurch zu einem Leben, das ewig nimmer von ihnen genommen wird.
STE|0|14|19|0|Also weiß es der Hungrige, dass er essen muss vom wahren Brot, wenn er gesättigt werden will. Wird er aber auch satt, so ihr ihm statt des Brotes ein Kochbuch zu lesen geben möchtet?
STE|0|14|20|0|Oder was wird ein Adler in kurzer Zeit für ein Gesicht machen, so ihr ihn fangen möchtet und dann einsperren in eine Rumpelkammer? Wird er sich wohl sättigen an den verschimmelten und vermoderten Gegenständen? Sicher nicht; er wird darinnen schwach werden und der Tod wird über ihn kommen.
STE|0|14|21|0|Also geht auch ihr nicht in die Kammern, darinnen wohl ein Aas des Todes, ein Aas Balaams, ein Aas des Heiden- und Götzentums modert, sondern fliegt mit den Adlern hinauf in die Höhe, und ihr werdet leicht gewahr, wo das Aas ist, das euch Leben bringt!
STE|0|14|22|0|Die Höhe ist die reine Erkenntnis Meines Wortes, und das Aas ist das lebendige Wort, das der Welt zum Ekel geworden ist, und die Welt es flieht wie Pest, wo sie dasselbe wittert. Wollt ihr das erfahren, so fangt nur an zu reden mit einem Weltmenschen, Nummer eins, über die Bibel und dann, Nummer zwei, gar über die Möglichkeit eines inneren, lebendigen Wortes aus Mir, so wird er euch im besten Falle fürs Narrenhaus zeitig finden; oder wenn es etwas schlimmer geht, so wird er euch sogleich als staatsgefährliche Narren publik machen, und es wird bei euch hoch an der Zeit sein, sich aus seiner Sphäre zu begeben.
STE|0|14|23|0|Aus dem aber geht doch etwa klar hervor, wer nun das „Aas“ ist, wer die „Adler“, was die „Kammern“, und was die „Wüste“!
STE|0|14|24|0|Geht daher auch ihr weder in die Wüste noch in die Kammern, sondern sucht in der Freiheit eures Geistes das Aas, so werdet ihr das wahre Leben finden!
STE|0|14|25|0|Ich meine, das wird auch wieder klar sein; aber darum dennoch das nächste Mal wieder um eine Zentralsonne weiter!
STE|0|15|1|1|„Und sie führten das Füllen zu Jesus und legten ihre Kleider über dasselbe, und Er setzte Sich darauf.“ (Matthäus 21, 7)
STE|0|15|1|1|Am 13. Januar 1844, abends
STE|0|15|1|0|Schreibet nur, wie gewöhnlich, euren Text nieder!
STE|0|15|2|0|„Und sie führten das Füllen zu Jesus und legten ihre Kleider über dasselbe, und Er setzte Sich darauf.“
STE|0|15|3|0|Kurz, aber gut ist der Text; den können wir gerade sehr gut brauchen; denn er zeigt im lebendig-klaren Bild, mit beiden Händen zugleich begreiflich, was da für unsere Sache taugt.
STE|0|15|4|0|Sie führten die Eselin zu Ihm hin, belegten dieselbe mit ihren Kleidern, und dann erst setzte Sich der Herr auf die Eselin.
STE|0|15|5|0|Die Eselin war angebunden, als sie die Jünger fanden, und war noch ein Eigentum eines Menschen in der Welt. Was will das sagen? Solches bezeichnet die gebundene Einfalt, Demut und Liebe, welche noch von der Welt gebunden ist, oder den Geist im Menschen, der noch nicht frei gemacht ward, obschon er seiner demütigen und liebevollen Beschaffenheit wegen völlig zum Herrn gewendet ist und somit seine ganze Bestimmung in und für den Herrn ist. Da aber der Herr sieht einen solchen Geist, da sendet Er sobald Seine Diener hin, dass sie ihn frei machen und hinführen zum Herrn, und die Welt hat sobald alles scheinbare Recht und alle Macht auf den verloren, zu dem der Herr spricht: „Ich bedarf seiner!“
STE|0|15|6|0|Warum ist es denn aber eine Eselin und kein Esel? Weil das Weiblein hier noch schärfer die tiefste Demut bezeichnet und die fruchtbare Liebe als das Männlein.
STE|0|15|7|0|Nun befindet sich die Eselin beim Herrn; und die Jünger bedecken sie mit ihren Kleidern. Dieses bezeichnet, wie die wahre Demut und fruchtbare Liebe, sobald sie zum Herrn gelangt ist, sogleich mit der wahren Weisheit bekleidet wird. Denn Kleider bezeichnen die Weisheit in ihrer Nutzwirkung. Je einfacher sie sind, einen desto höheren Grad der Weisheit aus dem Herrn bezeichnen sie auch; denn die alleinige Liebe und Demut ist nackt.
STE|0|15|8|0|Wenn darüber sehr ausgezeichnete und prachtvolle Kleider kommen, so bezeichnet das, wie die Weisheit größer und stärker ist als die Liebe, darum auch zum Beispiel die Engelsgeister in dem Weisheitshimmel mit übergroßer Pracht bekleidet sind; aber die Engelsgeister des höchsten Himmels, die pur Liebe zum Herrn sind, erscheinen höchst dürftig bekleidet, ja manchmal ganz nackt, besonders wenn ihre Liebe zum Herrn den möglich höchsten Grad erreicht hat.
STE|0|15|9|0|Also bezeichnen auch hier die dürftigen Kleider der Jünger, mit denen die Eselin bedeckt ward, die rein göttliche Weisheit, und wenn solche fruchtbare Liebe aus ihrer Demut heraus mit solcher rein göttlichen Weisheit bekleidet wird, dann erst ist sie vollkommen tauglich, den Herrn aufzunehmen und zu tragen, und ist mit dem Herrn dann auch völlig eins.
STE|0|15|10|0|Solche fruchtbare Liebe, mit der Weisheit bekleidet, trägt den Herrn; der Herr aber leitet sie Selbst, damit sie unmöglich je irgendeinen Fehltritt machen kann, und der Ritt geht dann schnurgerade auf die Stadt Gottes zu, welche bezeichnet das ewige Reich Gottes oder das wahre ewige Leben! Hier ist das Bild und seine Bedeutung.
STE|0|15|11|0|Man wird sagen: Es ist alles richtig dargestellt; aber also, wie es da ist, sehen wir noch nicht recht ein, wie es für unsere Sache taugen sollte.
STE|0|15|12|0|Ich aber sage: Wenn das Licht einmal da ist, da mögt ihr es stellen, wohin ihr wollt, und es passt überall hin also, als wenn es schon von Ewigkeit für diesen Punkt bestimmt wäre.
STE|0|15|13|0|Versucht das nur einmal mit einer Kerze, so sie brennt! Stellt sie auf verschiedene Punkte in eurem Zimmer, und sie wird nirgends wie fremd und unheimlich erscheinen, sondern wird überall recht freundlich hinpassen.
STE|0|15|14|0|Also wechseln ja auch die verschiedenen Sterne am Firmament wenigstens scheinbar für euer Auge fortwährend den früheren Platz; könnt ihr aber sagen, ob sich etwa der Orion im Aufgang oder Mittag oder im Abend des Firmaments besser ausnimmt? Wo er steht, da erscheint er schon auch auf seinem eigentümlichsten Platz. Ebenso nimmt sich auch die Sonne überall gleich herrlich aus; und wo ihr Licht hinfällt, da verrichtet sie den gleichen Dienst.
STE|0|15|15|0|Gerade aber also verhält es sich auch mit dem hell angefachten Licht unseres Textes. Ihr könnt dasselbe hinsetzen, wohin ihr wollt, so wird es überall gar herrlich also genau passen, als wäre es alleinig dafür gegeben. Ob es nun auch für unsere Sache passt, wollen wir sogleich einen Versuch machen; und wir werden es hinzustellen, und es wird allda also sich ausnehmen, als wäre es nur einzig und allein dafür gegeben. Und so hört denn; wir wollen’s versuchen!
STE|0|15|16|0|Frage: Hätte der Herr Sich nicht ebenso gut können ein Pferd oder wenigstens einen wohl zugerittenen Esel statt der Eselin bringen lassen? Sicher! Jedes Tier hätte dem Herrn in diesem Falle unwiderstehlich denselben Dienst leisten müssen. Ein Löwe, ein Tiger, Panther, ein Kamel, ein Elefant, ein Pferd, ein Maulesel, alles das wäre fürs Erste viel stärker gewesen und hätte dem Herrn der Unendlichkeit, dem allmächtigen Schöpfer aller Dinge, auf einen Wink gehorchen müssen; und dazu wäre ein solcher Ritt doch offenbar ansehnlicher gewesen als der auf einer schwachen Eselin.
STE|0|15|17|0|Das wäre allerdings wahr, bloß ad hominem (bei einem Menschen) genommen; aber ad Dominum (beim Herrn) verhält sich die Sache anders. Derjenige, der die Grundordnung und Grundbedeutung aller Dinge ist, handelte nicht wie ein Mensch, dem es so oder so gleich ist, sondern bei Ihm war alles in der unverrückbarsten Ordnung vorbildend und für die Ewigkeit belehrend.
STE|0|15|18|0|Diese kräftigeren Tiere bezeichnen zumeist Erkenntnisse und Weisheit für Mich; aber es fehlt ihnen das Fruchtbare der Liebe und die Demut derselben in ihrer tiefsten Einfalt.
STE|0|15|19|0|Hätte der Herr ein solches Tier gewählt, so hätte Er dadurch tatsächlich angezeigt, dass sich der Mensch nur vorzüglich auf die Bereicherung der Wissenschaften, auf alle möglichen Erkenntnisse und auf alle Weisheit daraus hinwerfen solle. Ja, Er hätte ihm dadurch angezeigt, dass er alle Bibliotheken der Welt oder wenigstens so viel als möglich durchstudieren solle; allein der Herr wusste, was Er tat, und es blieb hier derjenige Grundsatz feststehend, den der Herr schon im Anfang aufgestellt hat, indem Er sprach: „Sobald du vom noch nicht gesegneten Baum des Erkenntnisses essen wirst, wirst du sterben!“
STE|0|15|20|0|Aber eben dadurch, dass der Herr eine mit dürftigen Kleidern bedeckte Eselin ritt, zeigte der Herr bildlich und tatsächlich allen Menschen an, dass sie geistig dasselbe tun sollten und sollten allein auf die fruchtbare wahre Liebe aus ihrer Demut heraus halten; dann wird sie der Herr frei machen von aller Welt und wird sie mit Kleidern der wahren Weisheit bekleiden, und Er Selbst wird sie also führen, wie sie Ihn trägt, solche Liebe nämlich, in ihrem Herzen und auf dem Rücken ihrer Demut.
STE|0|15|21|0|Aber nicht Pferde, Elefanten, Kamele, Löwen, Panther und Tiger soll der Mensch reiten; oder auf Deutsch: Nicht nach Erkenntnissen und nach Gelehrtheit und Weisheit soll der Mensch jagen – denn das alles ist Frucht des ungesegneten Erkenntnisbaumes, sondern in der wahren Liebe und Demut soll der Mensch des Herrn harren! Und wenn es zur rechten Zeit sein wird, wird der Herr kommen und wird ihn frei machen und segnen dann den Baum des Erkenntnisses; oder die Eselin wird mit den Kleidern belegt, und der Mensch wird dann von diesem gesegneten Baum alle Frucht der wahren Weisheit für Ewigkeiten genießen können.
STE|0|15|22|0|Nun frage Ich, ob das Licht dieses Textes für unsere Sache passt oder nicht! Ich meine, die Sache ist mit Händen zu greifen; aber darum dennoch nächstens um eine Zentralsonne weiter!
STE|0|16|1|1|„Jesus spricht: Hebt den Stein ab! Es spricht zu Ihm Martha, die Schwester des Gestorbenen: Herr, er riecht schon; denn er liegt vier Tage!‘“ (Johannes 11, 39)
STE|0|16|1|1|Am 15. Januar 1844, abends
STE|0|16|1|0|Schreibt die Zentralsonne nur hin, wie gewöhnlich!
STE|0|16|2|0|„Jesus spricht: Hebt den Stein ab! Es spricht zu Ihm Martha, die Schwester des Gestorbenen: Herr, er riecht schon; denn er liegt vier Tage!“
STE|0|16|3|0|Wenn ihr immer so leichte Texte wählt, deren Verständnis auf den ersten Augenblick mit den Händen zu greifen ist, so kann Ich euch darüber nicht allzeit zehn volle Seiten vorsagen; denn dieser Text hat schon in seiner ersten Stellung vollkommen dasselbe in sich, was Ich euch durch den Verlauf dieses ganzen Nachtrages fortwährend handgreiflichst kundgebe.
STE|0|16|4|0|Auch zu euch sage Ich: Hebt den Todesstein der Welt vom Grab eurer Liebe hinweg! Oder auf Deutsch gesagt: Trachtet nicht dadurch das Leben zu erreichen, dass ihr euch durch allerlei Bereicherungen des Verstandes aus der Gelehrtheit der Welt verseht, sondern hebt diesen Stein hinweg, auf dass, so Ich zu eurem Grab komme, Meine lebendige Stimme ungehindert in euer Grab dringe und erwecke vom Tode euren gefesselten und gebundenen Lazarus, welcher da ist euer Geist, gebunden und geknebelt von noch so manchen Banden der Welt!
STE|0|16|5|0|Es tritt wohl auch da die „Martha“ zu Mir, die weltbekümmerte Vernunft nämlich, und spricht: „Herr, er liegt schon vier Tage im Grab und riecht bereits übel!“ Ich aber werde dennoch, um die Herrlichkeit Gottes zu zeigen, auch den schon vier Tage im Grab Modernden zu einem neuen Leben erwecken, so nur der Stein hinweggewälzt sein wird.
STE|0|16|6|0|Also aber, wie die Martha spricht, spricht – wie schon bemerkt – auch des Menschen törichte Vernunft und sagt: „Ja, was sollen wir da tun? In unserem Knabenalter, dann als Jünglinge, darauf als Männer und auch sogar als Greise haben wir uns fortwährend mit der Welt beschäftigt; unser Geist liegt also schon durch diese vier Lebenstage im Grab der Welt, gebunden mit ihren Banden, und riecht recht übel von allen Sünden, die wir durch diese vier Tage hindurch begangen haben!
STE|0|16|7|0|Wird der Herr wohl so viel Barmherzigkeit haben, dass Er uns darob offenbarlich wunderbar erweckte zum Leben? Wie können wir solches von dem Allerheiligsten erwarten, gegen dessen Gebote wir so oft gesündigt haben und haben es durch diese Sünden so weit gebracht, dass unser Geist also abgestorben ist, dass wir nicht einmal mehr wissen, ob wir einen Geist haben, und was er ist, ja nicht einmal mehr ganz vollkommen, ob in unserem Leib eine lebendige Seele vorhanden ist oder nicht?
STE|0|16|8|0|Und haben wir auch einen lebendigen Geist und eine lebendige Seele, so ist aber doch sicher der Geist, wie die Seele, zu sehr in die Masse unseres Fleisches begraben und zu sehr gebunden mit dessen Banden, als dass wir je erwarten, dass der Herr, der über alles Heilige, Sich so tief herablassen möchte, um diesen Lazarus in uns mit der Allmacht Seiner Stimme wieder zu erwecken und ihn dann seiner ewigen Bestimmung zuzuführen. Zudem können wir uns auch nicht leichtlich so völlig von der Welt losmachen, als dass wir solches vom Herrn erwarten können.“
STE|0|16|9|0|Dagegen aber sage Ich: Ich rufe nicht und sage: „Setzt euch gänzlich außer allen zu eurer zeitlichen Existenz notwendigen Verkehr mit der Welt!“; denn dergleichen habe Ich ja Selbst nicht getan, als Ich auf der Welt war. Ich Selbst habe in der Welt gearbeitet und habe der Welt gar viele und gute Dienste mit Meinen eigenen Händen getan. Und so sage Ich zu euch niemals: „Habt mit der Welt vollkommen nichts zu tun!“; aber das sage Ich euch:
STE|0|16|10|0|Den Stein, ja den schweren Stein hebt hinweg von eurem Lazarusgrab, und ihr sollt sobald in euch der Herrlichkeit Gottes gewahr werden! Nur geöffnet muss das Grab sein, und es werden sodann die in den Gräbern sind, Meine Stimme vernehmen und werden erweckt werden!
STE|0|16|11|0|Aber solange ihr den Stein nicht vom Grab hebt, so lange seid ihr zu sehr Gefangene des Todes, und Ich kann schreien gleich einem Nachtwächter, und dennoch mag Mich euer Lazarus nicht vernehmen; denn durch den Stein dringt der Liebe Stimme nicht, weil der „Stein“ in sich selbst ist das wahrhaftige Symbol aller Lieblosigkeit. Ein Stein kann nur durch die Stimme Meines Grimmes zertrümmert und vernichtet werden; aber Meine Liebe bedient Sich nicht eines Steines vor dem Munde statt einer Posaune.
STE|0|16|12|0|Solch ein Stein ist eure weltgelehrte Verstandesbegründung; sie ist fest und schwer, und es gehört viel Kraftanstrengung dazu, um sie vom Grab wegzuheben. Aber alles dessen ungeachtet muss sie dennoch hinweg, sonst dringt Meine erweckende Stimme nicht zum toten Lazarus in euch.
STE|0|16|13|0|Der Stein verhindert wohl, dass die Nüstern der Welt nicht den üblen Geruch des modernden Lazarus in euch überkommen; Ich aber sage: Wohl dem, bei dem der Stein vom Grab gewälzt wird und dann seine Weltnüstern vom Übelgeruch des modernden Lazarus berührt werden; denn wo solches nicht vor sich gehen wird, wo nota bene der Mensch nach hinweggehobenem Stein in seinem Weltlichen nicht erschaudert in seiner wahren Reue darüber, wie sein Lazarus bestellt ist, da wird Mein erweckender Ruf nicht in das Grab zu dem modernden Lazarus dringen, ihn erwecken und ihm dann lösen lassen die Bande des Todes!
STE|0|16|14|0|Ich meine, klarer kann man darüber wohl nimmer sprechen, und ihr habt damit zur vollkommensten Beleuchtung dieser großwichtigen Hauptsache auch mehr als ein hinreichend mächtiges Licht erhalten.
STE|0|16|15|0|Es hängt nun ganz von euch ab, danach zu handeln. Werdet ihr danach handeln, so werdet ihr auch die lebendige Überzeugung überkommen, dass diese Veroffenbarung nicht aus dem Munde eines Menschen, sondern aus Meinem eigenen kommt. Werdet ihr es aber bloß nur lesen wie ein anderes Weltbuch, dann wird es für euch auch nur ein Weltbuch und wie ein Werk eines Menschen sein!
STE|0|16|16|0|Und mit diesen Worten schließe Ich auch diese Meine große Gabe an euch. Wollt ihr aber jedoch als außerordentlichen Nachtrag noch mehr solcher Leuchten, so überlasse Ich das eurer Liebe und deren Begehren; Ich aber werde allzeit der freundliche Geber sein, Amen.
STE|0|17|1|1|„Musste nicht Christus solches leiden und so eingehen in Seine Herrlichkeit?“ (Lukas 24, 26)
STE|0|17|1|1|Am 17. Januar 1844, abends
STE|0|17|1|0|„Musste nicht Christus solches leiden und so eingehen in Seine Herrlichkeit?“
STE|0|17|2|0|In diesem oben angesetzten Text liegt ja wieder gar augenscheinlichst, dass die Herrlichkeit des ewigen Lebens nicht durch große Belesenheit und Gelehrtheit, sondern lediglich durch die Tat der Liebe erreicht werden kann.
STE|0|17|3|0|Man wird hier freilich sagen: Christus war ja ohnehin das ewige Leben Selbst und besaß in Sich alle Herrlichkeit desselben; warum musste Er denn hernach leiden, um in diese Herrlichkeit einzugehen?
STE|0|17|4|0|Ich aber sage: Christus war nur ein Mensch und musste Sich als erstes Grundvorbild die vollkommene Herrlichkeit Gottes erst durch Seine Taten vollkommen zu eigen machen. Und hätte Er dieses nicht getan, so wäre es um die ganze Schöpfung geschehen gewesen; denn in Ihm erst war Vater und Sohn wieder Eins oder – was dasselbe ist – die göttliche Liebe und die göttliche Weisheit. Denn zuvor hatte sich die Liebe abgezogen von der Weisheit, weil die Weisheit in ihrer Heiligkeit sich zu unerreichbar allerhöchst aufgestellt hatte, und ihre Forderungen waren über alle Erfüllungsmöglichkeit gestellt.
STE|0|17|5|0|Aber die Weisheit war öde ohne die innigste Vereinigung mit ihrer Liebe; wie konnte sich aber dieselbe mit der Liebe wieder vereinigen? Sie musste in dem Menschen Jesus die von ihr gestellten Aussöhnungsbedingungen selbst erfüllen; sie musste sich demütigen bis auf den kleinsten Punkt, und dadurch erst ward sie vollkommen wieder Eins mit ihrer Liebe, welche „der Vater“ ist.
STE|0|17|6|0|Darum verschmähte denn auch Christus, als Selbst die ewige, allmächtige Grundweisheit des Vaters, alle Weisheit der Weisen der Welt; und alle Schriftgelehrten mussten Ihm ein Gräuel sein, so ihre Taten nicht aus dem Grunde des Lebens der Schrift gemäß waren.
STE|0|17|7|0|Er als die ewige Weisheit des Vaters musste Werke der Liebe tun und lehren die Menschen das alleinige Gesetz der Liebe; ja, Er musste am Ende Sich von der Weisheit der gelehrten Priester gefangen nehmen und kreuzigen lassen und musste auf diese Weise als das urewige Licht des Vaters oder der Liebe die größte Schmach und an Sich Selbst die größte Verfinsterung erleiden. Darum Er denn auch ausrief: „Vater! Warum hast Du Mich verlassen?“
STE|0|17|8|0|Dass aber Er als das urewige Licht der ganzen Unendlichkeit in Sich Selbst eine gänzliche Verfinsterung erdulden musste, beweist jener bisher noch von niemandem verstandene Augenblick, in welchem nach dem Verscheiden Christi am Kreuz eine vollkommene Verfinsterung der ganzen unendlichen Schöpfung eintrat und das Licht nicht nur der Erdsonne, sondern aller Sonnen in der ganzen Unendlichkeit auf eine Zeit von drei Stunden lang erlosch!
STE|0|17|9|0|Und es war dieser Verfinsterungsmoment auch gleich dem, von dem ihr wisst, dass in ihm die Seele Christi nach dem Tode in die Hölle oder Unterwelt hinabstieg, um da die Geister, welche in der alten Weisheit gefangen waren, zu erlösen und sie zu führen an das neue Licht, welches aus der Wiedervereinigung des Sohnes mit dem Vater alle Unendlichkeit zu erfüllen anfing.
STE|0|17|10|0|Christus musste daher das alte Gesetz der Weisheit in Sich Selbst bis auf ein Häkchen erfüllen, um dadurch alle Irrungen wider dieselbe vor dem Angesicht des Vaters zu sühnen; oder es musste alle Weisheit gekreuzigt werden, damit dadurch die Liebe des Vaters gerechtfertigt ward.
STE|0|17|11|0|Nun, das tat also Gott Selbst; was wollt denn dann ihr tun? Meint ihr wohl, dass ihr durch die Rechtfertigung eurer Weisheit in die Herrlichkeit des ewigen Lebens eingehen werdet?
STE|0|17|12|0|Wenn Christus als die göttliche Weisheit Selbst Werke der Liebe tun und lebendigst predigen musste, und musste alle Seine Weisheit kreuzigen und in die größte Finsternis übergehen lassen, um dadurch vollkommen wieder einzugehen in die Herrlichkeit des Vaters, welcher die getrennte Liebe in Christo Selbst war, so werden doch auch die Menschen ebenfalls diesen Weg wandeln müssen und werden müssen Christo nachfolgen, so sie mit Ihm in die Herrlichkeit Seiner väterlichen Liebe eingehen wollen.
STE|0|17|13|0|In der Urkirche der Welt hieß es: „Ihr Menschen könnt nur durch die Liebe Gottes gelangen zu der sonst unerreichbaren göttlichen Weisheit!“ – Mit Christo aber heißt es: „Nun bin Ich als die göttliche Weisheit Selbst, als der Weg und das Leben die Tür zur Liebe oder zum Vater. Wer nun zum Vater will, der muss durch Mich eingehen!“
STE|0|17|14|0|Wie aber? Etwa durch die Weisheit, weil Christus als die Tür die göttliche Weisheit Selbst ist? – O nein! Denn eben diese Weisheit ließ Sich demütigen bis auf das letzte Atom. Sie als die unantastbare Heiligkeit Gottes stieg unter alle Sünder tief herab; diejenige Weisheit, die ehedem kein allervollkommenster Engelsgeist in Ihrem Grundlicht ansehen durfte, ging jetzt mit Sündern um und speiste unter ihrem Dach und musste Sich am Ende von heidnischen Kriegsknechten und Schergen ans Kreuz schlagen lassen!
STE|0|17|15|0|Aus dieser endlosen Demütigung der göttlichen Weisheit Selbst aber geht doch mehr als sonnenklar hervor, dass da niemand etwa mit seiner aufgeblasenen Weisheit in die Herrlichkeit des ewigen Lebens gelangen wird. Niemandem werden seine durchstudierten Bücher und Schriften zu Stufen in das Himmelreich werden, sondern allein seine wahre Demut und die wahre werktätige Liebe zum Vater.
STE|0|17|16|0|In Christo ging alle urgöttliche Weisheit in die Liebe zum Vater über; dadurch ward aus Sohn und Vater Eins. Desgleichen muss es aber auch bei dem Menschen der Fall sein. Bevor er nicht in seinem hochmütigen Verstand und in allen Begehrungen desselben, welche auf allerlei Ehrungen hinauslaufen, bis auf den letzten Tropfen gedemütigt wird, – ja, bevor er nicht alles der Liebe zu den Füßen legen wird und wird darum erleiden eine kurze Verfinsterung aller seiner weltlichen Weisheit, wird er wahrlich nicht in die Herrlichkeit des Vaters eingehen.
STE|0|17|17|0|Christus musste solches leiden und tun, um in die Herrlichkeit des Vaters einzugehen; also muss es auch ein jeder Mensch tun und muss Christo lebendig nachfolgen, wenn er in die Herrlichkeit des Vaters eingehen will.
STE|0|17|18|0|Christus aber hatte nicht auf Hochschulen studiert, um dadurch als ein hochgelehrter Weiser in die Herrlichkeit des Vaters einzugehen, sondern Seine Schule hieß: Demut und werktätige Liebe! Wenn aber Christus mit dieser Schule voranging, wie wollt denn ihr mit einer anderen ins Reich Gottes gelangen?
STE|0|17|19|0|Ich meine, mehreres hierüber wäre wohl unnötig; denn aus der tiefsten Weisheit ist dieses sonnenklar erläutert. Tut daher desgleichen, so werdet ihr leben! Amen.
STE|0|18|1|1|„Wenn Ich aber durch den Finger Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen!“ (Lukas 11, 20)
STE|0|18|1|1|Am 18. Januar 1844, abends
STE|0|18|1|0|„Wenn Ich aber durch den Finger Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das Reich Gottes zu euch gekommen!“
STE|0|18|2|0|Dieser Text besagt gerade das, was Ich immer zu euch rede. Was ist „der Finger Gottes“, was „der Teufel“ und seine Austreibung, und was „das Reich Gottes“, das zu euch kommt? Was bezeigt der Finger überhaupt?
STE|0|18|3|0|Der Finger bezeigt die Tätigkeit im Kleinen, wie die Hand die Tätigkeit im Großen. Der Teufel ist die Welt, welche durch die kleine Tätigkeit der Liebe von den Menschen weichen soll. Das zu euch kommende Reich Gottes ist das Gnadenlicht der Liebe und die damit verbundene Gabe des ewigen Lebens.
STE|0|18|4|0|Also bezeigt hier der Finger Gottes Meine liebsorgliche Tätigkeit im Sonderheitlichen bei euch Menschen, und die Gaben, die Ich euch gebe, rühren von Meinem Finger. Denn wenn Ich sagen würde: Ich treibe die Teufel bei euch mit „Meiner Hand“ aus, so hieße das so viel als: Ich sende über euch ein allgemeines Gericht, wie es zu den Zeiten Noahs der Fall war. Ich aber treibe nur mit dem Finger die Welt aus euch, und so empfangt ihr kein Gericht, sondern nur ein Gnadenlicht.
STE|0|18|5|0|Ich treibe mit Meinem Finger die Welt aus euch, heißt auch so viel als: Ich suche diejenigen auf, die besseren Geistes sind, aber dennoch in weltlicher Bedrängnis leben. Diese rühre Ich mit Meinem Finger an, auf dass ihnen Mein inneres Gnadenlicht werde.
STE|0|18|6|0|In diesem Gnadenlicht zeige Ich, was ihr zu tun habt und wie Leichtes und wie Geringes, um das ewige Leben zu erlangen und einzunehmen das Reich Gottes, wie es also in diesem Gnadenlicht lebendig zu euch kommt; und das besagt ebenfalls so viel als dass Ich von euch nur eine kleine Tätigkeit, also keine Tätigkeit der Hand, sondern nur die eines Fingers verlange, welche in nichts anderem besteht als in dem nur, dass ihr Mich lieben sollt mehr als die Welt und sollt Gutes tun nach euren Kräften euren Brüdern und Schwestern.
STE|0|18|7|0|Würde Ich eine große Tätigkeit verlangen, so müsstet ihr das tun, was einst die Apostel tun mussten, nämlich alles in der Welt verlassen und am Ende sogar den Kreuzestod schmecken.
STE|0|18|8|0|Also nur mit dem Finger treibe Ich bei euch die Welt hinaus, und euch kommt das schon viel vor! Was würdet ihr denn sagen, wenn Ich Meine Hand aufheben möchte? Wie viel erlasse Ich euch, und dennoch kommt euch das viel vor, was Ich von euch verlange.
STE|0|18|9|0|Ich sage zu euch: Macht euch durchaus keine Mühe der Welt wegen; denn sie ist derselben nicht wert. Warum stopft ihr denn eure Köpfe mühsam mit allerlei weltgelehrtem Dreck an, so Ich euch das Gold des Lebens in Überfülle biete und geben will, so ihr die Welt lasst und Mich in eurem Herzen erfasst?
STE|0|18|10|0|Was möchtet ihr denn zu einem Menschen sagen, welcher in seinem Garten einen Fruchtbaum hatte? Die Frucht dieses Baumes war reif, und der Mensch hätte sie leicht mit einer geringen Ausstreckung seiner Hand erreicht, und mit einem Finger angerührt, wäre sie in seiner Hand gewesen.
STE|0|18|11|0|Was tat aber der törichte Mensch, um diese Frucht bequemer erreichen zu können und dadurch gewisserart zu zeigen, welch großen Wert er auf diese reife Frucht setze? Er ließ ein Fundament graben und ließ unter der Frucht vom Fundament aus einen Stufenaltar mauern, um auf demselben dann ganz bequem die reife Frucht zu erreichen. Der Altar ward fertiggemacht nach etlichen Wochen; aber unterdessen war die Frucht am Baum faul geworden, und so empfing er nach Vollendung seiner großen, törichten Mühe statt einer frischen und lebendigen eine faule und somit tote Frucht vom Baum.
STE|0|18|12|0|Diesem törichten Menschen gleichen alle diejenigen, welche in der großen Gelehrtheit das Reich der Wahrheit suchen, welches mit einer geringen Erhebung des Herzens zu Mir so leicht und lebendig zu erreichen wäre. Solche Gelehrte machen und graben Fundamente über Fundamente und bauen dann aus denselben heraus mühsame und kostspielige Stufenaltäre, und sind sie mit denselben fertig geworden, so haben sie für all ihre Mühe und Arbeit nichts als eine tote und faule Frucht erreicht, welche weder für die Welt, noch viel weniger aber für den Geist irgendeinen Wert hat. Für die Welt nicht, weil diese sagt: Wozu solche Unkosten und so viel Mühe wegen so geringer Prozente? – Und für den Geist noch weniger, weil dieser aus seiner Lebenssphäre spricht: Ich kann nichts Moderndes und Totes brauchen!
STE|0|18|13|0|Die ehedem „reife Frucht“ aber ist eben der wohlgeordnete Geist im Menschen. Wozu so viele Mühe, um den reifen [Geist] frei zu machen, was jeder mit einer ganz geringen Mühe, mit der Mühe eines Fingers erreichen kann? Wozu ganze Bibliotheken in dem Kopf, wozu das Einzige: „Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst!“ hinreichend genügt?
STE|0|18|14|0|Ich brauchte keine gewaffneten Heere, um die Teufel auszutreiben, sondern einen Finger nur, welcher ist Mein vollernstlicher Liebewille; desgleichen tut auch ihr: Seid ernstlich liebewillig, und tut den guten Rat, den Ich euch gebe, und ihr werdet ebenfalls mit der leichtesten Mühe aller Welt ledig werden, und Mein Reich wird sicher zu euch kommen lebendig! Amen.
STE|0|19|1|1|„Ich will euch nicht als Waisen lassen, Ich will zu euch kommen!“ (Johannes 14, 18)
STE|0|19|1|1|Am 19. Januar 1844, abends
STE|0|19|1|0|„Ich will euch nicht als Waisen lassen; Ich will zu euch kommen!“
STE|0|19|2|0|Dieser Text besagt wieder ganz dasselbe, was fürs Erste vor euch liegt, was Ich zu euch jetzt immer rede, und was Ich soeben auch wieder mit dieser neuen Gabe treulich und lebendig bestätige.
STE|0|19|3|0|„Ich will euch nicht als Waisen hinterlassen!“, sondern, wie es auch heißt: „Ich verbleibe bei euch bis ans Ende der Zeiten!“, aber freilich nicht in eurer Weltklugheit und großen Gelehrtheit, vor der Mich ekelt, sondern in der Liebe und Demut eures Herzens.
STE|0|19|4|0|„Ich will euch nicht als Waisen hinterlassen!“, will nicht etwa gesagt haben: „Ich will euch mit Büchern aller Art versehen und daneben mit Bethäusern voller Schnitzwerke und mit Meinen Porträten, in allen möglichen Situationen gemalt und geschnitzt, welche in das Reich des Heidentums gehören!“; denn jede äußere Anschauung gehört der Welt an und hindert die Eröffnung der inneren Sehe, gleichwie derjenige Mensch, der sein Auge nicht schließt, nicht zum Schlafen kommt und im Schlaf noch weniger zu einem Traum, welcher ist eine innere Anschauung dessen, was der Geisterwelt angehört.
STE|0|19|5|0|Also dadurch will Ich euch nicht als Waisen hinterlassen, so Ich durch Meine Zulassung es gestatte, dass ihr eine Menge äußerer Spektakel, die allenfalls auf Mich Bezug haben, ins Werk setzen könnt und könnt zugleich aus eurem Verstand heraus eine ebenso große, wo nicht noch größere Menge Bücher schreiben, in denen nach Wahrheit geforscht wird, auf die gleiche Weise, wie ihr in die Lotterie setzt, da niemand weiß, ob die Ziffer gezogen wird, die er gesetzt hat, sondern jeder auf gut Glück setzt. Und ist da zufällig die Ziffer gezogen worden, so weiß er ebenso wenig den Grund dieses Gelingens, als er im entgegengesetzten Falle den Grund des Nichtgelingens gewusst hätte. Denn ein jeder Setzer ist der Meinung, seine Ziffer wird die beste sein; sonst hätte er sie sicher nicht gesetzt. Die Folge erst zeigt ihm ein anderes Licht, dass nämlich eine andere Ziffer besser war. Er spricht da freilich: Aber ich habe diese Ziffer schon am Papier gehabt, – warum musste ich eine andere wählen?
STE|0|19|6|0|Und seht, dieses Beispiel passt genau auf alle die große Zahl von Schriftstellern. Ein jeder meint so oder so den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben. Aber es dauert nicht lange, da taucht schon ein anderer auf, welcher dem ersten auf ein Haar beweist, dass er einen ungeheuren Fehlhieb gemacht hat. Und so geht das fort und fort, und am Ende weiß der Letzte es so wenig wie der Erste, ob er den Nagel auf den Kopf getroffen hat oder nicht.
STE|0|19|7|0|Gelingt es auch hier und da einem oder dem anderen, in einem oder dem anderen Fach an die Wahrheit zu stoßen, so weiß er aber dennoch nicht, ob er im Ernst an sie gestoßen ist oder nicht. Das einzige Kriterium liegt für ihn darin, dass er mit seinem Werk der Welt einen allgemeinen Beifall abgelockt hat; bedenkt aber nicht, dass, um diesen Beifall zu erreichen, eben nicht zu außerordentlich viel dazu gehört.
STE|0|19|8|0|Man darf es ja nur mit der Schriftstellerei also machen, wie es die Lotteristen vor der Ziehung mit ihren Losziffern machen, nämlich alles recht durcheinandermengen, sodass daraus niemand klug wird, was der Schriftsteller so ganz eigentlich damit gewollt hat, so bleibt dann jede Kritik vor einem solch kolossalen Werk bescheiden zurück, und der Schriftsteller hat dann mit seinem Werk einen offenbaren Weltbeifallstreffer gemacht.
STE|0|19|9|0|Frage aber: Sitzt etwa der von Mir versprochene heilige Geist in solchen Werken? – O nein! Fürwahr, die sind Waisen; bei denen bin Ich nicht! Für die gilt der Text nicht, um den es sich hier handelt.
STE|0|19|10|0|Aber vielleicht gilt er für die Maler, Kupferstecher, Bildhauer und Vergolder, die sich ganz besonders mit der bildlichen Darstellung der sogenannten heiligen Gegenstände abgeben – wenn sie aber bezahlt werden, da liefern sie auch Schlachtstücke und noch allerlei obszöne Darstellungen. Ich sage: Auch diese sind Waisen, und der Text hat mit ihnen nichts zu tun.
STE|0|19|11|0|Aber es werden vielleicht die Predigt- und Gebetbuchdichter es sein, wie auch musikalische Komponisten für die sogenannte Kirchenmusik? O nein! Auch für diese gilt der Text nicht; denn auch diese drehen den Mantel nach dem Wind und sind für alles erbötig ums Geld. Der Erste schreibt heute einen erhabenen Gesang, ein Gebet, einen Psalm, der dem David, in äußerer Hinsicht betrachtet, keine Schande gemacht, wenn er ihn geschrieben hätte; morgen aber schreibt er, wenn er bezahlt wird, mit dem gleichen Enthusiasmus ein erhabenes Gedicht über die Hure eines Großen und macht auch im Notfall ein erhabenes Epitaphium für ein verstorbenes Schoßhündchen einer Prinzessin. Der Zweite aber komponiert heute ein Oratorium, gleich zunächst darauf, wenn er bezahlt wird, schreibt er aber auch ein Ballett oder eine noch niedrigere Tanzmusik.
STE|0|19|12|0|Frage: Schaut da wohl eine Wirkung des heiligen Geistes heraus? Ich finde sie nicht; und wenn Ich sie nicht finde, da werdet ihr sie sicher noch weniger finden, in denen statt einer schlechten Kerze eine Zentralsonne brennte.
STE|0|19|13|0|Aber der heilige Geist wird etwa in den weisen Staatsgesetzen, in Kriegsgesetzen, allerlei Verordnungen und gar in den scharfen, mannigfachen kirchlichen Disziplinargesetzen stecken? – Fürwahr, Ich finde da keinen.
STE|0|19|14|0|Warum denn nicht? Weil in allem dem nicht Ich, sondern nur weltliche Herrschvorteile der Grund sind. Alles will herrschen, der Kaiser und der König, der Fürst, der Graf, der Baron, der Richter, der Herr ‚von‘, der Kaufmann, der Bürger, auch der Bauer, und vom Kaiser abwärts natürlicherweise alle seine Beamten also, als wären sie nahezu überall die Persönlichkeit des Kaisers selbst.
STE|0|19|15|0|Es muss ja wohl ein Kaiser sein und ein König und ein Fürst. Aber des Herrschens wegen sollen sie nicht sein, sondern der Leitung wegen, dass die Völker durch ihre Leitung zu Mir geleitet würden. Aber so werden sie nur vielfach von Mir abgeleitet und zur Welt gewendet, werden nicht stark, sondern nur schwach gemacht, auf dass sie dann in ihrer Schwäche desto leichter zu beherrschen sind.
STE|0|19|16|0|Frage: Ist das Wirkung des heiligen Geistes, wenn der Herrscher in seinen Untertanen nichts als Leibeigene erblickt, die sein Wort zu jeder Zeit vernichten kann, wenn er es nur ausspricht? Der Herrscher soll ein Leiter und ein Tröster seines Volkes sein und soll ihnen Gesetze geben, die nicht von den heidnischen, sondern die von den Meinen erklärlich abgeleitet sind; dann wäre er ein rechter Regent und der heilige Geist wirkte mit ihm, wie er mit David und noch anderen würdigen Regenten gewirkt hat.
STE|0|19|17|0|Aber in den Erfindungen von allerlei der armen Menschen Hände überflüssig machenden Maschinen, in der Beförderung der Industrie, in der Errichtung von Eisenbahnen und in der Aufstellung großer Kriegsmächte wirkt der heilige Geist ewig nie! Denn alles dergleichen war auch vor der Sündflut zu Noahs Zeiten gang und gäbe durch die Wirkung des Weltgeistes, welcher ist der Teufel in seiner Gesamtheit. Also ging es auch zu in Sodom und Gomorrha und in Babel.
STE|0|19|18|0|Wer aber wird da behaupten wollen, als hätte solches der heilige Geist gewirkt? Also folgte denn auch auf solche dem heiligen Geist schnurgerade zuwiderlaufende Handlungsweise allzeit ein mächtiges Gericht; ein gleiches Ich auch jetzt schon in der Bereitschaft halte, um daraus zu zeigen, dass Mein heiliger Geist in der jetzigen Handlungsweise der Welt durchaus nirgends zugegen ist, daher alle diese Welt vollkommen als Waise dasteht. Ich lasse sie aber noch einige Zeit steigen, bis sie die rechte Fallhöhe wird erreicht haben, und dann ein Blitz vom Aufgang bis zum Niedergang, und es wird sich in dessen Licht zeigen, wie viele [der Wirkungen des heiligen Geistes jetzt] in der Welt vorhanden sind!
STE|0|19|19|0|Ja, wenn aber also, wo sind denn dann diejenigen, die Ich nicht als Waisen hinterlassen will?
STE|0|19|20|0|Ich sage: Es gibt deren schon auch hier und da; aber sie sind jetzt beinahe seltener und köstlicher geworden als große Krondiamanten. Diese leben schlicht, von der Welt so viel als möglich abgezogen, und ihre Freude bin Ich, und der Gegenstand ihrer Gespräche bin auch Ich. Warum denn? Weil der Mund davon übergeht, wes das Herz voll ist. Also bin Ich auch der Gegenstand, mit dem sich ihr Herz beschäftigt, und alles andere in der Welt ist ihnen um eine hohle Nuss feil.
STE|0|19|21|0|Diese sind fürwahr keine Waisen; denn Ich bin ja mitten unter ihnen, rede tagtäglich mit ihnen und lehre sie Selbst und ziehe sie Selbst. Diese hören allzeit Meine Stimme und erkennen auch diese Stimme als die des rechten Hirten und nicht als die eines Mietlings, der sie nicht folgen, weil sie die Stimme eines feilen Mietlings ist. Diese also sind es denn auch, für die der vorliegende Text gestellt ist.
STE|0|19|22|0|Ich brauche sonach keine Gelehrten, keine Dichter, keine Bildner und keine Tonsetzer, keine Maschinenerfinder und keine Weltgesetzgeber, sondern nur demütige, Mich liebende Herzen brauche Ich. Wo Ich das finde, da werde Ich auch schon alles andere hinzufügen, und das sicher in besserer Art, als es die Welt erfindet; und dann wird alles eine Wirkung des heiligen Geistes sein, und es wird keine Waisen in der Welt geben. Aber also sind es nur sehr wenige, deren Ohr für Meine Stimme empfänglich ist.
STE|0|19|23|0|Ich meine, ihr werdet aus diesem Gesagten wohl sehr leicht begreifen, welche die sind, für die der Text gestellt ist. Dass ihr auch derzeit dazu gehört, beweist, was vor euch liegt. Aber wenn ihr erst vollkommen danach handeln werdet, dann erst wird euch die große Überzeugung von dieser Wahrheit werden. Solches bedenkt! Amen.
STE|0|20|1|1|„Und Er sah, dass sie Not hatten im Rudern; denn der Wind war ihnen entgegen. Und Er kam um die vierte Nachtwache zu ihnen, wandelnd auf dem See; und Er wollte neben ihnen vorübergehen.“ (Markus 6, 48)
STE|0|20|1|1|Am 22. Januar 1844, abends
STE|0|20|1|0|„Und Er sah, dass sie Not hatten im Rudern; denn der Wind war ihnen entgegen. Und Er kam um die vierte Nachtwache zu ihnen, wandelnd auf dem See; und Er wollte neben ihnen vorübergehen.“
STE|0|20|2|0|Lange Verse brauchen kurze Erklärung, weil sie zumeist die Erklärung schon in sich führen. Kurze Verse aber brauchen eine längere Erklärung, weil sie fürs Erste ihrer Kürze wegen noch keine mit sich führen, und fürs Zweite, weil in ihnen gewöhnlich das Licht gedrängter und fester verschlossen ist, und es daher mehr erfordert, all ihr Licht frei zu machen, als bei längeren Versen, die ohnehin schon in ihrer Stellung stark genug leuchten.
STE|0|20|3|0|Aus diesem Grunde kann Ich euch auch über den vorliegenden Text keine gedehnte Erklärung geben, weil sein Licht ohnehin sehr stark ist; und wenn ihr nur ein wenig darüber nachdenken wollt, so müsst ihr es von selbst mit Händen und Füßen zugleich begreifen. Damit ihr aber solches einseht, so will Ich euch bloß nur durch ganz kurze Winke darauf hinleiten, und ihr werdet zur Verständigung dieses Textes daran zur Genüge haben. Und so hört denn!
STE|0|20|4|0|Der See bedeutet die Welt; die widrigen Winde sind das Tun und Treiben der Welt und ihre Begierlichkeiten, gegen die ein rechter Schiffer bis zur vierten Nachtwache, die seine letzten Lebenstage bezeichnet, also die ganze Lebenszeit hindurch zu kämpfen hat; denn unter Nacht wird das materielle Leben auf dieser Welt verstanden.
STE|0|20|5|0|Der Herr ist nicht im Schiff. Warum denn nicht? Weil nicht in der Welt; denn das Schiff bezeichnet den in der Welt lebenden Menschen, mit welchem der Herr nicht ist, wegen seiner Freiheit.
STE|0|20|6|0|Der Herr aber wandelt dennoch dem Schiffer wunderbar nach und geht über all die Wogen und Wellen der Welt also hinüber weg, als wären sie festes Land. Er kümmert Sich nicht der Schiffer auf dem See; da Er einen antrifft, da zieht Er vorüber, damit Er ihn nicht in seiner Freiheit störe.
STE|0|20|7|0|Wenn Er aber trifft ein Schiff, das Seine Jünger trägt, das heißt solche Menschen, die Ihn erkennen und anrufen, so nähert er Sich dennoch dem Schiff, obschon Er sonst auch vorbeigehen würde; denn das Schiff trägt ja Seine Jünger, oder: In dem Menschen ist ein Herz da, welches den Herrn liebt, an Ihn lebendig glaubt und Ihn anruft.
STE|0|20|8|0|Das Herz fürchtet sich zwar im Anfang und hält Ihn für ein Gespenst, das heißt: ein Mensch, welcher noch voll irriger Vorstellungen über Mich ist, hält es für unmöglich oder gar für eine Chimäre, dass Ich Mich ihm auf der Welt nahen könnte und gar besteigen sein Schiff.
STE|0|20|9|0|Wenn er aber dennoch darum in seiner Liebe nicht nachlässt, so komme Ich seinem Schiff näher und melde Mich ihm; und hat er Meine Stimme vernommen, so Ich zu ihm spreche: „Fürchte dich nicht; denn Ich bin es ja, dein Meister, dein Herr, dein Gott und dein Vater!“, da wird die Furcht vor dem Gespenst sobald vergehen, und der Mensch wird Mich mit übergroßen Freuden in sein Schiff aufnehmen.
STE|0|20|10|0|Seht, das ist schon die ganze Erklärung dieses Textes. Nur eine Frage bleibt noch übrig, nämlich: Wie muss das Schiff bestellt sein, das da Meine Jünger trägt? Ist es etwa ein gelehrt zusammengestelltes Dampfschiff, oder ist es etwa ein dreimastiges, mit hundertsechzig Kanonen bestelltes Linienschiff, etwa eine Fregatte, ein Schoner, eine Brigg oder etwa ein reich beladenes Kauffahrteischiff? – O nein! Alle diese Schiffsgattungen tragen Meine Jünger nicht; denen weiche Ich auch gewöhnlich so weit aus, dass sie Mich nicht einmal als ein Gespenst irgend erschauen. Wer möchte sich aber auch solchen Schiffen nahen, die mit Kanonen versehen sind? Ihr Schutz ist der Tod; aber die Schiffe, welche den Tod zum Schutz haben, gehen ja auch sicher vor dem Tode, – denn der Tod hat vor dem Tode nichts zu fürchten. Aber wo der Tod um ein Schiff seinen weiten Umkreis hält (Schussweite der Kanonen), da geht das Leben fern von dannen vorbei.
STE|0|20|11|0|Wie muss denn aber hernach das Schiff aussehen, das die Jünger trägt? Ich sage euch: Ganz außerordentlich einfach! Es ist bloß ein von mehreren festen Balken zusammengebundenes und gefestetes, der Oberfläche des Wassers fast ganz gleich hoch seiendes Floß, wo die Schifffahrer höchstens um ein paar Fuß über der Oberfläche des Wassers gestellt sind. Es darf keine Segel haben, damit es nicht vom Wind der Welt bemeistert wird, sondern bloß nur nach jeder Seite hin feste Ruder, damit es so viel als möglich unberührt von den verschiedenen Weltwinden von dem Willen der Seefahrer durch die festen Ruder frei überallhin geleitet werden kann.
STE|0|20|12|0|Wenn Ich auf ein solch demütiges Schiff komme, das erkenne Ich dann als ein solches, das Meine Jünger trägt; solch einem Schiff nähere Ich Mich dann und besteige dasselbe. Warum denn? Weil so ein Schiff fürs Erste keine so schnelle Bewegung hat, weil keine Segel und keine Dampfräder, sondern pur Ruder nur, durch welche keine so geschwinde Bewegung hervorgebracht wird; und Ich kann es dann leicht einholen. Fürs Zweite aber, weil ein solches Schiff keinen Todesumkreis hat, dessen Freund Ich als das Leben Selbst nicht bin. Und fürs Dritte, weil so ein Schiff seiner großen Niedrigkeit wegen von der Oberfläche des Wassers hinweg ohne allen Anstand und ohne alle Anstrengung leicht bestiegen werden kann.
STE|0|20|13|0|Ich aber bin durchaus kein Freund von großen Anstrengungen; was bei Mir nicht mit der größten Leichtigkeit, wie nahe frei von sich selbst, geschehen kann, das lasse Ich gehen, wie es geht. Ihr werdet es leicht begreifen, warum? Denn ein jeder Mensch hat seine vollkommene Freiheit, die von Mir nie beirrt wird.
STE|0|20|14|0|Wo aber Ich dennoch so ein ganz niederes und bequem zu besteigendes Schifflein über den schwankenden Wogen der Welt antreffe und werde von selbem erkannt, da steige Ich auch ein, und wenn Ich auch willens wäre vorüberzugehen. Und bin Ich einmal auf dem Schifflein, da wird’s auch sogleich Tag, und am Tag ersieht man leicht das sichere Ufer, – und Ich als ein guter Schiffsmeister werde dann wohl etwa das Ufer nicht verfehlen.
STE|0|20|15|0|Ich meine, ihr werdet diese Erklärung verstehen. Besteigt daher auch ihr so ein kleines Schifflein – je niedriger es ist, desto besser – und Ich werde auch diesem Schifflein Mich nahen und werde es dann völlig besteigen! Amen.
STE|0|21|1|1|„Selig aber sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören!“ (Matthäus 13, 16)
STE|0|21|1|1|Am 24. Januar 1844, abends
STE|0|21|1|0|„Selig aber sind eure Augen, dass sie sehen, und eure Ohren, dass sie hören!“
STE|0|21|2|0|Was möchtet ihr wohl meinen, was dieser Text besagt? Ihr sagt da sogleich: „Wir wissen es nicht!“
STE|0|21|3|0|Denn so ihr sagen würdet: „Wir wissen es!“, da würdet ihr offenbar lügen. Denn ihr müsst zuvor erst den Text im äußeren Buchstabensinn recht genau betrachten. Findet ihr den Text nach dem gewöhnlichen Verständnis sehr klug, so seid ihr der Wahrheit und dem Licht, das in diesem Text steckt, noch fern. So ihr aber findet, dass dieser Text für den gewöhnlichen Verstand ein Unsinn ist, so seid ihr der Wahrheit und dem Licht dieses Textes um vieles näher.
STE|0|21|4|0|Es dürfte hier freilich mancher Witzler sagen: „Mit dem bin ich einverstanden; und wer die ganze Bibel als einen Unsinn erkennt, der ist schon das Licht und die Wahrheit selbst.“ Aber in diesem weltwitzigweisen Sinne meine Ich es nicht, wenn Ich sage: „Ihr müsst den Text aus eurem Weltverständnis heraus erst als einen Unsinn finden, wollt ihr seinem Licht näherkommen.“
STE|0|21|5|0|Warum denn sage Ich solches? Weil dieser Text einen rein himmlischen Sinn hat, der allem Weltverständnissinn schnurgerade entgegen ist.
STE|0|21|6|0|Wie aber ist dieser Text nach dem Weltverständnis ein Unsinn? Hört, Ich will es euch kundgeben.
STE|0|21|7|0|Ihr wisst, dass in euch nur das Herz oder die Liebe allein des Wonnegefühls oder irgendeiner Seligkeit fähig ist; und das aus dem Grunde, weil eben nur die Liebe oder der Geist im Menschen allein das Leben und somit auch allein nur jeder Empfindung fähig ist. Und somit kann die Seligkeit nicht auch auf das Auge und das Ohr taugen; denn das Auge und das Ohr sind nur Sinneswerkzeuge, die lediglich dem Geist zu seinen lebendigen Verrichtungen dienen müssen, und es kann weder das Auge noch das Ohr für sich je einer Seligkeit fähig sein, wohl aber der Geist durch das Auge und durch das Ohr, wie auch noch durch die anderen Sinneswerkzeuge.
STE|0|21|8|0|Wenn es demnach in dem Text heißt: „Selig die Augen, die das sehen; und selig die Ohren, die das hören!“, so ist damit dem Weltverständnis nach offenbar etwas Widersinniges gesagt. Nun wollen wir aber sehen, ob es sich mit der Sache auch so verhält.
STE|0|21|9|0|Die gewöhnlichen, etwas besseren Weltchristen verstehen das so, als wären nur diejenigen Augen selig und ebendieselben Ohren, die Mich bei Meinen Lebzeiten auf Erden gesehen und gehört haben, und man sagt, das Ganze sei nur eine etwas schönere Redefigur, in der man das Zeichen statt der Sache setzt, Teile eines Ganzen für das Ganze selbst, oder wie sich die Redekünstler gelehrter ausdrücken: Signum pro re; pars pro toto. [Das Zeichen für die Sache; der Teil fürs Ganze.] Im Grunde aber heiße es dennoch so viel als: Selig sind die Menschen, die Mich Selbst gesehen und gehört haben!
STE|0|21|10|0|Ist das nicht die rechte Erklärung, und nota bene aus dem Munde der besseren Weltchristen? Das ist sicher; aber Ich muss nur gleich daneben kundgeben, dass weder Ich noch der benannte Evangelist je die Rhetorik studiert haben und nahmen da gar keine Rücksicht auf irgendeine Synekdoche (Wortvertauschung), noch auf die allerlei Arten von Syllogismen.
STE|0|21|11|0|Unsere Redefigur hatte den alleinigen Namen: Innere göttlich-geistige Wahrheit. Und nach dieser Redefigur, die in Meiner Rhetorik vorkommt, gehört obenangeführter Text weder zur Synekdoche noch zu irgendeiner Art des Syllogismus; er ist auch keine Paraphrase und auch nicht ein Pro- und Epilog, sondern, wie gesagt, er ist eine reine, allerinwendigste, göttlich-geistige Wahrheit!
STE|0|21|12|0|Und diese besteht darin: Alle Menschen in der Welt haben gewöhnlich eine große Furcht vor dem Tode des Leibes, und das aus dem Grunde, weil sie weltlich sind und daher nichts erschauen können, was des Geistes ist, und auch nicht zu vernehmen imstande sind, was da wäre eine lebendige Lehre für ihren Geist.
STE|0|21|13|0|In diesem Text aber liegt eine himmlische Lobpreisung derjenigen, welche durch ein wahrhaftiges Liebeleben es dahin gebracht haben, dass die Welt mit ihrer Nacht wie eine schwere Decke von ihren Augen fiel und das Ohr ihres Geistes geöffnet ward, um zu vernehmen Meine Vaterstimme, und sagt im Ganzen so viel als: Glücklich sind die Wiedergeborenen! – Und in dieser Stellung bezieht es sich in gar keiner äußeren Bedeutung zurück auf allenfalls diejenigen Menschen, die Meine Landes- und Zeitgenossen waren, sondern die Beziehung erstreckt sich auf alle Menschen, die je auf der Erde gelebt haben und noch leben werden, wie auch auf die Bewohner aller anderen Welten.
STE|0|21|14|0|Denn alles muss geistig regeneriert werden, bevor es ins rein Geistige und somit ewig Lebendige, wahrhaft Beseligende eingehen will. Und so wird hier unter „Augen“ das Erkennen des Göttlich-Wahren und unter „Ohren“ das Insichaufnehmen desselben und Danach-Tätigwerden verstanden, und es heißt dann auch so viel als: Selig ist der Mensch in seinem geistigen Verständnis, so er das Göttlich-Wahre vollends erkennt; und wahrhaft selig ist er, wenn er das Göttlich-Wahre in sein Leben aufnimmt und danach ausschließend tätig wird. Denn dadurch erst wird er die Wiedergeburt des Geistes überkommen, aus welcher er ewig keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken wird.
STE|0|21|15|0|Das ist also die richtige Bedeutung dieses Textes! Aber ganz irrig wäre dieser Text auf diejenigen angewendet, die mittels ihrer Augen recht viele Bücher durchschauen und durchlesen und suchen dadurch das Licht, oder auf jene Menschen, welche, wenn sie schon nicht lesen können, aber dennoch viele Predigten, Christenlehren und Beichtspiegel anhören; denn die gehen allzeit wieder aus der Predigt heraus, als wie sie hineingekommen sind.
STE|0|21|16|0|Ja, gar viele wissen schon oft an der Türschwelle des Bethauses kein Wort mehr, was da gepredigt ward, und bei so mancher Predigt sind die Ohren der Zuhörer nichts weniger als selig, besonders wenn manches Mal ein eben nicht von zu viel Bruderliebe behafteter Prediger seinen Zuhörern die Hölle so heiß als möglich und den Weg zum Himmel aber überaus schmal, steil und dornig ansetzt, dass am Ende seinen Zuhörern beinahe die Wahl schwer wird, welchen Weg sie wandeln sollen und also denken: „Die Hölle ist zwar heiß; aber es führt ein überaus bequemer Weg dahin. Der Himmel bietet wohl die höchste Seligkeit; aber wer mag ihn erreichen, wenn er nur auf so einem nahe unmöglich besteigbaren Weg zu erreichen ist?“
STE|0|21|17|0|Also dergleichen Ohren dürften gerade nicht die seligsten sein, ebenso wenig wie die Augen der Gelehrten, die zwar vieles sehen, aber das, was sie am liebsten erschauen möchten, dennoch nie zu Gesicht bekommen können. Darum sind nur selig, die sich der Wiedergeburt des Geistes befleißen und dieselbe auch stets mehr und mehr erreichen.
STE|0|21|18|0|Es wird aber niemand auf einmal wiedergeboren, sondern nur nach und nach; aber es fängt auch bei niemand der Akt der Wiedergeburt früher an, als bis er die göttliche Wahrheit zu erkennen hat angefangen, und niemand wird früher vollends wiedergeboren und zur vollkommenen inneren Anschauung und Anhörung des lebendigen Wortes gelangen, als bis er die Welt – was so ganz eigentlich die Sünde ist – freitätig aus sich verbannt hat. Und da erst kommt also im rein himmlischen Licht der angeführte Text in die tröstliche Anwendung, und alsdann erst sind auch die Augen selig, die das sehen, und die Ohren, die das hören.
STE|0|21|19|0|Ich meine, dieser Text wird auch wieder klar genug dargestellt sein. Trachtet daher auch ihr nach seiner Realisierung (Verwirklichung) in euch! Amen.
STE|0|22|1|1|„Und Er sprach zu ihnen: Wahrlich, Ich sage euch, es stehen etliche hier, die den Tod nicht kosten werden, bis sie sehen das Reich Gottes kommen in der Kraft!“ (Markus 9, 1)
STE|0|22|1|1|Am 26. Januar 1844, abends
STE|0|22|1|0|„Und Er sprach zu ihnen: Wahrlich, Ich sage euch, es stehen etliche hier, die den Tod nicht kosten werden, bis sie sehen das Reich Gottes kommen in der Kraft!“
STE|0|22|2|0|Das ist wieder ein etwas längerer Text und braucht daher eine etwas kürzere Erklärung. Man darf nur wissen, wer die einigen sind, die den Tod nicht verkosten werden, bis sie werden kommen sehen das Reich Gottes in seiner Herrlichkeit; weiß man die, so weiß man dann auch schon nahe den ganzen Sinn dieses Textes.
STE|0|22|3|0|Wer sind also die etlichen? Das sind die Gläubigen und die danach Hoffenden. Wer da fest glaubt, der wird in seinem Glauben auch seine Hoffnung realisiert finden; denn es heißt ja auch: „Wer da Glauben hat so groß wie ein Senfkörnlein und zweifelt nicht an dem, was er glaubt, der kann Berge versetzen mit der Kraft seines Glaubens!“
STE|0|22|4|0|Also werden unter den etlichen die Gläubigen verstanden, und das geht noch ferner aus dem hervor, dass der Gläubige fortwährend von dem Wunsch beseelt ist, das zu sehen mit seinen Augen, was er glaubt. Darum ist denn diese Verheißung auch also gestellt, dass sie anzeigt, wie der innere Wunsch solcher Gläubigen solle realisiert werden; und sie sollen nicht eher irgendeinen Tod verkosten, als bis sie das erschauen, was sie glauben.
STE|0|22|5|0|Was glaubten denn diese etlichen? Diese etlichen glaubten fest, dass Ich der verheißene Messias bin, glaubten auch, dass durch Mich die Herrlichkeit des Reiches Gottes, also eine vollkommene Theokratie auf der Erde gegründet wird und wird fürder nimmer ein Ende haben. Des Menschen Sohn wird die Herrlichkeit des Vaters auf der Erde übernehmen, und vor Seiner Macht werden sich dann beugen müssen alle Königreiche und alle Knie derjenigen, die unter der Erde, auf der Erde und über der Erde sind.
STE|0|22|6|0|Das war der feste Glaube dieser etlichen. Darum ward es denn auch zu ihnen gesagt, dass sie nicht eher irgendeinen Tod schmecken sollen, als bis sie die Herrlichkeit des Reiches Gottes werden kommen sehen; freilich nicht in der Art, wie sie es glaubten, sondern nur in der Entsprechung ihres Glaubens.
STE|0|22|7|0|Was meint ihr aber, warum diesen etlichen nach der Anschauung der Ankunft der Herrlichkeit des Reiches Gottes dennoch das Verkosten des Todes bedingungsweise belassen ist? Das heißt, sie werden, nachdem sie die Ankunft des Reiches Gottes werden gesehen haben, dennoch den Tod verkosten müssen. Der Grund liegt darin, weil der Glaube für sich, wenn er noch so fest ist, kein Leben erzeugt, wenn er nicht die Liebe voraus zum Grund hat, die allein unsterblich ist!
STE|0|22|8|0|Solche etliche gibt es jetzt auch eine Menge auf der Welt, die pur auf den alleinseligmachenden Glauben halten; bedenken aber nicht, dass der Glaube nur eine Ausstrahlung des Gnadenlichtes Meiner Liebe ist, der wohl vorbereitet und im Inneren so wirkt, wie das Licht naturmäßig wirkt auf der Erde. Wenn es im Sommer stark auffällt, so erwärmt es auch das Erdreich und lockt allerlei Früchte aus demselben; aber das Licht kann nicht immer gleich stark sein, und wenn demnach der Winter anrückt, und der Sonnenstrahl schwächer und schwächer wird, da sterben bald alle Produkte des Sommerlichtes ab und werden unter Schnee und Eis begraben.
STE|0|22|9|0|Warum belebt denn da die Erde im Winter ihre im Sommer so prunkenden Kinder nicht? Warum müssen sie den Tod schmecken, wenn sie auch zuvor die Herrlichkeit des Lichtes aus der Sonne empfunden haben? Weil die Erde viel zu wenig eigene Wärme besitzt.
STE|0|22|10|0|Gerade also steht es auch mit den Glaubenshelden. Sie glauben fest und sind voll Eifer und voll Tätigkeit, solange sie von Meinem Gnadenstrahl durchleuchtet und erwärmt werden; wenn sie aber dann auf die Probe gestellt werden, wie viel der eigenen Wärme sie in sich wahren, da werden sie welk, die Früchte samt den Blättern fallen von den Bäumen, und sie stehen nackt und kahl da, und statt der früheren Früchte rastet bald Schnee und Eis über ihren Ästen und Zweigen.
STE|0|22|11|0|In Meinem höchsten Sommergnadenlicht erblicken sie sicher die Herrlichkeit Meines Reiches in den Früchten, die sie aus diesem Licht bringen; aber diese Früchte sind fremden Ursprungs, das heißt, sie werden nicht durch die Kraft der eigenen Wärme erzeugt, und darum bleibt die Verkostung des Todes unfehlbar im Hintergrund.
STE|0|22|12|0|Aber nicht also steht es mit denen, welche in ihrem Inneren in ihrer großen Liebe zu Mir selbst eine Sonne haben; zu denen sage Ich: Wahrlich, wahrlich, die Mich lieben und sind tätig nach Meinem Wort, die werden den Tod in Ewigkeit weder fühlen noch irgend schmecken!
STE|0|22|13|0|Der Glaube kann auch durch die Lesung rechter Bücher erreicht werden; aber die Liebe kommt nur aus dem Herzen. Daher fragt auch ihr mehr euer Herz als die Bücher, wie dieses gegen Mich beschaffen ist, und ihr werdet dann nicht zu den etlichen gehören. Solches bedenkt allzeit! Amen.
STE|0|23|1|1|„Ihr verblendeten Führer, die ihr die Mücken säugt und verschluckt das Kamel!“ (Matthäus 23, 24)
STE|0|23|1|1|Am 27. Januar 1844, abends
STE|0|23|1|0|„Ihr verblendeten Führer, die ihr die Mücken säugt und verschluckt das Kamel!“
STE|0|23|2|0|Das ist ebenfalls wieder ein Vers, der für alle Zeiten taugt, und dessen Sinn aber auch sogleich mit den Händen zu greifen ist, wie das auch bei anderen der Fall ist.
STE|0|23|3|0|Wer sind denn diese verblendeten oder blinden Führer? Das sind die sogenannten Kleinfehlerdrescher oder die Buchstabenreiter des Gesetzes. Da reinigen sie und plärren den ganzen Tag drauflos; die großen Fehler aber, von denen das ganze Heil und Leben des Menschen abhängt, kennen sie oft gar nicht, und wenn sie dieselben schon kennen, so drücken sie aus politischen Rücksichten die Augen zu, als wäre daran gar nichts gelegen.
STE|0|23|4|0|Um die Sache so klar als möglich zu machen, will Ich euch bloß nur Beispiele anführen. Wir wollen da vom Kleinen bis zum Großen aufsteigen, oder vom Sonderheitlichen zum Allgemeinen.
STE|0|23|5|0|Sehen wir in eine Familie, also in ein einzelnes Haus. Der Vater hat Kinder beiderlei Geschlechts; die Knaben werden bei einem etwas vermöglicheren Haus emsig zum Studieren angehalten, und die Mädchen haben ebenfalls verschiedene Meister. Da lernen sie irgendeine fremde Sprache radebrechen, Zeichnen, Musik und daneben auch andere feine weibliche Arbeiten.
STE|0|23|6|0|Die Söhne werden mit allem Eifer zum Studieren angehalten. Eminenter (ausgezeichnet) müssen sie sein, sonst gibt es üble Stunden; jede Vernachlässigung wird da mit Schärfe gerügt, und Pönitenzen (Bußen) bleiben nicht aus. Desgleichen werden auch die anderen sogenannten Wohlstandsregeln fest gehandhabt, und wehe dem Knaben, der sich leichtsinnigermaßen dagegen versündigt! Und es straft da der Vater, der Instruktor und der öffentliche Lehrer tagtäglich.
STE|0|23|7|0|Man wird fragen: Ja, ist denn das gefehlt? – Ich sage darauf nichts als: Hier werden ebenfalls Mücklein gesäugt, das Kamel aber unbeachtet verschluckt.
STE|0|23|8|0|Was ist denn aber hier das Kamel? Das Kamel ist eben das Studieren selbst und die polierte Weltlichmachung eines jungen Menschen. Durch dieses verschluckte Kamel verliert der junge Mensch zuallermeist den letzten Tropfen dessen, was in ihm das Leben des Geistes hätte erwecken können, und wird dadurch ganz in die allerblankste Welt hinausgestoßen.
STE|0|23|9|0|Desgleichen geht es auch mit den Mädchen. Die gestrenge Mutter redet sich den ganzen Tag beinahe die Zunge wund; denn die eine Tochter hat einen Stich etwas zu lang gemacht, bei der anderen wird ein kleiner Fleck irgendwo entdeckt, die dritte hat ihre Lektion in dem oder dem Fach nicht gut genug gekonnt, die eine hat ihre Haare nicht recht in der Ordnung, kurz und gut, jede schiefe Haltung und dergleichen noch eine Menge kaum beachtbarer Fehler werden nicht selten mit einer Erbitterung gerügt, und es gibt da den ganzen Tag vollauf zu korrigieren, zu penzen und anzueifern.
STE|0|23|10|0|Seht, da werden ebenfalls wieder Mücklein gesäugt; aber dass die Mädchen durch all diesen weltlichen Firlefanz rein für alles innere, geistige Leben getötet werden, ist das Kamel, das ohne alles Bedenken verschluckt wird.
STE|0|23|11|0|Ich meine, diesem Beispiel braucht man keine Erklärung mehr hinzuzufügen, indem es in sich selbst überaus klar ist. Gehen wir auf ein allgemeineres Beispiel:
STE|0|23|12|0|Also wird von der Kirche, wie sie bei euch ist, überaus darauf gesehen, dass besonders von dem gemeinen Teil des Volkes die sogenannten kirchlichen Satzungen bei Vorenthaltung der Absolution beachtet werden. Wer das beachtet, dem wird bei gewissen Gelegenheiten von kirchlicher Seite kein Anstand gemacht; dafür wird auch alle Sonn- und Feiertage scharfmöglichst gepredigt und einem armen Sünder an einer solchen kirchlichen Satzung wird die Hölle ganz entsetzlich heiß gemacht, und er hat zu tun, bis er sich wieder in die Gnade der Kirche gesetzt hat. Bei einem Reichen geht es freilich etwas leichter; aber der Arme hat seine Not!
STE|0|23|13|0|Wie sieht es denn aber mit der lebendigen Bekanntmachung Meines Wortes und mit der Führung nach demselben aus? Also: Wenn der Christ nur seine kirchlichen Pflichten erfüllt, da darf er sich auch an so manchem Meiner Gebote versündigen, und er darf versichert sein, dass er darob keine scharfe Buße bekommen wird.
STE|0|23|14|0|Wenn er nur den Sonntagvormittag den kirchlichen Zeremonien ausweislich beigewohnt hat, so darf er dann nachmittags ohne Bedenken Spiel- und Wirtshäuser, wie auch Tanzböden besuchen. Er kann spielen und schwelgen, tanzen und huren die ganze Nacht hindurch; er kann auch noch mitunter betrügen, Leute ausrichten, lügen, geizig sein, einem anderen einen Schaden zufügen, freilich auf politisch-rechtlichem Wege.
STE|0|23|15|0|Das alles geht bei der nächsten Beichte, besonders bei einem diskreten Beichtvater, um fünf Vaterunser und Ave-Maria und schon gar gewiss um eine bezahlte Messe hinweg. Hat sich unser Beichtkind etwa gar noch mit einem Ablass auszuweisen, dann geht es wie eine Sonne makellos vom Beichtstuhl zum Tisch des Herrn, und von da wie ein Engel aus der Kirche.
STE|0|23|16|0|Wer wird in diesem Beispiel nicht ersehen die Säugung der Mücklein und die gar grobe Verschluckung des Kamels?!
STE|0|23|17|0|Ich will das freilich wohl nicht allen Beichtigern zum Vorwurf machen; denn es gibt auch hier und da mehrere, die es mit der Sache von der besseren Seite ernstlich meinen; aber nur im Allgemeinen ist das gewöhnlich der Fall.
STE|0|23|18|0|Nikodemus gehörte auch zu den Pharisäern und Schriftgelehrten; aber er machte eine Ausnahme unter ihnen und war somit kein Mückensäuger und Kamelverschlucker; denn er kannte Mich und hielt auf Mein Wort. Darin wird für getreue Beichtiger Entschuldigung genug sein. Und so gehen wir auf ein allgemeines großes Beispiel über!
STE|0|23|19|0|Also geben die Fürsten der Welt eine Menge, ja eine schauerliche Menge Gesetze, deren Übertretung – ob wissentlich oder unwissentlich – nach den Paragraphen streng geahndet wird. Was aber da Meine Gesetze betrifft, so werden nur diejenigen als Staatsgesetze mit aufgenommen, durch die eine weltliche Sicherstellung bezweckt werden kann. Dergleichen sind vorzugsweise das siebente, das fünfte und in einem zu offenbar argen Betrieb das sechste Gebot; um die anderen sieben kümmert sich der Staat nicht viel, – es müssten nur politische Rücksichten ihn dazu veranlassen. Also kümmert sich ein Staat um die Leitung der Völker nach Meinem Wort überaus wenig oder gar nicht und spricht dabei: „Das andere überlassen wir nur der Geistlichkeit!“
STE|0|23|20|0|Da werden dann von beiden Seiten Mücklein gesäugt und Kamele zu Tausenden verschluckt, und die Art der Pharisäer stirbt nie aus; denn fängt man sie auf der einen Seite, so macht sich die andere Seite umso mehr Luft, und man kann tun, wie man will, so kommt man zumeist vom Regen in die Traufe.
STE|0|23|21|0|Die Welt will herrschen, und zu diesem Behuf kann sie sich alles tauglich machen; göttliche und weltliche Gesetze werden in ein Joch gespannt und müssen das Volk ins Verderben ziehen.
STE|0|23|22|0|Was nützt es denn, wenn ein Mensch noch so poliert und staatstauglich dasteht? Was nützt es, wenn der Mensch auch tagtäglich zur Beichte läuft? Was nützt es, wenn in einem Staat, weltlich genommen, die beste Verfassung ist, so aber dabei dennoch allzeit die Hauptsache, um die sich alles Leben des Geistes dreht, gänzlich unberücksichtigt gelassen wird?
STE|0|23|23|0|Ich meine aber, es wäre besser, so da jemand als ein weltlicher Krüppel zum Leben eingeht, als ein Weltpolierter in den ewigen Tod.
STE|0|23|24|0|Mehr darüber zu sagen wäre unnötig. Seht aber daher auch ihr nicht so sehr auf die Mücklein, sondern vielmehr darauf, dass ihr keine Kamele verschluckt, so werdet ihr das ewige Leben haben! Amen.
STE|0|24|1|1|„Und Jesus weinte.“ (Johannes 11, 35)
STE|0|24|1|1|Am 29. Januar 1844, abends
STE|0|24|1|0|„Und Jesus weinte.“
STE|0|24|2|0|Dieser Text ist überaus kurz, besteht aus drei Wörtchen; aber er ist bei all seiner Kürze so vielsagend und bezeichnend, dass ihr, so Ich euch diesen Text nur einigermaßen auseinandergesetzt darstellen würde, eine ganze Welt voll Bücher zu schreiben hättet. Seine volle Enthüllung aber werdet ihr wohl in Ewigkeit nicht in ihrer Volltiefe zu fassen imstande sein!
STE|0|24|3|0|Zahllose Male steht in der Schrift das Bindungswort „und“; doch auf keinem Platz verbindet es so viel wie hier; denn hier verbindet es zwei unendliche Dinge – nämlich die unendliche Liebe und die unendliche Weisheit, Kraft und Macht – Gott in Eines. Denn Jesus ist die Weisheit, die Macht und Kraft und somit der Gewalthaber über alles, was da geistig und naturmäßig die Ewigkeit und Unendlichkeit erfüllt.
STE|0|24|4|0|Dieser Jesus aber weinte. Wie und warum denn? Weil Er mit dem Vater, als mit der ewigen Liebe Eins ward in der Fülle. Denn einst hieß es beim Moses, als er verlangte, Gott zu sehen: „Gott kann niemand sehen und leben zugleich.“ In Jesus aber sahen viele Gott, und Er ward ihr Leben; und sie starben nicht, darum sie Ihn sahen.
STE|0|24|5|0|Zu Mosis Zeiten weinte die Gottheit nicht; aber Sie richtete zu Tode die Übertreter des Gesetzes, und niemand ward erweckt, der einmal dem Tode verfiel. Hier war dieselbe Gottheit; aber Sie hielt nicht mehr in Ihrem unerforschlichen Zentrum Ihre Liebe und Erbarmung verborgen, sondern Sie weinte und erregte Sich dann und löste die Bande des Todes an dem, der im Grab moderte.
STE|0|24|6|0|Verstehet ihr nun etwas, was das Weinen des Jesus hier bedeutet? Das Weinen bedeutet hier ein unendlich tiefes Erbarmen der unendlichen Liebe in Gott!
STE|0|24|7|0|Über wen erbarmt Sie Sich? Über den schon vier Tage im Grab Modernden.
STE|0|24|8|0|Wer von euch hat denn so viel Weisheit, um zu fassen dies endloser Bedeutungen vollste Bild? Meint ihr, Jesus tat hier nur ein örtliches Wunder, um dadurch fürs Erste den zwei trauernden Schwestern ihren viel geliebten Bruder wiederzugeben, und fürs Zweite, um dadurch den Juden einen Beweis zu liefern, wie vor Ihm nie jemand solches tat?
STE|0|24|9|0|O seht, das sind ganz unbedeutende Nebenumstände; denn fürs Erste hatte Jesus schon vorher Wundertaten in großer Genüge ausgeübt, die mit dieser ganz gleich gewichtig waren; was aber die Tröstung der beiden Schwestern betrifft, so wäre Er nicht verlegen gewesen, Er, der aller Menschen Herzen in Seiner Hand hält, sie mit einem Blick, ja mit einem leisesten Wink selbst so seligst zu machen, dass sie des verstorbenen Bruders nicht leichtlich wieder trauernd, sondern jubelnd nur gedacht hätten!
STE|0|24|10|0|Das war sonach nicht der Hauptgrund; was denn aber? Ja, darin liegt die eigentliche für euch nicht erfassbare Tiefe dieser Tat Gottes! Ich kann sie euch nur durch entfernte Winke andeuten, aber nicht vollends erläutern, indem ein Volllicht in dieser Sache euch das Leben kosten würde. Denn eben bei dieser Tat heißt es ja, dass sie geschieht, auf dass die Herrlichkeit des Vaters im Sohne offenbar werde.
STE|0|24|11|0|Was stellen die zwei trauernden Schwestern vor, die Martha und die Maria? Sie sind Bilder der Vor- und Nachzeit; das eine mehr äußerer, also vorbildender, das andere mehr innerer und somit geistiger, in sich selbst der Wahrheit voller Art. Im weiter umfassenden Sinne stellen sie unter der „Martha“ die ganze naturmäßige Schöpfung und unter der „Maria“ alle himmlisch-geistige Schöpfung dar. Seht, das sind die zwei trauernden Schwestern!
STE|0|24|12|0|Um wen trauern sie denn? Um einen Bruder, der vier gar lange Tage schon im Grab modert. Die vier Tage bezeichnen vier Schöpfungszustände.
STE|0|24|13|0|Wer ist nun der Bruder? Doch von hier nichts mehr weiter!!! Wer von euch nur ein Scherflein Weisheit besitzt, der mag rechnen; aber eine nähere Kundgabe von Mir aus wäre lebensgefährlich!
STE|0|24|14|0|Ihr mögt aber aus dem Gesagten immer so viel entnehmen, eine wie große Tiefe und Unerforschlichkeit in den drei Worten „und Jesus weinte“ liegt. Wenn ihr bedenkt, wer Jesus ist, so werdet ihr es auch wenigstens zu ahnen vermögen, dass Seine Tränen etwas ganz anderes und Größeres bedeuteten als die einer halberblindeten Romanleserin. Das Gemüt Jesu war kein durch Lektüre reizbar gewordenes, – sondern das war die ewige Liebe Selbst als Vater im Sohne!
STE|0|24|15|0|Als nachzuahmendes Beispiel aber zeigen sie, die Tränen, dass auch ihr aus der wahren Lebenstiefe heraus barmherzig sein sollt; denn eine durch Romanlektüre bewirkte Weichherzigkeit und Erbarmung hat bei Mir durchaus keinen Wert und ist um nicht vieles besser als eine Blindliebe und Heirat auf dem Theater. Solchen barmherzigen Menschen will Ich auch einst den Lohn geben, der der Grund ihrer Barmherzigkeit war. Sie sollen auch jenseits große Bibliotheken von zahllosen Romanen treffen und werden nicht eher aus denselben gelangen, bis sie es lebendig an sich erfahren werden, dass eine geschriebene Liebe und ein geschriebenes Leben durchaus keine Liebe und kein Leben sind.
STE|0|24|16|0|Wer nicht aus Mir liebt und nicht von Mir lernt, der tut alles, was er tut, wie ein Toter und wird nicht eher seinem Grab entsteigen, als bis Jesus nicht über seinem Grab weinen wird. Versteht solches wohl; es ist eine große Tiefe darinnen, und so sei das Leben euer, Amen!
STE|0|25|1|1|„Seid also nicht besorgt, und sagt nicht: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? – Nach allem solchem trachten die Heiden. Denn euer Vater weiß, dass ihr das alles bedürft.“ (Matthäus 6, 31–32)
STE|0|25|1|1|Am 31. Januar 1844, abends
STE|0|25|1|0|„Seid also nicht besorgt, und sagt nicht: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? – Nach allem solchem trachten die Heiden. Denn euer Vater weiß, dass ihr das alles bedürft.“
STE|0|25|2|0|Seht, Meine Lieben, das sind wieder ein paar viel längere Texte; aber dafür sind sie auch schon in all ihrer Bedeutung frei und offen gestellt und haben ihren geistigen Sinn so offen tragend, dass ihn beinahe ein jeder Mensch für seinen Bedarf mit den Händen greifen kann. Überhaupt aber könnt ihr euch das merken, dass nicht in Meiner Mundlehre das Schwierigste liegt, sondern das Schwierigste liegt allzeit in Meinen Taten. Warum denn?
STE|0|25|3|0|Die Lehre musste ja so gestellt sein, dass sie auch von der Welt ohne viele Mühe begriffen werden kann; denn was nützte aller Welt eine in tiefster Weisheit abgefasste Lehre? Die wäre für die Welt gerade das, als was für euch ungefähr die japanische Sprache ist; sie würde nie auch nur ein Jota davon verstehen.
STE|0|25|4|0|Nehmt zum Beispiel die in etwas tieferer Weisheit abgefasste Offenbarung Johannis. Ihr habt doch schon so manche Erklärungen darüber gelesen – und wisst im Grunde doch noch nicht, was ihr aus dieser Offenbarung machen sollt, und wozu sie neben dem Evangelium gut ist.
STE|0|25|5|0|Darum aber war Meine Lehre allzeit so gestellt, dass sie von aller Welt sogleich in ihrer wahren Bedeutung verstanden werden kann. Wer den überaus zweckdienlichen und leichtfasslichen Buchstabensinn beobachtet, der kommt dann schon umso leichter auf den sehr offen liegenden inneren geistigen Sinn.
STE|0|25|6|0|Und also gehören die zwei vorliegenden Texte zu demjenigen Teil Meiner Lehre, welcher von Meinen Jüngern nicht hart genannt wurde; auch nicht zu den Gleichnissen, die Meine Jünger nicht immer verstanden, sondern sie gehören – die zwei Texte nämlich – zu demjenigen Teil Meiner Lehre, wo Meine Jünger sagten: „Nun redest Du offen heraus, was Du willst, und wir verstehen Dich!“
STE|0|25|7|0|Was enthalten demnach diese zwei Texte? Nichts als eine einfache brüderlich-freundschaftliche Warnung vor der Welt, und Ich will damit anzeigen, dass die Menschen alle Sorge auf Mich legen sollen und sollen nur in der Tat Mein Reich suchen; alles andere wird ihnen eine freie Hinzugabe werden.
STE|0|25|8|0|Das ist demnach der ganze natürliche Sinn dieser Texte; in diesem ist aber der geistige auch schon mit den Händen zu greifen. Denn was da widerraten ist für den Leib, dasselbe gilt auch für die Seele und für den Geist und möchte ungefähr also lauten:
STE|0|25|9|0|Seid nicht ängstlich bekümmert, eure geistigen Seelenkräfte durch allerlei mühsames Studium auszubilden! Sorgt euch nicht um die Universitäten und um allerlei Doktordiplome, sondern liebt Mich, euren Vater, und Ich werde euch umsonst die Weisheit der Engel geben; und das wird doch mehr sein, als so ihr alle Doktorhüte und Diplome euch auf der Welt erworben hättet!
STE|0|25|10|0|Denn alle noch so großen Gelehrten der Welt bringen samt ihren Diplomen und Doktorhüten nicht heraus, was mit dem Menschen nach seines Leibes Tode geschieht, während der, dem Ich die Weisheit gab, solches im kleinen Finger mit der überzeugendsten Evidenz herumträgt.
STE|0|25|11|0|Ja, Ich sage euch: In dieser Hinsicht sind die Tiere mit ihrem dumpfen Ahnungsvermögen besser daran als so manche große Weltweise. Da hierher gehört auch der Text: „Was nützt es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne, aber dabei an seiner Seele Schaden litte?“
STE|0|25|12|0|Wer da nicht weiß, was einst mit ihm wird, der zeigt schon, dass er eine schadhafte Seele hat. Wie aber ein Künstler auf einem beschädigten Instrument nichts Erhebliches zu leisten imstande ist, also kann auch ein Geist durch eine von der Welt stark beschädigte Seele nichts Erhebliches fürs ewige Leben wirken; denn er muss ja seine Kraft dahin verwenden, die Lücken der Seele zu ergänzen. Wie sollte er aber als ein ewiger Flickschuster je einen gesunden, vollkommenen Stiefel zuwege bringen, in dem sein fester Lebensfuß einen gerechten Schutz und eine Unterlage fände?
STE|0|25|13|0|Darum soll sich alsdann niemand wie in leiblicher, also auch in seelischer Hinsicht sorgen, was er essen und trinken und womit er sich bekleiden wird; denn für alles das werde schon Ich sorgen, wenn er tätig ist aus der Liebe zu Mir nach Meiner Lehre.
STE|0|25|14|0|Das ist der ganz leicht fassliche Sinn; wer ihn lebendig beobachten wird, der wird auch besser daran sein als alle Spekulanten, Wucherer und Gelehrten aller Art. Amen.
STE|0|26|1|1|„Doch jene Meine Feinde, die Mich nicht zum König über sich haben wollten, bringt her, und erwürgt sie vor Mir!“ (Lukas 19, 27)
STE|0|26|1|1|Am 3. Februar 1844, abends
STE|0|26|1|0|„Doch jene Meine Feinde, die Mich nicht zum König über sich haben wollten, bringt her, und erwürgt sie vor Mir!“
STE|0|26|2|0|Vorliegender Text ist nahe wohl zu leicht, als dass man darüber eine lange Erklärung geben sollte, und gehört ebenfalls zu denjenigen, worüber die Jünger nicht fragten: Wie sollen wir das verstehen? – Denn diesen Text verstanden sogar die beiden Pharisäer, die da genau wussten, dass Ich unter den zu erwürgenden Bürgern der Stadt sie gemeint habe.
STE|0|26|3|0|Das wäre aber freilich wohl ein enger Sinn; dessen ungeachtet aber ist auch der allgemeine durchaus nicht schwer zu erkennen, man braucht nur zu wissen, dass „erwürgen“ so viel als richten heißt, so hat man dann schon das Ganze.
STE|0|26|4|0|Wer sind denn „die Bürger der Stadt“, die den König nicht wollten? Blickt hinaus in die Welt, und ihr werdet solche Bürger in allen Straßen, Ecken und Winkeln in einer Unzahl erblicken, die den König nicht wollen! Die Stadt ist die Welt; ihre Bürger sind die Weltmenschen, die von Mir nichts wissen wollen.
STE|0|26|5|0|Die zehn mit den Pfunden Beteilten sind die wenigen Auserwählten, die unter diesen Weltbürgern leben; darunter aber selbst noch einer träge ist und will nicht wirtschaften mit dem einen ihm anvertrauten Pfund.
STE|0|26|6|0|Unter diesem einen werden verstanden diejenigen, welche das Wort Gottes wohl annehmen und anerkennen, aber sie sind zu träge, danach zu handeln; darum wird ihnen auch am Ende das genommen, was sie haben, und es wird dem, der da zehn Pfunde hat, gegeben.
STE|0|26|7|0|Warum denn? Weil der vollkommen nach Meinem Wort gelebt hat, daher in der Vollliebe zu Mir ist, also im Vollfeuer und Volleifer; daher gebührt ihm auch, wie einer Sonne, das komplette Volllicht.
STE|0|26|8|0|Der aber kein Feuer hat, der hat auch kein Licht und gleicht einem Planeten, der nur mit fremdem Licht prunkt, welches ihm nicht bleiben kann. Wird er von seiner Sonne genommen, so schwebt er dann als ein finsterer Klumpen in seiner durch sich selbst gerichteten Verworfenheit von einer Unendlichkeit zur anderen!
STE|0|26|9|0|Aus diesem Gesagten lässt sich schon sehr leicht erkennen, was obenangeführter Text in sich trägt, – nichts anderes nämlich als das Gericht alles Welttümlichen.
STE|0|26|10|0|Nur kommt hier noch eine dritte Art Wesen vor, zu denen der Herr oder der König spricht: Bringt die Bürger der Stadt hierher, die Mich nicht zum König wollten, auf dass sie erwürgt werden!
STE|0|26|11|0|Wer sind die? Wer sonst wohl als die Engel der Himmel, von denen ihr schon lange wisst, wie sie allenthalben die Leiter Meiner Gerichte sind. Diese werden die Welt allzeit richten.
STE|0|26|12|0|Warum denn? Weil sie, Nummer eins, Eins sind mit Mir, und darum, Nummer zwei, der schroffste Gegensatz zur Welt. Darum sie Eins sind mit Mir, haben sie alle Macht und Gewalt aus Mir; und darum sie der schroffste Gegensatz sind zur Welt, darum auch wird diese allzeit von ihnen gerichtet.
STE|0|26|13|0|Das ist der ganz einfache, wohl zu beobachtende Sinn dieses Textes.
STE|0|26|14|0|Manchmal wurden unter den ausgeteilten Pfunden die verschiedenen auszubildenden menschlichen Anlagen verstanden. Doch solches ist grundfalsch. Denn würde das gelten, da wäre dadurch der höchst gotteslästerliche St. Simonismus eine Gott über alles wohlgefällige Sache, der auch die Ausbildung des Diebes- und Mördertalentes als eine billige Sache ansieht. Das ist aber doch sicher nicht der Sinn, der den ausgeteilten Talenten oder Pfunden zugrunde liegt.
STE|0|26|15|0|Diese ausgeteilten Talente und Pfunde sind bloß nur das ausgeteilte Wort Gottes. Wer es zugleich lebendig hat, der hat die zehn Pfunde; lebendig aber hat er es, wenn er es in seiner Liebe hat oder in seinem Herzen.
STE|0|26|16|0|Der aber die fünf Pfunde hat, der hat das Wort in seinem lebendigen Glauben, danach er tätig in der Liebe werden kann.
STE|0|26|17|0|Wer die drei Pfunde hat, der hat das Wort Gottes in seinem Verständnis; wenn er danach tätig wird, so wird er die Weisheit erlangen.
STE|0|26|18|0|Der aber nur ein Pfund hat, der hat zwar auch das Wort Gottes in seiner Erkenntnis; aber es ficht ihn nicht an. Er hat zwar nichts gegen dasselbe, – er hält es im Gegenteil für schön, gut und wahr; aber wenn er vollernstlich danach tätig werden soll, da spricht er:
STE|0|26|19|0|„Ja, wenn man nicht auf die Welt hier beschränkt wäre und müsste darum das Weltliche der Welt wegen tun, da wäre es freilich sehr löblich, vollkommen dieser Lehre gemäß zu leben. Aber man muss einmal in der Welt leben; so muss man sich auch nach ihr richten, sonst wird man leichtlich als ein Sonderling ausgeschrien; man verliert seine Ehre und Reputation und stellt sich also dadurch isoliert dar, dass man dann auch nicht mehr in der Welt zu wirken imstande ist, wo es zu einem guten Zweck zu wirken notwendig gewesen wäre.“
STE|0|26|20|0|Der Reiche spricht: „Ich wollte mit meinem Vermögen ja wohl evangelisch walten, wenn die Zeitumstände anders wären; aber die Welt ist nun einmal Welt, und da heißt es mit dem Vermögen also umgehen, dass man fürs Erste im Alter selbst nicht darben darf, und dass auch die Kinder mit der Zeit diejenige nötige Versorgung finden, die sie vor der Welt unabhängig stellt.“
STE|0|26|21|0|Der Beamte aber spricht: „Mein Gott! Wo sollte ich Zeit hernehmen? Amts- und Herrendienst geht vor Gottesdienst! Wenn ich mich einmal in den Ruhestand setzen werde, dann will ich auch in Gottes Namen den Rosenkranz zur Hand nehmen; oder ich will nach dem Evangelium leben, so viel es sich ohne große Beschränkung meiner Verhältnisse tun lässt.“
STE|0|26|22|0|Der Geistliche spricht: „Wenn man nur die Pflichten seines Standes erfüllt, den man in der Welt bekleidet, und das alles Gott aufopfert, so hat man genug getan.“
STE|0|26|23|0|Ich aber sage dazu: „Das sind lauter einpfündige Pfundvergräber, und es wird ihnen allen ergehen, wie es von dem evangelischen Einpfund-Inhaber gesagt ist.“
STE|0|26|24|0|Warum denn? Weil da in keinem auch nur ein Fünklein Liebe zu Mir werktätig anzutreffen ist. Diese ziehen eine gewisse Bequemlichkeit ihres irdischen Lebens allzeit Mir vor.
STE|0|26|25|0|Der Reiche ist mit Mir zufrieden, solange er durch sein Geld sich und seine Familie überaus wohl versorgt erblickt; welche lebendige Liebe aber hat er aufzuweisen und welches Vertrauen zu Mir in der Tat, so er selbst nach allen Kräften sorgt, dass er und seine Familie einst nicht darben möchten? Für ein solches Zutrauen wird sich ein jeder bedanken.
STE|0|26|26|0|Wenn ein Wechsler einen Sachwalter bestellt, ihm aber nie einen Groschen ernstlich anvertraut, wird der Sachwalter da nicht bald sagen: „Wie, mein Freund, hältst du mich denn für einen Spitzbuben und meine große Kaution für null und nichtig, dass du mir nicht um einen Groschen Zutrauen schenkst? Verwalte dein Vermögen selbst; ich aber fordere meine Kaution zurück.“
STE|0|26|27|0|Dasselbe werde auch Ich mit solchen reichen Christgläubigen tun und werde Meine Kaution von ihnen nehmen; denn für einen Narren lasse Ich Mich von ihnen nicht halten und noch weniger für einen Lügner und Betrüger, für das sie Mich werktätig halten, darum sie Mir nicht trauen und daher selbst für ihr Bestehen sorgen.
STE|0|26|28|0|Desgleichen werde Ich auch zu jenen Beamten und Geistlichen aller Sekten sagen, die den Weltdienst und die Erfüllung der Standespflichten für den Gottesdienst halten: „Habt ihr umsonst gedient? Hat euch die Erfüllung der Pflichten eures Standes keinen Gewinn abgeworfen? Habt ihr aus Liebe zu Mir oder aus Liebe zu den Vorteilen, die aus der Erfüllung der Standespflichten folgen, eben diese eure Standespflichten erfüllt?“
STE|0|26|29|0|Wenn sie sagen werden: „Wir taten das Gute und das Rechtliche des Guten und des Rechtlichen selbst willen und durften auch mit gutem Gewissen diejenigen Vorteile genießen, die die Folge guter und rechtlicher Handlungen sind.“ –
STE|0|26|30|0|Dann aber werde Ich sagen: „Also seid ihr ja bezahlte Arbeiter gewesen und habt euren Lohn empfangen. Wieviel aber habt ihr dabei mit dem einen, euch anvertrauten Pfund für Mich gewonnen? Zeigt den Gewinn!“
STE|0|26|31|0|Und wahrlich, da werden alle diese das nackte Pfund aufweisen und werden sagen müssen: „Herr, das Pfund war in den Verhältnissen, in die wir auf der Welt gestellt waren, nicht zu gebrauchen; wir aber erkannten es als ein Heiligtum, darum tasteten wir es auch nicht an.“
STE|0|26|32|0|Und Ich sage: Da wird mit ihnen ebenfalls das geschehen, was von dem evangelischen Einpfündler ausgesagt ist, und diese Einpfündler werden jenseits ganz entsetzlich lange zu tun haben, bis sie sich auf einen Heller werden heraufgearbeitet haben. Da wird viel Heulens und Zähneklapperns vorangehen!
STE|0|26|33|0|Ich meine, das wird auch klar sein; beobachtet es, auf dass ihr nicht unter die Einpfündler geraten möchtet! Amen.
STE|0|27|1|1|„Ich nehme nicht Ehre von Menschen.“ (Johannes 5, 41)
STE|0|27|1|1|Am 5. Februar 1844, abends
STE|0|27|1|0|„Ich nehme nicht Ehre von Menschen.“
STE|0|27|2|0|Dieser Text gibt in kurzen Worten kund, welchen Bund Ich mit den Menschen habe, nämlich keinen Bund der Ehre. Denn die Menschen, wie sie sind, sind Mir wirklich keine Ehre. Dazu habe Ich die Menschen auch nicht erschaffen, dass sie Mich ehren sollen.
STE|0|27|3|0|Einen Bund aber habe Ich mit den Menschen, und dieser heißt Liebe und besagt ganz etwas anderes als die Ehrung.
STE|0|27|4|0|Wer sind die, die sich ehren lassen? Das sind die Fürsten und Großen der Welt.
STE|0|27|5|0|Warum lassen sie sich ehren? Weil sie mehr sein möchten als Menschen, obschon ihnen ihr Bewusstsein sagt, dass sie nicht mehr als Menschen sind.
STE|0|27|6|0|Was ist die Ehre, die man jemandem erzeigt? Sie ist nichts anderes als urgründlich die Furcht vor dem Stärkeren und Mächtigeren. Denn der Schwächere fürchtet die Schläge des Mächtigeren und dessen Unbarmherzigkeit; darum kriecht er vor ihm und ehrt ihn und betet ihn förmlich an, damit der Mächtigere, durch solche Schmeichelei bestochen, ihm die Schläge erlassen möchte. Je ehrfurchtsvoller aber der Schwächere gegen den Stärkeren wird, desto ehrsüchtiger und grausamer wird auch der Stärkere.
STE|0|27|7|0|Frage hier: Ist solche Ehrung eine Frucht edlen oder bösen Samens? Ich meine, wie die Frucht, so wird auch der Same sein.
STE|0|27|8|0|Meint ihr aber demnach, dass Ich das von den Menschen nehmen sollte, was vor Mir ein Gräuel und der scheußlichste Ekelgeruch ist?
STE|0|27|9|0|Aus welchem Grund sollte Ich Mich von den Menschen ehren lassen? Etwa weil Ich Gott, und die Menschen Meine Geschöpfe sind? Weil Ich allmächtig und alle Menschen gegen Mich gar nichts sind?
STE|0|27|10|0|Was würde Ich wohl haben von solch einer Ehre? Werde Ich dadurch etwa mehr Gott, und wird dadurch Meine Allmacht größer?
STE|0|27|11|0|Bei den Menschen ist dieser Akt noch verzeihlicher; denn so viel Schwächere einen Stärkeren hoch ehren, so gewinnt er dadurch an Macht und Ansehen. Wo sieht aber für Mich ein Gewinn heraus, so Mich die Menschen wie andere Große auf der Erde ehren? Ich meine, diesen Gewinn dürfte wohl ein allerscharfsichtigster Cherub mit dem allerbesten Mikroskop, das ein Atom bis zu einer Hauptzentralsonne vergrößern möchte, nicht entdecken; denn Ich bin Gott, allmächtig von Ewigkeit!
STE|0|27|12|0|Könnte Ich durch die Ehrungen der Menschen wohl noch mehr werden? Ich meine kaum; daher habe Ich auch nirgends ein Gesetz erlassen: „Du sollst Gott, deinen Herrn, ehren über alles!“, sondern bloß nur lieben über alles. Darum heißt es denn auch im vorliegenden Vers, dass Ich nicht die Ehre bei den Menschen suche; denn da ist schon in Mir Einer, der Mich wahrhaft ehrt von Ewigkeit.
STE|0|27|13|0|Welche Freude Ich aber danach an den „Ad maiorem Dei gloriam“-Taten habe, oder wie man bei euch auf der Welt zu sagen pflegt: „Alles zur Ehre Gottes!“, das könnt ihr aus diesem Verslein leicht ersehen; denn der Mich nicht ehrt in seinem Herzen wie eine vor Liebe brennende Braut ihren Bräutigam, des Ehre ist vor Mir ein Gräuel.
STE|0|27|14|0|Was habe Ich von dem tausendfachen „Herr, wir ehren Dich!“, wobei aber die Herzen voll Dreckes sind? Auf eine solche Ehre soll von der ganzen Hölle aus gepfiffen werden!
STE|0|27|15|0|Denn alle, die Mich ehren auf solche zeremonielle Weise, sind die „Herr, Herr“-Rufer, und sie mögen Mir tausend Litaneien vorsumsen und sagen: „Herr, wir ehren Dich und preisen Deine Stärke!“, „Herr, wir bitten Dich, erhöre uns!“ und „Herr, erbarme Dich unser!“ und mögen tausendmal hinzusagen „Ehre sei Gott dem Vater!“ usw.
STE|0|27|16|0|Ich aber werde ein solches Gewäsch dennoch nie erhören und werde allzeit zu den „Herr, Herr“-Sagenden sprechen: Weichet von Mir; denn Ich habe euch noch nie erkannt! Ihr habt der Ehrgebete und Litaneien in großer Menge gehabt; warum aber habt ihr nicht auch eine Litanei erfunden, in der es lebendigermaßen heißen möchte – nicht: „Herr, wir ehren Dich!“, sondern: „Lieber heiliger Vater, wir lieben Dich!“?
STE|0|27|17|0|Man wird hier freilich einwenden und sagen: „Die Ehre Gottes muss sein! Denn sie ist eine edle Frucht der wahren Gottesfurcht; denn wer Gott nicht fürchtet, der ist aller bösen Taten fähig.“
STE|0|27|18|0|Ich aber sage: Wennschon Gottesfurcht besser ist, als böse Taten üben, so aber wird dennoch aus einer solchen Gottesfurcht für niemanden ein ewiges Leben erwachsen, weil ein furchtsames Gemüt schon ein gerichtetes ist.
STE|0|27|19|0|Denn wer das Schlechte nur aus Furcht vor Mir unterlässt, der wird eine harte Probe zu bestehen haben. Denn in der Furcht vor Mir ist keines Menschen Geist einer Beseligung fähig, und es wird ihm zuvor die Furcht benommen werden, und es wird sich dann zeigen, was er ohne Furcht vor Mir tun wird.
STE|0|27|20|0|Also sind wohl auf der Erde auch viele Sträflinge in den Kerkern durch die Furcht vor der Strafe in der gesetzlichen Ordnung erhalten; werden sie aber nach der Strafzeit auf freien Fuß gestellt, so sind sie zehnmal ärger denn früher.
STE|0|27|21|0|Alle Höllengeister leben und bestehen in der größten Furcht vor Mir; Mich nur von ferne zu erschauen oder Meinen Namen zu vernehmen, ist für sie das Schrecklichste! Welcher Tor aber wird da behaupten, dass die Höllengeister darum gut seien, weil sie eine so große Furcht vor Mir haben?
STE|0|27|22|0|Ich setze aber ein Beispiel: Es gäbe irgend auf der Erde einen so überaus guten Menschen, der zwar überaus wohlhabend wäre, aber dabei die größte Liebe, Sanftmut und Zuvorkommenheit selbst, und jeder Mensch, der zu ihm käme – welchen Standes er auch sein möchte, welcher Nation, ob Freund oder Feind –, würde von ihm allzeit auf das Liebreichste aufgenommen werden. Frage: Welcher Mensch müsste da wohl ein so großer Tor sein und möchte so einen Menschen fürchten ärger denn einen Scharfrichter?
STE|0|27|23|0|Welcher Mensch aber ist wohl besser, liebreicher und sanftmütiger als Ich? Und dennoch will man sich lieber fürchten vor Mir, als [Mich] lieben mit der größten Zutraulichkeit!
STE|0|27|24|0|Dennoch aber sage Ich: Die Mich fürchten und ehren, die scheinen das aus einem guten Grunde zu tun; denn sie wissen, dass ihr Herz aller Liebe ledig ist. Darum wollen sie das durch die Furcht bei Mir ersetzen.
STE|0|27|25|0|Aber es geht ihnen dabei wie einer Braut, die ihrem allergetreuesten Bräutigam untreu geworden ist und ward zu einer Hure. Warum ward sie das? Weil sie die Liebe in ihrem Herzen zu ihrem Bräutigam vergab.
STE|0|27|26|0|So aber der Bräutigam kommen wird, wird er die mit bebender Furcht erfüllte Braut auch also ansehen und annehmen, als so sie ihm flammenden Herzens wäre entgegengekommen? Wird er nicht etwa zu ihr sagen:
STE|0|27|27|0|„Wie siehst du aus? Also habe ich dich nie gesehen! Warum bebst du vor mir, der dich über alles liebte? Wahrlich, in diesem Zustand mag ich dich nicht erkennen! Was habe ich dir je getan, dass du mich fürchtest? Wie hat solche Furcht deine ehemalige Liebe verdrängen können? Wie soll ich dich nun glücklich machen, ich, den du nicht liebst, sondern fürchtest?! Also muss ich weichen von dir aus Liebe zu dir, auf dass die Furcht vor mir in deinem Herzen dich nicht länger quäle!“
STE|0|27|28|0|Seht, in diesem Beispiel liegt das „Ich kenne euch nicht, ihr ‚Herr, Herr‘-Sager!“ klar und deutlich erklärt, und darum will Ich nicht die Ehre der Menschen als die Frucht der Furcht, sondern die getreue kindliche Liebe will Ich!
STE|0|27|29|0|Danach trachtet ihr in eurem Herzen, so werde Ich Mich euch nahen können, aber nicht in eurer Ehrung und Furcht. Seid liebfreie, aber nicht durch Furcht gerichtete Täter Meines Wortes; darin werdet ihr das ewige Leben finden und Mich, euren Vater! Amen.
STE|0|28|1|1|„Danach gingen viele Seiner Jünger zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm.“ (Johannes 6, 66)
STE|0|28|1|1|Am 8. Februar 1844, abends
STE|0|28|1|0|„Danach gingen viele Seiner Jünger zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm.“
STE|0|28|2|0|Dieser Text passt, wie ihr zu sagen pflegt, auf ein Haar für unsere Sache in jeder Beziehung.
STE|0|28|3|0|Warum gingen denn viele Meiner Jünger von Mir und wollten nicht mehr mit Mir wandeln, da Ich ihnen die Lehre vom Genuss Meines Fleisches und Blutes gab? Die Ursache dieser Erscheinung lag vorerst in der Trägheit Meiner Jünger, darauf folgend aber auch sogleich in ihrem Hochmut.
STE|0|28|4|0|In der Trägheit lag der Grund darum, weil sie nicht wollten sich so viel Gewalt antun, dass sie Mich wenigstens fragten, wie es hernach Meine Brüder taten, wie solche Lehre zu verstehen ist.
STE|0|28|5|0|Und der Hochmut war darauf also die Folge: Da die Jünger vorerst zu träge waren, sich einer höheren Kenntnis zu befleißen, aber dennoch Meine Schüler waren, so verdross es sie nun, dass Ich eine Lehre gab, die über ihren Erkenntnishorizont hinausging. Sie fühlten sich dadurch vor dem anderen Volk beschämt, weil sie Mich auch nicht verstanden hatten, wollten Mich aber nun auch zufolge dieses Hochmutspitzels nicht fragen vor dem Volk, um sich dadurch nicht das Zeugnis zu geben, als hätten sie Mich als Meine Schüler nicht verstanden.
STE|0|28|6|0|Denn gewöhnlich geschah es, dass nach einer Lehre von Mir Meine Jünger von dem Volk häufig gefragt wurden, wie dieses oder jenes zu verstehen sei. Da gab es dann gewöhnlich allzeit eine Menge Seitenerklärungen von Seiten Meiner Jünger, und in ihrem Ehrgeiz schmeckte [ihnen] oft so manche Belobung über ihre verständige Erklärung irgendeiner fürs Volk etwas schwer verständlichen Lehre.
STE|0|28|7|0|Auch bei dieser Gelegenheit waren viele dieser Jünger über den Sinn dieser Lehre befragt, konnten aber diesmal keine Erklärer abgeben, weil sie die Lehre selbst nicht verstanden hatten; daher zogen sie sich diesmal auf eine andere Art aus der Schlinge. Sie beschuldigten Mich einer harten Lehre wegen, die kein Mensch verstehen könne, und da ihnen solches zu keiner Ehre vor dem Volk gereichte, so schmähten sie lieber über Mich, erklärten alle Meine frühere Lehre für gleichlautend mit dieser und glaubten nicht mehr an Mich und verließen Mich.
STE|0|28|8|0|Aus dieser ganz getreuest aus dem damaligen Leben gegriffenen Darstellung kann jedermann mit der größten Leichtigkeit erkennen, dass an diesem üblen Begebnis nichts schuld war als vorerst die Trägheit und dann der Hochmut Meiner Jünger. Die Trägheit, weil sie immer um Mich waren und glaubten ebenso viel zu verstehen wie Ich – wozu sollten sie sich dann irgendeine Mühe geben, um dadurch tiefer in den Geist Meiner Lehre einzudringen? Der Hochmut aber ward rege, als Ich sie einmal auf die Probe stellte, wie viel sie verstehen, und ihnen handgreiflich zeigte, dass der Jünger nicht ist über den Meister.
STE|0|28|9|0|Und seht, diese zwei Grundursachen sind auch die Hauptstützen der meisten Verderbtheit des menschlichen Geschlechts! Denn zuerst ist der Mensch träge und steht müßig da den ganzen Tag über. Wenn er aber dann gefragt wird: „Warum stehst du den ganzen Tag müßig?“, so wird er sagen: „Es hat mich ja niemand gedungen!“
STE|0|28|10|0|Und wenn Ich dann zu ihm sage: „So gehe doch wenigstens nun am Abend hin, und arbeite eine Stunde, und Ich will dir geben, was recht ist!“, da wird er sagen: „Herr, wie kannst Du mir diese Schande antun und mich hinstellen zum Gelächter derjenigen, die den ganzen Tag gearbeitet haben? Willst Du mir schon etwas geben, so schenke es mir lieber, aber mache mich nicht als einen Faulenzer ruchbar vor den Arbeitern!“
STE|0|28|11|0|Seht, hier will der Träge anfangs nicht arbeiten; am Ende aber schämt er sich zu arbeiten vor den Fleißigen. Warum denn? Weil das seinem verborgenen Hochmut nicht schmeichelt! Er möchte wohl fürs Wohltun seinem Hochmut mit den Fleißigen gleichen Lohn haben; aber zur Arbeit ist er anfangs zu träge und bald darauf zu hochmütig.
STE|0|28|12|0|Der Herr aber wird nicht so unweise sein und wird die Trägheit und den Hochmut dem Fleiß gleichsetzen und [wie] ihn belohnen.
STE|0|28|13|0|Dass solches alles höchst richtig ist, will Ich euch noch durch mehrere kleine Beispiele zeigen:
STE|0|28|14|0|Nehmen wir an zwei Studierende; der eine ist von Anfang an fleißig und der andere träge. Der Fleißige wird auch am Ende die Früchte seiner Mühe ernten; was wird aber der Träge am Ende für einen Vorwand und für eine Gunstrede für seine Trägheit hervorbringen? Er wird sagen:
STE|0|28|15|0|„Der Fleißige war ein dummer Kerl und hat nicht eingesehen, dass er lauter dummes Zeug in seinen Gehirnkasten hineinschoppt; ich aber fand das entsetzlich Alberne der Lehrgegenstände und habe es den ersten Augenblick für unwürdig gefunden, meinen viel erhabeneren Kopf mit solcher Torheit anzustopfen. Und da nichts anderes vorgetragen ward, so fand ich diese meine erste Erkenntnis für viel höher und besser als all den zu erlernenden Quark!“
STE|0|28|16|0|Seht, da geht offenbar der Hochmut aus der Trägheit hervor. Wer sich davon werktätig überzeugen will, der setze sich nur in eine vertrauliche Zwiesprache mit dergleichen Individuen, und er wird alles das von Punkt zu Punkt bestätigt finden.
STE|0|28|17|0|Nehmen wir aber zwei Musiker; der eine hat es durch seinen Fleiß zu einer großen Kunstfertigkeit sowohl in praktischer als in theoretischer Hinsicht gebracht, der andere aber, ein Sohn der Trägheit, blieb zufolge seiner geringen Mühe bei der untersten stümperhaften Mittelmäßigkeit stehen. Nun fragt ihn aber, warum er es nicht auch so weit gebracht habe wie sein Mitschüler. Da wird er sagen:
STE|0|28|18|0|„Weil ich nicht so wie jene blutarmen Teufel darauf angestanden habe; denn ich bin ohnehin reich. Warum sollte ich mich da also plagen? Solcher Fleiß gehört nur für arme Teufel, und was liegt denn daran, ob man solch schweren musikalischen Quark selbst spielen kann oder nicht? Wenn man ihn nur versteht, wozu eben nicht viel gehört; spielen werden ihn schon solche armen Teufel, damit sie dadurch auch ein Stückchen Brot sich verdienen können. Zudem rührt ja auch alle solche schwere Musik von armen Teufeln her, und es wäre für einen Reichen eine barste Schande, sich mit dergleichen Früchten der Armseligkeit zu befassen.“
STE|0|28|19|0|Seht hier wieder ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel, und ihr werdet daraus wieder ersehen, aus welchem Grunde Meine Jünger Mich verließen. Gehen wir aber weiter!
STE|0|28|20|0|Also spricht jemand, der gefragt wird, warum er sich nicht eifriger mit der Erkenntnis der rein christlichen Religionsgrundsätze befasst: „Ich verstehe diese Sachen nicht und habe mich auch nie damit abgegeben, und das aus dem Grunde, weil ich es fürs Erste für eine Läpperei halte, an der nicht viel daran ist, und fürs Zweite, weil man durch dergleichen religiöse Grübeleien am Ende höchstens ein Narr werden kann.“
STE|0|28|21|0|Seht, bei diesem Menschen war zuerst die Trägheit und dann sein daraus hervorgehender Hochmut der Grund, dass er gleich diesen Jüngern spricht: „Wer kann solch eine Lehre für wahr halten und sich daran kehren? Daher ist es besser, gleich diesen Jüngern den Herrn im Stich zu lassen.“
STE|0|28|22|0|So sagt auch ein verarmter Lump, wenn er gefragt wird: „Warum bist denn du in solche Armut gekommen? Du hattest doch, wie nicht leichtlich ein anderer, Gelegenheit, dir so manchen Groschen zu ersparen.“ Und seine Schutzrede lautet: „Ich habe solches Sparen zufolge Meiner erhabenen Natur für bettelhaft armselig gefunden, und es gehört nun zu meiner Ehre, dass ich dürftig herumgehe.“
STE|0|28|23|0|Seht, da ist wieder ein Beispiel, wo ein Mensch zuerst träge ist und kann sich nicht insoweit verleugnen, seinem Wesen einen Abbruch zu tun, und sich dadurch ein Vermögen zu sammeln; am Ende aber, da es ihm klar wird, dass er nichts hat, da wird er erst hochmütig und pocht noch obendrauf auf seinen lumpigen Zustand.
STE|0|28|24|0|Ich meine, wir haben der Beispiele genug, um aus ihnen allerklarst einzusehen, wie vielseitig Ich bei jeder Gelegenheit von Meinen Jüngern verlassen werde, wenn es heißt: „Von jetzt an leidet das Himmelreich Gewalt!“
STE|0|28|25|0|Also gehen auch eine Menge Wanderer auf ein hohes Gebirge. Solange es bequem geht, da gehen alle recht hurtig mit; wenn aber die Steilen des Hochgebirges kommen und es heißt: „Von da an braucht die Besteigung des Berges Gewalt und Kraft!“, da kehren sie um, und nur sehr wenigen gelingt es, die Spitzen des Hochgebirges zu erklimmen.
STE|0|28|26|0|Demselben Sinne unterliegt auch das: Solange der Mensch Mein Reich beim Lesepult sucht, da geht es gut; aber wenn es heißt: „Das Lesen genügt nicht, sondern nur der Handlung gebührt die Krone. Denn das Fleisch ist zu nichts nütze. Der Buchstabe tötet; nur der Geist ist es, der lebendig macht!“, da wird der Herr auch allzumeist von Seinen Jüngern verlassen, wie der Text zeigt.
STE|0|28|27|0|Beachtet somit diese Erklärung tätig, so werdet ihr nicht, wie die Jünger, euren Herrn verlassen! Amen.
STE|0|29|1|1|„Und die Teufel baten Ihn und sprachen: ‚Schicke uns zu den Säuen, dass wir in sie fahren!‘“ (Markus 5, 12)
STE|0|29|1|1|Am 9. Februar 1844, abends
STE|0|29|1|0|„Und die Teufel baten Ihn und sprachen: ‚Schicke uns zu den Säuen, dass wir in sie fahren!‘“
STE|0|29|2|0|Ich habe euch schon einmal gesagt, dass durchgehend in allen Meinen Taten die bei weitem tieferen und verborgeneren Geheimnisse Meines Seins im Fleisch auf der Erde stecken. Denn die Worte habe Ich zu jedermanns Verständnis gestellt; aber nicht also steht es mit Meinen Taten. Diese verstanden selbst Meine Brüder nicht, bevor nicht der heilige Geist über sie kam; und als sie sie verstanden, da ward es ihnen auch vom Geist gesagt, dass sie vor niemandem sollen den tiefen Sinn der Taten kundgeben, weil die Welt ihn nie fassen kann und wird.
STE|0|29|3|0|Und so verhält es sich auch mit dieser Tatsache. Möchte Ich euch den tiefsten Sinn derselben vollständig dartun, so müsstet ihr die ganze Oberfläche der Erde dreimal überschreiben, um nur mit der Einleitung fertig zu werden. Zu der Hauptbedeutung dieser Tatsache aber hätte ein ganzes Sonnengebiet zu wenig Raum, um alle die Bücher zu fassen, die darüber geschrieben werden möchten. Daraus aber könnt ihr doch sicher abnehmen, was alles hinter einer solchen Tatsache steckt.
STE|0|29|4|0|Wenn aber von einem Wort schon gesagt ist, wie es gleich ist einem Samenkorn, das in die Erde gesät wird und vielfache Frucht bringt, was kann da erst von einer wirklichen Tat Gottes gesagt werden? Denn es ist ein Unterschied zwischen dem „Gott sprach: ‚Es werde!‘“ und dann zwischen dem darauf gefolgten: „Es ward.“
STE|0|29|5|0|Damit ihr euch aber dennoch von der Größe einer solchen Tat einen leisen Begriff machen könnt, so will Ich euch in aller Kürze einiges davon enthüllend kundgeben.
STE|0|29|6|0|Warum richtet hier der Herr an den Dämon die Frage, wie er heiße, nachdem doch dem Allwissenden solches sicher bekannt war, dass in diesem besessenen Menschen nicht nur einer, sondern eine ganze Legion von Dämonen böswirkend vorhanden war? Der Herr fragte sicher nicht darum, als wollte Er den Namen dieser argen Geister erfahren; warum aber fragte Er hernach?
STE|0|29|7|0|Er fragte, um diesen Dämonen kundzugeben, wer Er ist; denn aus der Frage erkennt man leichter die Beschaffenheit eines Wesens als aus der Antwort. Fragt ihr einen Narren, und er kann euch eine Antwort geben, die euch stutzen machen wird. Lasst aber den Narren euch um etwas fragen, und ihr werdet ihn sogleich an seiner Frage erkennen. Im Geistigen aber ist es die einzige Art, sich zu erkennen durch die Frage, und so fragte der Herr auch hier nicht, um eine Antwort zu bekommen, sondern um Sich auf diese geistige Weise den Dämonen zu erkennen zu geben, wer Er ist.
STE|0|29|8|0|Ähnliche Situationen kennt ihr auch und habt solche schon bei den sogenannten Somnambulen beobachten können. Denn wenn ihr eine Somnambule fragt, so hat das nicht den Charakter im Leben der Somnambule, als wolltet ihr von ihr etwas erfahren, sondern eure Frage hat den Charakter einer Entblößung vor dem Leben der Somnambule, durch die euch die Somnambule inwendig beschaut, euch erkennt und dann den in euch vorgefundenen Mangel durch ihre Lebenstätigkeit ergänzt.
STE|0|29|9|0|Diese Art ist freilich nur eine Mittelstufe zwischen einer rein weltlichen und rein geistigen Frage; dennoch aber hat sie für den tieferen Denker schon den geistigen Charakter in sich.
STE|0|29|10|0|Also aber heißt demnach diese Frage des Herrn an die Dämonen so viel, als so Er gesagt hätte: „Seht her! Eine Blöße in Mir, die ist, dass in Mir kein Böses ist!“
STE|0|29|11|0|Und die Dämonen erschauen die heilige Blöße und erkennen sobald den Herrn der Ewigkeit in ihr; und dass sie dann sprechen: „Unser ist eine Legion!“, – dadurch geben sie etwa nicht ihre positive Zahl an, sondern sie geben dadurch nur in geistiger Weise kund, dass im Angesicht der höchsten Reinheit Gottes ihres Bösen in übergroßer Menge vorhanden ist.
STE|0|29|12|0|Die Reinheit des Herrn selbst aber zwingt sie, zu weichen vor ihr. Aber die Bösen erschauen auch in der Mitte der göttlichen Reinheit die göttliche Erbarmung und wenden sich an diese. Sie nehmen in diesem Augenblick die Zuflucht zur Demut und verlangen da ihrem bösen Charakter gemäß, in den Schweinen Wohnung nehmen zu dürfen; und die Erbarmung des Herrn gewährt ihnen, was sie aus solcher Demut sich erbitten.
STE|0|29|13|0|Als sie aber in die Schweine fahren, da erst erwacht wieder ihr vor dem Herrn verborgener Hochmut, und sie treiben die Schweine ins Meer, auf dass diese zugrunde gehen und sie, die Dämonen nämlich, sich darauf frei als Ungetüme in den Gewässern umherbewegen können.
STE|0|29|14|0|Also sieht dieses Bild aus. Wer aber ist dieser besessene Mensch? Dieser besessene Mensch ist geradewegs die Welt; in dieser sind diese Legion Dämonen, wie sie in diesem Menschen vorkommen.
STE|0|29|15|0|Der Herr kommt zu dieser besessenen Welt in Seinem Wort. Die Welt möchte frei werden von ihrer geheimen Plage, und der Herr macht die Welt frei. Aber ihre innere böse Lebenstätigkeit ist in ihrem freien Zustand ärger als in ihrem gebundenen.
STE|0|29|16|0|Wenn sie gebunden ist, da klagt sie über Druck und Plage; wenn Ich sie aber frei mache, da fliegt ihre Tätigkeit in die Schweine und stürzt sich von selbst in das Meer des Verderbens, und diejenigen etwas besseren Menschen der Welt suchen Mich auch noch obendrauf von sich zu entfernen, weil Ich ihnen für ihre Weltindustrie durchaus nicht zusage. Denn diese Gadarener besagen so viel als die Träger des Welttums, oder noch deutscher gesprochen: sie sind die eigentlichen Industrieritter.
STE|0|29|17|0|Die Dämonen aber, die in die Schweine fahren, sind die Stutzer, Wohlschmecker, Wollüstlinge, Betrüger und allerlei Ränke- und Schwänkemacher. Wollt ihr diese sich ins Meer stürzenden Schweine von allerlei Farbe erblicken auf der Welt, so zieht in die besonders großen Hauptstädte; da werdet ihr sie in großen Herden antreffen, welche vollkommen lebensgetreu der evangelischen gleichen. Ihrer ist auch eine gar große Legion; sie sind alle von den unlautersten Dämonen besessen, und diese treiben sie ebenfalls in das Meer des sicheren Verderbens.
STE|0|29|18|0|Seht, das ist der für euch nutzbarerweise zu erkennende Sinn in dieser evangelischen Tat des Herrn. Dass aber hinter diesem ein endlos weit ausgebreiteter, noch viel inwendigerer Sinn vorhanden ist, braucht nicht zum zweiten Mal näher angezeigt zu werden; denn fürs Erste würdet ihr ihn nimmer fassen, und fürs Zweite würde er euch keinen Nutzen, sondern nur einen Schaden bringen.
STE|0|29|19|0|Darum begnügt euch mit dem; denn die Unendlichkeit ist zu groß, die Zahl der Geschöpfe in ihr unendlich, ihre Bestimmung für euch zu vielfach unerklärlich. Also könnt ihr auch unmöglich erfassen, wie dieser Besessene die ganze materielle Schöpfung und seine Inwohnerschaft die alten Gefangenen darstellt. Dieser Besessene ruht in den Gräbern und ist böse über die Maßen; seht an die endlose Zahl der Gräber in der Unendlichkeit!
STE|0|29|20|0|Doch genug davon. Für euch ist es diesseits nicht an der Zeit, solches in der Tiefe zu erfassen. Beachtet somit das Erste; solches wird euch nützen! Amen.
STE|0|30|1|1|„Und Ich sende die Verheißung Meines Vaters auf euch. Bleibt ihr aber in der Stadt, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe!“ (Lukas 24, 49)
STE|0|30|1|1|Am 12. Februar 1844, abends
STE|0|30|1|0|„Und Ich sende die Verheißung Meines Vaters auf euch. Bleibt ihr aber in der Stadt, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe!“
STE|0|30|2|0|Dieser Vers hat schon offenkundig in seinem Buchstabensinn, was er innerlich in sich trägt, und gleicht in dieser Hinsicht einem freundlichen Menschen, der sozusagen sein Herz auf der offenen Hand seinen Freunden entgegenträgt, darum ihn auch nicht leichtlich jemand verkennen kann und jedermann auf den ersten Blick errät, was dieser freundliche Mann im Schilde führt.
STE|0|30|3|0|Der gleiche Fall ist es, wie gesagt, mit diesem Text. Denn wenn der Sohn auffährt, so kommt in Fülle die Verheißung des Vaters zu denen, die in der wahren Hoffnung aus der Liebe auf solche Verheißung harrten.
STE|0|30|4|0|Was besagt aber die Auffahrt des Sohnes, damit dadurch den Harrenden und den Zeugen die Verheißung des Vaters zugesandt werde? Ihr wisst, was unter „Sohn“ zu verstehen ist, die Weisheit des Vaters nämlich. Dem Sohn entspricht hernach auch alles in einem jeden Menschen, was da ein Angehör der Weisheit ist. Dergleichen Angehör ist der Verstand, die Vernunft, allerlei Wissenschaft und Erkenntnis.
STE|0|30|5|0|Dieses Angehör der Weisheit muss aber zugleich auch in einem jeden Menschen diejenige Demütigung, gleichsam die Kreuzigung durchmachen, muss dann wie getötet in ein neues Grab im Herzen gelegt werden, von da wieder auferstehen und sich dann, dem Vater gänzlich hingebend und aufopfernd, in die Höhe begeben, um eins zu werden mit dem Vater.
STE|0|30|6|0|Ist solches geschehen, dann erst wird die Verheißung des Vaters, welche ist das ewige Leben, in des Menschen Leben offenbar werden. Das ist der Akt der Wiedergeburt.
STE|0|30|7|0|Aber nicht zugleich mit diesem Akt erfolgt die Taufe mit dem Geist der Kraft, wie auch niemand alsogleich ein Kind nach der Geburt taufen soll, sondern wenigstens um einige Tage danach, – wie solches bei den Juden auch ehestens erst am achten, zehnten oder zwölften Tag üblich war. Manchmal aber erfolgte die Beschneidungs-Taufe auch um vieles später; und so wird es denn hier auch zu den Aposteln und Jüngern gesagt, dass sie nach Meiner Auffahrt eine Zeitlang in der Stadt beisammenbleiben sollen, bis die Kraft aus der Höhe über sie kommen wird.
STE|0|30|8|0|Diesen Zustand soll auch ein jeder Mensch beobachten und sich nicht eher hinauswagen, als bis er die Taufe des Geistes empfangen hat! Denn ohne diese gleicht der wiedergeborene Geist einem schwachen Kind, das wohl in jeder Hinsicht rein wie ein Engel ist, aber Mangel habend an der wirkenden Kraft und an der dazu erforderlichen freien Einsicht.
STE|0|30|9|0|Ihr wisst es, dass die Darniederkunft der Kraft aus der Höhe über die Jünger und Apostel am zehnten Tag nach der Auffahrt erfolgt ist. Was besagt wohl solches? Solches besagt und bezeugt die vollkommene Unterjochung des mosaischen Zehngesetzes im freigewordenen Leben des Geistes. Also muss ja der Geist zuvor von allen Fesseln und Banden freigemacht werden, bevor er das Gewand der göttlichen Kraft aus der Höhe anziehen kann.
STE|0|30|10|0|Wenn diese über ihn gekommen ist, so ist er dann vollkommen eine neue Kreatur aus dem Geist der Liebe und aller Kraft aus ihr und kann dann erst wirken in der Vollkraft der göttlichen Liebe und Erbarmung. Denn durch solch eine Taufe des heiligen Geistes aus der Höhe wird der Mensch erst von allen Banden des Todes gelöst und wird eins mit und in Christo und kann dann auch sagen: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!“ Nicht mehr ich bin nun mein Ich, sondern Christus Selbst ist das Ich in mir!
STE|0|30|11|0|Darum aber muss auch zuvor – wie schon früher gezeigt wurde – alles dem Sohn Entsprechende im Menschen den Weg des Menschensohnes gehen, und für jeden heißt es unwiderruflich: „Nehme dein Kreuz und folge Mir nach, sonst kannst du nicht zur Auferstehung und zur Auffahrt zum Vater gelangen!“
STE|0|30|12|0|Und hierher passt auch wieder unsere Sache auf ein Haar, dass nämlich kein Mensch durch die vielseitige Ausbildung seines Verstandes mit Hilfe wohlgenährter Bibliotheken und hochtrabender Universitätsprofessoren zur Wiedergeburt und zur Taufe des heiligen Geistes gelangen kann, sondern lediglich nur durch die Demut und große Liebe seines Herzens.
STE|0|30|13|0|Er muss alles, was er von der Welt hat, bis auf den letzten Heller der Welt zurückgeben, also auch die hochmütig machenden Wissenschaften seines Kopfes, sonst wird es mit der Wiedergeburt und Krafttaufe seines Geistes ganz entsetzlich schmal aussehen.
STE|0|30|14|0|Glaubt ja nicht, dass jemand dadurch schon sogleich ins Himmelreich eingehen wird, so er auch sein Vermögen an die Armen verabreicht hätte, und würde aber dennoch bei sich gedenken und sagen: „Herr! Wie ich barmherzig war, also sei auch Du barmherzig gegen mich!“ Wer so spricht, dem fehlt noch ziemlich viel vom Reich Gottes; denn da sind er und Christus noch nicht eins, sondern offenbar zwei, wo der eine dem anderen gewisserart billige Bedingungen vorschreibt.
STE|0|30|15|0|Der Ärmste unter euch Menschen bin immer Ich, oder auf Deutsch gesprochen: Am dürftigsten und am ärmsten ist bei jedem Menschen die eigentliche Lebenskraft seines Herzens. Diese muss zuerst gehörig reichlich dotiert werden, wenn eine andere Dotation nach außen einen Wert haben soll; oder euer Herz muss vollends lebendig werden aus der Liebe zu Mir. Ich Selbst muss eure ganze Liebe ausmachen; dann erst könnt ihr aus dieser Liebe wahrhaft Verdienstliches zum ewigen Leben wirken, und das darum, weil da das Verdienstliche allein Mir zukommt. Ihr aber bleibt bloß reine Konsumenten Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung.
STE|0|30|16|0|Denn sobald noch jemand sagt: „Ich habe getan, und ich habe gegeben!“, da ist er noch ferne von dem, der da spricht: „Ich bin allzeit ein fauler und unnützer Knecht gewesen!“ und ist somit auch noch fern von Meinem Reich. Nur wenn er in sich lebendig bekennt und spricht: „Herr, mein Gott und Vater! Ich bin in allem nichts, wie auch alle Menschen vor Dir gar nichts sind, sondern Du allein bist Alles in Allem!“, dann ist er Meinem Reich nahe, und Mein Reich ist nahe zu ihm gekommen.
STE|0|30|17|0|Desgleichen aber beobachtet auch ihr alles, was euch da gesagt wird, so werdet auch ihr zur Auffahrt und zur Taufe mit der Kraft Meines Geistes gelangen; denn auch zu euch wird soeben Vaters Verheißung gesandt. Amen.
STE|0|31|1|1|„Und er (Zachäus) lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, auf dass er Ihn sähe; denn allda würde Er vorbeikommen.“ (Lukas 19, 4)
STE|0|31|1|1|Am 14. Februar 1844, abends
STE|0|31|1|0|„Und er (Zachäus) lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, auf dass er Ihn sähe; denn allda würde Er vorbeikommen.“
STE|0|31|2|0|Dieser Vers enthält zwar auch nur die Angabe einer Tatsache, und ihr könntet zufolge einer vorangeschickten Lehre meinen, dass darin ebenfalls ein ewig nie voll zu erfassender tiefer Sinn verborgen liege; allein das ist hier eben nicht der Fall, und das aus dem Grunde, weil sie nicht vom Herrn, sondern nur von einem Menschen ausgeübt wird. Dessen ungeachtet aber hat dennoch diese unbedeutend scheinende Szene einen inneren, geistigen Gehalt und wird aus dem Grunde im Evangelium erzählt, weil in ihr eine gar gute anwendbare Lehre für jeden Menschen enthalten ist.
STE|0|31|3|0|Es dürfte hier freilich so mancher Weltweise sagen: „Was kann wohl hinter dieser höchst gewöhnlich alltäglichen Sache stecken? Was wusste der Zachäus von Christo anderes, als wir heutzutage allenfalls von einem sogenannten Tausendkünstler wissen?
STE|0|31|4|0|Wenn wir aber in einem Ort im Voraus erfahren, dass ein solcher weltberühmter Tausendkünstler durch denselben ziehen wird, da wird sich auch alles hinaus auf die Gassen und Straßen machen und wird mit großer Sehnsucht den Einzug des Wundermannes erwarten. Sind nun glücklicherweise irgend leicht besteigbare Bäume bei der Straße, so werden sie sicher von den Knaben und auch mitunter von größeren, aber ebenfalls sehr neugierigen Menschen in Beschlag genommen werden.
STE|0|31|5|0|Was für ein Sinn liegt wohl hinter dieser Erscheinung? Sicher kein anderer als der mit den Händen zu greifende, dass nämlich mehrere neugierige Laffen auch haben wollen den Wundermann zu Gesicht bekommen.
STE|0|31|6|0|Die Moral, die sich daraus entnehmen ließe, könnte höchstens also lauten: „Hört, ihr Buben und neugierigen Menschen, und ihr Kleingewachsenen auch, die ihr nicht vermögt über die großen Lümmel hinwegzusehen! Bemüht euch bei solchen Gelegenheiten frühzeitig, euch der Bäume zu bemächtigen, damit auch ihr bei solchen Gelegenheiten eure Gafflust befriedigen könnt, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, ob durch die Beobachtung dieser Moral auch so mancher Baum beschädigt wird!“
STE|0|31|7|0|Da hätten wir eine Exegese, wie sie die Welt gibt. Ich gab sie darum hier vornhinein, um es der Welt zu erleichtern, damit sie hernach bei der Beurteilung Meiner für sie unverständlichen Exegesen eine leichtere Arbeit im Satirisieren hat.
STE|0|31|8|0|Wir aber wollen nun sehen, welch ein ganz anderer Sinn und welch ganz andere Moral hinter diesem einfachen Text steckt. Wir wollen diese Erklärung so sonderbar als möglich anfangen und wollen das Praktische vorausschicken und das Theoretische dann hinterdrein gewisserart von sich selbst verstehen lassen.
STE|0|31|9|0|Und so sage Ich: Die ganze Welt ist voll Zachäusse, und ihr selbst seid es nicht minder! Tut demnach, was dieser tat, und Ich werde dann auch zu euch sagen und tun, was Ich zu diesem Zachäus sagte und hernach tat. Der Weg, den Ich mit den Meinigen zu ziehen pflege, ist euch bekannt; ihr seid gleichwie der Zachäus sündige Zöllner der Welt.
STE|0|31|10|0|Was tat aber Zachäus, um Mich am Weg zu erschauen? Er war klein von Person; er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, das heißt so viel als: Der sündige Mensch erkannte seinen Unwert vor Mir, er war somit voll Demut und glich oder gleicht dem Zöllner im Tempel, der sich auch nicht getraute, sein Haupt aufwärts zu erheben.
STE|0|31|11|0|Aber die Demut ist die Hauptnahrung der Liebe. Die Liebe wird dadurch mächtiger und kräftiger zu Dem, vor dem sie ihren großen Unwert fühlt. Und je unwürdiger sie sich fühlt, desto größer wird ihr Zug zu Ihm, weil ihre Achtung in dem Grad wächst, als sie in ihrem eigenen Wert sinkt. Solche Liebe denkt dann nur an Den, den sie als ihr höchstes Gut allerhöchst achtet.
STE|0|31|12|0|In dieser Beschäftigung mit dem für solche Liebe höchst achtbaren Gegenstand liegt ein stets heller werdendes Licht, in welchem der Mensch denkt und denkt und sucht und sucht, wie er seinen erhabensten Gegenstand seiner Beschauung näherbringen könnte. Und dieses Denken und Denken und Suchen und Suchen gleicht dem Vorauseilen des Zachäus.
STE|0|31|13|0|Er ist am richtigen Weg; aber er weiß auch, dass der Herr das Inwendigste aller Dinge ist, und ist somit in großem Gedränge und wird somit auf diesem zwar rechten Weg dennoch nicht zu erspähen sein. Aber die Begierde, zu schauen den Herrn, ist mächtiger als dieser Einwurf und mächtiger als dieses Gedrängehindernis und fordert alle Kräfte in dem Menschen auf, sich dahin zu erheben und einen solchen Standpunkt zu erreichen, von dem aus man über das Gedränge und inmitten des Gedränges dennoch den Herrn erschauen könnte.
STE|0|31|14|0|Ein Baum wird erwählt und bestiegen; ein Maulbeerbaum, gleich dem Erkenntnisbaum, in dessen Blättern der feine glänzende Stoff zu den Königskleidern verborgen ist. Also durch höhere Erkenntnisse und durch das Licht des Glaubens will der Mensch den Herrn erschauen; darum eilt er voraus und besteigt den symbolischen Baum des Erkenntnisses, der zwar eine süße Frucht hat, die Frucht aber dennoch niemandem zur Sättigung gereicht. Sie sättigt wohl scheinhalber, aber nach solcher Scheinsättigung folgt gewöhnlich ein größerer Hunger, als ihn jemand zuvor hatte.
STE|0|31|15|0|Also verhält es sich auch mit den höheren Erkenntnissen auf dem Wege der Verstandesforschungen. Diese Erkenntnisse scheinen zwar auch im Anfang den Geist überraschend zu sättigen; aber in kurzer Zeit darauf spricht sein begehrender Magen: „Die wenigen Süßträublein haben mich nur schläfrig gemacht, aber nicht gesättigt; ich hatte wohl ein kurzes Gefühl vom Sattsein, war aber dessen ungeachtet leer!“
STE|0|31|16|0|Seht, das ist ein klares Bild, was der Maulbeerbaum bezeichnet, den der Zachäus freilich in der allerbesten Absicht bestieg, und es wäre gut für alle solche weltgelehrten Zöllner und Sünder, so sie in der Absicht des Zachäus den Baum des Erkenntnisses am Weg des Herrn besteigen möchten. Sie würden eben das erreichen, was der Zachäus erreicht hat.
STE|0|31|17|0|Aber leider wird der Erkenntnisbaum nur höchst selten in der Weise des Zachäus bestiegen, und so manche Zachäusse besteigen wohl auch in einer etwas besseren Absicht den Baum des Erkenntnisses, aber gewöhnlich einen solchen, der nicht am Weg des Herrn steht.
STE|0|31|18|0|Bis hierher wäre alles klar; nun aber fragt es sich: Genügt es schon zum ewigen Leben, wenn man in solcher allerbesten Absicht einen Zachäus macht?
STE|0|31|19|0|Diese Frage beantwortet die Stelle des Evangeliums, wo der Herr zum auf dem Baum spähenden Zachäus spricht: „Steige herab; denn Ich muss heute noch in deinem Haus speisen!“
STE|0|31|20|0|Das heißt so viel gesagt als: „Zachäus! Enthebe dich deiner hohen Spekulation über Mich, und steige herab in das Gemach deiner Liebe zu Mir; in diesem deinem Haus ist Kost für Mich, da werde Ich einziehen und werde essen in diesem deinem Haus!“
STE|0|31|21|0|Und noch deutlicher gesprochen heißt das so viel als: „Zachäus! Steige in deine erste Demut und Liebe herab; also werde Ich bei dir einziehen und Mich erquicken an solcher Frucht deines Herzens!“
STE|0|31|22|0|Seht, das ist das Praktisch-Theoretische dieses Textes, und die Moral heißt ganz kurz: „Seht hin auf euren Bruder Zachäus, und folgt seinem Beispiel, so wird auch euch das werden, was dem Zachäus geworden ist!“
STE|0|31|23|0|Ich meine, eine jede weitere Theorie wird hier völlig überflüssig sein; denn das Gesagte ist ohnehin von der größten Klarheit. Wer es lesen und beachten wird, der wird auch den Anteil des Zachäus unverrückbar finden, und Ich werde zu Ihm sagen, was Ich zum Zachäus gesagt habe.
STE|0|31|24|0|Solches sei von euch allen gar überaus wohl beachtet! Amen.
STE|0|32|1|1|„Jesus nun, der Seine Mutter sah und den Jünger dastehen, den Er liebhatte, spricht zu Seiner Mutter: ‚Weib, siehe, dein Sohn!‘ Danach spricht Er zu dem Jünger: ‚Siehe, deine Mutter!‘ Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“ (Johannes 19, 26–27)
STE|0|32|1|1|Am 16. Februar 1844, abends
STE|0|32|1|0|„Jesus nun, der Seine Mutter sah und den Jünger dastehen, den Er liebhatte, spricht zu Seiner Mutter: ‚Weib, siehe, dein Sohn!‘ Danach spricht Er zu dem Jünger: ‚Siehe, deine Mutter!‘ Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“
STE|0|32|2|0|Es ist bei euch auf der Welt ja auch üblich, so jemand seines Leibes Tod vor Augen sieht, dass er mit seinem Nachlass irgendeine letzte Willensanordnung trifft, die bei euch unter dem Namen „Testament“ vorkommt. Also war es ja auch bei Mir notwendig der Fall, dass Ich mit Meinem Nachlass eine letzte Willensanordnung treffen musste. Maria, Meines Leibes Gebärerin, war ein solcher Nachlass, und sie musste doch für ihre noch übrigen Lebenstage auf der Erde eine nötigste Versorgung haben.
STE|0|32|3|0|Es dürfte freilich hier und da jemand fragen: „Hatte denn der Joseph gar nichts hinterlassen? Er selbst hatte ja Kinder, eigene und auch fremde, die er auferzogen hatte; konnten diese denn nicht auch sorgen für die Maria?“
STE|0|32|4|0|Darauf kann erwidert werden: Joseph hatte fürs Erste nie ein völliges Eigentum hinterlassen. Seine Kinder, sowohl die eigenen als die aufgenommenen, befanden sich fürs Zweite selbst in der größten Armut und sind Mir zumeist nachgefolgt; und darunter war eben auch Johannes selbst, der sich viel im Haus des Joseph aufhielt und gleichsam ebenfalls ein Zögling dieses Hauses war. Denn sein Vater war noch dürftiger als Joseph selbst und gab daher seinen Sohn dahin, dass er erlernen möchte die Kunst Josephs. Er erlernte sie auch und war ein recht geschickter Zimmermann und Schreiner zugleich und wusste auch mit dem Drechseln umzugehen. Zudem hatte er die Maria, so wie Mich, und das ganze Haus Josephs ungemein lieb, und Maria konnte keinen besseren und getreueren Händen anvertraut werden als eben diesem Sohn Zebedäi.
STE|0|32|5|0|Seht, das ist nun das ganz natürliche Testament, und das ist demnach auch der ganz naturgerechte Buchstabensinn dieser Meiner Worte vom Kreuz.
STE|0|32|6|0|Da aber diese Worte nicht nur allein der Mensch Jesus, sondern der Sohn Gottes oder die ewige Weisheit des Vaters geredet hat, so liegt hinter ihnen freilich noch ein ganz tiefer und allerhöchst göttlich-geistig-himmlischer Sinn, den ihr aber freilich je ebenso wenig in seiner Volltiefe werdet zu erfassen imstande sein wie so manchen anderen Tatengrund des Gottmenschen.
STE|0|32|7|0|Ich kann euch daher nur Andeutungen aus dem Gebiet der Weisheit darüber geben. Forscht aber dann nicht zu viel darinnen; denn ihr wisst, dass sich Dinge der Weisheit nie so begreifen lassen wie Dinge, die aus der reinen Liebe hervorgehen, wie euch solches schon die Natur zeigt.
STE|0|32|8|0|Ihr könnt allda wohl die leuchtenden Dinge wie die glänzenden erfassen, sie hin und her legen und betrachten von allen Seiten; könnt ihr aber wohl auch solches tun mit den freien Lichtstrahlen, die den leuchtenden Körpern entströmen?
STE|0|32|9|0|Diese Strahlen führen die Abbilder von zahllosen Dingen unverfälscht mit sich, wovon euch die neuentdeckten Lichtbilder einen hinreichenden Beweis geben. Fragt euch aber selbst, ob ihr trotz allen Mühens mit euren Sinnen in den freien Strahlen solche Bilder entdecken mögt. Sicher werdet ihr diese Frage verneinend beantworten müssen.
STE|0|32|10|0|Daher gilt auch der frühere Wink, dass ihr über gegebene Dinge aus der Weisheit nicht zu viele Spekulationen machen sollt; denn ihr werdet da noch weniger ausrichten als bei der allfälligen Beschauung der Gebilde in den freien Lichtstrahlen.
STE|0|32|11|0|Ihr könnt zwar optische Vorrichtungen machen, durch die der freie Strahl genötigt wird, sein getragenes Bild eurer Beschauung auszuliefern; habt ihr aber auch eine optische Vorrichtung, durch welche die Bilder der Strahlen aus dem Urlicht in ihrer Tiefe abgeprägt werden können?
STE|0|32|12|0|Ja, ihr habt wohl eine geistig-optische Vorrichtung in euch, aber diese fängt erst dann an wirksam zu werden, wenn ihr des Weltlichtes völlig ledig werdet. Die Welt muss eher in die volle Finsternis übergehen, bevor das Licht des Geistes seine getragenen Bilder in eurem Geist wohlbeschaulich abgibt. Eure eigenen Träume geben euch davon einen gültigen Beweis, und die Gesichte der Verzückten oder, nach eurem Ausdruck, der Somnambulen liefern einen noch haltbareren und klareren Beweis.
STE|0|32|13|0|Diese Vorerinnerung war notwendig, und so können wir zu den betreffenden Andeutungen über diese Worte am Kreuz übergehen.
STE|0|32|14|0|„Weib, siehe deinen Sohn!“ und: „Sohn, siehe deine Mutter!“ heißt tiefer so viel als: „Du Welt, siehe des Menschen Sohn, und du Menschensohn, siehe an die Welt, und richte sie nicht, sondern erweise ihr Liebe!“
STE|0|32|15|0|Tiefer gesprochen: „Du göttliche Weisheit, neige dich hin zu deinem ewigen Urgrund, und du, ewiger Urgrund, siehe an und nehme auf zur Einswerdung deinen ausstrahlenden Sohn!“
STE|0|32|16|0|Weiter: „Du Eine, die du einst das Allerheiligste trugst, siehe an den Tod deines Werkes, und Du Getöteter, so Du auferstehen wirst, gedenke der, die einst das Allerheiligste, das Licht der ewigen Liebe nämlich, trug!“
STE|0|32|17|0|Seht, in diesen kurzen Andeutungen liegt die unendliche Tiefe, die kein geschaffenes Wesen je völlig erfassen wird, weil der Inhalt dieser Tiefe an und für sich schon unendlich ist und sich dazu noch in einem jeden Augenblick verunendlichfältigt.
STE|0|32|18|0|So viel aber sagte Ich euch darüber darum, auf dass ihr daraus ersehen sollt, dass Derjenige, der solches vom Kreuz herab geredet hatte, mehr war als nach der Meinung vieler ein bloß einfacher israelitischer Delinquent unter dem Scharfgericht Roms, weil Er als ein Volksaufwiegler und Rebell gegen Rom angeklagt ward.
STE|0|32|19|0|Das ist demnach der tiefere geistige Sinn. Ihr aber bleibt für euch bei dem natürlichen Testament! Denn auch ihr seid Meine Jünger, und die Armen der Welt sind Meine Mutter. Und so sage Ich auch zu dieser Mutter: „Siehe, deine Söhne!“ Und zu euch sage Ich: „Seht, eure Mutter!“
STE|0|32|20|0|Wahrlich, wenn ihr da tun werdet gleich dem Johannes, so sollt ihr auch seinen Lohn haben ewig! Amen.
STE|0|33|1|1|„Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, da ihr euch zerstreuen werdet, jeder an seinen Ort, und Mich allein lassen! Und Ich bin nicht allein, denn der Vater ist mit Mir.“ (Johannes 16, 32)
STE|0|33|1|1|Am 19. Februar 1844, abends
STE|0|33|1|0|„Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, da ihr euch zerstreuen werdet, jeder an seinen Ort, und Mich allein lassen! Und Ich bin nicht allein; denn der Vater ist mit Mir.“
STE|0|33|2|0|Dieser Text besagt, was soeben vor euren Augen allenthalben offenkundig liegt und schon nach Meiner Auffahrt da war. Also ist denn auch dieser Text einer von den leichtesten, indem sein Sinn allenthalben mit Händen und Füßen zugleich zu greifen ist.
STE|0|33|3|0|Nur solches muss hier bemerkt werden, welch ein Unterschied darin liegt zwischen dem, so es hie und da heißt: „Es kommt die Zeit“, oder so es heißt: „Es kommt die Stunde“. Unter der „Zeit“ wird ein verzüglicher Termin verstanden, welcher kommen wird unter einem unbestimmten „Wann“. Unter der „Stunde“ aber wird ein sogleich eintretender Erfolgstermin der Aussage bezeichnet.
STE|0|33|4|0|Hier und da dürftet ihr auch bei diesem Text die Zeit anstatt der Stunde finden. Dann ist es aber falsch; denn es muss heißen: „Es kommt die Stunde“ – und das darum, weil da sogleich der Erfolg nach dieser prophetischen Aussage eintraf.
STE|0|33|5|0|Was wird denn unter dieser Zerstreuung verstanden? Etwa die persönliche Auseinandergehung Meiner Jünger und Apostel, und zwar ein jeglicher an einen anderen Ort? O nein! Das war ja ihre Bestimmung, und zu dem habe Ich sie berufen, dass sie ausgehen sollen in alle Lande und predigen das Evangelium aller Kreatur.
STE|0|33|6|0|Wäre es nicht unsinnig gewesen von Mir, so Ich ihnen aus ihrem Beruf hätte wollen eine üble Prophezeiung machen? Denn auf diese Weise hätten sich die berufenen Austräger Meines Wortes, um nicht Übles zu tun, fortwährend müssen in einem Haufen zusammen aufhalten wie allenfalls in eurer Zeit so manche Orden, die in ihrer Wesenheit ebenso wenig Ersprießliches für die Menschheit leisten als wie ein Haufen Meteorsteine im Grund des Meeres, welche auch bei dem, der sie ins Meer stürzen sieht, großartige und furchtbare Wirkungen ahnen lassen; wenn sie aber einmal den ruhigen Grund des Meeres erreicht haben, so ruhen sie wirkungslos da und dienen höchstens einigen gefräßigen Polypen zur Unterlage.
STE|0|33|7|0|Also von einer persönlichen und örtlichen Zerstreuung ist in dieser Vorhersage nicht die allerleiseste Spur vorhanden, wovon aber auch schon der Text selbst zeugt, da es heißt: „Wenn ihr Mich aber auch verlassen werdet, da werde Ich dennoch nicht allein sein; denn der Vater ist in Mir.“
STE|0|33|8|0|Urteilt nun selbst: Kann Mich persönlicher- und örtlicherweise jemand verlassen? Wohin wohl sollte er gehen, dass er Mir ferner oder näher zu stehen komme? Wo wird er wohl weiter von Mir sein, ob er ist in Südamerika oder in Nordasien? Ich meine, das wird für Mich, den Allgegenwärtigen, doch ganz sicher so ziemlich einerlei sein. Also von einer persönlichen und örtlichen Zerstreuung ist hier, wie schon gesagt, keine Rede.
STE|0|33|9|0|Was für eine Zerstreuung wird denn aber hier gemeint? Seht hin auf die Sekten, die gegenwärtig vor euren Augen existieren und schon zu Meinen Lebzeiten kleinspurlich vorhanden waren, aus welchem Grunde Ich auch diese Vorhersage gemacht habe. Und wenn ihr auf die Debatten zwischen Meinen zwei ersten Aposteln blickt, muss es euch umso klarer werden, was unter dieser Zerstreuung bezeichnet ward, und ihr werdet es, wie anfangs bemerkt, mit Händen und Füßen begreifen können, von welcher Zerstreuung Ich da Meinen Aposteln und Jüngern eine Vorsage gemacht habe.
STE|0|33|10|0|In wenigen Jahrhunderten nach Meiner Auffahrt war die Zerstreuung schon so groß, dass da niemand mehr recht wusste, wer da Koch und Kellner ist. Man musste zu großartigen Konzilien schreiten, blieb aber nach dem Konzil so, wie vor demselben, zerstreut.
STE|0|33|11|0|Wie es jetzt aussieht, brauche Ich euch doch sicher nicht zu zeigen; denn, wo ihr nur immer hinblickt, werdet ihr die Zerstreuung entdecken.
STE|0|33|12|0|Es heißt: „Ein jeglicher an seinen Ort.“ Das besagt so viel als: „Eine jede Sekte hält sich für die beste und reinste.“ Bin Ich aber darum allein? O nein! Der Vater ist ja in Mir, oder die erste Liebe.
STE|0|33|13|0|An der Liebe erkenne Ich die Meinigen, aber nicht in der Sekte! Der Mich liebt und hält Mein Wort, der hat die Liebe des Vaters in sich, wie Ich den Vater habe in Mir, und der ist Eins mit Mir, wie Ich Eins bin mit dem Vater! Darum bin Ich nicht allein; denn wie der Vater in Mir ist, so bin Ich in einem jeden, und ein jeder ist also in Mir, der Mich liebt und Mir nachfolgt.
STE|0|33|14|0|Da gibt die Sekte keinen Unterschied, und verflucht sei derjenige, der vorzugsweise aus weltlichen Rücksichten eine Sekte vor der anderen bevorzugt! Denn in keiner Sekte ist Wahrheit und Leben; alles wird auf den Zwangsglauben und auf den Überredungsglauben, der um kein Haar besser ist, angelegt. Frage: Wo bleibt da der freie Mensch?
STE|0|33|15|0|Wann habe Ich je jemanden zum Glauben genötigt? Ich ließ es einem jeden frei. Wem Meine Werke nicht genügten und seine eigene innere Überzeugung, der ward durch kein anderes Mittel gezwungen; denn Ich habe Meine Lehre nicht für den Glauben, sondern nur für die Tat gegeben.
STE|0|33|16|0|Ich habe nicht gesagt: „Wer Mir glauben wird, aus dessen Lenden werden die Ströme lebendigen Wassers fließen!“, sondern Ich habe gesagt: „Wer nach Meinem Wort handeln wird, der wird es erfahren, ob Meine Lehre von Gott oder von Menschen ist!“
STE|0|33|17|0|Was hätte aber auch eine Aufforderung zum Glauben genützt? Denn so viel musste Ich denn doch voraussehen, dass ein und dasselbe Licht die Gegenstände, dahin es fällt, also verschieden beleuchtet, wie verschieden die Gegenstände selbst sind.
STE|0|33|18|0|Also ist auch das Licht des Glaubens! Je nachdem es auf ein verschieden gefärbtes menschliches Gemüt fällt, also muss es dasselbe auch beleuchten. Eine Forderung aber, dass ein und dasselbe Licht von all den tausendfarbigen Gemütern vollkommen nur weiß zurückstrahlen sollte, ist daher doch sicher die größte Torheit.
STE|0|33|19|0|Die Wirkung des Lichtes muss ja verschieden sein; aber die Wirkung der Liebe bleibt dieselbe, wie an und für sich die Wärme nur eine Wirkung hat, nämlich: sie erwärmt das Rot auf dieselbe Weise wie das Blau, und alles kann glühend gemacht werden, und die Farbe der wahren lebendigen Liebesglut ist ewig eine und dieselbe, und ein glühendes Gold unterscheidet sich nicht von einem glühenden Stück Eisen.
STE|0|33|20|0|Seht, das ist die Bedeutung dieses Textes. Zerstreut euch daher nicht, sondern bleibt in der Liebe, so werdet ihr leben! Amen.
STE|0|34|1|1|„Wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe werden, wie die Schrift sagt, Ströme des lebendigen Wassers fließen.“ (Johannes 7, 38)
STE|0|34|1|1|Am 21. Februar 1844, abends
STE|0|34|1|0|„Wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe werden, wie die Schrift sagt, Ströme des lebendigen Wassers fließen.“
STE|0|34|2|0|Dieser Text ist gegeben wie eine Mausefalle und ist gemacht wie eine Grube, in der man Löwen, Panther und Tiger fängt; auch ist er wie ein Eckstein, über den gar viele in der Nacht stolpern und zerfallen sich gewaltig. Und Ich sage: Wer sich daran stößt und fällt, der wird viel Mühe haben, um wieder aufzustehen.
STE|0|34|3|0|Warum das? Ich gebot ja hie und da den Glauben und predigte allenthalben die Liebe durch Tat und Worte. Ich sagte: „So ihr Glauben hättet, mögt ihr Berge versetzen!“
STE|0|34|4|0|Ich sagte auch, was der gegenwärtige Text anzeigt; denn Ich sagte: „Seid Täter und nicht alleinige Hörer Meines Wortes!“
STE|0|34|5|0|Also sagte Ich auch, dass diejenigen, die zu Mir „Herr, Herr!“ sagen, also an den Sohn Gottes glauben, nicht werden in das Himmelreich eingehen, sondern allein nur, die den Willen Meines Vaters tun!
STE|0|34|6|0|Also sagte Ich auch: „Wer nach Meinem Wort lebt, der ist es, der Mich liebt; wer Mich aber liebt, zu dem werde Ich kommen in aller Fülle und werde Mich ihm Selbst offenbaren.“
STE|0|34|7|0|Also sagte Ich auch: „Nur ein einziges Gebot gebe Ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, so wie Ich euch liebe! Daran wird man erkennen, dass ihr wahrhaft Meine Jünger seid.“
STE|0|34|8|0|Nun frage Ich: Was soll denn der Mensch tun? Soll er sich einerseits bloß begnügen mit dem Glauben, der angeraten ist für sich, oder soll er bloß sich an die Liebe halten und nichts glauben, als was ihm die Liebe zu Mir gibt, die er sich durch die Tätigkeit nach Meinem Wort eigen gemacht hat?
STE|0|34|9|0|Denn die Liebtätigkeit habe Ich ja Selbst als das einzig geltende Kriterium angeführt, wodurch man erkennen kann, ob Meine Lehre menschlich oder göttlich ist; denn Ich sagte es ja: „Der nach Meinem Wort handeln wird, der wird es erkennen, ob Meine Lehre von den Menschen oder von Gott ist.“
STE|0|34|10|0|Wie heißt es denn hernach hier: „Wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe oder Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen!“? Das lebendige Wasser aber bezeichnet ja auch die lebendige Weisheit aus den Himmeln, welche doch auch als ein sicheres Kriterium über die Göttlichkeit Meines Wortes gelten muss!
STE|0|34|11|0|Und so hätten wir hier zwei Prüfungsgründe vor uns, wo der eine immer in dem anderen seinen Gegner findet. Denn unter „Herr, Herr!“-Sagen wird auch der vollkommene Glaube an den Menschensohn verstanden; aber da heißt es, dass dieser Glaube das Himmelreich nicht erwirken wird, – und im vorliegenden Text werden auf den alleinigen Glauben Ströme des lebendigen Wassers verheißen.
STE|0|34|12|0|Nun fragt es sich: War Ich ein Doppellehrer? Oder war Ich einer, der bei jeder Gelegenheit den Mantel nach dem Wind gedreht hat, und habe bei Gelegenheit einer gläubigen Gesellschaft vom alleinigen Wert des Glaubens und bei einer tätigen Gesellschaft vom alleinigen Wert der Tätigkeit gepredigt? Auf diese Weise musste Ich ja in Mir Selbst im offenbarsten Widerspruch stehen.
STE|0|34|13|0|Die Pharisäer glaubten ja eisenfest an die Satzungen Mosis, und das aus zeitlichen und einst auch geistigen Rücksichten, und dennoch wurden sie sämtlich von Mir ihres Unglaubens willen zu öfteren Malen auf das Allerempfindlichste angegriffen.
STE|0|34|14|0|Warum begnügte Ich Mich hier nicht mit ihrem ersten Glauben, und warum griff Ich sie an, dass sie an Mich nicht glauben wollten, und wurden von Mir „Täter des Übels“ genannt, weil sie im buchstäblichen Sinn lebten nach dem Gesetz und wollten sich nicht kehren an Meine Lehre?
STE|0|34|15|0|Warum ließ Ich den das Gesetz allzeit erfüllenden Pharisäer ungerechtfertigt und den mit Sünden belasteten Zöllner gerechtfertigt aus dem Tempel ziehen?
STE|0|34|16|0|Warum überhaupt respektierte Ich denn nicht die Satzung Mosis, dass Ich darum nicht achtete des Sabbats? Warum ärgerte Ich Selbst dadurch die Pharisäer und lehrte Selbst: „Wehe dem, der seinen Nächsten ärgert!“?
STE|0|34|17|0|Ja, Ich gab sogar eine Lehre, laut welcher ein Mensch ein Glied, das ihn ärgert, von sich entfernen sollte und sollte lieber verstümmelt ins Himmelreich als geraden Wesens in die Hölle eingehen. Sagt hier: Wie verhält sich alles dieses? Ein ganzer Haufen von Widersprüchen liegt vor euch; wie werdet ihr alle diese Widersprüche übereinbringen?
STE|0|34|18|0|Ich sage euch: Aus euch selbst möchtet ihr aus diesem Labyrinth wohl nimmer den Ausweg finden; Ich aber will hier, gleich dem Helden Mazedoniens, den Knoten mit einem leichten Hieb entwirren. Und so hört denn!
STE|0|34|19|0|Es ist ein Unterschied zwischen dem, was Ich nur sagte, und was Ich anbefohlen habe. Es liegt aber auch ein Unterschied zwischen dem Sagen und Sagen; das eine Sagen ist wie ein verneinendes und das andere wie ein bejahendes. Ein verneinendes ist gleich wie ein naturmäßiges; ein bejahendes gleich wie ein geistiges. In dem naturmäßigen liegt kein Gebot, aber in dem geistigen liegt ein Gebot.
STE|0|34|20|0|Darum, wenn es heißt: „Ich sage nicht“, so heißt das so viel als: „Ich habe es nicht geboten“; und wenn es heißt: „Ich sagte es“, so heißt das so viel als: „Ich habe es geboten.“
STE|0|34|21|0|Wenn Ich aber vom Glauben sprach, so verstand Ich darunter allzeit den lebendigen, also mit Liebe gepaarten Glauben; aber einen Glauben für sich allein verwarf Ich allzeit.
STE|0|34|22|0|Darum sagte Ich euch auch schon letzthin: „Ich sagte nicht: ‚Wer glaubt an den Menschensohn, aus dessen Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen!‘“ Das ist so viel als: „Niemand wird durch den alleinigen Glauben zum Licht gelangen, sondern allein durch die Tat nach Meinem Wort!“
STE|0|34|23|0|Wie Ich aber hier sage: „Wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen!“, da sage Ich so viel als: „Wer einen lebendigen, also mit Liebe gepaarten Glauben hat, der wird in die Weisheit der Himmel eingeführt werden; und so ihr nur einigermaßen denken könnt, so werdet ihr leicht ersehen, dass damit nur der Himmel unterster Grad verheißen ist.
STE|0|34|24|0|Dass aber auf den lediglichen Glauben gar kein Himmelsgrad verheißen ist, das lehrt euch eure eigene Erfahrung. Denn ihr habt ja auch von Kindheit an geglaubt an Mich; fragt euch aber selbst, wie viele Tropfen irgendeines lebendigen Wassers darum aus eurem Leibe geflossen sind. Habt ihr es durch euren vierzig Jahre alten Glauben dahin gebracht, dass ihr in euch zufolge irgendeines lebendigen Wassertropfens die Unsterblichkeit eures inneren Wesens vollkommen evident gefunden hättet?
STE|0|34|25|0|Ich habe euch jetzt schon so viel des allerechtesten lebendigen Wassers zukommen lassen, und noch seid ihr in so manchem über euer inneres Fortbestehen nach dem Tod des Leibes nicht im Reinen. Ich bin aber doch kein Lügner; Ich habe auf den Glauben Ströme des lebendigen Wassers verheißen. Wo sind sie denn bei euch Gläubigen?
STE|0|34|26|0|Aus dieser eurer eigenen Erfahrung aber könnt ihr ja hinreichend abnehmen, dass Ich im vorliegenden Text als die ewige Wahrheit und Weisheit Selbst unmöglich den alleinigen Glauben habe verstehen können, sondern nur den allen Meinen Jüngern wohlbekannten, mit der Liebe zu Gott und dem Nächsten gepaarten.
STE|0|34|27|0|Denn der alleinige Glaube für sich kann ebenso wenig Ersprießliches zum ewigen Leben wirken, als wie wenig ein Ehegatte mit und aus sich selbst Kinder zu zeugen vermag. Er muss sich vermählen mit einer Gattin und kann dann erst im Brand seiner Liebe Kinder zeugen mit der Gattin.
STE|0|34|28|0|Die Kinder sind in naturmäßiger Bedeutung gleich entsprechend den Strömen des lebendigen Wassers aus den Lenden des Leibes. Zudem besagt eben der „Leib“ oder die „Lenden“ in diesem Text als ein materielles Bild die Liebtätigkeit selbst, und der ganze Text lautet im enthüllten Zustand also: „Wer in seinem Herzen auf Mich hält, dessen Tätigkeit wird ersprießlich sein zum ewigen Leben!“
STE|0|34|29|0|Aus dieser höchst klaren Bedeutung geht ja doch auch höchst klar hervor, dass Ich vom alleinigen Glauben allzeit nur verneinend, aber nie bejahend gesprochen habe; denn sonst hätte Ich Mir ja offenbar vor den Augen und Ohren aller Welt auf das Allerschmählichste widersprochen.
STE|0|34|30|0|Wenn demnach irgendwo in Meinem Wort vom Glauben die Rede ist, da ist derselbe allzeit also zu nehmen, als wenn ihr von einer Börse redet. Wer da sagt: „Ich habe ihm meine Börse gegeben!“, da versteht sich das „gefüllt“ von selbst; denn mit einer leeren wird wohl niemand in etwas gedient sein. Also ist es auch der Fall mit dem Glauben, von Meiner Seite aus betrachtet. Ich verstehe darunter nie den leeren, sondern allzeit den mit Liebe gefüllten.
STE|0|34|31|0|Darum sage Ich noch einmal: Ich sagte nicht: „Wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe oder Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen!“, – sondern Ich sagte: „Wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe oder Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen!“
STE|0|34|32|0|Im ersten Verneinungsfall wird bloß der leere Glaube verstanden, der nie auch nur den kleinsten Tropfen des lebendigen Wassers gibt; im zweiten Fall aber wird der gefüllte Glaube verstanden, dem dann freilich die Ströme des lebendigen Wassers folgen, und es ist das, wo Ich darauf bejahend sage: „Wer den Willen Meines Vaters tut, der wird es erkennen, woher die Lehre ist!“
STE|0|34|33|0|Der Vater ist die Liebe, und diese begnügt sich nie mit einem luftigen Schein, sondern ganz allein nur mit dem wirklichen Sein. Was nützt euch des Alleinglaubens mattester Laternenschimmer in dem unendlichen Schöpfungsgebiet? Du magst greifen hin und her und blicken auf und ab: matte Strahlen nur kommen dir entgegen; aber ferne sind diejenigen Dinge, von denen du von weiter Ferne her nichts als matte Strahlen empfängst. Denn dem Schlafenden genügt wohl der Traum. Er hält ihn so lange für Wirklichkeit, als er schläft; wenn er aber erwacht, da sucht er Wirklichkeit und Bestimmtheit überall.
STE|0|34|34|0|Wie aber, wenn der Mensch durch sein ganzes irdisches Leben schläft und hält die Traumgebilde für Wirklichkeiten? Was wird es sein, wenn er nach der Ablegung seines Leibes aus solch einem irdischen Traumleben erwacht? Wonach wird er greifen? An was wird er sich halten? Von allen Seiten wird er mit Nacht umlagert sein; woher wird er das Licht nehmen, um zu erleuchten die wirrste Nacht um ihn?
STE|0|34|35|0|Ich sage darum: es ist besser für den, der sich hier in allerlei Zweifel gefangengenommen fühlt, denn der beurkundet, dass er einen wachen Geist hat, der sich aber noch in der Nacht befindet. Er hat die Nichtigkeit der Traumbilder frühzeitig erfahren und ruft mit großer Sehnsucht den Tag in ihm.
STE|0|34|36|0|Aber der Träumer weiß es von der eigenen Nacht – er ist ein Herr, tut, was er will, isst und trinkt und meint, alles das ist Wirklichkeit. Wenn er aber erwachen wird, dann erst wird er der großen Leere in sich gewahr werden; aber freilich leider zu spät. Denn wenn der Glaube, der gefüllte nämlich, nicht bei Leibesleben Ströme des lebendigen Wassers aus den Lenden bewirkt, wie soll er es hernach bewirken, wenn die Lenden abgefallen sind?
STE|0|34|37|0|Oder so jemand kein Geld in der dazu geeigneten Börse erhalten kann, wie wird er es denn erhalten, wenn er keine Börse und kein Geld hat? Oder wenn jemand das Leben nicht erhalten kann, wenn er es hat samt dem dazu nötigen Lebenssack, wie wird er es denn erhalten, wenn er des Sackes samt dem Leben ledig wird?
STE|0|34|38|0|Wer nicht sein kann, wenn er ist, – wie wird er denn sein, wenn er nicht ist? Es wird aber nur dem gegeben, der es hat, und der nichts hat, dem wird auch genommen, was er hat.
STE|0|34|39|0|Ich meine, diese ziemlich gedehnte Erklärung dürfte wohl klar genug sein. Trachtet daher auch ihr nach dem gefüllten Glauben; denn der leere ist nichts als ein purer Traum. Wollt ihr Ströme des lebendigen Wassers aus euren Lenden fließen sehen, da muss euer Glaube durch die Werke der Liebe lebendig werden! Amen.
STE|0|35|1|1|„Solches habe Ich zu euch geredet, auf dass ihr Frieden habt in Mir. In der Welt werdet ihr Bedrängnis haben; aber vertraut, Ich habe die Welt überwunden!“ (Johannes 16, 33)
STE|0|35|1|1|Am 23. Februar 1844, abends
STE|0|35|1|0|„Solches habe Ich zu euch geredet, auf dass ihr Frieden habt in Mir. In der Welt werdet ihr Bedrängnis haben; aber vertraut, Ich habe die Welt überwunden!“
STE|0|35|2|0|Dieser Text gehört wieder zu denjenigen, die sehr durchsichtig sind und jedermann den geistigen Sinn schon in dem Buchstaben auf den ersten Griff ertappen kann. Ich will ihn euch daher mir wenig Worten dartun, und ihr werdet in diesen wenigen Worten erkennen den vollkommen richtigen geistigen Sinn dieses Textes; und so hört!
STE|0|35|3|0|Alles das, was Ich eben jetzt zu euch rede, ist auch von dieser Art, dass es euch in jeder Lage eures Lebens den wahren, inneren Herzensfrieden in der Liebe zu Mir geben muss, wenn ihr eben dieses Gesagte nur einigermaßen werktätig beobachtet.
STE|0|35|4|0|Die Welt möchte euch auch bedrängen von allen Seiten; aber sie kann es nicht, weil sie von Mir überwunden ist. So ihr aber durch eure Liebe Mich in euch habt, so habt ihr ja auch den ewigen Überwinder der Welt in euch. Die Welt aber hat Meine Macht erfahren; daher darf und kann sie dem kein Haar krümmen, der wahrhaftig Meinen Frieden in seinem Herzen birgt.
STE|0|35|5|0|Sobald aber jemand sich aus diesem Frieden erheben will und wirft selbst der Welt den Handschuh zum Kampf hin, da hat er sich’s dann nur selbst zuzuschreiben, wenn er von der Welt gefangengenommen und misshandelt wird. Wer aber wahrhaftig bleibt in Meinem Frieden, der ist geborgen für die Ewigkeit, und kein weltlicher Hauch wird ihm je ein Haar krümmen.
STE|0|35|6|0|Es wird hier freilich mancher sagen: „O Herr! Siehe, die Apostel und Deine Jünger und so viele der ersten Christen und auch in späterer Zeit eifrige Streiter um das reine Evangelium sind zu Märtyrern geworden, und die Welt hat sich schändlichst grauenhaft an diesen von Deinem Frieden Erfüllten gerächt. Warum, o Herr, hat sie Dein Friede nicht geschützt vor den Krallen der Welt? Denn Du hast doch Selbst geredet vor Deinem Leiden, dass der Fürst der Welt gerichtet ist. Wie mochte dann der Gerichtete wohl Gewalt haben, die Welt gegen Deine Friedensträger also grauenhaft zu entrüsten?“
STE|0|35|7|0|Diese Frage ist eitel genug, und wer nur einigermaßen in der Geschichte bewandert ist, der wird es klar finden, dass alle die Märtyrer von den Aposteln angefangen bis in die späteren Zeiten abwärts nicht durch irgendeinen Zwang oder durch irgendeine zulässige Bestimmung von Mir, sondern freiwillig aus einem Liebeheroismus in den Martertod darum gegangen sind, weil Ich, ihr Meister, Selbst gekreuzigt ward.
STE|0|35|8|0|Ich sage euch: Ein jeder Märtyrer hätte auch, ohne ein Märtyrer zu werden, Mein Evangelium ausbreiten können. Aber die Ausbreiter kannten Mich, hatten das ewige Leben vor Augen, und so hatten sie denn auch keine große Lust, lange in der Welt herumzugehen, sondern konnten den Zeitpunkt kaum erwarten, in dem ihnen ihr Fleisch abgenommen würde, auf dass sie dahin gelangen möchten, wohin Ich vorangegangen bin.
STE|0|35|9|0|Johannes aber hatte die größte Liebe zu Mir; darum scheute er die Verfolgungen der Welt nicht und wollte sie lieber bis auf den letzten Tropfen verzehren, als dass er Mir von seiner bestimmten irdischen Lebenszeit etwas gewisserart abgebettelt hätte. Er war somit mit Meiner Ordnung vollkommen zufrieden, während viele andere Bettler waren und wollten sich lieber die schmählichsten Leibesmartern gefallen lassen, als noch einige Jahre länger zu wirken für Mein Reich.
STE|0|35|10|0|Da aber bei Mir ein jeder das haben kann, um was er ernstlich und vollgläubig bittet, so konnte Ich ja doch auch nicht bei diesen ersten Zeugen Mein Wort zurücknehmen, das da spricht: „Um was immer ihr Mich bitten werdet, das werde Ich euch geben.“
STE|0|35|11|0|Aus dieser Beleuchtung geht nun klar hervor, dass Mein Wort der Blutzeugen nicht bedurfte; denn Ich habe ja den Einen ewig gültigen Zeugen, Meinen heiligen Geist Selbst allen denen verheißen, die Meine Lehre annehmen und nach derselben leben werden. Und dieser Zeuge ist der bleibende, während das Blut der ersten Märtyrer schon lange für alle späteren Zeiten sogar geschichtlich spurlos geworden ist.
STE|0|35|12|0|Wenn aber dieser Geist ein ewiger Zeuge ist, wozu sollte Ich die Blutzeugenschaft Meiner Nachfolger verlangen? Wer selbst ein Blutzeuge werden will, der soll es auch werden; aber es glaube ja niemand, dass er dadurch Mir einen Dienst erweist, sondern ein jeder, der das tut, der tut es zum eigenen, aber nicht zu Meinem Vorteil.
STE|0|35|13|0|Es ist, als so ein Vater zu seinen Kindern, deren Kleider noch gut sind, sagte: „Ich werde euch gar herrliche neue Kleider geben, so ihr diese zuvor abgetragen habt!“ Einige Kinder aber lassen sich von der Hoffnung und Vorliebe zu den neuen Kleidern verleiten und schonen die alten Kleider nicht im Geringsten mehr. Wenn die Kleider bald schleußig [zerschlissen] sind, da schafft ihnen der Vater freilich die verheißenen; aber einige dieser Kinder, die den Vater mehr lieben als die Kleider, schonen weise die alten, um den Vater nicht vor der Zeit in die Unkosten zu sprengen.
STE|0|35|14|0|Obschon aber bei Mir von gewissen Unkosten keine Rede sein kann, so sind aber dabei andere Unkosten, nämlich die Bewerkstelligung einer kleinen Unordnung zu berücksichtigen. Denn Ich habe jedem Menschen aus Meiner Ordnung ein bestimmtes Lebensziel gesetzt, und dieses besteht nicht im Schwert, noch im Feuer; denn der Tod durch Schwert und Feuer ist ein Gericht. Wer aber sonach in was immer Meiner Ordnung eigenwillig und eigenmächtig vorgreift, der muss sich dann freilich insoweit ein kleines Gericht gefallen lassen, insoweit er Meiner gesetzten Ordnung vorgegriffen hat.
STE|0|35|15|0|Daniel wollte nicht sterben; darum ward er erhalten in der Löwengrube und desgleichen die Jünglinge in dem Feuerofen, und mehrere ähnliche Beispiele. Und seht, allen denen ward kein Haar gekrümmt, und gar vielen Tausenden Meiner Liebhaber ward ebenfalls kein Haar gekrümmt, weil sie die Kraft Meines Friedens in ihrem Herzen ungestört erhielten. Aber ein jeder, der sich über diesen Frieden hinausschwingen wollte, der musste dafür aber auch den Unfrieden der Welt verkosten.
STE|0|35|16|0|Man wird freilich auch hier sagen: „Wenn also, da ist es ja am besten, die Welt Welt sein lassen in all ihrem schändlichen Getriebe, und ein jeder Bessere lebe ganz unbekümmert um die Welt in seinem Frieden fort; und wenn es alle also machen, wird da die Welt nicht bald bis zu den Sternen mit Gräueln angefüllt sein?“
STE|0|35|17|0|Gut, sage Ich, berechnet das zurück! Seit den Zeiten der Apostel hat es doch sicher eine Unzahl Eiferer gegeben, die gewisserart mit glühendem Schwert in der Hand die Welt bessern wollten. Ströme von Blut wurden vergossen. Fragt euch selbst, mit welchem Erfolg? Blickt dann in die Welt hinaus, und sie wird euch von allen Seiten her die sonnenklare Antwort geben.
STE|0|35|18|0|Bis auf eure Zeiten sollte die große Zahl der Eiferer doch einen solchen Nachruf hinterlassen haben, dass selbem zufolge die ganze Welt offenbar ein Paradies sein müsste, und dennoch ist die Welt eben in dieser eurer Zeit um zehnmal schlechter, als sie zu den Zeiten Noahs war!
STE|0|35|19|0|Warum sagt denn David: „O Herr, wie gar nichts sind alle Menschen gegen Dich, und alle Menschenhilfe ist kein nütze!“? David sagte das, weil er Mich kannte; ihr aber redet anders, weil ihr Mich nicht also kennt, wie Mich David gekannt hat.
STE|0|35|20|0|Meint ihr denn, Ich weiß nicht, was die Welt tut, und sei etwa zu lau, um die Welt für ihre Untaten zu züchtigen? Ich sage euch: Glaubt etwas anderes, und lasst die Leitung der Welt Mir über!
STE|0|35|21|0|Wer das Schwert zieht, der kommt auch durch das Schwert um. Mit offener Gewalt wird nie jemand etwas ausrichten gegen die Welt; denn wo die Welt Gewalt sieht, da begegnet sie derselben wieder mit Gewalt, und auf diese Weise würgt fortwährend ein Volk das andere.
STE|0|35|22|0|Wer aber die Welt bekämpfen will, der muss sie mit heimlichen Waffen bekämpfen, und diese Waffen sind Meine Liebe und Mein Friede in euch! Jeder aber muss zuerst mit diesen Waffen die eigene Welt in sich besiegen, dann erst wird er eben diese Waffen allzeit siegreich gegen die Außenwelt gebrauchen können.
STE|0|35|23|0|Wahrlich, wer nicht innerlich ein Meister der Welt ist, der wird es äußerlich umso weniger werden! Jeder aber, der in sich noch einen fluchähnlichen Feuereifer verspürt, der ist noch nicht fertig mit seiner eigenen Welt; denn dieser Eifer rührt noch von dem geheimen Zweikampf zwischen Meinem Frieden und der Welt im Menschen her.
STE|0|35|24|0|Denn die Welt ist’s, die da eifert und richtet und Feuer ruft vom Himmel, um sich dadurch listigerweise für Meine Sache zu maskieren; Mein Geist aber und Mein Friede eifert nicht, sondern wirkt mächtig im Stillen nur und gänzlich unbemerkt von aller Welt und hat kein anderes Außenschild als die Werke der Liebe und in der Erscheinlichkeit die Demut. Wegen der wahren Liebe und Demut aber ist Meines Wissens seit Meinem Johannes her noch nie jemand von der Welt gerichtet worden.
STE|0|35|25|0|Seht, darin also besteht der wahre innere Friede und darin auch derjenige mächtige Sieg über die Welt, den Ich Selbst erfochten habe! Beachtet demnach diese Erklärung, so werdet ihr die Welt in euch und jede andere allzeit und ewig besiegen durch Meinen Namen und durch Meinen Frieden! Amen.
STE|0|36|1|1|„Als Er das Buch zugerollt hatte, gab Er’s dem Diener und setzte Sich. Und die Augen aller in der Synagoge waren auf Ihn gerichtet.“ (Lukas 4, 20)
STE|0|36|1|1|Am 26. Februar 1844, abends
STE|0|36|1|0|„Als Er das Buch zugerollt hatte, gab Er’s dem Diener und setzte Sich. Und die Augen aller in der Synagoge waren auf Ihn gerichtet.“
STE|0|36|2|0|Meine lieben Kinder! In diesem Text wird bloß eine natürliche Handlung gestellt, die auf das frühere Werk des Vorlesens des Propheten Jesajas notwendigerweise folgen musste. Da aber in jeder Tat des Herrn ein innerer und allerinnerster Grund liegt, so liegt auch in dieser höchst natürlich scheinenden Bewegung ein solcher Grund; und in diesem Grund muss ebenfalls wieder ein untrügliches Kriterium liegen, durch welches die volle Göttlichkeit Christi und somit auch aller Seiner Handlungen für alle Zeiten und für alle Ewigkeit beurkundet wird.
STE|0|36|3|0|Dass solches richtig ist, wollen wir sogleich durch eine kleine Betrachtung und Vergleichung dieses Textes mit den darauffolgenden Zeitverhältnissen so klar als nur möglich vor jedermanns Augen führen. Und so hört denn!
STE|0|36|4|0|Jesus las aus dem Propheten in einer Synagoge stehend vor. Was bezeichnet dieses?
STE|0|36|5|0|Die „Synagoge“ ist die Welt. Der Herr, der da vorliest aus dem Propheten stehend, bezeichnet, dass Er allzeit wachend und alle Verhältnisse und Geheimnisse überschauend Sein Wort der Welt nicht enthüllt, sondern verhüllt im naturmäßigen Sinn gibt. Denn der „Prophet“ bezeichnet das Verborgene in dem Naturmäßigen; und der Herr aber zeigt, dass all solches Verborgene nirgends anders enthüllt anzutreffen ist und auch nirgends anders erfüllt als nur in Ihm Selbst!
STE|0|36|6|0|Als der Herr das Buch gelesen hatte, da rollte Er es zu, übergab es dem Diener; Er aber setzte Sich, und die Augen und Ohren aller waren auf Ihn gerichtet. Was besagt wohl dieses?
STE|0|36|7|0|„Der Herr rollt das Buch zusammen“ bezeichnet, dass Er auch für die Nachwelt den geistigen Sinn des Wortes verschließt. „Dann übergibt Er das zusammengerollte Buch dem Diener der Synagoge“ besagt so viel: Er übergibt die verborgene Weisheit dem, der in ihrem Tempel, welcher für die Zukunft das Herz des Menschen ist, arbeitet.
STE|0|36|8|0|Darauf setzt Sich der Herr zur Ruhe, und aller Augen und Ohren sind auf Ihn gerichtet. Dieser Akt ist vorbildend und entsprechend dem Zustand, welcher sich seit der Auffahrt bis zu dieser Zeit in der Welt bei den Menschen vorfindet, da auch der Herr für die Außenwelt ruht wie nach einer Arbeit.
STE|0|36|9|0|Vieler Augen und Ohren sind auf Ihn gerichtet; aber Er schweigt und lässt Sich nicht erschauen wie in der Tätigkeit körperlich, sondern wie in Seinem Heiligtum langmütig ruhend, mit den Augen des Glaubens nur. Warum denn also? Weil die Menschen nur ihre Augen und Ohren, oder ihre Wissbegierde, nicht aber ihre Herzen nach Ihm richten.
STE|0|36|10|0|Der Herr aber spricht dennoch ein wenig durch die Worte, da Er sagt: „Nun ist es vor euren Augen erfüllt, was der Prophet gesprochen.“ Seht, das ist soeben auch bei euch der Fall; denn nach der langen Ruhe ist Mein Geist auch über euch gekommen, da ihr Ihn gesucht habt, und enthüllt euch das zusammengerollte Buch, welches auch die Diener zu aller Zeit nur verhüllt in ihren Gemächern aufbewahrt hatten.
STE|0|36|11|0|Diese Diener sind gleich demjenigen in naturmäßiger Bedeutung, dem das Buch zusammengerollt übergeben ward. Es sind darunter zu verstehen alle diejenigen, die ihr in was immer für einer Kirche mit dem Namen „Priester“ bezeichnet. Diese Diener werden das Buch nicht enthüllt bekommen, solange sie Diener der Synagoge sind.
STE|0|36|12|0|Aber ein jeder Mensch, wenn er ein rechter Diener ist in der wahren, neuen Synagoge seines Herzens, bekommt auch zuerst das Buch zusammengerollt und nicht enthüllt. So er aber in diesem Tempel ein getreuer Diener ist und fegt und reinigt ihn und achtet die heilige Rolle, da kommt der Herr und setzt Sich in dieser Synagoge, und es wird Ruhe und Frieden werden in dieser Synagoge. Und wenn allda aus allen Teilen des Herzens Aug’ und Ohr an den Herrn gerichtet wird, da auch wird Er sagen: „Nun ist der Geist des Herrn über dir, und es ist enthüllt und erfüllt die heilige Rolle in deiner lebendigen Synagoge!“
STE|0|36|13|0|Seht, das ist der überklare Sinn dieses ganz unscheinbaren Textes.
STE|0|36|14|0|Ich sage euch: Es mag jemand trachten und forschen, wie er will, um zu enthüllen diese Rolle; er mag alle Menschen, alle Geister und Engel fragen, so wird er aber dennoch nichts erreichen, – denn Ich allein bin die Tür!
STE|0|36|15|0|Was nützt es dem Menschen, so er sich fragt: „Habe ich ein ewiges Leben in mir?“ und darauf die Antwort erhält: „Das ewige Leben ist mir ein Rätsel, ein Zweifel; nichts habe ich davon in mir als die Begierde nach demselben!“
STE|0|36|16|0|Frage: Wem kann wohl dieser Trost genügen? Ist er nicht gleichbedeutend mit jenem Philosophem, mit dem sich der Weltweise also tröstet: „Gibt es ein Fortbestehen meines denkenden Ichs, so gewinne ich, und gibt es kein Fortbestehen, so gewinne ich auch, denn für das Nichtsein ist das Plus und Minus eine gleiche Größe.“
STE|0|36|17|0|Ich aber frage wieder: Wem wohl kann solch ein Trost genügen, der den Wert des Lebens kennt? Kann’s dem Lebendigen gleichgültig sein, ob er ist oder nicht ist? Wie aber kann überhaupt ein Mensch, der da ist, das Nichtdasein rühmen, da er ja doch unmöglich wissen kann, wie der Zustand des Nichtseins irgend beschaffen ist?
STE|0|36|18|0|Ein jeder aber kann aus dem leicht ersehen, wie blind ein solcher Forscher sein muss, wenn er in der Mitte eines unendlichen Seins, in dem kein Nichtsein stattfinden kann, sich am Ende mit einem gänzlich unmöglichen Nichtsein vertrösten kann.
STE|0|36|19|0|Meint ihr, in Meinem unendlichen Sein ist irgendeine Vernichtung möglich – oder irgendein Platz, in dem das Nichts zu Hause wäre?
STE|0|36|20|0|Schon die naturmäßige Welt zeigt, so weit in die Tiefen Meiner Schöpfung euer Auge reicht, euch den schroffsten Gegensatz von irgendeinem Nichtsplätzchen; denn da erblickt ihr entweder Weltkörper oder den großen freien Raum, aber erfüllt mit Lichtäther und mit kreuz und quer waltenden Kräften aus Mir! Frage: Ist das nichts?
STE|0|36|21|0|Ich brauche diesen Satz nicht weiter auszudehnen, um zu zeigen die Torheit eines solchen Satzes. Aber für jeden will Ich sogleich hinzusetzen die echte Prüfung, wie er erforschen kann, ob irgendein Nichts vorhanden ist, und sage:
STE|0|36|22|0|Fliege mit deinen Gedanken durch die Räume der Unendlichkeit! Wo du einen Raum finden wirst, dahinein dein Gedanke nicht zu dringen vermag, da magst du das Nichts suchen. Dass dir aber solche Arbeit ewig und unmöglich je gelingen wird, dessen kannst du vollends versichert sein. Denn wo der Gedanke hinreicht, da ist Sein, wo aber wird es sein, wo der Gedanke nicht hinreicht? Ich kenne dieses Wo nicht, und so wird es ein Weltweiser sicher noch weniger kennen.
STE|0|36|23|0|Haltet euch daher nicht ans eitle Forschen und törichte Erfahren; denn das wird euch nie Früchte bringen! Macht euch den Weg nicht vergeblich schwer, der so leicht ist, sondern ein jeglicher komme zu Mir, und er wird allda alles in der Fülle treffen, was er auf sonstigen Wegen in Ewigkeit nicht erreichen wird; denn Ich allein bin die Tür allzeit wie ewig! Amen.
STE|0|37|1|1|„Aber Ich kenne euch; die Liebe Gottes habt ihr nicht in euch!“ (Johannes 5, 42)
STE|0|37|1|1|Am 27. Februar 1844, abends
STE|0|37|1|0|„Aber Ich kenne euch; die Liebe Gottes habt ihr nicht in euch!“ Dieser Vers passt genau, wie gemessen als Schluss des Nachtrages.
STE|0|37|2|0|Solches aber habe Ich zu den Juden geredet; denn in ihnen war der tote Buchstabe des Gesetzes. Das Werk der Zeremonie, das Werk des Scheines galt ihnen mehr als der Lebendige Selbst, der solches zu ihnen geredet hatte.
STE|0|37|3|0|Darum aber waren sie auch mit der Blindheit geschlagen und sahen in Dem, der ewig lebendig war, nichts als einen gewöhnlichen, ganz ordinären Menschen und wunderten sich höchstens über eine auffallende Wundertat, manchmal auch über ein weises Wort, wenn sie gerade zugegen waren, da solches geschah oder gesprochen ward; und waren sie nicht zugegen, so glaubten sie es nicht, dass Ich dieses oder jenes gewirkt oder gesprochen hätte, und suchten auf alle mögliche Weise die Sache zu verdächtigen. Wo sie mit der Vernaturalisierung nicht auslangten, da musste Ich ein Besessener sein und durch die Macht des Teufels wirken.
STE|0|37|4|0|Warum aber erkannten sie den Herrn des Lebens nicht, indem es doch der Wille und die Absicht des Herrn war, dass sie Ihn hätten erkennen sollen? Der Grund liegt im Text, der da spricht: „Und die Liebe ist nicht in euch!“
STE|0|37|5|0|Warum kann man denn ohne die Liebe den Herrn nicht erkennen? Das kann man ohne die Liebe aus demselben Grunde nicht, aus welchem ein Blinder nicht ersehen kann, was ihn umgibt, und ein Tauber nicht erhören kann die Stimme seines Freundes.
STE|0|37|6|0|Denn die Liebe ist das Leben; das Leben aber kann ganz allein für sich nur sehen und hören, denn der Tod vermag solches nicht. Also konnten denn auch die Juden den Herrn des Lebens unter sich nicht erkennen, weil sie kein Leben der Liebe in sich hatten, welches Leben da ist ein freies Leben aus Gott, während alles andere Leben nur ein gerichtetes ist, welches aber ist im Gegensatz des wahren Liebelebens der barste Tod.
STE|0|37|7|0|Denn der kein Liebeleben hat, der ist nichts als eine eitle Maschine, die lediglich von den Welttrieben in die Bewegung gesetzt wird, und sein Schauen, Hören und Empfinden ist eitel mechanisch und kann sich nie über die gerichtete Sphäre der gerichteten Beschränkung erheben. Nur das wahre Liebeleben ist ein selbständig freies und kann darum aus sich heraus alle Schranken zertrümmern und sich zu Dem emporschwingen, Der sein inwendigster Grund ist.
STE|0|37|8|0|Niemand kann in seiner natürlichen Sphäre etwas erschauen, was er nicht ehedem in sich hat; wie könnte aber jemand Mein Wesen erschauen und erkennen, wenn er nichts davon in seinem Herzen birgt?
STE|0|37|9|0|Daher sage Ich zu euch: Lasst alles fahren, – allein die Liebe behaltet, so werdet ihr erkennen, was die Juden nicht erkannt haben, und erschauen, dafür ihre Augen keinen Schein hatten.
STE|0|37|10|0|Es gibt jetzt ebenfalls gar viele in der Welt, in denen die Liebe nicht ist. Daher aber halten sie auch den Schatten, der nichts ist, für Wirklichkeit; Mich aber, der Ich unter ihnen allzeit bin und wandle, erschauen und erkennen sie nicht, weil sie keine Liebe haben.
STE|0|37|11|0|Also gibt es auch unter euch welche, die da suchen, wo nichts zu finden ist; wo es aber lebendig vor ihnen einhergeht und leuchtet, mögen sie nicht erschauen und erkennen.
STE|0|37|12|0|Diese wägen noch immer die Diamanten zugleich mit den Kieseln in einer Waagschale. Wozu aber des Kiesels Gewicht neben dem Diamanten? Warum den Mist aus der Ferne anschauen und vor dem Gold im eigenen Haus gleichgültig vorüberziehen?
STE|0|37|13|0|Es ist nicht genug, dass man den Goldwert kennt, sondern man muss das Gold auch vor dem Mist, wenn er auch aus der Ferne kommt, lebendig zu würdigen verstehen. Das kann nur der, der die Liebe hat vollkommen; wer aber zwischen dieser hin und her schweift, der kann das noch nicht und wird es auch noch lange nicht können. Darum aber wird es ihm auch gehen wie den Juden, die den Herrn auch von einem ganz gewöhnlichen Menschen nicht zu unterscheiden vermochten.
STE|0|37|14|0|Ich sage euch daher und erinnere euch, dass Ich euch viel gegeben habe; aber nur der wird es als eine reine Gabe von Mir erkennen, der die Liebe in sich hat.
STE|0|37|15|0|Wer da rechnet in der Liebe und zählt, was er tut und gibt, dem will Ich desgleichen tun, und der Rechner wird nicht frei und der Zähler nicht ledig werden so lange vor Mir, bis er das Rechnen und Zählen von sich verbannen wird. Also aber muss die Liebe frei sein und muss sich in ihrer inneren Tätigkeit nicht zuvor Rates im Kopf erholen.
STE|0|37|16|0|Den weisen Spender will Ich mit Weisheit belohnen; dem freien Liebespender aller werde Ich Selbst zum Lohn! Jeder aber, der nicht aus der freien Liebe tätig wird, wird das Angesicht des Herrn nicht eher erschauen, als bis er tätig wird aus der freien Liebe.
STE|0|37|17|0|Das sage Ich, der ewig Getreue, der Wahrhaftige, der Erste und der Letzte, als Vater in aller Liebe zur vollen Beobachtung zu euch! Amen.
LAO|0|1|0|1|Erstes Kapitel
LAO|0|1|1|0|Paulus, ein Apostel Jesu Christi durch den Willen und durch die Gnade Gottes, und der Bruder Timotheus;
LAO|0|1|2|0|der heiligen Gemeinde von Laodizea und allen den gläubigen Brüdern in Jesu Christo in ihr, und den Weisen im Geist Gottes. Gnade sei mit euch, und der wahre Friede von Gott, unserem Vater, in dem Herrn Jesu Christo.
LAO|0|1|3|0|Wir danken und loben und preisen aber allzeit Gott, den Vater unseres Herrn Jesu Christi, und tragen große Sorge um euch, und beten allzeit für euch zu Gott!
LAO|0|1|4|0|Denn wir haben vernommen durch des Herrn Geist, und durch den Bruder Epaphras, und durch Nymphas, dass ihr in manchen Stücken abgefallen seid
LAO|0|1|5|0|und habt euch erwählt einen Bischof und eine Geistlichkeit, und wolltet machen aus Christo einen Götzen; und habt euch bestimmt ein Haus, einen Tag, und verbrämte Kleider
LAO|0|1|6|0|also, wie es war zum Teil unter den Heiden, und unter den Juden, da noch die Beschneidung des Fleisches galt vor Gott, die Er angeordnet hatte unter dem Vater Abraham zum Vorzeichen der lebendigen Beschneidung des Geistes durch Jesum Christum in euch.
LAO|0|1|7|0|Das aber lasse ich euch nun wissen, auf dass ihr erfahrt, welch einen Kampf ich nun zu leiden habe um euretwillen, die ihr gesehen und nicht gesehen habt das Fleisch meiner Person;
LAO|0|1|8|0|und auf dass ihr kräftig ermahnt werdet in eurem Herzen, und dann zusammennehmen möchtet eure Liebe, in welcher ist aller Reichtum des gewissen Verstandes, um zu erkennen das große Geheimnis Gottes, des Vaters, in Seinem Sohne Jesu Christo;
LAO|0|1|9|0|in dem aber verborgen sind alle Schätze der Weisheit und der lebendigen Erkenntnis im Geiste.
LAO|0|1|10|0|Ich aber vermahne euch darum, auf dass euch niemand verführe durch vernünftige und geschmückte Reden, und durch die Philosophie der Heiden.
LAO|0|1|11|0|Denn Vernunft ist auch den Tieren eigen, wie die Philosophie den Heiden, welche den toten Götzen opfern!
LAO|0|1|12|0|Ihr aber seid erkauft durch den Tod des Einen zum ewigen Leben in Gott dem Vater; wie möget ihr da euer Herz, das da eine Wohnstätte des heiligen Geistes geworden ist, wieder dem Geist der Toten weihen?!
LAO|0|1|13|0|Bin ich auch nicht bei euch im Fleisch, so bin ich aber doch stets bei euch im Geist, durch die Macht Christi in mir, und sehe euren Glauben und eure Werke;
LAO|0|1|14|0|und will euch darum ernstlich vermahnen, und zeigen, wie so manche von euch lieben Brüdern in eine große Torheit verfallen sind; denn ihre Scheingründe kenne ich und weiß, was sie wollen.
LAO|0|1|15|0|Also aber sei es, dass ihr Jesum Christum halten sollt, wie ihr Ihn von mir überkommen und angenommen habt, und sollt also wandeln nach dem Evangelium, das ich euch getreu gepredigt habe,
LAO|0|1|16|0|und sollt im selben feste Wurzeln fassen, und fest sein im Glauben, also, wie ich es euch alle gelehrt habe aus dem Geist unseres Herrn Jesu Christi, des lebendigen Sohn Gottes, der da herrscht zur Rechten des Vaters von Ewigkeit.
LAO|0|1|17|0|Also aber, wie ihr nun werden wollt und es haben wollt, seid ihr Widersacher Christi und Seines Wortes!
LAO|0|1|18|0|Was wollt ihr denn? Möchtet ihr von neuem wieder Sklaven und hartgehaltene Knechte des Gesetzes und der Sünde und des Todes werden, von allem dem wir sind frei geworden durch Jesum Christum?
LAO|0|1|19|0|Hört mich an! Ich sage zu euch: Seht gar wohl zu, dass ihr nicht berückt und beraubt werdet durch eure Weltweisheit und durch die gar lose Lehre derjenigen unter euch, die da mehr fürchten die Römer und die blinden Juden als den Herrn der Herrlichkeit, der uns erlöset hat, und durch den wir und Himmel und Erde und alle Dinge gemacht worden sind!
LAO|0|1|20|0|Da ich aber unter euch war, da fragten mich eure Weltweisen, was Unterschiedes da sei zwischen Gott und Seinem Sohne Christus. – Ich aber nahm das Wort und sprach zu ihnen:
LAO|0|1|21|0|„Höret Brüder! Gott ist Einer, und Christus ist Einer; denn so es nur einen Gott gibt, so gibt es auch nur einen Christus. Was Unterschiedes sollte da sein zwischen Gott und Christus? – Gott ist die Liebe, und Christus ist die Weisheit in Gott, und das Licht, die Wahrheit, der Weg und das ewige Leben!
LAO|0|1|22|0|In Christo wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und wir sind vollkommen in Ihm; denn Er ist der Grund und das Haupt aller Herrlichkeit, aller Macht und Kraft, aller Obrigkeit der Welt, und ist ein Fürst aller Fürstentümer der Erde.“
LAO|0|1|23|0|So ich, Paulus, aber solches im Geist und in aller Wahrheit zu euch geredet habe, wie lasst ihr euch denn nun von Menschenlehre und Weltsatzungen betören?
LAO|0|1|24|0|Ihr seid beschnitten worden ohne Hand und Messer durch den heiligen Geist, indem ihr abgelegt habt euer sündiges Leben, welches war eine mächtige Wurzel in eures Leibes Fleisch; und das war eine wahre, lebendige Beschneidung in Christo!
LAO|0|1|25|0|Denn da seid ihr in eurem sündigen Fleisch mit Christo für die Welt begraben worden durch die Taufe mit dem heiligen Geist und seid dann wieder durch Christum neu auferstanden durch den lebendigen Glauben und durch die Liebe zu Ihm!
LAO|0|1|26|0|Was wollt ihr denn nun wieder mit der alten Beschneidung, die da aufgehört hat; was mit der Zeremonie, die nunmehr ist ohne Wert, weil Christus schon da war und auferstanden ist und wir in Ihm; was wollt ihr mit dem Sabbat, wenn Christus an jedem Tage gewirkt hat und noch wirkt und hat dadurch jeden Tag zu einem Tag des Herrn gemacht und hat am Sabbat nicht gefeiert?
LAO|0|1|27|0|Ich aber kenne euch, dass ich euch sage: Christus, wie Er ist, will arm sein in der Welt; aber ihr wollt Gold! Das ist es, darum ihr ein Bethaus, einen Feiertag und verbrämte Kleider wollt!
LAO|0|1|28|0|Ihr sagt, Gott habe durch Christum, Seinen Sohn, die Satzungen Mosis nirgends aufgehoben, sondern dieselben im letzten Abendmahl vielmehr bestätigt; also müsste denn auch eine Opferzeremonie sein.
LAO|0|1|29|0|Ich, Paulus, ein rechter, von Gott erwählter Apostel des Herrn, aber bin doch erfüllt vom Geist Gottes; wie kommt es denn, dass mir der Geist Gottes solches noch nie angezeigt hatte, indem ich doch vor meiner Berufung ein viel erpichterer Tempeldiener und Knecht war, denn ihr es je wärt?
LAO|0|1|30|0|Ich aber will euch nun sagen: Wie mich der Geist Gottes erweckt hatte, als ich nach Damaskus zog, zu verfolgen die junge Gemeinde Christi daselbst, so habe ich zuerst – in meiner Blindheit sogar – geschaut, dass der Herr im Geist und in der Wahrheit will verehrt und angebetet sein, aber ewig nimmer in einer Zeremonie!
LAO|0|1|31|0|Denn keinen hatte Gott zuvor blind gemacht, den Er berufen hatte zu Seinem Dienste; ich aber musste erblinden zuvor, auf dass ich verliere Alles ohnedem, was der Welt ist, bevor ich werden sollte einer Seiner geringsten Knechte nur!
LAO|0|1|32|0|Warum aber musste ich erblinden zuvor? Weil mein ganzes Wesen in der Materie des Tempeldienstes begraben war, und damit es darum von mir genommen ward.
LAO|0|1|33|0|So mich aber der Herr ohne Zeremonie, also in meiner Blindheit, berufen hatte, wie hätte ich da aus dem Abendmahl je eine Zeremonie machen sollen?
LAO|0|1|34|0|Oder ist es nicht also, wie mich allzeit lehrt der Geist Gottes? – Wer das Licht der Augen hat, der schaut die Zeremonien der Welt und erlustigt sich daran;
LAO|0|1|35|0|aber für den Blinden ist alle Welt mit ihrer Zeremonie vergangen und der alte Tempeldienst und alle die verbrämten Kleider!
LAO|0|1|36|0|Also ist es eine ewige Wahrheit, dass der Herr mich nicht berufen hatte für eine neue Errichtung der Zeremonie, sondern für die Aufrichtung der Herzen, um welche der Satan Jahrtausende seine harten Ketten geschmiedet hatte;
LAO|0|1|37|0|und zu predigen jedermann die Freiheit des Geistes, den Frieden der Seele, und damit zu zerreißen in Christo dem Herrn die alten, harten Bande des Todes!
LAO|0|1|38|0|Was aber nützt mir und euch meine Lehre, was das Evangelium Gottes, so ihr euch frei wieder in den alten Tod begeben wollt?
LAO|0|1|39|0|Ich aber bitte euch um eures ewigen Lebens willen: lasst ab von dem, was die alte Gefangenschaft zu Babel allen Juden als ein hartes Erbe hinterließ.
LAO|0|1|40|0|Seht, Babel, die große Hure der Welt, hat der Herr vernichtet; denn sie gab vielen Völkern den Tod! Was aber werdet ihr gewinnen, so ihr aus Laodizea ein neues Babel errichten wollt? Daher lasst ab von dem, was der Gräuel der Verwüstung von neuem herbeiführen möchte, wovon Daniel geweissagt hatte, da er stand an heiliger Stätte.
LAO|0|1|41|0|Christus aber hat euch lebendig gemacht, da ihr tot wart in euren Sünden und in eurer Vorhaut eures Fleisches, und hat euch nachgelassen alle Sünden, die ihr allzeit begangen habt in dem Tempel, wie in eurer Vorhaut.
LAO|0|1|42|0|Er vertilgte die blutige Handschrift, welche da war wider uns alle, die da entstanden ist durch weltliche Satzungen, und unsere Namen waren mit dieser Schrift eingetragen ins Buch der Welt, ins Buch des Gerichtes und ins Buch des Todes, indem Er sie ans Kreuz heftete!
LAO|0|1|43|0|Warum aber wollt ihr nun diese von Gott Selbst vertilgte, ans Kreuz des Gerichtes, der Schmach, des Fluches, des Todes geheftete Blutschrift wieder herabreissen und eure neuen Namen in Christo vertauschen für die alten, welche mit Blut geschrieben waren im Buch des Gerichtes?
LAO|0|1|44|0|O ihr blinden Toren aller Torheit! In Christo seid ihr frei geworden – und wollt nun wieder Sklaven und Knechte der Sünde, des Gerichtes und des Todes werden! Habt ihr denn nicht gehört, dass derjenige verflucht ist, der da ans Kreuz geheftet wird?!
LAO|0|1|45|0|Christus aber hat eure Schande, eure Schmach, eure Sünde, euer Gericht und euren Tod auf Sich genommen und ließ Sich für euch als ein Verfluchter ans Kreuz heften, um euch allen die volle Freiheit zu verschaffen vor Gott; und damit ihr in Ehren wandeln sollt, nahm Er alle eure Schande und Schmach mit ans Kreuz!
LAO|0|1|46|0|O was hat euch doch berückt, die ihr lebendig geworden seid in Christo, dass ihr nun wieder euch dem Tod von neuem ergeben wollt?!
LAO|0|1|47|0|Mit was soll ich euch denn vergleichen, das euch treffen möchte, wie ein guter Wurf die Zielscheibe? – Ja, ihr seid gleich einer brandigen Buhldirne, die da wohnt in einer Stadt und ist aber dennoch eines guten Hauses Tochter.
LAO|0|1|48|0|Hört mich an, und schreibt es euch hinter die Ohren! Was nützt der Buhldirne ihre gute Abkunft, so aber dennoch ihr Fleisch geiler ist als das Fett eines gemästeten Sündenbockes?
LAO|0|1|49|0|Wird sie nicht in ihrem Gemach vor Fleischbrand auf und ab rennen und wird bald bei einem, und bald wieder beim andern Fenster den halben Leib hinausstrecken und wird ihre buhllüsternen Augen nach allen Seiten herumschießen lassen, ob sie erblicken möchte den, der da hat, darnach ihr Fleisch geilt und brennt?!
LAO|0|1|50|0|Und wird sie ihn erblicken, so wird sie ihm zeigen durch die lose Glut ihrer Augen, was sie möchte, und wird in ihrer Begierde ums Zehnfache mehr sündigen mit ihm als eine Hure im Bett der Schande mit ihrem Buhlen!
LAO|0|1|51|0|O seht, ihr Laodizener, das ist euer Bild! – Wisst ihr aber, was der redlich werben wollende Bräutigam solch einer Dirne tun wird, so er vor ihrem Haus vorbeiziehen wird und wird ansichtig ihrer schändlichen Geilerei?
LAO|0|1|52|0|Er wird sie sofort tun aus seinem Herzen und aus seinem Munde und wird sie hinfort nicht mehr ansehen, und so sie auch gelangen möchte in die größte Not!
LAO|0|1|53|0|Desgleichen wird euch auch der Herr tun; denn Er hat euch einen neuen, lebendigen Tempel errichtet in euren Herzen, allda ihr Seiner harren sollt; ihr aber verschmäht den Tempel, dieses heilige Gemach, und rennt aus lauter weltlicher Geilheit an die Fenster des Gerichtes und wollt da geilen mit der Welt, des Goldes wegen, des Ansehens und der Herrschsucht wegen, da ihr nach allem dem lüstern seid!
LAO|0|1|54|0|Ich aber sage euch: Der Herr wird Sich zurückziehen und wird euch in alle Hurerei übergehen lassen, ins alte Gericht und in den alten Tod, so ihr nicht sofort umkehrt und gänzlich ablasst von eurer selbstgewählten Geistlichkeit, von eurem Tempel, von eurem Feiertag und von euren verbrämten Kleidern; denn dies alles ist vor dem Herrn ein Gräuel gleich einer brandigen Buhldirne, die da in ihrem Herzen ärger ist denn zehn Huren Babels.
LAO|0|2|0|1|Zweites Kapitel
LAO|0|2|1|0|Lasst euch daher von niemandem mehr ein Gewissen machen, weder durch einen unberufenen Bischof und Priester, noch durch einen Feiertag, noch durch den alten Sabbat und Neumond,
LAO|0|2|2|0|noch durch einen Tempel, noch durch eine opferliche Zeremonie und verbrämte Kleider und ebensowenig durch Speise und Trank.
LAO|0|2|3|0|Im Essen und Trinken seid mäßig; das ist gut für Geist, Seele und Leib und ist dem Herrn angenehm;
LAO|0|2|4|0|aber so jemand sagt und lehrt und begehrt: „Diese und jene Speise darf nicht gegessen werden, da sie unrein ist nach Mosis;
LAO|0|2|5|0|da sage ich dann entgegen: Moses und die Propheten sind in Christo erfüllt und befreit worden; uns aber hat der Herr keine Speise verboten, indem Er Selbst aß und trank mit Sündern und Zöllnern
LAO|0|2|6|0|und hat ausgerufen: „Was du isst, verunreinigt dich nicht; aber was da kommt aus deinem Herzen, als arge Reden, arge Begierden, Geiz, Neid, Totschlag, Zorn, Fraß und Völlerei, Hurerei, Ehebruch und dergleichen, das ist es, was da allzeit verunreinigt den Menschen!“
LAO|0|2|7|0|Da wir aber solch ein Evangelium haben von Ihm, dem alleinigen Herrn aller Herrlichkeit Selbst, wie große Toren müssten wir da sein, so wir uns freiwillig wieder ins alte, harte Joch sollen spannen lassen?!
LAO|0|2|8|0|Was soll nunmehr der Schatten, der von Moses aus wohl eine weissagende Vorbedeutung hatte auf das, was geschehen ist vor unseren Augen, für uns, die wir mit Christo und in Christo zu einem Körper geworden sind?
LAO|0|2|9|0|Ich aber bitte und beschwöre euch sogar, lasst euch von niemandem das Ziel vorsetzen, der da nach eigenmächtiger Wahl einhergeht in aller Demut und völliger Geistigkeit der Engel des Himmels, davon er aber nie etwas gesehen und gehört hatte; ist aber darum in seiner Sache aufgeblasen in seinem fleischlichen Sinn nur
LAO|0|2|10|0|und hält sich nicht an das Haupt, aus dem der ganze Leib durch die Glieder, Gelenke und Fugen Tatkraft überkommt, einander gegenseitig enthält und fasst und wächst also dann zu einer göttlichen Größe,
LAO|0|2|11|0|sondern nur an seinen Sinn, welcher in sich voll Schmutz und Unflat, voll Eigennutz, voll Trug und Lüge, voll Herrschsucht, voll Geiz und voll Neid ist.
LAO|0|2|12|0|Also aber steht es gerade mit dem, der sich bei euch aufwerfen will, als wäre er berufen vom Herrn und von mir und darnach erwählt von euch!
LAO|0|2|13|0|Ich aber sage hier zu euch allen: Dieser hat den Geist des Teufels in sich und geht unter euch herum wie ein Wolf im Schafspelz und wie ein hungriger, brüllender Löwe, der euch zu verschlingen auf das Eifrigste bemüht ist!
LAO|0|2|14|0|Darum treibt ihn alsbald von seinem Platz, und kehrt euch wieder an den Nymphas, dessen ganzes Haus da ist eine rechte Gemeinde Christi.
LAO|0|2|15|0|Denn ihr alle seid ja abgestorben für die Welt und ihre Satzungen mit Christo; aus welchem Grund möchtet ihr euch denn nun wieder fangen lassen von Satzungen der Welt, als lebtet ihr noch in ihr?
LAO|0|2|16|0|Das Haus meines lieben Bruders Nymphas aber ist geblieben getreu in seiner Freiheit, wie ich sie ihm gegeben habe durch Christum, dem Herrn von Ewigkeit.
LAO|0|2|17|0|Nymphas hat den Wolf erkannt, wie ich ihn erkannt habe durch den Geist Gottes, der in mir ist und mich allzeit treibt, zieht und lehrt in den verschiedenen Dingen der einzig gerechten Weisheit vor Gott, wie desgleichen auch den Bruder Nymphas.
LAO|0|2|18|0|Darum vermahne ich euch denn auch mit der Kraft alles gerechten Eifers in Christo dem Herrn, dass ihr ja hingeht zum Nymphas und wieder eine Gemeinde werdet mit seinem Haus
LAO|0|2|19|0|und horcht nicht auf die, die da mit heuchlerisch-frommer Miene sagen: „Rühre das nicht an, und koste dies nicht, und greife das nicht an, und tue dieses und jenes nicht!“, – welches alles sich allzeit verzehrt unter den Händen und an sich nichts ist als eine leere Menschensatzung;
LAO|0|2|20|0|sondern hört, das ich euch sage aus dem Geist Christi, der in mir ist, auf dass ihr wieder frei werden möchtet und werden zu wahrhaftigen Miterben Jesu Christi am Reich Gottes lebendig in euch.
LAO|0|2|21|0|O Brüder! Denkt, was wollen euch die wohl nützen, die da haben den Schein der Weisheit und eine durch sich selbst gewählte heuchlerische und gleisnerische Geistigkeit und Demut,
LAO|0|2|22|0|und die da sagen: „So du ansiehst ein Weib, so hast du schon gesündigt; so du isst unreine, von Moses versagte Speise, so bist du unrein auf den ganzen Tag; und so du anrührst einen Heiden und sprichst mit ihm mehr denn drei Worte, so musst du solches dem Priester des Tempels kund tun, auf dass er dich reinige vor Gott?!“
LAO|0|2|23|0|An sich aber sind sie voll Unflat und voll Geiz und Hurerei und treiben geheimen Handel mit allen Heiden und bieten alles auf, dass sie sich mit ihnen ja nicht die geheime Freundschaft verderben möchten!
LAO|0|2|24|0|Ich aber sage: Der Leib braucht das Seinige wie der Geist; denn er hat ja sein Bedürfnis und seine Notdurft. Daher sollt ihr ihm auch geben im gerechten Maß, was da Gott für ihn bestimmt hat, und sollt genießen, was da auf den Markt gebracht wird; denn der Leib braucht seine Pflege, wie der Geist seine Freiheit. Darum seid frei und nicht Sklaven der blinden Toren der Welt!
LAO|0|2|25|0|Was Rühmliches aber mag da wohl jemand von sich sagen, so er gefastet hat in seinem Magen, aber sein Herz voll angeschoppt (angefüllt d. Ed.) hatte von allerlei argen Gedanken, Wünschen und Begierden?!
LAO|0|2|26|0|Wäre es denn nicht um vieles klüger, zu fasten im Herzen denn im Magen? Wie mögt ihr wohl so große Toren sein und euch weismachen lassen, dem Herrn sei angenehmer, so jemand isst einen Fisch in Öl gelegt, als so er isst ein anderes Fleisch von einem warmblütigen Tier und dessen Fett statt des Öls?
LAO|0|2|27|0|Ich aber sage euch: Esst mit Maß und Ziel allzeit, das euch schmeckt und wohltut eures Leibes Gesundheit, und trinkt Wein mit Wasser, wie auch ich es tue, so ich es nur haben kann, und macht euch kein Gewissen daraus, so werdet ihr recht handeln auch in diesem Stück!
LAO|0|2|28|0|Denn der Herr hat keine Freude am Fasten des Magens; wohl aber an dem des Herzens; im Herzen aber fastet Tag und Nacht, so werdet ihr fasten im Geist und in der Wahrheit.
LAO|0|2|29|0|Wie aber ihr fasten möchtet nach der gleisnerischen Lehre dessen, der vor euch tut, als wäre er nur mehr mit einem Fuß auf der Erde, alles andere aber schon im Himmel, also fasten auch alle Heiden, die da essen an ihren Fasttagen die feinsten Leckereien und sind dann geiler darauf denn an einem Gemeintag, da sie ihre tägliche Kost haben.
LAO|0|2|30|0|Da ihr aber nun mit Christo auferstanden seid, was kümmert euch denn, was da unten auf der Welt ist, und was sucht ihr den Satzungen der Welt zu genügen, die da ein Werk der Menschen sind?
LAO|0|2|31|0|Sucht, was droben ist, da Christus sitzt zur Rechten des Vaters, – das wird sich besser ziemen für euch denn all die gänzlich wertlosen Torheiten der Welt!
LAO|0|2|32|0|Seid ihr erweckt worden im Geist und auferstanden mit Christo, da seid ihr ja von oben, aber nicht von unten her; also sucht denn auch, was droben, aber nicht, was da unten auf der Erde ist!
LAO|0|2|33|0|Denn ihr seid gestorben der Welt, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott!
LAO|0|2|34|0|Wenn aber Christus, der nun euer Leben ist, Sich offenbaren wird, dann werdet auch ihr offenbar werden mit Ihm in der Herrlichkeit!
LAO|0|2|35|0|Tötet daher von neuem eure Welt, die in vielen Gliedern auf der Erde ist, wie eures Leibes Glieder, und ihr mit ihnen getrieben habt und nun wieder treiben möchtet Hurerei, Unlauterkeit, schändliche Brunst, böse Lust, Habsucht, Neid und Geiz; in allem dem aber da allzeit besteht die wahrhaftige Abgötterei der Heiden.
LAO|0|2|36|0|Und meidet vor allem die Lüge, denn sie ist der nächste Abkömmling des Satans! Zieht den alten Menschen aus und den neuen in Christo an, der da erneuert wird zur Erkenntnis Dessen, und das nach Des Ebenmaß, der ihn erschaffen hat.
LAO|0|3|0|1|Drittes Kapitel
LAO|0|3|1|0|Ich aber sagte: „Meidet die Lüge, welche ist der nächste Abkömmling des Satans!“, weil ihr nun – wie ich es durch Nymphas erfahren habe und gleichermaßen durch den Geist Christi in mir erfahre – in die Menschensatzung zum großen Teil übergegangen seid.
LAO|0|3|2|0|Was ist der Tempel denn anderes denn eine Menschensatzung, ein totes Werk von Menschenhand, also ein eitles Traumwerk, das da auf allzeit vergeht, sobald das Auge vom Schlaf erwacht?
LAO|0|3|3|0|Da er aber das ist, so ist er eine Lüge, in die ihr euch begebt, um euch selbst zu belügen und zu betrügen, da ihr meint, dass ihr darin Gott die Ehre gäbt; und Gott Selbst belügt ihr, so ihr meint, dass ihr Ihm dadurch einen gar wichtigen Opferdienst erweist!
LAO|0|3|4|0|Ihr Törichten! Welchen Dienst wollt ihr denn tun dem Allmächtigen, der Himmel und Erde schon zuvor gegründet hatte, als ihr noch von Ihm erschaffen wurdet? Was habt ihr wohl, das ihr nicht zuvor empfangen hättet; so ihr es aber empfangen habt, was tut ihr denn, als so ihr es nicht empfangen hättet?
LAO|0|3|5|0|Wollt ihr mit dem etwa dem Herrn einen angenehmen Dienst erweisen, so ihr Ihn in einem Tempel, von Menschenhand erbaut, anbetet durch Zeremonie und Rauchwerk und durch tote Gebete auf langen oder breiten Streifen?
LAO|0|3|6|0|O seht, wie sehr hat euch ein Apostel des Satans berückt! Ist Christus doch, in dem die Fülle der Gottheit wohnt, leibhaftig im Tempel zum Tod verurteilt worden – und hat ehedem Selbst von seinem völligen Untergang geweissagt!
LAO|0|3|7|0|Wie möchte Er an dem nunmehr ein Wohlgefallen haben, vor dem Er alle Seine Jünger, wie im Geiste auch mich, gar sehr gewarnt hatte, indem Er sprach: „Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Hohenpriester!“ Und ihr wollt nun das alte Richthaus, das vor Gott ein Gräuel geworden ist, zu einer Wohnstätte des Herrn errichten, auf dass ihr Ihn vielfach töten möchtet daselbst?!
LAO|0|3|8|0|Wie blind doch und wie sehr in die Welt übergegangen müsst ihr sein, dass euch solches nicht auf den ersten Blick auffallen mochte?!
LAO|0|3|9|0|Ist's denn nicht genug, dass Christus einmal für alle gestorben ist und wir alle nun mit Ihm, auf dass wir auferstanden sind noch in unserem Fleisch mit Ihm zur wahren Erkenntnis Seines Geistes, der in uns ist, und zur Erkenntnis des Vaters, der uns eher schon geliebt hatte, als die Welt war?
LAO|0|3|10|0|Wie oft wohl möchtet ihr Christum noch töten, Ihn, den allein ewig Lebendigen, der uns alle einmal erweckt hatte vom Tod zum ewigen Leben durch Seine herrliche Auferstehung?
LAO|0|3|11|0|Ich, Paulus, aber sage euch: Geht hin und zerstört den Tempel, löscht den bezeichneten Feiertag aus den Kalendern, setzt den falschen Bischof und seine Knechte ab, die sich gleich denen von Jerusalem von eurer Hände Arbeit mästen wollen und haben sich einen großen ehernen Kasten machen lassen, der euer erspartes Gold und Silber aufnehmen soll,
LAO|0|3|12|0|und verbrennt die verbrämten Kleider, die nun vor Gott ein Gräuel sind, – so werdet ihr dem Herrn schon dadurch einen bei weitem angenehmeren Dienst erweisen, als so ihr euch tausend Jahre lang möchtet in einem solchen Tempel ertöten lassen!
LAO|0|3|13|0|Wollt ihr aber durchaus ein Gott wohlgefälliges Haus in eurer Mitte, da erbaut ein Hospital für Kranke, Lahme, für Bresthafte, für Krüppel, für Blinde und Stumme, und ein Haus für arme Witwen und Waisen, und ein Haus für fremde Verunglückte, ohne Ausnahme, wer sie immer sein mögen!
LAO|0|3|14|0|Diese nehmt freudig und mitleidig auf, und teilt allen euren Segen mit ihnen, wie es unser Herr Jesus Christus uns zweimal getan hatte, da Er mit Seiner Segensfülle gesättigt hatte Tausende von Hungrigen; da werdet ihr Ihm, dem allein Heiligen, einen wahren wohlgefälligen Dienst tun zu eurer Heiligung.
LAO|0|3|15|0|Denn da hatte Er Selbst dafür geredet, indem Er sprach: „Was ihr aber tut dem Geringsten aus diesen Armen, das habt ihr Mir getan!“
LAO|0|3|16|0|So Er Sich aber zum öfteren Mal klarst darüber ausgesprochen hatte, was Ihm da sei ein angenehmster Dienst, wie wollt ihr denn dann solch einen, der Ihm ein Gräuel, ein Ekelgeruch und Pestilenz ist?!
LAO|0|3|17|0|Ein Herz voll Liebe aber ist der Gott, dem Herrn in Christo, allein wohlgefällige lebendige Tempel und ist Ihm lieber denn eine Welt voll salomonischer, die alle tot sind, während das Herz lebendig ist und kann Gott und alle Brüder lieben! Also erbaut von neuem diesen Tempel in euch geistlich, und opfert allzeit im selben dem Herrn lebendig.
LAO|0|3|18|0|Nicht der Tempel, nicht die Zeremonie, nicht der Priester und nicht der Bischof, auch nicht der Paulus und seine Jünger; nicht der Jude, nicht der Grieche, noch der Juden Beschneidung und die Vorhaut, noch der Tempel Salomos; also auch nicht der Ungrieche, der Skythe, der Heide, der Freie, der Knecht; noch der Sabbat, noch der Neumond, und das Jubeljahr ist etwas vor Gott, sondern allein Christus ist alles in allem!
LAO|0|3|19|0|Also zieht denn allein Christum an als die Auserwählten Gottes, als Seine Heiligen und Seine Geliebten, durch den lebendigen Glauben, durch die Liebe, durch herzliches Erbarmen über eure Brüder, durch Freundschaft, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut und alle Geduld!
LAO|0|3|20|0|In allem dem vertrage einer den andern, und vergebt euch gegenseitig von Herzen, das da irgendeiner hat wider den andern, und so werde auch ich euch vergeben und der Herr, wie ihr euch vergebt!
LAO|0|3|21|0|Führt nicht Klagen gegeneinander gleich den Heiden, welche da haben ihre eigenen Klagegerichte, sondern seid verträglich und gegenseitig duldsam, und macht eure Sachen im Herzen aus, so werdet ihr vor dem Herrn besser tun, als so ihr alle Satzungen Mosis, die schwer zu merken und noch schwerer zu beobachten sind, auf das gewissenhafteste beobachten möchtet; denn an den Satzungen Mosis hat der Herr kein Wohlgefallen, sondern allein nur an einem reinen Herzen, das Gott und die Brüder wahrhaftig liebt.
LAO|0|3|22|0|Und so denn zieht vor allem an die Liebe; denn sie allein gilt vor dem Herrn und ist das allein vollrechtliche Band aller Vollendung und aller Vollkommenheit!
LAO|0|3|23|0|In der Liebe und durch die Liebe regiere der wahre, vollkommene Friede Gottes in euren Herzen, in und zu welchem Frieden ihr auch allein alle berufen seid in einem Leib in Christo dem Herrn; und so ihr Ihm dankt, da dankt ihr Ihm darum allzeit und ewig im Geist und in der Wahrheit,
LAO|0|3|24|0|aber nicht in einem toten Tempel, der da nichts ist vor Gott, dem Herrn und Geber des Lebens, der da allein sieht auf das Herz und auf dessen Frieden.
LAO|0|3|25|0|Lasst das lebendige Wort Christi reichlich unter euch wohnen in aller Liebe und wahrer, vollkommener Weisheit aus ihr! Lehrt und vermahnt und erbaut euch gegenseitig mit allerlei herrlichen geistigen Dingen und Betrachtungen,
LAO|0|3|26|0|mit Psalmen der Liebe und anderen Lobgesängen und geistlichen lieblichen Liedern; aber singt im Herzen und macht nicht ein leeres Geplärr mit dem Munde, so werdet ihr dem Herrn angenehmer sein, als da ist das eitle Geplärr der Pharisäer, Juden und Heiden, die da ihren Lippen viel zu schaffen machen des Goldes wegen, aber ihre Herzen sind dabei kälter denn Eis!
LAO|0|3|27|0|Alles aber, was immer ihr tut – sei es mit Worten oder Werken –, das tut im Namen unseres Herrn Jesu Christi, und dankt für alles Gott dem Vater durch Ihn; denn Er ist der Vermittler zwischen Gott und uns, in Seinem Herzen wohnt die Fülle des Vaters!
LAO|0|3|28|0|Hört aber auch, ihr Weiber zu Laodizea: Also will es der Herr, unser Gott von Ewigkeit, dass ihr vollkommen untertan sein sollt euren Männern in Christo dem Herrn; denn im Mann habt ihr das Haupt Christi.
LAO|0|3|29|0|Ihr Männer aber liebt eure Weiber gerechten Maßes und seid nicht hart gegen sie; aber treibt es mit der Liebe eurer Weiber nicht zu bunt, dass ihr darob des Herrn vergessen könntet, – denn die Liebe zum Herrn muss ledig sein, also als hättet ihr kein Weib.
LAO|0|3|30|0|Und ihr Kinder seid vollkommen gehorsam euren Eltern in allen Dingen, die nicht wider Christum sind; denn das ist Sein Wille und ist Ihm angenehm.
LAO|0|3|31|0|Ihr Eltern aber macht nicht bitter die Gemüter eurer Kinder durch harte Worte und Misshandlungen, auf dass sie nicht scheu werden vor euch und möchten dann zu feigen Kriechern und Heuchlern werden; denn einen offenbaren Trotzkopf könnt ihr durch Liebe geschmeidig machen, – aber ein Heuchler und Schmeichler ist unverbesserlich.
LAO|0|3|32|0|Also sage ich auch euch Knechten und Dienern eurer Herren: Seid ihnen gehorsam in allen Dingen, die nicht wider Christum sind, – aber nicht mit alleinigem Augendienst, um dadurch euren Herren zu gefallen, sondern in wahrer Einfalt eures Herzens und in stetiger Gottesfurcht.
LAO|0|3|33|0|Alles aber, was ihr verrichtet euren Herren, das verrichtet also, als dientet ihr Christo dem Herrn in aller Treue eures Herzens – aber nicht, als dientet ihr den Menschen –, so werdet ihr auch einst von Ihm den Lohn der Herrlichkeit überkommen.
LAO|0|3|34|0|Wer aus euch aber Unrecht verübt an seiner Herrschaft, der tut es auch gleichermaßen an dem Herrn; der Herr aber sieht nicht darauf, ob jemand ist Herr oder Knecht, sondern allein auf das Werk und auf des Werkes Grund!
LAO|0|3|35|0|Wer daher Unrecht tut, dem wird auch der Herr geben dereinst den gebührenden Lohn. Ihr möget wohl die Menschen täuschen, aber der Herr lässt Sich nicht täuschen; denn vor Ihm liegen allzeit offen eure Herzen.
LAO|0|3|36|0|Euch dienstgebenden Herren aber sage ich auch, dass ihr wohl bedenkt, dass die Knechte und Diener auch eure Brüder sind vor dem Herrn; daher erweist ihnen allzeit, was da recht ist vor Gott; gebt ihnen den gebührenden Lohn zur rechten Zeit mit Liebe in Christo, und bedenkt, dass wir alle einen Herrn haben im Himmel, und dieser ist Christus, der Heilige Gottes von Ewigkeit!
LAO|0|3|37|0|Weicht nicht ab vom Gebet, und betet mit Danksagung ohne Unterlass, – aber nicht mit den Lippen, sondern im Geist und in der Wahrheit mit aller Einfalt eures Herzens und in der wahrhaftigen Andacht in der Liebe zu Christo dem Herrn!
LAO|0|3|38|0|Betet aber auch zugleich für mich, auf dass der Herr mir allzeit die Tür des lebendigen Wortes auftun möchte und ich allzeit reden möchte vor euch und vor allen Brüdern in Christo Sein großes Geheimnis und das Seines Reiches; denn auch ich bin noch an die Welt gebunden und bin ein ganz gemeiner Mensch, der nur dann weissagen mag, wann ihm der Herr die Tür seiner Gnade auftut.
LAO|0|3|39|0|Einfältig und weise sei euer Wandel vor und gegen jedermann, – auch gegen die, welche draußen sind, gegen Juden und Heiden; ihr sollt niemanden richten – sei er ein Skythe, Heide, Jude, Grieche oder Ungrieche –, sondern schickt euch weise nach Zeit und Umständen.
LAO|0|3|40|0|Eure Rede sei allzeit mit Liebe gewürzt gegen jedermann und sei voll Salz der wahren Weisheit aus Gott; aus dieser Weisheit sollt ihr allzeit nehmen, das ihr redet mit jemandem, auf dass er erfahre, wie verschieden die göttliche Weisheit ist von der Weisheit der Weltweisen.
LAO|0|3|41|0|Ich, Paulus, aber meine nun, dass ich nichts unterlassen habe, euch zu zeigen, das da ist unter euch, und wie es ist ein giftig Unkraut, ja ein schädlichster Giftbaum, dessen Hauch alles Leben erstickt; und so habe ich nichts mehr wider euch!
LAO|0|3|42|0|Das aber, liebe Brüder, sei allzeit eine wahre Zeremonie unter euch, dass ihr im Geist und in der Wahrheit Gott, dem Vater in dem Sohn, dadurch die Ehre gebt, dass ihr Ihn allzeit liebt über alles in Seinem Sohn, der für uns alle aus Liebe am Kreuz gestorben ist, um uns zu bringen die Kindschaft wieder, die unsere Väter von Adam her allzeit verwirkt haben.
LAO|0|3|43|0|Ich aber bitte euch um Gottes willen, dass ihr würdige Früchte einer vollen Umkehr von eurem neuen Heidentum in die lebendige Kirche Gottes bringt, welche in euch, aber nicht in den Tempeln, Gewändern und in irgendeiner Zeremonie wohnt.
LAO|0|3|44|0|Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch allzeit und ewig.
LAO|0|3|45|0|Wie es aber um mich steht in Rom, das wird euch kundtun der getreue Bruder Tychikus, den ich nun sende zu euch, wie zu den Kolossern, die da gleichermaßen wie ihr sich vom Satan möchten berücken lassen!
LAO|0|3|46|0|Grüßt mir alle lieben Brüder und den Nymphas und seines Hauses getreue Gemeinde; denn ich gebe ihm Zeugnis, dass er gerecht ist und allzeit wie ich zu Gott betet euretwillen.
LAO|0|3|47|0|Grüßt auch die zu Kolossä, so ihr zu ihnen kommt; denn es sind einige unter ihnen, die ihr kennt, die da allzeit gerecht sind und getreu in dem Glauben und in der Liebe zu Gott.
LAO|0|3|48|0|Wenn aber die Kolosser werden ihren Brief gelesen haben, dann lest auch ihr ihn, so wie ich euch um des Herrn willen bitte, dass ihr diesen Brief eben auch die Kolosser lesen sollt lassen!
LAO|0|3|49|0|Denn er tut ihnen so not wie euch. Schließlich aber vermahne ich euch hier schriftlich – wie euch allen auch solches mündlich kundtun wird Tychikus –, dass dieser Brief in allen Gemeinden soll gelesen werden, wie der an die Kolosser.
LAO|0|3|50|0|Meinen Gruß mit meiner eigenen Hand: Gedenkt meiner Liebe! Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch!
LAO|0|3|51|0|Geschrieben von Rom durch Tychikus und dessen Gefährten Onesimus, die da beide gesandt sind zu euch und sind gesandt zu den Kolossern.
BJ|0|1|1|0|Abgarus, Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heiland (Arzt), der in dem Land um Jerusalem erschienen ist, alles Heil.
BJ|0|1|2|0|Ich habe von Dir gehört und von Deinen Gesundmachungen, wie Du sie ohne Arzneimittel und Kräuter verrichtest. Denn die Rede geht, dass Du die Blinden sehen machst, die Lahmen gehen, dass Du die Aussätzigen reinigst und die unreinen Geister austreibst und diejenigen heilst, die mit langwierigen Krankheiten kämpfen, und endlich sogar die Toten auferweckst.
BJ|0|1|3|0|Nachdem ich alle diese Dinge von Dir gehört habe, so habe ich demnach bei mir selbst geschlossen, eines von beidem müsse wahr sein: entweder Du seist Gott, vom Himmel herabgekommen – oder Du, der diese Dinge tut, seist doch zum Wenigsten ein Sohn des großen Gottes!
BJ|0|1|4|0|Ich ersuche Dich daher durch dieses Schreiben, Dich zu mir zu bemühen, um die Krankheit, die ich habe, zu heilen!
BJ|0|1|5|0|Ich habe auch gehört, dass die Juden wider Dich murren und Dir Böses zufügen wollen. – Ich aber habe eine zwar kleine, aber wohlgeordnete Stadt, welche für uns beide hinreichend sein wird. Daher komme Du, mein überaus hochgeachtetster Freund Jesus, zu mir und bleibe bei mir in meiner Stadt und in meinem Land; da sollst Du von jedermann auf Händen und im Herzen getragen sein. – Ich erwarte Dich mit der größten Sehnsucht meines Herzens!
BJ|0|1|6|0|Gesandt durch meinen treuesten Knecht Brachus.
BJ|0|1|7|1|Antwort des Herrn auf diesen Brief des Königs Abgarus.
BJ|0|1|7|0|Abgarus, du bist selig, weil du Mich nicht gesehen und doch an Mich geglaubt hast; denn siehe, es steht von Mir geschrieben, dass die, welche Mich gesehen haben, nicht an Mich glauben werden, auf dass die, welche Mich nicht gesehen haben, glauben und leben mögen in Ewigkeit!
BJ|0|1|8|0|Was aber das betrifft, darum du Mir schriebst, dass Ich solle zu dir kommen, da Ich hier im Judenland verfolgt werde, da sage Ich dir: Es ist nötig, dass alles das, um dessentwillen Ich gekommen bin in die Welt, an diesem Ort an Mir erfüllt werde und dass Ich, nachdem dieses alles in der Kürze an Mir erfüllt wird, zu Dem aufsteigen werde, von Dem Ich ausgegangen bin von Ewigkeit!
BJ|0|1|9|0|Sei aber geduldig in deiner leichten Krankheit. – So Ich aber in den Himmel werde aufgenommen sein, da werde Ich einen Jünger zu dir senden, damit er deine Krankheit heile und dir und allen, die bei dir sind, die wahre Gesundheit gebe!
BJ|0|1|10|0|Geschrieben durch Jacobum, einen Jünger des Herrn Jesu Christi, und übersandt durch Brachum, des Königs Boten aus der Gegend Genesareth.
BJ|0|1|11|0|Bald darauf, als Abgarus vom Herrn Jesu die überhimmlische Antwort erhielt, begab es sich, dass dieses Königs ältester Sohn und Thronfolger in eine tödliche Leibeskrankheit verfiel, zu der alle Ärzte in Edessa sagten, dass sie unheilbar ist. Das brachte den armen Abgarus nahe zur Verzweiflung. In solcher seiner übergroßen Betrübnis schrieb er diesen folgenden zweiten Brief (nächstes Kapitel d. Ed.) an den guten Heiland Jesus, welcher Brief also lautete:
BJ|0|2|1|0|Abgarus, ein armseliger Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heiland, der erschienen ist in dem Land um Jerusalem, alles Heil und alle Ehre Gottes!
BJ|0|2|2|0|O Jesu, Du guter Heiland! Siehe, mein ältester Sohn, der Thronerbe, der sich mit mir über die Maßen auf Deine Ankunft in meiner Stadt freute, ist todeskrank geworden; ein böses Fieber hat sich seiner bemächtigt und droht ihn in jedem Augenblick zu töten! – Ich aber weiß es, wie es mir der Bote beteuert hat, dass Du derlei Kranke ohne Arznei bloß durch Worte und Willen in die Ferne heilst! O Jesus, Du guter Heiland, Du wahrhaftiger Sohn des allerhöchsten Gottes, der Du sicher bist – lasse also meinen Sohn, der Dich so sehr liebt, dass er für Dich sogar in den Tod gehen möchte, wieder gesund werden durch Dein mächtiges Wort und Willen!
BJ|0|2|3|0|O Jesus, Du guter Heiland! Bescheide mich, der ich auch krank bin, nur diesmal nicht auf die Zeit nach Deiner mir verkündeten Himmelfahrt; sondern helfe, helfe, helfe sogleich meinem Sohn!
BJ|0|2|4|0|Geschrieben in meiner Stadt Edessa, übersandt durch den früheren getreuen Boten.
BJ|0|2|5|1|Darauf folgte folgende Antwort von Seite des Herrn Jesus; und diese Antwort lautete also:
BJ|0|2|5|0|Abgarus, groß ist dein Glaube, und darum könnte es mit dem Sohn wohl besser werden; aber da Ich bei dir habe Liebe gefunden, mehr als in Israel, so will Ich dir auch mehr tun, als so du nur allein geglaubt hättest.
BJ|0|2|6|0|Siehe, Ich, der Herr von Ewigkeit, nun ein Lehrer der Menschen und ein ewiger Befreier vom ewigen Tod, werde deinem Sohne das ewige Leben schenken vor Meiner Auffahrt, da er Mich ungesehen und ungekannt vor Meinem bevorstehenden Leiden für alle Menschen aus seinem ganzen Herzen geliebt hat. Und so wirst du, Mein lieber Abgarus, wohl deinen Sohn dem Leib nach verlieren in der Welt, aber dem Geist nach tausendfach gewinnen in Meinem ewigen Reich!
BJ|0|2|7|0|Glaube aber ja nicht, dass dein Sohn, so er sterben wird, im Ernst sterben wird! – Nein, nein; sondern wann er stirbt, da erst wird er erwachen vom Todesschlaf dieser Welt zum wahren, ewigen Leben in Meinem Reich, welches ist geistlich und nicht leiblich!
BJ|0|2|8|0|Darum lasse dich nicht betrüben in deiner Seele; denn sieh und schweig, Ich allein bin der Herr, und außer Mir ist keiner mehr; darum tue Ich frei, was Ich tue, und niemand kann zu Mir sagen: Tue das oder tue das nicht!
BJ|0|2|9|0|Was Ich aber nun tue und es zulasse, dass Ich wie ein schwacher Mensch verfolgt werde, das habe Ich schon ehedem vorgesehen, als noch die Erde gegründet war und eher, als Sonne, Mond und Sterne vom Himmel herab der Erde leuchteten! – Denn Ich ging darum aus von Meinem Vater, der in Mir ist, wie Ich in Ihm; der Vater aber ist das Höchste, denn Er ist Meine Liebe, Mein Wille; der Geist aber, der aus Mir und dem Vater geht, wirkend von Ewigkeit zu Ewigkeit, ist das Heiligste; und das alles bin Ich, der dir nun solches offenbart!
BJ|0|2|10|0|Darum betrübe dich nicht, da [du] nun weißt, wer Der ist, der dir nun solches veroffenbart hatte! Schweig jedoch bis dahin davon, da Ich werde am Pfahl erhöht werden vor den Juden, davon dir sobald Kunde wird; denn sonst würde die Welt vor der Zeit fallen!
BJ|0|2|11|0|In diesen Tagen aber wird ein armer Jüngling in deine Stadt kommen. Diesen nehme auf und tue ihm Gutes, so wirst du darob Mein Herz erfreuen, darum Ich deinem Sohn eine so große Gnade erweise und ihn ob seiner Liebe vor Mir dahin gehen lasse, da Ich hingehen werde nach der Erhöhung am Pfahl. – Amen.
BJ|0|2|12|0|Geschrieben zu Canä in Galiläa durch den Jünger Johannes und übersandt durch des Königs Boten.
BJ|0|3|1|0|Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heiland, der im Land um Jerusalem erschienen ist, alles Heil in Ewigkeit.
BJ|0|3|2|0|Aus Deinem herrlichen Gnadenbrief, den Du, o Herr, Herr Gott von Ewigkeit, mir bestaubtem Wurm vor diesem meinem jetzt an Dich gerichteten Schreiben allergnädigst zugesandt hast zu meinem und meines Sohnes übergroßem Trost, habe ich klarst ersehen, dass in Dir die höchste Liebe wohnen muss. Denn sonst wäre es rein unmöglich, dass Du, als der einige Herr aller Himmel wie dieser Erde, mir, einem Wurm vor Dir, meines Dich über alles liebenden Sohnes wohlgedenkend, einen so allmächtig wirkenden Trost hättest können zukommen lassen! – Ich kann Dir, o Herr, dafür doch wohl nichts anderes tun als, vor Deinem allerheiligsten Namen in den Staub meiner Nichtigkeit sinkend, Dir meinen und meines Sohnes Dank darbringen. Nimm diesen unsern heißesten Dank als ein Pfand unserer heißesten Liebe gnädigst an und gedenke unser allezeit in Deiner für mich unbegreiflichen Milde.
BJ|0|3|3|0|Meines sehr kranken Sohnes Liebe zu Dir hat mir ein liebes Begehren nach Dir vor ein paar Tagen kundgetan. Herr, vergebe es mir, so ich es Dir durch dieses Schreiben wieder kundtue! – Wohl weiß ich es, dass Dir unsere Gedanken schon eher bekannt sind, als ich und mein Sohn sie noch gedacht haben; aber dem ungeachtet schreibe ich Dir, als wie man einem Menschen schreibt, und tue das nach dem Rat jenes von Dir mir anempfohlenen armen jungen Menschen, der sich nun schon bei mir festgehalten befindet, der da mir sagte, dass ja jedermann so zu Dir kommen müsse, der von Dir etwas erhalten will!
BJ|0|3|4|0|Dieser junge Mensch gab vor, Dich gesehen zu haben. Er hat eine zwar sehr einfache, aber sonst, wie es mir vorkommt, sehr richtige und treffende Darstellungsgabe. Dieser junge Mensch, seiner Fähigkeit zufolge mir sehr teuer, beschrieb uns jüngst zu unserer größten Freude Deine Gestalt auf eine so anschauliche Weise, dass ich und mein Sohn, der noch lebt, aber wohl schon höchst schwach ist, Dich förmlich zu sehen glaubten. In meiner Stadt aber lebt ein sehr großer Künstler in der Malerkunst. Dieser malte mir sogleich nach der Darstellung des jungen Menschen Deinen Kopf mit der Brust. Mich und meinen Sohn überraschte dieses Bild umso höchst erfreulicher, als mir der arme junge Mensch beteuerte, dass Du, o Herr, gerade also aussehest!
BJ|0|3|5|0|Darum aber habe ich nun auch diese Gelegenheit benützt, durch den treuen Überbringer dieses meines gebührenden Dankschreibens Dir Dein eigen Bild zu übersenden, auf dass Du es selbst besehen möchtest und mir dann kundtun durch den Boten, ob dieses Bild Dir wohl gleichsieht?
BJ|0|3|6|0|O Herr Jesus, Du guter Heiland aller Menschen, zürne uns ja nicht darob; denn nicht eine verächtliche Neugierde, nein, sondern reine, übergroße Liebe zu Dir trieb uns dazu, uns dies allerteuerste Kleinod unseres Herzens also anfertigen zu lassen, auf dass wir von Dir uns doch irgendeine Vorstellung machen können, der Du unsere Herzen bis in die tiefste Tiefe mit Deiner Liebe erfüllt hast und bist geworden unser größter Reichtum, unser größter Trost und unseres Herzens köstlichster Brautschmuck im Leben und im Tod!
BJ|0|3|7|0|O Herr, höre ja nimmer auf, unser in Deinem Herzen zu gedenken; Dein für uns heiliger Wille geschehe!
BJ|0|3|8|1|Antwort des Herrn Jesus an den König Abgarus, die erfolgt ist durch denselben Boten des Königs in zehn Tagen.
BJ|0|3|8|0|Meinen Segen, Meine Liebe und Meine Gnade dir, Mein geliebter Sohn Abgarus!
BJ|0|3|9|0|Ich sagte hier in Judäa wohl oft zu denen, denen Ich von allerlei Übeln des Leibes geholfen habe: Siehe, das hat dir dein Glaube getan! Aber noch keinen habe Ich gefragt: Liebst du Mich? Und noch keiner hat es Mir aus der Tiefe seines Herzens gesagt: Herr! Ich liebe Dich!
BJ|0|3|10|0|Du aber glaubtest lange schon zuvor, ohne Mich gesehen zu haben, dass Ich der Einige es bin, und nun liebst du Mich schon wie einer, der lange schon wiedergeboren wäre aus dem Feuer des Geistes.
BJ|0|3|11|0|O Abgarus! Abgarus! Wüsstest du und könntest du es fassen, wie sehr Ich dich darum liebe und welch eine große Freude du Meinem ewigen Vaterherzen machst, dich würde die zu große Seligkeit dessentwegen erdrücken, dass du nimmer leben könntest!
BJ|0|3|12|0|Sei aber standhaft bei allem, was du mit der Zeit von den bösen Juden von Mir hören wirst, die Mich bald in die Hände der Henker übergeben werden. So du aber das hören wirst und wirst dich nicht ärgern darob, so wirst du geistig nach deinem Sohn der Erste sein, der lebendigen Anteil an Meiner Auferstehung vom Tod haben wird.
BJ|0|3|13|0|Wahrlich, wahrlich sage Ich dir: Die da glauben Meiner Lehre, dass sie von Gott ist ausgegangen, die sollen auferweckt werden am jüngsten Tag, allda ein jeder sein rechtes Gericht finden wird. Aber die Mich wie du lieben, die werden den Tod nimmer schmecken; sondern wie schnell da ist der schnellste Gedanke, also schnell auch werden sie aus diesem Leben des Leibes in das allerhellste ewige Leben verklärt werden und werden Wohnung nehmen bei Mir, ihrem Vater von Ewigkeit! – Solches behalte aber jedoch sorgfältig bei dir geheim, bis Ich werde auferstanden sein!
BJ|0|3|14|0|Dann aber wird alsbald ein Jünger zu dir kommen, wie Ich dir schon im ersten Brief verheißen habe, und wird, bis auf deinen Sohn, der vor Mir gehen wird ohne Schmerz in Mein Reich, dich und dein ganzes Haus gesund machen leiblich und geistlich.
BJ|0|3|15|0|Ob der Ähnlichkeit zwischen Meiner Außengestalt und deinem Mir durch deinen Boten zugesandten Bild wird dich dein Bote, der Mich nun schon zum dritten Mal sah, auf das getreueste benachrichtigen. Wer ein Bild in deiner Absicht von Mir will, dem sei es keine Sünde, denn da erduldet die Liebe ja alles. Aber wehe denen, die Mich zu einem Götzen gestalten werden. Halte aber auch das Bild geheim!
BJ|0|3|16|0|Geschrieben in Judäa durch Meiner Jünger einen, der Meinem Herzen nahe ist, und übersandt wieder durch denselben Boten.
BJ|0|3|17|0|Mein Heil deinem Hause. Amen.
BJ|0|4|18|1|Vierter Brief des Königs Abgarus an den Herrn, der sieben Wochen später als der dritte geschrieben ward.
BJ|0|4|1|0|Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heiland, der im Land um Jerusalem erschienen ist und nun verfolgt wird von einem Ende zum andern von den dummen, blinden Juden, die nicht erkennen das heilige Urlicht, die Sonne der Sonne in ihrer Mitte, alles Heil!
BJ|0|4|2|0|O Du mein guter Heiland Jesus! Nun ist geschehen in der Wirklichkeit an meinem lieben Sohn, das Du, o Herr, mir im zweiten Brief vorgesagt hast. Er ist vor ein paar Tagen gestorben und hat mich am Totenbett noch angelegentlichst mit vielen Tränen im Auge gebeten, ich möchte Dir mit diesem Schreiben seinen innigsten Dank ausdrücken dafür, dass Du ihn wirklich so ganz ohne Schmerzen und ganz ohne Furcht vor dem Tod des Leibes hast gnädigst dahinscheiden lassen.
BJ|0|4|3|0|Dein Bild hat er wohl bei tausend Mal an sein Herz gedrückt, und sein letztes Wort war: „O Du mein guter Vater Jesus! O Jesus, die ewige Liebe, der Du allein das wahre Leben bist von Ewigkeit! Du, der Du jetzt wie eines Menschen Sohn wandelst unter denen, die Deine Allmacht ins Dasein rief und ihnen Gestalt und Leben gab – Du allein, ja Du bist meine Liebe in Ewigkeit! – Ich lebe, ich lebe, ich lebe durch Dich in Dir ewig!!!“
BJ|0|4|4|0|Nach diesen Worten verschied mein lieber Sohn! Wohl wirst Du, o Herr, es wissen, dass da so das irdische Ende meines Sohnes war und dass ich und mein ganzes Haus viel geweint haben um ihn. Aber dennoch schreibe ich Dir dieses wie ein Mensch dem Menschen, dieweil es also mein sterbender Sohn vor seinem irdischen Ende sehnlichst gewünscht hatte.
BJ|0|4|5|0|O Herr, vergib mir armem Sünder vor Dir, so ich Dir nun schon durch ein viertes Schreiben zur Last werde und Dir, o Herr, vielleicht irgendeine Störung in Deinem allerheiligst wichtigsten Geschäft bewirke.
BJ|0|4|6|0|Schließlich wage ich noch die Bitte diesem Schreiben anzufügen, dass Du Deinen Trost mir nicht entziehen möchtest! Denn siehe, mich hat nun nach meinem Sohn dennoch eine große Traurigkeit befallen, der ich bei meinem festesten und wie möglich besten Willen nicht ledig werden kann. Daher bitte ich Dich, Du guter Heiland, Du bester Vater von Ewigkeit, Du wollest von diesem großen Schmerz mich frei machen, aber nicht mein, sondern Dein heiliger Wille geschehe!
BJ|0|4|7|1|Kurze Antwort des Herrn auf diesen Brief in griechischer Zunge, da die früheren in jüdischer Zunge abgefasst waren.
BJ|0|4|7|0|Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Was deinen Sohn betrifft, so weiß Ich alles, und es ist mir überaus lieb, dass es mit ihm ein so schönes Ende für diese Welt, aber einen noch bei weitem schöneren Anfang in Meinem Reich genommen hat.
BJ|0|4|8|0|Du aber tust wohl daran, so du um ihn ein wenig trauerst, denn siehe, der Guten gibt es wenige auf der Welt. Die aber da sind wie dein Sohn, die sind wohl einer Nachtrauer wert.
BJ|0|4|9|0|Siehe, auch Ich weine deinem Sohn eine köstliche Träne nach! – So ward alle Welt aus einer Träne aus Meinem Auge, und so wird der neue Himmel auch wieder gestaltet!
BJ|0|4|10|0|Ich sage dir, dass da gute Tränen von einem übergroßen Wert im Himmel sind. Denn mit diesen allerköstlichsten Juwelen wird der Himmel geziert in Ewigkeit. Aber mit bösen Hass-, Neid- und Zorntränen wird die Hölle in ihren Festen gestärkt.
BJ|0|4|11|0|Daher sei dir das der größte Trost, dass du trauerst um den Guten. Behalte aber diese Trauer noch eine Kürze, bis du nach Mir trauern wirst eine Kürze; dann wird dich Mein Jünger frei von allem machen.
BJ|0|4|12|0|Sei aber fortan sehr barmherzig, so wirst du auch eine große Erbarmung finden. Vergiss die Armen nicht; diese sind allzumal Meine Brüder, was du ihnen tust, das tust du Mir, und Ich werde es dir vergelten hundertfältig.
BJ|0|4|13|0|Suche das Große, das ist Mein Reich, so wird dir auch das Kleine dieser Welt zukommen; so du aber suchtest das Kleine, da könntest du des Großen nicht wert erachtet werden.
BJ|0|4|14|0|Du aber hast einen Verbrecher, der nach deinem weisen Gesetz den Tod verdient hat. Ich aber sage dir, Liebe und Erbarmung stehen höher denn Weisheit und Gerechtigkeit. Handle daher mit ihm nach der Liebe und nach der Erbarmung, so wirst du eins sein mit Mir und mit dem Vater, dem, der in Mir ist und von dem Ich ausgehe als Mensch dir gleich. Amen.
BJ|0|4|15|0|Von Mir Selbst geschrieben zu Kapharnaum und übersandt durch deinen Boten.
BJ|0|5|16|1|Der fünfte Brief des Königs Abgarus an den Herrn Jesus, um drei Wochen später, als die Antwort des Herrn auf den vierten Brief ankam.
BJ|0|5|1|0|Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heiland, der im Judenland um Jerusalem erschienen ist als das Urlicht, als die ewige Urkraft, die alles neu umschaffet – Himmel, Welten, Wesen – und nicht erkannt wird von den Ersten, die berufen sind, wohl aber von denen, die bereits Tausende von Jahren in der Finsternis schmachteten – alles Heil von uns Kindern der Nacht!
BJ|0|5|2|0|O Herr! Welcher Sterbliche kann wohl (fassen d. Ed.) die Größe Deiner Liebe zu uns Menschen, die wir nur Deine Geschöpfe sind, aus welcher Liebe Du nun alles neu gestalten willst, und willst aber dabei Selbst einen Weg wandeln, der nach meinen menschlichen Begriffen für Gott fast unmöglich und undenkbar zu sein scheint.
BJ|0|5|3|0|Bist Du auch hier auf dieser Erde, die Du mit einem Hauch verwehen könntest, als ein ganz einfacher Mensch unter den Menschen gegenwärtig, so regierst und erhältst Du aber aus Deinem innersten Gottwesen dennoch die ganze Unendlichkeit; und jeder Staub der Erde, jeder Tropfen im Meere, Sonne, Mond und alle zahllosen Sterne horchen der Allmachtstimme Deines Herzens, das da der ewige Mittelpunkt aller Dinge und Wesen in der ganzen Unendlichkeit ist.
BJ|0|5|4|0|O wie endlos selig müssen Deine Jünger sein, so sie Dich am hellsten Tag ihres Geistes nur so erkennen wie ich armer Sünder aus meiner Nacht!
BJ|0|5|5|0|O wäre ich nur nicht lahm an meinen Füßen, wie lange schon wäre ich bei Dir! So aber sind meine elenden Füße mir ein Hindernis zu meiner größten Seligkeit geworden. Aber das alles ertrage ich nun gerne, weil Du, o Herr, mich nur insoweit würdig befunden hast, mit mir armem, dummem Tropf brieflich zu reden und mich über so viele Wunderdinge zu belehren, über die man freilich wohl nur von Dir, o Herr, nie aber von einem Menschen belehrt werden kann.
BJ|0|5|6|0|Was wusste ich wohl früher von einem Leben nach dem Tod? – Alle Weisen der Welt hätten mir dieses Rätsel nicht enthüllt; denn all unsere Vielgötterlehre hat wohl eine dichterische Unsterblichkeit, die aber ebenso wenig der Wirklichkeit gleicht wie ein leerer Traum dem andern, in dem man bald auf dem Meer zu Fuß geht und fährt übers Land zu Schiff.
BJ|0|5|7|0|Du, o Herr, aber hast es mir im Wort und in der Tat gezeigt, wie nach dem Tod dieses unseres sehr gebrechlichen Leibes erst ein vollkommenstes, wahrhaftiges, freiestes Geistesleben seinen Anfang nimmt und nimmerdar verändert wird ewig.
BJ|0|5|8|0|Aus diesem Grund aber habe ich es mir nun auch zur unerlässlichen Aufgabe gemacht, Dir, o Herr, für diese endlos große Gnade durch dieses Schreiben meinen gebührendsten Dank darzubringen, der freilich gegen diese Deine endlos große Gnade in das reinste Nichts zerfällt.
BJ|0|5|9|0|Aber was, o Herr, konnte ich Dir auch geben, das Du mir nicht zuvor gegeben hättest!?
BJ|0|5|10|0|Ich denke, ein rechter Dank aus dem Herzen scheint mir noch das dem Menschen am meisten Eigenste zu sein, weil der Undank sicher sein volles Eigentum ist. Daher auch kann ich, o Herr, Dir nichts darbringen als eben meinen geringen Dank – aber dennoch mit der vollsten Versicherung, dass ich nun bereit bin, in meinem kleinen Staat alles sogleich einzuführen, was Du, o Herr, mir gnädigst gebieten möchtest – also wie ich nach Deinem Wunsch den großen Staatsverbrecher nicht nur alsogleich aus dem Kerker heben, sondern ihn auch alsogleich in meine Schule und an meinen Tisch bringen ließ.
BJ|0|5|11|0|Ob ich daran recht getan habe oder habe da etwa nicht, wie man zu sagen pflegt, des Guten zu viel getan, das zu beurteilen reicht mein menschlicher Verstand nicht hin. Darum komme ich, o Herr, auch in diesem Stück zu Dir mit diesem Schreiben, dass Du mir darüber die rechte Weisung gnädigst erteilen möchtest.
BJ|0|5|12|0|Meine Liebe, meinen Dank und meinen kindlichsten Gehorsam Dir, o Herr Jesus, ganz allein; Dein Wille geschehe!
BJ|0|5|13|1|Ganz kurze Antwort des Herrn auf diesen Brief des Abgarus.
BJ|0|5|13|0|Höre du, Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Ich habe nun bei 72 Jünger, darunter zwölf Apostel; aber alle zusammen haben nicht solche Sehkraft wie du allein, der du ein Heide bist und Mich nie gesehen hast und nicht all die vielen Wunder seit Meiner Menschwerdung, seit Meiner Geburt.
BJ|0|5|14|0|Darum sei auch der besten Hoffnung; denn siehe, es wird geschehen, dass Ich den Kindern das Licht nehmen werde und werde es in der Fülle geben euch Heiden! Denn siehe, erst vor kurzem habe Ich unter den hier mitunter lebenden Heiden, Griechen und Römern Glauben gefunden, desgleichen in ganz Israel nicht anzutreffen ist. Liebe und Demut aber sind nun unter den Juden ganz fremde Eigenschaften des menschlichen Herzens geworden, während Ich sie nicht selten unter euch im Vollmaß antreffe.
BJ|0|5|15|0|Siehe, darum werde Ich es den Kindern nehmen und werde es euch geben, das ist all Mein Reich zeitlich und ewig; die Kinder aber sollen sich nähren vom Unflat der Welt.
BJ|0|5|16|0|Du möchtest Meinen Willen in deinem Staat zum Gesetz machen. – Das wird sich vorderhand noch nicht tun, denn siehe, es gehört zu allem eine gewisse Reife. Aber Mein Gesetz ist nichts als Liebe. Willst du schon in deinem Staat etwas von Mir einführen, so führe dieses Gesetz ein, dann wirst du mit Meinem Willen ein leichtes Werk haben. Denn siehe, Mein Wille und Mein Gesetz sind so vollends eins, wie da Ich und der Vater vollends eins sind.
BJ|0|5|17|0|Freilich liegt dann in Meinem Willen noch so manches, was du nun nicht fassen könntest. Wenn aber Mein Jünger zu dir kommen wird, der wird dich in alles leiten. Und so du durch ihn auf Meinen Namen getauft wirst, dann wird der Geist Gottes über dich kommen und wird dich selbst in allen Dingen unterweisen.
BJ|0|5|18|0|Mit dem Verbrecher hast du vollends recht getan. Denn siehe, Ich tue mit euch Heiden ja dasselbe. Deine Tat aber sei dir eben ein guter Spiegel dessen, das Ich schon tue und später in der Fülle tun werde.
BJ|0|5|19|0|Das zu deiner Ruhe und zu deinem Segen. Amen.
BJ|0|6|20|1|Sechster Brief des Königs Abgarus, den er zehn Wochen später an den Herrn geschrieben hat.
BJ|0|6|1|0|Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heiland, alles Heil, der um Jerusalem erschienen ist, ein Heil allen Völkern, die eines guten Herzens sind und haben den rechten Willen, nach Seinem Wort ihr Leben einzurichten.
BJ|0|6|2|0|O Herr, vergib mir meine große Dreistigkeit und mein schon wahrhaft unverschämtes Zudringen zu Dir. Aber Du weißt es ja, dass gute Ärzte bei den Menschen stets in größtem Ansehen gestanden sind, weil sie allezeit noch in den Dingen der Natur die sichersten Kenntnisse besaßen, darum sich bei großen Erscheinungen in der Natur jedermann gerne an sie wendete, um von ihnen einen wennschon matten Aufschluss zu erhalten.
BJ|0|6|3|0|Um wie endlos höher über alle naturkundigen Ärzte der Welt stehst Du in meinen Augen, der Du nicht nur Arzt in allen Dingen, sondern auch zugleich Schöpfer und Herr aller Natur bist von Ewigkeit!!! Dir kann ich daher nun ganz allein meine gegenwärtige sonderbare Staatsnot vortragen und Dich dann aus aller Tiefe meines Herzens um die gnädige Abwendung dieser sonderbaren Not anflehen.
BJ|0|6|4|0|Siehe, wie Du es sicher vom Grunde schon lange weißt, ist vor zehn Tagen hier ein kleines Erdbeben verspürt worden, welches, Dir ewig Dank, ohne besondere Spuren vorüberging. Ein paar Tage nach diesem Erdbeben fing alles Wasser an, trüb zu werden, und jeder Mensch, der das Wasser trank, bekam Kopfschmerzen und ward darauf ganz unsinnig!
BJ|0|6|5|0|Ich gab da sogleich ein strenges Gebot heraus, dass da niemand in meinem ganzen Land das Wasser so lange gebrauchen darf, bis ich es wieder zu gebrauchen gebieten werde. Unter der Zeit aber sollen alle meine Staatsbürger zu mir nach Edessa kommen, allwo sie Wein und Wasser unterdessen bekommen werden, das ich nun für den Zweck auf großen Schiffen eigens von einer ziemlich entfernten griechischen Insel holen lasse.
BJ|0|6|6|0|Ich glaube, weil mich zu dieser Handlung rein nur die Liebe zu meinem Volk und die wahrste Erbarmung über dasselbe antrieb, keine schlechte Tat begangen zu haben. Darum bitte ich Dich, o Herr, in aller Demut und Zerknirschtheit meines Herzens, Du wollest mir und meinem Volk aus dieser Not helfen!
BJ|0|6|7|0|Denn siehe, es will sich das Wasser nicht klären, und dessen tolle Wirkung ist stets die gleiche. O Herr, ich weiß, dass Dir alle guten und bösen Kräfte und Mächte untertan sind und müssen weichen Deinem Wink; daher bitte ich Dich, Du wollest Dich gnädigst meiner erbarmen und mich wegen des armen Volkes befreien von dieser Plage. Dein göttlicher heiliger Wille geschehe!
BJ|0|6|8|0|Als der Herr diesen Brief gelesen hatte, erregte Er Sich tief in Seinem Innern und sprach laut wie ein Donner: „O Satana, Satana! Wie lange willst du Gott, deinen Herrn, noch versuchen!? Was tat dir, du ärgste Schlange, dies arme, gute Völklein, dass du es also scheußlich plagst?
BJ|0|6|9|0|Auf dass du wieder erfahrest, dass Ich dein Herr es bin, so habe es in diesem Land von diesem Augenblick an ein Ende mit deiner Bosheit. Amen.
BJ|0|6|10|0|Hast du dir einst nicht bloß der Menschen Fleisch bedungen, es zu proben, das Ich dir gestattete wie bei Hiob; was machst du mit Meiner Erde?! – Hast du Mut, so greife Mich an; aber Meine Erde und die Menschen, die Mich in ihren Herzen tragen, lasse in der Ruhe bis zur Zeit, die Ich dir zur allerletzten Freiheitsprobe gönnen werde.“
BJ|0|6|11|1|Nach dieser Exklamation (Ausruf d. Ed.) erst hieß Er einen Jünger folgende Worte an den Abgarus richten, die also lauteten:
BJ|0|6|11|0|Mein lieber Sohn und Bruder Abgarus! Diesen argen Streich hat dir nicht dein Feind, sondern allein Mein Feind gespielt; du jedoch kennst diesen Feind nicht; Ich aber kenne ihn schon gar lange.
BJ|0|6|12|0|Dieser Mein Feind ist der alte unsichtbare Fürst dieser Welt und hatte bisher eine große Macht nicht nur auf dieser Erde, die sein Haus ist, sondern auch in den Sternen. Allein seine Macht wird nur noch eine kurze Zeit dauern, und bald wird der Fürst dieser Welt geschlagen werden.
BJ|0|6|13|0|Du aber fürchte ihn nimmerdar; denn für dich und dein Volk habe Ich ihn nun geschlagen. Gebrauche daher nun ganz ruhig das Wasser deines Landes, denn es ist in diesem Augenblick rein und gesund geworden.
BJ|0|6|14|0|Siehe, dieweil du Mich liebst, ist dir Arges begegnet. Weil aber deine Liebe zu Mir mächtiger ward in der Bedrängnis, so hat deine Liebe gesiegt über alle Macht der Hölle, und du bist nun für allezeit frei vor solchen höllischen Ausgeburten!
BJ|0|6|15|0|Daher wird es kommen, dass der Glaube großen Versuchungen preisgegeben wird und wird durch Feuer und Wasser wandeln müssen. Aber das Feuer der Liebe wird das Glaubensprobefeuer ersticken und das Wasser mit seiner Allgewalt verdampfen.
BJ|0|6|16|0|Wie es aber nun deinem Land natürlich ergangen ist, so wird es dereinst vielen aus Meiner Lehre ergehen geistig; sie werden auch sehr unsinnig werden, die aus den Pfützen der falschen Propheten trinken werden.
BJ|0|6|17|0|Meine Liebe, Meinen Segen und Meine Gnade dir, Mein Bruder Abgarus. Amen.
BJ|0|7|18|1|Siebter und letzter Brief des Königs Abgarus an den Herrn Jesu, den er neun Wochen nach dem Empfang der sechsten Antwort an den Herrn schrieb und der fünf Tage vor dem Einzug in Jerusalem an den Herrn gelangte.
BJ|0|7|1|0|Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa, Jesu, dem guten Heiland, alles Heil, der erschienen ist in der Gegend um Jerusalem, ein Heil allen Völkern, ein Herr und ein gesalbter König von Ewigkeit, ein Gott aller Kreatur, aller Menschen und aller Götter, der guten wie der bösen!
BJ|0|7|2|0|O mein Gott, o mein Herr, o Du alleiniger Erfüller meines Herzens und vollster Inbegriff aller meiner Gedanken! Ich weiß es zwar wohl schon aus Deinem ersten gnädigsten Brief an mich, dass mit Dir nach Deinem eigenen unbegreiflichen Ratschluss das alles geschehen muss, das eben die jerusalemitischen Juden mit Dir vorhaben.
BJ|0|7|3|0|Ich kann es mir wohl auch dunkel vorstellen, dass das alles schon so wird sein müssen. Aber dass sich mein Dich nun über alles liebendes Herz gegen das sträubet, von meiner menschlichen Seite betrachtet, das wirst Du, o Herr, sicher noch besser einsehen als ich, ein schwacher Mensch. Dass ich aber vollen Grund habe, Dir, o Herr, solches zu berichten, wird die Folge zeigen im Verlauf dieses meines Schreibens.
BJ|0|7|4|0|Siehe, ich als ein römischer Vasall, ein naher Verwandter Tiberii (Tiberius d. Ed.), der da Kaiser (Cäsar) in Rom ist, habe auch in Jerusalem meine römischen getreuen Beobachter, die besonders ein scharfes Auge auf das dortige überaus hochmütige Priestertum haben. Diese meine Beobachter haben mir genau berichtet, was diese stolzen, übermütigen Priester und Pharisäer mit Dir vorhaben.
BJ|0|7|5|0|Sie wollen Dich nicht nur nach ihrer Art steinigen oder verbrennen; nein, das ist ihnen viel zu wenig, sondern sie wollen an Dir ein Exempel der allerunmenschlichsten Grausamkeit statuieren! – Höre, o Herr! Diese Bestien in Menschengestalt wollen Dich an das Kreuz mit scharfen Nägeln heften lassen und Dich so lange daran hängen lassen, bis Du langsam vor den ungeheuersten Schmerzen stürbest am Schandpfahl, und dieses Meisterstück menschlicher Bosheit wollen sie an diesem bald kommenden Osterfest ausführen!
BJ|0|7|6|0|Herr, sei es, wie es wolle; aber mich hat es bis ins Innerste empört! Ich weiß, wie diese rein sinnlichen und herrschsüchtigen Bestien Dich gar nicht darum töten wollen, weil Du Dich als ihren verheißenen Messias ausgibst vor dem Volk. O das würde diese priesterliche Hyänenbrut wenig kümmern; denn ich weiß es nur zu gut, dass sie bei sich weder an einen Gott noch viel weniger an Dich glauben und machen sich unter sich aus einer Gotteslästerung wenig daraus.
BJ|0|7|7|0|Aber sie haben einen ganz anderen Plan. Siehe, diese Bestien wissen, dass sie von Rom ihrer geheimen Konspirationen wegen mit allen Argusaugen beobachtet werden. Und der sehr scharfsüchtige (scharfrichterliche d. Ed.) Pilatus hat einen solchen hohepriesterlichen Aufstandsversuch, so fein er auch angelegt war, schon im vorigen Jahr genau durchschaut und hat, wie Du es weißt, bei fünfhundert Arme und auch Wohlhabende, zumeist leider Galiläer, vor dem Vorhof ergreifen und sogleich enthaupten lassen, wodurch er sich freilich die Feindschaft des Herodes zuzog, da das meistens seine Untertanen getroffen hat.
BJ|0|7|8|0|Dieses Beispiel wirkte stark erschütternd auf die Gemüter der Templer. Um die lästige Scharte auszuwetzen, haben sie nun Dich ausersehen, wollen Dich als einen Staatsrebellen beim Pontius anklagen und Dich auch als den Haupträdelsführer des vorjährigen Aufstandes bezeichnen, um sich auf diese Art vor dem römischen Hof weißzuwaschen und dadurch Roms lästige Argusaugen von sich abzuwenden, um dann wieder leichter ihre Hochverratspläne zu schmieden, was ihnen aber auf keinen Fall gelingen wird. Du siehst es ohne dies mein Schreiben auch, und endlos besser, dass sie von Rom aus auf ein Haar durchschaut sind.
BJ|0|7|9|0|Willst Du, o Herr, einen Dienst von mir, Deinem innigsten Freunde und Anbeter, so sende ich darob sogleich Eilboten nach Rom und an Pontius, und ich stehe Dir dafür, dass diese Bestien in gleicher Zeit in dieselbe Grube fallen werden, die sie Dir bereitet haben!
BJ|0|7|10|0|Doch da ich Dich, o Herr, nur zu wohl kenne und wohl weiß, dass Du keines Menschen Rates bedarfst, so wirst Du wohl tun, was Dich am besten deucht. Ich als Mensch aber habe das als eine meiner ersten Pflichten angesehen, Dir die Sache also getreu kundzugeben, wie sie sich auf ein Haar also und nicht anders verhält, verbunden mit meinem innigsten Dank für Deine Gnade, die Du mir und meinem Volk erwiesen hast!
BJ|0|7|11|0|O Herr, lasse mich wissen, was ich hier für Dich tun soll! – Dein allzeit heiliger Wille geschehe!
BJ|0|7|12|1|Ganz kurze Antwort des Herrn.
BJ|0|7|12|0|Höre, Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus, es verhält sich richtig alles genau also, wie du Mich nun benachrichtigt hast; aber dessen ungeachtet muss mit Mir alles also geschehen, weil sonst kein Mensch ewig je das ewige Leben erreichen könnte, was du jetzt freilich nicht einsiehst, aber in der Kürze dieses große Geheimnis einsehen wirst.
BJ|0|7|13|0|Daher lasse vorderhand deine Mir freundlichst dargebotenen Schritte für Meine Rechtfertigung. Denn sie würden da wenig fruchten, wo des Vaters ewige Macht waltet, der in Mir ist und Ich als ein Mensch von Ihm ausgegangen bin.
BJ|0|7|14|0|Darum erschrecke dich Mein Kreuz ja nicht, an das Ich geheftet werde; denn siehe, gerade dieses Kreuz soll für alle künftigen Zeiten der Grundstein zum Reich Gottes und zugleich die Pforte in dasselbe werden!
BJ|0|7|15|0|Ich aber werde nur durch drei Tage lang dem Leib nach tot sein. Am dritten Tag aber werde ich dann als ein ewiger Überwinder des Todes und der Hölle wieder vom Tod in Jerusalem auferstehen und Mein allmächtiges Gericht wird treffen all die Täter des Übels.
BJ|0|7|16|0|Für die aber, die Meines Herzens sind, werde Ich dann die Pforte der Himmel weit auftun vor ihren Augen.
BJ|0|7|17|0|Wenn du aber in wenigen Tagen wirst am Tag die Sonne ganz verfinstert erschauen, dann denke, dass Ich, dein größter Freund und Bruder, am Kreuz gestorben bin! – Erschrecke aber nicht darob; denn das alles muss so kommen, und den Meinen wird dennoch kein Haar gekrümmt werden.
BJ|0|7|18|0|Wann Ich aber auferstehen werde, in dem Augenblick sollst du ein Wahrzeichen bekommen, daran du Meine Auferstehung sogleich erkennen wirst.
BJ|0|7|19|0|Meine Liebe, Gnade, Mein Segen mit dir, Mein lieber Bruder Abgarus. Amen.
ER|0|0|1|1|Die Turmuhr. Ein Gleichnis
ER|0|0|1|1|Empfangen vom Herrn durch Jakob Lorber am 4. Juni 1847
ER|0|0|1|0|Auf einem hohen Turm in einer Stadt dieser Zeit ließ ein Herzog eine prachtvolle Uhr aufrichten. Da der Turm achteckig war, so ließ er an jeder der acht Flächen, die natürlich zwischen die acht Ecken fielen, ein Zifferblatt machen, auf dass jedermann von allen möglichen Punkten aus die Stunden bemerken, sehen und sich überzeugen könne, um die wievielte Tagesstunde, Minute und Sekunde es sei.
ER|0|0|2|0|Nebst der genauesten Zeiteinteilung von der Stunde bis zur Sekunde zeigte die Uhr aber auch das monatliche Tagesdatum, den Stand des Mondes und auch den Stand der anderen Planeten sowie die tägliche Dauer des Lichtes vom Aufgang bis zum Niedergang der Sonne und danebst auch die vier Jahreszeiten – aber natürlich alle diese besonderen astronomischen Daten auf eigenen, unter dem Hauptuhrblatt angebrachten astronomischen Zifferblättern.
ER|0|0|3|0|Nebst alldem aber, was diese Uhr auf ihren Zifferblättern zeigte, hatte sie auch ein ganz vortreffliches Stunden- und Viertelstundenschlagwerk und dabei auch noch ein allerreinstes Glockenspielwerk – und für all diesen überaus kompliziert künstlichen Mechanismus nur ein einziges Triebgewicht; kurz und gut, diese Uhr suchte vergeblich ihresgleichen irgendwo in der ganzen gebildeten Welt!
ER|0|0|4|0|Allein daran liegt nichts, auch daran nicht, dass sie einen so verschiedenen Dienst so überaus richtig verrichtete; aber dass da alle diese unter sich sehr verschiedenen Verrichtungen nur von einem und demselben Triebgewicht in die zweckdienlichste Bewegung gesetzt wurden, das war das eigentliche Wunderbare bei dieser Uhr.
ER|0|0|5|0|Als ein Fremder in diese Stadt kam, da fiel ihm die also ersichtliche Uhr wohl zuerst auf, und er fragte den nächsten Besten, wie viele Triebfedern und Gewichte wohl etwa diese Uhr habe. Als man ihm beschied: „Nur eines!“, da ward er völlig verblüfft und ungläubig und sprach: „Das ist eine Unmöglichkeit! So viele und so verschiedene Verrichtungen und nur eine Triebkraft!? Nein, nein, das geht nicht, das ist unmöglich!“
ER|0|0|6|0|Wieder kam ein anderer von der Fremde und besah die Uhr und verwunderte sich über und über, als man ihm erklärte, was die Uhr alles verrichte. Er meinte, es müsse da ein jedes Zifferblatt ein eigenes Triebwerk haben, wodurch der Turm natürlich von lauter verschiedenen Uhren angestopft sein müsste. Als man ihm aber erklärte, dass da nur ein einziges Triebwerk all die Zeiger bewege, ward er völlig aufgebracht, da er meinte, dass man sich ob seiner Unwissenheit mit ihm nur einen Spaß erlaube, und er ging von dannen und erkundigte sich nicht weiter um dies Uhrwerk.
ER|0|0|7|0|Und wieder kam ein anderer aus der Fremde und bewunderte diese Uhr und fragte nach dem Meister derselben und man gab ihm zur Antwort: „Der Meister dieser Uhr war ein ganz schlichter Landmann, und es ist nicht gewiss, ob er des Lesens und Schreibens kundig war!“
ER|0|0|8|0|Diese richtige Antwort brachte den Fremden in eine förmliche Wut, dass er darob schwieg und bald ging, weil er nicht gekommen sei, um sich da für einen blöden Narren auf eine so plumpe Art schelten zu lassen.
ER|0|0|9|0|Und so kamen noch eine Menge und fragten wie die Ersten; als man sie aber näher in die Geheimnisse dieses Kunstwerkes einweihen wollte, da wurden sie alle ärgerlich und sprachen: „Bis wir das mit eigenen Augen gesehen haben, können wir es nicht glauben!“
ER|0|0|10|0|Und siehe, man führte sie in den Turm. Als sie aber da das nahezu zahllose Räderwerk, die vielen Hebel, Zylinder, Haken, Stangen und noch tausend andere mechanische Vorrichtungen und Verbindungen erblickten, da wurden sie förmlich unsinnig und sprachen und schrien: „Wer kann dieses Werk durchschauen und begreifen? Das kann kein Mensch gemacht haben! Da gehören hundert Menschenalter dazu, um nur die Bestandteile dieses Werkes abzuzählen, geschweige erst zu machen!“ Und all diese Fremden gingen ganz unsinnig von dannen.
ER|0|0|11|0|Nur wenige ließen sich über die Richtigkeit dieses Werkes belehren, obwohl den wenigen Besseren der zu schlichte und unwissenschaftlich gebildete Werkmeister ein Stein des Anstoßes blieb – mehr oder weniger.
ER|0|0|12|0|Was wohl lehrt dieses Bild? Was ist dessen innerer, geheimer Sinn? Darüber denke jeder ein wenig nach und übe sich also im Aufsuchen der inneren Wahrheiten und entdecke darin so viel, als ihm möglich ist, bis seinerzeit die vollkommene Löse gegeben werden wird! Amen.
ER|0|1|1|1|Natürliche und metaphysische oder geistige Darstellung des Mittelpunktes der Erde
ER|0|1|1|1|Der Schwerpunkt und der Mittelpunkt der Erde
ER|0|1|1|1|Am 28. Dezember 1846
ER|0|1|1|0|Wenn ihr einen Körper, wie gestaltig er auch immer beschaffen sein mag, mit prüfendem Geiste und Auge betrachtet, so werdet ihr leicht und bald gewahr, dass an diesem Körper drei Dinge beobachtet werden, und zwar zuerst seine bildliche Außengestalt, d. i. seine Form mit all den natürlichen Attributen, als da sind sein Umfang, seine Oberfläche nach allen Seiten und die Färbung dieser Oberfläche; fürs Zweite werdet ihr an diesem Körper notwendig ein gewisses Volumen wahrnehmen, das irgendeinen Durchmesser nach der Länge, Breite und Dicke hat, welches Volumen des Körpers nach seiner Art irgendein Gewicht oder eine Schwere nach irgendeiner Richtung hin ganz besonders erkennen lässt.
ER|0|1|2|0|So ihr z. B. irgendeinen Stein oder auch einen anderen regelmäßigen oder unregelmäßigen Klumpen beobachtet, so wird es sich bald zeigen, dass dessen Schwerpunkt sich nicht an allen Teilen desselben gleich beurkundet; besonders könnt ihr das bei einem etwas unförmigen Holzpflock dadurch am leichtesten ersehen, so ihr denselben auf das Wasser legt, wo er immer seinen Schwerpunkt sicher am tiefsten in das Wasser senken wird. Das wäre sonach der zweite Punkt, den jedermann bei jedem Gegenstand leicht finden kann.
ER|0|1|3|0|Der dritte Punkt bei einem Körper ist dessen wirkliches Zentrum, welches aber jedoch niemals mit dem Schwerpunkt eines Körpers zu verwechseln ist; und es hat sonach ein jeder Körper zwei Mittelpunkte, nämlich einen der Schwere und einen seines körperlichen Maßes. Ihr mögt auch Körper von was immer für einer Art sogestaltig prüfen, und nimmer werdet ihr es finden, dass der Schwermittelpunkt und das Körpermaßzentrum völlig in eines zusammenfallen; nicht einmal bei einer vollkommen mathematisch richtig gegossenen Metallkugel, und das aus dem Grunde, weil durchaus kein Körper aus so vollkommen gleichen Teilen besteht, denen zufolge der Schwerpunkt mit dem eigentlichen Körpermaßmittelpunkt in vollkommen eins zusammenfallen könnte.
ER|0|1|4|0|Nehmt ihr z. B. einen reinen Stahl als einen unter allen Metallen solidesten Metallkörper, brecht eine solche Stahlstange entzwei, und ihr werdet an dem weißen Bruch leicht das kristallische Gefüge erkennen, welches dem freien Auge wohl frappant gleichförmig vorkommen wird; aber mit einem Mikroskop beobachtet, wird diese Bruchfläche ein Aussehen bekommen, als wie der Anblick solches kundgibt, so jemand von einem hohen Berg unter sich allerlei größere und kleinere Erhöhungen entdeckt. So aber solch ein Unterschied in dem kristallischen Gefüge eines der solidesten Metallkörper wahrgenommen werden kann, um wie viel größer ist solch ein Unterschied erst bei jenen bei weitem unsolideren Körpern, deren kristallinisches Gefüge sich oft zwischen groß und klein, dicht und weniger dicht schon für das freie Auge leicht wahrnehmbar beurkundet; und es ist demnach obiger aufgestellter Satz umso vollkommener wahr, dass der Schwerpunkt und der Körpermaßmittelpunkt niemals in eines zusammenfallen können.
ER|0|1|5|0|Diesen Grundsatz könnte auch jedermann bei der Bereitung einer Waage sehr leicht erschauen. Es soll jemand aus möglichst gleich dichtem Metall einen vollkommen mathematisch ebenmäßigen Waagebalken konstruieren, selben dann in die Waaggabel hängen, und er wird sich überzeugen, dass selbst bei solch einer höchst mathematisch richtigen Ebenmäßigkeit die beiden Waagebalken oder vielmehr die beiden Teile desselben Waagebalkens niemals vollkommen eine horizontale Ebene bilden werden, sondern der eine wird dem anderen etwas vorschlagen, und der Fabrikant der Waage wird dann müssen entweder auf der einen oder auf der andern Seite dem Waagebalken mit einer Feile oder mit einem Hammer zu Hilfe kommen. Die Ursache von dem liegt natürlich in obigem Grundsatz.
ER|0|1|6|0|Wie sich aber sonach bei allen Körpern dieses Verhältnis kundgibt, also ist dasselbe umso mehr bei denjenigen Körpern vollkommen eigentümlich zu Hause, die nicht durch Menschenhände eine Form erhielten, sondern die Meine Kraft so gestaltet hat, wie sie gestaltet sein müssen, um zu bestehen. Es lässt sich daher Schwerpunkt und Maßmittelpunkt so wenig auf einem und demselben Platz denken als positive und negative Polarität.
ER|0|1|7|0|Ihr werdet freilich wohl fragen: Wie ist das zu verstehen? Da frage Ich aber, euch eben darüber belehrend, entgegen: Warum finden sich bei einem magnetischen Stab die beiden Pole nicht in der mathematischen Mitte desselben, sondern nur zumeist an den beiden Enden eines solchen Stabes?
ER|0|1|8|0|Warum ist das Keimhülschen bei einem Samenkorn nicht in der Mitte desselben, sondern zumeist nur an einem Teil des Samenkornes, während desselben Mittelpunkt und dessen entgegengesetzter Pol sich zumeist um ein bis drei Viertelteile des ganzen Samenkörperinhaltes von dem Keimhülschen weiter körperein- und -auswärts befinden?
ER|0|1|9|0|Warum hat weder der Mensch noch irgendein Tier das Herz nicht in seinem Maßzentrum?
ER|0|1|10|0|Seht, aus diesen Fragen geht schon von selbst erläuternd hervor, dass der Schwerpunkt eines Körpers ganz etwas anderes als wie dessen Maßmittelpunkt ist.
ER|0|1|11|0|Wenn es sich demnach um die Enthüllung des Mittelpunktes der Erde handelt, so ist darunter nicht so sehr der Maßmittelpunkt als wie vielmehr der eigentliche Lebens- oder Schwerpunkt der Erde zu verstehen; denn eine Enthüllung des bloßen Maßmittelpunktes der Erde wäre, genau betrachtet, eine überaus bedeutende Lächerlichkeit, was sich aus dem sehr leicht ersehen lässt, so man den Mittelpunkt eines jeden Körpers, somit auch den der Erde, nur als ein ideales Pünktchen annehmen muss, das schon nach euren mathematischen Begriffen richtig definiert ein Etwas ist, welches weder in die Länge noch in die Breite noch in die Dicke auch nur den denkbar möglich kleinsten Durchmesser zulässt, somit sicher in seiner Art das Allerminutissimum aller Dinge ist und ihr es sicher annehmen könnt, dass schon in einem atomistischen Tierchen, das nicht einmal das stärkste Sonnenmikroskop mehr zu entdecken imstande ist, wohl sicher noch zahllose Milliarden von solchen Punkten Platz hätten. Frage demnach: Was wohl hätten wir von diesem endlos kleinen Wesen, das so ganz eigentlich in das barste Nichts verschwindet, zu enthüllen? Man dürfte bloß sagen: Der Mittelpunkt der Erde besteht aus nichts, so wäre er auch schon vollkommen naturmäßig und geistig enthüllt. Das Nichts ist sowohl körperlich als geistig betrachtet gleichbedeutend; denn wo nichts ist, da hört ganz natürlich alles auf, und es ist ein Nichts natürlich und geistig auch wirklich in nichts anderem denkbar als in einem solchen mathematischen Maßmittelpunkt, aus welchem Grunde wir uns denn auch von diesem wenig sagenden Mittelpunkt der Erde entfernen wollen und wollen uns zu dem überaus vielbedeutenden Schwerpunkt der Erde wenden, welcher natürlich voluminöser und bei einem so großen Körper, wie die Erde da ist, auch von einer bedeutend voluminösen Ausdehnung sein muss, um auf ihre eigentümliche weltkörperliche Lebenstätigkeit den entsprechend wirkenden Ausschlag zu geben.
ER|0|1|12|0|Ich sehe es euch schon durch und durch an, dass ihr in euch schon fragt: Wie sieht dieser Schwerpunkt der Erde denn aus? Woraus besteht er? Ist er ein Diamantklumpen, oder ist er etwa pures Gold oder Eisen oder etwa gar Magnet? Oder ist er etwa gar ein hohler Raum, erfüllt mit nichts als einem ewig unerlöschlichen Feuer, und dient etwa wohl gar zum Aufenthalt der Verdammten und führt den respektablen Titel „Hölle“, von der die hie und da auf der Erde zerstreuten feuerspeienden Berge gewisserart etwa Kamine sind?
ER|0|1|13|0|Da sage Ich: Von allem dem ist im Schwerpunkt der Erde keine Rede, ebenso wenig wie physisch genommen bei dem Herzen eines Menschen von allem dem die Rede sein kann. Das Herz ist weder ein Diamant noch ein Goldklumpen, noch ist es Eisen und Magnetstein und ebenso wenig ein hohler, mit Feuer erfüllter Raum, sondern das Herz ist physisch betrachtet ein überaus kunstvolles Zellengewebe, innerhalb dessen die lebendige Seele, und in ihr der Geist des Menschen, wie ein Weber auf seinem Webstuhl tätig ist und auch sein kann, weil dieser Webstuhl zur Bildung des natürlichen Lebens und zur zeitgerechten Erhaltung desselben gerade so eingerichtet ist, dass durch seine kunstgerechte Konstruktion in den Händen der Seele alles das erzeugt werden kann, was zur Darstellung des physischen Lebens notwendig ist. Ist dieser Webstuhl einmal in seiner natürlichen Konstruktion in irgendetwas untüchtig geworden, so geht’s dann mit dem Forterzeugen des physischen Lebens nicht mehr so ganz recht vonstatten. Ist er aber endlich vollkommen untüchtig und ungeschickt geworden, dann kann ihn die Seele auch nicht mehr brauchen, und es ist dann Zeit für sie, diese eitle Werkstatt zu verlassen.
ER|0|1|14|0|Seht, ebendasselbe ist der Schwerpunkt der Erde. Wie? Das wird der Gegenstand unserer nächsten Betrachtung sein.
ER|0|2|1|1|Das sogenannte Herz der Erde
ER|0|2|1|1|Am 29. Dezember 1846
ER|0|2|1|0|Wie sieht also der Schwerpunkt der Erde aus?
ER|0|2|2|0|Ich sagte schon oben, dass er eine ganz ähnliche Beschaffenheit hat, wie die da ist des menschlichen oder wohl auch eines anderen tierischen Herzens. Es ist dieser Schwerpunkt sonach ebenfalls ein im Verhältnis zum großen Erdkörper stehendes großes Erdherz, welches ebenso wie das Herz im Menschen der Webstuhl oder die Werkstätte des gesamten organischen Lebens der Erde ist.
ER|0|2|3|0|Wie groß, fragt ihr, wohl dieses Herz sein dürfte? Ihr wisst es ja, dass bei Mir in allen Dingen diejenige Proportion getroffen ist, die da notwendig ist; also ist es auch sicher bei dem Herzen der Erde der Fall. Wie da die Erde groß ist, muss auch ein verhältnismäßig großes Herz oder Schwerpunkt in selber vorhanden sein, damit in dessen zahllos vielen Gemächern jene Kraft erzeugt werden kann, die da hinreichend mächtig ist, alle die verschiedenartigen Lebenssäfte der Erde in die weitgedehnten Organe hinauszutreiben und wieder, wenn die Säfte ihren Dienst verrichten, sie dann zur ferneren Sättigung an sich zu ziehen.
ER|0|2|4|0|Aus dem geht hernach hervor, dass das Herz der Erde so ziemlich groß sein muss; jedoch kann selbes mit einer genauen Maßzahl aus dem Grunde nicht völlig genau bestimmt werden, weil dieses Herz der Erde je nach der Notwendigkeit bald um ein Bedeutendes erweitert, bald wieder um ein Bedeutendes verringert wird. Aber so im Durchschnitt kann wenigstens der Platz für diesen Schwerpunkt auf hundert Meilen im Durchmesser angenommen werden, kann sich aber bis auf zweihundert Meilen weiter ausdehnen und bis auf fünfzig Meilen im Gegensatz verringern.
ER|0|2|5|0|Woraus aber besteht dieses sogenannte Herz der Erde?
ER|0|2|6|0|Dieses Herz der Erde ist nicht so sehr irgendeine Materie als wie da etwa das Herz eines Tieres oder eines Menschen, sondern dieses Herz ist mehr eine substantielle Kraft, die in einem dazu geschickten, aber sonst festen Organismus sich wirkend bewegt, und durch dieses Wirken auf den ganzen anderen Organismus des Erdkörpers seine Wirkung äußert.
ER|0|2|7|0|Es wird zwar jemand meinen und sagen: Wenn dieser Organismus ein fester und somit spröder ist, wie kann er sich ausdehnen, und wie kann er einer anderen substantiellen Kraft durch die Länge der Zeit zum unverwüstlichen Stützpunkt dienen, ohne dabei selbst in seinen zahllosen Teilen eine Beschädigung zu erhalten?
ER|0|2|8|0|Meine Lieben, dafür ist schon gesorgt! Die Knochen bei den Tieren sind auch ein fester Organismus; die Säfte und das Blut werden immer durch ihre vielen Poren getrieben, und doch halten sie am längsten alle möglichen Kraftreaktionen aus. Es kommt da nur auf eine gewisse Art der festen Materie an, und sie ist dann fest genug gegen jede in ihr entwickelte Kraftäußerung.
ER|0|2|9|0|Wie z. B. die Materie in den Gedärmen der Tiere. Wie häufig und wie gewaltig wird diese Materie genützt, und doch dauert sie, obschon sie dem Anschein nach nur schwach ist, jenen bedeutenden Kraftäußerungen zum Trotze, eine geraume Zeit unverwüstlich fort. Wenn ihr noch ferner die viel zarteren Organe bei den Vögeln betrachtet, in denen sogar Steine zerrieben und verzehrt werden, so muss es euch noch klarer werden, wie es da einzig und allein nur auf eine gewisse Qualität der Materie ankommt, der zufolge sie fest genug gestellt ist, um die in ihr entwickelten Kräfte ohne Schaden in sich selbst wirken zu lassen.
ER|0|2|10|0|Wenn aber schon diese zartere Materie von Mir aus so qualifiziert ist, dass sie als ein hinreichend fester Stützpunkt für die in ihr wirkenden Kräfte sich darstellt, um wie viel mehr wird es Mir möglich sein, in der Erde einen festen Organismus von einer solchen qualifizierten Materie aufzustellen, dem die allergewaltigst wirkenden Kräfte des Erdinneren Jahrmillionen wenig oder gar nichts anhaben können.
ER|0|2|11|0|So ihr bauen würdet, sagt, wie stark müsste das Gewölbe sein, um einen Großglockner zu tragen? Ein solches würdet ihr nicht zuwege bringen; allein Ich, als der Meister aller Dinge, habe schon überall also das richtige Verhältnis getroffen, dass alle die Stützpunkte fest und dauerhaft genug sind, um die auf ihnen ruhenden Lasten mit der größten Leichtigkeit zu tragen; und also ist es auch mit dem Organismus für das Walten des substantiellen Herzens der Erde der Fall.
ER|0|2|12|0|Es wird euch wohl in den nördlichen Gegenden der Erde ein gewisses Metall unter dem Namen Platina schon oft vorgekommen sein. Seht, dieses Metall ist schon etwas Ähnliches mit derjenigen Materie, welche als Organismus der waltenden Zentralkraft der Erde dient; jedoch müsst ihr euch dabei nicht etwa denken, als sei dieses Metall etwa ganz dieselbe Materie, aus welcher obbesagter Organismus besteht. Überhaupt müsst ihr euch das Innere der Erde nicht von gleicher materieller Beschaffenheit denken mit derjenigen Materie, welche die Oberfläche der Erde zur Schau bietet; denn diese ist nur eine äußere, unfühlbare Haut der Erde, während das Innere derselben sich wie Fleisch und Blut zur Außenhaut, eben zu der äußeren, unfühlbaren Rinde verhält; und sonach kann Ich euch, für euch fasslich, über die innere Materie der Erde nichts anderes sagen als:
ER|0|2|13|0|Diese ist eine Art Fleisch, Blut und Knochen, welches tierische Bestandmaterial des Erdkörpers aber dennoch nicht als ein völlig Ähnliches und Gleichbeschaffenes eines tierischen Körpers zu betrachten ist, sondern es ist ganz eigentümlich also nur ein Erdfleisch, ein Erdblut und Erdknochen.
ER|0|2|14|0|Euch die Sache in materieller Hinsicht weiter zu erklären, wäre eine unnütze Arbeit, und zwar aus dem Grunde, weil ihr im körperlichen Zustand unmöglich je dahin gelangen könntet, um euch nach der Lehre eine überzeugende Anschauung zu verschaffen; und somit begnügt euch hinsichtlich der Qualität der Materie des Inneren des Erdwesens mit dem, was bisher gesagt wurde. In der geistigen Darstellung wird euch alles dieses schon ohnehin klarer werden.
ER|0|2|15|0|Wir haben somit nur noch eine Frage, nämlich: woseitig im Erdkörper sich so ganz eigentlich dieser Schwerpunkt befindet.
ER|0|2|16|0|Die bedeutend wichtige Antwort auf diese Frage wird der Gegenstand unserer nächsten Betrachtung sein.
ER|0|3|1|1|Lage des Erdherzens
ER|0|3|1|1|Am 31. Dezember 1846
ER|0|3|1|0|Wo also befindet sich dieser Schwerpunkt oder das Herz der Erde? In der Mitte nicht, was schon oben gezeigt wurde, wie auch zum Teil, warum nicht, welches „Warum nicht“ am rechten Platze noch deutlicher erklärt wird. Der Mittelpunkt der Erde, d. i. der Maßmittelpunkt, wäre hinsichtlich der Ortsbestimmung freilich wohl am leichtesten und am sichersten als Ort oder Platz des Schwerpunktes anzuzeigen, weil er einen sicher unverrückten Platz für alle Zeiten einnehmen muss; denn solange die Erde das bleibt, was sie ist, in gleicher Form, Größe und Gestalt, muss auch der Maßmittelpunkt stets ein und derselbe bleiben.
ER|0|3|2|0|Aber nicht also steht es mit dem Schwerpunkt der Erde. Von diesem kann man nicht sagen, hier oder da befindet er sich; sondern er ist bald da und bald dort. Sein Standpunkt kann sehr bedeutenden Veränderungen unterworfen sein. Wohl ist die innere Disposition des Erdkörpers also beschaffen, dass durch sie der Schwerpunkt sowohl nördlicher als nach Beschaffenheit auch südlicherseits seinen wirkenden Platz einnehmen kann, aber an eine Festbannung dieser wirkenden Substanz, durch die allein der Schwerpunkt der Erde bedingt wird, ist durchaus nicht zu gedenken.
ER|0|3|3|0|Dass dieser eine Materie belebende Schwerpunkt nicht nur im Erdkörper, sondern auch schon bei anderen Körpern auf der Erdoberfläche in seiner Art ersichtlich wird, könnt ihr sehr leicht schon bei sehr vielen Gewächsen, als da sind Bäume, Gesträuche und anderweitige Pflanzen aller Art, ersehen.
ER|0|3|4|0|Wenn ihr einen Baum betrachtet, so werdet ihr mit Leichtigkeit gewahr, dass sein Wachstum wie auch seine Fruchtbarkeit sich bald auf den einen, bald wieder auf den anderen Teil hinneigt. In diesem Jahr wird er nördlicherseits üppig treiben, hingegen südlicherseits wird sich alles schwächer gestalten; in einem anderen Jahr werdet ihr bei demselben Baum einen auffallenden polarischen Wechsel entdecken: Seine Südseite wird die üppigste, wohingegen die Nordseite wie verkümmert aussehen wird. Auch werden sich bald auf der einen, bald wieder auf der anderen Seite des Baumes mehr oder weniger abgestorbene Äste oder Zweige zeigen; also wird auch bald auf der einen, bald auf der anderen Seite des Baumes das Laub zur Herbstzeit früher oder später welk.
ER|0|3|5|0|Seht, diese und noch eine Menge derartiger Erscheinungen an einem Baum haben sämtlich einen und denselben Grund, nämlich den stets veränderten Standpunkt des belebenden Schwerpunktes oder der eigentlichen belebenden positiven Polarität. Derselbe Fall findet auch natürlicherweise bei anderen Gewächsen und Pflanzen statt.
ER|0|3|6|0|Ihr werdet freilich da wohl fragen, warum dieser belebende Schwerpunkt bei den Körpern also veränderlich ist.
ER|0|3|7|0|Der Grund liegt sehr tief. Wäre ein Bestehen der Materie der Zweck derselben, so könnte dieser polarische Schwerpunkt auch so gestellt werden, dass die Materie stets dasselbe bleiben müsste, was sie ist. Der Apfelbaum würde Apfelbaum bleiben in Ewigkeit und so jedes Ding als das, was es ist; aber es ginge dann dem Apfelbaum und der Pflanze nicht viel besser als wie einem Diamanten. Denn wo in einem Körper diese Polarität mehr und mehr fixiert ist und mit dem Maßmittelpunkt desselben beinahe eins ausmacht, desto fester und dauerhafter wird zwar wohl der Körper; aber ebendieser Körper ist dann zufolge ebensolcher seiner Fixierung zu nichts mehr anderem tüchtig als eben nur für seine eigene unveränderliche Fortbestehung, und es würde mit der Kost für die lebenden Wesen auf einem Erdkörper ganz verzweifelt mager aussehen, wenn diese von diamantenen Bäumen und derart anderen Gewächsen ihre Nahrungsfrüchte ernten sollten. Ebenso würde sich’s auf einem diamantenen Erdkörper gewiss sehr hart wohnen lassen.
ER|0|3|8|0|Aus dieser erklärenden Darstellung wird jedermann leicht den Grund einsehen, warum aus natürlichen Rücksichten dieser polarisch belebende Schwerpunkt kein fixierter, sondern ein veränderlicher sein muss, ebenso wie das Blut bei den Tieren wie auch bei den Menschen etwas diesem Schwerpunkt Ähnliches darstellt. Mit einem fixierten Blut und noch mehr mit einem festgebannten Herzen wäre sicher keinem lebenden Wesen gedient; in den tierischen Körpern jedoch, die eine freie Bewegung haben, kann dem eigentlichen Herzen schon ein mehr bestimmter Standpunkt eingeräumt sein, weil die freie Bewegung eines tierischen Körpers, wie auch des des Menschen, schon in sich selbst allerlei Reaktionen bewirkt, was, wie leicht fasslich, bei jenen Körpern, die keiner freien Bewegung fähig sind, doch sicher nicht der Fall sein kann. Bei diesen müssen dann die verschiedenartigen notwendigen Reaktionen durch den stets veränderten Standpunkt des polarischen Schwerpunktes bewerkstelligt werden.
ER|0|3|9|0|Sonach macht das Tier Bewegungen, wie auch der Mensch, und hat darum einen mehr bestimmten Platz für seinen Lebensschwerpunkt, nämlich das Herz. Bei den Körpern aber, die keiner freien Bewegung fähig sind, muss daher ihr Lebensschwerpunkt im Innern herum gewisserart Reisen machen, um die zweckdienlichen Reaktionen in allen Teilen des Körpers hervorzubringen.
ER|0|3|10|0|Aus dieser leicht fasslichen Darstellung wird auch jedermann, der nur etwas reinen Geistes ist, leicht einsehen, dass das Wo des Schwerpunktes der Erde festweg zu bestimmen nicht nur eine platterdings unmögliche, sondern eine rein läppische und närrische Sache wäre. Nur so viel kann ungefähr für jetzt und allenfalls für ein nächstes Jahr bestimmt oder wenigstens annehmbar angegeben werden, dass sich der Schwerpunkt ungefähr in der Gegend unter Island, einem Teil von Norwegen, Schweden und Lappland befindet; ist aber dessen ungeachtet so tätig, dass er gewisserart seine Pulsbewegung sogar bis unter Kamtschatka und auch südlicherseits bis in die Gegend unter das Mittelländische Meer verändert ausdehnen kann.
ER|0|3|11|0|An einem freilich etwas schmutzigen Tier, nämlich bei einer Kopflaus, könnt ihr durch ein Mikroskop an der Bewegung ihres Lebenssaftes ungefähr ein ähnliches Phänomen entdecken. Aber natürlich kann das nur im kleinsten Maßstab als eine leise Ähnlichkeit angesehen werden; denn Tiere auf den untersten Stufen haben bezüglich auf die Unbeständigkeit des lebenden Schwerpunktes noch die meiste Ähnlichkeit mit jenen Körpern, die keine freie Bewegung haben.
ER|0|3|12|0|So viel über das Wo des Schwerpunktes der Erde. Nächstens wollen wir den weiteren Grund solcher Veränderung der Polarität in jenen Körpern bestimmen, die keiner freien Bewegung fähig sind.
ER|0|4|1|1|Das Wesen der Materie
ER|0|4|1|1|Am 2. Januar 1847
ER|0|4|1|0|Es ist schon oben bemerkt worden, dass der Zweck der Materie nicht im Bestehen derselben zugrunde liegen kann.
ER|0|4|2|0|Dass dieses richtig ist, ersieht jeder Mensch leicht an dem fortwährend neuen Entstehen und Wiedervergehen derselben Materie. Das Laub, das in einem Jahr den Baum ziert, fällt im Herbst ab, und kommt das Frühjahr, so ist schon wenig mehr vom abgefallenen Laub unter den Bäumen zu entdecken, höchstens noch einige wenige Blattskelette, von denen keines den nächsten Herbst in seiner Art erlebt. Also geht es mit dem Gras wie auch mit den Früchten der Bäume; aber nicht nur diese vegetabilischen Gegenstände, sondern auch Mineralien und hauptsächlich Tiere jeder Gattung entstehen und vergehen. Berge, deren Spitzen vor ein paar Jahrtausenden sich über die höchsten Wolkenregionen erhoben, sind jetzt um wenigstens zwei Viertel niederer; denn die Schärfe der Winde, die auflösende Kraft des Blitzes und des Eises haben diese stolzen Spitzen verweht wie Spreu, und nichts als höchstens irgendein zerbröckelter Felsblock löst sich noch irgend langsam in einem tiefen Graben auf, und ein nichtiges Geröll muss sich’s gefallen lassen, durch die Einflüsse von Regen, Wind und Elektrizität in den sandigen Alpentriften nach und nach verwittert und vernichtet zu werden. Alles das ist eine Folge des veränderten Schwerpunktes der Materie.
ER|0|4|3|0|Es gab einst übergroße Tiere auf dem Erdkörper sowie auch Urwälder, besetzt mit riesenhaften Bäumen. Wo sind diese nun? Wo ein Mamelhud [Mammut]? Wo einer von den Bäumen, die da einem Jahrtausend trotzten, und wo ein Baum mehr Holz hatte als jetzt ein Wald von hundert Joch? Fluten kamen, versenkten dieses alles tiefer in den Schoß der Erdrinde, vernichteten also ein ganzes Geschlecht, ja nicht nur eines, sondern tausend Geschlechter von Bäumen und Tieren, und nichts mehr von allem dem trägt nun die Erdoberfläche.
ER|0|4|4|0|Von den Tieren werden nur hie und da versteinerte Knochen vorgefunden und aufbewahrt in den von Menschen errichteten Kunst- und Naturmuseen bis zu einer Feuersbrunst, welche noch die letzten Überreste von den Schwerpunkten in diesen aus der Urzeit überbliebenen Knochenresten der riesigen Urweltstiere in jene staubige Materie verwandelt, deren Dasein gewöhnlich die Wäscherinnen ein vollkommenes Ende machen; es ist nämlich die Asche, als das letzte, überaus flüchtige Überbleibsel aller Materie.
ER|0|4|5|0|Was die endliche Vernichtung jener Urweltsbäume betrifft, deren Reste gegenwärtig noch häufig unter dem Namen Steinkohle angetroffen werden, braucht keine besondere Erklärung; denn alle die feurigen und dampfenden Erfindungen dieser Zeit werden in eben nicht gar zu langer Zeit die letzten Reste aus der Erdrinde geholt und verzehrt haben. Und so verrichtet hier die neu erfundene Industrie der Menschen dieses letzte Vernichtungswerk durch Feuer und Dampf an den letzten Überresten dieser Urweltsbäume. Also verändert hier das Feuer noch den letzten Schwerpunkt dieser Materie, und seht, von ihr bleibt nichts mehr übrig als eben wieder ein wenig Asche, welche auf Äcker und Wiesen gestreut in längstens einem Jahr durch die Einwirkung des Regens und der Elektrizität in der Luft gänzlich wieder aufgelöst wird, und somit auch ein solcher Baum, der einst über hundert Morgen Landes bedeckte, in seinem letzten Rest vollkommen sein materielles Dasein verloren hat.
ER|0|4|6|0|Aber, wird mancher sagen, das ist eben auch das Traurige, dass alles Dasein einer gewissen Vernichtung entgegengeht.
ER|0|4|7|0|Ich aber sage: Das ist gar nicht traurig; denn die Materie ist der Tod, wie das Fleisch Sünde ist durch den Tod.
ER|0|4|8|0|Soll denn der Tod und die Sünde bleiben? Ich meine, dass es wohl besser ist, alle Materie und alles Fleisch mit der Zeit zu verderben und dadurch das im Tode gefangene Leben aus der Materie wieder frei zu machen, als die Materie zu unterstützen und am Ende alles freie Leben in den Tod der Materie übergehen zu lassen, was doch in Meiner Absicht nie liegen kann, indem Ich Selbst als die ewige, allmächtige Urkraft und Macht aller Kräfte und Mächte Selbst das allereigentlichste Leben bin und somit nicht für den Tod, sondern nur für das Leben wirken kann.
ER|0|4|9|0|Da sonach aber die Materie nur als ein Mittel zur Regulierung und Freimachung des freien Lebens da ist, so kann ja das unveränderliche Bestehen der Materie nie möglich ein Zweck derselben sein. Sie ist sonach nur so lange da, als sie als Mittel zum Zweck da sein muss; ist durch sie irgendein Lebenszweck erreicht worden, dann vergeht sie wieder also, als wäre sie nie dagewesen.
ER|0|4|10|0|Überhaupt ist die Materie, wie ihr schon wisst, in sich nichts anderes als eine zweckmäßige Erscheinlichkeit Meines aus Mir Selbst fixierten Willens.
ER|0|4|11|0|Aus dem aber geht hervor, dass sie eben auf die Art wieder kann aufgelöst werden, als wie sie fixiert wurde.
ER|0|4|12|0|Diese Fixierung aber eben ist der Hauptschwerpunkt in der Materie oder das belebende und erhaltende Prinzip; wird dieses nun von irgendeinem materiellen Körper zurückgezogen, dann ist es mit der Materie auch gar.
ER|0|4|13|0|Damit aber dennoch vor den Augen der Menschen nicht zu urplötzliche Entstehungen und Vergehungen geschehen, so lasse Ich dieses oben erwähnte Prinzip Meines Willens niemals also plötzlich zurücktreten wie auch niemals einen Punkt also plötzlich ergreifen, dass dadurch sogleich ein Ding ins Dasein träte wie im Gegenteil vergehe. Am langsamsten geht freilich auf diese Weise das Werden und Vergehen bei den großen Weltkörpern vor sich; das Warum könnt ihr jetzt schon leicht fassen. Also ist es aber eben auch bei der Erde der Fall, dass der Schwerpunkt, der sie belebt, nach und nach verringert wird, und so fort und fort, bis sie endlich auch das Los aller Materie teilen wird.
ER|0|4|14|0|Nun wüssten wir so gründlich als möglich den Grund über die Veränderung des Schwerpunktes in der Materie wie deren dadurch bewirkte Vergänglichkeit und wüssten auch, worin das eigentliche Hauptprinzip des Schwerpunktes in der Materie besteht.
ER|0|4|15|0|Aber dennoch sehe Ich, dass ihr das Wesen dieses Prinzipes gewisserart bildlich beschauen möchtet; auch das soll hier gezeigt werden.
ER|0|4|16|0|Für das materielle Auge beschaulich, wenn es möglich wäre, würde sich dieser in dem Erdkörper agierende Schwerpunkt als ein Feuer darstellen, welches in für euch unglaublicher Schnelligkeit die bestimmten Organe der Erde, die dazu geeignet sind, durchzuckt und dadurch die zur Erhaltung des Erdkörpers in allen Teilen desselben erforderliche Reaktion bewirkt.
ER|0|4|17|0|Könntet ihr aber dieses Feuer mit geistigen Augen betrachten, so würdet ihr da ein zahlloses Geisterheer entdecken, das eben von Meinem Willen hier gehalten und zu der zweckmäßigen, bestimmten Tätigkeit angetrieben wird.
ER|0|4|18|0|Das sind demnach die Urgrundgeister, gebannt zur tätigen Belebung jener sie umgebenden Materie, durch die sie zeitgerecht endlich selbst höher und höher aufsteigen und dann, in leichtere Materie gekleidet, von Stufe zu Stufe in das vollkommene, freie Leben übergehen können.
ER|0|4|19|0|Diese Art Geister, die sich dem sinnlichen Auge als ein Feuer darstellen, bestimmen sonach den tätigen und die ganze Materie belebenden Schwerpunkt.
ER|0|4|20|0|Wie gestaltig aber durch diesen Schwerpunkt durch die verschiedenen Schichtungen des Erdkörpers, d. i. durch dessen Knochen, Eingeweide, Fleisch und Blut, auch die zahllosen Nebenschwerpunkte des Erdkörpers zur zweckdienlichen Tätigkeit angetrieben werden, davon wollen wir in der nächsten Mitteilung das Nähere dartun.
ER|0|5|1|1|Der innere Bau der Erde
ER|0|5|1|1|Am 4. Januar 1847
ER|0|5|1|0|Wenn ihr einen tierischen Körper, was immer für einer Art, betrachtet, so werdet ihr, ohne weiter die Anatomie aller Tierkörperwelt studiert zu haben, gar leicht begreifen und einsehen, dass entweder das Blut oder die Säfte durch alle Adern und anderen Gefäße ebenso durchgehen als wie durch diejenigen Adern und Gefäße, die im eigenen tierischen Herzen vorhanden sind, und dass an allen Punkten im selben Augenblick wie im eigentlichen Herzen der Puls- oder Triebstoß geschieht; und es ist leicht einzusehen, dass in einem tierischen Körper darum nicht mehrere Triebkräfte vorhanden zu sein nötig haben, als eben nur eine, die hinreicht für zahllose Gefäße.
ER|0|5|2|0|Also ist es auch mit dem Herzen der Erde der Fall. Durch seinen Puls- oder Triebstoß, der von 6 bis zu 6 Stunden sich wiederholt, werden die verschiedenartigsten Erhaltungskräfte des Erdinneren in alle Teile des Erdkörpers getrieben, und es bedarf da keiner zweiten, vierten oder fünften anderartigen Triebkraft; da dependieren demnach alle Erscheinungen als Erdkörper-Lebensprozess von dieser alleinigen Triebkraft.
ER|0|5|3|0|Flut und Ebbe und sonstige Erhöhungen der äußeren Erdrinde wie auch die davon abgeleiteten Winde haben alle da ihren Ursprung; denn dieses Herz der Erde vertritt zugleich auch die Stelle der Lunge im tierischen Körper, woraus dann erklärlich ist, dass sowohl die regelmäßigen als unregelmäßigen Ausdehnungen und Wiederzusammenschrumpfungen des Erdkörpers lediglich daher rühren.
ER|0|5|4|0|Um aber dieses allgemein Vorausgeschickte desto gründlicher zu fassen, wird es sonach notwendig sein, den inneren Erdbau so viel als möglich in der Kürze zu durchblicken, um durch dieses Bild zu jener Anschauung zu gelangen, wie von dem einen Hauptschwerpunkt sowohl in dem Erdkörper selbst wie auch in den tierischen Körpern die zahllosen anderen Nebenschwerpunkte in die gleiche Bewegung gesetzt werden.
ER|0|5|5|0|Wie sieht demnach der innere Bau der Erde aus?
ER|0|5|6|0|Um diesen einigermaßen gründlich zu beschauen, muss vorerst das aufgefasst werden, wie nicht nur die Erde, sondern sogar ein jedes Gewächs, eine jede Frucht am Baum sowie jedes Tier und endlich der Mensch selbst sich körperlich gewisserart in drei Körper in sich selbst absondert.
ER|0|5|7|0|Gehen wir zu einem Baum. Was ist wohl das Erste, das wir an ihm entdecken? Es ist die Rinde, die sich wieder in sich selbst absondert in die äußere, tote und in die innere, lebendige Rinde, Splint genannt; das ist der erste Baum. Der zweite Baum, von dem ersten ganz verschieden, ist das eigentliche feste Holz, eine Kombination von zahllosen Röhrchen, die da nebeneinander in der schönsten Ordnung fortlaufen. Das ist der zweite Baum. Der dritte oder der innerste Baum ist der Kern, gewöhnlich eine weitere Röhre, die durchaus mit einem schwammartigen Zellengewebe angefüllt ist, welche Zellen die Säfte aus der Erde vorerst einsaugen, in sich läutern und dann durch ihre extensive und kompressive Kraft in alle die zahllosen Organe des anderen Baumes hinaustreiben.
ER|0|5|8|0|Auf diese Weise habt ihr nun bei einem Baum drei Bäume gesehen.
ER|0|5|9|0|Betrachten wir eine Frucht am Baum. Was entdecken wir zuerst z. B. bei einer Nuss, Kastanie, Eichel, kurz bei was immer für einer Frucht? Das Erste ist die Rinde, die ebenso wie die Baumrinde zweifach ist. Dann kommt die Schutzschale als der zweite Teil der Frucht, der gewöhnlich der festeste ist. Hinter dieser Schale ist erst der dritte und Hauptteil der Frucht vorhanden, in welchem Teil erst das Herz oder die Keimhülse wirkend rastet.
ER|0|5|10|0|Gehen wir zu einem Tier. Das Erste an den Tieren ist für jedermann ersichtlich die Haut als das erste Tier, welche ausgestopft die ganze Gestalt des Tieres zur Schau stellt. Innerhalb der oft mehrfachen Haut ist das feste Gerippe mit einer muskulösen und teils knorpeligen Fleischmasse aneinandergebunden und gefestet, gleich der harten Schale bei einer Nuss oder wie bei einem jeden Kopf die Hirnschale. Das ist das zweite Tier, auch Knochentier genannt. Innerhalb dieses Tieres sind dessen Eingeweide, als: Lunge, Leber, Milz, Gedärme, und in diesen edleren Teilen des Tieres das lebenerzeugende Herz selbst; das ist eben wieder das dritte Tier, durch welches die beiden äußeren ihre Nahrung und Belebung erhalten, und zwar durch zahllose Organe und Gefäße, die von dem inneren Tier in die zwei äußeren ausgehen.
ER|0|5|11|0|Dasselbe Verhältnis findet ihr bei eurem Körperbau selbst. Wollt ihr es noch deutlicher sehen, so nehmt ein Ei zur Hand, da werdet ihr wieder dasselbe finden. Kurz und gut, ihr mögt von allen Gewächsen nehmen, daswelche ihr wollt, und dessen Früchte oder Samen betrachten, wie ihr nur immer wollt, ebenso mögt ihr das ganze Reich der Tiere durchgehen, und ihr werdet überall ein und dasselbe finden.
ER|0|5|12|0|Warum aber ist dieses Verhältnis also gleichartig? Die Antwort darauf ist sehr leicht, und es ergibt sich aus derselben jener beschauliche Grund, aus welchem Kinder ihren Eltern gleichen und die Früchte den Samenkörnern, aus denen sie wieder als Samenkörner zum Vorschein kommen, wie da z. B. das Weizenkorn ein Same ist, welches in die Erde gestreut wieder gleiche Samenkörner als Frucht zum Vorschein bringt. Also trägt auch alles organische, mehr oder weniger belebte Körperwesen auf der Erdoberfläche den Typus des Erdkörpers selbst.
ER|0|5|13|0|Auch bei dem Erdkörper ist das Äußere gewisserart die tote Rinde, innerhalb welcher eine schon mehr lebendige und fühlbare Rinde sich befindet. Wie aber gleichsam die Rinde bei einem Baum, wennschon manchmal sehr zerklüftet, aber dennoch nicht so ganz tot ist, dass sie nicht vermöchte den auf ihr zum Vorschein kommenden Moospflänzchen eine genügende Nahrung zu verschaffen, und wie auch die äußere Haut bei den Tieren nicht also tot ist, dass durch sie nicht vermöchten zahllose Haare und Härchen und nicht selten auch Schmarotzertierchen ihre genügende Nahrung zu bekommen, ebenso ist auch die äußere, nur unter gewissen Bedingnissen tote oder vielmehr unfühlbare Erdrinde nicht so ganz tot, dass durch sie alle zahllosen Gewächse und Tiere nicht vermöchten, die ihnen zusagende Nahrung zu bekommen.
ER|0|5|14|0|Innerhalb dieser äußeren Erdrinde, die bei zwanzig deutschen Meilen mitunter wohl auch weniger dick ist, fängt die zweite Erde an. Das ist der eigentliche festeste Teil des Erdkörpers, freilich wohl nicht allenthalben gleich fest, aber dessen ungeachtet noch überall fest genug, um die über sie ausgebreitete äußere Erdrinde mit der größten Leichtigkeit zu tragen.
ER|0|5|15|0|Innerhalb dieser zweiten Erde ist endlich der eigentlich lebendige Teil des Erdkörpers oder das Eingeweide desselben, in welchem Eingeweide erst so ganz eigentlich das Herz des Erdkörpers sich befindet.
ER|0|5|16|0|Wie aber nun diese drei Erden miteinander verbunden sind, wie durch sie die innere Herzenstriebkraft wirkt, das werden wir in der nächsten Darstellung näher besprechen.
ER|0|6|1|1|Die Nebenschwerpunkte und Substanzen der Erde
ER|0|6|1|1|Am 5. Januar 1847
ER|0|6|1|0|Wenn ihr es vermöchtet, mit gleich einem starken Mikroskop vergrößernden Augen einen Baumstamm von dessen Kern bis zur Außenrinde mit einem Mal durchzublicken und so auch von der untersten Wurzelfaser bis hinauf zur äußersten Knospenspitze, so würdet ihr da neben den aufsteigenden Röhren, welche mit zahllosen Pumpen, Schlussklappen und Öffnungsventilen versehen sind, noch eine Menge kleinerer Querorgane entdecken, welche vom Kern des Baumes bis zur äußersten Rinde in den mannigfaltigsten Windungen und Krümmungen sich erstrecken und allenthalben, wo sie durch eine aufsteigende Röhre gehen, mit einer elastischen Klappenöffnung versehen sind. Alle diese Pumpen, Klappen, Ventile sind gewisserart sonderheitliche Schwerpunkte, durch welche das Lebensprinzip in den ganzen Baum verteilt wird, und alle diese Haupt- und Seitenröhren oder die euch bekannten drei Bäume sind verbunden durch die bezeichneten Querröhrchen, die sich vom Mark bis zur Rinde hinaus erstrecken. Durch diese wirkt dann das Hauptlebensprinzip des Baumes, oder gewisserart das Herz desselben, in alle Teile des eben bezeichneten Baumes.
ER|0|6|2|0|Wir haben schon einmal oben angedeutet, dass neben dem Hauptschwerpunkt noch eine Menge anderer, kleinerer Schwerpunkte in der Materie vorhanden sind, jedoch das „Wo“ zur deutlichen Erklärung für die Folge vorbehalten. Eben hier aber ist der Punkt und der rechte Platz, wo sich ebendieses „Wo“ der Nebenschwerpunkte auf eine sehr beschauliche Weise bestimmen lässt. So viel wissen wir nun schon aus dieser Mitteilung, dass der Schwerpunkt in der organischen Materie der eigentliche, dieselbe belebende Wirkungspunkt ist; ist das aber unwidersprechlich der Fall, so ist gewisserart auf jedem Platz in der Materie eben auch ein kleiner Schwer-, Neben- oder Wirkungspunkt, wo eben die oben besprochenen Querorgane die aufsteigenden Organe gewisserart durchbohren und in den aufsteigenden Organen eben auf dem Durchgangspunkt eine besondere Wirkung hervorbringen, was sich jemand auch durch andere Behelfe bildlich vorstellen kann.
ER|0|6|3|0|Man lege z. B. nur zwei Hölzer quer übereinander, so wird bei diesen Hölzern sicher auf dem Punkt, wo sie sich berühren, eine leicht wahrnehmbare Wirkung entstehen; nämlich das untere Stück des Querholzes wird im Augenblick der Berührung des obenauf liegenden Stückes dessen Gewicht mit dem seinen vereinen. Will nun jemand den unteren Querbalken aufheben, so hat er nicht nur mit dessen eigenem Gewicht, sondern auch mit dem Gewicht des querüber liegenden Balkens zu tun, aus welcher Erscheinung klar und deutlich hervorgeht, dass dieser neue Berührungspunkt eine offenbare Gewichtsveränderung in dem unter ihm liegenden Balken und somit einen neuen Schwerpunkt hervorgebracht hat. Wird das obenliegende Querholz gar mit dem untenliegenden entweder mittels Band oder Heftnagel gefestigt, so haben beide Teile ihre Schwere verändert, weil ein jeder das Gewicht des anderen durch ebendiesen Berührungspunkt annimmt.
ER|0|6|4|0|Durch dieses Beispiel habt ihr schon einen kleinen Begriff bekommen, wie gewisse Berührungspunkte der Materie auf dieselbe wirken.
ER|0|6|5|0|Hier war bloß von einer Gewichtsveränderung die Rede, welche allerdings auch eine bedeutende Veränderung ist, weil dadurch ein Doppelgewicht von diesen zwei Körpern in ein potenziertes verwandelt wird. Gehen wir aber zu einem anderen Beispiel.
ER|0|6|6|0|Stellt euch eine Wasserleitung vor, bei der es sich auf einem Punkt handelt, dass zwei Wasserleitungsröhren, in denen das Wasser von einem Bassin auf zwei Punkte hingeleitet werden muss, sich durchbrechen müssen. Ein Wasserstrahl muss da gewisserart durch den anderen; dadurch aber hemmt auf dem Durchschneidungspunkt ein Wasserstrahl den anderen. Über diesen durchschneidenden Hemmungspunkt hinaus geht dann das Wasser wieder seinen ordentlichen Weg fort, so wie es bis zu diesem Punkt her gegangen ist.
ER|0|6|7|0|Was wohl wird dieser Hemmungspunkt für Erscheinungen bieten? Es wird das Wasser beider Röhren sich erst wirbelnd vereinen, und aus diesem Wirbel wird dann das vereinte Wasser in die beiden, weiter fortgesetzten Röhren dringen, was noch dadurch ersichtlicher würde und begreiflicher, so die eine Röhre Wasser und die andere Wein leitete. Bis zu diesem Punkt würde sicher jedermann aus der einen Röhre Wein und aus der anderen Wasser bekommen; über diesen Punkt hinaus aber wird dann jede Röhre gleich einen gewässerten Wein führen.
ER|0|6|8|0|Seht, aus dem Beispiel geht schon eine bedeutend merkliche Wirkung hervor, welche durch diesen Durchgangspunkt, der sonach ein Nebenschwerpunkt ist, hervorgebracht wird. Etwas Ähnliches bewirken aber eben auch in einem Baum die Querröhrchen in den Punkten, wo sie die aufsteigenden Röhrchen durchschneiden.
ER|0|6|9|0|Nachdem wir dieses Beispiel, das schon deutlicher als das erste ist, genau durchschaut haben, wollen wir noch zu einem dritten, ähnlichen, aber zusammengesetzteren schreiten.
ER|0|6|10|0|Stellt euch wieder eine Wasserleitung vor, bei der aber auf einem Punkt sich eine Anzahl von etwa zehn, oder noch darüber, Röhren strahlenförmig durchschneiden möchten. Wenn in einer jeden Röhre nur Wasser geleitet würde, so würde sich das Wasser in diesem Röhrenvereinigungspunkt durch eine starke Wirbelbewegung vermengen und so erst von da weiter in die weiteren Ableitungsröhren als gemengt fortdringen, sodass jeder am Ende einer jeden Röhre gewisserart ein zehn- oder mehrfach gemengtes Wasser bekäme.
ER|0|6|11|0|Um dieses aber wieder deutlicher zu erkennen, lassen wir durch jede Vor- oder Einleitungsröhre eine ganz andere Flüssigkeit leiten, wie z. B. durch die eine wohl Brunnenwasser, durch die zweite einen Sauerbrunnen, durch die dritte Wein, durch die vierte Bier, durch die fünfte Milch, durch die sechste Essig, durch die siebte Spiritus, durch die achte Öl, durch die neunte Lauge und durch die zehnte gar Met. Bis zu dem vereinigten Durchgangspunkt wird ein jeder, so er die Röhre öffnen würde, die ursprüngliche Flüssigkeit erhalten; nach dem Vereinigungspunkt aber wird jede Fortleitungsröhre ganz sicher ein Gemenge von allen obgenannten zehn Flüssigkeiten haben und sicher kein lauteres Aussehen mehr besitzen.
ER|0|6|12|0|Seht, solche nun beschriebene kleine Aquädukte hat unser Baum in zahlloser Menge, und je weiter gegen die Rinde hinaus, desto vielfältiger diese Leitungskanäle, und auch desto mehrstrahliger in einem Punkt; daher gewöhnlich die Rinde eines Baumes ein ähnlicher Flüssigkeitsgemenge-Auswurf ist, und man findet in der Rinde das Schwammartige des Kernes, das Faserartige des Holzes, wie noch eine Menge anderer Bestandteile untereinandergemengt, die im inneren Baum mehr abgesondert in den verschiedenartigen Röhren aufsteigen und ihren speziellen Zweck entweder in der Bildung eines oder des anderen Teiles am Baum erreichen.
ER|0|6|13|0|Nun, da haben wir wieder einen noch klarer vor uns stehenden Nebenschwerpunkt, durch den die frühere Beschaffenheit der Lebenssäfte eines Körpers in eine ganz andere übergeht und auch wieder ganz eigene Effekte zuwege bringt, was auch bei einem quer durchschnittenen Baum eben nicht zu schwer zu erschauen ist.
ER|0|6|14|0|Diese verschiedenen Ringe, die euch unter dem Namen „die Jahre“ bekannt sind, und der zwischen ihnen liegende weichere und weißere Splint, wie auch vom Zentrum bis zur Rinde hinausgehende Strahlen bezeugen hinreichend die Wirkung obbeschriebener kleiner Nebenschwerpunkte, was freilich lauter Nachwirkungen sind von einer hauptlebenden Wirkung, welche sich ungefähr dort in dem Baum befindet, wo aus allen Wurzeln und Wurzen die Kerne in den Hauptkern des Stammes einmünden, allwo denn auch der Hauptschwerpunkt oder das gewöhnliche Herz des Baumes seinen Sitz hat, dessen Verletzung dem Baum auch unrettbar den Tod bringt.
ER|0|6|15|0|Wie ihr aber jetzt bei dem Baum gesehen habt, dass in ihm die schon bekanntgestellten drei Bäume durch diese verschiedenen Kanäle verbunden sind, und wie da die verschiedenen Wirkungen hervorgebracht werden, eben also auch ist es bei unserem Erdkörper der Fall; nur natürlich in einem verhältnismäßig größeren und ausgedehnteren Verhältnis, was wieder leicht zu begreifen ist, weil die Erde doch sicher ein größerer Körper ist als ein Baum.
ER|0|6|16|0|Wie aber bei einem Baum aus dessen Herzen zahllose Kanäle aufsteigen, und wie von dem Kern des Baumes, der gewisserart eine Fortsetzung des Baumherzens ist, eben wieder eine Menge noch kleinerer Querröhrchen auslaufen und die aufsteigenden Kanäle, besonders gegen die Rinde hinaus, stets vielfältiger und durchkreuzter durchbrechen, eben also ist es auch bei dem Erdkörper der Fall. Je näher beim Herzen desselben die Organe liegen, desto größer sind sie; je weiter davon, desto kleiner werden sie, aber auch desto bis ins Unendliche verzweigter.
ER|0|6|17|0|Aus dieser möglichst klaren Darstellung aber könnt ihr nun auch begreifen und sicher recht gut einsehen, wie die schon bekanntgegebenen drei Erden in einer miteinander verbunden sind, und wie der Hauptschwerpunkt der Erde durch die zahllosen Kanäle und durch die sich häufigere Durchschneidung derselben bis zur Oberfläche herauf wirkt, und wie gestaltig die sogenannten Nebenschwerpunkte beschaffen und eingerichtet sind.
ER|0|6|18|0|Ich höre aber soeben, wie nach der Durchlesung dieser Zeilen jemand fragt: „Das ist richtig, und man kann dagegen nichts einwenden; aber woher nimmt denn das Erdherz alle die verschiedenartigen Säfte, die es ursprünglich in einzelnen größeren Kanälen fortleitet und sie erst dann bei den Durchschnittspunkten in eine zweite, gemischte Substanz verwandelt, und das – je weiter gegen die Oberfläche herauf, desto gemischter?“
ER|0|6|19|0|Da, Meine Lieben, muss Ich euch diese Lehre geben:
ER|0|6|20|0|Auch ein Baum saugt nichts als Regentropfen und den Tau der Erde durch seine Wurzelfasern ein; aber in seinem Herzen und Magen zugleich habe Ich schon Meine wohlkonditionierten Chemiker hingestellt, die diese eingesogenen Säfte gehörig zu sondieren und gewisserart wohl zu richten verstehen, und das zwar auf eine Art und Weise, wie solche nie auch ein allergelehrtester Chemiker erforschen und erkennen wird.
ER|0|6|21|0|Eben also ist das auch mit den inneren Säften der Erde der Fall. Mögen sie in noch so einfacher Substanz in dasselbe Erdherz aufgenommen werden, so werden sie aber von den daselbst angestellten Hauptchemikern dennoch so sorgfältig geschieden und in dem gerechtesten Maße in die entsprechenden Fortleitungskanäle eingeleitet und fortgeführt, dass da nicht ein Tropfen zu viel oder zu wenig von einer oder der anderen Substanz zu seiner Bestimmung gelangt.
ER|0|6|22|0|Wie aber solches geschieht, kann auf dem naturgemäßen Weg niemals erörtert werden, wohl aber auf dem geistigen, auf den wir aber erst später hinauskommen werden; daher soll auch da niemand albernerweise fragen: „Was sind diese Ursubstanzen in naturmäßiger Hinsicht für ein Material?“, und soll auch niemand auf Kohlen- und Sauerstoff und auf was noch für allerlei Stoffwerk raten; denn wenn es sich um Substanzen handelt, da gibt es wenig Stoffartiges dabei. So ist auch die Seele der Tiere sowie des Menschen eine Substanz, und es gibt da wenig Kohlen- und Sauerstoff dabei.
ER|0|6|23|0|Da wir aber nun die Erde insoweit schon beschaut haben, dass wir nun wissen, wie deren innerer Bau im Allgemeinen beschaffen ist, so wollen wir nun ebendiesen Bau in der Folge mehr, insoweit es nötig ist, speziell betrachten, oder wir wollen die inneren Gemächer des Erdkörpers mit dem geistigen Auge gewisserart durchwandern und uns in jeder der vorerwähnten drei Erden überall ein wenig aufhalten, wo es etwas besonders Denkwürdiges zu beschauen gibt.
ER|0|7|1|1|Ernährung und Rotation der Erde
ER|0|7|1|1|Am 11. Januar 1847
ER|0|7|1|0|Da die Erde gewisserart ein organischer großartiger Tierkörper ist, so muss er als solcher, um fortbestehen zu können, Nahrung zu sich nehmen; um aber Nahrung zu sich zu nehmen, werden – wie bei jedem Tier – oder wie selbst bei jeder Pflanze, entweder ein Mund oder auch mehrere Fress- oder Saugrüssel erforderlich. Gewisse Tiere, wie z. B. die Polypen und noch andere dergleichen haben eine Menge solcher Saug- und Fressrüssel. Ein Saugrüssel unterscheidet sich von einem sogenannten Fressrüssel dadurch, dass der Saugrüssel bloß nur rein flüssige Substanzen in sich aufnimmt und sie zur weiteren Ernährung des tierischen Leibes in die gehörigen Verdauungsorgane leitet; ein Fressrüssel aber nimmt auch Körper, als allerlei Insekten, auch gewisse kleine Wurzelpflanzen in sich auf, zerquetscht diese durch seine sich aneinander reibenden festen Muskeln und führt sie dann erst also zermalmt in die weiteren Verdauungsorgane.
ER|0|7|2|0|Dasselbe ist auch mit allen Pflanzen, Bäumen und Gesträuchen mehr oder weniger der Fall, da besonders ihre Wurzeln nichts als polypenartige Saugrüssel sind; ihre Blüten und namentlich die Staubfäden in denselben sind größtenteils als Fressrüssel zu betrachten, die, wennschon auf eine kurze Zeit, die befruchteten Blütenstaubeierchen in sich aufnehmen, sie alsbald zerquetschen und so den befruchteten Saft zur Belebung und ersten Ernährung der werdenden Frucht leiten. Zugleich aber hat noch jeder tierische sowohl als auch planetarische Körper eine Menge kleiner Saugspitzen auf sich, die durch ihre Beschaffenheit passendst geeignet sind, den elektrischen und ätherischen Lebensstoff aus der freien Luft in sich einzusaugen.
ER|0|7|3|0|Da aber alle diese Dinge, als Tiere und Pflanzen, kleinähnlich-typische Hervorbringungen des Erdkörpers sind, so versteht es sich schon wie von selbst, dass bei dem Erdkörper alles dieses in der größten Fülle anzutreffen sein muss. Die Erde hat demnach, wie jedes Tier, einen ganz ihrem Wesen angemessenen Hauptmund, durch den sie auch die Hauptnahrung in sich aufnimmt; neben diesem Hauptmund aber hat sie auch noch allenthalben eine zahllose Menge größerer und kleinerer Saug- und Fressrüssel, wo im Gegenteil sie dann eben wieder einen entsprechenden Hauptentleerungskanal, und neben dem noch auch eine zahllose Menge kleinerer Entleerungskanäle hat.
ER|0|7|4|0|Wir werden, um bei dieser Sache nicht unnötig zu weitläufig zu werden, uns vorerst zur Beschauung an den Hauptmund und an den entsprechenden Hauptentleerungskanal machen, weil dieser auf die rotierende Bewegung der Erde den Haupteinfluss übt. Was aber ferner die zahllosen kleinen Ernährungs- und Ableitungsmünde oder Kanäle betrifft, das werden wir bloß einer kurzen allgemeinen Betrachtung unterziehen; und sonach gehen wir zu dem Hauptmund über.
ER|0|7|5|0|Der Nordpol ist des Erdkörpers Hauptnährmund, wie der Südpol dessen entsprechender Hauptentleerungskanal.
ER|0|7|6|0|Wie sieht denn dieser Mund aus? Er ist ziemlich groß; sein Durchmesser am äußersten Rand, wo die Einmündung trichterförmig beginnt, hat ein Maß im Durchschnitt zwischen 20 und 30 Meilen, beengt sich aber am Ende bis auf eine Achtelmeile, in welcher Weite dann dieser Schlund bis zum Magen des Erdkörpers fortgeht, und zwar in ziemlich gerader Richtung. Die Wände dieses Schlundes sind jedoch sehr uneben und sehen sehr riffrig und mitunter große Strecken fortlaufend also spitzig oder vielmehr mit Spitzen besetzt aus, als so sie mit der Haut eines Riesenigels überzogen wären.
ER|0|7|7|0|Der Magen der Erde ist gleich unter dem Herzen, so ziemlich in der Mitte des Erdkörpers. Dieser ist ein bei zehn Quadratmeilen in sich fassender hohler Raum, den aber jedoch allerlei kleinere und größere Querstreifen, manche im Durchmesser von 200 Klaftern, gewisserart säulenförmig nach allen Richtungen hin zum Teil ausdehnen und zum Teil unterstützen. Dieser Magen und diese im selben befindlichen Querstützen, die das Aussehen von ovalen Streifen, auch ovalen Säulen in obbesagtem Durchmesser haben, sind nicht von einer festen Masse, sondern sie sind ungefähr von der nämlichen Beschaffenheit als wie ein großer Gummielastikumbeutel, dessen innere Wände gegenseitig mit der gleichen Masse gewisserart ausgepolzt wären, damit sie nicht über einander gedrückt werden mögen durch eine von außen auf sie einwirkende Schwerkraft.
ER|0|7|8|0|Von diesem nun beschriebenen Magen geht dann ein schraubenartig gewundener Hauptkanal durch den ganzen Erdkörper hindurch und mündet dann im Südpol aus und ist von gleicher Materie wie der Magen; nur wird er gegen die Ausmündung verhältnismäßig fester und fester.
ER|0|7|9|0|Dass von diesem Hauptmagen der Erde und von deren Hauptentleerungskanal zahllose Nährkanäle und Gefäße auslaufen, braucht kaum erwähnt zu werden, nachdem sich solches wohl von selbst versteht. Und so hätten wir nun den Mund, den Magen und den Entleerungskanal der Erde beschaut, und das so gut, wie es bei diesem großen Gegenstand in möglichster Kürze nur immer tunlich ist.
ER|0|7|10|0|Aber da wir nun dieses kennen, nämlich Mund, Magen und Entleerungskanal, so fragt es sich nun um das Futter, womit die Erde durch diesen Mund gespeist wird; und weil das der Hauptmund ist, so handelt es sich hier um das Hauptfutter. Worin besteht dieses, und woher kommt es?
ER|0|7|11|0|Wer je die Gelegenheit hatte, sehr tief nach Norden auf der Oberfläche der Erde fortzukommen und dabei aber auch Kenntnisse im Reich der Natur besitzt, der wird in dieser höchsten Polargegend so manche Erscheinungen entdecken, die er sonst auf der Erdoberfläche wohl nirgends antreffen dürfte. Fürs Erste eine sehr kalte Luftregion, welche besonders zur Winterszeit einen für eure Instrumente kaum messbaren hohen Grad erreicht. Mit dieser schweren und kalten Luft wird sich eine stets dichter werdende Dunstmasse vereinen, welche gegen den Nordpol hin, besonders um die winterliche Zeit, von zahllosen sternschnuppenartigen Lichtknäueln durchzischt wird; dabei aber wird er auch noch um den weiten Polrand eine ungeheure dammartige Aufhäufung von Schneekristallen und mitunter auch von ganzen mehrere Klafter hohen Eisspitzen antreffen.
ER|0|7|12|0|Seht, da haben wir das Futter schon; dieses alles zieht dieser magnetische Erdmund mit großer Kraft in sich und leitet es in den großen Magen, an dessen Wänden und Querspreizen oder Stützen sich dann dieses Futter kristallartig ansetzt; und wenn der Magen gewisserart gefüllt ist, so tritt dann die Wärme des Erdherzens hinzu, setzt diese großen Magenwände in eine vibrierende Bewegung, und die inneren Querspreizen des Magens ziehen sich dann auch bald enger zusammen und dehnen sich auch bald wieder weit aus. Dadurch wird nun diese Kost gerieben, zermalmt und durch diese Aktion ein neuer elektrischer Stoff gewonnen, der in dem Magen die nahrhaften Wasserteile zersetzt und sie in die zahllosen Nährkanäle ableitet, während dann ein ausgeschiedener, negativ elektrischer Strom die unverdaulichen Überreste in dem Magen ergreift und sie dann durch den schraubenartig gewundenen Entleerungskanal mit großer Gewalt forttreibt, auf welchem Weg diese exkrementarischen Nährteile, zufolge fortwährender mächtiger Reibung, noch die letzten Reste ihrer erdernährenden Substanz abgeben müssen, aus welchem Grunde denn auch der nördliche Teil der Erde viel kompakter ist als der südliche, weil auf diesen letzteren auch zumeist die letzten und schlechtesten Nahrungsteile kommen.
ER|0|7|13|0|Durch den endlichen Abtrieb der letzten Exkremente der Erde wird auch die Rotation des Erdkörpers bewerkstelligt, und zwar dadurch, wenn diese freilich sehr luftig aussehenden Exkremente in der gewundenen Richtung hinaus auf den freien Äther stoßen und der Erde dergestaltig einen Rollschwung geben, wie eine Rakete, die um ein Rad gewunden ist, das Rad in Bewegung setzt, wenn sie angezündet wird, und das aus dem Grunde, weil die aus der Rakete entweichende Luft so heftig ist, dass ihr die äußere Luft nicht in gleich heftigem Grad entweichen oder Platz machen kann, wodurch dann zwischen der ausströmenden Luft aus der Rakete und der äußeren Luft eine ununterbrochene Drucksäule gebildet wird, die das Rad, auf dem die Rakete befestigt ist, in den notwendigen Umschwung bringt, – so wie eine sogenannte Steigrakete eben eine ähnliche unter ihr schnell wachsende Luftsäule in die Höhe trägt.
ER|0|7|14|0|Aus diesem leicht fasslichen Beispiel könnt ihr nun auch ziemlich leicht ersehen, wie die tägliche Rotation der Erde durch ihren eigenen ganz natürlichen Mechanismus hervorgebracht und fortwährend gleichmäßig unterstützt wird. Und so hätten wir damit auch einen der wichtigsten Plätze des Erdinneren beschaut, und zwar in der Kürze so richtig und gut wie möglich. Auf gleiche Weise werden wir nächstens uns einen anderen nicht minder wichtigen Platz aussuchen und in ihm eine kurze Zeit betrachtend verweilen.
ER|0|8|1|1|Lunge und Atmung der Erde.
ER|0|8|1|1|Am 12. Januar 1847
ER|0|8|1|0|Ihr wisst, dass zum physischen Leben nicht nur allein das Herz und der Magen, sondern auch eine Lunge notwendig ist. Jedes Tier hat ein solches Atmungswerkzeug in sich; auch Bäume und Pflanzen müssen solche Transpirationsorgane haben, durch die sie binnen 24 Stunden ein- und ausatmen.
ER|0|8|2|0|Das Atemholen des Erdkörpers verspürt jedermann leicht an den Gestaden des Meeres, so er das Meer regelmäßig anschwellen und wieder zurücksinken sieht. So aber nun einmal eine solche äußere Erscheinung vorhanden ist, da kann doch auch jedermann mit Sicherheit schließen, dass sie nur von einem inneren Grunde, nie aber von einem äußeren herrühren kann.
ER|0|8|3|0|Wer dieses nicht völlig fassen sollte, dem stellt eine Wanne mit Wasser vor, wie Ich euch schon bei einer anderen Gelegenheit gezeigt habe; hängt ober der Wanne Wassers etwa in einer Entfernung von 5 Klaftern eine bedeutend große Kugel auf, und diese Kugel soll noch obendrauf aus Magneteisen bestehen, bringt dann diese Kugel ober der Wanne Wassers in einen Umschwung und betrachtet dann das Wasser in der Wanne, ob es sich irgend rühren werde. Ihr könnt völlig versichert sein, dass darum das Wasser ganz in der völligen Ruhe verbleiben wird. Nun lege sich aber jemand in das Wasser hinein und atme darin wie gewöhnlich, und jeder Betrachter wird sich überzeugen, dass bei jedem Atemzug das Wasser in der Wanne etwas steigen und beim Ausstoßen des Atems wieder fallen wird. Was wir hier im Kleinen sehen können, das geschieht beim Erdkörper im Großen.
ER|0|8|4|0|Die Erde zieht die Luft in sich, da dehnt sich die weichere Bauchgegend der Erde, die gewöhnlich vom Meer bedeckt ist, mehr aus, und das über ihr befindliche Meerwasser steigt auf den festen Ufern höher; stößt die Erde, oder vielmehr ihre Lunge, den Atem wieder aus, dann sinkt der Bauch wieder tiefer hinab, und das Meerwasser tritt von den festeren Ufern ebenfalls wieder zurück.
ER|0|8|5|0|Dieses musste darum vorher erwähnt werden, auf dass ihr einseht, dass die Erde atme, und dass sie zu dem Behuf auch natürlicherweise ihre Atmungswerkzeuge haben muss, welche Werkzeuge, wie noch einige andere, als Eingeweide der Erde alsonach die innere Erde ausmachen.
ER|0|8|6|0|Nun fragt es sich: Wo befindet sich diese Erdlunge, und wo holt sie ihren Atem ein, und wo stößt sie ihn auch wieder aus? Und endlich: Wie sieht diese Lunge aus?
ER|0|8|7|0|Diese Erdlunge, die wohl einen kubischen Inhalt von tausend Kubikmeilen hat, befindet sich zunächst unter der harten und festen Erde und begrenzt eine Fläche von etwas mehr als 5.000 Quadratmeilen. Diese Lunge ist ein großartiges Zellengeflecht, innerhalb welchen Geflechtes sich eine Menge Hohlkammern befinden, welche durch kleinere und größere Röhren miteinander verbunden sind. Diese Röhren haben zwei Eigenschaften, erstens die Luft in die Kammern zu führen und wieder abzuleiten, und zweitens können diese Röhren sich vermöge ihrer fühlbaren Elastizität, wie Muskeln oder Sehnadern bei den Tieren, zusammenziehen und wieder ausdehnen, welche Zusammenziehung und Ausdehnung durch den steten Polarwechsel bewirkt wird oder durch die Verwandlung des positiven in den negativen Pol, welche Verwandlung lediglich in der seelischen Substanz zugrunde liegt, ohne welche Verwandlung keine freie Bewegung in den Körpern denkbar wäre.
ER|0|8|8|0|Wenn sich nun diese Röhren ausdehnen, so werden die Kammern beengt oder gewisserart mehr zusammengedrückt; dadurch geschieht das Ausstoßen der Luft. Ziehen sich die Röhren wieder näher zusammen, so dehnen sich natürlich die Kammern wieder weiter aus, wodurch dann das Einatmen bewerkstelligt wird.
ER|0|8|9|0|Die Verkehrung der Polarität wird – so viel möglich, als es nur physischerweise erklärbar ist – dadurch bewirkt, dass, sobald die Seele den Lebensstoff aus der eingeatmeten Luft in ihre belebende Substanz aufgenommen hat, in der Lunge nur die Stickluft zurückbleibt und das bewirkt, dass der vormals beim Akt des Einatmens positive Pol alsbald in den negativen verwandelt wird, weil er mit der Stickluft in keiner Korrespondenz steht.
ER|0|8|10|0|Auf diese Weise tritt dann sobald die Zusammenziehung der Röhren ein, und es wird alsbald wieder eine neue Luft eingeatmet, wo dann natürlich wieder während des Einatmens der negative Pol positiv wird, und so umgekehrt.
ER|0|8|11|0|Nun wüssten wir, wie das Atmungsgeschäft der Erde vor sich geht, und wo die Lunge ist. Wo atmet sie aber ein, und wo aus? Das tut die Erde auf dieselbe Weise wie das Tier; nämlich das Tier atmet durch Mund und Nase, sowie auch der Mensch; desgleichen auch die Erde. Durch denselben Hauptmund, durch den sie die Nahrung einnimmt, zieht sie auch den Atem ein; nur auf dem halben Weg geht von dieser Hauptmündung eine Seitenmündung, welche sich, so wie beim Tier, beliebig öffnen und schließen kann. Diese große Seitenmündung führt in die große Lunge; von je 6 zu 6 Stunden wird da einmal eingeatmet und nach 6 Stunden wieder ausgeatmet. Während des Einatmens schließt sich der Nährschlund in den Magen; wenn eine gehörige Portion Luft einmal eingeatmet ist, schließt sich wie durch einen Kehlkopf die Lungenröhre, dafür aber wird der Speiseschlund wieder geöffnet. Wird die Luft von der Lunge wieder hinausgestoßen, so schließt sich wieder der Nährschlund, und so ist diese Sache so eingerichtet, dass die Erde wohl durch die Lunge in obbemeldeten Perioden fortwährend genährt wird, aber durch den eigentlichen Nährschlund in den Magen nur von 12 zu 12 Stunden, und in der Zeit die Nahrung zu sich nimmt, in welcher die Lunge die eingesogene Luft in sich gewisserart chemisch zerlegt und den Lebensstoff zerteilt; und so kann man diese Bestimmung annehmen, dass die Erde in 24 Stunden zweimal ein- und zweimal ausatmet und dabei aber nur  zweimal die Nahrung in den Magen aufnimmt.
ER|0|8|12|0|Nun wüssten wir denn auch, wo und wie die Erde ein- und ausatmet und haben daher bloß nur einen Blick zu tun, wie allenfalls diese Lunge der Gestalt nach aussieht.
ER|0|8|13|0|Die Gestalt euch so recht anschaulich vor die Augen zu stellen, wird etwas schwer sein, außer ihr könntet je irgendeinmal die Lunge eines Elefanten zu Gesicht bekommen; noch deutlicher und ähnlicher wäre die Lunge eines Mamelhuds [Mammut], aber diese zu Gesicht zu bekommen, wäre in dieser Zeit fast ganz unmöglich, da dieses Tier gänzlich ausgestorben ist. Es gibt zwar wohl noch eine ähnliche Gattung in Mittelasiens Urwäldern; allein diese ist sehr verkümmert gegen die frühere Riesenart, und somit ist noch die Lunge eines Elefanten das Ähnlichste, die bei einem ausgewachsenen so groß ist, dass sie mit Leichtigkeit über hundert Kubikfuß Luft fassen kann. Ihre Farbe ist bläulich-grau und ihre Gestalt nahe die von einer hohlen Kokosnuss, innerhalb welcher sich aber natürlich noch das Herz, der Magen, die Leber, die Milz und die Nieren befinden müssen.
ER|0|8|14|0|Stellt euch nun diese Lunge in der obbeschriebenen großen Dimension vor, so werdet ihr euch so ungefähr ein ziemlich ähnliches Bild entwerfen können. Eine nähere Beschreibung davon würde euch wenig nützen, weil ihr euch dessen ungeachtet dieses große Erdatmungswerkzeug niemals auf einmal übersichtlich vorstellen könntet. Da wäre schon eine Kammer dieser Lunge zu groß, als dass ihr sie auf einmal übersehen könntet. Ebenso wäre es auch unnütz, euch den elastischen Stoff der Lunge zu detaillieren, indem ihr doch den Stoff einer tierischen Lunge nicht begreifen könnt, woraus sie verfertigt ist; um wie viel weniger würdet ihr erst den Stoff der Erdlunge begreifen! Dass sie aber Ähnlichkeit hat mit dem Stoff der tierischen Lunge, das mag daraus ersichtlich sein, weil jede tierische Lunge, freilich in sehr verfeinertem Maßstab, aus dieser großen Erdlunge abstammt. Woher würde man aber auch den Stoff für alle die tierischen Körperteile nehmen, wenn derselbe nicht in der Erde vorhanden wäre?
ER|0|8|15|0|Die Erde muss von allem dem, was in ihr ist, auf die Oberfläche durch die zahllosen Organe transpirierend ausliefern; dieses Ausgelieferte wird zunächst von den Pflanzen und endlich von den Tieren aufgenommen und wird in ihnen wieder in das verwandelt, was es ursprünglich war. Woher auch sollte das Tier das Blut nehmen, so es nicht zuvor in der Erde vorhanden wäre? Woher soll das Wasser kommen, wenn es nicht zuvor in der Erde wäre? Kurz und gut, der Erdkörper muss alles das haben, was die auf ihm lebenden Wesen haben, so wie eine Kopflaus das nämliche, natürlich in wohlverändertem und kleinerem Maßstab, in sich hat als wie das Tier oder auch der Mensch, der diesem kleinen Tier ebenfalls ein Weltkörper ist.
ER|0|8|16|0|Ich meine, dieses Beispiel solle euch die Sache so ziemlich anschaulich machen; und so hätten wir nun einen zweiten großen Platz in der Erde besichtigt und wollen nächstens wieder einen anderen zur Beschauung wählen.
ER|0|9|1|1|Die Milz der Erde
ER|0|9|1|1|Am 14. Januar 1847
ER|0|9|1|0|Bei jedem Tier kommt nach der Lunge als eines der wichtigsten Eingeweide, welches der eigentliche Feuerherd in jedem tierischen Körper ist, die Milz in Betrachtung. Dieses Eingeweide ist zur Erhaltung des tierischen Lebens ebenso notwendig als wie das Herz, der Magen und die Lunge; denn ohne dieses Eingeweide würden die früheren tot in jedem tierischen Körper sein.
ER|0|9|2|0|Ich sagte, es ist der Feuerherd im tierischen Körper. Der Feuerherd ist in jedem Haus zur Kochung der Speisen und zur Erwärmung der Zimmer das Notwendigste; mag er wie immer gestaltig aussehen, so muss er doch da sein und war auch schon das allererste Bedürfnis der Menschen, und die allerersten Menschen der Erde lernten auch das Feuer früher kennen als alles andere, und hätten sie es nicht gekannt, so hätten Kain und Abel keine Brandopfer opfern können.
ER|0|9|3|0|Die Wichtigkeit eines solchen Feuerherdes, und was eigentlich ein solcher Feuerherd ist, mit einem Beispiel aus eurer neueren Zeit so recht armdick anschaulich zu machen, wollen wir einen Blick auf die gegenwärtig bestehende sogenannte Lokomotive werfen.
ER|0|9|4|0|Seht, ein solches Lokomotiv ist sehr kunstvoll, nach menschlicher Weise genommen, eingerichtet. Füllen wir den Kessel mit Wasser, und geben aber kein Feuer unterhalb auf den Herd, durch welches das Wasser in die treibenden Dämpfe zersetzt wird, so wird es sich sogleich zeigen, dass dieser ganze Mechanismus umsonst ist. Das Feuer ist somit die eigentliche Triebkraft; es setzt zuerst das Wasser in Dämpfe, und die Dämpfe greifen dann erst in den Mechanismus ein, und ein solcher Dampfwagen kommt dann in seine bekannte schnelle Bewegung.
ER|0|9|5|0|Ähnliche, freilich wohl ins Unendliche künstlichere Lokomotive sind tierische Körper; aber ihr ganzer Mechanismus, der aus zahllosen Teilen und Organen besteht, wäre umsonst, wenn in ihm der Feuerherd mangeln würde. Erst dieser zersetzt alle die zu sich genommenen Nahrungsteile und treibt sie durch seine eigene Kraft in die Gefäße weiter, wo sie ins Blut übergehen, als solches dann erst zu dem Herzen und von diesem hinaus zu ihrer eigentlichen Bestimmung gelangen.
ER|0|9|6|0|Dieser Feuerherd im tierischen Körper, Milz genannt, besteht darum auch aus einer eigenen, lockeren Masse, die in ihrem kreuz und quer durchflochtenen Zellengewebe vollkommen geeignet ist, das elektromagnetische Feuer in sich zu erzeugen und zu erhalten, und zwar dadurch zu erzeugen, dass sie durch eine beständige Reibung ihres Zellengewebes dieses elektromagnetische Feuer bewirkt und dann in ihren zahllosen, beutelartigen Gefäßen wie in kleinen elektrischen Flaschen aufbewahrt und gewisserart immer damit gesättigt ist, um dadurch in jedem Augenblick den negativen Teil dem Magen und den positiven Teil dem Herzen zuzuführen.
ER|0|9|7|0|Ich weiß es wohl, dass gar viele Ärzte und Naturkundige bis auf diesen Augenblick noch nicht wissen, was sie aus der Milz machen sollen, welches zu erfahren aber auch darum schwer ist, weil niemand ein Tier im lebendigen Zustand innerlich betrachten kann, und da die Milz erforschen, was sie tut. Ist aber das Tier einmal tot, so setzt das ja schon ohnehin lange früher den Tod der Milz voraus; aber nun sei es euch damit bekanntgegeben, was die Milz ist, und wozu sie dient.
ER|0|9|8|0|Wir haben sonach aus dem ersehen, dass die Milz eines der notwendigsten Eingeweide im tierischen Körper ist, weil sie gleichsam die eigentliche Triebkraft für den ganzen anderen tierischen Mechanismus in sich erzeugt, trägt und an die anderen Teile abgibt.
ER|0|9|9|0|Wie aber sonach dieses ganz unbedeutend scheinende Eingeweide eines der wichtigsten im tierischen Körper ist, ebenso ist auch in der Erde selbst ein solches Eingeweide vorhanden, das da mit gleichem Recht die Erdmilz genannt werden kann. Diese Erdmilz ist so wie bei den tierischen Körpern zunächst an den Magen angebracht, steht aber anderseits auch mit dem Erdherzen in der nächsten organischen Verbindung, und das darum, weil der Magen von dieser Milz seine Verdauungswärme und das Herz seine pulsierende Kraft aus diesem Haupteingeweide schöpfen muss, – so wie nicht minder auch die Tätigkeit der Lunge mehr oder weniger von diesem Eingeweidestück herrührt, obschon die Lunge auch zur Hälfte eine ganz freie Bewegung hat, welche mit dem Willen der Seele verbunden ist, aus welchem Grunde besonders der Mensch willkürlich bald schneller, bald langsamer atmen kann.
ER|0|9|10|0|Da demnach die Milz auch in unserem Erdkörper eine der wichtigsten Belebungsrollen spielt, so ist es auch nicht mehr als billig, dass man diesem Eingeweidestück eine ganz besondere Aufmerksamkeit spendet.
ER|0|9|11|0|Um dieses aber auch also einzusehen, wollen wir in Kürze die Wirkungen unserer Erdmilz ein wenig durchschauen.
ER|0|9|12|0|Seht auf alle die feuerspeienden Berge der Erde! Sie sind freilich nur ganz unbedeutende Ausläufer dieser Hauptfeuerwerkstätte, können aber dessen ungeachtet einen überzeugenden Anblick gewähren, wie es in unserer Hauptfeuerküche des Erdkörpers zugeht. Das wäre eine Wirkung, die sich auf der Oberfläche der Erde beurkundet.
ER|0|9|13|0|Dann betrachten wir die zahllose Menge der siedend heißen Wasserquellen, die da ebenfalls ihre Erwärmung von diesem Haupteingeweide der Erde nehmen, wenn schon nicht unmittelbar, so doch mittelbar durch jene feurigen Organe, welche mit diesem Erdeingeweidestück in innigster Verbindung stehen. Da hätten wir eine zweite Wirkung dieses Erdeingeweidestückes auf der Erdoberfläche.
ER|0|9|14|0|Betrachten wir weiter die Wolken und Nebelgebilde und die Winde auch, die sie bewegen. Alles das ist ein Produkt dieses Erdeingeweides; denn dessen Hauptzentralfeuer dringt durch zahllose Organe der Erde hindurch und erwärmt diese in all ihren Teilen auf eine hinreichende Weise. Es dürfte jemand nur etwas über eine deutsche Meile tief in das Erdinnere dringen, und er würde sich überzeugen, wie mächtig schon hier dieser innere Erderwärmungsapparat wirkt. Wenn nun das Wasser in diese Tiefen dringt, so wird es bald in Dämpfe aufgelöst; diese blähen dann die Erdhaut auf und dringen dann entweder nach und nach als Gase oder Dämpfe durch die Poren, Klüfte und anderen Höhlungen der Erdrinde, und erfüllen also die Luft und stören das Gleichgewicht derselben, woher dann die Winde ihre Entstehung nehmen; oder wenn diese innerlich gebildeten Wasserdämpfe und Gase manchmal zufolge einer Überfüllung einen gewaltsameren Ausweg nehmen, so wird dadurch wohl ein größeres oder kleineres Erdbeben bewirkt und in der Gegend des Ausbruches werden alles vernichtende Orkane, Wind- und manchmal auch Feuerhosen zutage gefördert. Da hätten wir nun wieder eine dritte anschauliche Erscheinung auf der Erdoberfläche, die von diesem Erdeingeweidestück herrührt.
ER|0|9|15|0|Eben auf eine ähnliche Weise rührt die Bewegung des Meeres (doch nicht die Ebbe und Flut, sondern bloß jene wogende und stürmische), sowie auch alle die Strömungen des Meeres von ebendiesem Eingeweide her. Auch das Gesalzensein des Meeres, was nur dadurch geschehen kann, wenn gewisse Substanzen zuvor durch das Feuer aufgelöst werden und dann als Salz zur Salzung des Meeres durch zahllose Organe heraufgetrieben werden, rührt daher. So auch rühren daher alle die meteorischen Erscheinungen, welche im Luftkreis der Erde zum Vorschein kommen, wie nicht minder auch alle Vegetationskraft der Erde. Nebst diesen gibt es noch eine zahllose Menge von Erscheinungen in und über der Erde, die alle von diesem Eingeweidestück herrühren, mit deren sämtlicher Aufzählung hundert Schreiber in hundert Jahren nicht fertig würden. Daher wäre es hier auch eine höchst unzweckmäßige und lächerliche Arbeit, alle diese Erscheinungen sonderheitlich aufzuzählen und zu besprechen, und das umso unzweckmäßiger, weil alle diese Erscheinungen aus der späteren Betrachtung des geistigen Teiles ohnehin leicht werden begriffen werden können. Daher ist es genug, dass wir hier diese Sache nur im Allgemeinen berühren, obschon es anderseits eben auch niemandem gleichgültig sein darf, im Voraus bei diesem sehr wichtigen Punkt sich eine etwas tiefere Information zu verschaffen, ohne welche er das Geistige eben nicht gar zu tief verstehen würde.
ER|0|9|16|0|Wir haben nun einige Haupterscheinungen dieses Eingeweidestückes aufgezählt, und zwar aus dem Grunde, um dieses überaus wichtige Erdeingeweidestück desto tiefer würdigend zu begreifen. Um es aber noch tiefer zu beschauen und zu würdigen, werden wir uns nächstens in dieses Eingeweidestück selbst wie persönlich begeben und werden in demselben eine recht zweckmäßige kleine Wanderung vornehmen und zugleich dahin unsere Aufmerksamkeit lenken, wie dieses Eingeweidestück gebaut ist, woher es sein Feuer und das Feuerungsmaterial bezieht.
ER|0|10|1|1|Beschaffenheit und Verrichtung der Milz
ER|0|10|1|1|Am 15. Januar 1847
ER|0|10|1|0|Wenn ihr ein kleines Stückchen von einer tierischen Milz durch ein gutes Mikroskop beobachtetet, so würdet ihr da eine Menge kleiner Kämmerchen entdecken, die zumeist viereckigen oder kubischen Inhaltes sind, manchmal aber auch dreieckige Pyramiden bildend; seltener sind diese Kämmerchen eiförmig rund. Diese Kämmerchen sind an den Ecken durch kleine Zylinderchen organisch verbunden; die Wände dieser Kämmerchen aber sind frei, daher auch eine Milz sehr weich und locker anzufühlen ist. Zwischen den Reihen der aneinandergebundenen Kämmerchen ziehen sich eine Menge Blutgefäße hindurch, welche Gefäße nicht aus gleichförmigen Röhren, sondern aus solchen nur bestehen, welche bald eng, bald weit sind und dem Auge sich ungefähr so darstellen als der Faden einer Kreuzspinne, wenn sie ihn mit ihren grauweißlichen Klebperlen besetzt hat; denn solches werdet ihr wohl schon gesehen haben, wie dieses Tier seinen elastischstarken Faden mit eigens kleinen Klebperlen schmückt, welche dazu dienen, dass ein Insekt im Augenblick, als es den Faden berührt, wie ein Vogel an die Leimspindel angeklebt wird und sich nimmer davon entfernen kann.
ER|0|10|2|0|Sogestaltig ist also ein Blutgefäß in der Milz beschaffen; fasslicher wird es für euch noch sein, so Ich es mit einer sehr feinen Schnur kleinster Zahlperlen vergleiche. Dergleichen Blutgefäße gibt es durch die ganze Länge der Milz wie auch durch die Quere derselben eine überaus große Menge. Diese Blutgefäße beginnen in einem einzigen Gefäß, das mit dem Magen in Verbindung steht, und endigen wieder mit einem Hauptgefäß, das mit dem Herzen in der rechten Verbindung steht; zugleich ist dieses ganze Milzgewebe von einer zarten Haut umfasst, durch welche die Milzkämmerchen und perlschnurartigen Blutgefäße wie dunkelrote Wärzchen hervorblicken. Da aber diese Milz bei den Tieren ein äußerst zartes Gewebe ist, so ist sie noch extra mit einem Fettnetz umgeben, damit sie erstens gesicherter ist und fürs Zweite ihrer steten sich reibenden Tätigkeit wegen auch einen guten Fettstoff um sich hat, damit sie sich solcher Tätigkeit zufolge nicht irgend wehtue.
ER|0|10|3|0|Nun haben wir so gut als in der Kürze möglich eine gewisserart anatomische Beschreibung der Milz vor uns, welche im toten Zustand freilich wohl eine von dieser jetzt beschriebenen sehr veränderte Form annimmt; nun müssen wir aber auch wissen, was sie hier so ganz eigentlich mit dieser ihrer Einrichtung für ein Geschäft verrichtet, und wie ihr zu diesem Geschäft ebendiese Einrichtung zweckdienlich ist.
ER|0|10|4|0|Wir haben schon gehört, dass die Milz mit ihren Blutgefäßen mit dem Magen und mit dem Herzen zusammenhängt; warum das? Weil sie vom Magen die ins Blut übergehenden Säfte in sich aufnimmt, sie so ganz eigentlich ins Blut verwandelt und sie als solches an das Herz abliefert; daher kann es auch bei vollblütigen Menschen sehr leicht geschehen, dass die Milz zu überfüllt wird mit Blut – weil sie nicht alles ans Herz absetzen kann, was in ihr erzeugt wird –, dass dann das Blut, das sich in der Milz angehäuft hat, in den Magen zurücktritt und der Mensch dann das Blutbrechen bekommt. Und findet das Blut da den Ausgang nicht, so kann daraus sehr leicht eine Entzündung und mit der Zeit, was noch schlechter ist, eine Erhärtung dieses Haupteingeweides zuwege gebracht werden; daher kommt auch das häufig vorkommende Blutbrechen meistens nur von der Milz und höchst selten von der Lunge her.
ER|0|10|5|0|Auf diese Weise aber hätten wir nun schon eine Verrichtung der Lunge [Milz] belauscht; nur fragt es sich jetzt, wie die Milz das Blut erzeugt. Auch das wollen wir in aller Kürze beschauen.
ER|0|10|6|0|Wenn der eierweiß aussehende Saft aus dem Magen in die Milz übergeht, so bleibt er in diesen perlschnurartigen Blutadern gewisse Perioden hindurch sitzen und rückt nur mit jedem Pulsschlag um eine Perle weiter. Zu gleicher Zeit aber wird mit jedem Pulsschlag eine Reibung der Milzkammern gemacht. Durch diese Reibung füllen sich diese Kämmerchen mit elektrischem Feuer, welches sich gegen die Magengegend hin als positiv und gegen die Herzgegend hin als negativ darstellt; daher auch die Kämmerchen gegen die Magengegend viel mehr scharfkantig sind, während sie in der Gegend gegen das Herz hin sich mehr ins Eiförmige verlieren.
ER|0|10|7|0|Durch dieses elektrische Feuer werden die Kämmerchen natürlicherweise bald sehr ausgedehnt, bald wieder sehr zusammengedrückt; und da diese Kämmerchen an den Kanten sowohl unter sich, wie auch mit einem jeden solchen Blutgefäßkügelchen durch kleine Zylinderchen in Verbindung stehen, so wird das dadurch bewirkt, dass die Säfte in den Blutgefäßen stets mehr und mehr in eine kleine Gärung geraten. Durch diese Gärung scheidet sich der in ihnen noch etwas zu häufig vorhandene Kohlenstoff aus und wird dann durch die Kämmerchen teils an die Galle, teils aber auch an das Fett abgeliefert. Zugleich entstehen durch diese Gärung lauter kleine Bläschen, welche, wenn sie unter die Herrschaft der negativen Elektrizität gelangen, mehr zusammenschrumpfen und eine linsenartige Gestalt annehmen.
ER|0|10|8|0|Als solche werden sie dann mit ebendieser negativen Elektrizität zur Hälfte angefüllt und bekommen dadurch eine safranartig gelbliche Farbe und treten also schon als Blut in die Herzkammer; denn das Blut ist nicht eine kontinuierliche Flüssigkeit, sondern es ist ein kleinlinsenförmiger Brei, welcher in seinen Kleinlinsen, die auf ihrer Oberfläche sehr glatt und schlüpfrig sind, die negative Elektrizität in den ganzen Körper herumbringt und verteilt.
ER|0|10|9|0|Diese Elektrizität erwärmt dann auch den ganzen Organismus; und wo diese Linsen dann durch sehr enge Gefäße getrieben werden, da zerplatzen sie, nach welcher Zerplatzung die Hülse flüssig wird und in die sogenannten lymphatischen Säfte übergeht, während der durch dieses Zerplatzen freigewordene elektrische Stoff als ein eisenhaltiger Äther zur Belebung der Nerven verbraucht wird.
ER|0|10|10|0|Nun hätten wir in möglichster Kürze unsere Milz in ihrer Beschaffenheit und in ihrer Verrichtung durchblickt; und da wir nun auf diese Art einen recht anschaulichen Grund haben, so können wir uns nun ganz wohlgemut und möglichst gut vorbereitet wenigstens vorderhand in eine freilich etwas größere Feuerkammer unserer Erdmilz wagen.
ER|0|10|11|0|Der Bau derselben ist ähnlich dem Kleinbau obbeschriebener tierischer Milz, zu der auch die menschliche gerechnet werden kann; nur ist freilich eine jede solche Kammer um mehrere Billionen Male größer als eine solche Tiermilzkammer, ja in mancher solchen Erdmilzkammer hätten wohl mehrere Millionen Menschen aneinandergestellt Platz, von welchem Verhältnis sich schon im Voraus entnehmen lässt, dass der Erdmilzbau schon ein sehr großartiger sein muss, – noch größer der einer Sonne und noch sehr bedeutend größer der einer Hauptzentralsonne, deren Bau jedoch, wie überhaupt der Bau der Sonnen, sehr verschieden ist von dem Bau eines Erdkörpers, wie schon überhaupt der Bau eines Erdkörpers mit dem Bau eines anderen Erdkörpers so große Verschiedenheiten in sich hat, dass nur das Auge des Schöpfers das Allgemein-Ähnliche in ihm erschauen kann. Daher müsst ihr auch nicht denken, so ihr das Erdinnere kennt, dass ihr darum auch schon das Erdinnere eines Jupiter oder eines anderen Planeten erkennen würdet; und somit wollen wir uns nun in eine solche Erdmilzkammer begeben und sehen, wie es da zugeht.
ER|0|10|12|0|Seht die graubraunen Wände, wie sie in jedem Augenblick von zahllosen Blitzen durchzuckt werden; da ist fortwährend ein allergrößter Millionendonner zu vernehmen. Und seht, aus den Kammern gehen weite Kanäle; durch sie stürzt eine gewaltige Flut herein; die fortwährenden elektrischen Flammen lösen die Flut in stark spannende Dämpfe auf; mit für euch unmessbarer Gewalt dringen diese Dämpfe mit dem furchtbarsten Toben durch andere Kanäle weiter; wieder stürzen neue Fluten in die Kammer; da ist wieder ein Sieden, Brausen und Sausen, wie auf der Oberfläche der Erde so etwas noch nie vernommen wurde. Geht aus der Kammer hinaus und seht die Blutgefäße an, die sich in obbeschriebener gleicher Gestalt zwischen den Kammerreihen hinziehen, und horcht, wie durch dieselben die gewaltigsten Fluten stürmen, wie sich hie und da diese Kanäle, wo sie enger sind, gleich großen, urweltlichen Riesenschlangen grauenerregend zusammenziehen, bald sich wieder ausdehnen, um dadurch die in ihnen vorhandenen gewaltigen Fluten weiterzubefördern. Seht, wie hier im Großen ein Gleiches geschieht und geschehen muss wie in der Tiermilz im Kleinen.
ER|0|10|13|0|Dass diese Säfte, so wie beim Tier, vom Magen in die Milz übergehen und von da an das Herz abgesetzt werden, und zwar als das alles ernährende Erdblut, braucht kaum näher erwähnt zu werden.
ER|0|10|14|0|Auf diese Weise hätten wir nun dieses Eingeweidestück so genau, als es in der Kürze möglich, kennengelernt und werden uns somit nächstens zu einem anderen Eingeweidestücke der Erde begeben.
ER|0|11|1|1|Die Leber der Erde
ER|0|11|1|1|Am 16. Januar 1847
ER|0|11|1|0|Nach der Milz kommt offenbar die Leber als eines der triftigsten Eingeweidestücke zum Vorschein. Die Leber ist der Absonderungsapparat im tierischen wie in unserem tellurischen Körper und verdient daher, gleich der Milz, eine besondere Beachtung.
ER|0|11|2|0|Der Mensch, wie das Tier, genießt Speisen, die ebenso viel tötenden Giftstoffes als wie des belebenden Nährstoffes enthalten; demzufolge wäre jeder Mensch, wie auch jedes Tier, nach der eingenommenen Mahlzeit dem Leibe nach getötet, wenn nicht in dem Körper ein solcher Apparat angebracht wäre, der alle diese giftigen Stoffe, als hauptsächlich den Kohlenstoff und den blausauren Bitterstoff, gierig an sich zöge und selben zum Teil in einem eigenen Behälter aufsammelte und zum Teil durch den Harngang ableitete. Dieser Apparat ist eben die besprochene Leber; ihr Bau ist dem der Milz ziemlich ähnlich, d. h. was die innere Konstruktion anbelangt; allein die Form hat mehr Ähnlichkeit mit der der Lunge.
ER|0|11|3|0|Dieses Eingeweidestück besteht demnach ebenfalls aus einer Menge aneinandergereihter Kämmerlein, welche so wie die der Milz, aber nur etwas enger, miteinander verbunden sind. Nebst diesen Kämmerlein durchkreuzen die Leber hauptsächlich vier verschiedene Gefäßröhrchen, welche jedoch nicht die Gestalt haben wie jene, welche durch die Milz gehen; sondern sie sind gleichförmig fortlaufende Organe, welche untereinander mit noch kleineren Durchgangsgefäßen verbunden sind, durch welche Gefäße alle Organe dieses Eingeweidestückes in einer wechselseitigen Verbindung stehen.
ER|0|11|4|0|Ein Teil dieser Gefäße geht aus dem Herzen und führt ziemlich reichlich Blut in dieses Eingeweide, damit das Blut hier mit dem nötigen Grad des Kohlenstoffs, wie auch mit einer verhältnismäßig kleinen Dosis Blausauerstoff gesättigt wird, wo es dann erst also gesättigt tauglich ist, die Verdauung in den Verdauungsgefäßen zu bewerkstelligen und von da weiter hinaus auch die äußere Haut zu bilden; denn zum innerlichen Gebrauch ist ein solches Blut nicht mehr anwendbar, daher sich auch Leberkrankheiten hauptsächlich an der äußeren Haut sehr leicht kenntlich bemerkbar machen. Das ist eine Gattung der durchlaufenden Gefäße.
ER|0|11|5|0|Eine zweite Gattung geht vom Magen in die Leber. Diese nimmt alle die wässerigen Substanzen auf, in denen eben der Blausauerstoff sehr verdünnt abgeleitet, in der Leber durch die kleinen Verbindungsgefäße in einem gerechten Verhältnis an das Blut abgesetzt und der übrige Teil aus der Leber durch die Nieren an die Harnblase abgegeben wird, die es dann als unnützen Stoff durch die Harnröhre von sich stößt und gänzlich aus dem Leib befördert. Das ist die zweite Gattung der Gefäße, die dieses Eingeweidestück durchziehen.
ER|0|11|6|0|Eine dritte Gattung der Gefäße geht eben wieder vom Magen aus und setzt besonders die Schleimhäute desselben mit der Gallenblase in der Leber in Verbindung. Durch diese Gefäße wird der schleimichte Kohlen- oder Gallenstoff von den Speisen im Magen abgesondert und wird zum größten Teil in der Gallenblase aufbewahrt zum Behuf, so der Mensch oder das Tier etwa zu wenig dieses Verdauungsstoffes durch die in sich genommenen Speisen in dem Magen entwickeln würde, so muss dann die Leber von ihrem Vorrat wieder etwas zurück an den Magen abliefern; denn alle Verdauung besteht in einer Art Gärung, deren bekanntlich einige Nährstoffe mehr als andere fähig sind. Wieder haben einige Stoffe sehr wässerigen Inhaltes nur sehr wenig Gärungsstoff in sich, was jeder schon in der Außennatur merken kann. Man nehme nur in ein Gefäß pures Wasser und gebe hinein ein wenig Kleienmehl, so wird das Gemisch lange stehen dürfen, bis es zum Gären kommen wird; man fülle aber ein anderes Gefäß mit Weinmost und tue zum Überfluss noch etwas Gersten- oder Reismehl hinein, so wird er in einigen Stunden eine solche Gärung bewirken, dass man sich dabei kaum zu raten wird wissen. Wenn aber daraus ersichtlich ist, dass einige Stoffe, die der Mensch wie das Tier als Nahrung zu sich nimmt, mehr oder weniger Kohlen- oder Gärungsstoff in sich haben, so muss es auch klar sein, dass einerseits für das Plus dieses Stoffes in eben unserer Leber ein Behälter sein muss, um damit dem Minus dieses Stoffes zu Hilfe zu kommen, wenn selber in den zu sich genommenen Nährmitteln in einem zu geringen Verhältnis vorhanden ist. Durch diese Gefäße haben wir nun die dritte Gattung kennengelernt.
ER|0|11|7|0|Eine vierte Gattung der Gefäße, die dieses Eingeweidestück durchziehen, sind die kleinen Windadern, welche von der Lunge ausgehend durch die Leber in verschiedenen Krümmungen und Windungen geleitet sind. Durch diese Gefäße wird die Gallenblase zum Teil gebildet und zum Teil in einer fortwährend gleichmäßigen Spannung erhalten. Zugleich wird durch diese Gefäße stets eine gerechte Menge atmosphärischer Luft in die Galle gebracht und durch die atmosphärische Luft so viel Sauerstoff, damit die Galle nicht zu sehr zu gären anfängt und durch diese Gärung dann jenen bösartigen Stoff im Leib erzeugt, aus dem hauptsächlich allerlei Entzündungen, Rheumatismen, Gicht und dergleichen mehr zum Vorschein kommen; daher es für die Menschen auch sehr schlecht ist, sich in solchen Örtern und Gemächern aufzuhalten, in denen sie statt der belebenden, reinen atmosphärischen Luft nur Stickluft einatmen, in der nur sehr wenig Sauerstoff, aber desto mehr giftigen Stickstoffes vorhanden ist, und nota bene besonders in jenen verfluchten Wirtskneipen, in denen sich die Gäste durch den allerabscheulichsten Tabakrauch für den Gestank der Hölle auf das Kräftigste vorbereiten.
ER|0|11|8|0|Auf diese Weise haben wir nun die vier Gefäßgattungen in unserer Leber kennengelernt, deren Aktion und Reaktion eben wieder, wie bei der Milz, durch das elektrische Fluidum bewerkstelligt wird, das in den vorerwähnten Kämmerlein, so wie bei der Milz, durch eine sich reibende Bewegung dieser Kämmerchen hervorgebracht wird. Natürlich aber wird das elektrische Feuer der Leber hauptsächlich durch das Feuer der Milz angeregt; denn die Leber wäre ohne die Milz ganz tot und untätig.
ER|0|11|9|0|Dieses Eingeweidestück befindet sich bei den Menschen wie bei allen Tieren um den Magen herum, weil es da auch am nötigsten ist. Eben also ist dieses Eingeweidestück in freilich größtem Maßstab in der Erde angebracht; seine Verrichtung ist ganz dieselbe wie die der Leber bei den Tieren. Wenn es schon nur eine sekundäre Verrichtung ausübt, was die Milz primo loco [an erster Stelle] tut, so ist es aber dessen ungeachtet ein nicht minder mächtiges Belebungsstück in jedem tierisch-organischen Körper; denn aus der Leber der Erde kommt gewisserart zunächst alles hervor, was die Erdrinde in sich und auf der Oberfläche auf sich trägt. Also ist eben auch das ganze Meerwasser daher abstammend und ist im Grunde nichts anderes als der ausgestoßene Urin des Erdkörpers, welcher Urin aber dessen ungeachtet, sich wieder verdunstend, in Wolken übergeht, welche in der Luft durch die Einwirkung des Lichtes in süßes Nährwasser umgewandelt werden.
ER|0|11|10|0|Wir haben nun auf diese Weise in aller Kürze so gründlich als möglich auch dieses Eingeweidestück der Erde kennengelernt und werden demnach nächstens wieder zu einem anderen übergehen.
ER|0|12|1|1|Die Niere der Erde
ER|0|12|1|1|Am 18. Januar 1847
ER|0|12|1|0|Nächst der Leber kommt noch die Niere in die Betrachtung. Dieses Eingeweidestück ist in dreifacher Hinsicht ein sehr beachtenswertes Lebenswerkzeug im tierischen Organismus; denn es hat drei wesentliche und überaus wichtige Bestimmungen, ohne die das animalische Leben gar nicht bestehen könnte und die Fortpflanzung nicht denkbar wäre, so wie auch ein jedes Wesen ohne dieses Eingeweidestück nie in ein fröhliches Empfinden sich hineindenken könnte; denn eine gewisse physische Heiterkeit kommt aus den Nieren, daher auch dieses Eingeweidestück oft in der hl. Schrift besonders angeführt und benannt wird.
ER|0|12|2|0|Sonach hat dieses Eingeweidestück vorerst diese Verrichtung, dass es das aus der Leber abgeführte, zum Leben des Organismus untaugliche Wasser aufnimmt, das, was bei dem Wasser noch zum Leben dienlich ist, davon absorbiert und den ganz unnützen Teil des Wassers in die Urinblase befördert.
ER|0|12|3|0|Der absorbierte, edlere Teil ist der eigentliche materielle Stoff des befruchtenden Samens, der freilich wohl noch früher vom Blut aufgenommen und dann vom selben in ganz eigene Gefäße geleitet wird, woselbst er dann als positiv-polarische Kraft durch die gleiche negative Kraft der sogenannten Beutelniere zum Zeugen unterstützt und tauglich gemacht wird. Das ist sonach eine zweite wichtige Verrichtung.
ER|0|12|4|0|Die dritte, noch wichtigere Verrichtung dieses Eingeweidestückes besteht, wie schon voraus bemeldet, in dem, dass ebendieses Eingeweidestück durch ganz eigene, sehr kleine und mehr verborgen liegende Gefäße mit dem Herzen, der Lunge, Magen, Milz und Leber in einer sehr innigen Verbindung steht und daher – mehr geistig betrachtet –, solange ein Mensch oder ein Tier lebt, der Seele gewisserart zeitweilig zu einem eben bei der Zeugung notwendigen Absteigequartier dient; und weil auf diese Weise dieses Eingeweidestück das ist, so erzeugt es im natürlichen Leben ein gewisses heiteres Wohlbefinden, welches natürlich nicht dem Leib, sondern der Seele und noch mehr dem in ihr zugrunde liegenden Geist zuzuschreiben ist.
ER|0|12|5|0|Wer wohl weiß sich nicht zu erinnern, der je rechtlichermaßen den Beischlaf gepflogen hat, wie dieser in ihm durch seinen ganzen Organismus ein überaus wonniges Gefühl und ein überaus reizendes Wohlbehagen verbreitet hat. Wer auch weiß sich nicht zu erinnern, dass, so er längere Zeit sich des unnötigen Beischlafes enthalten, ihn dann ein fortwährendes heiteres Wohlbehagen ergriffen hat, in welchem er oft, ohne zu wissen warum, so fröhlich und heiter war, dass er an allem was er ansah, eine erbauliche Freude fand.
ER|0|12|6|0|Dieses alles wird physisch in der Niere bereitet, darum dieses Eingeweidestück auch nahe das Aussehen hat wie ein wohlzubereiteter Polster, und man könnte da sagen: Siehe, da ist ein angenehmer weicher Sitz; auf diesem lässt sich gut ruhen! – So ist, was die physische Glückseligkeit betrifft, durch dieses Eingeweidestück dafür gesorgt, dass die sonst nur im Herzen und Haupt tätige Seele hier einen gewissen Ausruheplatz hat und sich, wie man zu sagen pflegt, allda manchmal recht wohl geschehen lässt.
ER|0|12|7|0|Auch bei dem sogenannten tierischen Somnambulismus tritt die Seele zumeist in dieses Eingeweidestück, welches durch die sogenannten Gangliennerven mit der Magengrube in der innigsten Verbindung steht, durch welche Gegend dann die Seele in solchem Zustand auch gewöhnlich schaut, hört, fühlt und sich, wenn es nötig, auch mit der Außenwelt in die Verbindung setzt.
ER|0|12|8|0|Wenn aber nun dieses Eingeweidestück eine so löbliche Bestimmung hat, so wird es auch nötig sein, den Bau ein wenig zu durchblicken. Der Bau dieses Eingeweidestückes hat eben wieder eine bedeutende Ähnlichkeit mit dem der Milz und der Leber, nur mit dem Unterschied, dass dieses Eingeweidestück durch die bekannte polsterartige Abteilung sich von den anderen wesentlich unterscheidet; es hat zu beiden Seiten gewisse Wamssäcke, welche durch eine bedeutende Eindrückung und durch ein weißlichtes Zellengewebe voneinander geschieden sind, und hängen nur mit der Mittellinie als ein Ganzes zusammen, welche Mittellinie ebenfalls ein weißes Zellengewebe ist, durch welches die Hauptwasserkanäle sich durchziehen und den edlen Samenstoff in die Wämse abliefern, welchen sie, wie schon oben bemerkt, von dem aus der Leber kommenden Wasser absorbieren. In den Wämsen wird dieser Saft durch die in ihnen erzeugte Elektrizität reifer gemacht und subtiler und flüssiger, als solcher er dann in die zarten Blutgefäße in diesem Eingeweide aufgenommen und mit dem Blut vereinigt zum Herzen geführt wird, von wo aus er dann erst wieder durch ganz eigene Gefäße in die für ihn bestimmten Vorratskammern geleitet wird, allwo er dann für seine brauchbare Bestimmung fortwährend von der sogenannten Beutelniere seine Nahrung und daraus erfolgte Brauchbarkeit erhält. Nun hätten wir auch, soviel für unsern Zweck nötig, den Bau dieses Eingeweidestückes durchschaut und können nun dasselbe Eingeweidestück in unserem Erdkörper aufsuchen.
ER|0|12|9|0|Dieses Eingeweidestück liegt schon ziemlich südlich, also etwas über den Äquator der Erde hinaus, und sonach näher dem Südpol als dem Nordpol. Dieses Eingeweidestück der Erde hat der Form nach eine bedeutende Ähnlichkeit mit dem gleichen Eingeweidestück einer Sau und noch mehr mit dem eines Elefanten, der im Grunde auch zum Geschlecht der Schweine gehört. Dieses Eingeweidestück hat in der Erde fast nahe ganz dieselbe Bestimmung als wie bei den Tieren; es ist fürs Erste der Grundbrunnen, aus welchem das ganze Meer sein Wasser schöpft, und aus welchem auch nach und nach alles Gewässer auf der Oberfläche der Erde herkommt.
ER|0|12|10|0|Freilich hat die Erde, bevor das Meer kommt, noch eine Menge Urinblasen, welche meistens zwischen der äußeren Erde – welche die Erdhaut genannt werden kann – und zwischen der zweiten, festen Erde als sehr große Wasserbassins vorkommen, von denen einige größer sind als ein ganzer Weltteil, wie da ist Europa. Aus diesen großen Erdurinblasen bekommen dann erst das Meer und die anderen Gewässer des festen Landes ihre Nahrung und ihren stets gleichen Zuwachs an Wasser. Das ist die erste Verrichtung dieses Eingeweidestückes der Erde.
ER|0|12|11|0|Die zweite Verrichtung ist die Absonderung des edlen Zeugungswassers aus dem groben Erdurinwasser. Dieses edle Zeugungswasser steigt dann nicht sogleich zur Oberfläche der Erde herauf, sondern wird vorerst, so wie bei den Tieren, in das Herz der Erde zurück- und von da aus erst durch eigene Kanäle und Adern herauf zur Oberfläche der Erde geleitet, wo es sich zum Teil als süßes Quellwasser und zum Teil als der alle Pflanzenwelt am meisten befruchtende Tau beurkundet. Das ist die zweite Verrichtung der Niere. Nächstens wollen wir die dritte und allermerkwürdigste in Betracht ziehen.
ER|0|13|1|1|Die Erde als Mann und Weib
ER|0|13|1|1|Am 19. Januar 1847
ER|0|13|1|0|Manchmal wird jeder von euch schon ein Gefühl in sich wahrgenommen haben, das ihm überaus wohl behagte. Die ganze Gegend hatte ein überaus freundliches Ansehen; was einem Betrachter nur in die Augen fiel, erquickte ihn mit vielfacher Wonne. Die Wolken am Firmament oder in der Luft hatten eine ganz besonders freundliche Gestaltung und liebliche Färbung, und die Luft fächelte einem so sanft und zart in das Antlitz und bereitete einem das Gefühl, als wenn er von tausend unsichtbaren reizendsten Engelslippen beküsst worden wäre, und dabei sprudelte die Seele völlig in Freude auf. Seht, diese jetzt dargestellte Empfindung des Menschen zu gewissen Zeiten ist eine mitgeteilte Afterempfindung, welche sich von dem zeitweiligen Ruhe- und Wohlbehagen des Erdkörpers herschreibt und ist homogen mit jener Fröhlichkeit der Nieren im Menschen, welche auch bei Tieren leicht beobachtet werden kann.
ER|0|13|2|0|Eine solche Heiterzeit auf dem Erdkörper geschieht dann, wenn die große, besser allgemeine Erdseele sich in ihre Niere setzt und allda gewisserart sich ihre nötige Erholung oder Ruhe gönnt. Zu dieser Zeit geschieht es dann auch auf der Oberfläche der Erde, dass sich da alles so gewisserart friedsam stimmt und alles einen gewissen weichen und sanften Charakter annimmt. Auf eine solche Heiterzeit der Erde aber folgt dann auch gewöhnlich ein düsteres und stürmisches Wetter, in welchem wieder alles einen widerlichen, abstoßenden und manchmal sogar schrecklichen Charakter annimmt. Das geschieht, so die allgemeine Erdseele wieder in ihre gewöhnlichen tellurischen Tätigkeitsorgane zurückgetreten ist. Bei der Erde geschieht es jedoch nie ganz so wie beim Menschen, dass die Seele völlig in dieses Ruhe- und Schlafgemach überginge; sondern nur ein Teil der allgemeinen Seele ruht allda mehr oder weniger aus, während ein anderer Teil fortwährend gleich tätig sein muss.
ER|0|13|3|0|Dies ist gewisserart bildlich so zu verstehen als wie manche Handlung des Menschen, der da eine Zeit lang mit der rechten Hand eine gewisse Arbeit verrichtet hat; ist diese müde geworden, so steckt er diese Hand in die Tasche zur Ruhe und arbeitet in der Zeit mit der linken Hand fort so lange, bis sich die Rechte wieder etwas erholt hat. Oder das Bild ist auch gleich einem Menschen, der eine Zeit lang mit dem Kopf gearbeitet hat, bis dieser müde geworden ist; dann gönnt er ihm die Ruhe und setzt dafür die Füße in Bewegung. Oder das Bild der partiellen Ruhe der allgemeinen Erdseele ist auch gleich einer Nachtwache, die zwei Menschen beziehen: der eine wacht von Abend bis Mitternacht, während welcher Zeit sein Gefährte geruht hat, dann begibt sich der zuerst Wachende zur Ruhe, und der Ausgeruhte tritt an seine Stelle und versieht die Wache bis zum Morgen.
ER|0|13|4|0|Also müsst ihr euch diese Handlung der allgemeinen Erdseele bildlich versinnlichen, und sonach kann die Erde auch nie in jenes völlige, allgemeine Wohlbehagen gelangen, in welches der Mensch oder auch ein Tier durch den nächtlichen Schlaf gelangen kann, sondern nur in jenes der partiellen Ruhe des Menschen, die ebenfalls ein nicht unbedeutendes Wohlbehagen mit sich führt. Dass aber bei der Erde ein solcher völliger, allgemeiner, wohlbehaglicher Ruhestand nicht eintreten kann, dafür sorgt schon fürs Erste die tägliche Rotation und fürs Zweite der jährliche Umschwung der Erde um die Sonne, demzufolge bald der nördliche, bald wieder der südliche Teil der Erde dem sogenannten Winterschlaf ausgesetzt ist, während der entgegengesetzte Teil dafür sich wieder in der größten Tätigkeit befindet.
ER|0|13|5|0|Da also die Erde auch diese von jedermann leicht wahrnehmbare Eigenschaft ihrer Niere besitzt, gleichwie der Mensch und das Tier, so fragt es sich auch, ob die Erde nicht zeugungsfähig ist. Allerdings, und das bedeutend mehrfach und sehr verschiedenartiger als jeder Mensch oder jedes Tier oder jede Pflanze.
ER|0|13|6|0|Aus diesem Grunde aber ist die Erde gewisserart auch als ein Hermaphrodit zu betrachten, oder als Mann und Weib zugleich in einem Wesen, und ist in der Hinsicht ähnlich dem ersten Menschen, der ursprünglich auch in sich Mann und Weib zugleich war, und ähnlich den vollkommenen Geistern des Himmels, die auch männlicher- und weiblicherseits völlig eines sind.
ER|0|13|7|0|Diese Vorbestimmung dieser Sache ist darum nötig, um das Nachfolgende richtiger auffassen zu können. Da demnach die Erde zeugungsfähig ist, so fragt es sich wieder; wie und was zeugt sie, und wo sind ihre hauptsächlichen Zeugungsorgane?
ER|0|13|8|0|Das Hauptzeugungsorgan ist so wie bei den Tieren der stark aufgewulstete Südpol; vermöge dieses Zeugungsorganes ist die Erde weiblich, weil auch der ganze Südpol als negativ gleich dem weiblichen Wesen ist, das sich eben auch als negativ gegen das positiv-polarische Mannwesen verhält. Die Erde aber, von diesem Punkt aus als Weib betrachtet, ist dann nicht selbst zeugungsfähig, sondern bloß nur fähig zur Aufnahme der Zeugung. Hier fragt sich’s dann: wer zeugt da mit der Erde? – Die Sonne, durch ihre entgegengesetzte polarische Kraft. Und was zeugt sie, oder was hat sie gezeugt?
ER|0|13|9|0|Ein Hauptkind der Erde, auf diese Weise gezeugt, ist der Mond, und zwar das älteste Kind dieses tellurischen Weibes.
ER|0|13|10|0|Hat sie nicht mehrere ähnliche Kinder? O ja, eine bedeutende Menge Kometen, die sich einesteils in dem weiten Ätherraum hinausgeboren kreisend befinden, teils aber sind solche Kinder, die von dieser Zeugung herrühren, die fast tagtäglich und zumeist um die Äquinoktialzeiten nahe zahllos zum Vorschein kommenden sogenannten Sternschnuppen. Dass sie nichts anderes sind als kleine, von der Erde neu ausgeborene, kometähnliche Planetchen, beweist ihr allzeit elliptischer Lauf und ihre runde Gestalt, wenn sie der Erde so nahe kommen, dass die Menschen mit ihrem Auge ihren Durchmesser näher betrachten können. Diese Planetchen jedoch werden von der Erde, so wie alle ihre sonstigen Zeugungen, wieder aufgespeist, ähnlich der alten Fabel des Saturnus, der seine Kinder verschlang.
ER|0|13|11|0|Woher oder woraus werden denn diese Kinder dann von der Erde ausgeboren? Die Erde hat eine zahllose Menge solcher Ausgeburtskanäle. Der Hauptausgeburtskanal auf der Erde jedoch befindet sich in der Mitte des stillen großen Weltozeans, nicht ferne vom Äquator, und zwar in der Gegend der Inselgruppe von den sogenannten Taiti und Otahaiti [Gesellschaftsinseln]; von dort aus ward der Mond von der Erde geschieden, und noch nachträglich eine ziemliche Menge noch bestehender Kometen.
ER|0|13|12|0|Das ist somit ein Hauptgeburtskanal der Erde. Andere Geburtskanäle sind eine Menge Seen, Sümpfe und Höhlen in den Bergen, aus denen nicht selten solche Planetchen in eine bedeutende Höhe hinaus durch eine polarische Kraft geschleudert werden. Da sie aber zu wenig Körper haben, so wird – durch die überwiegende polarische Kraft der Erde – ihr kleiner Reichtum von der entgegengesetzten Polarität verzehrt, und sie werden von der Erde wieder an sich gezogen, auf die sie dann bald als schlackenartige Massen, manchmal auch als Steine, herabfallen; als Steine kommen sie aber nur dann wieder herab, wenn sie vorerst im Ätherraum explodiert sind und dann als Teile des Ganzen herabstürzen.
ER|0|13|13|0|Das ist eine Art der Zeugung, bei der die Erde bloß als Weib auftritt. Nächstens wollen wir die bei weitem merkwürdigere tausendfältige Zeugung betrachten, wo die Erde als Mann und Weib zugleich tätig ist.
ER|0|14|1|1|Das männliche und weibliche Wirken der Erde
ER|0|14|1|1|Am 20. Januar 1847
ER|0|14|1|0|Von dieser Zeugung nimmt alles mineralische Wesen, sowie die Pflanzen- und die Tierwelt ihren materiellen Ursprung. Die Erde, als Mann und Weib in einem betrachtet, zeugt hier und gebiert auch auf die mannigfachste Weise, und zwar derart, dass sie einerseits gleichsam lebendige Junge zur Außenwelt bringt, dann auch wieder, wie die Vögel, Eier legt, und wieder so, wie die Pflanzen, Samen gebiert und für Mineralien gewisse Blüten hervortreibt, in denen die Kraft liegt, alles das ihnen Ähnliche an sich zu ziehen und sich als solches in weiten Kreisen auszudehnen. Das ist die vierartige Zeugung der Erde unter beiderlei Gestalten in einer.
ER|0|14|2|0|Es würde hier freilich jemand fragen: Wenn die Erde alles das tue, wozu dann die Reproduktionskraft in der Pflanzen- und Tierwelt? Und warum muss die Pflanze, wie gestaltet sie auch ist, zu ihrer Fortpflanzung den eigentümlichen Samen bringen? Warum der Vogel das Ei und warum das Tier seinesgleichen und warum Amphibien ihre breiartigen Rogen, die eigentlich auch Eier sind?
ER|0|14|3|0|Die Antwort auf diese Frage ist freilich wohl nicht so einfach möglich, als sich’s jemand denken möchte; aber nichtsdestoweniger ist sie für den, der nur ein wenig tiefer blicken kann, schon in der ganzen Natur vollkommen ausgesprochen vorhanden.
ER|0|14|4|0|Es heißt ja gleich anfangs im Verlauf dieses Artikels, dass die Erde hier zugleich Mann und Weib ist. Als Weib zeugt sie nicht, sondern nimmt das Gezeugte nur auf und gebiert es; als Mann aber zeugt sie bloß und gebiert es nicht, sondern das Gezeugte muss erst von derjenigen Art und Gattung ausgereift und ausgeboren werden, in die es von der Erde als Mannwesen hineingezeugt wurde.
ER|0|14|5|0|Um dieses deutlicher einzusehen, wollen wir zuerst einen Baum in Wechselwirkung mit dem Erdkörper betrachten. Eine nur einigermaßen gründliche Einsicht in dieses Verhältnis wird die Sache sicher sonnenklar darstellen. Nehmen wir an, dass der Same offenbar früher da sein musste als der Baum, auf dem er sich dann wieder reproduziert, welche Annahme auch schon darum die richtige ist, weil ein Same doch für jeden Fall leichter in der Erde sich erzeugen lässt als wie ein ganzer, vollends ausgewachsener Baum. Auch kann man den leichten Samen überall hinlegen, und eine kleine Kraft wird erforderlich sein, um die leichten Sämereien von oft größten Bäumen in alle vier Weltgegenden hin zu zerstreuen; und wenn leichte Winde wehen und diese leichten Samenkörner mit sich führen, so wird durch diesen Akt nicht einmal eine Mücke beleidigt, geschweige erst ein größeres Tier oder gar ein Mensch. Wie schwer und mit welcher Kraftanwendung würde eine solche Operation, und mit welcher Gefahr daneben, mit schon vollkommen ausgewachsenen Bäumen vor sich gehen! Was würden die Menschen wohl sagen, wenn sich auf einmal so ein ganzer großer Eichwald, von mächtigen Orkanen herbeigeführt, über ihren Häuptern niederließe und in die Erde seine Wurzeln setzte? Und für einen solchen Wald können gesunde Eichelnüsse auf einem einzigen Wagen herbeigeführt werden, können dann in aller Stille in die Erde gesteckt werden, worüber sicher kein Mensch den Kopf verlieren wird, so nach der Zeit die Eichelnüsse ganz zarte Triebe über die Erde langsam werden zu erheben anfangen. Wem wohl hat es je wehgetan, der durch einen Wald gegangen ist, so ihm ein überaus leichtes Tannensamenkörnchen auf seinen Hut niederflatterte? Was für ein Gesicht aber würde ein Mensch dazu machen, so ihm statt eines so leichten Samenkörnchens ein ganz vollkommen ausgewachsener, riesiger Tannenbaum vor der Nase niederflatterte?
ER|0|14|6|0|Schon aus diesen wenigen Beispielen ist es jedermann vernünftigermaßen leicht ersichtlich, dass der Same früher da sein musste als der Baum.
ER|0|14|7|0|Bei Tieren ist freilich wieder ein umgekehrter Fall. Da musste wohl der Vogel früher sein als das Ei, weil zum Ausbrüten des Eies schon die tierische Wärme gehört; aber nichtsdestoweniger ist der Vogel gleich als Vogel dagewesen, sondern in dieser ersten Zeugungsperiode legte auch da die Erde das erste Ei, und die Erde war somit der erste, allgemeine Vogel.
ER|0|14|8|0|War der erste Vogel erst einmal ausgeboren, dann legte er freilich das Ei, das etwas anders eingerichtet war als das erste, und gebar aus dem Ei einen zweiten ihm ähnlichen Vogel.
ER|0|14|9|0|Man kann sonach auch bei dem Vogel, wie auch bei den Amphibien das erste Ei als den Samen annehmen, und da war wieder der Same früher als das aus ihm hervorgegangene Tier. Nur wenn man zwischen der Qualität des Erd- und des Vogeleies einen wesentlichen Unterschied findet, so war dann freilich der Vogel früher als das Ei, das er legte, und durch dasselbe seinesgleichen wieder hervorbrachte. Aber nicht also war es mit dem Pflanzensamen; der wurde schon von der Erde also ausgeboren, als wie ihn die Pflanze wiederbringt. Also ist es auch mit allen anderen Tieren der Fall; jede Gattung wurde zuerst von der Erde schon als ein Säugetier ausgeboren und bekam die Fähigkeit, sich durch ein eigenes Zeugungsvermögen wieder fortzupflanzen.
ER|0|14|10|0|Wir haben, um die zeugende und gebärende Kraft der Erde zu erläutern, einen Baum als ein erläuterndes Beispiel angenommen. Diese Erläuterung musste die gegenwärtige obige Betrachtung voranhaben, ohne welche die Sache nicht so recht klar geworden wäre. Jetzt aber, da wir eine solche Betrachtung angestellt haben, wird es euch auf einmal klar, wie einerseits die Erde als Mann zeugt und anderseits als Weib wieder gebiert, und wie sie sich zu unserem als Beispiel angeführten Baum bald als Weib und bald als Mann verhält.
ER|0|14|11|0|Nehmen wir an, ein Same, der auf dem Baum reif geworden ist, wird in die Erde gelegt; da verhält sich die Erde wie ein Weib, wenn sie empfängt und das Empfangene durch die ihm eigene Kraft ausreift und ausgebiert. Wann aber der Baum dasteht, da nimmt er gegen die Erde den weiblichen Charakter an, und die Erde tritt als Mann gegen den Baum auf und zeugt in dem Baum neuen Samen für dessen Befruchtung.
ER|0|14|12|0|Aus diesem Beispiel wäre nun das männliche und weibliche Wirken der Erde zum Teil schon klar ersichtlich, und es ginge aus dem hervor, dass die Erde, um solches zu leisten, notwendig die beiden Naturen in sich vereinigen muss. Aber bei diesem Beispiel tritt die Erde und der Baum in die Wechselwirkung. Das ist nicht allein genug, sondern wir müssen diese Wechselwirkung auch in der Erde selbst erschauen. Wie aber werden wir das zuwege bringen? Das wird eben nicht so schwer sein.
ER|0|14|13|0|Ihr wisst, dass die Erde einen Süd- und einen Nordpol hat. Diese beiden Pole bleiben in Hinsicht auf die Hauptwirkung der Erde stets das, was sie sind, nämlich der eine der Südpol und der andere der Nordpol, oder der eine negativ und der andere positiv, oder der eine anziehend und der andere abstoßend, – was dann zur Folge hat, dass sich zwei solche ungleiche Polaritäten notwendig sehr gut nebeneinander vertragen können; denn der eine Pol ist der Geber und der andere der Empfänger. Bei diesem Polverhältnis tritt diese Wechselwirkung schon stark hervor. Ursprünglich oder in der Ausmündung ist der positive Nordpol der Empfänger, weil er die gesamte Nahrung für den Erdkörper in sich aufnimmt, und der Südpol ist in seiner äußeren Ausmündung derjenige, der von außen her nichts aufnimmt, sondern alles nur hintangibt; aber im Inneren ist der Nordpol gegen den Südpol der Geber und der Südpol der Empfänger.
ER|0|14|14|0|Seht, da geht schon etwas hervor, wie das Erdwesen innerlich durch seine polarische Aktion wechselweise in seinen beiden Polaritäten zum Teil männlich und zum Teil weiblich auftritt.
ER|0|14|15|0|Noch auffallender geschieht diese wechselseitige, stets veränderte polarische Wirkung durch die Wechslung des Sommers und des Winters, da ein halbes Jahr auf der nördlichen Hälfte der Erde Winter ist, während zu gleicher Zeit auf der südlichen der Sommer waltet, und also im nächsten halben Jahr umgekehrt, was sich also verhält und auch also verstanden werden muss: der Winter ist der männliche Teil und der Sommer der weibliche; der Winter zeugt in dem weiblichen Sommer, und dieser gebiert dann aus, was der Winter gezeugt hat. Sonach ist zur Winterszeit die eine Erdhälfte männlich, während die andere ganz weiblich ist, und da tritt auch der sonst weibliche Südpol männlich auf gegen den weiblich gewordenen Nordpol, und also auch umgekehrt. Nur ist dabei doch immer der merkliche Unterschied, dass die Früchte von der südlichen Hälfte der Erde zwar süßer, weicher und voller, aber nicht so kräftig als die des Nordens sind, weil im südlichen Teil das Weibliche dem Männlichen vorschlägt, während im nördlichen Teil das Männliche vor dem Weiblichen sich mehr auszeichnet, und man könnte dieses etymologisch also bezeichnen: Im Norden ist die Erde ein Mannweib, und im Süden ist sie ein Weibmann.
ER|0|14|16|0|Aus dieser Darstellung wird das Doppelwesen der Erde sicher schon nahe ganz klar ersichtlich. Zur vollkommenen Anschauung aber gehört noch, dass man weiß, dass die Erde durch den Tag und durch die Nacht ebenso ihr Wesen wechselt. Die Nacht ist stets weiblich und der Tag männlich; was der Tag gezeugt hat, das gebiert die Nacht in ihrem dunklen Schoß wieder aus. Demzufolge wird jeder Same von der Erde als männliches Wesen gezeugt und befruchtet und wird von derselben Erde als weibliches Wesen ausgereift und ausgeboren.
ER|0|14|17|0|Dass die Erde wirklich Samen erzeugt für allerlei Pflanzen und Tiere, kann aus vielen Erscheinungen auf der Erdoberfläche abgenommen werden. Zu diesen Erscheinungen gehören die ursprüngliche Bewaldung der Gebirge wie die Moos- und Grasüberwachsung mancher früheren wüsten Steppen, auf denen ein Jahrtausend hindurch nichts gewachsen ist. Schimmel und Schwämme haben noch bis jetzt keinen anderen Samen. Dann gehören zu den diese Sache erklärenden Erscheinungen die jener – wennschon etwas seltener, aber im Ganzen doch noch häufig genug vorkommenden – Art, wo es Getreide und allerlei Körner geregnet hat; und besonders sind diese Sache erklärend die nicht selten vorkommenden Fisch-, Schlangen- und Krötenregen und noch andere dergleichen Erscheinungen, von denen kein sogenannter Naturforscher sagen kann – wenn er nur einen Gran gesunden Verstandes hat –, dass sie etwa gar irgendein Wirbelwind von der Erde aufgehoben hat, und dann wieder niedergeschleudert; denn da müsste er doch irgend nachweisen können, dass auf der Erde sich ein solcher Platz vorfindet, auf dem solche Wesen in nicht selten trillionenfältiger Anzahl vorhanden gewesen sind, und würde er auch das tun können, so würde er nichts weniger tun, als eben die eigentümliche Zeugungskraft der Erde umso auffallender beweisen, wie eben die Erde aus sich selbst dergleichen hervorbringen kann. Wie aber solche Erscheinungen ganz eigentlich geschehen, werden wir nächstens noch tiefer betrachten.
ER|0|15|1|1|Die Zeugungs- und Reproduktionskraft der Erde
ER|0|15|1|1|Am 22. Januar 1847
ER|0|15|1|0|Diese Erscheinungen geschehen scheinbar wohl also, dass jemand glauben könnte, sie seien gewisserart Kollekte von gewissen Wirbelwinden, die sich aber dann in der Luft in irgendeinen Knäul vereinigten und sodann wieder herunterfielen, so die Hebekraft des Wirbelwindes nachgelassen hätte. Allein für einen nur etwas tieferen Forscher wird diese Erklärungsweise sicher nicht genügend sein; denn um Frösche, Kröten und Schlangen zu heben, würde ein ungeheuer starker Wirbelorkan oder gar eine allerheftigste Windhose vonnöten sein. So aber diese mehr lockeren Tierkörper einer solchen zerstörenden Wut der Winde preisgegeben würden, so müssten sie fürs Erste ja eher in die kleinsten Stücke zerrissen sein, bevor sie wieder zur Erde fielen, und mit dem Lebendigbleiben solcher Tiere hätte es dann sicher seine geweisten Wege. Fürs Zweite müsste eine solche Windhose, um etwa irgendeinen ganzen See oder einen Morast, der oft mehrere Stunden in der Länge und Breite hat, auszufischen, selbst einen ungeheuren Durchmesser haben und eine Kraftäußerung daneben, der kein Berg widerstehen könnte, was doch nicht leichtlich ein Naturforscher annehmen kann. Und fürs Dritte würde ein solcher Wind oder eine solche gewaltige Windhose wohl das Wasser des Sees bis auf den letzten Tropfen oder auch einen ganzen Morast dergestalt ausputzen, dass da auch nicht nur ein lockeres Sandkörnchen zurückbliebe, wo dann, wenn es diese Tiere niederregnete, auch Wasser, Schlamm und noch eine Menge anderer Ingredienzen herabfallen müssten, was aber gewöhnlich bei diesen sogenannten Amphibienregen niemals der Fall ist. Wohl aber entstehen diese Erscheinungen auf folgende Art:
ER|0|15|2|0|Die Erde zeugt als ein Doppelwesen in irgendeiner Gegend aus ihren Eingeweiden heraus eine gewöhnlich zahllose Menge solcher Eierchen. Diese sind sehr klein und werden leicht durch die Poren und Kanäle der Erde hinausgetrieben. Durch den in ihnen zugrunde liegenden Gärstoff werden sie, je weiter herauf sie kommen, desto mehr ausgedehnt, wodurch sie am Ende leichter als die atmosphärische Luft werden, und steigen dann, so sie die Oberfläche der Erde erreicht haben, in der Gestalt dunkler Nebel nach Art eines Luftballons in eine bestimmte Höhe, wo sie in eine stark elektrische Strömung gelangen, und das zwar leicht, weil sie von dieser eigens angezogen werden. In dieser Strömung werden sie dann schnell ausgereift und ausgeboren, und das nicht selten in einer Anzahl von vielen tausend Millionen. Weil sich diese Tierchen aber dann aus der Luft durch die elektrische Strömung einen spezifisch schwereren Leib gebildet haben, als die Luft selbst ist, so können sie sich auch in der Luft nicht mehr lange aufhalten, sondern senken sich herab zur Erde; aber, weil sie dennoch ziemlich leicht sind, nicht so schnell, dass sie durch einen solchen Fall plötzlich zerplatzten und somit natürlich alsogleich getötet würden, sondern sie kommen allzeit ziemlich wohlbehalten herab und können nach dem Herabfallen noch einige Stunden lang leben. Und weil diese Gestaltung ein Stufenübersprung ist und nicht mit dem ordnungsmäßigen Vorwärtsschreiten geistiger Intelligenzen aus dem Erdkörper im Einklang steht, so vergehen sie auch bald wieder aus dem erscheinlichen Dasein, werden von der Erde wieder aufgesogen und in das Pflanzenreich getrieben, wobei zu bemerken ist, dass solche Erzeugnisse dann wohl früher in die vormals erscheinliche Tierstufe übergehen, als wenn solche Tierstufen nach der gewöhnlichen Ordnung vorerst eine ganze Legion Pflanzenleben durchmachen müssen. Denn man kann da sagen „Tierstufen“, weil sie schon als solche aus der Erde alsogleich als tierische Wesen in die Erscheinlichkeit treten, welche aber freilich früher noch einen Schritt in das Pflanzliche zurücktun müssen, bevor sie den intensiv tierischen Charakter annehmen können.
ER|0|15|3|0|Ganz anders verhält es sich mit den ursprünglichen Pflanzenstufen, die schon als solche in das erste Dasein treten; diese müssen früher alle Pflanzenstufen durchgehen, die in ihrer Fortschreitungslinie stehen, bevor sie in das tierische Leben aufgenommen werden können. Da es aber auch einen gewaltigen Unterschied zwischen Pflanzen und Pflanzen gibt, als da sind edle und nicht edle, gute und nicht gute, so folgt auch daraus, dass besonders die edlen den Tierstufen und die edelsten sogar der Menschenstufe so nahe stehen, dass sie alsbald – wenigstens zum Teil – in das menschliche Wesen und zum größten Teil in das edlere Tierreich können aufgenommen werden. Von solchen Pflanzen sagt man: diese haben eine kurze Übergangslinie; aber da gibt es eine große Menge unedler Pflanzen; bei denen geht es sehr lange her, bis sie in die edleren aufgenommen werden, und da sagt man: diese haben eine lange Übergangslinie.
ER|0|15|4|0|Dasselbe ist auch bei den Tieren der Fall. So wie aber dergleichen Tiere unmittelbar aus dem Doppelwesen der Erde gezeugt werden, so auch werden Sämereien für Pflanzen frei erzeugt. Hauptsächlich geschieht dieses in den tropischen Ländern, etwa so wie im steinigen Arabien, in einigen Gegenden Afrikas und Amerikas. Da gibt es noch heutigentags große Wüsten und Steppen. Diese Wüsten haben gewisse Ausgeburtspunkte für dergleichen Sämereien; allda wird man auch überall einen üppigen Pflanzenwuchs antreffen. Wo aber solche Sämereien-Ausgeburtsquellen mangeln, da bleibt die Erde wüste und leer.
ER|0|15|5|0|Also auch haben die neu entstandenen Inseln den von der Erde erzeugten Sämereien ihren Pflanzenwuchs zu verdanken, und wenn dieser einmal eine hinreichende Stufenreihe durchgebildet ist, so werden sich auch anfangen Tierstufen zu entwickeln, jedoch nur bis zu den noch sehr unvollkommenen, kriechenden Tieren und Insekten; weiter hinauf reicht der freie natürliche Übergang nicht. Da muss dann schon eine höhere Kraft auftreten, um ein entsprechendes, auf einer höheren Stufe stehendes Tier zu kreieren, in das die vorhergehenden Stufen übergehen können, und so nicht selten aufwärts bis zum Menschen, der jedoch nimmer neu kreiert wird, sondern wird zu rechter Zeit durch Übersiedlung dahingebracht.
ER|0|15|6|0|Ich meine, diese Darstellung wird dem inneren Denker genügen, um die Zeugungs- und Reproduktionskraft der Erde als ein Doppelwesen einzusehen, und wie diese äußeren Erscheinungen auf die vorgezeichnete Weise hauptsächlich aus der Niere der Erde ihren Ursprung nehmen, weil in derselben der allgemeine Samenstoff gebildet und zur weiteren Tauglichwerdung auf dem vorgeschriebenen Weg befruchtet wird.
ER|0|15|7|0|Damit ist aber auch das eigentliche aktive Wesen des Erdinnern so vollständig als möglich erschöpft, und wenn es sich in dieser Mitteilung um die Enthüllung des Erdinnern handelte, so ist dieses Erdinnere in aller möglichsten Kürze so gut als möglich und dem menschlichen Verstand erfassbar enthüllt. Da es aber jedoch mit der alleinigen Kenntnis des Erdinnern für die völlige Erkenntnis der ganzen Erde nicht gedient wäre, so müssen wir von diesem Erdinnern oder von der inwendigsten Erde zu der zweiten, festen Erde übergehen und diese ein wenig durchblicken, damit uns dann die äußere Erde desto leichter fasslich und begreiflich wird; denn es gibt auf der äußeren Erde eine so große Menge von Erscheinungen, von denen sich die gelehrtesten Forscher nimmer eine Erklärung geben können. Alle diese Erscheinungen aber können erst dann ganz gut und richtig eingesehen werden, wenn man ihre Grundlage kennt; daher müsst ihr euch das feste Gebilde etwa nicht als gar zu einfach vorstellen, sondern überaus kompliziert und als den bei weitem größten Teil der Erde einnehmend. Er ist gewisserart das feste Holz des Baumes, das eben auch die größte Masse des Baumes ausmacht; und wie in dem festen Holz des Baumes eben der kunstvollste Mechanismus angebracht ist, also ist das eben auch bei der Erde der Fall. Dieser feste Teil der Erde ist daher auch als eine Schule anzusehen, durch die die aus der innersten Erde aufsteigenden, erst plump geformten Wesen eine eigentliche Färbung und Gestaltung bekommen. Aus diesem Grunde muss diese zweite, feste Erde auch recht scharf durchblickt werden, und wir wollen darum nächstens dieselbe ein wenig zu durchwandern beginnen.
ER|0|16|1|1|Material und Konstruktion des mittleren Teils der Erde
ER|0|16|1|1|Am 23. Januar 1847
ER|0|16|1|0|Diese zweite, feste Erde besteht aus einer ganz eigentümlichen Masse, die sich, so wie das Holz eines Baumes, fast durchgehend gleich ist; nur ist sie natürlich gegen das Innere zu etwas weniger intensiv; wohl aber nimmt die Intensivität gegen außen immer mehr zu, was auch notwendig ist. Denn wo es sich darum handelt, große Lasten zu tragen, da muss die Festigkeit groß sein. Gegen innen zu aber, wo die polarischen Kräfte durch die Eingeweide der Erde wirken, muss die Dichtigkeit etwas abnehmen und etwas zäh und nachgiebig sein, damit sie nicht bei gewaltigem inneren Kraftandrang zerberste und die sehr fühlbaren Eingeweidestücke bei ihrem Hin- und Her- und Auf- und Abwallen durch einen anfälligen Anstoß an die sie umgebende etwa irgend zu feste Wand nicht Schaden leiden. Aber gegen oben zu, da wird diese zweite Erde in ihrem künstlichen Gefüge äußerst fest, welche gleiche Festigkeit schon durchaus einen Durchmesser von nahe 200 Meilen hat, welche Dicke hinreichend stark genug ist, um die ganze dritte, äußere Erde mit all ihren Meeren, Ländern und Bergen mit einer solchen Leichtigkeit zu tragen, als wie leicht der Elefant eine über ihn gebreitete Decke trägt.
ER|0|16|2|0|Aus was für einem Material besteht denn demnach diese zweite, feste Erde? Euch dieses Material zu erklären, wird wohl etwas schwer sein, weil sich davon auf der Oberfläche der Erde wohl nirgends etwas Ähnliches vorfindet und auch nicht vorfinden kann, da die Bestandteile einer jeden Erde ganz verschiedenartig sind, was ihr auch bei der Betrachtung einer Nuss recht leicht erseht, wo die äußere, grüne Rinde durchaus nichts von der harten Schale in sich enthält, so wie der innere Kern auch nichts, und ist ein jedes, wenn schon miteinander verbunden, dennoch für sich wie ganz ausgeschieden da. Also verhält es sich auch mit der Masse dieser zweiten, festen Erde. Sie ist weder Gestein, noch Metall, durchaus kein Diamant und noch weniger irgend Gold oder Platina; denn wäre diese Masse etwas Ähnliches, so würde sie fürs Erste das innere Feuer, das den Eingeweiden entströmt, nicht aushalten. Sie würde bald geschmolzen und endlich in Schlacke und Asche verwandelt sein. Ebenso wenig würde sie den mächtigen Durchgang von zahllosen Quellen von Feuer und anderen zerstörenden Substanzen aushalten, würde sich bald abnützen und anderseits in diesen Durchgangsteilen verwittern, in welchem Zustand sie dann zu ferneren Operationen untüchtig würde.
ER|0|16|3|0|Ist sie vielleicht eine ganz eigentümliche Knochenmasse? Das wohl noch weniger als etwas anderes. Am ähnlichsten noch ist sie dem sogenannten Asbest oder der Steinwolle, wenn diese in fester Masse beisammen ist; denn diese Steinwolle ist im Feuer wie in allen Säuren nahe gänzlich unzerstörbar, obschon sie doch chemisch aufgelöst werden kann; und das ist eben der Unterschied, der die völlige Ähnlichkeit zwischen der festen Masse der zweiten Erde und zwischen unserer Steinwolle bedingt. Existiert irgend auf der Erdoberfläche noch etwas Ähnlicheres als die Steinwolle, so ist das eine gewisse Gattung Bimssteine, die aber nicht irgend anders als bloß nur in der Nähe des Südpols angetroffen werden, welche Steinart jedoch bis jetzt noch in keinem gelehrten Naturalienkabinett anzutreffen ist, weil bisher noch kein Naturforscher fürs Erste dem Südpol so nahe gekommen ist – und wenn es jemandem auch gelingen würde, sich diesem äußerst gefährlichen Punkt der Erde zu nähern, so müsste er sehr tief ins Eis graben, um ein solches Stück irgend zu bekommen –, und fürs Zweite müsste er auch notwendigerweise früher wissen, wo sich dergleichen Bimsstücke befinden, sonst würde er umsonst eine Mine in das Eis schlagen. Ein Gran solchen Gesteins wäre freilich mehr wert als eine zentnerschwere Perle, und zwar wegen seiner enormen, glänzenden Farbenpracht und wegen seiner gänzlichen Unzerstörbarkeit; aber dieser allerkostbarste Kot der Erde ist eben darum so sorgfältig verborgen gehalten, um die metall- und mineralsüchtige Welt nicht noch ärger als Gold und Diamanten zu verblenden. Dieses Mineral, wie gesagt, ist der Masse unserer zweiten, festen Erde am ähnlichsten.
ER|0|16|4|0|Was die Farbe unseres festen Erdmaterials betrifft, so ist dasselbe gegen oben herauf mehr weiß-graulicht und würde beim Sonnenlicht ungefähr also aussehen wie eine Perle; weiter hinab aber wird es immer dunkler und hat die wunderlichsten Färbungen, fast durchgehend so spielend wie eine sogenannte Goldperlenmuschel. Zugleich ist dieses Material überaus schwer – und muss es auch sein; denn in ihm liegt der Hauptrotationsschwung der Erde, was auf der äußeren Erde, die mehr locker und schwammig ist, nicht zu diesem Zweck dienlich vorkommen kann.
ER|0|16|5|0|Nun hätten wir einiges zur Erkenntnis der Masse dieser mittleren Erde aufgedeckt und können nun auf die Konstruktion derselben übergehen. Den deutlichsten Begriff von dieser zweiten, festen Erde – was ihr künstliches Gefüge betrifft – kann euch eine tüchtige Betrachtung eines Knochens einer Hirnschale, auch die Betrachtung einer gewöhnlichen Nuss, am besten und zweckmäßigsten zeigen, und darum zeigen, weil diese Gegenstände wie gewisserart Lehrer neben euch sich aufrichten, die mit einem Finger oder Zeigegriffel euer Auge auf das Gefüge hinlenken, in welchem Gefüge und Organenwesen ihr dann leicht jenen Begriff erst findet, welchen ihr dann erst gewaltig ausdehnen müsst, und in dieser Ausdehnung euch erst den wahren Begriff machen, wie künstlich und zweckmäßig diese feste Erde gebaut ist. Denn das müsst ihr euch schon bei allem merken, dass es sehr unrichtig wäre, so jemand behaupten möchte, wenn er zwei ähnliche Dinge vergleichend betrachtet, dass er sich darum schon einen Begriff davon machen kann, – sondern er muss zuerst durch die vergleichende Betrachtung einen Begriff finden. Hat er den gefunden, dann erst muss er ihn anatomisch auseinandersetzen und dehnen; dann erst hat er sich einen eigentlichen Begriff von der Sache gemacht.
ER|0|16|6|0|Also wollen wir uns nun auch von dem künstlichen Bau der mittleren, festen Erde einen Begriff machen. Wie aber? Das wird nun eben nicht so schwer gehen. Was bei den Knochen die sichtbaren Poren sind, das sind bei dieser zweiten Erde weit ausgehende, manchmal viele Klafter im Durchmesser habende Kanäle, welche auf verschiedenen Punkten mit den mannigfaltigsten Schlussklappen versehen sind. Auf manchen anderen Orten durchkreuzen sich wieder mehrere Kanäle auf einem Punkt; ein jeder führt bis zu diesem Punkt eine eigene Flüssigkeit, welche sämtlichen Flüssigkeiten sich in einem solchen Vereinigungs-, auch Nebenschwerpunkt, zu einer ganz neuen Mischung vereinen und von da wieder in viele, weiter fortgehende Kanäle als eine und dieselbe vereinte Flüssigkeit vorwärtsdringen. Alle Kanäle aber sind fortwährend mit einer zahllosen Menge von Schlussklappen versehen, die sich nach aufwärts öffnen und nach einwärts schließen.
ER|0|16|7|0|Warum sind denn diese Schlussklappen in den zahllosen Kanälen angebracht? Diese Schlussklappen dienen dazu, dass die von den Eingeweiden verschiedenartig ausgetriebenen Nahrungs- und Belebungssäfte nicht wieder, vermöge ihrer Schwere, zurück in die Eingeweide fallen können; denn jeder Pulsschlag des großen Erdherzens treibt die verschiedenen Säfte in die zahllosen Organe. Würden nun diese Organe nicht gleich beim Eintritt der Säfte schon mit einer Schlussklappe versehen sein, so würden diese Säfte, zufolge ihrer Schwere, sich wieder zurückergießen; allein, wie sie da in die Organe aufsteigen, so öffnen sich durch den Druck von unten her diese Schlussklappen, und die Flüssigkeiten dringen hinein. Wenn aber der Stoß nachlässt und neues Material holt, da drücken die in die Organe eingestoßenen Säfte auf diese Schlussklappen zurück und versperren sich auf diese Weise durch ihre eigene Schwere den Rückweg.
ER|0|16|8|0|Dass eine solche große Erdader mehrere solche Schlussklappen in ihrem, nicht selten mehrere hundert Meilen weiten Verlauf haben muss, versteht sich schon von selbst, weil sonst ohne mehrere solcher Stützpunkte die Flüssigkeit in einer so langen Röhre zu schwer würde, um durch den Pulsstoß weiter gehoben zu werden, und durch ihre Schwere am Ende die einzige Schlussklappe durchbrechen und zerstören würde. Große Kanäle oder große Adern haben nebst solchen Schlussklappen auch noch große Fallwindungen und separate Druckpumpen, durch welche dem Pulsstoß eine große Überhilfe geleistet wird. Ähnliche Schlussklappen findet ihr auch in allen Adern der tierischen Körperwelt. Ihr dürft nur ein anatomisches Werk oder auch durch ein Mikroskop eine Holzfaser betrachten, so werdet ihr längs des Röhrchens eine Menge solcher Schlussklappen antreffen.
ER|0|16|9|0|Denkt über das Bisherige ein wenig nach, was den Mechanismus dieser festen Erde betrifft, so werdet ihr eine recht nützliche Erkenntnis der Dinge in der Natur bekommen; und so ihr euch in dieser ersten, mechanischen Darstellung werdet ein wenig eingefunden haben, so werdet ihr die nächste, bei weitem künstlichere Eröffnung dieses Mechanismus desto leichter fassen.
ER|0|17|1|1|Die Bewahrung der Kraft der Erdsäfte
ER|0|17|1|1|Am 25. Januar 1847
ER|0|17|1|0|Wir haben in der letzthinigen Mitteilung gesehen, wie die Säfte von dem Inneren der Erde durch die Mittel- oder feste Erde heraufgetrieben werden. Der Mechanismus ist, wie ihr aus der Beschreibung leicht werdet ersehen haben, im Grunde äußerst einfach, aber dabei in seiner Einrichtung vollkommen zweckdienlich. Die Säfte, die durch diesen einfachen Mechanismus heraufbefördert werden, aber würden bald ihre ursprüngliche Kraft, die ihrer Wesenheit substantiell beigemischt ist, verlieren, besonders bei einem Weg, der nicht selten mehrere hundert Meilen beträgt. Um diesem leicht erfolgbaren Übelstand abzuhelfen, musste von einer anderen Seite her durch einen überaus kunstvollen Mechanismus zu Hilfe gekommen worden sein, und das zwar also wie folgt: In der Richtung von Norden nach Süden gehen zahllose, überaus feine Mineralfäden, die vom Norden nach Süden meistenteils rein eisenhaltig, und umgekehrt die von Süden nach Norden platin- und manchmal auch kupferhaltig sind. Diese Fäden sind, wie schon bemerkt, überaus fein, so zwar, dass der Faden einer Spinne geteilt netto zehntausend solcher Fäden abgeben würde, das doch sicher eine sehr feine Arbeit ist. Diese Fäden laufen nicht etwa gleichmäßig in geraden Linien fort, sondern sehr geringelt, ungefähr also, wie der Kamm einer Säge, und dabei noch in manchen anderen Windungen, besonders in den Gegenden, wo sie an die aus dem Inneren der Erde aufsteigenden Adern und Kanäle streichen. Das ist aber auch notwendig; denn eben an jenen Stellen müssen diese Leitfäden ihre Wirkung am meisten betätigend auftreten lassen.
ER|0|17|2|0|Diese Fäden sind nicht Röhrchen, sondern lauter aneinandergereihte verschiedenartige Kristalle, welche wie Glieder einer Kette aneinander verbunden sind. Ihre Stellung ist so, als so ihr ungefähr mehrere dreikantige Pyramiden also aufeinander setzen würdet, dass die Spitze genau in die Mitte der unteren Fläche der nachfolgenden Pyramide zu stehen kommt, und die eisenhaltigen also gewendet, dass die Spitzen gegen Norden, und die platin- und kupferhaltigen die Spitzen gegen Süden gekehrt haben. Wenn ihr euch das so recht vor die Augen stellt, so habt ihr ein richtiges Bild, wie diese Leitfäden konstruiert sind. Diese Leitung muss darum also mechanisch geordnet sein, weil jede anders geordnete, glatte Leitung, wie etwa durch einen Draht, das wirkende elektromagnetische Fluidum bei einer Länge von nicht selten dreitausend Meilen verlieren würde.
ER|0|17|3|0|Dass glatte Leitungen mit der Zeit das Fluidum mehr und mehr verlieren, können in diesem Manipulationsfach mehr geübte Naturkundige schon aus dem abnehmen, dass ein weitgeleiteter elektrischer Funke nicht mehr jene kräftige Wirkung hat als in der Nähe eines Konduktors, der zuerst entweder von einer geriebenen Glasscheibe oder von mehreren in die Salz- oder Schwefelsäure getauchten Kupfer- und Zinkplatten zunächst das elektromagnetische Fluidum aufnimmt. Allein diese Pyramidallinie würde auch noch nicht für einen etliche tausend Meilen fortlaufenden Konduktor völlig dienlich sein, so sie nicht in einer eigenen Röhre fortliefe, welche von einer solchen Masse gebildet ist, durch die kein elektrischer Funke durchdringt.
ER|0|17|4|0|Aus diesem könnt ihr schon ein wenig ersehen, wie überaus kunstvoll dieser Mechanismus fortgewebt ist; aber damit wäre noch wenig gewonnen, wenn diese Fäden den elektromagnetischen Stoff hin und her wechseln ließen. Es müssen daher an gewissen Punkten, besonders in der Gegend der aufsteigenden Kanäle, Sammelkammern angebracht sein, in denen sich dieser Stoff sammelt; und wenn eine solche Kammer vollgeladen ist, so wirkt sie dann auf die Flüssigkeit in dem Kanal und verleiht ihm wieder neue Kraft. Das ist eine Bestimmung dieser zahllosen Sammelkammern, die bald größer und bald kleiner sind, und sind auch bald negativ und bald positiv, auf dass, wenn die Substanz in einer aufsteigenden Flüssigkeit durch die positive Elektrizität zu gewaltig heiß gekräftigt würde, die negative dann wieder das Superplus in sich aufnimmt und sogleich in ihresgleichen verwandelt, oder so ganz deutsch gesprochen: Was die positive Elektrizität zu viel erhitzt, das kühlt die negative wieder ab.
ER|0|17|5|0|Eine andere Bestimmung dieser nun bekanntgegebenen Leitungsfäden ist, die vielen Triebpumpen in den Kanälen in die Bewegung zu setzen, welche Triebpumpen eine Unterstützung der ursprünglichen Triebkraft des Erdherzenspulsschlages sind; ohne diese Unterstützung würde diese erste Kraft notwendig bald erlahmen müssen, wenn sie bei jedem Stoß mit gar vielen Trillionen Zentnern zu tun hätte, welches Gewicht die mit jedem Pulsschlag herausgestoßenen Säfte auch im allergeringsten Maßstab sicher haben. Durch die obbezeichneten, in den Kanälen eigens angebrachten Druckpumpen wird der Pulskraft des Erdherzens aber so sehr geholfen, dass diese nur mit einem bedeutend geringeren Gewicht zu kämpfen hat. Euch aber den Mechanismus einer solchen Druckpumpe näher zu zergliedern, wäre eine vergebliche Mühe, und ihr würdet in die Sache bei der möglichst klarsten Darstellung dennoch nie eine vollkommene Einsicht bekommen, die ein zu kompliziertes Werk ist, in welches nur ein Geist, nie aber das Auge des Fleisches beschaulich eindringen kann, – daher sich auch dergleichen kunstvolle Präparate bei der geistigen Darstellung des Erdkörpers viel leichter und fasslicher werden darstellen lassen als jetzt bei der bloß materiellen.
ER|0|17|6|0|Wir haben nun auf diese Weise einen sehr kunstvollen Mechanismus in dieser Mittelerde kennengelernt. Es geht uns zur vollen Kenntnis dieses Erdkörperteiles nur noch etwas weniges ab, dann werden wir mit ihm fertig sein. Dieses Wenige besteht in den sogenannten Rückleitungs- oder Wiederaufsaugungsgefäßen, durch welche – wie bei dem tierischen Körper das Blut durch die Adern – die überflüssigen Säfte, die noch zur Ernährung der Erde nicht vollkommen präpariert sind, wieder zum Herzen derselben zurückdringen, um dort neue Kraft und Stärkung zu holen. Diese rückführenden Kanäle sind ebenfalls mit Aufhaltsklappen versehen, welche sich nur dann öffnen, wenn das Herz der Erde sich zusammenzieht. Dehnt es sich wieder aus, da schließen sich diese Klappen und lassen die rücksteigenden Säfte nicht fortsteigen; nur schließen diese Klappen nicht so genau wie jene in den aufsteigenden Gefäßen, was aber auch nicht so notwendig ist. Fürs Erste sind diese Rückleitungskanäle durchgehend enger als die aufsteigenden, daher die in ihnen enthaltene Füssigkeitssäule keine so große Schwere in sich fasst; fürs Zweite ist die in ihnen enthaltene Flüssigkeit auch viel träger als die in den aufsteigenden Kanälen; und fürs Dritte haben diese oberwähnten Klappen nur das zu bewerkstelligen, dass diese Kanäle beim Ausstoß nicht ganz unterbrochen, sondern nur beengt werden, – welche mechanische Einrichtung ihr auch bei den Adern tierischer Körper antreffen könnt, sowie auch in den euch bekannten Röhrchen des Holzes, wo aber jedoch die Rückleitungsgefäße zwischen der äußeren Rinde und dem Holz vorkommen.
ER|0|17|7|0|Das ist nun alles, was von unserer Mittelerde in materiell-mechanischer Hinsicht noch zu sagen übrig war; und da wir auf diese Weise mit diesem Gegenstand zu Ende sind, so werden wir uns fürs nächste Mal über die dritte oder äußere Erde machen.
ER|0|18|1|1|Der äußere Teil der Erde
ER|0|18|1|1|Am 26. Januar 1847
ER|0|18|1|0|Nachdem wir die Mittelerde durchgemacht haben, begeben wir uns, wie schon vorerwähnt, auf die äußere Erde, die gewisserart die Haut oder die Rinde der Erde ausmacht.
ER|0|18|2|0|Dieser äußere Teil der Erde hat ein am allerwenigsten mechanisch-kunstvolles Bauwerk in sich; aber was ihm in dieser Sphäre mangelt, das wird bei ihm durch andere zahllose Bildungsformen ersetzt, und es herrscht in ihm eine gewisserart gemengte Fülle von allem dergestalt, dass es keinem Menschenverstand zu fassen und zu begreifen möglich wäre, wie und was alles in dieser Erdrinde vor sich geht.
ER|0|18|3|0|Bei den früheren zwei Erden haben wir alles mehr einfach gefunden, so wie die Wirkung nebst der ihr vorhergehenden Tätigkeit eine gewisserart sehr einfache ist. Man könnte die innere Tätigkeit und das innere Wirken vergleichen einem ganz einfachen Triebrad, bei dem man nichts anderes erblickt, als dass es sich fleißig und kräftig um seine Achse dreht; geht man aber dann in die Kammer, wo ein sehr komplizierter Mechanismus durch die einfache Wirkung des ersten Triebrades in die mannigfaltigste Bewegung gesetzt wird, und wo durch dieses viele Räder- und Spindelwerk die seltensten Effekte bewirkt werden, so erstaunt man, wenn man zurückdenkt, dass das alles das draußige einfache Triebrad zuwege bringt.
ER|0|18|4|0|So kann man auch die einfache Tätigkeit im Innersten der Erde als ein einfaches Triebrad betrachten, durch welches aber eben auf unserer dritten oder äußersten Erde zahllose allermannigfaltigste Wirkungen hervorgebracht werden. Nun müsst ihr euch die äußere Erde nicht etwa als durch einen leeren Luftraum oder durch ein Zwischensein – etwa eines unterirdischen Meeres – geschieden vorstellen; sondern diese beiden Erden sind so innig und fest miteinander verbunden, als wie die Rinde mit dem Holz eines Baumes.
ER|0|18|5|0|Zunächst an der festen Erde ruht eine noch mehrere Meilen dicke, fühlende Haut der Erde, über welcher Haut dann erst die Epidermis oder die eigentliche, unfühlende Haut der Erde folgt, in welcher sich die Wirkungen des inneren, organischen Lebens der Erde erst so recht vertausendfältigen. Allda wird erst alles geformt in sich wie außer sich, d. h. es wird der Same, wie er als Same in sich beschaffen ist, entweder frisch gebildet, wie auch in sich so dargestellt, was einst seine entkeimte Außenform sein solle; oder für den Samen wird hier die Kraft bereitet und je nach ihrer Art geschieden, wie sie tauglich zur Belebung des schon vorhandenen Samens sowohl für Pflanzen als Tiere ist, von dem sie nach und nach durch das Pflanzenreich, wie durch das Wasser und durch zahllose kleine Tierchen, aufgenommen und dann ganz intelligent verwendet wird.
ER|0|18|6|0|Zu solcher Präparierung gehört sicher auch eine unendliche Kompliziertheit vorerst der mechanisch-organischen Konstruktion dieses Erdteiles. Allein mit der wäre da noch sehr wenig gedient; denn all solche Mechanik würde da sehr wenig oder gar nichts leisten, sondern die Einrichtung dieses Erdteiles muss nebst der wunderbarst kompliziertesten mechanischen Einrichtung zur Sonderung und Verteilung der aus dem Innersten der Erde aufsteigenden Säfte und Kräfte noch eine zweite, noch ins Unendliche mehr komplizierte Einrichtung zu dem Zweck haben, vermöge welchem die gar subtilen Einwirkungen aus dem äußeren, unendlichen Weltenraum aufgenommen und der rechten Bestimmung zugeführt werden.
ER|0|18|7|0|Dass für diesen Behuf mit einer einfachen Vorrichtung nicht gedient wäre, das könnt ihr euch wohl leicht vorstellen, wenn ihr nur eine einzige Pflanze recht aufmerksam betrachtet, welch mannigfaltige Teile sie besitzt, und welche Unzahl von jedem Teil an einer Pflanze vorhanden sein muss, wie z. B. Stacheln, Haare, Ecken, Winkel, Fasern, Fäden, Flüssigkeiten, Fette und dergleichen noch mehr, und das alles verbunden durch einen kunstvollsten Mechanismus bloß zur Darstellung dieser einzigen Pflanze. Wenn aber schon eine Pflanze so viel erfordert, wie viel von solcher allermannigfaltigsten Einrichtung wird da in diesem dritten Erdteil vorhanden sein müssen, wo es sich um die Bildung fürs Erste des mannigfachen und reichen Außenminerals, dann um die ganze Pflanzenwelt und endlich um die zahllos vielfache Tierwelt handelt!
ER|0|18|8|0|Ein Sandkörnchen, als doch sicher das einfachste Mineral, ist so kunstvoll zusammengefügt, dass ihr euch vor lauter Verwunderung ganz umkehren würdet, so ihr es erblicken könntet, wie es in sich selbst kunstvollst zusammengefügt ist. Da würdet ihr eine Menge der verschiedenartigsten Kristalle entdecken, die so geregelt aneinandergefügt sind, dass sie der allergeschickteste Mathematiker nie so genau berechnen könnte. Das ist aber noch das wenigste. Wenn ihr dann diese einzelnen Kristalle erst genauer untersuchen würdet, so würdet ihr finden, dass sie nichts als Komplexionen von lauter tierischen Kadavern sind, und das von einer Art Infusorien, die aber viel kleiner sind als jene schon bei weitem vorgerücktere Art, die im gärenden Wassertropfen zum Vorschein kommt; und würdet ihr dann selbst wieder diese Infusionstierkadaver näher untersuchen, so würdet ihr in einem jeden solchen Kadaver eine zahllose Menge atomistischer Tierchen entdecken, welche zur Lebenszeit dieser nun in Kristallformen aneinandergeklebten Infusorien ebendiesen Infusorien als Speise und Nahrung gedient haben. Und wäre es euch möglich, ein solches atomistisches Tierchen, freilich mehr mit geistigen als wie mit den schärfst bewaffneten Naturaugen, untersuchend zu betrachten, da würdet ihr in einem jeden solchen atomistischen Tierchen eine Mignon-Hülsenglobe entdecken, in welcher im kleinsten Maßstab das ganze Universum wie abgebildet zum Vorschein kommt. Fasst da Millionen in ein solches Kristallchen zusammen, das aus 1.000 Infusorien gefügt ist, und das Sandkörnchen aus hundert solchen Kristallen, so werdet ihr euch wenigstens einen kleinen Begriff von der höchst kunstvollen Darstellung dieses allereinfachsten Mineralstückes machen, besser zeigen können.
ER|0|18|9|0|Was gehört demnach dazu, um ein solch allereinfachstes Mineralstückchen zuwege zu bringen! Wie kunstvoll muss der Mechanismus sein in der Werkstätte, in der bloß nur Sandkörner fabriziert werden, da in einem solchen Sandkörnchen schon zwei tierische Generationen vorangehen müssen, wo jedes Tierchen einen so kunstvollen Organismus besitzt, dass ihr euch von der allerkünstlichsten Art desselben nie einen Begriff zeigen könntet! Denn ein solches Tierchen hat Augen, hat Ohren, hat andere Gefühlsorgane und hat dazu eine ganz freie Bewegung. Hört, das darzustellen, geht schon bei weitem über alle menschlichen Begriffe! Noch mehr ans Rätselhafte geht das Bild des Universums in einem atomistischen eiförmigen Kugeltierchen. Um aus allem dem dann erst ein Sandkörnchen darzustellen, dazu gehört gewiss ein allerkunstvollster Reproduktionsmechanismus in unserer äußeren Erde. Wie viel aber gehört dann dazu, um andere Mineralien zu gestalten, ihnen die bestimmte Eigenschaft und Form zu geben, und was gehört dazu, die vielen verschiedenartigsten Pflanzen zu gestalten, und was gehört endlich zur Gestaltung der zahllos vielen Tiergattungen, wofür die Zahl „eine Million” zu wenig ist!
ER|0|18|10|0|Aus dieser nur höchst oberflächlich die Sache berührenden Darstellung werdet ihr leicht begreifen, dass hier eine spezielle Darstellung dieses allerkompliziertesten Bildungsorganismus so gut wie rein unmöglich ist; und wollten wir wirklich die Sache speziell darstellen, so hätten tausend Schreiber netto eine Billion von Jahren zu tun. Und wer sich aus solch einem Werk dann informieren müsste, der müsste demnach tausend Billionen Jahre leben, um so ein Werk wenigstens einmal in solchem seinem langen Leben durchzulesen. Kurz und gut, das Lächerliche einer solchen Unternehmung muss sich schon beim ersten Anblick klar darstellen. Daher werden wir bei der Betrachtung dieses äußeren Erdstückes nur ganz oberflächlich und im Allgemeinen das hervorheben, wodurch manche äußeren Erscheinungen näher erklärt werden können. Alles Übrige wird sich, wie schon öfter erwähnt, im geistigen Teil leicht begreifen lassen, und wird eine Minute fruchtbringender sein als eine ganze Million irdischer Jahre. Somit nächstens bloß nur noch etwas über die besondere Einrichtung dieser äußeren Erde.
ER|0|19|1|1|Die fühlende Haut der Erde
ER|0|19|1|1|Am 27. Januar 1847
ER|0|19|1|0|Was die fühlbare Haut der Erde betrifft, so ist diese von zahllosen, kreuz und quer laufenden Kanälen durchzogen, und zwischen diesen Kanälen gibt es wieder eine Menge große und kleinere Sammelplätze oder Behälter für allerlei aus dem Inneren der Erde aufsteigende Flüssigkeiten; auch wieder solche Behälter, welche die retrograden Säfte aufnehmen und sie dann durch die schon bekanntgegebenen Rückgangskanäle in das Innerste der Erde zurückleiten. Diese Behältnisse haben, also wie die Seen auf der Oberfläche der Erde, verschiedene Gestaltungen; die meisten jedoch sind eiförmig. Dieselben dienen hauptsächlich dazu, dass die dahin gelangten Säfte in eine Art Gärung kommen, durch welche sie wieder wie chemisch geschieden werden und dann als geschieden wieder zu bestimmten Zwecken weitergeleitet. Diese Behälter jedoch sind nicht zu verwechseln mit jenen großen, unterirdischen Wasserbassins, aus denen schon das trinkbare Wasser auf die Oberfläche der Erde zum Vorschein kommt, und welche Bassins an manchen Stellen schon mit den sogenannten artesischen Erdbohrern können erreicht werden. Diese großen Wasserbassins befinden sich schon sämtlich in der unfühlenden Erdrinde, während die vorerwähnten Erdsäftebehälter noch alle in der fühlenden Erdrinde zu Hause sind. Welchen Zweck diese Behälter aber noch haben, werden wir auch im geistigen Teil gründlich durchschauen können.
ER|0|19|2|0|Das wäre einmal eine Beschaffenheit dieser Erdrinde; eine andere besteht in einer säulenähnlichen Unterstützung, auf der die ganze obere, unfühlende Erdhaut samt ihren Meeren, Seen und Bergen ruht. Diese Säulen basieren zunächst auf der festen Erde und ziehen sich von da wie ein Gerippe auf die Oberfläche der Erde herauf, sind aber nicht also fest wie die Steine auf der Oberfläche der Erde, sondern sie haben mehr eine knorpelartige Festigkeit, welche mit einem bedeutenden Grad von Elastizität verbunden ist, was auch notwendig ist, weil sich nicht selten zwischen der fühlenden und unfühlenden Haut der Erde jene euch schon bekannten Gase bilden, welche ganz bedeutende hohle Räume machen, die äußere Erdrinde oft bedeutend emporheben, und diese dann nicht selten irgend örtlich auseinandertrennen und dadurch Erdbeben und gewaltige Orkane bewirken. Wären diese vorbenannten Stützen sehr fest, dann wäre es mit der Oberfläche der Erde, und noch mehr mit ihren Bewohnern, bald geschehen; so aber, weil diese Stützen dehnbar sind, kann da weiter nichts geschehen, als dass irgend örtlicherweise auf der Oberfläche der Erde einige Sandkörner, manchmal einige Maulwurfhügel und manchmal einige gemauerte Schneckenhäuser der Menschen einen kleinen Leck bekommen.
ER|0|19|3|0|Diese dehnbaren Stützsäulen werden endlich in der unfühlenden Erdrinde derartig nach und nach fester, wie bei den Tieren die festen Knochen endlich auch in die Knorpel auslaufen, und also umgekehrt, wie nämlich die Knorpel nach und nach fester werden und endlich gar in die festen Knochen übergehen. Diese festen Knochen der Erde sind dann schon hie und da auf der Oberfläche der Erde als Urgestein ersichtlich, unter dem Namen Urkalk, auch Granit, mitunter auch Quarz. Diese Steinarten werden aber jedoch, je weiter herauf, desto mehr gemengt, somit auch desto unreiner, gröber, härter und spröder; ihre Ausläufer sind gewöhnlich die hohen Urgebirge, die sich in allen Teilen der Erdoberfläche recht deutlich von den anderen, später gebildeten Gebirgen, unterscheiden durch Form, Höhe und Masse. Die anderen Gebirge sind spätere Entstehungen, deren Art der Entstehung euch schon bekannt ist, und wie unter diesen Gebirgen, wie auch sonstigen Ländereien, sich unterirdische Wasserbassins vorfinden, die wieder, wie euch schon bekannt sein wird, durch eigene Säulen unterstützt sind, d. h. die Decke über diesen Bassins, damit sie nicht natürlicherweise irgend einstürze und dadurch ein großes Stück fruchtbaren Landes in einen See verwandle, was schon hie und da geschehen ist.
ER|0|19|4|0|Nun wäre nur noch zu erwähnen, woher das Meer zunächst die Hauptnahrung bekommt. Zunächst bekommt es die Hauptnahrung von den vielen Säftebehältern in der fühlenden Haut, die gewisserart die eigentliche Harnblase der Erde bilden; dann bekommt aber das Meer auch von den zuletzt besprochenen, großen Wasserbassins durch alle die großen Flüsse und Bäche einen überaus bedeutenden Zuwachs, der äußerst notwendig ist, weil die aus der eigentlichen Urinblase der Erde aufsteigende Flüssigkeit zu sehr salzig ist und ohne Beimischung des süßen Wassers bald so sehr in eine feste Masse überginge, dass an der Stelle des Meeres nichts als lauter himmelansteigende Salzberge entstehen würden, welche die Luft mit der Zeit so sehr versäuern würden, dass darob kein lebend Wesen bestehen könnte; zugleich aber würde das auch bei der Erde selbst die gefährliche Krankheit der Urinsperre bewirken, wodurch die Erde in der kürzesten Zeit in den völligen Brand überginge, dann völlig stürbe und in solchem Zustand für kein lebendes Wesen zu tragen mehr tauglich wäre, so wenig als das Polareis tauglich wäre, ein lebendes Wesen zu progenerieren und dann zu erhalten.
ER|0|19|5|0|Nun wüssten wir auch das. Das Reich der Fossilien haben wir schon letzthin angezogen; so bleibt uns für die natürliche Betrachtung des Erdkörpers nichts mehr übrig als die Luft, welche die Erde in allem bis zu einer Höhe von zehn deutschen Meilen in drei hauptunterschiedlichen Sphären umgibt. Und so wollen wir nächstens diesen äußeren Teil der Erde noch durchgehen und wollen uns endlich, wenn wir den Äther werden erreicht haben, auf seinen Lichtschwingen in die Geisterwelt hinüberschwingen.
ER|0|20|1|1|Die Bestandteile der Luft
ER|0|20|1|1|Am 29. Januar 1847
ER|0|20|1|0|Das Wasser des Meeres, wie auch in den Seen des Festlandes, bildet zwar auch eine Art verdichtete Luft, in welcher Tiere leben können. Aber diese Luft gehört so ganz eigentlich noch zum Erdkörper selbst, und zwar zu dessen äußerster Rinde; daher es nicht in die atmosphärische Luft hinzugenommen werden kann, sondern zur atmosphärischen Luft kann nur jener Teil des Wassers genommen werden, welcher sich in den Nebeln und Wolken vorfindet, so wie auch das freie Wasserstoffgas in der Luft selbst, wenn es sich auch nicht als Nebel oder Wolke beschauen lässt.
ER|0|20|2|0|Woraus besteht dann wohl die atmosphärische Luft in all ihren Teilen?
ER|0|20|3|0|Die atmosphärische Luft oder die Einatmungsluft besteht aus einer Unzahl von allerlei Luftarten, die alle den Namen Gase oder besser einfache Luftarten haben.
ER|0|20|4|0|Die Naturforscher sind zwar mit der Aufzählung der Gase, woraus die atmosphärische Luft besteht, bald fertig; nach ihnen besteht die Luft aus einem gewissen Verhältnis von Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und eigentlichem Stickstoffgas. Allein mit diesen vier Spezies wäre der eigentlichen atmosphärischen Luft ganz entsetzlich schlecht gedient, wenn sie nicht noch andere Luftarten in sich besäße; und besäße die Luft solche andere, den Naturforschern nicht bekannte Luftarten nicht in sich, so würde es mit dem Wachstum der Pflanzen, mit der Entstehung der Mineralien, und gar überaus schlecht mit der Tierwelt aussehen.
ER|0|20|5|0|Jede Pflanze saugt aus der atmosphärischen Luft die ihr allein zusagende einfache Luftart in sich und scheidet jede andere aus. Wenn das nicht der Fall wäre, so hätte nicht jede Pflanze nach ihrer Art ihre ganz eigene Gestalt, ihren ganz eigenen Geschmack und Geruch. Wenn aber jede Pflanze nach ihrer Art nur eine mit ihr korrespondierende, einfache Luftart einsaugt, so wird es wohl auch so ganz eigentlich so viel einfache Luftarten geben müssen, als wie vielfach in der Art und Weise die Konsumenten da sind.
ER|0|20|6|0|Dass aber dies wirklich der Fall ist und sein muss, beweist ja schon sonnenklar der Geruch einer jeden einzelnen Pflanze und noch mehr ihr innerer Stoff. Man berieche doch eine Rose, eine Nelke, eine Lilie, ein Veilchen, dann ein Bilsenkraut, und frage sich dann selbst, ob da die eine Blume riecht wie die andere.
ER|0|20|7|0|Der Geruch der Rose wird stärkend auf die Geruchsorgane einwirken und das Gesicht schärfen. Die Nelke wird zusammenziehend die Geruchsorgane berühren und das Gesicht schwächen. Die Lilie wird die Geruchsorgane schlaff machen und mit der Zeit sogar übel auf die Magenorgane einwirken, wodurch nicht selten im Kopf ein Schmerz erzeugt wird. Das Veilchen wird erheiternd auf die Geruchsorgane einwirken und sogar das Gehirn stärken, während das schmutziggelbe Bilsenblümchen augenblicklichen Ekel und bei längerer Beriechung Schwindel und Erweiterung der Sehpupille zur Folge haben wird.
ER|0|20|8|0|Frage: Kann das allein den vier bekannten, einfachen Gasarten zugeschrieben werden, oder kann das allein ihre etwa verschieden verhältnismäßige Mischung zuwege bringen? Ja, wenn diese vier Gase wirklich die vier einfachen Grundstoffe wären, aus denen alle Dinge endlich gebildet sind, da wäre es ja doch eine barste Schande für die hochgelehrten Chemiker, dass sie daraus nicht lange schon Gold, Silber und Diamanten im größten Überfluss zuwege gebracht hätten; denn zwischen den vier einfachen Spezies können doch bald eine Menge allerartige Quantitätsmischungen bewerkstelligt werden, und es müsste da aus jeder Mischung, wennschon eben nicht gerade gleich das Gold, so doch vielleicht irgendeine neue Pflanze oder gar irgendeine neue Rasse von Miniaturochsen, Eseln und Kälbern oder sonst etwas dergleichen zum Vorschein kommen. Aber siehe, so etwas geschieht trotz der allergelehrtesten Gesichtsmuskelverziehungen solcher Weisheitshelden nicht und kommt nichts zum Vorschein als höchstens irgendein weißlichter Staub, der, mit Mikroskopen untersucht, sich als kleine Kristallchen erkennen lässt, womit es aber eben nicht viel gesagt haben will, weil solchen Kristallstaub die Natur im Freien ohne die chemische Küche noch bei weitem besser und mannigfaltiger erzeugt. Ihr braucht im Herbst nur eine reife Pflaume oder eine reife Traube, auch verschiedene Baumblätter zu beobachten, so werdet ihr zum Überfluss solchen Staub als sogenannten Reim auf den obbenannten Früchten und Blättern entdecken. Ein Mikroskop hinzugesteckt, – und es wird da von den allerschönsten Kristallen wimmeln!
ER|0|20|9|0|Aus dem geht wieder hervor, dass es noch mehrere einfache Luftarten geben müsse als die vier bekannten allein. So gibt es auch Pflanzen, die eine so überaus schädliche Luft aushauchen, dass in derselben Tiere und andere Pflanzen sogleich sterben müssen, wie es auch wieder andere, wundersame Pflanzen gibt, durch die sogar Tote, wenn sie nicht zu lange tot sind, wieder belebt werden könnten. Diese beiderlei Pflanzenarten – die eine überaus tötend, die andere überaus belebend – müssen doch jede nach ihrer Art einen ganz eigentümlichen Grundstoff aus der Luft einsaugen, ansonst sie das nicht würden, was sie sind.
ER|0|20|10|0|Wenn aber das unleugbar der Fall ist, so geht es ja doch wieder klar hervor, wie vielartig zusammengesetzt die atmosphärische Luft sein muss, um der Vielartigkeit der geschaffenen Dinge in ihr, jedem nach seiner Art, nährend zu dienen. Wenn aber schon die Pflanzen so viele Grundarten in der atmosphärischen Luft zu ihrer Existenz vonnöten haben, um wie viel mehr muss da erst der Tiere wegen in der atmosphärischen Luft verschieden Grundstoffartiges vorhanden sein, damit jedes Tier in der atmosphärischen Luft den ihm zusagenden Einatmungsstoff findet.
ER|0|20|11|0|Es atmet zwar jedes Tier das ganze atmosphärische Luftgehaltsvolumen in sich ein, behält aber nur in sich dasjenige aus dem eingeatmeten Volumen, was seiner Natur homogen ist; alles andere stößt es wieder hinaus.
ER|0|20|12|0|Ich meine, für den, der nur ein wenig reifer zu denken vermag, wird es mit dem bisher Gesagten genug sein, um einzusehen, wie höchst kompliziert die atmosphärische Luft sein muss, damit in ihr alle die zahllos vielen, verschiedenartigsten Wesen das finden, was mit ihrer Natur korrespondiert. Wenn wir aber nun solches sicher leicht begriffen haben, da wird es eben auch nicht so schwer sein, die zahllos vielen und sonderlich gearteten Erscheinungen in der atmosphärischen Luft insoweit zu begreifen, inwieweit jeder nach seiner sinnlichen Wahrnehmung in der Art der Erscheinungen einen Unterschied findet und bei sich sagen muss: Diese Erscheinung hat zwar Ähnlichkeit mit einer früheren, jedoch ist ihre Formung davon verschieden; und wenn das der Fall, muss auch ein fremder, früher noch nicht dagewesener Grund vorhanden sein.
ER|0|20|13|0|Und wieder werdet ihr Erscheinungen erblicken, die sich stets gleich bleiben; diese werden auch sicher den stets gleichen Grund haben.
ER|0|20|14|0|Es hat einst auf der Erde Pflanzen und Tiere gegeben, die bekanntlich gegenwärtig auf diesem Weltkörper nicht mehr existieren; dafür aber sind andere Pflanzen- und Tiergattungen entstanden, die damals nicht vorhanden waren. Seht, das sind Erscheinungen, die sich in gewissen Beziehungen wohl ähnlich sind, in gewissen aber wieder sehr unähnlich. Das Mamelhud [Mammut] hat Ähnlichkeit mit dem heute lebenden Elefanten, so der Riesenochs mit dem heutigen kleineren. Diese beiden Tiere haben Ähnlichkeit in einer Hinsicht; sie gehören nämlich zu einer und derselben Art, aber sie sind sich in der Größe und noch in der sonstigen Gestaltung sehr unähnlich. So hat es einst Riesenbäume gegeben, wie deren schon gleich anfangs dieser Mitteilung erwähnt wurde; auch gegenwärtig gibt es noch, besonders in den Tropenländern, eine vielstämmige Baumart, die mit dem einstigen größten Baum Ähnlichkeit hat, ist aber dennoch nicht mehr das, was einst dieser Baum war. Da ist ein großer Unterschied sowohl in der Größe als in der Gestaltung.
ER|0|20|15|0|Alle diese Erscheinungen rühren daher, weil die früheren Riesenarten die ihnen entsprechende Nahrung in der atmosphärischen Luft nicht mehr gefunden haben, so sind sie am Ende gänzlich ausgestorben. Da wäre also ein Grundluftstoff nicht mehr da, der einst da war; dafür kam aber ein anderer zum Vorschein, der einst nicht da war. Ein solcher Grund liegt auch zumeist in den nicht selten neu auftauchenden Krankheiten, sowohl für Pflanzen als auch für Tiere, bei denen die Ärzte auch ein solches Gesicht machen wie die Chemiker, wenn sie sich aufs Goldmachen verlegen und am Ende statt des Goldes einen Klumpen sehr stark stinkenden Drecks gewinnen. Es lassen sich zwar Ähnlichkeiten zuwege bringen; so können auch neu entstandene Krankheiten mit früher schon dagewesenen eine Ähnlichkeit haben, – allein, vergleicht man das künstliche Gold mit dem natürlichen, so wird da ein Unterschied wie zwischen 1.000 und 1 sein. Also ist es auch, wenn man eine neue Krankheit mit jener Medizin heilen will, durch welche eine frühere, ähnliche Krankheit geheilt wurde, so wird man sich damit gewaltig schneiden; denn diese neue Krankheit ist die Folge der Ermangelung des Grundstoffes in der Luft, wenn selber durch irgendeine Veranlassung verzehrt und sobald nicht wieder erzeugt wurde; und da dürfte es wohl schwer sein, eine Medizin zu finden, die den abgängigen Grundstoff in sich enthielte, durch welchen die neue Krankheit freilich augenblicklich gehoben werden könnte. Da aber diese Sache für die Menschheit, wenn diese in bessere Kenntnis geleitet wird, vom wesentlichsten Nutzen sein kann, so wollen wir nächstens noch wesentlicher davon sprechen und einen Blick auf die Ursachen werfen, durch die gewisse Grundstoffe in der Luft entweder ganz oder zum Teil verlorengehen und manchmal andere an ihre Stelle treten.
ER|0|21|1|1|Die Wirkung des Lichtes auf die Luft
ER|0|21|1|1|Am 30. Januar 1847
ER|0|21|1|0|Um, wie gesagt, noch gründlicher einzusehen, dass in der atmosphärischen Luft eine zahllose Menge von Grundluftstoffen oder – wie sie die Gelehrten der Welt nennen – Spezifika vorhanden seien, muss man dahin geleitet sein, wo man zu der Einsicht gelangt und gewisserart bei sich selbst unwidersprechlich einsieht, woher diese Spezifika rühren, und was der Grund ihrer Entstehung, ihres Daseins und auch ihres Aufhörens ist.
ER|0|21|2|0|Dieses alles einzusehen, ist für den gar nicht schwer, der nur einigen guten Willen besitzt und nicht ein diplomatisch begründeter Gelehrter ist, welche Diplomatie ihm wie die Decke dem Moses vor den Augen hängt, nur nicht aus gleichem Grunde, auf dass er ja das nicht erschaue und begreife, was mit leichter Mühe der einfachste Mensch erschauen, wahrnehmen und begreifen kann. Wer also nur einigermaßen – Ich sage es noch einmal – einen guten Willen hat und keine Decke vor den Augen, der wird es mit Händen greifen, dass diese zahllosen Spezifika in der atmosphärischen Luft nicht irgend aus der Luft gegriffen sind, sondern so wie jedes Ding ihren vollkommen tüchtigsten Grund haben.
ER|0|21|3|0|Seht hinauf, wie zahllos prangen die Sterne in den fernen Räumen des unendlichen Äthers, der nirgends einen Anfang und nirgends ein Ende hat! Der Mensch wird ganz entzückt, wenn das Schimmerlicht von all den Millionen Sternen in sein Auge fällt; und wie traurig ist er, wenn etwa manchmal einige trübe Nächte ihm den herrlichen Anblick des gestirnten Himmels verleiden.
ER|0|21|4|0|Ist das keine Wirkung, die so wohltätig begeisternd das menschliche Gemüt ergreift? Ja, das ist alles Wirkung des Lichtes aus jenen fernen Gebieten; und das Licht ist es, was die atmosphärische Luft, dieses große Weltauge, um die Weltkörper bildet, wie es das Licht nur ist, welches das Auge bildet im Menschen und es ihm verwandt macht; denn wäre das Auge nicht Licht, nimmer könnte es das Licht erschauen.
ER|0|21|5|0|Wenn der Mensch mit seinem Auge, mit dieser kleinen Sonne in seinem Leib, den gestirnten Himmel betrachtet, da wird sein Auge selbst zu einer kleinen Hülsenglobe, in der Milliarden Sonnen kreisen und Zentralsonnen ihr Urlicht in endlose Fernen hinausschleudern. Eine ganze unendliche Schöpfung trägt dann das Auge des Menschen, und das Strahlen und Widerstrahlen der Sonnen im sonnenverwandten Auge des Menschen bewirkt die wonnige Empfindung in der Seele ob solchen Wunders, wie das Größte sich im Kleinen wiederfindet und sich selbst als das erkennt, was es in sich selbst ist.
ER|0|21|6|0|Wer kann das leugnen? Höchstens ein wirklich Blinder oder ein Mensch, wie es jetzt deren sehr viele gibt, dem ein stinkender Tabakzuzel in seinem stinkenden Maul mehr ist als der ganze gestirnte Himmel, den er bloß in seinem eigenen Wandspiegel ersieht, wenn er sich betrachtet, wie ihm sein enger Rock, den er dem Schneider noch schuldig ist, steht, und wie sich sein abscheulicher Tabakzuzel neben dem engen, noch schuldigen Rock ausnimmt. Allein von solchen menschlichen Larven wird hier nicht geredet; die sind eigentlich darum auf der Welt, als warum die Schmeißfliegen auf einem Schmeißhaufen sind; ihr Schatz ist der Dreck, weil sie selbst Dreck sind. Solche Menschen sehen freilich nicht nach den Sternen und haben kein Auge für Meine Werke!
ER|0|21|7|0|Aber Menschen, wie es deren auch noch so manche gibt, die doch öfter ihr Auge emporheben und bei sich selbst heimlich sagen: „O Vater, in Deinem großen Reich sind wohl gar unzählig viele Wohnungen!“, – solche Menschen werden die obbezeichneten Wirkungen ob des Anblickes des gestirnten Himmels sicher nicht vermissen und werden auch nimmer leugnen können, dass das Licht der Sterne mächtig durch ihr Auge auf ihr Gemüt einwirkt.
ER|0|21|8|0|Wenn aber das Licht der Sterne durch das Auge des Menschen im höchst verjüngten Maßstab schon eine so entschiedene Wirkung hervorbringt, wie viel stärker wird die Wirkung des Sternenlichtes durch das große Erdauge auf die Erde selbst sein! Denn die atmosphärische Luft ist auf ihrer Oberfläche, wo der Äther auf ihr ruht, ein glänzender Spiegel, in dem sich ein jedes Gestirn schon sehr bedeutend groß abbildet. Das Bild wird nun ganz bis zur festen Erdoberfläche geleitet, und zwar in stets mehr konzentrierter Lichtkraft nach den bekannten optischen Grundsätzen. Die Einwirkung dieses konzentrierten Lichtes, oder dieses konzentrierte Licht selbst, ist in sich schon ein solches ganz einfaches Spezifikum in der atmosphärischen Luft, weil es auf die ihm zusagenden Teile in der Erde und auf der Oberfläche derselben entweder auflösend oder zusammenziehend wirkt. Nun dürftet ihr nur die zahllosen Sterne zählen – wenn ihr es könnt –, so werdet ihr sogleich auch die Unzahl der einfachen Spezifika in eurer atmosphärischen Luft haben. Alles, was körperlich auf der Erde und in der Erde vorhanden ist, ist alles gegenseitige Wirkung der Sterne, und das darum, weil Ich, der Schöpfer, den großen Weltenmechanismus also eingerichtet habe.
ER|0|21|9|0|Astronomen auf der Erde haben schon zwei recht wichtige Beobachtungen gemacht. Der einen zufolge sind früher dagewesene Gestirne gänzlich verschwunden; da muss ja auch das durch sie bewirkte Spezifikum auf der Erde verschwunden sein und mit ihm jene Wesen, die durch selbes ins physische Dasein treten konnten.
ER|0|21|10|0|Eine andere Entdeckung der Astronomen ist die, der zufolge das Licht von sehr entfernten Sternengebieten auf die Erde entweder jetzt oder manchmal erst nach vielen Jahren zum ersten Mal eintreffen wird. Dieser Erscheinung zufolge müssen dann ja auch neue Spezifika auf der Erde zum Vorschein kommen und ihnen zufolge auch neue Gebilde auf der Erde, die für die früher schon vorhandenen Wesen entweder günstig oder nachteilig wirken, je nachdem der Stern, von dem das Spezifikum ausgeht, ein guter oder ein böser ist; denn es gibt gute und böse Sterne, so wie es ihnen zufolge gute und böse Pflanzen und gute und böse Tiere gibt.
ER|0|21|11|0|Also gibt es auch Doppelsterne, die sich in gewissen Zeiträumen gegenseitig bedecken; von denen ist gewöhnlich der eine guter und der andere schlechter Natur. Ist der gute vor dem schlechten, so hebt er die Wirkung des schlechten auf; scheinen beide zugleich nebeneinander, so wird der schlechte Einfluss des schlechten Sternes durch den guten gemildert; tritt der schlechte vor den guten, so hebt er die Wirkung des guten ganz auf, und es wird sich auf jenem Teil der Erde, über dem ein solches Gestirn im Zenit steht, bald eine schlechte Wirkung verspüren lassen, die sich entweder durch übles Wetter oder durch Misswachs mancher Pflanzengattungen oder durch Krankheiten der Tiere und Menschen zu erkennen gibt.
ER|0|21|12|0|So üben auch die Sternbedeckungen durch Planeten einen üblen Einfluss, manchmal aber auch einen guten, auf die Erde aus; und von diesem Standpunkt aus bestimmten die alten Weisen auch das jetzt nunmehr fabelhaft klingende Regiment der Planeten, welches nicht so leer ist, als wie es sich die neuen, bloß mit Ziffern rechnenden Gelehrten einbilden.
ER|0|21|13|0|Auch alte Vorbestimmungen in der Witterungskunde hatten in dieser Betrachtung ihren Grund, worüber jetzt ebenfalls gelacht wird; dessen ungeachtet aber bleibt die alte Weisheit sich noch stets gleich.
ER|0|21|14|0|Auf eine gleiche Weise üben auch die Kometen und andere Lichtmeteore, wenn sie noch so kurze Zeit dauern, einen merklichen Einfluss auf die Erde, so wie nicht minder der Lichtwechsel des Mondes und besonders fühlbar die Lichtdauerveränderung der Sonne; denn wer den Unterschied zwischen Sommer und Winter nicht verspürt, der ist sicher im höchsten Grad zu bedauern. Dass aber auch das Licht, wenn es noch so kurz dauert, auf irgendein Ding auf der Erde sicher einen mächtigen Einfluss ausübt, beweist das gewiss allerkürzest dauernde Licht des Blitzes, welches bekanntlich die Krebse tötet, wenn sich diese nicht in ihre Schlammgemächer verkrochen haben. Aus dem bisher Gesagten wird dem, der nur eine kleine, aber etwas bessere Einsicht hat, sicher handgreiflich klar, woher die vielen Spezifika in der Luft rühren, wie sie bewirkt werden, und was sie selbst notwendig bewirken.
ER|0|21|15|0|Da wir aber nun dieses durchgemacht haben, und haben dadurch auch den ersten und untersten Luftkreis kennengelernt, so können wir diesen Luftkreis nun verlassen und uns in den zweiten hinaufschwingen, von welchem aus wir die Erscheinungen erkennen werden, wie sie tagtäglich in den mannigfaltigsten Wolkengebilden zum Vorschein kommen, und da werden wir auch einsehen, warum die Luft in den höheren Regionen reiner und gesünder als in den unteren ist.
ER|0|22|1|1|Die Wirkung der zwölf Himmelszeichen
ER|0|22|1|1|Am 1. Februar 1847
ER|0|22|1|0|Unter so manchem anderen, was ihr gelesen habt, werdet ihr auch in manchen alten Kalendern gefunden haben, dass die sogenannten zwölf Himmelszeichen auf die vegetative Kraft der Erde irgendeinen Einfluss nehmen, so wie es auch hie und da gewisserart mystisch-prophetisch eingeschaltet ist, dass dergleichen Himmelszeichen, wie auch mit ihnen die Planeten, auf die Geburt der Tiere und Menschen Einfluss haben, und dass bei Menschen sogar ihre Zukunft sich darin abspiegle.
ER|0|22|2|0|Die Landleute halten heutigentags hie und da noch große Stücke darauf; besonders nehmen sie darauf Rücksicht, wann sie ihre Früchte aussäen und einernten.
ER|0|22|3|0|So heißt es: Im Krebs, im Skorpion, in der Waage und im Wassermann ist nicht gut säen, weil die Früchte da gern früher zugrunde gehen, ehe sie zu keimen anfangen, und dergleichen Regeln eine Menge, von denen sich auch so manche euch wohlbekannte Witterungslostage herdatieren. Dass solches unter den Leuten noch heutigentags, freilich sehr verunstaltet, vorhanden ist, unterliegt sicher keinem Zweifel. Bauernkalender sind noch heutigentags Witterungspropheten und zeigen jeden Tag an, welches Himmelszeichen auf ihn Einfluss nimmt, und das jeden Monat auf eine doppelte Weise; fürs Erste, wie der Mond die Himmelszeichen durchläuft, und fürs Zweite, unter welchem Zeichen sich die Sonne befindet, und in welches sie geht.
ER|0|22|4|0|Seht, an der Sache ist wirklich etwas, aber freilich nicht in der euch bekannten, sehr verunreinigten Art, sondern in einer solchen, wie sie euch in der vorherigen Mitteilung auf eine sehr anschauliche Art bekanntgegeben wurde.
ER|0|22|5|0|Der Mond durchläuft richtig binnen 29 Tagen seine Bahn, die sich freilich wohl in sehr engem Kreis unter den sogenannten zwölf Himmelszeichen hindurchzieht, und es muss sich damit ereignen, dass der Mond auf diese Weise während des Verlaufes seiner Umlaufszeit ganz natürlich nach und nach unter jedes der zwölf Himmelszeichen zu stehen kommt.
ER|0|22|6|0|Ebendasselbe ist scheinbar mit der Sonne der Fall, obschon da eigentlich nur die Erde der bewegte Körper ist und die zwölf Himmelszeichen durchwandert. Dessen ungeachtet aber scheint es doch, dass die Sonne um ein Himmelszeichen ungefähr monatlich fortrückt; daher auch in den Kalendern in jedem Monat ein anderes Himmelszeichen angezeigt ist. Durch dieses Fortrücken unter diesen Hauptsternbildern geschieht es natürlich, dass, sowohl durch den Mond als durch die Sonne, fortwährend einige Sterne dieser Sternbilder durch diese zwei Himmelsgestirne bedeckt werden. Durch diese Bedeckung wird dann natürlicherweise auf eine kurze Zeit der Einfluss unterbrochen, welchen obige Sterne in den Sternbildern auf den Erdkörper ausüben. Zufolge solcher Erscheinlichkeit muss dann schon nach früher erwähnten Grundsätzen auf dem Erdkörper irgendeine Veränderung verspürt werden, und zwar besonders bei jenen Gegenständen, die aus dem Einfluss dieser Sterne eben mit diesen Sternen irgendeine ähnliche Beschaffenheit haben, weil ihr Bestehen ein Spezifikum vonnöten hat, das dem Licht dieser Sterne entstammt.
ER|0|22|7|0|Diese Wirkung jedoch kann von keiner Dauer sein, weil diese Sterne von den zwei Gestirnen nie auf eine lange Zeit bedeckt werden; aber eine andere Situation kommt dabei vor, aus der allerdings ein sehr fühlbarer Einfluss auf die Erde herrührt.
ER|0|22|8|0|Diese Situation obbenannter zwölf Sternbilder ist jenes weniger bekannte Schwanken sowohl der Erde in ihrer Bahn um die Sonne, und besonders die Schwankungen des Mondes, der in vielen hundert Jahren kaum einmal vollkommen wieder jene Bahn einschlägt, die er schon einmal gegangen ist. Durch diese Schwankungen wird ganz natürlich der Zenitstand obiger zwölf Himmelszeichensterne verändert, und diese Veränderung lässt dann sehr fühlbare und empfindliche Veränderungen auf der Erde ins Dasein treten.
ER|0|22|9|0|Zu diesen veränderten Situationen gesellen sich noch die steten Veränderungen der Planeten in ihren Standpunkten, welche kaum in tausend Jahren wieder vollkommen in jene Stellung kommen, in der sie schon einmal ihren Einfluss auf die Erde ausgeübt haben.
ER|0|22|10|0|Nebst diesen besonders zu beachtenden Situationen sind noch die Eruptionen des Sonnenkörpers in die besondere Betrachtung zu ziehen; durch sie wird das Licht der Sonne geschwächt und kann nicht mit jener zerteilenden Kraft auf die Erde einwirken, als wenn sie ganz – ohne jene eruptiven Makeln – ihr Volllicht der Erde spendet.
ER|0|22|11|0|Die Wirkungen jedoch, die von den oberwähnten Erscheinungen herrühren, werden nicht so sehr in der untersten Luftregion wahrgenommen, als vielmehr nur in der zweiten, die aber erst bei einer Höhe von manchmal fünf-, sechs- bis siebentausend Fuß über dem Meeresspiegel ihren Anfang nimmt.
ER|0|22|12|0|Man wird hier sagen: Diese zweite Luftregion müsste ja wohl auch diejenigen Wirkungen in sich verspüren, welche in der untersten Luftregion in ein zahllosfältiges Dasein treten.
ER|0|22|13|0|Dazu sei aber gesagt, dass solch eine Behauptung sogar mathematisch unrichtig wäre; denn die Strahlen von jenen überaus vielen, sehr weit entfernten Sternen sind in dieser Höhe noch zu wenig kondensiert, können daher dort noch jene Spezifika nicht bewirken, die sie ungefähr um 1.000 Klafter tiefer sicher bewirken, was schon aus dem Umstand leicht deduziert werden kann, dass man von einer solchen Höhe zur Nachtzeit Sterne der vierten, fünften und sechsten Größe mit freiem Auge gar nicht mehr erblickt, noch weniger jene der siebten, achten und so weiteren Größe, während jedermann mit gesunden Augen, besonders an den Meeresküsten, in einer heiteren Nacht noch Sterne siebter und achter Größe mit freiem Auge erblicken kann.
ER|0|22|14|0|Warum kann er das auf einem siebentausend Fuß hohen Berg nicht und noch weniger auf höheren Bergen? Weil die einfallenden Strahlen von diesen sehr fernen Sternen noch zu wenig kondensiert sind; der Einfallswinkel ist noch zu spitzig, als dass ihn das Auge wahrnehmen könnte; auch hat er zu wenig Lichtkörper, um irgendeine Wirkung hervorzubringen, und je höher hinauf es steigt, desto mehr wird sich diese Theorie bestätigt finden. Daher geschieht es denn aber auch, dass auf solchen Höhen die Vegetation abnimmt und am Ende gar aufhört. Man glaube ja nicht, dass das lediglich von den alleinigen Sonnenstrahlen herrühre, welche freilich, je höher hinauf, auch desto schütterer werden. Die Sonne wirkt nur mittelbar; sie unterstützt das aus den Sternen einfallende Licht, und zwar eben mit demselben Licht, das sie aus denselben Sternen genommen hat; sie ist also nur eine Unterstützerin, aber nicht eine Alleinspenderin.
ER|0|23|1|1|Das Licht und die Erdatmosphäre
ER|0|23|1|1|Am 3. Februar 1847
ER|0|23|1|0|Dass die Sonne leichtbegreiflichermaßen nur die Unterstützerin, nicht aber die so ganz eigentliche Selbstspenderin des Lichtes ist, erhellt leicht aus dem, dass die Sonne zuvor das Licht aus den zahllosen Sonnen auf ihrer Glanzoberfläche aufnimmt und es dann wie ein vereintes Licht in die weiten Ätherräume hinauswirft. Dieses hinausgeworfene, vereinte Vielsternenlicht begegnet allenthalben auch denjenigen Lichtstrahlen, welche unmittelbar von den Sternen auf diese Erde einfallen, vereinigt sich dann mit diesen Lichtstrahlen und fällt dann gemeinschaftlich mit ihnen auf die Erde. Darin liegt die Unterstützung, und es wäre das alleinige Sonnenlicht sehr matt, wenn das Licht der Sterne nicht mit demselben wirkte; so wie das alleinige Licht des Mondes sehr schwach wäre, wenn dasselbe nicht von dem Sonnenlicht, wie dieses von dem Sternenlicht, unterstützt würde.
ER|0|23|2|0|Dass ein Licht aber das andere unterstützen kann, das beweisen euch mehrere angezündete Lichter in einem Zimmer, die doch offenbar eine größere Helle verbreiten als ein einzelnes.
ER|0|23|3|0|Auf der schon bekanntgegebenen Höhe der Berge kann aber diese Unterstützung darum nicht von solcher Wirkung sein wie in der tiefer gelegenen Gegend, weil, wie schon oben erwähnt, die Strahlen noch nicht die hinreichende Dichtigkeit erreicht haben, welches daher rührt, weil der Luftkreis um die Erde ein linsenförmig runder, durchsichtiger Körper ist, gleichsam wie ein großes Brennglas, bei dem der Sonnenstrahl, wenn er durch dasselbe geleitet ist, nicht sogleich hinter dem Glas die Brennstärke bekommt, sondern erst in jener Entfernung, die gleich ist dem halben Durchmesser jener Peripherie, aus der die kugelichte Oberfläche des Brennglases genommen ist; aber der Strahl tritt hinter dem Brennglas stets enger zusammen und wird daher auch stets wirkender, bis er endlich in der Brennpunktweite seine vollste Kraft erreicht. Der Brennpunkt der großen Luftlinse wäre freilich erst im Mittelpunkt der Erde, wohin aber nie ein Sonnenstrahl gelangt; aber dessen ungeachtet wird der Lichtstrahl, der auf die Oberfläche dieser großen Erdlinse fällt, innerhalb derselben, gegen die Erde zu, sich gleichsam dem Brennpunkt nähernd, stets dichter und wirksamer. Gegenstände, als da sind die Berge, kommen dann schon mehr in den weniger dichten Teil der Lichtstrahlen als die tief gelegenen Täler und besonders die Meeresgegenden der Erde; daher die Strahlen aus den entfernteren Sternen da noch keine fühlbare Verdichtung haben können und daher auch noch keinen Einfluss auf die Vegetation ausüben, oder mit anderen Worten gesagt: Diese Lichtstrahlen bilden in solchen Höhen noch keine Spezifika; daher auch jene verschiedenen Pflanzengattungen, die dergleichen Spezifika vonnöten haben, auf solchen Höhen nicht mehr fortkommen.
ER|0|23|4|0|Aus diesem Grunde ist aber auch auf solchen Höhen die Luft in sich stets reiner und reiner, was im Grunde ganz natürlich ist; denn je weniger Gemenge sich in einer Flüssigkeit befindet, desto reiner muss die Flüssigkeit für sich dastehen, so wie auch ein Mensch in seinem Herzen stets reiner wird und frischer und kräftiger, je mehr er das vielartige Gemenge von allerlei Leidenschaften, Begehrungen und Bedürfnissen aus sich verbannt hat.
ER|0|23|5|0|Weil aber eben auf solchen Höhen oder, besser gesagt, in diesen Regionen die Strahlen aus den kleineren Sternen, wie selbst die aus der Sonne, zufolge ihrer geringen Verdichtung noch keine solche Wirkung haben können als tiefer herab, so ist eine solche Höhenregion gewisserart ein Übergangspunkt von der früheren Nichtwirkung zur gleich darauf schon mehr und mehr entstehenden Wirkung; oder: auf solchen Höhen fangen sich die Strahlen an zu kondensieren, teils durch ihre eigene Verdichtung und teils durch den Reflex oder jene zurückgehenden Strahlen, welche von der Erdoberfläche wieder abprallen. Durch dieses Strahlen und Gegenstrahlen werden dann in dem Licht gewisse Evolutionen bewirkt, welches in sich wie eine Art Wogen aussieht. Wenn dieses Wogen eine Zeit fortdauert, so wird durch dasselbe auch ein Spezifikum aus dem Grunde hervorgerufen, weil ebendieses Wogen schon ein, nach eurer gelehrten Art zu sprechen, chemischer Lichtprozess ist; und dieses Spezifikum, das in sich natürlich ein gemengtes, gar vielfaches ist, tritt dann zuerst als ein Hochgebirgsnebel in die Erscheinlichkeit; und wird dieser chemische Lichtprozess nicht durch etwas unterbrochen, so werden aus den Nebeln bald Wolkenmassen in dieser Höhenregion zum Vorschein kommen, die sich nach und nach stets mehr verdichten und endlich gar in Regentropfen oder, in Winterszeit, auch in Schneeflocken zur Erde herabfallen.
ER|0|23|6|0|Dass der Regen und alle diese aus der Luft herabfallenden Dinge aus dem Licht hervorgehen, beweist so manche Erscheinung auf der Erdoberfläche, besonders in den tropischen Ländern, wo nicht selten ein Regen fällt, der alles mit einem phosphorartigen Lichtschimmer überzieht, worauf er nur immer fällt; sogar die Meeresoberfläche glänzt oft so stark, als wäre sie ganz glühend. Auch Gegenstände, die von dem Meer befeuchtet werden, schimmern wie Moderholz in den Wäldern.
ER|0|23|7|0|Nicht minder hat der Schnee ein eigenes Licht und zeigt deutlich, dass er ein Produkt des Lichtes ist.
ER|0|23|8|0|Auf diese Weise alsdann entstehen, aus natürlicher Begebnisweise betrachtet, die Nebel- und Wolkengebilde in unserer zweiten Luftregion, wobei aber freilich die gegenseitig polarisch wirkende Kraft des Nord- und Südpols, die besonders in dieser Region sich tätigst kundgibt, nicht außer Acht zu lassen ist; denn durch sie werden diese Neugebilde mit der tellurischen Elektrizität gesättigt und bekommen durch diese Sättigung erst jene Kondensation, durch welche sie dann dem Erdkörper als eine Nahrung für dessen Pflanzen- und Tierwelt zugeführt werden.
ER|0|23|9|0|Die gesättigten Wolken, die also das Tellurische in sich aufgenommen haben, bekommen gewöhnlich eine dunkle Färbung, während die ungesättigten, reinen viel weißer und auch leichter aussehen. Diese Doppelart von Wolken bildet dann unter sich selbst eine entgegengesetzte Polarität, wo sich die gesättigte, dunkle als negativ und die ungesättigte, reine, weiße als positiv darstellt.
ER|0|23|10|0|Dass da allzeit die negative das Kürzere ziehen muss, versteht sich von selbst. Denn was schwer ist und stets schwerer wird, muss herabfallen. Daher auch Menschen, die ihr Herz mit zu viel tellurischen, negativen Albernheiten sättigen und dasselbe dadurch stets mehr und mehr beschweren und es eben dadurch auch dichter, undurchsichtiger und fürs Licht untauglicher machen, nicht geschickt sind, in das Reich des Lichtes aufzusteigen, wohl aber es dadurch tauglicher und tauglicher machen für den Hinabsturz in das Reich der Finsternis.
ER|0|23|11|0|Eine gewöhnliche Erscheinung auf solchen Höhen ist das, dass Menschen, die sich die Mühe nehmen, eine solche Höhe zu ersteigen, gewöhnlich auf eben so einer erstiegenen Höhe sehr heiter und fröhlich werden und leicht aller der Beschwerden vergessen, mit denen sie in der Tiefe zu kämpfen hatten.
ER|0|23|12|0|Zugleich bekommen die meisten auch eine bedeutende, starke Lust zum Essen und zum Trinken und können erst auf einer solchen Höhe Speisen genießen, ohne irgendeine Magenbeschwerde sich zuzuziehen, welche Speisen sie in der Tiefe nicht einmal anschauen dürften. Die Ursache davon liegt lediglich in der größeren Reinheit der Luft und hat eine große Ähnlichkeit mit dem Zustand der Seligen, die auch alles genießen dürfen, und es wird ihnen nichts schaden, weil in dem Reinen alles mehr und mehr gereinigt wird und das Schädliche dort nicht mehr schädlich werden kann, wo es in Ermangelung der dazu erforderlichen Spezifika keine weiter ausbildende Nahrung mehr findet.
ER|0|23|13|0|Das wäre somit eine genügende Darstellung der zweiten Luftregion, welche sich über 10.000 Klafter über dem Meeresspiegel erhebt und natürlich, je weiter aufwärts, stets reiner wird. Nächstens werden wir daher uns in die dritte Luftregion begeben und sehen, was da geschieht, und wozu diese Luftregion dienlich ist.
ER|0|24|1|1|Das Auge der Erde
ER|0|24|1|1|Am 5. Februar 1847
ER|0|24|1|0|Die dritte Luftregion ruht auf der zweiten ungefähr sogestaltig, als so jemand ein sehr reines, ätherisches Öl über ein reines Wasser geben würde, wo dieses Öl dann sich nicht mit dem Wasser vermengt, sondern, obschon knapp an der Wasseroberfläche liegend, aber jedoch nicht die Reinheit des Wasserspiegels beeinträchtigend, im Gegenteil diesem Spiegel einen doppelt schönen Glanz verleiht. Diese dritte Luftregion ist auch gleich wie ein ätherisches Öl; sie ist gewisserart das Schmalz, womit die beiden unteren Luftschichten geschmalzen werden, und ist zugleich das ätherische Salz, welches die unteren Luftschichten salzt und sie somit zum Genuss für Tiere und Pflanzen wohlschmeckend macht.
ER|0|24|2|0|Alle Wohlgerüche kommen von dieser dritten Luftregion herab, wo sie durch das Licht und Salz – d. i. ein ätherisches Salz – herabgeführt werden, um durch die in der Nähe der Pflanzen angesammelte Elektrizität in die Pflanzen selbst geleitet zu werden und ihnen das ätherische Öl zu geben und mit demselben den mannigfaltigsten Wohlgeruch. Bei manchen Pflanzen kann man dieses Öl in sehr kleinen, höchst durchsichtigen Harzkügelchen mit freiem Auge, sehr gut aber mit einem Mikroskop, entdecken.
ER|0|24|3|0|Kurz und gut, gesagt mit einem: Der Geruch, auch zum größten Teil der Wohlgeschmack, und die mannigfaltige schöne Färbung, besonders der Blumen wie auch der Früchte, rühren hauptsächlich von dieser dritten Luftregion her; denn der Geschmack, der Geruch, wie auch zum größten Teil die schöne Färbung, sind rein ätherische Substanzen und können daher nur von dort ihren Ursprung haben, wo sie am nächsten dem Äther sind, von dem alle diese zahllos vielen ätherischen Spezifikalsubstanzen herrühren.
ER|0|24|4|0|Diese spezifikalätherischen Substanzen ergreifen sich in dieser dritten Luftregion und machen gewisserart ein Fluidum aus, welches aber in den durchgehenden, verschiedenartigen Strahlen aus den zahllos vielen Sternen seine gewisserart chemische Verwandtschaft findet, sich mit denselben vereinigt und zu der Erde herabkommt und diejenigen Pflanzen oder Tiere substantiell erfüllt, welche mit den verschiedenen Lichtspezifikalgrundstoffen entsprechende Verwandtschaft haben.
ER|0|24|5|0|Diese dritte Luftregion entspricht auch jeder Pflanze, und zwar dem Außenteil derselben; dieser Außenteil bei den Pflanzen ist allzeit die Knospe, die Blüte und auch die Frucht, sowie auch die Blätter und die elektrizitätsaugenden Spitzen an denselben. Alle diese Teile an den Pflanzen haben ein ätherisch reines Aussehen. Dieses ist gleichentsprechend der dritten Luftregion. Denn gewöhnlich ist es äußerst zart, subtil und wohlschmeckend, bei manchen Pflanzen freilich auch widerlich riechend; allein dieser widerliche Geruch ist nur eine Folge der Überwiegenheit der inneren, tellurischen Säfte, welche gewisserart von diesen reinen, himmlischen Substanzen nicht überboten werden können.
ER|0|24|6|0|Bei den Tieren findet man noch auffallender die Substanzen aus dieser dritten Luftregion vereinigt. Aber freilich sind sie hier gewisserart schon in der zweiten Hand, daher auch nicht so rein ätherisch wie bei manchen Pflanzen; jedoch das Mark im Kopf, welches gewöhnlich durch die Haare aus der Luft absorbiert wird, und ganz besonders die höchst reinen Flüssigkeiten im Auge – besonders jene unter der ersten Hornhaut, wie auch die Hornhaut selbst – werden durch die Augenbrauen und Augenlider von der Luft absorbiert und dann in das Auge geleitet; und demnach ist diese dritte Luftregion dem Auge gewisserart ähnlich, und zwar aus dem Grunde ähnlich, da sie nebst den schon oben angezeigten Zwecken auch diesen Zweck hat für die gesamte Erde, welchen Zweck das Auge bei den Menschen und bei den Tieren hat.
ER|0|24|7|0|Diese dritte Luftregion ist also auch so ganz eigentlich das Auge der Erde; denn hätte die Erde nicht ein solches allgemeines Sehvermögen, so würde auch kein Wesen auf ihr eines haben; denn die Sache ist ganz natürlich: Was jemand nicht hat, das kann er nicht geben; hat man es aber, so kann man es geben; wie auch: Wo nichts ist, hat Kaiser und Tod sein Recht verloren.
ER|0|24|8|0|Aber nicht nur allein die Erde hat in dieser dritten Luftregion ihr Auge, welches um die ganze Erde ausgebreitet ist, sondern auch jede Pflanze hat in ihren, dieser dritten Luftregion entsprechenden Teilen ein Sehvermögen oder gewisserart ein Auge, durch welches sie das Licht in sich aufnimmt. Dass die Pflanze aber gewiss und bestimmt auch ein Auge hat oder besser ein ihr eigentümliches Sehvermögen, rührt ganz begreiflich schon aus dem Umstand her, dass die meisten, ja fast alle Pflanzen ihre Blumenkelche der Sonne zuwenden, um von ihr das Licht einzusaugen; auch kann man diese Wahrheit daraus erkennen, dass eine Pflanze, welche in einem finsteren Keller emporkeimt, ihren Keim genau dahin treibt, wo sich eine Lichtöffnung befindet, und hat sie diese gefunden, dann beugt sie ihren Kopf ja nicht mehr zurück, sondern schiebt denselben fortwährend stets mehr dem helleren Licht entgegen.
ER|0|24|9|0|Es dürfte wohl mancher fragen: Wozu wohl braucht die Erde nach dem allen also ein großes allgemeines Auge? Was schaut sie damit, und kann sie sich von dem wohl eine Vorstellung machen, was sie schaut?
ER|0|24|10|0|Da sage Ich: Alles nach seiner Art! Die Erde schaut fortwährend den ganzen unendlichen Raum um sich herum, und diese allgemeine Anschauung erzeugt in der Erde selbst bei allen in ihr wohnenden Geistern eine allgemeine entsprechende Vorstellung, aus welcher jedes einzelne geistige Wesen seine Intelligenz schöpft, und zwar jene für die Außenwelt. Das aber wäre unmöglich ohne das allgemeine, große Sehvermögen der Erde. Die Erde als Körper weiß in ihrem Allgemeinwesen freilich nichts von dem, was sie schaut; und es wäre auch nicht notwendig, der Erde eine eigene, sich selbst bewusste Erkenntnis zu geben, weil sie – wie wir es in dem späteren, geistigen Teil hören werden – kein für sich einzeln selbständiges Wesen ist, sondern sie ist ein endlos vielfaches Wesen und besteht aus zahllosen einzelnen Intelligenzen. Diese Intelligenzen aber sind es, die des großen, allgemeinen Erdauges bedürfen, so wie auch jeder Mensch und jedes Tier ohne dieses allgemeine Erdauge mit seinem eigenen Auge nichts sehen würde, denn durch ebendieses Auge schaut der Mensch die Sonne, den Mond und die Sterne. Auch wird das etwa doch klar sein, dass der Mensch mit seinem kleinen Auge unmöglich je die große Sonne übersehen könnte, wenn nicht zuvor das große Erdauge ein Kleinbild von der Sonne aufnehmen würde und dieses dann erst zuführen dem menschlichen Auge. Und so sieht niemand etwa die Sonne oder den Mond und die Sterne, wie sie da sind in ihrer Eigentümlichkeit und in ihrer weiten Ferne, sondern nur deren Abbilder von der Oberfläche des großen allgemeinen Erdauges, dessen Oberfläche – wie schon einmal bemerkt – noch mehr als der reinste Wasserspiegel glänzend ist und daher sehr geeignet zur Aufnahme der Bilder von den großen, sie umgebenden Weltkörpern.
ER|0|24|11|0|Dieser Eigenschaft der Erde zufolge hat es dann auch wirklich schon Narren von Astronomen gegeben, welche die Sonne für höchstens zehn Meilen entfernt angenommen haben und hielten die Sonne für ein Meteor, welches leicht binnen 24 Stunden um die Erde kreise. Allein zu dieser törichten Meinung hat sie bloß die Erscheinlichkeit geleitet, der zufolge das von euch gesehene Bild der Sonne wirklich nicht viel weiter von der Erde absteht. Aber dieses Bild ist nicht die Wirklichkeit, sondern ist nur ein Kleinbild jener großen Sonne, die über 20 Millionen Meilen von der Erde absteht. Zugleich aber nimmt dieses Auge auch Bilder von der Oberfläche des Erdkörpers auf und führt dieselben weiter zu den anderen Weltkörpern, so wie auch die anderen Weltkörper ihre Oberflächen durch ihr allgemeines Auge zu dem allgemeinen Auge dieser Erde führen. Aus dieser Eigenschaft sind besonders in den tropischen Ländern die sogenannten Fata Morgana-Erscheinungen zu erklären, und in den tropischen Ländern darum, weil dort diese dritte Luftregion zuweilen sogar unter manche, nicht einmal sehr bedeutende Berghöhen sich senkt. Auch sind die in den tropischen Ländern, besonders auf den Gebirgen, nicht selten vorkommenden balsamischen Düfte ein Grund davon, dass sich diese dritte Luftregion manchmal so tief hinabsenkt; denn da würdet ihr vor lauter Wohlgeruch nicht bestehen können.
ER|0|24|12|0|Was diese dritte Luftregion noch für Eigenschaften hat, welche Erscheinungen noch in ihr ersichtlich vorkommen, und wie sie manchmal von der Erde aus gesehen wird, darüber werden wir nächstens noch einige Betrachtungen anstellen.
ER|0|25|1|1|Das Wesen des Feuers
ER|0|25|1|1|Am 6. Februar 1847
ER|0|25|1|0|Diese dritte Luftregion, die, wie schon oben bemerkt, als die reinste, somit auch durchsichtigste, wie ein ätherisches Öl auf der zweiten Luftregion ruht, hat nebst den schon bereits erwähnten Eigenschaften auch diese ganz besondere, dass sie durch irgendeine Störung sich überaus leicht entzündet; besonders aber leicht entzündlich ist sie an jenen Stellen, wo irgendein Körper, als z. B. ein Meteorit, in ihre Region gerät und sie gewisserart eine bedeutende Strecke hin durchschneidet. Diese Entzündung ist jedoch ganz eigentümlicher Art, und das darum, weil dabei kein Verbrennen stattfindet. Es ist ein Leuchten, aber kein Verbrennen. Dieses Leuchten zu erklären und diese ganz besondere Art der Entzündung, wird für eure Begriffe freilich wohl etwas schwer sein; aber dessen ungeachtet werden wir trachten, die Sache so klar wie möglich zu machen.
ER|0|25|2|0|Um diesen besonderen Akt zu verstehen, muss vorerst über das Entzünden oder überhaupt über die Natur des Entzündens etwas Näheres gesagt werden.
ER|0|25|3|0|Was ist denn eigentlich das Entzünden? Da würden manche freilich sagen: Wenn man brennbare Gegenstände an das Feuer bringt oder sie überhaupt einer großen Hitze aussetzt, so entzünden sie sich und verbrennen nachher. Allein mit dieser Erklärung wird niemand gar zu weit kommen, denn das weiß die einfachste Küchenmagd, dass sich Holz und andere brennbare Gegenstände entzünden, wenn man sie ins Feuer bringt.
ER|0|25|4|0|Aber was ist das Feuer, welches in sich selbst die Entzündung ist? Das kann auf keinem physischen Weg mehr erklärt werden, weil das, was eigentlich Feuer ist, allzeit schon ins rein Geistige greift; ob gut oder böse, das ist hier einerlei.
ER|0|25|5|0|In aller Materie sind Geister. Wenn diese irgend angeregt werden, so entzünden sie sich, oder sie kommen in einen stets größeren Eifer, in welchem sich ihre Tätigkeit und ihre Kraftäußerung vermehrt. In solcher Potenzierung des Eifers und der Kraft geschieht dann auch eine übergroße regsame Bewegung, welche sich wie überaus schnelle Schwingungen aufeinander folgt. Durch diese Bewegung wird die Materie zerstört, der große Eifer reißt alles in die allerkleinsten Atome auseinander. Die Geister werden endlich nach der völligen Besiegung der Materie flott und suchen in der Erscheinlichkeit der aufsteigenden Rauchsäule ihre Freiheit, und die Materie bleibt als Asche zurück.
ER|0|25|6|0|Demnach ist das Entzünden ein Erregen des Geistigen in der Materie, und die Fortdauer und das stets Mächtigerwerden des Erregens ist der Akt des Verbrennens. Das Leuchten des Feuers liegt in der überaus starken und schnellen Bewegung des Geistigen, und die Fortpflanzung des Lichtes von dem Feuer ist ebenfalls eine Erregung der gleichen Geister in der gesamten Materie wie im gesamten Luftkreis. Darin besteht der Akt des Entzündens und Verbrennens.
ER|0|25|7|0|Aber wohlgemerkt, hier auf der Erde geschieht das gewöhnlich durch die Erregtheit noch unlauterer und unreiner Geister; daher das Feuer gewöhnlich schmutzig und rötlich, gewisserart noch grimm- und zornsprühend, aussieht.
ER|0|25|8|0|Es kann aber auch eine andere Entzündung stattfinden, nämlich durch den Eifer der Liebe; diese Entzündung ist jedoch nicht zerstörend und verderbend.
ER|0|25|9|0|Etwas Ähnliches von einer solchen Entzündung ist das Widerstrahlen des Sonnenlichtes von der Oberfläche des Wassers. Durch das Liebelicht der Sonne werden die friedlichen Geister des Wassers eben auch sehr erregt, aber sie zerstören in dieser Erregsamkeit nichts. Es wird zwar die ganze Oberfläche des Wassers entzündet und sprüht weit und breit die Strahlen wieder von sich hinaus; aber dennoch verbrennt dabei nichts.
ER|0|25|10|0|Gleicherweise geschieht auch im Spiegel eine Entzündung, wenn der Strahl darauf fällt; aber es geht dabei kein Akt des Verbrennens vor sich, weil da eine Anregung des Gutgeistigen stattfindet. Wird aber ein gutgeistiger Sonnenstrahl der Liebe potenziert auf Körper geleitet, die noch unlauteres Geistiges in sich haben, da entzündet er auch mit dem Akt des Verbrennens.
ER|0|25|11|0|Nun seht, da wir einmal den Akt des Entzündens für euch so fasslich als möglich erörtert haben, so ist es nun ein Leichtes, das Entzünden dieses Ätherluftgehaltes in der dritten Luftregion, wenn diese durch einen Körper in ihrer gewöhnlichen Ruhe gestört wird, zu erklären. Ein durch diese dritte Luftsphäre fallendes oder fliegendes Meteor reißt die Luft natürlich auseinander; dadurch bekommt diese Luft ob der gewöhnlich sehr schnellen Bewegung solcher Körper einen hohlen Raum. Dieser hohle Raum bildet aber eine Spiegelfläche, in welcher sich in dem Augenblick die Lichtstrahlen von zahllosen Sternen wie in einem Hohlspiegel, oder noch besser, wie in einem Zylinderspiegel konzentrieren, und dieser Strahlenreflex hat, von der Erde aus gesehen, das Ansehen eines Feuers; allein es ist durchaus kein Feuer, sondern bloß die reflektierende, obbeschriebene Wirkung des Sternenlichtes in dem neugebildeten Luftzylinderspiegel.
ER|0|25|12|0|Diese Erscheinlichkeit in dieser dritten Luftregion ist demnach eine ganz besondere Eigenschaft ebendieser dritten Luftregion, weil eine gleiche Erscheinlichkeit in den unteren Luftregionen darum nicht vorkommen kann, weil in ihnen die Luft zu schwer ist und zu schnell hinter einem sie durchschneidenden Körper zusammenfällt, während die sehr leichte Luft der dritten Region nur sukzessiv zusammenfällt, aus welcher Ursache hinter einem solchen fliegenden Meteor noch ein langer, drachenähnlicher Schweif zu sehen ist.
ER|0|26|1|1|Erscheinungen in der der reinsten Luftregion
ER|0|26|1|1|Am 8. Februar 1847
ER|0|26|1|0|Alle dergleichen Erscheinungen müssen aber dennoch nicht als völlig gleichartig betrachtet werden, da es unter den leuchtenden Meteoren auch wirklich einige gibt, die sich derart entzünden, dass da mit der Entzündung auch wirklich ein Verbrennen vor sich geht; aber dessen ungeachtet rührt die Entzündung solcher meteorischer Körper dennoch von der dritten Luftregion her, wobei aber der Akt des Verbrennens erst dann eintritt, wenn ein solches Meteor von einem größeren Durchmesser in die zweite, oder manchmal wohl gar in die erste Luftregion der Erde gelangt und eine sehr schnelle Bewegung hat. Denn eine mittelschnelle oder schon mehr sich einer starken Retardation nähernde Bewegung bedingt die verbrennbare Entzündung nicht. Ein Meteor muss in einer Sekunde wenigstens vier bis fünf deutsche Meilen zurücklegen, wenn es sich wirklich verbrennbar entzünden soll; ist die Bewegung langsamer, so erfolgt keine Entzündung, mit der das Verbrennen verbunden ist.
ER|0|26|2|0|Als eine besondere Erscheinlichkeit bei der Entzündung oder noch besser beim Leuchten der durch die dritte Luftregion fallenden Meteore ist das anzusehen, dass besonders der Kopf eines solchen Meteors am meisten leuchtet. Dieses Leuchten des Kopfes, solange derselbe die dritte Luftregion durchschneidet, ist ganz homogen dem Leuchten dessen Schweifes; es ist ein konzentrierter Strahlenreflex, und das darum, weil der feste Körper, der dazu noch gewöhnlich rund ist, um sich ganz natürlich die leichte, ätherische Luft auseinandertrennt und besonders am vorderen Teil des Kopfes eine Lufthülse bildet, welche um den Körper eine hohlspiegelartig glänzende Fläche macht, die das Licht von den leuchtenden Weltkörpern aufnimmt und es dann weiter zur Erde herabspendet; und so jemand einen runden Stein sehr heftig in ein reines Wasser werfen möchte, der könnte sich von einer ähnlichen Erscheinung ein kleines Ebenbild machen, denn wenn der Stein auch schwarz ist, so wird man ihn unter dem Wasser mit einem ganz weißen Kopf vordringen sehen. Diese Weiße des Kopfes ist nichts anderes als ein durch den schnellen Vordrang des Steines gebildeter Wasserhohlspiegel, der die in das Wasser fallenden Strahlen konzentrierter aufnimmt und wieder zurückwirft. Aus ebendiesem Grunde erscheint auch der Schaum des Wassers weiß, weil die Wasserblasen gewisserart lauter Hohlspiegel sind, welche in sich eine Menge Strahlen aufnehmen und sie dann konzentrierter wieder ausstrahlen lassen. Was hier das Wasser zeigt, das zeigt dort das Leuchten eines Meteors, nämlich nichts anderes als einen konzentrierten Reflex des Lichtes.
ER|0|26|3|0|Wann aber ein dem Volumen nach größeres Meteor in die zweite Luftregion herabkommt, dann entzündet es sich oft wirklich, und zwar durch die Reibung in der schwereren Luftschicht. Ist die Bewegung sehr schnell, so kann ein solches Meteor sogar noch wirklich brennend auf die Erde herabkommen, was jedoch äußerst selten geschieht. Bei einer retardierten Bewegung, welche in der dichteren Luftregion leicht erklärbar ist, tritt dann bald das Erlöschen ein, und der Körper fällt dann ganz finster irgendwo zur Erde nieder. Doch würde ein selbst größeres Meteor bei sehr schneller Bewegung sich dennoch nicht entzünden, wenn es nicht zuvor mit der sehr leicht brennbaren ätherischen Luft der dritten Region wäre gesättigt worden. Diese ätherische Luft ist dann das eigentliche brennbare Wesen eines solchen Meteors, wenn dasselbe in die dichtere Luftregion gelangt ist.
ER|0|26|4|0|Das ist nun das Gesamte von der besonderen Erscheinlichkeit in unserer dritten Luftregion und auch das besonders Eigenschaftliche ebendieser Region mit in sich begreifend. Es handelt sich nun nur noch darzutun, wie diese Luft und die in ihr vorkommenden Erscheinungen von der Erde aus gesehen werden. Was das Wie-Gesehenwerden der Meteore anbelangt, das braucht wohl keine weitere Erklärung mehr; aber es gibt noch andere Erscheinlichkeiten, die aus dieser Luft herrühren, und diese müssen wir auch noch berühren, damit wir dann alles wissen, was zum Materialismus des Erdkörpers gehört.
ER|0|26|5|0|Ihr werdet schon oft so ganz weiße, fein geriegelte sogenannte Lämmerwolken gesehen haben. Diese Wolken sind äußerst subtil und so durchsichtig, dass sie selbst das Licht der Sterne nahe ganz ungetrübt durchscheinen lassen. Diese Lämmerwolken sind die höchsten, die über dem Erdkörper vorkommen; diese Wolken entstehen durch eine gewisse Art Vermählung des reinen Äthers mit der dritten Luftregion; sie sind eigentlich gar keine Wolken, sondern bloß wellenartige Bewegungen auf der höchsten Oberfläche der dritten Luftregion, die da dadurch hervorgerufen werden, wenn durch den weiten Äther gewisse Lichtwesen sich der Erde zu nähern anfangen, welche Lichtwesen auf euch schon bekanntem Weg den Sonnenkörpern entstammen. Da diese substantiellen Wesenheiten schon eine gewisse Ponderabilität haben, so bringen sie durch den Aufsturz auf die leicht erregbare Oberfläche der dritten Luftregion eine wellenartige Bewegung auf selber hervor, welche Bewegung das auffallende Sonnenlicht nicht mehr geradlinig, sondern mit manchen Brechungen durchgehen lässt; und diese verschiedenartige Brechung auf den Wellen der dritten Luftregion bewirkt dann eben jene Erscheinung, die sich wie weiße, feingeriegelte Lämmerwölkchen ausnehmen lässt.
ER|0|26|6|0|Dass nach solchen Erscheinungen gewöhnlich gern Ungewitter eintreten, das rührt doch ganz klar von der Ankunft fremder Gäste her, die von den geistigen Erdbewohnern gewisserart gefragt werden, woher des Landes, und was sie hier machen. Bei solchen Fragen gibt es dann immer manche Reibungen und Anstaltenmachungen, wie solche neue Ankömmlinge auf eine für die Erde unschädliche Art allda Platz finden können. Wollen sich die neuen Ankömmlinge geduldig fügen, was selten der Fall ist, dann folgt auf die Lämmerwölkchen kein Ungewitter; wenn aber das nicht der Fall ist, so wird geordnete Macht für Recht gebraucht, und dann muss sich das fügen, was sich früher freiwillig fügen sollte. Das wäre demnach wieder eine eigentümliche Erscheinung aus dieser dritten Luftregion, und auch, wie sie von der Erde aus gesehen wird.
ER|0|26|7|0|Endlich aber gibt es noch eine, die wohl seltener gesehen wird, ist aber dessen ungeachtet sehr beachtenswert, weil sie sozusagen eine rein geistige Erscheinlichkeit ist, welche aber dennoch mit dem fleischlichen Auge wahrgenommen werden kann. Diese Erscheinung kommt nur in äußerst warmen Tagen zum Vorschein und ist in einer Art weißblauer Streifen ersichtlich. Diese Streifen sind ein Moment der seligen Geister, wo diese gewisserart gesellschaftlich zusammentreten und in der Ruhe sich vergnügen und dann weiter beraten, was sie tun werden, und wie die Ämter neuen Geistern zur Verwaltung unterbreitet werden. An solchem Tage ist dann auch auf dem Erdboden beinahe eine Totenstille; da regt sich kein Blättchen und kein Wölkchen von gewöhnlicher Art ist irgend zu erschauen, und auf der Erde ist es drückend heiß. Dieser Zustand aber dauert nie lange. Wird gewisserart diese Sitzung aufgehoben, dann bemerkt man schon wieder Regungen, und besonders wenn neue Geister zur Beherrschung der Luft, der Gebirge, der Meere usw. gestellt werden, dann ist es nicht selten auch der Fall, dass die neuen Besen reiner kehren als die alten; daher wird es nach solchen Erscheinungen bald eine Menge von allerlei Winden geben, und die Luftschweremesser werden fleißig auf „Veränderlich“ stehen, auch hat es bei einer solchen Erscheinung mit der Beständigkeit des Wetters auf eine Zeit lang ein Ende.
ER|0|26|8|0|Diese obbeschriebenen weißblauen Streifen sind demnach nichts anderes als gewisserart ruhig beisammenstehende Geisterheere, und zwar auf der Oberfläche der dritten und reinsten Luftregion, welche auf diese nun beschriebene Art sogar vom fleischlichen Auge des Menschen können gesehen werden.
ER|0|26|9|0|Geistig bestellte Menschen, deren Sehe eine doppelte ist, würden da mehr als bloß weißblaue Streifen sehen; allein derart Menschen sind in dieser Zeit, wo man alles aus Eisen zu modellieren anfängt, noch seltener geworden als die Diamanten in den Nordgegenden der Erde, wo sie zwar wohl auch vorkommen, aber, wie gesagt, überaus selten; und wann sie schon vorkommen, so sind sie klein, unansehnlich und somit auch von keinem besonders großen Wert, – oder: es gibt nun ganz verzweifelt wenig Paulusse und Petrusse mehr.
ER|0|26|10|0|Damit ist aber auch die natürliche oder materielle Darstellung der Erde zu Ende, und wir werden somit nächstens uns über die geistige Erde beschaulich machen.
ER|0|27|1|1|Die geistige Erde
ER|0|27|1|1|Wesen, Entstehung und Zweck der Materie
ER|0|27|1|1|Am 9. Februar 1847
ER|0|27|1|0|Bei der Betrachtung des geistigen Teils der Erde werden wir, um uns gründlich zu instruieren, eine retrograde Bewegung machen und werden nicht aus der Tiefe in die Höhe, sondern aus der Höhe in die Tiefe steigen, was da ganz in der Ordnung ist, weil man nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen sich kehren muss, um zu dem eigentlich Geistigen zu gelangen, das da bei jedem Ding das Tiefste und das Inwendigste ist.
ER|0|27|2|0|Es ist euch nur schon zu oftmals gezeigt worden, dass innerhalb des Materiellen sich allzeit Geistiges birgt, und wie die eigentlich schaubare Materie an und für sich im Grunde nichts anderes ist als gefangenes, gefesseltes und fixiertes Geistiges; dennoch aber soll auch hier zur gründlicheren Erkenntnis dessen noch so manches Erläuterndes folgen.
ER|0|27|3|0|Ihr könnt was immer für eine Materie betrachten, so werdet ihr es dennoch nicht finden, dass diese nur irgend als vollkommen solid in die Erscheinlichkeit tritt, sondern jede Materie ist teilbar, weil sie aus Teilen besteht, und zwischen diesen Teilen sind noch immer Räumchen, die von den Naturkundigen Poren genannt werden.
ER|0|27|4|0|Über die Teilung der Materie ist bis jetzt noch kein Gelehrter im Reinen, und niemand kann es bestimmen, in welche endlich kleinsten Teile die Materie teilbar ist. Man nehme nur z. B. einen Gran Moschus, lege ihn in einem großen Gemach auf irgendeinen Platz; in kurzer Zeit wird das große Gemach in all seinen Räumen mit dem Moschusduft erfüllt sein, und man darf ein solches Stückchen viele Jahre liegen lassen, es wird weder an seinem Volumen noch an seinem Gewicht etwas Merkliches verlieren; und doch mussten in jeder Sekunde viele Millionen Teilchen sich von diesem Stückchen abgelöst haben, um fortwährend die weiten Räumlichkeiten des Gemachs mit dem Moschusduft zu erfüllen. Dergleichen Beispiele könnten noch eine große Menge angeführt werden; allein für unsere Sache genügt dieses einzige, um einzusehen, dass es da mit irgendeiner definitiven Bestimmung über die endliche Teilbarkeit der Materie sicher seine geweisten Wege hat. Wenn aber nun dargetan ist, dass wenigstens für eure Begriffe alle Materie bis in ein nahe unendliches Minimum teilbar ist, so ist es doch anderseits mehr als klar, dass die Materie notwendig aus Teilen zusammengesetzt sein muss. Aber wer zieht diese Teile zusammen und klebt sie so fest aneinander, dass sie endlich wie eine einfache Masse aussehen, die manchmal mehr, manchmal weniger fest ist? Seht, da ist schon die erste Stufe, auf welcher das Geistige beginnt.
ER|0|27|5|0|Diese endlos kleinen Teile sind ursprünglich nichts als eine ledigliche Ideenkraft aus Mir, dem Schöpfer aller Dinge; diese Ideenkraft bekommt Form, und die Form bekommt Leben aus dem Leben des Schöpfers.
ER|0|27|6|0|Der Schöpfer gibt die neubelebte Form frei von Sich, gibt ihr aus Seinem eigenen Urlicht ein Eigenlicht und mit diesem Licht, das lebendig ist, die eigene Intelligenz, durch die die neubelebte Form sich erkennt und ihrer selbst wie ein selbständiges Wesen bewusst wird.
ER|0|27|7|0|Hat die Form sich also erkannt, da wird ihr die Ordnung, ein Gesetz alles Seins, gegeben, mit dieser Ordnung das innerste Feuer der Gottheit, ein Funke der ewigen Liebe; aus dem geht hervor der Wille. Nun hat die neubelebte Form Licht, Selbsterkenntnis, Selbstbewusstsein, die Ordnung und den Willen und kann ihren Willen der Ordnung gemäß einrichten oder auch dieser Ordnung dawiderhandeln.
ER|0|27|8|0|Handelt und bewegt sich so ein neues Geschöpf der Ordnung gemäß, so wird es wie ein Baum erfesten und wird als ein vollkommenes, freies Wesen in dem großen Schöpfungsraum auftreten zum ewigen Fortbestehen, weil all sein Wesen aus Mir, der Ich doch sicher ewig bin und ewig sein werde, geschöpft ist; und darum ist der Mensch ein Geschöpf, weil all sein Wesen aus Mir geschöpft ist, und sein Los kann kein anderes sein als Mein eigenes, weil das seinige aus Mir geschöpft ist, so, als wenn jemand aus dem Brunnen ein Wasser schöpft, das Wasser im Gefäß gleich ist dem Wasser im Brunnen und hat die gleiche Bestimmung als das Grundwasser im Brunnen, aus dem es geschöpft wurde.
ER|0|27|9|0|Wenn aber so ein neues Wesen oder Geschöpf mit seinem freien Willen der gegebenen Ordnung nicht Folge leistet, so geht es natürlich seinem Untergang oder seiner Auflösung entgegen, was ganz natürlich leicht kann begriffen werden.
ER|0|27|10|0|Wenn jemand eine Pflanze setzt in die Erde, gönnt ihr aber keine Feuchtigkeit und kein Sonnenlicht und keine Wärme, was wird wohl mit der Pflanze? Nehmen wir aber an, die Pflanze hätte freies Bewusstsein und könnte sich nehmen Wasser, Licht und Wärme, sie wollte aber nicht, was wird aus ihr? Sie wird verdorren und vergehen.
ER|0|27|11|0|Oder jemand wollte sich von einem Maler vollkommen ähnlich abbilden lassen, will aber sein Antlitz dem Maler nie zuwenden, was wird das am Ende für ein Abbild werden?
ER|0|27|12|0|Mir, dem Schöpfer, aber kann es nicht gleichgültig sein, ob ein Wesen, das nicht bloß von Mir nur wie ein Bild in der Idee gefasst, sondern auf obbeschriebene Weise aus der Fülle Meiner göttlichen Wesenheit geschöpft wurde, nur eine Zeit lang oder ewig besteht. Das erste müsste offenbar einen Teil aus Mir vernichten können, was unmöglich ist; also es kann, wenn es einmal geschöpft ist, nur für Ewigkeiten geschöpft sein.
ER|0|27|13|0|Aber ein solches Geschöpf kann sich in Meiner Ordnung verkehren, und das ist ebenso viel als gewisserart für Mich zu sein aufhören; denn der nicht für Mich ist, der ist wider Mich. Auf diesem Weg aber würde sich mit der Zeit neben Mir eine entgegengesetzte Kraft und Machtpotenz bilden, die Meinem freien Wirken Störungen entgegensetzen würde, was mit anderen Worten nichts anderes heißen würde als: Ich, die allerhöchste Vollkommenheit, müsste Selbst unvollkommen sein, um eine Unvollkommenheit neben Mir zu dulden.
ER|0|27|14|0|Um diesem allerhöchsten Übel zu steuern, wird ein Geschöpf, welches sich nicht in Meine gegebene Ordnung fügen will, alsogleich gefangengenommen und wird fixiert auf einen Punkt und auf eine Stelle; und seht, diese Fixierung ist das, was ihr als Materie kennt, seht und empfindet.
ER|0|27|15|0|In den endlos vielen Teilchen der Materie liegt die endlose Intelligenz des neugeschaffenen, aber nun gefangengenommenen Wesens zugrunde, welche Intelligenz nimmer zugrunde gehen kann; aber sie ist gefestet und gegen die Sonne des Geistes gekehrt auf so lange, bis sie zu jener Reife gelangt ist, wie ein Spiegel, der so lange das Licht der Sonne aufnimmt, bis die Sonne ihn verkehrt und ihn blind macht für alles andere, als bloß allein nur am Ende noch fähig, das Licht der Sonne aufzunehmen. Dem Außen nach wird der Spiegel freilich immer matter, und seine Materie wird lockerer und poröser; aber diese Materie wird eben dadurch stets fähiger, in all ihren aufgelösten Teilen das Bild der Sonne, wenn auch höchst verjüngt, aufzunehmen, und das ist eigentlich der gute Übergang, dass ein solches Wesen anfängt, in all seinen Teilen die Gottheit aufzunehmen, und nicht nur in einem einzelnen Teil. Und so ist es nicht genug, dass da jemand sagt: „Herr, Herr!“, sondern er muss den Herrn in alle seine Lebensfibern aufgenommen haben; dann erst ist er reif, wieder dahin zurückzukehren, von wannen er gekommen ist.
ER|0|27|16|0|Aus diesem Grunde muss endlich alle Materie wieder in das Minutissimum aufgelöst werden, damit kein Teilchen da mehr vorkommt, das nicht fähig wäre, das Bild der ewigen Sonne aufzunehmen; und in dieser Aufnahme des ewigen Urbildes ist dann wieder die neue Schöpfung, in der sich die eher gefangenen, nun aber wieder frei gewordenen endlosen Intelligenzen eines Wesens wieder ergreifen, in die erste Urform zurückgehen und wieder das werden, was sie schon im Urbeginn hätten werden sollen.
ER|0|27|17|0|Aus dieser Vorleitung wird euch sicher klar, dass in der Materie unmöglich etwas anderes als lediglich nur Geistiges sein kann; und wir können nun auf wohlerleuchteten Wegen unsere Wanderungen über und in die geistige Erde machen.
ER|0|28|1|1|Die geistigen Wesen der obersten Luftregion
ER|0|28|1|1|Am 10. Februar 1847
ER|0|28|1|0|Wenden wir uns zuerst in die oberste Luftregion und wollen uns da umsehen, was hier für geistige Wesen zu Hause sind, und wie sie schalten und walten.
ER|0|28|2|0|In dieser Region sind schon lauter vollkommene Geister, und lauter solche, die ehedem leibliche Menschen auf dem Erdkörper waren. Diese genießen schon fortwährend Licht; denn auch natürlichermaßen wird es in solcher Höhe nimmer vollkommen finster. Aber in der geistigen Natur ist da schon ein fortwährender, ununterbrochener Tag; denn diese dritte Region beurkundet schon ein drittes, ganz reines geistiges Stadium, während die zweite Region noch nicht rein und sehr häufigen Trübungen ausgesetzt ist; noch mehr aber die erste oder unterste Luftregion, in welcher, gleichsam im ersten Stadium, Gutes und Böses wie Kraut und Rüben untereinander wallt.
ER|0|28|3|0|Wir wissen nun, dass in der dritten Region die reinsten Geister von dieser Erde zu Hause sind. Warum aber? Was machen sie da?
ER|0|28|4|0|Kein Geist, der von dieser äußeren natürlichen Erde auch noch so vollendet in die geistige übergeht, kann sogleich in das eigentliche große Himmelreich emporsteigen, und das darum nicht, weil zu seiner endlichen Vollendung noch immer etwas im Erdkörper zurückbleibt, was er nur nach und nach aufnehmen kann. Erst wann er den letzten Rest dessen, was ihm angehörte, veredelt und vergeistigt in sein Wesen aufgenommen hat, kann er diese Region verlassen und in eine wirkliche erste Stufe des Himmelreiches eingehen.
ER|0|28|5|0|Der Geist zwar an und für sich, als das Urprinzip des Lebens aus Mir, braucht freilich wohl nichts aus dem Erdkörper zu seiner Vollendung; aber seine formelle Wesenheit, die da ist die Seele, diese muss das wieder in sich vereinen bis auf das letzte Atom, was ihr einst aus der endlosen Fülle Meiner sie formenden Idee gegeben ward. Dieses Gegebene besteht in den endlos vielen Intelligenzpartikeln, welche natürlicherweise beim Absterben des Menschen nicht auf einmal können flottgemacht werden. Da sind Teile seines Leibes und Spezifika, die er Zeit seines Lebens ein- und ausgehaucht hat, auch alle Abfälle seines Leibes, seine Tränen, auch sonstige Auswürfe seines Leibes, sogar seine Kleidung, seine Behausung; kurz alles, was er irgendwann durch seine Kraft hervorgebracht und getan hat, das alles muss mit der Zeit als gewisserart ein geläutertes psychisches Spezifikum von der Psyche aufgenommen werden, damit der Geist dann in sich selbst eine vollendete Beschauung und durch diese Beschauung eine klarste Rückerinnerung an alles das hat, was mit seiner kompletten Wesenheit vor sich gegangen ist, und wie der ganze, lange Weg beschaffen war, auf welchem er wieder zu dieser seiner urersten Vollkommenheit gelangt ist.
ER|0|28|6|0|Diese gewisserart spezielle Rückerinnerung könnte aber der Geist nicht bekommen, wenn in seine psychische Wesenheit nicht alles das aufgenommen würde, was urursprünglich zu seiner Wesenheit gehörte, und was alles er auf diesem langen Kreisweg sich angeeignet hatte. Darum heißt es auch, dass alle Haare auf dem Haupt gezählt sind, und nur derjenige, der nach Meiner Lehre wandelt, der sammelt; wer aber anders handelt, der zerstreut. Also muss der Geist noch eine Zeit warten, bis all das Seinige von seiner Wesenheit aufgenommen worden ist.
ER|0|28|7|0|Wie aber erkennt da der Geist das Seinige? Das liegt schon in der ewigen Ordnung. Wie jedes Gras sein Spezifikum aus dem endlosen Spezifikalgemenge genau herausfindet, noch genauer findet der Geist das Seinige.
ER|0|28|8|0|Was tut aber der Geist unterdessen? Er handelt nach den Gesetzen der Liebe und herrscht also in dieser Region und bewirkt durch seine Gegenwart und durch sein Liebehandeln, dass diese dritte Luft da ist, und schlichtet und ordnet die Wege fürs Erste jenen, die als Neulinge in diese Region emporkommen, und weist ihnen Ort und Handlung an; dann beherrscht er belehrend die schon reineren Geister in der unteren Region; und wenn allda Reibungen und Trübungen vorkommen, so senkt er sich wie alle seinesgleichen als Friedensstifter herab und wirkt da energisch.
ER|0|28|9|0|Wenn aber fremde Geister aus anderen Weltkörpern hier anlangen, da prüft er sie, und wenn er sie als tüchtig befindet, so führt er sie auf den rechten Wegen zur Erde nieder, ist bei den Zeugungen durch seinen Einfluss zugegen und hilft solchen neuen angekommenen Geistern auf den Weg des Fleisches dieser Erde und sorgt dann auch, dass diese Geister genau jene prüfenden Wege im Fleische durchgeführt werden, welche Wege sie anderweltenorts, um Kinder des Herrn zu werden, zu wandeln beschlossen haben.
ER|0|28|10|0|In dieser dritten Region wandeln und wohnen dann so ganz eigentlich die euch wohlbekannten sogenannten Schutzgeister der Menschen. Doch aber sind diese reinen Geister noch nicht ledigliche Alleinherrscher und können es auch noch nicht sein, weil ihnen noch in gar vielem die vollendete Erkenntnis aus obbekanntgegebenen Gründen mangelt; daher sind auch fortwährend vollkommene Engelsgeister über und unter ihnen, welche diesen Geistern allzeit die richtige Anweisung geben, was sie zu tun und zu schlichten haben. Aber für die Geister dieser dritten Region ist ebendiese dritte Region ein gar herrliches Paradies, wo sie alles haben, was nur immer ihr Herz in der Liebe zu Gott erfreuen kann.
ER|0|28|11|0|Da gibt es gar herrliche Gegenden, welche sich jedoch nach der Beschaffenheit des Geistes richten; denn da wird schon jeder Geist der Schöpfer seines Fußbodens und der Gegend, in der er zu Hause ist. Diese Gegend ist überaus fruchtreich und reich an allen Dingen. Der Geist genießt da alles in der Fülle, und der Hunger in allem ist ferne von ihm. Und seht, eben in diesem Genuss nimmt dann der Geist nach und nach alles das auf, was noch von seiner Wesenheit an der Erde kleben geblieben ist; und diese Früchte und die Gegenden werden gewisserart auf eine reflektierende Weise von der Erde aufsteigend in dieser dritten Region psychisch spezifisch gebildet, und der Geist erkennt sie als das Seinige und nimmt sie in seine Erkenntnis auf und kommt dann erst aus dieser seiner Erkenntnis in ein förmliches Schauen dessen, was das Seinige ist, und genießt dann auch ebendasselbe und nimmt es völlig in seine Wesenheit auf. Wenn er nun alles dieses aufgenommen hat und er der Erde und sie ihm gewisserart nichts mehr schuldig ist, dann hat er erst seine völlige Solidität erreicht und kann dann zur höheren Vollendung in das Reich der Himmel aufgenommen werden.
ER|0|28|12|0|Es kann aber jedoch auch Geister geben, die noch manches ihnen Gehörige aus euch schon bekannten Gründen in anderen Weltkörpern haben. Diese steigen dann auch zu den Sphären jener Weltkörper empor, woher sie entweder ihr Hauptspezifikum bezogen, oder wo sie einst schon körperlich gelebt haben, um auch dort das ihnen Gehörige abzuholen, – aber das alles auf dem Weg der Liebe, welche allein das anziehende Prinzip ist. Und das muss alles durch freie Wahl geschehen, in der ein jeder Geist anstrebt, in sich das zu sammeln, was Mein ist, und es Mir dann in seiner großen Liebe zu Mir vollkommen wiederzubringen.
ER|0|29|1|1|Das Verweilen der reinen Geister der obersten Luftregion
ER|0|29|1|1|Am 11. Februar 1847
ER|0|29|1|0|In dem Wiederbringen, und zwar in dem vollkommenen Wiederbringen, liegt eben der einstige vollkommene, vollkommenste und allervollkommenste Grad der Seligkeit; aber es wird nicht gefordert oder von dem Geist eine Rechnung verlangt bezüglich der Wiederbringung alles desjenigen, was zu seiner Wesenheit gehörte, dass er das gewisserart auf eigene Rechnung wiederbringen sollte, was ihm ursprünglich und auf seiner ganzen Wanderung gegeben ward.
ER|0|29|2|0|Was immer seinen Leib betrifft und sein Vorgängiges, überhaupt alles Spezifikalische, erhält er in der ordnungsmäßigen Zeitfolge ohne sein Zutun; aber ein anderes ist es hinsichtlich seiner Befähigung, das alles wieder aufzunehmen, was einst zu seinem Wesen gehörte. Über die Befähigung wird er gewisserart tatsächlich zur Rechenschaft gezogen werden, und das darum, weil sich solche Befähigung jeder Geist aus den Vorschriften der reinen Religion erwerben kann und erwerben soll. Wer da nicht will tätig sein und vergräbt sein Talent und gibt sich lieber mit dem ab, was des Fleisches als was des Geistes ist, der muss sich dann selbst zuschreiben, wenn er gerichtet wird durch das Wort, was ihm gegeben ward aus den Himmeln als ein getreuer Wegweiser, wie er das Leben wieder sammeln und dahin wiederbringen solle, von woher er ursprünglich gekommen ist.
ER|0|29|3|0|Dass darob die schon rein gewordenen Geister längere Zeit noch in dieser dritten Region verweilen müssen, um ihre psychischen Spezifika aufzunehmen, oder mehr auf Deutsch gesagt, weil sie in der dritten Region so lange warten müssen, bis gewisserart ihr Irdisches verwest ist und aus den Verwesungen in ihr Seelisches übergegangen, – das ist nicht etwa als eine Strafe zu betrachten, sondern als eine gleiche Notwendigkeit wie die Dauer des Leibeslebens auf der Erde, welche auch eine gewisse Zeit währen muss, bei manchem kürzer, bei manchem länger, damit in dieser Lebensdauer der Geist Zeit gewinne, sich in seinem Wesen wieder mehr und mehr zu entwickeln und zu manifestieren.
ER|0|29|4|0|Wer könnte da behaupten, dass da jemand von der Zeit, die er auf der Erde im Körper zugebracht hat, irgendeine Rechnung geben müsste? Denn diese ist eine Notwendigkeit und liegt außer dem Willensbereich des Geistes, – ebenso wie auch niemand darüber wird eine Rechenschaft ablegen müssen, wie lang etwa sein Haar gewachsen wäre oder die Nägel an seinem Finger, sowie auch nicht über die Pulsschläge seines Herzens und über das, wie oft er Atem geholt hat; denn das alles ist, wie gesagt, eine Notwendigkeit. Die Rechnung, oder besser das Gericht, liegt lediglich in dem tätigen Willen; alles andere ist gleichgültig und ist ganz in der Ordnung und gibt sich frei, wenn nur der Wille nach der reinen Erkenntnis Meines göttlichen Willens in die Ordnung gebracht wurde.
ER|0|29|5|0|Wenn manchmal solche reine Geister auch mehrere hundert Jahre in dieser dritten Region verweilen, so verlieren sie dadurch nicht nur nichts, sondern sie können nur gewinnen; denn fürs Erste geht ihnen durchaus nichts mehr ab, sie sind überaus glücklich und selig. Was aber ihre stets zunehmende Intelligenz betrifft, so ist das ja offenbar ein stetes Gewinnen, und je mehr sie da gewinnen, desto vollkommener werden sie dahin kehren, wo es sich um ihre endliche und ewige Bestimmung handelt. Haben sie da nur ein kleines Geschäft über sich und haben dieses ordentlich und weise zu verwalten sich eigen gemacht, so werden sie einst um desto tauglicher sein, Großes zu verwalten, wo sie als Engelsgeister nicht nur über einzelne Teile eines Weltkörpers, sondern mit einem Blick über ganze Weltkörper, ja über ganze Weltenalle und Sonnengebiete geistig, und von da aus durch und durch in die Materie, werden ihre Tatkraft ausüben müssen. Und dazu gehört sicher mehr, als hier bloß nur einzelne Gegenden zu überwachen, und das unter der Oberleitung der Engelsgeister, denen diese gesamte Erde vom Mittelpunkt aus bis zur Sonne hin zu überwachen anvertraut ist.
ER|0|29|6|0|Ja, Meine Lieben, da ihr mit euren Augen wenig oder nichts erblickt, da gehen gar große Dinge vor, und es ist also, wie einst ein Weiser sagte: Zwischen der Erde und der Sonne gehen Dinge vor, von denen sich die menschliche Vernunft noch nichts hatte vorträumen lassen.
ER|0|29|7|0|Diese reinen Geister kommen auch nicht selten in die zweite, manchmal auch in die erste Region herab; hauptsächlich aber sind jene Stellen auf der Erde ihre sichtbaren Niederkunftsplätze, die ihrer bedeutenden Höhe wegen fortwährend mit Schnee und Eis bedeckt sind. Und darin liegt auch der Grund, warum solche Gegenden für fast jeden Menschen eine – wie ihr zu sagen pflegt – magische, beseligende und zugleich das ganze menschliche Gemüt erheiternde, stärkende und beruhigende Anziehungskraft haben. Wer da traurigen Herzens ist und voll Unruhe in seinem Gemüt, der begebe sich in Meinem Namen auf eine solche Höhe oder gehe wenigstens in ihre Nähe, und sein Gemüt wird wie mit einem stärkenden Balsam übergossen werden.
ER|0|29|8|0|Während das Gemüt in den tieferen Regionen stets dumpfer, schwieriger und leidender wird, ähnlich dem Gefühl eines Bergschluchten- und Höhlenbesteigers, wird eben das Gefühl bei einem, der eine solche reinere Höhe erstiegen hat, heiterer und heiterer, und wer da hinaufkommt, mag füglicherweise ausrufen: „Herr, hier ist gut sein!“ – Aber da sage Ich dann dazu: „Es ist noch nicht an der Zeit für dich, hier zu bleiben!“ Aber dessen ungeachtet sage Ich dennoch:
ER|0|29|9|0|Geht gerne auf Berge! Denn auch Ich, als Ich im Leibe wandelte auf der Erde, ging häufig auf Berge. Auf einem Berg ward Ich verklärt; auf einem Berg trieb Ich den größten Versucher von dannen; auf einem Berg predigte Ich das Himmelreich; auf einem Berg betete Ich, und auf einem Berg ward Ich gekreuzigt! Darum geht gerne auf die Berge; denn nicht nur euer Geist, sondern auch euer Leib gewinnt mehr dabei als aus hundert Apotheken.
ER|0|29|10|0|Auf diese Weise aber haben wir auch die dritte geistige Region der Erde durchwandert, und es bleibt darüber nur noch weniges zu erwähnen übrig, und dieses wenige besteht darin, dass die Erstlinge der reinen Geister sich zuerst dort aufhalten, wo sie bei Leibeslebzeiten auf der Erde gewohnt haben. Wenn sie aber schon vollkommener geworden sind, dann dehnt sich ihr Wirkungskreis über alle Punkte der Erde aus; die stärksten jedoch bewachen die Polargegenden, und die weicheren, sanfteren und schwächeren die Tropengegenden der Erde, und diejenigen, die sehr regsam sind, bewachen das Meer, die Seen und die Flüsse, und den Anfängern werden größere oder kleinere Gebirge zur Überwachung anvertraut und alles was sich da befindet.
ER|0|29|11|0|Dieses könnt ihr euch noch dazu anmerken, dass die weiblichen Geister zumeist das Pflanzenleben überwachen und üben auch den Einfluss auf die gesamte Vegetation der Erdoberfläche aus.
ER|0|29|12|0|Nachdem wir nun auch dieses wissen, können wir uns schon in die zweite Luftregion herabsenken, allda es schon viel bunter zugeht als in der dritten Friedensregion. Nächstens also von der zweiten Region!
ER|0|30|1|1|Die geistigen Wesen der zweiten Luftregion
ER|0|30|1|1|Am 13. Februar 1847
ER|0|30|1|0|In gleicher Weise, wie bei einem Menschen aus dem rein Geistigen in das Seelische der Übergang ist, in gleicher Weise ist auch da zwischen der obersten und der mittleren Region ein Übergang, und es verhalten sich die beiden Regionen wie Seele und Geist. Der Geist wirkt in die Seele ein und kann dieselbe durchdringen; die Seele aber kann nie über die Schranken des Geistes hinaustreten, sondern muss da sein, um von dem Geist durchdrungen zu werden, während der Geist nicht da ist, um von der Seele durchdrungen zu werden; aber die Seele kann von dem Geist aufgenommen werden, wo sie selbst geistig wird.
ER|0|30|2|0|In gleicher Weise können auch die Geister der zweiten Region in die dritte übergehen, wenn ihre Seelen oder gewisserart ihre substantiellen Leiber stets mehr und mehr sich vergeistigen und mit dem Geist völlig eins werden. Die Seele für sich als ein Kompendium von zahllosen substantiellen Intelligenzpartikeln ist demnach auch angestopft von allerlei Trieben, die sie als Spezifika in sich enthält.
ER|0|30|3|0|Wenn sich hie und da ein oder das andere Spezifikum mehr hervortut, so neigen sich alle anderen Spezifika auf den Punkt, wo eine solche Spezifikal-Eminenz auftritt. Eine solche Hinneigung bewirkt dann in der Seele irgendeine Leidenschaft; diese Leidenschaft aber kann sobald mit einer anderen ausgetauscht werden, wenn irgendein anderer spezifischer Seelenintelligenzpunkt wie hervorragend auftritt und gewisserart alle anderen seelischen Spezifikalintelligenzpunkte übertäubt und überstrahlt und dieselben an sich geneigt macht.
ER|0|30|4|0|Es wird durch diese Darstellung jedermann leicht ersichtlich, wie manche Seele, bei der der Geist nicht wach ist, von zahllosen Leidenschaften und Begierden von einem Pol zum anderen getrieben wird. Was aber da in der Seele gewisserart in einem Wesen wie in einem Punkt konzentriert auftritt, das ist im Allgemeinen in unserer zweiten Region umso mehr der Fall, weil in der lauter Seelen wohnen, bei welchen der Geist noch nicht völlig erwacht ist. Die eine Seele hat diesen Haupttrieb, die andere einen anderen, und Millionen Seelen haben eben millionenartig verschiedene Neigungen und Triebe; die eine will kämpfen, die andere Ruhe haben; die eine sucht nichts als die Geheimnisse der Schöpfung, die andere botanisiert; eine andere wieder macht fortwährend Reisen, und so hat eine jede aus Millionen einen anders gearteten Trieb.
ER|0|30|5|0|Welch ein buntes Seelengewirr muss daher in dieser zweiten Region zusammenkommen, und welche zahllosen, verschiedenartigsten Erscheinungen müssen da bewirkt werden, welche Erscheinungen endlich gleichsam wie verdichtet in die naturmäßige Welt, für fleischliche Augen sichtbar, übergehen müssen! Und also ist es auch. Alle die verschiedenartigsten Wolkengebilde und noch eine zahllose Menge anderer Erscheinungen in dieser mittleren Region rühren daher, und da bringt kein Tag und keine Nacht vollkommen ganz wieder dasselbe der Gestalt nach, was schon einmal da war.
ER|0|30|6|0|Betrachtet nur einmal an einem Tag die Wolkenformation und zeichnet sie euch ab; ihr mögt da wohl hundert Jahre und viel länger noch an jedem Tag die neuen Wolkenformationen mit dieser von euch einmal gezeichneten vergleichen, und nie werdet ihr dieselbe ganz wieder also zu Gesicht bekommen, als wie sie einst schon da war. So werdet ihr auch noch eine Menge anderer Erscheinungen entdecken, welche sich stets der Art nach zwar wiederholend gleichbleiben, jedoch der Form nach nie. Und da sieht nicht eine Schneeflocke der anderen vollends gleich, und kein Regentropfen ist gleich so groß wie der andere, und wenn es hagelt, da vergleicht einmal zwei Hagelkörner, ob sie einander völlig ähnlich sind. Es wird sich sowohl in der Gestalt als im Gewicht ein Unterschied finden lassen. Eis wird zwar Eis sein, – allein das ist die Art; aber die Weise, wie sich das Eis gestaltet, ist eine ebenso ungleiche, als wie ungleich die leidenschaftlichen Gestaltungen aus den Seelenwesen sind. Das lässt sich aber auch schon auf dieser Erdoberfläche erkennen bei noch lebenden Menschen.
ER|0|30|7|0|Betrachtet nur die Häuser in einer Stadt: In der Art sind sie zwar alle gleich, sie müssen Wände, Fenster und Dach haben; aber nicht leichtlich werdet ihr irgend zwei Häuser treffen, die sich einander völlig ähnlich wären. Das eine ist etwas höher, das andere etwas niederer; das eine so, das andere so gefärbt; und so noch eine zahllose Menge Verschiedenheiten.
ER|0|30|8|0|Diese Verschiedenheit in der Gestaltung rührt von der verschiedenen Seelenneigung dessen her, der ein oder das andere Haus hat erbauen lassen. Also hat auch ein jeder Mensch einen anderen Rock, und kein Schneider macht denselben gleich wie ein anderer. Und so ist auch eine große Verschiedenheit in anderen Kunstprodukten der Menschen; ein jeder, der schreiben gelernt hat, hat eine eigentümliche Schrift, die mit der anderen nichts gemein hat, da sicher kein Strich auf den Strich der anderen passt. Die Gestaltung ist sonach überall anders, wenn auch die Art die gleiche bleibt.
ER|0|30|9|0|Oder lasst von mehreren, gleich geschickten Malern einen und denselben Gegenstand malen; es wird ihn zwar ein jeder treffen, aber die Art der Darstellung, d. i. die Form, wird überall eine ganz eigene sein. Oder gebt zehn Tondichtern ein und dasselbe Gedicht, und jeder solle in seiner Art und Weise eine Musik darauf setzen; da wird es sich gar auffallend zeigen, wie ein jeder eine ganz andere Melodie auf das Gedicht gefunden hat.
ER|0|30|10|0|Alle diese Verschiedenheiten in der formellen Darstellung liegen in den zahllos verschiedenartigen Spezifikalintelligenzpunkten in der Seele. Je nachdem einer oder der andere von diesen Punkten vorherrschend ist, je nachdem auch richtet sich die Handlungsweise der Seele. Da geht also fortwährend ein anderer Wind; da kommen fortwährend neue Erscheinungen zum Vorschein, und nie findet ein schon Dagewesenes eine vollkommene Wiederholung, besonders da schon am allerwenigsten, wo die produzierenden Intelligenzen sich unter keinem positiven Gericht befinden, was eben bei den Seelen des Menschen der Fall ist, weil sie sich in die ursprüngliche Freiheit wieder hineinarbeiten müssen. Nur ist zwischen einer abgeschiedenen und einer noch im Leib lebenden Seele der Unterschied:
ER|0|30|11|0|Die Seele im noch lebenden Leib kann eine Menge Leidenschaften durchwandern, und so ist der Mensch fast jeden Tag ein anderer; heute fühlt und denkt er so und macht sich diese oder jene Vorsätze, morgen ist das wie weggewischt, und er handelt schon wieder nach einem anderen intellektuellen, substantiell-spezifischen Seelenschwerpunkt. Heute ist jemand freigebig, – ein jeder Arme hätte es gut, so er heute zu ihm käme; morgen tritt an die Stelle dieses liberalen ein filziger Schwerpunkt auf, und dem heute Freigebigen ist morgen jeder Bettler zuwider, und es reut ihn sogar seine vortägige Liberalität.
ER|0|30|12|0|Aber bei der abgeschiedenen Seele ist es anders. Bei der tritt gewöhnlich nur eine Hauptleidenschaft auf und beherrscht die Seele stets mehr und mehr und zieht nach und nach alle Intelligenzpartikel in ihr Bereich; darum auch ein Paulus spricht: „Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen!“, – was eben nicht sagen will, dass eine abgeschiedene Seele gewisserart unverbesserlich ist, sondern nur, dass sie in einer ihrer Hauptleidenschaften gefangenbleibt, bis diese alle anderen Spezifikalintelligenzpartikel gewisserart aufgezehrt hat, was dann eine große Armut der Seele bewirkt, und diese dann in einen Zustand des Abödens übergeht, wo sie sich wie völlig nackt und in Nacht und Nebel befindet. In dieser Abödung kann dann erst der Geist frei werden und seine Seele zu durchdringen anfangen, und das ist dann der Übergang von der zweiten in die dritte Region. Aber bevor dieser Zustand nicht eingetreten ist, kann der Geist sich nicht ausbreiten und kann die Seele nicht durchdringen, weil deren Spezifika noch zu materiell und somit noch zu ungeistig sind.
ER|0|30|13|0|Da auf obige Art sonach eine Menge verschiedengestimmter Seelen in der zweiten Region zusammenkommt, wo eine jede ihre Hauptleidenschaft in sich trägt und nach derselben lebt und wirkt, so ist es diesem leicht fasslichen Grundsatz zufolge ja überaus leicht ersichtlich, dass die Erscheinungen, die in dieser seelischen Mannigfaltigkeit ihren Ursprung haben, der Form nach ja eben auch höchst verschieden erscheinend auftreten müssen. Daher hat ein jeder Blitz einen anderen Zickzack, daher jede Wolke und jedes Wölkchen eine andere Gestaltung und Bewegung; daher Winde kreuz und quer, und aus ebendiesem Grunde bald ein Wolkenbruch, bald ein Platzregen, bald ein Hagel, bald ein Staubregen, bald große, bald mittlere, bald kleine Schneeflocken und dergleichen tausend Erscheinungen mehr, welche besonders in den Tropengegenden und in den Polarländern der Erde überaus häufig vorkommen.
ER|0|30|14|0|Dies also als eine notwendige Vorleitung im Allgemeinen; nächstens werden wir die Sache mehr speziell betrachten.
ER|0|31|1|1|Das geistige Geschehen in der zweiten Luftregion
ER|0|31|1|1|Am 15. Februar 1847
ER|0|31|1|0|Hier lässt sich gleich anfänglich die Frage anbringen: Ist das Geisterwesen dieser zweiten Region gut oder böse, und ist es im Aufsteigen oder im Abwärtsgehen begriffen?
ER|0|31|2|0|Diese Frage wird eben durch einige spezielle Betrachtungen des Geisterwesens in der zweiten Region hinreichend klar beantwortet, und es wird da jeder leicht herausfinden können, was daran entweder gut oder böse ist, und wohin es geht.
ER|0|31|3|0|Diese zweite Region gleicht am meisten dem irdischen Leben der Menschen auf dieser Erdoberfläche. Da ist ein fortwährendes Hin- und Herrennen, ein Zusammenrotten der Gleichgesinnten, Krieg, Mord, Gefangennehmung, Besiegung, Durchgehen, Stehlen und Rauben, Böses tun, wieder Gutes zufügen. Das alles kann man in dieser zweiten Region haben. Sie ist der eigentliche Kampfplatz der Geister; daher auch Gebirge, die sich zumeist in dieser Region befinden, gewöhnlich höchst zerstört aussehen, gleich einer Festung, die mehrere Jahre eine Belagerung ausgehalten hat.
ER|0|31|4|0|Schon der Anblick dieser Höhen zeigt hinreichend, wie streitend und kämpfend es in dieser Region zugeht. Da herrscht aber auch eine Freiheit, wie sonst nirgends, – und das darum, weil eben da der Vorbereitungsplatz ist, wo die Geister entweder für den Himmel, mitunter aber auch für die Hölle vorbereitet werden; denn eines jeden Verstorbenen Seele und Geist kommt gleich nach dem Tode zunächst in diese Region, in welcher er gerade so fortlebt, als wie er auf der Erde fortgelebt hat. Er genießt die volle Freiheit und sucht sich da ganz natürlich seinesgleichen auf; da geschehen dann vereinliche Zusammenrottungen, und wo mehrere einmal in einem Verein beisammen sind, da werden bald Pläne geschmiedet, wie dieses oder etwas anderes, gewöhnlich durch Gewalt oder durch List könnte erreicht werden.
ER|0|31|5|0|Unter solchen Vereinen gibt es dann auch wieder Verräter, die einen Plan ihres Vereines einem anderen, mächtigeren Verein verraten. So zwei Vereine, oder manchmal auch mehrere, durch die Verräter in die Kenntnis gegenseitig arg gefasster Pläne kommen, da gehen schon Rüstungen vor sich, welche in der naturmäßigen Welt sich als stets zunehmende Wolkentrübungen erschauen lassen. Es dauert nicht lange, die erbitterten Heere ziehen gegen einander; allein ober ihnen sind leider die alles durchblickenden, mächtigen Friedensgeister; diese senken sich herab, nehmen die erbitterten Heere so ganz solo gefangen und schmeißen sie zur Erde herab, allwo es dann wieder eine Zeit dauert, bis sie sich sozusagen wieder zusammengeklaubt haben und Kraft und Mut gesammelt, um wieder nach und nach so ganz piano dorthin wieder zurückzukehren, von wo sie wie ein schlechter Gast aus einem Wirtshaus hinaus- und herabgeworfen worden sind, welches sich aber in der geistigen Sphäre nicht also ausnimmt, wie es hier in der materiellen Welt in die Erscheinlichkeit kommt, sondern also, als wenn hier so ein rechtes Lumpengesindel von der Polizeiwache gefangengenommen und gebunden wird und dann in einen gehörigen Arrest eingesperrt. Der Arrest ist die Materie, in der sie wieder eingefangen werden, und die Polizeiwache sind die Friedensgeister aus der dritten Region. Wenn nach einer solchen kräftigen Zurechtweisung sich die Geister demütigen, und durch diese Demütigung in den Stand gebracht werden, Meinen Namen aussprechen zu können und zu wollen und in diesem Namen Hilfe, Rettung und Heil zu suchen, so werden solche Geister alsbald von den Friedensgeistern ganz überaus freundlich begrüßt und schnurgerade in die dritte Region geleitet und dort, freilich im Anfang zu unterst, in diese Region einquartiert, wo sie dann schon fortwährend in Konnexionen mit diesen reinen Geistern leben und von da nach dem Grad der Zunahme der Liebe zu Mir und Meiner Ordnung stets höher und höher aufsteigen.
ER|0|31|6|0|Ein solcher Akt kann auch von der naturmäßigen Welt aus gesehen werden, und zwar in der nicht selten vorkommenden Erscheinlichkeit des Wolkenverschwindens am Firmament, – wo im Gegenteil, wenn böse Zusammenrottungen im Anzug sind, sich plötzlich frei am Firmament, besonders um die Spitzen hoher Berge, Wolken zu bilden anfangen, wo früher noch die reinste Luft zu sehen war.
ER|0|31|7|0|Diese Erscheinlichkeit rührt daher, weil solche Geister stets leidenschaftlicher und leidenschaftlicher werden, wodurch sie eben sich in dem Grad mehr und mehr materialisieren, je kombinierter und aneinandergedrängter in ihnen die bösen Leidenschaften aufsteigen; denn alle Materie ist am entferntesten und am weitesten von Mir und ist in sich nichts als der Abdruck der verkehrtesten Leidenschaft.
ER|0|31|8|0|Wenn demnach ein Geist wieder von der Leidenschaftlichkeit seiner Seele gefangengenommen wird, so entfernt er sich von Mir; und je mehr er sich von Mir entfernt, desto plumper und materieller wird er, bis er endlich sogar auf der materiellen Welt unter irgendeiner, seiner Leidenschaft entsprechenden materiellen Form sichtbarlich wird, wo er dann bald, zu schwer für diese zweite Region, wie ein gefangener, grobmaterieller Körper herabgeworfen wird durch seine eigene Schwere, die da gleich ist dem Willen der Friedensgeister, wie dieser gleich dem Meinen; denn Mein Wille ist die eigentliche Schwere aller Körper.
ER|0|31|9|0|Dass dann solche Geister oft ganz materiell bleiben und aus ihrem eigenen bösen Willen lieber Schmeißhaufen, die schmutzigsten Tiere und hässlichsten Pflanzen bewohnen, als dass sie sich demütigten, davon zeugen zu allen Zeiten eine Menge Beispiele, und es muss hier eine gute Direktion gehandhabt werden, auf dass solches herabgeworfene Geschmeiß sich in seiner Bosheit nicht auf edle Früchte und edle Tiere wirft; denn geschähe das, so ist Frucht und Tier zugrunde gerichtet.
ER|0|31|10|0|Einen ganz gleichen Ursprung hat die vorjährige Erdäpfelseuche; wenn manchmal Korn- und Weizenfelder plötzlich brandig werden, so ist das wieder eine Frucht, die durch die Besitznahme solcher argen Geister materiell zum Vorschein kam. Nicht selten werfen sich solche Unholde auch über allerlei Tiere; da gibt es dann bald eine Art Seuche unter den Tieren, sogar die Fische im Wasser sind vor ihnen nicht verschont. So ist auch meistens die eigentliche Pest, wie auch andere epidemische Krankheiten bei den Menschen, eine Folge solcher bösen Geister, die die Menschenleiber irgend in Besitz nehmen und durch diese Besitznahme den Leib auf eine oder die andere Art gewisserart zerstören, auf welche Zerstörung leicht der natürliche Tod erfolgt, wenn nicht alsbald solche Spezifikalmittel in Meinem Namen angewendet werden, denen solche Unholde weichen müssen.
ER|0|31|11|0|Nun wisst ihr schon so manches, ob diese Geister gut oder böse sind, und wohin sie sich begeben und wie. Auf dass ihr aber auch so recht augenscheinlich begreift, wie solche Geister mit ihrer Intelligenz sich in die scheinbar tote Materie bannen lassen können, und wie sie diese gewisserart dämonisch in Besitz nehmen, davon werden wir nächstens noch speziellere Betrachtungen anstellen.
ER|0|32|1|1|Die Bannung von Geistern in die Materie
ER|0|32|1|1|Am 16. Februar 1847
ER|0|32|1|0|Es ist freilich wohl schwer, sich vorzustellen, dass so in einem Regentropfen, in einer Schneeflocke, in einem Hagelkorn oder gar in einem Wölkchen ein oder mehrere Geister sollten gewisserart zusammengeknebelt und zusammengepresst sein und in einem solchen Volumen irgendein Gewicht bekommen, vermöge dem sie leichtlich herabfallen oder herabgeworfen werden können; allein eine nähere Beschreibung wird euch die Sache ganz klarmachen und wird euch zeigen, wie die Sache möglich ist.
ER|0|32|2|0|Ihr müsst euch nicht etwa denken, der Geist mit seiner Seele wird da etwa wie ein Bogen Papier zusammengeknetet, bis er endlich wie ein etwas ungeschicktes Kügelchen aussieht. Das ist mitnichten der Fall. Die menschliche Form des Geistes bleibt unversehrt, nur das Seelische, und eben auch nicht ihre Form, sondern ihre Spezifika werden in der Gegend des Herzens zusammengedrängt und kommen dann in dieser Zusammendrängung, je nachdem diese mehr oder weniger heftig ist, unter obgenannten meteorischen Gebilden in die Erscheinlichkeit.
ER|0|32|3|0|Also müsst ihr euch nicht etwa vorstellen, dass so in einem Hagelkorn irgendein ganzer Geist mit seiner Seele zusammengeknäult herabfällt, sondern nur seine materiellen Wünsche. Diese werden endlich wegen ihrer materiellen Sinnlichkeit von den Friedensgeistern zusammengedrängt und werden materiell und schwer. Da diese aber ein lebendiges Angehör des Geistes und seiner Seele sind, so wird der Geist mit seiner Seele selbst mit diesem seinem neugebildeten, materiellen Schwerpunkt dahin gezogen, wohin dieser ob seiner materiellen Eigenschaft seine notwendige Richtung nehmen muss.
ER|0|32|4|0|Um euch die Sache noch deutlicher vorzustellen, wollen wir ein euch leicht begreifliches Bild vorstellen. Denkt euch eine menschliche Form, welche aus den sogenannten Goldschlägerhäutchen zusammengefügt wäre, gleichsam zu einem Luftballon, der ebenso wie ein anderer Ball mit Wasserstoffgas angefüllt werden könnte und, so er angefüllt wäre, eine menschliche Form hätte und sicher alsobald aufstiege in die höheren Luftregionen. Wenn dieser mit Wasserstoffgas gefüllte Ballonmensch in sich aber auf einmal eine Zusammendichtung des Wasserstoffgases bekäme, da würde so ein allfälliger Wasserknäul natürlich schwer werden und würde vermöge seiner Schwere auch natürlich zur Erde herabfallen; da er sich aber nicht außerhalb, sondern innerhalb unseres Ballonmenschen befindet, der durch ebendiese innere Zusammenraffung des Wasserstoffgases an der notwendigen Expansion verloren hat, so wird dann auch dieser Ballonmensch mit seinem schweren Wasserknäul wieder mit zur Erde herabgezogen werden. Die Form dieses Ballonmenschen hat nichts verloren, als dass sie hie und da eingeschrumpft und gewisserart magerer geworden ist, konnte sich aber vermöge ihres neugebildeten Schwerpunktes nicht mehr in der hohen Luftregion erhalten. Wenn aber auf der Erde unten, also auf dem materiellen Boden, sich der verdichtete Wasserknäul durch eine neue Wärme wieder in das vorige Gas auflöst, so wird der Ballonmensch wieder aufsteigen.
ER|0|32|5|0|Seht, das ist, obschon ein ganz materielles, aber doch entsprechend das Geistige darstellend, ein recht wohl treffendes Bild, aus dem ihr entnehmen könnt, wie sich gewisserart der geistige Mensch, von dem seine Seele eine geistig ballonartige Außenform ist, in seinem Inwendigen verdichtet, dadurch schwer wird und von seiner Höhe zu der wirklichen Materie seine Richtung nimmt, wo aber diese materielle Verdichtung seiner sinnlichen Wünsche durch das Feuer seiner in der Demut erwachten Liebe bald wieder aufgelöst wird und er dann mehr gedemütigt wieder allgemach dahin aufsteigt, wo seines Wesens entsprechender Ort ist.
ER|0|32|6|0|Sehr arg Gesinnte werden oft zu Steinen verdichtet und fallen als solche herab, wo es dann mit der Auflösung schon sehr bedeutend länger hergeht, als wenn diese Verdichtung bloß unter der Erscheinlichkeit obangeführter Meteore in das materielle Dasein tritt. Manche werden aber selbst unter obiger Erscheinung lange gehalten, welche über hohen Gebirgen und besonders über die Polargegenden der Erde zum Fall gebracht werden; allein das müssen schon so ganz besonders bösgesinnte Geister sein, in denen viel Hochmut waltet, der natürlich schon Höllisches in sich trägt.
ER|0|32|7|0|Was mit den Geistern nach solchen Lektionen vor sich geht, das wird noch die Folge deutlicher zeigen; vorderhand aber ist es genug, dass ihr euch davon einen möglichst klaren Begriff macht, wie und warum hinter den natürlichen Erscheinungen, die dem fleischlichen Auge sichtbar sind, sich allzeit Geistiges befindet. Und so werden wir über ebendieses Wie und Warum nächstens noch mehrere Betrachtungen anstellen.
ER|0|33|1|1|Naturgeister und Geister verstorbener Menschen
ER|0|33|1|1|Am 18. Februar 1847
ER|0|33|1|0|Der Regen fällt in Tropfen zur Erde, bald in kleineren, bald in größeren; so ebenfalls der Schnee. Desgleichen findet man auch beim Hagel, wo manchmal nur kleinwinzige Körnchen herunterfallen, manchmal aber pfundschwere, ja auf Hochgebirgen manchmal sogar zentnerschwere Schloßen, und gewöhnlich in einer überaus großen Anzahl, die manchmal so groß sein dürfte, dass sie kaum auszusprechen wäre. Da lässt sich denn hernach fragen: Wie, – wenn ein jedes Regentröpfchen, eine jede Schneeflocke oder ein jedes Hagelkorn einen Geist mit sich zieht, woher eine solche Unzahl von Geistern? Und wann es zu Adams Zeiten geregnet hat und geschneit und gehagelt, woher damals die Geister, so noch niemand auf der Erde aus der Zahl der Menschen gestorben ist? Allein, wer die Sache von diesem Standpunkt aus betrachten würde, der müsste noch in einen bei weitem größeren Irrtum verfallen, als wie groß da ist die ganze Erde.
ER|0|33|2|0|Was die Geister der auf der Erde verstorbenen Menschen betrifft, so können sie solcher Begebnisse teilhaftig werden, welche an jenen geistigen Wesen ausgeübt werden müssen, die erst die Wanderung durch das Fleisch antreten. Wenn es demnach schneit, so sind in den Schneeflocken allzeit geistige Potenzen, d. h. neu anlangende Geister, die mit den aus der Erde befreiten Seelen Gemeinschaft machen und mit denselben die Wanderung durch das Reich der natürlichen Erscheinungen zu machen beginnen.
ER|0|33|3|0|Das sind demnach nicht Geister verstorbener Menschen, sondern sie sind gewisserart neue Ankömmlinge, oder wenn man noch bezeichnender sagen möchte, sie sind neue Auftauchlinge aus dem langen Schlaf der Erdmaterie.
ER|0|33|4|0|Aber es können auch Geister verstorbener Menschen, welche sich die fortschreitende Ordnung nicht wollen gefallen lassen, wieder auf demselben Wege zurückgedrängt werden, welchen die neuen Auftauchlinge zu gehen haben. Die neuen aber bleiben in der Erde und müssen da ihren bestimmten Weg antreten, die Geister der Verstorbenen dagegen kehren nach einer kurzen Demütigungsfrist wieder zurück, was sich auch schon in der naturmäßigen Welt beschauen lässt. Denn so es regnet, da dringt der Regen in die Erde und wird dort von Pflanzen und Tieren, wie auch von Mineralien verspeist; aber hie und da sieht man schon, entweder während des Regens oder nach demselben, wie sich hie und da besonders in höheren Gegenden weißlichte Nebelchen erheben und aufwärts ziehen. Das ist wohl freilich der kleinste Teil eines solchen Regenherabfalles, der da wieder in diesen Nebeln zurück in die Höhe steigt. Es ist aber dies auch jener kleinste Teil der Geister, welche von verstorbenen Menschen herrühren, gegen den großen Teil jener Geister, welche neu ankommen.
ER|0|33|5|0|In der Erscheinlichkeit ist da gar kein Unterschied; aber in der Art und Weise, wie die Erscheinlichkeit bewirkt wird, und wie sich das Geistwesen an die Erscheinlichkeit bindet, da ist ein überaus großer Unterschied. Bei den neu anlangenden Geistern und neuen seelischen Auftauchungen ist das Geistige wie das Seelische noch vollkommen in die Materie eingeschlossen. Da ist die Materie nicht ein zur Erscheinlichkeit kommender innerer Schwerpunkt, der den Geist, wie der Wasserknäul in unserem Ballonmenschen, herabzieht; sondern da ist das Geistige wie das Seelische noch sehr zerteilt, sodass kaum in einer Million Regentropfen, Schneeflocken oder Hagelkörner das Wesen eines einzigen Geistes und dessen Seele vollständig in die Erde gesät wird; wo hingegen bei einem schon kompletten Geist es ein ganz anderer Fall ist, da bei ihm nur seine materiellen Wünsche und Neigungen in solch materieller Form, in eins zusammengedrängt werden und dann auf eine kurze Zeit das sehr herbe Los mit jenen geistigen Potenzen teilen, welche unter obigen Erscheinlichkeiten den großen Kreis zu ihrer Freiwerdung beginnen.
ER|0|33|6|0|Es wäre sehr schwer zu ermitteln, in welchem Regentropfen oder in welcher Schneeflocke ein natürlicher oder ein schon alle Natur verlassender Geist herabfiel, denn die äußere Erscheinlichkeit ist gleich; aber das ungefähr kann als etwas angesehen werden, wenn entweder die Regentropfen, Schneeflocken oder auch Hagelkörner größer und gewichtiger sind. In einem solchen großen Hagelkorn ist nicht selten ein gedemütigter Geist, der schon seine irdische Bahn durchgemacht hat. Was aber die kleineren Erscheinungen sind, das sind lauter sogenannte Naturgeister, deren es natürlich eine unaussprechlich große Anzahl geben muss, weil sie nicht als ganz, sondern als in unendlich viele geistig-spezifische Partikel geteilt zur Erde kommen, so wie nie eine ganze Seele mit all ihren geistigen Spezifika der Erde entsteigt, sondern allzeit im höchsten Grad geteilt; und warum denn eigentlich so geteilt?
ER|0|33|7|0|Diese Teilung hat einen doppelt wichtigen Grund: Der erste liegt in dem urgeistigen Wesen selbst, wo sich ein jeder Geist durch sein Großwerdenwollen bis ins Unendliche zerteilt und zerrissen hat; und der zweite Grund liegt darinnen, weil durch ebendiese Teilung ein solcher urgeschaffener Geist sich ganz natürlich auch bis auf den letzten Tropfen seiner Kraft geschwächt hat, zufolge welcher Schwächung er dann auch seine Hochmutspläne nimmer ausführen konnte.
ER|0|33|8|0|Eine solche Zerstreuung des Geistes hat Ähnlichkeit mit der babylonischen Sprachenverwirrung. Wie sich dort die Völker zerstreuen mussten, so mussten sich bei einem Geist seine Begriffe zerstreuen, sodass er nimmer einen vollen Gedanken, noch weniger irgendeinen Plan in sich fassen konnte.
ER|0|33|9|0|Aus diesem Grunde ist der Satan noch heutigentags auf das Allereifrigste bemüht, in den einzelnen Menschen und Geistern sein eigenes Urbild wieder in eins zusammenzufangen, um dadurch zu jener Kraft zu gelangen, die ihm uranfänglich eigen war.
ER|0|33|10|0|Damit er aber zu dieser Kraft nimmer gelangen kann, so ist er geteilt und zerstreut durch die ganze Schöpfung, und sein Geistiges ward verkehrt in Materielles, daraus nun das Seelische eines jeden Menschen hervorgeht, welchem Seelischen ein neues Geistiges eingehaucht wird, damit da aus einem jeden solchen Teil ein ganzes Wesen hervorgehe, welches gleich sei demjenigen urgeschaffenen Wesen, das sich durch seine Hoffart oder Ideenausdehnung über Gott erheben wollte, hat sich aber dadurch gewisserart selbst zersprengt und zersplittert in Unendliches, sodass nun von ihm nichts übrig blieb als sein Ich und mit demselben sein grundböser Wille; aber alle seine Fähigkeiten, alle seine Ideen und zahllosen Begriffsvollkommenheiten sind ihm genommen worden, und diese sind es eben nun, die da fortwährend zu den Weltkörpern gelangen, und zum größten Teil schon in den Weltkörpern selbst gebannt gegenwärtig sind und teilen sich dadurch in Seelisches und Geistiges ab, da in dem Seelischen das gegebene Ich und das Selbstbewusstsein wieder auftaucht aus der Materie, und in dem Geistigen die Erkenntnis Gottes wieder in das Seelische eingepflanzt wird, ohne dem die Seele, wie die Pflanze ohne Regen und Sonnenschein, bald verdorren und ersterben würde.
ER|0|33|11|0|In der Pflanze taucht, wie ihr wisst, zuerst das seelische Leben auf; dieses kann nicht fortkommen, wenn es nicht geistige Nahrung aus der Luft bekäme.
ER|0|33|12|0|Daraus aber wird ersichtlich, wie und warum so viel Geistiges in obenbeschriebenen Erscheinlichkeiten zur Erde herabkommt, und es kann auch leicht begriffen werden, dass es zu der Vielheit dieser Erscheinungen nicht notwendig ist, dass auf Erden darum schon so viele Menschen müssten gelebt haben; wohl aber geht hervor, dass auf ihr noch sehr viele leben werden. Wenn aber einmal alles Geistige und Seelische dieser Erde wird erschöpft sein, dann wird an der Stelle der natürlichen eine vollkommene geistige Erde Platz nehmen, welche nicht mehr aus gebannten, sondern aus freien Geistern und Seelen bestehen wird.
ER|0|33|13|0|Dass die Erde aber jetzt aus lauter gebannten Seelen und Geistern besteht, das zeigen nicht nur die tagtäglich wiederkehrenden meteorischen Erscheinungen, sondern das zeigen auch besonders für jene einfachen Menschen, die das Vermögen haben, Geistiges und Seelisches zu schauen, jene oft zahllosen Heere von Wasser-, Erd-, Berg- und Luftgeistern, die noch zu allen Zeiten von einem oder dem anderen gesehen worden sind.
ER|0|33|14|0|Die gelehrte Welt sieht dergleichen freilich nicht; aber sie sieht auch so manches andere nicht, was ihr noch näher und nötiger wäre, als zu schauen dergleichen in der Erdmaterie gebannte Geister. Aber ob Glaube oder Nichtglaube bei den Weltgelehrten, deswegen bleiben die Urdinge doch wie sie sind, und der Vogel kann heutigentags so wie vor Urzeiten die Luft bemeistern, obschon er nie auf einer Pariser Universität in der Aerostatik die strengen Prüfungen gemacht hat.
ER|0|33|15|0|Also gibt es denn auch heutzutage noch eine Menge ganz einfache Menschen, die in ihrer Einfalt mehr sehen und nicht selten mehr wissen als eine ganze gelehrte Fakultät. Es gibt wohl auch bessere Gelehrte, die solches wenigstens nicht bezweifeln; aber zum Schauen bringen es dennoch wenige.
ER|0|33|16|0|Auf dieses nun können wir noch so manche nützliche Betrachtung hinzufügen, aus welchen Betrachtungen es uns dann ein sehr Leichtes sein wird, die ganze übrige geistige Erde mit einem Blick zu übersehen. Nächstens somit einige Betrachtungen der Art weiter und manche Denkwürdigkeiten dazu.
ER|0|34|1|1|Erscheinung und weitere Entwicklung von Naturgeistern
ER|0|34|1|1|Am 19. Februar 1847
ER|0|34|1|0|Die Nebelchen, die so hie und da, besonders auf hohen Steingebirgen bald über einem oder über dem anderen Felsenkranz, sich entwickeln, sind, wenn kein Regen vorhergegangen ist oder auch kein Schnee und dergleichen, zumeist Naturgeister, die nicht von verstorbenen Menschen herrühren, sondern erst nach Zeiten Menschenseelen und Geister werden können.
ER|0|34|2|0|Diese Geister, die sich so gern in die Luft erheben, ja manchmal dieselbe sogar ganz überziehen, sind die sogenannten Luftgeister, die schon mehr Freiheit als die festeren Erdgeister genießen, aber dennoch in diesem ihrem freien Zustand von den reinen Friedensgeistern sorgfältigst überwacht werden müssen, ansonst sie leicht irgendeinen großen Schaden anrichten könnten.
ER|0|34|3|0|Diese Geister werden selten von Menschen gesehen, und die Geister verhüten das auch auf das Sorgfältigste, weil sie eine große Furcht vor allem haben, was Materie heißt, vor allem aber vor derjenigen, bei der sie ein starkes Wahrnehmungsvermögen verspüren. Ebendiese Furcht aber flößt ihnen auch eine Art Hass gegen die Materie, in der sie so lange gefangen gehalten waren, ein, aus welchem Grunde dann eine sorgfältige Überwachung dieser Geister sehr begreiflich ist; denn jeder Geist, wenn er einmal von der Materie losgeworden ist, ist um keinen Preis mehr irgend der Materie nahe zu bringen. Selbst die Geister verstorbener Menschen haben einen großen Ekel davor, obschon bei ihnen eine vollkommene Intelligenz vorhanden ist. Wie groß erst ist die Scheu jener Geister vor der Materie, die erst vor einigen Augenblicken durch besondere Zulassung aus den Banden der härtesten Gefangenschaft zu der verlangten Freiheit gelangt sind, in welcher sie vorgaben, vollkommen zu sein, ohne den fatalen und mühsamen langen Weg des Fleisches zu durchwandeln.
ER|0|34|4|0|Solch ein Begehren wird ihnen gewährt, nach welcher Gewährung aber gewöhnlich nie Wort gehalten wird; denn diese Geister werden aus Abscheu und Hass gegen die Materie entweder boshaft und rachsüchtig, oder sie rotten sich zu vielen Millionen zusammen und wollen hinaus in die weite Unendlichkeit entfliehen. Die Boshaften und Rachsüchtigen werden wieder gefangengenommen und unter obigen meteorischen Erscheinlichkeiten zur Erde herabgeführt, wo sie alsbald in den Pflanzenregionen zu arbeiten angewiesen werden. Haben sie aber dazu keine Lust, so werden sie in der Erscheinlichkeit des Wassers in Bäche, Flüsse, Seen und Meere getrieben, wo sie dann auch, euch schon bekanntermaßen, nicht selten ihr mannigfaltiges Unwesen treiben. Sind sie aber äußerst boshaft geworden und haben sich darinnen mit den herben Geistern des Meeres vereinigt, da kann es sogar geschehen und geschieht es auch gar häufig, dass solche arge Patrone wieder zurück in das Innerste der Erde getrieben werden, was ein höchst bedauernswürdiges Los ist. Geben sich aber diese Geister fleißig mit dem Betrieb des Pflanzenwuchses ab, so können sie entweder den Weg des Fleisches antreten, oder sie können nach einer gewissen zurückgelegten Dienstperiode, welche sich längstens bis zweihundert Jahre und etwas darüber erstrecken kann, wieder in ihren vorigen freien Zustand zurückkehren, in welchem freien Zustand sie dann entweder die Luft, die Gebirge, das Erdreich, Wälder, manchmal auch Seen und Flüsse bewohnen können.
ER|0|34|5|0|Diese Art Geister hat dann eine vollkommene Intelligenz; sie sind in den Dingen der Natur äußerst bewandert und können alles sehen und hören, was auf der Erde geschieht, und was da geredet wird.
ER|0|34|6|0|Diese Geister können sogar mit Menschen umgehen und ihnen manchmal entschiedene Dienste leisten, nur muss sich ein jeder hüten, ihnen in was immer zu nahe zu treten; denn da werden sie leicht erbittert und können jenem, der sie erbittert hatte, einen bedeutenden Schaden zufügen, und das darum, weil, obschon sie die Materie bewohnen, sie aber dennoch Todfeinde derselben sind.
ER|0|34|7|0|Gegenden, in denen sie vorzugsweise wohnen, müssen abgelegen und ruhig sein; in einer solchen Gegend ist es auch niemandem zu raten, laut zu schreien, zu pfeifen, noch weniger zu fluchen und zu schelten, weil dadurch die noch in der Materie gefangenen Geister könnten angeregt und rebellisch werden, was dann den schon freier gewordenen in ihrer Idee Schaden bringen könnte.
ER|0|34|8|0|Um das zu verhüten, suchen sie die Wanderer in solchen Gegenden durch allerlei Erscheinlichkeiten zu schrecken, damit diese ja so schnell wie tunlich eine solche Gegend räumen möchten. Besonders heiklich sind sie in den Stollen und Schachten, wo sie schon oft für die in den Bergen Arbeitenden die größten Unglücke bewirkt haben. Hie und da ein plötzliches Zusammensinken der Schachte und Stollen, böse Luft in denselben, oft plötzliche Überschwemmungen, Verschwinden der Metalladern und dergleichen tolles Zeug mehr ist alles ein Werk solcher Geister; so wie auf hohen Bergen auch Erdabstürze und große Schneelawinen zumeist von diesen Unholden bewerkstelligt werden.
ER|0|34|9|0|Wenn diese Geister manchmal in irgendetwas den Menschen wohlwollen oder ihnen wenigstens nichts Arges anzutun im Sinn haben, so erscheinen sie gewöhnlich in einer Zwerggestalt, und zwar entweder in ganz dunkler, grauer, blauer oder grüner Farbe. Diese kleine Form zeigt an, dass sie sich zu den Menschen herabwürdigen, um ihnen Gutes zu tun, weil sie in ihnen den gebannten Geist gewisserart bedauern. Wann aber ein Mensch sich dann gegen solche Geister ungebührlich benimmt, so wachsen sie nicht selten zu einer ungeheuren Riesengröße an, in welcher Gestalt es dann nicht mehr gut ist, in ihrer Nähe zu verweilen, und ohne Anrufung Meines Namens schon gar nicht.
ER|0|34|10|0|Dass solche Geister aber also vorhanden sind, ist schon in der letzten Mitteilung dargetan worden. Es fragt sich demnach nur noch, ob solche Geister auch den Weg des Fleisches durchwandern werden oder nicht.
ER|0|34|11|0|Wenn sie sich auf der Erde sehr nützlich und tätig zeigen, so kann ihnen auf der Erde das Fleisch wohl nachgesehen werden; dafür aber kommen sie entweder in den Mond oder in einen anderen Planeten, wo sie dennoch eine Inkarnation annehmen müssen, und auch meist williger annehmen, weil die Inkarnation auf den anderen Weltkörpern gewöhnlich flüchtiger und leichter ist.
ER|0|34|12|0|Diese Geister werden dann gewöhnlich Wandergeister genannt, indem sie von einem Planeten auf den anderen kommen, mit welcher Wanderschaft nicht selten auch Geister verstorbener Menschen eine gemeinschaftliche Sache machen, zu welcher sich besonders die sogenannten Naturphilosophen und Astronomen bekennen, denen diese Wandergeister, welche auf der Welt nicht inkarniert wurden, gewöhnlich erwünschte Dienste leisten. Denn die Geister der Verstorbenen könnten ohne Hilfe dieser wandernden Naturgeister auf den anderen Weltkörpern nichts zu Gesicht bekommen. Da verhelfen ihnen aber diese Naturgeister zu dem Weg in die Menschen anderer Weltkörper und machen, dass solche Geister dann durch die Augen jener Menschen die Dinge auf den fremden Weltkörpern beschauen können.
ER|0|34|13|0|Wenn dergleichen Naturgeister mit der Länge der Zeit des Herumgaffens müde werden, dann geschieht es gewöhnlich, dass sie doch wieder zur Erde zurückkehren und sich dann die schwere Inkarnation gefallen lassen, ohne welche nie an eine Kindschaft Gottes zu gedenken ist; denn alles, was Kind Gottes werden will, muss auch von A bis Z den Weg Gottes gehen, aus welchem Grunde – wie euch schon bekanntgegeben wurde – Geister aus zahllosen anderen Weltkörpern zu der Erde dringen, um da die Inkarnation des Menschensohnes durchzumachen. Denn so wie es nur einen Gott, eine Wahrheit und ein Leben gibt, so gibt es auch nur einen Weg dazu, wovon es aber nicht eine notwendige Folge ist, dass darum alle Bewohner anderer Weltkörper diesen Weg machen müssten, um in ihrer Art selig zu sein; so wie es auch bei einem menschlichen Leib eine zahllose Menge anderer gesunder Nerven und Fibern geben kann, ohne dass sie Nerven und Fibern des Herzens sind.
ER|0|34|14|0|Durch diese Betrachtung und denkwürdige Anführung wird sich ein jeder in der zweiten geistigen Region sicher schon ganz leicht zurechtfinden. Nächstens daher nur noch einige denkwürdige Histörchen, und dann geschwind in die erste Luftregion herab.
ER|0|35|1|1|Von Hexen und Hexenprozessen
ER|0|35|1|1|Am 22. Februar 1847
ER|0|35|1|0|Es wird kaum einen Menschen geben, der noch nie von den sogenannten Hexen etwas gehört hätte; denn es ist von der Zeit eben noch nicht gar so lange her, in welcher noch Gerichte Hexenprozesse führten und unter diesem Namen eine große Menge der allerunschuldigsten Menschen mit dem schmerzhaftesten Tode aus dieser in die andere Welt beförderten.
ER|0|35|2|0|Wie kam aber die Menschheit zu den Hexen? Diese Frage wollen wir mit einigen Histörchen beantworten.
ER|0|35|3|0|In den früheren Zeiten, in denen die Menschen noch viel einfacher lebten als jetzt, gab es häufig solche, die das sogenannte doppelte Gesicht hatten und ganz naturgemäß in den beiden Welten lebten. Es könnten auch Menschen in dieser Zeit gar leicht dahin gelangen, so ihre Kost einfacher wäre; aber zuallermeist schadet ihnen die gegenwärtige, komplizierte Kost. Mit dieser Kost verpatzen und verdummen sie so ihre Natur, dass in selber die Seele wie ein Vogel unter den Leimspindeln sich verwickelt und verkleistert, dass sie unmöglich zu jener Regsamkeit und Gewandtheit gelangen kann, in der ihr ein freier Auf- und Ausflug möglich wäre.
ER|0|35|4|0|Worin bestand denn dann die Kost jener früheren, einfachen Menschen?
ER|0|35|5|0|Die Kost bestand zumeist in Hülsenfrüchten, die ganz einfach, weich gekocht, etwas gesalzen und dann nie in heißem Zustand genossen wurden. So war auch einfaches Brot, Milch und Honig ebenfalls eine gar uralte, einfache Kost, bei welcher die Menschen zumeist ein sehr hohes Alter erreichten und fortwährend bis zum letzten Augenblick ihres Lebens im Besitz des zweiten Gesichtes waren.
ER|0|35|6|0|Wohl kann jedermann dann und wann mäßig den Wein genießen, jedoch nie so viel, dass er sich berauscht fühlen würde.
ER|0|35|7|0|Fleischspeisen sollten nur zu gewissen Zeiten, und da nie länger als sieben Tage nacheinander, sehr mäßig und allzeit von frisch geschlachteten Tieren genossen werden, und da ist das Fleisch der Fische besser als das Fleisch der Tauben, das Fleisch der Tauben besser als das der Hühner, und das Fleisch der Hühner besser als das Lämmerfleisch, und dieses besser als das Ziegenfleisch, und dieses besser als das Kälber- und Rinderfleisch, – so wie unter den Brotarten das Weizenbrot das dienlichste ist; jedoch soll von den angezeigten Speisen nie mehr als eine mit etwas Brot, so wie auch das Obst allzeit nur mäßig und allzeit von bester Reife nur sollte genossen werden, desgleichen auch einige Wurzelfrüchte, aber nur eine auf einmal.
ER|0|35|8|0|Bei solcher Kost würde der Leib nie zu jener Wülstigkeit gelangen, in welcher er träg, schläfrig und schwerfällig wird, dass dann die Seele über Hals und Kopf zu tun hat, solch eine schwerfällige Maschine in der Bewegung zu erhalten, geschweige, dass sie sich neben solch einer Arbeit noch mit etwas anderem beschäftigen sollte.
ER|0|35|9|0|Seht, so einfach lebende Menschen, wie schon oben bemerkt, gab es in der früheren Zeit viele, und besonders einfach lebten jene Menschen, die sich an Bergen ihre Wohnstätten aufgerichtet hatten. Diese Menschen hatten denn auch beständig das zweite Gesicht und hatten bei Tag und Nacht einen ganz natürlichen Umgang mit den Geistern und ließen sich von ihnen in den mannigfachsten Sachen belehren. Die Geister zeigten ihnen die Wirkungen der Kräuter und zeigten ihnen auch an, wo hie und da ein oder das andere edle oder unedle Metall in den Bergen verborgen lag, lehrten sie auch das Metall aus den Bergen zu bekommen und durch Schmelzen und Schmieden zu allerlei nützlichen Dingen brauchbar zu machen.
ER|0|35|10|0|Kurz und gut, es war da selten ein Haus auf den Bergen, das da nicht seine eigenen Hausgeister gehabt hätte, die so wie ein anderes Hausgesinde ganz gewöhnlich zum Haus gehörten. Dadurch aber gab es denn auch eine Menge Weiser, namentlich auf den Bergen, welche mit den geheimen Kräften der Natur, mit unseren Geistern nämlich, in der größten Vertrautheit lebten, – oder diese Kräfte oder Geister standen ihnen sozusagen fast allzeit zu Gebote.
ER|0|35|11|0|Wenn dann Menschen aus den tieferen Gegenden, als wie aus größeren Dörfern, Märkten und Städten, zu diesen weisen Gebirgsmenschen kamen, so musste ihnen da freilich so manches für sie Unheimliche und Geheimnisvolle überaus auffallen, und besonders, wenn oft Bösgesinnte es mit einem solchen Bergbewohner in irgendeiner Sache streitend aufnehmen wollten; denn so ein Streiter bekam sicher irgendeinen für ihn unbegreiflichen sogenannten Merks-Tölpel, von dem er freilich nichts anderes halten konnte, als dieser sei ihm von dem leibhaftigen Satan oder wenigstens von seinen Helfershelfern beigebracht worden.
ER|0|35|12|0|Was war da die Folge? Der auf diese Weise gewitzigte Märktler, Dörfler oder Städtler ging sogleich zu seinem Ortsgeistlichen, der in der Zeit gewöhnlich entweder noch dümmer oder doch wenigstens boshafter als der Kläger war. Da wurden Messen, Prozessionen und Exorzismen angeordnet, natürlich fürs bare Geld, welches allzeit eine ganz tüchtige Summe, wo nicht das sämtliche Vermögen samt Haus und Hof des in jedem Falle verhexten, wo nicht schon durch und durch verteufelten Klägers ausmachen musste.
ER|0|35|13|0|Hat der Kläger seinem Geistlichen auf diese Weise Genüge geleistet, so wurde der Fall dem weltlichen Gericht angezeigt. Dieses ging dann mit allerlei, von dem Geistlichen verordneten, geweihten antihexischen und antiteuflischen Apparaten zu dem Haus, wo der Kläger vermeintlicherweise verhext oder verteufelt worden ist. Dieses weltliche Gericht nahm dann gewöhnlich die ganze Einwohnerschaft auf eine scheußliche Weise gefangen und führte sie oft ohne weiteres Verhör schnurgerade auf den brennenden Scheiterhaufen und nahm alle Schätze samt Haus und Grund – aber freilich nach vorhergehender siebenmaliger exorzistischer Weihe – in den Beschlag, für welche Weihe aber freilich wieder ganz tüchtig bezahlt werden musste.
ER|0|35|14|0|In der späteren Zeit trieb man’s oft noch ärger; denn da wurde am Ende schon ein jeder, der außer dem geistlichen Stand im schwarzen Rock gesehen ward und schneller gehen konnte als ein anderer, für einen baren Teufelskerl gehalten, und es brauchte nur eines nur einigermaßen boshaften Klägers, und der Schwarzberockte ward vor das Hexengericht gestellt, – bis in der jetzigen neueren Zeit die Naturforscher und Chemiker es endlich doch dahin gebracht haben, dass die überaus dumme Menschheit einzusehen angefangen hat, dass ihre vermeintliche Hexerei eine allerbarste Dummheit ist.
ER|0|35|15|0|Aber man ging da von einem Extrem zum anderen und vergaß des Sprichwortes: In medio beati [in der Mitte liegt das Richtige]; denn so gefehlt es ist, sich als natürlicher Mensch ganz mit Geistern herumbalgen zu wollen, so und noch mehr gefehlt ist es, das ganze Geisterreich zu verbannen und als null und nichtig zu erklären.
ER|0|35|16|0|Es ist freilich wohl nicht zu leugnen, dass sich in dieser früheren Zeit manchmal Menschen mit bösen Geistern in einen Konflikt gesetzt, mit deren Hilfe sie manchmal irgendeinen örtlichen Schaden angerichtet haben; aber ebendiese Bösen hatten allzeit eine ganz tüchtige Kontrolle und ganz tüchtige Zuchtmeister an ihren guten Nachbarn, welche auf ein Haar wussten, was irgendein Böser in seinem argen Sinne hatte. Allein darauf nahm damals die Geistlichkeit, so wie jetzt, gar keine Rücksicht, und es musste, ob Engel, ob Teufel, alles ins Feuer; denn da sah man nicht, ob gut oder böse, sondern nur ob es was einträgt. Hatte der Kläger kein Vermögen und der vermeintliche Zauberer auch keines, so war es: Requiescant in pace! [Ruhe in Frieden!] Nur wenn bei einem oder dem anderen Teil einiges Vermögen verspürt wurde, da lief die Sache freilich nicht so gut und friedlich ab. Es war damals mit diesen Hexen fast also, als wie gegenwärtig mit den Begräbnissen, wo bei dem Reichen alle möglichen Zeremonien und Gebete verrichtet werden, und der Arme muss sich bloß mit einem pater noster [Vaterunser] und requiescat in pace begnügen; und kann der Arme durchaus nichts zahlen, so mag er sich bloß mit der geweihten Erde begnügen.
ER|0|35|17|0|Heißt das nicht auch Zauberei treiben? Ah nein! Da heißt es: Der Arme kommt ohnedies in den Himmel; nur der Reiche soll noch früher etwas schwitzen, bevor ihm die Himmelspforte aufgetan wird! – Oh, das wird im Geisterreich ganz hübsche Komödien abgeben!
ER|0|35|18|0|Diese Handlungsweisen hält jedermann für ehrbar und rechtlich, während sie in geistiger Hinsicht noch viel ärger sind als alle früheren Hexenprozesse; denn deren Grund war gewöhnlich Dummheit, hier aber ist es reine Habsucht, und ein Hexenprozess aus Habsucht ist viel ärger als einer aus Dummheit. Und was ist so ein Exequienwesen anderes als ein Hexenprozess, durch den man an dem Verstorbenen noch so manches Teuflische wegzuexorzieren wähnt.
ER|0|35|19|0|Ich meine, diese Sache ist klar; daher fürs Nächste nur noch ein paar Histörchen hinzu, und dann weiter!
ER|0|36|1|1|Die eigentümliche Benennung der Berge
ER|0|36|1|1|Am 23. Februar 1847
ER|0|36|1|0|Dass in der früheren Zeit ganz zuverlässig sicher auf den Bergen hellsehende Menschen gewohnt haben und mit den Geistern Umgang pflogen, davon zeugen noch heutigentags, wenn sonst auch nicht viel mehr, so doch noch die eigentümlichen Benennungen der Berge.
ER|0|36|2|0|In eurem Land gibt es eine Menge solcher Berge, die in ihrem Namen noch das bergen, was sich in der früheren Zeit zutrug. In Kärnten, in Tirol, in der Schweiz, in Savoyen, auf den Bergen Deutschlands und allenthalben, wo Berge sind, gibt es eine Menge, aus deren Namen leicht zu entnehmen ist, was sich einst auf ihnen zutrug. So ist euer Schöckel schon ein solcher Berg, der seinen Namen von daher hat; denn nach einer alten Landessprache bedeutete das Wort „Schögeln“ so viel als Wettermachen. Es hieß aber auch bei einem Menschen, der so einige Naturkünste zuwege brachte etwa in der Art wie die heutigen Taschenspieler, dass er ein Schögler ist. Auch Menschen, die auf dem Seil tanzten und sonst gewaltige Sprünge machten, wurden Schögler genannt. Dieses Wort „Schögeln“ ist ein gar uraltes, asiatisches Wort, nach welchem die dortigen Zauberer auch Jongleurs, Jogles heißen.
ER|0|36|3|0|In der deutschen Sprache ist noch heutigentags ein gangbares Wort, aber freilich etwas veraltet, das von diesem abstammt, nämlich das Wort „Schock“, z. B. ein Schock Menschen oder ein Schock Garben. Man benannte ein gewisses Häuflein Menschen darum einen Schock, weil man darunter gewöhnlich einen Menschen vorhanden glaubte, der etwas mehr weiß als die anderen, der sonach sicher ein Schögler war und die Menge daher von ihm den Namen Schock hatte. Auch sah man die Menschen auf den Bergen gewöhnlich schockweise beisammen, was auf den Bergen ganz natürlich ist, da es nicht ratsam wäre, wenn so hie und da vereinzelte Menschen Arbeiten vornehmen, zu denen fürs Erste eine einzelne Menschenkraft nicht hinreichen würde, und fürs Zweite, wenn sie auch noch hinreichte, so aber könnte dem Arbeiter doch etwas zustoßen, wo er dann niemand zur Hilfeleistung um sich hätte. In dieser früheren Zeit aber dachten da die Talbewohner alsogleich, wenn sie so ein Schöckchen Menschen auf einem Berg erblickten und etwa zufälligerweise irgendein Wölkchen über dem Berg, dass sich nun diese Menschen schon mit der Zauberei abgeben und auf jeden Fall ein Wetter zu machen anfangen. Auf diesem eurem Schöckel war in früherer Zeit, wie noch jetzt, bis aufs Wettermachen, dieses der Fall.
ER|0|36|4|0|Dieser Berg war bei weitem eher bewohnt als die Talgegenden, und sein urerster Name war „Freitauer“; als aber in späterer Zeit die Täler von verweichlichteren Menschen bewohnt wurden, da fingen bald die Talbewohner diese Bergler als Zauberer zu verdächtigen an, und der Name „Freitauer“ hat sich bald in den Namen „Schöckel“ oder „Zauberberg“ umgewandelt, und es hat Zeiten gegeben, von denen kaum noch hundert Jahre her sind, wo dieser Berg noch so berüchtigt war, dass sich kein ehrlicher Christ wagte, seinen obersten Scheitel zu besteigen, weil jedermann, der einigen katholisch-christlichen Sinn hatte, vor der Schöckelhexe auf das Eindringlichste gewarnt wurde. Man hat darum auch seine höchste Kuppe entwaldet, um dadurch der Schöckelhexe die Schlupfwinkel wegzunehmen, damit sie sich nicht verbergen könnte, wenn von allen Seiten mittels geweihten Pulvers auf sie geschossen wurde. [Das Wetterloch ist noch zu sehen.] Dass daraus aber nie ein Wetter kam und noch weniger je eine Hexe den Schöckel bewohnt hat, das braucht euch kaum näher gezeigt zu werden; dass aber in der früheren Zeit dieser Berg, wie auch noch jetzt, von sehr vielen sogenannten Berggeistern bewohnt war, mit denen die alten Bewohner dieses Berges nicht selten ganz natürlichen Umgang pflegten und darum auch um vieles weiser waren als die Talbewohner, das könnt ihr ganz unbezweifelt annehmen, sowie auch, dass dieser Berg einst ein Feuerspeier war und seine Wetterlöcher nichts als noch offengebliebene Krater sind.
ER|0|36|5|0|So aber wie der Schöckel haben noch eine Menge Berge von Steiermark ihre geheimnisvollen Namen, welche alle erörternd herzusetzen der Raum dieser Mitteilung nicht gestatten würde. So ist die „Raxalpe“ eben ähnlichen Ursprungs; denn das Wort „Rax“ ist gewisserart apostrophiert von „Racker“, der so gewisserart ein halber Teufel ist. Das „Tote Weib“ hat schon in dem Namen das tüchtigste Kennzeichen, was dieser Berg einst war, nämlich ein Boden voll Hexen, durch die einst ein Weib, welches von ihnen abgefangen wurde, sich aber ihrem Willen nicht fügen wollte, in einen Stein verwandelt ward. Mit dieser Verwandlung war sie natürlich auch tot.
ER|0|36|6|0|In der späteren Zeit hat man tiefer unten eine Eremitage eingerichtet, in welcher auch einmal ein Weib tot gefunden wurde, und wie sich noch mehrere dergleichen Sagen an diesen Berg knüpfen, welche aber natürlich ebenso viel Wahres an sich haben als die Lüge selbst; sondern der Grund der Verdächtigung und der üblen Benamsung solcher Berge ist der gleiche, wie er schon im ganzen Verlauf dieser beigefügten denkwürdigen Histörchen angegeben ist.
ER|0|36|7|0|So ist der „Hohe Schwab“ ebenfalls gar überaus berühmt als ein Zauberberg. Sein Name rührt von einem Abkömmling oder Auswanderer Schwabenlands her, welcher als einer der berühmtesten Zauberer in dieser Gegend existierte und dort sein Unwesen trieb, bis ihm dann der nahe errichtete Wallfahrtsort, den ihr wohl kennt, ein Ende machte. So existiert auch ein „Teufelsstein“; diesen weiter zu erklären ist unnötig. Der „Predigerstuhl“ ist gleichen Ursprungs; denn da soll einst der leibhaftige Satan den Hexenmeistern die Verhaltungsregeln vorgepredigt haben.
ER|0|36|8|0|So ist der „Grimming“ auch in einem gleichen verdächtigen Ansehen. Besonders verdächtig aber war das ziemlich weit und breit gedehnte „Tragelgebirge“, welches die Grenze zwischen Salzburg, Oberösterreich und Steiermark bildet. Dieses Tragelgebirge war gewisserart die Hochschule für alle Zauberer und Hexenmeister von ganz Steiermark, Österreich und Salzburg; denn der Name ist noch heutigentags überaus verdächtig, und noch ist kein Bewohner etwa von Altaussee oder von der Ramsau leicht dazu zu bewegen – besonders wenn er mehr der sogenannten unteren Volksklasse angehört –, auf dieses kahle Gebirge zu gehen, außer Raubschützen, die freilich auf die Hexen wohlweislichermaßen nichts mehr halten, aber um desto mehr auf die fetten Gämsen, die auf diesem weitgedehnten Bergstock so ganz eigentlich zu Hause sind.
ER|0|36|9|0|Wir brächten noch wenigstens ein paar hundert solcher Berge in Steiermark zusammen, wollen uns aber mit den bis jetzt angeführten begnügen und fürs Nächste noch über ein paar Berge Kärntens, Tirols und auch einen aus der Schweiz in obiger histörchenartiger Hinsicht uns besprechend hermachen, welche Berge noch vor ungefähr hundertzwanzig Jahren eine ganz außerordentlich mystische Rolle gespielt haben.
ER|0|37|1|1|Berüchtigte Berge früherer Zeiten
ER|0|37|1|1|Am 24. Februar 1847
ER|0|37|1|0|In einer Gegend des oberen Kärntens, und zwar unfern des Draustromes, befindet sich ein Berg unter dem Namen der „Hohe Staff“. Dieser Berg beherrscht mit seiner Spitze das Drautal beinahe von der Grenze Tirols bis gegen Klagenfurt, d. h. bis in die Nähe dieser Stadt; zugleich ist südwestlicherseits an dessen Fuß der sogenannte „Weiße See“ angelehnt. Er hat eine Höhe von 8.000 Fuß, und von seiner Spitze genießt sicher jeder, der ihn bestiegen hat, die bezauberndste Aussicht. Dieser Berg war einst überaus berüchtigt und war sozusagen ein Hauptsammelplatz für die Hexen und deren Meister, – natürlich nach der Sage der noch jetzt lebenden Landleute, welche diesen Berg nach allen Seiten herum bewohnen. Seine Ausläufer hatten die noch jetzt führenden Namen von seiner einstigen zauberischen Berühmtheit erhalten; so nennt man einen Ausläufer nach Norden den „Goldeck“, einen nach Nordwest die „Siflitz“, einen nach Westen „Bärenbuck“, einen nach Süden das „Silberne Grab“; den senkrechten Felsen der höchsten Spitze nennt man die „Hohe Freiung“ und eine etwas unter dieser liegenden Wand die „Unterfreiung“, so wie der Sattel zwischen dem Hohen und Niederen Staff manchmal „Hexen-“ und manchmal „Teufelsritt“ heißt. So ist auch vor ebendiesem Sattel ein nackter Steingraben, welcher das „Rutschbrett des Teufels“ genannt wird; auch ein anderer Graben, der sich gegen Westen neigt, heißt das „Wilde G’jad“. Diese Benennungen und noch mehrere dergleichen, die sich an diesen Berg anreihen, als: ein „Hexensprung“, „Teufelsritt“, „Wehrwolfsnest“ und dergleichen noch eine Menge, bezeichnen hinreichend, in welchem Ansehen einst dieser Berg gestanden ist. Abgesehen aber von all diesen Seitenbenennungen genügt schon der Name „Staff“, um zu sehen, dass das ein Hauptzauberberg war.
ER|0|37|2|0|Das Wort „Staff“ war bei diesen früheren Gebirgsbewohnern ein Ausdruck, durch den sie die Eigenschaft eines außerordentlichen Dinges bezeichneten. Außerordentlich aber war bei ihnen dasjenige, was sowohl für die Elemente, als da sind Luft mit ihren Erscheinungen und das Wasser mit den seinigen, sowie auch für Menschen und Tiere als ein Richtpunkt diente, aus welchem Grunde man in späterer Zeit diesem Berg einen neuen Namen gab, welcher den ersten nur gewisserart in ein mehr Neudeutsches übersetzte.
ER|0|37|3|0|Der neue Name war und ist noch jetzt „Landschnur“, von welchem Namen später die sich dort aufhaltenden Franzosen einen „Landjour“ daraus gemacht haben. Sonach bezeichnet das Wort „Staff“ in dieser alten Bergsprache gewisserart ein Gericht und „Hochstaff“ ein hohes Gericht, und das darum, weil jeder Unbefugte, in die Zaubermysterien dieses Berges nicht Eingeweihte, alsogleich auf das Schrecklichste gerichtet wurde, natürlich von den Hexenmeistern, wenn er sich erdreistete, diesen Berg nur so hoch zu besteigen, wo die Waldregion aufhört; denn ein solcher Gast wurde plötzlich von unsichtbaren Händen ergriffen und in Blitzesschnelle, wie die Sage lautet, auf die höchste Spitze entrückt. Dort wurde er von ebenfalls unsichtbaren Kräften mehrere Stunden lang auf das Schmerzvollste und Grausamste gequält und mit Donnerstimmen genötigt, dem Hexenbund beizutreten; wollte er das nicht, so ward er von dem höchsten Punkt, der darum die „Hohe Freiung“ hieß, auf die „Untere Freiung“ geworfen, jedoch so zauberhaft, dass er nicht getötet wurde. Auf der Unteren Freiung kamen dann die zauberhaft reizendsten Sylphiden über ihn und berauschten ihn durch den Reiz ihrer Gestalt; hat er sich ihnen da ergeben, so ward er sogleich wieder auf die Hohe Freiung gehoben und daselbst in ihre Mysterien eingeweiht. Wollte er aber sich durch den Sylphidenreiz nicht berücken lassen, so kam er auf das Rutschbrett des Teufels und musste dort eine schreckliche Reise in das Tal herab machen, bei welcher Reise freilich alle Glieder, wie ihr zu sagen pflegt, komplett aus dem Leim gingen. Hatte er aber bei dem Sylphidenreiz so einen halben Willen gezeigt, so wurde er auf den Goldeck gestellt, wo er von dem enormen Reichtum, der in Massen blanken Goldes bestand, geblendet ward. Und war das auch noch nicht genug, so wurde er südwärts in die Gegend des Silbernen Grabes geführt. Dieses war eigentlich kein Grab, sondern eine feenhaft wunderschönste Gegend dieses Berges, welche diesen Neugeworbenen so bezauberte, dass er nun nicht mehr umhinkonnte, dem Hexenbund vollkommen beizutreten.
ER|0|37|4|0|Natürlich alles dieses ist bloße Volkssage, und zwar zumeist des Volkes, welches die unterste Talgegend bewohnte.
ER|0|37|5|0|Die weiseren Bergbewohner, die wegen der Dummheit der unteren Talbewohner nicht selten ein schändliches Strafgericht aushalten mussten, wussten von alldem Hexenwesen nichts, wohl aber von den Geistern, die diesen Berg nach allen Richtungen, wie sonst selten einen anderen Berg, überschwänglich reichlichst bewohnten. Warum denn gerade diesen Berg? Der Grund, warum solche Wesen oft einen Berg mehr als einen anderen in Besitz nehmen, ist verschieden; teils hängt es von der Lage und von einer gewissen Höhe des Berges ab, teils von dem Inhalt eines solchen Berges, meistens aber von einer ziemlich freien Stellung, nach der ein Berg von anderen Bergen von allen Seiten herum gewisserart abgeschnitten ist, damit die Geister anderer Berge, die oft böser Natur sind, nicht leichtlich zu diesen Geistern gelangen können und Unordnung unter ihnen stiften. Hauptsächlich aber wird ein solcher Berg aus dem Grunde von obbeschriebenen Geistern in Besitz genommen, wenn er infolge seiner freien Stellung eine reizende Aussicht nach allen Gegenden herum unbeschränkt gewährt. Denn auch diese Geister haben sämtlich das Vermögen, so sie wollen, die naturmäßige Welt anzuschauen; und indem sie auch zum sogenannten Wettermachen verwendet werden und fortwährend ein wachsames Auge auf die benachbarten Gebirgsgeister haben müssen, so sind ihnen auch solche Berge am liebsten, wo sie in ihrer Wachhabung durch nichts beschränkt werden können. Solchen Geistern sind freilich auch schon vollkommenere Geister beigegeben, die sie beherrschen und leiten; aber dessen ungeachtet wird keinem Geist für seine eigene Individualität seine Freitätigkeit und die mit ihr verbundene Wonne benommen.
ER|0|37|6|0|Das wäre sonach ein hauptberühmter Berg dieses Landes. Ein zweiter seines Gelichters ist der „Unholde“, der noch ärger als der Hochstaff berüchtigt war; denn schon die Benennungen, die diesem Bergstock noch heutigentags ankleben, wie auch seine nahe ins Mystische gehende wildromantisch-groteske Gestaltung sind mehr als sprechende Beweise von seiner einstigen zauberischen Berühmtheit. Wir wollen nur einige Namen seiner Ausläufer und seiner Räumlichkeiten anführen, die uns hinreichend belehren werden, wie es einst mit diesem Berg soll ausgesehen haben, aber natürlicherweise nie also ausgesehen hat.
ER|0|37|7|0|Die höchste Spitze dieses Berges heißt der „Hohe Stadl“, d. i. so viel als ein hoher Platz und eine hohe Wohnung, in der die Hexen Winter und Sommer zugebracht haben. Eine Seitenspitze dieses Berges heißt auch die „Niedere Freiung“ und eine sich über diese erhebende Spitze die „Hohe Freiung“. Eine Freiung ist ein Platz, auf welchem auf früher beschriebene Weise ganz unschuldige Menschen zu Zauberern geworben wurden. Gleich unter diesen beiden Freiungen ist ein ziemlich gedehnter Platz, wo die neuen Ankömmlinge zaubern lernen mussten; dieser Platz heißt noch heutzutage „Zaubrad“ oder der „Zauberplatz“.
ER|0|37|8|0|Über diesem Zauberplatz erhebt sich mehr südlich eine andere Felsenkuppe unter dem Namen „Ruhdnik“; das war der Platz der Erholung für die neuen Schüler der Zauberei. Unter dem Ruhdnik noch mehr südlich befand sich ein großer, freier Platz unter dem Namen „Gerlize“. Das Wort „Gerlize“ hat in der damaligen dummen Zaubersprache so viel geheißen als ein Platz der ausgelassensten Freude und zugleich auch ein Platz des Zauberspiels; daher noch heutigentags sich gegen die Felswände des Hohen Stadels hinzu mehrere Quellen befinden, die nur genau um ½ Zwölf Uhr einen Wasserstrahl hinausstoßen, von welchen Quellen sich bis jetzt nur eine erhalten hat und noch heutigentags Halbzwölfuhr-Bründl heißt.
ER|0|37|9|0|Noch mehr südlich von diesem Platz erhebt sich die noch heutigentags sogenannte „Hohe Truth“, deren Name bezüglich der einstigen Bedeutung kaum näher beschrieben werden darf. Ober dieser Hohen Truth kommt die sogenannte „Rote Wand“ auch „Blutwand“ genannt, und an diese sollen Abtrünnige oder Verräter des Zaubertums von den Teufeln geschleudert worden sein.
ER|0|37|10|0|Wieder ober dieser hohen Roten Wand befindet sich die sogenannte „Dreihexenspitze“, nach der jetzigen Sprache auch „Dreihexenköffel“, welche fortwährend von den drei ärgsten Hexen bewohnt war, die da Wache halten mussten.
ER|0|37|11|0|Ober dieser Dreihexenspitze erhebt sich der ziemlich steile Rücken bis zum Hohen Stadl unter dem Namen „Hexenstieg“, welcher sich – wie schon bemerkt – bis zur höchsten Spitze hinanzieht, auf welcher der Stadl oder die Burg des Hexenkönigs war. Nördlich, parallel mit der höchsten Spitze, läuft ein zehn Klafter langer und bei drei Klafter breiter Felsenkamm; dieser hat jetzt den Namen „Hohebrüstung“, früher aber hieß er „Hexentrui“. „Trui“ heißt so viel als „Trieb“; da wurden sie hinausgetrieben in die freie Luft und mussten die Nebel ergreifen, die aus der Spitze, namens „Deuwand“ (in neuere Sprache übersetzt: „Teufelswand“) aufstiegen.
ER|0|37|12|0|Mehr nördlich von der Deuwand ist die Deudreispitz’; noch mehr nördlich der Böse Sieg, und noch etwas mehr nördlich die hohe Siebenwand, auch „Hohle Spitze“ genannt, welche von den allerärgsten Geistern sollte bewohnt worden sein.
ER|0|37|13|0|Mehr südlich vom Hohen Stadl befindet sich eine sehr steile Spitze unter dem Namen: die „Verdammte Bucht“, in der neueren Zeit auch „Sandriß“. Noch mehr südlich, aber etwas tiefer unten, ist der Teufelsgalgen, und von da etwas mehr südwestlich das Böse Weib.
ER|0|37|14|0|Aus diesem Namen geht ganz klar hervor, in welcher Berühmtheit einst dieser Gebirgsstock gestanden ist. Schon der alleinige Name „Unholden“ zeigt hinreichend den einstig gekannten Charakter dieses Gebirges, welches zum Teil Kärnten und zum Teil Tirol und auch einen tüchtigen Teil von Welschland beherrschte.
ER|0|37|15|0|Dass hinter diesen Sagen wieder nichts anderes steckt als was Ich nun schon bis zum sonnenklarsten Anschauen erklärte, versteht sich von selbst.
ER|0|37|16|0|Ebendieser Hochstadl ist auch ein so frei gestellter Berg und daher ein Lieblingsaufenthalt solcher euch schon bekanntgemachter, mehr frei gewordener Naturgeister, welche mit den am Fuß dieses Berges wohnenden Landleuten in euch schon bekanntem Konflikt standen. Dass sich aber an den Namen dieses Berges und seiner Ausläufer so manche traurige Hexeninquisitionsgeschichte knüpft, das braucht kaum einer näheren Erörterung; denn an der Drau ist noch heutigentags die Hexenrichtstätte der alten Herrschaft Flaschberg ersichtlich, deren Name schon eine hinreichende Beschreibung in sich schließt von dem, was einst hier verübt wurde.
ER|0|37|17|0|Ähnliche Berge gibt es in Tirol noch eine Menge; so ist die Gantspitze, der Hohe böse Ring, der Böse Stein, der Hohe Helm, der Brenner, der Ötzer, die Vintschgauer Hochkuppe, das Wurmserjoch und dergleichen noch mehrere, überaus berüchtigt, in der Schweiz das bekannte Wetterhorn, das Finstere Achhorn, der Hohe Mönch, das Wöllerhorn, die Pilatusspitze, auch der Bernhardsberg, die Teufelsbrücke und dergleichen noch eine Menge, – lauter Berge von gleichem Kaliber.
ER|0|37|18|0|Doch im höchsten Grad berüchtigt sind die Berge Savoyens. Denn da waren nach den Volkssagen die höchsten Häupter der bösen Geister zu Hause, und jeder Savoyarde war noch vor eben nicht gar zu langer Zeit mit einer derartigen Verachtung angesehen, dass man ihn kaum für etwas höher hielt als die Tiere, so wie auch noch vor nicht gar langer Zeit die Bewohner der Pyrenäen unter dem Namen „Chacots“ von den Spaniern mehr als der gemeinste Hund verachtet wurden.
ER|0|37|19|0|Nachdem wir nun zur Beleuchtung des Daseins der Geister in unserer zweiten Region durch diese Histörchen hinreichend viel erörternd dargetan haben und nun sehen, wie es in dieser zweiten Region zugeht, so werden wir uns fürs Nächste sogleich in die erste Region herabbegeben und sehen, wie es da geistig zugeht.
ER|0|38|1|1|Die erste Luftregion
ER|0|38|1|1|Am 25. Februar 1847
ER|0|38|1|0|Die erste Region, welche natürlicherweise die unterste ist, nimmt eben da Platz, wo die naturmäßige atmosphärische Luft, in welcher Pflanzen, Tiere und Menschen leben, über der Erdoberfläche rastet. Das Geistige ist mit dem Naturmäßigen so eng verwebt, dass ein Weiser offenbar also reden müsste:
ER|0|38|2|0|„Ich finde in dieser ganzen untersten Luftregion nichts als Geistiges; nur was durch die geistige Aktion fixiert wird, entweder momentan oder sukzessiv, das allein hat das Ansehen des Naturmäßigen unter der formellen Erscheinlichkeit; im Grunde des Grundes aber ist dennoch alles vollkommen geistig.“
ER|0|38|3|0|Warum sagt man hier „geistig“ und nicht komplett „Geist“? Weil in dieser Region die geistigen, also auch seelischen einzelnen Spezifikalintelligenzen sich erst nach und nach ergreifen, vereinen und in eine ganze, vollkommene geistige Form wieder als komplett und als ein Wesen, seiner selbst bewusst, sich finden müssen.
ER|0|38|4|0|Wie ist denn dieses so ganz eigentlich zu verstehen? Ich sage euch, leichter, als ihr es meint.
ER|0|38|5|0|Überall ist für die komplette Vereinigung aller der geistigen Spezifika ein gewisses Zentrum gegeben. Dieses Zentrum ist der eigentlich engst gefesselte Urgeist oder der Liebesfunke aus Mir. Dieser zieht mächtig all dasjenige an sich, was seines Wesens ist; und möge dieses noch so zerstreut sein, so wird es sich gerade an jenes geistige Zentrum anfügen, zu dem es gehört, und wird, wenn auch von gleicher Qualität, bei jedem Zentrum andereigenschaftlich.
ER|0|38|6|0|Ein Beispiel wird euch die Sache vollkommen klarmachen.
ER|0|38|7|0|Betrachtet z. B. die Bildung eines Menschen oder mehrerer Menschen in einer Schule. Hundert Schüler haben einen und denselben Meister, sie lernen aus denselben Büchern, sie lernen alle nach einer Vorschrift schreiben, – und betrachtet sie hernach als Menschen, die in dieser Schule gebildet wurden, da werden nicht zwei die vollkommen gleiche Denkweise haben, nicht zwei die gleiche Schrift, und dergleichen Unterschiede mehr! Und doch war die geistige Bildungsspezifikalkost die gleiche; aber jeder Geist dieser Schüler hat von dieser allgemeinen Unterrichtskost sein eigenes, ihm zusagendes Spezifikum genau herausgefunden, ohne dass für diesen Zweck der Lehrer nur im Geringsten etwas beigetragen hat.
ER|0|38|8|0|Aus diesem Beispiel lässt sich nun ganz klar erschauen, wie ein jedes geistige Zentrum ganz genau aus der unendlichen Vielzahl der Intelligenzspezifika sein Eigentümliches findet, ebenso, wie das in einem jeden Samenkorn gegebene Zentralseelenspezifikum aus demselben Wasser, aus derselben Luft, aus derselben Erde, wie auch aus demselben Licht genau dasjenige findet und an sich zieht, was zu seinem Wesen gehört.
ER|0|38|9|0|Also konzentrieren sich die seelischen Intelligenzen um das ihnen eigentümliche geistige Zentrum oder sie strömen dahin, wo ihr geistiges Zentrum ist, ergreifen sich da zu einer intelligenten Form und eigenschaften sich nach dem Grundwesen ihres geistigen Zentrums, welches gewöhnlich im Menschen vor sich geht, weil das eigentliche geistige Zentrum erst in der Form des Menschen wieder gegeben wird.
ER|0|38|10|0|Auch ist das Wort ein gar treffliches Beispiel zur Beleuchtung dieser Sache.
ER|0|38|11|0|Ein Wort wird gegeben, und dieses Wort, wie es gegeben ist, zieht in dem Augenblick all dasjenige an sich, was zur Erfüllung seines Begriffs notwendig ist.
ER|0|38|12|0|Nehmen wir das Wort „Gebot“; dieses Wort ist ein Zentrum, zieht aber in dem Augenblick alles dasjenige an sich und vereinigt es ebenfalls sogleich in sich, was es vonnöten hat, um ein Gebot zu sein.
ER|0|38|13|0|Dass aber, um den Begriff „Gebot“ in eins aus den vielfachen Begriffen zu komplettieren, es etwas Außerordentliches ist und durchgehend keine so leichte Aufgabe, als sich jemand denken würde, das versteht sich von selbst; denn was gehört zu einem Gebot? Fürs Erste ein weises gebietendes Wesen, das eine große, in allen Dingen durchgreifende Einsicht hat, warum es ein Gebot gibt und wem. Zweitens muss ein freies Wesen da sein, begabt mit vieler Einsicht und damit gebundener Willenskraft, damit es das Gebot annehmen, verstehen und halten kann. Was gehört dazu, um ein solches Wesen zu erschaffen, und welche Eigenschaften muss der Schöpfer haben, um ein solches Wesen erschaffen zu können?! Drittens, das Gebot muss auch sanktioniert sein. Was gehört wieder dazu, um ein Gebot weise, gerecht und werktätig sanktionieren zu können?!
ER|0|38|14|0|Seht, was für eine unendliche Anzahl von Begriffen und Grundideen und Kräften mit dem einzigen Begriff „Gebot“ verbunden ist, so zwar, dass jemand sagen könnte: „Ja, wenn dieses Wort ‚Gebot‘ das alles als eigentümlich in sich schließt, was bleibt dann für ein anderes nicht minder vielbedeutendes Wort übrig?“
ER|0|38|15|0|Da kommt es eben jetzt zu der Haupterklärung. Jedes Wort bildet für sich ein gewisses geistiges Zentrum und zieht von einer und derselben Unzahl der Begriffe an sich und vereinigt dieselben ganz für sich eigens eigenschaftlich, sodass dieselben Begriffe sich in diesem Wort zu etwas ganz anderem qualifizieren müssen, als zu was sie sich in einem anderen, früheren Wort qualifiziert haben.
ER|0|38|16|0|Es ist nicht nötig, euch zu dem Behuf noch eine Menge Worte oder Begriffe herzusetzen, um diese Sache noch klarer zu machen, als sie es ohnedies schon ist; denn das könnt ihr euch selbst tun. Zu dem Begriff „Liebe“, „Tugend“, „Demut“, „Gott“ und dergleichen mehr, gehört ebenso viel als wie zum Gebot, und was im Gebot zu Gebot wird, dasselbe wird in der Liebe zur Liebe, in der Tugend zur Tugend, in der Demut zur Demut und in Gott zu Gott, – so wie dieselben Elementarspezifika im Klee zu Klee, in der Rübe zur Rübe, in dem Weinstock zum Weinstock usw. werden.
ER|0|38|17|0|Wenn ihr nun dieses jetzt Gesagte nur einigermaßen aufgefasst habt, so werdet ihr es kindleicht einsehen, ja sogar mit den Händen greifen, dass diese untere Region so ganz eigentlich und gewisserart die Reproduktions- und Wiedervereinigungswerkstätte des vereinzelten Geistigen und Seelischen in einen kompletten Geist ist und hat mit alldem die höchste Ähnlichkeit, was hier vor jedermanns Augen in die vegetative und produktive Erscheinlichkeit tritt, wo überall – wie sich jedermann überzeugen kann – aus endlos vielen Partikeln ein sonderheitliches Ganzes dargestellt wird. Kurz und gut, hier ist der Platz für die Aussaat, es ist der Acker, wo in einem jeden geistigen Samenkorn eine ganz eigentümliche Ideenassoziation in eine Form zusammengefasst wird, – oder es ist der Sammelplatz alles zerstreuten Seelischen um ein gegebenes, geistiges Zentrum.
ER|0|38|18|0|Da ihr nun dieses sicher und leicht aufgefasst habt, so wird es für die nächste Mitteilung ein Leichtes sein, sich in dieser Sphäre weiterzubewegen.
ER|0|39|1|1|Die Leitung der ersten Luftregion
ER|0|39|1|1|Am 27. Februar 1847
ER|0|39|1|0|Überall, wo nur immer ein großes Geschäft betrieben wird, mag es wie immer gestaltet sein, müssen Geschäftsleiter bei dem Geschäft angestellt sein, welche alles ordnen und leiten, und in der Ordnung erhalten die Maschinen und bemessen die Kräfte in denselben. Ohne solche Direktoren würde was immer für eine Arbeit entweder gar nicht oder nur höchst schlecht vonstattengehen. Also ist es auch in unserer unteren geistigen Luftregion.
ER|0|39|2|0|Es ist wahr, dass diese eigentlich nur der Sammelplatz ist, wo vereinzelte und zerstreute seelische Intelligenzen sich um ein geistiges Zentrum gewisserart instinktmäßig ansammeln, weil sie dieses als das ihnen Eigentümliche erkennen. Diese Ansammlung aber würde dennoch äußerst plump und klumpenhaft ausfallen, wenn sie nicht nach einer festgesetzten, bestimmten Ordnung geschähe. Es wäre gerade also, als so jemand alles Baumaterial, das für ein Haus bestimmt ist, übereinanderwerfen ließe. Dadurch würden wohl auch Steine, Kalk, Mörtel, Holz, Läden, Dachziegel und alles, was zu einem Haus gehört, in einen Haufen zusammenzuliegen kommen; aber welch ein Unterschied wäre da wohl zwischen einem solchen Haufen und zwischen einem ordnungsmäßig aufgeführten Haus, wo ein jedes Material seinen ordnungsmäßigen und kunstgerechten Platz einnimmt.
ER|0|39|3|0|Wie es aber bei einem Haus, das erbaut werden sollte, der Fall ist, so das Material einmal vorhanden ist, ebenso ist es auch in geistiger Hinsicht in unserer unteren Bausphäre. Es ist hier Material im Überfluss, Intelligential-Seelenspezifika und geistige Zentra in Überfülle vorhanden; aber das Material, wennschon in einem jeden Partikel eine eigene lebendige Intelligenz ruht, kann sich doch nicht selber zu einem vollkommenen Menschenwesen erbauen, und das darum nicht, weil eine jede einzelne Intelligenz auch nur in sich ein Einziges aus dem zahllos Vielen erkennt. Wenn die zahllos vielen, zu einem Wesen erforderlichen Intelligenzen erst unter einer Form und in einem Wesen durch die geistigen Baumeister verbunden werden, sodann erst kann ein solches Wesen nach und nach auch zu einer allgemeinen, alle Ordnung übersehenden Erkenntnis gelangen, was aber freilich erst nach und nach geschehen kann, wie es euch eure eigene Erfahrung lehrt, der zufolge – wie ihr sagt – noch nie ein Gelehrter vom Himmel gefallen ist, noch weniger ein Weiser.
ER|0|39|4|0|Was heißt aber „Lernen“? Das heißt nichts anderes, als die einzelnen Intelligenzen der Seele wecken und sie dann miteinander zu einem gemeinsamen Wirken verbinden.
ER|0|39|5|0|Je mehr solcher Intelligenzen jemand durch Fleiß und Eifer in sich geweckt und miteinander verbunden hat, desto gelehrter und desto vielwissender wird er. Aber diese Gelehrtheit ist noch lange keine Weisheit; denn die Weisheit ist eine Erweckung des Geistes, welcher, so er einmal völlig erweckt wurde, alle zahllosen Intelligenzen seiner Seele in einem Nu durchdringt, sie erweckt und alle in sich selbst zu einem vollkommenen, gottähnlichen Wissen vereinigt.
ER|0|39|6|0|Es ist damit gerade der Fall, als so jemand bei stockfinsterer Nacht in ein großes Kunstmuseum hineingeführt würde. Wenn ihn da auch jemand darin herumführt und ihn die Kunstgegenstände betasten lässt und fühlen, und erklärt ihm dabei den befühlten Gegenstand noch so klar, so wird der in das Museum Geführte dennoch eine sehr matte Vorstellung – und das nur von wenigen Gegenständen des Museums – bekommen. Denn wo ein zahlloser Kunstreichtum vorhanden ist, wie viel davon lässt sich wohl in einer kurzen Zeit von dem ins Museum Geführten betasten und wie viele Kunstschätze können da erklärt werden? Sicher wird der Hineingeführte zu seinem Professor sagen: „Herr, wenn da nur Licht wäre, so würden wir ja mit der größten Leichtigkeit gar vieles mit einem Blick übersehen können, das wir hier im Finstern mühsam und unsicher mit unserem groben Tastsinn erkennen.“ Dieser hat recht; denn also fragt auch der Geist im Menschen, und also ist dann ein solcher aus der Finsternis des Museums Unterrichteter ein Gelehrter.
ER|0|39|7|0|Wann aber für jemanden, der sich in diesem Museum befindet, auf einmal die Sonne aufgeht und das Museum in allen Räumen durch und durch beleuchtet, wird er wohl auch noch herumzutappen notwendig haben, um die Gegenstände zu erkennen? O nein, er übersieht sie ja auf einmal mit einem Blick und übersieht alles, was im Museum ist, und nicht nur teilweise. Und sind die Gegenstände des Museums geordnet, so wird er auch mit leichter Mühe den Hauptzweck der in diesem Museum aufgestellten Kunstgegenstände, wie auch den speziellen Zweck eines jeden einzelnen Gegenstandes mit großer Leichtigkeit erkennen.
ER|0|39|8|0|Seht, da ist die erste Bildung gleich dem mechanischen Lernen, und eine aus diesem Lernen möglichst vielfache Sicheigenmachung der Gegenstände in dem Museum ist dann gewöhnlich die Gelehrtheit der Weltmenschen.
ER|0|39|9|0|Die Weisheit aber ist das Zweite; sie schaut das endlos Viele auf einmal im klarsten Licht, was die Gelehrtheit nur teilweise in der Nacht betappt.
ER|0|39|10|0|Aus dem geht aber hervor, dass mit der ordnungsmäßigen Zusammenfassung aller der zu einem Wesen gehörigen seelischen Partikelintelligenzen noch bei weitem nicht jene allgemeine Erkenntnis verbunden ist, welche dazu erforderlich ist, um eben in unserer unteren Wesenbauregion die einzelnen seelischen Intelligenzen um ein geistiges Zentrum so zu ordnen und zu verbinden, dass daraus mit der Zeit wirklich ein vollkommenes Erkennen hervorgehen kann. Es ist daher auch begreiflich, dass sich unsere oberwähnten Seelenintelligenzpartikel nicht von selbst ordnen können, sondern es müssen da solche Wesen fortwährend gegenwärtig sein, die über solche Wesenbauordnung zu wachen und dieselbe zu leiten haben.
ER|0|39|11|0|Wer sind aber diese Baumeister? Das wird sehr leicht zu erraten sein. Das sind zuerst als oberste Leiter die Engel; also gibt es in eurer Region sehr häufig und sehr viele Engel.
ER|0|39|12|0|Als der oberste Leiter dieses großen Geschäftes bin Nr. 1 Ich Selbst, der Ich sicher nicht weit von euch sein kann, indem Ich eben hier Selbst euch in eurem Kunstmuseum ein Licht um das andere aufstecke und anzünde. Und da, wo Ich Mich aufhalte, halten sich noch gar viele auf, die gerne um Mich sind und zu allen Zeiten gern um Mich waren.
ER|0|39|13|0|Aber es ist hier eben darum auch ein großer Konflikt; denn wo der Himmel seine größte Tätigkeit entwickelt, da ist eben auch die Hölle nicht minder tätig. Es muss aber auch hier also sein; denn sonst wäre keine Freischwebe zwischen diesen beiden Polarpunkten denkbar.
ER|0|39|14|0|Wie aber Engel unter Meiner Leitung und andere gute Geister unter der Leitung der Engel obbesagten Wesenbau von der Pflanze bis zum Menschen fortführen, das wird der Gegenstand unserer nächsten Betrachtung sein.
ER|0|40|1|1|Die Tätigkeit der leitenden Geister
ER|0|40|1|1|Am 1. März 1847
ER|0|40|1|0|Ihr habt schon bei der natürlichen Darstellung der Erde gesehen, wie die Erde als ein organisch lebendes Wesen ihre Nahrung nimmt, dieselbe in sich verdaut und die Nährsäfte dann durch zahllose Organe hinaus bis zur Oberfläche leitet, und wie anderseits die gröberen, unverdaulichen Exkremente gegen den Südpol hingeleitet werden. Diese Nahrung oder Kost der Erde ist, wie ihr nun leicht begreift, nur dem Sehen nach materiell, dem Wesen nach aber ist sie geistig; denn da dringen fortwährend eine zahllose Menge Geister und geistige Spezifika von besserer Art in das Innerste der Erde, wo gewöhnlich die ärgsten Geister gebannt sind.
ER|0|40|2|0|Dieses Hineindringen der besseren Geister in das Innerste des Erdwesens hat einen mehrfachen Zweck. Fürs Erste werden die Seelen und Geister böser Menschen dahin gerichtet und einer – wie ihr zu sagen pflegt – ewigen höllischen Gefangenschaft preisgegeben; denn solche Meuterer gegen die göttliche Ordnung müssen tief und fest verwahrt werden, damit sie die göttliche Ordnung fürder nicht stören können, indem vor solcher Einkerkerung viele tausend Besserungsversuche fruchtlos geblieben sind.
ER|0|40|3|0|Ein zweiter Grund dieses Hineindringens der Geister und geistigen Spezifika in das Innerste des Erdwesens ist der, dass es in diesem Inneren wieder Geister gibt, die – so wie ihr zu sagen pflegt – für ihre Tollwut in dieser Gefangenschaft schon ein gehöriges Lehrgeld bezahlt haben und sehr stark gewitzigt worden sind und wieder einen sehnlichsten Wunsch haben, in die Freiheit zu gelangen. Solche Geister werden dann durch die hineingedrungenen besseren Geister auf den ordnungsmäßigen Wegen von ihrer Gefangenschaft befreit und herauf zu der größeren Freiheit geführt, wo sie dann wieder zur Tätigkeit verwendet werden, und müssen da zuerst, weil noch etwas Böses in ihnen ist, sich an die Giftpflanzen wie auch an giftige Tiere machen und die zum Wachstum erforderlichen psychischen Urspezifika ordnen und dadurch solch einer giftigen Pflanze oder giftigen Tier jene Gestalt und Beschaffenheit geben, in der sie fortwährend ordnungsgemäß in die Erscheinlichkeit treten müssen. Tun solche Geister dann gut, so werden sie zu der Direktion besserer Pflanzen und Tiere geleitet; tun sie aber nicht gut – da sie oft ausarten und die schädlichen Spezifika, statt selbe in die Pflanzen zu leiten, sogleich in die Tiere oder Menschen leiten, wodurch dann epidemische Krankheiten entstehen –, so werden sie von solchem Geschäft wieder weggenommen und in die Erde in engere Haft getan, wo sie sich mit der Bildung der Metalle und der Steine abgeben müssen, welche Arbeit natürlicherweise viel schwerer und langwieriger ist, und eine Befreiung von solch einem Zustand erst dann erfolgen kann, wenn ein solcher Geist nach sehr vielen Jahren sein angewiesenes Geschäft getreu und zum Nutzen für die Erlösung in der Materie gefangener Seelen vollführt hat. Das ist also wieder ein Grund, aus welchem die besseren Geister in das Innere der Erde sich hinabbegeben.
ER|0|40|4|0|Ein weiterer Grund ist der, dass die gefangenen Urseelen befreit werden und als freilich noch sehr stark geteilte Spezifika in der Erscheinlichkeit von allerlei Flüssigkeiten herauf auf die Erdoberfläche geleitet und da ihren Erlösungsweg durch die euch bekannten Stufen des Pflanzen- und Tierreiches nach der Leitung der dieses Geschäft überwachenden und leitenden Geister geführt werden; denn in der Erde gibt es allenthalben gefangene Geister, die entweder schon den Weg des Fleisches durchgemacht oder die sich ohne diesen Weg als komplette Geister manifestiert haben, welche Geister euch schon näher bekanntgegeben worden sind. Es sind nämlich Erd-, Berg-, Wasser-, Feuer- und Luftgeister. Neben diesen zwei Arten von Geistern aber gibt es noch eine zahllose Menge von Seelenspezifika, die erst flottgemacht werden müssen und dann gesammelt und geordnet in ein Wesen, das ihnen auf jeder Stufe ihres Emporsteigens ordnungsmäßig entspricht.
ER|0|40|5|0|Da dergleichen Geister und Seelenatome, je tiefer in die Erde hinein, auch desto ärger sind, so muss da eine übergroße Aufsicht geführt werden, dass besonders bei den Seelenpartikeln, die von aller Erde auf der Oberfläche derselben zusammenkommen, ja nur die reinsten zu der Komplettierung der eigentlichen Seele verwendet, die gröberen und böseren aber zur Gestaltung der materiellen Körper beschieden werden.
ER|0|40|6|0|Also besteht auch der menschliche Leib aus puren Seelenpartikeln; aber jene, die den Leib machen, sind noch grob, arg und unlauter, daher sie auch noch zuvor wieder in die Erde kommen, dort verwesen müssen und von da erst dann auf die euch schon bekanntgegebene Weise aus der Verwesung aufsteigen, um sich zur Komplettierung desjenigen Wesens, dem sie einst leiblich angehörten, anzuschicken, was gewöhnlich – wie euch schon bekanntgegeben – in der dritten oder obersten Erdgeistersphäre sich ergibt, wodurch dann natürlich erst ein jeder reine Geist vollkommen wird, wenn er all das Seinige wieder in sich aufgenommen hat, welches Aufnehmen die sogenannte Auferstehung des Fleisches ist und den Spruch Pauli rechtfertigt, der da spricht: „Ich werde in meinem Fleische Gott schauen.“
ER|0|40|7|0|Dass dabei die in dieser ersten Region angestellten Geister über Hals und Kopf zu tun haben, versteht sich von selbst; es sind auch aus diesem Grunde auf der Erde Ruhezeiten anberaumt, in denen solche geschäftige Geister Ruhe und Erholung haben, d. h. sie haben da eben nicht so viel zu tun als wie in einer Geschäftszeit.
ER|0|40|8|0|Eine solche Ruhezeit ist der Winter, der aber freilich unter dem Äquator viel kürzer dauert, als gegen die Pole hin. Darum aber werden auch, je mehr gegen die Pole, auch schwächere Geister angestellt, so wie auch auf den höheren Gegenden der Erde, und je tiefer herab, desto kräftiger müssen die Arbeiter sein, was auch die Produkte gar anschaulich zeigen.
ER|0|40|9|0|Nun wisst ihr schon etwas, wie Engel, Geister und auch Naturgeister bei der Gestaltung der Wesen tätig sind. Weil aber dieses Geschäft mit überaus großen Schwierigkeiten und Kombinationen verbunden ist, so werden wir eben über diesen Punkt noch so manches sprechen müssen, bis die Sache euch vollends klar wird; daher nächstens in dieser Sphäre weiter!
ER|0|41|1|1|Der Unterschied zwischen Substanz und Materie
ER|0|41|1|1|Am 2. März 1847
ER|0|41|1|0|Ein sogenannter Sittenspruch, freilich etwas schlecht und die Sache nicht ganz richtig bezeichnend, lautet bei euch: Memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris. [Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst!] Dieser Spruch bezeichnet zwar in dem Wort „Staub“ wohl auch eine Totalauflösung des Leibes, ist aber in der Bedeutung unrichtig, weil jedermann unter „Staub“ jene zermalmten Erd- und Steinpartikelchen versteht, welche der Wind leicht aufhebt und in die Luft trägt. Auch kann darunter der noch feinere Sonnenstaub gemeint sein, welcher freilich etwas feiner als der Straßenstaub ist. Würde der Leib in einen solchen Staub aufgelöst, da wäre ihm und seiner Seele wenig geholfen; denn der allerfeinste Staub, der noch in der naturmäßigen Welt erschaut werden kann, ist dennoch immer Materie und kann sich so lange mit der Seele und dem Geist nicht vereinen, als er noch Materie bleibt. Besser als „Staub” wäre: „spezifisches Seelenatom“; ein solches ist nicht mehr materiell, sondern substantiell. Zwischen Materie und Substanz ist aber ein himmelhoher Unterschied.
ER|0|41|2|0|Um das Ganze so recht zu fassen, müsst ihr diesen Unterschied so recht genau kennen. Nehmt einen Magnet; was an ihm ersichtlich ist, das ist Materie; was aber in dem Magnet anziehend oder abstoßend wirkt, das ist Substanz. Diese Substanz kann mit dem fleischlichen Auge nicht gesehen werden; allein das Auge ist ja auch nicht der alleinige Führer und Ansager des Daseins seelischer oder geistiger Dinge, sondern der Mensch hat ja noch andere Sinne, die der Seele näher liegen als das Gesicht, welches ungefähr der alleräußerste Sinn des Menschen ist. Das Gehör ist schon tiefer, der Geruch und der Geschmack noch tiefer, und ganz mit der Seele vereint ist das Gefühl oder der Tastsinn.
ER|0|41|3|0|Wenn jemand dann zwei Magnete einander näher bringt, so wird er alsbald den gegenseitigen Zug fühlen, und das ist genug, um daraus auch für seine äußeren Sinne den Schluss zu ziehen, dass da eine besondere, wenn auch unsichtbare Kraft oder Substanz in dem Magnet vorhanden sein muss, die solchen Zug bewirkt.
ER|0|41|4|0|Hier merkt ein jeder leicht den Unterschied zwischen Materie und Substanz. Auch bei einer sogenannten Elektrisiermaschine unterscheidet jedermann leicht das Materielle von der Substanz. Materie dabei sind die Glasscheibe, die Reibpolster, der metallene Konduktor und noch einige Flaschen. Wenn die Maschine ruhig steht, empfindet nichts irgendeine Regung, was sich der Maschine nähert; wird aber die Maschine in den Umschwung gebracht, dann wird die in ihr und in der Luft ruhende Substanz aufgeregt, und so sich jemand da der Maschine nähert, da empfindet er gleich ein Ziehen an seinen Haaren, und wenn er sich noch mehr nähert, wird er auch die Substanz in knisternden Funken, die manchmal bedeutend stechen – und wenn sie stärker sind, Muskelschläge bewirken – erblicken. Ein solcher elektrischer Funke, obschon in der materiellen Zeit und im materiellen Raum ersichtlich, ist aber jedoch keine Materie mehr, sondern seelenähnliche Substanz oder Kraft, welche in der Materie ruht; wenn sie aber erregt wird, so äußert sie augenblicklich eine alles durchdringende Kraft, der kein materielles Hindernis als hemmend entgegengestellt werden kann.
ER|0|41|5|0|Hier habt ihr wieder ein gutes Beispiel von Materie und Substanz. Betrachtet das euch wohlbekannte Schießpulver, welches aus Schwefel, Salniter und Kohlenstaub besteht. Das Körnchen ist ruhig und fällt, so wie jede andere Materie von der Höhe in die Tiefe; aber es ist in dem Körnchen eine Menge substantieller Kraft gebunden. Wird diese Substanz durch etwas ihr Ähnliches erregt, da reißt sie in Blitzesschnelle ihr Gefängnis in atomkleine Stücke und tritt dann in die Sphäre ihrer Freiheit. Das Feuer ist dieser Substanz verwandt und ist daher das Erregungsmittel für dieselbe; da zeigt sie sich ebenfalls als eine substantielle Kraft, der kein Naturhindernis Schranken setzen kann. So ist in dem Wasser ebenfalls die substantielle Kraft vorhanden, welche durch einen hohen Grad von Wärme erregt wird. Will diese Kraft nun jemand einsperren, so wird sie jedes noch so starke Sperrgefäß zersprengen und sich dann ausdehnen in ihrer Freiheit. Also ist aber auch fast in jeder Materie eine Substanz vorhanden; nur kommt es darauf an, wie und wodurch sie erregt werden kann, um sich wirkend kundzutun.
ER|0|41|6|0|Die Naturforscher, diese nicht selten sehr eitlen Naturgecken, haben wohl in aller Materie gewisse Grundkräfte entdeckt, als da sind die anziehende und abstoßende Kraft, wovon die anziehende als die Kohäsions- oder Schwerkraft, und die abstoßende als die Zentrifugalkraft als bekannt angenommen wurde. Daneben ist noch die Elastizität oder die Expansivkraft, die Teilbarkeit und die Durchdringbarkeit der Materie ganz gelehrt abgehandelt und ebenfalls unter die grundeigenschaftlichen Kräfte der Materie eingeteilt worden. Allein, hätten diese gelehrten Naturgecken, als selbst lebende Wesen, nur einen einzigen Schritt weiter getan und hätten der alles beherrschenden und alles erfüllenden Lebenskraft einen Platz in ihren Faszikeln eingeräumt, so hätten sie schon lange in ihrem Wissen eine ganz gewaltige Stufe vorwärts gemacht und hätten nicht notwendig, tote Kräfte – was ein allerbarster Unsinn ist – abzuwägen und zu zergliedern, sondern sie hätten alsogleich mit jener Grundbedingung alles Seins zu tun bekommen, in welcher sie sich selbst und alle Materie vom rechten, allein wirkenden, wahren Standpunkt schon lange vollkommen und leicht erkannt hätten; aber so tappen – was eigentlich das Allerdümmste und Lächerlichste ist – die Lebendigen in lauter toten Kräften herum und wollen am Ende etwa gar noch beweisen, dass die lebende Kraft ein Mixtum und Kompositum aus lauter toten Kräften ist!
ER|0|41|7|0|O schaudervoller Unsinn über allen Unsinn! In welcher Logik kann denn eine wirkende Kraft als tot angesehen werden? Kann es etwas Unsinnigeres geben, als gewissen ersichtlichen Wirkungen einen toten Grund zu unterbreiten, was ebenso gut wäre, als wenn man von jeglicher Wirkung gar keinen Grund annähme; denn tot ist in gewisser Rücksicht noch weniger als nichts, und nur eine Sache kann als tot betrachtet werden, und zwar so lange, als sie aus irgendeiner Wirkungssphäre verbannt wurde; und des Menschen Seele und Geist können tot sein, wenn sie sich durch die schlechte Anwendung ihrer Freiheitsprobe die ordnungsmäßige Notwendigkeit zugezogen haben, wieder in jene Gefangenschaft zu geraten, in der sie von jeder effektiven Wirkung abgeschnitten sind.
ER|0|41|8|0|Wenn aber in und an der Materie wirkende Kräfte entdeckt werden, so sind sie nicht tot, sondern lebendig und intelligent; denn ohne Intelligenz in einer oder der anderen bestimmten Art lässt sich ebenso wenig eine Wirkung denken, als ohne Kraft.
ER|0|41|9|0|Wie sich aber die Kraft aus der Wirkung erkennen lässt, so lässt sich auch die Intelligenz der Kraft aus der stets gleichmäßig geordneten planimetrischen Theorie erkennen. Geht nicht der Graswuchs und der Wuchs jeder anderen Pflanze nach einer inneren planmäßigen Theorie vor sich, die sich doch leicht erkennen lässt von jedem, der nur je eine Pflanze gesehen hatte? Ebenso ist es mit der Verwesung der Fall und mit allen Erscheinungen, denen Kräfte unterbreitet sein müssen, woraus jeder leicht den Schluss ziehen kann:
ER|0|41|10|0|Wo nichts als lauter Wirkungen erschaut werden, da muss es auch ebenso viele Kräfte als Wirkungen geben; und weil all diese Wirkungen geordnete und planmäßige sind, so müssen auch ebenso viele Intelligenzen als Kräfte vorhanden sein. Und aus diesem Schluss wird dann auch begreiflich, dass die Materie aus lauter Seelen, also Intelligenzen besteht, welche von höheren Kräften und Intelligenzen nach Ordnung und Notdurft zeitweilig festgehalten werden können. Wenn aber die Zeit des Festhaltens aus ist, da erwachen die einzelnen Intelligenzen und einen sich als Ursubstanz wieder in jenem Wesen, in welchem sie uranfänglich aus Mir, dem Schöpfer, gestaltet worden sind; und diese Wiedereinung ist dann zum Teil das Werk der Intelligenzen selbst und zum Teil aber der euch schon bekannten höheren Geister.
ER|0|42|1|1|Die Leitung von selbständigen Intelligenzen durch höhere Geister
ER|0|42|1|1|Am 3. März 1847
ER|0|42|1|0|Es kann demnach, so jemand die Sache nur ein wenig aufgefasst hat, im eigentlichsten Sinne gar keine Materie geben, indem die Materie selbst nur eine Wirkung der Kräfte ist, welche Wirkung in einer Art, Beschaffenheit und Form in die Erscheinlichkeit tritt und eben dadurch an sich selbst erkennen lässt, dass die wirkenden Kräfte nicht ohne Intelligenz wirken; denn wo immer an einer Sache oder an einem Wesen eine bestimmte Form, Art und Eigenschaft zu entdecken ist, da kann auch niemand die Intelligenz der darin wirkenden Kraft leugnen.
ER|0|42|2|0|Freilich wird da ein frommer Pilger – etwa nach Mariazell – die Bemerkung machen und sagen: „Das tut ja alles unser lieber Herrgott; wozu da noch andere Intelligenzen?“ Das ist sicher ganz richtig; denn also spricht ja der Herr: Himmel und Erde und alles, was darinnen ist, habe Ich gemacht und – nota bene – mache es noch jetzt; aber wenn man mit diesem Machen es zu weit treibt, da müsste Ich auf der Welt auch noch manches machen, was Ich eigentlich nicht gemacht habe und jetzt auch nicht mache, sondern habe solches Machen den Menschen, damit sie auch etwas zu tun hätten, anheimgestellt. Sie machen es freilich nur mit Meiner ihnen verliehenen Kraft, und Ich mache dasselbe demnach mittelbar, und das ist auch so viel, als so Ich es gemacht hätte. So wie Ich aber durch die Hände der Menschen zahllose Dinge machen lasse, ebenso lasse Ich auch durch die Kraft der Liebe und Weisheit in Meinen Engeln und Geistern diejenigen Dinge auf der Erde, wie auch auf anderen Weltkörpern, machen, die von den Menschen nicht können gemacht werden.
ER|0|42|3|0|Die Menschen können wohl Häuser bauen und Kleiderstoffe bereiten und Werkzeuge machen; aber die Materie dazu können sie nicht machen. Sie können kein Gras machen und kein Gesträuch und keinen Baum und ebenso wenig ein Tier; aber die durch und durch lebendigen Geister und Engel können das wohl, weil sie zu dem Behuf mit jener Kraft aus Mir ausgerüstet sind, um solches in Meinem Namen vollführen zu können.
ER|0|42|4|0|Wie aber einzelne Intelligenzen in einer und derselben Art wirken können und wirken, andere Intelligenzen wieder in einer anderen Art – und das alles unter der Direktion höherer Geister –, wollen wir in mehreren leicht fasslichen Beispielen sonnenklar und handgreiflich dartun.
ER|0|42|5|0|Betrachtet einmal eine Spinne! In diesem Tierchen werdet ihr zwei vereinigte Intelligenzen finden. Die erste ist die Erkennung der ihr zusagenden Nahrung; diese Nahrung in sich zu einem doppelten Zweck zu benützen, nämlich zur Ernährung ihres Tierwesens und zur Bereitung jenes klebrigen Saftes, aus dem sie ihr Netz spinnt, das ist nämlich eben die eine Intelligenz. Die zweite Intelligenz ist die eigentümliche Kunst der Spinne, den Faden aus sich herauszuziehen, ihn an kleine Häkchen anzuhängen und ein Netz zu spinnen oder vielmehr zu flechten, dieses Netz dann mit einem perlartig klebrigen Saft zu überziehen, um dadurch jene Tiere zu fangen, die ihr neue Nahrung geben. Aus dieser Handlungsweise muss doch ein jeder ersehen, dass der Spinne doch offenbar eine Intelligenz innewohnen muss; und es ist da die Intelligenz dasselbe, was die Naturforscher – freilich etwas unrichtigerweise – „Instinkt“ nennen; denn Instinkt ist gewisserart ein innerer Trieb, eine gewisse Verrichtung in einer bestimmten Art ins Werk setzen zu müssen. Allein das, was die Gelehrten Instinkt nennen, das ist nicht mehr Intelligenz des Tierchens, sondern das ist schon Direktion oder Richtung von Seiten höhergestellter Geister; denn es ist doch offenbar zweierlei, irgendeine bestimmte Fertigkeit zu besitzen, und nach dieser Fertigkeit ein bestimmtes Geschäft zu vollführen. Aber mit dem Besitz solcher Fähigkeit ist die notwendige Vollführung noch nicht verbunden, sondern dazu muss ein anderer Trieb kommen, und da ist der Besitz solcher Fähigkeiten und Fertigkeiten in einem Wesen oder in einem psychischen Spezifikum eben die Intelligenz, während die Nötigung, nach solcher innewohnenden Intelligenz tätig zu sein, nicht in dem Wesen selbst als ein Instinkt niedergelegt ist, sondern das ist nötigende Leitung von Seiten höherer und vollkommenerer Geister, die z. B. eben unserer Spinne den Ort, wo, und die Zeit, wann sie ihre eigentümlichen Fertigkeiten ins Werk setzen soll, anzeigen. Denn wäre das nicht der Fall, da würde entweder eine Spinne gar nie oder fort und fort spinnen und würde sogar das Gesicht des Menschen nicht verschonen und ihm ein Netz über die Augen herspinnen, was aber nie der Fall ist, sondern sie muss spinnen, wo sie zu spinnen genötigt wird, und wo ihr Spezifikum zweckdienlich ist, so es sich mit dem Spezifikum der dortigen Materie in Verbindung setzt und dasselbe in sich sammelt zu einem höheren Leben.
ER|0|42|6|0|Also spinnt auch die Seidenraupe ihren Faden, und das darum, weil sie in sich aus der Kost und aus dem freien Spezifikum in der Luft jene Intelligenzen in sich zusammensammelt, aus welchen sie dann jene Fertigkeit erreicht und gewisserart zu jener Einsicht kommt, aus der zu sich genommenen Nahrung zuerst in sich jenen zähen Saft zu bereiten und diesen Saft dann, wenn er zur rechten Reife gelangt ist, um sich herum wie ein Ei zu spinnen.
ER|0|42|7|0|Hier ist ebenfalls überaus deutlich, dass die Fähigkeit zu solcher Arbeit und die Nötigung, solche Arbeit zu rechter Zeit und am rechten Ort zu vollbringen, wesentlich zweierlei sind, wie es auch sicher zweierlei ist, so jemand unter den Menschen ein Künstler ist, entweder ein Musiker oder ein Maler. Der Musiker trägt immer die Fähigkeit in sich, ein Konzert oder ein anderes Musikstück zu spielen, so wie der Maler, ein Stück zu malen; aber spielt darum der Musiker wegen solcher künstlerischen Fähigkeit in ihm Tag und Nacht fort und fort ein Konzert aufs andere, und legt der Maler nie den Pinsel und die Farben je auf die Seite? Seht, obschon beide Künstler fortwährend die gleiche Fähigkeit in sich tragen, so wird aber der Tonkünstler doch nur bei einer gegebenen Gelegenheit aus seiner permanenten künstlerischen Fähigkeit etwas produzieren, so wie der Maler nur dann ein Stück malen wird, so jemand ein solches bei ihm bestellt hat, oder wann er eines so entweder für den Verkauf oder für sein eigenes Vergnügen zu malen sich die Pflicht auferlegt. Das Erste ist hier gleichwie die Intelligenz des Künstlers, das Zweite aber eine Aufforderung von was immer für einer Seite her, solche Intelligenz ins Werk zu setzen.
ER|0|42|8|0|Wenn aber schon Menschen für größere Produktionen der Kunstfähigkeiten einzelner Menschen Direktoren aufstellen, welche die Zeit z. B. eines Konzertes festsetzen, Stücke bestimmen und dann dieselben dirigieren, – um wie viel notwendiger sind erst da unter so zahllosartigen künstlerischen Intelligenzen Direktoren nötig, wo es sich um die Erhaltung und zweckdienliche Fortführung ganzer Weltenalle handelt!
ER|0|42|9|0|Da dieser Gegenstand für eure klare Erkenntnis in dieser Sache von höchster Wichtigkeit ist, so werden wir in diesem Gebiet noch sehr bedeutend weiter fortfahren.
ER|0|43|1|1|Eindrücke der Materie auf Seele und Geist des Menschen
ER|0|43|1|1|Am 4. März 1847
ER|0|43|1|0|Ihr mögt die Tierwelt wie die Pflanzenwelt durchgehen, ja selbst die Mineralwelt nicht außer Acht lassen, und überall werdet ihr eine selbständige Intelligenz, neben dieser Intelligenz aber auch eine Nötigung finden. Diese selbständige Intelligenz lässt sich nicht nur aus dem verschiedenartigen eigenschaftlichen Charakter erkennen, sondern auch – was besonders für Psychologen wichtig ist – aus dem Eindruck, den die verschiedenen Dinge und Sachen auf das menschliche Gemüt machen.
ER|0|43|2|0|Auf wen kann der Eindruck gemacht werden? Auf einen Menschen, und zwar allein nur auf die Seele und auf den Geist desselben.
ER|0|43|3|0|Wie muss aber der Mensch eigenschaftlich beschaffen sein, damit er für Eindrücke aufnahmefähig ist?
ER|0|43|4|0|Er muss lebendig und vollkommen intelligent sein; und damit auf ihn alles einen Eindruck machen kann, so muss er schon früher alle Intelligenzen in sich, d. i. in seiner Seele vereinigen. Also er muss lebendig und komplett intelligent sein.
ER|0|43|5|0|Frage: Wie kann aber dann eine tote Sache oder ein totes Ding auf den Menschen irgendeinen Eindruck machen; denn der Eindruck ist ja eine Wirkung. Wie kann aber ein totes Ding oder eine tote Sache wirken?
ER|0|43|6|0|Wie kann ein totes Wesen in dem lebendigen Wesen sein ähnliches Ebenbild hervorrufen? Hieße das nicht das Leben foppen und für einen Narren halten, wenn man im Ernst so toll sein könnte zu behaupten, der Tod als ein Objekt kann sich aus dem Leben eines anderen Objektes wieder einen Tod erwecken?
ER|0|43|7|0|Wenn aber von der Erweckung die Rede ist, wie kann da ein Tod erweckt werden, wenn er tot ist? Der Begriff „Tod“ setzt entweder eine gänzliche Wesenlosigkeit oder wenigstens eine vollkommene Wirkungslosigkeit eines Wesens voraus, was im Grunde eines und dasselbe ist; denn gar kein Wesen kann sicher auf niemand einen Eindruck machen, weil es gar nicht da ist, ebenso auch ein völlig wirkungsloses Wesen; denn würde solch ein Wesen auf jemand einen Eindruck machen können, da wäre es doch sicher nicht ganz wirkungslos, weil der Eindruck doch sicher eine Wirkung ist.
ER|0|43|8|0|Aus dem geht aber hervor, dass all dasjenige, was auf die menschliche Seele irgendeinen Eindruck macht, nicht tot, sondern insoweit intelligent lebendig sein muss, um in der lebendigen Seele sein gleichlebendiges Intelligenzspezifikum zu erregen und es als das ihm Ähnliche vor die Augen der Seele zu einer beschaulichen Vorstellung zu bringen, welche Vorstellung dann eben der obbezeichnete Eindruck ist, den irgendein Ding oder eine Sache auf den Menschen gemacht hat. Aus dem geht aber auch noch hervor, dass es – was schon einige bessere Naturforscher schwachweg gefunden haben – in der Körperwelt selbst nirgends einen Tod gibt; sondern das, was der kurzsichtige Mensch „Tod“ nennt, ist nur ein Übergang von einer weniger intelligenten Form in eine höhere, wo die Intelligenzen schon vielfacher vereinigt sind.
ER|0|43|9|0|Sicher bemächtigen sich des Menschen verschiedene Gefühle beim Anblick von Steinmassen. „Ja, die Steine sind ja tot, –“ sagt man; „wie können sie dann in der lebendigen Seele ein Gefühl hervorrufen? Sollten etwa die toten Bilder in der Seele gleiche lebendige hervorrufen?“ Eine solche Behauptung oder Mutmaßung wäre noch ums Unvergleichliche dümmer, als so jemand behaupten wollte, dass, wenn man Samenkörner über einen ruhigen Wasserspiegel hielte, in dem sie sich abspiegelten, diese abgespiegelten Samenkörnerbilder im Wasser zu keimen anfangen werden und wahrscheinlich die Wurzeln in die Luft hinaustreiben und Früchte unter dem Wasserspiegel reifen lassen. Allein, dieses wäre nicht einmal so dumm; denn da wäre das Objekt, das sich im Wasserspiegel abspiegelt, nicht tot, und es wäre von ihm eher zu vermuten, dass es imstande wäre, durch sein Ebenbild im Wasser etwas Lebendiges seinesgleichen hervorzurufen, als dass ein vollkommen totes Objekt es vermöchte, in der lebendigen Seele eine lebendige Vorstellung zu erzeugen.
ER|0|43|10|0|Steingruppen und Felsenmassen bewirken aber in der menschlichen Seele lebendige Gefühle, die manchmal voll Anmut, manchmal voll Begeisterung und voll Bewunderung sind. Diese lebendigen Gefühle sollte wohl der tote Stein hervorrufen können? Da sage Ich auch: Wer Ohren hat, der höre, und wer Augen hat, der schaue, was der lebendige Geist zu dem lebendigen Geiste spricht!
ER|0|43|11|0|Diese Steinmassen sind so gut wie der allerlebendigste Cherub aus der allmächtigen ewigen Kraft Gottes hervorgegangen. Wie könnte denn wohl auch das ewige Urleben alles Lebens tote, sage tote Steine erschaffen?!
ER|0|43|12|0|Ich als der Urschöpfer kann wohl die endlose Fülle Meiner Ideen fixieren – also spricht der Herr – und kann die lebendigen Intelligenzen wie gleichsam einzelne Gedanken in der erscheinlichen Materie des Steines festhalten, und sie nach und nach frei machen und in der Fülle und Herrlichkeit beschaulich Mir, dem Schöpfer, und denen, die aus Mir sind, auf dass nicht alle endlose Fülle Meiner Ideen als wie ein ganzes unveränderliches Bild vor Meinen Augen schwebe; denn eben in dieser materiellen Schöpfung sperrt Sich der Schöpfer Selbst die zu endlose Ideenfülle ab und führt sie Sich durch das Freiwerden und Auflösen der Materie wieder wie einzelne Gedanken zu Seiner göttlichen Beschaulichkeit vor.
ER|0|43|13|0|Wenn aber demnach der Schöpfer Seine Ideen und Gedanken, die sicher nicht tot sind, in der Erscheinlichkeit der Materie gewisserart wie der Buchbinder ein Buch eingebunden hat, so dürfte wohl auch in dem Stein Leben vorhanden sein, also eine große Menge Intelligenzen, welche sich in der lebendigen menschlichen Seele, die ihren lebendigen Teil davon schon genommen hat, wieder finden, um sich gewisserart als lebendig wieder in der Seele zu regenerieren.
ER|0|43|14|0|Seht, das ist die Charakteristik, die aus jedem Dinge oder aus jeder Sache in die lebendige Seele des Menschen hineinstrahlt, und diese Charakteristik rührt von den lebendigen intelligenten Kräften her, welche in der Materie festgehalten sind.
ER|0|43|15|0|Diese Charakteristik beurkundet die freie Intelligenz, durch die sich ein jedes Ding in seiner Art einer oder mehrerer Fähigkeiten und Fertigkeiten gewisserart selbst bewusst ist. Neben dieser Charakteristik aber beurkundet sich auch eine Nötigung, wie z. B. dass der Stein fest sein, die Pflanze unter dieser oder jener Gestalt wachsen und Früchte tragen und das Tier in seiner Art das sein und tun muss, wozu es bestimmt ist. Diese Nötigung liegt nicht in der Materie, sondern das ist ein Werk der vollkommenen Geister, denen solches Geschäft gegeben ist.
ER|0|43|16|0|Wie aber die Geister solches Geschäft hier in dieser Region verrichten, werden wir in der Folge durch gewisserart dramatische Darstellungen und Erzählungen so klar als nur immer möglich beleuchten.
ER|0|44|1|1|Das Wirken der Geister in der Natur
ER|0|44|1|1|Am 5. März 1847
ER|0|44|1|0|Ihr wisst, wie zu gewissen Zeiten Gärtner und Ackersleute den Samen in die Erde streuen, und dass bald darauf jedes in die Erde gestreute Samenkorn anzuschwellen anfängt, springt endlich an der Stelle, da der Keim sich befindet, auf und ein kleines, weißgrünliches Spitzchen kommt aus dem Samenkorn hervor. Das ist der Keim. Fast sichtbar wächst dieser Keim ganz zart weiter und weiter empor, und da früher nur ein Spitzchen zu sehen war, entfalten sich jetzt schon zwei, drei und mehrere Blätter, und fort und fort dehnt sich das Gewächs mehr aus, gewinnt an Festigkeit und Kraft, und bald darauf erblickt man auch schon die Blütenknöspchen. Von Stunde zu Stunde werden sie strotzender, springen endlich auf, entfalten sich, die Blüte kommt zum Vorschein und in ihrem Kelch sitzt schon die neue Frucht, wie eine junge Biene in ihrer Zelle, und wird zuerst als Säugling genährt von dem ambrosischen Duft der Blume; und ist die neue Frucht durch diese Himmelskost zur gerechten Stärke gelangt, dann empfängt sie ihre Nahrung vom Stamm und ihr Leben vom Licht.
ER|0|44|2|0|Seht, das ist so der natürliche Verlauf während des Wachsens einer Pflanze; denn das Wachsen beginnt mit der ersten Einlage des Samenkorns in die Erde und endet mit der Reife der Frucht.
ER|0|44|3|0|Das Samenkorn für sich hätte wohl so wenig die Kraft, sich selbst die Nahrung zu suchen, als ein neugeborenes Kind, ja noch weniger als ein Kind im Mutterleib, wenn nicht Geister da wären, die jenen seelischen Intelligenzspezifika jene Richtung gäben, durch welche ebendiese Spezifika sich auf den bestimmten Punkt begeben müssen, allwo für sie der eigentümliche Wirkungskreis angewiesen ist.
ER|0|44|4|0|Um dieses so recht bildlich zu sehen, nehmen wir nun ein Weizenkorn. Das Weizenkorn hat folgende Intelligenzspezifika in sich: zuerst Teilchen der Liebe, d. i. der eigentliche Nährstoff in dem Samenkorn des Weizens. Ein zweites Spezifikum ist das geistige oder eigentlich spirituelle Substrat, vermöge dem aus dem Weizenkorn auch, so wie aus anderen Früchten, der Alkohol gewonnen werden kann. Ein weiteres Spezifikum ist der Kohlenstoff, der beim Verbrennen augenblicklich ersichtlich wird, daher es auch oft geschieht, dass, wenn in einem Halm zu viel dieses Spezifikums aufsteigt, das Samenkorn schon auf dem Feld brandig und endlich schwarz wird. Wieder ein anderes Spezifikum in diesem Korn ist der Sauer- auch Braustoff, vermöge dem aus diesem Samenkorn auch, so wie aus Gerste, Hafer und Korn, ein wohlschmeckendes Bier bereitet werden kann. Noch ein anderes Spezifikum ist der ätherische Schwefel, welcher eben die Verbrennbarkeit des Samenkorns bewirkt. Und wieder ein anderes Spezifikum ist der Ölstoff, demzufolge aus dem Weizen-, wie aus jedem anderen Korn, ein recht wohlschmeckendes Öl gezogen werden kann. Wieder ein anderer Stoff ist der Zuckerstoff, der in dem Weizensamenkorn sehr reichlich vorhanden ist. Und noch ein anderer Stoff oder Spezifikum ist der gummiartige Schleimstoff, demzufolge das sogenannte Stärkemehl aus diesem Samenkorn gewonnen werden kann.
ER|0|44|5|0|Dann ist noch in dem Samenkorn eine ganz tüchtige Portion ganz des reinsten und einfachsten Wasserstoffgasspezifikums, welches überhaupt einen Hauptbestandteil des Weizenhalmes, wie auch von allen anderen Pflanzengattungen, ausmacht; denn dieser Stoff oder dieses Spezifikum füllt fortwährend die hohle Röhre des Halmes aus und hält ihn eben aufrecht. Denn ohne diesen Stoff könnte der Halm nicht in die Höhe wachsen, und so ist demnach der hohle Halm ein an seine in der Erde steckenden Wurzeln angebundener Ballon, der das Fleisch der Pflanze aufrecht erhält, solange diese nicht die eigene notwendige Festigkeit bekommen hat. Hat aber diese einmal ihre nötige Festigkeit erlangt, dann zieht sich dieses Spezifikum stets mehr und mehr in das reifer und reifer werdende Samenkorn und wird da als ein Grundspezifikum aufbewahrt, um bei der nächsten Aussaat als erste Hauptsache beim Geschäft des Wachsens in gerechtem Maße vorhanden zu sein.
ER|0|44|6|0|Aus dieser Aufzählung der Spezifika in unserem Weizenkorn haben wir gesehen, wie vielerlei Grundspezifika vorhanden und tätig sein müssen. Wie werden sie aber angeführt? Durch zu dem Behuf angestellte Geister, wobei aber immer eine Unterabteilung der Geister stattfindet, die ihr Geschäft territorialweise über sich haben.
ER|0|44|7|0|Die unterste Art der Geister hat nur etwa ein jeder einen Acker, so ungefähr, wie die natürlichen Äcker unter die Menschen auf der Oberfläche der Erde ausgeteilt sind. Ein solcher Geist hat die dazu nötige Weisheit und Kraft und leitet die einzelnen Spezifika bloß mit seinem Wollen, und dieses Wollen ist wie ein Gericht für die freiwerdenden Seelenspezifika. Dieser Geist kennt genau die Spezifika in dem in die Erde gelegten Samenkorn; er kennt, wie viel davon aus der Erde, und wie viel herab aus den Sternen vorhanden ist, und in welcher Art und in welchem Verhältnis.
ER|0|44|8|0|Wenn dann das Samenkorn in die Erde gelegt wird, so haucht er über den Acker seinen Willen, welcher Wille, homogen mit den bestimmten Spezifika, diese Spezifika ergreift und sie dahin nötigt, wo für sie die bestimmte Stelle ist. Da strömen sie dann nach ihrer auf diesen Punkt gerichteten Intelligenz und beginnen da in der Form infusionstierchenartiger Wesen ihr Geschäft, zu dem sie Intelligenz und die angemessene Kraft besitzen. Da bilden sie die Wurzeln, die Röhren; andere steigen wieder in diese Wurzeln hinein und nähren oder vergrößern dieselben; andere steigen wieder durch die Wurzeln in den Stamm; es ergreifen sich da die Gleichen und Gleichen in der Ordnung ihrer Intelligenz, und bildet eine Art von ihnen die Röhrchen im Stamm, die anderen bilden Klappen, Pumpen und Ventile; wieder andere und reinere steigen durch diese Röhren auf und bilden Blätter in der Ordnung und Form ihrer Intelligenz; wieder noch reinere steigen wieder höher durch die Röhren und bilden die Knospe, die Blüte; und die reinsten und durch diesen Akt selbst geläutertsten bilden die Frucht, und die gar geistigen, gewisserart Zentralintelligenzen vereinen sich in der Frucht zum Keim und umschließen sich mit einem Gewebe, durch das die äußeren und noch nicht so reinen Intelligenzen nicht dringen können.
ER|0|44|9|0|Ist durch dieses Geschäft mit der Zeit die Reife bewirkt worden, dann hat der Geist dieses Ackers seine Arbeit auch verrichtet und überlässt das Weitere den Menschen und etwas dabei den Naturgeistern, welche dann die Verwesung, oder besser, die weitere Auflösung jener Teile bewirken, welche nicht zur Frucht gehören, damit diese Spezifika dann im nächsten Zeitraum in eine freiere Form aufsteigen können.
ER|0|44|10|0|Nun denkt euch ebenso viel solcher Geister, so viel Äcker und so viel verschiedene Pflanzengattungen, als es da gibt; ein jeder bekommt eine bestimmte Gattung auf einem bestimmten Territorium und muss da sorgen, dass diese Gattung in der fortwährend gleichen Beschaffenheit und Form fortkommt.
ER|0|44|11|0|Die geringste Unaufmerksamkeit von Seiten eines solchen geschäftsführenden Geistes hat einen Misswachs und eine Missernte zur Folge, was manchmal bei den Geistern eben nichts Seltenes ist, indem sie hinsichtlich dieses ihres Wirkens eben keinen gerichteten, sondern einen vollkommen freien Willen haben, was notwendig ist, weil in einem gerichteten Willen keine Kraft liegen kann. Daher braucht es nichts mehr und nichts weniger, so die Menschen mit einer Missernte sollen gezüchtigt werden, als dieses Geschäft mehr lauen Geistern anzuvertrauen, die sich selbes nicht so sehr angelegen sein lassen, und die Missernte ist fertig. Denn wenn diese über die Vegetation wachenden Geister die ordnungsmäßig entbundenen Seelenspezifika nicht in rechter Ordnung und Anzahl gewisserart unters Dach bringen, so steigen die unbeschäftigten sogleich auf in die zweite Region, vereinigen sich da zu Selbstwesen und zu Naturgeistern, bewirken dann üble Witterungen, schlechte Miasmen, und das alles wirkt schlecht auf das Pflanzenwachstum.
ER|0|44|12|0|Damit aber das doch so selten wie möglich und nur an wenigen Orten geschehe, so haben diese Geister wieder einen höheren und vollkommeneren Geist über sich, der schon ein viel größeres Territorium zu überwachen hat. Ein solcher Geist ist gleichsam wie ein Gutsherr und hat schon vieles unter sich. Stellt euch die einzelnen Geister wie Untertanen und den über sie Gestellten wie einen Gutsherrn vor, und ihr habt ein so ziemlich richtiges Verhältnis, – oder wie da ist ein Herr, der in seinem Bezirk verschiedene Geschäfte hat und eingeweiht ist in jedes einzelne Geschäft. Aber seine Arbeiter verrichten jeder nur ein einzelnes; er aber übersieht sie alle und teilt ihnen die Arbeiten nach ihren Talenten aus.
ER|0|44|13|0|Ein Gutsherr oder ein solcher Herr seines Bezirkes aber greift nicht hinüber in den Bezirk eines anderen. Damit aber doch in allen Bezirken eine gleiche Ordnung herrsche nach der Art der Bezirke, so ist über die Bezirksherren wieder ein geistiger Gouverneur gestellt, der gewisserart schon ein ganzes Land in allem übersieht und leitet. Das ist schon ein Geist aus der dritten Region. Ihr wisst aber, dass mehrere Länder ein Reich ausmachen; darüber wacht ein Engelsfürst. Über alle Reiche aber wacht der Fürst der Fürsten, wie Er auch wacht – was kein Geist tun kann – in einem jeden einzelnen Spezifikum; und es ist darum, dass des Herrn Auge überall sieht, was da ist und geschieht.
ER|0|45|1|1|Mineralreich, Pflanzenreich und Tierreich
ER|0|45|1|1|Am 6. März 1847
ER|0|45|1|0|Das Pflanzenreich, über dessen Entstehung wir soeben gesprochen haben, ist gewisserart der Übergangspunkt vom Mineral und dem Äther, welcher aus den Gestirnen darniedertaut, in das Tierreich.
ER|0|45|2|0|Im Grunde des Grundes aber gibt es weder ein Mineral- noch ein Pflanzenreich; denn sowohl das Mineral- als das Pflanzenreich ist im eigentlichsten Sinne auch ein Tierreich, und es besteht ein jedes Mineral aus ebenso viel sogenannten infusorischen Tiergattungen, als an ihm für den Geist der Weisheit einzelne psychische Spezifikalintelligenzen entdeckbar sind, was für den gewöhnlichen Verstandesmenschen freilich wohl etwas Undenkbares ist. Aber so jemand nur irgendetwas von der wahren Weisheit und Klugheit des Geistes besitzt, für den wird es eben nicht zu schwer sein, in jedem Mineral wie in jeder Pflanze die intellektuellen, psychischen Grundspezifika herauszufinden, und zwar auf dem Weg, wie er bisher gezeigt wurde.
ER|0|45|3|0|Ihr dürft nur an einem Mineral oder an einer Pflanze alle möglichen Eigenschaftlichkeiten herausfinden, so werdet ihr damit auch ebenso viele Grundspezifika auffinden, von denen ein jedes ein ganz eigenartiges ist und daher auch nur mit einer Intelligenz einen bestimmten Zweck in dem Mineral erfüllt.
ER|0|45|4|0|Damit aber ein Mineral das werde, was es ist und sein soll, so müssen eben die zu ihm gehörenden verschiedenartigen Spezifika sich wie in eins vereinen, um durch diese Vereinigung eben jenes Mineral darzustellen, welches der Ordnung gemäß notwendig darzustellen ist.
ER|0|45|5|0|Um das so ganz gut einzusehen, werden wir zu einem Beispiel schreiten.
ER|0|45|6|0|Nehmen wir das Eisen an; wie viele Spezifika werden zur Herstellung dieses Metalls wohl erforderlich sein? Wir werden durch die Aufzählung der einzelnen Eigenschaftlichkeiten dieses Metalls sehen, was zu seiner Darstellung vonnöten ist.
ER|0|45|7|0|Einmal ist das Eisen schwer. Wodurch wird diese Schwere bewirkt? Durch ein Spezifikum, das aus den innersten Gemächern der Erde aufsteigt, daher es, wennschon hier an dieses Metall gebunden, noch immerwährend seinen intelligenten Zug dahin richtet, wo es durch so lange Zeiten gebannt lag. Es ist gleichsam in diesem Spezifikum die Liebe nach unten.
ER|0|45|8|0|Weiter bemerkt man die Eigenschaftlichkeit der Härte an dem Eisen. Dieses eigenschaftliche, einzeln für sich dastehende Spezifikum birgt in sich die ledige Intelligenz der völligen Selbstsucht und somit Härte und Unbestechlichkeit gegen jede Nachbarschaft. Dieses Spezifikum ist, so wie die Schwere, von unten.
ER|0|45|9|0|Ferner entdecken wir an dem Eisen eine geschmeidige Biegsamkeit. Das ist ein Spezifikum oder eine seelische Intelligenz, die, vielseitig durchgeprüft, in sich die Willfährigkeit trägt. Dieses Spezifikum ist darum auch schon mächtiger als die ersten beiden. Sie verlieren zwar durch das Beisein dieses Spezifikums in ihrer Eigentümlichkeit nichts, aber dennoch müssen sie sich nach diesem Spezifikum richten, das da eine demütige Willfährigkeit in sich birgt, – daher das Eisen auch umso beugsamer und geschmeidiger wird, so es erhitzt ist, und dieses Geschmeidiger- und Biegsamersein des Eisens im erhitzten Zustand entspricht umso mehr der willfährigen Demut, weil die Demut und der Wille desto geschmeidiger werden, je mehr sie durch die Feuerprobe versucht oder geprüft worden sind. Dieses Spezifikum ist zwar auch noch von unten, aber schon von guter Art, weil es sich fügt, da es durch viele Prüfungen sich fügen gelernt hat.
ER|0|45|10|0|Ein weiteres eigenschaftliches Spezifikum ist die Auflösbarkeit; denn ihr wisst, dass sich das Eisen auflösen lässt durch Säuren, wie durchs Feuer. In diesem Spezifikum liegt die Intelligenz des Freiseins, welches Spezifikum alle die früher benannten mit sich reißt, wenn es in seiner Intelligenz die Unterstützung gefunden hat, sich frei zu machen und frei zu werden. Zugleich entspricht dieses Spezifikum auch in naturmäßiger Hinsicht der Zentrifugal- oder ausdehnenden Kraft, die, so sie keine Beschränkung hätte, sich bis ins Unendliche ausdehnen würde.
ER|0|45|11|0|Damit aber das nicht geschieht, so entdecken wir gleich wieder eine andere Eigenschaftlichkeit daneben oder ein Intelligenzspezifikum, welches gewisserart den ledigen Stoizismus in sich enthält. Dieses will sich daher auf das Minutissimum zurück zusammenziehen. Dieses Spezifikum ist daher der Kontrolleur für das frühere und beschränkt es in seinem Ausdehnungsdurst; im Gegenteil aber auch das frühere Zentrifugalspezifikum dieses letztere Zentripetalspezifikum kontrolliert.
ER|0|45|12|0|Wieder bemerken wir eine andere Eigenschaftlichkeit dieses Metalls; es ist das leichte Glühendwerden am Feuer. Das ist ein Zornspezifikum im Eisen, welches zwar sonst gewöhnlich ruht; wenn es aber erregt wird, dann tritt es mächtigst auf und verschlingt alle früheren Spezifika und setzt sie in seinen Zustand. Diese Spezifika, die wir bis jetzther an diesem Metall aufgezählt haben, sind sämtlich von unten her und würden das eigentliche Eisen noch lange nicht darstellen, so sie nicht mit den edleren Spezifika aus den Sternen gesättigt wären.
ER|0|45|13|0|Wie aber kann man diese Spezifika erkennen? So wie die früheren durch die noch weitere Aufzählung der verschiedenen Eigenschaftlichkeiten dieses Metalls.
ER|0|45|14|0|Wenn das Eisen gerieben wird, so gibt es einen eigenen, metallsäuerlichen Geruch von sich. Dieser Geruch ist ein Spezifikum mit einer Intelligenz, in welcher sich schon tätige Liebe ausspricht; denn so wie in aller Säure oder in dem eigentlichen Sauerstoff die euch bekannte Lebensluft vorhanden ist, ebenso ist es in geistiger Hinsicht die tätige Liebe, welche – wie ihr lange schon wisst – im ganz eigentlichsten Sinne das Leben ist. Dieses Spezifikum ist das hauptvereinende Prinzip dieses Metalls; denn es durchdringt dasselbe nicht nur ganz, sondern umgibt dasselbe auch wie eine eigene Atmosphäre; daher auch der Geruch des Eisens.
ER|0|45|15|0|Eine andere Eigenschaftlichkeit dieses Metalls ist, dass es zur Aufnahme für die Elektrizität eine große Bereitwilligkeit zeigt. Die Ursache davon ist das gleiche Spezifikum in diesem Metall; es ist die Intelligenz der Beweglichkeit und mit ihr der Durst nach gesellschaftlicher Vereinigung. Dieses Spezifikum ist ebenfalls nicht so wie die früheren ein festgebundenes, sondern, so wie das vorhergenannte, nur ein dieses Metall durchdringendes und umgebendes. Da es aber doch mit den früheren Spezifika mehr oder weniger verwandt ist, so hält es bei ihnen gewisserart ein Standquartier und ist fortwährend bemüht, sie frei zu machen und sie dann für sich zu gewinnen. Es tritt gewöhnlich in der Erscheinlichkeit des Rostes auf, welcher Rost, wie ihr schon oft werdet erfahren haben, mit der Zeit das ganze Eisen in sich verkehrt und nach und nach ganz auflöst.
ER|0|45|16|0|Der Rost für sich ist nicht das eigentliche elektrische Spezifikum, welches fortwährend frei bleibt, sondern das sind die anderen früheren, schon gewisserart an dieses freie Spezifikum angeschlossenen Spezifika, welche sich bemühen, jedes in seiner Art, diesem Spezifikum gleich zu werden. Seht, dieses Spezifikum ist demnach auch von oben.
ER|0|45|17|0|Wieder eine andere Eigenschaftlichkeit ist das Schimmern oder Glänzen des Eisens, und zwar in einer weißlicht-grauen Farbe. Dieses Spezifikum fasst den Begriff „Ruhe“ in sich; nur in der Ruhe kann sich alles ausgleichen, und wenn alles ausgeglichen ist, dann tritt eine gleiche Fläche in Vorschein, und diese ist fürs Licht aufnahmefähig so wie die Fläche eines Spiegels. Dieses Spezifikum ist dem ganzen Eisen eigen; aber es ist kein an dasselbe fest gebundenes, sondern vereinigt sich erst dann mit demselben, sobald dieses auf seiner Oberfläche rein geputzt, geflächt und dann geglättet wird. Würden aber seine Teile, die auf der Oberfläche in die größte gleichmäßige Ruhe getreten sind, durch irgendetwas in derselben gestört, so ist dieses Spezifikum schon dahin, und wenn nicht ganz, so doch teilweise, woraus aber auch hervorgeht, dass auch die Seele des Menschen in ihrer Komplettheit nur dann fürs Licht aufnahmefähig ist, wenn sie sich in die Ruhe ihres Geistes begibt. Denn der Geist ist das Hauptprinzip der Ruhe, aus welchem Grunde auch die alten Weisen einer abgeschiedenen Seele nichts außer Ruhe und Licht nachwünschten.
ER|0|45|18|0|Um alle die Spezifika in diesem Metall noch weiter aufzufinden, und dadurch den Weg dieser wichtigen Arbeit noch mehr zu bezeichnen, und das Tierreich im Mineral- und Pflanzenreich recht erschaulich zu machen, und wie dann das Tierreich aus diesem hervorgeht, werden wir nächstens des Eisens siderische Spezifikaleigenschaften noch weiter verfolgen.
ER|0|46|1|1|Das Tierreich im Mineral- und Pflanzenreich
ER|0|46|1|1|Am 8. März 1847
ER|0|46|1|0|Wenn das Metall, Eisen nämlich, gehämmert wird, so wird es elastisch. Die Elastizität ist ebenfalls ein Spezifikum von oben und ist gleich einer geordneten Willenskraft, die nicht heute das und morgen etwas anderes will; sondern mag da diese Kraft beugen wollen, was da will, so bleibt sie aber dennoch niemals in dieser Richtung, sondern nimmt allzeit die früher geordnete wieder ein. Diese Spezifikalkraft ist eine der häufigsten, die sich in dieser unteren Luftsphäre aufhält und jedes Luftatom durchdringt, daher auch die Luft selbst im höchsten Grad elastisch ist.
ER|0|46|2|0|Diese Kraft, obschon von oben herabkommend, durchdringt zugleich auch den ganzen Erdball und ist die Hauptursache aller Bewegung in und an demselben; sie ist auch das eigentliche Grundwesen, welches in allen Körpern die Bewegung und ihre eigene, mit der Hand fühlbare Elastizität bewirkt. Nur im Feuer lässt sie nach, weil sie durch dieses in eine zu große Tätigkeit gesetzt wird, aber zugrunde gehen mag sie wohl nimmer, diese allerwichtigste Kraft; denn wenn schon das glühende Eisen diese Kraft scheinbar verloren hatte, so darf man aber das kaltgewordene Eisen nur wieder hämmern, und siehe, die scheinbar verlorengegangene elastische Kraft ist so wie zuvor wieder vorhanden.
ER|0|46|3|0|Dieses Spezifikum ist dem Licht nächstverwandt und besteht aus lauter Lichtatomen. Der Form nach ist es kugelförmig oder noch besser gesagt: Dieses Spezifikum wird in einem freilich wohl überaus kleinen und höchst durchsichtigen Bläschen getragen, welches in alle Poren der Materie hineindringt. Werden nun die Poren, wie beim Eisen, durch das Hämmern verrieben und verschlossen, sodass diese elastischen Spezifikalbläschen beim Beugen dieses Metalls nicht entweichen können, so lassen sie sogleich ihre kräftige Anwesenheit merken, wenn das Eisen gebogen wird, und lassen es nicht in der Richtung ruhen, in die es gebogen ward, sondern treiben es sogleich wieder in jene Richtung zurück, welche ihrer gedrückten Lage am entsprechendsten ist.
ER|0|46|4|0|Diese Lichtatome werden von einigen Naturforschern auch ätherische Lichtmonaden genannt, welcher Name ziemlich gut ist, weil durch den Ausdruck „Monade“ gewisserart ein Einzelnes oder ein Alleiniges in seiner Art bezeichnet wird. Dieses Spezifikum ist, weil dem Licht entstammend, höchst eigentümlich in seiner intellektuellen Sphäre. Es liebt die Ruhe und sucht dieselbe mit der größten Beharrlichkeit; aber eben darum, weil es in sich selbst gewisserart das Gesetz der Ruhe selbst ist, so übt es in jeder Beschränkung und Bedrückung, den vorigen Ruhezustand suchend, die größte bewegende Kraft aus, welcher Kraft ebenfalls nichts widerstehen kann, wenn sie durch irgendetwas aus ihrem Gleichgewicht gebracht wurde.
ER|0|46|5|0|Seht, das ist sonach wieder ein neues Spezifikum, also eine neue Intelligenz in diesem Metall und beurkundet sich in dem scheinbar toten Metall, auf eine gleiche Weise wirkend wie bei den Pflanzen und Tieren, – woraus aber wieder hervorgeht, dass das Eisen unmöglich ein toter Körper sein kann, da in ihm eine und dieselbe intellektuelle Kraft ebenso wie bei den Tieren tätig wird, wenn sie durch die rechten Mittel erregt wird.
ER|0|46|6|0|Worin besteht denn so ganz eigentlich dieses Spezifikum? In einem für euch unbegreiflich kleinen Lichtfünkchen in dem vorerwähnten Bläschen. Dieses Lichtfünkchen ist eine psychische Willensbeharrlichkeitsintelligenz und bleibt so lange ruhig in seinem Kerkerchen, solange es nicht durch irgendeinen Stoß oder Druck beleidigt wird; wird es aber beleidigt, dann erwacht es in seiner Hülse und treibt die Wände derselben auseinander, als wie die Luft die Wände einer Blase, wenn sie in dieselbe kommt. Ist der Druck oder ein Stoß nur gering und schwach, da beurkundet es sein Dasein durch ein Zittern, von welchem gewöhnlich der Ton herrührt. Wird der Druck oder Schlag aber heftiger, dann zerreißt es seine Hülsen und sprüht als hellleuchtende Feuerfunken hervor; daher auch im Feuer dieses Spezifikum frei wirkend in die Erscheinlichkeit tritt und alles zerstört, was ihm unterkommt.
ER|0|46|7|0|Ich meine nun, nachdem ihr diese Spezifika habt kennengelernt und eingesehen, dass sie wirklich in diesem Metall gleich so, wie in dem Pflanzen- und Tierreich vorhanden sind, was soll uns demnach hindern, mit gerechtem Grunde anzunehmen, dass das tierische Leben auch in den Metallen und anderen Mineralien so gut vorhanden ist als wie bei den Tieren selbst? Denn die einzelnen Intelligenzen sind immer dieselben, ob in Mineralien, Pflanzen oder Tieren, nur mit dem Unterschied, dass in den Mineralien nur noch ganz wenige Intelligenzen vereint in die Erscheinlichkeit treten, während in den Pflanzen und besonders in dem ausgebildeteren Tierreich schon eine bei weitem größere Menge wirkend vorhanden ist. Wo das Mineral etwa acht, neun, zehn, höchstens bis zwanzig Intelligenzen zählt, da sind bei mancher Pflanze schon viele Tausende, bei manchem Tier viele Millionen und millionenmal Millionen und bei dem Menschen zahllose aus allen Sternen und aus allen atomistischen Teilchen der Erde.
ER|0|46|8|0|Das Mehr oder Weniger aber schließt das tierische Lebendigsein in den Mineralien nicht aus, und das darum nicht, weil fürs Erste diese intellektuellen Spezifika sich selbst in allerlei lebendigen tierischen Gestalten dem bewaffneten Auge eines Forschers offenbaren, und weil fürs Zweite diese Intelligenzen in den Metallen und Mineralien auf ein Haar dieselben sind wie in den Tieren.
ER|0|46|9|0|Wer da ein solches Mikroskop hätte, das da die Gegenstände gegen sechs Millionen Mal vergrößern würde, der würde mittels dieses Mikroskops in einem einzigen Wassertropfen eine ungeheure Menge von den allerseltensten tierischen Gestalten entdecken. Diese Gestalten sind nichts als Träger von verschiedenen einzelnen Intelligenzen, welche sich fortwährend feindlich begegnen, sich ergreifen und scheinbar zerstören; aber an ihre Stelle tritt dann bald eine neue Gestalt, die alle die früheren in sich aufnimmt und sie gleichsam verzehrt. Hat eine solche Gestalt sich hinreichend gesättigt, dann kommt sie zur Ruhe und sinkt zu Boden.
ER|0|46|10|0|Wenn aber dann eine zahllose Menge solcher Gestalten zur Ruhe und zum Sinken gekommen ist, so kleben sie sich dann in der Ruhe als höchst verwandte Wesen fest aneinander, und siehe, daraus wird für euer Auge eine scheinbar tote Materie. Allein das ist sie mitnichten; sie ist nur eine gefangene Anzahl von einzelnen Intelligenzen, welche, wieder aufgelöst, lebendig werden können und verbunden zu einer anderen Form, welche Arbeit – wie ihr schon wisst – unsere schon sehr wohlbekannten Geister eben also verrichten, wie wir sie in dem Pflanzenreich in ihrer Tätigkeit belauscht haben.
ER|0|46|11|0|Und nachdem wir diese Vorleitung gründlich durchgemacht haben, so wollen wir fürs Nächste uns in das Tierreich begeben und sehen, wie dort die Geister wirken.
ER|0|47|1|1|Die Ordnung der Spezifikalintelligenzen
ER|0|47|1|1|Am 9. März 1847
ER|0|47|1|0|Es ist manchmal nicht überflüssig, um das Folgende desto mehr anschaulich und begreiflich zu machen, eine Wiedererinnerung dessen, was schon gesagt wurde; und so wollen auch wir über die verschiedenen Quantitätsverhältnisse der Spezifikalintelligenzen aus den drei Reichen einiges erwähnen. Es ist nämlich oben gesagt worden:
ER|0|47|2|0|Wenn in der Materie, oder im Metall- oder Mineralreich, zehn bis zwanzig Intelligenzen vorkommen, so kommen sie im Pflanzenreich tausend bis tausendmal tausend vor, im Tierreich auf höherer Stufe Millionen- und Millionen mal Millionen, im Menschen aber gehen sie ins Indefinitum [Unbestimmte, Unbegrenzte]. Dass dies wirklich so der Fall ist, wollen wir durch eine vergleichende Beispielsweise näher vor die Augen stellen.
ER|0|47|3|0|Man kann das Eisen glühend machen, es umschmieden, das, was früher vorne war, wegnehmen und rückwärts anschweißen und dergleichen Veränderungen mehr, – und das Eisen bleibt Eisen nachher wie zuvor; der gleiche Fall ist es mit allen anderen Metallen.
ER|0|47|4|0|Die Steine stehen dem Pflanzenreich schon etwas näher, haben auch schon mehr Spezifika als die Metalle, und zwar je gemeiner sie sind, desto edler und reichhaltiger in spezifischer Hinsicht; daher sie, wenn man sie zerstört, nicht leichtlich in ihren früheren kompletten Zustand gesetzt werden können. Sie bleiben zwar auch als zerbröckelte Teile eines früheren kompletten größeren Steines noch dieselbe Materie; aber sie können nicht, so wie die Metalle, durch das Feuer zu einer und derselben materiellen Masse zusammengefügt werden; denn das Feuer versetzt sie schon in einen ganz anderen Zustand, welcher dem früheren nimmer gleicht.
ER|0|47|5|0|Die Ursache dieser Erscheinung ist die Mehrzahl von Spezifikalintelligenzen, welche schon in einer größeren Ordnung sich ergreifen müssen als wie in den Metallen; und wird diese Ordnung durch irgendetwas gestört, wodurch oder wobei sich mehrere Intelligenzen empfohlen haben, so wird die Materie nicht mehr dieselbe, als sie früher war.
ER|0|47|6|0|Nehmt nur einen Kalkstein im rohen und dann im gebrannten Zustand. Im rohen mag er wohl tausend Jahre im Wasser liegen, so wird er sich nicht nur nicht auflösen, sondern nur fester werden, weil sich im Wasser mehrere Spezifika mit ihm vereinen. Werft aber einen gebrannten Kalkstein ins Wasser, und er wird in wenigen Minuten sich in einen ganz weißen Brei auflösen. Die Ursache von dieser Erscheinung ist, weil durch das Feuer eine gewisse Anzahl von Spezifika entwichen ist, welche früher dem Stein Dichtigkeit und Festigkeit gegeben haben; kommt endlich noch vollends Wasser dazu, so werden dadurch noch mehrere Spezifika frei, und die wenigen sich noch haltenden verlieren den nötigen Zusammenhang und fallen dann als ein Brei auseinander. Wird dem Brei das Wasser wieder genommen, so treten dann wieder einige frei gewordene Spezifika in den Brei zurück und bewirken, dass dieser Brei wieder zu einer größeren Festigkeit kommt, aus welchem Grunde er dann auch bei Mauerwerken als Bindungsmaterial gebraucht wird.
ER|0|47|7|0|Aus diesem Beispiel haben wir nun gesehen, dass die Steine mit sich nicht mehr so wie die Metalle manipulieren lassen, ohne ihre vorige Eigenschaft zu verlieren. Noch mehr ist das mit dem Ton der Fall, der, so er einmal gebrannt ist, ganz und gar seine frühere Eigenschaft verliert; denn aus einem gut gebackenen Ziegel wird nimmer Tonerde, noch weniger ein sogenannter Tonschiefer. Mehr aber noch als der Ton ist der Lehm heiklig; denn ein Lehmkuchen, in das Feuer gelegt, verglüht beinahe so wie Torf oder Steinkohle; nur versteht sich das vom reinen Lehm. Der Lehm aber lässt sich noch durch das Wasser erweichen und in verschiedene Formen kneten und bleibt ebenfalls noch Lehm, was auch beim Ton der Fall ist.
ER|0|47|8|0|Aber welch ein ganz anderer Fall ist das schon bei der gemeinsten Pflanze; da ist schon eine so feste Ordnung, dass sie auch nirgends um ein Atom verrückt werden darf, ohne der Beschaffenheit der Pflanze zu schaden. Der Grund liegt darin, weil in der Pflanze, selbst von der allereinfachsten Art, schon alle Spezifika wohlgeordnet vorhanden sein müssen, welche sonst in dem ganzen Mineralreich verschieden geteilt und gesondert anzutreffen sind.
ER|0|47|9|0|Nehmen wir z. B. einmal eine Moospflanze her, oder gar einen von heute bis morgen wachsenden Schwamm. Da kann nicht das, was in der Wurzel ist, den Stängel bilden, und selbst in der Wurzel ist schon eine so feste Ordnung, dass ein Spezifikum, welches gegen Mittag in der Wurzel tätig ist, gegen Mitternacht am geeignetsten Platz wäre und in dem Gewächs eine solche Unordnung bewirken würde, dass es verdorrte und abstürbe.
ER|0|47|10|0|Daher auch die Gärtner, wenn sie ihre Bäume gut versetzen wollten, sich genau die Himmelsgegenden merken sollten, unter denen ein Bäumchen mit seinen Wurzeln und Ästen früher gestanden ist; denn verkehren sie diese Ordnung, so wird das übersetzte Bäumchen entweder schwer oder gar nicht fortkommen, und das darum, weil zwischen den nördlichen und südlichen Spezifika ein bedeutender Unterschied ist. Besonders heiklig sind in diesem Punkt die Nadelhölzer; wie bei diesen die Himmelsgegend nicht getroffen ist, so dorren sie ab. Dasselbe ist auch bei den Pfropfreisern der Fall. Ein Pfropfreis von einem nördlichen Zweig auf einen südlichen Zweig eines anderen Bäumchens gepfropft, wird allzeit verdorren, weil die Spezifika nicht homogen sind.
ER|0|47|11|0|Aus diesem aber könnt ihr ersehen, mit welcher großen Genauigkeit die Ordnung in Hinsicht der Stellung der Spezifika gehandhabt werden muss; denn da hat ein jedes atomgroße Plätzchen eines Blattes schon ein anderes Spezifikum, welches zwar mit seinem Nachbar die größte Verwandtschaft hat, aber dennoch nicht völlig dasselbe ist, was sein Nachbar ist, denn wäre das nicht der Fall, da könnte nie ein Blatt konstruiert werden; und der dieses bezweifeln möchte, der soll nur versuchen ein gleich rundes Stückchen aus einem Blatt herauszustechen und es auf einen gleich großen Ausstich desselben Blattes anzufügen, und er wird sich überzeugen, dass da nimmer eine Verbindung vor sich gehen wird. Ja, Ich sage euch, da ist schon eine so große Ordnung vorhanden, dass sie keine menschliche Weisheit je in der Fülle erfassen kann, solange der Geist des Menschen in seiner sterblichen Hülle wohnt. Und je weiter in die Extremitäten einer Pflanze hinaus, desto reichhaltiger ist die Zahl der Intelligenzen und desto unverrückbarer ihre Ordnung, welche eben in den Zweigen, besonders junger Bäume, noch nicht so ausgebildet ist, daher diese auch übersetzt oder ineinandergepfropft werden können.
ER|0|47|12|0|Wenn aber schon bei den Pflanzen eine so große Ordnung gehandhabt werden muss, damit sie das werden, was sie sein sollen, als verschiedene Erlösungsanstalten, nämlich zur Freiwerdung seelischer Intelligenzen, wie groß muss dann erst die Ordnung sein, wo das Pflanzenreich in das Tierreich übergeht.
ER|0|47|13|0|Um diese Ordnung so gründlich als möglich einzusehen, werden wir nächstens durch lauter anschauliche Beispiele diese Sache beleuchten und die Tätigkeit und Weisheit der hierbei angestellten geschäftsleitenden Geister bewundern.
ER|0|48|1|1|Die Grenzen zwischen den Naturreichen
ER|0|48|1|1|Am 12. März 1847
ER|0|48|1|0|Noch bis zur heutigen Stunde haben es die Naturforscher nicht ausgemacht, wo das Mineralreich ins Pflanzenreich und dieses in das Tierreich übergeht, oder: Wo hört das eine Reich auf und wo fängt das andere an? Wo ist wohl die letzte und vollkommenste Pflanze, nach der keine Pflanzenstufe mehr kommt, sondern sogleich ein erstes, freilich sehr unvollkommenes Tier an seine Stelle tritt?
ER|0|48|2|0|Seht, das sind noch Sachen, die bis jetzt noch in großer Dunkelheit stehen; denn es gibt auf der Erdoberfläche eine große Menge Pflanzen, die eher tierischer als pflanzlicher Natur zu sein scheinen, und wieder gibt es Tiere, die bei weitem eher einer Pflanze als einem Tier gleichsehen. Also gibt es auch Mineralien, die eher für Pflanzen als für Mineralien gehalten werden könnten, und wieder gibt es Pflanzen, die eher für Mineralien als für Pflanzen gelten könnten; und so gibt es auch viele Tiere, die noch pflanzenähnliche Extremitäten zur Schau tragen, und wieder gibt es Pflanzen, aus denen ein beinahe ganz gut ausgebildetes Tier herausschaut.
ER|0|48|3|0|Da die Sachen sich so verhalten, so wird jedermann leicht einsehen, dass da eine genaue Grenzermittlung ein überaus schweres Stück Arbeit für jeden Naturforscher sein dürfte, und das hauptsächlich auch aus dem Grunde, weil es noch eine ungeheure Anzahl sowohl von Tier- als Pflanzengattungen gibt, die den Naturforschern noch gar nicht bekannt sind und schwerlich je werden bekannt werden; denn die größte Anzahl der merkwürdigsten Pflanzen und Tiere wächst und wohnt in den Tiefen des Meeres. Die großen unterseeischen Flächen aber sind für Botaniker und Zoologen etwas schwer zugänglich, daher auch eine Bekanntschaft mit den Tieren und Pflanzen dieses feuchten Bodens schwer zu machen ist.
ER|0|48|4|0|Zudem aber gibt es auch noch eine Menge Tiere und Pflanzen auf der Erdoberfläche selbst, die den Naturforschern darum unbekannt sind, weil diese, für ihren Forschungsgeist etwas unbequem gelegenen Ländereien der Erde noch selbst nicht bekannt sind.
ER|0|48|5|0|Die Naturforscher wundern sich schon über die Korallen, und noch ist es nicht völlig ausgemacht, ob sie zum Mineral-, Pflanzen- oder Tierreich gehören; denn es weiß ein jeder Naturforscher, dass die Korallen durch eine Art Würmchen gebildet werden, welche sehr klein sind, sich aneinander kleben und also einen Korallenzweig ausbilden. Die Würmchen sind sicher Tiere; wenn sie aber verhärten, da ist ihre Masse so fest wie Edelgestein. Die Form aber, in der diese Tierchen durch ihr Aneinanderkleben nach und nach sich ausbilden, gleicht einem entlaubten Bäumchen, das Äste, Zweige und ganz kleine Zweige hat. Also ist dieses Gewächs der Bildung nach ein Tiervolumen aus zahllos vielen Tieren, als Masse ein Mineral und als Bild und Form ein Blümchen.
ER|0|48|6|0|Was demnach eigentlich die Koralle ist, wäre mit einem Ausdruck schwer zu bestimmen; aber dass die Koralle das ist, wie sie vorhin bestimmt wurde, kann jeder leicht einsehen und annehmen, also zum Teil Tier, zum Teil Mineral und zum Teil Pflanze.
ER|0|48|7|0|Diesem Gewächs ähnlich sind auch die verschiedenartigen Metallblüten, die samt und sämtlich auf gleiche Weise entstehen. Im Meer aber gibt es noch eine Menge kleiner und großer Tiere, die mehr noch als die Korallen die drei Reiche auf das Augenscheinlichste in sich schließen.
ER|0|48|8|0|Betrachten wir beispielsweise den großen Kraken. Dieser ist wohl das größte Tier der Erde; denn er ist in seinem völlig ausgewachsenen Zustand über fünfhundert Klafter lang und bei hundert Klafter breit und dick. Dieses Tier hat keine bestimmte Gestalt, sondern sieht, wenn es manchmal auf die Oberfläche des Meeres kommt, einer ziemlich plumpen Insel gleich, welche hie und da eine recht üppige Vegetation zeigt. Auf seinem Rücken wächst nicht selten Moos, Meergras und sogar kleine Seebäumchen, die sogar eine rote, runde Frucht tragen, die ihr schon selbst öfter gesehen habt und namentlich bei den Goldarbeitern, die diese Frucht in Gold fassten und sie als Zierde eines Uhrbandes verkauften.
ER|0|48|9|0|Diese Frucht, welche öfter an den Meeresufern frei schwimmend angetroffen wird, wächst und reift meistens auf dem Rücken unseres Kraken, den nur ein böses unterseeisches Wetter auf die Oberfläche des Meeres treibt. Nebst diesen Gewächsen aber findet man auch eine Menge roter, felsartiger Erhöhungen auf dem Rücken dieses Tieres, welche nicht selten abgeworfen werden und eine Zeit lang, solange sie noch nicht völlig gefestet sind gleich dunkelroten Bimssteinen auf der Oberfläche des Meeres herumschwimmen und häufig an manchen Meeresufern, manchmal wohl auch auf festem Land, wo einmal ein Meer gestanden ist, unter dem Namen „Drachenblut“ aufgefunden werden. Dieses Drachenblut hat eine große Ähnlichkeit mit dem Roteisenstein, manchmal auch mit der quecksilberhaltigen peritomischen Hornblende. Dieses Blut ist ganz Mineral, welches auf dem Rücken dieses Tieres einzig und allein echt vorkommt.
ER|0|48|10|0|Dem Ansehen nach ist dieses Tier somit Pflanze und Mineral zugleich; aber wenn unglücklicherweise etwa ein Schiff, oder manchmal auch mehrere, über dem Rücken dieses ungeheuren Tieres zu stehen kommen, dann taucht das Tier schnell aufwärts, hebt ganze Schiffe über den Meeresspiegel hinaus, dass sie bald umstürzen und, außer dem Wasser zu stehen kommend, sich nicht mehr von diesem Boden des sicheren Unterganges flüchten können; denn so das Tier einmal gewahrt, dass die Schiffe auf seinem Rücken umgestürzt liegen, so erhebt es von allen Seiten tausend blendendweiße Arme, gleich großen Elefantenrüsseln, in eine Höhe von dreißig Klaftern und in einer Dicke von nicht selten acht Schuh im Durchmesser.
ER|0|48|11|0|Hat es die Arme einmal, wie die Schnecke ihre Fühlhörner, weit genug hinausgetrieben, so beugt es dann diese fürchterlichen Arme zu den Schiffen hinab, die auf seinem Rücken liegen, zerquetscht sie in einem Nu, und trägt dann mit diesen tausend Armen das zerquetschte Schiff unter sich in seinen unmäßig weiten Schlund und verzehrt auf diese Weise das ganze Schiff mit allem, was darinnen war. In seinem Magen liegt eine solche Verdauungskraft, der gar nichts widersteht; Steine, Metalle, Holz, sogar Diamanten verzehrt es so ganz und gar, dass da nicht das kleinste unverdaute Restchen überbleibt.
ER|0|48|12|0|Weil aber dieses Tier so viel Verschiedenartiges verdaut, so ist es dann auch erklärlich, dass auf seiner Oberfläche, wie auf der Oberfläche eines kleinen Wasserplaneten, eine Menge vegetabilischer und mineralischer Aftergebilde zum Vorschein kommt.
ER|0|48|13|0|Da ließe sich denn auch fragen, zu welchem Reich man dieses Wesen zählen soll, zum Tier-, Pflanzen- oder Mineralreich? Denn vermöge seiner Gestalt ist es ganz mineralisch aussehend, wie ein Stück Erde oder ein Stück Landes, auf dem ein recht üppiger, verschiedenartiger Pflanzenwuchs vorkommt; da aber auf diesem Wesen verschiedenartige Pflanzen vorkommen, so könnte man es auch für eine große Meerpflanzenwurzelknolle halten oder gleichsam für eine übergroße, unterseeische Mimose, welche da Schiffe, wie die kleine Mimose auf dem Land einzelne Insekten, umschlingt und dann in ihren Blumenkelchrachen hinabzieht.
ER|0|48|14|0|Wenn jemand diese Punkte so recht kritisch beleuchtet, so wird es ihm ebenso schwer werden, dieses Wesen in ein bestimmtes Reich einzureihen, als wie schwer es jedem Naturforscher fallen dürfte, die Erde selbst in eine bestimmte Klasse einzuteilen. Denn die Erde selbst ist allem Anschein nach doch sicher Mineral, weil sie auf ihrem Rücken eine so ungeheure Menge Mineralien erzeugt; aber sie ist auch ebenso sicher Pflanze, weil sie so viele Afterpflanzen gebiert, und noch sicherer ist sie ein Tier, weil sie ein so ungeheuer reichhaltiges Tierleben produziert.
ER|0|48|15|0|Aus alldem geht aber etwas, für euch freilich auf den ersten Anblick Sonderbares hervor. Denn im Grunde des Grundes gibt es weder ein Mineral-, noch ein Pflanzen-, noch ein Tierreich als abgesondert für sich, sondern es gibt nur im Ganzen ein Reich, und das ist das Wesenreich unter allerlei Formen, und alles ist ursprünglich Tier und nicht Mineral und nicht Pflanze. Und darinnen liegt der Grund, warum die Unterscheidungsmerkmale zwischen den drei vermeintlichen Reichen auf fortwährend gleich lockeren und unhaltbaren Füßen stehen.
ER|0|48|16|0|Nur in der Ordnung des Aufsteigens der Wesen sind gewisse Stufen gestellt, die jedermann leicht als gesondert ersieht; denn wer einen Felsen von einem Baum, einen Baum von einem Ochsen und endlich einen Ochsen von einem Esel nicht unterscheiden kann, bei dem ist – wie ihr zu sagen pflegt – Taufe und Chrisam verdorben, und mit der Astronomie wird er sich schwer abgeben und noch schwerer mit unserer Theorie über die geistige Erde.
ER|0|48|17|0|Da wir aber nun das wissen, so wird es uns von nun an immer leichter, die Tätigkeit unserer schon oft besprochenen Geister zu belauschen.
ER|0|49|1|1|Das Werden der Tiere durch Geistereinflüsse
ER|0|49|1|1|Am 13. März 1847
ER|0|49|1|0|Wie die Geister beim Mineralreich und Pflanzenreich die Spezifikalintelligenzen zu einem Wesen ordnen, und wie sie die siderischen und tellurischen miteinander verbinden, das haben wir bereits schon zur Genüge abgehandelt; es bleibt uns da nur noch der Übergang oder so ganz eigentlich das Werden des Tieres aus dem früheren Reich zu betrachten übrig und zu beobachten, was alles hier die Geister dabei selbst zu beobachten und zu tun haben.
ER|0|49|2|0|In einem jeden Tier ist schon eine mehr oder weniger ausgebildete Seele wirksam zugegen, welche durch den sie allzeit umgebenden sogenannten Nervengeist in ihrem Körper, der eine noch grobe Materie ist, wirkt. Und darin unterscheidet sich auch so ganz eigentlich das Tier- von dem Pflanzenreich und noch mehr von dem Mineralreich, dass das Tier schon eine freie Psyche hat, während diese im Pflanzen-, und besonders im Mineralreich noch mit der Materie also verwebt ist und geteilt, wie etwa der Weingeist in der Traube, da auch jemand sehr viele Trauben verzehren kann und nicht rauschig wird, während der Spiritus aus zwanzig Trauben genügte, zehn Menschen zu berauschen. Man versteht hier von selbst große, gute und reife Trauben.
ER|0|49|3|0|Wo hält sich wohl dieser Spiritus in der Traube auf, dieser feuriggeistige Äther? In der Traube ist er noch sehr geteilt und kann nicht eine Wirkung äußern, da in einem jeden Traubensaftbeerchen unter tausend Spezifikalien auch ein solches ätherisches Spezifikum beigemischt ist. Wenn aber durch einen euch bekannten Sonderungsapparat dieses einzelne Spezifikum aus den vielen anderen Spezifika herausgezogen wird und gesammelt in ein Gefäß, so äußert es dann erst seine Kraft.
ER|0|49|4|0|Also ist es auch mit der Tierseele der Fall. Sie ist ein Aggregat von einer Menge ätherisch substantieller Spezifika, welche schon für sich ein insoweit intelligentes freieres Wesen bilden, je mehrartig sie sich zu ebendiesem Wesen vereinigt haben.
ER|0|49|5|0|Wenn bei den Tieren der Akt der Zeugung eintritt, so treiben die Geister durch ihren Willen diese psychischen Tierwesen in die materiellen Zeugungsorgane der Tiere und umschließen sie im Augenblick der Zeugung mit einem materiellen Häutchen; in diesem Häutchen wird dann diese Psyche tätig und fängt an, nach der Komplettheit ihrer Intelligenz sich selbst zu ordnen.
ER|0|49|6|0|Hat die Seele oder die Psyche in dieser ersten Behausung und in sich selbst die bestimmten Anordnungen getroffen, so sorgen dann die Geister, dass diese Psyche durch neue, eigens dazu gebildete Organe aus dem Mutterleib die entsprechende Nahrung erhält und mit ihr das Baumaterial für ihren künftigen Leib, den sie zu bewohnen und durch den sie zu wirken hat.
ER|0|49|7|0|Diesen Leib bildet die Seele selbst; aber freilich unter fortwährender Leitung der Geister, die dabei freilich keine Hand, sondern bloß nur ihren Willen ans Werk zu legen haben.
ER|0|49|8|0|Die Ausbildung des Leibes geht aber auf diese Weise vor sich:
ER|0|49|9|0|Die ätherisch-substantielle Psyche hat zuerst ihre Intelligenzen geordnet, oder diese Intelligenzen ordnen sich vielmehr von sich selbst nach den in ihnen wohnenden Gesetzen der Assimilation, da sich Schwarz eint mit Schwarz, Weiß mit Weiß, Rot mit Rot, Grün mit Grün, Blau mit Blau, Hart mit Hart, Weich mit Weich, Zähe mit Zähe, Süß mit Süß, Bitter mit Bitter, Sauer mit Sauer, und Licht mit Licht usw. Da aber ein jedes solches ätherische und nun schon substantielle Intelligenzspezifikum eine vollkommene Idee in sich trägt, welche Idee sich in einer bestimmten Form plastiziert, so geht diese Eigenschaft der Seele in der Bildungsperiode des Leibes eben auf den Leib über, und der Leib ist dann bei seiner vollen Ausbildung nichts als die typische Form der kompletten Seele, die da bei der Zeugung in den Mutterleib eines Tieres im Augenblick der Zeugung gegeben ward.
ER|0|49|10|0|Ist die Form im Mutterleib einmal vollends ausgebildet, und hat die Seele nach ihrer Gestaltung sich gewisserart in der Form des Leibes wiedergestaltet, dann hat sie auf eine gewisse Zeit Rast, und der Leib bildet dann durch die noch im Mutterleib ferner eingenommene Nahrung sich weiter aus, freilich durch Unterstützung der Seele insoweit, als diese dann bloß nur in den Haupteingeweiden ihre neue Tätigkeit beginnt.
ER|0|49|11|0|Da fängt nämlich der Pulsschlag an, und die Säfte fangen in dem neuen Leib an zu zirkulieren; die neue Nahrung wird schon in den Magen aufgenommen, der sein Verdauungsgeschäft damit beginnt.
ER|0|49|12|0|In dieser Zeit wird der sogenannte Fötus im Mutterleib leiblich lebendig.
ER|0|49|13|0|Wenn dann der Leib durch diese Operation ganz geregelt wird, alle Organe sich geöffnet haben, Pulsschlag und Verdauung in den geregelten Gang getreten sind, und die Nerven gesättigt wurden und in ihnen sich ein der Seele nächstverwandter Nervengeist durch einen eigenen, elektromagnetischen Gärungsprozess gebildet hat, so treten dann wieder Geister mit ihrem Willen hinzu, lösen die Bande zwischen dem Fötus und dem Mutterleib und treiben dann das neue Wesen aus dem Mutterleib hinaus, und das ist die Geburt.
ER|0|49|14|0|Nach der Geburt muss das neugeborene Tier noch eine kurze Zeit aus dem Mutterleib genährt werden, wie z. B. bei den Säugetieren durch die Milch, beim Geflügel durch die Überschleimung der Nährmittel, womit die Alten die Jungen in den Nestern füttern, bei den Wasseramphibien ebenfalls durch einen Schleim, den diese im Wasser unter einer milchigen Gestalt von sich lassen und bei den Amphibien am Land durch einen Saft, den die Alten entweder aus ihren Warzen oder wohl auch aus ihrem Rachen ausfließen lassen. Bei dieser Nahrung wird der Leib dahin weiter ausgebildet, dass er dann die ihm bestimmte Nahrung selbst suchen, finden und verzehren kann.
ER|0|49|15|0|Von dem Augenblick an, wo der Leib seine Nahrung frei findet und genießt, fängt die in ihm wohnende Psyche nach der Leitung der Geister die materiellen Spezifika des Leibes in substantielle zu verkehren an und bildet sich auf diese Weise durch die Lebensdauer ihres Leibes zu einer reicheren und somit auch vollkommeneren Psyche aus, welche, wenn sie in einem Leib die höchstmöglichste Ausbildung erreicht hat, dann denselben nach und nach stets mehr außer Acht lässt.
ER|0|49|16|0|Durch diese Außerachtlassung siecht der Körper stets mehr und mehr, bis er der Seele vollends lästig und zum weiteren Wirken untauglich wird, was der Seele zwar durch den Nervengeist einen Schmerz verursacht, welcher Schmerz aber dann eben dazu beiträgt, dass die Seele sich solch ihrer Last endlich gänzlich entledigt; dann fällt der Leib wie tot und regungslos dahin, die Seele aber wird wieder frei, und wird durch die Geister wieder gefangen und zu der Zeugung einer höheren Tierstufe genötigt, wo sie dann auf eine ganz gleiche Weise, wie sie jetzt beschrieben ward, nur komplizierter, tätig wird.
ER|0|49|17|0|Die Spezifika des abgelegten Leibes aber müssen wieder aufgelöst werden, weil sie noch nicht in eine bestimmte, sondern in eine notfällige Ordnung von der Seele zusammengerafft worden sind. Durch die nochmalige Auflösung aber werden sie dann in eine bestimmtere Ordnung gestellt und bilden im Verlaufe der fortrückenden Tierstufen die weibliche Psyche, während die freie, eigentliche Psyche, von der wir jetzt gehandelt haben, die männliche ist; und so kommt die Eva überall aus den Rippen des Mannes hervor.
ER|0|49|18|0|Man könnte hier freilich fragen: Was geschieht denn dann mit den Spezifika abgelegter weiblicher Leiber?
ER|0|49|19|0|Sie werden mit den männlichen vereinigt; durch diese Vereinigung sie dann erst in einer nächsten Stufe fähig sind, in sich Weibliches und Männliches auszubilden. Denn dass aus einem und demselben Mutterleib Männlein und Weiblein hervorgehen, braucht kaum mehr erwähnt zu werden, indem ja wohl jeder von euch es so weit schon in der Zoognosie gebracht hat.
ER|0|49|20|0|Wenn aber die Mutter nicht zugleich weibliche und männliche Spezifika in ihrem Leib vereinigte, woher würde sie das Weiblein und woher das Männlein ernähren? Ich meine, diese Sache ist schon so klar, dass es eine förmliche leere Mundwetzerei wäre, ein mehreres davon zu sagen, und lächerlich und über die Maßen langweilig, so Ich euch speziell alles durch Worte zeigen möchte, wie allenfalls dem Vogel die Federn wachsen, der Sau die Borsten, dem Ochsen die Hörner und dem Esel die langen Ohren; denn das alles liegt in der Ordnung der Seele, wie nämlich diese auf vorbezeichnete Art ihre Intelligenzen nach den Gesetzen der Assimilation ordnet.
ER|0|49|21|0|Da wir aber nun das Wirken der Geister auch bei diesem Reich – wennschon durch wenige Andeutungen, aber doch klar genug – gesehen haben, so werden wir nächstens noch den Übergang in den Menschen besichtigen und uns dann bald etwas tiefer in der Erde umsehen, d. h. in der geistigen Erde.
ER|0|50|1|1|Zeugung und Werden des Menschen unter Geistereinflüssen
ER|0|50|1|1|Am 15. März 1847
ER|0|50|1|0|Es ist euch zwar schon über das Wesen des Menschen, dessen Seele und Geist so viel gesagt worden, dass ihr sozusagen schon fast das meiste wisst, was das ganze Wesen des Menschen betrifft; auch die Zeugung ist euch schon auf die mannigfaltigste Weise gezeigt worden. Es bleibt demnach nur noch übrig, euch den Einfluss der Geister zu zeigen, den diese bei der Zeugung des Menschen haben.
ER|0|50|2|0|Was die materielle Zeugung betrifft, so unterscheidet sie sich von der gemein-tierischen wenig oder gar nicht; der Unterschied liegt mehr im Inneren.
ER|0|50|3|0|Die Seele muss natürlicherweise schon vor der Zeugung komplett da sein, das heißt, sie muss alle substantiellen Spezifika in sich vereinen, welche sonst im ganzen Universum verteilt sind und ihr von allen Seiten zugeführt werden.
ER|0|50|4|0|Ein solches vollkommenes substantielles Spezifikalkompendium ist dann schon die Seele; nur sind die Spezifika in ihr gewisserart chaotisch untereinandergemengt also, dass man allenfalls sagen könnte: die Seele ist vor der Zeugung ein Knäuel, ein sogenannter gordischer Knoten, der erst entwirrt werden muss, um zu einer Form zu gelangen. Die Entwirrung dieses Knotens beginnt eben mit dem Akt der Zeugung; denn da wird dieser gordische Seelenknoten in den Mutterleib getrieben und umhülst.
ER|0|50|5|0|Innerhalb dieser Umhülsung fangen dann die korrespondierenden Intelligenzen sich zu erkennen und sich einander zu nähern und einander zu ergreifen an. Damit sie aber das können, verschaffen ihnen die Geister in ihre Umhülsung Licht, in welchem Licht sich diese substantiellen Spezifikalintelligenzen erkennen, aussondern, sich dann einander annähern, ergreifen und verbinden, und das alles durch die Nötigung aus dem Willen jener Geister, denen dieses Geschäft anvertraut ist. Diese Geister aber sind das, was ihr „Schutzgeister“ nennt, und es sind Engel und große Engel, die alle da Einfluss nehmen; und da gibt es keinen Menschen, der nicht wenigstens drei Schutzgeister, zwei Engel und einen großen Engel hätte, über die noch ein Siebter wacht, Den ihr schon wohl kennt!
ER|0|50|6|0|Diese Schutzgeister und Engel sind vom Augenblick der Zeugung fortan um die neugezeugte Seele und sorgen unablässig für die ordnungsmäßige Ausbildung derselben.
ER|0|50|7|0|Hat die Seele einmal in ihrer Umhülsung die menschliche Form wieder bekommen, so werden ihr dann aus dem Mutterleib entsprechende Spezifika zugeführt. Diese Spezifika verwendet endlich die Seele zu ihrer eigenen festeren Aneinanderbindung ihrer Intelligenzen.
ER|0|50|8|0|Ist das geschehen, so strömen aus dem Mutterleib schon wieder andere und neue Spezifika in den Ort der neuen Menschwerdung im Mutterleib; diese werden schon zur Bildung der Nerven verwendet. Die Nerven sind gewisserart Stricke und Schnüre, die von der Seele überall ergriffen werden können und angezogen, um dadurch dem nachfolgenden Leib eben durch diese Schnüre und Stricke jede mögliche Bewegung geben zu können.
ER|0|50|9|0|Sind die Nerven in ihren Grundlagen und Verbindungen fertig, dann strömen schon wieder neue Spezifika nach. Diese werden zur Bildung der Eingeweide angeordnet; und sind die Haupteingeweide in den ersten organischen Grundlagen dargestellt, so werden sie dann sogleich mit den Hauptnerven verbunden.
ER|0|50|10|0|Nach dieser Arbeit geht es dann mit schon wieder etwas anderen Spezifika an die völlige Ausbildung der Eingeweide. Da aber natürlich in dem Kopf die meisten Nerven zusammenlaufen, und zwar hauptsächlich im Hinterhaupt, in dem auch die Seele ihren Kopf hat, so beginnt zugleich mit der Bildung der Eingeweide auch die Bildung des Kopfes, welcher das entsprechendste Bild der Seele ist, weil alle Intelligenz der Seele sich durch gewisse Hauptausstrahlungen im Kopf konzentriert. Und weil die Augen das allervollkommenste Symbol der Intelligenz sind, so wird auch der Kopf und besonders die Augen am ersten ersichtlich sein; denn in den Augen strömen alle Ausstrahlungen der einzelnen Intelligenzen der Seele durcheinander und bilden durch ebendieses Durcheinanderströmen die naturmäßige Sehkraft der Seele, mittels welcher sie die Außenwelt in sich selbst hineinschauen kann.
ER|0|50|11|0|Ist die Seele mit dieser Arbeit fertig durch die Willenshilfe der Geister, so werden ihr wieder neue Spezifika zugeführt; aus denen werden dann schon allerlei Dinge des menschlichen Leibes geordnet. Es braucht hier nicht des Machens oder Schaffens; die Sache macht sich von selbst, wenn ihr nur der Weg in die Ordnung angezeigt ist. Und so wird hier Fleisch, Knorpel, Muskeln, Sehnadern und Knochen gestaltet, und es ergreift sich von selbst, was zu einem und demselben gehört; nur würde die Richtung verfehlt sein, und dadurch auch die Form, wenn die Geister nicht den Intelligenzspezifika durch ihre weise Willenskraft den rechten Weg vorzeichneten, was sogar manchmal geschehen kann, wenn sich die Mutter, die so ein Kind in sich trägt, manchmal in ihrem Gemüt in die Hölle begibt, wo dann freilich Meine guten Geister und Engel nicht volle werktätige Gesellschaft leisten können. Die Folge solchen Übels ist gewöhnlich eine Missgeburt oder manchmal gar ein Einschiebling aus der Hölle, welchen das sogenannte gemeine Volk einen Wechselbalg nennt, – daher es jeder Mutter zu empfehlen wäre, sich während der Schwangerschaft so christlich tugendhaft als möglich zu betragen.
ER|0|51|1|1|Entwicklung des Embryos zum Fötus und Baby
ER|0|51|1|1|Am 18. März 1847
ER|0|51|1|0|Wenn die Seele obbeschriebene Knorpeln, Muskeln, Knochen und Sehnadern ausgebildet hat, so wird von ihr weitere Sorge dahin getragen, die äußersten Extremitäten durch richtige und ordnungsmäßige Verwendung der dazu gehörigen Spezifika zur völligen Vollendung zu bringen.
ER|0|51|2|0|Wenn das auch getan ist, dann zieht sich die Seele in die Eingeweide zurück und beginnt die Muskeln des Herzens in Bewegung zu setzen, durch welche Bewegung zuerst durch eigene, wasserklare Säfte die Organe geöffnet und gewisserart durchstoßen werden.
ER|0|51|3|0|Ist dieser Durchstoß geschehen, dann setzt die Seele alsbald die Milz in Tätigkeit; dadurch wird sogleich das Blut erzeugt und in die Herzkammern geführt, von denen aus es dann auch sobald in die durchstoßenen Organe getrieben wird.
ER|0|51|4|0|Hat das Blut einmal den ersten Kreislauf gemacht, so wird der Magen in Tätigkeit gesetzt und beginnt sogleich die in ihm liegenden Nährsäfte in eine größere Gärung zu bringen, wodurch dann schon die edleren, mehr substantiellen Spezifika ausgesondert werden, die gröberen, unverdaulichen, schleimigeren Flüssigkeiten aber hinausgestoßen durch den natürlichen Entleerungskanal, wodurch dann auch die Flüssigkeit in der Mutterblase herkommt, welche gewisserart nichts anderes ist als der Unrat des nun schon im Mutterleib leiblich lebenden Kindes.
ER|0|51|5|0|Wenn diese Frucht im Mutterleib dem Leibe nach lebend bei drei Monate zugebracht hat, so wird der ruhig gewordenen Seele, deren seelisches Herz eine gewisse Solidität erreicht hat, durch einen Engelsgeist ein ewiger Geist in eben das Herz der Seele unter siebenfacher Umhülsung eingelegt; natürlich muss sich hier niemand eine materielle Umhülsung denken, sondern eine geistige, welche viel kräftiger und haltbarer ist als eine materielle, – was sich auch schon aus vielen Dingen auf der Welt ersehen lässt, wo es ein Leichteres ist, einen materiellen Kerker zu durchbrechen, als einen geistigen.
ER|0|51|6|0|Nehmt nur einmal einen dürftigen und dann einen überaus reichen Menschen! Stellt den dürftigen Menschen zu einer dicken Mauer hin und sagt ihm, dass er diese Mauer durchbreche, – und er wird nehmen ein Brecheisen und einen starken Hammer und wird damit Meister der starken Mauer. Wenn er aber zu dem reichen, hartherzigen Menschen kommt, da wird er weder mit Brecheisen noch mit dem Hammer und noch weniger durch Bitte das Herz des Reichen bemeistern; denn dieses ist mit geistigen Banden umschlossen, die keine irdische Macht zu durchbrechen vermag. Das vermag allein nur der Geist aller Geister!
ER|0|51|7|0|Nach der Einlegung des Geistes in das Herz der Seele, welche Handlung bei einigen Kindern früher, bei anderen später geschieht, bei vielen drei Tage vor der Geburt, wird der Leib schneller ausgereift, und die Geburt wird vor sich gehen.
ER|0|51|8|0|In dieser Zeit soll eine Mutter sich überaus von allen Reizungen und Begierden enthalten; denn diese Begierden und Reizungen stammen meistens von der Hölle ab, und wo immer sich die Mutter in einem solchen Reizzustand berührt, da erregt sich als entgegengesetzter Pol der in die Seele gelegte Geist und zeichnet die Seele durch Entsprechung an der erregten Stelle, und diese Zeichnung der Seele aber reproduziert sich dann auch auf dem Leib. Daher haben dann auch die sogenannten Muttermale der Kinder ihren Ursprung.
ER|0|51|9|0|Dass ein solches Zeichen nur eine örtliche, kleine Stelle einnimmt und nicht anfänglich die ganze Seele und nachträglich den ganzen Leib, das bewirken die Geister; denn würde das nicht der Fall sein, so könnte durch eine solche unvorsichtige Berührung und darauf erfolgte gänzliche Brandmarkung der Hölle eine ganze Verderbung der Seele und mit derselben der Tod des Leibes erfolgen, und das wäre eben, was die Hölle bezwecken möchte.
ER|0|51|10|0|Daher soll sich auch jedermann vor solchen Menschen, die viele und ansehnliche obbeschriebene Muttermale am Leib tragen, ein wenig in Acht nehmen; denn nicht selten werden die höllischen Spezifika in einem solchen Wesen mehr oder weniger wach, – und wenn sie wach sind, dann ist dasjenige Individuum, das mehrere solche und ansehnlich große Zeichnungen am Leib trägt, nicht selten böse in einer oder der anderen Sphäre. Entweder glauben solche Menschen nichts, oder sie sind der Unzucht ergeben oder bösem Leumund, und es kann in einer Hinsicht auch hier die Warnung gelten: „Nehmt euch in Acht vor den Gezeichneten!“ Denn die Hölle zeichnet alles, was sie gibt, damit es ihr nicht abgenommen werden könnte und sie das Ihrige wieder nach abgelaufener Frist wohl erkennend rechtwähnig zurückfordern möchte.
ER|0|51|11|0|Es geht da fast so zu wie auf der Welt. Die himmlischen Menschen geben auch von ihrer Habe ihren Brüdern und Schwestern ohne Schuldschein und Siegel; denn sie geben es, um es nicht wieder zu nehmen, und da gibt es nie einen Prozess.
ER|0|51|12|0|Die Weltmenschen aber geben auch, aber niemals ohne Schuldschein und Siegel, auf dass sie es nach abgelaufener Frist wieder nehmen können; und können die Schuldner es ihnen nicht wieder zurückbezahlen, so gibt es Klage und Prozess, – und das ist höllisch, denn die Hölle klagt und prozediert [prozessiert] ewig.
ER|0|51|13|0|Jedoch müsst ihr diese Muttermalzeichnung nicht so genau nehmen; denn wenn diese Male nur wenige und sehr klein sind, so haben sie entweder nur sehr wenig und zumeist auch gar keinen Bezug auf obige Beleuchtung. Wie es schon oben gezeigt wurde, so verhindern die schützenden und werkführenden Geister die Hölle an solch argem Tun und Treiben; und wenn auch ein Kind da während des Kampfes der guten Geister mit den bösen einige Zeichen bekommt, so sind aber das dennoch bloß nur Zeichen (Stigmata), die keine Folgen in sich tragen, weil die höllischen Spezifika von ihnen weggeschafft sind.
ER|0|51|14|0|Es könnte hier freilich ein Psychologe fragen und sagen:
ER|0|51|15|0|„Wie kann aber der Herr, so Er einer ist, samt Seinem zahllosen Engelgeisterheer, das mit aller Macht und Weisheit ausgerüstet ist, zulassen, dass die scheußliche Hölle solches verübe an der unschuldigsten Frucht im Mutterleib? Das ist ja höchst unweise und klingt sehr stark nach einer Ohnmacht!“
ER|0|51|16|0|Da aber sage Ich: Jedem das Seinige! Lasst das Unkraut mit dem Weizen wuchern bis zur Zeit der Ernte; dann wird man alles Höllische von dem Himmlischen höchst genau sondern, und das Himmlische zuführen dem Himmel und das Höllische wieder der Hölle. Und darob wird keine Seele verlorengehen, und ob sie schon tausend höllische Marken in sich trüge; denn diese werden ihr genommen und der Hölle zugewiesen werden. Alles aber wird davon abhängen, dass die Seele sich durch die Demut über die Befreiung ihres Geistes hergemacht hat. Hat sie diesen frei gemacht, dann wird auch sie frei von allem durch ihn; hat sie aber das nicht, so wird sie selbst gefangen bleiben so lange, bis der Geist seine siebenfache Umhüllung nicht verloren hat und danach eins geworden ist mit der Seele.
ER|0|51|17|0|Wenn das Kind vom Mutterleib ausgeboren wird, so wird die Lunge in die Tätigkeit gesetzt, und das Kind fängt dann an, aus der Luft durch jeden Atemzug eine zahllose Menge Spezifika in sich aufzunehmen, welche sofort zur Bildung des Nervengeistes und zur Kräftigung der Seele verwendet werden, d. h. was ihr substantiell formelles Wesen betrifft. Was aber ihre innere Spezifikal- und Intelligentialnahrung betrifft, das bekommt sie durch die Sinne des Leibes, und das alles geordnet von den guten Geistern in dieser Sphäre.
ER|0|51|18|0|Mit dieser nunmaligen Aufklärung habt ihr die geistige Sphäre der ersten Region, was darinnen ist und geschieht, so klar als für euch möglich, enthüllt bekommen.
ER|0|51|19|0|Eine größere und gründlichere Enthüllung dieser Sache lässt sich aus dem Grunde nicht denken, weil das Geistige durch irdische Worte nimmer in der Klarheit gegeben werden kann, als es in sich selbst ist; aber wer ein rechtes Gefühl besitzt und mit demselben hören, schauen, tasten und fühlen kann, der wird mit großer Leichtigkeit darinnen die gründliche Überzeugung dessen unwidersprechlich in größter Klarheit finden, was hier gesagt wurde.
ER|0|51|20|0|Somit aber wären wir auch mit dieser ersten Region fertig, und werden fürs Nächste uns noch ganz kurz in das Innere der Erde begeben und damit diese Mitteilung schließen.
ER|0|52|1|1|Der Unterschied zwischen Seele und Geist
ER|0|52|1|1|Am 20. März 1847
ER|0|52|1|0|Was die natürliche Erde betrifft, haben wir in dem natürlichen Teil dieser Mitteilung so genau als möglich abgehandelt; dass aber diese scheinbar natürliche Erde nichts weniger als natürlich, d. h. materiell ist, werden wir eben durch die gegenwärtige weitere Enthüllung noch genauer erkennen, als wir es bisher erkannt haben.
ER|0|52|2|0|Um aber in dieser Sache zu einer gründlichen Kenntnis zu gelangen, müssen wir das wohl recht fundamentalisch verstehen, was so ganz eigentlich Seele und Geist ist.
ER|0|52|3|0|Es ist zwar dieser Unterschied schon gezeigt worden, und für sehr lichte Gemüter wäre das bereits Gesagte hinlänglich, um das Wesen des Geistes und der Seele voneinander gehörig zu sondern; aber für euch, die ihr in dem Fach des inneren Lebens noch nicht die richtige Beschaulichkeit habt, muss die Sache schon noch etwas klarer abgefasst werden, damit ihr dadurch zu einer richtigen Beschaulichkeit gelangen könnt.
ER|0|52|4|0|Die Seele ist das Aufnahmeorgan für alle endlos vielen Ideen des Urgrundes, aus dem sie wie ein Hauch hervorgegangen ist. Sie ist der Träger der Formen, der Verhältnisse und der Handlungsweisen. Alle diese Ideen, Formen, Verhältnisse und Handlungsweisen sind in ihr in kleinsten Umhüllungen niedergelegt.
ER|0|52|5|0|Ein gerechtes Maß von allem dem in ein Wesen zusammengefasst bildet eine vollkommene Menschenseele. Weil die Seele aber eben ein Kompendium von einer zahllosen Menge verschiedenartiger substantieller Intelligenzpartikeln ist, so kann sie als ein Zusammengesetztes auch wieder getrennt werden in ihren Teilen, gleichsam wie die Luft, die zwar auch ein Kontinuum bildet und darstellt, aber dennoch einer unendlichen Trennung fähig ist.
ER|0|52|6|0|Dass die Luft in größeren, kleineren und kleinsten Partien voneinander abgesondert werden kann, das beweist euch der nächstbeste Schaum, der aus nichts als aus lauter Luftbläschen besteht, die durch eine Bewegung einer etwas zähen Flüssigkeit entstanden sind. Wenn die Bläschen vergehen, so ist die darin verschlossene Luft gleich wieder eins mit der ganzen Masse; solange aber die Bläschen bleiben, schließen sie einen Teil Luft in sich und sondern diese durch die durchsichtige Wand von der äußeren Luft – wie ihr zu sagen pflegt – hermetisch geschlossen ab.
ER|0|52|7|0|So ist auch das ganze Universum, ja die ganze Unendlichkeit erfüllt mit den Ideen der Gottheit, und dieselben, die die ganze Unendlichkeit ausfüllen, sind auch in einer Monade alle anzutreffen, aber natürlich in dem möglichst verjüngtesten Maßstab, gleichwie die Luft im kleinsten Seifenbläschen alle dieselben Teile in sich fasst, welche in der allgemeinen Luft anzutreffen sind. Das wäre sonach die Seele.
ER|0|52|8|0|„Ja, was ist denn hernach der Geist?“ wird mancher Psychologe fragen.
ER|0|52|9|0|Der Geist ist in sich zwar keine Form, aber er ist eben dasjenige Wesen, das die Formen schafft; und erst, wenn die Formen geschaffen sind, kann er in ebendiesen geschaffenen Formen selbst als Form wirkend auftreten, was ebenso viel sagen will als:
ER|0|52|10|0|Jede Kraft, wenn sie sich als solche beurkunden soll, muss sich eine Gegenkraft stellen; erst zufolge dieses geschaffenen Stützpunktes kann die Kraft ihre Wirkungen äußern und zur Erscheinlichkeit bringen.
ER|0|52|11|0|Der Geist ist demnach gleich dem Licht, welches in sich selbst zwar ewig Licht bleibt, aber als Licht so lange nicht bemerkbar auftreten kann, solange es keine Gegenstände gibt, die es erleuchtete.
ER|0|52|12|0|Das Licht geht, wie ihr z. B. auch schon bei der Sonne seht, fortwährend gleichmäßig von ihr aus; aber ohne Gegenstand kann kein Auge sein Dasein merken. Eine mondlose Nacht hat ebenso viel Licht von der Sonne ausgehend, als eine mondhelle; aber im ersten Falle hat das Licht keinen Gegenstand droben im hohen Äther, und darum merkt es niemand, dass es vorhanden ist. Steht aber der Mond als ein tüchtiger Körper zur Nachtzeit im hohen Äther, da wird das ausgehende Sonnenlicht gleich sehr gewaltig wahrgenommen, und jedermann, der nur einigermaßen mit der Sternkunde vertraut ist, wird es leicht merken, wie und woher der Mond von der Sonne beschienen wird.
ER|0|52|13|0|Die geistige Wirkung des Lichtes mögt ihr sehr leicht in der Natur schon merken. Es liegt zwar in der Erde und in der Luft alles vorhanden, alle Formen des Seins und Werdens liegen in der scheinbaren Materie bewegungs- und regungslos beisammen, und es rührt sich nichts in ihnen; aber wenn das Licht kommt, da bekommen die wie tot beisammenliegenden Formen Leben, ergreifen sich und werden zu neuen Formen. Vergleicht nur den Winter und den Sommer miteinander, und des Lichts geistiges Wirken kann euch nicht entgehen.
ER|0|52|14|0|Nun wisst ihr auch, was so ganz eigentlich der Geist ist; er ist das Licht, welches aus seiner eigenen Wärme sich von Ewigkeiten zu Ewigkeiten erzeugt, und ist gleich der Wärme die Liebe und gleich dem Licht die Weisheit.
ER|0|52|15|0|So ein Mensch auch eine noch so vollkommene Seele hat, hat aber wenig oder gar kein Licht, so wird er in seiner Seele und auch in seinem Leib wenig oder gar keine Tätigkeit besitzen. Kommt aber in diese Seele Licht, so wird sie tätig nach dem Maße des Lichts in ihr.
ER|0|52|16|0|Die Seele z. B. eines Kretins ist in sich ebenso vollkommen als die eines Doktors der Philosophie; aber der Leib dieser Seele ist zu plump und schwer und lässt nur äußerst wenig oder gar kein Licht in die Seele, – oder der Lichtfunke, der in die Seele gelegt ist, kann nicht auflodern, weil er zu sehr gedrückt wird von der plumpen Fleischmasse. Die Seele eines Philosophen aber lässt viel Licht durch; die Fleischmasse ist durch das viele Lernen lockerer geworden und drückt nicht so sehr die geistige Flamme auf einen Punkt zusammen.
ER|0|52|17|0|Aus diesem Grunde wird man im ersten Falle entweder gar keine oder nur sehr wenig Tätigkeit finden; im zweiten Falle aber wird das erleuchtete Individuum vor lauter Tätigkeit fast keine Rast und Ruhe haben.
ER|0|52|18|0|Es ist hier freilich noch nicht von der Weisheit die Rede, wo in der Seele alles licht wird, sondern es ist hier nur die Rede von wenig oder gar keinem Licht und von mehr und viel Licht, daraus sich auch schon ganz klar ersehen lässt, dass ohne Geist oder Licht alles tot ist und keiner weiteren Entwicklung und Vervollkommnung fähig, während im Licht alles lebendig tätig sich ausbildend und vervollkommnend wird.
ER|0|52|19|0|Licht hat sicher für sich ebenfalls keine Form; aber es schafft die Formen und wirkt dann selbst als Form in den Formen. Die Formen können getrennt oder zusammengebunden werden und neue zahllosartig gestaltet; das Licht aber kann nicht getrennt werden, sondern es durchdringt alles ohne Unterbrechung, was fürs Licht aufnahmefähig ist; was aber fürs Licht nicht aufnahmefähig ist, das bleibt in sich finster und tot, – denn ein lichtloser Zustand der Seele ist ihr Tod.
ER|0|52|20|0|Es versteht sich nämlich von selbst, dass hier von dem ewigen, gleichen Licht die Rede ist, welches allein das Leben bedingt, und nicht von einem Schuss-, Blitz-, also Zornlicht, welches nur auf Augenblicke eine zweifelhafte Erleuchtung gibt; wann es aber aufhört, dann wird es zehnfach finsterer denn früher. Ein solches Licht ist gleich dem höllischen Licht. Da gibt es auch solche Aufloderungen, aber nach jeder gibt es allzeit eine zehnfach größere Finsternis.
ER|0|52|21|0|Da wir nun den Unterschied zwischen Seele und Geist hoffentlich klar genug werden gesehen haben, so können wir dann auch leicht fassen, dass die Erde in ihrer Feste nichts als die Satansgefangene Seele ist, während dessen Geist in neue, undurchdringliche Bande gefesselt in ihr haftet.
ER|0|52|22|0|Nächstens wollen wir diese Sache näher beleuchten.
ER|0|53|1|1|Die Urseele des erstgeschaffenen Urgeistes
ER|0|53|1|1|Am 23. März 1847
ER|0|53|1|0|Wir haben schon letzthin berührt, dass eine Seele, indem sie aus zahllosen substantiellen Intelligenzpartikeln besteht oder, noch deutlicher zu sprechen, aus zahllosen Miniaturbegriffsbildern, kann ebenfalls wieder geteilt werden, entweder zu einer gänzlichen Auflösung oder in gewisse Kompendien, die je nach der verschiedenen Zahl und Art der in ihnen zusammengefassten einzelnen substantiellen Intelligenzpartikeln verschiedene entsprechende Gestaltungen und Formen abgeben können.
ER|0|53|2|0|Beispiele davon existieren auf der Erdoberfläche und in der Erde selbst eine zahllose Menge. Seht nur die verschiedenen Metallgattungen und die verschiedenen Pflanzen und Tiere an, da habt ihr sogleich plastische Beispiele in Menge, zu welch seltenen Formen seelische Kompendien sich ausgestalten können.
ER|0|53|3|0|Es sind das freilich wohl materielle Typen; allein sie sind eben materielle Außenbilder oder Typen der inneren Seelenformen. Denn die äußere Form kann keine andere sein als eine solche nur, die in plastischer Hinsicht ganz der inneren entspricht; oder: wie die innere Kraft, so die äußere Wirkung.
ER|0|53|4|0|Eine solche Seelenteilung geschah auch bei der Erschaffung des ersten Menschenpaares, da aus einer Seele zwei wurden. Denn es heißt nicht, dass der Schöpfer auch der Eva einen lebendigen Odem in ihre Nüstern blies, sondern die Eva ging samt Leib und Seele aus dem Adam hervor; und in diese zweite Seele wurde auch ein unsterblicher Geist gelegt, und so wurden aus einem Menschen und aus einer Seele zwei und waren dennoch ein Fleisch und eine Seele. Eine solche Seelenteilung kann man auch an den Kindern der Eltern gar leicht erkennen; denn dass die Seele der Kinder auch zum Teil aus der Seele der Eltern genommen ist, beweist die physiognomische Ähnlichkeit der Kinder mit den Eltern. Was darin fremdartig ist, das bleibt fremdartig und physiologisch unähnlich den Zeugern; was aber aus den Zeugern ist, das spricht sich ebenbildlich durch das Ebenbildliche mit den Zeugern sympathetisch aus, und die Eltern erkennen daran ihre Kinder. Aus diesen angeführten Beispielen lässt sich die Teilbarkeit der Seele leicht erkennen und begreifen.
ER|0|53|5|0|Noch auffallender aber stellt sich diese Teilbarkeit in der geistigen Welt durch zahllose allerseltenste Erscheinlichkeiten dar. Eine Seele, die durch einen solchen Lebenswandel die irdische Zeit durchlebt hat, der nicht in den strahlenden Paragraphen des Lebensbuches geschrieben ist, oder welcher Lebenswandel nicht nach dem Evangelium in allen Teilen genügend durchgeschult ist, erscheint in der geistigen Welt notwendig unter den mannigfachsten Gestaltungen, welche sich bis zu den scheußlichsten Tiergestalten zurückerstrecken. Der Grund davon ist, weil die Seele durch das irdische Leben eine große Portion zu ihrer Vollgestaltung nötiger Spezifika vergeudet hat. Diese sind nach der Abscheidung der Seele vom Leib nicht mehr da, daher die Gestalt der Seele außer dem Leib da nur eine höchst unvollkommene sein muss, so wie auch einige und gar viele sich auf ein oder das andere sinnliche Wesen zu sehr hinneigen und dadurch ein zu großes Übermaß der für ihr Wesen nicht mehr tauglichen und nötigen Spezifika erlangen. Solche Seelen bekommen dann in der geistigen Welt, sobald sie außer dem Leib sind, eine Menge der seltensten und zumeist grauslichsten Auswüchse. Stützköpfe z. B., weil das noch eine tierische Eigenschaft ist, bekommen nach dem Maße ihrer Stützigkeit Geweihe oder Hörner; Unzüchtige, die nur mit den weiblichen Genitalien sich beschäftigen, strotzen oft am ganzen Wesen von lauter weiblichen Genitalien, so auch umgekehrt das weibliche Geschlecht von den membris virilibus.
ER|0|53|6|0|Je nachdem hier irgendein Mensch vorzugsweise eine sinnliche Neigung hat, eben nach dem wird sich diese ausprägen in der Seele, und das ob des Übermaßes solcher substantieller Intelligenzspezifika, die nach der Regel des Lebensbuches und nach dessen festgestellter Ordnung nicht mehr zur rein menschlichen Form der Seele gehören.
ER|0|53|7|0|Bei manchen Menschen sind ähnliche Abnormitäten der Seele schon im noch irdischen Leib ersichtlich, was freilich nicht immer der Fall ist, weil der Leib nicht so leicht fremde Spezifika so empfindlich aufnimmt wie die Seele; nur wenn die Seele schon zu frühzeitig oder manchmal auch zufolge der elterlichen Sünden untaugliche Spezifika aufgenommen hat, so werden sie auch, wenn der Leib noch aufnahmefähiger ist, auf denselben wohlmerklich übertragen.
ER|0|53|8|0|Aus dieser bisherigen Darstellung wird hoffentlich überaus klar dargetan sein, dass die Seele nicht nur materiell ersichtlich gefestet, sondern sowohl als gefestete und auch schon als freie Seele geteilt werden kann.
ER|0|53|9|0|Wir sagten aber oben, dass die ganze gefestete Erde eine Seele des Satans ist; ja, nicht nur die Erde allein, sondern auch alle anderen zahllosen übrigen Weltkörper sind gestaltet aus dieser einen Seele, welche eben in diesen Weltkörpern schon in zahllose Kompendien geteilt wurde.
ER|0|53|10|0|Der Geist aber ist nicht teilbar; sondern wo er als eine Einheit in eine große oder kleine Seele gelegt wurde, da bleibt er auch als eine Einheit. War einst die Seele des Luzifer auch noch so groß, so konnte in ihr aber doch nicht mehr als ein Geist wohnen; und dieser eine, durch sich selbst gefallene Geist kann nicht in all den zahllosen geteilten Kompendien seiner einstigen konkreten Urseele wohnhaft  sein. Seine Wohnung ist lediglich auf diese von euch bewohnte Erde beschränkt. Alle anderen Weltkörper, obschon Teile dieser einstigen Seele, sind von dieser Einwohnerschaft frei; daher aber auch die Menschen jener Weltkörper, obschon in ihrer Natur gewöhnlich besser als hier auf der Erde, aber dennoch nie zu jener vollkommen gottähnlichen Höhe gelangen können wie die Kinder aus dieser Erde, welche zwar das im Geiste von Gott Allerentfernteste ist und das Allerletzte, aber eben darum im Besserungsfall das Allerhöchste und Allergottähnlichste werden kann.
ER|0|53|11|0|Und aus ebendiesem Grunde wählte auch Ich als der Herr diese Erde zum Schauplatz Meiner höchsten Erbarmungen und schuf auf ihrem Boden alle Himmel neu.
ER|0|53|12|0|Jeder Mensch, der hier geboren wird, bekommt einen Geist aus Mir und kann unbestreitbar nach der vorgeschriebenen Ordnung die vollkommene Kindschaft Gottes erhalten.
ER|0|53|13|0|Auf den anderen Weltkörpern aber bekommen die Menschen Geister aus den Engeln. Denn ein jeder Engel ist ein Kind Gottes und musste auf dieser Erde, so wie Ich Selbst und wie jeder Erzengel, den Weg des Fleisches durchgemacht haben, aus welchem Grunde er dann auch die schöpferische Kraft in sich hat, und kann aus dem Überfluss seiner Liebe und seines Lichtes nehmen und in die neu werdenden Menschen anderer Planeten legen und sich auf diese Weise wie ein Gott Kinder seines Namens ziehen. Diese Kinder sind demnach nur Afterkinder, aber nicht wirkliche Kinder aus Gott, können aber wohl auch auf dem Weg einer Wiederfleischwerdung auf dieser Erde zur Kindschaft Gottes gelangen.
ER|0|53|14|0|Seht, das ist einerseits für die Menschen dieser Erde zwar ein Nachteil, weil sie so nahe dem Bösesten aller Geister wohnen, der ihnen viel zu schaffen macht; aber auf der anderen Seite haben sie auch den unendlichen Vorteil, dass sie fürs Erste einen kräftigen Geist aus Gott haben, mit dem sie leicht, wenn sie nur wollen, die Bosheit des Bösesten bekämpfen können, um dadurch fürs Zweite vollkommene Kinder Gottes zu werden.
ER|0|53|15|0|Es dürfte hier freilich jemand den schwachen Einwurf machen: Woher sind denn Geister für andere Planetarmenschen genommen worden, während die Erde noch keinen Menschen trug, wo doch vorausgesetzt werden könnte, dass andere, viel ältere, besonders Sonnenweltkörper, sicher schon um eine Billion Jahre früher menschliche Wesen trugen als die Erde? Diesem schwachen Einwurf kann man auch nur schwach entgegnen: Jene viel älteren Weltkörper entstammen fürs Erste, wie schon oben bemerkt, einer und derselben Seele; je größer die Pflanze, desto längere Zeit braucht es, bis sie Frucht bringt.
ER|0|53|16|0|Legt ein Weizenkorn und eine Eichelnuss in die Erde und fragt euch dann selbst, welcher Same hier früher wird die Frucht bringen? Das Weizenkorn wird in einigen Monaten sein Gleiches hervorbringen; bei der Eiche werden viele Jahre dazu erforderlich sein. Infusionstierchen können in einer Minute einige hundert Generationen erleben; der Elefant braucht über zwei Jahre, bis er ein Junges zur Welt bringt, und bis er zeugungs- und empfängnisfähig wird, dürften wohl einige 20 Jahre erforderlich sein. Stellt dann den Unterschied zwischen dem Infusionstierchen und zwischen dem Elefanten fest; wie viel Generationen der Infusorien dürfte wohl eine Elefantengeneration zählen?
ER|0|53|17|0|Ich meine, dieses Beispiel ist handgreiflich genug, dass ihr durch selbes einseht, dass, obschon allenfalls eine Ursonne um mehrere Drillionen von Erdjahren älter ist als die Erde, welche doch auch schon einige Quintillionen von Jahren alt ist, sie aber dennoch, da sie viel größer ist als die Erde, in eben dem Maße auch viel später ihre Aussaat zur Reife bringt; und für diesen Fall ist schon von Mir ganz wohlberechnet vorgesehen worden, dass die Früchte aller Weltkörper bis dahin die Ausreifung bekommen können und bekommen müssen, bis der Zentralpunkt der geistigen Schöpfung so weit gediehen ist, seine geistige Lebensüberschwänglichkeit den Früchten anderer Weltkörper einpflanzen zu können.
ER|0|53|18|0|Es ist wahr, dass z. B. namentlich auf der euch bekannten Urzentralsonne Urka menschliche Wesen eher existiert haben, als die Erde noch aus ihrer Sonne getrennt ward; aber diese Menschenwesen haben auch eine andere Lebenszeit als die Menschen dieser Erde. Denn wenn ein solcher Urkamensch nur zehn Urkajahre alt ist, so ist er schon älter als diese ganze Erde, woraus aber sehr leicht zu erkennen ist, dass die Erstgeborenen dieses Weltkörpers noch ganz wohlerhalten bis zu dieser Stunde leben können, und noch einige, die jetzt geboren werden, so lange leben werden, als diese Erde stehen wird; woraus dann ebenfalls leicht eingesehen werden kann, dass es da mit der Zeit ein Leichtes hat, in welcher alle Engel samt Mir den Weg des Fleisches durchgemacht haben und nun schon lange als Meine Kinder aus dem großen Überfluss ihres Lebens nehmen und einpflanzen können in solche Kinder anderer Weltkörper.
ER|0|53|19|0|Aus allem nun ist für jedermann ersichtlich, wer Geist und Licht hat, dass fürs Erste die Seele teilbar ist, und somit ganz besonders die Urseele des erstgeschaffenen Urgeistes; und fürs Zweite haben wir auch eingesehen, dass ebendiese Erde jener Teil aus jener Urseele ist, der noch allein von dem urgeschaffenen Geist bewohnt wird.
ER|0|53|20|0|Nächstens wollen wir daher, da wir nun dieses wissen, über die eigentliche Art der seelischen Teilung uns hermachen und sehen, wie aus dieser einen Seele nun fortwährend eine zahllose Menge neuer Seelen genommen wird.
ER|0|54|1|1|Die Seelenteilung
ER|0|54|1|1|Am 24. März 1847
ER|0|54|1|0|Es ist euch schon zum Teil gezeigt worden, und zwar in der Darstellung des Mineral- und Pflanzenreiches, wie da fortwährend eine zahllose Menge tellurischer Spezifika aufsteigen, sich ergreifen und verbinden und sich ordnen nach dem dazwischenkommenden Willen der Geister, welche dies Geschäft zu besorgen haben, und dass gewisserart alles Seele ist, was immer nur auf der Erde in die Erscheinlichkeit tritt. Dieses brauchen wir demnach nicht mehr zu wiederholen; aber etwas Selteneres und überaus Denkwürdiges kommt hier als ein heller Zuwachs.
ER|0|54|2|0|Diese Teilung, was euch sicher etwas rätselhaft klingen wird, ist also geordnet nach einem geheimen Gesetz, das man gewisserart göttliche Politik nennen könnte, vermöge welcher der Satan selbst zum ersten Handlanger dieser Teilung genötigt wird.
ER|0|54|3|0|Er will seine Seele durch seine Kraft frei machen und ihr wieder die vorige Extension geben; daher erbrennt er fortwährend im Inneren seiner zusammengedrückten tellurisch-spezifischen Totalseele. Durch dieses fortwährende Aufbrennen will er die scheinbare Materie ganz zur subtilen Substanz machen. Diese seine Bemühung wird unter ordnungsmäßiger Beschränkung fortwährend zugelassen, und zu diesem Behuf ist auch der Organismus des Erdwesens also gestellt und geordnet, dass der böse Geist in solcher seiner Beharrlichkeit fortwährend gleich tätig bleiben muss.
ER|0|54|4|0|Er ist auch wirklich in diesem Wahn, dass er durch solche seine Tätigkeit schon beinahe seine ganze gefangene Seele frei gemacht hat; darum treibt er fortwährend die psychischen Spezifika aus dem Inneren der Erde heraus. Dass aber diese Spezifika dann hier von den mächtigeren Geistern aufgefangen und zu neuen, vollkommenen Menschengestalten eingeordnet werden, von dem weiß er wenig oder nichts.
ER|0|54|5|0|Aber ebendiese Spezifika, die von dorther kommen, sind natürlich ganz höllischer Art und sind grundböse; daher sie durch eine übergroße Wesenstufenreihe aufsteigen und durchgären müssen, bevor sie zur Konsistierung eines Menschen tauglich sind.
ER|0|54|6|0|Das Höllische dieser Spezifika zeigt sich an den vielen Wesen ganz klar, die dem Menschen vorangehen. Betrachtet das giftige Wesen fast sämtlicher Metalle, das Gift in den Pflanzen, dann das Gift in den Tieren, die große Wut derselben, besonders bei den reißenden Tieren, und die grässliche Verschmitztheit und Tücke des giftigen Gewürms, und es wird euch das höllisch Böse in diesen Wesen nicht entgehen. Ja selbst bei den Menschen äußert sich dieses Böse, rein Höllische, oft noch in einem so hohen Grad, dass nicht selten zwischen manchem Menschen und zwischen dem Fürsten der Finsternis wenig oder gar kein Unterschied vorhanden ist.
ER|0|54|7|0|Dieses rein höllisch Böse wird erst durch die Dazwischenkunft des mächtigsten Spezifikums, des Wortes Gottes, einer neuen Gärung ausgesetzt, in welcher erst dann das Höllische gesänftet und in Himmlisches verkehrt wird, – aber auch nicht mit einem Mal.
ER|0|54|8|0|Die Spezifika in der eigentlichen Seele des Menschen werden zwar für sich schon rein himmlisch, wenn sie von dem Geist im Leib durchdrungen worden sind, aber der Leib oder das Fleisch des Menschen in all seinen Teilen ist noch eitel böse, also noch immer höllisch; daher muss dieses Fleisch noch eine Menge demütigende Prüfungen erleiden, bis es erst nach und nach ein kongruierender Teil der schon früher reineren Psyche werden kann.
ER|0|54|9|0|Aus diesem Grunde muss der Leib noch einmal sterben oder, besser gesagt, aufgelöst werden, muss in all seinen Teilen in allerlei Gewürm übergehen, in diesen wieder sterben oder aufgelöst werden und geht nach dieser Auflösung in zahllose Infusorien über. Diese gehen wieder ins Pflanzenwesen über; die Pflanzen erst verwesen dann in allerlei Zuständen zum Teil in der Erde, zum Teil im Feuer, zum Teil in den Mägen der Tiere, und das so lange fort, bis das letzte Atom frei aufgelöst wurde, wozu bei manchem Menschen mehrere hundert Jahre erforderlich sein werden, bei manchen eitlen, ihr Fleisch liebenden Toren wohl gar etliche tausend Jahre, bis ihres zurückgelassenen Leibes völlige Auflösung erfolgen wird. Es wird zwar von jedem Leib die eigentliche, rein höllische Hefe für alle Zeiten unverweslich bleiben als das eigentlichste Grundangehör des Satans, damit demselben ein fortwährender Körper bleibe; aber was nur immer als ein Minutissimum seelischer Substanz an demselben klebt, wird davon genommen und der eigentlichen Seele des Menschen einverleibt werden. Und so wird nach und nach die ganze Seele des Satans auferstehen in vielen Menschen, davon ein jeder wird vollkommener sein, denn der ganze frühere große Geist. Und damit eine jede Seele ein vollkommenes göttliches Ebenmaß bekomme, wird einer jeden Seele ein neuer Geist aus Gott eingepflanzt, und sie dadurch werden eine neue Kreatur. Und das ist die neue Schöpfung, die durch das Feuer der göttlichen Liebe ganz und gar umgestaltet wird; die alte Schöpfung aber wird zurücksinken in ihren Staub und ihre stets größer werdende Ohnmacht und wird verhärten und werden zu einer Unterlage und zu einem Schemel der neuen.
ER|0|55|1|1|Aufenthaltsort und Besserung des erzbösen Geistes
ER|0|55|1|1|Am 26. März 1847
ER|0|55|1|0|Wenn die Sache sich so verhält, da dürfte wohl mancher sagen: „Auf diese Weise sieht es mit der gewünschten Besserung des ersten gefallenen Geistes und seiner Helfershelfer sehr schmal aus. Denn wenn gewisserart der verworfenste Teil seiner Seele als der Bodensatz und Schlacke aller Materie zurückbleiben wird, als ein Untergrund einer neuen Schöpfung, da wird innerhalb dieser Schlackenerde doch wohl auch der Geist gefangen bleiben; denn es verlässt ja nie ein Geist seine Seele, und mag diese substantiell oder materiell sein.“
ER|0|55|2|0|Ja wohl, sage Ich; mit der Besserung und Rückkehr dieses Geistes und seiner Helfershelfer wird es hier etwas schmal aussehen. Es ist wohl gerade noch ein Funke Möglichkeit vorhanden; aber dieser Funke ist so klein, dass er kaum mit einem Mikroskop, das wenigstens eine trillionenmalige Vergrößerung hätte, wahrgenommen werden möchte. Das wird sich erst nach einer Hauptprüfung dieses Geistes zeigen, und zwar in einer derartigen, durch die dieser Geist in die klarste Erfahrung bringen wird, dass all sein Seelisches ihm genommen wurde und sich in die Herrlichkeit Gottes begeben hat. Da wird keine Sonne mehr sein und keine Erde irgend im weiten Schöpfungsraum; denn da werden alle sichtbaren Körper ihre Gefangenen schon völlig ausgeliefert haben, und da wird keine Materie irgend mehr zu finden sein außer die geistige eines neuen Himmels und einer neuen Erde. Die alte Erde aber wird zusammenschrumpfen wie ein Apfel, so er faul geworden ist und in seiner Fäulnis nach und nach eindorrte; und das aber wird auch alles sein, was von aller Materie übrigbleiben wird, nämlich die letzte Schlacke echt satanischer, psychisch allerbösester Intelligenzpartikel, welche der Geist des Satans nicht verlassen wird samt seinen Spießgesellen.
ER|0|55|3|0|Wann aber dieses eintreffen wird, das zu bestimmen würde niemandem etwas nützen; denn auf dieser naturmäßigen Erde wird es wohl kein Mensch erleben, und in der geistigen Welt aber wird es jeden vollkommenen Geist spottwenig kümmern, was mit dem Unrat geschehen ist, so wie es schon auf dieser Welt sicher unter einer Million von Menschen kaum einen geben wird, der sich ängstlich und trauernd um den Dreck erkundigen würde, der vor dreißig Jahren seinem Leib entfiel. Dieser Unrat wäre aber noch besser als der andere.
ER|0|55|4|0|Das aber wird geschehen, dass dann dieser Geist mit seiner allerfestesten Schlackenumhüllung geworfen wird werden in alle Unendlichkeit, und sein Fall wird nimmer ein Ende finden.
ER|0|55|5|0|Aber in aller Tiefe der Tiefen wird er fallen in das Zornmeer, in das er immer tiefer und tiefer dringen wird, und wird stets mehr und mehr Qual finden, je endlos tiefer er in das stets heftigere Zornmeer, das kein Ende hat, dringen wird.
ER|0|55|6|0|Obschon aber dieses Zornmeer ist ein Feuer alles Feuers, so wird es aber dennoch diese Behausung nimmer auflösen, und da wird es sein, wie es geschrieben ist:
ER|0|55|7|0|„Alle Bosheit ist hinabgesunken in den ewigen Abgrund und wurde verschlungen auf ewig, und fürder wird nimmer eine Bosheit sein in allen Räumen der Unendlichkeit!“
ER|0|55|8|0|Solange aber noch diese Erde besteht, ist es jedem Geist möglich, den Weg der Reue, Demut und der Besserung zu ergreifen, somit auch dem ärgsten Geist. Wenn aber die Zeit verrinnen wird, dann wird auch die Möglichkeit einer Zurückkehr auf ewige Zeiten verrammelt sein.
ER|0|55|9|0|Es wird noch hübsch lange dauern, bis die Erde alle Gefangenen ausliefern wird; denn sie ist noch ein bedeutend großer Klumpen. Ja es werden noch einige Millionen der Erdjahre verfließen, wo die Erde ihre letzte Feuerprobe im Feuer der Sonne machen wird. Was da noch wird können aufgelöst werden, das wird zur Freiheit gelangen; was aber das Feuer der Sonne nicht wird auflösen können, was nicht flüssig wird in diesem Feuer, das wird Schlacke bleiben ewiglich, als ein Gefängnis des Allerärgsten, und das wird sein der letzte und der ewige Tod.
ER|0|55|10|0|Da wir aber jetzt schon so manches von dem in dieser Erde gefangenen bösesten Geist gesprochen haben, so wird es für euch, wenn auch eben nicht so sehr nützlich, aber doch denkwürdig sein, zu erfahren, wo in diesem Erdkörper der eigentliche Aufenthaltsort des bösesten Geistes ist. Dieses euch zu sagen unterliegt keiner großen Schwierigkeit. Ich darf euch nur in den Mittelpunkt der Erde hineinführen, so habt ihr den Wohnplatz dieses Geistes schon. Es ist nicht etwa das Herz, noch ein anderes Eingeweidestück der Erde; denn diese Eingeweidestücke bestehen so wie alles andere aus Seelen, in welche jedoch zum Teil dieser bekanntgegebene böseste Geist einwirkt, zum Teil aber auch – und zwar stets im Übergewicht – die guten Geister, die eben das Wirken des Bösen dadurch beschränken.
ER|0|55|11|0|Der Sitz dieses bösen Geistes ist der eigentliche festeste Mittelpunkt, auf den alles eindrückt, auf dass er sich nicht allzu gewaltig bewege und zerstöre all das Wesen der Erde; denn man dürfte ihm nur ein wenig Luft lassen, so wäre er in einem Augenblick nicht nur mit dieser Erde, sondern mit der sichtbaren Schöpfung fertig. Denn es liegt in ihm eine ungeheure Kraft, welche nur durch die allerschwersten Bande, die allein Ich als der Herr schmieden kann, niedergehalten werden kann. Wenn er aber auch schon noch so sehr gebunden ist, so verabsäumt er aber dennoch nie, sein Erzböses in die aufsteigenden Spezifika zu hauchen, welcher Willenshauch noch mächtig genug ist, den Tod in alle Seelenspezifika einzupflanzen, welcher Tod sich an allen Kreaturen der Erde noch gar getreulich beurkundet; denn alles Organische ist zerstörbar, und alle Materie ist fähig, den Tod zu geben und die Zerstörung zu bewirken. Und das alles rührt her von dem Willenshauch des Allerbösesten, dessen Bosheit oder Böses in sich so unbeschreiblich schrecklich ist, dass ihr euch davon nimmer einen nur geringsten Begriff zu machen imstande wäret; denn der kleinste Begriff von dem eigentlichen Bösen dieses Geistes wäre selbst schon dergestalt tödlich, dass ihn kein Mensch denken und leben könnte. Und würde Ich euch nur eine höchst kleinste Beschreibung von dem eigentlichen Bösen dieses Geistes machen, so würde sie euch im ersten Augenblick töten; denn alles, was ihr über diesen Geist schon gehört habt, sind nur allerleiseste und allerentfernteste Schattenbilder und sind von Meiner schützenden Gnade nach allen Seiten umhüllt und reichen hin, um dieses Wesen für euer Bedürfnis zu ahnen.
ER|0|55|12|0|Eine nähere Bekanntschaft mit diesem Wesen wäre höchst verderblich. An der Unerbittlichkeit und an der schrecklichsten grausamen Bosheit seines Wesens könnt ihr euch schon an manchen Erscheinungen auf der Oberfläche der Erde ein freilich allerwinzigkleinstes Schattenbild nehmen. Betrachtet jene vehementen giftigen Gewächse der tropischen Länder! Wie schaudererregend ist ihre Wirkung, und niemand kann hinzu, solch ein Gewächs zu zerstören; denn wer sich nur auf etliche Stunden so einem Baum oder Gewächs nähert, fällt alsbald tot danieder. Und doch hat so ein Gewächs nur ein unendlich kleinstes Spezifikum in sich, das aus der Nähe des Aufenthaltes dieses bösen Geistes heraufkommt zur Oberfläche und in die Ordnung eines solchen Baumes tritt. Bei dem Anblick eines solchen Gewächses, das außer sich kein Leben duldet, kann sich schon jedermann einen Begriff machen – freilich nur in kleinster umhüllter Potenz –, wie des Satans eigentliches Böse aussieht.
ER|0|55|13|0|Auch der Anblick eines Tigers ist in dieser Hinsicht belehrend. Dieses Tier hat ebenfalls nur ein Äonstel Spezifikum aus der psychisch-spezifischen Nähe des Aufenthaltsortes dieses allerbösesten Geistes in sich, und dieses Spezifikum genügt, dieses Tier zu dem grausamsten aller vierfüßigen Tiere zu machen; denn dieses Tier ist schlau, hat keine Furcht und schont nichts, was ihm unterkommt.
ER|0|55|14|0|Desgleichen sind die Schlangen und die Nattern; wenn es sie hungert, dann greifen sie alles an, was ihnen unterkommt. Auch ein von der Höhe herabstürzender Stein verschont nichts; mit toter, blinder Wut zertrümmert er alles, was ihm im Weg steht.
ER|0|55|15|0|Aus dergleichen Gegenständen lässt sich etwas Allergeringstes von der unerbittlichsten Grimmwut dieses allerbösesten Geistes erkennen.
ER|0|55|16|0|Ich will euch ob der Schädlichkeit auch seinen Aufenthaltsort nicht näher beschreiben; es ist genug, dass ihr wisst, wo, wie und warum; und wir wollen, anstatt eine nähere Beschaffenheit [Bekanntschaft?] mit diesem Geist zu machen, fürs Nächste noch andere nützliche und wichtige Dinge in dieser Sphäre betrachten.
ER|0|56|1|1|Namen und Wesen des erzbösen Geistes
ER|0|56|1|1|Am 27. März 1847
ER|0|56|1|0|Ihr werdet schon öfter gehört haben und gelesen, und hört und lest es noch, wie ebendieser böse Geist unter allerlei Namen vorkommt – und neben ihm noch eine Menge Gesellen gleichen Gelichters, die man „Teufel” nennt. Ich will bei dieser Gelegenheit eine genaue Definition geben, woher der erzböse Geist alle die verschiedenen Namen bekommen hat und warum, und wer so ganz eigentlich die Teufel sind.
ER|0|56|2|0|„Satana“, „Satan“, „Leviathan“, „Beelzebub“, „Gog“, „Magog“, die „Schlange“, der „Drache“, das „Tier des Abgrundes“, „Luzifer“ und dergleichen noch einige Namen mehr sind es, welche ihn angehen und ihn verschiedenartig bezeichnen. „Luzifer“ oder „Lichtträger“ war sein ursprünglicher, eigenschaftlicher Name. „Satana“ war so viel als der Gegenpol gegen die Gottheit. Als Satana war dieser Geist von Gott aus wirklich also gestellt gegen die Gottheit, wie das Weib gestellt ist gegen den Mann. Die Gottheit hätte in sein Wesen ihre ewigen Ideen ohne Zahl hineingezeugt, dass sie reif geworden wären in seinem konzentrierten Licht, und es wäre dadurch eine Wesenschöpfung aus dem Licht dieses Geistes in höchster Klarheit hervorgegangen, und die ganze Unendlichkeit wäre fort und fort aus ebendiesem Licht stets mehr und mehr bevölkert worden; denn im unendlichen Raum hätte auch Unendliches Platz, und Ewigkeiten würden nie diesen Raum so erfüllen können, dass in ihm irgendeinmal ein Wesengedränge werden könnte.
ER|0|56|3|0|Aber wie ihr wisst, da dieser Geist eine so endlos große Bestimmung hatte, ein zweiter Gott neben Mir zu sein, so musste er auch eine seiner Bestimmung entsprechende Freiheitsprobe bestehen, welche er aber eben auch, wie ihr wisst, nicht bestanden hat, weil er sich über die Gottheit erheben und diese sich unterwürfig machen wollte.
ER|0|56|4|0|Ein Rangstreit also war das Erste, was ebendieser Geist gegen die Gottheit verbrochen hatte. Da er aber die Gottheit nicht dahin stimmen konnte, ihm den Vorrang zu erteilen und sich ihm selbst vollends unterwürfig zu machen, so erbrannte er in seinem Grimm und wollte die Gottheit förmlich vernichten, zu welcher Tat es ihm an der Kraft wirklich nicht gemangelt hätte, wenn die Gottheit nach ihrer ewigen Weisheit nicht zeitgerecht diesen Meuterer in all seinen Teilen hart gefangen hätte. Es klingt freilich etwas rätselhaft, dass in diesem Geist eine solche Kraft soll vorhanden gewesen sein, um der ewigen Gottheit dahin zu trotzen, dass diese seiner Kraft endlich nachgeben müsste, und müsste sich endlich völlig gefangen nehmen lassen und dadurch für alle Ewigkeiten untüchtig werden, was so gut wäre als vernichtet sein; aber die Sache wird begreiflich, wenn man bedenkt, dass die Gottheit in ebendiesen Geist sozusagen ein vollkommenes zweites Ich hineingestellt hat, welches, wennschon gewisserart zeitgemäß geschaffen, aber dennoch in allen Räumen der Unendlichkeit gleich kräftig der Gottheit gegenübergestellt ward.
ER|0|56|5|0|Dieser Geist, in dem die Gottheit selbst ihr Licht konzentriert hatte, war durch die ganze Unendlichkeit gleich der Gottheit ausgebreitet, daher es ihm auch wohl möglich gewesen wäre, vice versa die Gottheit allenthalben zu ergreifen und untüchtig zu machen; allein in diesem Gedanken der Selbstsucht erwachte in ihm die große Eitelkeit und das Selbstwohlgefallen an seinem Licht und an seiner endlosen Erhabenheit und Kraft. In dieser Selbstsucht und in diesem Wohlgefallen an sich selbst vergaß er der alten, ewigen Gottheit, entbrannte in seiner Eitelkeit und festete sich selbst. Da ergriff die Gottheit in allen Teilen sein Wesen, nahm ihm alle spezifische Wesenheit, bildete daraus Weltkörper durch die ganze Unendlichkeit, und umhüllte den Geist dieser endlosen Wesenseele mit den allermächtigsten Banden und band ihn in die Tiefe der Materie.
ER|0|56|6|0|In dieser Stellung heißt dieser Geist dann nicht mehr „Satana“, sondern, weil er sich gewisserart selbst emanzipiert hat von der ewigen, göttlichen Ordnung, „Satan“, das ist so viel als: gleicher Pol mit der Gottheit. Ihr wisst aber, dass sich gleiche Polaritäten nie anziehen, sondern allzeit nur abstoßen. Darin liegt dann auch der Grund, dass dieses Wesen in allem von der Gottheit am allerentferntesten und eben dadurch am entgegengesetztesten ist; darin und dadurch auch sein Erzböses. Nun wisst ihr, warum man diesen Geist auch „Satan“ nennt.
ER|0|56|7|0|Durch den Ausdruck „Leviathan“ wollte man bloß nur seine Kraft und Macht bezeichnen, und zwar nach dem Begriff eines einstmaligen Meerungeheuers, das wohl das größte, kräftigste und unverwüstlichste Tier der ganzen Erde war. Seine Größe war wie die eines Landes, seine Gestalt wie die eines Riesendrachen, der solche Kraft besaß, dass er in seinen Eingeweiden ein starkes Feuer erleiden konnte, ohne einen Nachteil davon zu haben, wenn dieses Feuer nicht selten in dem grässlichsten Flammensprühen durch seinen Rachen und durch seine Nüstern drang. Aus eben dem Grunde wurde unser böser Geist auch nicht selten der „Feuerdrache“, auch der „Drache des Abgrundes“ genannt. Dieser also entblödete Geist – d. h. so viel als der von all seiner Seele entbundene und lediglich in seinem geistigen reineren Wesen freilich sehr gebundene Geist – machte Miene zu verschiedenen Malen, so ihm dies oder jenes gestattet würde, sich zu bessern, was er auch allerdings hätte tun können, da er, soweit es nur tunlich war, von all seinen bösen Seelenspezifika entblödet wurde. Also dieser entblödete Geist verlangte, dass man ihm gestatten solle, auf eine Zeit lang göttlich verehrt zu werden, und so er es einsehen wird, dass ihm diese Verehrung nicht mehr munde, da wird er völlig umkehren und ein reinster Geist werden. Das wurde ihm denn auch gestattet. Das ganze Wesen des Heidentums, das nahe so alt ist als das Menschengeschlecht, gibt dafür Zeugnis; daher Sich auch der Herr ein einziges kleines Völklein auf der Erde ursprünglich ausgesucht hat; alles andere, jedoch unbeschadet der Freiheit, konnte dem Wunsch dieses Geistes gleich den Tieren ungestraft nachkommen.
ER|0|56|8|0|Aus diesem Verhältnis sind dann die verschiedenartigsten Benennungen dieses als Gott verehrten Wesens entstanden.
ER|0|56|9|0|Da sich dieses Wesen aber damit nicht begnügte, sondern statt der versprochenen Besserung nur stets größere Eingriffe in die göttliche Ordnung machte, so wurde es in sehr enge Haft getrieben. Da es sich aber schon in solcher Zeit eine Menge gleichgesinnter Geister aus dem menschlichen Geschlecht herangebildet hatte, so wirkte es dann durch diese seine Engel; denn ein Diabolus oder Teufel ist nichts anderes als ein in der Schule des Satans herangewachsener und ausgebildeter Geist.
ER|0|56|10|0|Das muss nicht etwa also verstanden werden, als wären solche Geister wirklich in einer Schule des Satans gebildet worden, sondern sie bildeten sich selbst zufolge jener Spezifika, die sie aus den Banden dieses Geistes in sich aufgenommen haben. Diese Geister, weil sie ebenfalls Grundböses in sich haben, heißen zwar „Teufel“, so viel als „Schüler des Satans“, unterscheiden sich aber dennoch gewaltig von ihm; denn bei ihnen ist nur das Seelische homogen mit dem bösen Geist, aber ihr Geist ist, obschon hart gefangen, dennoch rein, während der Geist des Satans das eigentliche Böse ist. Daher wird es und kann es geschehen, dass alle Teufel noch gerettet werden, bevor der Satan in sich selbst die große Reise zu seinem eigenen Sturz zu unternehmen genötigt wird.
ER|0|56|11|0|Nun wisst ihr, welcher Natur so ganz eigentlich Satan und Teufel ist. Nächstens daher zur kräftigeren Beleuchtung in dieser Sache mehrere Denkwürdigkeiten.
ER|0|57|1|1|Die Wichtigkeit der Kenntnis des Bösen
ER|0|57|1|1|Am 29. März 1847
ER|0|57|1|0|Ich weiß es wohl am besten, dass manchen diese etwas stark teuflischen Erzählungen eben nicht am besten munden werden, weiß es auch, dass mancher darinnen auf irgendeinen scheinbaren Widerspruch stoßen wird; allein das tut nichts zur Sache. Wer da sitzt, ist besser daran, als der stehen muss; ein weiches Bett ist auch besser als ein Stein unter dem Haupt. Wer demnach sitzt und liegt im weichen Bett, der bleibe, weil es ihm wohl dabei ergeht; wir aber wollen weder sitzen, noch liegen, noch weniger stehenbleiben, sondern gehen, und das vor- und nicht rückwärts. Daher muss uns das auch nicht genieren, so wir so manches erfahren, was dem Gemüt freilich etwas bitter zusagt, aber dabei desto heilsamer für den Geist ist. Wenn es aber schon schwer ist, mit einem Feind zu kämpfen, den man sieht und kennt, um wie viel schwerer ist ein Kampf mit einem Feind, den man weder sieht noch kennt! Also ist es auch notwendig, den Feind zu kennen, damit man wisse, wie man ihn anpacken solle, um mit ihm den bevorstehenden Kampf glücklich zu bestehen.
ER|0|57|2|0|Ist das Getreide einmal von dem Stroh ausgedroschen und in die Kornspeicher gesammelt, dann mag man das Stroh sengen und brennen, und es wird dem Korn und Speicher nichts machen. So aber jemand bei Mir Gnade gefunden hat, der ist als geistiges Lebensweizenkorn in die besten Speicher aufbewahrt worden, und wenn sein leibliches Stroh auch einige Risse von Seiten des Satans bekommt, so wird das dem Geist nicht schaden.
ER|0|57|3|0|Dass es sicher weder für den Zuhörer noch für den Geber des Wortes etwas Angenehmes ist, satanische Situationen und Wirkungen vor die Augen der Lebendigen zu bringen, das bedarf keines Beweises; aber ein guter Apotheker muss nicht nur allein mit lauter Lebensessenzen, sondern auch mit allerlei Giften geschickt umgehen können, sonst wird er kein geschickter Apotheker sein. Also ist es auch für das ewige Leben des Geistes von größter Wichtigkeit, die Hölle gleichwie den Himmel vom Grund aus zu kennen.
ER|0|57|4|0|Wer aus euch aber wird wohl der Tor sein und wird holen eine Wäscherin für frische Wäsche? Sondern jedermann holt diese Wäscherin für die schmutzige Wäsche; diese zu reinigen ist in der Ordnung und Pflicht.
ER|0|57|5|0|Also sind die Engelsgeister auch nicht da, und die Menschen auch nicht, auf dass sie den Himmel reinigen und fegen sollen, sondern das nur, was von jeher und allzeit schmutzig war.
ER|0|57|6|0|Darum ist es auch nötiger, den Ort des Schmutzes genauer zu kennen als den Ort der Reinheit selbst. Denn nur der erste muss bearbeitet werden; ist der einmal im Reinen, so kommt der Himmel von selbst.
ER|0|57|7|0|Es wäre auch eine überaus alberne, törichte Lehre, so man an irgendeine menschliche Gesellschaft ein Gebot ergehen ließe, dass diese beständig nur ihr Gutes hervorheben solle und loben dasselbe über die Maßen; über das Böse aber solle sie nie nachdenken und es etwa gar tadeln an sich. Das Gute bedarf weder, dass man es heraushebe, noch dass man es lobe, denn es hebt sich von selbst hervor und lobt sich von selbst; aber überaus notwendig ist es, dass ein jeder Mensch nach seinen bösen Gedanken, Begierden und Werken Jagd mache und diese wie ein böses Wild jählings erlege in dem weltlichen Forst der Unordnung, auf dass in ihm der Spruch sich bewähre: „Und so ihr alles getan habt, da bekennt, dass ihr unnütze Knechte seid!“
ER|0|57|8|0|Und es ist auch wirklich viel besser, zu sagen: „Herr, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig!“ als: „Herr, ich danke Dir, dass ich nicht so bin wie andere Leute, etwa wie Zöllner und allerlei Sünder von verschiedenartigem Kaliber.“ Sonst gleicht man wirklich entweder solch einem hochmütigen Pharisäer oder gar einem überaus dummen Betbruder und Wallfahrer zu einem Gnadenbild, welcher im Ernst vor dem Teufel wie vor dem Kruzifix ein Kreuz schlägt.
ER|0|57|9|0|Oder urteilt selbst, was von beiden wohl nötiger ist: den Boden zu kennen, auf dem man herumgeht, oder das Firmament, an dem sich sicher noch nie jemand eine blaue Kopfwunde geschlagen hat? Der Boden ist der Träger; da muss man wissen, wie fest er ist, ob keine Abgründe [vorhanden sind], in die man hinabstürzen könnte, und wenn sie vorhanden sind, wie man ihnen ausweichen muss.
ER|0|57|10|0|Was würde es aber jemandem nützen, wenn er den ganzen Himmel wie eine Realenzyklopädie enthüllt vor seiner Nase hätte, stieße aber auf dem Weg auf den nächsten besten Stein und fiele dann samt seinem Himmel auf die Nase?
ER|0|57|11|0|Es ist freilich viel ergötzlicher, erheiternder und erbaulicher, mit den Augen am gestirnten Himmel herumzureisen als auf dem Erdboden, der voll Schmutzes und Unflates ist; aber wer sich zum erhabenen Gesetz machte, stets nur mit seinen Augen unter den Sternen herumzufahren, fiele aber dabei in eine recht derbe Kotlacke, da ließe sich wohl fragen, ob er den Schmutz in den Sternenregionen oder auf dem Erdboden mittels eines reinen Wassers von seinen Kleidern entfernen wird. Ich meine, bei dieser Arbeit werden alle die zwölf Himmelszeichen, auch Orion nicht, die Kassiopeia und Kastor und Pollux auch nicht vonnöten sein, sondern entweder Wasser oder, wenn der Schmutz nicht gar so arg ist, bloß nur eine Bürste, ein Werkzeug aus Holz und Schweineborsten, die von dem unreinsten Tier herstammen, aber doch zur Reinigung beschmutzter Kleider bei weitem tauglicher sind als Orion, Kassiopeia und Kastor und Pollux.
ER|0|57|12|0|Es ist freilich nichts Angenehmes – wie schon oben bemerkt –, mit Hölle, Teufel und Satan irgendeine Bekanntschaft zu machen, aber wenn jemand in dem Haus ebendieser Herrschaften eine Zeit lang zubringen muss, um den Platz seiner künftigen Beschäftigung kennenzulernen samt der bösen Herrschaft dieses Hauses, da wäre es doch sicher die größte Eselei, da ein Kreuz zu machen, um sich durch dasselbe irrgläubig wie eine Raupe vor aller Teufelei einzupuppen, wo man eigentlich nur alle seine Aufmerksamkeit verzehnfachen soll, damit einem keine Eigenschaft dieses Hauses entginge.
ER|0|57|13|0|Wer das Böse meiden will, der muss es doch zuvor kennen; sonst bleibt er gleich einem unmündigen Kind, das zwischen Dreck und Brot und Schlange und Fisch keinen Unterschied macht und eines wie das andere in den Mund steckt, wenn es hungert.
ER|0|57|14|0|Ich will euch aber sagen, dass dergleichen Furcht bei euch lediglich darin ihren Grund hat, weil ihr früher weder von dem Himmel, noch viel weniger von der Hölle eine andere Vorstellung hattet als welche euch entweder der liebliche, sehr menschenfreundlich gesinnte Pater Kochheim, der hl. Ignatius von Loyola und, nach diesen zwei Weisen – nicht etwa aus dem Morgenland, sondern sehr stark vom Abendland – die sämtliche katholische, uniformierte und nichtuniformierte Priesterschaft beigebracht hat. Diese können ihre Predigten freilich nur dadurch imposant, romantisch, interessant und das Zwerchfell der überaus stumpfen Kirchenläufer erschütternd machen, wenn sie in einer einzigen Predigt wenigstens dreißigmal die ganze armselige Zuhörerschaft in die Hölle hinunter verflucht haben, welche sie früher samt ihren Ureinwohnern auf eine sehr handgreifliche Weise beschrieben und dergestalt heißgemacht haben, dass, wenn so ein Prediger à la Ignatius und Kochheim am Nordpol seine Predigt losgelassen hätte, er das Eis wurz wegputzen würde. Solch eine Predigt, vor der sogar der Satan seinen Respekt hat, in ein kindliches Gemüt hineingeschlagen, muss freilich wohl die seltsamsten Wirkungen hervorbringen.
ER|0|57|15|0|Das Beste bei der Sache ist, dass eben eine Sache, die selbst keinen Grund hat, auch nirgends einen Grund finden kann, – woher es dann auch nicht selten kommt, dass unter 500 Zuhörern einer solchen höllischen Donnerwetterpredigt wenigstens 200 recht festweg schlafen; 200 merken so nicht auf die Predigt, und 100 haben sich von der ganzen Predigt bloß das Amen gemerkt. Das alles aber bewirkt der Geist einer solchen Predigt; darum ist es nun gut, das Böse zu erkennen in seinem Grund, damit es dann jeder in sich leicht erkennt, wenn sich solches in seiner Nähe befindet. Und zu diesem Zweck werden euch eben mehrere, darauf Bezug habende Denkwürdigkeiten gegeben werden, von denen ihr euch nach dieser Vorinstruktion nicht zu fürchten habt.
ER|0|58|1|1|Spuk und Besessensein
ER|0|58|1|1|Am 30. März 1847
ER|0|58|1|0|Ihr habt von allen Zeiten, in denen Schriften verfasst wurden, merkwürdige Fälle von verschiedenartigem Besessensein in eurer gegenwärtigen Lage und Sphäre gelesen. Wisst ihr aber auch so ganz gründlich, wie dieses Besessensein den Ursprung nimmt, und von woher, und bei welchen Gelegenheiten? Dieses theoretisch zu erörtern, wäre darum eine überflüssige Arbeit, weil ihr in dieser Sache ohnehin schon mehrere Belehrungen empfangen habt; aber diese Sache denkwürdig dramatisch darzustellen, wird jedem, der es lesen wird, viel Licht geben. Lassen wir demnach sogleich eine solche Denkwürdigkeit vor unseren Augen vorübergehen.
ER|0|58|2|0|Der Satan, der schon eine sehr große Menge seiner bösen Anhänger zählt, lässt seine Helfershelfer zu gewissen Zeiten unter das menschliche Geschlecht treten mit dem Auftrag, alles zu fangen, was nur immer zu fangen ist, und kein Mittel unversucht zu lassen, durch welches irgendeine Seele für den Hofstaat des Fürsten aller Bosheit und Lüge samt Haut und Haar zu kapern wäre. Auf solch einen Auftrag begeben sich dann die bösen Spießgesellen auf allen möglichen Schleichwegen zur Oberwelt herauf und maskieren ihre Absicht so fleißig als nur immer möglich, damit ja kein ihnen begegnender besserer Geist irgendeinen Argwohn gegen sie schöpfen möchte. Werden sie um den Grund befragt, da geben sie allzeit einen respektablen an und bitten die mächtigeren Wächter flehentlichst, sie heraufzulassen, auf dass sie mehr Erfahrung machen und Gelegenheit finden, manches frühere Übel gutzumachen, sich zu bessern und so nach und nach in das wahre Licht des Lebens einzugehen.
ER|0|58|3|0|Da aber im Reich der Geister, ob der guten oder bösen, nichts so sehr respektiert werden muss als der freie Wille, insoweit dieser nicht gar zu Arges im Schilde führt, so werden sie auch heraufgelassen, aber natürlich unter fortwährender, heimlicher Aufsicht, auf dass sie zu seiner Zeit nicht sagen könnten: „Wir wollten ja den Weg der Besserung betreten, aber man ließ es nicht zu!“
ER|0|58|4|0|Da man es ihnen aber zulässt und häufige Gelegenheit gibt, welche zuallermeist missbraucht wird, so haben sie aber hernach auch nichts einzuwenden, wenn sie in einem schlimmeren Zustand, als der vorige war, zurückkehren müssen.
ER|0|58|5|0|Was tun nun solche böse Spießgesellen, wenn sie auf die Oberwelt heraufkommen? Sie ergreifen wirklich alle möglichen Mittel, ihr heimliches Vorhaben für den Hof des Satans zu realisieren. Einige, die allenfalls von solchen Menschen abstammen, die früher bei Leibesleben hoffärtige und reiche Gutsbesitzer waren, begeben sich in ihre hie und da noch vorfindlichen scheußlichen Burgen und spuken da und wollen die Menschen darauf aufmerksam machen, dass in solch einer Burg noch irgendein Schatz begraben und vorhanden ist. Sind zufolge solcher Spukhandlung einige dumme Menschen wirklich darauf aufmerksam gemacht worden, so fangen sie auch bald unter allerlei magischen Zeichen, Instrumenten und Formeln den spukenden bösen Geist zu beschwören an, auf dass er ihnen anzeige, wo der Schatz begraben ist, und wie und wann man graben müsse, um ihn zu bekommen.
ER|0|58|6|0|Wenn ein solcher böser Bewohner einer solchen alten Burg dann leicht merkt, dass er die dummen Menschen durch solche lose Spukereien angezogen hat, so gewährt er auch nicht selten den Beschwörern und zeigt ihnen durch allerlei Erscheinlichkeiten an, wo etwa so ein Schatz begraben ist; und die Menschen fangen dann an zu graben und finden gewöhnlich nichts, wodurch sie aber gewöhnlich nicht gewitzigt werden, sondern ihre Arbeit mit größerem Eifer fortsetzen. Bei solchen Gelegenheiten geschieht es dann, dass sich solch ein höllischer Sozius wie eine Tigerkatze ein Opfer aussucht, es ergreift und sich auf jede mögliche Art in das Fleisch hineinpraktiziert, was entweder durch zu sich genommene Speisen oder Getränke am leichtesten geschieht, besonders, wenn solche schatzsüchtige Arbeiter ihre Speisen und Getränke nicht zuvor in Meinem Namen segnen. Hat ein solcher arger Spukgeist seinen Zweck erreicht, dann ist’s gewöhnlich auch mit der Spukerei in einer solchen alten Burg zu Ende.
ER|0|58|7|0|Ist aber dann ein solcher Spukgeist in eines Menschen Fleisch hineingedrungen, da laviert er dann wie eine Katze um das Herz des Menschen. Er kennt bald die Schwächen desselben und fängt an, seine bösen Neigungen, Wünsche und Begierden hineinzuhauchen. Werden diese vom menschlichen Herzen beifällig aufgenommen, so bleibt dieser Patron ganz ruhig im Fleisch und macht bloß einen feinen Zuseher, wie solch ein Mensch nach und nach so schön fleißig nach diesen höllischen Inspirationen zu handeln anfängt.
ER|0|58|8|0|Hat dann ein solcher Mensch das Maß des Willens eines solchen bösen innewohnenden Geistes erfüllt, dann bewirkt dieser Geist in dem Fleisch gewöhnlich eine tödliche Krankheit und sucht so geschwind als möglich die also verdorbene und seiner Bemühung anheimgefallene Seele dem Fleisch zu entreißen, um sie dann als eine gute Prise seinem Herrn und Gebieter zu Füßen zu legen.
ER|0|58|9|0|Allein es geht die Sache dann nicht nach dem Plan eines solchen Patrons; denn sobald die Seele das Fleisch verlässt – mag sie gut oder böse sein –, so wird sie aber dennoch von den Engeln alsogleich in Empfang genommen. Der böse Jäger aber wird auf das Empfindlichste gezüchtigt und ganz mutterseelenallein zu seinem Herrn und Gebieter zurückgestoßen, wo es dann abermals eine sehr starke Züchtigung absetzt; und ein solcher Geist, der sich einmal so ungeschickt aufgeführt hat, wird dann nicht sobald wieder herauf ins Jagdrevier abgesendet.
ER|0|58|10|0|Die Seele aber wird von den Engeln samt dem ihr innewohnenden Geist in einen solchen Zustand versetzt, in dem sie nach und nach erkennt, wie es mit ihrer weltlichen Aufführung gestanden ist. Will sie sich bekehren, so kommt sie höher und höher; ist sie aber hartnäckig, dann kommt sie wohl auch immer tiefer und tiefer bis zu den empfindlichsten Strafen; bewirken diese auch noch keine Rückkehr, dann erst mag sie frei nach ihrem eigenen Willen eine Probefahrt in die Hölle machen. Gefällt es ihr da, so bleibe sie ihrer Liebe; gefällt es ihr nicht, so mag sie wieder zurückkehren, was gewöhnlich selten geschieht, weil die Hölle zu angestopft von den allerbetrüglichsten, alles verheißenden, aber nichts realisierenden Lockmitteln ist. Denn da gibt es Trugkünste in zahlloser Menge, welche darauf berechnet sind, solch eine Seele stets näher und näher dem eigentlichen Wesen des Satans zu bringen, auf dass sie da mit ihm ein kongruierender Teil werde, was aber nimmer geschehen kann, da eine jede Seele schon einen eigenen Geist in sich enthält und seiner nicht loswerden kann, welcher Geist das Entgegengesetzte des Satansgeistes ist.
ER|0|58|11|0|Will sich so eine Seele dem Satan nähern, dann tritt ein solcher Geist in ihr selbst als Richter, Rächer und Strafer auf und peinigt die Seele als ein unerlöschliches Feuer von innen aus, durch welche Pein die Seele von dem Satan wieder – soweit es nur möglich – entfernt wird, wo sie dann wieder zu einer Art Besserung übergeht. Will sie dieser Besserung folgen, so wird es ihr auch leichter und leichter, je mehr sie sich der Reinheit ihres in ihr wohnenden Geistes nähert.
ER|0|58|12|0|Und wenn diese Besserung stets fortschreitet, so kann sie auch zur Seligkeit gelangen, wenn sie wird wie ihr Geist. Denn das ist der Unterschied zwischen der Seligkeit und zwischen der Verdammnis. In der Seligkeit geht die Seele ganz in den Geist über, und der Geist ist dann das eigentliche Wesen; in der Verdammnis aber will die Seele den Geist ausstoßen und einen anderen, nämlich den des Satans, annehmen. In diesem Falle wird sie das Unähnlichste mit dem Geist, daher der Geist in ihr die vollkommen entgegengesetzte Polarität ist. Als solche übt er dann jene Gegenkraft aus, welche von dem Satan fortwährend allergewaltigst abstößt; je näher eine Seele dem Wesen des Satans kommt, desto heftiger ist die Reaktion des Geistes in ihr gegen den Satansgeist. Diese Reaktion aber ist für die Seele die allerschmerzlichste Empfindung, und daher datiert sich auch das Leiden und die Pein der Hölle, wie sich auch ebendiese Reaktion als das unerlöschliche Feuer in der Erscheinlichkeit kundgibt. Und das ist eben auch der Wurm in der Seele, der nicht stirbt, und dessen Feuer nicht erlischt; und es ist dann ein und dasselbe Feuer, welches im Engel die höchste Seligkeit und im Teufel die höchste Unglückseligkeit gebiert.
ER|0|58|13|0|Aus dieser denkwürdigen Darstellung könnt ihr euch schon so einen recht tüchtigen Begriff über das Wesen der Hölle und über die Handlungsweisen des Satans machen. Aber das ist nicht das Einzige, wodurch der Satan durch seine Spießgesellen, die zumeist aus solchen argen Seelen bestehen, sucht irgendeine Seele für sich zu erbeuten.
ER|0|58|14|0|Sind solche Seelen, als einstweilige satanische Spießgesellen, etwas besserer Art, so werden sie auch nicht gehindert, nicht selten das Fleisch von unschuldigen Menschen, sogar das Fleisch der Kinder, in Besitz zu nehmen. Allein bei solchen Menschen wird die Seele auf das Sorgfältigste geschützt und das Herz vor Einflüsterungen verwahrt.
ER|0|58|15|0|Will ein solcher, etwas weniger bösartiger, zeitweiliger Höllenemigrant guttun, so kann er teilhaftig werden der Gnade und Erbarmung, die ein solcher unschuldiger Mensch fortwährend genießt; benimmt er sich aber ungebührlich und treibt allerlei Unwesen mit dem Fleisch, das er besitzt, so wird er entweder bald hinausgeschafft oder auf eine sonstige Weise im selben zur Ruhe gebracht.
ER|0|58|16|0|Manchmal können ein Fleisch auch mehrere Geister in Besitz nehmen, wo sie jedoch vorher freiwillig anzeigen müssen, dass sie darin einzig ihre Heilung suchen, und es wird ihnen dann gewährt, wie sie es wünschen, und das darum, weil solche Geister dem Rat der Engel, sich lieber gleich an den Herrn zu wenden, nicht folgen, sondern gewöhnlich hartnäckig darauf bestehen, behaupten und beweisen, dass sie nur durch diesen Weg zu dem Herrn gelangen können. Und so wird es ihnen denn auch zugelassen, wie sie es wollen; denn die Engel unterrichten alles auf empirische Weise.
ER|0|58|17|0|Gewöhnlich geht es auf diesem Weg sicher nicht, obschon manchmal wohl; daher auch solche Zulassung, welche aber nur einmal gestattet wird, höchstens und höchst selten zum zweiten Mal! Dann kommt ein anderer Weg, nämlich der Weg des Gerichtes, der Strafe, der Pein und der Qualen. Die stolze Seele erträgt sehr viel; aber wenn es ihr dann doch etwas zu stark wird, dann kehrt sie wieder um, auf eine Zeit lang wenigstens.
ER|0|58|18|0|Das Hauptübel der Seele aber besteht darin – was eigentlich von der Einflüsterung des Satans herrührt –, dass sie sich dann, wenn es ihr etwas besser geht, Vorwürfe macht, nicht etwa reuige, sondern dass sie sich von der Qual hat einschüchtern lassen und zurücktreiben; hätte sie die Qual ausgehalten, da wäre sie mit der Macht des Satans eins geworden, und mit der Herrlichkeit des Herrn hätte es ein Ende. Durch solchen Wahn kehrt sie dann gewöhnlich wieder in noch größere Bosheit zurück, und es gibt wirklich in der untersten Hölle solche, welche diesen Wahn gegen eine fortwährende, stets sich steigernde Qual und Pein nicht fahren lassen und gewisserart darin einen Triumph finden, dem Herrn auch in der größten Qual zu trotzen. Allein das tut nichts zur Sache; es wird schon noch eine Zeit kommen, die sie zu Paaren treiben wird. Deren Hartnäckigkeit aber so groß ist, dass sie auch das Vollmaß des Zornfeuers nicht zur Umkehr bringen kann, diese werden sich denn einst auch müssen gefallen lassen, mit ihrem Zentrum mit Hinwegnahme ihres Geistes die euch bekannte Reise des ewigen Verderbens zu machen, woran wirklich kein großer Schade sein wird; denn Ich kann dem Abraham auch aus Steinen viel bessere Kinder erwecken.
ER|0|58|19|0|Über das Besessensein müsst ihr euch aber überhaupt nicht zu sehr entsetzen; denn fast ein jeder Mensch hat dergleichen Gäste in sich, d. h. in seinem Fleisch. Warum und wie solches, das werden wir in einer nächstfolgenden Denkwürdigkeit erschauen.
ER|0|59|1|1|Die übermäßige fleischliche Lust
ER|0|59|1|1|Am 31. März 1847
ER|0|59|1|0|Ihr wisst, dass gewisse Menschen mit fleischlicher Lust sehr behaftet sind, sowohl weiblicher- als männlicherseits, während es doch wieder andere Menschen gibt, bei denen das sinnlich-fleischliche Wesen beinahe ganz stumpf ist; solche Menschen rühren sich deswegen nicht, und obschon ihnen gegenüber das reizendste Fleisch aufgestellt würde. Ein üppiger Weiberfuß, ein Arm, eine Brust, als die gewöhnlichen Aushängeschilder des weiblichen Geschlechts zur Erweckung des sinnlichen Triebes bei den Männern, rühren einen nicht Fleischsüchtigen oft so wenig als wie ein dürrer Baumast; wogegen wieder andere beim Anblick dieser weiblichen Reizaushängeschilder ganz rasend werden. Ja, es gibt Narren, die sich in einen weiblichen Arm dergestalt verlieben können, dass sie ganz toll werden, wenn sie so ein Frauenzimmer nicht zum Weib oder doch wenigstens zum zeitweiligen sinnlichen Genuss bekommen können.
ER|0|59|2|0|Der Grund also von solcher fleischlicher Neigung, besonders wenn diese sich sehr heftig ausspricht, liegt gewöhnlich im Besessensein von einem oder auch mehreren geilen Fleischteufeln.
ER|0|59|3|0|Aber wie kommen diese wieder in das Fleisch eines solchen Menschen? Dazu bereiten die Menschen selbst Gelegenheiten ohne Zahl und Maß. Solche Fleischteufel wohnen zuerst in den hitzigen Getränken, im Wein, auch im Bier, und besonders in den gebrannten Geistern [Wässern]. Wenn sich Menschen mit dergleichen Getränken stark berauschen, so haben sie in diesen Getränken einen sicher, wo nicht mehrere Fleischteufel in ihr Fleisch aufgenommen. Sind sie aber einmal im Fleisch, da jucken und quälen sie die Genitalien auf eine so arge Weise, dass der Mensch nicht umhinkann, solche Juckerei durch den sinnlichen Genuss des Fleisches entweder mit den Weibern oder manchmal sogar mit den Tieren zu befriedigen. Diese Fleischteufel sind natürlich nichts anderes als unlautere Seelen solcher verstorbener Menschen, welche ebenfalls entweder dem Trunk oder der fleischlichen Sinnlichkeit sehr ergeben waren. Sie treten zwar aus einem Besserungsgrund in das Fleisch eines noch lebenden Menschen über; aber weil das Fleisch eben ihr Element war, so treiben sie es nicht selten in solch einem Menschen, den sie besessen haben, noch ärger, als sie früher es im eigenen Fleisch getrieben haben.
ER|0|59|4|0|Ebendiese verstorbenen Fleischseelen, wenn sie es zu toll treiben und sich stets mehr und mehr in ihrer unreinen Lust entzünden, bewirken auch zuallermeist die abscheulichen und sehr gefährlichen sogenannten syphilitischen Krankheiten, was von den schützenden Engelsgeistern darum zugelassen wird, auf dass die Seele des eigentlichen Menschen nicht gänzlich zugrunde gehe in der tobenden Wut ihres Fleisches.
ER|0|59|5|0|Also solche hitzige Getränke sind der erste Weg, auf welchem diese Fleischteufel in das Fleisch des Menschen kommen.
ER|0|59|6|0|Der zweite Weg, ebenso gefährlich wie der erste, sind die öffentlichen Tanzbelustigungen, wo ihr immer annehmen könnt, dass auf einem Ball oder sonstigen Tanzunterhaltung sich auch allzeit zehnfach so viel unsichtbare fleischsüchtige, unreine Seelen einfinden, als sonst Gäste auf einem solchen Ball beisammen sind. Auf diesem Weg kommen sie am leichtesten in das Fleisch, welches hier sehr aufgeregt wird und daher überaus stark aufnahmefähig ist für dergleichen schmutziges Seelengesinde; aus welchem Grunde denn auch Menschen nach einem solchen Ball für alles Höhere und Erhabenere einen förmlichen Widerwillen empfinden, was in den Städten, besonders bei Studierenden, von jedermann leicht beobachtet werden kann, da nicht selten früher recht fleißige Studierende nach einem Ball, anstatt an ihre Bücher zu denken, nur fortwährend den weißen Nacken, Busen, Arm und die Augen ihrer Tänzerin vor dem Gesicht haben und ihr Sinn sich fast mit nichts anderem mehr beschäftigt als bloß nur mit dem Gegenstand, der auf dem Ball ihnen eine so große Lust bereitet hatte.
ER|0|59|7|0|Mancher Studierende lässt darob das Studieren gar sein; mancher aber studiert darauf statt der Wissenschaft nur das Brot, um sobald als möglich mit seiner lieblichen Tänzerin ein Paar zu werden – und gehe es ihm schon wie es wolle. Und wird so ein paar Leute auch wirklich ein Ehepaar, so ist aber das auch ein Ehepaar, welches einem eigentlichen Ehepaar ebenso wenig gleichsieht als die Nacht dem Tag.
ER|0|59|8|0|Die erste Zeit bei einem solchen Ehepaar wird bloß mit der sinnlichen Lust zugebracht, sodass binnen kurzer Zeit fast alle Spezifika, die dahin bestimmt sind, um Zeugungskraft zu bilden, bis unter Null verbraucht werden. Dann tritt gewöhnlich bald eine gänzliche Erschlaffung des Fleisches und besonders der Genitalien ein. In solchen Fällen sucht dann der in solchen Leuten innewohnende Fleischteufel darin einen Regress, dass er der Seele, besonders durch die Nieren, einflüstert – wie gewisserart ein Hausarzt –, sich an anderes Fleisch zu wenden. Dadurch wird bald dem Mann sein Weib zum Ekel – und der Mann seinem Weib. Sie fängt an, sich nach und nach um jugendliche Hausfreunde umzusehen, und er aber geht gewöhnlich abends frische Luft suchen, und wenn er vermögender ist, so macht er Reisen wegen größerer Luftveränderung. Und so geht die Sache fort, bis sich mit der Zeit ein solches Ehepaar dergestalt überdrüssig wird, dass es sich bald scheiden lässt, oder es lässt einander ohne gerichtliche Scheidung sitzen; oder wenn es in einem solchen Haus mehr nobel und adlig zugeht, so wird dahin eine Konvenienz getroffen, dass ein jeder Teil bezüglich seiner sinnlichen Lust tun kann, wie es ihm am besten gefällt. Dergleichen Erscheinungen, die gegenwärtig sehr an der Tagesordnung sind, sind lauter Früchte der Ball- und Tanzunterhaltungen und sind Folgen vom Besessensein von oberwähnten argen Fleischpatronen.
ER|0|59|9|0|Dieses Besessensein äußert sich anfänglich zwar nie mit der Heftigkeit als wie bei manchen, die durch hitzige Getränke dergleichen unreine Geister in sich aufgenommen haben; aber die Geister aus den hitzigen Getränken werden leicht durch ein kräftiges Gebet der Seele durch ihren Geist hinausgeschafft, worauf dann wieder der normale Zustand des Fleisches eintreten kann. Aber die Besitzungen auf dem Wege öffentlicher Tanzbelustigungen sind nicht so leicht hinauszubringen, und es wird dazu schon sehr viel Fasten, Beten und Selbstverleugnung erfordert, wodurch die Seele sich mehr und mehr mit ihrem Geist vereinigt, dieser dann durch sie greift und das arge Gesindel aus dem Haus der Seele schafft.
ER|0|59|10|0|Aber wo ist nun ein solcher Tänzer und eine solche Tänzerin, die das täten? Gewöhnlich fressen sie schon während und nach dem Tanz noch mehr als früher und wollen sich dadurch wieder restaurieren, was ebenso viel heißt, als dem Fleischteufel leibeslebenslängliche Pension und Unterkunft mit Seele und Blut zu garantieren.
ER|0|59|11|0|Manche Tänzerin und mancher Tänzer, wenn sie zu viel solcher Gäste in sich aufgenommen haben, gehen auch ihrem Leibe nach in kurzer Zeit zugrunde; denn diese argen Fleischbolde, wenn sie in den Nieren und in den Genitalteilen nicht Platz finden, so richten sie auch ihre Wohnung in der Milz, Leber oder auch in der Lunge auf. Wo aber ein solcher Höllenemigrant seine Wohnung aufrichtet, da tötet er gewisserart das Fleisch, und die Folgen davon sind Milz- und Leberverhärtungen und in der Lunge Lungensucht, Abzehrung oder auch, wenn zwei oder mehrere sich auf die Lunge geworfen haben, die sogenannte galoppierende Lungensucht.
ER|0|59|12|0|Ich sage euch, und ihr könnt es sicher annehmen:
ER|0|59|13|0|Die meisten Krankheiten rühren bei den Menschen von ihrer höllischen Einwohnerschaft her, der sie selbst den Weg in ihr Fleisch bahnten.
ER|0|59|14|0|Das sind demnach wahre Kinder der Welt, und es beginnen schon gar viele in der Jugend die Schule für die Hölle. Damit sie aber ja nicht merken sollten, dass sie in ihrem Fleisch fremde Gäste der schmutzigsten Art beherbergen, so suchen diese Geister nicht nur allein das Fleisch ihrer Hausherren so sinnlich als nur tunlich zu stimmen, sondern sie wirken auch dergestalt auf die Seele, dass diese sich in allerlei weltlichen Dingen sehr wohlzugefallen anfängt.
ER|0|59|15|0|Diese weltlichen Dinge sind: Mode; das reizende Fleisch muss nach der Mode emballiert sein, die Haare gebrannt, die Haut mit wohlriechenden Spezereien eingerieben; und bei den männlichen Individuen darf der höllische Zigarrenzutzel nicht fehlen, und mancher junge Modetölpel, wenn er einiges Geld besitzt, verraucht nicht selten in einem Tag so viel, dass sich zehn Arme hinreichend Brot kaufen könnten.
ER|0|59|16|0|Wisst ihr aber auch, was diese Rauchmode zu bedeuten hat? Die bösen Einwohner bemühen sich, die Seele schon bei Leibesleben an den höllischen Dampf und Gestank zu gewöhnen, damit sie nach dem Austritt aus dem Leib ihrer stinkenden Gesellschaft nicht sobald gewahr werde und auch nicht allzu bald empfinde, wenn diese saubere Gesellschaft sie ganz unvermerkt in die dritte Hölle führt.
ER|0|59|17|0|Es ist zwar wohl schon gesagt worden, dass jede Seele nach dem Tode zuerst in die Gesellschaft der Engel kommt, wo ihre böse Gesellschaft augenblicklich weichen muss. Das geschieht zwar auch hier in diesem Falle; allein solch eine Seele bleibt nicht fortan in der Gesellschaft der Engel, sondern wird von denselben in eine solche Lage versetzt, wo es ihr möglich wird, sich zu ergänzen, deutlicher noch gesprochen: sie wird auf einen solchen Ort gestellt, wo sie durch eine gewisse freie Tätigkeit jene zu ihrer Ergänzung nötigen Spezifika wieder gewinnen kann, die sie auf dieser Welt vergeudet hatte.
ER|0|59|18|0|Ein solcher Ort ist dann derjenige, auf welchem sich einer solchen Seele die frühere, arge Fleischgesellschaft unvermerkt nahen kann. Da aber diese höllischen Wesen für eine nur einigermaßen reinere Seele ganz gewaltig pestilenzialisch stinken und die Seele ihre Gegenwart leicht merkt, so ist aber in diesem Falle der Geruchssinn der Seele oft so verdorben, dass sie dergleichen Approximationen nicht merkt; denn vom Sehen ist da ohnedies nicht viel die Rede, da fürs Erste die Seele noch viel zu wenig Licht hat und das Schauen der Seele ohnehin nur von innen ausgeht, sie sonach nur das sehen kann, was in ihr ist, und nicht was außer ihr ist.
ER|0|59|19|0|Solche Geister aber sind außerhalb einer solchen Seele; daher sieht sie dieselben nicht, aber durch den Geruchssinn kann sie ihre Gegenwart empfinden und ihren Standpunkt genau ermitteln, und hat sie das, da kann sie sich in ihren Geist zurückziehen, der sie sobald erleuchtet, wodurch sie dann alsbald auch schauen kann, wo sich ihre Feinde befinden, und was sie tun wollen. Und sehen die Höllischen einmal das Angesicht der Seele, da fliehen sie jählings; denn alles kann ein höllischer Geist eher vertragen als das Auge einer reinen Seele, noch weniger aber natürlich das eines Engels; und um sie vor Meinem Auge zu schützen, werden Berge zur Deckung gerufen!
ER|0|59|20|0|Aus dem aber könnt ihr leicht entnehmen, warum Ich schon zu öfteren Malen gegen das höchst abscheuliche Tabakrauchen geeifert habe; zugleich habt ihr aus dieser Denkwürdigkeit gesehen, wie die übermäßige fleischliche Lust im Menschen entsteht, und zu was sie führt, und wie sich Menschen vor derselben auch leicht verwahren können. Nächstens werden wir wieder eine andere Denkwürdigkeit betrachten und uns die geziemenden Notabene herausnehmen.
ER|0|60|1|1|Der Spielteufel
ER|0|60|1|1|Am 1. April 1847
ER|0|60|1|0|Eine andere Art Menschen hat schon von Jugend auf, was gewöhnlich ein großer Schnitzer in der Erziehung ist, einen besonderen Hang zu allerlei Spielerei; sie können die Zeit nicht anders zubringen als bloß mit Tändeln und Spielen. Dieser Hang zum Spielen wird von Seiten kurzsichtiger und dummer Eltern dadurch geweckt, dass sie schon den kleinen Kindern fortwährend eine ganze Menge sogenannter Kinderspielereien anschaffen, um die Kinder durch dergleichen Spielzeug, wenn sie noch sehr klein sind, zum Stillschweigen zu bringen, und wenn die Kinder etwas erwachsener sind, sie durch eben ein solches Spielzeug zu einer Tätigkeit anzuleiten.
ER|0|60|2|0|Behufs solcher Kinderspielereien gibt es in den Städten sogar eigene Handlungen, und noch mehr, es gibt sogar Märkte, wo dergleichen Dummheiten in möglichst verschiedener Auswahl nicht selten unter den skandalösesten Formen zum Verkauf geboten werden.
ER|0|60|3|0|Seht, da haben wir eine Quelle und wieder einen neuen Weg, auf welchem die bösen Seelen abgeschiedener Menschen in das Fleisch solcher Kinder gelangen.
ER|0|60|4|0|Was wird wohl die Folge davon sein? Diese Kinder werden schon von diesen in ihnen wohnenden Geistern dahin angetrieben, stets mehr und nur stets mehr Spielzeug zu besitzen; ja mancher Eltern Kinder haben so viel Spielzeug, dass dieses schon ein tüchtiges Kapital ausmacht. Die Kinder vertiefen sich endlich in diese Spielerei und haben beinahe keine Rast und Ruhe, etwas anderes zu denken als nur an ihr Spielzeug. Die Knaben haben Reiter, hölzerne Reitpferde, papierene Soldatenhelme, blecherne Schießgewehre und Säbel; wenn sie aber herangewachsen sind, wollen sie die hölzernen Pferde in lebendige umgestaltet haben, und statt der blechernen werden wirkliche Gewehre beigeschafft; denn es ist ja notwendig, dass ein junger Mensch vor allem tanzen, reiten, fechten und schwimmen lernt. Auch eine Übung, mit Pistolen zu schießen, kann nicht schaden. Nebst dem versteht sich von selbst, dass ein junger Mensch cavalièrement – wie ihr zu sagen pflegt, – bevor er noch seine Muttersprache kennt, auch ein paar moderne fremde Sprachen würgen lernt, natürlich sich dabei auch im Modejournal auskennt, die Glacéhandschuhe schon in der ersten Jugend sich so fest an die Hand zu pressen gewöhnt, dass die Finger darin wie Prügel steif sind! Und glücklich der, der schon als Knabe auf einem Kinderball den ersten Vortänzer machen kann, worüber die Eltern eines solchen Genies manchmal beinahe vor lauter Entzücken krank werden und viele Freudentränen vergießen, welche Tränen freilich als aufgelöste Spezifika bei der Seele jene merkwürdige Wirkung verursachen, welche darin besteht: weil ebendiese Tränen so einen lächerlichen Abschied von den Augen nehmen mussten, so suchen sie hernach bei den Ohren derselben Seele ihre Zuflucht, wodurch aber eben die Ohren an der ungewöhnlichen Verlängerung sehr stark zunehmen.
ER|0|60|5|0|Aus solchen, nicht hoffnungsvollen, sondern hoffnungslosen Söhnen solcher wahrhaft mehr als eselhaften Eltern werden Gecken, die nichts wissen, weil sie nie etwas gelernt haben, was die guten Verstandeskräfte ihrer Seele nur im Geringsten hätte bereichern können.
ER|0|60|6|0|Damit aber ein solcher Geck vollkommen wird, so muss er auch schon in frühester Zeit seines Lebens alle noblen Spiele radikal verstehen, worüber in der Zeit sogar die allernützlichsten – für die Hölle nämlich, das versteht sich von selbst – Anleitungen und sogar philosophische Betrachtungen geschrieben und gedruckt vorhanden sind.
ER|0|60|7|0|Geschichte wäre freilich besser, auch die Geographie; denn vom Evangelium – da seien wir lieber still! Denn der Welt kann man nur einen weltlichen, aber keinen göttlichen Rat erteilen.
ER|0|60|8|0|Geschichte und Geographie würden solche Leute doch wenigstens dem Göttlichen näher bringen, während sie durch oben gezeigte moderne Erziehung mit Haut und Haaren ohne Gnade und Pardon schnurstracks der untersten Hölle zugeführt werden. Und das ist alles Folge des schon in frühester Jugend eingewurzelten und das Fleisch in Besitz genommen habenden Spielteufels, welcher zu den allerhartnäckigsten gehört; denn er vereinigt in sich Spielsucht, Gefallsucht, fortwährende Unterhaltungssucht, materielle Gewinnsucht und mit ihr verkappte Herrschsucht. Dieser Teufel ist am allerschwersten aus dem Menschenfleisch hinauszubringen und geht beinahe auf keine andere Weise hinaus, als wie er gegangen ist beim Judas Iskariot, der noch bei weitem besser war als der beste gegenwärtige Modegeck.
ER|0|60|9|0|Gleicherweise wird auch das weibliche Geschlecht dergestalt verbildet, dass schon nicht selten die Seele eines zwölfjährigen sogenannten Fräuleins gerade so aussieht wie ein Proteus. Ein solches Fräulein ist schon in der Wiege eine Modistin; denn zu dem Behuf bekommt sie schon mehrere Kinderdocken, damit sie dieselben frisiert, neue Kleider macht und ihnen auch gewisse Haltungen geben lernt, wie sie solche in irgendeinem Journal erblickt. Daneben muss sie freilich auch schon entweder französisch oder englisch zu reden anfangen, wo noch vom Beten lange keine Rede ist. Auch der Tanzmeister bekommt bald Beschäftigung, darauf der Klavier- und Zeichenmeister.
ER|0|60|10|0|Auf diesem Weg wird mit rechter Handhabung instruktorischer Methoden aus dem Wiegenkind, das sich kaum noch selbst zu schnäuzen imstande ist, zuerst ein Wunderkind, und wenn ein solches Mädchen nur fünf Spannen lang geworden ist, dann ist es schon ein Engel, wo nicht gar eine Göttin.
ER|0|60|11|0|Es versteht sich von selbst, dass der Katechet nicht der Religion wegen, sondern nur des bon ton wegen in einem solchen Großhaus den Hofmeister spielen muss.
ER|0|60|12|0|Wird ein solches Mädchen dann etwa mit 13 oder 14 Jahren reif, dann wird es schon auch nach dem großen Modejournal geputzt und in die sogenannte große Welt eingeführt, bei welcher Gelegenheit es natürlich wieder Freudentränen bei den Eltern gibt, wenn so eine zum ersten Mal in die große Welt eingeführte Tochter Beifall in derselben gefunden hat.
ER|0|60|13|0|Diese Tochter kennt zwar, trotz des katechetischen Hofmeisters, oft nicht einen Text aus der Schrift, auch das Vaterunser und die Zehn Gebote nicht; denn das Beten ist ja etwas Gemeines und gehört nicht in die eigentliche sogenannte haute volée. Da wird nur zuerst auf die Stellung, auf den Gang, auf die Haltung beim Gang, ob diese journalmäßig ist, darauf auf ein hübsches Gesicht, auf einen stark bloßgegebenen Nacken, zarte, weiche, weiße und runde Hände und womöglich noch mehr auf einen schön geformten, zierlich-umfangreichen Fuß gesehen, und auch, ob so ein Mädchen in der edlen Koketterie bewandert ist; und natürlich, dass ihr Anzug, wie man zu sagen pflegt, sehr gewählt ist. Unter solchen Umständen ist dann ein solches weibliches haute voléeisch-modernes Prachtexemplar fertig.
ER|0|60|14|0|Wie glücklich, wähnt da mancher Esel, wäre er, wenn er so ein weibliches Prachtexemplar zum Weib bekommen könnte! Ja wohl, glücklich wäre ein solcher Esel; denn ein solches Prachtexemplar könnte ihn in kurzer Zeit zu der höchst nüchternen Überzeugung bringen, dass er fürs Erste wirklich ein großer Esel, und fürs Zweite, dass sein entzückendes weibliches Prachtexemplar nichts als ein übertünchtes Grab war oder eine von außen vergoldete Bildsäule, deren inwendiges Holz nicht einen Groschen Wertes in sich fasst.
ER|0|60|15|0|Was aber ist wohl die Ursache solcher Entartung? Die Ursache ist schon oben gezeigt; sie ist das Besessensein von einem sogenannten Spielteufel, der sich mit der Menschheit das zu machen erlaubt, was die Kinder, besonders Mädchen, mit ihren Docken machen.
ER|0|60|16|0|Wäre es denn nicht besser, wenn schon Kinder Spielereien haben müssen, dass man ihnen solche Sachen zum Spielzeug gäbe, die in einer oder der anderen Beziehung auf Meine Kindheit auf der Welt Bezug haben? Dadurch würde den Kindern ein guter Trieb eingepflanzt, und sie würden, wenn sie mehr erwachsen sind, sich um nähere Daten und Begebnisse freudig erkundigen, was alles ihr Spielzeug vorstelle und zu bedeuten habe. Unter solchen Umständen hätte dann ein wahrer Katechet sicher eine sehr erfreuliche Arbeit in der Anlegung eines jungen Weingartens und würde auch bald erstaunliche Früchte ernten.
ER|0|60|17|0|So aber ist hier der ganz umgekehrte Weg. Statt für den Himmel wird das Kind schon in der Wiege für die Hölle eingeschult, welche dann am Ende auch gewöhnlich triumphiert.
ER|0|60|18|0|Von diesem Kaliber werden die meisten der Hölle zugeführt; denn solche Menschen halten sich für sehr gut, gerecht und nach ihren Begriffen für die Welt vollkommen tugendhaft, – daher da an eine Besserung auch nie zu denken ist. Solche wäre nach dem Begriff solcher Menschen nur ein Rückgang und eine Verschlimmerung ihrer feinen Sitten.
ER|0|60|19|0|Ein Dieb und ein Mörder kann Reue fühlen; ein Hurer und Ehebrecher, auch ein Säufer kann durch gewisse Umstände dahin geleitet werden, dass er seine große Torheit einsieht und man zu ihm sagen kann: „Deine Sünden sind dir vergeben; gehe aber hin und sündige nicht mehr!“ Was sollte man aber zu dieser feingebildeten, hochmütigen, überaus stolzen hohen Welt sagen? Sie hält sich für gerecht, für überaus zivilisiert und hält die Gesetze des feinen Tons und Geschmacks; sie unterstützt auch die Armut, wenn es der feine Geschmack erlaubt, geht auch in die Kirchen – zu der Zeit natürlich, in welcher sich darin bloß nur die elegante Welt einzufinden pflegt, wohnt auch einer Predigt bei, wenn der Prediger ein Mann von feinem Geschmack ist und so hübsch theatralisch seine Predigt vortragen kann, natürlich auch eine angenehme Stimme hat und eine hübsche Person ist. Von der Predigt wird freilich nicht viel gemerkt; ist sie aber dem feinen Ton und Geschmack angemessen, so kann sie der Prediger dann ja ohnehin in einem zierlichen Duodezformat durch den Druck herausgeben, sie einer großen Dame dedizieren, wo dann diese Predigt dem Prediger wenigstens einige Dukaten, manchmal auch eine höhere Anstellung zuwege bringt, und dem Buchhändler – nicht etwa der Predigt wegen, sondern des guten Geschmacks und der noblen Dame wegen, der so etwas gewidmet ist – einen recht erklecklichen Absatz, freilich nicht zum Wiederlesen, sondern nur für eine zierliche Hausbibliothek.
ER|0|60|20|0|Aus dem aber geht hervor, wie schwer oder gar nicht solche Menschen gebessert werden können; denn bei denen ist im Ernst – wie ihr zu sagen pflegt – Taufe und Chrisam verloren. Und es wird in der Geisterwelt sehr viel brauchen, um solche Menschen auf den Weg des Lebens zu bringen; denn solchen Menschen – ihr sollt es kaum glauben! – ist Mein Name zum Ekel, und Ich Selbst bin für sie so gut wie entweder gar nicht oder höchstens wie ein armseliger Moralist der alten Zeit, welche Moral aber jetzt keinen Wert mehr hat, weil man in Paris eine viel bessere erfunden hat.
ER|0|60|21|0|In der geistigen Welt, wohin natürlich die Pariser Modejournale nicht mehr dringen, geht dann freilich ein anderer Wind. Er ist zwar ein Gnadenwind, riecht aber für solche Seelen ärger als die Pest; daher fliehen sie schon lange zuvor von der Stelle, an der sie etwa doch von solch einem Gnadenwind begegnet werden könnten. Ich sage euch: Aus dieser Klasse Menschen werden viele in das A---ch des Satans gelangen, was so viel heißt – als in jenen letzten Unrat der Materie, welcher als Umfassung mit seinem Zentrum die euch schon bekanntgegebene letzte Reise machen wird.
ER|0|60|22|0|Diese Denkwürdigkeit ist klar und euch über manches belehrend. Es wäre unnötig, darüber etwas Weiteres zu sagen; daher nächstens zu einer anderen!
ER|0|61|1|1|Der Zornteufel
ER|0|61|1|1|Am 6. April 1847
ER|0|61|1|0|Da wir schon von den Besitznahmen in unseren vorangehenden Denkwürdigkeiten gesprochen haben, so wollen wir in diesen auch noch fortfahren und eben in dieser Denkwürdigkeit eine sehr gefährliche Art von Besessensein enthüllen. Worin wird wohl etwa diese bestehen?
ER|0|61|2|0|Diese besteht in der Besitznahme des irdischen Fleisches durch den Zornteufel. Dieses Besessensein ist das allergefährlichste, weil ein solcher Zornteufel nie allein ein Fleisch besitzt, sondern allzeit noch eine Legion dienstbarer böser Geister mit ihm.
ER|0|61|3|0|Zorn ist der allerschroffste Gegensatz der Liebe und bildet den eigentlichen Hauptbestandteil des Satans. Der Zorn aber kann ohne Nahrung nicht bestehen; daher hat er allzeit eine zahllose Menge Nährgeister um sich, an denen er saugt und zehrt. Gleich also wie die Liebe nicht ohne Nahrung, die da ist die Gegenliebe, bestehen kann, also kann auch der Zorn nicht ohne Gegenzorn, der da ist seine Nahrung, bestehen. Lasst uns aber sehen, was er für ein ihn nährendes Hilfsgesinde um sich hat.
ER|0|61|4|0|Hass ist ein Haupternährer des Zorns, dann die Hoffart, daraus hervorgehende Selbstsucht, Neid, Geiz, Ehebruch, Hurerei, Verachtung alles Göttlichen, tiefste Geringschätzung seinesgleichen, Mord und Totschlägerei, Herrschbegierde – und am Ende gänzliche Gewissenlosigkeit. Das sind nur so die Nebenhäuptlinge dieses Zornteufels, von denen ein jeder noch eine bedeutende Anzahl untergeordneter schlechter Geister hat, die sich in den mannigfachsten Leidenschaften eines vom Zorn besessenen Menschen leicht erkennen lassen.
ER|0|61|5|0|Dieser böse Geist, wenn er ein Fleisch in Besitz genommen hat, ist ebenso schwer aus dem Fleisch eines Menschen zu bringen, als wie schwer es da ist, ein großes Haus zu löschen, das schon in all seinen Teilen vom Brand ergriffen worden ist. Da ist kein anderes Mittel, als es bis auf den letzten Tropfen zusammenbrennen zu lassen und mit der Zeit die abgekühlte Asche zu untersuchen, ob in ihr sich noch etwas vorfindet, was die grause Glut nicht verzehrt hätte.
ER|0|61|6|0|Da aber dieser Zornteufel gar so arg ist, wie er sich zeigte bei den zwei besessenen Gerasenern, so müssen wir doch sehen, wie dieser Auswurf der Hölle in das Fleisch des Menschen kommt.
ER|0|61|7|0|Dieser Geist kommt nicht wie andere etwa mit der Zeit erst in das Fleisch des Menschen, sondern der wird schon bei der Zeugung als ein Same der Hölle in dasselbe gelegt und muss auch da sein, weil ebendieser Same das Fortkommen des Fleisches bedingt; aber der Same gerät zu keiner Selbständigkeit, wenn der neugeborene Mensch zu dem Behuf keine Erziehung bekommt.
ER|0|61|8|0|Erst durch eine gewisse Erziehung sammelt sich dieser böse Stoff in der Leber, und wenn er da einmal im Vollmaß vorhanden ist, so erweckt ebendieser Stoff in ihm selbst die Selbständigkeit des Zornteufels; ist dieser aber selbständig geworden, so nimmt er alsbald die ganze Seele gefangen und zieht sie in sein Bereich, durch welchen Akt dann der ganze Mensch in kurzer Zeit darauf zu einem förmlichen Teufel wird.
ER|0|61|9|0|Es ist aber bei vielen Menschen gerade nicht notwendig, dass dieser Fleischteufel die eigene Selbständigkeit völlig erlangt; sondern die böse Spezifikalausdünstung pflanzt sich durch den ganzen Leib fort, und zwar zunächst durch das Blut, welches sehr leicht aufbrausend wird, wenn es mit diesem Spezifikum schon ziemlich gemengt ist. Durch das Blut gelangt es in die Nerven, durch diese in den Nervengeist und durch den Nervengeist in die Seele.
ER|0|61|10|0|Hat dieses böse Spezifikum auch die Seele durchdrungen, dann ist der Mensch auch schon wenigstens ein halber Teufel, und es ist nicht gut, mit solch einem Menschen Gemeinschaft zu machen.
ER|0|61|11|0|Diese Art Menschen ist daran zu erkennen, dass sie über jede Kleinigkeit, was sie nur irgend im Geringsten berührt, überaus heftig aufbrausen und gleich mit Fluchen und Schlagen fertig sind. Sie gleichen einem rotglühenden Eisen, welches für sich selbst ganz solid und ruhig zu sein scheint; man werfe aber nur die leichtesten Sägespäne darauf, und es wird gleich Rauch und Flamme zum Vorschein kommen.
ER|0|61|12|0|Das alles aber kann durch eine gerechte und gute Erziehung bei den Kindern vermieden werden; wenn auch bei einem oder dem anderen eine größere Anlage da ist, so kann sie aber doch durch eben die vorerwähnte gute Erziehung und daneben auch durch eine gerechte Lebensdiät also geordnet werden, dass mit der Zeit aus ihr nur Gutes und nimmer Böses hervorgehen kann.
ER|0|61|13|0|Das größte Übel aber ist dabei die Verzärtelung; durch diese Untugend wird dem kleinen Kind jede Unart durch die Finger gesehen. Das Kind wird von Tag zu Tag älter und merkt es, wie es Unarten und allerlei kleine Bübereien, ohne gestraft zu werden, begehen kann. Da versucht es dann, stets größere sogenannte Bubenstücke zu unternehmen; bleiben auch diese von Seiten der Eltern nur wenig oder gar nicht geahndet, so hat das Kind in sich schon eine gewisse Zornsolidität erreicht und wirft sich bald zu einem ungestümen Forderer auf und gebietet förmlich, dass man ihm das gebe, wonach es verlangt. Gibt man ihm das nicht, oder lässt man ihm etwas Gewisses nicht angehen, so wird es bald glührot vor Zorn und nicht selten unerträglich roh und grob.
ER|0|61|14|0|Lassen sich die Eltern durch dieses Benehmen einschüchtern und geben dem wilden Verlangen des Kindes nach, dann hat dasselbe schon den ersten Grad der teuflischen Selbständigkeit erlangt. Bald darauf fängt dann das stets mehr erwachsene Kind sich zum brutalen Gesetzgeber seiner Eltern aufzuwerfen an, und den Eltern würde es wirklich nicht gut bekommen, wenn sie einem solchen wie ein Gesetz aussehenden Verlangen ihres ungeratenen Kindes nicht alsbald nachkommen möchten.
ER|0|61|15|0|Wird nun ein solches Kind älter, größer und stärker, da wären so manche Eltern mit ihrem Leben nicht sicher, wenn nicht Ich durch so manche Krankheiten diesen Fleischteufel bändigen würde in dem Fleisch solcher ungeratenen Kinder. Nur diese Krankheiten treiben diesen bis zu einem gewissen Grad wieder aus, besonders in der Zeit, wenn er sich des Blutes bemächtigt hat. Scharlach, Friesel, Flecken, Blattern und noch andere Krankheiten sind Abtreibmittel des Verderbers der menschlichen Natur. Sie treiben aber natürlich dieses böse Spezifikum nicht ganz aus, sondern nur insoweit es sich in das Blut gewagt hat.
ER|0|61|16|0|Wenn aber Eltern nach einer solchen überstandenen Krankheit der Kinder, durch die Ich ihnen zu Hilfe gekommen bin, vernünftig wären und würden dann das Kind ordnungsmäßig und gehörig diät behandeln, dann wäre es gut für sie und das Kind, geistig und leiblich.
ER|0|61|17|0|Aber darauf verzärteln sie es gewöhnlich noch einmal so stark wie früher, und dann wird gewöhnlich der zweite Zustand ärger als der erste; denn hat dieser Fleischteufel im Kind gemerkt, dass der Weg durch das Blut nicht geheuer ist, dann geht er, das Blut beseitigend, schnurgerade auf die Nerven los. Und sind diese ergriffen, da wird das Kind äußerst empfindlich, was die Eltern gewöhnlich für einen krankhaften Zustand ansehen und geben dann dem Kind ja alles, was es nur immer verlangt, um es wegen vermeintlicher schwacher Nerven ja nicht zu sehr zu reizen.
ER|0|61|18|0|Da muss wieder Ich ins Mittel treten und das Fleisch des Kindes mit einer Ruhr oder starkem Husten heimsuchen, damit dieses Spezifikum von den Nerven wieder abgeleitet wird, wodurch dann dem Fleisch des Kindes, wenn es dergleichen Hilfsmittel auszuhalten imstande ist, wieder auf eine Zeit lang geholfen ist; wo es aber schon beinahe allzeit besser ist, wenn der Seele des Kindes solch ein impestifiziertes Fleisch früher genommen wird, bevor durch dasselbe der Fleischteufel die Seele noch hat ergreifen können.
ER|0|61|19|0|Daher Ich auch gewöhnlich solchen Eltern die Kinder abnehme, welche dieselben zu sehr verzärteln, was gewöhnlich bei jenen Eltern der Fall ist, die wenig Kinder haben, und daher auch nicht selten die Klage: „Ich habe nur ein einziges Kind, und das ist fortwährend kränklich!“, oder: „Mein einziges Kind musste sterben; mein Nachbar aber hat eine ganze Butte voll Kinder, und die laufen oft halb nackt herum, haben keine Wartung und Pflege und sind kernfrisch und gesund, und nicht eins stirbt.“
ER|0|61|20|0|Das ist ganz sicher, sage Ich, und darum ganz sicher, weil es einen guten Grund hat. Das einzelne Kind würde zu sehr verzärtelt werden und mit der Zeit völlig getötet für Mein Reich, weil dessen Eltern Narren sind und haben eine Affenliebe, mit der sie ihr Kind für die ganze Ewigkeit erdrücken würden, so Ich mit ihnen ein gleicher Narr wäre und es ihnen beließe zum Zeitvertreib, auf dass sie sich damit unterhalten könnten, wie sich eitle Stadt- und Schlossdamen mit Papageien, kleinen Hündchen und Vöglein unterhalten.
ER|0|61|21|0|Da aber Ich mit der Menschheit einen höheren Zweck habe, als dass sie bloß ein eitles Spielzeug dummer, alberner Eltern sein solle, so bleibt natürlich kein anderes Mittel übrig, als solchen Eltern die Kinder schnurgerade wegzunehmen und sie Meinen Engeln zur weiteren Erziehung zu geben.
ER|0|61|22|0|Ich suche Mir daher auch allzeit diejenigen Kinder aus, die von den Eltern, wenn sie auch mehrere Kinder haben, zu viel gehätschelt und geliebt werden; denn eine zu große Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist gewöhnlich der Tod derselben.
ER|0|61|23|0|Ließe Ich sie dem Leibe nach leben, da wäre ihre Seele unwiderruflich verloren; sonach ist besser der Tod des Leibes, damit die Seele für den Himmel das Leben erhalte. Darum darf sich auch niemand wundern, wenn so viele Kinder in der Jugend und oft schon in der Wiege sterben; denn Ich weiß es am besten, warum Ich sie schon so früh von der Welt wegnehme. Es ist besser, dass sie schwache Himmelsgeister werden, als dass sie sonst auf der Welt zu starken Höllengeistern würden.
ER|0|61|24|0|Hie und da aber geschieht es dennoch wohl und muss es auch der Welt wegen geschehen, dass dergleichen Zorngeister aufwachsen. Wenn die Eltern noch zeitlich genug den Zorn und Eigensinn solcher Kinder energisch bekämpfen, so können aus ihnen recht brauchbare, in einem oder dem anderen Fach sehr eifrige Menschen werden; wird aber ihrem Zorn und Eigensinn nicht eifrig begegnet, so werden aus ihnen Raufbolde, Meuterer und womöglich nicht selten grässliche Peiniger der Menschheit. Daher ist das allen Eltern ans Herz zu binden, die bei einem oder dem anderen ihrer Kinder Zornsucht, Eitelkeit, Eigendünkel, Selbstsucht und eine gewisse Zierbengelei entdecken, diesen Leidenschaften mit aller Energie zu begegnen. Die Folge davon wird sein, dass sie daraus recht tüchtige und brauchbare Menschen gewinnen werden, weil dadurch das böse Zornfeuerspezifikum in ihnen in ein gutes verkehrt wird durch einen eigenen psychisch-chemischen Prozess.
ER|0|61|25|0|Diese Denkwürdigkeit ist überaus wichtig und wohl zu beachten, – daher wir nächstens noch einiges darüber ad memorandum geben werden.
ER|0|62|1|1|Die Bekämpfung des Zorns
ER|0|62|1|1|Am 7. April 1847
ER|0|62|1|0|Da ebendieser Zornteufel ein so gefährliches Wesen ist, so er sich im Besitz des menschlichen Fleisches befindet, und es gar oft notwendig ist, Kinder leiblich sterben zu lassen, ja nicht selten auch ganze Generationen durch Pest und andere verheerende Krankheiten dem Leibe nach zu töten, bevor es diesem Teufel noch möglich wird, die Seele völlig in sein Wesen zu ziehen, so ist es aber auch vor allem von höchster Wichtigkeit für jeden Menschen, der seine eigene Seele und – so er Vater oder Mutter ist – auch die Seelen der Kinder zu verwahren hat, dass man die gerechte Diät kennt und dann befolgt, durch welche nicht nur die Seele gerettet werden, sondern auch der Leib des Menschen für die ewige Wohlfahrt seiner Seele ein möglichst höchstes Alter erreichen kann, was aber nicht geschehen kann, wenn die Menschen diese Diät zum größten Teil nicht wissen, und so sie solche auch wissen, aber dennoch nicht befolgen.
ER|0|62|2|0|Wie muss sich demnach ein Mensch schon von seiner Geburt an verhalten, oder wie muss er anfangs gehalten werden, damit er in der Reife seiner Jahre jene psychische und leibliche Diätordnung beobachten kann, durch die allein es ihm möglich wird, ein ruhiges, hohes Alter zu erreichen und eben durch dieses hohe Alter seiner Seele einen wahren, festen, für die Ewigkeit dauernden Bestand zu sichern?
ER|0|62|3|0|Das Kind, wenn sich schon in der Wiege zeigt, dass es sehr empfindlicher Natur ist und leicht durch allerlei Einflüsse gereizt werden kann, soll, solange es noch kein Gedächtnis hat, durch solche Mittel genährt werden, die das Blut nicht erhitzen, sondern nur sanft kühlend herabstimmen.
ER|0|62|4|0|Säugt die Mutter das Kind an der Brust, so enthalte sie sich von geistigen Getränken und hauptsächlich von Gemütsbewegungen; denn durch alles das setzt sie Spezifika in ihre Brust, die eine Nahrung dieses Feuergeistes sind, – kurz und gut, sie enthalte sich von solchen Speisen und Getränken, die zu sehr die Galle erzeugen oder die schon erzeugte aufrütteln. Hülsenfrüchte, besonders Bohnen, sind einer solchen Mutter durchaus nicht zu empfehlen, wohl aber mäßige Fleischbrühen, auch Braten vom Fleisch reiner Tiere und Mehlspeisen von Weizen, Roggen und weißem Mais; auch Wassergerste oder Reis ist einer solchen gedeihlich in nicht fetter Milch gekocht.
ER|0|62|5|0|Wenn aber eine Mutter das Kind nicht selbst säugt, sondern es an der Brust einer sogenannten Amme trinken lässt – was zwar nie recht gut ist –, da soll fürs Erste die Amme wohl erkannt sein, wessen Geistes Kind sie ist, und hat sich’s herausgestellt, dass sie eine gute und sanfte Seele ist, so muss sie dann fürs Zweite dieselbe Diät im Essen und Trinken und in der Zügelung ihres Gemüts beobachten, wie ebendiese Diät der Mutter vorgeschrieben ist.
ER|0|62|6|0|Säugt das Kind die Mutter oder die Amme, so soll es alsbald von der Brust abgespent werden, als sich die ersten Zähne zeigen; denn mit den Zähnen beginnt auch das Gedächtnis bei dem Kind. Am besten jedoch wäre für ein solches Kind die Auferziehung ohne Brust.
ER|0|62|7|0|Weizenkleie gekocht und mit etwas reinem Honig gemengt, wäre die beste uranfängliche Kost für ein hitziges Blutkind. Man kann aber wohl auch Gerstenwasser, mit etwas Honig oder Zucker versüßt, nehmen; ebenso gut und manchmal noch besser sind gekochte Feigen und gekochtes Johannisbrot.
ER|0|62|8|0|Bei manchen Kindern, besonders in späterer Zeit, würde auch ein leichtes Linsenmus eine sehr beachtenswerte Kost sein, wenn diese, wie gesagt, im Alter schon etwas vorgerückt sind.
ER|0|62|9|0|Tierische Milch ist anfänglich nicht zu empfehlen, weil Tiere manchmal selbst nicht vollkommen gesund sind und somit auch keine gesunde Milch liefern können, was gewöhnlich zur Winterszeit der Fall ist. Manchmal sind aber auch schon Tiere vollblütigen und heftigen Temperaments, deren Milch also einem solchen hitzigen, vollblütigen Kind sehr übel zustattenkommen würde. Erst wenn Kinder ein bis zwei Jahre alt geworden sind, können sie mit leichter, durch Wasser verdünnter Milch bedient werden.
ER|0|62|10|0|Dagegen wird es ihnen aber nie schaden, manchmal ein gekochtes Obstmus zu genießen; denn das Obst, besonders gute Äpfel und feinere Birnen, sind sehr tauglich, das Blut zu reinigen und herabzustimmen.
ER|0|62|11|0|Fleisch kann solchen Kindern erst dann gereicht werden, wenn sie die Zähne gewechselt haben. Bekommen die Kinder, besonders oberwähnte, früher Fleischspeisen, so wird dadurch ihr Blut zu sehr genährt, ihr Fleisch selbst zu fett und darob ihre Transpirationswerkzeuge zu sehr verschleimt, woraus dann bald eine Menge gefährlicher Krankheiten für dergleichen Kinder entstehen.
ER|0|62|12|0|Wenn solche Kinder bis dahin ausgereift sind, dass sie einmal gehen und reden können, dann sollten sie mit allerlei mehr ruhigen und für das kindliche Gemüt nützlich-erheblichen Spielereien beschäftigt werden und es soll dabei fortwährend die Aufmerksamkeit gehandhabt werden, dass solche Kinder sich nie zu sehr erhitzen, weder durch Bewegung, noch viel weniger durch einen Gemütsaffekt. Es muss alles hinweggeräumt sein, was sie nur im Geringsten ärgern könnte.
ER|0|62|13|0|Wird aber bei einem oder dem anderen trotz all der Vorschriften bemerkt, dass nicht selten Gemütsaufbrausungen vorhanden sind, da ist eine zweckmäßige Strafe nie zu verabsäumen, welche jedoch nicht so geschwind mit Schlägen sondern viel wirksamer und gedeihlicher mit einem zweckmäßigen Fasten bei der Hand sein soll; denn nichts heilt den Zorn besser als der Hunger, und Hungernde sind am wenigsten zu einer Revolution aufgelegt, während, wenn sie satt sind, ihnen durchaus nicht zu trauen wäre.
ER|0|62|14|0|Sehr gut ist für Kinder, wenn man sie dergleichen Ursachen wegen zu strafen nötig hat, dass man ihnen begreiflich macht und ihnen sagt, dass der himmlische Vater, weil sie schlimm waren, ihnen kein Brot geschickt hat. Wenn sie aber wieder vollends brav werden, und werden den himmlischen Vater um Brot bitten, so werde Er ihnen gleich wieder eines geben. Dadurch werden dergleichen Kinder auf Gott aufmerksam gemacht, und es wird sich ihrer jungen Seele stets tiefer einprägen, dass sie in allem von Gott abhängt, und dass Er der getreueste Vergelter ist für alles Gute und Schlechte.
ER|0|62|15|0|Sind solche Kinder aber dann recht ruhig und sittsam geworden, dann soll es aber auch nicht verabsäumt sein, ihnen recht begreiflich zu zeigen, wie der himmlische Vater eine recht große Freude an ihnen hat und ihnen tagtäglich am Morgen, Mittag und Abend zuruft: „Lasst diese lieben Kleinen zu Mir kommen!“
ER|0|62|16|0|Wenn die Kinderchen so geleitet werden, dann wird es späterhin wenig Anstände mit ihnen haben; werden sie aber nicht also geleitet, so wird es schon etwas schwerer sein, sie in späterer Zeit auf den rechten Weg zu bringen, und es wird da das Sprichwort in Erfüllung gehen, laut dessen sich ein alter Baum nicht mehr beugen lässt, außer manchmal durch Blitz und Sturm, wobei aber ein solcher Baum selten ohne Schaden davonkommt.
ER|0|62|17|0|Sind dergleichen Kinder völlig erwachsen und haben schon eine vollkommene Selbsterkenntnis erlangt – d. h. insoweit als man in natürlicher Hinsicht diesen Begriff ausdehnt – und zeigen sich bei ihnen noch hie und da merkliche Symptome von übertriebener Gemütsreizbarkeit, da ist ihnen vor allem anzuempfehlen, dass sie in allem sehr mäßig leben, früh schlafen gehen, aber noch früher aufstehen, von geistigen Getränken sich längere Zeit enthalten, wie auch vom Fleisch unreiner Tiere, ja keine solchen Orte besuchen, wo allerlei tolles Spektakel zur schlechten Belustigung der Zuseher aufgeführt wird, besonders aber jene Orte nicht, wo getanzt und gespielt wird. Dergleichen muss von solchen Brauseköpfen auf längere Zeit, wenn nicht bei manchen auf immer, gemieden sein.
ER|0|62|18|0|Sehr gut ist für solche Menschen beiderlei Geschlechts auch, wenn sie bald ehelichen; denn die Brunst eines Brausekopfes ist viel ärger als die eines sanften Menschen. Hauptsächlich aber sollen solche Menschen nebst dieser naturmäßigen Diät auch recht oft beten und geistige Bücher lesen oder sich vorlesen lassen, wenn sie selbst nicht lesen könnten. Das wird ihre Seele stärken und ihrem Geist die Fesseln lösen, welcher leicht völlig frei wird, wenn dergleichen Menschen Meine Liebe ergreifen. Und weil solche Menschen einer größeren Versuchung ausgesetzt sind wie andere, so sind sie aber auch eben darum Meiner Gnade um so viel näher, als um wie viel größer ihre Versuchung ist. Denn ebendiese Menschen sind es, aus denen etwas Großes werden kann, wenn sie auf den rechten Weg gelangt sind, weil sie den gerechten Mut in sich haben. Aus diesen Menschen werden, geistig genommen, Schiffe und Paläste wie aus Eichenholz und Marmor gebaut in Meinem Reich; aus Schwämmen und Schilf wird nicht leichtlich etwas Besseres, als es ist in seiner Art.
ER|0|62|19|0|Diese Diät war noch notwendig dieser Denkwürdigkeit hinzuzufügen; und da wir sie nun klar dargestellt haben zur sicheren und nützlichsten Beachtung für jeden Menschen, so wollen wir fürs Nächste noch zu einer anderen Denkwürdigkeit übergehen.
ER|0|63|1|1|Die Rangsucht
ER|0|63|1|1|Am 8. April 1847
ER|0|63|1|0|Etwas fast noch Ärgeres und Schädlicheres als die Zornmütigkeit oder der Zornteufel im menschlichen Fleisch ist die Rangsucht, welche zwar mit dem Zorn gleichen Schritt geht; aber dennoch ist sie die Basis von ihm, denn ein Demütiger wird nicht leicht zum Zorn gereizt, während bei einem Hochmütigen alsogleich, wie ihr zu sagen pflegt, Feuer im Dach ist. Diese Rangsucht ist der eigentliche Hauptteufel bei den Menschen und ist mit dem Satan schon fast ganz homogen. Von diesem bösen Geist werden die Kinder jedoch erst dann in Beschlag genommen, wenn sie zu einiger Selbsterkenntnis gelangt sind.
ER|0|63|2|0|Anlagen aber merkt man schon früher, wo die Kinder noch kaum reden können. Stellt nur einmal mehrere Kinder zusammen und beobachtet sie in ihren Spielhandlungen, und ihr werdet sogleich bemerken, wie sich da bald eines vor dem anderen wird hervortun wollen; denn schon einem solchen, kaum reden könnenden Kind gefällt es, wenn ihm vor den übrigen gehuldigt wird.
ER|0|63|3|0|Besonders stark ist dieser Trieb beim weiblichen Geschlecht zu Hause. Dieses wird sich sehr bald schön finden und sich zu putzen anfangen, und wer sich bei einem solchen Mägdlein einschmeicheln will, der darf es nur recht oft seiner Schönheit wegen beloben. Und das kleine Mägdlein wird darüber bald wie etwas verlegen zu lächeln anfangen, und es wird nicht gut aufgelegt sein, wenn sich noch ein zweites sehr hübsches Mädchen in seiner Gesellschaft befindet. Ganz gefehlt aber würde es sein, wenn man ein zweites etwa gar noch schöner finden möchte; da wird es gewiss heimliche, wo nicht öffentliche Tränen absetzen.
ER|0|63|4|0|Bei den Knaben, wenn sie noch Kinder sind, hat die Schönheit des Leibes nicht so viel Einfluss, aber dafür die Kraft. Da will ein jeder der Stärkere sein und mit seiner Kraft seinen Kameraden total besiegen und wird ihm auch womöglich ohne Gnade und Pardon mit seinen Händen und Füßen darüber nicht selten einen nahe mörderischen Beweis liefern, um nur als der Stärkste und deswegen der Gefürchtetste in der Knabengesellschaft dazustehen.
ER|0|63|5|0|Bei solchen Anlässen merkt man die Gegenwart des satanisch-bösen Dämons gar leicht schon in den Kindern.
ER|0|63|6|0|Dass dieser Dämon sogleich bekämpft werden solle, gibt die Natur schon den Wink, wenn auch niemand eine höhere und tiefere Kenntnis in dieser Sphäre hätte, weil dergleichen Ranglust ja doch augenscheinlich nur gar zu bald in die größten Laster ausarten kann.
ER|0|63|7|0|Ein gefallsüchtiges Mädchen wird in frühester Zeit eine Kokette und sogleich auch eine Hure, und in dem Zustand ist sie gewisserart auch schon auf dem Punkt, wo sie der Herr Satan haben wollte. Und der Knabe wird bald ein Grobian, Raufer und überhaupt ein Mensch, dem nichts mehr als nur er sich selbst heilig ist.
ER|0|63|8|0|Bald werden aus solchen Menschen Stänker, Räsoneurs über Gott und alle Verhältnisse; sie wissen bald alles besser als ein anderer, verstehen alles besser, und ihr Urteil muss das richtigste sein, bloß weil sie es von sich gegeben haben. Wer sich einem solchen Urteil nicht unterziehen will, der ist im glimpflichsten Falle ein Esel; in einem etwas mehr demonstrativen Falle aber wird er geprügelt.
ER|0|63|9|0|Was soll hernach aus einem solchen Menschen werden? Wer soll den belehren, der alles besser weiß als jeder andere? Und wird ihm auch von einem anderen seine Torheit recht klar gezeigt, so wird er hitzig, und was er dagegen mit dem Mund nicht mehr auszurichten vermag, das überlässt er der Schwungkraft seiner Hände, die gewöhnlich stärker sind als die Zunge des Gegners. Und ein paar mächtige Rippenstöße und ein paar ebenso kräftige Backenschläge mit der Faust wirken für den Augenblick mehr als das schönste Kapitel aus den Briefen Pauli und mehr als alle Weisheit des Sokrates. Denn wo ein Pferd ausschlägt, da geben Sokrates und Cicero nach; da könnte höchstens der Simson und auch der David als Kämpfer eine tüchtige Gegenwirkung zuwege bringen.
ER|0|63|10|0|Das liegt alles in der Ranglust, nach der ein jeder der Vorzüglichere sein will, und wenn er auch wirklich der Allerletzte wäre; und versagen ihm beiderlei Waffen, so bleibt ihm noch ein Mund zum Fluchen und ein unauslöschlicher Rachedurst übrig. Natürlich gehen bei solcher Gelegenheit dann schon die Ranglust und Zornmütigkeit miteinander einher; ihr Bedienter ist dann Hinterlist und Verstellung.
ER|0|63|11|0|Dieser allerböseste Teufel im menschlichen Fleisch ist die Quelle alles Übels unter dem menschlichen Geschlecht und ist vollkommen homogen mit der untersten und tiefsten Hölle; denn in ihm sind alle Übel vereinigt.
ER|0|63|12|0|Würde es wohl je einen Krieg gegeben haben, wenn dieser Dämon das menschliche Fleisch nicht so verdorben hätte? Kein Laster kann so viele in sein Verderben ziehen wie dieses. Ein Mensch, der sehr viel dieses Dämons in sich hat, wird sich bald Unterwürflinge bilden, anfangs freilich unter dem Titel „Freunde“; aber diese Freunde werden aus lauter Freundschaft das tun müssen, was ihr gebietender Hauptfreund will, und das darum, weil er sie in seinen rangsüchtigen Dämon hineingezogen hat. Diese seine Freunde werden wieder Freunde wählen und in den nämlichen Dämon hineinziehen, in den sie selbst hineingezogen wurden. Dadurch aber wird der Haupträdelsführer schon ein Oberhaupt, und weil die Sache gut geht, so fängt er an zu gebieten, und sein Dämon wird bald Tausende in sein Garn ziehen, und sie alle werden tanzen, wie er pfeift.
ER|0|63|13|0|So entstehen dann Dynastien. Da steht einer an der Spitze, diktiert und gibt Gesetze, wie sie ihm nur seine Laune bietet, und Tausende müssen sie befolgen, ob unter blutigen Tränen, ob willig oder nicht willig, das ist gleich; denn wo einmal eine Macht sich zu einem Knäuel vereinigt hat, da scheitert jeder spezielle Widerstand, und Vernunft, Verstand und Weisheit müssen weichen, wo tyrannischer Despotismus den Thron bestiegen hat. Beliebt es dem Tyrannen, seine Untertanen blind zu haben, er darf nur gebieten, dass ihnen die Augen ausgestochen werden. Und seine Helfershelfer, vom gleichen Dämon beseelt, tun ja alles, was der Gebieter wünscht. Aber es geschieht den Menschen recht, dass Tyrannen über sie herrschen, wenigstens wenn sie gerade auch schon keine Tyrannen sind, so sind sie doch hartnäckige Despoten, die aber ebenso wie der Tyrann den pünktlichsten Gehorsam fordern, den leisesten Widerspruch als eine Majestätsbeleidigung erklären und ihn wo nicht mit dem Tode, doch wenigstens mit einem zeitweiligen, schweren Kerker bestrafen. Aber, wie gesagt, es geschieht den Menschen recht, dass es so ist.
ER|0|63|14|0|Die Menschen selbst haben Gott auf die Seite gesetzt und ihren eigenen Hochmutsdämon auf den Thron, und was sie einst taten, das tun sie noch; denn überall sorgen die Eltern ja bei ihren Kindern, dass sie etwas Besseres und Höheres werden als sie selbst. Der einfache Bauer, wenn er auch seinen Wunsch nicht ausführen kann, so hat er ihn doch wenigstens im Herzen, demzufolge sein Sohn ein großer Herr und seine Tochter, wenn sie nur irgendein weicheres Gesicht hat, wenigstens eine Bürgersfrau in einer Stadt oder das Weib irgendeines Landbeamten werden möchte. Ein Schuster ist weit entfernt, seine Kinder sein Handwerk lernen zu lassen; und hat er eine etwas mehr schöne als hässliche Tochter, da wäre es keinem seines Handwerks zu raten, sie zum Weib zu verlangen, weil sie leicht eine Beamtenfrau, wo nicht noch mehr werden kann. Und der Schuhmacherssohn muss natürlich studieren und dann je mehr desto besser werden. Ist die Tochter eines solchen Toren wirklich eine Rätin geworden und der Sohn etwa gar ein Kriminalaktuar, dann darf es der Vater ja nicht gar zu keck weg mehr wagen, sich seinen hochgestellten Kindern mit aufgesetztem Hut zu nahen. Es kränkt ihn zwar sehr, und er weint oft bittere Tränen, dass ihn seine Kinder nicht mehr kennen wollen; aber es geschieht ihm recht. Warum war er ein solcher Esel und hatte Freude daran, sich statt zwei Stützen für sein Alter nur zwei Tyrannen heranzubilden?!
ER|0|63|15|0|Darum geschieht es jedermann recht, und der ganzen Menschheit geschieht es recht, dass sie von oben bis unten und über und über tyrannisiert wird; denn sie selbst hat ja die größte Freude daran, Tyrannen aus ihren eigenen Kindern zu bilden.
ER|0|63|16|0|Wer lässt denn die Kinder studieren? Die Eltern. Warum? Damit die Kinder etwas werden sollen. Und was sollen die Kinder werden? Ganz natürlich, wenn es möglich, allzeit mehr als die Eltern; denn überall heißt es: „Ich lasse meinen Sohn studieren, auf dass er einst ein Geistlicher oder ein Staatsbeamter werden möchte, und wenn er es zu einem Hofrat oder gar zu einem Minister bringen könnte oder als Geistlicher womöglich zu einem Bischof, so wäre es mir wohl am allerliebsten.“ – So spricht das Gemüt eines Vaters, und ebenso das Herz einer Mutter. Aber dass ein Vater sagen möchte: „Ich lasse meine Kinder nur darum studieren, dass sie sich recht nützliche Kenntnisse sammeln sollen, um dann mit weisem Vorteil das zu sein, was ich selber bin oder auch etwas Geringeres, aber gut und recht!“, das wird nicht leichtlich gehört werden, noch weniger Mein Wort: „Wer unter euch der Erste sein will, der sei der Letzte und euer aller Knecht.“
ER|0|63|17|0|Das habe Ich geboten und siehe, kaum ein Bettler befolgt dieses Gebot; aber was der Satan befiehlt durch seinen Dämon, nach dem rennt Klein und Groß, und Kind und Greis. Daher geschieht aber der Welt auch zehnmal und hundertmal recht, dass sie mit Schwert und Feuer tyrannisiert wird; denn sie hat ja selbst das größte Wohlgefallen daran.
ER|0|63|18|0|Hört auf, aus den Kindern Tyrannen zu erziehen, und werdet selbst lieber die Letzten als die Ersten, dann werden die Tyrannen auf den Thronen bald allein dastehen; und weil ihr tief drunten stehen werdet, so werden sie auch tief herab von ihrer Höhe steigen müssen, um auf selber verlassen nicht zugrunde zu gehen.
ER|0|63|19|0|Aber wenn ihr aus euren eigenen Kindern stets mehr und mehr Staffeln zu dem Thron baut, da muss dieser ja stets höher werden, und je höher er wird, desto weiter kann er die Steine schleudern von seinem erhabenen Standpunkt, und desto härter treffen sie auch euch Untenstehende. Ich lasse es recht gerne zu, dass der Höheren Macht wachse, damit die Narren unten doch etwas haben, das sie demütigt und ihnen zeigt, was sie sein sollen und nicht sind. Und so sind die Regenten nunmehr von Mir bemächtigt und tun sehr recht, wenn sie die dumme Menschheit drücken so viel nur möglich; denn sie verdient nichts Besseres.
ER|0|63|20|0|Lässt der Vater seinem Sohn nicht einen besseren Rock machen, als er ihn trägt? Und die Mutter geht mit ihren Töchtern in die Modegewölbe und klaubt stundenlang Zeuge aus, in denen sich ihre Töchter desto besser ausnehmen möchten, um dadurch mehr Eroberungen zu machen. Warum denn Eroberungen? Erunterungen wären’s nach Meinen Worten, nach denen die Menschheit streben solle! Weil aber Eroberungen, da sind die Tyrannen recht; ja sie sind sogar Engel, weil sie die Eroberungssucht so viel als möglich durch Steuern und andere lästige Gesetze herabdrücken.
ER|0|63|21|0|Also spricht der Vater zu seinem Sohn: „Du musst dir ein solches Benehmen aneignen, dass du alle Augen und Ohren auf dich ziehst und dadurch unentbehrlich wirst einer ganzen Gesellschaft, oder mit anderen Worten gesagt: Suche der Erste in der Gesellschaft zu werden!“ – Warum sagt der Vater nicht lieber: „Sohn, ziehe dich zurück! Es ist besser, dass du vom untersten Standpunkt deine Augen auf die Gesellschaft richtest, als dass die Gesellschaft auf dich alle ihre Augen richte!“ – Oder was ist wohl besser, der Grundstein eines Gebäudes oder ein Dachgiebel desselben zu sein? Wenn aber ein Sturm kommen wird und wird zerstören Dach und Haus, wird er wohl auch den Grundstein von seiner Stelle bringen?
ER|0|63|22|0|Wer am meisten unten ist, der ist auch am meisten sicher; die Spitze eines Turmes aber ist ein Spielzeug alles Gewitters.
ER|0|63|23|0|Darum geht nach unten! Die rechte Demut sei der feste Standpunkt eures Seins. Da wird jeden der böse Rangdämon verlassen, und mit der Tyrannei wird es für ewige Zeiten ein Ende haben.
ER|0|63|24|0|Oder meint ihr, einem Fürsten läge etwas daran, dass ihn das gemeine Gesindel als Fürsten erkennt? Daran wird er wirklich seine Fürstenehre nicht knüpfen; sondern als Fürst verlangt er nur von den höheren Kreisen und von den Kreisen seinesgleichen die Anerkennung seiner Hoheit.
ER|0|63|25|0|Wenn demnach die Menschheit samt und sämtlich herabstiege auf den Grund der Demut, da mag dann der Fürst mit Laternen seinesgleichen suchen und seine Hoheitsanerkennung in selben; und er wird sie so wenig finden als geschliffene Diamanten in einem Flussschottergeröll.
ER|0|63|26|0|Seht, das ist der Weg zur Glückseligkeit hier und jenseits; dadurch kann Menschheit und Fürst gebessert werden, nicht aber durch Widerspenstigkeit, und noch weniger durch allerlei meuterische Aufstände gegen eine geordnete Macht. Von unten muss es angefangen werden, so jemand ein Haus bauen will; mit dem Dach anzufangen, geht durchaus nicht. Oder wie will man zuerst eine Fahne oder ein Kreuz auf der Spitze eines Turmes zurechtbringen, wo einem ganzen Turmbau noch nicht einmal der Grund gelegt ist?
ER|0|63|27|0|Wer andere bessern will, der bessere zuerst sich und lebe gerecht, so werden die anderen ihm nachfolgen, wenn sie den Vorteil ersehen werden. Und wer andere demütigen will, der demütige sich zuerst, so wird er seinem Nachbar durch sich selbst eine Stufe wegnehmen, auf welcher derselbe höher gestiegen wäre. Wenn aber schon jemand seinen Bruder trägt, wird sein Bruder wohl vom Berg herabkommen, wenn sich sein Träger nicht herabbegeben will? Der Träger richte daher seine Schritte zuerst nach abwärts, so wird auch der hinabkommen, den er trägt; geht aber das Lasttier aufwärts, so geht auch sicher der mit ihm immer höher, der darauf sitzt und dasselbe drückt.
ER|0|63|28|0|Solange demnach nicht Meine Lehre vollkommen in allem beobachtet wird, wird es weder hier noch jenseits – im Einzelnen, wie im Allgemeinen – besser werden. Wenn aber jemand Meine Lehre vollends befolgen wird, der wird es gut haben hier und jenseits; denn eine demütige Seele findet sich bald in allem zurecht, und weil sie Mir am nächsten ist, so hat sie auch allzeit die allersicherste und allerbeste Hilfe bei der Hand.
ER|0|63|29|0|Aber leider ist jedes Übel leichter als dieses auszurotten, und das darum, weil die Menschen selbst das größte Wohlgefallen daran haben; und ein jeder will lieber ein hochgeehrter Herr als im wahren Sinne des Wortes ein untergebenster Knecht und Diener sein. Die Menschen grüßen sich zwar wohl mit einem „ergebensten Diener“; aber das tun sie nicht, als wollten sie das sein, sondern nur höflichkeitshalber, damit sie ihr Gegner wiederparts für desto mehr ansehen solle.
ER|0|63|30|0|O entsetzlich dumme Menschheit! Wann wirst du zur Einsicht gelangen, dass ohne einen festen Mittelpunkt keine Welt denkbar ist? Der Mittelpunkt ist doch das Tiefste bei jedem Weltkörper; warum will denn der Mensch nicht sich in seine Tiefe begeben, auf dass er da die wahre Lebensassekuranz finden möchte für ewig, welche in Meiner Lehre so klar und deutlich angezeigt ist?
ER|0|63|31|0|Aber was nützt Meine Lehre, was soll sie sein, wenn Jesus, ihr Stifter, nunmehr Selbst die Ehre hat, nichts zu sein – oder höchstens bloß nur noch ein Zipfel von einem Sokrates oder Plato? Oder man wandelt den Jesus in einen eitlen Götzen um, an dem nichts als bloß der Name übriggeblieben ist und einige Bruchstücke Seiner Lehre in der Form ägyptischer Hieroglyphen, über die nachzudenken noch obendrauf streng verboten ist. Kurz, man hat sich den Jesus moduliert, wie man Ihn brauchen konnte, damit Er was einträgt und nicht austrägt, wie Er es geboten hat, da Er sagte: „So dich jemand um einen Rock bittet, so gib ihm auch den Mantel.“ Derjenige aber, der der Letzte und aller Knecht sein solle, der sitzt unter Millionen zuoberst! Ein schlechtes Beispiel für die Demut! Aber es kann nicht anders sein; denn es gibt ja noch heutigentags viele tausend Menschen, deren sehnlichster Wunsch es wäre, dass ihre Söhne Päpste werden möchten. Also noch sehr viel Liebe fürs Papsttum! Solange das, kann’s nicht besser gehen.
ER|0|63|32|0|Nächstens noch so manches über diesen Punkt.
ER|0|64|1|1|Allerlei Klagen der Menschen
ER|0|64|1|1|Am 9. April 1847
ER|0|64|1|0|Es sind allerlei Klagen unter den Menschen. Dem einen sind die Zeiten zu schlecht; es wird alles teurer und dabei auch schlechter. Wieder andere haben eine förmliche Wut auf die Regierungen und wälzen alle Schuld auf sie. Wieder andere sind nicht zufrieden, wenn zu lange Frieden und kein Krieg ist. Andere wälzen wieder alle Schuld auf das Pfaffentum; wieder andere auf allerlei Luxus und besonders auf die gegenwärtig neu entstandenen Eisenstraßen [Eisenbahnen]. Kurz, ein jeder sucht den Grund des Übels dieser Zeit bald in einem, bald im anderen; aber dass sich einer von allen diesen Klägern bei der Nase nähme und sich fragen möchte, ob auch er nicht etwa irgend zur Verschlimmerung solcher Zeit irgendwann beigetragen habe und vielleicht noch beiträgt, das fällt keinem bei. Ein jeder empfindet das Übel nur von außen; aber in sich selbst erschaut er es nicht.
ER|0|64|2|0|Da sehe Ich einen Familienvater gewaltig über den Luxus dieser Zeit losziehen, wie er gerade in einem Verkaufsgewölbe sich befindet und seinen Töchtern teure, funkelnagelneue, allermodernste Zeuge für Kleider kauft. Was sollte man zu solch einem Luxusankläger sagen? Nichts als: Du Dummkopf, wenn dir der Luxus so missfällt, was lässt du dich von deinem Luxusteufel dahin antreiben, dergleichen maliziöse Sachen für deine Töchter zu kaufen? Kaufe ihnen linnene Gewande, oder noch besser, kaufe Reiste [Flachsbündel] und lasse deine Töchter spinnen, so wirst du für deine Töchter ein Gewand schaffen, das ihnen viel mehr nützen wird als dein modernes Zeug, das dich so ärgert, dass du es vor lauter Ärger kaufst, um nur deine Töchter auf den Glanz herzustellen, damit man an ihnen deinen Wohlstand erkennen möchte, und damit sie günstige Eroberungen machen könnten. O du Narr, für dich ist noch viel zu wenig Luxus da, noch viel zu wenig Modewechsel; und wenn die Mode des Tages zweimal wechseln wird, so wirst du noch der alte Esel sein, wirst zwar noch mehr schimpfen als jetzt, aber dessen ungeachtet dem fortschreitenden Geist der Zeit huldigen, wie sich’s gebührt. Nun aber frage Ich: Wer sonst als solche Dummköpfe wie du öffnen dem Luxus die Türen, weil sie ein Wohlgefallen an dem chamäleonartigen Aussehen ihrer Töchter haben?
ER|0|64|3|0|Fange anstatt deines Schimpfens in deinem Haus an, den Luxus werktätig zu verachten! Kleide deine Kinder wie oben angezeigt; vielleicht wirst du einige Nachahmer finden, und diese wieder etwelche andere! So wird sich nach und nach der Luxus von selbst verlieren, wenn er keinen Absatz finden wird. Also gibt es auch Zeitungsschreiber, die fortwährend über den Luxus losziehen, während sie sich in allem fortwährend nach der neuesten Mode tragen, wodurch ihr Geschreibsel natürlich allzeit ohne Erfolg bleibt; denn wer sich selbst nicht bessert, wie soll er einen anderen bessern?
ER|0|64|4|0|Andererseits sieht man wieder Landleute und Wirte ganz gewaltig über die Verzehrungssteuer losziehen, schimpfen und fluchen; diese bedenken dabei aber nicht, dass sie die ersten Erfinder dieser Staatsplage sind, und sie diktieren ihren Abnehmern durch die Tat eine noch zehnmal größere Verzehrungssteuer, als wie groß sie der Regent von seinen Untertanen verlangt.
ER|0|64|5|0|Als diese Steuer noch nicht bestand, nahmen alle Gastwirte schon eine ganz unmenschliche Verzehrungssteuer von ihren Gästen; gar mancher musste vor lauter Verzehrungssteuer seinen Rock dem Wirt überlassen. Da frage Ich: Wie kann so ein Mensch über eine Steuer klagen, die er schon lange früher gehandhabt hat als der Staat noch an eine solche dachte? Ward sie in seinem Haus für billig geachtet, warum soll sie nicht fürs ganze Land billig sein? Verlangt nicht ein Wirt für ein Stück Brot zwei Kreuzer, das ihn kaum einen kostet? Das ist eine Verzehrungssteuer zu 100 % ! So viel verlangt der Staat nicht und ist viel billiger, und der Wirt mag sich die Staatsverzehrungssteuer wohl gefallen lassen; denn er hatte ja schon lange das größte Wohlgefallen an diesem Monopol.
ER|0|64|6|0|Also auch der Landmann, so er einen Korb Obst in die Stadt bringt und zahlt dafür einige Kreuzer Staatsverzehrungssteuer. Wie bringt er aber diese ein? Was er für den ganzen Korb zahlte, das schlägt er auf zehn Stücke auf, hat aber nach diesen zehn Stücken noch neunzig im Korb! Diese wären demnach verzehrungssteuerfrei! Verkauft er sie aber auch so? O nein; er hebt sie noch neunmal ein. Frage: Hat der Mensch nicht ein werktätiges Wohlgefallen an dieser Steuer? Wie mag er schimpfen darüber? Hat er mit 900 % noch nicht genug, der Wucherer, dem Ich umsonst seine Bäume mit Obst gefüllt habe? Darum nur zu; nur noch mehr Verzehrungssteuer, und die soll nicht aufhören, bis sie nicht aufgehört hat in den Herzen der Brüder gegen Brüder.
ER|0|64|7|0|Wer jemanden etwas aus gutem Herzen schenkt, da erinnere Ich Mich, hat der Staat wenig oder gar keine Steuer darauf gesetzt, nota bene! So aber der Mensch gegen seinen Nebenmenschen kein Herz mehr hat, wie mag er das vom Staat verlangen, das ihm so ganz und gar fehlt? Und Ich sage dazu: Die Menschen richten sich selbst; aber den Staat richte Ich nach den Menschen.
ER|0|64|8|0|Woran sie die größte Freude haben werktätig, danach soll auch der Staat von Mir gerichtet sein. Wer nimmt eine größere Verzehrungssteuer als der Getreidewucherer von seinen Brüdern? Von dem solle der Staat tausendfältige Steuern fordern, so würde kaum das Gleichgewicht hergestellt sein.
ER|0|64|9|0|Ihr erseht daraus, dass die Menschen allzeit selbst Schöpfer von den Übeln unter ihnen sind; daher sollen diese Übel auch so lange unter ihnen sein, als sie fortwährende Schöpfer derselben bleiben. Die Armen aber seien allzeit eine Zugabe als Plage für dergleichen Anordnungen; denn wer macht Arme? Die große Habsucht und allgemeine Verzehrungssteuersüchtigkeit der Vermögenden! Darum sollen sie selbe auch erhalten; denn was ein Mensch selbst erzeugt, das soll er auch haben und tragen.
ER|0|64|10|0|Also klagen die Bürger einer Stadt auch ganz gewaltig über ihre Hauszinssteuer; aber was ihre Zinsparteien sagen, das hören sie nicht. Wenn zufälligerweise eine Partei manchmal ihre Miete nicht pünktlich entrichten kann, so wird bald Klage und Auspfändung gegen sie eingeleitet. Daher nur noch mehr Hauszinssteuer – so lange, bis das Herz des Hausbesitzers weicher wird und er in seinem Haus für Arme auch ein Stübchen unentgeltlich wird einräumen können und mit seinem Hauszins mehr herabsteigen! Dann werde Ich auch dem Herzen des Regenten mildere Gesinnungen einflößen; sonst aber, wie gesagt, nur noch höher mit den Steuern. Anstatt seidene Gewänder und anderartigen Luxus der hausbesitzerischen Familie lieber ein sanftes Herz und Billigkeit im Hauszins, dann wird es schon besser werden.
ER|0|64|11|0|Gar entsetzlich wird auch über die gegenwärtigen Eisenbahnen geflucht und geschimpft. Es ist wahr, sie sind den Menschen ein böses Zeichen dieser Zeit, und Ich wollte, dass sie nicht wären; aber die Menschen wollten es, und so will Ich es auch. Saht ihr nie früher, wie die Großen und Reichen Equipagen hielten und gefahren sind kreuz und quer? Wenn aber ein Armer des Gehens müde, sie anflehte, dass sie ihn möchten aufsitzen lassen, da ward er bei nur einiger Zudringlichkeit mit der Peitsche zurückgewiesen; ja, selbst wenn er noch zahlen wollte, wurde er nicht angenommen. Jetzt sitzt in einem und demselben Wagen ein stinkender Bauer, auch ein anderer sogenannter Vagabund, und neben ihm muss sich eine feinnasige Stadtdame placieren, und beide fahren um denselben Preis und genießen die gleichen Rechte. Und das oftmalige städtische Fi donc! [Pfui doch!] neben einem Rossknecht hat ganz aufgehört, und den Dienst der früheren Wohlgeruchsflakons verrichtet der Kesselrauch. Dadurch werden die feinen Nasen etwas durchgeselcht und empfinden den unangenehmen Geruch des Bauern nicht mehr so sehr. So konnten auch früher die Kavaliere und neben ihnen die großbürgerlichen Fashionables nie geschwind genug fahren. Unglücklich der, der sich auf der Straße befand; es wurde rücksichtslos über ihn hinweggefahren. Nun gibt es Geschwindigkeit genug; ein solcher Schnellsegler kommt auf der Eisenbahn wenigstens zu der Besinnung, dass sein Pferdefuhrwerk dagegen doch nur eine reine Pfuscherei ist. Daher lässt er seine Equipage zu Hause und fällt auf der Straße nicht mehr so oft den Wanderern lästig; denn er selbst fährt lieber auf der Eisenbahn als in seinem Wagen. Welch eine große Wohltat aber ist es für jene Straßenräuber von Wirten, denn diese fangen erst jetzt an, ein wenig Menschen zu werden! Und welch eine gerechte Zuchtrute für allerlei Fuhrleute, die für eine einzige Fuhre von wenig Posten nicht selten zweimal so viel verlangten, als was ihr Wagen und ihre Pferde wert waren. Die Schmiede an den Straßen, die für einen Nagel oft so viel verlangten, als wenn er von Gold wäre, kommen jetzt erst zur Einsicht beim Anblick ganzer eiserner Straßen, dass das Eisen denn doch nicht gar so teuer sein kann! Auch Wagner, Sattler und Riemer wissen jetzt erst, was ihre Ware wert ist; denn früher glaubten sie lauter Gold- und Silberwaren zu verkaufen. Auch die Haferwucherer werden nach und nach zu der Einsicht kommen, dass sie bei weitem weniger von dieser Frucht werden vonnöten haben! Und die Stadtkutscher, die früher nie wussten, was sie für ein schlechtes Fuhrwerk verlangen sollten, können jetzt um zwei Groschen fahren, und wer mehr verlangt, der kann sich selbst spazieren fahren bis zum Bahnhof hinaus, wo irgendeiner ist, und dort wehmütig zusehen, wie Hunderte von Reisenden um einen geringen Fuhrlohn sich schnell weiterbewegen. Auch die Posten, die früher nicht wussten, für wie viel Pferde sie einen Stall mieten sollten, haben jetzt an wenigen sogenannten Kleppern hinreichend. Und die Aktionäre werden dadurch auch, und hauptsächlich ob des sehr schnellen Beförderungsmittels, ehestens zur Einsicht gelangen, dass sie sich hier sehr gewaltig verspekuliert haben; denn da wird ihr vermeintlicher Gewinn doch sicher gehend werden so wie der Schnee an der Sonne, und sie werden auch erkennen, dass in den Wasserdämpfen nebst der mächtigen Triebkraft sich auch die vermögenauflösende befindet.
ER|0|64|12|0|Eine solche Eisenbahn ist streng genommen freilich so wenig in Meiner Ordnung als der babylonische Turmbau; aber dieser Turmbau hatte auch sein entschiedenes Gutes. Er führte die Völker auseinander und brachte sie mit der Zeit zur Überzeugung, dass der Mensch auch anderorts und nicht bloß in Babylon leben kann, und dass Gott überall Seine Sonne scheinen und Seinen Regen fallen lässt; und so haben am Ende doch alle gewonnen, die der Turmbau von Babylon weggetrieben hat. Desgleichen wird es auch mit den Eisenbahnen sein, da wird am Ende ein jeder gewinnen. Der Hauptaktionär gewinnt materiell; denn er säckelt die anderen aus. Die anderen aber gewinnen an der Einsicht und bald darauf an Menschlichkeit; denn wenn Reiche zu Bettlern werden, so werden sie dann recht sanfte und demütige Menschen. Die Wirte an den Straßen gewinnen auch; denn sie verlieren das Straßenräuberische und gewinnen das Menschliche. Die Landleute, über deren beste Gründe nicht selten die Eisenbahn geführt wurde, gewinnen auch. Denn früher besteckten sie ihre Wiesen und Äcker mit Zäunen und Dornen, und wenn ein Mensch einen Tritt auf ihre Wiesen getan hat, ward er oft malträtiert; jetzt aber ist es gut, wo er eine so breite Eisenstraße auf seinem Grund dulden muss. Er gewinnt nun an Geduld und daneben an Menschlichkeit, und das ist auch ein großer Gewinn. Die Reisenden gewinnen; denn sie kommen bedeutend billiger und schneller an den Ort, wohin sie wollten, und lernen wenigstens in den Wägen, dass sie nicht mehr wert sind als andere, – denn ein jeder zahlt die gleiche Fracht. Aber ungeachtet alles dessen schimpfen die Menschen über diese Zuchtrute, die sie selbst durch allerlei Mittel zuwege gebracht haben; aber selbst getan, muss man auch selbst haben und leiden. Wenn aber Wirte, Fuhrleute und anderartige Professionisten und die Aktionäre menschlich werden, wie sich’s gebührt, dann soll es auch mit der Zuchtrute besser aussehen; denn alles liegt in Meiner Hand, und Ich kann es so und so gestalten und verändern. Ich habe aber einmal gesagt, dass Ich an diesem Werk kein Wohlgefallen habe, und also ist es auch; denn Mich freut die Zuchtrute nicht. Aber da sie einmal da ist, wie sie die Menschen wollten, so solle sie den Guten frommen und den Schlechten zu einem Fluch gereichen. Und ihr mögt euch nun ganz ruhig ihrer bedienen, und Ich will noch den obendrauf segnen, der sich ihrer bedient, damit die Straßenräuber eine volle Züchtigung erhalten.
ER|0|65|1|1|Klagen über das Pfaffentum
ER|0|65|1|1|Am 10. April 1847
ER|0|65|1|0|Es ist zwar wahr, dass man dadurch einer Menge sogenannter Gewerbsleute das Brot geschmälert oder entzogen hat, und dass manche aus ihnen zu Bettlern werden. Auch ist manchem Landmann ein gutes Stück Grund weggenommen worden, dadurch er in der Erzeugung seiner Feldfrüchte sehr benachteiligt wurde; auch haben arme Fuhrleute ihren sonst gewöhnlichen Fuhrlohn eingebüßt, und manche Wirte, die etwas menschlicher waren als andere, kamen mit den unmenschlichen zugleich unter die Scheibe. Allein dies alles, wohl erwogen, lässt sich ganz anders berechnen, als es sich uranfänglich dem Auge eines oberflächlichen Beobachters darstellt. Denn hier hat in materieller Hinsicht nur der viel verloren, der sehr viel hatte; der aber ohnedies wenig hatte, der konnte dabei auch nicht viel verlieren.
ER|0|65|2|0|Schmiede, die früher nicht zu bezahlen waren, arbeiten jetzt viel billiger, wenn sie nur eine Arbeit bekommen. Hat eher einer sein Geschäft schon ins Große betrieben, so schadet es ihm nicht; denn er hat sich schon etwas erworben, und will er ferner noch eine Arbeit, so muss er billig sein. Dabei wird er aber auch menschlicher; sonach hat er nicht viel verloren. Hat aber jemand aus dieser Professionistenklasse nur ein sehr kleines Geschäft geführt, das ihm nicht viel mehr als einem Bettler das Betteln eingetragen hat, der hat ebenfalls nicht viel verloren, und die Kluft zwischen ihm und einem früheren Großmeister ist um ein sehr Bedeutendes kleiner geworden; also wieder ein Gewinn. Desgleichen ist es der Fall mit allen anderen Professionisten, ebenso auch mit den Landleuten, die an Grund verloren haben; denn wer nur einen kleinen Grund hatte, der konnte keinen großen Fleck davon hergeben, und was er hergab, ward ihm wohl vergütet. Der große Grundbesitzer konnte auch einen größeren Fleck seines Grundes hergeben, der ihm zwar auch vergütet wird mit der Zeit, worauf er aber leicht warten kann, weil er ohnehin noch mehr hat, als was er braucht. Derselbe Fall ist es auch mit den Groß- und Kleinwirten. Die großen haben sich ihren Schnitt schon gemacht, und es wäre zu himmelschreiend, wenn man sie noch länger hätte schneiden lassen. Bei den Kleinwirten aber war es ohnehin nur ein erbärmlicher Kreuzererwerb, den sie leicht verschmerzen können; und nachdem sie ganz natürlicherweise für wenig Geld auch nur Schlechtes den Gästen darreichen konnten und sich nach und nach mehr mit Betrug als mit Ware behelfen mussten, so ist das für sie und für ihre Gäste ein physischer und geistiger Gewinn.
ER|0|65|3|0|Aus dem aber stellt sich heraus, dass bei dieser Gelegenheit niemand auch in materieller Hinsicht zu viel verloren hätte; und die Zuchtrute ist somit gut und wird nach und nach noch immer besser. Wie aber – wie ihr wisst – die Hanochiten zu Noahs Zeiten selbst die Wasserschleusen der Erde öffneten, von denen sie dann verschlungen wurden, so haben sich auch hier diese Leute selbst die Laus in den Pelz gesetzt. Ich aber sage: Nur zu in dieser Weise! Wem der ruhige und fruchtbringende Boden der Erde nicht genügt, der gehe aufs Meer und lerne da den Unterschied zwischen Frieden und Ruhe und zwischen Bewegung und Sturm. Wenn es ihm beliebt, und wenn ihn die Stürme noch nicht verschlungen haben, mag er ja wieder zurückkehren; denn neben dem Wasser geht auch noch immer der feste Boden fort, so wie neben diesen Neuerungen auch das alte Wort Gottes gleich fortbesteht und Meine Gnade für jedermann, der sie sucht. Wem aber an der nichts, sondern alles nur an den Neuerungen liegt, aus lauter entweder allgemeiner oder spezieller Ranglust, der mag sich immerhin in einen allerschnellst fahrenden Dampfwagen setzen und damit zu seinen Teufeln fahren, und er kann versichert sein, dass in Meinen Himmeln ihm kein mitleidiges Ach nachfolgen wird; denn dumme Gecken sind auch für Meine Himmel ein ekelerregender Gräuel, und überall ist große Lache über sie.
ER|0|65|4|0|Was das Schimpfen und Klagen über das Pfaffentum betrifft, so dringen dergleichen Klagen und Schimpfereien gar nicht an Mein Ohr. Ich habe es soweit eingeleitet, dass jedermann Mein Wort haben kann, wenn er es nur will.
ER|0|65|5|0|Daraus aber wird jeder leicht ersehen, dass bei Mir nichts gilt als ein reines, liebevolles Herz und ein rechter Glaube an Mich. Wem das nicht genügt, wem das Wort eines gelbsüchtigen Kanzelredners heiliger ist als das, was Ich Selbst gesprochen, der bleibe in seiner Dummheit. Wem die Geißel lieber ist als Meine Gnade, der lasse sich geißeln. Wem ein mit vielen Kosten prachtvoll erbautes Bethaus heiliger und erhabener ist als ein reines Herz, das da ist ein Tempel des heiligen Geistes, der gehe in sein Bethaus und lasse sich an jedem Sonntag oder sonstigen Feiertag zuerst mit der Monstranz segnen und dann von der Kanzel darauf wenigstens siebenmal in die Hölle verfluchen und auf die Verfluchung – respektive in die Hölle hinein – am Ende der Messe da capo mit der Monstranz segnen.
ER|0|65|6|0|Die Menschen haben ja eine große Freude an der blinden Zeremonie, sie reden und schreiben sich Mund und Finger wund über die Pracht des Domes zu Rom und andere überaus prächtige Münster und verwenden dazu noch ungeheure Summen zu deren Erhaltung und Ausschmückung, gewöhnlich unter dem Titel: „Alles zur größeren Ehre Gottes!“ Recht so, recht. Wer ein Esel sein will, der mag ja in Ewigkeit einer bleiben. Was sollte so ein armseliges Münster und alle Münster der Erde Meine Ehre vergrößern?
ER|0|65|7|0|Fürs Erste habe Ich auf der Welt nie Meine Ehre gesucht, sondern Glauben und Liebe nur. Laut dem aber ist jede andere, eitle Ehrenbezeugung, die aus Mir, dem einigen, ewigen, lebendig wahren Gott, einen Götzen macht, ein Gräuel; denn Ich will im Geist und in der Wahrheit, welche ist im lebendigen Herzen des Menschen, nicht aber in einem Münster, angebetet sein, und die wahre Anbetung im Geist und in der Wahrheit besteht aber darin, dass Mich die Menschen als ihren Gott und Vater erkennen, und dann als solchen über alles lieben und die Gebote der Liebe auch gegen ihre Brüder halten. Das ist eine rechte Gottesverehrung; aber ein Münster ist ein Gräuel und kann zur größeren Verherrlichung Meines Namens nichts beitragen, da es doch sicher nicht zeigt, was Ich, sondern nur was eitle und hochmütige Menschen vermögen.
ER|0|65|8|0|Wer aber schon Meine Kraft und Größe bewundern will, der gehe zu den natürlichen Münstern, gehe zu der Erde selbst und blicke auf zu Sonne, Mond und Sternen, und er wird sicher genug haben, woraus er die Allmacht Gottes, seines Vaters, erkennen kann.
ER|0|65|9|0|Bei der Betrachtung eines Berges lässt sich freilich wohl weder eine gotische noch maurische, ebenso wenig eine römische, jonische, phrygische und gar babylonische Bauart erkennen. Auch sind da nicht Statuen und sonstige Gemälde und Schnitzwerke von allerlei sogenannten berühmten Meistern zu erschauen; dafür aber lässt sich an diesen großen Naturmünstern die Hand des Vaters erkennen, und anstatt der Statuen und der Malereien wohnen auf solchen Münstern wirkliche, lebendige Menschen und andere Geschöpfe, und statt all der Verzierungen sind auf diesen Münstern herrliche Wälder und mit gutem und nährendem Gras bewachsene Wiesen zu sehen, die alle von der Macht, Größe und Weisheit ihres ewigen Meisters zeugen.
ER|0|65|10|0|Solche Betrachtung kann das menschliche Herz wohl ad majorem Dei gloriam [zur größeren Ehre Gottes] stimmen; aber die Betrachtung eines Münsters erhebt das Herz eines Esels nur zur größeren Bewunderung seiner noch größeren Mitesel, welche offenbar auch sehr große Esel sein mussten, weil sie glaubten, durch ihrer Hände Werk, durch allerlei Schnitzereien, Malereien und Vergoldungen, durch Wachskerzenlicht, reiche Kleider und wildes Geplärr dazu, können sie Den ehren, der Erde, Sonne, Mond und Sterne erschaffen hat.
ER|0|65|11|0|Die Menschen verwenden noch heutigentags große Summen, machen Stiftungen und Vermächtnisse, und es darf nur irgendein neues Götzenbild eingeweiht werden oder etwa gar ein heiliger Leib in einer sogenannten Kirche unter dem Titel „Gotteshaus“ eingesetzt werden – natürlich als eine Gnade von Rom um einige hundert Stück Dukaten gratis –, oder es darf, was noch viel außerordentlicher ist, ein Leibrock Christi, Windeln, Gürtel etc. zur Schau ausgestellt werden, und wenn solches in zwölf Kirchen zugleich geschehen möchte, was ganz natürlich zwölf Leibröcke etc. erfordern würde. Das macht aber alles nichts; die Dummheit glaubt es, wenn sie auch schimpft, und opfert dann reichlich, und das alles ad majorem Dei gloriam [zur größeren Ehre Gottes]. Was sollte man denn dazu sagen? Sollte man die Dummheit noch mehr strafen? Ist nicht vonnöten; denn die straft sich ja eben dadurch von selbst.
ER|0|65|12|0|Wollte man ihr etwas Besseres dafür geben, würde sie es wohl annehmen? Man müsste Wunder wirken! Der Leibrock aber wirkte auch Wunder. Würde die Dummheit wohl unterscheiden das betrügerische, künstliche Wunder von einem wahren, natürlichen? O nein! Sie würde das wahre, weil es in keinem Münster geschah, für ein Werk des Teufels halten, und den, der es wirkte, für einen Erzketzer. Was wäre ihr also damit geholfen?
ER|0|65|13|0|Daher bleibe die Dummheit, was sie ist, eine fortwährende Strafe der dummen Esel und Narren; wer aber Weisheit sucht und ihren Lohn, der weiß auch, wo sie zu finden ist.
ER|0|65|14|0|Es wird aber wohl gar bald die Weisheit über die Dummheit siegen; aber glaubt es dann nicht, dass darob die Dummen weiser werden, – denn dieses Gelichter wird bleiben, solange die Hölle bleiben wird.
ER|0|65|15|0|Man sagt zwar, wie Ich so vielen Gräueln so lange zusehen könne. Warum lasse Ich nicht mit Blitz und Feuer vom Himmel dieses alte Götzentum vernichten? Konnte Ich es doch in den alten Zeiten tun; warum jetzt nicht?
ER|0|65|16|0|Es ist wahr, Sodoma und Gomorra gingen unter; dafür aber ging Babel auf. Auch hier ist schon viel Feuer in das Götzentum geschleudert worden, wie zu allen Zeiten; aber es geht wieder auf. Darum lassen wir den Weizen mit dem Unkraut aufwachsen; es wird schon die Zeit der Sonderung kommen. Warum sollte man auch mit einem Geschäft sich auf eine Minute Zeit binden, wofür man eine ganze Ewigkeit übrig hat? Daher nur zu hier! Wer dumm sein will, der bleibe es; und wer weise sein will, der weiß, wo er anzuklopfen hat.
ER|0|66|1|1|Das Götzentum
ER|0|66|1|1|Am 13. April 1847
ER|0|66|1|0|Was nützt da das eitle Klagen, was das lose Schimpfen und Hecheln und was das törichte Sich-Freisagen von allem dem, was eine solche mit Götzentum angestopfte Kirche zu halten und zu beobachten vorschreibt?
ER|0|66|2|0|Das alles nützt nichts! Wenn einmal irgendein Strom geht und kräftig geworden ist, da ist es zu spät, ihn einzudämmen und ihn aufzuhalten in seinem Lauf, da er dadurch nur noch mehr anschwellen wird, und wird zerreißen die Dämme und dann verwüsten alles Land, das er überflutet. Das Vernünftigste dabei ist, dem Strom seinen Weg zu lassen; wenn er das Meer erreicht haben wird, wird sich seine Wut schon abkühlen und gänzlich vermindern.
ER|0|66|3|0|Ebenso töricht wäre es, in einem solchen Strom aufwärts schwimmen zu wollen. Da würde wohl niemand um ein Haar weiter kommen; denn je kräftiger er den ihm entgegengehenden Wogen Trotz bieten wollte, desto kräftiger und heftiger werden sie an seine Stirn schlagen und ihn bald in den Grund hinabwirbeln. Am besten ist es, den Strom fließen zu lassen, wo und wie er fließt; selbst aber sich vom Strom so weit als möglich zu entfernen im Herzen und den trockenen aber sicheren Weg der reinen Wahrheit zu verfolgen.
ER|0|66|4|0|Das Sich-Auflehnen gegen etwas, das sich einmal in bestimmten Normen jahrhundertelang mehr und mehr begründet hat, wäre wohl die größte Tollheit; es wäre ein Krieg zwischen einem und tausend Soldaten. Was wird der eine wohl gegen tausend ausrichten? Dasselbe ist gerade mit einem solchen der Fall, der sich gegen eine wie immer beschaffene allgemeine Ordnung auflehnen wollte; seine Ansichten mögen noch so richtig sein, was will er aber machen, wenn die große Masse blind und taub ist? Da heißt es klug sein und den Mantel redlicherweise nach dem Wind kehren und nicht gegen denselben, da er ihm wenig nützen würde.
ER|0|66|5|0|Ich aber sehe ohnehin nie auf das Äußere, sondern allzeit nur auf das Inwendige im Menschen; und so kann ein jeder ehrliche Christ in einem Bethaus ganz wohlgemut dem sogenannten zeremoniellen Gottesdienst obliegen, in seinem Herzen aber bei Mir sein, so wird ihm das nicht den allergeringsten Schaden bringen.
ER|0|66|6|0|Wen aber dieser Gottesdienst ärgert, der bleibe draußen; denn bei den Ohren wird niemand hineingezogen. Und wäre auch letzteres der Fall, so wird es niemand schaden, wenn er hineingeht; denn besser ist es doch noch immer, sich in einem Bethaus zu befinden und eine gewisse Andacht zu verrichten, als an den allgemein gebotenen Fest- und Feiertagen sich entweder auf eine Jagd zu begeben oder in ein Spielhaus zu gehen oder wucherische Geschäfte zu machen, Ränke zu schmieden, Huren zu besuchen und dergleichen Lumpereien mehr.
ER|0|66|7|0|Neben den Zeremonien werden ja auch noch Predigten gehalten, vor welchen doch wenigstens einige Verse des Evangeliums vorgelesen werden. Und will schon jemandem eine Predigt nicht munden, der bleibe bei den vorgelesenen Versen aus dem Evangelium, und er wird aus solchen Versen so viel herausnehmen können, dass er daran hinreichend haben wird, das ewige Leben zu erlangen, wenn er nur den wenigen Versen eine richtige Folge leistet. Demzufolge kann nicht leichtlich jemand etwas verlieren, wenn er sich auch in ein solches Bethaus begibt, wo er noch immer etwas finden kann, das ihn an Mich mahnt; aber so sich jemand aus bloßem Hass gegen ein solches Götzentum davon losmacht, ergreift aber dafür nichts Besseres, sondern gewöhnlich nur Schlechteres, frage: Wird ihm das wohl nützen? – Ich meine es kaum.
ER|0|66|8|0|Der Tempel zu Jerusalem war bei Meinen Leibeslebenszeiten auf der Erde völlig ganz ein Götzentempel. Denn von einem Haus Gottes war sicher keine Rede mehr. Da war Jehova nicht mehr im Tempel, außer Er kam dann und wann in denselben und lehrte darinnen.
ER|0|66|9|0|Aber Ich als der Jehova, so spricht der Herr, untersagte es niemandem, den Tempel zu besuchen und seine Gabe zu opfern, und Ich Selbst ging zu öfteren Malen in denselben und lehrte darinnen und ließ auch der Ehebrecherin darinnen ihre Schuld nach. Auch Meine Schüler hatten nie ein Verbot erhalten, den Tempel zu besuchen, obschon er ein vollkommener Götzentempel war. Warum sollte sich denn hier jemand ärgern, in ein Bethaus zu gehen? Denn geht er in wahrem Meinem Namen hinein, so bin Ich bei ihm und gehe mit ihm; und so wir darinnen sind, wird uns wohl niemand hinauswerfen. Und solange Ich es darinnen aushalten werde, wird es der wohl auch aushalten können, mit dem Ich darinnen bin.
ER|0|66|10|0|Überhaupt soll da niemand eher Blitz und Schwefelfeuer vom Himmel rufen, als bis Ich es ohnehin von selbst dahin schleudern werde. Wann aber dieses notwendig sein wird, das weiß Ich am besten.
ER|0|66|11|0|Ich meine aber, solange eine gar große Menschenmenge noch eine große Freude daran hat, dieses Götzentum auf alle mögliche Weise zu unterstützen, Messen und Ämter zu zahlen, Stiftungen zu machen, Bethäuser und andere Kapellchen zu bauen, die Opferstöcke zu sättigen, Orgeln bauen zu lassen, Glocken anzuschaffen, reiche Begräbnisfeierlichkeiten begehen zu lassen, sowie sehr teure, sogenannte Paramente herzustellen, auch kostspielige Wallfahrten zu verrichten und sich in geldmäkelnde Brüderschaften einzulassen, so lange geht es ja recht gut. Und warum soll man das wie eine Schaumblase mit einem Hauch vernichten, woran die Menschheit bis dato noch eine große Freude hat? Wer dumm und blind sein will und der an diesen rangsüchtigen Zeremonien von großem Gold- und Edelsteingeprunke ein großes Wohlgefallen hat, der bleibe dumm, blind und ein Narr.
ER|0|66|12|0|Was liegt Mir wohl an einer Welt voll Narren? Ich sage euch: viel weniger als einem Töpfer an einem schlechten Topf, den er zusammenschlagen kann, wann er will, weil er ihm nicht geraten wollte. Wie aber der Töpfer um so einen dummen Topf keine Traurigkeit haben wird, wenn er ihn zusammengeschlagen hat, so wenig werde auch Ich irgendein Leid nach einer Welt voll Narren in Meinem Herzen tragen, als wäre es Mir etwa etwas Schweres, eine andere Welt voll der weisesten Engel dafür zu erschaffen.
ER|0|66|13|0|Wenn aber jemand Mich sucht, der wird Mich auch finden, und Ich werde ihn annehmen, und er wird Mir lieber sein als eine Welt voll Narren, und Ich werde für ihn allein auch mehr tun, als wie für eine ganze Welt voll Narren.
ER|0|66|14|0|Wenn Ich Mich demnach nicht allzugewaltig rühre ob des allgemeinen überdummen Standes der Dinge und lasse sie gewisserart gehen, so sei euch das ein Zeichen, dass Mir an all diesen Dingen, wie sie jetzt in der Welt sind, und an all den Narren, die ihnen huldigen, ganz überaus wenig liegt.
ER|0|66|15|0|So Ich aber hie und da einzelne finde, denen an Mir allein alles gelegen ist, an denen liegt aber auch Mir mehr als an der ganzen Welt. Ich will den einen schwelgen lassen in aller Fülle Meiner Gnade, und der Welt in ihrer Narrheit will Ich Träber reichen; denn, wie gesagt, Mir liegt an einem Guten mehr, ja bei weitem mehr – ja es liegt Mir alles an ihm – als an einer gepfropft vollen Narrenwelt, an der Mir gerade so viel liegt als an einer faulen Pflanze, die an der Straße wächst und von den Wanderern in den nichtigen Staub zertreten wird. Wie oftmal ist das Gras schon von einer Wiese abgemäht worden; was liegt wohl daran? Es wächst wohl wieder ein anderes nach; so ist es mit den Menschen auf der Erde der Fall, die da Narren sind und Narren sein wollen.
ER|0|66|16|0|Man kann auch da sagen: Für ein hungriges Vieh ist bald ein Futter gut; die Schmeißfliege schlürft den Saft vom Kot, der Wurm frisst Schlamm; die Schweine sind eben auch keine Gourmands und Feinschmecker, und der Esel begnügt sich bekanntlich mit dem schlechtesten Futter. So aber dergleichen Menschen gleich sind wie solche Tiere, – gut, so sollen sie auch mit gleicher Kost genährt werden; denn eine andere würde ihnen nicht schmecken. Und wenn sie zu sonst nichts mehr taugen, so werden sie einst drüben dazu dienlich sein, dass bessere Geister an ihnen die schönste Gelegenheit finden werden, die hier vernachlässigte Zoologie nachzuholen; denn die Zoologie ist eine äußerst wichtige Wissenschaft. Und da eben, wie in diesem Werk hinreichend gezeigt, die vollkommenen Geister das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich zu besorgen haben, so versteht sich von selbst, dass sie in der Zoologie keine Laien sein dürfen. Aber freilich ist das eine andere Zoologie als wie hier auf der Welt, wo schon ein jeder ein guter Zoologe ist oder wenigstens sein will, wenn er die Tiere nur nach dem Balg kennt; daher in den zoologischen Lehranstalten und dazu erforderlichen Museen meistens nur ausgestopfte Bälge den Schülern vorgestellt werden.
ER|0|66|17|0|Ich meine nun über diesen Punkt mehr als hinreichend gesagt zu haben; daher wir fürs Nächste zu noch einer ganz geheimen Denkwürdigkeit übergehen wollen.
ER|0|67|1|1|Visionen und ihre Deutung
ER|0|67|1|1|Am 14. April 1847
ER|0|67|1|0|Woran und worin wird sich das wohl erkennen lassen, was Ich hier unter der vorangekündeten geheimen Denkwürdigkeit verstanden haben will? Hat diese Denkwürdigkeit äußere Zeichen?
ER|0|67|2|0|Sie hat dergleichen nicht, und wenn sie schon solche hat für einen feinen Beobachter, so wird ihnen wenig oder gar kein Glaube geschenkt.
ER|0|67|3|0|Diese geheime Denkwürdigkeit besteht gewöhnlich in gewissen Visionen, welche bei guten Menschen, wie auch bei schlechten, entweder vom Himmel oder von der Hölle herrühren können, daher es höchst notwendig ist, über diesen überaus denkwürdigen Punkt rechte Aufschlüsse und die richtigen Verhaltungsmaßregeln zu bekommen, damit man wisse, wie man sich bei dergleichen geheimen, oft kaum glaubwürdigen Erscheinlichkeiten zu benehmen habe.
ER|0|67|4|0|Die Visionen sind verschiedener Art. Die gewöhnlichste und jedermann wohlbekannte Art von Visionen sind die nächtlichen Träume.
ER|0|67|5|0|Hier lässt sich fragen: Wer träumt eigentlich, und was sind die Bilder des Traumes?
ER|0|67|6|0|Im gewöhnlichen Schlaf träumt bloß die Seele, und dieses Träumen ist nichts anderes als ein wirres Schauen der Seele in ihre eigenen Verhältnisse, die aber keinen Verband haben, sondern ungefähr so wie die Bilder in einem sogenannten Kaleidoskop mit jeder Bewegung sich verändern und völlig dieselben nie wieder zum Vorschein kommen.
ER|0|67|7|0|Dieses verbandlose Schauen der Verhältnisse und Zustandsbilder in sich hat darin seinen Grund, weil die Seele selbst sich außer Verband sowohl mit der Außenwelt als auch ganz besonders mit ihrem Geist befindet.
ER|0|67|8|0|Diese Art Visionen haben für die Seele keinen anderen Nutzen als den bloß, dass sie sich nach einem solchen Traum erinnern solle, wie es mit ihr in einem absoluten Zustand noch steht.
ER|0|67|9|0|Wenn sie die Träume zusammenfasst, ja, wo tunlich, sogar aufschreibt, so kann die Seele an ihnen ein gutes Porträt ihrer selbst haben; denn sie zeigen ihr, wie sie in sich selbst ist, was ihre Hauptbegierden, was ihr Streben, und wie überhaupt ihr gesamter Zustand beschaffen ist und auch beschaffen sein wird, wenn sie sich völlig außer dem Fleisch befinden wird.
ER|0|67|10|0|Diese Art Träume werden weder von höllischen, noch weniger von himmlischen Geistern in der Seele hervorgerufen, sondern sie sind ganz eigene Produkte der Seele, deren sie sich bald mehr, bald weniger, bald gar nicht erinnert, was bei einem noch ganz natürlichen Menschen hauptsächlich davon abhängt, wie sein Nervengeist beschaffen ist. Neigt er sich mehr zur Seele über, so wird sich der Mensch fast jedes Traumes genau erinnern; neigt sich dieser aber mehr dem Fleisch zu und schläft gewöhnlich mit demselben, so wird der Mensch auch wenig oder gar keine Rückerinnerung an seine Träume haben, was gewöhnlich bei jenen Menschen der Fall ist, die sehr sinnlich und grobmateriell sind.
ER|0|67|11|0|Aber ganz anders verhält es sich mit gewissen hellen Träumen, in welchen es dem Träumenden also vorkommt, als wäre die Erscheinung Wirklichkeit, sodass er darob beim Erwachen sich selbst kaum Bescheid geben kann, ob es ein Traum war oder Wirklichkeit. Derart Visionen oder Träume gehören nicht der Seele an, sondern den sie umgebenden Geistern, mögen diese guter oder böser Art sein. Sind sie böser Art, so wird die Seele, und durch sie auch ihr Leib, wie ganz erschöpft aus einem solchen Traum erwachen; sind diese Visionen aber ein Werk guter Geister, dann werden sich beim Erwachen Seele und Leib in einem gestärkten Zustand befinden.
ER|0|67|12|0|Beide Arten dieser Visionen werden nur zum Nutzen, aber nicht zum Schaden der Seele zugelassen; in den schlechten solle sie eine Warnung und in den guten eine Stärkung finden.
ER|0|67|13|0|Diese Visionen werden darum so lebhaft, weil da die Geister, die solche bewirken, zuerst den Nervengeist von seiner materiellen Dienstleistung ablösen und ihn mit der Seele verbinden; daher die Seele in einem solchen Zustand das Gefühl der Natürlichkeit hat, weil sie sich im Verband mit ihrem Nervengeist befindet, daher kräftiger ist, um die kräftigeren und bedeutungsvolleren Bilder in sich aufzunehmen und zu behalten.
ER|0|67|14|0|Zu dieser Klasse von inneren Visionen gehört auch das Schauen der Somnambulen, wie auch – was euch schon einmal erklärt wurde – das Schauen in der sogenannten Schwefeläther-Narkose. Diese Visionen haben daher auch schon in sich einen gewissen Verband und eine gewisse Ordnung, weil hier der Seele von den sie umgebenden Geistern schon ein mehr reiner Wein eingeschenkt wird.
ER|0|67|15|0|In solchen Visionen werden der Seele von den Geistern nicht selten künftige Begebnisse vorgeführt, was für die Geister eben nichts Schweres ist, indem sie fürs Erste die Ordnung der Dinge kennen, in welcher sie unabänderlich aufeinander folgen müssen, und fürs Zweite, weil sie selbst die Darsteller dieser Ordnung sind.
ER|0|67|16|0|Es ist gerade so, als so jemand von euch in ein fremdes Haus käme: da wird er wohl nicht wissen, was der Hausherr dieses Hauses heute, morgen und übermorgen tun wird; aber der Herr dieses Hauses wird es wohl wissen, weil er in seine Geschäftsverhältnisse eingeweiht sein muss. Wenn er euch aber sagt, was er tun wird, so werdet ihr es auch wissen. Also könnt ihr es auch nicht wissen, was die Geister in diesem Jahr noch alles zustande bringen werden, weil ihr im Haus der Geister noch Fremdlinge seid; wenn es aber die Geister einer Seele kundgeben, so wird auch sie es wissen, was da geschehen wird. Damit aber die Geister der Seele so etwas kundgeben können, so muss sie von ihnen vorerst behufs dessen vorbereitet sein, und diese Vorbereitung ist eben die, welche hier oben angezeigt wurde.
ER|0|67|17|0|Von dieser Vision ist sonach auch schon sehr viel zu halten; jedoch soll niemand auf sie, wie einst die Heiden auf ein sogenanntes unwandelbares Fatum, halten; denn darob soll dessen ungeachtet niemand in seiner Willensfreiheit beeinträchtigt sein. Will jemand ernstlich etwas anderes, als was ihm die Geister in dieser Vision gezeigt haben, so darf er sich nur an Mich wenden, dass die Sache anders würde, und sie wird anders, so derjenige glaubt und vertraut, darum er sich an Mich gewendet hat; denn Ich allein kann alle Dinge in jedem Augenblick verändern.
ER|0|67|18|0|Und so Ich Selbst sagen würde: „Siehe, morgen werde Ich dies und jenes tun!“, du aber fasst Liebe und Vertrauen zu Mir und bittest Mich, dass Ich damit einhalte, so werde Ich es tun, wie du bittest, und es wird darob für niemand ein Nachteil werden; denn Ich kann alle Verhältnisse, Zustände und Dinge so und so gebrauchen, und da müssen Mir tausend wie einer dienen und ein Tag sein wie ein Jahr und tausend Jahre wie ein Tag.
ER|0|67|19|0|Daher soll ob solcher eben nicht selten vorkommenden Visionen niemand sich zu sehr erschrecken; denn sind sie gut, so braucht sich niemand davor zu erschrecken, und sind sie böse, so können sie wohl abgeändert werden. Natürlich, wer aber fest daran glaubt und mutet Mir nicht mehr Kraft zu als seiner Vision, da mag es dann freilich wohl fiat [es geschehe] heißen.
ER|0|67|20|0|Das menschliche Gemüt ist aber freilich wohl so schwach, dass es schon aus den ganz einfachen Träumen gern und oft sehr gläubig allerlei zukünftige Begebnisse folgert, und die Menschen haben sich schon eine gewisse Regel gemacht, nach der nach gewissen Träumen gewisse Sachen geschehen müssen; welche Regulierung der Träume und ihrer gewissen Folgen ganz natürlich ebenso außerordentlich dumm ist als derjenige, der sie reguliert hat. Da gibt es Wasserträume, die bringen den Tod irgendeines Verwandten oder eines sonstigen Bekannten. Feuer bringt entweder eine Lüge oder eine Freude. Brot-, Mist- und Hochzeitsträume werden für Sterbepropheten in der Familie gehalten. Wenn einem von Bienen träumt, so wird ein Feuer; träumt es einem von Ameisen, so wird darauf eine Überschwemmung, oder der Mensch wird viele Sorgen bekommen. Wenn einem von Heuschrecken, Grillen und fliegenden Vögeln träumt, so bedeutet das Krieg, und dergleichen noch eine Menge Albernheiten, der Lotterieträume gar nicht zu gedenken.
ER|0|67|21|0|Diese Bilder, die sich der Seele im Traum darstellen, sind wohl Entsprechungen des Seelenzustandes, aber keineswegs Propheten zukünftiger Begebnisse.
ER|0|67|22|0|Wie viel gehört denn dazu, dass irgendein Mensch im Ganzen gar leicht so viele Verwandte, Freunde und Bekannte hat, als da sind Tage in einem Jahr, manchmal auch zehnmal so viel, und dass aus einigen Hunderten oder Tausenden in einem Jahr leicht einige sterben? Nun träumt es einem dazu von Wasser, Brot, Mist oder Hochzeit, so hat dieser Traum sicher dem Verstorbenen gegolten, ob der um 14 Tage früher oder um 14 Tage später gestorben ist. Desgleichen sind alle anderen Träume. Da hatte jemand von einer Menge Heuschrecken geträumt, und er war nun halb ängstlich und halb sehnsüchtig nach einem Krieg. Weil sich aber in seinem Land nichts rühren will und allenfalls in den nachbarlichen Ländern auch nichts, so geht er und liest sorgfältig die Zeitungen, und siehe da, er liest in einem Artikel „Krieg zwischen englischen Seefahrern und ihren Kolonisten mit Ureinwohnern auf Seeland!“, und er schlägt sich pathetisch auf die Stirne und spricht ganz ernst: „Mir hat jüngst (NB. in Steiermark) von Heuschrecken geträumt; das bedeutet Krieg, – und richtig, es ist Krieg auf Neuseeland!“ Wenn sich unser Leser ein bisschen mehr Mühe gegeben hätte, so wäre er wohl noch auf mehrere Kriege zu gleicher Zeit in den Zeitungen gestoßen.
ER|0|67|23|0|Seht, dergleichen Glauben ist dann ein Übel, welches der Seele sehr schaden kann, weil die Seele sich dadurch angewöhnt, ob solcher Momente das Vertrauen auf Mich ganz fahren zu lassen! Und je mehr von solchen prophetischen Visionsskrupeln in der Seele irgend Wurzel fassen, desto mehr schwächen sie den Glauben, das Vertrauen, wie auch die Liebe zu Mir. Wennschon dergleichen einfache Träume bloß der Seele angehören, so gehören aber auch danach die dummen Deutereien einem argen Geistergesinde zu, welches das Fleisch bei solchen Gelegenheiten bekriecht wie die Schmeißfliegen einen Schmeißhaufen, und saugt aus demselben dergleichen seelische Traumvisionen und beschwatzt dann die Seele wieder mit solchen albernen Propheteleien, die an sich nichts als Unrat solcher argen geistigen Schmeißfliegen sind, durch den sie nicht selten geradeso überkleistert wird wie manche Stubenfenster von den Fliegen, durch welche am Ende der Sonnenstrahl nicht mehr durchdringen kann oder nur sehr schlecht; wie auch eben darum der Gnadenstrahl aus Meiner Sonne in die Seele nicht einwirken kann, weil diese zu sehr mit dergleichen Dummheiten überkleistert ist.
ER|0|67|24|0|Ich gebe aber eben darum hier dieses, auf dass ihr wisst, was ihr in der Zukunft von den Träumen und auch daneben von anderartigen Visionen, die im Verfolge noch weitläufiger besprochen werden, im Punkte der Wahrheit zu halten habt. Jede Erscheinung hat zwar sicher ihren entsprechenden Grund, wie auch einen entsprechenden Zweck; aber von irgendeiner eingebildeten Dummheit soll dabei nicht die Rede sein. Nächstens daher in dieser Denkwürdigkeit weiter!
ER|0|68|1|1|Abergläubische Annahmen
ER|0|68|1|1|Am 16. April 1847
ER|0|68|1|0|Eine dritte Art von sogenannten Visionen ist jene aus dem Heidentum herübergebrachte höchst dumme, abergläubische Annahme, nach der gewisse, ganz natürliche Erscheinungen irgendeinen prophetischen Zusammenhang haben sollen mit einem Faktum, das sich darum in der Zukunft ereignen solle. Ich habe zwar in der Hinsicht schon bei einer anderen Gelegenheit so manches gesagt; aber weil diese Sache eben zu den größten Albernheiten und daraus hervorgehenden Bosheiten gar nicht selten den Anlass gibt, so soll hier am rechten Platze ihre Scheußlichkeit noch einmal so recht vor die Augen gestellt werden.
ER|0|68|2|0|Es kann euch nicht unbekannt sein, zu welchen überaus und ganz unbegreiflich dummen Manipulationen manche Menschen ihre Zuflucht nehmen, um von der leidigen Zukunft, versteht sich von selbst ganz irriger Weise, etwas herauszuzwicken.
ER|0|68|3|0|Die ersten Narren davon sind die Kalendermacher, die, ohne einen Funken Weisheit zu besitzen, auf die lächerlichste Weise von der Welt die Witterung auf jeden Tag vorausbestimmen. Einige darunter datieren dieselbe nach gewissen, überaus läppischen und über die Maßen lächerlichen, sogenannten Lostagen. Was kann denn solch ein Lostag dafür, wenn nach ihm gutes oder schlechtes Wetter eintritt? O du eselhaftes Volk der Erde! Wer ist denn der Herr des Wetters, Ich oder der Lostag? Oder kann Mich wohl jemand für so unweise und blöde halten, dass Ich gewisse Tage im Jahr bloß zukünftiger Witterung halber geschaffen habe? Oder hat es nicht schon zu den Zeiten geregnet, geblitzt und gedonnert, gehagelt und geschneit, als die Menschen noch nicht von einem Maria Lichtmesstag, von den 40 Märtyrern, von Medardi, von der Margareta und von Portiunkula etwas gewusst haben? Wer machte diese Tage erst pro primo [zuerst] zu gewissen Festtagen? Die Dummheit der Menschen. Und wer hernach zu Lostagen? Die sehr übergroße Dummheit der Menschen.
ER|0|68|4|0|Haben aber diese Tage nicht Ähnlichkeit mit der Zeichendeuterei der Heiden und Juden, zu denen Ich gesagt habe, wie sie von der untergehenden und aufgehenden Sonne wohl erkennen, was für ein Tag darauf erfolgen wird, und sagte zu ihnen: „Du verkehrte Art! Die Zeichen des Himmels könnt ihr wohl beurteilen; aber die Zeichen dieser Zeit, die Zeichen, die Ich vor euren Augen wirke, diese erkennt ihr nicht.“
ER|0|68|5|0|Was Ich damals sagte, das sage Ich auch jetzt. Die Lostage beurteilen die Menschen und schließen daraus aufs zukünftige Wetter; aber den großen Lostag ihres Herzens kennen sie nicht, der ihnen das Hauptwetter ihres zukünftigen, ewigen Lebens enthüllen würde.
ER|0|68|6|0|Der Mensch aber würde nur dann erst recht handeln, so er die Witterungszustände seines Herzens mehr beachtete und in sich die Einsicht bekäme, dass darin fortwährend ein gar übles Wetter ist, welches wohl von den häufigen Lostagen herrührt, die da sind Spieltage, Festtage, Sauftage und fast alle Tage Hurentage, darauf Tunichtstage, hartherzige Tage, ehrabschneiderische Tage und noch eine Menge dergleichen lumpiger Lostage.
ER|0|68|7|0|Diese Lostage soll der Mensch berücksichtigen, so wird mancher dumme Sturm, Blitz, Donner, Regen und Hagelschlag, Schnee und Eis seines Herzens unterbleiben. Und wenn dergleichen Stürme und böse Gewitter im Herzen unterbleiben werden, so würde sich der Geist aus seinem Kämmerlein in die freie Welt des Herzens zu treten getrauen und würde der Seele den Lostag des ewigen Lebens verkünden. Solange aber im Herzen fortwährend allerlei böse Ungewitter toben, die aus den bösen, lumpigen Lostagen herrühren, da bleibt der Geist in seinem Kämmerlein, und der Mensch bleibt, was er war, bloß nur ein verächtliches Tier, das schwerlich je in den himmlischen Tierkreis aufgenommen wird.
ER|0|68|8|0|Also auf die Lostage, von denen das Wetter des Herzens abhängt, soll der Mensch Acht haben; aber Lichtmess, 40 Märtyrer, Margareta, Portiunkula und Medardi, die gehen niemand etwas an, denn das Wetter der Welt mache Ich ohne Lichtmess, Portiunkula und Medardi.
ER|0|68|9|0|Es gibt auch Kalenderfabrikanten, die ihr Wetter noch auf eine andere Weise vorausbestimmend zustande bringen; die rechnen so: „Der Winter ist so lang, der Frühling so lang, der Sommer ebenso lang, und der Herbst ebenso lang. Im Winter setzen wir sechzehnmal Schnee, und zwar zu den Zeiten, in denen nach Erfahrung es sonst noch allzeit geschneit hat. Den halben Frühling lassen wir auch noch einige Male den Schnee, Wind und Regen los; im Sommer gegen 20 Donnerwetter und etwelche Landregen, Hitze und manchmal auch Winde; den Herbst lassen wir noch 2 Donnerwetter auftreten, dann kalte Winde, Regen, Reif und zuletzt einige Male Schnee!“ – Das heißt doch recht: Quia mundus vult decipi, ergo decipiatur. [Weil die Welt betrogen sein will, deshalb wird sie betrogen.]
ER|0|68|10|0|Ich würde aber zu dergleichen Dummheiten eben nichts sagen, weil sie von keiner albernen Begründung herrühren; aber eben weil sie eine Prellerei sind, so kann es Mir nicht einerlei sein, ob solche dummen Wetterprophezeiungen dem Volk durch die Kalender verkündet oder nicht verkündet werden, durch welche Verkündigung das Volk in seinem Glauben von Mir abgelenkt und zum dummen Kalenderglauben hinübergeleitet wird. Denn da gibt es dann Menschen, die es dem Kalender so fest glauben, dass, wenn selber ein Wetter anzeigt, selbes so sicher kommen muss, dass sogar Ich dasselbe nicht abzuändern vermöchte. Was ist das für eine Frucht?
ER|0|68|11|0|Wieder gibt es andere Menschen, die die Kalendermacher entweder für eine Art Halbgötter oder für eine Art Zauberer oder wenigstens Schwarzkünstler halten, die mit gewissen Beelzebübchen oder Hexelchen in einer löblichen Verbindung stehen, die den Kalendermachern, wenn ihnen diese ihre Seele verschrieben haben, das Wetter auf jeden Tag voraussagen.
ER|0|68|12|0|Das ist ja auch wieder eine herrliche Frucht, welche die Menschheit, statt aufwärts zum Licht, schnurgerade abwärts zur Finsternis treibt. Also sollen die Kalendermacher in ihre Kalender das hineinsetzen, was sie mit ihrer Wissenschaft und mit ihrem Gewissen verbürgen können; aber mit dergleichen volksprellerischen Wetterindizien sollen sie fein daheim verbleiben! Und weil sie schon in dieser Hinsicht so sehr an den alten Ägyptern, Griechen und Römern hängen und ihnen ihre Zeichendeuterei als historisch, altertümlich Erhabenes vorkommt, da sollen sie sich auch den eben nicht schlechten römischen Sittenspruch auf sich beziehend recht tief einprägen, welcher Spruch also lautet: Quod licet Jovi, non licet bovi, d. h. auf gut Deutsch übersetzt: Über das Geschäft, das Sich Gott allein vorbehalten hat, soll sich der Ochs von einem Menschen nicht hermachen, besonders so lange nicht, als er ein purer fleischlicher Ochs ist und bleibt.
ER|0|68|13|0|Ich mache die Barometer zuschanden, die mit der atmosphärischen Luft näher verbunden sind als der Geist eines Kalendermachers samt seinem Kalender; um wie viel mehr wird dann erst der Kalendermacher samt seinem Kalender beschämt, besonders wenn er so dumm ist, schöne Osterferien zu prophezeien, und Ich sie dann weiß mache.
ER|0|68|14|0|Auf diese Witterungsvordeutung folgen dann noch eine Menge Narrheiten unter dem Titel: „Gegenmittel für die Witterung, oder: Mittel durch die man entweder in den Kalendern vorhergesagte Ungewitter, oder wenn dieselben auch schon wirklich herannahen, vertreiben kann“. Zu diesen Wettervertreibungsmitteln gehören primo loco [an erster Stelle] die sogenannten Wettermessen in der römischen Christenheit. Wenn Landpfarrer recht viel Wettermessen bezahlt haben wollen, so dürfen sie sich nur für den Fall mit einem Kalendermacher oder sonstigen Wetterpropheten ins gütliche Einvernehmen setzen, damit dieser recht viel Blitz und Hagel prophezeit; dann gibt es Wettermessen in Menge.
ER|0|68|15|0|Ein zweites Gegenmittel ist das sogenannte Feldersegnen, entweder von der Ortsgeistlichkeit, die aber freilich nicht so kräftig ist, oder von einem Bettelmönch, dessen Segen viel kräftiger sein soll.
ER|0|68|16|0|Ein drittes Gegenmittel, besonders gegen schon herannahende Ungewitter, ist hauptsächlich das sogenannte Wetterläuten, das eben jetzt wieder sehr in Schwung kommt, dann das Schießen mit geweihtem Pulver, dann das Rauchen mit den sogenannten Palmweiden, das Brennen geweihter Kerzen, das Aushängen des echten Tobiassegens, das Bespritzen der Felder mit Weihwasser und endlich, nebst manchen noch gemeineren Torheiten, das Aufstellen von ungeheuer hohen, rot angestrichenen Wetterkreuzen, an welchen sich die Wetterhexen anstoßen sollen und dann herabfallen.
ER|0|68|17|0|Welch ein schauderhafter Unsinn! Aber alles das rührt hauptsächlich von den Wetterpropheten her, die selbst für eine Art Hexenmeister gehalten werden, durch welches Dafürhalten der gemeine Mensch ganz davon abkommt, Gott für den Wettermacher zu halten und bei Ihm sich ein gutes Wetter zu erbitten; sondern er hält nun das Wetter rein für ein Hexenwerk, dem er bloß mit antihexischen Mitteln begegnen muss. Und da kommt es denn, dass ein Keil den anderen treibt und eine Dummheit die andere, aber gewöhnlich unter dem Titel: Omne ad majorem Dei gloriam! [Alles zur größeren Ehre Gottes!] Für diese Ehre aber bedanke Ich Mich; sie mag einst den ehernen, steinernen und hölzernen Göttern gemundet haben und mag noch jetzt den hölzernen, bronzenen, hie und da auch steinernen und zumeist gemalten Heiligenbildern munden, aber Ich schaffe nichts von solcher Verherrlichung.
ER|0|68|18|0|Seht, alles das gehört ebenfalls in das Reich der Visionen, aber wohl in das schmutzigste, und hat ebenso viel Realität als die Taschenkünste eines Eskamoteurs.
ER|0|68|19|0|Diese Art Visionistik hat aber das sehr bedeutende Schlimme, dass die in ihrem Herzen noch bessere Menschheit von dem Vertrauen auf Gott gänzlich abgeleitet wird und all ihr Vertrauen am Ende auf die Kalender, auf die Wettermessen, aufs Wetterläuten u. dgl. m. setzt; und das ist eine Wirkung der Hölle dann, welche auf diesem Weg die Gemüter nicht nur einzelner Menschen, sondern ganzer Völker in den schändlichsten Besitz nimmt und diese nicht selten zu den schändlichsten Ausartungen gegen ihre armen, unschuldigen Brüder verleitet und besonders in den früheren Zeiten verleitet hat.
ER|0|68|20|0|Und es ist nun eben wieder nahe daran, wenn es möglich wäre, ein Gleiches zu tun. Denn Hexengeschosse gibt es schon wieder, welche von der Geistlichkeit geduldet werden; aber Ich werde daran bald satt werden. Man soll wohl einem Volk Licht, aber nicht Finsternis geben; man gibt ihm aber Finsternis! Nur zu! Ich aber werde zu rechter Zeit den Völkern schon Selbst ein Licht anzünden, und diese werden sich dann bei den Finsternisspendern gebührend zu bedanken wissen.
ER|0|69|1|1|Omen und Wahrsagerei
ER|0|69|1|1|Am 17. April 1847
ER|0|69|1|0|Eine noch andere Art von überaus läppischer Vision besteht darin, dass fast alle Menschen, besonders aber in der römisch-katholischen Religion, an gewisse Glücks- oder Unglückszeichen halten und glauben und man findet dergleichen Narrheiten von den höchsten Zirkeln bis abwärts in des geringsten Keuschlers Hütte.
ER|0|69|2|0|So ist ein solches Zeichen für Glück oder Unglück das erste Begegnen, so jemand aus dem Haus geht. Begegnet dem Ausgehenden ein Mann, so ist dies ein gutes Zeichen; begegnet dem Ausgehenden aber ein ganz unschuldiges weibliches Individuum, so ist das ein ungünstiges Zeichen. Der Glaube daran ist bei manchen so eingewurzelt, dass sie ein armes Weib, die das Unglück hat, solchen Ausgehenden zuerst zu begegnen, zu verfluchen anfangen, – wennschon nicht laut, so doch im Herzen. Wie oft heißt es darin ganz deutlich: O du verfluchte Alte, Bestie, Luder und dergleichen löbliche Ausdrücke mehr. Besonders die Jäger, wenn sie auf die Jagd gehen, halten eine solche Begegnung für ein allerschlechtestes Omen, und wenn sich dergleichen Jäger nicht vor dem weltlichen Gericht scheuten, da wäre solch ein unschuldiges weibliches Wesen sicher dasjenige, das mit dem ersten Pulver und Blei des Jägers etwas zu tun bekäme. Diese Narrheit, die schon oft die schlimmsten Folgen hatte, ist eben auch ein heidnisches Überbleibsel und wird geduldet; nur gar wenige, etwas bessere sogenannte Seelsorger lassen manchmal, wenn sie besonders gut aufgelegt sind, einige Wörtlein gegen so gestalteten Unsinn von ihren Kanzeln fallen, was aber bei weitem nicht genügt einen so alten Krebsschaden in der Wurzel zu vertilgen.
ER|0|69|3|0|Die Ursache aber liegt darin, dass dergleichen Narrheiten nicht in ihrem Grund eingesehen werden, wie sie da sind eine Krankheit der Seele, welche da bewirkt wird von dem argen Geschmeiß jener Geister, welche, dem Heidentum entstammend, nicht völlig für die Hölle reif sind und daher noch den Freipass auf der Erdoberfläche zu dem Behuf genießen, zur rechten Erkenntnis zu gelangen und bessere Wesen zu werden.
ER|0|69|4|0|Diese Geister gesellen sich zu allerlei Menschen, kleben sich an ihr Fleisch und wirken mit ihrem Heidentum in die Wurzeln der Seele, wo sie mit dem Leib zusammenhängt, wodurch dann die Seele zu dergleichen albernen Annahmen gelangt.
ER|0|69|5|0|Viele Menschen sehen es zwar recht gut ein, dass daran unmöglich etwas gelegen sein kann; wenn ihnen aber ein Fall vorkommt, so glauben sie bei sich dennoch daran oder geraten wenigstens in eine Art Verlegenheit, in der Meinung, dass denn etwa doch etwas daran sein könnte.
ER|0|69|6|0|Bei einem ordentlichen Christen aber soll so etwas wohl nie zu treffen sein, weil es nie zu etwas Gutem, sondern nur zu etwas Schlechtem führen kann.
ER|0|69|7|0|Ein anderes solch prophetisches Zeichen besteht darin, dass einige meinen und manchmal fest glauben, wenn da vor ihnen eine Katze, ein Hase, auch ein sonstiges ganz unschuldiges Tier über den Weg geht, dass sie da in ihrer Unternehmung unglücklich werden. Was sollen denn diese Tierchen für einen Einfluss haben auf einen guten oder schlechten Erfolg dessen, was der Mensch unternehmen will? Das ist ebenfalls gleichen heidnischen Ursprungs wie das frühere und hat den gleichen Entstehungsgrund in der menschlichen Seele, daher es sorgfältigst zu vermeiden ist.
ER|0|69|8|0|Eine andere derartige Torheit besteht darin, dass manche alberne Menschen aus gewissen sogenannten Lesselungen ihre Zukunft erforschen wollen. Da wird Blei ins Wasser gegossen, auch ein neugelegtes Ei ins Wasser geschlagen, dann durch gewisse Wünschelruten ein verborgener Schatz gesucht, auch Gold in Gläser gehängt, damit es entweder die Lebensjahre eines Menschen oder Ja und Nein durch den Anschlag oder Nichtanschlag über eine gestellte Frage hervorbringe.
ER|0|69|9|0|Dergleichen die Zukunft enthüllen sollende Mittel sind eigentlich zu dumm, als dass man darüber ein Wörtlein verlieren soll.
ER|0|69|10|0|Welcher nur einigermaßen halbvernünftig Denkende wird seinem eigenen Geist eine solche Schmach antun wollen, ihm selbst gegenüber so ganz geheimnisvoll dumm anzunehmen, dass ein totes Metall mehr Einsicht habe als er selbst? Lässt der Mensch doch eben nie gern zu, dass sich an seiner Seite ein Gescheiterer befindet, als er selbst ist, weil er dadurch in der Meinung ist, an seinem Geist eine Beeinträchtigung zu erleiden! Wenn aber ein totes Metall mehr Einsicht haben soll als er, wie sieht es denn da mit der Ehre seines Geistes aus? Wenn der Mensch, wie gesagt, als ein geistig lebendiges Wesen aus der Zukunft nicht herauskitzeln kann, wie sie sich gestalten wird, wie soll dann das erst ein totes Metall zu bewerkstelligen imstande sein?
ER|0|69|11|0|Lassen wir aber diese Sache ruhen; denn ihre Nichtigkeit ist zu einleuchtend! Zum größten Glück, dass diese Lesselungen mehr als Spielerei denn als eine wirkliche Aberglaubenssache unter den Menschen gang und gäbe sind.
ER|0|69|12|0|Aber eine viel schlimmere Art, die Zukunft zu enträtseln, ist das sogenannte Kartenaufschlagen. Durch dieses böse Spiel sind schon viele Menschen zeitlich und ewig unglücklich geworden. Daher soll jedermann eine solche Kartenschlägerin fliehen wie die Pest; denn in der Wohnung einer solchen, die das als Handwerk betreibt, wohnen ebenso viele Hauptteufel, als sie Karten besitzt. Und wenn schon eine solche Kartendeuterin manchmal etwas errät, so geschieht dies wirklich nur durch die Hilfe des Beelzebub. Daher, wie gesagt, und wie es schon im alten Bund gesagt wurde: Flieht wie die Pest solche Prophetinnen, sonst seid ihr Gefangene der Hölle!
ER|0|69|13|0|Nebst dieser kartenaufschlägerischen Art, die Zukunft zu enthüllen und sonstige geheime Dinge aufzudecken, hat man in neuerer Zeit sogar zum Somnambulismus die Zuflucht genommen.
ER|0|69|14|0|Bei dieser Behandlungsweise, wenn ein Magnetiseur der Somnambule helfen will, soll er derselben nie eigenliebige Fragen setzen, sondern sich nur das notieren, was die Somnambule freiwillig spricht, und soll sie nicht zum Reden zwingen, was der Somnambule sehr nachteilig ist, sondern der Magnetiseur warte geduldig ab, bis sich die Somnambule selbst im Kreis des Sprechens befinden wird; da wird sie ohnedies reden, soviel es nötig sein wird, und eine Frage ist nur dann anzubringen, so sich die Somnambule etwas zu undeutlich, manchmal auch zu unvernehmlich über einen Gegenstand ausgesprochen hat. Überhaupt ist diese Heilart der Händeauflegung nur von Gläubigen wieder an Gläubige zu überbringen; so aber irgendein eingebildeter, dummer Geck von einem Arzt ohne Religion und ohne Glauben bloß nur durch die künstliche Manipulation irgendein schwaches weibliches Wesen in den magnetischen Schlaf versetzt, um von ihr gewisse Dinge zu erfahren oder an ihr gewisse wissenschaftliche Proben zu machen oder gar ums Geld sie von anderen Menschen begaffen und befragen zu lassen, solch ein Magnetiseur ist ein Teufel unter menschlicher Larve, und für die Somnambule wäre es ebenso gut, wo nicht besser, so sie von einem wirklichen Teufel besessen worden wäre, als dass sie sich von einem solchen gott-, religions-, ehr- und gewissenlosen S–– von einem Magnetiseur hatte magnetisch behandeln lassen.
ER|0|69|15|0|Für dergleichen Menschen sollen gleichwie für die ärgsten Straßenräuber und Mordbrenner, die schwersten Kerker erbaut sein, denn das Scheußlichste aller Scheußlichkeit ist, und scheußlicher als aller Sklavenhandel, so ein Mensch sich unterfängt, nicht nur allein den Leib seines Bruders oder seiner Schwester, sondern auch dessen Seele und Geist um den schnöden irdischen Gewinn zum Teil an die Hölle zu veräußern.
ER|0|69|16|0|Dergleichen Frevel, wo sie gang und gäbe werden, aber sollen auch durch Meinen Antrieb hier und dort die gerechteste Züchtigung finden.
ER|0|69|17|0|Ich zeige euch dieses darum an, damit ihr bei hie und da vorkommenden Fällen wisst, wie ihr euch zu benehmen habt.
ER|0|69|18|0|Ich will jeden Magnetiseur segnen, der in Meinem Namen den Kranken die Hände auflegt, um ihnen Heilung zu bringen; aber Ich will einen Schweinshund gleicherweise verfluchen, der sich aus dem nur ein geckenhaftes Taschenspielerhandwerk, an das er nicht den geringsten Glauben hat und haben kann, zu bereiten sucht, um aus demselben einen schnöden Gewinn zu ziehen. Dergleichen Wundertäter und Zukunftsenthüller sollen Mir für ewige Zeiten vom Hals bleiben.
ER|0|69|19|0|Überhaupt soll es sich ein jeder merken, und ihr selbst mögt jedermann dahin verweisen, ja nicht sich je beifallen zu lassen, durch was immer für ein außerordentliches Mittel die Zukunft enthüllen zu wollen, solange der Mensch für dieselbe noch nicht reif ist; denn es ist nicht nur allein im höchsten Grad für jede Seele schädlich, sondern auch höchst unsinnig und dumm, da es ewig nirgends eine bestimmte Zukunft gibt. Diese richtet sich ja allzeit nur nach dem freien Willen der Menschen, die darum hier auf der Erde leben um ihren freien Willen zu ordnen. Nach der Ordnung des freien Willens der Menschen auf Erden wird ja erst die Zukunft bemessen! Wie kann dann ein Dummkopf, und das ohne Glauben noch dazu, andere schwache Menschen glauben machen wollen, was da geschehen wird?
ER|0|69|20|0|Ich habe aber ohnehin jedem Menschen den freien Geist gegeben, um dessen Wiedergeburt sich jeder bekümmern soll; wenn diese erfolgen wird, dann wird auch für den Menschen die Zukunft enthüllt sein. Solange das aber nicht der Fall ist, da hat es für den Menschen so ganz eigentlich auch noch keine Zukunft. Wozu dann solch eine dumme Zukunftserforschung? Sucht nur vor allem das Reich Gottes; alles andere kommt schon von selbst hinzu!
ER|0|70|1|1|Reich Gottes und Wiedergeburt
ER|0|70|1|1|Am 20. April 1847
ER|0|70|1|0|Es sind da freilich viele, die da sagen: „Das Suchen des Reiches Gottes wäre schon recht, wenn es irgend leichter und effektvoller zu finden und wenn irgendwo in einer Kirche oder sonstigen christlichen Gemeinde ein eigentlicher rechter Weg zum Reich Gottes anzutreffen wäre; aber so spricht Rom: ‚Ich bin der alleinig rechte Weg!‘; desgleichen sagt auch eine jede andere Kirche von sich. Wandelt man aber einen oder den anderen Weg, der zum Reich Gottes führen soll, so findet man sicher alles andere, nur das verheißene Reich Gottes nicht, wenigstens also nicht, wie es sich bei jemanden äußern soll, der es im Ernst gefunden hätte!“ – Ich aber sage dazu: Der so spricht, hat freilich eben wohl gerade nicht unrecht; denn so jemand wenn auch eine noch so kostbare Sache gar zu lange sucht und doch von ihr nichts findet, so gibt er mit der Zeit das Suchen samt der kostbaren Sache auf. Wer aber ist daran schuld? Der Suchende selbst, wenn er das Reich Gottes nicht da sucht, wo [es zu finden ist] und nicht in dem, worin es zu finden ist.
ER|0|70|2|0|Freilich ist Rom durchaus nicht der Weg dazu, London und Berlin nicht, und Petersburg auch nicht; denn es steht ja wohl doch deutlich genug geschrieben, wie das Reich Gottes nicht irgend mit äußerem Schaugepränge zum Menschen kommt, sondern es ist inwendig im Menschen. Sein Grundstein ist Christus, der einige und alleinige Gott und Herr Himmels und der Erde, zeitlich und ewig im Raum wie in der Unendlichkeit.
ER|0|70|3|0|An Den muss das Herz glauben und Ihn lieben über alles und den Nächsten wie sich selbst.
ER|0|70|4|0|Hat der Mensch diese ganz einfache Forderung in seinem Herzen vollends erfüllt, so ist das Reich Gottes schon gefunden. Um das Übrige und das Weitere hat sich der Mensch dann nicht mehr zu bekümmern; das wird jedem hinzugegeben, wenn er irgendetwas benötigt.
ER|0|70|5|0|Wer Weisheit benötigt, dem wird sie gegeben, wann und wo immer er derselben bedarf. Benötigt jemand irgend gewisser äußerer Hilfsmittel zur Fristung seines irdischen Lebens, so werden sie ihm in gerechter Zeit und im gerechten Maße zugewiesen werden. Benötigt jemand bei einer besonderen Gelegenheit eine besondere Kraft, so soll sie ihm zuteilwerden, wann er ihrer am meisten benötigt. Bedarf jemand eines Rates oder eines Trostes, – sie sollen ihm zuteilwerden, wann immer er ihrer bedarf.
ER|0|70|6|0|Würde jemand bei einer besonderen Gelegenheit einer fremden Zunge bedürfen, – auch damit solle ihm gedient sein; und will er Kranken helfen, so braucht er nichts als Meinen Namen und seine Hände.
ER|0|70|7|0|Diese Vorteile aber – das versteht sich von selbst – kann kein Mensch, solange er im Fleische wandelt, und wenn er schon hundertmal wiedergeboren wäre, vollkommen eigenmächtig in seiner Hand haben, sondern nur dann, wenn er eines oder das andere wirklich im Ernst benötigt.
ER|0|70|8|0|Denn das wird wohl jedermann einsehen, dass Ich niemanden gewisserart zum Spaßmachen Meine Gnade erteilen werde; denn der Wiedergeborene, und wenn er das Reich schon zehnmal gefunden hätte, muss so gut wie jeder andere zu Mir kommen, wenn er irgendetwas haben will, so wie auch Ich Selbst, als Ich im Fleische auf der Erde wandelte, nicht tun konnte und durfte, was Ich wollte, sondern was Der wollte, der Mich gesandt hat, Der zwar in Mir war, wie Ich in Ihm. Er war der Geist Gottes als Vater von Ewigkeit, Ich aber war und bin dessen Seele, die zwar ihre eigene Erkenntnis und Fähigkeit besitzt als die höchste Seele und die vollendetste Seele aller Seelen; aber dennoch durfte diese Seele nicht, was sie wollte, tun, sondern nur, was Der wollte, von dem sie ausgegangen ist. Wollte die Seele den letzten bitteren Kelch auch zur Seite schieben, so wollte aber solches dennoch nicht Der, der in Mir war; darum tat demnach Meine Seele auch das, was Der wollte, der in Mir war.
ER|0|70|9|0|Darum aber müsst auch ihr euch unter einem wiedergeborenen Menschen nicht irgendeinen permanenten Wundertäter in allen Dingen vorstellen und auch nicht einen solchen, der ob der Innehabung des Reiches Gottes mit irgendeinem erlogenen, nie dagewesenen, sogenannten Heiligenschein weder um den Kopf, noch weniger um den Bauch umflossen wäre, wie ihr eure Heiligen malt.
ER|0|70|10|0|Auch sind nach dem Tode des Leibes eines Wiedergeborenen keine, besonders in der römischen Heiligenlegende gepriesenen Wunderzeichen der Heiligkeit zu entdecken, also kein alle Jahre wenigstens einmal aufsprudelndes Blut des hl. Januarius, keine frische Zunge Petri, Antonii und Nepomuceni, auch keine wundertätigen Ketten, Kleider und Sandalen, noch weniger irgendeine seligmachende Kapuziner-, Franziskaner-, Minoriten-, Serviten- und dergleichen Kutte; ebenso auch keine mumienartige Unverweslichkeit des abgelegten Leibes. Das alles ist an den Wiedergeborenen nicht zu entdecken, und wenn es zu entdecken wäre, so frage sich nur jeder Verständige selbst, wozu diese Sache gut wäre! Was würde der selige Geist eines Wiedergeborenen dadurch wohl gewinnen, so ihm auf der Erde solche wunderbaren, aber dabei dennoch nichtssagenden Auszeichnungen zuteilwürden, die fürs Erste ihm nichts nützen, seinen noch lebenden Brüdern aber recht viel schaden könnten? Also von allem dem tragen die Feinde [Finder] des Reiches Gottes nichts an ihnen, sondern, wie vorhin gezeigt, Meine alleinige Gnade nur dann ersichtlich, wenn sie ihrer benötigen.
ER|0|70|11|0|Auch müsst ihr euch die wiedergeborenen Auffinder Meines Reiches nicht als eine Art Karthäuser oder Trappisten vorstellen, die in allem und jedem für die Welt vollkommen gestorben wären, sich mit nichts mehr beschäftigen als mit Rosenkranz, Messe und Litanei, mit lächerlichem Fasten, mit Verachtung des weiblichen Geschlechts und strengster Verfluchung der Sünder und als Zeitvertreib mit der Betrachtung ihres Grabes und Sarges.
ER|0|70|12|0|Oh, das sind keine Zeichen der Wiedergeburt, sondern im Gegenteil Zeichen der Wiedergeburt aller Finsternis in ihnen. Denn das Licht der Wiedergeborenen kennt keine Nachtseiten des Lebens; in ihnen ist überall Tageshelle.
ER|0|70|13|0|Grab und Sarg sind nicht Embleme eines Wiedergeborenen, der das Reich Gottes gefunden hatte, denn dort gibt es weder Gräber noch Särge, weil es keine Toten gibt, sondern dort gibt es nur eine ewige Auferstehung und ein ewiges Leben, und dazu werden weder Grab noch Sarg erforderlich sein. Denn der Wiedergeborene lebt schon fortwährend in seinem Geist und betrachtet den Abfall seines Leibes ebenso wenig mehr für einen Tod, als irgendein Mensch das für seinen Tod halten kann, wenn er abends seinen Rock auszieht oder, noch besser, als wie ein Lastträger, den seine Last sehr drückt, so er am Ziel endlich diese Last einmal ablegt.
ER|0|70|14|0|Aus diesem Grunde gibt es für einen Wiedergeborenen dann keinen Tod mehr. Dies ist zwar ein herrliches Zeichen der Wiedergeburt, ist aber auch nur innerlich im Menschen und wird nicht äußerlich wie ein moderner Pariser Rock öffentlich zur Schau getragen; auch wird dieses herrliche Zeichen nicht wie ein sogenannter Leibrock zu Trier ausgehängt, sondern, wie gesagt, dies Zeichen ist inwendig.
ER|0|70|15|0|Desgleichen sind auch die übrigen Zeichen der Wiedergeburt bloß nur inwendig im Menschen und werden äußerlich nur dann ersichtlich, wenn es vonnöten ist.
ER|0|70|16|0|Wer die Gabe der Weissagung hat, hat sie nur dann, wenn er sie braucht, und wenn er allzeit Mich zuvor darum bittet; denn niemand kann weissagen – denn Ich allein.
ER|0|70|17|0|Wenn Ich dann die Worte dem Wiedergeborenen ins Herz und auf die Zunge lege, so wird er weissagen; sonst aber wird er reden wie jeder andere Mensch. Desgleichen verhält es sich auch mit den übrigen Gaben, wie schon früher bemerkt.
ER|0|70|18|0|Aus dem allem geht aber auch hervor, dass das Reich Gottes nicht so schwer zu finden und zur Wiedergeburt auch eben nicht so schwer zu gelangen ist, als so mancher glaubt oder wenigstens der Meinung ist.
ER|0|70|19|0|Aber Menschen mit dem sogenannten zweiten Gesicht sind nicht als Wiedergeborene zu betrachten bloß wegen ihres zweiten Gesichtes, das nur eine Folge ihres Nervensystems ist, durch das die Seele leicht – vermittelst des Nervengeistes – Anschauungen aus ihrem Seelenreich in den Leibesorganismus überträgt, weil eben dergleichen leicht erregbare Nerven in dieser Sache nicht hinderlich wirken. Starke Nerven können das freilich nicht, daher auch starknervige Menschen selten oder gar nie das sogenannte zweite Gesicht haben.
ER|0|70|20|0|Das zweite Gesicht ist daher bei einem Menschen, der es besitzt, weder als etwas Gutes, noch als etwas Schlechtes zu betrachten, sondern es ist eine Art Krankheit des Leibes, zu welcher die Menschen meistens durch allerlei widrige Ereignisse im Verlaufe ihres irdischen Lebens gelangen. Große Traurigkeit, lange anhaltende Angst, große Schrecken u. dgl. m. sind gewöhnlich die Ursachen davon, manchmal aber auch künstliche Mittel wie Magnetismus, Berauschung und dann und wann Betäubung durch eigene narkotische Kräuter. Kurz und gut, dergleichen Zeichen sind durchaus nicht als Zeichen der Wiedergeburt zu betrachten, was schon aus dem zu entnehmen ist, dass dergleichen Visionäre ihre geschauten Bilder wohl ungefähr also erzählend darstellen, wie sie ihnen zu Gesicht kamen; aber es liegt in all ihren Erzählungen nirgends irgendein Grund als vorhanden, auf den sie gebaut wären, und dann vermissen dergleichen Erzählungen, wenn sie auch noch so seltsam klingen, allen Zusammenhang und liegen untereinander wie Blätter in einem Wald, wenn sie den Bäumen entfallen sind.
ER|0|70|21|0|Der Grund aber liegt darin: Weil bei dergleichen Individuen ihr Geist und ihre Seele noch nicht miteinander verbunden sind, so liegt auch in ihren Anschauungen kein Grund und keine Verbindung als anschaulich und wohlbegreiflich vor jedermanns Augen, während aus dem Munde eines Wiedergeborenen, wenn auch zum Teil nur erst, jede Darstellung geistiger Dinge den rechten Grund und den vollsten Zusammenhang beurkundet.
ER|0|70|22|0|Das ist demnach auch ein Zeichen der eigentlichen Wiedergeburt und ein sehr bedeutender Unterschied zwischen einem bloßen Visionär. Daher muss man aber auch als Folge der Wiedergeburt nicht irgend läppische Wunderdinge erwarten, sondern ganz natürliche Früchte eines gesunden Geistes und einer durch ihn gesund gewordenen Seele; alles andere gehört ins Narrenhaus.
ER|0|70|23|0|Der Wiedergeborene weiß es, dass man mit den Gaben des hl. Geistes keinen Taschenspieler machen darf; daher wendet er dieselben nur dann an – und gewöhnlich im Geheimen nur –, wenn sie vonnöten sind.
ER|0|70|24|0|Wer aber die Wiedergeburt erreichen möchte wegen wie immer gearteter kenntlicher Wundereigenschaften, der darf versichert sein, dass ihm diesseits solche Gnade nicht zuteilwird; denn das hieße buchstäblich die alleredelsten Perlen den Schweinen zum Futter vorwerfen.
ER|0|70|25|0|Liebe zu Mir, große Herzensgüte, Liebe zu allen Menschen, das ist in einem Bündel beisammen das richtige Zeichen der Wiedergeburt; wo aber dieses fehlt, und wo die Demut noch nicht für jeden Stoß stark genug ist, da nützen weder Heiligenschein, noch Kutte, noch Geistervisionen etwas, und alle dergleichen Menschen sind dem Reich Gottes oft ferner als manche andere mit einem sehr weltlich aussehenden Gesicht; denn, wie gesagt, das Reich Gottes kommt nie mit äußerem Schaugepränge, sondern lediglich inwendig, in aller Stille und Unbeachtetheit, in des Menschen Herzen.
ER|0|70|26|0|Dieses prägt euch so tief als ihr nur immer könnt in euer Gemüt, so werdet ihr das Reich Gottes viel leichter finden als ihr es meint. Aber wenn ihr unter dem Reich Gottes euch allerlei lächerliche Wunderdummheiten vorstellt und dieselben erwartet – und sie doch nicht kommen, so müsst ihr es euch selbst zuschreiben, wenn bei einem oder dem anderen aus euch das Reich Gottes verzieht. Denn in dergleichen Albernheiten ist das Reich Gottes ja doch nie verheißen worden; in dem es aber verheißen ist, in dem lässt es sich auch leicht finden. Aber es gibt da viele, die sich beim Suchen des Reiches Gottes geradeso verhalten wie manche Zerstreute, die ihren Hut suchen, während sie ihn schon auf dem Kopf haben.
ER|0|70|27|0|Dergleichen Visionen, die ein Wiedergeborener hat, sind alleinig gerecht; alle anderen aber können erst dann zur Gerechtigkeit gelangen, wenn sie von einem wiedergeborenen Geist erleuchtet werden. Darauf ist zu gehen und zu halten; aber auf alle anderen Visionen, Träume und andere Wahrsagungsmittel ist nichts zu halten, weil sie lediglich von dem argen Gesindel herrühren, das in zahllosen Gelegenheiten das menschliche Fleisch bekriecht und durch dasselbe die leichtgläubige Seele mit allerlei Schmutz und Unflat bekleistert.
ER|0|70|28|0|Wie aber jedermann auf dergleichen Torheiten nichts halten soll, so soll er aber doch alles halten auf das Wort eines wahrhaft Wiedergeborenen, weil dieser nichts gibt, als was er empfängt; der andere aber nur gibt, was er selbst zu schaffen wähnt.
ER|0|70|29|0|Wer da großartig sagt: „Ich sage es, und dies ist mein Werk!“, dem glaubt es nicht; und so jemand spricht, als spräche er im Namen des Herrn, tut es aber eigentlich doch nur seiner Ehre und seines Vorteiles wegen, dem glaubt auch nicht.
ER|0|70|30|0|Wer aber da spricht ohne Eigennutz und ohne eigene Ehrsucht: „Der Herr spricht es!“, dem glaubt es, besonders wenn dabei nicht auf das Ansehen der Person geachtet wird; denn der Wiedergeborene kennt nur das Ansehen des Herrn; alle Menschen aber sind seine Brüder!
ER|0|71|1|1|Prophezeiungen und Sündenvergebung
ER|0|71|1|1|Am 22. April 1847
ER|0|71|1|0|Es könnte hier wieder jemand fragen und sagen: „Also kann man einem Wiedergeborenen doch allzeit den vollsten Glauben schenken, so er zukünftige Dinge voraussagt? Oder soll man auch solche Voraussage in einen kleinen Zweifel ziehen?“ – Darauf sage Ich: Wenn der Wiedergeborene spricht: „Das tuet“, so tuet es. Wenn er aber spricht: „Dies oder jenes wird geschehen!“ und hat kein Wenn dazu gesetzt, so glaubt es ihm nicht; denn da ist er schon kein rechter Wiedergeborener. Denn alles, was da geschieht und geschehen soll, geschieht bedingungsweise, daher auch hinsichtlich des Geschehens nirgends eine feste, unabänderliche Voraussage geschehen kann; denn würde etwas bestimmt vorausgesagt werden, was da geschehen müsste, da wäre die Welt im tiefsten Gericht, und alle Freiheit wäre verloren. Dies weiß ein echter Wiedergeborener sehr wohl und müsste daher wider seine reinste Erkenntnis prophezeien, also offenbar lügen, so er etwas bestimmt voraussagen möchte, was da geschehen wird.
ER|0|71|2|0|Ich Selbst war doch sicher der erste Prophet in der Welt; wer aber kann Mir nachweisen, dass Ich, außer Meiner Auferstehung, etwas ganz bestimmt vorausgesagt habe? Ich sagte wohl, dass Ich sterben und am dritten Tage wieder auferstehen werde; aber Zeit und Stunde weder des Sterbens noch des Auferstehens ist niemandem vorhergesagt worden.
ER|0|71|3|0|So habe Ich auch Meine Wiederdarniederkunft vorhergesagt, aber – wohlgemerkt – mit dem Beisatz: „Zeit und Stunde ist niemandem bekannt außer nur Mir allein und dem auch, dem Ich es offenbaren wollte.“ Ich habe es aber schon auch geoffenbart, aber nicht bezüglich auf Zeit und Stunde, sondern nur bezüglich der Zeichen, an denen man Meine Wiederkunft erkennen sollte.
ER|0|71|4|0|Also haben auch alle Propheten geweissagt; aber alles, was sie geweissagt haben, war bedingungsweise, damit durch eine solche Weissagung ja niemand gerichtet werden sollte, sondern die Freiheit habe, das Angebotene zu tun, um dem angedrohten Gerichte zu entgehen, oder das Angebotene zu unterlassen, um gerichtet zu werden.
ER|0|71|5|0|Jeremias prophezeite jahrelang und harrte selbst, manchmal bitter klagend, auf den Erfolg der Prophezeiung; denn was er auf morgen prophezeite, geschah erst nach Jahren; ja bei 23 Jahre musste er warten, bis seine Prophezeiung hinsichtlich der 70jährigen babylonischen Gefangenschaft an dem jüdischen Volk in volle Erfüllung ging.
ER|0|71|6|0|Jonas harrte gar vergeblich auf den Untergang von Ninive, sodass er am Ende ganz ärgerlich Mir Meiner Güte wegen Vorwürfe machte. Die Ursache alles dessen aber liegt, wie schon vorhin einmal bemerkt wurde, lediglich in dem Benehmen der Menschen; denn so ihnen ein Gericht angedroht wird, sie aber ändern sich, wenn auch nicht alle, so doch wenigstens einige, so wird das Gericht aufgehoben.
ER|0|71|7|0|Wenn unter hunderttausend Menschen nur zehn gerecht werden, so will Ich dieser zehn wegen auch die hunderttausend mit dem Gericht verschonen. Und wenn bei einer Million hundert Gerechte sind, so will Ich ihretwegen eine ganze Million mit dem angedrohten Gericht verschonen.
ER|0|71|8|0|Wenn natürlich die Zahl der Gerechten aber dabei höher steht, so wird das Gericht um desto sicherer aufgehoben, und statt eines allgemeinen Gerichtes wird nur ein spezielles die Hartnäckigsten treffen. Wenn aber weniger Gerechte da sind, dann freilich wird nach einigen noch nachträglichen Ermahnungen das angedrohte Gericht nicht aufgehalten werden.
ER|0|71|9|0|Nach diesem wohl auseinandergesetzten Sinne kann und darf dann auch nur einzig und allein ein Wiedergeborener zukünftige Ereignisse vorhersagen. Haben die Prophezeiungen nicht dieses Gesicht, so sind sie falsch, und der Prophet war weder ein Wiedergeborener noch ein Berufener, sondern er tat es aus seiner eigenen Macht, wofür er auch seinen Lohn finden wird. Und wenn er dereinst zu Mir auch sagen wird, wie es dergleichen jetzt gar überaus viele gibt: „Herr, das habe ich ja alles in Deinem Namen und alles zu Deiner größeren Ehre getan!“, so werde Ich ihm aber dennoch entgegnen: „Hinweg mit dir; denn Ich habe dich nie gekannt!“, d. h. als Propheten und als solchen, den Ich berufen hätte, in Meinem Namen zu weissagen; denn ein Prophet, der ums Geld prophezeit, ist gleich wie einer, der Gott ums Geld dient und Ihn ums Geld anbetet. Solche haben ihren Lohn schon genommen. Daher habe Ich mit ihnen nichts Weiteres mehr zu tun; denn sie waren allzeit falsche Propheten, nur Augendiener und Diener des Mammons und des Beelzebub.
ER|0|71|10|0|Ihr seht aber, dass aus dem klar hervorgeht, dass sich jedermann mit dem Prophezeien wohl gar sehr in Acht nehmen sollte, der Wiedergeborene und der Berufene so gut wie der Nichtwiedergeborene und Nichtberufene; denn der Prophezeiung wegen lasse Ich wohl niemanden die Wiedergeburt erreichen, sondern allein des ewigen Lebens wegen.
ER|0|71|11|0|So Ich aber jemanden berufe zu prophezeien, der sei ja nicht so keck und setze eigenmächtig etwas hinzu oder nehme eigenmächtig etwas hinweg; denn so er das täte, so würde es ihm einst gar übel bekommen! Daher ist es durchaus kein leichtes Geschäft, ein Prophet zu sein, und ein gar sehr nutzloser und schädlicher Mensch derjenige, der aus eigener Macht prophezeit oder sich wohl gar dabei ein göttliches Richteramt anmaßt.
ER|0|71|12|0|Wer das tut, ist ein eitler Täter des Übels und wird in eben dasselbe Gericht kommen, in welchem er seine Brüder gerichtet hat. Wer da verdammt, der wird verdammt werden, und wer da verflucht, wird verflucht werden. Wer mit der Hölle richtet, der wird sein Gericht in der Hölle finden. Wer mit dem Tode richtet, der wird den Tod finden; wer mit dem Schwert, der wird mit dem Schwert gerichtet, und wer mit der Finsternis richtet, der wird in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden, da wird sein Heulen und Zähneknirschen; – wer aber nicht gerichtet sein will, der richte auch nicht.
ER|0|71|13|0|So aber jemand sagen möchte, er habe Macht von Mir, zu richten, dem sage Ich, dass er ein Lügner ist in Ewigkeit; denn Ich habe Meinen wiedergeborenen Aposteln und Jüngern nur eine Macht der höchsten Nächstenliebe gegeben, die Ich der Liebe zu Mir gleichgestellt habe. Und dieser höchste Grad der Nächstenliebe ist Mein Geist in dem Herzen jedes Wiedergeborenen, wie auch im Herzen derjenigen, die an Mich glauben, Mich lieben und ihre Brüder Meinetwegen. Kraft dieser Liebe, die da ist Mein Geist im Menschen, hat jedermann das pflichtschuldigste Recht, seinen Feinden, sooft er will von ganzem Herzen zu verzeihen; und sooft ein Mensch seinem Feind verziehen hat durch Meinen Geist in ihm, sooft soll es auch in allen Himmeln demselben Sünder verziehen sein.
ER|0|71|14|0|Wenn aber es einen bösen Feind gibt, an dem alle Verzeihung fruchtlos ist, da solle der Mensch sagen: „Der Herr vergelte es dir nach deinen Werken!“, – und darin besteht die Vorenthaltung der Sünde.
ER|0|71|15|0|Frage: Ist diese Vollmacht wohl ein erteiltes Richteramt? O nein, das ist nur eine Vollmacht der höchsten Nächstenliebe oder einer Liebe, die Meiner göttlichen gleichkommt, – aber ewig nie ein Richteramt, welches Ich Selbst von Mir hintangeschoben habe und habe es eben darum umso weniger einem Menschen erteilt.
ER|0|71|16|0|Ich habe aber diese höchste Liebesvollmacht eben aus Meiner höchsten Liebe darum den Menschen gegeben, damit die Menschen untereinander selbst sich desto leichter wahrhafte Brüder in Meinem Namen werden könnten; denn bei den Juden konnte niemand, außer allein der Hohepriester, eine Sünde, die ein Mensch an dem anderen beging, wieder sühnen, und das nur zu gewissen Zeiten und durch bestimmte Opfer. Und zwei Menschen, die gegeneinander gesündigt haben, blieben so lange Feinde, als bis sie der Priester und das Opfer nicht versöhnt hat.
ER|0|71|17|0|Wie misslich war dieser Umstand – der freilich mehr eine falsche Auffassung des Gesetzes, als das Gesetz selbst war – für solche Menschen, welche nicht selten viele Tagereisen von Jerusalem entfernt lebten! Um diesem alten Missbrauch des Gesetzes kräftigst zu begegnen und den Menschen ihre Bürde möglichst zu erleichtern, habe Ich demnach jedem Menschen die höchste göttliche Liebesmacht damit gegeben, dass jeder seinem Beleidiger von ganzem Herzen verzeihen kann, und dass diese Verzeihung auch für alle Himmel gültig ist.
ER|0|71|18|0|Wer wohl kann daraus eine Vollmachtserteilung herausbringen, die sich ein Richteramt aneignet? Oder wenn Ich so etwas getan hätte, hätte Ich da nicht Mir Selbst widersprochen, so Ich auf der einen Seite alles Richten verdammte, auf der anderen Seite aber hätte Ich es dennoch als unerlässliche Bedingung zur Seligwerdung anbefohlen? Sowas ließe sich wohl kaum von einem blöden Menschen erwarten, geschweige erst von der allerhöchsten Weisheit Gottes.
ER|0|71|19|0|So Ich sagte: „Nehmet hin den heiligen Geist!“, so hieß das so viel und heißt es noch: „Nehmet hin die höchste Kraft Meiner göttlichen Liebe! Was ihr löst auf Erden, das soll gelöst sein, und es bedarf da weiter keines Opfers und Hohepriesters mehr; und was ihr bindet an euer Herz, und was ihr bindet in der Welt, das soll auch im Himmel gebunden sein!“
ER|0|71|20|0|Hier ist unter Lösen und Binden nicht einmal die Vergebung und Vorbehaltung einer Sünde zu verstehen, sondern das Lösen ist ein Freimachen und Binden das Annehmen.
ER|0|71|21|0|Wenn z. B. jemand Mir etwas schuldet als ein Mensch einem Menschen, so kann der Mensch den Menschen von der Schuld frei machen. Oder so da wäre irgendein Heide, so kann ein Christ ihn, so er Christus bekennt, vollkommen frei machen und kann ihn alsogleich in die Gemeinde aufnehmen oder ihn binden im Herzen mit der Allkraft der göttlichen Liebe. Das zu tun hat jeder rechtgläubige Christ, der an Mich glaubt, Mich liebt und in Meinem Namen getauft ist, vollgewichtig das Recht, ohne darob sich an den Hohepriester zu wenden, dem allein es früher zukam, fremde, heidnische Menschen in das Judentum aufzunehmen durch die Beschneidung.
ER|0|71|22|0|Solche Vollmacht geschah darum – wie schon oben gezeigt –, dass dem Menschen das Leben so viel als möglich erleichtert würde und er sich allenthalben sein Gewissen reinigen und ein wohlgemütliches Leben führen könnte.
ER|0|71|23|0|Wer aber kann da ein noch lästigeres Richteramt herausleiten, als es das frühere jüdische war? Wo solches besteht, besteht es wider alle Meine Anordnung, und wer daran teilnimmt, der richtet sich selbst, so er meint, dadurch seiner Sünden ledig zu werden, wenn er sich freiwillig hat richten lassen. Eine solche Richteranstalt wird für ihn zu einer wahren Sündensparkasse; denn wie kann ein Dritter jemandem eine Schuld erlassen, die ein Zweiter an den Ersten schuldet? Der Erste kann wohl die Schuld dem Zweiten nachlassen, aber der Dritte in Ewigkeit nie. Ein Dritter aber kann, wenn ein Erster und Zweiter oder der Gläubiger und der Schuldner dumme Menschen sind, wohl einen Rechtsfreund machen und kann sie ausgleichen durch guten Rat und durch gute Tat; aber von Sündenvergeben kann da nie eine Rede sein, außer der Gläubiger hätte ihn aus dem Grunde seines Herzens dazu bevollmächtigt.
ER|0|71|24|0|Wenn aber Jakobus aus Meinem Geiste ein Sich-gegenseitiges-Sündenbekennen anempfiehlt, so ist darunter noch lange keine Beichte zu verstehen, sondern nur eine gegenseitige vertrauliche Mitteilung eigener Gebrechen und Schwächen, um dafür von dem stärkeren Freund und Bruder ein recht stärkendes Gegenmittel im Geist und in der Wahrheit zu bekommen. Seht, dazu braucht jemand weder priesterliche noch exorzistische Weihen, und das Apostelamt selbst ist nur ein brüderliches Lehramt, aber kein hebräischer und heidnischer Gold-, Silber- und Edelgesteinpomp.
ER|0|71|25|0|Dass die Lehrer der Gemeinde sich im höchsten und reichsten Pomp zeigen sollten, hat Jakobus sicher nicht gemeint, da er den Gemeinden ein gegenseitiges Gebrechen- und Schwächenbekenntnis anriet; er wollte damit nebst dem ärztlichen Zweck auch den der gegenseitigen Demütigung erreicht haben, dass sich nicht ein Bruder vor dem anderen wie der Pharisäer im Tempel hervortun sollte, sondern gleich sein dem demütigen Zöllner.
ER|0|71|26|0|Da ist also von keiner Beichte, wie schon oben bemerkt, die Rede; wohl aber ist es nicht nur den Aposteln, sondern jedermann anbefohlen, wenn es nötig ist, einen ungerechten Haushalter zu machen, welcher nebst anderem sich hauptsächlich darin kundtun solle: So da irgend sehr schwachsinnige Menschen an ihren Brüdern gesündigt haben, diese aber gestorben wären, entweder leiblich oder geistig – bei welchem Umstand an eine Schuldnachlassung gegen ihre schwachsinnigen Beleidiger nicht mehr zu denken ist –, da wohl kann ein Dritter zu den Schwachen treten und ihre vermeintliche große Schuld ganz klein schreiben. Der wird an ihnen ein Werk der wahren christlichen Barmherzigkeit ausüben, besonders wenn er sie zu Mir wendet; in jedem anderen Falle aber soll sich ein Dritter nicht als Schuldnachlasser zwischen zwei Brüder mengen. Wenn er das tut, so soll alle Sünde der zwei auf ihn gelegt sein, weil er sie richten, aber nicht bessern wollte.
ER|0|71|27|0|Dies ist ganz gründlich das leichte Verständnis, was es mit der anbefohlenen Sündenvergebung für ein Bewandtnis hat. Nächstens noch etwas darüber und mehreres vom falschen Prophetentum.
ER|0|72|1|1|Sündenvergebung und Gnadenbilder
ER|0|72|1|1|Am 24. April 1847
ER|0|72|1|0|Es sind einige von den sogenannten modernen Philosophen, die Mich auch freilich nicht für mehr als bloß nur für einen Philosophen ansehen; diese behaupten, dass ein jeder Mensch nach dem christlichen Sinn das Recht habe, Sünden zu erlassen, indem Ich, als der Stifter dieser Lehre, auch Sünden nachgelassen habe – und nota bene solchen Menschen, die Mich zuvor doch sicher nie beleidigt hätten.
ER|0|72|2|0|Ich aber sage dazu und sage solchen Philosophen ungefähr das, was Ich zu jenen Juden gesagt habe, die die Ehebrecherin vor Mich gestellt haben:
ER|0|72|3|0|„Wer aus euch ohne Sünde ist, der mag desgleichen wohl tun, und es soll seine Handlung in allen Himmeln genehmigt sein.“
ER|0|72|4|0|Ich konnte wohl als Mensch jedermann Sünden nachlassen, weil Ich völlig ohne Sünde war; wer aber nicht ohne Sünde ist und, wenn auch sonst keine, so doch die fleischliche Zeugungssünde in ihm als erblich wohnend hat, der kann desgleichen nicht tun.
ER|0|72|5|0|Denn ohne Sünde sein heißt: sich im höchsten Grad der Demut und der Liebe befinden. Das Gesetz Gottes muss die eigene Natur eines solchen Menschen, und sein Fleisch von Kindheit an in allen seinen Begehrungen bis auf den tiefsten Grad verleugnet sein, auf dass Gottes Kraft vollends in selbem wohnen kann; dann könnte solch ein Mensch wohl auch zu diesem oder jenem sagen: „Deine Sünden sind dir vergeben!“, und sie werden ihm vergeben sein; aber da vergibt nicht der Mensch die Sünden, sondern allein die göttliche Kraft, der allein es möglich ist, die Herzen derjenigen, die gegeneinander gesündigt haben und in Feindschaft geraten sind, auszusöhnen und auszugleichen, d. h. die Herzen mit ihrem göttlichen Feuer zu durchglühen und zu durchleuchten und dadurch zu ersticken allen Zorn, allen Hochmut und allen Neid. Dass aber solches nur Gottes und keines Menschen Kraft vermag, das versteht sich von selbst; daher ein Mensch auch nur zu Gott sagen kann:
ER|0|72|6|0|„Herr, vergib mir meine Sünde, die ich an vielen meiner Brüder begangen habe, welche Brüder ich nun nicht mehr um die Vergebung der an ihnen begangenen Sünden angehen kann; Deiner Kraft, o Herr, aber ist es für allzeit, wie für ewig, vorbehalten, dasjenige in aller Wirklichkeit zu bewerkstelligen, was ich wohl selbst bewerkstelligen möchte, so ich nunmehr könnte!“
ER|0|72|7|0|Seht, auf diese Art kann also nur allein die Kraft Gottes Sünden nachlassen, welche sich Menschen gegenseitig nimmer vergeben können, entweder zufolge solcher örtlicher Entfernungen, vermöge welcher zwei Menschen, die sich einmal beleidigt haben, auf dieser Welt schwerlich mehr zusammenkommen können – außer auf dem Wege toter Briefe –, oder aber auch, so ein oder der andere Teil gestorben ist und somit der Leibestod eine undurchdringliche Wand zwischen zwei Menschen gezogen hat, die gegeneinander gesündigt haben. In solchen Fällen sonach kann im eigentlichsten Sinne nur Gott die Sünde vergeben, obschon daneben sich ein sogenannter schlechter Haushalter an den Sündern solcher Art ein Verdienst in Meinem Namen sammeln kann. Was ein schlechter oder ungerechter Haushalter ist, wisst ihr schon. Er hat zwar kein Recht, die Schuld nachzulassen, weil er selbst ein großer Schuldner ist, da er aber dadurch ein Werk der Barmherzigkeit ausübt, so reicht er durch diese Ausübung einen Trunk frischen, stärkenden Wassers, der ihm nicht unvergolten bleiben wird.
ER|0|72|8|0|Ich will gegen einen solchen Gebrauch eben nicht zu viel sagen, so ein Mensch seine Fehler und Gebrechen einem sogenannten Seelenfreund unter vier Augen kundgibt, um von ihm einen Trost zu bekommen und eine mittelbare Versicherung, dass ihm die Sünden nachgelassen werden, so er sich an Mich wendet mit dem ernstlichen Vorsatz, solche Sünden nicht mehr zu begehen und womöglich die begangenen an seinem Bruder wieder gutzumachen durch eine aufrichtige Reue und womöglich durch eine liebfreundliche Genugtuung für die angetane Beleidigung.
ER|0|72|9|0|Ein solcher Beichtvater wird Mir allzeit recht lieb, wert und köstlich sein. Freilich braucht es dazu gerade keines Geistlichen; aber weil ein Geistlicher schon der Ausspender des Abendmahles sein will, so kann er freilich wohl auch des ungerechten Haushalters Amt auf obbeschriebene Weise über sich nehmen, ohne jedoch ein gleiches Amt, wenn es von einem anderen Bruder gegen einen Bruder verrichtet wird, zu missbilligen, vorausgesetzt, dass selbes in obbesagter Ordnung vor sich gegangen ist. Aber so ein solcher ungerechter Haushalter von einem Beichtvater wähnt, er habe ausschließlich die  Macht und die Gewalt, Sünden nachzulassen oder gar dieselben einem Sünder, der sich ihm anvertraut, vorzuenthalten und ihn zu richten und sich im sogenannten Beichtstuhl sogar als „Stellvertreter Gottes“ titulieren zu lassen, der ist ein Täter des Übels und ein Seelen- und Geistestotschläger, da er eigenmächtig sich vor die Pforten des Himmels hinstellt, selbst nicht hinein will und sonst auch niemanden hineinlassen will.
ER|0|72|10|0|Ein solcher ist gleich jenen Pharisäern, Schriftgelehrten und Priestern der Juden, die dem Volk die größten und schwersten Lasten aufbürdeten, durch deren unmögliche Tragung das arme Volk einzig und allein den Himmel gewinnen könnte; sie selbst aber rührten solche Lasten nicht mit einem Finger an. Diese sind es, die die Pforten des Reiches Gottes versperren, jeden, der hinein möchte, mit höllischem Zornfeuer hintantreiben und selbst auch nicht hinein wollen. Dafür aber werden sie auch, wie es geschrieben steht, dereinst desto mehr Verdammnis empfangen.
ER|0|72|11|0|Zu dieser Klasse gehören aber auch jene falschen Propheten, die den armen, einfältigen Menschen predigen mit großem Ernst und Eifer: „Geht dahin oder dorthin und verrichtet bei diesem oder jenem Gnadenbild eine sogenannte Wallfahrt und vergesst ein nach Kräften reichliches Opfer nicht zu Hause, so werdet ihr bei jenem Bild – gewöhnlich zuallermeist eine Maria vorstellend – die Vergebung eurer Sünden erlangen und noch andere unbeschreibliche Gnaden für euren Haushalt in großer Menge.
ER|0|72|12|0|Wenn dann das arme, blinde Volk einem solchen Eselsgeplärr von einem falschen Propheten, wie Erfahrung lehrt, wirklich scharenweise folgt und am Ort, wo die Gnaden ausgeteilt werden, noch gewöhnlich ein größeres Eselsgeplärr von Mirakeln und zahllosen Gnadenausspendungen vernimmt und auf diese Weise in seinem Geiste nicht selten ganz totgemacht wird, da sage Ich: Solche falsche Propheten sollen einst ihren gehörigen Lohn finden; denn diese wissen nichts und wollen nichts wissen, wie man Gott im Geist und in der Wahrheit anbeten soll. Sie sind nichts als von der Welt privilegierte Diener des Mammons. Ihr Gnadenbild, von Menschenhand gewöhnlich schlecht und unästhetisch verfertigt, ist ihnen bei weitem mehr als Gott; denn das Bild trägt ihnen Geld, Gott aber nicht, weil Er ohnehin überall der Gleiche sei.
ER|0|72|13|0|Diese werden einst sehr viel Lohn der Pharisäer bekommen! Alle, die dergleichen lehren und das Volk zu den Bildern kehren, sind die vollkommensten Antichristen und falsche Propheten, vor denen sich jedermann wie vor der Pest hüten solle, weil sie die Kunst verstehen, durch allerlei Prunkwerk das Volk zu berücken und durch falsche Wunderwerke im Geiste zu töten.
ER|0|72|14|0|Daher sollt ihr dergleichen Orte nicht besuchen; denn sie sind voll von ansteckender Geistespest.
ER|0|72|15|0|Glaubt es nicht, dass da irgendjemand Hilfe finden kann; denn helfen kann ja doch nur Ich allein, der Ich ein ewiger Feind alles Götzentums bin. Wie möchte Ich da wohl einem hölzernen Bild, von Menschenhand verfertigt, Wunderkraft verleihen? So Ich jemandem eine verleihen möchte, so wäre es ein rechter Mensch; nicht aber einem Schnitzwerk, das viel niedriger ist als das allergeringste Tier, welches doch Leben und Bewegung hat. Ja es ist viel weniger als ein Grashalm und weniger als ein Stein. Dieser ist, was er ist, somit in seiner Ordnung; aber ein Bild ist das nicht, was es vorstellt. Denn das Bild ist Holz, und stellt aber einen Menschen dar und wird darum verehrt und angebetet, weil derjenige, den es darstellt, ein Tugendheld war.
ER|0|72|16|0|Also ist der Bilderdienst eine noch abscheulichere Abgötterei als jene der alten Heiden. Diese machten sich wohl Götter aus Metall, Stein und Holz, weil sie den wahren Gott nicht kannten. Sie zwang also ein inneres Bedürfnis für einen wahren Gott zu diesem Machwerk; die gegenwärtige Menschheit aber hat und kennt Gott und weiß, dass Er der alleinige Herr ist, verehrt aber dennoch Schnitzwerk. Was sollte man zu solchen Menschen sagen? Nichts als: Sie sind dem Erzfeind Gottes gleich, der Gott auch gar wohl kennt; aber statt Ihn zu lieben und allein anzubeten, verachtet er Ihn und feindet Ihn allwegs an.
ER|0|72|17|0|Den Dummen aber soll die Dummheit dennoch nicht angerechnet sein; dafür aber desto mehr denen, die sehen und Licht haben, aber dennoch nicht sehen wollen und das Licht, wo es nur immer ist, auslöschen.
ER|0|73|1|1|Werktätiger Glaube
ER|0|73|1|1|Am 27. April 1847
ER|0|73|1|0|Dieses gilt aber nicht etwa bloß dem Papsttum, sondern allen sogenannten Sekten oder Konfessionen; denn wo nicht Christus gepredigt wird in Seinem wahren Geist und in Seiner Wahrheit, da ist falsches Prophetentum an der Stelle einer wahren Kirche.
ER|0|73|2|0|Wenn eine oder die andere Sekte auch spricht: „Siehe, ich habe keine Bilder, also muss mein Bekenntnis das reinste sein!“, so sage aber Ich: Bild oder nicht Bild entscheidet gar nichts, sondern allein das Leben nach dem Wort. Denn eine Lehre in sich selbst noch so sehr von allem Zeremoniellen reinigen, um sie zur Aufnahme der „reinen Vernunft“ tauglicher zu machen, heißt mit anderen Worten nichts anderes, als über eine gegebene Lehre fortwährend räsonieren, aber nie danach leben, gleich als so jemand ein Haus kaufte und möchte es fortwährend aus- und inwendig putzen und polieren, um es immer tauglicher und tauglicher zu einer Wohnung zu gestalten, aber vor lauter Putzen und Polieren und vor lauter fortwährend besserem Herstellen zur Bewohnbarkeit kommt nie ein Einwohner hinein. Ist da nicht die nächste Keusche [Hütte] besser, die fortwährend bewohnt wird, als ein solches Haus?
ER|0|73|3|0|Also verhält es sich auch mit der Kirche. Da ist noch immer diejenige besser, die irgendeine Norm hat, in welcher deren Gläubige irgendeinen Bestand finden, als wie eine solche Kirche, in der nichts als nur fortwährend gefegt und gekätzt [geputzt] wird. Ihre Bekenner stehen daneben und sehen zu wie müßige Menschen bei einem Hausbau, die auch kritteln und Glossen machen; aber dabei fällt es keinem ein, nur einen Ziegel und einen Scheffel Mörtel zugunsten des Hausherrn einem arbeitenden Maurer zu reichen, und da halten sich die Müßiggänger für viel besser als die Arbeitenden.
ER|0|73|4|0|Seht, das ist ein rechtes Bild von den vielen Konfessionen! Sie tun aus lauter Vorbereitung und Kritisieren nichts, und begeifern fortwährend diejenigen, die nicht ihrer Konfession sind, und machen sich über ihre Blindheit lustig und schreien fortwährend: „Kommt her, dass wir euch den Splitter aus den Augen nehmen!“; aber des Balkens in dem eigenen Auge werden sie gar nicht gewahr.
ER|0|73|5|0|Es ist wohl wahr, dass es in der römisch-katholischen Kirche tausend gewaltige Missbräuche gibt; aber es gibt darin doch auch manches Gute, denn es wird von der Liebe und von der Demut gepredigt. Und so jemand sonst nichts als nur das befolgt, so wird er nicht verloren sein.
ER|0|73|6|0|Aber was soll Ich denn von einer Sekte sagen, die nichts als den Glauben lehrt und die Werke verwirft? Da ist, wie ihr zu sagen pflegt, Taufe und Chrisam verdorben; denn es steht doch laut und offen geschrieben, dass ein Glaube ohne die Werke tot ist, und Ich Selbst habe offenkundig und zu öfteren Malen gesagt: „Seid nicht eitle Hörer, sondern Täter Meines Wortes!“ Dadurch ist ja offenbar angezeigt, dass der Glaube allein nichts nützt, sondern das Werk.
ER|0|73|7|0|Was nützt das Licht der Sonne der Erde, wenn es nicht mit der tatkräftigen Wärme verbunden ist?
ER|0|73|8|0|Was nützen einem Menschen alle Kenntnisse und Wissenschaften, wenn er sie nicht anwendet?
ER|0|73|9|0|Oder was nützt es, im kalten Winter bloß zu glauben, dass ein brennendes Holz im Ofen das Zimmer erwärmen kann? Wird das Zimmer durch den Glauben warm? Ich glaube es nicht.
ER|0|73|10|0|Kurz und gut, der allerfesteste Glaube ohne Werke ist gleich einem törichten Menschen, der sich im kalten Zimmer bloß mit einem warmen Gedanken zudecken will, um sich zu erwärmen. Freilich ist das wohl die wohlfeilste Decke; aber ob diese Decke jemanden erwärmen wird, darüber mögen diejenigen Armen urteilen, die in strengen Wintern nicht selten starr erfroren in ihren Zimmern gefunden worden sind – und meistens aus dem Grunde, weil sie keine andere Decke hatten als eine barste Gedankendecke.
ER|0|73|11|0|So wie diese Gedankendecke ohne eine wirkliche Decke nichts nützt, also nützt auch der Glaube ohne die Werke nichts. Der Glaube ist nur das Aufnahmeorgan einer Lehre, die zu einer gewissen Tätigkeit anleitet. Wer diese Anleitung in seinen Glauben bloß aufnimmt, aber nicht danach tut, frage: Wozu dient ihm dann diese Anleitung? Ich sage: Zu nichts anderem als zu einem naseweisen Kritisieren, gleichwie alle Regeln der Tonkunst einem nichts nützen und man nicht imstande ist, auch nur das Leichteste und Einfachste zu leisten! Aber ein solcher bloßer Regelinhaber ist dann naseweis und bekrittelt jeden Künstler, als könnte er wirklich selbst das Ausgezeichnetste leisten. Ich aber sage: Da ist ein Bettelmusiker noch immer mehr wert als ein solcher Kritiker, der selbst nichts kann, aber über alles urteilen will.
ER|0|73|12|0|Also ist Mir auch eine solche Kirche lieber, wo doch noch etwas geschieht, als wie eine, wo nichts geschieht; denn es ist besser, jemandem ein Stück Brot zu geben, als tausend Pläne für Armenversorgung zu machen und dem Armen aber dennoch nichts zu geben, wenn er zu einem solchen Planmacher kommt. Plan ist schon recht; aber das Geben muss auch dabei sein, sonst ist der Glaube wieder ohne Werke, bei dem die arme Menschheit nach Hunderten verhungert.
ER|0|73|13|0|Wer aber recht leben will, der kann es in jeder Kirche; denn eine Hauptregel ist: Prüft alles, und das Gute davon behaltet.
ER|0|73|14|0|Wenn ihr ein Kind gebadet habt, so schüttet bloß das Badewasser hinweg; aber das Kind behaltet, und das Kind ist die Liebe!
ER|0|73|15|0|Ich sage zu niemandem: Werde ein Katholik oder werde ein Protestant oder werde ein Grieche, sondern: was einer ist, das bleibe er, wenn er will. Sei er aber was er wolle, so sei er ein werktätiger Christ, und das im Geiste und in der Wahrheit; denn jeder kann, wenn er es will, das reine Wort Gottes haben.
ER|0|73|16|0|Ich bin nicht wie ein Patriarch und bin nicht wie ein Papst und bin nicht wie ein Generalsuperintendent und nicht wie ein Bischof, sondern Ich bin wie ein überaus guter und gerechtester Vater allen Meinen Kindern und habe nur Freude daran, wenn sie tätig sind und wetteifern in der Liebe, aber nicht daran, dass sie einander Narren schelten und ein jeder aus ihnen der Weiseste und Unfehlbarste sein will mit lauter Räsonieren, aber dabei nichts tun.
ER|0|73|17|0|Mein Reich ist ein Reich der höchsten Tatkraft, aber kein Reich eines müßigen, naseweisen Faulenzertums; denn Ich sagte zu den Aposteln nicht: „Bleibt daheim und denkt und brütet und grübelt über Meine Lehre nach!“, sondern: „Geht hinaus in alle Welt!“
ER|0|73|18|0|Dasselbe sage Ich auch zu allen Seligen. Da heißt es tätig sein; denn immer ist die Ernte größer als die Zahl der Arbeiter. Darum ist es auch besser, in irgendeiner Ordnung tätig zu sein, als bloß allein des reinsten Glaubens, und tätig sein nach Meiner Lehre ist dann ganz unendlich besser, als die ganze Bibel auswendig zu wissen und zu glauben.
ER|0|73|19|0|Der bloße Glaubensmensch ist dem gleich, der sein Talent vergrub; wenn aber jemand aus der Schrift nur wenig weiß, aber danach tut, der ist dem gleich, der über das wenige eine treue Haushaltung führte und dann über vieles gesetzt wird.
ER|0|73|20|0|Aus dem bisher Gesagten wird sicher jeder, der guten Willens ist, leicht herausfinden können, was er zu tun hat, um ein rechter Mensch zu werden. Was er für seine Tatkraft zu wählen und zu meiden hat, das alles findet er hier sonnenklar dargestellt. Es ist demnach in dieser Hinsicht alles erschöpft.
ER|0|74|1|1|Über Kritiker, Juden, Mohammedaner und Braminen
ER|0|74|1|1|Am 28. April 1847
ER|0|74|1|0|Wir werden freilich nicht alle die Wohnparteien der Erde speziell betrachten, da solches zu viel Zeit und zu viel Raum erfordern würde, sondern wir werden nur einen allgemeinen Blick auf die sogenannten Verhältnisse lenken, in denen sich die verschiedenen Einwohner der Erde hauptsächlich in Rücksicht dessen befinden, was den geistigen Verband zwischen ihnen und dem Himmel bewerkstelligt.
ER|0|74|2|0|Da wir bis jetzt nur den Christen unser Augenmerk geschenkt haben und die anderen Bewohner der Erde unberührt ließen, so möchte es mit der Zeit irgendeinem Leser beifallen, in dieser Hinsicht, wo es sich um die Totaldarstellung der Erde handelt, einige beißende Bemerkungen zu machen, an denen es zwar ohnehin nicht fehlen wird.
ER|0|74|3|0|Die sogenannten Kritiker von Profession müssen ja alles bekritteln und beschnüffeln und beschimpfen; denn das sind Leute, die vom Schimpfen leben, und da die Welt gegenwärtig allzeit lieber und viel aufmerksamer Beschimpfungen als Belobungen liest, so ist diese böse Eigenschaft der Welt ein ganz besonders mächtiger Hebel, die Kritiker dahin zu vermögen, dass sie über alles schimpfen.
ER|0|74|4|0|Gelobt werden von ihnen nur Werke und Handlungen von machthabenden Menschen, denen es ein Leichtes ist, die über sie schimpfenden Kritiker durch allerlei sehr empfindliche Mittel zu Paaren zu treiben. Dafür aber lassen dann diese schimpflustigen Weltweisen desto mehr ihre Galle an allem aus, von dem sie keine Prügel zu befürchten haben, daher ist es notwendig, ihnen schon im Voraus so viel als möglich ihr Eselsmaul zu stopfen und mitunter in eine solche Mitteilung auch etwas Heu einzumischen, damit diese armen Tiere etwas zu fressen haben.
ER|0|74|5|0|Es wäre ob der Mitteilung der Erde nicht weiter zu fragen, was mit den anderen Einwohnern es für ein Bewandtnis hat, da die Hauptsache doch immer die Christen bleiben und die geistige Erde nur von Christengeistern und nie von heidnischen beherrscht und geleitet wird; – aber es handelt sich hier bloß um einige Portionen Heu für die Kritiker, damit sie auch etwas dabei zum Fraß bekommen.
ER|0|74|6|0|In den Tropenländern aber ist bekanntlich der Graswuchs bei weitem stärker als in den gemäßigten, wo schon die christliche Fahne zuallermeist weht; daher dürfen wir auch versichert sein, dass wir eben in den Tropenländern von allerlei Heu einen Überfluss finden werden, und so wollen wir uns denn in dieser Absicht zu den anderen Einwohnern der Erde wenden.
ER|0|74|7|0|Zu allernächst den vielen christlichen Sekten leben in der ganzen Welt zerstreut die Juden; diese gleichen jenen Speckschnitten, mit denen die Köche das magere Wildbret spicken. So sind auch allerlei Menschen, welche zumeist ein sehr mageres Wild sind, auf der ganzen Erde mit den Juden unterspickt.
ER|0|74|8|0|Juden gleichen dann zumeist den Schweinen, welchen die Menschen überall etwas Speck wachsen lassen, damit, wenn es ihnen mager geht, sie sich wieder von dem goldenen und silbernen Fett der Juden können unterspicken lassen.
ER|0|74|9|0|Ein Jude, wie er jetzt beschaffen ist, ist vollkommen ein Schwein; schon das Äußerliche beurkundet für jedermann, zu welcher Tierklasse diese Menschenrasse gehört. Ein Jude sieht nun im Allgemeinen aus wie ein Schwein und stinkt wie ein Schwein und wälzt sich überall in dem allerverächtlichsten Weltschlamm wie ein Schwein, um seinen Gold- und Silberdurst zu stillen.
ER|0|74|10|0|Ihm ist, geistig genommen, jede Kost recht; er ist mit dem Christen Christ, mit dem Türken Türke, mit dem Heiden Heide, mit dem Chinesen ein Chinese und mit den Fetischdienern ein Fetisch, um nur sich aller derer Gold, Silber und Edelsteine verschaffen zu können.
ER|0|74|11|0|Ein Schwein kann ebenfalls jede Kost genießen; selbst der barste Dreck ist ihm nicht unwillkommen, wenn er nur warm ist. Das ist auch beim Juden der Fall; wo er nur irgendeine Wärme oder Neigung für sein Interesse findet, das frisst er, denn das sind ebendie Menschen, die ums Geld für alles zu haben sind, und unter ihnen selbst gibt es sehr wenige Ausnahmen. Die Besten sind, wie ihr zu sagen pflegt, in geistiger Beziehung keinen Schuss Schießpulvers wert.
ER|0|74|12|0|Sie warten noch immer auf einen Messias, der sie einmal wieder in ihr altes gelobtes Land zurückführen möchte und aus ihnen machen ein großes wundermächtiges Volk; aber dieser Messias wird nimmer kommen, und sie werden bleiben bis ans Ende der Zeiten, was sie sind; daher sie auch, was leicht zu begreifen ist, im Geisterreich eine überaus niedrige und keiner Beachtung werte Rolle spielen.
ER|0|74|13|0|Sie sind dort, was sie hier sind, Schacherer nämlich, nur mit dem Unterschied, dass sie hier in menschlicher Form unter den Menschen wandeln, jenseits aber meistens in der ihnen allerverhasstesten Gestalt der Schweine zum Vorschein kommen; freilich nicht für jedermann ersichtlich, auch unter ihnen nicht, sondern nur vom reinen Licht der Wahrheit aus betrachtet.
ER|0|74|14|0|Da also mit den Juden nicht mehr viel zu machen ist und es jedermann weiß, dass sie in der ganzen Welt unter allen Nationen anzutreffen sind und allenthalben das gleiche Geschäft führen, so wollen wir auch von ihnen nichts Weiteres mehr sagen.
ER|0|74|15|0|Es sind in ihnen zwar die großen geistigen Anlagen noch vorherrschend vorhanden, aber diese Anlagen werden zu eitel Schlechtem verwendet. Daher bleiben sie auch, was sie sind, und in der Geisterwelt gibt es keinen magereren Himmel, als da ist der jüdische, denn sie schachern auch dort, und des Goldes Glanz ist ihnen mehr als das intensivste Licht der Wahrheit.
ER|0|74|16|0|Den Juden zunächst kommen die Mohammedaner, die einen kleinen Teil von Europa, ein Fünftel von Asien und ein Achtel von Afrika bewohnen. Diese Mohammedaner sind eine Abart der Juden und der arianischen Christen, ihre Haupttugend aber ist Handel und Krieg. Was sie durch den Handel nicht bekommen können, das kaufen sie mit Waffen in der Hand; ihre Zeit wird aber bald zu Ende sein.
ER|0|74|17|0|Den höchsten Lohn ihrer kaufmännischen und kriegerischen Bemühungen setzen sie in lauter sinnliche Genüsse; daher ihr Elysium, wie sie sich’s einbilden, von lauter allerschönsten jungen Mädchen und Frauen strotzt, mit denen sie dann in Ewigkeit ihr unzüchtiges Wesen zu treiben hoffen, ohne dabei in ihren sinnlichen Gefühlen abgespannt und müde zu werden.
ER|0|74|18|0|Einige unter ihnen stellen sich ihr Elysium so vor, dass der Boden desselben mit lauter allerweißesten und allerschönsten Weiberbrüsten gepflastert ist, auf welchen sie so ganz behaglich herumwandeln werden, und die Frauen und die Mädchen wachsen in stets frischer Gestalt wie die Pilze aus der Erde; und sie können sich derselben, so oft sie wollen, bedienen und dabei in vollster Entzückung ausrufen: Wie herrlich und groß ist unser Allah!
ER|0|74|19|0|So stellen sie sich auch die Bäume in ihren elysäischen Gärten als lauter schöne Weiberkörper vor, ungefähr wie einst die Griechen und Römer sich eine gewisse Göttin Daphne vorstellten, nachdem sie der Apoll in einen Lorbeerbaum umgewandelt habe. Diese Baumweiber sind voll Genitalien und lassen sich auch gebrauchen; das sind so ungefähr die Himmelsbegriffe der meisten Mohammedaner, wobei, versteht sich, die ausgezeichnetsten Lieblingsspeisen und Getränke mit zu verstehen sind.
ER|0|74|20|0|Dass mit ihnen in der Geisterwelt sehr schlechte Aspekte zu erwarten sind, versteht sich von selbst; daher wäre es um Papier und Tinte schade, da noch ein Mehreres davon zu berühren.
ER|0|74|21|0|Es versteht sich aber auch von selbst, dass sie darum nicht zu verdammen sind, weil sie sich auf diesem Irrweg befinden, und es wird in der geistigen Welt für sie gesorgt sein, dass sie auf den rechten Weg kommen; nur solange sie Mohammedaner bleiben, gibt es für sie keine Bestimmung im Geisterreich. Was sollten sie auch tun? Das, was sie glauben, darf nicht zugelassen werden; daher sind sie drüben wie Irrende, die nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen.
ER|0|74|22|0|Neben den Mohammedanern befinden sich die Braminen, welche ihr Unwesen in Mittelasien und auch in einem Teil Südasiens treiben. Diese Menschen sind lauter geheimnisvolle Wundermänner, bei ihnen ist nichts als Wunder über Wunder, sie selbst wirken nichts als Wunder, und ihr Hauptstudium ist, der guten wie der bösen Gottheit ihre Wunderkräfte abzuspicken und selbst allerlei Wunder zu wirken.
ER|0|74|23|0|Jedermann sieht leicht ein, dass da schon viel satanische Machination mit im Spiel ist; denn bei ihnen ist das Kastenwesen noch vollkommen zu Hause. Der gemeine Mensch ist verdammt, ewig dumm zu bleiben, damit er die taschenspielerischen Wunderwerke seiner geistlichen Kaste nicht durchschaut.
ER|0|74|24|0|Wehe dem, der es da wagen möchte, einen Brahmasdiener zu befragen, wie er ein Wunderwerk verübt hat; denn fürs erste Vergehen dieser Art wird der Vorwitzige bloß mit einer Unzahl Prügel zurückgewiesen, ein zweites Betreten aber kostet ihn schon das Leben, oder wenigstens die Augen und die Zunge.
ER|0|74|25|0|Dass diese überaus schmutzige Erdeinwohnerschaft im Geisterreich eine noch schlechtere Rolle spielt als die Mohammedaner, braucht kaum näher erwähnt zu werden. Geister von diesen Braminenmenschen müssen ganz in die Polargegenden der Erde versetzt werden, wo es die größte Öde gibt, wenn sie nach vielen Jahren sollten für Christus aufnahmefähig werden. Das ist aber auch alles, was man von ihnen sagen kann; daher nächstens zu einer anderen Partei.
ER|0|75|1|1|Die Chinesen
ER|0|75|1|1|Am 30. April 1847
ER|0|75|1|0|Neben den Braminen stehen fast auf gleicher Stufe die Chinesen, welche die sogenannte Religion des Zoroaster haben. Diese Menschen sind zwar nicht so wundersüchtig und daher in ihrer Art um ein Haar besser als die Braminen; aber dessen ungeachtet sind sie in der eigentlichen Bildung gegen wahre Christen doch überaus weit zurück, denn sie sind einerseits Fatalisten und andererseits aber dennoch selbst die strengsten Linealisten, welche in allem ihrem Tun und Lassen das hoc usque et non plus ultra [bis hierher und nicht weiter] festgestellt haben.
ER|0|75|2|0|Ihre Wohnhäuser, ihre Kleidung müssen stets dieselbe Form haben; also auch sind Speisen und Getränke für jede Klasse und für jedes Fest genau bestimmt, wie auch ihre Komplimente und ihre Reden. Es darf nichts vervollkommnet, aber auch nichts verschlechtert werden.
ER|0|75|3|0|Die Krankheiten werden klassenmäßig behandelt; die gemeinste Volksklasse wird allzeit durchs Prügeln kuriert, denn sie sagen: Eine innere Krankheit wird dadurch auf die Haut gelockt; diese darf dann, wenn sie einmal gehörig blau geprügelt worden ist, nur auf mehreren Stellen aufgeschnitten werden, so geht dann aller böse Stoff hinaus.
ER|0|75|4|0|Die Cholera wird neben dem Prügeln und Hautaufschneiden auch mit Abschneiden der Zunge kuriert. Das Militär wird fast auf ähnliche Weise kuriert, wenn es krank wird; nur kommt auf die Prügelei gewöhnlich ein Pflaster, welches aus einer Art Pech besteht. Dieses Pflaster wird ziemlich heiß auf den Rücken und auf den Bauch gestrichen und bleibt dann so lange droben, bis es von selbst herabfällt.
ER|0|75|5|0|Die nobleren Klassen werden mit Rhabarber und Chinarinde kuriert; die Hofbeamten und der Kaiser allein haben das Recht, in ihrem Erkrankungsfall die ganze Apotheke zu gebrauchen, welche aber nur im allerreichsten Falle aus zehn Medizinen besteht. Das bleibt immer gleich; wem es hilft, dem hilft es, wem aber das nicht hilft, der war zum Sterben bestimmt.
ER|0|75|6|0|Sie haben nebst dem einen großen Gott, den sie als das höchste Wesen verehren, noch eine Menge Hausgötter, welche ihnen in kleinen Dingen behilflich sein sollen; aber mit diesen Hausgöttern hat es zumeist ein sehr missliches Bewandtnis, und es hat mit ihnen keinen Bestand; denn wenn ein Chinese seinen Hausgott um etwas angeht, und dieser kann es ihm ganz natürlich nicht gewähren, so wird ein solcher Gott bald seines Amtes für verlustig erklärt, darauf von seinem Standpunkt sehr unsanft herabgenommen und drei Stunden lang geprügelt.
ER|0|75|7|0|Darauf kommt so eine Gottheit in eine alte Rüstkammer und wird auf diese Weise gewisserart pensioniert. Wenn dann schon eine Menge solcher Götter in der Pension steckt, so wird dann mit ihnen ein Autodafé gehalten, und ihre unnütze Asche wird in einen Fluss geworfen.
ER|0|75|8|0|Also sind sie auch mit der Anlegung ihrer Wege sehr eigentümlich. Ein Weg darf bei ihnen nie über einen Grund gehen, sondern entweder in einem Graben, in dem nichts wächst oder in dem irgendein Bach fließt, was aber seltener der Fall ist; denn die Chinesen wissen auch die Gräben voll zu machen. Daher sieht man gewöhnlich Brücken, welche sich viele Meilen weit ziehen, und zwar auf dem trockenen Boden, damit unter der Brücke das Erdreich noch benutzt werden kann.
ER|0|75|9|0|Diese Art ist zwar gut, wenn sie besser konstruiert wäre; aber manchmal sind diese Brücken so schlecht, dass der Wanderer kaum darüber zu kommen vermag, und bricht irgendwo die Brücke durch, so muss der Durchgefallene, wenn er noch am Leben geblieben ist, den Schaden ersetzen, was eben nicht selten geschieht, da solch eine Brücke eine bestimmte Anzahl von Jahren dauern muss. Wird sie eher schlecht, so wird nichts daran gebessert, außer wenn irgendwo ein Wanderer durchgefallen ist, da muss er sie ausbessern.
ER|0|75|10|0|Neben diesen Brückenwegen gibt es wohl auch einige wenige Heerstraßen, welche lediglich für schweres Fuhrwerk und fürs Militär bestimmt sind. Diese Heerstraßen sind nie trocken und nie ohne Kot, denn auch diese werden gewöhnlich nach dem Rinnsal eines Baches geführt, aus welchem Grunde die Chinesen auch meistenteils barfuß gehen; nur wenn sie die Straße verlassen, waschen sie sich die Füße, und ziehen dann erst ihre sehr gespitzten Sandalen an.
ER|0|75|11|0|Die Grundstücke sind fast wie in Japan abgegrenzt, nur nicht mit jenen Strafen bei Übertretung der Grenze belegt. So ist auch noch gegenwärtig in vielen Punkten die Zahl der Kinder bestimmt, die ein Landmann oder Bürger haben darf; hat er mehrere, so muss er das sogleich der Behörde anzeigen, welche ihm dann das Vertilgungsedikt erteilt.
ER|0|75|12|0|Zum Vertilgen überzähliger Kinder werden gewöhnlich die Geburtshelferinnen gebraucht; allein diese wissen jetzt genau, dass Europäer ihnen solche Kinder abkaufen, daher bringen sie, wo nur immer tunlich, solche Kinder auf den Markt, wo es auch kinderlosen Chinesen gestattet ist, dergleichen Kinder anzukaufen.
ER|0|75|13|0|Dass dieses Volk nebst gar vielen Dummheiten, die manchmal sogar bedeutend grausam aussehen, aber auch manches musterhaft Gute besitzt und meistens sehr nüchtern ist, des könnt ihr ebenfalls versichert sein; darum aber hat es auch fast beständig Frieden, und hat, obschon die größte Volkszahl in der Welt, aber auch den größten irdischen Reichtum.
ER|0|75|14|0|Dass aber mit diesem Volk also, wie es ist, in der geistigen Welt nichts zu machen ist, versteht sich von selbst. Äußerst behutsam muss da mit ihnen umgegangen sein, wenn sie für das wahre Reich der Himmel sollten gewonnen werden; denn sie sind zufolge ihres Linealismus und Terminismus durchgängig lauter Stoiker nach der Lehre ihres Konfuzius.
ER|0|75|15|0|Wie schwer aber Stoiker für ein besseres Licht zugänglich sind, ist schon einmal gezeigt worden, und zwar in der Darstellung der geistigen Sonne. Man wird nicht leichtlich auf der Erde außer den Japanesen ein Volk finden, das so streng wie dieses seine Gesetze und Lehren beobachtet; aber eben aus diesem Grunde gelangt es auch zu jener diogenischen Selbstzufriedenheit, welche es um keinen Preis will fahren lassen.
ER|0|75|16|0|Wo aber diese Selbstzufriedenheit den höchsten Kulminationspunkt erreicht hat, da ist alles andere eine bare Null; alle Himmel und alle Herrlichkeit der Engel, ja Meine eigene allerhöchste Herrlichkeit können ihr gegenüber sich kein Übergewicht verschaffen. Warum ist, wie gesagt, in der geistigen Sonne, und zwar in der Abendgegend des allgemeinen Geisterreiches zur Genüge gezeigt worden.
ER|0|75|17|0|Dass aber diese Menschen durchgehend Stoiker sind, könnt ihr schon aus ihrer Staatseinrichtung ersehen; dieses Volk hält sich für das Volk in der Mitte, es hält sich für Bewohner des himmlischen Reiches, und seine Vortrefflichkeit in allem überwiegt alles auf der Erde. Ihr Kaiser ist ein reiner Sohn des Himmels und stammt linea recta [in gerader Linie] aus der Sonne. Aus diesem Grunde vermeidet dieses Volk auch, so viel als möglich, jede Gemeinwerdung mit den übrigen Völkern der Erde und will sich von niemandem belehren lassen; denn es weiß selbst alles am allerbesten.
ER|0|75|18|0|Wie es aber schon auf dieser Erde schwer ist, einen Chinesen für etwas Besseres eingenommen zu machen und ihn zu einem anderen Glauben zu bringen, also ist es noch ums Vielfache schwerer, den Geist eines abgeschiedenen Chinesen zur besseren Überzeugung zu bringen.
ER|0|75|19|0|Da wir aber nun dieses Volk insoweit kennen, als es für den vorgesteckten Zweck nötig, so wollen wir uns auch nicht länger mehr bei ihm aufhalten, sondern sogleich zu einem anderen übergehen.
ER|0|76|1|1|Die Hochtibetsbewohner
ER|0|76|1|1|Am 1. Mai 1847
ER|0|76|1|0|Ganz in der Mitte von Asien, im hohen Tibet, lebt noch ein Volk, welches die uralte patriarchalische Verfassung hat. Unter allen alten Religionen der sogenannten Parsen und Gebern ist die Religion dieses Volkes noch die am meisten ungetrübte.
ER|0|76|2|0|Sie haben noch das eigentliche Sanskrit, in welchem von dem Zenda vesta gehandelt wird; denn das Sanskrit ist die heilige Schrift der Urzeit, und die in dieser Schrift enthaltenen Geheimnisse namens Zenda vesta, in eurer Sprache: „die heiligen Gesichte“, sind historische Überlieferungen von den mannigfaltigen göttlichen wunderbaren Führungen des Menschengeschlechtes in der Urzeit.
ER|0|76|3|0|Es ist darum falsch, so hie und da manche das Sanskrit und das Zenda vesta als gewisserart zwei Bücher annehmen; das Ganze ist nur ein Buch, und dieses ist abgeteilt in das Buch der Kriege Jehovas und in das Buch der Propheten.
ER|0|76|4|0|Da aber ebendie Propheten durch ihre heiligen Gesichte die Taten Gottes beschreiben, so sind diese scheinbaren zwei Bücher eigentlich nur ein Buch, welches sich bei den obbenannten Bewohnern des hohen Tibet noch ziemlich unverfälscht vorfindet und ungefähr dasselbe enthält, was Ich euch im von euch sogenannten Hauptwerk aus der Urzeit mitgeteilt habe; nur ist dort alles noch in der Ursprache in lauter geheimnisvolle Bilder eingehüllt, die für die neue Zeit schwer oder gar nicht zu enträtseln sind.
ER|0|76|5|0|Bei einigen Patriarchen dieses Volkes ist wohl noch etwas von der alten Weisheit vorhanden, durch welche diese alte Schrift mittels Entsprechungen dem menschlichen Verstand nähergebracht wird, aber von einer völlig gründlichen Erläuterung kann da keine Rede sein; denn wo dergleichen Geheimnisse nicht aus Meinem Licht können erläutert werden, da bleiben sie stets in einem gewissen Zwielicht, in welchem man leicht einen alten halb verfaulten Baumstock für einen Bären ansieht.
ER|0|76|6|0|Man wird da voll Furcht, und eine Geheimnistiefe macht der anderen Platz, wenn aber die Sonne aufgeht, da verschwinden alle die tiefen mit Furcht und Angst beladenen Geheimnisse, und der mysteriöse Bär wird zu einem ganz natürlichen halb verfaulten Baumstock.
ER|0|76|7|0|So ist es auch mit diesen uralten mysteriösen Bilderschriften; da glaubt der Betrachter darinnen Tiefen über Tiefen und Weisheit über Weisheit entdecken zu müssen. Ein jedes Häkchen scheint eine Sonnenenthüllung in sich zu fassen; allein kommt jemand in Mein Licht, so werden all diese Geheimnisse schwinden, und er wird in einer solchen Schrift nichts als eine getreue Erzählung jener freilich wunderbaren Tatsachen finden, welche Ich an den Menschen dieser Erde ihrer Vollendung wegen habe verüben müssen.
ER|0|76|8|0|Aber eine solche Erklärung findet sich freilich bei unseren Hochtibetbewohnern nicht vor, aber dafür eine für euch kaum glaubliche Geheimniskrämerei; denn dieses Volk ist so voll Mystizismus, dass es in dieser Hinsicht wohl den ersten Rang auf der ganzen Erdoberfläche einnimmt.
ER|0|76|9|0|Da gibt es viele, die mit Sternen förmlich reden, die Tiersprache verstehen, auch mit den Bäumen und mit dem Gras wie auch mit den Felsen sich ins Einvernehmen zu setzen festen Glaubens sind.
ER|0|76|10|0|Einige unter ihnen können sich sogar, ihrer Meinung nach, völlig unsterblich machen; wieder andere machen sich unsichtbar, und die meisten aber sind ganz vertraut mit den Geistern und leben fortwährend in ihrer Gemeinschaft.
ER|0|76|11|0|Bei allem dem glauben sie aber dennoch fest an einen Gott, vor dem sie aber eine so unendliche Ehrfurcht besitzen, dass sie sich seinen Namen nie auszusprechen getrauen.
ER|0|76|12|0|Nur allein dem allerältesten Patriarchen ist es in einem Jahr einmal gestattet, den Namen Gottes auszusprechen, jedoch an einem solchen Ort, der für sonst niemand zugänglich ist; und an dem Tag, an welchem dieser Name ausgesprochen wird, muss alles diese Lehre bekennende Volk vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang auf den Angesichtern liegen und weder Speise noch Trank zu sich nehmen.
ER|0|76|13|0|Ehrfurcht vor Gott dem Herrn ist freilich wohl recht, aber der Grundsatz: „Von was immer allzu viel ist schädlich“, findet auch hier seine Anwendung. Denn Ehrfurcht, wenn sie eine solch horrende Übertreibung bekommt, zerstört die Liebe; diese allein aber ist und bleibt ewig die Grundbedingung alles Lebens.
ER|0|76|14|0|Jede Furcht, wenn sie bis auf den höchsten Kulminationspunkt gesteigert wird, ist tödlich und zerstört mit der Zeit alles Gute; nur die Liebe allein vermehrt das Leben stets in dem Grade, wie sie selbst vermehrt wird.
ER|0|76|15|0|Zufolge dieser allertiefsten Ehrfurcht vor dem Namen Gottes sind bei diesem Volk aber auch eine Menge höchst alberner und lächerlicher Bußen gang und gäbe, welche wohl auch bei den Braminen anzutreffen sind, weil die Braminen gewisserart Abkömmlinge dieses Volkes wie jener Religion sind; aber in vollster Ausdehnung sind sie noch bei unseren Hochtibetanern zu Hause.
ER|0|76|16|0|Nicht selten wird man hier zwanzig Jahre auf einem Fleck stehende Büßer antreffen, auch hängende Büßer, die sich irgendeinen Haken durch die Haut ziehen und sich dann mittels eines Strickes auf einem Baum aufhängen lassen, wo sie so lange hängen bleiben, bis entweder der Strick abgefault ist oder die Haut über dem Haken; denn sterben können nur wenige bei einer solchen Bußoperation, weil sie von ihren Angehörigen fürs Erste an der Stelle der Verwundung allersorgfältigst mit kühlenden und heilenden Ölen begossen und fürs Zweite mit der besten Kost, die sie haben, täglich dreimal gespeist werden.
ER|0|76|17|0|So gibt es auch einige Büßer, die sich mit schweren Ketten belegen und sich sodann über Gräben, Hügel und Steingerölle zehn Jahre lang herumwälzen und nicht selten einen Weg von 200 Meilen machen, freilich nicht in gerader Richtung. Dergleichen Bußwerke haben sie eine große Menge, welche nichts als Folge ihrer zu übertriebenen Ehrfurcht vor dem Namen Gottes sind.
ER|0|76|18|0|Diese jetzt noch fast ganz alleinigen Theokraten verrichten in der Geisterwelt eben auch keine denkwürdige Rolle; denn auch sie müssen früher Christus annehmen, was ein ziemlich schweres Stück Arbeit abgibt, woran eben ihre zu unendlich hohe Vorstellung von Gott schuld ist.
ER|0|76|19|0|Diese macht ihnen vollkommen unbegreiflich, wie Gott Sich hat zu einem Menschen herabwürdigen können, und noch unbegreiflicher, wie Er Sich hat von den Menschen sogar kreuzigen lassen.
ER|0|76|20|0|Geht aber Christus schon hier bei euch einem rechten Deisten nicht ein, wie viel weniger erst diesen Menschen, die unter allen Völkern der Erde von Gott die allerungeheuerste mysteriös-erhabenste Vorstellung haben. Da könnte man auch sagen: Den Menschen wäre so etwas nicht möglich, bei Gott aber sind alle Dinge möglich.
ER|0|76|21|0|Im Übrigen aber hat dieses Volk besonders gegen Fremde und Arme überaus lobenswerte Eigenschaften. Da besteht noch die uralte vollkommene Gastfreundschaft; wer dahin kommt, wird so lange bestens verpflegt, als er dort zu bleiben willens ist. Jeder Dienst wird ihm bereitwilligst willfahrt, wenn er nicht irgend zu sehr mit ihren Religionsgesetzen im Widerspruch steht.
ER|0|76|22|0|Steht aber irgendein Begehren nur in einem mäßigen Widerspruch mit ihren Religionsgesetzen, so wird es auch dennoch aus Achtung für den Fremden gewillfahrt; aber der dadurch dem Fremden sich wider sein Gesetz Opfernde übt dann zur Reinigung seiner Person die vorgeschriebene Buße freiwillig.
ER|0|76|23|0|Arme werden als eine Art Heiligtum betrachtet, und man könnte sagen: Wohl dem, der dort arm geworden ist; denn dem geht es besser als allen noch so Wohlhabenden dieses Volkes. Aber so gut das ist, wenn man sich der Armen annimmt, so nachteilig auch wirkt eine zu übertriebene Barmherzigkeit gegen die Armen; denn da sucht dann bald jedermann, den das Arbeiten nicht freut, wo nur immer möglich arm zu werden, weil er als solcher wohl weiß, dass er dann von den anderen auf den Händen getragen wird.
ER|0|76|24|0|Es ist zwar bei diesem Volk ein Gesetz, nach welchem jemand als Armer zu betrachten ist; Arme sind bei diesem Volk nur Lahme, Krüppelhafte, Blinde, Taube, auch verstümmelte und arbeitsunfähige Büßer, und Greise von 70 Jahren und darüber. Diese Armen werden mit der größten Achtung und Zuvorkommenheit behandelt; aber ebendiese ausgezeichnete Behandlung gibt nicht selten Anlass, dass sich arbeitsscheue Menschen selbst verstümmeln, um dann in die Klasse der Armen aufgenommen zu werden.
ER|0|76|25|0|Hier ist also von dem in medio beati [in der Mitte liegt das Richtige] nicht viel zu finden. Es ist, wie Ich schon gesagt habe, sehr recht, den Armen Gutes zu tun, es ist gut, die Durstigen zu tränken, die Hungrigen sättigen, die Nackten bekleiden und die Gefangenen erlösen; aber Arme förmlich auf einen Thron hinaufsetzen, das solle nicht sein, denn die Armut soll immer eine Prüfung des Geistes verbleiben, und der Arme soll vielmehr bei Mir als bei den Menschen Hilfe suchen und finden.
ER|0|76|26|0|Nachdem wir nun dieses Volk haben kennengelernt und bei ihm nicht viel mehr zu erlernen ist, so wollen wir uns das nächste Mal wieder zu einem anderen wenden.
ER|0|77|1|1|Die Japanesen
ER|0|77|1|1|Am 8. Mai 1847
ER|0|77|1|0|Zunächst den Braminen, Chinesen und unseren Hochtibetsbewohnern kommen als Religionsverwandte die Japanesen, welche, wie sie jetzt sind, ebenfalls aus Mittelasien abstammen. Sie sind, was Religion betrifft, ein Gemisch; sie sind in dieser Hinsicht wie ein sogenanntes Potpourri, haben aus allem etwas und im Ganzen doch nichts.
ER|0|77|2|0|Sie sind Braminen, Zoroasters, Parsen und Gebern und somit Dalai-Lamaisten, aber zugleich auch wie die Braminen Ormuzisten, welch letztere Weise, auch die böse Gottheit anzubeten, sie noch zu Menschenopfern nötigt.
ER|0|77|3|0|Sie nehmen es mit diesen Menschenopfern wohl freilich nicht so genau, aber genug, dass solche Opfer noch gang und gäbe sind; es müssen dennoch zu gewissen Zeiten die schönsten Knaben und Mägdlein geopfert werden.
ER|0|77|4|0|Es werden zwar diese Knaben und Mägdlein nicht mehr geschlachtet, wie es einmal der Fall war; dafür aber muss dann eine doppelte Anzahl Staatsverbrecher ins Meer sich versenken lassen.
ER|0|77|5|0|Ein Mehreres darüber habt ihr schon bei einer anderen Gelegenheit empfangen, was, so ihr wollt, hier hinzugefügt werden kann.
ER|0|77|6|0|Aus allem aber werdet ihr auch ersehen, dass mit diesen im höchsten Grad stoischen Japanesen in der geistigen Welt noch weniger zu machen ist als mit den anderen bisher angeführten asiatischen Völkern. Denn bis jetzt existiert naturmäßig wie geistig kein Volk auf der Erdoberfläche, das wegen seines im höchsten Grad ausgebildeten Stoizismus unzugänglicher wäre.
ER|0|77|7|0|Aber doch leichter noch ist es, sich diesem Volk naturmäßig zu nahen, als wie geistig im Geisterreich, wo es sich derart verschanzt hält, dass es nicht leicht möglich ist, sich ihm ohne irgendeinen Schaden zu nähern; denn sein Stoizismus entwickelt eine eigene Art geistiger Giftluft, dem nur Engelsgeister aus dem dritten Himmel opponieren können.
ER|0|77|8|0|Geister unterer Art dürfen diesen Ort nicht betreten, denn er ist ärger wie die eigentliche Hölle selbst. Das Rarste bei der Sache aber ist, dass sich ihnen auch kein Geist aus der eigentlichen Hölle nahen darf. Wenn er so etwas wagen würde, so würde es ihm aber auch da alsogleich um tausend Mal schlechter gehen als in der untersten Hölle selbst.
ER|0|77|9|0|Er würde augenblicklich gefangen genommen, gefesselt und auf die allerschrecklichste Weise gepeinigt werden; denn ihr wisst, dass die sogenannten Teufel die Demut am allerwenigsten leiden können, so wie auch die Wahrheit und die Aufrichtigkeit und die damit verbundene Genügsamkeit, die alles euch Denkbare übertrifft.
ER|0|77|10|0|Alle diese Tugenden: Demut, Aufrichtigkeit, strengste Wahrheitsliebe, Dienstfertigkeit, Selbstverleugnung bis in den tiefsten Kulminationspunkt, dann eine Ordnungsliebe, die kein zweites Beispiel auf der Erde aufzustellen hat, die größte Gastfreundschaft unter sich, die strengste Gerechtigkeit und vollkommene Geringschätzung des Lebens, das alles findet man bei den Japanesen in einem solchen Grad ausgebildet, von dem ihr euch keinen Begriff machen könnt.
ER|0|77|11|0|Von der Übertretung irgendeines Gesetzes ist da nie die Rede, und hat jemand zufälligerweise ohne sein Wissen und Wollen einen Fehltritt getan, so sucht er selbst die strengste Züchtigung dafür an.
ER|0|77|12|0|Man kann da sagen: Der Japanese ist in seiner Art der tugendhafteste Mensch auf der ganzen Erdoberfläche; von einer Sünde ist bei ihm nie die Rede, aber eben in dieser seiner strengen Tugend, die er genau erfüllt, sucht er auch seinen größten Lohn, und die Selbstzufriedenheit ist seine höchste Glückseligkeit.
ER|0|77|13|0|Das sehr Schlimme bei dieser Sache ist freilich, dass er dieser seiner stoischen Selbstzufriedenheit wegen keinen Gott braucht, wenn er schon an Ihn glaubt; und statt Gott zu lieben und Ihm seine Herzensdankbarkeit zu bezeigen, macht er Ihm nur Vorwürfe darum, dass Gott ihn zu einem weisen Wesen gemacht hat, und überhaupt zu einem Wesen, das sich seiner selbst und der etwaigen Bedürfnisse bewusst ist.
ER|0|77|14|0|Bei ihm ist alles Verschwendung und unnützer Prunk; denn der Japanese sagt: Es ist viel besser gar nicht, als unnütz sein – nun aber sieht er ein, dass er Gott in nichts nützen kann, und betrachtet sich daher als rein überflüssig und wirft Gott die Unweisheit vor, und sie sagen noch dazu: „Zu einem Spielzeug für Gott sind wir in Seinem Anbetracht zu nichtig und zu schlecht, in unserem Anbetracht aber zu gut und zu edel, indem wir Gott lieber zu etwas nützen würden, wenn es möglich wäre, Ihm, dem Allmächtigen, einen Dienst zu erweisen; so aber sind wir da, und keine Weisheit vermag es zu enträtseln, warum. Unsere Verehrung und unser Opfer reicht kaum bis zu den höchsten Bergspitzen; was soll sie Ihm sein, den die Erde, Sonne, Mond und Sterne kaum vernehmlich preisen können? Wir pflügen wohl die Äcker, aber dennoch zeigt Er, dass die Wälder und die Wiesen durch Seinen Hauch besser bestellt sind als unsere Äcker. Wir bauen auch Schiffe; was sind sie aber gegen die Schwimmfähigkeit der Fische und gegen die Flugkraft der Vögel? Wir bauen große Paläste und Tempel; aber was sind sie gegen Seine Erde und gegen Berge, die auf derselben sind wunderbar gebaut von Seiner Hand?
ER|0|77|15|0|Hat Er uns etwa erschaffen, dass wir Ihn erkennen sollen, damit Er dann eine Freude hätte an unserer Erkenntnis über Ihn? Wann kann aber ein unendlich kleiner Wurm den unendlich großen Gott erkennen, wie Er ist? Wer in einer Art unvollkommen ist, ist das auch in einer anderen; wann kann Gott von uns eine vollkommene Erkenntnis Seiner Selbst erwarten? Sicher ewig nie; denn das Unvollkommenste kann das Vollkommenste nie fassen, so wenig als jemand in einen kleinen Topf das ganze Meer hineinschöpfen kann. Kann aber das Meer eine Freude haben, wenn man aus ihm einen Topf voll nimmt? So wenig kann auch Gott eine Freude haben, wenn wir aus seiner ganzen Unendlichkeit kaum das kleinste Fünkchen fassen; freut Ihn aber so etwas, so kann Er nicht weise sein, da uns schon so etwas unmöglich erfreuen kann, die wir nur höchst unnotwendigerweise das kleinste Fünklein Seiner unendlichen Weisheit besitzen.“
ER|0|77|16|0|Dergleichen stoische Philosopheme kursieren in übergroßer Fülle unter diesen Menschen und sind, wie ihr leicht ersehen könnt, den eigentlichen satanischen Maximen allerblankst und schnurstracks entgegen; daher es, wie schon früher bemerkt wurde, einem Teufel, der über alles herrschen will, hier am allerärgsten geht, wenn er in diese Gegend kommt, wovor sich aber die bösen Geister auch ganz absonderlich hüten; denn die Prinzipien sind für sie das Allerwidrigste, durch welche nicht nur allein alle Herrschsucht, sondern alles nur kaum denkbare Gewicht zur Seite geschoben wird, durch welches irgendeine wenn noch so geringe Bewertung eines Wesens an den Tag gelegt werden könnte.
ER|0|77|17|0|Es wird aber aus dem auch ersichtlich, warum sich in eine solche Gegend nur die stärksten Himmelsgeister begeben können. Der Grund liegt in dem, weil schwächere Geister gar leicht von diesen seltenen Prinzipien könnten gefangen genommen werden, und das ist ebendas vorbesagte eigentümliche geistige Gift, vor dem sich schwächere Geister auf das Sorgfältigste hüten müssen.
ER|0|77|18|0|Ihr selbst, wie ihr da seid, dürftet nicht mit einem so recht stoischweisen Japanesen zusammenkommen; wenn ihr seiner Sprache mächtig wärt, so könntet ihr ihm auf Tausend nicht Eines erwidern.
ER|0|77|19|0|Aus dem Grunde aber lasse Ich es auch irdisch politischerseits nicht zu, dass die anderen Völker der Erde mit diesen Erzstoikern in irgendeine zu nahe Verbindung treten möchten, weil sie nur zu bald den Japanismus in der ganzen Welt ausstreuen könnten.
ER|0|77|20|0|Denn ein Stoizismus für sich allein, wenn er sich atheistisch gestaltet, ist so gefährlich nicht, indem er bald verkümmert, weil er keine Wurzeln hat; aber ein Stoizismus in Verbindung mit dem strengsten Deismus ist das Gefährlichste für den Geist, weil dieser Stoizismus mit seinem strengen Gottglauben ganz natürlich eine unvertilgbare Wurzel hat.
ER|0|77|21|0|Euch in sein Wesen weiter einzuweihen, wäre sehr unnütz und sogar schädlich; daher wollen wir unsere Japanesen wieder verlassen und zu einem anderen Volk übergehen.
ER|0|78|1|1|Die Ureinwohner von Borneo und Guinea
ER|0|78|1|1|Am 4. Mai 1847
ER|0|78|1|0|Nach den Japanesen kommen die Bewohner von den bedeutenden Inseln Borneo und Guinea; es versteht sich von selbst, dass hier bloß von den Ureinwohnern die Rede ist, nicht aber von den hie und da angesiedelten Europäern, die an den Küsten wohnen.
ER|0|78|2|0|Die Urbewohner dieser beiden Inseln sind, was leicht zu begreifen ist, chinesische Abkömmlinge; daher auch die Religion Chinas hier zuallermeist gehandhabt wird, und auch gehandhabt werden muss, weil die jeweiligen Beherrscher dieser Inseln noch immer die Oberherrschaft Chinas anerkennen müssen, und müssen auch, wenn es der Kaiser von China verlangt, ihm einen Tribut bezahlen.
ER|0|78|3|0|In verschiedenen Dingen aber weichen sie doch von der chinesischen Verfassung und Sitte ab; und somit hat es auch mit der Religion einige Abänderungen. Der König dieser Insel hat gewöhnlich den Beinamen: die goldfüßige Majestät, auch Sohn des Mondes; nur Sohn der Sonne nicht, weil dieser Ehrentitel bloß dem Kaiser gebührt.
ER|0|78|4|0|Der König hat demnach für das Volk ein halbgöttliches Ansehen und muss zu gewissen Zeiten angebetet werden, und müssen ihm auch Opfer, die er bestimmt, an dem bestimmten Tag reichlich dargebracht sein.
ER|0|78|5|0|Sind die Opfer nicht reichlich vorhanden, so werden die opfernden Priester auf die Erde gelegt und tüchtig durchgeprügelt, und es wird ein zweiter Opfertag bestimmt; die Priester aber, wann sie geprügelt werden, müssen so laut als nur immer möglich heulen, und dieses Geheul muss von jedermann nachgeahmt werden, der es hört. Da geschieht es nicht selten, dass in einem Tag das ganze Land in das kläglichste Heulen versetzt wird.
ER|0|78|6|0|Der König ist als ein Halbgott auch der weiseste unter seinem Volk, daher gehört zu seiner Verehrung auch die Nachahmung seiner Handlungen, vorausgesetzt, so er es wünscht und will; hustet demnach der König, so muss bald das ganze Land husten; räuspert er sich, so muss sich alles räuspern; setzt er sich nieder, so setzt sich alles nieder im Lande, natürlich bei der ankommenden gewisserart telegraphischen Nachricht, dass sich der König gesetzt hat.
ER|0|78|7|0|Das geschieht freilich nicht permanent, sondern nur in den Tagen, wenn der König solches haben will.
ER|0|78|8|0|So darf auch niemand, außer der König und der oberste Priester, das höchste Wesen anbeten, weil das gemeine Volk nicht würdig ist, Gott zu verehren und anzubeten; sondern jedermann, der von Gott eine Gnade haben will, muss zu einem Priester, dieser zum Oberpriester und dieser erst zum König gehen, damit dieser als der allein Würdige, Gott das Anliegen seines Volkes vorzutragen, die verlangte Gnade für den erbitte, dem es darum zu tun ist.
ER|0|78|9|0|Würde es aber jemand wagen, allein sein Anliegen dem höchsten Wesen vorzutragen, und käme das auf, so wird er als ein Frevler und sakrilegischer Schänder der alleinigen königlichen Majestät gewöhnlich mit dem Tode bestraft; ist er aber von besserer Herkunft, so wird er entweder eine Stunde lang nach ihrer Zeitrechnung geprügelt – wenn er aber reich ist und viel Gold besitzt, so kann er sich von der Prügelei wohl auch loskaufen; aber er muss für eine Stunde Prügel drei Stunden Gold für den königlichen Schatz messen.
ER|0|78|10|0|Dass bei diesem Messen auch viel feine Schliche und Kniffe gebraucht werden, versteht sich von selbst; da wird mit dem genauen Messen oft mehr als 4/5 der Zeit verbraucht, und dergleichen noch mehreres, aus welchem Grunde der König die Prügelablösung für eine Stunde auch in drei Stunden verwandelt hat.
ER|0|78|11|0|Damit aber das Volk sich nicht leichtlich gegen dieses allerstrengste Gebot verfehle, so ist es ihm, so wie den Chinesen gestattet, Hausgötter anzuschaffen, welche im Namen des Königs von den Priestern eingeweiht und dadurch kräftig und wirksam gemacht werden, welche Hausgötter in gewöhnlichen überaus plump angefertigten hölzernen, auch tönernen Pagoden bestehen, die von dem Volk desto tiefer verehrt werden, je älter und schlechter sie aussehen.
ER|0|78|12|0|In diesem Stück unterscheidet sich dieses Volk auch von den Chinesen; denn die Chinesen durchprügeln am Ende ihre Gottheiten, wenn sie ihnen nichts genützt haben, aber dieses Volk hält nur auf die recht alten Gottheiten, und zwar aus dem Grunde, weil diese, da ihnen schon so viel geopfert wurde, leichter zu etwas zu bewegen wären als die neuen, die durch die Opfer und Gebete noch nicht so sehr geheiligt sind als die alten.
ER|0|78|13|0|Dass mit so einem Volk in der Geisterwelt nicht viel zu machen ist, das wird leicht einzusehen sein; doch sind sie für das Christentum und für das reine Evangelium bei weitem zugänglicher als die Chinesen und besonders die Japanesen, nur gehört dazu überaus viel Geduld, und man muss mit ihnen wie mit Irrsinnigen umgehen, um sie auf den rechten Weg zu bringen.
ER|0|78|14|0|Denn wie die Irrsinnigen, so haben auch diese eine Menge höchst falscher, aber fixer Begriffe, welche wie alte Krebse in ihrer Seele eingewurzelt sind. Um sie zu heilen, muss man eine förmliche geistige Homöopathie anwenden und sie fasten lassen über die Maßen, auf dass alles Schädliche sich in ihnen früher rein aufzehre, und sie dann erst fähig werden, eine neue Kost aufzunehmen und zu verdauen.
ER|0|78|15|0|Wenn aber einer einmal geheilt ist, dann ist er aber auch fester als zehn andere und besitzt einen Mut, und eine Liebe, die mit nichts zu vergleichen ist, was ihr hier kennt.
ER|0|78|16|0|Solch ein Geist würde, wenn es möglich wäre, eher tausend Mal unter den grässlichsten Schmerzen den Tod erleiden als nur um ein Haar breit von der ihm vorgeschriebenen Ordnung abweichen, aus welchem Grunde dann diese Geister auch zum Schutz jener Menschen gestellt werden, die eben in diesen Gegenden wohnen, und wenn selbige das Irdische verlassen, so sind diese Geister auch fast ausschließlich dazu bestimmt, ihre Landsleute auf den rechten Weg zu bringen.
ER|0|78|17|0|Wie hier gezeigt wurde, geht es auf den beiden Inseln mit wenigen kaum bemerkenswerten Differenzen zu; nur sind die Borneer etwas sanfter als die Guineer. Somit wären wir auch mit diesen beiden Völkern fertig und wollen nächstens wieder ein anderes zur Betrachtung vornehmen.
ER|0|79|1|1|Die Javaner
ER|0|79|1|1|Am 5. Mai 1847
ER|0|79|1|0|Mehr oder weniger ähnlicher Verfassung sind auch die Bewohner der meisten Inseln, von denen Asien weit und breit umgeben ist, worunter freilich einige fast schon ganz die römisch-katholische oder die protestantische Religion besitzen; nur die Insel Java macht eine eigentliche Ausnahme.
ER|0|79|2|0|Diese Insel bewohnt ein ganz eigener Volksstamm; es versteht sich von selbst, dass darunter nur die Ureinwohner zu verstehen sind. Die Insel selbst wird von China aus mittels eines Vizekönigs beherrscht, aber dessen ungeachtet gehören die Küsten zumeist den Europäern. Das Innere des Landes ist jedoch von den Europäern noch gar wenig besucht, weil diese es da nicht so lange auszuhalten imstande sind ob der mannigfaltigen giftigen Ausdünstungen, die auf dieser Insel in besonders hohem Grad zu Hause sind.
ER|0|79|3|0|Die Ureinwohner dagegen sind da schon mehr gewisserart akklimatisiert, und ihr ganzer Körperbau ist zur unschädlichen Aufnahme dieser giftigen Ausdünstungen bei weitem mehr geeignet als der der Europäer.
ER|0|79|4|0|Ebendiesem sonderbaren Klima zufolge haben die Einwohner den sonderbarsten Begriff von der Gottheit; sie erkennen nur einen Gott an, aber dieser Gott hat gewisserart zwei Leiber, welche am Rücken zusammengewachsen sind.
ER|0|79|5|0|Auf diesen zwei Leibern sitzt aber ein Kopf, der zwei Gesichter hat; der eine Leib ist ganz strahlend weiß, der andere aber ganz dunkelgrau.
ER|0|79|6|0|Am Tag wendet die Gottheit den weißen Teil ihres Leibes und Gesichtes den Menschen zu; bei der Nacht aber den dunkelgrauen.
ER|0|79|7|0|Aus dem weißen Teil geht lauter Gutes, aus dem dunklen aber lauter Schreckliches und Böses hervor; daher getraut sich auch leichtlich niemand zur Nachtzeit ins Freie, weil ihm da nichts Gutes, sondern nur lauter Schreckliches und Böses widerfahren kann.
ER|0|79|8|0|Der Grund liegt aber darin, weil auf dieser Insel, besonders in den inneren Tälern derselben, fortwährend sich eine giftige Luft entwickelt, welche Europäer töten, die Einheimischen doch wenigstens bedeutend krank machen, manchmal wohl auch töten kann, wenn sie eine zu lange Zeit eine solche Luft eingeatmet haben, aus welchem Grunde die Ureinwohner dieser Insel aber auch durchgehend auf Bergen wohnen, und nur am Tag, wenn die Sonne schon über und über aufgegangen ist und die böse Luft verscheucht hatte, begeben sie sich in die Täler zu irgendeiner bestimmten Arbeit.
ER|0|79|9|0|Ein Tal dieses Landes aber ist ganz unbewohnt, und die Einwohner nennen es das Tal des Todes.
ER|0|79|10|0|In diesem Tal befinden sich die schon bei manchen Gelegenheiten erwähnten Giftbäume, Bohonupas genannt, welche eine so giftige Ausdünstung durch dieses ganze mehrere Meilen lange Tal verbreiten, dass derselben gar kein lebendes Wesen leiblicherweise Trotz bieten kann. Nur manche von dem König dieses Landes ob eines Verbrechens zum Tode Verurteilte müssen in dieses Tal eine Wanderschaft machen und das giftige Harz dieses Baumes holen, mittels welches Giftes dann ehebrecherische Weiber getötet werden.
ER|0|79|11|0|Dieses Gift besitzt dann nur der König in einer wohlverwahrten goldenen Büchse; und wenn es gebraucht wird, darf bloß nur eine kleine Nadelspitze in dasselbe getaucht werden, um damit durch den leisesten Ritz einem Menschen im Verlaufe von wenigen Minuten, und zwar unter den schauderhaftesten Konvulsionen das Leben zu nehmen.
ER|0|79|12|0|Wenn hundert in das Tal geschickt werden, kommen gewöhnlich höchstens zwei wieder zurück, denen aber dann das Leben geschenkt wird. Wenn diese Unglücklichen dahin beschieden werden, so müssen sie genau ausforschen, wie da der Wind geht.
ER|0|79|13|0|Geht der Wind zu dem kleinen Giftbaumwäldchen, da müssen sie dem Wind nachgehen, schlägt aber der Wind um, so müssen sie plötzlich wieder die Flucht ergreifen; denn wie sie die Luftschicht dieses giftigen Wäldchens erreicht hat, so sind sie ohne Rettung verloren.
ER|0|79|14|0|Weht aber der Wind längere Zeit in gleicher Richtung fort, so mögen sie wohl zu einem oder dem anderen nächsten Bäumchen gelangen und daran behutsam ihr Geschäft verrichten, nach dessen Verrichtung sie dann eiligst gegen den Wind ihren Rückmarsch ohne Rast antreten und wenigstens einen Weg von 10 Meilen machen müssen, bis sie vor den Folgen der giftigen Luft dieses Tales sicher sind, welches eigentlich nur ein bei 20 Meilen langer und bei einer Meile breiter Kessel ist, in dem sich aber kein Tropfen Wassers befindet, auch kein anderes Gras und Gewächs, denn alles stirbt an der Ausdünstung dieses giftigen Baumes.
ER|0|79|15|0|Gleicherweise gibt es in diesem Land auch Höhlen, aus denen ein beständiger giftiger Hauch aufsteigt, nur verbreitet er sich nicht so weit in seiner giftigen Intensität wie das giftige Miasma des obbeschriebenen Giftbaumes, und die Einwohner können sich manchmal solchen Höhlen ganz nahen, aber natürlich auch nur nach dem Wind.
ER|0|79|16|0|Da schleudern sie dann brennende Bündel in eine solche Höhle, durch welche sich dieses ausströmende höchst brennbare Gas schnell entzündet und dann manchmal jahrelang in einem fort brennt; wenn es aber brennt, dann ist es auch ganz unschädlich.
ER|0|79|17|0|Die sonderbare Beschaffenheit dieses Landes ist dann auch der Grund von der sonderbaren Geistesbildung dieser Menschen, wie schon oben bemerkt wurde; ihre Doppelgottheit rührt schon einmal daher. Aber was eben wieder für euch merkwürdig ist, ist das, dass die Einwohner auf diese ihre Gottheit nicht viel Gewicht legen; sie haben auch den Alkoran [Koran] und gegenwärtig auch die Bibel.
ER|0|79|18|0|Einige aus ihnen geben der Bibel den Vorzug, einige noch dem Koran; aber ihre Gottheit ist bei ihnen schon beinahe gänzlich außer Kurs gekommen.
ER|0|79|19|0|Einige unter ihnen sind der Meinung, ein vollkommener Mensch solle alle Religionen kennen und sich daraus das Beste nehmen.
ER|0|79|20|0|Andere sagen wieder, dass unter den vielen Religionen nur eine die rechte sein kann; aber diese herauszufinden, wäre die schwierigste Aufgabe für den Allerweisesten unter ihnen, daher wäre es am besten, unterdessen für alle etwas zu tun, bis man die rechte nicht ermittelt hat, denn in jeder Religion sei etwas Weises und etwas Dummes zu finden; man huldige also bloß dem Weisen in jeder Religion und verwerfe das Dumme, wodurch man endlich doch so weise wird, um aus den vielen Religionen die rechte herauszufinden.
ER|0|79|21|0|Diese Menschen sind im Grunde nicht so dumm, als jemand anfänglich glauben möchte, denn sie begründen sich in nichts; daher aber sind sie im Geisterreich auch am allerzugänglichsten.
ER|0|79|22|0|Nur mit der Liebe geht es ein wenig schwer, weil sie auf der Welt die Liebe für die größte Dummheit halten; aber der Grund davon liegt darin, weil sie unter dem Begriff Liebe lediglich jene einem Rausch ähnliche Leidenschaft verstehen, durch welche das beiderseitige Geschlecht sich wie in einer blinden Raserei ergreift und miteinander die tierähnliche Unzucht treibt, welcher Akt die Weisheit des Menschen bis zur scheußlichen Affengestalt herabwürdigt und den Menschen manchmal unter die niedrigsten Tiere stellt.
ER|0|79|23|0|Allein, wie sehr leicht zu sehen, ist das nur ein ganz irriger Begriff von der Liebe, wo man einen falschen und irrig geleiteten Trieb der Liebe für die ganze Liebe nimmt.
ER|0|79|24|0|Sind die Geister dieser Menschen über diesen Begriff im Klaren, dann sind sie die fähigsten Wesen im Geisterreich und zugleich die bereitwilligsten und die pünktlichsten in der Erfüllung jedes ihnen anvertrauten Geschäftes.
ER|0|79|25|0|Das ist etwas ganz besonders Denkwürdiges von diesem Volk; darum es hier auch ziemlich umständlich gegeben wurde. Alles andere dieses Volk Betreffende gehört nicht zu unserer Sache; daher nächstens wieder ein anderes Volk.
ER|0|80|1|1|Die Völker von Sumatra, Celebes und Ceylon
ER|0|80|1|1|Am 6. Mai 1847
ER|0|80|1|0|In der Nachbarschaft unserer vorbeschriebenen Insel Java befinden sich zwei etwas noch größere Inseln unter den Namen Sumatra und Celebes.
ER|0|80|2|0|Die Völker dieser beiden Inseln stehen zumeist unter gleicher Verfassung, und es wäre somit überflüssig, mit ihnen eine Wiederholung des schon Gegebenen hier wiederzugeben; nur so viel kann gesagt werden, dass Sumatra der Insel Java in jeder Beziehung nähersteht als die Insel Celebes, auf der es viel mehr echt chinesisch und mitunter auch borneonisch zugeht, obschon es unter den Celebesern auch Javaner gibt.
ER|0|80|3|0|Dass aber auf beiden Inseln, und namentlich an den Küsten, auch Europäer Zutritt und sogar Niederlassungen haben, braucht bei der gegenwärtigen Eroberungssucht der Engländer, mitunter wohl auch der Franzosen, Holländer und Spanier, kaum näher erwähnt zu werden. Daher wollen wir uns gleich nach einer anderen Insel wenden, nämlich auf Ceylon, welche zwar an ihren Küsten zumeist europäische Niederlassungen hat, aber im Innern noch die Ureinwohner in ihren vielen Schluchten, Höhlen und Grotten birgt.
ER|0|80|4|0|Diese Insel wird von vielen Reisenden als ein Land der unbegreiflichsten Wunder angepriesen und wegen der seltsamen Erscheinungen von vielen Naturforschern besucht.
ER|0|80|5|0|Es ist wahr, diese Insel, rein vulkanischen Ursprungs, hat die größten unterirdischen Verbindungen, welche durch große Kanäle sogar mit den lebendigen Eingeweiden der Erde in Verbindung stehen; dass dadurch manche seltsamen Erscheinungen hervorgerufen werden, welche anderorts nicht vorkommen, wird euch leicht begreiflich sein, so ihr auf alles das einen Rückblick tut, was euch im natürlichen Teil des Erdkörpers, und zum Teil auch im geistigen Teil desselben, mitgeteilt wurde.
ER|0|80|6|0|Da kommen die Erscheinungen der euch nicht unbekannten sogenannten wilden Jagd nicht selten in solcher Intensität zum Vorschein, dass ihr Getöse oft zu einer solchen Heftigkeit heranwächst, dass sich die Bewohner vor demselben in die tiefsten Löcher verkriechen, um ihre Gehörswerkzeuge vor dem Zerspringen zu bewahren.
ER|0|80|7|0|Nebst diesen lärmenden Erscheinungen aber gibt es eine noch größere Menge meteorischer Erscheinlichkeiten, die zu gewissen Zeiten nicht minder das Auge beschäftigen als die lärmenden das Ohr.
ER|0|80|8|0|Fata Morganas von der seltensten Art sind fast in der täglichen Ordnung der Dinge, welche aber jedoch immer sanfter Art sind und die Sehenden eher entzücken als sie mit irgendeiner Furcht erfüllen; aber sehr Furcht und Schrecken verbreitend sind die nächtlichen feurigen Erscheinungen, welche wohl auch manchmal kleine örtliche Verheerungen anrichten.
ER|0|80|9|0|Diese feurigen Erscheinungen bestehen manchmal in einer Unzahl von den sogenannten Sternschnuppen, welche sich ganz nieder, manchmal nur wenige Klafter über dem Erdboden, nach allen Richtungen durchkreuzen.
ER|0|80|10|0|Diese feurige Erscheinung ist die am wenigsten gefürchtete; etwas mehr Schauder erregend sind die manchmal in Scharen von Tausenden ganz auf dem Erdboden und manchmal nur wenige Schuh hoch über demselben daherziehenden Feuermänner, Feuerdrachen, Feuerschlangen u. dgl. m.
ER|0|80|11|0|Diese Erscheinungen sind zwar sehr überraschend und Furcht erregend anzusehen, besonders wegen ihres schönen hellen weißen Lichtes; aber sie sind niemandem gefährlich, weil ihr Licht ganz kalter Natur ist. Gefürchteter sind die freilich wohl etwas seltener vorkommenden Feuerräder und Feuerkränze.
ER|0|80|12|0|Diese setzen gewisse ihnen materiell verwandte Gegenstände in Brand, und Menschen und Tiere, wenn sie von diesen Rädern und Kränzen gestreift werden, bekommen elektrische Schläge und manchmal wohl auch bedeutend schmerzliche Brandwunden; aber am allergefürchtetsten sind in diesem Land die sogenannten tanzenden Feuersäulen, welche im Grunde nichts als Feuerhosen sind.
ER|0|80|13|0|Diese machen wohl die größte Verheerung, wo und wann sie zum Vorschein kommen. Sie kommen aber nur selten vor, in einem Jahr kaum zwei bis drei Mal, und meistens nur an schon bestimmten Plätzen, und werden, wenn sie zum Vorschein kommen, schon einen ganzen Tag vorher durch ein gewisses stets lauter werdendes Knistern in der Luft angezeigt, bei welcher Erscheinung sich Menschen und Tiere in ihre Schlupfwinkel flüchten; denn im Innern dieser Insel gibt es beinahe gar keine Hütten und noch weniger Häuser, und es wohnen Menschen und Tiere, wie schon vorher gezeigt ward, in den Löchern der Erde, welche die Menschen, die sie bewohnen, wohl mit allerlei plumpem Schnitzwerk und Geflecht ausschmücken.
ER|0|80|14|0|Die Bewohner dieser Insel haben keinen König, sondern nur eine Art Hauptpriester, der aber das Ansehen eines Zauberers hat und bei dem Volk in dem Glauben steht, als wäre er der Meister aller dieser wunderbaren Erscheinungen dieses Landes.
ER|0|80|15|0|Dieser Zauberpriester hat dann auch eine gehörige Menge Adjunkten [Gehilfen], die er unterrichtet und dann in alle Teile dieses Landes hinausstellt, welche das Geschäft haben, das Volk in der bestimmten Religion zu unterweisen und ihm auch die Benehmungsweise vorzuschreiben, wie es sich bei den verschiedenen Erscheinungen zu verhalten hat, um ohne Nachteil davonzukommen.
ER|0|80|16|0|Das Seltene bei dieser Sache aber ist das, dass dieser Hauptpriester samt seinen Adjunkten die alleruneigennützigste Priesterschaft auf der ganzen Erdoberfläche ist, denn er fordert von niemandem auch nur die geringste Gabe; nur die Adjunkten dürfen Speise und Trank annehmen, wenn sie auf Unterweisung unter das Volk gehen.
ER|0|80|17|0|Aber das Volk, die Wohltat dieses Priesters einsehend, beeifert sich, ihm die schönsten und auserlesensten Tierherden zuzutreiben, von denen er aber nie mehr nimmt, als was er für seinen ganz einfachen Hausbedarf vonnöten hat.
ER|0|80|18|0|Aus dem Grunde genießt er aber bei dem Volk ein so ungeheures Ansehen und eine so unbegrenzte Liebe, dass er im Falle der Not nur winken dürfte, und das ganze Volk, Groß und Klein, wäre bewaffnet auf den Beinen, um seinen größten Wohltäter, wie es ihn nennt, zu schützen.
ER|0|80|19|0|Merkwürdig für euch von Seite dieses sogenannten Zauberpriesters dürfte das sein, dass er, wie auch seine Adjunkten, wirklich eine ganz magische Kraft besitzt, mittels welcher er den Tieren gebieten kann, und sie folgen ihm auf den Wink, und davon ist kein Tier vom größten bis zum kleinsten auf dieser Insel ausgenommen.
ER|0|80|20|0|Das aber gibt ihm auch zugleich das größte Ansehen, wenn er manchmal durch ein ganzes Heer von reißenden Tieren ganz unbeschädigt wie durch eine Schafherde wandelt. Schlangen, Nattern, Krokodile sind die gewöhnliche Umlagerung seines Zauberhofes, und nicht eines dieser Tiere wagt ohne seinen Wink nur die leiseste Bewegung zu machen; nur wenn er ihnen gebietet, bewegen sie sich pfeilschnell von seinem Hof hinweg und suchen sich ihre Nahrung.
ER|0|80|21|0|Der Hof dieses Hauptpriesters ist ungefähr in der Mitte dieser Insel und ist für jeden Europäer rein unzugänglich, teils wegen sehr dichter Gestrüppe, teils wegen steiler, nahe unübersteiglicher Felsgebirge und teils auch wegen des vielen Geschmeißes von Tieren, die hier reichlicher als irgendwo anders zu Hause sind.
ER|0|80|22|0|Ein bedeutendes Hindernis sind auch die vorher besprochenen Naturerscheinungen, denen selbst die beherztesten Europäer nicht so ganz trauen; und so bleibt diese Insel nur an den Küsten europäischen Niederlassungen zugänglich, das Innere aber kennen Europäer so wenig als wie das Innere von Afrika und noch manches anderen Landes.
ER|0|80|23|0|Die Religion dieses Volkes ist eine ebenso seltene als ihr Land selbst; sie glauben an einen Gott, welcher aber für keinen Sterblichen sichtbar und in seiner Art denkbar ist.
ER|0|80|24|0|Dieser Gott aber weihe von Zeit zu Zeit einen Menschen, der in seinem Namen die irdischen Geschäfte besorgt, weil sie für Gott zu kleinlich und seiner zu unwürdig wären.
ER|0|80|25|0|Ihre Insel halten sie für die ganze Welt, welche wie eine Seenuss auf den unendlichen Gewässern herumschwimmt.
ER|0|80|26|0|Sonne, Mond und Sterne, die regiert Gott allein, aber die Direktion der Erde, die zu klein ist, um von Gott dirigiert zu werden, besorgt der von Gott geweihte Hauptpriester; denn das Volk hat von den Gestirnen den großartigsten Begriff und hält den kleinsten Stern für unendlichmal größer als die Erde.
ER|0|80|27|0|Gott aber befindet sich in der Sonne, daher die Sonne von ihnen auch angebetet wird; den Mond aber halten sie für eine himmlische Welt, in welcher ihr Oberpriester und auch sie selbst nach dem Tode des Leibes hinkommen, wenn sie auf der kleinen Erde rechtschaffen und genügsam gelebt haben.
ER|0|80|28|0|Nur mit den Sternen geht es ihnen etwas schlechter; denn diese bevölkern sie bloß mit allerlei Tierseelen, die aber nach ihren Begriffen jenseits viel größer und vollkommener sind als auf ihrer Erde.
ER|0|80|29|0|Von Christo wissen sie wenig, und hie und da auch gar nichts. Die von Ihm aber etwas wissen, sind der Meinung, dass Er auch einmal auf ihrer Insel ein Oberpriester war, habe sich aber nachderhand entfernt und sei auf irgendeine andere Erde gegangen, um dort Menschen glücklich zu machen, weil Ihm vielleicht ihre Vorfahren einmal ungehorsam geworden wären. Denn obschon sie ihr Land für die einzige Erde halten, so meinen sie aber doch, dass es auf dem nach ihrer Meinung unendlich großen Meer noch andere herumschwimmende Weltkörper geben kann, auf denen ihnen ähnliche Menschen wohnen, nur seien sie nirgends so vollkommen als wie da, zu welcher Meinung sie wohl der Umstand gebracht hat, weil sie denn doch nicht selten mit Europäern zusammenkommen und bei ihnen entdecken, dass sie nicht so vollkommene Meister der Tiere sind wie sie.
ER|0|80|30|0|Auch haben sie wohl schon manchmal Linienschiffe gesehen und die Kanonade gehört; allein das halten sie für eine pure Kinderspielerei, denn das Feuerwerk, was ihr Oberpriester zuwege bringt, ist gar nicht zu vergleichen gegen die Nichtigkeit eines Kanonenblitzes, auch das schwimmende Schiff selbst halten sie bloß für ein schwimmendes ausgehöhltes Ei, das irgendein mächtiger Feuerdrache gelegt hat.
ER|0|80|31|0|Luxusartikel, die ihnen die Europäer anfeilen [feilbieten], verachten sie über die Maßen; denn sie sagen: Wir bringen Größeres mit unserem Willen als ihr mit euren Händen zuwege, daher ist mit diesem Volk auch kein Handel anzuknüpfen.
ER|0|80|32|0|Die Küstenbewohner allein handeln mit Elefantenzähnen, die sie gewöhnlich von den Ureinwohnern gratis bekommen. Für alles andere bietet diese Insel beinahe gar keinen Handelsstoff.
ER|0|80|33|0|Bei all dieser Darstellung könnt ihr leicht einsehen, dass dieses Volk noch sehr einfach ist und nur äußerst wenig Bedürfnisse kennt; zufolge dieser Einfachheit aber hat es dann auch in der psychischen Sphäre noch denjenigen urkräftigen Typus, wie er bei den Urvölkern der Erde einheimisch war.
ER|0|80|34|0|Es ist bei ihnen noch dieselbe geistige Urkraft ersichtlich, die einst die ersten Menschen der Erde besaßen; sie sind der eigentlichen Religion nach noch die reinsten Zenda-vesta-Befolger, auch zugleich Versteher, und haben wenig hinzugesetzt und noch weniger hinweggenommen.
ER|0|80|35|0|Auch mit diesem Volk ist es in der Geisterwelt eine leichte Arbeit, sie in das Evangelium einzuführen, weil sie Christus sehr lieb haben und anfänglich der Meinung sind, Ihm jenseits umso mehr Folge zu leisten, weil sie Ihm auf der Welt als ihrem von Gott geweihten Oberpriester in ihren Vorfahren zu wenig Gehorsam geleistet hätten und dass dieser Ungehorsam nun an allen Nachkommen klebe wie eine Erbsünde, für die jeder jenseits dem beleidigten Mann Gottes genugtun muss.
ER|0|80|36|0|Dieser Grund ist zwar dem Anschein nach etwas lächerlich, allein es ist leicht zu ersehen, dass er trotz der Lächerlichkeit dennoch ein guter Anhaltspunkt ist, wodurch die Menschen dieses Landes jenseits zum Licht des wahren Evangeliums gelangen können.
ER|0|80|37|0|Weiter gibt es bei diesem Volk für unsere Sache nichts Beachtenswertes, daher wollen wir uns fürs nächste Mal wieder zu einem anderen Völklein wenden.
ER|0|81|1|1|Die Bewohner von Madagaskar
ER|0|81|1|1|Am 8. Mai 1847
ER|0|81|1|0|Nach der Insel Ceylon kommt die zu Afrika gehörige größere Insel Madagaskar. Diese Insel wird von einem ganz eigentümlichen Volk bewohnt, welches sich hier in den Urzeiten von Asien aus angesiedelt hatte.
ER|0|81|2|0|Es ist aber nicht zu denken, dass dieses Volk etwa von Afrika herüber diese Insel bewohnt hat, wohl aber umgekehrt; das südliche Afrika wurde zuallermeist von dieser Insel aus bevölkert.
ER|0|81|3|0|Die Bewohner sind zum größten Teil Mohren; während die Bewohner der früher genannten Inseln entweder braune, mitunter auch wohl dunkelbraune Farbe haben, haben die Bewohner Madagaskars eine vollkommen schwarze Hautfarbe, darunter nur sehr wenige ins Dunkelkupferbraune spielen.
ER|0|81|4|0|Diese Menschen sind, mit weniger Ausnahme, noch die ganz eigentlichen Kainiten, bei denen die Bildung des Geistes zuallermeist noch auf der untersten Stufe steht. Sie haben wohl einen Begriff von einem höchsten Wesen; aber dieser ist so dunkel wie ihre Hautfarbe.
ER|0|81|5|0|Dieses Volk ist das einzige, welches das weibliche Geschlecht über das männliche setzt; daher bei ihm fortwährend eine Königin, und nie ein König, vollkommen göttlichen Ansehens auf dem Thron sitzt und ihr Volk nach gänzlich freier Laune und Willkür beherrscht.
ER|0|81|6|0|Der Grund aber davon, dass hier das weibliche Geschlecht prädominiert, liegt in dem, dass ihre Weisen, die lauter Weiber sind, das Volk also lehren, das Weib sei in allem vollkommener als der Mann; bei dem Mann sieht man an seinen Muskelgruben, dass er noch nicht ausgefüllt ist, während bei dem Weib das schon vollendet ist, was beim Mann den Anfang nimmt.
ER|0|81|7|0|So hat auch der Mann keine Brüste, demzufolge er auch keine so tiefen und weisen Empfindungen haben kann wie das Weib. Auch ist der Mann viel behaarter als das Weib, somit dem Tiergeschlecht näher als das Weib; so trüge der Mann auch zwischen den Beinen eine tierische schweifartige Verlängerung gleich dem Affen, welche beim Weib nicht mehr stattfindet.
ER|0|81|8|0|Dann ist das Weib auch der Gestalt nach viel edler und schöner als der Mann, und nur von ihr kommt das menschliche Geschlecht her. Sie bedarf zwar wohl des Beischlafs; allein wie wenig Wert die Schöpfung auf das Werk des Mannes gelegt hat und um wie viel das Weib höher steht als der Mann, könnte man am klarsten aus diesem Zeugungswerk ersehen.
ER|0|81|9|0|Das Werk des Mannes dauere nur so viele Augenblicke, als er Finger an den Händen hat, dem Weib aber kostet das ebenso viele Monate; die Dauer der Zeit bestimmt hier klar den kaum berechenbaren Vorzug des weiblichen Geschlechtes vor dem männlichen.
ER|0|81|10|0|Aus dergleichen Philosophemen beweisen diese weiblichen Weisen ihres Geschlechtes unberechenbaren Vorzug und beweisen daraus sogar, dass das höchste Wesen, so es irgendwo ist, selbst ein allervollkommenstes Weib sein müsse.
ER|0|81|11|0|Sie haben auch Tempel, in denen sie überall das Weib als die Gottheit verehren und anbeten; und der Hauptgegenstand der Verehrung bei dem Weib ist das Genitale, und dann die Brust.
ER|0|81|12|0|Wenn sie ihren Hauptgottesdienst verrichten, was alle Vollmonde geschieht, so ist in diesem Dienst das der erhabenste Moment, wenn ein nacktes lebendiges Weib sich auf den Altar stellt, ihre Hand auf das Genitale legt und bald darauf zu pissen anfängt.
ER|0|81|13|0|In dem Moment des Pissens fällt alles männliche Geschlecht aufs Angesicht nieder und wird darauf von dem weiblichen angepisst.
ER|0|81|14|0|Eine ähnliche Gottesverehrung findet sich auch bei einigen Stämmen Afrikas vor, die selbe natürlich von ihrem Mutterland mitgebracht haben.
ER|0|81|15|0|Dieses weibliche Genitale wird, was leicht begreiflich, darum so hoch verehrt, weil daher das menschliche Geschlecht seinen Ursprung nimmt.
ER|0|81|16|0|Merkwürdig dabei aber ist das, dass auf der Erdoberfläche hinsichtlich der Befriedigung der fleischlichen Lust nirgends ein keuscheres und züchtigeres Volk lebt als hier.
ER|0|81|17|0|Außer dem Tempel darf bei augenblicklicher Todesstrafe nirgends eine Zeugung stattfinden, und diese darf zur bestimmten Zeit nur einmal im Jahr vorgenommen werden, nachdem zuvor nach ihren Begriffen eine Menge gottesdienstlicher Handlungen verrichtet worden sind; und wenn die Zeugung vor sich geht, muss es im Tempel vollkommen finster sein.
ER|0|81|18|0|Das Weib aber hat jedoch das Recht, sich von ihren Sklaven öfters befriedigen zu lassen, wenn sie danach brennt; aber wenn ein Mann ein Weib verlangen würde, so würde das schon ein crimen laesae [Beleidigungsverbrechen] sein.
ER|0|81|19|0|Die weißen Menschen werden nur als Halbmenschen betrachtet, auf die auch Jagd gemacht werden kann, indem sie ein gutes Fleisch hätten.
ER|0|81|20|0|Wenn ein gefangener weißer Mann sehr gut gewachsen ist und eine Madagaskaresin an ihm ein besonderes Wohlgefallen findet, so kann sie ihm auch das Leben schenken und ihn als einen possierlichen Affen zu ihrer Unterhaltung behalten, wo er sich aber dann, versteht sich, so manches muss gefallen lassen, was unter euch, wie ihr zu sagen pflegt, für den Teufel zu schlecht wäre.
ER|0|81|21|0|Den Männern, wenn sie gefangen werden, geht es noch immer etwas besser; aber die Weiber werden ohne Gnade und Pardon geschlachtet und gebraten, weil die Weiber der Weißen von diesen schwarzen Weibern für reine Tiere gehalten werden.
ER|0|81|22|0|Wie weit diese Menschen noch von der geistigen Bildung zurück sind, wie noch sehr unzugänglich fürs Evangelium kann schon aus diesem Wenigen ersehen werden. Es sind wohl schon Versuche gemacht worden, hie und da an der Küste; allein bis jetzt war noch alles vergeblich, denn da, kann man sagen, führt noch der Luzifer ganz unbeirrt sein Regiment.
ER|0|81|23|0|Das Land selbst aber ist auch so gestellt, dass es dem Zutritt jeder größeren Macht den größten Trotz bietet; denn diese Insel ist nur auf sehr wenigen Punkten zugänglich.
ER|0|81|24|0|Das Meer ist ringsherum in großer Ausdehnung voll Klippen und Untiefen; mit größeren Fahrzeugen ist es beinahe nirgends landungsfähig, sondern auf einigen wenigen Plätzen nur mit Kähnen, wenn das Meer ruhig ist, und da müssen die Landenden ja sehr behutsam sein, um nicht in die Hände der überall an solchen Plätzen lauernden Madagaskaren zu gelangen.
ER|0|81|25|0|Die Königin dieses Landes lässt ihre Küsten auch fortwährend streng überwachen und die ganze Küste fortwährend mit undurchdringlichem Gestrüpp bewachsen sein, welches auch von einer Menge bösen Geschmeißes von allerlei giftigen Würmern und Insekten bevölkert ist, gegen das sich nur die Eingeborenen mittels des Anstriches mit dem Saft einer gewissen Pflanze zu schützen wissen.
ER|0|81|26|0|Zu gewissen Zeiten, besonders im halben Frühling, im Sommer und halben Herbst, zusammen also ein halbes Jahr, ist sich dieser Insel nicht zu nahen; denn da umschwärmen sie Trillionen von den großen fliegenden Ameisen, von einigen Naturforschern Muskatons genannt, welche viel ärger sind als die Moskitos der amerikanischen Inseln.
ER|0|81|27|0|Wenn zu solcher Zeit ein Europäer die Küste besteigt und wird von einem Schwarm dieser Muskatons überfallen, so ist er binnen wenigen Minuten ein ganz abgenagtes Totengerippe. Die Eingeborenen jedoch fallen sie nicht an, weil ihnen der Geruch des Krautes, mit dessen Saft sich die Eingeborenen bestreichen, höchst unausstehlich ist.
ER|0|81|28|0|Aus dieser kurz gegebenen Beschreibung werdet ihr leicht ersehen, wie es mit diesem mehr als heidnischen Volk in der geistigen Welt aussieht; denen ist überaus schwer beizukommen, ja, man könnte sie beinahe ebenso leicht natürlich weiß waschen als ihren Geist für das Evangelium wecken.
ER|0|81|29|0|Seelen solcher Menschen werden entweder zu sogenannten Naturgeistern, oder sie werden in einen anderen Planeten geführt, wo sie wieder eine leichtere materielle Umhüllung bekommen und sonach noch ein materielles Leben durchmachen, in welchem sie mehr und mehr zur Aufnahme des Evangeliums geeignet werden. Nur sehr wenige kommen nach dem Tode ihres Leibes unter großer Mühe zur rechten Erkenntnis.
ER|0|81|30|0|Die Naturgeister aber werden mit der Zeit entweder noch einmal in einem besseren Erdstrich durch die Zeugung ins Fleisch gesetzt, oder sie werden auch in einen anderen Planeten geführt.
ER|0|81|31|0|Nun wisst ihr hinreichend von diesem überaus eingeschrumpften Volk der Erde; wir wollen uns daher nicht länger bei ihm aufhalten, sondern fürs Nächste zu einem anderen übergehen.
ER|0|82|1|1|Die Völker Südafrikas
ER|0|82|1|1|Am 10. Mai 1847
ER|0|82|1|0|Diesem Volk zunächst an allerlei unterheidnischen Sitten und Gebräuchen stehen noch gewisse, zumeist den südlichen Teil Afrikas bewohnende Völkerschaften, deren Religion nicht selten noch schlechter ist als die der Madagaskaresen.
ER|0|82|2|0|Da gibt es die eigentlichen Fetischdiener, die ganz naturgemäße Gegenstände verehren, ob sie ihnen nützen oder nicht, sondern bloß darum, weil sie ihnen an einem bestimmten Tag des Jahres zuerst in die Augen gefallen sind; solche Gegenstände können ein Baumstock, ein Wurm, ein Krokodil, ein Vogel, ein Affe, auch ein Stein sein, kurz alles, was nur Körper heißt, kann als anbetungswürdige Gottheit gebraucht werden.
ER|0|82|3|0|Diese Völker haben keinen König, auch keine Königin, worin sie sich von den Madagaskaresen sehr unterscheiden. Sie leben bloß hordenweise gleich den Affen auf den Bäumen und ernähren sich meistens von allerlei Raub und Jagd.
ER|0|82|4|0|Das Fleisch verzehren sie ganz roh, und aus den Häuten machen sie gewöhnlich hängende Betten an den Baumästen. Früchte genießen sie nur wenige, tierische Milch ist ihnen beinahe unbekannt; dafür aber trinken sie das Blut der Tiere mit desto größerer Begierde.
ER|0|82|5|0|Diese Horden führen auch öfter eine Art Krieg, besonders zu den Zeiten größerer Tierjagden, wo gewöhnlich die in der Jagd weniger glückliche Horde die glückliche überfällt und ihr den Raub abjagt, wenn es tunlich ist. Die beiderseits getöteten Jäger werden dann von der siegenden Partei ebenfalls als Jagdbeute mitgenommen und zuallererst verzehrt.
ER|0|82|6|0|Weiße Menschen aber sind für sie ein Leckerbissen; darum sie auch häufig die Meeresküsten beschleichen, um da einen weißen bekleideten Affen, wie sie der Meinung sind, zu erjagen, welche Affengattung für ihren Gaumen das wohlschmeckendste Fleisch hat.
ER|0|82|7|0|Der Stärkste einer solchen Horde ist gewöhnlich der Anführer, hat aber jedoch nichts zu befehlen, sondern bloß nur anzuzeigen, was da zu geschehen hat; und die Anzeige geschieht gewöhnlich durch den ersten Angriff, nach welchem sich dann die ganze Horde richtet.
ER|0|82|8|0|Diese Völkerschaften haben auch gewöhnlich keine artikulierte Sprache; sondern sie verständigen sich bloß entweder durch Zeichen mit den Händen oder durch gewisse Schnalzer mit der Zunge.
ER|0|82|9|0|Man benennt diese Völker europäischerseits mit den Namen: Kaffern, Hottentotten, Buschmänner und Klettern.
ER|0|82|10|0|Viele von diesen Horden, deren es Tausende gibt, sind wohl schon, besonders längs den Küsten, so viel als möglich christlich kultiviert worden; aber viele mehr im Innern des Landes wohnende sind noch in der alten vollends tierischen Rohheit.
ER|0|82|11|0|Das einzige Gute, was diese Völker haben, besteht darin, dass sie fürs Erste die allergeringsten Bedürfnisse des Lebens haben und dass sie sehr wissbegierig sind; und wenn zu ihnen Missionäre kommen, natürlich anfangs unter gehöriger Bedeckung, so haben sie mit diesen Völkern ein leichtes Spiel, vorausgesetzt, dass sie sich ihnen mitzuteilen verstehen, was aber eben auch nicht zu schwer ist, weil diese Völkerschaften wegen ihrer sehr wenigen Bedürfnisse auch überaus begriffsarm und wenige ganz natürliche Zeichen mit der Hand oft völlig hinreichend sind, mit diesen Völkern sich anfangs genugsam besprechen zu können.
ER|0|82|12|0|So wild und nahe ganz tierisch diese Völker sind, so sind sie aber doch für die geistige Welt bei weitem höher stehend als die Bewohner Madagaskars, und überhaupt solche Völker, die aus ihren inneren landespolitischen Ursachen entweder nur sehr schwer oder auch gar nicht zugänglich sind; und es sind obige wilde Völker zu vergleichen mit den Dingen auf der Erde, zu denen man leicht gelangen kann.
ER|0|82|13|0|Jedes Ding, wenn noch so unscheinbar, kann zu etwas Nützlichem verwendet werden, wenn man sich desselben nur habhaft machen kann; aber die herrlichsten Dinge auf solchen Stellen der Erde vorkommend, die von niemand erreicht und betreten werden können, sind für nichts zu verwenden und so gut, als wären sie gar nicht vorhanden.
ER|0|82|14|0|Mehr im westlichen Teil an der Küste dieses Weltteils wohnen wohl wieder Stämme unter einem König, auch hie und da unter einer Königin; diese Stämme sind die allerschlechtesten, weil sie Menschenhandel treiben, und einige Könige haben so viel, als bei euch tierische, dort Menschengestüte angelegt, um desto mehr Sklaven für den Handel nach Amerika zu erzeugen.
ER|0|82|15|0|Die stärksten und fruchtbarsten Frauenzimmer werden zu Tausenden in diese Gestüte zusammengefangen und von den stärksten Männern beschlafen. Wenn sie dann schwanger sind, müssen sie die gewöhnlichen Arbeiten verrichten; nur einige Tage vor der Entbindungszeit werden sie wieder an den bestimmten Sammelplatz getrieben, um da ihre Frucht auf die Welt zu setzen, welche Frucht sie dann ein Jahr lang mit ihrer Brust zu erhalten haben. Nach dieser Zeit werden ihnen die Kinder abgenommen und der öffentlichen Ernährungsanstalt übergeben.
ER|0|82|16|0|Nach sechs Wochen nach der Entbindung muss ein solches Frauenzimmer sich wieder beschlafen lassen und so fort, bis manche nicht selten bei 20 Kinder zur Welt gebracht hat. Ist solch ein Frauenzimmer nach solcher Dienstleistung noch kräftig genug, so kann es noch mit als Sklavin verkauft werden; ist sie aber zu schwach, so wird sie hinausgetrieben und muss sich selbst ihre weitere Nahrung suchen.
ER|0|82|17|0|Nebst dieser Manipulation aber lassen diese schwarzen Herrscher auch noch, wo es nur tunlich, die Sklaven zusammenfangen, um sie dem Handel preiszugeben.
ER|0|82|18|0|Es ist zwar in der gegenwärtigen Zeit diesem gar grässlichen Unfug an manchen Stellen schon so ziemlich gesteuert worden; aber in den mehr tief liegenden Gebieten gibt es noch eine Menge solcher Scheußlichkeiten.
ER|0|82|19|0|Die verkauften Sklaven haben zwar auf dieser Welt leider bei den christlichen Völkern das schrecklichste Los, dafür sie aber so viel möglich jenseits schadlos gehalten werden. Aber jene Scheusale von Königen und Königinnen sind das ärgste Aas der Hölle; denn ihre Bosheit übersteigt alle Begriffe, und die Härte ihres Herzens zermalmt den Diamanten. Mit diesen ist in der Geisterwelt wohl nichts anderes zu machen, als sie für den Weihrauch der untersten Hölle zu gebrauchen.
ER|0|82|20|0|So gibt es unter ihnen auch Königinnen, die sich als die eigentliche Gottheit anbeten lassen, und wenn eine solche Königin stirbt, was für die Gottheit freilich wohl etwas Schmähliches ist, so müssen, um diese Schmach zu sühnen, wenigstens einige Hunderte mit der Göttin sterben und einige sich sogar lebendig mit ihr begraben lassen, damit der Königin im Grab nicht zu langweilig wird.
ER|0|82|21|0|Dass mit dergleichen Menschen jenseits sehr wenig zu machen ist und selbst durch eine zweite Fleischwerdung keine außerordentlichen Erfolge zu erwarten sind, das lässt sich aus dem leicht ersehen, was für Früchte aus all den zahllosen Besserungsversuchen des Satans bis jetzt noch hervorgegangen sind; doch daran liegt wirklich nicht viel.
ER|0|82|22|0|Wenn einem Töpfer ein Topf durchaus nicht gelingen will, was wird es wohl sein, so er ihn zusammenschlägt und hinaus auf die Straße wirft, wo er doch vielleicht als Straßenpflaster zu gebrauchen sein wird, wenn er sich schon durchaus zu keinem nützlichen Topf hat qualifizieren lassen wollen? Oder was wohl wird es einem Tonkünstler sein um eine freie Phantasie, wenn er sie abgespielt hat und nicht zu Papier gebracht? Hat er nicht die Fähigkeit, für die eine verlorene tausend andere vorzuspielen, und wenn er eine will, sie auch aufs Papier zu bringen?
ER|0|82|23|0|Daher lassen wir diese ungeratenen Töpfe von Völkerschaften und begeben uns wieder zu einem anderen Volk.
ER|0|83|1|1|Die Bewohner Australiens
ER|0|83|1|1|Am 12. Mai 1847
ER|0|83|1|0|Nebst diesen afrikanischen wilden Völkerhorden gibt es auch gleiche Rassen, wie ihr zu sagen pflegt, im von euch gezählten fünften Weltteil namens Australien.
ER|0|83|2|0|Dieser Weltteil, oder vielmehr diese größte Insel der Erde, hat besonders in ihrem Innern noch eine bedeutende Menge Völkerschaften, zu denen noch beinahe kein Strahl menschlicher Bildung gelangt ist; da sind noch, wie ihr zu sagen pflegt, reine Naturmenschen, die aber gerade nichts Bösartiges an sich haben.
ER|0|83|3|0|Sie sind überaus friedfertig; von einem Krieg wissen sie nichts, obschon sie den Tod nicht im Geringsten fürchten, im Gegenteil haben sie nicht selten eine große Sehnsucht danach. Auch leibliche Schmerzen können sie mit einer für euch kaum begreiflichen Gleichgültigkeit ertragen; daher sie auch die größten Strapazen des Lebens mit dem größten Gleichmut ertragen können.
ER|0|83|4|0|Kämpfe mit reißenden wilden Bestien sind ihnen ein unterhaltendes Spielwerk; auch im Fangen der Schlangen sind sie große Meister und gehen auch allzeit mit der größten Begierde auf diesen Fang darum aus, weil diese Tiere für sie die wohlschmeckendsten Leckerbissen sind.
ER|0|83|5|0|Wenn sie fremde Ankömmlinge irgendwo erblicken, so ergreifen sie gewöhnlich die Flucht, weniger aus Furcht als aus einer Art Abscheu, die sie vor den bekleideten Europäern, auch Asiaten bekommen; denn nichts ist ihnen widerlicher und ärgerlicher als ein bekleideter Mensch.
ER|0|83|6|0|Sie sind ebenfalls Kainiten, aber von der besten Art, und haben einen dunklen Begriff von der Urzeit und von einem höchsten Wesen. Das höchste Wesen aber verehren sie nicht selbst, sondern solches überlassen sie den Vögeln in der Luft, welche Tiergattung wohl nirgends so schön und so reichlich vorkommt wie in diesem Weltteil.
ER|0|83|7|0|Die Menschen sagen da: Gott sehe nicht auf die Verehrung, sondern lediglich auf die Arbeit des Menschen und habe über ihm herumfliegende himmlische Gestalten erschaffen, die ihn beobachten, was er tut; und wenn sie ihn beobachtet haben, so fliegen sie dann bald wieder aufwärts zu den Sternen und erzählen es dem höchsten Wesen, wie sich die Menschen drunten auf der Erde aufführen.
ER|0|83|8|0|Daher sind denn diese Menschen auch sehr fröhlich, wenn sie eine Menge Vögel um sich herfliegen sehen; denn sie schließen daraus, dass Sich Gott für sie sehr interessiere, wenn Er ihnen recht viele Beobachter über den Kopf hinstellt.
ER|0|83|9|0|Aber Vögel, die nicht fliegen können, als da sind ihre sehr vielen Truthühner und noch eine Menge anderes Geflügel dieses Gelichters, stehen bei ihnen in keinem großen Ansehen, daher werden sie von ihnen auch gegessen, aber allzeit roh. Denn bei ihnen ist das Regel, dass man das Geflügel roh essen muss, das Fleisch der zahmen vierfüßigen Tiere bloß gesalzen und in der Luft getrocknet, die Fische müssen gesotten werden und die Erdwürmer, als da sind allerlei Schlangen, Eidechsen und Krokodile, beim Feuer gebraten.
ER|0|83|10|0|Früchte aber müsse man also genießen, wie sie wachsen, wenn sie reif sind. Die beste Frucht aus allen ist aber die Kokosnuss, die ihnen alles gibt: Getränk, Butter und eine Art Brot.
ER|0|83|11|0|Nur selten haben diese Menschen Häuser oder Hütten; und wenn sie schon irgendetwas Ähnliches haben, so haben sie es fast in der Art noch, wie es die Urmenschen gehabt haben.
ER|0|83|12|0|Dichte Baumgruppen werden mit einer Art lebendigem Zaun umfasst, und nur auf einer Seite wird ein Eingang gelassen. Eine solche lebendig umzäunte Baumgruppe ist gewöhnlich das Haus einer ganzen oft sehr zahlreichen Familie; inwendig ist alles ganz blank geputzt, auswendig aber sieht es einem undurchdringlichen Gestrüpp gleich, sodass es auch nicht leicht möglich wäre, irgendwo anders in solch ein Haus zu gelangen als durch die gewöhnliche Eingangstüre, besser: Eingangsgasse, welche nie in gerader Richtung, sondern in möglichsten Krümmungen in das eigentliche Wohnhaus führt.
ER|0|83|13|0|Eine solche Türe, oder besser Gasse, ist nicht selten eine Stunde lang und ist ein wahrer Irrgang, den ein Fremder nicht leichtlich durchwandert, ohne sich wenigstens hundert Mal zu verirren. Diesen Eingang legen sie aber darum so verführerisch an, damit eine fremde Völkerschaft oder auch wilde reißende Tiere sie zur Nachtzeit nicht auffinden und überfallen können.
ER|0|83|14|0|Längs dieses krummen Irrwegs befinden sich ihrer größeren Sicherheit wegen nicht selten 2 Klafter tiefe Gruben, gewöhnlich so breit als der Weg selbst, nämlich etwa 3 bis 4 Schuh, und bei anderthalb Klafter lang. Am Tag sind diese Gruben zugedeckt, bei der Nacht aber wieder abgedeckt, und das ist ein recht gutes Schutzmittel für ihr Haus; denn durch das Gestrüpp, welches so dicht aneinander gewachsen ist, dass man nicht leichtlich einen Finger zwischen hindurch bringen kann, kommt nicht einmal eine Maus durch, geschweige erst irgendein anderes Tier oder ein Mensch, besonders bei schon alten Wohnhäusern, wo das lebendige Zaungestrüpp die dichte alte Baumgruppe in einer Entfernung von 3 bis 400 Klaftern umgibt.
ER|0|83|15|0|Das Schrecklichste für sie ist, wenn ein Baum ihres lebendigen Hauses anfängt, aus Altersschwäche abzudorren. Da wird alles Mögliche angewendet, um womöglich solch einen Baum noch wieder zu beleben; nützt aber alles nichts, so wird er von oben gewisserart wie ein Haus bei euch von Ast zu Ast behutsam abgetragen, und das bis zur Wurzel; ist der alte Baum ganz abgetragen, dann wird Feuer auf seinem Wurzstock gemacht und langsam der ganze Baum verbrannt.
ER|0|83|16|0|Ist diese manchmal mehrere Tage andauernde Verbrennungsszene vorüber und das Erdreich abgekühlt, so wird dann an dieselbe Stelle ein anderer Baum gesetzt und gepflegt, damit er ja so schnell wie möglich seinen Vorgänger ersetzen möchte.
ER|0|83|17|0|Überaus unglücklich aber macht es diese Menschen, wenn, wie besonders in gegenwärtiger Zeit, nicht selten habgierige Europäer an ihre über alles geliebten Wohnungen kommen und dieselben von außen her anzünden, was dann natürlich die armen Einwohner, wenn es noch möglich ist, ihre Wohnung zu verlassen nötigt. Meistens aber werden diese Armen von dem massiven Rauch erstickt; welche Handlungsweise der Europäer diese armen unschuldigen Menschen auch zuallermeist mit einer unaustilgbaren Abscheu gegen bekleidete Menschen erfüllt.
ER|0|83|18|0|Es gibt dergleichen Urstämme nunmehr nur noch im mittelsüdlichen Australien; denn der Ost, Nord und West ist schon zum größten Teil unter englischer und holländischer Botmäßigkeit.
ER|0|83|19|0|In einigen nördlichen Gebieten aber gibt es wohl auch einige geduldete Urstämme, welche aber sich von den eigentlichen darin unterscheiden, dass sie eine Art königlicher Oberhäupter haben, und mit denen eine Verfassung, die der borneonischen ziemlich ähnlich ist. Diese Oberhäupter haben auch eine Art Militär, welches noch die gewöhnliche Bogenbewaffnung hat und daneben auch einen überaus scharfen Geruchssinn, vermittelst dessen ein solcher australischer Krieger einen Feind auf eine Stunde weit riecht.
ER|0|83|20|0|Der Geruchssinn ist zwar auch bei den eigentlichen Urbewohnern dieses Weltteils überaus scharf; aber sie machen weniger Gebrauch davon als die beoberhaupteten Stämme des Nordens dieses Weltteiles.
ER|0|83|21|0|Die Religion bei den Nordländern ist schon mehr chinesischer Art, obschon auch mitunter daneben uraustralisch; daher sie in der Geisterwelt auch nicht so leicht zum Christentum zu bewegen sind wie die Urbewohner dieses Weltteils.
ER|0|83|22|0|Bei den Nordbewohnern aber ist daher auch schon ein größerer Grad von einer Kultur zu Hause als bei den eigentlichen ganz einfachen südlichen Urbewohnern, die außer einer Art Hacke und einer Art Schnitzmesser gar kein anderes landwirtschaftliches Gerät kennen, wohl aber Meister sind in allerlei Flechtwerk aus Gras, Wurzeln und einer Art Baumwolle, welches Flechtwerk sie aber lediglich zur besonderen Ausschmückung ihrer Wohnhäuser gebrauchen, indem sie sonst ganz nackt einhergehen, und statt der Kleidung manchmal ihre Haut tätowieren, was aber auch nicht bei allen der Fall ist.
ER|0|83|23|0|Dass diese einfachen, unschuldigen, überaus gutmütigen Menschen in der Geisterwelt sehr leicht zum Christentum bewogen werden können, ist schon oben berührt worden, und mehr braucht es aber auch nicht; denn es ist mit so einem Menschen jenseits wahrlich viel besser als mit einem dummen, eingebildeten Sektenchristen.
ER|0|83|24|0|Mehr brauchen wir aber auch von diesem Volk nicht zu wissen, weil alles andere nur für eine Statistik, nicht aber für unsere geistige Völkeransicht taugt. Daher wollen wir fürs Nächste zu noch einem anderen Völkchen übergehen.
ER|0|84|1|1|Die Ureinwohner von Neuseeland und weitere Völker in Amerika und Afrika
ER|0|84|1|1|Am 14. Mai 1847
ER|0|84|1|0|Sehr stark im Süden der Erde liegt noch eine ziemlich bedeutende Insel: Neuseeland; diese besteht eigentlich aus drei Hauptinseln und dann noch aus einer Menge kleiner Inseln und sehr vielen Korallenbänken.
ER|0|84|2|0|Die Urbewohner dieser Insel sind euch schon, wie manches andere, bei einer anderen Gelegenheit gezeigt worden in ihrer Beschaffenheit, Religion und in ihrem misslichen Verhältnis gegen die Europäer; daher ihr das hierher [dort] lesen könnt, um dieses Volk näher zu betrachten.
ER|0|84|3|0|Dessen ungeachtet aber kann hier doch gesagt werden, wie dieses Volk in der geistigen Welt aufgenommen wird. In der geistigen Welt kommt es ziemlich leicht weiter; denn es hat eine außerordentliche Ehrfurcht vor dem höchsten Wesen und vor allen sich wunderbar gestaltenden Dingen.
ER|0|84|4|0|Wenn es dann in der Geisterwelt als in der eigentlichen Welt der Wunder zu Erscheinungen geleitet wird, welche es an die Menschwerdung des Herrn vorermahnen, so fragt es bald voll Neugierde um die nähere Entwicklung und um den eigentlichen Grund, was alles ihnen nach dem Verhältnis ihrer Aufnahmefähigkeit auch sogleich kundgetan wird.
ER|0|84|5|0|Wenn sie solche Wissenschaft erlangen, so haben sie eine überaus große Freude daran und wünschen bald nichts sehnlicher, als den Herrn baldmöglichst gewisserart persönlich kennenzulernen, was jedoch mit einer Vorsicht geschehen muss, weil sonst diese Menschengeister zu jählings von einer zu heftigen Liebe ergriffen würden, die ihren Geist ob der plötzlichen zu großen Stärke eher schwächen als stärken würde.
ER|0|84|6|0|Wenn sie aber weise nach und nach vorbereitet werden, so werden sie gerade dann mit jener weise gemäßigten Liebeglut in der Gegenwart des Herrn sich befinden, wenn dieser Zustand für sie am allerzuträglichsten sein wird. Sind sie aber einmal in des Herrn Gegenwart eingeführt, dann bleiben sie aber auch unverwandt fest und sind überaus tätig in allen Werken der Liebe. Ihnen wird hauptsächlich die Überwachung des Südpols der Erde wie auch die Hauptdirektion des Mondes anvertraut, bei welchem Geschäft sie so lange verbleiben, als es Mein Wille ist, der genau weiß, wie lange er die Geister bei gewissen Geschäften zu belassen hat.
ER|0|84|7|0|Was nach solchem Geschäft mit dergleichen Geistern geschieht, das entscheiden ihre in solchen anvertrauten Geschäften erworbenen inneren Fähigkeiten. So aber in des Vaters Haus viele Wohnungen sind, so wird es auch noch gar viele fernere Beschäftigungen geben.
ER|0|84|8|0|Weiteres braucht ihr auch nicht mehr zu wissen; denn solches bleibe für jenen Zeitpunkt, in welchem ihr darin selbst werdet können in eurem Geiste die rechten Erfahrungen machen, vorbehalten.
ER|0|84|9|0|Nebst diesem Völklein aber gibt es noch eine Menge Bewohner kleinerer Inseln, deren geistiges Los mit einem oder dem anderen vorbenannten Volk eine sichere Ähnlichkeit hat; daher es auch nicht nötig ist, jede der vielen tausend Inseln speziell darzustellen, was zwecklos wäre und eine unnötige weit ausgedehnte Arbeit verursachen würde.
ER|0|84|10|0|Gleicherweise gibt es auch noch in Amerika einige wenige Wilde, welche sich in ihrem geistigen Zustand sehr wenig von den bisher beschriebenen wilden Völkerhorden unterscheiden.
ER|0|84|11|0|Als menschliche Seltenheit existiert im hohen Afrika meistens an Flüssen noch eine eigene Art Menschen; die eine ist ganz weiß und die andere weiß und schwarz gescheckt. Die erste Art heißen eure Naturforscher Kaninchenmenschen oder Kakerlaken; die zweite Art die Gazillas, auch Elstermenschen.
ER|0|84|12|0|Beide Menschenarten sind am Tag fortwährend in unterirdischen Höhlen; nur zur Nachtzeit gehen sie heraus, um sich für ihre Nahrung etwas zu erjagen. Die Ursache davon, dass sie nur nachts aus ihren Wohnhöhlen gehen, sind ihre überaus empfindlichen Augen.
ER|0|84|13|0|Obschon sie aber den irdischen Tag fliehen, so sind sie aber doch nichts weniger als Feinde des geistigen Tages, und beide Menschengattungen haben darum fortwährend das zweite Gesicht und sind in ihrer Seele ebenso zart und sanft, als wie sie es in ihrem irdischen Körperbau sind.
ER|0|84|14|0|Sie haben freilich wohl hier auf Erden wenig äußere Kenntnis vom Evangelium und mit Missionären seltene Zusammenkünfte; aber nichtsdestoweniger haben sie ein inneres Evangelium, welches für ihr Wesen unverfälschter als jenes ist, welches nicht selten überaus ruhm- und habsüchtige Missionäre den wilden Volksstämmen zubringen und vorpredigen.
ER|0|84|15|0|Mit diesen seltenen Menschenarten sind wir aber auch mit der eigentlichen geistigen Darstellung der Erde zu Ende. Wir werden darum, um das über Nichtchristenvölker bisher Gesagte zum rechten Verständnis zu bringen, nur noch etwas weniges hinzufügen und damit für euch segnend dieses Werk schließen.
ER|0|85|1|1|Abschließende Anmerkungen zu diesem Werk
ER|0|85|1|1|Am 15. Mai 1847
ER|0|85|1|0|Das über Völkerschaften anderer Religionen bisher Gesagte ist nicht so sehr euretwegen als vielmehr der Welt wegen der geistigen Darstellung der Erde angeknüpft worden, und zwar als das vorbesprochene Heu und Stroh für die weltgelehrte graufärbige Menschheit. Als Heu und Stroh darum, weil es eigentlich zu der Abhandlung der geistigen Erde nicht gehört, da es zumeist nur lauter materielle Beschaffenheiten der nichtchristlichen Völkerschaften darstellt, wo nur am Ende allzeit das geistige Los solcher Völker berührt und gezeigt wird.
ER|0|85|2|0|Die Gelehrten der Welt werden da einen Hauptanstand finden; allein ebendarum ist es ja gegeben, damit sie daran etwas zu wiederkäuen haben.
ER|0|85|3|0|Ferner ist diese Hinzugabe der nichtchristlichen Völkerschaften auch darum mehr oder weniger Heu und Stroh, weil die Gelehrten, die die Erde aus den Büchern kennen, hie und da manche Verhältnisse als anders gestellt wissen, als wie sie hier der inneren Wahrheit gemäß angezeigt sind.
ER|0|85|4|0|Freilich bedenken die Gelehrten nicht, dass die anderen Bücher, aus denen sie die Erde kennengelernt haben, eben auch nicht immer von Menschen geschrieben wurden, die die Erde auf allen Punkten selbst bereist hätten. Solche Bücher haben zumeist Menschen zusammengeschrieben, welche fürs Erste zum Schreiben Zeit genug und nebst der Zeit auch Gelegenheit hatten, alle Konversationslexika und andere Reisebeschreibungen zu ihren Händen zu bekommen, um daraus ihre sogenannten vollständigen Geographien zu fabrizieren.
ER|0|85|5|0|Die Hauptstatistiker, denen die ganze Erde gleichsam, wie ihr zu sagen pflegt, gemaust ist, kennen die gesamten Verhältnisse desjenigen Landes, das sie bewohnen, gar oft nur zum wenigsten Teil. Statt Bereisungen zu machen, um sich selbst von allem zu überzeugen, wühlen sie lieber in dick bestaubten Archiven herum und studieren [von] dort heraus die Verhältnisse des Landes und dessen Beschaffenheit; aber sie sollen nur ein Land von Dorf zu Dorf, von Gemeinde zu Gemeinde, von Tal zu Tal und von Berg zu Berg überschreiten, und sie werden da eine solche Menge neuer Verhältnisse, Sitten und Gebräuche und eine so große Menge neuer Namen finden, von denen sie bis jetzt noch keine Ahnung gehabt haben.
ER|0|85|6|0|Wenn ihnen aber schon das Land, in dem sie leben, noch so viel aufzuweisen hätte, das sie nicht kennen, wie viel mehr wird die ganze Erdoberfläche verschiedenartige Beschaffenheiten, Verhältnisse und noch eine Menge von allerlei Geheimnissen in sich fassen, von denen unseren mehr als allwissend sein wollenden Gelehrten noch nie etwas geträumt hatte. Und sonach wird es Mir wohl etwa für die Welt erlaubt sein, hier auch von einigen fremden irdischen Beschaffenheiten und Verhältnissen gesprochen zu haben, indem Ich die Erde sicher schon vor gar sehr vielen Jahren besser gekannt habe, als sie die Gelehrten je kennen werden.
ER|0|85|7|0|Es ist zwar das in dieser Mitteilung über die fremden Völker Kundgegebene gegenüber den Weltgelehrten, wie schon gesagt, Heu und Stroh; aber gegenüber den im Geist Geweckten ist es das mitnichten. Denn diese werden sich leicht in sich selbst überzeugen, dass es mit den kundgegebenen Sachen also steht und auch nicht anders stehen kann, weil solche Enthüllung eine wahre ist, von innen nach außen, nicht aber eine falsche, entnommen aus der Außenfinsternis geführt zur inneren Nacht des Herzens.
ER|0|85|8|0|Was wohl kann es dem Menschen nützen, wenn er sein Gedächtnis mit lauter geographischen Büchern vollgestopft hat, kann aber dabei niemanden und am allerwenigsten seinen eigenen Geist fragen, ob es sich mit den Sachen in der Wirklichkeit so verhalte, als wie sie gedruckt zu lesen sind?! Um wie viel besser ist da derjenige daran, der es vom Geist lernt und von Mir, dem Vater, Selbst gezogen wird; denn bei dem ist alle Wissenschaft lebendig, während sie bei dem anderen nur aus toten Bruchstücken besteht, für deren Echtheit ihm am Ende keine andere Bürgschaft überbleibt, als die Autorität einer Bibliothek und eines Archives.
ER|0|85|9|0|Ich habe euch aber diese fremden Verhältnisse gegeben, nicht zur Beschwerung des Gedächtnisses, sondern zur Belebung des Geistes. Da sie aber also gegeben sind, und darum, dass euer Geist daran in seiner Weisheit eine Übung habe, so sind sie gegeben, wie sie sind – und wie sie nicht sind. Wie sie sind, das findet der Geist in seinem Licht, und aus demselben wird ihm klar, dass diese materiell scheinenden Darstellungen im Grunde des Grundes doch nur geistige sind, weil alle diese Verhältnisse auf der geistigen Erde eben also vorkommen wie auf der natürlichen Erde. Und sie sind gegeben, wie sie nicht sind, nämlich materiell auf der geistigen Erde, die nichts Materielles hat, denn Ich bin, Der Ich dieses gebe, ein Geist, und zwar der allerhöchste Geist.
ER|0|85|10|0|Vor Meinen Augen gibt es keine Materie, somit ist auch jede Gabe von Mir geistig und nicht materiell, wenn sie auch noch so materiell zu sein scheint.
ER|0|85|11|0|Ich tue, ob Ich es schon sage oder nicht, Meinen Mund nur stets in Gleichnissen auf, damit sich die Welt an ihnen stoße, und mit offenen Ohren das Lautgesprochene nicht vernehme, und mit offenen Augen nichts sehe. Und es mag sich die Weisheit der Welt schleifen und ihren Stachel schärfen, wie sie will, die Rinde um den eigentlichen Baum des lebendigen Erkenntnisses wird sie dennoch nimmer durchstechen.
ER|0|85|12|0|Wohl kenne Ich die Erde in jedem einzelnen Atom, und um desto leichter die einzelnen oberflächlichen Verhältnisse und Beschaffenheiten; aber dennoch werde Ich keinen irdischen Statistiker machen, sondern Meine Statistik, wenn schon das Irdische richtig sehend, ist doch nur eine Statistik des Geistes.
ER|0|85|13|0|Oder würdet ihr denjenigen nicht einen Toren schelten, der das Kind im Mutterleib durch irgend magnetische Vorrichtungen unterrichten wollte, in welchen Verhältnissen es sich in der kleinen Mutterwelt befindet und wie diese beschaffen ist? Für diesen Zweck ist das Kind sicher nicht im Mutterleib, sondern der Zweck ist die individuelle Ausgestaltung des Lebens. Wenn das Kind erst ausgeboren wird und nach einigen Jahren zur Begriffsfähigkeit gelangt, dann erst ist es nach und nach an der Zeit, ihm stets entwickeltere Begriffe beizubringen. Insoweit das Kind im Mutterleibe sich zu ernähren hat, ist ihm die hinreichende Kraft gegeben, und einer höheren bedarf es im Mutterleib nicht.
ER|0|85|14|0|Also ist es aber auch mit dem Menschen in dieser Welt, die für ihn nichts ist als ein zweiter größerer Mutterleib, in welchem sein Geist ausgereift und ausgeboren werden muss.
ER|0|85|15|0|Es kann ihm daher hier nur jene Kost, und so viel von ihr gegeben werden, als es zu seinem Reifwerden vonnöten ist; würde man ihm mehr tun, so würde man ihm nur schaden und nie nützen, denn die eigentliche Unterrichtsanstalt fängt erst dann und dort an, wo der Geist schon ausgeboren und vollkommen frei ist.
ER|0|85|16|0|Jeder Geist aber wird dort die wahre Statistik der Erde und des ganzen Universums mit großer Leichtigkeit fassen; darum es überaus töricht wäre, so man ihm, dem Geist, hier alberne Lasten aufbürden möchte, die zu tragen er hier noch durchgehend die Fähigkeiten nicht besitzt, was jeder leicht aus dem Umstand ersehen kann, dass es wohl sicher keinen Menschen auf der Erde gibt, der nur die Oberfläche der Erde allein durchs Erlernen aus den Büchern so vollständig genau innehätte wie ein Blatt Papier, welches vor seinen Augen aufgerollt liegt.
ER|0|85|17|0|Wie groß wohl müsste das Buch sein, in dem jede Kleinigkeit auf der Oberfläche der Erde in die kleinsten Details beschrieben wäre, und welche Zeit würde der Mensch wohl brauchen, um wenigstens nur eine Trillion Namen und Zahlen durchzulesen und sie dann erst auswendig zu lernen.
ER|0|85|18|0|Wäre es demnach nicht die größte Torheit von Mir, wenn Ich für euren Geist einen Professor der Statistik machen und ihm hier in seinem zweiten Mutterleib etwas materiell hineinmagnetisieren wollte, was er einst in seinem freien Zustand leicht in einer Minute in der Fülle fassen und überschauen können wird? Daher ist alles, was Ich gebe, ein Geistiges und kein irdisch Statistisches.
ER|0|85|19|0|Wenn aber irdisch-statistische Punkte in ihren richtigen Verhältnissen auch berührt sind, so sollt ihr sie aber jedoch also nur betrachten als wie die Säulenfüße bei einem großen Gebäude, die das Gebäude selbst nicht ausmachen; aber dennoch ruht das ganze große, herrliche Gebäude auf ihnen.
ER|0|85|20|0|Und so gebe Ich nichts Irdisches des Irdischen wegen, sondern so Ich es gebe, so gebe Ich es zur Unterstützung des Geistigen. Wer alles Irdische also gebraucht, der genießt die dargebotene Nahrung für seinen Geist recht, wer es aber anders genießt, der genießt sein eigenes Gericht; denn er tötet in sich selbst, was er beleben sollte.
ER|0|85|21|0|Es ist ein Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Mutterleib: Im ersten wird der Mensch durch Muss und im zweiten durch Sollst ausgeboren. Im ersten ist der Mensch noch ein Tier, also im ersten Gericht, im zweiten wird er erst nach und nach zum Menschen durch die Erkenntnis und durch die Freiheit seines Willens, der ein Richter ist in ihm; daher dann ein jeder seines eigenen Gerichtes leben wird, und es wird ihm ewig nimmer ein anderes Gericht zukommen als sein eigenes.
ER|0|85|22|0|In diesem Sinne fasst demnach ihr auch dieses Werk und benutzt es als lebenstätige Übung für euren Geist, so werdet ihr die rechte Frucht davon ernten.
ER|0|85|23|0|Diese ist die wahre Liebe zu Mir, wie zu euren Brüdern; zu dieser rechten Liebe werdet ihr um desto leichter gelangen, wenn ihr durch die enthüllten Wunder Meiner Liebe Mich desto tiefer erkennen werdet und einsehen, wie überaus vom ganzen Herzen demütig und herablassend Ich sein muss, um euch solches zu enthüllen zu eurem Allerbesten, welches ist die stets tiefere Erkenntnis Meines Reiches, in dem auch alles andere als Zugabe Meiner Liebe vorhanden ist.
ER|0|85|24|0|Diese Worte beachtet wohl, und beachtet tief, wer Der ist, Der sie euch gibt! Werdet ihr dieses tun in allem und jedem, so wird euch Mein Segen mit diesem wie mit jedem anderen in aller Fülle zuteile werden hier und jenseits ewig, Amen!
ER|0|85|25|1|Deo gratias!
SH|0|0|1|1|Einleitung
SH|0|0|1|1|Empfangen vom Herrn durch Jakob Lorber am 27. Juli 1847
SH|0|0|1|0|Der Bruder A. möchte wissen, wie sich der Übertritt aus dem materiellen ins geistige oder sogenannte jenseitige Leben gestaltet.
SH|0|0|2|0|Oh, dieser Übertritt ist sehr leicht und ganz natürlich zu beschreiben.
SH|0|0|3|0|Siehe, welchen Unterschied macht wohl das Wasser, so entweder ein großer oder ein armer, unbeachteter Mensch hineinfällt? Höre, beide ertrinken auf die ganz gleiche Weise. Oder welchen Unterschied macht das Feuer? Höre, es verzehrt den Kaiser so gut wie den Bettler.
SH|0|0|4|0|Wenn ein Bettler und ein Minister oder Kaiser von einem Turm fielen zur selben Zeit, so wird der eine so gut wie der andere seinen Tod finden durch den jähen Fall.
SH|0|0|5|0|Welchen Unterschied macht wohl das Grab zwischen Groß und Klein, oder zwischen Reich und Arm, oder zwischen Schön und Hässlich, oder Jung und Alt? Siehe, gar keinen! Alles verwest und wird zum Unflat der Würmer und endlich zum nichtigsten Staub.
SH|0|0|6|0|Wie es aber dem Leib im Reich der sogenannten Naturkräfte ergeht, ebenso ergeht es auch der Seele im Reich der Geister. Ob sie auf der Welt Bettler oder Kaiser war, das ist im Geisterreich vollkommen gleich. Da wird mit niemandem eine Ausnahme gemacht, auf dass niemandes Eigendünkel genährt werde und der Große nicht mehr von seiner Größe und der Arme nicht mehr von dem Anspruch ans Himmelreich – da er auf der Welt viel Not gelitten hat – und der Fromme nicht mehr von seinem „Verdienst ums Himmelreich“ geblendet werde. Wie aber schon öfter gesagt: Drüben, wohlverstanden, drüben gilt nichts als nur die reine Liebe.
SH|0|0|7|0|Alles andere aber ist wie ins Meer geworfene Steine, von denen der Diamant gleich dem gemeinsten Sandstein in den ewigen, stinkenden Schlamm versinkt. In sich bleiben sie zwar wohl, was sie sind und was sie waren außer dem Meer; aber das Los beider ist gleich, höchstens mit dem Unterschied, dass der Sandstein eher zu einem neuen Leben aufgelöst wird als der Diamant.
SH|0|0|8|0|Also ist es auch jenseits mit dem diesweltlichen Adel, so derselbe nicht ein bloßer Geburts- sondern auch zugleich ein wirklicher Herzensadel ist, oder mit der diesweltlichen Geringheit. Diese werden sich im Meeresschlamm der unerbittlichen Ewigkeit wohl in ihrer Einbildung noch lange als das dünken, was sie auf der Welt waren. Der Kaiser wird dort sich noch als Kaiser dünken und der Bettler – mit dem Anspruch auf Vergeltung – als Bettler. Aber dessen ungeachtet werden in der großen Wirklichkeit dennoch beide miteinander im Meeresschlamm der Ewigkeit ein gleiches Los teilen. Nur dürfte der Arme eher in die Gärung kommen – und sein Wesen daher auch eher von den wahren, innersten Demutsbläschen angefüllt werden, die ihn dann aus dem Schlamm ziehen möchten und hinauftragen zum ewigen Licht und Leben – als der Kaiser oder ein sonstiger Weltgroßer.
SH|0|0|9|0|Nach diesem Muster oder nach dieser Kardinalregel könnt ihr den Hintritt eines jeden Menschen genau beurteilen. Haltet euch daher an die Liebe, auf dass ihr dereinst nicht des allgemeinen Loses teilhaftig werdet! Amen. Amen. Amen.
SH|0|1|1|1|Erstes Beispiel. Ein berühmter Mann
SH|0|1|1|1|Am 28. Juli 1847
SH|0|1|1|0|Gehen wir an das Krankenlager eines großen, äußerst berühmten Mannes der Welt – und zwar einige Stunden vor dem Hintritt in die Ewigkeit – und betrachten da dessen Benehmen diesseits und seinen Eintritt ins Jenseits und wie sich da die zwei Welten begegnen und ineinander übergehen mit einem Blick, und es wird sich euch sogleich sonnenhell zeigen, wie so ganz und gar voll Wahrheit die vorhergehende Kardinalregel diese Sache darstellte.
SH|0|1|2|0|Seht, dieses Menschen Taten und Handlungen in der Welt waren von einer solchen Art und wurden auf einem solchen Boden ausgeführt – von dem zumeist das resonierende Echo die ganze Erde durchschwirrte wie ein zischender Meteor –, dass sie aller Menschen Augen auf sich zogen und wegen des starken Bodenwiderhalls an allen Punkten der Erde vernommen und weidlichst für und wider besprochen und beschrieben wurden, und zwar auf so viel Papier, dass man mit selbem nahezu ganz Europa überziehen könnte. Und nun liegt dieser große Mann, dieser Philanthrop, dieser hitzige Verfechter politischer und kirchlicher Interessen seiner Nation hingestreckt auf seinem Lager voll Verzweiflung und Furcht ob der herbeigekommenen letzten Stunde, der zu entgehen sich für ihn auch nicht die leiseste Hoffnung mehr herausstellt.
SH|0|1|3|0|In einer Art von dumpfer, schmerzlichster Verwirrung sieht er – als heimlicher Atheist – bald die ewige Vernichtung seines Daseins, bald fühlt er wieder vermeintliche Schmerzen der Verwesung, darum er sich auch die Einbalsamierung testamentarisch bedingt, – und dass er im Grab nimmer erwache, müssen Herz und Eingeweide von seinem Leib getrennt werden, und damit diesen getrennten Teilen nicht die Zeit zu entsetzlich lang werde, müssen sie an solchen Orten beigesetzt werden, die nicht gar zu selten von Menschen besucht werden.
SH|0|1|4|0|Aber mitten unter solche vernichtende Gedanken mischt sich auch der Katholizismus mit seinen scharfen Höllendrohungen, über die der Mann bei sich freilich gelacht hatte, solange er noch hundert Jahre zu leben wähnte. Aber sie kehren nun wie leicht entflohene Furien zurück und peinigen das so mancher großen Schuld sich bewusste Gemüt unseres Sterbenden ganz entsetzlich, und es können selbes weder die Kommunion noch die Ölung, noch die ununterbrochenen Gebete und vielen Messen und das starke Glockengeläut beschwichtigen. Nur stets grässlicher und stets ewiger sieht seine Seele die Flamme des Pfuhls emporschlagen.
SH|0|1|5|0|Da entfleucht all seine frühere Manneskraft und all seine Philosophie ist dahin, und sein brechendes Herz sinkt schon in die stets dichter und dichter werdende Nacht des Todes. Und die Seele, von der höchsten Angst bedräut, sucht noch in den letzten Atemzugsperioden ein Trostfünklein in den schon tot werdenden Furchen des Herzens, das einst so viel irdischen Mut hatte. Aber da ist es überall leer und statt des Trostes starrt ihr überall entweder die ewige Vernichtung oder die Hölle mit all ihren Schrecken entgegen.
SH|0|1|6|0|Also sieht es diesseits aus; nun aber machen wir auch einen Blick ins Jenseits.
SH|0|1|7|0|Siehe, da stehen drei verhüllte Engel am entsprechend gleich aussehenden Lager unseres Sterbenden und betrachten unseren Mann mit unverwandtem Blick.
SH|0|1|8|0|Nun spricht der A zum B: „Bruder, ich meine, für den ist es irdisch vollbracht. Auf dieser Dornhecke werden irdisch wohl nimmer Trauben zum Vorschein kommen. Sieh, wie sich seine Seele krümmt und windet und keinen Ausgang findet und wie gar so verkümmert der arme Geist in ihr aussieht! Daher greife du mit deiner Hand in die schon starren Eingeweide und entwinde diese gar jämmerlich elende Seele aus ihrer Nacht, und ich werde sie dann in des Herrn Namen anhauchen und sie erwecken für diese Welt; und du, Bruder C, führe sie dann des Herrn Wege ihrem Bestimmungsort zu nach der Freiheit ihrer Liebe. Es geschehe!“
SH|0|1|9|0|Nun greift der Engel B in die Eingeweide unseres Mannes und spricht: „Im Namen des Herrn – erwache und werde frei, du Bruder, nach deiner Liebe. Es sei!“
SH|0|1|10|0|Nun sinkt diesseits die sterbliche Hülle in den Staub, jenseits aber erhebt sich eine blinde Seele!
SH|0|1|11|0|Aber der Engel A tritt hinzu und spricht: „Bruder, warum bist du blind?“ – Und der Neuerwachte spricht: „Ich bin blind. Macht mich sehend, so ihr könnt, auf dass ich erfahre, was da mit mir vorgegangen ist, da mich auf einmal meine Schmerzen verlassen haben!“
SH|0|1|12|0|Darauf behaucht A die Augen des Erwachten, und der Erwachte öffnet sie und schaut ganz erstaunt um sich und sieht niemand außer den Engel C und fragt ihn: „Wer bist du? Und wo bin ich? Und was ist mit mir vorgegangen?“
SH|0|1|13|0|[Der Engel:] „Ich bin ein Bote Gottes, des Herrn Jesu Christi, bestimmt, dich zu führen, so du willst, des Herrn Wege. Du aber bist nun für ewig gestorben für die äußere, materielle Welt körperlich und befindest dich nun in der Geisterwelt.
SH|0|1|14|0|Hier stehen dir zwei Wege offen, der Weg zum Herrn in den Himmel und der Weg zur Herrschaft der Hölle. Es kommt nun ganz auf dich an, wie du wandeln wirst. Denn siehe, hier bist du vollkommen frei und kannst tun, was du willst. Willst du dich leiten lassen von mir und mir folgen, so wirst du wohl tun. Willst du aber lieber dich selbst bestimmen, so steht es dir auch frei. Aber das wisse, dass es hier nur einen Gott, einen Herrn und einen Richter gibt – und dieser ist Jesus, der in der Welt Gekreuzigte! An Diesen allein halte dich, so wirst du zum wahren Licht und Leben gelangen. Alles andere aber wird sein Trug und Schein deiner eigenen Phantasie, in der du nun lebst und von mir dieses vernimmst!“
SH|0|1|15|0|Darauf spricht der Erwachte: „Das ist ja eine neue Lehre und ist wider die Lehre Roms, also eine Ketzerei; und du, der sie mir hier an einsamem Ort will aufdrängen, scheinst eher ein Abgesandter der Hölle als des Himmels zu sein; daher entferne dich von mir und versuche mich fürder nicht!“
SH|0|1|16|0|Und der Engel C spricht: „Gut, deine Freiheit enthebt mich in des Herrn Jesu Namen meiner Sorgen um dich. Daher werde dir dein Licht; es sei!“
SH|0|1|17|0|Darauf entschwindet der Engel C, und der Neuerwachte tritt in seine naturmäßige Sphäre und ist so wie unter seinen Bekannten in der Welt und erinnert sich kaum mehr, was da mit ihm vorgefallen ist, und lebt nun (freilich chimärenhaft) wie auf der Welt, und tut fort, was er auf der Welt tat, und kümmert sich wenig weder um den Himmel noch um die Hölle und noch weniger um Mich, den Herrn. Denn das alles sind nun bei ihm drei vage Lächerlichkeiten gleich einem Traumgebilde, und jeder ihn daran Erinnernde wird aus seiner Gesellschaft ausgewiesen.
SH|0|1|18|0|Seht, aus diesem ersten Exempel könnt ihr schon abnehmen, in welch ein Wasser nun unser großer, berühmter Mann gefallen ist; d. h. wie jeder in sein eigenes Lebenswasser. Die ferneren Beispiele werden diese Sache schon noch heller erleuchten.
SH|0|2|1|1|Zweites Beispiel. Ein Gelehrter
SH|0|2|1|1|Am 2. August 1847
SH|0|2|1|0|Gehen wir an das Krankenlager eines Gelehrten, für dessen irdische Lebenserhaltung – wie ihr zu sagen pflegt – kein Kräutlein mehr gewachsen ist, und betrachten diesen zweiten berühmten Mann, wie er sich in den letzten Stunden noch diesseits befindet – und wie er drüben erwacht und welche Richtung ihm seine Liebe gibt.
SH|0|2|2|0|Der Mann, den wir nun betrachten werden, war auf der Welt ein Philosoph und zugleich ein Astronom „in optima forma“ [in bester Form], wie ihr zu sagen pflegt.
SH|0|2|3|0|Dieser Mann hat in seinem großen Eifer, die Sterne zu mustern und zu berechnen, ein Alter von etlich und siebzig Jahren erreicht, hat sich aber bei einer anhaltenden Sternguckerei an einem sehr kalten Winterabend dergestalt abgekühlt, dass man ihn bei seinem Tubus beinahe ganz erstarrt angetroffen hatte, von wo er dann von seinen Freunden sogleich in seine erwärmte Wohnung gebracht und augenblicklich mit der bestmöglichen Hilfe versehen ward, der zufolge er auch in der Zeit von ein paar Stunden wieder insoweit zurechtgebracht wurde, dass er seinen letzten Willen seinen Freunden kundgeben konnte, welcher also lautete:
SH|0|2|4|0|„Im Namen der unerforschlichen Gottheit! Da man nicht wissen kann, wie lange einem Menschen das unerforschliche Geschick noch dies elende Leben belassen wird, und man auch nicht weiß, welch ein Ersatz einem dafür zuteilwird, so ist es mein Wille, dass ihr, meine lieben Freunde, zuerst meinen Leichnam – so ich sterben sollte – durch Einbalsamierung vor der Verwesung bewahrt und ihn in einem wohlvermachten Kupfersarg in eine Gruft bringt, darin schon mehrere meiner wertesten Kollegen ruhen und gewisserart meiner harren. Das Eingeweide aber, das da zuerst in die Fäulnis übergeht, tut in eine eigene Testinal-Urne unter Spiritus und setzt es in mein Museum an einen Ort, der jedermann sogleich in die Augen fällt, auf dass ich wenigstens in der Erinnerung der Menschen fortlebe, so schon an kein anderes Fortleben nach dem Tode des Leibes zu gedenken ist.
SH|0|2|5|0|Was mein Vermögen betrifft, so wisst ihr, meine Freunde, es ohnehin, dass ein Gelehrter auf dieser Welt selten etwas mehr besitzt, als was er zu seinen täglichen geistigen und physischen Auslagen benötigt, und so ist es denn auch bei mir jetzt, wie es allzeit war. Ich habe kein Geldvermögen jemals gehabt und kann daher auch keines hinterlassen. Veräußert aber bald nach meinem Hintritt meine hinterlassenen Effekten und besorgt damit das, was ich gleich anfangs anbefohlen habe.
SH|0|2|6|0|Meine drei noch lebenden Kinder, die alle gut versorgt sind, benachrichtigt, wenn ich nicht mehr bin, und der älteste Sohn, mein Liebling, der sich mein Fach gewählt hat, soll der Erbe von meinen sämtlichen Büchern und Schriften sein und soll ehestmöglich meine noch unedierten Schriften zum Druck befördern.
SH|0|2|7|0|Damit sei mein Wille beschlossen für diese schöne Sternenwelt, die ich fürderhin nimmer schauen noch berechnen werde!
SH|0|2|8|0|Ach, was ist doch der Mensch für ein elend Wesen! Voll erhabener Ideen, voll überirdischer Hoffnungen, solange er noch gesund auf der Erde umherwandelt, – aber am Rande des Grabes schwinden sie alle dahin wie die Träume und Luftschlösser eines Kindes und an ihre Stelle tritt die traurige Wirklichkeit, der Tod als der letzte Moment unseres Daseins, mit ihm die Vernichtung, die keine Schranken hat.
SH|0|2|9|0|O Freunde! Es ist ein schwerer, schrecklicher Gedanke vom ‚Sein‘ bis zum ‚Nichtsein‘ für den, der – wie ich nun – am Rande des Grabes steht! Mein Inneres ruft mir zu: ‚Du stirbst, du stirbst jetzt! Nur wenige Minuten noch und über dein ganzes Wesen hat sich die schwarze Nacht der ewigen Vernichtung gesenkt!‘ O Freunde, dieser Zuruf ist erschrecklich für den, der am Grabesrande steht, mit dem einen Auge noch die lieben schönen Sterne beschaut und mit dem anderen die ewige tote Nacht, in der keine Idee die Moderasche durchweht, kein Bewusstsein, keine Erinnerung!
SH|0|2|10|0|Wohin, wohin wird dieser Staub in tausend Jahren verweht werden? Welcher Orkan wird ihn aus dem Grab entwirren, und welche Meereswoge wird ihn dann wieder verschlingen oder welch anderes neues Grab?
SH|0|2|11|0|O Freunde! Reicht mir einen Trank, denn ich bin ganz entsetzlich durstig! Einen Trost gebt mir zur Linderung meiner großen Angst! Gebt mir den besten Wein – und viel, damit ich mich noch einmal erquicke und berausche und leichter den schrecklichen Tod erwarte!
SH|0|2|12|0|O du furchtbarer Tod, du größte Schande für den erhabenen Menschengeist, der so Herrliches geschaffen hatte und Entdeckungen gemacht, die ihm zur größten Ehre gereichen! Dieser Geist muss nun sterben, die größte Schande ist sein Lohn: der Tod, die ewige Vernichtung!
SH|0|2|13|0|O Fatum, o Gottheit, habt ihr ewige Sterne verschaffen können, warum nicht auch einen Menschen, der nicht stürbe? O du Tollheit, wie groß musst du sein in der Gottheit, die ein Vergnügen daran hat, Erhabenstes zu erschaffen, um es dann wieder zu zerstören auf ewig oder zu bilden aus Menschen schändliches Gewürm oder Infusorien!
SH|0|2|14|0|Muss ich denn sterben? Warum muss ich denn sterben? Was tat ich, was taten Millionen, dass sie sterben müssen? Wahrlich, in einem Tollhaus hätte eine bessere Schöpfungsnorm stattfinden können, als diese sterbliche da ist, gestellt von einer höchst weise sein sollenden Gottheit!“
SH|0|2|15|0|Hier ermahnten die umstehenden Freunde und Ärzte unseren Astronomen zur Ruhe, die ihm nottue, so er wieder genesen wolle. Denn es stünde ja noch nirgends geschrieben, dass er nun wegen dieser freilich wohl sehr starken Verkühlung sterben müsse, wohl aber könnten ihm solche mächtigen Gemütsaufregungen im Ernst das teure Leben kosten.
SH|0|2|16|0|Diese Mahnung aber fruchtete bei unserem Astronomen sehr wenig, denn er fuhr darauf nur desto ärger auf und sprach in einem höchst aufgeregten Ton: „Weg, weg mit eurer Hilfe! Weg mit diesem elenden verfluchten Leben! Wenn der Mensch nicht ewig leben kann, dann ist das Leben die größte und schändlichste Prellerei und der Tod und das Nichtsein nur die Wahrheit! Schämen muss sich der Weise eines solchen Lebens, das nur von heute auf morgen dauert! Ich will daher auch nicht mehr leben! Mich ekelt nun dieses miserabelste Leben tausendmal mehr an als der elendeste Tod; daher gebt mir Gift, stärkstes Gift gebt mir, auf dass ich ehestens dieses Lebens loswerde! Verflucht sei solch ein Leben, solch ein Mückenleben, und ewige Schande der Urkraft oder Gottheit oder welch ein Kloakengeist sie sonst ist, die es nicht konnte oder nicht wollte, dem erhabenen Menschen ein Leben geben, das sich mit den Sternen auch der Dauer nach messen könnte! Daher weg mit diesem Leben, weg mit dieser Gottheitsprellerei! Kann sie dem Menschen kein besseres Leben geben, so soll ihr auch für das gepfiffen sein, das mag sie für sich behalten! Lebt wohl, ihr meine lieben Freunde, ich sterbe, ich will sterben, ja ich muss sterben; denn nun könnte ich als ein erhabenster Menschengeist nimmer die Schande dieses Fopplebens ertragen!“
SH|0|2|17|0|Hier ermahnen die Ärzte wieder unseren Astromomen zur Ruhe. Aber er wird stumm und gibt ihnen keinen Bescheid mehr. Die Ärzte reichen ihm Moschus, aber er schleudert ihn von sich. Die Ärzte bitten ihn, dass er Medizin nehmen sollte, aber er wird stets mehr stumm und fängt an zu röcheln. Man reibt ihn und sucht ihn wieder aus dieser Lethargie zu retten, allein es ist vergeblich. Nach einer Zeit von ein paar Stunden legt sich zwar das Röcheln, aber an dessen Stelle tritt ein grelles Delirium – in der Welt als solches erscheinlich –, in welchem der Astronom folgendes mit einer hohlen Kreischstimme aussagt:
SH|0|2|18|0|„Wo seid ihr denn, die ich so sehr liebte, ihr schönen Sterne? Schämt ihr euch meiner denn, weil ihr euer holdes Antlitz vor mir verbergt? O schämt euch meiner nicht! Denn euer harrt ja ein gleiches Los, das mich nun getroffen. Ihr werdet auch sterben, wie ich nun gestorben bin! Aber grollt darum dem schwachen Schöpfer nicht, wie ich ihm gegrollt habe. Denn seht, er hatte sicher wohl den besten Willen, aber zu wenig Weisheit und Kraft, darum alle seine Werke so hinfällig und vergänglich sind. Er hätte freilich wohl besser getan, wenn er nie etwas erschaffen hätte, wodurch er sich bei uns, seinen weisen Geschöpfen, nur blamiert hat; denn ein unvollkommenes Werk lässt auf keinen vollkommenen Meister schließen! Daher nicht mehr gegrollt dem armen Tropfen von einem Schöpfer, der am Ende zu tun haben wird, sich selbst über die schrankenlose Vergänglichkeit all seiner Werke hinaus zu erhalten.
SH|0|2|19|0|O du armer Schöpfer du! Jetzt sehe ich es erst ein, dass du wohl ein recht gutes Wesen bist und selbst die größte Freude hättest, so dir deine Schöpfung besser gelungen wäre, aber: ‚Ultra posse nemo tenetur‘ [niemand vermag etwas über seine Möglichkeiten]. Ein Schelm, der’s besser machen will, als er’s kann. Du aber hast es nicht über dein Vermögen besser gemacht, daher bist du auch kein Schelm!
SH|0|2|20|0|O du armer guter Mensch Jesus, der du der Welt wohl die weiseste Moral gegeben hast unter mehrfachen Scheinwundern! Du hast dich auch zu viel auf deinen vermeintlichen Gott-Vater verlassen, der dich gerade dann ob seiner evidenten Schwäche im Stich ließ, als es gerade am meisten an der Zeit gewesen wäre, dich am mächtigsten mit einer Allkraft zu unterstützen, mit der du deine Feinde hättest verwehen können! Als du am Schandpfahl hingst, war es freilich wohl zu spät auszurufen: ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!‘ Denn sieh, dein Gott hatte dich schon lange verlassen müssen, weil ihm für deine wie auch für meine Erhaltung die Kraft ausgegangen ist! Er tat zwar, was er konnte, und hätte auch gern mehr getan, aber siehe, da gilt immer das ‚ultra posse nemo tenetur‘!
SH|0|2|21|0|Ah, das ist aber doch lächerlich! Jetzt bin ich gestorben und lebe aber dennoch – wie ein gefoppter Esel! Das Rarste bei der Sache ist, dass es mir nun geradeso vorkommt, als wäre es die reinste Unmöglichkeit, je sterben zu können! Aber wo nur etwa die Erde hingerutscht ist, und meine guten Freunde? Ich sehe zwar nichts und höre auch nichts, außer mich allein nur, aber ich bin dabei bei hellstem Bewusstsein, und meine Erinnerung erstreckt sich nun ganz klar bis tief und weit über den Mutterleibesstand zurück. Es ist wahrlich sonderbar! Sollte die Gottheit mir etwa dennoch zeigen, dass sie mehr vermag, als ich in dieser meiner letzten Zeit von ihr erwartet habe? Oder lebt noch mein Leib im letzten Vernichtungsmoment und mein nunmehriges Leben gleicht dem Nachglanz jener Sonnen, die vor Trillionen Jahren erloschen sind und nun nur in der Emanation ihres Lichtes durch den unendlichen Raum fortleben?
SH|0|2|22|0|Aber für solch ein Scheinleben, das – mathematisch richtig – wohl auch ewig dauern muss, weil der ausgehende Strahl nimmer an eine Grenze stoßen und somit völlig aufhören kann, bin ich mir meiner selbst nur zu klar bewusst, ja tausendmal klarer als je irgendwann in meiner ganzen irdischen Lebensbahn. Nur, wie gesagt, dass ich nichts höre und sehe außer mich allein. Aha, aha, still nun! Mir kommt es vor, als vernähme ich ein leises Gemurmel, ein Geflüster! Auch will sich meiner wie ein leiser, sehr süßer Schlaf bemächtigen, und doch ist es kein Schlaf, – nein, nein, es ist nur, als ob ich von einem Schlaf erwachen sollte! Doch nun stille, stille; ich höre Stimmen aus der Ferne, bekannte, sehr bekannte Stimmen! Stille, sie kommen, sie kommen näher.“
SH|0|2|23|0|Hier verstummte unser Astronom völlig und bewegte auch die Lippen nicht mehr, woraus die ihn umstehenden Freunde und Ärzte schlossen, dass es nun mit ihm völlig gar sein werde, da ohnehin die halbe Rede, die hier angeführt ist, von den Umstehenden mehr als ein röchelndes Gekreische denn als ein artikulierter Ausdruck vermeintlicher innerer Phantasie des starr werdenden Organismus vernommen ward.
SH|0|2|24|0|Die Ärzte schritten zwar wohl noch zu den extremsten Wiederbelebungsmitteln – aber sie waren nun fruchtlos – und ließen dann den nach ihrer Meinung in die tiefste Lethargie versunkenen Astronomen ruhen und warteten ab, was die Natur von selbst zum Vorschein bringen werde. Aber sie warteten vergeblich, denn die Natur brachte da nichts weiter zum Vorschein als den bald wirklich erfolgten Leibestod.
SH|0|2|25|0|Wo aber nun für die Ärzte und ihre „Natur“ die „ultima linea rerum“ [das letzte Ziel der Dinge] ( d. i. der Tod) erfolgt ist, da empfehlen sie sich. Und wir empfehlen uns auch, aber nicht wie die Ärzte, sondern wie Geister, die dem für diese Erde gestorbenen Mann auch ins Jenseits folgen können und beobachten, was er da beginnen wird und wohin sich wenden.
SH|0|2|26|0|Seht, da ist er noch ganz wie auf der Welt auf seinem Lager – und daneben niemand außer die drei euch schon bekannten Engel. Und dort hinter den drei Boten noch jemand!
SH|0|2|27|0|Hört, noch redet er und spricht: „Siehe, nun höre ich wieder nichts. Was waren denn das früher für akustische Täuschungen? Hm, hm, nun alles mäuschenstill. Bin ich denn noch, oder ist es aus mit mir? Oh, aus ist es auf keinen Fall, denn ich fühle mich ja, ich bin mir klarst bewusst, ich denke, ich erinnere mich an alles haarklein, was ich je verrichtet habe, – nur Nacht, Nacht, die verruchte Nacht, die will nicht weichen! Ich will einmal per Spaß doch zu rufen anfangen, und das so laut als möglich. Vielleicht wird einmal per Spaß mich doch jemand vernehmen! – Heda! – Niemand in meiner Nähe, der mir aus dieser Nacht hülfe? Zu Hilfe, so jemand da irgend in meiner Nähe sich zufällig befindet!“
SH|0|2|28|0|Nun meldet sich der Bote A und spricht zu B: „Bruder, hebe ihn aus seinem Grabe!“ Und der Bote B beugt sich über den Astronomen und spricht: „Es geschehe dir, wie es der Herr allen Lebens und Seins ewig gleich will, – erhebe dich aus deinem irdischen Grabe des Fleischleibes, du irdischer Bruder!“
SH|0|2|29|0|Seht, nun erhebt sich im Augenblick der Astronom und sein Leib fällt wie ein aufgelöster Dunst zurück! Aber der Astronom ruft: „Bruder, hast du mich aus dem Grabe gezogen, so ziehe mich auch aus meiner Nacht!“ Und der Bote C spricht: „Also ist es von Ewigkeit des Herrn Wille, dass alle Seine Geschöpfe, und ganz besonders Seine Kinder, Licht haben und im Licht wohlsehend wandeln sollen. Sonach öffne deine unsterblichen Augen und sehe und schaue, was dir wohlgefällt. Es sei!“
SH|0|2|30|0|Nun öffnet der Astronom in der geistigen Welt zum ersten Mal seine Augen und sieht klar seine Umgebung und hat eine rechte Freude, dass er – nach seiner Idee – wieder Menschen sieht und einen Boden, auf dem er fußt. Nun fragt er aber: „Liebe Freunde, wer seid ihr denn? Und wer bin ich? Denn mir kommt es hier zum Teil doch wieder sehr fremd vor. Auch bin ich so leicht und ungewöhnlich gesund und begreife nicht so recht, wie ich daher gekommen bin und wie eurer Worte Kraft mich sehend gemacht hat. Denn ich war im Ernst stockblind!“
SH|0|2|31|0|Der Engel A spricht: „Du bist für die Welt dem Leibe nach gestorben und bist nun – für ewig lebend deiner Seele und deinem Geiste nach – hier in der eigentlichen wahren Welt des Lebens der Geister. Wir drei aber sind Engel des Herrn, zu dir gesandt, dich zu erwecken und dich zu führen den rechten Weg des Herrn, zu deinem Gott und unserem Gott, zu deinem Vater voll Liebe, Geduld und Erbarmung, der auch unser Vater ist, heilig, überheilig, den du in deiner letzten Endesstunde ‚eine schwache Gottheit‘ nanntest, der dir aber auch alles verzieh, darum du blind und schwach warst! Nun weißt du alles, tue nun danach und du wirst überselig sein gleich uns ewig!“
SH|0|2|32|0|Der Astronom spricht: „Brüder, Freunde Gottes, führt mich, wohin ihr wollt, ich folge euch! Aber wenn ich je der endlosen Gnade soll teilhaftig werden, zur Anschauung Gottes zu gelangen, da stärkt mich gewaltigst! Denn zu elend, schmachvoll und unwert fühle ich mich für ewig, diesen heiligsten Anblick zu ertragen! Aber dort sehe ich ja noch jemand, der uns gar so freundlich anblickt! Wer ist denn der Herrliche? Sicher auch ein Bote der Himmel?“
SH|0|2|33|0|Der A spricht: „Ja, wohl ein Bote aller Himmel! Gehe hin zu Ihm, der Weg ist kurz. Er Selbst wird es dir offenbaren.“
SH|0|2|34|0|Der Astronom geht hin, und der gewisse Jemand geht ihm entgegen und spricht: „Bruder, kennst du Mich denn nicht?“ – Der Astronom spricht: „Wie soll ich dich kennen, sehe ich dich doch zum ersten Mal?! Wer bist du aber, du lieber, herrlicher Bruder?“
SH|0|2|35|0|Der Freundlichste spricht: „Sehe an Meine Wundmale! Siehe, Ich bin dein schwacher Jesus und komme dir entgegen, um mit Meiner Schwäche zu helfen deiner Schwäche; denn käme Ich mit Meiner Kraft dir entgegen, so hättest du kein Leben! Denn siehe, jedes beginnende Leben ist eine zarte Pflanze, die ohne Luft nicht fortkommt, aber der Orkan tötet das Leben der Pflanze! Also bin Ich nun auch nur wie ein zartes Lüftchen, dir entgegenkommend (Zephyr-milde), um dich zu beleben, und nicht als ein Orkan, dich zu zerstören. Liebe Mich, wie Ich dich liebe in Ewigkeit, so wirst du das wahre ewige Leben haben!“
SH|0|2|36|0|Der Astronom spricht: „O Du mein allergeliebtester Jesus! Du also bist es, der die herrliche Lehre den Bewohnern der Erde gegeben und sie Dich dafür gekreuzigt haben? O lehre auch mich den rechten Weg, der zu Gott führt, den Du gelehrt hast; von mir sollst du dafür nie gekreuzigt werden! Aber, so es Dir möglich, lasse dabei mich auch die große Schöpfung in ihrer Klarheit beschauen, die mich durch mein ganzes Leben so sehr beschäftigt hat!“
SH|0|2|37|0|Spricht Jesus: „Dein Weg zu Gott wird nicht weit sein, so du ihn gleich betreten willst; willst du aber zuvor deine Sterne durchmustern, dann wirst du einen weiten Weg haben. Wähle nun, was du lieber willst!“
SH|0|2|38|0|Spricht der Astronom: „Mein geliebtester Jesus, siehe, für Gott bin ich noch lange nicht reif. Daher sei mir, so es dir möglich, behilflich, dass ich in den Gestirnen reif werde.“
SH|0|2|39|0|Spricht der Herr: „Es geschehe dir nach deiner Liebe! Und aus diesen drei Engeln wähle dir einen, der dich führen wird und dir am Ende deiner Reise zeigen, wer dein vermeintlicher Jesus ist, den du als einen Menschen kennst, der gekreuzigt ward!“
SH|0|2|40|0|Seht nun wieder, wie dieser Astronom sein „Wasser“ sucht und nur im selben zu Mir schwimmen will, nicht beachtend, dass Ich schon bei ihm und er bei Mir war! Daher hütet euch vor dem zu gelehrten Wasser der Sternkundigen und Geologen, denn es hat seinen Zug nicht nach Mir, sondern nach der Liebe des Gelehrtenfaches! Zu dem Behuf dies längere Exempel. Nächstens wieder ein anderes. Amen!
SH|0|3|1|1|Drittes Beispiel. Ein Reicher
SH|0|3|1|1|Am 3. August 1847
SH|0|3|1|0|Da sind wir schon wieder am Sterbebett eines Mannes, der sehr reich war, seinen Reichtum rechtmäßig verwaltete, seine Kinder möglichst wohlerzog und anbei der Armen stets bestens gedachte, – freilich mitunter auch manchmal zu einem sogenannten vergnügten Stündchen bei jenen armen, aber jungen Schwesterchen, die um einen Herzogspfennig (Dukaten) für allerlei lustige Dinge zu haben sind, sich einfand. Daneben aber hielt er im Ernst große Stücke auf die Heilige Schrift, las oft und fleißig darin und glaubte fest, dass Jesus der eigentliche Jehova ist, denn er lernte solches aus Swedenborgs Werken, von denen er in den Musestunden bis auf einige kleine alle gelesen hatte.
SH|0|3|2|0|Solche seine Belesenheit aber machte ihn auch sehr aufbrausend, so er jemanden über Jesus gleichgültig oder gar schmählich reden hörte, und befand sich irgendein solcher Antichrist in seiner Gesellschaft, so musste dieser sich beizeiten aus dem Staub machen, ansonst er wohl die übelsten und sehr handgreiflichsten Folgen zu befürchten hatte. Kurz und gut, unser Mann war ein sehr vollkommener strenger Held fürs reine Christentum.
SH|0|3|3|0|Dieser Mann erkrankte in seinem bedeutend vorgerückten Alter, und zwar infolge einer großen Festtafel, bei der er des Guten schon ohnehin zu viel tat, und nach der Tafel besonders ob des durch die vielen starken Weine zu sehr aufgereizten Blutes, wegen gepflogenen zweimaligen Beischlafs mit einer jungen, fleischlich sehr üppigen Schwester.
SH|0|3|4|0|Als unser Mann nach solchem nach Hause kam, empfand er einen leichten Schwindel, den er für ein Räuschel hielt. Aber er irrte sich. Kaum war er im Begriff ins Bett zu steigen, als ihm schon die Füße den Dienst versagten. Er stürzte für die Welt bewusstlos zusammen und war, wie ihr zu sagen pflegt, auch schon mausetot.
SH|0|3|5|0|Dass die Seinigen – tief erschreckt – augenblicklich alles aufboten, ihren Hausvater zu erwecken, versteht sich von selbst. Aber es war vergebliche Mühe, – denn was einmal von den Engelsgeistern geholt wird, das erwacht für diese Welt nimmer.
SH|0|3|6|0|Es ist daher bei diesem Mann diesseits nicht viel mehr zu beschauen und zu behorchen, darum wollen wir uns auch sogleich in die Geisterwelt begeben und sehen, wie sich unser Mann dort ausnimmt und was er beginnt und wohin er sich wendet.
SH|0|3|7|0|Vor allem aber sollt ihr wissen, dass Menschen, die von einem Totalschlag gerührt werden, durchaus nicht wissen und auch nicht im Geringsten merken, dass und wie sie gestorben sind. Sie finden keine Veränderung – weder ihres Hauswesens, wie sie es auf Erden hatten, noch in ihrem Befinden, außer dass sie ganz gesund sind, was sie aber gewöhnlich auf der Welt auch waren. Desgleichen sehen sie auch keine Engel, obschon diese knapp bei ihnen sich befinden, und vernehmen auch nicht das Geringste aus der Geisterwelt, in der sie sich doch vollkommen befinden. Kurz und gut, sie sind ganz in allem und jedem wie noch ganz auf der Welt. Sie essen und trinken, sie leben in ihrem wohlbekannten Ort, in ihrem Haus, da ihnen sozusagen kein teures Haupt fehlt.
SH|0|3|8|0|Also war und ist es auch mit unserem Mann der haargleiche Fall wie im lebhaften Traum. Ihr seht ihn nun schon in der Geisterwelt! Er steigt ganz guter Dinge in sein Bett in seinem wohlbekannten Schlafzimmer, das hier ganz auf ein Haar mit all dem eingerichtet ist wie das auf der Erde. Seht, wie ganz gemächlich er sich im Bett ausstreckt und den Schlaf sucht und erwartet! Aber dieser einzige Umstand macht unseren Mann etwas stutzig, dass er diesmal zu keinem Schlaf kommt, – denn der Schlaf ist den Geistern fremd. Sie haben wohl auch einen entsprechenden Zustand, der alldort Ruhe heißt, aber im Wesentlichsten nicht die leiseste Ähnlichkeit mit dem irdischen Schlaf hat.
SH|0|3|9|0|Behorchen wir nun aber unseren Mann selbst und sehen, wie er sich nun in seinem neuen Zustand benimmt und wie er ihm vorkommt. Hört, was er nun im Bett spricht: „Du, Lini (sein Weib), schläfst du?“ Die Lini richtet sich auf und fragt: „Was willst du, lieber Leopold, fehlt dir etwas?“ (NB. Weib und Kinder und sonstige Domestiken werden durch eigens dazu beorderte Geister wie verdeckt vorgestellt.) Spricht der Mann: „Nein, mir fehlt gerade nichts, ich bin, Gott sei Dank, ganz kerngesund. Nur kein Schlaf, aber auch nicht die leiseste Anmahnung zum Schlaf will sich meiner bemächtigen. Geh und gib mir meine Schlafpillen, ich werde ein paar verschlucken, vielleicht wird sich’s nachher tun.“
SH|0|3|10|0|Die Lini steht sogleich auf und erfüllt den Willen ihres Mannes. Die Pillen sind nun verschluckt, aber der Schlaf bleibt noch immer aus!
SH|0|3|11|0|Der Mann spricht nach einer Weile: „Lini, geh, gib mir noch ein paar, denn sieh, mir kommt noch kein Schlaf, ich werde nur stets munterer statt schläfriger.“
SH|0|3|12|0|Lini spricht: „Geh, lass die Pillen, könntest dir damit noch den Magen verderben. Pflege dafür mit mir lieber einen Beischlaf, und du wirst dadurch vielleicht eher zu einem Schlaf kommen, wenn du denn schon durchaus schlafen willst.“
SH|0|3|13|0|Spricht der Mann etwas betroffen: „Ja liebe Lini, mit solchem Akt wird’s nun mit mir etwas hart hergehen; denn du weißt es ja schon aus langer Erfahrung, dass ich nach einem großen Schmaus dazu nie disponiert bin. Denn da versagt mir die Natur dazu allzeit den gewissen erforderlichen Dienst. Daher gib mir doch lieber noch ein paar Pillen!“
SH|0|3|14|0|Spricht das Weib: „Sonderbar, mein lieber Herr Gemahl! Man spricht aber doch, dass sich der reiche, gottesfürchtige Leopold gewöhnlich nach solchen Festtafeln zu einer gewissen Cilli begebe und dort seinen Mann derart stellen soll, dass davon ein Jüngling ein Exempel nehmen könnte. Aber so nachher daheim die treue, freilich wohl schon etwas mehr bejahrte Lini merken lässt, dass sie des Leopolds Weib ist und manchmal aus gewissen Gründen auch zu keinem Schlaf kommen kann, da hat der Leopold dann allzeit tausend theosophische, philosophische und Gott weiß was alles noch für Gründe, des Weibes billiges und ohnehin sehr seltenes Verlangen zu beschwichtigen! Schau Leopold, du treuer Freund der Wahrheit, wie kommt es dir denn (verstehe es so geheim bei dir) vor, so du mich, dein allzeit getreuestes Weib, so schnöde und wahrhaft scheinheilig anlügst? Wie oft hast du mir die Schändlichkeit des Ehebruchs mit den grellsten Farben ausgemalt! Was sagst du aber nun zu dir selbst, so ich es dir sonnenklar bezeugen kann, dass du selbst ein Ehebrecher bist?“
SH|0|3|15|0|Spricht der Mann ganz verdutzt: „Lini, liebes Weib, woher weißt du denn solche Taten von mir? Wahrlich, so was könnte ich nur in einem dicksten Rausch getan haben, – und habe ich’s getan, so rechne ich darauf, dass du mit einer menschlichen Schwäche an mir auch eine christliche Geduld haben wirst und wirst davon weiter keinen unser ganzes Haus entehrenden Gebrauch machen! Sei gescheit, liebes Weib, sei gescheit und rede nicht mehr davon; denn sieh, deswegen habe ich dich dennoch überaus lieb! Sei nur wieder gut, sei gut, mein liebes Weiberl, ich werde so was in meinem ganzen Leben nimmer tun!“
SH|0|3|16|0|Spricht die Lini: „Ich glaub’s auch. Wenn man schon sein ganzes Leben hindurch so gelebt hat und sein treues Weib wenigstens alle vierzehn Tage einmal betrogen und ein paarmal sich sogar eine abscheuliche Krankheit abgeholt hatte, da wird es vielleicht freilich wohl an der Zeit sein, von derlei Verrichtungen abzustehen, von denen es in der Schrift geschrieben steht: ‚Hurer und Ehebrecher werden in das Himmelreich nicht eingehen!‘ Sage mir du, mein in aller Gottesgelehrtheit wohlunterrichteter Mann, was wohl würdest du nun tun, so dich der Herr plötzlich abriefe? Wie sähe es da mit deiner Seligkeit aus? Oder hast du es vom Herrn etwa schriftlich, dass Er dich so lange wird leben lassen, bis du dich bessern wirst aus deines Lebens Fundament? Ich möchte aber noch wegen der gewissen Schwester Cilli nichts sagen; aber die unverkennbare sinnliche Neigung, die du zu unserer eigenen ältesten Tochter auf eine Weise kundgetan hast, bevor sie heiratete, die dir einen unvergänglichen Schandfleck vor Gott und allen Menschen, so sie es wüssten, auf deine gottesgelehrte Stirn gedrückt hat, sage, was soll ich denn dazu sagen? Oder was wird Gott dazu sagen?“
SH|0|3|17|0|Spricht der Mann noch viel mehr verdutzt: „O Weib, du fängst an, mich im Ernst zu quälen, zwar freilich leider mit allem Recht, denn es wäre mehr als läppisch von mir, so ich es dir leugnen möchte. Aber weh tut es mir dennoch, und ich begreife überhaupt gar nicht, wie du meines Wissens davon durch unsere ganze Ehezeit nichts davon erwähntest und nun alle Schleusen auf einmal öffnest und mich förmlich vernichten willst!
SH|0|3|18|0|Bedenke, dass alle wir Menschen schwach sind in unserem Fleisch, wenn wir auch den willigsten Geist haben, und du wirst mir alle meine Schwächen leicht verzeihen! Bedenke, dass der Herr die Ehebrecherin nicht gerichtet hat, so wird wohl auch ein reuiger Ehebrecher bei Ihm Erbarmung finden! Und also richte auch du, liebes Weib, mich nicht; denn ich erkenne und bereue ja meine große Schuld an dir samt dem leidigen Vergehen an unserer verheirateten Tochter! Der Herr vergebe es mir, wie du es mir vergibst!“
SH|0|3|19|0|Das Scheinweib spricht: „Gut denn, so sei dir alles Geschehene vollends vergeben. Sieh aber zu, dass du in der Zukunft von deiner vorgeschützten Schwäche keinen Gebrauch mehr machst, sonst wirst du wenig Segen von dieser meiner vollsten Nachsicht haben! Ich werde dich daher noch eine Zeit ertragen und zusehen – aber schlafen wirst du nimmer, denn sieh und höre: Du bist nicht mehr auf der Erde, sondern hier in der Geisterwelt! Und Ich, die du nun als dein oft berücktes Weib ansahst, bin nicht dein Weib, sondern – sieh her! – Ich bin dein Herr und dein Gott! Belasse dich aber, so du es willst, wie du nun bist; willst du aber weiter, so folge Mir hinaus aus diesem alten Schandgemach!
SH|0|3|20|0|Der Mann erkennt Mich und fällt wortlos auf sein Angesicht.
SH|0|3|21|0|Ich aber sage zu ihm: „Richte dich empor; denn deine Liebe ist größer denn deine Sünde, daher sei dir alles vergeben! Aber bei Mir kannst du noch nicht Wohnung nehmen, solange dir noch Irdisches anhängt. Siehe aber, dort stehen Engel in Bereitschaft, die werden dich führen die rechten Wege. Und wenn dein irdisches Hauswesen wird von diesen deinen Führern mit Not und Armut geschlagen sein, dann wirst du bei Mir ein neues Wohnhaus finden für ewig. Amen!“
SH|0|3|22|0|Seht, das ist wieder ein anderes Wasser. Manche verharren länger in dem Naturzustand, wie da war dieser unseres Exempel-Mannes; dieser aber war darum sehr kurz, weil er da auf der Welt viel Liebegutes tat, und weil er für sein Vergehen sogleich ernstliche Reue bezeugte. Nächstens wieder ein anderes!
SH|0|4|1|1|Viertes Beispiel. Ein Stutzer
SH|0|4|1|1|Am 5. August 1847
SH|0|4|1|0|Ein Stutzer, früher Tod und letzte Stunde desselben, der außer Tabakrauchen, Spielen, Fressen, Saufen und Courmachen aller schönen weiblichen Welt und vortrefflich Tanzen nebst Walzerspielen auf einem Flügel – eben dieser schönen Welt zuliebe – nicht viel konnte, obschon er fast seine ganze Zeit auf dem Collegium und Universitäten zugebracht hatte. Unser vorgeführtes Exemplar eines Stutzers war der Sohn von ziemlich reichen Eltern, die diesen ihren hoffnungsvollen, über die Maßen verzärtelten Sohn natürlich nichts anderes als studieren ließen, sobald er nur das ABC aus der Hand gelegt hatte.
SH|0|4|2|0|Damit es aber dem zarten Knäbchen beim schweren Studieren der lateinischen Sprache doch ja nicht gar zu schwer geschehen sollte, so ward er fürs Erste in ein Kosthaus gegeben, damit er gehörig zu essen haben und natürlich auch wachsen solle, aber freilich nicht an Weisheit und Gnade vor Gott und den Menschen, sondern bloß nur am Leibe. Und dass ihm das angestrengte Studieren ja nicht etwa eine Abzehrung an den Hals zöge, so durfte er jedes Jahr repetieren, falls er es nicht so weit bringen konnte – natürlich mit der leichtesten Mühe –, eine Schule in einem Jahr durchzumachen. Zu dem Behuf wurden auch die Professoren zu jeder Zeit, besonders in den unteren Schulen, auf das Gehörige gespickt und für jeden Gegenstand ein sanftmütiger Instruktor aufgenommen.
SH|0|4|3|0|Auf diese Weise rutschte unser Student wohl mit genauer Not durch die unteren Schulen; nur in den Kopf ist ihm auf diese Art wenig oder nichts hineingerutscht. Die Folge davon war, dass er in den höheren Schulen dann fortwährend steckenblieb. Und da ihn gewöhnlich das Studieren anekelte, so verlegte er sich danebst hauptsächlich auf die oben angeführten Freikünste, nämlich aufs Tabakrauchen, Spielen, Fressen, Saufen etc.
SH|0|4|4|0|Nach zurückgelegten Studien und überall mittelmäßig gemachten Prüfungen versuchte er sich in den Kanzleien zwar, aber die Papier- und Tintenluft mundete ihm nicht; er bekam von seiner Mutter ja stets so viel Geld, dass er sich auch ohne Kanzlei ganz kavaliermäßig durchbringen konnte. Anbei machte er fürs Erste allen noblen Mädchen den Hof und einer nach der anderen Heiratsanträge, wodurch es dann auch geschah, dass aus lauter Hoffnungmacherei auf verheißene Heiraten recht viele von ihm angebetete Holde in die wirkliche „Hoffnung“ ohne Heirat kamen.
SH|0|4|5|0|Nebst diesen mit blinden und dadurch, wie bemerkt, sehr oft mit freilich sehr unangenehmen, dafür aber lebendigen Hoffnungen dotierten Holden verlegte unser „Staatsmann“ fürs Zweite sich aber auch auf andere weibliche Wesen, die er, ohne ihnen zuvor das Heiraten zu versprechen und Hoffnung zu machen, allzeit um einen leichten Sold haben konnte und nicht zu fürchten hatte, dass diese Grazien von ihm dadurch in eine gewisse andere Hoffnung versetzt werden könnten.
SH|0|4|6|0|Aber dabei geschah es denn auch nicht selten, dass er mit der Syphilis in allen Graden zu tun bekam und am Ende so stark, dass selbst die erfahrensten Ärzte auf diesem Felde ihm weder Rat noch Hilfe schaffen konnten. Allgemeine Vertrocknung der natürlichen Lebenssäfte war die Folge solch teuer stutzerischer Lebensweise, für welche Übel Ich, der Herr, leider bei der Welterschaffung rein vergessen habe, ein heilend Kräutlein zu erschaffen. Daher sich denn auch unser Stutzerchen, ob er wollte oder nicht, zum Sterben bereitmachen musste. Freilich eine sehr unangenehme Erscheinung für einen die Welt mit ihren süßen Venusfreuden überaus liebgewonnen habenden Fashionablen. Doch es ist schon einmal so, dass da alles den Weg des Fleisches wandeln muss. Und so musste am Ende dieser Stutzer, der am Fleisch seine größte irdische Seligkeit hatte, ja umso mehr den so ganz eigentlichen „Weg des Fleisches“ wandeln.
SH|0|4|7|0|Seht aber nun hin auf sein stinkendes Lager, wie er sich krümmt und bäumt und nach Luft und Wasser lechzt; aber er bringt keines mehr in den Magen, indem alle seine Schlundsehnen ausgetrocknet sind und nicht mehr vermögen, auch nur einen Wassertropfen in den Magen hinabzuziehen! Sein Atem ist kurz und sehr schmerzlich, da die Lunge schon nahe ganz vertrocknet ist. Also ist auch seine Stimme ganz gebrochen; nur kurze, gelähmte Halbworte kann er noch unter großen Schmerzen ausstoßen, und da gleicht der Ton dem eines schlechten Fagotts in den Händen eines Schülers. Er möchte wohl noch stutzerisch fluchen und möchte am Ende wohl gar auch noch einige gelehrte Phrasen aus Voltaire oder Sir Walter Scott herstammeln; aber die allgemeine Trocknis lässt sowas nicht ausführen, und die starken Schmerzen in allen Lebenswinkeln lassen ihm auch nicht Zeit, seine Gedanken zu dem Behuf noch einmal wie auf einen Punkt zusammenzubringen. Daher liegt er stumm röchelnd da, nur manchmal stößt er einen gellend schnarrenden Fagott-Ton aus seiner ganz vertrockneten Kehle.
SH|0|4|8|0|Seht, so gestaltet sich häufig das Ende solcher Wüstlinge diesseits! Da wir aber bei diesem Stutzer diesseits auch nichts mehr zu betrachten haben, da ihm, wie ihr zu sagen pflegt, der Tod schon für die nächste Minute auf der Zunge sitzt, so wollen wir uns sogleich nach jenseits wenden und sehen, wie da unser Mann einrücken wird.
SH|0|4|9|0|Seht, da ist sein Lager gleichwie das auf der Welt! Noch liegt er gleichgestaltig auf demselben. Aber zugleich erseht ihr an seinem Lager nur einen Engel mit der Brandfackel in der Hand, um mit deren geistiger Flamme des Stutzers letzte Lebenssafttropfen zu vernichten!
SH|0|4|10|0|Bei solchen Menschen erscheint darum nur ein Engel, weil in ihnen Seele und Geist völlig wie tot sind. Nur der Würgengel, der übers Fleisch und über den Nervengeist gesetzt ist, hat hier das zu tun, dass er nämlich das Fleisch und den Nervengeist möglichst stark peinige und brenne, auf dass er dadurch die seelischen zerfetzten Reste und in selben den ebenso zersplitterten Geist in den Nervengeist zurücktreibe – und auf diese Art den also sterbenden Menschen vor dem ewigen Tod bewahre!
SH|0|4|11|0|Er wird (der Engel nämlich) bei diesem Menschen auch nichts reden, sondern wird ihn lediglich mit seiner Fackel aus der naturmäßigen in diese Geisterwelt hinüberbrennen, was gewöhnlich bei solchen Menschen zu geschehen pflegt und auch geschehen muss, weil sie ohne solche letzte Gnadenmanipulation um das ganze Dasein kämen.
SH|0|4|12|0|Dieser Akt ist gleich dem entstellten heidnischen des Prometheus. Denn die geistigeren Urmenschen sahen dergleichen Verrichtungen in der Geisterwelt, die damals aber freilich unaussprechlich viel seltener vorkamen als in dieser (jetzigen) weit über Sodom und Gomorra sinnlichen Zeit. So erhielten sich davon denn aber auch noch Sagen, aber nach ein paar tausend Jahren über die Maßen entstellt.
SH|0|4|13|0|Hier aber stellt sich auch wieder derselbe Prometheus vor – in seinem eigentlichen, unentstellten Wirken. Aber seht, nun hat der einsame Engel sein Werk gut beendet; das geistige Fleisch unseres Stutzers ist hier ersichtlich durch und durch zu Asche verbrannt, und seht, aus der Asche erhebt sich ganz langsam und träge – nicht etwa ein herrlicher, verjüngter Vogel Phönix, o nein, sondern – seht – nur ein dummer Affe, aussehend wie ein alter Pavian! Er ist ganz stumm, nur etwas sehen kann er.
SH|0|4|14|0|Die Tiergestalt hat darin ihren Grund, weil solche Menschen durch ihr wüstes Leben die feineren Menschenseelen-Spezifikalpartikel rein vergeuden durch ihre Wollust und nur die gröberen tierischen noch als traurigen Rest behalten. Bei dem ist doch noch wenigstens die Affenseele geblieben. Aber da gibt es andere, die bis zu den scheußlichsten Amphibien sich ganz verpfuschen!
SH|0|4|15|0|Bei diesem Menschen lässt sich nun auch das „Wasser seines Lebens“ noch nicht bestimmen; denn der muss jetzt, wie ihr zu sagen pflegt, „auf die Weide“ und wird Geistern übergeben, die über solche entartete Tierseelen gesetzt sind. Vielleicht bewirken sie mit allem Fleiß in hundert Jahren, dass diese Seele wieder zur menschlichen Gestalt kommt.
SH|0|4|16|0|Mehr lässt sich nun von dieser Seele nicht beschreiben; daher nächstens ein anderes Exempel.
SH|0|5|1|1|Fünftes Beispiel. Früher Tod eines Weltfräuleins
SH|0|5|1|1|Am 6. August 1847
SH|0|5|1|0|Hier folgt noch ein früher Tod einer jungen Modeheldin, die sich bei einem Ball zu sehr dem Tanz hingab, um sich irgendeinen jungen und reichen Bräutigam zu ertanzen, stattdessen sie sich aber nur den frühen Tod ertanzt hat.
SH|0|5|2|0|Ein junges, dem Leibe nach überaus gefällig gestaltetes Mädchen von neunzehn Jahren wurde auf einen noblen Gesellschaftsball geladen, welche Einladung sie natürlich mit Einwilligung ihrer Eltern bereitwilligst annahm. Alsogleich wurden die Modekaufläden durchmustert, die zum Glück unter tausend Artikeln doch einen besaßen, der da unserer geladenen Heldin anständig [genehm] war. Nun ging’s zum ersten Modeschneider und zwar mit dem Bedeuten, das Kleid nicht nur nach der letzten Pariser oder Londoner, sondern womöglich nach der letzten Madrider oder New Yorker Mode zu verfertigen, damit man auf einem so glänzenden Ball doch mit etwas Außerordentlichem erscheinen kann, um dadurch das größte Aufsehen zu erregen und auch als eine außerordentliche Erscheinung betrachtet zu werden!
SH|0|5|3|0|Der Schneider hatte keine kleine Angst ob solchen Auftrags, indem er seine Kundschaft schon kannte, mit wie viel Dutzend Eigenheiten sie bei solchen Gelegenheiten gesalbt war. Er nahm sich daher kreuzmöglichst zusammen und verfertigte wirklich ein Meisterstück von einem Ballkleid zur vollen Zufriedenheit seiner Kundschaft; denn das Kleid konnte ohne Schnürmieder angezogen werden und ob der vielen feinen elastischen Bänder aber den Leib dennoch so eng zusammenziehen, dass unsere Heldin um die Leibesmitte dünner war als um ihren runden Hals.
SH|0|5|4|0|Dieses New Yorker Modekleid aber war auch so ganz eigentlich die Ursache ihres frühen und nahe plötzlichen Todes; denn da sie auf dem Ball die Königin der Schönheit und Grazie war, so tanzte sie auch mit einem jungen, reichen Laffen, der ihr sehr bedeutend in die Augen stach, so wütend viel, dass sie sich dadurch in der zu sehr gepressten Lunge ein großes Blutgefäß sprengte und ob des dadurch sehr starken Blutverlustes in wenigen Minuten eine Leiche war.
SH|0|5|5|0|Als sie auf dem Tanzboden zusammenstürzte und aus ihrem Rosenmund ein Blutstrom sich ergoss – zum Schauder aller zahlreichen eben auch nicht zu locker geschnürten Mädchen und Damen –, da stürzten freilich wohl ihre Eltern, Verwandte und Ärzte zusammen, rissen ihr die Kleider vom Leib und begossen sie mit eiskaltem Wasser und gaben ihr Medikamente, die sie aber, als schon vollkommen tot, natürlich nicht mehr einnehmen konnte.
SH|0|5|6|0|Alles weinte und klagte laut. Die Eltern und der ritterliche Laffe von einem Liebhaber rissen sich aus Verzweiflung die Haare vom Kopf. Andere fluchten solch einem Geschick, wieder andere bedauerten die Unglückliche. Viele verließen den Tanzsaal und trugen ein Notabene mit nach Hause, aber natürlich um nicht viel besser als die Sperlinge, die ein Schuss vom Dach vertrieb.
SH|0|5|7|0|Hier, bei diesem Fall, werden wir in der Geisterwelt eben nicht viel von Belang zu sehen bekommen; aber dessen ungeachtet sollt ihr es sehen, wie sich derlei Übersiedlungen in der Geisterwelt ausnehmen.
SH|0|5|8|0|Seht, da liegt unsere Heldin zusammengekauert am mit ersichtlichem Blut besudelten Boden, und dort in einiger Ferne erseht ihr einen Engelsgeist mit übers Kreuz geschlagenen Armen stehend. Sein Antlitz verrät Trübsinn, d.i. eine Art Wehmut, die ein solcher Schutzgeist bei solchen Fällen der größten Narrheit [der Menschen] empfindet, so er ihnen mit all seiner Sorge nicht zu helfen vermag.
SH|0|5|9|0|Was aber wird nun dieser trauernde Engel hier tun? Seht, er naht sich der auch in der Geisterwelt als Leiche Ersichtlichen. Nun ist er bei ihr und spricht: „O du unsinniges Wesen! Was soll ich nun erwecken bei dir, da alles tot ist an dir, wohin ich nur mein Auge wende? O Herr, sieh gnädig herab! Hier langt die Kraft nicht aus, die Du mir verliehen; daher strecke Du Deine allmächtige Hand aus und tue mit dieser Törin nach Deinem Wohlgefallen!“
SH|0|5|10|0|Nun seht, dort kommt schon ein anderer, ganz feuriger Engel! Nun ist er da, und seht, sein Feuer ergreift die Tote und verzehrt sie im Augenblick zu Asche. (In der Naturwelt kann das nicht bemerkt werden, weil dieser Akt nur den seelischen Leib betrifft.) Nun fängt in der Asche sich etwas zu rühren an. Der Engel betet über dieser Asche. Seines Gebetes letzte Worte sind: „Herr, Dein Wille geschehe!“
SH|0|5|11|0|Darauf verlässt der zweite Engel die sich stets mehr rührende Asche; aber der erste Engel bleibt. Dieses Rühren aber ist nichts als ein neues Zusammenordnen der zerstörten, zerstreuten und höchst zerrütteten Seelenspezifikalpartikel, was nun unmittelbar durch Meine (barmh. Schöpfer-) Kraft geschieht. Nun aber wird sich auch sogleich zeigen, wie viel und was von dieser Mädchenseele noch übriggeblieben ist.
SH|0|5|12|0|Seht, nun erhebt sich ein dunkelgraues Wölkchen! Das Wölkchen prägt sich stets mehr aus. Und nun seht, da haben wir schon eine Gestalt! Ihr könnt sie wohl mit nichts Ähnlichem auf der Erde vergleichen! Der Kopf gleicht dem einer Fledermaus, der Leib gleicht dem einer Riesenheuschrecke, die Hände sind wie Gänsefüße, und die Füße gleichen denen eines Storches. Wie gefällt euch diese Mode nun als die Frucht jener weltlichen? An der Mode aber läge noch so ganz was Außerordentliches nicht; aber dass diese Törin, als gleichsam Selbstmörderin, schwerlich je des Himmels Lichtgefilde betreten wird, das ist etwas anderes!
SH|0|5|13|0|Es werden wohl einige hundert Jahre vergehen, bis diese zur menschlichen Gestalt kommen wird, und das nur auf sehr schmerzliche Art! Nachher aber wird sie im Geisterreich sein, was die Albinos auf der Erde sind, nämlich lichtscheu.
SH|0|5|14|0|Weiter ist bei dieser nichts mehr zu sehen und zu lernen, darum nächstens ein anderes Exempel.
SH|0|6|1|1|Sechstes Beispiel. Der Tod eines Feldherrn
SH|0|6|1|1|Am 10. August 1847
SH|0|6|1|0|Da seht, wir befinden uns in einem königlichen Prachtgemach. Hier strotzt alles von Gold und Silber, von den kostbarsten Edelsteinen und – für die Welt – von den wertvollsten Gemälden. Der Boden des Gemachs ist mit den feinsten asiatischen Teppichen belegt, und die großen Spiegelglasfenster sind mit Gardinen behangen, von denen eine so viel kostet, dass davon tausend Arme einen ganzen Monat lang zu essen hätten. Die Kästen, Tische, Sofas, Stühle und noch eine Menge königlicher Einrichtungsstücke von großem Wert zieren das Gemach, und allerlei Wohlgerüche durchduften das Krankengemach, und die berühmtesten Ärzte umgeben das reich mit Gold verzierte Bett, in welchem der irdisch hohe Kranke vergeblich der Genesung harrt.
SH|0|6|2|0|Es wird ein Konsilium über das andere gehalten, und die Medikamente werden alle Stunden gewechselt. Im nebenanstoßenden Gemach beten aus lateinischen, rot und schwarz gedruckten Büchern abwechselnd in einem fort zwei Mönche und wo nur ein Bethaus oder irgendeine Kapelle steht, wird für die Wiedergenesung unseres großen Feldherrn eine feierliche Messe gehalten. Aber das nützt alles nichts. Denn für diese Feldherrenarbeit gibt es weder in der Apotheke noch im Breviarium und ebenso wenig im Messbuch irgendeine Hilfe mehr, sondern da heißt es einmal: „Komm und lass sehen, wie deine Werke beschaffen sind!“
SH|0|6|3|0|Seht nun den Kranken an, wie tapfer er sich hält! Aber diese Tapferkeit ist nur ein Schein, denn innerlich möchte unser Held vergehen vor Angst und Verzweiflung und verflucht dabei die stark schmerzende Krankheit wie ein Husar sein Pferd, das ihm keine Folge leisten will. Die Geschichte geht hübsch zusammen: Dort beten die Mönche – freilich nur mit einer Andacht, die ihresgleichen sucht, mit der auch noch heimlich ein ganz entgegengesetzter Wunsch vereinigt ist propter certum quoniam [einer gewissen Sache wegen] –, aber rar ist das immer, so der, für den wenigstens ins Auge gebetet wird, flucht, dass es eine barste Schande ist!
SH|0|6|4|0|Nun aber wird sein Schmerz stets ärger, ja beinahe unausstehlich, und unser Patient, darob vor Grimm entbrannt, fährt nun zum Erstaunen all seiner Umgebung ganz wütend auf und schreit aus vollem Hals: „O du verfluchtes Hurenleben! Kannst du, Schöpfer, so du irgendeiner bist, mir es denn nicht auf eine schmerzlose Art nehmen?! Auf ein solches Hurenleben sollen alle Teufel, so sie irgend sind, scheißen; und ich möchte es selbst, so ich es nur irgend vermöchte! He, ihr dümmsten Viecher von Ärzten, die ihr alle zusammen keinen Schuss Pulver wert seid, gebt mir eine scharf geladene Pistole her, auf dass ich selbst für dieses Hunde- und Hurenleben mir eine Medizin durchs Hirn verschreibe, die dasselbe auf einen Knall von jeder ferneren Marter sicher befreien soll!“
SH|0|6|5|0|Ein Protomedikus naht sich dem Krankenbett und will die Pulsader ergreifen und bittet den Patienten um Ruhe. Aber der hohe Patient richtet sich auf und spricht: „Komm nur her, du Luder, du schlechter Hund von einem Arzt, damit ich an dir meine gerechte Wut kühlen kann! Fahre zu allen Teufeln, du dummes Luder! Möchtest mich nicht wieder mit Opium martern? Schau, wie gescheit diese Kanaillen sind; wo sie nichts mehr wissen, da kommen sie sogleich mit Opium, auf dass der Kranke dann einschlafe und sie sich dadurch mehrere Stunden des gerechten Vorwurfs, den sie überaus wohl verdienen, entledigen und sich dabei brav ins Fäustchen lachen und schon Rechnung machen, wie viel da ein jeder nach meinem Tod für sich in der dritten Vergleichungsstufe wird verlangen können! Hahaha, gelt, ich durchschaue eure Pläne! Weg daher mit euch, ihr bösen Hunde, sonst bringe ich euch noch mit diesen meinen letzten Kräften um euer scheußliches Luderleben! He, was sehe ich denn dort im Nebengemach für zwei schwarze Kanaillen? Was tun denn diese Luder? Ich glaube gar, sie beten für meine Seele? Wer hat sie denn dazu berufen? Hinaus mit ihnen, sonst stehe ich auf und schieße sie wie Hunde zusammen!“
SH|0|6|6|0|Seht, auf diese gewaltige aber feldherrliche Deklamation ziehen sich die Mönche recht behände aus dem Staub; die Ärzte zucken stets greller mit den Achseln, und der Patient verstummt und fängt an, unter den horrendesten Verzerrungen des Gesichts zu röcheln. Wir aber begeben uns nun, da es hier an dem Patienten nichts mehr zu beobachten gibt, sogleich in die Geisterwelt und werden ganz kurz unsere Beobachtung machen, wie unser Held in die Geisterwelt eintreten wird.
SH|0|6|7|0|Seht, wir sind schon da, und dort auf gleichem Lager ist der Patient in einem ganz gleich aussehenden Gemach. Noch röchelt er, wie ihr es ganz leicht merken könnt, unter ganz entsetzlich schweren Atemzügen und zerbeißt sich die Zunge vor heimlicher Wut seiner ergrimmten Seele.
SH|0|6|8|0|Dort aber, seht, ist schon der alleinige Würgengel in Bereitschaft, die ergrimmte Seele unseres Helden von ihrem überstolzen und hochmütigen Fleisch loszumachen. Mit einem flammenden Schwert ist der Engel bewaffnet – zum Zeichen seiner großen, ihm von Mir verliehenen Kraft und zum Zeichen seines Mutes und seiner gänzlichen Furchtlosigkeit vor solchen Großhelden der Erde wie vor der ganzen Hölle.
SH|0|6|9|0|Seht, nun ist in der Zeiturne das letzte Sandkörnchen für diesen Helden gefallen, und der Engel rührt ihn mit seinem flammenden Schwert an und spricht: „Erhebe dich, du matte Seele, und du, stolzer Staub, falle in das Meer deiner bodenlosen Nichtigkeit zurück!“
SH|0|6|10|0|Seht, nun verschwindet der Leib, und nicht mehr zu sehen ist das Lager und das Gemach voll irdischer Pracht. Aber dafür erhebt sich eine, wie ihr es leicht merken könnt, ganz dunkelaschgraue, schmählichst verkümmerte Seele, stehend auf lockerem Sand, der sie zu verschlingen droht. Zornig, wirr und scheu blickt sie um sich, erschaut nichts als sich selbst. Aber sie sieht sich ganz anders, als wir sie sehen, – sie ersieht sich noch als einen Feldherrn mit all ihren Orden und mit einem Degen geziert.
SH|0|6|11|0|„Wo bin ich denn?“ spricht nun der Held. „Welcher Teufel hat mich denn hierher gebracht? Nichts, und abermals nichts! Wo ich hinschaue, ist überall nichts. Da seht, auch unter mir ist nichts!
SH|0|6|12|0|Bin ich denn ein Nachtwandler – oder träume ich? – oder soll ich denn wirklich gestorben sein? Oh, das ist doch ein verflucht dummer Zustand! Ich bin zwar recht gesund nun und fühle keinen Schmerz, erinnere mich an jede Kleinigkeit meines ganzen Lebens, – ich war ja höchst krank; ich habe die dummen Ärzte gemustert, die zwei Heuchler zum Teufel verscheucht und habe auch, natürlich ob des zu unerträglichen Schmerzes, dem Schöpfer einige derbe Grobheiten in meiner Aufwallung ins Gesicht gesagt, alles dessen erinnere ich mich sehr. Auch weiß ich, dass ich sehr zornig war und hätte alles zerreißen können vor Wut. Aber nun ist mir alles vergangen. Es wäre alles recht, wenn ich nur wüsste, wo ich so ganz eigentlich bin und was da mit mir vorgegangen ist!
SH|0|6|13|0|Es ist wohl etwas licht um mich; aber je weiter hinaus ich meinen Blick richte, desto finsterer wird es, und ich sehe nichts, nichts, nichts und abermals nichts! Das ist doch verflucht! Wahrlich, wer da nicht des Teufels wird, der wird es in Ewigkeit nimmer!
SH|0|6|14|0|Sonderbar, sonderbar, ich werde stets munterer, stets lebendiger, – aber auch stets leerer wird’s um mich. Ich muss mich sicher so in einer Art Lethargie befinden; aber die, so davon befallen sind, sollen alles hören und sehen, was um sie geschieht, – ich aber höre und sehe nichts außer mir, also kann das keine Lethargie sein.
SH|0|6|15|0|Es ist hier weder kalt noch warm, noch völlig finster, obschon einen das Licht nicht blendet. Ich bin, was mir unbegreiflich ist, in diesem Solozustand dazu noch sehr heiter und aufgeräumt, dass ich darob einen Bajazzo abgeben könnte, – und doch, wie Figura zeigt, bin ich sicher im Mutterleib nicht gesellschaftsloser gewesen als hier! Wahrlich, wenn ich hier ein Dingsda, eh, so ein Dings, no, no, so ein Dings – ja, ja, so recht – so ein Menschchen bei mir hätte, wahrhaftig, ich könnte mich sogar vergessen, dass ich – doch hol's der Kuckuck, den Feldherrn samt seinen fünf Dutzend Großahnen! Wahrlich, für ein Menschchen gemeinsten Standes wäre mir nun schon alles feil.
SH|0|6|16|0|Wenn ich aber nur erfassen könnte, wo ich so ganz eigentlich bin?! Wenn die Sache noch lange dauern sollte, da dürfte einem dieser Zustand so hübsch verdammt langweilig werden! Hab’ ich ja einmal von einem Gott etwas gehört; ich will mich einmal ernstlich an Ihn wenden. Hab’ freilich mich ehedem etwas barsch benommen gegen Ihn; aber Er wird mir das, so Er irgend einer ist, ja nicht übel nehmen! Heda! Mein Gott, mein Herr! So du irgend bist, hilf mir aus dieser fatalen Lage!“
SH|0|6|17|0|Nun seht, sogleich kommt ein Engel herbei und spricht: „Freund, in dieser Lage wirst du so lange verbleiben, bis der letzte Tropfen deines Hochmutes aus dir hinausgeschafft sein wird und dadurch bezahlt der letzte Blutstropfen, deren du an vielen Tausenden deiner Brüder vergossest! Wirf all deine feldherrlichen Insignien von dir, und du wirst den Boden und mehr Licht und auch Gesellschaft finden, – aber hüte dich vor deinesgleichen, ansonsten bist du verloren! Vor allem aber wende dich an den Herrn, so wird dein Weg kurz und leicht sein, amen.“
SH|0|6|18|0|Seht, diesen Rat befolgt aber unser Held jetzt noch nicht. Daher verlässt ihn der Engel, und er wird noch einige hundert Jahre in solcher Schwebe verbleiben.
SH|0|6|19|0|Daraus könnt ihr schon sein „Wasser“ merken, darum nichts weiter nun von ihm.
SH|0|7|1|1|Siebtes Beispiel. Ein Papst
SH|0|7|1|1|Am 11. August 1847
SH|0|7|1|0|In diesem Exempel wollen wir sogleich beim Jenseits beginnen und einen Mann betrachten, der in der Welt eine sehr große Rolle gespielt hat und am Ende der Meinung war, die Welt sei bloß seinetwegen da und er könne mit ihr machen, was er wolle, da er sich die förmliche Stellvertreterschaft Gottes anmaßte, mehr noch als so mancher andere seines Gelichters. Aber er musste dessen ungeachtet dennoch „ins Gras beißen“, und es schützte ihn davor weder seine angemaßte Großmacht noch die Welt und ebenso wenig die Gottesstellvertreterschaft.
SH|0|7|2|0|Dort, seht hin, stark gegen Mitternacht wandelt langsamen Schrittes eine überaus hagere Mannesgestalt von sehr dunkler Farbe, und blickt forschend um sich herum und späht bald dahin und bald dorthin!
SH|0|7|3|0|In seiner Gesellschaft seht ihr ein Männlein, gleichend einem kohlschwarzen Affen, das sich um unseren Mann sehr geschäftig hertummelt und tut, als hätte es mit diesem Mann gar überaus wichtige Sachen abzumachen. Treten wir aber nur näher, damit ihr vernehmen könnt, was dieser Mann, der seinen Gesellschafter so wenig wie uns sieht, mit sich für sonderbare Gespräche führt.
SH|0|7|4|0|Da sind wir schon in rechter Nähe; nun horcht, er spricht: „Alles Lüge, alles Trug, und der Betrogenste ist der Glücklichste; aber unglücklich der Betrüger, so er wissentlich ein Betrüger ist! Ist er aber unwissentlich ein Betrüger und lügt und betrügt, ohne Wissen, dass er lügt und betrügt, da ist ihm zu gratulieren; denn da zieht ein Esel den anderen, und beide sind mit dem schlechtesten Futter zufrieden. Aber ich, was bin denn ich? Ich war ein Oberhaupt, alles musste glauben und tun, was ich anordnete; ich aber tat, was ich wollte, da ich die Schlüssel der Macht in meinen Händen hatte als einer, der sie nimmt ohne zu fragen, ob er sie wohl zu nehmen berechtigt ist. Ich wusste alles; ich wusste, dass da alles nur Lüge und Trug ist, was ich wusste, und dennoch drang ich Lüge und Trug jedermann bei strenger Ahndung auf, der es nicht annehme und glaube, dass das alles, was von mir ausgeht, ob geschrieben oder nicht, als volle Wahrheit anzunehmen ist.
SH|0|7|5|0|Ich meinte aber auf der Welt ist des Leibes Tod das Ultimatum allen Seins. Das war mein heimlicher, fester Glaube, und alle Weisheit der Welt hätte mir keinen anderen Glauben geben können! Dies einzige hielt ich für Wahrheit, und sieh, auch das ist Lüge; denn ich lebe fort, obgleich ich gestorben bin dem Leibe nach.
SH|0|7|6|0|Himmel, Hölle und Fegfeuer ließ ich predigen auf vielen tausend Kanzeln, erteilte Ablässe und sprach eine Menge Verstorbener heilig und gab Fasten, Gebet, Beichte und Kommunion, – und nun stehe ich selbst da und weiß nicht, wo aus und wo ein! Gäbe es ein Gericht, dann wäre ich schon gerichtet. Gäbe es einen Himmel, dann hätte ich doch das erste Recht darauf, denn fürs Erste musste ich doch durch den Willen Gottes Statthalter der Kirche Christi werden; und was ich als solcher tat, war sicher auch nur ein höchstes oberstes Wollen, denn ohne ein solches kann laut der Schrift ja kein Haar am Kopf gekrümmt werden und kein Sperling vom Dach fliegen.
SH|0|7|7|0|Also beichtete und kommunizierte ich auch nach der alten Vorschrift, obschon ich mich davon gar leicht hätte ausnehmen können, indem ich die Macht hatte, die Beichte samt der strengen Kommunion für jedermann auf ewige Zeiten aufzuheben, was ich aber dennoch aus politischen Rücksichten nicht tun konnte, noch wollte. Gäbe es eine Hölle, so wäre auch Grund genug vorhanden, mich darinnen zu befinden; denn vor Gott ist ein jeder Mensch ein Totschläger! Wenigstens sollte ich mich im Fegfeuer befinden; denn das sollte doch jedermann wenigstens auf drei Tage zuteilwerden! Aber weder eines noch das andere wird mir zuteil. Darum ist Gott, Christus, Maria, Himmel, Fegfeuer und Hölle nichts als Lug und Trug! Der Mensch aber lebt nur aus den Kräften der Natur und denkt und fühlt nur nach der eigenen Konzentration der verschiedenen Naturkräfte in ihm, die sich da wahrscheinlich zu einem ewig unzerstörbaren Eins verbinden und verknüpfen. Meine Aufgabe wird daher nur sein, diese Kräfte näher zu erforschen und mir dann mittels der genauesten Bekanntschaft mit ihnen einen Himmel zu gründen.
SH|0|7|8|0|Aber ich merke fortwährend ein gewisses Zupfen an meiner Toga pontificalis! Ist denn etwa doch irgendein unsichtbarer Geist in meiner Nähe, oder tut so etwas wirklich ein Wind? Es ist im Ernst sonderbar in dieser unendlichen Wüste; man kann schon gehen, wohin man will, so bleibt man aber doch ewig ganz allein. Man kann rufen, schreien, schimpfen, schelten, fluchen oder beten, zu wem man will, so rührt sich dennoch nichts und man bleibt vor- wie nachher ganz allein! Es mögen doch schon einige Jahre sein, dass ich auf der Erde gestorben bin, und das auf eine sehr schmerzliche, höchst fatale Weise, – und ich bin detto allein, nichts als die ganz kahle Wüste unter den Füßen! Platz habe ich da wohl, das ist wieder eine Wahrheit, aber wo ich bin, was für die Zukunft aus mir werden wird –werde ich also ewig fortleben oder doch etwa einmal ganz vergehen –, das ist ein unauflösliches Rätsel.
SH|0|7|9|0|Also nur frisch an die Erforschung der Naturkräfte in mir losgesteuert, und es soll sich durch ihre nähere Bekanntschaft bald entwickeln, was da aus mir werden soll!“
SH|0|7|10|0|Habt ihr ihn nun gehört, wie er räsoniert, er, der Stellvertreter Gottes auf Erden? Oh, er wird noch lange also solo räsonieren, wie es ihm sein unsichtbarer Begleiter einhaucht; denn solcher auf Erden höchstgestellter Menschen Los ist stets das gleiche, nämlich das Alleinsein, indem sie sich selbst auf der Erde auch über alles hinaus isoliert haben.
SH|0|7|11|0|Diese Isolierung ist aber dennoch eine große Gnade für sie; denn nur dadurch ist es möglich, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. Aber es geht das sehr lange her; sie müssen in sich alle Grade der Nacht und Finsternis, der Not und des Schmerzens, wie sie in der Hölle zu Hause sind, durchmachen.
SH|0|7|12|0|Hat ein solcher Zelot diese Solo-Tour durchgemacht – etwa in fünfhundert bis tausend, bis zehntausend Jahren, dann erst kommt er in die Gesellschaft von strengen Geistern. Folgt er diesen nicht, so wird er wieder verlassen und ganz allein gestellt, wo ihm alle Gräueltaten vorgeführt werden, die entweder unter ihm oder unter seinen Vorgängern verübt worden sind; bei welcher Gelegenheit er aber auch alle Schmerzen verkosten muss, die alle Verfolgten unter ihm oder seinen Vorgängern verkostet haben. Bringt ihn diese Kur noch nicht zurecht, so wird er belassen, wie er ist; bloß der Hunger wird ihm zur Begleitung gegeben und der Durst, welche zwei Hofmeister mit seltenster Ausnahme fast jeden mit der Zeit zurechtbringen.
SH|0|7|13|0|Da habt ihr nun wieder ein Bild, aus dem ihr das Jenseits näher kennenlernen mögt – und das „Wasser“, das ein solcher Häuptling zu durchschwimmen hat, bis er ans Ufer der Demut, Wahrheit und Liebe gelangt. Daher nun nichts mehr weiter von diesem Mann und nächstens ein anderes Exempel!
SH|0|8|1|1|Achtes Beispiel. Ein hochgeborener Minister
SH|0|8|1|1|Am 12. August 1847
SH|0|8|1|0|Da denn auch die großen Herren der Welt sterben müssen, gegen welche für sie höchst fatale Lebenseigentümlichkeit sie noch immer keinen Assekuranz-Verein haben aufstellen können, da sie es mit all ihrer Politik und Diplomatie noch nicht so weit gebracht haben, so musste denn auch unser Minister sich endlich einmal anschicken, das Zeitliche mit dem Ewigen zu vertauschen.
SH|0|8|2|0|Das Sterben ist für solche Menschen freilich wohl die unangenehmste Erscheinung von der Welt, aber das kümmert den Würgengel wenig. Bei denen er das wohlzimentierte Maß voll findet, die nimmt er ohne Gnade und Pardon!
SH|0|8|3|0|Unser Minister, ein Mann, dem alle Welt huldigte ob seiner Weltklugheit, wurde in seinem bedeutenden Alter von einem gichtischen Katarrhfieber aufs Krankenlager geworfen, das ihn einen halben Monat folterte, und das desto ärger ward, je mehr Arzneien er zur Hebung dieses Übels eingenommen hatte. Gegen das Ende hin ward er voll Unwillen und drohte den Ärzten mit dem Arrest, so sie ihn nicht bald wiederherstellen möchten oder könnten.
SH|0|8|4|0|Aber statt seine Drohung auszuführen, versank er am sechzehnten Tag seiner Krankheit in eine Betäubung, aus der er in dieser Welt nicht mehr kam, außer auf eine Stunde knapp vor seinem Ende, in welcher er noch ein kurzes Vermächtnis machte mit seiner mächtigen Habe, wobei aber der Armen, wie meistens bei solchen Menschen, nur sehr spärlich Bedacht genommen ward; denn was sind wohl ein paar tausend Gulden gegen mehrere hinterlassene Millionen?!
SH|0|8|5|0|Also ward der Kirche pro forma auch mit einer Stiftung gedacht, aber nicht aus irgendeinem blinden Glauben (denn Glauben hat so ein Mensch entweder nur selten oder gar keinen, und alles, das er tut, ist pure Politik nur), sondern geschieht nur, wie gesagt, weil so etwas der politische Gebrauch erfordert.
SH|0|8|6|0|Nach dieser letzten Willenskundgabe sank er auf sein Lager zurück und war tot, ohne zuvor gebeichtet und kommuniziert zu haben, auf welchen Akt er – bei sich zwar – ohnehin nichts hielt. Damit war’s mit ihm für diese Welt für ewig abgeschlossen; darum aber wollen auch wir nicht bei seiner Leiche verharren, sondern uns gleich nach „drüben“ begeben und sehen, was unser überstolzer Mann dort für ein Gesicht macht.
SH|0|8|7|0|Seht, da sind wir schon, und unser Mann steht dort in seinem kompletten Staatskleid vor uns und vier verhüllten Engelsgeistern, wovon er aber nur die letzteren sieht. Der Ort stellt genau sein Staatskabinett vor, in welchem er noch Wichtiges zu besorgen und zurechtzubringen sich vorgenommen hatte.
SH|0|8|8|0|Er sieht nun genau die vier in seinem Geheimkabinett und kann sich vor Ärger kaum fassen über die entsetzliche Keckheit dieser vier Gauner nach seiner Ansicht. Er springt auf und ergreift die Klingel und will läuten, aber die Klingel gibt keinen Ton.
SH|0|8|9|0|„Verrat! Hochverrat!“ schreit er aus vollem Halse. „Wie kommt ihr elenden Wichte in dieses nur mir allein zugängliche Gemach, in welchem des Staates Geheimnisse und heiligsten Mysterien bearbeitet und aufbewahrt liegen? Wisst ihr, dass auf solch einen Hochverrat der Tod gesetzt ist? Wer aus euch hat diese Klingel entschwengelt, dass sie nun in diesem entscheidendsten Moment keinen Schall von sich geben kann? Bekennt es, ihr Verruchten, wer aus euch war der Rädelsführer?“
SH|0|8|10|0|Der erste Engel spricht: „Höre in Geduld tiefst aufmerksam, was ich dir nun künden werde! Wohl weiß ich die gute Ordnung, der zufolge auf der Welt kein Mensch, außer dem König nur, in dies Gemach treten darf. Wärst du noch auf der Welt, da hättest du uns auch nicht an dieser Stelle erblickt. Aber siehe, du bist nun dem Leibe nach gestorben und bist nun in der Geisterwelt, wo es nur einen Herrn gibt, während alle anderen Geister Brüder sind, gut oder schlecht, je nachdem sie auf der Erde gewandelt haben entweder gut oder böse. Also haben wir vom Herrn das liebepflichtige Recht, jedermann zu besuchen und ihm unsere Dienste anzubieten, wenn er, wie du, für uns noch zugänglich ist.
SH|0|8|11|0|Darin aber besteht eben auch des einigen Herrn Auftrag an dich durch uns, dass wir dir eben solches künden sollen und dir auch eröffnen, dass hier in dieser ewigen Welt für dich alle weltliche Ehre und Stellung aufgehört hat samt aller Politik; und dies Gemach, dein Kleid und alle diese deine vermeintlichen wichtigen Staatspapiere sind pur Trug und Ausgeburt deiner noch stark an der Welt hängenden Phantasie und werden verschwinden, sobald du uns folgen wirst. Wirst du uns folgen, so wirst du einen leichten Weg in das wahre, ewige Lebensreich haben, alldort es Seligkeiten gibt ohne Maß und Zahl; wirst du uns aber nicht folgen, so wirst du einen überharten Stand haben, zu Gottes Lebensreich zu gelangen! Denn siehe, du warst auf der Welt wohl mit Gottes Zulassung ein großer Mann und hattest eine große Macht; durch diese Macht ist aber bei dir gar mächtigst auch die Herrschliebe erwacht, die dich zu manchem geführt hat, das da nicht begründet war in der göttlichen Ordnung. Auch hat dir diese Weltgewalt als Herrschlust auch den Glauben an den Herrn und vielfach die Liebe zum Nächsten benommen und hat dich fürs Reich Gottes völlig untauglich gemacht.
SH|0|8|12|0|Aber siehe, der Herr weiß es, welche schwere Bürde du zu tragen hattest, und hat große Erbarmung mit dir. Darum sandte Er uns zu dir, auf dass du gerettet werden solltest und erhoben und nicht untergehen durch deine noch mit herübergebrachte große Weltbürde. Denke hier nicht an dein Gericht; denn im Reich der Freiheit des Geistes gibt es kein Gericht und keinen Richter, außer den eigenen freien Willen jedes Menschen! Denke auch nicht an die Hölle. Diese ist nirgends, außer in jedem Menschen selbst, so er diese in sich durch sein Böses eben erst erschafft. Also denke aber auch an keinen Himmel als verheißenen Lohn für gute Werke; sondern des Herrn Jesu Wort sei dein Wille, durch dieses suche Ihn allein! Hast du Ihn, dann hast du alle Himmel und eine ganz andere Macht aus der Liebe, als du sie gehabt auf der Welt aus deiner Weltklugheit und hohen Stellung. Nun weißt du alles; tue, was dir dein freier Wille zulässt im Namen des Herrn Jesus. Amen.“
SH|0|8|13|0|Der Minister spricht: „Wahrlich, eure Rede ist weise und bürgt mir, dass da alles so ist, wie ihr es mir nun gekündet habt. Auch bin ich nun völlig klar, dass ich leiblich gestorben bin. Aber dass da der gewisse Jude Jesus der alleinige Gott und Herr sein soll, das fasse ich nicht! Was ist dann der „Vater“ und der „Heilige Geist“? Seht, das stimmt mit der eigenen Lehre Jesu nicht zusammen, der doch der Erste war, der eine göttliche Dreiheit allenthalben lehrte! Darum verzeiht mir, dass ich euch darum schon nicht so schnell folgen kann, wie ihr es wünscht, – außer ihr überzeugt mich dessen schnell.“
SH|0|8|14|0|Der Engel spricht: „Bruder, das geht so geschwind nicht, wie du es meinst. Lege vorerst dein Staatskleid ab und ziehe ein anderes der Demut und völligen Selbstverleugnung an, dann wirst du alsbald davon die vollste Überzeugung dessen bekommen, das dir jetzt noch als unfasslich erscheint.“
SH|0|8|15|0|Der Minister spricht: „Wohl denn, so übernehmt mich und bringt mich zurecht, und schabt sorglich alles Weltliche von meiner Seele, dann wird es sich zeigen, wie es mit eurer Aussage aussieht.“
SH|0|8|16|0|Nun treten die drei anderen Engel hinzu, ziehen dem Mann die Staatskleider aus und ziehen ihm dafür aschgraue, sehr zerlumpte und ziemlich schmutzige an. Und der zweite Engel spricht nun zu ihm: „Nun bist du mit dem Kleid der Demut angetan. Aber das allein genügt noch nicht, sondern du musst auch in der Tat demütig sein. Darum folge uns!“
SH|0|8|17|0|Der Mann folgt, und seht, sie kommen bei einem Bauernhof an und sagen zu ihm: „Siehe, hier wohnt ein schroffer Mann und hat große Schweineherden. Bei diesem sollst du dienen und mit allem zufrieden sein, was er dir zum Lohn geben dürfte; und wird er hart und ungerecht sein gegen dich, so sollst du alles mit Geduld ertragen und dir bloß in des Herrn Gnade und Erbarmung Recht schaffen.
SH|0|8|18|0|Wird er dich schlagen, da schlage nicht zurück; sondern wie ein Sklave halte ihm den Rücken also dar, wie du auf der Erde zufolge der militärischen Subordination es oft gesehen hast, wie sich ein armer Soldat ganz willenlos auf die Bank legen musste und aushalten die harte, oft ungerechteste Strafe! Wirst du das alles in rechter Geduld ertragen, dann soll dir ein besseres Los zuteilwerden!“
SH|0|8|19|0|Darauf spricht der Mann: „Ich bedanke mich gehorsamst für diese Führung! Gebt mir nur mein Staatskleid wieder, ihr Betrüger; ich werde schon selbst mir die Wege bahnen! Da schaut’s die Lumpen an; aus unsereinem, der wenigstens zwanzig Ahnen zählt, wollen sie so mir und dir nichts einen Sauhalter machen! O wäre ich noch auf der Welt, ich wollte euch dafür zahlen, dass ihr es euch merken solltet! Diese Vagabunden geben sich noch für Gottes Boten aus! Nein wartet, diese Gottesbotenschaft soll euch noch teuer zu stehen kommen!“
SH|0|8|20|0|Seht, die Engel geben ihm sein Staatskleid wieder und sagen: „Wie du willst. Da ist dein irdisch Kleid! Willst du die Wege des Lebens nicht wandeln, so wandle deine eigenen; aber unser Dienst bei dir ist zu Ende.“
SH|0|8|21|0|Nun seht, in welch ein Wasser unser Mann sich begibt; da wird er lange zu schwimmen haben, bis er auf des verlorenen Sohnes Rückweg zum Vater gelangen wird.
SH|0|8|22|0|Hüte sich darum ein jeder vor der Herrschsucht; denn diese hat stets gleich schlimme Folgen. Nächstens ein anderes Exempel.
SH|0|9|1|1|Neuntes Beispiel. Bischof Martin
SH|0|9|1|1|Am 13. August 1847
SH|0|9|0|0|[Eigenes Buch]
SH|0|10|1|1|Zehntes Beispiel. Der Arme
SH|0|10|1|1|Am 16. Oktober 1848
SH|0|10|1|0|Der Tod oder eigentlich der Austritt aus diesem Prüfungsleben in das wahre ewige Geisterleben eines armen Tagwerkers, dergleichen die Großen der Welt bei sich meist „Luder“, „Kanaille“ und „elendes Lumpengesindel“ nennen.
SH|0|10|2|0|Da geht mit Mir in ein ärmstes Stübchen, das mehr dem Loch eines Bären als einem für Menschen bewohnbaren Zimmer gleicht. Kaum einige Kubikklafter beträgt der innere Raum. Eine stark schadhafte Tür führt in dieses Loch, das ober der Tür eine zwei Spannen lange und eine Spanne hohe Öffnung hat, durch die von einer schmutzigen Stallmauer eines nachbarlichen Reichen ein sehr gebrochenes und geschwächtes Licht fällt und des Loches innere Räumlichkeiten gerade so viel erleuchtet, dass sich dessen sieben Bewohner nicht die Augen gegenseitig verletzen mögen. Dieses Prachtgebäude von einem Wohnzimmer hat weder Ofen noch Herd; des letzteren Stelle vertritt in einem Winkel ein schmutzigster, unbehauener, kaum ein Fuß hoher Kalkstein, auf dem die armen Bewohner dieses wahren Bärengrabes sich ein spärliches Mahl kochen, so sie so glücklich sind, sich dazu durch Arbeit und Betteln das nötige Material zu verschaffen.
SH|0|10|3|0|Notabene: Für diese herrliche Wohnung müssen diese Armen einem reichen Hausherrn monatlich 1 fl. 30 kr. Miete bezahlen und sind damit sogar noch sehr zufrieden, weil ihr Hausherr wenigstens sie nicht zu sehr betreibt, so sie den Mietzins nicht sogleich am Ersten des Monats bezahlen können, sondern ihnen sogar vierzehn Tage zuwartet. Ja ihr Hausherr ist sogar so gut, dass er ihnen wegen der Erkrankung ihres armen, siebzig Jahre alten Vaters 30 Pfund schimmeliges Roggenstroh um 20 Kreuzer hat zukommen lassen und hat auf die Bezahlung ebenfalls zehn volle Tage gewartet. Wahrlich, so ein herzensguter und geduldiger Hausherr wird doch einstens auch bei Mir, dem Herrn, auf Erbarmung und Geduld Anspruch machen können!
SH|0|10|4|0|Nun seht, in dieses Loches finsterstem Winkel liegt auf dem frischen 20-Kreuzer-Stroh eben unser armer Tagwerksmann. Bei einer schweren Bauarbeit fiel er vor einigen Jahren von einem schlechten Gerüst, brach sich zwei Rippen und einen Arm; wurde wohl in ein Armenspital gebracht, dort aber ärztlich ein halbes Jahr tyrannisiert und darauf, höchst schlecht geheilt, unter ärztlichem Zeugnis als Genesener entlassen.
SH|0|10|5|0|Von da an siech, schwach und somit zu keiner schweren Arbeit mehr fähig, behalf er sich mit seinem ebenfalls kranken und schwachen Weib und mit fünf weiblichen Kindern, darunter das älteste vierzehn Jahre zählt, durch allerlei kleine Arbeiten, die seinen Kräften angemessen waren, und manchmal auch durch irgendeine milde Spende, die entweder sein Weib oder seine Kinder dann und wann von einem seltenen weicheren Herzen erbettelten. Alter, Schwäche, Kälte und schlechte Kost, wie eine zurückgebliebene krebsartige Rippenwunde warfen ihn nun auf dieses elendeste Krankenlager, auf dem wir ihn besuchend nun sehen.
SH|0|10|6|0|Abgemagert wie eine ägyptische Mumie aus den Zeiten der Pharaonen, voller Schmerzen am ganzen Leib, dessen Hüfte, Steißbein und wenigstens um einen Zoll hervorragendes Rückgrat ganz wund sind von dem harten Lager, dazu noch mit dem leeren, aller Speise entblödeten Magen, – so voll brennenden Hungers spricht er mit sehr gebrochener Stimme zu seinem Weib: „Mütterchen! Hast du gar nichts mehr? Kein Stückchen Brot? Keine warme Brühe? Keine gekochten Erdäpfel? O Gott, o Gott! Wie bin ich doch gar so entsetzlich hungrig! Vor Schmerzen kann ich mich nicht mehr rühren, und dazu noch solch einen Hunger! O mein Gott, mein Gott! Erlöse mich doch einmal von dieser Qual!“
SH|0|10|7|0|Spricht das Weib, das vor Mattigkeit und Hunger auch kaum mehr zu stehen vermag: „O du mein armer, liebster Mann! Schon um sechs Uhr morgens sind die drei ältesten Kinder ausgegangen, bei guten, mitleidigen Menschen etwas zu erbitten, und nun ist’s schon drei Uhr nachmittags und noch kommt keines zurück. Ich zittere am ganzen Leib vor Furcht und Angst, dass ihnen etwas Übles begegnet ist. O Jesus und Maria! Wenn sie vielleicht gar ins Wasser oder in die unbarmherzigsten Hände der Polizei geraten wären? Ich zittere an Händen und Füßen! Jesus stärke mich unterdessen! Ich will mit Gottes Hilfe alle meine Kräfte zusammenraffen und gerade auf die Polizei gehen und da nachfragen, ob sie dort nicht wissen, wohin etwa doch unsere armen Kinder gekommen seien!“
SH|0|10|8|0|Spricht der Kranke: „Ja, ja, liebes Mutterle, gehe, gehe, – mir ist auch schon über alle Maßen bange! Aber bleibe ja nicht lange aus, und bringe mir etwas zum Essen mit, sonst sterbe ich vor Hunger! Bedenke, schon zwei volle Tage sind es, wo wir alle nichts gegessen haben! Wenn die drei armen Mädel nur etwa nicht vor Mattigkeit liegengeblieben sind? O mein Gott, o mein Gott, so muss denn alles Elend über mich kommen!“
SH|0|10|9|0|Das Weib geht nun fort, und als sie kaum auf die Gasse kommt, da ersieht sie auch schon einen Amtsschergen, der die drei Kinder vor sich hertreibt. Das Weib, die Mutter, solches ersehend, macht einen Schrei des Entsetzens und spricht, die Hände übers Haupt erhebend: „Gerechter Gott! O Jesus! Das sind ja meine armen Kinder!“
SH|0|10|10|0|Die Kinder keuchen der Mutter ganz verweint zu: „O Mutter, Mutter! Dieser wilde Mensch hat uns in einer Gasse, wo wir einen Menschen um ein Almosen für unseren sterbenskranken Vater anbettelten, abgefangen, hat uns dann in ein finsteres Zimmer eingesperrt, und weil er uns schon öfter betteln gesehen habe, so kam er dann mit noch einem abscheulicheren Menschen, der wie ein Herr ausschaute; der ließ uns dann, trotzdem wir ihn auf Knien baten, so mit Ruten hauen, dass wir am Hinterleib ganz blutig sind. Darauf fragte er uns hart, wo wir wohnten, und als wir ihm vor Schmerz kaum unsere Wohnung angeben konnten, da gebot er dann diesem wilden Menschen, der uns so schrecklich geschlagen hat, dass er uns nach Hause bringen solle. O Mutter, Mutter, das tut erschrecklich weh!“
SH|0|10|11|0|Die Mutter, kaum der Sprache mächtig, seufzt tief zu Mir auf, sagend: „O Herr, Du gerechtester Gott! Wenn Du lebst, wie kannst Du solche Gräuel ansehen und sie ungestraft geschehen lassen? O mein Gott, mein Gott, wie kannst Du solch ein Elend über uns kommen lassen!?“ Darauf weint sie bitterlich. Der Polizeimann aber verweist der Mutter, also auf der Straße zu räsonieren, um die Vorübergehenden auf sich aufmerksam zu machen, und gebietet ihr, sich sogleich in ihre Wohnung zurückzuziehen.
SH|0|10|12|0|Die Mutter entschuldigt sich als Mutter und spricht weinend: „O Herr, kann ich wohl anders als weinen? Mein siebzigjähriger, auf den Tod kranker Mann liegt überhungrig auf purem Stroh; wir alle haben durch zwei Tage nichts gegessen. Diese Spätherbstzeit ist nass und schon sehr kalt, und wir haben kein Spänchen Holz, um uns unsere kalte und feuchte Wohnung zu erwärmen. Ich selbst bin schwach und krank. Diese drei Mädchen waren unsere einzige Stütze, und diese habt ihr uns zu Krüppeln geschlagen. O Gott! Wie soll ich dazu schweigen können? Wie könnt ihr mir das gerechte Weinen verbieten? Seid ihr denn kein Mensch, kein Christ?“
SH|0|10|13|0|Hier will sie der Polizeimann zurückschieben; aber hinter einer Ecke springt ein herzhafter Mann hervor und schreit zum Polizeimann: „Halt Freund! Bis daher und nicht um ein Haar mehr weiter! Hier hast du arme Mutter 30 fl.; verpflege dich damit so gut als du magst. Du gefühllosester Henkersknecht entferne dich aber sogleich von dannen, sonst treibe ich ein paar Kugeln durch deinen Tigerschädel!“
SH|0|10|14|0|Der Polizeimann will diesen Wohltäter für seine Drohung arretieren; aber der Fremde zieht sogleich eine scharf geladene Pistole aus der Brusttasche seines Rockes und hält sie dem Schergen entgegen, der es nun freilich für rätlicher hält, sich schleunigst zu entfernen, als sich von diesem nun ganz entsetzlich ernst aussehenden Mann etwas vorschießen zu lassen.
SH|0|10|15|0|Nachdem der Polizeimann aus dem Gesicht ist, geht auch dieser Mann ganz still und gelassen seinen Weg weiter. Die Mutter und ihre drei Kinder werfen ihm weit ihre Dankesküsse nach. Und die Mutter der drei geschlagenen Töchter, die ob dieses Wohltäters ihren Schmerz ganz vergessen haben, eilt sogleich in die nächste Schenke und kauft Brot, etwas Wein und Fleisch. Der Kellner macht freilich eine etwas bedenkliche Miene, als er von diesem armen Gesindel eine 10 fl.-Banknote zu wechseln bekommt. Aber er denkt sich: Geld ist Geld, ob es gestohlen oder auf eine ehrliche Art erworben, wechselt der Armen die Banknote und verabreicht ihr das Verlangte.
SH|0|10|16|0|Damit nach Hause eilend, finden sie den armen Mann weinend vor Schmerz und Hunger. Die Mutter gibt ihm sogleich etwas Brot und Wein, und die älteste Tochter springt sogleich zum nächsten Kreisler [Händler] und kauft um ein paar Groschen Holz, Feuerzeug und auch ein halbes Pfund Kerzen.
SH|0|10|17|0|Als sie damit nach Hause kommt, da findet sie zu ihrem Entsetzen zwei Polizeischergen vor der Tür des Armen, die nun eiligst zurückgekehrt sind, den wohltätigen Mann entweder noch hier zu treffen oder, im entgegengesetzten Falle, sich bei dem armen Weib möglicherweise von dem Stand und der Wohnung dieses Mannes in Kenntnis zu setzen. Und würde das Weib nicht Rede und Antwort geben, so solle sie arretiert werden.
SH|0|10|18|0|Mit diesem löblichen Vorhaben, vom Polizeiamt dahin beordert, treten sie mit dem armen Mädchen in die finstere Stube, sogleich ein Licht verlangend und das Weib bedrohend, über jenen Mann alle Auskunft zu geben, widrigenfalls sie mit ihnen auf das Polizeiamt gehen müsse. Das arme Weib, solches vernehmend, sinkt vor Angst zusammen. Die älteste Tochter, bebend vor Angst, macht das verlangte Licht, und die zwei Schergen, den Kranken auf dem Boden nahe ganz nackt, nur mit dürftigen Lumpen teilweise bedeckt ersehend, schaudern anfangs wohl etwas zurück, ermannen sich aber bald und fragen das halbtote Weib um des bewussten Mannes Stand und Wohnort.
SH|0|10|19|0|Das Weib bebt und ist keiner Antwort fähig. Die beiden Schergen halten diesen Zustand für Tücke und reißen das Weib vom Boden und wollen es sogleich einführen. Der kranke Mann und die fünf Kinder bitten um Gnade und Erbarmung, aber die beiden handeln stumm ihr schönes Amt.
SH|0|10|20|0|Aber im Augenblick, als die zwei Schergen das Weib schon an der Türschwelle halten, kommt unser Mann mit noch drei kräftigen Gehilfen, entwinden zuerst das vor Angst halbtote Weib den Händen dieser zwei Schergen und hauen sie ganz weich durch, so dass sie kaum gehen können, und bedrohen sie, wie das ganze Amt darauf, sagend: „Im Namen Gottes! So ihr elenden Bestien es noch einmal wagt, diese heilige Stätte zu betreten, in der Gottes Engel wohnen, da erwartet von uns die fürchterlichste Rache! Wir sind nicht Menschen und Wesen dieser Welt, sondern wir sind Schutzgeister dieser Engel, die hier die Probe des Fleisches durchmachen.“
SH|0|10|21|0|Darauf verschwinden die vier Helfer. Die zwei Schergen aber ziehen auch ganz nüchtern von dannen, um nicht wiederzukommen.
SH|0|10|22|0|Das Weib erholt sich darauf bald und sorgt nun – Mir für die Rettung dankend –, dass der dem Ende nahe Mann eine warme Suppe bekomme. Die Suppe ist bald fertig und wird nun dem Alten unter tausend Segnungen dargereicht, der sie, Mir und den Seinen dankend, mit großem Appetit verzehrt.
SH|0|10|23|0|Dadurch etwas mehr gestärkt, spricht er zum Weib und zu seinen Kindern: „Du, mein teures Weib, und ihr, meine geliebtesten Kinder, ihr habt um meinetwegen viel ausgestanden. Aber ihr habt euch dabei auch sichtbar überzeugt, dass des Herrn Hand für euch stritt und trieb eure Feinde wie einen schlechten Spukgeist von dannen. Vertraut also fortan auf den Herrn; Er wird euch dann am nächsten sein, wenn eure Not am höchsten sein wird. Vergebt allen, die gegen uns und besonders euch hart waren; sie sind maschinenmäßige Werkzeuge einer blinden, herrschsüchtigen Polizeiamtsherrschaft und tun, ohne zu forschen und zu wissen, was sie tun. Der Herr allein soll ihr Richter sein!
SH|0|10|24|0|Ertragt euer Kreuz mit Geduld und sucht nie ein Glück dieser Welt; denn Glückskinder dieser Welt sind keine Gotteskinder, oder doch selten. Was herrlich ist in dieser Welt, das ist vor Gott ein Gräuel! Fürchtet euch vor nichts so sehr wie vor dem Weltglück, denn dieses ist zumeist das größte Unglück für den Geist.
SH|0|10|25|0|Seht, was hätte oder was möchte es mir genützt haben, so ich einer der reichsten Erdenbürger wäre? Nun am Rande meiner irdischen Laufbahn hätte ich nichts als den sicheren ewigen Tod vor mir. Aber wie ganz anders steht es nun mit mir! Der Tod hat seine Schrecken vollends ausgezogen; für mich gibt es keinen Tod mehr! Schon bin ich erlöst von all meinen irdischen Leiden, und vor mir steht schon weit geöffnet die herrliche Pforte in das Reich Gottes!
SH|0|10|26|0|Seht, mein Leib, dieser abgenützte Sattel der Seele zur Tragung des Gotteskreuzes, liegt nun schon kalt und tot auf dem harten Strohlager. Aber ich, Seele und Geist, der ich diesen nun toten, von mir abgefallenen Leib siebzig Jahre lang bewohnte, bin nun frei, lebe schon ein ewiges Leben und habe des Leibes Tod weder gesehen noch gefühlt; denn in einem mir kaum bewussten wunderbaren Augenblick bin ich von meiner beschwerlichen Last freigemacht worden. Befühlt den Leib und überzeugt euch, dass er schon völlig tot ist. (Das Weib und die Kinder befühlen den Leib und finden ihn kalt und hart und tot.) Und seht, ich lebe dennoch und rede mit euch, und viel vollkommener, als ich je geredet habe.
SH|0|10|27|0|Der Grund von dem aber ist, weil ich stets an Jesus, den Gekreuzigten glaubte, und handelte so viel es mir möglich war nach Seinen Geboten. Wie Er aber gelehrt hat im Tempel, dass nämlich die den Tod nicht sehen und schmecken werden, die Sein Wort annehmen und danach leben, so hat sich das an mir nun auch als ewig wahr bestätigt, denn ich habe den Leib abgelegt, ohne gefühlt zu haben, wie und wann.
SH|0|10|28|0|Kein Vermögen hinterließ ich euch, meine große irdische Armut ist euer aller Erbe! Aber freut euch darob! Wüssten die blinden Reichen der Erde, welch ein Reichtum für den Geist die irdische Armut ist, sie flöhen die Geldsäcke wie die Pest! Aber ihre große Blindheit hält das für einen Gewinn, was sie für ewig tötet. So lassen wir sie denn auch wandeln den Weg des Verderbens. Wollt ihr aber am Ende eurer irdischen Reise auch so glücklich sein, wie ich es nun bin, so flieht das Weltglück und sucht es nimmer!
SH|0|10|29|0|Glaubt es mir nun, dass ich nun schon vom Jenseits herüber mit euch rede und also sage: Je größer jemandes Kreuz ist und je schwerer zu tragen, desto leichter und unfühlbarer wird sein Übertritt von dieser Welt der Materie in die des Geistes sein. Denn alles, was Christo nachfolgt, muss den Weg des Kreuzes wandeln. Alles Fleisch muss mit Christo gekreuzigt werden und in Ihm sterben, ansonst es ewig zu keiner Erweckung und Auferstehung in Ihm und durch Ihn gelangen kann.
SH|0|10|30|0|Durch Armut, Not und andere Lebensbeschwernisse aber wird das Fleisch schon in Christo gekreuzigt und getötet; daher wird denn auch ein jeder, der so lebt, wie wir gelebt haben und ihr noch lebt, da, wo die Reichen am Ende ihres Erdenglücks ganz eigentlich sterben, – erweckt und wird am scheinbaren Sterbelager die schon volle Auferstehung zum ewigen Leben ernten! Denn der in den Willen des Herrn ergebene Arme stirbt beständig, und wann seine Zeit vollendet ist, da ist er auch schon mit allem Tod fertig und kann daher nicht mehr sterben, sondern nur auferstehen in Christo. Aber ganz anders ist es bei jenem Menschen, der in einem fort seinen Gelüsten gelebt hat. Solcher Mensch stirbt am Ziel seines Fleisches wirklich und vollkommen und kann jenseits nur schwer – aber auch wohl gar nicht und nimmer – erweckt werden.
SH|0|10|31|0|Das alles behaltet in euren Herzen und seid voll Freude, so euch die Welt verachtet und euch mit schimpflichen Namen belegt und euch verfolgt mit allerlei Waffen ihres argen Herzens. Denn der Herr beachtet die Argen allzeit und kennt ihre Pläne. Ich sage euch: Wenn ihr erstehen werdet, da wird sie zugrunde gehen. Darum sucht vor allem nur das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; alles andere wird euch umsonst hinzugegeben werden.
SH|0|10|32|0|Freut euch daher nie über die Reichen dieser Welt, sondern bedauert sie vielmehr; denn sie alle sind überarm im Geiste. Aber desto mehr freut euch derjenigen, die wie ihr in allerlei Kreuz und Nöten sich befinden! Denn solche sterben täglich in Christo, um dann am Ende nicht mehr zu sterben, sondern aufzustehen zum ewigen Leben in Christo.
SH|0|10|33|0|Diese meine letzten Worte auf dieser Welt seien euer größter Reichtum, den ich euch hinterlasse; von diesem Erbe werdet ihr keine Steuern zu entrichten haben. Diesen meinen Leib schafft bald aus der Kammer, denn er ist vollkommen tot. Macht aber ja keine Zeremonien dabei, denn alle solche Zeremonien sind vor Gott ein Gräuel. Also dürft ihr auch keine Messe zahlen; denn Gott dem Herrn ekelt es vor einem bezahlten Gebet. Alles aber, was ihr tut, das sei ein lebendiges Lob dem Herrn, darum Er mir eine so große Gnade erwiesen hat. Ihm allein sei alle Ehre, alles Lob und alle unsere Liebe ewig. Amen.“
SH|0|10|34|0|Mit diesen Worten verstummt er für diese Welt und ist schon früher dem Leibe nach vollkommen tot.
SH|0|10|35|0|Alsogleich ersieht er neben sich drei überaus freundliche Männer in weißer Faltenkleidung stehen, die ihn gar lieblich begrüßen und ihm die Hände zum ewigen Bruderbund reichen. Gern und selig und aller irdischen Leiden vergessend reicht er ihnen auch die seinigen hin, sich noch über seinem irdischen Leib befindlich wie aufrecht sitzend und sagend: „O ihr lieben, mir noch völlig unbekannten Freunde des Herrn Jesu Christi, was ihr sicher seid! Volle sieben Dezennien, die ich über der harten Erde verlebte, habe ich wohl – irdisch genommen – wenig gute, aber dafür desto mehr kummervolle Tage verlebt, und die letzten waren wohl die bittersten, in diesen regnete es nur Schmerzen und tiefste Not über meine arme sündige Haut. Aber dem Herrn sei alles aufgeopfert und Ihm allein alles Lob und alle meine Liebe ewig dafür! Denn obschon ich wahrlich viel gelitten habe, so hat es dennoch nie an zeitweiligen Tröstungen gemangelt, die mich wieder im Herzen ganz aufgerichtet und all die körperlich tödlich-bittersten, grässlichen Schmerzen und Wunden des Leibes im Namen des Herrn verachten gelehrt haben. Und nun habe ich mit der großen Gnade, Hilfe und Erbarmung Gottes, des Herrn Jesu Christi, alles überstanden und erwarte eben in der Geduld, die mir oft auf Erden alle Leiden milderte, was des Herrn heiligster Wille über mich verfügen wird. Ihm allein sei alle meine Liebe und meine Anbetung gereicht. Sein allein heiliger Wille geschehe!“
SH|0|10|36|0|Spricht einer der drei weißen Männer: „Lieber Freund, was würdest du aber tun, so dich der Herr um Seiner großen Heiligkeit willen und deiner lässlichen Sünden wegen – und das nach deinem Glaubensbekenntnis – ins Fegfeuer so auf etwa eine unbestimmte Zeit beheißen würde, wo du übergroße Schmerzen leiden müsstest? Könntest du auch da noch unter den größten Feuerschmerzen den Herrn loben und preisen? Und könntest du Ihn noch lieben?“
SH|0|10|37|0|Spricht der Arme: „O du lieber Freund! Des Herrn endlose Heiligkeit fordert wohl die größte Reinheit jeder Seele, die Seiner Anschauung würdig werden soll, aber Seine ebenso unendliche Weisheit und Güte weiß es ja auch, wie viel Schmerz eine arme Seele ertragen kann, und wird sie daher nicht überbürden. Fordert aber alle Gerechtigkeit Seiner unendlichen Heiligkeit wegen solches von mir, so geschehe auch da Sein heiliger Wille; ich ersehe auch darin noch Seine große Liebe, die nur darum solche Reinigung der Seele verordnet, damit diese würdig werden möchte, zur Anschauung Gottes aufgenommen werden zu können.
SH|0|10|38|0|Ich sage dir, der Herr ist allzeit die reinste Liebe, somit endlos gut, und alles, was Er tut, ist gut. Daher geschehe nun ganz allein Sein allerheiligster Wille! Denn so ich auch um Schonung und Erbarmung flehen würde, so wäre das sicher nie so gut für mich, als was des Herrn höchste Weisheit und Liebe über mich verordnet und bestimmt. Darum sage ich ein für alle ewigen Male: Gelobt sei der Herr Jesus Christus, der da als einiger Herr-Gott mit dem Vater und heiligen Geist herrscht und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit! Sein allerheiligster Name werde gepriesen, und Sein heiligster Wille geschehe! Amen!“
SH|0|10|39|0|Spricht der Weiße: „Da hast du nun vollkommen recht und wahr gesprochen. Aber bedenke, dass du ohne Beichte und Kommunion gestorben bist, und könnte es da nicht leicht sein, dass, so du nun vor Christi Richterstuhl hintreten musst, eine Todsünde an dir gefunden würde und du im Stand der Ungnade – nach der Lehre deiner Kirche – in die Hölle auf ewig fahren müsstest? Wie würdest du da den Herrn loben und preisen?“
SH|0|10|40|0|Spricht der Arme: „Freunde, was ich tun konnte, das habe ich sicher getan. Dass ich am Ende nicht beichten konnte, war ja nicht meine Schuld. Und vor drei Wochen habe ich ohnehin gebeichtet, wo mir der Beichtvater versicherte, dass ich nun lange nicht mehr der Beichte bedürfe. O Freunde, so ich aber dennoch eine mir unbewusste Todsünde an mir haben sollte, da bittet ihr den Herrn für mich armen Sünder, dass Er mir gnädig und barmherzig sein möchte; denn in die Hölle zu kommen auf ein leidenvolles irdisches Leben, wäre wohl das Allerschrecklichste! O Herr, Dein Wille geschehe wohl, aber sei mir armen sündigen Seele dennoch gnädig und barmherzig!“
SH|0|10|41|0|Spricht der weiße Mann wieder: „Ja – lieber Freund, mit unserer Fürbitte, im Falle du eine Todsünde an dir hättest, würde sich’s vielleicht doch nicht tun. Denn du weißt es ja aus der Lehre deiner Kirche, dass bei Gott nach dem Tod kein Erbarmen stattfinden kann wegen Seiner allervollkommenst strengsten und unwandelbarsten Gerechtigkeit. Zudem hast du auf der Welt aber ja ohnehin nie auf die Fürbitte der Heiligen, sowie auf das Messopfer stets wenig und am Ende sozusagen gar nichts mehr gehalten, wodurch du gegen deine Kirche ohne alle Widerrede als Ketzer dich benommen hast und in ihrem Angesicht zu einem größten Sünder wurdest. Wenn wir da nun auch bei Gott bitten würden, meinst du wohl, dass dir unsere Fürbitte etwas nützen möchte? Warum hast du denn auf die Litaneien der Kirchen und auf ihre Seelenmessen – deinem eigenen letzten Bekenntnis nach – nichts gehalten, da du deinen Hinterlassenen die Lehre gabst, dass vor Gott bezahlte Gebete ein Gräuel sind, darum sie für dich keine Messe zahlen sollen? Da sich aber dies alles bei dir doch so verhält, wie sollen wir für dich bei Gott bitten? Was meinst du nun in dieser Hinsicht? Wird oder kann dir das wohl etwas nützen bei Gott?“
SH|0|10|42|0|Spricht der Arme voll Geist und tiefer Fassung: „Freunde, wer ihr auch sein mögt, das ist mir gleich; mehr als Gottes Geschöpfe seid ihr nicht, und das – Gott dem Herrn ewig Dank und Liebe! – bin auch ich und glaube, mit euch ebenso frei reden zu dürfen, wie ihr mit mir redet.
SH|0|10|43|0|Ich war auf der Welt wohl sehr arm und elend; aber ich konnte lesen, etwas schreiben und ziemlich gut rechnen. Sonn- und Feiertage habe ich meistens mit dem aufmerksamsten Lesen und Betrachten der Heiligen Schrift zugebracht. Je mehr ich mich darin zurechtfand, desto klarer wurde es mir, dass die römisch-katholische Kirche gerade das schroffste Gegenteil von dem tut und getan haben will, was Christus und die Apostel laut den vier Evangelien und Briefen der Apostel gelehrt und selbst getan haben. In einem Brief des Apostels Paulus fand ich sogar die Donnerstelle: ‚Und so ein Engel aus dem Himmel käme und lehrte euch ein anderes Evangelium, als das ich euch verkünde, nämlich das von Jesu dem Gekreuzigten, der sei verflucht!‘ (Gal. 1,8)
SH|0|10|44|0|Diese Sentenz fuhr mir wie tausend Blitze durch die ganze Seele, und ich dachte und fragte mich: Wie steht es denn bei sogestalteten Worten des Apostels mit der Lehre Roms, die das Wort Gottes nicht nur nicht lehrt und es allen Laien verbietet zu lesen, sondern lehrt ganz andere Dinge, die ganz dem finsteren Heidentum gleichen? Wem soll ich nun glauben?
SH|0|10|45|0|Eine innerste Stimme sprach nahe ganz laut zu mir: ‚Glaube dem Wort Gottes!‘ Und ich tat, wie die innere Stimme es ausgesprochen hatte.
SH|0|10|46|0|Mir wurde von Tag zu Tag klarer, dass ich recht tat, dass die Lehre Christi reines und allein wahrstes Wort Gottes ist, in der allein alles Heil und das ewige Leben zu suchen und zu finden ist.
SH|0|10|47|0|Gott aber ist unveränderlich. Wie Er war, so wird Er auch bleiben der eine endlos vollkommenste ewige Geist der reinsten Liebe. Wie könnte Er die Kirche in Rom gegründet haben, die nichts als Hass und Verfolgung, Verderben, Tod und Hölle predigt? ‚Nein, ewig nein!‘, sprach es in mir, ‚wer da richtet und verdammt seine Brüder, der ist selbst gerichtet und verdammt; also richte und verdamme denn auch du niemanden, so wirst du auch nicht gerichtet werden!‘ So vernahm ich‘s, und so handelte ich auch. Wohl sah ich stets heller, wie Roms Pfaffen mit dem Herrn im Geiste es noch tausendmal ärger trieben als jene, die Ihn einst wirklich dem Leibe nach kreuzigten; aber ich richtete sie dennoch nie, sondern sprach allzeit in meinem Herzen: Herr, vergib ihnen, denn sie alle sind stockblind und wissen nicht, was sie tun!
SH|0|10|48|0|Ich sah und begriff des Herrn endlose Liebe stets mehr und mehr. Daher wuchs aber auch meine Liebe so mächtig in mir zu Ihm, dass alle meine irdischen Leiden sie nicht im Geringsten zu schmälern vermochten, sondern stärkten sie nur stets mehr und mehr! Und so sage ich euch nun ganz frei und unverhohlen: Christus ist meine Liebe und mein Leben auch in der Hölle, wenn ich schon von euch aus dahin verdammt sein soll; auch die Hölle wird Ihn mir nimmer rauben können.
SH|0|10|49|0|Wohl weiß ich, dass ich vor Gott als ein unwürdigster Sünder dastehe, und bin nicht würdig, meine Augen dahin zu erheben, wo Er, der Allerheiligste, wohnt! Aber sagt es mir, wo in der weiten Unendlichkeit Gottes wohnt wohl ein Engel oder ein Mensch, der da sein könnte gleich dem Herrn! Wer aus euch kann mich einer Sünde zeihen? Wahrlich, es ist mir seliger zu sagen: ‚Herr, ich bin der Allerunwürdigste!‘ als: ‚Ich bin Deiner Gnade der Würdigste!‘ Ich wie auch sicher ihr können nur sagen – und so wir auch alles getan hätten, was Er zu tun uns geboten hat –: ‚Herr, wir alle sind Deine unnützen Knechte gewesen und haben uns durch nichts Deiner Gnade würdig gemacht. O Herr und Vater, sei uns daher Deines alleinigen endlosen Verdienstes um uns Unwürdigste wegen gnädig und barmherzig!‘
SH|0|10|50|0|Dies zu sagen und zu bitten haben wir allein das Recht; alles was darüber ist, das halte ich für eine eigentlichste Todsünde, zeitlich wie ewig. Nun werdet ihr hoffentlich begreifen, warum ich auf die Litanei und auf die bezahlten Gebete nichts gehalten habe. Aber für eine wahre Fürbitte nach der Wahrheit und Liebe des Herzens von Seiten eines Bruders für den anderen war ich allzeit eingenommen und bat also aus dem Grunde euch darum. Ihr aber könnt tun, was ihr wollt. In allem aber geschehe des Herrn heiligster Wille ewig!“
SH|0|10|51|0|Spricht derselbe Weiße wieder (innerlich ganz entzückt über diesen neuen herrlichen Bruder): „Lieber Bruder, wir sehen deinen wahren Ernst, Mut und Eifer um den Herrn, der wahrlich wie ein Fels dasteht. Aber frage dein Herz, ob du dich auch vor dem Angesicht des Herrn also zu reden getrauen würdest?“
SH|0|10|52|0|Spricht der Arme: „Da könnte nur meine übergroße Liebe zu Ihm mir wohl die Zunge, aber nie meinen Mut lähmen. Und wahrlich, es gehört gar nicht viel Mut dazu, zu bekennen vor Gott Selbst, dass man allerwahrst vor Ihm sich als ein nutzlosester und somit Seiner Gnade und Erbarmung bedürftigster Knecht anpreist. O ich habe Christus noch nie im eigentlichen Sinne gefürchtet; denn Ich liebte Ihn zu sehr, als dass ich mich vor Ihm hätte fürchten können. Nun sagt mir, ob ich noch lange hier verbleiben werde oder nicht. Ich möchte wohl schon recht sehr bestimmt wissen, wohin ich mich werde zu begeben haben!
SH|0|10|53|0|Spricht der weiße Mann: „Nur noch eine kleine Geduld, wir müssen nur noch jemanden deinetwegen erwarten. Sobald der ankommen wird, vom Herrn dein Urteil überbringend, dann wirst du sogleich dieser Stelle enthoben werden und wirst dahin ziehen, wohin es der Wille Gottes bestimmen wird. Siehe, dort vom Morgen her kommt er schon; bald wird er hier sein! Hast du keine Furcht vor ihm, der da kommt im Namen des Herrn?“
SH|0|10|54|0|Spricht der Arme: „O nein! So ich den Herrn Selbst über alles liebe, wie soll ich den fürchten, den Er zu mir sendet?“
SH|0|10|55|0|Spricht der weiße Mann: „Weißt du, lieber Bruder, aber, dass selbst der Gerechteste des Tages siebenmal sündigt, ohne zu wissen, dass er sündigt? Wenn du nun alle Tage zusammenzählst, von deinen zurechnungsfähigen Jahren angefangen, und sie mit sieben vervielfältigst, da dürfte doch eine ganz bedeutende Menge von Todsünden zusammenkommen, besonders angenommen, dass – nach Ignatius von Loyola – vier kleine auch eine große ausmachen! Und wenn der Bote mit einer solchen Rechnung zuwege käme, würdest du dich auch dann nicht fürchten vor dem Boten des Herrn?“
SH|0|10|56|0|Spricht der gewesene arme Mann: „Nein, und noch einmal gesagt: durchaus nein! Ich muss euch, meine lieben Freunde, offen gestehen, dass es mich geradewegs freuen würde, als ein recht großer Sünder befunden zu werden, denn mich erhebt die Sünde nicht, sondern sie demütigt mich, und das ist gut und recht. Ich habe das gar oft auf der Welt empfunden, so ich eine freilich kurze Zeit mir öfter keiner Sünde bewusst war, was bei mir besonders nach einer Beichte der Fall war, in solch einem Zustand war ich bei mir selbst ganz hochmütig aus purer sittlicher vermeinter Unbescholtenheit und sagte heimlich bei mir, so ich irgendeinem rechten Lumpen von einem Menschen begegnete: Gottlob, dass ich nicht so bin wie dieser, Gottes und jedes Menschenrechtes vergessende Kerl!
SH|0|10|57|0|Aber wenn ich bald darauf selbst wieder in irgendeine Sünde verfiel, da dachte ich denn in aller Zerknirschung meines Herzens, so mir ein anderer Sünder unterkam: Schau diesen, den du für einen schlechten Kerl hältst, ist vielleicht bei Gott bei weitem reiner als du. Daher sei Du, o Gott, mir armem Sünder gnädig und barmherzig! Denn ich fühle mich nun nicht einmal würdig, meine Augen zu Deinen Himmeln zu erheben! – Und das, Freunde, war sicher besser gedacht und eines allseitigen Sünders würdiger, als zu denken und bei sich zu sagen: Herr! Ich bin ein Reiner und habe alle Gesetze beobachtet von Kindheit an, daher ich denn auch mit vollem Recht von Dir die verheißene Belohnung erwarte!
SH|0|10|58|0|Freunde, ich weiß aber, dass ich vor Gott ein sündiger Mensch bin. Daher bin ich auch nur demütig und erhoffe von Ihm nichts von irgendeinem Verdienst, sondern alles von Seiner alleinigen Gnade und Erbarmung.
SH|0|10|59|0|Ich weiß auch wirklich nicht, was sich Geschöpfe vor dem allmächtigen Gott, der allein alles vermag und unserer Hilfe noch nie benötigt hat, für so lohnswerte Verdienste hätten sammeln können?! Haben sie etwa Gott, dem Herrn, Himmel und Erde erschaffen helfen oder die Erlösung vollbringen? Oder hat etwa jemand dadurch Gott, dem Alleinheiligen, etwas genützt, so er zu seinem eigenen Besten die vom Herrn gegebenen Gesetze mehr oder weniger beobachtet hat? Ich meine, Gott wäre ohne uns ebenso vollkommen Gott, wie Er nun ist, da wir doch nur bestimmt sind, in uns aufzunehmen Seine endlose Gnade, Erbarmung und Liebe, und nicht, Ihm etwa sonstige, ewig unbenötigte Dienste zu leisten.
SH|0|10|60|0|Seht, so habe ich allzeit gedacht, denke nun auch so und werde auch ewig also denken, vorausgesetzt, dass mir ein ewiges Dasein fortan zuteilwird! Aus diesem Grunde sehe ich auch nicht ein, warum ich mich vor dem Boten des Herrn fürchten soll, weil ich doch keinen Grund finden kann, mich vor dem Herrn Selbst zu fürchten. Ja, ich fürchte wohl auch den Herrn, aber nicht wie ein Verbrecher, sondern als ein Liebender, der sich viel zu sündig und unwürdig fühlt, den Herrn mit seinem unreinen Herzen zu lieben nach all seiner Lebenskraft! Was meint ihr lieben Freunde, habe ich recht oder nicht?“
SH|0|10|61|0|Spricht der Weiße: „Wir sehen es nun ganz klar ein, dass du dich von uns nimmer willst bekehren lassen; deshalb wollen wir dir auch keine weitere Ungelegenheit mehr machen, und lassen alles dem hier Kommenden über. Siehe, er ist schon da!“
SH|0|10|62|0|Der Bote tritt sogleich überfreundlichen Angesichts zum armen Mann hin, reicht ihm freundlichst die Hand und spricht: „Erhebe dich, lieber Bruder, über deine sterblichen Reste und erstehe zum ewigen Leben in deinem Gott und Herrn, den du in Jesu Christo stets so innig geliebt hast!“
SH|0|10|63|0|Der Arme erhebt sich nun sogleich wie vollkommen frei und mit großer Kraft und Stärke erfüllt und spricht zum Boten, der sehr einfach und schlicht aussieht: „Erhabener Gesandter des allmächtigen und großen Gottes! Ein unbegreifliches Wonnegefühl durchzuckte mein ganzes Wesen, als du mir die Hand reichtest; das gilt mir auch als ein sicherster Beweis, dass du wahrhaft ein Bote vom Allerhöchsten an mich armen Sünder gesandt bist. Da du das nicht nur nach der Vorsage dieser drei Brüder, die mir eine große Angst und Furcht vor dir eintreiben wollten, sondern auch nach meinem nunmaligen eigenen untrüglichen Gefühl wahrhaft bist, o so sage es mir nun gütigst, was ich von dem allergerechtesten Richterstuhl Gottes zu erwarten habe? Verdienste habe ich wohl keine, wie ich auch ewig keine haben werde; aber da ich es fühle, dass ich vor Gott sicher ein grober und großer Sünder bin, so sage es mir, ob ich Gnade und Erbarmung hoffen darf?“
SH|0|10|64|0|Spricht der Bote: „Lieber Bruder, wie kannst du nun solches sagen, dein Herz ist voll von Liebe zum Herrn, das ist ja schon der Herr Jesus, der allein Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit, in dir! Wer aber Jesus im Herzen hat, wie sollte der danach fragen, ob er Gnade und Erbarmung von Ihm erhoffen darf? Ich sage dir: Du bist nun schon selig und wirst ewig von keinem Gericht etwas an dir zu gewahren haben. Komme nun mit mir vor deinen Gott, vor deinen liebevollsten heiligen Vater und empfange dort, was allen denen in aller Fülle bereitet ist, die Ihn wie du in aller Wahrheit über alles lieben!“
SH|0|10|65|0|Spricht der Arme: „O erhabener Bote Gottes! Vergib es mir, dahin kann ich dir nicht folgen! Denn solcher Gnaden bin ich ewig nicht wert! Bringe mich aber so wohin, in ein ruhiges Örtel [Örtchen], wo so meinesgleichen verdienstlose, allergeringste Selige wohnen mit der Hoffnung, den Herrn Jesus nur alle irdischen hundert Jahre einmal von ferne zu Gesicht zu bekommen, und ich werde da so selig sein wie die allerreinsten Engel! Auch könnte ich es gar nicht aushalten, so der Herr Jesus mir zu nahe käme; denn meine zu große und mächtige Liebe zu Ihm würde mich ja ganz zerreißen, so ich zu Ihm käme! Daher tue mir das, um das ich dich aus der gegründetsten Zerknirschung des Herzens gebeten habe.“
SH|0|10|66|0|Spricht der Bote: „Mein teuerster Bruder, das kann nicht sein; siehe, der Herr will es also! Wenn ich es aber in der allernächsten Nähe des Herrn aushalten kann, da wirst du es schon auch können. Daher komme nur mit mir und scheue dich nicht im Geringsten! Ich sage dir, wir beide werden uns vor dem Herrn schon zurechtfinden.“
SH|0|10|67|0|Spricht der Arme: „Ja nun, in Gottes Namen, wenn du es also meinst, da will ich es freilich also wagen! Aber sage mir, warum sehen uns beide nun diese drei weißgekleideten Brüder gar so bis in ihr Innerstes ergriffen und entzückt an? Sehen die schon irgendwo den Herrn?“
SH|0|10|68|0|Spricht der Bote: „Kann wohl sein; aber sie haben auch heimlich eine übergroße Freude über dich, wie über jeden, der mit solcher Liebe wie du hierher kommt. Siehe dort gegen Morgen, wo sich ein sanftes Gebirge erhebt, über das ein herrliches Morgenrot leuchtet, dort hinüber geht unser Weg, den wir gar leicht und recht bald werden zurückgelegt haben. Von jener Höhe wirst du dann sogleich das neue Jerusalem, die ewige Stadt Gottes, vor dir schauen, in der du wohnen wirst ewiglich!“
SH|0|10|69|0|Spricht der Arme: „Ah, Bruder, wie herrlich, wie rein göttlich strahlt doch dies herrliche Morgenlicht, welch herrliches Gewölk! Und nur die herrlichen Matten und Bäumchen! O du, du unbegreiflich schöne Himmelswelt! Was sind dagegen alle Herrlichkeiten der Erde? Aber ich sehe nun ja auch große Scharen uns entgegenziehen und vernehme auch überhimmlisch herrliche Lieder! O welch eine Harmonie! Wer kann ihren unermesslichen Wohlklang ermessen!? Wie mächtig doch glänzen sie, die uns entgegenziehen! Wie werde ich mich in dieser meiner sehr irdisch aussehenden Kleidung unter ihnen ausnehmen?!
SH|0|10|70|0|O Gott, o Gott, es ist wahrlich kaum mehr auszuhalten! Siehe, siehe, sie kommen uns schon ganz nahe, und nun, nun – was ist denn das? Sie fallen ja wie vor uns nieder auf ihre Knie und Angesichter und scheinen ganz zerknirscht zu sein!? Vielleicht kommt schon etwa gar der Herr Selbst irgendwo von rückwärts her zu dieser Schar? O sage mir doch, was das zu bedeuten hat!“
SH|0|10|71|0|Spricht der Bote: „Es wird wohl so etwas sein. Wir werden es sogleich selbst sehen, was da ist. Nur noch eine kleine Geduld, in wenigen Schritten sind wir oben und werden sehen, was es da gibt.“
SH|0|10|72|0|Spricht der Arme: „O du mein erhabenster Freund, es wird mir ganz absonderlich zumute! Denke dir’s nur, wie es unsereins gehen kann und wie zumute sein – den Herrn Himmels und der Erden, den Herrn über Leben und über allen Tod zum ersten Mal zu sehen! O Freund, ich bebe vor Furcht und vor Sehnsucht und vor freudig banger Erwartung der Dinge, die da uns entgegenkommen werden. Wahrlich, nur wenige Schritte mehr und die Höhe ist erreicht. Ah, ah, was werde ich alles schauen!
SH|0|10|73|0|O Freund, fürchtest du dich denn nicht vor Gott, wenn Er vielleicht öfter dir irgendwo entgegenkommt bei ähnlichen Gelegenheiten? Ist das dir schon zur Gewohnheit geworden, dass du dir daraus eben nicht viel machst, so dir solche Dinge vorkommen? Und doch merke ich es an diesen Scharen, wie auch an den drei uns nachfolgenden Brüdern, dass sie nicht minder als ich ergriffen sind, und du bist so ganz gleichgültig und hast eine Miene, als wenn alles, was hier vorgeht, etwas ganz Unbedeutendes wäre. O sage mir, wie denn das zu fassen ist und wie zu nehmen? Soll ich, was mir rein unmöglich wäre, mich etwa auch so wie du verhalten?“
SH|0|10|74|0|Spricht der Bote: „Mein liebster Bruder, du wirst es bald einsehen, warum ich mich vor Gott nicht fürchte, und warum ich nicht also tue wie unsere drei Begleiter, nicht wie du und auch nicht wie diese Scharen. Es ist aber auch besser, so du dich nun so benimmst, wie ich mich benehme; denn du wirst dich bald selbst überzeugen, dass deine Furcht rein eitel ist. Denn ich sage dir, der Herr verlangt das alles nicht; aber so die Kinder vor dem Vater also ihre innigste Liebe und Demut bezeugen, so fehlen sie gerade auch nicht.
SH|0|10|75|0|Aber ich weiß es, dass du ehedem gegenüber den dreien, die dich zuerst begrüßten, ganz furchtlos und unerschrocken warst, was mir sehr gefiel, obschon sie sehr bemüht waren, dir einige Furcht einzujagen. Wie ist es denn, dass du nun so furchtsam wirst?“
SH|0|10|76|0|Spricht der Arme: „Ja, da hatte ich noch keine Ahnung von solch endlosester Erhabenheit Gottes und Seiner heiligen Himmel; aber nun habe ich es vor Augen, was ich mir ehedem kaum zu denken getraute. Da ist es nun aber auch ganz anders. Wie muss doch Gott aussehen, dass diese gar so sehr niederschaudern, sicher vor übergroßer heiliger Ehrfurcht vor Gott, dem Unendlichen, vor Gott, dem Allmächtigen! Wird mein doch sehr blödes und lichtungewohntes Auge Gottes Angesicht wohl zu schauen imstande sein?!“
SH|0|10|77|0|Spricht der Bote: „Nun ja, liebster Bruder, es wird sich alles machen. Bist du bisher nicht blind geworden, so wird es sich fürderhin auch machen. Sei nun nur ruhig; siehe, wir sind nun schon auf der Höhe, und dort wie am Horizont, über dem du jene Sonne Gottes erschaust, deren Licht alle Himmel und aller Menschen und Engel Herzen erleuchtet, ersiehst du auch schon die heilige Stadt Gottes, in der du, und zwar bei Mir, ewig wohnen wirst. Gehen wir nun nur recht hurtig darauf los, und wir werden bald dort sein.“
SH|0|10|78|0|Der arme Mann macht nun große Augen und weiß sich vor Verwunderung kaum zu helfen; nur begreift er noch nicht, warum er hier noch keinen Grund erschaut, aus dem die Scharen gar so zerknirscht sich erheben und uns nun nebst den dreien nachfolgen und in einem fort die herrlichsten Psalmen zu Gottes Ehre in der allerwohlklingendsten Weise singen.
SH|0|10|79|0|Nach einer Weile stummer, seligster Betrachtung dieser Himmelsgegend, die mit nichts Irdischem zu vergleichen ist, fragt er wieder, sagend: „O liebster Freund und Bruder! Sage mir doch, wo sehen denn die uns Nachfolgenden Gott den Herrn, da sie doch geradeso singen, als wäre Er mitten unter ihnen? Ich schaue links und rechts, vor- und rückwärts, aber ich kann nichts erschauen, das mich an Gott gemahnen möchte. Sind denn meine Augen noch zu blöde oder noch unwürdig, das allerheiligste Antlitz Gottes zu schauen? Wahrscheinlich wird wohl für ewig das Letztere der Fall sein. Im Grunde ist’s mir aber auch lieber, aufrichtig gesagt; denn ich fühle es, und Gott wird es am besten wissen und sehen, dass ich Sein heiligstes Antlitz nicht ertragen würde. O ich bin schon überselig, dass ich all das Himmlische an deiner Seite ersehe; ich aber möchte Ihn doch sehen, Ihn, den ich so mächtigst liebe; aber freilich nur hauptsächlich, in der Wahrheit gesprochen, in der Person des Herrn Jesu Christi. O wenn ich nur einmal den lieben, liebsten, ja den allerliebsten Herrn Jesus sehen könnte, da wäre ich schon der allerseligste und allerglücklichste Mensch aller Himmel!“
SH|0|10|80|0|Spricht der Bote: „Ich sage dir, sei nur ruhig; du wirst dich bald überzeugen, dass du Jesus eher sehen wirst, als du es dir denkst. Ja, Ich sage es dir, du siehst Ihn eigentlich schon, nur erkennst du Ihn noch nicht! Darum sei nur ruhig.“
SH|0|10|81|0|Der arme Mann sieht sich nun wieder fleißig nach allen Seiten um, wo er Jesus zu sehen bekäme; aber er ersieht noch niemanden, den er für Jesus halten könnte. Er wendet sich daher wieder an den Boten und spricht: „Es ist doch merkwürdig! Du sagtest, ich sehe Ihn schon, nur erkennte ich Ihn noch nicht. Ich habe jetzt doch fleißig mit meinen Augen alle durchmustert, die uns nachfolgen; aber unter ihnen kann Er nicht sein, denn sie scheinen bis in ihr Innerstes zerknirscht zu sein und ergriffen von tiefster Ehrfurcht, und alle loben und preisen wie mit einem Munde Jesus, den Herrn von Ewigkeit. Die drei weißgekleideten Männer tun desgleichen, und so ist nach meinen Gedanken wohl schwer anzunehmen, dass sich der Herr Jesus Jehova unter ihnen sichtlich befände. Und doch sagtest du, dass ich Ihn sähe. Oh, ich bitte dich, sage es mir doch, wie und wo ich Ihn denn so ganz eigentlich sehe?“
SH|0|10|82|0|Spricht der Bote: „Siehe hin zur Gottesstadt, der wir nun schon ganz nahe sind; in der wird dir alles klar werden. Wir wandeln jetzt schon gegen die äußeren Wallmauern und werden sonach bald in der heiligen Stadt selbst sein, und es werden dir darinnen erst die Augen vollends aufgehen – und das ungefähr auf die Art wie den zwei nach Emmaus wandelnden Jüngern. Daher sei nur ruhig, denn das muss hier alles so sein und geschehen, auf dass niemandes Heil und Leben und Freiheit irgendeinen Schaden erleide. Wie gefällt dir aber diese Stadt nun, in die wir soeben einziehen?“
SH|0|10|83|0|Spricht der Arme: „O Freund, wo nähme ich Worte her, um die endlose Pracht und Majestät dieser Stadt zu beschreiben! Welche zahllose Menge von den allergrößten und herrlichsten Palästen! Und alle scheinen voll bewohnt zu sein! O Gott, dieser Glanz, diese Pracht, diese unendliche Majestät! Die Schönheit ist wohl unaussprechlich; das fasst und begreift wohl keines Menschen Sinn! Aber nur frage ich, da wir einmal in dieser Stadt sind: Wo ist nun Emmaus, und wo der Sich vor meinen Augen noch immer nicht zeigen wollende Herr Jesus?“
SH|0|10|84|0|Spricht der Bote: „Siehe hier das große Haus, vor dem wir nun stehen, aus dessen strahlenden Fenstern und äußeren Galerien uns zahllose Brüder und Schwestern begrüßen, das ist das wahre ewige Emmaus! In diesem wirst du von nun an wohnen ewiglich! Und da wir nun schon vor Emmaus stehen, das du nun gar wohl siehst, so wende dich nun auch zu Mir und betrachte Mich, da wirst du auch Den erkennen, nach Dem du eine gar so große Sehnsucht und Liebe in deinem Herzen trägst!“
SH|0|10|85|0|Der Arme sieht nun den Boten, der Ich Selbst bin, recht fest an und erkennt nun augenblicklich Mich Selbst im Boten, fällt sogleich jählings auf seine Knie nieder und spricht: „O Du mein Herr und mein Gott! Also Du Selbst warst der Bote! O Du endloseste Liebe! Wie, wie, wie hast Du Selbst Dich denn so tief herabwürdigen können, mir, einem ärmsten Sünder, solch eine Gnade zu erweisen!“
SH|0|10|86|0|Nach diesen Worten verstummt er vor heiligster Entzückung und wird also in Meines Hauses Wohnungen eingeführt.
SH|0|10|87|0|Das weitere seligste Verhältnis dieses Mannes könnt ihr leicht von selbst denken sowie dessen ewige liebtätige Bestimmung. Daher wollen wir damit diese Szene auch beenden und dafür zu einer anderen übergehen. Amen.
SH|0|11|1|1|Elftes Beispiel: Robert Blum
SH|0|11|1|1|Am 27. November 1848
SH|0|11|0|0|[Eigenes Buch]
SH|0|12|1|1|Anhang
SH|0|12|1|1|Das Wiedersehen im großen Jenseits
SH|0|12|1|1|Am 31. Mai 1852
SH|0|12|1|0|Bei gar sehr vielen Menschen, die sonst Kopf und Herz am rechten Fleck haben, besteht, so sie eben nicht gar so glaubensstark sind, noch gleichfort die verhängnisvolle Frage: ob es nach diesem kurzen irdischen Leben noch ein und „wie“ gestaltetes Leben gibt, und ob der Mensch sich als das, was er hier war, erkennen wird? Ferner, ob ihm das hiesige Bewusstsein und die volle Rückerinnerung an all seine irdischen Zustände bleiben oder ob das Bewusstsein samt der Rückerinnerung vielmehr dem im Traum gleichen wird, wo der träumende Mensch sich wohl als derselbe, wie und was er im wachen Erdenleben ist, erkennt und sich seiner Subjektivität, nur unter immer ganz neuen Lebensverhältnissen, klar bewusst ist, wo aber alle objektiven diesseitigen Lebensverhältnisse bis auf weniges tief im Gemüt Haftendes – wie etwa die nächsten Verwandten und sehr oft gesehene, lebhaft besprochene und als heimatlich bewohnte Orte, und selbst diese nahe allzeit unter fremden Verhältnissen und Gestaltungen – nahe alles Dasein verlieren. Und gibt es dort im großen Jenseits unter solchen etwa einem hellen Traum sehr ähnlichen geistigen Lebensverhältnissen ein sich gegenseitig wohl erkennendes Wiedersehen?
SH|0|12|2|0|Und Ich, der Herr, sage und antworte auf diese umfassende Frage mit: Ja, so und so! Je nachdem der Mensch dies irdische Probeleben mehr oder weniger vollkommen nach Meiner allen Menschen geoffenbarten Ordnung durchlebt hat.
SH|0|12|3|0|Wer es hier schon, was jedem leicht möglich ist, zur wahren und vollen Wiedergeburt seines Geistes gebracht hat und als ein Vollwiedergeborener hier also lebt, dass ihm die Geisterwelt mit all ihren Verhältnissen und auch in ihrer einfließend entsprechenden Wirkung auf die materielle Welt so wie die materielle Welt völlig klar erschaulich ist, bei dem kann die Ablegung seines ohnehin keines lebendigen Bewusstseins und irgendeiner Erinnerung fähigen Leibes unmöglich irgendeine Veränderung in seinem Denken, Wollen, Erinnern und lebendigsten subjektiven und objektiven Bewusstsein bewerkstelligen.
SH|0|12|4|0|Denn so das Leben und alle seine Ein- und Auswirkungen schon diesseits ganz in den ewig gleichfort im höchsten und reinsten Selbstbewusstsein sich befindenden Geist übergegangen ist, der über alle Materie ewig erhaben ist und diese nur als ein auf eine bestimmte Zeit fixierter Gedanke oder als festgehaltene Idee in ein wie nach außen hin erscheinliches Sein tritt, so meine Ich, dürfte es wohl für jeden nur etwas heller Denkenden mit Händen zu greifen sein – zumal ihm dafür noch tausend Beweise aus dem Leben der Somnambulen und vieler Seher und Propheten zur Einsicht zu Gebote stehen –, dass das rein geistige Leben jenseits ein viel helleres, sich seiner selbst und aller anderen subjektiven und objektiven Vorgänge, Zustände und Verhältnisse des Lebens ein um ebenso viel reiner bewussteres sein muss, als um wie viel der Geist über alle Materie – die, wie gezeigt, nichts als ein fixierter Ausdruck seiner Gedanken und Ideen ist – für ewig steht als selbst Licht, Leben, Kraft und vollstes Bewusstsein in sich.
SH|0|12|5|0|Weil aber nicht nur ein, sondern alle nach Meiner Ordnung lebenden Menschen in ein gleiches allervollkommenstes Leben übergehen, so ist die Frage ob des einstigen Wiedersehens eine eitle. Denn so die Menschen in diesem unvollkommenen Puppenleben schon die Fähigkeit des sich Wiedererkennens und natürlichen Wiedersehens besitzen, die sie doch nicht abstreiten oder bezweifeln können, so werden sie diese Fähigkeit wohl umso mehr im vollkommensten, rein geistigen Leben besitzen, wo ihr ganzes Wesen der unvergängliche Ausdruck und das Grundprinzip alles Lebens und aller Verhältnisse und Vorkommnisse desselben ist! Auf dieser Welt erkennt ja auch durch den Leib hindurch die Seele durch den Geist in ihr die ihr bekannten und verwandten Menschen, kann sich anderen befreundet und vollends verwandt machen und erkennt sie dann als solche der Gestalt und dem Charakter nach allzeit wieder. So aber solches die Seele und der Geist vermag durch all die tausend Kerkerwände des in sich selbst toten Leibes, um wie viel mehr wird sie solches in ihrem völlig freien Zustand vermögen, wie solches schon an sehr vielen Somnambulen nur zu oft beobachtet worden ist, die mit festverschlossenen Augen nicht nur ihre Umgebung oft bis auf den innersten Lebensgrund, sondern auch die in fernen Landen sich irgendwo befindenden Menschen, um die sie befragt wurden, mit allen ihren Zuständen und Verhältnissen geschwind und überaus wohl erkannten! Und doch ist die Seele einer noch so hellen Somnambule noch bei weitem nicht in dem freien Zustand, wie eine sogar noch mehr unvollkommene Seele nach dem Abfall ihres Leibes!
SH|0|12|6|0|Dass unvollkommene Seelen sich nach ihrem Freiwerden vom Leib nur zu bald mehr und mehr verfinstern, das liegt in ihrem bösen Willen. Solche Seelen sehen dann freilich von der Welt nichts mehr, was sehr notwendig ist, da sie in einem sehenden Zustand der Welt und namentlich denen, die sie zu ihren Feinden rechneten, einen zu bedeutenden Schaden zufügen würden. Solche Seelen und respektive Geister sehen dann nur das, was sich aus ihrer Phantasie gleich einer niedersten Traumwelt entwickelt. In solcher Phantasiewelt verharren solche Seelen dann oft Hunderte von Jahren, sehen die stets neu ankommenden Seelen, wenn sie auch auf der Erde ihre nächsten Verwandten waren und diese sie sogleich ersehen, nicht. Sie sehen nur ihre lang andauernde Phantasiewelt und sind daher nur den Engeln durch pure Entsprechungen, die die Engel in die Phantasiewelt solcher blinden Seelen hineinzuschieben imstande sind, zur Belehrung zugänglich.
SH|0|12|7|0|Wenn sie Belehrung und dadurch eine Besserung ihres Willens annehmen, so verschwindet nach und nach ihre Phantasiewelt, und sie kommen dann stets mehr und mehr zum wahren Licht und zur Anschauung all des Daseienden und somit zum Wiedersehen ihrer Verwandten und Freunde. Sie erkennen sie dann als solche auch gar bald wieder und haben eine rechte Freude an ihnen.
SH|0|12|8|0|Bessern sie sich aber nicht, so bleiben sie in ihrer stets ärger werdenden Traumwelt lange Zeiten der Zeiten. Und da ist dann vom erfreulichen Wiedersehen und Wiedererkennen keine Rede. So wenig irgendein materieller Mensch in einem sehr materievollen Traum sich irgend seiner Außenverhältnisse und Lebenszustände erinnern kann, sondern nur das schaut, was ihm seine Phantasie als plastisch vorgaukelt, ebenso wenig und eigentlich noch bei weitem weniger kann eine finstere Seele sich jenseits irgend an etwas erinnern oder etwas erkennen in ihrem Traumkreis, in dem sie sich nie tätig, sondern allzeit nur leidend befindet und sich daher aus sich selbst auch eine nahe ewig andauernde Zeit, nach dem Maß dieser Erde genommen, nimmer frei machen kann!
SH|0|12|9|0|Wer hier nicht wenigstens zur Hälfte im Geist wiedergeboren wird, kommt jenseits mehr oder weniger in den oben bezeichneten Zustand und kann sich selbst darin ebenso wenig helfen wie der Embryo im Mutterleib, dessen Regen und Bewegen von dem notwendigen äußeren Zustand der Mutter abhängt. Aber es waltet dennoch eine ganz eigene Bewandtnis bei solchen Seelen ob, was da mit dem Zustand des Embryo im Mutterleib etwas Unterschiedliches hat. Und das besteht, um für den Verstand der Menschen vernehmlich zu reden, darin, dass der Embryo im Mutterleib als sich neubildende Kreatur durchaus leidend ist, während die finstere Seele ganz aus sich tätig und leidend zugleich ist und, weil sie nicht will, nicht untätig werden kann, auf dass sie dadurch möchte unleidend werden.
SH|0|12|10|0|Wie kommt aber das?
SH|0|12|11|0|So ein Mensch auf dieser Welt entweder nur sehr wenig oder zumeist wohl auch gar nichts zur Belebung und Bildung dessen, was seine Seele in ihrem Herzen verborgen trägt, getan hat, sondern alles nur auf den äußeren Verstand verwendete und diesen dann dazu benutzte, wohlberechnete Wege einzuschlagen, um auf diesen sich weltliche Schätze – welcher Art und welchen Namens sie auch immer sein mögen – zu verschaffen, um sich durch sie die möglichst feinsten und in jeder Hinsicht wohlschmeckendsten Genüsse und Lustreize zu bereiten, so ist, wenn dann solch eines Menschen Seele jenseits ankommt, ihre göttliche Lichtkammer dicht verrammt und verschlossen. Das irdische Verstandeslicht aber, das eigentlich bloß eine Kombination der äußeren, materiellen Lichtbilder ist, die an den vielen Millionen Flächen der Gehirntäfelchen für die Seele ersichtlich sind, und aus denen die Seele allzeit, nach Art der dummen Astrologen, ihre Berechnungen macht und dann wie von der Macht des dicksten Aberglaubens sich danach zu handeln genötigt fühlt, bleibt ohnehin so wie die Bildergalerie eines Bilderliebhabers, wenn er stirbt, in der Welt zurück. Die Folge ist, dass solch eine Seele dann notwendig total finster in der Geisterwelt anlangen muss und nichts behält als das Bewusstsein oder den Ausdruck des Lebens und nur insoweit die Erinnerung an ihre irdischen Zustände und Verhältnisse, inwieweit solche in der (dem leiblichen Gehirn) entsprechenden Gehirnkammer der Seele in entsprechenden Typen aufgezeichnet sind, welche die immerhin höchst sensible Seele fühlt und ihrer gewahr wird, wenn sie dieselben zufolge ihrer Finsternis auch nicht klar beschauen kann.
SH|0|12|12|0|Dass ein solcher Zustand einer an alle Lustreize des Lebens gewöhnten Seele nur zu bald unerträglich wird, lässt sich hoffentlich leicht begreifen und sogar lebendig fühlen. Solch eine Seele gerät dann bald in eine große Furcht, Angst und am Ende in einen großen Ärger und Zorn, wodurch sich in ihr dann eine Art Glutschimmer entwickelt.
SH|0|12|13|0|Denn wo immer jemand schon in der gerichteten Materiewelt irgendeine starke Tätigkeit ersieht – wie etwa einen heftigen Sturm, eine starke Meeresbrandung, eine starke Reibung zweier Gegenstände gleicher oder ungleicher Art, einen mächtigen Druck zweier harter Körper aufeinander und derartiges mehr, – da wird er dabei, besonders zur Nachtzeit, auch eine Feuer- und Licht- oder wenigstens eine Schimmerentwicklung bemerken, welche von den Naturgelehrten mit dem allgemeinen, aber eben nicht immer tauglichen Namen Elektrizität bezeichnet wird, – im Grunde aber und ganz eigentlich der vollen Wahrheit gemäß nichts als eine Erregtheit der in aller Materie mehr oder weniger hart gefangenen Naturgeister ist, die stets desto eher und leichter erregt werden können, je härter sie gefangen sind. Sind sie aber leichter gehalten, wie etwa in der Luft, im Wasser, im Lehm und in allerart anderen flüssigen und weichen Körpern, so gehört auch im Verhältnis eine heftigere Bewegung (Tätigkeit, s.o.) dazu, damit die ihr nicht so schnell ausweichen könnenden Naturgeister erregt und durch ihre höchst schnell vibrierende Bewegung innerhalb ihrer sie gefangenhaltenden leichten und höchst durchsichtigen Hülse als ein Licht oder als ein Glühen ersichtlich werden.
SH|0|12|14|0|Dass diese Erregung der Naturgeister aber in der Vibration besteht, kann ein jeder Mensch von nur einigem Beobachtungsgeist beseelt leicht aus tausendfachen Erscheinungen in der Naturwelt ersehen und erkennen. Wenn irgendein Mensch oder sogar auch ein Tier durch was immer in seinem Gemüt sehr erregt wird, so wird an ihm ein Beben bemerkt, welches von nichts anderem als lediglich von der Erregtheit der im Fleisch und Blut gefangenen Naturgeister herrührt. Eine Saite auf einem Toninstrument vibriert, wenn sie einen Stoß oder Schlag bekommt, weil die in der Materie der Saite gefangenen Geister durch den Schlag oder Stoß erregt werden. Die Flamme jeden Lichtes, die nichts als ein Akt der Freiwerdung der in der Materie gefangenen Naturgeister ist, besteht in stets sichtbarer Vibration, die durch die Tätigkeit der freiwerdenden Naturgeister entsteht. Und dergleichen Erscheinungen gibt es noch Tausende und abermals Tausende, an denen derselbe Akt beobachtet werden kann.
SH|0|12|15|0|Es ist gesagt worden, dass die Seele durch den Verlust ihres Weltlichtes und aller aus demselben hervorgehenden Lustbarkeiten zuerst in eine große Furcht und Angst und am Ende in einen großen Ärger und Zorn gerät, wodurch in ihr eine Art Glutschimmer erzeugt wird. Dieser Glutschimmer entsteht im Wesen der Seele entsprechend auf die ganz gleiche Weise wie in der Naturwelt.
SH|0|12|16|0|Die Furcht ist die erste Erregung der in jeder einzelnen Seele vorhandenen endlos vielen seelisch-geistigen Spezifikalpotenzen. Wenn alle Potenzen in ein immer heftigeres Beben geraten, so wird der ihnen gegebene Formraum bald zu eng. Da aber die äußere Form, innerhalb der alle die zahllosen Potenzen zu einem Leben vereinigt sind, bald zu eng wird – weil sie nicht so leicht erweitert werden kann und darf –, so ist die Folge davon dann notwendig ein immer heftigeres Drängen und Drücken nach allen Seiten hin, wodurch in dem konkreten Gesamt oder besser gesagt Ein-Leben das Gefühl der Angst zum Vorschein kommt.
SH|0|12|17|0|Wenn das Drängen und Drücken stets heftiger werdend andauert, so entsteht daraus eine geistige Gärung, die man Ärger nennt. Wie aber schon in der Natur das Resultat einer stets heftiger werdenden Gärung eine volle Entzündung ist, ebenso ist das Endresultat der großen Gärung der seelischen Spezifikalpotenzen eine volle Entzündung, und diese heißt Zorn. Und von solchem Zorn rührt dann auch die Erscheinlichkeit des Glutschimmers her, der, so er heftiger und heftiger wird, endlich in einen vollen Brand übergeht, der als böseste Erscheinung des Lebens Wut und im eigentlichsten Sinne Hölle heißt und ist.
SH|0|12|18|0|Wenn nun eine abgeschiedene Seele sogestaltig in den besprochenen Glutschimmer gerät, so fängt sie dadurch an, die in ihrem Gehirn vorhandenen geistigen Stigmata sehr matt zu erschauen und erkennt bald viel eitel Böses und wenig Gutes in ihrem Wesen. Sie sieht in solchem Zwielicht auch nicht selten die Mücke für einen Elefanten und umgekehrt den Elefanten für eine Mücke an. Aus solchen Anschauungen entwickeln sich dann in der Seele allerlei ganz luftige und durchsichtige, man könnte sagen formlose Formen gleich den Luftschlössern eines verliebten Jünglings auf der Welt, die bei einer sehr heftigen Phantasie nicht selten auf Augenblicke in eine förmlich ersichtliche Erscheinlichkeit treten, aber bei der geringsten Gemütsstörung in ein Nichts verschwimmen.
SH|0|12|19|0|Weil aber die Seele auf die gezeigte Weise nichts zu einer bleibenden Realität bringen kann und durch die momentan auftauchenden, mehr Zerr- als wohlgeordneten Bilder nur stets mehr gereizt und erregt wird, wodurch am Ende sogar das Innerste „Herzensstöße“ zu bekommen anfängt, so kommt dadurch dieses Innerste dann auch in eine, aber ganz entgegengesetzte Tätigkeit.
SH|0|12|20|0|Durch diese Tätigkeit (ihres Urgeistes aus Gott) wird die wilde Tätigkeit der Seele beruhigt, so dass am Ende die Seele in sich selbst in einen förmlichen Schlaf gerät, also ruht, und in dieser Ruhe als mehr vereinigt mit ihrem Urgeist aus Mir in einen förmlichen Traum kommt und, weil sie sich in solchem Zustand ganz behaglich fühlt, darin auch verbleibt, – ein Zustand, den die alten Seelen- und Lebensforscher den Seelenschlaf nannten.
SH|0|12|21|0|Der im Herzen der Seele nun gegen die Gelüste der Seele tätige Urgeist schafft nun für die Seele stets mehr und mehr solche Bilder, die einesteils stets das enthalten, was der Seele selbstliebigem und herrsch- und genusssüchtigem Sinn zusagt. Aber sowie sie solches in ihrem Traum, den sie natürlich für Wirklichkeit hält, vollgierig ergreifen will, so wird es entweder zunichte oder es weicht zurück und flieht von dannen. Andernteils aber wird der Seele auch solches produziert, was ihr frommt, und so sie es ergreift und zu ihrem wahren Besten verwendet, so bleibt es, und es fängt also aus dem Traum eine feste und bleibende Welt (für die Seele) sich zu entwickeln an.
SH|0|12|22|0|Je mehr die Seele das ergreift, was ihr von ihrem Urgeist geboten wird, desto mehr einigt sie sich mit ihm und geht so unvermerkt in ihren Urgeist ein und mit demselben zum Urlicht und aller Wahrheit aus ihm. Und sie erkennt da bald sich vollends wieder und alle ihre Bekannten und Verwandten und wird gewöhnlich durch sie dann zu Mir Selbst hingeleitet, wo ihr dann auch nach dem Maß ihrer Vollendung und Einswerdung mit ihrem Geist stets mehr Licht und Weisheit gegeben wird und das volle Vermögen, in die Naturwelten schauen und ersprießlich tätig werden zu können. Dass in diesem Falle ein vielseitiges Wiedersehen eine ganz natürliche Folge ihrer geistigen Vollendung ist, bedarf wohl keines weiteren Beweises mehr.
SH|0|12|23|0|Aber was geschieht denn hernach mit jenen Seelen, denen in ihrem jenseitigen Traumleben die vorgespiegelten Bilder und Erscheinlichkeiten, nach denen ihr selbst- und genusssüchtiger Sinn giert, durch die guten Erscheinlichkeiten nicht aus dem Begehrsinn getrieben werden können? Was geschieht, frage Ich, mit solch einer Seele, die darum stets mehr in Wut gerät, weil sie die Gegenstände ihrer Lust, die ihr vorgezaubert werden, nicht erreichen und festhalten kann? Gibt es in diesem Falle auch ein Wiedersehen? Nein, sage Ich, da gibt es kein Wiedersehen!
SH|0|12|24|0|Solch einer Seele wird dann ihr eigener Geist zum unerbittlichsten Richter. Er lässt sie am Ende die vorgespiegelten Dinge und Objekte erreichen und sich nach ihrem argen Sinn an ihnen erlustigen; aber solche Erlustigung bereitet der Seele allzeit den größten und brennendsten Schmerz und macht sie auf eine lange Zeit wieder ganz finster.
SH|0|12|25|0|Der Geist lässt dann zu, dass eine also finster gewordene Seele in ihrer größten Wut, die sie durchglüht und ihr also ein böses Licht gibt, um ihresgleichen außer sich wahrzunehmen, nun wirklich mit Seelen ihrer Art zusammenkommt.
SH|0|12|26|0|Da geschehen dann sogleich Verbindungen und Zusammenrottungen von solchen, die sich ihre Wut gegenseitig mitzuteilen beginnen. Sie verschanzen sich gegen die Feinde, mit denen sie in ihrem Traumleben, das solche Seelen aber für Wirklichkeit halten, in eine für sie widrigste Berührung kommen und fassen die racheglühendsten Beschlüsse, sich eher selbst nach aller Möglichkeit zu töten, als sich irgendeine noch so geringe göttliche Anordnung mehr gefallen zu lassen.
SH|0|12|27|0|In einer solchen Verschanzung, zu der sie das Material aus ihrer Einbildung nehmen – insoweit sie irgendeiner Einbildung in ihrem Wutglühlicht fähig sind –, verharren sie oft sehr geraume Zeiten und werden darob nur von neuem ärgerlicher, zorniger und wütender, durchbrechen dann selbst ihre Verschanzung und gehen hordenweise den Feind suchen, weil keiner in ihre Verschanzung eindringen wollte, dass sie an ihm ihre Rache hätten kühlen können. Aber ihr Suchen ist ein vergebliches. Sie kommen nur mit anderen ihresgleichen den Feind suchenden Horden zusammen und machen mit ihnen bald gemeinsame Sache, suchen dann so gemeinsam mit aller Hast den Feind, finden aber natürlich nie einen.
SH|0|12|28|0|Wenn solch elender Seelen einmal mehrere Tausend beisammen sind – deren Haufen sich in der Geisterwelt für das Auge der reinen Geister ungefähr also ausnimmt, wie auf dieser Erde allenfalls das Glühen der Luft durch ein in der Tiefe irgendwo brennendes Haus –, so erwählen sie den Glühendsten unter ihnen, den sie für den Mutigsten und Weisesten halten, als Anführer, der sie dann über einen Boden führt, der gewöhnlich auch der Einbildung solcher Seelen entspricht – entweder in der Form einer finsteren Sandsteppe oder einer unabsehbaren Ebene, auf der nichts als trockenes Moos zum Vorschein kommt. Auf solchen Böden finden sie nach langem Umherziehen und unter großem Hunger und Durst auch gewöhnlich nichts als etwa wieder eine ähnlich herumziehende Horde unter einem stark glühenden Anführer. Und da geschieht es entweder, dass sie einander anfallen aus schon zu großer Rachewut, sich zerreißen und verstümmeln, oder sie vereinigen sich unter zwei Anführern, was aber schon gleichfort zu Reibungen Anlass gibt, weil da ein jeder der beiden Anführer der Erste sein will, was in kurzer Weile dennoch einen Krieg der beiden Horden zuwege bringt.
SH|0|12|29|0|Wenn sich bei solchen Kriegen solche höchst unglückselige Seelen nahezu ganz zu kleinen Stücken zerrissen haben – natürlich alles nur scheinbar –, so kommen sie wieder zu einer gewissen Ruhe und ihr Geist zeigt ihnen dann wieder wie in einem helleren Traum, wie nichtig, fruchtlos und eitel ihr töricht-blindestes Bemühen war, und zeigt ihnen den besseren Weg zur Umkehr.
SH|0|12|30|0|Manchmal nehmen einige solche Weisung an und bekehren sich. Aber zumeist werden sie nach einem solchen Gesicht erst ganz toll und treten in ihren geistlosen puren Seelenzustand zurück, der dann bei weitem schlechter wird, als da war der erste. Und solche Zustände sind dann schon Hölle, aus der ein Ausweg schwer zu finden ist! Wer da nicht geht den schmalen Pfad durch sein eigenes Herz, der kommt nimmer zurecht und kann Trillionen und Dezillionen von Erdjahreszeitlängen in solcher Hölle verharren.
SH|0|12|31|0|Es ist nun also gezeigt worden, wie das Seelenleben jenseits in zwei einander schroffst entgegengesetzten Hauptzügen und Beschaffenheiten zuständlich geartet ist: entweder nach oben oder nach unten. Aber es soll mit dem allem dennoch nicht jede Erscheinlichkeit in der Geisterwelt dargestellt sein, sondern wie gesagt nur die beiden allgemeinen Hauptzüge, also das schroffste Pro und Kontra.
SH|0|12|32|0|In der Mitte dieser zwei Hauptzustände gibt es noch eine zahllose Menge von Erscheinlichkeiten, die hier nicht dargestellt zu sein brauchen, da sie in den Werken: Die geistige Sonne, Die Erde, Der Mond und in den Szenen der Geisterwelt [Sterben und Hinübergehen, Bischof Martin, Robert Blum] zur Übergenüge gezeigt worden sind, so wie teilweise in den mannigfachen anderen Mitteilungen und Naturzeugnissen. Aber alle die darin geschilderten wie immer gearteten Erscheinlichkeiten fußen auf der nun gezeigten Hauptnorm, und die Grundwege entweder nach oben oder nach unten sind in sich die gleichen.
SH|0|12|33|0|Das eigentliche wahre Wiedersehen kommt erst im Gottesreich, das ist im Himmel vor, welcher die ganze Unendlichkeit dem Raum nach erfüllt und sonach allenthalben gegenwärtig ist, in den aber jeder Mensch nur durch sein Herz gelangen kann.
SH|0|12|34|0|Da es aber doch viele in der Welt nun gibt, die so materiell sind, dass sie von den geistigen Verhältnissen der Dinge keine Spur und keine Ahnung haben, hier aber von den „Naturgeistern“ lesen und nicht verstehen, was diese sind und worin sie bestehen, so soll dahin hier noch eine ganz kurze Nacherläuterung folgen.
SH|0|12|35|0|Die ganze materielle wie auch die rein geistige Schöpfung ist nichts als eine durch der Gottheit allmächtigen Willen festgehaltene Idee aus dem Herzen oder Leben der Gottheit Selbst und – weil aus Gott – im Grunde des Grundes geistig. Würde nun alle die sogenannte materielle Schöpfung, was Gott gar leicht möglich wäre, der gleichfort andauernden Festhaltung ledig, so würde sie wieder als ein nur der Gottheit sichtbarer großer Gedanke ganz geistig im Gemüt Gottes Platz fassen und mit der Realisierung der freien Selbständigkeit von zahllosen Wesen wäre es zu Ende!
SH|0|12|36|0|Aber Gott will es ewig gleichfort, dass Seine großen Gedanken und Ideen ewigfort zur freiesten Selbständigkeit sollen realisiert werden. Und so hatte Gott darum für die einzig dadurch mögliche Realisierung, dass all die göttlichen Gedanken und Ideen als unwandelbar gefestet dastehen müssen Seiner Pläne und Zwecke willen, diesen allein wirksamen Weg eingeschlagen:
SH|0|12|37|0|Die zahllosen Gedanken und Ideen müssen gewisserart nur in allerartig kleinsten geistigen Teilchen sukzessive freier und freier gemacht werden, aber dabei dennoch lange von irgendeiner Hauptidee Gottes, die da erscheinlich als ein Weltkörper im endlosen Gedanken- und Ideenraume als gefestet schwebt, angezogen und gehalten werden, bis sie nach und nach ihrer Gleichartigkeit nach sich mehr und mehr zusammenfinden und so in eine immer größere Wesenheit bis zum Menschen hin übergehen.
SH|0|12|38|0|Solche von der totalen Hauptidee (dem Weltkörper) freier und freier gelassenen Teilchen sowie die noch nicht frei gelassenen, sondern in der Hauptidee noch festgehaltenen Teile heißen bis zum Menschen hinan „Naturgeister“. Diese freieren Naturgeister – oder Naturkräfte, wie es die Weltgelehrten nennen – befinden sich als schon selbsttätig entweder in der Luft, im Wasser oder im weicheren Erdreich und locken da die noch hart gefangenen Geister in die Freiheit heraus, vereinigen sich mit ihnen und bilden dadurch, dass sie sich mit den noch unfreieren Geistern umhüllen, allerlei Lebensformen: zuerst Pflanzen, aus diesen Tierchen und Tiere größerer und größter Art – bis zum Menschen hin, wo sie als Seele und auch – dem unfreieren, noch groben Teil nach – als dessen Leib dann erst durch Gottes Urwesen Selbst, nun schon zur Genüge zur vollfreien Selbständigkeit reif, wieder ergriffen und förmlich – aber anfangs noch immer wie von außen her – für den folgenden reingeistigen, ewig dauernden Zustand durchgeschult und geübt werden.
SH|0|12|39|0|Die dann ein solches Durchschulen sich gefallen lassen und also freiwillig in die Ordnung eingehen, in der ihr ewig selbständiger, freiester Lebenszustand allein möglich ist, – diese kommen dann auch zum großen Wiedersehen Dessen, aus dem sie hervorgegangen sind. Sie werden sehen, wie und woher und durch Wessen Macht und Weisheit und unwandelbare Beharrlichkeit sie vom eigentlichen Nichtsein ins vollste, freieste und selbständige Sein und Erkennen gekommen sind.
SH|0|12|40|0|Zugleich aber, weil mit ihrem Urgrund ein und dieselbe Wesenheit, werden sie auch selbst auf die gleiche Weise zu ihrer großen Beseligung aus ihrer nun höchsteigenen, aber der göttlichen völlig gleichen Weisheit neue Schöpfungen ins Werk setzen und sonach ganz in Meiner Ordnung Schöpfer ihrer höchsteigenen Himmel sein, wodurch sie dann zum realisierten Wiedersehen aller ihrer Gedanken und Ideen gelangen werden.
SH|0|12|41|0|Und das alles wird dann ein großes, ewig dauerndes realisiertes Wiedersehen sein in der endlosen Fülle alles dessen, was ein göttlicher Geist ewig unerschöpflich in sich birgt. Und das ist dann erst das vollkommene, große Wiedersehen!
SH|0|12|42|0|Ich meine nun, wer da Augen hat zum Sehen und Ohren zum Hören, der wird daraus zu seinem ewigen Vorteil unbeschreibbar vieles schöpfen können zur vollen Erkenntnis des geistigen Lebens.
SH|0|12|43|0|Wer es aber nur lesen wird aus einer Art Neugierde und wird daran legen die Feile seines Weltverstandes, dem wird es einst gerade also ergehen, wie es in dieser Beschreibung zu lesen ist. Denn Mein Erbarmen kann und darf sich nicht und nie über die Schranken Meiner nun aus dem Fundament gezeigten unwandelbaren Ordnung erstrecken. Denn diese Ordnung ist an und für sich schon Meine ewige Erbarmung.
SH|0|12|44|0|Wer aber über die Schranken dieser Ordnung tritt, der wird nur sich selbst einen überaus langen, unglückseligsten Zustand jenseits zuzuschreiben haben. Denn es muss ein jeder sich selbst gestalten, so er sein will das, was er sein soll. Will jemand sich diese Mühe nicht nehmen, so muss er dann auch so lange im ewig notwendigen Gericht verharren, bis er sich selbst zu umgestalten anfangen wird, was die Seele einen harten Kampf kosten würde!
SH|0|12|45|0|Hüte sich daher ein jeder von euch vor (eigensüchtigem Trachten nach) irdischen Gütern, Reichtum, Glanz und Ansehen, sei aber nach seinen Kräften reichlich mildtätig gegen seine ärmeren Brüder und Schwestern, so wird ihm der Kampf mit der Finsternis ein leichter sein. Amen.
SH|0|12|46|0|Das sagt der Herr allen Lebens zu euch allen. Amen. Amen. Amen.
SH|0|13|1|1|Ein Jenseitiger
SH|0|13|1|1|Am 18. Februar 1861
SH|0|13|1|1|Ein Jenseitiger, der zu seiner Lebenszeit Lorber gekannt hatte, durfte sich direkt an Jakob Lorber wenden und ihm von seinem Hinübergehen in die jenseitige Welt und seinem ersten Aufenthalt in der Sphäre der geistigen Erde, die unsere naturmäßige Erde umgibt, erstmals am 18. Februar 1861 berichten:
SH|0|13|1|0|B: „Gott zum Gruße, lieber Freund! Ich habe in meiner noch immer etwas leidigen Abgeschiedenheit an dich und an alle anderen Freunde wohl gedacht und mir auch oft jene Stunden in Erinnerung gerufen, in denen wir uns über geistige Dinge gar tröstlich besprochen haben. Aber des Herrn allmächtiger Wille hat mich von der Welt abberufen – und ich bin hier angelangt unter wahrlich nicht sehr erfreulichen Umständen, an denen freilich nur ich selbst schuldete. Ich wollte alles in meinem Erdenleben Zerrüttete wieder in ein möglichst gutes Gleichgewicht bringen und gab mir deshalb auch viele – aber vergebliche Mühe, und ich konnte mir deshalb – um nach irdischer Weise zu reden – gar keine Zeit nehmen, jemandem von euch zu erscheinen, obschon ich wusste, dass ich dir oder auch jemand anderem hätte erscheinen können, so ich es gewollt hätte.
SH|0|13|2|0|Aber nun bin ich freier, dem Herrn alles Lob, und so habe ich endlich in mir selbst inne zu werden angefangen, dass hier alle meine nach irdischer Norm geartete Mühe und Arbeit nichts anderes als eine wahre Mühe und Arbeit in einem Traum war, und ich ließ davon ab. Denn sieh, für mich war das Sterben des Leibes nichts anderes als ein ganz süßes Einschlafen eines arbeitsmüden Tagewerkers, und ich befand mich wie in einem hellen Traum sogleich in einer ganz anmutigen Gegend und kam auch gleich mit mehreren guten alten Freunden, zumeist Triestinern, zusammen, die mir recht freundlich und artig entgegenkamen und sich mit mir – aber zumeist nur über ganz gleichgültige Dinge – besprachen. Ich ahnte nicht, dass dies ein Traum sei, was ich in meinen Erdenlebenszeiten oft in einem Traum wie ahnend wahrnahm.
SH|0|13|3|0|Nur einer dieser meiner Triestiner Freunde, von dem ich gleich wusste, dass er an ein und demselben Tag mit meiner Gattin an der Cholera verstorben war und mit dem ich oft in seiner schön gelegenen Campagna bei einem Gläschen Triestiner viel über geistige Dinge mich besprach, fiel mir auf, und ich fragte ihn, wie denn er hierhergekommen sei. ‚Denn‘, sagte ich, ‚Freund, ich weiß es ja nur zu bestimmt, dass du mit meiner D. an einem Tag an der bösen Epidemie verstorben und auch unter meinen weinenden Augen beerdigt worden bist, – und du lebst nun so, wie ich lebe – und hoffentlich nicht träume?!‘
SH|0|13|4|0|Da sah mich der alte gute Freund gar sehr ernst, aber doch freundlich an und sagte: ‚Freund! – seien wir von Herzen froh, dass wir’s überstanden und die Welt mit allen ihren Übeln hinter uns haben, denn sieh, auch du hast das leidige Irdisch-Zeitliche für alle Ewigkeiten gesegnet, und deine morsch gewordene Hülle wird morgen der Erde übergeben, wofür wahrlich nicht schade ist!‘ – Als ich dies vernahm, da wurde es mir denn doch ein wenig bange zumute und ich sagte: ‚Nun, in Gottes Namen denn, wenn es im Ernst also sein soll! Aber meine Kinder, und meine Sachen – ich habe ja lange noch nicht alles in bester Art geordnet?!‘ – Sagte der Freund: ‚Ei, kümmere dich darum nicht, das werden schon die tun, die noch auf eine kurze Zeit zurückgeblieben sind!‘
SH|0|13|5|0|Damit war ich auch bald einverstanden, und ich befand mich wie durch einen Zauber geführt auf einmal so natürlich in der Campagna meines Freundes und besah mir ganz entzückt das Meer mit seinen Wundern, dass ich sagte: ‚Freund, aber das ist ja doch alles ganz handgreifliche Natur, und wir sollen nur pure Geister sein?!‘ – Da sagte er zu mir: ‚Freund! – als wir noch unser schlechtes Fleisch bewohnt haben, da sahen wir ja auch nur als lebendige Seelen die handgreifliche Natur, und nicht unser toter Leib! Wenn so damals, wo uns des Leibes Bürde und finstere Dichte ein großes Hindernis war, warum denn jetzt in unserem freieren Lebenszustand nicht?‘
SH|0|13|6|0|Ich war damit ganz einverstanden und fing an zu fühlen, dass ich des Leibes bar geworden bin; aber doch nicht, wie und auf welche Art. Aber ich fing da an, mich zu kümmern, wo ich meine Gattin fände, und ob ich meine verlassene Buchhandlung wieder aufrichten könnte, und das hatte mir viel Kummer und Sorge gemacht. Aber Gott alles Lob! nun ist auch das hinter mir, und ich habe angefangen, mich nun ausschließlich mit höheren Dingen zu befassen, und ich werde dich nun zu öfteren Malen besuchen und dir noch so manches aus meinen jetzigen Erlebnissen und Erfahrungen für die Gläubigen auf eurer Welt zum Nutzen mitteilen. Lebe nun wohl in Gott dem Herrn.“
SH|0|13|7|1|Am 25. Februar 1861
SH|0|13|7|0|B: „Guten Morgen, guten Morgen – lieber Freund! Meine herzlichsten Grüße auch an alle die anderen guten Freunde! Ich habe hier nicht nötig zu fragen, wie sie sich befinden; denn das weiß man hier ganz gut, wie es dem einen oder anderen lieben Freund noch auf der stereotypen Erde geht, da wir alles dessen aus eines jeden seelischer Außenlebenssphäre genauest innewerden können, wenn wir das wollen. Aber ich habe dennoch stets eine große Freude, so ich hier auf der geistigen und somit besseren Erde innewerde, dass ein jeder – bis auf weniges – im Licht des Herrn aus den Himmeln fortschreitet; denn die der Herr liebhat, die sucht Er ja stets mit allerlei Kreuzlein heim. Diese Kreuzlein sind wahre Beförderungsmittel zur Einung des Geistes des Herrn mit der für sich immer leidigen Seele, die für sich ohne eine Stütze ein sehr armseliges Wesen ist, aus welchem Grunde sich auch die meisten Seelen auf ihr morsches und hinfälliges Fleisch stützen und mit diesem sich auch alle Leiden gefallen lassen müssen, weil sie die festeste und ewige Stütze des Geistes aus Gott nicht ahnen, geschweige irgend erkennen! Und eben darum sind die gewissen Ordenskreuzlein aus der Hand des Herrn gar so gut und nützlich fürs wahre und ewige Wohl der Seele, weil sie dadurch genötigt wird, sich vom fleischlichen Stützpunkt abzuwenden und sich im Glauben an den des Geistes zu wenden.
SH|0|13|8|0|Hat eine Seele einmal nur als anfänglich diesen günstigen Umschwung gemacht, so wird sie vom Herrn aus so lange mit allerlei Kreuzlein versehen, als sie sich nicht völlig mit dem Geist zu einen angefangen hat. Ist das aber einmal da und auch nicht mehr zu befürchten, dass eine Seele wieder zum Fleisch behaglich zurückkehren könnte oder möchte, nun, so hören dann auch alle die Kreuzlein auf und der ganze Mensch kann dann schon auf der Welt in eine wahre Glückseligkeit übergehen.
SH|0|13|9|0|Ich selbst habe im Erdenleben das wohl auch bei weitem nicht so eingesehen, wie ich’s jetzt in diesem reinen und völlig schmerzlosen und eigentlich wahren Leben einsehe. Und das war auch der Grund, dass ich gleichfort in einem Wanken zwischen dem morschen und vergänglichen Stützpunkt des Seelenlebens und jenem ewig dauernden, wahren und kräftigsten des Geistes mich befand und dabei aber auch in einem fort bald dies und bald jenes stets leidend zum Erdulden bekam, – aber es war das dennoch gar liebevoll vom Herrn also angeordnet, und ich fühle erst jetzt mehr und mehr die große Wohltat aller der von mir ausgestandenen, oft recht bitter schmeckenden Prüfungen. Denn wo und was wäre ich nun hier ohne sie?!
SH|0|13|10|0|Ach, lieber Freund, wenn man hier wie ich nun die Gelegenheit hat, das Elend und die große Not der gewissen Weltmenschen-Seelen zu sehen und zu erkennen, so kann man dem Herrn ewig nie irgend zur Genüge dankbar sein, dass Er einem stets solche Hüter und Wächter gesandt hat, durch die man verhindert wurde, ein ganz vollendeter Weltmensch zu werden. Ertragt daher alles aus Liebe zum Herrn in aller Ihm dankbaren Geduld, denn das wahre Lebenskalifornien werdet ihr für ewig nur hier finden. Denn jeder treue Arbeiter im großen Lebensweinberg des Herrn wird hier seinen glänzendsten Lohn für ewig finden!
SH|0|13|11|0|Das aber ist ja aus dem Munde des Herrn Selbst bekannt, dass Seine Bekenner auf der Erde in Ihm, d.i. in Seinem Geiste gewisserart mit Ihm gekreuzigt werden, um also auch mit und in Ihm zum ewigen Leben aufzuerstehen.
SH|0|13|12|0|Sehr lieber Freund, ich weiß es wohl, dass dir das nicht unbekannt ist, aber ich sage dir und auch den anderen lieben Freunden das nur darum, weil das Wort eines Selbsterfahrenen denn doch ein größeres und wirksameres Gewicht hat als das eines Propheten, der doch noch ein Einwohner des Fleisches ist.
SH|0|13|13|0|Du möchtest wohl von mir so manche geistigen Seins- und Bestandsverhältnisse erfahren, und ich teile es dir auch wahrlich gerne mit, soweit es mir in meinem gegenwärtigen Zustand nur immer möglich ist. Sieh, ich befinde mich noch immer auf dieser Erde und zwar zumeist in den Küstengegenden um Triest, bin aber auch zu öfteren Malen hier in Graz, und ich sehe diese Erde auch um vieles besser, als sie je ein Mensch, der noch im Fleisch wandelt, zu sehen imstande ist. Und ich sehe auch die Menschen, die hier noch leben und kann für mich auch ganz gut mit ihnen verkehren. Denn meine Worte werden in ihnen wie unvermutete und plötzlich entstandene Gedanken; und ihre eigenen darüber entstandenen Gedanken geben mir plastisch die Antwort. Aber doch ist die Erde, die ich gar klar schaue, nicht die eigentliche materielle Erde selbst, sondern nur gewisserart die geistige, ohne die die materielle gar nicht bestehen könnte, weil alles Materielle an und für sich nichts als nur ein gerichtetes oder fixiertes Geistiges ist.
SH|0|13|14|0|Aber es ist das doch etwas Sonderbares, dass bei uns die ‚geistige Erde‘ gewisserart aus der Seele durch die allbelebende und allschaffende Macht ihres Geistes aus Gott hervorgeht, so wie ein völlig ausgewachsener Baum aus dem Keimhülschengeist im unansehnlichen Samenkorn hervorgegangen ist, nur geschieht das fertiger als die Entwicklung des Baumes aus dem Samenkorn. Nun würdest du freilich denken und sagen: Ja, wenn also, da gibt es dann im Geisterreich ebenso viele geistige Erden, wie es Geister gibt. Aber das ist eben nicht der Fall, und es ist wundersam, wie zwar wohl richtig ein jeder Geist ‚seine‘ geistige Erde in sich ins Jenseits bringt; aber sowie sie sich aus ihm entwickelt, vereint sie sich augenblicklich auch mit aller Geister geistigen Erde, und es besteht darum nur eine geistige Erde, in allem der materiellen völlig ähnlich, nur um vieles edler, ausgeprägter und vollendeter als die materielle für das Auge des Fleisches, das die großen Wunder im Bau der Atome nicht erschauen kann. Und darum ist die ‚geistige Erde‘ für uns auch ein ganz anderer Anblick, als für euch die materielle.
SH|0|13|15|0|Unser Hin- und Herwandern ist natürlich auch ein anderes als bei euch, denn wir haben mit der materiellen Zeit und ihren Räumlichkeiten nichts zu tun. Wie bei uns aber das vor sich geht, das werde ich dir nächstens näher zeigen, und zwar auf eine leicht begreifliche Art. Und so lebe nun wohl im Herrn.“
SH|0|13|16|1|Am 4. März 1861
SH|0|13|16|0|B: „Guten Morgen, und Gott zum Gruße!
SH|0|13|17|0|Nun fängt auf dieser Erde wieder das Frühjahr an, und es wird sicher ein recht gutes werden; denn wir merken das wohl an der besonderen Tätigkeit der Naturgeister, die sich nun gar bunt durcheinander zu tummeln anfangen. Es ist doch wahrlich sonderbar, in welchen Formen von der höchsten Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit sie sich auf einmal wie durch einen Zauberschlag in unserer Ätherluft entwickeln, sich gruppieren und dann gleich tätig werden. Die höchste Verschiedenheit der zusammengemengten Formen und Gruppierungen stellen eine neue Form als ein neues Ganzes dar. Man sieht nun die neue Form, aber man sieht in ihr auch die einzelnen Spezialformen in ihrer wunderbar geordneten Verbindung, und das übertrifft weit alles, was man auf der Erde auch durch die vollendetsten Mikroskope sehen und entdecken kann. Denn was man mit den fleischlichen Augen sehen kann, das sind schon gefestete Formen, mindestens auf der zehnten Potenz der fortschreitenden Formen- und Wesenverbindung stehend. Es ist das gewisserart schon ein umhäutetes und eingepupptes Geistiges, das erst aus solch einer Puppe dann in der materiellen Welt in die entsprechende Erscheinlichkeit tritt. Aber welch eine Riesenmenge der seltensten Vorformungen und Zusammengruppierungen gehen in der geistigen Naturwelt einer obbenannten Einpuppung voran!
SH|0|13|18|0|Diese Tätigkeit der speziellen Naturgeister vor ihrer Einpuppung ist eigentlich das Wunderbarste, was wir Geister hier beobachten können, so wir dazu Lust und Liebe haben. Aber es geht hier bei uns zumeist auch so zu, wie auf der materiellen Erde unter den Menschen: wer nicht den schon für etwas Höheres geweckten Sinn mit herübergebracht hat, der hat auch hier keinen anderen, als er ihn auf der Erde hatte. Der Gold- und Geldmensch bleibt auch hier ein Makler und Spekulant, so der Kaufmann, der Handwerker, der Landmann und so fort – ein jeder in seiner Art; und da heißt es wahrlich: Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt!
SH|0|13|19|0|Ich weiß das von mir selbst, wie auch ich mich am Anfang meines Hierseins wieder hinein, d. h. in das Welthandeln zu drängen begann. Nur guten und hier schon wohlerfahrenen Freunden habe ich es zu danken, dass ich davon abkam und den eigentlichen und wahren Zweck meines Hierseins noch früh genug erkannte und mich nun auf einer höheren Stufe des reineren Erkennens und Schauens befinde. Oh, es ist hier noch schwerer, sich von der falschen Materie loszuwinden, als auf der wirklichen materiellen Welt, und das Atheistentum ist hier noch ums Tausendfache mehr vertreten als auf der materiellen Welt, und wer einmal darin steckt, der ist nach meiner bisherigen Erfahrung schwer oder, nach meinem Dafürhalten, schon gar nicht herauszubringen. Ich habe mit derlei Geistern über, wie man sagt, transzendentale Dinge bei Gelegenheit zu reden angefangen, bekam aber gleich zur Antwort: ‚Sollen wir etwa auch hier noch den Pfaffen und Herrschern Narren abgeben? Seien wir froh, dass wir uns endlich einmal in einer solchen Welt befinden, in der ein jeder ein völlig freier Herr seines Platzes ist!‘ Einen davon habe ich erst jüngst gefragt, ob er nicht dann und wann denke, dass der große Lehrer aus Nazareth etwa doch der Herr und Schöpfer aller Geister- und Sinnenwelt sein könnte. Nun, da habe ich bald einpacken können, er machte Miene, roh und grob zu werden, und machte derartige Äußerungen über den Herrn, die ich hier nicht wiederholen möchte. Es ist mit solchen Geistern nichts zu machen, das Beste ist, ihnen nach Möglichkeit auszuweichen.
SH|0|13|20|0|Ich habe den Herrn schon ein paarmal, aber nur von einer gewissen Ferne, zu Gesicht bekommen und hatte eine große Sehnsucht, Ihn zu sprechen. Aber es hat sich das bis jetzt noch nicht gefügt. Mein Freund sagte mir, dass Er ehest wieder kommen werde; vielleicht fügt es sich dann?“ Amen.
BM|0|1|1|1|Bischof Martins irdisches Ende und seine Ankunft im Jenseits
BM|0|1|1|1|Empfangen vom Herrn durch Jakob Lorber ab dem 27. Juli 1847.
BM|0|1|1|0|Ein Bischof, der auf seine Würde große Stücke hielt und ebenso viel auf seine Satzungen, ward denn einmal zum letzten Mal krank.
BM|0|1|2|0|Er, der selbst noch als ein untergebener Presbyter des Himmels Freuden mit den wunderlichsten Farben ausmalte – er, der sich gar oft völlig erschöpfte in der Darstellung der Wonne und Seligkeit im Reich der Engel, aber daneben freilich wohl auch die Hölle und das leidige Fegefeuer nicht vergaß, hatte nun – als selbst schon ein beinahe achtzigjähriger Greis – noch immer keinen Wunsch, von diesem seinem so oft gepriesenen Himmel Besitz zu nehmen; ihm wären noch tausend Jahre Erdenleben lieber gewesen als ein zukünftiger Himmel mit all seinen Wonnen und Seligkeiten.
BM|0|1|3|0|Daher denn unser erkrankter Episkopus auch alles anwandte, um nur wieder irdisch gesund zu werden. Die besten Ärzte mussten stets um ihn sein; in allen Kirchen seiner Diözese mussten Kraftmessen gelesen werden, und alle seine Schafe wurden aufgefordert, für seine Erhaltung zu beten und an seiner statt fromme Gelübde gegen Gewinnung eines vollkommenen Ablasses zu machen und auch zu halten. In seinem Krankenlager-Gemach ward ein Altar aufgerichtet, bei dem vormittags drei Messen zur Wiedergewinnung der Gesundheit mussten gelesen werden; nachmittags aber mussten bei stets ausgesetztem Sanktissimum die drei frömmsten Mönche in einem fort das Breviarium beten.
BM|0|1|4|0|Er selbst rief zu öfteren Malen aus: „O Herr, erbarme Dich meiner! Heilige Maria, du liebe Mutter, hilf mir, erbarme dich meiner fürstbischöflichen Würden und Gnaden, die ich trage zu deiner Ehre und zur Ehre deines Sohnes! O verlasse deinen getreuen Diener nicht, du alleinige Helferin aus jeglicher Not, du einzige Stütze aller Leidenden!“
BM|0|1|5|0|Aber es half alles nichts; unser Mann verfiel in einen recht tiefen Schlaf, aus dem er diesseits nicht mehr erwachte.
BM|0|1|6|0|Was hier mit einem Leichnam eines Bischofs alles für hochwichtige Zeremonien geschehen, das wisst ihr, und wir brauchen uns darum dabei nicht länger aufzuhalten; dafür wollen wir sogleich in der Geisterwelt uns umsehen und schauen, was unser Mann dort beginnen wird.
BM|0|1|7|0|Seht, da sind wir schon – und seht, da liegt auch unser Mann auf seinem Lager; denn solange noch eine Wärme im Herzen ist, löst der Engel die Seele nicht vom Leib; denn diese Wärme ist der Nervengeist, der zuvor von der Seele ganz aufgenommen werden muss, bis die volle Löse von Seite des Engels vorgenommen werden kann; denn alles geht da den ordnungsmäßigen Gang.
BM|0|1|8|0|Aber nun hat dieses Mannes Seele schon völlig den Nervengeist in sich aufgenommen, und der Engel löst sie soeben vom Leib mit den Worten „Epheta“, d. h.: „Tue dich auf, du Seele; und du Staub aber sinke zurück in deine Verwesung, und zur Löse durch das Reich der Würmer und des Moders durch sie. Amen.“
BM|0|1|9|0|Nun seht, schon erhebt sich unser Bischof, ganz wie er gelebt hatte, in seinem vollen Bischofsornat und öffnet die Augen und schaut erstaunt um sich und sieht außer sich niemanden, auch den Engel nicht, der ihn geweckt hat. Die Gegend ist nur in sehr mattem Licht gleich dem einer schon ziemlich späten Abenddämmerung, und der Boden gleich dürrem Alpenmoos.
BM|0|1|10|0|Unser Mann erstaunt nicht wenig über diese sonderbare Beschauung und spricht nun mit sich: „Was ist denn das? Wo bin ich denn? Lebe ich noch oder bin ich gestorben? Denn ich war wohl sehr stark krank und es kann sehr leicht möglich sein, dass ich mich nun schon unter den Abgeschiedenen befinde! Ja, ja, um Gottes willen, es wird schon so sein. O heilige Maria, heiliger Joseph, heilige Anna, ihr meine drei mächtigsten Stützen: Kommt, kommt und helft mir in das Reich der Himmel.“
BM|0|1|11|0|Er harrt nun eine Zeitlang, sorglich um sich spähend, von welcher Seite die drei kommen würden; aber sie kamen nicht.
BM|0|1|12|0|Er wiederholt den Ruf kräftiger und harrt; aber es kommt [immer] noch niemand!
BM|0|1|13|0|Noch kräftiger wird der Ruf zum dritten Mal wiederholt, aber auch zum dritten Mal vergeblich!
BM|0|1|14|0|Darob wird unserem Manne überaus bange, und er fängt an, etwas zu verzweifeln, und spricht in seiner stets mehr verzweifelten Lage: „Oh, um Gottes willen, Herr, steh mir bei! (Das ist aber nur sein angewöhntes Sprichwort.) Was ist denn das? Dreimal habe ich gerufen – und umsonst!
BM|0|1|15|0|Bin ich denn verdammt? Das kann nicht sein, denn ich sehe kein Feuer und keine Gottstehunsbei!
BM|0|1|16|0|Hahahaaaaa (zitternd) – es ist wahrhaft schrecklich! So allein! O Gott, wenn jetzt so ein Gottstehunsbei herkäme, und ich – keinen Weihbrunn, dreimal konsekriert, kein Kruzifix – was werde ich tun?!
BM|0|1|17|0|Und auf einen Bischof soll [der] Gottstehunsbei eine ganz besondere Passion haben! Oh, oh, oh, ooooh (bebend vor Angst), das ist nun ja eine ganz verzweifelte Geschichte! Ich glaube gar, es stellt sich bei mir schon das Heulen und Zähneklappern ein.
BM|0|1|18|0|Ich werde dies mein Bischofsgewand ablegen, da wird [der] Gottstehunsbei mich nicht erkennen! Aber dann hätte der Gottstehunsbei vielleicht noch mehr Gewalt über unsereinen?! O weh, o weh, was ist der Tod doch für ein schreckliches Ding.
BM|0|1|19|0|Ja, wenn ich nur recht ganz tot wäre, da hätte ich auch keine Furcht; aber eben dieses Lebendigsein nach dem Tod, das ist – das – o Gott, steh uns bei!
BM|0|1|20|0|Was etwa geschehen würde, so ich mich weiterbegäbe? Nein, nein, ich bleibe! Denn was hier ist, das weiß ich nun aus der kurzen Erfahrung, was aber nur ein rätselhafter Tritt weiter vor- oder rückwärts für Folgen hätte, das wird Gott allein wissen! Daher will ich in Gottes Namen und im Namen der seligsten Jungfrau Maria lieber auf den Jüngsten Tag hier verharren als nur um ein Haarbreit vor- oder rückwärts mich bewegen.“
BM|0|2|1|1|Martin langweilt sich in seiner Vereinsamung und sinnt auf Abwechslung
BM|0|2|1|0|Nachdem unser Mann die Zeit von einigen Stunden da so ganz mauerfest gestanden ist und sich während der Dauer nichts ereignet und in seiner Nähe verändert hatte, ihm aber entsprechend die Zeit (denn auch in der naturmäßigen Sphäre der Geisterwelt gibt es eine Erscheinlichkeit gleich der irdischen Zeit) dabei ganz verzweifelt lang geworden ist, fing er wieder an, mit sich zu phantasieren:
BM|0|2|2|0|„Sonderbar, sonderbar, nun stehe ich da schon wenigstens eine halbe Ewigkeit auf einem und demselben Fleck, und es bleibt alles ganz völlig beim Alten! Nichts rührt sich, kein Moos, kein Haar auf meinem Haupt, auch mein Gewand nicht! Was wird da am Ende herauskommen?
BM|0|2|3|0|Bin ich vielleicht gar dazu verdammt, ewig hier zu bleiben? – Ewig? Nein, nein, das kann nicht sein, denn da wäre das ja schon eine Hölle! Und wäre das da der Fall, da müsste da ja auch schon die erschrecklichste Höllenuhr mit ihrem allererschrecklichsten Pendel zu erschauen sein, der da immer bei jeder Schwingung den Ruf tut: ‚Immer – noooch‘ – erschrecklich! –, dann wieder: ‚Nimmer – noooch‘, noch erschrecklicher!
BM|0|2|4|0|O Gott sei Dank, dass ich nur dies erschrecklichste Zeichen der Ewigkeit nicht sehe! Oder wird das etwa erst nach dem Jüngsten Tag ersichtlich werden? Wird etwa schon bald das Zeichen des Menschensohnes am Firmament zum Vorschein kommen? Wie viele Millionen Jahre stehe ich denn schon hier? Wie lange werde ich etwa noch stehen müssen, bis der erschrecklichste Jüngste Tag kommen wird?!
BM|0|2|5|0|Es ist wahrlich kurios: Auf der Welt lässt sich nichts sehen, was da in irgendeiner Bälde auf den Jüngsten Tag irgendeinen Bezug hätte; aber hier in der Geisterwelt sieht es noch endlos stummer aus! Denn da werden tausend Jahre gleich einem vollends stummen Augenblick, und eine Million tut einen ebenso geringen Bescheid! Wenn ich nicht so festen Glaubens wäre, so möchte ich schon beinahe an dem einstigen Eintreffen des Jüngsten Tages zu zweifeln anfangen, wie überhaupt an der Echtheit des ganzen Evangeliums!
BM|0|2|6|0|Denn es ist überhaupt kurios, alle die Prophetien, die darinnen vorkommen, haben eine frappante Einstimmigkeit mit den delphischen Orakelsprüchen! Man kann aus ihnen machen, was man will: Sie lassen sich mit einigen exegetischen Drehungen auf alles anwenden und beziehen, und niemand kommt dabei ins Klare und kann nicht sagen: Auf dies alleinige Faktum beziehen sie sich! Kurz, sie passen im Grunde alle für den Steiß so gut wie fürs Gesicht! Und der Heilige Geist, der im Evangelium soll verborgen stecken, muss gar ein seltenster Vogel sein, weil er sich seit den alten Apostelzeiten nimmer irgendwo hatte blicken lassen, außer im albernen Gehirn einiger protestantisch-ketzerischer Schwärmer à la Tausendundeine Nacht!
BM|0|2|7|0|Ich habe zwar noch immer einen sehr festen Glauben, aber ob er nun bei so bewandten Umständen noch länger fest bleiben wird, für das könnte ich wahrlich nicht gutstehen!
BM|0|2|8|0|Auch mit der in meiner Kirche überaus vielgepriesenen Maria wie mit der ganzen Heiligenlitanei scheint es seine sehr geweisten Wege zu haben!? Denn wäre irgendetwas an der Maria, so hätte sie mich doch schon lange erhören müssen; denn von meinem Absterben bis zum gegenwärtigen Augenblick sind nach meinem peinlichsten Gefühl etwa doch ein paar Millionen Erdjahre verstrichen, und von der Mutter Gottes, wie von ihrem Sohn, noch von irgendeinem anderen Heiligen ist eben auch nicht die leiseste Spur zu entdecken. Das sind wahrlich Helfer in der Not, wie man sich keine besseren wünschen könnte! Sage zwei Millionen Jahre komplett – und von allem keine Spur!
BM|0|2|9|0|Wenn ich nun keinen so festen Glauben hätte, da stünde ich schon lange nicht mehr auf diesem überaus langweiligsten Fleck, aber mein dummer, ja mein dümmster Glaube hält mich! Aber lange wird er mich nicht mehr halten. Sollte ich etwa noch einige Millionen Jahre länger hier hocken wie ein Buschklepper und nach Ablauf solch einer schauderhaft langen Zeit ebenso wenig erreichen wie bis jetzt? Da wäre ich ein Narr! Ist’s denn nicht genug, dass ich auf der Erde einen Narren gespielt habe für nichts und wieder nichts? Daher werde ich mit dieser fruchtlosen Komödie hier bald ein Ende machen.
BM|0|2|10|0|Auf der Welt wurde ich für die Dummheit doch ehrlich bezahlt und es lohnte sich dort, einen Narren zu machen; aber so an der Sache, wie nun meine millionenjährige Erfahrung es zeigt, nichts ist, da werde ich mich sehr bald von all der Narrheit ganz gehorsamst empfehlen.“
BM|0|2|11|0|Seht, jetzt wird er bald diese Stelle verlassen, nachdem ihm der Engel die etlichen Stunden seines Hierseins in ein Millionen Jahre dauerndes Gefühl umgewandelt hat. Noch steht unser Mann mauerfest auf dem Punkt und schaut etwas schüchtern um sich herum, um sich gleichsam einen Weg auszusuchen, den er fortwandeln möchte. Nun fixiert er gegen Abend einen Punkt, da es ihm daselbst vorkommt, als ob sich dort etwas bewegte. Er wird darum nun auch sichtlich verlegen und spricht wieder bei sich:
BM|0|2|12|0|„Was sehe ich denn dort in einiger Entfernung nun zum ersten Mal seit einigen Millionen Jahren meines entsetzlichst langweiligen Hierseins? Die Geschichte verursacht mir eine große Bangigkeit; es kommt mir vor, als so das etwa doch irgendeine leise Vorbereitung zu einem Gericht wäre?!
BM|0|2|13|0|Soll ich’s wagen, mich dahin zu begeben? Am Ende ist das mein Untergang für ewig? Vielleicht aber doch auch eine endliche Erlösung?!
BM|0|2|14|0|Nun ist schon alles ein – Gott steh uns bei! –, denn wer wie ich Millionen von Erdenjahren auf einen Punkt gebannt zugebracht hat, dem ist es schon völlig einerlei, was da noch weiter mit ihm geschehen dürfte! Was Ärgeres wohl kann einem ehrlichen Menschen noch obendarauf geschehen, als über alle Bildsäulen hinaus dauernd Millionen Jahre im echten Sinn des Wortes auf einen Punkt gebannt oder so ganz eigentlich verdammt zu sein?!
BM|0|2|15|0|Daher, wie es die Bergleute auf der Erde zu sagen pflegen, so sie in einen Stollen fahren, sage ich nun auch: Glück auf! Hol’s der Kuckuck; ich probier’ es einmal! Mehr als für ewig hin und tot werden kann ich nicht! Und wahrlich, so was könnte mir nur höchst erwünscht sein; denn so ein Leben fortleben, wie nun dies meinige es ist, sage Millionen Jahre auf einem Fleck, kein Fixstern würde es aushalten! Da ist ein ewiges Nichtsein ja ein endloser Gewinn dagegen!
BM|0|2|16|0|Daher nicht einen Augenblick mehr gezaudert! Glück auf! Geht’s, wohin’s geht, und wohin’s will! Es ist nun ein – oho – nein, das sag’ ich doch noch nicht so gerade heraus; denn hier ist noch eine starke Terra incognita für mich! Daher nur bescheiden, solange man nicht weiß, worauf so ganz eigentlich die Füße stehen!
BM|0|2|17|0|Die Geschichte dort rührt sich immer mehr; es ist wie ein Bäumchen, das vom Wind etwas beunruhigt wird! Nur Mut, meine des Gehens freilich nun wohl schon überlange ganz entwöhnten Füße! Wir wollen nun einmal sehen, ob es sich mit dem Gehen noch tun wird!
BM|0|2|18|0|Zwar hab’ ich auf der Welt einmal gehört – soviel ich mich entsinnen kann –, ein Geist dürfte eigentlich bloß nur denken, so wäre er auch schon dort, wo er sein wollte. Aber eben mit der Geisterschaft meiner Person scheint es seine sehr geweisten Wege zu haben! Denn ich habe Füße, Hände, Kopf, Augen, Nase, Mund – kurz alles, was ich auf der Erde gehabt habe –, Magen auch; aber der hat schon lange einen wahren Kardinalfasttag! Denn gäbe es um mich her nicht ein recht reichliches Moos mit sehr viel Tau auf selbem, so wäre ich wohl schon lange zu einem Atom eingeschrumpft! Vielleicht gibt es dort auch für den Magen irgendetwas Besseres?
BM|0|2|19|0|Noch einmal: Glück auf! Eine Veränderung, wenn sonst nichts; diese kann, wie gesagt, auf keinen Fall schlechter sein als dieser mein wahrhaftigster Millionenzustand; denn wer Millionen Jahre auf einem Fleck steht, der wird sich doch etwa mit einem wahren Millionenzustand rühmen können. Also, in Gott’s Nam’!“
BM|0|3|1|1|Martin in Gesellschaft eines scheinbaren Kollegen. Die guten Vorschläge des Führers
BM|0|3|1|0|Seht, nun setzt unser Mann seine Füße in Bewegung und geht sehr behutsam und prüfenden Schrittes seinem sich stets mehr bewegenden Gegenstand zu.
BM|0|3|2|0|Nun ist er nach wenigen Schritten auch schon ganz wohlbehalten dort, und staunt nun nicht wenig, dort unter dem Baum auch einen Mann seinesgleichen zu finden, nämlich auch einen Bischof in optima forma [in bester Form], aber freilich bloß nur der Erscheinlichkeit nach; denn in der Wirklichkeit ist das der Engel, der stets unsichtbar unserem Mann zur Seite war. Der Engel selbst aber ist der selige Geist Petrus.
BM|0|3|3|0|Höret nun aber auch, wie unser Mann seinen vermeintlichen Kollegen anredet und sich weiterhin mit ihm bespricht! So beginnt er aber:
BM|0|3|4|0|„Seh ich recht oder ist es bloß nur ein Augentrug? Ein Kollege, ein Mitarbeiter im Weinberg des Herrn?! O welch eine endlose Freude, nach Millionen Jahren endlich wieder einmal einen Menschen, und einen Kollegen noch dazu, in dieser Wüste aller Wüsten zu finden, und zu ersehen!
BM|0|3|5|0|Ich grüß’ dich, lieber Bruder! Sage, wie bist denn du hierhergekommen? Hast etwa auch schon mein Alter in dieser schönen Geisterwelt erreicht? Weißt, so zirka fünf Millionen Jahre auf einem Fleck, sage auf einem und demselben Fleck – fünf Millionen Jahre!“
BM|0|3|6|0|Der Engel als vermeintlicher Bischofskollege spricht: „Ich bin fürs Erste dir ein Bruder im Herrn und natürlich auch ein alter Arbeiter in Seinem Weinberg. Was aber mein Alter betrifft, da bin ich der Zeit und dem Wirken nach älter, aber der Einbildung nach viel jünger als du.
BM|0|3|7|0|Denn siehe, fünf Millionen Jahre der Erde sind ein ganz außerordentlich respektabler Zeitraum für einen geschaffenen Geist, obschon vor Gott kaum etwas, indem Sein Sein weder durch die Zeitenfolge noch durch die Raum-Ausdehnungen bemessen wird, sondern in allem ewig und unendlich ist!
BM|0|3|8|0|Du bist daher in einer großen Irre als Neuling in der endlosen Welt der Geister. Denn wärst du fünf Millionen Jahre hier, da hättest du schon lange ein anderes Kleid, indem in dieser Zeit der Erde Berge schon lange werden geebnet und ihre Täler ausgefüllt und ihre Meere, Seen, Flüsse, Bäche, Moraste und Pfützen ausgetrocknet sein. Und auf der Erde wird auch eine ganz neue Schöpfung bestehen, von der nun noch nicht einmal der leiseste Keim in die Furchen gelegt ist!
BM|0|3|9|0|Auf dass du, lieber Bruder, es aber selbst merkst, dass da dein vermeintliches Alter bloß eine in dir selbst hervorgelockte Phantasie ist, deren Entwicklung zugelassen aus dir selbst entstammte nach deinen eigenen Begriffen von Zeit und Raum, die bei dir stark mit der Hölle eingesalzen sind – so sehe dich nach rückwärts um und du wirst noch deinen erst vor drei Stunden abgeschiedenen Leichnam entdecken.“
BM|0|3|10|0|Seht, unser Mann kehrt sich nun schnell mit dem Haupt nach rückwärts und entdeckt ganz getreu seinen Leichnam noch auf dem dazu in der sogenannten Domkirche eigens errichteten castrumartigen Paradebett, um das eine nahe zahllose Menge Kerzen brennen, und noch eine größere Menge müßiger und neugieriger Menschen, die dasselbe umstehen. Als er solch Spektakels ansichtig ward, da wurde er sehr ärgerlich und sprach:
BM|0|3|11|0|„Liebster Bruder! Aber was soll ich da tun? Ah, welch ein grässlicher Unsinn! Mir werden vor der entsetzlichsten Langeweile Minuten zur Ewigkeit, und doch bin ich es ja, der diesen Leib bewohnt hat! Ich weiß mir vor Hunger und Lichtmangel kaum zu helfen, und diese Narren vergöttern meinen Fleischrock! Hätte ich nun als Geist denn nicht Kraft dazu, diesen Plunder klein zu zerreißen und wie Spreu untereinander zu werfen? O ihr dummen Gottstehunsbei! Was wollt ihr denn hier dem stinkenden Dreck für eine Wohltat erweisen?!“
BM|0|3|12|0|Der Engel spricht: „Kehre dich wieder zu mir nach vorwärts und ärgere dich nicht; tatst du doch dasselbe, als du noch der äußeren Naturwelt angehörtest! Lassen wir das Tote die Toten begraben; du aber wende dich von all dem ab und folge mir, so wirst du zum Leben gelangen!“
BM|0|3|13|0|Der Bischof fragt: „Wohin aber soll ich dir folgen? Bist du etwa gar mein Namenspatron, der heilige Bonifatius, dass du dich nun so sehr um mein Heil zu kümmern scheinst?“
BM|0|3|14|0|Spricht der Engel: „Ich sage in des Herrn Jesus Namen: Du sollst mir zum Herrn Jesus folgen! Der ist der rechte Bonifatius aller Menschen; aber mit deinem Bonifatius ist es nichts, und ich bin es schon ganz und gar nicht, für was du mich anzusehen scheinst, sondern ganz ein anderer!
BM|0|3|15|0|Folge mir aber, d. h., tue, was ich dir nun sagen werde, so wirst du fürs Erste alles fassen, was dir bis jetzt begegnet ist, und wie, durch was und warum, und fürs Zweite wirst du dich sogleich auf einem besseren Grund befinden; und endlich fürs Dritte wirst du eben daselbst den Herrn quo-ad personam [hinsichtlich seiner Person] kennenlernen, durch Ihn den Weg in die Himmel und danebenher auch ewig deinen Bruder!“
BM|0|3|16|0|Spricht der Bischof: „Rede, rede, ich möchte schon lieber fliegen als gehen von diesem langweiligsten Ort!“
BM|0|3|17|0|Spricht der Engel: „So höre! Lege sogleich dein lächerliches Gewand ab und ziehe da diesen ganz gemeinen Bauernrock an!“
BM|0|3|18|0|Spricht der Bischof: „O nur her damit; hier vertausche ich dies langweilige Kleid gerne mit den gemeinsten Fetzen.“
BM|0|3|19|0|Spricht weiter der Engel: „Gut – sieh, schon bist du im Bauernrock; nun folge mir!“
BM|0|4|1|1|Martins Ärgernis an dem lutherischen Tempel. Petrus’ evangelische Anweisungen an ihn. Martins Bereitschaft zum Dienst als Schafhirte
BM|0|4|1|0|Sie gehen nun weiter, mehr gegen Mittag gewendet, und kommen nun zu einem ganz ordinären Bauernhof, vor dem ein leicht zu erkennender kleiner lutherischer Tempel steht. Als der Bischof dieses größten Dornes in seinen Augen ansichtig ward, da bleibt er stehen, um ein Kreuz ums andere über seine stark kahle Stirn zu schlagen und sich an die Brust mit geballter Faust unter steter Begleitung des Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa [Meine Schuld, meine Schuld, meine größte Schuld] zu schlagen.
BM|0|4|2|0|Der Engel aber fragt ihn: „Bruder, was tust du denn? Geniert dich etwas hier? Warum gehst du denn nicht weiter?“
BM|0|4|3|0|Der Bischof spricht: „Siehst du denn den lutherischen Tempel nicht, der des leibhaftigen Gottstehunsbei ist? Wie kann da ein Geist sich einem so ver… o – oh, will’s nicht sagen – Ort nahen?
BM|0|4|4|0|Oder bist du etwa selbst der verkleidete Gottstehunsbei?! Oh – oooooh! Wenn du das bist, so ver – ver – lass mich, o du abscheulichster Gottstehunsbei!“
BM|0|4|5|0|Spricht der Engel: „Möchtest du noch einmal die Tour von deinen fünf bis zehn Millionen Jahren auf einem noch finstereren und magereren Ort des Geisterreichs zubringen? So dir solches lieber ist, da sage es nur rundheraus; sieh, hier ist dein altes Bischofsgewand schon in der Bereitschaft! Aber diesmal wirst du wohl zehnmal so lange zu harren haben, bis dir jemand zu Hilfe kommen wird!
BM|0|4|6|0|Siehst du mich denn nicht noch in deinem Bischofsgewand einhergehen? Ihr aber habt ja eine Meinung und sagt: Der Teufel könne sich wohl bis zu einem Engel des Lichts verstellen, aber die vom Heiligen Geist durchdrungene Gestalt eines Bischofs wäre ihm unmöglich nachzumachen. Wenn du deine Meinung nicht selbst verdammen willst, wie magst du mich denn für einen Teufel (der Bischof sinkt fast zusammen, schlägt ein großes Kreuz und spricht: ‚Gottstehunsbei‘) halten?
BM|0|4|7|0|Verdammst du aber deine dogmatische Meinung, welche aus der Unüberwindbarkeit des Felsen Petri durch die Pforten der Hölle herrührt, da hebst du damit ja ganz Rom auf. Und ich begreife dann nicht, wie dich als einen offenbaren Gegner Roms dies Häuschen genieren kann, das du für einen evangelischen Tempel hältst? Siehst du denn das nicht ein, dass da in deinem ganzen nunmaligen Benehmen aber auch nicht die leiseste Spur von einer moralischen und noch weniger religiösen Konsequenz vorhanden ist?“
BM|0|4|8|0|Spricht der Bischof: „Du hast freilich ganz verzweifelt stark recht, wenn man die Sache beim Licht betrachtet. Aber so du wirklich ein Bischof bist, so wird dir ja von Rom aus auch das bekannt sein, dass da jeder Rechtgläubige all seinen Verstand unter den Gehorsam des blinden, unbedingten Glaubens gefangen nehmen muss! Wo aber der Verstand mit den schwersten Fesseln belegt ist, wo wohl soll dabei unsereinem eine Konsequenz im Denken und Handeln herauswachsen?
BM|0|4|9|0|Bei uns (Römlingen) heißt es: ‚Der Mensch hüte sich vor allem, in den Geist der Religion einzudringen; er wisse nichts, sondern glaube alles blind und fest! Es ist dem Menschen heilsamer, als ein Dummkopf in den Himmel denn als ein Aufgeklärter in die Hölle zu kommen! Man fürchte Gott der Hölle und liebe Ihn des Himmels wegen!‘ Wenn aber das der Grund unserer Lehre ist, wie willst du von mir denn eine Konsequenz haben?“
BM|0|4|10|0|Spricht der Engel: „Leider ist mir das nur zu bekannt, wie es mit der Lehre Babels steht, und wie sie dem Evangelium schnurstracks entgegen ist, allda es ausdrücklich heißt: ‚Verdammt nicht, auf dass ihr nicht verdammt werdet; und richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet!‘ Ihr aber verdammt und richtet allzeit jedermann, der sich nicht unter euer Babelsszepter schmiegt!
BM|0|4|11|0|Sage: Seid ihr da wohl Christi, so ihr doch nicht im Geringsten Seiner allersanftesten Lehre seid? Ist in der Lehre Christi nicht die größte, allererhabenste Ordnung und Konsequenz wie in der ganzen Schöpfung? Weht nicht die Fülle des Heiligen Geistes aus jeglichem Wort des Evangeliums? Seid ihr aber im Wort und Werk nicht allzeit gegen den Heiligen Geist gewesen, da ihr absichtlich allzeit der reinsten Lehre entgegengehandelt habt, die voll ist des Heiligen Geistes, indem dieser erst die vorher vom Herrn verkündigte Lehre für ewig bleibend den Aposteln und Jüngern wiedergab?!
BM|0|4|12|0|Du siehst sonach daraus, auf welch verdammlichem Grund du stehst, wie ganz reif für die Hölle! Aber der Herr will dir Gnade für Recht ergehen lassen; darum beschickt Er mich zu dir, auf dass ich dich erretten soll aus deiner alten babylonischen Gefangenschaft!
BM|0|4|13|0|Aus dem Grund will es der Herr, dass du dich vor allem mit deinen stärksten Augendornen vergleichen und aussöhnen sollst, so du je auf den Himmel einen Gnadenanspruch nehmen willst; willst du aber bei deinen Babelslehren verharren, so wirst du dich selbst zur Hölle treiben, aus der dich schwerlich je ein Freund Jesu des Herrn herausholen wird!“
BM|0|4|14|0|Spricht der Bischof: „Ja, ja, liebster Freund, es fängt an, zum ersten Mal etwas von einer Konsequenz in mir emporzutauchen! Daher habe nur Geduld mit mir; ich will ja in Gottes Namen schon tun, was du willst! Aber nur von der schrecklichsten Hölle rede mir nichts mehr – und führe mich nur weiter!“
BM|0|4|15|0|Spricht der Engel: „Wir sind vorderhand schon am Ziel. Siehe, eben hier bei diesem lutherischen Landmann und Bischof zugleich, der ich selbst es bin, wirst du einen Dienst als Schafhirte bekommen und die treue Verwaltung dieses Amtes wird dir Brot und ein allmähliches Emporkommen bewirken! Wirst du aber dabei mürrisch und richterisch zu Werke gehen, so wirst du dir sehr schaden und wirst dir schmälern Brot und Emporkommen! Willst du aber ein getreuer Diener sein, so denke nicht mehr an dein irdisch Sein zurück, sondern denke vielmehr, dass du hier wieder ab origina [von Anfang an] musst zu dienen anfangen, so du es vorwärtsbringen willst.
BM|0|4|16|0|Aber das merke dir übergut: Vorwärtsgehen heißt hier zurücktreten und der Letzte und Geringste sein wollen. Denn niemand kommt eher zum Herrn, als bis er sich unter seiner kleinsten Zehe durch und durch in allem und jedem gedemütigt hat. Nun weißt du für diese deine Lage alles; darum folge mir in dies Haus guten Herzens! Dein Wille!“
BM|0|4|17|0|Der Bischof folgt ihm nun ohne Einrede, denn er sieht, dass sein Führer es mit ihm unmöglich übel meinen kann.
BM|0|5|1|1|In der Hütte des Engels Petrus. Martin erhält ein Licht über Luther. Martins Anstellung als Schafhirte im Jenseits
BM|0|5|1|0|Als die beiden in das Haus kommen, das sehr einfach und fürs Nötigste eingerichtet war, erschaute unser Bischof auf einem kleinen dreieckigen Tisch die lutherische Bibel des Alten und Neuen Testaments und ward sichtlich verlegen darob.
BM|0|5|2|0|Solches aber merkte natürlich sogleich der Engel Petrus und sprach zu ihm: „Was wohl hat je Luther dir getan, dass du ob der großen Verachtung dieses Mannes auch seine möglichst getreue Bibelübersetzung, in der nichts als das reine Wort Gottes enthalten ist, mit verachtest?
BM|0|5|3|0|Siehe, war Luther auch nicht in der Fülle ein Mann, von dem sich mit vollstem Recht sagen ließe: ‚Er war ein Mann nach dem Herzen Gottes!‘, so war er aber dennoch um überaus vieles besser als gar überaus viele aus deiner Kirche, die da wollen die allein Rechten und Allervollkommensten sein, im Grunde aber dennoch die Allerunvollkommensten und die Allerletzten sind! Denn er allein hatte inmitten der krassesten Babelsnacht den löblichen Mut, der Menschheit das reine Wort Gottes wiederzubringen und diese dadurch auf den rechten Weg des Herrn zu führen!
BM|0|5|4|0|Waren auf diesem Weg wohl auch einige Opazitäten [Dunkelheiten] anzutreffen – was natürlich Folgen des noch zu nahen Babels (Roms) waren –, so war aber dennoch seine Lehre nach dem reinen Wort des Herrn gegenüber der alten Irrlehre Roms gleich einer Mittagssonne gegen ein allermattestes Sumpflicht in einer stockfinsteren Nacht!
BM|0|5|5|0|Wenn Luther aber solches im Namen des Herrn gewirkt hat, sage, welchen Grund hast du dann wohl, diesen würdigen Mann so zu verschmähen und zu verachten?“
BM|0|5|6|0|Spricht der Bischof: „Ich verachte ihn gerade nicht; aber du weißt es, so man lange der Sklave einer Partei war, so hat man mit der Zeit einen künstlichen Hass gegen den in sich herangebildet, den seine Partei bei tausend Gelegenheiten verflucht und verdammt hat! Das ist denn auch bei mir der Fall. Ich hoffe aber zu Gott und erwarte von Ihm, dass Er mir helfen wird, alle solche meine von der Erde hierhergebrachten Torheiten von A bis Z rein abzulegen. Daher stoße dich nicht an mir, es wird mit mir schon noch hoffentlich besser werden.“
BM|0|5|7|0|Spricht der Engel Petrus: „O Bruder, ermahne du nicht mich, sondern nur dich selbst zur Geduld! Denn du weißt es nun noch nicht, was dir alles begegnen wird; ich aber weiß [es] und muss daher so mit dir handeln, auf dass du in der Wahrheit gestärkt werdest, jenen Versuchungen kräftigst zu begegnen, die dir tausendfach auf dem Weg zum Herrn vorkommen werden.
BM|0|5|8|0|Da sehe zum Fenster hinaus! Siehst du dort die vielen tausend Schafe und Lämmer, wie sie mutig durcheinanderrennen und springen?
BM|0|5|9|0|Hier aber ist ein Buch, in dem ihre Namen verzeichnet sind; nimm es zu dir und rufe sie alle beim Namen daraus! So sie in deinem Ruf eines rechten Hirten Stimme erkennen werden, so werden sie eiligst zu dir kommen. Werden sie aber in dir eine Mietlingsstimme erkennen, dann werden sie sich zerstreuen und werden dich fliehen. Wenn aber solches geschieht, da murre nicht, sondern erkenne, dass du ein Mietling bist; und es wird dann ein anderer Hirte zu dir kommen und wird dich lehren, wie Schafe und Lämmer zu hüten und wie zu rufen sind!
BM|0|5|10|0|Nun aber nimm dies Verzeichnis; gehe hinaus und tue, wie ich dir’s nun geraten habe.“
BM|0|6|1|1|Angenehme, aber gefährliche Überraschung im neuen Dienst. Die Schafherde – eine Menge schöner Mädchen
BM|0|6|1|0|Seht nun, unser Mann geht in seiner Bauernkleidung mit einem ziemlich voluminösen Buch unter dem Arm hinaus, allwo ihm die Herde gezeigt wurde, die sich in der (geistigen) Entfernung der Erscheinlichkeit nach wirklich als Schafe und Lämmer ausnahm; in der geistigen Nähe aber nur aus lauter frommen und sanftmütigen Menschen bestand, und zwar zumeist aus weiblichen Seelen, die auf der Welt so recht kreuzfromm gelebt haben; aber dabei auf die römische Geistlichkeit doch bei weitem größere Stücke hielten denn auf Mich, den Herrn, da sie Mich nicht kannten und jetzt auch noch nicht erkennen – daher sie denn in einiger geistigen Ferne sich noch jetzt als Tiere sanftester Art ausnehmen.
BM|0|6|2|0|Als nun unser Mann hinauskam, so recht wohlgemut wie einer, der nach langer Praxis zum ersten Mal in ein besoldetes Amt gesetzt wird, da setzte er sich auf einen bemoosten Stein nieder und sah um sich herum, wo die Schafe und die Lämmer wären. Aber er entdeckte nun nichts mehr von diesen nützlichen Haustieren, sondern eine große Menge allerschönster und zartester Mädchen nur, die auf einem weitgedehnten Wiesenteppich Blumen sammelten und daraus die schönsten Kränze und Kränzchen flochten und dabei recht munter umherhüpften.
BM|0|6|3|0|Als unser Mann solches merkte, da sagte er zu sich selbst: „Hm, hm, das ist doch sonderbar! Es ist doch derselbe Platz, dieselbe Wiese, auf der ich ehedem eine nahe zahllose Menge von Schafen und Lämmern entdeckte, und nun ist die Herde wie weggeblasen und an ihrer statt tausend der allerliebsten Mädchen, von denen aber schon die eine schöner ist als die andere! Aufrichtig gesagt, wenn diese ganze Geschichte nicht irgendeine sehr verfängliche Lumperei ist, so wäre mir diese Herde freilich wohl ums Unglaubliche lieber; aber man darf hier im Ernst seinen Sinnen nicht trauen, denn – kehr’ die Hand um, und es ist alles ganz anders!
BM|0|6|4|0|O weh, o weh, jetzt kommen sie, ohne dass ich sie verlesen habe, alle auf mich zu! No, no – ’s ist auch recht; da werde ich diese lieben Kinder doch in der Nähe so recht nach Herzenslust betrachten können, und – oh, oh! – vielleicht kann ich hier etwa gar eine oder die andere umarmen?! Wenn das, da wäre es wahrlich gar nicht übel, so in alle Ewigkeit hier ein Hirte einer so herrlich metamorphosierten (verwandelten) Schafherde zu sein! Wirklich nicht übel, nicht übel!
BM|0|6|5|0|Sie kommen näher; und je näher, desto herrlicher sehen sie aus! Die eine dort in der Mitte voran – oh, oh, oooooh – sapperment! – ist aber die schön! O Kraft meiner Moral, jetzt verlass mich nicht, sonst bin ich verlesen! Es ist nur gut, dass hier das dumme Zölibat keine Geltung mehr hat, sonst könnte unsereiner hier auf die leichteste Art zu einem Todsünder werden!
BM|0|6|6|0|Ich soll sie aus dem Buch wohl beim Namen rufen, aber das werde ich nun fein bleiben lassen; denn dann würden sie offenbar davonrennen und sich nimmer blicken lassen! Daher nur schön ruhig nun, du mein hübsch dickes Namensbüchlein; vor dieser Herde sollst du so hübsch verschlossen bleiben!
BM|0|6|7|0|Sie kommen näher und näher, und – nur still jetzt, noch zehn Schritte und sie sind da; ja, da ganz bei mir werden die lieben Engerl sein! O ihr lieben, lieben, lieben Engel!!!“
BM|0|6|8|0|Seht, nun sind „die lieben Engel“ schon bei unserem Mann, umringen ihn und fragen ihn, was er hier zu machen habe.
BM|0|7|1|1|Martins Versuchung. Belehrung durch den Engel Petrus
BM|0|7|1|0|Unser Mann, ganz weg vor lauter Anmut und Liebe, antwortet mit ganz bebender Stimme: „O ihr – himmlischen Engerl, oh, oh, oh, ohoooooh! Ihr lieben, lieben, lieben Engerl! Oh, oh, ohooooh, ihr allerliebsten Engerlein Gottes! Ich – soll – euer – Hirte sein; aber ihr allerallerallerliebsten Engerlein, ihr seht es ja, dass ich dazu viel zu dumm bin!“
BM|0|7|2|0|Die Schönste dieser Herde setzt sich so recht kindlich zutraulich knapp neben unserem Mann zuerst nieder und die andern folgen ihrem Beispiel, und eben diese Allerschönste sagt darauf zu unserem Hirten: „O du lieber Mann, du bist zu bescheiden; denn ich finde dich sehr schön, und wärst du zu bewegen, so wäre ich überglücklich, ewig die Deine zu sein! Sieh mich an; gefalle ich dir denn nicht?“
BM|0|7|3|0|Unser Mann ist, wie ihr zu sagen pflegt, ganz perplex, bringt aus lauter Verliebtheit nichts als sein nun übermäßig stark zitterndes und fast nimmer enden wollendes Ooooooooh heraus; denn der überschöne, goldblond gelockte Kopf, die freundlichsten großen, blauen Augen, der Rosenmund, der ätherisch wallende volle Busen, die schönsten, rundesten Hände, wie die noch ätherischer aussehenden Füße von A bis Z bringen unseren Mann beinahe von Sinnen.
BM|0|7|4|0|Das Engerl sieht des Hirten große Liebesaufregung, beugt sich über ihn her, und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn.
BM|0|7|5|0|Bis dahin hat sich unser Mann noch so ziemlich tapfer gehalten; aber nun war es rein aus! Er wurde durch und durch erregt; umschlang diese Schönste nach allen seinen Kräften und brach endlich in einen Strom von Liebesbeteuerungen aus.
BM|0|7|6|0|Als er aber so in sein Dulcissimum [Süßestes, Höhepunkt des Liebestaumels] kam, da verwandelte sich plötzlich die ganze Szene. Die lieben Engerl verschwanden und der Engel stand bei unserem Mann und sprach:
BM|0|7|7|0|„Aber Bruder! Wie weidest denn du deine Schafe? Habe ich dir so den Rat erteilt? Ja, wenn du so mit den dir anvertrauten Schafen und Lämmern umgehen wirst, dann wirst du wohl überlange nicht zum ewigen Lebensziel gelangen! Warum hast denn du das Buch nicht gebraucht?“
BM|0|7|8|0|Spricht der Bischof: „Warum aber hast du mir auch nicht gesagt, dass diese von deinem Haus aus gesehenen Schafe und Lämmer eigentlich nur die allerschönsten und reizendsten Mädchen sind, bei denen nur ein Stein gleichgültig bleiben könnte! Du siehst, dass ich da so ganz eigentlich nur gefoppt war, und so wirst du aus solcher Fopperei ja doch kein schrecklich Wesen machen?“
BM|0|7|9|0|Spricht der Engel: „Wie sieht es denn nun mit deinem Zölibat aus? Hast du nun dieses nicht gebrochen und das Gelübde der ewigen Keuschheit?“
BM|0|7|10|0|Spricht der Bischof: „Oh – was Zölibat, was Gelübde! Bin ich nun ja ganz mit Haut und Haar auf lutherischem Boden; der hebt beides auf! Und überhaupt: Einem solchen Engerl, wie dies Mädchen da war, hätte ich auch auf der Welt mit dem ganzen Zölibat und Gelübde ein Opfer gebracht und wäre ihr zuliebe augenblicklich ein Lutheraner geworden! Aber wohin sind denn nun diese herrlichen Mädchen – und besonders die eine – verschwunden? Oh, wenn ich nur diese noch einmal sehen könnte!“
BM|0|7|11|0|Spricht der Engel: „Freund, du wirst sie nun recht bald wieder sehen, und ihre gesamte Begleitung; aber dann darfst du sie nicht sprechen und noch weniger dich ihr nahen! Wenn sie dir aber nachsetzen wird, dann hebe deine Hand auf und sage: ‚Kehre im Namen des Herrn zurück zur rechten Ordnung und versuche mich nicht, sondern folge der Stimme der Ordnung!‘
BM|0|7|12|0|Sollte sich die Herde nicht kehren daran, da schlage das Buch auf und lies die Namen heraus, die darinnen stehen, da wird die Herde sich entweder plötzlich zerstreuen oder – so sie in dir einen Ton gewahren wird, der aus des Herrn Kraft in dir entstammt – so wird sie dir folgen. Du aber wirst sie dann führen auf jenen Berg dort gen Mittag, allwo ich dir schon wieder entgegenkommen werde.
BM|0|7|13|0|Was eben jetzt geschah, das opfere in deinem Herzen dem Herrn Jesus auf; denn Er ließ es zu, dass du fielst und im Fall dein hartnäckiges Zölibat von dir warfst.
BM|0|7|14|0|Aber nun falle nicht mehr; denn ein wiederholter ähnlicher Fall würde dich nun in einen solchen Schaden versetzen, an dem du im Ernst Hunderte von Jahren der Erde zu nagen hättest, bis du ihn von dir brächtest! Daher sei nun vorsichtig und klug! Denn wirst du einmal lauter sein, dann werden zahllose und noch endlos größere Schönheiten im Reich Gottes dir entgegenkommen; aber zuvor musst du alle deine irdischen Torheiten ablegen aus der Wurzel.
BM|0|7|15|0|Nun verharre hier nach diesem meinem Rat, und tue danach, so wirst du für die Folge einen angenehmen Weg haben im Namen des Herrn.“
BM|0|7|16|0|Nach diesen Worten verschwindet der Engel Petrus plötzlich und ist nicht mehr da, damit der Bischof nun keine Gelegenheit haben soll, noch irgend einige burleske Bemerkungen zu machen und in manchem dem Engel zu widerreden.
BM|0|8|1|1|Martins kritisches Selbstgespräch und Sündenbekenntnis
BM|0|8|1|0|Ganz allein nun wieder auf der Wiese, fängt er nach einer Weile mit sich selbst folgenden Diskurs zu führen an, der da lautet:
BM|0|8|2|0|[Martin:] „Wo ist er denn jetzt hin, mein Führer? Ein sauberer Führer das; wenn man ihn am nötigsten brauchen würde, da verschwindet er und ist nun Gott weiß wo! Nur so man irgend gefehlt hätte, da ist er in einem Nu da – eine Eigenschaft, die ich am allerwenigsten leiden kann! Entweder bei einem bleiben und führen auf solchen unsicheren Wegen, wie diese geisterweltischen da sind, oder – er soll sich packen für ewig von mir, so er nur dann zu mir kommt, wenn ich schon irgend gesündigt hätte! O solche Narren gäbe es mehrere!
BM|0|8|3|0|Will er mich der Seligkeit zuführen, so bleibe er bei mir sichtbar, sonst ist seine Führerschaft nicht ’s Anpissen wert! Na warte, du lutherischer Versteckpatron von einem Führer, du sollst an mir einen Knochen zu nagen bekommen, dass dir alle deine Geduld vergehen soll! Was kann mir denn nun noch mehr geschehen? Lutheraner bin ich, nach der Lehre Roms vollkommen zur Hölle reif – vielleicht, ohne dass ich’s merke, schon darinnen?!
BM|0|8|4|0|Daher lass die schönen Lämmer nur noch einmal zu mir kommen! Ich werde ihnen zwar kein Wolf in Schafskleidern sein, aber ein Liebhaber voll Feuer, wie es keinen zweiten auf der Erde je gegeben hat! Meine Hand werde ich nie gegen sie erheben und sie auch aus diesem Buch nicht verlesen, auf dass sie ja nicht mehr fliehen sollen vor mir. Ich will mich zwar auch nicht mehr so weit vergessen mit einer oder der andern; aber von der Handaufhebung und vom Vorlesen soll an mir keine Spur zu entdecken sein! Und kommt er dann etwa wie aus irgendeinem Schlupfwinkel zum Vorschein, da soll er sehen, wie ein Bischof von der Erde reden kann, so er es will!
BM|0|8|5|0|Wo etwa nur die lieben Engerl so lange bleiben? Denn bis jetzt ist noch keine Spur von ihnen irgendwo zu entdecken. Ich merke aber nun auch an mir, dass ich nun viel mutiger und kecker geworden bin! Daher nur her mit euch, ihr lieben Engerl, ihr sollt an mir nun schon den rechten Mann finden – keinen Feigling mehr, sondern einen Helden, und was für einen Helden!
BM|0|8|6|0|Aber noch immer weilen sie irgendwo! Es ist doch schon eine geraume Zeit, seit mein Führer mich verließ, und noch immer keine Seele irgendwo zu entdecken! Was soll denn das sein? Hat mich etwa gar mein sauberer Führer so hübsch angesetzt etwa für alle ewige Zeiten? Die Geschichte riecht so hübsch stark danach! Mir kommt schon wieder vor, als wenn, seit er mich verließ, schon so einige Dutzend Jährle verstrichen wären, es werden etwa gar wieder Millionen herauswachsen?
BM|0|8|7|0|Es ist dies Geisterweltleben schon ein wahres Sauleben! Man steht da wirklich wie ein Ochse am Berg: Alles ist so dunstig; kein rechtes Licht! Alles ist das nicht, als was es sich zeigt! Der Stein, auf dem ich nun schon eine geraume Zeit der Schafe und Lämmer harre, ist sicher auch etwas ganz anderes, als was er zu sein scheint! Auch die lieben Engerl! – Gott weiß, wo und was sie so ganz eigentlich sind. Wahrscheinlich – nichts! Denn wären sie was, da müssten sie schon da sein! Ja, ja, es ist alles nichts, was da ist! Mein Führer auch; sonst könnte er ja doch unmöglich so schnell in ein reinstes Nichts verschwinden.
BM|0|8|8|0|Am meisten finde ich dieses Leben dem Traumleben ähnlich. Da hat es mir auch oft von allerlei dummen Dingen geträumt, von allerlei Metamorphosen. Was waren sie aber? Nichts, nichts, in Bildern ausgeprägt von der phantastischen Einbildungskraft der Seele! Also ist nun auch dieses Leben nichts als ein eitler, leerer, höchstwahrscheinlich ewiger Traum; bloß dies mein Räsonnement scheint wirklich von einem Gehalt zu sein; alles andere aber ist nichts als ein elendes Phantasiestück der Seele. Nun warte ich schon sicher bei zweihundert Jahre hier auf die Lämmer und Schafe, aber es ist keine Spur irgend von ihnen zu entdecken!
BM|0|8|9|0|Was mich aber dennoch wundert: dass in dieser Phantasiewelt dies Buch, diese meine Bauernkleidung, auch diese Gegend samt dem lutherischen Haus und Tempel so ganz unverändert ihre Gestalt behalten? Diese Geschichte ist allerdings etwas spaßig. Etwas scheint an der Sache doch zu sein, aber wie viel, das ist eine andere Frage.
BM|0|8|10|0|Oder sollte etwa doch das nicht recht sein, dass ich nicht gleich anfangs den Sinn fasste, seiner Lehre fest Folge zu leisten? So er aber ein rechter Führer ist, hätte er mir’s denn nicht sogleich verweisen können, anstatt dass er sich sogleich mir und dir nichts wurz aus dem Staub machte?! Hat er denn nicht gesagt, dass, so ich noch einmal fiele, ich dann in einen großen Schaden käme, an dem ich im Ernst mehrere Hunderte von Erdjahren dann werde zu lecken haben? Bin ich denn aber schon auch wirklich gefallen? Mit dem Gedanken und bloßen Willen freilich wohl, aber im Werk unmöglich, weil die gewissen Engerl gar nicht zum Vorschein gekommen sind.
BM|0|8|11|0|Vielleicht aber sind etwa diese darum nicht erschienen, weil ich solche Gedanken und solchen Willen hatte? Das könnte sehr leicht sein! Wenn ich aber nur solche Gedanken loswerden könnte! Warum mussten sie aber auch gar so entsetzlich schön und reizend sein? Da habe ich mich einmal ordentlich eingetunkt. Jetzt heißt es denn warten, bis sich meine dummen Gedanken legen werden – und der Wille mit ihnen!
BM|0|8|12|0|Das seh ich aber nun schon ein: Wenn das eine Prüfung meiner Hauptschwäche ist, so wird es mit mir einen ganz verzweifelten Haken haben; denn in diesem Punkt war ich auch auf der Welt insgeheim ein Vieh in optima forma [in bester Form]! Ja, wenn ich da so eine recht üppige Dirne sah, so ging’s mir – – – taceas! [Schweig!] Wie viele habe ich – – taceas de rebus praeteritis! [Schweig über vergangene Dinge!] Schöne junge Nonnen! – Taceas, taceas! – O das waren selige Zeiten – aber nun taceas!
BM|0|8|13|0|Wie streng war ich im Beichtstuhl gegen die Beichtkinder und wie lau gegen mich! Leider, leider, es war nicht recht; aber wer außer Gott hat Kraft, der Macht der Natur zu widerstehen?
BM|0|8|14|0|Wenn das saudumme Zölibat nicht wäre und ein Bischof der Mann eines ordentlichen Weibes wäre, wie es meines Wissens Paulus auch ausdrücklich verlangte, da hätte man mit dem Fleisch doch sicher einen leichteren Kampf. Aber da lebt so ein Bischof stets wie ein Adam vor den Segnungen des Erkenntnisbaums mit der verführerischen Eva in einem gewissen – Paradies und kann sich an dem dargereichten Apfel nimmer satt fressen!
BM|0|8|15|0|O Lumperei, o große Lumperei! Es ist nun einmal so, wer kann’s ändern? Der Schöpfer allein, so Er es will; ohne Ihn aber bleibt der Mensch – besonders aus meinem Gelichter – schon allzeit und ewig ein Vieh, und das ein recht abscheulichstes Vieh!
BM|0|8|16|0|Herr, sei mir gnädig und barmherzig! Ich sehe schon, so Du an mich nicht Deine Hand legen wirst, wird’s mit mir schwer weitergehen; denn ich bin ein Vieh – und mein Führer ein eigensinniger Tropf, vielleicht gar Luthers Geist! Da wird es nicht gehen. Geduld, verlass mich nicht; schon wieder tausend Jahre auf einem Fleck!“
BM|0|8|17|0|Nun verstummt er endlich und harrt der Schafe und Lämmer.
BM|0|8|18|1|(Am 23. August 1847)
BM|0|9|1|1|Weitere Geduldsproben Martins
BM|0|9|1|1|(Am 24. August 1847)
BM|0|9|1|0|Er sieht sich nach allen Seiten um und wartet und wartet; aber noch immer keine Spur von Schafen und Lämmern. Er steht nun von seinem Stein auf, besteigt denselben und schaut von diesem etwas mehr erhöhten Punkt nach den Schafen; aber auch von da ist nichts zu erschauen.
BM|0|9|2|0|Er fängt nun zu rufen an; aber es meldet sich nichts und kommt auch nichts zum Vorschein. Er setzt sich abermals nieder und harrt. Aber vergeblich, denn es lässt sich von keiner Seite her etwas erschauen. Er wartet noch eine Weile vergeblich; da denn durchaus nichts mehr kommen will, so steht er nun ganz ungeduldig auf, nimmt sein Buch und begibt sich mit folgenden Worten weiter:
BM|0|9|3|0|[Martin:] „Jetzt habe ich aber diese Geschichte satt! Es werden jetzt schon wieder bei einer Million Jahre verflossen sein, wenigstens nach meinem Gefühl, und noch keine Änderung meines Zustandes! Jetzt aber werde ich dir, du mein sauberer Führer, keinen Narren mehr machen; als ein ehrlicher Kerl werde ich dir dies dein dummes Buch in dein lutherisches Haus stellen und mich dann auf den Weg machen – geh’s, wohin es wolle! Es wird diese Welt ja doch auch irgendwo einmal so ganz echt mit Brettern vernagelt sein, wo man dann ex merito wird sagen können: Huc usque et non plus ultra! [Bis hierher und nicht weiter!]
BM|0|9|4|0|Und wenn ich dann in Gottes Namen auf einem solchen Punkt werde etwa eine ganze Trillion oder gar Dezillion Jahre hocken müssen, bis etwa die Geisterweltbretter dann doch auch morsch werden, so werde ich doch wissen, warum! Aber hier für nichts und wieder nichts einen Narren machen, das werde ich fortan bleiben lassen. Denn was man sich selber zufügt, erträgt man leichter, als was unsereinem so ein bornierter Gimpel von einem sein wollenden Führer zufügt. Ich bin nun schon so toll auf diesen lutherischen Lumpen, dass ich mich an ihm gerade vergreifen könnte, so er mir jetzt unterkäme!
BM|0|9|5|0|Kann es denn wohl etwas Langweiligeres und gewisserart auch Peinlicheres geben, als etwas bestimmt Verheißenes erwarten, und dieses kommt nimmer zum Vorschein? Nein, das ist zu arg! Welch eine schaudervoll lange Zeit harre ich nun schon hier; ob der Wirklichkeit oder bloß dem Gefühl nach, das ist nun schon ein – Gott steh uns bei! – und ganz ohne Grund und ohne mir begreiflichen Zweck! Denn wegen der gewissen Schafe und Lämmer – das ist nun schon lange nicht mehr wahr, wie es auch nie wahr gewesen ist!
BM|0|9|6|0|Wenn ich aber hier nur einen mit mir gleichgesinnten Menschen träfe, o wie herrlich wäre das! Wie schön würden wir über diese schundigste Geisterwelt losziehen, dass es eine helle Freude wäre; aber so muss ich diese schöne Freude schon mit mir selbst teilen! Aber nun auf! Es ist keine Zeit mehr zu verlieren, so ich auf diesem Stein nicht selbst zu Stein werden will!
BM|0|9|7|0|Wo ist denn nun das verzweifelte Buch? Hat es sich vielleicht selbst nach Hause getragen, um mir den Weg zu ersparen? Ist auch recht! Aber es geniert mich heimlich doch ein wenig; es ist aber gerade noch dagelegen und ich wollte es in die Hand nehmen – und sieh, es verschwand!
BM|0|9|8|0|Nein, wie diese Geisterwelt dummst bestellt ist, das liegt über dem Horizont aller menschlichen Vorstellung! Ein Buch empfiehlt sich von selbst, so man es verdientermaßen ein wenig durchgehechelt [kritisiert] hat! Die Sache ist nicht übel!
BM|0|9|9|0|Ich werde schon noch müssen diesen Stein auch noch um Vergebung bitten, dass ich so lange mein unwürdiges Wesen habe auf ihm ruhen lassen – sonst empfiehlt sich auch er noch! Und so ich nun mich auf einen Marsch durch diese herrlichen Nebelgefilde und Moosfluren bei doppelter Sonnenwendkäferbeleuchtung machen werde, da werde ich wohl etwa auch das gnädige Moos früher um die Erlaubnis bitten müssen, mir gnädigst zu gestatten, meinen Fuß zu meiner Weiterbeförderung darauf setzen zu dürfen!
BM|0|9|10|0|O das ist schon ganz ver…, halt, nur nicht fluchen! Das ist schon ganz überaus saudumm! Da seht: Auch – Gott sei Dank! – das lutherische Haus samt dem Tempel ist Gott weiß wohin spazieren gegangen! Nur zu, auf die Letzt’ geht schon alles zum Plunder! Nur der Stein ist noch da, wenn’s wahr ist? Das Aussehen hätte es wohl noch, als wäre der Stein noch da; aber ich muss schon genauer sondieren! Richtig, richtig, auch der Herr von Stein hat sich empfohlen!
BM|0|9|11|0|No, jetzt wird es etwa doch auch für mich an der Zeit sein, sich zu empfehlen? Aber wohin? Da ist hier wahrlich nicht viel zu wählen! Nur schnurgerade der Nase nach – vorausgesetzt, dass ich noch eine Nase habe; denn wer wie ich nun schon zum zweiten Mal einige Millionen Jahre bloß bei der Nase herumgeführt wurde, der müsste sich doch im Ernst fragen, wie es noch mit dem Besitz dieses Gliedes steht? Aber Gott sei Dank, ich habe es noch; daher nun nur vorwärts diesem einzigen Wegweiser nach in dieser wirklich schönen Geisterwelt!“
BM|0|9|12|0|Seht, nun fängt er an zu gehen, und der Engel Petrus folgt ihm unsichtbar. ‚Gehen‘ in der Geisterwelt aber heißt ‚andern Sinnes werden‘, und wie sich dieser ändert, so ändert sich auch scheinbar der Ort. Wir werden nun bald sehen, wohin sich unser Mann wenden wird.
BM|0|10|1|1|Martin auf Abwegen. Winke des Herrn über geistige Zustände und deren Entsprechungen
BM|0|10|1|0|Wer von euch am Kompass des Geistes sich auskennt, der wird bald merken, dass unser Mann nun statt gen Mittag schnurgerade gen Abend seines Weiterganges Richtung eingeschlagen hat. Er geht nun ganz mutig und behände vorwärts; aber er entdeckt nichts außer sich als einen mit spärlichem Moos bewachsenen ganz ebenen Boden und eine sehr matte, graulichte Beleuchtung des scheinbaren Firmaments, das, je mehr und je tiefer gen Abend, stets dunkler wird.
BM|0|10|2|0|Diese für unsern Mann sichtlich zunehmende Dunkelnis [Dunkelheit] macht ihn etwas stutzen; aber es hält ihn nicht ab, seinen Gang fortzusetzen, wovon das der Grund ist, weil seine Erkenntnis und sein Glaube so gut als gar nichts sind. Was aber noch da ist, das ist falsche Begründung wider das reine Wort des Evangeliums, somit barstes Antichristentum und ein im verborgenen Hintergrund in eine humoreske Maske verhüllter Sektenhass.
BM|0|10|3|0|Daher sein Gang gegen den stets dunkler werdenden Abend; daher der mit spärlichem Moos bewachsene Boden, welcher die Trocknis [Trockenheit] und die magerste Geringheit Meines Wortes in dieses Mannes Gemüt bezeichnet; und daher die stets zunehmende Dunkelnis, weil das zu gering und gar nicht geachtete und noch weniger beobachtete Wort Gottes, vor dem sich derlei Bischöfe nur pro forma in roten und goldenen Gewändern beugen, in ihnen nie zu einer Lebenswärme gediehen ist, aus der dann das herrliche Licht des ewigen Morgens für den Geist hätte hervorgehen können.
BM|0|10|4|0|Solche Menschen müssen in der Geisterwelt in die größte scheinbare Verlassenheit kommen und in die vollste Nacht; dann erst ist es möglich, sie umzukehren. Wie schwer es aber hier auf der Welt ginge, einen solchen Bischof auf den wahren Apostelweg zu bringen, ebenso und noch bei weitem schwerer geht es dort, weil er dort von außen her als Geist natürlich rein unzugänglich ist, in ihm aber nichts ist als Irrtümliches, falsch Begründetes und im Grunde Herrschsüchtiges.
BM|0|10|5|0|Meiner Gnade aber sind freilich wohl viele Dinge möglich, die dem gewöhnlichen Ordnungsgang unmöglich wären. Daher wollt ihr bei eben diesem Mann praktisch beschauen, wohin er kommen kann mit dem, was da in ihm ist und was am Ende, wenn sozusagen alle Stricke reißen, noch Meine Gnade, ohne in die Freiheit des Geistes einzugreifen, bewirken kann; welche Gnade diesem Mann auch zuteilwird, weil er einmal gebeten hat, dass Ich ihn mit Meiner Hand ergreifen möchte! Aber eher kann ihn die ausschließende Kraft Meiner Gnade dennoch nicht ergreifen, als bis er all den eigenen Plunder von allerlei Falschem und verborgen Bösem aus sich hinausgeschafft hat, was sich durch den Zustand der dichtesten Finsternis, ihn umgebend, kundtun wird.
BM|0|10|6|0|Nun aber richten wir unsere Augen wieder auf unsern Wanderer. Seht, da ist er schon. Langsamen und behutsamen Schrittes schreitet er nun mal vorwärts, bei jedem Schritt den Boden prüfend, ob er wohl noch fest genug wäre, ihn zu tragen. Denn der Boden wird nun hie und da sumpfig und moorig, was da ein entsprechendes Zeichen ist, dass sich alle seine falsch begründeten Erkenntnisse bald in ein unergründliches Geheimnismeer münden werden; daher sie schon jetzt auf unterschiedliche kleine Geheimnissümpfe in stets dichter werdender Dunkelheit stoßen – ein Zustand, der sich auf der Welt schon bei gar vielen Menschen dadurch kundgibt, dass sie, so ein Weiserer mit ihnen etwas vom Geistes- und Seelenleben nach dem Tod zu reden beginnt, sogleich mit dem Bedeuten davon abzulenken suchen: So etwas mache sie ganz verwirrt, verstimmt und traurig und melancholisch, und der Mensch würde, so er viel über derlei nachgrübeln möchte, am ehesten zu einem Narren.
BM|0|10|7|0|Diese Scheu ist nichts anderes als ein Auftritt des Geistes auf einen solchen Boden, der schon sehr sumpfig ist, und da niemand mehr den Mut hat, die unbestimmten Tiefen solcher Sümpfe mit seinem überaus kurzen Erkenntnismaßstab zu bemessen aus Furcht, bei solch einer Arbeit etwa gar ins Grundlose hinabzusinken.
BM|0|10|8|0|Seht, der Boden, der unsern Mann trägt, fängt an, stets gedehntere förmliche kleine Seen zu entwickeln, zwischen denen sich nur noch kleine und schmale, scheinbare Erdzungen durchschlängeln, entsprechend den hirngespinstischen Faseleien eines solchen erkenntnislosen Gottbekenners mit dem Mund, dessen Herz aber dennoch der purste Atheist ist.
BM|0|10|9|0|Also, auf solchem Boden wandert nun unser Mann den Weg, N. B.: den viele Millionen wandeln! Stets schmäler werden diese Erdzungen zwischen den für unsern Mann stets bodenloser werdenden Seen, voll verzweifelter Unergründlichkeit für seine Erkenntnis. Er wankt schon stark, wie jemand, der über einen schmalen Steg geht, unter dem ein reißender Bach dahinstürzt. Aber dennoch bleibt er nicht stehen, sondern wankt aus einer Art falscher Wissbegierde fort, um irgendein vermeintliches Ende der Geisterwelt zu finden; zum Teil aber auch heimlich die schönen Schafe und Lämmer zu suchen, denn diese gehen ihm noch nicht aus dem Sinn.
BM|0|10|10|0|Es ist ihm wohl alles genommen worden, was ihn daran erinnern könnte: das Buch, die Wiese, der Stein (des Anstoßes) samt den Schafen und Lämmern, die ihm einmal auf der Welt sehr viel Bezauberndes, Reizendes und überaus erheiternd Angenehmes zu tun machten, darum sie ihm der Engel Petrus auch hauptsächlich vorführte, um seine Schwächen in ihm zu enthüllen und in ihm auch dadurch mehr zu ertöten.
BM|0|10|11|0|Nun sehen wir auch, was unseren Mann also treibt, bis er ans grenzenlose Meer kommen wird, wo es dann heißen wird: Bis hierher und nicht weiter reicht all deine Blindheit, Dummheit und übergroße Narrheit!
BM|0|10|12|0|Lassen wir ihn daher nur fortwanken bis ans äußerste Erdzungenspitzel seiner Faseleien, von dem er nun nicht mehr fern ist. Alldort wollen wir ihn dann nach Muße behorchen, was alles für Narrheiten er in das Meer seiner Geisternacht hinausspeien wird!
BM|0|10|13|0|Ein jeder von euch aber erforsche seine geheimen dummen Weltneigungen genau, auf dass er über kurz oder etwas länger nicht auf den sehr traurigen Weg dieses unseres Wanderers kommen wird.
BM|0|11|1|1|Fatale Lage unseres Wanderers und dessen weiteres Selbstgespräch, das in ärgerliches Schimpfen übergeht
BM|0|11|1|0|Nun da seht hin: Unser Mann hat nun bereits das Meer erreicht, und kein Zünglein teilt irgend mehr das endlose Gewässer dieses Meeres, was da eben aus dem grenzenlosen Unverstand dieses Mannes entspringt und selben in entsprechender Form darstellt; oder es bezeichnet jenen Zustand des Menschen, in welchem er fast zu gar keiner Vorstellung von was immer gelangen kann und somit förmlich begriffslos wird und gleich wird einem komplettesten Narren, bei dem all seine Begriffe chaotisch in ein Meer von Unsinn zusammenfließen.
BM|0|11|2|0|Mürrisch und voll Unwillen steht er nun am letzten Rand, das ist: am letzten Begriff, nämlich bei ihm selbst! Sich allein noch erkennt er; alles andere ist zu einem finsteren Meer geworden, in dem nichts als nur allerlei unförmliche, finstere Ungeheuer dumpf und blind und stumm herumschwimmen und sich um unsern Mann herumreihen, als wollten sie ihn verschlingen. Groß ist die Dunkelheit und feucht und kalt der Ort; unser Mann erkennt nur aus der Wellen mattestem Schimmer und von dem grauenerregenden dumpfen Geplätscher der Wogen, dass er sich nun am Rand eines unermesslichen Meeres befindet.
BM|0|11|3|0|Hört nun aber wieder ihn selbst, was er nun alles für sonderliches Zeug zusammenfaselt, auf dass ihr erkennen mögt, wie es nicht nur diesem Mann, sondern noch einer zahllosen Menge von Menschen ergeht, die alles im Kopf, in ihrer dümmsten Einbildung, aber wenig oder nichts in ihrem Herzen besaßen und noch besitzen. Horcht nun, er beginnt zu sprechen:
BM|0|11|4|0|[Bischof Martin:] „So, so, so – jetzt ist es recht! O du verfluchtes Sauleben! Wenigstens zehn Millionen von Erdjahren musste ich als eine arme Seele in dieser Nacht und barsten Finsternis herumirren, um statt eines erwünschten guten Zieles an ein Meer zu gelangen, das mich ohne weiteres für die gesamte Ewigkeit notwendig verschlingen wird!
BM|0|11|5|0|Das wär’ mir ein schönes „Requiescant in pace, et lux perpetua luceat eis!“ [Sie mögen ruhen in Frieden, und das ewige Licht leuchte ihnen!] Auf der Welt werden sie diese herrliche Hymne mir sicher oft genug nachgesungen haben, und ich ruhe nun wohl für die Welt ewig, und meine Asche wird noch irgend von einer Sonne beschienen oder von einem andern phosphorischen Moderschimmer einer Totengruft; aber ich, ich, der eigentliche Ich – was ist aus mir geworden?
BM|0|11|6|0|Ich bin wohl noch ganz derselbe, der ich war; aber wo, wo, wo bin ich, wo bin ich hingekommen? Hier steh ich an einer lockeren Spitze einer schmalsten Erdzunge, so man diesen Boden auch Erde nennen kann, und rings um mich her ist die dickste Nacht und ein ewiges, unergründliches Meer.
BM|0|11|7|0|O Menschen, die ihr auf der Erde noch die große Gnade habt, das Leben des Leibes zu besitzen – vorausgesetzt, dass die Erde noch besteht –, o wie endlos glücklich seid ihr und wie enorm reich gegen mich, [ihr] alle, die ihr dort in den dürftigsten Lumpen gute Menschen um einen Zehrpfennig anfleht! Leider erwartet euch hier mein oder vielleicht noch ein viel längeres Los!
BM|0|11|8|0|Daher rette sich dort, wer sich nur immer retten kann: entweder durch feste Haltung der Gesetze Gottes, oder er werde mit Leib und Seele ein Stoiker, was vorzuziehen ist; alles andere taugt für nichts! Hätte ich das eine oder das andere getan, so wäre ich nun glücklicher; so aber stehe ich als ein ewiger Ochse und Esel zugleich – nicht vor einem Berg, sondern vor einem Meer, das da sicher ewig fortdauert, mich wahrscheinlich für ewig verschlingen wird, aber unmöglich töten kann, weil ich denn schon einmal unsterblich sein muss!
BM|0|11|9|0|Denn könnte hier in dieser endlos dümmsten Geisterwelt mir etwas den Tod geben, so wäre es doch unfehlbar am Ersten der furchtbare Hunger, der mich nun schon so viele Millionen von Erdjahren auf das Allerentsetzlichste plagt. Wäre ich nicht selbst eine höchstwahrscheinlich sehr luftige Seele, so hätte ich mich schon lange gleich einem Werwolf bis aufs letzte Zehenspitzel aufgefressen; aber so ist auch das nichts und wieder nichts!
BM|0|11|10|0|Wenn mich aber dies Meer nun höchstwahrscheinlich ehestens verschlingen wird, wie wird es mir dann in dieser endlosen Fischwelt ergehen? Wie viele Haifische werden mich darinnen verschlingen, und wie viele andere Ungeheuer werden sich an mir mit ihren Zähnen versuchen und werden mich fressen und mir dadurch die größten Schmerzen verursachen und mich aber dennoch ewig nicht zu töten imstande sein! O der herrlichsten Aussicht für die ewige Zukunft!
BM|0|11|11|0|Vielleicht waren jene Schafe und Lämmer so eine Art geistiger Sirenen und haben mich unsichtbar hierhergezogen, um mich hier zu zerreißen und aufzufressen? Es ist schon freilich nahe endlos nicht mehr wahr, dass ich sie einmal vor zwölf Millionen Jahren der Erde gesehen habe; aber dennoch wäre so was gerade nichts Unmögliches in dieser unbegreiflich dümmsten Geisterwelt, in der man die Jahrtausende verlebt, ohne außer sich etwas zu erschauen, zu beurteilen und zu erkennen, ohne etwas zu tun, außer dann und wann mit sich einige tausend Jahre lang wert- und fruchtlose Gespräche zu führen gleich einem allerbarsten Narren auf der Welt der Körpermenschen!
BM|0|11|12|0|Ich begreife nur das Einzige nicht, dass ich nun keine größere Furcht habe in dieser meiner sicher allerverzweifeltsten Lage. Ich bin im Grunde mehr zornig als furchtsam; aber da ich niemanden habe, an dem ich meinen gerechten Zorn auslassen könnte, so muss ich ihn in mir wie einen abgestandenen Essig verbeißen.
BM|0|11|13|0|Aber dennoch kommt es mir vor, dass wenn selbst Gott nun, so Er irgend Einer ist, zu mir käme, so würde mein abgestandener Essig von einem Zorn wieder ganz frisch, und ich könnte mich weidlich vergreifen an einem solchen Schmafugott [schäbigen Gott], so Er irgend Einer ist, darum Er die vergängliche Welt mit zahllosen Herrlichkeiten ausschmückte, diese unvergängliche aber schlechter bedachte als der barbarischste Tyrann von einem Stiefvater seine ihm allerverhasstesten Stiefkinder, die ohne ihr Verschulden das Dasein erhielten und leider, leider, leider seine Stiefkinder geworden sind!
BM|0|11|14|0|O wie herrlich wäre es, an so einem Gott seinen Zorn auszulassen, wenn Er irgend Einer wäre! Aber leider, es gibt keinen Gott und kann nie einen gegeben haben; denn gäbe es irgendein gottartiges höheres Wesen, so müsste es doch notwendig weiser sein als wir, seine Geschöpfe, es sind; aber so ist von solch einer Weisheit aber auch nirgends nur eine leiseste Spur zu entdecken!
BM|0|11|15|0|Denn das muss doch ein Blinder einsehen, dass jedes Sein und Geschehen irgendeinen Zweck haben muss; ich aber bin doch auch ein Sein und ein unverschuldetes Geschehen! Ich lebe, ich denke, ich fühle, ich empfinde, ich rieche, ich schmecke, ich sehe, ich höre, ich habe Hände zur Arbeit und Füße zum Gehen, einen Mund, mit Zunge und Zähnen versehen, und – einen leersten Magen; aber dieser Gott sage mir: Wozu? Wozu Millionen von Erdjahren solche Proprietäten [Besitztümer], die man ja doch nie gebraucht!?
BM|0|11|16|0|Also heraus mit einem so höchst unweisesten Gott! Er stehe mir zur Rede – wenn Er irgend Einer ist –, auf dass Er von mir Weisheit lerne! Aber ich könnte Ihn Ewigkeiten lang herausfordern, so wird Er aber dennoch nicht erscheinen! Warum? Weil Er nicht und keiner ist!“
BM|0|12|1|1|Martin murrt weiter in seiner Einsamkeit. Aufnahme durch das ersehnte Schiff. Martins Dankrede an den Schiffsmann, der der Herr Selbst ist
BM|0|12|1|0|Nach einer langen Pause, in der er doch etwas furchtsam die so kühn beschimpfte und am Ende sogar herausgeforderte Gottheit erwartete, beginnt er wieder folgendes, etwas dumpfere Gespräch mit sich selbst, das da so lautet:
BM|0|12|2|0|[Martin:] „Nichts, nichts und abermals nichts! Ich kann herausfordern, wen ich will; schmähen, wen ich will; gröblichst beschimpfen, wen ich nur immer will; hier gibt es niemanden, hier hört mich niemand, ich bin wie ein alleiniges, sich selbst bewusstes Leben in der ganzen Unendlichkeit!
BM|0|12|3|0|Aber ich kann ja doch nicht allein sein! Die vielen tausend mal tausend Millionen von Menschen auf der Erde, die so wie ich geboren wurden, gelebt haben und wieder gestorben sind, wo sollen denn diese hingekommen sein? Haben sie etwa gänzlich aufgehört zu sein, oder haben sie irgend in all den zahllosen Punkten der ganzen Unendlichkeit, voneinander endlos weit entfernt, etwa mit mir ein gleiches Eselslos? Das scheint mir wohl das Allerwahrscheinlichste zu sein. Denn mein einstiger Führer und darauf die schönen Schäflein und Lämmlein waren doch ein sicherer Beweis, dass es in dieser rein endlosen Welt wohl noch irgend Menschen gibt! Aber wo, wo, wo? Das ist eine ganz andere Frage!
BM|0|12|4|0|Da hinaus über dies endlose Meer wird es wohl sehr wenig Lebendiges mehr geben – aber höchstwahrscheinlich endlos weit hinter meinem Rücken! Wenn ich nur zurückkönnte, so möchte ich auch diesen Versuch machen und würde sie aufsuchen! Aber leider bin ich hier mit Wasser so sehr ringsum verrammelt, dass da eine Umkehr beinahe rein unausführbar erscheint.
BM|0|12|5|0|Hier unter meinen Füßen ist’s wohl noch trocken, und ich stehe noch auf einem, wennschon sehr lockeren, aber mich dennoch mit genauer Not tragenden Boden. Aber so ich da den Fuß weitersetzen würde, entweder rück- oder vorwärts, wie würde es mir dann ergehen? Sicher würde ich in den bodenlosesten Abgrund hinabsinken, in dies endlos große Wassergrab! Darum muss ich hier schon hocken bleiben in alle Ewigkeit, was auf jeden Fall eine herrliche Unterhaltung für mich abgeben wird!
BM|0|12|6|0|Ach, wenn es hier doch so ein kleines, aber sicheres Schiff gäbe, in das ich so ganz ungeniert einsteigen könnte, und lenken, wohin ich’s wollte: Welch eine Seligkeit wäre das doch für mich nun wahrhaftigst allerärmsten Teu… oho – nicht heraus; dieser Name soll nie über meine Lippen kommen! Es wird zwar an dem Te…, nein – Gott steh uns bei, ebenso wenig daran sein als an der Gottheit selbst; aber der Begriff selbst an sich ist so hässlich, dass man ihn ehrlichermaßen wohl nicht leicht ohne einen gewissen heimlichen Schauder aussprechen kann!
BM|0|12|7|0|Was sehe ich aber dort, am Wasserspiegel dort, nicht fern von hier? Ist es etwa ein Ungeheuer – oder etwa gar ein Schiff? Siehe, siehe, du mein dürstend Auge, es kommt näher und näher! Bei Gott, es ist im Ernst ein Schiff, ein recht nettes Schiff mit Segel und Ruder! Nein, wenn das herkäme, so müsste ich von neuem an einen Gott zu glauben anfangen; denn so was wäre ein zu auffallender Beweis gegen alles, was ich bisher geplaudert habe! Richtig, richtig, es kommt stets näher und näher! Vielleicht hat es gar jemanden an Bord? Ich werde um Hilfe schreien: Vielleicht hört mich jemand?!
BM|0|12|8|0|(Martin, laut:) He da! He da! Zu Hilfe! Hier harrt derselben schon eine endlose Zeitendauer ein sehr unglücklicher Bischof, der einst auf der Welt einen sehr großen Herrn gespielt hat, nun aber hier in dieser Geisterwelt in die größte Armseligkeit versunken ist und sich nimmer zu helfen und zu raten weiß! O Gott, o Du mein großer, allmächtiger Gott, so Du irgend Einer bist, helfe mir, helfe mir!“
BM|0|12|9|0|Nun seht, das Schiff nähert sich behände dem Ufer, wo unser Mann sich befindet! An Bord erseht ihr auch einen gewandten Schiffer, der Ich Selbst es bin, und hinter unserem Mann den Engel Petrus, der nun, da das Schiff ans Ufer stößt, samt diesem unserem Bischof, ganz behände das Schiff besteigt.
BM|0|12|10|0|Der Bischof aber ersieht bloß Mich als den Schiffsmann, aber den Engel Petrus ersieht er noch immer nicht, weil dieser stets hinter ihm einhergeht. Er geht, wie ihr es leicht merken könnt, überaus freundlichen Angesichts schnurgerade auf Mich zu und spricht:
BM|0|12|11|0|„Welch ein Gott oder welch sonst für ein anderer guter Geist machte es denn, dass Du mit Deinem Schifflein auf diesem endlos großen Meer Dich gerade in diese Gegend verirrtest oder leicht wohl gar geflissentlich hierherlenktest, wo ich eine gar so undenklich lange Zeit der Erlösung harrte? Bist Du etwa gar ein Lotse in dieser Geisterwelt oder sonst ein Rettungsmann? Menschen Deinesgleichen müssen hier unglaublich selten sein, indem ich jetzt wohl seit einer undenklichen Zeitdauer aber auch nicht die allerleiseste Spur von irgendeinem Menschen entdeckt und gesehen habe.
BM|0|12|12|0|O Du holdseligster, liebster Freund Du! Du scheinst mir von einer viel besseren Natur zu sein als einer, der vor einer undenklich langen Zeit sich mir als Führer in dieser Welt von selbst aufdrang, um mich auf irgendeinen rechten Weg zu bringen! Aber das war Dir ein Führer Nonplusultra! Gott der Herr mag es ihm verzeihen; denn er führte mich nur durch eine kurze Zeit, und da zu lauter Schlechtem.
BM|0|12|13|0|Einmal musste ich mein Bischofskleid, das ich – Gott weiß es wie – von der Welt mit herübernahm, ablegen und dafür diese gegenwärtige Bauernkleidung anziehen, die wohl aus einem allerbesten Stoff verfertigt sein muss, ansonst sie selbst bei einem allerruhigsten Verhalten unmöglich Millionen von Erdjahren gedauert hätte!
BM|0|12|14|0|Mit dieser Bescherung aber wäre ich noch so leidlich zufrieden gewesen, natürlich mit der Hoffnung auf eine bessere Bescheidung dieses meines geisterweltlichen Schicksals; allein, was tat Dir dieser Held von einem Führer? Er selbst dingte unter manchen moralischen Sentenzen mich zu einem Hirten seiner Schafe und Lämmer.
BM|0|12|15|0|Ich nahm den Dienst bereitwilligst an – obschon auf einem lutherischen Boden –, gehe mit einem dicken Namenbuch seiner Herde hinaus und wollte tun, wie er es mir angezeigt hatte; allein sieh da, aus der Herde der Schafe und Lämmer wurden Dir lauter bildschönste Mädchen! Von Schafen und Lämmern war keine Spur!
BM|0|12|16|0|Ich hätte die Namen der Schafe und Lämmer aus dem Buch verlesen sollen, aber es kamen keine solchen Tiere in der ganzen Gegend woher, die ich doch vorher deutlich aus dem Haus dieses lutherischen Führers gesehen habe!
BM|0|12|17|0|Wohl aber kamen, ohne sich aus dem Buch rufen zu lassen, diese schönsten Mädchen, wie man zu sagen pflegt, haufenweise zu mir und scherzten um mich her und küssten mich sogar. Und eine, die gar allerschönste, hat sich gar über mich her mit beiden Armen ausgebreitet und hat mich mit einer so bezaubernden Anmut an ihre zarte Brust gedrückt, dass ich darob in ein solches Gefühlsdulzissimum [Gefühlsdusel] kam, wie ich etwas Ähnliches auf der Welt wohl nie empfunden habe.
BM|0|12|18|0|Die ganze Geschichte war im Grunde sicher nicht schlecht, besonders für einen Neuling in dieser Welt! Denn was wusste ich vorher, dass ich statt der Schafe und Lämmer solche Mädchen würde in meine Obhut bekommen?
BM|0|12|19|0|Aber da war, wie von einem Blitz herbeigeführt, auch schon mein ‚schöner‘ Führer bei der Hand und machte mir darob eine Predigt, die dem Martin Luther keine Schande gemacht hätte, und gab mir unter manchen Androhungen neue, aber noch dümmere und lästigere Vorschriften, die ich auf das Strengste hätte befolgen sollen und die sämtlichen Schafe und Lämmer am Ende auf einen angezeigten Berg bringen!
BM|0|12|20|0|Allein ich, mit diesem etwas sonderlichen Auftrag bei mir eben nicht sehr zufrieden, bekam darauf weder den Führer noch die Herde zu Gesicht, wartete Gott weiß wie viele Millionen Jahre – allein umsonst; wollte endlich das Buch meinem sauberen Dienstgeber ins Haus zurückstellen. Allein das Buch, wahrscheinlich eine Art geistiger Automat, empfahl sich von selbst, nebst der ganzen Gegend; und ich empfahl mich endlich auch und ging, kam hierher und konnte nicht mehr weiter, schimpfte eine Zeitlang, was ich nur konnte, verzweifelte nahe völlig, da sich durch eine so endlos lange Dauer von keiner Seite her eine Spur von irgendeiner Rettung zeigte.
BM|0|12|21|0|Endlich kamst Du als ein wahrhaftiger göttlicher Rettungsengel hierher und hast mich in Dein sicheres Fahrzeug aufgenommen! Nimm meinen möglichst größten Dank dafür hin! Hätte ich etwas, womit ich es Dir vergelten könnte, o wie süß wäre das meinem Dir ewig dankbarsten Herzen! Aber Du siehst, dass ich hier ärmer bin als alles, das der Mensch nur immer als arm bezeichnen kann, und außer mir nichts besitze. Daher begnüge Dich für solche Deine große Freundschaft mit meinem Dank und mit mir selbst, so Du mich zu irgendeinem Dienst gebrauchen und verwenden kannst.
BM|0|12|22|0|O Gott, o Gott, wie ruhig und wie sicher und wie schnell schwimmt Dein Fahrzeug über den brausenden Wogen dieses endlosen Meeres, und welch ein angenehmes Gefühl! O Du lieber Freund Du, o Du göttlicher Freund, jetzt sollte mein einstiger sehr bornierter Führer da sein! Da möchte es sich denn doch der Mühe lohnen, Dich ihm vorzustellen und zu zeigen, was ein rechter Führer und Retter für ein Gefühl haben müsse, so er ein Führer sein will! [Ich] war wohl auf der Welt selbst einmal ein Führer, aber – da schweige ich! O Dank Dir, Dank! Wie herrlich geht das Schifflein!“
BM|0|13|1|1|Über den Segen der Einsamkeit. Ein Beichtspiegel zur Förderung der Selbsterkenntnis
BM|0|13|1|0|Darauf spreche Ich als der freundliche Schiffsmann: „Es mag wohl recht misslich sein, sich lange dauernd allein zu befinden; aber ein solch länger andauerndes Alleinsein hat doch wieder sehr viel Gutes! Denn man gewinnt da Zeit, über so manche Torheiten nachzudenken, sie zu verabscheuen und ganz abzulegen und aus sich hinauszubannen. Und siehe, das ist mehr wert als die allerzahlreichste und glänzendste Gesellschaft, in der allzeit mehr Dummes und Schlechtes vorkommt als Weises und Gutes.
BM|0|13|2|0|Noch misslicher aber ist die Lage, wenn das Alleinsein mit einer Lebensgefahr bedroht ist, wenn auch oft nur zum Schein; aber dessen ungeachtet ist ein solches Alleinsein auch noch um tausend Male besser als die anmutigste und schönste Gesellschaft! Denn in solchem Alleinsein bedroht einen nur ein scheinbarer Untergang, für den es noch eine Rettung gäbe, so er auch wirklich erfolgt wäre. In der bezeichneten anmutigen und schönen Gesellschaft aber bedrohen einen Menschen nicht selten tausend wirkliche Gefahren, jede vollkommen tauglich, Seele und Geist ganz zu verderben und in die Hölle zu bringen, von der es nahe gar keinen Ausweg mehr gibt! Daher war dein gegenwärtiger Zustand für dein Gefühl wohl ein sehr misslicher, aber für dein Wesen keineswegs ein unglücklicher.
BM|0|13|3|0|Denn siehe, der Herr aller Wesen sorgte dennoch für dich, sättigte dich nach Maß und Ziel und hatte mit dir eine große Geduld! Denn du warst auf der Welt ein römischer Bischof, was Ich wohl weiß, und verrichtetest dein heidnisches Götzenamt zwar dem Buchstaben nach wohl sehr streng, obschon du innerlich nichts darauf hieltest; aber so was kann doch deiner eigenen Beurteilung nach bei Gott, der allein auf das Herz und dessen Werke sieht, unmöglich einen Wert haben! Zudem warst du sehr stolz und herrschsüchtig und liebtest trotz deines geschworenen Zölibats das Fleisch der Weiber über die Maßen! Meinst du wohl, dies könnten Gott wohlgefällige Werke sein?
BM|0|13|4|0|Du machtest dir auch mit den Klöstern viel zu schaffen und besuchtest am liebsten die weiblichen, in denen es recht viele und schöne Novizinnen gab, da du dann ein großes Wohlgefallen hattest, so sie sich vor dir wie vor einem Gott niederwarfen und dir deine Füße umklammerten und du sie dann auf allerlei sogenannte moralische Proben stelltest, von denen einige um nichts besser sind als eine komplette Hurerei! Meinst du wohl, dass solch ein moralischer Eifer von deiner Seite Gott dem Herrn wohlgefällig war?
BM|0|13|5|0|Was hast du auf der Welt gegen das Gebot Christi, der den Aposteln gebot, keine Säcke, somit kein Geld, keinen Rock, keine Schuhe – außer im Winter – und nie zwei Röcke zu haben und zu tragen, für große Reichtümer besessen! Welch ausgesuchte Speisen trug dein Tisch, welch glänzendes Fuhrwerk, welche reichsten Bischofsinsignien zierten deine Herrschsucht!
BM|0|13|6|0|Wie oftmals hast du als sein wollender Verkünder des Wortes Gottes auf der Rednerbühne falsch geschworen und hast dich selbst verflucht, so dies oder jenes nicht wahr wäre, was du bei dir selbst doch in deinem ganzen Leben nie geglaubt hast!
BM|0|13|7|0|Wie oftmals hast du dich selbst befleckt – und warst im Beichtstuhl, solange du dich noch im selben herumtriebst, unerbittlich streng gegen die Armen und Kleinen und ließest die Großen so leicht durch, als wie leicht da springt ein Floh durch ein Stadttor!
BM|0|13|8|0|Meinst du wohl, dass der Herr daran ein Wohlgefallen haben konnte, dem doch das ganze römische Babylon ein Gräuel ist in seiner besten Art?
BM|0|13|9|0|Hast du je gesagt in deinem Herzen: Lasset die Kleinen zu mir kommen? O siehe, nur die Großen hatten bei dir einen Wert!
BM|0|13|10|0|Oder hast du je ein armes Kind in Meinem Namen aufgenommen und hast es bekleidet, gespeist und getränkt? Wie viel Nackte hast du wohl bekleidet, wie viel Hungrige gesättigt, wie viel Gefangene frei gemacht? O sieh, Ich kenne niemanden davon; wohl aber hast du Tausende in ihrem Geist zu harten Gefangenen gemacht und hast der Armut nicht selten durch dein Verfluchen und Verdammen die tiefsten Wunden geschlagen, während du den Großen und Reichen Dispense über Dispense erteiltest, natürlich für Geld – nur manchmal bei sehr großen Weltherren aus einer Art großimponierender Weltfreundschaft [umsonst] – meinst du wohl im Ernst, dass Gott derlei Werke angenehm und wohlgefällig sein könnten und du darum sogleich nach deines Leibes Tod hättest sollen vom Mund auf in den Himmel aufgenommen werden?
BM|0|13|11|0|Ich, dein Rettmann, sage dir das aber nun nicht, um dich zu richten, sondern darum nur, um dir zu zeigen, dass der Herr an dir kein Unrecht tat, so Er dich hier scheinbar ein wenig im Stich ließ; und dass Er dir sehr gnädig war, darum Er nicht zuließ, dass du sogleich nach deinem Absterben vor Gott wohlverdientermaßen zur Hölle hinabgefahren wärst.
BM|0|13|12|0|Bedenke das und schmähe nicht mehr deinen Führer, sondern danke [denke] in aller Demut, dass du von Gott aus nicht der geringsten Gnade wert bist, so kannst du sie wiederfinden. Denn so sich die getreuesten Knechte als schlecht und unnütz betrachten sollen, um wie viel mehr du, der du noch nie etwas dem Willen Gottes Gemäßes getan hast.“
BM|0|14|1|1|Martins Reuebekenntnis und sein guter Wille zur Buße und Umkehr
BM|0|14|1|0|Spricht darauf der Bischof: „O Du mein hochgeehrtester und überaus alles Dankes würdigster Retter! Ich kann Dir auf diese Deine Enthüllung leider nichts anderes sagen als: Das ist alles Mea culpa, mea quam maxima culpa! [Meine Schuld, meine Schuld, meine größte Schuld!] Denn es ist alles so und ist buchstäblich wahr. Aber was lässt sich nun tun?
BM|0|14|2|0|Ich fühle nun sicher wohl die tiefste Reue über all das Begangene; aber mit aller meiner Reue lässt sich das Geschehene nimmer ungeschehen machen, und somit bleiben auch die Schuld und die Sünde unverrückbar, die da ist der Same und die Wurzel des Todes. Wie aber lässt sich in der Sünde des Herrn Gnade finden? Siehe, das scheint mir ein völlig unmöglich Ding zu sein.
BM|0|14|3|0|Darum meine ich also nun, indem ich nun vollkommen einsehe, dass ich sogestaltig ganz für die Hölle allein nur reif bin: Die Sache lässt sich auf keine andere Weise ändern, außer ich würde durch eine allmächtige Zulassung Gottes mit diesem meinem gegenwärtigen Gefühl nun noch einmal auf die Erde gesetzt, um daselbst so viel als möglich meine Fehler wiedergutzumachen. Oder – da ich vor der Hölle denn doch eine zu entsetzliche Furcht habe – der Herr möchte mich für die ganze endlose Ewigkeit als ein allergeringstes Wesen irgend in einen ewigen Winkel stecken, wo ich als ein allergeringster Landmann mir auf einem mageren Boden den allernötigsten Unterhalt mit der Arbeit meiner Hände erwerben könnte. Dabei leistete ich ja von ganzem Herzen gerne Verzicht auf irgendeine höhere Beseligung, indem ich mich selbst für den allergeringsten Grad des Himmels für bei weitem zu unwert halte.
BM|0|14|4|0|Das ist so mein Gefühl; denn Meinung kann ich’s darum nicht nennen, weil ich’s empfinde, dass das nun der innerste Ausspruch meines Lebens ist. Es ist auf der über Hals und Kopf nun vernagelten Welt aber wohl auch nichts mehr zu machen; denn der allgemeine Zug des Stromes ist nun durch und durch schlecht, sodass es nahe zur Unmöglichkeit wird, gut zu sein als ein Schwimmer wider den Strom.
BM|0|14|5|0|Die Regierungen tun, was sie wollen, und die Religion gebraucht man nur noch als ein politisches Opium fürs gemeine Volk, um es leichter im Zaum und zu allem Möglichen dienstbar zu erhalten! Da soll der Papst selbst versuchen, der Religion eine andere, bloß geistige Bedeutung zu geben, so wird man gegen seine deklarierte Unfehlbarkeit sogleich von allen Seiten her mit Waffen und klingendem Spiel zu Felde ziehen. Aus dem aber auch klar hervorgeht, wie schwer es nun ist, besonders als ein Bischof die rechten Wege des Wortes Gottes zu gehen, indem er auf allen seinen Wegen und Stegen von einer Legion geheimer Aufseher beschnüffelt wird.
BM|0|14|6|0|Alles das benimmt zwar weder einem Bischof noch irgendeinem andern Menschen den freien Willen; aber wie sehr wird dadurch das Handeln nach demselben erschwert, ja in tausend Fällen sogar unmöglich gemacht – was dem Herrn sicher auch nicht unbekannt sein wird.
BM|0|14|7|0|Es wäre freilich recht und billig und in dieser Zeit beinahe notwendig, des Wortes Gottes wegen ein Märtyrer zu sein; aber was würde nun auch damit geholfen sein? Nur ein Wort darüber losgelassen, was mit der heiligsten Religion nun für ein barster Missbrauch getrieben wird, und man steckt im Loch mit dem Auftrag des ewigen Schweigens, oder man wird so ganz heimlich aus der Welt geschafft.
BM|0|14|8|0|Frage: Was würde da jemand damit nützen können, so er strikt gegen den Strom schwimmen wollte, so er die reinste Wahrheit verkünden wollte, und wollte sich opfern für die geblendete arme Menschheit?
BM|0|14|9|0|So man aber aus der Erfahrung ersieht, dass sich da rein nichts tun lässt in einer Welt, die vom Fuß bis zum Kopf im dicksten Argen steckt, und ihr nicht zu helfen ist, da wird es am Ende sogar wie verzeihlich aussehend, so man am Ende bei sich selbst ausruft: Mundus vult decipi, ergo decipiatur! [Die Welt will betrogen werden, daher möge sie betrogen werden!]
BM|0|14|10|0|Ich meine aber nun auch also: Der Herr sucht sicher jeden Menschen zu beseligen; aber so der Mensch schon durchaus die Hölle dem Himmel vorzieht, so vermag Er, der Allmächtige, ihn am Ende Selbst nicht zu behindern, dass er nicht hinabfahre in den ewigen Pfuhl – bei welcher Gelegenheit dann sicher auch der Allweiseste nichts anderes als Si vis decipi, ergo fiat! [Wenn du betrogen sein willst, so geschehe es!] sagen würde.
BM|0|14|11|0|Damit aber will ich auch nicht im Geringsten mich vor Dir etwa beschönigen und meine Schuld geringer machen, als sie ist, sondern Dir nur bloß sagen, dass man nun in diesem Fall auch mehr ein genötigter als ein freiwilliger Sünder ist, worauf der Herr doch sicher auch eine gnädigste Rücksicht nehmen wird.
BM|0|14|12|0|Ich meine nicht, als soll Er meine große Schuld darum für geringer ansetzen, als sie in der Wirklichkeit ist, sondern eine Berücksichtigung möchte ich darum, weil die Welt wirklich Welt ist, mit der selbst beim besten Willen nichts zu machen ist; und man am Ende auch den guten Willen verlieren muss, ihr zu helfen, weil man zu klar einsieht, dass man ihr gar nicht helfen kann.
BM|0|14|13|0|Mein geliebtester Retter, sei mir darob nicht gram; denn ich redete nur, wie ich’s bisher verstand und einsah. Du wirst es sicher besser verstehen und einsehen, und wirst mich darüber belehren; denn ich habe aus deinen Worten entnommen, dass Du voll wahrer, göttlicher Weisheit bist und mir eine rechte Auskunft geben wirst, was ich zu machen habe, um wenigstens nur der Hölle zu entgehen.
BM|0|14|14|0|Dazu gebe ich Dir auch noch die Versicherung, dass ich Deinem Wunsch nach meinem früheren Führer von ganzem Herzen vergebe! Denn ich war ja auch nur darum ärgerlich auf ihn, da ich bis jetzt noch nicht innewerden kann, was er mit mir für einen so ganz eigentlichen Plan hatte! Er ließ es zwar wohl sehr unbestimmt durchleuchten, was er mit mir für einen Plan haben könnte; aber diese überlange Verlassung meiner Person von seiner Seite musste mich am Ende über ihn ja doch ärgerlich machen! Aber nun ist alles gar [vorbei], und so er jetzt herkäme, so würde ich ihm Deinetwegen augenblicklich um den Hals fallen und ihn abküssen wie ein Sohn seinen lange nicht gesehenen Vater!“
BM|0|15|1|1|Der göttliche Schiffsmann zeigt auf, wie weit die Welt und wie viel mehr Martin selbst die Schuld am Übel hat. Etwas über die Hölle
BM|0|15|1|0|Nun rede wieder Ich als der Schiffsmann: „Höre Mich nun an und merke es genau, was Ich dir sagen werde!
BM|0|15|2|0|Siehe, wohl weiß Ich, wie die Welt beschaffen ist, weil Ich es auch weiß, wie sie zu allen ihren Zeiten beschaffen war. Denn wäre die Welt nicht arg oder wenigstens nur manchmal besser als ein anderes Mal, so hätte sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt! Da ihr großböser Mutwille aber schon solches tat am grünen Holze, um wie viel weniger wird er des dürren Reisigs schonen! Daher gilt für die Welt ein für alle Male das, was aus dem Mund des Herrn im Evangelium geschrieben steht und also lautet:
BM|0|15|3|0|In diesen Tagen – d. h. in der Zeit der Welt – braucht das Himmelreich Gewalt; nur die werden es besitzen, die es mit Gewalt an sich reißen! Eine solche moralische Gewalt aber, Freund, hast du dem Himmelreich wohl nicht und nie angetan; darum du die Welt eben auch nicht zu sehr anklagen darfst, indem Meines höchst klaren Wissens du zu allen Zeiten es bei weitem lieber mit der Welt als irgend mit dem Geiste gehalten hast! Denn in diesem Punkt warst du eben einer der Hauptgegner aller geistigen Aufklärung, ein Feind der Protestanten und verfolgtest sie ob der vermeintlichen Ketzerei mit Hass und bitterstem Ingrimm.
BM|0|15|4|0|Bei dir hieß es wirklich nie: Si mundus vult decipi! [Wenn die Welt betrogen sein will!], sondern fest weg ohne Gnade und Pardon: Mundus decipi debet! [Die Welt muss betrogen werden!] – und das sine exceptione! [Ohne Ausnahme!] Ich aber sage dir, dass die Welt gerade nirgends schlechter ist als gerade in deiner und zumeist in deinesgleichen Sphäre! Ihr seid zu allen Zeiten die größten Feinde des Lichtes gewesen, und es gab Zeiten, wo ihr jedem nur um ein Haar heller Denkenden und Sehenden Scheiterhaufen errichtet habt!
BM|0|15|5|0|Nicht die Fürsten der Welt suchten die Finsternis bei ihren Völkern auszubreiten, sondern ihr wart es, die ihr die Fürsten selbst in den Bannfluch legtet, so sie es wagten, etwas heller zu denken, als es eurer finstersten, hierarchischen, tyrannischsten Despotie genehm war! Wenn nun Fürsten selber finster sind hie und da, so sind sie sogestaltig euer Werk; ihr aber wart nie ein Werk der Fürsten, sondern jetzt wie zu allen Zeiten euer eigenes.
BM|0|15|6|0|Dass es nun etwas schwerer ginge in manchem Land, das vom Licht keine Ahnung mehr hat von A bis Z, das reine Licht Gottes einzuführen, das weiß Ich; aber wer trägt daran die Schuld? Siehe, niemand sonst als ihr selbst!
BM|0|15|7|0|Wer hieß euch je Götzentempel und barste Götzenaltäre errichten? Wer hat euren lateinischen sogenannten Gottesdienst angeordnet? Wer hat die Ablässe erfunden, wer die Schrift Gottes verbannt und an deren statt die absurdesten und lügenhaftesten Legenden der sogenannten Heiligen eingeführt, wer die Reliquien, wer die Millionen von allerlei heiligen Bildern und Schnitzwerken? Siehe, niemand anderer, kein Kaiser und kein Fürst, sondern ihr! Ihr allein wart zu allen Zeiten die Werkmeister der allerdicksten Finsternis, um darinnen allerlei zu fangen, Groß und Klein für euer Szepter!
BM|0|15|8|0|Die Fürsten sind zumeist voll frommen Glaubens und sind gehorsam eurer Lehre; sage mir, was aber hattest du, der du doch in der Schrift bewandert warst, für einen Glauben? Und wem gehorchtest du wohl? Wie viel hast du gebetet, ohne dafür bezahlt zu sein?
BM|0|15|9|0|Sage, kannst du wohl bei Gott aus und nach dem allem irgendeine Berücksichtigung erwarten, indem die Welt nicht dich, sondern nur du die Welt in deinem Bezirk um vieles schlechter gemacht hast, als sie ehedem war?
BM|0|15|10|0|Ich sage dir aber: Was das Märtyrertum betrifft, das du angeführt hast, so hättest du dich tausendmal eher aus herrschsüchtiger Liebe zur Nacht ans Kreuz schlagen lassen als nur einmal fürs reine Gotteslicht! So hättest du auch von den Fürsten wenig zu besorgen gehabt, so du das Licht hättest verkündigen lassen, und somit noch weniger von ihren Aufsehern. Denn Ich weiß es nur zu gut, wie du den Fürsten opponiertest, so sie sich gegen deine unsinnigsten, allen Menschen- und Bruderwert verachtenden und verdammenden Forderungen sträubten!
BM|0|15|11|0|Siehe, so sind Mir auch wenig Beispiele bekannt, dass Fürsten wahrhaft helle Priester, die der Gotteslehre rein oblagen, ins Loch steckten oder gar – was von dir eine grobe Anschuldigung ist – in die Geisterwelt expedierten; aber wohl sind mir eine ungeheure Zahl Beispiele bekannt, dass nur ihr das an jenen tatet, die es gewagt haben, reiner nach dem Wort Gottes zu leben!
BM|0|15|12|0|Wer da klug ist wie eine Schlange und dabei sanft wie eine Taube und wandelt so des Herrn Wege: Meinst du wohl, dass der alte Gott schwächer geworden ist, als Er zu den Zeiten der Apostel war, und somit jenem nicht mehr zu helfen vermöchte, wenn er von der Welt bedräut wird?
BM|0|15|13|0|O sieh, Ich könnte dir nebst Luther noch eine große Menge Brüder anführen, die in einer allerfinstersten Zeit es dennoch gewagt haben, das reine Gotteswort vor aller Welt zu bekennen. Und siehe, die Fürsten der Welt haben keinem den Kopf vom Leib getrennt; wohl aber ging’s nur dem schlecht, der Meinen Geistes in eure Hände geriet.
BM|0|15|14|0|Du wirst nun hoffentlich einsehen, dass hier, wo nichts als die reinste Wahrheit, mit der ewigen Liebe geeint, nur gilt, mit all deinen Entschuldigungen nicht weit gereicht wird; außer mit der alleinigen Mea quam maxima culpa! [Meine sehr große Schuld!] Das ist allein recht, alles andere gilt vor dem Herrn nichts! Denn das wirst du wohl zugeben, dass Gott die Welt in ihren kleinsten Fibern besser kennt von Ewigkeit her, als du sie je erkennen wirst. Darum wäre es auch der größte Unsinn, so du Gott dem Herrn zu deiner Entschuldigung beschreiben wolltest, wie sie ist; obschon du sagst, dass du das nicht zu deiner Entschuldigung sagst, sondern bloß nur, dass darum der Herr mit dir eine Rücksicht nehmen soll – ohne dabei im Geringsten zu bedenken, dass du selbst ein Hauptweltschlechtermacher warst!
BM|0|15|15|0|Inwieweit du als ein Weltgefangener Rücksicht verdienst, wird sie dir auch nicht um ein Haar entzogen werden; aber in allem dem, was du ihr nun anwirfst, nicht die allergeringste. Was die Welt dir schuldet vor Gott, das wird mit einer kleinen Rechnung abgetan sein. Aber deine Schuld wird so kurz nicht ablaufen, außer du bekennst sie selbst reumütigst und bekennst auch, dass nie du – der du allzeit schlecht bist und warst –, sondern allein nur der Herr alles wiedergutmachen kann und dir vergeben deine Schuld.
BM|0|15|16|0|Du hast wohl eine große Furcht vor der Hölle, weil du dich in deinem Gewissen ihrer wert fühlst und meinst, Gott werde dich da hineinwerfen wie einen Stein in einen Abgrund; bedenkst aber nicht, dass du nur deine eingebildete Hölle fürchtest, aber an der wirklichen ein großes Wohlgefallen hast und nicht herauswillst in der Fülle!
BM|0|15|17|0|Siehe, alles, was du bisher nachgedacht hast, war mehr oder weniger Hölle im eigentlichsten Sinn! Denn wo nur noch ein Fünklein Selbstsucht herausschaut und Eigendünkel und Beschuldigung anderer, da ist Hölle; wo der fleischliche Sinn noch nicht freiwillig verbannt wurde, da ist noch Hölle! Bei dir aber haftet das alles noch; somit bist du noch sehr stark in der Hölle! Siehe, wie eitel da deine Furcht ist!
BM|0|15|18|0|Der Herr aber, der Sich aller Wesen erbarmt, will dich daraus erretten – und nicht nach deiner römischen Maxime noch tiefer hineinverdammen! Daher sage fürder auch nicht vom Herrn, dass Er den durchaus in die Hölle Fahrenwollenden sage: ‚So du denn durchaus zur Hölle willst, so sei’s!‘
BM|0|15|19|0|O siehe, das ist eine sehr frevelnde Behauptung von dir! Du bist eben einer, der schon gar lange der Hölle nicht entsagen will; wann aber hast du von Seite des Herrn ein solches Gericht über dich vernommen?
BM|0|15|20|0|Bedenke diese Meine Worte wohl und kehre dich danach in dir, so will Ich dies Schifflein so lenken, dass es dich aus deiner Hölle in das Reich des Lebens bringen soll. Es sei!“
BM|0|16|1|1|Martins Schuldbekenntnis. Wink über das jenseitige Gericht. Martins Entschluss, bei dem Lotsen, seinem Retter, zu bleiben. Der Engel Petrus als Dritter im Bunde
BM|0|16|1|0|Spricht nun unser Mann: „O lieber Freund, ich muss es dir leider offen gestehen, dass es mit mir gerade so steht, wie du es mir nun ohne Vorenthalt meiner Sünden kundgetan hast. Und ich sehe es auch ein, dass ich dagegen auch nicht die geringste Entschuldigung vorbringen kann; denn alles trifft mich rein ganz allein. Aber nur das möchte ich noch von dir erfahren, wohin du mich nun bringen wirst, und was wird mein ewiges Los sein?“
BM|0|16|2|0|Spricht der Schiffsmann: „Frage dein Herz, deine Liebe! Was sagt diese? Was ist ihre Sehnsucht? Hat dir diese aus deinem Leben heraus ganz bestimmt geantwortet, so hast du dann schon in dir selbst dein Los entschieden: Denn jeder wird von seiner eigenen Liebe gerichtet.“
BM|0|16|3|0|Spricht der Bischof: „O Freund, so ich nach meiner Liebe gerichtet würde, da käme ich Gott weiß wohin! Denn in mir geht es noch gerade so zu wie im Gemüt eines modesüchtigen Weibes, das da in einem irdischen Modeverkaufsgewölbe vor sich hundert Modestoffe hin und her mustert und am Ende nicht weiß, was es nehmen soll!
BM|0|16|4|0|Meinem innersten Gefühl nach möchte ich bei Gott, meinem Schöpfer, sein. Aber da treten mir meine vielen und großen Sünden in den Weg, und ich sehe dann die Realisierung solches meines Wunsches für rein unmöglich an!
BM|0|16|5|0|Darauf denke ich wieder an jene schon diesweltlichen abenteuerlichen Schafe und Lämmer; mit einem solchen Schaf wäre es gerade auch nicht unangenehm, in Ewigkeit zu leben! Aber da sagt mir wieder wie ein innerer Mensch: ‚So was wird dich Gott ewig nie näherbringen, sondern dich stets mehr nur von Ihm entfernen!‘ – und damit sinkt auch dieser mein Lieblingsgedanke ins Grundlose dieses Meeres.
BM|0|16|6|0|Wieder kommt mir der Gedanke, irgend in einem Winkel dieser ewigen Geisterwelt als ein allerschlichtester Landmann zu leben und nur wenigstens einmal die Gnade zu besitzen, Jesus zu sehen, wenn auch nur auf einige wenige Augenblicke! Aber da ermahnt mich wieder mein böses Gewissen und spricht: ,Dessen bist du ewig nicht wert!‘ – und ich sinke wieder zurück in mein mit allen Sünden behaftetes Nichts vor Ihm, dem Allerheiligsten!
BM|0|16|7|0|Nur ein Gedanke kommt mir am wenigsten schwer und unmöglich zu realisieren vor, und ich muss es gestehen, dass das nun meine Lieblingsidee ist: nämlich bei Dir, wo Du auch sein magst, die ganze Ewigkeit zu sein und zuzubringen! Obschon ich auf der Welt diejenigen am wenigsten leiden konnte, die es wagten, mir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, so aber habe ich Dich eben dadurch nun über alles liebgewonnen, weil Du mir die Wahrheit wie ein allerweisester, aber auch wie ein allersanftester Richter schnurgerade ins Gesicht gesagt hast. Bei dieser Hauptlieblingsidee aber werde ich auch verbleiben in Ewigkeit.“
BM|0|16|8|0|Spreche Ich: „Nun gut, wenn das deine Hauptliebe ist, von der du dich in der Folge aber noch tiefer überzeugen musst, so kann sie sogleich ausgeführt werden! Siehe, wir sind nun nicht mehr fern von einem Ufer und ebenso wenig fern von einer Wohnhütte. Mein Geschäft kennst du nun schon, dass Ich ein Lotse bin im vollsten Sinne des Worts? Du wirst nun dies Geschäft mit Mir teilen; den Lohn für unsere Bemühungen wird uns unser Grundstückchen bringen, das wir in geschäftsfreien Augenblicken nach Möglichkeit emsigst bearbeiten wollen. Und sieh dich um, neben dir wirst du noch jemanden finden, der da getreust mit uns halten wird!“
BM|0|16|9|0|Der Martin sieht sich auf dieser Seefahrt zum ersten Mal um und erkennt sogleich den Engel Petrus – und fällt ihm um den Hals und bittet ihn um Vergebung ob der angetanen Schmähungen.
BM|0|16|10|0|Petrus erwidert die gleiche Liebe und preist den Bischof glücklich, dass sein Herz diese Wahl getroffen hat aus seinem innersten Herzengrund.
BM|0|16|11|0|Das Schiffchen stößt nun aber auch ans Ufer, wo es an einem Stock befestigt wird, und wir alle drei aber gehen in die Hütte. (Das Weitere nächstens.)
BM|0|17|1|1|In der Hütte des Lotsen. Das gesegnete Morgenmahl und Martins Dank. Die neue Arbeit Martins mit den Fischern
BM|0|17|1|0|Bisher aber war es gleich stets mehr dunkel als irgend hell; aber in der Hütte fing die Dunkelheit mehr und mehr an sich zu verlieren, und eine wohltuende Dämmerung verscheuchte nach und nach stets mehr und mehr die frühere barste Nacht – natürlich vor den Augen des Bischofs nur, denn vor Meinen (des Herrn) und des Engels Petrus Augen war es stets der allerhellste, ewige, unvergängliche und unveränderlichste Tag!
BM|0|17|2|0|Dass es aber nun auch vor den Augen des Bischofs zu dämmern anfing, geschah aus dem Grund, weil in seinem Innersten die Liebe aufzutauchen begann, nachdem durch Meine Gnade der Bischof eine große Menge irdischen Unflats freiwillig von sich hinausgeschafft hatte und nun noch fortschafft.
BM|0|17|3|0|„Was geschieht aber nun in der Hütte?“, werdet ihr fragen. Nur Geduld, sogleich wird nun von Mir vorgetragen werden die Dienstordnung, die der Bischof von nun an zu befolgen haben wird, nachdem er zuvor sich ein wenig mit Meinem Lebensbrot wird gestärkt haben. Denn ihr seht es leicht ein, dass der Mann sicher sehr hungrig sein muss, indem er durch sein ganzes Leben auf der Welt, wie nun in der sehr kurzen Periode von natürlichen sieben Tagen, wenn schon anscheinend eine undenklich lange Dauer, noch nie an diesem wahrsten Nährtisch gegessen hat und nie verkostet das Brot des Lebens; daher wir ihn nun schon, wie ihr zu sagen pflegt, ein bisschen dreinhauen lassen müssen, d. h. so recht den ersten Heißhunger stillen.
BM|0|17|4|0|Seht, wie er ein Stück Brot ums andere verzehrt und wie er dabei ganz zu Tränen gerührt ist und nun auch spricht:
BM|0|17|5|0|[Martin:] „O du mein allerbester Freund und nunmaliger Dienstherr für ewig, wie überaus gut ist es, bei dir sein! Nimm vorerst meinen inbrünstigsten Dank hin, und trage selben in deinem reinen Herzen auch Gott dem Herrn vor. Denn meine Zunge ist ewig nicht dem Herrn ein Dankgebet vorzutragen wert, indem ich doch ein viel zu großer und viel zu grober Sünder vor Ihm bin!
BM|0|17|6|0|So, so, so; ach, das war gut! O der undenklichen Zeit meines Hungers, meines Durstes und meiner ununterbrochenen Nacht! O Dank, Dank Dir, größter Dank Gott, dem Herrn, dass Er es zugelassen hat, dass Du mich rettetest und nun auch sättigtest, dass es mir nun so wohl geschieht, als wäre ich frisch geboren worden! Und siehe, siehe, es wird auch ganz hell wie an einem Frühlingsmorgen, so sich die Sonne dem Aufgang naht! O wie herrlich ist es nun hier!
BM|0|17|7|0|O liebster Freund und du auch mein alter und erster Führer, da ich nun gesättigt bin zur Übergenüge, so lasst mich nun an irgendeine Arbeit, auf dass ich auch, wenn schon in einem höchst verjüngtesten Maße gegen eure übergroße Wohltat an mir, durch meiner Hände Fleiß meine große Liebe zu euch an den Tag legen kann!“
BM|0|17|8|0|Nun rede Ich: „Komm nun nur mit uns aus der Hütte, und wir werden sogleich Arbeit in schwerer Menge bekommen. Sieh, wir sind nun schon wieder im Freien und am Ufer des Meeres! Dort sind die Fischernetze: Gehe mit dem Bruder hin, und bringe sie hierher in das Schiff; denn das Meer ist heute ruhig, und wir werden einen guten Fang tun!“
BM|0|17|9|0|Die beiden bringen willigst drei gute Tauchbären herbei und ein Schleppnetz, schaffen es sogleich in das Schiff, und der Bischof spricht voll Freuden: „Ach, das ist wohl eine allerlustigste Arbeit! So, wohl so, gefällt mir das Meer; aber als ich dabei an dessen lockerstem Ufer meines Untergangs harrte, da sah es ganz erschrecklich anders aus!
BM|0|17|10|0|Aber gibt es denn hier im Geisterreich auch Fische? Wahrlich von so was hatte mir auf der Welt nie etwas geträumt!“
BM|0|17|11|0|Spreche Ich: „Und das was für Fische! Es wird dir bei der Arbeit noch ganz sonderlich zumute werden, besonders so es hier unsere Aufgabe ist, dieses Meer voll auszufischen. Doch darum darfst du deinen Mut nicht sinken lassen, es wird alles gehen. Aber, wie gesagt, es gehören Geduld und Mut und große männliche Festigkeit dazu.
BM|0|17|12|0|Es werden dabei recht viele Gefahren vorkommen, und du wirst dich nicht selten für verloren halten; aber dann sehe auf Mich, und tue, was Ich tue, so wird alles gut und zu unserem großen Vorteil ablaufen! Denn jedes gute Ding braucht Mühe, Geduld und feste Arbeit! Löst nun das Schiff vom Stock, und wir wollen sogleich in die hohe See hinausstoßen.
BM|0|17|13|0|Die beiden lösen das Schiff ab und ein von Morgen her wehender Wind treibt es pfeilschnell in die hohe See hinaus.
BM|0|17|14|0|Im Verlauf der Fahrt spricht wieder der Bischof: „O tausend, tausend, tausend! Aber Freunde, da muss es schon ganz entsetzlich tief sein, denn das Wasser sieht ja vor lauter Tiefe nahe ganz kohlschwarz aus! Wenn da das Schiff scheitern möchte, wie erginge es uns dann?!“
BM|0|18|1|1|Auf der Fischjagd
BM|0|18|1|0|Spreche Ich: „Freund, nur keine Furcht, denn wir sind guter Dinge wegen auf dem Wasser, und da mag es tief sein, wie es wolle, so haben wir nichts zu befürchten. Nun, aufgepasst, das Schleppnetz hinausgeworfen! Dort, wo das Wasser stark wogt, ist ein ungeheurer Fisch! Nur behände, dass er uns nicht entgeht!“
BM|0|18|2|0|Die beiden werfen das Netz hinaus, und kaum hat es sich im Wasser ausgebreitet, so fährt auch schon ein sichtliches Ungeheuer von einem Fisch in selbes, und da es das starke Netz nicht durchbrechen kann, so reißt es das Schiff pfeilschnell mit sich fort auf der Oberfläche und macht keine Rast, sondern nur wütender und wütender schleppt es das Schiff mit sich fort.
BM|0|18|3|0|Der Bischof, darob voll Entsetzen, ruft: „O um Gottes willen, was jetzt, was jetzt?! Nun sind wir doch offenbar verloren! Das Ungeheuer füllt das Netz gerade mit seinem kaum halben Kopf aus! Der Leib reicht Gott weiß wie weit noch ins Wasser hinein; es ist sicher so groß als dreimal unser Schiff! Wenn wir’s auch erlegen könnten, wohin aber möchten wir dann damit?! Oh, oh, ohohohoh! Immer wütender und schneller rennt es mit unserem Fahrzeug zum – o Gott steh uns bei!“
BM|0|18|4|0|Nun redet der Petrus: „Sei nur nicht kindisch, lass rennen den Fisch, wohin und wie lange es ihn freut! Solange er den Kopf im Netz hat, geht er nicht unter, das weiß ich als ein alter Fischer. Und wenn er sich wird zur Genüge ausgerannt haben, da wird er schon ruhiger werden, und wir werden dann ein Leichtes haben, uns seiner zu bemächtigen und ihn schleppen ans Ufer! Denn siehe dorthin – der Fisch rennt gerade einem Ufer zu; da wird er es dann schon wohlfeiler gehen mit seiner Davonrennerei!
BM|0|18|5|0|Und hast du denn vergessen, was da unser aller hochgeliebtester Meister geredet hat? Siehe, Er ist ruhig, daher seien es auch wir! Wenn es aber heißen wird: ‚Nun Mir nach, die Hände ans Werk!‘, dann erst heißt es sich rühren, wie Er es anordnet. Denn über Ihn gibt es keinen Meister in der Fischerkunst! Jetzt aber heißt es: Aufgepasst, der Moment unserer Tätigkeit wird sogleich eintreten!“
BM|0|18|6|0|Nun rede Ich: „Peter, nimm du den großen Haken und stoße ihn kräftigst hinter die Kiefer! Und du, Freund Martin, springe nun behände ans Ufer, ergreife kräftigst das Schiffstau und ziehe es ans Ufer! Befestige es schnell an dem vorhandenen Stock, springe dann wieder ins Schiff hinein, nimm den zweiten Haken und tue, was Peter tat! Denn siehe, das Ungeheuer hat die rechte Mattigkeit erlangt, und wir werden seiner nun leicht Meister! Also nur behände!“
BM|0|18|7|0|Der Bischof Martin tut eiligst, wie es ihm geboten wurde. Das Schiff ist befestigt, und unser Martin ist schnell wieder im Schiff, ergreift den Haken und stößt denselben scharf und stark hinter die andere Kieferlappe, und so ist das Ungeheuer nun wohl befestigt.
BM|0|18|8|0|Und nun heißt es: „Geht hinaus ans Ufer, bringt das große Tau, an dem ein schwerer und scharfer Wurfhaken befestigt ist; dort nahe an der Hütte ist es schon zu dem Behufe in der Bereitschaft! Ich werde unterdessen mit den beiden Hakenstangen den Fisch näher ans Ufer hinzubringen, wo ihr dann äußerst schnell den Wurfhaken auf den Kopf des Tieres schleudern müsst. Und du, Freund Martin, darfst nicht erschrecken, so der Fisch dabei einige mächtige Bewegungen machen wird, die dir freilich ganz sonderlich grauenerregend vorkommen werden. Aber nur Mut und Beharrlichkeit – dann geht alles! Also nun Mir die beiden Stangen in die Hände gegeben und ihr eilt an euer Werk!“
BM|0|18|9|0|Alles geschieht pünktlich. Aber als dem Fisch der schwere und scharfe Wurfhaken ins Lebendige dringt, da fängt er an, ganz erschrecklich (für den Bischof Martin) sich zu winden und zu bäumen, und treibt dadurch mächtige Fluten ans Ufer, sodass manchmal unser neuer Fischer Martin ganz vom Wasser zugedeckt wird, was ihn umso mehr geniert, weil manchmal der tausendzähnige Rachen des Fisches ihm beim Halten des Taues sehr nahe kommt und zugleich stark nach ihm schnappt. Er ist in großer Angst, aber nun mehr um Mich als um sich, indem er sieht, wie der Fisch mit seinem mächtigen Schwanz das Schiff schon einige Male ganz übers Wasser emporhob und dann wieder niederschleuderte.
BM|0|18|10|0|Aber der Petrus spricht zu ihm: „Halte nur fest, Bruder! Nimm alle deine Kräfte zusammen, sonst reißt uns das furchtbare Ungeheuer in die Meerestiefe hinein, wo es uns eben nicht am besten erginge!“
BM|0|18|11|0|Spricht der Bischof Martin: „O Bruder, wenn ich nur hinter dir wäre! Die Bestie schnappt fortwährend nach mir, und unser Meister schiebt es mir noch dazu völlig unter die Nase, wo es, dies schreckliche Untier, gerade vor meinem Kopf in einem fort seinen schrecklichen Rachen drei gute Klafter weit aufreißt und dann wieder so gewaltig zuklappt, dass es mir dadurch allzeit wenigstens hundert Eimer Wasser ins Gesicht speit!
BM|0|18|12|0|Ah, das ist eine ganz verzweifelt schwere und sehr gefahrvolle Arbeit! Diese Arbeit wäre ja für Galeerensklaven zu schlecht! Oh, oh, mmm – btrr – btrr – ah, ah, ah! Schon wieder eine volle Ladung Wasser im Gesicht! Ich werde noch ersaufen, so mich die Bestie noch einige Male anspeien wird! Eh – eh, der Rachen geht schon wieder auf! Nein, ich halte es nimmer aus! Das Wasser ist gar so entsetzlich kalt, dass mich nun schon so friert, als so ich barmutternackt am Eis läge! Jetzt wird er gleich wieder zuschnappen!“
BM|0|18|13|0|Spricht Petrus: „Da nimm diese Spreize und spreize ihm den Rachen auf, so wird er nimmer zuschnappen können.“
BM|0|18|14|0|Spricht der Bischof Martin: „Nur her damit! Ist schon gehörig darinnen! Oho, du gewaltiges Vieh, jetzt wird dein Schnappen wohl einmal ein Ende haben? Das war wirklich ein guter Gedanke von dir; nur hättest du ihn mir ein paar Dutzend Schnapper früher fassen sollen, da wäre ich nicht gar so jämmerlich durchnässt worden! Aber so ist es nun auch gut.“
BM|0|18|15|0|Nun rede Ich vom Schiff: „Gut ist es nun, befestigt nun auch das Hakentau an einem Stock und kommt dann schnell wieder ins Schiff! Das ist schon unser Fisch, der geht uns nimmer durch! Wir aber wollen unser Schiff sogleich wieder flott machen und in die hohe See hinausstoßen, vielleicht machen wir in kurzer Fristung noch einen ansehnlicheren Fang?“
BM|0|18|16|0|Die beiden tun schnell, was ihnen befohlen wird; der Bischof Martin kratzt sich hinter den Ohren zwar – denn er hätte so gewisserart für einmal schon genug; aber dessen ungeachtet tut er dennoch schnell, was von Mir aus geboten ist.
BM|0|18|17|0|Nun sind schon wieder beide im Schiff, das da schon wieder pfeilschnell davonrennt.
BM|0|18|18|0|Ich aber mache dem Martin unterwegs die Bemerkung, sagend: „Freund, du musst dir hier schon angewöhnen, stets unverdrossen zu sein. Denn wer etwas mürrisch an die Arbeit geht, dem glückt selten ein Werk! Daher Geduld, Mut und Ausharrung; die Freude kommt erst nach vollbrachter Arbeit!
BM|0|18|19|0|Ja du, mein lieber Freund, hier im Geisterreich ist nichts mit deinem oft auf der Welt herabgeplärrten Requiescant in pace! [Ruhe in Frieden!], sondern: Arbeitet, dieweil es Tag ist; es ist genug, so man in der Nacht ruht, in der niemand arbeiten kann! Da du Nacht hattest, warst du auch arbeitslos, da aber nun auch dir der Tag angebrochen ist, so musst du auch arbeiten – denn das Gottesreich ist ein Arbeitsreich und keine Faulenzerei, noch ein Brevierbeterreich! Daher nur frischen Mutes!
BM|0|18|20|0|Seht dorthin gen Mitternacht, wo noch eine starke Dämmerung auf dem Gewässer rastet! Dort wogt das Meer stark; es ist kein Wind weder hier noch dort; sonach kann der Grund solch einer wogenden Bewegung kein anderer sein als irgendein mächtig großer Fisch! Daher nur hurtig hingesteuert und alle Hände ans Werk gelegt; dieser Fisch soll hauptsächlich unsere Mühe lohnen!“
BM|0|18|21|0|Der Bischof Martin spricht: „O Freund, der wird uns wohl etwa mit der Hilfe des Gottstehunsbei! den Garaus machen?! Aber wozu braucht man denn hier im Geisterreich so viele, und zwar so närrisch große Fische? Gibt es denn auch hier Fasten, wo man nur Fischfleisch essen darf? Oder werden das Fleisch und das Fett solcher Fische etwa auch hier weiterhin versendet und etwa gar verhandelt?“
BM|0|18|22|0|Rede Ich: „Jetzt nur schnell jeder von euch ein Schwert in die Hand; denn das ist eine zehnköpfige Hydra! Das Ungeheuer hat uns ersehen und schießt schnurstracks auf uns zu! Du, Petrus, weißt schon, wie derlei Fische gefangen werden; du, Bischof Martin, aber tue, was der Bruder tun wird! Wie diese zehnköpfige Hydra ihre Schlangenköpfe über Bord hereinbeugen wird, dann nur hurtig gemäht, bis alle zehn Köpfe von dem langen Schlangenleib getrennt sind; das andere werde dann schon Ich machen! Das Untier ist hier, also nun nur zugehauen!“
BM|0|18|23|0|Seht, Petrus putzt mit seinem scharfen Schwert der dem Bischof Martin entsetzliches Grauen erregenden Hydra einen Kopf um den andern von ihrem schwarzen, panzerartigen Schuppenleib, oder vielmehr vom Hals, da vom Leib auch zehn Hälse ausgehen, auf deren jedem ein Kopf gewachsen ist. Aber unser Bischof Martin weiß nicht recht, wo er hinhauen soll, um einen Kopf zu treffen, da er vor lauter Angst beinahe nichts sieht und die Augen mehr zu als offen hält.
BM|0|18|24|0|Aber nun hat Petrus gerade den zehnten Kopf von eben auch dem zehnten Hals getrennt! Ströme von Blut entstürzen dem Ungeheuer. Das Meer ist weit herum mit Blut gefärbt und wogt für den Bischof Martin überaus stark ob des gewaltigen Wütens des nun völlig enthaupteten Untieres, das fürs Auge unseres Bischof Martin eine Länge von einhundertelf Klaftern misst und ebenso viel im Umfang.
BM|0|18|25|0|Nun rede Ich wieder zu den zweien: „Petrus, lege nun das Schwert wieder an seinen Ort und reiche Mir den großen Stanghaken, damit Ich ihn in den Bauch des Ungeheuers stoße und dasselbe herziehe! Du, Martin, aber ergreife das Steuerruder und stecke es in den siebenten Grad des Aufgangs, und wir werden mit diesem ausgezeichneten Fang bald wieder am Ufer sein!“
BM|0|18|26|0|Alles geschieht nach der größten Ordnung, und das Schiff, die Beute mit sich ziehend, eilt auch schon wieder mit Wurfschnelle dem bekannten Ufer zu.
BM|0|18|27|0|Da aber nun das Schiff dem Ufer schon sehr nahe ist, späht der Bischof Martin sorglichst, was etwa der frühere große Fisch noch macht. Aber er erstaunt nicht wenig, als er vom ganzen Fisch keine Spur mehr findet, und spricht sogleich:
BM|0|18|28|0|„Aber, aber, aber, was ist denn das?! Da haben wir’s – jetzt hat uns dieses zweite Ungeheuer nahe alle Lebenskräfte entrissen, bis wir’s erlegt und gefangen genommen haben und hierher geschleppt; während solcher unserer wahren Millionenmühe aber ist der erste Fang zum Plunder gegangen! Mir ist es wohl vorgekommen, als hätten wir es ein wenig zu locker befestigt!
BM|0|18|29|0|Ei, ei, das ist doch fatal! So viel Mühe hat uns die Bestie gemacht, und jetzt haben wir erst nichts für alle unsere Gefahr und Mühe! Liebe Freunde, diese Beute müssen wir schon etwas mehr befestigen, sonst geht sie uns auch zum Plunder, so wir etwa wieder auf einen neuen Fang ausgehen werden?“
BM|0|18|30|0|Spricht der Petrus: „Sorge dich um nichts – der erste Fisch ist schon versorgt, denn es gibt hier noch mehr Arbeiter, die es schon wissen, was sie zu tun haben, so wir ihnen einen Fang ans Ufer stellen! Nun aber, da wir bereits am Ufer uns befinden, springe schnell hinaus und mache das Schiff fest. Ich und der Herr Meister aber werden die große Beute ans Ufer ziehen.“
BM|0|18|31|0|Bischof Martin, etwas verblüfft, tut sogleich, was ihm Petrus sagt; wir aber tun vor seinen Augen, was ihm Petrus anzeigte, das wir tun werden.
BM|0|18|32|0|Die zweite Beute ist nun auch befestigt, und Ich spreche: „Da nun dieser Fang so gelungen ist, so haben wir damit eine Hauptarbeit beendet; daher lasst uns nun hier am Ufer mit den Tauchbären die kleineren Fische aus dem Wasser heben und ans Ufer werfen! Denn die zwei größten Ungeheuer haben wir nun erlegt, und es wird dergleichen nun nicht mehr geben in diesem Gewässer; darum gehen wir nun ganz unverdrossen an diese leichtere Arbeit. Gehen wir daher nur wieder ins Schiff und versuchen, wie es mit dem Kleinfischfang gehen wird.“
BM|0|18|33|0|Es geschieht, wie Ich angeordnet habe. Die beiden stoßen die Tauchbären ins Wasser und Ich leite das Schiff. Die Arbeit geht gut vonstatten: Jeder Zug füllt die Tauchbären mit allerlei Fischen, die die beiden recht behände ans Ufer hinausschleudern; die Fische aber, so sie das Ufer berühren, werden sobald zunichte. (Das Weitere nächstens.)
BM|0|19|1|1|Martins Bedenken bei der neuen Arbeit. Petrus’ gute Erwiderung. Bedeutungslose und absurde Dinge des Katholizismus
BM|0|19|1|0|Dieses Zunichtewerden der Fische fängt, je länger es dauert, desto mehr den Bischof Martin zu genieren an, sodass er nun schon ganz ärgerlich wird und bei sich zu murmeln anfängt: „Ist aber das doch eine blitzdumme närrische Arbeit! Ich bin schon nahe ganz hin vor lauter Fischeherausheben und Hin-ans-Ufer-Schleudern, und das alles für nichts und wieder nichts! Denn es bleibt ja keiner: Ein jeder vergeht wie Butter an der Sonne! Das wird etwa doch merkwürdig dumm sein? Nein, ist aber das doch eine extraordinär blitzdumme Arbeit!
BM|0|19|2|0|Ich muss denn doch einmal genauer nachsehen, wohin denn diese Fische so schnell kommen! Hm, hm, hmmm – kann nichts bemerken! Wieder ein Wurf von meinem Kollegen, und nichts bleibt in diesem Reich der Unvergänglichkeit, das ist eine schöne Unvergänglichkeit, das! Auf der Erde bleibt von dem Dagewesenen wenigstens nicht viel übrig; aber von gar nichts ist da gar keine Rede so wie hier, denn hier bleibt von dem einmal Daseienden gar nichts übrig.
BM|0|19|3|0|Ich habe mich schon so auf einen etwa heiß abgesottenen Lachs, Stör oder sonst einen Fisch gefreut. Aber bei der alles verzehrenden Schärfe dieser Geisterweltluft, die für die Fische sehr eingenommen zu sein scheint, wird damit ganz enorm wenig herausschauen! Ich habe zwar freilich wohl noch so ganz eigentlich keinen Hunger; aber so ein ziemlich fühlbares Appetitchen wandelt mich schon dennoch an, und der Gedanke an einen heiß abgesottenen Lachs macht mir den ganzen Mund wässrig!
BM|0|19|4|0|Es ist zwar hier um eine ganze Million besser, als da war mein früherer Stand; aber diese luftige Fischerarbeit wird sich so für die ganze Ewigkeit auch nicht übel machen! Es ist auch merkwürdig, wie es hier schon lange morgendämmert; aber von einer Sonne, die da aufgehen soll, kommt nichts zum Vorschein!
BM|0|19|5|0|Sonderbare Welt, sonderbares Sein! Man kann’s nehmen und betrachten, wie man’s will, so ist’s und bleibt’s dumm. Diese meine einzigen Freunde sind zwar sehr weise in ihren Worten, aber dafür desto dümmer im Handeln! Man nehme nur diese leere ganz zwecklose Fischerei! Was ist doch das für eine läppisch-tolle Arbeit, und doch betreiben sie diese zwei, als wenn das Heil der Ewigkeit davon abhinge! Aber was will ich machen? Was Besseres habe ich nicht zu erwarten, und so muss es in Gott’s Nam’ gut sein! Daher nur lustig diese Luftfische herausgefischt; vielleicht wird nachher doch wieder etwas anderes zum Vorschein kommen?“
BM|0|19|6|0|Petrus fragt den Bischof Martin: „Was murmelst denn du so in dich hinein? Bist etwa schon müde?“
BM|0|19|7|0|Spricht Bischof Martin: „Müde, Freund, bin ich gerade nicht. Aber ich muss dir offen gestehen, dass mir diese Arbeit denn doch ein bisschen spaßig vorkommt, trotzdem ich mehr als überzeugt bin, dass du und besonders unser Meister sehr weise Männer seid.
BM|0|19|8|0|Schau, schau, nun arbeiten wir schon eine ziemlich geraume Zeit bloß für die Luft, oder noch besser für nichts! Der erste große Fisch ist beim Plunder, und der zweite zehnköpfige? Ich seh’ nichts mehr von ihm! Diese Kleinfische werden von der Luft schon eher verzehrt, als sie noch den Boden berühren! Frage: Wozu ist solch eine leere Arbeit wohl gut?
BM|0|19|9|0|Ich erkenne euch wohl, wie gesagt, als sehr weise Männer, und es wird diese Arbeit vielleicht wohl auch einen sehr weisen Zweck haben. Aber lasst mich doch auch ein bisschen erfahren, warum wir diese anscheinend höchst leere Arbeit verrichten, und wozu das so ganz eigentlich gut ist oder sein wird?“
BM|0|19|10|0|Spricht Petrus: „Schau, schau, du lieber Freund und Bruder; da du auf der Welt ein Bischof warst, sage: Wie noch viel leerere Arbeiten hast du verrichtet? Hätte dich aber wohl jemand fragen dürfen, wozu sie in Wahrheit gut wären und ob an ihnen wohl in Wirklichkeit etwas gelegen wäre – z. B. an der Glockentaufe, Orgelweihe, an den verschiedenartigen sogenannten priesterlichen Gewändern?
BM|0|19|11|0|Welche Bedeutung und Kraft hätten die Impfel, der Mantel, der Chorrock, die Stola, das Messgewand, das Predigerhemd, das Quadratel und tausend derlei Dinge mehr? Welche Kraft liegt etwa doch in den verschiedenartigsten Mönchskutten? Warum ist ein und derselben Mariä Bild wundertätiger als das andere? Warum ist der Florian fürs Feuer und warum Johann Nepomuk fürs Wasser, da doch beide ins Wasser geworfen wurden: der eine in Oberösterreich bei Linz in die Donau, der andere in Böhmen zu Prag in die Moldau?
BM|0|19|12|0|Warum ist unter den vierzehn Nothelfern Jesus nicht auch vorzufinden? Und warum wird in der heiligen Bitt-für-uns-Litanei zuerst von den Menschen Gottes Barmherzigkeit angerufen, da sich nachher die Betenden dennoch an die Heiligen um Fürbitte wenden? Warum wenden sie sich zuerst an Gott und nachher erst an die Heiligen? Wollen sie etwa Gott bewegen, die Heiligen anzuhören? Können sie aber gleich anfangs Gott bewegen, wozu rufen sie dann die Heiligen an?
BM|0|19|13|0|Warum wird im sogenannten Rosenkranz Maria zehnmal und Gott nur einmal mit des Herrn Gebet angerufen? Warum sind in einer Kirche große, kleine, hölzerne und metallene Kruzifixe in Abundanz (Überfluss) vorhanden, und warum wenigstens noch einmal so viel Marias in allen möglichen Formen?
BM|0|19|14|0|Was ist zwischen einem solennen [feierlichen] Amt und zwischen einer gemeinen stillen Messe für den Geist für ein Unterschied? Wann haben Christus, Petrus oder Paulus dieses, im Geldpreis verschieden hochstehende sogenannte unblutige Opfer eingesetzt? Wie muss das Herz Gottes beschaffen sein, dass es ein höchstes Wohlgefallen haben kann, Seinen Sohn täglich eine Million Mal und mehr abschlachten zu sehen?
BM|0|19|15|0|Schau, schau, du mein lieber Freund, tausenderlei und noch eine Unzahl mehr so ganz leerer und vollkommen geistloser Verrichtungen vollführtest du in der Welt, ohne selbst nur im Geringsten daran zu glauben! Und doch ist dir bei solch leerer Fischerei dennoch nie eingefallen, wenigstens dich selbst zu fragen: ‚Wozu solch leere Arbeit?‘ Sie ist dir bezahlt worden, wirst du sagen! Gut, auch hier darfst [brauchst] du nicht umsonst arbeiten! Was willst du denn da noch mehr?
BM|0|19|16|0|Ich aber sage dir, diese Arbeit ist bei weitem nicht so gehaltlos, wie da war deine irdische! Darum murmle künftig nicht mehr in dich hinein, sondern rede offen, was dich drückt, da werden wir mit unserer Leerfischerei bald zu Ende sein! Aber so du noch lange so einen römischen Geheimniskrämer machen wirst, da werden wir noch lange zu fischen haben; und der Fang wird lange noch so hübsch zunichtewerden gleich unserer Belehrung in deinem Herzen! Verstehe das und nehme nun wieder deinen Tauchbären zur Hand und arbeite fortan unverdrossen.“
BM|0|20|1|1|Die geistige Entsprechung der Fischjagd. Die Zusammensetzung der Seele. Martins Entschuldigungen und des Herrn zurechtweisende Worte
BM|0|20|1|0|Der Bischof Martin tut, wie ihm geraten ward, und spricht: „So, so, jetzt ist mir schon wieder leichter, wenn ich nur ein bisschen weiß, warum ich etwas tue und wozu so ein leerscheinendes Tun am Ende doch noch gut ist!
BM|0|20|2|0|Soviel ich aus deinen Worten nun entziffern habe können, so stellen diese Fische meine Dummheiten vor: Die großen stellen meine Kardinal- und diese kleineren die Unzahl meiner geringeren Torheiten vor! Aber wie diese meine verschiedenartigsten Lumpereien zu großen und kleinen Fischen dieses Meeres geworden sind, das bringe ich nicht heraus.
BM|0|20|3|0|Dieses Meer wird sicher von der Sündflut herstammen, deren Gewässer auch die schwere Menge der menschlichen Todsünden in sich aufgenommen hat, worunter sich auch die meinigen anticipando [im Voraus] befunden haben. Auf diese Art kann ich mir die Sache wohl ein wenig versinnlichen, aber auf eine andere Art geht es durchaus nicht!
BM|0|20|4|0|Warum sich die Sünden aber hier in diesem barsten Sündflutwasser gerade als allerlei Fische reproduzieren, das natürlich geht über den äußerst beschränkten Horizont meiner Erkenntnisse! Der Allmächtige aber, der dieses alte Sündflutgewässer in diesem ewigen endlosen Becken für die Geisterwelt aufbewahrt hat, wird davon den Grund sicher klarst einsehen!
BM|0|20|5|0|Daher will ich nun nicht mehr weiter forschen, sondern bloß fleißig fischen, auf dass mein Sündenanteil ehestmöglich aus diesem Gewässer möchte gehoben werden!“
BM|0|20|6|0|Nun rede Ich: „Recht, recht so, sei nur fleißig, Freund! Siehe, auf einen Hieb fällt kein Baum, aber mit der Geduld lässt sich am Ende alles überwinden. Es ist hier zwar nicht Noahs Gewässer, und noch weniger sind die Fische, die wir hier herausheben, als deine Antizipationssünden in der Noachischen Sündflut zu betrachten. Aber eine Sündflut ist dies Gewässer wohl, aber nicht aus deinen antizipierten, sondern aus all deinen wirklich auf der Welt begangenen Sünden hervorgehend.
BM|0|20|7|0|Dass sich aber deine Sünden in allerlei Fischgestalten ausnehmen und in Gestalt anderer seeischer Ungeheuer großer und kleiner Art, hat darin seinen Grund, weil jede Sünde eine Untüchtigkeit der Seele hervorruft. Und diese zerteilt in ihr die endlos vielen zerrissenen Vorbestände, die im Wasser den Anfang nehmen und im Feuer der Liebe Gottes im Menschenherzen vollendet werden zu einem vollkommenen gottähnlichen Ebenmaß.
BM|0|20|8|0|Es war aber physisch deine Seele wohl komplett in deinem Leib zur Menschengestaltung dir gegeben auf der Welt in deinen Kinderjahren. Da du aber nicht nach der Ordnung lebtest, sondern nach dem Tierischen nur, aus der [dem] die Seele ursprünglich zusammengesetzt ist, so verlorst du denn auch sehr viel von und an deiner Seele. Und siehe, dieses Verlorene müssen wir nun wieder aus den Fluten deiner Sünden herausheben und damit deine Seele einmal physisch ganz machen! Ist dies geschehen, dann erst werden wir für deinen Geist und für dessen Einung mit dir Sorge tragen können! Darum sei nun fleißig und geduldig, so wirst du es bald einsehen, was hier ein rechter Lotse zu tun hat.
BM|0|20|9|0|Da diese Seetiere aber hier deine Taten vorstellen, die pur Sünde waren, so vergehen sie auch, so sie heraus ans Gotteslicht gehoben werden. Und es kommt also zur Erscheinung, wie es geschrieben steht:
BM|0|20|10|0|‚Das Reich Gottes ist zu vergleichen einem Fischer, der viele Fische in sein Netz fing. Da er aber das Netz aus der Flut zog, da behielt er die guten; die schlechten aber ließ er wieder ins Meer zurückwerfen zum Verderben.‘
BM|0|20|11|0|Wir aber haben nun schon sehr viele deiner Taten als Fische aller Art hervorgehoben, und siehe, sie haben keinen Bestand im Gotteslicht! Was ist das aber? – Weil du sie verzehrst ob deiner zerstörten Seele, auf dass sie zu ihrer Vollgestalt wieder gelange!
BM|0|20|12|0|Wann aber wird es in deinem Gewässer wohl auch bleibende Taten geben? Suche, dass dein Herz voll werde, und erwache in der Liebe! Solange du nicht Liebe zu Gott in dir verspüren wirst, wird es noch sehr viel leere Arbeit geben für deine Hände.
BM|0|20|13|0|Dies merke dir nun und wisse, wo es am Ende hinausmuss. So wirst du in rechter Reue und Demut und Geduld arbeiten, um zu einem wirklichen Ziel zu gelangen und dadurch zum klaren Schauen und zum eigenen wahren Gericht – und aus dem zur Gnade. Es sei!“
BM|0|20|14|0|Der Martin denkt über diese Worte nach und arbeitet dabei fort. Nach einer Weile aber wendet er sich wieder an Mich und spricht: „Höre, Du lieber Meister, der Du mein irdisches Leben zu durchblicken vermagst wie der Goldschmied einen Diamanten, Du kommst mir zwar Deinem Charakter nach sehr liebreichst vor; aber in der gerechten Rüge bist Du schonungsloser als die allernackteste Wahrheit selbst!
BM|0|20|15|0|Es ist freilich nur zu wahr, dass all mein Tun und Lassen vor Gott dem Herrn schon darum ein Gräuel sein muss, weil ich durch mein ganzes irdisches Leben mich nur in lauter Falschem bewegt hatte, und zum Teil auch bewegen habe müssen, somit auch alle meine Handlungen unmöglich anders als schlecht sein konnten, was ich nun ganz klar einsehe! Aber das – und so Du selbst ein Engel wärest – musst Du mir denn doch zugeben: dass der Mensch, als durchaus nicht sein eigenes Werk mit den seltensten Neigungen begabt, denn doch unmöglich an allen seinen Mängeln und Gebrechen die Schuld tragen kann und man ihm sonach auch nicht absolut alles zur Last legen soll!
BM|0|20|16|0|Hätte ich mich selbst erschaffen und darauf selbst erzogen, da wohl wäre ich der eigentliche Grund von jeder von mir verübten Handlung und müsste und könnte dafür zur vollsten Genugtuung verhalten [angehalten] und mit allem Recht verurteilt werden. Aber so geradewegs jede meiner Taten darum verdammen und ihnen den Todsündenstempel aufzudrücken, weil ich sie beging – das kommt mir, wennschon gerade eben nicht ungerecht, so aber doch etwas zu hart vor!
BM|0|20|17|0|So der Sohn eines Räubers wieder ein Räuber wird, weil er nie etwas anderes gesehen, gehört und gelernt hatte als rauben und morden – Frage: Kann ihm allein, strenggenommen, seine an sich freilich wohl allergräuelhafteste Handlungsweise zur Sünde gerechnet werden?
BM|0|20|18|0|Oder kann der Tiger verdammt werden, weil er so grausam und blutdürstig ist? Wer gab der Viper und der Ringelnatter das tötende Gift?
BM|0|20|19|0|Was kann der Buschklepper des heißen Afrika dafür, dass er Menschen isst, so er welche erjagen kann? Warum steigt kein Engel, auch kein anderer guter Geist, aus den Himmeln und belehrt ihn eines Besseren? Oder soll Gott im Ernst einige Billionen Menschen lediglich für die Verdammnis erschaffen haben – was da sicher doch die endloseste Tyrannei wäre?
BM|0|20|20|0|Ich meine daher: Jedem das Seinige, aber nicht auch das Fremde, an dem er unmöglich je die Schuld tragen kann.“
BM|0|20|21|0|Rede wieder Ich: „Freund, du tust mit deiner Gegenrede Mir groß Unrecht. Siehst du denn nicht, dass wir diese Arbeit eben darum nicht allein dich verrichten lassen, weil Ich in dir schon lange deine stoischen Rechtsgrundsätze kenne?
BM|0|20|22|0|Siehe, was deiner vermeintlich vernachlässigten Erziehung zur Last fällt, das hat nun der Bruder Petrus auf sich genommen. Und was dem Schöpfer du zur Last legst, das habe Ich auf Meine Schulter genommen.
BM|0|20|23|0|Glaubst du aber für deinen Teil wirklich ganz schuldlos zu sein? Kannst du solches behaupten? Hast du nicht Gottes Gebote kennengelernt, wie auch ganz bestimmt die irdischen Gesetze für bürgerliche Ordnung? Warst du nicht da und da und wusstest, dass du eine Sünde vorhast?
BM|0|20|24|0|Als dich das Gewissen mahnte, so ließest du aber dennoch nicht ab, sondern tatst wider dein lautes Gewissen Böses! Frage: Waren daran auch die Erziehung und der Schöpfer schuld?
BM|0|20|25|0|So du hartherzig gegen Arme warst, da doch deine irdischen Eltern wahre Muster der Freigebigkeit waren, sage: War daran die Erziehung der Schuldträger?
BM|0|20|26|0|So du über einen Aar herrschsüchtig geworden bist, während deine Eltern von ganzem Herzen demütig waren, wie es verlangt das Wort Gottes, sage: War auch daran die Erziehung oder gar der Schöpfer schuld?
BM|0|20|27|0|Siehe, siehe, wie unrecht du dem Schöpfer tust! Erkenne das, und sei demütig; denn mit aller deiner Entschuldigung wirst du bei Gott ewig nicht auslangen, da alle Haare gewogen sind! Liebe Gott über alles und deine Brüder, so wirst du die rechte Gerechtigkeit finden! Es sei!“
BM|0|21|1|1|Philosophisch dumme Ausrede Martins. Ein liebfreundlicher und göttlich ernster Gewissensspiegel
BM|0|21|1|0|Spricht der Bischof Martin: „Gott lieben über alles und den Nächsten wie sich selbst wäre schon recht, wenn man nur wüsste, wie man das anstellen soll! Denn Gott sollte man mit der reinsten Liebe lieben, desgleichen womöglich auch den Nächsten; aber woher sollte unsereiner eine solche Liebe nehmen, wodurch sie in sich erwerben?
BM|0|21|2|0|Ich kenne wohl das Gefühl der Freundschaft und kenne auch die Liebe zum weiblichen Geschlecht; auch kenne ich die interessierte Kinderliebe zu ihren Eltern; nur die Liebe der Eltern zu ihren Kindern kenne ich nicht! Kann aber die Gottliebe einer von diesen erwähnten Liebesarten gleichen, die alle auf den unlautersten Füßen basiert sind, indem sie auf lauter Geschöpfe gerichtet sind?
BM|0|21|3|0|Ich behaupte sogar: Der Mensch als ein Geschöpf kann Gott als seinen Schöpfer ebenso wenig lieben als ein Uhrwerk seinen Urheber! Denn dazu gehörte die vollkommenste göttliche Freiheit, der sich höchstens die freiesten Erzengel rühmen können, um Gott Seiner Heiligkeit wegen würdig lieben zu können! Wo aber ist der auf der untersten, unheiligsten Stufe stehende Mensch und wo die vollste göttliche Freiheit?
BM|0|21|4|0|Es müsste nur Gott gefallen, Sich von Seinen Geschöpfen so lieben zu lassen, wie sie sich untereinander lieben: wie die Kinder ihre Eltern oder wie ein Jüngling seine schöne Maid oder wie ein rechter Bruder den anderen oder auch wie ein armer Mensch seinen höchst uninteressierten Wohltäter oder wie ein Regent seinen Thron oder wie ein jeder Mensch sich selbst!
BM|0|21|5|0|Aber dazu fehlt das sichtbare Objekt, ja sogar die Fähigkeit, sich dies erhabenste Objekt irgend auf eine Art vorstellen zu können. Wie sieht Gott aus? Wer von den Menschen hat Gott je gesehen? Wer Ihn gesprochen? Wie aber kann man ein Wesen lieben, von dem man sich aber auch nicht den allerleisesten Begriff machen kann! Ein Wesen, das da nicht einmal historisch, sondern lediglich nur mythisch existiert unter allerlei mystisch poetischen Ausschmückungen, welche mit einer altjüdischen scharfen Moral allenthalben unterspickt sind!“
BM|0|21|6|0|Nun rede Ich: „Freund, Ich sage dir, mit diesem deinem unsinnigen Gewäsch könntest du wohl nie auch nur einen Faden deines schmutzigsten Gewandes reinwaschen! Du hattest auf der Welt Objekte genug! Da waren Arme in schwerer Menge, Witwen, Waisen, eine Menge anderer Notleidender! Warum liebtest du sie nicht – und hattest doch Liebe genug, dich selbst über alles zu lieben!
BM|0|21|7|0|Deine eigenen Eltern liebtest du nur der Gaben wegen; gaben sie dir aber zu wenig, so wünschtest du ihnen nichts sehnlicher als den Tod, um sie dann zu beerben!
BM|0|21|8|0|Deine untergeordneten Pfarrer liebtest du, so sie dir fleißig reichliche Opfer einsandten; blieben diese aus, da warst du bald ihr unerbittlichster Tyrann!
BM|0|21|9|0|Die reichen und viel opfernden Schafe segnetest du; die armen und daher nur wenig oder nichts opfern könnenden aber wurden von dir mit der Hölle abgespeist.
BM|0|21|10|0|Die Witwen liebtest du wohl, so sie noch jung, schön und reich waren und sich zu allem herbeiließen, was dir angenehm war, also auch üppige, honette weibliche Waisen von sechzehn bis zwanzig Jahren!
BM|0|21|11|0|Siehe, bei der Liebe so gestalteter Objekte ist es wohl freilich unmöglich, sich zur geistigen Anschauung und Liebe des allerhöchsten und aller Liebe würdigsten Objektes zu erheben!
BM|0|21|12|0|Hattest du doch das Evangelium, die erhabenste Lehre Jesu, des Christ’s, als die Hauptlebensschule – warum versuchtest du denn nicht wenigstens einmal in deinem Leben, nur einen Text praktisch anzuwenden, auf dass du dann erfahren hättest, von wem diese Lehre ist?
BM|0|21|13|0|Heißt es nicht darinnen: ‚Wer Mein Wort hört und danach lebt, der ist es, der Mich liebt; zu dem werde Ich kommen und werde Mich ihm Selbst offenbaren!‘
BM|0|21|14|0|Siehe, hättest du je nur einen Text an dir praktisch versucht, so würdest du dich wohl überzeugt haben, dass fürs Erste die Lehre von Gott ist. Und fürs Zweite wäre dir auch dadurch die Objektivität Gottes beschaulich geworden wie vielen Tausenden, die viel geringere Menschen waren als du!
BM|0|21|15|0|So steht auch geschrieben: ‚Suchet, so werdet ihr’s finden; bittet, so wird euch’s gegeben, und klopfet an, so wird’s euch aufgetan!‘ – Tatst du je etwas davon?
BM|0|21|16|0|Siehe, weil du von allem dem nie etwas getan hast, so konntest du von [über] Gott auch nie zu einer geistigen Anschauung gelangen, und es ist daher höchst widersinnig von dir gesprochen, so du darum für Gott keine Liebe findest, weil Er dir nie zu einem Objekt geworden ist – da Er dir doch zum Objekt hätte werden müssen, so du nur im Geringsten für diesen Zweck je etwas getan hättest!
BM|0|21|17|0|Ich frage dich aber auch, unter welchem Bild hättest du Gott wohl mit deiner schmutzigsten Liebe ergreifen können, das deinem steinernen Herzen einige Funken zu entlocken hätte vermögen zur Belebung eben solchen Gottbildes in dir? Siehe, du schweigst; Ich aber will es dir zeigen!
BM|0|21|18|0|Höre: Gott müsste entweder des schönsten weiblichen Geschlechts sein, dir die größte Macht und den größten Glanz verleihen und daneben dir noch gestatten, die schönsten Mädchen mit nie schwächer werdender Manneskraft zu beschlafen; und dir überhaupt alles gönnen, was dir deine Einbildungskraft als angenehm darstellte, ja womöglich dir am Ende sogar die Gottwesenheit rein abtreten, auf dass du dann mit der ganzen unendlichen Schöpfung nach deinem Belieben sozusagen ‚Schindluder treiben‘ könntest!
BM|0|21|19|0|Siehe, nur unter solcher Objektivität wäre dir die Gottheit liebenswert. Aber unter dem Bild des armen gekreuzigten Jesus war dir der Begriff Gottheit unerträglich, widerlich, dich anekelnd, ja verächtlich sogar!
BM|0|21|20|0|Bei so bewandten Umständen musst du nun freilich fragen, wie man Gott lieben soll, und zwar mit reinster Gottes würdiger Liebe! Der Grund davon aber ist – wie gezeigt – kein anderer denn der: Du wolltest Gott nie erkennen und also auch nie lieben! Darum tatst du auch nichts, aus Furcht, es möchte denn doch ein besserer Geist in dich fahren, der dich zur Demut, zur Nächstenliebe und daraus zur wahren Erkenntnis und Liebe Gottes geleitet hätte!
BM|0|21|21|0|Siehe, das ist der eigentliche Grund, demzufolge du nun fragst, wie man Gott lieben solle und könne! So du aber schon deine Brüder nicht liebst, die du siehst und auch nicht lieben magst, wie solltest du Gott lieben, den du noch nicht siehst, weil du Ihn nicht sehen willst!
BM|0|21|22|0|Siehe, wir beide sind dir nun die größten Freunde und Brüder, und du verachtest uns fortwährend in deinem Herzen, darum wir dir helfen wollen und dich durchschauen auf ein Haar! Da, da wende dein Herz! Fange an, uns als deine Wohltäter zu lieben, so wirst du auch ohne deine dümmste Philosophie den Weg zum Herzen Gottes finden, wie es recht ist und wie es sich geziemt! Es sei!“
BM|0|21|23|0|Spricht wieder Bischof Martin: „Ja, ja, mein Gott, ja, Du hast schon recht, ich liebe euch und schätze euch überaus ob eurer Weisheit und ob der damit vereinten Kraft, Liebe, Geduld und Ausharrung! Möchtest Du, mein liebster Freund, mit mir aber dennoch so reden, dass ich aus Deiner Rede nicht allzeit meine Fluchwürdigkeit in aller Fülle und Schwere erschauete, so wäre ich ohnehin schon lange förmlich verliebt in Dich! Aber eben diese Deine durchdringlichste Wortschärfe erfüllt mich eher mit einer Art geheimer Furcht als mit Liebe zu Dir und Deinem Freund Petrus! Rede sonach schonender mit mir, und ich werde Dich dann aus allen meinen Kräften lieben!“
BM|0|21|24|0|Rede Ich: „Freund, was verlangst du von Mir, das Ich dir nicht angedeihen ließe im höchsten Vollmaß, ohne von dir dazu aufgefordert zu werden?! Meinst du denn, dass da nur ein Schmeichelredner ein wahrer Freund ist oder einer, der sich aus lauter Ehrfurcht nicht getraut, die Wahrheit jemandem unters Gesicht zu bringen? Oh, da bist du in einer großen Irre!
BM|0|21|25|0|Du bist einer, an dem kein gutes Härchen irgendwo steht! Kein edles Werk der Liebe ziert dich! Hast du je etwas getan, das vor der Welt wie liebedel schien, so war es aber dennoch eitel Böses. Denn all dein Tun war nichts als eine arge Politik, hinter der irgendein geheimer herrschsüchtiger Plan verborgen lag!
BM|0|21|26|0|Gabst du irgendjemandem ein karges Almosen, so musste davon nahe der ganze Erdkreis Notiz nehmen. Sage, war das evangelisch, wo die Rechte nicht wissen soll, was die Linke tut?
BM|0|21|27|0|Gabst du jemandem einen sogenannten kirchlichen guten Rat, so war der auch allzeit so gestellt, dass am Ende dessen Wasser dennoch auf deine Mühle laufen musste.
BM|0|21|28|0|Zeigtest du dich herablassend, so geschah es nur, um den unten Stehenden so recht anschaulichst deine Höhe einzuprägen.
BM|0|21|29|0|War sanft der Ton deiner Rede, so wolltest du damit das erreichen, was da zu erreichen suchen die Sirenen mit ihrem Gesang und die Hyäne mit ihrer Weinerei hinter einem Busch! Du warst fortwährend ein gierigstes Raubtier!
BM|0|21|30|0|Kurz und gut, wie schon gesagt, an dir war auch nicht ein gutes Haar, und du befandest dich schon über Hals und Kopf vollkommen in der Hölle. Gott der Herr aber erbarmte sich deiner, ergriff dich und will dich frei machen von all den Höllenbanden! Meinst du wohl, dass solches möglich sein könne, ohne dir zu zeigen, wie du beschaffen bist?!
BM|0|21|31|0|Oder hast du auf der Erde nie gesehen, was die Uhrmacher mit einer verdorbenen Uhr machen, so diese wieder gut und brauchbar werden soll? Siehe, sie zerlegen sie in die kleinsten Teile, aus denen sie zusammengesetzt ist, untersuchen da jedes Stückchen sorgfältigst und reinigen es, machen das Krumme gerade, feilen das Raue hinweg und ergänzen, wo irgendetwas fehlt, und setzen am Ende das Werk wieder zusammen, auf dass es wieder wirkend entspreche seiner Bestimmung! Meinst du wohl, dass solch eine ganz verdorbene Uhr zum Gehen kommen möchte, so der Uhrmacher bloß ihr Äußeres recht blank putzte, das Innere aber beließe, wie es ist?
BM|0|21|32|0|Also aber bist auch du ein Uhrwerk, in dem auch nicht eines Rades Zahn in der Ordnung ist! Sollst du gebessert werden, so musst du auch zerlegt werden in allem deinem verdorbenen Wesen! Es muss alles heraus ans Licht der ewigen unbestechlichsten Wahrheit, auf dass du dich selbst beschauen kannst und sehen, was alles in und an dir vollends verdorben ist! (2. Kor. 5,10)
BM|0|21|33|0|Hast du erst alle deine Gebrechen erkannt, dann erst können die Raspel, die Feile, die Zange und endlich auch eine Putz- und Polierbürste angelegt werden, um aus dir wieder einen Menschen in der Ordnung Gottes zu gestalten, und das einen ganz neuen Menschen; denn dieser dein jetziger Mensch, wie du selbst es nun bist, ist durchaus völlig unbrauchbar!
BM|0|21|34|0|So Ich nun aber alles das an dir tue, sage: Verdiene Ich da nicht deine Liebe?!“
BM|0|22|1|1|Martins demütige Selbsterkenntnis und das Erwachen seiner Liebe. Die verwandelte Gegend. Der Palast und sein schmutziges Inneres
BM|0|22|1|0|Spricht der Bischof Martin: „Ja, ja, Du hast vollends recht, teuerster Freund! Nun gehen mir erst die Augen so ganz eigentlich ein wenig auf. Auch empfinde ich nun rechte Liebe in mir – ja, ich liebe Dich nun von ganzem Herzen! O lass Dich an mein Herz drücken, denn ich sehe nun, wie arg und dumm ich war und noch bin und wie wahrhaft gut Du es mit mir meinst! O Du herrlicher Freund Du, und du auch, mein erster Führer, vergib mir meine große, roheste Blindheit!
BM|0|22|2|0|Aber, aber, was ist denn das?! Wo ist denn nun das Meer hingekommen, wohin unser Schiff? Es ist hier ja alles trocken, das schönste Land! Ach, diese herrlichen Fluren, dieser wunderschöne Garten, und dort, wo ehedem die Hütte stand, steht nun ein Palast von – von mir nie geschauter Pracht! Ja – wie, wie, wie ist denn nun das geschehen?“
BM|0|22|3|0|Rede Ich: „Siehe, Bruder, das gebar schon ein kleinster Funke rechter Liebe zu nur deinen Brüdern und Freunden! Das Meer deiner Sünden trocknete er aus samt all den bösen Wirkungen, und den Schlamm deines Herzens verwandelte er in ein fruchtbares Land. Die ärmliche Hütte deiner Erkenntnis verwandelte dieser Liebesfunke in einen Palast.
BM|0|22|4|0|Aber siehe, wie herrlich dies auch alles schon aussieht, so aber ist dennoch nirgends noch von einer reifen, genießbaren Frucht etwas zu entdecken. Alles gleicht noch stark dem Feigenbaum, der keine Frucht hatte zur Zeit, da es den Herrn hungerte nach des Feigenbaumes Frucht.
BM|0|22|5|0|Darum heißt es nun vollauf tätig sein und die einmal erwachte Liebe frei walten lassen, wodurch dann diese Bäume ehestens Frucht tragen werden. Denn siehe, wie auf der Welt alles im Licht und in der Wärme der Sonne wächst und reift, ebenso wächst und reift hier alles im Licht und in der Liebe des Herzens des Menschen! Des Menschen Herz ist die Sonne dieser Welt für ewig!
BM|0|22|6|0|Bald werden sich dir nun in dieser neuen, besseren Periode eine Menge Gelegenheiten zeigen, dein Herz zu beschäftigen, seine Kraft zu erweitern und zu stärken. Je mehr du es in der Liebe wirst wallen lassen, desto mehr des Segens wirst du in dieser Gegend auftauchen ersehen!
BM|0|22|7|0|Komm aber nun mit uns in diesen Palast, darinnen werden wir erst das Nähere dieses deines neuen Zustandes besprechen, und du wirst von da aus auch sobald eine Menge Gelegenheiten entdecken, die alle dein Herz in den vollsten Anspruch nehmen werden. Komm also, Bruder, und folge uns beiden! Es sei!“
BM|0|22|8|0|Wir sind nun schon im Palast, dessen Inneres bei weitem nicht so herrlich aussieht, als dessen Äußeres, was den Bischof Martin auch etwas frappiert, dass er sich darob nicht enthalten kann, folgende satirische Bemerkung zu machen, die also lautet:
BM|0|22|9|0|„Nein, aber das heißt bei mir doch auch etwas fürs Gesicht herstellen! Von außen Königspracht und von innen Bettlertracht! Wer dies gemacht, hat schlecht gedacht. Da sieht es ja gerade so aus, als so das Gebäude von innen noch gar nicht ausgebaut wäre, sondern bloß nur von außen fürs Auge verputzt.
BM|0|22|10|0|Liebe Freunde, da muss ich auch offen gestehen: Die frühere Hütte wäre mir um eine ganze Million lieber! Nur der Mist, der Mist! Ah, was es da noch Mist darinnen gibt! Hört, in diesem Mist kann ich’s, der ich die größte Reinlichkeit liebe, ja beinahe gar nicht aushalten!
BM|0|22|11|0|Freunde, liebe Freunde, ich bitte euch, gehen wir sogleich wieder in das herrliche Freie! Denn in diesen Mistgemächern wäre ich auch nicht eines guten Gedankens fähig und könnte eher schlechter als besser werden; denn vor dem Zimmermist habe ich einen ganz absonderlichen Widerwillen!“
BM|0|22|12|0|Nun rede wieder Ich: „Höre, du lieber Bruder und Freund, wohl sehe Ich, dass dir das Innere dieses Palastes nicht gefallen kann. Aber du wirst damit auch einsehen, dass das Innere deines Herzens, das genau diesem Palast entspricht, Gott dem Herrn ebenso wenig gefallen kann wie deinen Augen diese unreinsten Gemächer!
BM|0|22|13|0|Du hast sicher auf der Welt unter den heidnischen Fabeln auch von des Herkules zwölf schweren Arbeiten gehört, welche dieser Held verrichten musste, um in die Zahl der fabelhaften Götter aufgenommen zu werden? Unter diesen Arbeiten befand sich auch die bekannte Stallreinigung.
BM|0|22|14|0|Was tat der fabelhafte Held Herkules? Siehe, er leitete einen ganzen Fluss durch den großen Stall, und dieser hob sobald allen Mist in wunderkürzester Zeit aus dem Stall!
BM|0|22|15|0|Ich aber sage dir: Leite du auf gleiche Weise einen ganzen Strom der Liebe durch den alten Sündenstall deines Herzens, so wird solch ein Strom auch am geschwindesten mit diesem deinem Herzensmist fertig werden.
BM|0|22|16|0|Als wir uns noch am Meer befanden, das da aus deiner eigenen Sündflut entstanden ist, da genügte ein Fünklein oder ein Tropfen der echten Liebe und das Meer vertrocknete, und der Schlamm wurde in fruchtbares Erdreich verkehrt!
BM|0|22|17|0|Dies Fünklein, da es bei dir nur durch Meine Rede erzeugt wurde, also wie durch ein äußeres Mittel, konnte daher auch nur das Äußere deines Herzens berühren und durch diese Berührung es rein machen. Aber das Innere deines Herzens blieb noch, wie es war: ein wahrer Augiasstall, der nur durch dich selbst gereinigt werden kann. Und das, wie oben gesagt, durch einen ganzen Strom von rechter Liebe zu uns, deinen Brüdern und größten Freunden, und auch zu denen, die dir bald hie und da vors Gesicht treten werden und in Anspruch nehmen dein Herz.
BM|0|22|18|0|Da sehe zu diesem Fenster hinaus! Was siehst du dort in einiger Ferne von hier gegen Mitternacht hin?“
BM|0|23|1|1|Bischof Martins erstes gutes Werk der Barmherzigkeit an den armen Neuhinübergekommenen
BM|0|23|1|0|Spricht Bischof Martin: „Ich sehe mehrere überaus zerlumpte Menschen gar entsetzlich langsamen, hinkenden Schrittes wandeln. Sie scheinen kein Obdach zu haben, und wahrscheinlich werden sie auch im Magen eine sehr bedeutende Leere haben und ihr Herz dürfte gerade auch nicht der heitersten Stimmung sein.
BM|0|23|2|0|Freund, mich erbarmen diese armseligen Wanderer. Lass es mir zu, dass ich hingehe und sie hierherführe, sie hier aufnehme und so viel als möglich gut versorge! Sind diese Zimmer auch schmutzig, so werden sie ihnen aber dennoch sicher dienlicher sein als jene frostigen und sehr trüb aussehenden holprigen Pfade nach jener mir wohlbekannten Richtung, bei deren Verfolg es immer schlechter wird!“
BM|0|23|3|0|Rede Ich: „Gut, recht gut, gehe und tue, was dir dein Herz gebeut [gebietet]! Aber das muss dich nicht abschrecken, so du finden wirst, dass jene Wandler nicht deiner, sondern lutherischer Konfession sind!“
BM|0|23|4|0|Spricht Bischof Martin: „Das ist freilich wohl ein wenig zuwider. Aber nun ist schon alles eins, ob Luther, Mohammed, Jude oder Chinese! Kurz, was Mensch ist, dem soll Hilfe werden!“
BM|0|23|5|0|Bischof Martin, noch in der gemeinen Landmannskleidung, empfiehlt sich nun und eilt den Wandlern nach und ruft und schreit, dass sie seiner doch harren sollen. Worauf die Wandler stehenbleiben und warten auf unsern Bischof Martin, um zu erfahren, was er mit ihnen wolle. Denn diese sind eben auch erst von der Erde in der Geisterwelt angelangt und wissen nun auch nicht, wo aus, wo ein.
BM|0|23|6|0|Nun aber hat unser Bischof Martin eben diese traurige Gesellschaft erreicht und spricht zu ihr in einem sehr freundlichen Ton: „Liebe Freunde, wohin, wohin wollt ihr euch denn da begeben? Ich bitte euch um Gottes willen, kehrt um und folgt mir nach, sonst geht ihr alle zugrunde! Denn die Richtung, die ihr verfolgt, führt schnurgerade zu einem Abgrund, der euch alle für ewig verschlingen wird!
BM|0|23|7|0|Ich aber bin hier mit noch zwei gar lieben Freunden ansässig, eine geraume Zeit schon, und weiß, wie diese Gegend hier beschaffen ist, daher ich euch denn auch warnen kann.
BM|0|23|8|0|Seht aber dorthin gegen Mittag! Daselbst werdet ihr einen Palast erschauen, der freilich von außen schöner als von innen aussieht, aber das macht vorderhand nichts! Ein Obdach und auch ein Stückchen Brot werden wir darinnen dennoch finden, was doch auf jeden Fall besser sein wird als diesen ins sichere Verderben führenden Weg fortwandeln! Besinnt euch daher nicht lange, sondern kehrt sogleich um und folgt mir; bei Gott, es soll das euer Schade nicht sein!“
BM|0|23|9|0|Einer von den Wandlern spricht: „Gut, wir wollen dir folgen, nur das bemerken wir dir im Voraus, dass du uns in kein katholisches Haus bringst! Denn da wäre für uns keines Bleibens, indem wir gegen nichts einen so starken Widerwillen haben als eben gegen den über alle Pest stinkenden römischen Katholizismus und namentlich gegen den Papst, gegen seine Bischöfe und gegen das über alles schlechte Mönchstum der römischen Hure!“
BM|0|23|10|0|Spricht der Bischof Martin: „Was Papst, was Bischof, was Mönch, was Luther, was Calvin, was Mohammed, was Moses, was Brahma, was Zoroaster? Das gilt nur auf der dummen Welt etwas; hier im Reich der Seelen und Geister hören alle diese irdischen dummen Unterschiede so gut wie ganz rein auf! Hier gibt es nur eine Losung, und diese heißt Liebe! Mit dieser allein kommt man hier weiter; alles andere zählt so viel als nichts!
BM|0|23|11|0|Als ich auf der Welt war, war ich zwar ein römischer Bischof und bildete mir was Ungeheures darauf ein. Aber hier angelangt, lernte ich es sobald kennen, wie ganz und gar nichts daran gelegen ist, was man auf der Welt war, sondern alles liegt daran, was man auf der Welt getan hat und wie und unter welchen Bedingungen!
BM|0|23|12|0|Daher lasst auch ihr euch weder durch Luther noch durch Calvin beirren, sondern folgt mir! Wahrlich, ihr sollt es nicht bereuen! Wird es euch bei mir aber nicht behagen, nun so steht euch dieser Weg noch immer offen!“
BM|0|23|13|0|Spricht der Anführer dieser Gesellschaft: „Nun gut, du scheinst mir ein ziemlich gescheiter Mann zu sein; daher wollen wir dir denn auch folgen hin in deine Behausung! Aber das bitten wir uns schon im Voraus aus, dass da unter uns ja nie von der Religion etwas gesprochen wird; denn uns ekelt alles, was Religion heißt, auf das allerwidrigste an!“
BM|0|23|14|0|Spricht der Bischof Martin: „No, no, ist ja auch gut! Redet, wovon ihr reden wollt. Nach und nach werden wir uns wohl hoffentlich noch besser kennenlernen, und ihr werdet an mir durchaus nie etwas entdecken, was euch nur irgend im Allergeringsten tuschieren [beleidigen] soll. Daher nur muntern und heitern Geistes aufgebrochen, und in meiner und besonders meiner Freunde und Brüder Behausung Platz genommen!“
BM|0|23|15|0|Nun geht Bischof Martin voraus, und die ganze Karawane von dreißig Köpfen folgt ihm, und er führt sie geraden Weges dem Palast zu und nun in denselben und da schnurgerade zu Mir und spricht:
BM|0|23|16|0|[Martin:] „Siehe, mein geliebtester Freund und Bruder in Gott dem Herrn, hier habe ich sie glücklich samt und sämtlich hierhergebracht. Nun sei Du von der Güte und zeige mir an, in welchen Gemächern wir sie unterbringen werden, und dann werde ich Dich auch bitten um ein wenig Brot, auf dass sie sich stärken, denn sie werden sicher schon sehr hungrig sein.“
BM|0|23|17|0|Rede Ich: „Dort, die Tür gegen Abend, da ist ein großes Zimmer gut eingerichtet! Da werden sie schon alles finden, was ihnen irgend gebricht. Du aber komme dann zurück, auf dass wir schnell an eine wichtige Arbeit gehen, die keinen Aufschub leidet!“
BM|0|23|18|0|Bischof Martin tut schnell, wie Ich es ihm anzeigte, und die Gesellschaft freut sich sehr, als sie in das angezeigte, wohl eingerichtete Zimmer tritt, das ihr der Bischof Martin anweist. Nach der Einlogierung aber kommt er schnell wieder und fragt, wo die neue Arbeit wäre.
BM|0|24|1|1|Brandlöschen und Lebensrettung. Aufnahme und Einkleidung der Geretteten
BM|0|24|1|0|Und Ich sage: „Siehst du dort gen Norden einen Brand? Dorthin müssen wir eilen und dem Feuer Einhalt tun, sonst leidet diese ganze Gegend. Denn das geistig böse Feuer ist viel um sich greifender denn das naturmäßig irdische. Darum nur schnell auf die Füße!“
BM|0|24|2|0|Wir eilen nun dem Brand zu und haben es [das Dorf] nun auch schon erreicht. Man ersieht hier ein höchst ärmliches Dorf, das ganz in Flammen steht, und eine Menge ärmlichster, ganz nackter Menschen, die sich aus ihren brennenden Hütten auf die Flucht machten. Aber inmitten des Dorfes steht ein etwas besseres Häuschen mit einem Söller, auf dem sich fünf Menschen befinden und jämmerlich um Hilfe rufen, indem die Flammen schon zu ihnen emporschlagen und sie im nächsten Augenblick zu verschlingen drohen.
BM|0|24|3|0|Unser Bischof Martin ersieht nun das und schreit: „Freunde, um Gottes willen, wo ist denn hier irgendetwas wie eine Leiter, auf dass ich hinansteige zu diesen Ärmsten und sie möglicherweise mit euerm Beistand noch rette?“
BM|0|24|4|0|Rede Ich: „Siehe, hier gerade zu unseren Füßen liegt so was! Nehme es und mache damit deinem Herzen Luft!“
BM|0|24|5|0|Bischof Martin packt schnellst die Leiter, läuft damit an das Häuschen mit dem Söller, das schon ganz von Flammen umringt ist, lehnt sie an den Söller, steigt mutig durch die Flammen hinauf und ladet da zwei schon zusammengesunkene Menschen auf seine Schultern und trägt sie eilends hinab, während die drei kräftigeren ihm jählings folgen. In einer Minute hat er nun wirklich fünfen das Seelenleben gerettet.
BM|0|24|6|0|Als er nun mit dieser Arbeit fertig ist, so kommt er aber auch schnellst wieder zu Mir und spricht (Martin:) „O Gott sei Dank, dass mir diese Rettung gelungen ist! Schon glaubte ich, dass mir diesmal mein Eifer ganz entsetzlich übel bekommen wird; aber dennoch, dennoch, Gott sei’s gedankt! – hat es sich noch mit der genauesten Not getan!
BM|0|24|7|0|Ah, Freunde! Das war aber eine Hitze, du tausend, du tausend! Meine Haare müssen so hübsch verkürzt worden sein? Aber das macht nichts, wenn nur diese Armen gerettet sind! Die zwei haben freilich schon nahe den Tod bekommen, und es war wirklich die höchste Zeit, sie den Flammen zu entreißen. Aber sie leben nun wieder frisch auf, und das, o ihr meine liebsten Freunde und Brüder, ist mir lieber, als so ich jetzt wirklich in die Seligkeiten aller drei oder sieben Himmel eingegangen wäre.
BM|0|24|8|0|Gelt, Brüder und Freunde! Diese Armen, von mir Geretteten, und die vielen nun Obdachlosen, die hier draußen an den Zäunen nackt herumkauern und wehklagen, nehmen wir alle in unsern Palast auf? O liebe Brüder, wohl, wohl; gönnt mir diese Freude!“
BM|0|24|9|0|Rede Ich: „Ja, ja, freilich wohl, darum sind wir ja hauptsächlich hierhergekommen. Aber nun müssen wir auch das Feuer ersticken. Ist dies geschehen, dann wollen wir ganz fröhlich mit diesen Armen nach Hause ziehen. Darum legen wir nur sogleich die Hände ans Werk, auf dass das Feuer nicht noch mehr um sich greife!“
BM|0|24|10|0|Spricht Bischof Martin: „Es wäre schon alles recht, wenn wir nun nur gleich so einen kleinen Ozean bei der Hand hätten! Aber ich entdecke hier auch nicht einen Tropfen Wasser. Ich meine, diese Geschichte wird etwas hart gehen ohne Wasser.“
BM|0|24|11|0|Rede Ich: „Siehe, dort am Boden liegt ein Stab, ähnlich dem, den einst Moses trug. Hebe ihn auf und stoße ihn gläubig in den Boden, und wir werden sogleich Wasser in schwerer Menge haben; denn siehe, diese Gegend ist sehr sumpfig! Also tue!“
BM|0|24|12|0|Bischof Martin tut sogleich das Geratene und sofort springt ein starker Quell aus dem Boden, und der Bischof Martin spricht: „So, so, so, wohl so – jetzt ist es schon recht! Nun nur Gefäße her!“
BM|0|24|13|0|Rede Ich: „Freund, es ist genug! Das Wasser wird nun schon von selbst das Rechte tun; denn dieser mächtige Quell wird dem Feuer bald über den Kopf wachsen und es gehörig versorgen. Daher können wir uns nun mit unseren armen Geretteten schon nach Hause begeben und dort ein wenig ausruhen und uns stärken zu einem anderen Geschäft. Gehe nun und bringe sie alle zu Mir!“
BM|0|24|14|0|Bischof Martin geht heitersten Mutes und bringt all diese Armen herbei, und wir begeben uns sogleich nach unserem Palast, allwo angelangt die Armen sogleich in ein anderes, geräumiges Gemach untergebracht werden.
BM|0|24|15|0|Als sie nun im Zimmer sind, noch ganz nackt, da zieht der Bischof Martin sogleich seinen Bauernrock aus und hängt ihn um die Schultern desjenigen, der ihm am ärmsten und schwächsten vorkommt. Und sein Leibchen gibt er einem andern, der ihn auch sehr dauert; und alle loben ihn darob!
BM|0|24|16|0|Er aber macht nun einen rechten Mann und spricht: „O ihr meine lieben armen Freunde und Brüder, nicht mich, sondern Gott und diese beiden Freunde preist! Denn ich bin selbst nur erst vor kurzem von ihnen hier aufgenommen worden und habe von ihnen die größten Wohltaten empfangen. Ich selbst bin nur ein schlechtester Knecht dieser Freunde der unglücklichen Menschen. Ich aber habe nun die größte Freude an eurer Rettung selbst, und diese Freude ist nun mein größter Lohn in mir selbst!“
BM|0|24|17|0|Sage Ich: „So ist es recht, Mein geliebter Bruder! So bist du aus einem Saulus ein Paulus geworden; fahre so fort, so wirst du Mir und Meinem Freund und Bruder bald würdigst zur Seite stehen! Nun aber gehen wir in unser Gemach.“
BM|0|25|1|1|Unterschied des Denkens dies- und jenseits. Einführung in die lebendige Entsprechungswissenschaft. Martins Tathunger und Erkenntnismüdigkeit
BM|0|25|1|0|Wir kommen nun in unser Gemach, das zwar nicht im reichsten Glanz prunkt, aber dessen ungeachtet überaus geschmackvoll eingerichtet ist.
BM|0|25|2|0|Als der Bischof Martin dieses Gemach betritt, da erstaunt er sehr über die unerwartete einfache Pracht desselben und spricht: „Aber liebste Freunde und Brüder, wer hat denn während der kurzen Zeit unseres Ausbleibens dieses Gemach so gereinigt und so überaus zierlich hergestellt? Denn es war früher ja ordinärer als die gemeinste Bauernstube. Auch die Fenster kommen mir viel größer vor und Tische und Stühle so rein und geschmackvoll! O sagt mir doch, wie das zugegangen ist!“
BM|0|25|3|0|Rede Ich: „Lieber Bruder, siehe, das ging ganz einfach und natürlich vor. Siehe, so jemand auf der Welt seine Wohnung ausschmücken will, da fasst er einen Plan aus seinem Verstand und lässt allerlei Handwerker und Künstler kommen, die da nach seinem gefassten Plan ihm die Wohnung ausschmücken müssen.
BM|0|25|4|0|Diese Ausschmückung geht auf der Erde aber darum länger her, weil dort die Trägheit der Materie, die erst bearbeitet werden muss, ein überaus hemmendes Medium ist. Hier aber fällt dieses Hemmnis weg, und so wird der Plan des Verstandes auch sogleich als ein vollbrachtes Werk dargestellt. Denn was hier ein vollkommener Geist denkt und das Gedachte zugleich auch will, so ist es auch schon vollendet so da, wie es gedacht wurde.
BM|0|25|5|0|Aber freilich wohl ist hier in der ewigen Geisterwelt das Denken ein ganz anderes als auf der Welt. Auf der Welt besteht das Denken aus Ideen und Bildern, welche den Dingen der Welt und ihren Bewegungen und Veränderungen entnommen sind. Hier aber besteht das Denken aus den Fähigkeiten des Geistes, die aus Gott in ihn gelegt sind, so sie durch die Werktätigkeit der Liebe zu Gott und zum Nächsten geweckt und mit dem Licht aus Gott erleuchtet werden.
BM|0|25|6|0|Siehe, dieses Gemach besteht nun lediglich aus deiner nun schon frei werktätigen Liebe zum Nächsten. Aber es ist noch nur ganz einfach zierlich, weil in dir das Gotteslicht noch nicht die Wurzel gefasst und tief in dein Leben getrieben hat. Wird bei dir auch das der Fall sein, dann wirst du dir alles dessen voll bewusst sein und dir über alles selbst die genügendste Rechenschaft geben können. Aber dazu gehört die rechte Erkenntnis Gottes, die dir arg mangelt, die du aber bald erreichen wirst, so du in der Liebe stets mehr wachsen wirst. Nun aber setzen wir uns an den Tisch, an dem schon eine gemessene Stärkung unser harrt. Es sei!“
BM|0|25|7|0|Bischof Martin spricht: „Ja, ja, so ist es! Es ist zwar hier alles wunderbar, ein wahres zauberisches sogenanntes ‚Tischlein-deck-dich‘. Aber man muss sich hier an die Wunder schon ebenso gewöhnen, als wie man sich auf der Erde an die Naturwunder gewöhnt hatte, die zwar auch noch heutigen Tages, wie man auf der Welt zu sagen pflegt, kein Mensch vollends begreift und einsieht, aber man macht sich daraus nichts, weil man sich an all solches unbegreifliche Zeug gewöhnt hatte. Also wird es auch hier gehen.
BM|0|25|8|0|Ich bin überhaupt aufs volle Einsehen der Wunder Gottes eben nicht zu sehr versessen. Und so ist es schon zum Aushalten, wenn man auch nicht alles, was da zum Vorschein kommt, auf den Grund des Grundes einsieht. Wenn ich nur fortwährend etwas zu tun bekomme und dazu manchmal so eine kleine Rast und Stärkung, wie sie eben jetzt vor uns auf dem schönen Tisch in der Bereitschaft liegt, und habe euch um mich, dann verlange ich mir für die ganze Ewigkeit nichts Besseres!
BM|0|25|9|0|Gott erkenne ich nun so weit, dass Er richtig Einer ist in irgendeinem ewig unzugänglichen Licht, in welchem Licht Er ist heilig, überheilig, allmächtig und endlos weise. Mehr von Ihm, dem Unendlichen, zu wissen und zu kennen, würde ich sogar für eine Todsünde halten. Daher lassen wir das, was für uns zu endlos unerreichbar ist und begnügen uns dankbarst mit dem, was uns Seine Güte allergnädigst zukommen lässt.“
BM|0|25|10|0|Rede Ich: „Gut, gut, mein lieber Bruder, setzen wir uns zum Brot, und du, Petrus, hole dort aus der Kammer auch den mit Wein gefüllten Becher.“
BM|0|26|1|1|Der neue Rock enthüllt Martins ehrliche Demut. Seine Bruderliebe wächst, er will sein Mahl den noch Hungrigen geben. Das gesegnete Liebesmahl
BM|0|26|1|0|Wir setzen uns nun zum Tisch, und Petrus bringt den Wein nebst einer Toga für Bischof Martin und sagt: „Da, Bruder, weil du deinen Rock und [dein] Leibchen den Armen gabst, so ziehe dafür diesen etwas bessern Rock an, und verzehre in diesem Kleid das vorgesetzte Mahl!“
BM|0|26|2|0|Bischof Martin betrachtet den schönen lichtblauen Rock mit purpurner Verbrämung und spricht: „Ah, ah, das ist für unsereinen ja viel zu schön und herrlich! Was fällt dir denn da ein? Ich – ein armer Sünder vom Kopf bis zum Zehenspitzel – und so ein Rock, wie ihn der Heiland Jesus auf der Welt getragen, der Würdigste der Menschen! Das wäre ja eine Persiflage ohnegleichen!?
BM|0|26|3|0|Nein, nein, das tue ich nicht! War Jesus auch gerade kein Gott, wozu ihn die dummen Menschen machten, so war Er aber dennoch der weiseste und beste Mensch aller Menschen, die je die Erde bewohnt haben. Er war ein vollkommenster Mensch ohne Sünde, an dem Gott sicher Sein höchstes Wohlgefallen haben konnte. Ich aber bin und war der unvollkommenste Mensch voller Sünden. Daher kann ich Seinen Rock nimmer anziehen!
BM|0|26|4|0|Wahrlich, Freunde, da wollte ich lieber keinen Bissen Brot und keinen Tropfen dieses Weines verkosten, als allerunwürdigster Weise diesen wahrhaftigsten Jesusrock anziehen. Gebt mir sonst irgendeinen für mich taugenden Fetzen her. Es ist genug, dass ich auf der Welt Melchisedeks Kleider trug und hier diese Torheit teuer genug habe büßen müssen: Für die ewige Zukunft werde ich mit Gottes Hilfe etwa wohl klüger sein!?“
BM|0|26|5|0|Rede Ich: „Auch gut; wie du’s willst! Hier gibt es durchaus keinen Zwang; daher esse und trinke nun ohne Rock. Es sei!“
BM|0|26|6|0|Spricht wieder Bischof Martin: „Das freut mich, das freut mich, nur keinen Luxus für unsereinen! Aber, liebe Brüder, nun komme ich euch mit einer andern Bitte; höret! Ich bin zwar schon recht hungrig und durstig, aber unsere armen Schützlinge werden sicher noch hungriger und durstiger sein. Gönnt mir daher die Freude, dass ich den mir beschiedenen Teil diesen Armen überlasse und ihn selbst hintrage. Die Freude, diese Armen gesättigt zu haben, soll diesmal eine Hauptsättigung meines Herzens sein!“
BM|0|26|7|0|Rede Ich: „Liebster Bruder, solch ein Wunsch aus deinem Herzen macht auch Mir die größte Freud! Aber diesmal soll’s bei deinem alleinigen Wunsch verbleiben, denn siehe, für diese deine Armen ist schon bestens gesorgt. Daher setze dich nur zu Mir her und esse und trinke nach deiner Herzenslust. Nach der Mahlzeit werden wir dann die Armen besuchen und werden sehen, ihnen irgendeine angemessene Beschäftigung zu geben. Also sei es!“
BM|0|26|8|0|Petrus spricht: „Herr und Meister, teile Du das Brot und auch den Wein aus; denn mir schmeckt alles besser, so Du es austeilst, als wenn ich mir’s selbst nehme! Ich bitte Dich darum, liebster Herr und Meister!“
BM|0|26|9|0|Rede Ich: „Ja, ja, mein geliebtester Bruder, das tue Ich dir von ganzem Herzen gerne, wenn es nur unsern lieben Freund und Bruder nicht geniert!“
BM|0|26|10|0|Spricht Bischof Martin: „Oh, nicht im Geringsten, liebste Freunde und Brüder! Ich kenne wohl die Sekte der sogenannten Brotbrecher – ihr werdet weltlicherseits wahrscheinlich ihr angehört haben? Allein das ist hier in der Geisterwelt ja ohnehin gehauen wie gestochen. Wem hier derlei menschlich fromme Rückerinnerungen aufheiternd dünken, der tue meines Erachtens, was ihm gut deucht. Mir aber ist nun alles, was da irgend nach einer Zeremonie riecht, sehr leicht entbehrlich. Denn ich habe mir auf der Welt an aller Zeremonie einen allerbarsten Ekel gefressen.
BM|0|26|11|0|Daher mögt ihr hier das Brot auseinanderbrechen, -schneiden oder -sägen, das ist mir eines; wenn’s zur rechten Zeit nur was zu beißen gibt. Mit dem aber bin ich einverstanden, dass da der Herr des Hauses das Brot an seine zwei Knechte austeilen soll; denn man isst ein gegebenes Stück Brot ungenierter als eines, das man selbst genommen hat!“
BM|0|26|12|0|Rede Ich: „Nun gut, gut, so es dich nicht geniert, so will Ich das Brot brechen und segnen und es euch dann austeilen!“
BM|0|26|13|0|Ich breche nun das Brot und segne es und gebe es dann den zweien.
BM|0|26|14|0|Petrus weint nahe vor Freude, Bischof Martin aber lächelt ganz freundlichst und umarmt den Petrus und spricht: „Bist aber du auch ein seelenguter Mensch! Die Brotbrechung hat dich gewiss an die sehr erhabene, entweder wirkliche oder wahrscheinlich frommgedichtete Szene der zwei nach Emmaus wandelnden Jünger erinnert? Ich muss es auch aufrichtig gestehen, dass sie mich selbst schon oft zu Tränen gerührt hat.
BM|0|26|15|0|Denn es liegt darinnen fürs Erste wirklich eine schöne, hohe Bedeutung zugrunde. Und fürs Zweite fühlt man die Sehnsucht und den Wunsch, dass sich diese Szene wirklich hätte ereignen mögen, indem der schwache, kurzsichtige Mensch nichts lieber als von Wundern hört und träumt, besonders wenn seine Phantasie irgend das allerhöchste Gottwesen so inkognito persönlich kann mitwirkend darstellen bei irgendeiner urzeitlichen Gelegenheit. Bei einer gleichzeitigen würde die Sache freilich ein bei weitem unglaublicheres Gesicht bekommen.
BM|0|26|16|0|Also brich du, liebster Herr, Meister und Freund, nur allzeit das Brot; denn auch mir gefällt diese fromme Art!
BM|0|26|17|0|Aber hörst Du, lieber Freund, ist aber das ein herrliches Brot! Und der Wein – Nonplusultra! Hab’ wahrlich auf der Erde wohl nie etwas Exzellenteres verkostet! Ist das auch etwa so ein Gedankenwein, also überaus geistiger Natur? Das macht aber nichts! Mag er wachsen, wo er will, wenn er nur gut schmeckt. Gott sei gelobt und gepriesen für ewig für dies herrlichste Mahl! Jetzt wird sich’s schon wieder tun bei der möglich vorkommenden schwersten Arbeit.“
BM|0|26|18|0|Rede Ich: „Nun, Mich freut es auch, so es euch beiden wohlgeschmeckt hat; es sei euch gesegnet! Nun aber gehen wir schnell zu unseren Armen und wollen sehen, wie sie sich befinden!“
BM|0|27|1|1|Martins Erfahrungen bei den Aufgenommenen, die Gott in Jesu vor Martin erkennen
BM|0|27|1|0|Wir gehen nun zu den dreißig ersten, die der Bischof Martin allein hierhergebracht hat. Als wir eintreten, liegen sie auf den Gesichtern und rufen: „O Herr, o Herr, o Herr, Du großer, erhabener Gott in Jesu Christo, komme nicht zu uns! Denn wir sind zu große Sünder und sind nicht der geringsten Gnade wert! Zu überaus heilig und für uns zu unerträglich ist Deine Nähe!“
BM|0|27|2|0|Bischof Martin schaut um sich her nach allen Seiten, um zu sehen, wo denn die dreißig Jesus erschauten. Aber er sieht noch immer nichts und fragt Mich: „Lieber Freund, was haben denn diese Armen? Sind sie von Sinnen, oder sind sie etwa eingeschlafen ob des sicher auch genossenen Weines und haben nun entweder ein lutherisches oder römisches Traumgesicht?“
BM|0|27|3|0|Rede Ich: „Nein, nein, sicher nichts dergleichen; sie halten in ihrem Sinne Mich dafür und darum schreien sie so.“
BM|0|27|4|0|Spricht Bischof Martin: „No, no, also doch eine Art Geistesschwäche, nur ein wenig [anders] motiviert, wie ich’s mir gedacht habe. Übrigens haben sie nach meiner Ansicht recht, Dich als nun ihren größten Wohltäter unter dem Begriff des höchsten Wesens anzupreisen. Denn ich meine, ein jeder Wohltäter Deiner Art trägt eine große Portion der rechten Gottheit in sich, und so er geehrt wird, so wird auch die Gottheit in ihm geehrt. Was wird aber nun mit diesen Armen zu machen sein?“
BM|0|27|5|0|Rede Ich: „Diese werden wir nun gerade bei ihrer Meinung ihrem Wunsch nach belassen und werden uns zu den andern begeben. Denn wenn sie vorderhand Meine Nähe nicht zu ertragen der starken Meinung sind, so wollen wir sie auch nicht weiter quälen; mit der Zeit wird sich’s schon machen!“
BM|0|27|6|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, so ist’s recht! Übers Knie lässt sich nichts Starkes brechen; daher gehen wir nur geschwind zu den andern, aus dem Feuer Geretteten. Ich freue mich schon sehr auf sie.“
BM|0|27|7|0|Wir gehen nun schnell zu den andern, und da wir an die Tür kommen, sage Ich zum Bischof Martin: „Bruder, gehe du zuerst hinein und melde Mich und den Petrus an! So sie es wünschen werden, da werde Ich zu ihnen hineingehen. Wünschen sie Mich aber nicht – was du aus ihren Worten leicht entnehmen wirst –, da komme nur schnell wieder, auf dass wir uns dann schnell an ein anderes Geschäft wenden können!“
BM|0|27|8|0|Bischof Martin tut gleich, was zu tun Ich ihm beheißen habe. Als er zu diesen aus den Flammen Geretteten kommt, macht er ein ganz pathetisches Gesicht gleich einer sogenannten Amtsmiene und spricht zu ihnen: „Liebe Freunde, der Herr und der Meister dieses Hauses will euch besuchen, so es euch genehm ist. Ist euch aber für diesmal Sein Besuch nicht genehm, so äußert euch darüber und ihr sollt von Seinem Besuch verschont bleiben. Meine als eures Freundes Meinung aber wäre diese: Da der Herr und Meister dieses Hauses ein gar überaus guter und sanfter Herr ist, so soll euer aller Wunsch dahin gehen, dass er zu euch käme! Aber ihr seid frei und könnt tun, was ihr wollt; und also äußert euch!“
BM|0|27|9|0|Die Geretteten aber fragen den Bischof Martin: „Weißt du wohl, wer da dieses Hauses Herr und Meister ist?“
BM|0|27|10|0|Bischof Martin spricht: „Das weiß ich ganz genau gerade selbst nicht, was aber hier in der Geisterwelt gar nicht so sehr vonnöten ist. Es ist genug, dass ich aus der Erfahrung weiß, dass er ein überaus guter und weiser Mann ist. Mehr wissen zu wollen, wäre aberwitzig sogar! Daher begnügt vorderhand auch ihr euch mit dem, was ich euch auf ein gutes Gewissen von ihm ausgesagt habe. Und gebt mir Bescheid, was ihr laut meines Auftrages an euch wollt.“
BM|0|27|11|0|Spricht einer aus der Gesellschaft der Geretteten: „Aber Freund, warum bist du gegen uns so hinterhältig und willst uns das Heiligste und Allerhöchste vorenthalten?
BM|0|27|12|0|Siehe, der Herr und Meister dieses Hauses ist ja eben auch der alleinige Herr, Schöpfer und ewiger Meister [des] Himmels und aller Sonnen und Erden in der ganzen Unendlichkeit, wie aller Menschen und Engel in Jesus Christus!
BM|0|27|13|0|Wie kannst du da sagen, du kennst Ihn nicht näher!? Bist du denn blind und hast noch nie beschaut Seine durchbohrten Hände und Füße, die wir doch alle auf den ersten Blick entdeckt haben?
BM|0|27|14|0|Betrachte nur Seinen mildesten Ernst, Seine große Liebe und Weisheit, und lege deine Hände auf Seine durchbohrte Seite gleich einem Thomas, und du wirst es sicher noch klarer als wir ärmsten Teufel ersehen, was da hinter diesem deinem Herrn und Meister alles steckt!
BM|0|27|15|0|Siehe, nicht als ob wir es nicht wünschten in unserem Herzen, dass Er, der Allererhabenste, der ewig Allerheiligste zu uns käme in dies Gemach Seiner Erbarmung. Aber wir alle sind zu große und grobe Sünder und sind solch eines Besuches, wo Gott käme zu Seinen allerletztesten und niedrigsten Geschöpfen, die Seine Liebe und Geduld auf der Erde so oft gar schmählichst missbraucht haben, nicht im Geringsten wert.
BM|0|27|16|0|Daher vermelde du glücklichster Freund deines Gottes und Herrn, den du nicht kennst oder nicht kennen willst: Unser Herz sehnt und sehnte sich allzeit nach Ihm; aber unsere Sünden haben uns zu hässlich, schmutzig, nackt und stinkend gemacht, als dass wir wünschen könnten, dass Er zu uns käme!
BM|0|27|17|0|Wir vergehen nahe schon vor Schande und Schmach, hier in diesem Haus uns zu befinden, wo Er nun hauptsächlich der Sünder wegen zumeist zu wohnen pflegt, um ihnen Seine Erbarmung angedeihen zu lassen. Was erst würde mit uns geschehen, wohin würden wir uns verkriechen, so Er nun vollends zu uns käme?
BM|0|27|18|0|Daher bitte Ihn, du Glücklichster, dass Er uns Nichtswürdigste verschonen möchte; jedoch nicht unser, sondern Sein heiligster Wille geschehe!“
BM|0|28|1|1|Martin als blinder Rationalist in der Klemme
BM|0|28|1|0|Bischof Martin spricht: „Oh, oh, ohohohoh! Was fällt euch ein! Gott, das allerhöchste, unendliche Wesen, das im ewig unzugänglichen Licht wohnt und mit Seiner Allkraft die ganze ewige Unendlichkeit erfüllt, wird Sich je in der Gestalt eines Menschen zeigen und mit Händen arbeiten gleich uns?!
BM|0|28|2|0|Gott erfüllt wohl solche Menschen und Geister mit Seinem Gnadenlicht – manche mehr, manche weniger. Aber darum bleibt zwischen Gott und Mensch noch immer eine unendliche Kluft.
BM|0|28|3|0|Jesus war wohl unter allen Menschen ein von Gottes Kraft am meisten erfüllter Mensch, aber darum dennoch ebenso wenig wie wir ein Gott, was auch kein denkender Mensch und Geist annehmen kann, indem man da auch annehmen müsste, der kleine Planet Erde wäre das Hauptzentrum aller Schöpfung, über welche Annahme die Sonnen doch sicher ein wenig protestieren möchten!
BM|0|28|4|0|Daher nur so hübsch gescheit hier im ewigen Reich der Geister! Es ist genug, dass wir auf der Welt so hübsch dumm durcheinandergelebt haben und hielten Brot, Wein und nicht selten geschnitzte Bilder für Gottheiten, während wir an der Sonne das herrlichste Abbild der Gottheit hatten.
BM|0|28|5|0|Betrachtet mich und meine beiden liebsten und besten Freunde als das, was wir sind, so werdet ihr nie von einer so dummen Furcht heimgesucht sein!
BM|0|28|6|0|Ich weiß wohl, dass dieses Hauses Herr und Meister mächtiger ist und weiser als wir alle zusammen, und [Er] kann auch vielleicht recht wohl jener Jesus sein, der uns die weiseste Lehre gab. Aber für Gott müsst ihr Ihn nicht halten, sondern als das nur, was Er ist, nämlich, wie ich schon früher bemerkt habe, der beste, weiseste und also mit Gotteskraft erfüllteste Mensch der Erde!
BM|0|28|7|0|Ihr wisst doch, wie Er auf der Welt ist getötet worden von den elenden Menschen! Könnt ihr es wohl annehmen, dass Gott als der Urgrund alles Seins und Lebens im Ernst Sich von den elendesten Menschen möchte oder könnte töten lassen?
BM|0|28|8|0|Was geschähe wohl mit einem Haus, so man dessen Grundfesten zerstörte? Seht, es würde sobald übereinander zusammenstürzen.
BM|0|28|9|0|Was wohl wäre oder würde mit der ganzen Schöpfung im Moment geschehen sein, die da ist das eigentliche Gotteshaus, so man eben Gott Selbst getötet, also vernichtet hätte? Wer wohl hätte ohne Gott leben können? Hätte ein Gottestod nicht schon lange zuvor alles Leben und Sein vernichtet?! Daher, meine liebsten Freunde, nur schön gescheit hier in der Geisterwelt.“
BM|0|28|10|0|Spricht wieder einer aus der Gesellschaft: „Freund, du hast zwar sehr weise scheinend gesprochen, um uns zu trösten. Allein, du bist vom Ziel ferner als wir, obschon du im fortwährenden Umgang mit dem Herrn dich befindest, während wir armen Sünder uns vor Ihm gebührendst tiefst scheuen und fürchten müssen!
BM|0|28|11|0|Ich sage dir aber als ein Sünder: Du hast in der wahren Weisheit noch nicht das Einmaleins begonnen und willst über Gottes innere Weisheit urteilen? So du Gott nur nach dem Volumen schätzt, da wird dir Jesus freilich noch lange zu klein-winzig vorkommen. So du aber bedenken willst, dass Gott nicht nur pur Sonnen und Erden, sondern auch die Mücken gemacht hat, da wird es dir vielleicht doch einleuchtend werden, dass Sich Gott auch mit kleinsten Dingen ebenso gut abgibt wie mit dem größten, und es Ihm auch möglich sein kann, Sich den Menschen als Mensch zu zeigen, sie zu lehren und zu führen die rechten Wege der Menschen. Die Sonnen aber wird Er sicher auch als Selbst Sonne aller Sonnen leiten!
BM|0|28|12|0|Wir Menschen aber verstehen nur wieder einen Menschen und so auch Gott nur im Menschen Jesus. Die Sonnen aber verstehen wir nicht, sonach wären sie für uns ohne Jesus auch eine vergebliche Gottheit!
BM|0|28|13|0|Siehe, das ist mein Verstand! Nun gehe und lerne deinen und unseren Hausherrn besser erkennen, dann komme wieder und sage mir und uns allen, ob ich unrecht hatte!“
BM|0|28|14|0|Bischof Martin verlässt nun die Gesellschaft und kehrt ganz verblüfft zu uns zurück.
BM|0|29|1|1|Der Herr gibt sich und Petrus dem blinden Martin zu erkennen
BM|0|29|1|0|Als er (Martin) nun zu Mir kommt, da spricht er sogleich: „Aber Du mein allerliebster Herr, Meister, Freund und Bruder, das war eine schöne Geschäftsbescherung von Deiner Seite an meine angeborene Dummheit! Nun weiß ich wirklich nicht: Bin ich ein Narr – oder sind es die dadrinnen, die nun die Tür von uns scheidet?
BM|0|29|2|0|Die haben im Grunde eine noch größere Furcht vor Dir als die früheren und halten Dich im Ernst nicht nur für den einstigen Religionsstifter Jesus, sondern auch für das allerhöchste Gottwesen Selbst, und das mit einer Art philosophischer Konsequenz, der man gerade keine Berge von Kontrabeweisgründen entgegenstellen kann.
BM|0|29|3|0|Sage mir denn auch, Du liebster Freund, was an der Sache so ganz eigentlich gelegen ist. Woher mag es denn doch kommen, dass diese armen Seelen oder Geister von Dir so sonderlichen Begriff haben können? Ich sehe nun auch wirklich die bekannten Wundmale an Deinen Händen und Füßen und bin nahe außer Zweifel, dass du der einstige Heiland Jesus bist; aber Gott? Jesus und Gott zugleich? Das – erlaube mir – ist etwas zu viel!
BM|0|29|4|0|Und doch behaupten die dadrinnen das keck weg! Woher also haben denn diese eben einen solchen Begriff von Dir eingesogen? Sollten sie etwa am Ende doch noch recht haben? Das wäre mehr als endlos zu viel für eine arme Seele, wie nun die meinige da ist! Freund, wenn das im Ernst, mir freilich wohl unbegreiflichstermaßen der Fall wäre, da wüsste ich selbst vor Angst und Schrecken mir nicht zu helfen. O Freund, nun noch immer Freund – gib mir doch darüber einen beruhigenden Aufschluss!“
BM|0|29|5|0|Rede Ich: „Freund und Bruder, du warst doch selbst Bischof auf der Welt und hast Jesus, den Gekreuzigten, gepredigt und seine Gottheit sogar in den kleinsten Hostienpartikeln bewiesen! Siehe, alle diese hier nun in unserem Gewahrsam Befindlichen, die wir aus den Flammen gerettet haben, sind Schafe deines Sprengels und Jünger deiner Lehre.
BM|0|29|6|0|Warum hast du sie auf der Welt denn so gelehrt, so dir nun das als ein Unsinn vorkommt, was sie als Schüler deiner Schule behaupten? Reden sie Unsinn – Frage: ‚Wessen ist er?‘ Reden sie aber weise – Frage: ‚Was bleibt dann ihrem einstigen Lehrer für ein Ruhm, so er nun seine eigene Lehre in seinen Schülern bekämpfen will und auch wirklich bekämpft?‘ Ich meine, bei dieser Gelegenheit bliebe für ihn auch der Unsinn zum Präsente!
BM|0|29|7|0|Siehe, Ich bin wirklich der Jesus, der Gekreuzigte! Und in diesem Bruder habe Ich die Ehre, dir den wirklichen alten Petrus vorzustellen, auf dessen angenehmem Stuhl die Bischöfe Roms sitzen und herrschen; aber freilich nicht in der Ordnung dieses wirklichen Petrus, sondern in der Ordnung jenes Petrus, den sie sich selbst fingiert haben, wie sie ihn zu ihren materiellsten Zwecken am besten brauchen konnten! Nun weißt du, wer Ich und dein erster Führer sind; das Weitere werden dir deine eigenen Jünger zeigen!
BM|0|29|8|0|Ich sagte aber einst, dass die Kinder der Welt klüger sind denn die des Lichts. So du dich aber schon für einen Sohn des Lichtes gleich einem Herrscher Chinas hältst, so gehe hin zu deinen Schülern, die da reine Weltkinder sind, und lerne von ihnen Klugheit wenigstens, so dir ihre Weisheit schon durchaus nicht munden will und mag!“
BM|0|29|9|0|Spricht der Bischof Martin: „O Freund, Du bist wohl der Jesus, der Sich als Sohn des Allerhöchsten verkündete und verkünden ließ – wo, wo aber ist der Allerhöchste? Wo ist der allmächtige, ewige Vater? Wo dann der aus beiden hervorgehende Heilige Geist, so wir schon auf das Dogmatische zurückgehen wollen und beseitigen das Licht der reinen Vernunft?“
BM|0|29|10|0|Rede Ich: „Was steht im Evangelium geschrieben? Siehe, da heißt es: ‚Ich und der Vater sind eins; wer Mich sieht, der sieht auch den Vater!‘ Wenn du glaubst, was fragst du da weiter, so du Mich siehst? Glaubst du aber nicht, was fragst du? Bleibe, wie du bist, und Ich auch, wie Ich bin, und Ich meine, wir werden einander doch nicht in die Augen fahren?
BM|0|29|11|0|Dadrinnen aber sind deine Schüler. Gehe hinein zu ihnen und lerne von ihnen Meine Lehre von neuem, und komme dann wieder, auf dass Ich sie dir dann erkläre!
BM|0|29|12|0|Denn Ich, der wirkliche Heiland Jesus, sage dir hier in Meinem ewigen Reich, dass du ein sehr unsinniger Geist bist und erkennst nicht Meine übergroße Liebe, die Ich zu dir habe. Ich trage dich auf den Händen, und du bist noch immer taub und blind! Ich gebe dir das Brot des Lebens, und du verzehrst es wie ein Polyp, ohne auf die innere Wirkung zu achten, die es doch bei diesen Sündern plötzlich hervorgebracht hat!
BM|0|29|13|0|Du bist wohl einer, der mit offenen Augen und Ohren nichts sieht und hört. Welche wunderbarsten Begebnisse habe Ich um dich her geschehen lassen, und du fragtest nicht: ‚Wer ist der, dem Meere und Winde gehorchen?‘
BM|0|29|14|0|Darum gehe noch einmal zu diesen deinen Jüngern und lerne von ihnen den erkennen, den du bis jetzt noch stets dir gleich gehalten hast! Es sei!“
BM|0|30|1|1|Zwiegespräch zwischen dem Rationalisten Martin und dem Lichtmann über die Gottheit Jesu
BM|0|30|1|0|Bischof Martin macht nun ein noch verblüffteres Gesicht und tut aber dennoch sogleich, was Ich ihm nun notwendig etwas ernster angeraten habe.
BM|0|30|2|0|Als er nun wieder zu den Geretteten kommt, erstaunt er, dass er sie nun schon ganz verändert antrifft. Ihre Züge sind verjüngt und veredelt, und ihre früher nahe nackten Leiber sind mit blauen Kleidern angetan, die um die Lenden mit einem purpurroten Gürtel an den Leib in vielen und reichen Falten angeschmiegt sind. Unter der Gesellschaft entdeckt er eine erhabenere Mannsgestalt mit einem glänzend weißen Hut auf dem Haupt, unter dem reiche, goldblonde Locken herumwallen bis über den halben Rücken.
BM|0|30|3|0|Dieser schöne Mann geht sogleich auf unseren Bischof Martin los und fragt ihn, sagend: „Freund, du bist schnell wieder zu uns zurückgekehrt! Hast du an dem allererhabensten Meister und Herrn dieses Hauses das gefunden, auf das wir alle dich aufmerksam gemacht haben? Ist Er das? Ist Er Jesus, der Herr [des] Himmels und der Erde natürlich und geistlich, zeitlich und ewig?“
BM|0|30|4|0|Spricht Bischof Martin: „Jesus – ja, ja, das ist Er wohl. Aber mit der Gottheit – da scheint die Sache noch nicht ganz im Reinen zu sein. Ich meine, mit der Annahme, dass Jesus auch wirklich Gott ist, sollte man doch etwas behutsamer zu Werke gehen. Denn wenn Er es am Ende doch nicht wäre und [diese Annahme] dem allerhöchsten Wesen missfiele, dass Es uns dann darob verdamme zu einer Zeit, wie Es schon mit vielen Völkern der Urzeit getan hatte, die es gewagt, neben Ihm an mehrere Götter zu glauben, was täten wir dann samt unserm guten Herrn Jesus?!
BM|0|30|5|0|Denn bei Moses heißt es ein für alle Mal: ‚Du sollst allein nur an einen Gott glauben und sollst dir weder ein geschnitztes Bild machen und es anbeten, noch sollst du wem andern als allein Mir die Ehre geben. Denn Ich bin der alleinige Herr und Gott, der Himmel und Erde gegründet hat und alles, was darauf und darinnen ist, lebt und atmet!‘
BM|0|30|6|0|Moses spricht wohl sehr dunkel auch von einem Erlöser, der die Völker vom harten Joch der alten Knechtschaft befreien würde. Aber dass Jehova Selbst in diesem Erlöser zur Erde herabsteigen würde, davon steht im ganzen Moses keine Silbe. Daher ist diese eure Annahme etwas zu schnell; da heißt’s alles genau prüfen und wohl erwägen, was man tut.
BM|0|30|7|0|Haltet Moses und Jesus gegeneinander, so werdet ihr es selbst finden, wie schwer, ja wie beinahe ganz unmöglich sich die Gottheit Moses mit der Gottheit in Jesus vereinigen lässt. Dieses schärfsten mosaischen Gottesgesetzes wegen hat ja schon Moses selbst auf Gottes Geheiß die Todesstrafe gesetzt: So jemand dadurch Gott lästern möchte, dass er entweder einem Götzen opfert, oder einen Zauberer, einen Propheten oder irgendeinen andern Helden für die Gottheit hielte! Ein Grund, der auch Jesus an das Kreuz brachte, obschon Er über Seine vorgeblich göttliche Sendung Sich stets im Angesichte der Schriftgelehrten in dunklen Bildern nur auszudrücken pflegte.
BM|0|30|8|0|Es ist auch sehr schwer einzusehen, warum die Gottheit durch Moses mit solchem Himmelspomp eine Kirche gegründet hätte für – wie oft ausgesprochen – ewige Zeiten; welche Kirche aber dann mit Jesus als derselben (sein sollenden) Gottheit gegen ihre oftmalige Verheißung einen vollen Garaus bekäme!
BM|0|30|9|0|Darum, liebe Freunde, ist eure vorschnelle Annahme der Jesusgottheit etwas sehr Kitzliges und Delikates hier in der Geisterwelt.
BM|0|30|10|0|Ich sehe wohl, dass euch wahrscheinlich diese eure Annahme in diesem Jesushaus schnell in einen besseren Zustand versetzt hat durch ein kleines Hauswunderchen. Aber dass ich euch darob bis jetzt noch nicht im Geringsten beneide, dessen könnet ihr vollends versichert sein. Denn ich bleibe immer bei dem Grundsatz: ‚Wer zuletzt lacht, der lacht am besten!‘“
BM|0|30|11|0|Spricht der große Mann mit dem strahlenden Hut: „Freund, alles, was du hier geredet hast, kenne ich so gut wie du. Und dennoch bedaure ich dich ob deiner Blindheit und befürchte sehr, dass du nach deiner Meinung je zuletzt lachen wirst. Ich und diese ganze Gesellschaft aber denken also:
BM|0|30|12|0|Jesus, dessen Ankunft alle Propheten gleich vorausgesagt haben, von dem David singt, sagend: ‚Also spricht der Herr zu meinem Herrn!‘, oder: ‚Also spricht Gott der Herr zu Sich Selbst: Setze dich zu Meiner Rechten, bis Ich alle Feinde lege zum Schemel deiner Füße!‘, und: ‚Machet die Tore weit und die Pforten hoch, auf dass der Herr der Herrlichkeit, auf dass Jehova einziehe in unsere Stadt, in die heilige Stadt Gottes, in Seine Stadt!‘; –
BM|0|30|13|0|Jesus, dessen Geburt nach der einstimmigen Erzählung der Evangelisten voll Wunder war, ja dessen ganzes Leben eigentlich sich als ein ununterbrochenes Wunder darstellte; –
BM|0|30|14|0|Jesus, der in Seiner Lehre nur zu oft und zu klar zeigte, wer Er war in Seinem innersten Wesen, und der einen der zehn Gereinigten fragte, als dieser zurückkam und Ihm die Ehre gab: ‚Wo sind denn die andern neun, dass sie auch herkämen und Gott die Ehre gäben?‘; –
BM|0|30|15|0|Jesus, der aus eigener Macht am dritten Tage aus dem Grab erstand und nachher noch bei vierzig Tage auf der Erde herumging und sie, Seine Schüler, unterrichtete, darauf vor tausend gläubigen Augen in die Himmel aufstieg und bald darauf den Geist der ewigen Kraft, Macht, Liebe und Weisheit aus den Himmeln auf die Seinen niederwehen ließ; –
BM|0|30|16|0|Jesus, von dem Johannes das erhabenste Zeugnis gibt, sowohl in seinem Evangelium wie auch in seiner hohen Offenbarung:
BM|0|30|17|0|Sage, Freund, ist es dir wohl noch möglich, diesen Menschen aller Menschen für nicht mehr als bloß nur für einen ganz gewöhnlichen Weltweisen zu betrachten?
BM|0|30|18|0|Schau, Freund, ich will dir etwas recht Dummes sagen. Aber es scheint mir doch weiser zu sein, als was du sagst: Ich meine, wenn Gott der Herr nicht das Menschliche angenommen hätte, um auch von uns Menschen, Seinen Geschöpfen, gesehen werden zu können, wozu wohl hätte Er uns erschaffen? Für Sich nicht! Denn was hätte Er davon, so wir Ihn nie zu Gesicht bekämen und vollauf liebten? Und wozu wäre uns ein Leben ohne einen erschaulichen Gott? Denke du darüber nach, vielleicht wird’s dir dann doch etwas heller in deinem Verstand werden!“
BM|0|30|19|0|Bischof Martin spricht: „Lasst mich nun ein wenig in Ruhe; ich werde deine ziemlich hellen Worte ein wenig tiefer beherzigen.“
BM|0|30|20|0|Nach einer ziemlich langen Pause fängt der Bischof Martin wieder zu reden an und spricht: „Freund, ich habe nun deine Worte nach allen mir denklichen Seiten erwogen und sehe nur stets mehr gerade das Gegenteil von dem, was du ehedem behauptet hast. Dessen ungeachtet aber bin ich nicht hartnäckig und will aus ganzem Herzen gerne deiner Meinung mich selbst zu überzeugen beipflichten, so du mir einige meiner Fragen zu meiner Zufriedenheit beantwortest.“
BM|0|31|1|1|Kritische Fragen Martins und die Antworten des Weisen
BM|0|31|1|0|Spricht der Weise aus der Gesellschaft: „Frage, und ich will dir antworten; ob zu deiner dich selbst überzeugenden Zufriedenheit oder nicht, das wird wenigstens mir ganz einerlei sein.“
BM|0|31|2|0|Bischof Martin fragt: „Warum hat die Erde nur einen höchsten Berg? Und liegt darum die Gottheit in ihm oder über ihm ganz in ihrer Fülle, weil er der einzige höchste Berg der Erde ist?“
BM|0|31|3|0|Spricht der Weise: „Wohl hat die Erde einen Berg, der da höher ist als jeder andere bekannte Berg, der die Erde mit seinem mächtigen Fuß drückt. Allein, darum ist er nicht der Berge Gott, sondern Gott wusste es und weiß es, warum Er auf diesen Planeten einen höchsten Berg gesetzt hat. Wahrscheinlich, um damit den Winden einen allgemeinen Teilungs- und Abteilungspunkt zu geben. Darum auch zumeist zunächst dem Äquator in den tropischen Ländern die höchsten Berge vorkommen, weil eben in diesen nahe dem Hauptgürtel gelegenen Ländern die Winde zufolge der Erdrotation am heftigsten sein müssten, weil da die Zentrifugalkraft am heftigsten wirken muss, darum da die Umschwungkreise vom Mittelpunkt oder von der Achse am weitesten abstehen.
BM|0|31|4|0|Wären demnach in diesen Gegenden nicht solche höchsten Windregulatoren vom Herrn aufgerichtet, da wären sie wohl für ewig unbewohnbar. In der Richtung – und zwar in den größten Kontinenten, besonders in Asien –, wo die Luft in einem Hauptstrom sich eint, sind demnach auch die höchsten Berge, und nämlich in Asien, als dem größten Kontinent, auch ein allerhöchster Berg der Erde notwendig. Bist du mit dieser Antwort zufrieden?“
BM|0|31|5|0|Spricht Bischof Martin: „Vollkommen in seiner Art! – Aber nun eine Frage weiter: Warum ist in Amerika der Amazonenstrom sicher der größte auf der ganzen Erde? Ist etwa darum die Fülle der Gottheit in ihm?“
BM|0|31|6|0|Spricht der Weise: „Freund, ich weiß wohl, wo du am Ende hinauswillst. Aber dessen ungeachtet will ich auch diese deine sehr alberne Frage so gründlich als tunlich beantworten.
BM|0|31|7|0|Siehe, Amerika ist ein viel jüngerer Kontinent und hat in den Kordilleren ein höchst ausgedehntes Gebirge.
BM|0|31|8|0|So hin an den Anden stehen die Gebirge einerseits sehr nahe an dem größten Weltmeer und haben daher auch in ihren unterirdischen Fundamenten eine übergroße Menge Wasser, das da fortwährend aufsteigt durch die zahllosen Poren und durch die vielen größeren Adern und Kanäle. Andererseits aber hat besonders das Südamerika, als ein jüngstes, erst kaum einige 1.000 Jahre über den Meeresspiegel erhobenes Land, überaus große und sehr wenig über den Meeresspiegel emporgehobene Flächen und Ebenen von meistens sehr lockerem Sandgehalt.
BM|0|31|9|0|Wo aber ausgedehnte Gebirge viel Wasser auslaufen lassen, und wo sich dieses dann in den größten ebenen Flächen ansammeln und ohne Widerstand ausbreiten kann, und nur sehr langsam dem Meer zuströmt, da muss es auch notwendig und leicht den größten und breitesten Strom geben, ohne dass darob mehr von der Gottheit darinnen enthalten zu sein braucht als in einem Regentropfen! – Sage, bist du mit dieser Antwort zufrieden?“
BM|0|31|10|0|Spricht Bischof Martin: „Vollkommen in seiner Art. Die Antwort lässt nichts zu wünschen übrig. Aber darum nur weiter.
BM|0|31|11|0|Sage mir: Warum ist der Diamant der härteste und durchsichtigste edelste Stein, und warum Gold das edelste Metall?“
BM|0|31|12|0|Spricht der Weise: „Weil es die Menschen dazu gemacht haben nach ihrem eitlen Gutachten. Und das taten sie, weil diese Mineralien seltener vorkommen als andere. Lassen wir aber die Diamanten so häufig vorkommen wie Kiesel, und das Gold so wie das Eisen – und man wird mit Diamanten die Straßen beschottern und die Wagenräder mit Gold beschlagen.
BM|0|31|13|0|Warum aber gerade diese zwei Mineralien seltener vorkommen als andere, das wird der Herr am besten wissen. Wahrscheinlich, weil sie für den Geist des Menschen einen zu großen Giftgehalt aus der Hölle beigemischt haben, woraus sich mit großer Konsequenz schließen lässt, dass eben in diesen für die Weltmenschen edelsten Mineralien eben nicht eine zu große Portion von der Gottheit stecken wird. Bist du auch mit dieser Antwort zufrieden?“
BM|0|31|14|0|Spricht Bischof Martin: „Ich kann dir nichts einwenden – daher muss ich mich zufriedenstellen in seiner Art. Aber was ich von dir erwartete, fand ich in keiner dieser deiner Antworten: nämlich einen natürlichen Beweis für die Gottheit Jesu!
BM|0|31|15|0|Siehe, auf der Erde, wie sicher auf jedem Planeten, gibt es in jeder Art der Dinge, der Wesen und so auch der Menschen gewisse höchste Punkte, die so einzig und alleinig in ihrer Art dastehen, dass sie nie übertroffen werden können. So gibt es sicher irgendeine größte Sonne, einen größten Planeten, auf dem Planeten selbst wieder allererste Vorzüglichkeiten, die unübertrefflich sind in ihrer Art. Kann ein Weiser aber darum von solchen allereminentesten Vorzüglichkeiten behaupten, sie seien darum Gottheiten, weil sie in ihrer Art alles in einem beispiellos hohen, ja höchsten Grad übertreffen? So taten es wohl die Heiden, die alles nach ihrer Einsicht unübertrefflich Vollkommenste vergötterten und kamen auf diesem Weg am Ende in die schändlichste Polytheosie! (Vielgötterei).
BM|0|31|16|0|Es gab sicher irgendeinmal einen allergelehrigsten Affen, Hund, Esel gleich dem des Bileam, ein schönstes und mutigstes Pferd, wie der Buzephal des Cäsar, sicher ein schönstes Weib gleich der Mediceischen Venus, also auch einen Apollo, eine weise Heldin Minerva, eine eifersüchtigste Juno.
BM|0|31|17|0|Die Heiden haben diese Eminenzen samt und sämtlich vergöttert, was da kein Mensch leugnen kann. So aber die Bewohner eines Planeten schon mit außerordentlichen Vorzüglichkeiten aus allen Reichen der Natur das taten, nämlich dass sie dieselben vergötterten, was Wunder ist es nun, so die gleichen Menschen den weisesten Lehrer und den größten Magier zur ersten Gottheit erheben, ihm Altäre errichteten und ihn bis zur Stunde noch anbeten; ein Teil aus wirklicher, freilich stockblinder Frömmigkeit, der größte und vorzüglichste Teil aber aus Politik wegen der Erhaltung der Blindheit der andern.
BM|0|31|18|0|Weil aber eben nur die Menschen aus ihrem weisesten Mitmenschen das machten – Frage: Ist das wohl ein hinreichender Grund zu dessen vollster Vergötterung?! Oder sind je von uns gesehene und gesprochene höhere Wesen zur Erde gekommen und haben, sage – uns die Gottheit Jesu vollends gezeigt und bestätigt?
BM|0|31|19|0|Man sagt und erzählt sich wohl Wunderdinge von Seiner Geburt, auch, wie da höhere Geister zur Erde sichtbar niedergestiegen sind und hätten die Menschheit von dessen Göttlichkeit unterrichtet. Ich frage aber mit gleichem Menschenrecht: Haben auch wir davon je etwas gesehen? Ich wenigstens nie! Vielleicht du?
BM|0|31|20|0|Ja, in einem langweiligen und eigennützigen Mönchs- oder Nonnentraum haben sich wohl ähnliche burleske Lügen lassen zusammenlügen und dichten können; aber fragen wir um die Wahrheit, so kommt nichts als Mensch und wieder Mensch zum Vorschein, von denen jeder mehr und wunderbar mehr wissen will als sein Nächster, aber bei sich selbst jeder sagen muss: ‚Herr, ich bin blind; mein ganzes Wissen ist bloß ein angewohnter, stumpfer Glaube nur und sonst nichts.‘
BM|0|31|21|0|Von einer Überzeugung kann da nie die Rede sein, wo ein Mensch auf die Autorität des andern baut und sonst nichts als eben diese Autorität als höchstes Beweismittel annimmt und annehmen muss, weil er sich unmöglich von irgendwoher andere und lebendigere Beweise verschaffen kann als – wie gesagt – eben nur von Menschen, wo man dann wohl freilich sagen muss: ‚Vox populi, vox dei‘ (Volkes-Stimme, Gottes-Stimme), weil man vom eigentlichen Deus (Gott) außer auf rein menschlichem Weg noch nie etwas gehört und vernommen hat.
BM|0|31|22|0|Eine Offenbarung ist demnach auch nur ein Menschenwerk und kann nichts anderes sein, indem wir bei unseren Lebzeiten nie eine andere zu Gesicht bekommen haben als eine solche nur, an der Menschenhände und menschliche Phantasien nur zu sehr erkennbar sind.
BM|0|31|23|0|Also, siehe, du mein liebster Freund, prüfe ich nun wohl alles, bevor ich es annehme, und bin nicht unüberzeugbar. Aber deine Beweise sind mir wahrlich nicht genügend. Ein Mensch kann wohl für Gotteserkenntnis den größten Trieb haben, aber diesen kann kein Mensch, sondern nur Gott Selbst befriedigen. Ich meine aber: Bevor wir zu dieser Befriedigung gelangen werden, werden wir noch viel, ja ungeheuer viel in allen Seinen Schöpfungsräumen durchmachen müssen, bevor wir für eine wahre göttliche Offenbarung werden fähig sein!
BM|0|31|24|0|Alles aber, was uns bis jetzt begegnet ist, ist nichts als eine erste Elementarschule nur für den einstigen großen, heiligen Unterricht. – Kannst du mir aber auf diese meine klare Argumentation etwas Besseres, Reineres, Wahreres und somit Göttlicheres erwidern, so bin ich in aller Geduld bereit, dich mit dem aufmerksamsten Gemüt anzuhören.“
BM|0|32|1|1|Fortsetzung des Disputs über die Gottheit Jesu. Der Weise entpuppt sich als ein Bekannter des Bischofs und Freund Swedenborgs
BM|0|32|1|0|Spricht der Weise: „Freund, fürwahr, ich muss es offen gestehen, dass ich dir nicht gewachsen bin, obschon du mir mit all diesen deinen triftigsten Gegenbeweisen von der einzigen Gottheit Jesu, des Herrn, auch nicht ein Atom weggenommen hast. Im Gegenteil nur vielfach mehr bestärkt, weil ich daraus wirklich noch klarer ersah, dass Gott auch ein Mensch, aber freilich der allerhöchste und allervollkommenste Mensch ist und sein muss, ansonst wir unmöglich das wären, was wir sind, nämlich Menschen, und Gott auch nicht lieben könnten, so Er nicht ein Mensch aller Menschen wäre.
BM|0|32|2|0|Die Liebe aber ist unser höchstes Gut, unser Leben, unsere Seligkeit! Wozu wohl wäre sie, so wir Gott nicht lieben könnten, da Er kein Mensch wäre?
BM|0|32|3|0|Tue nun, was du willst – aber von mir erwarte ja keine höhere Weisheit; ich gab dir hiermit alles, was ich hatte.“
BM|0|32|4|0|Der Bischof Martin denkt über das vom Weisen der Gesellschaft Gesagte nach und spricht nach einer Weile, mehr zu sich als zum Weisen: „Du hast im Grunde recht; denn wenn der Pentateuch (die 5 Bücher des Moses) die Wahrheit spricht, da musste Gott freilich wohl ein Mensch sein, ansonst Er den Adam nicht nach Seinem Ebenmaß erschaffen hätte, so Er Selbst nicht die gleiche Gestalt hätte! Dieselbe Gestalt aber setzt freilich auch dieselbe Wesenheit voraus!
BM|0|32|5|0|Ein Uhrmacher braucht freilich wohl selbst keine Uhr zu sein, um eine Uhr zu machen; aber die Idee der Uhr muss er doch aus sich nehmen, ansonst er keine Uhr zuwege brächte!
BM|0|32|6|0|Aber da ist ja schon wieder ein Haken: So ein Mensch eine Idee fassen kann, die ihm nicht gleicht, also ein ganz anderes Bild ist, sollte das Gott nicht vermögen? O sicher, das wird Er gar wohl vermögen!
BM|0|32|7|0|Demnach könnte der Text aus dem Pentateuch etwa so zu verstehen sein: ‚Gott schuf den Menschen nach Seinem Ebenmaß‘ heißt: ‚Gott schuf den Menschen nach dem Maß Seiner Idee, d. h. Seiner Idee vollkommen entsprechend!‘
BM|0|32|8|0|Wenn der Text so zu verstehen ist – was sehr viel Wahrscheinliches in sich hat, da wäre dann freilich [noch] lange keine Folge, dass Gott den Menschen gerade nach Seiner Gestalt geschaffen hätte. Oder dass Gott überhaupt eine begrenzte Gestalt haben müsste, um einen Menschen gestalten zu können. Ist ja doch jede Idee als Begriff an sich selbst gestaltlos, so kann auch Gott an und für sich als die Totalgrundidee aller Ideen eben auch gestaltlos sein.
BM|0|32|9|0|Denn müsste man annehmen, dass Gott, um Menschen zu gestalten, auch notwendig eine Menschengestalt haben müsste, so müsste Er, um einen Bären oder einen Haifisch und so fort alle zahllosen Dinge zu gestalten, entweder Sich in alle diese Gestalten verwandeln können, oder Er müsste gewisserart geteilt in allen diesen Gestalten für ewig unveränderlich vorhanden sein, damit an Ihm alle Dinge und Wesen ein sie allzeit richtendes und nach Ihm formendes Muster hätten.
BM|0|32|10|0|Das anzunehmen wäre doch wohl die barste alte scholastische Faselei! Daher braucht Gott auch keine Gestalt, um Menschen als Menschen zu gestalten. Und am allerwenigsten braucht Er darum Selbst ein Mensch zu sein – welche Annahme auch dem Begriff der vollkommensten göttlichen Freiheit schnurgerade in die Quere springt. Denn wie ist eine vollste Freiheit unter dem Begriff einer gestaltlichen Einschränkung denkbar?
BM|0|32|11|0|Daher muss auch die vollste Freiheit gestaltlos sein, was auch mit dem Text des Pentateuch zusammengeht, wo Jehova dem Moses streng verbietet, Ihn sich irgend unter einem Bild vorzustellen.
BM|0|32|12|0|Ja, ja, du mein geliebtester Freund, nach der reinen Vernunft werde wohl ich recht haben, und du aber wirst nach Paulus ‚deines Glaubens leben‘! Ist freilich auch ein Leben, aber ein Leben ohne Einsicht und ohne Rechnung. Ich will es dir nicht nehmen und will aus dir auch keinen Proselyten machen. Aber zeigen muss ich dir doch, dass ein einstiger Bischof auf der Erde nicht um ein leichtes Geld umzuwenden ist gleich einem Hasenbalg, besonders von jenen schon gar nicht, die auf der Erde seine Schafe waren!“
BM|0|32|13|0|Spricht der Weise: „Ah – ja so, nun weiß ich freilich, von welcher Seite her der Wind weht, und wohin er zieht! Ja, so du derjenige Bischof bist, der erst vor einigen Wochen dies ewige Sein mit dem zeitlichen austauschte, dann ist es wohl begreiflich, warum dir die Gottheit Jesu nicht eingeht! Ex trunco non fit Mercurius! [Aus einem Baumstrunk wird kein Merkur!]
BM|0|32|14|0|Ich aber bin der Buchhändler in derselben Stadt, wo du Bischof warst. Ich weiß es nur zu gut, wie du beschaffen warst! Äußerlich ein Zelot ohnegleichen, bei dir selbst aber ein barster Atheist! Wer las fleißiger den Kant, den Hegel und vollends mit dem größten Enthusiasmus den Strauß? Voltaire, Rousseau und Helvetius lagen statt der Vulgata stets auf deinem Lesepult – lauter Geister, die du auf der Kanzel und in den Hirtenbriefen tausend Male zur Hölle sandtest, aber bei dir im Herzen sie bei weitem über Jesus erhobst!
BM|0|32|15|0|O siehe, das weiß ich am besten, weil ich dir alle diese Werke liefern musste und dein Vertrauter war. Aber ich folgte dir dennoch nicht, sondern ging meinen geheimen Weg fort, den ich in Swedenborg fand, von dem du aber nie etwas hören und wissen wolltest, weil er nicht für deine römische Fik-Mühle [Zwickmühle] taugte! No gut, dass ich nun das weiß! Wir werden darum schon noch einige Wörtlein miteinander zu wechseln bekommen!“
BM|0|32|16|0|Spricht der Bischof Martin ganz verblüfft: „Nun, nun, jetzt geht es gut! Zu allen Übeln auch noch das! Muss aber dich der – Gott steh uns bei, auch gerade hierher gebracht haben!
BM|0|32|17|0|(Bei sich:) Der Kerl von einem Buchhändler weiß nun auch noch eine Menge anderer Stückel von mir! No, das wird eine schöne Wäsche hier in der Geisterwelt absetzen!
BM|0|32|18|0|Wenn nur der Hausherr Jesus, der er es ganz sicher ist, nicht etwa hereinkäme! Das wäre ja eine ganz verzweifelte Geschichte! Denn ich habe von Ihm schon so einige Leviten bekommen, und Er hat mir schon so einige meiner irdischen Lumpereien aufgedeckt.
BM|0|32|19|0|Aber wenn dieser Glanzhütler anfängt, über mich loszuziehen und aufzudecken meine geheimen Hauptlumpereien, da wird es mir sicher nicht am besten ergehen. Vielleicht komme ich wieder so auf irgendein angenehmes Wasser oder auf sonst ein Uferl hin – sicher auf einige Millionen von kurzweiligen Jährlen!? Oh, oh, ohohohoh! Das wird wieder löblich sein!
BM|0|32|20|0|Was tue ich denn nun, um dieser Kalamität auszuweichen, wenn hier überhaupt eine Ausweichung möglich ist? Hm, hm, hm, aha, ja, da hab ich’s schon, ’s geht, so geht’s! Und geht es nicht, so gehe ich denn wieder an irgendein Meeresuferchen, die Ewigkeit auf selbigem fischen! In Gottes Nam’, ist mir nun schon alles eins! Nein, aber gerade mit diesem Kerl musste ich hier zusammenkommen! Aber die Sache lässt sich nicht mehr ändern; daher nur einen rechten Entschluss gefasst und ausgeführt! Was tue ich also nun?“
BM|0|32|21|0|Fällt ihm unaufgefordert der Buchhändler ins Wort und sagt: „Glaube, was ich wohl gegründet glaube, so wirst du aller deiner vermeintlichen Kalamität entgehen. Halte mich aber fürderhin für keinen Verratspitzel mehr, sondern für deinen Freund nur, dem du aus dem Feuer seines blinden Eifers halfst und hast ihn bekleidet, da er nackt war!
BM|0|32|22|0|Glaube es mir: Jesus, der Herr, wird bei uns ewig keine Spione und Verräter brauchen. Denn Ihm sind unsere innersten Gedanken schon eher bekannt, bevor wir sie noch in unserer Seele empfunden haben – daher wir uns füglich die Mühe, einander anzuschwärzen, vollends ersparen können.
BM|0|32|23|0|Schau, schau, Bruder, warum soll denn Jesus nicht der Herr Himmels und aller Welten sein können, warum nicht Gott der Ewige, der endlos Mächtige? Sollte denn Ihm gerade das Leichteste meines Erachtens – wenn für Gott überhaupt Schweres oder Leichteres denkbar ist – weniger möglich sein als etwas, das ich für viel schwerer erachten möchte?
BM|0|32|24|0|Sollte dem, von dem jedes durch Zeit und Raum begrenzte Wesen hervorging, wohl unmöglich sein, ohne Verlust Seiner göttlichen Allmacht, aus Liebe zu uns, Seinen Geschöpfen, Seinen Kindern, Sich Selbst in Zeit und Raum einzuschränken, da doch Zeit wie Raum aus Ihm hervorgehen?
BM|0|32|25|0|Oder sollte ein Maler oder Bildner, der tausend Gestalten in Farben oder in geformter Materie wiedergab, nicht auch sich selbst zu malen oder zu meißeln imstande sein? Wenn das aber schon einem Menschen möglich ist – wennschon in unvollkommener Weise – wie sollen wir uns von Gott da etwas Unmögliches denken können?
BM|0|32|26|0|Oder: Wäre Gott wohl das höchst freieste Wesen, so Er irgendetwas aus Sich Selbst nicht zu bewirken imstande wäre? Du beschränkst Ihn ja durch deine Hegelianischen Grundsätze vollends, und machst aus Ihm einen Unendlichkeitsarrestanten, der höchstens Zentralsonnen erschaffen kann mit Erden, Menschen, Tieren, und vollends mit den Infusorien [Kleinstlebewesen], die doch auch Leben haben und einen endlos kunstvoll konstruierten Organismus, durch den sich eben das Leben kundgibt, aber als ein endlos großes Allwesen unmöglich etwas zu tun haben könnte, und sich daher um uns Menschen auch nicht kümmern möchte und könnte eher, als bis wir etwa die Zentralsonnengröße möchten erreicht haben? Wie aber das?! darüber werden auch Hegel und Strauß geschwiegen haben!
BM|0|32|27|0|Ich, dein Freund, meine nun, du wirst zur Einsicht kommen und wirst keinen Anstand mehr finden, Jesus die Ehre zu gönnen und zu geben, die Ihm für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten gebührt, und nun umso mehr, da Er dir schon so große Gnaden von neuem erzeigt hat!“
BM|0|32|28|0|Spricht der Bischof Martin: „Bruder, Freund! Ich habe dich aus der Flamme gezogen. Du aber hast mir dafür nun eine andere Flamme mächtigsten Lichtes gegeben! Ich danke Ihm, ich danke dir! Aber nun lass mich sammeln, lass mich fassen; denn zu groß, zu unendlich ist der Gedanke, den ich jetzt denken muss! Daher gönne mir einige Ruhe! – Ich erwache, ich erwache!!“
BM|0|33|1|1|Martin erkennt in Jesus den Herrn. Die Furcht des Sünders. Belehrung durch den weisen Buchhändler
BM|0|33|1|0|Nach einiger Zeit begann der Bischof Martin wieder zu reden und sprach: „Ja, ja, liebster Bruder, ich kann nun denken, wie ich will, so halten deine jetzigen Grundsätze allenthalben Stich, und unser Hausherr und Meister ist und bleibt auch der Hausherr und der Meister der Unendlichkeit und aller Ewigkeit! Er ist unstreitbar der ‚Sohn‘ des allerhöchsten Wesens, das da sicher ist der schon gar oft bezeichnete ‚Vater‘! Aber wo ist nun der ‚Heilige Geist‘ als gewisserart die dritte göttliche Person?
BM|0|33|2|0|Spricht der weise Buchhändler: „Freund, da musst du ganz dem Evangelium folgen! Siehe, hier ist eine Bibel, und da sogleich das Neue Testament! Da lese den Johannes, den ich dir schon einmal angezogen habe! Sieh, dieser spricht: ‚Im Anfang war das Wort, das Wort war bei Gott, Gott war das Wort; dies Wort ist Fleisch geworden und hat (in Jesus Christus) unter uns gewohnt!‘ usf.
BM|0|33|3|0|Wieder heißt es in einer anderen Stelle: ‚In Jesus Christus wohnt die Fülle der Gottheit körperlich!‘ Und wieder: ‚Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater; denn Ich und der Vater sind Eins – der Vater ist in Mir, und Ich im Vater!‘ – und dergleichen Stellen noch eine schwere Menge.
BM|0|33|4|0|Siehe, so man derlei Stellen, wie überhaupt das ganze Alte und Neue Testament wohl überdenkt, so stellt sich immer mehr und mehr heraus, dass Jesus der alleinige Herr und Schöpfer Himmels und aller Erde ist.
BM|0|33|5|0|Als die Apostel Ihn angingen, dass Er ihnen doch auch einmal so à la Verklärung auf dem Berg Tabor den Vater zeigen soll, indem Er ihnen schon so viel von Ihm erzählt hatte, da verwunderte Sich Jesus förmlich über die Blindheit Seiner Schüler und spricht: Was sagt ihr (Blinden): ‚Zeige uns den Vater!‘, und doch bin Ich schon so eine geraume Zeit unter euch?! Wisst ihr denn noch nicht, dass, wer Mich sieht, auch den Vater sieht? Denn Ich und der Vater sind (sage) Eins und Dasselbe!‘ usw. – wie ich die Stellen schon oben gezeigt habe.
BM|0|33|6|0|Ich aber meine, du fragst hier gerade so, als wie dereinst die Apostel und Jünger ihren Herrn und Meister gefragt haben, als ihnen auch noch die dreifache Mosesdecke vor den Augen hing!“
BM|0|33|7|0|Spricht wieder Bischof Martin sagend: „Ja, ja, ja, du hast recht, ein vollstes Recht hast du – ich bin nun vollkommen im Klaren! Er ist es, Er ist es! Er ist der einige Herr, Gott, Schöpfer und Vater Himmels und aller zahllosen Myriaden von Engeln, Sonnen, Erden und Menschen. Dass Er aber gerade die Erde so ausgezeichnet hat, das wird wohl auch seinen allertriftigsten Grund haben, der mir mit der Zeit, wie wir sie hier haben, wohl auch noch hoffentlich klarer wird!
BM|0|33|8|0|Aber nun kommt ein anderer Artikel! Siehe, Bruder, je mehr ich aber nun diese unaussprechliche, allerheiligste Sache betrachte, je ungezweifelter dieser unser Hausherr Jesus als das allerhöchste Gottwesen heraustritt, desto mehr konzentriert sich die Furcht in meinem Herzen, und erschrecklichst wäre es nun vor Ihm erscheinen zu müssen!
BM|0|33|9|0|Denn dass ich als ein Sünder nun dastehe, der seinesgleichen sucht, das weißt du, und der allmächtige Gott daneben! Oh, das wird bald die allerrespektabelste ewige Verdammnis absetzen! Bisher konnte diese vielleicht darum nicht in der Fülle erfolgen, weil ich den so nahen allergerechtesten Richter nicht erkannt habe. Nun aber, da ich Ihn, den Erschrecklichen, unwiderlegbar erkannt habe, wird der höllische Tanz mit mir schon sicher bald angehen?! Eheheheheheh! Ehehe! Eheh!
BM|0|33|10|0|Denn schau, Bruder, wir haben Ihn nun wohl erkannt und müssen nun zu Ihm ‚Herr! Herr!‘ sagen! Er aber hat es Selbst auf der Erde gelehrt und gesagt: ‚Es werden nicht alle, die zu Mir Herr! Herr! sagen, in das Reich der Himmel eingehen, sondern jene nur, die des Vaters Willen tun!‘ Sage, Freund, haben wir je diesen Willen beachtet und danach getan? Vom Himmel kann daher für uns nie eine Rede mehr sein!
BM|0|33|11|0|Was gibt es aber außer dem Himmel? Siehe, nichts als die Hölle!!! Ohohohohohoh! Nichts als die nackte Hölle!!! Ohohohohohohoh!!! Ich sehe nun schon ordentlich die Flammen über meinem Kopf zusammenschlagen. Auch kommt’s mir schon vor, wenn die Teuferl, ohohoh, Gott steh uns bei! Ohohoh, Bruder, lieber Bruder, ich kann dies gar nicht sagen, was für eine unendliche Angst sich nun meiner bemächtigt hat!
BM|0|33|12|0|Was werden wir sagen, so Er nun als der allmächtige Gott und als der allergerechteste, allergestrengste, ja allerunerbittlichste Richter zu uns kommen wird, und wird uns so mir und dir nichts in die Hölle hinein zu verdammen anfangen und wird sagen: ‚Hin–weg – von Mir – ihr – Ver–fluch–ten! – In – das e–wige – Feuer, das allen Teu…, Gott steh uns bei, bereitet ist!!!
BM|0|33|13|0|Ohohohohoh! Erschrecklich, erschrecklich, erschrecklich!!! Ich hör’ schon ordentlich den Donner dieser erschrecklichsten Sentenzia [Beschluss]! Ohohoh! Das wird ein Leben sein, ein erschrecklichstes Leben, und eine Empfindung, wenn ich so – vielleicht ganz hinab zu allen Teufeln fahren werde – Gott steh uns bei, hätte ich beinah schon zu sagen vergessen vor lauter Angst, Furcht und Schrecken!! Ich begreife nur nicht, wie du dabei so gleichgültig sein kannst, wo ich vor Furcht vergehe und schon nahe ganz verschmachte!“
BM|0|33|14|0|Spricht der weise Buchhändler: „Fasse dich nur, Bruder, und sei versichert, der Herr ist besser, als Roms Päpste und Mönche Ihn darstellen! Solange wir Ihn aber so närrisch fürchten, wird Er wohl verziehen und wird erst kommen, so wir unsere Furcht werden in Liebe umgestaltet haben!
BM|0|33|15|0|Schau, schau, was wohl hättest du denn für ein Vergnügen, so du dich an einer Milbe, die dich beleidigt hätte, rächtest? Wäre eine solche Rache nicht der barste Unsinn eines verrücktesten Narren? Wie kannst du demnach so was der allerhöchsten göttlichen Weisheit unterbreiten?! Was sind wir gegen Gott? Sind wir wohl gegen Ihn, was eine Milbe gegen uns?!
BM|0|33|16|0|Siehe, wir sind ja ganz und gar nichts gegen Ihn, und Er soll an uns solche Rache nehmen?! Wohin, Freundchen, wohin? Fasse dich; ich bin der besten Hoffnung, dass da am Ende noch alles um ein Haar besser ablaufen wird, als wir es uns vorstellen! Stille! Mir scheint, Er kommt herein! Richtig, Er kommt!“
BM|0|34|1|1|Eine heilige Erlösungsszene: Martin an der Brust des Herrn
BM|0|34|1|0|Als Ich mit Petrus eintrete, da sinkt der Bischof Martin wie in eine Ohnmacht zusammen, und die ganze Gesellschaft mit Ausnahme des Buchhändlers ruft: „Wehe uns!“
BM|0|34|2|0|Nur der Buchhändler fällt auf die Knie bei klarer Besinnung nieder und spricht: „Herr, Vater – geheiligt werde Dein allerheiligster Name, Dein Wille geschehe! Siehe, wir sind alle große und grobe Sünder und sind wohl nicht der geringsten Deiner Gnade wert. Aber wir alle lieben Dich in aller Fülle unseres Gemütes! Daher, so es Dein Wille ist, lasse Deine Erbarmung statt Deiner Gerechtigkeit über uns walten! Was sollen wir ohne Deine Gnade, ohne Deine Liebe, ohne Deine Barmherzigkeit!
BM|0|34|3|0|Du bist ewig, Du bist endlos weise, und Deine Allmacht hat keine Grenzen! Nimmer könnten wir uns vor Dir entschuldigen! Oder könnte sich wohl irgendjemand in der ganzen Unendlichkeit auflehnen gegen Deine Macht? Denn ehe er noch diesen Gedanken fasste, könntest Du ihn schon vernichten so, als wäre nie ein Dasein in ihm vorhanden gewesen.
BM|0|34|4|0|Ich und wir alle erkennen und bekennen, dass Du der alleinige Herr Himmels und aller Welten bist. Wir alle aber sind nichts gegen Dich und Deine endlose Macht. Tue daher mit uns allen, was Dein heiliger Wille ist; aber sei eingedenk unserer Schwäche, und Deine Erbarmung bleibe uns nicht fern!“
BM|0|34|5|0|Rede Ich: „Steht auf, und jammert hier nicht wie Delinquenten auf der Welt! Denn so Ich zu euch komme, da seid ihr ja schon selig. Denn die unseligen Geister fliehen Mich und wollen ewig nicht, dass Ich zu ihnen käme und sie erlöste und selig machte. Daher ist eure Furcht vor Mir eitel und schwach das Licht eures Verstandes.
BM|0|34|6|0|Legt ab all das, was da nicht taugt in Meinem Haus, in Meinem Reich; denn da Ich bin, da ist auch Mein Reich, und dieses Reich ist der Himmel innerster und höchster! Dieser Himmel aber ist nicht ein Himmel des Müßiggangs und der ewigen Trägheit, sondern ein Himmel der vollsten Tätigkeit, in die ihr alle von nun [an] stets tiefer und tiefer werdet eingeführt werden, und jeder von euch in dem, wozu er schon auf der Erde talentierte Vorübungen machte. Also sei es!“
BM|0|34|7|0|Alle erheben sich in der freudigsten Stimmung und danken Mir laut für solche endlose Gnade und Erbarmung. Nur der Bischof Martin liegt noch in seiner Ohnmacht und hört und sieht vor lauter Angst nichts, was da vorgeht.
BM|0|34|8|0|Da geht Petrus auf Meinen Wink hin zu ihm, rüttelt ihn auf und spricht: „Aber Martin, was tust du denn hier? Wir haben schon die längste Zeit draußen auf dich gewartet und du kamst nicht wieder zum Vorschein; was machtest und plauschtest du denn hier so lange und ließest uns warten wie eine zimperliche Braut ihren Bräutigam, die sich gar zu eitel zum Hochzeitsfest schmückt! Weißt du denn nicht, dass wir wichtige und diesmal sehr dringende Geschäfte vorhaben?“
BM|0|34|9|0|Spricht endlich nach einer Pause wieder der Bischof Martin: „O, ja – gut – ja, ja! Ja richtig, du bist es! Ja sieh, ich ging diesmal wie auf große und überwichtige Entdeckungsreisen aus, und von großen Reisen kommt man nicht so bald zurück. Hab’ freilich wohl Allerhöchstes entdeckt, aber nicht zu meiner Freude, sondern nur zu meinem größten Schrecken nur!
BM|0|34|10|0|Ah, Freund, ich habe nun unwiderlegbar die Entdeckung gemacht, dass unser Hausherr und Meister Gott, der Herr der Unendlichkeit ist! Das ist nun klarer als auf der Erde die Mittagssonne am reinsten Tag. Nun aber denke dir mich als einen Sünder Nonplusultra – und Gott, den Allmächtigen, den Allerweisesten, der einen verdammen muss wegen Seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit daneben! – Ohohoh, Freund, das ist eine ganz entsetzliche Entdeckung!
BM|0|34|11|0|Mein Freund da mit dem Glanzhut hat mich zwar wohl trösten und beruhigen wollen. Aber solange man nicht von Dem die Beruhigung hat, der unsereinen plötzlich in die Hölle hinein auf ewig verstoßen kann, so lange nützt kein fremder Trost etwas!“
BM|0|34|12|0|Spricht Petrus: „Steh nur auf, und sei nicht so dumm! Siehe, der Herr Jesus, den du so unbändig fürchtest, harrt mit offenen Armen deiner! Sieht Er wohl so aus, als säße Ihm schon dein Verdammungsurteil auf der Zunge?“
BM|0|34|13|0|Bischof Martin wirft einen flüchtigen Blick nach Mir und ersieht Meine große Freundlichkeit. Dies macht ihm Mut, dass er sich sogleich vom Boden etwas mehr erhebt und mit Tränen in den Augen spricht: „Nein, nein, aus dieser endlosen Milde sieht ewig kein Verdammungsurteil heraus! O Herr, o Vater, wie gut musst Du sein, dass Du einen Sünder, wie ich es bin, so endlos mild und gnädig ansehen kannst!
BM|0|34|14|0|O Jesus, jetzt aber halte ich es auch nimmer aus! Mein Herz brennt wie eine Zentralsonne von plötzlich erwachter Liebe zu Dir – Sünde hin, Sünde her: ich muss wenigstens Deine Füße umklammern und an ihnen meiner zu großen Liebe Luft machen! Herr, tue mit mir, was Du willst; aber nur diesmal lass meiner Liebe ihren Lauf!“
BM|0|34|15|0|Rede Ich: „Komm her; du Mein hartnäckiger Bruder; deine Sünden sind dir vergeben! Und nicht da zu Meinen Füßen, sondern hier an Meiner Brust mache deiner Liebe Luft!“
BM|0|34|16|0|Auf diese Anrede stürzt der Martin hin zum Herrn und verdrückt und vergräbt sich völlig in Den, den er so lange nicht erkennen wollte.
BM|0|34|17|0|Als er sich so recht an Meiner Brust vor Liebe ausgeweint hatte, da frage Ich ihn: „Nun, Mein liebster Bruder und Mein Sohn, sage Mir: Wie gefällt dir diese Höllenfahrt? Bin Ich wohl der ewige Tyrann, wie ihr Mich ausgeschrien habt?“
BM|0|34|18|0|Spricht der Bischof Martin: „O Herr, ich bin jetzt stumm und zu endlos wortarm, um Dir vor allen diesen lieben Brüdern zu bekennen, wie sehr klar ich nun alle meine Fehler und größten Irrtümer einsehe. Aber lass mich in dieser neuen Größe aller Größen des endlosesten Glückes erst so ein wenig zurechtfinden, dann erst will ich Dir, o Du mein süßester, gütigster, barmherzigster Herr Jesus, ein rechtes Bekenntnis ablegen!
BM|0|34|19|0|O Herr, o Jesus, o Du Heiligster aller Heiligkeit, Du Liebe aller Liebe, Du endlose Geduld aller Geduld, ich kann jetzt nichts anderes als Dich lieben, lieben, lieben, Dich über alles lieben!“
BM|0|34|20|0|Rede Ich: „Nun gut, gut; dieser deiner Liebe wegen, die Ich in dir sah, hatte Ich aber auch diese große Geduld mit dir und habe Selbst Hand an dich gelegt! Nun bist du seligst, da du nun fortan da sein wirst, wo Ich Selbst bin. Aber in der Müßigkeit suche du ja nicht den Grund der Seligkeit, sondern in der größten Tätigkeit, die sich hier in größter Fülle ewig vorfinden wird.
BM|0|34|21|0|Nun aber gehen wir zu den dreißig im andern Gemach, die du gebracht hast; da geh du zuerst hinein, und versuche sie zu Mir zu bringen! Ist dir diese erste Arbeit deines seligen Amtes gelungen, dann werden wir sie auch gleich ihrer ewigen Bestimmung zuführen! Also gehen wir dahin, und du allein zu ihnen ins Gemach. Es sei!“
BM|0|35|1|1|Martins erster Missionsgang und seine Erfahrungen. Eine scheinbare Menagerie. „Ohne Mich vermöget ihr nichts!“ (Joh. 15,5)
BM|0|35|1|0|Bischof Martin begibt sich sogleich freudigst dahin in Meiner, des Petrus und des weisen Buchhändlers Gesellschaft, welch letzterer mit einer unendlichen Ehrfurcht hinter uns einhergeht. Zur Tür des Gemaches kommend, verlässt uns Bischof Martin und begibt sich nach Meinem Geheiß sogleich zu den dreißig im obbezeichneten Gemach.
BM|0|35|2|0|Nun aber ist zu merken, dass sich unser Bischof Martin nicht mehr in seinem eigenen, sondern in Meinem reinsten Himmelslicht befindet, das er aber freilich aus weisen Gründen noch nicht so ganz in der Fülle seines wahrnehmenden Bewusstseins empfindet. In diesem Licht aber erscheinen alle Dinge anders als im eigenen Naturlicht, also auch die Seelen, d. h. die abgeschiedenen Menschen.
BM|0|35|3|0|NB. ‚Abgeschieden‘ darf hier nicht mit ‚Sterben‘ verwechselt werden, was natürlich ein Unsinn wäre. ‚Abgeschieden‘ bezeichnet hier den aus sich selbst durch allerlei Sünden (Seelengebrechen) gerichteten Zustand nach der Ablegung des Fleisches.
BM|0|35|4|0|Dieser nun vorbezeichneten Ordnung zufolge fand denn auch unser Bischof Martin, als er ins Gemach trat, statt Menschen meistens Tiergestalten; aber freilich wohl keine bösartigen, sondern mehr furchtsame und dumme. Nur wenige darunter hatten ein kretinartiges schwolles, und mit allerlei Auswüchsen behaftetes Aussehen. Die meisten andern sahen aus wie gehetzte Hasen, verhungerte Esel und Ochsen, auch ein paar sehr verkümmerte, räudige Schafe waren darunter.
BM|0|35|5|0|Als nun unser Bischof Martin anstatt der vermeintlichen dreißig von ihm hierhergebrachten Protestanten diese für ihn höchst sonderbare Gesellschaft im Gemach traf, die sich vor ihm schnell in die Winkel verkroch, eins übers andere kauernd, da blieb er eine Weile wie versteinert stehen und sprach endlich nach einem möglichst tiefen Atemholen zu sich: „Ja, was ist denn das schon wieder für ein echter Höllenspuk im ersten Himmelreich, sage, im Haus des Herrn? Nicht übel! Vielleicht gibt es hier auch Ratten und Mäuse und noch eine Menge kleineres Ungeziefer?!
BM|0|35|6|0|Nicht übel, nicht übel! Das ginge auch so hübsch mit der Schrift zusammen, wo es steht: ‚Nichts Unreines kann in das Reich Gottes eingehen!‘ Und [nun] das Paar räudige Schafe, da fünf Stück Kretins, voll der abscheulichsten grindartigen Auswüchse, auch magere, schmutzige Ochsen, dergleichen Esel und mehrere ganz schäbig aussehende Hasen – wahrlich, eine ganz rare Gesellschaft für den ersten oder obersten Himmel! In solcher Gesellschaft die himmlischen Freuden genießen? Das wird sich machen!
BM|0|35|7|0|Nein, heißt aber das doch einen armen Kerl, wie ich einer zu sein das Vergnügen habe, gehörig als ersten Aprilsboten gebrauchen – vorausgesetzt, dass man hier im Himmel auch etwas von einem Monat April weiß!
BM|0|35|8|0|Ah, ah, das ist denn doch ein wenig zu toll! Was soll ich denn nun mit dieser ganz gutmütigen Menagerie anfangen? Wo sind denn meine dreißig hierher gebrachten Protestanten hin? Sind sie etwa hier in diese Tiere so herzallerliebst einmetamorphosiert [verwandelt] worden – was wirklich sehr spaßig wäre; man muss nur annehmen, dass hier das Zentrum des obersten, höchsten Himmels ist.
BM|0|35|9|0|Der Herr ist einmal der Herr; davon bin ich nun aus dem innersten Grund meines Herzens überzeugt. Das sagt mir ja meine Liebe zu Ihm, denn aufrichtig gesagt, ich möchte Ihn – wie man auf der Welt sagt – geradezu fressen vor Liebe! Aber was Er nun wieder mit diesem mir neu angebundenen Schabernack will, das wird auch Er sicher am besten wissen! Will Er etwa die Tiere gar in die Mast tun? Fürwahr, da wird sich wenig Speck zügeln lassen!
BM|0|35|10|0|Was plausche ich aber auch wie etwa ein Esel Nr. 31 dieser Gesellschaft. Halb rechts, umkehr’ dich, und gehe dahin zurück, von wannen du gekommen bist! Lebt wohl, ihr Guten all, es wird mich sehr freuen, euch bald wiederzusehen!“
BM|0|35|11|0|Nach dieser lakonischen Anrede öffnet Bischof Martin wieder die Tür und kommt zu uns mit ganz lakonisch-verblüfftem Gesicht. Ich aber frage ihn sogleich, wo denn die dreißig seien.
BM|0|35|12|0|Und er (Martin) erwidert: „O Herr, das weißt Du sicher besser als ich! Die dadrinnen werden es sicher nicht sein. Und wären sie es, so wäre das im Ernst eine Metamorphose, die in diesen ersten und höchsten Himmel ebenso wenig taugte als die Faust aufs Auge.
BM|0|35|13|0|Ohne die Viehsprache zu kennen, falls das Vieh auch irgendeine geheime Sprache hat, wird sich meines Erachtens mit der Einwohnerschaft dieses Gemaches nicht gar zu viel machen lassen. Du verstehst freilich auch die Steine und kannst mit den Elementen reden und durch Deine Allmacht ihnen gebieten; aber woher soll unsereiner so was nehmen?
BM|0|35|14|0|Daher, so Du, o Herr, doch sicher gewusst hast, was dies Gemach enthält, war das doch ohne weiteres eine Ansetzerei meiner Blödheit von Deiner Seite?“
BM|0|35|15|0|Rede Ich: „O Freund, nicht im Geringsten, sondern du selbst hast dich angesetzt. Weißt du denn nicht, dass ein jeder neue Diener seines Herrn sich früher in allem muss genau unterweisen lassen, bevor er irgendein ihm zukommendes Geschäft antritt?
BM|0|35|16|0|Siehe, es ist nicht genug, so Ich zu dir sage: ‚Gehe dahin!‘, und du gehst, und so Ich wieder sage: ‚Komme her!‘, und du kommst – sondern da kommt es hauptsächlich aufs Warum und aufs Wie und aufs Wodurch an.
BM|0|35|17|0|Steht es nicht geschrieben: ‚Ohne Mich vermögt ihr nichts!‘? Daher hättest du auch sogleich, als Ich dich in dies Gemach beschied, vor Mir bekennen sollen: ‚Herr, ohne Dich vermag ich auch nicht das Geringste!‘, so hätte Ich dann schon diese Sache anders gewendet. Du aber gingst sogleich in einer Art von Selbstvertrauen da hinein. Darum musstest du denn auch bei dir selbst erfahren, wie viel jedermann ohne Mich vermag.
BM|0|35|18|0|Auf der Welt wohl gibt es leider so viel selbständige Tatenverrichter, als es Menschen gibt, und so viel verschiedenartige Sinne und Erkenntnisse als Köpfe. Aber hier ist es anders, da gibt es nur eine Selbständigkeit, nämlich in Mir – und einen Sinn und eine Erkenntnis, nämlich auch in Mir und durch Mich! Wo das nicht ist, da ist nichts als Selbsttrug und Selbsttäuschung.
BM|0|35|19|0|Dies also zu deiner künftigen Belehrung und Richtschnur! Nun aber gehen wir alle in dies Gemach und wollen da sehen, was sich mit dieser deiner vermeintlichen himmlischen Menagerie alles wird machen lassen, und ob diese Tiere Meine Sprache verstehen werden. Es sei!“
BM|0|36|1|1|Martins zweiter Besuch in der Menagerie unter Leitung des himmlischen Meisters. Seine Bekehrungsrede. Die Rettung der Verirrten
BM|0|36|1|0|Wir treten nun schnell wieder in dasselbe Gemach und finden die Gesellschaft der dreißig noch in den Winkeln zusammenkauernd, und zwar in gleicher tierischer Gestaltung.
BM|0|36|2|0|Petrus ruft sie folgendermaßen an, sagend: „Calvins Bekenner, kehrt euch um; denn der Herr harrt euer! Nicht Luther, nicht Calvin, nicht die Bibel, auch nicht Petrus und Paulus oder Johannes, sondern allein Jesus, den Gekreuzigten, bekennt! Denn Er allein ist der Herr Himmels und aller Erde; außer Ihm gibt es keinen Herrn, keinen Gott und kein Leben mehr!
BM|0|36|3|0|Dieser Herr Jesus, der da ist der allein wahre Christ ewig, ist hier und will euch annehmen – so ihr wollt –, auf dass ihr alle selig würdet in Seinem allerheiligsten Namen!“
BM|0|36|4|0|Spricht einer aus der Gesellschaft, der das Aussehen eines Esels hat: „Wer bist du, der du wagst, mit der alten Jesusmäre mir in diesem aufgeklärten Zeitalter zu kommen? Siehst du meine Schätze denn nicht, mit denen ich für die ganze Ewigkeit auszukommen hoffe, und bin mit meinem Zustand vollkommen zufrieden? Was sollte ich dabei denn noch mit dem mythischen Jesus tun, der nie war, nicht ist und nie sein wird! Wann wird man denn einmal anfangen, die alten mythischen Weisen auszumerzen und an ihre Stelle die wirklichen weisen Männer der Gegenwart zu setzen!
BM|0|36|5|0|Muss denn Homer immer der größte Dichter sein, Orpheus ein förmlicher Gott der Töne, Apelles der erste Maler, Apollodorus der erste Bildner, der Dschingis-Chan der größte Held und Eroberer, Sokrates, Plato und Aristoteles die größten Philosophen, die Pharaonen Ramses und Sesostris und Möris die größten Baukönige, Ptolomäus der erste Astronom, Moses der größte und weiseste Gesetzgeber, David und Salomon die weisesten Könige und endlich Jesus der größte und weiseste Moralist?
BM|0|36|6|0|Haben wir Deutsche nicht Männer genug, gegen die sich alle diese Alten rein verkriechen müssten? Und dennoch baut man diesen Alten Opferaltäre, während man nicht selten die Weisen der Gegenwart verhungern lässt! Wann, wann wird denn dieser Unsinn einmal ein Ende nehmen?“
BM|0|36|7|0|Redet Petrus: „Ich bin, der ich bin – manchmal Simon Jona, manchmal wieder bloß nur Petrus! Was deine aufgeklärten Zeiten betrifft, so sind sie wahrlich eben nicht gar zu weit her, und die alte Jesusmäre ist offenbar mehr wert als die Schätze deiner Eselshaut, und die alten Weisen sind darum auch mehr wert als die jungen Laffen, weil sie wussten, was sie taten, und darum Lehrer der Völker aller Zeiten wurden, während alle sich hochweise dünkenden Gelehrten dieser Zeit nicht wissen, was sie tun, sich selbst nicht kennen, daher noch weniger jemand andern und schon am allerwenigsten die rein göttliche Natur und Wesenheit des Herrn Jesu Christi. Aus welchem Grund sie sich dann hier im Angesicht des Herrn aber auch ausnehmen wie ihr, nämlich in der Gestalt der Esel, Ochsen, gehetzter Hasen (die auf der Welt, so sie ob ihrer manchmal zu sonderbaren Weisheit vor Gericht verlangt wurden, aus lauter Mut für ihre gut sein sollende Sache lieber das sogenannte Fersengeld nahmen, als sich vor demselben mutigst zu verteidigen, und erst dann ein Gegengebell ertönen ließen, so sie ihren Balg in irgendeinem Schlupfwinkel sicher wussten), auch in der Gestalt von räudigen Schafen!
BM|0|36|8|0|Kehrt euch nur um und betrachtet euch, und ihr werdet die Wahrheit meiner Worte an euch erschauen! Warum hattet ihr denn ehedem eine so große Furcht vor Jesus und batet, dass Er nicht zu euch käme, und betrachtet Ihn nun, da Er wirklich zu euch kam, als ein bloß mythisches Wesen?“
BM|0|36|9|0|Der Eselhafte aus der Gesellschaft ist nun stumm und redet nichts; aber der Bischof Martin macht eine Bemerkung, sagend: „O Herr, wahrlich wahr, Deine Geduld ist groß und endlos Deine Liebe! Aber so ich diesem Esel von einem wirklichen Esel so einige wohlgenährte Prügel über seinen Balg so recht schnellkräftig ziehen könnte, tät’s mir völlig wohl! Nein, ist aber das ein wirklicher Esel! Da ist wirklich gar nichts zu reden! Die Katholiken sind wohl auch dumm; aber so ein dummer Kerl ist mir noch nicht vorgekommen wie dieser calvinische Esel!“
BM|0|36|10|0|Rede Ich: „Mein lieber Freund und Bruder Martin, weißt du nicht, was Ich einst eben zu diesem unserem Bruder Petrus sagte, als er einem Knecht des Hohenpriesters, namens Malchus, mit einem Schwert ein Ohr abhieb? Siehe, dasselbe gilt auch hier; was die Liebe, gepaart mit aller Sanftmut und Geduld, nicht vermag, da vermag auch kein Schwert und gar keine sonstige Macht etwas!
BM|0|36|11|0|Die Allmacht kann wohl alles richten und töten und vernichten durchs Gericht. Aber helfen, aufrichten, das Leben erhalten, das Verlorene wiedergeben, den gefangensten Geist wieder frei machen, siehe, das kann allein nur die Liebe, gepaart mit aller Sanftmut und Geduld. Wo diese mangelt, da ist nichts als Tod und Verderben!
BM|0|36|12|0|Wir aber wollen, dass da niemand zugrunde gehen soll, sondern dass alle, die an Mich glauben, das ewige Leben haben sollen! Daher ist es an uns, für alle nur jene Mittel zu gebrauchen, durch die es allein möglich ist, jedermann in seiner Art zu helfen!
BM|0|36|13|0|Versuche dich an diesen unbändig gelehrten Calvinern, und siehe, was du als ein einstiger Bischof mit ihnen richten wirst!“
BM|0|36|14|0|Spricht der Bischof Martin: „O Du liebster Herr, Du mein allerliebster Gott und Vater Jesus, es wäre schon alles recht. Aber so der würdigste Petrus mit ihnen, wie es scheint, ohne Wunder nicht viel richten mag, da weiß ich wirklich nicht, wie weit dann ich mit ihnen kommen werde.
BM|0|36|15|0|Ich meine nun aber, da Du, o Herr, da bist in Deiner vollsten göttlichen Wesenheit persönlich, dem alle Mittel ewig zu Gebote stehen, so wäre es wohl höchst unverzeihlich von mir, wenn ich als ein reinstes Nichts vor Dir da wirken wollte, wo Du alles in allem bist und ein leisester Gedanke aus Dir schon mehr vermag, als so ich eine Ewigkeit fort so weise als möglich reden möchte! Daher bitte ich Dich, nimm diesen Antrag, den Du mir machtest, wieder gnädigst zurück!“
BM|0|36|16|0|Rede Ich: „Nicht so, Mein lieber Bruder Martin! Siehe, auch du gehörst nun zu Meinen Mitteln! Würde Ich nun gleich persönlich in diese halb tote Gesellschaft einwirken, da würden sie gerichtet, da sie nun schon wissen, dass Ich hier bin, und einige von ihnen auch einen halben Glauben haben, dass Ich doch der wahre Herr sein könnte.
BM|0|36|17|0|Daher übertrage Ich dir dieses Geschäft, zu dem dir der Bruder Petrus nun schon den Weg gebahnt hat. Er selbst ist nun auch noch zu stark für diese Schwachen. Daher muss ihnen nun zuerst einer unter die Arme greifen, der nicht zu stark ist, auf dass er diese Ohnmächtigen nicht erdrücke. Denn Mücken können und müssen zuerst wieder nur von Mücken gesäugt werden, auf dass sie nicht verderben, und die Kindlein können vorerst nicht der Männer Kost verdauen, sondern nur eine leichte und zarte Milch. Daher gehe nur hin und erfülle Meinen Auftrag an diesen dreißig Ohnmächtigen. Es sei!“
BM|0|36|18|0|Ich, der Petrus, und der nun überaus demütige Buchhändler gehen nun wieder aus dem Gemach und lassen unsern Martin allein bei den dreißig.
BM|0|36|19|0|Dieser aber betrachtet diese Herde eine Zeitlang und richtet sich dann mit folgenden Worten nach seinem eigenen und dieser Herde Zustand eben an diese Herde, sagend nämlich: „Ihr armen, ohnmächtigen Brüder, die ihr da im reinsten Licht des allmächtigen, ewigen Gottes als förmliche dumme Tiere erscheint, hört mich geduldig an und vernehmt den Sinn meiner Rede!
BM|0|36|20|0|Ich war auf der Welt ein römischer Bischof und war ein wütender Gegner alles Protestantentums, obschon ich auf Rom bei mir noch weniger hielt als auf Mohammeds Lehre. Und wie ich war auf der Welt, so kam ich auch hierher als ein gegen alles Gute und Heilig-Wahre renitentes Vieh. An mir war aber auch nicht ein gutes Haar und mein Herz war ein wahrster Augias-Stall. Ich sage euch, von irgendetwas, das man nur mit dem kleinsten Scheingrund als irgendein christliches Verdienst hätte bezeichnen können, war bei mir gar keine Rede.
BM|0|36|21|0|Nur das Einzige, das aber an und für sich gar nichts ist, war zur Zeit bei mir, dass ich mir in einer Art luftigen Phantasie Jesus den Herrn so vorstellte, wie Er beschrieben war, und dachte dabei: Ja, wenn ich Ihn so haben könnte und mit Ihm gemeinschaftlich wirken unter dem überzeugenden Bewusstsein, dass Er möglicherweise wirklich das allerhöchste Gottwesen wäre, da wäre ich freilich das glücklichste Wesen in der ganzen Unendlichkeit. Denn fürs Erste wäre das doch die höchste Ehre aller Ehre, fürs Zweite die sicherste Versorgung und Lebensassekuranz für die ganze Ewigkeit, fürs Dritte der höchste und mächtigste Schutz, und endlich fürs Vierte könnte ich in solcher Gesellschaft doch Wunderdinge zu Gesicht bekommen, die bisher noch kein menschlicher Gedanke gedacht hat!
BM|0|36|22|0|Und seht, dieser Gedanke, diese Phantasie, ja diese meine in der Welt allerluftigst aussehenden Luftschlösser waren hier meine einzigen Retter vom ewigen Verderben. Sie waren eine verborgene Liebe zu Gott in mir, die ich selbst nicht kannte. Und seht, liebe Brüder, wie schwer es mit mir auch ging, so aber bin ich nun eben durch diese Liebe so weit gekommen, dass eben diese meine irdischen Phantasien sich in mir – für euch freilich noch schwer glaublich – zur für mich evidentesten Wirklichkeit gestaltet haben. Ich bin nun wirklich bei Jesus, dem alleinigen Herrn der Geister- und Körperwelt, und bin nun auf diese Art und Weise seligst für die ganze Ewigkeit versorgt!
BM|0|36|23|0|Brüder, Freunde, so ihr nicht eure eigenen größten Feinde sein wollt, da folgt meinem Beispiel, und ich will euch alles sein, so ihr es ewig je bereuen solltet! Glaubt es mir, der Herr ist hier in diesem herrlichsten Haus und ist endlos gut, besser als die besten Engel und Menschen aller Welten und aller Himmel zusammengenommen! Daher kehrt euch um und fasst Vertrauen, und es wird um euch augenblicklich anders aussehen als es jetzt aussieht! Zieht diese meine Erfahrungslehre eurer falschen Mutmaßung vor und werdet lebendige Werkzeuge des Herrn!“
BM|0|36|24|0|Auf diese wirklich salbungsvolle Rede unseres Martin kehrten sich nun alle dreißig zu ihm und erwiderten ihm fast einstimmig: „Freund, diese deine Rede gefällt uns besser als deine früheren Worte, die du auch an uns gerichtet hast; obschon wir gerade nicht umhin können, dir nebstbei anzuzeigen, dass uns deine Tieransichten an unserer Persönlichkeit eben nicht am besten gefallen! Man kann wohl einen renitent dummen Kerl einen Esel und Ochsen schelten; aber ihm gewisserart begreiflich machen wollen, dass er zugleich ein wirklich gestaltlicher Ochse und Esel ist – sieh, Bruder, das ist denn doch etwas zu stark!
BM|0|36|25|0|Aber sei ihm nun, wie ihm wolle! Du hast durch diese deine Rede bewiesen, dass du fürs Erste ein gescheiter und guter Kerl bist, und wirst auch mit deinem Jesus so ziemlich rechthaben. Nur das Einzige ist etwas sonderbar, dass man hier keine Engel sieht. Auch mit der himmlischen Schönheit dieser Gegend scheint es uns einen sehr bedeutenden Faden zu haben, sowie mit den himmlischen Kleidern. Denn du bist immer noch ein irdischer Bauer, ohne Rock auch noch dazu. Ebenso hat auch dein Herr Jesus einen nichts weniger als irgend himmlischen Rock an, und der Petrus ist eher schundig als himmlisch zu nennen. Nur der mir wohlbekannte Buchhändler aus N. N. hat einen etwas bessern Rock, der aber für den Himmel sicher auch nicht den rechten Schnitt hat!
BM|0|36|26|0|Siehe Freund, da hat es einen sehr bedeutenden Faden! Kannst du diese Scharten auswetzen, da wollen wir dir alles aufs Wort glauben, was du uns nur immer sagen magst und wollen dir auch auf den leisesten Wink folgen!“
BM|0|36|27|0|Hier stutzt unser Martin ein wenig, denn an diese Dinge hat er selbst noch nicht gedacht im Laufe seines geistigen Fortschritts. Aber er ermannt sich bald sichtlich und spricht weiter zu dieser nun schon halb bekehrten Herde, sagend: „Freunde, glaubt es mir, da kommt es hauptsächlich darauf an, wie es jemand haben will! Ich wollte es bis jetzt so und darum ist es auch so; werde ich es aber anders wollen, so wird es auch gleich anders aussehen!
BM|0|36|28|0|Engel habe ich freilich wohl noch nicht gesehen. Aber was liegt da an allen Engeln und an aller himmlischen Pracht, wenn man nur den Herrn aller Engel und aller himmlischen Herrlichkeiten hat! Der kann das alles, was hier noch abgeht, in einem Augenblick – wie man zu sagen pflegt – herzaubern. Überhaupt habe ich wirklich noch kein Bedürfnis nach all dem in mir verspürt, nicht einmal nach einem bessern Rock; denn mir ist nun der Herr alles in allem, ja alles über alles!
BM|0|36|29|0|Werdet ihr auf meiner Stufe stehen, so werdet auch ihr so denken und fühlen wie ich nun denke und fühle. Die Ewigkeit ist noch so hübsch lang, und da wird an der Seite des Herrn, an der Seite des ewigen Meisters der Unendlichkeit, sich noch so manches erschauen und erfahren lassen. Dessen bin ich schon im Voraus in aller Fülle überzeugt!
BM|0|36|30|0|Ich aber sage hier auch, wie ich’s in mir lebendig fühle: Herr, so ich nur Dich habe, da frage ich nicht nach allen anderen Herrlichkeiten ohne Maß und Namen. Denn das Herrlichste aller Herrlichkeit ist und bleibt ewig dennoch allein nur der Herr, ja unser Herr Jesus! Ihm allein sei alle Ehre, alles Lob und alle meine Liebe ewig! Amen!“
BM|0|36|31|0|Auf diese Rede erhebt sich die ganze Herde wie aus einer Staubwolke in schon voller Menschengestalt und spricht ebenfalls laut: „Amen! Bruder, du hast recht, wir glauben dir nun allesamt, denn du hast nun wirklich mehr als weise geredet und dadurch in unseren Herzen ein Licht angezündet, das sicher ewig nimmer erlöschen wird! Dank sei darum dem Herrn Jesus, deinem und nun auch für ewig unserem Gott!“
BM|0|36|32|0|In diesem Augenblick trete Ich mit Meinen beiden Begleitern wieder ins Gemach und alle stürzen Mir zu Füßen und schreien: „O Herr Jesus, Du heiligster Vater, Du dreieiniger Gott, sei uns armen Sündern gnädig und barmherzig! Dir allein sei alle Ehre ewig!“
BM|0|36|33|0|Ich aber sage: „Steht auf, Meine Kindlein! Seht, nicht mit dem Gericht, sondern mit der größten Liebe kommt euch euer Vater entgegen! Und da ihr Ihn aufgenommen habt in eure Herzen, so nimmt Er euch tausendfach auf in Sein ewiges Vaterherz! Kommt daher nun alle zu Mir, die ihr schwer beladen und mühselig wart, Ich will euch für ewig vollauf erquicken!“
BM|0|36|34|0|Hier erheben sich alle und fallen Mir, wo nur einer kann, an die Brust, und weinen zum ersten Mal Tränen der endlosesten Freude und folgen Mir, nachdem sie sich an Meiner Brust ausgeweint haben, freudigst in den großen Speisesaal, wohin auch die frühere Gesellschaft durch Petrus beschieden ward.
BM|0|37|1|1|Das himmlische Mahl. Segnung der Neuerlösten und ihr himmlisches Heim
BM|0|37|1|0|Wir kommen nun in einen am meisten gegen Morgen gelegenen Saal, der überaus groß und mit wahrer himmlischer Pracht ausgeschmückt ist.
BM|0|37|2|0|In der Mitte dieses Saales steht ein großer runder Tisch aus reinstem durchsichtigem Gold, der auf zwölf verschiedenartigen edelsteinernen Füßen ruht. Um den Tisch sind ebenso viele Stühle aus reinstem Gold gestellt, als es nun Gäste in diesem Saale gibt. Der Boden dieses Saales ist so blendend weiß wie frischgefallener Schnee; und des Saales Decke ist hellblau, auf welcher Decke die schönsten Sterne glänzen. Der Fenster Zahl dieses Saales ist 24, und diese Fenster sind 12 Fuß hoch und 7 Fuß breit. Durch sie dringt ein herrliches Licht in den Saal, und durch jedes Fenster zeigen sich Gegenden von nie geahnter Pracht und Anmut, und auf dem Tisch liegen sieben Brote nebst einem großen Prachtbecher voll des köstlichsten Weines.
BM|0|37|3|0|Alle hier Eintretenden sind nun ganz weg ob der zu großen Herrlichkeit, die ihnen hier auf einmal ganz unerwartet entgegenkommt. Die Gesellschaft, die den Buchhändler zu ihrem Vormann hat, ist samt ihm vor lauter endloser Hochachtung bis zum Boden gebeugt. Die dreißig, die erst kurz vorher nach der ihnen abgängigen Himmelspracht fragten, reißen nun Mund und Augen auf und finden keine Worte, mit denen sie diese Pracht genügend bezeichnen könnten.
BM|0|37|4|0|Nur unser Martin bleibt sich gleich und spricht, auf Mich hindeutend: „Liebe Brüder, was staunt ihr gar gewaltig über dieses Saales enormste Pracht! Seht, mir ist sie ganz gleichgültig; denn ich denke mir, wenn unser Herr und Vater nicht mit uns in diesem Saal wäre, so gäbe ich für den ganzen Saal nicht eine faule Pomeranze! Nur Er ist mir alles; alles andere aber ist mir nun ohne Seiner nichts!
BM|0|37|5|0|So Er mit mir in der gemeinsten Strohhütte Sich befände, da wäre ich dort endlos seliger, denn allein in diesem herrlichsten Saal. Daher besticht mich dieses Saales Pracht auch gar nicht, sondern allein Er, Er, unser aller Vater, Herr und Gott! Ihm allein gebührt alle unsre höchste Achtung, Liebe, Bewunderung, Verehrung und Anbetung! Denn all diese übergroße Herrlichkeit ist ja Sein Werk, ein Hauch Seines Mundes! Tue zwar ein jeder von euch, was er will – ich denke und tue einmal so!“
BM|0|37|6|0|Rede Ich: „Martin, du machst deine Sache gut und bist nun ein wahrer Paulus, aber sehe zu, dass du selbst nicht noch einmal irgendwo einmal schwach wirst und sagen: ‚Aber wenn der Herr nur nicht gar so in einem fort bei mir wäre!‘ Ich werde dich aber darum dennoch nicht verlassen! Nun aber setzt euch alle zu Tisch und esst und trinkt! Dann harren schon gar mächtige Arbeiten unserer Hände. Es sei!“
BM|0|37|7|0|Sie tun nun alle nach Meiner Beheißung, und Ich breche das Brot und teile es unter sie, und es essen alle mit großer Liebe und dankbarster Regung ihrer Herzen dies wahre Brot des ewigen Lebens und trinken darauf auch alle den Lebenswein der Erkenntnis aus einem und demselben Becher und sind dabei munter und sehr wohl auf; denn nach dem Genuss des Weines bemächtigt sich aller ein so erhaben himmlisch-tiefweiser Sinn, dass alle darob vor Freude sich kaum zu helfen wissen und aus lauter Liebe kaum Worte finden, Mir zu sagen, wie gar so über alle Maßen sie sich nun glücklich fühlen.
BM|0|37|8|0|Ich aber segne sie nun alle und erwähle sie zu Dienern und wahren Knechten Meines ewigen Reiches.
BM|0|37|9|0|Nachdem dies alles beendet ist, erhebt sich unser Bischof Martin und spricht: „Herr, ich habe nun etwas bemerkt, nämlich, als sollte auch ich mich von Dir trennen, um irgendeinem wichtigen Geschäft zu obliegen. Tue Du, was Du willst, aber ich lasse nimmer ab von Dir! Herr, wo Du nicht mit mir bist, da ist rein nichts mit mir! Ich gehe ein für alle Mal nicht mehr von Dir; denn ich habe Dich nun zu überaus mächtigst lieb! Also, ich bleibe einmal bei Dir!“
BM|0|37|10|0|Rede Ich: „Nicht so, Mein liebster Bruder Martin! Ich sage dir: nicht einen Augenblick lang sollst du von Mir entfernt sein, sowie auch kein anderer aus dieser Gesellschaft und keiner von all den Zahllosen, die Mich in ihren Herzen erkannt und aufgenommen haben; aber dennoch ist es andrerseits nötig, dass sich jeder scheinbar wie ohne Mich dahin verfügt, wohin Ich ihn bescheide, ansonsten seine Freude eine unvollkommene wäre und zwecklos sein Leben!
BM|0|37|11|0|Daher muss hier jeder sich der größten Tätigkeit befleißigen und so viel als möglich Gutes wirken. Je tätiger da einer wird, eine desto größere Seligkeit wird ihm zuteil. Denn die Seligkeit besteht lediglich nur im Handeln nach Meiner festgestellten ewigen Himmelsordnung.
BM|0|37|12|0|Sehe da zum Fenster hinaus! Dort gen Morgen in einem schönen großen Garten – nicht fern von diesem Meinem Haus von Ewigkeit – ersiehst du ein gar niedliches Häuschen, das innerlich viel geräumiger ist, als es von außen her aussieht. Dorthin gehe und nehme es in deinen Vollbesitz.
BM|0|37|13|0|In einem Zimmer wirst du eine glänzend-weiße Tafel finden. Diese Tafel besehe du allzeit, so du von einem Geschäft nach Hause kommen wirst. Denn von nun an wirst du dort allemal Meinen Willen gezeichnet finden, nach dem du dich dann allzeit in deinem Handeln wirst zu richten haben. Wirst du allemal das allzeit pünktlich erfüllen, was dir Meine Willenstafel in deinem Haus anzeigen wird, so wirst du bald über Größeres gesetzt werden; im Gegenteil aber nur über ein Kleineres, je nach deiner Willenskraft.
BM|0|37|14|0|Solltest du dich aber in irgendetwas nicht völlig auskennen, da komm hierher, und es soll dir in allem Bescheid gegeben werden. Wenn du Mich aber rufen wirst in deinem Haus, so werde Ich bei dir sein. Nun weißt du vorderhand alles, was dir nun zu wissen nottut. Gehe daher nun in dein Häuschen, dort wirst du das Nähere erfahren, danach du dich aber auch genau zu halten hast.
BM|0|37|15|0|Was Ich aber nun dir eröffnet habe, das eröffne Ich auch zugleich jedermann aus dieser Gesellschaft. Seht alle hinaus, und das Haus, das ihr erseht, ist dessen, der es ersieht! Dahin geht und wirkt, wie Ich soeben dem Bruder Martin angezeigt habe, denn es wird ein jeder von euch in seinem Haus die gleiche Einrichtung [an]treffen. Es sei!“
BM|0|37|16|0|Martin kratzt sich zwar hinter den Ohren ein wenig, aber er geht doch, wie Ich ihn beschieden habe, denn er meint, dass er Mich dort nicht haben wird, und nicht sehen. Die andern der Gesellschaft, denen Meine Nähe noch zu überheilig vorkommt, gehen leichter, um sich gewisserart von dieser zu großen Aufregung ihres Gemütes zu erholen.
BM|0|38|1|1|Martin in seinem himmlischen Haus. Die erste Überraschung. Einrichtung des Hauses
BM|0|38|1|0|Als nun Bischof Martin leicht und bald sein Häuschen erreicht und in dasselbe tritt, ist er ganz über alle Maßen überrascht, als Ich Selbst ihn schon an der Schwelle erwarte und ihn nun in dies sein Haus einführe, welchen Dienst bei den andern der Gesellschaft die Engel versehen, weil die andern der Gesellschaft vor Mir noch bei weitem mehr Ehrfurcht haben als Liebe zu Mir; was aber bei Bischof Martin gerade der umgekehrte Fall ist, daher es ihm auch eigentlich gar nicht recht war, dass er sich von Mir gewisserart hätte trennen sollen.
BM|0|38|2|0|Da er Mich aber nun auch in seinem Häuschen ersieht und Ich ihn da schon an der Schwelle erwarte, da schlägt er die Hände vor lauter Freude über dem Kopf zusammen und spricht:
BM|0|38|3|0|[Martin:] „Ja, so, so wohl so, so gefällt’s mir da freilich noch vielmal besser als dort in Deinem Haus, besonders in dem letzten Prachtsaal! Wie ich sage: Mein aller-, allergeliebtester Herr Jesus, wenn nur Du bei mir bist, dann ist mir die gemeinste Hütte schon der allerherrlichste Himmel für ewig!
BM|0|38|4|0|Aber wie bist denn Du so schnell, mir ganz unsichtlich dahergekommen? Das ist wirklich schon wieder ein Nonplusultra-Wunder! Ja, ja, Du mein geliebtester Herr Jesus, bei Dir ist doch alles Wunder über Wunder, und ich bin dabei noch so hübsch viel Stockfisch, der noch nichts einsieht und begreift! Nein, aber sonderbar ist es doch, dass Du eher da warst als ich, und ich habe Dich doch ganz richtig in Deinem großen Prachtsaal verlassen!“
BM|0|38|5|0|Rede Ich: „Mache dir darob keine Skrupel, Mein geliebtester Bruder Martin! Denn siehe, so Ich nicht allenthalben der Erste und der Letzte und nicht überall alles in allem wäre, da sähe es traurig aus mit der ganzen Unendlichkeit! So aber magst du dich nun hinwenden und hingehen, wohin du nur immer willst, so wirst du Mich schon dort antreffen, wohin du dich wenden und begeben wirst.
BM|0|38|6|0|Gehe aber nun in dies dein Häuschen mit Mir, auf dass Ich Selbst dir alle Einrichtung in selbem werde zeigen und dieselbe auch richtig zu gebrauchen lehren! Komme, komme, komme darum nun mit Mir in dies nun dein Häuschen, das zwar klein ist, aber dennoch mehr enthält, als alle Welt, ja mehr als ein ganzes Sonnengebiet in der naturmäßigen Weltensphäre, wovon du dich sobald klarst überzeugen wirst. Daher komme, gehe und wandle mit Mir in dies nun dein Haus! Es sei!“
BM|0|38|7|1|(Am 11. Oktober 1847)
BM|0|38|7|1|(Vom 15. Oktober 1847 an)
BM|0|38|7|0|Bischof Martin folgt Mir nun sogleich und erstaunt sich über die Maßen, als er anstatt in ein vermeintlich kleines Kabinettchen in eine ungeheuer große Halle eintritt, die sich, je länger er sie stets aufmerksamer betrachtet, desto mehr erweitert und alles zur Beschaulichkeit darbietet, was unser Bischof Martin sich nur immer vorzustellen vermag.
BM|0|38|8|0|In der Mitte dieser großen Halle steht auf einem goldenen Postament eine große, weißglänzende runde Scheibe, und hinter ihr auf einem ehernen Gestell ein vollkommenster, himmlisch-künstlicher Erdglobus, der vom Größten bis zum Kleinsten alles enthält, was die wirkliche Erde vom Zentrum bis zur Oberfläche und darauf, nämlich auf der Oberfläche enthält, natürlich auch alles, was da geschieht.
BM|0|38|9|0|Hinter diesem Globus ist das ganze Planetensystem dieser Erdsonne auf eine gleiche himmlisch-künstliche Weise aufgestellt und zeigt auch auf dieselbe Art jede Kleinigkeit und jede Eigentümlichkeit jedes einzelnen Planeten wie auch der Sonne genau.
BM|0|38|10|0|Der Boden dieser Halle ist durchaus wie aus reinstem Saphir, die hohen Wände wie aus Smaragd, die Decke wie aus Azur mit vielen Sternen, und durch die großen Fenster fällt ein überherrliches violettrotes Licht in diese große Halle, die in der halben Höhe noch mit einer überherrlichen Galerie wie aus feinstem Jaspis geziert ist, und aus der Halle führen noch zwölf Türen in nebenanstoßende Gemächer. Die, wie schon oben bemerkt, smaragdenen Wände aber produzieren noch obendrauf in den schönst kolorierten Schattenrissen, was sich Bischof Martin nur immer denkt.
BM|0|38|11|0|Nach längerem übermäßigem Staunen öffnet endlich Bischof Martin wieder seinen Mund und spricht: „O Herr, Herr, Herr! Ja, was ist denn das schon wieder für ein neues Gaukelspiel?! Ah, ah, ah, das ist aber doch, was man sagen kann, über alles, über alles! Nein, nein, nein, nein! Ah, ah, ahahah! Von außen klein wie nahe ein Fliegenhäuschen – und von innen wie eine ganze Welt! Ja, wie geht denn das wieder zusammen? Nein, das ist mir bisher noch das Allerunbegreiflichste wie eine Sache von innen größer sein kann als von außen! Das begreife, wer es will und mag; für mich aber ist diese Sache ein für alle Male rein zu bunt!“
BM|0|38|12|0|Rede Ich: „Mein geliebtester Bruder Martin, Ich sage dir, du wirst dich in all dem bald zurechtfinden! Siehe, in der eigentlichen wahren Welt der Geister ist alles völlig umgekehrt von dem, wie es in der Welt ist. Was in der Welt groß ist, das ist hier klein; was aber in der Welt klein ist, das ist hier groß. Wer auf der Welt der Erste ist, der ist hier der Letzte; wer aber auf der Welt der Letzte ist, der ist hier der Erste!
BM|0|38|13|0|Wie groß aber ist ein Mensch auf der Welt? Ich sage dir, er misst sechs Spannen Höhe und zwei Spannen Breite. So er aber ist ein Weiser, sage, welche endlosen Größen und Tiefen liegen in seinem Herzen! Ich sage dir, alle Ewigkeiten werden nicht hinreichen, die Fülle seiner Wunder zu enthüllen und zu erfassen!
BM|0|38|14|0|Du hast wohl öfter auf der Welt ein Weizenkorn betrachtet. Das ist doch sicher klein seinem äußeren Umfang nach, und dennoch enthält es so viel seinesgleichen in sich, dass es die ganze Ewigkeit nimmer ermessen könnte! Also liegt auch hier der gleiche Grund vor dir aufgedeckt.
BM|0|38|15|0|Das Äußere dieses Hauses ist gleich deinem nun vollends demütigen äußeren Wesen: es ist – wie du – klein. Das Innere dieses Hauses aber kommt nun deiner inneren Weisheit gleich, die Größeres umfasst als das äußere Maß deiner Wesenheit. Darum ist es auch als größer ersichtlich als das Äußere dieses Hauses, das da gleich ist deinem Außenwesen. Das Innere aber wird noch stets größer, je mehr du in der wahren Weisheit aus Meiner Liebe wachsen wirst. Denn hier lebt ein jeder seiner Weisheit aus seiner Liebe zu Mir, welche aber ist die eigentliche Schöpferin alles dessen, was dir hier so wunderbar vorkommt.
BM|0|38|16|0|Siehe aber dort jene weißglänzende aufrechtstehende Tafel; sie stellt dein durch Mich gereinigtes Gewissen dar. Auf dieser Tafel nun wirst du allzeit nunmehr Meinen alleinigen Willen entdecken, danach du dich dann allemal sogleich richten wirst.
BM|0|38|17|0|Es hat zwar wohl schon auf der Welt ein jeder Mensch eine gleiche Gewissenstafel in seines Herzens Kämmerlein aufgerichtet, auf der allzeitlich Mein Wille aufgezeichnet wird zur getreuen Darnachrichtung für jedermann. Aber nur gar wenige merken darauf, und gar viele streichen am Ende diese Tafel mit allen Sünden ganz schwarz an, auf dass sie ja nimmer erschauen mögen Meinen Willen!
BM|0|38|18|0|Siehst du nun, wie ganz naturgetreu hier die Errichtung dieses nun deines Hauses ist! Also nicht so sehr ein Gaukelwunderspiel, wie du ehedem meintest!
BM|0|38|19|0|Hinter der Tafel ist ein getreuestes Abbild der Erde, wie sie ist in allem ihrem Wesen, und hinter diesem Abbild die Sonne mit den anderen Planeten. Wirst du dich in irgendetwas dabei nicht auskennen, da sehe nur auf die hintere Fläche dieser Tafel, die der Welt zugewendet ist; dort wirst du allemal die Erklärung finden. Willst du aber dann auch wissen, was du dabei tun sollst, da beschaue die vordere Fläche dieser Tafel; da wirst du allzeit Meinen Willen erschauen.
BM|0|38|20|0|Noch ersiehst du aber zwölf Türen, die aus dieser großen Halle in kleinere Seitengemächer führen. In diesen Gemächern aber wirst du allerlei noch etwas verdeckte Speisen treffen. Diese genieße du aber erst dann, so Ich sie dir alle werde zuvor vollends gesegnet haben, ansonst sie dich blöde machen würden und du dann nach längerer Dauer nicht fähig wärst, die Schrift Meines Willens auf dieser Tafel zu lesen. Daher, so du zu einer solchen verdeckten Speisekammer kommen wirst, da verlasse sie sobald und komme zu Mir, und Ich werde dann hingehen und dir die Speisen enthüllen und vollends segnen.
BM|0|38|21|0|Nun weißt du, wie diese Dinge hier stehen; tue danach, so wirst du stets mehr und mehr in der Seligkeit wachsen! Es sei!“
BM|0|39|1|1|Bischof Martin allein zu Hause. Betrachtung des Erdglobus und der übrigen Himmelskörper. Martin langweilt sich
BM|0|39|1|0|Ich verlasse nun erscheinlich den Bischof Martin und er fängt, sich allein befindend, folgendermaßen mit sich zu debattieren an, sagend: „So, so, nun bin ich endlich einmal wieder allein! Zwar hier überaus wahrhaft himmlisch, erhaben glänzend, gesättigt, gesegnet und somit sicher auch nun schon selig, überselig. Aber allein, und das mutterseelen allein bin ich denn nun doch! Bloß meine Ideen gaukeln an diesen Wänden, ähnlich den Bildern, die auf der Welt auf dem Wege der Hohlspiegel erzeugt werden, auf und ab und hin und her. Sonst aber gibt es auch nicht einmal eine Mücke, die mir etwas vorsumsen möchte.
BM|0|39|2|0|Will einmal doch zu dem großherrlichen Erdglobus gehen und mich ein wenig mit ihm beschäftigen. Da ist er, wahrlich, ein endlos kostbares Kunstwerk! Da, ja, ja, da sieh, gerade da ist ja der Ort, wo ich als Bischof fungiert habe; da die Kirche, da meine Residenz! Und siehe, da ist auch der Friedhof, da mein Grab, und was für ein köstlich Monument! Aber sind das doch Narren, ja übergroße Narren, die Menschen, welche dem Kot Monumente setzen und den Geist vergessen! Wenn ich so könnte dieses Monument mit einem wohlgenährten Blitz zerstören, wäre es mir ordentlich leichter ums Herz. Aber, der Herr allein tue was des Rechtens ist!
BM|0|39|3|0|Daher etwas umgedreht, mein lieber Globus! Werde einmal sehen, wie’s etwa in Australien aussieht! Aha, da ist es schon, das Land der Wildheit. O Tausend, Tausend, da sieht es sehr schief, sehr arg aus: nichts als die derbste Finsternis, die schnödeste Sklaverei, Verfolgung, Mordung der Menschen leiblich und geistig! Behüte dich der Herr, du mein lieber Globus, auf die Art werden wir sehr wenig miteinander zu tun bekommen! Da müsst’ ich ein großer Esel sein, so ich mich über deinen Anblick bis zum Verzweifeln ärgern soll, hier im Reich des ewigen Friedens. Nein, jetzt möchte ich aber gerade vor Ärger zerbersten, wie da diese mächtigeren Erdmenschen ihre schwachen Brüder gerade zur Unterhaltung auf alle mögliche Art martern und grausamst töten. Weg, weg daher mit dir, du elende Repräsentiermaschine irdischer Gräuel, wir zwei werden uns sehr selten sehen!
BM|0|39|4|0|Siehe, da ist ja auch das gesamte Planetensystem mit der Sonne! Werde einmal gleich den nächsten besten in den Augenschein nehmen. Da ist ja gleich die Venus.
BM|0|39|5|0|Wie schaust du also aus, du meine liebe Venus, die du mich auf der finstern Erde gar oft mit deinem herrlichen Licht als Abend- oder Morgenstern ergötzt und hehr erfreut hast? Lass dich nun endlich einmal in der Nähe betrachten! Aha, aha, hmm, hab’ mir die Sache auch ganz anders vorgestellt! Ist auch eine Erde, fast wie die, die ich bewohnte – nur gibt es keine großen und zusammenhängenden Meere, aber dafür, wie ich’s nun bemerke, recht viele und für diesen Planeten sehr hohe Berge.
BM|0|39|6|0|Wie sieht es aber etwa mit der Vegetation aus und wie mit der allfälligen Bevölkerung von aller Art lebenden Wesen? Ich bitte um ein bisschen mehr Vergrößerung des Planeten selbst oder nur ein geistiges Mikroskop, sonst werde ich bei dieser Miniaturdarstellung dieses Planeten nicht viel mehr entdecken, als wie ich’s bisher entdeckt habe! Ist ja der ganze Planet nicht größer als ein mäßiges Hühnerei auf der Welt, was sollte sich da wohl ausnehmen lassen? Wahrlich für diesen Maßstab müssten die Infusionstierchen so hübsch klein ausfallen!
BM|0|39|7|0|Muss aber dabei doch auch einmal auf die weiße Tafel sehen, vielleicht steht davon schon etwas oben? Schau, da auf dieser Seite sehe ich nichts! Das ist gut, denn ich muss offen mir selbst gestehen, dass ich vor dieser Tafel so einen sonderlichen Respekt habe! Muss sie aber doch auch von vorne besehen, vielleicht steht dort etwas? Ah, das ist noch besser vorderhand; denn da steht auch noch nichts darauf! Daher nun nur wieder zu meinem Planetensystem.
BM|0|39|8|0|Da ist ja schon die Venus wieder, aber noch um kein Haar größer. Also habe ich auch bei dir, du mein schönster Stern, nichts mehr zu tun, so du dich nicht vergrößern willst! Schiebe dich daher nur weiter.
BM|0|39|9|0|Aha, da kommt der kleine Merkur, ein ganz possierliches Weltchen von der Größe einer Nuss! Scheint auch kein Meer zu haben, dafür aber auch desto mehr Berge – vorausgesetzt, dass man diese einen halben Stecknadelkopf großen Unebenheiten auch mit dem Ehrentitel ‚Berge‘ bezeichnen kann! Mein lieber Merkur, auch wir sind miteinander schon fertig; nur fort mit dir!
BM|0|39|10|0|Was ist denn das für ein kupfriger Kampel [Kerl] von einem Planeten? Das wird doch etwa nicht zum zweiten Mal die Erde sein? Nein, nein, die ist es nicht! Oh, oh, wir haben dich schon, du feuriger Held; du bist ja der Mars! No, no! Hab’ mir auf der Erde von dir auch eine ganz andere Vorstellung gemacht! Ich habe es mir immer gedacht, dass du ein sehr unruhiger und stürmischer Patron sein wirst. Aber wie ich’s nun aus deiner sehr flachen, mit wenigen Bergen besetzten Oberfläche erschaue, so scheinst du gerade das Gegenteil von dem zu sein, was ich von dir gedacht habe. Näheres kann ich auch auf dir nicht entdecken, daher schiebe auch du dich weiter!
BM|0|39|11|0|Da sehe ich bei sieben kleine Kügelchen von – sicher auch Planeten? Nur weiter mit euch, ihr habt schon gar nichts für mich.
BM|0|39|12|0|Da dreht sich schon der Planeten Großmogul Jupiter vor mein Gesicht her! Wahrlich, ein schöner Brocken! Vier Trabanten auch noch um ihn, das gibt aus! Wie sieht es denn auf dir aus? Sapperment, sapperment, da gibt es ja ganz entsetzlich viel Wasser! Blos um den Äquator herum bedeutende Inseln, sonst aber pur Wasser! Berge gibt es auch hie und da; aber hoch sind sie gerade nicht! Wie sieht es denn aber mit der Vegetation aus, wie mit lebenden Wesen? Dieser Planet ist zwar sichtlich um einige tausend Male größer als da die vorigen es waren, aber von einer Vegetation kann ich auch da nichts ausnehmen. Ich merke es wohl, dass die Flächen so gewisserart etwas raulich aussehen; aber was das ist – dazu gehören ganz andere Augen.
BM|0|39|13|0|Dort sehe ich auch den Saturn, den Uran und noch einen sehr großen Planeten ganz im Hintergrund mit – ja, ja, richtig, mit zehn Monden, darunter drei bedeutend groß, und neben ihnen einige kleinere! Das werden etwa doch nicht Monde von Monden sein? Kometen sehe ich im Hintergrund nun auch eine ganze schwere Menge!
BM|0|39|14|0|Es ist wirklich schön, ja sehr erhaben schön ist es. Aber wenn man auf diesen guten Planeten nichts anderes entdecken kann als nur höchstens Meere und größere Gebirge, da gewähren sie sage für die ganze Ewigkeit ganz verzweifelt wenig Vergnügen. Ich bin nun schon fertig; in diesem Maßstab werden wir für die Zukunft sehr wenig miteinander zu tun bekommen!
BM|0|39|15|0|Dort in der Mitte ist wohl noch die Sonne; freilich ganz ein unbändig großer Klumpen. Aber was nützt das, so dieser ihr Maßstab zu ihrem wirklichen Größenverhältnis sich gerade so verhält wie ein Sandkörnchen zur ganzen Erde, wo sich dann auch nichts ausnehmen lässt! Also ist auch mit dir, du liebe Sonne, nichts für mich; daher lebe auch du recht wohl und gesund!
BM|0|39|16|0|Jetzt wäre ich aber auch schon fertig mit der Betrachtung der außerordentlichen himmlischen Kunstraritäten, die hier diesen nun mein sein sollenden Saal zieren. Was nun? Auf der Tafel steht nichts; von den Planeten ist auch nichts Weiteres herabzulesen und zu besichtigen. Den sauberen Erdglobus möchte ich lieber draußen als herinnen haben. Also Frage: Was nun? Zum Herrn hinübergehen? Würde sich nun geschwinde auch nicht schicken!
BM|0|39|17|0|Hm, hm, hm – ist doch recht fatal, wenn man sich, sage, als seligster Geist im Himmel knapp neben dem Herrn aller Herrlichkeit ein bisschen langweilen muss! Hat sicher auch sein Gutes; aber Langweile bleibt Langweile, ob im Himmel oder ob auf der Erde.
BM|0|39|18|0|Auf der Erde vertröstet man sich am Ende, wenn sozusagen alle Stricke reißen, mit dem lieben Tod, der jedem Lied – ob lustigen oder traurigen Inhaltes – ein Ende macht, wenigstens für die Erde. Aber hier, wo freilich – dem Herrn ewig Dank darum! – dem Leben kein Tod mehr folgt, nimmt alles sogleich einen ewigen Charakter an. Und man kommt da gar so leicht in die Versuchung zu glauben, dass so ein Zustand schon ewig gleichfort andauern wird, und dieser Umstand macht dann jede stark einförmige Erscheinung noch wenigstens um tausendmal langweiliger als auf der Erde, wo jedem Ding ein Finis (Ende) festgesetzt ist!
BM|0|39|19|0|Was also soll ich nun tun? Ist auf der Tafel noch nichts zu ersehen? Nein, noch immer nicht. Gar zu nötig wird es dem Herrn sicher nicht sein, sich meiner zu bedienen, sonst müsste ich ja doch schon etwas zu tun bekommen haben!
BM|0|39|20|0|Hm, hm, hmmmm! Es wird einem schon langweilig hier im Himmel. Wenn ich so ewig mich in diesem meinem himmlischen Kunstmuseum werde aufhalten müssen? O sapperment, sapperment, das wird eine schöne, ganz unvergleichliche Langweile abgeben.“
BM|0|40|1|1|Die zwölf Kabinette mit den verdeckten, noch ungesegneten geistigen Speisen. Die schöne Merkurianerin. Die formvollendeten nackten Venusmenschen. Wichtigkeit des Segens des Herrn
BM|0|40|1|0|[Bischof Martin:] „Aber jetzt fällt mir was ein! Neben diesem Saal gibt es ja noch 12 Nebengemächer, in die man durch diese 12 Türen gelangen kann. Richtig, richtig, die hätte ich bald vergessen und auch die etwas verhängnisvollen verdeckten Speisen in denselben. Nein, nein, oh, die muss ich nun sogleich durchpatrouillieren! Also, in des Herrn Namen ‚Glück auf!‘ wie auf der Erde die Bergleute sagen. Gibt es auch hier keine Stollen und Schächte, so gibt es aber doch gewisse 12 geheime Gemächer, wo man noch nicht weiß, was sie enthalten; daher auch hier im Himmel: Glück auf!
BM|0|40|2|0|Da wär’ einmal die Tür Nr. 1! Also nur aufgemacht und eingetreten! Oh, oh, oh! Oh, Tausend, Tausend, Tausend! Da ersehe ich ja in optima forma meine schöne Herde! Ahahah! Das lass ich mir gefallen! Bei solcher Bescherung wird einem die liebe Ewigkeit freilich nicht zu lang! Aber jetzt heißt es halbrechts – umgekehrt! Das ist schon eine verdeckte Speise Nr. 1! Daher nur zur Tür Nr. 2!
BM|0|40|3|0|Da ist sie schon! Also im Namen des Herrn nur so hübsch fein und sachte aufgemacht; denn man kann nicht wissen, was alles sich darinnen befindet! Schau’, diese Tür geht etwas schwerer auf als die frühere; aber es geht, es geht doch! Gott sei’s gedankt, offen ist sie! Aber es ist etwas mehr dunkel in diesem Gemach als in dem früheren, daher muss ich schon etwas tiefer hinein meine Schritte setzen.
BM|0|40|4|0|Oh, oh, oh! Ja, was ist denn das schon wieder? Dies Gemach ist ja größer als diese ganze große Vorhalle! Und im Hintergrund entdecke ich eine große Menge ganz nackter Menschen beiden Geschlechtes; ihre Anzahl ist unübersehbar. O jemine, jemine! Und was das für schöne Menschen sind, besonders die weiblichen!
BM|0|40|5|0|O sapperment, sapperment – da kommt gerade eine auf mich zu! Soll ich sie abwarten? Ja, ganz, ja, ja, ganz, ganz, ich muss sie abwarten; denn diese Speise ist wahrlich nicht verdeckt; nein, nein, diese ist nicht verdeckt!
BM|0|40|6|0|O sapperment, Tausend, Tausend, Tausend! Ist aber das eine Schönheit non plus ultra! Diese Weiße, diese üppigste Fülle, diese Brust! Nein, das ist nicht auszuhalten! Dieser rundeste, weichste Arm, diese göttlichen Füße und dieses – man könnte sagen – selbst für den Himmel rein zu freundlich-schönste, allersüßeste Gesicht mit einer so himmlisch zart lächelnden Miene!
BM|0|40|7|0|Ahahahahah, ahhahah, ahhhach! Nein, nein, nein! Ich halte es nicht aus! Ich muss gehen! Kann doch nicht, nein ich – es ist rein unmöglich! Vielleicht will sie mir was sagen? Sie ist schon da – ist da, da! Stille nun, sie will ja reden mit mir; darum still nun, meine lose Zunge!“
BM|0|40|8|0|Das Weib spricht: „Du bist sicher der Eigentümer dieses Hauses, auf den wir schon lange warten?“
BM|0|40|9|0|Spricht Bischof Martin: „Ja – o ja, doch nein, und doch wieder halbwegs ja! Bin auch nur erst einlogiert worden. Der eigentliche Eigentümer alles dessen ist so ganz eigentlich dennoch der Herr Jesus, Gott von Ewigkeit! Womit kann ich euch dienen und besonders dir, du überhimmlische Schönheit über alle Schönheiten der ganzen Unendlichkeit?“
BM|0|40|10|0|Spricht das Weib: „Preise mich nicht so sehr! Denn siehe, dort rückwärts gibt es noch eine zahllose Menge meines Geschlechts, die alle ums Unvergleichliche schöner sind als ich, darum ich als die Hässlichste auch zu dir her gesandt wurde, auf dass du im Anfang nicht allzu sehr geblendet würdest!
BM|0|40|11|0|Unser Anliegen besteht darin: Siehe, wir alle sind Menschen aus der Erde, die ihr Kinder des Allmächtigen ‚Merkur‘ nennt, wie wir es nun hier erfahren haben. Dies Haus ist dein; es kommt nun auf dich an, uns zu behalten zu deinem Dienst oder auch zu verstoßen. Wir bitten dich aber alle, dass du uns gnädig sein möchtest!“
BM|0|40|12|0|Spricht Bischof Martin: „Oh, ich bitte dich, du himmlische, du erhabenste, allersüßeste Schönheit! Oh, ohoh! Wenn eurer noch tausendmal so viel wären, so ließe ich euch nimmer von der Stelle! Denn ich bin ja aus lauter Liebe zu dir ganz weg! Komm nur her, du allerschönste Merkurianerin, und lasse dich umarmen; ohohoh! Nein, nein; ach, du wirst ja immer schöner, je freundlicher du mich anlächelst! So komme, komme und lasse dich umarmen!“
BM|0|40|13|0|Spricht das Weib: „Du bist ein Herr; ich aber bin ewig nur deine Sklavin; so du gebietest, muss ich ja wohl tun deinen Willen, der uns allen heilig sein muss!“
BM|0|40|14|0|Spricht Bischof Martin: „Oh! Ich bitte, bitte, du meine Allerhimmlischste! Was Sklavin – das kenne ich nicht! Du bist von nun an eine Gebieterin meines Herzens! Komme nur, komme, du aller-, allerreizendste, ja namenloseste Schönheit! O Gott, o Gott! Ist aber das eine Schönheit! Nein, nein, nein; mir bleibt schon ordentlich der Atem aus vor lauter Entzückung!“
BM|0|40|15|0|Bischof Martin will dieser schönsten Merkurianerin gerade an die Brust fallen, als Ich Selbst ihn auf die Achsel klopfe und sage: „Halt, Mein lieber Sohn Martin! Das ist auch noch eine verdeckte Speise. Erst wenn Ich sie für dich werde gesegnet haben, dann erst kannst du ihr an die Brust fallen, so es dich noch gelüsten wird! Mache daher hier auch dein Halbrechts!“
BM|0|40|16|0|Spricht Bischof Martin: „Ohohoh, oh! Du mein allergeliebtester Herr Jesus! Ich liebe Dich sicher, wie einer nur immer Dich lieben kann; aber ich muss Dir nun offenherzig bekennen! Ja – was wollte ich denn so ganz eigentlich sagen? Ja, ja, ich muss Dir offenherzig bekennen, so lieb ich Dich habe, aber diesmal wäre es mir beinahe lieber gewesen, so Du um ein paar Augenblicke später gekommen wärst!“
BM|0|40|17|0|Rede Ich: „Das weiß Ich wohl und habe es auch schon vorhergesagt, dass du so zu Mir reden wirst in Kürze, obschon du dich damals von Mir durchaus nicht trennen wolltest. Aber Ich verlasse den nimmer, der Mich einmal ergriffen hat, also auch dich nicht! Darum komme nun schnell aus diesem Gemach! Warum? Das wird dir zur rechten Weile bekanntgegeben werden! – Du, Weib, aber ziehe dich wieder zurück!“
BM|0|40|18|0|Das Weib tut sogleich, wie ihr geboten, und der Bischof Martin folgt Mir mit einem etwas verlängerten Gesicht, aber dennoch willigst und zwar zur Tür Nr. 3.
BM|0|40|19|0|Wir kommen nun zur vorbezeichneten Tür, und siehe, sie tut sich von selbst auf.
BM|0|40|20|0|Der Bischof Martin sieht sehr neugierig hinein und fährt völlig zusammen, als er hier wie in eine neue Welt schaut und in selber nebst den wunderbarsten Herrlichkeiten eine Menge seliger Wesen in vollkommenster Menschengestalt erblickt, die so schön sind, dass darob unserem Bischof Martin förmlich die Sinne vergehen.
BM|0|40|21|0|Nach einer Weile erst ruft er aus: „O Herr, Herr, Herr! Du endlos herrlichster Schöpfer und Meister aller Dinge, aller Wesen, Menschen und Engel, das ist ja unendlich! Das ist zu hoch über alle menschlichen Begriffe!
BM|0|40|22|0|Ja was ist denn das schon wieder? Was sind das für Wesen? Sind das schon Engel oder sind das wohl noch seligste Menschengeister? Sie sind zwar auch nackt, aber ihre sonnenweiße Haut, der vollkommenste, üppigste Wuchs, die höchste, vollkommenste Harmonie in ihren Gliedmaßen, ein eigener Glanz, der sie umgibt, das alles ersetzt millionenfach die herrlichsten Kleider, und ich kann mir unmöglich eine herrlichere, schönere und erhabenere Form denken!
BM|0|40|23|0|Ja, Herr, kein Lob, kein Preis und keine Ehre kann gedacht werden, um Dich gebührend zu loben, zu preisen und zu ehren damit! Wahrlich, wahrlich, wahrlich! Du bist heilig, heilig, heilig; Himmel und Erden sind voll Deiner Herrlichkeiten! Dir sei darum Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!
BM|0|40|24|0|O Herr, ich bitte Dich, gehen wir da weiter, denn diesen zu herrlichen Anblick kann ich nicht länger ertragen! Nur das sage mir gnädigst, was das für Wesen sind?“
BM|0|40|25|0|Rede Ich: „Das sind Menschengeister aus dem Planeten, den ihr ‚Venus‘ benannt habt. Ihre Bestimmung ist auch Meinen Kindern zu dienen, wo und wann immer ihr ihrer Dienste benötigen mögt und dieser Dienst ist ihre höchste Seligkeit. Daher wirst du sie auch allzeit um desto seliger machen, je öfter und weiser du sie benützen wirst.
BM|0|40|26|0|Das sind aber jedoch nicht die Einzigen, die auf deine Winke harren; sondern [es gibt] noch eine zahllose Menge anderer aus anderen Planeten, die du in der Zukunft weise zu benutzen erst lernen musst. Nun weißt du vorderhand, was dir zu wissen nottut; alles andere wird folgen.
BM|0|40|27|0|Das kannst du aber nun schon daraus entnehmen, was Paulus mit den Worten andeutete, da er sagte: ‚Kein Auge sah es und kein Ohr hat es je gehört, und in keines Menschen Sinn ist es je gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben!‘
BM|0|40|28|0|Als du auf der Welt warst, da ahntest du freilich nicht, warum dich manchmal die Sterne so mächtig angezogen haben. Nun aber siehst du den Magnet vor dir, der dich auf der Welt oft so magisch anzog und dir manchen Seufzer und manches ‚Ach, wie herrlich!‘ aus deiner damals sehr verknöcherten Seele entlockte.
BM|0|40|29|0|Siehe, das ist schon eine Art Dienst dieser Wesen, dass sie durch ihr festes, unerschütterliches Wollen nicht selten empfängliche Gemüter der Erdmenschen beschleichen und sie hinauf zu den Sternen lenken. Das taten sie auch dir, als du sie noch nicht kanntest; und werden es nun umso mehr tun, da sie dich sichtlich kennen, wie du nun auch sie, wenn auch noch etwas unvollkommen.
BM|0|40|30|0|Nun aber komme wieder weiter, und zwar zur Tür Nr. 4! Dort wirst du wieder was anderes und noch Herrlicheres erschauen. Es sei!“
BM|0|40|31|0|Spricht Bischof Martin: „Herr, aber warum dürfen uns denn nun diese herrlichsten Wesen nicht näherkommen, und warum müssen sie von Dir zuvor erst gesegnet sein?“
BM|0|40|32|0|Rede Ich: „Mein lieber Sohn Martin, hast du auf der Erde nie gesehen, so du an einem Strom lustwandeltest, dass zu gleicher Zeit auch auf der anderen Uferseite Menschen lustwandelten oder andere Geschäftswege machten? Konntest du wohl, so dich auch die Lust angewandelt hätte, sogleich ohne Brücke oder ohne Schiff zu ihnen gelangen? Du sprichst: Nein! – Siehe nun aber, wozu auf der Welt die Brücke oder ein Schiff dient, eben dazu dient hier Mein Segen!
BM|0|40|33|0|Ohne Meiner kannst du weder auf der Erde noch hier im Himmel etwas tun. Mein Segen aber ist Mein allmächtiger Wille, Mein ewiges Wort ‚Es werde!‘, durch das alles, was da ist, gemacht ward. Also muss durch dasselbe auch zuvor die Brücke zu all diesen Wesen gemacht werden, damit du zu ihnen und sie zu dir ohne Schaden gelangen können. Alles aber hat seine Zeit und seine Weile, deren richtige Dauer nur Ich allein bestimmen kann – und der, dem Ich es offenbare.“
BM|0|40|34|0|Spricht eiligst noch der Bischof Martin: „Aber wie konnte denn hernach die schöne Merkurianerin so sehr nahe zu mir kommen, dass sie mir auch in die Arme gesunken wäre, so Du mich nicht davon abgehalten hättest – und doch war sie als eine verdeckte Speise noch nicht gesegnet von Dir? Was hatte ihr denn zur Brücke gedient? Oder war das auch nur bloß eine leere Erscheinlichkeit?“
BM|0|40|35|0|Rede Ich: „Mein lieber Sohn Martin, wolle nicht mehr wissen, als was Ich dir offenbare; denn Aberwitz stürzte einst den Adam und vor ihm den erstgestalteten größten Engelsgeist! Daher: Willst du vollkommen selig sein, so musst du auch in allem vollkommen Meinen Weisungen folgen und nie über ein Ziel hinaustreten wollen, das Meine höchste Liebe und Weisheit dir stellt!
BM|0|40|36|0|Zur rechten Zeit wird dir alles klar werden, und diese untrügliche Verheißung genüge dir; sonst kommst du noch einmal auf ein Wasser, das dir noch mehr zu schaffen machen würde als das frühere! Denn solange du noch kein himmlisches Hochzeitsgewand um deine Lenden gegürtet hast, so lange auch bist du noch kein eigentlicher fester Himmelsbürger, sondern nur ein aus purer Gnade angenommener Sünder, der hier durch mancherlei Wege erst zu einem wahren Himmelsbürger werden kann. Darum frage nun um nichts weiter, sondern folge Mir zur vierten Tür; es sei!“
BM|0|40|37|0|Bischof Martin gibt sich nun selbst eine Maulschelle und folgt Mir ohne alles weitere Bedenken. Es reut ihn auch, dass er Mich so aberwitzig gefragt hatte.
BM|0|40|38|0|Ich aber vertröste ihn, sagend: „Sei nur ruhig und angstlosen Gemüts! Denn siehe, ein jedes Wort, das aus Meinem Mund an dich ergeht, gereicht dir nicht zum Gericht, sondern allein nur zum ewigen Leben, dessen sei du versichert! Hier aber ist auch schon die Tür Nr. 4. Sie öffnet sich.“
BM|0|41|1|1|Die Herrlichkeiten des Mars. Martins geistige Ermattung und törichter Wunsch. Die Rüge des Herrn
BM|0|41|1|0|Ich rede weiter und sage: „Wir sind nun schon am offenen Eingang der 4. Tür. Was siehst du hier und wie gefällt es dir?“
BM|0|41|2|0|Spricht Bischof Martin etwas kleinlaut: „Herr, ich habe weder Mut noch Zunge genug, diese erhöhte Pracht in ihrer Größe, Tiefe und anmutigsten Majestät gebührend würdigst zu schildern. Was ich dabei jedoch nach meinem Gefühl zu bemerken habe, ist: Dass hier in allem Ernst für mich nun des Guten zu viel ist! Ich werde nun schon förmlich stumpf ob des steten Wachstums dieser nahe mehr als himmlischen Schönheiten – besonders jener, die hier in sichtbar weibmenschlich-himmlischer Gestaltung in einer wahren Unzahl vorkommen!
BM|0|41|3|0|Wie viele Millionen sind denn wohl in einem solchen Seitenkabinett, das eigentlich eine ganze Welt ist, beisammen? Es wimmelt ja alles von diesen Wesen, wohin und wie weit das Auge nur immer reichen kann. Dazu kommen noch die tausend und abermaltausend der allerzierlichsten Hütten und Tempel und Gärten und Haine und eine Menge von kleinen Berglein, die wie mit den schönsten grünen Samtteppichen bedeckt zu sein scheinen.
BM|0|41|4|0|Siehe, Herr, es ist zu viel; ich fasse es nimmer und werde es auch ewig nimmer vollends erfassen können! Daher lasse ab, o Herr, mir die weiteren, noch größeren Herrlichkeiten zu zeigen; denn wahrlich, mir sind schon die bisher geschauten für die Ewigkeit zu viel!
BM|0|41|5|0|Was brauche ich auch alles das? So ich Dich habe und noch einen sonstigen Freund, der bei mir unter einem Dach wohnt und bleibt, so Du manchmal verziehst, da habe ich für die ganze Ewigkeit genug. Es mögen jene an solchen Erhabenheiten Freude haben, denen ihr Gewissen sagt, dass sie rein sind und darum würdig und auch fähig, solche Himmelsgüter zu besitzen. Ich aber, der ich nur noch zu gut weiß, was mir gebührt, bin zufrieden mit der einfachsten Strohhütte und mit der Erlaubnis, Dich, o Herr, in Deinem Haus besuchen zu dürfen und manchmal auch ein Stückchen Brot und ein Schlückchen Wein von Dir, Du bester Vater, zu bekommen!
BM|0|41|6|0|Dieses Prachthaus aber gib ohne weiteres wem andern, der fähiger und würdiger ist, es zu besitzen, als ich; denn mit mir ist da nichts. Tue, Herr, was Du willst! Ich gehe, wenn ich frei wollen darf, zu keiner Tür mehr weiter.
BM|0|41|7|0|Oh, wenn ich mich erst aller dieser Wesen bedienen soll, wo käme ich da hin mit meiner Dummheit! Daher bitte ich Dich, o Herr, lasse ab, mich hierin weiter zu führen! Gib mir einen Schweinestall, wie er auf Erden besteht, und ich werde mich glücklicher fühlen!“
BM|0|41|8|0|Rede Ich: „Höre, Mein lieber Martin, so du es besser verstehst, wie jemand zu gehen hat, um ein vollkommener Himmelsbürger zu werden, so kannst es ja haben, wie du es wünschst. Aber da sei auch versichert, dass du ewig nimmer weiterkommen wirst. Setzt du aber auf Mich mehr Vertrauen als auf deine Blindheit, da tue, was Ich will – und nicht, was du willst!
BM|0|41|9|0|Meinst du denn, Ich habe Meine Kinder bloß nur fürs Hüttenhocken und fürs Brotessen und Weintrinken erschaffen? O sieh, da irrst du dich gewaltigst! Hast du denn nicht gelesen, wie es geschrieben steht und also lautet: ‚Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!‘ Meinst du wohl, dass sich die erforderliche Vollkommenheit Meiner Kinder in einem Schweinestall erreichen lässt?
BM|0|41|10|0|Oder hast du auf Erden nie erlebt, wie die Kinder der irdischen Eltern auch lieber müßig wären und sich mit ihren losen Spielereien beschäftigten, als dass sie sich an das Erlernen ihrer einstigen Berufskenntnisse wenden müssen? Oder hast du auf der Welt nicht stets eine Menge solcher Menschen gesehen, denen der Müßiggang über alles ist?
BM|0|41|11|0|Siehe, zu dieser Gattung gehörst auch du und hast nun eine Scheu vor dem Vielen, was deiner hier harrt. Und zum Teil aber möchtest du Mir auch so ganz höflich ein wenig trotzen, darum Ich dir vorher den Aberwitz deiner eitlen Frage verwies.
BM|0|41|12|0|Allein das alles taugt nicht für den, dem Ich schon so viel Gnade, Liebe und Erbarmung erwies und nun noch fort erweise. Siehe, was vielen Millionen nicht geschieht, das geschieht dir. Millionen sind glücklich bloß in der Anwartschaft, Mich einmal zu erschauen und werden geführt von ganz geringen Schutzgeistern zu dem seligsten Behuf. Dich aber führe Ich Selbst – Ich, der ewige Gott und Vater aller Unendlichkeit! Und dir wäre ein freigewählter Schweinestall lieber, als was Ich dir geben will und dich befähigen für die größte Seligkeit? Sage Mir, wie gefällt dir nun ein solch löblicher Wunsch?“
BM|0|41|13|0|Spricht der Bischof Martin ganz verdutzt: „O Herr, o Du ewig heiligster, bester Vater, habe Geduld mit mir! Ich bin ja ein Vieh, ein wahrer dümmster Saukerl, der nicht des kleinsten Strahles Deiner Gnade wert ist! Oh, nun führe mich Du allein, guter Vater, wohin Du willst, und ich werde Dir folgen, wenn auch dumm wie ein Fisch. Aber folgen werde ich Dir ewig ohne alles eselhafte Bedenken!“
BM|0|41|14|0|Sage Ich: „Nun denn, so folge Mir von dieser Marstür zur Jupitertür Nr. 5! Es sei, und es geschehe!“
BM|0|42|1|1|Die Wunderwelt des Jupiter hinter der fünften Tür
BM|0|42|1|0|Wir befinden uns nun schon bei der Tür 5, die sich alsbald auftut, als wir zu ihr gelangen, und der Bischof Martin schlägt gleich beim ersten Anblick dieses geöffneten Kabinettes die Hände dreimal über dem Haupt zusammen und schreit förmlich: „Aber um Deines Gottesnamens willen, Herr, Jesus, Vater – ja, was ist denn das schon wieder?! Diese Unermesslichkeit! Eine himmlische Erde ohne Ende; über ihr noch vier Erden wohl zu beschauen! Alles von einem Licht umflossen, von dem sich selbst der tiefsinnigste und weiseste Erdenpilger nicht den allerleisesten Begriff machen kann; und diese Pracht und Majestät der leuchtenden Paläste, der Tempel und auch der kleinen Tempel, die diesen Bewohnern wahrscheinlich als freie Wohnungen dienen!
BM|0|42|2|0|Oh, oh, nun erschaue ich auch Seen, und ihr Wasser schimmert wie die schönsten geschliffenen Diamanten im Sonnenlicht. Aber alles leuchtet da eigens aus sich selbst. Denn es ist nirgends etwas zu entdecken, von wo aus oder von woher etwa ein Licht käme. Ach, ach, Herr, Vater! Das ist ja über alle Begriffe schön, herrlich, erhaben, ja ich möchte es ordentlich heilig-schön nennen, so ich es nicht wüsste, dass Du allein nur heilig bist!
BM|0|42|3|0|O Herr, Vater, je länger ich da hineinschaue, desto mehr entdecke ich stets. Und nun sehe ich auch schon Menschen, die aber freilich noch etwas zu fern sind, dass ich nicht ausnehmen kann, wie sie so ganz eigentlich aussehen. Offenbar werden sie ebenfalls in entsprechender Art mit ihrer Erde ganz unaussprechlich schön sein! Es ist aber auch besser, dass sie mir nicht zu nahe kommen; denn ich könnte ihre sicher zu große Schönheit am Ende etwa doch nimmer ertragen. Man hat da schon mit dieser großen, herrlichsten Wohnerde zum größten Übermaß genug!
BM|0|42|4|0|Aber Herr, Herr, Vater! Ist es wohl außer Dir einem Geist möglich, so eine endlose Fülle und Tiefe und Größe von solchen Erhabenheiten, deren Zahl kein Ende hat, je ganz zu durchschauen und nur einen kleinsten Teil davon auch zu begreifen und einzusehen? Ich glaube, so was ist selbst dem größten Engel rein unmöglich!“
BM|0|42|5|0|Rede Ich: „Nicht so, Mein lieber Sohn Martin! Siehe, alles was du hier ersiehst, was du schon ersehen hast und was du nun noch sehen wirst, das alles ist nur ein allerkleinster Teil von dem, was die weisen Engel dieses Meines ewigen Reiches in aller Tiefe der Tiefen einsehen und in aller Fülle überaus wohl verstehen.
BM|0|42|6|0|Denn siehe, alles was du hier siehst und worüber du dich so überaus erstaunst, ist nicht außer dir, sondern in dir selbst. Dass du es aber hier wie außer dir erblickst, davon liegt der Grund in deiner geistigen Sehe und hat Ähnlichkeit mit dem Schauen der Gegenden, die du öfter in einem Traum geschaut hast wie außer dir, während du sie eigentlich doch nur in dir selbst mit dem Auge der Seele beschautest. Nur ist hier der Unterschied, dass hier alles wirkliche Sache ist, was in einem Traum eigentlich zumeist nur als eine leere Seelenspiegelfechterei sich darstellt. Frage nun nicht weiter darüber, denn zu rechter Weile wird es dir klar werden!
BM|0|42|7|0|Die Menschen dieser Erde aber bekommst du hier darum nicht näher zu Gesicht, weil sie für diesen deinen Zustand wirklich zu schön sind. Wenn du aber stärker wirst, dann wirst du alles in aller Fülle besehen und in der allerseligsten Reinheit genießen können – was dir jetzt noch nicht möglich wäre, da dir die dazu erforderliche Stärke fehlt.
BM|0|42|8|0|Gehen wir aber nun wieder um eine Tür weiter, dort wirst du noch ums Unvergleichliche Erhabeneres erschauen. Bei dieser kommenden sechsten Tür musst du dich jedoch so ruhig als möglich verhalten und bloß auf Mich hören und alles wohl vernehmen, was Ich dir da sagen werde. Auch darfst du Mich nicht fragen, warum du dich da so ruhig verhalten musst, wie auch nicht, so Ich zu dir reden werde manches, das du nicht fassen und verstehen wirst; denn in rechter Weile wird dir alles klar werden. Darum nun weiter und vorwärts zur Tür Nr. 6! Es sei!“
BM|0|43|1|1|Saturn, der schönste und beste Planet des Sonnensystems. Die Erde als Gotteskinderschule und Schauplatz der Menschwerdung des Herrn
BM|0|43|1|0|[Der Herr:] „Siehe, wir sind nun schon vor der offenen Tür. Und die herrliche Himmelswelt, die du erschaust in vollster Klarheit, der große Wall, der in äußerster Ferne sich in lichtblauer Färbung ausnehmen lässt und über demselben in gemessenster Ordnung noch sieben Vereine wie frei schwebend erschaulich sind, das alles ist in entsprechender Weise der Planet Saturn, der schönsten und besten der Erden, die um die Sonne bahnen, um die auch deine Erde bahnt, die da ist der hässlichste und letzte Planet in der ganzen Schöpfung, bestimmt, den größten Geistern als eine Schule der Demut und des Kreuzes zu dienen!
BM|0|43|2|0|Dieses aber ist darum so bestimmt: Siehe, so irgendein großer und mächtiger Herr der Welt in seiner angestammten Residenz wohnt und geht, und fährt und reitet da oft durch die Gassen und Plätze der Stadt, da sehen sich die Bewohner als sicher nächste Nachbarn eines solchen Machthabers kaum um, dass sie ihn als ihren Regenten begrüßten und ihm die Ehre gäben, danach er aber aus Gewohnheit gar nicht lüstern ist, weil er seine Nachbarn kennt und wohl weiß, dass auch sie ihn kennen. Wenn er aber einen entfernten kleinen Ort besucht, da fällt alles nieder vor ihm und betet ihn förmlich an. Dazu aber zeigt auch er in solch einem kleinen Ort, was er so ganz eigentlich ist; was zu zeigen er in seiner Residenz nicht vermag, fürs Erste, weil ihn ohnehin ein jeder Mensch kennt, und fürs Zweite, weil ein solches Sich-Zeigen eben darum keinen Effekt machen würde.
BM|0|43|3|0|Gleich als möchte auf der Welt jemand in einer großen Halle ein Lot Schießpulver anzünden, wo die Explosion auch keinen Effekt zuwege brächte. Wohl aber, so eben dasselbe Maß Pulver in einem sehr engen Raum angezündet werden möchte, wo dann ein dröhnender Knall erfolgen würde und danebst eine zerstörende Wirkung der Explosion.
BM|0|43|4|0|Weil aber eben das Große dem Kleinen gegenüber sich erst recht groß zeigt, das Starke gegenüber dem Schwachen recht stark, das Mächtige dem Ohnmächtigen gegenüber sehr mächtig, so ist eben die Erde so höchst elend in allem gestaltet, auf dass sie den einst größten und glänzendsten Geistern entweder zur Demütigung und daraus zur neuen Belebung diene, oder auch zum Gericht und daraus zum neuen ewigen Tod. Denn wie Ich dir schon eben früher gezeigt habe, dient das Kleine und Unansehnliche auch für sich dazu, das Große und Angesehene in seiner Art zu erhöhen. Und das ist schon das Gericht, obschon das Große und Angesehene sich da, wo alles klein und unansehnlich ist, nach dem richten soll und sich demütigen.
BM|0|43|5|0|Denn so ein großer Mensch durch ein enges und niederes Pförtlein in ein Gemach kommen will, da muss er sich zuvor zusammenschmiegen und recht tief bücken, ansonsten er in keinem Fall ins Gemach gelangen kann. Also ist auch die Erde ein schmaler und dorniger Weg und eine niedere und enge Pforte zum Leben für jene Geister, die einst übergroß waren und noch größer sein wollten.
BM|0|43|6|0|Aber diese Geister wollten sich diesen ihren alten Hochmut sehr demütigenden Weg nicht gefallen lassen und sprachen: Dieser Weg ist für sie zu klein und ein Elefant könne nimmer auf einem Haar gleich einer Mücke herumgehen, und ein Walfisch nicht schwimmen in einem Wassertropfen; darum sei solch ein Weg unweise, und Der ihn geordnet, sei ohne Einsicht und Verstand.
BM|0|43|7|0|Da nahm Ich als der allerhöchste und endlos größte Geist von Ewigkeit das Kreuz und ging diesen Weg als Erster allen voran, und zeigte, wie dieser Weg, den der größte und allermächtigste Geist gehen konnte, auch von allen anderen Geistern leicht kann durchwandert werden und durch ihn erreicht das wahre, freieste, ewige Leben.
BM|0|43|8|0|Darauf wandelten viele schon diesen Weg und erreichten durch ihn das vorgesteckte, erwünschte Ziel, nämlich die Erhebung zur Kindschaft Gottes und dadurch die Erbschaft des ewigen Lebens in aller Macht, Kraft und höchsten Vollendung, die darin besteht, dass sie sich aller jener schöpferischen Eigenschaften zu erfreuen haben, die Mir freilich ewig im vollsten Maße eigen sind. Was aber all den Geistern aus allen anderen zahllosen Sternen und Erden nicht gegeben ist, gleichwie nicht allen Gliedern des Leibes die Sehe oder das Gehör, und noch weniger das Gefühl der innersten Geistessehe, welches da ist zuerst das eigentliche Bewusstsein des eigenen und fremden Seins und das Vermögen, Gott zu schauen und zu erkennen.
BM|0|43|9|0|Diese nun dir gezeigten Eigenheiten haben nur gewisse wenige Glieder des Leibes, während zahllose andere Gliederteile dieser eigentlichen höchsten Lebenseigentümlichkeiten für sich völlig entbehren, aber dabei dennoch als Glieder desselben Leibes im steten Mitgenuss sich befinden.
BM|0|43|10|0|Also steht es auch mit all den vernünftigen Bewohnern aller anderen Gestirne; sie sind wie einzelne Teile des Leibes oder im vollkommeneren Sinne des ganzen Menschen, der in aller Fülle Mein Ebenmaß und das Ebenmaß aller Himmel ist. Daher jene zu ihrer Beseligung auch all der göttlichen Seligkeiten nicht bedürfen, die Meinen Kindern eigen sind; aber so Meine Kinder allerseligst sind, so sind es auch diese Sternenbewohner in und bei ihnen, wie ihr Meine Kinder in und bei Mir, euerm liebevollsten heiligen Vater von Ewigkeit zu Ewigkeit.
BM|0|43|11|0|So du nun selig bist, da sind all diese Zahllosen, die du hier bemerkst, es auch aus und in dir; gleich als so du dich wohlbefindest, da fürwahr befindet sich auch wohl dein ganzer Leib. Daher aber erfordert es dann auch der heiligen Liebe höchste Pflicht bei Meinen Kindern, so vollkommen als Ich selbst zu werden. Denn von solcher seligster Vollkommenheit hängt die Seligkeit von zahllosen kleinen Enkelkinderchen ab, durch deren Seligkeit die eure stets ins Endlose vergrößert und erhöht wird.
BM|0|43|12|0|Nun weißt du, warum Ich dir hier zuerst diesen deiner Erde nächsten Planeten zeige. Denke darüber [nach] und folge Mir nun zur 7. Tür, allwo du wieder in eine neue Weisheit eingeführt wirst! Aber fragen darfst du Mich auch dort um nichts. Denn Ich allein weiß es, welchen Weg Ich dich führen muss, um dich so selig als möglich zu machen. Also gehen wir weiter; es sei!“
BM|0|44|1|1|Das siebente Kabinett. Vom Wesen und Zweck des Uran und seiner Geister
BM|0|44|1|0|[Der Herr:] „Wir sind nun auch schon bei der offenen 7. Tür. Auch hier entdeckst du eine neue Himmelswelt, die zwar nicht so groß und auch nicht gar so übermäßig schön ist als die frühere. Aber dafür erschaust du hier Gebäude von der seltensten und dabei großartig-kühnsten Weise und eine für dich unübersehbare Menge von Werken, die dieses Planeten, den ihr ,Uran‘ nennt, starrmütige Bewohner hervorbringen; also entdeckst du auch eine übergroße Menge der seltensten Gärten, die an den kühnsten und seltensten Verzierungen einen strotzendsten Überfluss haben.
BM|0|44|2|0|In den Gärten, und zwar auf deren breiten überaus wohlgeebneten Wegen derselben ersiehst du auch eine große Menge Geister in vollkommenster äußerer Menschengestalt und alle wohlbekleidet; und aller Augen sind nach uns gerichtet, denn sie alle ahnen, dass Ich Mich in ihrer Nähe befinde und dass sich auch der künftige Besitzer und Gebieter nun schon in gleicher Nähe aufhält, durch den sie erst in ihre volle Seligkeit einzugehen hoffen, und in solcher Seligkeit gelangen zu ihrer vollen verheißenen Kraft und Stärke.
BM|0|44|3|0|Im Hintergrund, in scheinbar großer Ferne, ersiehst du noch fünf kleinere Erden. Das sind Nebenerden dieses Planeten und haben alle eine von den Planeten ganz verschiedene Einrichtung, die aber dennoch in voller Harmonie mit dem Planeten selbst steht.
BM|0|44|4|0|Dieses Planeten Geister dienen im Menschen entsprechend dazu, dass er wachse in allen seinen Teilen, auf der Welt körperlich und hier geistig wesenhaft, d. h. bloß nur was die Ausbildung der Außenform betrifft oder das Wachstum des Menschen überhaupt, sowohl physisch als auch psychisch der Form nach, wird durch das eigens geordnete und zugelassene Einfließen dieses Planeten bewirkt.
BM|0|44|5|0|Wie aber natürlich das Vermögen zu wachsen in dem Menschen vorhanden sein muss, ansonst er nicht wachsen könnte, also müssen auch diese Geister in entsprechender Weise im Menschen und an jener Stelle vorhanden sein, die der Hauptgrund des Wachsens ist. Darum ist auch wieder alles das, was du hier erschaust, in und nicht außer dir. Es befindet sich aber dieser Planet samt seinen Bewohnern und andern Dingen in der Wirklichkeit auch irgend[wo] außer dir; allein dieses kannst du noch lange nicht schauen.
BM|0|44|6|0|Wann du aber in dir selbst zur Vollreife des ewigen Lebens gelangen wirst, dann wirst du auch die große Schöpfung außer dir schauen können, wie Ich Selbst sie schaue – was aber auch nötig ist. Denn so Ich Meinen vollendeten Kindern, die da Engel sind, eine ganze Welt zur Hut und Obsorge anvertraue, so müssen sie so eine Welt ja doch auch genauest sehen. Denn ein Blinder kann kein Hirte sein. Aber zur Beschauung der wirklichen großen Schöpfung außer dir bist du noch lange nicht reif genug! Daher musst du nun schon dich mit dem begnügen, was du nun siehst; denn du siehst das Wirkliche in entsprechender lebendiger Abbildung in dir so, als wäre es außer dir.
BM|0|44|7|0|In dieser inneren Beschauung musst du groß werden und reif dein Geist und wohlgenährt in aller Liebe zu Mir und aus dieser Liebe in der Liebe zu allen Brüdern und Schwestern. Diese Liebe wird dann erst jener Segen sein, den Ich dir verheißen habe, als du die schöne Merkurianerin zu sehr lieben wolltest.
BM|0|44|8|0|Dieser Segen, eine rechte Brücke hinaus in die endlose große Wirklichkeit, wird dir dann ewig nimmer genommen werden. Auf seinen Pfeilern erst wirst du in aller Fülle erkennen, wo du bist, und wer du bist, und woher du kamst.
BM|0|44|9|0|Nun weißt du für diese Tür auch, was dir da zu wissen nottat, und das alles weißt du nun von Mir und aus Mir Selbst. Und da du nun das alles weißt, so denke in dir wohl darüber nach und folge Mir nun wieder weiter hin zur achten Tür! Dort werden wir wieder eine andere und für dich vollends neue Welt kennenlernen samt ihren denkwürdigen Bewohnern. Es sei!“
BM|0|45|1|1|Vom Wesen und Zweck des Miron. Das Geistige als Urgrund und Träger aller Schöpfung
BM|0|45|1|0|[Der Herr:] „Siehe, wir sind auch hier am Ort und der Stelle, die 8. Tür ist geöffnet, und du siehst durch sie wieder eine neue, sehr große, weitgedehnte Himmelswelt, die in einem hellgrünen Licht prangt. Auch hier ersiehst du große Gebäude und unterschiedlich hohe Berge, von denen viele einen bläulichen Rauch von sich geben. Diese rauchenden Berge entsprechen der Erscheinlichkeit nach den vielen feuerauswerfenden Bergen, von denen dieser von der Sonne am weitesten abstehende Planet mit dem rechten Namen Miron (der Wunderbare) den größten Vorrat hat.
BM|0|45|2|0|Hinter diesem Planeten ersiehst du zehn kleinere Erden, die da alle zu ihm gehören, aber dennoch eine ganz andere Ordnung und Beschaffenheit haben als ihr Hauptplanet selbst. Hier kannst du alle Augenblicke etwas Neues ersehen; Bäume schwimmen in der Luft herum und noch eine Menge anderer dir bisher noch ganz unbekannter Dinge. Der Rauch aus den Bergen nimmt auch allerlei seltene Gestaltungen an. Die Menschen in vollkommener Gestalt sind zumeist wohlbekleidet, so dass du außer dem Gesicht nicht viel zu sehen bekommen wirst.
BM|0|45|3|0|Diese Menschen lieben Musik und Dichtung, daher sie als Geister auch durch Entsprechung bei euch, Meinen Kindern, Herz, Gemüt und Seele für die beiden obbesagten Künste empfänglich machen, und haben ihren Sitz in den dazu geeigneten Organen im Menschen, wo sie dann diese Organe anregen und dadurch im Menschen den Sinn für Musik und Dichtung tauglich und aufnahmefähig machen, und im Ganzen den Menschen harmonisch stimmen und seine Phantasie begeistern und erheben. Überhaupt aber werden alle wundersamen und sogenannten romantischen Gesichte von diesem Planeten in entsprechender Weise erregt.
BM|0|45|4|0|Nun weißt du, was dieser Planet für eine Eigenschaft hat und wozu er so ganz eigentlich gut ist. Nur musst du dir da nicht den wirklichen Planeten denken, der zwar wohl auch also beschaffen ist, sondern das entsprechende Abbild nur, das da in deinen Geist gelegt ist, der früher war als alle nun äußere, materielle Schöpfung, die erst nach dem gestaltet wurde, was schon lange vorher in einem jeden vollkommenen Geist vorhanden war. Denn bevor alle Welt war, war schon der Geist, und jene ging aus dem Geist, und nicht etwa der Geist aus ihr hervor! Daher ist dieser Planet, den du in dir hast, auch älter um sehr vieles als der nun wirkliche materielle. Und hätte er nur in eines einzigen Menschen Geist gemangelt, so hätte er auch nimmer gestaltet werden können.
BM|0|45|5|0|Daraus aber kannst du leicht entnehmen, dass, so du dich selbst vollkommen erkennen wirst, du auch alles das erkennen wirst, was sich da befindet außer dir; da sich außer dir nichts befinden kann, das nicht schon lange zuvor in dir vorhanden gewesen wäre, also wie auch in der ganzen Unendlichkeit sich nichts befinden kann, das nicht schon von Ewigkeit zuvor in Mir in vollster Klarheit vorhanden gewesen wäre.
BM|0|45|6|0|Wie Ich aber der ewige Urgrund und Träger von allen Wesen bin, so sind nun auch Meine Kinder in Mir Selbst der Grundstoff von allem, was da nun erfüllt die Unendlichkeit für ewig. Wie aber in Mir Unendliches ist, so ist es auch in euch aus Mir. Denn Meine Kinder sind die Kronen Meiner ewigen Ideen und großen Gedanken!
BM|0|45|7|0|Nun weißt du auch von dieser Tür, was dir hier zu wissen nottut. Daher folge Mir nun zur neunten Tür, allwo du wieder neue Wunder Meiner Liebe und Weisheit erschauen wirst! Es sei!“
BM|0|46|1|1|Das neunte Kabinett. Die zertrümmerte Welt der Asteroiden und ihre Geschichte
BM|0|46|1|0|[Der Herr:] „Wir sind nun auch bei der neunten Tür. Was ersiehst du hier? Nun kannst du, Mein lieber Sohn Martin, schon wieder reden, aber nur so viel als es nottut. Und so antworte Mir auf Meine Frage!“
BM|0|46|2|0|Spricht der Martin: „Herr, ich sehe vorderhand noch eben nicht gar viel! Bei neun kleine, kahle, unförmliche Weltklumpen schwimmen in dieser reinsten Himmelsluft herum, auf denen außer einigen Gesträuchen eben nicht viel zu entdecken ist. Im kaum ausnehmbaren tiefsten Hintergrund kommt es mir wohl vor, als erschaute ich eine große, vollkommene Himmelswelt. Aber diese scheint mir schon so ungeheuer weit von hier entfernt zu sein, dass ich ob dieser enormen Ferne kaum die Welt selbst, geschweige das, was auf ihr zu Hause ist, entdecken kann.
BM|0|46|3|0|Vier dieser hier in der größerer Nähe herumkreisenden Weltklümpchen scheinen wohl auch bevölkert zu sein, weil ich auf ihnen so eine ganz eigentümliche kleine Art von Gebäudchen entdecke. Aber von den Völkern dieser Weltstückel ist nichts zu erspähen. Wahrscheinlich werden das der Himmel größte Völker nicht sein? Vielleicht wohnen darauf bloß nur so eine Art von Infusionsmenschen?! Denn hier schwebt eben so ein Weltstückelchen an der Türschwelle vorüber und ich entdecke außer sehr verkümmerten Gesteinen und einigen wahren Fliegenhäuschen, die freilich eher zierlichen Ameisenhäufchen ähnlich sehen als irgendeiner Art Wohnhäuserlein, nichts. Nichts regt sich da und nichts bewegt sich, außer das Weltstückelchen selbst. Sage es Du, o Herr, mir gnädigst, was denn das ist; ist es auch irgendein Planet oder sonst etwas?“
BM|0|46|4|0|Rede Ich: „Ja, Mein lieber Sohn Martin, auch das ist ein Planet – aber, wie du es siehst, kein ganzer, sondern ein ganz gewaltig zerstückter! Denn nebst diesen neun Teilen, die vor uns sich in stark unordentlichen Kreisen bewegen, gibt es noch eine große Masse Trümmer, die zum Teil auf anderen Planeten zerstreut herumliegen, teils sich aber noch in sehr unordentlichen Bahnen in den endlosen Raumhallen der Schöpfung herumtreiben und hie und da noch zur Stunde, so sie einem festen Planeten oder gar einer Sonne in die Nähe geraten, von denselben an sich gezogen und gewisserart aufgezehrt werden.
BM|0|46|5|0|Du fragst nun in dir: ‚Wie ist denn ein solcher Planet also zerstückt worden und warum; und wie sah dieser Planet früher aus, und wie dessen Einwohner?‘
BM|0|46|6|0|Siehe, das Wie beantwortet dir Meine Allmacht! Es war also Mein Wille.
BM|0|46|7|0|Warum aber? Siehe, dieser Planet war einst vor der Erde auch dazu bestimmt, welche Bestimmung nun die Erde hat! Denn der erste gefallene Geist hat sich ihn auserwählt mit der Verheißung, er wolle sich da demütigen und zu Mir zurückkehren; und dieser Stern sollte darum dereinst ein Stern alles Heiles sein! Hier wolle er ganz in sich gezogen wirken, und kein Geschöpf dieses Sterns solle je von ihm in seiner Sphäre beirrt werden, und noch weniger irgend andere Planeten mit ihren Bewohnern.
BM|0|46|8|0|Aber er hielt diese seine Verheißung nicht, sondern wirkte da so böse in seiner ihm zugelassenen Freiheit, dass da kein Leben mehr fortkommen konnte! Er wurde darum in das Feuerzentrum dieses Planeten gebannt und die Bestimmung dieses Planeten ward sofort deiner Erde gegeben.
BM|0|46|9|0|Als diese reif ward für Menschen und Ich zu dem ersten Menschen den Keim legte, da riss der Böse an seinem Kerker; und es dauerte Mich seiner und Ich ließ ihn tun, was er wollte. Und siehe, da zerriss er seine Erde und fiel von da in den Abgrund dieser deiner Erde und tat dann auf selber allzeit, was dir wohlbekannt ist.
BM|0|46|10|0|Der Grund der Zerstörung dieses Planeten war sonach wie allzeit in allen Dingen Meine Erbarmung! Denn als der Planet noch ganz war und reich an mächtigen Völkern, da begeiferte der Drache ihre Herzen, und siehe, sie entbrannten alle in der wütendsten Herrschsucht und alle schworen sich von neuem ewigen Krieg und eine gegenseitige gänzliche Aufreibung bis auf den letzten Mann.
BM|0|46|11|0|Und da fruchtete kein freies Mittel mehr. Daher musste hier ein Gericht erfolgen. Und das war eben die gewaltige Teilung dieses Planeten, bei welcher Gelegenheit aber freilich auch viele Millionen von den riesig großen Menschen den Untergang fanden und teils unter den Trümmern begraben wurden, zum größten Teil aber auch hinaus in den unendlichen Raum geschleudert wurden, und auch einige von ihnen sogar auf diese Erde fielen, von woher sich noch heutzutage die tradierte heidnische Mythe von dem Gigantenkrieg datiert.
BM|0|46|12|0|Diese ersten Menschen aber starben dann auf den kleinen Resten dieses einst größten Planeten ganz aus, weil sie darauf keine Nahrung mehr fanden. An ihre Stelle aber wurden dann verhältnismäßig kleine Menschen gesetzt, die noch jetzt die kleinen Erdchen bewohnen und äußerst genügsame Wesen sind und nun den Kopfhaaren und den Augenbrauen [im Schöpfungsmenschen] entsprechen. Im Hintergrund aber ersiehst du noch den ganzen Planeten mit allem, wie er einst bestand, aufbewahrt für einen großen Tag, der einst über die ganze Unendlichkeit ergehen wird!
BM|0|46|13|0|Nun weißt du auch von dieser Tür, was dir nun vorderhand zu wissen nottut. Alles andere wird zur rechten Weile von selbst aus dir selbst, und zwar aus diesem Samen kommen, den Ich nun in dein Herz gelegt habe! Darum folge Mir nun zur zehnten Tür, allwo schon wieder neue Wunder deiner harren; es sei!“
BM|0|47|1|1|Die zehnte Kammer. Die Sonne in ihrer Pracht. Vom Wesen des Lichtes. Martin erscheint im Vergleich mit der Schönheit der Sonnenmenschen so hässlich wie ein Pavian. Von der seelischen Vervollkommnung
BM|0|47|1|0|[Der Herr:] „Siehe, wir stehen vor der zehnten Tür; rede nun von allem, was du hier ersiehst!“
BM|0|47|2|0|Spricht Bischof Martin: „Herr, was soll ich hier reden?! Ein unermesslicher Lichtglanz blendet meine Augen, und eine wunderbarst herrlichste Harmonie dringt an meine Ohren! Das ist alles, was ich über den Anblick durch die Tür sagen kann; denn wahrlich, ich sehe sonst nichts als ein wie gesagt unermesslich starkes Licht und vernehme sonst auch nichts als allein nur eben die früher besagte himmlische Harmonie, die da aus dem Licht zu mir zu kommen scheint.
BM|0|47|3|0|Das Licht scheint hier auch einen Raum einzunehmen, der vollends unermesslich sein muss. Denn wohin ich nur immer mein Auge wende, ist nichts als Licht über Licht. Dabei aber ist dennoch äußerst sonderbar, dass da diese ungeheure Lichtmasse nicht mehr Wärme durch diese offene Tür herein spendet!
BM|0|47|4|0|Herr, was ist das? Ist das etwa die Hauslampe dieses von Dir mir gegebenen Hauses? Oder ist das etwa gar die Sonne, d. h. eine Miniatursonne von jener wirklichen großen Sonne, die der Erde leuchtet?“
BM|0|47|5|0|Rede Ich: „Ja, so ist es; das ist die entsprechende Sonne in dir! Wann dein Auge lichtgewandter wird, dann wirst du schon auch andere Dinge in diesem Licht erschauen; daher sehe nur eine kleine Weile unverwandt hinein und du wirst dieses Lichtes Reichtum bald über die Maßen anzupreisen beginnen!“
BM|0|47|6|0|Der Bischof Martin setzt sich nun recht mit seinen Augen in das Licht hinein und späht, und späht, wo er etwas anderes als bloß nur das Licht erschauen könnte. Aber er erschaut noch immer nichts und spricht wieder nach einer Weile: „Herr Jesus, es wird’s nicht tun, es wird’s nicht tun! Mir vergehen schon förmlich die Augen, und ich sehe noch immer nichts als Licht über Licht. Ist zwar ein schöner Anblick, aber dabei doch etwas langweilig. Aber das macht gerade nichts; wenn ich nur Dich sehe, da brauche ich ewig kein Wunderding in diesem Lichtmeer herumschwimmen zu sehen! Ist aber wirklich merkwürdig, nichts als Licht, und das was für ein Licht!
BM|0|47|7|0|Herr, mein allergeliebtester Jesus, was ist denn doch so ganz eigentlich das Licht? Auf der Welt streiten die Gelehrten noch zur Stunde, was da sei das Licht und behaupten dies und jenes. Aber am Ende zeigt sich’s denn doch wieder, dass da einer wie der andere nichts weiß und auch nichts versteht! Ich habe darüber so manches gehört und gelesen, aber auch aus allem ersehen, dass die Weltgelehrten in keinem Fach so wenig wissen, als eben was da betrifft die Wesenheit des Lichtes. Daher, so es Dein Wille wäre, könntest Du mir nun wohl einige Winke über das Wesen des Lichtes geben, da wir schon gerade an dieser Lichtpforte weilen?“
BM|0|47|8|0|Rede Ich: „Siehe, Ich Selbst bin das Licht allenthalben, das Licht ist Mein Gewand darum, weil die ewige unermüdetste Tätigkeit Mein Grundwesen ist und diese Tätigkeit Mich sonach allenthalben durchdringt und umgibt. Wo eine große Tätigkeit zu Hause ist, da ist auch ein großes Licht vorhanden; denn das Licht ist an und für sich nichts als eine pure Erscheinung der Tätigkeit der Engel und besseren Menschengeister. Je höher in der Tätigkeit diese stehen, je größer auch ist ihr Licht.
BM|0|47|9|0|Daher glänzen die Sonnen auch mehr als die Planeten, weil auf ihnen und in ihnen eine millionenfach größere Tätigkeit zu Hause ist als auf den Planeten; also ist auch das Licht eines Erzengels größer als das Licht eines bloßen kleinen, weisen Engelsgeistes; weil ein Erzengel ganze Sonnengebiete zu übersorgen hat, während einem kleinen, weisen Geist nur ein kleinstes Gebiet auf der Erde oder gar nur auf ihrem Mond zugeteilt wird.
BM|0|47|10|0|Also glänzt auch ein Diamant stärker denn ein gemeiner Sandstein, weil in seinen Teilen eine für dich kaum berechenbar große Tätigkeit vor sich geht, derwegen er so hart ist, was beim Sandstein sicher nicht der Fall ist. Denn es gehört doch sicher mehr dazu, die Kohäsion des Diamanten als die eines Sandsteines zu bewerkstelligen!
BM|0|47|11|0|Kurz und gut, wo du irgend an einem Ding eine größere Licht- und Glanzfähigkeit entdecken wirst, da kannst du auch allzeit auf eine größere Tätigkeit schließen; denn die Tätigkeit ist das Licht und der Glanz aller Wesen und Dinge. Des Auges Sehkraft aber besteht darin, diese Tätigkeit wahrzunehmen. Ist die Sehe noch unvollkommen, da ersieht sie bloß nur Licht und Glanz. Ist sie aber vollkommen, da ersieht sie die wesenhafte Tätigkeit selbst, was du nun in diesem Licht auch bald ersehen wirst, so deine Sehe nun vollkommen wird.
BM|0|47|12|0|Daher gebe nun nur recht Acht, da wirst du Dinge erschauen, die dich ins höchste Erstaunen setzen werden; denn nun haben wir keinen Planeten, sondern eine Sonne vor uns! Betrachte und rede dann!“
BM|0|47|13|0|Nach einer ziemlich geraumen Weile, in der unser Martin unverwandt in die Lichtmasse hineinsah, fing er an, sich so zu verwundern, dass das Wundern nahe kein Ende nehmen wollte.
BM|0|47|14|0|Als Ich ihn fragte, was denn nun gar zu sehr sein Verwunderungsvermögen in den Anspruch nehme, spricht er:
BM|0|47|15|0|[Martin:] „O Herr, o Herr, o Herr! Um Deines allerheiligsten Namens willen – ah, ah, ah! Ist das wohl möglich! Ist es möglich, dass alle diese Wunder der Wunder Du übersehen, ordnen und leiten kannst? Nein, nein, das ist über alle menschliche und selbst englische [engelhafte] Vorstellungskraft! O mein Gott, mein Gott, Du bist endlos unbegreiflich groß und Deines Ruhmes und Deiner Herrlichkeit ist ewig kein Ende!“
BM|0|47|16|0|Rede Ich: „Ja, was siehst du denn, das dich in eine solche Andachtsekstase bringt? So rede doch einmal, was es ist, das du siehst!“
BM|0|47|17|0|Spricht der Bischof Martin: „Ach Herr, ach Herr! Was soll ich da reden, wo mir die Sinne vor zu endlos großer Herrlichkeit und überhimmlischer Schönheit und Majestät vergehen!
BM|0|47|18|0|Fürwahr, das ist für mich rein namenlos! Endlos schöne Menschen, das ist der einzige Gegenstand, den ich als das erkenne, was er ist; alles andere aber ist für mich namenlos; denn solch erhabenste Dinge sah ich nie, auch die begeistertste Phantasie des weisesten Menschen hat nie so etwas je geahnt! Es war bisher wohl alles von höchster Anmut und Schönheit, was ich schon gesehen habe, aber mit dem verglichen, was ich hier erschaue, sinkt es in ein Nichts zurück!
BM|0|47|19|0|Es ist hier von allem nun eine solch endlose Fülle vorhanden, dass man sie bei einiger genauerer Betrachtung ewig nimmer übersehen könnte; und dazu entwickeln sich hier noch fortwährend neue eher nicht dagewesene Wunder, von denen stets das neue herrlicher ist, denn des’ Vorhergehendes!
BM|0|47|20|0|Nur allein die Menschen bleiben sich gleich, aber wohl in einer so namenlosen Schönheit, dass ich mich darob gerade in den dicksten Staub verkriechen möchte. Alles andere aber wechselt wie die symmetrischen Reflexfiguren eines auf der Erde vorhandenen optischen Instrumentes, das da unter dem Namen Kaleidoskop bekannt ist.
BM|0|47|21|0|Sogar die Gegenden verändern sich! Wo früher ebenes Land war, wächst auf einmal ein ungeheurer Berg; der treibt die Wässer mit sich auf und weitgedehnte Fluren werden zu Meeren. Die Berge zerspringen und sobald stürzen eine Unzahl brennender Welten aus des Berges Öffnung und fliehen oder fallen dann, wie durch eine große Gewalt getrieben, in den endlosen Weltenraum hinaus. Dagegen fallen ebenso viele aus dem endlosen Raum wieder zurück und vergehen da wie einzelne Schneeflocken, so sie auf einen warmen Boden fallen.
BM|0|47|22|0|Ach, ach, das sind furchtbar große Erscheinungen! Und doch wandeln die endlos schönsten Menschen so seligst aussehend unter diesen Szenen und scheinen sich kaum viel darum zu kümmern! Sie gehen in ihren überhimmlischen Gärten herum und ergötzen sich am Anblick der herrlichsten Blumen, die, wie ich es merke, sich auch unter den Augen ihrer Beschauer verändern und in stets herrlicheren Formen sich erneuen. O Herr, lass nur da mich noch eine halbe Ewigkeit wenigstens hineinschauen; denn da kann sich meiner Meinung nach nicht einmal der erhabenste Erzengel ewig je satt sehen!
BM|0|47|23|0|Oh, oh, ohohoh! Nur diese Menschen, diese Menschen! Es ist wahrlich nicht auszuhalten! Diese Fülle, diese Weichheit und Rundung, diese Weiße und diese endlos herrlich schönst erhabenste Anmut des Gesichtes! Nein, nein, nein! Das ist zu himmlisch! Ich halte es nicht aus! Ich halte es nicht aus!
BM|0|47|24|0|Ach, ach, ach! Da kommen einige so recht nahe zu mir her und ich kann ihre über alle menschliche Vorstellung erhabenst schönsten Gesichtszüge und den wahrhaft endlos harmonisch schön gebauten Leib in vollsten Zügen bewundern und über alle Maßen anstaunen! Sie sind nun völlig da, ja so nahe sind sie mir, dass ich sie überleicht anreden könnte. Aber ich würde es nicht aushalten, so diese zu himmlisch-schönen Menschen mit mir zu reden anfingen! O Herr, ich würde von einem einzigen Wort aus diesem zu himmlisch schönsten Mund ganz vernichtet werden!
BM|0|47|25|0|O Herr, o Herr, mache, dass sie sich wieder zurückbegeben, denn ihre Anschauung macht mich völlig verschwinden! Ich komme mir vor wie einer, der nicht ist und wie einer, der in einen verzückenden Traum versunken ist! Ach, es ist namenlos!
BM|0|47|26|0|Gott, Du großer und allmächtiger Weltenmeister, wie ist es Dir denn doch möglich gewesen, in der höchst einfachen menschlichen Form, die im Grunde doch stets dieselbe ist, eine so endlose Mannigfaltigkeit und diese endlose Schönheit zuwege zu bringen, und das in allen zahllosfach verschiedenen Abweichungen?! Ich könnte mir wohl eine schönste Form denken, alle anderen aber dann minder; aber da sind zahllose, und eine jede ist unendlich schön in ihrer Art! O Herr, das ist unbegreiflich, das ist rein unbegreiflich!
BM|0|47|27|0|Ich hatte auf der Welt immer diese überdumme Vorstellung, dass da auf der eigentlichen und vollkommenen himmlischen Geisterwelt alle Seligen einander so vollkommen gleich sehen wie auf der Welt die Sperlinge. Aber wie ich’s nun erschaue, so ist hier erst die rechte Mannigfaltigkeit zu Hause, die auf der Welt ganz entsetzlich stark durch das sterbliche Fleisch verdeckt war!
BM|0|47|28|0|Ach, ach, das wird immer herrlicher, herrlicher, herrlicher! Da, da kommt schon wieder ein neues Paar! O Herr, o Herr, o Herr! Nein, da bleibt jetzt mein Verstand rein picken und kleben!
BM|0|47|29|0|Herr! Halte mich, sonst sinke ich wie ein leerer Strumpf zusammen! Ahahahah, das ist ein weiblich Wesen! Ich erkenne es an der hohen wallenden Brust! O Jesus, o Du mein Jesus Du! Ist das aber eine Herrlichkeit, eine so namenloseste Schönheit, dass man darob gerade in den feinsten Sonnenstaub könnte aufgelöst werden!
BM|0|47|30|0|Diese endlose Zartheit der Füße, diese üppigste Fülle aller anderen Leibesteile, die Glorie, die sie umgibt, dieser endlos sanfte und freundlichste Blick aus einem Paar Augen, ach, ach, ich sage aus einem Augenpaar, für deren Beschreibung sicher der Erzengel Michael in die allergrößte Verlegenheit käme!
BM|0|47|31|0|Kurz, ich bin nun schon ganz dumm, ich bin unendlich dumm, schrecklich dumm muss ich sagen; ich wollte noch etwas fragen – fra- fra- fra- fragen, ja richtig fragen!? Oh, hole der Kuckuck die Frage! Ich bin nun ganz dumm, oh, ich bin ein Esel oder noch ein anderes dümmeres Vieh! Ja, ja, ein Rhinozeros bin ich. Da gaffe ich hinein wie der Ochse in ein neues Tor und vergesse beinahe, dass Du, o Herr, hier bei mir bist, gegen den auch alle diese Schönheiten ein purstes Nichts sind. Denn so Du es wolltest, könntest Du sicher noch endlos größere Herrlichkeiten im Augenblick hervorrufen?!
BM|0|47|32|0|Herr, ich habe mich nun zur Genüge ergötzt an diesen überhimmlischen Schönheiten! Für mich sind sie zu rein und zu endlos schön; lasse mich daher wieder etwas ganz Ordinäres sehen, auf dass ich mich wieder finden kann und mich selbst besehen, ohne mich zu entsetzen ob meiner grässlich hässlichen Gestalt im Vergleich zu diesen endlos schönsten Himmelswesen!
BM|0|47|33|0|Wahrlich, da sieh einmal her, oh, oh, ich bin ja ein heller Pavian und ein ganz entsetzlich grober Lümmel. Nein, ahahah! Ist aber das ein Unterschied zwischen mir und diesen Engeln der Engel! Gerade speien könnte ich, so ich mich anschaue! Es ist grauslich, grauslich, und doch bin ich auch nun schon ein Geist, der doch um etwas besser aussehen sollte als ein Fleischmensch auf der Erde. Aber wie kommt denn das, dass diese Menschen gar so unendlich schön sind, und wir als Deine Kinder sehen dagegen aus wie echte Paviane, besonders ich?“
BM|0|47|34|0|Rede Ich: „Weil ihr Mein Herz seid; diese aber sind Meine Haut! Aber auch Meine Kinder sehen endlos schön aus, wann sie vollkommen sind. Wenn sie aber noch dir gleichen in der Unvollkommenheit, dann sehen sie freilich eben nicht gar zu schön aus. Daher befleiße dich der Vollendung und werde vollkommen, so wird deine Gestalt schon auch ein himmlischeres Aussehen bekommen!
BM|0|47|35|0|Ich aber will es also, dass du diese großen, reinen Schönheiten schaust, auf dass du in ihrem Licht dich desto eher und desto leichter erkennst. Darum schaue nur noch eine Zeitlang hinein in dieses Licht und empfinde deine eigene seelische Hässlichkeit, auf dass sie dadurch zerbreche, mürbe werde und reif und dein Geist dann in ihr erstehe und dich zu einem neuen Geschöpf umgestalte!
BM|0|47|36|0|Denn siehe, du bist noch lange nicht wiedergeboren aus dem Geiste! Daher habe Ich dich hierher in diesen Garten verpflanzt, gleich wie in ein mächtiges Treibhaus, auf dass du eher zur vollen Wiedergeburt gelangen mögest. Aber du musst dich auch pflegen lassen wie eine edle Pflanze! Denn siehe und fasse! Disteln und Dornen zieht man nicht in den himmlischen Gärten und Treibhäusern. Betrachte nun weiter und rede; aber um weniges nur frage! Es sei!“
BM|0|48|1|1|Martin entdeckt weitere Herrlichkeiten auf seiner Sonne. Grund der Größenverschiedenheit der Sonnenmenschen. Martins Klage über die Erde und ihre Bewohner
BM|0|48|1|0|Der Bischof Martin wendet sein Auge wieder der Sonne zu und beschaut die großen Szenen und Wunderdinge auf deren leuchtendem Boden. Nach längerer Weile seiner Betrachtung spricht er wieder: „Da seht, da seht! Noch stets dieselbe Sonne und doch ganz andere Menschen! Zwar auch sehr schön, aber ihre Schönheit ist doch wenigstens zu ertragen, denn sie haben Ähnlichkeit mit schon gesehenen auf den anderen Planeten und selbst mit den Bewohnern unserer Erde.
BM|0|48|2|0|Ich sehe nun überhaupt mehrere Gürtel, die sich parallel um die Sonne ziehen. Und innerhalb jedes Gürtels ersehe ich andere Menschen, die einen groß, die einen wieder etwas kleiner, wieder andere ganz klein, und – o Tausend, Tausend! Da am Ende gibt es aber Menschen! O sapperment, sapperment! Sind die aber groß! O je, o je! Auf diesen könnten die anderen ja gerade als Schmarotzermenschen anstatt gewisser Tierlein ganz bequem auf dem Kopf zwischen den Haaren herumsteigen!
BM|0|48|3|0|O Herr, o Herr! Vergebe mir meine etwas schmutzige Bemerkung! Ich sehe es ein, sie gehört nicht hierher an den Ort des Erhabensten. Aber man kann sich bei der Betrachtung dieser ungeheuren Riesenmenschen ihrer nicht erwehren! Ich habe zwar schon in einigen anderen Planeten wie im Jupiter, Saturn, Uran und Miron die Entdeckung bei mir selbst gemacht, dass deren Bewohner größer sind als die Menschen der Erde, die ich bewohnte, und manche um ein sehr Bedeutendes. Aber was da diese Riesen betrifft, so sind alle Bewohner der anderen Planeten pure Schmarotzermenschchen gegen sie!
BM|0|48|4|0|Wenn so ein Riese auf der Erde sich befände, so möchte er ja noch um ein sehr Bedeutendes die höchsten Berge derselben überragen! Nein, nein, das ist wahrlich mehr als ungeheuer! Da, wohl da sage mir, Du mein allergeliebtester Herr Jesus, Du mein Gott und mein Herr, warum denn diese Menschen gar so entsetzlich groß sind? Ich sollte Dich zwar nicht fragen um vieles; aber da ich Dich bisher bei dieser jetzigen Betrachtung noch um nichts gefragt habe, so vergebe mir diese erste Frage und gebe mir gnädigst eine mich erleuchtende Antwort auf diese meine erste Frage in dieser Wundersache!“
BM|0|48|5|0|Rede Ich: „So höre und vernehme es wohl! Sahst du nie auf der Erde, wie da die Kriegsleute verschiedenes Geschütz haben vom leichtesten bis zum schwersten Kaliber? So du nun in ein kleines Gewehr die Ladung vom schwersten Geschütz tätest, was würde dadurch dem kleinen Gewehr widerfahren? Siehe, die starke Ladung würde es in kleinste Stücke zerreißen!
BM|0|48|6|0|Was geschähe mit einem Planeten, so er erfüllt wäre mit der Kraft der Sonne? Siehe, so die Erde nur durch die Dauer von einer Minute in die mächtige Lichtflut der Sonne getaucht würde, so wäre sie also zerstört schon wie ein Tropfen Wasser, so er fiele auf ein glühend Erz. Also muss die Sonne darum aber auch ein sehr großer und für die Größe verhältnismäßig starker Körper sein, um die in ihn gelegte Kraft in aller Fülle der Tätigkeit tragen und halten zu können!
BM|0|48|7|0|Wenn du eine Federflaume auf ein Ei legtest, da wird das Ei nicht erdrückt werden, denn es hat Festigkeit in Übergenüge zu tragen das Gewicht von einer Federflaume. Aber so du auf das Ei ein Gewicht von 100 Pfund legen würdest, da wird das Ei unter dem zu mächtigen Druck des zu schweren Gewichtes gänzlich erdrückt werden!
BM|0|48|8|0|Könnte wohl ein Riese den Rock eines Kindes anziehen? Sicher nicht! So er’s aber dennoch täte, was würde da mit dem Rock geschehen? Siehe, es würde der Rock in viele Stücke zerrissen werden!
BM|0|48|9|0|Also hat in der ganzen Schöpfung jedes Ding sein Maß, das Kleine das seinige in seiner Art in allen seinen Verhältnissen, und das Große in seiner Art auch in allen seinen Verhältnissen.
BM|0|48|10|0|Wie du aber nun ersiehst, da es Welten gibt von verschiedenster Größe, zu tragen eine verhältnismäßige Kraft, also gibt es auf den Welten aber auch in gleichem Maße verschieden große Geister, zu deren einstweiliger Tragung auch verschieden große Leiber erforderlich sind.
BM|0|48|11|0|Es wird aber nun die wahre, eigentliche Größe des Geistes freilich nicht nach seinem Umfang, sondern lediglich nach seiner Liebe und Weisheit bemessen. Aber siehe, das sind noch Urgeister, die da im freien Zustand ein ganzes Sonnengebiet in wirkender Fülle erfüllten! Da sie aber auch an Meinem Reich den seligen Anteil haben möchten, so müssen sie aber auch des Fleisches Weg wandeln! Werden sie den Leib ablegen, dann werden sie ob ihrer großen Sanftmut und Demut eben auch nur unseren Umfang haben; aber wohl auch den früheren, so sie seiner benötigen werden!
BM|0|48|12|0|Nun weißt du alles, was du zu wissen brauchst in dieser Sphäre und für diesen deinen Zustand. Schaue daher nun wieder weiter und rede, was dir auffallen wird, auf dass wir bald zu der elften Tür übergehen können! Es sei!“
BM|0|48|13|0|Martin schaut nun wieder in die Lichtgefilde der Sonne und entdeckt da bald übergroße Tempel und andere Wohngebäude, auch Straßen und Brücken von der allerkühnsten Art. Bald wieder übermajestätisch hohe Berge, die sich in Hauptzügen um die ganze Sonne ziehen und diese in Gürtel abmarken, von denen jeder andere Bewohner und andere Lebensweisen hat und andere Sitten und Gebräuche; also entdeckt er nun auch, wie zu beiden Seiten des Mittel- oder Hauptgürtels zwei Gürtel miteinander zumeist in allem die größte Ähnlichkeit haben.
BM|0|48|14|0|Vor allem aber gefallen ihm denn doch noch immer die Menschen des Mittelgürtels am allerbesten, an deren übermäßige Schönheit er sich nun schon etwas mehr angewöhnt hatte. Nur dürfen sie ihm noch nicht gar zu nahe gestellt werden, besonders die Weiber und Mädchen schon gar nicht, weil die zu schön und reizend sind. Aber selbst der männliche Teil macht ihm starke Anfechtungen, weil auch dieser Teil so überaus schön und reizend gebaut ist, dass diese Erde noch nie ein Wesen weiblicher Art von solcher Üppigkeit, Weiche, Rundung und Sanftmut getragen hat.
BM|0|48|15|0|Nach längerem Herumspähen ersieht er nun ein Gebäude in der Mitte des Hauptgürtels, das da an Pracht, Glanz und reichster Verzierung alles bisher Gesehene in einem so hohen Grad übertrifft, dass alles, was unser Martin bisher gesehen hatte, kaum als etwas angesehen werden kann. Und um dies Gebäude wandeln Menschen von einer so großen Schönheit, dass er ob solchen Anblickes ganz wie ohnmächtig zusammenfällt und lange kein Wort herausbringen kann.
BM|0|48|16|0|Nach einer geraumen Weile erst fängt er wieder, wie ganz erschöpft, mehr zu stöhnen als zu reden an und spricht ziemlich unzusammenhängend: „Mein Gott und mein Herr! Ach, wer auf der Welt lässt sich so was in den Sinn kommen? Die Sonne ein leuchtender runder Körper, wer vermutet das auf ihrem Boden!
BM|0|48|17|0|Was bist du, Erde, nun gegen diese endloseste seligmachende Pracht? Was sind die reißendsten Tiere von Menschen der Erde gegen diese unbeschreibbar schönsten Wesen, die da sind voll der himmlischsten Glorie, Schönheit und seligst-freundlichsten Anmut, von der sich der beste Mensch aber auch nicht den leisesten Begriff machen kann!
BM|0|48|18|0|Auf der Erde sind die Menschen desto gefühlloser und oft desto teuflischer, in je prächtigeren Palästen sie wohnen, je zarter ihre Haut ist und je mehr glänzendere Kleider sie über ihre Haut hängen können. Hier ist gerade der umgekehrte Fall! Ach, ach, so was ist ja unerhört, nie gesehen auf der Erde!
BM|0|48|19|0|Hier wohnen die Weisesten in den unansehnlichsten Hütten auf den Bergen, wie ich es soeben entdecke. Auf der Erde ist die Wohnung des weisest sein sollenden Oberhirten der Christenheit gerade die größte, reichste und glänzendste auf der Erde. Und seine Kleider sind pur Seide, Gold und kostbarste Edelsteine! Hier ist es gerade der umgekehrte Fall. Ach, ach, und die Bewohner der Erde sollen Gotteskinder sein? Ja, Kinder des Satans sind sie diesen Sonnenkindern gegenüber. Sie können auch nichts anderes sein gegenüber diesen reinsten Himmelskindern!
BM|0|48|20|0|Diesen ist nie ein Evangelium gepredigt worden. Und doch sind sie ihrer Natur nach das reine Evangelium selbst, was sie auch offenbar sein müssen, da sich sonst diese allerhimmlischste Ordnung in allem, was hier zum Vorschein kommt, ewig nie denken ließe! Ja, ja, hier ersehe ich das reinste, wahrste und ewig vollkommenste, unverfälschteste und richtigst gedeutete Wort Gottes lebendig!
BM|0|48|21|0|Seht an die Lilien auf dem Feld; sie arbeiten nicht und ernten nichts in ihre Scheunen, und Salomo in aller seiner Königspracht war nicht bekleidet wie eine der Geringsten aus ihnen. Da sehe ich zahllos viele solcher Lilien, sie haben keinen Pflug, kein Messer, keine Schere, keinen Webstuhl und keine Stickrahmen, und wo auf der ganzen Erde lebt ein Königssohn, eine Königstochter, die sich einer der allergeringsten dieser Himmelslilien nähern dürfte!?
BM|0|48|22|0|O Menschen, Menschen, die ihr die Erde verfinsternd und verpestend bewohnt, was seid ihr und was bin ich gegen diese Sonnenvölker? Herr, Herr, o Herr, wir sind nichts als die allerbarsten Teufel, und die Welt ist die Hölle selbst in optima forma! Darum stehen die Sterne auch sicher so weit von der Erde ab, dass sie von ihr nicht verpestet werden möchten!
BM|0|48|23|0|O Gott, Du bist heilig und endlos erhaben! Aber in Deinem Ärger musst Du einmal ausgespuckt haben, und daraus muss die Erde entstanden sein und ihre Geschöpfe aus Deinem einstigen Fluch, den Du je einmal in die Unendlichkeit hinausgedonnert hast!
BM|0|48|24|0|O Herr! Vergebe mir diese meine nunmalige Bemerkung, aber ich kann mich ihrer beim Anblick dieses Himmels nicht erwehren! Nun graut es mir vor der Erde und ihren Bewohnern wie vor einem giftigst stinkendsten Aas!
BM|0|48|25|0|O Herr, sende mich in alle endlosesten Räume hinaus, aber nur zur Erde sende mich ewig nimmer! Denn sie ist für mich eine Hölle aller Höllen, und ihre Bewohner sind unbekehrbare Teufel, die sich zum Hauptgeschäft gemacht haben, die wenigen Engel unter ihnen bis zum letzten Blutstropfen zu verfolgen.
BM|0|48|26|0|O Herr, o Herr! Lasse doch einmal ein rechtes Gericht los über diesen alleinigen Schandfleck in Deiner ganzen unendlichen Schöpfung! Je mehr ich diese Herrlichkeiten betrachte, desto mehr drängt sich mir der Gedanke auf, dass die ganze Erde samt ihren eigentlichen Bewohnern auch eigentlich gar nicht Dein Werk, sondern ein Werk des Satans, des Obersten aller Teufel, ist – rundheraus gesagt, ohne Scheu und ohne Blatt vor dem Mund! Da ist nur Laster, Tod und Verderben, und davon bist Du, o Herr, ewig der Schöpfer nicht!
BM|0|48|27|0|Ach, ach, wie herrlich, wie endlos herrlich ist es hier, wo Deines Wortes ewige Ordnung herrscht! Und wie elend und qualvoll dagegen auf der Erde, die da ist ein Fluch aus Dir, weil sie in allem Deiner Ordnung gleichfort widerstrebt! O Herr, richte sie! O Herr, verderbe und vernichte sie auf ewig, denn sie ist nimmer Deiner Gnade wert!“
BM|0|48|28|0|Rede Ich: „Sei nur ruhig, nun siehst du das Rechte noch nicht, obschon du recht geredet hast. Gehe nun aber mit Mir zur elften Tür, alldort wirst du so manche Verhältnisse klarer erschauen und anders urteilen! Darum folge Mir; es sei!“
BM|0|49|1|1|Eine Mondschau durch die elfte Tür. Bischof Martin und der Mondweise
BM|0|49|1|0|[Der Herr:] „Siehe, wir sind nun bei der elften Tür. Sehe dahin, sehe hinein und rede dann, was du hier alles erschaust!“
BM|0|49|2|0|Bischof Martin schaut da nun eine Weile hinein und spricht dann etwas schmollend: „Was ist denn das für eine wahre Schnakerlwelt? Menschen, etwas größer als auf der Erde die Kaninchenhasen, und die Gegend so schön wie auf Erden recht nette Mistbeete! Die Bäume möchten einige Spannen Höhe haben wie auf der Erde die Krummholz- und Brombeer- und Wacholdersträucher. Das Beste sind noch die Berge, die im Ernst sehr hoch und sehr steil sind. Meere sehe ich gerade keine, wohl aber Seen, der größte hätte etwa, nach irdischem Maß genommen, wohl bei 10.000 Eimer Wasser! Sapperment, das ist ein Unterschied zwischen der Tür Nr. 10 und Nr. 11!
BM|0|49|3|0|Ah, ah – was ist denn das für ein Springinsfeld mit einem Fuß noch dazu? Das wird doch wohl nur ein Tier und kein menschliches Wesen sein! Da entdecke ich noch eine ganze Herde von einer eigenen Art Murmeltiere! Es ist überhaupt merkwürdig! Bis jetzt habe ich noch nirgends Tiere gesehen, und hier auf dieser Schnakerlwelt gibt’s nun auf einmal beinahe mehr Tiere als Menschen. Soll denn das im Ernst eine Tierwelt sein? Ja, ja, da siehe, da kommt noch eine starke Herde von einer Art Schafen daher! Schade, dass ich keine Ochsen und Esel erschaue, auf dass ich mich meinesgleichen erfreuen könnte! Vögel gibt es auch; wenn darunter nur keine gar zu lustigen sind!
BM|0|49|4|0|Da, da, da! Hahaha, das ist ja ein wahrer Spaß! Da sind ja die Menschen ganz zusammengewachsen! Das Weibchen sitzt dem Männchen wie Buckelkraxer über den Schultern! Und da bläht sich ein Männchen wie ein Laubfrosch auf und macht mit dem gespannten Bauch einen Lärm wie auf der Erde ein türkischer Regimentstambour! Nein, das ist im Ernst sehr spaßig und in einem bedeutenden Grad lächerlich!
BM|0|49|5|0|Wahrlich, Herr, so Du dieses Weltchen erschaffen hast, hat es sicher Deine Allmacht und Weisheit nicht zu sehr in Anspruch genommen, denn soweit ich jetzt dieses Welterl sehe, so ist es eigentlich gegen alles früher Gesehene mehr fad als irgend erhaben. Da muss ich der Erde wieder abbitten, was ich bei Nr. 10 zu schlecht von ihr geredet habe. Denn gegen diese Welt ist sie bis auf ihre Menschen denn doch ein wahres Paradies. Sage, o Herr, mir doch gnädigst, wie da diese Welt heißt! Die kann doch nicht mehr in unserer Erde Sonnengebiet sich befinden?“
BM|0|49|6|0|Rede Ich: „O ja, siehe, das ist der Mond der Erde. Und diese Menschen sind der Erde entnommen, so wie der ganze Mond selbst, der zwar damals der Erde schlechtester Teil war, nun aber um sehr vieles besser ist als die ganze Erde. Darum ist er nun auch eine Schule für sehr weltsüchtige Seelen geworden. Denn siehe, es ist besser eine magere, kleine Welt mit einem fetten Geiste, als eine fette, große Welt mit einem höchst mageren Geiste!
BM|0|49|7|0|Siehe, so armselig diese Menschen hier auch äußerlich aussehen, so aber wirst du doch noch lange zu tun haben, bis du im Geiste so fett sein wirst, als diese es lange schon sind!
BM|0|49|8|0|Auf dass du es aber praktisch einsehen lernst, wie es mit der Weisheit dieser Menschen steht, so soll ein Paar sich dir nahen und mit dir sich über Verschiedenes unterreden. Siehe, da kommt schon so ein Huckepackpärchen her; frage sie um Verschiedenes und sei versichert, sie werden dir keine Antwort schuldig bleiben! Es sei!“
BM|0|49|9|0|Spricht Bischof Martin: „Ja richtig, ja richtig, da ist schon so ein Pärchen. Es näherte sich uns gleich mit ihrer ganzen Welt, deren es sich förmlich wie eines Schiffes bediente. Schau, in der Nähe sieht das Pärchen ganz possierlich aus, besonders das kleine Weibchen. Aber wie ich’s merke, so müssen wir für sie unsichtbar sein, weil sie so ahnungsvoll um sich herumblicken, als gewahrten sie im Ernst etwas, können aber dabei dennoch nichts entdecken.“
BM|0|49|10|0|Rede Ich: „Du musst ihnen nähertreten und dadurch berühren ihre kleine Sphäre, dann werden sie dich schon besser ausnehmen! Die Bewohner aller Monde der Planeten haben das Eigentümliche, dass sie die Geister anderer Planeten erst dann vollends erschauen, so diese sich in ihren kleinen Sphären befinden. Der Grund von dieser Erscheinung ist, weil die Monde der Planeten unterste, materiellste Stufe sind; gleichsam wie der Unflat der Tiere auch ihre unterste und materiellste Stufe ist, aber oftmals nützlicher als das Tier oder der Mensch selbst! Tue nun, was Ich dir sagte und das Pärchen wird deiner sogleich ansichtig sein!“
BM|0|49|11|0|Bischof Martin tut nun, was Ich ihn behieß, und das Pärchen ersieht unseren Martin sogleich und bewundert seine Größe. Martin aber beginnt sogleich folgendes Gespräch mit den beiden Mondbewohnern sagend und fragend: „Seid ihr wohl die wirklichen Bewohner dieser kleinen Welt, oder gibt es noch andere, die größer sind denn ihr und weiser vielleicht auch?“
BM|0|49|12|0|Reden die beiden: „Als Menschen gibt es nur eine gerechte Menge unseresgleichen. Aber sonst gibt es noch eine Menge Geschöpfe, und auf dem entgegengesetzten Teil dieser Erde wohnen Büßer, die nicht selten zu uns herüberkommen, um von uns die innere Weisheit zu erlernen. Diese Büßer aber kommen gewöhnlich von einer anderen Welt her, wahrscheinlich von der, von der auch du bist! Sie sind wohl sehr groß der Gestalt nach, aber dem Wesen nach sind sie überaus klein. Auch du siehst sehr groß aus, aber der eigentliche Mensch in dir ist noch kaum sichtbar!
BM|0|49|13|0|Was tut ihr aber, ihr großen Menschen, denen viel Leben gegeben ist? Warum wahrt ihr dieses Leben so wenig? So da die Zeit ist, Früchte auszusäen, von welcher Aussaat der Mensch sein irdisches Leben zu wahren und dasselbe ernährend zu versorgen hat, da ist der Mensch voll Fleißes und arbeitet, wenn es ihm nur die Kräfte gestatten, wie ein Wurm in einem morschen Baum unabsetzlich fort und lässt sich nicht beirren durch allerlei vorkommende Hemmnisse. Er erduldet Hitze und große Kälte und Regen und anderes Unwetter. Seinen Leib schont er nicht und setzt nicht selten dessen an einem Haar hängendes kurzes Leben in die größte Gefahr, um für dasselbe eine kümmerliche Nahrung zu erbeuten. Aber für die Wahrung und Erhaltung und Vervollkommnung des eigentlichen inneren Lebens, für das eigentliche, ewige, heilige, große Ich tut er wenig oder nichts!
BM|0|49|14|0|Was wohl möchtest du von einem Gärtner sagen, der auf seinem Grund Fruchtbäume setzte; da sie aber Blüten trieben und schützendes Laub, da nähme er diese ersten Triebe schon für die Frucht, risse alle Blüten und Laub von den Zweigen und verzierte damit seines Hauses Flur? So ein Gärtner wäre doch sicher ein allerdümmster Narr. Denn wenn sein Nachbar eine reiche Ernte hielte, müsste er vor Hunger sterben, da seine Bäume keine Frucht trügen!
BM|0|49|15|0|Ist aber nicht ein jeglicher Mensch bei sich ein ganz gleicher Narr im noch viel größeren Maß, so er sein irdisch Leben, das da ist Blüte und Laub nur zum inneren, wahren Leben, schon als eine Frucht genießt und zerstört durch solchen unnatürlichen und höchst unreifen Genuss die daraus erst hervorgehen sollende eigentliche Frucht, die da ist das wahre, ewige Leben des Geistes? Was wächst denn wieder zum neuen, unvergänglichen Leben – die Blüte, das Laub, oder der innere Same der reifgewordenen Frucht? Sieh, allein nur der Same!
BM|0|49|16|0|So ist es auch mit jedem Menschen der Fall; sein Leib, seine Sinne, sein äußerer Verstand, seine Vernunft, das sind Blüten und Laub. Aus diesen geht hervor eine reife Seele. Und diese, die gerechte, gute Reife der Seele fasst dann in sich auch einen reifen Kern, und dieser Kern ist der unsterbliche Geist, der in seiner Vollreife alles ergreift und in seine eigene Unsterblichkeit verwandelt, gleichwie ein verwesliches Fleisch, das mit dem ätherischen Öl der Unverweslichkeit gesalbt wird, auch mit unverweslich wird.
BM|0|49|17|0|Siehe, du großer Mensch, das ist unsere Weisheit! Um diese zu bewerkstelligen, befolgen wir die erkannte Ordnung des allerhöchsten Geistes Gottes, und so sind wir vollkommen, was wir sind. Du aber bekämpfe mich nun, so du es kannst; ich bin bereit, von dir alles zu ertragen!“
BM|0|49|18|0|Unser Martin macht ob dieser Rede ein verdutztes, sehr langes Gesicht und kann sich nicht genug erstaunen über die ihm ganz enorm vorkommende Weisheit dieses Mondpärchens. Nach einer geraumen Weile erst spricht er: „Ah, ah – da hätte ich doch alles eher gesucht als so eine tiefe Weisheit bei euch Mondmenschen! Wer lehrte euch solche tiefe Weisheit? Denn aus euch selbst kann sie doch nicht entsprungen sein?
BM|0|49|19|0|Es erkennen wohl die Tiere ihre Ordnung instinktmäßig und entwickeln dieselbe ganz natürlich aus ihrer Naturordnung, die da eben ist ihr Instinkt. Auch alle Gewächse müssen das entfalten, was in sie gelegt ist. Aber Tiere und Pflanzen sind eben darum als das, was sie sind, gerichtet. Der Mensch aber, der ein freies Wesen ist, der muss das alles erst durch äußere Belehrung in sich wie in ein vollkommen leeres Gefäß aufnehmen. Und das Wort der Weisheit Gottes muss in sein Herz wie das Samenkorn in die Erde gelegt werden, damit er dann erst zur Erkenntnis seiner selbst und daraus zur Erkenntnis Gottes und dessen Ordnung gelangen kann. Bekommt der Mensch durchaus keinen Unterricht, so bleibt er dümmer als jedes Tier und begriffsloser als ein Stein.
BM|0|49|20|0|Da ihr unleugbar aber auch Menschen von gleichen göttlichen Rechten seid wie unsereiner, so müsst auch ihr einen Unterricht je einmal, und zwar von Gott Selbst mittel- oder unmittelbar empfangen haben, ansonst mir deine Weisheit noch das allergrößte Wunder wäre, das mir bis jetzt vorgekommen ist. Denn bei allen Urmenschen muss Gott der erste Lehrer gewesen sein, indem sonst alle Menschen bis her auf die jüngsten Zeiten in ihrer Bildung bei weitem unter dem Tierstand sich befänden. Denn wo der A blind wäre, wer hätte da dem B Licht geben können? Und wäre auf die Art notwendig auch der B blind geblieben, von wem hätte dann der C usw. Licht bekommen sollen? Da du sonach aber ein sehr erleuchteter Mensch bist, so sage mir gefälligst, wie das unverkennbare, wesenhafte Gotteslicht zu euch gekommen ist, und ungefähr wann!“
BM|0|50|1|1|Unterschied der Wirkung des Unterrichts von außen und von innen. Die Töpferwerkstatt
BM|0|50|1|0|Spricht der Mondbewohner: „Freund, du redest und fragst, wie du es verstehst, und ich antworte dir nach meiner Art! Nach dir zu urteilen, muss der allerhöchste Gottesgeist euch freilich wohl von außen mit einem Prügel in der Hand unterrichtet haben. Denn für einen innern, geistigen Unterricht scheinst du bis jetzt noch viel zu stumpf zu sein, und höchstwahrscheinlich auch deines Weltkörpers fast gesamtes Menschengeschlecht!
BM|0|50|2|0|Meinst denn du wohl im Ernst, der höchste, allmächtige Gottesgeist hat den Menschen als Sein vollkommenstes Geschöpf wie einen leeren Sack gestaltet, in den man zuvor erst etwas hineintun muss, wenn man etwas darinnen haben will? O siehe, da bist du in sehr großer Irre!
BM|0|50|3|0|Der Mensch eines jeden Weltkörpers hat einen unendlichen Weisheitsschatz schon in sich! Dieser darf nur durch ein taugliches Mittel geweckt werden, so treibt er sofort von selbst die herrlichsten Früchte. Für ein solches Weckmittel aber sorgt schon der erhabenste Gottesgeist.
BM|0|50|4|0|Hat der Mensch so ein Mittel nicht in den Wind geschlagen, sondern sogleich bei sich selbst in Anwendung gebracht, so wird er aus seinem eigenen Samen zu keimen, zu wachsen und endlich zu reifen anfangen, und es bedarf da keines Unterrichts von außen her, sondern lediglich von innen heraus.
BM|0|50|5|0|Denn alles, was von außen her zum Menschen gelangt, ist und bleibt ewig ein Fremdes und kann dem Empfangenden keine wahre, bleibende, eigene Weisheit geben, sondern eine Weisheit nur gleich einer Schmarotzerpflanze, die dem Leben nie hilft, sondern dasselbe nur verkümmert und es am Ende ganz verdirbt, weil es als ein Äußeres stets nach außen sich wendet statt nach innen, dem Wohnsitz des eigentlichen, wahren, ewigen Lebens aus Gott, dem allerhöchsten Geist!
BM|0|50|6|0|Siehe, also auf diesem Weg kommen wir zu unserer Weisheit, nämlich lediglich von innen aus und nicht von außen herein! So ihr aber auch eines äußeren Unterrichts bedürft, da müsst ihr sehr verstockte Wesen sein und überaus sinnlich und daraus gröbst sündhaftig, also Gegner der göttlichen Ordnung und so sicher das Gegenleben in euch selbst. Da freilich muss der A wie der B und C usw. blind sein und bleiben, wenn kein äußerer Unterrichtswind ihn weckt!
BM|0|50|7|0|Hier hast du die Antwort auf deine Frage auch äußerlich. Denn für eine innere scheinst du noch lange keine Fähigkeiten zu besitzen, wovon deine Frage ein sicherer Beweis ist! Magst aber darum schon weiter fragen!“
BM|0|50|8|0|Das Gesicht des Bischof Martin wird nach dieser Rede des Mondbewohners noch länger, indem er nun einsieht, dass er mit seiner Weisheit neben der Weisheit des Mondbewohners nicht aufkommen kann. Er denkt daher nun bei sich nach, was er tun soll, um dem Mondpärchen zu beweisen, dass er als ein Erdbewohner dennoch am Ende der Weisere sei. Er denkt wohl hin und her, aber es will ihm durchaus nicht so etwas recht Gescheites einfallen.
BM|0|50|9|0|Er wendet sich daher an Mich und spricht: „Herr! Lasse mich doch nicht so ganz im Stich und helfe mir, diesen zu überweisen Mondbewohner überwinden und ihm zeigen, dass auf Deiner Erde die Menschen geradeweg auch keine Tannenzapfen sind! Der verarbeitet mich ja auf eine Art, dass ich ihm nun auf Tausend nicht Eins antworten könnte. Und doch soll ich sein Herr sein und mit der Weile der Leiter dieser ganzen Welt!
BM|0|50|10|0|Das möchte sich mit der Zeit machen, so die Bewohner aller der bisher mir vorgestellten Welten zu mir als ihrem Herrn kämen und mir zeigten, dass ich aus der ganzen Schöpfung der allerdümmste Kerl bin! Ich denke, um dieser Schmach vorzubeugen, wäre es nötig, ihnen gleich anfangs durch eine überwiegende Weisheit zu zeigen, dass man vollends ihr Meister ist, dann würden sie es in der Zukunft wohl bleiben lassen, unsereinem gar so schulmeisterisch zu kommen und zu behandeln wie einen Abc-Schützen!“
BM|0|50|11|0|Rede Ich: „Höre, du Mein lieber Martin! Meinst du denn, du werdest durch eine triftige Gegenmundwetzerei solchen echten Weisen den Mund stopfen? Oh, da bist du in einer sehr großen Irre. Siehe, wie es nur eine Wahrheit gibt, so gibt es auch nur eine Weisheit, die gleich einer ewigen Festung unüberwindlich dasteht. So dieser Mondbewohner dir aber mit der einzigen rechten Weisheit entgegenkam, sage, mit welcher noch größeren Weisheit wolltest du ihn dann bekämpfen?
BM|0|50|12|0|Siehe, da gibt’s einen ganz anderen Weg, diese Geister sich gefällig, dienstfertig und liebuntertänig zu machen, als der, den du meinst. Der rechte Weg heißt Liebe, Demut und eine große Sanftmut! Durch diese drei allerersten und allerwichtigsten Lebensstücke kommt man endlich auf den Punkt, allen diesen zahllosen Sternenbewohnern auf das Allerkräftigste zu begegnen.
BM|0|50|13|0|Die Liebe lehrt dich, allen diesen Wesen wohlzutun und sie so glücklich als möglich zu machen. Die Demut lehrt dich, klein sein und sich über niemanden – möchte er noch so unbedeutend scheinen – hochmütig zu erheben willens sein, sondern sich selbst stets als den Geringsten betrachten. Und die Sanftmut lehrt dich, jedermann stets gleich wohlwollend zu ertragen und aus dem innersten Herzensgrund bemüht sein, jedem zu helfen, wo es ihm nottut. Und das allzeit durch jene sanftesten Mittel, durch die ja niemand im Geringsten in seiner Freiheit beirrt werden kann; und werden hie und da ernstere Mittel vonnöten, so muss hinter ihnen nie etwa eine Strafsucht oder gar richterlicher Zorn stecken, sondern allzeit die allerhöchste und reinste, sich selbst nie berücksichtigende Liebe!
BM|0|50|14|0|Siehe, das sind die Dinge aller himmlischen Meisterschaft, diese müssen dir vollends eigen sein, dann wirst du mit diesen Mondbewohnern schon besser daraus kommen. Kehre daher noch einmal zu dem Pärchen zurück und versuche dich in dieser himmlischen Art mit ihm; vielleicht wirst du dann mit ihm leichter überorts kommen! Gehe und tue also; es sei!“
BM|0|50|15|0|Bischof Martin wendet sich nun wieder an das Mondpärchen und spricht: „Höre, du mein lieber, kleingroßer Freund, ich habe nun deine sehr weisen Worte wohl erwogen und daraus ersehen mit der Gnade des Herrn, dass du wirklich in allem dem, was du geredet, vollkommen recht hast, aber dessen ungeachtet habe ich dennoch eine neue Frage an dich, nicht aber etwa, um deine feste Weisheit tiefer prüfen zu wollen, sondern mich lediglich von dir belehren zu lassen.
BM|0|50|16|0|Siehe, du hast ehedem allen äußeren Unterricht für rein null und nichtig erwiesen, und ich kann dir nicht sagen, dass du Unrecht hast. Aber so aller äußere Unterricht, also auch alle äußere Wahrnehmung – mag sie von wo immer herrühren und durch was immer für einen Sinn in den Menschen hineingelangen – schlecht, unnütz und sonst verwerflich ist, da möchte ich denn doch nun von deiner Weisheit vernehmen, wozu der große Schöpfer aller Welten, Menschen und Engel uns äußere Sinne gegeben hat? Und wozu eine nach außen hinaustönende Stimme und dazu eine sprachfähige Zunge? Wozu eigentlich alle äußere Form und alle äußere Erscheinlichkeit all der zahllosen Dinge und Wesen? Oder lässt sich wohl ein Wesen ohne alle Äußerlichkeit denken? Und hebt etwa nicht die Wegnahme aller Äußerlichkeit ein jedes Wesen ganz auf? Denn siehe, ich wenigstens kann mir kein Wesen denken, das durchgehends gar keine Äußerlichkeit hätte! Du ersiehst hier meine gerechten Zweifel, daher habe die Geduld und kläre mir sie auf!“
BM|0|50|17|0|Spricht darauf der Mondbewohner: „Freund, du greifst einmal zu seicht und das andere Mal wieder zu tief. Einmal zu wenig und einmal zu viel, sieh, das macht dir noch lange nicht dein Ziel erreichen.
BM|0|50|18|0|Der große Geist hat von allem endlos viel erschaffen. Und all das Viele, das sich gegenseitig nur äußerlich begegnen kann – ansonst es unmöglich ein Vieles wäre –, ist sich darum gegenseitig auch ein Äußerliches. Damit aber der Mensch auch das Äußerliche fasse, sind ihm auch äußere Sinne gegeben; aber verstehen kann er es mit diesen äußeren Sinnen nimmer, sondern lediglich nur mit den inneren seines Geistes.
BM|0|50|19|0|Also hat der Mensch äußere Sinne, um Äußeres zu fassen, und hat innere Sinne, um Inneres zu fassen. Die Weisheit aber ist ein Angehör der inneren Sinne des Geistes und nicht der äußeren des Leibes; daher muss sie auch von innen heraus und nicht von außen hinein erlernt werden.
BM|0|50|20|0|Diesen inneren Unterricht aber erteilt der Seele allein der Geist, dem der große Geist Gottes alles vollends enthüllt eingehaucht hat, was da geschaffen ward und was noch ewigfort geschaffen wird.
BM|0|50|21|0|Die äußere Sprache aber ist nur, um das Äußere zu bemessen und es dann mit dem Inneren zu vermählen, wodurch eine Ehe zwischen Außen und Innen bewerkstelligt wird, und durch diese Ehe die volle Erkenntnis der göttlichen Ordnung, welche Erkenntnis dann ist die eigentliche Weisheit, nach der wir allein trachten sollen, weil sie die einige innere Kraft des Geistes und dessen wirkendes Leben bedingt.
BM|0|50|22|0|Du wirst nun leicht ersehen, dass Gottes Geist ewig nie die Menschen durch äußere Offenbarungen unterrichtet hat, sondern allzeit lediglich von innen heraus durch den Geist. Und hatte es etwa auch das Ansehen eines wie persönlich äußeren Unterrichts, so konnte aber dieser dennoch so lange von keiner inneren Wirkung sein, bis er nicht durch die allerweckende Kraft des Gottesgeistes durch den inwendigsten Geist des Menschen geführt wurde. Also ist auch alles das, was ich dir nun auch nur äußerlich erläuterte, für dich so lange von keiner Wirkung, bis du es nicht aus dir selbst vernehmen wirst!
BM|0|50|23|0|Und so dich Gott Selbst also äußerlich in aller Weisheit unterwiese, wie ich’s nun getan habe, so würde dir auch dieser Gottesunterricht nichts nützen, solange Er, der große Gott, durch Seinen allerheiligsten Geist dich nicht von innen durch deinen eigenen Geist unterrichtete.
BM|0|50|24|0|Dieses fasse nun, so du’s kannst, als eine rechte Antwort, und denke, dass sie dir nicht zum Heil, sondern nur zum Gericht dient, solange du sie nicht von dir aus selbst empfangen wirst. Denn was nicht dein ist, das ist ein Gericht, solange es nicht dein ist, und macht dich nicht frei! Willst du aber noch fragen, so frage; ich werde dir antworten.“
BM|0|50|25|0|Spricht darauf der Bischof Martin, sagend: „Freund, ich sehe nun abermals, dass du bei aller deiner äußeren Geringfügigkeit ein wahrhaft grundweises Wesen bist, und erkenne auch, dass ich nun mit dir es noch lange nicht aufnehmen kann. Aber das wirst du steinfester Weiser mir dennoch zugeben, dass, so ich jemanden aus großer Liebe auch bloß nur äußerlich in Dingen der Ordnung Gottes, dessen Macht, Liebe und Weisheit unterrichte, solch ein Unterricht doch unmöglich ein Gericht sein kann für einen harmlosen, willigsten Jünger, sondern nur ein gerechter Weg zum ewigen Leben! Denn ich halte überhaupt nicht gar zu große Stücke auf die ledige Weisheit, sondern nur auf die Liebe. Denn wo diese mangelt, da ist mir alle Weisheit um einen gemeinsten Lehmbatzen feil!
BM|0|50|26|0|Was sagst du zu dieser meiner Ansicht? Ich weiß es wohl, dass da ein jeder Mensch zuvor aus dem Geist muss wiedergeboren sein, bevor er ins eigentliche, freieste Reich Gottes eingehen kann. Aber um zu dieser Wiedergeburt zu gelangen, muss man ja doch zuvor die ersten Wege dazu durch den äußeren Unterricht empfah’n [empfangen], weil für mich wenigstens ein innerer Unterricht – besonders bei Kindern – gar nicht denkbar ist. Und habe ich da auch nicht recht, so zeige mir, wie denn dann ihr Mondmenschlein eure Kinder unterrichtet?!“
BM|0|50|27|0|Spricht der Mondbewohner: „Was fragst du denn da weiter, so dir deine eigene Ansicht die bei weitem richtigere zu sein scheint? Kurzsichtiger Mundwetzer, ist denn nicht jeder äußere Unterricht ein Gesetz, das da bestimmt, wie das eine oder das andere zu fassen ist? Richtet aber nicht jedes Gesetz und jede Regel? Wann hat noch je jemanden das Gesetz freigemacht?
BM|0|50|28|0|Ihr wohl macht aus euren Kindern zuerst Gefangene und könnt sie dann nimmer frei machen. Wir aber erziehen unsere Kinder, wie da ein Töpfer bei euch verfertigt seinen Topf, den er von in- und auswendig zugleich auf seiner Drehscheibe auszuziehen beginnt, ansonst er einen sehr einseitigen Topf erzeugen würde! Willst du demnach lernen, wie Menschen erzogen werden zur ewigen Freiheit, so gehe in die Werkstatt eines Töpfers, dort wirst du deine unverstandene Liebe erkennen! Verstehe es wohl, bei einem Töpfer liegt mehr Weisheit als bis jetzt noch in dir!“
BM|0|50|29|0|Nach diesem Hieb kehrte sich der Bischof Martin wieder zu Mir und sagt: „O Herr, diesem wirklich radikalen Mondweisen ist durchaus nicht beizukommen. Denn ich mag eine Sache noch so rein Deiner Lehre gemäß darstellen, so ist er mir richtig schon wieder um ganze tausend Jahre vor; und das Sonderbarste bei der Sache ist nur, dass er als ein Mondbewohner die Erde, die er doch sicher auch nicht einmal als einen Stern gesehen hat, besser zu kennen scheint als ich selbst! Er beschied mich zu einem Töpfer auf der Erde, wo ich die Weisheit und gewisserart das Geheimnis der Liebe studieren soll! Das ist ja im Ernst sehr spaßig!
BM|0|50|30|0|Was wohl soll ich bei einem Töpfer? Soll ich etwa hier diese Profession ausüben? Ja, der Kampel [Kerl] geht so weit, dass er mir ganz trocken ins Gesicht behauptete, auch Du, o Herr, könntest mir mit Deiner mündlichen Unterweisung nicht helfen, wenn solche nicht von innen aus durch meinen eigenen Geist käme! Das ist denn doch offenbar eine grobe Versündigung! So es nach meinem Wunsch ginge, da ließe ich diesen Kampel schon so ein wenig fühlen, was das heißt, sogar Deiner Lehre die wirkende Kraft abzusprechen!“
BM|0|50|31|0|Rede Ich: „Lasse das gut sein, Mein lieber Martin, denn so du dich mit diesem Mondbewohner in einen Streit einließest, da würdest du den bei weitem Kürzeren ziehen müssen! Er aber verdient es auch durchaus nicht, dass Ich ihm etwas Widerwärtiges begegnen soll lassen, denn er ist ein überaus guter Geist. Dass er dir aber zuletzt etwas dicker gekommen ist, das rührt daher, weil er in dir eine Art verborgener ehrsüchtiger Tücke erschaut hat, die diese Mondwesen am allerwenigsten leiden können! Denn bei ihnen muss das Äußere dem Innern vollends gleichen.
BM|0|50|32|0|Im Übrigen beachte du recht wohl, was du von diesem Weisen vernommen hast; es wird dir zu seiner Weile wohl zustattenkommen. Der Töpfer aber ist das beste Bild; aus diesem Bild kannst du die ganze Fülle Meiner Ordnung kennenlernen! Denn siehe, Ich Selbst bin ja ebenfalls ein Töpfer und Mein Wirken ist das eines Töpfers; denn siehe, Meine Ordnung ist gleich der Drehscheibe eines Töpfers, und Meine Werke sind gleich den Töpfen eines Töpfers. Wie, das wird dich die Zukunft lehren.
BM|0|50|33|0|Geh’n wir nun aber zur 12. Tür, da wird dir manches klar werden, was dir jetzt noch dunkel ist! Es sei!“
BM|0|51|1|1|Ein Blick durch die zwölfte Tür auf das kleinste Sonnengebiet. Martin ahnt die Größe und Herrlichkeit Gottes. Die Form des Menschen als bleibende, überall gleiche Grundform. Gefahren für jeden nicht völlig Wiedergeborenen
BM|0|51|1|1|(Am 22. Februar 1847)
BM|0|51|1|0|[Der Herr:] „Wir sind nun bei der zwölften Tür; sie ist auch wie die früheren schon geöffnet. Trete an die Schwelle und rede dann, was alles du hier erschaust!“
BM|0|51|2|0|Bischof Martin tut, wie ihm geboten. Nach einer Weile des seltensten Staunens beginnt er erst zu reden und spricht: „O Gott, o Gott, das ist endlos, das ist ewig unermesslich groß! Da sehe ich ja in den ungeheuersten Fernen zahllose allerglänzendste Sonnen und Welten so durcheinanderschwärmen wie auf der Erde die Ephemeriden etwa ein paar Stunden vor dem Sonnenuntergang an einem Sommertag! Wie viele Dezillionen gibt es denn ihrer? Und wie viele Ewigkeiten werden hierzu wohl erforderlich sein, um sie alle nur einigermaßen näher kennenzulernen?!
BM|0|51|3|0|O Gott, o Herr, je länger ich da hineinsehe, desto mehr erschaue ich ihrer! O Herr, ist es Dir wohl möglich, diese zahlloseste Masse von Sonnen und Erden zu übersehen, zu leiten und zu erhalten? Das ist ja geradewegs erschrecklich, erschrecklich!
BM|0|51|4|0|Mir gäbe schon der kleine Mond für die Ewigkeit zu tun genug! Und Du, o Herr, spielst nur mit all diesen zahllosen Dezillionen von Sonnen und Welten, und ordnest alle, und erhältst alle, und sorgst für das Kleinste auf all diesen zahllosen Weltkörpern, als stünde in der ganzen Unendlichkeit gerade kein zweites mehr da! O Herr, o Herr, wie, wie, wie ist Dir das möglich?“
BM|0|51|5|0|Rede Ich: „Wie Mir solches leichtest möglich ist, das zu fassen vermag kein geschaffener Geist in der Fülle. Aber die Ewigkeit wird dir noch so manches lehren, was dir jetzt dunkel ist! Darum forsche darin nun nicht weiter; denn würde Ich dir die Größe Meiner allmächtigen Liebe und Weisheit zeigen, so könntest du nicht leben, denn die Tiefen Meiner Gottheit sind für jeden geschaffenen Geist zu unergründlich!
BM|0|51|6|0|Was du aber hier erschaust, ist das kleinste Sonnengebiet nur, das du auf der Erde bei heiteren Nächten oft gesehen hast. Denke aber ja nicht, dass da dieses schon das Einzige ist, das den endlosen, ewigen Raum erfüllt. Ich sage dir, derlei und endlos größere und reichere und wunderbarere Gebiete gibt es ohne Ende, ohne Zahl und ohne Maß! Denn Meine Schöpfungen haben nimmermehr irgendein Ende. Allenthalben wirst du die Einrichtungen für dich wunderbarst verschieden finden und neue Formen allenthalben von nie geahnter Majestät und Pracht.
BM|0|51|7|0|Nur die alleinige Form des Menschen ist die bleibende und überall gleiche. Unter diesen zahllos vielen Bewohnern der verschiedenen Welten gibt es nur Abstufungen bezüglich der Größe, Liebe, Weisheit und Schönheit. Aber allen diesen Abstufungen liegt dennoch die unveränderte Menschenform zugrunde, indem sie alle Mein Ebenmaß haben. Die Weisesten sind die schönsten, und die mit Liebe Erfüllten sind die zartesten und herrlichsten!
BM|0|51|8|0|Du aber wärst jetzt noch nicht imstande, auch nur die geringste Schönheit einer menschlichen Form von den unbedeutendsten dieser von dir nun geschauten Welten zu ertragen, daher du für nun dich auch bloß nur mit der Beschauung dieser dir noch sehr fern liegenden Sonnen und Welten begnügen musst. Wann aber dein Geist reifer wird, wirst du auch zur näheren Beschauung all dieser Meiner Schöpfungswunder gelangen!
BM|0|51|9|0|Aber da heißt es zuvor sich noch in gar vielen Dingen dich selbst verleugnen, und ganz besonders die deiner noch stark dir anklebenden fleischlichen Weibersucht! Solange du dich von der nicht entschlagen wirst, so lange auch wird dir all diese nähere Anschauung verborgen bleiben müssen, weil du, so du nun zu all dieser für dich unbegreiflichen Schönheit zugelassen würdest, Meiner leicht vergäßest!
BM|0|51|10|0|Meiner vergessen aber heißt so viel als: das Leben und eigentlich die himmlische Freiheit desselben verlieren und dafür das Gericht, den Tod und die Hölle anziehen, vor der kein Geist so lange nicht sicher ist, solange er nicht völlig aus Meinem Geiste wiedergeboren ist.
BM|0|51|11|0|Nun kennst du diese deine Wohnung. Ich Selbst habe dich überall an die Schwelle des ewigen Lebens geführt, nun musst du aber selbst wandeln, willst du wahrhaft frei werden! Ich werde dich nun wieder sichtlich verlassen, dir aber dafür einen anderen Gesellschafter senden. Dieser wird dich lehren, Meinen Willen an der weißen Tafel zu erkennen. Denke nun über alles das, was du nun gesehen und gehört, getreu nach und sei in allem nüchtern, so wirst du leicht weiterkommen! Es sei!“
BM|0|52|1|1|Vom Segen des Lichtes Swedenborgs. Lüsternheit und Hochmut in Martin regen sich wieder. Weise Lehre der Merukianerin und scharfe Mahnung Borems
BM|0|52|1|0|Nach diesen Worten verlasse Ich sichtlich den Bischof Martin sehr plötzlich und an Meiner Stelle steht schon ein anderer Engelsgeist, und zwar der des uns schon bekannten Buchhändlers, der unterdessen an der Seite Petri große Fortschritte gemacht hat, wozu ihm freilich die Bekanntschaft mit den geoffenbarten Schriften Swedenborgs einen großen Vorschub geleistet hat.
BM|0|52|2|0|Als unser Bischof Martin an Meiner Stelle den ihm wohlerkennbaren Buchhändler erblickt, da verwundert er sich groß und spricht sogleich, wie da folgt, also eben zum Buchhändler: „Oho, oho, oho! Wieso denn!? Bist etwa gar du mein künftiger Führer? Nein, da hätte ich mir auch eher den Tod im Himmel hier eingebildet, als dass du mein Führer werden würdest! Ah, ah, das ist denn doch ein wenig zu stark! Zuvor der Herr Selbst – und nun du? Das wird sich etwa doch so reimen, als früher die Sonne und nachher der Hintern!
BM|0|52|3|0|Hahaha, das ist ja doch rein zum Lachen! Du, ein Buchhändler, mein Führer! Hahaha, das ist denn doch ein wenig zu stark! Ein elender Buchhändler soll einem einstmaligen Bischof, einem Gottesgelehrten, den Wegweiser durch alle Himmel machen? Nein, nein, das geht auf keinen Fall! Mein Freund, gehe, wie du gekommen bist; denn dir werde ich in gar keinem Fall irgendwohin folgen!
BM|0|52|4|0|Ich hätte mir nichts daraus gemacht, so der Herr mir auch den nächsten besten Gassenjungen zum Gesellschafter und Führer gesandt hätte. Aber dich, und gerade dich, der du in alle meine Lumpereien eingeweiht bist – das kann ich auf keinen Fall dulden! Entweder gehst du oder ich, was mir ziemlich einerlei ist. Ich überlasse dir recht gerne dieses Gedankenhaus, das sicher keine Beständigkeit hat, weil mir dessen ganze Einrichtung überaus verdächtig vorkommt.
BM|0|52|5|0|Was dieser Saal enthält, das siehst du – wenn du überhaupt das sehen kannst, was ich sehe. Denn so weit habe ich es in dieser chimärischen Welt schon gebracht, dass da zwei Menschen nebeneinander ein und dasselbe Ding ganz anders aussehend erschauen können. Wo der eine einen Esel sieht, da sieht sein Kamerad entweder einen Ochsen oder gar einen Weisen. Oder wo der eine Licht erschaut, da erschaut sein Gefährte Finsternis.
BM|0|52|6|0|Daraus aber kann ein gescheiter Kampel [Kerl], wie ich einer zu sein die Ehre habe, für allzeit den Schluss ziehen, dass diese himmlische Welt, wie ich sie nun erkenne, eine sehr dumme und gar nichts sagende und nichts heißende Welt ist. Sie ist ein pures traumähnliches Sinnentrugwerk, an dem nicht die leiseste Konsistenz haftet!
BM|0|52|7|0|Darum werde ich auch gehn, wohin es geht! Du weiser Bücherstaubschlucker aber kannst an meiner statt bei allen diesen zwölf Türen hinaus die höhere Astronomie studieren und dich dabei in eine schöne Merkurianerin verlieben oder gar in eine schönste Sonnenbewohnerin – vorausgesetzt, dass du mit deinen Augen auch das erschauen kannst, was da ich erschaut habe! Lebe wohl und tue, was du willst. Ich aber gehe und werde mir einen Ort suchen, der mehr Konsistenz hat als dieser astronomische Saal!“
BM|0|52|8|0|Nach diesen Worten will der Bischof Martin gehen. Aber der Buchhändler hindert ihn daran durch folgende gute Rede: „Bruder, Freund! Aber sehe, sehe, wie läppisch und überaus närrisch du bist! Waren wir denn auf der Erde nicht stets die intimsten und vertrautesten Freunde? Wusste ich dort nicht um alle deine Stückel und Stückelchen? Wann aber habe ich dich je gegen jemanden verraten? Habe ich’s dort nicht getan, um wie viel weniger werde ich es hier im Himmelreich tun, wo der Herr dich ohnehin Millionen Mal besser kennt, als ich dich je kennen werde! Was hältst du dich aber darum auf und bist voll Ärger, als hätte der Meister der Ewigkeit mich dir zu einem Führer gegeben?
BM|0|52|9|0|Siehe, da bist du in einer großen Irre! Ich kam zu dir nur, dir Gesellschaft zu leisten und dir ein Diener und Knecht in allem zu sein. Wie aber einst du das wie gerade und krumm untereinander? Ich will nur von dir, der du nun an der Seite des Herrn schon sicher die größten Erfahrungen wirst gemacht haben, etwas lernen; nicht aber, dass du von mir etwas annehmen sollst. Wenn sich die Sache aber ganz bestimmt so verhält, wie kannst du nun so auffahren bei meinem Erscheinen an deiner Seite?!
BM|0|52|10|0|Bleibe du nur ganz ruhig in diesem deinem Besitz, der sicher konsistenter ist, als es du wähnst, und betrachte mich als das, als was ich zu dir komme, und nicht als etwas, das du – gegen den Herrn im höchsten Grad undankbar – von mir dir selbst vorfaselst, so werden wir beide uns hoffentlich sehr wohl und freundlichst vertragen können!“
BM|0|52|11|0|Bischof Martin ist nun ganz stumm und weiß nicht, was er darauf dem Buchhändler erwidern soll. Er geht darum zur Merkurtür und sucht sich da zu sammeln und zu fassen.
BM|0|52|12|0|Als er bei der Merkurtür ankommt, erschaut er sogleich eine Menge Menschen beiderlei Geschlechts als Bewohner ebendieses Planeten, und unter ihnen jene ihm noch wohlbekannte Schöne, die ihm schon beim ersten Besuch dieses Planeten stark in die Augen und ins Herz gefallen ist. Als er diese erschaut, vergisst er sogleich seinen Gesellschafter, den wir nun ‚Borem‘ nennen wollen, und geht durch die Tür sogleich ihr zu [entgegen].
BM|0|52|13|0|Als er in ihre Sphäre tritt, da wird auch sie seiner ansichtig und spricht zu ihm: „Ich kenne dich und liebe dich, wie dich auch wir alle lieben als unseren Gebieter. Aber dennoch entdecke ich etwas in dir, das mir und uns allen nicht gefällt, und dieses Etwas ist fleischliche Gier in dir. Diese musst du aus dir schaffen, ansonsten du dich mir wie uns allen nimmer nähern dürftest.
BM|0|52|14|0|Solches sage ich dir aber, weil ich dich liebe und weil ich glaube, dass auch du mich liebst und uns alle, die wir alle durch dich glücklich zu werden hoffen, so du wirst, wie du sein sollst. Wirst du aber das nicht, da freilich werden wir dir genommen und einem Würdigeren gegeben werden.
BM|0|52|15|0|Lasse dich darum nicht verblenden durch meine Reize und wandle der Ordnung jenes allerhöchsten Geistes Gottes gemäß, dessen ewig endlose Weisheit dich und mich so schön gestaltet hat.
BM|0|52|16|0|Siehe, auch du bist für mich unbegreiflich schön. Es leuchtet aus dir eine Majestät des allerhöchsten Gottgeistes. Aber dennoch muss ich mich bezähmen und muss dich fliehen, sobald ich merke, dass mein Abbild in dir zu erglühen anfängt.
BM|0|52|17|0|Tue du desgleichen, solange du nicht die volle göttliche Festigkeit hast. Wenn du aber diese haben wirst, dann auch wirst du mich und uns alle haben können in der Fülle aller göttlich-himmlischen Lust.
BM|0|52|18|0|Überhaupt aber merke dir: Das, was du hier haben möchtest, das fliehe, so wirst du es erhalten. So du es aber fliehst, da fliehe es aus Liebe und nicht aus Abscheu! Denn also fliehe auch ich dich, weil ich dich übermäßig liebe.
BM|0|52|19|0|Gehe und tue also, und du sollst dafür in dieser für dich hoch aufwallenden Brust einen ewigen süßesten Dank finden; ach, einen Dank, dessen Süße dir jetzt noch völlig fremd ist!“
BM|0|52|20|0|Nach diesen Worten tritt die schöne Merkurianerin zurück und entfaltet so erst recht sichtlich ihre rein himmlische Anmut und Schönheit, die unseren Bischof Martin ganz zusammensinken macht.
BM|0|52|21|0|Lange hockt er da am Boden ganz stumm und nahe auch ganz gedankenlos und erhebt sich erst wieder, als Borem zu ihm kommt, ihm auf die Achsel klopft und spricht:
BM|0|52|22|0|[Borem:] „Aber, Bruder Martin, was ist dir denn widerfahren? Hat dich etwa gar jene holde Merkurianerin so sehr verzaubert, dass du darum nun ganz schwach und förmlich ohnmächtig bist? Oder ist dir sonst was zugestoßen?“
BM|0|52|23|0|Spricht Bischof Martin ganz ärgerlich: „Eh – hol dich, wer dich will! Hab’ ich dich denn gerufen? Was kommst du denn, so du mein Knecht bist und ich dein Herr, wenn ich dich nicht rufe! Für künftig hin merke dir das und komme erst, wenn du gerufen wirst; sonst kannst du gehen, von wannen du gekommen bist!“
BM|0|52|24|0|Spricht wieder der Borem: „Höre, Freund, so darfst du mit mir nicht handeln, sonst könnte es noch sehr leicht geschehen, dass der Herr, der mit dir eine namenlose Geduld hat, dir noch zeigen würde, wie dem Seine Schärfe schmeckt, der Seine Milde, wie du nun, gerade mit Füßen zu treten anfängt! Erhebe dich darum und folge mir im Namen des Herrn und auch im Namen dieser weisen himmlischen Jungfrau, die dir soeben eine sehr weise Lehre gegeben hat, sonst dürfte es dich bald sehr zu gereuen anfangen!
BM|0|52|25|0|Bedenke, welche namenlosesten Gnaden dir der Herr bisher seit deiner letzten Weltstunde hat angedeihen lassen, welche weisesten Lehren du von allen Seiten schon erlangt hast und wie wenig sie in dir noch irgendeine himmlische Frucht bewirkt haben, und werde endlich einmal ein anderes Wesen! Sonst, wie gesagt, sollst du empfinden, wie da dem Hartnäckigen schmeckt die Schärfe des Herrn, der Seine Milde mit Füßen zu treten anfängt! Denn wisse, der Herr lässt mit Sich eben gar zu lange nicht spaßen! Darum erhebe dich und folge mir in den Saal zurück!“
BM|0|52|26|0|Der Bischof Martin richtet sich nun auf und spricht voll Ärger: „Aha, aha, aha! Nun kommt es schon heraus, was du für ein Gesellschafter und was für ein Knecht du mir bist! Bedanke mich für so einen Gesellschafter, für solch einen Knecht! Du bist mir ja nur zu einem Zuchtmeister und nicht zu einem Gesellschafter und Knecht gegeben worden – und dafür bedanke ich mich! Bleibe du daher hier und tue, was du willst; ich aber werde auch gehen und sehen, ob ich ohne deine Einsprache nicht auch Gutes zu tun vermag!
BM|0|52|27|0|Das ist ja doch ärgerlich, überärgerlich: Ich, ein Bischof, also ein Apostel Jesu Christi, soll mich von einem lausigen Lumpen von einem Buchmakler hofmeistern und führen lassen!? Nein, das ist zu arg! Gehe, gehe mir aus den Augen, sonst zwingst du mich, dass ich mich an dir vergreife! Ich habe dich zwar leider aus den Flammen gerettet und war dir gut; aber nun reut es mich gewaltig, dass ich dir je was Gutes erwies! Kurz und gut, du bist mir nun ein Dorn in meinen Augen, darum du nun schon besser bist als ich und bist mir darum zu einem Hof- und Zuchtmeister nun gegeben!
BM|0|52|28|0|Man hört hier nichts als von der himmlischen Freiheit! Das ist mir eine schöne Freiheit, wo man nicht einmal zur Tür seines Hauses hinausblicken darf, ohne einen Zuchtmeister an der Seite zu haben! Geh und schau, dass dir diese himmlische Freiheit nicht gestohlen wird! Drohen auch noch dazu! Das geht ja vortrefflich, charmant, charmant! Also kann man auch noch im Himmel gezüchtigt werden! Nicht übel, nicht übel, das macht sich!
BM|0|52|29|0|Hast schon etwa gar so einen himmlischen Zuchttremel [Zuchtrute] unter deiner himmlischen Toga bei dir versteckt, um im nächsten Augenblick auf mich loszudreschen anzufangen?! Kannst ja dein Glück versuchen! Wirst wohl sehen, wie viel sich in einen Bischof hinein- oder herausdreschen lässt!
BM|0|52|30|0|Meinst du Esel von einem Himmelsbewohner denn, ich fürchte mich vor irgendeiner Strafe? Versuche es nur einmal, und du wirst dich gleich überzeugen, welch einen geringen Respekt sie mir einflößen wird! Will der Herr mich aber durch Strafe besser machen als ich bin, so soll Er tun, wie es Ihm beliebt. Ich aber werde auch sein, wie ich werde wollen, solange ich wollen kann, was ich will! Ich kenne wohl, was das heißt, dem Herrn Trotz bieten, und kenne Seine Macht. Aber ich kann auch die Größe eines solchen Geistes nicht genug anstaunen, der den Mut hat, dem Herrn Trotz zu bieten!“
BM|0|52|31|0|Spricht Borem: „Freund, ich kam im Auftrag des Herrn zu dir, so sanft wie ein Lamm, habe dir nie nur im Geringsten etwas zuleide getan, weder in der Welt und noch viel weniger hier; und du empfingst mich aber gleich auf eine Weise, wie auf der Welt kein Herrscher den geringsten seiner Sklaven empfängt! Sage, ist das weise oder ist das liebreich, wie es im Himmel sein soll? So der Herr aber für gut fand, mich zu dir zu bescheiden – bist du denn nun besser und weiser als der Herr, der allein mich zu dir beschieden hat?!
BM|0|52|32|0|Siehe, der Herr sieht deine fleischliche Gier in dir und hinter derselben einen großen Hochmut gegen jedermann, der dir in deiner ekelhaftesten Brunst begegnen möchte! Daher hat Er mich zu dir gesandt, auf dass dein Hochmut endlich einmal herauskäme und mit ihm deine stets steigende fleischliche Weibergier. Du aber empfängst mich wie ein barster Höllenbewohner und scheinst dich wenig zu kümmern um den Herrn, der dich so überselig machen will! Wahrlich, so du dabei beharren wirst, so wirst du für solche Güte des Herrn bald desto mehr Gericht empfangen, je hartnäckiger du Ihm entgegenkommen wirst!
BM|0|52|33|0|Ich aber verlasse dich nun, da ich sehe, dass du mich hasst, ohne dass ich dir dazu nur den geringsten Anlass gegeben habe. Der Herr aber tue dir nach Seiner Liebe, Erbarmung und Gerechtigkeit!“
BM|0|52|34|0|Als Borem gehen will, da ergreift ihn Bischof Martin freundlich und bittet ihn, zu bleiben, da er mit ihm sich wieder aussöhnen möchte und dann reden mit ihm über große Dinge; und Borem bleibt nach dem Wunsch des Bischof Martin.
BM|0|52|35|0|Borem harrt eine Weile auf eine weitere Äußerung des Bischof Martin. Aber dieser studiert aus allen seinen Lebenswinkeln zusammen, wie er nun dem Borem ganz unwiderlegbar begegnen könnte und ihn dann für sich gewinnen, und das wegen obbesagter Schlichtung großer Dinge, deren er dem Borem schon früher erwähnt habe.
BM|0|52|36|0|Borem aber durchschaut ihn und fängt folgendermaßen mit ihm das Wort zu führen an, sagend: „Freund Martin, ich sage dir im Namen des Herrn Jesu Christi, der da ist der einige Herr Himmels und aller anderen Schöpfung in der ganzen Unendlichkeit, mache dir keine vergebliche Mühe; denn siehe, ich durchschaue dich haarklein!
BM|0|52|37|0|Siehe, so wie du jetzt dir’s zusammendenkst, so denken alle rein höllischen Geister, die wir allesamt ‚Teufel‘ nennen! Wahrlich, mit derlei großen Dingen – die aber bei mir ganz ungeheuer scheußlich klein sind – komme mir ja nicht, sonst könnte dir dein Plan sehr übel zustattenkommen!
BM|0|52|38|0|Sage mir, auf wie lange hast du dir denn vorgenommen, dem Herrn zu widerstreben in deinem Herzen? Sage mir das ganz unverhohlen, damit ich mich danach richten kann! Denn glaube es mir: So sehr ewig konsistent auch das alles ist, was du hier siehst, so aber kannst du dennoch plötzlich dich auf einem Ort befinden, der dir eben nicht so angenehm wie dieser hier vorkommen dürfte. Denn ich habe vom Herrn den bestimmten Auftrag, mit dir von nun an keine Schonung mehr zu haben, indem in dir das Feuer der Unzucht und der Herrschsucht aufgetaucht ist!
BM|0|52|39|0|Rede nun also aus dir frei heraus ohne Hinterhalt, was du nun tun willst! Rede aber die volle Wahrheit! Denn ich sage dir im Namen des Herrn: Jeder lügenhafte Gedanke in dir wird von mir schnellst erkannt werden und wird mit meiner Entfernung von dir bestraft werden, und zwar durch die plötzliche Abnahme alles dessen, was du jetzt noch dein nennen darfst! Bedenke dieses und rede dann wahr, was du nun tun willst; willst du mir folgen oder nicht folgen?“
BM|0|53|1|1|Bischof Martins bedenklicher Rückfall. Borems scharfe Mahnung und Weggang
BM|0|53|1|0|Bischof Martin fängt auf diese sehr kräftige Rede stark hinter den Ohren sich zu kratzen an und spricht endlich wie für sich halblaut: „Da haben wir’s, da haben wir’s, ich hab es ja gewusst, dass man sich auch hier im Himmel auf niemanden verlassen kann und darf! Der Herr hat mir hier schon gewisserart alle Schätze der Himmel aufgetan, und der führt nun eine Sprache mit mir, als soll ich etwa gar schon im nächsten Augenblick in der Hölle, Gott steh uns bei, stecken! Hübsche Vergeltung! Ich habe ihn sicher vor so ein bisschen höllischem Feuer gerettet. Dafür wird er nun bemüht sein, mich in diesen schönen Ort zu befördern. Ja, über eine solche Freundschaft steht wohl ewig nichts auf!
BM|0|53|2|0|(Etwas lauter zum Borem:) Mein lieber Freund, so schön nach und nach ziehst du ganz behutsam die Larve von deinem Gesicht und zeigst dich in klarem Licht, als was du zu mir gesandt wurdest. Recht, recht so, tue du nun nach deinem Auftrag, und ich werde den befolgen, den mir meine Vernunft auferlegt!
BM|0|53|3|0|Es ist wahr, ich hatte einen dummen und vielleicht auch bösen Plan. Denn ich wollte im Ernst dem Herrn einen kleinen Trotz bieten, aber bloß nur um mich zu überzeugen, was da in einem solchen Fall mir begegnen würde. Aber du hast mich wirklich musterhaft durchschaut und bist mir allerschärfst in den Weg getreten.
BM|0|53|4|0|Aber dass du mich darum schon für einen Teu… (Gott steh uns bei) hältst und ganz reif für die Hölle, davon hat der Herr, der doch offenbar mehr sein wird als du, mir nichts gemeldet. Ich aber halte mich an den Herrn und nicht an dich! Daher werde ich auch tun, was der Herr mir befehlen wird, und werde dich nur an der weißen Tafel hören, von der mir der Herr angedeutet hat, dass du mich ihren Gebrauch lehren wirst. In allen anderen Dingen aber werde ich dich hören, so ich es wollen werde, so wie bis jetzt.
BM|0|53|5|0|Mit deinen Drohungen aber bleibe nur so hübsch fein zu Hause. Denn mit ihnen wirst du bei mir sehr wenig ausrichten, da ich mich vor gar nichts fürchte, was du daraus entnehmen kannst, dass ich auch vor dem Herrn Selbst mir kein Blatt vor den Mund nehme und rede, wie ich fühle und wie mir die Zunge gewachsen ist. Ich aber gehe nun wieder in den Saal zurück, was du auch tun kannst, so du es willst; willst es aber nicht, so tue, was du willst!“
BM|0|53|6|0|Nach diesen Worten erhebt sich Bischof Martin völlig und begibt sich schnell in den Saal, und der Borem folgt ihm ganz freundlich.
BM|0|53|7|0|Als beide im Saal sich befinden, bemerkt Bischof Martin sogleich, dass die runde Tafel klein angeschrieben ist. Er geht eilends hinzu und versucht zu lesen, was denn geschrieben stehe. Aber er vermag es nicht; denn er kennt diese Schrift nicht, die aussieht wie Hieroglyphen. Darum aber fängt er sich von neuem an zu ärgern und spricht:
BM|0|53|8|0|[Bischof Martin:] „Können denn die Himmelsschreiber nicht auch eine solche Schrift schreiben, die unsereiner selbst lesen könnte, ohne darum einen Dolmetscher kommen lassen zu müssen? Denn jemandem in einer unbekannten Schrift schreiben, heißt gerade so viel, als mit einem Deutschen chinesisch reden wollen! Wozu etwa das doch gut sein wird oder gut sein kann?“
BM|0|53|9|0|Fällt ihm Borem ins Wort: „Freund, gerade dazu, als wozu bei euch auf der Welt der ausschließliche dogmatisch-lateinische Ritus gut ist! Denn da versteht auch niemand etwas, außer er ist dieser heidnischen Zunge mächtig; dass auf der Erde aber ja niemand verstehen soll, was da in dem sogenannten gottesdienstlichen lateinischen Ritus vorkommt, so er auch der lateinischen Zunge mächtig wäre, so muss während der Messe mit Orgeln, Pauken und Posaunen ein unbändiger Lärm geschlagen werden, auf dass ja niemand etwas vernehmen soll, was alles da gebetet oder geplärrt wird, ansonsten aber diese Messe still gemurmelt wird, damit davon auch niemand etwas verstehe! Sage, ist das nicht auch unsinnig – und ist doch bischöflich!?
BM|0|53|10|0|Wie magst du dich nun als ein an solch einen Unsinn gewöhnter Mann darüber ärgern, so du auf den ersten Augenblick diese Schrift nicht lesen kannst?! Sehe nur deutlicher und genauer auf die Tafel! Vielleicht entdeckst du darauf auch einige lateinische Brocken, mit den zwölf Himmelszeichen mystisch untermengt! Siehe, oben im Anfang lese ich wenigstens recht deutlich: ‚Dies illa, dies irae!‘ [Jener Tag, der Tag des Zornes!]“
BM|0|53|11|0|Bischof Martin beschaut die Tafel nun genauer und erschaut dasselbe und fragt, was das bedeute.
BM|0|53|12|0|Borem aber spricht: „Bist doch ein Lateiner; wirst dir’s wohl übersetzen können!? Lese nur weiter, es stehen schon noch mehr solcher Brocken da oben! Wann du fertig bist, dann komme und frage!“
BM|0|53|13|0|Bischof Martin heftet sein Gesicht intensiver an die Tafel und ersieht die Worte: ‚Requiescant in pace, et lux perpetua luceat eis!‘ [Sie mögen in Frieden ruhen, und das ewige Licht leuchte ihnen!] Und wieder weiter erschaut er: ‚Requiem aeternam dona eis, domine!‘ [Ewige Ruhe gib ihnen, Herr.] Und wieder weiter: ‚Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris‘ [Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst!] und noch eine Menge dergleichen höchst unsinniger Brocken mehr. Nachdem er alle durchgelesen, wendet er sich an den Borem wieder und fragt ihn sichtlich aufgeregt:
BM|0|53|14|0|[Bischof Martin:] „Nun, was soll’s da mit diesem Zeug? Was bedeutet das? Warum steht es hier? Soll das etwa gar eine Art Stichelei auf meine irdische Würde sein, die ich getragen habe?“
BM|0|53|15|0|Spricht Borem: „O nein, Freund, das nicht im Geringsten; sondern das alles steht bloß darum da, um dir zu zeigen, wie viel Narrheit noch in dir steckt, weshalb du auch noch in deiner bald nach deinem Tod mit dem Bischofspallium vertauschten Bauernkleidung da stehst, von der dir aber eben die Oberjacke mangelt, weil du sie freiwillig mir gespendet hast, da ich nackt im Haus des Herrn mich befand. Du weißt es, bei welcher Gelegenheit! Damit dir aber auch diese nicht fehle, so kannst du sie wieder zurücknehmen; denn siehe, dort unter der Tafel liegt sie wohlgereinigt und ordnungsmäßig zusammengelegt. Nehme sie und ziehe sie wieder an, auf dass es dir leichter wird, die Fülle deiner Torheiten einzusehen!
BM|0|53|16|0|Hat der Herr dir auch die endlose Gnade erwiesen und dir das Gift der Bosheit genommen, so blieb dir aber dennoch die große Torheit noch, die, so sie von dir recht genährt wird, in die barste Bosheit übergehen kann und kann dich stürzen in ein grässliches Gericht. Denn wisse: Solange du im Geiste nicht vollends wiedergeboren bist, bist du vor der Hölle nicht im Geringsten sicher! Damit du aber solcher Kalamität entgehen solltest und möchtest, so soll dir hier alle deine übergroße Torheit gezeigt werden, an der du noch überstark hängst und der Herr Selbst dich davon nicht befreien möchte, ohne dich zu richten.“
BM|0|53|17|0|Spricht der Bischof Martin etwas nachdenkend: „Nun, wenn so, da ziehe ich pro primo [fürs Erste] meine Jacke wieder an, damit ich nicht aussehe wie ein Hausknecht, sondern wenigstens so gut und ehrlich wie ein Bauer. Und pro secundo [fürs Zweite] zeige, du nun schon überweiser himmlischer Buchhändler, meine vermeintlichen Torheiten, die ich von der Schrift dieser Tafel erkennen soll, aber darum wahrlich nicht erkennen kann, weil alle diese einzelnen Sätze sicher für jedermann sehr ernst und zugleich sehr weise sind, indem sie alle von so erhaben weisen Kirchenvätern herrühren, deren wir beide die Schuhriemen aufzulösen noch lange nicht wert sind – und wahrscheinlich auch ewig nimmer werden!“
BM|0|53|18|0|Spricht Borem: „Nun gut, so höre! Wo und was ist denn der Tag des Zornes, des Gerichts? O nein! Siehe, Gott ist die reinste und höchste Liebe Selbst, der von Sich Selbst aussagte: ‚Ich komme nicht, zu richten die Welt, sondern selig zu machen jeden, der an Mich glaubt, und der Mich liebt!‘
BM|0|53|19|0|Wohl spricht der Herr von einer Erweckung am jüngsten Tag, der notabene bei jedem gleich nach seines Leibes Tod anfängt. Aber von einem Gericht spricht Er nur also: ‚Jeder aber hat in sich schon, das ihn richten wird, nämlich Mein Wort!‘ Wenn aber so das Wort des Herrn lautet, wo ist da dann dein ominöser Dies irae, dies illa? Das hieße offenbar besser: ‚O Tag meiner nackten Torheit und meiner grellen Bosheit!‘“
BM|0|53|20|0|Spricht Bischof Martin: „So du diese Texte so gut in Anwendung bringen kannst und es nach deiner Meinung kein letztes allgemeines Gericht gibt, wie verstehst du denn hernach jene Texte, die eben, aus des Herrn Mund gehend, von der erschrecklichen Wiederkunft des Herrn als unerbittlichsten Richter die allerunzweideutigste Kunde geben? Wo der Herr die Vorzeichen schon an und für sich als überfürchterlich bezeichnet, als da sind große Trübsal, Teuerung, Hungersnot, Kriege, Volksaufstände, Erdbeben, Erscheinen des Zeichens des Menschensohnes am Firmament, das Aufsteigen und Fallen des Antichrist, die Verfinsterung der Sonne und des Mondes und das Herabfallen aller Sterne vom Himmel, und endlich erst die allerschrecklichste Vorbereitung zum jüngsten Gericht und am Ende das erschrecklichste Gericht selbst beschreibt, wie die fluchwürdigsten Ketzer, Hurer und Ehebrecher zu allen – (Gott steh uns bei) werden fahren müssen unter Begleitung von Milliarden Blitzen, die aus dem Mund der Auserwählten und Engel Gottes als ein gerechter Fluch über all die zahllosen, notabene dir gleichen verdammlichsten Ketzer ausgehen werden?
BM|0|53|21|0|Sage mir nun, du übermütig weiser Buchhändler, wie erklärst du dieses? Bin ich da auch dumm, töricht und boshaft noch obendarauf, wenn ich diesen Worten Gottes glaube?“
BM|0|53|22|0|Spricht Borem: „Heuchler, wie lange wohl ist es, dass du Christus halbwegs für Gott hältst – bei der leisesten Versuchung aber wieder abfällst wie ein dürres Laub vom Baum! Ich sage dir, hättest du durch dein ganzes Erdleben diesen Worten Christi auch nur den geringsten materiellen Glauben bezeigt, so stündest du hier schon lange in einem anderen Gewand. Aber da du weder den äußeren Buchstabensinn des Evangeliums und noch viel weniger den innern, geistigen gläubig und danach tätig angenommen hast, so stehst du noch da als einer, der beim Anblick all dieser endlosen Wunder Gottes und beim Anhören von tausend weisesten Lehren aus dem Mund Gottes Selbst der alte, unverbesserliche Bock bleibt!
BM|0|53|23|0|Wer kennt sich denn aus bei dir, und wer kann und mag dich leiten? Denn so du einmal einen Glauben und irgendeine Demut zeigst, da bist du schon im nächsten Augenblick ein Wesen, an dem statt des Glaubens höchstens eine gleisnerische Heuchelei und statt der Demut und Liebe der allerbarste Hochmut und Hass nur zu grell ersichtlich wird!
BM|0|53|24|0|Meinst du wohl, meine weiseste Lehre wird dir etwas nützen? O sieh, ich kenne dich! Was hat dir des kleinen Mondweisen wirklich weiseste Lehre genützt? Siehe, du wurdest darob sogar in der sichtbaren Gegenwart des Herrn nur stets erboster, je weiser dir der Mondpriester Piramah entgegenkam. Gebe ich dir nun auch die allergründlichste Belehrung auf deine deinen Stolz nährende Frage, so wirst du nicht besser darob, sondern nur erboster und darum schlechter.
BM|0|53|25|0|Darum sollst du von mir so lange keine Lehre und Weisung mehr bekommen, solange du, so wie du jetzt bist, verbleiben wirst. Damit ich dir aber von nun an keine Gelegenheit zum Ärger mehr gebe, so verlasse ich dich nun im Auftrag des Herrn und du kannst von nun an frei machen, was du willst. Nur das bedenke, dass dir von hier aus beide Wege, wie zum Himmel, so auch zur Hölle gleich offen stehen nebst der damit verbundenen tatsächlichen Erklärung, was im Evangelium gesagt ist über die Erscheinungen der letzten Zeit!“
BM|0|53|26|0|Nach diesen Worten verschwindet auch der Borem und der Bischof Martin ist nun ganz allein, sich selbst vollkommen überlassen. Denn nun erst kommt es darauf an, was er tun wird, und wie er alle die weisen Lehren bei und in sich behandeln wird.
BM|0|53|27|0|Bischof Martin ruft zwar nun ganz gewaltig nach dem Borem, aber dieser meldet sich nimmer. Er ruft auch nach dem Herrn und nach Petrus; aber auch von diesen meldet sich nirgends etwas. Er läuft nun wieder zur Merkurtür und sieht diesen Planeten wohl, aber in einer großen Ferne. Er geht da zur Tür, durch die er früher bei Nr. 1 die schöne Lämmerherde erschaut hatte, ersieht durch diese Tür aber nichts als jene ziemlich öde Wiese nur, an der er diese schönste Herde zum ersten Mal erschaut hatte, mit dem Verzeichnis ihrer Namen versehen.
BM|0|53|28|0|Darauf läuft er auch alle anderen Türen ab und ersieht wohl die Sonne, die anderen Planeten und den Mond, aber alles das in großen Entfernungen wie naturmäßig von der Erde. Nur der Saal allein steht noch in seiner vorigen Gestalt da, in dessen Mitte die schon oft berührte Tafel und neben ihr der astronomische Mechanismus aufgerichtet sind.
BM|0|53|29|0|Aber diese Gegenstände gefallen unserem Bischof Martin nicht. Daher begibt er sich nun zur Ausgangstür und will in das Haus des Herrn eilen; aber auch dieses ist unsichtbar geworden! Da er aber auch dieses nicht mehr erschaut und der kleine Garten um sein Haus sehr öde aussieht und ihn zu keinem anmutigen Spaziergang einlädt, so begibt er sich ganz verzweifelt in sein Haus wieder, wo er alles gleich und unverändert antrifft.
BM|0|53|30|0|Da steht er eine Weile wie eine Säule vor der weißen Tafel, die auf einer Seite leer und auf der anderen noch mit den eben angeführten lateinischen Worten angeschrieben ist. Als ihm da die Zeit zu langweilig wird, bewegt er sich einige Schritte vorwärts gegen den astronomischen Mechanismus und fängt da wieder die Erde zu betrachten an. Aber zu reden getraut er sich nicht, weil er jetzt zu merken anfängt, dass es mit ihm ganz sonderlich zu stehen beginnt.
BM|0|54|1|1|Bischof Martin mustert die Erde. Kritik an den Kirchen. Die Merkwürdigkeiten des Hauses. Entdeckung einer Vesperecke
BM|0|54|1|0|Nach einer Weile von irdischen zwölf Stunden, nachdem er den geistig kunstvollen Erdglobus klein durchmustert hat, und niemand zu ihm mehr kam, begann er wieder folgendes Gespräch mit sich zu führen, das da also lautet:
BM|0|54|2|0|[Bischof Martin:] „So, so – da hätte ich nun wieder einmal die Erde beschaut und muss sagen, da geht es schändlich zu! Nein, diese Betrügereien, diese Falschheiten, diese Bosheiten, diese schändlichste Politik und diese namenlosen Grausamkeiten, die da in allen Zonen verübt werden! Das ist wahrlich sogar alle englischen Begriffe übersteigend!
BM|0|54|3|0|Nein, man muss einen barsten Ekel vor allem Leben bekommen, so man auf der Erde die schändlichsten Ausartungen desselben so recht ins Auge fasst! Inmitten der schreiendst größten Wunder Gottes haben so viele Millionen Menschen nahe keinen Begriff von Ihm und handeln auf eine so eigentümlich herrschsüchtige Art, als wollten sie im Ernst ewig leben auf einer Welt, der doch Milliarden Sigille des Todes von allen Seiten her aufgedrückt sind. Wahrlich, das ist doch sonderbar, sonderbar! Ich bin wohl auch noch ein ziemliches Stück Vieh; aber was zu toll ist, das ist zu toll!
BM|0|54|4|0|Meine römischen Genossen halten wohl Konklave und Konzilium. Aber der Grund davon ist nicht der Herr und der Geist der Lehre des Evangeliums, sondern lediglich die allerstinkendste Herrschgier nur, die da verborgen beratet, durch welche schändlichsten Mittel sie am ehesten zu ihrem Zweck gelangen könnte.
BM|0|54|5|0|Desgleichen trachten auch die Evangelischen, durch die Macht der reinen Vernunft bald über die ganze Erde zu siegen und ihr dann neue Gesetze vorzuschreiben, die auch mehr zum Besten der Gesetzgeber als zum Besten der Gesetzempfangenden gerichtet sind.
BM|0|54|6|0|Die hohe bischöfliche Kirche Englands bemüht sich auch auf das kräftigste, die Lehre vom Geben durch allerlei schändliche Mittel unter ihre Gemeinde auszubreiten. Aber sie selbst gibt keiner toten Katze auch nur ein Loch zum nötigsten Einscharren!
BM|0|54|7|0|Kurz und gut, auf der Erde geht es wirklich schon zu, dass es offenbar in der Hölle nimmer ärger zugehen kann. Weg daher mit dir, du schändliche Welt! Wer ehe nicht schlecht war, der muss ja schon schlecht werden, so er dich nur ansieht – geschweige erst, so er auf deinem Boden bei fünfzig Jahre selbst das Amt eines römischen Bischofs ausgeübt hat!
BM|0|54|8|0|Ich bin auch wirklich ein sehr schlechtes Luder von einem Geist hier in diesem Pseudohimmelreich; aber, was kann ich da tun? Vielleicht wird sich meine Bosheit doch etwa in 2.000 wirklichen Jahren legen, so alles Irdische aus mir verraucht sein wird? O ich Vieh, ich Vieh!“
BM|0|54|9|0|Nach diesem Selbstgespräch wird der Bischof Martin wieder still und überlegt bei sich, was er nun tun soll; aber es fällt ihm nichts so recht Gescheites ein.
BM|0|54|10|0|Nach längerem Simulieren fällt ihm endlich ein, dass er die schönen Galerien dieses seines Hauses noch nicht durchsucht und besichtigt habe. Er fängt daher den Aufgang an zu suchen, um auf diese zu gelangen. Aber dieser ist verborgen, so dass er ihn nicht finden kann. Er begibt sich darum hinaus und sucht außerhalb seines Hauses den Aufgang; aber auch da ist nirgends eine Spur von irgendeinem Aufgang in die Galerien!
BM|0|54|11|0|Es kommt ihm überhaupt stets sehr komisch und unbegreiflich vor, dass dieses sein Haus von innen eine so übergroße Halle darstellt, während es von außen nicht viel größer und ansehnlicher aussähe, als auf der Erde irgendein Eremitenhäuschen. Auch wundert es ihn nicht wenig, dass er außerhalb dieses seines Gartenhauses keine Spur von den zwölf inneren Seitengemächern entdeckt, während diese im Innern des Hauses doch eine so wunderbare Rolle spielten.
BM|0|54|12|0|Da er sich aber eine Zeitlang außerhalb seines Hauses aufhält und nichts von allem dem findet, was er so gerne finden möchte, so geht er darauf etwas verdrossen in seinem kleinen Garten eine Zeitlang herum, und findet einige unansehnliche Beeren, die er sobald abbrockt und verzehrt, da es ihn ein wenig zu hungern beginnt. Aber diese Kost schmeckt ihm gerade nicht am besten, daher er davon eben nicht zu viel genießt. Er sucht zwar noch eine kleine Zeit herum. Da er aber nichts findet, so geht er wieder in sein Haus und gibt da auch auf, die Galerien dieses seines Hauses fernerhin besteigen zu wollen.
BM|0|54|13|0|Im Haus geht er wieder an die weiße Tafel und beschaut sie von vorne und von rückwärts, findet aber noch keine Veränderungen an ihr; auf der Vorderseite ist sie noch leer und auf der Rückseite gegen den astronomischen Mechanismus aber stehen die früheren lateinischen Verse darauf, also für unseren Bischof Martin nichts Interessantes. Er begibt sich daher wieder zu einer Tür, und zwar zu der der Sonne und öffnet sie, und schaut durch diese die sehr fern stehende Sonne und ergötzt sich an ihrem Licht wenigstens, da er sonst nichts entdecken kann.
BM|0|54|14|0|Nachdem er ungefähr ein paar Stunden lang, nach der Rechnung seines Gefühls, da hinausschaut, fängt er nun wieder mit sich folgendes Gespräch an, sagend:
BM|0|54|15|0|[Bischof Martin:] „Die Erde ist wohl im Ganzen genommen ein Narrenhaus, aber so dumm ist sie denn doch nicht als diese sein sollende himmlische Welt. Denn was auf der ist, das ist es und bleibt es auch, oder kommt wenigstens als Gleiches wieder zum Vorschein.
BM|0|54|16|0|Die Sterne am Firmament sind stets dieselben; ein Haus bleibt sich so lange gleich, bis man es abgerissen und ein anderes an seine Stelle gesetzt hat. Aber hier ist alles wie ein dummer Traum nur! Man hat es einmal gesehen und kehrt man sich dann um und möchte dasselbe wieder sehen, etwa von einer anderen Seite, dann ist keine Spur mehr da von allen dem, was man früher gesehen hatte von einer Seite.
BM|0|54|17|0|Man nehme jetzt nur diese Tür, durch die ich nun in eine viele Millionen Meilen weite Entfernung hinausschaue! Wo ist sie, so ich außerhalb des Hauses sie suche? Keine Spur ist von ihr irgend anzutreffen!
BM|0|54|18|0|Hier ist gleich außer den Türstöcken ein unermesslicher, dunkelblauer leerer Raum nur zu bestimmt erschaulich, in dessen unermesslicher Tiefe die liebe Sonne in der Größe eines kleinen Tellers prangt, und kommt man auf diese Stelle außerhalb dieses Hauses, so sieht man weder von einer Tür und noch weniger von einer Sonne etwas. Wie ist denn das? Was ist das?
BM|0|54|19|0|Wahrlich, wer sich da auskennt, der muss offenbar mehr als bloß das Einmaleins verstehen. Oder er muss notwendig noch ein größerer Esel sein als ich, der ich doch wenigstens noch einzusehen scheine, dass das alles bloß nur eitel leerer Sinnentrug ist. So würden auch alle Gelehrten der Erde sicher die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, so man ihnen sagen würde, dass man hier in Häusern wohnt, die von außen bei weitem kleiner sind als von innen.
BM|0|54|20|0|Oh, das sind Sachen, das sind Sachen! Wer da nicht ein Narr wird, der wird es dann wohl ewig nimmer! Was soll ich aber nun tun? Hier bleiben?! Das ist eine ganz fatale Geschichte – allein und nichts zum Essen haben!
BM|0|54|21|0|Es ist freilich sonderbar, dass man auch als ein Geist in dieser sozusagen himmelreichischen Geisterwelt auch ganz empfindlich hungrig und durstig wird; aber es ist einmal so. Also hungrig, durstig und nichts zu essen und nichts zu trinken! Das ist ja doch ganz verzweifelt lustig! Und doch wird nichts anderes zu tun sein, als leider hierzubleiben, wo es doch noch in dem kleinen Garten einige schlechte Beeren für die äußerste Not zum Verzehren gibt.
BM|0|54|22|0|Aber halt, jetzt fällt mir was ein, hol’s der Kuckuck! Hier außer[halb] dieser Sonnentür ist nun ja ein endloser freier Raum! Was könnte einem denn wohl geschehen, so man da in diesen endlosen Raum hinausspränge? Denn es ist abwärts wie aufwärts nichts, also frei!
BM|0|54|23|0|Wenn ich nun den Kopf hinausstecke über die Türstöcke, da sehe ich von dem Haus nichts; aber auch nicht die leiseste Spur von einer Wand, von einem Dach und von irgendeiner Grundfeste. Kurz, es ist alles leer. Nur wenn ich wieder den Kopf hereinziehe, dann sehe ich wieder meinen Saal, wie er sich mir bis jetzt noch immer gezeigt hat. Also, von einem Loch in den Kopf schlagen kann da durchaus nicht die Rede sein; denn da gibt es ewig nirgends einen Gegenstand, auf den man fallen könnte. Und gäbe es auch so etwas, so bin ich ja ein Geist, dessen Gewicht so hübsch luftig sein dürfte! Daher nur mutig hinausgesprungen; wer weiß, was ich bei dieser endlosen Luftfahrt alles für Erfahrungen machen werde!
BM|0|54|24|0|Aber, halt noch ein wenig! Mir fällt nun noch etwas Besseres ein! Ich habe ja bei der Tür Nr. 1 jene mir bekannte Wiese gesehen. Wie wäre es denn, so ich auf derselben einen Spaziergang versuchte?! Vielleicht käme ich da irgend mit den schönen Lämmern zusammen? Gut, gut, dieser Gedanke ist besser; daher nur zur Tür Nr. 1!
BM|0|54|25|0|Schau, schau, da bin ich ja schon; es ist richtig Nr. 1! Aber wo ist denn die Wiese? Schau, die ist schon weg; ich sehe nichts als einen sehr dichten, grauen Nebel. Stellt sich denn dieser Spätherbstgast der Erde zuweilen auch hier in der Geisterwelt ein? Warum denn nicht? Gibt es doch himmlische Wolken, warum soll es da nicht auch einen himmlischen Nebel geben?! Aber hinausgehen werde ich nun da doch nicht. Denn man kann eigentlich denn doch nicht wissen, wem alles man in solch einem Nebel begegnen könnte!
BM|0|54|26|0|Wie wäre es denn, so ich durch die Merkurtür so einen wahren Salto mortale versuchte? Vielleicht käme ich da mit der Zeit mit diesem Planeten in eine nähere Berührung und dadurch vielleicht gar auch mit der schönen Merkurianerin, auf die ich – Gott verzeih mir meine Sünden! – eine wahre, wie man im gemeinen Leben zu sagen pflegt, Vieh-Passion habe! Oh, oh, oh! Nur von der so einen halben Kuss und so ein wenig Busenbetastung; oh, oh, oh! Das müsste ja eine wahre, wie man zu sagen pflegt, Götterlust sein! Also nur zur Merkurtür! Ist sogleich die nächste an dieser.
BM|0|54|27|0|Da, da bin ich schon! Das ist die Tür; aber sie ist zu! Werde sie aufmachen! Wa – wa – wa w–a–s was ist denn das? A, a, ah! Das ist nicht übel! Die Tür ging auf, und statt der Aussicht in die weite Merkursphäre hinaus zu sehen, sehe ich einen mit Speisen reich besetzten Wandkasten! In der unteren Etage ist auch eine ganz schöne Batterie von Weinflaschen aufgestellt! Ja, wenn so, da bleibe ich offenbar hier, ohne weiteres hier! Lebe wohl, du schöne Merkurianerin! Lebe auch du, unendlicher Sonnenraum, sehr wohl; denn da ist mir dieser enge wohlbesetzte [Wandkasten] um sehr vieles lieber!
BM|0|54|28|0|Wahrlich, das ändert meine ganze Gesinnung! O Du mein lieber Herr Jesus, das ist sicher Dein Werk! Oh, nun sind wir wieder ganz ausgesöhnt, du mein liebster Buchhändler. Komm her, auf dass ich dich umarme! Du kommst zwar nicht, aber das macht nichts, ich habe dich darum nun doch von Herzen lieb! Nun aber will ich gleich so eine kleine Kommunion halten im Namen des Herrn!“
BM|0|55|1|1|Vom Hunger und Durst unreifer Geister. Martin im angeheiterten Zustand. Ernüchterung durch den erzürnten Jupitler
BM|0|55|1|0|Nach diesen Worten macht sich der Bischof Martin sogleich über ein gutes Stück Brot her und verzehrt es mit einem starken Appetit. Denn so irgendein Geist sich eine Weile von Mir abgewandt hat, da wird er bald sehr hungrig und durstig. Und bekommt er dann, so er ein wenig wieder in sich geht, etwas zu essen, so verzehrt er es mit großer Gier, desgleichen auch den Trank. Aber diese Gier zeigt eben auch, wie leer der Geist in seinem Innern ist und daher von ihm noch lange nicht viel Ersprießliches zu erwarten ist – was sich bei unserem Martin sogleich zeigen wird.
BM|0|55|2|0|Nachdem er nun das Brot verzehrt hat und darauf auch eine gute Flasche Wein, wird er sehr lustig und dabei aber noch mehr sinnlich. Denn auch die Geister, wenn sie nicht aus Mir und durch Mich wiedergeboren sind, können sich berauschen, in welchem Zustand sie dann oft ganz dumm und oft ganz sinnlich ausgelassen werden und ihre Freiheit dabei sehr missbrauchen.
BM|0|55|3|0|Als unser Bischof Martin die Flasche geleert hat, macht er den nunmaligen Wandkasten zu, damit sein Vorrat nicht verderbe nach seiner Idee. Als er mit der Verwahrung des Kastens zu Ende ist, da geht er hinaus ins Freie und spricht, natürlich zu sich selbst:
BM|0|55|4|0|[Bischof Martin:] „Gott sei Dank, nun hätt’ mein schon sehr hungrig gewordener Magen auch endlich wieder eine kleine Arbeit bekommen. Ich aber will nun in diesem meinem Gärtchen ein wenig herumschlendern und frische Luft einatmen.
BM|0|55|5|0|Ja, ja, die frische Luft nach einer Mahlzeit ist bei weitem besser als der dumme schwarze Kaffee, und wirklich, das muss ich sagen, die Luft dieses Gärtchens ist wirklich das Beste an ihm.
BM|0|55|6|0|Der Wein aber war schon auch so ein rechter Mondtropfen! Sapperment! Ist eigentlich nur so ein schwaches Halberl gewesen, aber ich g’spür ihn – was schon sehr viel sagen will, wann ich einmal so ein Halberl g’spür! Und ich g’spür ihn ganz ordentlich! Bin zwar nicht rauschig, aber ich gespür ihn!
BM|0|55|7|0|Wann in diesem Gärtchen nur so ein Bänkchen wäre, auf das man sich ein wenig niedersetzen könnte! So einem die Füße so ein wenig zu wackeln anfangen, da wäre dieses Gärtchen nicht zu verachten. Aber da gibt es nichts dergleichen und der Boden sieht eben auch nicht zu appetitlich aus!
BM|0|55|8|0|Ich werde an die Umzäunung des Gartens mich begeben, mich dort ein wenig anlehnen und einmal betrachten, was ich denn so ganz eigentlich für eine Nachbarschaft habe, oder ob ich eine habe! Denn von irgendeiner Landschaft ist hier wohl keine Spur zu entdecken, sondern die ganze Gegend gleicht einer Sandwüste, über der noch dazu ein grau umwölkter Himmel ein sehr düsteres und unfreundliches Gesicht macht. Also nur an den Zaun hin; wer weiß, was sich über denselben alles wird erschauen lassen?!
BM|0|55|9|0|Sapperment, sapperment! Aber ’s Wein’l g’spür ich! Ich sage es, ’s Wein’l g’spür ich! Aber nur an den Zaun!
BM|0|55|10|0|Aha, aha, da bin ich schon! Ahh, ahh! Die Aussicht ist prächtig! Da sieht man gar nichts! Dieser Garten samt meinem Palais royal scheint so eine Art Schiff zu sein, das auf den Wogen der Unendlichkeit herumschwimmt, in der es mit irgendeiner Nachbarschaft ganz verzweifelt schlecht aussieht. Ich bin also nun ganz allein, ja vollkommen allein bin ich, und das wird doch etwa auch ein wenig verflucht sein – und verdammt obendarauf!
BM|0|55|11|0|So, so, so – das ist nicht übel! Ich kann also nirgends hin, über dieses Gärtchen nicht eine Spanne weit? Oh, das ist ja ganz rein verflucht! Ich bin also so ganz geheim verflucht? Deswegen also solche Sentenzen auf der weißen Tafel? Deswegen also richtig dies irae, dies illa [Tag des Zornes, jener Tag]? Da werde ich nun einstweilen bis zum jüngsten Tag – requiescam in pace [in Frieden ruhen]. Dann aber wird über mich erfolgen die allerschönste ewige Verdammnis! O wehe, o wehe mir Armen!
BM|0|55|12|0|Wenn ich nur beten könnte, so einen Rosenkranz nach dem anderen und eine heilige lauretanische Litanei nach der anderen, die von großer Kraft und Wirkung ist, da könnte mir vielleicht doch noch geholfen werden. Aber ich kann nicht beten, und es kommt mir auch vor, als wollte ich’s nicht, wenn ich’s auch könnte! Ich kann höchstens noch herausbringen: ‚Herr, erbarme Dich meiner; Christus, erbarme Dich meiner; Herr, erbarme Dich meiner!‘ Weiter aber geht es auf keinen Fall!
BM|0|55|13|0|Ja, was schaue ich denn aber auch da in dieses dümmste Nichts hinaus? Zurück mit dir ins Haus! Da werde ich mich wieder an die Sonnentür hinmachen, von der man doch wenigstens die schöne Sonne sieht! Oder – halt! Ich gehe einmal an die Mondtür! Vielleicht treffe ich da meinen Mondweisen; der soll mir anzeigen, was ich zu tun habe, um möglicherweise vielleicht doch in ein etwas besseres Los zu gelangen! Also nur ins Haus hinein und da an die Mondtür!
BM|0|55|14|0|Da wär’ ich wieder! Schau, das Innere dieses Hauses sieht noch überaus herrlich aus; es bleibt sich gleich! Ah, da bleib’ ich von nun an ununterbrochen im Haus, es ist wirklich hier sehr angenehm! Aber nun an die Mondtür!
BM|0|55|15|0|Holla, da wäre ich bald hergefallen! Du Wein’l du; das will noch nicht so recht aus dem Capitolio [Kapitol, bzw. Kopf]! Aber das macht nichts. Da ist schon die Mondtür und offen auch noch dazu! Aber – o du verzweifelter Kampel [Kerl] von einem Mond – wie weit steht er von hier! Da wird sich mit dem Mondweisen aber nicht viel reden lassen! Ist zwar gerade Vollmond, aber er steht ja noch weiter von hier, als von der Erde ab, da ist also nichts!
BM|0|55|16|0|Werde mich einmal aber an den Jupiter machen; vielleicht ist der nicht gar so g’schämig als der keusche Mond?
BM|0|55|17|0|Da ist schon die Pforte zum großen Jupiter! Schau, diese ist zu! Werde sie aufzumachen versuchen! Hephata (tue dich auf)! Da sehe einmal, die ging leicht auf! Und, Gott sei Dank, Gott sei Dank, da werde ich etwa doch einmal zu einer respektablen Menschengesellschaft gelangen!
BM|0|55|18|0|Richtig, richtig, da kommt schon einer gerade auf mich zu, und nun ist der Planet auch völlig da! O Gott, o Gott, was sind das für furchtbar weite Ausdehnungen der Ländereien! Nun kommt es mir vor, als stünde mein Haus selbst auf dem Boden dieses Riesen der Planeten!
BM|0|55|19|0|Der schöne, große Mann steht zwar mir gerade vor dem Gesicht und ist ein Riese. Aber er scheint mich nicht zu bemerken, weil er gar nicht nach mir sich umschaut. Werde einmal in seine Sphäre treten – vielleicht wird er mich dann wohl erschauen?“
BM|0|55|20|0|Bischof Martin tritt nun in die Sphäre des Jupitlers und dieser ersieht ihn und fragt ihn sogleich:
BM|0|55|21|0|[Der Jupitler:] „Wer bist du, der du es wagst, dich mir zu nahen voll Schmutz und Unflat, voll Trug und voll Hurerei – lauter Schändlichkeiten, die meiner großen Erde völlig unbekannt sind? Meine Erde ist ein reines Land und würde gewaltigst erzürnt werden, so sie von dir länger betreten würde. Daher weiche zurück in dein Schmeißhaus, wo du fressen und huren kannst im Vollmaß deiner Schändlichkeit – oder ich zerreiße dich!“
BM|0|55|22|0|Bischof Martin macht nun einen Satz ins Innere seines Hauses und wirft eilends die Tür hinter sich zu und sagt zu sich: „Gehorsamer Diener – den Kerl könnte ich gerade noch brauchen als Zugabe zu meinem Elend! Lebe wohl, Herr vom Jupiter, wir sind für ewig quitt! Nein, das ginge mir gerade noch ab! Zerreißen? Ganz gehorsamer Diener! Da habe ich’s letzte Mal hinausgeschaut!“
BM|0|56|1|1|Martins vergeblicher Versuch zu schlafen. Überraschung durch eine Schar Unglücklicher, deren sich Martin erbarmt
BM|0|56|1|0|[Bischof Martin:] „Aber was fange ich jetzt an, wo wende ich mich nun hin? Gehe ich etwa zur Tür des Mars, der Venus, oder soll ich zu den Türen des Saturn, des Uran, des Miron (der neu entdeckte Planet Neptun) oder der mehreren kleinen Planetchen hingehen? Am Ende begegnet mir noch Gröberes, noch Impertinenteres. Was dann? Denn von einer Oppognation [Gegenwehr] von meiner Seite kann da keine Rede sein, wo ich’s weder mit der Kraft noch mit der Weisheit mit jemandem aufnehmen kann!
BM|0|56|2|0|Ich bleibe sonach für die Zukunft von allen Türen fern und werde mich irgend in einen Winkel hinmachen und mich da gleich einem Igel zusammenkauern und versuchen, ob es denn da nicht möglich ist, zu einem Schlaf zu kommen; und lässt sich da zu keinem Schlaf kommen, so will ich wenigstens so ganz unbeweglich liegenbleiben in alle Ewigkeit und werde keine Nahrung nehmen und auch kein Wort mit jemandem mehr verlieren, und möge da schon kommen, wer da wolle! Kurz und gut, ich werde tot sein für jedermann, sogar für die schöne Merkurianerin! Also alles Gott befohlen von nun an!
BM|0|56|3|0|Weil ich nicht aufhören kann zu sein, so will ich mich aber dennoch in eine Ruhe begeben, aus der mich kein Gott mehr erwecken soll. Dort seh’ ich schon so ein Plätzchen. Nur hin – dort will ich liegenbleiben in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.“
BM|0|56|4|0|Bischof Martin begibt sich nun wirklich hin in eine Nische zwischen den Pfeilern, die die Galerie tragen und legt sich da hinein, ganz zusammengekauert, und versucht zu schlafen; aber natürlich – mit dem Schlaf geht es da nicht.
BM|0|56|5|0|Nachdem er aber ungefähr nach irdischer Zeitrechnung etwa bei zwei Stunden liegt, entsteht außer[halb] dem Haus ein großes Getöse, etwa so wie das eines sehr heftigen Orkans, unter dem sich Menschenstimmen vernehmen lassen also, als suchten sie Hilfe.
BM|0|56|6|0|Als solches der Bischof Martin vernimmt, da erhebt er sich blitzschnell und sagt: „Ah, das ist was anderes; bei so was kann man nicht ruhig verbleiben. Da kann auch von meiner mir vorgenommenen ewigen Ruhe keine Rede sein. Nur schnell hinaus! Das sind Notleidende, denen muss geholfen werden!“
BM|0|56|7|0|Mit diesen Worten springt der Bischof Martin eiligst hinaus und ersieht außerhalb seines Gärtchens wirklich eine Menge wie verfolgter Geister, die da Hilfe und Rettung suchen. Bei diesem Anblick eilt er zum Gartenpförtchen, macht es auf und ruft allen den Verfolgten zu:
BM|0|56|8|0|[Bischof Martin:] „Hierher, hierher, ihr Freunde, ihr lieben Brüder alle – hier ist ein sicherer Ort! Hier seid ihr vor jeglicher Verfolgung sicher. Und so es euch hungert und dürstet, da wird sich auch noch Rat schaffen lassen! Kommt sonach nur alle herein! Wie viele sind euer an der Zahl?“
BM|0|56|9|0|Spricht einer zunächst am Martin: „Wir sind unser bei Tausend an der Zahl, und das lauter elendeste arme Teufel! Wir sind der Hölle entlaufen und irren nun schon eine halbe Ewigkeit in dieser schrecklichen, endlosesten Wüste herum und finden weder Dach noch Fach, da wir uns verbergen und ein wenig nur erhalten könnten. Ach, ach, ach, das ist ein erschrecklich Los, ewig ohne Ruh’ und Rast verfolgt zu werden! Hast du, Edler, aber irgendeinen Winkel, der uns nur einige sichere Ruhe gönnen könnte, so nehme uns alle auf und rechne auf unsere Dankbarkeit.“
BM|0|56|10|0|Spricht Bischof Martin: „Freund und Freunde! Hier ist das Pförtlein – kommt, kommt, kommt nur alle herein! Mein Haus sieht zwar nicht groß aus von außen. Aber ich stehe euch dafür, wir werden alle hinreichend Platz darinnen finden!“
BM|0|56|11|0|Nach diesen Worten strömen die Verfolgten nun alle in den Garten und von da ins Haus, und alle sind voll des höchsten Staunens, als sie das Innere des Hauses so überaus herrlich und geräumig finden.
BM|0|56|12|0|Der erste umarmt gleich den Bischof Martin und spricht im Namen aller: „O Freund, o du seligster Freund, wie endlos herrlich ist es bei dir! Es ist das erste Licht seit zahllosen Milliarden von irdischen Jahrtausenden! Seit wir die Erde verlassen haben, drang kein Lichtstrahl mehr in unsere Augen! O Licht, o Licht, o Licht, wie endlos herrlich bist du! O Freund, lasse uns nimmer von hier ziehen, o behalte uns!“
BM|0|56|13|0|Spricht Bischof Martin: „Warum nicht gar, ich werde euch von hier lassen? Ich bin ja selbst froh, dass ich an euch eine so reiche Gesellschaft gefunden habe. Ihr bleibt bei mir ewig; macht’s euch nur bequem. Ich habe freilich selbst nicht viel zum Besten hier in diesem meinem Himmel. Aber was ich habe, das teile ich ja gerne unter euch, und wenn da auch für mich nichts bliebe. Gott sei’s gedankt, dass ich endlich einmal eine Gesellschaft gefunden habe!
BM|0|56|14|0|Wahrlich, an euch habe ich nun meine größte Freude! Ja, ihr seid mir lieber als alle sogenannten himmlischen Engel Gottes, die in ihrer Glückseligkeit einen armen Teufel eine ganze Ewigkeit vergessen können und gar nicht bedenken können oder wollen, wie es einem Unglücklichen zumute ist. Ich sage euch: Der Herr allein ist gut, das muss ich sagen. Aber alles andere himmlische Gesindel kann mir ewig vom Hals bleiben! Denn dieses hat euch einen Weisheitsdünkel, der für einen anderen geraden, ehrlichen Kerl, wie ich es bin und ihr es sicher alle seid, geradezu stinkt! Aber wie gesagt: Gott, den Herrn Jesus, nehme ich aus! Der ist wirklich gut; ja Er ist sehr gut!“
BM|0|56|15|0|Spricht wieder ein anderer aus den Tausend: „Ja, ja, du hast recht! Der ist wirklich gut! Ihm alles Heil, so Er irgend Einer ist! Aber auf alles andere Himmelsgesindel halten auch wir alle nichts, d. h. dich, lieber Freund, ausgenommen!“
BM|0|56|16|0|Spricht Bischof Martin: „Liebe Freunde, bei mir hat der Himmel gut Weile, denn ich stehe mit euch so ziemlich auf einem Punkt. Doch wir haben noch Zeit nachher in Ewigkeit, über unsere Verhältnisse uns nach wahrster Muße zu verständigen. Daher wollen wir nun zuerst uns um eine Magenstärkung umsehen. Nachher erst wollen wir unseren Herzen den freiesten Lauf gönnen. Kommt nun einige aus euch mit mir her zu diesem Wandschrank, da habe ich einen kleinen Vorrat für Hungernde und Dürstende!“
BM|0|57|1|1|Die Erquickung der Elenden. Ihr Dank und ihre Klagen über das Erlebte. Die Rede des Geretteten und Martins Antwort
BM|0|57|1|0|Bischof Martin macht nun die Tür auf und findet zu seinem eigenen großen Erstaunen diesen Schrank vollgepfropft mit Brot und Wein, und spricht zuerst bei sich: „Gott sei Dank – schon meinte ich der Angesetzte zu sein! Denn hier verändert sich ja gleich alles. (Dann laut zu der Gesellschaft:) Da nehmt und sättigt euch nach Herzenslust!“
BM|0|57|2|0|Und alle nehmen davon und essen und trinken; aber der Vorrat geht nicht aus, sondern mehrt sich sichtlich. Die Gesättigten aber loben ihren Wirt über die Maßen und bekommen viel schönere Züge und eine hellere Farbe im Gesicht; nur mit der Kleidung sieht es noch sehr jämmerlich aus.
BM|0|57|3|0|Als in kurzer Weile alle die tausend gesättigt sind und ihrem Wirt alles erdenkliche Lob gespendet wird, wie schon früher gezeigt, da macht Bischof Martin den Wandkasten wieder zu und spricht zu seiner Gesellschaft: „Hört ihr alle, meine lieben Brüder und Schwestern, von denen ich soeben einige bemerkt und als solche erkannt habe. Macht nicht so viel Aufhebens mit euerm Lob an meine außerordentliche Wenigkeit. Denn seht, mir macht das darum keine Freude, weil ich durchaus nicht der eigentliche Geber bin, sondern nur ein schlechter Austeiler dessen, was ich sicher zu dem Behuf vom Herrn Jesu Selbst allerunverdientestermaßen erhalten habe.
BM|0|57|4|0|So ihr sonach schon jemanden loben wollt, da lobt Jesus, den Herrn! Vorausgesetzt, dass ihr je von Ihm was vernommen habt, was ich bei euch allen umso weniger voraussetze, da ihr eurer Aussage nach schon eine undenklich lange Zeit hier im Geisterreich euch befinden müsst; in dem Fall es aber denn auch nötig wäre, dass ihr eben von diesem alleinigen Gott und Herrn Jesu von mir irgend einige Notiz nehmen möchtet!“
BM|0|57|5|0|Spricht einer aus der großen Gesellschaft: „Freund, du wirst etwa doch nicht den Juden Jesus meinen, der da an den Schandpfahl geheftet wurde mit noch ein paar Raubmördern?“
BM|0|57|6|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, Freunde, ja, gerade Den meine ich! Dieser ist wirklich Gott und Mensch zugleich! Er ist der Urgrund aller Dinge! Außer Ihm gibt es ewig keinen anderen Gott irgend in der ganzen ewigen Unendlichkeit!
BM|0|57|7|0|Glaubt das mir; denn ich versichere euch, es hat wohl nie jemanden mehr Mühe gekostet als mich, so etwas anzunehmen! Mit Worten hätten mir das auch alle Erzengel nicht beigebracht. Aber da kam der Herr Jesus Selbst zu mir und lehrte mich durch rein nur Gott mögliche Taten, dass Er es ist – der alleinige Herr der Unendlichkeit! Und so bin ich darin nun ebenso stark, als ich ehedem über alle Maßen schwach war.
BM|0|57|8|0|Ich meine, so ihr das beherzigt, da kann es euch unmöglich mehr schwer werden, mit mir alles zu teilen, wie die Wohnung und Brot und Wein, so auch meine Überzeugungen!“
BM|0|57|9|0|Sprechen mehrere aus der Gesellschaft: „Wie recht, wie recht! Das versteht sich von selbst, wir wollen dir in allem gleichen! Wir haben freilich auf den Jesus bei unseren Lebzeiten eben keine große Fiduz [Vertrauen] gehabt. Und hier in der Geisterwelt umso weniger, weil wir zu hart gehalten wurden und von der göttlichen Milde nirgends auch nicht die leiseste Spur entdecken konnten, und von einem Jesus war daher auch bis jetzt keine Rede mehr, außer dass Er samt uns irgend als ein armer, betrogener Teufel schmachtet und alles verwünscht, was Er je auf der Erde getan und gelehrt hat!
BM|0|57|10|0|Aber wenn die Sache sich so verhält, wie du, lieber Freund, sie uns soeben mitgeteilt hast, da ist uns alles eins. Sei da Gott, wer da will, und heiße Er, wie Er will, wenn Er nur Einer ist, auf den man sich verlassen kann!
BM|0|57|11|0|Nur das Einzige ist uns etwas unbegreiflich, wie dieser dein guter Jesus uns arme Teufel eine so endlose Zeit hat können herumhetzen lassen ohne Speise und Trank? Wahrlich, Freund, da hat ganz verdammt wenig Liebe und Barmherzigkeit herausgeschaut! Freilich ist jetzt alles gut. Aber an alle die Martern, die wir ausgestanden haben, dürfen wir nicht zurückdenken, sonst ist es aus mit unserer Liebe zu dem ewigen Seelenhetzmeister.
BM|0|57|12|0|Es ist zwar wohl wahr, dass wir alle auf der Welt uns um Seine Religion wenig oder gar nicht gekümmert haben und gingen unseren Gelüsten nach. Aber wir waren sonst doch ehrliche und honette Menschen aus den besten Häusern. Wir sind cavalierment [als Kavaliere] erzogen worden und lebten dann auch solcher Erziehung gemäß. Ein weiser Gott aber sollte das doch einsehen, dass sich kein Mensch selbst erschaffen und ebenso wenig erziehen kann, wie er will!? Aber es sei nun, wie ihm wolle, die niederträchtigste Hetzerei hat nun ein Ende hoffentlich; daher sei Jesus von uns auch verziehen, was Er an uns allen getan hat.“
BM|0|57|13|0|Tritt ein anderer vor und spricht: „Hast wohl recht im Grunde, denn verzeihen ist schöner als sich rächen wollen. Aber ich werde dennoch mit dem vollen Verzeihen etwas innehalten. Denn du weißt es, wie ich 1.000 Jahre nach meinem und eurem Gefühl zwischen zwei glühenden Felsen eingeklemmt war und habe gebetet und geflucht mehr als es da gibt des Sandes im Meer. Und hättet ihr durch eure äußerste Anstrengung mich nicht gerettet, so befände ich mich jetzt noch in dieser unerhört schmerzlichen Felsenpresse; denn ein allmächtiger Herr Jesus hätte diese Höllentortur nicht um ein Haar gemildert.
BM|0|57|14|0|Wisset, so was ist denn doch kein Spaß. Man merkt sich so was sehr leicht für ewig. Wahrlich, für so ein ewiges Leben wird sich sicher jedermann bedanken! Ich bin gerade auch kein nach Rache sinnender Geist, denn es wäre doch die scheußlichste Dummheit, so sich ein beschränkter Geist gegen einen allmächtigen Gott auflehnen wollte. Aber merken kann man sich so was allerdings. Verstehst schon, was ich unter ‚merken‘ verstehe!“
BM|0|57|15|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, ganz ja, und gut ist deine Bemerkung – habe ich doch selbst noch so einige Merkspitzel in mir, die mich noch manchmal ganz gewaltigst stechen! Aber ich sag’ es euch auch, was da wahr ist: Der Herr Jesus hat daran nicht die geringste Schuld, sondern allzeit der nur, den es betrifft. Und oft wohl auch Seine, des Herrn nämlich, himmlische Beamte, die da nicht selten nach einer Willkür handeln, von der ihr noch gar keinen Begriff habt!
BM|0|57|16|0|Es lässt sich das freilich am Ende alles mit der Weisheit entschuldigen. Aber wehe dem, der unter solch eine Weisheitsscheibe zu stehen kommt, für den wäre es wahrlich endlos besser, so er nie wäre geboren worden! Daher ist der Herr aber auch allzeit zu entschuldigen und hoch zu loben, so Er fast allzeit in die Willkür solcher Geister eingreift und ihre Weisheit beschämt.
BM|0|57|17|0|Oh, diese himmlischen Engel sind Trotzköpfe ohnegleichen, so sie allein sind. Nur wenn der Herr kommt, da ziehen sie freilich gleich den Schweif von einem Mut ein und tun so süß und bescheiden, als so sie alle Weisheit aus der Demut mit dem großen Löffel gefressen hätten!
BM|0|57|18|0|Seht, das weiß ich alles und habe darum Jesus erst recht lieb. Tut demnach, wie ich’s tue, so werden wir miteinander die ganze Ewigkeit leicht auskommen! Euer Wahlspruch sei: Der Herr Jesus allein ist lieb und gut; alles andere aber gehört rein der Sau zu, und Petrus und Paulus selbst sind keinen Schuss Pulvers wert!
BM|0|57|19|0|Nur das Einzige gebt mir kund, wann ihr so ganz eigentlich die Erde verlassen habt müssen? Denn das sehe ich zufolge eures Gesprächs schon ein, dass ihr vor Christus nicht gelebt habt, da ihr um dessen nähere Verhältnisse zu wissen scheint, wie auch um die der römischen Kirche. Ihr wart also nach Christus erst zur Welt gekommen! Das ist klar; aber in welcher Zeitperiode, das allein gebt mir, so ihr’s wollt, näher kund. Denn auf diese geisterweltliche Gefühlszeit kann man sich nicht verlassen, weil sie einem armen Sünder eine Stunde für eine ganze Million Jahre kann empfinden machen – was ich selbst leider nur zu deutlich empfunden habe!“
BM|0|58|1|1|Näheres über die neue Gesellschaft von männlichen und weiblichen Dienern Roms. Ein römisch-chinesischer Missionar
BM|0|58|1|0|Spricht einer aus der Gesellschaft: „Lieber Freund und Bruder! Wir alle haben im Jahr 1846 nach Christi Geburt die Erde verlassen. Auf der Erde lebten wir sehr zerstreut und haben uns erst hier in der Geisterwelt so ganz eigentlich zusammengefunden. Denn wir waren auf der Erde Mönche aus dem Orden der Jesuiten, Liguorianer, Minoriten und Karmeliter. Wir sind männlicherseits bei 800 an der Zahl; die 200 Schwestern sind zum Teil aus dem Orden der ‚Barmherzigen‘ und zum Teil aus dem Orden der ‚Schulschwestern‘ und ‚Herz-Jesu-Damen‘.
BM|0|58|2|0|Nun weißt du, unser aller lieber Freund und Bruder, wann wir auf der Erde gelebt haben und was wir waren. Alles andere kannst du leicht von selbst dir denken, was wir alles für Narrheiten haben ausführen müssen, wie uns Rom in die ganze Welt aufs Fischen hinausgesandt hat. Und wie wir für diese saure Ehre uns zum Teil in Asien, zum Teil im glühenden Afrika und Australien und zum Teil auch in Amerika haben müssen die Köpfe herabschlagen lassen. Und als wir dann, hier in der Geisterwelt anlangend, meinten, als offenbare Märtyrer sogleich die Krone der ewigen Glorie zu erreichen, da erst ging das Elend so recht radikal an!
BM|0|58|3|0|Wie ich dir sage, du bist nach wirklichen oder bloß nur gefühlten Trillionen von Erdjahren – was ein Teufel ist – das erste menschliche Wesen, dem wir in dieser endlosen Wüste begegneten. Ist das nicht scheußlich – so ein Lohn für unsere märtyrerischen Mühen auf der Erde? Ach, wie große Esel sind doch die Menschen auf der Erde! Wir aber waren doch sicher die allergrößten!
BM|0|58|4|0|Freilich, wohl glaubten wir alles das, was wir den anderen Menschen mit glühendsten Zungen lehrten, nicht im Geringsten; denn unser Motiv war nur Rom und die goldenen Fische für uns und für Rom. Aber Christus haben wir dennoch gepredigt und viele Heiden zum Christentum bekehrt – und haben uns am Ende noch müssen martern lassen. Welchen Lohn wir hier dafür geerntet haben, das zeigt dir unser namenloses Elend in dieser Welt.
BM|0|58|5|0|Ich bin ganz besonders gut zum Teil gekommen! Ich war in China und hatte dort, dieser Sprache mächtig, durch zehn Jahre recht gute Geschäfte gemacht. Ich drang vor und kam mit Hilfe einer wunderschönen Chinesin sogar vor den Hof. Da aber entlarvte sich diese Bestie, die ich leider zu tief in meine Geheimnisse eingeweiht habe; zeugte sogleich bei der höchsten Behörde mich des Betrugs und meiner anderen Absichten, die freilich auch einen Hochverrat im Schilde führten.
BM|0|58|6|0|Ich wurde da ergriffen und sogleich zwischen zwei steinerne Platten gesteckt und festgeklemmt, zu deren beiden Seiten die Mandarins zu heizen anfingen, wodurch diese Platten nach und nach stets mehr erhitzt und ich langsam gebraten wurde. Diese Todesart ist doch sicher die schmerzvollste und man sollte glauben, damit alle Todsünden abgebüßt zu haben; allein, höre! Diese Marter ward an mir auch nach dem Tod fortgesetzt durch jene zwei glühenden Felsen, deren ich schon früher erwähnt habe.
BM|0|58|7|0|Das war der Lohn für meine vielen irdischen Mühen bisher; was noch folgen wird, weiß ich nicht. Ich glaube, du wirst nun so ziemlich mit unserem Wesen und Los vertraut sein. Wir sind mit einem Wort kreuzarme Teufel nun, und du tust an uns ein gutes Werk; der Herr, so Er irgend Einer ist, entgelte dir’s!“
BM|0|58|8|0|Spricht Bischof Martin: „Oh, nun weiß ich auf einmal mehr, als ich eigentlich wissen wollte! Aber das macht nichts; wir bleiben deshalb doch gute Freunde! Bringt mir aber die Klosterjungfern her, auf dass ich auch von ihnen erfahre, wie sie zu euch und hierher gelangt sind!“
BM|0|59|1|1|Die Werkheiligkeit und das Kettenhundeleben der römischen Klosterschwestern brachten nicht die erwartete Seligkeit
BM|0|59|1|0|Der Redner begibt sich sogleich zurück gegen die Tür dieses Hauses, allwo sich die Schwestern befinden, beruft sie und führt sie dann dem Bischof Martin vor.
BM|0|59|2|0|Als sie nun samt und sämtlich um den Bischof Martin sich befinden, da fragt dieser sie sogleich sogestaltig: „Liebe Schwestern und Damen, wie sieht es denn so ganz eigentlich mit euch aus? Wie seid denn ihr in solches Elend gekommen? Ihr habt doch sicher gebeichtet und kommuniziert genug, und habt Chor gesungen und zahllose Rosenkränze herabgebetet, wenn schon manchmal vielleicht mehr geschnattert als gebetet.
BM|0|59|3|0|Auch an anderen Andachtsübungen wird es nicht gemangelt haben. Auch habt ihr sicher alle Fasttage streng gehalten und habt in großen Ehren gehalten die heiligen Reliquien, den Weihbrunn und den Weihrauch und Glocke und Glöckchen. Auch habt ihr in euerm sonstigen Amtswesen sicher unverdrossen eure Pflichten erfüllt. Es fragt sich daher hier, wie ich euch gleich anfangs gefragt habe: Wie möglich wohl seid ihr in dieses Elend gekommen?“
BM|0|59|4|0|Spricht eine aus den Barmherzigen Schwestern: „O du lieber Freund, das alles wird der liebe Herrgott besser wissen als wir! Ich sage dir, ich und auch alle diese Schwestern meines Ordens waren dir wahre Märtyrerinnen!
BM|0|59|5|0|Tag und Nacht waren wir auf den Beinen; unverdrossen pflegten wir die Kranken; taten manchmal sogar mehr, als was uns die ohnehin allergestrengste Ordensregel auferlegte. Wir fasteten dabei und beteten ohne Unterlass; wir gingen wöchentlich zwei- bis dreimal zur Beichte und Kommunion. Und so uns manchmal dennoch ehestandliche, sinnliche Gedanken kamen, da schrien wir laut: ‚Jesus, Maria und Joseph, steht uns bei und bewahrt unseren keuschen Leib vor solchen Teufelsanfechtungen!‘
BM|0|59|6|0|Und hat das dreimal nacheinander noch nichts genützt, da liefen wir in die Kirche. Half auch diese nicht, da kasteiten wir uns oft blutig und legten uns die allerschärfsten Cilliösen [Bußgewänder (Cilicia)] an den bloßen Leib; und hat manchmal auch das nicht den erwünschten Erfolg gehabt, so hat dann freilich müssen der Beichtvater mit exorzistischen Mitteln zu Hilfe kommen, die aber leider nur bei den jüngeren Schwestern mit Nutzen konnten angewendet werden. Bei uns älteren mussten dann eiskalte Bäder statt des Exorzismus angewendet werden, auch mitunter ein Aderlass.
BM|0|59|7|0|Siehe, du liebster Freund, so streng war unser Leben; ja mancher Kettenhund hätte uns darum sicher nicht beneidet, so er Verstand hätte!
BM|0|59|8|0|Dass wir für solche Strapazen hier die himmlischen Freuden mit Recht erwarteten, das wird etwa für unser wahres Kettenhundeleben auf der Welt doch nicht zu unbillig sein, so wir solches mit ungezweifelter Zuversicht erwarteten, wie es allen jenen verheißen ist, die um Christi willen auf der Welt alles verlassen haben, und haben sich wegen der himmlischen Glorie den schmalen, dornigsten Kreuzespfad erwählt?!
BM|0|59|9|0|Aber da sehe du nun unsere verhoffte himmlische Glorie! Sehen wir nicht aus wie die barsten Blocksberghexen? Die Gesichtsfarbe dunkelgrau, die Kleidung besteht aus den schmutzigsten Fetzen, und fett sind wir schon, als wie die Mumien, die man dann und wann in den Wüsten Afrikas findet, und hungrig wie ein Haifisch und durstig wie die Sandwüste Sahara! Das ist nun unser so bestimmt und gewiss erhoffter Himmel! Was soll man sich von solch einer göttlichen Gerechtigkeit nun wohl für einen Begriff machen?
BM|0|59|10|0|Als ich von der Welt hier anlangte, da sah ich wohl ein sehr schlechtes Mensch, die nichts als eine Hure war, von leuchtenden Engeln abholen und sie gegen den Himmel führen – so eine Kanaille! Zu mir aber kam bis jetzt noch keine Katze, geschweige erst ein besseres Wesen aus dem Himmel! Frage: Ist das auch eine Gerechtigkeit?! Ach, ist das doch ein Elend, ist das ein Elend!
BM|0|59|11|0|Ich habe nur gar so manche ehrliche Mädchen, die jung, reich und schön waren, zu meinem Orden gebracht, die mir nun fluchen, dass ich sie so schändlich geprellt hätte. Das geht mir nun gerade auch noch ab! Für solch meinen Eifer etwa gar noch eine verdammliche Verantwortung vor dem ewigen Richter!“
BM|0|59|12|0|Hier treten mehrere jüngere Barmherzige Schwestern hervor und schreien: „Ja, ja, ja – du altes Luder, du alte Bestie bist an allem dem schuld! Hast du dir nicht die Zunge nahe bis in den Magen hinab ausgeschrien, um uns zu überreden für deinen barmherzigen Lumpenorden? Als wir den Profess nicht ablegen wollten – da wir in der Welt doch bessere Aussichten hatten, als wir sie in deiner Hurenanstalt kennenlernten – liefst du da nicht zum Tod und allen Teufeln, auf dass uns nur der Austritt verleidet wurde?!
BM|0|59|13|0|Und als wir – zum größten Teil gezwungen – den schmählichen Profess ungefähr so ablegten, als wie ein Rekrut den militärischen Eid der Treue schwört, nämlich unter ‚Du musst, sonst bist du des Teufels!‘ – da wurden wir dann behandelt ärger denn irgend die ärmsten Seelen im Fegfeuer oder gar in der Hölle selbst, und durften bei der strengsten Ahndung nicht einmal unseren lieben Eltern auch nur eine Silbe vermelden, wie schändlich und schmählichst wir gehalten wurden! Nur dem Beichtvater durften wir klagen, und das nur im Beichtstuhl, weil er über eine solche Anklage dann selbst verstummen musste!
BM|0|59|14|0|Wir fordern nun den verheißenen Himmel von dir (du römische Lockeule), und das mit mehr Recht als du den deinigen! Wo ist er? Führe uns hin – oder wir vergreifen uns an dir für ewig!“
BM|0|59|15|0|Die erste Nonne wirft sich nun vor dem Bischof Martin nieder und fleht ihn um Schutz an.
BM|0|60|1|1|Martin tröstet und belehrt die sich gegenseitig anklagenden Nonnen. Die Schulschwestern erzählen über ihre werkheiligen Torheiten und über ihr jenseitiges Leiden
BM|0|60|1|0|Bischof Martin aber spricht hier: „Hört ihr alle, meine lieben Schwestern! Lasst den Herrn Jesus allein entscheiden unter euch; Er allein ist ein gerechter Richter! Ihr aber vergebt einander von Herzen, so wird alles gut werden; denn dies mein Haus ist ein Haus des Friedens und der Liebe, und nicht ein Haus der Rache! Daher beruhigt euch und seid frohen Mutes, darum ihr hier bei mir eine so gute Unterkunft gefunden habt – sicher nur durch die unsichtbare Gnade des Herrn! Werdet ihr euern Hass in Liebe umgestalten, da werdet ihr schon auch zu einem besseren Aussehen gelangen!
BM|0|60|2|0|Es gehen aber auf der Welt gar viele einen verkehrten Weg der Tugend; wie solltet davon ihr eine Ausnahme sein? Ihr habt zwar viel getan, aber nicht des Herrn, sondern des Himmels wegen, und das ist noch lange nicht evangelisch! Man muss alles tun und dann erst ausrufen: ‚Herr, siehe, ich war ein fauler, nutzloser Knecht! O Herr, sei mir, Deinem nutzlosesten Knecht, gnädig und barmherzig!‘ Wenn ihr, meine lieben Schwestern, so urteilen werdet über euch und werdet einander nicht richten und verdammen, da werdet ihr schon Gnade vor Gott finden!
BM|0|60|3|0|Wisst ihr denn nicht, was da der weise Lehrer Paulus spricht, der zwar bei sich auch ein schlechter und unnützer Knecht ist und sein Tun nicht achtet, sondern allein die pure Gnade des Herrn? Seht, dieser Lehrer spricht: ‚Du wirst nicht aus deinem Verdienst, sondern lediglich durch die Gnade des Herrn selig werden!‘ Beherzigt das, werft all euer vermeintliches Verdienst dem Herrn zu Füßen und bekennet vor Ihm die volle Nichtigkeit alles dessen, das ihr bisher als irgendetwas Verdienstliches zum ewigen Leben angesehen habt, so wird die Gnade des Herrn sogleich über euch ersichtlich werden!
BM|0|60|4|0|Seht, ich war gar ein Bischof auf der Welt und glaubte auch, so ich aus der Welt gehen werde, dass mir da gleich ganze himmlische Scharen entgegenziehen werden. Aber, dem war ganz anders! Ich selbst habe noch bis jetzt den eigentlichen Himmel nicht gesehen, obschon ich mit dem Herrn schon sehr oft geredet habe und dies Haus auch unmittelbar aus Seiner allerheiligsten Hand empfing. Wie wollt demnach ihr schon mit aller Glorie gekrönt sein? Daher nur Geduld, Sanftmut und Liebe und einen heiteren Mut angezogen, alles andere wird sich dann schon von selbst geben!“
BM|0|60|5|0|Die Barmherzigen Schwestern treten nun ganz besänftigt zurück und der Bischof Martin ruft die Schulschwestern vor, die sich während dieser Belehrung in einem Winkel soeben ein wenig die Augen auskratzen wollten, und fragt sie eben auch, wie und auf welche Art sie in dies Elend gelangt sind und wo sie auf der Erde so ganz eigentlich gelebt haben.
BM|0|60|6|0|Und aus diesen eine antwortet: „O geliebtester, hochgeehrtester, allerhochwürdigster Freund! Wir sind nicht alle von einem Ort, sondern wir sind teils aus Frankreich, teils aus der Schweiz, teils aus Welschland und Tirol und teils auch aus der Steiermark.
BM|0|60|7|0|Wir lebten übermäßig fromm. Tag für Tag beteten wir wenigstens 14 Mal und allzeit wenigstens eine Viertelstunde lang; täglich wohnten wir einer heiligen Messe bei und fehlten nie bei der Vesper. Sonn- und feiertags wohnten wir wenigstens drei Messen bei, einer Predigt und der nachmittäglichen Litanei und beiden ‚Segen‘. Wir gingen wöchentlich, besonders in der Advents- und Fastenzeit zum wenigsten dreimal beichten und empfingen täglich das allerheiligste Altarsakrament. Wir fasteten alle Wochen fünfmal zu Ehren der allerheiligsten Fünf Wunden und gaben uns am Freitag zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria 7 Schmerzensstreiche, und zwar 4 auf die linke und 3 auf die rechte Brust mit Strick oder Rute.
BM|0|60|8|0|Die übrige Zeit widmeten wir frommen Betrachtungen und dem Unterricht junger Mädchen und richteten bei dem Unterricht unser Augenmerk hauptsächlich darauf, dass in den jungen Herzen schon frühzeitig der Drang erwachen sollte, wenn sonsten aus finanziellen Rücksichten möglich, so früh als möglich in unsere Fußstapfen zu treten und all ihr irdisches Erbe Gott zu Füßen zu legen und so eine reine und würdige Braut Jesu Christi zu werden!
BM|0|60|9|0|Also durfte auch keine von uns mit unverschleiertem Haupt auf die Straße und bei strengster Ahndung keinen weltlichen Mann ansehen, auch nicht einmal einen Weltpriester, sondern allein nur einen heiligen Bruder aus dem Orden des heiligen Franziskus, und wohl auch einen heiligen Jesuiten und den Bischof, und wohl auch einen sehr frommen Domherrn. Kamen uns dabei aber etwa dann und wann gar unzüchtige Gedanken, so zeigten wir solche sogleich der würdigsten Mutter an und baten die Liebe um eine recht scharfe Strafe zur Abwendung solchen Höllenspuks von unseren keuschesten Herzen.
BM|0|60|10|0|Die gute würdige Mutter, die sehr heilig war, gab uns dann sogleich die weisesten Lehren und nachher erst die gebührenden Strafen, die da verschieden waren je nach der Größe der unkeuschen Gedanken. Für einen ganz kleinen Gedanken war ein Schilling [Streich] auf die nackte Natur, darauf 3 Rosenkränze und ein vollkommener Fasttag. Auf einen größeren Gedanken waren 7 starke Rutenstreiche auf die nackte Natur, dass es Blut gab, darauf 12 Rosenkränze und 3 volle Fasttage in der Woche. Auf einen noch stärkeren Gedanken – etwa gar an den allerverdammlichsten Ehestand, wie er jetzt besteht – waren 15 Streiche mit spitzigen Ruten, 30 Rosenkränze und 9 volle Fasttage durch 3 Wochen und ein spitziges Zilizium [Bußgewand] über die nackte Brust oder die Lenden als Strafe diktiert und auch sogleich ausgeführt.
BM|0|60|11|0|Dazu kamen dann noch die geistlichen Bußen, die oft noch ärger waren als jene, die uns die liebe würdige Mutter gab. Also mussten wir auch bei der Nacht vom besten Schlaf oft aufstehen und Chorbeten gehen, was besonders im Winter sehr bitter war. So wir krank wurden ob den vielen Strapazen und Martereien, so durften wir uns nie die liebe Gesundheit, sondern allzeit nur den bittersten Tod wünschen wegen Abbüßung unserer lässlichen Sünden, und dergleichen beinahe erschrecklichsten Selbstverleugnungen mehr. Du siehst aus dieser meiner zwar kurzen, aber darum überaus wahren Schilderung unsern sehr bitteren irdischen Zustand.
BM|0|60|12|0|Da wir also für Christus so viel und meist geduldig erlitten haben, und haben uns ohne Murren willigst gefügt den harten Regeln unseres strengen Ordens, und haben all unser Vermögen diesem Orden vermacht zu seiner heilsamen Ausbreitung zur Ehre der allerseligsten Jungfrau Maria und zur stets größeren Ehre Gottes, so glaubten wir denn doch an Gott keine unbillige Forderung gestellt zu haben, so wir nach unseres Leibes bitterem Tod sogleich in die ewige Glückseligkeit möchten aufgenommen werden! Aber nicht nur, dass wir alle unsere gegründeten Hoffnungen hier wie einen Schaum zerfließen sahen, sondern höre:
BM|0|60|13|0|Als wir alle, die wir hier stehen, fast zu gleicher Zeit uns hier in dieser Welt trafen und von einigen Bauern angerufen wurden, dass wir nun in der Geisterwelt wären, da sahen auch wir von einer anderen Seite ganz liederliche und wohlbekannte Weibspersonen in diese Welt ankommen und waren ganz sicher der Erwartung, dass sogleich eine Menge Teufel daherkommen werden, um diese schlechten, ausgelassenen und ketzerischen Weiberseelen eben auch sogleich in die Hölle allerverdientestermaßen zu ziehen!
BM|0|60|14|0|Allein – ah, wer hätte sich so was je können träumen lassen! Siehe, statt der Teufel kamen sichtbare Engel vom Himmel herab, umkleideten diese schlechten, sündigsten Seelen sogleich mit wahren himmlischen Kleidern, gaben ihnen leuchtende Palmen und trugen sie schnurgerade in den Himmel; uns aber würdigte kein Engel auch nur eines Blickes! Wir schrien, wir beteten, ja wir beschworen Maria und Gott bei allen Seinen Heiligen und Auserwählten; aber all unser sicher Millionen Jahre langes Schreien war bis jetzt noch fruchtlos! Sage, ist das nicht zu arg?! Sind wir nicht betrogen, zeitlich und ewig? Ist das wohl auch eine Gerechtigkeit Gottes zu nennen?!“
BM|0|60|15|0|Spricht Bischof Martin: „No, no, habt nur Geduld! Für jetzt seid ihr versorgt. Und wenn’s auch in die Ewigkeit nicht besser würde wie es nun ist mit euch, so könntet ihr es schon ertragen! Denn auf euer Verdienst dürft ihr euch eben nicht zu viel einbilden; denn wart ihr so dumm auf der Welt, euch einsperren und prügeln und am Ende gar förmlich umbringen zu lassen, was Gutes habt ihr dadurch euren Nächsten wohl getan? Ihr habt nur für eure Haut gesorgt und hättet euch wenig daraus gemacht, so Gott auch die ganze Welt verdammt hätte, wenn nur ihr den Himmel hättet!
BM|0|60|16|0|Seht, mit solcher Nächstenliebe kommt hier niemand weiter. Darum seid nun geduldig und werft euer Verdienst von euch und betrachtet euch als schlechte, nutzlose Mägde des Herrn, so werdet schon auch ihr bei Gott Gnade finden! Tretet nun zurück und lasst die Herz-Jesu-Damen hierher kommen!“
BM|0|61|1|1|Rede der Herz-Jesu-Damen. Deren Verirrungen und Torheit. Martins Belehrungsversuch
BM|0|61|1|1|(Am 14. Dezember 1847)
BM|0|61|1|0|Die Schulschwestern treten nun etwas murrend zurück, und die Herz-Jesu-Damen treten hervor und beginnen sogleich folgende Rede zu führen, sagend: „Allerhochehrwürdigster Herr, Herr! wir sind ‚Damen‘ des allerersten Damenordens der Welt, in welchen Orden nur Mädchen von sehr reichen, angesehenen und adeligen Häusern aufgenommen werden, allwo sie alles lernen können, was es in der Welt nur immer zu lernen gibt!“
BM|0|61|2|0|(Bischof Martin bei sich: „Nicht übel, die fangen schon gut an, gerade so wird’s der Herr sicher am besten brauchen können, oder was anderes?“)
BM|0|61|3|0|[Die Herz-Jesu-Damen:] „Alle Sprachen, Musik, Tanzen gleich einer Taglioni oder Elßler, allerlei andere Gymnastik, als Fechten, wo möglich und tunlich auch das Reiten; dann Zeichnen, Malen, allerlei Kunststickereien und Kunstnähereien! Daneben natürlich werden auch alle anderen Wissenschaften traktiert, als die vollkommene Geographie, Trigonometrie, Mathematik, Physik, Astronomie, Geschichte, Nautik, Hydraulik, Geometrie, Stereometrie, Poesie in den nobelsten Sprachen Europas und dergleichen noch eine Menge anderer nützlicher Gegenstände.
BM|0|61|4|0|Kurz und gut, in unserem Orden werden aller Welt Wissenschaften gelehrt und aller Welt Künste geübt – natürlich nur, so es verlangt und dafür gezahlt wird. Die übrige Zeit aber wird natürlich mit Beten, Singen, mitunter auch mit Fasten zugebracht, täglich eine Messe gehört und wöchentlich dreimal Beichte und Kommunion. Auf die Übertretung der strengen Ordensregeln sind auch angemessene scharfe Strafen gesetzt, welche wohl allzeit leider genauer beobachtet werden als die Ordensregeln selbst!“
BM|0|61|5|0|(Bischof Martin bei sich: „Schau, bin doch auch ein Bischof gewesen, aber die Geheimnisse dieses Ordens habe ich nie so ins Detail eingesehen wie eben jetzt! Ah, an diesem Orden muss der Herr ja eine ganz besondere Freude haben!?“)
BM|0|61|6|0|[Die Herz-Jesu-Damen:] „Du lieber, allerhochwürdigster Freund, du siehst daraus –“
BM|0|61|7|0|(Bischof Martin bei sich: „dass ihr die dümmsten Gänse seid!“)
BM|0|61|8|0|[Die Herz-Jesu-Damen:] „welch schwere Regeln unser allerstrengster Orden hat und welche Größe“
BM|0|61|9|0|(Bischof Martin: „der Dummheit“)
BM|0|61|10|0|(Die Herz-Jesu-Damen:) „von Selbstverleugnung dazu gehört, alle diese tausend schwersten Regeln genau zu beobachten. Ja, ich sage dir, nur wahre Riesen“
BM|0|61|11|0|(Bischof Martin: „von Narren“)
BM|0|61|12|0|[Die Herz-Jesu-Damen:] „von Geistern gehören dazu, um alle diese schwersten Regeln zu beobachten! Und dennoch haben wir alle wie wahre Heldinnen ums Himmelreich alle diese Regeln genauest beobachtet und haben geglaubt, der Himmel kann uns auf diese Art unmöglich entgehen!“
BM|0|61|13|0|(Bischof Martin bei sich: „Da gehört wirklich ein sehr starker Glaube dazu!“)
BM|0|61|14|0|[Die Herz-Jesu-Damen:] „Aber da siehst du uns jetzt nach einigen Millionen von Erdjahren noch ganz so elend, als wie wir uns zum ersten Mal hier in dieser Geisterwelt befanden. Dies dein Haus ist der erste herrliche Gegenstand, der uns in dieser Welt noch zu Gesicht gekommen ist. – Frage: Ist das wohl auch eine göttliche Gerechtigkeit?!“
BM|0|61|15|0|(Bischof Martin: „O nirgends mehr als eben hier bei euch dummen Gänsen!“)
BM|0|61|16|0|[Die Herz-Jesu-Damen:] „Anstatt, dass man uns den wohlverdienten Himmel gegeben hätte, mussten wir nur von einem ganz roh und ungebildet aussehenden, echten, gemeinsten Bauernbengel die Worte anhören, als wir bei einer Pforte anklopften, über der es geschrieben stand ‚Tür in den Himmel‘: ‚Zurück mit euch, ihr dummen und törichten Jungfrauen! Warum habt ihr eure Lampen nicht zuvor mit Öl gefüllt!‘“
BM|0|61|17|0|(Bischof Martin bei sich: „Nicht mehr als billig! Diese Gänse könnte ich schon beinahe selbst aus diesem Haus treiben!“)
BM|0|61|18|0|[Die Herz-Jesu-Damen:] „Darauf verschwand diese Himmelspforte und wir waren sogleich von einer Menge kleiner Teuferl umringt, die da aussahen wie Irrlichter; und diese Teuferl hüpften fortwährend um uns herum und neckten uns jämmerlich durch die ganze endlose Zeit, bis wir erst vor kurzem diese gegenwärtige Gesellschaft trafen auf unserer schon nahe ewigen Flucht!
BM|0|61|19|0|Was sagst du, liebster, allerhochwürdigster Freund dazu? Was ist das, was sollen wir denn tun, um möglicherweise vielleicht doch einmal in einen etwas besseren Stand zu gelangen? Oh, rate uns, du liebster, hochwürdigster Freund!“
BM|0|61|20|0|Spricht Bischof Martin ganz lakonisch-ironisch: „Ah, ah, ah, da hat euch der Herr freilich sehr Unrecht getan! Denn ihr habt doch genau nach dem Evangelium gelebt! Ah, ah, das muss ich sagen, da ist der Herr Jehova Jesus sehr ungerecht, wenn Er auf die sehr evangelischen Regeln eures Ordens den Himmel verheißen hat – und ihn hernach nicht geben will!? Das könnte man von Ihm sogar impertinent und très mal [lausig] nennen! So zarten und doch so übergelehrten Herzerln den Himmel versagen – ah, das ist doch alles, was man sagen kann!? Es müsste nur sein, dass ihr vielleicht heimlich untereinander sodomitische Unzucht getrieben hättet? Oder ihr hättet etwa neben euren tausend gelehrten Ordensregeln die beste christliche Regel der Nächstenliebe ganz hintangesetzt?!“
BM|0|61|21|0|Spricht eine andere, stark französisch sein wollende Dame: „Ah non, all non, mon ami, mer leben schon all’ sehr Keußeit, ond Religion habe mer auch sehr gehabt! O mon dieu, was brauk man plus pur le Imel? Der Näkstelieb sein les ous, und den sodomitißen Onzukt könn mer nikt, we sein der für Fih!? Mer habe urdenlik geleben oud verstege, mon ami, keiß wie den Blumen! Was will mer plus Monsieur Jesu Christ?“
BM|0|61|22|0|Spricht Bischof Martin: „Ich bitte dich, höre mir um Gottes willen auf mit dieser Sausprache! Bist doch eine Deutsche und kannst aus lauter Sprachmodedummheit deine Muttersprache nicht reden? Glaubst denn du, so eine deutsche Franzosengretl wird hier in den Himmel kommen? Ich sage dir, du extra dumme Gans, da hat’s noch lange Zeit! Nein, das ist mir noch nicht vorgekommen! Geister sogar anderer Planeten haben mit mir ganz rein deutsch gesprochen, und dieser dummen Herz-Jesu-Dame gefällt noch’s Französische besser, als deutsch mit einem Deutschen zu reden! Warum hat denn deine Vorgängerin, die doch eine geborene Lyonerin ist, mit mir gut deutsch reden können, und warum du stolze Gans nicht?!“
BM|0|61|23|0|Spricht die Dame: „O Freund, weil ich glaubte, mich dadurch bei dir recht einzustellen!“
BM|0|61|24|0|Spricht Bischof Martin: „Das war wohl ein ganz dummer Glaube gleich dem, durch den ihr alle für eure grenzenlose Dummheit von Gott den Himmel erwartetet! Meint ihr, der Herr hat den Himmel für solche dummen Gänse gemacht? Oh, da seid ihr in einer sehr großen Irre! Ich sage euch: Eher kommen alle Esel und Ochsen hinein denn ihr! Merkt euch das, und geht dort in den hintersten Winkel und lernt zuerst die Demut! Dann erst kommt und fragt, ob für euch irgendeine Kuhmagdstelle im untersten Himmel zu vergeben sein wird – woran ich sehr zweifle. Geht, wohin ich euch beschied!“
BM|0|62|1|1|Ein Zwiegespräch zwischen einem Jesuiten und Martin. Belehrung einer höllenängstlichen Barmherzigen Schwester
BM|0|62|1|0|Tritt ein Jesuit hervor und spricht: „Edler Freund, du scheinst eben kein großer Freund von Künsten und Wissenschaften zu sein, weil du an diesen so überaus wertesten Damen des Herzens Jesu so wenig Wohlgefallen findest. Und doch sind sie sozusagen der einzige weibliche Orden, der mit allem Fleiß den Wissenschaften und Künsten von früh morgens bis spät abends obliegt und dadurch uns Brüdern der Gesellschaft Jesu am nächsten kommt! Ah, Bruder, Freund, diese Damen solltest du doch mit mehr Achtung und Liebe behandeln!“
BM|0|62|2|0|Spricht Bischof Martin: „Warum nicht gar, diese dummen, eingebildeten Greteln mit mehr Achtung? Ich sage dir, für diese ist das noch viel zu viel, was ich ihnen an Achtung zolle! Diesen sollte man die Tür weisen und sie noch auf einige Millionen Jahre hinausstoßen. Vielleicht verlernten sie dadurch ihre fremden Sprachen – was wirklich gut für sie wäre!
BM|0|62|3|0|Siehe, wie ich sie nun anschaue, so sehe ich Zorn und Hochmut aus ihren Augen sprühen! Sie möchten sich wohl sehr gerne verstellen, aber das tut sich nicht mehr hier im Reich der Geister. Denn hier durchschaut man besonders so lockere Geister mit einem Blick und erschaut bald und leicht, wie sie so ganz eigentlich von innen beschaffen sind. Weil ich aber diese Gänse durchschaut habe, und sie nun noch besser durchschaue, und sie ob ihrer großen Torheit mich sehr anekeln, so muss ich sie ja wohl wenigstens in jenen Winkel hinbescheiden, damit ich mich nicht ärgere an ihrem Anblick.
BM|0|62|4|0|Du selbst und alle deines löblich-dummen Kollegiums aber müsst euch auf euern höchst ungebührlichen Namen eben auch nichts einbilden. Denn denke selbst nach und sage mir, mit welchem Recht ihr euch Jesuiten nennt, und wer euch da zu solcher Entheiligung des göttlichen Namens die Befugnis erteilt hat, und du wirst es leicht einsehen, wie schändlich ihr selbst diesen allerheiligsten Namen missbraucht habt und wodurch ihr alle nun wohl solchen Frevel wiedergutmachen könntet!
BM|0|62|5|0|Kann einer aus euch sagen: ‚Jesus, der Herr, hat uns so berufen wie etwa einen Paulus oder Petrus‘? Oder hat je einer aus euch Jesus gesehen oder gesprochen oder hat je einer aus euch bei Lebzeiten eures Leibes etwa das Evangelium höher gehalten als den Ignatius von Loyola? Seht, ihr wart in der Tat die entschiedensten Feinde Jesu Christi und nennt euch ‚Jesu-iten‘?!“
BM|0|62|6|0|Spricht wieder der Jesuit: „Liebster Freund und Bruder, diese Sache scheinst du entweder schlecht oder gar nicht zu verstehen! Verstehst du denn nicht, was das heißt: Omnia ad maiorem dei gloriam? [Alles zur größeren Ehre Gottes.] Siehe, in dem liegt der Grund unseres Namens! Nicht, als wenn uns Jesus, der Herr, nominativ [durch Ernennung] gestiftet hätte, sondern wir nur erwählten diesen Namen zu Seiner größeren Ehre! Ich weiß es wohl, dass das Mittel an und für sich nicht löblich ist. Aber was liegt da am Mittel, wenn nur der Zweck gut ist und das Mittel heiligt, wenn dieses auch noch so schal wäre!“
BM|0|62|7|0|Spricht Bischof Martin: „Du sprichst hier auch wie ein Narr und urteilst über göttliche Dinge wie ein Blinder über die Farben! Meinst du wohl, der große Gott, den zahllose Myriaden von den allerunerhörtesten Wundern der Wunder ewig durch die ganze Unendlichkeit ehren – ich sage dir, heilige Wunder, deren Klarheit, Erhabenheit, endlose unbegreiflichste göttliche Schönheit so groß ist, dass sie dich in einem Augenblick töten würden, so du ihrer ansichtig würdest –, wird dadurch an Seiner Ehre etwas gewinnen, so du dich Ihm zu Ehren ungebührendstermaßen ‚Jesuit‘ nennst, oder so du durch tausend andere, oft allerschändlichste Mittel scheinbar gute Zwecke zu erreichen wähntest?
BM|0|62|8|0|Meinst du wohl, dass Jesus die schmähliche Inquisition zu Seiner größeren Ehre eingesetzt hat durch einen Mönch? Oder meinst du, Jesus hatte ein Wohlgefallen an den Autodafés [Verkündung und feierliche Vollstreckung von Urteilen der Inquisition] und an anderen Gräueln, die ihr vorgeblich zu Seiner größeren Ehre verübt habt, hattet aber doch im Hintergrund einen ganz anderen, nicht selten allerschändlichsten Zweck nur?!
BM|0|62|9|0|Meinst du wohl, der Herr Jesus hat ein Ihn ehrendes Wohlgefallen daran, so du Mädchen geschwängert hast und hast sie dann eben auch ad maiorem dei gloriam in der Kirchengruft lebendig einmauern lassen? Oder so du zur größeren Ehre Gottes das Vermögen von tausend Witwen und Waisen durch allerlei höllische Vorspiegelungen an dich gezogen hast und hattest nachher kein Herz, wann du Tausende im größten Elend schmachten sahst?!
BM|0|62|10|0|Meinst du wohl noch im Ernst, so was könnte zur größeren Ehre Gottes dienlich sein, und der Herr Jesus hätte ein Wohlgefallen an solcher Verherrlichung Seines Namens? Oh, wenn du das im Ernst meinst, so bist du das bedauernswürdigste Wesen in der ganzen ewigen Unendlichkeit Gottes!
BM|0|62|11|0|Was wohl würdest du sagen, so nun Jesus, der da ist der alleinige, ewige Herr und Gott Himmels und aller zahllosen Myriaden von Welten, vor dir stünde und dich fragte, wie du und dein ganzer Anhang Sein Wort gehandhabt habt? Und wer euch das Recht erteilt hat, Seinen allerheiligsten Namen auf eine so grässliche Art zu entheiligen? Sage, sage, ja sagt ihr alle, was wohl würdet ihr dem allmächtigen, ewigen Gott erwidern?!“
BM|0|62|12|0|Alle ergreift nun ein ersichtlicher Schauder und eine starre Stumpfheit, und keiner getraut sich auch nur mit einer Silbe dem Bischof Martin etwas zu erwidern, denn sie alle halten ihn nun für einen Richterengel.
BM|0|62|13|0|Nur eine Barmherzige Schwester geht ganz furchtsam zum Bischof Martin hin und sagt: „O du richtender Engel im Namen Gottes! Nur in die Hölle verdamme uns nicht; ins Fegefeuer wollen wir in Gottes Namen ja alle gerne gehen! Oooooh, ohohohohohoh! Das ist ja erschrecklich, was du für ein gestrengster Richter bist! Ohohohohoh! Habe doch nur einiges Mitleid mit uns armen Sündern und Sünderinnen!“
BM|0|62|14|0|Spricht Bischof Martin: „Stehe auf, du blitzdumme Barmherzigerin! Ich bin kein Richter, sondern selbst ein armer Sünder und erhoffe selbst des Herrn Gnade. Aber ich sehe doch meine große Dummheit Gott sei Dank nun ein, und weil ich diese einsehe, so zeige ich euch auch die eurige, auf dass ihr dieselbe ablegen sollet und werden, wie es die ewige Ordnung des Herrn will, ansonst ihr stets nur in ein größeres Elend verfallen werdet, statt emporzusteigen in eine größere Seligkeit!
BM|0|62|15|0|Dass ich euch aber nicht richte, beweist, dass ich euch alle aufgenommen habe und euch nicht fortschaffe, sondern freundlichst allesamt behalte – so ihr übrigens bei mir verbleiben wollt. Aber so ihr bleibt, müsst ihr nicht an euren Torheiten festhalten, sondern euch ruhig belehren lassen von dem, der hier sicher mehr Erfahrung hat als ihr Neulinge in dieser Welt. Also seid nun ruhig, und denkt über meine Worte nach!“
BM|0|63|1|1|Martins erklärt zwei anderen Jesuiten und zwei Liquorianern den Sinn der Schrift auf der weißen Tafel. Ein dummes Glaubensleben hat auch ein entsprechendes jenseitiges Leben zur Folge
BM|0|63|1|0|Es treten abermals ganz andere Jesuiten und dazu noch zwei Liguorianer vor den Bischof Martin und sagen: „Lieber, bester Freund, wir sind mit deiner Lehre, die du uns allen zugleich gegeben hast, wohl recht sehr einverstanden, und wie wir’s jetzt verspüren, so geht uns allen hier auch wirklich nichts ab. Aber so wir daneben nur so eine kleine Beschäftigung hätten, da wären wir mit diesem Los ja überaus zufrieden und verlangten uns für die ganze Ewigkeit kein besseres! Aber so wir ohne alle Beschäftigung die ganze Ewigkeit zubringen müssten, da wäre uns am Ende schon der vollkommene Tod lieber als so ein einförmigstes geschäftsloses Leben.“
BM|0|63|2|0|Spricht Bischof Martin: „Freunde, könnt ihr lesen, was da auf dieser runden weißen Tafel geschrieben steht?“
BM|0|63|3|0|Spricht einer von den vieren: „O ja, da steht ja das verhängnisvollste ‚Dies irae, dies illa! Libera nos ab omni malo! Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris! Requiescant in pace! Requiem aeternam dona eis, domine, et lux perpetua luceat eis! Ex profundis clamavi! Clamor meus ad te veniat! Vitam aeternam dona eis, domine, et sedere in sino Abrahami, et considere ad mensam illius, et comedere cum illo per omnia secula seculorum, amen!‘ [Tag des Zornes, jener Tag! Befreie uns von allem Übel! Gedenke Mensch, dass du Staub bist und zu Staub wirst! Sie ruhen im Frieden! Gib ihnen Herr, die ewige Ruhe, und das ewige Licht leuchte ihnen! Aus der Tiefe rief ich! Mein Rufen dringe zu Dir! Gib ihnen das ewige Leben, Herr, und einen Platz im Schoß Abrahams, und lass sie an seinem Tisch niedersitzen und mit ihm speisen durch alle Ewigkeiten! Amen.]
BM|0|63|4|0|Siehe, lesen kann ich ja noch, wenn ich auch meinem Gefühl nach einige tausend Millionen von Jahren keinen Buchstaben mehr gesehen habe. Aber sage mir, was soll’s denn da mit diesen alten dogmatischen Versikeln? Wird sich denn hier in der Geisterwelt denn doch etwa ganz ernstlich danach gerichtet? Wahrlich, so das der Fall wäre, da sähe es sehr schlecht aus mit unser aller Existenz für die ganze endlose lange Ewigkeit! O Freund, erläutere uns das, wie es hier zu verstehen und zu nehmen ist!“
BM|0|63|5|0|Spricht Bischof Martin: „Wie anders soll es denn zu verstehen sein, als wie es da geschrieben steht! Ich sage euch, diese Stellen haben keinen anderen Sinn als den nur, der sich klar aus ihren zusammengefügten Worten entnehmen lässt! Und zudem sagt ihr es selbst: Habt ihr wohl je auf der Welt einen anderen Sinn mit diesen Ausrufen verbunden, als der sich in der äußeren Fügung kundgibt? Wart ihr auf der Welt mit diesen Versikeln zufrieden, wo sie euch Geld trugen und ein geheimes geistliches Ansehen, warum sollen sie euch jetzt genieren, wo ihr Sinn an euch praktisch angewendet wird? Was braucht ihr Beschäftigung? Requiescant in pace; ergo requiescamus! [Sie mögen in Frieden ruhen; daher lasst uns ruhen!] Diese Ruhe im ewigen Frieden habt ihr nun alle gefunden!
BM|0|63|6|0|Licht gibt es auch hier, das da bei den schönen großen Fenstern fortwährend gleich hereinleuchtet. Also ist auch dies mein Haus gleich einem Schoß Abrahams und dort jener große, mit gutem Brot und Wein vollgefüllte Schrank ein wahrer Abrahamstisch, bei dem ihr samt mir ewig gespeist werdet bis zum jüngsten Gericht – und, so ihr an diesem Tag des Zornes nicht verdammt werdet, auch nach diesem ewig! Was wollt ihr da noch mehr?!“
BM|0|63|7|0|Spricht der Liguorianer einer: „Ja, ja, Freund, du hast recht, es wird schon also sein; aber dessen ungeachtet muss ich dir nach meinem Gefühl bemerken, dass die Geschichte mit der hier überaus langweiligsten Zeitenfolge ganz unbegreiflich, entsetzlich langweilig wird! Denke dir, ewig hier und vollends müßig, und nichts anderes ewig zu erwarten habend!? Höre, Freund, diese Langweile nach etwa einigen Dezillionen Erdjahren! O Herr, das wird etwa doch kein lebend Wesen mehr zu ertragen imstande sein!“
BM|0|63|8|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, was nützt dir aber da auch dein Vernünfteln!? Hast du denn nie gelesen wie geschrieben steht: ‚Jeder wird seines Glaubens leben‘ und ‚Wie der Baum fällt, so wird er liegen bleiben‘? Warum glaubten wir denn solch dumm’s Zeug, dessen Wirklichkeit uns hier nicht munden will?
BM|0|63|9|0|Waren wir starrsinnige Esel auf der Welt, so müssen wir uns auch hier die Verwirklichung unseres eselhaften Glaubens gefallen lassen, ob sie uns behagt oder nicht! Hätten wir aber weiser unseren Glauben auf der Welt eingerichtet, da würden wir uns auch hier sicher besser befinden; aber wir alle, ich nicht ausgenommen, waren auf der Welt nur desto glücklicher, je mehr Finsternis wir in derselben verbreiteten. Darum geniere uns das auch hier nicht, so wir nun allesamt hier in unserer eigenen Dummheit begraben leben wie im vermeintlichen Schoß Abrahams!
BM|0|63|10|0|Gab und gibt es nicht in der Welt eine ungeheure Menge von alten Eseln, Ochsen und Schafsköpfen, die zwar selbst in einem fort vom Licht und von Aufklärung faseln, und wenn ihnen auch ein besseres Licht gegeben wird und ein besseres Futter, so aber richten sie sich dennoch nicht danach, sondern kehren ganz behaglich in ihre alte Dummheit zurück, und fressen das alte Futter, und erquicken ihre Augen am spärlichsten Zwielicht ihres Esels- oder Ochsenstalls, so sie ihres Magens alten Unflat wiederkäuen können.
BM|0|63|11|0|Seht, dergleichen Esel und Ochsen und Schafsköpfe waren ja eben auch wir im Vollmaß. Daher muss es uns ja nun gar nicht wundern, so der Herr so gnädig und großmütig für unsere alte Viehnatur gesorgt hat. Wer Freude hatte an der Dummheit, der bleibe in seiner Freude! Wer Freude hatte mit dem Schlaf, der kann hier schlafen nach Herzenslust! Wer Freude hatte am Müßiggang, der ruhe hier ewig! Wer Freude hatte am Essen und Trinken, dort ist Abrahams Tisch! Wer sich gerne mit Jungfrauen befasste, der hat dort Barmherzige Schwestern, Schulschwestern und Herz-Jesu-Damen! Wir sind ja ohnehin mit allem bestens versorgt; was jammern wir da noch?!“
BM|0|63|12|0|Alle zucken die Achseln und sagen: „Du hast zwar recht – aber der Teufel soll unsere Weisheit holen! Könnten wir noch einmal Frösche auf der Welt werden und quaken nach unserer Lust, so wären wir offenbar besser daran! Aber was nicht mehr zu ändern ist, das muss leider so verbleiben.“
BM|0|64|1|1|Ehrliches Bekenntnis der Minoriten. Kritik an der Säuglingstaufe. Die Schuld des Römischen Stuhls
BM|0|64|1|0|Tritt ein Minorit hervor und spricht: „Freunde, lasst mich ein Wörtlein reden, und soll es zu nichts Besserem taugen – was ich freilich nicht bestimmen kann –, so soll es uns wenigstens ein Stückchen von dieser unserer bevorstehenden ewigen Ruhe angenehmer machen!“
BM|0|64|2|0|Sprechen alle: „Bravo, recht so, recht so! Rede du also nur zu, wir werden dich mit Vergnügen anhören! Denn du warst ja schon auf der Welt als ein sehr weiser und salbungsvoller Redner bekannt, daher rede du hier nur fleißig zu, wie dir die Zunge gewachsen ist!“
BM|0|64|3|0|Spricht der Minorit: „Brüder und Freunde, wir hatten alle auf der Welt gewisserart zwei Evangelien. Erstens ein altes von Christus dem Herrn und manchem seiner Apostel und zweitens noch eins, nämlich das der römisch-katholischen Kirche, die sich den dogmatischen Titel ,die Allein-Seligmachende‘ beilegte, indem sie sich auf dem Stuhl Petri zu befinden wähnte und noch wähnt und die Schlüssel zum Himmel wie zur Hölle habe.
BM|0|64|4|0|Dieser Kirche schworen wir bis an unser letztes Ende treu zu sein und alles für wahr anzunehmen, was sie zum Glauben vorstelle, ob’s nun in irgendeiner Bibel geschrieben stehe oder nicht. Also haben wir uns auch eidlich ihr dahin verpflichtet, jeden anders Denkenden und jeden anders Glaubenden und Handelnden als einen barsten Ketzer zu betrachten und zu verdammen.
BM|0|64|5|0|Was wir beschworen haben, das hielten wir auch genau – obschon nicht selten wider unsere eigene Vernunft und wider allen gesunden Menschenverstand.
BM|0|64|6|0|Ihr wisst es alle wohl, wie uns die Bibel zu lesen von der Kirche aus unter einer Todsünde verboten war und wie wir bloß nur die sonntäglichen, sehr abgekürzten Evangelien lesen durften. Alles andere durften bloß nur die Doktoren der Theologie lesen und verstehen; und es waren dafür die Patres ecclesiastici [Kirchenväter] und das Breviarium [Gebetbuch] und die Legenden beschieden, und dann die Ordensregeln, der Ignatius von Loyola, die Reliquien, Bilder, Messen, die Sakramente, die Beichte und noch eine Menge anderer Dinge mehr, die man hier sicher ohne Scheu als barste, oft bösartige Dummheiten bezeichnen kann.
BM|0|64|7|0|Frage: So wir bei all dieser, von Gott doch sicher wenigstens zugelassenen römischen Kirchenverfassung der eigentlichen Jesuslehre auch schnurgerade entgegengehandelt haben, können da wir etwas dafür? Der Schuldträger daran ist somit nach allen menschlichen und sicher auch göttlichen Rechten zur Verantwortung zu ziehen, uns allen aber ein solcher Bescheid zu erteilen, wie wir uns für die ewige Zukunft zu benehmen haben und wie gutzumachen, was wir am Ende selbst Schlechtes verübt haben!“
BM|0|64|8|0|Sprechen die andern: „Bravo, du hast wirklich sehr weise geredet und hast uns allen ein recht großes Vergnügen bereitet! Der Schuldträger büße für uns! So ist’s recht! Der Römische Stuhl büße und jeder, der uns zu etwas qualifizieren ließ, ohne unsere Einwilligung auf eine Zeit abzuwarten, in der unser Denkvermögen im rechten Licht reif und geläutert geworden wäre!
BM|0|64|9|0|Man hat uns getauft ohne unsere Einwilligung, und hat eben durch derlei zu frühzeitige Taufe uns ein römisches Bekenntnis aufgedrungen, und so das Kind im Mutterleibe schon verantwortlich gemacht. Oder ist es nicht mehr als toll, von einem neugeborenen Kind durch gewisse Stellvertreter einen Eid der Treue schwören zu lassen, ohne zu bedenken, ob das Kind, so es erwachsen sein wird, mit dieser genötigt geschworenen Treue wohl einverstanden sein wird oder nicht, und im entgegengesetzten Fall offenbar einen Eidbruch begehen muss?! Oh, das ist ja ganz entsetzlich widerchristlich!
BM|0|64|10|0|Hat doch Christus Selbst gesagt: ‚Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden!‘ Oh! Oh! Das ist ja ganz antichristlich. Wie kann man denn früher getauft werden, als man noch des christlichen Glaubens in sich bewusst wird? Die Taufe soll doch ein lebendiges Zeugnis sein, dass jemand den christlichen Glauben zur einzigen Richtschnur seines Lebens angenommen hat! Was weiß aber ein neugeborenes Kind, was der Glaube, was der christliche Glaube und was ein Zeugnis ist? Ah, wenn man da recht nachdenkt, so findet man die Dummheit immer größer und widerchristlicher!
BM|0|64|11|0|Es heißt wohl, dass durch diese Taufe die Erbsünde und alle vor der Taufe begangenen Sünden nachgelassen werden. Oh, wie schroff dumm ist das doch! Kann ein nur ein wenig heller denkender Mensch ein Kind darum verdammen, wenn seine Eltern einen verzeihlichen Fehler begangen haben unter sich? Und Gott, der allerhöchst Weiseste, soll Kindern der mehr als tausendsten Generation noch fortwährend Adams Fehltritt zur Todsünde rechnen, die doch nie eine Schuld an dessen Fehltritt haben können?! Ja, das sieht man erst hier so recht ein. Was aber die vor der Taufe begangenen Sünden betrifft, so ist das doch rein zum Lachen! Ein Kind wird doch nicht schon im Mutterleib sündigen?
BM|0|64|12|0|Ein Heide aber, der erst zur christlichen Religion, die jetzt wohl bei weitem heidnischer ist als das barste Heidentum selbst, übertritt, welche Sünden kann er wohl haben? Es müssten nur Sünden gegen seine heidnischen Gesetze sein. Denn gegen die christlichen Gesetze kann ein Heide sich doch unmöglich versündigen, weil er sie noch nie erkannt hat! Einem Heiden aber seine heidnischen Sünden nachlassen, hieße ja doch nichts anderes, als ihn von vorne wieder in seinem Heidentum bestätigen. Ebendasselbe ist sicher bei einem Juden der Fall; denn einem Juden durch die Taufe verzeihen wollen, dass er ein Jude war, das wäre doch auch alles, was sich nur ein einigermaßen nüchterner Mensch als den höchsten Kulminationspunkt der Dummheit denken kann!“
BM|0|64|13|0|Spricht wieder der Minorit: „Freunde, ihr seid mir nur zuvorgekommen! Es war ganz richtig eure Bemerkung! Ich sage es euch, mir kommt nun diese römische Christenmacherei schon im Mutterleib geradeso vor wie die alten Märchen von der Teufelsverschreiberei! Man wird hier aus lauter niedrigen, politischen Absichten schon fast im Mutterleib förmlich dem ‚Gottstehunsbei‘ verschrieben, der einen dann durch Rom von allen Seiten her völlig in den Beschlag nimmt. Oh, das ist löblich! Und so eine widerchristliche, sein wollende ‚Erste Christenkirche‘ nennt sich auch noch dazu eine ‚Mutter‘ und ihr Oberhaupt einen ‚Stellvertreter Jesu Christi‘, also einen Stellvertreter Gottes!
BM|0|64|14|0|Merkwürdig, merkwürdig! In welchem Irrsal waren wir doch alle und merkten es nicht, dass wir schon von der Geburt an rein des ‚Gottstehunsbei‘ waren! Durch die Taufe hätten wir sollen von der blitzdümmsten Erbsünde befreit werden so, dass wir dadurch zu Gotteskindern würden. Schöne Gotteskinder – Gott steh uns bei! Statt aus der Hölle sind wir nur buchstäblich in die Hölle hineingetauft worden!
BM|0|64|15|0|Und dass ja niemand je an eine ernstliche Buße und wahre Besserung seines Lebens denken sollte, ward die alle Todsünden beschwichtigende Ohrenbeichte erfunden mit dem vollkommenen Absolutionsrecht bei uns Priestern, wodurch jeder Mensch wieder in seinen alten Pfuhl hineingeworfen wurde und nie eine neue Kreatur in Christus zu werden imstande war!
BM|0|64|16|0|O Brüder, Brüder, Brüder! Das sind Sachen, das sind Stückel, deren Zulassung von der Gottesseite unsereinem ein ewig unauflösliches Rätsel bleiben wird! ‚Werdet alle vollkommen, wie da euer Vater im Himmel vollkommen ist!‘ Schöne Vollkommenheit das, wo man wohlbewusstermaßen nur immer dümmer noch wie ein Stockfisch sein musste und nur jetzt als Geist in einem mehr himmlischen Licht einzusehen anfängt, in welchem Irrsal man sich auf der Welt befunden hat!
BM|0|64|17|0|Es wäre noch sehr viel zu reden und es ließe sich immer deutlicher beweisen, dass der Römische Stuhl der ganz alleinige Schuldträger an aller unserer Verkehrtheit ist. Aber ich denke, was wir jetzt nur dunkel einsehen, das wird der Herr sicher im vollsten Licht sehen und wird uns armen verführten Sündern gnädig und barmherzig sein gegen dem, dass wir allen von Herzen vergeben wollen, die je irgend an unserer planmäßigen Verfinsterung Schuld getragen haben und selbe noch tragen! Das ist so meine Meinung; was meint denn ihr?“
BM|0|64|18|0|Alle rufen laut: „Bravo!“ und sind – bis auf wenige Jesuiten – vollkommen mit ihm einverstanden.
BM|0|65|1|1|Bischof Martin klärt die Jesuiten über die römisch-katholische Kirche auf. Die hochmütige Dummheit der Herz-Jesu-Damen
BM|0|65|1|0|Die Jesuiten aber nimmt der Bischof Martin zur Bearbeitung über und beginnt mit diesen Kopfschüttlern und Achselzuckern einen ganz radikalen Diskurs zu führen, der so lautet:
BM|0|65|2|0|„Warum schüttelt denn ihr verneinend euren Kopf und zuckt zweifelhaftig mit euren Achseln? Versteht ihr die Sache etwa besser als diese eure nun recht bieder denkenden Gefährten? Ich glaube es kaum! Ich weiß aber, wo ihr hinauswollt, und eben darin liegt der Grund, warum ihr wenigen hierbei den Kopf schüttelt und mit den Achseln zuckt! Seht, ich will es euch sagen, was euch noch die dreifache Decke Moses vor den Augen hält!
BM|0|65|3|0|Fürs Erste ist es euer alter, starrer, unbeugsamer Sinn, der eure Gemüter noch fortwährend beherrscht und kein besseres und reineres Licht in eure Herzen kommen lässt. Fürs Zweite aber ist euer finsterer Irrwahn, demzufolge ihr glaubt, es gehört, um ein Christ zu sein, vorerst nichts als die Taufe dazu. Man braucht jemanden bloß nur im Namen des Vaters, des Sohnes und Heiligen Geistes zu taufen – und der Christ ist nach eurem Irrglauben fertig! Wahrlich, ein schöner Glaube! Und fürs Dritte seid ihr noch der hochmütigen Meinung und des herrschsüchtigsten Wahn-Glaubens, ihr seiet die rechten Apostel des Herrn und habet von Ihm die Gewalt, zu tun, was ihr wollt, weil ihr den wahren Heiligen Geist hättet!
BM|0|65|4|0|O ihr alten Narren! Wodurch könnt ihr das beweisen? Wo steht in der Schrift ein solcher Text, durch den sich eure Narrheit rechtfertigen ließe? Meint ihr, dass der Herr auch zu euch vollkommensten Widerchristen das geredet hat, was Er zu Petrus und zu Seinen anderen Aposteln geredet hat, als Er sie in die Welt hinaussandte, das Evangelium allen Völkern zu verkünden? Oh, da seid ihr in großer Irre! Seht, dort heißt es: ‚Nehmt hin den Heiligen Geist! Was ihr, sage, als im Besitz dieses Heiligen Geistes, binden oder lösen werdet auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden oder gelöst sein!‘
BM|0|65|5|0|Habt ihr aber je diesen Heiligen Geist besessen? Kann sich der Heilige Geist je selbst widersprechen, kann er ändern, was er einmal für ewig bestimmt hat? Oder kann er auch noch weiser werden und einsehen, dass seine einmal gegebenen Gebote mangelhaft seien und daher mit neueren und besseren zu ersetzen sind?
BM|0|65|6|0|Hat denn der Heilige Geist zu den Zeiten der Apostel noch nicht eingesehen, dass da später Mönche aller Farben und Gattung vonnöten sein werden, um die Menschen in den Himmel zu bringen? Dass da Bilder, Schnitzwerke, Reliquien, Gnadenbilder, Glocken, Weihbronn [Weihwasser], Weihrauch, Messgewänder, Mönchskutten, Kirchen und Klöster, Kelche und Monstranzen, Messglöckchen und lateinisch korrespondierende Ministranten und tausend derlei Torheiten mehr nötig sein werden, um in den Himmel zu kommen? Wie blind muss der Heilige Geist damals doch gewesen sein, dass er solche Notstücke nicht schon zu den Apostelzeiten für das Seelenheil der Menschen eingesehen und auch sogleich angeordnet hat?!
BM|0|65|7|0|Oder sind die ersten Christen samt Petrus und Paulus eben darum nun wirklich des Teufels, weil sie keine Kirchen, keine Glocken, keine lateinischen Messen und Totenämter hatten und keine seligmachenden Gnadenbilder, sogar keine Beichte und letzte Ölung, keine teuer bezahlten Seelenämter, kein Verschiedenläuten, kein Banntuch, keine Windlichter und gelben Wachskerzen und dergleichen mehr?!
BM|0|65|8|0|Seht ihr denn solch einen Unsinn noch nicht ein? Seht ihr es nicht ein, dass wir alle eben durch diese von unserer Habsucht und glänzenden Herrschgier ganz eigenmächtig – nicht nur ohne den allergeringsten evangelischen Auftrag, sondern nur schnurgerade wider das Wort Gottes und wider die Lehre aller Apostel – kreierten sogenannten gottesdienstlichen Werke, Gesetze und Zeremonien die offenbarsten Sünder gegen und in den Heiligen Geist waren, von denen es heißt, dass es ihnen nicht vergeben wird, weder zeitlich noch ewig?
BM|0|65|9|0|So ihr das reine Wort des Herrn an alle Menschen nur einmal oberflächlich vergleicht mit unserem römisch-katholischen Unsinn, so muss es euch ja wie Schuppen von den Augen fallen. Und ihr müsst es vollkommen einsehen, dass Rom nichts als die in der göttlichen Offenbarung nur zu klar bezeichnete Hure Babels ist und wir Priester zuallernächst ihre Engelchen – Gott steh uns bei – sind in optima forma!
BM|0|65|10|0|Lasst also, liebe Brüder und Schwestern alle, euren alten weltlichen Unsinn fahren und wendet euch samt mir alle an den alleinigen Gott und Herrn, Jesus Christus – so werdet ihr alle sicher in Gnaden angenommen werden!
BM|0|65|11|0|Aber hört: nicht diese meine magere, wennschon gut gemeinte Beredung, sondern euer eigener Wille und die Liebe eures Herzens bestimme euch fest und unabänderlich dazu!“
BM|0|65|12|0|Alle sind nun mit dem Bischof Martin einverstanden, nur die Herz-Jesu-Damen sagen: „Bis wir von Gott Selbst, oder wenigstens von der seligsten Jungfrau Maria nicht den Auftrag dazu erhalten, bleiben wir der römischen Mutter getreu und nehmen von euch keine neue Lehre an, die uns in die Hölle bringen könnte!“
BM|0|65|13|0|Spricht Bischof Martin: „Nur still, ihr dummen Greteln! Der Herr wird euch sogleich eine ganz eigene Extra-Wurst braten lassen! Wollt ihr das Evangelium nicht zu eurer Lebensrichtschnur nehmen für ewig, so bleibt in eurer Dummheit eine ganze Ewigkeit lang und zehrt an dem Speck eurer lieben römischen Mutter! Dass ihr dabei sicher nicht zu fett und schön werdet, dafür wird des Herrn Weisheit Sorge tragen. Denn der Herr versteht es, so dumme Geister auf eine ganz gehörige, überhomöopathische Diät zu setzen, welche oft eine kleine Ewigkeit dauert und solchen dummen Geistern entschieden die besten Dienste leistet – was ich aus der Erfahrung weiß!
BM|0|65|14|0|Lassen wir aber diese dummen, finstern Damen bei ihrem Glauben! Wir aber wollen uns nun einem bessern Licht zuwenden im Namen des Herrn!“
BM|0|66|1|1|Mehr Licht und eine Herz- und Hauserweiterung. Des Herrn Ruf an Martin
BM|0|66|1|0|Fragt der Minorit: „Wo, Bruder, wo ist dein ausgesprochenes besseres Licht? Wohin wirst du uns führen, dass wir es erschauen?“
BM|0|66|2|0|Spricht Bischof Martin: „Folgt mir hierher in die Mitte dieses großen Saales! Seht, dort befindet sich ein überaus wahrhaft göttlich kunstvoller tellurischer und astronomischer Mechanismus! Da wollen wir zuerst die Erde, die wir bewohnt haben, näher betrachten und von ihr uns dann zu den anderen Planeten und endlich zur Sonne selbst uns begeben. Allda werdet ihr so manches erschauen, was euch allen bisher ein Rätsel war. Also nur vorwärts!“
BM|0|66|3|0|Alles bewegt sich nun auf die bezeichnete Stelle und umgibt dieselbe in dichten Reihen. Auch die Herz-Jesu-Damen schleichen ganz langsam nach, um zu sehen und zu hören, was alles da verhandelt wird und wie etwa das vom Bischof Martin bezeichnete bessere Licht aussehen wird.
BM|0|66|4|0|Der Bischof Martin bemerkt das und spricht ziemlich laut: „Was schleicht ihr weisen Damen uns denn nach, wie auf der Welt irgendeine geheime Polizei? Da ist nichts mit der geheimen Polizeischaft! Wollt ihr euch dem besseren Licht mit uns, euren Brüdern und Schwestern, zuwenden, so geht offen und freudig wie wir! Geheime, spitzelhaftige Schleicherei wird hier nicht geduldet! Verstanden?“
BM|0|66|5|0|Als die Herz-Jesu-Damen solches vernehmen, da machen sie halt und sagen: „Freund, sei nicht zu ärgerlich über uns! Denn so du es weißt, dass wir dumm und schwach sind und sicher verleitet – wie es sicher du selbst warst und hast sicher auch nicht gleich beim Eintritt in diese Welt alles für bare Münze angenommen, was dir gesagt wurde –, da habe doch einige Geduld mit uns Armen, wir bitten dich darum! Wir haben von dir bis jetzt noch keinen löblicheren Namen als ‚dumme Greteln‘ nur erhalten und wir haben uns darüber nicht beschwert. Dass wir unseren Orden in den Schutz nehmen, das wird doch etwas gar so Schlechtes nicht sein? Du, lieber Freund, aber bist uns sehr hart gekommen, und wir ertrugen es, wenn wir schon ein wenig murrten. Wir bitten dich aber nun, vergebe uns, und sei nicht mehr gar so hart gegen uns arme Sünderinnen!“
BM|0|66|6|0|Spricht Bischof Martin: „Ah, diese Sprache von euch gefällt mir schon besser als die französische. Wann ihr mir so kommt, da kommt nur mutig und freudig zu mir her und überzeugt euch von allem, was hier ist, geschieht und fürder geschehen wird!“
BM|0|66|7|0|Die Herz-Jesu-Damen kommen nun schneller herbei und fangen an, sich nicht wenig zu verwundern, als sie dieses großen und kunstvollsten Mechanismus ansichtig werden. Die Jesuiten umstehen sogleich den Erdglobus und schlagen die Hände vor lauter Verwunderung über dem Kopf zusammen, dass dieser Globus der wirklichen Erde so getreu nachgeformt ist, dass auf demselben auch nicht die geringste Kleinigkeit mangelt. Die Minoriten gucken mit gleichem Erstaunen diesen Globus an, ebenso auch die Liguorianer. Die Franziskaner bewundern mehr das Planetensystem und den Glanz der Sonne, die hier ebenso viel Licht verbreitet, als zur Erleuchtung des ganzen Planetenmechanismus vonnöten ist. Diese Sonne gefällt auch den Barmherzigen Schwestern und den Schulschwestern am besten. Kurz, alles bewundert diese Einrichtung, und der Bischof Martin macht, so gut er’s kann, einen eifrigsten Erklärer dieser himmlischen Merkwürdigkeit, wobei ihm aber manchmal freilich ein sarkastischer Witz über die Erscheinungen auf der Erde nicht auf der Zunge steckenbleibt.
BM|0|66|8|0|Nachdem diese ganze große Gesellschaft sich eine geraume Zeit bei diesem Erd- und Planetenmechanismus aufhält und sich vom Bischof Martin unterweisen lässt, wird es auf einmal bedeutend heller in dem Saal und er kommt nun sogar dem Bischof Martin viel größer vor, als er ihm früher im sehr gemäßigten Licht vorgekommen ist. Die Gesellschaft bemerkt das auch und fragt den Bischof Martin, woher nun mehr Licht und durch was diese so bedeutende Erweiterung des Saales komme.
BM|0|66|9|0|Bischof Martin spricht: „Meine lieben Freunde und Brüder und Schwestern! Das muss euch hier nicht zu sehr befremden. Denn da verändert sich nur zu leicht alles, was einmal in einer gewissen Art und Gestalt zum Vorschein kommt. Habt ihr, als ihr hierher kamt, nicht bemerkt, wie klein dies Haus von außen aussah, und wie groß war es dann von innen! Seht, das ist doch schon sicher ein Wunder! So ist auch nun diese Erscheinung nichts als ein Wunder, das wir zwar alle nicht verstehen; aber dem Herrn dennoch etwas überaus Leichtes ist, es zu bewerkstelligen.
BM|0|66|10|0|Ich meine aber, da ihr alle nun eine schon etwas bessere Erkenntnis angenommen habt, so lässt der Herr auch mehr Licht zu uns kommen. Und da sich unsere Begriffe über Ihn nun etwas erweitert haben, so hat auch Er uns diese sichere Wohnung entsprechend erweitert, auf dass wir alle in ihr einen desto hinreichenderen Platz haben sollen. Oh, über derlei Erscheinungen muss man sich hier im eigentlichen Wunderreich gar nicht zu sehr wundern; denn hier werden nicht zuerst die Kirschen, dann die Pflaumen und bald darauf Zwetschgen zeitig, sondern hier geschieht alles nur nach der Reife unserer Herzen durch die Allmacht, Liebe und Weisheit des Herrn!
BM|0|66|11|0|Aber nun erschaue ich dort auf der runden Tafel auch auf einmal eine ganz neue, stark glänzende Schrift! Muss doch sehen, was da oben steht!“ Bischof Martin bewegt sich sehr behände zur Tafel und liest: „Martin, komme heraus, denn Ich habe Nötiges mit dir abzumachen! Die ganze Gesellschaft aber soll sich unterdessen ruhig verhalten. Komm, es sei!“ Bischof Martin macht ganz selig der Gesellschaft kund, dass sie sich ruhig nun verhalte, was sie auch genau befolgt. Er aber will dann sogleich dem Ruf auf der Tafel nachkommen.
BM|0|67|1|1|Erweiterung und Aufblühen des Gartens. Borem als Gärtner
BM|0|67|1|0|Als Bischof Martin aus der Tür seines Hauses tritt, erschaut er den Garten um sein Haus sehr erweitert und in einem überaus blühenden Zustand, was ihm eine ungemein erstaunlich große Freude macht; also ersieht er auch wieder des Herrn Wohnung in großer Nähe gegen den Morgen zu, was ihn noch ums Unvergleichbare seliger stimmt. Aber er sieht sich nach allen Seiten um und ersieht niemanden, der ihn draußen erwartete. Das macht unseren Martin schon wieder ein wenig stutzen; aber er verliert diesmal seinen Mut wie auch seine Geduld nicht und geht in den Garten, Mich, den Herrn, aufzusuchen, da er meint, Ich werde Mich da irgend verborgen halten, um möglicherweise etwa von der großen Gesellschaft durch ein Fenster nicht gesehen zu werden.
BM|0|67|2|0|Martin durchsucht emsigst den Garten und da er Mich dennoch nicht findet, so spricht er bei sich: „Das sieht schon wieder so einer kleinen himmlischen Ansetzerei gleich! Aber das macht nichts, wenn nur ich meiner erkannten Pflicht nachkomme. Mag der Herr entweder Selbst oder ein Abgesandter von Ihm tun, was Er will, das ist mir nun schon alles eins. Ich könnte freilich wohl zu Ihm hin in Seine Wohnung gehen, aber dazu habe ich keinen Auftrag. Denn auf der Tafel stand nur: ‚Martin, komme heraus; denn Ich habe Nötiges mit dir abzumachen!‘ Draußen bin ich nun einmal, meinen Auftrag habe ich genau erfüllt. Hat mich der Herr umsonst herausgerufen, so geht mich das nichts an, ich bin einmal da.“
BM|0|67|3|0|Nach diesen Gedanken schlendert Bischof Martin weiter in dem sehr ausgedehnten Garten herum und entdeckt ganz am Ende des Gartens einen Gärtner, der gerade ein kleines Bäumchen ums andere in das Erdreich setzt. Diesem fleißigen Gärtner geht er zu; und als er in seine Nähe kommt, erkennt er sogleich seinen Buchhändler Borem und spricht voll Freuden: „O Bruder, o Freund! Wie oft habe ich schon bereut, dass ich dich so grob und so arg beleidigt habe! Vergebe es mir und werde mein ewig unzertrennlicher Führer! Denn siehe, ich erkenne nun in der Fülle mein Unrecht gegen dich – und besonders gegen die Güte des Herrn!“
BM|0|67|4|0|Borem sieht sich um und begrüßt freundlichst den Bischof Martin mit den Worten: „Sei mir gegrüßt, mein lieber Bruder Martin! Es macht dem Herrn eine rechte Freude, dass du frei aus dir selbst Gutes getan hast. Darum aber hat der Herr mich auch hierher beschieden, dass ich dir diesen deinen Garten zurechtbringe und ihn erweitere, wie du dein Herz zurechtgebracht hast und hast es sehr erweitert in der Liebe. Fahre so fort in dem Namen des Herrn zu wirken, so wirst du dich der Wiedergeburt deines Geistes mit Riesenschritten nahen!
BM|0|67|5|0|Ich aber bleibe bei dir nun, dieweil du mich selbst in deinem Herzen verlangtest, und will dir beistehen und helfen, wo es dir nur immer nottun wird. In deinem Haus gibt es nun eine große Arbeit. Diese wird uns noch sehr viel zu schaffen machen. Aber wann der Kampf am ärgsten sein wird, dann wird auch ein glänzender Sieg am nächsten sein.
BM|0|67|6|0|Nun bin ich auch mit dem Einsetzen der Bäumchen fertig. Lass uns daher zu denen gehen, die unserer Hilfe bedürfen! Sie sind zwar von dir schon tüchtig bearbeitet, ungefähr wie dieser Garten nun; aber dessen ungeachtet wird es noch ziemlich viel brauchen, bis alle die tausend Bäumchen vollreife Frucht zum Vorschein bringen werden.
BM|0|67|7|0|Liebe und Geduld aber überwinden alles! Daher gehen wir nun getrost ins Haus und beginnen sogleich unser gerechtes Werk im Namen des Herrn!“ Borem und Martin gehen nun sogleich ins Haus.
BM|0|68|1|1|Borems belehrende Worte über den Weg ins Reich des Herrn als wahrhaftige Kinder Gottes
BM|0|68|1|0|Als nun beide ins Haus kommen, geht ihnen sogleich der Minoriten einer, der schon früher so recht verständig geredet, entgegen und fragt den Martin, sagend: „O lieber Freund und Bruder, was doch gab es draußen, darum du ehe so eilends hinausmusstest? Siehe, wir alle waren darob in großer Bestürzung und Sorge wegen deiner, indem wir meinten, du wärst etwa unseretwegen zur Rechenschaft gezogen, und dir sei darum vielleicht etwas Übles begegnet. O sage uns, wie es dir erging!“
BM|0|68|2|0|Martin lächelt und spricht: „O liebe Freunde und Brüder, seid meinetwegen gänzlich unbesorgt! Seht, diesen lieben Freund und Bruder hat mir der Herr euret- und meinetwegen zugesandt, auf dass er mir helfe, euch alle auf den rechten Weg zu bringen! Und darum einzig und allein bin ich hinaus berufen worden.
BM|0|68|3|0|Ihr alle aber müsst nun diesen Freund des Herrn willigst anhören und euch allzeit nach seinen Worten richten, so wird euer und vielleicht auch mein Los bald in Kürze ein besseres und freieres werden. Denn seht, ich bin auch noch lange kein vollendet seliger Geist, sondern bin nur am Weg dahin, der vollkommenen Seligkeit durch die Gnade des Herrn teilhaftig zu werden!
BM|0|68|4|0|Befleißigt euch nun alle dieser Gnade ehestmöglich teilhaftig zu werden und es kann sehr leicht sein, dass wir dann samt und sämtlich unseren Weg zu gleicher Weile in das Reich des Gotteslichtes nehmen werden!“
BM|0|68|5|0|Spricht der Minorit wieder: „Ja, Bruder, wir alle versprechen es dir und diesem deinem Freund, uns in allem streng nach der Vorschrift zu verhalten, die ihr uns geben werdet, um nur der allergeringsten Gnade des Herrn teilhaftig zu werden!“
BM|0|68|6|0|Spricht der Borem: „Ja, liebe Brüder und Schwestern, haltet dies euer Versprechen aus dem Grund eures Herzens! Liebt Jesus Christus, den Gekreuzigten, über alles, darum Er ist unser aller einiger, liebevollster und heiligster Vater! Sucht allein nur Ihn und Seine Liebe und hängt an nichts eure Herzen denn allein nur an Ihn, so werdet ihr viel eher, als ihr es gedenkt, in Seiner ewigen Liebewohnung euch befinden! Aber alle eure sinnlichen Weltanhängsel müsst ihr aus euren Herzen verbannen, ansonst es nicht möglich wäre, euch in die ewige Wohnung des heiligen Vaters zu bringen. Merkt aber nun wohl, was ich euch sagen werde:
BM|0|68|7|0|Seht, ihr alle hattet auf der Welt von Gott und vom Himmel, wie überhaupt vom Leben der Seele und ihrem Befinden nach dem Tod des Leibes, zwar zwei verschiedene, aber durchgehends auch ganz grundfalsche Begriffe. Ihr habt euch bisher schon überzeugen können, dass sich hier euer irdischer Glaube in nichts bestätigt erwiesen hat; ihr habt kein Fegefeuer, ja sogar keine Hölle, wie auch keinen Himmel und keine beflügelten Engel gefunden. Wie ihr aber das alles nicht gefunden habt, so werdet ihr auch alles andere ewig nicht finden, an was alles ihr als römische Katholiken geglaubt habt.
BM|0|68|8|0|Auch alle die Gebetshilfe von den Gemeinden und von den Priestern, auf die ihr große Glaubensstücke gehalten habt, hat hier nicht den allergeringsten Wert. Denn niemand kommt hier durch ein unvermitteltes Erbarmen zum Herrn, da der Herr ohnehin von der allerhöchsten Erbarmung ist, und es eine allergrößte, sündhaftigste Torheit wäre, den allerbarmherzigsten, liebevollsten, allerbesten Vater zur Barmherzigkeit bewegen zu wollen.
BM|0|68|9|0|Daher muss hier ein jeder selbst allerernstlichst Hand an sein eigenes Werk legen, ansonsten es unmöglich wäre, zu Gott, dem Herrn aller ewigen, unendlichen Herrlichkeit zu gelangen. Seht, ich bin nun selbst ein großer Engel des Herrn. Er ruft mich nicht anders als: ‚Mein Bruder! Wie endlos lieb habe Ich dich!‘ Und seht, so ich auch hinginge und möchte bitten für euch eine Ewigkeit, so würde euch das dennoch nichts nützen. Denn jeder muss selbst tun aus seiner Liebe heraus, was da steht in seiner Kraft, ansonsten er nie zu der wahren Freiheit seines Geistes gelangen kann. Gott ist allmächtig wohl, aber Seine Allmacht macht niemanden frei, da eben sie es ist, aus der wir durch unseren freien Willen und durch die Liebe zu Gott frei gemacht werden müssen, ansonsten wir nichts als Maschinen und Automaten dieser Allmacht Gottes wären.
BM|0|68|10|0|Der Herr aber hat darum aus Seiner endlosesten Weisheit geordnete Wege gestellt, die wir wandeln müssen, um zu dieser göttlichen Freiheit zu gelangen. Diese Wege aber waren euch bis jetzt unbekannt, ich aber werde sie euch nun bekanntgeben. Daher müsst ihr wohl darauf achten und euch genau – aber freiwillig – auf diesen Wegen halten, so werdet ihr dahin gelangen, wohin zu gelangen ein jeder von Gott geschaffene Geist berufen ist.
BM|0|68|11|0|Es wird euch von nun an alle erdenkliche Freiheit gegeben werden. Was ihr immer wünschen und wollen werdet, wird euch werden. Aber diese Freiheit ist noch keine Freiheit, sondern nur eine Prüfung, die ihr zu bestehen, aber ja nicht zu missbrauchen habt!
BM|0|68|12|0|Es werden euch tausende Evas den versuchenden Apfel hinhalten, aber ihr dürft ihn aus Liebe zum Herrn nicht anrühren!
BM|0|68|13|0|Ihr werdet verleumdet und verspottet werden, aber da dürft ihr euch nie erzürnen oder an irgendeine böse Vergeltung denken!
BM|0|68|14|0|Man wird euch verfolgen, wird euch berauben, und misshandeln sogar. Aber eure Gegenwehr sei nichts als Liebe, obschon euch alle Mittel zu Gebot stehen werden, durch die ihr euch zur Genüge rächen könntet!
BM|0|68|15|0|Gedenkt allzeit des Herrn und Seines Evangeliums, so werdet ihr eure Wohnung für die Ewigkeit auf festem Grund bauen, dass sie nimmer erschüttert wird!
BM|0|68|16|0|Ich sage euch die ewige Wahrheit aus Gott, dem Herrn alles Seins und Lebens. Wer da nicht erfüllt das Wort Gottes in sich tatsächlich, der kann in dessen Reich nicht eingehen!
BM|0|68|17|0|Jeder muss der Demut engste Pforte passieren und muss dem Herrn alles anheimstellen. Nichts als die alleinige Liebe, mit der tiefsten Demut gepaart, darf uns bleiben! Uns darf nichts beleidigen. Wir dürfen nie denken und sagen, dies und jenes gebühre uns irgend mit Recht. Denn wir alle haben nur ein Recht, nämlich das Recht der Liebe und der Demut. Alles andere ist ganz allein des Herrn!
BM|0|68|18|0|Wie aber der Herr Selbst Sich bis auf den äußersten Punkt gedemütigt hat, also müssen auch wir es tun, so wir dahin kommen wollen, wo Er ist!
BM|0|68|19|0|Wer dir eine Ohrfeige gibt, dem erwidere sie nicht, sondern halte ihm noch die andere Wange hin, auf dass Friede und Einigkeit herrsche unter euch! Wer von dir den Mantel verlangt, dem gebe auch den Rock dazu! Wer dich zu einer Stunde Geleit nötigt, mit dem gehe zwei Stunden, auf dass du ihm Liebe erweisest im Vollmaß! Den Feind segne, und bete für die, so dich verfluchen! Nie vergelte jemand Böses mit Bösem und Schlechtes mit Schlechtem, sondern tut denen Gutes, die euch hassen – so werdet ihr wahrhaft Kinder Gottes sein!
BM|0|68|20|0|Solange ihr aber euer Recht irgend anderwärts sucht als allein nur im Wort Gottes, solange ihr noch der Beleidigung Stachel in euch tragt, ja, solange ihr der Meinung seid, es geschehe euch in diesem oder jenem ein Unrecht – so lange auch seid ihr noch Kinder der Hölle und des Herrn Gnade ist nicht in euch.
BM|0|68|21|0|Gottes Kinder müssen alles ertragen können, alles erdulden! Ihre Kraft sei allein die Liebe zu Gott und die Liebe zu ihren Brüdern, ob sie gut oder böse sind.
BM|0|68|22|0|Wann sie darinnen fest sind, dann auch sind sie vollkommen frei und fähig, in das Reich Gottes aufgenommen zu werden.
BM|0|68|23|0|Ich weiß aber, dass ihr alle Priester wart und Nonnen der Gemeinde Roms, die da ist die allerfinsterste. Ich weiß auch, dass sich einige aus euch darauf heimlich noch viel zugutetun. Aber da sage ich euch, daran gedenke nur niemand aus euch, was er auf der Erde war und getan hat! Denn so jemand daran denkt, dass er Gutes getan hat, so wird der Herr auch daran gedenken, wie viel Böses jemand aus euch getan hat, und wird ihn richten nach seinen Werken! Wer aber vom Herrn gerichtet wird, der wird gerichtet zum Tod und nicht zum Leben; denn das Gericht ist der Tod der Seele in der ewigen Knechtschaft ihres Geistes!
BM|0|68|24|0|So aber der Herr spricht: ‚Wenn ihr alles getan habt, so bekennt, dass ihr nutzlose Knechte wart!‘ Um wie viel mehr müsst ihr an euch das bekennen, die ihr doch alle nie das Evangelium nur im Geringsten in euch, an euch und noch weniger an euren Brüdern erfüllt habt!
BM|0|68|25|0|Also habe ich nun zu euch geredet im Namen des Herrn und habe kein Wort dazugesetzt und keines weggenommen; sondern wie ich es empfangen habe vom Herrn, also habe ich es euch auch getreu kundgetan. Nun aber ist es an euch, das alles in den besten Vollzug zu bringen; denn von nun an könnt ihr euch nimmer entschuldigen, als hättet ihr es nie gehört, so ihr wegen starrsinniger Nichtbefolgung dem Gericht verfallen würdet!
BM|0|68|26|0|So aber jemand guten Willens ist und fällt ob angestammter Schwäche, da bin ich und dieser Bruder da, im Namen des Herrn jedermann aufzuhelfen!
BM|0|68|27|0|Ihr seht nun, dass von euch allen vorerst bloß nur der gute Wille gefordert wird, dann erst das Werk.
BM|0|68|28|0|Seid also alle voll des guten Willens zum Guten, so wird man es mit dem Werk so genau nicht nehmen, da ein guter Wille schon als ein Werk des Geistes zu betrachten und zu nehmen ist.
BM|0|68|29|0|Aber wehe jedem aus euch, der da wäre in sich geheim hinterlistigen, bösen Willens und täte nur äußerlich, als hätte er einen guten Willen! Ich sage euch aus der Kraft des Herrn, die mich nun durchweht wie ein mächtigster Orkan einen Wald: ein solcher würde jählings zur Hölle getrieben werden und geworfen in den Pfuhl des ewigen Verderbens – wie da ein Stein fällt vom Himmel in den Abgrund des Meeres, von wo aus er nicht wieder genommen wird, sondern liegenbleibt im Pfuhl und Schlamm des Gerichtes!
BM|0|68|30|0|Nun wisst ihr, was ihr zu tun habt, um als wahre Kinder des Herrn in Sein Reich zu gelangen. Tut alle danach, so werdet ihr leben!
BM|0|68|31|0|Ich und dieser euer erster Freund aber werden, wennschon nicht allzeit sichtbar, hinter euch uns befinden und werden euch aufhelfen, so jemand aus euch fiele in seiner Schwäche. Aber der da fiele in seiner Bosheit, dem wird nicht geholfen werden, außer durch Gleiches mit Gleichem! Fragt aber nicht, wo wird der Ort solcher unserer Prüfung sein? Ich sage euch: Hie und da, und wenn ihr es am wenigsten gedenkt, auf dass eure Freiheit nicht gestört werde! Der Herr sei mit euch und mit uns! Amen!“
BM|0|68|32|0|Spricht Bischof Martin: „Bruder, du hast hier wirklich rein aus dem Herrn geredet, und wahr ist alles auf ein Haar. Aber mich hat es auch ganz sonderlich gehabt! Denn ich selbst habe noch sehr viele Punkte darinnen gefunden, die mich sehr nahe angehen!“
BM|0|68|33|0|Spricht Borem: „So wird es dir sicher keinen Schaden bringen, so du sie auch beachtest! Denn zu der schönen Merkurianerin möchte ich dich ganz allein noch nicht lassen! Verstehst mich, Bruder?“
BM|0|68|34|0|Spricht Bischof Martin: „Hast recht, hast recht! Weißt, so’n bisschen Vieh bin ich noch immer; aber ich hoffe, nun wird sich’s wohl ändern!“
BM|0|69|1|1|Martin und Borem beobachten die erste Prüfungsszene der Minoriten und Jesuiten
BM|0|69|1|0|[Bischof Martin:] „Aber nun bin ich selbst neugierig, wie und wo die Prüfungen dieser sozusagen tausend Mann hohen Gesellschaft beginnen werden. Hier im Haus wird sich’s nicht tun, und außer demselben einen jeden auf einen anderen Ort stellen? Wir sind nur unser zwei – ich weiß wirklich nicht, wie sich diese Sache tun wird. Aus hundert Schafen, so neunundneunzig darunter gerecht sind, das eine verlorene suchen, das wäre nach meiner Meinung eben keine gar zu unausführbare Aufgabe. Aber hier handelt sich’s um tausend sozusagen rein verlorene Schafe, da wird es heißen, nicht nur einem, sondern tausend verirrten nachgehen. Höre, Freund, das wird eine höchst sonderbare, mir bis jetzt durchaus unbegreifliche Aufgabe sein!“
BM|0|69|2|0|Spricht Borem: „Freund und Bruder, lasse du solches Fragen gut sein! Denn siehe, bei Gott sind gar viele Dinge möglich, die dir jetzt noch als völlig unmöglich vorkommen. Diese alle werden hier in diesem Haus verbleiben und werden sichtlich keinen Fuß vor die Schwelle setzen. Und doch werden sie bei sich selbst in verschiedenste Gegenden versetzt werden, die mit ihrem Inneren auf ein Haar korrespondieren werden. Und so wir in ihre Sphäre treten werden, so werden wir ganz von ihnen gesehen werden, und sie werden mit uns gar wohl reden können. Werden wir uns aber außer ihrer Sphäre befinden, so werden sie uns nicht sehen. Wir aber werden sie dennoch wie jetzt vor uns haben und werden aus ihren Hinterhäuptern genauest erkennen, was sie tun und wie sie des Herrn Wege beobachten und wandeln.
BM|0|69|3|0|Siehe, sie alle sind nun ihrem Inwendigen nach schon lange dort, wo sie sein müssen, und wir sehen sie alle unverrückt an ihren Plätzen stehen und sich so gebärden, als führten sie Gespräche miteinander. Aber sie reden nicht miteinander, denn sie sehen sich nun untereinander ebenso wenig, als sie uns sehen.
BM|0|69|4|0|Siehe, nun werden sie geordnet in eine Reihe, dass wir sie leicht übersehen werden. Aber sie merken davon ebenso wenig, als ein Festschlafender, so er samt seinem Bett in ein anderes Zimmer getragen wird. Nun sind sie schon in Reihen geordnet, so, dass wir eines jeden Hinterhaupt beobachten können. Komm hier zu diesem Minoriten und siehe, was er tut!“
BM|0|69|5|0|Bischof Martin tritt nun hinter den Minoriten und sieht durch dessen Hinterhaupt wie bei einem sogenannten Diorama durch das Vergrößerungsglas. Da erschaut er eine gar wunderherrliche Gegend und ihn selber, den Minoriten selbst, wie dieser von einer ganzen Gruppe Evas umzüngelt ist, sich aber von ihnen nicht beirren lässt, sondern sie nur belehrt und sein Auge einem hellen Stern, der im ewigen Osten aufgeht, unverwandt zuwendet.
BM|0|69|6|0|Spricht Borem: „Siehe, der ist schon gerettet! Und da siehe weiter, mit ihm noch eine Menge! Aber nun gehen wir weiter und schauen, wie es mit den Jesuiten aussieht!“
BM|0|69|7|0|Beide bewegen sich nun hinter die Reihe der Jesuiten und besichtigen deren Hinterhaupt. Was erschauen sie aber hier? Bei dreißig dieser Mönche balgen sich um eine ganze Legion ganz nackter Dirnen und können sich nicht sattsam befleischlustigen. Die Stärkeren ziehen die Üppigsten an sich und lassen den Schwächeren die weniger Üppigen über. Das ärgert die Schwächeren ganz gewaltig, darum sie sich auch von diesen ihren stärkeren Kollegen zu entfernen beginnen, um gegen diese eine Rächerschar zu sammeln, sie dann anzugreifen und allergrausamst zu züchtigen. Auch die Menge der schwächeren und weniger üppigen Dirnen rottet sich gegen die üppigeren und wollen ihnen ihre größere Üppigkeit mit der Schärfe aller ihrer Nägel auf das Energischste herunterkratzen.
BM|0|69|8|0|Bischof Martin betrachtet diese Szenen ganz stumm, teils vor Verwunderung und teils vor heimlichem Ärger, und weiß nicht, was er dazu sagen soll.
BM|0|69|9|0|Borem merkt das wohl und spricht zum Bischof Martin: „Bruder, wie kommt dir dieser Anblick vor, was sagst du dazu?“
BM|0|69|10|0|Spricht Bischof Martin: „O du mein liebster Freund und Bruder! Nein, das hätte ich von diesen scheinheiligen Lumpen denn doch nicht geglaubt. Die Kerle treiben es ja ärger als alle Hunde und Affen auf der Erde. Bei meinem armseligen Leben, da dürfte ich wahrlich nicht deine Macht und Weisheit haben und dies mein Gefühl dazu! Ich ließe sogleich wenigstens eine Million Blitze unter sie fahren. Wie diese Kerle nach so einem Manöver aussehen würden, für das gäbe es sicher kein hinreichend elendes Bild, durch das sie ganz getroffen vorgestellt werden könnten!
BM|0|69|11|0|O ihr allerabgefeimtesten Lumpen! Nein, aber ich bitte dich, Bruder, da sehe hin! Da sehe ich nun gerade den Lumpen, der in China ob Verrats zwischen zwei Steinplatten ist verbrannt geworden, wie er eben die schöne Chinesin nun auf das Entsetzlichste misshandelt! Sieh, sieh, wie er wie ein Geier die Arme zerfleischt! Ah, so was ist ja im höchsten Grad empörend! Das müssen wir denn bei Gott ja doch nicht angehen lassen!“
BM|0|69|12|0|Spricht Borem: „Mein Freund, das ist erst der Anfang; lassen wir es nur gehen, wie es nun geht! Es wird sich das Rad bald wenden. Sieh, diese Chinesin entfleucht nun und wird bald zu einem mächtigeren Regiment stoßen, das sich ihrer annehmen wird, und wird eine ganz entsetzliche Rache nehmen an diesem rachsüchtigsten Jesuiten. Da sehe, dort aus jener Berghöhle, vor der sie nun steht und schreit, steigen schon eine Menge Ungeheuer allergrässlichster Art! Sieh ihrer eine Unzahl! Sie teilen sich und umzingeln nach allen Seiten unsere Jesuitenschar. Diese merken noch nicht, was ihnen bevorsteht. Aber nun gebe Acht, die Ungeheuer haben den Kreis geschlossen. Die Chinesin, noch mit ganz zerrissener und zerfetzter Haut und mit einem Herrscherstab in der Hand, naht sich dem Jesuitenhaufen, der sich noch mit den nackten Dirnen beschäftigt. Nun gebe Acht und sage mir, was du nun sogleich erschauen wirst!“
BM|0|69|13|0|Bischof Martin sieht nun eine kurze Zeit hin, fährt dann förmlich zurück und spricht ganz ergriffen: „Ah, ah, das ist ja erschrecklich, ja, das ist entsetzlich, entsetzlich, entsetzlich! Sieh, diese Chinesin trat gleich einer Furie wie ganz glühend vor unseren Jesuiten. Und so viel ich aus ihrer rein höllischen Gebärde entnehmen konnte, so sprach sie: ‚Kennst du mich, Elender?‘ Der Jesuit machte ein erbostes, trotziges Gesicht und sprach: ‚Ja, Elendeste! Mein Fluch soll deiner ewig nimmer vergessen!‘ Er gebietet darauf seinen Kollegen, diese Elendeste noch einmal zu ergreifen und sie in Stücke zu zerreißen. Aber in diesem Augenblick schreit sie: ‚Zurück, ihr verfluchtesten Verführer aller Welt! Euer Maß ist voll! Nun kommt meine Rache über euch!‘ In diesem Augenblick stürzen eine ganze Legion großer, scheußlichster Ungeheuer auf unsere Jesuiten los, ergreifen sie und zerreißen sie in kleine Stücke. Die Chinesin nimmt nun das Haupt unseres Jesuiten, der sie ehedem zerfleischt hatte, und schleudert es in einen Abgrund, aus dem nun helle Flammen emporschlagen, und schleudert nun auch die übrigen Reste in denselben Abgrund. Ah, wenn das nicht mehr als Hölle ist, so weiß ich wirklich nicht, unter welchem noch grässlicheren Bild ich mir dieselbe vorstellen soll! Höre, sollen wir da etwa auch noch nicht intervenieren?“
BM|0|69|14|0|Spricht der Borem: „O nein, da handelt der Herr Selbst; wir wären da viel zu ohnmächtig! Siehe aber, solange sie hier noch vor uns in Reih und Glied stehen, so lange sind sie noch immer nicht für verloren anzusehen. Aber so etwa welche aus dieser Reihe entschwinden möchten, höre, mit diesen würden wir dann wenig mehr zu tun bekommen. Aber so viel sage ich dir: gar zu weit sind diese von der Hölle eben nicht mehr, denn das alles, was du nun geschaut hast, geht nun nur in den Gemütern dieser Patres vor und nicht in der Wirklichkeit, aber so je ein Gemüt so sich gestaltet und gebärdet, da ist freilich die allertraurigste Wirklichkeit keineswegs mehr fern.
BM|0|69|15|0|Siehe, was du nun gesehen, geht im Herzen dieser Patres vor. Der Herr aber bewirkt es, dass wir so ganz still das alles bildlich und dramatisch vor uns erschauen. Wir haben nun gesehen, welchen Sinnes und Willens diese Wesen sind, und werden nun auch ersehen, ob sie etwa doch, der ihnen gegebenen Lehre eingedenk, diese arge Sinnes- und Willensart nicht ändern werden zufolge dieser Demonstration, die ihnen der Herr Selbst in ihr Gemüt wie eine Gegenrache eingegossen hat.
BM|0|69|16|0|Die Zerreißung durch die Ungeheuer stellt zwar eine starke Demütigung vor, durch die sie sicher zu irgendeiner Raison gebracht werden. Wir werden sie nun aber bald wieder als ganze Wesen auftreten sehen, und da wird sich’s dann sogleich zeigen, welchen Effekt diese Demonstration auf sie gemacht hat.
BM|0|69|17|0|Da, sehe nun nur wieder hinein, du wirst die ganze Jesuitenschar wieder aus demselben Loch emporsteigen sehen, in das früher die Chinesin bloß nur den einen zerstückelten Jesuiten hinabgeschleudert hat.“
BM|0|69|18|0|Bischof Martin richtet nun wieder sein Augenmerk auf diese Szene und spricht: „Richtig, da kommen die Kerls wieder ganz wohlgestaltig zurück; bin nun doch recht neugierig, was sie nun anfangen werden! Aha, aha, schau, schau, schau; sie fangen an, nun etwas bessere Saiten aufzuziehen! No, vielleicht wird sich’s doch machen! Ich bemerke sogar, wie einige aus der Schar Miene machen, als wollten sie gar zu beten anfangen, denn sie machen ganz fromme Mienen. Ich wäre wirklich von ganzem Herzen froh, so sie sich alle bessern möchten!“
BM|0|69|19|0|Spricht Borem: „Was bei den Menschen unmöglich scheint, das ist bei Gott gar wohl möglich! Die erste Prüfung wäre ganz leidendlich ausgefallen, aber nun kommt eine andere. Wir werden da sehen, wie sie diese bestehen werden. Ich sage dir, diese wird viel ärger sein denn die erste! Sehe nun wieder hin, der zweite Akt wird sogleich seinen Anfang nehmen.“
BM|0|70|1|1|Zweite Szene der Jesuitenprüfung. Die Karawane der Räuber. Erklärung durch Borem
BM|0|70|1|0|Bischof Martin sieht nun wieder hin und bemerkt, wie sich unseren Jesuiten eine Karawane Pilger naht, welche sehr viele Schätze und Reichtümer mit sich führt.
BM|0|70|2|0|Die Patres bemerken das, und als die Karawane in ihre Nähe kommt, wird sie von ihnen angehalten und gefragt, wohin sie ziehe und was sie mit sich führe.
BM|0|70|3|0|Die Karawane spricht: „Wir kommen von der Welt, haben dort mehrere Klöster ausgeraubt, und namentlich jene reichsten der Jesuiten, darum sie selbst die größten Räuber und Banditen auf der Welt sind.
BM|0|70|4|0|Denn der Menschheit durch falsche Reden, Frömmeleien, Gleisnerei und durch allerlei arge Vorspiegelungen von der Hölle und Verdammnis ihre oft kümmerlich erworbene Habe abscheuchen, abnehmen und oft sogar mit allerlei Gewalt entreißen, ist noch ärger als öffentlich rauben und stehlen. Denn gegen Räuber und Diebe hat jedermann das Notwehr- und Verteidigungsrecht, aber gegen derlei jesuitische und andere mönchische Diebereien und Räubereien können sich nur sehr wenige schützen.
BM|0|70|5|0|Und so ist ihr Besitz ein höchst unrechtmäßiger; und es ist demnach recht und billig, dass wir diese früher erwähnten Klöster ausgeplündert haben, und tragen nun diesen Raub vor Gottes Thron und wollen dort so lange um Rache schreien, bis der Herr und Gott uns erhören wird, und wird diese allerboshaftigste und am meisten betrügerische Brut von der Wurzel aus vertilgen!“
BM|0|70|6|0|Als die Patres Jesu solches vernehmen, da erglühen sie förmlich vor Wut und Grimm.
BM|0|70|7|0|Bischof Martin, der das alles mit angehört hatte, spricht zum Borem: „Bruder, jetzt sieht es im Ernst für diese unsere Jesuiten – wenigstens für die dreißig, die schon beim ersten Manöver zugegen waren – schlimm aus! Ich sehe auch alle anderen dieses Kollegiums, diese aber halten sich nicht bei diesen dreißig auf, sondern bilden eine abgesonderte Schar, die viel lichter aussieht als die dieser dreißig.
BM|0|70|8|0|Spricht Borem: „Diese anderen sind schon so gut wie gerettet, aber diese dreißig stehen noch ganz überaus locker. Gebe aber nun Acht, was da vor sich gehen wird!“
BM|0|70|9|0|Bischof Martin gibt nun überaus aufmerksamen Gemütes Acht und spricht nach einer Weile: „Aber, aber, aber! Bruder, ich bitte dich um Gottes willen, da müssen wir ja doch intervenieren! Ach, das sind ja wahrhaftige Teu…, Gott steh uns bei! Nein, so was hätte ich von diesem Orden nie geahnt!
BM|0|70|10|0|Höre mich an, so du etwa die schrecklichste Sentenz der Jesuiten überhört hast! Als die Karawane mit ihrer Antwort und Erklärung fertig war, da wurden die Patres ganz glühend und schrien wie aus einem Rachen:
BM|0|70|11|0|‚O ihr verruchtesten Gottesmörder, die ihr euch so frevelhaftigst am Gottesheiligtum vergriffen habt! Ihr seid der gerechten Rache gerade von selbst in die Hände gefallen! Diese Jesuiten, die ihr so schändlichst beraubt habt, und gegen die ihr die Rache Gottes anflehen wollt, sind wir! Gott hat uns sicher hierhergestellt, damit wir euch ob eures unaussprechlich großen Frevels sogleich der tiefsten und erschrecklichsten Hölle übergeben an dieser Stelle plötzlich! Hinab mit euch, ihr allerärgsten Teufel, zu den allerärgsten Teufeln!
BM|0|70|12|0|Komm herauf du Luzifer, herauf du Satan, herauf du Leviathan, und nehmt diese allerverruchtesten, allerbösesten, allerketzerischsten, somit auch allerverfluchtesten, allervermaledeitesten, überteuflischsten Bösewichter in den ewigsten marterqualvollsten Empfang und werft sie dorthin, wo die Hölle am allerglühendsten ist!‘
BM|0|70|13|0|Mein Bruder, das ist doch noch sicher nicht dagewesen?! Diese Kerls meinen es gut mit der armen Karawane! Ich meine, Bruder, solche Gemüter werden sich wohl ewig nimmer bessern?
BM|0|70|14|0|Ah, ah, ah, da sieh nun hin, da kommen wirklich drei scheußlichste Gestalten aus der Tiefe! Feuer sprüht aus ihren schrecklichsten Rachen, die sie so weit aufsperren, dass sie ganze Häuser verschlingen könnten!
BM|0|70|15|0|Die Karawane gerät bei ihrem Anblick in die größte zagendste Angst, legt ihre Bündel vor den Jesuiten nieder und fleht um Vergebung und Erbarmen.
BM|0|70|16|0|Aber die Jesuiten stoßen sie unbarmherzigst zurück und schreien nur noch mehr, vor Zorn und Grimm glühschäumend: ‚Hinab mit euch, hier ist kein Erbarmen und ewig keine Vergebung mehr! Die erschrecklichste ewigste Qual in einer ewig vergeblichen brennendsten Reue sei euer Los und Lohn für euer Werk! Ergreift sie, ihr drei allergrößten und ärgsten Teufel, und vergeltet es ihnen ewig, was sie an uns zeitlich getan haben!‘
BM|0|70|17|0|Die Karawane bittet noch mehr, aber vergebens. Die drei Teufel nähern sich der Karawane. Die schreit nun noch entsetzlicher um Erbarmen, aber siehe, es ist vergeblich. Mit großer Wonne betrachten die Jesuiten die so endlos Geängstigten. Ah, das sind doch wahrhaftigst verfluchte Kerls, ja das sind Teufel der Teufel!
BM|0|70|18|0|Die drei wirklichen Teufel lassen sich noch Zeit und schauen ganz bedenklich in das schrecklichste Begehren der Jesuiten. Aber diese Luderkerle wollen die Armen sogleich ohne alle Gnade und Pardon in der Hölle haben.
BM|0|70|19|0|Da sieh, da sieh! Nun reden wirklich die drei Teufel und bemerken, dass der Jesuiten Urteil zu streng und sogar ungerecht gegen diese nur kleinen Sünder geschöpft ist.
BM|0|70|20|0|Aber die Jesuiten sagen laut: ‚Unser Urteil ist Gottes Urteil, somit gerecht! Daher fort mit ihnen, hinab zur Qual!‘
BM|0|70|21|0|Die Teufel aber schreien entgegen: ‚Ihr begehrt zu viel! So hat Gott noch nie geurteilt! Wohlan, wir tun es, wie ihr wollt, aber hört – auf eure Rechnung, so euer Begehren nicht von Gott herrührt!‘
BM|0|70|22|0|O Bruder, höre, siehe, ein entsetzlicher Schrei entsteigt der unglücklichen Karawane und sie verschwand nun mit den Teufeln. Die Jesuiten aber frohlocken mit heiteren Gesichtern! Bruder, was sagst du dazu? Sind das Teufel oder nicht?“
BM|0|70|23|0|Spricht Borem: „Mache dir aus allem dem nichts daraus, denn siehe, das alles ist – wie schon früher bemerkt – eine pure Erscheinlichkeit, die sich uns durch des Herrn allmächtige Vermittlung beschaulich darstellt, so sie, diese Erscheinlichkeit nämlich, zum Austritt aus den Gemütern dieser noch stark unsinnigen Patres genötigt wird.
BM|0|70|24|0|Denn die Ablegung des Bösen besteht nicht selten darin, dass dieses in seiner wahren Gestalt aus den Gemütern wie werktätig scheinend hinausgestoßen wird; aber es ist das Ganze dennoch sozusagen mehr nur ein blinder Lärm als irgendeine Wirklichkeit.
BM|0|70|25|0|Darum musst du dir aus dem hier Geschauten eben nicht gar so viel daraus machen; denn alles, was du hier geschehen siehst, entstammt allein der allertiefsten Liebe und der allerhöchsten Weisheit des Herrn und hat große Ähnlichkeit mit dem Erscheinen der mannigfachen Krankheiten der Menschen auf der Erde.
BM|0|70|26|0|Die Krankheiten sind zwar ein Übel des Leibes, aber dafür eine große Wohltat der Seele und nicht selten auch des Leibes selbst, weil durch sie ein schlechter Stoff gewaltsam aus dem Fleisch geschafft wird.
BM|0|70|27|0|Also sind auch diese Erscheinungen nichts als mit herübergebrachte Krankheiten der Seele, die alle samt und sämtlich hinausgetrieben werden müssen, und zwar durch die geistigen Medizinen, wie die leiblichen durch leibliche, körperhafte Spezifika, ansonsten die Seele nimmer gesund werden und der Geist in ihr nimmer erstehen könnte.
BM|0|70|28|0|Oder liegt bei einem Menschen auf der Welt die Seele nicht so lange kränklich darnieder und hat keine Lust zu irgendeiner Tätigkeit, als wie lange der Leib krank darniederliegt? Ist aber der Leib gesund, so ist auch die Seele wieder voll Lust und Heiterkeit.
BM|0|70|29|0|Siehe, Bruder, also geht es auch hier; alle diese haben überaus kranke Seelen. Diese Krankheit wird nun flott und wird hinaus- und hinweggetrieben durch die Kraft des Wortes Gottes, das da ist die einzige, allerkräftigste Medizin. Hat dieses einmal seine Operationen gar sicherlichst beendet, dann erst kommen wir an die Reihe und werden die Rekonvaleszenten laben und stärken mit der Liebe des Herrn.
BM|0|70|30|0|Nun, lieber Bruder, wirst du diese Erscheinlichkeiten sicher besser verstehen und wirst dich künftighin nicht mehr gar so sehr entsetzen, so du noch Ärgeres erschauen wirst, als du bis jetzt gesehen hast. Denn bei jeder Krankheit ist der letzte Stoff, der durch Arzneien hinausgeschafft wird, der ärgste, weil er der eigentliche Hauptgrund der Krankheit ist. So werden auch hier zuletzt erst die Hauptübel aus der Seele geführt.
BM|0|70|31|0|Darum musst du dich also nicht mehr gar so sehr ängstigen, so du diese Übel bei ihrem Austritt erschauen wirst. Sehe nun nur wieder hin, es wird sogleich der dritte Akt beginnen, der auch wahrscheinlich der letzte sein wird für diese dreißig Jesuiten.“
BM|0|71|1|1|Besserung und Umkehr des einen Jesuiten. Die Rache der neunundzwanzig anderen
BM|0|71|1|1|(Am 1. Januar 1848)
BM|0|71|1|0|Bischof Martin sieht nun wieder in das Hinterhaupt des vor ihm stehenden Jesuiten und ersieht, wie die dreißig gegenseitig sich ganz bedenkliche Mienen zuzuwerfen anfangen und einer aus ihnen folgende Bemerkung macht:
BM|0|71|2|0|[Ein Jesuit:] „Brüder, der Sieg ist uns wohl gelungen zwar, aber so ich der Sache auf den Grund blicke, da kommt es mir vor, als so wir denn doch sehr ungerecht und vollends unbefugt mit der nun in der Hölle brennenden Karawane verfahren hätten; denn, ob sie uns wohl stark verlästert hat, so haben wir aber nach dem Evangelium dennoch kein Recht, sie zu richten und zu verdammen.
BM|0|71|3|0|Dazu kommt mir nun noch die Lehre wie ganz frisch in den Sinn, die der Himmelsbote uns allen gegeben hat, bevor wir in diesen unseren ganz freien Zustand unseres Seins gelangt sind. Nach dessen weiser Lehre sollen wir allen Anreizungen allein nur mit Liebe, Sanftmut und Demut begegnen. Hier aber hat keins von diesen drei Stücken etwas zu tun bekommen, sondern, wie figura miserabilissima [das erbärmlichste Beispiel] gezeigt hat, so haben uns buchstäblich die drei allerärgsten Teufel an der Sanftmut und Gerechtigkeit nun übertroffen und uns dadurch gezeigt, dass wir noch um vieles ärger sind als sie!
BM|0|71|4|0|Brüder, wie kommt euch die Sache vor? Ich gestehe, mir fängt sie an, ganz verdammt seltsam vorzukommen! Überhaupt kommt mir hier in dieser Geisterwelt alles so verfänglich vor, und das eigenmächtige Handeln, zu dem man von den Boten Gottes keinen Auftrag hat, scheint mir schon gar wider alle Ordnung der Dinge in dieser höchst mysteriösen Welt zu sein. Mir kommt es auch so vor, als so mir jemand ganz geheim also zuflüstern möchte: ‚Diese eure allergrausamste Tat werdet ihr ewig zu bereuen haben!‘ – Ei, ei, ei, wenn ich doch nur bei dieser Begebenheit nicht zugegen gewesen wäre!“
BM|0|71|5|0|Auf diese gute Bemerkung stutzen wohl die andern neunundzwanzig. Aber sie sagen nach einer Weile wie aus einem Munde: „Ja, ja, du hast im Grunde wohl recht. Aber denke dir selbst, ob wir anders sein können, als wir sind! Wir sind einmal so, wie wir sind, und können nicht anders handeln, als wie wir zu handeln genötigt werden – und damit ist Punktum! Wer den Zorn in uns gelegt hat, der muss sich ihn auch gefallen lassen und ebenso die anderen widrigsten Eigenschaften, mit denen unsere Seele so reichlich ausgestattet ist.
BM|0|71|6|0|Wer der Klapperschlange das tötende Gift gab, dem muss es doch also wohlgefallen haben, ansonsten er diesen Wurm nicht so böse eingerichtet hätte! Also mussten auch wir Jesuiten werden und in unserem Orden lernen, wie man dem Zorn und der Rache den freiesten Weg bahnen kann und die größte Bosheit zur größten Ehre Gottes mit dem freiesten Gewissen vollführen; wir aber sind nun das vollkommen, wozu wir berufen sind! Was willst du, ja was will Gott von uns noch mehr?“
BM|0|71|7|0|Spricht der eine Jesuit: „Ja, ihr habt recht! Wir sind sonach zu barsten Teufeln berufen und sind es auch mehr als vollkommen. Was wollt ihr mehr? Uns alle erwartet sonach sicher nicht der Himmel, sondern die reinste Hölle. Was wollen wir mehr? Also fahren wir in unserer Bosheit und Tücke nur fort, damit wir desto eher in die segensvolle ewige Verdammnis gelangen mögen! Wünsche euch den besten Appetit dazu! Ich aber werde von nun an nicht mehr mit euch halten, um nicht mit euch die hohe Ehre zu haben, etwa auch schon im nächsten Augenblick mit euch auch mich auf der schwefeldampfenden, sehr warmen Flut zu befinden. Wahrlich, um diese hohe Ehre werde ich euch in Ewigkeit nicht im Geringsten beneiden!“
BM|0|71|8|0|Sprechen wieder die andern neunundzwanzig wie aus einem Munde: „Was, du willst deinem Orden ungetreu werden! Den erhabenen Stifter Ignatius willst du verlassen und seiner heiligsten Lehre ungetreu werden? Was fällt dir ein? Bedenke, dass uns alle noch ein Jüngstes Gericht erwartet; wie wirst du in diesem bestehen? Wir sagen dir, wenn du das tust, so soll’s dir noch tausendmal ärger ergehen als es der früheren Karawane ergangen ist!“
BM|0|71|9|0|Spricht wieder der eine Jesuit: „Nur zu! Ich bleibe meiner Vornahme – Gott stärke mich dazu! – getreu. Ihr aber könnt tun, was ihr wollt! Wegen dem Jüngsten Tage lasse ich mir gerade kein graues Haar wachsen, aber wegen dem sicheren Empfang der ewigen Verdammnis in eurer Gesellschaft wohl! Ignatius hin, Ignatius her, ich folge von nun an den Worten des Boten Gottes, und der Ignatius samt euch allen kann mich – hätte bald was gesagt! – sowie auch der ganze Orden, wohlverstanden!
BM|0|71|10|0|Denn wie ich’s nun einsehe, so ist dem Herrn sicher der After eines Türken lieber als unser ganzes lumpigstes Kollegium samt seinem erhabenen Stifter! Verstanden?! Alle Lutheraner, Calvinisten und alle Altgläuber sind Engel, während wir nach unseren Regeln und Institutionen Teufel in optima forma sind.
BM|0|71|11|0|Tut mit mir, was ihr wollt, ich werde mich nimmer rächen! Mich reut es ungemein, dass ich mich an der armen Chinesin so arg vergriffen habe; aber dafür, Gott sei Dank, bin ich samt euch doch gehörig gezüchtigt worden! Aber die zweite Teilnahme an der Verdammung der armen Karawane brennt mich schon jetzt wie die Hölle. Was würde aus mir erst werden, so ich länger euer Spießgeselle bliebe? Daher lebt wohl, ich verlasse euch!“
BM|0|71|12|0|Als dieser eine Jesuit das ausspricht, so fangen ihn alle zu verdammen und zu verfluchen an, umringen ihn, zerfleischen ihn und teilen seine Haut untereinander aus. Den Hautlosen aber werfen sie aus ihrer Rotte und werfen Steine nach ihm und rufen alle Teufel, dass sie ihn holen sollen.
BM|0|71|13|0|Die Teufel kommen richtig, aber den Enthäuteten holen sie nicht, sondern die nur, die sie gerufen haben. Diese aber sträuben sich entsetzlichst und schreien um Hilfe. Da richtet sich der Enthäutete auf und gebeut [gebietet] den Teufeln, dass sie der Blinden schonen sollen. Und siehe, die Teufel gehorchen ihm und verlassen die Rasenden!
BM|0|71|14|0|Diese Szene machte auf den Bischof Martin auch einen guten Eindruck und er schaut nun begierigst, was da weiter geschehen wird.
BM|0|72|1|1|Die große Gnade des Herrn mit den dreißig Jesuiten. Durchforschung der Herz-Jesu-Damen. Eindringlinge im Klostergarten
BM|0|72|1|0|Borem aber spricht: „Freund und Bruder, danken wir der endlosen Weisheit des Herrn und Seiner unbegreiflichen Liebe und Erbarmung, dass Er gegen unser beiderseitiges Erwarten mit dieser Gesellschaft so sanft und kurz verfahren hat wollen. Denn derlei Prüfungen dauern bei manchen oft besser Bestellten gar viele irdische Jahre, während sie bei dieser Gesellschaft nur drei Tage nach irdischer Rechnung gedauert haben. Freilich, das Gefühl dieser Geprüften wird wohl mit einigen Dezennien belastet worden sein. Allein was tut das zur Wirklichkeit oder was zu einer solchen Gefühlsgestaltung, unter der der Geprüfte oft mit tausend-, ja oft sogar mit millionenjähriger Dauer belastet wird?
BM|0|72|2|0|Kurz und gut, ich sage dir, der Herr war diesen dreißig Jesuiten überaus gnädig! Sie haben nun das Schlimmste überstanden. Sie sind wirklich bis an den Rand des Abgrundes gekommen und waren also der Hölle endlos näher als dem Himmel, der wohl noch sehr weit von ihnen absteht. Aber sie sind gerettet und kommen nun in die Rekonvaleszenz, und damit ist schon endlos viel gewonnen, wofür dem Herrn allein alle endlose Ehre gebührt ewig. Denn was dem höchsten Engel nicht mehr möglich ist, das ist dem Herrn noch gar wohl möglich!
BM|0|72|3|0|Du möchtest in diesem dritten Akt wohl noch mehrere Szenen beschauen, darum du noch so aufmerksam hineinblickst in das Hinterhaupt. Aber ich sage dir, da wirst du nun nichts mehr erschauen. Denn diese Gesellschaft geht nun in sich und dann zu ihren besseren Brüdern über und harrt dann der Losschälung von dieser materieartigen Umgebung, die sogleich erfolgen wird, als [wenn] wir noch die Herz-Jesu-Damen durchschauen werden.
BM|0|72|4|0|Damit diese aber darauf nicht gar zu lange warten sollen, so wollen wir uns sogleich zu den besagten Damen hinbegeben und wollen sie auf die gleiche Weise beobachten, wie wir diese dreißig Jesuiten beobachtet haben. Siehe, da sind sie schon! Du kannst dir eine wählen, die du willst; überall wirst du ganz dasselbe sehen!“
BM|0|72|5|0|Bischof Martin: „Gut, wenn so, da ist ja gleich diese Nächste gut genug; also nur in das Hinterhaupt geschaut. Richtig, richtig, wie bei den dreißig. Da sehe ich ja alle, wie sie hier sind, auf einem Schock beisammenstehen, und zwar in einem Garten, der mit einer starken Mauer umfangen ist, an deren nördlich gelegener Ecke ein ganz finster aussehendes Klostergebäude angebracht ist.
BM|0|72|6|0|Sie scheinen gar emsig miteinander Worte zu wechseln, kann aber noch nichts vernehmen, was sie so ganz eigentlich miteinander beraten. Nur bemerke ich, dass sie bald dunkler, bald wieder ums Kennen heller werden, gerade wie ich oft auf der Erde gesehen habe, wenn die Winde Wolken über die beschneiten Bergspitzen trieben, da diese dann auch unter den Schatten der Wolke grau wurden, und wann die Wolke den Strahlen der Sonne wieder den Weg geräumt hatte, diese dann die Bergspitzen gar lieblich schimmern machten! Woher wohl bei diesen Herz-Jesu-Damen diese Erscheinlichkeit rühren mag?“
BM|0|72|7|0|Spricht Borem: „Lieber Bruder, du hast ein recht gutes Bild für diese Erscheinlichkeit aufgestellt und du kannst in diesem deinem naturmäßigen Bild ganz wohl die Erklärung dieser Erscheinlichkeit finden. Siehe, auch hier ziehen über die Bergspitzen der verschiedenen Erkenntnisse dieser Damen Wolken der Nichterkenntnisse, getrieben von den Winden ihrer weltlichen verschiedenartigen Leidenschaften. Du weißt aber, dass, so auf der Welt die Winde mit den Wolken ein von dir vorbeschriebenes Spiel zu treiben anfangen, es dann bald zu einem schlechten Wetter kommt. Siehe, so wird es auch hier der Fall sein geistig erscheinlich.
BM|0|72|8|0|Merkst du nicht, wie diese Verdunklungen sich stets anhaltender wiederholen? Siehe, das deutet schon ganz zuverlässig dahin, dass da der so ganz eigentliche Tanz sogleich angehen wird. Wenn die Verdunklung nimmer aufhören wird, dann wird des bösen Wetters Vorakt gleich beginnen. Gebe nur genau auf alles Acht; hier wirst du noch interessantere Dinge ersehen als wie bei den dreißig Jesuiten!“
BM|0|72|9|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, richtig, richtig, du hast recht! Ich merke schon bei einigen, dass sie sich nimmer erhellen wollen, also, wie du gesagt hast, dunkel bleiben und auch richtig stets dunkler werden. Es will sich nun auch bei den übrigen das liebe Licht nicht mehr in seiner Stärke zeigen, sondern es geht, wie ich’s merke, so nach und nach ins Grau über.
BM|0|72|10|0|Wahrlich, eine ganz sonderbare Mischung nun von Dunkel und Grau, die schon sehr dunkler wird, nun so von unten herauf wie mattglühendes Eisen gefärbt. Das scheint entweder von einem in ihnen erwachten Grimm oder am Ende gar von der Hölle herzurühren. Höre, du mein liebster Bruder, das sind ganz verzweifelt verdächtige Prämissen zu nachkommenden bösen Erscheinungen!
BM|0|72|11|0|Nun entdecke ich, dass durch die Tür des Klosters sich zwei männliche Wesen in den Garten begeben, inmitten dessen sich unsere Herz-Jesu-Damen nun schon ganz verzweifelt stark verdunkelt befinden, aber nun noch nicht zu merken scheinen, wie sich diese zwei männlichen Eindringlinge nun schon ganz in ihrer Nähe befinden.
BM|0|72|12|0|Aha, aha, aha; jetzt wohl, jetzt! Nun wird die Hetz’ etwa wohl bald angehen! Denn unsere Damen haben nun schon wie einen Wind bekommen, dass sich jemand in ihrer Nähe befindet, der sich wahrscheinlich nicht in ihrer Nähe befinden sollte. Denn ich sehe glühende Dolche in ihren Händen, die sie nun nach auswärts richten, um die zwei Ankommenden auf eine eben nicht zu liebreiche Art zu empfangen.
BM|0|72|13|0|Nun richtet sich die Oberin auf und gebietet mit Handzeichen allgemeines Schweigen. Was wohl wird da herauswachsen? Vielleicht wird da eine ganz löbliche Anrede gehalten werden? Ja, ja, wird wohl so etwas werden; denn siehe, sie räuspert sich schon ganz großartig dazu. Wahrlich, da bin ich doch sehr neugierig, was da diese Priordame den übrigen Unterdamen voreseln wird. Richtig, nun also nur aufgepasst, sie spricht:
BM|0|72|14|0|[Die Priordame:] „Hört mich an, ihr alle meine ehrwürdigsten und hoch zu respektierenden Damen! Unserem höchsten, würdigsten und heiligsten Orden droht eine große Gefahr! Es haben sich zwei freche Männer, die ich lieber ‚Buben‘ nennen möchte, durch unser heiliges Kloster in diesen unseren Gottesgarten hereingeschlichen. Wahrscheinlich, um mit uns Unzucht und Fidelei zu treiben oder wenigstens hier unseren heiligen Besitz auszuspionieren, wie er uns, falls wir ihn nicht mit Ruhe übergeben, mit Gewalt entrissen werden könnte! Aber diese Buben sollen ihren Vorwitz teuer büßen!
BM|0|72|15|0|Hört, wir sind unser bei neunzig an der Zahl, wie ich euch hier nur flüchtig übersehe! Wenn diese zwei frechen Buben sich uns nahen sollten, oder auf unseren Zuruf: ‚Hinaus mit euch, ihr gottesvergessensten ehrlosesten Buben!‘ sich nicht sogleich eiligst entfernen sollten, da fallen wir sie alle zugleich an! Und jede von uns stoße ihnen den glühenden Dolch in die Brust bis ans Heft! Sind sie also getötet, dann erst lassen wir sie durch unseren Hausknecht extra hier in diesem Garten in Stücke zerhauen und dann auf einem verfluchten Scheiterhaufen verbrennen, auf dass dieses Gottesheiligtum wieder gereinigt werde!“
BM|0|72|16|0|Spricht Bischof Martin: „Schau, schau; diese lieben Dämchen des Herzens Jesu, was sie für liebevolle Blutgedanken haben! Ah, das ist ja allerliebst! O ihr gottlosesten Kanaillen! Nein, das hätte ich von diesen wahren Furien der Hölle nicht erwartet! No, wenn da schon das Vorspiel einen so löblichen Anfang nimmt, wie wird es dann erst mit den nachfolgenden Prüfungsakten aussehen? Da sieh nur hin, die zwei Männer sehen dir sehr liebevoll aus, und ich könnte von ihnen sagen: ‚Siehe hier zwei Menschen, in deren Seelen kein Falsch zu entdecken ist!‘ Und diese bösen Kanaillen verdammten sie schon, ohne sie noch recht gesehen und noch weniger gesprochen zu haben!“
BM|0|72|17|0|Spricht Borem: „Sei nur ruhig, du weißt ja, wie sich diese Sachen verhalten; lasse sie ganz ruhig handeln! Wenn es an der Zeit sein wird, sich hier ins Mittel zu legen, werden wir schon von der Tafel erinnert werden. Vor dem aber seien wir nichts als bloß nur ruhige Beobachter des hier Vorsichgehenden. Betrachte nun nur wieder weiter!“
BM|0|72|18|0|Bischof Martin betrachtet nun sehr aufmerksam wieder die vor sich habende Szene und spricht nach einer Weile: „Du, Bruder, jetzt gehen die zwei Männer wieder zur Tür des Klosters und machen Mienen, als wollten sie sich wieder auf- und davonmachen aus diesem gottesheiligtümlichen Garten.
BM|0|72|19|0|Aber die Damen bemerken das und schreien nun ganz wider ihre frühere Vornahme: ‚Halt, keinen Schritt weiter, ihr gottlosen Buben!‘
BM|0|72|20|0|Die zwei Männer scheinen gar nicht darauf zu achten und nähern sich der Ausgangstür stets mehr und mehr. Aber die Damen merken nun das, wie diese beiden auf ihren Zuruf nicht merken wollen, und werden höchstwahrscheinlich darum nun vollends glühend und stürzen mit einem furchtbaren Geschrei nun den zwei Männern nach und vertreten ihnen die Tür.
BM|0|72|21|0|Ein Teil aber umringt die zwei Männer mit gezückten Dolchen und fragt sie mit der drohendsten Miene wie aus einem Munde: ‚Was suchtet ihr hier, ihr verruchtesten Buben? Gesteht euren bösesten Vorsatz, gesteht uns euren verräterischen Plan, auf dass wir euch dann ohne Gnade und Erbarmen desto ärger quälen können! Denn ihr habt durch euer frechstes und allerunverschämtestes Eintreten in diesen Gottesgarten Gottes Heiligtum entheiligt und habt sogestaltig den Geist Gottes mit den Füßen getreten! Solch eine allerfrevelhafteste größte Todsünde aber sühnt nur der Tod, und nur eure ewige Verdammnis kann der göttlichen Gerechtigkeit Genugtuung verschaffen! Redet daher, ihr schon im Voraus Allerverfluchtesten!‘
BM|0|72|22|0|Die zwei Männer reden nun und sagen: ‚Hört uns geduldig an! Wir sind von Gott an euch abgesandt, um euch aus eurer großen Torheit zu befreien. Aber da wir an euch ersehen nichts als Zorn- und Racheglut, so seid ihr für solch große Gnade noch lange nicht reif und werdet von nun an überlang zu warten haben, bis ihr dieser Gnade würdig werdet. Habt ihr nicht gehört, dass wer da richtet und flucht, selbst gerichtet und verflucht wird?! Wir aber wollen es euch nicht vergelten, nicht Böses für Böses geben. Daher besinnt euch und lasst uns im Frieden ziehen, sonst wird es euch arg ergehen!‘
BM|0|72|23|0|Die Damen fallen nun ganz ergrimmt mit ihren Dolchen über die zwei; aber diese verschwinden und die Damen bedolchen sich nun selbst in ihrer blinden Wut.“
BM|0|73|1|1|Martins Bemerkungen und Borems weise Winke über die Wege der ewigen Liebe. Die brennenden Herz-Jesu-Damen
BM|0|73|1|0|Bischof Martin, dieser Szene ansichtig, fängt an zu lachen und spricht: „Bruder, da sieh, da sieh, diese dümmsten Weiber! Ah, wie sich diese in ihrer blindesten Wut zerfetzen mit ihren Dolchen! No, no, no, das geht jetzt gut! Wahrlich, eine allerscharmanteste Blocksbergszene! Wenn die’s so forttreiben, so wird von ihnen nicht viel übrigbleiben, und wir werden dann mit unserer Intervention schön zuhause bleiben können! Ist auch recht; wahrlich, an diesen Fetzen verliert der Himmel eben nicht gar zu viel!
BM|0|73|2|0|Du musst mir schon verzeihen, liebster Bruder, wenn ich hier nahe wie ein Schadenfroher erscheine, aber hier kann ich wirklich nicht darum! Denn sieh, ich kann alle Wesen leichter ertragen als dumme und zugleich aber auch böse Weibspersonen. Besonders unerträglich sind sie mir, so sie, wie diese hier, sich vor Wut und Grimm nahe ganz zerstören. Ich wünsche ihnen zwar nichts Böses, aber so ein bisschen Hölle könnte diesen wahrhaftigsten Bestien nicht im Geringsten schaden. Weißt du, ich meine nicht für mich; aber so alle römisch-katholischen Fegfeuer – könnte nicht schaden!“
BM|0|73|3|0|Spricht Borem: „Bruder, ereifere dich nicht zu sehr und verbanne alles Feuer-rufen-vom-Himmel aus deinem Herzen und sehe bloß was der Herr hier tut, so wirst du allein die wahre Art und Weise kennenlernen und daraus ersehen, wie solche überstark verfinsterte Wesen wieder dem Licht zugewendet werden können. Denn sieh, so der Herr auch so dächte wie du, da gäbe es für derlei arme Wesen ganz verzweifelt wenig Hoffnung fürs ewige Leben! Aber hier ersiehst du klar, wie der Herr besser ist als alle allerbesten Menschen und Engel!
BM|0|73|4|0|Ich sage dir, gar seltsam sind des Herrn Wege; ihre Zahl heißt Unendlichkeit. Und jeder Weg, den der Herr mit einem Menschen einschlägt, ist ein neues, selbst für den tiefsinnigsten Cherub unerforschliches Wunder und heilig unter jeder noch so sonderbaren Erscheinung!
BM|0|73|5|0|Wenn du alle diese Erscheinungen von diesem Gesichtspunkt aus betrachten wirst, so wirst du fernerhin nimmer etwas ärgerlich, noch irgendetwas lächerlich finden. Du wirst dich auch am Ende hier überzeugen, wie endlos liebweise der Herr alles einem heiligen Ziel zuführen kann, und wie Er gewöhnlich durch die unscheinbarsten, geringfügigsten Mittel allzeit die erhabensten Zwecke erreicht, und wo Er einem hilft, da hilft Er zugleich zahllosen Wesen.
BM|0|73|6|0|O Bruder, du wirst es erst nach und nach erkennen, wie endlos erhaben da alles ist, was hier in die Erscheinlichkeit übergeht; ja wie heilig, möcht’ ich sagen, das Dasein und Wirken einer Milbe, die du auf der Erde oft ein halbdürres Blättchen bekriechen sahst!
BM|0|73|7|0|Darum freue dich über alles, was du hier nur immer erschaust! Denn alles, alles bewirkt unseres heiligsten Vaters heiligste Liebe! Meinst du, die Hölle, wie sie ist, mit all ihren unbeschreibbaren Schrecknissen sei eine Rache des Herrn, gegründet auf Seinem Zorn von Ewigkeit? Oh, mitnichten! Ich sage dir, der Herr ist auch in der Hölle pur Liebe! Denn die ewige Liebe kennt weder Zorn noch Rache, sondern wie und was sie ist, das sind auch alle ihre Anstalten endlos und ewig.
BM|0|73|8|0|So, lieber Bruder, so betrachte von nun an alle diese Erscheinungen, so wirst du bald ein anderes Gewand bekommen, nämlich ein Gewand der Liebe und Weisheit aus dem Herzen unseres heiligen Vaters! Dieses Gewand wird dir dann keine Ewigkeit mehr nehmen. Und du wirst erst in solch einem Gewand dann alle Dinge und Erscheinungen in ihrem wahren Licht schauen und sie beurteilen aus dem wahren Grund alles Grundes.
BM|0|73|9|0|Nun aber sehe nur wieder hin und sehe was weiter vor sich gehen wird! Aber sehe von nun alles mit anderen Augen und anderem Gemüt an, so wirst du daraus den wahren Nutzen ziehen. Denn siehe, dieses alles lässt der Herr noch hauptsächlich deinetwegen geschehen, auf dass du ehestens zur wahren Wiedergeburt deines Geistes und zur himmlischen Umkleidung deiner Seele gelangen möchtest. Daher also, und noch einmal, daher und darum beachte du sorgfältigst alles, was ich dir jetzt gesagt habe, so wirst du einen unberechenbaren Nutzen ernten in großer Klarheit!“
BM|0|73|10|0|Bischof Martin sieht nun wieder in das Hinterhaupt unserer Herz-Jesu-Damen und ersieht, wie sich die letzten zwei noch balgen, und sich gegenseitig die Dolche in den Leib stoßen und bald wie tot auf den Boden stürzen. Nach solcher Szene spricht er:
BM|0|73|11|0|[Bischof Martin:] „Gott sei Dank, nun haben die einander den Garaus gegeben! Der Herr habe sie selig! Es ist wirklich mehr als wunderbar, so das diesen Wesen auch zur Seligkeit gereichen soll, wie du früher gesagt hast! Nun bin ich aber doch von ganzem Herzen neugierig, was da jetzt weiter geschehen wird mit diesen Amazonen! Sie liegen wirklich wie ganz vollkommen tot darnieder!
BM|0|73|12|0|Aha, nun kommt eine andere Erscheinlichkeit! Die Damen liegen zwar noch wie steinfest tot am Boden. Aber sie fangen an zu dampfen, und es entsteigt von einer jeden ein Rauch wie etwa von einem Schornstein eines Bäckers. Auch bemerke ich hie und da Feuerfunken mit emporschießen gleich denen aus einer Esse! Sapperment, sapperment! Die Sache fängt nun an, ein sehr bedenkliches Gesicht zu bekommen! Liebster Freund, wenn da nicht so ein bisschen Hölle herausschaut, so will ich doch alles heißen, was du mich nur immer heißen willst!
BM|0|73|13|0|Da sieh, da sieh, nun schlagen auch schon hie und da Flammen empor! Das sieht ja gar wie ein förmliches Autodafé aus! Diese Armen fangen nun über und über zu brennen an! Die Sache wird sehr bedenklich; aber noch rührt sich sonst nichts über, neben und unter diesen Damen als bloß nur der starke Rauch, Funken und Flammen.
BM|0|73|14|0|Die Flammen werden immer stärker, und die toten Damen sehen schon ganz glühend aus. Nun ist es wirklich gut für sie, dass sie tot und somit auch sicher ganz unempfindlich sind. Ah, ah, wie lichterloh nun das Ding brennt! Wahrlich, ein sonderbarer Anblick, und merkwürdig; denn trotz der starken Flamme verbrennt doch nichts, soviel ich’s nun bemerke; sage mir doch, liebster Bruder, was diese höchst sonderbare Erscheinlichkeit zu bedeuten hat?“
BM|0|73|15|0|Spricht Borem: „Nichts als lauter Gutes; denn was vom Herrn ausgeht, ist pur Gutes. Sehe nur weiter, du wirst es bald ersehen, wie sehr ich recht habe und die vollste Wahrheit rede.“
BM|0|74|1|1|Martins Anschauung über das Wesen des Bösen. Borems belehrende Rede über die göttliche Lebensordnung, den Kreis der Freiheit und den beiden Gegenpolen in der ganzen Unendlichkeit
BM|0|74|1|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, du hast wohl recht und redest sicher die vollste Wahrheit. Aber das musst du mir denn doch nolens volens zugeben, dass die Sünder so gut Gottes Geschöpfe sind, als wie wir, ja sogar der Teufel selbst, und gehen somit auch von Gott aus! Wer aber wohl wird Sünder und Teufel darum gut heißen, weil sie auch von Gott ausgegangen sind?
BM|0|74|2|0|Ich meine vielmehr so: Gott hat unter Seinen zahllosen Geschöpfen auch freie Wesen gestaltet, und hat ihnen Seine unwandelbare Ordnung kundgegeben und die Wege vorgezeichnet, die sie eben nach solcher Seiner unwandelbaren Ordnung zu wandeln haben. Da sie aber freie Wesen sind, so können sie wohl auch der erkannten göttlichen Ordnung den Rücken zuwenden und derselben ganz vollkommen zuwiderhandeln. So sie nun das tun, so frage ich:
BM|0|74|3|0|Wenn allein dem göttlichen Guten gegenüber etwas Böses denkbar ist, so ist ja doch nur eine Handlung wider die erkannte göttliche Ordnung das eigentlich Böse zu nennen? Ist aber diese auch gut, da möchte ich denn doch wissen, was dann das Böse ist? Denn etwas Böses muss es ja doch geben, sonst wäre die Hölle der wahrste und vollends leerste Begriff, den ein menschlicher Geist gedacht hätte!
BM|0|74|4|0|Ist aber die Hölle eine wirkliche Realität, und ist eine der positiven unwandelbaren göttlichen Ordnung zuwiderlaufende Handlung als wahrhaft böse zu bezeichnen, so sind diese Damen böse und für die Hölle reif wie eine Traube auf der Erde im Monat November!
BM|0|74|5|0|Sünde und Sünder als Jünger des Teufels sind demnach böse, und ihr Lohn ist nach dem Ausspruch des Herrn Selbst die Hölle als ein Sammelplatz alles Bösen. Aus der Erscheinlichkeit dieser Damen hat sich’s herausgestellt, dass in ihnen eitel Böses war. Sie erdolchten sich gleich Furien, und nun brennen sie! Freund, hat die Hölle wohl noch etwa ein anderes Gesicht?“
BM|0|74|6|0|Spricht Borem: „O Freund, du sprichst noch wie ein kurzsichtiger Erdenpilger aus dem Kerker seines Fleisches! Freilich wohl ist von Seite eines freien Wesens eine der erkannten göttlichen Ordnung zuwiderlaufende Handlung Sünde und somit auch Böses. Aber weißt du denn auch die Grenzen zwischen dem freien und daneben aber gerichteten Wesen ein- und desselben Menschen zu bestimmen?
BM|0|74|7|0|Weißt du, wo die Seele im Fleisch den Anfang nimmt, und wo in der Seele der Geist? Weißt du ganz genau, wo bei einem Menschen die gerichteten Handlungen aufhören und die freien ihren Anfang nehmen? Weißt du, wie das Geistige und Freie in das Naturmäßige und Gerichtete hineinragt, und inwieweit?
BM|0|74|8|0|So du den neuen Most in das Fass gabst, da fing er bald darauf zu gären an. Da sauste und brauste es gewaltig im Fass, und als du mit der Nase an das Spundloch kamst, da schlug dich ein heftigster Geruch ganz betäubt zurück. Weißt du wohl, was das war, was den Wein gären machte? Siehe, du weißt es nicht! Als aber der Most ausgegoren war, da ward er dann ruhig und ward rein und ward ein lieblicher Wein. Weißt du wohl, wie aus dem Most ein lieblicher Wein ward?
BM|0|74|9|0|Bald nach der Blüte eines Feigenbaumes oder eines anderen Baumes sahst du die Frucht schon. So du sie nun verkostetest, da fandest du sie sauer und herbe, also gegen die Ordnung deines Geschmacks schlecht und böse; da aber die Frucht reif ward, wie fandest du sie dann? Siehe, da war sie deinem Gaumen vollkommen angepasst, also sicher nicht mehr schlecht und böse!
BM|0|74|10|0|Der Winter ist für das Gefühl sicher eine Sünde; denn er ist nicht in der Ordnung warmfühlender und warmblütiger Menschen und Tiere. Aber so er nicht wäre, wie stünde es dann um den Fruchtboden der Erde und um die physische Kraft des Menschen?
BM|0|74|11|0|Ich sage dir, in der ganzen Unendlichkeit findest du stets zwei Pole, von denen der eine wie der andere gleich der Ordnung Gottes angehören, obschon sie sich in allem schnurgerade wie Tag und Nacht oder wie Ja und Nein entgegengesetzt sind; sage, der welche davon ist denn böse? Siehst du denn nicht, dass der Herr alles leitet und führt, und jedes Ding seines Weges? Wo also soll da ein böser Weg sein?!
BM|0|74|12|0|Siehe, der Herr weiß es, wie weit Er einem Wesen den Kreis seiner Freiheit spannt! In diesem Kreis kann jedes Wesen, das einen freien Willen hat, tun was es will, zur Übung seiner Freiheit; aber über diesen Kreis hinaus mag kein Wesen handeln!
BM|0|74|13|0|In einem Wassertropfen leben oft zahllose Infusorien und bewegen sich frei im selben; können sie aber auch über den Tropfen hinaus ihre Lebensfreiheit ausüben?
BM|0|74|14|0|Also mögen die Menschen auch die moralische Ordnung auf ihrem Erdboden untergraben durch Kriege und andere Argheiten; sage – hindern sie dadurch den Nacht- und Tagwechsel oder können sie Regen und Wind aufhalten? Oder können sie das Meer ausschöpfen?
BM|0|74|15|0|Siehe, willst du von der großen Ordnung Gottes reden, so musst du weiter sehen als nur den schmalsten Raum deines Wirkungskreises.
BM|0|74|16|0|Was sich im Tropfen nicht gibt, das gibt sich sicher im Meer, das der giftigste Tropfen nimmer vergiften kann. Was in der Erdbahn keine Gleichung findet, das findet sie sicher in der unermesslich großen Sonnenbahn. Und wem diese noch zu klein ist, für den gibt es noch Zentralsonnenbahnen von unermesslichen Weiten und Tiefen.
BM|0|74|17|0|So eine Zahl in einer anderen Zahl keine gleiche Aufnahme findet, ist das schon die Folge, dass es dann keine Zahl mehr gäbe, in der sie eine harmonische Aufnahme fände? Oder so in einer bestimmten Tonart in der Musik ein fremder, einer anderen Tonart eigener Ton nicht stimmt, somit eine barste Sünde ist, meinst du wohl, dass dieser Ton sonach ganz aus der Musik zu verbannen wäre?
BM|0|74|18|0|Siehe, Gott hat wohl auf der Erde einem jeden Menschen eine gewisse Ordnung mit ‚Du sollst!‘ gezeigt und gegeben, aber Er hat ihm auch alles andere gegeben. Er weiß es am besten, wie Er einen oder den anderen leitet zur Erreichung des einstigen großen Zweckes. Daher auch hat Er geboten, niemanden zu richten, so wie einst auch der Himmel größter Engel Michael den Satan nicht richten durfte, als dieser mit ihm um den Leichnam Moses stritt!
BM|0|74|19|0|Wir müssen daher nur sehen, was der Herr tut, und danach unser Urteil einrichten, wollen wir weise und wahre Kinder Gottes sein. Alles eigene Urteil aber muss ganz aus uns weichen! Denn wir können nur in unserem Kreis uns frei bewegen. Aber die Bewegung in den zahllosen ewigen Kreisen der Ordnung Gottes geht uns nichts an, sondern allein den Herrn – darum es auch heißt, dass da ein jeder nur vor seiner Tür fegen soll und nicht auch vor der seines Nachbars!
BM|0|74|20|0|Fasse nun dieses einmal fest, und betrachte dann die Szene weiter und ich hoffe vor Gott dem Herrn, du wirst nun anfangen, die Sachen in einem ganz anderen Licht zu schauen und zu beurteilen. Der Herr gebe dir bald den rechten Willen und die rechte Einsicht dazu. Sehe nun hin, du ersiehst nun schon eine ganz andere Szene!“
BM|0|75|1|1|Martins weitere Beobachtungen an dem Zustand der Herz-Jesu-Damen. Borem erklärt die merkwürdigen Erscheinungen
BM|0|75|1|1|(Am 29. Januar 1848)
BM|0|75|1|0|Bischof Martin sieht nun wieder hin, eine Weile ganz stumm; nach dieser Weile aber spricht er: „Ja, liebster Freund, ja, du hast recht, ich sehe es nun schon recht klar ein, dass des Herrn Ordnung ganz anders bestellt ist, als wie ich sie mir ehedem vorgestellt habe. Ja wahr, wahr, wahr ist es, was da der große Seher und Apostel David und Paulus spricht, da er sagt: ‚Unergründlich sind des Herrn Wege und unerforschlich Seine Ratschlüsse!‘
BM|0|75|2|0|Aber es ist daneben auch fast gleich unergründlich und unerforschlich, warum ich so lange dumm bleibe, während du gewisserart mit wenigen geistigen Mitteln in dieser kurzen Frist schon ein grundweiser Engel des Herrn geworden bist! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, ich fühle nun stark in mir, dass der Herr Jesus nun mein einziges Bedürfnis geworden ist. Und dieses Gefühl macht mich nun überaus glücklich und heiter! Mehr aber brauche ich auch für die ganze Ewigkeit nicht. Ich sage dir, lieber Freund und Bruder, so ich nun nur den Herrn habe, da liegt mir an allem anderen wenig oder nichts!
BM|0|75|3|0|Ich meine daher, nachdem ohnehin der Herr mit diesen unseren starren Gesellschaftern und Gesellschafterinnen das Beste tut und wir da weder was wegnehmen noch etwas hinzutun können, so zahlt es sich gar nicht aus und ist nicht der Mühe wert, hier noch länger diese Szenen zu beachten, an denen wenigstens ich meinesteils ganz verzweifelt wenig Angenehmes und den Geist Erhebendes erschaue. Nun sind diese Damen wohl wieder ins Leben zurückgekehrt und rennen in ihrem Garten glühend herum, als wenn sie die barsten Furien oder Teufelinnen wären. Aber nützt mir solch ein nahe grässlicher Anblick, so ich ihn durchaus nicht fassen kann und auch schwerlich je fassen werde?
BM|0|75|4|0|Wenn es auf mich ankäme, da ginge ich doch um eine ganze Million lieber hinaus in den schönen Garten etwas herumarbeiten, als hier diese überaus langweiligen Szenen noch länger anzusehen!“
BM|0|75|5|0|Spricht Borem: „Höre, liebster Bruder, was dem Herrn recht ist, das sei auch uns recht. Denn siehe, auch uns beide führt der Herr und weiß es am besten, warum Er uns gerade diesen Weg vorgezeichnet hat.
BM|0|75|6|0|Betrachte daher nur geduldig, was hier zu betrachten ist! Um die Erklärung aber sei ganz unbesorgt; diese wird dir zur rechten Weile werden, und in hoher Klarheit und reinster Weise.
BM|0|75|7|0|Was du aber nun erschaust, das erzähle mir sogleich, wie du es erschaust, und ich werde dir dazu wie bisher stets die erwünschte Beleuchtung zukommen lassen. Also tue im Namen des Herrn, wie ich dir’s nun geraten habe!“
BM|0|75|8|0|Bischof Martin spricht: „Ja, ja, du hast recht, der Herr führt daneben auch uns selbst; da freilich muss man alles sorglichst beobachten, was Er will! Und so will ich denn wieder recht aufmerksam diese geistige Komödie betrachten. Aber nur reden lasse mich dabei, wie mir die Zunge gewachsen ist!“
BM|0|75|9|0|Spricht Borem: „Rede, wie du willst, mehr kann ich dir nicht sagen! Aber nur vor dem Richten hüte dich, denn das gehört ganz allein dem Herrn zu!“
BM|0|75|10|0|Bischof Martin ist damit ganz zufrieden, sieht nun wieder in das Hinterhaupt der Herz-Jesu-Damen und spricht: „O jemine, o jemine! Bruder, da sieht es dir nun auf einmal im Ernst sehr wild und böse aus! Diese Damen sind nun ganz nackt, und ihr Fleisch ist durch und durch glühend wie ein schmelzendes Erz; und je glühender es wird, desto ärger rennen sie durch- und umeinander!
BM|0|75|11|0|Fett gerade sind diese wahren Salamandrinen nicht; aber sie haben doch noch ziemlich ein menschliches Aussehen dabei. Der Leib ginge noch an, einige haben noch sogar einen gar nicht schlechten Busen; aber die Gesichter, diese sehen ganz entsetzlich verzerrt aus! Ich habe auf der Erde nur unter den Affen manchmal ähnliche gesehen! Ei, ei, ei! Die Gesichter sind fürchterlich wild und mehr als abschreckend hässlich!
BM|0|75|12|0|O Gott, o Gott, da schau einmal eine an, die uns nun so ziemlich am nächsten steht! O Herr, das Gesicht! Die Nase hängt ihr nahe an den Bauch herab. Die Ohren haben Ähnlichkeit mit denen eines Elefanten. Der Mund sieht eher dem After einer alten Kuh als einem menschlichen Mund ähnlich; der Hals ist voll Kröpfe. Die Augen sehen zwei unregelmäßigen Aftern eines Hundes gleich und die Haare gleich einem Gewürm! Ah, sapperment, das sieht verdammt hässlich aus! Es ist wirklich sonderbar; der Leib wäre bei ihr ganz in Ordnung; aber der Kopf, der Kopf! Wahrlich, ich kann mir nichts Hässlicheres vorstellen!
BM|0|75|13|0|Da, da, siehst du – o je, o je, o je! Da kommt eine andere in unsere Nähe; die sieht erst aus, dass man sich darob über alle Maßen entsetzen könnte! Das ist der Kopf von einer wahrhaftigsten Boa constrictor, und die sehr langen Eselsohren mildern ein wenig die Grässlichkeit! Diese stieren Augen, dieses unausgesetzte Züngeln! Beim Mund, bei den Ohren und durch die Nüstern schießt mit jedem sichtlichen Atemzug ein reichlicher dunkelbrauner Qualm heraus! Ah, ah, hörst du, liebster Freund, das ist doch mehr als zu viel, das ist scheußlich! Der Leib wieder, wie bei den anderen, ist auch bei dieser ganz in der Ordnung! Das Glühende abgerechnet, könnte man sie sogar sehr üppig nennen. Aber nur der Kopf, der Kopf, der ist wahrhaft entsetzlich! Um Gottes willen, ist aber das doch eine Hässlichkeit ohne Maß und Ziel!
BM|0|75|14|0|Holla, holla, holla, jetzt rennen sie wieder durcheinander wie rasende Hühner, so sie etwa den sogenannten Hühnerteufel erschauen! Was etwa doch solche Vorkommnisse zu bedeuten haben?“
BM|0|75|15|0|Spricht Borem: „Ich sage dir: gar nicht vieles und sonderliches! Dass sie glühend aussehen, das macht ihr leidenschaftlicher, mit Zorn gemengter Eifer für die Sache ihres Ordens. Die Tätigkeit um dessen Aufrechthaltung gibt sich durch das Herumrennen kund. Dass die Leibesformen dieser Damen so ganz gut aussehen, das rührt von ihrem ziemlich keuschen Sinn her. Dass aber ihre Köpfe gar so wunderlich aussehen, davon ist ihre große Dummheit die alleinige Schuldträgerin. Wenn sie sich mit der Weile besser erkennen werden, dann werden sie schon auch bessere Köpfe überkommen. Aber so lange sie ihrem Wahn treu bleiben werden, da wird mit der Verbesserung ihrer Köpfe nicht viel herausschauen.
BM|0|75|16|0|Nun weißt du vorderhand die nötige entsprechende Ursache solcher Erscheinung. Sehe aber nun weiter, denn das, was du bis jetzt gesehen hast, war nur das Vorspiel, das eigentliche Drama kommt erst!“
BM|0|75|17|0|Spricht Bischof Martin: „Ganz gehorsamster Diener! No, no, die Geschichte wird sich machen. Wenn jetzt erst das eigentliche Hauptdrama beginnt, da bin ich wirklich äußerst wissbegierig, worin dieses bestehen und wie es sich äußern wird!“
BM|0|76|1|1|Herzloses Gebaren der Herz-Jesu-Damen gegen ihre Eltern
BM|0|76|1|0|[Bischof Martin:] „Jetzt sehe ich diese grauslichen Fetzen von Damen des Herzens Jesu (Ewig schade um diesen herrlichsten Namen aller Namen!) sich allgemach in ihr Kloster zurückziehen, und das sehr hastig! Was sie etwa darinnen wittern? Aber da entdecke ich nun auch außer dem Garten sich mehrere alte Männer und Frauen lagern; sie sehen sehr betrübt und mühselig aus. Was etwa doch diese wollen und wer sie etwa sind?“
BM|0|76|2|0|Spricht Borem: „Das sind einige Elternpaare dieser Herz-Jesu-Damen. Sie suchen Hilfe bei ihnen, weil sie durch vieles Suchen und Bitten erfahren haben, dass sich ihre seligsten Töchter hier in einem himmlischen Kloster befänden und unausgesetzt für ihr Heil bäten.“
BM|0|76|3|0|Spricht Bischof Martin: „No, die werden es da fangen! O weh, o weh, mir ist schon im Voraus leid um diese armen, gut- und dabei aber freilich dummherzigen Eltern!
BM|0|76|4|0|Richtig, richtig, da greift schon ein alter Mann nach der Pfortenklinke und läutet nun um Einlass; aber es kommt niemand! Er läutet abermals, aber es kommt noch niemand! Er läutet stärker zum dritten Mal, und es kommt auch zum dritten Mal niemand!
BM|0|76|5|0|Nun fangen die alt aussehenden Leutchen wieder zu bitten und zu beten an und jammern dir, dass es schon völlig aus ist. Ah, ah, nun fangen sie diese Greteln gar mit lauten Gebeten zu verehren an! Nein, das geht doch etwas zu weit! Aber es lässt sich dessen ungeachtet noch immer keine von unseren Salamandrinen sehen!
BM|0|76|6|0|Ich höre nun laut schluchzen und weinen und sagen: ‚O ihr, unsere lieben, heiligsten Töchter, seht von euren himmlischen Thronen gnädig auf uns, eure armen irdischen Eltern, herab, und nehmt uns als die Letzten in eure schlechtesten Dienste auf! O erhört uns, ihr heiligen Jungfrauen und Bräute Gottes!‘
BM|0|76|7|0|Freund, Bruder, das ist stark! Nein, für so dumm habe ich die Menschen, d. h. die römisch-katholischen Menschen denn doch nicht gehalten, denn ich war doch selbst ein Bischof und hielt große Stücke auf manche fromm aussehende Dummheit der Menschen. Aber so was hätte ich in meinem Sprengel denn doch nicht geduldet! Nein, diese armen Leutchen oder Geisterchen, was sie hier schon sind, dauern mich wirklich von ganzem Herzen!
BM|0|76|8|0|Nun bin ich aber nur neugierig, was da zum Vorschein kommen wird! Es lässt sich noch keine von den hier Angebeteten blicken. Ich meine, diese Greteln wissen nun etwa gar schon, wie sie aussehen, und schämen sich gar entsetzlich, sich also ihren Eltern zu zeigen. Darum lassen sie diese bitten und beten, dass sie darob ihre Zungen bis auf die letzte Fiber verbrauchen können, und es wird doch alles vergeblich sein. Höre, höre, wie diese Armen schreien und jammern!
BM|0|76|9|0|Oho, oho, was ist denn das schon wieder für eine neue Erscheinung? Nun fängt es aus den vielen Fenstern des Klosters förmlich zu blitzen an, und zu donnern auch daneben; aber gar zu mächtig rollt der Donner nicht! Das scheint so ein wahrer klösterlich-theatralischer Hausdonner zu sein; aber die Blitze sind den echten so ziemlich ähnlich.
BM|0|76|10|0|Horch aber nun, mir kommt es vor, als ob der Donner zu Worten artikuliert würde! Bei meinem Leben, der Donner spricht nun deutlich! Höre, höre, er spricht: ‚Zurück mit euch, ihr Verfluchten, von diesem Heiligtum Gottes, sonst verschlingt euch der Boden sogleich in die Hölle hinab, da ihr es gewagt habt, ihn mit euren allersündigsten Füßen zu betreten! Flieht für ewig aus unserem heiligen Angesicht!‘
BM|0|76|11|0|Aha, aha, aha! Ach, das sind doch Luder erster Klasse! Weil sie selber schon beinahe rein des Teufels sind und sich vor ihren tausendmal besseren Eltern schämen, so verscheuchen sie nun diese durch so eine scheußliche Maske. Und die Armen begeben sich nun wirklich unter großem Heulen von diesem Ort.
BM|0|76|12|0|Höre Bruder, dieses Drama nimmt schon einen sehr höllisch respektablen Anfang! Da bin ich wahrhaft sehr neugierig, wie sich diese Sache weiter ausfechten wird!
BM|0|76|13|0|Die armen Eltern haben nun dort unweit vom Garten gegen Mittag hin einen reichlich mit Früchten behangenen Baum erreicht und lagern sich nun unter demselben mit den Gesichtern gegen das Kloster gewendet; sie müssen wahrscheinlich einen falschen Trost und eine sicher leerste Hoffnung im selben vermeinen! Sonst müsste ihnen eine solche lumpigste Trugdemonstration ja doch zur größten Genüge zeigen, dass sie von ihren vermeintlich seligsten Töchtern nichts zu erhoffen haben – außer eine noch ärgere Demonstration.
BM|0|76|14|0|Ich möchte denn doch sehen, was nun unsere Damen machen werden! Blitze fahren noch immer aus den Fenstern, auch ein Donnern vernehme ich noch, aber wohl ganz schwach nur! Die Alten unter dem Baum entdecken nun die Früchte desselben und einige aus ihnen langen ganz behutsam nach denselben, pflücken sie ab, und führen selbe an den Mund, und beißen auch ganz ernstlich in diese recht gut aussehenden Früchte, die ihnen sehr zu schmecken scheinen, weil sie nun gar so emsig um mehr solcher Früchte greifen und selbe auch denen darreichen, die da selbst keinen Mut zu haben scheinen, sich welche von diesem Baum herabzunehmen.
BM|0|76|15|0|Aber nun sehe ich bei einem Klosterfenster etwas hinausstecken, das da aussieht wie ein Sprachrohr. Es wird gerade nach jenem Baum hin gerichtet, unter dem unsere Alten sich gelagert haben, um sich an des Klosters ‚himmlischem‘ Anblick zu weiden und zu laben – oder vielleicht auch etwas anderes. Nun möchte ich bald sehen, was da aus diesem Sprachrohr sich alles – wahrscheinlich wie aus einer Pandorabüchse – entwickeln wird!
BM|0|76|16|0|Eeeeee, sapperment, da sieh hin, da sie hin! Eine Menge Nachteulen fliegen nun aus dieser veritablen Sprachröhre und fliegen gerade an den Baum, wo unsere armen, geprellten Alten ihre erquickliche Rast genommen haben. Die Nachteulen schwirren nun um den Baum und stoßen herab auf unsere Alten, die darum sehr ängstlich werden.
BM|0|76|17|0|Nun entströmen dem Rohr auch Flammen und Worte auch darunter, die gegen die ängstlichen Alten, wie zuvor die Nachteulen, ihre sichtliche Richtung nehmen. Die Worte sehen wie glühende Schlangen aus und sind voll der entsetzlichsten Drohungen, und die Flammen scheinen die Träger dieser Schlangenworte zu sein.
BM|0|76|18|0|Schau, das ist einmal ganz was Neues! Dass sich Worte niederschreiben lassen durch gewisse Zeichen, die man Buchstaben nennt, das ist eine altbekannte Sache. Aber dass man Worte auch in diesen scheußlichen Gestalten ausdrücken könnte, das ist mir noch nicht vorgekommen!
BM|0|76|19|0|Siehe, nun erheben sich die Alten und fliehen mit Sturmesschnelle von dannen, und die Nachteulen verfolgen sie hin an einen Strom, den ich soeben entdeckt habe.
BM|0|76|20|0|Aber dort ersehe ich nun zwei weißgekleidete Männer; es sind dieselben, die diese herzlichen Damen vorhin erdolchen wollten. Diese zwei Männer winken den fliehenden Alten, zu ihnen zu gehen. Die Nachteulen aber, da sie diese zwei Männer ersehen, machen eiligst rechts um, und fliegen in größter Hast wieder dem Kloster zu, und schießen da wie Blitze in das noch zum Fenster hinausgerichtete Sprachrohr. Auch die Schlangenworte samt den Flammen nehmen wieder ihren sehr schnellen Rückzug.
BM|0|76|21|0|Die zwei Männer aber versammeln nun die Alten um sich und wie es scheint, so machen sie mit ihnen nun auch eine umgekehrte Bewegung gegen das Kloster hin! No, no, no, die Geschichte bekommt stets mehr Ausdehnung! Ich bin nun aber schon über alle Maßen neugierig, was da noch alles herauswachsen wird!“
BM|0|76|22|0|Spricht Borem: „Liebster Bruder, vor gar zu großer Neugierde musst du dein Herz auch verwahren, weil einer solchen Schaugier auch stets heimlich sich eine Schadenfreude beigesellt! Sei daher hier bloß ein weiser Beobachter zum Nutzen deines Geistes; aber die Neugierde lasse beiseite! Denn hier müssen wir im höchsten Grad nüchtern sein, weil hier etwas Höllisches mit unterlaufen wird. Beobachte nun, aber ohne alle Neugier; das Geschaute aber erzähle mir treu!“
BM|0|77|1|1|Posaunenstoß der zwei weißen Männer und Zusammensturz des Klosters. Die Herz-Jesu-Damen als Riesenfrösche. Aufklärende Rede an die geängstigten Eltern
BM|0|77|1|0|Bischof Martin wendet seine Augen wieder in das Hinterhaupt der Herz-Jesu-Dame und spricht nach kurzer Beschauung desselben: „Ja, ja, so ist es schon recht; die zwei weißen Männer ziehen in Gesellschaft der Alten nun wirklich dem Kloster zu! Je näher sie demselben kommen, desto fleißiger blitzt es aus den vielen Fenstern; aber die Blitze reichen nicht gar zu weit. Auch lässt sich ein innerer Donner vernehmen, aber wohl sehr schwach.
BM|0|77|2|0|Die Gesellschaft ist nun schon ganz nahe an der Gartenmauer, und einer von den zwei weißen Männern geht sogleich an die Tür und öffnet diese mit Blitzesschnelle. Nun dringen sie alle in den Garten und im selben in des Klosters Nähe.
BM|0|77|3|0|Allda angelangt stellen sich die zwei weißgekleideten Männer vor die Schar der Alten. Ein jeder aus ihnen zieht nun eine lange Posaune unter dem Kleid hervor. Beide setzen nun diese Musikwerkzeuge an den Mund und stoßen gar mächtig in dieselben. Oh sapperment, das ist ein kräftiger, majestätvollster Ton!
BM|0|77|4|0|Aber was sehe ich nun? Da sieh, da sieh! Das Klostergebäude stürzt nun zusammen gleich den Mauern Jerichos. Und unsere Damen kriechen nun laut klagend und fluchend aus dem Schutt hervor wie Würmer aus einem Sumpf, und haben eine Gestalt wie die Riesenfrösche des Hinterägyptens auf der Erde. Nur die Köpfe sehen mehr den Köpfen der Riesenschlangen gleich als denen der Frösche. Auch bemerke ich nun, dass sie an ihren Steißen Skorpionsschwänze haben. O du verzweifelte Geschichte, das Ding sieht nun äußerst bedenklich aus!
BM|0|77|5|0|Den Alten sträubt sich ob dieses Anblicks das Haar zu Berge, und diese ganz sonderbaren Frösche fangen auch ganz entsetzlich, statt weiter zu fluchen, zu quaken an. Aber ihr Gequake ist nun ohne Sinn und, wie es scheint, von gar keiner Wirkung. Denn die zwei Männer bedräuen diese Frösche und treiben sie nun vor sich hin, und die Alten folgen ganz erstaunt den zweien. Ihr Zug geht gen Abend!
BM|0|77|6|0|An der Stelle des Klosters aber ist nun eine abscheuliche Pfütze zu sehen. Sapperment, sapperment, Bruder, das sieht nun sehr düster aus! Nein, ich werde nun schon selbst ängstlicher und ängstlicher! Merkwürdig aber ist hier auch diese Erscheinlichkeit, dass ich diese gen Abend eilenden Frösche, wie auch ihre sie treibende Nachfolge stets gleich groß und gut sehe, obschon sie nun dem Raum nach sehr weit von uns entfernt sind.“
BM|0|77|7|0|Spricht Borem: „Räumliche Entfernungen beirren nimmer des Geistes Sehe; denn jeder Geist ist über Zeit und Raum erhaben. Aber die verschiedenen Arten der Gemütszustände sind wahre Geistesentfernungen und beirren die Sehe des Geistes oder blenden sie oft ganz und gar.
BM|0|77|8|0|Wären bei dieser Fröscheflucht die weißgekleideten Männer nicht dabei, so würdest du sie nimmer erschauen; denn der Gemütszustand dieser Frösche ist zu sehr verschieden von dem unsrigen. Aber da diese zwei mit uns vollends verwandten Gemütes sind, so können sie räumlich noch so weit von uns entfernt sein, so werden wir sie aber dennoch stets gleich sehen.
BM|0|77|9|0|Wir können zwar wohl auch die Hölle in der vollsten Nähe beschauen. Aber das geschieht nicht durch die Gemütsassoziation, sondern durch eine eigene wunderbare Vermittlung des Herrn, die du erst später wirst kennenlernen.
BM|0|77|10|0|Nun weißt du davon, d. h. von dieser dir mit Recht merkwürdig vorkommenden Erscheinung auch den Grund, den dir aber erst die Folge vollends klarmachen wird. Beobachte nun weiter die Szene, die nun vor dir ist; du wirst von ihr sehr viel lernen!“
BM|0|77|11|0|Bischof Martin strengt nun wieder seine Sehe an und ersieht die Frösche schon tief im dunklen Abend das Ufer eines mächtigen Meeres erreichen und zugleich haltmachen. An diesem Ufer fangen sie gar erbärmlichst an zu quaken und sträuben sich, ins Wasser zu gehen. Die zwei Männer aber nötigen sie auch nicht, sondern lassen ihnen die freie Wahl.
BM|0|77|12|0|Bischof Martin, solches schauend, spricht: „Da sieh nun ein Mensch diese grauslichen Frösche an! In ihr Element wollen sie denn doch nicht, obschon sie für selbes wie geschaffen zu sein scheinen. Davon scheint, wie ich nun so in mir zu ahnen beginne, das der Grund zu sein: In ihnen muss denn doch noch etwas Besseres verborgen sein, das da nicht diesem Element angehört, und das wird sie wahrscheinlich noch am trockenen Land erhalten!?“
BM|0|77|13|0|Spricht Borem: „Wird schon so sein! Aber beobachte nun nur weiter; denn nun wird sich bald die Entwicklung dieses ersten Aktes zeigen!“
BM|0|77|14|0|Bischof Martin schaut nun gar sehr aufmerksam auf die Szene hin und spricht nach einer Weile: „Ah, ah, da sieh einmal hin, ah, das ist ja über alle Maßen merkwürdig! Nun blähen sich die Frösche am Ufer des Meeres auf, dass es wahrlich grauenhaftigst anzusehen ist. Wie die größten Elefanten stehen sie nun da vor den zwei Männern und vor der stets ängstlicher werdenden Schar der Alten. Noch immer schwellen sie auf, als so sie mit einem Gebläse aufgetrieben würden. O Tausend, o Tausend! Nun sind sie schon so voluminös, dass man sie geradeweg für kleine Berge halten könnte!
BM|0|77|15|0|Sie machen nun Miene, die zwei Männer samt den Alten angreifen zu wollen. Aber die zwei Männer weichen keinen Schritt zurück, obschon die Alten lieber davonfliegen als -gehen möchten.
BM|0|77|16|0|Aber horch nun, die zwei Männer gebieten nun Ruhe, und einer aus ihnen spricht zu den Alten: ‚Fürchtet euch nicht vor diesen Aufgeblähten! Nur die sündige Haut ist es, vor der ihr euch entsetzt; aber das Inwendige ist schwächer denn das Wesen einer Milbe! Wir könnten sie wohl mit einem Hauch verwehen, die ihr ehe noch als Seligste förmlich angebetet habt. Aber wir sind so unbarmherzig nicht, wie sie als vermeintliche Gottesbräute gegen uns und euch es waren, obschon wir die vollkommensten Protestanten sind und tatkräftigst gegen alles auf das Feurigste protestieren, was irgend nur im Geringsten nicht des Herrn ist!
BM|0|77|17|0|Wollt ihr aber noch handgreiflicher wissen, wer da diese aufgeblähten Frösche sind, da wisset: Das sind eure Töchter, die eure große Dummheit samt einem großen Vermögen in das Kloster dieser Herz-Jesu-Damen getrieben und gewisserart förmlich verdammt hat! Wie gefallen sie euch nun in diesem Himmelsgewand?‘
BM|0|77|18|0|Die Alten schlagen nun die Hände über dem Kopf zusammen, reißen sich die Haare aus und schreien: ‚Aber um Gottes willen! Jesus, Maria und Joseph! Steh uns bei! Wie ist denn das möglich!? Sie sollen ja gar so ein reines Leben geführt haben! Sie haben ja doch nichts getan, als was sie vom Beichtvater aus zu tun bemüßigt waren, und was ihnen ihre strenge Regel vorschrieb! Und nun müssen wir sie in diesem erschrecklichsten Zustand hier antreffen! O Jesus, Jesus, Jesus, Maria und Joseph! Was ist nun hier aus ihnen geworden?!‘
BM|0|77|19|0|Spricht wieder einer der zwei Männer: ‚Seid nun ruhig und ängstigt euch dieser wenig Werten wegen nicht! Denn wir sind darum vom Herrn abgesandt, um in Seinem allerheiligsten Namen das zu suchen und wiederzubringen, was da immer in den Verlust geraten ist, und werden sonach auch diese Frösche wieder zurechtbringen. Damit aber auch ihr von eurer Torheit geheilt werden mögt, so müsst ihr bei diesem Werk zugegen sein und euch in aller Geduld in alles fügen, was da immer über euch kommen mag. Erweckt aber vor allem eure Liebe zum einigen Gott und Herrn Vater Jesus, so wird der von euch allen zu wandelnde Weg ein leichter sein!‘
BM|0|77|20|0|Nun fangen die Alten an zu weinen über das Unglück ihrer seligst vermeinten Töchter; diese aber blähen sich nun noch ärger auf.“
BM|0|78|1|1|Der von einem hinterlistigen Jesuiten um seine Tochter betrogene Vater. Die Beleuchtung der Geschichte im himmlischen Licht
BM|0|78|1|0|[Bischof Martin:] „Ein sehr bejahrt aussehender Vater einer dieser Herz-Jesu-Damen tritt nun vor die zwei weißen Männer und spricht in einem noch sehr weinerlichen Ton: ‚O ihr mächtigsten Boten Gottes! Aber wie kann denn doch das sein, dass auch meine Tochter sich unter diesen Unglücklichen befindet? So viel mir gar wohl bekannt ist, so lebte meine Tochter ja doch so streng und gewissenhaft genau nach den Regeln ihres Ordens und somit im vollkommensten Geiste der alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche, welcher Geist somit ja doch offenbar der Heilige Geist sein muss?
BM|0|78|2|0|Zufolge solchen Lebens und laut den vielen Versicherungen der Kirche hätte meine Tochter ja doch sollen vom Munde auf in den Himmel fahren, da sie nebst ihrem gewissenhaft strengen Leben auch vom Papst selbst nicht nur einen, sondern ein ganzes Dutzend vollkommene, von der lauretanischen Maria selbst privilegierte Ablässe bekam, wodurch ihr auch das Fegefeuer vollkommen erlassen war! Wie geht es demnach hier zu, wenn ein solches Leben vor Gott keinen Wert hat?
BM|0|78|3|0|Ja, ich sage es euch und kann es euch auf mein Gewissen und Leben sagen, dass meine Tochter vom Himmel aus ganz unverhohlen zur Braut Christi berufen wurde durch ein Traumgesicht eines allerstrengst lebenden frömmsten Jesuiten. Diesem frömmsten Mann Gottes träumte nach seinem ganz einfachen und schlichten Geständnis:
BM|0|78|4|0|Maria und der heilige Joseph seien ihm erschienen im allerhöchsten Himmelsglanz und sprachen zu ihm: ‚Höre uns, du reinster Bruder der Engel, gehe du hin zum N. N.; der hat ein liebes Töchterchen, an der Jesus ein großes Wohlgefallen hat, dass Er sie darob zu Seiner fürnehmsten Braut haben will; gehe ins Bitten für deinen Gott, für deinen Herrn, und verschaffe Ihm diese Braut, sonst sollst du nie einen Teil am Himmelreich haben!‘
BM|0|78|5|0|Darauf sei er wach geworden und habe sehr darüber nachgedacht, habe solchen dreimal gleich gehabten Traum dem Konvent angezeigt, und dieser den Generalen nach Rom. Und wie war der ganze Konvent überrascht, als er vom General die überwunderbare Erklärung zurückerhielt, dass auch demselben das Gleiche geträumt habe und, als er dem Traume nicht glauben wollte, Maria sogar zum vierten Mal allein ihm ganz traurig erschien und zu ihm sagte:
BM|0|78|6|0|‚O du elender Wurm im Staub! Dieweil du nicht glaubst, so sollst du so lange mit einer schweren Krankheit geplagt werden, als bis das liebe Mädchen sich im Kloster der Herz-Jesu-Damen als eine Braut meines Sohnes befinden wird, und zur Steuer der Wahrheit sollen durch drei Tage in der Nacht um 12 Uhr alle Glocken Roms eine Stunde lang von selbst ertönen!‘
BM|0|78|7|0|Alles dieses sei wunderbarst wirklich eingetroffen; und der General hat dann sogleich Gebete in allen Konventen heimlich angeordnet und hat besonders den Pater, dem es von meiner Tochter so wunderbar geträumt hatte, dringendst gebeten, dass er Tag und Nacht beten soll, damit meine Tochter ins Kloster ginge.
BM|0|78|8|0|Ich für mich aber wollte sie nicht so leicht hineingeben, denn ich war auf der Welt ja sehr reich und von hohem Adel. Meine Tochter aber war auch überaus schön und sanft und gut und hätte wohl die beste Partie machen können. Aber ich gab endlich den vielen Bitten des frommen Paters nach. Und da die Tochter auch Christus allen anderen Bräutigamen vorzog, so wählte auch sie den Schleier und wurde eine Braut Christi. Ach, du unglückliche Braut!
BM|0|78|9|0|O ihr beiden mächtigen Boten des Herrn, o sagt, o sagt es mir armem unglücklichstem Vater, was um Gottes willen hat denn meine Tochter verbrochen, darum sie sich nun auch unter diesen unglücklichsten echtesten Teufelsgestalten befindet? Hatte sie etwa geheime Sünden? Oder war sie eine pure Heuchlerin? Oder ist die römische Kirche ein Betrug? O sagt, warum widerfuhr meiner Tochter dieses unaussprechliche Unglück!‘
BM|0|78|10|0|Nun spricht der eine aus den zweien, sagend: ‚O Freund, hast du denn nie das Evangelium des Herrn gelesen?‘
BM|0|78|11|0|Antwortet der Alte: ‚Als Schulknabe wohl, aber später nimmer; denn ich ging ja alle Sonn- und Feiertage ohnehin in die Kirche und hörte da Predigt und Messe! Zudem war das Lesen der Bibel uns Laien ja ohnehin von der Kirche aus untersagt, und ich glaube recht gehandelt zu haben, so ich der Kirche in allem gehorchte!‘
BM|0|78|12|0|Spricht wieder der eine: ‚Nun, wenn dir die Kirche mehr galt als das reine Wort Gottes, so musst du nun schon die Kirche um Rechenschaft angehen und nicht uns, die wir als vollendetste Protestanten der römischen Kirche uns nie an etwas anderes gehalten haben als allein an das nur, was Christus allein gelehrt hat! Im Evangelium des Herrn aber steht nirgends was von einer alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche, nichts vom Papst, nichts von den Jesuiten und nichts von den Herz-Jesu-Damen, sondern da steht es ganz einfach: ‚Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst! Darin ist das Gesetz und alle Propheten!‘
BM|0|78|13|0|Siehe, wer nur des Lohns wegen arbeitet, der ist ein unnützer Knecht und ist nicht wert des Lohns, geschweige des Herrn, der da spricht: ‚Wer seinen Vater, seine Mutter, seine Brüder, seine Schwester und dergl. mehr liebt als Mich, der ist Meiner nicht wert! So ihr aber alles getan habt, da bekennt, dass ihr unnütze Knechte wart!‘
BM|0|78|14|0|Siehe, das sind Gottes Worte. Frage dich selbst, ob du sie wusstest, und ob du und deine himmelsstolze Tochter sie je beobachtetet?!‘
BM|0|78|15|0|Spricht der Alte: ‚Ja, wenn das wirklich Gottes Worte sind, wie sie auch sein werden – besonders die des Gesetzes der Liebe, die ich wohl öfter von der Kanzel gehört habe –, dann ist es mir schon mehr und mehr einleuchtend, warum meiner Tochter so etwas widerfuhr. Aber sie ist auf diese Art eine derbst Geprellte und verdient daher Nachsicht und ein gnädigstes Erbarmen vom Herrn!‘
BM|0|78|16|0|Spricht wieder der eine: ‚Freund, wäre der Herr nicht besser, als du und deine Tochter Ihn kennen, so würdest du samt deiner Tochter dich nun in der Hölle befinden. Weil aber der Herr endlos besser und weiser ist, so befindet ihr euch anstatt in der Hölle nur in der notwendigsten Korrektion eurer Sehe und im Gnadenbad zur Heilung eures ganzen Lebens!
BM|0|78|17|0|Wisse denn, jener Traum des Jesuiten war rein erdichtet deiner schönen und reichsten Tochter wegen, und du warst durch Zulassung des Herrn darum schändlichst geprellt, weil du sonst deine Tochter niemandem als nur einem Prinzen geben wolltest, was von dir umso ärger gefehlt war, als du wider aller Christuslehre Sinn, nach dem alle Menschen gleich sind, deine Tochter einem armen, aber sonst rechtlichen Mann schmählichst vorenthieltst und ihn für seine Keckheit noch züchtigen ließest! Siehe, solch ein Verfahren ist vor Gott das fluchwürdigste!
BM|0|78|18|0|Es kam aber um deine Tochter dennoch kein Prinz, sondern ein hinterlistiger Jesuit und überlistete dich samt deiner Tochter! Kannst du darum vom Herrn, der die höchste Liebe, Demut und Sanftmut Selbst ist, wohl eine gewisse Rechenschaft verlangen, so du deine Tochter statt im Himmel hier in diesem sehr misslichsten Zustand findest?
BM|0|78|19|0|Dann, mein Freund, war deine Tochter stolz und hart gegen ihre Untergebenen, da sie als die Reichste bald die Vorsteherin dieses neugebackenen Ordens ward, und hielt sich für eine Heilige zufolge ihrer wunderbaren Berufung, und noch mehr, weil alle Nacht ein maskierter Herr Jesu leibhaftig sie besuchte und sie als seine Braut natürlich ihm alles gewährte, was er nach der Lüftung des sogenannten himmlischen Schleiers von ihr verlangte; davon sie dir freilich nicht alles sagte, sondern nur, dass dieser ihr Jesus von dir auf das Strengste verlangt, dass du dein gesamtes großes Vermögen dem heiligen Kollegium vermachen sollst, was du auch getan hast in deinem blinden Glauben!
BM|0|78|20|0|Siehe, so stehen die Dinge um dich und deine Tochter und werden auch so um dein noch auf der Welt lebendes Weib stehen! Wie meinst du nun: kann ein Mensch neben der Lehre Gottes mittels eines solchen Lebens den Himmel erwarten – besonders wenn deine Tochter gar bald wusste, wer ihr Herr Jesus so ganz eigentlich war? Verstehst du das nun, mein lieber Freund?‘
BM|0|78|21|0|Der Alte macht nun sehr große Augen, und mehrere andere mit ihm, und er möchte nun über alle Maßen über Rom zu fluchen anfangen. Aber die beiden verbieten ihm streng, solches zu tun, und zeigen ihm, dass das Gericht allein des Herrn ist, allen Menschen aber kommt die Vergebung zu, so sie auch Vergebung erlangen wollen. Das beruhigt nun unseren Alten. Und ich sehe nun, dass ein Frosch kleiner zu werden beginnt; das wird sicher die besagte ‚Braut Christi‘ sein! Bruder, die Sache macht sich!“
BM|0|79|1|1|Des Alten Ärgernis an Rom. Gleichnisse von der Geduld des Herrn
BM|0|79|1|0|[Bischof Martin:] „Der Alte macht sich nun wieder an den einen und fragt ihn, sagend: ‚Ich sehe nun alles ein, was du zu mir geredet und was du mir angezeigt hast; denn es ist sicher so und nicht anders. Aber wenn es leider sicher so ist, wie du mir es nun gezeigt hast, da möchte ich denn daneben doch auch erfahren, wie denn der Herr Rom noch kann bestehen lassen? Denn da ist Rom ja nur eine Stätte des Gräuels und ewig nimmer eine Kirche des Herrn!
BM|0|79|2|0|Wo ist denn hernach Petrus, der Fels, den der Hölle Pforten nimmer überwältigen sollen? Rom behauptet solches von sich, und der jeweilige Papst, als ein vorgeblicher Stellvertreter Christi auf Erden, sitze auf diesem Felsen unter dem beständigen Einfluss des Heiligen Geistes! Solch eine Behauptung kann doch unmöglich etwas anderes als nur ein größter Gräuel vor Gott sein! O, sage es mir dann, und erläutere es mir, wie es denn zugeht, dass der Herr so was dulden kann? Er hätte ja doch tausend Mittel für eines, um diesem Übel zu steuern!?‘
BM|0|79|3|0|Spricht der eine: ‚Mein Freund, das ist wahr, der Herr kann alles, was Er will. Aber was möchtest du zu einem Vater sagen, der da nur etliche 10-20 Kinder hätte, so er, wenn einige seiner Kinder widerspenstig und ungehorsam wären, diese widerspenstigen und ungehorsamen Kinder sogleich entweder durch einen Scharfrichter oder seine eigene Hand dabei nicht schonend, hinrichten und erwürgen ließe? Würde da nicht ein jeder Mensch sagen: ‚Siehe, das ist unerhört; so ein Teufel von einem Vater ist noch nie dagewesen!‘
BM|0|79|4|0|Was sagtest du denn zu einem Herrscher, der seine Untertanen wegen Nichterfüllung seiner Gesetze sogleich spießen und braten ließe? Würdest du da nicht sagen: ‚O seht, seht, welch ein schrecklicher Tyrann, welch ein unmenschlichster Teufel!‘
BM|0|79|5|0|Und siehe, gegen einen so unmenschlich strengen Vater könnten die Kinder sogar wirksam sich zur Wehr stellen, und die Untertanen könnten sich gegen einen solchen Tyrannen mächtigst erheben und ihn übel erwürgen!
BM|0|79|6|0|So aber der allmächtige Vater auch so mit Seinen Kindern verführe, sage, wie würdest du ein solches Verfahren von der Gottesseite ansehen und benennen?
BM|0|79|7|0|Wäre das nicht die namenloseste Grausamkeit, so der allmächtige Gott mit Seinen schwachgestellten Geschöpfen so verfahren möchte, wie einst ein Wüterich in Frankreich mit den Franzosen verfahren ist?
BM|0|79|8|0|Siehe, der Herr weiß gar wohl, dass Rom eine grausliche Hure ist, wie Er es auch wusste, dass die Ehebrecherin eine allgemeine Buhldirne, die Magdalena eine große Hure und die Samaritanerin am Jakobsbrunnen eine arge Geilerin war. Aber wie Sich der Herr gegen jene drei Weiber erwiesen und erzeigt hat, und wie Er aufnahm den verlorenen Sohn, eben also erweist und erzeigt Er Sich nun der Hure Rom und nimmt jeden reuigen verlorenen Sohn aus ihrem Schoß auf, wenn er zuvor auch noch so stark und mächtig in und mit dieser Hure gebuhlt hätte! Aber natürlich ist’s für so lange nichts, als wie lange der Buhler weder Reue noch wahre Buße gewirkt hat!
BM|0|79|9|0|Was aber den Felsen Petri betrifft und wo er ist, den der Hölle Pforten nicht überwältigen können, das zeigte der Herr mit gar manchen Texten und Versen Seines heiligen Evangeliums!
BM|0|79|10|0|Siehe, da heißt es einmal: ‚Wer an den Sohn glaubt und aufnimmt Sein Wort, der hat das ewige Leben!‘ – Siehe, das ist schon ein Fels!
BM|0|79|11|0|Wieder heißt es einmal: ‚Mein Reich kommt nicht mit äußerem Schaugepränge, sondern es ist inwendig in euch!‘ – Siehe, da also ist der wahre unüberwindliche Fels Petri aufgerichtet!
BM|0|79|12|0|Und wieder heißt es anderswo: ‚Wer Meine Worte hört, sie annimmt und danach lebt, der ist es, der Mich liebt; der Mich aber liebt, zu dem werde Ich kommen und Mich ihm Selbst offenbaren!‘ – Siehe, das ist auch Petrus, der Unüberwindliche in eines Menschen Herzen, das da allein ist die wahre, lebendige Kirche des Herrn, so Er durch den lebendigen Glauben, der da die Liebe ist, im Herzen des Menschen Wohnung genommen hat!
BM|0|79|13|0|Du siehst nun, wie es mit Petrus steht, und wo er ist. Darum frage nun nicht mehr weiter um alberne, leere Dinge der Welt, sondern suche nun vor allem das wahre Gottesreich in dir und dessen liebevollste Gerechtigkeit, so wird dir dann alles andere von selbst werden!‘
BM|0|79|14|0|Der Alte verneigt sich nun bis zum Boden vor diesem Boten des Herrn; auch die anderen Alten tun desgleichen. Aber die Frösche sind noch Frösche geblieben, nur kommen sie mir nicht mehr gar so aufgebläht vor, und der eine Frosch ist nun gar klein geworden und nähert sich den zweien. Je näher er ihnen kommt, desto kleiner wird er; das scheint mir ein gutes Zeichen zu sein!
BM|0|79|15|0|Übrigens muss ich es selbst offen und dem Herrn allerdankbarst bekennen, dass ich nun aus dieser Szene bisher sehr viel profitiert habe und bin nun um sicher zehnmal weiser, als ich ehedem war. Diese Szene aber ist auch fortwährend interessanter und vollauf merkwürdig.
BM|0|79|16|0|Der Jesuit ist hier wirklich glorios dargestellt worden, das muss man sagen! Wahrlich, da gehört mehr als bloß nur göttliche Geduld dazu, um solche Kerls nicht noch ärger wie Sodom und Gomorrha heimzusuchen! Wahrlich, ich dürfte jetzt nicht mit der Macht des Herrn ausgerüstet sein, da ginge es diesen Weltbetrügern ganz verdammt schlecht! Aber es geschehe des Herrn Wille!“
BM|0|80|1|1|Gleichnis vom Weizen und den Distelsorten. Erwachen der Liebe Martins zum Herrn. Fortsetzung der Szene mit den Herz-Jesu-Damen
BM|0|80|1|0|Spricht Borem: „So, so ist es recht; allein des Herrn allerbester und allerweisester Wille geschehe! Die Disteln sind offenbar schlechter als der Weizen, der da schon so gut ist, wie er sein muss. Aber gehe du alle Weizensorten der Erde durch, und du wirst in ihnen wenig Unterschied finden. Gehe aber auch alle Distelsorten durch, und du wirst obenan die herrliche Ananas finden und neben ihr die heilkräftige Aloe und neben der die überzuckerstoffreiche Feigendistel Afrikas!
BM|0|80|2|0|Wie töricht wäre es darum, das Geschlecht der Disteln zu verdammen, da doch die Natur zeigt, welcher Veredlung sie fähig sind! Der Weizen bleibt Weizen, aber die Distel kann zur Ananas erhöht werden!
BM|0|80|3|0|Also blieb ein Petrus, ein Jakobus, ein Andreas usw. das, was sie seit ihrer Entstehung waren, nämlich ein reiner Weizen in der Scheune des Herrn. Unter diesem Weizen aber stand auch eine sehr stachlige, wilde Distel; sie hieß Saulus! Und siehe, der Herr veredelte sie zur herrlichsten Ananas, zur köstlichsten Frucht der Erde!
BM|0|80|4|0|Siehe, was aber der Herr einmal tat, das tut Er noch! Daher sagen wir allzeit aus dem vollsten Grund unseres Lebens: O Vater, Dein heiligster Wille geschehe!“
BM|0|80|5|0|Bischof Martin ist zu Tränen gerührt und spricht: „Ja, ja, du mein lieber Bruder, ewig nur Sein heiligster Wille! Oh, wenn ich Ihn jetzt da hätte, da möchte ich Ihn nun schon so an mein Herz drücken, dass ich darob völlig mich auflösen könnte! O Du, mein guter Herr Jesus Du, komme, komme zu uns beiden!“
BM|0|80|6|0|Spricht Borem: „Bruder, nun erst bist du auf den rechten Weg gekommen. Jetzt erst hast du angefangen, Christus anzuziehen! Ich sage dir, du gehst nun einer herrlichen Löse entgegen! Bald wirst du es erfahren, was es heißt: ‚Kein Auge hat es je gesehen und keines Menschen Sinn empfunden, was der Herr denen bereitet hat, die Ihn lieben!‘ Du aber hast nun Liebe zum Herrn in deinem Herzen erweckt, die allein bei Ihm etwas gilt. Gebe nun Acht, was mit dir bald vor sich gehen wird, so du in dieser Liebe verharren und wachsen wirst! Sehe aber nun ein wenig nach der Tafel hin und sage mir, was du nun dort ersiehst!“
BM|0|80|7|0|Bischof Martin sieht nun eilends sich nach der Tafel um und erschrickt, als er diese heller denn eine Sonne erglänzen sieht und inmitten des großen Glanzes die Worte liest: ‚Bruder, verharre nur noch eine kurze Weile und Ich werde bei dir sein!‘ Als er solches alles mit staunender Freude erschaut, spricht er:
BM|0|80|8|0|[Bischof Martin:] „O Bruder, ich empfinde nun eine Wonne, von der ich noch nie eine auch nur allerleiseste Ahnung gehabt habe! Was wird daraus erst in der Folge werden, wenn die Sache so vorwärtsgehen wird, wie ich’s nun in meinem Herzen empfinde, da es stets mehr in der Liebe zum Herrn Jesus sich entzündet?
BM|0|80|9|0|Ja, ich sage dir, nun bin ich dir in den Herrn Jesus aber schon so verliebt, dass ich mir vor lauter Liebe gar nicht zu helfen weiß! Ja, ich könnte Ihn – ich möchte Ihn – ja, ich, ja ich könnte mich vor lauter Liebe ganz in Ihn hineinverbeißen!
BM|0|80|10|0|O Du liebster, liebster, liebster Jesus Du, jetzt sehe ich erst so recht ein, wie unendlich weise und gut Du bist. Und diese Einsicht wird bei mir nun eine Klarheit, während sie früher nur so war wie ein etwas hellerer Traum!
BM|0|80|11|0|O Bruder, wie freue ich mich nun darauf, wann der Herr zu uns kommen wird und wird uns sichtlich helfen, diese unsere nun noch sehr starren oder wenigstens starr aussehenden Gäste in die rechte Ordnung zu führen!“
BM|0|80|12|0|Spricht Borem: „Ja, Bruder, das wird auch geschehen, sobald diese Damen das Allergröbstmaterielle werden abgelegt haben. Daher fasse dich nun wieder, und betrachte die Szene weiter, und sage mir treu, was da alles vor sich geht. Denn war diese bisher belehrend, interessant, so wird sie in ihrem weiteren Verlauf noch ums Hundertfache mehr belehrender und interessanter sein!“
BM|0|80|13|0|Bischof Martin richtet seine Sehe nun wieder in das Hinterhaupt der Herz-Jesu-Damen und ersieht, dass sich alles noch so befindet, wie es sich früher befunden hatte, bevor er seine Sehe davon abgewendet hatte, zu reden darüber mit Borem und zu besehen die strahlende Tafel.
BM|0|80|14|0|Aber nun wendet sich der Alte wieder an den einen der zwei weißen Männer. Bischof Martin horcht mit großer Aufmerksamkeit, was da weiter verhandelt wird, und spricht nach einer Weile:
BM|0|80|15|0|[Bischof Martin:] „Schau, schau, der Alte ist gar nicht dumm! Er bittet die beiden Boten, sie möchten wenigstens seine Tochter durch ihre Macht aus dieser Scheußlichkeit erlösen, auf dass er dann an ihrer Seite sogleich in den Himmel kommen könnte; denn hier wäre ihm nun schon ganz entsetzlich fad und langweilig. Er sehe wohl ein, dass die beiden recht und gerecht nach dem Willen des Herrn handelten. Aber es befalle ihn nun dessen ungeachtet ein äußerst stinkend fades Gefühl und eine ganz verzweifelte Langweile, der er in aller Kürze den Rücken zuwenden möchte.
BM|0|80|16|0|Der Alte ist gar nicht dumm für seinen Sack, wie man zu sagen pflegt! Aber die beiden weißen und weisen Männer scheinen nicht seiner Meinung zu sein. Denn sie geben darauf mit dem Haupt ein sehr verneinliches Zeichen und der eine sagt nun:
BM|0|80|17|0|‚Freunde! Geduld ist des Lebens erste Regel und das hier im Geisterreich so gut wie auf der Welt! Alles hat seine Zeit und alles seine Weile! Fahrt ihr alle aber fort, in euren Herzen die Liebe und ein lebendiges Vertrauen auf den Herrn stets mehr und mehr zu beleben, so werdet ihr so schnell als möglich zur wahren Erlösung aus diesem Jammerzustand gelangen.
BM|0|80|18|0|Aber unsere Macht kann euch in dieser Hinsicht weder um ein Haar vor- noch um ein Haar rückwärts helfen. Denn solches müsst ihr wissen, dass hier nie jemand weder durch vermeintliche gottwohlgefällige Verdienste noch durch ein vermitteltes oder unvermitteltes Erbarmen des Herrn in den Himmel kommt, sondern allein durch die eigene freie Liebe zum Herrn und durch die daraus hervorgehende Gnade des Herrn Jesu Christi, der da ist der alleinige Herr und Gott Himmels und aller Welt! Das alles da ist Sein Werk!
BM|0|80|19|0|Merkt aber das: Es gibt nirgends einen Himmel außer in euch; diesen müsst ihr selbst öffnen, wollt ihr in ihn eingehen! Denn das Leben muss ein freies sein, so es ein Leben sein soll. Ein gerichtetes Leben aber ist kein Leben, sondern nur ein Tod!
BM|0|80|20|0|So wir euch aber nun frei machten durch unsere Macht, da würdet ihr nicht frei, sondern gerichtet sein und somit nicht lebendig, sondern durch und durch tot! Sagt, wäre euch mit solch einer traurigsten Hilfe wohl gedient?‘
BM|0|80|21|0|Die Alten kratzen sich nun sehr stark hinter den Ohren und scheinen die Belehrung nicht so ganz aus der Wurzel zu fassen.“
BM|0|81|1|1|Verschwinden der Frösche im Meer und Auf-dem-Meer-Wandern der suchenden Eltern. Borems Erläuterungen
BM|0|81|1|0|[Bischof Martin:] „Aber siehe, nun geht der eine Frosch ganz zu den Füßen der beiden und beleckt dieselben.
BM|0|81|2|0|Der eine aber spricht nun zum Frosch (aufs Meer deutend): ‚Siehe, dort ist dein Element!‘
BM|0|81|3|0|Aber der Frosch richtet sich nun mehr auf seine Vorderbeine und quakt recht vernehmliche Worte, die so zu lauten scheinen: ‚O ihr Mächtigsten, wohl weiß ich, dass dieses erschreckliche Meer mein mehr als verdientes ewiges Strafelement ist; aber dennoch wage ich an euch die Bitte zu stellen, dass ihr mit mir armen Seele nicht nach aller Strenge des freilich gerechtesten Gerichtes Gottes verfahren möchtet! Doch nicht mein, sondern nur euer Wille geschehe!‘
BM|0|81|4|0|Spricht nun der eine: ‚Wir beide haben keinen Willen außer den des Herrn, der da ewig unwandelbar ist. Diesen haben wir dir kundgetan, und an dir ist es nun, dich diesem zu fügen! Siehe alsonach dort dein Element!‘
BM|0|81|5|0|Ah, ah, der Frosch fängt nun gar jämmerlich zu quaken an, und krümmt sich, und windet sich, und bittet nun ganz entsetzlich, dass ihn die zwei noch am trockenen Land belassen möchten, so es schon für ihn keine Gnade und kein Erbarmen mehr gäbe.
BM|0|81|6|0|Der eine spricht: ‚Solange du den vorgezeichneten Weg nicht wandeln wirst, kann dir nicht geholfen werden!‘
BM|0|81|7|0|Nun steigt der Frosch gar elend dem Meer zu und stürzt sich da in dasselbe; und nun ist nichts mehr von ihm zu entdecken, denn die große Flut scheint ihn auf ewig verschlungen zu haben. O du armer Frosch! Ich muss dir, Bruder Borem, sagen, dass mich der arme Frosch nun tiefst dauert. Aber es war ja des Herrn Wille also, und so ist es auch gut! Aber er, der arme Frosch, dauert mich dennoch!
BM|0|81|8|0|Nun aber geht der Alte auch ans Ufer und spricht: ‚Hat meine arme Tochter beim Herrn kein Erbarmen gefunden, so will auch ich keines und stürze mich aus Liebe für meine arme Tochter auch in ihr ewig verdammliches Los!‘
BM|0|81|9|0|Mit diesen Worten stürzt er sich zwar auch in das Meer, aber dieses lässt ihn nicht untergehen, da es nicht sein Element ist. Bruder, das ist merkwürdig, der geht im Wasser nun herum wie unsereiner auf trockenem Land und sucht klagend seine Tochter! Was doch da noch alles herauswachsen wird?
BM|0|81|10|0|Aha, aha, da sieh, nun werden auch die anderen Frösche kleiner und kleiner und steigen zu den zwei weißen Männern! Nun sind sie an ihren Füßen und belecken dieselben. Es ist wirklich überaus merkwürdig: Wie groß haben sich diese Frösche doch ehedem gemacht! Und nun sehen sie klein aus wie auf der Erde die Unkelchen sind. Hörst du, liebster Bruder, die müssen doch eine ungeheuer zähe Haut haben, dass sie bei einer solch immensen Aufblähung nicht zerborsten ist!
BM|0|81|11|0|Sapperment, wenn da eine in ihrer höchsten – verstehst, ich meine wie sie sich am allerärgsten aufgebläht hatte, zerborsten wäre! O jemine, o jemine, das wäre eine Explosion gewesen! Ich glaube, die hätte dieses Meer auf eine halbe Ewigkeit zurückgetrieben. Wenn auf der Erde so etwas Dehnbares, wie da die Haut dieser Frösche ist, könnte erfunden werden, da wäre es mit dem Gummielastikum rein aus!
BM|0|81|12|0|Du musst mir schon vergeben, liebster Bruder, dass ich mir manchmal noch solche Bemerkungen erlaube, die, weißt du, meiner Gewohnheit nach so einen humoresken Anstrich haben. Aber es bringts hier wirklich die Sache selbst mit sich, die an sich selbst betrachtet, wirklich im höchsten Grad komisch ist! So kann ich mir nun die Trillionen Falten denken, in die die Haut dieser Frösche nun zusammengeschrumpft sein wird; und das ist schon wieder komisch!
BM|0|81|13|0|Ich weiß es wohl, dass in den Augen des Herrn, wie auch denen eines Engels, alle diese Erscheinungen voll des höchsten göttlichen Ernstes sind. Aber dessen ungeachtet haben sie doch für unsereinen etwas oft sehr Komisches in und an sich. So hat der Herr auch sicher nicht gelacht, als Er dem Esel seine zwei langen Ohren angesetzt hat. Aber unsereiner muss ja da lachen, wenn man so einen langohrigen Philosophen ansieht, wenn man auch weiß, dass dem Esel seine zwei langen Ohren ebenso notwendig sind, als dem Vogel seine kaum sichtbaren.
BM|0|81|14|0|Wie es aber auf der Erde eine Menge dummscheinende und somit komische Erscheinungen gibt, so gibt es auch hier dergleichen nun genug, aber freilich nicht für alle, sondern nur für Wesen meinesgleichen. Ich werde vielleicht mit der Zeit, so hier auch noch von einer Zeit die Rede sein kann, auch an diesen Erscheinungen nichts mehr Komisches finden. Aber für jetzt und in diesem meinem Zustand ist es mir rein unmöglich, das Humoreske ganz beiseite zu setzen.“
BM|0|81|15|0|Spricht Borem: „Macht nichts, macht nichts, lieber Bruder! Auch ich bin kein Kopfhänger, und der Herr schon am allerwenigsten. Aber dessen ungeachtet muss die sogenannte Spottlache aus den Himmeln rein verbannt sein, weil in ihr doch eine geheime Schadenfreude versteckt ist, so wie in einer übertriebenen Neugierde.
BM|0|81|16|0|Aber diese deine Bemerkung über die große Dehnbarkeit der Haut dieser erscheinlichen Frösche ist nichts als eine deinem Geist angeborene Witzelei, die gar keine Bösartigkeit in sich fasst. Mit der Weile wirst du über diese deine wässrigen Witze selbst lachen, wenn du innewirst, wie wenig Gehalt sie haben. Nun aber wende dein Augenmerk nur wieder deinen Unkelchen zu und habe Acht, was da mit ihnen weiter geschieht!“
BM|0|81|17|0|Spricht der Bischof Martin: „Ja, ja, du hast recht; ich hätte mich beinahe verplauscht! Ich sehe sie schon! Sie belecken noch die Füße der beiden Männer, und einige quaken sie nun an, aber ich verstehe nun nichts von dieser Quaksprache. Das wird schon zu echt quakisch sein?
BM|0|81|18|0|Wahrscheinlich werden sie die beiden Boten auch um eine allgemeine Amnestie angehen? Aber diese scheinen sich auf diese quakische Sprache auch nicht zu verstehen und zeigen ihnen das Meerwasser. Die Fröschlein aber quakeln nun noch ärger und steigen den zweien auf die Füße; aber das nützt ihnen nichts. Die beiden bedräuen sie, und die Frösche hüpfeln nun dem Meer zu und nun – husch – in dasselbe!
BM|0|81|19|0|Und nun ist’s gar! Kein Frosch und kein Fröschlein ist nun mehr zu sehen. Nur die Alten stehen noch am Ufer, starren hinab in die Tiefe, um von ihren Töchtern etwa doch noch das letzte Skorpionschweifspitzel zu entdecken. Aber sie entdecken nichts, wie auch der erste nichts, der noch immer auf dem Wasser herumgeht und seine Tochter sucht. Er ruft einige zu sich und sagt, dass da das Wasser fest wäre wie ein Stein.
BM|0|81|20|0|Aber die anderen Alten wollen dieses Wassers Härte dennoch mit ihren Füßen nicht probieren, sondern kehren zu den zwei weißen Männern zurück, und fragen sie bittend, was denn nun aus ihren Töchtern geworden ist, ob sie nun etwa auf ewig verloren sind.
BM|0|81|21|0|Die beiden aber geben ihnen nun keine Antwort und begeben sich von dannen aufs Meer, und wandeln in eine weite Ferne hinaus.
BM|0|81|22|0|Die Alten starren nun hinaus wie Verzweifelte, und einige versuchen nun auf dringliches Zuraten des einen, ihre Füße aufs Wasser zu setzen – und siehe, es geht! Nun rennen alle hinaus und wollen den zweien nachrennen, aber es geht mit dem Rennen nicht recht vorwärts, denn die Oberfläche des Wassers muss äußerst glatt und heikel sein, weil diese alten Renner in einem fort übereinander herfallen. Der erste, der sich ins Wasser stürzen wollte, kommt so ziemlich gut fort. Aber die anderen fallen dir in einem fort hin und kommen fast gar nicht von der Stelle. No, diese werden wohl etwa auch das erste und letzte Mal auf dieses wahre Eis tanzen gehen!
BM|0|81|23|0|Nun möchte ich aber doch wissen, was nun so ganz eigentlich mit diesen Damen oder nun Fröschen geschehen wird. In der Hölle werden sie etwa doch nicht sein, da sie hier als wahre Statuen noch alle zu sehen sind. Wie aber nun ihr etwa doch noch außerhöllischer Zustand beschaffen sein dürfte, das wird der Herr sicher besser wissen und sehen als ich.
BM|0|81|24|0|Aber sage mir doch, liebster Bruder, was hat denn das alles so ganz eigentlich für einen Sinn und was für eine Bedeutung: die Froschgestalt, dieses Meer nun, das Hineinstürzen der Frösche, und dass die Alten nicht untergehen, und dass die zwei weißen Boten sich nun so weit entfernt haben?
BM|0|81|25|0|Siehe, ich habe das nun wohl alles mit angesehen und habe so manches daraus gelernt. Aber so ich dir den eigentlichen Sinn alles dieses nun Geschauten erläutern solle, da ginge es mir ganz verzweifelt schlecht. Sage mir daher gütigst wollend, was das alles bedeutet?“
BM|0|81|26|0|Spricht der Borem: „Alle – besonders weibliche Wesen, die sich dem Geistigen zugewandt haben und beten und fasten, zwar wohl des Himmels wegen, aber dabei auch die weltlichen Vorteile sehr stark berücksichtigen, erscheinen in der Abödung ihres Naturmäßigen als allerlei Amphibien, als Tiere, die sich auch in zwei Elementen aufhalten und in selben leben können!
BM|0|81|27|0|Das Meer stellt nun ihr Naturmäßiges dar, das ihnen bei ihren irdischen Lebzeiten mehr am Herzen lag als das Geistige. Darum auch müssen sie sich nun in dasselbe stürzen und im selben das Eitle ihrer weltlichen Bestrebungen erproben. Also stellt das Meer auch die Masse ihrer großen Dummheit dar, in die sie nun bis auf den Grund eingehen müssen, um sie als solche zu erkennen. Die Schlangenköpfe dieser Frösche bedeuten die verschiedene hochmütige Bosheit und oft kluge Berechnung zur Ausführung derselben. Die Skorpionschwänze aber bezeichnen ihr hinterlistiges Wesen, zufolge dem sie jene, denen sie schaden wollten, hinter dem Rücken packten und verwundeten. Verstehst du das?“
BM|0|81|28|0|Spricht der Bischof Martin: „Bruder, ich verstehe das nun sehr gut, denn ich habe dergleichen gleisnerische, ultrapapistische Machinationen auf der Erde leider nur zu viele kennengelernt und musste als Bischof dazu beide Augen fest zuschließen! Verstehst du, Bruder? Und warum? Das wirst du auch sicher wohl verstehen!“
BM|0|81|29|0|Spricht Borem: „O ja, o ja, nur zu gut und beinahe zu klar! Aber nun höre weiter! Die Alten, die ursprünglich dumm waren, und ihrer meistens hochadeligen Geburt wegen auch nie zu einem anderen als nur zum pfäffisch-aristokratischen Licht gelangt sind, und daher auch alle die pfäffischen Bestimmungen zumeist für echt himmlische ansahen, und ihre Töchter an solche Pfaffen mit einer starken Mitgift verkauften; diese sind nun noch viel zu dumm, als dass sie auf den Grund ihrer eigenen Dummheit eindringen könnten. Daher steigen sie auf selber herum wie der Esel am Eis und fallen in einem fort – bis auf den einen, der etwas weiser ist und sich seine Dummheit mehr dienstbar gemacht hat als die anderen. Verstehst du auch das?“
BM|0|81|30|0|Spricht Bischof Martin: „O ja, liebster Bruder, das versteh ich nun auch non plus ultra! Da hätten wir dann ja so einen wahrsten Aristokratenschwindeltanz vor uns!“
BM|0|81|31|0|Spricht Borem: „Ja, ja, so ist’s! Aber nun merke wohl auf den weiteren Verfolg dieser Szene; denn der erste Akt ist nun abgespielt und der zweite wird sogleich seinen Anfang nehmen. Da wirst du erst Dinge zu Gesicht bekommen, zu denen du sicher die seltensten Gesichter machen wirst!“
BM|0|81|32|0|Spricht Bischof Martin: „Freue mich schon darauf! Nun werde ich die Vorfälle auch sicher besser verstehen als ich sie bis jetzt verstanden habe; also nur zu und weiter in der Art! Nur die Entfernung der beiden Weisen hast du, liebster Bruder, mir noch zu erklären vergessen, weißt du, um die ich dich auch gefragt habe.“
BM|0|81|33|0|Spricht Borem: „O nein, lieber Bruder, das mitnichten; denn hier vergisst man nie etwas! Aber die Bedeutung dieser Erscheinung, wie noch gar vieles, musst du selbst suchen und finden, auf dass du eine Übung haben sollst, dich in den rein himmlischen Beschäftigungen aus dir selbst zu üben. Versuche es nur einmal und du wirst dich gleich überzeugen, wie weit deine Weisheit schon reicht!“
BM|0|81|34|0|Spricht Bischof Martin: „Ja so, ja so; das ist freilich etwas ganz anderes! Weißt du aber nun, da du mir schon die anderen Dinge erläutert hast, so geht es nun mit dieser Erklärung freilich eben nicht zu schwer, wie es mir nun vorkommt. Ich denke darüber nun so:
BM|0|81|35|0|Die zwei Weisen sind gleich wie ein himmlisches Öl. Und diese alten, dummen Aristokraten sind wie ein irdisches Pechöl, das da überaus schmutzig ist und ganz verzweifelt stark stinkt. Dass das himmlische Öl neben diesem Pechöl nicht länger aushalten kann, das wird etwa wohl mit den Händen greiflich sein?!“
BM|0|81|36|0|Spricht Borem: „Richtiger als du es nun noch selbst zu fassen imstande bist; aber was du nun noch nicht bis auf den Grund des Grundes fasst, das wirst du in der Folge fassen. Daher denke nun nicht weiter über diese Sache, sondern wende deine Augen nun wieder in das Hinterhaupt dieser Dame; da wird sich dir bald die vollste Löse von selbst darbieten.“
BM|0|81|37|0|Spricht Bischof Martin: „Bruder, bin schon dabei, bin schon ganz vollkommen dabei! Bis jetzt ist zwar noch alles beim Alten; aber das macht nichts, es wird schon kommen; ja, ja, dort kommt schon was!“
BM|0|82|1|1|Fortsetzung des Schauspiels mit den Herz-Jesu-Damen. Der höllische Sturm auf dem Meer wird in einen Sack gelockt. Borems Erläuterung
BM|0|82|1|0|[Bischof Martin:] „Aber was etwa doch das ist?! Sieh, dort aus dem tiefen Abend heraus entsteigen dem Meer ganz dichte Wolkenmassen etwa so, wie ich sie manchmal vor schweren Gewittern auf der Erde hinter den Bergen habe aufsteigen gesehen. Diese Wolkenmassen ziehen sich stets näher und näher und es blitzt aus ihnen schon ganz entsetzlich.
BM|0|82|2|0|Auch sehe ich nun eine Menge großer und kleiner Wasserhosen vor dem schwarzgrauen Gewölk einherziehen. Das sieht nun einmal ganz frappant drohend aus! Unsere Alten entdecken nun auch solchen heranziehenden Sturm und bemühen sich nun nach allen ihren Kräften, das sicherere Ufer zu erreichen. Wie sie arbeiten mit Händen und Füßen und wie oft sie da hinfallen!
BM|0|82|3|0|Nein, das ist ja, wie man zu sagen pflegt, der Welt ungleich! Und doch scheint ihnen ihre Mühe wenig zu nützen; denn statt näher kommen sie nur stets weiter weg vom Ufer. Ah, das muss eine sehr fatale Situation für diese Alten beiderlei Geschlechtes sein!
BM|0|82|4|0|Ich sehe wohl auch noch die zwei weißen Männer draußen in weiter Ferne gegen Mittag, gerade wie zwei Sterne glänzen. Aber sie scheinen sich um diesen herannahenden großen Sturm nicht im Geringsten zu kümmern. Und siehe, dieser kommt stets näher und näher, und das mit Begleitung von nun schon über tausend Wasserhosen und zahllosen Blitzen! Auch donnern höre ich nun schon ganz entsetzlich, und Orkane heben die Wasserwogen nun auch schon zu Bergen hoch empor. O Tausend, Tausend, das Ding sieht nun recht schlimm aus!
BM|0|82|5|0|Aber nur die Alten, die Alten! Ah, was die zusammenarbeiten, und doch ist alle ihre Mühe und Arbeit vergeblich! Da sieht man wohl so ganz klar, was ein Mensch gegen solche unerhörten Kraftäußerungen vermag. Wenn mit dem Menschen nicht eine Gotteskraft wirkt, dann ist er die allerbarste Null in der ganzen Unendlichkeit. Aber neugierig bin ich nun ganz absonderlich, was da noch alles zum Vorschein kommen wird.“
BM|0|82|6|0|Spricht Borem: „Gebe nun recht Acht und du wirst es gleich sehen, wohin sich dieser Sturm wenden wird! Sei unbesorgt um die Alten, die sich da abmühen, das Ufer zu erreichen, um dem herannahenden Sturm zu entgehen; ihnen geht er nichts an. Aber jene zwei weißen Boten draußen im Mittag, die sind die Zielscheibe der Rache nun, darum sie den Bitten dieser Damen kein willfähriges Ohr geliehen haben.
BM|0|82|7|0|Siehe, das ist nun schon so ein bisschen höllisch; aber nur so anflugsweise. Denn da diese auf den Grund ihrer Dummheit gekommen sind, da fanden sie auch noch so einige Überreste vom irdischen Aristokratenstolz und mit selbem verbundener Herrschsucht. Diese Überreste entzündeten sich an der Flamme der sie demütigenden Erinnerung, wie sie von den zwei Boten auf die vermeintlich schnödeste Art in Frösche verwandelt und dann nach ihrer Meinung unbarmherzig ins verfluchte Meer getrieben wurden.
BM|0|82|8|0|Da solche Überreste auf solche Art bei ihnen in den Brand gerieten, so ergriff dieser Brand auch bald ihr ganzes Wesen, trieb sie an den Rand der ersten Hölle und verschaffte ihnen dort sogleich eine Menge gleichgesinnter und gleichbeschaffener Gehilfen. Mit diesen vereint ziehen sie nun in jenen Sturmwolken einher und wollen nun Rache nehmen an den zweien und hernach aber auch an allen, die die zwei abgesandt haben! Gebe nun Acht, denn die Hauptsache wird nun sogleich angehen!“
BM|0|82|9|0|Spricht Bischof Martin: „Ich danke dir und vor allem dem Herrn für diese Erklärung. Aber neben diesem Dank muss ich dir nun auch bekennen, dass ich nun auf diese Greteln einen förmlichen Ärger in mir empfinde, während mich früher wirklich eine Art von Barmherzigkeit ergriffen hatte. Wenn ich nun so die Kraft von jenen zwei Boten hätte, sapperment! Da ginge es diesen Sturmheldinnen schlecht! Aber ich hoffe, diese zwei werden sich wohl auch gegen diese saudummen, grauslichen Kreaturen zu verteidigen verstehen?
BM|0|82|10|0|Schau, der Sturm beugt sich nun wirklich in einem rechten Winkel gegen Mittag, und Blitze zucken schon millionenweise nach jenen zwei Weißen hin, die noch fortwährend ganz unbeweglich gleich den Fixsternen Castor und Pollux dort im fernen Mittag weilen. Sapperment, wie das Meer gewaltig wogt und wie der Sturm saust und braust und tobt!
BM|0|82|11|0|Aber, nur die armen Alten schaue du an, was sich diese zerplagen! Sie können nun gar nicht mehr stehend sich erhalten, sondern hocken und kriechen auf Händen und Füßen. Nein, die müssen nun ja eine wahre Höllentortur ausstehen! Oh, oh, oh, nun trennt sich ein Fetzen von einer Wolke und fliegt zu den Alten herüber! Was wird denn da daraus?
BM|0|82|12|0|Schau, schau, dieser Fetzen umhüllt nun den ersten Alten, der sich ins Meer stürzte, und trägt ihn heraus ans Ufer! Nun ist er da. Das ging schnell wie ein Blitz! Und nun, da sieh, da sieh! Nun, ah, ah! Nun sammelt sich der Wolkenfetzen, wird kleiner und kleiner und sieht stets mehr einer menschlichen Gestalt ähnlich!
BM|0|82|13|0|Ah, ah, sieh, sieh, das ist ja gar eine Dame, und zwar die erste – gerade die, deren Hinterhaupt ich nun beschaue! Sie tröstet ihren Vater und liebkost ihn sogar; und der Alte ist darob nun ganz selig, dass er seine für ewig verloren geglaubte Tochter in ihrer wahren Gestalt nun wieder in seinen Armen besitzt. Das ist sehr rührend, ich muss es offen gestehen! Aber die anderen, die anderen, die stürmen nun darauf los, dass es eine barste Schande ist!
BM|0|82|14|0|Ah, ah, ah; nun erschaue ich auch die Avantgarden [Vorhut] des Sturmes! Da gibt es ja ein unzähliges Heer von lauter Drachen und Krokodilen und Gott weiß was alles noch für Geschmeiß. Das gibt erst den Hauptlärm!
BM|0|82|15|0|Das Brüllen, das Pfeifen, das Zischen! Das Meer siedet förmlich unter den Sturmwolken und sieht schon ganz glühend aus. Große Feuerbälle wälzen sich in den Wolken herum, und einige sind nun schon ganz in der Nähe der zwei, die nun besser sichtbar sind als ehedem.
BM|0|82|16|0|Aber nun kehren sich die beiden um und bedräuen den Sturm. Aber dieser weicht nicht, sondern, wie es sich zeigt, so wird er nur intensiver und rasender.
BM|0|82|17|0|Nein, die Sache sieht sonderbar aus! Da sieh, da sieh! Die beiden nehmen nun förmlich Reißaus und schweben in größter Eile herüber zu den zweien am Ufer, nämlich zu dem Alten, den seine Tochter noch ganz zärtlich kost. Sie sind auch schon da, Gott sei’s gedankt, und begrüßen den Alten samt seiner Tochter gar sehr freundlich. Ah, das ist sehr schön, herrlich und rührend; aber nun wendet sich der Sturm auch hierher!
BM|0|82|18|0|Nein, dieser wahre Frosch- und anderes Geschmeiß-Sturm ist ja über alle Maßen keck! Bin doch neugierig, was da noch alles herauskommen wird?“
BM|0|82|19|0|Spricht Borem: „Gebe nun nur unausgesetzt Acht, nun kommt die Entwicklung dieses zweiten Aktes! Da wirst du ein bisschen von einem Gericht zu Gesicht bekommen, denn hier wird eine große Löse vor sich gehen!“
BM|0|82|20|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, Bruder, ja, da wird es freilich eine große Löse geben müssen, bei der es für den Himmel sicher wenig gute Körner, für die Hölle aber überaus viel wertloseste Spreu abgeben wird. Aber nun nur wieder fest das Auge in die vorliegende Szene gesteckt!
BM|0|82|21|0|Da, da sieh! Der Sturm naht sich dem Ufer! Der Alte und seine gerettete Tochter haben eine große Furcht vor demselben; aber die zwei weisen Boten vertrösten sie und sagen nun deutlich vernehmbar:
BM|0|82|22|0|‚Fürchtet euch nicht vor dieser Spiegelfechterei, denn sie ist bloß ein Schein ohne Sein. Wenn die Blindheit rast, da haben die Sehenden gut ausweichen! So da wären tausend blinde Krieger gegen einen Sehenden und möchten gegen ihn ziehen mit Schwertern und Lanzen, sagt, was wohl würden sie gegen einen einzigen wehrfähigen, wohlerfahrenen Krieger ausrichten? Siehe, dieser einzige würde sie alle gar leicht umbringen!
BM|0|82|23|0|Viel leichter aber als auf der Welt geht es hier in der Geisterwelt, in der die Blindheit solcher Geisterlein auch mit der Taubheit geschlagen ist. Glaubt es fest, dieses gesamte Sturmgeschmeiß fangen wir zwei leicht in einen Sack hinein und können sodann mit ihnen tun, was wir wollen. Gebt nur recht Acht, und ihr werdet sogleich sehen, was da geschehen wird!‘
BM|0|82|24|0|No, dass die zwei Weißen mit dem Alten und seiner Tochter schon recht auf einem freundlichen Fuße stehen, das ist nun ganz klar, und ich bin dessen sehr froh; aber wie die zwei der großen Wut des dem Ufer stets näher kommenden rasendsten Sturmes begegnen werden, und wie ihn gar in einen Sack einsperren – das zu sehen wird wohl ganz außerordentlich der Mühe wert sein!
BM|0|82|25|0|Nun sind die noch am Wasser befindlichen Alten schon ganz in die Sturmwolken gehüllt und schreien nun ganz entsetzlich um Hilfe. Aber es erscheint von keiner Seite [Hilfe], außer dass sie der Sturm selbst durch seine Kraft dem Ufer näher schiebt, ungefähr so, als wenn ein starker Wind Gegenstände, die auf einer Eisfläche lägen, vor sich hinschöbe.
BM|0|82|26|0|Nun sind die Alten endlich auch einmal am Ufer und der Sturm schleudert nun Millionen Blitze gegen die zwei. Diese aber breiten nun im Ernst einen großen Sack auf. Und der eine spricht nun zum Sturm: ‚Höre, du wildes Ungetüm – hier in diesen Sack ziehst du ein oder zur Hölle – was dir lieber ist!‘
BM|0|82|27|0|Schrecklich erdröhnt nun ein mächtigster Donner, zahllose Blitze schießen nun aus dem stets kleiner werdenden Sturmwolkenknäuel nach allen Richtungen hin. Und nun steckt mitten durch die Wolkenmasse ein scheußliches Ungeheuer einen gar schrecklichst aussehenden Kopf hinaus und sperrt den Rachen dir aber schon so weit auf, als so er die ganze Gotteserde mit einem Druck verschlingen wollte!
BM|0|82|28|0|Ah, das sieht dir schon entsetzlich schrecklich aus! Aber unsere zwei scheinen gar keine Furcht vor diesem Schrecknis zu haben, sondern der eine sagt noch einmal: ‚Sack oder Hölle!‘
BM|0|82|29|0|Oh, oh, oh! Da sieh, nun schrumpft der ganze ungeheure Sturmwolkenknäuel samt dem ungeheuer großen Kopf in einen Knäuel, der kaum größer ist als ein Fünf-Eimer-Fass, zusammen, rollt nun gegen die Mündung des Sackes und durch diese nun schon wirklich in den Sack hinein!
BM|0|82|30|0|Wahrlich, das ist nun wirklich dem Anschein nach ein rechter Spaß! Ah, ah, der ganze Sturm in einem Sack! Das sieht aber doch geradeso aus, als befände man sich vor einem leibhaftigen Märchen von Tausendundeiner Nacht! Was wird denn da nun weiter geschehen?
BM|0|82|31|0|Der Sturm liegt nun in diesem veritablen Strohsack so ruhig, als so er nie einer Bewegung fähig gewesen wäre. Wahrlich, das ist doch ein höchst burleskes Bild! Der ganze ungeheure Sturm mit allen seinen drohendsten Schrecknissen in einem Strohsack! Bruder, wenn hinter dieser Erscheinung auch etwas Weises steckt, so will ich doch alles heißen, was du mich nur immer heißen magst!“
BM|0|82|32|0|Spricht der Borem: „O Bruder, darin liegt eine überaus weise Bedeutung! Hast du denn nie gehört, wie die rechten Büßer in Sack und Asche Buße gewirkt haben, um die Vergebung ihrer vielen und großen Sünden von Gott dem Herrn zu erlangen?
BM|0|82|33|0|Siehe, hier ist diesen Sturmhelden durch die zwei Boten ob ihrer ausgelassensten Bosheit ein Gericht verkündet worden, nämlich die Wahl zwischen selbstzuwählender Bußdemütigung – d. i. einzugehen in den Sack – oder aber im entgegengesetzten Fall durch göttliche Macht genötigt einzugehen in die Hölle des ersten Grades, die da ist die äußerste Demütigung und tiefste Beschämung der Seele!
BM|0|82|34|0|Das erste frei zu wählende Gericht kann einer Seele zum Leben gereichen, so sie dieses mit Beharrlichkeit an sich vollführt und sich von einem falschen Ehrgefühl davon nimmer abwendig machen lässt. Das zweite Notgericht zur Hölle aber gereicht der Seele nur zum Tode, weil dieses Gericht ein über sie erlassenes ist für den Fall, dass sie nimmer in eine Selbstdemütigung eingehen will, sondern nur gedemütigt werden muss, zur Sicherung anderer Seelen, die durch so einen freigelassenen Hochmut einer einzigen Seele großen Schaden leiden könnten. Ob und wie aber solche zur Hölle gerichtete Seelen auch noch zum Leben gelangen und welche weiteren Wege sie geführt werden, das weiß allein der Herr und der, dem es der Herr allzeit höchst geheim offenbart.
BM|0|82|35|0|Siehst du nun, welch eine weise Bedeutung nun dein Strohsack bekommt? In einen Sack gehen heißt: sich in allen seinen Lüsten und Begierden gefangen nehmen und sich in solcher Eigengefangennehmung von selben losmachen und sogestaltig dann als ein neues gottwohlgefälliges Geschöpf aus so einem Sack hervorgehen. Verstehst du nun diese dir so närrisch vorkommende Erscheinung?“
BM|0|82|36|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, Bruder, ja, ich verstehe sie nun bis auf den Grund, und zugleich aber auch daneben, dass ich noch ein sehr großer Esel und Ochse bin! O lieber Bruder, du musst mehr denn eine himmlische Geduld haben, dass du mich nicht auch so in einen Strohsack hineinschichtest!“
BM|0|82|37|0|Spricht Borem: „Lass das gut sein. Ich sage dir, wie ich dir schon gesagt habe, du bist einem großen und herrlichen Ziel nahe. Bearbeite nun fleißig dein Herz und gebe nur auf alles Acht, so wirst du bald die große bevorstehende Löse an dir selbst gewahr werden.“
BM|0|83|1|1|Martins Sehnsucht nach dem Herrn. Das Auslesen der Fische. Der Kelch, das Gefäß der Gnade, und andere Entsprechungen. Martins Geisteslöse beginnt
BM|0|83|1|1|(Am 1. Februar 1848)
BM|0|83|1|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, der Herr gebe sie (die Löse) mir lediglich nach Seiner Gnade, so wie auch allen diesen, die nun noch mehr oder weniger blind sind. Denn solange man hier in diesem Reich, in dieser Welt der Geister nicht vollends zu Hause ist, kann man auch nie zu einer vollen inneren, seligen Zufriedenheit gelangen. Zu Hause aber kann man hier nirgends sein als allein im Haus des Herrn, ja – im heiligsten Vaterhaus. Meine höchste Sehnsucht ist demnach, sobald als möglich beim Herrn zu sein. Und so will ich denn nun auch auf jedes Pünktchen genauest Achtung geben, auf dass ich ja bald der großen Löse möchte gewürdigt werden. Also nun nur wieder das Auge ins Hinterhaupt dieser Dame geheftet!
BM|0|83|2|0|Oho, oho, die zwei wälzen nun den Sturmsack an das Ufer! Was lauter wird denn nun da vor sich gehen? Sie werden etwa doch nicht zum zweiten Mal den Sack, oder vielmehr dessen Inhalt, dem Meer übergeben? Der Alte samt seiner Tochter helfen auch diesen Sack an das Ufer fördern. Aber die anderen Alten sehe ich mit ängstlichen Blicken der weiteren Begebnisse harren. Sie scheinen nicht in der Kenntnis zu sein, was dieser Sack enthalten dürfte?
BM|0|83|3|0|Aha, nun ist der Sack am Wasser und wird nun aufgelöst! Was wohl wird da doch alles herauskommen? Oh, oh, da sieh nun hin! Eine große Menge Fische kommen nun zum Vorschein, große und kleine, frische und auch faule, an denen ich keine Regung und Bewegung wahrnehmen kann.
BM|0|83|4|0|Nun fangen die beiden die faulen von den frischen zu sondern an und werfen sie [die faulen] ins Meer; aber die frischen legen sie in ein herrliches Gefäß. Dieses Gefäß sieht dir aus wie ein überaus großer Kelch und glänzt, als wäre er aus Silber oder Gold. Wo sie aber nur in der Geschwindigkeit diese Dinge hernehmen, von denen man früher nichts sieht. Sind sie aber vonnöten, da sind sie auch schon da, als so sie hingezaubert werden möchten. Aber es ist mir nun schon begreiflich, wie derlei Dinge hier entstehen; sie sind aus der Ordnung Gottes heraus notwendig. Der Herr will sie, und sie sind da! Nicht wahr, du mein geliebtester Bruder Borem?“
BM|0|83|5|0|Spricht Borem: „Ja, so ist es; denn du weißt es nun schon in dir, dass der Herr alles in allem ist. Und so ist es dir ja nun auch schon ein Überleichtes, aus dem Grunde einzusehen, von woher alle die Wunder, die du hier in großer Fülle erschaust, kommen! Gebe nun nur wieder weiter Acht!“
BM|0|83|6|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, Bruder, ich wende nun meine Augen gar nicht mehr ab und sehe soeben, wie der Kelch größer wird samt dem Gestell. Aber wie ich’s nun merke, so wird er nicht höher, aber dafür desto umfangreicher. Nun sehe ich die Fische im selben ganz überaus munter herumschwimmen, wie ich auf der Erde oft die Goldfischlein in einem gläsernen Gefäß herumschwimmen sah; nur sind diese Fische sehr bedeutend größer.
BM|0|83|7|0|Diese Fische sind sicher die früheren Damen, die als hässliche Frösche in das Meer wandern mussten. Aber warum sie hier in einem Kelch nun als Fische vorkommen, und warum eine Menge faule oder tote wieder in das Meer zurückgeworfen worden sind, darüber kann ich in mir noch nicht so den ganz eigentlichen rechten Grund finden. Ich fühle wohl so eine leise Ahnung, wie sich die Sache verhält; aber aussprechen kann ich es noch nicht.
BM|0|83|8|0|Aber halt, nun durchzuckt mein Inneres plötzlich ein heller Gedanke! Ja, ja, so ist es, nun habe ich es schon: Der Kelch bezeichnet das Gefäß der Gnade und Erbarmung des Herrn, in das diese Damen nun aufgenommen worden sind. Und das Wasser in diesem Gefäß ist ein lebendiges, in dem diese Damen – nun noch in Fischgestalten – bald in Menschengestalten umgewaschen werden. Das Wachsen des Kelches deutet auf die Mehrung der Gnade und Erbarmung, und die Gestalt der Fische scheint die der demütigen, freien Buße zu sein und überhaupt von allen Menschen, die voll freien Willens für das Gottesreich durch das Wort Gottes gefangen werden oder sich vielmehr willig fangen lassen; darum der Herr Selbst schon die Apostel ‚Menschenfischer‘ benannt hat!
BM|0|83|9|0|Was aber die faulen Fische betrifft, die da ins Meer geworfen worden sind, so steht dasselbe Bild, das der Herr Selbst aufgestellt hat, schon ohnehin im Evangelium, das da ist eine wahrhaftigste, allerbeste Botschaft oder Kunde aus den Himmeln, und kann daher unmöglich etwas Arges in sich fassen. Dass aber die Fische im Kelch offenbar wenigstens vorderhand besser daran sind als jene ins Meer geworfenen, daran ist auch gar nicht zu zweifeln! Was meinst du nun, liebster Bruder, habe ich diese Sache recht aufgefasst?“
BM|0|83|10|0|Spricht Borem: „Gott dem Herrn alle unsere Liebe! Bruder, freue dich, und frohlocke hoch im Herrn! Denn nun bist du in deinem Geiste vom Herrn entbunden worden! Siehe, die Seele hat das nicht, sondern allein dein Geist, den der Herr nun in dir erweckt hat in der Fülle; und darum begreifst du nun solches, das da ist rein der Himmel Gottes. Und siehe, das ist der Anfang der Löse, von der ich nun schon öfter mit dir geredet habe, und zugleich das Ende des zweiten Aktes dieses großen Geistesdramas!
BM|0|83|11|0|Deine Erläuterung des in der vorliegenden Szene Geschauten war richtig und wahr in allen Teilen, obschon du noch nicht in der Vollsehe bist. Aber was dir noch mangelt, das wird dir der dritte Akt geben durch die endlose Gnade des Herrn. Darum gebe nun nur wieder Acht; in diesem Akt wirst du die ungeheuersten Erscheinungen zu Gesicht bekommen und daneben die rechte Anschauung der wunderbarsten Wege des Herrn, auf denen Er Seine Kinder führt zum einzigen großen Ziel alles Heils und Lebens! Gebe nun Acht, dieser wichtigste dritte Akt nimmt seinen Anfang!“
BM|0|84|1|1|Beginn des dritten Aktes des himmlischen Dramas. Der Gnadenkelch mit dem siedenden Wasser und der höllische Wall
BM|0|84|1|0|Spricht Bischof Martin: „Bin schon dabei und schaue mit der größten Gespanntheit auf die Szene, die nun noch ganz unverändert vor meinen Blicken weilt. Der Kelch ist nun schon sehr groß; er dürfte nun nach irdischem Maß schon mehrere Klafter im Umfang haben. Und so viel ich’s nun mehr hellen Blickes beobachten kann, so kommt es mir vor, als wachse er noch immer.
BM|0|84|2|0|Die beiden stehen am Rand dieses nun über alle menschlichen Begriffe großen Kelches. Auch der Alte mit seiner Tochter betrachtet diesen Kelch mit der größten Aufmerksamkeit. Die anderen Alten aber lugen von einer kleinen Ferne auf diesen Kelch ungefähr so, wie auf der Welt die Ochsen auf ein neues Tor oder gar in ein spanisches Dorf.
BM|0|84|3|0|Die Fische im Kelch sind nun schon sehr groß und schwimmen äußerst munter in dem großen goldenen Becken herum. Die Köpfe bei einigen sehen schon sehr menschlich aus; alles andere ist aber wohl noch sehr stark Fisch. Ich meine, diese Fische werden zuerst eine geistige Art von Meerfräuleins und endlich gar zu wirklichen, wohlausgebildeten weiblichen Wesen?
BM|0|84|4|0|Aber was entdecke ich nun? Bruder, das ganze früher so höchst imposant aussehende Meer ist nun ganz verschwunden und statt am Meeresufer befindet sich dieser stets noch im Wachsen begriffene Kelch in der Mitte einer ungeheuer großen Ebene. Diese Ebene dürfte wohl einen Umfang von 100 Meilen haben. Der äußerste Rand scheint jedoch mit einem übergroßen, starken und hohen Wall umgeben zu sein; denn ich merke es genau, wo die Ebene aufhört und wo der Ringwall seinen Anfang nimmt!
BM|0|84|5|0|Was mir aber dabei doch höchst sonderbar vorkommt, ist, dass dieser Wall hie und da bald höher und bald wieder niederer wird. Auch bemerke ich nun hie und da, wo sich der Wall sehr stark erhöht, dass man unter ihm ganz bequem durchsehen kann. Wahrlich, eine höchst merkwürdige Erscheinung von einem Wall! Was etwa doch der zu bedeuten hat?
BM|0|84|6|0|Aber da sieh nun, da sieh, ungefähr 1.000 gute Schritte vom Kelch, der sich noch ganz in seiner früheren Ordnung befindet und zwar, wie es mir vorkommt, gerade an jener Stelle, an der früher das Kloster stand und nach seiner Zerstörung eine recht abscheuliche Pfütze zum Vorschein kam, da hat sich nun ein furchtbar großes, ganz vollkommen rundes Loch gebildet, aus dem nun ein starker Rauch emporsteigt, sich aber alsbald verliert, wie er nur einige Klafter über des großen Loches Rand gestiegen ist. Wahrlich, das sind höchst sonderbare Vorkehrungen für den dritten Akt dieses Dramas!
BM|0|84|7|0|Aber Bruder, schau du nur auch einmal den Kelch an! Ah, das ist doch über alles! Nun beginnt auch das Wasser in dem Kelch zu sieden an und dampft ganz gewaltig! Und die armen Fische strecken nun ihre Köpfe über den Rand des Kelches hervor und schreien dir ganz entsetzlich, da sie nun schon fast alle, wie ich’s bemerke, vollkommene Menschenköpfe haben; einige nur noch sehen den Seelöwen und Seekälbern eben nicht sehr unähnlich.
BM|0|84|8|0|Ah, ah, das Wasser im Kelch siedet immer ärger und dampft nun schon ganz entsetzlich stark, und die Fische, die armen Fische, die schreien dir nun schon über alle Maßen vor Schmerz! Nein, wenn diese Absiederei noch eine Weile dauert, so wird’s da ja eine Menge sicher heiß abgesottener Fische geben, die ich auf der Welt recht gerne gegessen habe!
BM|0|84|9|0|Ah, ah, ah, ah! Da sieh, da sieh, nun bekommen die Fische schon sogar Arme und ganz wohlgestaltete Hände! Mit diesen wollen sie sich nun über den Kelchrand erheben, um der großen Qual zu entgehen. Aber die Arme scheinen noch keine Kraft zu besitzen, denn jeder Fisch lässt den Rand bald wieder aus und fällt dann in das siedende Wasser jählings zurück.
BM|0|84|10|0|Ich möchte aber eigentlich nur so recht vom Grund aus erfahren, von wo aus das Wasser in diesem Riesenkelch so sehr erhitzt wird? Das siedet ja stets ärger und ärger noch, und die Fische werden nun von den Siedwogen so durcheinandergesprudelt wie ein lockerer Sand über einer heftig aufsprudelnden Quelle. Auweh, auweh; o jemine, jemine – wie doch die armen Fische nun – ah, ah, ah; das ist denn doch alles, was man sehen und sagen kann! Da sieh, wie sie nun herumgetrieben werden von den immer heftiger werdenden Siedwogen, wie sie sich krümmen und bäumen und welch Jammergeschrei dem Kelch entsteigt!
BM|0|84|11|0|Die zwei Boten aber stehen dir so stumpf da und scheinen eher ein Behagen an dieser Szene zu haben, als dass da ihren Gesichtern irgendein Mitleid zu entnehmen wäre. Nein, ich sage dir, liebster Bruder, was zu stark ist, das ist auch zu viel! Warum müssen denn diese Armen nun gar so entsetzlich gemartert werden, um die reine Menschengestalt wiederzuerlangen? Ich war ja doch auch ein Sünder non plus ultra, aber zu so einer Absiederei ist es mit mir dennoch nicht gekommen! Und Gott sei Dank, ich bin dennoch ein Mensch, wennschon gegenwärtig noch in meiner Bauernkleidung steckend!“
BM|0|84|12|0|Spricht Borem: „Bruder, das Wort ‚Erscheinlichkeit‘ vergesse nicht! Du siehst doch diese Damen noch alle hier ganz wohlerhalten in Reihe und Glied stehen; wie kannst du dann ängstlich werden wegen dem, was nun in ihrem Inneren vorgeht? Es ist die innere Welt des Menschen freilich wohl die eigentliche wahre Welt. Aber darum bleibt der Mensch dennoch Mensch und wird als solcher nur stets edler und edler, je mehr sein Inneres bewegt und in eine große Tätigkeit gebracht wird.
BM|0|84|13|0|Du meinst freilich, dass du ohne solch eine Absiederei dennoch die Menschengestalt beibehieltest. Ich aber versichere dir, dass du hundertmal ärger gesotten worden bist im Gnadenkelch des Herrn als alle diese Damen! Wusstest du wohl darum? Wann du vollendet sein wirst und wirst zu sehen bekommen die Tätigkeit des irdischen Menschen in seinen leiblichen Lebensverhältnissen – was wirst du dann sagen, so dir der innere Herd des Lebens erschaulich wird? Wo du zahllose Feuerströme durch die ebenso zahllosen Kanäle wirst auf das Furchtbarste durcheinanderwüten und -toben sehen? Also nur so hübsch gescheit, mein lieber Bruder!“
BM|0|84|14|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, ja so, ja also ist es! Nun bin ich schon wieder beisammen! Jetzt nur zugesotten, und wenn’s nötig, auch ein bisschen gebraten dazu. Denn wer in der Liebe und Gnade des Herrn siedet und bratet, dem geht es sicher nicht gar zu schlecht! Denn so ich auch abgesotten worden bin und verspürte von solcher Absiederei wenig oder nichts, so wird’s denen wohl noch erträglicher gehen als wie da ihre Gebärden es zeigen? In Gottes Namen, wie es der Herr macht, so ist es schon am allerbesten!
BM|0|84|15|0|Aber nun sehe ich auch die Alten zu den zweien treten und bitten, dass sie auch in den siedenden Kelch zu ihren Töchtern möchten getan werden! Und richtig, die beiden gestatten es ihnen. Auch die zwei ersten, d. i. der Alte mit seiner Tochter, springen nun auch in dieses heiße Bad. Nun ist alles darinnen! O Entsetzen, Entsetzen! Jetzt arbeitet dir das glutheiße Wasser unter dieser Gesellschaft!
BM|0|84|16|0|Nein, dieses Schreien, dieses Weheklagen, dieses verzweifelte Händeringen, dieses Rufen um Hilfe und Linderung des zu unerträglich großen Schmerzes! Nein, Bruder, Erscheinung hin, Erscheinung her; so sie schmerzfähig ist, da hole sie der Kuckuck! Es müssen diese Damen schon auch etwas empfinden. Denn sieh, ich merke nun sogar an ihnen äußere Bewegungen, während sie doch früher fest und ruhig dastanden, als so sie angemauert gewesen wären!“
BM|0|84|17|0|Spricht Borem: „Nun, das ist ja gut; da kehrt ja das Leben in sie zurück! Ich meine, das wird doch etwas Gutes sein.“
BM|0|84|18|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, wenn das, da bin ich freilich schon wieder beruhigt; aber der Anblick dieser Belebung ist und bleibt doch ein höchst fataler. Da sieht es wahrlich sehr fegfeuermäßig aus!“
BM|0|84|19|0|Spricht Borem: „Was Fegfeuer, was Fegfeuer! Ich sage dir, derlei gibt es ewig nirgends! Hier siehst du nichts als das Wirken der Liebe Gottes, die da wohl ist ein Feuer alles Feuers! Dieses Feuer aber schmerzt nicht, sondern lindert nur alle Schmerzen und heilt alle Wunden, die einer Seele die Hölle zugefügt hat. Diese schreien nun freilich vor Schmerz um Hilfe und Linderung; aber diesen Schmerz bereitet ihnen nicht der siedende Kelch, sondern die Hölle, die nun von ihnen weichen muss!
BM|0|84|20|0|Denn sehe nun weiter hinaus! Betrachte den ungeheuren Wall, der diese große Fläche einschließt, und du wirst es gleich gewahr werden, dass dieser Wall nichts anderes ist als die Hölle oder der Teufel selbst in der Gestalt einer ungeheuren Schlange, die sich um diese Fläche gelagert hat und diese Begnadigten als ihre vermeintliche Beute nicht will auskommen lassen! Siehe, das ist aber dennoch alles nur eine Erscheinlichkeit, und die Fläche bedeutet das Welttümliche dieser nun Begnadigten, über das sie nicht hinaus können, weil sich um dasselbe allenthalben die Hölle gelagert hat.
BM|0|84|21|0|Siehe, dieser Wall ist es sonach, der diese nun im Kelch Befindlichen so schmerzlich drückt. Aber nun wird es nicht mehr lange dauern, so wird dieser Wall zerstört werden und wird in jenen Abgrund gestürzt werden, der sich, dir sichtbar, bei 1.000 Schritte nordwärts von diesem Gnadenkelch befindet! Gebe nun nur Acht und du wirst nun schon große Vorkehrungen dazu erschauen!“
BM|0|85|1|1|Die alte Schlange, die zwölf Gerichtsengel und der Abgrund. Der herrliche Sieg und der köstliche Preis
BM|0|85|1|0|Spricht Bischof Martin: „Richtig, richtig, ja, ja, du hast in allem recht! Hinter diesem Wall erschaue ich nun zwölf große Geister, jeder hat ein ungeheures Schwert in seiner Rechten. Ah, ah, ist aber das ein Schwert! Mit solch einem Schwert hiebe so ein Geist ja die ganze Erde wie einen Apfel auf einen Streich entzwei! O Tausend, o Tausend! Und die Geister sind dir aber schon so furchtbar groß, dass sie eine ganze Welt zwischen zwei Fingern kurzweg zerreiben könnten! O Tausend, Tausend, Tausend! Der Wall fängt nun auch stets wütender sich zu gebärden an! Bruder, das sieht ganz wie ein Jüngstes Gericht aus! Sapperment, sapperment!
BM|0|85|2|0|Aber nun bemerke ich, dass das Wasser im Kelch etwas ruhiger wird, und die ganze Badegesellschaft liegt nun unter dem trotz der Ruhe noch immer sehr stark dampfenden Wasserspiegel wie ganz tot. Man vernimmt nun auch keinen Laut mehr von ihr. Nur die zwei Boten reden nun etwas miteinander, und ich kann nicht vernehmen, was sie so ganz eigentlich miteinander abmachen. Der eine hat nun auch einen Stab in der Hand, ähnlich dem des Aaron, und hebt ihn nun in die Höhe. Was wohl wird da wieder zum Vorschein kommen?
BM|0|85|3|0|Aha, aha! Da, da sieh nun einmal hinaus auf den Wall; der wird nun stets größer, rückt stets näher herzu und erhebt seinen Rücken bald hier, bald dort zu einer erstaunlichen Höhe! Ah, das ist wahrlich furchtbar anzusehen! Nun merke ich auch recht deutlich den schrecklich aussehenden Kopf dieses Höllenungeheuers. Um Gottes willen, ist das aber eine Scheußlichkeit ohne Namen! Stets näher und näher rückt es!
BM|0|85|4|0|Nun erhebt es sein ungeheures scheußlichstes Haupt, sperrt den Rachen so furchtbar weit auf, als wollte es die ganze Schöpfung verschlingen, und richtet seinen Gang, wie ich’s nun merke, schnurgerade zum Kelch her. No, wenn es diesen packt, so wird es damit gerade einen hohlen Zahn ausfüllen können!
BM|0|85|5|0|Nun ist im Kelch alles in der vollsten Ruhe; aber dafür speit das fürchterliche Loch da unten an der Stelle des ehemaligen Klosters desto mehr Rauch und nun auch schon Glut und Flammen aus! O sapperment, nun ist das Ungeheuer dir keine 100 Schritte mehr vom Kelch entfernt!
BM|0|85|6|0|Was wird nun geschehen? Die zwölf Riesengeister halten wohl ihre fürchterlich großen Schwerter in die Höhe, aber sie hauen noch nicht drein. Ihre Augen sind beständig auf den einen Boten mit dem Aaronstab in seiner Rechten gerichtet. Dieser winkt nun dem Ungeheuer, zurückzuweichen; aber dieses richtet sich nicht danach, sondern rückt nur näher und näher an den Kelch.
BM|0|85|7|0|Oh, oh, das sieht dir sehr drohend aus! Wieder winkt der eine Bote mit dem Stab, aber vergeblich. Ah, wie grässlich sieht nun dieses Ungeheuer aus! Es lässt sich nicht beirren und kriecht stets näher und näher an den Kelch! Nun winkt der Bote wieder mit dem Stab, aber auch diese Abweisung ist fruchtlos.
BM|0|85|8|0|Oh, oh, oh – jetzt ist es mit dem Kopf schon nahe am Rand des großen Kelches und macht mit einer ungeheuer langen Doppelzunge Versuche, den Kelch umzustoßen! Aber der Kelch steht fest und lässt sich nicht im Geringsten bewegen. Auch regt sich im selben nichts, weder das Wasser noch dessen dermalige Bewohner!
BM|0|85|9|0|Siehe, stets zudringlicher wird diese ungeheuerste Bestie! Nun erhebt der eine wieder seinen Stab und weist die zudringlichste Bestie wieder vom Kelch ab. Aber es nützt das sehr wenig, da diese Bestie sich auf den Wink dieses Stabes gar nicht entfernen will.
BM|0|85|10|0|Nun taucht der eine den Stab in den Kelch und gibt ein Zeichen den zwölf mächtigsten Geistern, und diese, o weh, o weh! Diese schlagen jetzt drein! Und siehe, siehe, siehe! Diese Bestie ist nun in zwölf Teile auseinandergehauen!
BM|0|85|11|0|O je, o je, o je! Bruder, das ist nun ein Wüten und Toben! Wie schrecklich bäumen und krümmen sich nun die einzelnen abgehauenen Teile! Wie einzelne Berge springen sie nun auf dieser weitgedehnten Ebene herum und wälzen sich dem schauderhaften Loch näher und näher!
BM|0|85|12|0|Und der Kopf, o Gott, o Gott, das ist schaudervollst! Ich sage dir, der Kopf, der Kopf! Der macht Sprünge bis an das sichtbare Firmament und grinst schon in einer solch unbeschreiblichen Zornwut nach den zwölf Geistern, dass diese Großen schon nahe ein Grauen überkommt ob des zu enorm grässlichen Anblickes!
BM|0|85|13|0|Aber nun wird der Kopf von dem einen mit dem Stab an den Rand des Loches getrieben und auch – Gott sei’s gedankt! – hineingestürzt. Das gibt aber nun Rauch, Glut und Flammen! Oh, oh, oh, das prasselt und rasselt nun, dass es ein Grauen ist!
BM|0|85|14|0|Aber nun werden auch die andern elf Teile von einer unsichtbaren Macht in dasselbe Loch getrieben und stürzen unter grässlichstem Gekrache in dasselbe. Da, da gibt es nun Rauch und Flammen, als hätte man den ganzen Erdball angezündet!
BM|0|85|15|0|Nein, nein, nein, dieses Krachen, dieses Donnern! Freund und Bruder, ich werde nun schon förmlich sprachlos! Wahrlich, um das Grauenhafte dieses Tobens und Wütens aus diesem Loch zu beschreiben, müsste man die Zunge eines allerfeurigsten Cherubs haben! Aber es soll nun wüten und toben, wie es will! Weil diese furchtbare Bestie nur einmal in dieser sicher festweg höllischen Verwahrung sich befindet, da bin ich schon sehr froh; denn da heraus wird dieses Ungetüm doch sicher nicht so leicht wieder zum Vorschein kommen!
BM|0|85|16|0|Nun sind auch die beiden Boten schon wieder beim Kelch. Auch die zwölf großen Geister nähern sich nun auch dem Kelch; aber je näher sie kommen, desto kleiner werden sie. Ah, das ist auch merkwürdig! Früher waren sie solch ungeheure Kolosse, und nun sind sie kaum größer als die beiden anderen Boten! Das ist wirklich auch sehr merkwürdig!
BM|0|85|17|0|Nun sind sie auch schon völlig bei den zweien, und was seh’ ich? Alle verneigen sich übertief, besonders vor dem einen, der noch den Aaronstab in seiner Rechten hält! Das muss schon so ein rechter Zentralengel sein aus dem obersten Himmel!?
BM|0|85|18|0|Nun spricht dieser eine zu den zwölfen: ‚Brüder, hebt den Kelch nun und tragt ihn hin dort an die Pforte der Hölle! Dort setzt das Gestell über diese Pforte, auf dass dem Aufsteigen des Bösen endlich einmal ein Ziel gesetzt sei, das es nicht leicht wieder überwältigen soll, zu verderben diese arme Gesellschaft, zu deren Wiederbelebung in Mir alle Mächte der Himmel in den Anspruch genommen wurden; also tuet!‘
BM|0|85|19|0|Nun heben die zwölf den Kelch und tragen ihn behutsam hin. Nun stellen sie das Gestell gerade über das noch sehr stark dampfende und rauchende Loch, das aber nun keinen Rauch mehr emportreiben kann, weil es mit dem Gestell des Kelches sicher hermetisch geschlossen ist. Ah, nun schaut es in dieser Gegend schon recht lieb aus, und was ich nun noch bemerke, ist, dass sich nun die gesamte Badegesellschaft im Wasser des Kelches wieder zu regen beginnt. No, no, Gott sei’s gedankt, dass nur diese wieder zum Leben kommen!“
BM|0|86|1|1|Der ewig eine große Held. Die herrliche Löse. Gleichnis vom Säen, Wachsen und Ernten. Die große Ernte
BM|0|86|1|0|[Bischof Martin:] „Aber was nun die zwölf Geister vor diesem Einen für einen unbegrenzten Respekt haben, das ist mehr als außerordentlich; denn sie knien nun alle vor Ihm nieder und beten Ihn ja förmlich an! Das wird am Ende doch nicht etwa gar der Herr Selbst sein? Ich bekomme nur Sein Gesicht nicht zu sehen, das ich wohl kenne. Sähe ich das Gesicht, so wüsste ich es bald, ob Er Selbst oder jemand anderer es ist!
BM|0|86|2|0|Nun stehen die zwölf wieder auf und verneigen sich tiefst vor dem Einen. Dieser aber reicht nun allen die Hand und spricht zu ihnen, wenn auch mit einer etwas leiseren Stimme, aber doch wohl vernehmbar, sagend:
BM|0|86|3|0|‚Brüder, seht, das ist nun ein schöner Weideplatz! Ich übergebe euch diese Lämmer. Weidet sie und mästet sie wohl für Meinen Stall, auf dass sie Mir eine gute Speise werden und Ich Freude habe über sie in Meinem Herzen! Hebt sie nun behutsam heraus aus dem Gefäß Meiner Sorge und lasst sie dann frei weiden auf dieser weiten Trift Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung! Also sei es!‘
BM|0|86|4|0|Schau, schau, schau! Das ist doch der Herr! Es kann ja doch im ganzen ewig unendlichen Himmel sonst niemand so reden, wie dieser Bote nun geredet hat. So redet nur der Herr! Und so glaube ich es nun fest, dass dieser Bote der Herr Selbst ist! Was meinst du, Bruder, in diesem Punkt?“
BM|0|86|5|0|Spricht Borem: „Ja, freilich wohl ist das der Herr, was du schon lange hättest merken können. Aber der Herr hielt deine Augen gefangen, auf dass dein Geist dadurch desto geschäftiger war! Da es nun aber an der Zeit ist, dass dir die Augen einmal geöffnet werden sollten, so sind sie dir nun auch geöffnet worden und du erkennest nun den Herrn, und das ist recht und vollends gut!
BM|0|86|6|0|Sehe aber nun nur noch eine kleine Weile auf die vorliegende Szene, auf dass du die Volllöse dieses äußerst verwirrt gewesenen Knäuels gewärtig wirst und erkennst die endlose Liebe und Gnade des Herrn. Denn da ist niemand gleich, weder in allen Himmeln noch auf den Weltkörpern und unter diesen in der ganzen Unendlichkeit!“
BM|0|86|7|0|Spricht Bischof Martin: „O Gott, o Herr, o du über alles liebevollster, heiligster Vater! Wer kann Deine endlose Weisheit und Güte je ermessen? Du, o Heiligster aller Heiligkeit, bist allein ein Meister in aller Wesen Tiefe! Deine Weisheit erpreist kein Cherub ganz, ja nie ganz, weder im Himmel, noch auf Erden! Heilig, heilig, heilig ist Dein Name, und die ewige Ordnung aller Dinge ist Dein heiligster Wille!
BM|0|86|8|0|Du brauchst von niemandem einen Rat, denn Du bist Dir ewig allein genug. Aber Dein heiligstes Vaterherz will nicht allein sein, nicht allein genießen die endlose Fülle der ewigen, heiligsten Vollkommenheit, sondern es ruft aus Seinen tiefsten Gedanken Wesen hervor und gestaltet sie im Feuer Seiner endlosen Liebe und im Licht Seiner ewigen Weisheit zu Gotteskindern, auf dass sie wie freie Gottwesen selbst an der endlosesten Vollkommenheit dieses heiligsten Vaterherzens den vollsten Teil nehmen sollen ewig!
BM|0|86|9|0|O hört es, ihr alle Himmel, hört es, ihr Seraphim und Cherubim, o hört, hört es, ihr Engel alle! Gott, Gott – Gott der ewige Geist in aller Seiner Fülle der göttlichen Vollkommenheit, deren Größe keines Himmels Gedanke ewig je in der Vollfülle wird denken können, ist unser Vater, wandelnd unter uns, als wäre Er nicht mehr denn wir! Oh, erhöhen, erhöhen wir Ihn darum in unseren Herzen, da Er Sich so endlos tief zu uns Sündern herab erniedrigt!
BM|0|86|10|0|O Herr, o Vater, nun hat neben Dir in meinem Herzen nichts mehr Platz; denn Du allein bist mir nun alles in allem geworden! Du warst wohl einmal sehr klein in mir, da war ich ein Sünder. Nun aber bist Du endlos groß geworden in meinem Herzen, darum bin ich nun ein Seligster! Aber das alles, Vater, ist allein Dein Werk; ich aber war, bin’s noch und werde ewig verbleiben ein allernutzlosester Knecht!
BM|0|86|11|0|O Bruder Borem, da sieh hin, die zwölfe heben nun die Gäste des heiligen Kelches aus dem Wasser des Lebens, und sie sind nun so schön und so hehr, dass ich sie nun nur mit dem Namen ‚Engel‘ benennen kann! Oh, wie herrlich sind sie nun anzusehen; welche Freude strahlt aus ihren himmlischen Augen, die nun bestimmt sind, Gott zu schauen!
BM|0|86|12|0|O Bruder, freue dich mit mir und fühle es, wie gut der Herr ist! Ach, ach, ich möchte ja gerade vergehen vor Liebe zum Herrn!“
BM|0|86|13|0|Spricht Borem: „Bruder, nun ist dies beendet bis dahin, als wir nichts zu tun imstande gewesen wären; denn derlei verrichtet der Herr allemal unmittelbar allein. Nun aber kommt es wieder an uns, als Kinder Gottes, dieses Werk in Seiner Liebe und Ordnung in uns fortzusetzen. Daher auch müssen wir nun auf alles gefasst sein, was da nur immer kommen mag!
BM|0|86|14|0|Es tut aber der Herr hier entsprechend das Gleiche wie auf der Welt. Siehe, auf der Welt nehmen die Menschen das Weizenkorn und streuen es ins Erdreich. Diese Vorarbeit geschah auch hier, als du dieser gesamten Gesellschaft weise Lehren und Verhaltungsmaßregeln gabst, bei welcher Arbeit ich dich selbst unterstützte, und wir beide streuten sonach den Weizen Gottes in die Furchen ihrer trüben Herzen.
BM|0|86|15|0|Wenn der Same aber einmal in der Erde ruht, da kann kein Mensch etwas tun, dass dieser wachse und eine reiche Frucht brächte; sondern das tut lediglich der Herr durch Sein unmittelbares Einfließen in diejenigen Naturgeister, die da in die vollste Tätigkeit zu treten haben und das Wachstum der Pflanzen, wie auch das der Tiere ausmachend bezwecken; bei welcher Arbeit nur wenige jener Geister mit beschäftigt sind, die des Herrn allzeit innigste und erste Freunde und Brüder sind.
BM|0|86|16|0|Ist diese Arbeit zu Ende, und hat die Saat die Reife erlangt, dann wird sie wieder den Menschen übergeben, auf dass sie dieselbe dann einsammeln und in ihre Scheunen bringen. Und siehe, diese Arbeit harrt nun hier auch unser!
BM|0|86|17|0|Wir haben hier den Samen des Wortes Gottes zuerst in ihre Herzen gestreut, worauf sie dann ruhten wie ein Acker, der da besät ward. In dieser Ruhe aber fing des Herrn Arbeit an, weil wir da nichts hätten tun können, außer allein zusehen, was da allein der Herr tut. Gleichwie auch auf der Welt ein Sämann bloß nur zusehen kann, wie das von ihm ausgesäte Korn wächst und für die Ernte heranreift.
BM|0|86|18|0|Dieses Weizenkorn, diese unsere Brüder und Schwestern aber sind nun durch die allzeit alleinige Nähe des Herrn gereift, und die Zeit ist da für uns nun, sie einzuernten. Und so wollen wir auch von dem großen Segen im Namen des Herrn den rechten Besitz nehmen, und wollen zu dem Behuf die Hände unseres Herzens abermals in die vollste Tätigkeit setzen!
BM|0|86|19|0|Du weißt es aber, dass die Ernte allzeit reicher ist um vieles, denn die Aussaat; also wird es auch hier sein. Da wir ehedem nur mit einem zu tun hatten, da werden wir nun dafür 30-100 bekommen. Darum freue dich nun, lieber Bruder; denn unser harrt eine reiche Ernte!“
BM|0|87|1|1|Martins Bescheidenheit, geregelt durch Borems Weisheit. Martin im Festkleid. Die Erweiterung des Hauses Martins
BM|0|87|1|0|[Borem:] „Nun aber etwas anderes! Dort unter der Tafel des Herrn in diesem deinem Haus ersiehst du eine Kiste wie aus reinstem Gold. Gehe hin und öffne sie, und du wirst darinnen ein Kleid und einen leuchtenden Hut finden. Dieses Kleid ziehe an und den Hut setze auf dein Haupt, auf dass du vollends im wahren himmlischen Hochzeitskleid diese, unsere nun bald wiederkehrenden Gäste im Namen des Herrn würdig empfangen kannst, der diese als Wiedergefundene Selbst hierher bringen wird. Gehe, und tue das; es ist also des Herrn Wille!“
BM|0|87|2|0|Spricht Bischof Martin: „Liebster Bruder, alles, was du mir nun gesagt hast, war herrlich und wahr wie das Wort Gottes selbst. Aber dieses letzte riecht so nach einer himmlischen Eitelkeit, die mich wahrlich nicht anficht! Daher musst du es mir darin schon zugutehalten, so ich dir in diesem Punkt nicht folgen werde!
BM|0|87|3|0|Ich bin froh, dass nun endlich einmal mein Herz in der Ordnung ist, an dem der Herr allein ein Wohlgefallen hat. Was da aber die Bekleidung meines Außenwesens betrifft, da bin ich für ewig mit dieser Bauernjacke zufrieden.
BM|0|87|4|0|Wahrlich, mir liegt nun an allem solchen Glanz nichts, ob himmlisch oder irdisch, das ist mir nun gleich; aber desto mehr liegt mir nun an der alleinigen Liebe zum Herrn, zu der mich aber nur mein Herz und nie ein glänzender Rock und Hut bringen kann! Daher bleibe ich, wie ich bin, ein Bauer!“
BM|0|87|5|0|Spricht Borem: „Du hast recht, liebster Bruder, es ist freilich wohl nur das Herz allein, auf das der Herr sieht. Und unsere Demut, durch die wahre Liebe zum Herrn erzeigt, ist wohl jedes Engels kostbarste Bekleidung. Aber dessen ungeachtet erfordert es doch die Ordnung des Herrn, dass da in Seinem Reich das Kleid der Wiedergeburt und ewigen Unsterblichkeit jeden Bewohner der Himmel als ein seinem Innern Entsprechendes schmücken soll. Denn demütiger als der Herr Selbst ist wohl kein Wesen in der ganzen Unendlichkeit; aber dem ungeachtet kannst du dir dennoch keine Pracht irgendwo denken, die da nicht von Ihm herrührte!
BM|0|87|6|0|Sehe an die unbeschreibliche Pracht und Größe dieses Saales, der da ist ein einziges Gemach dieses deines Hauses. Wer wohl, als nur der Herr, ist der Urheber und alleinige Erbauer solcher unaussprechlichen Pracht und Majestät?
BM|0|87|7|0|Du hast gleich beim ersten Eintritt in dieses dir vom Herrn gegebene Haus durch die zwölf Türen hinausgeschaut und sahst zwölf Tropfen kaum aus dem endlosesten Meer der Schöpfungen des Herrn. Und es ergriff dich beinahe ein Grauen vor der zu großen Pracht und Majestät, die du da nur flüchtig bemerktest. Was aber würdest du erst sagen, so du wirklich einen Engel in aller seiner Himmelsglorie zu Gesicht bekommen hättest? Wahrlich, du hättest nicht leben und ihn dabei aber auch zugleich anschauen können – so endlos groß ist seine Schönheit, Glorie, Pracht und Majestät!
BM|0|87|8|0|Du siehst nun aus dem Gesagten und aus tausenderlei Dingen, dass die gerechte Pracht und Herrlichkeit so wie alles andere aus der Ordnung des Herrn stammt. Und so meine ich, dass es auch für dich nicht gefehlt sein wird, so du dich in allem in die Ordnung des Herrn fügst!
BM|0|87|9|0|Weißt du, was der Herr zu Petrus gesagt hat, als dieser auch vor purster Demut sich von Ihm nicht wollte die Füße waschen lassen? Siehe, dasselbe könnte der Herr wohl auch zu dir sagen, so du hartnäckig bei deinem demütigen Eigensinn verharren wolltest! Daher gehe du nun nur hin, dahin ich dich beschied, und tue was ich dir aus dem Herrn heraus anbefohlen habe, so wird dann hier in diesem deinem Haus auch sogleich alles ein anderes Gesicht bekommen. Aber bevor du dich mit dem neuen Gewand bekleidest, musst du dieses alte ganz bis auf den letzten Faden ablegen und dir aus einem Becken, das du auch in Bereitschaft antreffen wirst, das Wasser nehmen und damit die Füße waschen! Hast du solches getan, dann erst eröffne die goldene Kiste, nehme die Kleider heraus, und bekleide dich damit!“
BM|0|87|10|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, wenn so, da muss ich freilich wohl tun, was du mir im Namen des Herrn geboten hattest! Gerne, weißt du, liebster Bruder, tue ich das noch immer nicht, weil ich darinnen denn doch – trotz aller deiner erleuchtetsten Erklärung – eine Art von einer Eitelkeit entdecke. Aber weil es schon so einmal in der Ordnung des Herrn ist, da will ich die Geschichte im Namen des Herrn denn doch angehen! Wohin aber soll ich dann dies mein gegenwärtig an mir haftendes Kleid tun? Etwa zum ewigen Angedenken in jene goldene Kiste?“
BM|0|87|11|0|Spricht Borem: „Sorge dich nicht darum! Für das wird schon wer anderer sorgen.“
BM|0|87|12|0|Bischof Martin geht nun zur Kiste hin, sieht sich einige Mal um, ob ihn niemand sähe. Als er sich aber wie hinter einer zierlichsten Schutzwand befindet, durch die er vor den vielen Gästen in diesem seinem Haus gedeckt ist, da zieht er sich eiligst aus, legt die alten Kleider auf einen Haufen vor sich nieder, die aber alsbald verschwinden. Darauf schöpft er mit der Hand aus dem bezeichneten Becken Wasser und wäscht sich die Füße. Als diese gewaschen sind, da springt die Goldkiste sogleich von selbst auf und der gute Martin ist auch schon bekleidet mit einem Purpurkleid, das da mit den herrlichsten Sternen verbrämt ist an allen Rändern, und hat an seinem Kopf einen Hut, der noch bei weitem mächtiger strahlt denn die Sonne!
BM|0|87|13|0|In dem Augenblick aber, als Bischof Martin so umkleidet ist, erweitert sich auch das Innere seines Hauses so gewaltig, dass es ihm nun ums Hundertfache größer vorkommt als es ehedem war, und zugleich auch öffnen sich die Zugänge auf die Galerien, die bisher nicht konnten aufgefunden werden.
BM|0|87|14|0|Als der Bischof Martin solches alles nun wie auf einen Schlag entdeckt, da ergreift ihn ein wonnigstes Gefühl, dass er darob zu Tränen gerührt ist und Mich laut zu loben und zu preisen beginnt.
BM|0|87|15|0|Als er aber also in seinem Loben und Preisen nach und nach völlig ganz zu Tränen wird, da kommt der Borem auch gleichen Anzugs und spricht: „Nun, Bruder, wie kommt es dir nun vor? Fühlst du dich wohl eitler nun?“
BM|0|87|16|0|Spricht Bischof Martin: „O Bruder, nun erst fühle ich es, wie klein ich – und wie endlos groß der Herr ist!“
BM|0|87|17|0|Spricht Borem: „Nun so komme denn nur vorwärts; denn es ist schon alles bereitet, dich als den Besitzer dieses Hauses zu begrüßen! Freue dich, das wird ein großartiger Gruß sein!“
BM|0|88|1|1|Die glückliche Gesellschaft begrüßt Martin. Martins Hinweis auf den Herrn als alleinigen Wohltäter. Das eine, was noch fehlt
BM|0|88|1|0|Bischof Martin geht nun mit Borem hinter der Schutzwand, die ziemlich gedehnt ist, hervor, und bei 1.500 kommen ihm jubelnd entgegen und begrüßen und danken ihm für seine erste Versorgung, die er ihnen hat angedeihen lassen und fürder für die weisen Lehren, die er ihnen auf die vergangene wahrhaftigste Prüfungsreise mitgegeben habe.
BM|0|88|2|0|Alle bezeugen ihm nun eine große Freude und eine noch größere Liebe und Achtung, worüber sich unser Bischof Martin nun recht sehr erfreut, und das darum umso mehr, weil er nun aus ihrem schon sehr wohlgestalteten Aussehen (welches davon zeugt, das sie alle auf dem besten Weg sich befinden) den geläuterten inneren Zustand ersieht.
BM|0|88|3|0|Mit großem Wohlbehagen betrachtet er eine Zeit lange die große Gesellschaft und kann sich über ihr gutes Aussehen nicht sattsam und genug verwundern. Nach einer geraumen Weile erst spricht er:
BM|0|88|4|0|[Bischof Martin:] „O ihr alle, meine liebsten Freunde, Brüder und Schwestern, wie sehr freue ich mich nun euretwegen, wie auch, dass ihr mir alle nun so liebreich entgegenkommt. Aber mich müsst ihr weder ehren, noch danken und loben darum, dass ihr alle nun gerettet seid und euch alle im hehrsten Vorhof zum wahrsten Himmelreich befindet – sondern alle Ehre, aller Dank und alles Lob gebührt dem Herrn, dessen endlose Gnade euch ganz allein so herrlichst umgestaltet hat! Mich aber liebt als euren Bruder, der mit euch allen einen und denselben Gott und Herrn zum Vater hat!
BM|0|88|5|0|Diesen einzigen, wahrsten, heiligsten Vater aber lasst uns lieben ewig ohne Maß und ohne Ziel! Denn Er allein tut alles und ist allein alles in allem! Ihm allein sei daher auch alle Ehre, aller Ruhm und Dank und alles Lob!
BM|0|88|6|0|Ich und dieser mein lieber Freund und Bruder waren Zeugen, wie euch der Herr ganz allein geführt hat, und hinausgeschafft allen Unrat aus eurem Herzen, und hat um euch gegen die Hölle einen heißen Kampf gekämpft und gestritten wie der alte Löwe Israels!
BM|0|88|7|0|Daher tut nun alle eure Herzen weit auf, damit der Herr aller Ehre und Glorie bald zu uns allen den vollsten Einzug halten möchte, und sodann verbleiben in uns und bei uns allen ewig!“
BM|0|88|8|0|Als die Gesellschaft solche gute Anrede von ihrem Hausherrn vernommen hatte, da ward sie wie verklärt und lobte in ihm den Herrn, der dem Menschen eine so große Macht und Weisheit gegeben hat. Und darauf gingen alle die ersten der Gesellschaft zu ihm und baten ihn, dass sie bei ihm als seine geringsten Diener verbleiben dürften.
BM|0|88|9|0|Spricht darauf der Bischof Martin: „O Freunde, Brüder und Schwestern, nicht als meine Diener, sondern als meine liebsten Brüder und Schwestern ewig mit dem gleichen Besitzrecht alles dessen, was mir der Herr so überschwänglich reichlichst gegeben hat! Denn ohne euch wäre mir lästig diese endlose Pracht und Herrlichkeit; aber an eurer Seite macht mir alles umso mehr Freude, je mehr ich dadurch Gelegenheit überkomme, euch die größtmöglichste Freude zu machen!
BM|0|88|10|0|O bleibt alle hier und freut euch mit mir des Herrn, der uns hier in Seinem Reich eine so übergroß-herrliche Wohnung bereitet hat und, wie ich’s nun gerade bemerke, diese Wohnung auch mit einem Tisch versah, der für uns alle zur ewigen Übergenüge mit dem herrlichsten Brot und Wein besetzt ist. Und das alles, alles, alles, ohne dass es auch einer aus uns je im Geringsten verdient hätte durch einen gerechten Lebenswandel nach Seinem Wort! Daher also loben, lieben und preisen wir Ihn aber auch ewig umso mehr, da Er uns in der Fülle gegeben hat solche Herrlichkeit, deren wir nicht im Geringsten wert waren, wert sind und wert sein werden!
BM|0|88|11|0|Ihr seht nun alle, wie Seine Liebe zu uns kein Maß und kein Ziel hat; darum aber sei auch die unsrige ewig ohne Maß und ohne Ziel! Alles haben wir nun als vollkommen Selige; nur eines geht uns zu diesem allem noch ab, und dieses eine, meine lieben Brüder und Schwestern, dieses eine ist der Herr, sichtbar in unser aller Mitte! Bitten wir Ihn daher in unserem Herzen, dass Er uns auch diese allerhöchste Gnade erweisen möchte!“
BM|0|88|12|0|Die ersten der Gesellschaft stimmen dem Bischof Martin bei, jedoch mit dem Bemerken: „Dieses wohl ist auch unser aller höchster Wunsch; aber wir sind der Verwirklichung desselben noch viel zu unwürdig. Daher danken wir für das, was uns der Herr beschied, dessen wir wohl auch vollends unwert sind. Der Wunsch, den Herrn zu sehen, aber sei stets unser aller höchstes und ewigstes Bestreben!“
BM|0|88|13|0|Spricht Bischof Martin: „Habt recht, habt recht, liebe Brüder, also gebeut es uns die rechte Weisheit; aber die Liebe überschreitet oft die Weisheit und tut, was sie will! Und in diesem Punkt halte ich’s nun mit der Liebe. Tut auch ihr also und ich glaube, es wird durchaus nicht gefehlt sein!“
BM|0|89|1|1|Martin und der Botaniker im Garten. Neuer Zuwachs an Elenden. Der ersehnte köstliche Lohn
BM|0|89|1|0|Als der Bischof Martin noch weiter die Liebe anpreisen will, da ruft ihn jemand [von] außerhalb der Hausflur beim Namen: „Martin!“
BM|0|89|2|0|Als Martin solchen Ruf vernimmt, fragt er gleich den Borem, wer ihn nun etwa doch gerufen habe.
BM|0|89|3|0|Spricht Borem: „Bruder, gehe hinaus und du wirst es sehen; denn siehe, es ist mitunter hier auch wie auf der Welt, man kann hier außer dem Herrn auch nicht alles auf einem Punkt zu Gesicht bekommen, sondern muss sich zu dem Behuf manchmal wohl auch an verschiedene Orte begeben, um Verschiedenes zu sehen und zu vernehmen, wie du dich nun schon gar oft wirst überzeugt haben!
BM|0|89|4|0|Daher, wie gesagt, gehe du nun nur eilends hinaus, und es wird sich dir sogleich zeigen, wer dich gerufen hat! Denn, weißt du, mein geliebter Bruder, für gar alles weiß ich dir auch noch keinen allzeit sicheren Bescheid zu geben. Ich höre abermals rufen; gehe, gehe, und sehe nach, wer da ruft!“
BM|0|89|5|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, ich gehe schon; wahrscheinlich werden wieder irgend Verirrte Hilfe suchen!“
BM|0|89|6|0|Bischof Martin geht nun eilends an die Hausflur, öffnet sie und erstaunt nicht wenig über die endlose Pracht seines Gartens, der mittlerweile an der Ausdehnung und an allen wunderbarsten reichsten Segnungen über alle menschlichen Begriffe zugenommen hat, d. h. seit der Zeit, als der Bischof Martin den Borem in diesem Garten pflanzend angetroffen hat.
BM|0|89|7|0|Auch diesmal ersieht Bischof Martin niemanden an der Flur harren und begibt sich darum sogleich in den Garten, den zu suchen, der ihn zuvor gerufen hatte. Er kommt, gegen Morgen gewendet, zu einer herrlichsten Laube, die da aussieht wie ein größter offener Tempel. In der Mitte dieses gewisserart lebendigen Tempels ersieht er jemanden stehen, der sich mit der Sonderung einiger Pflanzen beschäftigt, die auf einem ebenfalls lebendigen Altar liegen.
BM|0|89|8|0|Bischof Martin betrachtet diesen Menschen eine kurze Weile, geht dann auf ihn zu und redet ihn also an: „Liebster, bester Freund und Bruder, warst nicht du es, der mich ehedem aus meinem mir vom Herrn gegebenen Haus bei meinem Namen rief? Und so du es warst, da gebe mir es auch gütigst kund, womit dir mein Herz dienen kann und soll!“
BM|0|89|9|0|Spricht darauf der Botaniker: „Lieber Freund und Bruder! Siehe, dein Haus ist nun überaus geräumig geworden und dieser Garten im gleichen Maß. Du beherbergst wohl schon über tausend Brüder und Schwestern, was von dir überaus edel ist. Ich aber meine, wo tausend und darüber Platz haben, da sollte sich wohl noch für einige Platz vorfinden lassen?
BM|0|89|10|0|Gehe mit mir, dort gegen Abend dieses deines Gartens befinden sich hundert Arme, die da Unterkunft suchen; diese nehme noch auf – und mich auch dazu, da ich gewisserart auch zu ihnen gehöre, und siehe, es wird das dein Schade nicht sein!“
BM|0|89|11|0|Spricht Bischof Martin: „O liebster Freund und Bruder – was hundert! Ich sage dir’s, so es ihrer auch 10.000 wären, da ließe ich doch keinen weiterziehen, sondern würde nur alles aufbieten, dass sie alle bei mir blieben! Daher führe mich nur gleich zu ihnen hin, auf dass ich sie nur desto früher aufnehme und nach allen meinen mir vom Herrn verliehenen Kräften bestens versorgen kann!“
BM|0|89|12|0|Spricht der Botaniker: „O Freund, o Bruder, du bist meinem Herzen ein köstlicher Balsam geworden! Komme, komme daher nur schnell mit mir; wir werden sogleich bei ihnen sein!“
BM|0|89|13|0|Beide begeben sich nun schnell gegen Abend hin und kommen zu einer gar elend aussehenden Menschengruppe, bestehend aus männlichen und weiblichen Wesen. Alle sind nahe nackt, höchst abgezehrt und daneben voll Geschwüren und Rauden [Hautausschlägen].
BM|0|89|14|0|Als Bischof Martin diese Armen ersieht, da kommen ihm die Tränen und er spricht ganz teilnehmend und voll des herzlichsten Mitgefühls: „O mein Gott, mein Gott, wie sehen diese Armen aus! Kaum noch haben sie ein Leben! O kommt, kommt alle mit mir in dies mein Haus, auf dass ich euch ja sogleich alles angedeihen lasse, was euch gesund und stärker machen kann! Der Herr, unser aller heiligster und bester Vater Jesus, wird mir dazu Kraft und Mittel verleihen!“
BM|0|89|15|0|Sprechen die Armen: „O du sichtbarer Engel Gottes – wie gut muss der Herr sein, da du schon so endlos gut bist! Du siehst aber ja, wie unrein wir sind. Wie können wir es wagen, deine reinste Wohnung zu betreten!?“
BM|0|89|16|0|Spricht Bischof Martin: „War ich doch viel unreiner denn ihr und bin rein geworden in diesem Haus der Liebe. So hoffe ich zu Gott, ihr alle werdet es auch, und so kommt, kommt, liebe Freunde, Brüder und Schwestern, ohne Scheu nur sogleich mit mir, und ihr Schwächsten aber hängt euch an mich, auf dass ihr leichter in mein Haus kommt! Auch du, Bruder (der Botaniker), greife einigen Schwächsten unter die Arme!“
BM|0|89|17|0|Spricht der Botaniker: „O Bruder, du Mein Herz, du Kern Meiner Liebe, welche Freude machst du Mir! Wahrlich, das soll dir einst groß vergolten werden! Ja es ist dir schon vergolten, denn siehe, Der, den du nun so sehr liebst, ist nun bei dir. Ich bin’s ja – der Herr, dein Bruder, dein Vater!“
BM|0|89|18|0|Bischof Martin erkennt nun in der Fülle Mich den Herrn und fällt auf sein Gesicht nieder vor Mir und spricht: „O Herr, o Gott, o heiliger Vater! Wo soll ich anfangen, Dich zu loben und zu preisen ohne Maß und Ziel, und wo und wann enden?! O Du heiligster Vater, wie endlos groß ist Deine Liebe und welch unergründliche Tiefen aller Erbarmung müssen in Dir vorhanden sein, dass Du Sündern, wie ich einer war und es noch bin, so endlos gnädig sein kannst!
BM|0|89|19|0|O Du heiliger, guter Vater Du, ich möchte nun nahe vergehen vor Schande darum, dass ich Dich nicht erkannte, als ich in Deinem ewigen Vaterhaus mit Petrus wohnte und wenig achtete Deiner Worte, die nichts als pur Liebe waren! Nun freilich, da mein Herz Dich erkannte, möchte ich vergehen vor Liebe, aber zugleich auch wohl vor Schande! O stärke mich, dass mein sündig Herz Deine heiligste Nähe zu ertragen vermag!“
BM|0|90|1|1|Jesus als Herr, Vater und Bruder. Gleichnis vom Fürsten und den Ministern. Ehrfurcht und Liebe
BM|0|90|1|0|Rede Ich: „Stehe auf, lieber Bruder, und denke nicht an Meine Herrlichkeit also beständig, sondern daran nur, dass du nun in der Liebe vollends Mein Bruder bist, so wirst du Meine Nähe leicht ertragen! Ich bin nur ein Herr denen, die da sind abtrünnig Meinen Worten und sich aber dennoch in aller Weisheit groß dünken. Denen aber, die ihr Herz mit aller Liebe erfüllt haben, bin Ich kein Herr, sondern ein allmächtiger Bruder nur und gebe ihnen als ein wahrster Vater alles, was Ich habe! Darum also, liebster Bruder, erhebe dich und habe fürder keine solch unbegrenzte Heiligscheu vor Mir!
BM|0|90|2|0|Siehe, so auf der Welt ein mächtiger Fürst zu seinen weisen Ministern tritt, da fallen diese vor lauter Achtung ihm zu den Füßen. Und es ist recht, dass sie also tun ihrem Fürsten; denn solange sie seine Diener sind, ist er auch ihr Herr. Wann aber solche Diener ihren Fürsten lieben über die Maßen und zu ihm sagen: ‚Herr, du bist ein guter Fürst! Nicht nur unsere höchste Achtung verdienst du im Vollmaß, sondern alle unsere Liebe! Darum nehme fürder unsere getreuesten Dienste ohne allen Entgelt an! Wir aber wollen, darum wir dich nun lieben mehr denn unser Leben, dir auch dienen mit jeder Fiber unseres Lebens! Und so du von uns hundert Leben verlangen möchtest, so wollen wir sie dir geben, darum du nun ein wahrer Fürst unserer Herzen geworden bist!‘ Was meinst du Bruder nun, was wohl wird der Fürst solchen Dienern tun?
BM|0|90|3|0|Siehe, solche wahre Liebe wird ihn ergreifen in seines Lebens innersten Kammern und er wird zu ihnen sagen: ‚O ihr, meine liebsten Freunde, da ihr mir nicht nur in eurem Kopf, sondern in eurem Herzen einen so herrlichen Thron errichtet habt, da herrsche ich nun nicht mehr durch meine Gewalt und Macht über euch, sondern durch eure so große Liebe zu mir in euch! Ihr alle tragt mich nun in euren Herzen, die da nun geheiligt sind durch die Gegenwart meiner Hoheit in ihnen. Ihr alle tragt also nun den in euch, den ich selbst in mir trage. Aus dem Grund aber seid ihr alle nun auch das, was ich selbst bin, also meine innigsten Brüder. Darum aber sollt ihr mit mir auch alles haben, was ich selbst habe!‘
BM|0|90|4|0|Siehe nun, gleichwie aber so ein weiser Fürst zu seinen Dienern spräche und sie so adeln möchte, da sie ihn so sehr in ihre Herzen aufgenommen hatten, so rede und spreche auch Ich zu allen jenen, die Mich dir gleich in ihre Herzen aufgenommen haben! Denen also, die Mich über alles lieben und Mich vollends in ihren Herzen tragen, die darum durch und durch geheiligt sind durch Mich Selbst in ihnen, bin Ich kein Herr mehr, so wenig als Ich Mir Selbst ein Herr bin, sondern ein innigster Bruder ewig! Und was Ich habe, das auch haben sie, weil sie Mich Selbst in sich haben durch ihre große Liebe!
BM|0|90|5|0|Erkennst du lieber Bruder nun, was das heißt, so Ich dich ‚Bruder‘ nenne, wie Ich einst auch Meine zwölf Apostel Brüder genannt habe? So du das nun begreifst, da richte dich auf und führe mit Mir diese Armen in dein Haus! Aber nur verrate Mich in deinem Haus deinen Gästen nicht zu vorschnell! Diese hundert hier wissen es ohnehin noch lange nicht, dass Ich der Herr es bin. Denn es sind Chinesen, die auf der Welt auf dem Punkt standen, Mein Zeugnis – freilich wohl sehr entstellt – anzunehmen, weshalb sie aber auch alle hingerichtet wurden samt dem Missionar. Was sie auf der Welt sonach nicht erreichen konnten, soll ihnen hier im Vollmaß zuteilwerden. Nun weißt du alles; daher erhebe dich schnell und handle mit Mir – denn von nun an wird Mein und dein Haus in ein Haus vereint werden.“
BM|0|91|1|1|Martins Liebesdrang beim Herrn. Aufnahme der chinesischen Märtyrer und deren Erquickung
BM|0|91|1|1|(Am 18. Februar 1848)
BM|0|91|1|0|Auf diese Meine Rede erhebt sich der Martin schnell, fällt Mir an die Brust und küsst Mich klein ab. Als er mit solchen seinen wahrhaft kindlich-tatsächlichen Liebesbeweisen zu Ende ist, spricht er:
BM|0|91|2|0|[Bischof Martin:] „So, so, so! O nun geschieht es mir schon viel leichter, darum ich nun meiner zu mächtigen Liebe zu Dir doch endlich einmal ein wenig Luft gemacht habe! Wenn es auf mich ankäme, so könnte ich Dich, o Du mein liebster, heiligster Vater, eine ganze Ewigkeit so abherzen und klein abküssen. Aber ich behalte mir diese meinem Herzen allerangenehmste Beschäftigung vor, und wende mich nun sogleich an Dein Wort und führe diese Chinesen in dies Haus, unter natürlich Deiner Voranführung. Denn ohne Dich, o Herr, ist kein Schritt vor- und kein Schritt rückwärts zu machen! Und nun ans Werk!“
BM|0|91|3|0|Bischof Martin wendet sich nun an die hundert und spricht: „Nun, liebe Brüder und Schwestern, erhebt euch alle und geht mit mir in dies Haus! Ihr Schwächsten aber hängt euch an mich, auf dass wir alle vereint in dies nun mein Haus ziehen können; darinnen sollt ihr sogleich alle Pflege und Wartung haben. Die gar Allerschwächsten von euch aber wird schon dieser mein allmächtigster Freund übernehmen und wird sie vor mir hin in dies Haus führen.“
BM|0|91|4|0|„Aber, Freund“, sagen nun einige aus der Gesellschaft, „wie können wir dieses reinste Haus betreten? Siehe, wir sind ja alle im höchsten Grad unrein! Weißt du denn nicht, dass bei uns ein Gesetz besteht, demzufolge kein Haus von irgendeinem Aussätzigen betreten werden darf? Und das umso gewisser, als sonst die Todesstrafe unvermeidlich einer solchen Gebotsübertretung folgen würde. Nun bedenke, wenn die weltlichen Machthaber ein göttliches Gebot schon allsosehr respektieren, um wie viel mehr wird es hier respektiert werden. Daher belasse uns doch lieber in diesem Garten, bis wir rein werden; dann erst erlaube uns, in dies dein Haus einzuziehen!“
BM|0|91|5|0|Spricht Martin: „Liebe Freunde, Brüder und Schwestern! Lasst euch durch eure uralten tyrannischen Gesetze, die ihr nicht versteht samt euren Machthabern, nicht irremachen. Denn alle Gesetze der Welt gehen uns hier nichts mehr an, sondern allein ein Gottesgesetz nur, welches da ist ein ewiges Gesetz der Liebe! Dieses Gesetz aber wird euch nun soeben auferlegt und fordert von euch, dass ihr der Liebe unbedingt folgen sollt; und so tut denn nun auch sogleich willigst, was meine Liebe von euch allen verlangt!“
BM|0|91|6|0|Auf diese Worte erheben sich nun die hundert und gehen, aber freilich sehr bedenklichen Schrittes, mit Mir und Martin in das Haus. Als sie alle im Haus und eigentlich in dem übergroßen, majestätischen Saal sich befinden, da schreien sie laut auf vor Verwunderung und Schreck und sagen:
BM|0|91|7|0|[Die hundert:] „O Lama, Lama, Dalai-Lama! Das ist ja die Wohnung des ewigen Brama!? O wir Armen, o wir Armen, o wir Armen! Wir sind hier verraten und für ewig verloren! Denn es steht im Zoroasteron geschrieben: ‚Wer je die allerheiligste Wohnung des ewigen Brama unrein betreten wird, den wird der böse Ormuz angreifen und ihn dann allergrässlichst ewig martern!‘ O wehe uns, o wehe uns, o wehe uns!“
BM|0|91|8|0|Spricht Martin: „Ei, ei, liebe Brüder und Schwestern, was faselt ihr für leeres Zeug durcheinander! Ich sage euch auf mein Gewissen und auf alle meine Liebe, die ich euch hier will angedeihen lassen, euer gefürchteter Brama ist ein Betrüger, der seinesgleichen sucht, und ist sterblich, so wie ihr es wart! Den Lama (Gott) kennt weder der betrügerische Brama, noch euer Kaiser, wie auch keiner aus euch.
BM|0|91|9|0|Ich aber, mit Namen Martin, ein ehemaliger Bischof der christlichen Religion auf der Erde, und zwar in Europa, bin der wirkliche Besitzer und Eigentümer dieses Hauses nun für ewig, und [es] hat kein Brama je hierin etwas zu tun, außer er käme hierher, gleich wie ihr hierher gekommen seid, als Hilfsbedürftige. Darum seid ruhig nun und ängstigt euch nicht vergeblich. Denn in diesen wahren ewig heiligen Hallen wird nimmer jemand fallen, dem sie zu betreten nicht vorenthalten wurden.“
BM|0|91|10|0|Nach solcher Versicherung werden die hundert sichtlich ruhiger und können sich vor lauter Pracht und Glanz und Größe nicht genug fassen, um dem Martin auf seine Tröstungsrede einen Dank zu geben.
BM|0|91|11|0|Zugleich aber kommt auch schon der Borem mit Brot und Wein herbei, um die neuen Gäste zu stärken. Ich aber segne beides insgeheim. Nachdem es gesegnet ist, beides, Brot und Wein, spricht Borem zu den Gästen:
BM|0|91|12|0|[Borem:] „Liebe Freunde, Brüder und Schwestern, lasst euch auf die Bänke nieder und nehmt hier eine Stärkung zu euch; sie tut euch not auf eine so lange Faste. Unser Herr, Gott und Vater ist von unbeschreiblicher Liebe, Güte, Sanftmut und Geduld und erlässt euch alle Schuld, die ihr von irgendwoher an euer Gewissen gelegt habt!
BM|0|91|13|0|Daher sollt ihr nun froh und heiter sein und genießen ohne Furcht und Sorge, was euch dargereicht wird. Denn alles, was ihr hier genießen werdet, wird euch stärken zum ewigen Leben, wie solches auch Gott der Herr Selbst gelehrt hat, indem Er sprach: ,Das aber ist das ewige Leben, dass sie (alle Jünger) Den erkennen und erkannt haben, den Du, o heiligster Vater, in die Welt gesandt hast zur Vergebung aller Sünden!‘“
BM|0|91|14|0|Nach dieser guten Anrede setzten sich alle diese neuen hundert Gäste nieder, und der Borem teilt darauf emsigst das Brot und den Wein aus, und alle greifen emsigst danach, danken und verzehren alles mit großer Begierde, was da ist ein gutes Zeichen; denn mit der Begierde sie nun dieses Brot und diesen Wein verzehren, mit derselben Begierde werden sie auch hernach das noch viel geistigere Gotteswort verzehren.
BM|0|92|1|1|Heilbad und Bekleidung der hundert Aussätzigen. Vom Wesen Lamas. Die Frage nach Jesus und des Herrn Bescheid
BM|0|92|1|0|Als nun nach einer kleinen Weile die hundert gesättigt und gestärkt sind, sage Ich zu ihnen: „Meine lieben Freunde, erhebt euch nun und entkleidet euch, und geht dann in dies Bad, was da zwischen dieser Säule und zwischen jener lichten, aber dennoch vollends undurchsichtigen Schutzwand sich befindet! In diesem Bad werdet ihr euren Aussatz verlieren und werdet ganz rein wieder hervorgehen. Also sei es!“
BM|0|92|2|0|Die hundert entkleiden sich nun schnell und steigen in das Bad. Und sobald sie samt und sämtlich sich im Bad befinden, siehe, da werden sie auch alsobald rein, und ihre frühere hässliche braune Farbe umwandelt sich in ein liebliches Weiß, und die Formen ihrer Glieder werden dabei auch stets voller, runder und weicher.
BM|0|92|3|0|Da diese Gäste aber solche Veränderung an sich gewahren, werden sie überfroh und fangen an, uns drei über die Maßen zu loben, sagend: „Wer ihr drei im Grunde auch sein mögt, ob im Dienste Dalai-Lamas oder ob im Dienste des Ormuz – das wir nicht zu beurteilen imstande sind – aber gewiss und was wahr ist, so habt ihr uns vollkommen Gutes erwiesen. Euer Herr vergelte es euch ewig!
BM|0|92|4|0|Wie sehr elend waren wir, und eine undenklich lange Zeit hat dieses unser großes Elend angedauert. Den ganzen Erdkreis suchten wir klein ab, und seht, wir fanden niemanden, der unser Elend nur um ein Allergeringstes gemildert hätte! Nach einem wohl sicher mehr als 10.000-jährigen Suchen fanden wir in der Nähe dieses Gartenpalastes diesen Freund und baten ihn, dass er uns helfen möchte, so es irgend in seiner Macht stünde. Und er sprach:
BM|0|92|5|0|‚Ja, ich kann euch helfen und will euch auch helfen! Folgt mir in diesen Garten, und ich werde da den Herrn des Hauses rufen, und dieser wird es mit großer Freude tun, was ich ihm um euretwillen gebieten werde!‘
BM|0|92|6|0|Was er sagte, das tat er auch pünktlich, und wir alle sind nun tatsächlich Zeugen alles dessen, was er an uns getan hat. Daher gebührt vor allem auch nur ihm das Hauptlob. Euch beiden anderen aber gebührt auch das beste Nachlob, indem ihr bereitwilligst das getan habt, was dieser erste Hauptfreund unseretwillen von euch verlangte. Und so sei du unser erster Freund hochgelobt und über die Maßen gepriesen, der du so Übergutes an uns getan hast! Ihr beiden aber seid auch hochgelobt, indem ihr bereitwilligst das tatet, was dieser erste Freund unsertwegen von euch verlangte!
BM|0|92|7|0|Nun aber, liebe Freunde, seht ihr es selbst, dass wir vollends nackt sind. Da ihr schon so viel an uns getan habt, so tut auch noch eines: Gebt uns nur eine nötigste Umhüllung zur Deckung unserer Scham, und wir sind dann so glücklich, als nur irgend in der ganzen Unendlichkeit ein Wesen glücklich sein kann!“
BM|0|92|8|0|Sage Ich zum Martin und Borem: „Brüder, eröffnet dort jene goldene Kiste, dort werden sich schon Kleider in gerechter Menge finden lassen, durch die diese unsere Schützlinge für diesen ersten Augenblick hinreichend gut und zweckmäßig werden bekleidet werden können. Mit der Weile aber werden sie dann nach dem Grad der Vollendung ihres Geistes schon ohnehin das Gewand des Gottesreiches überkommen. Also sei es!“
BM|0|92|9|0|Bischof Martin und Borem springen nun sogleich an die goldene Kiste und ziehen dort hundert Stück blaue Röcke mit vielen Falten zum einen Teil und mit weniger Falten zum anderen Teile heraus, und geben die mehr faltigen Röcke den Männern, die weniger faltigen den Weibern. In einem Nu kleiden sich alle damit und haben wieder eine noch größere Freude, als sie sehen, dass ihnen diese Kleider überaus gut stehen.
BM|0|92|10|0|Alle loben nun Mich und sagen: „O Freund, du bist gut, ja gar übergut bist du, und bist dabei sehr weise und mächtig nach dem Maß deiner Weisheit! Wir hörten auf der Welt wohl, dass der große Lama auch sehr gut und weise sein soll, wenn er nicht den Ormuz zu Gesicht bekommt, dessen Anblick ihn so erbittern soll, dass er dann 1.000 Jahre nichts als Zorn speie über die Welt, in der der Ormuz wohne. Er verdecke sich aber nachher noch 1.000 Jahre sein Gesicht, um nur seinen Erzfeind nicht zu sehen. Dadurch aber übersähe er dann auch die Menschen und kümmere sich volle 2.000 Jahre nicht um sie.
BM|0|92|11|0|Wenn die Sache mit dem Lama sich im Ernst so verhält, da sagen wir, dass du um vieles weiser, mächtiger und somit auch besser bist als der ganze Lama, der einen so dummen Abscheu vor dem bösen Ormuz hat! So ist es; wir sagen es hier alle zum Trutze des Lama und zum Zeugnis der Wahrheit!
BM|0|92|12|0|Wir haben aber alle auf der Welt durch einige Boten von einer anderen Welt wohl vernommen von einem gewissen Jesus. Dieser soll der eigentliche, leibhaftige Lama Selbst gewesen sein. Diesen hat der Ormuz aber erwürgt, weil er die Menschen wider ihn gehetzt habe. So ihr von dieser Geschichte auch etwas wisst, da erzählt uns was davon; wir alle möchten darin wohl sehr gerne ins Reine kommen!
BM|0|92|13|0|Auf der Welt hat uns das ums Leben gebracht. Hier aber, glauben wir, gibt es keinen Tod mehr! Daher wäre es hier vielleicht doch ratsamer, über diesen Jesuslama Näheres zu erfragen? Daher, vorausgesetzt, dass an der Sache, die uns das irdische Leben kostete, etwas ist – sagt uns gütigst etwas davon, so euch diese Sache bekannt ist!
BM|0|92|14|0|Seht, es ging die Sache mit uns allen schon recht gut; wir haben schon gewisse Gebete erlernt, die recht gut waren. Aber da geschah es, dass ein solcher Bote zu weit ging, und seine Geliebte verriet ihn und uns alle und noch eine Menge, und wir alle mussten es mit unserem Leben büßen, weil wir haben von unserem Lama abfallen wollen, und einen anderen annehmen.
BM|0|92|15|0|Wahrscheinlich aber hat uns diesen Streich nur der böse Ormuz gespielt? Und das berechtigt uns zu hoffen, dass der Lama es uns nicht gar so groß anrechnen wird, besonders so hinter diesem gewissen Jesus wirklich der Lama Selbst gesteckt ist?“
BM|0|92|16|0|Rede Ich: „Meine lieben Freunde, geduldet euch nur eine kleine Weile und ihr werdet dann hier alles tatsächlich erfahren, was ihr erfahren möchtet! Kommt nun aber mit uns nur weiter vorwärts, und ihr werdet daselbst eine große Gesellschaft antreffen, auch jene Boten, die solche Lehre zu euch brachten, wie auch jene Maid eures Landes, die euch verraten hat samt jenem Boten, der sich zu weit gewagt hatte. Aber so ihr mit ihnen zusammenkommen werdet, da müsst ihr keinen Zorn äußern, noch haben, sondern sollt ihnen vergeben alles, was sie an euch taten; alsdann werdet ihr den Jesuslama sogleich erkennen. Also kommt nun hinter dieser Schutzwand hervor und folgt uns guten Herzens und Willens! Also sei es!“
BM|0|93|1|1|Eine Wiedersehensszene unter den Chinesen. Geschichte der Verräterin
BM|0|93|1|1|(Am 21. Februar 1848)
BM|0|93|1|0|Auf diese Worte gehen nun alle die hundert lieblichen Angesichts hinter der Schutzwand hervor und erstaunen sich über die große Pracht und Räumlichkeit des Saales, in dessen gegen Mittag gewendetem Teil die tausend früheren Gäste nebst noch anderen mehreren Hunderten sich befinden, die bei der Gelegenheit der inneren Bearbeitung der Mönche und Nonnen mitgerettet wurden.
BM|0|93|2|0|Als die hundert diese vielen Gäste erschauen, die noch zum größten Teil in der naturmäßigen Kleidung stecken, da verwundern sie sich gar überaus mächtig, als sie auch nun wirklich jene Boten sogleich erkennen, die sie auf der Welt im Christentum haben unterweisen wollen. Als sie aber auch jene Chinesin unter ihnen erblicken, die den Hauptboten und dadurch auch sie alle verraten hatte, da machen sie bald finstere Mienen und sagen zu Mir:
BM|0|93|3|0|[Die hundert Chinesen:] „Höre, du liebster Freund, diese Erscheinung berührt uns äußerst unangenehm zwar; aber da sie euch, wie es scheint, nicht zuwider ist, so soll sie es auch uns allen nicht sein. Der Bote, den sie verriet, scheint nun merkwürdigerweise auf einem guten Fuße mit ihr zu stehen, denn er bespricht sich nun ja gar freundlichst mit ihr. Sie ist wohl sonst ein sehr schönes und artiges Wesen, darum sie auf der Welt auch ein Liebling dieses Boten war, so wie sie auch eine wahre Schönheit in der großen Kaiserstadt Peking genannt wurde und daher ein Liebling der ganzen Stadt war. Aber durch ihren gewinnsüchtigen, schnöden Verrat an uns allen hat sie dann wohl auch alle Achtung der großen Kaiserstadt verloren und starb, wie wir vernommen hatten, bald darauf aus Gram.
BM|0|93|4|0|Wir wundern uns daher nun bloß darum hauptsächlich, wie diese doch sichere Dienerin des Ormuz, die den Jesuslama an uns verriet, in diese heiligen Hallen hereingekommen ist! Hat etwa der Lama Selbst ein Wohlgefallen an ihrer Schönheit?“
BM|0|93|5|0|Rede Ich: „Liebe Freunde, hattet ihr nicht auch Kinder, darunter einige fromm, und einige aber recht schlimm waren? Ihr alle sagt: ‚Ja!‘ Ich aber frage euch weiter, und sage: Habt ihr die schlimmen wohl darum den Hyänen und Tigern vorgeworfen, oder habt ihr alle eure Sorge und Liebe nicht diesen euren schlimmeren Kindern zugewendet und habt die frommen um vieles weniger beachtet? Ihr sagt: ‚Ja, ja, so war es!‘
BM|0|93|6|0|Seht, so aber ihr, die ihr durch euer ganzes Leben nie gut gewesen seid, euren sogar schlimmsten Kindern Gutes nur tatet, wie könnt ihr danebst denken, dass der ewig allerbeste Lama Seinen Kindern etwas Böses geben werde, so sie Ihn reuig um etwas Gutes bitten?
BM|0|93|7|0|Diese Jungfrau hat auf der Welt freilich gewisserart übel an euch allen gehandelt. Aber sie bereute später ebenso mächtig ihre vermeintliche böse Tat, als wie mächtig sie früher euch alle geliebt hatte, bevor sie den Hauptboten und dadurch auch unwillkürlich euch alle mit ihm verriet.
BM|0|93|8|0|Und so hat der gute Lama ja auch recht, so Er eines Seiner Kinder nicht sogleich auf ewig verwirft, so es auch Böses getan hätte, dann aber zu Ihm kommt und Ihn von ganzem Herzen reuigst um Vergebung bittet.
BM|0|93|9|0|Seht, der gute Lama braucht demnach nicht verliebt zu sein in eine schöne Pekingerin, um sie selig zu machen. Sondern es ist genug, dass Er ein guter Vater aller Menschen ist und dass Er als solcher erkannt wird. Ist besonders letzteres der Fall, dann hat es mit dem Seligwerden einer schwachen Tochter der Erde gar keine Schwierigkeiten mehr.
BM|0|93|10|0|Was meint ihr lieben Freunde nun – handelt der gute Lama also recht oder unrecht?“
BM|0|93|11|0|Spricht einer aus den hundert: „Ja, also handelt der große, heilige Lama vollkommen gut und gerecht! Aber da sieh, nun bemerkt uns die schöne Chanchah und geht eilends auf uns zu! Was sie uns etwa doch hinterbringen wird? Nun nur still, sie ist schon da!“
BM|0|94|1|1|Die poetische Versöhnung zwischen Chanchah und den hundert Chinesen. Der Herr und Chanchah
BM|0|94|1|0|Chanchah fällt nun vor den hundert auf ihr Angesicht und fleht sie um Vergebung all des Üblen an, das sie – wenn auch unwillkürlich – an ihnen getan hat.
BM|0|94|2|0|Die hundert aber sagen alle einstimmig: „Holdeste Chanchah, so dir’s der große heilige Lama vergeben hat, was wohl sollen dann wir noch wider dich haben! Hat ja doch derselbe Heilige der Ewigkeit auch uns vergeben, die wir dem Ormuz doch auch viele und große Opfer gebracht haben. Daher erhebe dich und kneife uns ins Ohrläppchen zum Zeichen, dass wir für ewig nun einander aus dem tiefsten Lebensgrund vergeben haben!“
BM|0|94|3|0|Chanchah erhebt sich nun gar lieblichsten Angesichts und Wesens und tut, was die hundert von ihr verlangen. Nachdem sie alle die hundert sanft ins Ohrläppchen gekneift hat, spricht sie:
BM|0|94|4|0|[Chanchah:] „Eure Herzen seien mein köstlichster Schmuck, euer Anblick die schönste Weide meiner Augen. Mein Herz aber sei euch ein sanftes Ruhekisschen, an dem ihr ausruhen wollt, so euch die Liebe müde gemacht hat. Meine Arme seien euch ein sanftes Band für Herz ans Herz, und aus meinem Mund fließe unversiegt der köstlichste Balsam in euer Leben.
BM|0|94|5|0|An meiner Brust sollt ihr euch schwingen bis zu den Sternen und meine Füße sollen euch tragen über harte Wege. Und wann die Sonne untergeht und kein Mond der Erde leuchtet und der Sterne Schimmer dichte Nebel überdecken, dann soll mein Augenpaar euch erleuchten den Pfad eurer Sehnsucht, und all mein Eingeweide soll euch erwärmen in der frostigen Lebensnacht.
BM|0|94|6|0|Also will ich euch sein ewig eine sanfteste Dienerin in den zartesten wie in den schwersten Bedürfnissen eures Lebens ewig, darum ihr mir euer Ohr geliehen habt zur Vergebung meiner schweren Sünde an euch.“
BM|0|94|7|0|Nach dieser Rede, die die liebliche Chanchah gesprochen, geht einer aus der Mitte der hundert zu ihr hin, hebt beide Hände über sie und berührt sie am Kopf mit den Zeigefingerspitzen und spricht: „O Chanchah, o Chanchah! Wie gar so schön bist du nun! Ich sage dies so laut nun, wie da braust ein mächtiger Sturm, und sage es dir auch so sanft, als wie sanft da fächelt ein duftiger Abendhauch um die zarteste Wolle der Gazelle. Du bist schöner nun als die Morgenröte über den blauen Bergen, die da zieren die große Stadt der Mitte der Reiche der Erde, und herrlicher als die Chujulukh (eine der schönsten Blumen, die nur im kaiserlichen Garten in China gezogen wird).
BM|0|94|8|0|Dein Haupt ist lieblicher als der Kopf einer Goldtaube und dein Hals runder und weißer als der einer weißen Gazelle. Deine Brust ist sanfter und weicher denn Tuschuran (eine Art weichster Wolle, die an einer Schilfstaude wächst), und deine Füße sind kleiner denn die einer Antilope, die da hüpft und tanzt auf Himalajas höchsten Spitzen. Ja, so lieb uns die Sonne ist, so lieb bist uns auch du. Und wie herrlich der Vollmond den wogenden Spiegel der Seen bescheint, so herrlich bescheint deine Anmut auch unsere Herzen.
BM|0|94|9|0|Und so sollen von nun an denn auch deine Wünsche ebenso lieblich in unseren Seelen erscheinen und unsere Herzen also über und über erquicken, als wie da erquicken die Sterne die Herzen zerstobener Schiffer, die am weiten Ozean ihre Segel hissen unbewusst am Tag, wohin sie den Lauf der Schiffe richten sollen, um zu gelangen in die glückliche Heimat.“
BM|0|94|10|0|Darauf wendet er sich zu Mir und spricht: „O Freund, ist es recht also, dass wir diese, die unsere Feindin war, also aufgenommen haben wie ein Herz in hundert Herzen?“
BM|0|94|11|0|Rede Ich: „Ja, so ist es recht nach eurer besten Sitte. Aber da ihr alle nun nicht mehr auf der Welt, sondern im ewigen Reich der Geister euch befindet, allwo andere Sitten und Formen gang und gäbe sind, so werdet ihr euch nach und nach auch danach richten und in allem so handeln, wie ihr es an uns sehen werdet, so ihr hier verbleiben wollt! Wäre euch aber eures Landes Tugend lieber als die dieses Hauses, da freilich müsstet ihr dann zu jenen übergehen, die noch gar lange zu tun haben werden, bis sie dies Haus erreichen werden!“
BM|0|94|12|0|Spricht die Chanchah: „O du lieblichster, du herrlichster Freund der Armen – siehe, wir wollen hier so sein wie die feinste Porzellanerde, die sich in alle edlen Formen fügen lässt. Dein Wille sei unser Leben und dein Wort ein heiliges Wort Lamas!“
BM|0|94|13|0|Rede Ich: „Komm her, du lieblichste Chanchah, Ich will dir ein neues Kleid geben, welches dich herrlicher zieren soll denn die schönste Morgenröte die blauen Spitzen der Berge!“
BM|0|94|14|0|Chanchah springt nun förmlich zu Mir hin, und der Martin bringt schon aus der goldenen Kiste ein rotes Kleid, das da mit vielen Sternen verbrämt und wohl geschmückt ist, und übergibt es Mir mit den Worten:
BM|0|94|15|0|[Bischof Martin:] „Das wird dieser wirklich schönsten Chanchah gar überhimmlisch herrlich gut stehen; das ist ein wahres Kleid der Liebe! Ich muss es offen gestehen, diese Chinesin gefällt mir nun auch ganz überaus gut; nur in ihre echt chinesischen Redensarten kann ich mich noch nicht so recht finden. Da hängt noch viel Irdisches daran, aber sonst echt orientalisch poetisch. Ich hätte wirklich nicht geglaubt, dass in den Chinesen so viel ganz ehrliche Lyrik zu Hause ist. Aber mir gefällt das! Diese lassen wir auf keinen Fall mehr weiterziehen!“
BM|0|94|16|0|Rede Ich: „Hast recht – auch Mir gefallen sie, und das Herz dieser Chanchah aber ganz besonders. Aber sie werden dir noch so manches zu schaffen geben! Aber nun zur Chanchah!
BM|0|94|17|0|Hier, du liebliche Tochter, empfange das Kleid, es ist das der Liebe und weisen Sanftmut in dir! Wohl warst du eine Verräterin an diesen, die das Zeugnis des Jesuslama annehmen wollten. Aber du warst zur Verräterin durch die Tugend deines Reiches und wolltest nur retten des Kaisers Leben, aber dabei nicht opfern das deiner Brüder. Solches hat hernach der Kaiser getan; und hätte es aber nicht getan, so er dein Herz in seiner Brust gehabt hätte. Du bist sonach völlig schuldlos und rein, also wie dieses Kleid, mit dem Ich dich nun bekleide. Nimm es hin, es ist Meine große Liebe zu dir!“
BM|0|95|1|1|Chanchahs Verlangen, das Wesen des Herrn zu erforschen. Des Herrn Rezept. Chanchahs Liebe zum Herrn
BM|0|95|1|0|Die Chanchah nimmt ehrfurchtsvoll das Kleid, das da im Augenblick, als sie es berührt, schon ihr ganzes Wesen gar überaus herrlich schmückt. Als sie so himmlisch bekleidet dasteht, weint sie vor Freude und spricht: „O Freund, welchen Namen wohl führst du? O sage es mir, auf dass ich ihn in mein Herz mit der glühendsten Schrift für ewig zeichne!“
BM|0|95|2|0|Rede Ich: „Schönste Chanchah, dafür ist schon gesorgt! Was du tun möchtest, das ist schon geschehen. Forsche nur in deinem Herzen und du wirst das finden, was du nun von Mir suchst zu vernehmen! Ich sage dir: Deine Liebe zu Mir wird dir alles verraten!“
BM|0|95|3|0|Die Chanchah macht über diese Meine Worte große Augen und stutzt gewaltig. Nach einer Weile spricht sie, ganz in sich vertieft: „Deine Liebe zu mir wird dir alles verraten!? Was du möchtest, das ist schon geschehen!? Forsche nur in deinem Herzen und du wirst es finden, was du von mir suchst zu vernehmen!?
BM|0|95|4|0|Sonderbar, höchst sonderbar! Hm, hm, wie kann der so reden?! Warum brennt denn aber mein Herz auch gar so mächtig vor Liebe, so er mit mir spricht? In seiner Stimme liegt aber auch so eine unbegreifliche Zaubermacht, dass es mir vorkommt, dieser müsste durch die Macht seiner Rede Welten erschaffen und wieder zerstören können! Eine Milde, nie gekannt, und dabei aber doch voll wahrhaft göttlichen Ernstes! Wahrlich, wahrlich, wahrlich – ich ahne Großes!
BM|0|95|5|0|O du heilig Wort, auf der Erde noch nie vernommen! O heiliger Klang solcher Rede: ‚Deine Liebe zu mir wird dir alles verraten!‘ Ich will ja eines, seinen Namen nur will ich. Und er spricht: ‚Alles! Alles!‘ Wie endlos größer wohl ist das Alles denn das Eine!? Ich wollte ja nur eines, und er spricht: ‚Alles!‘
BM|0|95|6|0|O Lama! Lama! Du großer, heiliger Lama, wie soll ich dies fassen?! Ach, ach, wie herrlich doch ist seine Gestalt, welch erhabenste Majestät in seinen Augen! Es sind wohl die anderen zwei auch wunderbar erhabene Gestalten und scheinen auch sehr weise und mächtig zu sein. Aber wenn ich diesen einen ansehe, da erbrennt mein Herz wie die große Kaiserfackel, die, so sie angezündet wird über dem großen Fackelturm der kaiserlichen Burg, die ganze Stadt erleuchtet heller denn der volle Mond.
BM|0|95|7|0|(Sich zu Mir wendend:) Ach, du lieber Freund, ja du göttlicher Freund! Was für Worte hast du zu mir geredet!? Wer außer dir kann ihren Sinn deuten!? Sie haben in mir tiefe Ahnungen erweckt, und ach – ich kann es dir unmöglich mehr verhehlen – eine Liebe, ja eine wunderbar mächtigste Liebe zu dir, du Herrlichster! Ja, du hast recht, du hast wahr gesprochen: ‚Deine Liebe zu mir!‘ Ja wohl, Liebe zu dir, du Herrlichster!
BM|0|95|8|0|Siehe, als ich auf der Erde noch wandelte in den schönen und großen Gärten, an denen meiner Brüder Stadt so reich ist, da horchte ich oft den leisen Tönen nach, mit denen die Schwäne, die gar lieblichen Anblicks über dem Spiegel eines zierlichen Teiches dahinwogten, die sinkende Sonne begrüßten. Es waren herrliche Töne; aber wie gar nichts waren sie im Vergleich zur sanftesten Milde des Tones deiner Rede!
BM|0|95|9|0|Oft ging am frühen Morgen ich lustwandeln und nahm meine Windzither (Knalank) mit mir. Sie klang herrlich, wenn der heitersanfte Morgenhauch ihre Saite begrüßte, dass darob mein Herz vor Freude erbebte. Ja, damals wohl erbebte mein Herz – denn damals hatte ich ja deine Stimme noch nicht gehört; jetzt würde Chanchahs Herz die Knalank nicht rühren, seit es erbebte beim Himmelsklang deiner Rede!
BM|0|95|10|0|Ach wie süß klangen auch einst die Worte meiner Mutter, so sie mich rief und sprach: ‚Chanchah, du mein Leben, komme ans Herz deiner Mutter, die dich mehr liebt denn ihr eigenes Leben!‘ – Ach, du lieber Freund, in diesem Ruf lag mehr Harmonie, als die Welt sie fassen kann; ach wie gar so selig war die muntere Chanchah bei diesem Ruf! Die Erde ward schöner, ward wie verklärt, ja sie ward zu einem Himmelsgarten!
BM|0|95|11|0|Aber, o du Freund, du Herrlichster, damals auch habe ich deiner Rede Klang noch nicht gehört! Oh, wie tief in den Staub sinkt das alles nun zurück, so ich dich ansehe und deiner himmlischen Rede Ton in meinem bebenden Herzen wie ein heiliges Echo aus den Himmeln wiederklingend vernehme! Ach du Herrlichster, was werde ich beginnen, wenn mein Herz stets ungestümer für dich, ach ganz ewig allein für dich erbrennt?!
BM|0|95|12|0|Lama, Lama, Du bist wohl groß und herrlich, wo Du bist. Dich soll man wohl mehr lieben denn alles. Aber was kann die arme Chanchah dafür, wenn ihr Herz diesen, sicher Deinen Freund auch, gar so innigst ergriff!
BM|0|95|13|0|Aber du, o Herrlichster, wirst mir ja doch nicht zürnen, darum ich es wage, dich so mächtigst zu lieben? Kann ich ja doch nicht dafür, dass du meinem Herzen so heilig geworden bist!
BM|0|95|14|0|Man lehrte mich auf der Erde wohl, dass es für die Guten einen Himmel gibt, der noch tausendmal schöner sei denn Peking, die große Kaiserstadt, und erhabener als die Majestät der blauen Berge; aber ich finde diese Himmelspracht nun ganz leer und finde, dass nie der Himmel auch höchste Pracht, sondern nur ein Herz dem anderen ewig ein Himmel der Himmel bleibt!
BM|0|95|15|0|Ich habe in dir meinen Himmel der Himmel gefunden! Ach möchtest du auch in mir wenigstens so ein kleines Lustgärtchen finden!“ Mit diesen Worten sinkt die Holde Mir zu den Füßen.
BM|0|95|16|0|Und der Martin sagt: „O Herr – ‚Bruder‘ wollt ich sagen; hätte Dich bald verraten! – etwas Ähnliches von einer jungfräulichen Weichheit ist mir noch nicht vorgekommen. Das will ich doch Liebe nennen! Da ist unsereiner gerade ein räudiger Ochse dagegen! Bruder Borem, bei der können wir beide noch hübsch lange in die Schule gehen! Was meinst du?“
BM|0|95|17|0|Spricht Borem voll der höchsten Achtung: „Allerdings, lieber Bruder Martin, in der allerbeseligendsten Gesellschaft des Meisters aller Meister werden wir mit dem Lernen wohl ewig nie fertig werden. Übrigens alle Achtung vor dieser holdesten Chinesin; mit der enormen Zartheit ihrer Gefühle und mit der echt orientalischen Glut ihrer Liebe werden wir es freilich noch lange nicht aufnehmen können. Es ist außerordentlich erfreulich, sie reden zu hören und daneben die Steigerung ihrer Liebe zu betrachten, und überaus beseligend für uns aber ist es, dass wir wissen, wohin ihre nun noch blinde Liebe ihren Zug nimmt!“
BM|0|96|1|1|Des Herrn Wink zum vorsichtigen Handeln bei Unreifen. Chanchahs Liebe zum Herrn im Konflikt mit Chanchahs Liebe zum Lama
BM|0|96|1|0|Rede Ich: „Redet nur nicht zu andeutend! Wir drei hier wissen es, was wir sind und wer! Aber diese alle sind nun noch viel zu schwach, unsere Wirklichkeit zu ertragen. Daher müsst ihr bei euch recht sehr behutsam sein, so ihr mit Mir redet. Versteht es, liebe Brüder, wir sind gleich! Ich habe das euch nun in der Stille gesagt, dass diese von allem nichts vernommen haben; aber so wir drei vor allen laut reden, da sind wir alle gleich und sind eines. Versteht wohl, ihr wisst es schon, warum!“
BM|0|96|2|0|Spricht der Martin: „O Bruder, Du – Du – Du allergeliebtester Bruder, wir kapieren die Sache schon! Oh, ich werde da ja so aufpassen wie die Katze auf eine Maus, dass ich mich ja nicht irgendwo verrede. Nur musst Du schon noch ein bisschen Geduld mit mir haben, so mir manchmal etwas Dummes herausrutscht. Ich komme mir manchmal wohl schon recht weise vor; aber weißt Du, wenn Du da bist, da kommt mir meine Weisheit aber schon so dumm vor, dass ich mich gerade selbst aus vollem Halse auslachen könnte. Aber mich freut es dennoch, dass ich es – freilich mit Deiner alleinigen Hilfe nur – so weit gebracht habe, wenigstens manchmal etwas Weises hervorzubringen.“
BM|0|96|3|0|Rede Ich: „Ganz gut, lieber Bruder Martin, bleibe du nur, wie du bist, denn gerade so bist du Mir am angenehmsten. Denn siehe, ein rechter Humor des Herzens darf auch in allen Himmeln nicht fehlen; aber nun müssen wir schon unserer Chanchah wieder unsere Aufmerksamkeit widmen. Martin und Borem, hebt sie auf vor Meinen Füßen, denn Ich darf sie mit Meinen Händen noch nicht berühren!“
BM|0|96|4|0|Die beiden tun nun behände, was Ich ihnen geboten, und die Chanchah steht nun noch ganz liebetrunken in unserer Mitte und kann sich kaum fassen, um ihre Gefühle in Worte umzugestalten.
BM|0|96|5|0|Der Martin spricht dabei: „Aber wie sie in dieser wahrsten Liebetrunkenheit schön ist! Wahrlich, sapperment, wenn eine solche auf der Erde zu sehen wäre, ich glaube, die Menschen würden geradewegs rasend ob dem Anblick solcher Fülle weiblicher Reize!
BM|0|96|6|0|Über mich aber wundere ich mich nun sehr, dass ich eine so außerordentliche Schönheit zwar wohl mit dem größten Wohlgefallen, aber ohne alle sinnliche Begierde ansehen kann, was bei mir – wie Figura der Merkurianerin und der noch früheren Lämmerherde hinreichend bewiesen hat – ehedem nicht der Fall war.
BM|0|96|7|0|Es hat zwar die Berührung dieses weichsten und rundesten Armes mir überaus wohlgetan; aber nichtsdestoweniger habe ich dabei irgend von einer sinnlichen Regung etwas verspürt. Dafür kann ich nur, Du weißt es schon wem, über alle Maßen ewig danken und Ihn preisen ohne Ende!
BM|0|96|8|0|(Sich zu Chanchah wendend:) Wie ist dir nun, du allerholdeste Einwohnerin dieses meines vom großen, heiligen, liebevollsten Lama für ewig mir gegebenen Hauses? O rede, rede wieder! Siehe, wir alle haben dich ja überaus sehr lieb und deine schönsten Worte erfreuen ungemein unser aller Herz!“
BM|0|96|9|0|Spricht die Chanchah: „Ach, mir ist unendlich wohl! O ihr lieben himmlischen Freunde, ihr Diener Lamas, des Heiligen! Wem solle es in eurer Mitte nicht endlos wohlgehen? Ist ja doch die Liebe des menschlichen Herzens höchstes Gut. So aber ein Herz Liebe, wie diese hier gefunden, und wie ich sie hier fand, was solle da wohl noch übrig sein zu wünschen, und welch höhere Seligkeit als die, welche die Liebe gibt? O Freund, mir ist hier endlos wohl!
BM|0|96|10|0|Aber nicht wahr, ihr liebsten Freunde, ich werde euch doch wohl etwa nimmer verlassen dürfen? Freilich fühle ich es wohl, dass ich euer nicht wert bin, da ich wohl noch eine Menge Makel an mir entdecke trotz dieses herrlichsten Kleides. Aber mein Herz liebt euch und – ich gestehe ja alles gerne – besonders dich, der du mir deinen Namen nicht sagen wolltest. Und ihr werdet ja dies Herz nicht verstoßen, darum es euch, und besonders dich Namenlosen, so unaussprechlich liebt!“
BM|0|96|11|0|Rede Ich: „O ewig nimmer wirst du von uns entfernt werden! Denn siehe, aller Himmel Grund ist die Liebe, und die Liebe ist auch der Himmel aller Himmel selbst. Wer diese, wie du, in solch großem Vollmaß hat, wie solle der aus dem verbannt werden können, das da ist sein eigen Wesen? Solche Liebe aber wie da ist die deinige zu uns nun, tilgt auch alle Makel der Seele augenblicklich, dass sie dann so rein ist, als wäre sie soeben dem Hauch Lamas entsprossen!
BM|0|96|12|0|Daher kümmere dich fürder nimmer, ob du wohl hier wirst verbleiben dürfen, sondern denke, dass wir dich ewig als ein besonderes Gärtchen unserer Liebe behalten werden, wohin wir auch zeitweilig nach den zahllosfältig verschiedenen Bedürfnissen dieses Reiches zögen. Ob wir gerade schon für ewig hier in diesem Haus verbleiben werden, das freilich wohl musst du nicht als eine ausgemachte Sache betrachten. Denn in des großen Lama Reich gibt es wohl noch gar sehr viele Wohnungen! Aber wohin wir auch zögen, wirst du stets so wie jetzt unter uns sein!
BM|0|96|13|0|Denn siehe, wir lieben dich nun ja auch so sehr, als wärst du das einzige Wesen in der ganzen Unendlichkeit, das mit allem Recht auf unsere vollste Liebe den entschiedensten Anspruch machen kann. Da wir dich, und verstehst du, holdeste Chanchah, ganz besonders Ich, dich so sehr lieben, wie möglich könnten wir dich von uns lassen? Du bist nun Mein Liebchen für ewig; das sei dir sicherer und gewisser denn dein eigen Leben!“
BM|0|96|14|0|Spricht die Chanchah: „O Lama, Lama, wie heilig gut musst Du sein, da Deine Diener schon so unendlich gut und lieb sind!? Aber, ach, du lieber Freund du, weißt du, wenn ich dich so recht betrachte, so – ach, es will doch nicht heraus! – ja, ach, ach, so kommt es mir vor, als wenn der Lama unmöglich besser sein könnte, als wie du es bist! Es wird das wohl vielleicht der einzige Fehler sein, den die Liebe hat, dass sie das, was sie einmal über alles liebt, auch für das Beste und Vollkommenste hält? Also halte ich auch dich, wohlgemerkt, wenigstens für so gut wie den großen Lama Selbst! Lama wird der armen Chanchah wohl vergeben, wenn sie solches denkt und fühlt?! Denn ich kann ja nicht darum, dass ich dich so unbegrenzt lieben muss!“
BM|0|96|15|0|Rede Ich: „O Chanchah, Lama hat dir schon längst alles vergeben, des sei du vollends gewiss. Denn Lama liebt ja auch Seine Diener so unbegrenzt, dass es Ihm wohl Selbst die größte Freude und Seligkeit macht, wenn sich Seine Kinder, die Seine eigentlichen Diener sind, untereinander ganz ohne Maß und Ziel lieben. Daher fürchte du dich ja nicht, als könntest du dich mit deiner Liebe zu Mir beim Lama versündigen. Dafür stehe ich dir mit allen Schätzen der Himmel gut!“
BM|0|97|1|1|Chanchah erforscht ihren geliebten Freund. Unterschied zwischen Gastgeber und Gast. Vom Geben und Nehmen
BM|0|97|1|0|Als die Chanchah das vernimmt, spricht sie ganz wie verlegen: „O du herrlichster Freund meines ganzen Wesens! Du musst den großen, heiligen, ewigen Lama sicher schon oft gesehen haben und vielleicht gar gesprochen auch, weil du mit einer solchen, mir ganz unbegreiflichen Bestimmtheit von Ihm reden kannst, als wärest du zunächst Sein erster Diener? Ja, ja, es wird schon so sein, sonst könntest du ja doch nicht gar so unaussprechlich lieb sein! Deine Worte hätten die Kraft nicht, die sie haben, als wären es Worte Lamas Selbst!
BM|0|97|2|0|Siehe, es haben ehedem auch diese deine beiden Freunde geredet, aber ich merkte wenig Kraft in ihren Worten. Nur wann sie mit dir redeten, da freilich hatten auch ihre Worte einige Kraft. Als der eine aber mit mir redete, da verspürte ich keine Kraft in seinen Worten. Daraus aber schließt mein Herz, dass du dem Lama näher bist denn diese beiden. Habe ich nicht recht geurteilt?“
BM|0|97|3|0|Rede Ich: „Ich sage dir, frage nur dein Herz, deine Liebe zu Mir; diese wird dir alles verraten! Nun aber gehen wir auch zu den anderen Brüdern, auch sie bedürfen unserer Sorge und Liebe. Du gehe Mir zur Seite, Meine liebste Chanchah!“
BM|0|97|4|0|Spricht die Chanchah: „Ach ja, ach ja, das ist wohl sehr recht und gut, dass da auch meiner anderen Brüder und Schwestern gedacht wird in euren Herzen; denn besser sind immer die Gastgeber als die Gäste daran. Die Gastgeber können geben, wenn sie wollen. Die Gäste aber dürfen erst dann etwas nehmen, so ihnen etwas gegeben wird. Und so sie das Gegebene nehmen, da müssen sie es fein artig nehmen und müssen dem Gastgeber recht viel Ehre antun und ihm die Dankbarkeit nie versagen.
BM|0|97|5|0|Der Gastgeber aber braucht zu niemand bitten kommen, so er aus seiner Vorratskammer für sich was nehmen will. Er kann sich nehmen wie viel er will, wann und was er will, und hat dabei nicht nötig, für sich alle erforderlichen Höflichkeitsregeln zu beachten, noch braucht er jemanden darum zu ehren und auch niemandem zu danken. Daher sind die Herren im Grunde doch allein nur glücklich zu preisen, darum sie geben können, was und wann sie wollen. Die Empfänger aber sind, wenn auch schon gerade nicht unglücklich, doch stets übler daran, darum sie nehmen müssen, was ihnen gegeben wird.
BM|0|97|6|0|Also gedenke ich auch hier dieser vielen Gäste, zu denen auch ich gehöre. Ihr drei freilich wohl über alles lieben und guten Gastgeber und Herren dieses Himmelshauses habt es trotz eurer allerunbegrenztesten Güte aber dennoch um sehr vieles besser denn alle diese von euch noch so gut gehaltenen Gäste. Denn Herren bleibt stets ihr, diese aber nur Gäste, die in allem von euch abhängen. Und so ist es nun wirklich sehr recht und gut, dass nun auch ihrer sicher überaus gut gedacht wird.
BM|0|97|7|0|Du, liebster Freund, aber wirst es mir doch nicht zu einem Fehler anrechnen, dass ich nun so geredet habe? Denn siehe, ich hätte gewiss nicht so frei heraus geredet, wenn ich dich nicht gar so unermesslich lieb hätte. Diese meine große Liebe zu dir, du mein himmlischer Freund, löst mir die Zunge; und wann sie gelöst ist, ach, dann geht sie schon, wie sie gewachsen ist!“
BM|0|97|8|0|Rede Ich: „O du zartestes Balsamtröpfchen meines Herzens, rede du nur immer zu, wie dir es dein Herzchen gibt. Uns kannst du nimmer beleidigen, besonders wann du so weise sprichst, wie du jetzt geredet hast. Denn ich sage dir’s, du Holdeste, es ist genau so, wie du nun geredet hast. Es ist wirklich viel leichter, zu geben als zu nehmen, und es ist der kümmerliche Geber auch immer im Grunde des Grundes besser daran als der beste Nehmer!
BM|0|97|9|0|Aber es lässt sich diese Ordnung nimmer ändern, da unmöglich jedermann ein Herr sein kann. Und würden vom Lama aus auch alle Menschen zu Herren gemacht sein, so dass da jeglicher hätte sein Haus und sein gutes Auskommen, und dürfte niemand dem anderen (zu bitten und zu nehmen) kommen, was wäre aber dann mit der Nächsten- und Bruderliebe, und was mit der Liebe zum Lama? Sieh, diese ginge da rein unter, und doch müsste am Ende der Lama ein Geber und alle Menschen aber gebundene Empfänger sein, wie sie es nun sind und ewig sein werden!
BM|0|97|10|0|Damit aber die Nehmer so ungeniert als nur möglich das Gegebene nehmen können und dürfen, so wird von uns Gastgebern hier stets in so überfließend reichlichster Fülle gegeben, dass da jeder Empfänger und Nehmer sich ganz ungeniert so viel von dem endlos viel Gebotenen nehmen kann und darf, als wie viel nur immer sein Herz zu begehren vermag.
BM|0|97|11|0|Ja, Ich sage dir es, du Meine allerliebste Chanchah, es wird hier mit dem Geben sogar so weit getrieben, dass es nahe in der ganzen Unendlichkeit kein Wesen gibt, dem nicht allzeit tausendfach mehr gegeben würde, als was seines Herzens glühendster Wunsch ewig je begehren könnte! Was meinst du nun, du Meine geliebteste Chanchah, sind die Nehmer bei solchen Geberverhältnissen wohl noch für bedauerlich anzusehen?“
BM|0|97|12|0|Spricht die Chanchah: „Ach ja, dann freilich wohl sind die Nehmer beinahe noch glücklicher als der Geber. Denn der Geber muss – du wirst mir’s wohl vergeben, so ich hier vielleicht wieder zu viel und zu ungebührlich rede – ja doch sehr viel Sorgen haben, und muss denken über Hals und Kopf, wie er seine Vorratskammern so fülle, dass sie selbst durch die steten reichsten Weggaben nicht erschöpft werden können!
BM|0|97|13|0|Ich habe wohl auf der Erde öfter gedacht, wie es doch dem Lama möglich sein kann, für so endlos vieles zu sorgen, für all das Gras, das da wächst allenthalben, für die Gesträuche und Bäume und für all die zahllosen Tiere und Menschen. Aber da sagte mir meine Mutter:
BM|0|97|14|0|Chanchah, wie denkst du so menschlich vom Lama? Weißt du denn nicht, dass der Lama allmächtig ist und allgegenwärtig mit solcher Seiner Macht? Er, der endlos Weise, darf ja nur wollen, und es geschieht dann sogleich alles, so Er es will, und wann Er es will, und wie Er es will!
BM|0|97|15|0|Siehe, so die Mutter also zu mir redete, dann gab ich sehr Acht und ward auch bald befriedigt. Aber nun möchte ich es von dir, der du ein Diener Lamas bist, erfahren, ob es sich wirklich so verhält mit dem Lama, wie mich die Mutter lehrte.
BM|0|97|16|0|Ist es dem Lama ein Leichtes, zu sorgen für all das Unendliche, oder ist es auch für Ihn schwer? Ist es Ihm ein Leichtes, dann ist Er ebenso gut daran als Geber, als wie gut da all die zahllosen Empfänger daran sind. Macht Ihm aber solch ein unendliches Sorgen für unendliche Bedürfnisse der zahllosen Myriaden doch manchmal bedeutende Schwierigkeiten, da wäre Er bei Seiner unbegrenzten Freigebigkeit wirklich sogar zu bedauern! O sage, du Mein geliebtester Freund, es mir, so du darin nähere Kenntnisse besitzest!“
BM|0|98|1|1|Über das Wesen und Wirken Lamas. Das Baumwunder
BM|0|98|1|0|Rede Ich: „O du Meine allerliebste Chanchah! Das kann Ich dir in aller Kürze sagen, und so höre! Siehe, da Ich den Lama so gut kenne, wie Er Sich Selbst kennt, so sage Ich dir: Was da das Hervorbringen und Schaffen betrifft, so ist das dem großen Lama wirklich etwas dir kaum begreiflich Leichtes. Denn Er braucht zu einer einmal gefassten Idee nur aus Seinem Willen zu sagen: ‚Es werde!‘, und es ist dann schon alles da, was Er will! Ungefähr also – gebe nun recht Acht! –, als so Ich nun in Mir denke, dass da hier vor uns ein schöner Baum stehe, mit den besten Früchten erfüllt! Oder stelle du dir so einen Baum vor, z. B. so einen sehr schönen Feigenbaum. Hast du ihn schon?“
BM|0|98|2|0|Spricht Chanchah: „Ja, ja, ich denke mir nun einen, wie da einer stand in dem Garten meiner Eltern!“
BM|0|98|3|0|Rede Ich: „Nun gut, gebe nun Acht! Ich denke Mir nun auch denselben Baum und sage gleich dem Lama nun zu diesem gedachten Baum: ‚Werde!‘ und sieh, der Feigenbaum steht nun schon vor uns samt ganz reifer, wohlgenießbarer Frucht!
BM|0|98|4|0|Siehe nun, wie leicht es Mir war, dir hier ein lebendiges Beispiel zu stellen, ebenso leicht ist es dem Lama, Eines wie Unendliche zu erschaffen. Aber nicht so leicht ist es dem Lama, die Menschen so zu gestalten, dass sie so frei und vollkommen würden, wie Er Selbst es ist. Dazu gehört schon etwas mehr als die bloße Allmacht; aber wenn das auch schwerer ist, so ist aber dennoch dem Lama alles möglich!
BM|0|98|5|0|Nun, Meine allerliebste Chanchah, verstehst du nun diese Meine Erklärung? Diesen Feigenbaum aber schenke Ich dir für immer; er wird dir ewig nimmer verdorren, sondern wird dir stets die reichlichsten und besten Früchte tragen!“
BM|0|98|6|0|Die Chanchah ist nun ganz verblüfft, und kann vor lauter Staunen kein Wort herausbringen, und betrachtet danebst bald Mich, bald wieder den Feigenbaum. Dies Wunder aber zieht auch sogleich alle Gäste herzu, so dass wir nicht not haben, zu ihnen uns zu bewegen; alle sind voll Staunens.
BM|0|98|7|0|Auch der Bischof Martin betrachtet ganz überrascht den Baum und spricht: „O Bruder, wohl weiß ich, dass es Dir ein Leichtes ist, einen solchen Baum hervorzubringen; aber dessen ungeachtet hat es mich doch nun ganz absonderlich überrascht, als Du ihn gar so plötzlich allhier entstehen ließest.
BM|0|98|8|0|Ja, ja, ich muss es gestehen, es ist wohl eine sonderbar schöne Sache um so ein bisschen Allmacht. Aber was kann unsereiner dafür, dass er sie nicht hat und auch nicht haben kann, weil er noch viel zu dumm dazu ist. Im Grunde ist es aber auch gut, dass ein dummer Geist – wie z. B. der meinige – keine Allmacht besitzt. Denn besäße ich so was, da wäre es aus bei mir! Du, herrlichster Bruder, würdest Dich Selbst verwundern über die seltenst dümmsten Gebilde, mit denen ich bald einen ungeheuren Weltenraum anfüllen würde! O Herr, da gäbe es Karikaturen, die ihresgleichen suchten!
BM|0|98|9|0|Daher ist es vollkommen recht, dass der weiseste Lama solche Allmachtsfähigkeiten nur jenen erteilt, die der himmlischen Weisheit vollkommen mächtig sind, wie es bei Dir in einem überaus hohen Grad der Fall ist! Dass bei Dir aber demnach das Geben offenbar leichter sein muss als das Nehmen, das wird etwa doch auch klarer sein als auf der Erde die hellste Mittagssonne? Denn mit dem Nehmen hätte es bei Dir – meinen Begriffen nach – ohnehin einen ganz absonderlichen Anstand, indem (ganz leise) ja ohnehin alles Dein ist!“
BM|0|98|10|0|Rede Ich: „Nicht so laut, Mein liebster Bruder Martin! Du kommst immer tiefer. Bedenke, dass da noch andere zugegen sind, die noch nicht auf deiner Stufe stehen! Anfangs hast du schon recht geredet; aber gegen das Ende wärst du bald zu weit gegangen, und das hätte dieser Gesellschaft auf eine geraume Weile schaden können! Daher nimm dich nur recht zusammen und sei klug wie eine Schlange, aber dabei sanft wie eine Taube! Nehme dir aber nur immer den Borem zum Muster, der ist hier ganz an seinem Platze und beobachtet genau die himmlische Klugheit. Tue du auch so, und wir werden mit diesen Gästen leicht vorwärtskommen!“
BM|0|98|11|0|Bischof Martin: „Oh, ich danke Dir für diesen guten Rat, ich werde ihn sicher genau befolgen! Aber da sehe nun die Chanchah an, wie sie Dich nun mit einer Aufmerksamkeit betrachtet, von der mir früher noch nicht Ähnliches vorgekommen ist!“
BM|0|98|12|0|Rede Ich: „Gut, gut ist das, lassen wir sie nur ihre Beobachtungen machen; sie führen ihren Geist näher zu Mir! Bald wird sie mit allen Fragen fertig sein, auf die wir ihr vollauf werden eine gute und geraume Weile zu antworten haben. Sieh, ihr Mund macht schon einige Bewegungen. Daher frage du als Hausherr zuerst, wie sie mit dieser Erklärung zufrieden ist; das andere wird sich dann schon von selbst machen!“
BM|0|98|13|0|Bischof Martin befolgt sogleich Meinen Rat und spricht zur Chanchah, die noch immer vor Verwunderung über Verwunderung ihren Mund nicht in die rechte Sprechverfassung bringen kann: „Holdeste Chanchah! So sage uns doch einmal, wie du mit dieser Erklärung zufrieden bist, und ob du sie wohl in allen Teilen so recht gut und klar verstanden hast! Du musst dich ob dieses Wunders hier nicht gar so sehr erstaunen, denn hier sind derlei Erscheinungen eben nichts Seltenes. Mit der Weile wirst du dich daran schon mehr und mehr gewöhnen.
BM|0|98|14|0|Siehe, es ist mir im Anfang doch auch um kein Haar besser gegangen. Wenn du wüsstest, was erst mir während meines Hierseins alles für Wunderdinge begegnet sind, ich sage dir, du würdest dich gerade umkehren vor lauter Staunen über Staunen.
BM|0|98|15|0|Weißt du, meine liebste Chanchah, das ist nur so ein kleines Hauswunderchen und dient dir bloß nur als eine beispielsweise Belehrung über deine früheren Fragen, die du an meinen Bruder gestellt hast. Habe aber nur Geduld, es wird schon mit der Weile noch endlos dicker werden!“
BM|0|98|16|0|Spricht die Chanchah: „Ach, du lieber Freund, du hast hier leicht reden, so du an derlei Erscheinungen schon gewöhnt bist. Aber unsereins kommt bei solch einem ersten Anblick einer solch außerordentlichen Erscheinung doch sicher außer aller Fassung – und muss es auch. Denn wo in der Welt hat man je so etwas gesehen?!
BM|0|98|17|0|Siehe, so du nun zu mir nicht gar so beschwichtigend geredet hättest und mir in gewisser Hinsicht eine andere Überzeugung beigebracht, so hätte ich diesen deinen Freund und Bruder, der sich nun mit meinen Landesbrüdern bespricht, so wahr ich lebe, für den Lama Selbst gehalten! Aber weil, wie du nun zu mir gesagt hast, derlei Wunder hier gerade nichts Seltenes sind, so bin ich nun wieder etwas beruhigter und liebe diesen deinen Bruder noch inniger wie zuvor.
BM|0|98|18|0|Denn obschon er alsonach nur dein Bruder ist, so sieht er aber dennoch viel göttlicher aus als du und hat solches auch durch diese Kleinschöpfung bewiesen. Ich halte wohl auch von dir sehr viel, aber ich zweifle sehr, ob du so eine Kleinschöpfung zuwege brächtest? Was meinst du darob?“
BM|0|98|19|0|Spricht Martin: „Ja, du meine allerliebste Chanchah, weißt du, wenn es gerade sein müsste, wer weiß es, vielleicht doch auch!? Aber so ich mich etwa mit so einem Wunderwerk bloß nur gewisserart produzieren wollte oder möchte, etwa eines Ruhmes wegen, da säße ich unfehlbar zwischen zwei Stühlen auf der Erde, wie man zu sagen pflegte bei mir auf Erden, und müßte mich dann schämen wie ein erwachsener Bettpisser, vorausgesetzt, dass du da weißt, was bei uns so ein Bettpisser ist?“
BM|0|98|20|0|Spricht Chanchah: „O rede du nur weiter, ich verstehe dich schon! Bei uns heißen derlei Naturschwächlinge ‚Lagerfeuchter‘ (Tschimbunksha), und müssen tags darauf das angefeuchtete Lager den ganzen Tag an einem öffentlichen Platz hüten, wobei sie sich auch gewöhnlich sehr stark schämen müssen. Du siehst nun, dass ich dich verstehe; darum rede du nur ungestört fort und sage mir alles, was du mir zu sagen hast!“
BM|0|98|21|0|Spricht Martin: „Hm, ja, hm, jaaaa! Was wollte ich denn so ganz eigentlich sagen? Hm, hm, hmmm! Ja, richtig, ja, so ist es, es war die Rede wegen Wirkung eines Wunders! Richtig, richtig, ich habe den Faden schon wieder! Weißt du, meine allerholdeste Chanchah, so ganz eigentlich kann nur der große Lama Wunder wirken, wann und wie und wo Er will. Wir, Seine Diener, aber nur durch Seine Zulassung, so es nötig ist. So hat auch dieser mein Bruder hier dies Wunderwerkchen gewirkt, weil es zu deiner Belehrung nötig war, ansonsten Er auch keines gewirkt hätte – was aber auch bei Lama Selbst der Fall ist. Auch Er wirkt vor unseren Augen fast nie ein Wunder, weil es da nicht nötig ist, wo wir ohnehin Seine leisesten Winke verstehen! Verstehst du, liebste Chanchah, mich?“
BM|0|99|1|1|Chanchah bringt Martin in Verlegenheit durch ihre Fragen
BM|0|99|1|0|Spricht Chanchah: „O ja, o ja, ich verstehe alles, was du sagst! Aber weil du nun soeben von des großen Lama leisestem Wink geredet hast, den du ohne ein Wunder sogleich verstehst, so sage mir dann, wie der große Lama dir und deinen Brüdern winkt, dass ihr dann Seinen sogar allerleisesten Wink sogleich wahrnehmt und dann auch sicher sogleich befolgt! Ihr müsst also den großen Lama ja auch sehen, ansonst Er euch doch unmöglich winken könnte; oder doch wenigstens hören und also Seine Winke vernehmen?! Seht oder hört ihr Ihn, o da sage es mir, wie ihr Ihn seht oder hört, auf dass ich mir von Ihm doch irgendeine Vorstellung machen kann!“
BM|0|99|2|0|Spricht Martin, etwas verlegen: „O meine allerliebste, holdeste Chanchah! Siehe, das ist eine sehr kitzlige Frage! Wenn ich sie dir auch beantworte, so wirst du sie doch sicher nicht verstehen. Daher wäre es nun fast besser, so du mir die Antwort auf diese deine Frage erlassen möchtest, da sie für diesen Augenblick weder mir noch dir nützen kann!“
BM|0|99|3|0|Spricht Chanchah: „O Freund, das Handeln um den Preis eines Guts kann wohl bei euch zu Hause sein; uns Chinesen aber ist so etwas fremd. Jede Ware, die wir feilbieten, hat ihren bestimmten festgesetzten Preis. Wer sie feilbietet, der muss sie auch verkaufen und davon dem Kaiser den Verkaufszins geben. Verkauft der Feilbieter die Ware nicht, so ist das ein Beweis, dass er sie zu hoch geschätzt hat und Wucher treiben wollte, wofür er dann auch der bestimmten Züchtigung nicht entgeht.
BM|0|99|4|0|Also muss auch jedermann beim Reden sich sehr zusammennehmen und ja nichts sagen zur Hälfte und die andere Hälfte schuldig bleiben, entweder aus Furcht oder Unkenntnis. Denn für beides wird er gezüchtigt, da es eines Menschen unwürdig ist, entweder sich zu fürchten, wo keine Furcht vonnöten ist, oder gar aus sich mehr machen zu wollen, als man ist.
BM|0|99|5|0|Siehe, ich bin eine strenge Chinesin und erlasse dir nichts, was du mir durch deiner Rede Gang gewisserart verheißen hast! Denn wer bei uns durch seiner Rede Gang jemandem zu einer Frage Anlass gibt, der muss die Frage auch beantworten. Sonst ist er mit seiner ganzen Rede entweder ein Prahler, so viel als ein Lügner; oder er ist ein unfähiger Feigling und kennt das selbst nicht durchaus, von dem er geredet hat. Willst du von mir nicht für eins oder das andere gehalten sein, da gebe mir eine volle Antwort auf meine Frage, und das ohne allen Vorenthalt!“
BM|0|99|6|0|Bischof Martin ist nun sehr verlegen und weiß nicht, was er tun soll. Denn gibt er ihr die rechte Antwort, da muss er Mich verraten vor der rechten Weile; und antwortet er nicht, so erklärt sie ihn vor allen Gästen als einen Lügner oder als einen Dummkopf und Feigling, was ihm auch nicht angemessen wäre, da er sich so ganz heimlich als Hausherr etwas zugute dünkt. Er geht daher zu Mir und fragt Mich, was er nun in dieser seiner Lage tun soll.
BM|0|100|1|1|Des Herrn Rüge und Verhaltungswinke an Bischof Martin
BM|0|100|1|1|(Am 29. Februar 1848)
BM|0|100|1|0|Rede Ich: „Habe Ich dir nicht den Borem zum Muster gestellt? Warum musst du denn in einem fort plauschen und reden für nichts und nichts? Jetzt, da du dich in eine Klemme hineingeredet hast, möchtest du wieder mit Ehren dich aus derselben ziehen. Aber siehe, es wird sich die Sache nicht so leicht machen lassen, als wie du es glaubst!
BM|0|100|2|0|Die Chinesin ist nun durch Mein notwendiges Wunderwerk und durch deine Rede überaus erregt. Ihr Herz wittert Meine Nähe und ihr Geist wird wacher und wacher, und du hast ihr noch dazu durch das Definieren, wie du Lamas Winke selbst von der leisesten Art sogleich verstehst, den Kopf wie das Herz noch in einen heftigeren Brand versetzt. Was wunder, dass sie dich nun auf Mord und Brand angeht! Aber selbst geschaffen, selbst dulden!
BM|0|100|3|0|Ich habe dir aber schon einmal bemerkt, dass uns diese Chinesen noch so manches werden zu schaffen machen, aber da sahst du die Sache nicht ein. Da nun du aber durch deine Wichtigtuerei die kritische Sache vor der Zeit herbeigeführt hast, so fechte aber auch nun als ein Mann und suche die Sache mit der Chanchah wieder ins Gleichgewicht zu bringen, während Ich diese übrigen hundert Chinesen bearbeite; sind diese in der Ordnung, dann werde Ich schon auch mit der Chanchah wieder eine rechte Ordnung machen! Gehe nun und tue also!“
BM|0|100|4|0|Martin kratzt sich nun hinter den Ohren und sagt nach einer Weile: „O Du mein H–, oha, hätte mich bald wieder verschnappt! O Du mein Bruder, wenn es nur Dir nichts macht und ich tun darf so nach meinem Gutdünken, freilich unter Deinem geheimen Einfluss, da werde ich mit dieser Chinesin wohl etwa bald und leicht fertig werden!“
BM|0|100|5|0|Sage Ich: „Tue, was und wie du willst; aber diese Chinesin musst du Mir auf jeden Fall wieder in die Ordnung bringen!“
BM|0|100|6|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, wenn so, Du mein H– – Bruder, wollt ich sagen –, da werde ich die Sache mit der Chanchah schon ausfechten. Ich bin nur froh, dass ich nun ein bisschen mehr Mut bekommen habe, ohne den es mir nun wohl recht schlecht hätte ergehen können!“
BM|0|100|7|0|Spricht der Borem: „Bruder, sehe aber nur zu, dass dir am Ende der Mut nicht zu kurz wird! Ich schmecke schon im Voraus den Braten und wünsche nur, dass du nicht das Kürzere ziehst! Mit den Chinesen, in denen ein stoischer Geist herrscht, ist der Umgang sehr kitzlig; denn wo du eins sagst, da haben sie hundert dawider! Verstehst du das?
BM|0|100|8|0|Diese Chanchah ist zwar ein selten reines Wesen voll echt morgenländisch feuersprühendsten Ambra-Äther duftender Anmut, aber eine Chinesin ist sie im vollsten Sinne des Wortes dennoch bei alledem. Daher sei ganz außerordentlich vorsichtig mit jedem Wort, sonst wird sie dir zur unerträglichsten Laus in deinem Rock, und du wirst zu tun haben, ihrer auf eine gute Art loszuwerden!“
BM|0|100|9|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, was soll ich aber tun? Etwas muss denn doch geschehen? Aber was? Siehe, das ist freilich eine ganz andere Sache! Ich will es doch versuchen und sehen, ob ich sie nicht nach der Anforderung (leise) des Herrn in die Ordnung bringen kann!“
BM|0|101|1|1|Chanchahs erneute Frage nach dem großen Lama. Martins Verlegenheit und Ausflüchte. Chanchah bezeichnet ihn als Esel
BM|0|101|1|0|Bei diesen Worten klopft ihn schon die Chanchah auf die Achsel und spricht: „Nun, du Diener Lamas? Wie lange lässt du die arme Chanchah harren auf eine rechte und bestimmte Antwort, nach der sich ihr Herz mächtiger sehnt als ihre Seele nach tausend Leben?!
BM|0|101|2|0|O Freund, so ich hätte tausend Herzen und wäre das schönste Wesen, das je unter den Strahlen der Sonne wandelte, dein sollen alle Herzen sein, und mein schönstes Augenpaar soll nimmer von dir abgewandt werden, so du mir die Wahrheit sagst auf das, was du mir zur Antwort zu geben schuldest. Ich aber habe nur ein Herz; dies eine Herz aber soll dich lieben wie tausend Herzen, so du mir ein wahrer Freund bist und mir zeigst den großen Lama entweder in Worten oder womöglich in der Tat. Aber wehe dir, so du dich wagst zu berücken mein Herz, das dich so unermesslich lieben will!
BM|0|101|3|0|Siehe, es ist wahr, ich liebe jenen, deinen herrlichsten Bruder, mit einer dir unbegreiflichen Glut. Aber alle diese Glut soll dir zugewandt sein, so du mir ein wahrer Freund sein willst und sein kannst! Auf mein Wort kannst du bauen fester denn auf diamantene Felsen!“
BM|0|101|4|0|Martin ist ob solcher Rede ganz verdutzt und sieht die ganz unbegreiflich schönste Chinesin wie versteinert an, und denkt und simuliert, was er nun tun oder reden soll. Nach einer ziemlich langen Weile sagt er zu ihr:
BM|0|101|5|0|[Bischof Martin:] „O du gar zu überholdeste und zu außerordentlich schönste Chanchah! Siehe, wärst du nicht gar so unbegreiflich schön, ich hätte schon so manches gesagt. Aber so ich dich ansehe, da bin ich ja rein weg vor Verwunderung und Liebe zu dir und kann nicht reden. Ich muss es dir daher offen gestehen, dass ich so lange zu dir nicht viel Gescheites werde reden können, bis sich meine Augen deinen Anblick mehr werden angewöhnt haben.
BM|0|101|6|0|Du hast freilich leicht reden und drohen auch; denn mein Anblick wird dich sicher nicht verwirren. Aber mir geht es ganz absonderlich schlecht mit meiner Zunge, so sie von deiner zu großen Schönheit rein vernichtet wird und dadurch gänzlich erlahmt, so ich mit dir reden soll. Daher musst du schon ein bisschen Geduld mit mir haben. Nach und nach wird sich schon alles machen, so ich mich, wie gesagt, deiner Schönheit mehr werde angewöhnt haben.“
BM|0|101|7|0|Spricht die Chanchah: „Wenn das der Grund ist, da sage mir, wie es dir denn nur möglich war, mit mir so gut als möglich geordnet zu reden und mir einen rein aus der Luft gegriffenen Grund aufzutischen, darum du mit mir über das Gefragte nicht reden kannst?
BM|0|101|8|0|Siehe, dem die Liebe die Zunge bindet, der redet wie ein Betrunkener und stottert und seine Rede hat keinen Sinn. Denn eine verlegene Zunge hat keine Wurzeln, die aus der Quelle der Weisheit ihre Bewegung saugen. Deiner Zunge Wurzeln aber sind voll der regsamsten Feuchte. Daher rechtfertige dich vor meinem Herzen wie ein Mann, aber nicht wie ein losester Schalk! Was ich dir sage, ist so wahr wie mein innerstes Leben. Wie kannst du da nur aus deiner Haut und nimmer aus deinem Herzen zu mir reden?“
BM|0|101|9|0|Bischof Martin ist nun noch verlegener und weiß nun keine Silbe irgend ausfindig zu machen, um seiner schönen Gegnerin zu begegnen. Er fängt daher wirklich allerlei Wort- und Silbenwerk zu stottern an, dahinter kein Sinn zu entdecken ist. Je länger er so stottert, desto größere Augen macht die Chanchah und schmunzelt mitunter auch so ganz mitleidig. Nach einer Weile, als ihr des Martin Stotterei schon zu toll wird, spricht sie:
BM|0|101|10|0|[Chanchah:] „Freund, ich bedauere dich; denn du bist entweder ein schlauer Fuchs oder ein dummer Esel – eines schlechter als das andere! Ich halte dich aber dennoch mehr fürs letzte denn fürs erste. Und das entschuldigt auch deine frevelhafte Angabe, als seist du auch ein Diener des großen Lama. Wahrlich, so Sich Lama solcher Diener bedienen würde, da wäre Er samt solcher Seiner Diener sehr zu bedauern!
BM|0|101|11|0|Siehe, ich habe von dir ehedem wohl so einige ziemlich weise Worte vernommen und dachte wirklich, du wärst im Ernst etwas Höheres, was zu glauben mich auch deine prahlende Hauptbedeckung zwang, wie auch, dass du jenen wahrhaft Weisen deinen Bruder nanntest. Aber nun bin ich über dich ganz im Klaren! Du bist ein sogenannter guter Esel, der hier im Himmelreich bloß vegetiert, weil er auf der Erde wohl sicher zu dumm war, je eine Sünde zu begehen. Und so bist du wohl so eine gutmütige Eselsseele, die niemandem was zuleide tut und als ein Geschöpf Lamas auch alle Achtung verdient. Aber man kann von dir nicht mehr verlangen, als was der große Lama in deine Natur gelegt hat. Du wirst mir aber auch vergeben, dass ich von dir mehr haben wollte, als was von dir zu haben ist! Ich erlasse dir sonach aber auch jede ehedem von dir verlangte Beantwortung!
BM|0|101|12|0|O du armer Esel du, wie leid tut es mir nun, dich so geängstet zu haben! Du hast hier freilich wohl die Menschengestalt, die im Geisterreich etwa alle Tiere bekommen, weil sie alle nur verwunschene Menschen der freilich dümmsten Art seien. Aber darum bist du dennoch, was du sicher auf der Erde warst. Sei daher nur wieder gut, du mein armer, dummer Esel! Wie leid tut es mir nun, dass ich dir ehedem menschliche und wohl gar himmlische Weisheit zugemutet habe! Gelt ja, du mein lieber Esel, du nimmst es mir nicht für übel?“
BM|0|101|13|0|Bischof Martin sieht nun ganz springgiftig aus und möchte der Chinesin sehr gerne so recht derb ums Maul fahren, wie man zu sagen pflegt. Aber weil er sich dadurch der lästigen Beantwortung enthoben sieht, so schluckt er alle diese Komplimente hinab und entfernt sich so ganz bescheiden von seiner Chanchah, die ihn aber dennoch nicht aus den Augen lässt.
BM|0|102|1|1|Borems gute Winke über den inneren Verkehr mit dem Herrn und über die Behandlung von Menschen, in deren Land auf Erden die krassesten Geheimnisse über das Jenseits bestehen
BM|0|102|1|1|(Am 1. März 1848)
BM|0|102|1|0|Borem geht zu ihm und spricht: „Bruder Martin, wie geht es dir nun mit deinem Mut? Ist er dir schon zu kurz geworden, oder wird er dir erst zu kurz werden?“
BM|0|102|2|0|Spricht Bischof Martin: „Ach, geh, das ist ja gerade rein zum Durchgehen! Bei diesen Chinesen scheint wohl noch so manches der altasiatischen Poesie geblieben zu sein, und das ist aber auch alles, was sie von einer geistigen Bildung innehaben. In allem Übrigen aber sind sie höchst sicher das dümmste Volk der ganzen Erde. Kaffern, Hottentotten, Madagaskaresen, Australier und Neuseeländer müssen gegen diese Glattköpfe ja wahre Platos und Sokratesse sein!
BM|0|102|3|0|Stelle dir vor – was meinst du, lieber Bruder, für was mich nun diese Holde Pekings hält! Ah, es ist wirklich lächerlich toll! Höre, für nichts mehr und für nichts weniger als platterdings für einen wirklichen Esel! Weißt, nicht etwa nur, wie man zu sagen pflegt, für einen allegorischen, sondern ganz im vollsten Ernst für einen wirklichen Esel! Erlaube mir, Bruder, das ist denn doch etwas zu stark!“
BM|0|102|4|0|Spricht Borem: „Allerdings ist das etwas Starkes, einen Hausherrn – und das einen himmlischen Hausherrn für einen wirklichen Esel zu halten! Aber da mache du dir nur gar nichts daraus. Denn siehe, nur auf diese Art konntest du ihre Anforderung an dich vollends loswerden. Und das hast du nur dem Herrn zu verdanken, der allein diese Sache so gewendet hat zu deinem und der armen Chanchah Bestem. Sei du daher nur ruhig und stecke alles geduldig ein, was dir zuteil ward; nach der rechten Weile wird sich schon alles wieder ausgleichen.
BM|0|102|5|0|Weißt du, mein liebster Bruder Martin, bilde du dir in der Zukunft auf deine Hausherrlichkeit nichts ein, so wirst du ums Hundertfache leichter fortkommen und alles leicht ertragen. Auch mit dieser Chanchah wirst du leichter überorts kommen.“
BM|0|102|6|0|Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, du hast recht! Ich sehe nun schon ein, dass ich da nimmer Hausherr sein soll, wo der Herr eingezogen ist. Aber es pitzelt einen, weißt du, manchmal noch äußerst gewaltig danach, so ein bisschen was zu sein! Aber ich sehe es nun ganz rein ein, dass es das Allerbeste ist, gar nichts zu sein!
BM|0|102|7|0|Wegen der dummen Beschimpfung von Seite dieser Chinesin aber bin ich nun schon wieder ganz in der vollsten Ordnung, d. h. ich habe ihrer Dummheit alles verziehen. Aber dass ich wohl weiser Maßen mich mit ihr für die Zukunft eben nicht zu viel abgeben werde, dessen kannst du vollends versichert sein. Denn da ich schon einmal als ein Esel deklariert worden bin, so werde ich als solcher auch nicht zum zweiten Mal aufs Eis gehen!“
BM|0|102|8|0|Spricht Borem: „Bruder, du hast schon recht nun, aber rede nur nicht zu laut. Denn die Chanchah gibt nun auf jede deiner Bewegungen und Mienen mit den schärfsten Augen Acht. Weißt, es ist in ihr durchaus nichts Böses, aber dafür ein desto größerer Drang, über all das Heer der Mysterien ihres Landes hier im Geisterreich ins Klare zu kommen, darum sie denn auch sozusagen alles aufbietet, um hier wenigstens über den wichtigsten Punkt ihres Glaubens ins Klare zu kommen.
BM|0|102|9|0|Denn wie diese Chinesin, so pflegen alle jene Menschen sich hier zu benehmen, in deren Land auf der Erde oft die allerkrassesten und zahllosen Geheimnisse bezüglich des Hierseits zu Hause sind. Das ist an und für sich eine sicher sehr löbliche Eigenschaft dieser Menschen. Aber man muss mit ihnen dennoch äußerst behutsam zu Werke gehen, gleich wie mit sehr ausgehungerten Menschen auf der Erde, denen man auch nicht gleich anfangs gestatten darf, sich aus einer vollsten Schüssel nach dem großen Appetit vollsatt zu essen, sondern erst nach und nach, weil sie sonst an ihrer Gesundheit einen großen Schaden erleiden würden.
BM|0|102|10|0|Es ist allerdings wahr und löblich, dass diese auf der Erde in großer Finsternis gehaltenen Menschen einen nun hier unmäßigen Hunger und Durst nach der endlichen Enthüllung ihrer zahllosen Geheimnisse haben. Aber alle diese zahllosen Geheimnisse, durch die eben dieser Menschen Phantasie und Dichtergabe im höchsten Grad genährt ward, sind bei eben auch diesen Menschen mit solchen Bildern und Ideen ausgestattet, dass sie zur inneren Schöpfung geworden sind und gewisserart nahe vollends ihr gesamtes Wesen ausmachen.
BM|0|102|11|0|Würde man ihnen nun hier gleich mit dem reinsten Licht kommen, da würde sie dieses völlig vernichten, da es ihr eigenes Wesen so gut wie völlig auflösen möchte. Daher muss man mit ihnen nahe so verfahren, als mit einem alten, sehr schadhaften Haus, wo man auch nur teilweise mit den Ausbesserungen zu Werk gehen muss, wenn man das Haus nicht mit einem zu allgemein kräftigen Angriff vollends zerstören will. So aber ein Haus zerstört ist, da ließe sich freilich wohl ein neues in gleicher Form erbauen mit ganz neuen Bestandteilen. Aber mit einem Menschen geht es nicht also; denn da müssen alle seine Bestandteile verbleiben, ansonsten er vollends aufhört, ein und derselbe Mensch zu sein.
BM|0|102|12|0|Ich hoffe, du hast mich nun verstanden, und so sei nun nur auf deiner Hut, und rede und tue besonders mit diesen Chinesen nichts, als was der Herr mir und dir anzeigen wird, so wird alles in der besten Ordnung gehen. Auch musst du den Herrn wie auch mich vor diesen Menschen ja nichts laut fragen, sondern bloß nur im Herzen, und es wird dir dann schon auch ins Herz die Antwort gelegt werden, gleich wie mir, der ich auch fortwährend den Herrn frage, was hier und da zu tun ist, und der Herr mir dann auch augenblicklich anzeigt, was ich zu tun und nötigenfalls auch laut zu reden habe!
BM|0|102|13|0|Gebe nun nur Acht, die Chinesin naht sich dir. Denke nicht, was du reden möchtest, sondern frage nur im Herzen sogleich den Herrn, und Er wird es dir sogleich ins Herz legen, was du zu reden hast! Nun weißt du alles; handle also danach, so wird alles gut gehen. Aber beleidigen darf es dich in keinem Fall, so du von der Chanchah noch einige Mal als ein wirklicher Esel begrüßt werden wirst!“
BM|0|103|1|1|Die gesegnete Frucht der Demütigung Martins
BM|0|103|1|0|Spricht Bischof Martin nun in seinem Herzen: „Ich danke dir mit aller Liebe meines Herzens, dass du mich in so wichtigsten Dingen so klar wie bisher noch nie unterwiesen hast! Jetzt fange ich erst so ein bisschen mich auszukennen an, was das heißt: ein innerer Mensch sein und als ein innerer Mensch reden und handeln! Nun wird es mir auch klar, was bei meinem ersten Hiersein unter der Leitung des Herrn ein Mondbewohner zu mir gesagt hat, dem ich lächerlichsterweise meine Blitzdummheit als eine himmlische Weisheit anbieten wollte.
BM|0|103|2|0|Ja, Bruder, nun geht mir wie ein ganz neues Licht auf! Ich erschaue nun Wirklichkeit, wo ich früher noch Wunderhaftes, nur dieser Welt also Eigentümliches gesehen zu haben wähnte. Ich danke dir, du lieber Bruder, und ganz besonders Dir, Du mein Gott, Herr und Vater; ja, jetzt wird es freilich gut gehen! In dieser Verfassung nun dürfen freilich tausend Chinesinnen zu mir kommen, und ich werde sie alle auf die beste Art bedienen!“
BM|0|103|3|0|Spricht heimlich wieder der Borem: „Ja, so ist es; aber du musst dich anfangs sehr zusammennehmen! Denn es gehört anfangs eine recht starke Überwindung dazu, dass man mit dem Mund schweigt, wo einem die Zunge aus lauter angewohnter Plauschwut förmlich aus dem Mund springen möchte.
BM|0|103|4|0|Manchmal legt einem der Herr aus sicher weisen Gründen die Antwort auch nicht gar zu augenblicklich ins Herz, wie man sie oft haben möchte. Aber da heißt es dann, in aller Liebe und Ergebung ganz ruhig und gelassenst abwarten, bis es dem Herrn gefällt, die erwünschte Antwort uns ins Herz zu legen!
BM|0|103|5|0|Also diese Verhaltungsregel noch hinzu beobachte, mein liebster Bruder, dann wird alles überaus gut gehen! Nun aber rüste dich; siehe, sie ist schon völlig bei dir, die dich nun überaus scharf beobachtet hat!“
BM|0|103|6|0|Spricht Bischof Martin im Herzen: „Jetzt kommt sie sicher mit einer ganzen Legion Esel in aller Wirklichkeit; ich werde sie alle ertragen, gleich wie der freie Weltraum das endlose Heer von Sternen, d. h. Erden und Sonnen erträgt, ohne dabei müde zu werden. In Deinem Namen, Herr, mag nun kommen, was da wolle! Auf meinem geduldigsten Rücken soll nun so manches Kreuz und Kreuzlein seinen ganz bequemen Platz finden, ich werde es schon ertragen in aller Liebe und Geduld. Also nur zu jetzt im Namen des Herrn!“
BM|0|104|1|1|Aussöhnung zwischen der Chinesin und Martin. Über Beleidigen und Vergeben im chinesischen Geiste
BM|0|104|1|0|Chanchah tritt nun vor den Bischof Martin hin, lächelt ihn gar liebfreundlich an, und spricht mit einer gar überaus liebfreundlichen und dabei wahrhaft jungfräulich zart bebenden Stimme ihn also an: „Liebster Freund! Siehe, du hast dich ehedem ganz stillschweigend von mir entfernt, als ich dir meine sicher sehr zu entschuldigende Mutmaßung über deine Wesenheit vorhielt, da du mir keine Antwort gabst auf meine Frage. Ich schließe daraus, dass dich solche meine Mutmaßung sicher sehr mächtig beleidigt hat? Ist das der Fall, so vergebe es mir, nachdem du mich zuvor nach deinem Wohlgefallen zur Genüge wirst gezüchtigt haben, und sei mir dann nur wieder gut, denn ich gebe dir die heiligste Versicherung, dass ich dich darauf um gar nichts fragen und dich noch weniger je mit einem Blick oder Wort beleidigen werde.
BM|0|104|2|0|Meines Landes Glaube und Sitten, für das ich nicht kann, aber sind ja von der Art, dass man die in ihrem Verstand etwas einfachen Menschen für Tiere hält. Ich habe hier eine solche Entdeckung an deinem Verstand zu machen geglaubt und hielt dich demnach auch für ein Tier. Ich aber habe mich nun dagegen überzeugt, dass du das bei weitem nicht bist, als für was ich dich törichtermaßen hielt.
BM|0|104|3|0|Ich bereute sogleich meinen Irrtum und wollte dir zu den Füßen fallen. Aber da ich sah, wie du mit diesem deinem Bruder sicher etwas Wichtiges zu reden hattest und ich dich nimmer stören wollte, so wartete ich, bis du dich selbst von diesem deinem Bruder würdest entfernen können. Da nun aber der von mir sehnlichst erwünschte Moment eingetroffen ist, so tue ich nun, was ich lange schon hätte tun sollen! Ich falle dir nun zu deinen himmlischen Füßen und bitte dich um eine gerechte Züchtigung und darauf um die Vergebung aller meiner Schuld zu dir und an dir, du herrlicher Großbürger aller Himmel!“ Mit diesen Worten fällt sie dem Martin zu den Füßen.
BM|0|104|4|0|Martin aber, ganz gerührt von solch einer alleranmutigsten Bittstellerin, spricht: „O du rein himmlische Chanchah, ich bitte dich, stehe auf, stehe nur gleich auf! Was fällt dir denn ein! Ich – dich – du Himmlische – züchtigen!? Ich, der ich dich vor lauter Liebe gerade aufessen oder ganz in mein Leben hinein verdrücken möchte! Glaubst denn du, ich sei etwa auch so ein unbarmherziger Chinese? Oh, davor behüte mich ewig der große, heilige, wahrhaftigste Lama! O, stehe nur schnell auf, denn so kann ich dich keine Minute lang sehen, du meine himmlische Chanchah!“
BM|0|104|5|0|Die Chanchah steht nun schnell wieder auf und spricht: „O du lieber Freund, in deinem Land müssen doch viel bessere Menschen sein als in dem großen Reich, in dem ich zur Erde geboren ward. Denn siehe, bei uns geht es mit dem Vergeben einer angetanen Beleidigung eben nicht so leicht, wie du es mir so übergut gezeigt hast.
BM|0|104|6|0|So man bei uns jemanden beleidigt hat, da heißt es dann, sich vor ihm aufs Angesicht niederwerfen und den Beleidigten dadurch um die Vergebung der Beleidigung anflehen, dass man ihn zuerst um eine gerechte Züchtigung, ja bei schweren Beleidigungen sogar um den Tod bittet, und darauf erst um die Nachlassung der Schuld. Denn sie sagen und glauben dort alle: Eine Beleidigung kann man nur wieder durch eine körperliche Gegenbeleidigung vollkommen gutmachen; und ist dadurch die Beleidigung ausgeglichen, sodann erst kann der Beleidiger seinen beleidigten Züchtiger bitten, ihm auch im Herzen zu vergeben.
BM|0|104|7|0|Siehe, so sieht es bei uns aus! Daher darf es dir aber auch nicht zu wunderlich vorkommen, so du an mir vielleicht noch so manches entdecken wirst, was da mit deines Landes Sitten nicht im Einklang stehen wird. Denn bei uns sind die Gesetze sehr alt und unendlich streng, und wehe dem, der es da wagen würde, diese uralten Gesetze auch nur im Geringsten mildernder auszulegen, indem das noch ganz unverändert dieselben Gesetze wären, die der Lama Selbst dem ersten Menschenpaar aus den Himmeln erteilt habe.
BM|0|104|8|0|Aber weißt du, liebster Freund, so bei euch hier diese Gesetze gar so sanft und liebevoll sind, da brauche ich mich, nachdem ich wahrscheinlich ewig nichts mehr werde mit den Gesetzen meines Landes zu tun haben, auch sicher nimmer danach zu richten; sondern ich werde mich nach euren Gesetzen richten und ich werde da sicher nie fehlen! Was meinst du in dieser Hinsicht?“
BM|0|105|1|1|Das himmlische Gesetz und dessen beseligende Wirkung
BM|0|105|1|0|Spricht Bischof Martin: „O meine allergeliebteste Chanchah, ich meine, da wirst du ganz recht haben. Nur muss ich dir hier ganz offen bekennen, dass wir Bürger der Himmel eigentlich gar keine Gesetze haben, sondern leben vollends gesetzlos ein allerfreiestes Leben in Gott, unserem Herrn, dahin! In Gott, dem Herrn, dahinleben aber heißt – in aller Liebe leben ewig. Die Liebe aber macht alles frei und kennt außer sich selbst kein Gesetz. Daher haben wir hier auch kein Gesetz als allein das der Liebe, welches Gesetz aber kein Gesetz ist, sondern nur die ewige vollkommenste Freiheit aller Wesen. Verstehst du das?“
BM|0|105|2|0|Spricht die Chanchah: „Ja, ich verstehe es und bin nun ganz überfroh, dass ich solche deine gute Lehre verstehe. Wenn die Liebe – auch wo sie ganz geheim gehalten werden muss – ein liebend Herz schon so über alle Maßen glücklich macht, wie glücklich müssen da erst jene sein, die unter dem alleinigen Szepter der Liebe stehen und kein anderes kennen. Ja, ja, die Liebe, die Liebe – wo die Gesetz ist, da freilich wohl müssen alle Menschen, die unter solch einem Gesetz stehen, in aller Seligkeiten höchster sich befinden!
BM|0|105|3|0|Was nützt einem Menschen aller Glanz der Sonne, so ihm ihre Wärme fehlt? Wozu alles Gold und Edelsteine, wenn in ihren Besitzern kalte, steinerne Herzen eisknisternd pulsen? O Freund, du hast mir nun etwas Heiliges gesagt, und ich beginne nun schon zu merken, was dein mir über alles teurer Freund damit hat andeuten wollen, da Er zu mir sagte: ‚Deine Liebe zu Mir wird dir alles verraten!‘ Ja, ja, diese Liebe hat mir nun schon viel verraten und siehe, mein Herz sagt es mir, diese Liebe wird mir noch viel mehr verraten!
BM|0|105|4|0|Ich liebe euch aber auch mit aller Glut der Mittagssonne, und ganz besonders jenen, der mir noch seinen Namen schuldig ist; darum du mir aber schon vergeben musst, dass ich jenen, deinen Freund und Bruder, viel lieber habe als dich. Ich weiß zwar nicht warum, da er im Grunde nicht schöner ist, denn du und dein Bruder Borem, und hat nicht einmal ein schöneres Kleid. Aber es liegt in seinem großen blauen Auge so etwas unbeschreiblich Anziehendes, und sein Mund hat so einen sonderbar götterartigen Zug und Ausdruck, dass man gerade in die größte Versuchung geführt wird, seine so endlos liebvollste Gestalt für das getreueste Ebenbild Lamas zu halten!
BM|0|105|5|0|Ja, ich sage es dir, wenn ich so mein Herz frage in aller seiner Liebesglut zu diesem einen, so sagt es mir: ‚O Chanchah, für mich ist das der große, heilige Lama! Wer sonst wohl könnte so himmlisch, himmlisch, himmlisch reden, wer sonst mit einem Wort einen Feigenbaum mit vollreifen Früchten erschaffen und ihn dann der Ihn über alles, alles, alles liebenden Chanchah zum lebendigsten Zeichen Seiner Liebe zu ihr, schenken? Wer sonst wohl auch könnte gar so liebe, so herrliche Augen und einen gar so überhimmlisch schönsten Mund haben – als allein mein allergeliebtester Herzens-Lama!?‘
BM|0|105|6|0|Weißt du, allerliebster Freund, so redet freilich nur mein Herz und nicht auch mein Verstand. Obschon mein Verstand wohl auch sehr gerne der schönsten Stimme des Herzens folgen möchte, so er sich nicht fürchten dürfte, eine Sünde zu begehen. Denn der Verstand ist da, wo das Herz den größten Anteil nimmt, eben kein zu strenger Richter und vergöttert gerne mit dem Herzen dasselbe, was des Herzens ist.
BM|0|105|7|0|So ist es auch bei mir nun; mein Herz vergöttert jenen Herrlichsten, und der Verstand für sich täte dasselbe nur zu gerne, wenn er der einzige Verstand wäre und hätte nicht noch eine Menge anderer Verstande um sich!
BM|0|105|8|0|Aber ich werde mir bald aus den anderen Verstanden nichts mehr daraus machen, sondern allein dem Verstand des Herzens folgen. Vielleicht werde ich da eher zu einem rechten Ziel gelangen, denn so? Wenn es hier ohnehin kein anderes Gesetz als das der Liebe nur gibt, da werde ich mit dem trockenen Verstand bald, verstehst du, im Reinen sein. Was sagst du, liebster Freund, zu dem allem?“
BM|0|105|9|0|Spricht Bischof Martin: „O du allerliebste Chanchah! Siehe, da lässt sich vorderhand sehr wenig darauf sagen; aber folge du nur deinem Herzen, da wirst du keinen zu krummen Weg einschlagen. Mit der Weile wird dann schon auch deinem Verstand ein rechtes Licht werden. Mehr kann ich dir nun wahrlich auf alle deine schönsten Worte nicht sagen!“
BM|0|106|1|1|Martin in der Klemme durch die weiteren Fragen der Chanchah
BM|0|106|1|0|Spricht die Chanchah: „O du liebster Freund, weißt du, ich habe dich wohl überaus lieb und kann dich um nicht viel weiteres fragen, da ich mir schon einmal vorgenommen habe, dich fürderhin nicht so leicht wieder mit irgendeiner vielleicht zu wenig klug berechneten Frage zu belästigen. Aber dessen ungeachtet musst du mir hier folgende Bemerkung doch einmal wieder zugutehalten:
BM|0|106|2|0|Siehe, ich merke es aus deiner Rede wie aus deiner Miene dir nur zu gut an, dass du allzeit ganz absonderlich verlegen wirst, so oft ich nur immer mit dir und in was immer für einer Beziehung von jenem, deinem überhimmlischen Freund und Bruder mich zu besprechen anfange. Woher wohl mag solche deine Verlegenheit herrühren?
BM|0|106|3|0|Bist du etwa darum eifersüchtigen Herzens, darum mein Herz jenen weit über dich hinaus bevorzugt? Oder bist du sein wahrer Freund und Bruder nicht so sehr, als wie sehr zu sein du es vorgibst? Ärgert es dich etwa heimlich in deinem Herzen, so jener bis jetzt für mich noch namenlose Herrliche dich nach meinem Dafürhalten in jeglicher Art geistiger Vollendung unberechenbar weit übertrifft? Oder ist dir eben etwa seine männlich göttliche Schönheit im Weg? Magst du etwa seine Augen und seinen Mund nicht, die freilich den deinigen Mund samt deinen Augen ebenso übertreffen, wie seine ganze erhabenste Wesenheit die deinige, obschon du bei weitem glänzender aussiehst als er?
BM|0|106|4|0|Siehe, lieber Freund, diese Fragen sind für mich von besonders wichtiger Art, und ich sehne mich nach ihrer Beantwortung ebenso mächtig, als ein Wanderer über eine heiße Sandwüste, so ihn ein brennender Durst quält, nach einem Labetrunk frischen Wassers. Daher, so du irgendeine Liebe in deinem Herzen zu mir empfindest, zaudere ja nicht, mir diese wichtigen Fragepunkte treuherzig zu beantworten. Wirst du das nicht tun, so wird sich die Chanchah von dir wenden und dich nimmer, nimmer um etwas fragen!“
BM|0|106|5|0|Bischof Martin macht über diese Fragepunkte schon wieder ein ganz verdutztes Gesicht. Äußerlich macht er zwar eine Miene, als ob er nachdächte, wie er der holden Chanchah auf die höflichste Art ihre Fragen beantworten möchte. Innerlich aber wartet er ängstlich, ob Ich ihm nicht bald irgendeine, natürlich über alles vortreffliche Antwort ins Herz legen würde. Ich aber lasse den guten Martin auch diesmal aus wohlweisen Gründen ein wenig zappeln, wie ihr zu sagen pflegt.
BM|0|106|6|0|Da auf diese Art der Martin die holde Chanchah schon eine ziemliche Weile mit lauter vielversprechenden Gesichterschneidereien auf die erwünschte Beantwortung ihrer Fragen warten lässt, so wird diese nun schon etwas unwillig und fängt ihn zuerst mit ihren großen Augen vom Kopf bis zum Fuß sehr bedeutend zu messen an, welches Messen den Martin noch mehr geniert und ihn um eine rechte Antwort noch verlegener macht.
BM|0|106|7|0|Die holde Chanchah lässt den guten Martin noch eine kleine Weile nachdenken, weil sie aus seinen weisescheinenden Gesichterschneidereien noch immer irgendeine Antwort erwartet. Aber da von einer sehnlichst erwarteten Antwort trotz allen den, dieselbe gewisserart vorbereitenden, weise scheinenden Gesichterschneidereien dennoch nichts zum Vorschein kommt, so bricht ihr endlich die Geduld und sie spricht:
BM|0|106|8|0|[Chanchah:] „Lieber Freund und Bruder, ich sehe, dass du mir durchaus entweder keine Antwort geben kannst oder willst oder höchstwahrscheinlich etwa gar nicht geben darfst?! Kannst du mir keine Antwort geben, so bist du zu entschuldigen. Denn es wäre höchst unbillig, von jemandem mehr zu verlangen, als er geben kann. Du wirst mich wohl verstehen, was ich damit sagen will, vorausgesetzt, dass dir so viel Verständnis innewohnt!
BM|0|106|9|0|Darfst du mir keine Antwort geben? Da bist du auch zu entschuldigen. Denn da ist auch klar, dass sich hier jemand befindet, der dir aus einer ihm innewohnenden Machtvollkommenheit genau vorschreibt, was du reden und nicht reden darfst. In diesem Fall wäre es dann auch von mir eine Tollheit, von dir über das Gesetz etwas zu verlangen; denn ich als eine Chinesin weiß wie nicht leichtlich jemand anderer, Gesetze zu respektieren.
BM|0|106|10|0|Willst du mir aber keine Antwort geben, obschon du vielleicht solches tun dürftest und könntest, so bist du ein eifersüchtiger und sogar böswilliger Mensch. Und dein glänzend Gewand ist gleich dem Fell einer sanften Gazelle, innerhalb dessen sich aber dennoch eine reißende Hyäne birgt. In diesem Fall bist du durchaus nicht zu entschuldigen und verdienst nichts anderes als die vollste Verachtung meines Herzens.
BM|0|106|11|0|Da du mir auf meine früheren wichtigen Fragepunkte durchaus keine Antwort gegeben hast, so beantworte nur doch wenigstens einen oder den anderen dieser drei Fragepunkte, damit ich mich als ein Neuling in dieser Welt und zunächst in diesem deinem Haus zu benehmen weiß! Aber ich bitte dich aus dem tiefsten Grund meines Herzens, rede hier die Wahrheit und bleibe mir hier ja in keinem Fall die Antwort schuldig!“
BM|0|106|12|0|Der Martin wird hier noch zehnmal verlegener als bei den früheren Fragen. Denn sagt er: ‚Ich kann es nicht!‘ – so lügt er. Sagt er aber: ‚Ich will es nicht!‘ – so lügt er auch und zieht sich noch obendarauf die Verachtung seiner vielgeliebten Chanchah zu. Sagt er aber: ‚Ich darf es nicht!‘ – so setzt er sich augenscheinlich der weiteren Frage aus, wer ihm solches verboten hatte und warum, welche beiden Fragen er dann notwendig beantworten muss, so er nicht beschämt vor der Chanchah notgedrungen Reißaus nehmen will.
BM|0|106|13|0|Da unser Martin durch diese drei letzten Fragen der Chanchah in die größte Verlegenheit gerät, so komme Ich soeben von der Gesellschaft zur Chanchah zurück und übernehme Selbst die Beantwortung der obigen drei Fragen, und dadurch die Entschuldigung des über alle Maßen verlegen gewordenen treuherzigen Martin.
BM|0|107|1|1|Des Herrn Belehrung an die fragelustige neue Himmelsbürgerin. Gleichnis vom zugebundenen Sack
BM|0|107|1|0|Als Ich zur Chanchah von ihren Landsleuten zurückkehre, will sie sogleich zu Mir, und beklagt sich ganz jämmerlich über das Benehmen des Bischof Martin, und wie sie sich nun nimmer auskenne, wie sie mit ihm daran wäre.
BM|0|107|2|0|Da sage Ich zu ihr: „Höre du Meine liebe Chanchah, du setzt aber auch diesem Meinem Bruder auf Brand und Leben zu und bedenkest nicht, welche geheimen Weisungen ihm sehr leicht zu deinem ewigen Besten die äußere Zunge binden können. Daher musst du in der Zukunft mit ihm, als einem Meiner edelsten Freunde, schon ein wenig schonender umgehen, sonst bringst du ihn ja in die größten Verlegenheiten und machst seinem Herzen viel Kummer.
BM|0|107|3|0|Siehe, was deine ersten allfälligen sechs Fragen betrifft, so ist in diesem Freund und Bruder wirklich nichts von alledem anzutreffen, was du von ihm vermutet hast, außer, dass er aus einem sehr weisen Grund notwendig ein wenig verlegen wird, sooft du mit ihm dich von Mir besprechen willst. Aber diese seine Verlegenheit hat einen ganz anderen Grund, als den du je vermuten möchtest. Und somit kann er dir auch keine Antwort geben auf deine Fragen, da in ihnen der wahre Grund seiner Verlegenheit durchaus nicht zugrunde liegt.
BM|0|107|4|0|Was aber deine drei letzten Fragen betrifft, so kann er sie dir eben darum nicht beantworten, weil du den eigentlichen Grund seiner Verlegenheit in deinen ersten Fragen nicht gefordert hast und auch nicht fordern konntest, da du doch selbst ihn nicht kennen konntest. Hätte er dir nun daher was immer für eine bejahende oder verneinende Antwort gegeben, so hätte er dir eine Unwahrheit sagen müssen, was hier im Himmelreich eine barste Unmöglichkeit ist; denn hier kann niemand eine Unwahrheit reden, so er sie auch reden wollte. Daher blieb der Freund Martin, der dich sehr liebt, denn auch stumm und wollte sich von dir eher alles antun lassen, als dich, seine geliebteste Chanchah, nur mit einem Wörtchen zu belügen! War das nicht sehr löblich von ihm?“
BM|0|107|5|0|Spricht die Chanchah, auch etwas verlegen: „Ach, du herrlichster Freund, wenn es so mit diesem unserem Hausherrn sich verhält, dann freilich wohl reut es mich unendlich stark, so ich die Ursache so manches sicher nicht unbedeutenden Schmerzes seines Herzens war. Oh, wenn ich das nur wiedergutmachen könnte!
BM|0|107|6|0|Ja, ja, es schmerzt mich nun ganz außerordentlich! Freilich kann ich wohl auch nicht für all das; denn Du, o mein herrlichster, mächtigster Freund, siehst es ja auch, dass ich ein Fremdling bin, und weiß es nicht, was und wie man hier fragen darf. Da du mir aber nun den Wink gegeben hast, wie man hier fragen darf, so werde ich mich in der Zukunft schon danach richten. Aber nur das sage du mir, warum man denn hier so ganz eigentlich auf eine plump und unklug gegebene Frage, in der kein rechter Antwortsgrund liegt, durchaus keine Antwort bekommen kann?“
BM|0|107|7|0|Rede Ich: „Meine liebste Chanchah, siehe, das ist ganz einfach: Du gäbest Mir einen Sack, fest zugebunden, mit der Bitte: ‚Freund, löse mir den Sack auf, und gebe mir daraus tausend der schönsten Edelsteine!‘ Ich fragte dich aber dann: ‚Weißt du wohl ganz gewiss, dass sich in diesem Sack tausend der schönsten Edelsteine befinden?‘ Du sprächest dann: ‚Nein, das weiß ich nicht bestimmt, sondern vermute es nur!‘
BM|0|107|8|0|Siehe, so Ich aber danebst ganz bestimmt wüsste, dass in dem Sack nicht nur keine Edelsteine, sondern ein verhärteter Unflat sich nur befinde; löste aber dennoch nach deinem Willen den Sack und gäbe dir dessen schmählichen Inhalt anstatt der tausend schönsten Edelsteine; was wohl würdest du dann von Mir halten, so du es dann der Weile nach dennoch erführest, dass Ich – obschon wohlwissend, was der Sack enthalte – dich dennoch also habe deiner Unwissenheit halber beschämen wollen? Würdest du dann nicht sagen: ‚Freund, so du wusstest, was der Sack enthielt, warum löstest du ihn denn und sagtest mir nicht zuvor die Wahrheit?‘
BM|0|107|9|0|Siehe, der gleiche Fall ist hier mit einer unsicheren Frage. Diese ist auch ein Sack, fest zugebunden, den dir der Martin auflösen soll und herausgeben, was du verlangst. So aber das nicht darinnen ist, was du möchtest – sage, was soll er da tun? Soll er den Sack lösen oder nicht? Soll er die beschämen, die er so innigst liebt, die sein ganzes Herz nun in die vollste Beschäftigung versetzt? Was meinst du, holdeste Chanchah?“
BM|0|107|10|0|Spricht Chanchah: „Ach ja, ach ja, mein geliebtester Freund, wann du redest, da freilich kommt mir alles ganz klar vor, und ich sehe die hohe Wahrheit von all dem ein, was du sagst. Aber nicht so ist es, so der Freund Martin redet! Je länger und je mehr er spricht, desto dunkler und unbegreiflicher wird mir dann aber auch alles, von was immer er spricht; und so bin ich dann ja genötigt, stets weiter und weiter, und tiefer und tiefer in ihn zu dringen, durch allerlei Fragen und Fragen, von denen er mir aber auch nicht eine noch ganz bestimmt beantwortet hat.
BM|0|107|11|0|Würde er mir eine Frage nur so ganz bestimmt beantwortet haben, da hätte ich ihn dann sicher um nichts Weiteres gefragt. Oder hätte er es mir, wie du nun, wenigstens gezeigt, wie man hier fragen muss, um eine Antwort zu erhalten; oder ob man hier überhaupt fragen darf! Aber siehe, du mein herrlichster Freund, von all dem aber war beim Martin keine Rede. Daher also magst du und der Martin mich aber auch für entschuldigt halten, so ich mich in meinen dem guten Freund Martin sicher lästig gewordenen Fragen zu weit verirrt hatte.
BM|0|107|12|0|Ach Freund, es ist hier aber auch sonderbar zu sein! Wo man das Auge nur immer hinwendet, so sieht man nichts als Wunder über Wunder. Ach, und das Wunder, von denen die Erde keine Ahnung hat! Wer sollte aber bei solchen Erscheinungen, die er nicht versteht, nicht die Eingeweihteren fragen, was da eines oder das andere bedeute? Wer ist der, der solches tut? So hier der Himmel, wo ist Lama, der ihn gegründet hat? Sage mir, du mein über alles geliebtester Freund, sind das nicht ganz natürliche und durch die wunderlichsten Umstände dieses Seins überaus zu entschuldigende Fragen?!“
BM|0|108|1|1|Gleichnis von der klugen Erziehung der Kinder
BM|0|108|1|0|Rede Ich: „Allerdings, Ich sage dir, du Meine allerliebste Chanchah, diese und noch viele tausend andere Fragen sind sehr zu entschuldigen. Aber weißt du, es hat wie auf der Erde so auch hier alles seine Weile.
BM|0|108|2|0|Siehe, auf der Erde sind die Kinder am aller-naschhaftesten und auch am aller-wissbegierigsten. Sie sind fast beständig hungrig, und möchten alles bis auf den Grund wissen, und fragen denn darum ihre Vertrauten auch in einem fort um allerlei Dinge. Meinst du wohl, dass es gut wäre, die Mägen dieser Kleinen zu überladen mit allerlei, darnach ihr sehr reizbarer Gaumen ein heftiges Verlangen verspürt, und ihre Neugierde durch die steten Beantwortungen alles dessen, darnach sie fragen, zu befriedigen?
BM|0|108|3|0|Siehe, weise Eltern legen da ihren Kindern einen rechten Zaum an und lenken sie so natürlich und sittlich auf einer rechten Bahn zum schönen Ziel der männlichen Entwicklung! Dumme Eltern hingegen, die ihren Kindern alles gewähren, was sie ihnen in den Augen ansehen, machen aus ihnen Affen statt Menschen. Ihr zu strotzend genährtes Fleisch wird voll Sinnlichkeit und ihr Geist träge und endlich ganz stumpf für alles Hohe, Gute und Wahre, wie es dir auf der Erde besonders in deinem Land tausend mal tausend Beispiele sicher nur zu klar gezeigt haben.
BM|0|108|4|0|Wie aber auf der Erde, also ist es auch hier der Fall. Es wäre niemandem gut, sogleich alles zu genießen und zu erfahren, sondern erst nach und nach, wie es eines jedweden Aufnahmefähigkeit erheischt. So geleitet, werden dann die hier jüngsten Kindlein stärker und stärker und können von Weile zu Weile mehr und mehr ertragen, bis sie also zum Empfang des Allerhöchsten stark genug und tauglich werden.
BM|0|108|5|0|Und eben also wirst nun auch du samt allen, die du hier erschaust, erzogen von uns dreien. Daher füge du dich auch nur ganz geduldig in alles, so wirst du leicht und bald alle deine Fragen dir selbst vollkommen beantworten können! Bist du nun zufrieden mit dem?“
BM|0|109|1|1|Der Chinesin Kernfrage und des Herrn Gegenfrage. Geschichte der Morgen- und Abendblume
BM|0|109|1|0|Der Martin macht bei dieser Meiner Belehrung an die liebe Chinesin ein überaus fröhliches Gesicht und dankt mir über die Maßen in seinem Herzen.
BM|0|109|2|0|Die Chanchah aber spricht: „O du herrlichster Freund meines Herzens, meines Lebens! Du hast ja freilich wohl nur zu sehr recht in jeglichem Wort, das deinem Mund entstammt. Aber dennoch kann auch die Chanchah nichts dafür, dass sie eines so wissbegierigen Geistes Kind ist. Aber ich, deine arme Chanchah, werde von nun an mein Herz bezähmen und werde sein gleich wie eine Blume des Feldes, die durch Licht und Wärme der Sonne Lamas sich entfaltet und, durch die Tautropfen der Morgenliebe Lamas genährt, endlich auch ihre Fruchtgefäße mit reichem Samen des Lebens füllt.
BM|0|109|3|0|Ach, der große, heilige Lama muss wohl endlos gut, weise und mächtig sein, da alles, was Er gemacht, so übergut und weise eingerichtet ist! Ach, ach, wenn ich nur einmal das endloseste Glück genießen dürfte, Ihn nur von fern hin zu erschauen auf wenige Augenblicke nur! O sage mir, du Herrlichster, werde ich dieses endlos größten Glückes wohl je gewürdigt werden? Wenn es nur einmal geschähe – gleichviel wann –, so will ich mich für alle ewigen Zeitläufe vollkommen zufriedenstellen und will ja alles willig befolgen und tun, das ihr mir nur immer vorschreiben wollt! Aber dazu gebt mir eine gute und gerechte Hoffnung!“
BM|0|109|4|0|Rede Ich: „O du liebes Kindchen du! Ich sehe es schon, dass dir dein Lama am meisten am Herzen liegt. Und das ist überaus löblich von dir. Aber du sagst auch Mir immer – und Ich erkenne es aus deinen Augen und Reden –, dass du Mich auch über die Maßen liebst. Nun möchte Ich denn doch von dir erfahren, ob du Mich oder deinen Lama mehr liebst? Frage darüber dein Herz und sage es Mir dann!“
BM|0|109|5|0|Die Chanchah wird hier sehr verlegen und schlägt die Augen nieder. Ihr Herz aber entzündet sich stets mehr und mehr in der Liebe zu Mir, was sie nur zu mächtig fühlt, daher sie, die sonst nur zu Gesprächige, diesmal mit keiner Antwort zum Vorschein kommt. Nach einer Weile frage Ich sie abermals, ob sie Mir solches nicht kundgeben könne. Da spricht sie, wie mit sehr beklommenem Gemüt:
BM|0|109|6|0|[Chanchah:] „O du mein Augapfel, o du Feueraltar meines Herzens! Siehe, als ich auf der Erde noch zu Hause war, an der Seite meiner Mutter, und ein Mädchen war von etlichen 13 Sonnenjahren, da fragte ich die Mutter, wie man es denn so ganz eigentlich anstellen soll, um den heiligen Lama über alles zu lieben.
BM|0|109|7|0|Da sprach die recht weise Mutter: ‚Höre, du meine geliebteste Tochter! Pflanze du im Garten zwei gleiche Blumen, eine gegen Morgen – diese weihe dem Lama – und die andere gen Abend, und diese weihe den Menschen. Pflege beide gleich und sehe, wie sie wachsen und sich entfalten werden. Wird die Abendblume besser gedeihen als die Morgenblume, so wird das ein Zeichen sein, dass du die Welt mehr liebst als den heiligen Lama. Wirst du aber an den beiden Blumen das Gegenteil bemerken, da ist deine Liebe zum Lama stärker als die zu den Menschen.‘
BM|0|109|8|0|Ich tat sogleich, was mir meine weise Mutter riet. Da ich aber fürchtete, die Blume Lamas möchte etwa vor der der Menschen zurückbleiben, so pflegte ich sie heimlich doppelt mehr als die der Menschen. Aber siehe, ach, trotz meines großen Eifers in der Pflege der Blume Lamas blieb sie dennoch zurück in der Entwicklung!
BM|0|109|9|0|Ich sagte das alles der Mutter, und diese beruhigte mich durch ihre weise Lehre, indem sie sagte: ‚Sieh, du mein liebstes Töchterchen; der Lama hat dir dadurch anzeigen wollen, dass du Ihn, der im ewig unzugänglichen Licht wohnt, nur dadurch über alles lieben kannst, so du die Menschen wie dich selbst liebst. Denn wer diese nicht liebt, die er doch sieht, wie kann er den Lama lieben, den er nicht sieht?‘
BM|0|109|10|0|Darauf begoss ich dann die Abendblume öfter denn die Morgenblume, und siehe, da wucherte die Morgenblume gewaltig vor der Abendblume.
BM|0|109|11|0|Und siehe, geradeso verfahre ich nun! Du bist nun meine Abendblume, und mein Herz für Lama ist die Morgenblume. Dich begieße ich nach aller Kraft, da ich in dir den vollkommensten Menschengeist entdecke, und mein Herz wuchert ganz gewaltig – aber leider nicht mit Lama, sondern mit dir, mit dir!
BM|0|109|12|0|Du bist ein wahrer Lama meines Herzens geworden! Was aber dazu der große Lama seinerzeit sagen wird, das wird auch Er am besten wissen!? Und ich muss dir noch dazu bekennen, dass mir darob sogar mein überaus zartfühlendes Gewissen gar keine Vorwürfe macht! Was sagst du Herrlichster nun aber dazu?“
BM|0|109|13|0|Rede Ich: „Meine geliebteste Chanchah, siehe, Ich habe eine Weile auf diese deine Mein Herz überaus erfreuende Antwort harren müssen. So musst du nun auch ein bisschen warten auf eine recht schöne und gute Antwort. Aber da freue dich, was Ich dir nun erst für eine schönste Antwort geben werde! Sie soll dir bald werden!“
BM|0|110|1|1|Zurüstungen zu einem himmlischen Fest. Martins erste Reise per Himmelspost
BM|0|110|1|0|Unterdessen aber wende Ich Mich zum Martin und Borem und sage zu ihnen geheim: „Freunde und Brüder, nun habt ihr Gehilfen und Gehilfinnen in Menge. Geht daher hin und stellt den großen Tisch in des Saales Mitte, und besetzt ihn wohl mit Brot und Wein, und nehmt auch vollreife Früchte von diesem Feigenbaum, und legt sie zahlreich neben Brot und Wein auf den Tisch! Denn nachdem Ich zuvor mit dieser Meiner allerliebsten Chanchah noch einige Worte wechseln werde, wollen wir nachher allesamt und sämtlich eine gute Labung, Stärkung und Nahrung zu uns nehmen! Geht und erfüllt diesen Meinen Wunsch und Willen!“
BM|0|110|2|0|Die beiden danken Mir in ihrem Herzen für diesen Auftrag und gehen dann, die anbefohlene Sache sogleich in die Ordnung zu bringen. Martin beruft sogleich die nun gereinigten Mönche aus all den schon kundgegebenen Orden, und ebenso auch die Nonnen, die mit dem Auftragen der Speisen, d. h. des Brotes und Weines, und die Herz-Jesu-Damen besonders mit der Herbeischaffung der Feigen beauftragt sind, während zuvor die Patres den großen Tisch, der hier auch ohne Schreiner entstand, zurechtstellen, nach der Anordnung der beiden.
BM|0|110|3|0|Die hundert Chinesen sehen dieser Bewegung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, denn sie wissen auch noch nicht, was daraus werden soll. Ganz besonders befremdet die plötzliche Herbeischaffung des großen Tisches, von dem früher nirgends eine Spur zu entdecken war. Denn die ebenso plötzliche Entstehung des Feigenbaumes wundert sie nicht mehr gar so mächtig, indem sie sich durch die längere Beschauung schon mehr und mehr daran gewöhnt haben.
BM|0|110|4|0|Also staunen auch die vielen irdischen Eltern, besonders jene der Herz-Jesu-Damen, über die plötzlich entstandene Tätigkeit in diesem Saal, und sind auch etwas ängstlich dabei, weil sie auch nicht fassen können, was da am Ende herauskommen wird. Denn sie können vor Volksmenge, die sich nun um den Tisch sehr geschäftig macht, nicht erschauen, wie dieser reichlichst mit Brot, Wein und Feigen besetzt wird.
BM|0|110|5|0|Als der Tisch bestellt ist, begeben sich alle Diensttuer wieder auf ihre sanften Ruheplätze zurück, und der Martin und Borem in Begleitung der einen Herz-Jesu-Dame, d. h. derjenigen, die zuerst als Frosch sich ins Meer stürzte in ihrem Innern, diese drei kommen aber zu Mir wieder und zeigen es Mir an, dass nun alles bereitet ist.
BM|0|110|6|0|Ich aber sage: „Es ist alles gut. Geht aber nun auch hinaus an den Zaun des Gartens und seht, ob niemand da sei, der auch an dieser Mahlzeit teilnehme! Gella (Herz-Jesu-Dame) aber bleibe unterdessen hier bei Mir und höre, was Ich nun Meiner allerliebsten Chanchah alles für schöne Dinge sagen werde. Also sei es, Meine Brüder!“
BM|0|110|7|0|Die beiden gehen nun sogleich hinaus und erstaunen nicht wenig, als sie den Garten in der größten himmlischen Üppigkeit antreffen und dabei von und in einer so großen Ausdehnung, dass ihnen dabei nahe das Hören und Sehen vergeht, und der Martin, sich ganz über alles stark verwundernd, spricht:
BM|0|110|8|0|[Bischof Martin:] „O Bruder, da werden wir hübsch weit herumzugehen haben, bis wir da alle diesen ungeheuren Garten umgebenden Zäune absteigen werden! Wahrlich, dieser Garten muss nun ja schon eine größere Ausdehnung haben denn ein größtes Königreich auf der Erde?! O Herr, o Herr, das ist unendlich, das ist unbegreiflich; ja, so was kann wahrlich nur im Himmel vorkommen!
BM|0|110|9|0|O Gott, o Gott, da sieh gegen Morgen hin, diese Allee! Welch herrlichste Baumreihen! Und, Bruder, siehst du irgendein Ende dieser Allee? Ich erschaue keines, und von irgendeiner Einzäunung ist schon gar keine Spur zu entdecken! No, Bruder Borem, wie gesagt, mit unserer gewöhnlichen Fußbewegung werden wir beide zu tun haben, nur einmal irgendwo an einen Zaun zu kommen. Und dann den ganzen Zaun abgehen – o Herr, das wird doch etwa ein ganz löbliches Stückchen von einer Kommotion non plus ultra [unübertrefflichen Bewegung] sein!
BM|0|110|10|0|Aber das macht nichts; des Herrn Willen vollziehen ist ja allzeit die größte und allerseligste Lust und Freude, und so freue ich mich auch auf diese Bereisung dieses unseres Gartens! Aber Bergsteigen werden wir auch; dort gegen Mittag entdecke ich ja auch Berge von bedeutender Höhe. Und, o sapperment, sapperment, da sieh gegen Abend und Mitternacht, das sind ja Gebirge, wie auf der Erde sich wohl noch nie jemand etwas Ähnliches hatte können träumen lassen! Ah, ah, ah, diese Spitzen, diese furchtbar schönen Spitzen! Bruder, ist das alles noch innerhalb des Zaunes unseres Gartens?“
BM|0|110|11|0|Spricht Borem: „Allerdings, denn der Garten erweitert sich ja wie unsere Liebe zum Herrn und zu unseren Brüdern und Schwestern. Aber weißt du, Bruder, im Verhältnis zu dieser himmlischen Ausdehnung dieses unseres Herrn Gartens, den Er für uns so herrlich zubereitet hat, gibt es aber auch eine eigene Art himmlischer Bewegung, die da ist dreifach, als erstens eine natürliche mit den Füßen, also wie auf der Welt; zweitens eine schwebende, d. i. die seelische, die da hat die Schnelligkeit der Winde, und endlich drittens eine plötzliche, d. h. geistige, welche ist gleich wie ein Blitz und gleich wie der Flug eines Gedankens.
BM|0|110|12|0|Diese [dritte] Art der Bewegung wird nur im äußersten Notfall gebraucht. Daher wollen wir hier von dieser auch keinen Gebrauch machen, wohl aber von der Bewegung der zweiten Art, mit der wir hier schon auslangen werden. Das Mittel zu dieser Bewegung aber ist unser fester Wille. Daher dürfen wir bloß nur wollen in des Herrn Namen, und sogleich werden wir in dieser Himmelsluft uns ganz frei schwebend befinden; und wohin wir dann ziehen wollen, dahin auch wird es mit Windesschnelle vorwärts gehen. Also wolle du nun, und es wird geschehen!“
BM|0|110|13|0|Martin will nun, was der Borem ihm gezeigt hat, und sogleich schweben beide in der freiesten Himmelsluft und machen eine erste Bewegung gegen Morgen, worüber der Martin eine solche Freude hat, dass er sich ordentlich nicht zu helfen weiß.
BM|0|111|1|1|Gleichnis von den zwei Menschenpflanzen im Garten der Liebe Gottes. Menschwerdung Gottes
BM|0|111|1|0|Ich aber öffne unterdessen Meinen Mund zu der Chanchah und auch Gella, und rede also: „Meine herzlichste, liebste Chanchah, du hast Mir ehedem ein gar herrliches Wort gegeben, das darum umso herrlicher war, weil du es aus der Tiefe deines Herzens genommen hast. Ich versprach, dir ein noch herrlicheres entgegenzubringen, und siehe, nun bin Ich da zu diesem Zweck, und will an dir Mein Versprechen erfüllen, und so höre Mich nun denn auch ganz geduldig an! Erwarte aber da nicht irgendeine lange Rede; denn siehe, Ich rede allzeit nur kurz und pflege stets mit wenigen Worten vieles zu sagen.
BM|0|111|2|0|Du gabst Mir ein Bild von der Pflege deiner Morgen- und Abendblume, und das war gar lieblich. Ich aber gebe dir dafür ein anderes Morgen- und Abendbild dagegen, und dieses besteht darin:
BM|0|111|3|0|Siehe, gleich wie du deine Blumen, also pflanzte auch der große, gute Lama im endlosen Garten Seiner Liebe zwei Menschen, den einen gen Morgen für Sein Herz – und nachher auch den anderen gen Abend für Seine Weisheit! Den ersten nährte Er mit aller Seiner Gottheit, auf dass er würde so herrlich wie Lama Selbst und Lama an ihm ein allerhöchstes Wohlgefallen hätte! Aber siehe, dieser erste wurde dadurch übermütig, wollte nicht gedeihen, sondern fiel vom Lama ab und verachtet Ihn bis jetzt noch über alle Maßen – obschon der Lama noch stets ihn mit offenen Armen und Herzen aufnehmen möchte.
BM|0|111|4|0|Da dieser erste Mensch also nicht geraten wollte, da stellte der große Lama bald darauf den zweiten gen Abend, d. h. in die Welt, und pflegte diesen nicht minder. Aber auch dieser verkümmerte eigenwillig; und siehe, da reute es den Lama, dass Er den Menschen erschaffen hatte. Darum wollte Er auch wieder vernichten solch ein Werk, gleich wie ein Töpfer ein Geschirr, das ihm nicht geraten will.
BM|0|111|5|0|Lama aber fragte da Seine Liebe, und diese stellte sich für die Missratenen; Er Selbst ward Mensch, um dem Menschen ein rechtes Vorbild zu sein.
BM|0|111|6|0|Die Menschen, die missratenen, aber ergriffen Ihn und töteten den Gottmenschen, obschon sie den Gott in Ihm nicht töten konnten. Nur wenige erkannten Ihn und nahmen Seine Lehre in ihr Herz. Gar zahllos viele aber, ob sie schon von Ihm hören, so glauben sie aber doch nicht und nehmen Seine Lehre nicht an, auf dass sie Seine Kinder würden und möchten dann sein wie ihr ewiger Vater!
BM|0|111|7|0|Was meinst du wohl, was soll nun Lama mit solchen Menschen tun? Soll Er sie wohl noch länger dulden und ertragen?
BM|0|111|8|0|Siehe, so groß ist Seine Liebe zu den Menschen, dass Er noch tausendmal stürbe für sie, so es möglich und gedeihlich wäre! Und doch wollen sie Ihn nicht mehr lieben denn die nichtige Welt, sondern vergessen Seiner lieber ganz und gar, um nur desto gewissenloser der Welt anhängen zu können!
BM|0|111|9|0|O Chanchah, sage, was wohl verdienen solche Menschen? Soll Sich Lama wohl noch länger ihren hartnäckigen Trotz gefallen lassen oder soll Er sie verderben?“
BM|0|111|10|0|Spricht die Chanchah: „O Freund, o du meine Liebe, das sind wohl recht böse Pflanzen Lamas und verdienten eine übergroße Strafe! Aber wenn der Lama so übergut ist, könnte Er da wohl diese Pflanzen abmähen und preisgeben dem Feuer, wie Er es den Urvätern angedroht hatte? Ich meine, die Unendlichkeit, wie ich nun zu erkennen anfange, ist doch groß genug, um solch ein Unkraut in seiner Art aufzubewahren. Aber verderben möchte ich an der Stelle Lamas nichts, was einmal Leben hat! Meinst Du, mein allergeliebtester Freund, nicht auch also?“
BM|0|111|11|0|Rede Ich: „Ja, ja, du Lieblichste, dieser Meinung bin Ich wohl auch, und tue es auch so! Aber warte nun ein wenig; bald werden die beiden Brüder ganz sonderbare Gäste hereinbringen, und Ich werde sehen, was du zu diesen sagen wirst. Daher fasse dich, denn da wirst du etwas äußerst Seltsames ersehen und vernehmen!“
BM|0|112|1|1|Martin und Borem bringen ein Ungeheuer mitsamt Anhang in den Saal. Das stärkende Mahl. Gella erkennt den Herrn
BM|0|112|1|0|Nach einer kurzen Weile geht die Tür des Saales auf und der Martin wie der Borem haben jeglicher eine starke Kette in der Hand und ziehen ein an diese zwei Ketten fest angeschlossenes, über alle Beschreibung grässlich aussehendes Ungeheuer herein, dem noch eine Menge kleinerer Ungeheuer folgen, die an Grässlichkeit dem Hauptungeheuer um nichts nachstehen.
BM|0|112|2|0|Als die Chanchah und die Gella diese fürchterlichst aussehenden Gäste ersehen, prallen sie von zu großer Angst ergriffen jählings zurück, und die Chanchah schreit wie aus einer betäubenden Ohnmacht:
BM|0|112|3|0|[Chanchah:] „O Lama, Lama, um Deines heiligsten Namens willen, was taten denn wir Armen Dir, dass Du uns nun so grässlich von dem allerbösesten Ormuz und von seinem ärgsten Gesindel willst verderben lassen?! O du, mein herrlichster Freund, so es dir irgend möglich ist, so rette uns und dich und verderbe es womöglich! O schrecklich, schrecklich, schrecklich, was das doch für zornglühend grässliche Gestalten sind!“
BM|0|112|4|0|Rede Ich: „O Chanchah, fürchte dich nicht! Die Ungeheuer, die du hier ersiehst, sind in unserer Macht, und nimmer wir in der ihrigen! Solches ersiehst du ja leicht daraus, so du Acht gibst, wie sie trotz ihrer freilich immensen Grässlichkeit dennoch von den beiden Brüdern gebändigt werden.
BM|0|112|5|0|Also fürchtet euch nicht, sondern geht mit Mir den beiden entgegen und hört da, wie diese Bestien bei Meiner Annäherung ganz entsetzlich werden zu brüllen anfangen und wie furchtbar sie sich winden und bäumen werden. Aber das alles erschrecke euch nicht! Denn Ich allein bin mächtig genug, zahllos viele solcher Ungeheuer mit einem Blick völlig zu vernichten, so wie Ich ehedem diesen Feigenbaum in einem Augenblick habe allhier entstehen lassen. Daher folgt Mir nur mutigst! An Meiner Seite seid ihr für ewig sicher, denn gar keine Macht kann Mir Trotz bieten!“
BM|0|112|6|0|Ich gehe nun dem Martin und Borem entgegen, darum sie mit dem Ungeheuer sehr viel zu tun haben, um seiner Meister zu bleiben.
BM|0|112|7|0|Martin spricht: „O Herr, das sind saubere Gäste; an diesen kannst du eine ganz absonderliche Freude haben! Diese werden sich machen für dies Haus wie eine Faust aufs Auge! Es ist leider nichts anderes anzutreffen gewesen, daher nahmen wir auch mit, was wir fanden. Ich muss aber offen bekennen, wenn das nicht der leibhaftige Satan samt seinem schönen Anhang ist, so will ich aber schon alles sein und heißen, das Du nur immer willst!“
BM|0|112|8|0|Rede Ich: „Sei nur ruhig, Ich habe das schon vorgesehen! Es muss so sein zu euer aller tiefsten Lehre und Ruhe; denn wer das Allerhöchste erkennen will, der muss nicht in der Unkenntnis des Alleruntersten verbleiben. Bringt Mir den Drachen näher!“
BM|0|112|9|0|Die beiden ziehen an den beiden Ketten gewaltigst, aber es will nicht weitergehen.
BM|0|112|10|0|Martin spricht daher: „Herr, es ist rein unmöglich, dies Scheusal auch nur mehr um ein Haar weiter vorwärts zu bringen!“
BM|0|112|11|0|Rede Ich: „Also lasst es stehen; aber befestigt die Ketten an den Säulen dieses Saales, und da lassen wir es eine Zeitlang vergeblich toben! Wir aber gehen unterdessen an das vorbereitete Mahl, uns zu stärken für diesen Kampf.“
BM|0|112|12|0|Spricht Martin: „Ach ja, auf diese unsere Kommotion [Bewegung od. Aufregung] wird uns eine von Dir gesegnete Mahlzeit wahrlich nicht unvorteilhaft zustattenkommen! Es ist nur gut, dass diese bestialischen Gäste so hübsch im Hintergrund dieses unseres Saales angefestigt sind, ansonsten ihr Anblick unserer Esslust eben nicht am vorteilhaftesten zustattenkäme. Auch die sie umgebende Luft duftet nicht wie Rosen des Paradieses, sondern wie Schwefel, Pech und Dreck untereinander gemengt! Also gut, dass sie im Hintergrund sind!“
BM|0|112|13|0|Rede Ich: „Gut, gut, Mein Bruder, gehe nun voran und berufe sie alle zu diesem Mahl, das Ich für euch alle bereitet habe; und alle sollen daran gestärkt werden zum ewigen Leben ihres Geistes!“
BM|0|112|14|0|Martin geht nun schnell vorwärts und beruft alle zur Tafel, allda Brot, Wein und eine große Menge der herrlichsten Feigen ihrer harren.
BM|0|112|15|0|Alles erhebt sich auf den Ruf des Martin und geht gar bescheiden und gelassen zum großen Tisch.
BM|0|112|16|0|Als nun all die vielen Gäste dabei anwesend sind, richten alle ihre Augen auf Mich. Denn sie halten Mich – bis auf Martin und Borem – alle noch für einen Abgesandten Gottes und wissen es noch nicht, dass Ich Selbst als der Herr Mich unter ihnen befinde. Daher meinen sie nun auch, Ich als ein Abgesandter des Herrn werde ihnen nun große und wichtige Dinge verkünden.
BM|0|112|17|0|Aber Ich sage sonst nichts als: „Kindlein, esst und trinkt alle, jeder nach seinem Bedürfnis, denn lange schon ist alles wohl gesegnet für alle, die Gott lieben und ihre Brüder und Schwestern gleich wie sich selbst!“
BM|0|112|18|0|Auf diese Worte schreien alle: „Hochgelobt sei unser großer Gott im Vater, Sohn und Geist; Ihm allein alle Ehre, alles Lob und aller Preis ewig!“
BM|0|112|19|0|Darauf greifen alle nach dem Brot und nach dem Wein und die Chinesen nach den Feigen; einige aber versuchen auch das Brot und es schmeckt besser denn die Feigen.
BM|0|112|20|0|Die Chanchah und Gella, die bei Mir stehen, aber wissen nicht, ob sie Brot und Wein oder pur Feigen genießen sollen.
BM|0|112|21|0|Da sage Ich ihnen: „Meine lieben Kinder, esst, was euch am besten schmeckt; alles wird euch stärken zum ewigen Leben!“ Die zwei greifen nun auch nach dem Brot und die Chanchah findet es unendlich wohlschmeckend. Nicht minder auch die Gella, die aber jedoch die Bemerkung macht:
BM|0|112|22|0|[Gella:] „Ich meinte, dass das Himmelsbrot so wie die Hostien schmecken würde?“
BM|0|112|23|0|Ich aber sage ihr: „Gella, nun bist du im Himmel beim Tisch des Herrn und nicht auf der Erde am Tisch Babels! Daher denke nun auch, was des Himmels, und nicht, was des irdischen Babels ist, dessen Herr sich dort im Hintergrund befindet!“
BM|0|112|24|0|Die Gella erschrickt über diese Worte und es kommt ihr vor, als ob Ich am Ende etwa Selbst der Herr wäre.
BM|0|112|25|0|Ich aber vertröste und beruhige sie mit den Worten: „Gella, wenn es auch so wäre, was du nun in dir ahnst, so sei aber dennoch der anderen willen ruhig und denke dir: Gott, dein wie aller Herr, ist kein unzugänglicher, sondern ein ewig Sich allertiefst herablassendster, liebevollster Vater aller Seiner Kinder und ist unter ihnen wie ein am wenigsten glänzen Wollender (Bruder); verstehst du, liebes Töchterlein, das?“
BM|0|112|26|0|Spricht die Gella: „O mein, mein, mein Herr, mein Gott, mein Vater!“
BM|0|112|27|0|Die Chanchah merkt das und fragt sogleich die Gella: „Ach Schwester, wem wohl galten solche deine bedeutungsvollsten Worte? Ist etwa gar irgendwo Lama unter uns?! O rede, dass ich hineile zu Ihm und dort vergehe vor Ehrfurcht und Liebe!“
BM|0|112|28|0|Ich aber beruhige sogleich damit die Chanchah, dass Ich ihr verheiße, dass auch sie den Lama bald erkennen und erschauen wird, und damit ist sie auch zufrieden.
BM|0|113|1|1|Der vorlaute Martin bringt sich in Verlegenheit. Über ‚Wer der Erste sein will, der sei aller Diener!‘ Der Diener aller kann nur der Herr sein
BM|0|113|1|0|Es werden aber auch einige andere stutzig über das Benehmen der Gella, wie zuletzt auch der Chanchah, und fragen einer den anderen, wer Ich etwa doch so ganz eigentlich wäre, da Ich, obschon Ich nicht der vorgebliche Hausherr wäre, was eigentlich doch nur der Martin ist, aber dennoch täte, als wäre Ich der eigentliche Hausherr, und Martin wie der Borem bloß nur Meine allerergebensten Diener.
BM|0|113|2|0|Als Martin solche Frageregsamkeit unter gar vielen der anwesenden Gäste bemerkt, geht er sogleich hin und sagt zu ihnen: „Hört mich an, liebe Brüder und Schwestern! Wisst ihr denn nicht, wie das Wort Gottes lautet? Hat nicht der Herr Selbst also geredet und gesagt: ‚Wer aus euch der Erste sein will, der sei der Geringste unter euch und sei euer aller Knecht!‘? Meint ihr denn etwa gar, hier im Himmel bestehe eine andere Ordnung als die da, die der Herr Selbst auf der Erde gezeigt, gelehrt und geoffenbart hat?
BM|0|113|3|0|O, ich sage es euch, hier ist erst eigentlich derjenige Platz, wo die auf der Welt vom Herrn Selbst gezeigte, gelehrte und geoffenbarte Ordnung von Punkt zu Punkt lebendigst erfüllt wird! Daher fragt euch nicht viel: ‚Wer das? Warum so?‘, sondern esst und trinkt nun nach eurem Bedürfnis, und dankt dann allein Jesu, dem Herrn, dafür, alles andere werdet ihr schon zur rechten Weile erfahren!“
BM|0|113|4|0|Sagen die Angeredeten: „Freund, das du nun uns gesagt hast, war wohl recht weise. Aber siehe, das wissen wir wohl, Gott sei Dank, auch! Daher hast du uns nun mit deiner Belehrung wahrlich keinen wesentlichen Dienst erwiesen. Auch wissen wir, dass wir hier von diesem gesegneten Mahl so viel verzehren dürfen, als es uns nur immer schmeckt; daher du, lieber Freund, dir auch füglich die Mühe hättest ersparen können, uns zum Weiteressen aufzufordern! Denn wir sind dieser Überzeugung, dass auch hier im Gottesreich ein jeder Geistmensch oder Menschengeist seinen eigenen Magen hat, und der weiß es sicher am besten, ob, wo und wie ihn der Schuh drückt, und wie viel er in sich aufnehmen kann. Du ersiehst daraus, dass du dir diese deine überflüssige Geschäftigkeit gar leicht hättest ersparen können!
BM|0|113|5|0|Wohl wissen wir nun, dass im Reich Gottes nur der Diener aller der Größte ist. Unter ‚aller Diener und Knecht sein‘ aber verstehen wir auch im entgegengesetzten Fall auch zugleich das Allerhöchste, d. h. in der Liebe, in der Weisheit, wie auch in der Kraft. Denn wo zu wenig Liebe, da ist auch eine zu geringe Tatlust, die doch auch eine hauptsächliche Eigenschaft des Allerdieners sein wird! Also muss zum Zweiten der Allerdiener von höchster Weisheit erfüllt sein; denn mit so manchen Weisheitslücken wird es ihm mit der Allerdienerschaft auch schier nicht am besten vonstattengehen. Und zum Dritten sind wir alle der nagelfestesten Überzeugung, dass der Allerdiener auch so hübsch allerkräftigst und allermächtigst sein müsse, um ein Allerdiener sein zu können.
BM|0|113|6|0|Freund, hältst du dich etwa im Ernst für solch einen letzten, geringsten Allerknecht, Allerdiener?! Wahrlich, so bei dir das der Fall wäre, da würden wir dich recht sehr bedauern! Wir für uns sind darin alle nun eines Sinnes, nämlich: dass eine solche Allerdienerschaftsstelle nur ganz allein der Herr versehen kann! Was meinst du in dieser Hinsicht?“
BM|0|113|7|0|Der Martin ist über diese Entgegnung wie vom Blitz getroffen, und weiß nun nicht, was er den sehr weisen Rednern erwidern soll und steht nun ganz verblüfft vor ihnen. Der eine aber sieht seine Verlegenheit und spricht zu ihm:
BM|0|113|8|0|[Der eine Redner:] „Bruder, gehe du nur ganz ruhig und getrost an deinen früheren, sicher allerbesten Platz, und halte dich nur genau an Jenen, der uns allen nun sehr stark ein wahrster Allerdiener zu sein scheint, so wirst du nie in eine Verlegenheit kommen! Aber so du manchmal wie auf eigene Faust Rechnung machst, da kann es dir noch oft so geschehen wie jener aberwitzigen Fliege, die am Rücken des starken Pferdes, das einen großen Lastwagen zog, den Schweiß schlürfend, am Ende zu glauben anfing, dass sie den Wagen ziehe. Als aber dann das Pferd eine Rast nahm, musste die Fliege mit großer Beschämung an sich gewahr werden, wie gar nichts ihre vermeintliche große Kraft gegen die kolossale Kraft eines Pferdes ist. Daher kehre nur zu jenem Kräftigsten zurück; mit Ihm kannst du schon ziehen, aber ohne Ihn, Freundchen, tut’s sich auf keinen Fall!“
BM|0|113|9|0|Martin kehrt nun eiligst zu Mir wieder und spricht: „Aber Herr, die haben mich gewaschen, ganz gehorsamer Diener! Nein, so knapp hat mir noch nie jemand meinen Mund gestopft. Aber man kann ihnen nichts einwenden; sie haben leider recht!“
BM|0|113|10|0|Rede Ich: „Da sieh den Borem an! Siehe, er tut nie etwas ohne Meinen Auftrag und siehe, er rennt nirgends an. Du aber möchtest dich manchmal so ein bisschen hervortun, und da rennst du an! Ja, Mein lieber Martin, hier muss man die Gäste ganz anders behandeln als auf der Erde. Sonst stößt man leicht auf einen, den man belehren möchte, wo man aber am Ende gewahr werden muss, dass man ihm gar nicht die Schuhriemen lösen kann! Wie oft wirst du wohl noch anrennen müssen, bis du klug wirst?“
BM|0|113|11|0|Spricht Martin: „O Herr, man sagt, ein Esel ginge nur einmal aufs Eis, dann hätte er genug. In mir müssen schon aller Esel Seelen vereinigt sein, von denen eine jede einmal den sehr schlüpfrigen Versuch machen will oder muss! Sonst müsste ich ja um Deines heiligsten Namens willen doch schon weiser geworden sein!“
BM|0|113|12|0|Rede Ich: „Nun, nun, es ist schon alles wieder gut; gebe nur fein Acht, was Ich will, dann wirst du ewig nimmer anrennen! Nun aber labe dich nur wieder mit Brot und Wein, damit du recht stark wirst, jenen Gast mit Borem hierher zu ziehen!“
BM|0|114|1|1|Vom formwechselnden Wesen Satans. Über den Charakter Martins. Großer Tateifer ist oft besser als zu viel Weisheit. Chanchah ahnt die Nähe des Herrn. Ihr demütiges Schuldbekenntnis
BM|0|114|1|0|Spricht die Chanchah ganz betroffen: „Ach du meine Liebe – werden alle diese Gäste den gar zu grässlichen Anblick jenes Ungeheuers aller Ungeheuer wohl ertragen? Und wird es uns wohl nichts Arges antun können? O Lama, Lama, das wird ein grässlichster Spektakel werden! O siehe, siehe, wie es sich schon gar entsetzlich zu winden und zu bäumen beginnt! Ach Lama, welch ein grauenhaftester Anblick! Welche Wut, welch ein furchtbarster Grimm sprüht aus seinen grässlichen Feueraugen! O du Freund, wenn dies Ungeheuer erst hier sein wird vor uns, wer wohl wird es wagen anzusehen?“
BM|0|114|2|0|Rede Ich: „Sei nur ruhig; dieser Gast kann alle Gestalten annehmen, wie er sie gerade zu seinem vermeintlichen Vorteil zu brauchen wähnt. Aber wir werden ihm hier das Raue schon herunterarbeiten, wenigstens auf eine Weile! Daher fürchte dich nicht, es wird schon alles gut gehen.“
BM|0|114|3|0|Spricht die Chanchah: „O du liebster Freund, o du meine Liebe, auf dich habe ich wohl – wie auf den Lama – mein größtes Vertrauen; aber auf den Bruder Martin halte ich denn noch keine gar zu großen Stücke. Denn siehe, er tut so vorlaut, und wenn es dann irgend an einen Ernst kommt, da zieht er sich aber dennoch alsbald so zurück, als wäre er dem noch bei weitem nicht gewachsen, was er ausführen solle oder wollte. Daher meine ich, er wird beim Hierherführen jenes schaurigsten Ungeheuers leicht wohl mehr Ungünstiges als Günstiges bewirken? Der Borem wohl, er ist ein Mann voll Weisheit und voll gerechter Kraft, auf den kann man schon bauen; aber der Martin ist und bleibt ein Pehux [Schussel], der sich viel zutraut, aber dann nichts vermag, so es irgend auf einen Ernst ankommt!“
BM|0|114|4|0|Rede Ich: „Mein Liebchen, du hast da freilich nicht ganz unrecht; aber er füllt nun dennoch seinen nunmaligen Platz vollkommen aus. Denn siehe, in der großen Ordnung Lamas sind auch solche Wesen nötig, die ohne viel nachzudenken sich gleich über eine Sache hermachen, ob sie derselben gewachsen oder nicht gewachsen sind. Das bewirkt, dass dann auch andere angeeifert werden, auch etwas zu tun, und oft viel klüger als derjenige, der ohne viel Überlegung den Anfang machte. Denn die gar zu Weisen sind nicht selten zu mückenfängerisch, und getrauen sich oft aus lauter Tiefsinn eine Sache nicht anzugreifen, solange nicht alle ihre Weisheitsgründe für eine und dieselbe Sache ganz auf ein Haar passen. Und so müssen auch Martins sein, die weniger Weisheit, aber dennoch einen großen Tateifer in sich tragen, der oft besser ist als zu viel Weisheit. Daher sei du wegen Martin nur ganz ruhig; er wird seine Sache schon recht machen, so er sie nach Meinem Auftrag angreift und vollzieht.“
BM|0|114|5|0|Spricht die Chanchah: „Ach ja, das sicher! Dass du hier der Weiseste bist, das ist nun nur zu einleuchtend meinem Herzen. Aber dass ich noch immer nicht weiß, wer du so ganz eigentlich bist, das Einzige ist mir nicht recht an dir! Sieh, du sagtest jüngst zu mir, als ich dich bloß nur nach dem Namen fragte, dass meine Liebe zu dir mir schon alles verraten werde. Aber wie unbegreiflich mächtig ich dich auch liebe, so kann ich’s aber doch von nirgendswoher erfahren und noch weniger aus mir selbst, wie du heißt und wer du so ganz eigentlich bist. O du mein über alles geliebtester Freund, o sage mir doch deinen Namen!“
BM|0|114|6|0|Rede Ich: „O du liebste, holdeste Chanchah! Siehe, an dem alleinigen Namen liegt vorderhand ja ohnehin nichts, so du das noch nicht erkennen kannst, was alles an den Namen gebunden ist. Wann du aber auf alles, was Ich rede, recht gemerkt hättest, da wärst du mit Mir schon so ziemlich im Reinen. Gebe aber nur von jetzt an auf alles recht Acht, was Ich reden werde, und wie; und wie die anderen zu Mir und mit Mir reden werden, und was auf Mein Wort, wenn Ich etwas gebiete, sich alles gestalten wird, dann werden wir beide uns gar leicht und bald ehestens näher erkennen. Aber nun sei standhaft und unerschrocken; denn siehe, Martin und Borem haben von Mir schon den Wink erhalten, das Ungeheuer hierher zu führen. Siehe, sie lösen dem Tobenden bereits die Ketten!“
BM|0|114|7|0|Die Chanchah wird nun ganz stumm. Aber die Gella tritt mutig zu ihr und spricht: „Chanchah, wenn dir die endlose Kraft und Macht dieses Freundes wie mir bekannt wäre, da würdest du dich an Seiner Seite wohl vor tausend solchen Ungeheuern weniger fürchten denn vor der kleinsten Mücke!“
BM|0|114|8|0|Chanchah erschrickt förmlich und spricht hastigst: „Schwester, Schwester! Was sprichst du!? Ach, rede, rede fort, rede von ihm, von ihm, den ich so endlos liebe! Kennst du ihn?! Kennst du diesen Herrlichsten?! O so rede, rede schnell! Soll etwa meine große geheime Ahnung an ihm sich erwahren?! O Lama, dann ist Chanchah entweder das glücklichste Wesen der Himmel Lamas oder aber auch das unglücklichste der Unendlichkeit!
BM|0|114|9|0|Denn siehe, ich bin eine gar große Sünderin vor Lama, da ich in meinem Land einmal einen Verrat an seinen vorgeblichen Boten verübt habe, die dann alle übel um ihr Leben gekommen sind. Waren sie wirklich Lamas Boten, dann wehe mir, so meine große Ahnung sich hier erwahrt! Denn von dem auf ewig verstoßen zu sein, den man so unendlich liebt – o Schwester, kennst du noch eine größere Qual? Nur dann, so jene von mir Verratenen Frevler, Betrüger und somit keine Boten Lamas waren – was ich freilich nicht entscheiden kann –, dann freilich würde mir des Allergerechtesten Antlitz sicher erträglicher sein! Daher rede, rede; doch, ach Schwester, rede nicht – denn zu unerträglich könnte mein Herz deine zu frühe Enthüllung durchbohren! Oh, lass mich noch eine Weile in der süßen Ungewissheit schwelgen!“
BM|0|114|10|0|Mit diesen Worten sinkt sie zu Meinen Füßen wie ohnmächtig; Ich aber stärke sie und richte sie vollends wieder auf.
BM|0|115|1|1|Versöhnung zwischen dem Jesuiten Chorel und Chanchah. Des Herrn Freude über Chanchahs Liebe
BM|0|115|1|0|Im selben Moment aber kommt auch eben derjenige Jesuit, den die Chanchah verriet, mit noch einigen seiner Kollegen, fällt vor Mir auf die Knie und spricht:
BM|0|115|2|0|[Der verratene Jesuit:] „O Herr, o Vater, nun erst haben unsere Herzen Dich erkannt! O vergebe uns unsere so lange Blindheit, die es nicht zuließ, Dich so zu erkennen, wie Du bist – so gut, so sanft, so mild, so endlos herablassend!“
BM|0|115|3|0|Rede Ich: „Steht auf, Kindlein, und macht nun kein Aufsehen; denn es gibt noch welche, die Mich noch nicht vollends erkennen dürfen ihrer Freiheit wegen. Denn ihr wisst es, dass der Töpfer es am besten weiß, wann es Zeit ist, den Topf von der Drehscheibe zu heben. Bleibt nun hier und zeugt, was Übels jener Drache an euch getan hat, den Martin und Borem soeben hierher ziehen. Du, Chorel, aber zeige dich nun auch hier dieser Chanchah, die dich einst in China an den Kaiser verriet, und nun hier ob ihrer immensen Liebe Mir zunächst sich befindet, aus welcher Nähe sie schwerlich die Ewigkeit verdrängen wird.“
BM|0|115|4|0|Chorel befolgt sogleich Meinen Auftrag und stellt sich gar freundlich der Chanchah vor. Diese erkennt ihn sogleich und erschrickt vor ihrem vermeintlichen Ankläger.
BM|0|115|5|0|Chorel aber fragt sie: „Chanchah, warum erschrickst du vor mir? Tatest du nicht, was dein Gewissen dir gebot? Ich selbst aber habe dich ja gelehrt, dass das nur Sünde sei, was ein Mensch tut wider die Stimme seines Gewissens; denn des Gewissens Stimme ist Gottes oder Lamas Stimme in uns. Du achtetest mich anfangs ja sehr hoch, da du in mir und meinen Gefährten wirkliche Boten Gottes ersahst, da du aber später durch deinen wirklichen Scharfsinn an uns einen Hochverrat entdecktest und brachtest durch deine List es am Ende dahin, dass wir dich in unser Vorhaben einweihten, so war es dann ja sogar deine Pflicht als eine Chinesin, mit allem Eifer unser böses Vorhaben anzuzeigen und dadurch viel Unheil von deinem Vaterland abzuwenden.
BM|0|115|6|0|Siehe, obschon wir dann schrecklich gezüchtigt worden sind, so bist du aber dennoch nicht im Geringsten schuld daran, sondern allein wir selbst, darum wir den heiligen Zweck unserer Sendung in einen so schmählichen Unfug verkehrt haben! Denn wären wir, und besonders ich, dem Zweck unserer Sendung getreu geblieben, so würdest du wohl eine der eifrigsten Christinnen geworden sein und eine Menge deiner Stammesverwandten. Da wir aber nur zu bald – von den großen Schätzen deines Landes geblendet – unserer Sendung heiligem Zweck abhold wurden, so verloren wir aber dann auch alles samt unserem wenig werten Leben.
BM|0|115|7|0|Du ersiehst daraus nun gar leicht, dass wir alle unmöglich gegen dich eine Anklage haben können, sondern nur eher das Gegenteil zu befürchten hätten; und somit hast du, holdeste, treuherzigste Chanchah, vor uns wohl ewig nie den leisesten Grund zu erschrecken, da doch wir mit Grund vor dir nicht erschrecken, die du uns wohl anklagen könntest! Vergib uns aber, du Geliebteste des Allerhöchsten, auf dass wir [uns] endlich frei von aller Schuld freier Dem nahen dürfen, dessen Namen unsere Zungen ewig nimmer wert sind auszusprechen!“
BM|0|115|8|0|Chanchah ist über dies Bekenntnis Chorels innigst gerührt und spricht: „O liebe Freunde, hier in diesen Hallen gibt es keine Schuld mehr; und gäbe es eine, so tilgt sie für ewig meine Liebe zu Lama! Denn mein Herz sagt es mir: ‚Deine Liebe zum Lama ist Lama Selbst in dir!‘ Und Freunde, diese heilige Liebe kennt keine Schuld, sondern überall nur liebe Brüder und Schwestern, und das auch dann, wenn diese noch in ihrem Irrtum wandeln! Meine Anklage gegen euch aber sei: dass ich euch alle liebe und achte wie mein eigenes Leben! Habt ihr dagegen etwas einzuwenden?“
BM|0|115|9|0|Chorel und seine Kollegen weinen freudig über diese herrlichen Worte Chanchahs und die Chanchah weint mit.
BM|0|115|10|0|Ich aber wende Mich zur Chanchah und sage: „O du herrlichste Blume Meines Herzens, komm her und lasse dich umarmen! Wahrlich, solch eine Liebe ist überaus selten und kaum eine so rein!
BM|0|115|11|0|O du Lieblichste, du bist endlos glücklich nun, dass du Mich so sehr gewonnen hast. Aber auch Ich als dein Geliebter bin nun überglücklich, da Ich in dir, einer Heidin, eine Liebe gefunden, dergleichen in der Christenheit außer einer Magdalena und der Mutter Meines Fleisches kein drittes Beispiel aufzuweisen ist!
BM|0|115|12|0|O Chanchah, Chanchah, du hast es weit gebracht, noch weißt du es nicht, wie weit du es gebracht hast; aber die jüngste Weile wird dich in eine Tiefe versetzen, von der du nun noch keine Ahnung hast! Deine Augen sollen noch eine kurze Weile gehalten sein, damit du dann desto seliger werden sollst. Daher gedulde dich noch eine kurze Weile! Nun aber fasset euch alle; die beiden ziehen den Drachen hierher schon über die Mitte des Saales und werden sogleich mit ihm hier sein!“
BM|0|116|1|1|Eine Szene mit dem Satan. Martins Wortgefecht mit Satan. Martin in der Enge. Des Herrn Rat
BM|0|116|1|0|Martin schreit schon von weitem: „Herr, hilf uns, hilf uns! Die Bestie tut uns sonst Übles an; mit aller Kraft können wir uns seiner kaum mehr bemächtigen!“
BM|0|116|2|0|Rede Ich: „Satan, gehorche deinem Herrn!“
BM|0|116|3|0|Brüllt der Drache: „Dir gehorche ich nimmer! Keinen Herrn erkenne ich über mir!“
BM|0|116|4|0|Rufe Ich: „Willst du Meinem Vaterwort nicht gehorchen, so wirst du wohl Meiner Allmacht keinen Trotz bieten können, was du schon so oft erfahren hast! Ich rufe dich daher noch einmal als Vater und Herr und sage: Hierher komme und rechtfertige dich!“
BM|0|116|5|0|Brüllt der Drache: „Nein, nein, nein! Dir gehorche ich nimmer; denn ich allein bin der Herr der Unendlichkeit, und Du bist, was Du bist, nur durch mich!“
BM|0|116|6|0|Rufe Ich: „Satan, trotze Gott, deinem ewigen Schöpfer, nicht länger, sonst erreichst du hier dein ewig unerbittlichstes Gericht!“
BM|0|116|7|0|Brüllt abermals der Drache: „Ich, Dein Herr, will Dir und Deinem elendesten Gericht Trotz bieten! Schaffe mich von dieser Stelle, so Du es vermagst!“
BM|0|116|8|0|Nun ergreife Ich ihn mit der Macht Meines Willens und schleudere ihn samt seinem Anhang vor Mich hin und halte ihn so, dass er daliegt wie tot!
BM|0|116|9|0|Martin fragt ihn schnell, warum er (der Drache) jetzt nicht getrotzt habe.
BM|0|116|10|0|Ich aber sage: „Lasst ihn nun, bis er zu sich kommt; da soll es sich zeigen, was er nun denn vorbringen wird!“
BM|0|116|11|0|Spricht Martin: „O Herr, nur jetzt möchte ich meiner Zunge auf eine kurze Frist freien Lauf lassen, um diesem über alle menschlichen Begriffe dümmsten Wesen so einige wohlgenährte Wahrheiten hinters Ohr zu schleudern! Denn wie ich nun auf diesen ungeheuerst dümmsten Trotzbold erpicht bin, das kann ich gar nicht aussprechen! Vor seiner höchst lächerlichen, gräulichst dümmsten Gestalt scheue ich mich schon ganz und gar nicht, sondern ich muss darüber nur, freilich ärgerlich nur, lachen!“
BM|0|116|12|0|Rede Ich: „Wenn du schon gar eine so große Passion hast, es mit diesem Meinem Erzfeind aufzunehmen, so versuche nur immerhin dein Glück; aber sieh zu, dass du nicht den Kürzeren ziehen wirst! Es soll ihm zu dem Behuf bloß nur die Zunge freigelassen sein. Denn würde Ich ihn ganz frei lassen, da würde er mit dir wie ein Löwe mit einer Mücke spielen! Ja, Ich sage dir, ohne Mich würde seiner Kraft, die er noch hat, wohl die ganze Schöpfung keinen Trotz bieten können! Aber bloß mit seiner Zunge, die nun gelöst ist, kannst du es schon ohne Schaden versuchen, ob du ihrer Meister wirst; und somit fange nur an, deine scharfen Wortpfeile hinter seine Ohren zu treiben!“
BM|0|116|13|0|Martin tritt nun ganz mutig und knapp vor den Rachen des Drachen und fängt an, folgende Beißfragen an ihn zu richten, sagend: „Höre, du allerdümmstes Vieh der ganzen Unendlichkeit! Was willst du von Gott mit deinem alten, allerlächerlichsten Trotz denn erstreben? Sind einige Ewigkeiten noch nicht hinreichend, dir zu zeigen, dass du das allerdümmste Luder der ganzen Unendlichkeit bist? Siehe, von einem Esel sagt man doch so viel Kluges, dass er nur einmal aufs Eis tanzen gehe. Was soll man aber von dir sagen, du uraltes, alle Welten, Vieh und Menschen betrügerisches Mistvieh? Ist dein Saugehirn denn noch nicht genug ausgebacken worden im Höllenfeuer durch einige Dutzend Dezillionen Jährln oder Ewigkeiteln? Vorausgesetzt, dass deine unendliche Dummheit von einer Dezillion einen Begriff hat? Gib Antwort, du dümmstes Luder, wenn du eine Antwort geben kannst!“
BM|0|116|14|0|Spricht der Drache: „Höre, du naseweiser Blindkopf! Ein Löwe ist kein Mückenfänger. Und ich als ein urgesetzter Geist bin wahrlich in diesem meinen größten Elend zu großherzig, mich mit einem Nomadengeist abzugeben! Dir vergebe ich ja aber auch schon darum gerne, da du auf der Erde ja ein guter Arbeiter für mein Reich warst. Also nichts für ungut, mein lieber Martin.“
BM|0|116|15|0|Diese Erwiderung brachte den Martin ganz außer sich und kaum hat er noch Fassung genug, solch eine Geringschätzung seiner Person zu ertragen, und die schließliche Anklage anzuhören. Er holt daher sehr tief den Atem und spricht:
BM|0|116|16|0|[Martin:] „O du elendester Bösewicht, wie kannst du es wagen, mich, einen Bürger des Himmels, hier in der vollsten Gegenwart Gottes so schändlichst zu erniedrigen? Weißt du nicht, wie es geschrieben steht? Siehe, also steht es: ‚Wehe dem, der sich vergreifen wird an einem Meiner Gesalbten!‘ Ich, als ein Bürger der Himmel Gottes, werde doch etwa auch ein Gesalbter des Herrn sein? Meinst du wohl, der Herr wird dir solch einen Frevel ungerächt lassen, Elendster?!“
BM|0|116|17|0|Spricht der Drache: „Höre du, Martin: Ich, den du allzeit für den Fürsten der Lüge gescholten hast, solange du auf der Erde lediglich in meinem Sold standest und arbeitetest, habe dir in aller Gelassenheit bloß nur die nackte Wahrheit auf deine wahrhaft bübische Beschimpfung meines elendsten Wesens erwidert. Und siehe, du als ein von Gott gesalbter Himmelsbürger fährst auf ärger denn ein entzündetes Pulverfass auf der Erde und warnst mich, dein gesalbtes Haupt nicht anzutasten unter Androhung göttlicher Rache!
BM|0|116|18|0|Sage mir aber, woher du das Recht hast, mich so zu beschimpfen vor Gott? Bin ich nicht wie du aus Gott, nur mit dem Unterschied, dass ich ein unendlicher Teil aus Gott bin, und du ein Staub des Staubes am Staube aus mir nur, aber vom Herrn wieder aufgeklaubt aus der Spreu der vollsten Nichtigkeit und umgewandelt zu einem winzigsten Menschengeist!
BM|0|116|19|0|Hast du aber irgendeine Achtung vor Gott, so achte alles, was aus Ihm ist, und nicht allein dein gesalbtes Haupt, an dem dir mehr als am Herrn zu liegen scheint! Oder hast du mit deinem gesalbtesten Haupt jene endlosen Urtiefen der Gottheit so auf ein Haar ausgemessen, dass du dann mit einem ewigen Weisheitsgrund mir entgegentreten könntest und sagen: ‚Warum bist du so, wie du nicht sein sollst?‘
BM|0|116|20|0|Kannst du mir beweisen, dass ich nicht so bin, wie ich aus den ewig unerforschlichen Schöpfungsgründen sein muss, auf dass du das Bisschen sein kannst, was du bist? Oder gibt es wohl einen Töpfer, der ohne Drehscheibe einen Topf macht? Was aber die Drehscheibe dem Töpfer ist, das ist alle Welt dem Schöpfer. Ich aber bin die Materie aller Welt, somit auch die Grundlage, also der gefestete Gegensatz, durch den alles spezielle Werden und Sein erst bedingt werden muss, um als solches sich in der Unendlichkeit manifestieren zu können!
BM|0|116|21|0|Du kannst daraus mit deinem gesalbten Haupt entnehmen, dass ich in der großen Ordnung Gottes sicher auch notwendig bin. Und dass Gott durch meine Urgestaltung sicher keine Unweisheit zum Grunde alles Seins und Werdens gesetzt hat. Sage, so du das einsiehst und Gott die vollste Achtung geben willst, dass es so ist! Wie siehst du denn mit deinem gesalbten Haupt nicht ein, dass so du Gottes Werke belästerst auch notwendig Gott selbst belästerst, und Ihn – freilich in deiner verzeihlichen großen Dummheit – einen barsten Pfuscher nennst?!
BM|0|116|22|0|Daher, mein lieber Martin, sei du ruhig! Denn es werden wohl viele Ewigkeiten verrinnen, bis du nur den dezillionsten Teil eines Atoms jener unendlichen, tiefsten Verhältnisse zwischen mir und Gott fassen wirst! Übrigens muss es dir, als einem gesalbten Friedensbürger der Himmel Gottes, von mir Satan Sanftmut zu lernen, nicht sonderbar vorkommen?
BM|0|116|23|0|Martin, so du mir etwa doch was zu sagen hast, so rede! Aber rede wie ein Weiser und nicht wie ein dümmster, ausgelassenster Gassenjunge auf der Welt. Bedenke, dass du hier vor Gott und seinem urgeschaffenen größten Geist stehst, an dem dir höchstens nur seine Gestalt und sein dir vielleicht ewig nie begreifbarer Trotz, deiner Dummheit halber, ärgerlich auffallen!“
BM|0|116|24|0|Martin stutzt nun ganz gewaltig und weiß nicht, was er nun sagen soll. Er sieht bald Mich, bald wieder den Drachen an und fragt Mich geheim: „Herr, was ist das? Was soll ich darauf dem Drachen erwidern? Er scheint in aller Tiefe der Tiefen am Ende mir unbegreiflicher Maßen noch recht auch zu haben!?
BM|0|116|25|0|Der Teufel und recht haben, das passt aber ja doch wie eine Faust aufs Auge! Aber was soll ich da sagen, wenn der Teufel am Ende, wie gesagt, doch noch recht hat!? Nein, wenn das nicht verfl – – hätte bald gesagt – ist, so will ich doch alles heißen! Der Teufel und recht haben!“
BM|0|116|26|0|Rede Ich: „Du hast dich mit ihm in einen Wortkampf einlassen wollen, also kämpfe nur noch weiter; denn vom Teufel darfst du dich nicht besiegen lassen! Daher suche ihn nun nur zu bekämpfen nach deiner Lust, und rede sonach weiter mit ihm und widerlege ihm, was er dir gesagt hat!“
BM|0|116|27|0|Spricht Martin: „Oh, das wird eine schöne Widerlegung werden! O je, o je! Ich und der?!“
BM|0|117|1|1|Satan versucht Martin in der verführerischen Gestalt der Satana
BM|0|117|1|1|(Am 14. April 1848)
BM|0|117|1|0|Nach einer Weile wendet sich Martin doch wieder zum Drachen und spricht: „Höre, du unverbesserlichster Verderber alles Lebens, du Unwesen, du alter Held der Geistesnacht und unbarmherzigster Todbringer aller armen Seelen! Du redest wohl wie ein Grundweiser. Aber dein Wille ist es nicht, der dir so zu reden gebeut [gebietet], sondern deine nun tief empfundene Ohnmacht nur, in der du dich nun durch die unendliche Macht des Herrn durch und durch ergriffen befindest! Wärest du frei – tausend Leben setze ich da auf eins! –, da würdest du eine ganz andere Rede führen!
BM|0|117|2|0|Wohl weiß ich, dass du als ein erster, größter Geist voll Licht und Klarheit aus Gott hervorgegangen bist. Deine Macht war eine, die alle Räume durchdrang, und dein Licht strahlte wie ein Gottesauge! Aber ich weiß es auch, dass dich Gott nicht für den Fall, in dem du nun schon einige Ewigkeiten hartnäckig verharrst, sondern für die allerhöchste Auferstehung nur des freiesten und seligsten Lebens aus Sich hervorrief.
BM|0|117|3|0|Sage, warum stehst denn du nicht auf solcher Stufe, auf der du nach dem Willen Gottes stehen solltest? Warum bist du fortwährend der allerschroffste Gegensatz des Gotteswillens? Warum willst du lieber in der grässlichsten Qual für ewig verharren, als zum Herrn, deinem Gott und Vater, dich wenden, und als solch ein zurückgekehrter verlorener Sohn ein endloses Unmaß der ewigen Vaterliebe genießen in aller Freiheit und höchsten Machtvollkommenheit? Nun rede, wenn du dazu Weisheit in Genüge besitzt!“
BM|0|117|4|0|Spricht der Drache: „Sieh, Martin, diese deine Fragrede ist schon bei weitem vernünftiger als deine früheren und macht deinem Geist Ehre. Da kommen wirklich Dinge vor, die einer besseren Antwort wert sind! Aber weißt du, bevor ich jemandem solche Punkte aus aller Tiefe der Tiefen beantworte, fühle ich zuvor jedermann auf den Zahn, ob er wohl auch fähig ist, das zu fassen, was ich ihm zur Antwort bringe.
BM|0|117|5|0|Ich bitte darum den Herrn – so Er’s will, dass ich dir darauf antworten soll –, mir nur auf eine kurze Weile volle Freiheit zu gewähren. Und zwar unter der heiligen Garantie, dass ich weder dir noch jemand anderem auch nur ein Haar krümmen wolle! Wirst du meine Probe bestehen, so will ich dir alle deine Fragen beantworten. Wirst du aber die Probe nicht bestehen, so wird das ein Zeichen sein, dass du für eine so tiefe Weisheit noch lange nicht reif bist. Aber schließlich füge ich auch noch das bei, dass ich dir nur dann auf den Zahn fühlen werde, so du auf die Beantwortung deiner Frage dringst und so du es willst! Nun entschließe dich!“
BM|0|117|6|0|Martin wendet sich wieder an Mich und fragt Mich, was er tun soll.
BM|0|117|7|0|Rede Ich: „Wer ein Werk beginnt, der muss es auch vollenden; das ist allen wahren Lebens erste Ordnungsregel. Daher musst du schon tun, was dein Gegner dir als Bedingung setzt. Aber Ich sage dir, sei fest! Denn dieser Geist ist ein höchst schlauer Geist, und seine Prüfungen sind überfein gelegte Fallstricke!“
BM|0|117|8|0|Darauf Mich zum Drachen wendend, sage Ich: „Du bist frei auf wenige Augenblicke; missbrauche diese Gnade nicht!“
BM|0|117|9|0|In diesem Augenblick verschwindet der schauderhafteste Drachenpanzer; und aus dem Panzerstaub erhebt sich eine so unendlich schönste weibliche Gestalt, gegen die alle weiblichen Schönheiten der Sonne endlos weit zurückweichen müssen! Eine Weichheit, die nichts Ähnliches aufzuweisen hat, eine Rundung, ein endloser Adel in allen Gliedern und Gelenken, eine unfassbare Zartheit und Weiße der Haut, wie der endlose Raum kein zweites Beispiel mehr hat. Auf dem unendlich schönsten Leib sitzt ein Kopf, dessen majestätischste Schönheit jede Vorstellungskraft endlos tief zurücklässt!
BM|0|117|10|0|Als der Martin diese Gestalt vor sich ersieht, diese für ihn nie geahnte Schönheit, die ihn noch gar überfreundlichen Anblicks mit einer unendlich zarten wohlklingendsten Stimme fragt:
BM|0|117|11|0|[Satana:] „Nun, lieber Martin, so du es willst, will ich dir deine Fragen beantworten. Aber nur sage mir zuvor, ob du mich wohl lieben könntest, so ich dich lieben möchte mehr denn mein Leben? Könntest du mich lieben und durch solche deine Liebe mich erretten von meiner dir wohlbekannten endlos großen Qual? O Martin, rede, rede!“
BM|0|117|12|0|Da ist Martin ganz weg. Er kann vor lauter Staunen über Staunen zu gar keinem Atem kommen. Die ungeheuren Reize dieses Wesens wirken so auf ihn ein, dass er geradezu in ein förmliches Fiebern gerät! Vom Reden- oder Sprechenkönnen ist vorderhand bei ihm nun keine Rede mehr. Er stammelt bloß einige verworrene Laute, und reißt Mund und Augen nur stets weiter auf, und jede Fiber seines Wesens wird zur glühendsten Liebe zu dieser für ihn zu unerträglichen weiblichen Schönheit.
BM|0|117|13|0|Nach einer langen Weile dieses seines Stets-glühender-Werdens schreit er [Martin] endlich aus allen Kräften: „O Himmel, Himmel, Himmel aller Himmel! Wer kann dich sehen und nicht lieben?! Ich liebe, liebe, liebe dich unendlich! Wenn du unglücklich [bist], du endlos schönstes, reizendstes Wesen aller Wesen, ich sage, wenn du unglücklich bist, wenn du leiden musst, wer kann wohl glücklich sein, so er dich gesehen und weiß, dass du leidest?!
BM|0|117|14|0|Wenn ich dich nicht retten kann, oh, dann will ich lieber ewig mit dir leiden, als aller Himmel Seligster sein ohne dich! Für dich möchte ich Unendliches bieten, so ich’s hätte! Tausend Leben gäbe ich für ein Atom deines Wesens! O du endlos herrlichstes Wesen! O rede, rede, was soll ich tun, um dich zu retten, ewig für mich zu gewinnen?!“
BM|0|117|15|0|Spricht der metamorphosierte Drache: „O du herrlichster Martin, so du mich liebst, wie du hier beteuerst, so gebe mir hier einen allerfeurigsten Kuss! Dieser Kuss wird mich auf ewig retten und zur süßesten Gefährtin deines ewigen Lebens machen!“
BM|0|117|16|0|Spricht Martin, voll von höchster Entzückung: „O du Himmel der Himmel! Nicht nur einen, sondern eine Trillion Küsse sollst du haben!“
BM|0|117|17|0|Schnell will er seine Aufgabe lösen und springt förmlich hin. Aber welch ein Gesicht macht er, als ihn dies Wesen mit einer endlos verächtlichen Miene zurückstößt, sagend:
BM|0|117|18|0|[Satana:] „Zurück, elender Gäulbock, du hast deine Probe schlecht bestanden und bist fürder keiner Antwort von mir wert! Nichtswürdiger, wie konntest du Gott vergessen und dich mir in die Arme werfen – mir, dem Feind alles Lebens, das nicht dem meinen gleicht! O du schwache Kreatur, du Auswurf aller Hässlichkeit!“
BM|0|117|19|0|Martin sinkt ohnmächtig zurück und der Drache nimmt wieder seine frühere Gestalt an.
BM|0|118|1|1|Aufrichtung und Belehrung des gefallenen Martin durch Borem. Der Herr ermahnt Martin. Besitz und Besitzer sind im Himmel unzertrennlich
BM|0|118|1|1|(Am 17. April 1848)
BM|0|118|1|0|Borem tritt zum Martin hin, erhebt ihn und spricht: „Lieber Bruder, siehe, du bist zu eifrig! Lass in der Zukunft nur den Herrn handeln! Wir aber wollen nur das tun, was uns der Herr anbefiehlt, da werden wir allzeit am allerbesten drauskommen.
BM|0|118|2|0|Mit solchen Wesen, wie dieses da ist, es aufzunehmen, gehört sehr viel mehr dazu, als wir es jetzt zu fassen imstande sind! Mit diesem Wesen aber kann schon gar kein Engel es aufnehmen für sich, sondern allein mit der knappsten Hilfe des Herrn. Denn diesem Urdrachen stehen ja tausend und abermals tausend der feinsten Trugmittel aus ihm selbst zu Gebote, durch die er alle Himmel berücken könnte, so es ihm vom Herrn zugelassen würde! Wenn aber schon alle Bürger der Himmel vor ihm ohne die Dazwischenkunft des Herrn durchaus nicht sicher wären, was wollten dann wir zwei als kaum Neulinge dieses Reiches gegen ihn ausrichten?
BM|0|118|3|0|Siehe, als Michael, aller Himmel mächtigster Engel, mit diesem Drachen um den Leib Moses rang, ward er überwunden, und konnte als Besiegter nichts tun, als das Gericht des Herrn über dies allerböseste Wesen rufen, das allein nur imstande war, diesem Drachen die Beute zu nehmen!
BM|0|118|4|0|Wenn aber schon ein Michael gewisserart den Kürzeren ziehen musste, was sollen dann wir beide mit ihm ausrichten?! Daher sei in alle Zukunft ja überaus vorsichtig bei irgendeinem, vom Herrn bestimmten nötigen Zusammenstoß mit solchen Wesen; denn ihr Wesen ist eitel Grundböses und Falsches!
BM|0|118|5|0|Nun erhebe dich nur wieder und danke es dem Herrn, der ganz allein dich nun von einem großen Übel befreit hat! Denn wenn es auf den Satan angekommen wäre, so hätte er von dir den Kuss auf jeden Fall angenommen. Aber dadurch hätte er dann auch all deine himmlische Liebe in seine höllische verkehrt und hätte dich durch seine weibliche Gestalt, die er vor dir nicht leicht wieder abgelegt hätte, mit mehr als ehernen Banden an ihn gekettet.
BM|0|118|6|0|Aber im Augenblick, als du ihn küssen wolltest, ward er vom Herrn in seine eigentümliche böseste Natur zurückgerichtet. Sein unendlicher Hochmut tauchte auf, und du warst von ihm elendst zurückgestoßen, worauf er dann sogleich seine Drachengestalt annehmen musste. Der Herr also hat dich gerettet! Daher erhebe dich aber nun auch sogleich und danke dem Herrn für die Rettung deines ganzen schwachen Wesens!“
BM|0|118|7|0|Martin erhebt sich auf diese gute Mahnung des Borem sehr schnell und stürzt zu Mir hin, bittet Mich um Vergebung solcher seiner Tollheit und dankt Mir aber auch allerinbrünstigst für die ihm erteilte Rettung und Mahnung durch den Mund Borems.
BM|0|118|8|0|Ich aber sage zu ihm: „Martin, wie lange werde Ich dich denn noch in deiner nur zu oft wiederkehrenden Tollheit ertragen müssen? Wann wirst du denn einmal anfangen, deinen oft gemachten besten Vorsätzen vollends gemäß zu handeln? Wie viele Merkstölpel wirst du wohl noch empfangen müssen, um weise zu werden für bleibend?! O du verkehrte Art! Wie viel Geduld doch braucht es, um dich auf den rechten Weg zu bringen!?
BM|0|118|9|0|Erhebe dich nun, aber sei endlich einmal klüger! Es ist genug, so du durch irgendeine Wirklichkeit nur zu geschwinde dich hinreißen lässt. Aber sich auch von einem eitlen Trug bis auf die letzte Lebensfiber besiegen lassen – sage, wie viel Schwäche gehört dazu?!“
BM|0|118|10|0|Martin schluchzt vor Reue und bittet Mich unausgesetzt um Vergebung.
BM|0|118|11|0|Ich aber beuge Mich sobald nieder und erhebe ihn und sage: „Siehe, nun stehst du wieder vor Mir frei, da Ich dich aufgerichtet habe; aber wie lange wirst du wohl also dich aufrechterhalten?
BM|0|118|12|0|Siehe, jeder rechte Himmelsbürger muss endlich unbedingt aus sich selbst vollkommen frei sein und darf nicht fallen, wenn er einen noch so schlüpfrigen Weg irgend auf eine Weile zu betreten hätte! Was wird aber mit dir sein, so Ich dich vollends frei lassen würde? Wirst du wohl das Gleichgewicht erhalten und nicht fallen, so du irgend allein einen schlüpfrigen Weg wandeln solltest?“
BM|0|118|13|0|Spricht Martin ganz zerknirscht: „O Herr! Lasse nur Du mich nimmer aus! O lasse mich nimmer vollends frei, sonst bin ich verloren! O ich verlange ewig von einer absoluten Freiheit nichts! Wenn ich nur als der Allerletzte bei Dir sein darf, da bin ich ja für alle Ewigkeiten vollends zufrieden! Also gebe auch dieses Haus dem lieben Bruder Borem, denn ich tauge durchaus nicht für solch einen zu überherrlichsten Besitz!“
BM|0|118|14|0|Rede Ich: „Sei nur ruhig und halte dich in deinem Herzen fest an Mich, so wird alles gut gehen. Aber diesen Besitz kann Ich dir nicht abnehmen und dem Borem überantworten. Denn dir solchen Besitz nehmen, hieße dir dein Leben nehmen und es einem anderen geben. Denn hier kann niemand etwas anderes besitzen als das nur, was da aus ihm hervorgeht. Solcher lebendige Besitz aber muss bleiben wie der Besitzer selbst, weil hier Besitzer und Besitz unzertrennlich sind.
BM|0|118|15|0|Aber nur musst du dich in solchem deinem Besitz nie als ein Herr dünken, so wird dein Besitz immer herrlicher und herrlicher werden. Jeder Himmelsbürger ist wohl ein ganz freiester Besitzer der Werke seines Geistes, seiner Liebe zu Mir; aber der alleinige Herr über jeden Besitz wie über jeden Geist bin nur Ich!
BM|0|118|16|0|Nun weißt du, wie hier die Sachen stehen; daher stehe aber auch du von nun an fest in Meiner alleinigen Liebe, so wird dich dieser dein himmlischer Besitz nimmer genieren!
BM|0|118|17|0|Sorge dich auch nicht um den Borem, denn er hat für sich schon alles zur höchsten Genüge; und wann du vollends reif sein wirst, da wird er dich schon auch in seinen Besitz einführen. Gehe aber nun hin zum Borem und tue, was er tut! Ich aber werde nun mit diesem Gast ein paar Wörtlein sprechen.“
BM|0|118|18|0|Martin tut wie ihm geraten.
BM|0|119|1|1|Zwiegespräch des Herrn mit Satan. Satans Trotz. Des Herrn Gleichnis vom Erzgießer. Das herrliche Angebot des Herrn. Der gerettete Anhang Satans
BM|0|119|1|0|Ich aber wende Mich an den Drachen und Meine Worte lauten: „Satan, wie lange noch willst du Gott, deinen ewigen Herrn, versuchen? Wie lange noch wird dein unbegrenzter Hochmut währen?! Was willst du erreichen Meiner unendlichen Macht gegenüber, die dich allzeit vollends auflösen und vernichten kann! Und will sie schon das nicht, so kann sie dich doch ewig züchtigen auf das Allerschärfste!
BM|0|119|2|0|Du weißt, dass diese Zeit deine allerletzte ist; in dieser kannst du noch erstehen – oder fallen auf ewig! Was willst du tun?! Dir ist Mein Wille nur zu bekannt, und wäre er das nicht, da hättest du keine Sünde ewig. Da dir aber Mein Wille bekannt ist und der Lohn wie auch die Strafe, so rede, was wirst du nun tun?
BM|0|119|3|0|Siehe, nun erhebt sich alles wider dich! Alle Berge werden erniedrigt und die Täler ausgefüllt. Alle Kronen und Throne der Erde, die du errichtet, werden in den Pfuhl geschleudert werden! Was wirst du tun? Meiner Macht wirst du ewig nimmer Trotz bieten können; es wird dir nichts mehr zugelassen werden! Also rede, was wirst du tun? Wirst du dich erheben oder willst du fallen?
BM|0|119|4|0|Siehe, unter dir der ewige Abgrund – und siehe, hier bin Ich, ein Vater aller, die Mich lieben, und hier Mein Tisch! Wähle nun und entschließe dich schnell! Es sei!“
BM|0|119|5|0|Spricht Satan: „Herr, ich kenne Dich, kenne Deine Macht und meine entsetzliche Ohnmacht neben Deiner unendlichen, ewigen Macht. Aber eben darum, dass ich das alles nur zu sehr in aller Tiefe der Tiefen einsehe und meine Ohnmacht nur zu tief fühle, sehe ich auch als einen Triumph meines Stolzes ein, dass ich Dir trotzen kann; und sehe es auch ein, dass aller Deiner Macht kein Mittel übrigbleibt, meinen Sinn zu beugen, zu siegen über meinen Willen, außer durch meine völlige Vernichtung, was aber Du ewig nie als einen Sieg über mich betrachten kannst! Denn ein geistiger Lebenssieg beruht ewig nimmer auf der möglichen gänzlichen Vernichtung des endlos schwächeren Gegenteils, sondern in der weisesten Überzeugung dessen, was die vollste Freiheit der beiden Parteien notwendig bedingt.
BM|0|119|6|0|Diese Überzeugung aber beruht stets auf der frei willkürlichen Annahme des Gegenteils. Dieses Gegenteil aber bin ich, der ich es nie einsehen will, was Du auch rechtester Maßen willst. Und so ich es auch einsehe, so will ich es aber dennoch nicht tun, um Dir zu zeigen, dass es außer Deinem Willen noch einen anderen gibt, den alle Deine Allmacht ewig nimmer beugen soll, solange Du mich bestehen lässt.
BM|0|119|7|0|Denn siehe, es ist ein Leichtes, frei nach Deinem Willen zu sein. Aber Deine ewige Allmacht kennen und Deinen Zorn, und in der eigenen Ohnmacht, ewig verzichtend auf alle Seligkeit, in der größten Qual Dir, dem allmächtigsten Geist dennoch zu trotzen – siehe, das ist größer denn alle Größen, die ein allsehend Auge ewig je irgend zu erschauen wird vermögen!
BM|0|119|8|0|Und siehe, das ist auch der Grund meines steten Ungehorsams gegen Dich! In diesem Ungehorsam ersehe ich den größten Triumph meiner Ohnmacht gegen Deine Allmacht darum, weil ich in solcher meiner Ohnmacht stets der freiwillige Sieger Deiner Allmacht, Weisheit und Liebe, wie auch Deines Zornes verbleibe und Du mich nicht beugen kannst mit aller Deiner Macht, Kraft, Liebe, Weisheit, Gericht und Zorn!
BM|0|119|9|0|Ein Michael sein ist keine Kunst, ein Gabriel sein keine Schwierigkeit, ein Uriel ein Leichtes; ein Seraph, ein Cherub eine himmlische Spielerei. Aber ein Luzifer sein, ein erster größter Geist nach Dir, wohl wissend, welche endlose Seligkeit Deine endlose Liebe bietet, und daneben aber auch, welche stets steigende Qual Dein Zorngericht bietet, und dabei aber dennoch alle Seligkeit, wie alle ewige Qual verachtend Dir, aus der eigen wohlbewussten Ohnmacht den unerschütterlichsten, ewigen Trotz bieten, ohne in einer leisesten Aussicht zu stehen, dabei etwas zu gewinnen, sondern ewig nur endlos zu verlieren – siehe, diese ohnmächtige Willensgröße eines Geschöpfes ist endlos größer als alle Größe Deiner Göttlichkeit! Und dieses Bewusstsein macht mich seliger in meiner größten Qual, als Du samt allen Deinen Geistern und Engeln es je warst! Daher frage mich nimmer, sie lange ich Dir noch trotzen werde. Meine Antwort wird stets die gleiche sein: Ewig, ewig, ewig! Gott wird mich nimmer beugen!“
BM|0|119|10|0|Rede Ich: „O du blinder, finsterer Geist, wie groß doch ist dein Tod, in dem du wähnst, Mir Trotz bieten zu können?! Du hast eine Freude in solchem deinem Wahn und bedenkst nicht, dass da jede wahre wie deine falsche dir wie deine eigen dünkende Freiheit am Ende dennoch Meinem Willen untertan sein muss. Denn wer hat je mit Mir Rat gehalten und wer Meine Wege durchschaut? Weißt du denn wohl, ob das nicht Mein geheimer Wille ist, dass du eben also sein musst, wie du bist? Weißt du es, ob Ich dich nicht schon von Urbeginn zum Fall bestimmt habe? Kann das Werk wohl je dem Werkmeister vorschreiben, wie und wozu er es gestalten soll?
BM|0|119|11|0|Ein Erzgießer verfertigt aus einer feuerfesten Masse seine großen Schmelztiegel. Diese kommen in ein mächtig Feuer und in ihnen kocht dann das harte Erz. Und so es genug zerkocht ist, da fließt es dann wie ein Wasser, und der Werkmeister lässt es fließen in verschiedene brauchbare Formen. Ist das Erz in Formen gegossen, da werden diese dann abgekühlt und erleiden keine Glut mehr; aber der Tiegel bleibt in der Glut, damit anderes Erz in ihm geschmolzen werde, und wird nicht abgekühlt eher, als bis er unbrauchbar geworden ist, wo er dann auch verworfen wird für immer als eine zu nichts mehr brauchbare ausgebrannte Materie.
BM|0|119|12|0|Bin Ich aber nicht ein Werkmeister aller Werke der Werke? So Ich das aber bin und schaffe Mir Werkzeuge, wie Ich sie brauche und wie Ich sie haben will, sage, kannst du Mir dann trotzen? Oder kannst du das Trotz nennen, so du also bist, wie du bist, und nicht anders sein kannst als also nur, wie Ich es am Ende will?!
BM|0|119|13|0|Ich aber bin kein harter Erzgießer, sondern ein Meister voll Liebe, sodass Ich sogar Meine Tiegel aus ihrer langen Glut ziehen will, so sie es wünschen und in die Ordnung Meiner freien Werke übergehen wollen. Wollen sie das aber nicht und macht es ihnen mehr Freude, Meine ewigen Schmelztiegel zu verbleiben, so ist es Mir auch recht, denn da brauche Ich Mir keine neuen zu schaffen. Bleiben sie aber Tiegel, so sind sie, wie sie sein müssen, und unmöglich, wie sie sein wollten! Denn ein Werkzeug kann nicht anders sein, als wie Ich es gestalte und haben will.
BM|0|119|14|0|Daher ist dein vermeintlicher Trotz, an dem du eine Freude hast, auch nichts als eine Chimäre, entstammend deiner großen Blindheit! Denn so wenig ein Topf zum Töpfer sagen kann: ‚Ich bin, wie ich will!‘, während ihn doch der Töpfer dreht und gestaltet, wie er will; ebenso wenig kannst du zu Mir sagen, dass du seist, wie du wollest, während du doch nur sein musst, wie und was du bist, wie Ich es will! Nur gebe Ich, als die ewige Liebe selbst, dir nebst diesem deinem Gericht auch so viel lebendige Freiheit, derzufolge du deinen qualvollsten Zustand fühlen, begreifen und ändern kannst, so du es willst. Willst du es aber nicht, so bleibe, wie und was du bist, nicht aber, weil du es also willst, sondern weil Ich es also will!
BM|0|119|15|0|Willst du aber dein Los verbessern, so werde Ich an deine Stelle ein anderes, Mir in deiner Art dienliches Werkzeug setzen! Rede nun, was du willst! Mir ist es vollends ein Gleiches, ob du bleibst, wie und was du bist; oder ob Ich, wie gesagt, an deine Stelle ein anderes Werkzeug setze!“
BM|0|119|16|0|Hier stutzt der Satan gewaltig und weiß nicht, was er sagen soll.
BM|0|119|17|0|Sein zahlreicher Anhang aber schreit: „O Herr, wenn also, oh, da erlöse uns aus aller unserer Qual und setze an unsere Stelle neue, brauchbarere Werkzeuge! Denn wir haben des Elends zur Genüge verkostet und sind vom Feuer schon sehr morsch geworden. Daher erbarme Dich unser und gestalte uns um, o Herr, nach Deiner Güte, nach Deiner Liebe!“
BM|0|119|18|0|Als der Satan solches vernimmt von seinem Anhang, da wird er wütend und brüllt und heult: „Wollt ihr nicht teilnehmen an meiner Größe?! So bleibe ich auch nicht, was Gott will, sondern was ich werde wollen! Stimmt mir zu!“
BM|0|119|19|0|Schreit sein Anhang: „Narr, was kannst du wollen, das Gott nicht wollte?! Ist dein möglich freiester Wille nicht Gottes Wille?! Wolle du, was du willst, so kannst du aber dennoch nichts wollen aus dir, sondern nur den Gotteswillen in dir, der allein allzeit und ewig dein unbesiegbarer Richter bleiben wird! Tue du, wie du gerichtet bist; uns aber hat nun Gottes Erbarmung ergriffen und lässt uns nimmer aus! Daher tun wir nun auch nach unserem besseren Gericht!“
BM|0|119|20|0|Rede Ich: „So erstehet, ihr Elenden, und euer Los werde ein freies! Du einer aber bleibe, so du willst, was du bist! Was du auch nun immer tun willst, ist nicht dein, sondern Mein Gotteswille! Und dein Wille in dir sei ewig ein Gericht aus Mir in dir!
BM|0|119|21|0|Ich gebe dir aber noch zu dieser redlichen größten und tiefsten Belehrung eine kurze Frist, in der du wohl überdenken kannst, was du und wie du bist! Willst du dein Los verbessert haben, so wird es geschehen. Willst du es aber nicht, so wirst du bleiben fürder, was du nun bist so lange, bis aller gegenwärtigen Schöpfung letzter Gefangene erlöst wird durch den Weg des Fleisches! Was aber dann mit dir, das weiß Ich allein und niemand in der Unendlichkeit außer Mir!“
BM|0|119|22|0|Bei diesen Worten stößt der Satan einen großen Schrei aus sich und eilt zur Tür hinaus. Sein Anhang aber wirft seine Drachenpanzer von sich, und es stehen tausend gar elend aussehende Seelen ganz nackt hier und bitten um Heilung und Linderung ihrer großen Schmerzen.
BM|0|119|23|0|Ich aber berufe nun wieder unseren Martin, den Borem und auch den Chorel und beheiße sie, zu führen diese Elenden in das kühlende Bad. Die drei tun sogleich, wie Ich ihnen gebot, und die tausend Elenden finden Linderung im Bad.
BM|0|120|1|1|Der Herr gibt der wie aus einem Traum erwachten Chanchah Erklärungen der großen Vorgänge und über Sich Selbst
BM|0|120|1|0|Unterdessen aber erwacht auch die Chanchah wie aus einem Schlaf an Meiner Seite, und erinnert sich all des vor ihren Augen Geschehenen nur wie eines lebhaften Traumes, und fängt sogleich an, von Punkt zu Punkt Mir alles zu erzählen, was ihr nun geträumt hat. Nachdem sie mit ihrer Erzählung fertig ist, fragt sie Mich, ob an solch ihrem Gesicht wohl was daran sei.
BM|0|120|2|0|Ich aber sage zu ihr: „Chanchah, sahst du nicht ehedem, wie der Borem und der Martin den dir so überschauerlichen Drachen an den Ketten hierher schleppen hätten sollen und wie sehr sich derselbe ihrer Kraft widersetzte? Und da der Martin Mich mit rechtem Einverständnis Borems um Hilfe bat, Ich dann mit Meiner Willensmacht augenblicklich den Drachen hierher zu unseren Füßen schleuderte! Hast du solches ja doch noch mit ganz offenen Augen gesehen!“
BM|0|120|3|0|Spricht die Chanchah: „Ja, du Herrlichster, das habe ich wohl noch gesehen. Aber als der Drache zu knapp vor uns lag, da ergriff mich ein zu mächtiges Grauen, dass ich darob in eine Art Angstschlaf verfiel und die darauf folgenden Begebnisse mit diesem Ungeheuer nur wie in einem Traum sah, ungefähr gerade also, als wie ich bald nach der Ankunft in dieser Welt eben auch in einen ähnlichen Zustand kam, in welchem ich mit dem Chorel zusammentraf und mit ihm einen fürchterlichen Kampf habe bestehen müssen; und als ich darauf erwachte, mir dann auch alles so wie nun als ein schwerer Traum vorkam!
BM|0|120|4|0|Was ich bei vollem, wachem Bewusstsein sehe, das kann ich wohl fassen, soweit meine kleine Erkenntniskraft reicht; aber was da diese traumähnlichen Gesichte betrifft, so liegen sie zu weit über dem Erkenntniskreis meiner Seele, und ich kann da nichts tun als allein an dich mich wenden, da ich von dir die lebendigste Überzeugung habe, dass du allein der Allerweiseste und Mächtigste dieses ganzen großen Hauses bist! O erläutere mir daher dies mein Gesicht!
BM|0|120|5|0|In diesem Gesicht tatst und sprachst du als der ewig heiligste Lama Selbst. Aber da ich nun wieder wache, da erschaue ich an dir aber auch nicht die allerleiseste Veränderung deines mir bekannten Aussehens, und Du kannst daher ebenso gut ein mit aller Macht ausgerüsteter Bote Lamas, wie hinter einer gerechten Maske auch der Lama Selbst es sein! So viel und nicht weiter kann ich mein Gesicht beurteilen; das Weitere und Richtigere erwarte ich aber von dir, du meine alleinige Liebe! O zaudere nicht, zu tränken mein Herz mit der Überfülle deiner Weisheit!“
BM|0|120|6|0|Rede Ich: „Chanchah, wo ist der Drache nun und wo sein Anhang? Siehe, du staunst nun plötzlich und sagst in deinem Herzen: ‚Beim Lama, dem Allerheiligsten! Nirgends mehr ist das Ungeheuer zu ersehen! Und sein Anhang – und Borem, Martin und Chorel – wo sind sie?‘
BM|0|120|7|0|Ich aber sage dir: Siehe, Meine Kraft trieb den einen zur Tür hinaus so schnell, als da flieht der schnellste Gedanke, und verwies ihn in die Schweine der Erde zu fahren, auf dass sie nun wütend werden sollen, in solcher Herrschwut berennen das Vorgebirge der vollsten Selbstsucht und endlich von da sich stürzen in das Meer des finstersten Wahnes und ersaufen im selben!
BM|0|120|8|0|Seinen alten Anhang aber habe Ich ihm genommen durch die Macht des Wortes und beschickte diesen durch die drei Abwesenden in das Bad der Selbsterkenntnis, der Demut und der daraus hervorgehenden möglichen Besserung.
BM|0|120|9|0|Alles, was Ich aber hier wie allenthalben tue, das tue Ich aus ganz eigener Macht, und es gibt keine Macht weder über Mir, noch unter Mir, die Mir gebieten könnte und sagen: ‚Nun tue dies und nun jenes!‘, sondern was Ich tue, das tue Ich allein, ohne Geheiß jemandes anderen. So Ich aber zu jemandem sage: ‚Tue du dies und du jenes‘, da mag niemand der Kraft Meines Willens Widerstand leisten!
BM|0|120|10|0|O Chanchah, so du das alles leicht aus Meinen Handlungen ersiehst und schon lange hast ersehen können, wie magst du da noch fragen, ob Ich ein Bote Lamas oder wohl am Ende Lama Selbst bin?!
BM|0|120|11|0|Das Schlichte Meines äußeren Wesens darf dich nicht beirren, denn siehe, Lama braucht nicht wie der Erde Fürsten nach außen zu glänzen, sondern allein durch Seine Vaterliebe, Weisheit und Macht in den Herzen Seiner Kindlein! Ich aber glänze in deinem Herzen schon lange über die Maßen; wie wohl hast du Mich nicht erkennen mögen?!
BM|0|120|12|0|Siehe, du Meine Chanchah, du Meine Tochter, Ich bin ja dein Vater, dein Lama! Aber du musst dich darob nicht entsetzen; denn siehe, wie Ich bin, so bin Ich ewig unveränderlich gleichfort derselbe. Und alle Meine Kindlein sollen Mich nicht als ihren Gott, sondern stets nur als ihren liebevollsten Vater erkennen und ersehen und lieben und also anbeten!
BM|0|120|13|0|Fürchte dich ja nicht vor Mir, da du Mich nun erkennst! Denn du wirst an Mir ewig keine Veränderung gewahr werden, außer dass du fürder alle endlosen Schätze Meiner Vaterliebe und Weisheit in ewig steigender Überfülle ohne Maß und Ziel genießen wirst! Bist du nun zufrieden mit dieser Erläuterung Meines Wesens?“
BM|0|121|1|1|Chanchahs übergroße Seligkeit und Liebe zum erkannten Lama. Die Liebe braucht Weisheit
BM|0|121|1|0|Die Chanchah sinkt nun zu Meinen Füßen nieder und weint und schluchzt in großer Freude und Seligkeit. Ich aber stärke sie, und sie richtet sich auf und betrachtet Mich mit großen, seligsten Augen vom Kopf bis zur Zehenspitze und kann sich nimmer satt sehen an Mir. Nur ihr Herz spricht:
BM|0|121|2|0|[Chanchah:] „Du, Du, o Du bist es also! Du bist der allmächtige, heilige Lama! Du der Ewige! Du hast die Erde, den Mond, die Sonne, alle die zahllosen Sterne, das gewaltige Meer, ein unzählbares Heer von allerlei Tieren im Wasser, auf der Erde und in der Luft, Du hast uns Menschen erschaffen? O Lama, Lama, Du großer, heiliger Lama! Wer kann Dich loben, preisen und anbeten zur Genüge?! Welches Herz ist es wert, Dich, o Du Heiligster, lieben zu dürfen?!
BM|0|121|3|0|Aber, o Lama, wert oder nicht wert, welch Herz kann Dich nicht lieben, wenn sein Auge Dich erschaut und sein Sinn Dich erkennt? Daher vergebe mir Nichtswertesten, dass ich es wagte, Dich, o Du zu Heiliger, zu lieben! Aber was kann die arme Chanchah dafür, so ihr Herz mächtiger ist denn ihr Verstand?!
BM|0|121|4|0|O Lama, Lama! Siehe, ich erkenne wohl nun meine Nichtigkeit gegen Dein endlos Alles; aber mein Herz liebt Dich nun nur um desto mächtiger! Du wirst mir ja nicht zürnen, dass ich Dich nun nur gar unbegreiflich mächtiger lieben muss! O Lama, stärke mein Herz, sonst erträgt es die zu mächtige Liebe zu Dir nimmer! O Lama, Lama, ich vergehe vor Liebe!“
BM|0|121|5|0|Mit diesen Worten sinkt die Chanchah wieder vor Mir nieder und weint und schluchzt vor Liebe.
BM|0|121|6|0|Rede Ich: „O Chanchah, deine Liebe ist groß und dein Herz eine überköstliche Perle. Aber siehe, du musst dich ermannen und nicht über deine Kraft erbrennen zur mächtigsten Glut, ansonst du Meine Gegenwart für die Folge nicht ertragen könntest, was deine Seligkeit nicht wenig beirren würde.
BM|0|121|7|0|Siehe hier neben dir die Gella an und betrachte den Martin, den Borem und auch den Chorel; siehe, diese kennen Mich schon die geraumste Weile und sind ebenfalls voll Liebe zu Mir. Aber sie ertragen Mich und können daher alles tun und genießen, was Ich ihnen gebiete und gebe. Wären sie aber in deiner Verfassung, da könnten sie ebenfalls nichts tun und auch nichts genießen, wie du jetzt auch nichts tun und auch nichts Höheres genießen könntest, weil deine zu mächtige Liebe alle deine Kräfte zu sehr in den Anspruch nimmt.
BM|0|121|8|0|Ich aber sage dir, du Meine geliebteste Chanchah, das nicht etwa darum, als wäre Mir nicht liebsam deine übergroße Liebe. Denn Ich habe dir ja schon oft gesagt, wie überaus lieb du Mir bist, und sage dir noch hinzu: Mich kann niemand genug lieben; aber das ist bei der möglich größten Liebe wohl zu merken, dass die Liebe nicht ohne Weisheit einhergehen darf, so sie die Seligkeit aller Seligkeiten bewirken soll.
BM|0|121|9|0|Denn die pure Liebe ist ein verzehrendes Feuer; dem, da es ein Grundfeuer ist, von keiner Seite durch nichts gesteuert werden kann, als allein durch einen entsprechenden Grad von Weisheit. Daher musst auch du deine Liebe zu Mir durch einen gerechten Grad von Weisheit mäßigen, so du die rechte Seligkeit der rechten Liebe genießen willst!
BM|0|121|10|0|Betrachte Mich nicht fortwährend als das allerhöchste, allmächtigste Gottwesen, dem sich niemand nahen kann und leben. Sondern betrachte Mich als deinen allerbesten und allein wahrhaftigsten Bruder, so wirst du Mich wie jeder andere Selige leicht ertragen, und wirst beständig um Mich sein können, und teilen alle Seligkeiten mit den Allerseligsten, die auch stets bei Mir sind, wie du nun, nur dass sie von Mir aus stets alle Hände vollauf zu tun haben in allen zahllosen Räumen Meiner ganzen unendlichen Schöpfung, aber dabei Mir dennoch stets so nahe sind, wie es du nun bist und ewig sein wirst. Verstehst du, Meine allerliebste Tochter, was Ich nun zu dir geredet habe?“
BM|0|122|1|1|Eine himmlische Liebeserklärung. Gellas Freude über Chanchah
BM|0|122|1|0|Spricht die Chanchah: „O Lama, o Lama! Wo ist das Herz, das Dich erkennt und kann dann noch Maß nehmen in seiner Liebesglut zu Dir, o Du Heiligster von Ewigkeit?! Siehe, so ich so viel Herzen hätte, als es da gibt der Sterne am Himmel, des Sandes im Meere und des Grases auf dem Erdboden, und wäre jedes Herz eine Sonne voll der höchsten Glut zu Dir, so wäre aller dieser zahllosen Herzen Liebesglut zu Dir, o Du mein heiligster Lama, dennoch nur wie ein kühlster Tautropfen gegen ein siedend Meer! Denn Du kannst ewig nimmer zu viel geliebt werden, da Du doch die endlos allerhöchste und mächtigste Liebe Selbst es bist!
BM|0|122|2|0|Ich weiß es wohl, dass Du, o Lama, ein Vater, ja sogar ein Bruder Deinen Geschöpfen bist, weil Du es sein willst. Aber welches Herz kann Dich bloß nur als Vater und Bruder denken und sich dabei nicht stets erinnern, dass der Vater, der Bruder, auch der – ach, der ewig heiligste, große, allmächtige Lama (Gott) ist?! Daher muss ich Dich ja lieben, weil ich nicht anders kann, als Dich nur ganz allein endlos ewig über alles lieben! Und keine Weisheit kann die Liebe meines Herzens mäßigen!
BM|0|122|3|0|Oh, so ich tausend Leben hätte und [es] sagte mir die Weisheit: ,Siehe, Chanchah, alle diese tausend Leben wirst du verlieren, so du deine Liebe zum Lama nicht weise mäßigst!‘ – da würde mein Herz der Weisheit erwidern: ,Oh, welche Seligkeit kann der gleichen, tausend Leben in der Liebe zu Dir, o Lama, zu verlieren!‘, was aber sicher unmöglich ist. Denn wie soll der je das Leben verlieren können, der Dich als das allerhöchste Leben alles Lebens über alles liebt?!
BM|0|122|4|0|Daher werde ich Dich nur noch stets mehr lieben, und keine Weisheit wird mein Herz in der Liebe zu Dir, o Du mein Lama, je zu mäßigen imstande sein! Nur so Du, o Heiligster, es verwehren und zunichte machen willst, dann freilich wird die arme Chanchah Dich nicht mehr lieben können. Aber, o Lama, o Vater! Gelt’ das wirst Du – der Chanchah ja doch nicht – nicht tun?“
BM|0|122|5|0|Rede Ich: „O du, Meine allerliebste Tochter! Wahrlich, Ich sage es Dir: Wer Mich wie du liebt, der ist eins mit Mir und hat nicht ein Leben, sondern zahllose Leben in sich! Wie soll der vergehen können? Liebe du daher Mich nur zu aus allen deinen Kräften und fürchte nichts; denn deine Liebe zu Mir wird dir auch Weisheit geben, und diese wird auch mehr erweitern dein Herz, auf dass du Mich nur stets mächtiger wirst lieben können. Nun aber komme an Meine Brust und mache deiner Liebe Luft!“
BM|0|122|6|0|Mit diesen Worten schreit die Chanchah vor Entzücken auf und wirft sich Mir wie nahe bewusstlos an die Brust.
BM|0|122|7|0|Die Gella weint mit vor Freude, dass die Chanchah Mich erkannt hat und sagt bei sich schluchzend: „O du Glücklichste! Wie endlos selig muss es sein, an dieser Brust die endlosesten Ströme der ewigen Gottesliebe einzuatmen! Ach, welch eine Luft muss da wehen, am Urborne, aus dem alle ewig zahllosen Wesen, Engel, Sonnen, Welten, Menschen, Tiere und Pflanzen ihr Dasein, ihr Leben, ihr Alles schöpfen!? O Lust, voll der allerhöchsten Lust, Freude und Seligkeit!
BM|0|122|8|0|O Chanchah, Chanchah! Wie endlos groß muss die Wonne, in der du im endlosesten Vollmaße schwelgst, sein? Welcher Engel wohl hat einen Maßstab, sie zu bemessen?
BM|0|122|9|0|Aber was denkst denn du, mein Herz, bist ja auch in der größten sichtbaren Nähe Dessen, der heilig ist, überheilig! Darum sei still, sei ruhig, mein Herz; der Herr gibt ja einem jeden nach dem gerechtesten Maße Seiner Liebe und Weisheit! Daher denke nicht über das höchste Seligkeitsmaß, das nun dieser edlen Chinesin zuteilwird, sondern denke, wie endlos glücklich du selbst nun bist!“
BM|0|123|1|1|Die Chinesen und Mönche beginnen geistig zu erwachen. Die eifersüchtigen Nonnen
BM|0|123|1|0|Während die Gella solche gar löblichen Betrachtungen bei sich macht, kommen alle die Chinesen hinzu und einer aus ihnen spricht:
BM|0|123|2|0|[Ein Chinese:] „Du unleugbarer Gottesbevollmächtigter, sage uns doch aus deiner uns wohlbewussten großen Weisheit, was denn da wohl der so ganz eigentliche Grund ist, dass diese unsere Chanchah gar so übermächtig an dir hängt? Sie hat ja eine solche Liebe zu dir, dass wohl kein Mensch zum Lama eine größere haben könnte, so dieser – wenn es möglich wäre – auch sichtbar vor ihm stünde!“
BM|0|123|3|0|Rede Ich: „Habt nur Geduld, diese Chanchah wird euch in Kürze alles kundgeben, was euch hier zu wissen nottut! Nun aber forscht nicht weiter, sondern lasst euer Herz vor eurem Verstand einhergehen, so werdet ihr den sichersten und kürzesten Weg zu wandeln haben!“
BM|0|123|4|0|Sagt darauf einer aus ihnen wieder: „Das wird wohl sehr gut und ehrlich sein, und wir hoffen das auch von ihr. Aber wird sie uns auch sagen können, was jenes Ungeheuer zu bedeuten hat, das du früher so urplötzlich zur Tür hinausgewiesen hast, nachdem es dem guten biedern Martin bevor [zuvor] allerlei Spuk vormachte, ja sich sogar in ein allerreizendstes Weibswesen verwandelte, um den armen biedern Martin zu fangen? War das nicht etwa ein ormuzischer Abgesandter oder war es etwa gar der Ormuz selbst?“
BM|0|123|5|0|Rede Ich: „Auch das wird euch die Chanchah nicht vorenthalten; daher begebet euch nur wieder auf eure Plätze zurück und harrt dort in aller Freude solcher Löse. Es sei!“
BM|0|123|6|0|Auf diese Worte begeben sich alle die Chinesen wieder zurück und tun, was Ich ihnen anbefohlen.
BM|0|123|7|0|Aber auch mehrere der Mönche treten nun vor und fragen Mich um ähnliche Bescheide; und es wird ihnen ebenfalls bedeutet, nun nur noch ein wenig zu ruhen, auf dass sie hinreichend gestärkt werden für die folgende Löse. Und sie treten auch zurück und harren in aller Geduld und Freude.
BM|0|123|8|0|Aber einige Nönnchen bilden einen Klub und raunen einander zu: „Wir hatten zufolge einiger Winke unserer Schwester, die nun Gella heißt, ja schon fast ganz geglaubt, dieser Chinesenfreund, der dem Drachen samt seinem Anhang so kräftigst begegnen konnte, ist entweder der Erzengel Michael oder wohl gar Jesus, der Herr, Selbst. Aber nach dem zu urteilen, was er mit der freilich viel schöneren Chinesin, als wie wir es sind, treibt, wie er sie herzt und kost, dass es schon völlig aus ist, so kann das wohl doch unmöglich weder Michael und noch viel weniger der Herr Jesus sein!
BM|0|123|9|0|Ach, ich möchte das sogar für eine große Sünde halten, vom Michael und gar vom Herrn Jesus, so was nur schwach zu denken, als könnte Er, und noch dazu mit einer Heidin, so ein verliebtes Spiel treiben! Diese dumme Gretel aber geniert sich auch nicht im Geringsten vor uns. Nein, wie sie in seiner Brust herumwühlt; muss aber das doch eine verliebte Katze sein!
BM|0|123|10|0|Wenn er Michael oder der Herr Jesus wäre, da wäre er ja auch zu uns Christinnen gekommen, die wir auf Ihn doch ein unbestreitbares Vorrecht vor den Heiden haben. Da er aber nur stets dieser Chinesin huldigt, uns aber nahe gänzlich aus aller Acht lässt, so wird’s bei ihm besonders mit der Jesusschaft wohl so einen hübsch starken Haken haben. Es ist nur dumm von unserer Schwester, wie auch sie dort stehen und losen [zuhören] kann, als wollte sie sich auch an seine Brust stürzen. Mienen macht sie wenigstens schon derartige!“
BM|0|123|11|0|Rede Ich zur Gella: „Mein Töchterchen, siehe, hier neben der Chanchah ist auch für dich ein Plätzchen. Komme auch du her und mache deiner Liebe Luft!“
BM|0|123|12|0|Gella fällt sogleich auch an Meine Brust und ist voll Seligkeit.
BM|0|123|13|0|Aber die Klubistinnen sagen: „Nein – da haben wir’s! Wie wir es uns gedacht haben, so ist es auch! Nein, da ist nichts mehr zu reden. Wenn nur der Hausherr Martin bald zurückkäme, auf dass wir uns bei ihm beschweren könnten. Aha, aha, dort kommt er schon mit Borem und Chorel. Gehen wir ihm nur schnell entgegen!“
BM|0|123|14|0|Als der Martin sieht, dass ihm der ganze, sehr zahlreiche Tross Weiber entgegenkommt, ersieht er aber auch zugleich, wo sie der Schuh drückt. Er geht ihnen daher gar freundlich entgegen und spricht:
BM|0|123|15|0|[Bischof Martin:] „Weiß schon, weiß schon, wo’s euch drückt! Geht daher nur wieder ganz ruhig und fein an eure Plätze zurück, denn für derlei Beschwerden habe ich keine Ohren. Nur das sei euch im Vorbeigehen gesagt, und das merket ihr euch fest und wohl: Wer Liebe will, der muss zuerst lieben! Denn Liebe lässt sich durch nichts als nur wieder durch Liebe gewinnen! Daher liebt auch ihr wie jene beiden den Herrn, so werdet auch ihr Seine Brust gewinnen! Versteht ihr das?“
BM|0|123|16|0|Sagen die vielen Klosterweiber: „Ach, du lieber Herr dieses Hauses, wie könnten wir solches tun? Siehst du denn nicht ein, dass wir die festesten Christinnen sind? Jene Favoritin aber ist eine Heidin, und die Gella aber ist ohnehin schon von jeher eine Person von sehr leichter Art gewesen, darum sie auf der Erde auch voll von allerlei Teufelsanfechtungen war, und wird es daher nun auch nicht sparen, wie und wo es sich nur immer fügen wird, hier in diesem deinem himmlischen Haus solchen Anfechtungen ein willig Ohr und Herz zu weihen.
BM|0|123|17|0|Jener Mann, den wir alle nahe schon ganz für den Herrn Jesus oder wenigstens für Michael ansahen, wird wohl auch so hübsch ein um sehr vieles tiefer unten stehender Geist sein, ansonst er sich doch sicher nicht mit den beiden leichten Personen gar so intim abgeben würde! Daher –“
BM|0|123|18|0|Hier unterbricht sie der Martin und spricht: „Schon gut, schon gut, meine Lieben! Ich sehe es schon, ihr werdet auch noch ins Bad gehen müssen. Ich glaubte, ihr wärt alle schon rein, indem ihr doch schon tüchtig abgesotten und darauf gewaschen worden seid; aber jetzt kommt aus euch ein ganz verborgener alter Rost und Schmutz zum Vorschein! Daher werdet ihr schon noch einmal in ein ganz scharfes Bad gehen müssen, bevor ihr wert sein werdet, jenem Heiligen euch zu nahen.“
BM|0|123|19|0|Schreien die Mönchinnen: „Was sagst du, wir – baden? Du bist auch ein Unreiner, darum geht der Teufel bei dir aus und ein! Oder haben wir etwa zu unserem größten Entsetzen nicht gesehen, wie du ehedem der schönen Teufelin einen Kuss hast geben wollen, hätte sie dich nicht zurückgestoßen! Wenn das so fortgeht, so wird es etwa doch bald klar genug sein, in wessen Händen wir uns in diesem Haus befinden!“
BM|0|123|20|0|Spricht wieder der Martin ganz gelassen: „Ja, ja – nur ins Bad mit euch! Baden, nur baden! Dort hinter jener weißen Wand schwimmen nun tausend so gar rare Fischlein herum und baden sich; dort ist für euch auch noch Platz. Daher begebt euch nur so schön gutmütig hin und macht Gemeinschaft mit jenen Badegästen, sonst – –!“
BM|0|123|21|0|Die Mönchinnen schreien im Zorn und gehen auf ihre alten Plätze zurück.
BM|0|124|1|1|Seelenheilwinke. Vom Wesen der Eifersucht und deren Heilung
BM|0|124|1|0|Martin aber, mit den beiden anderen, dem Borem und Chorel, begibt sich zum Herrn, d. h. zu Mir, um Mir anzuzeigen, dass die tausend Badenden vom Anhang des Drachen, da es ihnen nun besser geht, allerlei Gestalten annehmen und sehr ungebärdig werden, so dass sich auch der Borem nicht mehr auskennt, was fürder mit ihnen geschehen soll.
BM|0|124|2|0|Rede Ich zu den dreien: „Die tausend sind im Bad, da sind sie gut aufgehoben. Denn sie sehen nicht diese Wohnung, sondern nur die Welt ihrer inneren Bosheit, die nun in ihnen stets mehr und mehr flott wird, und stets mehr und mehr in ihrer Äußerlichkeit ersichtlich; und das ist schon ein gutes Zeichen. Daher lasst ihr nur die tausend, sie werden schon des rechten Weges geführt werden!
BM|0|124|3|0|Aber dort stehen über dreihundert Weiber in allem; diese sind von großer Eifersucht beherrscht und leiden viel in ihrem Herzen, so dass sie Mich dauern. Geht hin und belehrt sie recht und gerecht; aber mit dem Bad darfst du, Bruder Martin, sie nicht mehr bedrohen, willst du die Armen zu Mir bringen!
BM|0|124|4|0|Denn siehe, die Eifersucht ist eine Schmarotzerpflanze der Liebe und untergräbt diese! Wird die Schmarotzerpflanze am Lebensbaum der Liebe zu mächtig, so zerstört sie wohl mit der Folge den ganzen Baum. Will man aber den Baum erhalten und kräftigen, da muss man durch rechte Mittel suchen, den Baum von solchen fremden Ausgeburten völlig zu reinigen.
BM|0|124|5|0|So du aber eifersüchtige Gemüter durch gewisse Drohungen noch mehr aufregst als sie schon ohnehin aufgeregt sind, da pfropfst du selbst die Schmarotzerpflanze am Baum des Lebens, auf dass diese dann wuchert und den Baum völlig zugrunde richtet.
BM|0|124|6|0|Daher musst du in der Folge so handeln, so du mit eifersüchtigen Geistern zu tun wirst haben: Betrachte die Eifersucht stets als eine Ausgeburt der Liebe und denke: wo Eifersucht ist, da ist auch Liebe! Besänftige diese mit Liebe, so wirst du aus der Eifersucht bald die glühendste Liebe zuwege bringen!
BM|0|124|7|0|Ich sage euch, wo keine Eifersucht sich zeigt, da ist auch keine Liebe! Oder habt ihr auf der Welt je gesehen, dass die unfruchtbaren Weiden, die Fichten und Tannen und Föhren, und tausend andere derlei unfruchtbare Bäume mit Schmarotzerpflanzen behaftet werden? Ich sage: Sicher niemals habt ihr eine solche Abartung gesehen! Wohl aber sehr häufig an den edlen Fruchtbäumen.
BM|0|124|8|0|Seht, so ist es auch hier und nun ganz besonders mit jenen Weibern der Fall. Sie haben viel Liebe, wie ein edler Fruchtbaum da hat viel edlen Saftes. Sucht aber den schlechten Auswuchs aus ihren Herzen zu entfernen durch Liebe, und ihr werdet dann an ihnen Wunder der fruchtbarsten Liebe erbeuten! Geht daher nun hin und tut, wie Ich es nun euch angeraten habe, so werdet ihr Meinem Herzen ein gutes Werk darbringen.“
BM|0|125|1|1|Borem und die herzkranken Nonnen. Über das Sehen der Augen und des Herzens
BM|0|125|1|0|Die drei gehen nun gar freundlichen Antlitzes zu den armen Weibern, und als sie bei ihnen ankommen, nimmt der Borem das Wort und spricht:
BM|0|125|2|0|[Borem:] „Liebe Schwestern, hört mich recht geduldig an! Ich will euch allen ein gutes Recht verschaffen, denn ich weiß, dass da euer Herz leidet, und weiß, dass dieser Bruder, als ihr ehedem bei ihm euer Recht suchtet, euch hart zurückgewiesen hat. Ich konnte damals, als selbst Gast dieses Hauses, diesem Hauseigentümer nicht in seine Rede, in sein Recht fallen, denn ein jeder ist der erste Rechtsherr seines Hauses.
BM|0|125|3|0|Da mir nun aber der Oberherr aller Hausherren nun das Recht eingeräumt hat, auch als Gast das Recht der Liebe zu üben, so will und werde ich auch nun nach allen meinen Kräften und mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln euch allen euer gutes Recht verschaffen und alles im Namen des Herrn gutmachen, was euch nun bedrückt und euer Herz beleidigt hat. Seid ihr alle, meine lieben Schwestern, damit zufrieden?“
BM|0|125|4|0|Reden die Weiber wie aus einem Mund: „O ja, o ja, du lieber, guter Freund! Wahrlich, du bist schon ganz sicher ein wahrer Gottesfreund; von dir wollen wir ja alles gerne annehmen! Du meinst es gut und redlich mit uns und erkennst das Leid unserer Herzen. Aber mit diesem Martin wollen wir nichts mehr zu tun haben. Denn statt unsere Not zu erkennen, uns zu trösten, zu belehren und die Wahrheit zu zeigen, so wir etwa doch auf einem Irrweg wären, hat er uns zur Hölle in das Bad der Teufel verwiesen. Das war sehr unhimmlisch von ihm gegen uns gehandelt, von ihm, der ein Hauptbürger der Himmel ist oder doch wenigstens sein will. Daher wäre es uns lieber, so er zurückträte, auf dass wir uns nicht ärgerten an seinem Anblick.“
BM|0|125|5|0|Spricht der Borem: „Liebe Schwestern, lasst das nur gut sein, und lasst es nun mir über. Ich werde schon alles wiedergutmachen. Seht, dieser unser Bruder Martin ist kein böser Geist, sondern, wie ich, aus dem Herrn nur ein guter.
BM|0|125|6|0|Wir hatten mit jenen nun wohl noch stark argen Gästen, die nun in jenem Bad sind, sehr viel zu tun und hatten dabei recht viel bedauerlichen Ärger. Als wir, der für uns zu großen Mühe nahe völlig überdrüssig, zu jenem übermächtigen Freund gingen, uns ferneren Rat zu holen, da kamt ihr uns gerade wie in einem sehr ungünstigen Wurf entgegen. Und der ohnehin sehr leicht erregbare Martin hat euch dann freilich wohl etwas zu hart und unsanft empfangen, was aber, wie gesagt, uns allen sehr zu verzeihen ist.
BM|0|125|7|0|Daher meine ich, ihr werdet das ihm wohl leicht verzeihen, da er doch sonst zu euch voll Liebe ist und hat eine große Freude, euch alle als seine lieben Hausgenossen zu begrüßen. Ich glaube, ihr werdet das tun, was ich auch ganz sicher tun würde, so ihr mich mit was immer beleidigt hättet.“
BM|0|125|8|0|Sagen darauf die Weiber: „Weißt du allerliebster Freund, was du uns sagst, das tun wir ja alle recht von ganzem Herzen gerne. Aber das sagen wir dir auch zur Beschämung des Martin: nur dir zuliebe tun wir’s und wollen ihm seine große Unart nachsehen. Aber in der Folge möchten wir es ihm wohl schwerlich mehr verzeihen, so er uns noch einmal so ungebärdig entgegenkäme.
BM|0|125|9|0|Er ist wohl ein recht lieber Mann, und es ist eine rechte Freude, seine schöne Gestalt anzusehen. Aber was nützt die Gestalt, so sie roher ist im Herzen denn ein Apfel acht Wochen nach der Blütezeit auf einem Baum? Wird uns Martin gleich dir entgegenkommen, da wird er in uns auch Herzen finden, die gewiss nicht ohne Liebe sind. Aber in seiner hausherrlichen Tyrannisierlust wird er anstatt der Liebe ganz was anderes finden!
BM|0|125|10|0|Wir sind ja nun, Gott sei’s gedankt, doch auch gewiss recht himmlisch schön. Die Männer alle, die hier in großer Anzahl zugegen sind, haben uns schon mit großem Wohlgefallen betrachtet, obschon wir uns darauf nichts zugutetun; denn wir wissen es ja, dass da alle äußere Schönheit ein Geschenk des Herrn ist. Aber dass eben der Martin und jener euer mächtiger Freund an uns gar nichts finden, das ihnen irgend ein Wohlgefallen für uns abgewinnen könnte, das ist denn doch kränkend für uns.
BM|0|125|11|0|Jene zwei Schwestern sind im Grunde doch auch nicht schöner als wir, und jener Freund liebt sie über alles und gibt sich ausschließlich fast nur ganz mit ihnen ab. Wir aber stehen hier wie arme Sünderinnen und werden von niemand beachtet, denn alles heftet die Augen an jene drei. Soll so was uns denn nicht kränken? Und so wir von jenem Freund eine Zeitlang auch schon die erhabensten Mutmaßungen in unseren Herzen fassten, müssen sie aber nicht wieder verwelken gleich irdischen Blumen, so ihnen alle nötige Nahrung entzogen wird?
BM|0|125|12|0|Siehe, das Herz braucht auch Nahrung, so es in der Liebe stark werden soll. Wie sollen aber unsere Herzen in der Liebe je stark werden, wenn sie nie eine Nahrung, sondern bloß nur Faste über Faste bekommen?“
BM|0|125|13|0|Spricht der Borem: „Ja, ja, meine geliebtesten und liebenswürdigsten Schwestern, ihr habt recht und eure Forderung ist gerecht. Aber habt nur eine kleine Geduld und eure Herzen werden bald in aller Überfülle gesättigt werden! Ihr wisst es aber ja, dass der gute Arzt zuerst die Kranken besucht und heilt und sodann erst zu den Gesunden auf Besuch kommt.
BM|0|125|14|0|Seht, also geschieht es auch hier. Werden jene beiden Patientinnen erst völlig hergestellt sein, dann wird jener Arzt schon auch zu euch kommen. Daher geduldet euch nur noch ein wenig, und der Arzt wird bei euch sein! Nun aber folgt mir, ich werde euch aber etwas gar Wunderbares zeigen!“
BM|0|125|15|0|Sprechen die Weiber: „O lieber Freund, das tut hier ja wahrlich nicht not! Denn in diesem ungeheuren Saal gibt es ja ohnehin eine solche Menge von den allerwunderbarsten Sehenswürdigkeiten, dass man sich daran ja gerade nimmer satt sehen kann!
BM|0|125|16|0|Dieser herrliche Fußboden, der doch gerade so aussieht, als wäre er aus lauter der alleredelsten Steine von den verschiedensten und lebendig frischesten Farben in den schönsten Girlandenformen zusammengefügt!
BM|0|125|17|0|Die großen, überherrlichen Säulen, die die unbeschreiblich schönsten Galerien tragen! Wie sie strahlen, als wären sie aus den schönsten Rubinen angefertigt, in deren Inneren stets tausend Sterne wie Goldfischlein im Wasser herumschweben und dadurch stets neue, wunderschöne Lichtformen bilden!
BM|0|125|18|0|Und wie du, Freund, es selbst siehst, so gibt es hier noch tausend und abermals tausend Herrlichkeiten, für die wir gar keine Namen haben. Da es aber dennoch hier eine so große Menge der überherrlichsten Dinge zur Beschauung gibt, so haben wir auch nicht ein allerleisestes Bedürfnis, noch etwas Herrlicheres und Wunderbareres zu sehen, als wir es hier sehen!
BM|0|125|19|0|Unsere Augen sind hier wohl in größter Überfülle versorgt und brauchen nichts Weiteres; aber ganz anders sieht es mit unseren Herzen aus! Siehe, diese sind noch sehr unversorgt! Was nützt das Auge erquicken, wenn dabei das Herz leidet? Sorge du, liebster Freund, daher zuerst für unsere Herzen, dann werden unsere Augen mit etwas ganz Leichtem befriedigt werden!“
BM|0|125|20|0|Spricht Borem: „Liebe Schwestern, eure Forderung ist sehr recht und gerecht. Aber ihr gebt sie mir früher kund, als ihr die Erfahrung genommen habt an dem, was ich euch zeigen möchte und auch zeigen will! Wisst ihr denn, ob das, was ich euch nun zeigen will, nicht eben hauptsächlich für eure Herzen berechnet ist? Wisst ihr denn schon im Voraus, worin das Wunderbare besteht, das ich euch zeigen soll? Ist das Wunderbare denn bloß nur für die Augen? Kann es nicht auch etwas höchst Wunderbares allein fürs Herz nur geben?
BM|0|125|21|0|Was ist denn mehr, das Auge oder das Herz? Kann nicht das Auge blind sein und das Herz dennoch in aller Fülle des Liebelebens schwelgen? Welches irdische Menschenauge kann Gott schauen? Seht, dazu ist jedes Fleischauge blind; aber das Herz kann Gott denken, es kann Ihn lieben, ja es kann sogar Ihm, dem Herrn, zu einem lebendigen Tempel werden, in welchem Er Wohnung nimmt! Was ist also mehr: das Auge oder das Herz?
BM|0|125|22|0|Wenn aber so, wie könnt ihr, meine lieben Schwestern, da denken, dass ich, hier im Reich des Herzens Gottes, euch irgendwohin führen möchte, wo es nur für die Augen allein wunderbar scheinende Spektakel gibt?!
BM|0|125|23|0|Ich sage euch, hier gilt alles ganz allein dem Herzen nur! Das Auge aller ist bloß nur ein Lichtzeuge von alledem, was da geschieht im Herzen, und was da dargebracht wird dem Herzen vom Herzen. Und so ist auch dasjenige Wunderbare, was ich euch zeigen will, nicht für eure Augen, sondern lediglich für eure Herzen vorbereitet.
BM|0|125|24|0|Aber da hier im Gottesreich kein Wesen blind ist, sondern jegliches seine Sehe hat, die da gleich kräftig ist, wie das Herz, so ist das Auge freilich auch allzeit Zeuge von allem dem, was da geschieht fürs Herz und kommt aus dem Herzen. Und so werdet auch ihr das, was für euer Herz geschehen wird, mit euren Augen sehen. Daher folgt mir nun!“
BM|0|125|25|0|Auf diese Worte Borems folgen alle die Weiber nun den dreien, und zwar zur Tür, die da führt in die Gefilde der Sonne.
BM|0|126|1|1|Lästerungen des badenden Drachenanhanges. Wer lästert, bekennt seine Ohnmacht, worauf die Reue folgt. Verdammung der Lästerer ist ärger als Lästerung. Der Herr mahnt zu Geduld
BM|0|126|1|1|(Am 15. Mai 1848)
BM|0|126|1|0|Während sich aber Borem, Martin und Chorel mit den vielen Weibern hin zur Sonnentür begeben, werden die tausend Badegäste äußerst unruhig in ihrem bekannten Bad und fangen an, ganz gewaltige Lästerungen auszustoßen, so dass selbe die sämtlichen gereinigten hier anwesenden Mönche und sogar die Chanchah und die Gella gar wohl vernehmen.
BM|0|126|2|0|Die beiden ermannen sich bald aus ihrem seligsten Liebestaumel und horchen nun aufmerksamer. Die Chanchah will Mich gerade fragen, was dies zu bedeuten habe, als eben hundert aus den Mönchsbrüdern zu Mir eilen und Mich inständigst bitten, diesen Gästen im Bad das Maul zu stopfen, da sonst leicht die Schwächeren aus ihnen selbst geärgert werden könnten.
BM|0|126|3|0|Als diese Mönche kaum ihre Petition Mir kundgegeben, kommen auch schon die Chinesen samt ihren vielen Weibern und die Eltern der Mönchinnen herbei und sagen: „Du mächtiger Bote Gottes, hörst du denn nicht, wie jener nun im Bad sich befindende Anhang des Drachen über Gott und über dich und über uns alle sich hermachen will, und will uns alle gar übel verderben?! Daher meinen wir, hier wird es für die Folge kaum mehr zu bestehen sein, wenn diesem bösen Gesindel der Hölle in seinem Treiben nicht sogleich ein völliger Einhalt getan wird!
BM|0|126|4|0|Hör’, hör’, welch’ grässliche Lästerungen sie ausstoßen! Diese Bestien sind ja noch viel ärger denn der Drache selbst, der doch ehedem ganz vernünftig scheinend gesprochen hatte mit Martin und auch mit dir. Mache daher diesem Treiben ein Ende, oder lasse uns alle hinausgehen, auf dass wir fürder nimmer vernehmen möchten solche Lästerung des Allerheiligsten!“
BM|0|126|5|0|Rede Ich: „Es ist wohl sehr recht von euch, dass eure Herzen mit Abscheu erfüllt werden gegen solch ein ärgerliches Toben. Aber dabei müsst ihr dennoch nur auf Mich und nicht auf euch selbst schauen, sonst werft ihr euch selbst zu Richtern auf, was dann ärger wäre, als all dies leere Geläster von diesen freilich wohl noch sehr argen Badegästen!
BM|0|126|6|0|Denn wer da nur lästert, der bekennt dadurch nichts als seine Ohnmacht nur. Hätte er eine Macht, da würde er sogleich handeln und nimmer vergebliche Worte gebrauchen, die nichts als ein leerer Schall sind. Aber wer ohnmächtig ist und will aber dennoch tun, als hätte er eine Macht, der wirft sich zu einem falschen und ohnmächtigen Richter auf und greift dadurch mut- und böswillig in die ausschließlichen Rechte Gottes und schändet dieselben durch seine Ohnmacht, während in Gott doch allein nur alle Macht und Kraft und somit das ausschließliche Recht zu richten zu Hause ist und sein muss wegen der ewigen notwendigsten Ordnung.
BM|0|126|7|0|Seht, liebe Freunde und Brüder, euch ärgert nun dieses wirklich loseste Schmähen und Lästern von Seite dieser Badegäste. Und es ist recht, dass ihr daran in euren Herzen ein großes Missfallen habt! Aber Ich erschaue danebst in euch allen auch eine Glut, die diesen Badegästen, so sie hinreichend mächtig wäre, einen ewigen Garaus machen würde, und seht, diese Glut ist ärger denn jenes sinnlose ohnmächtige Lästern.
BM|0|126|8|0|Diese Gäste beschimpfen bloß uns, da sie wohl wissen, dass sie uns sonst ewig nichts anhaben können, und auch wissen, wie viel Geduld und Langmut in Gott zu Hause ist. Möchten wir aber sie dafür verderben, weil wir dazu Macht haben, oder sie wenigstens auf ewig verlassen, wäre das wohl weise? Wäre das in der Ordnung Gottes, die nichts zerstören, sondern nur ewig alles erhalten will, ja sogar erhalten muss, weil auch die Gottheit selbst litte, so nur das Kleinste, das auch aus Ihr hervorging, zerstört werden könnte?
BM|0|126|9|0|Ermannt euch daher und lasst sie uns alle schimpfen und lästern. Mit der Weile werden sie sich ausgelästert haben, und werden in eine starke Reue übergehen, und werden uns allen dann noch recht liebe und treue Brüder und Schwestern werden, und ganz besonders Schwestern; denn die größte Mehrzahl ist weiblich!
BM|0|126|10|0|Dass sie aber völlig ohnmächtig sind, könnt ihr ja auch aus dem leicht ersehen, dass sie sich auch nicht um ein Haar breit übers Bad heraus bewegen können. Welch ein Ruhm aber wäre dann das für uns, so wir uns nun an ihnen rächen möchten, dieweil wir mächtig, sie aber völlig ohnmächtig sind? Ich meine, dieser Ruhm gliche dem eines Löwen, so er sich zu einem Mückenfänger herabwürdigen möchte.
BM|0|126|11|0|Ich aber sage euch, und ermahne euch alle, dass ihr allzeit auf Mich schaut und dabei merkt, was Ich tue, so werdet ihr fürder keinen Ärger und keine Richtergier in euren Herzen mehr verspüren! Mich geht dieses alles am meisten an, und seht, Ich bin ruhig. Seid daher ihr umso mehr ruhig, da euch all diese Lästersache nicht im Geringsten irgend berührt!
BM|0|126|12|0|Sie lästern nur Gottes Gerechtigkeit, die sie hier baden lässt, welches Baden für sie natürlich nicht ganz schmerzlos sein kann, so ihnen geholfen werden soll. Denn jede Umwandlung ist mit Schmerz verbunden so lange, bis nicht ihr ganzes Wesen in eine andere Ordnung übergegangen ist. Der Schmerz selbst aber ist notwendig; denn gäbe es keinen Schmerz, so gäbe es auch keine Wonne, da ein Wesen, das für keinen Schmerz empfänglich wäre, auch vollends tot wäre für die Wonne.
BM|0|126|13|0|Diese Badenden aber sind nun alle in einem gewaltigen Übergangsprozess und haben dabei so manchen Schmerz zu erleiden, welcher Schmerz ihre Zungen denn auch zu solchen Lästerungen treibt. Werden sie mit der Weile einer neuen, festen Ordnung näher gerückt werden, so werden auch ihre Schmerzen sehr vermindert werden, und ihre Zungen werden sodann vom Lästern ganz abgehen und werden erhebende Worte der Reue zu bilden anfangen, welche Worte aber da sind eine Brücke zur Liebe und zum Leben.
BM|0|126|14|0|Damit ihr euch aber nicht länger ärgert an diesem leeren Geläster, so bewegt ihr euch nun mit Mir hin zu jener Tür, an welcher nun schon der Borem, Martin und Chorel mit den vielen Weibern stehen. Diese Tür, die nun noch verschlossen ist vor euren Augen, werde Ich auftun, und ihr werdet da eine große Gelegenheit bekommen, euch in eurem ganzen Wesen so recht bis in die innerste Fiber eures noch ziemlich hoch anschwellenden Herzens zu demütigen, was euch allen vor allem nottut! Daher folgt Mir nun; es sei!“
BM|0|127|1|1|An der Sonnentür. Verhältnis des Lichtes zur Tätigkeit. Verhaltungswinke für die Sonnenwelt
BM|0|127|1|0|Die ganze große Gesellschaft folgt Mir nun zu der bezeichneten Tür, an der Martin und Chorel mit den Weibern harren, bis Ich komme und ihnen öffne die Tür des Lichtes. Es sind in allem nun schon dreitausend an der Zahl, dass es an der Tür ein förmliches Drängen abgibt. Aber da diese Tür nun sehr weit ist, so haben diese verschiedenen Gäste dennoch leicht Platz zur Genüge und können unbehindert auf den Boden der Sonne gelangen und dort schauen die Wunder der Liebe, die Wunder des Lichtes.
BM|0|127|2|0|Als Ich nun zu der Tür komme, da kommt, um Mich über den Grund des Verschlossenseins dieser Tür zu befragen, während doch alle anderen nun offen stünden, Mir sogleich der Martin entgegen.
BM|0|127|3|0|Ich aber sage zu ihm: „Freund, Bruder, hast du nie auf der Erde von den verschiedenartigen Geburten der Menschen und Tiere etwas gehört oder gelesen? Siehe, jedes Wesen ist bis aufs Auge schon seiner Sinne mächtig! Es fühlt, es schmeckt, es riecht, auch das Ohr ist nicht geschlossen; aber das Auge wird erst geöffnet nach der Geburt. Daher ist auch bei der geistigen Wiedergeburt das Öffnen der Tür zum Licht oder das Öffnen des geistigen Auges das Letzte. Denn bevor jemand schauen will, muss er dafür wohl vorbereitet sein.
BM|0|127|4|0|So aber jemand in seinem Haus zur Nachtzeit ein Licht anzünden will, muss er für diesen Zweck doch zuvor die nötigen Vorkehrungen treffen, durch die er ein Licht erzeugen kann. Muss er nicht in Bereitschaft haben eine mit Öl gefüllte Lampe und haben ein gutes, verlässliches Feuerzeug? Was muss er mit dem Feuerzeug tun, und wie lange wird er zu tun haben, bis er aus seinem Feuerzeug ein erwünschtes Licht zuwege bringen wird? Siehe, es wird bis zum Licht eine Zeit vergehen. Und eine mannigfache Handlung wird demselben vorangehen müssen, und der Zweck aller vorangehenden Handlung wird am Ende das Licht sein, und wann das Licht einmal erzeugt ist, dann erst kann auf ein anderes ersprießliches Handeln im Licht übergegangen werden; aber zuvor kann davon keine vernünftige Rede sein!
BM|0|127|5|0|So du nun das bedenkst, so wirst du leicht einsehen, warum hier in diesem Haus alle anderen Türen geöffnet sind und warum diese Sonnentür bis nun verschlossen war vor diesen Gästen.
BM|0|127|6|0|Ich sehe wohl, dass du Mich nun abermals fragen möchtest und sagen: Ja, wenn so, warum sei denn die Tür dir schon ein paarmal offen gestanden? Und warum sei sie, als du sie zum ersten und zum zweiten Mal betratst, nicht die letzte gewesen? Ich aber sage dir, fürs Erste gehörst du nicht mehr zu diesen Gästen, die erst der Wiedergeburt gewärtig werden müssen. Und fürs Zweite, was die anderen Türen betrifft, die du nach der Sonnentür betratst, so wird wohl jeder Geist nach seiner Wiedergeburt doch sich zu einer Tätigkeit im Licht oder in klarer Einsicht und Erkenntnis bequemen wollen?
BM|0|127|7|0|Oder meinst du etwa noch, nach dem Empfang des Lichtes tritt ein ewiger, allenfalls wollüstiger Müßiggang ein? O nein, sage Ich dir, die rechte Tätigkeit tritt erst im Licht ein! Denn vor dem Empfang des Lichtes ging jede Handlung nur darauf hin, um das Licht zu empfangen. Ist das Licht aber da, ist der Tempel der Sonne geöffnet, dann erst fängt die größte Tätigkeit des wiedergeborenen Geistes an!
BM|0|127|8|0|Oder hast du auf der Erde wohl je gesehen, dass die Schulknaben Ämter bekommen? Es muss ein Schüler vorher zum vollen erforderlichen Erkenntnislicht durch manche Studien gelangen, bis ihm ein seinem Licht angemessenes Amt erteilt wird. So er aber seine wissenschaftliche Laufbahn durchgemacht hat und ein rechtes Erkenntnislicht erreicht, wird er sich dann wohl auf ein Lotterbett werfen und auf demselben ganz behaglich zu schlafen anfangen, anstatt zu arbeiten in seinem ihm gewordenen Licht? Ja, siehe! Er wird nun erst so ganz eigentlich zu arbeiten anfangen, denn alle seine früheren Studienarbeiten waren bloß nur ein Lichtmachen in der Nacht seines Wesens.
BM|0|127|9|0|Und siehe, da hast du wieder einen gar starken Grund mehr, warum es nach der Sonnentür noch andere Türen gibt, besonders jene zum ganzen endlosen Universum! Sage, hast du nun noch etwa eine Frage übrig?“
BM|0|127|10|0|Spricht Martin: „O Herr, Du durchschaust mein Herz wie einen Wassertropfen. Ich empfinde nun nichts anderes in mir als bloß nur die heißeste Liebe zu Dir, Du endlos guter, heiliger Vater! Du weißt, dass mir die meinen Kräften angemessene Tätigkeit über alles erfreulichst willkommen ist; daher wird auch mir ein noch höherer Lichtgrad sicher sehr gut zustattenkommen! Denn Du weißt es, dass es mir am Willen, Gutes zu wirken, noch nie gemangelt hat; aber am Licht, das ist, an der rechten Weisheit dazu, wohl noch fast immer. Daher meine ich, die volle Wiedereröffnung dieses Tempels wird mir vorzugsweise von großem Nutzen sein? Obschon ich für mich allein genommen in Dir die ganz eigentliche Sonne aller Sonnen und das Licht alles Lichtes erschaue und nun auch in aller Fülle habe, daher ich auch für ewig jedes anderen Lichtes rat halten [entbehren] kann!“
BM|0|127|11|0|Rede Ich: „So, so, Mein lieber Bruder Martin; siehe, diese deine Rede gefällt Mir schon wieder um sehr vieles besser denn deine früheren Fragen.
BM|0|127|12|0|Wohl wahr ist es, dass Ich da bin die Sonne aller Sonnen, das Licht alles Lichtes, und wer Mich hat, der wandelt und handelt am hellsten Tag. Aber da doch ein jeder Mensch aus Mir ein eigenes und freies Wesen ist, so hat er auch sein eigenes Licht, das ebenso frei in ihm leuchten muss, als wie frei da leuchtet die Sonne in der großen Raumhalle ihrer Planeten, und wie frei da jedem Menschen leuchten seine Augen, und wie frei da jedes Menschenherz pulsiert stets neue Gedanken, aus denen dann hervorgehen freie Ideen, aus ihnen die Erkenntnis ihrer selbst und daraus die große Erkenntnis Meines Gottwesens, und Meiner Liebe, und Meiner Weisheit. Daher wird denn diesen Gästen nun auch diese Tür eröffnet, damit sie sich erkennen und dann erst Mich in aller Wahrheit. Daher wollen wir uns denn nun auch an die Eröffnung dieser Tür machen!“
BM|0|127|13|0|Spricht der Martin: „O Herr, Du heiligster Vater, das wäre schon alles überwahr, gut und recht. Aber nur gebe mir die Versicherung, dass Du zufolge der vollen Erkenntnis und vollen Wahrheit, die diese Gäste über Dich bekommen werden, etwa nicht wieder Dich irgendwohin verbergen wirst und wir Dich dann wieder werden suchen und rufen können, wie wir werden wollen, und Du wirst nicht so bald wieder zum Vorschein kommen! O Herr, o Vater, o Du lieber Vater, nur das tue Du uns nimmer an!“
BM|0|127|14|0|Rede Ich: „Mein geliebter Sohn, Ich sage dir aber: Sorge du dich um alles, nur um das sorge du dich nimmer! Denn wo die Kindlein sind, da ist auch der Vater; und wo der Vater, da auch die Kindlein! Aber du weißt es ja, dass Meine Familie groß ist und übergroß die Herde aller Meiner Schafe. Diese alle werden wir dann in ein Haus bringen, und es wird dann eine Herde und ein Hirte sein! Aber es wird dabei noch sehr viel zu tun geben.
BM|0|127|15|0|Merke dir’s, auf dem Erdkörper sind nun viele Schnitter bestellt; da wird eine große Sichtung vor sich gehen! Ich werde viel Fleisches benötigen, darum wird viel Blut fließen zur Ausrottung aller Hurerei. Und Ich habe auf der Erde Zeugen erweckt, und was Ich mit dir nun hier rede, und geredet habe und noch reden und handeln werde, siehe, das alles wird zu gleicher Zeit auf der Erde aufgeschrieben und kundgemacht dem Fleische! Daher sorge dich nicht, als würde Ich euch nach der Eröffnung dieser Tür irgend auf eine Art verlassen, sondern denke dir’s also: Nun erst werde Ich ewig unverändert fest bei euch verbleiben!
BM|0|127|16|0|Nun aber noch etwas, Mein geliebter Martin! Siehe, wir werden diesmal die großen Gefilde der Sonne viel inniger und weiter gedehnt betreten als es das erste Mal der Fall war. Es werden dir daselbst weibliche Wesen von nie geahnter Schönheit mit der größten Anmut, Liebe und unbeschreiblicher Zärtlichkeit entgegenkommen, desgleichen auch Männer. Du musst sie aber stets mit einem wahren himmlischen Ernst behandeln, wenig reden; wann du aber redest, da rede also wenig und weise; dadurch wirst du sie am meisten gewinnen! Lieben musst du sie ganz geheim nur, so dass sie es nicht merken, da wirst du unter ihnen sicher wandeln!
BM|0|127|17|0|Denn auf dieser großen Welt des Lichtes ist die Weisheit obenan. Innerhalb dieser erst birgt sich ganz geheim die Liebe, gerade also, wie im Licht der Sonne die Wärme ganz unersichtlich vorhanden ist und sich nur in der zahllos vielartigen produktiven Wirkung kundgibt. In der Sonne musst du daher bloß leuchten, wie du auch Mich wirst leuchten sehen! Diese Regel also getreu beobachtet, so wirst du bei dieser nunmaligen ersten großen Expedition viel Seligkeit genießen. Und nun zur Öffnung der Tür; gehe hin und eröffne sie in Meinem Namen! Es sei!“
BM|0|128|1|1|Auf der lichtquellenden Sonne. Martin als Reiseführer. Der Herr als der Letzte
BM|0|128|1|0|Der Martin dankt Mir für diesen Auftrag aus vollstem Herzen, und bewegt sich dann zur Tür, und öffnet sie mit der größten Leichtigkeit, obschon sie in ihrer Erscheinlichkeit eine Höhe von zwölf Manneslängen und eine Breite von sechs solchen Längen hat.
BM|0|128|2|0|Als die Tür nun offensteht, da geschieht aus mehreren tausend Kehlen ein Schrei voll entzückenden Entsetzens und alles fährt mit den Händen vor die Augen, da das Licht in einer äußerst intensiven Fülle all diesen Gästen entgegenkommt. Niemand getraut sich, auch nur einen Schritt entweder vorwärts noch rückwärts zu machen. Denn die meisten sind der Meinung, dass in diesem ungeheuer mächtigen Licht ganz ungezweifelt die eigentliche Gottheit wohne in aller Urfülle Ihrer Macht, Kraft und Weisheit.
BM|0|128|3|0|Selbst der Martin stutzt diesmal, denn auch ihm kommt dieser Lichtglanz nun bei weitem heftiger vor als er ihm vorkam die beiden früheren Male. Aber das geniert ihn wenig, daher ergreift er sogleich das Wort und spricht:
BM|0|128|4|0|[Martin:] „Brüder und Schwestern, fürchtet euch nicht vor dem, das uns nur über die Maßen zu beseligen vom Herrn also bestimmt; sondern kommt alle heraus zu mir, denn dies Licht ist ein fester Boden und man kann wandeln darauf wie auf Erz!“
BM|0|128|5|0|Borem und Chorel führen nun ihre Weiber hinaus, die sehr furchtsam sind, aber am Ende, durch ihre große Neugierde ihre Furcht besiegend, dennoch hinaus über die Türschwelle ihre Füße zu setzen anfangen. Den Weibern folgen die Mönche und die anderen Gäste, als da sind die Eltern der Mönchinnen und auch so manche Mönche. An diese schließen sich endlich erst die Chinesen und folgen ihnen überaus sorgfältigen Schrittes.
BM|0|128|6|0|Als nun alle draußen sind, da folge ihnen auch Ich mit der Chanchah und Gella, die sich vor diesem grellsten Licht anfänglich auch sehr scheuen. Aber an Meiner Seite gibt sich ihre Furcht, und sie betreten ganz behaglich diese neuen Lichtgefilde.
BM|0|128|7|0|Nun befindet sich alles auf dem leuchtenden Boden der Sonne, nicht etwa bloß nur geistig, sondern auch körperhaft genommen. Denn alle Geister aus Meinem obersten Himmel sehen auch jeden naturmäßigen Körper, wie er beschaffen ist, aus- und inwendig. Da sie bei Mir sind, so sehen sie auch durch Mich alles, was da ist in der Geisterwelt und was da ist in der Körperwelt, so wie Ich es sehe.
BM|0|128|8|0|Im Anfang sehen sie wohl eben nicht am besten, weil ihre Augen von einem zu grellen Licht zu sehr geblendet werden. Aber nach und nach wird es sich schon geben, wie es sich auch nun schon zu zeigen beginnt. Denn einige der Gäste fangen schon an, am Boden verschiedene Gegenstände auszunehmen und auch verschiedene Farben zu unterscheiden.
BM|0|128|9|0|Die Weiber entdecken sogar einige wunderherrlichste Blumen und möchten sich sogar einige abpflücken. Aber der Borem und der Chorel widerraten ihnen das zu tun, weil das in der Sonne als ein schlimmes Zeichen angesehen wird, so zu einer unrechten Zeit an einem Gewächs etwas beschädigt würde; denn da muss alles in der strengsten Ordnung geschehen.
BM|0|128|10|0|Nachdem diese große Gesellschaft unter der Anführung des Martin sich schon eine geraume Strecke auf dem Sonnenboden fortbewegt hat und es nun dem Martin schon selbst ein wenig zu bangen anfängt, so macht er eine kleine Rast, begibt sich zu Mir und spricht:
BM|0|128|11|0|[Martin:] „O Herr, o Vater, nach meinem Gefühl haben wir uns von meinem Haus nun wohl schon nach irdischem Maß sicher über 1.000 Meilen Weges entfernt und haben außer einigen Blumenstauden noch nichts zu Gesicht bekommen. Wie weit und wie lange werden wir wohl noch zu wandeln haben, bis wir irgendein bestimmtes Ziel werden erreicht haben?
BM|0|128|12|0|Ich muss es offen gestehen, auf dieser gar zu lichten Welt möchte ich aber nicht gerne gar zu lange zubringen, so man auf ihr nichts als Licht und einige Blumenstauden zu Gesicht bekommt! Es ist nur gut, dass diese Lichtglut nicht brennt und unsere geistigen Augen nicht mehr gleich den fleischlichen entzündbar sind, sonst wäre es geschehen um sie! Ich gehe wohl voran; aber was nützt mein Vorangehen, so ich nicht weiß wohin? Daher gehe, o Herr, lieber Du voran, da werden wir alle sicher am ehesten zu einem rechten Ziel gelangen!“
BM|0|128|13|0|Rede Ich: „Mein Sohn Martin, gehe du nur also vorwärts auf dem Boden des Lichtes, geduldig und unverdrossen; es wird das Ziel dieser unserer Wallfahrt schon kommen! Weißt du denn nicht, dass die Sonne Millionen Mal größer ist denn die Erde? So aber schon eine große Geduld und sehr viel Selbstverleugnung dazu gehört, auf der Erde große Reisen zu machen, so gehört hier auf der Sonne, deren Boden ein gar weitgedehnter ist, doch sicher noch bei weitem sehr viel mehr Geduld dazu, solche Gefilde zwecklich zu bereisen. Daher gehe du nur wieder als Führer voran; wir alle werden dir schon gleichen Schrittes folgen!
BM|0|128|14|0|Ich kann hier aber aus dem Grund nicht vorangehen, um fürs Erste aus euch allen niemanden in seiner Freiheit zu beirren. Und fürs Zweite, so Ich voranginge und es kämen uns die Bewohner dieser Lichtwelt entgegen, da würden sie Mein Wesen mit ihrem sehr hellen Geist nur zu bald erkennen, aber dabei auch zugleich verschmachten vor zu großer Hochachtung vor Mir! Gehe Ich aber ganz zuletzt hinter euch her, so macht das nichts. Denn bei diesen Sonnenbewohnern ist das Erste allzeit das Vorzüglichste. Was aber zuhinterst sich befindet, das beachten sie wenig oder auch gar nicht! Und siehe, so bin Ich zuhinterst am besten platziert!
BM|0|128|15|0|Wir befinden uns nun aber noch auf einem überaus hohen Gebirge. Werden wir nun aber bald hinab in ein Tal kommen, dann wird das Licht schon milder werden, und du wirst Massen von Menschen erschauen und vollauf zu tun bekommen, so wie alle, die hier mit uns wandeln. Daraus wirst du dann erst den wahren Zweck dieser unserer Reise erschauen. Nun aber gehe nur wieder auf deinen Posten und verrichte deinen Führerdienst!“
BM|0|128|16|0|Martin dankt Mir für diesen Auftrag, und geht sogleich wieder vor die Gesellschaft, und gibt ihr ein Zeichen ihm zu folgen. Und alles erhebt sich und folgt ihm.
BM|0|129|1|1|Begegnung mit Petrus und Johannes. Vom Wesen der Liebe und der Weisheit bei den Sonnenmenschen
BM|0|129|1|0|Als er (Martin) wieder eine geraume Zeit fortwandelt und sich selbst heimlich befragt, wann etwa doch das Tal zum Vorschein kommen wird, da kommen ihm Petrus und Johannes der Evangelist entgegen und grüßen ihn überfreundlich; und er erkennt sie sogleich, und ganz besonders Petrus, der sein erster Führer war in der geistigen Welt, und kann vor Freude kaum reden, dass er seinen Petrus wieder einmal zu Gesicht bekommt, den er nun schon so lange vermisst habe. Nach einer Weile der Freude des Wiedersehens sagt Martin:
BM|0|129|2|0|[Martin:] „Aber Freund, Bruder, du Fels des Wortes Gottes, wo warst denn du so lange? Warum kamst du nicht zu mir in das Haus, was der Herr mir gegeben hat? O wärest du doch zugegen gewesen, da hättest du gestaunt über und über, was der Herr alles für ewig unbegreifliche Wunder gewirkt hat! Aber ich bin auch nun über die Maßen froh, dass du nur endlich wieder einmal bei mir bist! Nun wirst du aber etwa doch wieder bei mir eine längere Weile verbleiben?“
BM|0|129|3|0|Spricht Petrus: „Lieber Bruder, du weißt es, wir alle haben nur einen Willen, und dieser Wille ist des Herrn. Was Er will und anordnet, das ist gut. Die Unendlichkeit ist groß und ist voll von Seinen Werken; wir aber sind Seine Kinder und sind wie Sein Arm. Daher sind wir bald hier, bald dort, und wie und wo uns der Herr gebrauchen will, da sind wir auch im Augenblick, ob Milliarden Sonnenentfernungen tiefer unten oder höher oben, das ist gleich; denn für uns gibt es keine Entfernungen mehr dem Raum nach.
BM|0|129|4|0|Und siehe, so habe ich nach dir viel zu tun gehabt und konnte nicht sichtlich zu dir kommen. Aber nun habe ich samt diesem unserem liebsten Bruder Johannes wieder etwas mehr Muße und werde mich in deiner Gesellschaft eine rechte Weile aufhalten! Ganz ein Hauptgrund aber ist stets der Herr Vater Jesus; ohne Ihn, d. h. ohne Seiner sichtlichen Gegenwart, können wir es nie eine zu lange Weile aushalten, und bei solchen Momenten schon gar nicht, in denen Er wieder einmal Selbst sehr rührig wird und heraustritt aus Seiner Geduld und Langmut!
BM|0|129|5|0|O Freund, auf den Weltkörpern, besonders auf der lieben Erde, geht es dir zu, dass du dir gar keinen Begriff machen kannst. Daher auch ward der Herr rührig, und wir werden bald Dinge erschauen, von denen du dir bis nun gar keine Vorstellung machen kannst. So wir nun aber hier auf der Sonne hinabkommen werden in ihre großen Täler, da wirst du dich selbst überzeugen, wie es hier in den großen Landen der Lichtwelt wahrlich recht toll zuzugehen anfängt. Aber nach dieser unserer natürlichen Bewegung werden wir noch eine gute Weile brauchen, bis wir ins erste Tal gelangen werden. Aber Wunder wirst du ersehen, von denen du dir bis jetzt auch noch keinen Begriff machen kannst, obschon du nun samt mir ein Einwohner des dritten Himmels bist!
BM|0|129|6|0|Aber nur musst du den Begriff ‚Ernst‘ nie aus den Augen lassen, denn die Sonnenmenschen sind dir ganz kuriose Füchse! In ihrem Äußeren sind sie der Abglanz der Himmel und in ihrem Inneren sind sie schlauer denn die Füchse. Sie haben dir die höchste Hochachtung vor uns reinen Kindern Gottes, aber so du ihnen nur irgendeine sinnliche Blöße zeigst, dann wirst du ihrer nicht so leicht mehr los, und sie werden dir mit einer Weisheit entgegentreten, von der du bis jetzt noch nicht die leiseste Ahnung hast. Unser Bruder hier, der wird dir so manches mehr sagen können, da er hauptsächlich mit den Sonnenbewohnern zu tun hat.“
BM|0|129|7|0|Spricht Martin: „Nein, hörst du, mein geliebtester Bruder, deine Erzählung ist zwar sehr anziehend schön; aber ich habe keine große Lust, mit diesen Lichtweltbewohnern recht bald zusammenzukommen, so diese Wesen so sonderbare Käuze sind! Das weiß ich schon, dass sie unendlich schön sind, da ich schon einmal das Glück hatte, von meinem Haus aus einige zu erschauen. Aber dass hinter ihrer Schönheit so eine gewisse Weisheitsknifferei stecken soll, das habe ich nicht noch so ganz fest weg gewusst.
BM|0|129|8|0|Der Herr hat mir wohl Andeutungen gegeben, wie ich mich benehmen soll – diese stimmen wohl mit deinen gegenwärtigen Bemerkungen genau überein. Aber von einer gewissen hinterlistigen Schlauheit ist mir in einer gewissen Klarheit noch nichts gesagt oder sonst angezeigt worden. Der Herr stärke mich und auch meine geliebtesten Brüder! Aber ich werde ihnen die Pfiffigkeit schon austreiben mit eurer Hilfe! Oh, das wäre nicht übel, wenn wir uns von diesen lichtglatten Sonnenschönheiten möchten einschlingeln lassen!“
BM|0|129|9|0|Spricht Johannes: „Bruder, siehe, die Liebe ist beisammen und ist für Liebe ganz offen! Die Liebe erkennt die Liebe bald! Aber der Weisheit Pfade sind unendlich; außer dem Herrn werden wir sie wohl ewig nimmer völlig durchschauen. Daher ist mit der Weisheit durchaus kein Streit anzufangen auf eigene Faust, sondern lediglich nur durch den Herrn, dem allein alle ihre Wege klarst bekannt sind, weil alle endlose Weisheit aus Ihm ist, darum auch Er allein ist der Weg, die Wahrheit und das Leben!
BM|0|129|10|0|Du weißt, dass mir der Herr die große Gabe der tieferen Weisheit verliehen hat, und hat mir gegeben eine tiefste Offenbarung, und hat mir darum nun auch gegeben die Völker aller Sonnen, und hat mir untergeordnet Äonen Geister von tiefer Weisheit, welche aber dennoch alle aus meinem Überfluss schöpfen. Und siehe, mich selbst haben die Bewohner, besonders von dieser Sonne, schon in eine gar nicht unbedeutende Verlegenheit gebracht! Wäre mir in solchen Momenten der Herr nicht zu Hilfe gekommen, da hätte ich mit Schanden abziehen können!
BM|0|129|11|0|Wenn es aber mir, der ich nun doch schon nahe bei 2.000 Erdjahren mit den Sonnenvölkern zu tun habe, noch manchmal ganz nahe gehen kann, was würdest dann du machen, der du nun zum ersten Mal in die Berührung mit diesen Völkern kommst?!
BM|0|129|12|0|O, ich sage dir, siehe, wie herrlich diese Gebirgsgegend nun ist, wie majestätisch diese lichten Felsen in den Lichtäther hineinragen gleich großen Diamantkristallen, und wie herrlich auch diese Hochfläche ist geziert mit den herrlichsten Bäumen von für dich sicher unbeschreiblicher Pracht, und wie sanft dieser Weg sich auch dahinzieht wie ein strahlenreichster Regenbogen, so ist aber all diese Herrlichkeit dennoch eine pure Armseligkeit gegen die Harmonie, die dir unten im Tal in einem einzigen Blick eines Sonnenmenschen entgegentönen wird!
BM|0|129|13|0|Nun musst du aber dann erst die Harmonie der Worte in Erwägung ziehen, die den reinsten Kehlen der großherrlichen Redner und Sänger dieser Lichtwelt entschwebt! Ich sage dir, du wirst dastehen wie eine Säule vor Verwunderung und Entzückung und wirst dir kaum zu denken getrauen, geschweige erst zu reden oder gar zu belehren die, die dir bloß mit einem Blick den Mund bis in den Magen hinabstopfen werden.
BM|0|129|14|0|Willst du mit diesen zu ungeheuer schönen und nüchtern weisen Sonnenmenschen beiderlei Geschlechts auskommen, so musst du äußerlich völlig teilnahmslos scheinen. Aber in deinem Innern musst du ihnen überaus wohlwollen, dann werden sie in dir bald einen Bürger des großen Himmels erkennen, dem eine große Macht verliehen ist, und werden dich achten und lieben!
BM|0|129|15|0|Aber die Liebe artet bei ihnen sich auch ganz anders als bei uns Kindern des Herrn. Sie ist wohl auch eine Art herzlicher Neigung, aber nur insoweit die Weisheit sie nicht zerstört. Denn sobald die Liebe nur um ein Minimum stärker wird wie ihr Licht, so geht der überwiegende Teil der Liebe sogleich in ein momentanes heftiges Auflodern über; und diese auflodernde Liebesflamme vereinigt sich dann sogleich mit dem inneren Weisheitslicht, wo dann wieder statt der Liebe nur eine potenzierte Weisheit zum Vorschein kommt, die dir oft dann kälter ist als der Südpol der Erde!
BM|0|129|16|0|Daher ist mit der Weiberliebe, auf die du große Stücke gehalten hast, bei diesen Sonnenweibern so gut wie rein nichts zu machen, da ganz besonders die Weiber am allerwenigsten dafür empfänglich sind.
BM|0|129|17|0|Siehe, Bruder, so du diese Regeln genau beobachten wirst, da wirst du viel Seligkeit bei den Sonnenvölkern treffen. Im Gegenteil aber äußerst starke Verlegenheiten gleich der, die dir die Satana bereitet hat, als du sie in ihrer Verstellung im Angesicht des Herrn hast küssen wollen!“
BM|0|129|18|0|Spricht der Martin: „Aber, um des Herrn willen, sage mir, warst denn du da auch dabei?“
BM|0|129|19|0|Spricht Johannes: „O ganz sicher! Siehe, dein Haus hat ja auch große Galerien, die du noch gar nicht kennst. Ich sage dir, diese fassen gar viele Zuschauer da, wo der Herr gar so mächtig wirkend zugegen ist. Ich sage dir, nicht nur ich, sondern alle zahllosen Bürger der Himmel haben solcher Szene beigewohnt! Du wirst sogar unter den Bewohnern der Sonne gar viele antreffen, die dir das sogleich vorhalten werden, so du dich in irgendetwas vergessen würdest!“
BM|0|129|20|0|Martin macht darob ein sehr verdutztes Gesicht und sagt nach einer Weile: „O du verzweifelte Geschichte! Oh, das schaut schon im Voraus ganz absonderlich gut aus! Nein, jetzt habt auch ihr das gesehen, und diese feinsten Bewohner der Sonne auch! Oh, das ist nicht übel! Freunde, die Sache wird sich machen! Aber nun ist schon alles eins. Hat mich die Sonne doch auf der Erde oft in einen tüchtigen Schweiß versetzt, so wird sie’s nun auch umso weniger sparen, wo ich nun das Glück habe, in corpore spirituoso [im geistigen Leib] ihren höchsteigenen Boden zu betreten! Daher nur vorwärts; ich verspüre es schon im Voraus, die Sache wird sich machen!“
BM|0|130|1|1|Von der Fürbitte der Heiligen und der Sorge um die Verwandten
BM|0|130|1|0|Spricht Johannes: „Du Freund und Bruder Martin, höre, du warst ja meines Wissens auf der Erde ein großer Freund Mariens und auch des Joseph und anderer Heiligen. Wie ist es denn, dass du dich hier gar nicht um sie zu kümmern scheinst? Auch um deine Anverwandten, als Vater, Mutter, Brüder und Schwestern, die vor dir hierher kamen, und noch um eine Menge anderer Verwandten und Freunde kümmerst du dich nicht! Sage mir doch, was ist denn daran wohl die Schuld?
BM|0|130|2|0|Sie könnten ja leicht irgendwo unglücklich sein; und du bist nun ein großer Freund des Herrn. Könntest oder wolltest du ihnen denn nicht helfen, so du sie irgend unglücklich wüsstest? Hast du auf der Welt doch selbst große Stücke auf die Fürbitte der Heiligen gehalten, und nun hier als nun Selbstheiliger, Selbstfreund des Herrn, denkst du nicht einmal daran! O sage mir, wie kommt denn das?“
BM|0|130|3|0|Spricht der Martin: „Liebster Freund und Bruder, der Ochse frisst Heu und Stroh, und ein Esel ist schon gar mit dem schlechtesten Futter zufrieden; ich aber war auf der Erde zuerst ein Esel und darauf ein Ochs! Was war sonach mein Futter? Siehe, zuerst ein mistiges Heu und Gras und darauf ein etwas besseres Stroh und Heu! Frage: Kann man bei einer solchen Kost für den Geist wohl auch geistig fett werden?
BM|0|130|4|0|Nun aber bin ich durch die alleinige Liebe, Erbarmung und Gnade des Herrn ein wirklicher Mensch geworden und habe schon öfter Sein Brot des Lebens gegessen und Seinen echten Wein der reinen Erkenntnis getrunken. Wäre es nun wohl löblich von mir, nach der schönen irdischen Esel- und Ochsenkost einen Appetit zu haben? Soll ich hier etwa auch noch wie auf der Erde irrwähnig meinen, die seligen Bürger dieses endlos großen himmlischen Geisterreichs möchten barmherziger, liebevoller und gnädiger sein als der Herr Selbst, und Er müsste Sich etwa von ihnen zur Liebe, Erbarmung und Gnade erst bewegen lassen? O Freund, so dumm wie ich war, bin ich nun wohl, Gott sei’s Dank, nimmer.
BM|0|130|5|0|Was sind Maria und Joseph, was alle sogenannten Heiligen, was meine irdischen Eltern, Brüder und Schwestern und alle sonstigen Freunde gegen den Herrn?! Habe ich Ihn, was frage ich da um 1.000 Marias und Josephs, um 1.000 Eltern, um 10.000 Brüder und Schwestern und um eine zahllose Menge von allerlei Freunden? Der Herr sorgt für sie alle, wie Er für mich gesorgt hat; und was braucht es dann mehr? Ich meine, ein jeder echte Himmelsbürger wird so denken wie ich. Denkt er aber anders, so muss er notwendig noch vollkommener sein als der Herr Selbst!
BM|0|130|6|0|Sagte ja doch einst der Herr Selbst, wer so ganz eigentlich Seine Mutter, Brüder und Schwestern sind, als man Ihn benachrichtigte, dass draußen Maria, Seine Mutter, und Seine Brüder und Schwestern Seiner harrten.
BM|0|130|7|0|So aber Er, der da war und ewig sein wird unser aller Lehrer und Meister, uns mit solch einer Belehrung entgegenkam, die wir leider auf der Welt freilich wohl nicht verstanden haben, sollen wir nun hier im Himmel etwa eine bessere Belehrung in uns selbst finden? Ich meine, das wäre noch über all mein irdisches Esel- und Ochsenfutter! Meinst du, liebster Bruder, nicht auch so?“
BM|0|130|8|0|Spricht Johannes: „Allerdings, du hast mir ganz aus dem Zentrum meines Herzens gesprochen. Es ist so, es muss so sein, und es kann ewig nie anders sein! Aber so dir die Maria und der Joseph und noch andere denkwürdige Personen unterkämen, möchtest du da nicht eine ganz besondere Freude haben?“
BM|0|130|9|0|Spricht der Martin: „Eine rechte Freude allerdings, aber keine größere sicher nicht, als so der Herr zu mir kommt. Denn in Ihm allein habe ich alles, und daher ist Er allein mir auch über alles! Siehe, du und der Bruder Petrus, ihr gehört doch gewiss zu den ersten Personen, die die Erde trug; brate ich für euch – wie man auf der Erde sagt – eine Extrawurst? Ich habe euch sehr lieb, aber ich achte jeden guten und weisen Himmelsbürger euch gleich. Denn wir alle sind ja nur Brüder, und einer ganz allein ist der Herr! Ist es nicht so?“
BM|0|130|10|0|Spricht Johannes: „Bruder, bei solcher deiner wahren Weisheit wirst du auf der Sonne gut durchkommen; denn nun sehe ich schon, dass du die rechte Weisheit hast. Und so siehe, der Weg wendet sich schon hinab ins Tal; wir werden nun mit Sonnenweisen zu tun bekommen.“
BM|0|131|1|1|Niederstieg in ein Sonnental. Das Schauen der Geister. Bedingungen der schnellen oder langsamen Fortbewegung im Geisterreich
BM|0|131|1|0|Martin ersieht nun wirklich den Weg, wie er sich in tausend Windungen über die weitgedehnten Bergrücken hinab in ein ungeheures Tal schlängelt, von welchem Tal er aber noch durchaus keine Gegenstände wahrnehmen kann.
BM|0|131|2|0|Denn auch Geister sehen das, von dem sie noch keine Kenntnis haben, wie in einer großen Ferne. Sie nähern sich demselben in dem Maß und Verhältnis, als ihre Weisheit über das vorliegende Objekt zunimmt. Also bedeutet auch das vom hohen Berg ins tiefe aber überaus breite Tal Hinabgehen, in die volle Demut eingehen und durch diese in die größte Liebe, ohne welche kein Geist zur vollsten Lebenskraft gelangen kann.
BM|0|131|3|0|Martin, wie auch die vielen anderen Gäste, sehen nun schon ins Tal hinab; aber sie können noch nichts ausnehmen, was sich etwa in selbem befindet. Daher fragen viele ihre Anführer, was sie nun bald im Tal antreffen werden. Borem weiß es wohl, aber er weiß auch, was er zu sagen hat. Die Chinesen wenden sich an Mich, der Ich aber doch auch etwa wissen werde, was Ich ihnen zu sagen habe.
BM|0|131|4|0|Martin wendet sich darum an den Johannes und spricht: „Liebster Freund, ich sehe nun wohl recht deutlich schon das Tal. Aber was nützt da das Schauen in ein so fern entlegenes Tal, so man nichts ausnehmen kann, was alles sich etwa im selben befindet? O Bruder, da muss es noch sehr weit hin sein! Der Weg ist wohl nicht im Geringsten beschwerlich – man wandelt sehr leicht, ja wir schweben mehr, als wir so ganz eigentlich mit den Füßen gehen. Aber dessen ungeachtet will uns das Tal nicht näher rücken! Wie lange wohl werden wir noch brauchen, bis wir das Tal werden erreicht haben?“
BM|0|131|5|0|Spricht Johannes: „Freund, Geduld ist der Grundstein der Weisheit. Habe daher nur diesen Grundstein fest in deinem Herzen, so wirst du um vieles eher und leichter das vor uns ausgebreitete Sonnental erreichen!“
BM|0|131|6|0|Spricht der Martin: „Freund und Bruder, an Geduld fehlt es mir nicht, wie es mir noch nie gefehlt hat. Aber ich weiß es auch, dass da einem jeglichen Geist zwei, drei Bewegungen möglich sind, nämlich eine natürliche, und eine seelische, und endlich auch noch eine rein geistige, die da ist so schnell wie ein Gedanke. Warum bedienen wir uns hier bloß nur der natürlichen, die da ist die langsamste? Wäre es denn nicht besser, so wir durch eine wenigstens etwas schnellere Bewegung früher zu unserem Zweck gelangten?“
BM|0|131|7|0|Spricht Johannes: „Aber, lieber Freund und Bruder, jetzt sprichst du schon wieder bei weitem nicht so weise als ehedem! Was liegt denn daran, ob wir hier etwas geschwinder oder ob wir etwas langsamer ins Tal gelangen? Sind uns ja hier doch keine Lebensstunden wie auf der Erde vorgezählt! Was gehen uns ewig Lebende die früher oder später zurückzulegenden Zeitverhältnisse mehr an?! Siehe, uns drängt ewig keine Zeit mehr; wo wir sind und wo vorzüglich der Herr ist, da sind wir auch zu Hause!
BM|0|131|8|0|Übrigens hängt hier im vollkommensten Geisterreich die Schnelligkeit unserer Bewegungen ja ohnehin nicht von unseren Füßen, sondern lediglich nur von der Vollkommenheit unserer Erkenntnisse ab. Wer eine schnellere Bewegung wünscht, der befleißige sich zuerst der Geduld, aus dieser der Demut, aus welcher hervorgeht Liebe und Weisheit. Hat er die Weisheit im Vollmaß, da wird er auch in allen Dingen die vollkommenste Erkenntnis haben; diese aber bedingt die Bewegung des Geistes!
BM|0|131|9|0|Weil aber die Sache hier sich also und unmöglich anders verhält, so brauchst du auch gar nicht auf deine Füße zu sehen, ob sich diese schnell oder langsam bewegen; sondern schaue du bloß nur aufs Gemüt und auf die Erkenntnis, so wird die Bewegung sogleich schnell genug werden! Verstehst du das?“
BM|0|132|1|1|Vom Allgegenwärtig-Sein und vom Gleichzeitig-Wirken der vollkommenen Himmelsbürger
BM|0|132|1|0|Spricht Martin: „Ja, ja, es kommt mir wohl vor, als verstünde ich’s, aber weißt du, so ganz radikal verstehe ich die Sache noch nicht. Denn sieh’, ich weiß, dass der Herr, du und der Bruder Petrus, wie auch der Borem sicher die vollste Erkenntnis habt, und bewegt euch aber doch um nichts schneller als ich und diese ganze große Schar! Wie ist denn hernach das zu verstehen?“
BM|0|132|2|0|Spricht Johannes: „Freund, unsere Bewegung ist nur eine scheinbare deinem Auge, was da geschieht aus Liebe zu dir und zu dieser ganzen Schar. Im Grunde des Grundes aber sind wir schon lange überall, wo wir sein müssen und wollen!
BM|0|132|3|0|Siehe, während ich hier mit dir rede, bin ich nicht nur in dieser, sondern in einer zahllosen Menge von Sonnen und Welten und handle dort wie hier im Namen des Herrn und vollziehe nach allen meinen Kräften Seinen heiligen Willen! Und was ich tue, das tut umso mehr der Herr Selbst und Petrus und alle vollkommenen Himmelsbürger! Freund, verstehst du das und begreifst es?“
BM|0|132|4|0|Spricht Martin: „Mein geliebter Freund und Bruder, da muss ich dir offenherzig gestehen, das ist für mich ein wenig zu rund! Es schaut diese deine nunmalige Erklärung fast so einer himmlischen Papierlerei [Fopperei] gleich! Freund, wenn aus dir, als anfänglich nur einem Johannes in der Erdzeit von nahe 2.000 Jahren nicht wenigstens eine Dezillion ganz gleiche Johannesse herausgewachsen sind, so ist das die reinste Unmöglichkeit von allen Himmeln und Welten!
BM|0|132|5|0|Ich bin doch nun ein Geist und, weil beim Herrn, doch sicher nicht der unvollkommenste. Aber ich bin bis jetzt stets nur einer, und wo ich bin, da bin ich, und kann unmöglich auch zugleich irgendwo anders ganz derselbe sein! Denn solange die Einheit eine Einheit ist, ist sie unmöglich geteilt. Ist sie aber geteilt, oder ist ihre Form von gleichem Wert und Charakter vielfach da, so ist die Einheit auch keine Einheit mehr, sondern eine Geteiltheit eines und desselben Wesens. Und jede einzelne Form aus der früheren totalen Einheit kann nur so viel Wert haben, als ein wievielter Teil sie der früheren gesamten Einheit ist.
BM|0|132|6|0|Wenn sich hernach mit dir und sogar mit dem Herrn die Sache so verhält, wie du mir nun eine Andeutung gegeben hast, so bist du kein ganzer Johannes, und der Herr ist kein ganzer Herr, wie Er hier bei uns ist! Ich kann dich erst dann als ganzen Johannes betrachten, so du wieder komplett beisammen bist! Oder erkläre es mir logisch richtig, ob es je anders möglich zu denken und zu begreifen ist!“
BM|0|132|7|0|Spricht Johannes: „O Freund, siehe, das ist nur so ein kleines Nüsschen der inneren Weisheit dir zum Aufknacken geboten, und du würgst dich schon daran. Was wirst du aber erst machen, so dir die Kinder der Sonnenvölker ganze weltengroße Diamantklumpen zum Zermalmen vorlegen werden?
BM|0|132|8|0|Siehe aber, du hast nie mehr als eine Sonne nur gesehen, und so dir ein oder tausend Spiegel ihr volles wirkendes Bild wiedergaben, wird die Sonne darum geteilt und geschwächt in ihrer Wirkung, so tausend Spiegel ihr gleichwirkend Bild deinen Augen zuführten?
BM|0|132|9|0|Nimmt nicht ein jeder Tautropfen das Bild der Sonne wirksam auf, und ein jedes Auge – ist darum die Sonne nicht eine und ihre Wirkung nicht stets die gleiche?
BM|0|132|10|0|Freund, denke darüber ein wenig nach, dann wollen wir in dieser Sonnensphäre uns weiterbewegen. Sonst werden wir freilich noch hübsch lange zu tun haben, bis wir das Tal vollends werden erreichen können.
BM|0|133|1|1|Martins Gedanken über die Allgegenwart Gottes. Einsicht über sein gänzliches Nichtwissen
BM|0|133|1|1|(Am 26. Mai 1848)
BM|0|133|1|0|Martin macht bei dieser Erklärung überaus große Augen und geht darob sehr in sich. Nach einer Weile fängt er an, so ganz bei sich also zu stammeln und spricht wie halblaut: „Hm, bin noch weit zurück! O Tiefe, Tiefe, große, ungeheure Tiefe! Wann werde ich deinen Grund begreifen?! Ja, ja, so ist es, Gott ist allgegenwärtig! Wie kann Er das sein? Wie ist Seine Allgegenwart möglich, so Er als Ein- und Derselbe hier ist und wirkt und spricht, und ich sehe Seine Gestalt wie die eines Menschen?!
BM|0|133|2|0|Ja, ja, die Sonne in tausend und abermals in tausend Spiegeln ist dennoch eine und dieselbe Sonne, und es gibt nicht eine zweite Sonne. Eine Sonne leuchtet aus allen Spiegeln und eine nur und dieselbe aus Trillionen Tautropfen. Eine aus Trillionen Augen und wirkt nach der Größe des sie aufnehmenden Spiegels, des Tropfens, des Auges! Es ist wunderbar merkwürdig, und doch ist es so und kann nicht anders sein!
BM|0|133|3|0|Wie aber der Herr auf eine ähnliche Art auch allenthalben gegenwärtig sein kann, das ist freilich wohl noch endlos schwerer zu begreifen! Ist Er denn auch eine Sonne? Wo aber ist diese Sonne? Ich sah nur den Herrn, den Gottmenschen Jesus sah und sprach ich. Aber eine Sonne hier, außer auf der ich nun wandle, sah ich noch nicht!
BM|0|133|4|0|Es ist hier wohl alles Licht über Licht, und ich weiß es nicht, woher das Licht kommt! Sicher kommt es vom Herrn; aber der Herr Selbst strahlt nicht! Er ist hier ohne Glanz, einfacher wie unsereiner! Sein allmächtiger Wille wohl wird es sein, der Sein ewiges ‚Es werde Licht!‘ ausspricht in ewig ununterbrochener Tat, geistig wie naturmäßig! O Gott, o Gott, wer fasst Deine endlose Tiefe?!
BM|0|133|5|0|Ja, jetzt sehe ich es zum ersten Mal klar ein, dass alle meine Weisheit eine barste Null ist, ein unbestimmter leerer Kreis mit vielen Unebenheiten, in dem kein Zentrum gegeben ist! O Herr, wann werde ich begreifen, was Du bist?!“
BM|0|133|6|0|Nach diesen Worten verstummt Martin und versenkt sich in große und tiefe Gedanken.
BM|0|134|1|1|Antwort auf die Frage, ob die Seligen die Erde und ihre fernere Geschichte betrachten können
BM|0|134|1|1|(Am 14. Juni 1848)
BM|0|134|1|0|Während aber nun Martin sich mit seinen Gedanken beschäftigt, tritt der Chorel zum Johannes und Petrus und spricht: „O ihr lieben Freunde des Herrn, ihr alten eingeweihtesten Brüder und Genossen der göttlichen Weisheit und Liebe! Vergebt es mir, so auch ich mich unterfange, euch mit einer Frage zu belästigen! Ich habe darüber wohl auch schon den Borem befragt, aber er gab mir darüber stets eine ausweichende Antwort nur, und ich konnte es nicht fassen, was er zu mir redete. Daher wende ich mich nun an euch und hoffe, bei euch mehr Tiefe und Klarheit, als das beim Borem der Fall war, zu finden.“
BM|0|134|2|0|Spricht Johannes: „Bruder, du brauchst uns gar nicht zu fragen, was du nun wissen und vollends einsehen möchtest. Solches ist uns schon lange gar überaus klar vor unsere Augen gestellt, daher sollst du auch sogleich eine gute Antwort erhalten.
BM|0|134|3|0|Sieh’, du möchtest wohl wissen, ob die seligen Bewohner der Himmel wohl auch je wieder die Erde, wie sie ist, werden beschauen und ihre fernere Geschichte betrachten können. Denn gar oft hast du auf der Erde dich selbst befragt:
BM|0|134|4|0|‚Werde ich nach der Abstreifung des Fleisches wohl diese wunderschöne Erde mit ihren Flüssen, Seen, Meeren, Bergen, Tälern und allen ihren anderen tausend und tausend wunderbaren Herrlichkeiten sehen können? Werde ich erfahren all die neuen Erscheinungen im Gebiet der Geschichte des Werdens und Vergehens? Werde ich etwa gar irgendeinen wirksamen Einfluss dabei nehmen können?‘
BM|0|134|5|0|Ich aber antworte dir darauf: Bruder! Alles, alles steht den Seligen des Herrn zu Gebote! Wir sind ja alle des Herrn, und die Erde ist Sein, und alles, was darauf, ist Sein, und was darinnen ist, Sein Eigentum! So wir aber Seine Kinder sind, wird uns der Vater, der uns so Großes gibt, wohl etwas Kleinstes vorenthalten? Er, der uns Meere Seiner Liebe und Gnade zu trinken gibt, wird uns Tautropfen verweigern?
BM|0|134|6|0|Siehe, du wandelst nun auf der wirklichen, leibhaftigen Sonne und schaust ihre Herrlichkeit und wirst zu der größten erst gelangen. Kannst du aber diese sehen, um wie viel mehr wirst du jene der kleineren Erde beschauen können! Aber ich meine, so jemand einmal eine Fürstenwohnung innehat, in der ihm alle Freiheit, alle Bequemlichkeit, alle Lust und Freude zuteilwerden muss, wie und wann er sie nur immer haben will, der wird daneben doch wohl kaum etwa eine ganz geringste Begierde haben, auch in einer Verbrecherwohnung, in einem Kerker voll Pestilenz und Tod ein Plätzchen zu haben; oder wenigstens jenen Gegenstand lustig beobachten wollen, der dem Tod entsprossen ist? Oder möchtest du nun wohl zur Erde steigen und verlassen diese Sonne?“
BM|0|134|7|0|Spricht der Chorel: „O Bruder! Mitnichten, Mitnichten! Ehe ich nun diese überhimmlischen Gefilde verlassen möchte und die heiligste Gesellschaft des Herrn, der so endlos gut, lieb, mild und sanft ist, eher gäbe ich eine ganze Trillion Erden für ewig auf! Ich bin schon bloß damit zufrieden, dass ich die Erde besehen könnte, so ich sie nur immer wollte. Um die wirkliche Benützung dieser Fähigkeit werde ich mich weiterhin ganz verzweifelt wenig mehr kümmern. Ich danke dir, du liebster Bruder, aber aus vollem Herzen, dass du mich darob so herrlich aufgeklärt hast; der Herr vergelte dir solche Güte!“
BM|0|134|8|0|Spricht Johannes: „Bruder, aller Dank, alles Lob, aller Preis und alle Ehre gebührt dem Herrn ganz allein! Gehe nun wieder zum Borem; denn ich muss nun schon den Martin wieder in den Zügel nehmen, da wir nun sogleich das Tal erreichen werden und die schönen Bewohner desselben.“
BM|0|135|1|1|Herrlichkeiten der Sonnenwelt und ihrer Bewohner. Martin bangt vor der Weisheit der Sonnenmenschen
BM|0|135|1|0|Während sich der Chorel wieder zu seinem Freund Borem begibt, ersieht der bis jetzt noch sehr in seine Gedanken versunkene Martin schon des großen Tales überweit gedehnte Flächen allenthalben bebaut mit den großartig herrlichsten Gärten und Palästen und Tempeln und ersieht auch, wie von einem nächsten Tempel eine große Menge Menschen von der allerherrlichsten Gestaltung sich ihnen naht. Diese Erscheinung weckt den Martin plötzlich aus seinem Gedankentaumel, und er wendet sich sogleich an den Johannes und Petrus und spricht:
BM|0|135|2|0|[Martin:] „Nun endlich einmal, wie ich’s erschaue, wären wir so ziemlich an Ort und Stelle. O Bruder! O ihr meine lieben Brüder, da sieht es unendlich herrlich aus! Wahrlich, die ungeheuerste Pracht und alleranmutigste Schönheit dieser Gegenden benimmt einem gerade den Atem!
BM|0|135|3|0|Und, o Tausend, o Tausend, da kommt uns ja schon eine ganze große Prozession von Sonnenmenschen entgegen! Die Vorgänger kann ich schon recht gut ausnehmen; sie sind ja endlos schön, und wie herrlich bekleidet und geschmückt! Ach, ach, je näher sie kommen, desto herrlicher werden sie! Ach Bruder, wenn das so fortgeht, da sage ich dir schon im Voraus, dass es mir ohne einen ganz besonderen Beistand des Herrn gar nicht möglich sein wird, ihre volle Nähe zu ertragen!
BM|0|135|4|0|No, no, auf diesen Weisheitskampf bin ich doch ganz absonderlich neugierig, den ich mit euch verfechten soll. Oh, der wird sicher sehr hübsch ausfallen! Ich merke schon zum Voraus meine Kraft in meinen schon jetzt ganz abscheulich schlottern wollenden Füßen!
BM|0|135|5|0|Wenn diese nur einigermaßen gute Augen haben, da müssen sie es mir ja schon von weitem ankennen, was ihnen in mir für ein blitzdummer, fleischlicher Ledel entgegenkommt! O diese werden eine ganz seltene Freude an mir und an meiner Weisheit finden! Oh, oh, oh, denen schaut eine ungeheure Weisheit schon bei den Augen heraus; und mir dagegen eine noch größere Portion der allerrarsten Dummheit! Oh, das wird einen herrlichen Zusammenstoß abgeben!
BM|0|135|6|0|O Brüder, tretet doch vor mich hin, auf dass diese Herrlichsten meiner nicht gar so urplötzlich ansichtig werden und taxieren die Größe meiner Dummheit schon zum Voraus!“
BM|0|135|7|0|Spricht Johannes: „Mache dir nichts daraus, wenn es dir vom Anfang auch ein bisschen sonderbarlich ergehen wird. Ein längerer Umgang mit diesen Wesen wird sie dir schon erträglicher machen; aber nur sei stets ernst und in deinem Innersten aber dennoch mild und sanft! So wirst du mit ihnen leichter auskommen, als du dir nun denkst. Ihre Weisheit ist wohl groß zu nennen, aber sie hat dennoch wie alles Geschaffene ihre Grenzen. Daher, Bruder, nur mutig darauf los! Einmal musst du ja doch die Herrlichkeiten ertragen lernen, und das wirst du nun, wo der Herr uns alle so innigst gegenwärtig geleitet, ja umso leichter imstande sein!“
BM|0|135|8|0|Spricht Martin: „Ja, ja, du hast da wohl ganz recht. Aber es ist doch diese ganze Sache keine Kleinigkeit, und es handelt sich da um einen ganz verzweifelten Ernst. Noch einige Dutzend Schritte, und wir sind beisammen! No, no, in des Herrn Namen, vielleicht wird das Wetter auch etwa hier in der Nähe nicht gar so gefährlich sein, als wie drohend es sich aus dieser freilich nunmehr sehr unbedeutenden Ferne ausnimmt!
BM|0|135|9|0|Was tragen denn die nun vorauseilenden überhimmlisch schönsten Jungfrauen, oder was sie sonst sein mögen, für so mächtig glänzende Hüte und Kränze uns entgegen? Was wollen sie damit?“
BM|0|135|10|0|Spricht der Johannes: „Das sind Preise für die Weisesten unter uns, mit denen sie uns schmücken werden, nachdem sie uns zuvor auf den Zahn werden gesichtet haben. Du hast zwar schon vom Herrn einen solchen Hut auf deinem Haupt, aber das macht nichts! Wirst du von ihnen als preiswürdig befunden werden, so werden sie deinen Hut mit dem ihren so innigst vereinen, dass daraus völlig nur ein Hut wird, aber mit vielfach erhöhtem Glanz. Werden sie dich aber nicht für preiswürdig erkennen, so werden sie dich belassen wie du bist; daher nehme dich nur fest zusammen, auf dass dir solcher Preis nicht entgehe!“
BM|0|135|11|0|Spricht Martin: „O Bruder, sorge dich darum nicht! Ich habe noch nie einen Preis irgendwo errungen und werde darum auch hier umso sicherer kein Preisträger werden, was mich auch ganz wenig kümmern wird. Aber (bedenke) nur meine Natur – und solche Schönheiten, solche Reize! O Bruder, das wird die eigentliche wahre Hetze abgeben! Aber nun nur möglichst ernst und wortkarg! Sie kommen schon ganz in unsere Nähe; ja – halt (ganz leise) sie sind schon da!“
BM|0|136|1|1|Der verzückte Martin und die drei schönen Sonnenjungfrauen
BM|0|136|1|0|Hier treten sogleich drei Jungfrauen von übergroßer Schönheit vor den Martin hin, breiten ihre schönsten Arme aus und sagen: „O du herrlicher Führer dieser deiner schönsten Genossenschaft, was Hehres bringst du uns aus deiner Höhe der Höhen? O rede, du lang Ersehntester!“
BM|0|136|2|0|Martin beißt sich heimlich in die Zunge und kneipt sich in die Lenden, um auf diese für ihn zu anziehende Anrede doch nicht zu schnell aus seinem angenommenen Ernst in die ihm möglichst größte Gegenfreundlichkeit zu geraten. Er sagt auf diese Anrede gar nichts. Die drei wiederholen daher noch zärtlicher ihre erste Anrede. Martin beißt sich fast die Zunge ab und redet noch nichts.
BM|0|136|3|0|Die drei Jungfrauen verwundern sich heimlich über diese seltene Stummheit unseres Martin und sagen dann: „O du Hoher, siehst du Makel an uns, darum du uns keines Wortes würdigen willst? Gefallen wir dir denn nicht? Und doch sahen wir, wie du den verstellten Drachen küssen wolltest in deinem Haus auf der Höhe der Höhen!
BM|0|136|4|0|Auch haben unsere Scharfseher dich schon im Merkur gesehen, wie du dort vor einer Schönen nahe ganz zerschmolzen bist, und noch früher sahen sie dich bei der dir wohlbewussten Lämmerherde, wo du sehr redselig warst. Und sie sahen dich auch im sterblichen Leib auf der Erde wandeln und waren Zeugen von deinen nicht selten allersonderbarsten Handlungen. Da wohl warst du sehr beredt; aber uns Töchter der Sonne würdigst du keiner Antwort! O sage doch, warum du noch immer schweigst?
BM|0|136|5|0|Wohl wissen wir, dass das Schweigen zur rechten Zeit ein guter Teil der Weisheit ist; aber dies dein gegenwärtiges Schweigen scheint kein derartiges zu sein! Unterbreche dich doch und rede wenigstens, warum du nun schweigst; unsere Herzen erglühen danach und bitten dich!“
BM|0|136|6|0|Martin vergeht nahe schon vor Liebe zu diesen drei zu großen Schönheiten und denkt nun, was er auf solch ein Verlangen erwidern soll. Denn das hat er nun schon gemerkt, dass er ihnen von A bis Z bekannt ist und dass sie alle seine Schliche überaus gut kennen müssen. Daher sagt er bei sich ganz überaus heimlich:
BM|0|136|7|0|[Martin:] „O du über alle menschlichen und englischen Begriffe verzweifelte Geschichte! Das wird eine bis jetzt noch gar nicht dagewesene allerverlegenhaftigst rarste Begebenheit werden! Ich soll reden mit ihnen? Da möchte ich denn doch wissen, wie!
BM|0|136|8|0|Fürs Erste wird ihre ohnehin schon endlos unbegreiflich große reizende Schönheit nur noch größer und stets mehr der höchsten Reize entfaltend, dass man schon darob ganz vollkommen stumm werden muss. Und fürs Zweite kennen sie mich ja nahe besser schon, als ich mich selbst je gekannt habe!
BM|0|136|9|0|Wie und was soll ich sonach hier reden? O Herr, nur jetzt verlasse mich nicht! Und du, mein guter Ernst, verlasse mich auch nicht, sonst bin ich rein verloren!
BM|0|136|10|0|O sapperment, o sapperment, ah, diese un- unendliche Schönheit! Ach, diese Augen, so feurig wie die Sonne selbst, diese Haare gleich dem blanksten Gold! Dieser Nacken – welche Weiche, welche Rundung, welche unaussprechliche Zartheit!
BM|0|136|11|0|Oh, oh, ohohohohoh, dieser Busen! Ah, ah! Nein, das halt’ ich keine Minute mehr aus! Auf der Erde gibt es nichts, mit dem man diese unbegreiflichste Zartheit nur so von der größten Ferne hin vergleichen könnte!
BM|0|136|12|0|Was ist die Zartheit des reinsten Tautropfens dagegen, was der reinste Schliff eines Diamanten, was ein zartestes Lämmerwölkchen, das die untergehende Sonne umschwebt, getragen vom zartest wehenden Abendhauch? Was auf der Erde wohl kennt solch eine Weiße! Der reinste von der Mittagssonne beleuchtete Schnee wäre ja gerade kaum nur eine schmutzige Stiefelwichse dagegen zu nennen!
BM|0|136|13|0|Nein, an so was könnte man sich ja gerade eine ganze Ewigkeit nimmer satt sehen! Und der Arm, die Hand, der Fuß! Martin, kehre deine Augen weg von diesen zu großen, reizendsten und zartesten Schönheiten, sonst bist du pf- pf- pfutsch, rein pfutsch und matsch, ganz rein matsch!“
BM|0|137|1|1|Martin im Examenskampf zum Thema Weisheit und Liebe mit den drei Sonnentöchtern
BM|0|137|1|0|Während Martin also mit sich phantasiert, fangen die drei Anführerinnen zu lächeln an; denn sie haben das dem Martin genau aus den Augen und Mundwinkeln gelesen, was er nun mit sich gefaselt hat, und sagen daher zu ihm: „Freund, nun wissen wir schon, warum du nichts redest. Siehe, du bist schwach, ja sehr schwach bist du noch, und diese deine angeborene Schwachheit lähmt dir die Weisheit und die Zunge! Kommen wir dir denn wohl gar so reizend und rührend schön vor? O sage uns doch wenigstens das laut!“
BM|0|137|2|0|Martin will schon auf die erste der drei hinstürzen, aber dennoch ermannt er sich und spricht: „Ja, ihr Herrlichsten, eure Form ist endlos vollkommen schön. Aber ihr seid zu weise dabei, und das deckt eure Schönheit und macht, dass ich sie mit der genauesten Not noch so halbwegs ertragen kann. Denn ich bin kein Freund von zu großer Weisheit. Wollt ihr mich aber zu eurem Freund, da müsst ihr aus der Liebe und nicht aus der Weisheit mit mir reden!
BM|0|137|3|0|Ihr brachtet mir wohl einen Preis entgegen, um ihn mir darzureichen, so ihr mich als einen vollkommenen Weisen erkennen würdet. Ich aber sage euch, dass ihr euch da an mir sehr verrechnet habt, trotz eurer großen Weisheit. Denn seht, solche Preise nehme ich durchaus nicht an! Ich kenne nur einen Preis, und dieser ist für mich allein die Liebe, welche ist Gott der Herr, den ihr als den urewigen Geist kennt, von dem alle Dinge gemacht sind. Dieser ist allein mein Preis, den ich schon lange für ewig angenommen habe. Aber diesen euren Weisheitspreis kann ich durchaus nicht brauchen. Daher reicht ihn irgendwem anderen, den ihr dafür als würdig erachtet; aber mich verschont damit!“
BM|0|137|4|0|Sagen darauf die drei: „O höre uns, du herrlicher Freund! Wir haben mit dir bis jetzt noch durchaus keine Weisheitsprobe angestellt, die auch eitel wäre, da wir ja wohl sehen, was für ein Geist in dir lebt. Da wir aber das sehen, was dich belebt, da wäre es doch sicher höchst unweise von uns, wenn wir mit einem anderen Geist in dir reden wollten, als den wir in dir gefunden haben! Du nanntest uns wohl den Preis, den du, mit Recht über alles schätzend, schon habest; aber da sind wir solchen Lichtes und sagen:
BM|0|137|5|0|Der urewige, allschaffende Geist ist nicht teilbar. Wohl ist sicher die Liebe Sein Grundwesen; aber diese Liebe ist nicht nur Liebe, sondern ist in sich selbst auch die urewige Weisheit. So du aber diese Liebe preist, kannst du wohl die Weisheit, das Licht alles Lichtes, von ihr scheiden? Freund, kommt es dir hier nicht nur etwa so vor, als ob nun nur du, dich selbst übereilend, verrechnet hättest? Wie kannst du den Leib allein wollen und verwerfen den Kopf? O rede, erläutere uns das!“
BM|0|137|6|0|Martin ist nun ganz verblüfft und spricht bei sich: „No, das geht nun schon gut! Die haben mich schon! Aber jetzt nur wieder Ernst, nur ernst! Wenn sie nur nicht gar so entsetzlich liebenswürdig wären, da könnte man auch noch ernster mit ihnen umgehen; aber bei solcher entsetzlichen Liebenswürdigkeit braucht der Ernst fürwahr einen übergroßen Ernst, um mit solchen Liebenswürdigkeiten nur viertelwegs ernst scheinend reden zu können.
BM|0|137|7|0|Sie warten, ach, mit einer endlos anmutigsten Begierde und allerlieblichsten Ungeduld auf eine Antwort. Aber, was soll ich ihnen sagen? Wie wenden und drehen die Zunge, dass ich ihnen die Wahrheit sage, aber dadurch dennoch nicht beleidigte ihr an zu himmlische Harmonie gewöhntes Ohr?! Stille, nur stille, mir fällt nun schon wieder etwas recht Triftiges bei! Das werde ich ihnen sagen, natürlich auf eine mir nur immer möglich humanste Art; da werden sie doch sicher stutzen! Und also nur Mut in des Herrn Namen!“
BM|0|138|1|1|Fortsetzung des Disputes über Weisheit und Liebe
BM|0|138|1|0|Auf dieses Selbstgespräch wendet sich Martin wieder zu den dreien und spricht: „O ihr über alle meine Begriffe herrlichsten Töchter der großen Sonne! Ihr habt mir wohl in allem eine vollends rechte Erwiderung gegeben auf das, was ich zu euch geredet habe. Aber eines ist dabei, das denn doch ein ganz erheblicher Rechnungsfehler von eurer Seite zu sein scheint und auch wirklich ist.
BM|0|138|2|0|Seht und hört! Ihr habt wohl recht, so euer Licht euch sagt: Der große, urewige Geist ist in Seiner Liebe und Weisheit wie sicher auch sonst in allem vollkommenst unteilbar, und wo ein Leib ist, da muss auch ein Kopf sein, was so viel sagen will als: Wem da zuteil ward ein Preis der Liebe, der dürfe, um vollkommen zu sein, den Preis der Weisheit nicht außer Acht lassen. Aber ihr seht es ja doch sicher mit euren hellsten und himmlisch schönsten Augen, dass mein Haupt schon mit einem dem euren ganz gleichsehenden Preis geschmückt ist. Und da ihr in alle meine sonstigen Erlebnisse so tief eingeweiht seid, so werdet ihr ja auch das wissen, dass ich diesen Schmuck unmittelbar vom Herrn Selbst erhalten habe!
BM|0|138|3|0|Da ihr allerliebsten Kinder aber das doch unmöglich in die Abrede stellen könnt, so muss mir der Herr dennoch einen geteilten Preis gegeben haben, also – den der Liebe für sich ganz allein, der aber in sich dennoch schon den nötigen und verhältnismäßig gerechten Grad der Weisheit fasst! So aber dieser Preis als eine vollkommene Gabe des großen Gottes demnach keine halbe, also geteilte, sondern eine vollkommene, bestgemessen ganze Gabe ist, so sehe ich demnach trotz eurer sehr weise gestellten Entgegnung wahrlich nicht ein, wozu mir euer lediger Weisheitspreis dienen soll!
BM|0|138|4|0|So ich schon einen Kopf habe, wie es euch doch sicher meine Gestalt zeigt, wozu soll mir nun noch ein zweiter Kopf dienen? O sagt es mir; soll ich wirklich noch eines Kopfes bedürfen, so will ich ihn nach dem Willen meines Herrn ja von euch, ihr endlosest liebenswürdigsten Töchter der Sonne, sehr gerne annehmen. Ist es aber nicht nötig, zwei Köpfe zu haben, sondern bloß nur einen vollkommenen, da werdet ihr es dann aber ja doch wohl auch einsehen, dass ich euren für mich bestimmten Preis durchaus nicht annehmen kann? O redet, redet; ich höre!“
BM|0|138|5|0|Sagen die drei: „O du Herrlicher, du Hoher, wohl wissen wir, dass dir in solchem deinem Preis mehr gegeben ist, als wir es ewig je zu fassen werden imstande sein. Also wissen wir es auch, dass dein Preis kein halber, sondern ein vollends ganzer ist. Aber siehe, wir wissen es aber auch aus zahllosen, stets auf dieselbe Art wiederkehrenden Erfahrungen, dass der große Gott auch jedem Wesen nach seiner Art ein vollkommenes, ganzes Leben gibt!
BM|0|138|6|0|Wir wissen, dass da kein Mensch ohne Kopf zur Welt geboren wird, und hat Augen zum Sehen, Ohren zum Hören, eine Nase für den Geruch, einen Gaumen zum Schmecken, und allerlei Nerven für allerlei Empfindungen und Gefühle. Es fehlt einem neugeborenen Kind nichts von alledem, und alles das entstammt doch sicher wie der Liebe, also auch der allerhöchsten Weisheit des allerhöchsten Geistes. Denn da ist das eine wie das andere mit einem Blick klarst ersichtlich.
BM|0|138|7|0|Wie aber kommt es denn, dass ein neugeborenes Kind – als ein Werk der Liebe und Weisheit des großen Gottes – zur Weisheit doch allzeit bei weitem später gelangt als zur Liebe, die da ist das eigentliche Leben? Du selbst lebst schon gar lange und hast Liebe in aller Überfülle. Aber so du dich fragst, ob deine allfällige Weisheit auch so alt ist, als dein Leben, da wirst du in dir selbst offenbar die widersprechendste Antwort finden!
BM|0|138|8|0|Siehe, wir wissen es von unseren obersten Weisen, dass der große Gott auf deiner Erde zu einem gewissen weisen Juden so geredet hat: ‚Niemand kann in das Reich Gottes eingehen, so er nicht neugeboren wird im Geiste!‘ Sage uns: Wie kann der große Gott von einem schon lange lebenden Weisen des Geistes Wiedergeburt verlangen, so Er schon einem Kind im Mutterleib alles gegeben hat, was zur vollsten Besitznahme des ewigen Gottesreiches vonnöten ist?!
BM|0|138|9|0|Überall zeigt es sich, dass die Reife jeder Entstehung erst viel später folgt. Kannst du uns wohl aus deiner Erdgeschichte nachweisen, dass da je ein ganz ausgebildeter Mensch dem Mutterschoß entstammt ist? Oder weißt du nun schon ganz bestimmt, warum dich der große Geist erst jetzt, nachdem du schon so manche Verwandlungen erlitten, in der Mitte dieser zwei urerzweisen Geister hierher in diese große Welt des Lichtes beschieden hat? O rede, rede, du Herrlicher, und unterrichte uns, denn wir möchten von dir ja gar überaus viel Tiefes erfassen!“
BM|0|139|1|1|Martin in der Weisheitsklemme. Er wird von Petrus ermutigt und findet eine gute Erwiderung
BM|0|139|1|0|Auf diese Entgegnung ist unser Martin erst ganz verlegen und weiß nun keine Silbe mehr zu erwidern. Bei sich nur murmelt er ganz leise: „So! So, so! Jetzt ist’s recht! Jetzt liegt die Sau doch vollkommen in ihrer Pfütze! Was soll ich nun sagen? Die haben recht in allen Punkten, und ich bin dagegen ein Esel und Ochse in allen Punkten, notabene mit dem Weisheitshut am Haupt! O das taugt so recht nett zusammen! Die kommen mir mit einem zweiten solchen Hut entgegen! Es geht immer besser! Brüder, liebe Brüder, reißt ihr mich nicht aus diesem Sumpf, so gehe ich euch auf jeden Fall durch!“
BM|0|139|2|0|Spricht Petrus: „Bruder, [habe Geduld,] dann wird es schon recht bald besser werden! Denke nur wieder nach; es wird sich schon wieder irgendeine Antwort finden lassen. Nur sei stets ernst und lasse nicht viel handeln, sondern behaupte gründlich, was du aufstellst, und rede wie ein Lehrer, dann wirst du mit diesem Vorposten schon überorts kommen! Mit dem Nachtrabe wird es freilich etwas hitziger aussehen, aber da werden wir dir schon helfen, so es sehr nottun wird. Daher sei nur mutig und verzage nicht; es wird alles gut gehen!“
BM|0|139|3|0|Spricht der Martin: „Brüder, wie ich es bei mir verspüre, so wird bei mir nicht viel mehr Rares nachkommen, denn ich habe meinen Weisheitskasten bereits ausgeleert! Dass der Liebe die Weisheit notwendig folgen muss, das ist mir nun über alle Maßen klar, und ist von diesen drei Wunderwesen so richtig geordnet dargestellt, dass sich dagegen nicht das Geringste einwenden lässt. Ich kann daher ihnen gar nichts einwenden, und nichts anderes tun, als ihnen vollends recht geben und lassen; oder weißt du etwas Besseres?“
BM|0|139|4|0|Spricht Petrus: „Ja, ja, das ist schon richtig, was recht ist, das ist recht auf Erden wie im Himmel. Aber dessen ungeachtet musst du dich nicht gar zu leicht schon nach dem Verlauf von einigen weisen Reden gefangengeben, denn auch deine Sätze lassen sich verteidigen! Daher, wie gesagt, denke du nur ein wenig nach, und es wird sich dir bald eine sehr gute Antwort vorstellen!“
BM|0|139|5|0|Martin denkt nun kreuz und quer nach, was er da sagen soll, und findet nach einem etwas längeren Nachdenken doch im Ernst einen Satz, der sich allerdings hören lässt; er ordnet ihn und spricht dann: „O ihr überherrlichen Töchter der großen Sonne! Eure Rede ist wohl sehr weise und ist bestens geordnet. Aber es geht ihr dennoch etwas ab, das euch zwar äußerst gering vorkommen dürfte, für mich aber durchaus nichts Geringes ist.
BM|0|139|6|0|Hört, da ihr durch eure Weisen es wisst, was der große Geist Gottes auf meiner kleinen Erde gelehrt hat, und wisst es auch, wie dort die Natur aller Kreatur beschaffen ist, so nimmt es mich sehr wunder, dass ihr nicht auch wisst, was der Herr Jesus, der da ist euer urewiger großer Geist, noch bei anderen Gelegenheiten zu Seinen Kindern geredet hat!
BM|0|139|7|0|Seht, einst brachten Mütter ihre Kindlein hin zu Ihm. Und da dadurch ein Drängen entstand, da stellten sich die schon sehr weise sich dünkenden Jünger den Müttern entgegen und wehrten ihnen, sich zu nahen dem Herrn. Da aber der Herr das alsobald merkte, da sprach Er zu den Jüngern: ‚Lasst die Kleinen, und wehrt es ihnen nicht, zu Mir zu kommen; denn solcher ist das Himmelreich! Wahrlich, wahrlich, sage Ich euch, so ihr nicht werdet wie diese Kleinen hier, da werdet ihr nicht eingehen in Mein Reich!‘
BM|0|139|8|0|So aber eben der Herr denjenigen, die schon weise waren, die Kindschaft, die noch keine Weisheit besitzt, als Bedingung zur Erreichung des Himmelreiches setzt, da weiß ich dann nicht, wie ihr die Weisheit für so etwas Großes haltet und überzeugt zu sein scheint, dass man erst nach dem Empfang eures Weisheitspreises fürs Himmelreich befähigt werden würde! Ich meine, die Lehre Gottes wird doch etwa über die eurige erhaben und durchaus wahr sein?
BM|0|139|9|0|Wohl sagte der Herr zum weisen Nikodemus, dass er zuvor wiedergeboren sein müsse, so er in das Gottesreich eingehen wolle. Aber der Herr meinte damit nicht eure Weisheit, die der Jude ohnehin schon besaß, sondern die unschuldige Kindheit, die da pure Liebe ist! Also verstehe aber auch ich des Herrn Wort, und halte mich bloß an die Liebe, und überlasse alle Weisheit ganz allein dem Herrn; und seht, darum bin ich auch bei Ihm – während ich Gott weiß wo wäre, so der Herr meine Weisheit ansehen möchte, die so gut wie ewig keine ist!
BM|0|139|10|0|Also bin ich auch mehr als überzeugt, dass da ein jeder sündigt, der sich vor Gott der Weisheit rühmen möchte. So aber des Einfältigen Herz nur voll ist von der Liebe zu Gott, so hat er schon auch den höchsten Lebenspreis in sich, der ihm die Gotteskindschaft erwirkt. So er aber diesen Preis hat, sagt, wozu soll ihm dann der eurige dienen? Daher sei euch von mir nun zum letzten Mal gesagt: Ich bedarf eures Weisheitspreises nicht, da ich schon lange habe, was ich brauche!
BM|0|139|11|0|Seht aber auch ihr, dass euch mein Preis zuteilwird! Da werdet ihr alle glücklicher zu preisen sein, als ihr es nun seid in eurem lebendigen Weisheitsglanz, aus dem trotz eurer unnennbaren Schönheit sehr wenig Liebe herausschaut! Redet nun, ob ihr noch was zu reden habt; aber auf eine Antwort rechnet ja nicht mehr von mir! Denn nur eines tut not, und das ist die Liebe; alles andere gibt der Herr, wann ich es brauche.“
BM|0|140|1|1|Die drei Sonnentöchter bitten Martin, sie Gott lieben zu lehren. Martins kritische Zentralfrage. Die Sonnentöchter an der Brust Martins
BM|0|140|1|0|Nach dieser guten Erwiderung Martins verneigen sich die drei bis zur Erde und sagen: „O du herrlicher Sohn des großen Geistes! Nun erst erkennen wir, dass du es bist – ein wahrer Sohn Dessen, der für uns keinen Namen hat. Du hast uns besiegt; wir sind nun dein und dieser Preis mit uns! O lasse uns die Letzten sein in deinem Haus und lehre uns lieben den ewigen Gott!“
BM|0|140|2|0|Spricht Martin, ganz überrascht von dieser Erscheinung: „In meinem Haus ist noch für viele Tausend Raum; so wird er auch für euch sein! Denn größer als eure Welt ist mein Haus, das der Herr, mein ewiger heiliger Vater, mir für ewig erbaut hat. Daher, so euch nach meinem Haus gelüstet, da werft euren Weisheitspreis von euch, und ergreift den meinigen der Liebe und folgt mir! Aber so euch möglich, da verdeckt mehr eure zu großen Reize! Denn diese sind mächtiger als eure Worte für mich, der ich lebendig bin in der Liebe und nicht in der ledigen Weisheit!“
BM|0|140|3|0|Auf diese Worte Martins bringen die hinter den drei Stehenden sogleich reiche blaue Faltenkleider und ziehen dieselben in einem Augenblick den dreien an. Und als diese also bekleidet sind, sagen sie zum Martin: „O du Hoher, du herrlicher Sohn des Allerhöchsten! Sind wir so bekleidet recht und angenehm deinem Auge? Findet es an uns kein Ärgernis mehr? Sind wir nun nach dem Wunsch deines Herzens?“
BM|0|140|4|0|Spricht Martin: „So tut es sich schon. Das ist die Art und Weise in meinem Haus, das da ist ein Haus des großen heiligen Vaters, der da auch nicht fast ganz nackt wie ihr es ehedem wart, sondern ganz bekleidet einhergeht. Ihr seid wohl also auch noch endlos schön, aber dabei doch erträglich meinem Auge. Und so könnt ihr wohl bei mir verbleiben!
BM|0|140|5|0|Aber nun noch etwas: Sagt mir, kennt ihr den großen Geist? Habt ihr eine Vorstellung von Ihm? Was würdet ihr wohl tun, so ihr vor Ihn treten müsstet?“
BM|0|140|6|0|Sprechen die drei: „O du Herrlichster! Wir wissen wohl, dass es einen allerhöchsten, urewigen Geist aller Geister gibt, der alles, was da ist, erschaffen hat aus Seiner ewigen Weisheit und Allmacht. Aber dieser Geist ist uns so endlos heilig, dass wir uns nimmer unterstehen dürfen, uns von Ihm irgendeine Vorstellung zu machen! Solches dürfen nur die höchsten Weisen! Also kannst du dir’s wohl auch denken, wie es uns zumute wäre, so wir vor Ihn, so Er irgendeine Gestalt hat, hintreten müssten mit der Überzeugung, dass Er es ist! Oh, das wäre etwas Entsetzliches, das wäre das Schrecklichste, das uns widerfahren könnte!“
BM|0|140|7|0|Spricht Martin: „Oh, wenn so, wie fürchtet ihr euch denn vor uns, Seinen Kindern, nicht? Könnt ihr euch denn nicht denken, dass der Vater auch so aussehen wird, als wir, Seine Kinder? O seht, was die ledige Weisheit für Früchte trägt! Was unserem Herzen das allerhöchste Bedürfnis ist, das ist dem eurigen ganz ehern vorenthalten. Was uns zur größten Wonne erhebt, das möchte euch zur größten Qual werden!
BM|0|140|8|0|Oh, welch ein Unterschied zwischen uns und euch! Sagt mir, habt ihr denn in eurem Herzen noch nie eine Liebe verspürt? Verspürt ihr nicht so etwas z. B. allenfalls nun zu mir oder zu einem dieser meiner zwei Brüder?“
BM|0|140|9|0|Sprechen die drei: „Was meinst du damit, was willst du damit sagen? Wir wissen wohl, dass die Liebe ein Geiz im Herzen ist: eine zusammenziehende Kraft, die da manchmal ihr verwandte Dinge ergreift, selbe dann sehr anzieht und mit sich vereinen will. Was aber die Liebe sonst noch ist, wissen wir nicht! Diese Herzenskraft aber kann nur kleine Dinge ergreifen, weil sie selbst klein ist. Wie könnte sie so große Dinge, wie du es bist, wohl ergreifen? Wir können dich wohl überhoch achten, aber für unsere Liebe wärst du ja viel zu groß, so dass wir dich nicht erfassen könnten.“
BM|0|140|10|0|Spricht Martin: „Aha, aha, eure Weisheit fängt schon an, Haare zu lassen! O sorgt euch um die Größe eures Herzens nicht; das wird bald für gar viel Liebe groß genug sein! Sagt, die welche aus euch könnte mich umarmen und so recht fest drücken an ihre Brust?“
BM|0|140|11|0|Sprechen freudig alle drei: „Oh, das können wir sehr gut, und so du Herrlichster es uns gestatten willst, wollen wir dir sogleich eine feurigste Probe geben!“
BM|0|140|12|0|Spricht Martin: „Nur zu; ich gestatte es von ganzem Herzen gerne!“
BM|0|140|13|0|Auf dies Wort fallen alle drei an die Brust Martins und jede presst ihre zarteste Brust was nur immer möglich an die seinige, und jede spricht: „Ach, ach, das ist endlos süß! O lasse uns lange so an deiner Brust!“
BM|0|140|14|0|Spricht Martin: „Ich wusste es ja, dass ihr Liebe habt, und das eine ganz kurios kräftige! Bleibt nur so hübsch lange an meiner Brust, die wird euch am besten lieben lehren! Oh, es wird sich diese Sache schon machen!“
BM|0|141|1|1|Drohende Haltung der drei Sonnenmänner. Martins kräftige Entgegnung. Rat der Sonnengeister. Die drei Sonnenmänner gehorchen nun Martin
BM|0|141|1|1|(Am 19. Juni 1848)
BM|0|141|1|0|Es bemerken aber die anderen Sonnenmenschen, zu deren Familie die drei Jungfrauen gehören, wie eben diese drei an den Martin sich klammern und sich nimmer von ihm trennen wollen. Die Sache kommt ihnen bedenklich vor, daher denn auch sich andere drei dem Martin nahen, die aber nicht mehr des weiblichen, sondern des männlichen Geschlechtes sind.
BM|0|141|2|0|Diese drei fragen den Martin und sagen: „Hoher, Erhabener! Unsere Augen sehen hier, was zu sehen sie nicht gewohnt sind, da dergleichen hier nicht vorkommt. Das ist eine fremde Sache, die nicht in unserer Ordnung haftet; daher fragen wir dich, was dies zu bedeuten habe? Willst du uns diese drei Töchter nehmen? O sage, mit welchem Recht!? Willst du sie zu deinen Weibern?! Willst du sie befruchten? Siehe, das kannst du nicht; denn du bist nicht von dieser Welt und bist zudem noch ein Geist, der nicht befruchten kann! Also sage, was bedeutet das? Was hast du mit unseren Töchtern vor?“
BM|0|141|3|0|Spricht Martin zu den eben auch über alle Maßen schönen drei Männern: „Ihr allerliebsten, schönsten Freunde, sorgt euch nur um diese drei Töchter nicht! Denn sie sind bei mir in viel besseren Händen denn in den eurigen, die ihr bloß Weisheit, aber in dieser Weisheit ganz entsetzlich wenig Liebe habt! Ich lehre sie nun lieben, und sie fassen die Liebe. Und das ist der Wille des großen Gottes, der in Sich Selbst die allergrößte, höchste und reinste Liebe ist. Ich sage euch, das solltet auch ihr lernen, so würdet ihr auch höherkommen können und nicht stets bleiben auf dieser eurer Welt wie leiblich, also auch geistig. Denn ich werde diese eure Töchter aufnehmen in mein Haus! Euch aber werde ich nicht aufnehmen, so ihr nicht lieben könnt. Werdet ihr aber auch lieben können, dann soll sich auch für euch ein Plätzchen finden!“
BM|0|141|4|0|Reden die drei Männer: „Deiner Rede Sinn ist ohne Ordnung, somit ohne Weisheit und sonach für uns nicht fassbar, daher rede weise, so du mit uns redest! Wohl wissen wir, dass du aus der Gemeinde der Kinder des großen Urgeistes bist. Auch kennen dich unsere höchsten Weisen schon von deinem Planeten aus; aber das alles ist so lange wertlos bei uns, als wie lange du nicht mit dem Kleid der Weisheit angetan sein wirst. Aus diesem Grund gebieten wir dir denn auch im Namen der höchsten Weisheit dieser großen Lichtwelt, dass du alsobald diese drei von dir lassest, ansonst dir ein großes Unheil widerfahren soll, sowie der ganzen großen Schar, die dir folgt! Gehorche, oder wir rufen unsere mächtigsten Geister, dass sie Hand an euch legen sollen!“
BM|0|141|5|0|Spricht Martin: „Oho, oho, nur nicht gar zu hitzig, meine allerschönsten, liebenswürdigsten Freunde! Seht mich an – unter allen diesen vielen Brüdern und Schwestern, die mich hier geleiten und Genossen meines Hauses sind, bin ich sicher der schwächste. Aber gegen euch habe ich dennoch so viel Kraft, dass ich euch bloß nur mit meinem schwächsten Gedanken so zerschmeißen könnte, wie ein großer Sturm zerstreut den Staub! Daher zieht ab mit euren lächerlichsten Drohungen, sonst lege am Ende etwa gar ich selbst die Hand an euch und eure allmächtig sein sollenden höchstweisen Geister! Ihr sollt aus mir sogleich einen solchen Ernst erstrahlen sehen, dass euch allen darob sehr fiebrig zumute werden soll! Also kehrt euch nur ganz gutwillig um, sonst werde ich sogleich mit euch ganz anders zu reden anfangen!“
BM|0|141|6|0|Die drei Sonnenmänner strecken ihre Hände in die Höhe und rufen ihre Geister. Aber diese erwidern aus einer Wolke:
BM|0|141|7|0|[Die Geister:] „Dieser Gesellschaft können wir nichts anhaben, denn wir verspüren in ihrem Gefolge das Erschrecklichste des Allererschrecklichsten! Tut entweder, was diese Gesellschaft will oder flieht vor ihr, so weit und so schnell ihr nur immer könnt, sonst könnte es euch allen gar sehr übel zustattenkommen. Denn allmächtig sind alle diese, und der Allmächtige ist unter ihnen! Daher gehorcht oder flieht! Aber besser für euch alle ist der Gehorsam denn die Flucht! Denn wohin wollt ihr vor denen fliehen, deren Füße schneller sind denn eure Gedanken?“
BM|0|141|8|0|Nach diesen Worten nimmt wieder der Martin das Wort und spricht: „Nun, ihr meine noch immer liebenswürdigsten Freunde, was wollt ihr nun tun, was sagt euch eure Weisheit nun? Wollt ihr es noch mit uns allen aufnehmen?“
BM|0|141|9|0|Sagen die drei: „Wenn so, da sagt uns unsere Weisheit: ‚So aber der, mit dem du streiten möchtest, mächtiger ist als du, da lasse den Kampf. Und gibt er dir dann irgendein Gebot, da gehorche streng dem, der dir das Gebot gibt!‘ Und siehe, da du in all dieser deiner Gesellschaft mächtiger bist denn wir, so wollen wir dir denn auch gehorchen; und so gebiete uns denn bestimmt, was du willst, dass wir tun sollen!“
BM|0|141|10|0|Spricht der Martin: „So eilt voraus alle, mit Ausnahme dieser eurer drei Töchter, die bei mir bleiben, und bestellt euer Haus; denn wir werden bei euch einziehen auf eine Weile! Was dann später zu geschehen hat, das wird euch schon Jemand Anderer aus dieser meiner großen Gesellschaft kundgeben; denn, wie ich schon ehedem bemerkt habe, bin ich der Allergeringste unter diesen Tausenden! Also geschehe es!“
BM|0|141|11|0|Auf diese Worte Martins entfernen sich die drei und ziehen über glänzende Fluren auf eine kleine Erhabenheit des Tales, allwo ein großer Tempel sich befindet, zur Wohnung dieser Sonnenmenschen bestimmt, um welchen etwas tiefer liegend kleinere Gebäude stehen, in denen die Kinder erzogen werden.
BM|0|142|1|1|Neugierde der zwanzig eitlen Nonnen. Demütigung durch die enthüllte Schönheit der drei Sonnentöchter
BM|0|142|1|0|Als die bedeutend zahlreiche Sonnenmenschengesellschaft sich eiligst verläuft, da richten sich auch die drei Töchter wieder auf und sind nun um noch vieles schöner. Denn nun blickt gar endlos hold schon Liebe aus ihren für euch unbegreiflich schönen Augen, und ihre Rede wird so sanft und wohlklingend wie ein Cherubsgesang, denn sie reden nun von nichts als von der Liebe.
BM|0|142|2|0|Wir aber fangen auch wieder an, uns weiterzubewegen. Die vielen Weiber, die der Borem und der Chorel führen, und auch die Mönche an ihrer Seite fangen nun auch an, sich hervorzudrängen, um die ungeheuren Schönheiten der Sonne zu besichtigen; denn früher hatten sie vor lauter Verwunderung über Verwunderung nicht Zeit gehabt, da ihnen zu viele und zu wunderbare Naturseltenheiten dieser Welt sozusagen in die Augen gefallen sind. Da sie nun aber ihre Augen mehr und mehr gesättigt haben und sie der Borem eigens dazu aufmerksam macht, so wollen sie denn nun auch sehen, ob und um wie viel die Sonnenweiber schöner wären denn sie.
BM|0|142|3|0|Martin merkt durch einen innern Wink von Mir sogleich, was diese im Sinne haben, und weiß aber auch, wie sehr diese auf ihre nunmalige Schönheit sich viel zugutehaltenden Nonnen von den drei mächtigsten Schönheiten der Sonne geschlagen würden. Daher sagt er zu den drei Töchtern:
BM|0|142|4|0|[Martin:] „Hört mich an, ihr endlos schönsten Töchter! Seht, eine gar bedeutende Anzahl von Weibern von meinem Planeten fangen nun an sich hervorzudrängen, um ihre gestaltliche Schönheit mit der euren zu vergleichen. Da ihr aber gegen sie gestaltlich zu unendlich schön seid, so zwar, dass eure Schönheit die ein wenig Eitlen auf eine längere Weile förmlich töten könnte, so verhüllt mit euren überreichen Haaren auf eine kurze Weile euer Gesicht; und enthüllt nach und nach dasselbe wieder, so ich euch dazu den Wink geben werde! O tut mir diesen Gefallen!“
BM|0|142|5|0|Sprechen die drei: „O du unsere Liebe nun! Sind wir gestaltlich denn wohl gar so schön? Sieh, hier in dieser Welt hat uns noch nie jemand das gesagt. Denn hier weiß man nichts von einer gestaltlichen Schönheit, sondern nur von einer gestaltlichen Ordnung und von einer entsprechenden Weisheit aus ihr. Du warst wohl der Erste, der unsere Gestalt zu rühmen begann, was wir aber auch mehr auf unsere Ordnung und Weisheit bezogen haben. Aber nun merken wir es wohl, dass du nur hauptsächlich unsere Gestalt meinst! So aber im Ernst unsere Gestalt für dich, wie du sagst, gar so unnennbar schön ist, o so sage uns, worin denn diese unsere so große Schönheit besteht?“
BM|0|142|6|0|Spricht Martin: „Zuerst erfüllt meinen Wunsch, dann werde ich euch das schon alles gelegentlich erläutern!“
BM|0|142|7|0|Sagen die drei: „Oh, so schiebe du selbst uns die Haare über das Gesicht. Denn du wirst es am besten wissen, wie unser Gesicht verdeckt sein muss, um jenen, die nun zu uns hervorkommen, nicht gefährlich zu sein!“
BM|0|142|8|0|Martin lässt sich das nicht zweimal sagen und vollzieht sogleich das verlangte Werk. Als er gerade bei der dritten fertig ist, kommt schon der Borem zu ihm und spricht:
BM|0|142|9|0|[Borem:] „Bruder, du hast deine Aufgabe bisher meisterlich gelöst! Freilich wohl hast du zwei Freunde bei dir, denen auf dieser wie auf zahllosen anderen Welten alle Wege bekannt sind; aber dessen ungeachtet hast du förmlich Wunder geleistet. Doch nun musst du mit diesen nun deinen drei Töchtern gegen die vordringenden Nonnen sehr achtsam sein, sonst wirst du ein wahres Mordsspektakel erschauen!
BM|0|142|10|0|Das Gesicht darfst du sie vorderhand schon gar nicht sehen lassen, außer auf ein zu dringendes Verlangen. Kannst du sie aber sonst abfertigen, da wird es um desto besser sein. Denn wie diese unsere Nonnen diese drei angesichtlich erschauen werden, da werden sie wie vom Blitz getroffen zu Boden stürzen und werden sich aus Gram und großer Beschämung förmlich selbst zu zerreißen anfangen. Daher Bruder sei du nun möglichst behutsam, sonst gibt es hier eine tüchtige Wäsche ab!“
BM|0|142|11|0|Martin wird darob bedeutend verlegen und spricht: „Also wieder eine verzweifelte Geschichte in der Aussicht! Nein, diese Nonnen haben mir aber noch allzeit am meisten zu schaffen gemacht, und hier im Himmel geben die dummen Greteln auch noch keine Ruhe und keinen Frieden! Ich hätte eine gute Lust, ihnen diese drei ganz entblößt in ihrer größten Schönheit vorzustellen. Sie sollen nur anrennen, was nur immer kreuzmöglich ist, und gedemütigt werden über einen Sklaven! Vielleicht wird’s nachher besser mit ihnen!?“
BM|0|142|12|0|Spricht Petrus: „Ja, ja, hast recht, Bruder, gar zu zart muss man mit jenen nicht umgehen, die sich in ihrem eitlen gestaltlichen Wesen mehr als es recht ist, zu gefallen bemüht sind. Es ist wohl recht, anfangs gelindere Mittel anzuwenden, um solche eitlen weltlichen Überreste von der Seele zu entfernen. So aber die gelinden Mittel nicht hinreichen, dann aber nur geschwind die gröbsten Bürsten her! Bruder Borem, hast wohl recht, wie du es meinst; aber der Martin hat auch recht! Daher lassen wir ihm nur hier das Handeln ganz frei über.“
BM|0|142|13|0|Johannes bestätigt solches auch und sagt zum Borem noch ganz eigens: „Du hast ganz recht, und Martin hat auch recht. Denn siehe, in der Sonne gibt es ewig keine Nacht, und der Nordpol leuchtet gleich wie der Südpol. Gehe du daher nur zurück und führe deine fromme Herde vor; sie soll hier bestens gekämmt und geschoren werden!“
BM|0|142|14|0|Borem geht und bringt mit Chorel zwanzig der Eitelsten, die sich für ganz besonders schön dünken. Sie umringen sogleich den Martin samt Petrus, Borem und Chorel und sagen zum Martin: „Nun, wo sind denn die gar so unendlichen Schönheiten der Sonne, von denen uns in deinem Haus gesagt wurde, dass wir gegen sie gar nichts wären? Zeige sie uns und überzeuge uns von der Wahrheit deiner Aussage!“
BM|0|142|15|0|Spricht Martin: „Nur her da mit euch, ihr eitlen Seelen! Soll euch sogleich geholfen sein! Seht, da stehen schon drei! Wie gefallen sie euch?“
BM|0|142|16|0|Sprechen die Nonnen: „Wir sehen nichts denn Haare und blaue Faltenkleider, dergleichen auch wir haben; aber wir wollen das offene Gesicht, die Brust und die Arme sehen!“
BM|0|142|17|0|Spricht Martin: „So ihr sterben wollt vor Gram und Scham, da soll euch euer Verlangen sogleich gewährt werden? Sagt nun – ja oder nein!“
BM|0|142|18|0|Die Nonnen stutzen über die letzte Aufforderung Martins und fragen einander, was sie tun sollen; aber keine weiß der anderen einen rechten Bescheid zu geben. Eine wendet sich an den Chorel und fragt ihn um Rat in dieser Sache. Aber der Chorel schupft ebenfalls die Achseln und sagt nach einer nachdenklichen Weile:
BM|0|142|19|0|[Chorel:] „Ja, meine geliebtesten Schwestern, hier ist ein guter Rat wahrlich sehr teuer! Sagt ihr ja, da seht zu, wie es euch nach den sehr bestimmten Worten Martins ergehen wird. Sagt ihr aber nein, so wird euch eure zu unbegrenzte Neugierde nahezu zugrunde richten. Ihr seht, wie schwer es euch hier zu raten ist. Eines wäre freilich das Beste wohl; aber das werdet ihr euch kaum zu tun getrauen?“
BM|0|142|20|0|Sagen die Nonnen: „Wir wollen alles tun, so es was Rechtes ist! O sage es uns, o rate es uns!“
BM|0|142|21|0|Spricht Chorel: „Nun dann, so hört mich! Seht, hinter uns gehen Chinesen, und hinter diesen zieht der Herr inmitten der beiden Ihn wohl hoch über alles Liebenden. An Ihn wendet euch; Er wird euch die ewig allerbeste Auskunft geben können, was ihr hier zu beachten und zu tun haben sollt! Werdet ihr Seiner Beheißung folgen, da werdet ihr auch sicher mit der heilsten Haut darauskommen. Im Gegenteil aber müsst ihr’s euch dann selbst zuschreiben, wenn es euch so oder so übel ergehen dürfte. Denn das sehe ich hier schon ein, dass es hier mit nichts zu spaßen ist! Das ist mein Rat; ihr aber könnt immer tun, was ihr nur immer wollt!“
BM|0|142|22|0|Als die Nonnen solches vernehmen, sagen sie: „Freund, das wissen wir schon lange! Aber das heißt hier nichts anderes, als gerade vom Regen in die Traufe gehen; denn da fürchten wir denn doch die drei weniger, um tausend Mal, als den Herrn! Denn was sind diese alle gegen den Herrn? Der Herr ist der Herr; diese aber alle sind dennoch nur gleich und gleich wie wir nur Seine Geschöpfe. Ob überschön oder überhässlich, das ist vor dem Herrn ganz eines und dasselbe. Daher glauben wir, es wird doch besser sein, wir besehen doch diese drei Schönheiten der Sonne, als so wir zum Herrn gingen und dadurch zeigten, dass wir uns vor Ihm weniger fürchteten, als vor diesen drei Geschöpfen!“
BM|0|142|23|0|Spricht Chorel: „Gut, gut; so ihr euch selbst besser denn ich raten könnt, so tut, was ihr wollt! Aber für einen künftigen ähnlichen Fall erspart euch die Mühe, mir mit einer Frage zu kommen!“
BM|0|142|24|0|Auf diese Äußerung treten die Nonnen wieder vor den Martin hin und sagen: „Geschehe, was da wolle, wir wollen diese drei ganz in ihrer Schönheit sehen!“
BM|0|142|25|0|Spricht Martin: „Gut, gut, kommt nur her und macht eure Augen recht weit auf, so wird euch eure dumme Eitelkeit bald vergehen!“ Hier wendet er sich zu den dreien und spricht: „Nun, meine geliebtesten Töchter, tut aus dem Gesicht eure Haare und lasst es diese Eitlen sehen!“
BM|0|142|26|0|Sprechen die drei: „So es ihnen aber schadete, da blieben wir lieber verhüllt, denn durch uns soll niemand zu Schaden kommen!“
BM|0|142|27|0|Spricht Martin: „Meine allerherrlichsten, geliebtesten Töchter, das ist nun gleich, denn dem, der etwas festweg selbst will – ob Gutes oder Schlechtes –, geschieht kein Unrecht! Diese aber wollen euch durchaus sehen, trotzdem dass sie gewarnt wurden zu mehreren Malen durch mich sowohl, wie durch noch einen anderen Bruder. Also sollen sie euch aber auch sehen und dabei toll werden und nahe zugrunde gehen. Und so denn enthüllt euch und zeigt euch diesen eitlen Törinnen!“
BM|0|142|28|0|Auf diese Worte sagen die drei: „O du erhabener Freund, wahrlich, du bist ein großer Weiser; denn deine Rede baust du auf dem festesten Grund! Daher wollen wir denn aber auch sogleich tun, das du uns geboten hast. Mag die Wirkung ausfallen, wie sie nur immer wolle, und so denn enthüllen wir uns!“
BM|0|142|29|0|Mit diesem letzten Worte schieben alle drei zugleich ihr Haar auf die Seite, und ihrer zu großen Schönheit strahlendster Glanz macht bei den neugierigen, eitlen Nonnen ungefähr eine ähnliche Wirkung, als so da eine jede von zehn Blitzen zugleich und auf einmal wäre getroffen worden. Alle stürzen wie über einen Haufen zusammen und nur einige aus ihnen schreien mit einer dumpfen Stimme:
BM|0|142|30|0|[Einige der Nonnen:] „Wehe uns Hässlichsten, wehe uns Hässlichsten! Wir sind verloren! Krokodile, Kröten und noch tausendartiges anderes hässlichstes Geschmeiß ist um vieles schöner gegen uns, als wir gegen diese! O Herr, mache uns alle blind! Denn es ist uns besser, ewig blind zu sein, als nur einmal noch einer solchen zu ungeheuren Schönheit ansichtig zu werden!“
BM|0|143|1|1|Die drei Sonnentöchter haben Mitleid mit den ohnmächtig gewordenen Nonnen. Johannes’ und Martins Gespräch mit den Sonnentöchtern über den Herrn
BM|0|143|1|0|Nach diesen Worten verstummen sie ganz, und die drei sagen zum Martin wie auch zum Petrus und Johannes: „Ach, da habt ihr’s nun! So ihr das schon im Voraus gewusst habt, warum hießet ihr uns, sich ihnen enthüllten Angesichtes zu zeigen!? Nun liegen die Armen ganz leblos vor uns! Wer wird ihnen nun ein neues Leben wiedergeben? Könnt etwa ihr das? Oh, wenn ihr es könnt, da erweckt die Armen wieder, denn sie dauern uns gar sehr! Ach, wenn wir uns vor ihnen doch nur nicht enthüllt hätten!“
BM|0|143|2|0|Spricht Johannes: „Macht euch nichts daraus! Was hier diesen durch eure – von Gott, dem Herrn, eigens erhöhte – übermächtige gestaltliche Schönheit begegnete, ist ihnen überaus gut und heilsam. Denn eben dadurch sind sie einer letzten, aber überaus schweren materiellen Bürde ledig geworden, die sie sonst noch lange gequält hätte, und hätte sie auch ebenso lange unfähig gehalten, höhere und höchste Freuden der Himmel Gottes zu genießen. Nun aber ist diese Bürde wie mit einem Hieb von ihnen gewichen auf ewig, und so werden sie auch bald zu einem besseren und reineren Leben erstehen, und werden euch ohne Ärger, Schande und Schaden beschauen können gleich uns, und werden euch recht viel nützen können, indem sie doch Töchter des Allerhöchsten und heiligen Vaters sind!
BM|0|143|3|0|Sie sind jetzt freilich so gut wie tot, indem ihnen nun diese ihre falsche Liebe genommen wurde, die sie bis jetzt belebt hatte bei weitem mehr denn die Liebe zu Gott, dem ewigen Herrn aller Herrlichkeit und alles Lebens. Aber seht, dort ganz vom Hintergrund dieser großen Gesellschaft kommt soeben ein Mann, ein Vater, zwischen zwei Töchtern hierher. Dieser Mann wird diese nun tot zu sein Scheinenden schon zur rechten Weile wieder ins Leben zurückrufen, und vor euren Augen wird sich dadurch Gottes Herrlichkeit auftun. Daher, wie gesagt, macht euch nichts daraus; denn was diesen nun begegnet ist, ist ein heilsamster Akt für ihre noch sehr eitel gewesenen Herzen.“
BM|0|143|4|0|Sprechen die drei: „O du herrlicher, uns schon bekannter Freund! Da du uns nun so viel Tröstendes gesagt hast, so sage uns auch, wer denn jener Mann ist, der nun zwischen seinen zwei Töchtern hierher wandelt. Ist es auch ein Bruder von euch und entstammt er auch gleich wie ihr dem heiligen Planeten?“
BM|0|143|5|0|Spricht Johannes: „Wie ihr Ihn nun daher wandeln seht, ist Er wohl uns allen ein Bruder, und entstammt so wie wir Seinem hier sichtbaren gestaltlichen Wesen nach der Erde, d. i. jener kleinen Welt, die eure Weisen gemeinweg den heiligen Planeten nennen. Aber dessen ungeachtet ist Er dennoch unser aller Meister und somit auch Herr! Denn wer ein Meister ist, der ist auch ein Herr. Er aber ist unser Meister in allen Dingen; also ist Er auch ein Herr über alle Dinge, von Gott verordnet!“
BM|0|143|6|0|Sprechen die drei: „Oh, wenn so, da ist er ja um sehr vieles mehr denn ihr? Vielleicht so wie bei uns der oberste Weise, dem nicht nur alle Menschen dieser großen Welt, sondern auch alle Berge und Wässer und alle Tiere und Pflanzen gehorchen müssen?“
BM|0|143|7|0|Spricht Johannes: „Ja, ja, ungefähr so; aber noch etwas mehr, wie ihr es selbst gar bald werdet kennenlernen!“
BM|0|143|8|0|Sprechen die drei: „Müssen wir uns etwa auch vor ihm verhüllen?“
BM|0|143|9|0|Spricht Johannes: „Hat keine Not! Der kennt euch schon lange und eure ganze Welt, bevor sie noch war und bevor wir und eure Weisen waren!“
BM|0|143|10|0|Das nimmt die drei Sonnentöchter sehr wunder, dass sie darauf erwidern: „Was sagst du? Oh, das ist etwas, was wir noch nie vernommen haben, selbst von unseren größten und höchsten Weisen nicht. Denn diese sagen, diese unsere Lichtwelt sei wie eine Mutter aller anderen Welten und ist daher auch die älteste unter allen. Wenn aber diese unsere große Welt, die nahe kein Ende hat, die älteste ist – was da sicher und gewiss ist, da wir doch schon gar oft Zeugen waren, wie aus ihrem weiten Schoß neue, aber freilich nur kleine Welten, wie sie unsere Weisen nennen, geboren wurden –, wie kann da ein Weiser einer anderen, sicher kleineren Welt, die auch aus dieser unserer Welt geboren ward, älter sein als unsere Weisen, ja älter als unsere große, nahe endlose Welt?!
BM|0|143|11|0|O du sonst überherrlicher Freund, siehe, da hast du dich doch wohl sicher ein wenig verrechnet. Es müsste nur sein, dass jener euer Meister ein Urengelsgeist wäre; dann freilich wäre es etwas anderes, dann könntest du wohl recht haben. Aber so das schwerlich der Fall sein wird – was wir daraus entnehmen, dass ihn gar kein Lichtglanz umgibt, was doch bei den anderen Engelsgeistern stets so mächtigst der Fall ist, dass wir gegen sie nahe ganz finster erscheinen –, so musst du es uns schon zugutehalten, so wir dir hier einen kleinen Rechenfehler zur Last legen.“
BM|0|143|12|0|Spricht Johannes: „Meine geachtetsten Töchter! Eure Weisen rechnen wohl gut, aber wir rechnen besser. Denn seht, es ist ein großer Unterschied zwischen uns und euch! Wir sind wahrste Kinder des Allerhöchsten; ihr alle aber seid nur Seine Geschöpfe und könnt nur durch uns Seine Kindeskinder werden! Das wisst ihr auch aus dem Mund eurer Weisen. Wenn aber also, da sagt mir, wer da älter ist: die Kinder oder die Kindeskinder, was ihr seid?“
BM|0|143|13|0|Hier stutzen die drei und sagen erst nach einer Weile: „O du Herrlichster! Diese deine Frage ist von einer zu tiefen Weisheit! Diese können wir dir nicht beantworten. Vielleicht könnten es unsere Weisen wohl, was wir aber auch nicht behaupten können, da wir natürlich nicht berechnen können, wie tief sie mit ihrer Weisheit reichen. Lassen wir aber nun diese Sachen ruhen, denn euer Meister und Herr – wie du es uns gesagt hast – ist uns schon ziemlich nahegekommen. Wir wollen uns auf seinen Empfang würdig vorbereiten! Nur das sage uns nun, wie er es am liebsten hat, dass man ihm entgegenkommt, auf dass wir uns danach vorbereiten können, innerlich und äußerlich!“
BM|0|143|14|0|Spricht Johannes: „Über diesen Punkt wendet euch nur an euren zweiten Vater Martin, der euch lieben gelernt hat ehedem; der wird es euch schon ganz genau sagen!“
BM|0|143|15|0|Auf diese Beheißung wenden sich die drei sogleich an den Martin in dieser Hinsicht, und dieser spricht sogleich:
BM|0|143|16|0|[Martin:] „O ihr meine geliebtesten Töchter! Bei diesem unserem Meister und Herrn gilt nichts als allein nur die reine einzige Liebe! Daher kommt Ihm mit der größten Liebe entgegen, so werdet ihr Ihn gewinnen. Habt ihr aber Ihn gewonnen, so habt ihr alles gewonnen, denn Ihm sind alle Dinge möglich. Er könnte euch sogar zu wirklichen Gotteskindern machen, dessen bin ich vollends überzeugt!“
BM|0|143|17|0|Sprechen die drei: „Dürfen wir ihn denn wohl auch so lieben, wie wir dich ehedem geliebt haben? Dürfen wir uns auch so nach unserer neuerwachten Herzenslust recht fest an ihn schmiegen?“
BM|0|143|18|0|Spricht der Martin: „Allerdings, die Liebe kann vor Ihm nie einen Fehltritt machen. Würde Er auch im äußersten Fall zu euch sagen: ‚Rührt mich nicht an!‘, so lasst euch aber dadurch dennoch nicht abhalten und erglüht nur desto mehr zu Ihm, und fasst Ihn ehern fest in eure Herzen, so wird Er euch dann schon von selbst entgegenkommen und wird euch in aller Fülle gestatten, danach eure Herzen dürsten! Hat Er euch aber einmal in Sein Herz aufgenommen, dann erst werdet ihr eine Seligkeit in euch empfinden, von der kein Weiser dieser eurer Welt auch nur die allerleiseste Ahnung hat!“
BM|0|143|19|0|Sprechen die drei: „Ach, jene beiden Herrlichsten werden nun sicher solch eine Seligkeit in der größten Fülle genießen? Was für ein mächtiger Himmelsgeist muss er doch sein, dass ihr, als wahre Kinder des allerhöchsten Geistes, ihn als euren Herrn und Meister bekennt?! Er muss sicher der erste Sohn des Allerhöchsten sein und daher auch Sein Liebling und Sein Alles?!“
BM|0|143|20|0|Spricht Martin: „Ja, ja, ihr habt nun durch diesen euren Wurf nahe das Zentrum getroffen; es wird sich die Sache so ziemlich also verhalten. Aber nun seid nur ganz ruhig, Er wird nun sogleich hier sein! Seht, die Toten fangen bei Seiner Annäherung auch schon sich zu rühren an; daher also nur ruhig! Aber nicht wahr, meine geliebtesten Töchter, ist Er nicht endlos liebenswürdig?“
BM|0|143|21|0|Sprechen ganz entzückt die drei: „Ach Himmel, ach Himmel! Oh, so eine Liebenswürdigkeit haben sicher alle endlosen Himmel nicht noch einmal! Ach, ach, ach! Welch eine unbeschreiblichste Sanftmut strahlt aus seinem ganzen Wesen! Ach, ach, je näher er kommt, desto endlos liebenswürdiger wird er! O vergib uns, so wir dir hier sagen müssen, dass ihr, als auch Kinder des Allerhöchsten, doch nahe wie leere Schatten gegen ihn erscheint. Ach, ach, je näher er kommt, desto klarer wird es unseren Herzen, dass man außer ihm kein Wesen mehr lieben könne!
BM|0|143|22|0|O Freund, o du unser geistiger, neuer Vater, wir können nun unsere Herzen beim Allerhöchsten wahr nimmer zurückhalten; zu mächtig verlangt es sie nach ihm! Und da sieh’ hin, nun bleibt er ungefähr zehn Schritte vor uns stehen, und ach, ach, da sieh, da sieh hin! Siehe, siehe! Er winkt ja mit dem Zeigefinger! O sage uns, wem, wem, ach, wem gilt dieses heilige Winken? Ach ist das ein Winken! Sieh, sieh, die Berge dieser Welt neigen sich, sooft Er winkt! Und sieh, dort unten tief im Tal, wie das große Wasser sich erhebt und erbebt, sooft Er winkt! O sage, sage es uns, wem gilt dieses heilige Winken?“
BM|0|143|23|0|Spricht Martin, auch ganz gerührt: „Euch, euch, meine geliebtesten Töchterchen, und nach euch diesmal sicher dieser eurer ganzen Welt! Daher eilt nun hin und tut, wie ich euch früher belehrt habe!“
BM|0|143|24|0|Sprechen die drei: „Ach, führe uns hin! Wir haben nicht den Mut und die Kraft, denn unsere zu mächtige Liebe erlahmt unsere Glieder!“
BM|0|143|25|0|Martin, Johannes und Petrus greifen nun sogleich den dreien unter die Arme und führen sie gar sanft zu Mir hin.
BM|0|144|1|1|Chanchah und Gella bestaunen die Schönheit der drei Sonnentöchter. Der Herr lobt Martin. Winke über die Gnade
BM|0|144|1|1|(Am 26. Juni 1848)
BM|0|144|1|0|Als die drei mit ihren Führern bei Mir anlangen und die Chanchah und Gella dieser drei außerordentlichen Schönheiten ansichtig werden, da fahren sie förmlich zusammen, und die Chanchah spricht:
BM|0|144|2|0|[Chanchah:] „O Du mein allmächtigster Vater, was sind denn das für Wesen? Von solch einer unbegreiflichsten Schönheit hat wohl nie noch selbst der glühendsten Menschenbrust etwas geträumt! O Vater, o Vater! Sind das auch geschaffene Wesen oder sind das Urgeister, deren Sinn von Ewigkeit her makelloser war als das Licht des reinsten Sternes?
BM|0|144|3|0|Ach, wie gar entsetzlich hässlich muss ich mich im Vergleich mit diesen ausnehmen! Ja, wenn ich diese beschaue, da kommt es mir – o vergebe mir solch einen Gedanken – gerade vor, als solle es Dir, o Vater, nahe unmöglich sein, die weibliche Menschengestalt gar so unendlich schön zu gestalten!? Aber freilich ist solch ein Gedanke ebenso dumm und blöde, als ich selbst nun! Oh, oh; wahrlich, ihre endloseste Schönheit ist für mich nahe völlig unerträglich!“
BM|0|144|4|0|Nach diesen Worten verstummt die Chanchah; die Gella aber ist schon gleich von Anfang stumm und weiß sich nicht zu raten und zu helfen, sondern seufzt bloß heimlich im Gefühl ihrer vermeintlichen größten Hässlichkeit.
BM|0|144|5|0|Ich aber belasse die beiden aus dem besten Grund eine Weile in solcher ihrer Zerknirschung und sage darauf zum Martin: „No, no, mein geliebtester Bruder Martin, das Fischen geht bei dir ja recht gut vonstatten. Da hast du Mir ja drei recht artige Fischlein sogar aus den tiefen Gewässern der Sonne gefangen, was Mir eine recht sehr große Freude macht! Ich sehe schon, dass dir das Fischen hier besser gelingt als auf der Erde. Daher werde Ich dich schon müssen zu einem wirklichen Fischer in den Gewässern der Sonne machen. Du wirst nun ganz besonders fest und taugst wirklich zu Meinem Bruder Petrus und Johannes, die stets Meine Hauptfischer in der ganzen Unendlichkeit sind.
BM|0|144|6|0|Wahrlich, diesmal hast du dich selbst übertreffend ausgezeichnet! Sieh, das ist die erste rechte Freude, die du Mir gemacht hast! Denn bis jetzt ist es nahe noch keinem ausgesandten Fischer in dieser Lichtwelt gelungen, Menschen eben dieser Welt in das Netz der Liebe zu fangen! Denn ihre Weisheit ist groß und ihre Schönheit hat viele Fischer schon ganz ohnmächtig gemacht. Aber du hast dich da, wie gesagt, wirklich wie ein Meister ausgezeichnet. Ich werde dich daher schon über Größeres setzen müssen, weil du im Kleinen so gut gewirtschaftet hast!“
BM|0|144|7|0|Spricht Martin: „O Herr, o Vater, zu viel, zu viel Gnade! Du weißt es ja, dass man von einem Ochsen nichts als ein Stückchen Rindfleisch haben kann. Und was bin ich sonst wohl vor Dir als ein Ochse und mitunter manchmal auch noch ein anderes Vieh! Du weißt schon, was für ein Vieh ich meine!
BM|0|144|8|0|Ohne Deiner ganz besonderen Gnade wäre es mir in Gesellschaft dieser drei allerliebsten Töchter sicher ganz absonderlich schwach und schlecht ergangen. Denn hätten sie mir mit ihrer Weisheit auch schon keinen gar zu mächtigen Rippenstoß versetzt, so doch einen desto mächtigeren mit ihrer allerreizendsten Schönheit.
BM|0|144|9|0|Oh, oh, und das was für einer Schönheit vom Kopf bis zur letzten Zehe! Aber da griffst Du mir durch die zwei kräftigsten Brüder unter die Arme, und siehe, da ging es freilich! Hättest Du mich aber nur ein wenig frei gelassen, da wäre ich ja an der Stelle fertig geworden mit meiner Stärke. Wie es mir aber sodann weiter ergangen wäre, das wirst Du, o Herr, sicher am besten wissen!“
BM|0|144|10|0|Rede Ich: „Mein lieber Bruder, da hast du freilich wohl recht geantwortet, denn ohne Meiner kann niemand etwas tun. Aber siehe, die Sache ist so:
BM|0|144|11|0|Das Zukommenlassen Meiner Gnade, das ist freilich Mein Werk, das da niemandem vorenthalten wird. Aber das Ergreifen dieser Meiner Gnade und das Handeln danach ist das eigene Werk eines jeden freien Geistes und sonach auch das deinige. Und darum auch lobe Ich dich, dass du Meine Gnade so vortrefflich wohl ergriffen und danach gehandelt hast!
BM|0|144|12|0|Ich lasse Meine Gnade aber gar vielen zukommen, und sie erkennen dieselbe auch und loben Mich darob. Aber so sie danach handeln sollen, da achten sie der Gnade nicht und bleiben stets gleich in ihrer irdischen schlechten Gewohnheit. Solange sie im Leib sind, da tun sie, was ihrem Fleisch wohltut und bleiben sinnlich bis auf den letzten Augenblick; und kommen sie dann in das Geisterreich, so sind sie dann noch zehnfach ärger als sie auf der Welt waren, indem sie hier alles haben können, was sie wollen. Sie haben auch stets gleich mächtig Meine Gnade; aber sie achten ihrer nicht, und das ist schlimm für sie.
BM|0|144|13|0|Du aber hast nun Meine Gnade geachtet in der Tat und bist darum Meines Lobes wert. Besonders hier, wo es um tausend Mal schwerer ist als auf der Erde, Meine Gnade ins Werk zu setzen. Fahre nur so fort, so wird sich dein Geist bald einer Freiheitsstärke erfreuen, die ihresgleichen sucht!“
BM|0|144|14|0|Petrus und Johannes geben selbst Zeugnis und sagen: „Wahrlich, wir beide hätten den Mut nicht gehabt, den Sonnenweibern mit der Liebe zu kommen, weil wir sie kennen, was sie können, so sie bei einem Geist nur die leiseste Schwäche entdecken! Aber dem Martin ist es gelungen. Dir, o Herr, allen Preis darum und dem Martin eine herrlichste Heldenkrone!“
BM|0|144|15|0|Sage Ich: „Ja, also sei es! Nun aber stelle Mir du, Mein lieber Bruder Martin, deine drei Fischlein vor, auf dass Ich aus ihnen erfahre, wie du sie für Mich zubereitet hast!“
BM|0|145|1|1|Der Herr und die drei liebereifen Sonnentöchter
BM|0|145|1|0|Auf diese Beheißung wendet sich der Martin zu den dreien und spricht zu ihnen: „Nun, meine geliebtesten Töchter, sind wir am rechtesten Ort! Da schüttet eure Herzen aus, wie ich es euch gelehrt habe und wie es die Glut eurer Herzen verlangt!“
BM|0|145|2|0|Auf diese Worte Martins breiten die drei schnell ihre überschönsten Arme aus und wollen sogleich Mir an die Brust fallen.
BM|0|145|3|0|Ich aber bedeute und sage ihnen: „Meine geliebten Kindlein, noch rührt Mich nicht an, da ihr noch in eurem Fleisch seid; denn solches würde euren Leib töten! Wann ihr aber entleibt sein werdet, werdet ihr Mich ohne allen Schaden anrühren und angreifen dürfen. Ich bin ein Geist, ein vollkommenster Geist; daher können nur vollkommene Geister mich anrühren.“
BM|0|145|4|0|Sprechen die drei: „Ist dieser dein Bruder ja doch auch ein Geist! Und sieh, wir lagen an seiner Brust und lernten da die Liebe kennen, und es hat uns nicht geschadet! So du, allerhöchster Meister und Herr deiner Brüder, aber ein noch vollkommenerer Geist bist, da meinen wir, dass es uns noch weniger schaden wird, so wir an deiner Brust noch in höherem Grad die allersüßeste Liebe verkosten und uns so der Liebe ganz hingeben wollen!
BM|0|145|5|0|Und was ist es denn, wenn wir dadurch entleibt würden? Es ist ja doch besser, ohne Leib lieben, als mit dem Leib von der Liebe verbannt zu sein! O sieh uns doch an und fühle, wie wir gar sehr leiden, so wir dich nicht nach unserem Herzensdrang lieben dürfen!“
BM|0|145|6|0|Rede Ich: „Meine lieben Kindlein! Lieben dürft ihr Mich schon aus allen euren Kräften, die Liebe sei euch nicht vorenthalten. Aber nur anrühren sollt ihr Mich noch nicht, weil euch das schaden würde! Aber so eure Liebe schon so heftig ist, dass sie euren Leib nahe auflösen möchte, da könnt ihr wohl Meine Füße anrühren; denn die Brust wäre wohl zu sehr heiß für euch!“
BM|0|145|7|0|Mit diesen Worten stürzen die drei sogleich zu Meinen Füßen nieder, umklammern dieselben mit ihren zartesten Händen und sprechen dann mit einer überzarten und ebenso harmonischen Stimme: „Ach, ach, welch eine unendliche Süßigkeit! Oh, wüssten doch unsere Brüder zu vielen Äonen, wie endlos süß die Liebe ist, sie gäben alle ihre Weisheit für einen Tautropfen solcher Liebe!
BM|0|145|8|0|O du herrlichster Herr und Meister deiner Brüder! Warum, warum wissen denn wir Menschen dieser großen herrlichen Welt nichts von der Liebe? Warum müssen wir allein nur in der ewig nimmer ganz zu erforschenden Weisheit der Himmel des ewigen Urgeistes wühlen und dabei nie gewahren, was die Liebe, die allersüßeste Liebe ist!?“
BM|0|146|1|1|Die Bedingungen zur Erreichung der Gotteskindschaft auf der Erde
BM|0|146|1|0|Rede Ich: „O ihr Meine lieben Kindlein! Seht, der Leib eines Menschen hat mannigfache Glieder und Sinneswerkzeuge. Aber es kann das Ohr nicht haben, was das Auge, der Mund nicht, was die Nase, der Kopf nicht, was das Herz, und das Herz nicht, was die Füße und Hände. So aber der ganze Leib gesund ist, da sind es auch alle einzelnen Glieder, und es fühlt sich das Auge nicht unglücklich, weil es nicht hört, und das Ohr nicht, weil es nicht sieht.
BM|0|146|2|0|Also hat auch das Haupt sich noch nie beklagt, weil es weiter vom Herzen entfernt ist, denn die Lunge. Denn alle Glieder, welcher Verrichtung sie auch sein mögen, genießen und leben doch von einem Herzen, das da ist die Wohnung der Liebe und des Lebens. Und so, Meine Kindlein, seid auch ihr, wenn schon nicht das Herz selbst in der großen Ordnung der Dinge Gottes, so doch gleiche Mitgenießer alles dessen, was aus dem Herzen Gottes kommt. Wer aus euch aber ganz besonders die Liebe erkennt, wie ihr nun, der wird auch von der Liebe aufgenommen werden!
BM|0|146|3|0|Solange ihr noch Blut seid, könnt ihr jedes Gliedes Anteil werden. Aber, so das Blut einmal als Nährteil irgendeines Gliedes geworden ist, und ist mit ihm zur Einheit zusammengeflossen, dann ist an eine Weiterführung solch eines sich schon mit einem bestimmten Glied vereinigten Blutteiles nicht mehr zu gedenken.
BM|0|146|4|0|Ich weiß es wohl, dass da eure Weisen oft über das große Vorrecht jener kleinen Welt – die sie gewöhnlich den heiligen Planeten nennen, darum seine Menschen ausschließend Kinder des Allerhöchsten sind – erstaunen. Aber bedenkt, wie gar sehr elend müssen sie alldort ihr zeitweiliges Leben zubringen!
BM|0|146|5|0|Hunger, Durst, große Kälte, oft eine noch größere Hitze, nebst einem sehr gebrechlichen Leib müssen sie von Kindheit an ertragen. Dieser ihr gebrechlicher Leib aber ist noch dazu tausend schmerzlichsten Krankheiten und endlich noch einem sicheren schmerzlichen Tod unterworfen! Mit großen Schmerzen wird dort der Mensch geboren und mit großen Schmerzen muss er wieder die Welt verlassen.
BM|0|146|6|0|Bis in sein oft zwölftes Jahr ist dort der Mensch oft kaum eines reifen Gedankens fähig und wird mit der Rute, deren Hiebe sehr schmerzen, zum vernünftigeren Menschen gebildet. Ist er nun halbwegs bei seiner Vernunft, so wird ihm schon das harte Joch von einer Menge schwerst zu beobachtender Gesetze aufgebürdet, für deren Übertretung ihn nicht nur schwere und schmerzliche zeitliche, sondern sogar allerschärfste und unausbleibliche ewige Strafen erwarten.
BM|0|146|7|0|Daneben muss er aber noch, um das Leben seines ohnehin gebrechlichen, mühseligen, schweren Leibes zu fristen, im brennenden Schweiß seines Angesichtes seine Nahrung bereiten! Und ist bei alledem oft bis auf den letzten Augenblick seines irdischen Lebens in der beständigen Ungewissheit, ob es nach dem schmerzlichen Tod seines Leibes noch irgendein Leben gibt. Und so es schon eines gibt, so ist das für ihn nicht selten schrecklicher gestellt und weniger wünschenswert als eine ewige Vernichtung selbst. Zu allen den Bitterkeiten des Lebens wird er aber dennoch von einer außerordentlichen Liebe zum Leben dergestalt beseelt, dass ihm der Tod bei allen erdenklichen Drangsalen seines kummervollsten Lebens dennoch als etwas Allererschrecklichstes erscheint!
BM|0|146|8|0|Wenn ihr nun so die Menschen des von euch sogenannten heiligen Wandelsternes betrachtet, was sie ausstehen müssen, um ihrem einstigen, freilich höchsten Beruf zu entsprechen, sagt, so ihr euch dagegen betrachtet, sind sie von euch zu beneiden? Oder möchtet ihr das ausstehen, um möglicherweise das zu werden, was sie auch von der Geburt an noch lange nicht sind und auch nie werden können, so sie nicht alle die schweren Bedingungen nach den gegebenen strengen Gesetzen erfüllen, die ihnen unmittelbar unter den strengsten Sanktionen von dem allerhöchsten Gottesgeist gegeben sind?!“
BM|0|147|1|1|Kritik der drei Sonnentöchter an der entbehrungsreichen Gotteskindschaft auf der Erde
BM|0|147|1|0|Bei dieser Beschreibung stehen die drei Sonnentöchter wieder auf und sagen: „O du erhabenster Freund und Meister großer Weisheit! Wenn der große Gott Seine werdenden Kinder so behandelt, da schaffen wir von solch einer Kindschaft ewig nichts! Denn wenn dann auch einer vielleicht aus Tausenden durch ein ganz entsetzlich selbstverleugnendes Leben mit der so hart und schwer errungenen Kindschaft alle Fähigkeiten des Allerhöchsten überkommen hätte, so sind sie aber dennoch nichts gegen solche Leiden! Und dreimal nichts, weil sie nur jenem zuteilwerden können, der durch sein Leben am meisten alles erdenkliche Elend geduldigst ausgestanden hat.
BM|0|147|2|0|Denn was nützt einem solchen Kind wohl selbst die größtmöglichste Seligkeit, die ihm ein allerhöchster, allmächtigster Gottgeist nur immer bereiten kann? Wenn ihm die Erinnerung bleibt, was er einst darum hat ausstehen müssen, so muss sie ihm jede Seligkeit verbittern auf ewig, und das umso mehr, so er daneben gewahr werden muss, dass seine ebenbürtigen Brüder sicher zu Tausenden allerelendst in irgendeinem ewigen Strafort schmachten, während er vielleicht aus vielen Äonen [als] der Einzige glücklich seine erschrecklichste Lebensaufgabe gelöst hat.
BM|0|147|3|0|Erinnert er sich aber seines einstigen Elendes nicht und kümmern ihn seine ewig unglücklichsten Brüder nimmer, darum er allein das nahe unerreichbare Glück hatte, ein Kind Gottes zu werden, da ist er um sein Leben betrogen, da er ohne Rückerinnerung doch unmöglich sagen kann, dass er ihm solch eine Glückseligkeit erworben habe. Und kennt er die nimmer, die neben ihm elendst geworden sind, da ist bei uns ein Kind im Mutterleib ja schon weiser und erleuchteter denn so ein elendes Gotteskind, das von seiner Gotteskindschaft außer einer stumpfen Seligkeit sicher nichts als bloß nur den leersten und bedeutungslosesten Namen hat!
BM|0|147|4|0|Oh, bei so bewandten Umständen – höre du, wenn auch ein allererster Sohn Gottes –, schaffen wir von der Gotteskindschaft nichts, und könnten wir auch dir gleichgestellt werden, vorausgesetzt, dass dich deine Gotteskindschaft auch verhältnismäßig große Vorleiden gekostet hatte!? Wir begreifen aber da auch die Weisheit Gottes nicht, wie sie an solchen durchgemarterten Wesen ihre Lust haben kann! Wahrlich, solch ein Gott, und unser Gott, die müssen wenig voneinander wissen!
BM|0|147|5|0|Ihr dauert uns wirklich von ganzem Herzen! Kommt mit uns und bleibt bei uns, da soll es euch besser gehen als bei eurem Gott, der nur Freude an den Elenden hat!
BM|0|147|6|0|Wohl ist eure Liebe etwas Süßes und ist zum Teil die Basis des Lebens. Aber was nützt all diese Lebenssüßigkeit, so dabei der Geist ein ewig gebundener bleibt und seine Bewegung so gut wie keine ist, da es ihm nur gegönnt ist, sich innerhalb der engstgezogenen Schranken einer bestimmtesten Ordnung zu bewegen!
BM|0|147|7|0|Wir Menschen hier auf dieser großen Welt sind wahrhaft frei, und die alleinige Weisheit ist es, die uns frei macht und untertänig alle Dinge der Weisheit unserer Geister. Da wir aber eben in und durch die Weisheit frei sind und die Liebe bloß nur als eine stumme, vegetative Kraft betrachten, so gibt es bei uns aber keine Gebrechen, weder physisch und noch weniger sittlich.
BM|0|147|8|0|Wir sind vollkommen in der Gestalt, vollkommen im Denken, Begehren und Handeln; und nichts könnt ihr bei uns finden, weder in den Tälern noch auf den Bergen, das da nur mit der geringsten Unvollkommenheit behaftet wäre.
BM|0|147|9|0|Neid, Zorn, Ehrsucht, Geiz, Geilheit und Herrschsucht sind dieser Welt – soweit wir sie kennen – völlig fremd; denn die rechte Weisheit lehrt uns in allem gleiche Rechte und gleiche Vorzüge. Denn wir alle sind vollkommene Ebenmaße des allerhöchsten Geistes und ehren diesen in uns gegenseitig durch die rechte Weisheit, die wir von Ihm haben. Und seht, das ist eine rechte, dieses Geistes würdige Ehrung!
BM|0|147|10|0|Ihr aber meint, durch die alleinige Liebe werdet ihr Ihn gewinnen und werdet Seine allmächtigen Kinder sein!? O ihr Elenden, o ihr Schwachen, meint ihr, als vermeintliche Kinder, denn doch im Ernst, man darf nur so ein wenig juckenden Herzens dem höchsten Geist kommen und Ihm gleich wie einem neugeborenen Kind nur einen süßlichen Saugzuzel antragen, um Ihn zu gewinnen!?
BM|0|147|11|0|Oh, da seid ihr alle in einer sehr bedauerlichen Irre und zeigt dadurch, dass euch als selbst schon vollkommenst sein wollenden oder sollenden Geistern der Begriff ‚Geist‘ vollkommen fremd ist! Ihr kennt euch nicht, habt euch noch nie erkannt; wie wollt ihr dann erst den ewigen Urgeist aller Geister kennen und am Ende gar Seine ausgezeichnetsten Kinder sein? Kommt zu uns in die Schule, da werdet ihr zuerst euch und sodann erst den allerhöchsten Geist kennenlernen!“
BM|0|148|1|1|Fortsetzung der kritischen Weisheitsrede der drei Sonnentöchter
BM|0|148|1|0|[Die drei Sonnentöchter:] „Wir nahmen wohl wahr, dass besonders dieser Bruder, den ihr ‚Martin‘ nennt, einige sehr beachtenswerte Fünklein mystischer Weisheit besitzt, ähnlich der unserer Hochgebirgsweisen, die uns auch manchmal mit Dingen kommen, die, so wie ihre Wohnungen, über unserem Gesichts- und Erkenntniskreis liegen. Aber was nützt ihm und euch solch eine hohe Mystik, wenn euch die ersten Prinzipien der praktischen Lebensweisheit gänzlich ermangeln!?
BM|0|148|2|0|Diese aber bestehen in der gerechten Nachgiebigkeit gegen Schwache. Denn wo der Starke gegen den Schwachen stark sein will und ein Sieger über ihn, da ist alle Ordnung der Weisheit verloren. Denn jede Kraft muss den Sieg in ihrem klaren Bewusstsein finden und nie in der schmählichen Unterjochung dessen, der schon von weitem als der bei weitem Schwächere erscheint.
BM|0|148|3|0|Und so handelten auch wir, als wir euch als die bei weitem Schwächeren auf unserem Boden erschauten: wir taten, was ihr wolltet, um euch desto tiefer erforschen zu können. Wir haben ja auch nun genau erforscht und erkannt, dass ihr sehr bedauerliche Wesen seid. Daher laden wir euch, trotzdem ihr Geister seid, denn auch ein, bei uns zu verbleiben, um hier die rechte Weisheit zu erlernen, die euch vor allem nottut, wollt ihr mit der Zeit bessere Gedanken und Begriffe von dem allerhöchsten Geist bekommen!
BM|0|148|4|0|Wohl haben uns unsere reinen Geister aus den schwebenden Lichtgewässern verkündet, dass wir uns euch nicht widersetzen sollen, da in eurer Mitte sich der Erschrecklichste befinde; aber wir begriffen diesen Zuruf damals nicht ganz! Nun aber ist es uns schon klar, dass sie darunter niemanden als dich verstanden; und dieses Erschrecklichste besteht sicher darinnen, dass du in einer wundersam törichten Einbildung es wohl am weitesten gebracht hast, da du dich, wie wir sehen, im Ernst für den allerersten Sohn des Allerhöchsten hältst, und auch deine Brüder in solch einem Wahn bestärkst und zu erhalten suchst. Und das eben ist das Erschrecklichste bei uns, so es sich jemand beifallen lässt, seine schwächeren Brüder zu täuschen!
BM|0|148|5|0|Wer stark ist, der verberge seine Stärke nicht, aber er mache sie auch nicht geltend an dem Schwachen! Wer aber schwach ist, der scheine nicht, als wäre er stark, sondern schwach! So wird die Kraft des Starken und die Schwäche des Schwachen zu einer Stärke im Starken!
BM|0|148|6|0|Beherzigt diese Worte wohl! Sie kommen euch nur aus dem Mund der nahe unmündigen Kinder dieser herrlichen Welt entgegen; kommt aber in unsere gastfreisten Wohnungen unserer Alten, dort soll euch ein viel kräftigeres Licht angezündet werden. Es hindere euch nicht, dass ihr euch schon als vollkommen wähnt und meint, es würde uns schaden, so wir eure Brüste anrührten! Oh, des seid ganz unbesorgt!
BM|0|148|7|0|Denn seht, wir sind ja eben durch die rechte Weisheit schon jetzt als Kinder in unseren diesirdischen Leibern um sehr vieles reingeistiger, als ihr es je werdet. Denn das Geistige liegt doch sicher nicht im Leib, sondern im eigentlichen Geiste, der doch stets derselbe ist und bleibt, ob in einem gröberen oder feineren ätherischen Leib.
BM|0|148|8|0|Auch müsst ihr unsere Leiber nicht nach denen bemessen, die ihr auf eurem sogenannten heiligen Planeten getragen habt, die gröber, schwerer, finsterer und plumper waren als die gröbsten Steine dieser Welt. Denn ihr seht es ja doch leicht selbst, dass da unsere Leiber schon bei weitem ätherischer und dem Licht verwandter sind als eure Geister, wie sie hier zu sehen sind, und die bei weitem größere Reinheit und rechte Ordnung in sich vereinen, weil sie von dem ihnen innewohnenden Geist allzeit durchwirkt werden.
BM|0|148|9|0|Daher zieht nur voll ganz guter Dinge mit uns! In unseren Wohnungen sollt ihr sicher lauterer werden, als ihr es nun seid. Aber alles dessen ungeachtet geschehe eurer Schwäche nicht der allerleiseste Zwang durch die überwiegende Stärke, die wir nicht also prunkend ausstecken wie du, Freund Martin, es ehedem getan hast, als du stark lächerlicherweise von einer Kraft – trotzdem du der Schwächste wärest – an dir sprachst, mit der du unsere große Welt so etwa wie die zarte Knospe einer ätherischen Lichtstaubblume zwischen dem Daumen und Zeigefinger ganz leicht zerreiben könntest!
BM|0|148|10|0|Findest du nun nicht selbst, dass du deine Kraft denn doch ein wenig zu hoch angeschlagen hast?! Aber es werde dir darum kein Vorwurf, denn du sprachst es in deinem blinden Eifer und kanntest uns nicht. Nun du uns aber hoffentlich besser kennst, da wirst du auch so was nimmer von uns denken, geschweige laut aussprechen.
BM|0|148|11|0|Wir aber gehen nun voraus, und so ihr wollt, da folgt uns, und seid versichert, dass ihr bei uns über alle Maßen freundlich aufgenommen werdet in unseren festen Häusern, die nicht wie dein himmlisches in einer fixierten Einbildung, sondern in der festesten Wirklichkeit bestehen, gebaut mit unserem Willen und mit unseren Händen!
BM|0|148|12|0|Auf dass du, Martin, aber siehst, dass unsere Weisheit denn doch ein wenig weiter reicht und wir dich besser kennen und euch alle, als du es meinst, so sollst du in der Wohnung unserer Alten ein Schauspiel finden, in dem du dich vom Uranfang bis zu diesem deinem Augenblick ganz wiederfinden wirst!
BM|0|148|13|0|Du wähnst nun wohl, schon recht weit außer deinem hochhimmlischen Haus zu sein, und siehe, wir sind in diesem Augenblick in selbem und sehen alles genau, wie es in ihm zugeht, wie wir auch Zeuge waren, als du dem verkappten Drachen einen feurigsten Kuss verabreichen wolltest! Aber denke nun nicht über solche unsere Gesichtsstärke nach, denn zur rechten Zeit wirst du in der wahren Weisheit den Grund von alledem finden, so du uns folgen willst. Dein und euer aller freier Wille geleite euch! Wir gehen nun voraus!“
BM|0|148|14|0|Auf diese längere Rede entfernten sich die drei.
BM|0|149|1|1|Niederschlagende Wirkung der Weisheit der drei Sonnentöchter auf Martins Siegesgewissheit
BM|0|149|1|0|Martin aber, der schon lange wie auf Nadeln gestanden ist, wendet sich sogleich zu Mir und spricht: „O Herr, o Vater – ganz gehorsamster Diener, da sind wir einmal ins rechte Wespennest geraten! Nein, das ist noch über alles, was mir bis jetzt vorgekommen ist!
BM|0|149|2|0|O Bruder Petrus und Johannes, ihr habt meinen Mut und Sieg viel zu früh gepriesen und die Heldenkrone angelobt! Jetzt hat es sich gezeigt, was für einen Sieg ich errungen habe und wie gut uns allen nun die drei Sonnenforellen geschmeckt haben!
BM|0|149|3|0|O Herr, wenn ich auf meine, Du weißt es, lumpigste Fischerei zurückdenke, so wahr ich Dich über alles liebe, so war sie für mich rühmlicher denn diese! Deine Güte und Gnade hat mich hier ehedem schon zu einem rechten Fischmeister in den Lebensgewässern der Sonne ernannt! Aber nun muss ich Dir schon mit der Bitte kommen, mir diese löbliche Meisterschaft ja sogleich wieder abnehmen zu wollen! Denn diese Fische fräßen mich ja doch lange eher – beim Potz und Stängel gleich gebraten am sauren Kraute, wie man zu sagen pflegt – auf, bevor ich so ganz eigentlich daran denken könnte, aufs Fischen auszugehen!
BM|0|149|4|0|O du verzweifelter Sturmwind! Nein, nein, diese drei haben uns allen hier die Leviten aus allen Sternen auf einmal vorgelesen! Und das Allerverzweifeltste ist dabei nur das, dass man ihnen im Grunde wenig oder nichts einwenden kann! Sie sind gut, edel, sanft, nachgiebig und dabei ganz unaussprechlich hold und schön. Aber doch möchte ich nun vor Ärger gerade zerspringen, dass mich diese – sage drei Kinder gar so schmählichst angesetzt haben!
BM|0|149|5|0|Wir sollen ihnen folgen?! Ich einmal nicht! Wer noch? Das ginge uns gerade noch ab, zu ihnen in die Schule zu gehen! Und Du, o Herr, etwa Selbst mit? Und du, Petrus, und Johannes auch? Die Sache machte sich! Was sagst denn Du, o Herr, Du mein Alles, dazu?“
BM|0|149|6|0|Rede Ich: „Sei nur ruhig, und wir alle tun, was die drei von uns wünschen, d. h. wir folgen ihnen und wollen sehen, was da herauskommen wird. Je verwickelter eine Komödie ist, desto beseligender ihre Löse. Denn siehe, ihr als Meine ersten Kinder, Brüder und Freunde müsst ja alles kennenlernen, sonst wärt ihr nicht geschickt zu Meinem Dienst. Daher gehen wir nun nur ganz geduldig den dreien nach.“
BM|0|149|7|0|Spricht Martin: „Herr, Du weißt es, dass ich jetzt wie alleweil sage und sagen werde: ‚Dein allein heiligster Wille geschehe!‘ Denn ich weiß es ja, dass nur Du ganz allein alle Wege kennst, die wir zu gehen haben, um zu jenem Ziel zu gelangen, das Du als Gott, Vater, Herr und Liebe und Weisheit uns für ewig gesetzt hast. Aber alles dessen ungeachtet stehe ich nun erst hier so recht wie ein barster Ochse am Berg und kann nicht einmal in diesem Moment auf einmal die Masse der Widersprüche zusammenfassen, die jetzt diesen drei Sonnengöttinnen wie in einem Strom entsprudelt sind!
BM|0|149|8|0|Ich sehe es nun immer klarer ein, dass ihre Sätze voll Widerspruchs sein müssen. Und doch kann ich ihnen nichts einwenden; denn was sie redeten, war und ist faktisch richtig.
BM|0|149|9|0|Aber Du wirst es Selbst am besten bemerkt und gesehen haben, wie sie an meiner Brust selig waren, gewisserart erlernen wollend die Liebe, deren Süßigkeit sie so sehr priesen, dass darob ihre Begleiter, oder was sie sonst sein mochten, mir Gewalt antun wollten und beriefen zu dem Behufe sogar ihre Geister, die ihnen dann freilich einen ganz anderen Bescheid gaben. Da war ihnen die Liebe alles; nun ward sie von eben ihnen als eine stumme Vegetativkraft deklariert, also ungefähr als ein Unding, das für sich gar nichts ist, sondern bloß nur den freieren Wesen zur Fortpflanzung als ein seiner selbst unbewusstes stummes Motiv dient, das wahrscheinlich in einem nichtigen elektromagnetischen, höchst imponderablen Fluidum besteht!
BM|0|149|10|0|Wie war ihre Sprache, als Du ihnen zu Dir zu kommen winktest! Welch eine überdavidsche Lyrik entfloss da ihrem schönsten Mund! Ich dachte mir: ‚Nun da haben wir’s, die haben Ihn schon erkannt oder ahnen es wenigstens stark, wer hinter Ihm steckt!‘ Aber wie sehr habe ich mich an ihnen getäuscht, wie ganz anders waren und sprachen sie, als sie Deine Füße umklammert hielten! Und gewaltigst hat sich ihre Rede geändert, als Du ihnen die sehr bitteren Bedingnisse kundgabst, unter denen ein Mensch auf der Erde zu Deiner Kindschaft einzig und allein nur gelangen könne – wobei Du aber freilich von Deiner endlosen Liebe, Erbarmung und Gnade wenig merken hast lassen!
BM|0|149|11|0|Ich sage Dir, o Herr und Vater, wenn das mit diesen Sonnenbewohnern so fortgehen wird, werden wir hier eine ganz verzweifelt sparsame Ernte halten. Denn da möchte ich eher mit dem Satan mir etwas auszurichten getrauen als mit diesen drei leider schönsten Sonnengöttinnen!
BM|0|149|12|0|Wahrlich, diese sind erst, wie man zu sagen pflegt, so recht des Teufels! Schön, wie sich schon keine menschliche Phantasie etwas Schöneres vorstellen kann, dabei aber verschmitzt, ärger denn alle unsere daheimgelassenen löblichen Badegäste, die ehedem als ein sehr respektabler Anhang des Luziferus von Dir von ihm getrennt wurden! Ich behaupte, ein sehr ungestaltig hässlichster Teufel ist um tausend Mal weniger gefährlich als ein solches überhimmlisch schönes Wesen, wenn es so ausgedehnte Teufelspfiffigkeiten besitzt!
BM|0|149|13|0|Aber sei es ihm nun, wie ihm wolle. Wie Du willst, so werde ich – wie sicher wir alle – handeln und werden nun auch in ihre Wohnung gehen. Aber das, o Herr, wirst Du mir wohl erlauben, dass ich bei guter Gelegenheit meiner Zunge keinen Zaum anlegen darf? Ihre unbegrenzte Schönheit wird mich nun nicht mehr beirren, und daher freut euch, ihr frommen Wesen dieser Welt, jetzt sollt ihr den Martin auf eine Art verkosten, dass euch eure große Weisheit wie eine Milbe gegen einen Berg vorkommen soll! Denn um Deiner Ehre und um Deines Namens willen will ich zu einem Löwen werden und kämpfen mit tausend glühendsten Schwertern zugleich. Aber freilich darfst Du, o Alles über Alles, mich nicht im Stich lassen! Denn so Du das tätest, da könnte ich mit meinem großen Mut erst in eine rechte Soße kommen!“
BM|0|150|1|1|Des Herrn liebweise Verhaltensregeln an Martin. Winke über die inneren Vorgänge bei den drei Schönen
BM|0|150|1|0|Rede Ich: „Mein lieber Martin, dein Wille und dein Mut sind überaus gut und alles Lobes wert. Aber nur musst du dir nie im Feuer – wenn auch eines gerechten Ärgers – etwas zu tun vornehmen, bevor du den wahren Grund durchschaut hast, aus dem du wie ein Löwe mit tausend Schwertern kämpfen möchtest!
BM|0|150|2|0|Siehe, Ich habe dich ehedem zu einem Fischmeister dieser Welt ernannt, und das wirst du auch verbleiben. Und deine vom Petrus angebotene Heldenkrone wird dir auch bleiben, weil du hier wirklich ganz eigentümlich meisterlich dich benommen hast. Denn wie dir Mein Bruder Petrus selbst bemerkt hat, so ist es äußerst schwer, diese Wesen dahin zu bringen, als du sie – wennschon durch Meine Kraft in dir – gebracht hast.
BM|0|150|3|0|Glaube ja nicht, dass diese drei nun, weil sie von Mir notwendigerweise etwas zurückgedrängt worden sind, der Liebe – laut ihrer langen Wahrheitsrede – entsagt haben in ihrem Herzen! Hätten sie das, da hätten sie uns nimmer ihnen zu folgen geheißen und hätten auch nicht so viele Worte an uns gerichtet; denn siehe, ihre Weisheit ist sonst sehr einsilbig.
BM|0|150|4|0|Aber weil eben ihr Herz heimlich an uns gar mächtig hängen blieb, so hatten sie viele Worte gemacht, und wären noch gar lange nicht fertig, so wir ihnen etwas eingewendet hätten. Da wir sie aber reden ließen, wie ihnen die Zunge gewachsen ist, so mussten sie endlich fertig werden, und Ich sage es dir, sie schieden heimlich mit überschwerem Herzen von uns und können nun nicht erwarten, bis wir ihnen nachkämen; daher, wie du es nun sogleich selbst sehen wirst, sie uns auch sogleich wieder entgegenkommen werden, bis hierher sogar, darum wir auch ein wenig hier verharren!
BM|0|150|5|0|Siehe, es wäre daher sehr unbillig, so wir sie nun nach ihrer früheren, rein aus ihrer Eifersucht hervorgehenden Rede beurteilen wollten, welche Eifersucht eben die neuerwachte Liebe in ihnen erzeugt hat! Sie sahen, dass uns ihre Schönheit gewisserart kalt lässt und dass sie bei uns sich weder durch ihre Schönheit, noch durch ihre heftige Liebe so recht beliebt machen können. Daher nahmen sie zu einer gutmütigen Weisheit ihre Zuflucht und wollen sich uns so viel als möglich nützlich erweisen.
BM|0|150|6|0|Sage nun selbst, wäre es wohl löblich, so du sie als ein Löwe mit tausend glühendsten Schwertern bekämpfen möchtest? Denke darüber nur selbst bei dir so ein wenig nach und sage Mir, ob sich die Sache nicht so verhält!“
BM|0|150|7|0|Martin denkt hier, ganz große Augen machend, auch ganz ernstlich nach und spricht nach einer Weile: „Ja, ja, ja, ganz überaus bestimmt ja! Es ist richtig also! O ich Vieh, o ich dümmster Esel und Ochse zugleich, vielleicht der einzige auf dieser großen, lichten, besseren Erde!
BM|0|150|8|0|Wo – wo – wo habe ich denn um Deines heiligsten Namens willen meine Augen, meine langen Ohren, meine fünf Sinne überhaupt gehabt?! Nein, wenn ich nun nur so einen recht festen Knittel bei der Hand hätte, um mir meinen dümmsten Hirnkasten so recht tüchtig durchzuklopfen, da geschähe es mir ordentlich leichter!
BM|0|150|9|0|Diese allerliebsten liebendsten Herzerln wollte ich – nein, ich mag es gar nicht wieder aussprechen, denn es ist zu dumm, was ich wollte. Und richtig, dort kommen sie schon wieder über eine kleine Anhöhe herab! O ihr allerliebsten Kinderchen! O kommt nur, o kommt nur! Diesmal sollt ihr schon besser empfangen werden!
BM|0|150|10|0|Was soll ich aber nun nur tun, um meinen zu eselhaft großen Fehler wiedergutzumachen? Denn wahrscheinlich werden sie es auf ein Haar wissen, was alles ich zu Dir über sie geredet habe! Oh, das wird schon wieder eine herrliche Wäsche abgeben!“
BM|0|150|11|0|Rede Ich: „Martin, sei du weder auf der einen, noch auf der anderen Seite so hitzig, so wird alles gut gehen! Denke an den Unterricht, wie man sich hier zu benehmen hat, nämlich immer voll Liebe mit äußerem Ernst, so wirst du der stets gleiche Sieger verbleiben, und ein Meister der Fischerei in den Gewässern der Sonne! Nun also nur ernst, denn sie sind uns schon ziemlich nahe wieder!“
BM|0|150|12|0|Spricht Martin: „O Herr, gib mir aber doch ein wenig mehr Ein- und Durchsicht, auf dass ich in der Folge besser möchte zu beurteilen wissen, wenn die drei Herrlichsten mir wieder mit ihrer immer sehr frappanten Weisheit kämen! Sonst stehe ich nicht gut, ob ich nicht wieder einen Haupteselsstreich begehe!“
BM|0|150|13|0|Sage Ich: „Kümmere dich dessen nicht, denn gerade so, wie du hier bist, kannst du Mir hier mehr dienen als Petrus und Johannes, deren Sehe in alle Geheimnisse dieser Welt reicht! Denn wer da schon im Voraus weiß, was seine Mühe für Früchte tragen wird zufolge der gemachten Ordnung dieser Welt, der getraut sich nicht so viel zu unternehmen, als einer, der zufolge seiner nicht so klaren Sehe diese Wesen mehr nach der Ordnung seiner eigenen Welt behandelt. Daher bleibe du nur wie du bist, und du wirst so am meisten wirken können!
BM|0|150|14|0|Diese Menschen verlieren auch bald die Lust zu einem Geiste, so sie merken, dass er ihnen an der Weisheit gleichkommt oder, wie es bei Petrus und Johannes der Fall ist, ihnen gar bei weitem überlegen ist! Denn da werden sie außerordentlich spitzig und ziehen sich dann sehr zurück. Aber so sie mit einem, wie du es bist, zu tun haben, dann sind sie die allerzuvorkommendsten besten Wesen, die du nur irgend zu finden vermagst, und sind dann auch sozusagen um einen Finger zu wickeln. Daher sei, wie du bist, so wirst du Mir hier am besten dienen können! Aber nun nur stille, sie kommen schon ganz zu uns!“
BM|0|151|1|1|Frage der drei Sonnentöchter an den Herrn, warum Er und die Seinen nicht in ihre Wohnungen gekommen sind. Des Herrn Antwort
BM|0|151|1|1|(Am 6. Juli 1848)
BM|0|151|1|0|Als die drei bei uns anlangen in derselben Bekleidung, wie sie ehedem vor dem Martin sich angekleidet hatten, sagen sie sogleich zu Mir: „O Du Erhabenster, wie lange wohl wirst du uns mit all diesen Deinen harren lassen, bis du uns für würdig erachten wirst, einzugehen in eine oder die andere unserer für deinen Empfang sicher würdig bestellten Wohnungen?
BM|0|151|2|0|Siehe, wir wissen durch unsere Weisen und auch durch die Geister unserer großen Welt, wie auch ebenso gut durch die Geister vieler anderer Welten, die – gleich wie ihr nun – uns zu öfteren Malen besuchen, und wissen es auch aus dem Munde nicht selten zu uns kommender Engel des allerhöchsten Geistes, dass wir Bewohner dieser Welt nicht nur gestaltlich überaus schön, sondern auch sittlich so rein bestellt sind, dass an uns selbst die reinsten Lichtwesen keinen Makel entdecken können, und uns stets ihres Besuches wert finden, sich mit uns nach ihrem Geständnis bestens in aller Reinheit erlustigen und Kunde geben, was für endlose Wunderwerke sich im endlosesten Engel- und Weltenreich des allerhöchsten Geistes, den ihr euren Gott und Vater nennt, vorfinden und noch immer stets größere und unbegreiflichere hinzu erschaffen werden von Augenblick zu Augenblick.
BM|0|151|3|0|Wenn aber alle Engel und Geister uns ein solches Zeugnis geben, und auch geben müssen, und vor uns gar nicht zurückhaltend sind, da begreifen wir nicht, was ihr doch an uns finden mögt, darob ihr so wenig Neigung zu uns fühlt! Wir bitten die anderen Geister nie, dass sie zu uns kommen sollten. Aber sie kommen doch gerne, weil sie stets an uns das finden, was ihnen eine große Lust und Freude macht. Euch aber baten wir inständigst nach unserer besten Weise, und zwar auf dem reinsten Wege der Weisheit unserer höchsten Weisen. Aber auf euch scheint das wenig oder auch wohl gar keine Wirkung gemacht zu haben. O sage es uns, du Erhabenster, was daran die wahre Schuld sein kann; o sage, sage es uns, warum ihr noch nicht gekommen seid in unsere Wohnungen, in denen Tausende eurer harren!“
BM|0|151|4|0|Rede Ich: „Daran ist sittlich niemand schuld aus euch. Denn Ich weiß es wohl am besten, wie ihr in allem bestellt seid, und kenne eure Gestalt, eure reinen Sitten und eure Wohnungen. Aber wie ihr, so sind auch wir frei und tun, was wir wollen. Und es hat niemand das Recht, von uns Rechnung zu verlangen und uns zu sagen: ‚Warum tut ihr dies und jenes?‘; denn wir sind vollkommen frei und tun, was wir wollen.
BM|0|151|5|0|Solches aber solltet ihr bei all eurer Weisheit doch auch wissen, dass wir uns durch ledige Weisheit durchaus nicht anziehen lassen, sondern allein durch die gerechte, lebendige Liebe! Werden wir recht geliebt, dann werden wir schon folgen dem Drang eurer Herzen. Aber eure vermeintliche große Weisheit wird uns nie auch nur um einen halben Schritt weiter heben!
BM|0|151|6|0|Ich aber habe wohl gemerkt, dass ihr eure ehedem an Mich gerichteten weisen Worte nur wie einen Deckmantel gebrauchtet, um vor Mir eure wirkliche Liebe zu verbergen. Ich aber bin kein Freund von solchen Verhüllungen, sondern nur der vollsten Offenheit des Herzens! Wollt ihr demnach Mich und alle diese Meinen in eure Wohnungen bringen, da müsst ihr äußerlich nicht anders scheinen wollen, als ihr innerlich beschaffen seid; denn Ich durchschaue jede allergeheimste Fiber eures Lebens! Was aber Ich sehe, das sehen alle diese Meinen und noch zahllose andere, die auch wie diese hier vollkommen Mein sind für ewig!“
BM|0|152|1|1|Die Schönheit der drei Sonnenmädchen ärgert wieder die anderen Weiber. Martins Donnerrede. Ein Wink vom Herrn
BM|0|152|1|0|Auf diese Meine Worte ziehen die drei sogleich ihre Kleider aus und sagen: „O du Erhabenster – wenn so, da sollen auch diese Kleider nimmer unseren Leib bedecken. Denn auch sie sind eine Verhüllung der Wahrheit und helfen mit, unser Herz und die Liebe im selben zu verhüllen, was nicht des Rechtens ist!“
BM|0|152|2|0|Als sie wieder bloß, nur mit einem Gürtel um ihre Lenden und Hüfte bekleidet, dastehen und ihre Schönheit wieder vollends ersichtlich wird, da fallen alle Weiber nieder und schreien: „O wehe, wehe uns Hässlichsten!“
BM|0|152|3|0|Über dieses Benehmen der Weiber wird der Martin wieder einmal unwillig, tut seinen Mund stark auf und spricht mit einer sehr vernehmbaren Stimme: „Da haben wir’s wieder! Da liegen sie gleich matt gewordenen Fröschen am Boden! Nein, so ist der Himmel bis auf die magisch-herrliche Gestaltung der Dinge aber auch nicht um ein Haar besser als die Erde mit ihren vergänglichen Wesen! Dort macht eben die Vergänglichkeit, dass die Menschen darob aus lauter Besorgnissen für ihr Leben ganz dumm werden und darum nicht selten das Leben samt dessen für sie äußerst fataler Vergänglichkeit ganz aus den Augen so sehr verlieren, dass sie dann gleich dem Vieh in aller Dummheit ihres Daseins sogar nicht mehr wissen, was das Leben ist und ob sie noch leben. Und am allerwenigsten wissen sie aber, ob sie über des Leibes Tod hinaus noch länger ihrer selbst bewusst leben werden.
BM|0|152|4|0|Hier im Himmel haben die Vergänglichkeitssorgen wohl aufgehört. Aber an ihre Stelle treten tausend andere Miserabilitäten, die die verhängnisvollsten Vergänglichkeitssorgen der Erde bei weitem übertreffen. Bald kommt dies, bald jenes, bald ganz was anderes. Kurz, man könnte schon eher alles als ein Mensch werden!
BM|0|152|5|0|Was mir diese weiblichen Wesen alles schon für Sorgen machten, das ist sogar dieser Sonnenwelt ungleich! So man meint: ‚No, dem Herrn alles Lob, nun wird’s einmal gut!‘ – gerade da kommt wie ein Blitz wieder etwas vor, dass man sich darüber schon gerade selbst die Haut vom geistigen Leib sogar übers Gesicht ziehen möchte!
BM|0|152|6|0|O ihr eitlen dummen Gänse, o ihr Schandwesen der Menschheit! Glaubt ihr denn, dass euch der Herr für die Eitelkeit oder als eine Zierde der Himmel erschaffen hat? Glaubt ihr denn wohl immerfort das Recht zu haben, uns männlichen Wesen mit dem ganzen Heer eurer Dummheiten zur nahe unerträglichen Last zu fallen? Steht auf und gebärdet euch in der Folge weiser, sonst lassen wir euch alle im Stich und ihr könnt dann allein euren allergrauslichen Dummheiten leben!
BM|0|152|7|0|Aus lauter heimlicher Galle, weil diese Sonnenmädchen freilich endlos schöner und weiser sind als sie, fallen diese Närrinnen wie mit Stroh gefüllte Säcke nieder und schreien dann aus lauter Kränkung ihrer unerträglich dümmsten Eitelkeit: ‚O wehe, wehe uns Hässlichsten!‘ O ihr Gänse, wollt ihr etwa aus eurer großen Dummheit heraus noch schöner sein als diese Töchter der himmlischen Weisheit, die so hoch steht, dass sie uns Mannsgeistern die gerechteste Bewunderung abnötigt? Ich sage euch, da hat es noch ganz entsetzlich lange Zeit für euch!
BM|0|152|8|0|Wenn ihr in eurer Dummheit so fort, wie bis jetzt, die löblichen Fortschritte machen werdet, da dürftet ihr mit der Folge wohl noch hässlicher werden als derselbe Gast, den ich mit dem Bruder Borem in meine Wohnung geschleppt habe an zwei Ketten! Auf daher mit euch, so ihr noch länger bei uns verbleiben wollt!“
BM|0|152|9|0|Nach diesen Worten Martins richten sich alle die Weiber wieder auf, wenden sich an Mich mit der Bitte, dass Ich dem Martin ob solcher ihnen angetanen Kränkung denn doch einen rechten Verweis geben möchte.
BM|0|152|10|0|Rede Ich: „Habt ja selbst Mund und Zunge; so gebt ihm zurück, was euch nicht taugt! Denn Mir tat Martin kein Leid an; denn es war recht so, dass er euch durch einen kleinen Donner ein bisschen erweckt hat!“
BM|0|152|11|0|Sagen die Weiber: „Also, also, auch Du, o Herr, Du unser Alles, bist wider uns!? Wo, wo werden wir dann Gnade finden!?“
BM|0|152|12|0|Rede Ich: „In eurer rechten Demut, in eurem Gehorsam und in der rechten Liebe zu Mir! Aber durch eure Eitelkeit werdet ihr Mir sehr schwer irgendeine Gnade entlocken. Daher tut, was euch der Martin geraten hat, dann wird alles gut werden! Werdet liebe Freundinnen diesen dreien und liebt sie, dann wird euch ihre Schönheit wenig mehr genieren!“
BM|0|152|13|0|Auf diese Worte fangen die Weiber sogleich an, gemütlicher zu werden, und mehrere können schon die große Schönheit der Sonnentöchter ertragen und nähern sich denselben nun ohne viel Scheu.
BM|0|153|1|1|Gute Rede der drei Sonnentöchter an die Weiber. Martin in neuer Not. Die Erdenweiber befreunden sich mit denen von der Sonne. Anordnungen des Herrn. Aufbruch in die Wohnungen der Sonnentöchter
BM|0|153|1|0|Die Sonnentöchter aber merkten gar wohl, in welche Verlegenheit die vielen Weiber versetzt wurden ob ihrer Enthüllung. Daher nähern auch diese sich den Weibern und sagen: „Geachtete, unserem Geschlecht verwandte Schwestern, legt ab und werft es von euch, was eurer nicht wert ist, dann wird unsere Gestalt euch nimmer beirren!
BM|0|153|2|0|Wir können nicht dafür, dass es dem Allmächtigen so wohlgefallen hat, uns nach eurer Meinung gar so unendlich schön zu gestalten, und sind darob auch nicht im Allergeringsten eitel oder wohl gar nach eurer irdisch schlechten Art stolz darauf, da wir ja doch nur zu klar einsehen, dass das nicht unser, sondern ganz allein Gottes Werk ist! Und es wäre überaus töricht und schlecht von uns, so wir euch darum verächtlich ansehen möchten, weil ihr gestaltlich nicht so schön seid, als wir!
BM|0|153|3|0|Haben ja doch nicht wir, sondern die Kraft des allerhöchsten Geistes euch wie uns so gestaltet, wie es Seiner unendlichen Weisheit für gut und rätlich war! So wir aber Werke ganz eines- und desselben ewigen Meisters sind, wie möglich wohl könnten wir uns gegenseitig verächtlich doch anblicken und sich wegen gewisser Eigenschaften bevorzugen wollen, die nicht wir, sondern allein Gott uns verliehen hat?
BM|0|153|4|0|Seid daher fröhlich, geachtete, liebe Geschlechtsschwestern, und seht uns nimmer mit scheelen Blicken an, so werdet ihr unsere Gestalt so ganz leicht wie eure eigene ertragen. Seht, es ertragen uns ja sogar eure Männer, für die wir gewiss noch um vieles anzüglicher und anziehender sind. So meinen wir, dass ihr uns als Geschlechtsverwandte ja noch um vieles leichter ertragen sollt?“
BM|0|153|5|0|Spricht Martin bei sich: „Aber wohl mit der genauesten Not! Denn jetzt seid ihr ganz entsetzlich reizend! Die leiseste Berührung eines Armes z. B. könnte unsereinen ja doch augenblicklich in eine solch höchst sonderbarste Ekstase versetzen, in der man vor lauter allerbrennendster Wollust gleich einem über alle Maßen angeblähten Frosch gerade zerplatzen müsste!
BM|0|153|6|0|O sapperment, sapperment! Diese Brust, diese Arme und die Füße von A bis Z! Sapperment, o sapperment! Nein, nein, das ist nicht auszuhalten, es ist auf keinen Fall auszuhalten! Nein, wenn sie jetzt so an meine Brust fielen? O sapperment! Da wäre es aus; ja rein aus wäre es mit mir! Sie werden sich denn doch wieder mehr bekleiden müssen, denn so sind sie gar zu unerträglich schön und über alle begreifliche Maßen sicher sogar für Steine zu reizend!“
BM|0|153|7|0|Sprechen die Weiber: „O ihr allerherrlichsten Töchter dieser besseren großen Erde! Es ist einesteils wohl wahr, dass wir anfangs ein wenig eitel waren und beneideten euch gar sehr um eure Schönheit. Aber nun müssen wir auch gestehen, dass doch eure für uns zu unbegreiflich große Schönheit es eigentlich ist, die uns schlägt! Denn unsere Augen sind zu ungeübt, als dass sie fähig wären, solch einen Anblick zu ertragen. Daher bitten wir euch, ihr Engelstöchter, dass ihr doch wieder ein Kleid nehmen möchtet, ansonsten wir ob eures Anblickes gänzlich verschmachten müssten, trotzdem dass wir schon gewisserart selige Geister sind und ihr nur noch diesirdische Wesen, mit Fleisch und Blut umhüllt!“
BM|0|153|8|0|Sagen die Sonnentöchter: „Die Gewährung eures Wunsches, so bereitwilligst wir euch auch in allem zu Diensten stehen wollen, hängt nun nicht von uns, sondern von euren Herren ab. Was diese wollen, das auch werden wir tun! Wendet euch daher an diese!“
BM|0|153|9|0|Rede Ich: „Bleibt; so müsst ihr Mir dienen! Ich weiß es warum! Denn seht ihr, Meine drei lieblichsten Töchter, obschon auf dieser Erde geboren: niemand kennt es besser, was den Kindern nottut, als allein der Vater dieser und noch zahllos anderer Kinder. Daher weiß Ich es auch am besten, was ihnen nottut und was ihnen frommen kann, und will darum, dass ihr euch nicht bekleidet anders, als ihr euch in eurer Ordnung kleidet auf dieser Erde!“
BM|0|153|10|0|Sprechen die drei: „Herr, Meister und Vater dieser deiner Kinder und vieler anderer Kinder, deren du erwähntest, dein Wille sei uns ein heilig Gebot! Aber nun kommt doch endlich einmal in unsere Wohnung und lasst euch dort ehren, und so ihr wollt, auch lieben mit aller Glut unserer Herzen!“
BM|0|153|11|0|Rede Ich: „Ja, Meine neuen Töchter, jetzt wollen wir eure Wohnungen betreten und sehen, wie sie beschaffen sind. Martin, ziehe voran mit Petrus und Johannes! Du, Borem, und du, Chorel, folgt den dreien mit den Weibern und den übrigen Brüdern; hinter Mir aber ziehen die Chinesen mit ihren Weibern! Ihr drei Töchter der Sonne und nun Meine Töchter aber zieht hier an der Seite Meiner beiden Schwestern, die da heißen Chanchah und Gella! Und so wohl geordnet wollen wir samt und sämtlich in eure Wohnung einziehen!“
BM|0|153|12|0|Sagen die drei: „Herr und Meister, werden aber die drei Vorgeher wohl auch wissen, wohin sie diese ganze große Gesellschaft zu führen haben?“
BM|0|153|13|0|Rede Ich: „Oh, kümmert euch dessen nicht! Die zwei, in deren Mitte Martin geht, kennen eure Wohnungen überaus genau; denn Meinen Kindern ist nichts fremd und unbekannt. Was Ich als ihr Vater habe, das haben auch sie in aller endlosen Fülle; darum also keine Sorge!“
BM|0|154|1|1|Wahre Weisheit und die Scheinweisheit der Sonnenweisen. Satans Kunstgriff: Das Gesetz der Blutschande unter den Sonnenbewohner. Vom Zweck des Kommens des Herrn
BM|0|154|1|0|Der Zug setzt sich nun wieder in Bewegung, und wir gehen so ganz gemächlich vorwärts.
BM|0|154|2|0|Und unterwegs aber fragen Mich die drei Sonnentöchter, und sagen: „Du guter und weisester Herr, Meister und Vater deiner Kinder, warum sind denn diese deine zwei lieblichen Töchter gar so still und ruhig, und reden nichts, und fragen dich auch um nichts? Wissen sie denn schon alles und sind etwa darum sehr weise schon? Denn siehe, unsere hohen Weisen reden dir auch ganz entsetzlich wenig! Aber wann sie dann reden, da freilich wohl ist ein Wort gewichtiger aus ihrem Munde als tausend aus dem unsrigen! Und so wird es wahrscheinlich etwa bei diesen deinen allerliebsten Töchtern auch der Fall sein?“
BM|0|154|3|0|Rede Ich: „Ja, ja, nahe also ist es fürwahr. Aber nur mit dem Unterschied, dass diese beiden das nun schon in aller Fülle besitzen, über was eure höchsten Weisen in ihrer allertiefsten Mystik kaum leise Ahnungen haben, die sie kaum für sich selbst sich auszusprechen getrauen!
BM|0|154|4|0|Denn seht, eine Weisheit wie sie bei euren Weisen anzutreffen ist, ist eigentlich keine rechte Weisheit, sondern vielmehr eine Geheimniskrämerei, die im Grunde doch zu nichts führt, das Ich in der Wahrheit gutheißen könnte. Ja, Ich sage es euch, eurer Weisen Gesetze sind hie und da von einer Art, die euch für Mein Reich völlig untauglich machen!
BM|0|154|5|0|Freilich wohl begeht ihr keine Sünde, so ihr genau das befolgt, was euch eure Gesetze vorschreiben, die aber freilich von jenen Urgesetzen schon so weit entfernt sind, als wie weit der Himmel absteht von dieser Welt. Denn Ich sage es euch, ihr habt wohl eure Urform in allem noch und seid mächtig in eurem Willen. Aber eure sogenannten Grundweisen taugen nicht mehr viel im Allgemeinen, obschon es wohl noch hie und da welche Gemeinden gibt, die ihre Urgesetze bisher noch treu beibehalten haben. Und so sind diese beiden Schwestern wohl um sehr vieles weiser als eure hierortlichen größten Weisen.
BM|0|154|6|0|Denn seht, diese beiden sind voll Liebe, und als sie auf der Welt waren, da war ihnen der Beischlaf von Seite ihrer Brüder und Väter fremd und eine größte Sünde, weil ein solcher Akt von Mir aus mit der schwersten ewigen Strafe ohne Gnade belegt ist. Denn bei den Bewohnern der Erde heißt es: ‚Verflucht sei ein Blutschänder!‘; bei euch aber ist die Blutschande ein Gesetz von euren Weisen! Seht nun, wie weit eure Weisen fehlen! Darum sind sie nicht so weise, als ihr es meint – und Ich komme nun auch eben darum zu euch, um euren Weisen ihre hohe Unweisheit zu zeigen.“
BM|0|154|7|0|Sprechen die drei: „O du erhabenster Herr und Meister dieser deiner Kinder! Bist denn du auch ein Herr über unsere Weisen und über diese unsere große, herrliche Welt, dass du uns andere Gesetze geben willst?“
BM|0|154|8|0|Rede Ich: „Ja, Meine von der Blutschande noch reinen Töchter! Der Satan hat einen Weg gefunden auch in diese reine Erde und hat schon viele Gemeinden verdorben. Darum muss Ich, als der Herr auch dieser Erde, Selbst kommen und den unreinen Boden fegen, ansonst ihr alle bald allen euren Uradel verlieren würdet und damit das ewige Leben des Geistes, das in vielen Gemeinden nunmehr auf einem sehr schwachen Faden hängt! Denn wen der Satan fangen will, den fängt er durch einen gewissen Weisheitshochmut und darauf durch die Unzucht. Bei euch aber hat er es sehr fein angelegt; aber Ich sage euch, Meinem Auge ist nichts zu fein!
BM|0|154|9|0|Ich sage euch, ihr alle samt euren Weisen seid sehr krank geworden, und das in vielen und großen Gemeinden! Eure Zeugung, die ursprünglich rein geistig war, ist nun gröbst materiell geworden; ja, sie ist das Schändlichste aller Schändlichkeit geworden!
BM|0|154|10|0|Ich sage, unter Meinen Kindern auf dem von euch sogenannten heiligen Planeten ist die Blutschande das heilloseste, vor Mir das grässlichste Verbrechen, so zwar, dass Ich einen Blutschänder unwiderruflich ohne alle Gnade und Erbarmung mit dem zeitlichen und ewigen Feuertod bestraft haben will! Und seht, dieses grässlichste, ganz rein satanische Laster aller Laster ist bei euch zum Gesetz geworden!
BM|0|154|11|0|Meint ihr wohl, dass Ich, als der Urgrund alles Seins und die Ordnung aller Ordnung, ein solches Gesetz billigen kann? Daher, wie gesagt, komme Ich nun, um euch zu erretten oder zu richten für ewig. Nicht umsonst schrien eure Geister den Euern zu, dass in dieser Gesellschaft der ‚Erschreckliche‘ kommt; aber das waren keine guten Geister, sondern Verirrte durch den wahren Satan! Aber Ich bin der Erschreckliche nicht, sondern pur Liebe den Unschuldigen, aber wohl ein ewiges Gericht denen, die einmal Mein Wort haben und Mein Gesetz und tun nicht danach!“
BM|0|155|1|1|Chanchahs weise Rede. Böse Gesetze und wahre Gesetze. Ohne Kampf kein Sieg und kein Preis. Der Herr kommt, um die Verirrten zu retten
BM|0|155|1|0|Diese Meine Worte machen die Sonnentöchter sehr stutzen, aber der Chanchah öffnen sie den schönen Mund und sie fängt mit sehr sanften Worten also zu reden an und spricht:
BM|0|155|2|0|[Chanchah:] „O ihr schönsten Töchter dieser herrlichen Erde, die keine Nacht je gesehen und nie empfunden den herben Wechsel der Jahreszeiten! O ihr Glücklichsten dem Leibe nach, die ihr keine Krankheit kennt und habt nie jemanden sterben gesehen! Eure Gesetze aber, schlechter denn unsere größten Laster, erhalten euch dennoch frei und bisher unsterblich. So zwar seid ihr frei, dass ihr nach euren Gesetzen gar nie sündigen könnt, so ihr es auch wolltet, denn eure Gesetze machen euch einen Fehltritt rein unmöglich. Wie aber kommt das? Wie müssen Gesetze beschaffen sein, dass sie nie jemand übertreten kann?
BM|0|155|3|0|Seht, ich will es euch durch die Gnade und Liebe dieses meines heiligen Vaters zeigen: Der böse Ormuz (Satan) hat euren Weisen als ein gestaltlicher Lichtgeist alle möglichen Eigenschaften und Bedürfnisse eurer Natur treu gezeigt und kennen gelehrt, und dazu die Anweisung gegeben, alles, wonach sich irgendeine Fiber eures Wesens begehrend äußert, also jedes Begehren zum Gesetz zu machen, aber mit dem Beisatz: ‚So es jemandem genehm ist, da tue er, was er will. Ist es ihm aber nicht genehm, da fehle er auch nicht, so er es unterlässt!‘
BM|0|155|4|0|Denkt nun selbst nach, ihr Weisen, was solche Gesetze wert sind und was sie euch nützen können?! Oder habt ihr je von einer Strafe auf die Übertretung eines Gesetzes etwas gehört?!
BM|0|155|5|0|Seht, wenn irgend wahre Gesetze sind, so müssen sie so beschaffen sein, dass sie dem Menschen eine große Selbstverleugnung kosten, bis er sie, gerade seinen heftigsten Naturreizungen entgegengesetzt, an sich erfüllen kann. Und erfüllt er sie also freiwillig mit Hintansetzung aller naturmäßigen Vorteile, so erst erhebt er sich dann als ein freier Geist über seine dem Tod und der Vergänglichkeit unterworfene Materie, und steht dann da als ein Sieger über seinen eigenen, seiner Natur innewohnenden Tod, und kann als solcher dann in die höhere Ordnung des ewigen Geistlebens eingehen und der Kindschaft des allerhöchsten Geistes teilhaftig werden durch dessen Gnade!
BM|0|155|6|0|Welcher Sieg aber lässt sich durch eure gar nichts sagenden Gesetze, gegeben von eurer höchsten Weisheit, erreichen? Ich sage euch, gar keiner! Denn wo es keinen Kampf gibt, da gibt es keinen Sieg. Und wo es keinen Sieg gibt, da gibt es auch keinen Preis! Was aber ist ein Mensch, der sich keinen Preis errungen hat? Seht, er ist wertloser als die gemeinste Pflanze, die er mit seinen Füßen zertritt; denn diese hat auf der großen Stufenleiter der aufsteigenden Wesen ihren Zweck erreicht. Aber der preislose Mensch lebte ohne Zweck; sondern er lebte, weil er lebte, aber sein Leben war zwecklos und kann daher auch nie zu einer Bestimmung gelangen, was eben mit euch der Fall ist.
BM|0|155|7|0|Ihr lebt nach der Ablegung eurer Außenhülle wohl als eine Art Lichtwolkengeister fort, und zwar ebenso ohne Zweck, wie hier noch in euren Leibern, deren Außenseite in der gestaltlichen Entsprechung eurer Erde steht, deren äußerste Sphäre wohl auch pur Licht, von großer Kraft und Herrlichkeit ist; aber ihr Inneres in sich finsterer ist, als das Innere eines jeden anderen Planeten! Ich sage euch, eure Weisheit ist nichts als ein Trug und eure Schönheit ein leerer Schein!
BM|0|155|8|0|Darum aber kommt nun der Herr Selbst, um euch, Kinder der Lichtspenderin (Sonne), ein wahres Licht zu geben, und euch einen ganz neuen Weg zu zeigen, auf dem ihr auch zu uns in aller Wahrheit gelangen könnt. Seht, so lautet unsere wahre Weisheit! Wollt ihr aber vollkommen werden, so muss sie auch bei euch tatkräftig zu Hause sein, sonst seid ihr bei aller eurer Schönheit die elendsten Wesen im ganzen endlosen Schöpfungsraum Gottes, Meines Vaters!“
BM|0|155|9|0|Die drei beben nun förmlich vor der Weisheit Chanchahs und sagen nach einer Weile: „O du Herrlichste, wenn es so ist, wie du uns nun die Sache erläutertest, und es auch ganz bestimmt sicher so sein wird, da unsere Gesetze wirklich von der Art sind, wie du sie uns beschrieben hast, warum ließ denn euer Herr und Meister als größter Bote des Allerhöchsten uns so lange in solcher Wirre und kam nicht eher, um uns zu helfen?“
BM|0|155|10|0|Spricht die Chanchah: „Liebste Schwestern, der Herr weiß es am besten, wann die Frucht vollends reif ist! Denn Er hat den Samen gemacht und hat in selben gelegt den lebendigen Keim und in den Keim gegeben die Frucht, ihre Zeit und ihre Reife! Also ist es auch bei euch nun, wie allzeit der Fall. Ihr seid reif geworden, aber nicht im Wahren, sondern im Falschen; auf dass ihr aber aus dem Falschen nicht in ein Böses übergeht, so kommt Er Selbst, um euch zu erretten!“
BM|0|156|1|1|Der Sonnentöchter gute Ahnung vom Wesen des Herrn. Ankunft im überherrlichsten Palast der Sonnenbewohner
BM|0|156|1|0|Sprechen die drei, nicht mehr fern von der Wohnung: „O du lieblichste Schwester unseres Geschlechtes, du redest von diesem deinem Herrn, Meister und Vater gerade, als wäre er keineswegs ein Bote des Allerhöchsten, sondern schnurgerade der Allerhöchste Selbst! Oh, wir bitten dich, so du schon eine so große Weisheit besitzst, so erläutere uns diese Sache genauer!“
BM|0|156|2|0|Spricht die Chanchah: „Liebe Schwestern, über das zu reden steht mir nicht zu, sondern allein diesem meinem Herrn und Vater! Wir aber sind ohnehin nicht mehr fern von eurer Wohnung, wie ich’s merke; dort werdet ihr alles vernehmen, danach es euch verlangt! Daher geduldet euch bis dahin!“
BM|0|156|3|0|Mit diesem Bescheid sind die drei zufrieden und treten mit uns den Weg weiter zur nahen Wohnung an. Wir gelangen nun an die Umfassung des ersten Vorhofs, von welcher aus der erste Garten seinen Anfang nimmt, nach welchem natürlich terrassenartig der zweite oder mittlere, und nach diesem endlich ein dritter und oberster, prachtvollster kommen.
BM|0|156|4|0|Als die Chanchah und die Gella dieser großen Pracht und am Ende gar des sehr großen, überprachtvollsten tempelartigen Wohngebäudes ansichtig werden, da erschrecken sie ganz über die Maßen und sagen nach einem langen Atemholen zu den dreien:
BM|0|156|5|0|[Chanchah und Gella:] „Aber, um des Herrn willen! Solche Häuser bewohnt ihr? Da sehen wir außer Gold und den kostbarsten, riesig größten, alleredelsten Steinen ja sonst nichts! Und welch ein kühnster Bau, und welch eine künstlichste Architektur! Ja, in solchen Wohnungen mit dem vollsten Bewusstsein wohnen, dass man nicht sterben darf, solange einen dieses Leben freut, das muss freilich etwas überaus Beseligendes sein!
BM|0|156|6|0|Aber wir sehen auch, dass es sehr schwer sein muss, darinnen ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen. Denn wo es so mächtig für den Außenreiz gesorgt wird, da denkt sicher kein Mensch an eine Entbehrung, und noch viel weniger an eine Selbstverleugnung, durch die allein der unsterbliche Geist geweckt und mit seinem Schöpfer wieder vereint werden kann.
BM|0|156|7|0|O Herr, Du liebevollster Vater, hast Du an dieser äußeren Pracht wohl irgendeine Freude? Siehe, Martins himmlisches Wohnhaus ist doch sicher überaus herrlich; aber im Vergleich mit diesem Haus ist es eine wahre arme Kinderstube! Und nur diese Gärten, diese weitgedehnten und überprachtvollsten Gärten! Welch eine Fülle der unglaublichsten Kunstwerke! Nein, nein, das kann keine Welt, das muss ja ein Himmel sein!“
BM|0|157|1|1|Chanchahs Bedenken angesichts der Pracht. Über die äußerliche Pracht und die Gegenwart des Herrn
BM|0|157|1|0|Reden die drei: „O ihr lieben Schwestern, so euch schon diese äußere Einfachheit so sehr entzückt, was werdet ihr denn dann sagen, so ihr das Innere unserer Wohnung betreten und besehen werdet? Denn wir verwenden nur auf das Innere unserer Wohnhäuser alle unsere Sorge und Aufmerksamkeit, und glauben dem großen Urgeist eben dadurch die größte Ehre zu erweisen, dass wir die von Ihm uns verliehenen Talente tatsächlich in allem verwenden, was uns als für unseren Geist würdig erscheint.
BM|0|157|2|0|Wir meinen, dass da jede große Pracht, wenn sie zur Ehre des höchsten Geistes von uns verständigen Wesen zustande gebracht wird, eben darin ihre vollste Rechtfertigung findet. Denn hat der große Geist uns einen solchen Sinn eingehaucht, der unserem Geist als ein Gesetz gilt; wie sollen wir dann Niedriges schaffen anstatt des Erhabenen? Hieße das nicht unseren Geist anders gestalten wollen, als ihn der Schöpfer gestaltet und eingerichtet hat? Daher stoßt euch nicht an der Pracht unserer Häuser, denn wir errichten sie nicht aus einer Art von Eitelkeit, sondern rein nur nach dem weisen Bedürfnis unseres Geistes!“
BM|0|157|3|0|Spricht die Chanchah: „Also auch hier, wie auf der Erde bei den sogenannten Jesuiten, von denen ich einst eine Schülerin war, das ,Omnia ad majorem dei gloriam‘? Sollen denn diese argen Mönche auch hierher den Weg gefunden haben?
BM|0|157|4|0|Solch ein Haus wäre freilich noch um sehr vieles besser denn ein Kaiserreich meines Vaterlandes auf der Erde. O ihr prachtvollsten Armen, da beseht den Herrn; Sein Gewand wird es euch sagen, welche Pracht Ihm zunächst am Herzen liegt! Daraus werdet ihr auch leicht entnehmen, ob und wie Ihm solch eine Außenpracht genehm ist. Ja, die liebeflammende Pracht des Herzens, die wohl ist Ihm überaus und über alles angenehm; alles andere aber ist vor Ihm ein Gräuel!
BM|0|157|5|0|Und wäre es nicht so, da wäre Er gar oft schon bei euch gewesen, so wie Er auf meinem Planeten gar oft eben zu den Ärmsten und Unansehnlichsten kommt, sie als ein liebevollster Vater Selbst lehrt und zieht zu Seinen Kindern, und ihnen alle Fülle Seiner Gnade schenkt! Aber zu den Großen und Ansehnlichen, die auch in prachtvollen Palästen wohnen, kommt Er wohl nie und lehrt sie nicht und zieht sie auch nicht zu Seinen Kindern!“
BM|0|157|6|0|Sagen die drei: „Du, liebe Schwester, wirst wohl recht haben. Aber wie bist denn du dem Herrn, falls Er wirklich den Geist des Allerhöchsten in Sich birgt, so angenehm geworden, während, wie wir es durch unsere innerste Weisheit erschauen, du doch auch von keinem gar zu ärmlichen Haus deines Planeten abstammst?“
BM|0|157|7|0|Spricht die Chanchah: „Darum aber ward mir auf meinem Planeten solche Gnade auch nie zuteil! Dass ich aber nun Ihm so nahe bin, daran ist meine Liebe zu Ihm schuld. Denn ich liebte Ihn mit aller Glut meines Lebens, schon ehe ich Ihn kannte und wusste, dass auch Geschöpfe den heiligsten Schöpfer lieben dürfen! Und seht, diese Liebe und nicht die Pracht meines irdischen Wohnhauses hat mich zu Ihm gebracht!“
BM|0|157|8|0|Sprechen die drei: „Aber wir sind nun ja doch auch bei ihm, obschon unser Haus überaus prachtvoll ist. Wie kommt denn hernach das, falls Er das ist, als was du Ihn uns durch deine Reden darstellst?“
BM|0|157|9|0|Spricht die Chanchah: „Meine lieben Schwestern, äußerlich scheinbar wohl freilich! Aber diese Nähe ist keine wahre und wirkliche Nähe, was ihr bald nur zu klar einsehen werdet, so Er Seinen Mund vor euren Weisen auftun wird! Nun aber sind wir bereits auch schon vor der Flur eures Hauses. Der Martin macht schon einen Halt und kehrt zu uns zurück, um sich Rat zu holen. Daher stellen wir nun unsere Reden ein und geben auf alles Acht, was da vor sich gehen wird.“
BM|0|158|1|1|Martins blinder Eifer gegen den Zeremoniendienst der Sonnenbewohner. Des Herrn Zurechtweisung. Petrus spricht über die Rüttler vom Herrn
BM|0|158|1|0|Als die Chanchah diese Worte gesprochen, ist auch der Martin schon da vor Mir und spricht: „O Herr, o Vater, da könnte einem ja doch das Gesicht aus allen seinen Fugen kommen! Das ist ja eine Pracht, von der sicher keinem Geist einer anderen Welt je etwas geträumt hat! Sogar Deine hehrsten Brüder reiben sich die Augen und scheinen den zu großen Glanz kaum ertragen zu können! Aber merkwürdig ist’s, dass uns aber auch nicht eine Fliege, geschweige irgendetwas Menschliches entgegenkommt?
BM|0|158|2|0|Petrus meint freilich und sagt: Wir müssten so lange vor der Flur verharren, bis die Ersten des Hauses mit all ihren Zeremonien uns entgegenkämen nach ihrer diesweltlichen Sitte. Ich aber, der ich auf der Welt einen nur zu derben Ekel vor aller Zeremonie bekommen habe, da ich in selber völlig begraben ward, meine, wir sollen diese glänzenden Dummheiten nicht abwarten, sondern ohne viel Anklopfen ins Haus dringen! Denn Du wirst wohl sicher dazu die hinreichende Macht haben?“
BM|0|158|3|0|Rede Ich: „Oho, oho, Mein lieber Martin! Wir kommen ja nicht als Feinde hierher, sondern als wahre Freunde, und wollen helfen und aufbauen, und nicht schlagen und zerstören.
BM|0|158|4|0|Sage, was Ruhmes hätten wir wohl, so wir zerstörten nun im Augenblick diese ganze Gegend? Oder ist es ehrsam für einen kräftigen Arm, einer Mücke den Kopf vom Leib zu reißen? Siehe, es ist besser, einer Mücke den Kopf aufzusetzen, als ihn zu zerstören. Daher wollen wir hier auch nicht von unserer Kraft, sondern von unserer Geduld und Liebe nur den rechten Gebrauch machen.
BM|0|158|5|0|Oder wäre es dir recht gewesen, so Ich – statt dir alle Meine Geduld und Liebe angedeihen zu lassen, die du wohl nie verdient hast – dich sogleich mit Meiner Allmacht ergriffen hätte und geworfen in die Hölle? Womit wohl hättest du Mir das vorenthalten können? Aber siehe, Ich habe dir das nicht getan, weil Ich keine Ehre darinnen fand, als Allmächtiger dich Ohnmächtigsten zu verderben – wohl aber, dich zu erhalten und aufzurichten! Wäre es nun klug von uns, hier feindlich zu verfahren?“
BM|0|158|6|0|Martin schlägt sich auf die Brust und spricht: „O mea culpa, mea culpa, mea quam maxima culpa! [O meine Schuld, meine Schuld, meine allergrößte Schuld!] O Herr, vergib mir, Du weißt es ja, dass ich ein Vieh bin!“
BM|0|158|7|0|Rede Ich: „Ja, ja, es ist dir schon gar lange alles vergeben; aber nur habe in der Zukunft stets den rechten Grund unausgesetzt vor Augen, aus dem allein wir tätig sind und ewig sein wollen und werden, so wirst du nicht leicht wieder in eine solche Dummheit verfallen! Siehe, wir wollen alles ewig erhalten und nichts auch nur auf eine Sekunde lang zerstören; denn nach der Zerstörung dürstet allein die Hölle! Solches fasse und begib dich wieder auf deinen Platz!“
BM|0|158|8|0|Martin küsst Mir die Füße und begibt sich schnell wieder zu den zwei Brüdern.
BM|0|158|9|0|Diese fragen ihn, sagend: „No, was sollen wir also tun? Sollen wir warten oder eindringen?“
BM|0|158|10|0|Spricht Martin: „Wisset, die Narren sind noch allzeit am ungeduldigsten gewesen, weil sie keinen Verstand haben. Aber so sie zu dumm werden, da ist ein tüchtiger Rippler ihnen sehr heilsam! Und das ist denn auch bei mir der Fall. Der Herr hat mich ein wenig geputzt, und nun bin ich wieder ganz in der Ordnung! Aus einem Vieh hat Er wieder einen Menschen gemacht, und nun ist, wie gesagt, alles wieder in der allerschönsten Ordnung.“
BM|0|158|11|0|Spricht Petrus: „Ja, ja, da hast du wohl recht gesprochen. Auch ich habe auf der Welt einige gar gewaltigste Rippenstöße vom Herrn bekommen, und es war auch gut. Und sogar der Bruder Paulus hat einmal seine geistige Faust an meinen Rücken geworfen, und siehe, es war auch gut. Aber nun wissen wir beide dessen alles ungeachtet noch nicht, ob wir da warten und uns etwas langweilen oder sogleich in dieses Prachthaus dringen sollen. Nur das sage uns, lieber Bruder Martin!“
BM|0|158|12|0|Spricht Martin: „Wie es mir vorkommt, so wollt ihr mich auch noch ein wenig zu kneipen anfangen? Das versteht sich ja von selbst, dass wir nach dem Willen des Herrn warten sollen, bis die alle ihre Zeremonien werden gemacht haben, die uns da entgegenkommen werden oder wollen! Ihr werdet es sicher wohl wissen, welche?“
BM|0|158|13|0|Spricht Petrus: „Nun, nun, lieber Bruder, du musst nicht also gleich auffahren in deiner Leber! Siehe, ich weiß es am besten, dass ein Rüttler vom Herrn nicht so wohl tut, als eine Liebkosung; aber es ist doch ebenso gut Liebe wie die Liebkosung selbst. Weißt du, als ich den Herrn, da Er mir und meinen Brüdern von Seinem bevorstehenden Leiden vorhersagte, warnte vor Jerusalem und in meiner größten Liebe zu Ihm sprach: ‚Herr, das geschehe nur Dir nicht!‘ Was sprach darauf der Herr zu mir?“
BM|0|158|14|0|Spricht Martin: „O Bruder, wiederhole mir diese schreckliche Sentenz nicht! Denn wahrhaftig wahr, das ist mir allzeit unbegreiflich gewesen, wie der Herr, der dich kurz vorher zum Pfeiler Seiner Kirche stellte, die keine Macht der Hölle ewig je überwältigen sollte, dich gleich darauf einen Satan, der Hölle Obersten, benennen konnte! Wahrlich, das ist mir noch bis jetzt ein tiefes Rätsel! Wie wohl verstehst du das?“
BM|0|158|15|0|Spricht Petrus: „Siehe, als mich der Herr zu einem Pfeiler Seiner Kirche stellte, da redete Er zu mir aus Seiner Weisheit. Als Er mich aber einen Satan nannte, da redete Er aus Seiner unermesslichen Liebe zu mir, weil Er da mein Welttümliches mit aller Gewalt wie mit einem Hieb aus mir wies, welches Welttümliche in mir der eigentliche Satan selbst war! Bruder, verstehst du nun diese Sentenz und diesen meinen allergewaltigsten Rüttler?“
BM|0|158|16|0|Spricht Martin: „Zwar noch nicht ganz in der Fülle, aber ich verspüre es wohl, wo hinaus diese Sache geht! Ja, ja, der Herr ist schon durchaus Liebe!“
BM|0|159|1|1|Musikalisches von der Sonnenwelt. Petrus’ Mahnung an Martin, seine Sinnlichkeit zu überwinden
BM|0|159|1|0|[Martin:] „Aber nun vernehme ich wie Glockentöne! Was wohl wird da herauskommen? Oh, das ist herrlich! Also, also auch hier Musik! Es lässt sich zwar nichts von irgendeiner Rhythmik vernehmen, aber das Durcheinandertönen ist dennoch herrlich. Wäre vielleicht neugierig, mit was für Tonwerkzeugen sie das zuwege bringen!“
BM|0|159|2|0|Spricht Petrus: „Lieber Bruder, es sind das auch eine Art Glocken, ungefähr also, wie sie bei den alten Ägyptern gebräuchlich waren und jetzt noch bei den Persern, Gebern und Hindus zu Hause sind; nur sind sie hier viel reiner tönend als auf der Erde. Diese Glocken bestehen aus einer Art Scheiben, an die mit elastischen Hämmern geschlagen wird, bei Gelegenheiten von besonders großen Festen, oder auch bei großen Naturszenen, die hier eben nichts Seltenes sind.
BM|0|159|3|0|Für kleinere Ereignisse haben sie eine Art Schellen, mittelst derer sie ihre verschiedenen Zeichen geben. Sie haben aber wohl auch eine Art Harfen, die sie ganz meisterlich behandeln können; aber diese wirst du erst dann hören, wann du dich im Innern dieses Wohntempels befinden wirst! Nun weißt du schon, was zu wissen dich gar zu sehr gejuckt hat. Da sie aber nun sogleich aus der Wohnung hervorkommen werden, so sind wir nun ruhig und erwarten sie.“
BM|0|159|4|0|Fragt Martin ganz kurz noch: „Freund, ist unsere Stellung recht zu ihrem Empfang?“
BM|0|159|5|0|Antwortet Petrus: „Sind wir ja doch keine Soldaten oder gar Komödianten! Was ist dir denn da wieder eingefallen?“
BM|0|159|6|0|Spricht Martin: „Ich bitte dich, lieber Bruder, werde nur du mir nicht gram, sonst müsste ich ja in eine ordentliche Verzweiflerei hineinkommen; denn sooft ich jetzt nur den Mund öffne, so kommt richtig etwas Dummes zum Vorschein!“
BM|0|159|7|0|Spricht Petrus: „Ja, ja, es ist mit dir nahe so. Aber die Ursache davon ist, dass du, ohne vom Herrn aufgefordert zu sein, in einem fort redest und fragst! Zudem hast du aber auch noch eine bedeutende Portion fleischliche Sinnlichkeit in dir, die in deiner Seele wie kleine Schlangen herumkreiselt und -ringelt. Das trübt noch fortwährend die Sinne deines Geistes derart, dass du nur dann ein wenig weiser zu reden vermagst, so diese deine in dir rastende Sinnlichkeit nicht durch äußere Reizmittel von neuem angeregt wird.
BM|0|159|8|0|Ich bitte dich aber um des Herrn willen, mache endlich einen Bund mit dir selbst und lasse dich ewig nimmer gelüsten nach dem, was deines Geistes nicht würdig ist, so wird die Sehe deines Geistes heller werden stets fort und fort, und du wirst allzeit Worte reden aus der reinen Weisheit. Wo du aber das nicht vollernstlich tun wirst, da wirst du aus deiner Dummheit nimmer herauskommen. Und der Herr wird dich, statt höher zu leiten, in den Mond der Erde geben auf 1.000 Jahre, nach der naturmäßigen Zeit der Erde bemessen!
BM|0|159|9|0|Es werden nun sogleich eine große Menge der allerschönsten und reizendsten Weiber und Töchter der Sonne zum Vorschein kommen. Ich sage dir im Namen des Herrn ganz vollernstlich: Bis hierher nur und nicht weiter ist es vom Herrn vorgesehen dich zu führen, um dich endlich von aller deiner Sinnlichkeit loszumachen! Wirst du diese Prüfung bestehen, so wird es wohl und gut sein für dich. Wirst du aber da dich nicht behaupten, so wirst du von uns plötzlich verlassen sein und wirst – anstatt auf der Sonne, auf des Mondes kahlstem Boden dich befinden, von welcher Welt du schon früher einmal einen Weisen verkostet hast!
BM|0|159|10|0|Denn siehe, alles, was seit deiner Ankunft in unserer Geisterwelt mit dir und um dich geschah, das geschah alles hauptsächlich deinetwegen, um aus dir einen tüchtigen Arbeiter in des Herrn großem Weinberg zu machen. Wie es dir auch der Herr Selbst sagte, dass du Ihm besonders auf dieser Welt ein nützlicher Diener werden könntest, darum Er auch so Großes tut, um aus dir einen rechten Engel zu machen. Aber du musst selbst auch etwas tun, so der Herr so viel tut, sonst wirst du dir ein höchst widriges Los bereiten, und wirst dann im wahren Gottesreich, was dir bis jetzt noch immer fremd ist, im besten Fall nichts als ein elender Lumpensammler werden!
BM|0|159|11|0|Nun weißt du, was alles das bedeutet. Daher nehme dich endlich einmal für bleibend fest zusammen, sei ernst und gut, und wenn dich eine zu große Schönheit beirren will, da blicke zum Herrn hin, und du wirst sobald Ruhe finden und haben! Denn du musst es dahin bringen, dass dich noch viel größere Schönheiten nimmer überreden können, und das pur darum, weil du des Herrn bist und ewig sein willst. Dann erst wirst du fähig sein, in den wahren Himmel aufgenommen zu werden, allwo Seligkeiten ohne Namen und Zahl deiner harren, von denen du jetzt noch keine Ahnung hast.
BM|0|159|12|0|Denn bis jetzt hat dein Auge noch nichts gesehen, was der Herr denen bereitet hat, die Ihn wahrhaft und getreu lieben, und nicht wie du über den Anblick einer glatten, rundgespannten Weiberhaut Seiner nahe völlig vergessen, solange es ihnen nur noch einigermaßen erträglich geht, und nur dann zu Ihm wieder die Zuflucht nehmen, wann sie durch ihre grenzenlose unsinnige Torheit bis an den Mund in eine Pfütze versunken sind!
BM|0|159|13|0|Siehe, Martin, bisher warst du noch meistens so beschaffen und warst nach deinem eigenen öfteren Bekenntnis stets mehr Vieh als Mensch. Nun aber, da wir am Ziel stehen, so lege im Namen des Herrn dein Tierisches endlich einmal vollkommen ab und ziehe den alten Adam vollkommen aus! Und ziehe in aller Fülle der Liebe Christus vollkommen an, so wirst du sogleich in den wahren, eigentlichen, festen Himmel, in das Neue Jerusalem aufgenommen, dessen Bürger ich, Johannes und zahllose andere schon gar überlange sind! Martin, hast du mich nun verstanden?“
BM|0|160|1|1|Martin reagiert zornig auf weitere Prüfungen. Petrus beruhigt ihn
BM|0|160|1|0|Spricht Martin, sehr nachdenkend: „Also – noch immer Prüfung, meine Prüfung! Also pur meinetwegen dies alles! O Gott, o Gott, wann werden diese Prüfungen denn endlich einmal ein Ende nehmen?
BM|0|160|2|0|Ich werde wohl etwa so lange geprüft werden, bis ich nicht für den Himmel, sondern für die Hölle reif genug werde? Darum muss ich jetzt wahrscheinlich so viel des Himmlischen verkosten, damit mir dann die Hölle desto erschrecklicher vorkommen soll?
BM|0|160|3|0|Wie oft habe ich schon vernommen, dass man zu mir sagte: ‚Nun, Martin, lieber Bruder, bist du vollkommen!‘ So ich aber vollkommen bin, kann ich denn und muss ich denn für den eigentlichen Himmel mehr noch als vollkommen sein?
BM|0|160|4|0|O Gott, hättest Du mich lieber ewig nie und nimmer erschaffen, dann wäre mein Nichts seliger nun als dies mein Sein unter lauter Prüfungen zwischen Hölle und Himmel!
BM|0|160|5|0|Zwar weiß ich nun, wie ich daran bin, und das danke ich dir, du lieber Bruder Petrus. Aber ich sage es dir auch, mit dieser deiner Enthüllung hast du bereits auch mit einem Hieb alle Prüfungen an mir beendet! Nun magst du Engel oder Teufel vor mir aufmarschieren lassen, so wird mir das wohl so ganz einerlei sein, als mein künftiges Sein oder Nicht-Sein, oder Himmel, oder Hölle! Denn wenn das auch noch Prüfungen sind und ich nichts als in einem fort geprüft werde, so schaffe ich von keinem weiteren Leben etwas!
BM|0|160|6|0|Und bei Gott, du sagtest ehedem vom kahlen Mond. O setze nur schnell, aber auf ewig mich hin, und ich werde dort glücklicher sein als hier unter diesen beständigen Prüfungen, aus denen ich nun nur zu klar ersehen muss, dass ich – trotzdem ihr ersten Fürsten der Himmel um mich seid samt dem Herrn – anstatt zum Himmel nur zur Hölle geführt werde.
BM|0|160|7|0|Aber sei nun, wie ihm wolle. Wie ich schon gesagt habe, führt nun Engel oder Teufel vor mich her, so wird mir das einerlei sein; denn von nun an will ich stummer sein denn ein Stein!“
BM|0|160|8|0|Spricht Petrus: „Bruder lasse fallen diesen Stachel! Denn dieser ist der Tod, den die Unzucht des Fleisches in sich führt. Sein Name ist ‚Zorn‘, darum auch Kinder des Fleisches ‚Kinder des Zornes‘ heißen. Nun aber kommen sie auch schon ganz heraus! Daher sei ruhig, dein Ernst wird dir nütze sein!“
BM|0|161|1|1|Der dummstolze Sonnentempelälteste und Martin im Weisheitszwiegespräch
BM|0|161|1|0|Bei diesen Worten tritt auch schon der Älteste und Weiseste der dritten Höhe aus der großen Flur des Tempels in ganz grauem Faltengewand, umgeben von Jünglingen und Jungfrauen. In der rechten Hand trägt er einen Stab gleich dem des Aaron und in der Linken eine Art Zauberband, auf dem verschiedene Zeichen mystischen Aussehens kleben. Als er etwa fünf Schritte vor den drei Anführern steht, da rollt er das Band vollends auf und legt selbes vor sich ganz ausgestreckt auf den blausamtartigen Boden nieder. Darauf senkt er den Stab auf dieses Band nieder und spricht nach einer Weile:
BM|0|161|2|0|[Der Älteste:] „Bei der unermesslichen Kraft und Macht, die mir eigen ist durch meine unbegrenzte Weisheit, beschwöre ich euch als der erste und älteste Mensch dieser Welt, die ewig kein Ende hat und erhalten wird von mir,“ –
BM|0|161|3|0|Spricht Martin dazwischen bei sich: „Oder was! Der Kerl wird possierlich! Nur so fort in dieser Breite!“
BM|0|161|4|0|[Der Älteste:] „dass ihr mir der unendlichsten Wahrheit getreu kundgebt, was ihr hier wollt, und was euch hierher geführt hat! Der leiseste Schein von einer Unwahrheit aus eurem Mund – und ihr alle werdet durch meine unbesiegbare Macht zerstäubt werden! Nun redet!“
BM|0|161|5|0|Spricht Martin laut: „Wir alle zugleich, oder einer für alle? Das müssen Eure Weisheit schon näher bestimmen; denn gar so gescheit sind wir nicht, als Eure Hochweisheit! Bitte also um nähere Bestimmung! – (Bei sich:) Der ist just recht; denn seine Dummheit zieht auch zugleich einen starken Schleier über die Schönheit der Jungfrauen, und das ist auch recht! Nun bin ich mit Petrus, Johannes und allen wieder vollkommen ausgesöhnt.“
BM|0|161|6|0|Spricht der Weise: „Wenn einer spricht, da kann man noch nicht wissen, wie die anderen gesinnt sind. Daher müssen alle zugleich und sehr laut reden!“
BM|0|161|7|0|Spricht Martin bei sich: „Ich bin doch im Allgemeinen und besonders gegenüber diesen alten Himmelsfürsten sehr dumm, aber über die Dummheit dieses Weisen steht doch nichts mehr auf! Dem seine Weisheit will ich ganz allein so verarbeiten, dass er sich am Ende vor lauter Dummheit und großer Verlegenheit gar nimmer umdrehen soll können! Muss aber doch den Petrus fragen, was ich hier tun soll!“ – Darauf wendet sich Martin zu Petrus in dieser Hinsicht.
BM|0|161|8|0|Und Petrus spricht: „Lieber Bruder, nun ist die Reihe an dir, und das mit der vollsten Freiheit und Wahrheit! Hier rede, wie dir die Zunge gewachsen ist!“
BM|0|161|9|0|Spricht darauf der Martin zum Weisen: „Aber, du unbegrenzter Weiser, so deine Weisheit so ungeheuer ist, da begreife ich ja gar nicht, wie du uns fragen kannst, was wir hier wollen und was uns hierhergeführt hat? Denn sieh, wir viel geringeren Weisen durchschauen z. B. sogar dich auf ein Haar und wissen nun schon ganz genau, was hinter deiner vermeinten höchsten Weisheit steckt! Und so meine ich, du wirst uns auch auf gleiche Weise über- und durchschauen, so du im Ernst gar so ungeheuer weise bist! Was meinst du in dieser Hinsicht?“
BM|0|161|10|0|Spricht der Weise: „Ja, das kann ich wohl auch, wenn ich das große magische Band vor mir ausgebreitet habe und habe dabei den Doppelstab. Aber da ich für so geringe Gäste nur meine ordinärsten Behelfe mitgenommen habe, so muss ich wohl auch fragen; und so müsst ihr nun reden!“
BM|0|161|11|0|Spricht Martin: „Ja, wenn so, wie wirst du denn hernach ersehen können, ob wir die Wahrheit oder Unwahrheit sagten?“
BM|0|161|12|0|Spricht der Weise: „Um dem vorzubeugen, habe ich euch die große Drohung gemacht, die ich auch ausführen werde, so ihr die Unwahrheit reden würdet. Daher nur die ungeheucheltste Wahrheit, oder sonst -“
BM|0|161|13|0|Spricht Martin: „Ja, oder sonst – bist und bleibst du ein Esel!“
BM|0|161|14|0|Spricht der Weise: „Was ist das: ein ‚Esel‘?“
BM|0|161|15|0|Spricht Martin: „Das ist bei uns ein ganz harmloses Wesen, ganz von deiner Farbe, und hat sehr lange Ohren, aber dafür einen äußerst kurzen Verstand!“
BM|0|161|16|0|Spricht der Weise: „Was berechtigt dich, mich dafür zu halten?“
BM|0|161|17|0|Spricht Martin: „Erlauben Eure unendliche Weisheit mir eine kleine Pause, denn so eine wichtige Frage braucht Studium!“
BM|0|161|18|0|Spricht der Weise: „Was heißt ihr ‚Studium‘? Da bei uns gibt es kein Ding, das da ‚Studium‘ hieße!“
BM|0|161|19|0|Spricht Martin: „Höre, du Weisester der Weisen, deine Weisheit muss eben nicht gar zu weit her sein, so du das nicht kennst, was zur Erlangung der Weisheit vor allem wenigstens im Anfang vonnöten ist! Ein Studium ist so viel als ein fleißiges Nachdenken über die ersten Begriffe und Elemente, die der Weisheit notwendig vorangehen. Verstehst du nun, was ein Studium ist?“
BM|0|161|20|0|Spricht der Weise: „Nein, sage ich dir, das verstehe ich nicht. Denn meine Weisheit ist zu groß und fasst solche Kleinigkeiten darum nicht, weil sie ihr zu klein, zu geringfügig sind. Daher erkläre dich großartiger, sonst kann ich dich nicht verstehen!“
BM|0|161|21|0|Spricht Martin: „Schau, schau, du bist erst nicht gar so dumm, als man es glauben solle, so man dich ansieht und dann erst hört! Also pur wegen der ungeheuren Größe deiner Weisheit kannst du solche Kleinigkeiten nicht fassen! Schau, schau, wie weise! Aber so du schon ob deiner immensen Weisheit solche Kleinigkeiten nicht fassen kannst, da begreife ich wieder nicht, wie du ehedem den noch viel kleineren Begriff ‚Esel‘ sogleich begriffen hast mit sehr kurzer Erläuterung?“
BM|0|161|22|0|Spricht der Weise: „‚Esel‘ ist ein Wesen – und ‚Studium‘ nur ein Begriff. Ein Wesen aber fasst man allzeit leichter als man einen puren Begriff fasst! Also rede daher größer und für mich fasslicher!“
BM|0|161|23|0|Spricht Martin: „Freund, ich glaube, wir beide werden uns besonders in der Folge sehr schwer oder wohl auch gar nicht verstehen, da du samt deiner Weisheit so ein überaus dummes menschliches Wesen bist, bei dem aber auch nicht eine allerleiseste Spur von irgendeiner Weisheit anzutreffen ist!
BM|0|161|24|0|Ich aber gebe dir einen Rat und sage dir: Trete du fein zurück und lasse einen anderen – aber ohne Zauberband und Hexenstab – für dich reden! Vielleicht wird er etwas Besseres zum Vorschein bringen. Allenfalls wie die drei Töchter dieses Hauses, die uns zuerst entgegenkamen und recht viele weise Worte hervorbrachten, dass ich darob füglich schließen musste, dass ihr noch gar ungeheuer weiser sein werdet?!
BM|0|161|25|0|Aber ich habe mich in dieser Erwartung sehr getäuscht; denn so einen blitzdummen Kerl, wie du einer bist, gibt es vielleicht auf deiner ganzen Welt nicht zum zweiten Mal! Weißt du, wir beide sind nun miteinander schon fertig; daher trete zurück und lasse einen anderen für dich reden!“
BM|0|161|26|0|Spricht der Weise: „Das geht hier ewig nicht an. Denn so ich von der Höhe aller Höhen herabkomme zu diesen gemeinen Würmern, da darf niemand reden denn allein ich als der Höchste, der Weiseste, der Mächtigste, der Ewige, der Unendliche!“
BM|0|161|27|0|Spricht Martin: „Oder was! Sapperment, du bist am Ende etwa gar das allerhöchste Gottwesen?“
BM|0|161|28|0|Spricht der Weise: „Das gerade nicht, aber nicht viel minder; nur ist Er um etwas älter als ich, indem ich Sein Sohn bin!“
BM|0|161|29|0|Spricht Martin: „Sonst nichts? Oder vielleicht doch noch so ein bisschen was hinzu! Weißt, so ein bisschen was wie eine Zuwaage?“
BM|0|161|30|0|Spricht der Weise: „Freilich wohl noch gar sehr viel hinzu; aber das wäre für dich zu unbegreiflich. Daher kann ich dir’s nicht sagen, denn du bist ein Nichts gegen mich!“
BM|0|161|31|0|Spricht Martin: „Ja, ja, das glaube ich dir alles auf ein Haar. Oh, oh, du bist wirklich was Großes, ja ungeheuer Großes in deiner Art! Du wirst deinesgleichen auf dieser Welt sicher nimmer finden! O du, du, du, du, du!“
BM|0|161|32|0|Spricht der Weise: „Ja, ich habe niemanden über mir, und wenn ich mit dem Stab den Boden berühre, so erbebt die ganze Welt, und alle Wesen zittern vor Furcht, so ich mich ihnen nahe! Ich begreife aber nun durchaus nicht, wie du nicht zitterst und diese deine schwachen Begleiter auch nicht zittern vor mir, der ich euch doch ganz plötzlich verderben könnte?“
BM|0|161|33|0|Spricht Martin: „Was du jetzt nicht begreifst, das wirst du hoffentlich äußerst bald begreifen! Von mir aus wohl am wenigsten; aber es ist schon jemand gegenwärtig bei dieser Gesellschaft, der es dir sagen wird, warum wir vor dir durchaus nicht zittern und auch ewig nie zittern werden!
BM|0|161|34|0|Denn siehe, du bist durch einen argen Geist, der in der Gestalt eines Lichtengels einmal zu dir kam, weidlichst betrogen worden, und hast hernach auch diese ganze große Gemeinde betrogen, da du ihr Gesetze gabst, durch die sie tun kann, was sie will, und nimmer fehlen kann; welche Gesetze so gut wie gar keine Gesetze sind!
BM|0|161|35|0|Ich weiß aber, dass du ehedem ein recht demütiger Weiser warst und bist deiner großen Gemeinde bestens vorgestanden. Als dich aber jener falschlichte Geist betört hatte und dir statt der alten, wahren göttlichen Weisheit diese deine gegenwärtige übergroße, allereselhafteste Dummheit gab, da bist du geworden, wie du nun bist, nahe ein Wesen voll der größten Narrheit!“
BM|0|161|36|0|Spricht der Weise: „Du sprichst da etwas, das der Sache nach wohl wahr ist. Aber ob ich darum ein Narr bin, das muss sich erst zeigen, denn ich komme mir nicht so vor. Ich gebiete dir darum weiterzureden, aber nur stets groß!“
BM|0|161|37|0|Spricht Martin: „Sage mir, ob du dich wohl erinnern kannst, wie alt du bist? Bist du wohl immer gewesen, was du bist, oder war vor dir irgendein anderer in deinem Amt, vielleicht dein Vater? Warst du nicht etwa einmal jünger als nun, oder etwa gar ein Knabe? Nur das sage mir, dann werde ich dir um sehr vieles leichter deine Frage beantworten können!“
BM|0|161|38|0|Spricht der Weise: „Die erste Frage kann ich dir darum nicht beantworten, weil der große Zeitmesser zerstört ist schon seit einer geraumen Zeit. Ein einstmaliger großer Sturm hat die Schnur des großen Pendels abgerissen, und wir können sie nicht mehr ganz machen. Daher weiß auch weder ich noch jemand anderer, wie alt man hier ist.
BM|0|161|39|0|Ob ich immer war oder ob ich einmal einen Anfang genommen habe, so kann ich mich nur ganz dunkel erinnern, als wenn ich auch einmal wäre geboren worden und wäre sonach auch nicht immer das gewesen, was ich nun bin. So kommt es mir auch vor, als ob ich einmal einen Vater gehabt hätte, der damals, als ich noch ein Knabe war, mein Amt bekleidete, aber freilich nicht mit meiner großen Weisheit! Beantwortet sind deine Fragen, darum rede nun wieder du!“
BM|0|161|40|0|Spricht Martin: „Sieh, sieh, ich habe es ja gewusst, dass du kein Gott und kein Gottessohn, sondern ganz einfach ein sterblicher Mensch bist, wie es unsereiner war. Und das ist schon gut für dich und deine ganze Gemeinde; denn also kannst du und deine ganze Gemeinde noch wieder gerettet werden! Wärst du aber in deiner starren Dummheit verharrt, da hätte es euch nun im vollsten Ernst sehr schlecht ergehen können. Warum, das wird dir die nächste Folge zeigen. Willst du aber sehr glücklich sein, da werfe sogleich dein magisches Band von dir wie auch deinen Zauberstab, sonst lässt sich mit dir noch immer kein recht weises Wort sprechen!“
BM|0|161|41|0|Spricht der Weise: „Du verlangst zu viel von mir. Denn lege ich diese notwendigsten Behelfe für meine Kraft, Macht und Weisheit weg, so kann ich ja nichts mehr wirken! Wer wird mir gehorchen, so ich keine Macht habe, wer sich einem Kraftlosen vertrauen? Und wer wird mich hören, so ich keine Weisheit habe? Daher musst du nicht Dinge von mir verlangen, die sich mit meiner höchsten Würde ewig nicht vertragen!“
BM|0|161|42|0|Spricht Martin: „Freund, wir Erdbewohner haben ein allerhöchstes Wort von Gott Selbst, und das lautet also: ‚Es gibt nichts, das ihr verlasst in Meinem Namen, das ihr dann nicht hundertfach wieder nehmt zur Zeit der Vergeltung!‘
BM|0|161|43|0|Und siehe, so wird es auch mit dir der Fall sein! Was du uns tun wirst, und was du lassen wirst in unseres Herrn Namen, das wirst du tausendfach wieder erhalten in aller Wahrheit. Elendes wirst du lassen, und Edelstes wirst du dafür nehmen. Für Schein wirst du ein wahres Sein empfangen. Für Falsches wird dir Wahrheit, für Dummheit Weisheit, für Schwäche wahre Kraft, für Ohnmacht Macht, und so wirst du alles in wahrster Fülle erhalten von Gott dem Herrn, was du hier lässest vom Übermaß deiner Nichtigkeit!
BM|0|161|44|0|Daher tue freiwillig gerne, was ich von dir verlange, und ich gebe mich freiwillig dir zur Geisel, dass du mit mir machen kannst, was du willst, so ich dir hier nicht die vollste Wahrheit gesagt habe!“
BM|0|161|45|0|Spricht der Weise: „Gut, ich sehe schon, dass du im Ernst ein wahrhaftigster Geist bist und tue sonach, was du von mir verlangst. Dafür aber beantworte mir doch einmal die erste Frage, als wer und woher ihr seid, damit ich euch dann in dies Haus führen kann!“
BM|0|162|1|1|Vom wahren Glauben und von der Geistesfreiheit
BM|0|162|1|0|Der Weise legt nun alles von sich. Als er das Band samt dem Stab von sich wegwirft, da erst tritt der Petrus zu ihm hin und spricht:
BM|0|162|2|0|[Petrus:] „So, so ist es recht! Du tatst, was zu tun der Bruder Martin in unser aller Namen von dir verlangt hat, und bist uns dadurch ein neuer Bruder geworden. Es ist aber daher nun auch billig, dass auch wir tun, was du von uns verlangtest, nämlich dass wir dir kundtäten, wer und woher wir sind.
BM|0|162|3|0|Siehe, es ist nichts leichter, als das dir durch Worte zu sagen, was du von uns erfahren möchtest. Aber damit ist eigentlich noch gar nichts getan und dir wenig geholfen! Denn zu dem, was ich dir über uns kundgebe, gehört von dir ein unbedingter Glaube, d. i. eine willige, ungezweifelte Annahme dessen, was ich dir sage. Fehlt dir dieser Glaube, da nützt dir alles nichts, was ich dir auch immer sagen möchte!
BM|0|162|4|0|Du sagst freilich bei dir: ‚So Beweise dem Gesagten beigegeben werden, da will und kann ich ja alles glauben!‘. Aber dagegen muss ich dir freilich nur zu bestimmt bemerken, dass solch ein Glaube kein Glaube, sondern ein pures Wissen ist, durch das deinem inneren Wesen wenig oder nichts geholfen ist.
BM|0|162|5|0|Denn siehe, ein auf Beweise gegründetes Wissen ist kein freies Wissen mehr, sondern ein gerichtetes, und macht keinen Geist frei, sondern nimmt ihn ebenso oft mal gefangen, als wie viele Beweise für einen Glaubenssatz gegeben werden.
BM|0|162|6|0|Nur jener Glaube, der da gleich ist einem freien Gehorsam des Herzens, wo das Herz nicht fragt: ‚Warum, wie und wann und wodurch?‘, ist ein rechter Glaube und macht den Geist frei, weil ein solcher Glaube eine freie, unbedingte Annahme dessen ist, was dir von einem Boten der Himmel kundgetan wurde, dessen Autorität niemand als allein die Liebe deines Herzens zu prüfen hat.
BM|0|162|7|0|Fühlst du Liebe zum Boten, so nehme ihn auf; fühlst du aber keine, da lasse ihn gehen; denn auch der Bote hat die gleiche Weisung von Gott. Denn Er spricht und sprach: ‚Wo man euch aufnehmen wird, da bleibt; wo man euch aber nicht aufnehmen wird, da schüttelt den Staub eurer Füße über sie und zieht dann weiter!‘
BM|0|162|8|0|Du siehst daraus, dass weder der, an den die Botschaft geschieht, und ebenso auch der Bote selbst gebunden sein sollen, sondern ganz frei. Die Verkündigung frei und die Annahme frei; denn wo mehr verlangt wird, da ist keine Freiheit mehr, sondern ein Gericht, das keinen Geist frei macht.
BM|0|162|9|0|Denn wäre Gott, dem ewigen Herrn, darum zu tun, Seine Menschen durch unumstößliche Beweise zu lehren, dass Er ist und wie und wodurch, so wäre Ihm das ein überaus Leichtes; denn Er dürfte die Menschen nur in ein Gericht stellen, so würden sie unmöglich etwas anderes annehmen und denken können, als wie da ihr Herz gleich dem der Tiere gerichtet wäre. Aber der Herr will keine künstlichen, sondern ganz freieste Menschen haben. Darum muss auch ihr Herz frei sein, besonders in der Annahme der geoffenbarten Lehre von Ihm, ansonsten sie in ihrem Geist nimmer frei werden können.
BM|0|162|10|0|Denn solange dein Verstand einen Beweis verlangt, um eine Lehre oder Offenbarung anzunehmen, so lange auch ist der Geist wie ein Gefangener im finsteren Gefängnis. Und da es ihn hungert und dürstet, da schreit er nach Nahrung, die ihm durch Beweise wie spärliche Brosamen erteilt wird, durch die er aber nie zu jener Kraft gelangen kann, vermöge welcher er sich von seinen Fesseln befreien könnte.
BM|0|162|11|0|Nimmt aber der Verstand des Herzens frei, ohne Beweise etwas an, da zeigt das Herz sogleich seine freie Kraft, die in den Geist übergeht und ihn frei macht. Ist aber der Geist frei, dann ist alles frei im Menschen: die Liebe, das Licht und das Schauen! Da braucht es dann keines Beweises für die Wahrheit mehr, denn da ist der freie Geist selbst die klarste und vollste Wahrheit aller Wahrheit.
BM|0|162|12|0|Frage nun dein Herz, ob du mir unbedingt glauben kannst, was ich dir sagen werde, so werde ich dir auch sagen, was du wissen möchtest! Kannst du aber das nicht, dann wäre meine Rede vergeblich. Denn wir sind nicht gekommen, euch zu richten, sondern euch frei zu machen vom harten Joch eurer alten Knechtschaft!“
BM|0|162|13|0|Spricht der Weise: „Erhabener Freund! Du stehst höher als ich; daher rede! Und ich werde dir glauben frei, weil ich dir glauben will!“
BM|0|163|1|1|Petrus gibt Auskunft über die Gesellschaft und ihren Besuchszweck. Bedenken des Weisen über die Sichtbarkeit Gottes
BM|0|163|1|0|Spricht Petrus: „Nun, so höre denn! Wir alle, so du uns hier erschaust, sind fürs Erste Kinder Gottes, d. h. nach eurer Vorstellung Kinder des allerhöchsten Geistes. Fürs Zweite aber sind einige wenige aus uns auch gradewegs des Allerhöchsten erste Hauptdiener, und zwar von der Art, dass eben der Allerhöchste Selbst sie zu Grundpfeilern Seiner Kirche der ganzen Unendlichkeit gestellt hat. Zuerst freilich wohl nur auf der Erde, d. h. auf jenem Planeten, den ihr den heiligen nennt. Als sie aber dort ihre Aufgabe mit aller Freude und Hingebung erfüllt haben, da wurden sie dann durch eine schmerzliche Abnahme des Leibes sogleich zu Ihm in den obersten aller Himmel erhoben, um fürs Erste von Ihm alles zu haben, das Er Selbst hat, und sonach die höchste aller Seligkeiten ewig ungetrübt zu genießen. Fürs Zweite aber eben in solcher Seligkeit jenen Dienst im allerausgedehntesten Sinne zu verrichten, den sie auf der Erde – freilich im engsten Maße – verrichtet haben. Und damit du alles erfährst, so wisse, dass eben ich, Petrus, und jener Dritte, Johannes, solche Diener sind. Die anderen aber sind alle mehr oder weniger Anfänger in dieser Welt und in diesem oberwähnten Dienst.
BM|0|163|2|0|Der Zweck, warum wir hierher kommen, aber ist zunächst der, dass wir zuerst die Neuangekommenen in dieser Welt höherer Liebedienste einführen und einweihen; danach aber auch euch Bewohner dieser Lichtwelt, und zwar nur einige Gemeinden, die vom rechten Weg sich abgewandt haben, wieder aufzurichten.
BM|0|163|3|0|Weil aber eben dies letztere ein hartes Geschäft ist, so dass da die Mühe unsere Kräfte überbieten möchte, so ist auch Gott der Herr Selbst in aller Seiner Kraft- und Machtfülle gegenwärtig! Und das in sichtbarer Menschengestalt, welche Gestalt aber eben die eigentliche göttliche ist, indem Gott uns Menschen nach Seinem Ebenmaß äußerlich wie innerlich geformt hat. Denn Er nahm keine andere Form für Seine Lieblinge als die urerste Seiner ewigen Liebe.
BM|0|163|4|0|Daher gibt es auch in der ganzen Unendlichkeit nirgends eine Welt, auf der die Menschen eine andere Form hätten, als wir sie haben. Nur sind sie hie und da an der äußeren Größe voneinander verschieden und an der Farbe, wie manchmal auch an einigen wenigen äußerlichen Dingen. Aber die Grundform bleibt immer die göttliche.
BM|0|163|5|0|Daher es dich dann auch nicht befremden darf, so du nun gar bald Gott, den allerhöchsten Geist, ganz in meiner Gestalt und Größe erblicken wirst. Denn Seine unendliche und ewige Macht und Größe hängt nicht von Seiner äußeren gestaltlichen, sondern von Seiner innersten Geistgröße ab, die aber ewig wohnt im allerheiligsten, unzugänglichen Licht und kann nie von einem geschaffenen Geist gesehen und noch weniger ewig je begriffen werden.
BM|0|163|6|0|Nun weißt du alles; nichts habe ich ausgelassen, was zur Beantwortung deiner Frage in hohem Grad nötig war. Sage du mir nun aber auch ganz treuherzig ohne alle Verstellung – die bei euch besonders in dieser Gemeinde sehr zu Hause ist –, ob du wohl alles glaubst, was ich dir nun gesagt habe!“
BM|0|163|7|0|Spricht der Weise: „Erhabenster Freund, aufrichtigsten Sinnes gesprochen, bis aufs letzte – alles. Aber dass da Gott, das allerhöchste, unendliche, urewige Gottgeistwesen auch hier unter euch, und zwar in deiner Gestalt und Größe vorhanden sein soll, das – du siehst es selbst ein, so dir nur ein wenig unsere urältesten Weissagungen und Offenbarungen bekannt sind –, das ist eine harte Sache! Es kann wohl sein, dass ich das später einsehen werde. Aber für diesen Augenblick ist das für meine Begriffe von Gott, dem allerhöchsten Wesen, nahe ganz völlig unmöglich!
BM|0|163|8|0|Du weißt es, dass Gott nur höchst selten Seine Engel hierher gesendet, die uns – als den obersten Weisen – eben das höchste Gottwesen veroffenbaren, aber allzeit beisetzen: ‚Gott aber kann niemand sehen und leben zugleich!‘ Daher wohne Er in einer unerforschlichsten Tiefe aller Tiefen, auf dass kein Wesen durch die Beschauung der Gottheit beeinträchtigt werden soll in seinem Leben. Wie aber würde es uns da nun ergehen, so es wirklich so wäre, wie du mir nun verkündet hast, wenn Gott hier unter euch wäre?!
BM|0|163|9|0|Ich kann es nicht in Abrede stellen, dass so was dem Gottwesen allerdings auch möglich sein könnte. Aber wo käme dann Seine ewige, unwandelbarste Ordnung hin, die uns so oft verkündigt worden ist?“
BM|0|163|10|0|Spricht Petrus: „Freund, nur eine kleine Geduld, und du wirst das dir kaum möglich Scheinende gar sehr möglich finden! Aber nun gedulde dich nur ein wenig – Er kommt Selbst her; von Ihm wirst du es am ehesten fassen!“
BM|0|164|1|1|Des Weisen Bedenken weichen vor der Logik des Petrus. Er überwindet seine Furcht vor dem Schöpfer
BM|0|164|1|1|(Am 22. Juli 1848)
BM|0|164|1|0|Spricht der Weise: „Lieber Freund, der wird es etwa doch nicht sein, der dort in der Mitte von zwei Weibern wandelt, vor denen – wie es mir vorkommt – eben jene drei Töchter dieses Hauses einhergehen, die wir früher dahin abgesandt haben, da ihr wart und nicht weitergehen wolltet oder durftet?
BM|0|164|2|0|Denn siehe, bei uns wäre es im höchsten Grad unschicksam, so sich auch nur ein Weiser dritten Ranges von Weibern führen ließe! Wie sollen wir danach erst das ansehen, so der allerhöchste Gott, von dem doch alle Gesetze der Ordnung herrühren müssen, entweder mittel- oder unmittelbar, Sich von Weibern führen lässt? Natürlich vorausgesetzt, dass jener eben nicht etwas Besonderes verratende Geist oder vielmehr Mensch wie wir, ein solcher Gott ist?!“
BM|0|164|3|0|Spricht Petrus: „Freund, hast du durch dein ganzes Leben nicht verschiedene Dinge entweder zu deinem nützlichen Gebrauch oder bloß nur zu deinem Vergnügen verfertigt?
BM|0|164|4|0|Du sagst: ‚O ja, eine Menge zu beiderlei Bestimmungen!‘
BM|0|164|5|0|Gut, sage ich; so du also verschiedene Dinge verfertigt hast, da sage mir, ob sich darunter auch eines befindet, von dem du behaupten könntest und sagen: ‚Dieses Werk ist meiner nicht wert! Ich schäme mich dessen, und es wäre wider alle Ordnung und also im höchsten Grad unschicksam, dieses Werk mit meinen Augen anzusehen oder gar dasselbe mit meinen Händen anzurühren?!‘
BM|0|164|6|0|Du sprichst: ‚Nein!‘ Denn hättest du ein solches Werk, wie wohl hättest du es verfertigen können, so es weder deiner Augen noch deiner Hände würdig wäre? Siehe, sehr richtig hast du da geredet und es ist auch ganz so. Nun aber höre:
BM|0|164|7|0|So aber du schon keines deiner Werke für so schlecht hältst, dass sie deiner unwürdig wären, so du doch gegen Gott ein allerunvollkommenster Meister deiner Werke bist, wie sollst du dann von Gott eine Ordnungstugend verlangen, der doch der ewig vollkommenste Meister aller Seiner vollkommensten Werke ist?!
BM|0|164|8|0|O sage es mir, welches Gotteswerk wohl findest du so schlecht, dass Sich Gott dessen schämen soll? Oder soll Er als der ewige Herr aller Seiner unendlichen Werke etwa von uns, eben Seinen Werken, erst das schicksame Recht erbitten und die Bestimmung, ob und mit welchem Seiner Werke Er umgehen dürfe? Was meinst du, Freund, in dieser Hinsicht?“
BM|0|164|9|0|Spricht der Weise: „O Freund, ich sehe nun wohl ganz klar, dass du ein überaus tiefer Weiser bist; denn jeder deiner Sätze hat den allerfestesten Grund, und [es] lässt sich dagegen gar nichts stellen! Und so fange ich nun auch an, vollernstlich solchen Glauben zu fassen, dass jener ganz einfach aussehende Mensch gar wohl möglicherweise das allerhöchste Gottwesen in Sich fassen kann. Denn konnte Er das auf dem kleinen heiligen Planeten, wie wir von Seinen Engeln benachrichtigt und unterwiesen worden sind, warum soll Ihm das hier auf dieser großen und lichten Welt unmöglich sein?
BM|0|164|10|0|Du siehst, dass ich solches wohl annehmen kann und es nun auch annehme. Aber nun kommt eine andere, gar erschrecklich wichtigere Frage und diese lautet: Freund, so Er es aber ist, Er, der Allgewaltigste, der Heiligste, der endlos Weiseste; ich sage dir, Er, der sogar für unsere größten und tiefsten Gedanken zu endlos erhaben, zu endlos heilig ist, als dass sich auch nur der höchste und reinste Weise je getrauen dürfte, Seinen Namen zu denken! Wie, ich frage, wie? Wie werden wir Ihn empfangen und wie werden wir vor Ihm bestehen?!“
BM|0|164|11|0|Spricht Petrus: „Freund, Er ist uns schon ziemlich nahe. Sehe Ihn einmal mit deinen scharfen Augen so recht fest an und sage mir dann, ob Er wohl gar so fürchterlich, grimmig und erschrecklich aussieht? Und sage mir auch, ob die drei Töchter dieses Hauses, die sich fortwährend nach Ihm umsehen und überaus heiter gestimmt zu sein scheinen, auch von deiner großen Furcht etwas in sich verspüren mögen?“
BM|0|164|12|0|Spricht der Weise: „O Freund, so was entdecke ich nicht. Er sieht überaus gut, sanft und mild aus, und die drei habe ich noch nie so, ich könnte sagen, nahe ausgelassen heiter gesehen!“
BM|0|164|13|0|Spricht Petrus: „Nun, so du das wohl bemerkst, wie kannst du dann so fragen, als du ehedem gefragt hast? Ich sage dir, fürchte dich vor Ihm nur nicht! Denn wo Er kommt, da kommt Er allzeit aus Liebe – und ewig nie aus Zorn und Rache. Obschon Zorn und Rache gleich wie die Liebe ewig Sein sind und daher niemand einen Zorn haben und die Rache üben soll an seinen Nebengeschöpfen.
BM|0|164|14|0|Denn der Zorn ist allein Gottes und die Rache des Richters; aber die Liebe ist des Vaters, und diese gibt er Seinen Kindern, sucht sie bei ihnen und kommt, so Er kommt, weder im Zorn, noch in der Rache, sondern allzeit in der Liebe als Vater zu Seinen Kindern, die Er eben aus Liebe nach Seiner Gestalt gebildet hat, und in ihr Herz die heilige wunderbarste Bestimmung gelegt, ganz das werden zu können, was Er Selbst ist.
BM|0|164|15|0|Wenn nun aber das, was ich dir eröffnet habe, der ewigen Wahrheit gemäß so ist, wäre es da wohl weise, sich vor Dem zu fürchten, der gegen uns die Liebe Selbst ist?
BM|0|164|16|0|Fürchtest du dich doch nun vor mir nicht, der ich auch so viel Macht und Kraft besitze, dass ich bloß durch den leisesten Gedanken diese ganze Welt in einem Augenblick zerstören und im nächsten Augenblick eine andere hervorrufen könnte! Da du dich aber vor mir nicht fürchtest, der ich ebenfalls alle Macht aus dem Herrn in mir habe, aber dabei ewig doch nicht so gut sein werde, als Er es ist, wie sollst du dann dich vor Ihm fürchten, dessen Güte endlos ist?!
BM|0|164|17|0|Fürchte dich also nicht vor Ihm, sondern freue dich vielmehr über alle Maßen, darum dir und dieser ganzen Welt nun eine so unbegrenzt große Gnade wiederfährt, so wird auch Er Freude an dir und an euch allen haben und wird euch helfen, da ihr am meisten Seiner Hilfe bedürft! Aber nun, Freund, ordne dein Herz; denn nur wenige Schritte, und Er ist in unserer Mitte!“
BM|0|164|18|0|Spricht der Weise: „O Freund, ob mein Herz geordnet ist, weiß ich zu sagen nicht. Aber dass ich große Liebe zu Ihm empfinde, das fühle ich nun zum ersten Mal lebendig!
BM|0|164|19|0|Also habe ich mich auch so ziemlich von meiner Furcht ledig gemacht, und zwar unter folgenden mir gar nicht unweise vorkommenden Voraussetzungen, denen nach zufolge richtigen Denkens und Annehmens ich als Geschöpf unmöglich mehr sein und werden kann, als das nur, was ich bin, nämlich ein Geschöpf! Und dass demgegenüber Gott ebenso auch unmöglich weniger sein und werden kann, als was Er ist, nämlich Gott, das allervollkommenste Grundurwesen, durch das jede andere wie immer geartete Wesenheit bedingt ist und sein muss.
BM|0|164|20|0|Denn ohne Schöpfer lässt sich kein Geschöpf denken, wohl aber der Schöpfer ohne Geschöpf. Denn der Schöpfer ist schon das, was Er ist, durch Sein ewig klarstes Bewusstsein, demzufolge Er erschaffen kann, was und wann Er will. Das Geschöpf aber kann unmöglich zuvor etwas sein, als bis es erst der allmächtige Wille des Schöpfers zu etwas gemacht hat.
BM|0|164|21|0|Ich ersehe im Schöpfer wie im Geschöpf zwei Notwendigkeiten, wo die zweite durch die erste als unwidersprechlich bedingt erscheint. Wenn diese Sache aber doch unmöglich anders als gerade so nur zu betrachten ist, da sehe ich durchaus nicht ein, wie ich mich als bedingte Notwendigkeit vor der ersten unbedingten fürchten soll!
BM|0|164|22|0|Ich denke mir die Sache zur größeren Beruhigung meines Gemütes so: Diese unsere große Welt hat auf ihrer Oberfläche eine zahllose Menge so kleiner Dinge, von denen das Volumen eines einzelnen zum Gesamtvolumen dieser ganzen Welt in einem so allerunansehnlichen Verhältnis steht, wie nahe das reine Nichts zur Unendlichkeit.
BM|0|164|23|0|Aber dessen ungeachtet besteht das Kleinste neben dem Großen ganz unbeirrt und hat denselben Grund, sich seines Daseins zu erfreuen, als das nahe endlos Große; denn ist es auch gegen das Große ein Nichts, so ist es aber doch gegen sich selbst das, was es ist, vollkommen; und denke ich da auch wieder: Ich kann freilich das ewig nie werden, was da ist unser aller hocherhabenster allmächtigster Schöpfer. Aber dagegen kann auch der Schöpfer trotz aller Seiner Allmacht das nie werden, was ich bin, nämlich ein Geschöpf.
BM|0|164|24|0|Es ist freilich an diesem leidenden Vorzug, ich möchte lieber ‚Nachzug‘ sagen, nichts gelegen. Aber es ist dessen ungeachtet eine so eigentümliche Stufe, die vom Schöpfer, als erster Bedingung alles Seins, in keinem Fall je betreten werden kann. Und so hat hier jede der zwei Notwendigkeiten etwas für sich, und zwar in der Art, dass eben dieses Etwas vielleicht wohl scheinbar, aber in der Wirklichkeit vom Gegenteil doch nie erreicht werden kann. Und so ich dieses richtige Verhältnis mir recht klar vor die Augen stelle, so werde ich auch der gewissen Furcht überhoben, die mich bis jetzt beschäftigte.“
BM|0|165|1|1|Zwiegespräch zwischen dem Weisen und Johannes. Das Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf
BM|0|165|1|0|Spricht darauf Johannes: „Lieber Freund, ich habe den Sinn deiner Rede genau erwogen und fand, dass er in sich selbst betrachtet ganz richtig ist. Nur muss ich dir dabei das bemerken, dass du hier die beiden Extreme zu schroff behandelt hast, und hast eine zu scharfe Grenzlinie gezogen.
BM|0|165|2|0|Es ist allerdings wahr, dass der Schöpfer nie Geschöpf und das Geschöpf nie der Schöpfer werden kann. Aber nichtsdestoweniger ist dabei der Schöpfer in irgendeinem Nachteil, und ebenso wenig in irgendeinem besonderen Vorteil gegen das Geschöpf.
BM|0|165|3|0|Denn fürs Erste hat Er zur Hervorbringung des Geschöpfes durchaus keine andere Materie als Sich Selbst, d. h. Er muss das Geschöpf aus derselben Substanz bilden, als aus welcher Er Selbst besteht von Ewigkeit. Fürs Zweite aber muss Er dann dieses Geschöpf sogestaltig auch fortan aus Sich Selbst erhalten, während das Geschöpf seinem Schöpfer gegenüber nichts zu tun hat, als bloß nur zu sein.
BM|0|165|4|0|Und so es also ist, wie es der Schöpfer eigentlich haben will, nämlich in der fürs Geschöpf bestimmten Ordnung, so kann das Geschöpf ebenfalls in die Vollkommenheit seines Schöpfers eingehen. Es kann die Kindschaft Gottes erlangen und dann mit Ihm sozusagen in einem und demselben Haus wohnen und alle Seine Rechte gebrauchen und genießen! Und ich meine, dass sich dann in diesem Fall der Schöpfer wie das Geschöpf gegenseitig sehr wenig werden zugute zu halten haben.
BM|0|165|5|0|Solange Schöpfer und Geschöpf zur Folge der ihm erteilten moralischen Willensfreiheit eben im Wollen und Handeln sich einander gegenüberstehen, so lange freilich ist dein aufgestellter Grundsatz richtig. Denn die Priorität des Schöpfers kann da unmöglich je in einen Zweifel gezogen werden, weil sie wirklich eine unwidersprechliche Notwendigkeit ist.
BM|0|165|6|0|Aber so das Geschöpf durch Erkenntnis und tätigen Willen des geoffenbarten Willens des Schöpfers die Scheidewand selbst zerstört, dadurch den Schöpfer in sich selbst aufnimmt und auf die Weise vollends eins wird mit Ihm, da fragt sich dann:
BM|0|165|7|0|Wo ist der Schöpfer als ewig Einer und Derselbe mehr Schöpfer: in Sich oder im Geschöpf? Was ist hier älter: das Geschöpf als identisches Wesen mit und in dem Schöpfer – oder der Schöpfer als identisches Wesen im Geschöpf? Denn Er Selbst spricht: ‚Ihr seid in Mir und Ich in euch!‘
BM|0|165|8|0|In diesem Falle, der wahr und unleugbar ist, glaube und meine ich aus der Fülle meiner hellsten Anschauung, hast du, lieber Freund, deine Saiten etwas zu stark angezogen und wirst daher schon müssen mit dir etwas handeln lassen! Was meinst du in dieser Hinsicht?“
BM|0|165|9|0|Spricht der Weise: „Lieber Freund, ich sehe, dass du ungeheuer weise bist, und es lässt sich deinen aufgestellten Grundsätzen gegenüber nichts einwenden. Aber nur meine ich, dass das produktive Wesen dem Schöpfer gleichfort eigen bleibt: ob Er für Sich ganz isoliert dasteht, oder ob Er Seiner ausfließenden Wirkung zufolge Sein Geschöpf wie ein Gefäß mit Sich Selbst erfüllt; es versteht sich von selbst, nach dem Maße der dem Geschöpf erteilten Aufnahmefähigkeit.
BM|0|165|10|0|Denn dass das Geschöpf nie die ganze unendliche Fülle der Urgottheit wird in sich aufzunehmen imstande sein, darüber dürfte wohl kein Zweifel sein! Ich meine, die Beantwortung dieser Frage liegt schon im Begriff ‚Unendlichkeit‘, die nur wieder von derselben Unendlichkeit, nie aber von einer aus ihr genommenen Endlichkeit aufgenommen werden kann.
BM|0|165|11|0|Siehe, wir sehen von dieser unserer Welt eine Sonne, deren Größe der Größe unserer Welt, nach unseren Berechnungen, viele tausend mal tausend Male überlegen sein wird. Aber so ich gar oft beobachtet habe, wie selbst die kleinsten Tautröpfchen das Bild jener großen Welt in sich zwar gestaltlich, wie für das Volumen ihres Wesens hinreichend effektiv, also vollkommen aufnehmen, so unterliegt es sicher auch keinem Zweifel, dass wir Geschöpfe auf eine ähnliche Weise den Schöpfer in uns wohl aufzunehmen vermögen, insoweit Er von uns zu unserer Vollendung aufgenommen werden kann.
BM|0|165|12|0|Aber wie weit bleibt da das Sonnenbild im Tautropfen von der wirklichen Sonne zurück, und wie weit erst das Geschöpf mit seinem Schöpferbild hinter dem wirklichen Schöpfer!? Ich glaube, es dürfte sehr schwer eine Zahl zu ermitteln sein, durch die man angeben könnte, wie viele solcher Tautröpfchen dazu erforderlich wären, um nur das wahre Volumen jener Sonne darzustellen, die sich in ihnen wohl äonenmal abbildet!
BM|0|165|13|0|Und doch stehen sich hier nur zwei begrenzte Dinge gegeneinander! Wie aber wäre dann erst da eine alles ausgleichende Bestimmung möglich, wo sich die ewige Unendlichkeit und eine sicher kaum beachtbare zeitliche und räumliche Begrenztheit begegnen!?
BM|0|165|14|0|Es ist übrigens nicht in Abrede zu stellen, dass das schöpferische Wesen im Geschöpf identisch ist mit dem Schöpfer, wie auch umgekehrt; aber ich frage: in welcher Proportion?! Und diese Proportion muss doch auch in eine sehr große Beachtung gezogen werden, weil aus ihr nur zu klar hervorgeht, dass zwischen Schöpfer und Geschöpf trotz aller natürlichen und moralischen Identisierung dennoch eine solche Kluft für ewig stehen bleiben muss, weil sie weder von einer noch von der anderen Partei je völlig überschritten werden kann.
BM|0|165|15|0|Und so bleibe ich insoweit bei meinem Grundsatz stehen, insoweit die beiden Gegensätze nie vollkommen in eins zusammenfallen können! Will mich aber dadurch dennoch nicht gegen eine tiefere Belehrung verwahren, im Gegenteil: es wird mir jede tiefere Belehrung in dieser Sache im höchsten Grad willkommen sein, daher ich mich auch sehr freue, dich darüber weiter und sicher tiefer zu vernehmen!“
BM|0|166|1|1|Johannes beleuchtet die Einswerdung des Menschen mit Gott. Beispiel vom Meer und den Wassertropfen. Schwerfälligkeit der Verstandsweisheit
BM|0|166|1|0|Spricht Johannes: „Lieber Freund, du gehst wohl sehr kritisch zu Werk in dieser freilich über alles wichtigen Sache und hast in so manchem recht. Aber im Ganzen und Allgemeinen kannst du damit aber dennoch auf sogestaltige Abwege gelangen, auf denen du wohl Ewigkeiten schwerlich das einstige wahre Ziel deines Seins erreichen möchtest! Daher will ich dich im Namen des Herrn, der nun gerade unsertwegen ein wenig innehält, auch ein wenig tiefer beleuchten. Und so höre, du lieber Freund:
BM|0|166|2|0|Du nahmst zu einem natürlichen Bild deine Zuflucht, um mir die Richtigkeit deines dich vor Furcht schützen sollenden Grundsatzes desto klarer vorzustellen. So kann ja auch ich ein ähnliches Bild nehmen, um wider dich selbst ein Zeugnis zu stellen, das dich erhellen soll mehr denn das nahe maßlose Lichtmeer deiner mir vorgeführten Sonne! Ich werde zwar nicht so tief wie du in den Schöpfungsraum hineingreifen, aber ich glaube dennoch, dass ich unter dem Beistand des Herrn den Nagel auf den Kopf treffen werde.
BM|0|166|3|0|Siehe, das Meer ist auf nahe einer jeden Welt – mag sie groß oder klein sein ihrem Volumen nach – jene Wassermasse, in die sich endlich alle einzelnen Ströme, Flüsse, Bäche und zahllose kleinere Bächlein und Quellen ergießen, und in die auch die allermeisten Regentropfen fallen.
BM|0|166|4|0|Dieses Meer aber ist auf jeder Welt der erste Hauptgrund zu allen Seen, Strömen, Flüssen, Bächen, Bächlein und Quellen, sowie auch von jedem Regen und Tau. Denn hätte eine Welt kein Meer, so gliche sie einem Menschen, der kein Blut und somit auch keine anderen Säfte hätte und sonach denn auch ehestens zu einer Mumie oder zu einer leblosen Bildsäule werden müsste. Einer Welt ist sonach das Meer ebenso notwendig wie das Blut dem Menschen und auch jedem anderen lebenden Wesen.
BM|0|166|5|0|Nun geht aber alles, was auf einer Welt nur immer den Namen Flüssigkeit hat, aus dem einen Meer hervor, verrichtet die bestimmten Dienste und kehrt nachher wieder in das Meer zurück. In zahllos vielen kleinsten Kügelchen oder Tröpfchen spendet das Meer fortwährend seinen großen Überfluss in den ihm vollends verwandten Luftraum, der jede Welt umgibt. In diesem stets bewegten Luftraum werden diese kleinsten Wasserteilchen in allen möglichen Richtungen über die ganze Welt getragen. Sind sie in der Luft einmal in großer Fülle vorhanden, so werden sie anfangs als Nebel und später bei noch größeren Ansammlungen als dichte Wolken ersichtlich. In diesen Wolken ergreifen sie sich, bilden dadurch größere und somit auch schwerere Tropfen, die dann alsbald hie und da in großer Anzahl als ein Regen auf die dürstende Welt niederfallen und diese wie neu beleben und erquicken.
BM|0|166|6|0|Du weißt nun, was das Meer ist und was alles aus ihm hervorgeht?
BM|0|166|7|0|Du sprichst: ‚Ja, das beruhe schon auf gar alten Erfahrungen!‘
BM|0|166|8|0|Gut, sage ich dir, so du das verstehst, da sage mir, was da so ganz eigentlich älter ist: die einzelnen Tropfen des Meeres oder das gesamte Meer selbst? Freilich wohl ist das gesamte Meer früher dagewesen, bevor aus demselben ein Regentropfen aufsteigen konnte in die Luft; aber so er einmal aus dem Meer stieg, war er da als Teil desselben Meeres etwas anderes als das Meer selbst? Und so er wieder ins Meer zurückfallen wird, wirst du da wohl einen Unterschied finden zwischen ihm und dem Meer?
BM|0|166|9|0|Du sprichst, und sagst: ‚Nein, da ist alles identisch; denn wo der Teil vom Ganzen gleich ist dem Ganzen, da sind Teil und das Ganze eins!‘
BM|0|166|10|0|Gut, sage ich; wenn aber nun zwischen Schöpfer und Geschöpf dasselbe Verhältnis waltet, woher nimmst du dann deine scharfen Grenzen, die du zwischen Schöpfer und Geschöpf stellst?“
BM|0|166|11|0|Der Weise ist hier ganz frappiert und spricht erst nach einer Weile sagend: „Überweisester Freund, ich sehe nun ganz klar, dass du recht hast, und es lässt sich diesem deinem Beweis für die Identität des Schöpfers mit dem Geschöpf nichts mehr entgegenstellen! Es ist so und es kann durchaus nicht anders sein. Denn woher soll der Schöpfer zur Erschaffung der Geschöpfe den Stoff genommen haben, so Er ihn nicht aus Sich genommen hätte?
BM|0|166|12|0|Hat Er ihn aber sonach aus Sich genommen, so muss wenigstens das Material oder der Stoff mit dem Schöpfer identisch sein, wennschon die Zeit, in der das Material, aus dem das Geschöpf gestaltet ist, vom Schöpfer getrennt wurde, natürlich mit dem Schöpfer nicht identisch ist, weil die Zeit nur ein zu beiden Seiten scharf begrenzter Ausschnitt der Ewigkeit ist, während der Schöpfer durchaus ewig ist und notwendig sein muss, weil ohne Ihn sich ewig nie ein Werden denken ließe.
BM|0|166|13|0|Diese Sache ist demnach nun klar und kann unmöglich erst klarer werden durch was immer für noch tiefere Beweise. Aber um diese Sache so recht bergfest zu stellen, da glaube ich, dürfte eine Aufstellung einer Proportion nicht ohne großen Nutzen sein, besonders für diese Gemeinde, die alles genau berechnet haben will!
BM|0|166|14|0|Die Proportion aber möchte ich so stellen, dass nämlich der Schöpfer als Gesamttotalität aller einzelnen von Ihm durch Sein Wollen getrennten Totalitäten sich gerade so verhält, wie umgekehrt alle einzelnen Totalitäten, die ewig aus Ihm hervorgehen, sich in ihrer Gesamtheit zum Schöpfer verhalten – welche Proportion aber dann auch notwendig dieses Fazit der Produkte gibt, dass nämlich die volle Zusammenfassung aller speziellen produzierten Totalitäten der in ihnen gesetzten einen Totalität des Schöpfers gleich ist. Oder: das gesamte Eins des Schöpfers ist vollkommen im Eins der Geschöpfe enthalten, wie auch umgekehrt.
BM|0|166|15|0|Ist aber das gesamte Eins im Geschöpf dem Eins des Schöpfers gleich, so ist auch ein getrenntes Eins dem Gesamt-Eins gleich, weil es ebenso gut wie das Gesamte im Gesamten, und zwar im streng gleichen Verhältnis enthalten ist. Ich meine, diese Proportion dürfte hierzu gar nicht überflüssig sein?“
BM|0|166|16|0|Spricht Johannes: „Ja, ja, die Proportion ist wohl richtig. Aber ich muss dir dazu nur das bemerken, dass wir als Kinder des Herrn, der uns ein Vater ist und bleibt auf ewig, ganz anders zu rechnen pflegen, als du mir hier vorgerechnet hast!
BM|0|166|17|0|Siehe, das, was du berechnest mit deinem Kopf, das alles berechnen wir stets mit unserem Herzen und bekommen allzeit ein bestes Resultat, das da alle ordentlichen Sonderheitsfälle in sich begreift! Aber nun kommt der Hauptrechenmeister, Der wird dir ganz andere Rechnungen zeigen!“
BM|0|166|18|0|Spricht der Weise: „Also, das ist der Herr, oder das eigentliche Wesen Gottes?“
BM|0|166|19|0|Spricht Johannes: „Ja, Freund, das ist der Herr!“
BM|0|166|20|0|Spricht der Weise: „Wahrlich, Sein Äußeres verrät eben nicht viel Herrliches; wohl aber erweckt Sein Annahen einen starken Grad Liebe zu Ihm in mir!
BM|0|166|21|0|Das Aussehen ist gut, ja sehr gut ist es. Aber dass dieser ganz natürlich aussehende Mensch, der wohl ungeheuer viel Weisheit haben kann, der Schöpfer der Unendlichkeit und aller Werke in ihr sein soll, das schaue sich aus Ihm heraus, wer es mag. Mir ist das so gut wie völlig unmöglich.
BM|0|166|22|0|Er ist ja ebenso begrenzt wie wir beide! Wie möglich kann Er da das Unendliche zugleich durchdringen und umfassen? Aber, wie gesagt, die Weisheit hat ewig unergründliche Tiefen; es kann alles möglich sein. Ich sage nur oder will eigentlich damit nur so viel gesagt haben, dass es mir nur so absonderlich vorkommt! Aber nun nur still; Er winkt zu schweigen!“
BM|0|167|1|1|Der Herr und Uhron, der Sonnenweise. Uhrons Bekehrung und gute Antwort
BM|0|167|1|0|Nun komme Ich vollends herzu und rede: „Uhron, sage, geht die Pforte dieses Hauses schwer oder leicht auf? Geht sie leicht, so führe uns hinein. Geht sie aber schwer, da lasse Mich die Probe machen, auf dass Ich sehe, wie schwer sie geht!“
BM|0|167|2|0|Spricht der Weise: „Höchst erhabenster Freund aller Engel und Menschen! Mir kommt es vor, Du bist nicht einer, der da suchte die Weisheit bei den Menschen. Denn alle unsere Weisheit ist ja ohnehin Deine Gabe an uns, und alle unsere Einrichtung ist Dein Werk. Und so meine ich, dass es gar nicht nötig sei, dass ich Dir dartun soll, ob schwer oder leicht dieses Hauses Pforte aufgehe! Gebiete, was da geschehen soll, und es wird geschehen, wie du es gebieten wirst, sogleich!“
BM|0|167|3|0|Rede Ich: „Du sagtest, was Ich von dir verlangte. Die Pforte geht leicht auf, daher führe Mich ins Haus! Denn Ich fragte nicht nach der Pforte dieses eures Wohnhauses, ob sie leicht oder schwer aufginge. Denn was liegt Mir daran, da es doch ewig in Meiner Macht liegt, Myriaden solcher Häuser in einem Augenblick entstehen und im nächsten Augenblick wieder vergehen zu machen!
BM|0|167|4|0|Ich aber stellte die Frage nur an dein Herz, das da ist die rechte Pforte in das Haus deines Lebens. Und siehe, diese Pforte aber geht leicht, und das ist, was Ich will, dass du Mich da hineinführen sollst! Und du hast Mich schon eingeführt und tatst wohl daran. Daher aber führe nun uns alle, zum Zeugnis dessen, was deines Lebens ist, auch in dies äußere Haus, auf dass alle, die hier sind, sehen, dass Ich auch ein Herr dieses Hauses und dieser Erde bin!“
BM|0|167|5|0|Spricht der Weise: „Du bist der Herr hier wie endlos allenthalben! Dir allein gehört auch dieses äußere Haus ewig. Außer Dir hat niemand ein Recht, darinnen zu schalten und zu walten nach seinem Belieben. Daher wäre es im höchsten Grad vermessen von mir, so ich Dich als den ewigen ausschließend wahrsten Ureigentümer dieses Hauses wie dieser ganzen Welt, usurpatorischerweise in dies Dein vollrechtliches Eigentum einführen soll!
BM|0|167|6|0|O Herr, Du ewiger Eigentümer der Unendlichkeit, da Du nun endlich einmal auch in dies Dein vollstes Eigentum gekommen bist, so führe Du uns als ein allein wahrster und rechtlichster Hausvater in dies völlig Dein Haus!“
BM|0|167|7|0|Rede Ich: „Du hast wohl und recht geredet, da es so ist, wie du nun geredet hast. Aber Ich habe dich durch Meine Engel ja zu Meinem Sachwalter gestellt und komme nun, mit dir zu rechnen. Da meine Ich, dass es denn doch an dir wäre, Mich als den Herrn in Mein dir anvertrautes Eigentum zu führen?“
BM|0|167|8|0|Spricht der Weise: „O Herr, so Du ein Pächter wärst, dann ja! Denn so jemand, der noch nichts besitzt, hie oder da einen Hof pachtet, da wohl muss er füglich vom Sachwalter, der die Sachen kennt, in solch einen Afterbesitz eingeführt werden. Du aber bist ein Besitzer alles dessen in aller Fülle der höchsten Wahrheit, und es ist Dir kein Atom alles dessen unbekannt, was dieses Haus fasst, wie auch meine überschlechte Haushaltung, darum Du mit mir nicht viel wirst zu rechnen haben, da ich nun nur zu sehr überzeugt bin, dass Dir meine schlechte Rechnung schon seit Ewigkeiten bestens bekannt ist in allen ihren treulosen Punkten.
BM|0|167|9|0|Daher komme ich nun noch einmal mit der demütigsten Bitte und sage: Du alleinigster Herr und Vater dieses wie jedes anderen Hauses, ziehe Du in dies Dein vollstes Eigentum ein. Mir aber als Deinem schlechtesten Sachwalter sei gnädig und barmherzig, und züchtige mich nicht nach dem Maße meines sicher selten so argen Verdienstes!“
BM|0|167|10|0|Mit diesen Worten fällt der Weise vor Mir auf sein Angesicht und weint zum ersten Mal seines Lebens; denn das Lachen wie das Weinen ist den oft sehr schroff-weisen Bewohnern dieser Welt nahe ganz fremd.
BM|0|167|11|0|Ich aber berufe den Martin und sage: „Martin, wie gefiel denn dir die Sprache dieses nun völlig bekehrten Weisen?“
BM|0|167|12|0|Spricht der Martin: „O Herr, der hat nun wohl die allervollste Wahrheit gesprochen, und zwar so umfassend, dass ich mir ewig nichts Wahreres vorstellen kann.
BM|0|167|13|0|O hätten doch die Juden, als Du auf die Erde kamst, so geredet! Da hätte Dich ewig kein Judas verraten und kein Kaiphas und kein Pilatus kreuzigen lassen. Denn auch dort kamst Du in Dein vollstes Eigentum, aber die Deinen haben Dich nicht erkannt so wie dieser Fremdling nun hier in dieser Welt!
BM|0|167|14|0|Aber was geschehen ist, das können Menschen nicht mehr ungeschehen machen! Daher vergebe, o Du bester Vater, aber auch allen, die nicht wissen, was sie tun – zu denen zu gehören auch ich leider die Ehre habe!“
BM|0|167|15|0|Rede Ich: „Nun gut, gut, Mein Martin, auch du hast recht geredet! Aber nun nehmt diesen Weisen und tragt ihn auf euren Händen vor Mir in dies Haus! Es sei, es geschehe!“
BM|0|168|1|1|Wirkung der Bekehrung Uhrons auf dessen Hausbewohner. Eintritt ins Sonnenhaus
BM|0|168|1|0|Petrus, Johannes und Martin heben den Weisen vom Boden und tragen ihn in das herrliche Haus. Darob aber entsetzen sich die anderen Sonnenbewohner, und zwar zunächst die eigentlichen Bewohner dieses Hauses und sagen unter sich:
BM|0|168|2|0|[Die Hausbewohner:] „Was ist das?! Der unsterbliche höchste Weise fiel vor diesem Menschengeist wie tot auf den Boden, und nun tragen ihn die drei fremden Geister in unser Haus! Was wird daraus werden? Wer ist denn dieser Geist, dass er eine solche Macht hat, wie wir sie noch nie bei einem Engel entdeckt haben?“
BM|0|168|3|0|Sagen darauf einige, die den drei Trägern auf dem Fuße nachfolgen: „Habt ihr’s denn nicht ehedem vernommen, dass dieser Geist der allerhöchste Geist Gottes sein soll? Wir unsererseits sind des nun nahe völlig gewiss; wie so was aber euren Blicken entgangen ist, wahrlich, das ist uns ein Rätsel!
BM|0|168|4|0|Habt ihr denn nicht vernommen, wie unser höchster Weiser mit Ihm geredet hat und hat Ihn anerkannt als den alleinigen Hausvater und somit Allerältesten dieses wie auch jedes anderen Hauses?
BM|0|168|5|0|Geht daher in euch und bedenkt, welche Gnade nun diesem Haus, ja dieser ganzen Welt widerfährt, so ihr Schöpfer sie betritt zum ersten Mal sichtlich unseren Sinnen mit Seinen allerheiligsten Füßen! Eilt voraus, reinigt über alles den weichen Sitz des Ältesten dieses Hauses, auf dass der rechte Eigentümer dieses wie jeden Hauses zum ersten Mal Seinen altgerechten Platz einnehmen möge!“
BM|0|168|6|0|Auf diese Worte rennen sie alle ins Haus und tun gar sehr emsig, wie ihnen die Weiseren aus ihrer Mitte soeben geraten haben. Ich aber folge ihnen am Fuße nach, und zwar wie früher – in der Mitte der Chanchah und Gella und der drei Töchter eben dieses Hauses. Mir folgen der Borem und der Chorel nun als Führer der gesamten Gesellschaft, die hier von A bis Z die Augen nicht genug aufreißen kann, um alle die zahllosen Herrlichkeiten gebührend zu würdigen, die sich ihnen hier zur Beschauung darbieten.
BM|0|168|7|0|Alle frohlocken über die Maßen und loben Mich. Denn nun wissen es schon alle in der Fülle, dass Ich allein der Herr es bin, und sind eben darum umso glücklicher, weil sie sich in der Gesellschaft Dessen befinden, der da der ewige Meister aller dieser Herrlichkeiten ist. In dieser Ordnung also gehen wir in das erste Haus der Sonnenbewohner.
BM|0|169|1|1|Uhrons gute Empfangsrede an den Herrn. Berufung der Sonnenmenschen zur Gotteskindschaft. Trauriges Zeugnis über die Erdenmenschen. Ankündigung der Sichtung der Erdenmenschen und der darauffolgenden geistigen Verbindung der wenigen Überlebenden mit den Sonnenmenschen
BM|0|169|1|1|(Am 1. August 1848)
BM|0|169|1|0|Als nach einem kurzdauernden Einzug alles im Haus oder vielmehr in diesem großartigsten Prachttempel sich befindet, da tritt der schon wieder gestärkte Weise in der höchsten demütigsten Ehrfurcht vor Mich hin und spricht:
BM|0|169|2|0|[Der Weise:] „O Du, dem auf dieser Deiner Welt keine Zunge wagte einen Namen zu geben! Du durch so lange vorhervergangene Zeiten durch Deine Urerzengel uns verkündeter ewiger Urgeist und allmächtigster Schöpfer aller Wesen, deren Zahl keinen Anfang und kein Ende hat! Du Erster, Du Heiligster, Du Weisester, Du ewiges Gesetz und ewige Ordnung aller Wesen und Dinge! Da Du nun uns also endlos gnädig endlich einmal heimgesucht hast – o so würdige uns Unwürdigste aber auch nach solcher Deiner Gnade, dass Du Selbst uns zeigst Deinen Willen und uns einen Weg vorzeichnest, auf welchem wandelnd wir uns mit Zuversicht Deines Wohlgefallens auf ewig erfreuen könnten!
BM|0|169|3|0|Wohl sind wir auf dieser Welt mit großen Vorzügen ausgerüstet. Wir sind, was die Form betrifft, überaus schön und nach Maßgabe unseres Gesellschaftsbandes auch hinreichend weise. Wir arbeiten mehr mit dem Willen als mit den Händen; nie noch haben uns Nahrungssorgen geplagt, was auf anderen Welten sehr häufig der Fall sein soll. Also kennen wir auch keine Krankheiten unseres Leibes, obschon unser Fleisch sehr reizbar ist; also können wir auch leben, solange als wir wollen. Willigen wir aber in die von höheren Geistern verlangte Umwandlung, so wird sie uns zur höchsten Wohllust!
BM|0|169|4|0|Kurz, wir sind in allem so gestellt, dass ich mit sicherer Folgerung sagen kann: Es wird kaum irgend im endlosen Raum Deiner Schöpfungen noch eine zweite Welt geben, in der naturmäßige Menschen noch glücklicher gestellt wären als wir durch Deine endlose Gnade. Aber bei allem dem sehen wir dennoch ein, dass wir Deinen Kindern weiter zurückstehen, als wie weit da voneinander abstehen die Pole der Unendlichkeit!
BM|0|169|5|0|O Herr, sehe uns an, die wir auch wie Deine Kinder aus Dir hervorgegangen sind, und stelle eine Möglichkeit auf, durch die auch wir eine solche Aussicht gewinnen könnten, Deinen heiligen Kindern in der geistigen Wirklichkeit nur um etwas näher gestellt zu werden!
BM|0|169|6|0|O Du Erhabenster, heiligster Vater Deiner Kinder, so es Dein Wille wäre und nicht zuwider Deiner heiligsten Ordnung, so erhöre diese meine armselige Bitte, zu deren Hervorbringung mir die geistige Not dieses Volkes und meine unbegreiflich mächtige Liebe zu Dir, o Du Überheiligster, den Mut gegeben haben! Aber zürne uns nicht, o Vater der Deinen, so ich, ein Fremdling, es wagte, an die heiligste Pforte Deines Herzens zu pochen!“
BM|0|169|7|0|Darauf rede Ich, und sage: „Mein Sohn! Mein Uhron, eben darum du bittest, bin Ich auch da! Denn siehe, die Menschen der kleinen Erde haben nun Meiner völlig und vollends vergessen und haben aus ihr eine vollkommene Hölle bereitet. Nur gar wenige gibt es noch hie und da, die in der Tat noch etwas weniges auf Meinen Namen halten und bauen; den meisten anderen aber ist er zum Ärger und Ekel geworden. Du siehst aber daraus leicht, dass Ich fürderhin Mir kaum mehr auf jener treulosen Erde Kinder ziehen werde können.
BM|0|169|8|0|Denn mit Meiner Macht kann solches nicht bewerkstelligt werden, weil sie da gerichtet wären, was bei Meinen Kindern ewig nie der Fall sein darf, da Meine Kinder in die höchste Freiheit übergehen müssen, ansonsten sie Mir nicht als Mein rechter Arm dienen könnten. Rühre Ich sie aber mit Meiner Macht nicht an und lasse sie fürderhin noch tun, was sie frei wollen, da werden sie zu Teufeln und treiben miteinander solche Dinge und Taten der bösesten Art, dass sie damit der tiefsten Hölle zu einem Muster aufgestellt werden könnten.
BM|0|169|9|0|Sie haben keinen Glauben, keine Liebe, keine Demut und keinen Gehorsam und somit auch gar kein Vertrauen auf Mich. Wie auch könnten sie auf Mich vertrauen, da Ich zufolge ihres dicksten Unglaubens so gut wie gar nicht bin?
BM|0|169|10|0|Daher bleibt Mir nun auch nichts anderes übrig, als die wenigen Rechten und Besseren zu schützen und zu bewahren; die anderen aber ihrem eigenen Willen vollends freizugeben und von ihnen nehmen allen Meinen Verband, wodurch sie dann in kurzer Zeitenfolge gänzlich von der Erde Boden wie nichtige Schemen verschwinden werden.
BM|0|169|11|0|Da Ich aber auf diese Art nahe gar keine vollkommenen Kinder von jener Erde mehr bekommen kann, und die Besten ärger sind, als nun hier die Ärgsten, die eben ihr selbst wart, so will Ich hier eine neue Pflanzschule für Meine künftighin werden sollenden Kinder anlegen, jene Erde aber so sichten, dass die übriggebliebenen Besseren tagelange Reisen machen werden, bis sie auf ein Wesen ihresgleichen stoßen werden!
BM|0|169|12|0|Da Ich aber solches tun will, so muss Ich euch nun aber auch solche Wege vorzeichnen, auf denen ihr zu Meiner gerechten Kindschaft gelangen könnt – so ihr es wollt! Wird die Erde aber gereinigt, da will Ich von ihr bis zu euch eine Brücke machen für den Geist, über welche ihr mit jenen wie Hand in Hand wandeln sollt!
BM|0|169|13|0|Nun aber sende schnell Boten aus und lasse viele hereinkommen; denn Ich will ihnen allen die Pforte zu Meinem Herzen gar sehr weit auftun! Also sei und geschehe es!“
BM|0|170|1|1|Zusammenströmen der Völker der Sonnengemeinde. Predigtauftrag an Martin und seine ängstlichen Bedenken. Herrlicher Gesang ermutigt ihn
BM|0|170|1|0|Schnell eilen auf das sogleich erfolgte Geheiß des Weisen nach allen Richtungen Boten hinaus, um zu rufen Tausende und abermals Tausende, dass sie hierher kommen sollen zu der großen Verkündung einer neuen Lehre, welche auf dieser Welt noch bisher niemals ist gehört worden.
BM|0|170|2|0|Wie die Sturmwinde fliehen und die Wolken vor sich hertreiben, so fliehen die Boten in der großen Gemeinde umher und rufen wie atemlos die Bewohner mit ihnen willigst zu ziehen hin in die Wohnung, in die da stets bei großen Gelegenheiten der Weise Uhron pflegt zu kommen, um den Menschen aus der Höhe der Höhen neue Wege der Weisheit zu verkünden.
BM|0|170|3|0|Die Völker der Gemeinde, solchen Ruf vernehmend, eilen den mächtigsten Stürmen gleich, dem bezeichneten Wohnhaus zu. Denn jeden trägt die zu große Gierde wie auf Adlers Fittichen förmlich durch die Lüfte, und es ist ein Strömen und ein Wogen hin, wo das Höchste ihrer harrt.
BM|0|170|4|0|Martin vernimmt wie ein großes Sausen und Brausen, und wie ein Rollen des Donners schon um das Haus, und fragt Mich: „Herr, Vater, woher dies Getöse? Es kommt näher und näher und wird heftiger von Augenblick zu Augenblick!“
BM|0|170|5|0|Antworte Ich: „Weißt du denn noch nicht, dass dort die Anziehung am stärksten wirkt, wo der Grundmagnet sich befindet? Siehe, dies Getöse kommt vom schnellen Herannahen der Menschen dieser großen Erde her, weil sie alle es ahnen, was ihnen hier zuteilwird. Schon umlagern sie dies Haus, und siehe durch die vier Tore hinaus, welch unabsehbare Massen sich herzudrängen! Alle, alle kommen, zu vernehmen die Worte des Herrn des Lebens und des Todes.
BM|0|170|6|0|Siehe, da wird unsere Arbeit schon etwas stärker werden, als du sie irgend bis hierher verkostet hast! Aber mache dir nichts draus; denn ist die Arbeit auch groß, so haben wir aber ja auch mehr als hinreichend Kraft und Macht dazu! Oder meinst du etwa, wir werden da mit unserer Kraft nicht auslangen, weil du so ängstlich die heranziehenden Massen betrachtest?“
BM|0|170|7|0|Spricht Martin: „O Herr, das wäre wohl eine höchst blinde Meinung von meiner Seite, aber ich denke nur, wie uns alle diese zahllosen Wesen vernehmen werden? Hier im Haus – ob es auch schon sehr mächtig groß ist – werden sie ja doch unmöglich können untergebracht werden. Denn ich sehe wie auf der Erde ja viele Meilen weit hinaus, und siehe, der ganze weite Umkreis ist gedrängt voll! Gehen wir aber aus dem Haus ins Freie, da werden uns auch nur die nächsten wenigen vernehmen, und alle anderen werden unser nicht einmal ansichtig werden. Wahrlich, diese schauderhafte Masse zu belehren, das wird eine schöne Arbeit abgeben!“
BM|0|170|8|0|Rede Ich: „Nicht also, Mein lieber Martin; die Sache geht hier ganz anders! Wir werden hier nur mit den Nächsten, und zwar hauptsächlich mit dem Uhron verhandeln, und dieser wird es durch eigene Zeichen im Augenblick allen anderen wie durch einen sogenannten Telegraphen kundgeben.
BM|0|170|9|0|Aber es kommt hier wieder zuerst an dich! Du wirst die erste Predigt halten, dann Petrus und Johannes, und endlich Ich Selbst. Aber Ich sage dir, jetzt nehme dich zusammen, denn es wird hier viel Wetters geben, sehe, dass du nicht gestört werdest! Aber nun gedulde dich noch ein wenig; so Ich dir ein Zeichen geben werde, da beginne deine Predigt! Also sei es!“
BM|0|170|10|0|Spricht der Martin wie bei sich: „Ja, ja, o Herr, Du hast leicht zu sagen: ‚Es sei!‘ Aber ich, ich, ich, ich – das ist ganz etwas anderes! Ich soll jetzt diesen Millionen Menschen, die sicher ebenso weise, wo nicht weiser als ich sind, eine Predigt halten? Und das im Angesicht des Herrn, des Petrus und des ungeheuer tiefsinnigen Johannes! Das wird sich machen, und das unter allerlei Stürmen und Wettern, das wird sich noch besser machen! Dabei werde ich einen Bock um den anderen machen, das wird sich gar besonders gut machen! Dann werde ich weidlich ausgelacht und ausgemacht werden – oh, das wird sich dann ganz verzweifelt überaus gut machen!
BM|0|170|11|0|Zwar habe ich wohl schon öfter allerlei dumme, und manchmal wohl auch etwas gescheitere Reden gehalten in Gegenwart des Herrn sowohl wie in Gegenwart des Petrus und Johannes. Aber da waren nicht Millionen oder gar Trillionen Zuhörer, die sämtlich weiser sind als ich. Aber hier, hier, wo es nur wimmelt und wimmelt, da hat die Sache ein ganz anderes Gesicht.
BM|0|170|12|0|Das ganze Haus ist schon gesteckt voll. Man kennt sich gar nicht mehr aus, was da Männchen oder Weibchen ist. Tausend unbegreiflich schönste Wesen glotzen mich mit ihren großen feurigen Augen an und scheinen in der höchsten Spannung zu sein, über das, was ich vortragen werde. Oh, das wird sich machen; das wird sich sehr machen! Mir ist noch keine Silbe bekannt, was ich zu ihnen reden soll, und sie reißen schon alle Augen, Ohren und Mund auf, soweit sie nur können, um meine Weisheit – oder was – zu vernehmen! Oh, die werden staunen über meine Weisheit!
BM|0|170|13|0|Wenn der Herr mich jetzt sitzen lässt und mir nicht jedes Wort in den Mund legt, so werde ich nun in eine Soße kommen, wie ich mich bis jetzt noch in keiner befunden habe! Ich passe schon immer auf das Zeichen vom Herrn, aber Ihm allein sei Dank, dass bisher noch keines erfolgt ist. Vielleicht wird es etwa doch noch unterwegs verbleiben? Oh, wenn es nur für mich ganz ewig bliebe! Aber es wird sicher nicht! Der Herr macht schon eine Miene, als ob Er sagen wollte: ‚Martin, nun mache dich gefasst!‘
BM|0|170|14|0|Aber horch, horch – ich höre ja wie ferne Harmonien. Ich höre Gesang, gar wunderherrlichsten Gesang! Das tönt wie Orgeltöne und wie Stimmen reinster Sängerkehlen! Ach, das, das, das ist wunderherrlich, das ist rein himmlisch! O du reine Musik, du göttliche Musik, du erfreust und erbaust nicht nur auf Erden das Gemüt der Seele – auch im Himmel bist du eine große Labung der seligen Geister! Stets kräftigere Akkorde wechseln in erhaben gehaltenen Tönen!
BM|0|170|15|0|Ach, das ist übermajestätisch! Dieser kräftige Bass, dieser wohlklingende Diskant und nur diese reinste Stimmung! O Herr, diese Musik ist herrlicher noch als alle sonstigen Herrlichkeiten dieser Welt! Ja, ja, diese Musik belebt mich ganz durch und durch, und ich fühle nun, dass ich doch etwas zuwege bringen werde, so ich werde müssen zu predigen anfangen! Wahrlich, das ist wohl das herrlichste Predigtlied, das je irgendeines Geistes Ohr, wie ich einer bin, vernommen hatte!
BM|0|170|16|0|O herrlich, o herrlich, herrlich! O Herr, ich danke Dir für diesen endlos herrlichsten Genuss! Er gilt wohl nur Dir ganz allein, aber ich bin dennoch ganz überselig und habe nun auch mehr Mut als ehedem. Ja, Du hast wohl zahllose Mittel, ein schüchternes Gemüt aufzurichten und dem Zaghaften Mut einzuflößen, und kennst eines jeden Sinn. So will ich aber nun auch wie ein rechter Herold Dich verkünden und ihnen zeigen Deine verborgene Größe, Liebe, Macht, Kraft und Heiligkeit! Ewig gelobt und gepriesen werde Dein alleinheiligster Name!“
BM|0|171|1|1|Der Herrn Verhaltungswinke an Martin. Von der Zornkur. Wie Satan zu behandeln ist. Martins Vorsicht. Die gewaltigen Drohungen des Feindes ängstigen die Menge. Martins beruhigende Worte und des Herrn Trost
BM|0|171|1|0|Rede Ich: „Gut, gut, lieber Martin! Das Predigtlied naht dem Ende, daher mache dich nun nur sehr gefasst! Denn Ich sage dir, es wird hier sehr hitzig zugehen, denn wir sind nicht sicher vor dem Besuch unseres Feindes!
BM|0|171|2|0|Daher, Ich sage dir, nehme dich zusammen und lasse dich nicht vom Zorn gefangen nehmen. Dem Zornigen darfst du nicht mit dem Gegenzorn begegnen, sondern mit sanftmütigem Ernst nur, dann wirst du über ihn den schlagendsten Sieg erbeuten! Denn der Zorn will wieder Zorn erwecken, um ihn dann durch seine vermeinte Übermacht zu töten. Findet aber der Zorn nichts, daran er sich vergreifen könnte, so kehrt er dann auf sich selbst zurück und zerfleischt sich selbst. Daher sei auf alles gefasst, und sei ernst und sanft, so wirst du siegen!“
BM|0|171|3|0|Spricht Martin: „O Herr, so etwa jener Feind kommen solle, mit dem ich schon einmal in meinem Haus zu tun die Ehre gehabt habe, da bitte ich Dich wohl um die Verleihung von etwas mehr Kraft; denn dieser Bestie möchte ich denn doch gerne so einen Merkstölpel für die ganze Ewigkeit beibringen als schuldigen Dank für das viele Gute, was er an mir getan hat!“
BM|0|171|4|0|Rede Ich: „Nicht so, Mein lieber Martin, denn du weißt es, dass Böses mit Bösem vergelten noch nie eine gesegnete Frucht getragen hat! Daher lasse du solche Gedanken also wieder von dir gehen, als wie sie zu dir gekommen sind, und handle, wie Ich dir ehedem geraten habe, so wirst du des entschiedensten Sieges sicher sein. Würdest du aber zerstörend auf den Feind einwirken, da würde er wohl fliehen. Aber nicht, um nicht wiederzukehren, sondern um neue Kräfte zu sammeln, um dir danach vermeintlich mehr schaden zu können.
BM|0|171|5|0|Ich sage dir: Zerstört wäre er bald, so er allein zerstört werden könnte. Aber da das nicht möglich ist zufolge der so gestellten Ordnung, so muss man ganz anders handeln und ihn ganz anders gefangen nehmen, um durch seine Erhaltung die ganze materielle Schöpfung nicht unbestehend zu machen. Ihn möglichst beschränken, das ist die Losung; aber ferne sei von jedem, ihn zu zerstören oder gar zu vernichten!
BM|0|171|6|0|Nun aber geht auch das Predigtlied zu Ende, daher mache dich gefasst. An Meinem Beistand wird es dir nicht fehlen, so du nach Meinem Rat handeln wirst!“
BM|0|171|7|1|(Am 5. August 1848)
BM|0|171|7|0|Als Ich solches ausrede, verstummt auch die Musik, und Uhron der Weise tritt zum Martin hin und spricht: „Nun, Freund, wie ich’s vernommen habe, dass du das erste Wort an uns richten werdest, kannst du auch schon beginnen, denn es ist alles bereitet. Die Völker sind beisammen, die Fernsprecher auf ihren Plätzen. Alle Ohren und Augen sind auf dich gerichtet, und so – wenn es dir und vor allem dem Einen wohlgefällig wäre – könntest du wohl anfangen!“
BM|0|171|8|0|Spricht der Martin: „Ja, Freund, sogleich werde ich beginnen. Aber nur das sage mir zuvor, ob du alle Gäste, die nun in gedrängten Massen hier in diesem großen Haus versammelt sind, wohl so gut kennst, dass du mir kundgeben kannst, ob sich unter ihnen kein völlig fremder und dir auch völlig unbekannter Gast befindet?
BM|0|171|9|0|Ist durchaus kein Fremdling hier, so werde ich mit euch ganz gerade und ganz kurz reden. Ist aber irgendein Ungeladener hier, der sich herein nur etwa wie ein Räuber, Dieb und Mörder geschlichen hat, um hier während meiner Rede an euch alle die Gemüter aller dieser überaus vielen Zuhörer zu trüben und aufzuregen, so zeige mir ihn, auf dass ich ihn hierher vor mich stellen werde, vor euer aller Augen!“
BM|0|171|10|0|Der Weise durchsucht mit seinen Augen fleißig die Menge der Gäste, die in der schönsten Ordnung aufgestellt sind, entdeckt aber niemanden, der da fremd wäre, und spricht zum Martin: „Freund, so weit meine Augen reichen, entdecke ich durchaus nichts Fremdes. Aber ich will auch an die, welche draußen in großen Mengen stehen, ein Zeichen in dieser Beziehung ergehen lassen; und es wird sich sogleich zeigen, ob irgend jemand Fremder unter ihnen ist!“
BM|0|171|11|0|„Gut, gut“, spricht Martin, „tue das; ich will darum ein wenig innehalten noch.“
BM|0|171|12|0|Der Weise lässt schnell darob ein solches Fragezeichen hinaus in die Ferne ergehen. Und in kurzer Zeit kommt von allen Seiten die Antwort zurück und lautet also:
BM|0|171|13|0|[Die Menge:] „Nein, nein, nein! Niemand Fremder ist unter uns! Aber etwas anderes zeigt sich an der Fläche des nahen, großen Meeres; die Fläche wird sehr unruhig und schwankt gewaltig! Wir sind in banger Erwartung, dass da eine große Geschwulst aufgetrieben wird und wir alle werden die Flucht ergreifen müssen, bevor die erhabensten, heiligen Gäste ihre heiligen Worte an uns werden beendet haben!
BM|0|171|14|0|Während wir dir, Uhron, dieses künden, zeigt sich in nicht großer Ferne auch schon ein Flachbauch von einer ungeheuren Ausdehnung! Großer Gottgeist, wenn der zur Vollhöhe aufgetrieben wird, so wird er das Gewässer wohl bis über deine höchsten Wohnungen treiben! O bitte Ihn, den Allmächtigsten, der nun heilig, über alles heilig in deinem Urstammhaus Sich befinden soll sichtlich, Er möchte solche allerdrohendste Gefahr von uns allen abwenden und uns nicht so elend zugrunde gehen lassen!“
BM|0|171|15|0|Der Weise zeigt das dem Martin ganz verlegen an und bittet ihn, dass er doch den Herrn bitten möchte, dass solch eine Gefahr von ihnen gnädigst möchte abgewendet werden.
BM|0|171|16|0|Spricht der Martin: „Freund, sage und zeige nur schnell allen an, dass sie sich darob nicht im Geringsten fürchten sollen, und dass da niemandem auch nur ein Härchen gekrümmt werde! Denn solches tue jener ohnmächtige böse Geist, der sich die große Keckheit genommen, früher einmal als ein falscher Lichtengel ihnen allen neue Gottesgesetze vorzuschreiben, die aber nur seine eigenen waren und durch die er sie alle aus dem Grunde des Grundes gänzlich verderben wollte. Damit aber solch sein arger Plan für ewig als vollkommen vereitelt würde, sind wir nun da und wollen und werden sie alle erretten durch die Macht und Kraft Dessen, der nun unter uns weilt als ein ewiger, heiligster Vater unter Seinen Kindern! Das gebe sogleich allen kund!“
BM|0|171|17|0|Der Weise tut das sogleich und bekommt aber wieder in kurzer Zeit darauf die Antwort:
BM|0|171|18|0|[Die Menge:] „Dem höchsten Gottgeist alle Ehre und Anbetung! Das ist wohl ein höchster Trost! Aber dennoch steigt das Wasser in unglaublicher Raschheit und wird uns binnen zehn Pendelschlägen des großen Zeitmessers erreichen. Bittet, dass der Herr das ändere, sonst ist zur Flucht wohl die allerhöchste Zeit vor den Augen aller!“
BM|0|171|19|0|Der Weise zeigt solches abermals eiligst dem Martin an, und dieser spricht:
BM|0|171|20|0|[Bischof Martin:] „So zeige nur schnell allen an, dass sie trotz allen diesen Erscheinungen aber dennoch nicht die allergeringste Furcht haben sollen! Sie sollen ja nicht fliehen, und wenn schon das Wasser ihre Füße bespülen sollte. Denn der Herr wird dem Feind nur bis dahin durch die Finger sehen, ihn sodann aber mit aller seiner allerhöchsten Gerichtsstrenge ergreifen und wird ihn auf das Gewaltigste züchtigen vor ihren Augen!“
BM|0|171|21|0|Der Weise zeigt solches wieder schnell an, und es kommt die Antwort:
BM|0|171|22|0|[Die Menge:] „Auf das Wort des Heiligen wollen wir die Gefahr auch an unsere Füße kommen lassen und wollen dann frohlocken und den Gottgeist loben und preisen über alle Maßen, so Er uns solch eine unerhörte Gnade erzeigen wird! Aber das Wasser steigt fortwährend, und der unübersehbare große Bauch wächst mit bisher nie gesehener Raschheit. Das wird einen allergrässlichsten und verheerendsten Ausbruch abgeben, so ihm durch Gottes Allmacht kein Einhalt gemacht wird!“
BM|0|171|23|0|Der Weise berichtet solche Antwort schnell dem Martin, und dieser spricht in großer Erregung:
BM|0|171|24|0|[Bischof Martin:] „Höre, Freund, das ist ein elendster Wurm und hat vor Gott, seinem ewigen Herrn, keine Achtung, da er weiß, dass der Herr zu gut, ja zu unendlich gut ist! Aber obschon beim Herrn gewisserart alles den Charakter der Unendlichkeit annimmt, so wird sich aber der Satan hier sehr verrechnen. Denn diesmal wird dem Herrn Seine ohnehin schon nahe ewig dauernde Geduld sicher zu kurz werden und wird den ruchlosen ältesten Bösewicht gehörig zu knebeln wissen!“
BM|0|171|25|0|Rede Ich: „Martin, lasse dich nun nur nicht stören! Mit dem Wühler werde schon Ich gar bald zu rechnen anfangen. Du aber beginne nur deinen Vortrag, auf dass wir endlich einmal zu einem Ziel kommen! Lassen wir dem Satan seine Freude; Ich sage dir, sie wird sehr kurz sein. Und damit du desto ruhiger sein kannst, so sage Ich dir noch hinzu: Diesmal wird der Feind an Meiner Geduld sich sehr verrechnen und hat sich schon verrechnet!“
BM|0|171|26|0|Spricht Martin: „O Herr, Du bester, heiligster Vater! Nun ist von meinem armen Herzen eine Dreißigtausend-Zentner-Last hinweggewälzt! Oh, oh, Dir alle meine Liebe und tiefste Anbetung ewig!“
BM|0|172|1|1|Martins Predigt an die Sonnenmenschen. Vom Kreuzleben auf Erden als Bedingung der Gotteskindschaft
BM|0|172|1|0|Nach diesen Worten wendet sich Martin an die Gemeinde und spricht: „Ihr alle, die ihr hier bei dieser außerordentlichen Gelegenheit versammelt seid, um Worte des Lebens aus meinem und endlich sogar aus dem Mund des Herrn Selbst zu vernehmen: Lasst euch vor allem gesagt sein, dass ihr euch nicht sollt stören lassen, so nun ein böses Wetter euch bedrohen wird. Denn seht, es ist ja der Gott, der allerhöchste, allmächtigste Geist Selbst hier sichtbar gegenwärtig und ist eben Derselbe, mit dem ihr alle mich ehedem habt reden gesehen, wenn auch nicht gehört.
BM|0|172|2|0|Dieser alleinig wahre, ewige Herr und Schöpfer aller Unendlichkeit hat Selbst mir für euch alle die vollste und wahrste Versicherung gegeben, dass Er den Bösen vor euren Augen auf das Allergewaltigste züchtigen wird, so er es wagen sollte, sein arges Spiel noch weiter treiben zu wollen. Da wir von Ihm Selbst aber solch eine Versicherung haben, so wollen wir aber auch ohne alle Furcht in aller Geduld harren, was alles der Herr über uns für Gnaden wird ergehen lassen.
BM|0|172|3|0|Ich aber, der nun redet, bin durchaus kein Weiser aus mir, sondern alles, was ich euch nun sagen werde, das werde ich euch sagen aus dem Herrn, nicht in hohen, sondern in ganz einfältigen Worten. Daher erwartet auch nicht Hohes, aber dafür desto mehr Wahres und Gutes! Denn ich werde euch geben, was ich habe; und so vernehmt mich!
BM|0|172|4|0|Meine teuren nunmaligen Genossen der Gnade, der Gnade meines Gottes und eures Gottes, meines Herrn und Vaters und eures Herrn und nun auch eures Vaters! Der allmächtige beste Wille eben dieses einen Vaters hat euch alle schon vom Uranfang auf dieser eurer herrlichsten Welt mit so viel Vorzügen ausgerüstet, dass sich dieselben gegen die Bewohner meiner Erde in gar kein Verhältnis bringen lassen.
BM|0|172|5|0|Ihr seid eurer Gestalt nach schön, ja so schön seid ihr, dass wir Erdbewohner uns nicht einmal einen reinsten Lichtengel unmöglich schöner vorstellen können. Dazu habt ihr die Dauer eures irdischen Lebens freigestellt, so dass da jeder aus euch leben kann, solange er will. Und der Unterschied zwischen eurem Naturleben und eurem abgeschiedenen Seelenleben ist wirklich so gering, dass es nahe ein Gleiches ist, ob ihr mit diesem eurem Leib oder ohne denselben herumwandelt. Ihr seht und sprecht die, so dahingeschieden sind, wann und wie oft ihr nur immer wollt, und könnt auch sogar mit uns nun ganz reinen Geistern reden und handeln, als hättet ihr gar keinen Leib mehr!
BM|0|172|6|0|Wie ganz anders ist das alles auf jener harten Welt gestellt, auf der ich und alle hier mit mir Seienden im Fleische gewandelt haben! Das Naturleben ist zwar wohl unbestimmt, aber dabei dennoch sehr kurz gehalten und gemessen; so von euch jemand sagt: ‚Ich bin jung!‘, da wäre er bei uns schon ungeheuer alt. Denn ich weiß es, dass hier in dieser Versammlung es noch gar viele gibt, die nach unserer Zeitrechnung mehrere hundert Jahre alt wären. Und das sind bei euch noch junge Menschen, während sie bei uns schon wahrlich fabelhaft alt wären.
BM|0|172|7|0|Also gibt es bei euch aber auch so alte Menschen, dass sie nach unserer Zeitrechnung schon schier älter sind als das gesamte Menschengeschlecht auf meiner kleinen Welt! Ja es wird hier wohl auch so alte noch im Fleische lebende Menschen geben, die vielleicht noch um tausendmal älter sind. Welche große, wichtige und man könnte sogar sagen – welche heilige Erfahrungen müssen solche Menschen gemacht haben, und welch einen hohen Aufschwung muss eure geistige Bildung an der Seite solcher hocherfahrenen Lehrer gewinnen, und wie tief muss eure Weisheit ihre herrlichsten Wurzeln treiben!
BM|0|172|8|0|Während auf unserer Welt man noch kaum zu begreifen angefangen hat, was das Leben ist, so wird man schon schmerzlichst getötet, muss aus dem schlechten Fleische. Ob zum ewigen Leben oder Tod, das wird wohl kaum jemandem angezeigt. Kurz, man muss alles verlassen, was man sich irgend erworben hatte, sei es Ehre, Ruhm, Glanz, Tugend, Wissenschaft, Weisheit; darauf wird nie vom Herrn aus Rücksicht genommen! Sondern wenn der heimliche Würge- und Marterengel kommt und dem Menschen heimlich sein Schwert ins Herz stößt, so ist es dann schon gar.
BM|0|172|9|0|Man muss sterben ohne alle bestimmte Aussicht auf eine Vergeltung! Denn das Leben nach dem Tod des Leibes besteht bei uns nach tradierter Lehre bloß nur im Glauben und Hoffen; aber wohl fast niemand hat schon, wie ihr hier, ein bestimmtes Bewusstsein (des ewigen Lebens) in seinem Fleischleben! Bedenkt, welch ein Vorzug das für einen freien Menschen ist, so er, wie ihr hier, ein Herr seines Lebens ist! Wie kann er sich all des Erworbenen freuen und wie frei genießen all die zahllosen Vorzüge solch eines Lebens!
BM|0|172|10|0|Ihr könnt mit den Seelen eurer von euch leiblich geschiedenen Brüder reden und könnt sie auch allzeit sehen, als wären sie gar nicht gestorben. Bei uns weiß der Zehntausendste kaum, ob nach dem Fleischtod wohl noch ein Leben ist und wie gestaltet. Und doch ist man verpflichtet, alles für ein Leben zum Opfer zu bringen, das so viele gar nicht kennen und nicht einmal eine volle Ahnung haben, dass es ein solches Leben gibt. Und die es wohl glauben, haben doch nicht die leiseste Andeutung – außer einigen unhaltbaren Fabeln –, worin dieses Leben, und wie es bestehet oder bestehen wird!
BM|0|172|11|0|Denkt euch, welch ein unberechenbarer Vorzug das ist, so ein Geschöpf von Anfang an schon wie ein Herr seines Lebens dasteht!“
BM|0|173|1|1|Fortsetzung der Predigt Martins. Unterschied der Lebensverhältnisse auf der Sonne und der Erde
BM|0|173|1|0|[Bischof Martin:] „Eure Welt ist uns eine Sonne, ohne die wir kein Leben hätten. Sie gibt uns Licht und Wärme; ihr aber bewohnt sie und kennt keine Nacht und keinen Winter.
BM|0|173|2|1|(Am 9. August 1848)
BM|0|173|2|0|Wisst ihr wohl, was eine Sonne ist? Ja, ja, bei aller eurer Weisheit wisst ihr kaum, was da eine Sonne ist, weil ihr selbst Bewohner einer Sonne seid.
BM|0|173|3|0|Ihr kennt kaum den Vorteil, Bewohner einer Sonne zu sein. Ich kannte ihn eher auch nicht, als ich noch auf meinem armseligsten Planeten gleich einem Wurm herumkroch. Aber nun kenne ich ihn und kann euch darum sagen, dass ich als ein nun weiser gewordener Geist gar keinen Ausdruck finden kann, durch den es mir möglich wäre, euch darzutun, wie groß der Vorteil ist, ein Bewohner der Sonne zu sein. Wie entsetzlich kümmerlichst dagegen ein Bewohner besonders meines Weltkörpers gestellt ist, in allen seinen naturmäßigen Verhältnissen! Es gibt für ihn höchstens flüchtige Augenblicke kaum, von denen er sagen kann: Sie vergnügten mich!
BM|0|173|4|0|Die große Härte und Magerkeit des Bodens zwingt den armen Menschen, sein Brot im blutigen Schweiße seines Angesichtes sich zu erarbeiten. Weil aber dies schwere Arbeiten manchen schon von Geburt aus weicheren Naturen nicht munden will, so betteln sie. Oder so sie mächtig genug sind, da nehmen sie dann wohl auch den Tätigeren mit Gewalt ihren allfälligen Vorrat weg und verzehren ihn.
BM|0|173|5|0|Mit der Zeit dingen solche Menschen eine Menge Gleichgesinnter, die nicht mehr arbeiten, sondern bloß auf solchen Raub ausgehen, und die fleißigen Arbeiter auf alle mögliche Art und unter allerlei Vorwänden, die wie ein Recht schimmern, bedrücken, und von ihnen gewisse Steuern fordern, und die Arbeiter dabei aber dennoch für viel geringer halten als sich selbst.
BM|0|173|6|0|Mit der Zeitenfolge bilden sich dann aus solchen anfangs Arbeitsscheuen mächtige Herren, die die Arbeiter und Brotbereiter beherrschen, mit ihnen tun was sie wollen, und ihnen aber nichts dafür geben, als bloß nur Gesetze über Gesetze, die zumeist auf den Vorteil solcher Gesetzgeber abgesehen sind, darum auch deren Beobachtung unter den schärfsten Strafen im Verweigerungsfall geboten wird, was das kummervolle Leben eines Brotbereiters noch ums Tausendfache erhöht und elender macht.
BM|0|173|7|0|Werden hie und da die Arbeiter zu sehr gedrückt, so erheben sie sich dann nicht selten in großem Zorn, ziehen in großen Scharen gegen ihre Bedrücker und töten sie oft zu großen Haufen, wobei sie aber dann auch gewöhnlich das eigene Leben einbüßen.
BM|0|173|8|0|Solche zornentbrannten Bewegungen heißen bei uns Kriege. Und so sie anfangen, da nehmen sie dann aber auch gewöhnlich nicht eher ein Ende, als bis nicht selten eine Partei die andere entweder ganz aufgerieben hat oder die schwächere ist während des Mordens zu der Einsicht gekommen, dass sie der mächtigeren durchaus nicht gewachsen ist und sich also ergibt auf Gnade oder Ungnade, wo dann freilich wieder der Friede hergestellt wird.
BM|0|173|9|0|Aber was für ein Friede? Ich sage euch: ein Friede der Hölle und kein Friede der Himmel! Denn da wird der Besiegte zum Sklaven und muss sich wegen seiner Ohnmacht nicht selten Gesetze gefallen lassen, durch die nicht nur sein armer, oft mit vielen Wunden überdeckter Leib, sondern auch sein Geist mit den schwersten Ketten und Banden geknebelt wird.
BM|0|173|10|0|Und ein solcher Zustand dauert dann nicht etwa eine kurze Zeit, sondern nicht selten Tausende von langen Erdenjahren fort. Dabei aber bleibt die Natur der Erde dennoch stets die gleiche: bald Nacht, bald wieder ein elender Leidenstag. Bald ein alles erstarren machender Winter, darauf wieder ein so heißer Sommer, der die ehernen Ketten und Bänder noch glühender und unerträglicher macht als der totstarre Winter.
BM|0|173|11|0|Mangel an Nahrung erzeugt einen Schmerz im Magen, den wir Hunger nennen, der oft bei unfruchtbaren Jahren so groß wird, dass viele daran sterben.
BM|0|173|12|0|O Freunde, vergleicht dies Leben mit dem eurigen und sagt es selbst, ob eure Weisheit wohl irgend Worte findet, durch die der ungeheure Vorteil des eurigen genügend bezeichnet werden könnte! Ihr sagt: ‚So ein Leben ist ja kein Leben, sondern eine scheußlichste Qual desselben nur! Wie können da Menschen bestehen und wie loben ihren Schöpfer?‘
BM|0|173|13|0|Ich sage euch aber, obschon eure Frage gerecht ist, dass es dort dennoch sehr viele Menschen gibt, die ihren Schöpfer desto mehr lieben und loben, je ärger es ihnen geht! Was sagt ihr denn dazu?
BM|0|173|14|0|Ihr sagt: ‚Freund, das ist unmöglich! Wie kann ein über alles guter Schöpfer irgendwo Seinen Geschöpfen so Arges geben und verlangen, dass sie Ihn dafür noch loben und lieben sollen? Wahrlich, wenn so, da haben die armen Bewohner der Erde noch nie ihren rechten Schöpfer erkannt! Oder erkennen sie Ihn, da sind sie Narren, so sie Ihm für so ein Leben danken oder Ihn gar noch lieben dazu!‘
BM|0|173|15|0|Ich sage euch, auch diese eure antwortlich gestaltete Gegenfrage ist zufolge eures so endlos bevorzugten Lebens gerecht. Aber was sagt denn ihr dann dazu, dass der Schöpfer den Menschen meines Planeten sogar die schärfsten ewigen Strafen im Feuer der Hölle zur sichersten Folge gesetzt hat, so sie Ihn bei allen Qualen ihres irdischen Lebens nicht über alles lieben, ihre Feinde und Quäler nicht segnen, für die nicht beten, die ihnen fluchen! Und so sie Gott, dem Schöpfer, nicht für alles, was Er ihnen an Wohl oder Wehe gibt, aus allen ihren Kräften, die ihnen bei all den Martern noch übrigbleiben, dankbar sind? Sagt, was dünkt euch da?
BM|0|173|16|0|Wie gefällt euch, dass der Herr auf jenem Planeten gerade diejenigen am meisten züchtigt, die Ihm am meisten und von ganzer Seele zugetan sind? Und dass sich Seine barsten Verächter oft und fast meistens im besten Wohlstand befinden, d. h. was man auf meiner Welt ‚Wohlstand‘ nennt, der freilich mit dem eurigen nicht zu vergleichen ist?
BM|0|173|17|0|O redet, Freunde, gebt mir kund euer Urteil, ihr Glücklichsten! Ihr seid förmlich stumm! Ich muss euch schon noch mehreres sagen, auf dass ihr dann desto leichter ein volles Urteil schöpfen könnt! Und so hört:
BM|0|173|18|0|Ich brauche euch nicht allzeit euren herrlichsten Zustand zu schildern, um dagegen den elendsten meiner Welt recht leuchtend vor eure Augen zu stellen; denn ich weiß es, dass ihr den euren ohnehin viel besser kennt als ich. Aber ich will euch dafür den Zustand meiner Welt desto klarer vor die Augen stellen und mich etwas weitwendiger fassen, und ihr werdet mit eurer gediegensten Weisheit und mit euren schärfsten Blicken dann schon von selbst gar leicht zu beurteilen imstande sein, wie die Bewohner meiner Erde zuständlich sich zu euch verhalten. Da ihr über das, was ich euch bis nun mitteilte, schon nahe atemlos dasteht, da bin ich wahrlich sehr neugierig, was ihr zu dem sagen werdet, was ich euch nun weiter mitteilen werde!
BM|0|173|19|0|Ich habe euch schon ehedem gesagt, dass meine Welt durchaus sehr hart ist, natürlich, wie geistig oder moralisch. Nur mittelst schwerster, alle Kräfte anstrengender Arbeit kann ihrem Boden eine Nahrung des Fleisches abgewonnen werden. Bevor man aber dennoch mit Erfolg arbeiten kann, muss man sich noch tausend Werkzeuge anfertigen, mit deren Hilfe man dem harten Boden der Erde etwas abgewinnen kann.
BM|0|173|20|0|Nun haben sich mit den höchst veränderlichen Zeitenfolgen die Dinge und Verhältnisse auf dieser meiner Welt unter den Menschen so gestaltet, dass da nur der wenigste Teil der Menschen einen Grund und Boden besitzt. Der bei weitem größte Teil hat nichts und muss dem besitzenden Teil um schlechten Sold und um nicht selten die allermagerste Kost einen puren leibeigenen Sklaven willig machen. Wenn der Besitzer auf seiner gewöhnlich arbeitsscheuen Haut liegend und sich möglichst wohlgeschehen lassend, einen solchen Sklaven irgend seine müden Glieder ausruhend erschaut, da gibt er ihm sogleich die härtesten Mahnreden, die gewöhnlich mit einer Drohung enden, die aber beim nächsten Betreten meistens schon in die volle Ausübung gebracht werden.
BM|0|173|21|0|Gar viele dieser Besitzer scharren oft viele tausend Male mehr zusammen, als sie und ihre Kinder in tausend Jahren verzehren könnten.
BM|0|173|22|0|Nun kommt aber der harte, alles erstarren machende Winter. Für diesen haben die reichen Besitzer gute Häuser und wohlvermachte Gemächer, die sie mittelst eines künstlich erzeugten Feuers recht angenehm erwärmen können, und haben in solchen Zimmern oder Gemächern warme und weiche Betten zum Ruhen.
BM|0|173|23|0|Aber die gar übervielen besitzlosen Armen müssen mit schlechter Bekleidung und nicht selten hungrig, krank und elend in den schlechtesten Löchern ihr Leben zubringen. Und wenn es ihnen nicht selten auch schon so schlecht geht, dass sie, wie es häufig der Fall ist, zu vielen Tausenden verhungern und verzweifeln müssen, so lassen sich darum die reichen Besitzer dennoch kein graues Sorgenhaar wachsen, sondern sie sehen ganz behaglich zu und sagen: ‚Es ist wohl gut, dass solch ein überflüssiges Bettelgesinde verendet und wir von ihm nicht so sehr gequält und belästigt werden!‘
BM|0|173|24|0|Aber ebensolche Not, die sie am meisten bei den Armen bewirken, benützen sie dann noch mehr zu ihrem Besten: sie wuchern unmenschlich mit den in großen Massen aufgeschichteten Lebensmitteln. Wer ihnen nicht das gibt oder wenigstens nicht geben kann, was sie verlangen, der kann vor ihrer Tür verhungern, und sie werden darum nicht um ein Haar weicher in ihrem Herzen.
BM|0|173|25|0|So himmelschreiend ungerecht aber auch eine solche Sache ist, so tut aber der Schöpfer dennoch sozusagen nichts dabei. Die Tage und Nächte wechseln regelmäßig. Der Regen fällt und segnet die Felder der Reichen mehr denn die der Armen, die nicht so viele Mittel haben, ihre ohnehin magersten Anteile nach Erfordernis zu bestellen. Die Fruchtbäume der Reichen strotzen meistens vom Segen, während die der Armen nicht selten verkümmert, halbverdorrt und fruchtlos dastehen. Die harten Reichen haben alles im gesegnetsten Überfluss, während die Armen oft im kaum beschreiblichen Elend verschmachten und zugrunde gehen!
BM|0|173|26|0|Und wie gesagt, solch ein himmelschreiendes, höllisches Treiben wird vom Schöpfer mit einer sogestalteten Gleichgültigkeit nicht selten viele Jahre lang geduldet, als wenn das gar nichts wäre. Und wenn Er schon dann und wann, aber freilich nur vermutlich durch blutige Tränenbitten der Armen erweicht wird, und etwa ein Gericht über die Erde sendet, das aber freilich nur den Schein hat, als käme es von Ihm, so trifft dann solch ein Gericht wieder hauptsächlich die Armen und Schwachen, während die Reichen gewöhnlich zumeist mit heiler Haut davonkommen, und manche während eines solchen Gerichts nur reicher und irdisch glücklicher werden!
BM|0|173|27|0|Kommt ein Gerichtskrieg, da müssen für die reichen Besitzer zuallermeist die armen Nichtsbesitzer ins Schlachtfeld und müssen sich für die ohnehin glücklichen Besitzer totschlagen lassen, wofür sie nichts als einen kargsten Sold bekommen. Dafür aber wird dann den Reichen ihr Besitz wieder gesichert. Und so die Armen dann vom Schlachtfeld heimkehren – oft ganz verstümmelt, mit einem Fuß, mit einer Hand und mit tausend Wundnarben –, da müssen sie betteln um ein elendes Stück Brot. Und kommen sie vor die Tür eines Reichen, da werden sie nicht selten wie ein gemeinstes Tier hinweggeschafft, bekommen nichts als oft die ruchlosesten Schmähworte und werden davongetrieben, so sie nicht selbst gehen wollten!
BM|0|173|28|0|Und seht, dennoch dürfen sie nichts Übles wünschen solchen reichen Tätern des Übels, sondern sie noch segnen und ihren Quälern und Peinigern von ganzem Herzen vergeben, ansonsten sie noch von Gott aus der ewigen Strafe in der Hölle verfallen können!
BM|0|173|29|0|Wie es aber mit dem Krieg als einem Gottesgericht aussieht, das da nämlich allzeit am meisten die ohnehin Elendsten am härtesten trifft, so ist es auch mit allen anderen Gerichten der gleiche Fall. Die Armen und Elenden trifft jedes am stärksten, während die herz- und gefühllosen Reichen und Glücklichen zumeist mit der heilen Haut, wie ich schon früher erwähnt habe, davonkommen!
BM|0|173|30|0|Und dennoch sind es zumeist eben nur die Armen, die an dem Herrn hängen, an Ihn glauben, zu Ihm beten, so gut sie es können. Die glücklichen Reichen aber haben selten einen halben Glauben kaum, meistens wohl auch gar keinen, und haben in ihren steinfesten Herzen wohl sehr wenig Liebe zu Gott, beten wenig oder gar nicht und erlauben sich nicht selten, Ihn samt Seinem Gesetz auf das Schmählichste zu verhöhnen.
BM|0|173|31|0|Ein Stück Goldes, ein gutes Essen und eine junge, geile, fette Dirne, mit der sie die schändlichste Unzucht treiben können, ist ihnen lieber um tausendmal als Gott, der für sie so gut wie keiner ist, und viel tausendmal mehr als jene, die im Schweiße ihres Angesichtes für sie die schwersten Arbeiten verrichten und mit ihrem ohnehin ärmsten Leben für ihre Sicherheit Wache halten Tag und Nacht und Sommer und Winter.
BM|0|173|32|0|Aber bei aller solcher ihrer völligsten Gottlosigkeit sind sie irdisch glücklich, werden nie durch die Armen, sondern durch ihresgleichen in ihrem Überfluss manchmal beeinträchtigt, befinden sich aber dann selbst als Unglückliche gewöhnlich noch um tausendmal besser als die glücklichsten Armen, die nie außer Elend über Elend etwas besessen haben.
BM|0|173|33|0|Freunde, was sagt ihr denn dazu? Wie gefällt euch dieses Verhältnis des Lebens eines Menschen auf jenem Stern, den ihr gemeinhin den ‚heiligen‘ nennt?“
BM|0|174|1|1|Erregender Eindruck der Predigt Martins auf die Sonnenmenschen. Zwiesprache zwischen Uhron und Martin
BM|0|174|1|0|Hier tritt der Weise Uhron vor und spricht: „Freund, ich sehe, dass du uns Wahres kündest; aber was willst du damit? Willst du diese Völker gegen Gott denn empören? Wahrlich, hier ist alle meine Weisheit zu Ende und ich kann weder dich, und noch weniger Gott fassen! Welche Ordnung soll das sein?
BM|0|174|2|0|Ich kenne die Himmel und kenne auch die Höllen vieler Welten samt jener eurer Welt; aber ich sage dir, da ist keine Hölle ärger als deine Erde. Ich bitte dich darum, rede von etwas anderem, sonst empörst du alle Völker gegen Gott, den sie bis jetzt über alles gelobt und geehrt haben.“
BM|0|174|3|0|Spricht Martin: „Freund, siehe, es hat jedes Ding, also auch jedes Wesen vom Herrn offen oder heimlich eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Nur ist da der Unterschied: Die Dinge müssen sie lösen; wir frei- und selbstwilligen Wesen aber sollen, können und wollen sie lösen! Und so mag da aus dieser meiner Rede auch folgen, was da nur immer wolle; denn ich tue nichts, als was allein der Herr will! Und so könnt ihr mich immer noch weiter anhören, da ich mit der Sache noch nicht zu Ende bin!“
BM|0|174|4|0|Spricht der Weise: „Du kannst immerhin deine Rede fortsetzen; aber es fragt sich nur, zu wessen Nutz und Frommen? Du verlierst oder gewinnst einmal sicher nichts dadurch, ob wir als reinere Wesen und Bewohner dieser Welt wissen oder nicht wissen, wie es auf deiner Welt zugeht. Und wir gewinnen sicher auch nichts, so wir die Schlechtigkeit deiner Welt durch dich näher vor unsere Sinne gestellt bekommen, als es unserer Weisheit möglich ist, Blicke in die Wesensverhältnisse deiner Welt zu tun. Wohl aber können wir bei deinen Erzählungen über den schrecklichen Gerichtsstand deiner Welt einen barsten Schaden erleiden, und von der Art, dass er sich für die Folgen schwerlich je wieder dürfte vergüten lassen!
BM|0|174|5|0|Daher meine ich also: Da wir ohnehin von dir schon eine nur zu breit gehaltene Darstellung von dem ärgsten Verhältnis deiner Welt erhalten haben, und uns nun nur zu leicht vorstellen können nach unserer gerechten Schlussfolge, dass es auf deiner Welt noch viel ärgere Dinge und Verhältnisse geben müsse, weil alle Bedingungen dazu vor unseren Augen eben durch deine Erzählungen gelegt sind; so glaube ich wohl, dass es nun völlig unnötig sein dürfte, uns noch länger mit etwas zu quälen, was uns im Grunde des Grundes schon darum umso weniger kümmern kann, weil wir ganz außer Stand und Bereich gesetzt sind, die bösen Verhältnisse deiner Welt zu ändern, und auch wirklich nie geneigt sein werden, oder etwa gar wünschen, dass die allerschlechteste Ordnung deiner Welt hier angenommen würde. Und so meine ich, du könntest nun wohl deinen Bruder Petrus an deiner statt reden lassen! Vielleicht kommt er mit etwas Besserem zum Vorschein?!
BM|0|174|6|0|Solltest du etwa gar die Absicht haben, Gott, deinen und unseren Schöpfer, vor uns anzuklagen und uns darüber entscheiden lassen, ob Er recht oder unrecht handle, da müsste ich dich in allem Ernst bedauern! Was wohl könnten wir ohnmächtigste Geschöpfe gegen des Schöpfers endloseste und unbegrenzteste Allmacht ausrichten, so wir auch wirklich einsähen, dass Er mit den Menschen deiner Welt auch noch so ungerecht verfahren würde? Ist Er ja doch allein der Herr, in dessen Willenshand alle Unendlichkeit liegt!
BM|0|174|7|0|Ich setze den Fall, Er hätte wirklich unter den zahllosen Myriaden Seiner Welten eine gestellt, die da bloß ein Spiel Seiner Launen sein sollte. Sage, wer wohl könnte Ihn darum zu einer Rechenschaft fordern? Und so Du das zu tun dir getrauen würdest, meinst du wohl, dass du dadurch von Ihm eine rechtfertigende Antwort erzwingen könntest? Ich meine, Er ist und bleibt ewig ganz allein der Herr und tut, was Er will! Dem Er gut sein will, dem ist Er gut; den Er aber verwerfen will, den kann Er auch verwerfen, mag es uns recht oder unrecht dünken.
BM|0|174|8|0|Wer könnte Ihm in den Weg treten und verwehren, so Er nun diese unsere Welt augenblicklich vernichten wollte! Oder so Er sendete Myriaden der erschrecklichsten Quälgeister über uns und ließe uns quälen Äonen Zeiten? Was könnten wir Ihm zur Verhütung solchen Gerichtes entgegenstellen?!
BM|0|174|9|0|Ich meine: Gott, der Sich nun sichtlich hier unter uns befindet, ist allein ein Herr aller Welten, Himmel und auch Höllen. Seine Allmacht aber bürgt für Seine gleichermaßen unendliche Weisheit! Er wird alles am besten wissen und einsehen, warum Er hie und da so manches geschehen lässt, das unsere Weisheit wohl schwerlich je begreifen wird. Daher fügen wir uns auch willigst in Seinen Willen und in Seine Ordnung, und ich bin überzeugt, wir werden keines schlechten Weges wandeln! Bist du nicht einverstanden mit mir?“
BM|0|174|10|0|Spricht Martin: „Allerdings, aber aus eben diesem deinem Grund, weil es des Herrn Wille ist, muss ich noch weiterreden! Denn auch in diesem musst du Seinen Willen respektieren!“
BM|0|174|11|0|Spricht der Weise: „Wenn so, da rede du in Seinem Namen allerdings nur weiter; wir werden dich hören!“
BM|0|175|1|1|Schluss der Predigt Martins und Wink über deren Zweck. Die Bedingungen zur Gotteskindschaft. Des Weisen Dankesrede
BM|0|175|1|0|Spricht der Martin: „Mit all den von mir berührten übelsten Lebensverhältnissen, deren ich freilich nur im geringsten Maße Erwähnung getan habe, aber will ich durchaus etwa nicht gemeint haben, als sei der Herr etwa ungerecht, oder es sei daher auf der Erde durch und durch nahe ganz unmöglich, ein Gott dem Herrn wohlgefälliges Leben zu führen! Sondern ich will euch nur dadurch auflockern in eurem Gemüt; und um das desto sicherer bewirken zu können, will ich und muss ich euch die unendlichen Vorteile eurer Lebensverhältnisse zeigen, weil ihr, in sie hineingeboren, dieselben gar nicht beurteilen könnt, ohne Hinzustellung der Lebensverhältnisse anderer Welten, als wie namentlich der meinen, die ich gottlob sicher besser kenne, weil ich dorther bin und weil ich selbst mit den Lebensverhältnissen jener Welt sehr viel zu schaffen gehabt habe.
BM|0|175|2|0|Ich will dadurch weder vor euch und eurer Weisheit den Herrn anklagen, was von mir ewig ferne bliebe, und will euch ebenso wenig gegen den Herrn empören, was doch wohl die größte Tollheit wäre! Aber da auch ihr für die Folge zur Kindschaft Gottes berufen seid und bisher durch eure Weisheit zu der Kenntnis gelangt seid, dass nur auf jener meiner Welt die eigentlichen, wahren Gotteskinder gezeugt werden, so ist es für euch nun umso notwendiger zu erfahren, unter welchen Bedingungen ein Mensch, ein Geschöpf, zu dieser ewig unschätzbarsten, allererhabensten Würde gelangen kann!
BM|0|175|3|0|Euer Leben aber taugt, wie es bisher war, als eigentlich nur eine barste Spielerei der Engel Gottes, deren Eigentum ihr bisher wart, durchaus nicht, um dadurch zur Gotteskindschaft zu gelangen. Denn Gotteskindschaft ist ein vollster heiligster Ernst und keine Spielerei, daher muss sie auch im vollsten und oft bittersten Lebensernst erstrebt werden!
BM|0|175|4|0|Darum aber werdet auch ihr Gesetze erhalten, wie wir sie haben. Und es wird auch bei euch heißen: ‚Ein jeder aus euch nehme sein Elend auf seine Schultern und folge Mir, dem Herrn, nach, ansonst es wohl nicht möglich ist, dahin zu gelangen, wo Ich – spricht der Herr – bin und lebe und handle in der Mitte Meiner Kinder, die da sind und bleiben für Ewigkeiten Mein rechter Arm und tun, was Ich tue, und leben, wie Ich lebe!‘
BM|0|175|5|0|Denn der Herr Selbst ist darum auch auf meiner Erde ein Mensch geworden, trug alle erdenklichsten Mühseligkeiten dieses irdischen Menschlebens, ließ Sich am Ende von der großen Blindheit der Menschen meiner Welt sogar auf die schmählichste und schmerzlichste Weise an einem Kreuzbalken dem Leibe nach töten, auf dass dann die Menschen dieser meiner Welt Götter werden könnten, so sie natürlich selbst wollen.
BM|0|175|6|0|Aber darum, dass jemand auf jener Welt geboren ist, wo der Herr Selbst Sich ins Fleisch gehüllt hatte, wird wohl niemand zur Kindschaft Gottes gelangen, wenn er nicht alle jene Bedingungen erfüllt an sich ganz frei, welche der Herr Selbst zu diesem Behuf vorgeschrieben hat!
BM|0|175|7|0|Ihr alle habt von mir ehedem vernommen, wie gar sehr elend es auf meiner Erde zugeht. So zwar, dass man gerade meinen sollte, dem Herrn liege gerade an jener Welt, die Er Selbst zur wichtigsten und heiligsten Mission im ganzen endlosesten Universum durch Seine Menschwerdung gemacht hat, nun gar nichts, und Er kümmere Sich um sie nicht im Geringsten. Aber dem ist es nicht so!
BM|0|175|8|0|Die Menschen jener Erde sind nun im vollsten Sinne frei und können tun, was sie wollen: Gutes nach dem Gebot Gottes oder Schlechtes wider dasselbe. Sie werden weder zum Guten noch zum Schlechten durch nichts gereizt oder gezogen als lediglich durch ihren vollkommen freien Willen, aus welchem Grund jene Welt auch in allen ihren Lebensverhältnissen so mager gestellt ist, auf dass durch sie kein freier Wille irgendeine Beirrung erleiden solle und schlecht werden.
BM|0|175|9|0|Im Gegenteil aber ist dann auch das Himmlische dergestalt verdeckt, dass ob der bestimmten Anschauung künftiger Seligkeiten ebenfalls kein freier Wille zum Guten genötigt werden solle. Obschon aber jeder die Folgen seines guten oder schlechten Lebens aus der gegebenen Gotteslehre weiß, so kann er aber dennoch handeln, wie er will, weil er weder auf der einen und ebenso wenig auf der anderen Seite irgendeine nötigende Gewissheit hat.
BM|0|175|10|0|Das alles aber ist auf der Erde darum so eingerichtet, auf dass der Wille der Menschen vollkommen ein freiester bleiben soll, weil ohne ihn es unmöglich ist, die freieste, ewig ungerichtete Kindschaft Gottes zu erlangen.
BM|0|175|11|0|Dass nun die Menschen dieser meiner Erde zumeist in Abirrungen gelangen – der eine so, der andere anders –, das wird nun sicher begreiflich sein. Aber dass demnach auch ihr in ganz andere Lebensverhältnisse werdet versetzt werden – so es euch ernst ist um die Erreichung der Gotteskindschaft –, das ist etwas ganz anderes! Wie aber, das wird euch mein Nachfolger verkünden; vernehmt ihn daher!“
BM|0|175|12|1|(Am 13. August 1848)
BM|0|175|12|0|Spricht der Weise: „Es sei dir gedankt von mir und durch mich von allen denen, die hier und draußen versammelt sind, für solche deine Rede und Lehre, die du uns hast zukommen lassen durch die Gnade deines und unseres Gottes und Herrn, von welcher Rede und Lehre besonders dieser letzte Teil mir umso schätzbarer war, als ich dadurch so ziemlich hell einsehen gelernt habe, aus welchem Grund auf deiner Welt die Menschen, gegen uns betrachtet, gar so misslich gestellt sind; und habe aber auch daraus abermals die große Bestätigung meines aufgestellten Grundsatzes wahrgenommen, demzufolge kein vernünftig intelligentes Wesen an dem Schöpfer und an Seiner Güte verzweifeln soll.
BM|0|175|13|0|Denn Seine unendliche Allmacht, deren Werke zahllos sind, und sind von wunderbarster Art und Ordnung, ist uns eine unumstößlichste ewige Bürgschaft für Seine ebenso unendliche Weisheit. Solche Weisheit aber kann nur ein ewiger Ausfluss der gleich großen Ordnung im ewigen, vollkommensten Leben des Schöpfers Selbst sein!
BM|0|175|14|0|Wo aber das Leben auf solch einer allerhöchsten, reinsten und zugleich tiefsten Ordnung beruht, da muss ja in solch einem allervollkommensten Leben auch eine Güte zu Hause sein, von der sich ein geschaffener, wenn noch so freier Geist ewig keine völlig klare Vorstellung wird zu machen imstande sein!
BM|0|175|15|0|Ich danke dir, du lieber Freund, daher noch einmal für mich wie für alle diese hier anwesenden Völker und freue mich sehr auf die Rede, die nun dein Bruder Petrus uns allen vortragen wird! Der Herr leite seinen Mund und seine Zunge!“
BM|0|176|1|1|Steigendes Dräuen des Feindes, doch Petrus stärkt alle. Seine Frage an die Sonnenmenschen, ob sie Kinder Gottes werden wollen
BM|0|176|1|0|Nach dieser Rede wird von außen her ein Zeichen gegeben, dass das Gewässer des großen Meeres nur eine Manneshöhe von jenen entfernt ist, die am tiefsten ihren Stand genommen haben, und dass es im nächsten Augenblick ihre Füße bespülen wird. Es solle ihnen der allmächtige Geist helfen, sonst sind sie genötigt, sogleich die schnellste Flucht zu ergreifen.
BM|0|176|2|0|Spricht darauf Petrus: „Freund und Bruder, sage den Völkern, sie sollen nicht verzagen. Denn der Herr lässt diese Gefahr geflissentlich entstehen, auf dass sie alle einen desto helleren Beweis von der großen Herrlichkeit Gottes überkommen sollen!
BM|0|176|3|0|Wohl wird das Wasser ihre Füße berühren, aber sie dennoch nicht benetzen; also wird auch der unterirdische Auftrieb bis zu seiner höchsten Ausdehnung kommen und zerbersten und wird große Massen voll Feuers ausspeien. Aber alle diese Massen werden in aller ihrer Gesamtheit noch viel eher zerstört und gänzlich zunichte gemacht werden, bevor sie den Boden berühren bei ihrem Rückfall, und die aufgetriebene Rinde wird zurücktreten im Augenblick, da sie zerbersten wird!
BM|0|176|4|0|Daher soll niemand eine Furcht haben, sondern sich bei aller dieser so drängend scheinbar bedrohlichen Gefahr so verhalten, als ob so gar nichts da wäre, das da zu befürchten wäre, da wird auch niemandem ein Haar gekrümmt werden! Dieses tue sogleich allen kund!“
BM|0|176|5|0|Der Weise lässt sogleich diese Belehrung hinaus durch die schon bekannten Zeichen kundmachen, und in wenigen Augenblicken kommen von allen Seiten Gegenzeichen, dass die Belehrung richtig verstanden und allseitig dankbarst und bereitwilligst angenommen wurde zur genauesten und gewissenhaft-mutigsten Darnachachtung und Darnachhandlung.
BM|0|176|6|0|Als der Weise solches dem Petrus wieder kündet, da spricht dieser:
BM|0|176|7|0|[Petrus:] „So deute ihnen, dass sie nun sehr aufmerken sollen, indem ich hohe Worte an sie richten werde!“
BM|0|176|8|0|Der Weise tut das sogleich und alles ist in der gespanntesten Erwartung.
BM|0|176|9|0|Spricht Petrus: „Meine Freunde, meine Brüder! Mein Vorgänger hat euch die Lebensverhältnisse gezeigt, unter welchen die Menschen auf jener Welt leben, auf welcher auch ich in derselben Zeit gelebt habe, in welcher eben der Herr Sich mit Fleisch bekleidete und alle erdenklichen Beschwerden von Seiner leiblichen Kindheit an ertrug gleich einem jeden anderen irdisch armseligst gestellten Menschen.
BM|0|176|10|0|Aus diesen treu geschilderten Lebensverhältnissen habt ihr mit leichter Mühe entnehmen und beurteilen können, wie ganz anders ihr in jeder Lebenshinsicht auf dieser eurer großen Lichtwelt gestellt seid, aber daneben freilich auch, was dazu erforderlich ist, um aus dem puren Geschöpf ein allerfreiestes Gotteskind zu werden.
BM|0|176|11|0|Es stellt sich daher nun von selbst zuallererst die Frage: ‚Wollt ihr – und zwar mit Beibehaltung aller eurer Lebensvorteile, insoweit sie euch nicht durch ein Gesetz dahin geschmälert werden, dass ihr wegen des Gottesreiches frei denselben entsagt – Kinder Gottes gleich uns werden oder nicht?‘ Bedenkt aber wohl, was ihr tun wollt; nach einer reifen Überlegung sagt mir dann erst das Ja oder das Nein!
BM|0|176|12|0|Bedenkt den Vorteil, ein Kind Gottes zu sein oder wenigstens werden zu können. Bedenkt, was dazu gehört, diesen Vorteil zu erreichen; bedenkt aber auch eure bisherigen Vorteile und euren gegenwärtigen Lebensstand, von dem ihr endlich selbst sagen werdet müssen: ‚Wie doch gar so verändert ist er von jenem!‘
BM|0|176|13|0|Freilich wohl wird niemand etwas verlassen, das ihm im Gottesreich nicht tausendfach ersetzt werden würde für ewig. Aber dieser Ersatz wird nicht gar zu klar seiner Weisheit vorgehalten werden, sondern bloß nur so weit, als da die Kraft seines Glaubens zu reichen imstande sein wird.
BM|0|176|14|0|Nun habt ihr alles klarst vor euch, das Geistige wie das Naturmäßige liegt vor euch offen! Solches aber wird nicht der Fall sein bei jenen, denen es ernst ist, Gottes Kinder zu werden. Daher überdenkt euch’s wohl, was ihr nun in dieser Hinsicht tun wollt! Großes wird euch geboten, aber auch nicht Geringes von euch verlangt!“
BM|0|176|15|0|Spricht der Weise: „Freund, du weißt es, dass unsere Intelligenz von der Art ist, dass wir über einen Satz nicht gar zu lange zu deliberieren brauchen, um vollends klar zu werden darüber, was wir wollen oder sollen. Und so glaube ich auch hierüber vollends im Klaren zu sein im Namen aller dieser hier anwesenden Völker, was wir hier tun wollen und natürlich auch tun können.
BM|0|176|16|0|Denn das Können ist eine Hauptbedingung bei dem Tun oder Handeln, da doch sicher in der ganzen Unendlichkeit Gott Selbst von keinem Geschöpf mehr verlangen kann, als dieses seinen ihm innewohnenden Eigenschaften und Kräften zufolge leisten kann. Und so bin ich auch hier der mich selbst nur zu klar überzeugenden Meinung, dass der Herr von uns unmöglich mehr zu leisten wird verlangen können, als wir zufolge unserer natürlichen und geistigen Stellung auf dieser Erde zu leisten imstande sind!
BM|0|176|17|0|Ich bin der Meinung, dieses Motto ist kurz und klar genug, um daraus zu ersehen, dass wir nur das wollen, was wir können. Gotteskindschaft hin oder her, hoch oder nieder, das ist gleich! Wir wollen sie, so ihre Erreichung nicht über unsere Kräfte geht. Kostet sie aber mehr als den Aufwand aller unserer Kräfte, dann können wir sie auch nicht wollen, weil sie in diesem Falle für uns rein unerreichbar ist!
BM|0|176|18|0|Kurz – ist sie für uns unter diesen unseren gegenwärtigen Lebensverhältnissen erreichbar, dann wollen wir sie. Ist das nicht der Fall, ist das nicht möglich, dann, Freund, musst du selbst einsehen, dass wir sie unmöglich wollen können! Nun weißt du unseren Entschluss, und tue daher, was du willst; denn ich meine, dass auch unser Wille frei ist und bleiben muss!“
BM|0|177|1|1|Petrus stellt die Frage nach der Gotteskindschaft klarer. Seine Kritik betreffs der Blutschande der Sonnenmenschen
BM|0|177|1|1|(Am 16. August 1848)
BM|0|177|1|0|Spricht Petrus: „Lieber Freund, du hast im Grunde des Grundes meinen Vortrag nicht verstanden! Siehe, die Frage lautete ja also: ‚Wollt ihr – und zwar mit Beibehaltung aller eurer Lebensvorteile, insoweit sie euch nicht durch Gesetze dahin geschmälert werden, dass ihr des Reiches Gottes wegen frei denselben (es versteht sich von selbst: nur jenen Lebensvorteilen, die zum Leben nicht unumgänglich nötig sind) entsagt – Gottes Kinder gleich uns werden oder nicht?‘ So ich von der Beibehaltung rede, da glaube ich doch, dass du die Sache so erfassen wirst, wie ich sie dir vorgetragen habe!
BM|0|177|2|0|Glaube mir, Freund, dass wir im Gottesreich auch so weise sind, um einzusehen, dass sich eine Sonne nicht zu einem gemeinen Planeten umgestalten lässt, so man eine einmal festgestellte Ordnung des ganzen Universums nicht stören will; und dass Sonnenmenschen von ganz anderer Natur und Beschaffenheit sind als die Menschen eines kleinen Planeten! Das alles wissen wir sicher ebenso gut als du, Freund.
BM|0|177|3|0|Aber ihr habt gewisse von euch für euch selbst gemachte Gesetze, die eigentlich gar keine Gesetze sind, weil sie nichts gebieten als eine allerungebundenste Willkür im Handel und Wandel! Diesen Gesetzen zufolge könnt ihr auch eure alten, weisen Urgesetze verwerfen und die allernichtigsten neuen an ihre Stelle setzen. Frage: Rechnet ihr solch eine Willkür auch unter die eigentlichen Vorteile eures Lebens?
BM|0|177|4|0|Euch haben Engel aus den Himmeln eine Ehe, das heißt einen rechtlichen Verband eines Mannes mit einem ordentlichen Weib angeordnet, und haben euch gezeigt die rechte geistige Zeugung der Kinder, nach der ihr wohl noch bis jetzt eure Genituren [Zeugungen] bewerkstelligt habt. Wie kommt es aber, dass nun die Väter ihre eigenen Töchter tierisch beschlafen, wo sie doch ein Gebot haben, dass kein Vater bei Strafe mit seiner Tochter nicht einmal eine geistige Zeugung vornehmen solle!
BM|0|177|5|0|Sage, rechnest du auch solches zu den unerlässlichen Vorteilen eures Sonnenlebens? Rede, wie du das nimmst, und was darüber deine Meinung ist!“
BM|0|177|6|0|Spricht der Weise: „O Freund, solches gehört nicht zu den Vorteilen unseres Lebens, da es uns allen wohl die größten Nachteile fürs natürliche wie fürs geistige Leben gebracht hat! Daher versteht es sich von selbst, dass wir solche wahren Nachteile für unser Leben gar überaus wohl können fahren lassen. Unter dem aber, was ich so eigentlich ‚Vorteile unseres Lebens‘ nannte, verstehe ich bloß nur jene Ureigentümlichkeiten unseres wesenhaft-natürlichen Lebens, durch die wir zum größten Teil Herren über die Natur und Wesenheit dieser unserer Welt sind!
BM|0|177|7|0|Ein solcher Vorteil unseres Lebens ist, dass wir dem Boden dieser unserer Erde alles entlocken können, was wir nur wollen, als Herrlichkeiten ohne Zahl und Maß – und auch alle erdenklichen Notwendigkeiten zur Verpflegung unseres Leibes.
BM|0|177|8|0|Ich meine, die Bitte um Belassung solcher unserer Lebensvorteile wird vor den Augen des Herrn doch keine Sünde sein und kein Grund, uns darob die Aufnahme in Seine Kindschaft zu verweigern?
BM|0|177|9|0|Solle aber solch eine Bitte vor dem Herrn eine Sünde sein, dann freilich müssten wir auch wohl darauf bestehen, dass es uns gewährt werden möchte, lieber so zu verbleiben, wie wir nun sind, als dass wir dieses nun ersichtliche Sichere mit etwas höchst Unsicherem und schwerst zu Erreichendem vertauschen sollen!
BM|0|177|10|0|Siehe, Freund, so meine ich! Ist dir das recht, da sagen wir alle zu deinem Antrag ja; ist dir aber das nicht recht, da sagen wir alle nein. Denn etwas Unmögliches kann der Herr Selbst von uns nicht verlangen, außer Er umgestaltet uns ganz und gar und versieht dies unser Leben mit ganz anderen uns bis jetzt völlig unbekannten Eigenschaften und Fähigkeiten. Denn gegen die Allmacht des Herrn kann kein Wesen protestieren, also auch wir nicht!“
BM|0|178|1|1|Petrus’ Vorschlag zum Danken und Bitten. Uhrons Ablehnung der an Gott gerichteten Bitte
BM|0|178|1|0|Spricht Petrus: „Des Herrn Allmacht ist Seine ewige Ordnung, aus welcher Ordnung ihr und die ganze Unendlichkeit hervorgegangen seid. Wollte euch der Herr nun ganz eigens umgestalten, so müsste Er auch Seine ganze Ordnung zuvor umgestalten, was Er wohl ewig nie tun wird, da Er eben diese Ordnung Selbst ist!
BM|0|178|2|0|Aber euer bisheriges Leben ist ein außerordentlich bequemstes und sorglosestes zu nennen! Es kostet euch nirgends einen Kampf, nirgends eine Mühe und Anstrengung. Von der Geburt an bis zu eurem wahrhaft freiwilligen Austritt aus diesem eurem Leibesleben wisst ihr von keiner namhaften Unvollkommenheit etwas, daher auch von keiner Selbstverleugnung.
BM|0|178|3|0|Ihr wisst es wohl, dass ihr samt eurer Welt Werke eines allweisesten Gottgeistes seid, den ihr darum auch allerhöchst verehrt. Aber wann habt ihr Ihn noch um etwas Besonders gebeten und wann Ihm gedankt für eine der großen Lebenswohltaten, die Er euch doch allzeit im höchsten Übermaß hat zukommen lassen?!
BM|0|178|4|0|Seht, bis nun lebtet ihr wie völlig unabhängig von Ihm. Wäre es etwa zu viel von euch verlangt, so ihr in der Folge euch bequemen würdet, von Ihm doch etwas mehr abhängen zu wollen, als es bis jetzt der Fall war? Rede nun wieder und zeige mir getreu deinen Entschluss!“
BM|0|178|5|1|(Am 10. August 1848)
BM|0|178|5|0|Spricht der Weise: „Freund, das wollen wir allerdings! Besonders was da unsere allerschuldigste Dankbarkeit betrifft, wollen wir wohl alles Erdenkliche aufbieten, um diese für so viele und große Wohltaten gebührendst auszudrücken und dem heilig-großen Geber so zahllos bester Gaben vom Grunde unseres Lebens [zu] bezeugen. Aber was da betrifft das Bitten, so muss ich dir gestehen, dass ich damit durchaus nicht einverstanden sein kann, da ich jede Bitte als eine notwendige Beleidigung der göttlichen Weisheit ansehe und ansehen muss.
BM|0|178|6|0|Denn durch eine Bitte an die Gottheit bekenne ich doch offenbar, dass ich einsichtsvoller bin als Gott und daher gewisserart besser einsehe oder einsehen will, was mir nottut, als der Herr Selbst! Ich meine, so was solle sich wohl selbst ein Kind Gottes nicht anzumaßen getrauen, geschweige erst ein anderes Geschöpf?!
BM|0|178|7|0|Ferner erscheint mir eine jede Bitte auch wie ein höflicher Kampf, durch den das Geschöpf eine gewisse Härte und eine gleichsam eigensinnige Unbarmherzigkeit im Schöpfer besiegen und sogestaltig über Ihn triumphieren möchte!
BM|0|178|8|0|Wahrlich, Freund, ehe ich mir’s getrauen möchte, dem allweisesten, allmächtigsten und allgütigsten Schöpfer mit einer Bitte zu kommen, durch die ich Ihm doch offenbar dartäte, dass ich meine Bedürfnisse besser kenne als Er – und ehe ich bitten möchte für andere und Ihm dadurch zeigte, dass ich offenbar besser und barmherziger bin als Er, wollte ich lieber nicht sein! O Freund, welche Achtung vor Gott, dem ewig urweisesten und allmächtigsten Geist, wäre wohl das?!
BM|0|178|9|0|Daher ist meine Antwort auf deinen Antrag folgende: Wir wollen für ewig wie bis jetzt in allem ganz von Gott abhängen, weil es unmöglich ist, von jemand anderem abzuhängen. Also wollen und werden wir Ihm auch ewig aus dem tiefsten Lebensgrund für alles unaufhörlich danken, da wir eine jede Gabe aus und von Ihm für endlos gut ansehen und sie als solche auch allertiefst anerkennen. Aber bitten werden, wollen und können wir den Herrn um nichts, da wir nun zu klar wissen und einsehen, dass der Herr endlos besser einsieht, was uns allen nottut, und nicht nötig hat, von uns erst darauf aufmerksam gemacht zu werden durch eine nichtssagende Bitte, als wir elende und kaum halb lebende Geschöpfe gegen Ihn. Und so sei es von uns auch ewig ferne, Ihm eben durch solch eine Bitte zu sagen, dass Er ein harter Gott ist und eine solche Schwäche hat, die erst durch die Bitten von Seite der Geschöpfe kann in die wahre Ordnung gebracht werden!
BM|0|178|10|0|Freund, wir alle achten Gott, den allerhöchsten Geist, zu endlos hoch und haben eine zu heilig-erhabenste Vorstellung von Seinen allervollkommensten Eigenschaften, als dass wir uns je so tief vergessen könnten, dem mit einer Bitte kommen zu wollen, der uns doch ohne unsere Bitte so vollkommen als es für uns notwendig war, erschaffen hat!
BM|0|178|11|0|Danken, ja ewig danken werden und wollen wir Ihm für alle die endlos vielen Wohltaten und Gaben, deren die kleinste so groß und heilig ist, dass wir sie wohl je kaum in aller Fülle werden zu würdigen imstande sein. Aber – wie nun schon gründlich gezeigt – mit einer Bitte wollen und werden wir uns wohl an Ihm, dem allerheiligst Vollkommensten, nie versündigen!
BM|0|178|12|0|Tue du nun, was du willst. Aber es wird dir mit aller deiner Weisheit wohl schwerlich gelingen, uns dahin zu stimmen, dass wir uns in der Folge auch an das Bitten machen sollen! Es müsste nur sein, dass der Herr Selbst es ausdrücklich von uns verlangte?! Natürlich – gegen den Willen Gottes kann kein Geschöpf sich stemmen. Aber bei unserer Freiheit bleiben wir auch frei und werden tun, was wir als recht vor Gott und den Menschen und Engeln erkennen!“
BM|0|179|1|1|Petrus lehrt das Vaterunser und begründet, wie viel höher das Bitten stehe über dem Danken
BM|0|179|1|0|Spricht Petrus: „Freund, als der Herr als der allmächtige Schöpfer Himmels und aller Welten auf meiner Erde das Fleisch angenommen hatte und hat dann unter uns Menschen gelebt und gewandelt wie ein Mensch, da lehrte Er uns alle also vollkräftig beten, indem Er sprach:
BM|0|179|2|0|So ihr aber betet, da betet also und sprecht: ‚Unser Vater, der Du in dem Himmel wohnst, Dein heiligster Name werde geheiligt! Dein Reich der Liebe, der Wahrheit und des ewigen Lebens komme zu uns! Dein allein heiliger Wille geschehe alle Zeiten und alle Ewigkeiten hindurch! Gib uns heute wie allzeit das tägliche Brot! Unsere Sünden und Gebrechen vergebe uns nach dem Maße, als da wir vergeben unseren wie immer gearteten Schuldnern! Lasse nicht Versuchungen über unsere Schwächen kommen, denen wir unterliegen müssten; sondern erlöse uns von allem Übel, das uns nur immer begegnen könnte! Dein, o Vater, ist alle Kraft, Macht und Herrlichkeit ewig! Dir allein sei aller Preis, alle Ehre, aller Ruhm, alle Liebe, alles Lob und aller Dank ewig!‘
BM|0|179|3|0|Da uns aber der Herr Selbst also beten und bitten gelehrt hat, so glaube ich denn doch, dass es gerade nicht unrecht sein dürfte, so wir als Kinder Ihn zuvor um alles das bitten möchten, dass Er es uns geben möchte, was wir für uns als notwendig erkennen!
BM|0|179|4|0|Denn ich meine hier also, und sage: Ist schon auch der schuldige Dank, den wir für die zahllosen Wohltaten dem Schöpfer darbringen, ein heilig großes Privilegium für uns freie Wesen, weil wir dadurch Gott gegenüber das, was wir haben und empfangen, als eine freie und nicht als eine gerichtete Gabe anerkennen; so steht aber die Bitte dennoch viel höher, da uns eben durch die Bitte nicht nur die Erkenntnis zukommt, durch die wir eine Gottesgabe nicht nur als eine freie anerkennen dürfen, sondern auch die freie Wahl der Gabe!
BM|0|179|5|0|Denn zur vollkommenen Freistellung des Geistes gehört nicht nur die freie Erkenntnis dessen, was der Herr als für unser Leben Notwendiges uns frei gibt, sondern hauptsächlich die freie Wahl dessen, was uns nottut! Wozu aber doch offenbar mehr Selbsterforschung und freie Selbsterkenntnis gehört, als bloß nur zu jener erkenntnisartigen Wahrnehmung, der zufolge wir gewahr werden, dass da alles, was wir sind, haben und empfangen, freie Gaben aus Gott dem Herrn sind.
BM|0|179|6|0|Wer da für eine empfangene Gabe dankt und fühlt aber dabei kein weiteres Bedürfnis nach einer für die Folge doch sicher wieder nötigen Gabe, der ist in seiner Lebenssphäre noch sehr stumpfsinnig und hat noch viel Tierisches in sich. Denn auch Tiere danken durch ihren frohen Genuss instinktmäßig dem Geber, wenn sie Ihn auch nicht zu erkennen imstande sind; aber begehren kann kein Tier etwas, weil es seine Bedürfnisse nicht erkennen kann! Wenn es hungrig ist, da sucht es Speise. Hat es diese gefunden und hat sich gesättigt, dann ruht es so lange, bis es wieder hungrig wird. Diese Ruhe ist ein stumpfer Dank für die Speise, die es zu seiner Sättigung gefunden hat; aber so das stumpfe Tier satt ist und ruht, da hat es kein weiteres Erkenntnis zu dem Behufe mehr, dass es künftig wieder hungrig werden könnte und einer Nahrung bedürfte.
BM|0|179|7|0|Aber nicht so ist es bei dem Menschen, denn der Mensch weiß es, was ihm nottut. Hat der Mensch sich gesättigt, so weiß er, dass er wieder hungrig wird und wird wieder essen müssen, um sich zu sättigen. Er kennt aber auch den Geber. Daher soll er nicht nur danken, wenn er sich gesättigt hat, sondern er soll vielmehr noch mit dem schuldigsten Danke die Bitte vereinen, durch die er dem Schöpfer umso mehr an den Tag legt, und bezeugt, dass er alles nur von Ihm bekommt, aber eben also auch erwartet für die Zukunft fortwährend das Gute und Notwendige von Ihm.
BM|0|179|8|0|Zugleich aber stellt der Mensch sich seinem Meister eben durch die Bitte auch so dar, als wie ihn eben der Meister haben will, nämlich als ein völlig freies Wesen, dem nicht nur das Recht des Empfangens, sondern auch das demütig freieste Recht des Begehrens zusteht, welches Recht aber doch sicher bei jedem Menschen eine mächtige Selbsterkenntnis voraussetzt, ohne welche kein Mensch ein vollkommener Mensch werden kann!
BM|0|179|9|0|Ich meine, diese Gründe dürften für eure Weisheit wohl hinreichend sein, um einzusehen, dass die Bitte für jeden freien Geist um vieles nötiger ist als der beste und allerschuldigste Dank!
BM|0|179|10|0|Und sollen dir, du mein Freund Uhron, auch alle diese meine sicher triftigsten Gründe noch immer nicht genügen, so genüge dir das, dass der Herr Selbst uns nur gar zu oft aufgefordert hat, dass wir bitten sollen, so wir etwas empfangen wollen, aber nur überaus selten jemanden erinnerte zu einer Danksagung.
BM|0|179|11|0|So gab Er uns denn auch eine heilige Form, nach der wir beten und bitten sollen. Aber von einer Form, wie wir danken sollen, weiß ich dir kaum etwas zu sagen!
BM|0|179|12|0|Wohl dankte der Herr Selbst der Gottheit, die als Vater in Ihm war, zu öfteren Malen und verwies es auch ein einziges Mal den neun Gereinigten, die nicht wieder mit dem Zehnten gekommen sind, Ihm die Ehre zu geben. Aber dessen ungeachtet gab Er uns dennoch nie eine Form, wie wir danken sollen, was Er in Bezug auf die Bitte doch gar so ausdrücklich getan hat.
BM|0|179|13|0|Hat aber der Herr von uns unvollkommeneren Bewohnern der Erde die Bitte ausdrücklich verlangt, so bin ich wohl der Meinung, dass Er sie bei euch nicht als überflüssig betrachten wird!
BM|0|179|14|0|Daher geht schließlich mein An- und Auftrag vom Herrn an euch alle dahin, dass ihr in der Folge zwar alles das, was ihr nun habt, vom Herrn haben sollt, aber nur auf dem Weg der Bitte. Wer aus euch aber nicht bitten wird, der wird auch nichts oder sicher nicht viel erhalten.
BM|0|179|15|0|Denn seid ihr frei, so sollt ihr euch selbst auch dahin erkennen, was euch nottut. Habt ihr euch dahin erkannt – was bei euch um vieles leichter sein wird, als bei uns es war –, dann bittet, und es wird euch gegeben werden, um das ihr werdet gebeten haben.
BM|0|179|16|0|Ist euch das recht, so bejaht es, und mein Bruder Johannes wird euch weiterführen. Euer freier Wille hat hier zu wählen und zu bestimmen!“
BM|0|180|1|1|Der Sonnenweise bejaht nun auch das Bitten. Seine Kritik an den Verheißungen des Herrn
BM|0|180|1|0|Spricht der Weise: „Ja, Freund, ja, es ist uns schon alles recht, was der Herr will; denn wie schon einmal bemerkt, man kann sich ja doch dem allmächtigen Willen des Herrn nicht widersetzen, ob Er von uns Leichtes oder Schweres verlangt! Denn tun wir’s nicht frei zu unserem einstigen Besten, so müssten wir es aber dennoch tun durch ein Gericht zu unserem Verderben! Also tun wir es doch um endlos vieles lieber frei und wollen dadurch für unser künftiges Leben lieber etwas gewinnen als etwas verlieren.
BM|0|180|2|0|Ich sehe wohl aus alledem, was du und dein Vorgänger uns gesagt habt, dass wir hier die bisher freie, schöpferische Willenskraft, mittelst der wir bis jetzt unsere Gärten bestellten und unsere Häuser und Wohnungen zu allermeist herstellten, ganz rein in die Hände des Herrn werden zurücklegen müssen. Aber das macht gerade eben darum nichts, weil wir nun auf dem Weg der Bitte diese Fähigkeit doch ganz ungeschmälert wieder haben können!
BM|0|180|3|0|Freilich wissen wir auf dem Wege unserer inneren Wahrnehmungen und durch allerlei Geister aus deiner Erde, dass der Herr es mit Seinen Verheißungen eben nie gar zu buchstäblich genau, wie ihr zu sagen pflegt, nehme. Dem Er Reichtum verheißt, dem gibt Er Armut. Dem Er bei Gesundheit ein langes Leben zusagt, der kann sich sobald auf Leiden und auf ein baldiges Ende seines irdischen Lebens gefasst machen. Dem Er des Lebens Freiheit geben will, der wird in Kürze ein irdisch Gefangener. Die Er lieb hat, die lässt Er versuchen und gewaltig züchtigen. Die getreuest an Ihm und Seinem Wort hängen, die lässt Er Not und allerlei Verfolgungen erleiden. Und die Ihn über alles lieben, die lässt Er kreuzigen – und dergleichen mehr!
BM|0|180|4|0|Aber – wie gesagt – das macht alles nichts; denn Er allein ist der allmächtige Herr Seiner Werke und kann mit ihnen tun, was Er will. Und niemand kann Ihn fragen und sagen: ‚Herr, warum tust Du dies oder jenes, das uns unbillig vorkommt?‘, denn Er ist der Herr ganz allein, und das genüge jedem!
BM|0|180|5|0|Der Herr, wie wir es wissen, verhieß Seinen Königen auf der Erde eine ewige Herrschaft, und sie starben wie ein jeder andere Mensch. So verhieß Er einem gewissen Volk ein ewiges Land und Reich, und wie wir nun häufig erfahren, so hat dieses erwählte Volk nun kein Reich und kein Land mehr! So wissen wir auch, dass Er Weise erwählte, die dann dem Volk Seinen Willen, und was Er tun werde, offenbaren mussten. Als es aber dann an der Zeit war, dass solche Offenbarung hätte sollen erfüllt werden, da standen die Weisen wie barste Maulreißer da; denn der Herr ließ nicht geschehen, was Er durch die Weisen verkünden ließ! Und dergleichen mehreres!
BM|0|180|6|0|Du siehst, dass man sich auf des Herrn Verheißungen, wie gesagt, so ganz buchstäblich nicht verlassen kann, und es wird auch gerade mit der Gewährung der verschiedenen Bitten der gleiche Fall sein; denn wer könnte Ihn dazu wohl je nötigen können!?
BM|0|180|7|0|Aber alles dessen ungeachtet wollen wir dennoch deinen Antrag annehmen, da wir wohl nur zu gut wissen, dass da eine Weigerung von unserer Seite wohl die größte Torheit wäre. Also denn geschehe, was da der allmächtige Herr will!“
BM|0|181|1|1|Des Johannes Rede über die geistige Bedeutung der Verheißungen des Herrn. Prophetisches Bild von dem neuen Haus und der neuen Stadt
BM|0|181|1|0|Spricht Johannes: „Freunde, und du, Bruder Uhron, insbesondere, der du das Wort führst! Irdisch genommen magst du wohl recht haben. Aber da des Herrn Worte und Verheißungen doch sicher allergeistigst sind und ihre wahre Geltung nur den Geist und nicht dessen notwendig vergängliches Fleisch berührt, so gehört auch ein recht geistiges Verständnis jeder göttlichen Verheißung dazu, um sagen zu können, ob der Herr in Seinen Verheißungen getreu ist oder nicht!
BM|0|181|2|0|Was der Herr verheißt, das erfüllt Er auch getreuest, aber nur für den Geist und nicht für den notwendig sterblichen Leib! Ich werde euch nun sogestaltig in Seinem Namen eine Verheißung machen. Sage mir aber dann auch, ob und wie du sie verstanden hast! Also aber laute sie:
BM|0|181|3|1|(Am 25. August 1848)
BM|0|181|3|0|‚Ein neues Haus wird der Herr erbauen, und wird eine neue Stadt aus den Himmeln lebendig niedersteigen lassen. Und das Haus wird sein wie die Stadt aus vielen Häusern.
BM|0|181|4|0|Die aber bewohnen werden das neue Haus und zugleich bewohnen die neue Stadt und die vielen Häuser der Stadt, die werden größer sein denn das neue Haus und die Stadt und die vielen Häuser der Stadt.
BM|0|181|5|0|So sie beziehen werden das neue Haus des Herrn, da wird es sich beugen vor ihnen, und es wird sich beugen die Stadt und in ihr die vielen Häuser.
BM|0|181|6|0|Das Haus aber wird klein sein von außen, aber dafür übergroß von innen zur Aufnahme von zahllosen Bewohnern, und es wird also auch sein die Stadt und alle die vielen Häuser in ihr!
BM|0|181|7|0|Wohl denen, die dieses Haus beziehen werden und die Stadt und die vielen Häuser in ihr! Denn das Haus und die Stadt und in ihr die vielen Häuser werden ihnen anziehen das Kleid der Kindschaft des Herrn!
BM|0|181|8|0|Da werden sie sein stets mächtig aus dem Haus, aus der Stadt und aus den vielen Häusern der Stadt! Aber der da nicht bewohnen wird das Haus, die Stadt und die vielen Häuser der Stadt, der wird schwach sein, und diese Schwäche wird zunehmen und wird sie töten!‘
BM|0|181|9|0|Nun, Freund Uhron, da hast du die Verheißung des Herrn, die an euch höchst getreuest wird erfüllt werden. Darum aber sage mir nun auch, ob und wie du diese rein göttliche und wahrste Verheißung verstanden und begriffen hast!
BM|0|181|10|0|Aber das sage ich dir zum Voraus, dass du da auch sehr vergeblich auf eine äußere, also buchstäbliche Erfüllung harren wirst. Gerade wie einst auf meiner Erde ein Prophet Jonas vergeblich auf den vom Herrn vorhergesagten Untergang der großen Stadt Ninive geharrt hat. Also rede du nun, was dir von dieser Verheißung dünkt!“
BM|0|181|11|0|Spricht nach einigem Nachdenken der Weise, sagend: „Freund, von dieser deiner für rein göttlich bestimmten Verheißung kann ich dir aus ganz rein vernünftigsten Gründen nichts anderes sagen als: sie ist eine ganz reine kopf- und herzlose Faselei. Daher sie vor dem Richterstuhl unserer hellsten Weisheit auch gar keine Aufnahme finden kann.
BM|0|181|12|0|Ich sage dir ganz gerade heraus: Wer mir, wie diesem ganzen Volk irgendeine Verheißung geben will oder ein Gebot, der gebe es mit Worten so, wie der reine, klare Wortsinn es gibt. Aber eine solche Verheißung, die in allen ihren Teilen ein der Natur und Ordnung widrigster Unsinn ist, mag von diesen Gefilden stets ferne verbleiben.
BM|0|181|13|0|Denn so wir schon unsere gegenwärtigen Lebensvorteile gewisserart aufzugeben genötigt sind, um dadurch die Gotteskindschaft zu erlangen, die wir bisher noch nie so ganz eigentlich gesucht und festweg gewünscht haben, so wollen wir aber auch dafür die Verheißungen wie die Bedingungen klar ausgedrückt haben. Nicht mit Worten, durch die man Weiß verheißt und dann Schwarz geben kann, sondern mit solchen Worten, die das ganz natürlich klar ausdrücken, was man zu gewärtigen hat!
BM|0|181|14|0|Ich meine, mein Verlangen ist doch sicher so klar als billig; daher rede du meinem Verlangen gemäß, so werden wir leicht eins werden! Aber mit einem neuen Haus, vom Herrn erbaut, das da kleiner als dessen Bewohner sein soll, und dessen Inneres größer sei als dessen Äußeres, und dergleichen die Stadt mit ihren vielen Häusern, komme mir nicht wieder. Denn vor solchen Widersprüchen müsste bald ein jeder unserer Zuhörer den barsten Ekel bekommen!
BM|0|181|15|0|Ist der Herr schon der höchste und reinste Geist, so hat Er aber ja dennoch auch die unreine Natur erschaffen. Daher rede Er auch mit den Geistern geistig, aber mit uns natürlichen Menschen rede Er auch natürlich! Denn ich bin der Meinung, dass Er ebenso gut rein natürlich verständig wird reden können, als Er ganz allein die Natur ganz rein natürlich erschaffen hat.
BM|0|181|16|0|Freilich wohl hat der Herr ein unumstößlichstes ewiges Urrecht, zu reden, wie Er will. Aber desgleichen glaube ich, dass auch wir ein Recht haben zu sagen: ‚Herr, das verstehen wir nicht, es ist für uns ein Unsinn, daher rede mit uns, wie Du es weißt, dass wir es verstehen!
BM|0|181|17|0|Verberge Dich nicht stets hinter Wolken, sondern trete offen in Dein Eigentum. Denn Du hast doch offenbar nicht vonnöten, Dich vor uns, Deinen Werken, zu genieren, da wir doch nicht anders sein können, als wie Du uns haben willst und haben wolltest.
BM|0|181|18|0|Du weißt es am besten, welche Sprache Du uns gelehrt hast und welche wir daher auch verstehen; daher rede Du mit uns auch also verständlich, wie Du uns gelehrt hast! Rede mit Deinen himmlischen Geistern und Kindern geistig und himmlisch, aber mit uns rede natürlich!
BM|0|181|19|0|Willst Du aber schon durchaus nur geistig und in übersinnlichen Bildern himmlisch mit uns reden, so gebe uns zuvor aber auch das nötige Verständnis; denn sonst ist Deine Rede für uns kein Gewinn und für Dich bei uns keine Ehre! Denn was man nicht versteht – ob es von Gott oder von einem Geist oder Menschen ist, das kann man auch nicht würdigen nach Gebühr. Und was man nicht würdigen kann, wie soll man das ehren?
BM|0|181|20|0|Ich meine, dass ich nun sehr verständlich gesprochen habe; rede auch du (Johannes) so, und ich werde dich hören und ich werde dir folgen mit allem diesem großen Volk und mit all seinen Nachkommen!“
BM|0|181|21|0|Spricht Johannes: „Freund, du verlangst Dinge, die rein unmöglich sind, und stehen selbst mit eurer reinsten Naturweisheit im größten Widerspruch! Wie kannst du rein Geistiges ganz natürlich dargestellt haben wollen? Oder so du schon durchaus Natürliches willst, ist dann das nicht so natürlich als möglich, dass ich vom Herrn aus dir Geistiges und Himmlisches verheiße durch Hilfe von natürlichen Bildern, innerhalb welcher sich Geistiges und Himmlisches ebenso birgt wie dein eigentliches geistiges Leben innerhalb deines natürlichen Leibes?
BM|0|181|22|0|Welchen Nutzen aber hätte ein rein materielles Wort für deinen Geist? Wäre so ein Wort nicht gleich einer hohlen Frucht, die wohl ein äußerliches Ansehen hat, als wäre sie etwas – aber von innen ist sie hohl und hat nichts, damit du deinen Magen erquicken und stärken könntest?
BM|0|181|23|0|Also gebe ich dir vom Herrn aus aber auch gleichmäßig keine hohlen Worte und Verheißungen, sondern volle vom Innersten bis zum Auswendigsten. Und es wird mit der Gabe das Verständnis nicht unterm Wege verbleiben! Sage, was willst du denn da noch mehr haben?“
BM|0|181|24|0|Spricht der Weise: „Ja, Freund, wenn das rechte Verständnis zu solcher Sprache hinzukommt, dann lasse ich es mir wohl gefallen. Aber so sage mir denn nun auch, wie man das anzufangen hat, um hinter das rechte Verständnis zu kommen!
BM|0|181|25|0|Was ist mit dem neuen Haus, was mit der vom Himmel herabsteigenden Stadt und den vielen Häusern in ihr? Was mit ihrer Lebendigkeit? Wie werden die Einwohner größer sein denn die Häuser, oder ein Haus, oder die ganze Stadt? Wie wird sich das Haus, die Stadt und die vielen Häuser in ihr neigen vor ihren Einwohnern? Und wie wird das Haus, die Stadt und die vielen Häuser in ihr von außen kleiner sein denn von innen?
BM|0|181|26|0|Siehe, das sind für unsere Weisheit gar sonderbare Dinge! Wir können sie unmöglich fassen, daher gebe uns auch ein Verständnis, so wollen wir dann schon mehreres annehmen, und wäre es anfangs aus gleichen Gründen auch noch so unverständlich für unsere Weisheit!“
BM|0|182|1|1|Johannes erklärt das prophetische Bild. Der Sonnenweise versteht es nun und fasst Vertrauen
BM|0|182|1|0|Spricht Johannes: „Gut, so merke denn: Das neue Haus ist die neue Offenbarung des Herrn an euch, die Er soeben erbaut in euren Herzen. Die lebendige Stadt, die aus den Himmeln niedersteigt, ist der Herr und wir, Seine Kinder, voll des ewigen Lebens. Ihr aber sollt in diese unsere an euch gerichtete Offenbarung eingehen und darinnen eine wahre Lebenswohnung nehmen, so wird diese Lehre sich zu euch neigen und euch untertan sein.
BM|0|182|2|0|Und so ihr aber in dieser Offenbarung werktätig leben werdet, so werdet ihr dadurch in eine größere Weisheit gelangen, als diese da ist, die wir euch nun geben. Und so wird es auch sein, dass ihr in diesen nun wenigen Worten, deren äußere Umfassung wirklich klein ist, einen innern so unendlich großen Weisheitsgehalt finden werdet, dass ihr selben in seiner ganzen Fülle wohl ewig nie völlig begreifen werdet. Und zahllose Nachkommen werden in dieser Weisheit wohnen und werden dennoch nie an ihre Schlusswände und Grenzen gelangen.
BM|0|182|3|0|Wie der Mensch aber leiblich ein Wohnhaus hat und bewohnt dasselbe, nachdem er es zu dem Zweck zuvor wohl eingerichtet hat, ebenso aber ist die Gotteslehre für den Menschgeist auch ein ewiges Wohnhaus, in dem er wohnen und handeln wird ewig.
BM|0|182|4|0|Und die Stadt Gottes und die vielen Häuser in ihr sind dann gleich dem einen Haus, und wer da bewohnt ein solches Haus oder wer da tätig ist in der kleinen Weisheit des enggefassten Gotteswortes, der wird dadurch in die Stadt Gottes eingehen, was so viel heißt, als in die Fülle der göttlichen Weisheit, da ihm alles zuteilwird, was da hat der Herr in Seinem Haus und in Seiner ewigen Stadt und den endlos vielen Wohnhäusern in ihr!
BM|0|182|5|0|Ich meine, Freund, dass du mich nun besser denn ehedem verstanden hast. Daher sage mir, ob du damit aber auch einverstanden bist, und ob dir die Sache so genehm ist!“
BM|0|182|6|0|Spricht der Weise: „Ja, jetzt wohl, denn siehe, nun hat die Sache ein ganz anderes Gesicht! Nun habe ich mich gleich gefunden und wusste schon bei der ersten Erläuterung des Hauses, wo hinaus die ganze Sache gehen wird. Ich sehe, dass das lauter freilich tiefste Entsprechungen sind. Aber sie sind begreiflich und fasslich, und du kannst daher schon fortfahren, uns den göttlichen Willen weiter zu offenbaren, und wir werden ihn ohne alle Widerrede annehmen!“
BM|0|182|7|0|Spricht Johannes: „Freund, ich habe nun schon geredet, was ich zu reden hatte. Nun aber kommt Er Selbst! Ihn hört! Sein Wort erst wird euch umgestalten und euch geben die richtige Freiheit; und so hört Ihn!“
BM|0|183|1|1|Der Sonnenmenschen Empfangsgruß an den Herrn. Seine Rede an die Sonnenmenschen. Demut, das Mittel zur Erlösung vom Geschöpflichen. Die neuen Lebensregeln
BM|0|183|1|0|Nun komme Ich hervor, und zwar noch immer umgeben von der Chanchah, Gella und den drei Sonnentöchtern, die sich unterdessen recht viel über diese Erde mit den zwei Genannten besprochen haben. Und als Ich hervorkomme, da fällt der Weise und all sein Volk von innen dieses Wohnhauses und was außerhalb desselben ist aufs Angesicht; und alle preisen Mich laut, indem sie sagen:
BM|0|183|2|0|[Die Sonnengemeinde:] „Heil und alle Ehre Dir, Du Unerforschlicher, Du Ewiger, Du Unendlicher! Nehme hiermit unseren allertiefsten Dank für diese unendliche, unbegreifliche höchste Gnade, darum Du auch uns Würmchen dieses Staubes (Sonne) einmal Deiner sichtbaren Gegenwart gewürdigt hast!
BM|0|183|3|0|Es ist wohl etwas höchst Ungebührliches, so sich in unseren Herzen der Deiner ewig unwürdige Wunsch regt, demzufolge es wohl unsere allerunaussprechlich höchste Seligkeit wäre, so Du von nun an uns nimmer verlassen möchtest, sondern also ewig verbleiben bei uns! Aber was können wir tun, wenn unser Herz solches so sehr begehret, als wie auch eben diesem Begehren vor Dir, o Du Heiligster, Luft zu machen?
BM|0|183|4|0|O Du, dessen Füße zu heilig sind, als dass dieser Erde Boden würdig wäre, von ihnen betreten zu werden, wirst uns ja ein solch unsinniges Verlangen gnädigst vergeben! Wenn Du, o Heiligster, uns noch für wert erachtest, an uns einige Worte des Lebens zu richten, so bitten wir Dich alle aus den tiefsten Tiefen unseres Herzens, dass Du uns diese Gnade erweisen möchtest! Aber über alles hochgepriesen sei Dein allein heiligster Wille!“
BM|0|183|5|0|Nach dieser sehr demütigen Anrede sage Ich: „Steht auf, Meine lieben Kinder, und vernehmt Mich, den ewigen Vater der Unendlichkeit, und euren Vater, und den Vater der zahllosen Myriaden eurer Brüder und Schwestern, die aus Mir hervorgegangen sind, zu bewohnen die Unendlichkeit und überall zu zeugen, dass Ich ihr aller Vater bin von Ewigkeit!“
BM|0|183|6|0|Spricht der Weise: „O Herr, Herr, Herr! Zu unwürdig sind unsere Augen, um die zu endlos große Heiligkeit Deines Angesichtes zu schauen! Daher lasse uns in dieser Stellung, die ich für die geziemendste halte, in welcher sich Würmer, wie wir es hier sind, vor dem ewigen, allmächtigsten Schöpfer zu verhalten haben!“
BM|0|183|7|0|Rede Ich: „Liebe Kindlein, die Demut ist wohl die erste und größte Tugend eines jeden menschlichen Herzens, aber die darf ebenso wenig übertrieben werden, als irgendeine andere Regel des Lebens.
BM|0|183|8|0|Denn dass Ich der Schöpfer und ihr die Geschöpfe seid, das ist eine Sache, die sich auf beiden Seiten als eine Notwendigkeit darstellt, und sich selbst für Mich unmöglich anders darstellen lässt. Denn will Ich Geschöpfe haben, so muss Ich sie erschaffen, so wie Ich sie haben will. Und es wird kein Geschöpf unmöglich eher gefragt werden können, ob und unter welchen Bedingungen es etwa erschaffen sein möchte, sondern es hängt das ganz allein von Mir ab, wie Ich das Geschöpf haben will!
BM|0|183|9|0|Da aber sonach das Geschöpf eine Notwendigkeit Meines Willens ist, und Mein Wille aber als Grund des Werdens und Bestehens des Geschöpfes dem Geschöpf gegenüber ebenfalls eine Notwendigkeit ist, so haben sich auf diesem Standpunkt der Schöpfer und das Geschöpf natürlicherweise gegenseitig nicht viel zugute zu halten. Denn wie Ich als Schöpfer dem Geschöpf eine Notwendigkeit bin, ebenso ist auch das Geschöpf als Stützpunkt Meines Willens eine Notwendigkeit demselben.
BM|0|183|10|0|Aber ganz anders ist es, wenn der Schöpfer aus Seinen Geschöpfen freie, Ihm ähnliche, selbständig mächtige Wesen hervorbringen will. Da freilich tritt das Geschöpf in eine ganz andere Lebenssphäre. Der Schöpfer gibt da dem Geschöpf durch das freie, lebendige, vollkräftigste Wort eine eigene Kraft, die das Geschöpf dann durch eine fleißige tatsächliche Pflege in sich zur Vollreife zu bringen hat, um dadurch ein freies, ganz aus sich mächtiges Wesen zu werden.
BM|0|183|11|0|Da also in diesem Fall tritt erst die wahre Demut ein, weil sie das alleinige Mittel ist, durch welches das Geschöpf sich der schöpferischen Nötigung vollends entwindet, und sodann als ein aus sich selbst lebendiges und mächtiges Wesen Mir, dem Schöpfer, gegenüber also aufstellen kann, als so Ich Selbst Mir gegenüber als ein zweites Ich auftreten könnte. Aber diese notwendigste Demuth darf dennoch keine übertriebene sein, sondern gerade so nur, wie Ich als der Meister alles Lebens sie anordne; sonst kann sie das nicht bezwecken, wozu sie gegeben ist.
BM|0|183|12|0|Steht daher nun alle auf, wendet eure Augen auf Mich, und Ich werde euch erst so und alsdann die rechten Worte des Lebens können zukommen lassen! Und so denn erhebt euch!“
BM|0|183|13|0|Nach diesen Worten aus Meinem Munde erheben sich alle hier Anwesenden, und zwar zugleich mit dem Weisen, der da bei dieser Gelegenheit folgende Worte spricht:
BM|0|183|14|0|[Der Weise:] „Brüder und Schwestern, wir haben uns erhoben vor dem Herrn, und vor Seinem allerheiligsten Antlitz standen wir auf. Bedenkt es wohl, wer Der ist, vor dem wir nun stehen! Bedenkt und fasst es tiefst in euren Herzen!
BM|0|183|15|0|Er ist der Herr, der allerheiligste, urewige Gottgeist, der allmächtige Schöpfer aller unendlichen Himmel, aller Engel, aller Welten, aller Menschen und aller anderen Wesen! Er, der Heiligste, der Erhabenste hat zu uns also geredet, dass wir uns vor Ihm erheben sollen, und wir taten in höchster Ehrfurcht, das Er von uns verlangte.
BM|0|183|16|0|Er verhieß uns aber noch fernere Worte des Lebens, und wir haben die gerechteste Ursache, uns derselben im höchsten Grad zu freuen im Voraus schon. Denn wir wissen es ja, dass von Dem, der das ewige Urleben Selbst ist, unmöglich andere Worte als die des Lebens nur zu uns gelangen können.
BM|0|183|17|0|Und so freut euch endlosfach mit mir; denn der Herr Selbst, Er, das Leben Selbst, wird Worte des Lebens, Worte der Freiheit, ja allmächtige Worte zur völligen Umgestaltung unseres geschöpflich gerichteten Wesens an uns alle richten! Daher öffnet weit eure Ohren und Herzen, auf dass solche hier nie gehörten heiligsten Worte nicht an irgendeinem Ohr aus- [vorbei] und unter euch ungehört und unbeachtet vorübergleiten möchten!
BM|0|183|18|0|O Herr! O Du Heiligster! Unsere Herzen sind bereitet! So es Dein allerheiligster Wille wäre, da lasse uns bitten um die verheißenen Worte voll Lebens und voll Deiner göttlichen Macht und Kraft! Dein heiligster Wille werde allein ewig gepriesen!“
BM|0|183|19|0|Rede Ich: „Mein geliebter Uhron – wahrlich, wahrlich, dein Herz macht Meinem Herzen eine große Freude! Erwarte aber daher auch samt allen deinen Völkern, dass auch Ich es nicht verabsäumen werde, euren Herzen eine gleich große Freude zu machen, und diese Freude wird euch verbleiben auf ewig, und niemand wird sie euch nehmen können.
BM|0|183|20|0|Dessen seid ihr alle vollends gewiss, so ihr Meiner Lehre und der Lehre dieser Meiner Kinder und Boten nachkommen werdet, was euch umso leichter ankommen wird, da ihr in der Weisheit Meiner Gerechtigkeit schon ohnehin allen anderen Völkern um sehr vieles voran seid.
BM|0|183|21|0|Meine Lehre aber ist ohnehin überaus leicht zu beobachten, indem Ich als Schöpfer es wohl am besten weiß und einsehe, was euch allen nottut, und wie ihr dieses Nötige für eure Freiwerdung zugleich auch eurer natürlichen Beschaffenheit nach am leichtesten beobachten könnt! Daher fürchtet euch nicht vor der neuen Bürde, die Ich nun auf eure Schultern legen werde! Ich sage euch, sie wird sehr leicht, mild und sanft ausfallen!
BM|0|183|22|0|So aber lautet ganz kurz das Lehrwort, das Ich nun an euch richten werde. Ich sage euch, liebt Mich, euren Herrn, Gott und Vater, aus allen Kräften eures Lebens, und liebt desgleichen aber auch euch untereinander!
BM|0|183|23|0|Ein jeder aus euch suche in Meinem Namen dem anderen Dienste zu erweisen, und keiner dünke sich mehr zu sein, als wie da ist sein Bruder und seine Schwester! So werdet ihr nur gar zu leicht Meine geliebten Kinder werden und verbleiben auf ewig.
BM|0|183|24|0|Bewahrt dabei aber auch eure alte Sittenreinheit, und ferne sei von euch des Fleisches wollüstige Unzucht, in die ihr seit einer kurzen Zeitfrist durch Berückung eines bösen Geistes gekommen seid! Zeugt euch nach der alten, ordentlichen, geistigen Art, die euch gegeben ist in euren Willen und nicht in euer Fleisch!
BM|0|183|25|0|Wohl könntet ihr euch auch fleischlich zeugen durch den natürlichen Beischlaf und könntet dadurch Kinder des Fleisches und Kinder der Welt ins Leben rufen. Aber was würde euch solches nützen? Ihr würdet euch dadurch nur Diebe, Räuber und Mörder züchten, die in kurzer Zeit mächtiger werden würden denn ihr es seid, und würden euch dann gefangen nehmen und machen zu Sklaven ihrer bösen Begierden. Daher meidet sorgfältig euer Fleisch vor solchem Übel und berührt vorzugsweise nur eure Töchter nicht, durch die ihr Teufel in eure reine Welt zeugen würdet, so wird euch allen die Erreichung Meiner Kindschaft etwas gar Leichtes werden!
BM|0|183|26|0|Möchtet ihr aber fortfahren so wie jetzt zu geilen in eurem und eurer Töchter Fleische, da würde euch die geistige Zeugungskraft sobald benommen werden. Statt diesem eurem leichten, ätherischen Leib würdet ihr einen plumpen, schweren, hässlichen und mit allerlei Krankheiten behafteten Leib überkommen, in dem sich der unsterbliche Geist nur sehr schwer und mühsam bewegen würde, und dazu käme dann noch der Tod über euch, den ihr bisher noch nie gefühlt und geschmeckt habt.
BM|0|183|27|0|Also bleibt in eurer alten Sittenreinheit und zeugt euch fortan geistig! Denn was der allein lebendige Geist zeugt, das bleibt dann auch fort am Leben, das da keinen Tod kennt und hat. Was aber das tote Fleisch zeugt, das bleibt tot und kann nur sehr schwer ins Leben übergehen, da des Fleisches Wurzel der Tod ist.
BM|0|183|28|0|Wie aber auf einem dürren Stock schwerlich ein lebendiger Zweig eingepfropft werden kann zu leben, so auch ein lebendiger Geist ins tote Fleisch zur Gewinnung des Lebens!
BM|0|183|29|0|Also würde auch euer Wille geschwächt werden, dass ihr nimmer könntet mit desselben alleiniger Kraft eure Gärten und Äcker bestellen, sondern ihr müsstet dann euch nur mit jenen Pflanzen begnügen, die da Samen haben und sich durch denselben fortpflanzen. Und da könntet ihr dann nicht so wie jetzt fortwährend reife Esswaren dem Boden eurer Erde entlocken, sondern müsstet ängstlich und oft gar sehr ungeduldig die Zeit abwarten, in der die eine oder andere Frucht zur Reife kommen möchte.
BM|0|183|30|0|Ebenso ginge es auch mit der Erbauung eurer Wohnhäuser. Das dazu dienende Material würde dann sehr hartnäckig und schwer und gebrechlich sein. Denn ihr könntet es dann nimmer durch die Kraft eures Willens geschmeidig, leicht und für alle Zeiten dauerhaft machen.
BM|0|183|31|0|So habt ihr auch eine große Freude daran, dass ihr mit den Geistern eurer von der Äußerlichkeit abgeschiedenen Brüder sichtlich in allerlei Verbindungen treten könnt, und könnt sie sehen, sprechen und sogar liebkosen. Aber dieses würde euch sobald zur Unmöglichkeit werden, so ihr in eurer Berückung fortleben würdet.
BM|0|183|32|0|So ihr aber nun so fortlebt, wie Ich euch nun Selbst ganz kurz belehrt habe, da werdet ihr nicht nur alle diese eure Vollkommenheiten behalten, sondern werdet noch neue hinzubekommen, deren Vorteile so groß sein werden, dass ihr sie jetzt gar nicht zu fassen imstande wärt.
BM|0|183|33|0|Ich habe euch nun alles gesagt, was ihr zu tun habt für die Zukunft. Nun aber liegt es an euch, ob ihr das alles wohl annehmen und danach handeln wollt.
BM|0|183|34|0|Fragt alle euer Herz und sagt es Mir dann frei heraus! Denn Ich lasse euch die vollste Freiheit und will nicht einmal in eure Gedanken schauen, auf dass ihr euch vollends frei bestimmen könnt, und dann reden, was und wie ihr es wollt!“
BM|0|184|1|1|Des Weisen gute Antwort. Die Gegenwart des Herrn bei Seinen Kindern
BM|0|184|1|1|(Am 1. September 1848)
BM|0|184|1|0|Spricht der Weise: „O Herr, Deine Forderung an uns alle ist so unaussprechlich mild, sanft und über alle Maßen gut, dass es an unserer Seite wohl ewig nicht des allergeringsten Besinnens benötigt, um selbe mit dem dankerfülltesten Herzen nicht augenblicklich anzunehmen. Was sollen wir uns fragen, was beschließen, ob uns Deine heiligste Anforderung an unsere Herzen genehm wäre oder nicht?
BM|0|184|2|0|O Du allerheiligster ewiger Wohltäter, wir werden ewig nie Dir gebührend zu danken imstande sein für diese endlose Wohltat und Gnade, die Du uns nun erzeigt hast, dass Du uns durch diese Deine für uns ewig unbegreifliche Herablassung solche unerhörte wahrste Liebe erzeigt hast, uns Geschöpfen einen so überleicht zu wandelnden Weg zu zeigen, auf dem wir die höchste Himmelswürde erlangen können, Deine freien Kinder zu werden! Und wir sollen uns dazu noch besinnen?!
BM|0|184|3|0|O Herr, o Vater, o Du ewiger, heiligster Geist! Wenn ich tausend Leben hätte und müsste sie hergeben zur Erreichung Deiner Kindschaft nur dem geringsten Grad nach, wahrlich, ich gäbe sie mit tausend Freuden, und wenn der Verlust eines jeden der tausend Leben auch mit den größten Martern und Schmerzen verbunden wäre! Und ich solle oder möchte mich hier über solche Deine höchsten und heiligsten Gnadengaben noch bedenken, ob ich und dies Volk sie annehmen oder nicht?!
BM|0|184|4|0|Herr, Herr, Du heiligster Vater! Ich will nicht ja und nicht nein sagen mit dem Mund. Sehe nur gnädigst in unsere, Deines heiligsten Anblickes freilich wohl ewig unwürdigsten Herzen. Diese werden Dir noch ein tausendmal feurigeres Ja entgegenbeben, als wie feurig dort jene Weltgeschwulst ist, die nun bald zum Ausbruch reif sein wird.
BM|0|184|5|0|O Herr, o Vater, alles, alles, alles, das Du willst, wollen wir ja genauer noch erfüllen, als wie genau da bahnen die kleinen Welten um diese unsere nun durch Dich für ewig geheiligte große Erde!
BM|0|184|6|0|Aber nur diese Bitte lasse nicht ganz unerhört von unseren Herzen an Dein ewig heiligstes Vaterherz dringen, dass Du uns von nun an mit Deiner heiligsten sichtlichen Gegenwart nicht für immer verlassen möchtest, sondern Dich nach Deinem heiligsten Wohlgefallen uns nur dann und wann zeigen möchtest!
BM|0|184|7|0|Denn siehe, zu mächtig ist unser aller Liebe zu Dir nun erbrannt, wir lieben Dich unmessbar mächtig! Welch einen Jammer würden unsere Herzen empfinden, so diese unsere Augen Dich, o heiligster Vater, nimmer erblicken sollten, und unsere Ohren nimmer vernehmen Deiner heiligsten Vaterstimme so endlos wohlklingenden Worte, die unsere gebeugten Herzen so plötzlich mit einer solch unerhörten Lebensfülle erfüllt haben, dass wir keine Worte finden können, solche Deine wahrste Gott-Vatergnade zu beschreiben!
BM|0|184|8|0|Daher, o Herr, o heiligster Vater, lasse diese unsere Bitte von uns allen nicht ganz unerhört von unseren Herzen an Dein allerheiligstes Vaterherz dringen! Dein allein ewig heiligster Wille sei ewig gepriesen!“
BM|0|184|9|0|Rede Ich: „Kindlein, um was ihr bittet, das habe Ich schon lange väterlichst vorgesehen. Der Schöpfer bleibt nur den Geschöpfen unsichtbar und unerforschlich. Denn die Geschöpfe sind gerichtet in des Schöpfers Macht und können nie vor Ihn hintreten und Ihn schauen und vernehmen Seine Stimme. Aber ganz anders steht es mit den Kindern, die Ich als Schöpfer und nunmehr Vater frei gestellt habe durch Wort und Lehre. Diese können Mich sehen und sprechen, wann sie wollen – vorausgesetzt, dass ihre Herzen in der Ordnung Meiner Lehre sich befinden!
BM|0|184|10|0|Ist das aber nicht der Fall, sind die Herzen sinnlich gestimmt, und haben materielle Dinge und nichtige Weltsorgen in ihnen Platz genommen, und haben Mein Wort und Meine Lehre untätig gemacht, da freilich kann Ich nicht mehr gesehen und auch nicht gehört werden, weil da so ein werden sollendes Kind Meiner Gnade, Liebe und Erbarmung dann wieder das gerichtete Kleid der Geschöpflichkeit angezogen hat, wozu es freilich auch die volle Freiheit hat.
BM|0|184|11|0|Daher bleibt fortan alle in dieser Meiner Lehre! Bewahrt eure Herzen in aller eurer urangestammten sittlichen Reinheit, auf dass Meine Vaterliebe in ihnen Raum haben kann und in euch erzeugen ein neues Leben, das da ist ein wahrstes, freiestes in und aus sich selbst. Da werdet ihr nie Grund haben zu klagen und zu sagen: ‚Herr, Vater, wo bist Du? Warum können wir Dich nimmer sehen und warum nicht vernehmen Deine Vaterstimme?‘
BM|0|184|12|0|Denn wahrlich sage Ich euch: Alle, die an Meiner Lehre tätig hängen, die sind es, die Mich wahrhaft lieben. Da sie Mich aber also wahrhaft lieben, so werde Ich auch entweder sichtlich oder vernehmlich stets unter ihnen sein und werde sie Selbst lehren und ziehen zu Meinen Kindern!
BM|0|184|13|0|Nun aber schafft Speise und Trank herbei, so viel ihr habt und könnt! Wir wollen uns alle sättigen, und ihr werdet es sehen, dass Ich gleich wie ihr – euch segnend – essen und trinken werde, und alle die Brüder und Schwestern, die mit Mir sind. Also geht und tut nach Meinem Wort!“
BM|0|185|1|1|Des Weisen Freuden- und Dankrede. Die überschwemmten Fruchtgärten. Vertreibung des Satans durch Martin und Petrus
BM|0|185|1|1|(Am 7. Sept. 1848)
BM|0|185|1|0|Als der Weise solches Verlangen von Mir Selbst vernimmt, da erregt er sich freudigst und spricht: „O Herr, o Vater voll Liebe, Güte, Herrlichkeit, Macht, Kraft und Heiligkeit! Das erst gibt uns die größte Bürgschaft, dass Du uns nimmer verlassen wirst. Denn wer mit uns speist, der sagt uns, dass er bei uns bleiben wolle. Und so wirst auch Du bei uns verbleiben, wie Du uns es auch ehedem verheißen hast. O ewig alles Lob, alle Ehre und aller Dank Dir darum!“
BM|0|185|2|0|Auf diese Worte eilt alles hinaus und will aus den Gärten Speise holen, um sie im reichsten Maße und in der ausgewähltesten Art vor dem Herrn, d. h. vor Mir, hinzulegen.
BM|0|185|3|0|Aber als die Speiseholer hinaus ins Freie treten, da werden sie dadurch sehr trübselig überrascht, da sie das von der großen Feuergeschwulst hinausgetriebene Wasser über die reichen Fruchtgärten stehend erblicken, und daher nicht imstande sind, auch nur etwas Weniges aus den großen und sonst überreich bestellten Gärten zu bekommen für den von Mir verlangten Zweck. Sie kommen daher auch ganz traurig zurück.
BM|0|185|4|0|Und der Weise spricht: „O Herr, vergebe, vergebe uns Armen! Du siehst, die arge Feuergeschwulst hat mit dem garstigen Meereswasser alle unsere Fruchtgärten überdeckt, und das dergestalt, dass wir aber auch nicht das Kleinste aus denselben zu bekommen imstande sind. Treibe daher diese arge Flut eher hinweg, und wir werden dann alle sogleich Deinem heiligsten Verlangen gemäß handeln können!“
BM|0|185|5|0|Rede Ich und berufe den Martin und den Petrus: „Mein Bruder Petrus, und du auch, Martin: Geht hinaus und schlagt die Flut und zerschmeißt die arge Feuergeschwulst, auf dass diese nicht aufgehalten sind in der Erfüllung Meines Verlangens! Sollte euch aber der Feind nicht gehorchen wollen auf den ersten Ruf, dann gebietet ihm in Meinem Namen zum zweiten und zum dritten Mal! Sollte er auch da sich widerspenstig zeigen, so macht dann einen ernsten Gebrauch von der euch innewohnenden himmlischen Gewalt! Also sei es!“
BM|0|185|6|0|Petrus und Martin verneigen sich vor Mir und gehen eilends mit dem Weisen hinaus ins Freie. Als sie da anlangen, da erstaunt der Martin gewaltigst über diesen Spektakel und spricht:
BM|0|185|7|0|[Martin:] „Ah, ah, ahah! Das ist doch ein niederträchtigstes, schändlichstes, verworfenstes, allerbösestes Luder! Aber sage mir doch, Bruder Petrus, wird denn diese halbewige Erzkanaille nimmer aufhören, Böses zu treiben und Schändlichstes zu tun?
BM|0|185|8|0|Du, Bruder, zuckst mit den Achseln! Das will so viel sagen als: ‚Das weiß allein der Herr!‘ – Ja, ja, du hast allerdings recht; aber freuen soll sich nun das Luder, so es uns nicht urplötzlich Folge leisten wird! Wahrlich, dem soll sein Starrsinn teuer zu stehen kommen! Unsere uns vom Herrn Vater verliehene himmlische Gewalt wird ihm wohl etwas zu sagen imstande sein, wo er künftighin seine bösen Gaukeleien treiben soll! Bruder, sollen wir zugleich rufen, oder rufst du allein, oder soll ich allein im Namen des Herrn für uns beide rufen?“
BM|0|185|9|0|Spricht Petrus: „Rufe du im Namen des Herrn allein für uns beide!“
BM|0|185|10|0|Spricht Martin: „Gut, so will ich’s versuchen! Und so vernehme denn, du arge Flut, und du auch, überarge Feuergeschwulst, und hauptsächlich du, alter, bösester Satan: Weicht augenblicklich zur Ordnung des Herrn zurück, sonst fürchtet ein gerechtestes und allerschärfstes Gottesgericht! Amen! Dreimal Amen, Amen, Amen!“
BM|0|185|11|0|Auf diesen Ruf erschallt zurück ein gellendes Gelächter und nach dem Gelächter diese Worte:
BM|0|185|12|0|[Satan:] „O du elende Schmeißfliege von einem Bischof Martin! Du Zehntausendmal-weniger-als-Nichts willst mir gebieten zu weichen?! Siehe, mich bringt weder Gott noch alle Seine Himmel zum Weichen, geschweige du elendstes Nichts vom zehntausendmaligen nichtigsten Nichts!
BM|0|185|13|0|Aber nun rufe ich dir und all dem anderen Schmeißgesinde zu, und das aus purer Großmut: Verkriecht euch irgendwohin in Löcher, sonst sollt ihr alle von der guten und sehr warmen Speise etwas zu verkosten bekommen, die in diesem meinem großen Topf sogleich vollends fertig gekocht sein wird!
BM|0|185|14|0|Es ist wohl nicht darum, um mich an euch Nichtsen zu rächen, denn ein mächtigster Löwe fängt nicht Fliegen. Ich tue, was ich hier tue, notwendig zur Erhaltung meiner Schöpfung! Auf dass ihr Nichtse aber dabei nicht zugrunde geht, so flüchtet euch und erfrecht euch ja nimmer, mich etwa noch einmal zu bedräuen! Treibt meine große Geduld nicht aufs Äußerste! Wehe euch, so sie reißt!“
BM|0|185|15|0|Martin zerplatzt fast vor Ärger über diese größte Frechheit des Satans und weiß nicht, was er nun ihm in aller Eile erwidern soll.
BM|0|185|16|0|Aber Petrus ermahnt ihn und spricht: „Bruder, ärgern darfst du dich ja gar nicht, denn dadurch tust du dann gerade, was er so eigentlich von dir haben will. Den muss man ganz anders fangen! Sieh, ich werde ihn sogleich zum Weichen bringen, und das mit der größten Ruhe! Ich werde ihm ganz sanft nun sagen: ‚Satan! Der Herr Jesus Christus sei auch mit dir!‘ – Und sieh, schon weicht die Flut und die Feuergeschwulst sinkt in ein wahrstes Nichts zusammen, und er meldet sich nicht und muss sich ganz über alles ergrimmt zufriedenstellen, was meine Himmelsgewalt über ihn verfügt hat.“
BM|0|185|17|0|Spricht Martin: „Ah, ah, das hätte ich nicht geglaubt, dass sich dieses Unwesen sobald fügen wird! Ist denn das die Himmelsgewalt? Ich habe mir darunter ganz etwas anderes gedacht! Ich danke dir, Bruder, für diese wahrhaft himmlisch-weise Belehrung, denn durch sie bin ich nun schon wieder ums Tausendfache weiser geworden!
BM|0|185|18|0|Sieh, das Wasser ist ganz zurückgewichen und von der glühenden Geschwulst ist auch nichts mehr zu entdecken! Dem Herrn alles Lob und alle Ehre ewig! Ich glaube, nun wird sich dieses arge Luder von einer Satana oder von einem Satan nicht so bald wieder in unsere Nähe wagen.“
BM|0|185|19|0|Spricht Petrus: „Sorge dich nur darum nicht, der hat schon ganz andere Lektionen bekommen als diese da war. Aber kehre die Hand um, so ist er schon wieder mit einer ganz neuen Erfindung fertig. Es wird gar nicht lange währen, so wird er uns schon wieder zu schaffen geben. Aber so man ihn mit nichts in die Flucht schlagen kann, da muss man dann wieder zu der Gewalt der Himmel die Zuflucht nehmen und er ist besiegt. Merke dir also das, Bruder, und tue danach ein nächstes Mal!“
BM|0|185|20|0|Darauf wendet sich Petrus zu dem Weisen, der noch ganz verblüfft vor den beiden steht und sagt zu ihm: „Nun erfüllt des Herrn Verlangen, denn eure Gärten sind wieder frei!“
BM|0|185|21|0|Der Weise verneigt sich tief und eilt dann in die Gärten, zu holen Speise und Trank.
BM|0|186|1|1|Der Kinder reine Freude ist auch des Himmelsvaters Freude. Ein heiliges Liebes- und Gottesgeheimnis
BM|0|186|1|1|(Am 18. Sept. 1848)
BM|0|186|1|0|Petrus und Martin kehren nun wieder zu Mir in das Sonnenhaus zurück, und der Martin will sogleich treuherzig zu erzählen beginnen, was nun draußen vor sich gegangen ist.
BM|0|186|2|0|Aber Petrus sagt zu ihm so wie insgeheim: „Bruder, was willst du denn dem Herrn erzählen, als wüsste Er es etwa nicht, und das um eine Ewigkeit früher, als alles, was hier ist, diese Sonne und wir beide als wirklich erschaffen da waren. Schau, schau! Weißt du denn nicht, dass der Herr von Ewigkeit her allwissend ist?“
BM|0|186|3|0|Martin schlägt sich auf die Stirn und spricht nach einer Weile: „O Bruder, und Du besonders, o Herr, müsst mir schon vergeben, dass ich noch immer von Weile zu Weile in eine Art irdische Dummheit verfalle!
BM|0|186|4|0|Es ist wahr, ja nur zu wahr, dass Du, o Herr, allwissend bist und brauchst Dir wohl ewig nie von jemanden etwas vorerzählen zu lassen, um dadurch zur Kenntnis von irgendeiner Sache oder Handlung zu gelangen. Aber es liegt dennoch in mir der freilich sicher nur irdisch dumme Trieb, Dir – wie auf Erden irgendeinem Freund – erzählen zu wollen, als wüsstest Du noch nicht darum. Ich sehe es ein, dass solch ein Trieb sehr dumm ist.
BM|0|186|5|0|Aber ich habe dabei doch auch die sichere Erwartung, dass Du, o Herr, mir solch eine irdisch angewohnte Dummheit gnädigst vergeben und nachsehen wirst. Denn in der Folge werde ich mich schon besser und fester zusammennehmen und solche Torheiten nach allen meinen Kräften vermeiden.“
BM|0|186|6|0|Rede Ich: „No, no, Mein lieber Sohn Martin, es ist die Sache nicht gar so weit gefehlt, als du nun meinst, so man Mir etwas beschreibt oder erzählt. Denn alle Kinder reden gerne, und mit Mir schon überaus gerne.
BM|0|186|7|0|Würde Ich darum Mir von Meinen Kindlein nichts vorerzählen lassen, weil Ich allwissend bin, so würde zwischen Mir und euch Meinen Kindlein wohl ewig nie ein Wort gewechselt werden. Aber weil Ich eben will, dass da Meine Kinder ewig nie um eine Freude verkümmert werden sollen, daher sollen sie Mir auch alles erzählen, was sie irgendwo und -wann für Erfahrungen machen, was sie hören und zu sehen bekommen.
BM|0|186|8|0|Denn Ich versichere euch bei der ewigen Treue und Liebe Meines Vaterherzens: Mir macht nur das Freude, was Meinen Kindlein Freude macht. Nicht Meine Gottheit, nicht Meine Weisheit und Allmacht, und so auch nicht Meine Allwissenheit, sondern allein die große Liebe zu Meinen wahren Kindern, die Mich lieben, wie ihr alle nun um Mich Versammelten, das macht die höchste Glückseligkeit Meines ganzen Wesens aus.
BM|0|186|9|0|Glaubt es Mir, Ich war seliger am Kreuz endlosmal, als da Ich durch Mein allmächtiges Wort Himmel und Erde zu gestalten begann. Denn als Schöpfer stand Ich, ein unerbittlicher Richter, in der Mitte Meiner ewig unzugänglichen Gottheit! Aber am Kreuz hing Ich als ein zugänglichster Vater voll der höchsten Liebe, umgeben von so manchen Kindlein schon, die in Mir den Vater zwar noch nicht völlig erkannt hatten, da ihnen der gekreuzigte Sohn, d. i. des Vaters Leib, im Weg stand, aber Mich dennoch aus allen ihren Kräften als den Sohn des allerhöchsten Vaters über alles liebten.
BM|0|186|10|0|Wahrlich, sage Ich euch, ein Herz, das Mich wahrhaft liebt, gibt Mir mehr als alle Himmel und Welten mit aller ihrer Herrlichkeit. Ja, Ich will 99 Himmel verlassen und ein Herz suchen, das Mich lieben kann!
BM|0|186|11|0|Wo aber ist die Mutter, die da hätte in ihrem Haus eine große Gesellschaft und Musik und ergötzlich Spiel aller Art, und hätte aber ein neugeborenes Kind und vernähme aber in der Mitte ihrer gastlichen Freude, dass das neugeborene Kind weine und in einer Erkrankungsgefahr stehe, dass sie da nicht sogleich dieselbige Gesellschaft verließe und eilte zu ihrem Kindlein? Denn von der Gesellschaft erwartet sie wohl mit Recht Dank und Achtung, aber in der Brust ihres Kindes schlägt ein Herz, in dem Liebe zu ihrem Mutterherzen gesät ist.
BM|0|186|12|0|Ja, Ich sage es euch allen: Auch diese Mutter würde 99 der glänzendsten Gesellschaften verlassen und eilen zu ihrem Kind der künftigen Liebe wegen, da ein kleines Fünklein wahrer Liebe höher steht als tausend Welten voll des mächtigsten Wunderglanzes!
BM|0|186|13|0|So aber schon eine irdische Mutter das täte, um wie viel mehr Ich, der Ich zu Meinen Kindern alles bin in der Fülle als Vater und als Mutter. Als Vater in Meinem Herzen und als eine Mutter in der Geduld, Sanftmut und endlosen Güte.
BM|0|186|14|0|Daher, ihr Meine geliebten Kindlein, scheut euch ja nicht vor Mir, und redet und erzählt Mir, so ihr was hört oder seht, und macht Luft der Liebe eures Herzens, denn Mich erfreuen Meine wundervollsten Erschaffungen erst dann, so sie euch erfreuen.
BM|0|186|15|0|Oder weiß die Mutter etwa nicht darum, was ihr kleines Kindlein zu ihr lallend spricht? Und doch macht ihr der erste Ruf ‚Mutter‘ aus dem Mund ihres Lieblings tausendmal mehr Freude, so undeutlich er auch ausgesprochen wird, als die gediegenste Rede eines Weisen.
BM|0|186|16|0|Was sind die kühnsten Gedanken über Welten, Sonnen, Völker und Engel gegen den allein dem liebekeimenden Herzen des Kindes entsprossenen Ruf ‚Liebe Mutter!‘? Eben also auch bei Mir. Was wohl gleicht dem an Größe, so ein Mich liebend Kindlein, kaum erwacht aus seinem notwendig vorangehenden Gerichtsschlaf, frei und wahr ‚Lieber Vater!‘ ruft.
BM|0|186|17|0|Daher lasse auch du, Mein geliebter Sohn Martin, in der Zukunft dich nicht beirren im Drang deines Herzens, und eben also auch ihr alle nicht, denn eure kindliche Einfalt steht bei Mir endlos höher als die höchste Weisheit des tiefsinnigsten Cherubs. Darum Ich auch schon solches auf der Erde da zu erkennen gab, als Ich zu Meinen Jüngern sprach: ‚Unter allen, die vom Anfang der Welt bisher von Weibern geboren wurden, war keiner größer denn Johannes, das ist: der Täufer; aber in der Zukunft wird der Kleinste Meines Reiches (der Liebe) größer sein denn er!‘
BM|0|186|18|0|Nun aber haben unsere Wirte auch die Tische voll besetzt und der Weise naht sich, uns zum Mahl zu laden. Daher wollen wir ihn auch gebührend anhören, wie er seine Einladung an uns wird ergehen lassen. Doch das merkt euch, wie er es ordnen wird, so auch wollen wir an dem großen Tisch Platz nehmen. Also sei es, Meine Kindlein.“
BM|0|187|1|1|Liebesmahl des Herrn bei den Sonnenmenschen. Wo der rechte Platz des Herrn ist
BM|0|187|1|0|Nun verneigt sich der herbeigekommene Weise tiefst und spricht mit der ihm möglichen höchsten Hochachtung und Ehrfurcht: „O Herr, o Gott, o Vater Deiner Kinder und heiligster, allmächtiger Schöpfer aller Deiner unendlichen Werke! Dein heiligster Wille ist von uns nach Kräften vollzogen, Speisen und Getränke aller Art sind herbeigeschafft und der große Tisch damit angefüllt. Nun geschehe fürder Dein heiligster Wille!“
BM|0|187|2|0|Rede Ich: „So ist es recht und also gut. Aber nun bestimme du als Oberhaupt dieser ganzen Gemeinde mit dem eigentlichen Hausbesitzer auch die Ruheplätze am Tisch und weise uns es an, wo wir Platz zu nehmen haben!“
BM|0|187|3|0|Spricht der Weise zugleich mit dem Besitzer dieses Hauses: „O Herr, wie sollen wir Würmer des Staubes vor Dir es auch nur zu denken wagen, Dir einen Platz anweisen zu wollen!? O Herr, solch eine Erfrechung müsste uns ja augenblicklich auf ewig töten!? Gehört ja doch ewig hie [ewighin] alles vollkommenst Dir! Jeder Platz, da Du stehst, ist der allererste, allerhöchste, allerheiligste! Und wir!? Nein, nein, ich kann es nimmer zum zweiten Mal aussprechen!
BM|0|187|4|0|O Herr, ich habe nur diese alleinige Bitte an Dich, dass Du hier Deinen heiligsten Willen vor uns in gar keiner Sache verborgen halten möchtest, sondern ihn uns zur genauesten Befolgung offenbaren. Und wir werden ihn als das heiligste Kleinod in unsere Herzen aufnehmen und uns bemühen, ihn nach allen Kräften, die uns von Dir verliehen sind, getreust zu erfüllen!
BM|0|187|5|0|Nehme daher diesen Auftrag gnädigst zurück, durch den wir genötigt wären, nicht nach Deiner, sondern rein nur nach unserer Einsicht und Willkür, für Dich und Deine erhabenen Kinder an dem großen Speisetisch die Plätze zu bestimmen!“
BM|0|187|6|0|Rede Ich: „Du hast nun wieder gut und recht geredet; es lehrt dich deine Liebe zu Mir also. Aber so du Meinen Willen als das heiligste Kleinod deines Herzens betrachtest und anerkennest, so musst du auch diesen dir und dem Hausbesitzer erteilten Auftrag also betrachten, anerkennen und danach handeln! Sonst redest du wohl recht und gut von Meinem Willen, aber so Ich dir was zu tun gebe, so glaubst du dann Mich zu beleidigen, so du tätest, was Ich dir auftrage! Gehe, und tue daher, das Ich will! Dann erst wirst du einsehen, warum Ich so etwas von dir will.“
BM|0|187|7|0|Hierauf verneigt sich der Weise samt dem Hausbesitzer tiefst und beide denken nun ängstlich nach, was sie nun tun sollen. Welchen Platz Mir anweisen? Denn bei ihnen sieht ein Platz dem anderen gleich, und der sogenannte Hausherrnplatz und der erhabene Platz des Weisen scheinen den beiden darum nicht passend zu sein, weil sie dadurch sich selbst ehren würden, so sie Mir ihre Plätze anwiesen. So denken sie hin und her, aber es fällt ihnen nichts Rechtes ein.
BM|0|187|8|0|Der Weise wendet sich darum an den Martin, ob er ihm da keinen rechten Bescheid geben könnte.
BM|0|187|9|0|Martin zuckt mit den Achseln und spricht: „Ja, mein Freund, da ist es schwer zu raten! Habt ihr keinen Platz der Liebe gewidmet?“
BM|0|187|10|0|Die beiden machen große Augen und sagen: „Freund, wahrlich, so einen Platz haben wir noch nie gehabt! Was ist da nun zu tun?“
BM|0|187|11|0|Spricht Martin: „So errichtet nun einen solchen und die Sache wird sich dann schon machen!“
BM|0|187|12|0|Die beiden fragen weiter: „Wie soll aber so ein Platz aussehen? Wie soll er eingerichtet sein?“
BM|0|187|13|0|Spricht Martin: „Geht hin zu den drei Töchtern dieses Hauses, die beim Herrn sind; diese werden solch einen Platz bald ausgemittelt und fertig haben!“
BM|0|187|14|0|Die beiden Weisen begeben sich nun zu den dreien und fragen sie darum.
BM|0|187|15|0|Diese aber legen ihre Hände ans Herz und sagen: „Liebe Väter, seht, hier ist der rechte Platz für den Herrn der Herrlichkeit! Daher sinnet nicht mit dem Kopf, sondern zieht Ihn mit euren Herzen, und da wird der erste nächste Platz schon auch der rechte sein!“
BM|0|187|16|0|Nun erst geht den beiden ein neues Licht auf und sie verstehen, was Ich will. Sogleich treten beide vor Mich hin, verneigen sich tiefst, erheben dann ihre Häupter wieder und sprechen:
BM|0|187|17|0|[Die beiden Weisen:] „O Herr, Gott, Vater! Dir allein alles Lob, alle Ehre, aller Dank und alle unsere Liebe. Wir haben Deinen allerheiligsten Willen mit Hilfe des lieben Bruders Martin und unserer lieben drei Töchter näher erkannt und sind daher demselben nach unseren Kräften, so gut es uns möglich war, auch nachgekommen.
BM|0|187|18|0|O Herr, Gott und Vater – siehe, hier in unserer Brust haben wir für Dich, und nach Dir, und Deinetwegen auch für alle anderen Brüder und Schwestern den ersten und daher sicher den rechten Ruheplatz bestimmt! Daher komme nun, Du allerbester, heiliger, liebevollster Vater samt allen denen, die Du lieb hast, und nehme ihn für Ewigkeiten in den vollsten Besitz!
BM|0|187|19|0|Denn nun wissen wir, dass der hier mit den materiellen Speisen besetzte Tisch nur ein äußerliches Sinnbild ist dessen, was wir innerlich in unseren Herzen Dir, o Du heiliger, liebevollster Vater, bereiten sollen.
BM|0|187|20|0|Zwar ist dieser unser innerer Lebenstisch sicher noch lange nicht so reichlich mit den Dir allein wohlschmeckenden Speisen besetzt als nun dieser äußere. Aber segne Du ihn in uns, o heiliger Vater, auf dass er reich werde durch Taten der Liebe, der Demut und der zartesten und dabei vor Dir gerechten Sanftmut! Dann werden auch wir Dir, o Du heiliger Vater, ein wahres und ewiges werktätiges Hosianna entgegensingen können!
BM|0|187|21|0|Dein Name, der da ist Dein allmächtiger, heiligster Wille, werde allein von uns, wie von aller Unendlichkeit ewig allerhöchst gepriesen!“
BM|0|187|22|0|Rede Ich: „So, so, Meine geliebten neuen Kinder, so ist es recht. Und wenn ihr verbleibt, wie ihr nun seid, da wird auch alles, das euch verheißen ward, in die vollste Erfüllung gehen. Nun aber gehen wir auch an diesen äußeren Tisch!
BM|0|187|23|0|Ich werde euch auch die Speisen segnen und mit euch das Mahl der Liebe halten. Und alle, die davon essen werden, die werden Mich aufnehmen in ihren Herzen leibhaftig und werden also in sich haben das ewige Leben und das wahre Licht und die Wahrheit!
BM|0|187|24|0|Daher gehen wir nun alle an den Tisch. Aber keiner suche einen Platz, sondern für jeden sei der erste und nächste der rechte. Denn am Äußerlichen liegt nichts, sondern an dem, was in euch ist. Und demnach sei und geschehe es, wie Ich es nun gesagt habe!“
BM|0|187|25|0|Nun bewegt sich alles zum Tisch und harrt, bis Ich einen Platz nehme. Als Ich nun Mir den ersten und nächsten Platz genommen habe, neben Mir die fünf Jungfrauen, dann der Johannes, Petrus, Martin, Borem, Chorel und dann alle mit Mir Gekommenen; dann nehmen auch die Sonnenbewohner uns gegenüber gar überaus ehrfurchtsvoll den Platz, und zwar der Uhron und Shonel (Besitzer des Hauses) Mir gegenüber.
BM|0|187|26|0|Als nun alle an dem großen Tisch, bei 3.000 an der Zahl, versammelt sind, da segne Ich die Speisen und den aus ihnen bereiteten Trank, und heiße sie dann alle essen und trinken, und Ich esse und trinke samt allen mit Mir Gekommenen mit. Und alle Sonnenbewohner essen und trinken ehrerbietigst mit und haben sämtlich innerlich die höchste Freude, da sie auch Mich mit essen und trinken sehen.
BM|0|188|1|1|Vom ewigen Segen an des Herrn Tisch. Plötzliche Umwandlung des Leibes der drei Sonnentöchter. Wink über die Macht der Liebe und ihre Wunder
BM|0|188|1|0|Das Mahl ist bald verzehrt, und alles ist vollauf gestärkt, und jeder wundert sich über den allerköstlichsten Geschmack. Da aber das Mahl verzehrt ist und somit der große Tisch leer dasteht, da fragen Mich in aller Demut
BM|0|188|2|0|Uhron und Shonel: „O heiliger, lieber Vater, so es Dein heiligster Wille wäre, da möchten wir an der Stelle den Tisch wieder voll machen?“
BM|0|188|3|0|Rede Ich: „Das wäre sehr unnötig. Denn wer einmal an Meinem Tisch gespeist ward, der hat sich gesättigt mit dem ewigen Leben und braucht nicht mehr als Mich einmal in sich aufzunehmen, und er hat Mich ganz für die Ewigkeit!
BM|0|188|4|0|Aber, Kindlein, nun haben wir etwas anderes noch abzumachen und zu bestimmen, und das wird auch eine Speise sein, aber geistig und nicht materiell.
BM|0|188|5|0|Diese drei Töchter, die Mir zuerst entgegengekommen sind, und Mich auch zuerst erkannt haben in aller Liebeglut ihres Herzens, und haben eine starke Prüfung wohl bestanden, werde Ich zu Mir nehmen unter die Zahl Meiner Kinder. Aber nur dann, so es euch recht ist! Denn der Vorteil, dass ihr irdisch leben könnt, solange ihr wollt, soll euch nicht benommen werden. Daher gebt Mir darin euren Willen kund, ob es euch genehm ist, dass Ich deren Leben auf dieser Welt abkürze und sie zu Mir nehme!“
BM|0|188|6|0|Sprechen Uhron und Shonel: „Herr, Du lieber, heiliger Vater, ist ja doch Dein ewig heiliger Wille unser aller Leben, unser aller Form und Wesenheit! Sind wir doch alle Dein und nicht unser, alle Dein Werk! Wie sollen wir da wieder Dir unseren Willen kundgeben, ob es uns recht wäre oder nicht, was Du tun möchtest?
BM|0|188|7|0|O Herr, was Du tun willst, das ist uns allen vollkommen von ganzem Herzen recht! Denn Dein heiligster Wille ist nun unsere Liebe, ist unser aller Leben. Du hast uns diese drei lieben Töchter erweckt und gegeben uranfänglich. Daher sind sie Dein und nicht unser, und Du kannst sie nehmen, wann Du sie willst! Dein allein heiliger Wille werde ewig gepriesen!“
BM|0|188|8|0|Rede Ich: „Liebe Kinder, eure Rede gefällt Mir, weil sie nicht aus eurem Mund nur, sondern auch aus euren Herzen kommt. Und so sind die drei, wie ihr sie nun seht, nicht mehr in ihren diesirdischen Leibern, sondern in den schon rein geistigen hier an Meiner Seite. Denn sie sind im Augenblick verwandelt worden, als ihr in euerem Herzen die wahrhaft freudige Einwilligung dazu gabt! Merkt ihr an ihnen wohl einen Unterschied zwischen früher und jetzt?“
BM|0|188|9|0|Sprechen Uhron und Shonel: „O Vater, wir merken nicht den allergeringsten Unterschied! Wie ist denn das wohl zugegangen und wie sollen wir das verstehen? Denn siehe, unsere Abgeschiedenen sehen als Geister viel leichter und ätherischer aus, diese aber, als hätten sie noch vollends ihren früheren irdischen Leib! Auch hinterlassen unsere sonstigen Abgeschiedenen ihren toten Leib, den wir dann an einen bestimmten Ort bringen, wo er bald vollends aufgelöst wird. Aber bei den dreien ist ja gar kein Leib zurückgeblieben! Wie wohl möglich ist das also zugegangen?“
BM|0|188|10|0|Rede Ich: „Kindlein, dies merkt: Wessen Liebe zu Mir so heftig und mächtig ist, als da war und ist die Liebe dieser drei, der wird auch schon im Leib so verwandelt durch die heftige Liebe zu Mir, dass sein Fleisch vom Feuer seines Geistes sobald zersetzt, geläutert und in das eigene Leben und Wesen des Geistes aufgenommen wird, ohne dass vorher der Leib gänzlich vom Wesen des Geistes getrennt zu werden braucht.
BM|0|188|11|0|Folgt daher in der Liebe zu Mir dem Beispiel dieser drei, so wird dann auch eure Verwandlung eine gleiche sein! Denn wahrlich, sage Ich euch, wer Mich wahrhaft liebt, also, dass er aus Liebe zu Mir alles verlässt, der wird also verwandelt werden, wie die drei nun verwandelt worden sind.“
BM|0|188|12|0|Spricht Martin: „O Herr und lieber Vater Jesus, das wäre auf unserer kleinen Erde wohl auch gut. Aber die Leiber meiner irdischen Brüder sind wohl zu grob materiell, als dass sie einer solchen Verwandlung fähig werden könnten?“
BM|0|188|13|0|Rede Ich: „Martin, die Erde ist nicht, was die Sonne, und die Sonne nicht, was die Erde. Aber Ich bin gleich wie im Himmel, also auch in der Sonne und auf der Erde, und also ist auch gleich die rechte Liebe und ihre Kraft und ihre Wirkung.
BM|0|188|14|0|Auch die Erde hat solche Verwandlungsbeispiele genug aufzuweisen, und das sowohl in der alten, wie in der jungen Zeit. Aber einer solchen Wirkung muss auch die dazu erforderliche Ursache vorangehen! Bei zu wenig Wärme zerschmilzt nicht einmal das Wachs, geschweige das Erz. Verstehst du dies?“
BM|0|188|15|0|Spricht Martin: „O Herr, das verstehe ich nun bestens. Denn ich selbst war ein solches Wachs oder Erz und hatte viel zu wenig Wärme in mir, um das Wachs damit auch nur in etwas zu erweichen, geschweige das harte Erz in meiner Materie zu zerschmelzen. Und so werden nun wohl eine Menge Brüder die Erde bewohnen, deren Materie nicht nur Erz, sondern ganz rein Diamant sein wird! Diese wird wohl schwer so verwandelt werden können wie die dieser drei Himmelstöchter nun!“
BM|0|188|16|0|Rede Ich: „Gut, gut, Martin, das zu erörtern, gehört nun nicht mehr hierher. Aber das wirst du nun wissen, dass Mir gar vieles möglich ist, was dir unmöglich scheint. Ich sage dir, auch in den Gräbern geschehen Wunder, die von den Fleischaugen der Erdenmenschen nicht gesehen und beobachtet werden!
BM|0|188|17|0|Aber nun nichts mehr davon, denn wir haben nun etwas ganz anderes zu tun. Ich sage euch, nun werden wir noch etwas Bedeutendes zu tun bekommen, denn unser Feind hat schon wieder etwas gemacht! Daher fasst euch!“
BM|0|189|1|1|Martins Vorschlag vom Unschädlichmachen Satans. Über die Zulassung der bösen Werke Satans. Martin wird erlaubt, Satan zu bannen
BM|0|189|1|1|(Am 23. Sept. 1848)
BM|0|189|1|0|Spricht Martin: „Hat denn dieser namenlose Bösewicht noch keine Ruhe! O Herr, wenn ich doch nur ein kleines Fünklein von Deiner Allmacht hätte, so wollte ich ihn denn doch irgend an einen Weltkörper dergestalt anhängen, dass er gewiss für alle Ewigkeiten bestens versorgt wäre. Denn so dieses Argwesen nicht irgendwo für ewig geknebelt wird, da wird es auf den armen Weltkörpern ewig nie besser als bis jetzt aussehen.
BM|0|189|2|0|Ich glaube, o Herr, dass Deine Schöpfung doch schon so einige Dezillionchen von Erd- oder gar Sonnenjahren in der Wirklichkeit besteht?!
BM|0|189|3|0|Durch alle diese undenklichen Zeiträume besteht, und ist schon vor aller Schöpfung bestanden der Satan ebenso böse wie nun. Alle endlosen und schweren Prüfungen und Züchtigungen haben bei ihm auch nicht einmal ein Haar gebessert. Und nachfolgende Ewigkeiten werden an ihm ebenso wenig etwas ändern, als die vergangenen es vermocht haben.
BM|0|189|4|0|Daher meine ich, man solle zufolge dieser meiner Prämissen dieses Wesen für alle Ewigkeiten auf irgendeinen aller Wesen ledigen Weltkörper festbannen, auf dass dann doch alle übrige Schöpfung eine Ruhe hätte!
BM|0|189|5|0|Denn lässt Du, o Herr, ihm fortan eine gewisse, wenn auch sehr bedingte Freiheit, so wird es in der ganzen Unendlichkeit ewig nie besser werden, als es nun ist, und wir werden stets mit ihm vollauf zu tun haben.
BM|0|189|6|0|Du, o Herr, siehst die Verhältnisse freilich endlos besser ein als unsereiner und weißt, warum dem Satan von Dir aus eine so endlose Langmut und Geduld erteilt wird. Aber wie ich die Sache besehe, so ist sie gerade so, wie ich es vorhin, o Herr, und nun dargetan habe! Du wirst wohl tun, was da rechtens sein wird aus Deiner ewigen Liebe und Weisheit heraus; aber ich würde das tun, was und wie ich nun vor Dir geredet habe.“
BM|0|189|7|0|Rede Ich: „Mein lieber Sohn Martin, du redest, wie dich deine Weisheit lehrt. Ein anderer würde wieder anders reden. Wer aber schaut in die Tiefen Meiner Ordnung, der wird dann aber so reden, wie Ich da rede!
BM|0|189|8|0|Sage, was liegt denn daran, so dies Wesen irgendetwas zerstört, da wir es ja doch wieder ganz machen können? Hast du auf der Erde nicht seine Schule durchgemacht und bist ganz absonderlich zerstört worden? Und siehe, nun bist du für ewig wieder erbaut!
BM|0|189|9|0|Sage, kümmert dich nun dessen noch, wie es dir früher in deiner Zerstörtheit ging? Du sprichst, dass dich nun das nicht im Geringsten mehr kümmere! Nun, so dich das nimmer kümmert, so wird das wohl auch mit Trillionen anderen deinesgleichen sein!
BM|0|189|10|0|Es sind wohl sehr viele Kranke, und leiden viel, aber wir können ihnen helfen. Und so sie wieder gesund werden, werden sie leidend sein aus ihrer früheren Krankheit heraus? Ich meine, das wird wohl schwerlich der Fall sein! Denn ein vollends Gesunder vergisst nur zu bald, wie es einem Kranken zumute ist, und ist daher auch nur zu oft mit dem Kranken und Leidenden zu wenig mitleidig!
BM|0|189|11|0|Und so ist es nun auch mit dir der Fall. Du bist nun gesund für ewig und fühlst nimmer, was da ist ein Schmerz, eine Angst, ein Schreck; aber jener, der mächtig krank ist, der empfindet es wohl!
BM|0|189|12|0|Daher aber müssen wir Gesunden und Mächtigen auch mit dem höchst kranken Satan sogar eine rechte Geduld haben; und das umso mehr, weil uns der Satan sogar durch seine böseste Krankheit dienen muss!
BM|0|189|13|0|Oder meinst du wohl, der gerichtete Satan kann so ganz frei tun, was er will? Oh, da wärst du in einer sehr großen Irre, so das deine Meinung wäre!
BM|0|189|14|0|Siehe, er kann nur so viel tun, als es ihm zugelassen wird! Sein Wille ist wohl durchaus böse; aber er kann ihn nicht effektuieren ohne Meine Zulassung. Warum Ich ihm aber manchmal hie und da zulasse, etwas von seinem bösen Willen in die Wirkung zu bringen, das kannst du jetzt noch nicht fassen. Wann du dir aber aus der Liebetätigkeit aller Himmel etwas mehr Erfahrung wirst gesammelt haben, als das bis nun hatte sein können, dann wirst du auch vieles einsehen, was du jetzt noch lange nicht einsehen kannst.
BM|0|189|15|0|Aber Ich will dich in deiner Ansicht nicht beirren! So du den Satan bannen willst, um dadurch in der ganzen Unendlichkeit den ewigen Frieden zu bewerkstelligen, da habe Ich wahrlich nichts dawider! Ich will dich auch mit so viel Macht ausrüsten, dass du nach deiner Meinung des ledigen Satans Meister werden kannst, und es soll geschehen, dass du deinen Willen vollkommen realisiert finden sollst. Aber gebe Acht, ob du am Ende nicht selbst die Bande, mit denen du den Satan knebeln willst, nur zu bald wieder lösen wirst! Tue nun, was du willst, die Kraft und Macht habe Ich dir schon gegeben!“
BM|0|189|16|0|Spricht Martin: „O Herr, so ich nur Kraft habe und es Dir also recht ist, da werde ich mit dem Luder schon fertig werden! Aber ein Bruder muss doch mit mir sein!“
BM|0|189|17|0|Rede Ich: „Nicht nur einer, sondern Petrus, Johannes, Borem, Chorel und Uhron und Shonel sollen dich dahin geleiten, und das im schnellsten Zuge. Denn auf der Sonne weitem Mittelgürtel, unseren Füßen gerade gegenüber – also gewisserart auf der unteren Sonnenhälfte – hat der Satan große Zerstörungen vorgenommen und treibt es zu bunt; da wirst du ihn treffen voll Grimm, Schmerz und schwerster Arbeit! Dort tue dann mit ihm, was du willst und was dir gut dünkt! Also sei es!“
BM|0|189|18|0|Spricht Martin: „Ich danke Dir, o Herr und Vater; mit solcher Deiner Hilfe wird es schon gehen! Daher, Brüder, machen wir uns nur schnell auf den Weg dahin, sonst zerstört uns dieser Wicht noch eher die halbe Sonne!“
BM|0|189|19|0|Spricht Petrus: „Bruder, so wir schnellst reisen, da sind wir nun auch schon an Ort und Stelle, ohne auch nur einen Fuß bewegt zu haben. Denn im Geiste ist die Bewegung ‚hier und dort‘ ein Augenblick!“
BM|0|190|1|1|Martin und seine himmlischen Begleiter am Ort der Verwüstung. Martin richtet den Satan und befreit ihn dann wieder aus Mitleid
BM|0|190|1|0|Martin schaut sich nun nach allen Seiten um, sieht kein Haus mehr, den Herrn nicht, niemanden außer seine obbenannten Begleiter. Alles ringsum ist wüst und zerstört. Rauch und ungeheure Feuersäulen entsteigen mit der größten Heftigkeit dem zerstörten Sonnenboden. Hie und da klaffen erdweite Krater voll donnernder Glut, aus der von Zeit zu Zeit erdgroße Glühmassen in den weiten Weltenraum hinausgeschleudert werden. Hie und da stürzen viele wieder zurück unter dem furchtbarsten Gekrache, und treiben Wasser in die großen glutvollen Krater, wodurch da wieder die mächtigsten neuen Dampfexplosionen bewerkstelligt werden, und das mit einer Kraft, die eine Welt wie diese Erde auf Millionen Meilen hinauszutreiben vermögen!
BM|0|190|2|0|Als nun Martin sieht, wie diese Sonnen-Feuer-Krater-Macht mit weltgroßen Massen spielt, wie auf der Erde der Wind mit den Schneeflocken, da spricht er ganz erstaunt: „Brüder, das ist mehr, als was ein armseliger Menschengeist zu fassen und zu würdigen vermag! Das ist ja doch eine Kraftäußerung, von der die ganze Erde, so sie denken könnte wie ein Mensch, aber im Verhältnis zu ihrer physischen Größe auch so groß, sich nicht den leisesten Begriff zu machen imstande wäre! Sagt es mir doch! Ist das alles Wirkung und Werk des Satans, des Erzbösewichtes?!“
BM|0|190|3|0|Spricht Petrus: „Allerdings! Denn wir helfen ihm sicher nicht, und andere unseresgleichen auch nicht. Und so können wir da nichts anderes denken und annehmen, als dass das seine alleinige Wirkung ist!“
BM|0|190|4|0|Spricht Martin: „Wo aber befindet er sich, auf dass wir hingehen möchten und ihm den Garaus gäben?!“
BM|0|190|5|0|Spricht Petrus: „O Bruder, das hat es hier nicht not. Er wird dir sogleich von selbst die Ehre und das besondere Vergnügen machen! Siehe, über jenen großen Krater erhebt er sich schon so glühend wie ein flüssig Erz, das einem Schmelzofen sprühend entströmt! Mache dich nur gefasst auf seinen Empfang; aber lasse ihn dir ja nicht zu nahe kommen, sonst könnte es dir wohl ein wenig zu warm werden!“
BM|0|190|6|0|Spricht Martin: „Gut, gut, Bruder, er wird mir nicht gar zu weit gehen!“
BM|0|190|7|0|Hier richtet Martin sogleich machtvolle Gerichtsworte an den Satan, sagend: „Die Macht des Herrn in mir halte zur Gewinnung des ewigen Friedens aller geschaffenen Wesen dich grade auf jenem Glutmeer gebannt, auf ewig gebannt! Und damit du desto weniger Aussicht haben sollst zur Erweckung böser Pläne, so sollen dich auch noch obendarauf einige weltengroße Berge hermetisch dicht und diamantenfest zudecken! Also geschehe es im Namen des Herrn!“
BM|0|190|8|0|Als Martin diese Worte noch kaum ausgesprochen, da geschieht es auch nach seinen Worten. Aber es dauert nicht lange, so fragt Martin den Johannes: „Bruder, du hast die Offenbarung und hast sie zu deiner Zeit geschrieben aus dem Geist des Herrn für die Welt. Sage mir nun, ist das recht oder nicht, was ich nun mit dem Bösewicht getan habe?“
BM|0|190|9|0|Spricht Johannes: „Frage dein Gemüt und daraus die Ordnung Gottes! Ich sage dir, auch du bist so alt als dieser von dir nun Gebannte und warst, bis dich der Herr nicht ergriff, auch eitel böse. Sage, so dir darum der Herr getan hätte, wie du nun diesem mit dir zugleich geschaffenen bösen Geist, wärest du damit wohl zufrieden?“
BM|0|190|10|0|Spricht Martin: „O Bruder, das wäre wohl das Allerentsetzlichste, was mir je begegnen könnte! O sage mir, fühlt er nun in diesem seinem Zustand auch Schmerzen?“
BM|0|190|11|0|Spricht Johannes: „Ich sage dir: die entsetzlichsten, die namenlosesten! Ist dir aber dabei leichter, so dieser gar so unaussprechlich nun gequält wird?“
BM|0|190|12|0|Spricht Martin: „O Brüder, nein, nein, Schmerzen soll er keine leiden, sondern bloß untätig sollte er sein; daher hinweg mit dieser Decke und hinweg mit der Glut!“
BM|0|190|13|0|Sogleich geschieht es, was Martin gebietend ausspricht, und der Satan erhebt sich schmerzvoll auf der noch dampfenden Schlacke des ehemaligen Glutkraters und weint gar erbärmlichst.
BM|0|190|14|0|Als Martin solches sieht, da sagt er: „Brüder, trotz seiner uralten Bosheit dauert er mich nun über die Maßen, der arme Teufel! Wie wäre es denn, so wir ihn zu uns beriefen und möchten ihm Wege vorschlagen, die er wandeln solle, auf dass es dann besser würde mit ihm? Denn an der Intelligenz fehlt es ihm sicher nicht, wohl aber am Willen. Und da meine ich, dieser solle mit Hilfe seiner eigenen Intelligenz denn doch auch einmal zu beugen sein! Was meint ihr lieben Brüder in dieser Sache?“
BM|0|190|15|0|Spricht Johannes: „Du hast nun ganz recht; denn das ist auch des Herrn unveränderlicher Wille! Aber du wirst dich selbst überzeugen, dass ihm auf keinem anderen Wege beizukommen ist als auf dem des langen, fortdauernden Gerichtes – das nämlich in der äußeren materiellen Schöpfung besteht, weil er dadurch stets schwächer und ohnmächtiger wird, und sich solcher Schwäche und Ohnmacht bewusst, doch in gar vieles fügen muss, in das er sich in seiner freien, ungerichteten Vollkraft ewig nie fügen würde.
BM|0|190|16|0|Aber alles dessen ungeachtet kannst du mit ihm ja den Versuch machen, um dich selbst zu überzeugen, wie seine Intelligenz und wie sein Wille beschaffen sind. Berufe ihn daher hierher und er wird sogleich da sein!“
BM|0|191|1|1|Martin beruft Satan. Satans Rechtfertigungsversuch
BM|0|191|1|0|Martin tut, wie es ihm Johannes geraten hat. Er beruft den Satan mit der Macht seines Willens, und dieser steht sogleich in einer elendsten und mit tausend Brandwunden überdeckten Menschengestalt vor ihm und fragt ihn sogleich:
BM|0|191|2|0|[Satan:] „Was noch willst du mir antun? Ist dir noch nicht genug, dass du mich so elend gemacht hast, wie ich nun vor dir dastehe?! Willst du mich noch elender machen? Was tat ich dir? Bist du nicht glücklich, wie nur ein Geist glücklich sein kann, und das für ewig?! Meinst du, dadurch deine ewige Glückseligkeit wohl zu erhöhen, so du mich der größten Qual preisgegeben sehen würdest? O du schwacher Geist, wie weit hast du noch, bis du vollkommen wirst und begreifen die ewige Ordnung der Gottheit!?
BM|0|191|3|0|Siehe, du hältst mich für das Grundböseste aller Wesen, somit dem Himmel gegenüber auch für das Verabscheuungswürdigste und Fluchbelastetste. Aber ich frage dich, wann habe ich dich beschimpft wie du mich? Welch Böses habe ich dir je zugefügt? Warst du nicht selbst es, der Gottes Gesetze aus eigener Macht übertrat auf der Erde, und brauchtest nicht im Geringsten meiner Anlockung dazu, und so ich dich verführt hätte, der Herr sicher deinetwegen mit mir, und nicht mit dir Rechnung gehalten hätte sogleich nach deiner Anlangung in der Welt der Geister?!
BM|0|191|4|0|Wohl hast du, da du das Meer deiner eigenen Bosheit mit Hilfe des Herrn ausfischtest und dadurch deine Sünden zunichtemachtest, auch den sogenannten Drachen aus dir – eigentlich aus dem Meer deiner eigenen Bosheit – gehoben, und meintest, dass ich das gewesen sei. Aber ich sage dir, da bist du in großer Irre noch; denn jener Drache warst du selbst im ganzen Umfang deiner gröbsten fleischlichen Sinnlichkeit, und nicht ich.
BM|0|191|5|0|Wohl bin ich auch in dir – denn dein ganzes Wesen bis auf den inneren Geist bin ich. Denn wie einst auf deiner Erde, die auch ganz aus mir genommen ist, der Herr aus Adams Rippe das Weib schuf, so bist du und alle Schöpfung aus mir genommen. Aber ich kümmere mich um das nicht, was aus mir genommen wird, und richte es auch nicht; denn es hat ja ohnehin ein jeder das Gotteswort durch den Gottesgeist in sich, das ihn richtet allzeit und überall! Wenn aber also, was verdammst du mich denn in einem fort und bist erfüllt von einem unauslöschbaren Hass gegen mich?!
BM|0|191|6|0|Oder ärgert dich etwa das noch, dass ich dich in meiner Verwandlung zurückstieß vor dem Angesicht des Herrn, als du mir einen Kuss geben wolltest?! Siehe, so ich dich da nicht zurückgestoßen hätte, da wärst du verlorengegangen im noch großen Pfuhl deiner groben Sinnlichkeit! Sage, da ich dich aber also zurückstieß und demütigte und dir dadurch die größte Wohltat erwies, verdiene ich darum von dir solche Behandlung?!
BM|0|191|7|0|So ich hier diese Sonnenbodenerschütterung bewirkt habe, so habe ich es bewirken müssen, weil sonst dieser Körper für seine künftige bestimmte Dienstleistung untauglich geworden wäre gleich wie ein Tier, das wohl fort und fort Nahrung zu sich nähme, aber die groben, untauglichen Exkremente nicht aus dem Leib schaffen könnte. Wie lange wohl würde es leben und seine Dienste leisten?!
BM|0|191|8|0|Siehe, auch ich bin so gut wie du ein Diener der Gottheit – freilich leider ein gerichteter, nur mit höchst geringer Freiheit begabt. Ich muss tun, was ich tue! Und fehle ich irgendwo in der ganzen Unendlichkeit nur ein wenig, so ist die schärfste Zuchtrute auch sogleich über mein ganzes Wesen auf meinem Rücken! Ich bin unter allen Dienstwesen das letzte, unterste und somit auch vom Schöpfer verworfenste und elendste, und kann nichts tun, außer wozu ich gerichtet wurde, obschon ich aber dabei dennoch die vollkommenste Intelligenz besitze, und gar oft etwas anderes tun möchte, als was ich tun muss, was mich dann nur noch elender macht!
BM|0|191|9|0|Wie wäre es dir an meiner Stelle, so dich der Schöpfer an meiner statt zu gleichen Zwecken verordnen würde? Wie würde es dir gefallen, so auch dann noch irgendein Martin über dich käme und täte mit dir, wie du nun mit mir getan hast? Rede nun, denn ich habe Elend genug geredet!“
BM|0|192|1|1|Martin versucht den Satan zur Umkehr zu bewegen. Dessen Größenwahn-Erwiderung
BM|0|192|1|0|Spricht Martin: „Armseliger, wie ich dich nun vor allen diesen lieben Zeugen und Freunden des Herrn geduldigst angehört habe, so auch erwarte ich von dir, dass du mich nun geduldig anhören wirst. Denn ich sage dir im Namen des Herrn, dass wir nun so ganz eigentlich da sind, dir zu helfen für ewig, oder dich zu richten für immer.
BM|0|192|2|0|Viel sagtest du mir nun von deiner wahrlich höchst unglücklichen Lage und Stellung, in der du dich schon Äonen von großen Schöpfungszeiträumen befindest. Aber siehe, ich bin ein Hartgläubiger und sage es dir gerade heraus, dass ich von all dem nicht den dritten Teil glaube.
BM|0|192|3|0|Dass es dir sicher sehr elend geht, ja manchmal sogar unaussprechlich elend und schlecht, das glaube ich dir recht gerne. Aber die Gründe deines großen Elends glaube ich dir durchaus nicht! Denn nur zu gut kenne ich nun des Herrn endloseste Güte, Liebe, Geduld, Sanftmut und die unbegreiflichste Herablassung zu uns, Seinen Geschöpfen, als dass ich nur im Geringsten glauben könnte, dass es Sein Wille sein könnte, dich rein für das entsetzlichste größte Elend in der ganzen Unendlichkeit geschaffen zu haben, indem es doch sonst nirgends ein Wesen gibt oder geben kann, das den Herrn solch einer furchtbarst schrecklichsten Härte zeihen könnte!
BM|0|192|4|0|Mir ging es auch, als ich in diese wahre Welt kam, gar nicht gut. Ich war elend, litt Hunger und Durst und wurde von der entsetzlichsten Langeweile geplagt, die aus Minuten Jahrtausende schuf. Aber das geschah alles, um mich zu erwecken und endlich einzuführen in das Reich der ewigen Herrlichkeit Gottes. In diesem Reich erkannte und erkenne ich stets mehr und mehr, wie alle die scheinbar elenden Zustände nichts als die größte Liebe des Herrn waren, auf dass ich durch sie geläutert und fähig würde, die nunmalige Vollliebe des Vaters in mich aufnehmen zu können.
BM|0|192|5|0|Hätte ich meinen herübergebrachten bischöflichen Hochmut früher abgelegt – was ich, wie ich es nun einsehe, gar leicht hätte tun können – so wäre es mit mir auch schnell besser gewesen. Aber ich selbst war hart und wollte es nicht, weil der bischöfliche Hochmut mich belebte und aus dem heraus eine wahre Millionsinnlichkeit! Und so musste ich wohl leiden, aber nicht aus dem Willen des Herrn, sondern rein aus meinem höchst eigenen Willen heraus, an dem du von mir aus ewig keine Schuld tragen sollst und noch endlos weniger der Wille des Herrn!
BM|0|192|6|0|Und siehe, so glaube ich auch fest, dass an deinem Elend niemand schuld ist als du ganz allein! Wolltest du in diesem Augenblick dich zum Herrn wenden und als ein wahrhaft verlorener Sohn zurückkehren in den Schoß deines heiligen, ewigen Vaters, fürwahr, für ewig will ich an deiner statt das elendste Wesen der ganzen Unendlichkeit sein, so Er dir nicht augenblicklich mit den liebeerfülltesten offnen Armen entgegenkäme und dich unter der größten Festlichkeit aller Himmel als Seinen liebsten Sohn aufnähme!
BM|0|192|7|0|Durch dich selbst, ärmster Bruder, tue das, und dein großes Elend hat augenblicklich für ewig ein Ende! Vergib mir auch, dass ich oft hart auf dich war und legte meine Sünden dir zur Last! Ich nehme nun aber alles auf meine Rechnung und will dir ewig gut sein, so du diesen meinen Vorschlag annimmst und danach handelst!
BM|0|192|8|0|Ich bekenne es auch, dass ich gar nicht wert bin, dir als dem ersten und größten Geist aus Gott solch einen Vorschlag zu machen. Denn ich weiß es, dass in dir noch jetzt in deinem Gericht endlos mehr Weisheit und Stärke zu Hause ist, als ich, ein wahres Nichts gegen deine Größe, es ewig je werde fassen und begreifen können. Aber eben darum, weil ich dich deiner Größe wegen so schätze und als den Erstling Gottes hoch verehre, wünsche ich gleichwie alle Himmel, dass du endlich einmal zu deinem Gott, zu deinem Vater umkehren möchtest!
BM|0|192|9|0|Es sind ja schon völlige Ewigkeiten verronnen, in denen du stets bemüht warst, dich über den ewigen, allmächtigen Gott zu schwingen durch alle Mittel, die deiner tiefsten Weisheit und übergroßen Macht nur auffindbar möglich waren! Du hast durch sie nicht nur nie etwas erreicht, sondern bist nur allzeit und allwegs elender, schwächer und armseliger geworden. In nichts bist du dadurch reicher geworden als in dem nur dich selbst verzehrenden Grimm und Zorn gegen Gott.
BM|0|192|10|0|Wohl zahllose Male hast du auch schon entweder gleiche und auch bessere Einladungen bekommen, als wie diese meine nun ist. Aber sie gingen fruchtlos an deinem mir unbegreiflichen Starrsinn vorüber. Aber siehe, einen elenderen Boten hast du sicher nie noch in solcher Absicht vor dir gehabt, als ich nun bin; daher mache nun eine Ausnahme und kehre mit mir um!“
BM|0|192|11|0|Spricht der Satan: „Du hast nun wahrlich sehr artig und nett geredet, und ich vergebe dir darum auch alle deine Grobheiten, die du mir angetan hast. Aber was da dein mir nur schon zu bekanntes Begehren betrifft, da werde ich dir erst dann antworten können, wenn im ganzen unermesslichen Schöpfungsraum keine Sonne und keine harte Erde mehr mein Wesen gefangen halten wird.
BM|0|192|12|0|Denn mein Ich ist das unermessliche All; dieses aber ist gerichtet. Wie kann ich des Gerichtes los werden in meiner Allheit? Denn was du hier vor dir siehst, ist nur der innerste Lebenskern meines für deine Begriffe zu endlosen Seins! Kannst du mir geben, was ich verloren habe, dann will ich dir auch unverzüglich folgen!“
BM|0|192|13|0|Martin starrt den Satan an und spricht nach einer Weile ganz ernst: „Ja, durchaus alles, armseligster Erstling aus Gott; also folge mir!“
BM|0|192|14|0|Spricht Satan: „Womit kannst du dein Versprechen mir als vollends wahr garantieren?“
BM|0|192|15|0|Spricht Martin: „Mit der endlosen Liebe Gottes, deines Vaters! Genügt dir diese?“
BM|0|192|16|0|Spricht Satan: „Freund Martin, du meinst es nach deinen beschränkten Begriffen wohl recht artig und gut mit mir, und die Garantie ist gut und annehmbar für Geister, die wie du endlich und beschränkt sind. Aber ob diese Garantie auch mir, der ich gleich Gott – wennschon aus Gott – ein unendlicher Geist bin, genügen kann, das ist eine ganz andere Frage!
BM|0|192|17|0|Siehe, für eine Mücke wirst du bald und leicht Futter in Menge finden, aber nicht so leicht für einen Elefanten und noch weniger für den riesigsten Leviathan, der berggroße Brocken zu seiner Sättigung braucht.
BM|0|192|18|0|Also ist die für dich unendliche Liebe Gottes für endliche Wesen wohl mehr als genügendst groß, um sie alle für ewig zu sättigen. Aber für einen gleichmäßig unendlichen Geist dürfte sie nur dann genügend sein, so sie nur ihn allein zu sättigen hätte.
BM|0|192|19|0|Aber neben ihm noch eine Unendlichkeit von zahllosen Wesen sättigen, von denen mit der Weile ein jedes Unendliches benötigen wird, siehe, da hat auch die unendliche Liebe der Gottheit notwendig ihre Grenzen, weil sie aus ihrer einen Unendlichkeit zwei Unendlichkeiten zu erhalten hätte, was da rein unmöglich wäre.
BM|0|192|20|0|Ich brauche selbst jetzt noch endlos viel durch den ganzen endlosen Schöpfungsraum physisch und moralisch, wo ich allerhärtest gefangen bin. Wie endlos mehr würde ich erst dann in meiner wiedergewonnenen Freiheit brauchen!
BM|0|192|21|0|Ich sage dir und auch euch allen, die ihr hier seid: Ich kehre euretwegen nicht zurück. Denn kehre ich zurück, so geht ihr unter und zugrunde! Ich allein weiß es, wie groß Gott ist, wie viel Er hat und was Er geben kann. Ich sehe es ein, dass Er mich und euch unmöglich zugleich erhalten kann. Daher bleibe ich lieber ewig elend, auf dass ihr als meine Kinder die mir allein bestimmte und gebührende Herrlichkeit genießen könnt, was ich euch auch von ganzem Herzen gönne.
BM|0|192|22|0|Ich sehe es wohl nur zu gut ein, dass Gott unendlich gut ist; aber eben diese Seine zu unendliche Güte macht Ihn zum Verschwender! Würde ich aus Liebe zu euch, meinen Kindern, Ihm nicht die freilich sehr heiße Stange halten und Ihn manchmal beschränken in Seiner zu ungeheuren Großmut, so dürfte Er bald wieder auf die Erde gehen und dort bei Seinen harten Geschöpfen Brot suchen!
BM|0|192|23|0|Du siehst also, dass mir die endlose Liebe Gottes nicht als eine annehmbare Garantie dienen kann. Daher musst du mir schon eine andere geben, die mir mehr taugen wird als diese!“
BM|0|193|1|1|Martins weitere gute Vorschläge zu Satans Heil. Dessen weitere Einwände. Die Schöpfungsordnung vor und nach der Menschwerdung des Herrn
BM|0|193|1|0|Spricht Martin: „Mein armseligster Freund, du hast richtig und logisch folgerecht die Gründe vor uns aufgedeckt, aus denen dir als selbst endlosem Geist die unendliche Liebe Gottes nicht genügen kann. Aber da meine ich, so du von deinem Verlangen so etwas handeln ließest und würdest dich gleich uns zufriedenstellen mit dem, was ein jeder aus uns hat, was doch sicher ungeheuer mehr wäre, als was du nun in diesem deinem endlos elenden Zustand hast, so wäre es für dich ja doch endlos besser, als es also ist!? Und da, meine ich, wäre die endlose Liebe Gottes wohl eine hinreichend mächtige Garantie für deine Umkehr!
BM|0|193|2|0|Jetzt bist du im Grunde so gut als Nichts und hast nichts, und musst endlos viel leiden. Dann aber würdest du doch wenigstens das, was wir sind, und würdest auch nicht mehr brauchen als wir! Wäre denn das nicht besser, als es nun ist mit dir?
BM|0|193|3|0|So du aber, wie du sagtest, aus Liebe zu uns, deinen eigentlichen Kindern, ein so unendliches Opfer bringst – was sicher keiner von uns je verlangt und verlangen kann –, so könntest du dann ja auch so ein Opfer bringen, dass du als Beweggrund zu deiner Umkehr nicht alles wieder zurückfordertest, sondern bloß nur so viel, als da ein jeder aus uns hat. Und da würdest du für die unendliche Freigebigkeit Gottes wohl keinen Unterschied machen und die große Vorratskammer des Vaters nicht ärmer machen!
BM|0|193|4|0|Was sagst du dazu? Ich meine, so könnte es ja auch gehen. Was meinst denn du in dieser Hinsicht?“
BM|0|193|5|0|Spricht Satan: „Mein lieber Martin, siehe, du redest nur, wie du die Sache verstehst und einsiehst in deiner ganz natürlichen und notwendigen Beschränktheit, und weil du dabei sehr artig bist, so kann ich auch mit dir gerechte Geduld haben. Aber bedenke nur, was da sein und was durchaus nicht, ja unmöglich sein kann! Kann ich denn kleiner werden, als ich bin? Siehst du denn noch nicht ein, dass der ganze unendliche Schöpfungsraum lediglich mit meiner unteilbaren Wesenheit erfüllt ist?!
BM|0|193|6|0|Oder könntest du, um weniger zu brauchen, dir die Füße, die Hände usw., ein Glied ums andere wegnehmen lassen, um so deine Bedürfnisse zu verringern? Denn ohne Füße würdest du schon ein kürzeres Kleid brauchen, ohne Hände ein Kleid ohne Ärmel, und der Magen würde für weniger Glieder auch weniger zu tun brauchen und also auch weniger des Nährstoffes benötigen. Diese Rechnung wäre richtig! Nun sage du mir, ob du dich damit wohl zufriedengeben würdest?“
BM|0|193|7|0|Spricht Martin: „Armseliger Freund, ich meine, dessen würde es bei dir ebenso wenig wie bei mir dem Herrn gegenüber benötigen. Denn kann und muss sogar ein jeder Mensch seinen Körper-Leib zurücklassen, der doch auch eine Zeitlang seine Wesenheit ausgemacht hat, so könntest du wohl auch deine materielle Wesenheit fahren lassen und dich, so wie wir, bloß nur mit der geistigen begnügen. Der Herr aber würde dann mit deinem großen Weltenleib schon auch sicher die allerweiseste und allerbeste Verfügung treffen, wie Er sie mit unserem kleinen Leib trifft! Siehe, wir sind mit diesem edelsten geistigen Leib vollkommen zufrieden; also könntest ja du es auch sein?!“
BM|0|193|8|0|Spricht Satan: „Lieber Freund, du sprichst immer nur, wie du die Sache in deiner Beschränktheit verstehst. Das kommt aber daher, weil du deine Augen nicht, wie ich die meinen, über die Schöpfung, die meine Wesenheit ist, hinaus erheben kannst! Ich sage dir, dein Wille ist gut und dein Herz ist gut. Aber deine Weisheit ist nur ein leuchtender Punkt in der Unendlichkeit!
BM|0|193|9|0|Siehst denn du nicht ein, dass jedes Sein eine Basis, einen Stützpunkt haben muss, um entstehen und dann bestehen zu können? Jede Kraft muss eine Gegenkraft haben, um sich als solche äußern zu können! So zwei Kräfte also gegeneinander auftreten, so finden sie aneinander Widerstand und äußern sich dadurch auf dem Wege polarischer Gegenwirkung, und erst durch solch eine kampfähnliche oder gleiche Äußerung zweier Kräfte kann ein Sein bewerkstelligt werden.
BM|0|193|10|0|Nun siehe, Gott ist die positive oberste Kraft; ich als die negative unterste ebenso unendlich in ihrer Art, wie Gottes oberste in ihrer Art! Gott könnte ohne mich ebenso wenig Sich äußern als ich mich ohne Gott!
BM|0|193|11|0|So ich aber nun nach deinem Rat zurücktrete zur Gottheit und würde dadurch eine positive Kraft mit Ihr – sage, müsste da nicht alle bisherige Schöpfung aus Gott und aus mir sich in ein eitelstes Nichts auflösen? Und alles in unser Ursein als bloße Idee zurücktreten und da aufgeben Wesenheit, Sein und Bewusstsein?
BM|0|193|12|0|Rede nun und überzeuge mich, dass das Fortbestehen aller Dinge auch auf anderen Wegen möglich ist, so will ich dir folgen!“
BM|0|193|13|0|Spricht Martin: „Weißt du, so tief wohl reicht meine Weisheit nicht, und ich glaube, auch diese meine Brüder werden ihre Augen noch nicht über die Unendlichkeit hinaus erhoben haben. Aber ob der Herr in der Erhaltung Seiner bisher geschaffenen Werke nunmehr gerade auf dich notwendig beschränkt ist, das möchte ich wohl sehr mächtig bezweifeln!
BM|0|193|14|0|Es war wohl vor Seiner Menschwerdung eine alte Erde und ein alter Himmel, die ruhten wohl auf dir, da warst du wohl der negative Pol. Aber als der Herr Selbst Fleisch annahm, da verwarf Er deine Polarität und setzte in Sich Selbst eine viel tauglichere, Seiner würdigere und für alle Ewigkeiten haltbarere an die Stelle der deinen! Mit dieser kittete Er die durch deine Schwäche aus allen Fugen gehen wollende Schöpfung wieder von neuem fest zusammen, und es verging gewisserart das Alte und etwas ganz Neues trat an seine Stelle.
BM|0|193|15|0|Vor der Menschwerdung wohl warst du leichthin eine Notwendigkeit. Aber nach dieser bist du nichts mehr und nichts weniger als jeder andere Geist und bist zur Erhaltung der Dinge durchaus nicht mehr notwendig. Daher meine ich, du solltest nun solches einsehen und tun nach meinem Verlangen!“
BM|0|193|16|0|Spricht Satan etwas mehr erregt: „Freund, du wirst nun schon wieder so ein wenig keck; aber die Beschränktheit deiner Weisheit entschuldigt dich!
BM|0|193|17|0|Siehe, siehe, du Kurzsichtiger, wer half denn damals der Gottheit, dass Sie solch eine neue Schöpfung bewerkstelligen konnte? War nicht ich es, der Ihn verfolgen musste, der Ihn versuchte und endlich Ihn sogar dem Fleische nach musste töten helfen, auf dass Er so mein negatives Polarwesen des Schmerzes und des Leidens in Seine positive Gottnatur aufnehmen konnte?
BM|0|193|18|0|Und diese Natur ist nun eben das in Gott, was du als Seine unendliche Liebe benannt hast! Diese aber – wie ich dir schon ehedem bemerkt habe – kann wohl auch endlichen Wesen genügen; aber mir kann sie darum nicht genügen, weil ich selbst unendlich und ewig bin! Und jetzt schon gar nicht, wo noch so viele Myriaden Sonnen, Erden fest dastehen, die noch durchaus mein Wesen sind!
BM|0|193|19|0|Ah, wenn einmal sich alle Materie als negative Polarität aufgelöst in Gott übergegangen wird gesetzt haben, dann wohl dann. Da erst wird meine Negation (Verneinung, Weigerung) vollends überflüssig werden, und ich werde dann als ein all des Meinen entblödeter Geist wohl das tun können, was du nun von mir verlangst!
BM|0|193|20|0|Dann werde ich kleiner werden, als ich nun bin, und werde nicht viel mehr zu meinem Unterhalt benötigen, als du nun, und werde eure Glückseligkeit nie mehr gefährden können. Aber jetzt würde es euch allen noch sehr schlecht ergehen, so ich, wie du möchtest, mit dir gleich vollends zum Herrn nun mich umkehren würde! Ich werde daher wohl noch einige Äonen von Erdjahren so, wie ich nun bin, verharren müssen, bis ich deinem Wunsch ohne Gefahr für euch alle werde folgen können!
BM|0|193|21|0|O Freund, o Sohn, ich kenne nur zu gut die Süßigkeit der Himmel, und kenne aber auch das entsetzlich Herbe meines Zustandes! Aber was kann ich tun?
BM|0|193|22|0|Siehe, übers Knie lässt sich keine ausgewachsene Eiche mehr beugen, und also noch weniger ich als die Ureiche aller Schöpfung! Aber mit der Zeit und nach den rechten Umständen wird schon auch noch dein artiger Wunsch in die Erfüllung gehen können.
BM|0|193|23|0|Ihr solltet nun aber lieber zur Erde eure Blicke wenden, wo es nun sehr arg zugeht. Da würdet ihr Besseres tun, als so ihr vor der Zeit an mir das jetzt noch rein Unmögliche wollt möglich machen! Was meinst du darüber, mein lieber Sohn Martin?“
BM|0|194|1|1|Martin versucht nochmals, dem Satan das Verkehrte seines Starrsinns klar zu machen
BM|0|194|1|0|Spricht Martin: „Armseliger Freund, das kann wohl alles so möglich sein, wie du nun die gütige Geduld hattest, es mir zu erörtern. Aber siehe, ich bin wie alle Blinden denn doch noch sehr ungläubig, oder vielleicht auch mehr dumm als ungläubig, und kann das durchaus nicht so recht aus dem Grund begreifen, wie nun die Schöpfung ohne deiner nicht solle bestehen können, besonders, so du durch deine Umkehr zu Gott nicht nur nicht aufhörtest zu sein, sondern in deinem Sein nur endlos vollkommener werden würdest!
BM|0|194|2|0|Wohl weiß ich es aus dem Herrn, dass du durchaus erhalten werden musst, weil durch dich zufolge der göttlichen Ordnung die Erhaltung der Naturkörper und Wesenheiten abhängt. Allein, was liegt denn an den vergänglichen Wesenheiten?
BM|0|194|3|0|Bist du als vollendet einmal gewonnen – was da ganz rein und allein von deinem Willen abhängt –, so ist dann die ganze Materie ja ohnehin nicht nur ganz überflüssig, sondern sie wird – da sie nichts als dein gerichteter Starrsinn ist – mit deiner Umkehr und Vollendung ohnehin nach des Herrn gar langem Wunsch sogleich aufgelöst und vollendet werden in der rein geistigen Wesenheit, die in ihr nun geknebelt und gefangen ist durch deinen oberwähnten gerichteten Starrsinn!
BM|0|194|4|0|Aber diese unsere geistige Wesenheit und die neue Erde und der neue Himmel haben mit dir wahrlich nichts zu tun, da ihr ewiger Bestand lediglich im Herrn allein seine Polaritäten gestellt findet, die da sind Liebe und Weisheit, oder Gutes und Wahres.
BM|0|194|5|0|Du hast wohl recht, dass du ehedem unsere Blicke zur Erde wiesest, wo es arg zugehe. Aber ich behaupte und sage es dir, mein armseliger Freund und Bruder, so du umkehrst, da wird im Augenblick nicht nur die Erde, sondern die ganze Schöpfung in ihrer ursprünglichen göttlichen Reinheit und Vollendung dastehen! Alle Bosheit wird aufhören, und was noch alles den gerichteten mühsamen Weg des Fleisches und der Materie durchmachen müsste, wird in und durch deine Umkehr und Vollendung im Augenblick vollendet dastehen.
BM|0|194|6|0|Denn der ganze Fleischweg ist nun ja nichts anderes als eine mühsame Losschälung von dir und eine beschwerliche Erstehung aus deinem Gericht. Hat aber bei dir das Gericht ein Ende, wozu wäre dann die Materie, wozu der beschwerliche Leidensweg des Fleisches?
BM|0|194|7|0|Ich meine, dass ich nun auch die vollste Wahrheit geredet habe, und das aus meinem bestmöglichen Herzen und Willen. Tue du nun danach und du wirst es sehen, dass die Sache ganz anders ausfallen wird, als du sie dir nun vorstellst!“
BM|0|195|1|1|Satan wirft Martin Hoffart vor
BM|0|195|1|0|Spricht Satan: „Freund, das Beste bei deinen Reden ist, dass du deine Kurzsichtigkeit mir gegenüber nun sehr artig und gelassen vorbringst. Aber sonst bist du in deiner Beurteilung und Auffassung dieser Dinge und Verhältnisse noch um eine ganze Ewigkeit zurück!
BM|0|195|2|0|Ich sehe aus allen deinen Worten, dass du alles, was ich nun zu dir geredet habe, auch nicht ahnungsweise verstanden hast, daher es auch eine rein vergebliche Mühe wäre, dir die tieferen Lebensverhältnisse zwischen Gott und mir näher zu enthüllen, da du sie noch viel weniger fassen würdest als das bisher dir Gesagte.
BM|0|195|3|0|Daher meine ich, wir sollen uns im Frieden wieder verlassen und uns unseren notwendigsten Geschäften weihen. Denn durch dies unser gegenseitiges unverstandenes und somit fruchtloses Hin- und Herreden werden wir ewig zu keinem Zweck gelangen. Ich verstehe es wohl, was du möchtest; aber du verstehst es nicht und kannst es auch nicht verstehen, was da möglich oder unmöglich ist. Daher ist all dies Wortetauschen mit dir eine vergebliche Arbeit!
BM|0|195|4|0|Aber ich werde dir, weil du so artig bist, doch etwas sagen, und das wird dir sehr nützlich sein. Siehe, du wie alle deine Welt sieht in mir den Grund alles Erzbösen, das da hervorginge aus meiner alle Engelsbegriffe übersteigenden Hohfahrt [Hoffart]. Ich lasse es euch gelten, wenn Selbstgefühl, das Bewusstsein des Daseins, die Selbstbestimmung seiner Kräfte und daraus hervorgehende notwendige Tätigkeit diesen beleidigenden Namen verdiente. Aber was ist denn das bei dir, Freund Martin, so du mich ganz eigentlich nun bloß darum zur Umkehr bewegen möchtest, um dir sogar aus des Herrn Munde in allen Himmeln den größten Namen zu bereiten?
BM|0|195|5|0|Du hast mit deiner Zunge an den Bewohnern dieser Welt siegend gewirkt, und der Herr hat dir darum ein großes Lob zukommen lassen, und hat dich ausgezeichnet vor diesen deinen gleich und mehr verdienten Brüdern. Nun möchtest du durch meine Besiegung dir wohl des Himmels größten Ruhm bereiten! Du möchtest nun bald also lobend und rühmend von dir sagen hören: ‚Da seht, da seht! Was bisher Myriaden mächtigster Geister, was selbst Gott nicht gelungen ist, das ist dem schwachen Martin rühmlichst gelungen!‘
BM|0|195|6|0|Meinst du, Martin, dass solch dein Bestreben etwas anderes als die größte versteckte Hohfahrt [Hoffart] ist, gegen die die meine ein pures Nichts ist? Gebe diese auf, und das aus dem innersten Grunde, dann erst werden wir vielleicht weiterreden können! Denn siehe, ich bin Licht, so ich in meiner wahren Gestalt vor dich hintrete. Daher musst du ganz rein sein, dann erst werden wir miteinander wirksam reden können! Gehe daher hin und reinige dich von allem Schmutz, sodann erst komme und rede mit mir, dem Urlicht von Ewigkeit!“
BM|0|196|1|1|Martins Ehrlichkeit und des Johannes Weisheit und Entschiedenheit treffen auf Satans Widerspruchsgeist
BM|0|196|1|0|Martin stutzt nun bei diesen Worten des Satans sehr, und das umso mehr, weil er sich dabei wirklich ein wenig getroffen fühlt. Er wendet sich daher sobald, als sein Gemüt etwas ruhiger wird, an den Johannes und spricht: „Lieber Bruder, der du wie keiner mit des Herrn Weisheit erfüllt bist, was sagst denn du dazu? Soll ich wohl in diesem einzigen Punkt dem Satan glauben? Nach meinem innersten Gefühl hat er allerdings eben nicht gar zu sehr unrecht!“
BM|0|196|2|0|Spricht Johannes: „Lass du nun diese Sache; denn wo wir noch nie etwas ausgerichtet haben, da wird auch deine Mühe vergeblich sein; aber gebiete ihm im Namen des Herrn Ruhe; darauf aber wollen wir dann wieder heimwärts zum Vater ziehen! Dieser allein soll mit ihm machen, was Er will, und das wird auch das Beste sein!“
BM|0|196|3|0|Spricht Satan: „Und gerade nicht, weil du meinem Martin solch einen Rat gegeben hast, werde ich mir von ihm Ruhe gebieten lassen, sondern werde dem Martin die Ehre antun, und werde mit ihm hin vor den Herrn ziehen, und dort die Sache, die ihr alle nicht und nie verstehen könnt, mit Ihm Selbst abmachen! Geht nun heim, und ich werde euch freiwillig folgen bis zum Herrn hin!“
BM|0|196|4|1|(Am 1. Oktober 1848)
BM|0|196|4|0|Spricht Johannes: „Wir aber kennen leider deine Absichten und wissen es nur zu genau, dass du nie gefährlicher bist, als wenn du im Kleid der Humanität auftrittst! Daher, so du den Mut hast, wirst du schon allein dich zum Herrn begeben müssen und mit Ihm deine Sache abmachen; denn wir haben keinen Auftrag, dich als des Herrn größten Feind mitzunehmen.
BM|0|196|5|0|Ah, ganz was anderes wäre es, so du dich nach dem sehr guten Rat Martins bekehrt hättest und wärst als ein reuevoller verlorener Sohn in den heiligen Schoß des Vaters zurückgekehrt! Da wohl wärst du uns allen als der allerwillkommenste Begleiter gewesen; aber so können wir dich wahrlich durchaus nicht brauchen.
BM|0|196|6|0|Wie aber gesagt, so du zum Herrn willst, da ist dir der Weg nur zu wohl bekannt. Mit uns aber kannst und darfst du so, wie du nun bist, ewig in keiner Gemeinschaft wandeln! Also sei es im Namen unseres und deines Gottes und Herrn!“
BM|0|196|7|0|Satan macht darob eine sehr finstere Miene und spricht: „Wenn der Herr Boten, wie du einer bist, an mich sendet und noch ferner senden wird, so schwöre ich dir bei allem, was mir heilig ist, dass mich Ewigkeiten nicht zur Umkehr bewegen werden – und mag der Herr mich auch mit dem Feuer aller Zentralsonnen richten!
BM|0|196|8|0|Martin könnte mit mir etwas ausrichten, aber Johannes und Petrus und Paulus ewig nimmer! Schreibe dir diese meine Worte hinter deine Ohren, du harter, unbarmherziger Klotz von einem Jünger Christi! Meinst du denn, dass ich etwa eine Furcht oder Scheu vor dir und deinen Sentenzen habe, dieweil du Johannes, der Evangeliumschreiber und der Offenbarungskratzer bist? Oh, da irrst du dich sehr!
BM|0|196|9|0|Siehe, eine von mir geschaffene Schmeißfliege ist mir endlos teurer als tausend solcher Propheten, wie du einer bist! Schäme dich ob deiner großen Herzenshärte gegen diejenigen, die desselben Schöpfers Werke sind, wie du es bist, aber freilich leidend, elend und gequält ewig!
BM|0|196|10|0|Wohl hat euch der Herr Selbst dadurch gezeichnet und gezeigt, wie ihr beschaffen seid, da Er eben das Gleichnis vom verlorenen Sohn aufstellte, und sagte: Als aber der Vater dem heimgekehrten armen, verlorenen Sohn ein großes Fest bereitete und des Vaters andere Söhne und Kinder vernahmen, dass es in des Vaters Haus überfröhlich zugehe, da kamen sie herbei und sagten ärgerlich: ‚Uns, die wir stets dir treu waren, hast du noch nie ein Fest gegeben! Aber da dieser Verworfene zurückkam, der dich so sehr beleidigt hat, dass darob Himmel und Erde erbebten und starr wurden vor Entsetzen, diesem gibst du deinen Siegelring und bereitest ein größtes Festmahl!‘
BM|0|196|11|0|Was der Vater von diesen ärgerlichst Murrenden darauf sagte, brauche ich dir nicht wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Denn du bleibst dennoch, der du bist, voll Härte und Unbarmherzigkeit in deinem Herzen, so wie alle deines Gelichters!
BM|0|196|12|0|Aber den Martin nehme ich aus! Er war zwar, durch euch geleitet, eine Weile sehr grob. Aber er hat sich gebessert und seine gegenwärtige Unterredung mit mir war seit Äonen der undenklichen Zeiträume der erste selige Augenblick für mein Herz, daher er von mir aber auch ewig hochgeachtet bleiben soll! Und so mit mir je jemand etwas richten wird, so wird es Martin sein; aber von euch anderen allen erspare sich ewig jeder die Mühe! Geht nun; ich aber werde bleiben!“
BM|0|196|13|0|Spricht Johannes: „Du tust mir sehr unrecht! War nicht ich es, als dich ehedem Martin mit seiner Macht vornehmlich für ewig in das Feuer jenes noch dampfenden Feuerkraters warf und bannte und dich noch obendarauf mit glühenden Bergen bedeckte, der dies dem Martin verwies und ihn dahin stimmte, dass er dich wieder frei machte? Da ich aber solches tat, wie bin ich denn nun ein harter, unbarmherziger Klotz?“
BM|0|196|14|0|Spricht Satan: „Freund, rede nur du mir von deiner Barmherzigkeit nichts! Martin tat, was er tat, in seiner Unüberlegtheit. Und da er es sobald einsah, dass er nicht recht handelte, da änderte er auch sogleich seine unüberlegte Handlung. Aber du bist entschieden, was du bist, und änderst deinen Ausspruch nie, ob er gerecht oder ungerecht ist. Und darum hasse und verachte ich dich mehr als alle meine ärgsten Leiden und Qualen. Dir, Martin, meine Achtung, euch anderen aber meine tiefste Verachtung! Hebt euch nun von dannen, sonst fange ich ein Spektakel an, das die ganze Unendlichkeit bisher noch nie gesehen hat!“
BM|0|196|15|0|Spricht Johannes: „Wir sind nicht da, dass wir dir gehorchen sollen, sondern dich zu hemmen in deiner Bosheit nur sind wir da. Wir werden uns daher auch heben, wenn der Herr es wollen wird, und nicht nach deinem Willen! Willst du aber Spektakel machen, so kannst du es ja wohl versuchen, und es wird sich dann gleich zeigen, ob unsere Macht über dich nicht größer sein wird als die deinige über uns!
BM|0|196|16|0|Weil du aber uns befohlen hast, dass wir uns sogleich von hier heben sollen, so könnten wohl auch wir aus des Herrn Namen dir nun ganz etwas anderes gebieten. Aber wir wollen nicht Böses mit Bösem vergelten, sondern geben dir bloß den Rat, dass du dich nun ferner vollends ruhig verhaltest, so du schon dem Ruf Martins nicht folgen kannst oder willst. Denn siehe, es ist dies der letzteste kurze Termin, der dir noch zu deiner Umkehr belassen ist! Wirst du diesen nicht benützen, so wirst du für ewig allerschärfst und engst gerichtet werden!
BM|0|196|17|0|Wohl rupftest du uns das Evangelium vom verlorenen Sohn vor und wolltest uns darinnen unserer Härte zeihen. Aber ich sage dir, der verlorene Sohn wird auch ohne dich zurückkehren, und zwar in den vielen gottergebenen Brüdern, die eines Sinnes wie ein Mensch vor Gott stehen werden. Aber du wirst dem reichen Prasser gleich in das ewige Feuer des Gottesgerichtes auf ewig verworfen werden, so du dem Ruf Martins nicht ehestens folgen wirst!“
BM|0|196|18|0|Spricht Satan: „Der Herr soll tun, was Er will, und ich aber werde auch tun, was ich werde wollen, und werde Ihm und euch allen zeigen, dass der Herr wohl mit Seiner Macht die ganze Unendlichkeit wie Spreu verwehen kann, aber mein Herz und mein Wille soll ewig aller Seiner Allmacht und Weisheit den härtesten und unbesiegbarsten Trotz bieten! Tut ihr nun, was ihr wollt, und ich werde auch tun, was ich werde wollen!“
BM|0|196|19|0|Spricht darauf Martin zum Johannes: „O Bruder, wie ich nun sehe, so ist alle unsere Mühe vergeblich; daher gehen wir. Denn nun sehe ich es schon klarst, dass mit diesem Satan nichts weiter mehr zu machen ist!“
BM|0|196|20|0|Spricht Johannes: „Lieber Martin, so er uns nicht heimzuziehen geboten hätte, da wären wir schon heimgezogen. Aber sein Wille darf den unsrigen nicht bestimmen, daher wollen wir noch ein wenig verweilen. Denn zögen wir nun auf sein Wort von hier, da wäre das für ihn ein Triumph über uns. So aber er über uns triumphierte, da stünde es schlecht mit uns! Daher wollen und müssen wir nun noch ein wenig verweilen und diese Gegend in Ordnung bringen; und also sei es denn!“
BM|0|197|1|1|Satan wird wütend. Martins Furcht und Johannes Ruhe und Klarheit. Der Kinder Gottes Unabhängigkeit vom Satan
BM|0|197|1|1|(Am 2. Oktober 1848)
BM|0|197|1|0|Der Satan merkt es, dass die Gesellschaft nicht fortziehen will, gewisserart auf sein Geheiß. Daher wird er stutzig und in seinem Innern grimmglühend, welcher Zustand ihm auch äußerlich ein sehr abschreckendes Aussehen verleiht.
BM|0|197|2|0|Martin merkt das und spricht zum Johannes und auch zu den anderen Begleitern: „Freunde, wie ich’s merke, so sieht es mit dem verlorenen Sohn nun eben nicht am besten aus! Ein furchtbarer heimlicher Zorn blitzt aus seinen Augen, und seine in tausend finstere Falten gefurchte Stirn und seine ebenso entstellt gefurchten Mundwinkel deuten auf eine furchtbare Rache hin, die er zu nehmen willens ist!
BM|0|197|3|0|Ich meine, du, Bruder Johannes, bist ihm denn doch vielleicht ein wenig zu hart an den Leib gegangen? Ich muss dir sagen, dass ich bei seinem Anblick, trotz der mir innewohnenden Kraft des Herrn, in eine nicht unbedeutende Furcht gerate. Nicht aber, dass er uns etwas anhaben könnte, sondern wegen der sichern und gänzlichen Vergeblichkeit aller dieser unserer Bemühungen. Dort schaue die Gesichter des Uhron und Shonel nur an; diese beiden vergehen nahezu schon vor Angst! Um des Herrn willen, was wird da nun herauskommen?“
BM|0|197|4|0|Spricht Johannes: „Wahrlich, die Sache sieht allerdings sehr übel aus. Aber ich sage dir, nur keine Furcht vor ihm! Denn auch eine Furcht vor ihm ist eine Art Hingebung unserer Macht unter seine Kraft, und das wäre auch eine Art Triumph auf seiner Seite über uns, was wir ja nie zugeben dürfen! Denn täten wir das, da würden wir von seiner bösen Polarität so sehr angezogen sein, dass es uns dann eine sehr große Mühe kosten würde, uns von ihm loszuschälen.
BM|0|197|5|0|Siehe, er ist mit dir wohl sehr human umgegangen und hat dir bedeutende Verheißungen gemacht. Aber das tat er nicht etwa, um sie deiner Artigkeit wegen zu halten und zu erfüllen, sondern bloß nur, um dadurch dich als einen unerfahrenen Neuling in diesem Reich in seine Schlingen zu fangen!
BM|0|197|6|0|Kennst du dich nun aus? Da ich aber solch seinen feinen Plan durchschaute und vereitelte, so ist er nun des höchsten Grimmes heimlich und würde uns alle nun zermalmen vor Wut, so er sich unserer Macht gewachsen fühlte. Aber da er wohl nur zu gut einsieht, wie himmelweit alle seine Macht hinter der unsrigen steht und wie ohnmächtig er gegen uns ist, so wird er darum nun über die Maßen zornig, grimmig und wütend in seinem Inneren!
BM|0|197|7|0|Allein, wir dürfen uns nicht im Geringsten etwas daraus machen, da wird er bald wieder ein ganz anderes Gesicht uns zeigen!“
BM|0|197|8|0|Der Satan stößt hier mit seinem Fuß so gewaltig in den Boden, dass derselbe weit und breit erbebt, und spricht dann gewaltigst zum Johannes: „Elender, bist du noch nicht zur Genüge gesättigt an meinem Elend? Oh, wenn ich nunmehr nichts bin und in der großen Schöpfung keinen Wert mehr habe, so zerstöre mich ganz mit deiner Macht über mich, wenn du dich getraust! Sehe aber dann zu, ob du mit meiner Vernichtung nicht auch dich vernichtet haben wirst!
BM|0|197|9|0|Aber ich sehe nur zu gut, wie dir an meiner Erhaltung wegen der deinen alles gelegen ist, darum du dann auch eine feigste Memme bist, und hast die scheußlichste Furcht vor mir, weil dir meine Arbeit sicher nicht so schmecken möchte als die der weichen Himmel! Du fürchtest meinen Triumph über dich und sprichst, man solle vor mir keine Furcht haben!
BM|0|197|10|0|O du dummer Kopf, welche Furcht ist denn ärger: die leere vor mir oder die vor meinem Sieg über dich? Siehst du denn nicht ein, dass solch eine Furcht ein für mich größter Triumph ist? Rede, ist es nicht so?“
BM|0|197|11|0|Spricht Johannes: „O himmelweit und tausendmal nein! Denn ganz was anderes ist eine Furcht vor einem Benehmen, durch das man dir bei deiner allerschroffsten Verkehrtheit ähnlich werden könnte, und ganz etwas anderes eine läppische Furcht vor deiner individuellen Wesenheit. Die erste könnte einem reinsten Geist sehr schädlich werden, während die zweite bei einem starken Geist aus dem Herrn heraus ohnehin unmöglich ist und den schwächeren Geistern darum nicht schaden kann, weil sie immer mächtigste Schutzgeister um sich haben!
BM|0|197|12|0|Daher warnte ich den Martin auch hauptsächlich nur vor allen solchen Eingehungen in deinen Willen, die dir dann offenbar einen Triumph über uns einräumten, der sogar auch mir gefährlich werden könnte; und nicht so sehr vor Furcht vor dir selbst, der du gegen uns keine Macht hast außer die der Lüge und Überredungskunst!
BM|0|197|13|0|Dass du aber der dummststolzen Meinung bist, dass ich darum eine Furcht vor dir hätte und mich nicht getraute, dich zu vernichten, weil ich fürchtete, durch deine Vernichtung mich selbst zu vernichten, o Satan, da bist du in einer sehr großen Irre! Denn meine Erhaltung und die Erhaltung unser aller hängt ebenso wenig von der deinigen ab als die des Herrn Selbst, da wir nunmehr alle ewig im Herrn leben und der Herr durch endlose Vaterliebe in uns!
BM|0|197|14|0|Daraus aber kannst du als ein ewiger Lügner wohl erkennen, dass ich dich gar wohl gänzlich vernichten könnte, ohne meiner Existenz dadurch auch nur um ein kleinstes Härchen Abbruch zu tun. Dass ich aber solches nicht tue, daran ist nicht etwa meine Liebe zu dir oder meine Furcht vor dir, sondern lediglich des Herrn endlose Liebe und Geduld, die auch in meinem Herzen wohnt, schuld!
BM|0|197|15|0|Wahrlich, so es lediglich auf mich ankäme, da hätte die ganze Unendlichkeit schon längst die vollkommenste Ruhe vor dir; denn ich, Johannes, hätte dir schon lange den Garaus gemacht! Ich meine, du wirst diese meine sehr offene Rede ganz wohl verstanden haben!?“
BM|0|197|16|0|Spricht Satan: „Ja, wohl habe ich sie verstanden! Aber leider auch wieder die allzeit gleich wiederkehrende, mich über alles empörende Erfahrung gemacht, dass gerade ihr sogenannten reinen Himmelsgeister die allerunreinsten und Gottes unwürdigsten Begriffe und Vorstellungen von Gott habt!“
BM|0|197|17|0|Spricht Johannes: „Wieso? Rede! Das scheint ein neuer, von dir bisher noch nie vorgebrachter Fangkniff zu sein. Wir wollen ihn hören!“
BM|0|197|18|0|Spricht Satan weiter: „Du fragst: ‚Wieso?‘ Gelt, das klingt deinem sogenannten himmlisch-reinsten Ohr sonderbar und neu? Warte nur ein wenig, es soll dir sogleich ein Licht aufgehen, über das du dich ewig wundern sollst! Willst du aber das Licht haben, so habe die Gefälligkeit, mir die Fragen kurz zu beantworten, die ich nun dir geben werde.
BM|0|197|19|0|Ich gebe dir aber zuvor die heiligste Versicherung, dass ich für ewig mich allem dem frei unterwerfen will, was du nur immer von mir verlangen wirst, so du mich einer Unwahrheit wirst zeihen können. Wirst du aber das nicht imstande sein, so bleibe ich, was ich bin. Du aber kannst samt diesem deinem Anhang, von mir ganz unberührt, unbeschädigt und unbeirrt heimziehen und dir dann in deiner himmlischen Heimat reinere und würdigere Begriffe von Gott sammeln!“
BM|0|197|20|0|Spricht Johannes: „So frage denn; aber mit deinen alten, mir nur schon zu sehr bekannten Fragen komme mir nicht, denn da würden wir bald ausgeredet haben!“
BM|0|197|21|0|Spricht Satan: „Nun wohl, denn es gilt hier Sein oder Nichtsein. Ich werde sehen, wie weite Sprünge du mit deiner Weisheit vor mir machen wirst! – Frage: Ist Gott allgegenwärtig oder nicht?“
BM|0|198|1|1|Disput zwischen Johannes und Satan. Ein Wink über Gottes Allgegenwart. Von der Entstehung des Bösen und wie Gottes Vollkommenheit dadurch nicht kompromittiert wird
BM|0|198|1|0|Johannes antwortet: „Allerdings, Seinem Gottwesen und Willen nach ist Gott unendlich und somit auch allgegenwärtig. Aber als wesenhafter Gottmensch und als wahrster Vater Seiner Kinder wohnt Er persönlich nur unter Seinen Kindern im Himmel der Himmel!“
BM|0|198|2|0|Spricht Satan: „Gut, du bekennst sonach die Allgegenwart Gottes unwiderruflich; da du aber das notwendig bekennst, so sage mir gefälligst auch, ob Gott allerhöchst weise und durchaus gut ist und daraus allwissend und allsehend, und wählt Er zur Erreichung Seiner beabsichtigten Zwecke zufolge Seiner höchsten Weisheit und endlosen durchgängigen Güte wohl auch alle Male die besten und tauglichsten Mittel?“
BM|0|198|3|0|Antwortet Johannes: „Allerdings; denn Gott ist in Sich die reinste Liebe, und diese kann nicht anders als ewig durchaus gut und allerhöchst weise sein! Ich weiß aber schon, wo du hinauswillst; aber frage nur zu, ich werde dir keine Antwort schuldig bleiben!“
BM|0|198|4|0|Spricht Satan weiter: „Hat Gott wohl alles, was die Unendlichkeit fasst, erschaffen, oder gibt es noch irgendeinen anderen Gott, der das, was ihr ‚böse‘ und ‚schlecht‘ nennt, zwischen das von deinem guten Gott Erschaffene gemengt hat? Oder hat der eine gute Gott aus Sich heraus wohl Gutes und Böses erschaffen können?“
BM|0|198|5|1|(Am 4. Okt. 1848)
BM|0|198|5|0|Spricht Johannes: „Im Anfang (alles Werdens und Seins) war das Wort, das Wort war bei Gott, Gott war das Wort, und alle Dinge sind durch dasselbe gemacht. Dies Wort ist dann auch Selbst Fleisch geworden und hat unter dem geschaffenen Fleische Wohnung genommen; aber die Finsternis der Welt hat es nicht erkannt.
BM|0|198|6|0|Der Herr Selbst kam, alles neu zu schaffen, zu den Seinen in Sein Eigentum. Aber diese Seinen erkannten nicht das Licht, die Weisen der Welt nicht das ewige Wort und die Kinder nicht ihren ewigen heiligen Vater. Denn du ganz allein hieltest aller Welt Sinne gefangen, auf dass sie Den ja nicht erkennte, der da von Ewigkeit war, ist und ewig sein wird alles in allem!
BM|0|198|7|0|Da aber sonach Gott allein der Schöpfer aller Dinge ist, da es außer Ihm keinen Gott irgendwo gibt, so ist es auch klar, dass da alles, was aus Seiner Hand hervorging, unmöglich anders als nur gut und vollkommen sein konnte.
BM|0|198|8|0|Alle Geister gingen von Ihm aus so rein und gut, wie Er Selbst ist. Aber da Er den Geistern die vollste Freiheit des in sie gehauchten Willens gab, demzufolge sie alles tun konnten, was sie wollten – und um sie den Gebrauch dieser Gaben zu lehren, gab Er mit dem freiesten Willen auch durch Ihn Selbst geheiligte Gesetze, die sie entweder beobachten oder aber auch nicht beobachten konnten;
BM|0|198|9|0|und so siehe, alle beobachteten die Gesetze bis auf einen; dieser eine und erste, mit dem größten Erkenntnislicht begabt, verschmähte die Gesetze Gottes aus seinem freien Willen heraus und widerstrebte ihnen, nicht achtend der Sanktion!
BM|0|198|10|0|Dieser Geist verkehrte sonach in sich die göttliche Ordnung mittelst seines freien, ihm von Gott eingehauchten Willens. Auf diese Art und Weise ist er denn gegenüber jenen Geistern, die ihren ebenso freien Willen nicht missbraucht haben, widerordentlich geworden und für sich selbst böse und schlecht, und musste sich sodann, durch sich selbst genötigt, von der besseren Gesellschaft entfernen auf so lange, bis er nicht freiwillig umkehren wird und eintreten in jene Ordnung, die der Herr allen Geistern gleich gegeben hat, nämlich die Ordnung der Liebe.
BM|0|198|11|0|Gott und uns allen nun rein himmlischen Geistern gegenüber aber kannst du als eben derselbe widerordentlich gewordene Geist nie böse sein, da du uns ewig nie schaden kannst. Böse und schlecht bist du nur gegen dich selbst, weil du dir ganz allein nur schadest, solange du in deiner Widerordnung verharrst.
BM|0|198|12|0|Du hast mich nun fragen wollen, da du meintest, ich werde genötigt sein zu sagen, dass Gott auch Böses erschaffen habe, weil du als ein böser Geist auch ein Geschöpf Gottes bist. Aber wo du hindenkst, da bin ich schon um eine ganze Ewigkeit voraus und kenne nur schon zu gut alle deine kniffische Weisheit! Daher rate ich dir auch freundlichst und ernstlich, behalte du deine künftigen, noch allfällig folgen sollenden Fragen, so sie auf meinen Fang gezielt sein sollen, bei dir, denn mit mir wirst du ewig keine Wette gewinnen!
BM|0|198|13|0|Siehe, ich sehe es dir aus deinen Schalksaugen an, dass du mir am Ende deiner Fragen sehr gerne das bewiesen hättest, dass wir im Ernst von Gott die unreinsten und Seiner unwürdigsten Begriffe hätten, da wir bei unseren Erkenntnissen am Ende doch selbst bekennen müssten: es gäbe entweder zwei Götter – einen guten und einen bösen –, oder der eine Gott ist ein Zwitter und somit ein Pfuscher Seiner Werke. Aber siehe, dem ist nicht so, wie du aus meinen Worten entnehmen kannst, sondern gerade so, wie ich dir’s nun gezeigt habe.
BM|0|198|14|0|Wohl aber wäre Gott dann unvollkommen, so Er den geschaffenen Geistern nur einen gerichteten und keinen vollkommen freiesten Willen hätte einhauchen können, wovon aber eben du selbst den allermächtigsten Gegenbeweis lieferst! Denn wie ungeheuer frei und vollkommen Gott alle Geister und also auch dich erschaffen hat, ist ja eben daraus am hellsten zu ersehen, dass du, obschon kreuz und quer dem Äußeren nach gerichtet, doch dich dem Schöpfer schnurgerade entgegenstemmen kannst, solange du es nur willst; kannst aber auch ebenso gut wie wir alle vollkommen frei nach dem Willen des Herrn handeln!
BM|0|198|15|0|Ich sage dir, im ganzen Himmel gibt es keinen Geist, der einen größeren Beweis für die endlose und unbegrenzteste Vollkommenheit Gottes geben könnte, als gerade du! Du bist sozusagen das größte Meisterwerk des Herrn als Schöpfer, und kannst daher auch dem Herrn gegenüber kein Pfuschwerk sein.
BM|0|198|16|0|Daraus aber muss nun ja auch klar sein, dass du mich mit deiner Verkehrtheit nie fangen wirst; denn was du weißt, das weiß ich schon lange. Und das ist wieder ein neuer Beweis für die endlose Vollkommenheit Gottes, dass ich – als ein aus deinem Wesen gelöster Geist – dir in allem deinem Wollen auf das Mächtigste widerstehen kann!
BM|0|198|17|0|Was sagst du nun, hast du etwa für mich noch einige Fangfragen in Bereitschaft? Nur heraus mit ihnen, ich werde dir jede gehörig beantworten!“
BM|0|198|18|0|Hier stutzt der Satan gewaltig und kommt in eine große Verlegenheit; denn er findet nicht, was er nun dem mächtigen Johannes erwidern soll.
BM|0|199|1|1|Johannes fordert den verstockten Satan heraus, weitere Fragen zu stellen. Der Satan flüchtet in seinen Größenwahn und Hochmut
BM|0|199|1|0|Da der Satan aber nun mit keiner Frage mehr zum Vorschein kommt und sein Gesicht mehr einen dumm-verdutzten als so eigentlich bösen Charakter annimmt, da spricht Johannes weiter sagend:
BM|0|199|2|0|[Johannes:] „Satan, nun, wie ist es denn? Hast du denn keine Frage mehr? Ich wäre nun gerade so recht von ganzem Herzen aufgelegt, dich mit Antworten geradezu förmlich einzugraben! Aber du schweigst, und ich muss nun aus diesem deinem Schweigen den Schluss ziehen, dass du mit deiner Weisheit so ziemlich zu Ende bist und dein väterliches, von dir gewaltsam erzwungenes Erbe ehestens bis auf den letzten Heller vergeudet sein dürfte. Was wohl meinst du in dieser Hinsicht?“
BM|0|199|3|0|Spricht nach einer Weile sehr knirschend der Satan: „Da hat’s noch lange Zeit! Glaube es mir, meine Weisheit ist noch gar sehr unendlich! Ich könnte dir noch eine unendliche Frage stellen; aber wie würdest du, endlicher Geist, sie mir je beantworten? Und so schweige ich lieber, da ich es einsehe, dass das rein Unmögliche für meine Sättigung von dir auch unmöglich zu verlangen ist. Ein kleiner Tautropfen kann wohl einer Mücke Durst löschen, aber einer Zentralsonne wird er wohl schwerlich genügen! Ich meine, du wirst wohl so ungefähr verstehen, was ich mit dieser Parabel andeuten will?“
BM|0|199|4|0|Spricht Johannes: „O ja, o ja, ohne viel Mühe und Kopfzerbrechen; aber ich entnehme daraus noch mehr, als du glauben dürftest! Siehe, ich entnehme daraus auch, dass du, so dir dein vermeintlicher Weisheitsfaden vollends ausgegangen ist, dann sogleich wieder zu deinem alten lügenhaftesten Hochmut die Zuflucht nimmst und willst dich damit selbst befriedigen. Aber siehe, es tut sich so was nun denn doch wohl nicht mehr.
BM|0|199|5|0|Messe meinen und dann deinen Umfang, und du wirst dich leicht überzeugen, wie es nun mit unserer beiderseitigen Unendlichkeit steht! Ich meine, was sich mit der Elle und mit dem Zirkel bemessen lässt, da ist die Unendlichkeit nicht eben gar zu weit her! Und so steht es auch mit deiner und meiner Unendlichkeit. Ich sage dir, der sich für unendlich dünkt, der versteht entweder nicht, was die Unendlichkeit ist, oder er ist ganz und gar ein Narr und kann somit um desto weniger fassen, was die Unendlichkeit in jeder Hinsicht und Beziehung ist.
BM|0|199|6|0|Schau, schau, du hast ehedem von einer unendlichen Frage gefaselt! Sage, würdest du mit ihr wohl je fertig werden? So aber deine Frage ewig kein Ende nähme, wann soll dann darauf die gleichfalls unendliche Antwort ihren Anfang nehmen? Das musst du ja doch nun einsehen, dass solch hochtrabende Reden aus deinem Munde heraus nichts als die unsinnigsten Faseleien sind! Ober siehst du das wirklich nicht ein?“
BM|0|199|7|0|Spricht Satan: „Ich sehe alles ein, so ich’s will. Aber ich will manches geflissentlich nicht einsehen, und das bloß darum, weil es mir als einem Herrn der Herrlichkeit nicht beliebt! Verstehst du diese meine Sprache?“
BM|0|199|8|0|Spricht Johannes: „O ja, das ist deine alte, uns allen nur zu bekannte Sprache. Aber diese Sprache hören wir nicht mehr an, sondern gebieten dir jetzt, diese Welt mit deiner Zentralwesenheit zu verlassen und dich im Namen des Herrn zur Erde auf den dir bestimmten Ort zu begeben! Wirst du dort ruhig sein, so soll dir kein weiteres Leid zukommen. Wirst du aber voll Unruhe und Bosheit sein, da wirst du dir es dann nur selbst zuzuschreiben haben, so dir der Herr Seines Zornes Schärfe zum Verkosten geben wird!“
BM|0|199|9|0|Spricht Satan: „Liebe Freunde, tut ihr mir das nur nicht an; denn vor der Erde graust mir nun wie vor einem allerekelhaftesten Aas! Belasst mich hier! Ich verspreche euch, mich für ewig wie ein Stein ruhig zu verhalten; nur von hier treibt mich nicht!“
BM|0|200|1|1|Johannes überführt den Satan als Lügner. Neuer Friedenskontrakt zwischen Johannes und Satan
BM|0|200|1|0|Spricht Johannes: „Höre, du sprichst, dass es dich vor der Erde ärger denn vor einem allerekelhaftesten Aas ekle. Das kommt mir ganz sonderbar vor! Bist du es doch, der mit seiner tiefsten Weisheit und großherrlichsten Meisterschaft die Erde so zugerichtet hat, wie sie nun bestellt ist! Wie kann, wie soll es dich dann gar so ekeln nun vor deiner Weisheit Meisterwerke?
BM|0|200|2|0|Siehe, ich habe durch die Gnade des Herrn auch so manchem Werkchen ein Dasein bereitet; aber habe noch bei keinem irgendeinen Grund gefunden, mich desselben zu schämen oder gar einen Ekel vor ihm zu haben.
BM|0|200|3|0|Derselbe Fall ist auch bei allen meinen zahllosen himmlischen Brüdern und Schwestern durchaus gleich vorhanden, und doch hat sich noch nie eines von uns je dir gleich mit übergöttlicher Weisheit gebrüstet. Denn wir alle rühmen uns nie – außer der Gnade des Herrn rühmen wir uns, so wir uns rühmen! Und alle unsere Werke sind lieblich vor dem Herrn und herrlich in jeder Art und Weise, und wir haben die gerechteste Ursache, uns ihrer zu freuen. Wie kommt es hernach, dass dir deine hochweisen Machwerke ein Ekel der Ekel sind?“
BM|0|200|4|0|Spricht Satan: „Ist denn die Erde mein Werk? Steht es nicht geschrieben: ‚Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde?‘ Wie wäre denn dann die Erde mein Werk?“
BM|0|200|5|0|Spricht Johannes: „Oho, wie wechselst denn du nun deine Rede? Sagtest du nicht wie oft schon, dass du nicht nur so ganz eigentlich der Schöpfer der Erde und der ganzen Unendlichkeit seist, sondern das alles wärst du im Grunde selbst?!
BM|0|200|6|0|So weiß ich mich auch überaus gut zu erinnern jener großen Zeit der Zeiten der Erde, wo du dir die allerfrechste Freiheit nahmst, den Herrn, deinen Gott und Schöpfer, auf eines hohen Berges Spitze zu führen und allda zu Ihm zu sagen: ‚Siehe, das alles ist mein! Alle Reiche dieser Erde will ich dir geben, so du vor mir niederfällst und mich anbetest!‘ So du aber da die Erde dein nanntest, wie ist sie denn hernach nun wieder ein Werk des Herrn? Sage, wann hast du gelogen: damals oder jetzt?“
BM|0|200|7|0|Spricht Satan: „Ich bitte dich, beschäme mich nun nicht so gewaltigst! Ich gestehe es ja, dass ich damals gelogen habe, und dass ich auch jetzt mehr oder weniger gelogen habe, weil es schon so in meiner Natur liegt! Ich gestehe es auch, dass ich viel schuld daran bin, dass nun die Erde so ekelhaft aussieht! Aber nur verschone mich nun mit derlei Vorrupfungen und gebe mir Ruhe! In der Zukunft wirst du nie wieder Ursache haben, mit mir armem Teufel so zu grollen!“
BM|0|200|8|0|Spricht Johannes: „Welche Garantie aber gibst du uns nun, derhalben wir dir glauben könnten?“
BM|0|200|9|0|Spricht Satan: „Du weißt es ja, dass es schon von altem Alter her gelautet hat, dass da in mir keine Wahrheit ist. Wenn aber also, womit könnte ich dir Garantie leisten? Dein Wille sei mein Gericht, so ich mein Wort breche! Das ist alles, was ich dir zur Sicherung meines Versprechens geben kann!“
BM|0|200|10|0|Spricht Johannes: „Nicht mein, sondern des Herrn Wille sei dein Gericht, und so bleibe denn nach deiner Bitte!“
BM|0|200|11|0|Hierauf beruft Johannes alle die Anwesenden und spricht: „Brüder, ihr wisst es, dass ein Kontrakt, der zwischen einem Redlichen und einem der Redlichkeit Verdächtigen abgeschlossen wurde, der Zeugen benötigt, auf dass durch sie der Kontrakt volle Rechtskraft erhält. Ihr habt nun alles gehört und gesehen, was hier vorgefallen ist und was alles hier geredet wurde und zu welchem Zweck. Des Zeugnisses halber seid ihr vom Herrn aus hierher mitgekommen, so wie der Martin und ich des Wortes und der Schlichtung und auch des Zeugnisses wegen. Darum sollt ihr alle ein ewiges lebendiges Zeugnis verbleiben dessen, das ihr hier gesehen und gehört habt. Und euer Zeugnis soll wahr sein ewig vor dem Herrn und vor allen Seinen Himmeln und Kindern!“
BM|0|200|12|0|Sprechen die Zeugen einmütig: „Ja, so wahr unser Leben ist ein Leben aus Gott!“
BM|0|200|13|0|Spricht darauf Johannes zum Satan: „Unser Kontrakt ist nun durch ewig wahrhaftige Zeugen gekräftigt und sanktioniert; daher halte dein Versprechen! Wehe dir aber, dreimal Wehe, so du nach deiner alten Art dein Versprechen nicht halten wirst!“
BM|0|200|14|0|Spricht Satan: „Wozu so viel Aufhebens? Zeige mir nur einen Platz an, und ich sage dir: komme nach Dezillionen Sonnenjahren und du wirst mich finden, wie du mich nun verlassen wirst!“
BM|0|200|15|0|Spricht Johannes: „Gut, also sei es denn! Dort zwischen den zwei Bergen siehst du einen Rasen, ganz hoffnungsgrün. Dorthin begebe dich, und ruhe im Namen des Herrn Jesu, des Gesalbten von Ewigkeit!“
BM|0|200|16|0|Bei dem Namen ‚Jesus‘ springt der Satan wie ein Blitz von dannen und nimmt unter einem starken Geheul den angezeigten Platz ein. Alle die Gesandten aber kehren nun wieder heim.
BM|0|201|1|1|Selige Heimkehr ins Haus Shonels. Des Herrn lobende Empfangsrede, besonders an Martin. Seine große Verheißung vom Liebesgericht
BM|0|201|1|1|(Am 8. Okt. 1848)
BM|0|201|1|0|Die Heimreise geschieht ebenso schnell als die ehemalige Hinreise, und so sind die ausgesandten Boten in einem Nu bei Mir, und zwar im Haus des Shonel.
BM|0|201|2|0|Als sie da anlangen, so eilen sie sogleich zu Mir hin voll Freuden, voll Liebe und Dank für die ihnen verliehene Kraft, Macht, Liebe und große Geduld.
BM|0|201|3|0|Martin ist der Erste, der nun vor brennendster Liebe vor Mir niederfällt und Mich gar über alle Maßen zu loben und zu preisen beginnt.
BM|0|201|4|0|Ich aber erhebe ihn und sage zu ihm: „Mein geliebter Sohn und Bruder, du hast nun ein allerärgstes Geschäft gut ausgeführt und warst meinem Bruder Johannes ein überaus tauglicher Wegbereiter; so ist es recht, Mein Martin!
BM|0|201|5|0|Du warst im Anfang wohl ein wenig zu hitzig und machtest einen etwas zu grellen Gebrauch von Meiner dir verliehenen Macht. Aber als dich der Bruder Johannes ermahnte, da handeltest du dann vollends nach Meiner gerechtesten Ordnung und hast dich dabei so gut benommen, dass du mit dem Satan etwas Derartiges bewirkt hast, was bis jetzt noch keinem ganz ohne Gericht gelungen ist.
BM|0|201|6|0|Denn fast alle Boten konnten bisher mit dem Satan nur durch ein schärfstes zeitweiliges Gericht etwas ausrichten; denn seiner Reden Schärfe konnten sie kein Gegengewicht halten! Aber du hast ihn durch deine Rede so zugerichtet, dass er sich dann in des Bruders Johannes Rede von selbst freiwillig gefangengeben musste; und das ist bisher noch nie vorgekommen! Er ist nun frei und ruht dennoch auf dem angewiesenen Platz, obschon er sich bewegen könnte, und das ist gut.
BM|0|201|7|0|Freilich hat er noch viele Legionen, die in seinem Namen Arges wirken; die Erde wird es empfinden, aber auf kurz nur. Dann aber wird die arge Quelle mehr und mehr versiegen und alles Arge wird dadurch erlahmen, wenn schon nicht völlig ein Ende nehmen. Aber es wird dann auch das Ende alles Argen nicht mehr fern sein!
BM|0|201|8|1|(Am 10. Okt. 1848)
BM|0|201|8|0|Das Gericht über alles Arge aber wird sein unsere Liebe. Diese wird alles gefangen nehmen, und nichts wird ihr widerstehen können ewig! Der Liebe Gericht aber wird sein ein festes, ein ewig unwandelbares, aber es wird nicht drücken als eine schwerste Bürde, sondern nur gefangen halten, was nicht frei werden wollte!
BM|0|201|9|0|Bevor aber dieses Gericht seinen Anfang nehmen wird, wollen wir noch einmal Einlader zum großen Festmahl hinaussenden nach allen Sternen (Welten), und wer immer da getroffen wird, soll hereinzukommen genötigt werden! Wohl denen, die sich den Einladungen nicht widersetzen werden; ihrer Freuden soll nimmer ein Ende werden!“
BM|0|202|1|1|Himmlische Ehe als Vollendung der göttlichen Ordnung. Vom Wesen des Weibes. Martins himmlische Mission als Vollendeter
BM|0|202|1|0|[Der Herr:] „Nun, Meine Kindlein, aber noch etwas anderes! Martin, Borem und Chorel, tretet näher zu Mir! Ihr habt euch nun durch alle schweren Prüfungen durchgewunden, und seid siegreich aus so manchen starken und sehr hitzigen Kämpfen hervorgegangen, und habt euch dadurch völlig tauglich gemacht für Mein Reich der Himmel.
BM|0|202|2|0|Ihr wart und seid nun zu tüchtigen Arbeitern in Meinem Weinberg geworden, und so seid ihr auch eines gerechten Lohnes wert geworden, der euch nun zuteilwerden soll. Ich weiß es und lese klar in euren Herzen, dass Ich euer allergrößter Lohn bin und ihr für ewig nach keinem anderen ein Verlangen tragt. Aber eben diese Gestaltung eurer Herzen macht euch auch für den Empfang jedes anderen Lohnes vollends wert und fähig.
BM|0|202|3|0|Meine Ordnung zu eurer höchsten Vollendung aber will es, dass ihr in der Folge nicht außer, sondern in der Ehe der Himmel leben und wirken sollt. Daher muss auch ein jeder aus euch, um vollkommen zu sein in allem, ein Weib haben, auf dass da er feste für ewig seine Weisheit und aufnehme das Licht, das da der Flamme der Liebe im eigenen Herzen entströmt!
BM|0|202|4|0|Denn ein Weib ist wie ein Gefäß, aber ein geistig Gefäß, zur Aufnahme und Aufbewahrung des Lichtes aus euren Herzen. Und zugleich aber ist das Weib eine Magd in der Lebensküche des Herzens und unterhält das heilige Lebensfeuer auf dem Herd, den Ich in euren Herzen erbaut habe. Und so denn sollt ihr nun auch ein jeder ein Weib nehmen und mit demselben vollends eins sein für ewig! Martin, Ich meine, das wird dir nicht unangenehm sein?“
BM|0|202|5|0|Spricht Martin, vor Seligkeit ganz zerknirscht: „O Herr, Du kennst meine Natur am besten! Was Du mir geben wirst, wird mich endlos selig machen! Chanchah oder Gella, das ist mir gleich; oder wenn’s tunlich wäre, so ein Sonnentöchterchen; oh, oh, oh! Das wäre schon über alles!“
BM|0|202|6|0|Rede Ich: „Das steht nun bei dir; du bist frei und darfst sonach auch frei wählen!“
BM|0|202|7|0|Spricht Martin: „O Herr, ganz allein Dein Wille geschehe!“
BM|0|202|8|0|Rede Ich: „Nun, so nehme dir die nächste bei dir!“
BM|0|202|9|0|Martin, voll Seligkeit sogleich sich umsehend, erschaut schon die Marelisael, die erste und schönste der drei Sonnentöchter, an seiner Seite. Er führt sie vor Mich hin und fragt: „Herr, ist das die Rechte?“
BM|0|202|10|0|Ich sage: „Ja!“ und segne ihn für ewig, und Martin ist vollendet.
BM|0|202|11|0|Voll nun der höchsten Seligkeit küsst er sein Himmelsweib und erkennt nun, dass dadurch seine Liebe sich mit der Weisheit für ewig vermählt hat. Beide loben und preisen Mich nun wie aus einem Herzen und aus einem Munde. Denn so wird aus dem getrennten Adam im Himmel erst wieder ein vollkommener Mensch, aber gesonderter, persönlich seligster Wesenheit.
BM|0|202|12|0|Nach dem Martin bekommt Borem – Surahil, die zweite der drei Sonnentöchter, und Chorel die Hanial, die dritte der drei – und beide sind glücklich und selig über die Maßen!
BM|0|202|13|0|Martin, sich vor Seligkeit und süßestem Wonnegefühl kaum fassend, spricht: „O Herr, Du bester, heiligster Vater! Hier möchte ich nun wohl auch, wie einst Petrus auf dem Tabor ausrufen: ‚Hier ist gut sein!‘ Aber nur allein Dein Wille geschehe!“
BM|0|202|14|0|Sage Ich: „Mein lieber, nun vollendeter Martin! Hast du auf der Erde das alte Sprichwort nie gehört, das so lautet: ‚Wer die Liebe hat, der führt die Braut heim!‘ Siehe, das wird nun auch bei dir der Fall sein. Daher, da wir nun hier in diesem großen Haus alles geordnet haben, werden wir wieder heimziehen!
BM|0|202|15|0|Der Weg aber, den wir gehen werden, soll diesen nun Meinen neuen Kindern auf dieser großen Lichterde fortan offen bleiben bis in dein und Mein Haus. Alle aber, die du aufgenommen hast in dein Haus, bleiben dein für ewig und Mein für ewig. Denn was Mein ist, das ist nun auch dein, und was dein ist, das ist auch Mein für ewig.
BM|0|202|16|0|Also wirst du aber auch für ewig der Schutzengel dieses Hauses und dieser Gemeinde verbleiben in Mir, wie Ich in dir. Aber nicht nur diese Gemeinde dieser Welt, sondern auch alle zwölf Tore deines Hauses werden dich in zahllose andere Erdengemeinden führen, wo du erst der Seligkeiten ohne Maß und Zahl finden wirst!
BM|0|202|17|0|Nun noch ein Wort an die neuen Kinder dieser Erde! Das aber gehe aus deinem Munde!“
BM|0|203|1|1|Martins Rede an seine Sonnengemeinde. Uhrons gute Erwiderung und seine Bitte an den Herrn
BM|0|203|1|1|(Am 11. Okt. 1848)
BM|0|203|1|0|Martin dankt aus aller seiner Lebenstiefe für diesen Auftrag, wendet sich dann an den Uhron und Shonel und spricht: „Liebe Freunde und Brüder, ihr habt nun selbst mit euren Augen gesehen und mit euren Ohren gehört, was der Herr Selbst getan und geredet hat! Eure Bitte war aber – als ihr es begriffen habt, dass sie notwendiger ist denn der Dank –, dass der Herr und wir alle fortwährend in eurer Mitte verharren möchten. Der Herr hat diese Bitte wohlgefällig erhört und wird euch alles gewähren, das da eure große Liebe zu Ihm und uns wünscht. Aber es versteht sich von selbst, nur in und aus Seiner ewigen Ordnung heraus.
BM|0|203|2|0|Wir werden zwar nicht in unserer Persönlichkeit hier verbleiben, wohl aber einen sicheren Weg eröffnen, auf dem ihr allzeit zu uns wie wir zu euch sichtlich werden gelangen können.
BM|0|203|3|0|Verharrt aber von nun an fortwährend in der Lehre, die nun aus des Herrn Munde an euch erfloss, so wird der Weg von euch zu Ihm ein gar wunderkurzer sein. Aber so ihr Seine Worte und Lehren mit der Weile weniger achtet, als es nun der Fall ist, wo ihr von des Herrn Wort und Lehren ganz durchdrungen seid, da freilich würde dieser Weg ein stets längerer und mühevollerer werden, wovor euch aber der Herr Selbst und eure große Liebe zu Ihm bewahren wird!
BM|0|203|4|0|Mein Haus und des Herrn Haus sind nicht zwei Häuser, sondern nur ein Haus; denn es ist ein Haus der Liebe! Ihr wisst, wo es steht, und so denn kommt allzeit in dies Haus zu uns! Da werdet ihr den Herrn allzeit in unserer Mitte treffen als den ewig heiligen, besten Vater in der Mitte Seiner Kinder, die Ihn über alles lieben! Also sei es im Namen des Herrn!“
BM|0|203|5|0|Spricht Uhron: „Gott dem Herrn alle unsere Liebe und euch durch Ihn; Sein Name werde geheiligt ewig!
BM|0|203|6|0|Unsere lieben Töchter, vom Herrn und von uns euch gegeben, seien unser Herz in euch und unsere Zunge des tiefsten Dankes in eurem Munde. Soweit aber die Strahlen unserer Welt in die Unendlichkeit hinauslangen, so weit lange auch der Lobgesang, den wir allzeit dem Herrn und euch in Ihm darbringen werden in der reinsten Harmonie!
BM|0|203|7|0|(Zu Mir, dem Herrn, sich wendend:) Und Du, o namenlos heiligster Vater, gedenke unser als Deiner neuen Kinder! Erhalte uns und alle unsere Nachkommen und unsere große Gemeinde in Deiner Gnade und Liebe ewig! Und gedenke aber auch jener anderen Gemeinden und Völker, die irgendwo dieser großen Erde uns noch völlig unbekannte Länder und Gürtel bewohnen! Dein Wille tue ihnen wie uns nach Deiner Liebe und endlosesten ewigen Weisheit!“
BM|0|203|8|0|Sage darauf Ich: „Amen, sage Ich euch, Ich werde sie aus allen Gegenden Meiner endlosen Schöpfungen um Mich versammeln und geben jedem das Seine in der Fülle ewig! Meine Liebe, Meine Gnade und Erbarmung sei mit euch!“
BM|0|204|1|1|Heimkehr der himmlischen Gesellschaft. Ein Werk der Barmherzigkeit. Der Weg zur Stadt Gottes. Herrliche Begegnung und Begrüßung
BM|0|204|1|0|In diesem Augenblick erheben wir uns und sind auch sogleich im Haus Martins, wo alle, auch die bewussten hinterlassenen Badegäste ganz gereinigt unser harren, vor uns sogleich auf ihre Angesichter niederfallen und Mich um Gnade und Erbarmung anflehen, die ihnen auch sogleich zuteilwird im Vollmaß.
BM|0|204|2|0|Darauf wird Martin mit allen seinen Gästen, Freunden und Brüdern von Mir zum ersten Mal auf die Galerien seines Hauses geführt, von welchen gegen Morgen hin ein Tor offen steht, von welchem aus ein herrlicher Weg in die heilige Stadt Gottes führt.
BM|0|204|3|0|An diesem Tor kommen dem Martin auch alle anderen Apostel samt Maria, Joseph und David, Moses, Abraham, Noah, Henoch, Adam und Eva, nebst allen anderen Patriarchen und Propheten entgegen und begrüßen ihn gar überaus freundlichst als einen neuen Bürger Meiner Stadt.
BM|0|204|4|0|Da erst werden dem Martin die Augen vollends eröffnet und seine wahre Seligkeit nimmt erst hier ihren vollen Anfang.
BM|0|204|5|0|Das ist aber auch das Ziel, wie weit Ich euch Meine Führung jenseits des Grabes an dem Bischof Martin zeigen wollte. Denn so Ich euch noch weiter führen wollte, da würdet ihr die Sache schwer fassen, weil wir da wohl nie zu einem Ende kommen würden!
BM|0|205|1|1|Schlussmahnung des Herrn an die Leser
BM|0|205|1|0|Wer diese speziellst dargestellte Szene aus dem Jenseits aber gläubig und wohlbeherzigend überliest, der wird es sogar greifen können, wie es mit dem Menschen nach der Ablegung des Leibes im Reich der Geister aussieht; und wird sich danach richten können. Wer aber ein Weltmensch ist, der wird das ebenso, wie die ganze Heilige Schrift ungläubig als eine Torheit eines hirnlosen Skriblers [Schriftstellers] verwerfen. Allein an dem liegt ja nichts, denn über kurz wird er doch dahin kommen, wo ihm außer Mir niemand wird helfen können!
BM|0|205|2|0|Sollte sich etwa irgendein poetisch-philosophischer Kopf an manchen Reden Martins stoßen, weil sie ihm teilweise etwa doch zu irdisch, schmutzig und ungeistig klingen sollen, dem sei bloß das gesagt: ‚Wo ein Aas ist, da versammeln sich die Adler!‘ und des Menschen Geist ist gleich hier wie jenseits in seiner Trübsal; so er aber geläutert wird von allen Schlacken, da wird er auch reden als ein reiner Geist ohne Schmutz und Trübe.
BM|0|205|3|0|Obschon aber durch diese Enthüllung die Geisterwelt nahe völlig erschöpfend gezeigt ist, in den verschiedensten Haupt- und Seitenführungen der Seelen und Geister [im] Jenseits, so müsst ihr aber das dennoch nicht als einen allgemeinen, sondern lediglich nur als einen individuell-speziellen Führungsfall ansehen und annehmen, der lediglich die Reinigung und Vollendung Martins bezweckt. Noch nachfolgende kurzgefasste Szenen aus dem Jenseits werden euch darüber ganz klar belehren.
BM|0|205|4|0|Diese in allen Teilen speziell gezeigte Szene Martins aber ist für sich dennoch als ein abgeschlossenes Ganzes zu betrachten. Nehmt sie gläubig an, so werdet ihr [im] Jenseits leichteren Weges wandern, als viele Tausende, die vom jenseitigen Leben keine Ahnung haben, und sind voll Nacht und Finsternis. Meine Gnade, Mein Segen und Meine Liebe mit euch allen! Amen!
RB|1|1|1|1|Robert Blums irdischer Lebensweg. Herkunft seiner Seele.
RB|1|1|1|1|(Am 27. Nov. 1848)
RB|1|1|1|0|Dieser Mensch der deutschen Zunge kam unter den dürftigsten Umständen auf diese Erde und hatte bis auf einige seiner letzten Jahre stets mit der natürlichen, irdischen Lebenserhaltungsnot zu kämpfen, was ihm aber aus (der Welt freilich gänzlich unbekanntem) gutem Grund zuteilward, weil seine Seele und sein Geist von jenem Planeten herstammte, von dem ihr aus der Enthüllung der ,natürlichen Sonne‘ (siehe ,Die natürliche Sonne‘) wisst, dass seine Einwohner mit ihrer hartnäckigsten Beharrlichkeit ganze Berge versetzen und, was sie leiblich nicht vollbringen, das setzen sie sogar nach und nach als Geister ins Werk.
RB|1|1|2|0|Dieser durch seine Tollkühnheit gefangen genommene und für diese Welt hingerichtete Mann zeigte schon von seiner Kindheit her, welch beharrlichen Geistes er war. Und obschon Ich Selbst ihm, wo er sich nur immer erheben wollte, stets die tauglichsten Hindernisse in den Weg legte, wegen seines (Seelen-)Heiles – so half das aber am Ende, besonders für diese Welt, doch wenig. Denn seines Geistes zu rastlos beharrliches Streben brach sich endlich aus all seiner (ihm) gestellten Unbedeutendheit doch eine Bahn, auf der er zu einem größeren Wirken gelangte.
RB|1|1|3|0|Auf diesem Wirkungsstandpunkt machte er sogleich tausend große Pläne, setzte sie auch nach Möglichkeit ins Werk. Vor allem lag ihm ein gewisses Völkerwohl am Herzen, welches zu bewerkstelligen er kein Opfer scheute! Fürwahr, so er alle Schätze der Erde besessen hätte, so hätte er sie auch alle, samt seinem Leben, für die Realisierung dieser seiner für ihn höchsten Idee in die Schanze geschlagen!
RB|1|1|4|0|Diese Völkerwohlidee hatte er aber freilich hauptsächlich der bloßen Welt-Religionsschule des Ronge und dessen Genossen zu verdanken, welche Religion aber eigentlich gar keine Religion und keine Kirche ist und auch nie sein wird, weil sie Mich, den Herrn, leugnet und Mich zu einem ganz gemeinen und gewöhnlichen Menschen und Volkslehrer der Vorzeit macht. Diese Sein-wollende reine Kirche verwirft sonach aber auch den Grundstein, auf dem sie ihr Gebäude aufführen will, baut somit auf Sand; und ihr Haus wird daher einen schlechten Bestand haben.
RB|1|1|5|0|Wie aber Ronge seine Kirche baute, so auch baute unser Mann seine Völkerwohlideen auf Sand. Ihm war alles, was die Welt darbietet, nur äußerst klein und ohnmächtig; bloß in seiner Rednergabe sah er jene Machtgröße, der es gelingen müsse, in Kürze allen Machthabern den Stab zu brechen.
RB|1|1|6|0|Seine Überzeugung war darin so stark, dass er darüber nahe keines Bedenkens fähig war. Mahnte Ich ihn auch innerlich bei zu toll gewagten Unternehmungen, so vermochte ihn aber das dennoch nicht abzuhalten von dem, was er sich einmal zu verwirklichen vorgenommen hatte. Denn es war das bei ihm eine Art Wahlspruch, dem zufolge ein rechter Deutschmann eher alles opfern solle, als von einer einmal gefassten und durchdachten Idee abzugehen! (Er meinte also,) ein Deutscher höre dadurch auf, ein Deutscher zu sein, so er mit Ideen zu tauschen anfange.
RB|1|1|7|0|Zur Festhaltung seiner einmal gefassten und zur Ausführung bestimmten Ideen bestärkte ihn auch das mehrmalige glänzende Gelingen derselben. Und so wagte er sich nun auch über ein Himalayagebirge, weil ihm die Abtragung einiger politischer Hügel gelang, durch welche Arbeit er sich auch allgemein bemerkbar gemacht hatte, und gewann dabei das Vertrauen eines ganzen Landes; welches Vertrauen ihm aber dann auch den Weg zu seinem unvermeidlichen irdischen Untergang bahnte.
RB|1|1|8|0|Er erprobte in der Deutschen Versammlung [Nationalversammlung in Frankfurt am Main 1848] die Macht seiner Zunge zu öfteren Malen und hatte heimlich eine große Freude über seine gefeierten Zungensiege, woran freilich sein starker Geist den größten Anteil hatte. Auf diese Siege gestützt und allerfestest vertrauend, eilte er vom Ort seiner Bestimmung in eine große ostdeutsche Stadt [Wien], wo das Volk auch die unverkennbarsten Symptome seiner Ideen tatsächlich ans Tageslicht zu fördern begann. Da wollte er sozusagen mit einem Schlage etliche dreißig sogenannte Fürstenfliegen totschlagen, ohne zu bedenken, dass hinter diesen Fliegen auch Ich, der Ich freilich für ihn nichts war, etwa doch auch ein paar Wörtchen eher zu reden hätte, bevor sie eine Beute seines Fliegenprackers [Fliegenklatsche] werden sollten!
RB|1|1|9|0|Unser Mann ging hauptsächlich von der Idee aus, die er wohl aus Meinem Worte borgte, dass man „vollkommen“ sein sollte gleich dem Vater im Himmel, und dass da nur Einer der Herr ist, und alle anderen aber Brüder, ohne Unterschied des Standes und des Geschlechtes. Aber er glaubte fürs Erste an Den nicht, dem die Menschen in der Vollkommenheit gleichen sollen. Für den Herrn aber hielt er nur so ganz eigentlich sich – durch die Macht der Rede; vergaß aber dabei ganz, dass die Fürsten auch Menschen sind, freilich im Besitz der Macht – aus Mir; und vergaß auch jenen Schrifttext, wo es heißt: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ [Matth. 22, 21] – wie auch: „Seid jeder Obrigkeit untertan, ob sie gut oder böse ist; denn sie hätte keine Macht, so sie ihr nicht von oben gegeben wäre!“ [Röm. 13, 1] Gegen diese Macht hilft nur das Gebet und ein rechter Lebenswandel nach Meinem Wort, aber kein sogenannter politischer Fliegenpatscher.
RB|1|1|10|0|Dieser Mann wurde in der früher [oben] erwähnten Stadt, wo er seine völkerbeglückende Idee durch die Gewalt der Waffen wie durch seine Reden realisieren wollte, als ein dem Staat gefährliches Individuum gefangen genommen und nach einem kurzen Prozess aus dieser in die andere Welt befördert, und somit ward auch sein diesweltlicher Völker beglücken-sollender Wirkungskreis abgeschlossen.
RB|1|2|1|1|Hingerichtete im Jenseits. Bewusstwerden des Lebensgefühls.
RB|1|2|1|0|Nun fragt es sich: Wie kam seine Seele und sein Geist in der ewigen Geisterwelt an? Wie befindet er sich dort? Und was tut er?
RB|1|2|2|0|Es muss hier bemerkt werden, dass die meisten der ihr irdisches Leben durch ein Strafgericht gewaltsam Einbüßenden in der Geisterwelt mit dem größten Zorn und Rachegefühl gegen ihre Richter wie Flüchtlinge ankommen und eine Zeit lang wie völlig Rasende herumtaumeln, was von ihrem großen Zorn und übermäßigen Rachedurst herrührt. Aus solchem Grund werden solche Überkömmlinge, so sie wirkliche Verbrecher wider Gottes Gebote sind, also im Grunde böse, alsogleich zur Hölle getrieben, die ihr eigentliches Element ist, um dort ihre Rache zu kühlen, aus der sie aber, so ihre Rache in etwas abgekühlt ist, wieder in die eigentliche Geisterwelt zurückkehren, und da von Neuem ihre Freiheitsprobe freilich auf notwendig sehr beschränkten Wegen durchzumachen beginnen.
RB|1|2|3|0|Geister aber wie der unseres Mannes, die bloß als politische, also rein weltliche Verbrecher gegen weltliche Gesetze, die freilich auch mit den Gottesgesetzen im Verband stehen, weltlich gerichtet drüben ankommen, werden anfangs bloß in einen lichtlosen Zustand versetzt, in dem sie wie Blinde sich befinden und somit auch keines Wesens ansichtig werden, an dem sie sich vergreifen würden, und kühlen ihre blinde und große Rache. Denn großer Zorn und große Rache bewirken schon bei Menschen auf der Welt, dass sie förmlich blind werden vor Zorn und glühendster Rachewut; umso mehr bewirken diese argen Leidenschaften bei Seele und Geist, in denen sie hauptsächlich auftauchen und zu Hause sind, den Zustand der gänzlichen Blindheit. In diesem Zustand werden solche Geister so lange belassen, bis sich mit der Weile ihre Rache in das Gefühl der Ohnmacht umgewandelt hat, und die so tief gekränkte und beleidigte Seele im stets mehr auftauchenden Gefühl ihrer Ohnmacht zu weinen beginnt; welches Weinen zwar wohl auch dem Zorn entstammt, aber denselben nach und nach auch ableitet und schwächt.
RB|1|2|4|0|Hier diesseits konnte unser Mann nichts mehr tun als bloß nur, da er für diese Welt alles als rein verloren ansehen musste, so viel als möglich seine männliche Ehre retten, aus welchem Grund er sich auch bei seiner Hinrichtung so entschlossen und den Tod verachtend zeigte; was aber durchaus nicht der Fall war, da er in sich wohl gar überaus stark die Schrecken des Todes fühlte, und das umso mehr, da er als ein fester Neukatholik an ein Leben der Seele nach dem Abfall des Leibes durchaus nicht glaubte.
RB|1|2|5|0|Aber in ungefähr sieben Stunden nach seiner Hinrichtung, da seine Seele sich gewisserart wieder zusammenklaubte, überzeugte er sich schnell von der Grundlosigkeit seines irdischen Glaubens und gewahrte gar bald nur zu unwidersprechlich, dass er fortlebe. Aber da verwandelte sich seine individuelle Überzeugung von dem Fortbestehen nach des Leibes Tod in einen anderen Unglauben, und zwar also: Er meinte und behauptete nun bei sich, dass er wohl auf den Richtplatz ausgeführt wurde, und blind [nur scheinbar] erschossen wurde, um die vollkommene Todesangst auszustehen. Aber da auf ihn nur blind geschossen wurde, weshalb ihm auch der Offizier die Augen verbinden habe lassen, auf dass er nicht das leere In-die-Luft-schießen merken solle – so sei er bloß vor Angst betäubt zusammengesunken und wurde von da in einem ganz bewusstlosen Zustand in einen finstern Kerker gebracht, von wo ihn eine starke Reklamation von Deutschlands Bürgern sicher bald in die erwünschte Freiheit setzen würde.
RB|1|2|6|0|Ihn genierte [störte] nun bloß die starke Finsternis, also ein sehr finsteres Loch, das ihm aber jedoch nicht feucht und übel riechend vorkommt. Er befühlt sich auch die Füße und die Hände und findet, dass ihm nirgends Fesseln angelegt sind. Da er sich aber fessellos fühlt, so versucht er die Weite seines Kerkers zu untersuchen, und wie etwa der Boden beschaffen ist. Ob sich in seiner Nähe etwa nicht so ein heimliches Gericht vorfindet?!
RB|1|2|7|0|Aber er staunt nicht wenig, als er fürs Erste gar keines Bodens gewahr wird und ebenso wenig irgendeiner Kerkerwand; und fürs Zweite aber auch nicht irgend von einer Hängematte etwas finden kann, in der er sich etwa in einem freien Katakombenraum hängend befände.
RB|1|3|1|1|Robert wähnt sich in einer Narkose.
RB|1|3|1|0|Diese Sache kommt ihm sehr bedenklich sonderbar vor. Er prüft auch sein Gefühl, ob dieses nicht etwa an den Extremitäten so gewisserart noch halbtot sei. Aber er überzeugt sich durch ein tüchtiges Kneipen und Reiben über alle seine Seelenbestandteile, dass sein Gefühl durchaus nicht tot ist, im Gegenteil nur gar zu sehr lebendig.
RB|1|3|2|0|Als er sich nun, genau prüfend, von allen Seiten überzeugt, dass er vollends lebendig ist und sich von keiner Seite her irgendwie eingeschlossen befindet, außer von einer vollkommensten Nacht und Finsternis – da fragt er sich endlich ganz verzweifelt aufgeregt:
RB|1|3|3|0|„Wo in drei Teufels Namen bin ich denn? Was haben denn die durstigen Bluthunde aus mir gemacht? Erschossen haben sie mich nicht, sonst lebte ich nicht! Eingesperrt haben sie mich auch nicht; denn da finde ich weder Wand noch Boden und keine Fesseln an meinen Gliedern! Mein vollkommenes Gefühl habe ich auch; die Augen habe ich auch, sie sind mir nicht ausgestochen und doch sehe ich nichts! Was haben sie denn mit mir gemacht? Wahrhaftig, das ist schaudervoll merkwürdig! Dieser Menschenfeind, der mich pro forma [zum Schein] hat erschießen lassen, muss durch irgendeinen Chemiker mich vielleicht auf eine ganz eigene Art, etwa durch ein aller sonstigen gelehrten Welt unbekanntes Narkotikum haben narkotisieren lassen, welcher Operation zufolge ich nun mich in diesem Zustand befinde! Aber warte, du Wüterich, du Völkerrechtemörder, wenn ich aus dieser Narkose komme, wenn ich wieder nach Frankfurt komme, dann freue dich! Ich werde dir eine Suppe kochen, eine ganz verdammt heiße Suppe!
RB|1|3|4|0|Dieser Zustand wird nicht ewig dauern. Man wird mich in Frankfurt und in ganz Sachsen requirieren [dringend rufen]. Und ich werde, ja ich muss dahin kommen! Und bin ich dort, dann tausendfaches Wehe dir! Du sollst dann kennenlernen, was für ein Frevel es ist, an einem ersten Reichstagsdeputierten sich also schonungslos und allervölkerrechtswidrigst zu vergreifen! Mein ganzes Wesen, ganz Deutschland, ja ganz Frankreich darf nicht eher ruhen, als bis diese allerschmählichste, mir, einem Reichstagsdeputierten angetane Unbill in aller Fülle gesühnt sein wird! Und das auf eine Art gesühnt, von der die Erde und die ganze Weltgeschichte noch kein Beispiel aufzuweisen hat!
RB|1|3|5|0|Wenn ich aber nur schon bald aus dieser sonderbaren Narkose geweckt würde! Ich brenne vor gerechtester Rache, und dieser lästigste Zustand dauert noch immer fort! Das ist doch eine echt teuflisch verfluchte Erfindung! Aber nur Geduld, es wird, es muss bald besser werden!“
RB|1|4|1|1|Notschrei zu Gott. Berufung auf Jesus. Sehnsucht nach dem Nichtsein.
RB|1|4|1|1|(Am 1. Dez. 1848)
RB|1|4|1|0|Nach diesen Worten verhält er sich eine ziemlich lange Weile ganz ruhig und still und reibt sich bloß manchmal die Augen, um eine allfällige narkotische Trübung loszuwerden. Aber da es trotz aller seiner vorgefassten Geduld und trotz allem Augenreiben denn doch nicht heller werden will, so fängt er an der Wiedergewinnung des Augenlichtes ganz vollkommen zu zweifeln an, und wird darum auch erboster von Augenblick zu Augenblick. Als aber auch trotz seines stets größeren Erbostwerdens das Licht sich bei ihm nicht einstellen will, so ruft er gar stark:
RB|1|4|2|0|„Was ist denn mit mir geschehen?! Was ist das für ein verfluchter Zustand?! Gibt es denn keinen Gott mehr? Einen Gott, der mächtig wäre und gerechter als die von Seiner Gnaden Machthaber der Erde und ihre blauen und goldbordierten Helfershelfer!?
RB|1|4|3|0|Gott! So Du irgend Einer bist, recke aus Deinen Arm und sühne mich, der ich die gute Sache Deiner Menschen, Deiner Kinder zu jenem erhabenen Ziel führen wollte, das einst schon der erhabene, unverstandene Völkerlehrer Jesus erreichen wollte; aber von gemeinen Häschern aufgegriffen und, aus Dank für Seine großen Mühen und Opfer zum Besten der gesamten Menschheit, an den Pfahl der damaligen größten Schmach der Menschheit gehängt wurde!
RB|1|4|4|0|Wie Er bin auch ich ein Sohn von Dir und aus Dir, so Du Einer bist?! Bist Du aber nicht und nirgends, außer im Bewusstsein der Menschen selbst, ist Deine Kraft nur jene, deren sich der Mensch bewusst ist, dann freilich rede ich nur leere und fruchtlose Worte und bin um mein ganzes Wesen für ewig betrogen, und das auf das Schändlichste! Warum aber musste ich ein lebendes, meiner selbst bewusstes Wesen werden? Warum musste irgendeine im endlosen Raum sich selbst ergriffene plumpe Idee in mir zum klarsten Ausdruck des sich erfassenden Seins werden? Ward ich denn eine Realität voll des hellsten Sich-Selbst-Bewusstseins etwa darum, um von einer andern füsiliert [erschossen] zu werden? Verfluchter Zufall, der mich je in ein so elendestes Dasein versetzte! Wenn es Teufel gäbe, arg und böse über jede menschliche Vorstellungskraft, so sollen sie doch jede wie immer Namen habende Kraft, die mich werden machte, für ewig zerstören!
RB|1|4|5|0|O Menschen! O Menschen! Ihr betrogenen, armen Menschen, hört auf, euch fortzupflanzen! Setzt nicht mehr lebende Wesen an eure Stelle zur Qual in die verfluchte Welt! Menschen, die ihr nun noch lebt, ermordet eure Kinder und euch, auf dass die verfluchte Erde leer werde von Menschen! Oh, erwürgt ihr Machthaber alle, alle Menschen, und teilt dann die verfluchte Erde unter euch, auf dass ihr dann an ihr allein zur Genüge haben sollt! Aber umsonst, umsonst ist mein Eifer; ein ewiger Sklave! Was kann ein Tropfen gegen des wogenden Meeres Allgewalt?! Darum verstumme, du eitle Sprache meiner Zunge! Nur ihr Hände versucht diesem elendsten Dasein ein Ende zu machen!“
RB|1|4|6|0|Nach diesen Worten macht er an sich Erdrosslungsversuche. Er macht einige recht tüchtige Eingriffe in seine Kehle, aber natürlich ohne alle Wirkung; denn er greift sich gewisserart allemal durch und durch, ohne nur eine auch nur allerleiseste Spur von irgendeiner Erstickung zu verspüren! Das macht unsern Mann stutzen, und er wird über diesen seinen Zustand stets begriffsverwirrter. Da es aber mit dem Erdrosseln gar nicht geht, da beschließt er, schnurgerade sich vorwärtszubewegen anzufangen; – denn, spricht er bei sich ganz erbost, „finsterer und grundloser als es hier ist, kann es wohl im ganzen endlosen Raum nirgends mehr sein, daher habe ich auch keinen Abgrund und noch weniger irgendein geheimes Gericht mehr zu befürchten. Darum also nur vorwärts! Vielleicht komme ich doch irgendwo zu einem Lichtschimmer oder zu einem erwünschten vollkommenen Tod?!
RB|1|4|7|0|O wie glücklich muss der Zustand eines vollkommenen Todes sein! Wie glücklich muss ich gewesen sein, als ich nicht war, als ich kein Dasein fühlte und kein freies Bewusstsein mein Wesen trog! Oh, wenn ich doch nur wieder vollends vernichtet werden könnte! Aber sei es nun, wie es werden will, so mir nur ein künftig möglich werdendes Nichtsein ein Gewinn ist, der vollkommene Tod ein Labsal, so gibt es auch nichts mehr, wovor ich mich fürchten soll, darum also nur vorwärts!“
RB|1|5|1|1|Vergebliche Fortbewegungsversuche. Fluch gegen Gott, den Leidensbereiter.
RB|1|5|1|0|Hier macht unser Mann mit seinen Füßen gewöhnliche Gehbewegungen. Aber da er unter seinen Füßen keinen Boden wahrnimmt – so scheinen sie ihm bloß gegenseitige effektlose Pendelbewegungen zu machen, die ein Weiterkommen ebenso wenig bezwecken, als so jemand auf einer Bank säße und schlenderte mit den Füßen in der Luft leer hin und her. Er denkt daher wieder bei sich auf eine andere Art der Weiterbewegung, sprechend nämlich:
RB|1|5|2|0|„Ich muss mit Händen und Füßen durch diese lichtlose Luft auf eine eigene Art zu schwimmen anfangen; das wird besser sein als das Gehen mit den Beinen! Denn, um mit den Beinen weiterzukommen, muss man eine feste Unterlage haben, auf der ein Bein so lange ruht, bis das andere eine freie Bewegung vorwärts macht. Aber wenn die Unterlage fehlt, da ist diese Art zu gehen fruchtlos; da heißt es entweder schwimmen oder fliegen! Zum Fliegen aber gehören Flügel; diese haben wir nackten Zweibeiner nicht. Aber schwimmen können wir, und so will ich mich ans Schwimmen machen! Ach du guter Himmel, das wird freilich ein erbärmliches Schwimmen sein! Aber was lässt sich da anderes tun, als die noch innewohnenden Kräfte so lange möglichst zweckmäßig gebrauchen, als wie lange sie sich nur immer gebrauchen lassen! Also – es werde geschwommen!“
RB|1|5|3|0|Hier fängt er an, förmliche Schwimmbewegungen mit Händen und Füßen zu machen, verspürt freilich wohl keinen Fortgang durch irgendeinen Luftzug. Aber das beirrt ihn nicht. Er setzt seine Schwimmbewegungen fort. Je mehr er arbeitet, desto mehr auch verspürt er, dass all sein Mühen ein vergebliches ist. Denn er merkt es, dass ihn diese schwarze Luft nicht den allergeringsten Widerstand irgend verspüren lässt! Er stellt daher seine schwimmerischen Bewegungen wieder ein und spricht:
RB|1|5|4|0|„Ich bin ein Esel und dümmster Narr! Was mühe ich mich denn vergeblich ab?! Wo nichts ist, da ist nichts! Ich bin nun im barsten Nichts; was will ich das Nichts weiter verfolgen?! Im Nichts ist sicher die größte Ruhe und nimmer eine Tätigkeit zu Hause?! Daher will auch ich in die Ruhe des Nichts eingehen, um in ihr auch zu nichts zu werden! Ja, ja, das ist schon der Weg zur völligen Vernichtung! Hm, hm! Wäre freilich recht, wenn ich nur wüsste, dass ich wirklich sei erschossen worden?! Krachen, kommt es mir wohl vor, als ob ich es noch gehört hätte. Aber freilich müsste ich da ja natürlich vollkommen tot sein, was bei mir doch nicht der Fall ist? Auch verspüre ich nichts von irgendeiner Zerrüttung!
RB|1|5|5|0|Oder sollte es nach dem Tod wirklich ein Fortleben der Seele geben?! Ich aber bin ja noch mit Haut und Haaren und sogar mit meiner Kleidung, die ich wohl verspüre, noch da! Hat denn die Seele auch Beine, Haut, Haar und Kleidung? Wenn so, da muss also auch der Rock eine Seele haben?! Nein! So was anzunehmen, müsste einen Mann wie mich doch die ganze Unendlichkeit hell und laut auszulachen anfangen!? Hahahaha! Die Unsterblichkeit eines Rockes wäre noch bei Weitem ärger als die Wunderkraft des Leibrockes Christi zu Trier, vom Bischof Arnoldi ausgestellt!? Und doch und doch, doch, doch! Wenn ich Seele bin, ist der Rock mit mir hierher gewandert!?
RB|1|5|6|0|Nein, nein und tausendmal nein! Ich bin keine Seele! Ich bin Robert Blum! Ich bin der Reichstagsdeputierte in Frankfurt, zur Konstituierung eines einigen Deutschen Reiches! Welchem Reich sich Österreich nicht unterwerfen will. Ich habe es nun hier in der Residenz (Wien) kennengelernt, was Österreich will. Ich weiß es, dass alles Trachten dieses Staates lediglich dahin gerichtet ist, um das eiserne Kleid des alten Absolutismus wieder von Neuem anzuziehen! Ich kämpfte wie ein Riese dagegen. Aber da die Kanonen des Gegners stärker waren als mein guter Wille, so musste ich samt meiner gerechtesten Sache dennoch abziehen – ja, nicht nur abziehen, sondern mich auf dem Weg meines Ab- und Zurückziehens sogar gefangen nehmen und am Ende sogar wirklich oder doch wenigstens scheinbar totschießen lassen! Ein schöner Lohn für ein dem wahren Vaterland treu ergebenes Herz! Du verfluchtes Leben! Und verflucht, der es mir gegeben!
RB|1|5|7|0|So es irgendeinen Gott gibt – welche Freude kann es Ihm denn wohl sein, solch einem mächtigen Wesen, so sich Menschen, die sich unter jeder Zone als wahre Brüder liebevollst verträglich und voll Geduld gegeneinander erweisen sollen, wegen eines Thrones und Zepters und nun sogar wegen Meinungsverschiedenheiten grausamst erwürgen und totschlagen!? Daher aber, weil nun wie gar allzeit so Arges geschieht auf der Erde, und solches doch von einem Gott, der logisch und physisch nichts sein kann als die reinste Liebe nur, nicht ausgehen kann, so gibt es entweder gar keinen Gott, oder, wenn es einen Gott gibt – so ist Er nur ein erzböser, also nur ein fluchwürdiges Fatum, das die Wesen als ein Spielzeug Seiner Launen betrachtet! Darum noch einmal Fluch jedem Wesen, das Menschen schafft fürs leidigste Verderben!
RB|1|5|8|0|Aber nun nur Ruhe, nicht mehr räsonieren! Denn so ich in diesem Nichts auch die über alles erwünschte gänzliche Vernichtung finden will, und so ich stets mit mir selbst rede, so erwecke ich mich dadurch aus der Vernichtung, werde wieder lebend durch die neu erregten Lebenskräfte, und mein Wunsch kann dadurch nicht erfüllt werden! Daher also nur Ruhe, strenge Ruhe – damit Vernichtung kommt.“
RB|1|6|1|1|Äußere Ruhe, innere Unruhe. Verzweiflung in der Finsternis. Sehnsucht nach Glaubensfrieden. Gedanke an Weib und Kinder.
RB|1|6|1|0|Nach diesen Worten wird unser Mann ganz stumm und ruhig mit dem Mund, aber desto rühriger in seinem Herzen, was ihn schon wieder ärgert, da er in dieser Rührigkeit nur desto mehr Leben und ein desto umfassenderes Bewusstsein in sich wahrnimmt. Je ruhiger er wird, desto größer wird auch die innere Regsamkeit; und je mehr er dieselbe unterdrücken will, desto kräftiger tritt sie auf.
RB|1|6|2|0|Das treibt ihn schon wieder in eine neue Art von Verzweiflung und Zornwut. Denn es wird ihm immer einleuchtender, dass er auch auf diese Weise des ihm schon über alles lästigen Lebens nicht loswerden kann. Daher fängt er wieder zu reden an und spricht:
RB|1|6|3|0|„Nun möchte ich aber in allen Teufels Namen denn doch wissen, was denn in sich das mehr als schweinsdumme Leben ist, dass man seiner nicht loswerden kann!? Ich habe ja doch Tausende sterben gesehen, und sie wurden tot! Und es blieb auch nicht das leiseste Lebenszeichen mehr übrig! Die Verwesung war das vollkommenste Ende ihres Seins! Diese können doch unmöglich irgendein Bewusstsein mehr haben und sind sonach vollkommen dahin! Oder sollen sie etwa auch gleich mir außer dem Leibe noch ein Leben haben, und zwar gleich diesem meinen?!
RB|1|6|4|0|Ich kann einmal nicht tot werden! Wer erhält mir denn dieses lästige Leben? O du, der du mich hast erschießen lassen – deine Henker müssen mit dem Totmachungshandwerk noch sehr schlecht vertraut sein! Denn du hast mich nicht tot-, sondern nur lebendigschießen lassen! Wenn deine Helfer an allen deinen Feinden solche Effekte wie an mir bewirken werden, dann erspare dir die Mühe. Denn ich sage es dir aus dieser meiner stygischen [unterweltlichen] Nacht: Du wirst deine Feinde erst recht lebendig machen durch dein Pulver und Blei! Harter Mann, du hast an mir ein großes Unrecht geübt! Denn du wolltest mir nehmen, was du mir nicht gegeben und ewig nicht wiedergeben kannst. Aber wie sehr lache ich dich nun aus! Denn ich, den du totmachen wolltest, lebe; du aber, der du zu leben wähnst, bist nur um zehnmal toter als ich, dein erstes Opfer!
RB|1|6|5|0|Es wäre im Grunde alles recht, wenn ich so ein kleinstes Schimmerchen von einem Licht hätte!? Aber diese totale Finsternis – die soll der Teufel holen, wenn es irgend auch einen gibt!
RB|1|6|6|0|Ich setze den Fall: Wenn ich so in dieser Lage etwa ewig verharren solle?! O verflucht! Wenn ich etwa doch schon so ein Geist bin? Das wäre wohl eine ganz verteufelte Bescherung! Nein, das glaube ich aber nicht – ein ewiges Leben kann es ja nicht geben!? Und doch, doch kommt es mir schon so hübsch lange vor, seit ich in dieser Finsternis zubringe! Es müssen doch schon so einige Jährchen verflossen sein?! Nur Licht, Licht! Dann ist alles recht!
RB|1|6|7|0|Ich muss es mir nun offen gestehen, dass es mir nun lieber wäre, so ein recht dummer Kerl zu sein, der an den Gottes-Sohn, an den Himmel, nebenbei freilich auch an den ewigen Tod, an den Teufel und an eine Hölle glaubt, und in solchem Wahnglauben – mit für seine freilich beschränktesten Tugendbegriffe – ruhigem Gewissen stirbt – als dass ich hier mit meiner geläutertsten Vernunft mich in der totalsten Lichtlosigkeit befinde! Aber was kann ich dafür? Ich suchte stets die Wahrheit und glaube, sie auch gefunden zu haben. Aber was nützt sie, wenn es in ihr kein Licht gibt!? Es ist nun einmal also, und so sei und bleibe es auch!
RB|1|6|8|0|Das Beste bei mir ist und bleibt meine männliche Standhaftigkeit und gänzliche Furchtlosigkeit. Denn wäre ich, wie so viele Tausend andere, ein ängstliches und furchtsames Wesen, so müsste ich in diesem Zustand notwendig in die allertiefste Verzweiflung geraten! Aber so ist mir nun schon alles eins!
RB|1|6|9|0|Mein Weib und meine Kinder fangen in meinem Herzen freilich sich nun auch ein wenig zu rühren an. Die Armen werden wohl Traurigkeit um mich haben, und einen großen Kummer! Aber was kann ich in dieser Lage für sie tun?! Nichts, gar nichts! Beten, das könnte ich freilich und hätte Zeit genug dazu! Aber zu wem und um was und zu welchem Nutzen?! Der beste Wunsch ist für sie alle ohnehin tiefst in meinem Herzen ein wahres und bestes Gebet, das ihnen sicher nicht schadet, so es ihnen auch nichts helfen kann. Ein anderes Gebet aber kenne ich nicht – außer die wohlbekannten römischen ,Vaterunser‘, ,Ave Maria‘ und wie noch eine Menge anderer Mund- und Zungenwetzereien heißen! Für diese aber würde sich meine gute und gebildete Familie sicher sehr erstaunt bedanken, so sie innewerden könnte, dass ich so was für ihr Heil gleich einem Tollhäusler täte! Doch sie kann es ja unmöglich je erfahren, was ich hier tue?!“
RB|1|7|1|1|Ehrfurchtvolles Aussprechen des Namen Jesus ruft Blitze hervor.
RB|1|7|1|0|Robert: „Das sogenannte Vaterunser ist unter allen Gebetsformeln wohl die beste! Denn also hat der weise Lehrer Jesus Seinen Schüler beten gelehrt. Leider ist dies Gebet noch nie ganz verstanden worden, da man es meistens blind für alle Fälle und Bedürfnisse vorbrachte, während es doch nur eine rein weltliche, engst zusammengefasste Aufzählung der Hauptbedürfnisse jedes Menschen ist, die sich der Mensch oft vorsagen solle, um über sich und seine Bedürfnisse stets im Klaren zu sein. Aber die Römischen legen in diese Gebetsformel statt der Wahrheit nur eine gewisse läppische, agatho-dämonisch-magische Kraft und gebrauchen sie als eine geistig-sympathetische Universalmedizin gegen alle Übel, auch wider die Krankheiten der Tiere! Und das ist mir denn doch unmöglich! Das Vaterunser ist an und für sich sicher ein sehr würdevolles Gebet; aber freilich nur im rechten Sinn und nur als das, was es ist; aber in der Art, als es die Römlinge und auch Protestanten gebrauchen, der barste Unsinn! Ja, ja, der barste Unsinn!
RB|1|7|2|0|O du guter Lehrer und Meister Jesus! Wenn Dein Los etwa auch dem meinen gleicht, so wirst Du in solch einem Bestand nach Deiner schnödesten Hinrichtung wohl auch schon sicher hübsch oft bereut haben, den argen Menschen so viel Gutes getan zu haben?! Beinahe 2.000 Jahre in solcher Nacht! O Edelster! Das muss sehr hart sein!“
RB|1|7|3|0|Als unser Mann den Namen Jesus so recht teilnehmend und sehr ehrend ausspricht, da fährt ein starker Blitz vom Aufgang bis zum Niedergang, worüber unser Freiheitsapostel sehr erschrickt, zugleich aber doch auch eine große Freude empfindet, da er dadurch die Überzeugung überkommen hat, dass er nicht blind ist.
RB|1|7|4|0|Zugleich aber fängt er auch an, nachzudenken, was denn etwa doch die Ursache dieses sehr hellen Blitzes war. Er denkt nun hin und her und auf und ab. Er geht alle ihm bekannten Gründe zur Erweckung der Elektrizität durch. Aber er findet hier nichts zur genügenden Erklärung dieser ersten Lichterscheinung in diesem seinem für ihn noch immer unbegreiflichen Zustand. – „Denn“, denkt er bei sich, „zur Erweckung der Elektrizität müssen die notwendigen natürlichen Bedingungen vorhanden sein, als da sind: die mit Sauerstoff gefüllte atmosphärische Luft – und in ihr negativ elektrische Körper, entweder flüssig oder auch hart; hier im Reich des reinsten und absolutesten Nichts aber kann doch sowohl vom einen wie vom anderen nicht die Rede sein. Denn wo nichts ist, da ist vollkommen nichts, da der Begriff Nichts logisch richtig jedes wesentliche Sein gänzlich ausschließt!
RB|1|7|5|0|Freilich befinde ich mich, als ein sich selbst nur zu klar bewusstes Wesen, in der Mitte dieses Nichts und bin somit ein bestimmtes Etwas in diesem Nichts. Aber das hebt das mich umfassende Nichts nicht auf, nichts zu sein. Denn Nichts und Etwas können sehr gut nebeneinander gedacht werden und somit auch bestehen!?
RB|1|7|6|0|Aber jetzt geht mir ein neues Gedankenlicht auf! Ja, ja, so ist es! O du herrliche, echtdeutsche Philosophie, du unversiegbarer Born der wahren Weisheit! Du bringst jedem das rechte Licht, der dich, wie ich, mit aller Glut und Liebe ergreift und dich in allen noch so sonderbaren Lebenszuständen als einzigen und verlässlichsten Ratgeber und Wegweiser benützt! Schau, wie geschwind habe ich nun mit deiner Hilfe diesen gordischen Knoten gelöst! Wo im Reich des Nichts ein individuelles Sein sich vorfindet, da können ja im selben Nichts sich irgend noch eine Menge anderer, entweder homogene oder anders geartete Seins vorfinden! Und so können außer diesem meinem Sein sich noch eine Menge allerartiger Wesenheiten (hier) befinden, die zur Erweckung der Elektrizität tauglich sind, ohne das eigentlich uns alle umfassende Nichts nur im Geringsten zu beeinträchtigen. Bravo, so ist's gut! Und ich weiß es nun, dass es außer mir in dieser Nacht des Nichts doch noch wie immer geartete und gestaltete wesenhafte Nachbarn gibt. Ich bin somit durchaus nicht gar so ganz allein hier, als wie ich es mir schon jetzt eine leider sehr geraume Zeit vorgestellt habe! O das ist gut, das ist sehr gut!
RB|1|7|7|0|Oh, wenn ich nur schon früher mich so recht ernstlich der deutschen Philosophie in die Arme geworfen hätte, da stände ich sicher schon auf einem ganz anderen Boden, als wie ich nun stehe. Aber ich Dummkopf verlor mich am Ende in eine kleinlich läppische Gebetskritik und in ein leeres und nutzloses Bedauern des großen, weisen und edelsten Völkerlehrers Jesus und ver… !“
RB|1|7|8|0|Hier blitzt es wieder und diesmal noch stärker als zuvor. Unser Mann ist nahe außer sich vor Schreck und Verwunderung und kann sich gar nicht fassen über dieses für ihn unbegreiflich intensivste, aber freilich nur kurz dauernde Licht. Es kam ihm dabei auch vor, als so er in einer weiten Entfernung bestimmte Umrisse von allerlei ihm bekannten Gegenständen gesehen hätte. Aber ihre Beleuchtung dauerte zu kurz, als dass er sie bestimmt ausnehmen und näher bestimmen hätte können.
RB|1|7|9|0|Nach einer langen, stummen Ruhe konnte er erst wieder seine Gedanken wahrnehmen und selbe auch nach und nach tiefer zu fassen anfangen. Sein erster wieder etwas geordneter Gedanke war folgender: „Aha, aha, nun weiß ich's erst, woran ich bin! Dieses Blitzen deutet auf ein starkes Gewitter, das sich nun in der Nacht über Wien hermachen wird! Ich erwache nun nach und nach aus meiner durch die Todesangst erregten großen Betäubung, kehre nun wieder ganz sachte ins Leben zurück. Wahrscheinlich hilft diese vom elektrischen Fluidum sehr schwangere Luft mir dazu, und ich werde unter Blitz, Donner und Hagel wieder ins Leben zurückkehren!? Donnern höre ich zwar noch nicht; aber das Wetter kann auch noch sehr weit von hier stehen. Es hat wohl sehr stark geblitzt, und der Donner könnte jetzt wohl schon, wenn auch sehr dumpf, da sein!
RB|1|7|10|0|Aber kann es denn nicht sein, dass ich auch taub bin?! Meine Gedanken vernehme ich freilich wie Worte; aber das ist noch kein Beweis, dass ich darum im Vollgebrauch meiner Gehörorgane bin! Vielleicht komme ich bei dieser Gelegenheit auch zu meinem Gehör wieder?! Freilich, das sonderbare Gefühl des mich umgebenden Nichts kann ich mir auf dem natürlichen Weg noch durchaus nicht erklären. Aber was liegt da daran?! Ich bin einmal da und habe es nun zweimal blitzen gesehen – Beweis, dass ich nicht blind bin! Wer weiß, ob das nicht alles die Wirkung des drohenden schwersten Gewitters ist?! Daher lasse ich das Wetter einmal loskrachen und vorüberziehen; da wird es sich dann schon zeigen, ob ich noch so verbleiben werde, als wie ich jetzt bestellt bin!
RB|1|7|11|0|Freilich dauert schon dieser Stand hübsch lange. Nach meinem Gefühl könnten es auch schon bei 100 Jahre sein; aber das wird eine bloße Gefühlstäuschung sein!? Ja, ja, bloß eine Gefühlstäuschung! Denn wenn man in einer gewissen Betäubung – besonders in solch einer wesenlosen – dahinschmachtet, da muss ja aus einer Minute ein Jahr werden! Ja, ja, so wird es sein! Ja, so ist es auch! Wenn es nur bald wieder blitzt und nachher aber auch ein wenig donnert! Aber die Blitze lassen sich Zeit!?“
RB|1|8|1|1|Sehnen nach dem Tod. Rachedurst wandelt sich in Vergebungsgedanken. Weiterer Blitz.
RB|1|8|1|1|(Am 10. Dez. 1848)
RB|1|8|1|0|Robert: „Oder – sonderbarer Einfall – sage noch einmal oder, oder, oder, und noch einmal oder – sollen etwa diese zwei Blitze bloß in meiner Phantasie vorgekommen sein und zeigen vielleicht an, dass es mit mir in diesem Nichts nun bald völlig zu Ende sein werde?! Ja, ja, es kann auch so was sein! Denn da ich nun dies armselige Leben so ein wenig hab' lieb zu gewinnen angefangen, da wird es sicher bald gar sein mit ihm! Das ist ja schon eine gar uralte Weisheitsregel, dass derjenige sein Leben am leichtesten, am ehesten verliert, der es liebt. Man rufe nur den Tod und wünsche ihn sehnlichst, da kommt er sicher nicht; fürchtet man sich aber vor ihm und wünscht es von ganzem Herzen, dass er noch sehr lange ausbleiben möchte, da kommt er aber auch sicher am ehesten! Daher muss ich schon wieder nach dem völligen Tod zu seufzen und meine baldigste und vollste Vernichtung aus allen meinen noch vorhandenen Kräften zu wünschen und zu begehren anfangen, so darf ich vollends sicher sein, dass mich der wahre Tod noch nicht gar zu bald beim Kragen haben wird!
RB|1|8|2|0|Wahrlich, das ist ein recht guter alter Spruch! – ‚Wer das Leben liebt, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verachtet, der wird es erhalten!‘ – Bei mir ist das schon einmal der Fall. Denn nur aus der allermännlichsten Lebensverachtung habe ich aus Liebe zu allen meinen deutschen Brüdern mich in die größten Gefahren begeben; wurde da von blinden Häschern aufgegriffen und höchst wahrscheinlich am Ende denn doch durch Pulver und Blei hierher befördert?! Windisch-Graetz meinte sicher, dass er mich hingerichtet hat!? Aber ich lebe! Ich, Robertus Blum, lebe – lebe dir zum Gericht, dir und deiner Dynastie zum Untergang!
RB|1|8|3|0|Freilich bin ich jetzt noch ohnmächtig. Aber es sagt mir ein inneres Gefühl: Robert, du wirst bald stark und mächtig werden, zu sühnen dein ehrlich und deutsches Blut an diesen gemeinsten Mördern und Henkern! Ja, ja, ja, Robert, du wirst wieder stark, sehr stark wirst du! Als du lebtest auf der Erde tückischem Boden, da warst du nur einfach in dir selbst zu Hause; nun aber lebst du in Millionen Herzen deiner Brüder und lebst in dir selbst auch noch in der Wirklichkeit! Daher zage nicht, Robert! Du wirst noch sehr stark und mächtig werden!
RB|1|8|4|0|Freilich wäre es besser, wenn ich schon jetzt stark wäre, wo noch mein Zorn- und Rachedurst in der vollsten Glut sich befindet. Denn jetzt könnte ich wohl mit der größten Kälte für jedes Härchen meines Hauptes 10.000 Jahre meine Mörder auf das allerfurchtbarst Schrecklichste martern sehen. Aber so sich etwa nach und nach in dieser Nacht mein Zorn und meine Rache legen sollen, und ich darauf erst erstarken soll, da bleibe ich schon lieber in meiner gegenwärtigen Schwäche stecken und will an meiner statt das Fatum walten lassen.
RB|1|8|5|0|Es ist überhaupt merkwürdig, dass ich nun meinen doch allergerechtesten Zorn und mein Rachegefühl nicht halten kann! Es umwandelt sich manchmal ganz in eine Art von großmütiger Vergebung, was mich sehr ärgert, da mein Gefühl einen solchen Charakter annimmt. Aber im Grunde, wenn ich so die Sache recht fasse, ist das denn doch eigentlich wieder deutsch, ja echt deutsch ist das! Denn nur dem Deutschen ist es eigen, ja dem großen Deutschen nur! Nur der Deutsche kann vergeben! Und das ist auch eine große und herrliche Tugend, die den edelsten Seelen nur eigen ist! Und das sind deutsche Seelen, große deutsche Seelen!
RB|1|8|6|0|Wer kann zu seinem Mörder sagen: ‚Freund, du hast Übles an mir getan; aber ich vergebe es dir vom Grunde meines Lebens!‘ Das kann nur ein Deutscher – das kann Robert! – ja, Robert kann es nicht nur, er tut es auch! Bruder Alfred [Windisch-Graetz], der du mich hast schändlich ermorden lassen, ich vergebe es dir und will an dir ewig keine Rache nehmen, und könnte ich sie auch tausendfach! Ja, höre es ganz Deutschland, der Robert, euer einziger Robert, hat seinem und also auch deinem Feind Alfred die Untat vergeben!
RB|1|8|7|0|Ah, nun ist's mir auf einmal leichter! Hm, ja, ich bewundere nun selbst meine Größe, und das ist eine große Labsal für mich! Zwar sagt die Mythe das wohl von dem großen Völkerlehrer, der auch am Kreuz seinen Feinden alle ihre Untat vergab. Aber es war in ihm sicher auch eine echt deutsche Seele zu Hause, sonst wäre er solcher Charaktergröße wohl kaum fähig gewesen. Denn den Orientalen ist so eine Großmut wohl nie eigen gewesen! Ja, ja, der große Lehrer Jesus war auch ein Deutscher!“
RB|1|8|8|0|Bei Nennung des Namens Jesus fährt wieder ein mächtigster Blitz vom Aufgang bis zum Niedergang und lässt nach dem Untergang einen leuchtenden bleibenden Schimmer eines eigens graulichen Leuchtens zurück, was unsern Robert sehr befremdet, und er nun schon wieder mit seiner früheren Gewitter-Erwartung sozusagen ganz breitgeschlagen ist.
RB|1|9|1|1|Die Leerheit weltweiser Philosophie. Die wegen falscher Lehre ausgestandene Todesangst. Vom Wert des Glaubens.
RB|1|9|1|1|(Am 13. Dez. 1848)
RB|1|9|1|0|Gar sorglichst aufmerksam betrachtet er den nachhaltigen Schimmer und weiß nicht, was er daraus machen soll. Nach einer Weile kommt er aus seiner Überraschung gewisserart wieder zu sich, fängt wieder nüchterner über diese Erscheinung zu denken an und sagt bei sich selbst:
RB|1|9|2|0|„Es ist am Ende doch noch ein Wetter, dessen Gewölk sich nun nach dem dritten Blitz auf einer Seite ein wenig zu lichten anfängt. Nur eines geht mir dabei nicht so ganz ein, und das ist, dass ich erst jetzt, da ich meine Umgebung etwas besser ausnehme, recht klar gewahr werde, dass ich mich, ganz vollkommen gleich einem Vogel, in freier Luft oder im freiesten Äther ohne alle Unterlage befinde. Es hätte solch ein Zustand in der früheren derbsten Nacht wohl noch als ein Gefühlstrug können angenommen werden; aber nun ist es kein Trug mehr, sondern volle Wahrheit.
RB|1|9|3|0|Jetzt wenigstens wird es mir wohl klar, dass ich dem Leib nach wirklich gestorben bin, da man doch unmöglich annehmen kann, dass sich ein schwerer Leib so lange frei im Luft- oder Ätherraum erhalten könnte! Ich sehe aber auch außer mir nichts. Weder unter mir noch ober mir ist irgendetwas Gegenständliches wahrzunehmen. Ich muss mich sonach sehr fern von irgendeinem Weltkörper befinden?! Hm, sonderbar, sonderbar!
RB|1|9|4|0|O Hegel, o Strauß, o Ronge! Eure Weisheit scheint hier sehr stark Schiffbruch zu leiden! Wo ist eure allgemeine Weltseele, in die nach des Leibes Auflösung der Mensch übergehen soll?! Wo ist der im Menschen auftauchende Gott und wo sein Sich-seiner-selbst-bewusst-Werden im Menschen? Ich bin gestorben, bin nun hier so ganz in der allerohnmächtigsten Alleinheit, wie nur irgendeine vollkommenste Alleinheit sich denken und vorstellen lässt. Da ist keine Spur von irgendeiner auftauchenden Gottheit und ebenso wenig irgendein Übergang meines Wesens in das allgemeine Weltseelentum wahrzunehmen!
RB|1|9|5|0|O ihr eingebildeten menschenfreundlichen Weltweisen! Eure Sehe hat sehr trüb gesehen und wird noch trüber sehen. Denn von solch einem Befinden nach des Leibes Tod habt ihr wohl noch nie die allerleiseste Ahnung gehabt. Kurz und gut, ihr habt mich betrogen und werdet noch viele betrügen. Aber es sei euch alles vergeben, da ihr ja auch Deutsche seid! Wüsstet ihr etwas Besseres und der Wahrheit Gemäßeres, so würdet ihr, als echte Deutsche, es euren Jüngern auch sicher nicht vorenthalten haben!? Aber da ihr dessen nicht fähig seid, so gebt ihr, was ihr habt, und das ist wenigstens redlich gehandelt!
RB|1|9|6|0|Freilich wohl nützt dem Menschen hier eure Redlichkeit eben nicht gar besonders oder auch gar nicht. Aber das macht auch eben nichts, da es im Grunde genug getan ist, die Menschheit bloß irdisch, materiellerseits, in einer gewissen Ordnung zu erhalten. Was aber dieses oft bezweifelte Leben nach des Leibes Tod betrifft – vorausgesetzt, dass höchst wahrscheinlich sich jedwedes Menschen Leben dem meinen gleich gestaltet, so braucht es da sicher keine Gesetze mehr. Denn welche Verpflichtungen könnten mir nun noch mehr obliegen? Sicher keine andern als die eines Wölkchens in der Luft, das die Winde treibe, wohin sie gehen! Hätte ich nun die Weisheit Salomons und die Stärke Goliaths – wozu wohl könnten sie mir dienen?!
RB|1|9|7|0|Darum wäre es wahrlich besser, in dem finstersten Aberglauben Roms zu leben und zu sterben, da man wenigstens im blinden Glauben seinen Leib ablegte, nach dessen Abfall entweder gut oder schlecht der Seele nach fortzuleben des Glaubens wäre, und sonach auch dem Tod leichter ins Angesicht schauen könnte, als dass man als ein rongeanscher Puritaner mit des Leibes Tod alles Leben für ewig zu verlieren wähnt und sich somit vor dem Tod auch ganz grässlich entsetzlich fürchten muss, wie es bei mir seligen Angedenkens der schaudervollste Fall war! O Himmel! Lieber ewig in dieser wesenlosen Leere schmachten, als noch einmal solch eine Todesangst auszustehen!
RB|1|9|8|0|Darum Lehrer, ihr Lehrer! Lehrt eure Jünger glauben! Und sie werden glücklicher sterben, als wie ich mit all meiner Vernunftstärke gestorben bin! Nun wird es mir auch klar, warum der große Meisterlehrer seinen Jüngern stets nur den Glauben ans Herz legte!“
RB|1|10|1|1|Gedanken über das Leben Jesu. Ähnlichkeit mit Roberts Schicksal. Er beginnt, an die Unsterblichkeit und an Gott zu glauben.
RB|1|10|1|0|Robert: „Dieser weiseste Lehrer der Völker ward, gleich mir, aus dem Schoß dürftiger Eltern zur Welt geboren und musste sich höchstwahrscheinlich nur sehr mühsam und unter allen möglichen Entbehrungen auf den Standpunkt der höchsten moralischen Weisheitshöhe gehoben haben, wobei er auch noch neben der überverschrobenen jüdischen Priesterschaft gar manche Verfolgungen durch sein ganzes Leben sich hat müssen gefallen lassen! O es musste für ihn ganz enorm schwer gewesen sein, sich unter den hartnäckigsten Mosaisten und Aaroniten, in deren Köpfen und Herzen eine überstygische Nacht zu Hause sein musste, zu solcher Weisheit emporzuschwingen!
RB|1|10|2|0|Wahrscheinlich ist er einmal als ein armer Teufel entweder mit seinen ebenso armen Eltern, die im Vaterland kein Eigentum und sicher auch wenig Arbeit und Verdienst hatten, oder mit einer andern Karawane nach Ägypten gekommen und hat dort durch seine großen angeborenen Talente die Aufmerksamkeit irgendeines großen Weisen auf sich gezogen, der ihn dann in seine Schule nahm und ihn in alle Geheimnisse der tiefsten Weisheit einweihte und aus deren Besitz und aus deren weiser Anwendung er dann bei seinen allerdümmsten Landsleuten die größte Sensation erregen musste. Oder er kam in die Schule der Essäer, die damals die Quintessenz aller Weisheit besaßen, die nur irgendwo auf der damals bekannten Erde zu Hause war! Wodurch er dann aber natürlich auch vor den blinden Juden nahe als ein Gott dastehen musste, der armen Menschheit zum größten Trost, wennschon der überreichen und hochmütigsten Priesterschaft zum größten Ärger!
RB|1|10|3|0|Oh, es lacht mir noch jetzt das Herz, wenn ich daran denke, wie er bei den verschiedensten Anlässen die gesamte hohe Priesterschaft doch manchmal auf eine Art hergestellt [zurechtgewiesen] hat, dass sie darob nicht selten vor Ärger hätte zerbersten mögen! Leider ward er am Ende ein Opfer seines zu großen Mutes und der zu tückischen Niederträchtigkeit der mit Silber, Gold und Edelsteinen verbrämten Tempelbestien.
RB|1|10|4|0|Aber erging es mir etwa besser?! O nein! Auch ich bin ein Märtyrer für meine edelsten Bestrebungen geworden. Ich wollte die Menschheit von den alten Sklavenketten befreien, und mein Lohn dafür war – der schnödeste Tod in der schönen Brigittenau! Es ist wahrlich rein des Teufels um die gesamte Menschheit! Ihre größten Freunde tötet sie, und ihren niedrigsten, abgefeimtesten Feinden bringt sie Vivats und Triumphzüge unter Musik- und Fackelglanz!
RB|1|10|5|0|Aber es sei nun, wie es ist, ich bin nun von allem erlöst, und zwar mit dem aus aller Weltgeschichte überzeugenden Bewusstsein, dass es allen großen Völkerwohltätern nicht um ein Haar besser gegangen ist als mir, der ich trotz meines guten Willens doch noch lange kein Jesus bin!“
RB|1|10|6|0|Bei der Nennung dieses Namens fährt schon wieder ein mächtigster Blitz, und zwar diesmal sehr nahe an Robert vorüber und hinterlässt diesmal schon eine Art Abenddämmerung, sodass unser Mann nun seine ganze Form recht gut ausnehmen kann, wie auch, gegen Abend hin, etwas von einer dunstigen Gegend, ohne dabei seinen freiesten Zustand in der Luft, als freischwebend, zu verlassen.
RB|1|10|7|0|Obschon ihn aber der Blitz auch diesmal sehr überrascht, so erschreckt er sich davor aber nicht mehr, sondern fängt sogleich mit bedeutender Ruhe darüber nachzudenken an und spricht sogleich bei sich selbst: „Wahrlich, im höchsten Grad merkwürdig! Nun fuhr der Blitz mir ja sozusagen durch den Leib, und ich empfand dabei nichts als zum ersten Mal ein ganz überaus wohltuendes Lüfterl und fühle mich nun darauf ganz außergewöhnlich gestärkt! Und da dieser Blitz einen noch stärkeren Lichtschimmer zurückließ als der frühere, so tut das meinem Herzen und meinen Augen umso mehr wohl, wie auch, dass ich darf, sicher gegen Abend, wie es mir vorkommt, eine Art sehr dunstiger Gegend erschauen, was mich umso mehr überzeugt, dass ich vollernstlich in der freiesten Luft schwebe! Auch kann ich nun meine Füße, Hände, und siehe da, auch meine Kleidung, wie ich sie am Richtplatz anhatte, vollkommen gut ausnehmen!
RB|1|10|8|0|Oh – wer auf der Erde würde nicht über Hals und Kopf zu lachen anfangen, so man ihm sagte, dass nach dem Abfall des Leibes nicht nur die Seele unter der früheren irdischen Menschengestalt, sondern auch im vollsten Ernst des Leibes Kleidung unsterblich ist!?
RB|1|10|9|0|Der große Shakespeare hatte wahrlich recht, da er sagte: ‚Zwischen dem Mond und der Sonne geschehen Dinge, von denen sich die menschliche Weisheit noch nie hatte etwas träumen lassen.‘ Und, o Shakespeare, zu diesen Dingen gehört die Unsterblichkeit irdischer Leibesbekleidungen! Und – da scheint eine ganz sonderbare Fügung dabei zu obwalten – gerade mein Siegeskleid, das Kleid der höchsten Schande in den Augen meiner Feinde, ist mit mir erhöht zur höchsten Freiheit! Ja, das kann nur ein liebevollster und gerechtester Gott also fügen! Nun glaube ich aber auch, zur Beschämung Hegels und Strauß', dass es einen wahrhaftigsten Gott gibt, der es ewig nicht nötig hat, erst bei Hegel und Strauß anzufragen, ob Er da sein darf und kann, auch ohne Hegel und Strauß!
RB|1|10|10|0|Etwas sonderbar aber kommt es mir doch vor, dass es, sooft ich den Namen des großen Morgenländers nannte, auch ebenso oft geblitzt hat! Sollte etwa auch an seiner mehr als menschlichen Gottessohnschaft doch im Ernst etwas dran sein?
RB|1|10|11|0|Wenn Röcke sogar unsterblich sind – da kann es mit Jesus – aha, aha, hat richtig wieder geblitzt, und das stärker nun als die früheren Male! Sonderbar! Sonderbar!“
RB|1|11|1|1|Sehnsucht nach Jesus. Die Lichtgegend rückt näher.
RB|1|11|1|0|Robert: „Sollte auch Er etwa, mir gleich irgendwo in dieser Freie sich befinden und korrespondiert nun mit mir, als einem Mann ungefähr Seinesgleichen, auf diese ganz unschädliche elektrische Art und Weise, die Ihm für diese Welt noch eigen geblieben ist? Ja, ja! Denn Er soll besonders im Fach der ägyptischen natürlichen Magie, und das hauptsächlich durch die Kenntnis der innersten Naturkräfte, einer der erfahrensten Männer gewesen sein, daraus auch Seine durch die Zeit freilich schon sehr entstellten sogenannten Wundertaten sehr wohl zu erklären sein dürften, besonders so die über alles Vieh dümmsten Osmanen die große Bibliothek zu Alexandria nicht verbrannt hätten!
RB|1|11|2|0|Ja, ja, wie mir meine hegelsche und rongeansche Weisheit unbeschadet geblieben ist, so ist auch Ihm Sein großer Weisheitsschatz geblieben, aus dem heraus und mit dessen unschätzbarer Hilfe Er mir nun durch Blitze kundtut, dass Er Sich irgend in meiner Nähe befindet und vielleicht ebenso den Wunsch hat, in dieser Leere irgendein Wesen zu treffen, dem Er Sich mitteilen könnte!? Es muss kein Spaß sein, mit dem gewecktesten Geist von der Welt 1.800 und dazu noch etliche 40 Jahre sich bloß mit seiner höchst eigenen Gesellschaft begnügen zu müssen, und das als einer der größten Menschenfreunde! O edelster, bester und größter Menschenfreund! Wohl bin ich Deiner Größe gegenüber nicht wert, Dir die Schuhriemen aufzulösen, aber was nützt hier alle irdische Größe! Da verschwinden wahrlich aller irdische Glanz und alle irdische Berühmtheit!
RB|1|11|3|0|Dein Name, wie für die Folge irdischer Zeiten auch der meinige, werden wohl noch lange auf der Erde fortklingen und werden gelobt und gerühmt und bewundert werden; aber was haben wir beide davon?! Wir können uns hier in der endlosen Wesensleere bloß durch eine eigene Art elektrischer Blitztelegraphen andeuten, dass wir beide uns hier, vielleicht nicht gar zu ferne abstehend voneinander, befinden.
RB|1|11|4|0|O wenn es doch möglich wäre, dass wir uns einander nahen könnten, wahrlich unsere Gesellschaft genügte uns für ewig! Zwei große, sich in allem höchst verwandt fühlende Seelen würden wohl für ewig nie des herrlichsten Besprechungsstoffes ermangeln und sich dadurch auf die herrlichste und alleranziehendste Weise die Zeit oder auch die Ewigkeit sehr verkürzen und köstlichst würzen!? Aber was nützt da auch der beste Wunsch! Wer soll, wer kann ihn realisieren?!
RB|1|11|5|0|So, wie wir beide, schweben auch vielleicht noch zahllose andere Wesen? Die Weltkörper sind vielleicht ursprünglich auch das gewesen, was wir nun sind?! Nach Trillionen Erdjahren haben sich zahllose Atome um sie angesammelt, und so sind aus ihnen am Ende ganze Weltkörper entstanden, in deren Mitte noch dieselben Geister und Seelen wohnen, um die sich durch die Ansammlung der Ätheratome ganze Welten gestaltet haben!
RB|1|11|6|0|Vielleicht bist Du, mein großer Freund, auch seit nahe 2.000 Jahren schon so ein kleines Kometchen geworden und kannst aus Deiner eigenen Dunstsphäre schon Blitze erwecken?! Es wird bei mir noch sicher sehr viel Geduld brauchen, bis ich nur einmal einige Meter Dunstatmosphäre um mich angesammelt haben werde? Vielleicht bist Du gar dort, wo ich nun gegen Abend hin wie eine Art sehr dunstiger Gegend ausnehme?! Vielleicht werde ich einmal, wenn Du schon ein reifer Planet sein wirst, ein Trabant von Dir sein? Oder so Du etwa gar zu einer Sonne wirst, freilich erst nach endlos vielen Dezillionen Erdjahren, da kann ich vielleicht auch Dein allernächster Planet wie Merkur werden!?
RB|1|11|7|0|Das sind wohl freilich sehr weit hinausgeschobene Hoffnungen; aber was kann man dagegen tun? Nichts, als alles in der Geduld abwarten. Auf der Erde mussten einen zeitliche Hoffnungen aufrichten, so es jemand zu schlecht ging; hier im Reich der Ewigkeit muss man sich dagegen denn auch mit ewigen Hoffnungen trösten, so man vor der entsetzlichsten Langeweile nicht in die barste Verzweiflung übergehen will!
RB|1|11|8|0|Aber da sieh, da sieh, mein Auge! Jene dunstige, tief unter mir ersichtliche, sonderbare Gegend wird nun etwas heller, und es scheint auch, als so sie mir näher käme!? Oh, das wäre sehr charmant! Das ist schon so, wie ich es mir früher gedacht habe!
RB|1|11|9|0|Mein großer Freund Jesus – aha, aha – hat schon wieder geblitzt! Allein das macht nichts! Was habe ich denn früher sagen wollen? Ja, ja, jetzt habe ich es schon wieder! Mein großer Freund, der nun schon wahrscheinlich so zu einer kleinen Kometwelt angewachsen ist, hat meinen sehnlichsten Wunsch vernommen und bietet nun alles auf, um zu mir zu kommen. Und so Er zu mir kommen kann, da wird Er mich sicher zu Ihm in Seine junge Weltmitte ziehen, wird auf diese Art die Anziehungskraft der äußern Ätheratome verstärken und somit desto eher und leichter zu einer Vollwelt anwachsen!? Ja, vielleicht hat Er auch schon eine größere Menge Ihm verwandter Wesen bei und um Sich?! Das kann sehr leicht sein! Denn Wesen wie ich hat es schon so manche gegeben!
RB|1|11|10|0|Kann Er mich nun anziehen, so hat Er auch alle Seine Nachfolger, die vor mir den wahren Kreuzweg durchgemacht haben, auf eine gleiche Weise angezogen! Und so könnte ich nun auch schon eine ganz große Gesellschaft um Ihn antreffen?! Und so das der Fall wäre, o welch ein Vergnügen wäre das für mich!
RB|1|11|11|0|Und siehe, siehe, aus dieser Sache scheint einmal endlich doch ernstlich etwas werden zu wollen!? Die sonderbare Gegend kommt mir richtig stets näher und näher und wird dabei auch stets um etwas heller und, wie es mir vorkommt, auch etwas deutlicher! Ich nehme nun schon wirklich etwas aus, das so ungefähr einem kleinen Berg gleichsieht, umgeben mit mehreren kleinen Hügelchen! Gott Lob, Gott Lob! Auf diese Art komme ich vielleicht doch mit der Weile und mit der rechten Geduld endlich einmal auf irgendeinen festeren Grund!?“
RB|1|12|1|1|Jesus erscheint in der Lichtgegend. Robert preist sich glücklich und bedauert die sich aufgrund von Geburt oder Geld für besser haltenden Menschen.
RB|1|12|1|0|Robert: „Aha, aha, sieh einmal, sieh einmal, mein Auge! Und du, mein Herz, freue dich auch! Denn die Gegend ist schon recht nahe an mich herangekommen. Und, so mich das Sehvermögen nicht täuscht, da sehe ich ja auch etwas wie einen Menschen auf dem kleinen Berg stehen, der mir zu winken scheint!
RB|1|12|2|0|Am Ende ist das gar der gute Jesus selbst?! Ja, ja, ja, Er ist es leibhaftig! Denn nun sah ich's klar, wie bei der Nennung Seines Namens gerade von Ihm ein gar starker Blitz in der Richtung gegen mich herfuhr! Oh, Oh, das wird endlos charmant sein, mich in der Gesellschaft desjenigen Geistes zu befinden, dessen Größe und unübertreffliche Weisheitstiefe ich gar so oft über alles bewundert habe!
RB|1|12|3|0|Oh, ihr armen und dummen Menschen auf der Erde, die ihr euch wegen eitler irdischer Güter und wegen einer dümmsten sogenannten höheren Geburt für besser haltet als da sind viele Tausende der armen Brüder und Schwestern, die ihr nur unter den Kanaillen kennt, ich rufe euch allen zu, dass ihr alle zusammen nicht wert seid, statt eures Gehirns den Dreck eines der armen Brüder in eurem edlen Kopf herumzutragen! Hättet ihr so einen Dreck in eurem schalsten Gehirnkasten, da wüsstet ihr doch wenigstens einen Dreck von dem, wie es hier ist! Aber da ihr nicht einmal den edlen Dreck in euren Köpfen habet, so seid ihr auch ebenso endlos dumm – zu wähnen, als seiet ihr was Außerordentliches, während ihr doch um sehr vieles weniger als vollkommen nichts seid! Was für ein Gesicht wohl möchte ein so eingebildeter Geburts- oder Geldesel machen, so irgendein sonst recht braver Arbeiter sich erdreistete, um die Hand seiner edlen Tochter anzuhalten, oder so er etwa doch einen vernünftigen Sohn hätte, der, sich über den Eigendünkel der Geburt oder des elenden Geldes erhebend, sich so weit vergäße, etwa gar die Tochter eines armen Taglöhners zum Weib zu nehmen?! Oh, das würde ein wahres Crimen sacrilegi [Verbrechen der Heiligtumschändung] abgeben!
RB|1|12|4|0|Aber daher, daher kommt, ihr großen mehr als zur Halbscheid [zur Hälfte] toten Esel! Da werdet ihr es erst kennenlernen, was ihr seid, was eure Geburt, was eure Ahnen, was euer Gold!? Wahrlich, kein Teufel wird euch aus eurer ewigen finstersten Verbannung befreien! Denn die, welche die Gottheit euch zu Rettern sandte, habt ihr, vom Abel angefangen, allzeit gefangen genommen und habt sie grausamst ermordet. Aber nun rufe ich es, vielleicht aus aller Weltenmitte, laut über euch aus und sage:
RB|1|12|5|0|Eure Zeit, eure arge Zeit ist am Rande! Bald werdet ihr alle hier sein und vielleicht nach euren stolzen Ahnen fragen! Aber der ewige, leere, finsterste Raum um euch her wird für euch auch ewig antwortleer verbleiben! Aus euch wird die Gottheit wohl schwerlich je ein Schneckenhaus, geschweige eine Welt bauen?! Aber Gott tue, was Er will! Ich aber bin nun über die Maßen froh, dass mir mein allerliebster Freund samt der stets helleren Gegend schon so nahe ist, dass ich Ihn schon beinahe anreden könnte! O Gott Lob, Gott Lob für diese Bescherung!“
RB|1|13|1|1|Robert ruft nach Jesus und gelangt zu Ihm. Die abgeschiedene Seele findet wieder einen festen Grund.
RB|1|13|1|1|(Am 19. Dez. 1848)
RB|1|13|1|0|Robert: „Stets näher und näher kommt diese sonderbare Gegend zu mir heran! Der eine Berg, auf dem der Großmeister der herrlichsten Moral steht, ist ziemlich von Bedeutung. Er möchte doch einige Hundert Fuß Höhe haben und ist auf der einen Seite recht felsig und schroff. Aber die anderen Hügelchen um ihn herum heißen wohl nicht viel; denn man könnte sie sehr leicht bloß nur für etwas bedeutendere Sandhaufen halten, von denen die größten wohl kaum 30 Fuß Höhe haben dürften? Es ist aber auch die Beleuchtung dieser Hügelgegend sehr sonderbar. Man ersieht eigentlich nur die Hügel erleuchtet, und das auf eine Art, als wären sie mit Phosphor überzogen. Aber ihre Füße und die dazwischen doch notwendig vorkommenden Täler und allfälligen Ebenen ersieht man durchaus nicht; sondern man gewahrt bloß nur einen Dunst, der ein sonderbares dunkelgraugrünes Aussehen hat, und man kann es durchaus nicht ausnehmen, wie weit über diese kleine Hügelgegend er sich etwa hinaus erstreckt.
RB|1|13|2|0|Ich meine, so werden wohl alle sich neugestaltenden Weltkörper aussehen, bevor sie als unscheinbare Kometen ihre Laufbahn um eine Sonne beginnen?! Diese Hügel werden tiefer unten wohl irgendeine Verbindung haben. Aber wie? Das wird der einzige Bewohner, der einstige Großmeister der reinsten und besten Moral wohl vielleicht am allerbesten wissen?! Er ist nun schon ganz nahe. Er würde mich vielleicht wohl vernehmen, so ich an Ihn einen recht kräftigen Ruf richte? Es kommt ja nur auf eine Probe an. Gelingt es mir, so wird es natürlich sehr gut für mich und vielleicht auch für Ihn sein; und habe ich vergeblich gerufen, no, so wird das wohl nicht mein erster, wie auch sicher nicht mein letzter vergeblicher Ruf sein! Also, es werde gerufen!“
RB|1|13|3|0|Nach diesen Worten macht unser Mann sich mittels beider Hände ein sogenanntes Faustsprachrohr an den Mund, holt danach den Atem so tief als nur immer möglich und schreit darauf nach allen seinen Kräften:
RB|1|13|4|0|„Jesus! Du großer Meisterlehrer aller Völker der dummen Erde, so Du der bist, als den ich Dich von dieser Ferne nun erkenne, und so Du meine Stimme vernimmst, so komme, so es Dir möglich ist, zu mir her mit Deiner jungen Erde! Fürwahr, an mir sollst Du Deinen größten und heißesten Verehrer finden! Denn fürs Erste schätze ich Dich wegen Deiner an sich schlichten und dabei aber dennoch größten Weisheit, mit der Du alle Deine Vorgänger wie auch alle Nachfolger himmelhoch überragtest, fürs Zweite schätze ich Dich, weil unser beider irdisches Los nahe ein ganz gleiches war. Und endlich fürs Dritte schätze ich Dich für jetzt deswegen überaus hoch, da Du der Erste warst und noch bist, der mir in diese meine unausstehliche Finsternis das erste Licht entweder zufällig oder aber, was auch leicht möglich sein könnte, auch wissentlich und geflissentlich gebracht hat; deshalb ich Dir aber auch ewig allerdankbarst verbleiben werde.
RB|1|13|5|0|Wenn Du der mir so überteure Jesus bist und zu mir hierherkommen kannst und willst, und so Du diesen meinen Ruf vernommen hast, da komme! O komme zu mir! Und lass uns einander gegenseitig trösten! An mir soll es nicht fehlen, Dich nach Möglichkeit zu trösten. Desgleichen bin ich aber auch von Dir gewiss und bin schon im Voraus allerfestest überzeugt, dass Du mit Deiner großen Weisheit mir sicher den größten und allerberuhigendsten Trost geben wirst! O komme, komme, komme, Du mein geehrtester und auch geliebtester Freund und Leidensgefährte!
RB|1|13|6|0|Du Meister der Liebe, der Du die Liebe zum einzigen und allumfassendsten Gesetz machtest! So Dir diese Deine große Liebe noch geblieben ist, wie sie mir, nach meinem Gefühl, bis jetzt auch noch ganz ungeschmälert geblieben ist – so sei solcher Deiner Liebe eingedenk und komme mir mit der Liebe entgegen, die Du Selbst gelehrt hast, und mit welcher Liebe ich Dir auch für ewig entgegenkommen will!“
RB|1|13|7|0|Nach dieser sehr kräftigen Exklamation [Ausruf] bewegt sich diese kleine schimmernde Hügelwelt schnell unter die Füße unseres Mannes hin, und zwar so, dass er gerade an Jesu rechter Seite auf dem höchsten Berg zum ersten Mal nach seinem gewaltsamen Übertritt wieder festen Grund mit seinen Füßen fasst.
RB|1|14|1|1|Robert spricht Jesus an. Dieser antwortet und stellt Robert eine wichtige Lebensfrage.
RB|1|14|1|0|Als er (Robert) nun da fest vor Mir steht, betrachtet er Mich vom Kopf bis zu den Zehenspitzen und findet in Mir richtig und ganz unverkennbar den Jesus, den er da zu finden glaubte, und zwar im selben dürftigen Anzug und auch mit den Wundmalen, wie er sich seinen Jesus gar oft in seiner Phantasie ausgemalt hatte.
RB|1|14|2|0|Nachdem er Mich eine Weile ganz stumm betrachtet, fangen ihm Tränen aus seinen Augen zu rollen an, und er spricht nach einiger Fassung voll des innigsten Mitleids:
RB|1|14|3|0|„O Du lieber, Du größter Menschenfreund, der Du Herz genug hattest, sogar Deinen grausamsten Henkern und ihren Knechten die schändlichste Unbill, die sie an Dir begingen, von ganzem Herzen zu vergeben, und das bloß darum, da Du aus Deiner Menschengröße ihre sicher totalste Blindheit als den gültigen Entschuldigungsgrund annahmst.
RB|1|14|4|0|Aber wie hart muss dabei die Gottheit, Dein so oft gerühmter und über alles gelobter und angebetetster Vater sein, so Er irgendwo ist, dass Er Dich, den edelsten, den vollkommensten und besten aller Menschen nun nahe schon 2.000 Jahre also in dieser ewigen finstern Leere herumschweben lässt, in derselben dürftigsten Armseligkeit, in der Du von Deiner Kindheit an zum reinsten und alleredelsten Menschenfreund heranwuchsest!?
RB|1|14|5|0|O Du mein allerbester und aller Liebe würdigster Meister Jesus! Wie sehr bedauere ich Dich einerseits, und wie sehr liebe ich Dich darum aber auch andererseits, eben dieser Deiner bis jetzt noch gleichen Armseligkeit wegen! Denn sieh, wärst Du mir in einem nur einigermaßen seligeren Zustand entgegengekommen, so hätte es mich wahrlich geärgert, dass ein Geist wie Du nach dem Abfall des Leibes nicht sogleich zur höchsten Auszeichnung gelangen soll, wenn es irgendeine höchste und allgerechte, vergeltende Gottheit gibt!
RB|1|14|6|0|Aber da ich Dich hier gerade so noch antreffe, als wie Du die Erde verließest, so scheint die Sache der Wesen und ihrer Verhältnisse eine ganz andere zu sein, als wie wir sie uns vorstellen. Und weil diese Sache sicher eine ganz andere ist und auch sein muss, so erscheint dieser unser Zustand nach der Ablegung des Leibes als eine in und aus sich bedingte Notwendigkeit, durch die wir freilich erst nach weit hinaus gedehnten Zeitläufen das an uns werden realisieren können, was in unserem Erkenntnis- und Begehrungsvermögen als Basis unseres Seins durch sich selbst gegeben ist.
RB|1|14|7|0|Von diesem Standpunkt aus Dein und mein gegenwärtiges Sein betrachtet, erscheint es dann freilich insofern noch immer bedauernswürdig, weil die Realisierungsfähigkeit dessen, was wir in uns aus den erworbenen Erkenntnissen zur klaren Vorstellung gebracht haben, unberechenbar weit hinter der Macht unseres Willens liegt. Allein, um die werden-sollende Realisierung unserer klaren Vorstellungen mit der Schwäche unseres Willens, oder vielmehr mit der Schwäche der Macht desselben, in eine erträgliche Ausgleichung zu bringen, besitzen wir in unserem Gemüt freilich zum größten Glück eine Art Lethargie, die wir im bürgerlichen Leben Geduld nennen. Diese macht uns unseren Zustand wohl erträglich; aber freilich wird sie manchmal auf eine Probe gestellt, von der wir beide uns sicher so manches für ewig werden zu erzählen wissen!
RB|1|14|8|0|Liebster Freund, ich hätte Dir nun, so gut als es mir in diesem Zustand nur immer möglich ist, mein treues und wahres Bekenntnis abgelegt. So Du mich dagegen auch für würdig hältst, da gebe auch Du mir kund, was Du nun von diesem unserem, in jedem Fall noch sehr misslichen Zustand hältst und denkst? Nur durch unsere gegenseitige Mitteilung, wie es mir vorkommt, werden wir uns eine lang gedachte Zeitenfolge angenehmer und erträglicher machen, als sie sonst selbst an unserer diamantenen Geduld vorübergleiten würde! Sei liebster, edelster Menschenfreund demnach so gut und eröffne vor mir Deinen für mich wenigstens ganz gewiss heiligsten Mund!“
RB|1|14|9|0|Rede Ich (Jesus), dem Robert die Hand reichend: „Sei Mir recht vielmal gegrüßt, du Mein lieber, teurer Leidensgefährte! Ich sage dir, sei du froh, dass du Mich gefunden hast und kümmere dich ums Weitere gar nicht. Es ist genug, dass du Mich liebst und nach deinen Erkenntnissen für den edelsten und möglichst weisesten Menschen hältst, alles andere lasse von nun an aber nur ganz Mir über; und Ich gebe dir die heiligste Versicherung, dass am Ende alles, und mögen uns noch was immer für Begebnisse entgegenkommen, gewiss überaus gut ausgehen wird! Denn Ich habe nun hier in dieser Einsamkeit alles durchdacht und durchgemacht und kann dir auch mit der größten Bestimmtheit sagen, dass Ich eben im Gebrauch der dir am schwächsten vorkommenden Willensmacht es so weit gebracht habe, dass Ich nun, so Ich's will, alles ins Werk setzen kann, was Ich nur immer Mir denke und vorstelle. Dass Ich aber dessen ungeachtet hier dir so wie verlassen und sehr einsam vorkomme, davon liegt der Grund bloß in deiner für diese Welt noch etwas unvollkommenen Sehe; wird diese mit der Weile mehr und mehr gestärkt durch deine Liebe zu Mir, so wirst du auch bald einsehen, wie weit Meine Willenskraft zu reichen imstande ist.
RB|1|14|10|1|(Am 20. Dez. 1848)
RB|1|14|10|0|Aber abgesehen nun von all dem, was du ehedem zu Mir gesprochen hast, und was Ich nun zu dir geredet habe, richte Ich bloß eine ganz ernste und bedeutungsvollste Frage an dein Gemüt, die du Mir aber auch ohne Rückhalt ganz getreu zu beantworten hast, und zwar gerade so, wie es dir ums Herz ist!
RB|1|14|11|0|Die Frage aber lautet also: Siehe, liebster Freund und Bruder, du hast auf der Erde einen ganz redlichen Sinn gehabt – deine Brüder nämlich von dem zu übermäßigen Druck von Seiten ihrer harten und herzlosen Regenten zu befreien; obschon du dazu eben nicht die tauglichsten Mittel dir erwählt hast! Allein Ich sehe da wohl nur allein auf den Zweck und sehe weniger aufs Mittel; wenn dieses nur wenigstens so geartet ist, dass es kein grausames genannt werden kann, dann ist es vor Mir wenigstens auch schon recht und billig! Aber so viel es Mir bekannt ist, so bist du auf halbem Weg zur Realisierung deines guten Zwecks von deinen Feinden ergriffen und bald darauf durch Pulver und Blei hingerichtet worden. Dass dich dieses traurige Begebnis bis in dein Innerstes allerzornsprühendst muss ergriffen und mit einer billigen Rachgier dein Herz erfüllt haben, das finde Ich so ganz natürlich, dass sich darob geradewegs gar nichts einwenden lässt! Wenn du aber nun jenen österreichischen Feldherrn, der dich ergreifen ließ und selbst zum Tod verurteilte, unter deine nun etwa schon sehr mächtig gewordenen Hände bekämst und nebst ihm auch alle seine Helfershelfer, sage Mir so ganz getreu, was wohl würdest du mit ihnen tun?“
RB|1|15|1|1|Robert vergibt seinem Feind. Fromme Wünsche.
RB|1|15|1|0|Spricht Robert: „Edelster Freund! Dass ich im Augenblick, als dieser aller Menschenliebe ledige Wüterich oder Feldherr – was er sein mag – mich dem abgefeimtesten Verbrecher gleich behandelte, in eine mir eben nicht ungerecht vorkommende Zorn- und Rachewut geriet, das, glaube ich, ist wohl so verzeihlich, als es ein jeder billig denkende Geist an und für sich selbst auch gerecht finden und fühlen muss. Aber nun ist bei mir das Tempora mutantur, et nos mutamur in illis (Die Zeiten ändern sich und wir auch) schon lange eingetreten, und ich wünsche daher für diesen Blinden wahrlich nichts anderes, als dass er sehend werde, und erkennen möchte, ob er an mir recht oder unrecht gehandelt hat.
RB|1|15|2|0|Hätte er mich wahrhaft totmachen können, da hätte ich wohl ohnehin nie auf eine Rache sinnen können. Da er mich aber eigentlich nicht tot-, sondern buchstäblich nur lebendiggeschossen hat und kann mir fürder wohl kein Leid mehr tun, und da ich ferner betrachtet eigentlich nun schon glücklicher bin um zahllose Male, als er es ist, in allem seinem herrschsüchtigsten Wahn, so kann ich ihm umso leichter alles vergeben, indem er so ganz eigentlich, der äußeren Erscheinlichkeit nach, doch bei Weitem mehr Grund hatte, mich als ein ihm allergefährlichst vorkommendes Objekt aus seinem Weg zu räumen, als einst zu Deinen tragischen Zeiten die überargen Hohepriester Jerusalems Grund hatten, Dich, meinen edelsten und liebenswürdigsten Freund, gar so schändlichst und über alle Maßen grausamst aus der Welt zu schaffen!
RB|1|15|3|0|Konntest Du, mein alleredelster Freund, sogar mit der vollen Empfindung all der grässlichsten Marterschmerzen, Deinen Peinigern und Mördern vergeben, um wie viel mehr ich, der ich von einer leiblichen Marter, bis auf die paar Stunden oder Minuten, was sie eigentlich sein mochten, doch im Grunde nichts empfunden habe, das ich als einen wirklichen Marterschmerz bezeichnen könnte.
RB|1|15|4|0|Daher könnte dieser mein irdischer Großfeind auch nun vor mir erscheinen, und ich würde zu ihm nichts sagen, als was Du, edelster Freund, bei Deiner Gefangennehmung im Garten Gethsemane dem Dich verteidigen wollenden Petrus sagtest, als er einem Knecht Malchus ein Ohr abhieb.
RB|1|15|5|0|Aber es sei auch das nur bloß ein frommer Wunsch von mir! Wenn es irgend im ewig unermesslichen Raum ein allgerechtes Gottwesen gibt, so wird dieses ihn schon ohnehin den Lohn finden lassen, den er um mich und noch um viele andere verdient hat. Sollte es aber jedoch, was ich nun kaum mehr glaube, kein solches Gottwesen geben, so wird ihn die Zeit und die spätere Geschichte richten, ohne dass ich so was nur im Geringsten zu wünschen brauche!
RB|1|15|6|0|Wenn ich Dir aber schon so einen kleinen Wunsch meines Herzens vortragen kann und darf, und es in Deiner Macht steht, selben zu realisieren, so empfehle ich Dir zuerst meine arme Familie, mein liebes Weib und vier Kinder, und dann aber alle guten Menschen, die eines redlichen Herzens und Sinnes sind! Die reinen Selbstsüchtler, die alles getan zu haben wähnen, so sie nur für sich und für ihre Nachkommen auf Unkosten der gesamten anderen Menschheit auf wenigstens 1.000 Jahre vorhinein gesorgt haben, aber lasse, so es Dir möglich sein soll, dahin gelangen, dass sie auch noch auf der Erde es schmecken sollen, wie es denen geht, die meist von solchen Reichen abhängend, wie man zu sagen pflegt, von heute bis morgen leben! Doch sei auch das alles durchaus als kein Begehren, sondern bloß nur als ein frommer Wunsch von mir an Dich betrachtet! Denn ich für mich finde an Dir für alles auf Erden Erlittene und Verlorene die hinlänglichste Entschädigung!“
RB|1|16|1|1|Eine kritische Frage in Sachen Rebellion an Robert und dessen kluge Antwort.
RB|1|16|1|1|(Am 21. Dez. 1848)
RB|1|16|1|0|Rede Ich: „Ganz über die Maßen gut hast du Mir auf Meine an dich gerichtete, überaus wichtige Lebensfrage geantwortet. Und es ist deine Antwort umso mehr zu schätzen, weil sie nicht gesucht, sondern gerade so gegeben ist, wie sie sich in dir lebendig und wahr finden lässt. Ich kann dir dagegen nur das sagen, dass Ich ganz sicher und bestimmt jedem deiner hier ausgesprochenen Wünsche nachkommen werde, soviel es nur immer in Meiner Macht und Kraft steht.
RB|1|16|2|0|Aber nur etwas, lieber Freund und Bruder, kann Ich mit deiner sonst übergerechten und menschenfreundlichen Denk- und Handlungsweise nicht vereinbaren. Und das besteht darin, dass du auf der Erde denn doch ein gewisses Wohlgefallen daran hattest, wenn so irgendein recht riesenfest bornierter Aristokrat von dem sogenannten Proletariat um einen Kopf kürzer gemacht wurde!
RB|1|16|3|0|So weiß Ich Mich auch zu erinnern, dass du selbst, eben in Wien, in einer Versammlung laut und unter vielem Beifall ausgerufen habest: Dass es in Österreich, wie auch noch in manch andern deutschen Landen, nicht eher besser wird, bevor nicht wenigstens einige Hundert Großköpfe latourisiert werden würden! Sage es Mir auch ganz ernstlich, ob das wohl so ganz vollkommen aus deinem Willen hervorgegangen ist. Oder war das nur so hingeworfen, um deiner Rede einen desto größeren Nachdruck zu geben?“
RB|1|16|4|0|Spricht unser Robert: „Freund, als ich noch auf der Erde mich befand und auf ihrem sehr schwankenden Boden mein Dasein bloß dem Glück oder doch wenigstens möglich besseren Fortkommen der armen, vielfach bedrückten Menschheit zum Opfer bringen wollte, dabei aber durch vielfache Erfahrungen an mir und nur zu oft mit meinen Augen gesehen habe auch an Andern, wie die aristokratischen reichen Menschenbestien sich mit dem Schweiß und Blut der Armen mästen, und wie die meisten Throne und königlichen Burgen und Paläste aus dem Blut der armen Menschheit erbaut und befestigt sind; als ich aus allen Bewegungen Österreichs nur zu deutlich entnehmen musste, dass man von der dortigen irdisch hohen dynastischen Seite wieder alles aufzubieten begonnen hatte, um den alten eisernen Absolutismus wieder einzuführen und die arme Menschheit mit dreifachen Sklavenketten zu belegen – Freund, edler Freund, das war auf einmal zu viel für einen Menschenfreund, wie ich aus allen meinen Kräften einer zu sein die Ehre habe. Wahrlich sage ich Dir, so ich hunderttausend Leben hätte, so gäbe ich sie alle her, wenn ich damit den Menschen helfen könnte. Diese Weltgroßen aber lassen sich auch nicht ein Härchen grau werden, wenn auch Hunderttausende hingeschlachtet werden, damit sie dadurch nur an Ansehen und Glanz gewinnen!
RB|1|16|5|0|O sage, Freund, wenn ein von wahrer Nächsten- und Bruderliebe erfülltes Herz solche kalten Gräuel an den armen Brüdern schauen und mitfühlen muss, ist es ihm da zu verargen, so es von dem gerechtesten Ärger von der Welt ergriffen und zu so manchem Ausruf getrieben wird, an den es beim gerechten Sachgang wohl ewig nie gedenken würde?!
RB|1|16|6|0|Es mag wohl das alles im unerforschlichen Plan irgendeiner, mir freilich unbekannten, ewigen Vorsehung liegen, und daher auch alles so kommen und geschehen müssen, wie es geschieht. Aber was hat ein Erdenbürger davon für einen Begriff!? Oder was gehen ihn irgend allergeheimste unerforschliche Gesetze an, die ein Gottwesen irgendwo in der ewigen Halle der Unendlichkeit beschließt?
RB|1|16|7|0|Wir Erdenbürger kennen nur Deine erhabensten Gesetze der Liebe, die zu halten und treu zu befolgen wir sogar um den Preis unseres eigenen Lebens verpflichtet sind! Was darunter und was darüber ist, das geht uns wahrlich wenig oder gar nichts an! Es können wohl irgend in einer Sonnenwelt ganz andere Gesetze gang und gäbe sein, die vielleicht weiser, aber leicht auch dümmer sind, als die Du, liebster und für uns weisester Menschenfreund, uns gegeben hast?! Aber es wäre sicher für jeden Erdenbürger toll zu nennen, so er sein Leben nach irgend seienden Solargesetzen einrichten wollte, die ihm wahrscheinlich durch die ganze Ewigkeit de facto unbekannt bleiben werden! Wir haben und erkennen nur ein Gesetz für göttlich wahr und gültig, unter dem nach dem Urteil jeder unbefangen reinen Vernunft jede menschliche Gesellschaft bestmöglichst existierbar gedacht werden kann. Was aber irgendein Fatum dazwischen streut, das erkenne ich für nichts als schlechtes Unkraut zwischen dem herrlichen Weizen, den Du, edelster Menschenfreund, auf die undankbarste Erde gestreut hast! Und dieses Unkraut verdient nichts anderes, als latourisiert zu werden im Feuerofen gerechten Ärgers und vollkommen gerechten Gerichtes!
RB|1|16|8|0|Ich sage es Dir ganz frei heraus, so lange der Mensch nach Deinen Gesetzen Mensch ist und bleibt, so lange ist er auch jeder menschlichen Hochachtung wert; erhebt er sich aber de facto über Dein Gesetz und will auf Unkosten seiner Brüder viel mehr sein als sie und will sie zu seinen höchst eigenen Vorteilen nur unterjochen und beherrschen, so erklärt er erstens dadurch Dein Gesetz für null und nichtig, und zweitens ist er dann kein Bruder, sondern ein Herr den Brüdern, mit deren Leben er schalten und walten kann, wie ein jeder Lauskerl mit seinen Läusen und noch sonstigen Schmarotzertierchen, die seines Leibes kitzlige Haut manchmal zu sehr in Anspruch nehmen! In diesem Punkt werde ich ewig Robert Blum verbleiben und werde den Völkerbeherrschern nie ein Loblied singen! Und das darum nicht, weil sie schon gar lange nicht mehr das sind, was sie eigentlich sein sollen, nämlich Weise und liebevolle Führer ihrer armen Brüder.
RB|1|16|9|0|Wohl weiß ich, dass besonders in der Jetztzeit es auch in der armen Klasse gar außerordentlich viele gibt, die mehr Vieh als Menschen sind und daher auch nur mittelst einer eisernen Zuchtrute können in der Ordnung erhalten werden. Aber ich frage da und sage: Wer trägt daran die Schuld?! Die, die, die eben solche Völker unterjochten und sie darauf nicht nur in der ursprünglichen Lebensnacht erhielten, sondern diese noch vielfach vermehrten, um auf den elendesten Pfeilern gänzlicher Unintelligenz ihrer Völker ihre Herrschergrenze desto mehr zu festen! Freund, edelster Freund, wer solchen Herrschern ein Lebehoch bringen kann, der muss freilich kein Robert Blum und noch weniger ein Jesus von Nazareth sein!
RB|1|16|10|0|Ah, es gibt schon noch Herrscher, die es mit ihrem Herrschen ganz gerecht und ernstlich nehmen; diese sind ihren Untergebenen die wahrsten Engelfreunde. Solchen Herrschern für ewig ein tausendfaches Lebehoch! Aber Völkerbezwingern und Geistesmördern, Freund, für diese fehlt mir wahrlich der passende Ausdruck! So es Teufel gibt, da sind diese es leibhaftig!
RB|1|16|11|0|Ich glaube, auf Deine Frage nun so ziemlich offen und deutsch geantwortet zu haben, und habe Dir meine Meinung ganz unumwunden herausgesagt. Nun bitte ich aber auch Dich, mir über diese meine Meinung die Deinige kundzugeben! Ich bin übrigens wohl so ziemlich fest in allem, was ich einmal als Recht erkenne; aber darum dennoch nicht starr und unbeugsam, so besonders Du mir etwas Besseres dafür geben magst und kannst!“
RB|1|17|1|1|Jedermann sei untertan der Obrigkeit! (Röm. 13, 1) Robert bezweifelt dieses Gebot. Erwägungen über die gottmenschliche Natur Jesu.
RB|1|17|1|0|Rede Ich: „Höre, du Mein lieber Freund und Bruder, Ich kann deine Denk- und Handlungsweise durchaus nicht tadeln. Und wo zwischen Herrschern und ihren beherrschten Völkern Verhältnisse obwalten, wie du sie soeben Mir vorgezählt hast, da freilich hast du ganz vollkommen recht, so zu reden und zu handeln, wie du geredet und gehandelt hast nach deiner Anschauung und nach deiner Überzeugung. Aber so sich die Sachen aber dennoch ganz anders verhielten, als wie du sie nach deinen Ansichten und Begriffen wahrgenommen und aufgefasst hast, wie würdest du dann urteilen über die mannigfachen Verhältnisse der Herrscher zu ihren ihnen untergeordneten Völkern?!
RB|1|17|2|0|Wohl sagtest du Mir ganz treu und offen, dass du alle Verhältnisse der Menschen zu den Menschen nur nach Meinem Gesetz der Liebe beurteilst und dich überirdische Einfließungen nichts angehen. Aber siehe, in diesem Punkt kann Ich dir aus gar vielen Gründen nicht beipflichten.
RB|1|17|3|0|Ein Grund wäre z. B. schon das, nämlich auch ein Gebot von Mir Selbst, laut dem Ich Selbst Mich pro primo [fürs Erste] jeder weltlichen Gewalt als unterwürfig bezeigte, da Ich doch Macht genug gehabt hätte, einer jeden den weidlichsten Trotz bieten zu können; und wo Ich Selbst im Tempel bei der Vorweisung des Zinsgroschens eigens gebot, dem Kaiser zu geben, was sein ist, und Gott, was Dessen ist! Also sagte Ich auch durch Paulus, jeder Obrigkeit zu gehorchen, ob sie mild oder streng ist; denn keine habe eine Gewalt außer die von oben! Was wohl sagst du zu diesen ebenfalls Meinen Geboten?“
RB|1|17|4|0|Spricht Robert: „Edelster Menschenfreund, weißt Du, aus rein menschlich klugen Rücksichten diese Sache näher betrachtet, scheint die damalige Notwendigkeit Dir zur größeren Sicherung Deiner Lehre wie auch mitunter Deiner Person selbst und ebenso der Person Pauli diese Gebote abgedrungen zu haben. Denn hättest Du, wie im alten Judentestament ein Jehova durch den Mund Samuels, wider die Könige geeifert, so hätte Deine an sich selbst noch so erhabene und makelloseste Moral unter der allerstolzesten Weltherrschaft Roms wohl schwerlich die nahe 2.000 Jahre erlebt, außer auf einem rein übernatürlichen Weg, von dem wohl die finstern Römlinge eine große Menge zu erzählen wissen; wie viel aber daran Wahres sein mag, darüber wirst Du hoffentlich besser zu urteilen verstehen als ich, der ich nicht Dir gleich von all den Gräuel dieses neuen Babels Zeuge habe sein können!
RB|1|17|5|0|Denn siehe, alleredelster Freund, ich beurteile die Sache also und sage: Wenn es Dir mit dem Gebot, allen weltlichen Obrigkeiten zu gehorchen, ob sie gut oder böse seien, vollends Ernst gewesen wäre, da hättest Du ja schon im Voraus wegen der sichern Präpotenz dieses Gebotes auf Deine ganze andere im höchsten Grad liberale Lehre und deren Ausbreitung ja doch so notwendig als 2 mal 2 = 4 ist rein Verzicht leisten müssen, und zugeben, dass man auch für alle Zeiten ein finsterer Heide sein und bleiben müsste, sobald es einem Menschen oder Volk eine wenn gerade nicht böse heidnische Obrigkeit geboten hätte, bei der Lehre der Väter zu verbleiben, die alten Götter zu verehren und ja um alles in der Welt nicht Deiner damals aufkeimenden Lehre Gehör zu geben?!
RB|1|17|6|0|Freilich wohl sagtest Du nur: ‚Gebt dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes ist.‘ Aber du bestimmtest damals zu wenig die Grenzen, was eigentlich im Gesamtkomplex des Kaisers und was daneben Gottes ist, daher es dann dem Kaiser ein gewisserart gewissenlos leichtes war und noch ist, sich Prärogative (Vorrechte) anzueignen, die rein nur einem Gott gebühren sollen, und wieder jene [Pflichten] ganz unbeachtet zu lassen, in denen er sich so ganz eigentlich bewegen sollte.
RB|1|17|7|0|Dessen ungeachtet aber lässt Dein damaliger, durch die Zeitumstände gebotener Tempelausdruck sich noch viel eher begrenzen als jenes gar nach einer zu großen Weltfürstenfurcht riechende paulinische Gebot, laut dem man streng genommen sogar ein Christ zu sein aufhören muss, sobald einem solchen Weltfürsten aus gewissen, seinen Thron gefährdenden Rücksichten für nötig dünken möchte, Deine Lehre, wie sie in ihrer Reinheit ist, als seinen herrscherischen Absichten gefährlich und nicht zusagend zu betrachten, wie solches die allerderbst veratheisierte [entgottete] Lehre Roms auch mehr als himmelschreiend durch viele 100 Jahre gezeigt hat und noch gegenwärtig zeigt!
RB|1|17|8|0|Es müssten nur ganz andere, jeder meiner Vernunft bisher noch unauszumittelnde, höhere Rücksichten besonders den guten und sonst überaus weisen Paulus dazu veranlasst haben, ein solches Mandat ergehen zu lassen, was allerdings auch möglich ist, aber die Sache mit ganz natürlichen, gesunden Sinnen betrachtet, erscheint es streng genommen offenbar als ein Unsinn. Denn auf der einen Seite heißt es: ‚Ihr alle seid Brüder, und Einer ist euer Herr!‘ Auf der andern aber ein Gebot, weltlichen Obrigkeiten, bei denen de facto das Brüdertum eine reine Chimäre ist, streng – sage in allem, zu gehorchen!
RB|1|17|9|0|Freund, das muss sich ja gegenseitig notwendig aufheben! Entweder kann nur das eine bestehen und das andere nicht?! Ist man aber beides zu befolgen genötigt, so ist das im Grunde nichts anderes, als entweder zweien Herren dienen, ein Dienst, den Du selbst als unmöglich bezeichnet hast! Oder man müsste sich darauf eigens einstudieren, eine Doppelnatur bei sich zu bewerkstelligen, welcher eben nicht gar zu löblichen, im wahrsten Sinn heuchlerischen Eigenschaft zufolge man dann bloß äußerlich täte, was die Fürsten wollen, innerlich aber müsste man es dennoch verfluchen und im Geheimen tun, was Dein liberaler Teil Deiner Hauptlehre verlangt – was natürlich nicht nur sehr schwer, manchmal sogar unmöglich oder doch wenigstens äußerst gefährlich wäre!
RB|1|17|10|0|Glaube es mir, edelster Freund, ich habe, wie vielleicht wenige, jeden Punkt Deiner Lehre genau erwogen und glaube so ziemlich im Klaren zu sein darüber, was Du frei gelehrt hast, und was Dein eigentlicher Hauptsinn war, und was dagegen Du, wie auch Deine Jünger, durch die damals drohenden Zeitumstände gedrungen, einzuflechten genötigt warst! Aber alles dessen ungeachtet bin ich doch Dein glühendster Verehrer und weiß, was ich von Dir und Deiner reinsten Lehre zu halten habe! Freilich sagtest Du ehedem auch, dass Du, trotzdem Dir eine alle Weltregenten bezwingende Macht eigen war, dennoch auch den weltlichen Obrigkeiten gehorsam warst. Das will ich Dir schon dadurch und darum nicht streitig machen, da Du selbst Dich durch das Gesetz der Welt musstest ans Kreuz hängen lassen!
RB|1|17|11|0|Ob Du, mein allerwertester Freund, Dich aber auch durch eine in Dir verborgene übersinnliche Macht den Weltgesetzen hättest widersetzen können, als Dich diese einmal ernstlich gefangen nahmen, das zu beurteilen ist wohl zu hoch über meinem bisher noch sehr natürlichen Erkenntnishorizont! Es ist möglich und, so Deine Taten Deiner Lehre nicht als heidnische Halbgötterfabeln untergeschoben sind, sogar sicher und gewiss, dass Dir, als einem größten Weisen, der Du mit den innersten Kräften der Natur sicher sehr vertraut warst, auch außerordentliche Kräfte zu Gebote standen. Aber wie gesagt, Deine letzte Gefangennehmung und endliche Hinrichtung hat bei sehr vielen Helldenkern dies, Dein wunderbares Kraftvermögen, in ein sehr schiefes Licht gestellt, und es haben sich viele daran gestoßen und gewaltig geärgert. Aber wie gesagt, ich und noch eine Menge andere haben am Ende bloß nur Deine reinste Lehre exzerpiert [entnommen] und haben alles daraus verbannt, was uns bloß nur als eine in der späteren Zeit eingeschobene heidnische Fabel zu sein schien.
RB|1|17|12|0|Ob wir recht oder nicht recht gehandelt haben, das hoffe ich nun von Dir, Du mein edelster Freund, als dem Urheber solcher Lehre, in der Fülle der Wahrheit zu erfahren! Wie auch, ob an Deiner, besonders dermal noch in der römischen Kirche gelehrten und ganz besonders durch einen gewissen Swedenborg im 18. Jahrhundert sogar mathematisch erwiesen sein sollenden Gottheit etwas und wie daran sei?! Was freilich a priori schwerlich ein rein gebildeter Denker annehmen wird, weil diese Sache allem natürlichen Anschein nach denn doch etwas zu burlesk aussieht!
RB|1|17|13|0|Denke Dir nur selbst ein endloses, unbegrenztes Gottwesen, dessen Intelligenz, Weisheit und Macht notwendig die allerausgedehntest allgemeinste sein muss, und es daher auch sogar logisch unmöglich ist, dass dies Endlose und Allumfassendste sich je verendlichen und auf die Person eines Menschen einschränken und einzwängen könnte, ob man es nur bei einigem weiseren Nachdenken überzeugend annehmen kann, dass Du und die endlose allumfassende Gottheit logisch richtig identisch sein könnt? Ja, als ‚Sohn Gottes‘ da habe ich wenig oder nichts dawider; denn das kann ein jeder bessere Mensch von sich mit gleichem Recht behaupten. Aber Gott und Mensch zugleich – das geht denn doch offenbar etwas zu weit hinaus!
RB|1|17|14|0|Übrigens habe ich auch da nichts entgegen, wenn mir die Sache evident bewiesen werden kann. Denn wie ich schon früher einmal bei mir selbst erwähnt habe, dass es zwischen der Sonne und dem Mond noch Dinge geben könne, von denen sich keine menschliche Weisheit noch je etwas hatte träumen lassen – warum soll zu solchen außerordentlichen Dingen nicht auch das gehören, dass Du im Ernst das allerhöchste Gottwesen gar leicht sein kannst!? Ich wenigstens würde ewig nichts dagegen haben! Vielleicht ist nach Hegel bei und in Dir die früher gewisserart schlafende Gottheit zum ersten Mal erwacht und ins klare Bewusstsein Ihrer Selbst übergegangen?
RB|1|17|15|0|Oder vielleicht hat Sie in Sich Selbst die alte Notwendigkeit gefühlt, Sich Selbst als ein Mensch seinen geschaffenen Menschen gegenüber zu manifestieren, um von den Menschen begriffen und erschaut werden zu können, ohne dadurch von Ihrer allumfassenden, allerhöchsten Willenskraft etwas zu vergeben!? Wie gesagt, das ist alles möglich! Besonders hier, wo überhaupt das Sein einen so höchst rätselhaften Charakter annimmt.
RB|1|17|16|0|Aber wie sich dann, und warum, die in Dir als Gottmensch manifestierende Gottheit hatte von einem Häuflein böser und wahnwitziger Juden zum Tod und das zum schmählichsten am Schandpfahl können verurteilen lassen, und das auf einem der unansehnlichsten Planeten noch dazu?! Freund, so was kommt zwischen Sonne und Mond wohl schwerlich vor! Solch ein Wunderding müsste man schon zwischen Nebelsternen zu suchen anfangen!
RB|1|17|17|0|Ich glaube aber auch, dass Du im Ernst so was von Dir wohl auch sogar nicht einmal in einem Traum behauptet hast?! Denn ich weiß es nur zu gut, was Du darauf erwidertest, als man Dich fragte, ob Du im Ernst Gottes Sohn seist. Siehe, da war Deine Antwort, wie sie von einem Weisen Deinesgleichen zu erwarten war, nämlich: ‚Nicht ich, sondern ihr selbst sagt es!‘ Wer aber im entscheidenden Moment so spricht, der weiß auch, was er spricht und warum! Ich aber glaube, diese Deine Antwort gehörig gewürdigt und, soweit es menschlichen Kräften gestattet ist, auch verstanden zu haben und daraus entnommen, dass Du in allem ein wahrster Agathodaimon [wohlwollende Gottheit] als reinster Mensch, aber durchaus kein heidnischer Halbgott seist.
RB|1|17|18|0|Dass aber zu Deiner Zeit, wo man noch an ein Orakel zu Delphi glaubte und mit der Apotheose [Vergötterung von Menschen] bei nur etwas ungewöhnlich praktisch-weisen Männern nur zu leicht fertig war, wo der Thummim und Urim weissagten, und des Aarons nahe über 1.000 Jahre alter Stab in der Lade grünte und dergleichen mehr, man auch einem ersten Weisen, wie Du Einer warst und seit nahe 2.000 Jahren noch von keinem andern übertroffen wurdest, eine Vergöttlichung beilegte, das finde ich überaus begreiflich! Denn schon die sonst weisen Römer, die heimlich auf ihre Götter eben nicht gar zu große Stücke hielten, behaupteten und sagten: non existit vir magnus sine afflatu divino! [Kein großer Mensch besteht ohne göttlichen Anhauch!] So sie aber jeden großen Mann als vom Gottesgeist angehaucht betrachteten, um wie viel mehr Deine beinahe noch wundersüchtigeren Landsleute Dich, der Du vor ihren blitzdummen Augen mitunter doch Dinge wirktest, von deren sicher höchst natürlichem Grund sie noch seit Abraham nicht die allerleiseste Ahnung hatten! Was würden sie zu einer Lokomotive gesagt haben – exempli gratia [um ein Beispiel zu nennen]?
RB|1|17|19|0|Freund, ich meine, Deine Fragen nun hinreichend erschöpfend beantwortet zu haben!? Nun käme wieder die Reihe an Dich; ich werde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jedes Deiner Worte anhören und tiefst würdigen!“
RB|1|18|1|1|Beleuchtung der schlechten Geisteskost Roberts. Die Notwendigkeit irdischer Obrigkeit.
RB|1|18|1|1|(Am 24. Dez. 1848)
RB|1|18|1|0|Rede Ich: „Mein geliebter Bruder! Siehe, mit rein weltlichen Augen und mit einem ebenso weltlichen Verstand diese deine Sache nun in der ziemlich gedehnten Antwort aus dir betrachtet und sich dabei aber auch mit jeder noch so freien und dabei nur zu oft alles gesunden Sinnes mangelnden Übersetzung sowohl der Evangelisten als auch der Briefe Paulus sich begnügend, zudem allein aber noch den Geist der Weltphilosophie mehrerer deutscher Atheisten mit großen Zügen in sich geschlürft zu haben, da kann es wohl nicht anders sein als so, wie es mit dir ist und steht, und wie du denkst und handelst.
RB|1|18|2|0|Ich sage dir, lieber Freund, hättest du je selbst dir die volle Mühe gegeben, die Schrift des Alten und auch die des Neuen Testaments von A bis Z genau durchzugehen, und zwar nach einer guten Übersetzung wie da ist die des Martin Luther oder auch die sogenannte Vulgata und auch die griechische Urbibel in dieser Zeit – so würdest du sicher zu ganz anderen Urteilen gekommen sein als du auf deinem sogenannten ‚radikalen‘ Weg gekommen bist, der aber durchaus kein radikaler ist, da er außer Hegel, Strauß, Ronge und Czerski wenig oder gar keine Wurzeln hat – welche Wurzeln aber so gut wie gar keine sind, da sie nur – nebst mehreren andern – als bloße Schmarotzerpflanzen auf dem großen Baum der Erkenntnis vorkommen. Du aber als ein irdischer ,Pomologe‘ [Baumzucht-Kundiger] wirst es wohl wissen, wie die Wurzeln der Schmarotzerpflanzen beschaffen sind?! Da du das weißt, so wirst du auch wissen, wie viel an deinen Vorleitsmännern gelegen ist in Meinen Augen!
RB|1|18|3|0|Siehe, wenn man die Bibel erstens übersetzt, wie man sie für seine Grundsätze gerade haben will, und dann nur gerade jene Texte heraushebt, die bei einer beliebigen Übersetzung am ersten einen Doppelsinn zulassen, dann ist es auch gar keine Kunst, so zu argumentieren, wie du von Mir nun argumentiert hast.
RB|1|18|4|0|Aber siehe, es ist dem nicht so. Denn fürs Erste lauten die angeführten Texte, als da ist Mein bekannter Tempelspruch bezüglich des Zinsgroschens, und besonders der des Paulus aus dem Brief an die Römer, 13. Kapitel, und im Brief an Titus, wohl nicht so, wie du sie Mir vorgeführt hast, und fürs Zweite kann weder bei Mir und ebenso wenig auch beim Paulus schon darum nie von einer Fürstenfurcht die Rede gewesen sein, da Ich es hoffentlich wohl mehr als handgreiflich vor Pilatus und Herodes, wie zuvor vor dem Kaiphas, bewiesen habe, wie gar nicht Ich Mich vor allen diesen damaligen Weltmachtträgern gefürchtet habe?! Denn wer den Tod nicht fürchtet, da Er sein Herr ist und ewig bleibt, der hat wohl doch noch weniger bei Weitem Grund, die eitlen Geber des bloß leiblichen Todes zu fürchten!
RB|1|18|5|0|Ebenso wenig aber wie Ich nur den leisesten Grund hatte, Mich vor den Machthabern der Erde zu fürchten, ebenso wenig hatte auch Mein Paulus irgendeinen Grund dazu! Nero war unter allen Machthabern Roms doch bekanntlich der grausamste; und siehe, Paulus suchte Schutz wider die ihn verfolgenden finsteren und geistig bösen Juden bei ihm und fand ihn auch, solange er desselben irdisch vonnöten hatte. Hatte er darum aber etwa eine Furcht vor den Juden? O nein; auch vor diesen hatte er keine Furcht. Denn obschon er gar wohl wusste, wie sehr sie ihn anfeinden, so ging er dennoch, trotz allen Widerratens einiger seiner intimsten Freunde, nach Jerusalem.
RB|1|18|6|0|Daraus kannst du aber schon einigermaßen entnehmen, dass weder Ich und ebenso wenig auch der Paulus aus irgendeiner Fürstenfurcht unsere gleichen obrigkeitlichen Gebote, eigentlich vielmehr ‚Räte‘, von uns gegeben haben, sondern bloß nur rein der notwendigsten Weltordnung der Menschen wegen. Denn das musst du denn doch einsehen, dass gar keine menschliche Gesellschaft ohne Leiter bestehen kann, und es daher denn doch auch nötig ist, als Lehrer den Menschen die Notwendigkeit zu zeigen, auch diesen Leitern zu gehorsamen!?
RB|1|18|7|0|Oder bist du wohl der Meinung, dass da auf der Erde auch ganze, große menschliche Gesellschaften ohne alle Leitung bestehen könnten? Siehe, das wäre die größte Unmöglichkeit von der Welt und wäre sogar wider die natürlichste Ordnung nicht nur allein des Menschen, sondern auch wider die Ordnung aller irdischen Dinge!
RB|1|18|8|0|Damit du aber das etwas tiefer einsiehst, so will Ich dich ein wenig nur durch die verschiedenen Reiche der ganz natürlichen Dinge mit Meinem Mund führen, und so höre Mich weiter!“
RB|1|19|1|1|Über Führerschaft und Gehorsam an Beispielen aus der Natur.
RB|1|19|1|0|(Jesus:) „Stell dir vor, dass alle Weltkörper auch mit der für ihre Bestimmung nötigen Intelligenz und freien Einsicht ausgestattet sind. Siehe, diese großen und sehr kräftigen Körper schweben alle im für deine bisherigen Begriffe sicher freiesten Ätherraum. Warum sind sie denn so eigensinnig und bewegen sich seit vielen Jahrtausenden stets in gleichen Kreisen um eine bestimmte Sonne, die sie gewisserart um keinen Preis verlassen wollen oder mögen?
RB|1|19|2|0|Gewiss ist manche ihrer Umlaufzeiten für sie auch schlimmer als manche andere, was schon die guten und schlechten Jahre eines Planeten so ziemlich handgreiflich zu beweisen scheinen; besonders in solchen Perioden, wo es auf dem Sonnenkörper manchmal auch etwas stürmischer zugeht, als es sonst gewöhnlich der Fall ist! Ich will von einer Umlaufzeit gar nichts Erhebliches – als einen davonlauferischen Grund – für einen gequälten Planeten anführen. Denn solch ein Körper, wie da ein Planet ist, kann sich schon so einen kurzen Puff von Seiten der Sonne gefallen lassen. Aber es geschehen oft solche für einen Weltkörper qualvolle mehrere Umläufe ununterbrochen, freilich hie und da örtlich mehr oder minder.
RB|1|19|3|0|Wenn dann so ein großer Wanderer durch den freiesten Ätherraum etwa nach manchmal zehn und mehr von seiner Sonne wie stiefmütterlich behandelten gleich fleißigen Umläufen am Ende doch überdrüssig würde und sich ernstlich vornähme, die ihn regierende Sonne zu verlassen, und möchte dann so einen absoluten Freischwärmer durch den endlosesten Weltenraum machen! Was wohl würde von solch einer planetarischen, nach der absolutesten Freiheit schwindelnden Idee die unvermeidlichste Folge sein?
RB|1|19|4|0|Siehe, zuerst ein völliges Erstarren ob des nur zu bald eingetretenen Licht- und somit auch Wärmemangels; darauf notwendig ein völlig inneres Entzünden, ob des zu mächtigen Druckes von außen nach innen; und endlich eine dadurch bewirkte völlige Auflösung aller seiner Teile, und mit dieser aber auch sein vollkommener Tod!
RB|1|19|5|0|Die Planeten aber fühlen das in ihrem Innersten. Ihr Dasein ist ihnen das höchste fühlbare Bedürfnis. Und so bleiben sie gleichfort unter dem Regiment ihrer über sie gesetzten Sonne, und bleiben in Hinsicht ihrer Bewegung stets in der unverrückbarsten Ordnung und machen sich nichts daraus, ob sie bei mancher Umlaufzeit von ihrer sie beherrschenden Sonne auch karger gehalten werden als irgend andere Male.
RB|1|19|6|0|Aber da könnte doch mancher dir gleichgesinnte Planetenfreund ganz unparteiisch sagen: ‚Ich lobe mir wohl solche willigen und gehorsamen Planeten; aber so eine launenvolle Sonne, als den notwendigen Regenten der armen Planeten, so ich der Schöpfer wäre, möchte ich denn doch auf die gehörige Art züchtigen für ihre Regentenlaunen!‘
RB|1|19|7|0|Aber da steht die Sonne auf und spricht: ‚Was faselst du kurzsichtiger Kosmopolit!? Siehst du denn nicht, dass ich nicht nur einen, sondern gar viele größere und kleinere Planeten zugleich zu übersehen und zu versorgen habe? Weißt du denn nicht, dass ihre Bahnen ungleich sind, dass mir manchmal die großen wie die kleinen Planeten näher, manchmal ferner zu stehen kommen; dass sie manchmal gerade auf dieser einen Seite sich befinden und mich gar sehr in Anspruch nehmen, und daher irgendein einzelner Planet, besonders so er sich auf einem entgegengesetzten Standpunkt befindet, notwendig etwas karger zum Teile kommt, an meinen sonst reichen Gaben! Wird ein solcher Planet aber auf einer Umlaufzeit auch etwas notwendig karger beteilt, so bekommt er aber dennoch immer so viel, dass er bestehen kann. Und ich kann es seit Trillionen von meinen eigenen Wanderungen um eine noch andere und größere Regentensonne bezeugen, dass darum noch nie ein Planet, so er sich an meine Ordnung angeschlossen hatte, verhungert und zugrunde gegangen ist! Wenn aber frei herumschweifende Kometen, denen ihre Freiwandlerschaft lieber als meine feste Ordnung ist, irgendwo im endlosen Raum, in den sie ihre wahnwitzige absolute Freiheitslust getrieben hat, zugrunde gehen, dafür kann wohl ich nicht. Denn einem Wesen, das sich rein nur selbst bestimmen will, ohne von einer anderen und mächtigeren Leitung abhängen zu wollen, geschieht auch kein Unrecht; denn es hat sich ja selbst gerichtet! So du, freisinnigster Kosmopolit, mich als die Planetenregentin aber schon durchaus wegen meines notwendig veränderlichen Verhaltens gegen die mir untergeordneten Planeten gestraft haben willst, da nehme mir mein Licht und meinen Glanz und auch meine Größe und Macht! Sieh aber dann zu, wie die nach deiner Meinung von mir so sehr gedrückten und an den Sklavenketten gehaltenen Planeten dann ohne mich bestehen und fortkommen werden!‘
RB|1|19|8|0|Siehe, Freund, so spricht sich die ganz natürliche Ordnung schon bei den ersten, größten, stärksten und freien Weltkörpern aus, ohne welche kein Planet als bestandbar gedacht werden könnte! So aber diese ganz frei schwebenden großen Wesen eines Direktors bedürfen, um wie viel mehr jene dem Körper nach kleinen und in ihrer Bewegung schon durch allerlei Verhältnisse mehr und mehr gebundenen und gehinderten Wesen, als da sind die Tiere und besonders die mit einem ganz vollkommen freien Geist begabten Menschen!
RB|1|19|9|0|Tiere ein und derselben Art haben eines unter ihnen, das gewisserart ihr Leiter und Führer ist, wenn dieser sich rührt, da sind alle wie durch einen elektrischen Schlag zur gleichen Bewegung angefacht. Sieh an eine Rinderherde; sie hat einen Leiter unter sich! Der Hirte, der solches aus der Erfahrung weiß und auch bald merkt, welchem Stück aus seiner Herde die andern nachgehen, hängt solchem Tier eine Schelle an den Hals; und so er abends die Herde heimführen will, da horcht er bloß, wo die Schelle läutet; da er sie vernimmt, dahin auch begibt er sich, und findet seine ganze Herde daselbst versammelt. Will er sie heimführen, da braucht er bloß den beschellten Direktor zu führen, so gehen da alle anderen von selbst dahin der Direktor geht. Der gleiche Fall ist es sogar mit den sehr dummen Schweinen, besonders wo sie in der freien Natur naturzuständig leben; ebenso bei den Ziegen, Schafen, Pferden, Eseln und hundert anderen Tiergattungen! Das gleiche kannst du sogar an den verschiedenartigsten Insekten nur zu sprechend entdecken, an den Vögeln und nicht minder sogar an den stumpfsinnigen Fischen und andersartigen Wassertieren.
RB|1|19|10|0|Aber Ich will dir die Sache ganz zeigen und will dich sogar auf die noch viel stummer scheinende Natur leiten.
RB|1|19|11|0|Betrachten wir das in sich selbst überaus lockere Wasser, das sich doch ohne allen fühlbaren Widerstand in zahllose kleinste Tröpfchen zerteilen lässt. Dieses höchstwichtige Naturelement, das in sich alle Urkeime des animalen wie des planetaren Lebens birgt, und zugleich von dir nie berechenbaren Kräften geschwängert ist, gehorcht im freien Zustand ganz unbedingt dem ihm innewohnenden Gesetze der Schwere. Laut diesem Gesetz, dessen es durch ein eigenes Wahrnehmungsvermögen gewahr wird, empfindet es die leiseste Abdachung irgendeines Territoriums, fängt da sogleich an, nach einer größeren Niederung hin sich fortzubewegen, und hat so lange keine Rast und Ruhe, als bis es des Meeres größte Territorialniederung vollends erreicht hat. Auch hat dieses Element noch diese sonderbare Eigenschaft, dass es sich erst dann vollends klärt, wann es des Meeres Niederung erreicht hat, gewisserart dadurch andeutend, dass der Mensch auch erst dann zum klaren Bewusstsein seiner wahren ewigen Bestimmung komme, so er irdisch nicht nach den höchsten Würden, sondern nur nach alledem strebt, wo er den niedersten Standpunkt, die wahre – von Mir so oft anempfohlene – Demut erreicht, die aber nie durchs Gebieten, sondern nur durchs Gehorchen erreicht werden kann!“
RB|1|20|1|1|Weitere Belege aus der Natur hinsichtlich Regentschaft. Hochgebirge und ihre Notwendigkeit.
RB|1|20|1|1|(Am 28. Dez. 1848)
RB|1|20|1|0|(Jesus:) „Also wäre dir durchs Wasser nun ein Beleg gegeben, dass auch dieses dir sicher sehr stumm vorkommende Element eine eigentümliche Intelligenz in sich enthält, durch die es dem in ihm zugrunde liegenden rein göttlichen Ordnungsgesetz den allerpünktlichsten Gehorsam leistet bis zum letzten Tropfen, trotzdem ein jeder Tropfen eine Masse von Trillionen Leben in sich birgt!
RB|1|20|2|0|Aber wir wollen die Sache nicht bei dem alleinigen Wasser schon zur Genüge betrachtet haben, sondern wollen uns zunächst auf die Geburtsstätte des Wassers, also auf die Berge nämlich, wenden, und wollen sehen, ob an ihnen nicht auch irgendeine besondere, ganz eigentümliche Intelligenz und, dieser zufolge, auch eine genaue Beobachtung der in sie gelegten Gesetze gar wunderbar zu bemerken ist.
RB|1|20|3|0|Siehe, Freund, auf der Erde findest du allerlei Berge. Darunter sind sehr hohe, oder Urgebirge; dann mittlere, das heißt: mittelhohe, oder sogenannte Gebirge der sekundären Formation; und endlich ganz niedere, das heißt mehr Hügel als Berge, die sämtlich nach der irdisch gelehrten Analogie einer tertiären Formation angehören! Du lächelst nun gewisserart freudig, weil du an Mir auch einen Geologen neuerer Art entdeckst! O da sei du ganz getröstet; denn in der Geologie wie in der höheren Kosmologie bin Ich so ziemlich bewandert.
RB|1|20|4|0|Aber nun weiter! Wir haben also dreierlei Berge. Von diesen drei Arten wollen wir zuerst der höchsten unsere Betrachtung zukommen lassen.
RB|1|20|5|0|Warum sind wohl die Berge auf der Erde? Und hier meine Ich ganz besonders die erste Art. Siehe, ihre Zwecke sind verschieden. Fürs Erste sind sie die Regulatoren der freien elektromagnetischen Strömungen, auf dass diese über den ganzen Erdboden gehörig verteilt werden. Fürs Zweite verhindern sie, dass die Luft um die Erde, so diese ihre tägliche schnelle Rotation um ihre Achse macht, nicht stehen bleibe, während die Oberfläche der Erde sich fortbewegt, und dadurch eine über alle Orkane heftigste Gegenströmung hervorbringe, durch die wohl kein Wesen auf der Oberfläche der Erde als bestehend gedacht werden könnte. Fürs Dritte ziehen sie die zu mächtigen, durch den Sauerstoff und Wasserstoff bewerkstelligten Feuchtteilchen aus der allgemeinen Luft an sich (weshalb ihre höchsten Kanten und Spitzen auch meistens umdünstet und somit selten sichtbar erscheinen), und diese vereinen sich hier durch die stets mächtig vorhandene Elektrizität und fallen dann zumeist als Schnee und Eis auf die steilen Abhänge der Berge nieder, von denen sie nach größeren Anhäufungen als mächtige Lawinen in die Gräben, Schluchten und in die Hochgebirgstäler stürzen, und daselbst durch ihre starke Anhäufung die sogenannten Gletscher bilden, die dann wieder die besondere Eigenschaft haben, die Kälteteilchen aus der gesamten Luft anzuziehen und dadurch die niedriger gelegenen Fruchtgegenden vor den alles erstarrenden und zerstörenden Frösten zu bewahren, zugleich aber auch die manchmal zu stark angesammelte Luftelektrizität sehr mächtig zu schwächen, und dazu auch den Kreislauf des Wassers durch die Atmosphäre zu ordnen, ohne welche Tätigkeit die Ebenen der Erde nahe unausgesetzte allerheftigste Wolkenbrüche auszustehen hätten!
RB|1|20|6|0|Du siehst nun aus diesem wenigen die große Notwendigkeit der Hochgebirge und sprichst auch bei dir: ‚Ja, das ist klar und unwiderruflich wahr; denn wo nur die Menschen es zu rücksichtslos wagten, etwas an der Ureinrichtung der Berge zu ändern, da sind sie auch nur zu bald durch früher nie dagewesene Elementarschäden für ihren Frevel auf das Empfindlichste gezüchtigt worden.‘ Siehst du, Freund, so ist es auch! Aber nun kommen wir eigentlich erst aufs Rechte! Daher habe nun ganz hauptsächlich wohl Acht!
RB|1|20|7|0|Siehe, damit aber eben die Hochgebirge die wichtige Bestimmung zur Erhaltung eines ganzen Weltkörpers und alles dessen, was auf seiner weiten Oberfläche sich befindet, erfüllen können, so ist es zunächst durchaus nicht gleichgültig, wo sie sich befinden; und müssen fürs Zweite durch die gewisserart in ihnen und über ihnen wohnenden Geister oder (nach deiner Art zu reden) Kräfte – allernotwendigst jene eigentümliche Intelligenz besitzen, durch die sie in den Stand gesetzt werden, das zu bewirken, wozu sie bestimmt sind.
RB|1|20|8|0|Die ihnen oder vielmehr ihrer unleugbaren bestimmten Intelligenz anheimgestellte Wirkungssphäre ist für sie so gut das, als was für unsereinen ein positives Gesetz ist, das sie durch ihre Intelligenz ganz genau wahrnehmen; was du Mir umso mehr glauben kannst, da du doch ehedem selbst von Mir behauptetest, Ich sei durch die Schule der Ägypter in die inneren Kräfte der Natur sicher eingeweihter gewesen als alle Gelehrten der Jetztzeit.
RB|1|20|9|0|Da du solches nun einsiehst, so sehe auch ein, dass nur durch die höchst genauste Befolgung der Gesetze, die der Intelligenz dieser großen Auswüchse der Erde anheimgestellt sind, die Erhaltung eines ganzen Weltkörpers bewerkstelligt werden kann. Würden aber diese Hochgebirge einmal sich auch gegen die sie bestimmenden Gesetze auflehnen und gewisserart sagen: Wir wollen keine hohen Erdbeherrscher mehr sein, sondern auch wir wollen nun zu kleinen Fruchthügeln uns erniedrigen! Sage, was würde aus solch einem Gebirgsungehorsam endlich für die ganze Erde für ein namenlosestes Unheil erwachsen?!
RB|1|20|10|0|Siehe nun, obschon diese Hochgebirge keine Früchte tragen, und viele Hundert Quadratmeilen unfruchtbares Land ausmachen und so dem gemeinen Menschenverstand als ,unnütz‘ erscheinen, wäre es aber darum wohl wünschenswert, diese Bergfürsten zu entthronen und sie zu vermeintlichen Fruchtebenen umzugestalten? – Du sagst: ‚Das wolle der Himmel nur verhüten!‘
RB|1|20|11|0|Nun – sage auch dazu, dass es der Himmel verhüten wolle, dass die Hochgebirge in der menschlichen Gesellschaft nicht verwüstet werden! Sonst wird es auf der politischen Erde nur zu bald also aussehen, als wie es auf der natürlichen aussehen würde, so die natürlichen Hochgebirge zerstört würden!
RB|1|20|12|0|Siehe, so die Könige der Erde wahrhaft ihrer Bestimmung entsprechen sollen, da müssen sie sein gleich den Hochgebirgen! Verstehst du das? Du sprichst: ‚Ja, ich verstehe es nun ganz und sehe es auch ein, dass Du ein wahrer Urweiser bist!‘
RB|1|20|13|0|Gut, sage Ich dir! Die Sache ist aber noch nicht zu Ende. Wir haben noch zwei Gebirgsarten vor uns. Diese müssen uns auch noch etwas erzählen! Höre daher weiter an, und sehe, wozu sie da sind.“
RB|1|21|1|1|Mittel- und Kleingebirge. Entstehung und Zweck dieser Bergarten. Widerspenstige Berge.
RB|1|21|1|0|(Jesus fährt fort:) „Als die Erde nur erst ein wüster Weltkörper war und weder Pflanzen noch Tiere zu ernähren und zu erhalten hatte, außer jene Urtypen zu allen späteren Formen in den Gewässern (um mit dir als einem deutschen Gelehrten auch gelehrt zu reden) – da freilich genügten die Urgebirge allein, dem noch gewisserart ganz rohen, also unausgebackenen Erdball die nötigen, schon früher erwähnten Dienste zu leisten. Als aber nach einer gehörigen Anzahl von Jahrtausenden der Erdball sich mehr und mehr gesetzt hatte, und über den Meeresspiegel schon ganz bedeutende Inselgruppen sich zu erheben anfingen, und die in das Wasser gelegten Urkeime über demselben in allerlei Gras- und Pflanzenarten sich auszuprägen begannen, da war es nötig, damit die in die Gewässer gelegten Urkeime ob ihrer Reife auch ehestens zu ihrer Entwicklung ein größeres Territorium bekämen, dafür zu sorgen, dass durch unterirdische Feuerkräfte neue Erhöhungen bewerkstelligt würden, durch die dann mit der Zeit die werdenden neuen Produkte mehr Raum, Nahrung und Schutz bekommen sollten. Und da fing es über den ganzen Erdkreis gar gewaltig zu toben und zu wüten an. Die unterwässerlichen Festlagen wurden zersprengt und durch die großen Kräfte zu vielen Millionen weit über den Wasserspiegel emporgehoben!
RB|1|21|2|0|Es gehörten wohl viele Jahrhunderte dazu, bis diese große Arbeit beendet werden konnte. Aber das macht bei Gott, weißt du Freund, gerade keinen merklichen Unterschied; denn tausend oder eine Million Jahre dieser Erde sind vor Ihm gleich wie ein Tag! Kurz, also – und darum wurden die zweitartigen Berge gebildet, wie Ich es dir soeben dargetan habe!
RB|1|21|3|0|Diese Berge aber waren anfangs auch viel höher und schroffer als sie nun sind. Aber die Zeit und ihre natürlichen Stürme haben ihre Häupter sehr erniedrigt, und haben damit die großen Vertiefungen neben ihnen mehr und mehr ausgefüllt und dadurch engere und breitere Täler gebildet. Da aber diese Täler hie und da höher und niederer ausfielen und daher dem Wasser keinen freien Durchzug gestatteten, so blieb dasselbe in den größeren Vertiefungen notwendig sitzen, wodurch sich dann auch ganz natürlich größere und kleinere Seen bilden mussten.
RB|1|21|4|0|Da ferner aber diese Seen durch den beständigen Kreislauf des Gewässers, sowohl durch die Erdporen wie auch durch die Luft auf dem Weg des Regens, Schnees, Hagels, wie auch des Taues einen beständigen Zuwachs erhielten, so mussten sie auch notwendig über ihre Ufer zu fließen und zu stürzen anfangen. Dadurch haben sie mit der Zeit auch ganz natürlich durch ihr Strömen kleinere und größere Teile ihrer natürlichen Ufer oder Dämme abgelöst und haben damit zum Teil die ungleichen Vertiefungen der Täler nach und nach mehr und mehr ausgefüllt und zum Teil (besonders zu Zeiten größerer Überflutungen) auch förmliche Hügel und Hügelreihen gebildet, was heutzutage sogar noch hie und da auf der Erde zu geschehen pflegt, so wie, dass auch hie und da Berge der zweiten Art durchs Feuer entstehen.
RB|1|21|5|0|Diese nun zuletzt berührte Hügelbildung auf dem Weg der Anschwemmung ist die sogenannte tertiäre Formation (jüngste Bergbildung), die natürlich durch die sekundäre bedingt ist.
RB|1|21|6|0|So hätten wir nun die Entstehung der beiden letzten Bergarten ganz naturrichtig hergeleitet und den Grund oder die Ursache der zweiten auch schon angegeben. Warum aber die dritte Art entstand und hie und da noch entsteht, ist wohl sehr leicht einzusehen, wenn man nur den Grundsatz nicht aus dem Auge verliert, dass nämlich zur ferneren Hervorbringung, Erhaltung und Beschützung von neueren Wesen und zur Fortpflanzung der schon Daseienden vor allem ein guter und geräumiger Boden nötig ist!
RB|1|21|7|0|Der Boden der Erde ist nun so bestellt und hergerichtet, dass auf demselben allerlei Wesen entstehen, sich fortpflanzen, leben und wohnen können. Und diese Einrichtung wurde und wird noch bewirkt durch die drei verschiedenen Bergarten!
RB|1|21|8|0|Die zwei letzten Bergbildungen scheinen dem ersten Anschein nach freilich wohl keine Ähnlichkeit in der Bestimmung der ersten Gebirgsgattung zu haben. Denn es ist ihre Entstehungsart eine ganz andere, und so auch ihre eigentliche Bestimmung. Aber da sie einmal in die Reihe der Urgebirge, also der Bergfürsten, getreten sind, so müssen sie sich ohne alles Sträuben – trotz ihrer noch ganz eigenen Bestimmung – auch jenen Gesetzen fügen, die ihnen die Urgebirge wie aus sich heraus vorzeichnen! – D. h.: ‚Es ist nicht genug, dass ihr niederen und jüngeren Berge mit eurem Überfluss die Täler und Gräben ausfüllt, und dort ein fruchtbares Land erzeugt und kleine Berglein mit schönen Lustwäldchen anlegt, sondern ihr müsst vom Anbeginn eures Seins an auch einen großen Teil unserer Lasten übernehmen und uns in allem unterstützen, sonst erfüllt ihr eure Bestimmung durchaus nicht und könnt sie auch nicht erfüllen, da durch euer Entstehen unsere Kraft zu sehr in den Anspruch genommen wurde, so wir nun ganz so wie früher, da ihr noch nicht wart, alles ordnen und lenken sollen!‘ Und siehe, diese neuen Berge tun es genau, zufolge der in ihnen ebenfalls zugrunde liegenden Intelligenz, was ihnen die Bergfürsten auferlegen.
RB|1|21|9|0|Es gibt aber im Ernst auch welche unter ihnen, die den Höchsten gewisserart nicht gehorchen wollen. Solche Berge aber werden durch die gewaltigsten Stürme so lange gehetzt, bis sie sich die Ordnung der Hohen entweder gefallen lassen oder im Gegensatz auch ganz zugrunde gerichtet werden. Bei den alten Weisen hießen solche Berge ,Widerspenstige‘, auch bisweilen ‚Verfluchte‘. In der neueren Zeit heißt man solche Helden von Bergen: Lockere, Unbeständige, (Faule,) Verwitterte. Beispiele von solchen bestraften (eingestürzten und gänzlich vernichteten) Bergen gibt es eine große Menge sowohl in der alten als auch in der neuen Zeit.“
RB|1|22|1|1|Über die notwendige Unterordnung auch unter den Menschen. Gefahren der absoluten äußeren Freiheit.
RB|1|22|1|1|(Am 2. Jan. 1849)
RB|1|22|1|0|(Jesus fährt fort:) „Lieber Freund und Bruder, Ich meine, du wirst aus dieser ganz aus der Natur genommenen Darstellung der Unterwürfigkeitsverhältnisse, sogar an den für dich leb- und somit intelligenzlosen Dingen, sie ebenso wohl begriffen und eingesehen haben, als du sie ehedem bei den Tieren und Weltkörpern, wie auch bei den Gewässern begriffen hast – und es daher kaum vonnöten sein dürfte, dir noch mehrere Belege aus der für dich stummen und gewisserart toten Natur vorzuführen, was Ich wohl noch gar sehr könnte, besonders so Ich dich auf andere Planeten hinführte, wo die Ordnung in allem viel genauer und strenger abgemessen erscheint als auf dem geflissentlich nahe in der größtmöglich (anscheinlichen) Unordnung belassenen Erdplaneten, was den Grund hat, auf dass auf ihm eben die freiesten Geister, als wahrhafte ,Gotteskinder‘, desto freier und für ihr Wesen ersprießlicher könnten großgezogen werden. Du siehst das also nach deiner innersten Bejahung ein. Und Ich sage dir, dass Ich damit völlig zufrieden bin.
RB|1|22|2|0|Weil du aber nun sogar an der für dich stummen Natur das einsiehst, dass in ihrem Gefüge eine gewisse stufenmäßige Unterwürfigkeitsordnung ganz unerlässlich notwendig ist, damit sie (die Natur) bestehe und dauernd erhalten werde, nun denn – denke dir den Menschen, der da begabt ist mit einem absolutest freiesten Geist, der in seinem Denk-, Beschluss- und Begehrungsvermögen sich in der höchsten Unbeschränktheit befindet! Stelle dir das so recht kernfest vor, was da am Ende herauskäme, so jeder Mensch, zufolge seiner inneren, absolutesten Freiheit, ohne alle Beschränkung tun dürfte, was sein inneres Geistwesen aus seinem gottähnlichen, unendlichen Ideenreichtum nur immer in seiner unversiegbarsten phantastischen Lebenskammer als geordnet unter zahllosen Formen schöpft!
RB|1|22|3|0|Ich sage dir, da wäre erstens kein Mensch vor dem andern sicher, denn es gibt Geister, deren innere Phantasien oder Schöpfungen sich hauptsächlich damit beschäftigen und eine eigene Wollust darin finden, alles Bestehende zu vernichten. Einige möchten fort und fort Menschen auf die verschiedensten Arten töten, andere wieder möchten alle Berge zerstören; wieder andere durch die Erde ein Loch graben, dasselbe mit Pulver so weit als möglich anfüllen, um dadurch möglicherweise die ganze Erde zu zersprengen; wieder andere möchten alles Wasser der Erde vertilgen; andere wieder die ganze Erde ersäufen; noch andere die ganze Erde verbrennen; andere den Mond mit einem Strick an die Erde anhängen und ihn herabziehen!
RB|1|22|4|0|Zweitens gibt es wieder eine große Menge ungeheuer sinnlicher Geister, deren Phantasie aus lauter Genussideen zusammengesetzt ist. So diese Geister keine Beschränkung durchs Gesetz hätten, so würde vor ihrer großen Geilheit kein weibliches Wesen sicher sein, am Ende auch kein Knabe und sogar kein Vieh mehr! Denn Ich kenne nur zu viele solche Naturfreunde à la Sodom und Gomorrha, die sich zu einem förmlichen Geschäft machten, sich fürs Erste mit allen möglichen weiblichen Rassen zu begatten, um zu erfahren, was da überall für Früchte herauskämen. Wenn dies Zeugungsspiel ihrer Phantasie nicht genügt, da machten sie fürs Zweite Versuche auch an den verschiedensten Tieren, wodurch auch wirklich nicht selten die sonderbarsten und unordentlichsten Gestalten zum Vorschein kämen, was besonders bei den raffinierten Heiden gar nicht selten der Fall war.
RB|1|22|5|0|Nun denke dir aber eine große Gesellschaft von solchen sinnlichen und geilen Genussmenschen im völlig sowohl moralisch als auch politisch gesetzlosen Zustand! Von welch verschiedensten Kreaturen und barsten Scheusalen wird es unter ihnen wimmeln?! Nach wenigen Hunderten von Jahren würde es auf der Erde wimmeln von Wesen, vor denen am Ende kein menschliches Leben mehr sicher wäre! Moses hat darum auch ein äußerst scharfes Gebot ergehen lassen und sogar den Feuertod als Strafe darauf gesetzt für solch einen Geiler, der sich unterfinge, so was zu tun, was Moses, der als ein königlicher Adoptivsohn in all die damaligen ägyptischen Scheußlichkeiten eingeweiht war, nur zu gut kannte und wusste.
RB|1|22|6|0|So hat es auch von den sinnlichen Geistern solche gegeben, und gibt es leider noch hie und da, die ihre, man kann sagen, echt teuflische Genusssucht nur dann befriedigten, so sie die Maid während und auch vor dem Akt auf das Grausamste quälten und marterten. Erst ihre letzten, schmerzvollsten Lebensäußerungen gewährten ihnen die größte Wollust! (Lustmord) Ich brauche dir nicht eine Menge spezieller Taten aufzuführen, denn es sind manche von der Art, dass du sie gar nicht anhören könntest! Es ist genug, dass du weißt, welche Früchte daraus zum Vorschein kommen, so irgendeine Menschengesellschaft sich in einem gesetzlosen Zustand befindet.
RB|1|22|7|0|Drittens gibt es wieder Geister, die von sich die außerordentlichsten Ideen fassen und alles endlos tief unter ihrer Würde finden. Diese Geister sind stolz und übermäßig herrschsüchtig. Vor ihnen soll sich alles bis in den Staub verkriechen und nur das tun, was sie wollen. Denke dir aber nun eine ganze große Gesellschaft mit lauter solchen Menschen. Wie würden sie miteinander leben?! Ich sage dir, eine Welt voll Tiger, Löwen und Panther würden miteinander in einer bei Weitem größeren Harmonie leben als solche Menschen, so sie nicht durch moralische wie auch durch weise politische Gesetze beschränkt wären!
RB|1|22|8|0|Und so gibt es noch eine Menge zahlloser Abarten von den verschiedensten Geistern (unter den Menschen), deren Grundphantasien und Hauptneigungen in ihrer Art natürlich gegen alle notwendige, positive Ordnung so höchst lasterhaft verschieden sind, dass du dir davon nicht die allerleiseste Idee machen kannst!
RB|1|22|9|0|Wenn aber all diese Geister von ihrer absolutesten innern Freiheit nur zum millionsten unbeschränkten Teil den Gebrauch machen dürften, denke und sage es Mir, wie würde es dann nur zu bald auf einem Weltkörper aussehen?! Du sprichst: ‚Freund, das wäre entsetzlich! Das wäre die Hölle aller Höllen auf der Oberfläche der Erde!‘ Richtig, sage Ich dir, du hast wohl und richtig gedacht und gesprochen!
RB|1|22|10|0|Ich aber frage dich weiter und sage: was aber ist demnach allerhöchst notwendig, damit die vollste Hölle so viel als möglich von der Oberfläche der Erde hintangehalten werde? Siehe, nun kommen wir beide erst dorthin, von wo wir ausgegangen sind, und wo Ich dich eigentlich haben wollte!
RB|1|22|11|0|Erkennst du's nun, was Ich damit sagen wollte, so Ich, wie auch der Paulus, allen echten Bekennern Meiner Lehre den Gehorsam gegen eine rechtmäßige, weltliche Obrigkeit anempfahl! Siehst du nun, warum man dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes ist, geben soll.
RB|1|22|12|0|Sage Mir nun, wie du die Sachen jetzt einsiehst! Kommen sie dir noch so widersinnig vor, als sie dir ehedem vorgekommen sind? Findest du den gerechten Gehorsam und die rechte Demut immer noch als des freien Menschengeistes unwürdig? – Rede nun; die Reihe ist wieder an dir! Ich will dich hören.“
RB|1|23|1|1|Robert anerkennt die Notwendigkeit von Regentschaft. Er klagt den Machtmissbrauch an.
RB|1|23|1|0|Spricht Robert: "Was, liebster Freund, soll ich im Grunde nun noch reden? Ich sehe, begreife und bekenne nun, dass Du, als einer, der mir an aller Wissenschaft und Weisheit himmelhoch überlegen ist, in allem recht hast, weil sich die Dinge wirklich also verhalten, wie Du sie mir nun dargestellt hast. Es lässt sich dem durchaus nichts entgegenstellen, da Du als ein in die innersten und geheimsten Kräfte der Natur eingeweihter Weiser Dich am gründlichsten, wenigstens viel gründlicher als ich, auskennen kannst und musst! Wie gesagt, alles, was Du nun mir gütigst erläutert und erklärt hast, habe ich in allen seinen, wennschon manchmal etwas barock klingenden Teilen völlig als wahr und unumgänglich nötig eingesehen und bin darum auch ganz mit Dir einverstanden. Aber nun kommt was anderes!
RB|1|23|2|0|Es ist alles wahr, was Du bis jetzt geredet hast; und ganz besonders tritt bei Deiner Darstellung des absolut freiesten menschlichen Geistes die gewisserart eiserne Notwendigkeit eines eben diese Freiheit beschränkenden Gesetzes und eines machthabenden Exekutors desselben nur zu klar ins Licht. Aber es fragt sich dabei: Dürfen gewisserart von Gottes Gnaden ernannte, bestimmte oder erwählte und machthabende Exekutoren des Gesetzes, das sie gewöhnlich selbst machen und herausgeben, wohl auch ‚von Gottes wegen‘ ausgenommen sein, das Gesetz zu beobachten, und – besonders in dieser Zeit – ganz willkürliche Despoten und Tyrannen abgeben und wegen eines misslichen Thrones die armen Menschen, die doch auch ihre Brüder sind, zu Tausenden hinschlachten lassen?! War z. B. mein Vergehen wohl von der Art, dass mich darum ein Alfred W. im Namen seines schwachen Kaisers, der ihn mit aller Macht eines Herrschers höchst unmenschenfreundlichsterweise beteilte, erschießen ließ, und mehrere andere meiner Denkungs- und Handlungsweise desgleichen!?
RB|1|23|3|0|Wenn solcher Machthaber sich schon von seinem eigenen Gesetz enthebt, so fragt sich aber, wer ihn denn dann von Deinem Liebesgesetz, das der ganzen Welt ohne unterschied des Standes und Charakters gleich gelten soll, enthebt und dispensiert? Warum müssen Hunderttausende in der größten Armut dahinschmachten, und so sie nur irgendeine kleinste, gar oft durch die zu große Not gezwungene Veruntreuung sich zuschulden kommen lassen, dann auch alle unnachsichtige Strenge des Gesetzes sich gefallen lassen? Während die Großen in der allerbehaglichsten Gewissenlosigkeit tun können was sie wollen, und kein Richter darf sie zu einer Verantwortung fordern?!
RB|1|23|4|0|Auch ich bin für weise und gute Regenten gewiss im höchsten Grad eingenommen. Aber Regenten, die oft kaum wissen, was sie sind, und noch viel weniger, was sie so ganz eigentlich sein sollen; ich sage, Regenten, die nur consumendi gratia [um des Genusses willen] auf dem Thron sitzen und ihren Untergebenen Vampiren gleich das armseligste Blut aussaugen, anstatt dass sie dieselben durch weise Gesetze leiten sollen! Sage mir, Freund, soll da ein armes, gedrücktestes Volk nicht das Recht haben, solche glänzende Taugenichtse und gewissen- und gefühllose Tagediebe davonzujagen, und an ihre Stelle weise und taugliche Männer, die Kopf und Herz am rechten Fleck haben, zu setzen?! Muss denn ein Regentenstuhl so glänzen, muss seine Wohnung ein ungeheuerster und prachtvollster Palast sein, und müssen sich seine Regentenbezüge auf viele Millionen belaufen?! Was natürlich alles von den blutigen Schweißtropfen der Untertanen hergeschafft werden muss! Der ‚arme Teufel‘ hat auf der Erde nichts Gutes. Von der Geburt bis zum Grab bleibt er ein Spielball der Mächtigen, muss für sie Gut und Blut setzen, dafür aber wird er zum schuldigen Dank verachtet, eine Kanaille gescholten, und so er sich nicht alle Niederträchtigkeiten der Großen auch nur heimlich möchte gefallen lassen und käme zu einem Pfaffen in einen Beichtstuhl, um sich da sein Herz zu erleichtern, so wird er noch obendrauf mit der ewigen Verdammnis vertröstet! Mit solchem Trost kehrt er dann heim und macht dann Studien im Fach der Verzweiflung! Sage, ist das auch irgendwo in der Natur schon also geordnet und begründet?! Freund, ich, Robert, meine da und behaupte es fest: Das ist die Hölle und ihr stets regsamstes Mühen, aus armen Engeln dieser Erde noch ärmere und elendere Teufel zu zeugen!
RB|1|23|5|0|Es ist übrigens wohl wahr und, wie ich's nun als ein nach des Leibes Tod Fortlebender einsehe, auch gewiss, dass das irdische Leben ein pures Prüfungsleben ist, zur Erreichung rein geistiger, höchster Vollkommenheiten, und dass man daher mit Recht von ihm auch keine zu glänzenden irdischen Glückseligkeiten erwarten kann. Denn ein Studierender bleibt, so lange er ein Studierender ist, stets mehr oder weniger ein Sklave derer, die ihm als Meister vorgesetzt sind! Aber wenn von Seiten der völkerbeherrschenden, erziehenden und gar zu grausam streng prüfenden Tyrannen die Erziehungssaiten zu stark gespannt werden, und auf diese Art statt aus den Völkern wahre Menschen nur entweder barste Tiere oder gar Teufel gebildet werden, was sagt dann eine urgöttliche Weltordnung dazu?!
RB|1|23|6|0|Ist da auch noch die Gottheit der alleinige Herr und Meister, und ihre gläubigen Bekenner und Anbeter pure Brüder? Heißt das auch noch: ‚Gott über alles, und seinen Nächsten wie sich selbst lieben?!‘
RB|1|23|7|0|Oder ist es selbst von einer allgerechten Gottheit wohl recht, Völker durch schlechte Regenten physisch und moralisch unter den Hund herabsinken zu lassen? Und sind dann die Völker durch ihre unter aller Kritik schändlichst schlecht bestellten Regenten auf die unterste Stufe alles Elends physisch und moralisch gesunken, so kommen dann noch von oben, d. h. von der gerechtesten Gottheit, alle erdenklichen Strafen und Geiseln, natürlich zumeist nur über die armen Völker, darum sie notgedrungen haben schlecht werden müssen, und das zumeist von Gottes Gnaden! Denn auch die schändlichsten und gewissenlosesten Regenten führen den Titel: ‚Von Gottes Gnaden!‘ Auf solche ‚Gottes Gnaden‘ kommen dann gewöhnlich Armut, Hungersnot, allerlei scheußlichste, unheilbare Krankheiten, als Pest, Cholera und eine Menge anderer Seuchen und Kriege, das versteht sich von selbst voraus – alles ‚von Gottes Gnaden‘!
RB|1|23|8|0|Neben diesen schönsten Bescherungen aber endlich auch noch die süßeste Verzweiflung und als finis coronat opus [das Ende krönt das Werk] die angenehme, ewige Verdammnis im brennenden Pfuhl! Und siehe, das alles ‚von Gottes Gnaden‘! Bravo! Nur zu! So in der Dicke hab ich's gerne! Oh, das Leben ist wohl schön!!! Hm, hm – wer es erfunden hat, wie es ist, muss selbsten eine närrische Freude daran haben!?
RB|1|23|9|0|Ich will aber damit eben kein höchstes, irgendwo seiendes Gottwesen bekritteln und es tadeln, weil das Leben der Erde so scheußlich sich zu gestalten genötigt ist. Denn ein solches Gottwesen hat sicher Größeres zu tun, als sich mit den Dreckwürmern dieses Erdstaubes abzugeben. Aber das Elendeste bei der Sache ist, dass diese irdischen Menschendreckwürmer denn doch auch Gefühl und leider auch einigen Verstand besitzen und am Ende doch nicht völlig vernichtet werden können, wie figura bei mir de facto zeigt [wie mein Beispiel tatsächlich zeigt]!
RB|1|23|10|0|Sollen denn von der gnädigsten und liebevollsten Gottheit, von Deinem gewissen heiligen Vater, Der Dich auch ans Kreuz hängen ließ – wahrscheinlich auch aus Liebe? – die Menschen dieser Erde, die sein sollenden ‚Gotteskinder‘, etwa aus einer besondern Begünstigung die Ehre und das Glück haben, die Allerverfluchtesten zu sein?
RB|1|23|11|0|Wahrlich, je länger ich da nachdenke und rede, desto bedenklicher kommt mir die Sache vor. Daher rede nur lieber wieder Du! Vielleicht gelingt es Dir, diese Sache mit einem besseren Licht zu beleuchten? Ich denke hier nun einmal also.“
RB|1|24|1|1|Über die Führung der Menschen durch Gott. Warum schlechte Regenten zugelassen werden.
RB|1|24|1|0|Rede Ich: „Lieber Freund, diese deine Kritik nach der Beurteilung deines kurzsichtigen Verstandes hat dem Außenschein nach viel für sich. Und so es sich mit all dem wirklich also verhielte, wie du es nun vor Mir dargestellt und scharf beurteilt hast, da sähe es wirklich äußerst, ja endlos schlecht mit der gesamten Menschheit aus. Aber zum größten Glück für die Menschheit bist du da mit all deinen Begriffen und Kenntnissen und somit auch mit all deinen noch so scharfen Urteilen rein, wie einige auf der Erde zu sagen pflegen, auf dem allerdürrsten Holzweg!
RB|1|24|2|0|Denn siehe, erstens sorgt die Gottheit eben für die Menschen dieser Erde so außerordentlich, als hätte Sie in der ganzen Unendlichkeit nahe keine Wesen mehr, die Ihrer Fürsorge bedürften, und führt sie unter allen Verhältnissen ihres Prüfungslebens so, dass fast alle trotz allen sich entgegenstellenden Schwierigkeiten ihre hohe Bestimmung erreichen müssen, derentwegen sie von der Gottheit einzig und allein ins Dasein gerufen und gestellt sind!
RB|1|24|3|0|Freilich gibt es wohl ziemlich viele, die ihren Willen, trotz aller für sie angewendeten Willensbeugungsmittel, dennoch nicht unter den besten der Gottheit beugen wollen! Dass für solche Geister die Gottheit dann auch ernstere und schärfere Mittel gebrauchen muss, um sie, unbeschadet ihres freien Willens, am Ende dennoch auf den rechten Weg zu bringen, Ich meine, dass man darob die Gottheit von deiner Seite denn doch ein wenig zu seicht beurteilt und schiebt Ihr Ergebnisse Ihres Sorgewaltens unter, die ganz allein nur in dem freien (verkehrten) und hochmütigen Willen der Menschen ganz leicht zu finden wären!?
RB|1|24|4|0|Du sprachst wohl viel von der gewissen gnädigen Zulassung schlechter Regenten. Aber davon sagtest du nichts, dass es auch schlechte Völker gibt, die nicht durch die etwaigen politischen Verfügungen schlechter Regenten, sondern lediglich durch sich selbst schlechter als sehr schlecht geworden sind, was Ich dir durch zahllose Beispiele mehr als handgreiflich dartun könnte und später auch dartun werde.
RB|1|24|5|0|Aber nun siehe – zweitens zuvor, und zwar den Punkt deiner vermeinten ewigen Verdammnis, die den, von den von Gott zugelassenen schlechten Regenten verdorbenen und also ohne eigenes Verschulden schlecht gewordenen Menschen, nach dem Tod des Leibes zuteilwerden soll! Da muss Ich dir, der Ich doch, wie nicht leicht ein anderer, alle Verhältnisse der Geisterwelt genauest kenne, offen gestehen, dass Mir dergleichen Begebnisse noch nie vorgekommen sind. Ja die ganze Ewigkeit kann dir auch nicht einen Fall vorweisen, wo nur ein Geist von Gott aus verdammt worden wäre, in der Wahrheit! Aber zahllose Fälle kann Ich dir vorführen, wo Geister zufolge ihrer vollsten Freiheit nur die Gottheit verabscheuen und verfluchen und um keinen Preis von ihrer endlosesten Liebe abhängen wollen, indem sie selbst Herren, sogar über die Gottheit, zu sein sich dünken!
RB|1|24|6|0|Da aber die Gottheit nur jenen Ihre endloseste Liebefülle in den vollsten Zügen zu genießen geben kann, die sie haben und genießen wollen, so wird es hoffentlich doch klar sein, dass jene, die die Gottheit samt Ihrer endlosesten Liebe auf das Allerfesteste und Bestimmteste über alles hassen und verachten und ein grobes Gespött aus Ihr machen, dieser Liebe eben darum nicht teilhaftig werden können, weil sie auf das Allerentschiedenste derselben nicht teilhaftig werden wollen!
RB|1|24|7|0|Solche Wesen lieben nur sich selbst allein und hassen alles, was sie nicht für ihr selbstsüchtiges Ich als vollkommen tauglich und demselben tiefst ergeben finden. Die Gottes- und Nächstenliebe ist ihnen ein Gräuel der Verwüstung, ein Fluch in ihrem Herzen! Gott ist ihnen nur pure Fadheit eines zelotisch verbildeten Gemütes, eine Albernheit eines im höchsten Grad verdummten und verbildeten Verstandes, und der Nächste eine Kanaille, nicht wert, dass man ihn anpisse!
RB|1|24|8|0|Wenn aber freieste Geister allerhartnäckigst bei dem tatsächlich verharren und durch gar kein ihrer Freiheit gegebenes freies Mittel, also durchaus nicht durch sich selbst zu heilen sind von ihrem eigenen verderblichsten Wahn, und sich eher aller Bitterkeit und Herbe, die sie sich selbst bereiten, für ewig unterziehen wollen, als sich auch nur ein allersanftestes Gebot von der Gottheit gefallen zu lassen – sage, kann da wohl die Gottheit an solch einer (Selbst-) Verdammnis die Schuldträgerin sein?!
RB|1|24|9|0|Wenn aber dann die Gottheit aus purster Liebe solche Abtrünnlinge durch Ihre Allmacht, Liebe und Weisheit von Ihren seligsten Freunden absondert, ihnen aber auf den abgesonderten Zustandsorten dennoch die vollste Freiheit belässt, kann Sie dann als unsorgsam, hart und lieblos gescholten werden?!
RB|1|24|10|0|Aber du sagst: Dafür können Menschen und Völker ja nicht, wenn sie so arg werden – denn daran schulde die schlechte Erziehung und ein schlechter Unterricht; dass aber Erziehung und Unterricht schlecht sind, daran schulden schlechte, selbst- und herrschsüchtige Regenten; und endlich an den schlechten Regenten schulde die Gottheit Selbst! Oh, Ich will es dir gar nicht in irgendeine Abrede stellen und sagen, es gäbe keine schlechten Regenten und noch nie sei ein Volk durch schlechte Regenten verdorben worden! Oh, das sei ferne von Mir, dir gegenüber so etwas behaupten zu wollen!
RB|1|24|11|0|Aber ebenso wenig wirst du auch Mir gegenüber behaupten können und wollen, dass die gerechteste Gottheit noch nie irgendeinen schlechten Regenten gezüchtigt habe! Gehe die Weltgeschichte vom Anbeginn des Menschengeschlechtes durch, und sie wird dir viele Tausende von Regenten vorführen, die wegen ihrer schlechten Leitung der ihnen anvertrauten Völker auf das Allerempfindlichste gezüchtigt worden sind.
RB|1|24|12|0|Aber nichtsdestoweniger hat sich in allen Zeiträumen der Erde diese alte Erfahrung als stets bewährt erfunden, dass gerade unter harten und tyrannisch schlechten Regenten das Volk im Allgemeinen stets besser war und fügiger und lenksamer als unter guten und sanften Regenten. Daher denn die Gottheit dann auch zumeist schlechte Regenten über Völker aufstellen lässt, auf dass die Völker, so sie arg geworden, an ihren Regenten eine Zuchtrute haben sollen und dadurch genötigt werden, ein rechtes Bußkleid anzuziehen und sich zu bessern, wonach ihnen dann die Gottheit schon wieder bessere Regenten ganz unfehlbar geben wird und auch allzeit noch gegeben hat!
RB|1|25|1|1|Gefahren des Wohllebens. Führungen der göttlichen Weisheit. Unmöglichkeit einer wahren Glückseligkeit auf Erden. Unterschied des Strebens zwischen Robert und Jesus.
RB|1|25|1|0|(Jesus): „Aber so ein Volk unter guten und sanften Regenten und unter friedevollen und gesegneten Jahren zu sehr lass, geil und vollends naturmäßig sinnlich wird und auf nichts anderes mehr denkt, als wie es sich auf der Erde für sein Fleisch einen Himmel der Himmel schaffen könnte – siehe, so was kann und darf die gute, nur fürs rein geistige Wohl eines jeden Menschen über alles besorgte Gottheit nimmer dulden noch also belassen, weil ein irdischer Fleischhimmel nach der ewigen, notwendigsten Urordnung Gottes stets den Tod des Geistes in sich führt und enthält. Gleich wie ein Knabe, der im größten Wohlleben sich schon von der Wiege an befindet, für jede geistige Entwicklung und Fortbildung entweder gar keinen oder nur sehr wenig Sinn haben wird, also auch ein Volk, dem es irdisch zu gut ginge.
RB|1|25|2|0|Gehe in die Paläste der Reichen und erkundige dich da nach der rechten, von Gott angeordneten Bildung, und du wirst es zumeist finden, dass da selten eine zu Hause ist. Gehe aber dann in die Hütte eines armen Landmannes, und du wirst ihn in der Mitte der Seinigen betend und das wenige Brot segnend antreffen! Sage, was gefällt dir besser? – Du sagst, der arme Landmann in seiner armen Hütte! Ich sage dir, auch Mir! Denn dieser betet aus seinem Geiste, erzieht dadurch seine Kinder geistig und erhebt sie zu Gott. Des Reichen Gott aber ist nur sein Fleisch, das er durch alle erdenklichen Wohlgenüsse anbetet und hochverehrt. Und erzieht also auch seine Kinder auch nur fleischlich fürs Fleisch, des Fleisches wegen. Solch eine Erziehung aber kann doch Gott unmöglich gefallen, weil durch sie jener heilige Zweck, dessentwegen Gott die Menschen geschaffen hat, ewig nie erreicht werden kann.
RB|1|25|3|0|Und siehe, derselbe Fall ist es auch mit einem ganzen Volk. Wird es irdisch zu wohlhabend, so wird es sinnlich, stets mehr und mehr – und weil es ihm zu wohl geht, so braucht es auch keinen Gott mehr, und vergisst am Ende des wahren Gottes ganz und macht dafür sich selbst, oder was seinen Sinnen am meisten zusagt, zu einem Gott. Und das ist noch allzeit der Ursprung des Götzentums (und somit Heidentums) gewesen (wie auch nun vielfach wieder)!
RB|1|25|4|0|Du sprichst freilich bei dir: ‚Wozu sei denn die Gottheit dann höchst weise und allmächtig, wenn Sie so was nicht verhüten könne?‘ – Ich aber sage dir: Wenn die Gottheit die absolutest frei werden sollenden Geister mit Ihrer Allmacht richtete, da wäre es mit der Freiheit wohl auf ewig gar! Denn die Allmacht würde da anstatt der freiesten Geister nur gerichtete Spielpuppen darstellen, aber ewig nie sich frei von der Gottheit ganz unabhängig selbst bestimmende Geister, die in ihrer Vollendung selbst Götter werden sollen!
RB|1|25|5|0|Was aber die Einwirkung der göttlichen Weisheit betrifft, so verfügt diese eben solche Zustände über entartete Menschen, durch die sie wieder auf den Weg zum rechten Ziel gebracht werden können. Es ist zwar das auch ein Gericht und gewisserart eine Nötigung, aber nur den Außenmenschen berührend, auf dass der innere desto eher und leichter erwache und seine wahre Bestimmung wieder ergreifen möchte und könnte. Die Allmacht aber würde den ganzen Menschen richten und töten!
RB|1|25|6|0|Bedenke daher nun, ob du nun wohl noch ein Recht hast, die Gottheit zu beschuldigen, als täte Sie entweder nichts für die Menschen oder, so Sie etwas täte, bloß nur Hartes, Liebloses und somit auch allerbarst Schlechtes!
RB|1|25|7|0|Findest du nun immer noch das Erdenleben so verächtlich? Ist der Erfinder desselben in deiner Kritik noch gewisserart ein Wesen, das Sich solch einer Erfindung durchaus nicht zu rühmen hätte?
RB|1|25|8|0|Ich meine, so du nur irgendeinen Funken eigenen Lichtes und des Heglischen besitzt, so musst du es ja doch einsehen, und zwar aus endlos vielen Erfahrungen, dass auf der Erde, wo alles vergänglich sein muss, denn doch unmöglich je eine wahre Glückseligkeit zu suchen und zu finden ist, und das, wie gesagt, eben darum, weil sie, nach der natürlichsten Ordnung aller Dinge der Außenwelt, mit der Zeit notwendig veränderlich und am Ende ganz und gar vergänglich sein muss!
RB|1|25|9|0|Wer sich aber nach Meiner Lehre Schätze sammelt, die kein Rost angreift und die Motten nicht zerstören, der allein nur kann von einer wahren Glückseligkeit reden. Denn was für ewig bleibt wird doch offenbar besser sein, als was dem scharfen Zahn der Zeit unterliegt?
RB|1|25|10|0|Was wohl hast du selbst nun von all deinen rein irdischen Glückseligkeitsbestrebungen? Siehe, ein viertel Lot Pulver und ebenso viel Blei hat all deinen Mühen für die irdische Glückseligkeit ein vollkommenes Ende für ewig gemacht. Ob du das gerade verdient oder nicht verdient hast, das lassen wir nun dahingestellt sein. Denn Ich habe das gleiche Los ertragen müssen, nur mit dem Unterschied: Ich für Gott und Geist; du aber für die Welt und für ihre vermeintliche materielle Glückseligkeit; Ich fürs ewige, und du fürs zeitliche Wohl der Menschen.
RB|1|25|11|0|Wie Ich, so kannst auch du nun sagen: ‚Herr vergebe ihnen; denn was sie taten, das taten sie in ihrem blinden Eifer, glaubend, etwas Rechtes zu tun!‘ Also darüber ist nicht viel mehr zu reden. Aber was hast du nun für die sichere Ewigkeit mit herübergebracht?! Siehe, Freund, das ist eine ganz andere Frage! Wird dir die für dich so gut wie für immer vergangene Welt wohl etwas zu geben imstande sein? Denke nur einmal darüber nach und sage Mir, wie du es nun hier anfangen wirst?!“
RB|1|26|1|1|Spekulationen über Gott. Zweifel an einer liebevollen Gottheit. Nichtsein ist besser als ein elendes Dasein haben.
RB|1|26|1|1|(Am 8. Jan. 1849)
RB|1|26|1|0|Nach einigem Nachdenken spricht der Robert wieder und sagt: „Mein geachtetster, allerliebster Freund und Bruder! Was da Deine überaus triftige Widerlegung meiner Anwürfe auf die Gottheit und auf Ihre einmal aufgestellte Lebensordnung betrifft, so bin ich nun auch in diesem Punkt mit Dir ganz einverstanden und sage und bekenne es laut vor Dir, dass ich der lieben Gottheit sehr Unrecht getan habe, vorausgesetzt, dass es wirklich eine solche Gottheit gibt, so einen liebevollsten Vater, wie Du Ihn Deinen Jüngern wolltest kennen lehren, und sie Ihn aber dennoch nie ganz erkannt haben,
RB|1|26|2|0|darum sie denn von Dir auch einmal verlangten, dass Du ihnen solchen Deinen Vater hättest zeigen sollen, und da Du solch einem Begehren nicht anders genügen konntest, als Deiner Jünger leichten Glauben benützend – Dich ihnen Selbst als Vater darzustellen, so wolltest Du, nach meinem Dafürhalten, damit nichts anderes sagen als: O ihr jüdischen Dummköpfe! Wisst ihr denn nicht, dass es außer dem Menschen nirgends einen Gott gibt?! So ihr Mich oder auch einen anderen Menschen seht, so seht ihr ja auch, was zu sehen ihr verlangt. Wisst ihr denn noch nicht, und könnt ihr es denn unmöglich fassen, dass der Vater in uns und wir im Vater sind; oder mit anderen Worten gesagt: Es gibt nirgends einen Gott, außer den im Menschen!?
RB|1|26|3|0|Obschon ich aber dieses notwendig so nur auffasse und fast kaum anders auffassen kann, so bin ich aber deswegen dennoch nicht hartnäckig darauf versessen und will recht gerne irgendeine Gottheit annehmen, so Du sie mir erweisen und zeigen kannst, aber ich wollte, so ich's hätte, auch hier eine ganze Welt voll der größten Kostbarkeiten Dir zum Pfand bringen, so Du es imstande bist, mir außer der ‚Hegelschen‘ Gottheit in Dir noch eine andere irgendwo zu erweisen und zu zeigen! So ich demnach aber einer nicht und nirgends als nur in uns seienden Gottheit solche Anwürfe machte, die Sie wohl beleidigen könnten, so Sie irgendwo wäre, da kann ich Deine wirklich allertriftigste Widerlegung auch umso leichter und allerwahrst annehmen, weil sie sich lediglich nur auf unsere eigenste innere Ordnung bezieht, die vorher ganz begriffen und verstanden sein will, bevor sie sich, wohl begründet, einer zu seicht gefassten kritischen Beurteilung preisgeben kann. Oder mit anderen Worten gesagt: ‚Mensch, erkenne dich zuvor ganz, dann erst beurteile dein Sein und alle die verschiedenen, notwendigen Verhältnisse, die die feste Bestimmtheit deines Seins mit sich führt!‘
RB|1|26|4|0|Ich kann Dir für diese Deine nunmalige wahrhaft große Belehrung nur danken aus allen meinen Kräften; denn auf meinem überaus nichtigen und magersten Boden dürften solche Früchte wohl noch sehr lange nicht zum Vorschein kommen.
RB|1|26|5|0|Aber trotzdem ich nun die weisen Beschränkungen der im menschlichen Geist zugrunde liegenden absoluten Freiheit als überaus notwendig und der Natur der menschlichen Ordnung und ihrer zum wahren Leben erforderlichen Dinge höchst angemessen finde, so muss ich aber daneben denn doch noch immer leider das offen bekennen, dass ich die Lehre, der zufolge Gott die purste Liebe ist, und dass man diese Liebe über alles, den Nächsten aber gleich wie sich selbst lieben soll, durchaus nicht mit alledem, was Du mir bis jetzt gesagt hattest, vereinigen kann, und eher schon gar nicht, als bis Du mich vom Dasein einer wirklichen Gottheit überführen wirst!
RB|1|26|6|0|Gott muss zuerst definitiv da sein und Seine Natur und Sein Wille vollkommen erkannt, dann erst lässt sich von Notwendigkeiten reden. Ist aber Gott nur ein vom blinden Glauben wohl angenommenes, nie aber der reinen Vernunft qualitativ erweisbares Wesen, da muss notwendig früher oder später jede auf Gott Bezug habende Lehre, und möchte sie auch noch so ominös metaphysisch und ultra-theosophisch klingen, in ein barstes Nichts sich von selbst auflösen.
RB|1|26|7|0|Ich widerspreche hiermit Deiner nun an mich gerichteten Belehrung gar nicht; denn ich sehe ihre Realität nur zu klar ein. Aber es versteht sich auch nur in dem Fall, so es eine Gottheit gibt, die solche Ordnung zur Heranbildung des Menschen zu einem höheren, freiesten Wesen für unausweislich [unausweichlich] nötig gestellt hat. Gibt es aber keine Gottheit, dann brauche ich Dir gar nicht zu widersprechen. Denn da widerspricht sich die Sache von selbst, und wären ihre Prinzipien auch noch so richtig gestellt.
RB|1|26|8|0|In der Beantwortung oder vielmehr Darlegung meiner an Dich gerichteten Frage: ‚Mit welchem Recht mich ein Windisch-Graetz erschießen ließ?‘ gingst Du ganz kurz zu dem Entschuldigungsgrund über, dass es nun gewisserart gar nicht an der Zeit sei, darüber viel zu reden, ob solches mit Recht oder Unrecht geschehen sei; denn auch Dir sei ein ähnliches Los zuteilgeworden, nur mit dem Unterschied: Dir – für Gott und der Menschen ewiges und geistiges Wohl; mir aber – für die Welt und ihre vergängliche Glückseligkeit! Und ich soll Dir nun kundgeben, was ich aus der für mich für ewig vergangenen Welt für die Ewigkeit mit herübergenommen habe? Freund, ich meine, diese Frage zu beantworten, wird mir eben nicht zu viel Kopfzerbrechens machen!
RB|1|26|9|0|So es denn doch irgendeine liebevollste Gottheit geben soll, so lehrt uns die mehrere tausend Jahre alte Erfahrung, dass eben diese Gottheit den Menschen, so Sie dieselben zur Welt in die seinsollende Freiheitsschule schickt, absolut nichts als bloß nur das allernackteste, unbehilflichste, begriffsloseste und somit auch allervollendetst dümmste Leben mitgibt. Also ein allerreinstes und barstes Nichts bringt der Mensch auf die elende Welt! Von all den Weltschätzen gehört streng genommen nichts ihm, da er sie am Ende seines Lebens ex officio aeterno et naturali [aus ewigem und natürlichem Grund] für ewig wieder verlassen muss!
RB|1|26|10|0|Was wohl hätte ich da für die Ewigkeit mit herübernehmen sollen oder können, außer ohne mein Verlangen und ohne meinen Willen mich ganz allein! Nur mit dem geringen Unterschied, dass ich nun in diese Welt als ein denkendes, und somit etwas mehr geistig gebildetes Wesen eintrat, während mein Eintritt in die materielle Welt ein höchst allerunbehilflichst elender war; welchen Eintritt ich aber dennoch diesem zweiten in diese unweltliche Welt sehr vorziehen möchte. Denn in der Materiewelt fühlte ich als Säugling nichts, außer etwa, wie ein Polyp, einen stummen Hunger oder einen ebenso stummen Schmerz, aber diese beiden Martern waren für mich so gut wie gar nicht da, denn ich hatte damals ja kein Bewusstsein und keine Beurteilung. Hätte meine arme irdische Mutter mir in dieser Zeit die kärglichste Pflege nicht gegeben, so hätten mich zufolge irgendeiner göttlichen Liebsorge wohl alle Mäuse und Ratten zusammenfressen können; die Gottheit hätte es sicher nicht abgewehrt!?
RB|1|26|11|0|Ja, die Gottheit in der Brust meiner Mutter wohl sorgte für mich, aber die große, allmächtige, irgend über allen Sternen, die weiß vielleicht noch (in) diesem Augenblick nichts von einem armen Teufel, von einem Robert Blum!
RB|1|26|12|0|So ich aber dennoch ein miserables Produkt dieser großen Gottheit sein soll, die aus purster Liebe mich so reichlichst ausgestattet in die Prüfungswelt sandte, kann Sie nun wohl mehr von mir zurückverlangen, als Sie mir auf die Weltreise mitgegeben hat?! Ich meine, wo nichts ist, da hört wohl von selbst jedes Recht auf!? Oder gibt es hier in der Geisterwelt wohl irgendeine solche Rechtsverfassung, nach der man auch für ein barstes Nichts jemandem zum Schuldner werden kann?!
RB|1|26|13|0|Das nackte Leben, ja, das ist nicht mein, da ich mir's nicht gegeben habe. Dieses Leben, mit einiger Intelligenz sogar bereichert und mit einem schlechten Rock auch noch dazu, habe ich wieder hierhergebracht und stelle es mit dem größten Vergnügen Dem wieder zurück, Der es mir gegeben hat, aber mit der Bitte, dass ich, als der elende Robert, für alle Ewigkeit vollends zu sein aufhöre! Denn ich ersehe nun auch sogar aus Deinen, wenn schon sehr weisen Reden, dass dem Leben überhaupt, und ganz besonders dem meinen, für ewig keine glückliche Seite abzugewinnen sein dürfte. Und so ist es ja endlos besser, ewig nicht mehr zu sein, als zu sein so elend, wie ich es noch stets zu sein die große Ehre hatte!
RB|1|26|14|0|Es ginge nun zur Vollendung meines diesgeistigen Glücks nur noch das ab, dass Du, lieber Freund, also zu mir sprächest: ‚Weiche von Mir, du Verfluchter, in das ewige Zornfeuer Gottes und brenne dort ewig unter den grässlichsten Qualen und Schmerzen‘, so wäre dadurch dem Leben und seiner Herrlichkeit wahrlich die Krone aller Kronen der urgöttlichen Liebe aufgesetzt! Freund, wenn solch eine unbegreiflich härteste und aller Liebe ledigste Sentenz [Spruch, Urteil] auch Dein liebevollster Vater Dir eingegeben hat – wahrlich, da wäre von Seiner endlosen Liebe nicht viel Gutes zu erwarten! Aber ich meine, solch eine scheußlichst grausamste Sentenz dürfte wohl kaum je über Deine Lippen gekommen sein, sondern wurde höchstwahrscheinlich in der späteren Zeit von den liebevollsten Römlingen eingeschoben? Das Warum dürfte nicht schwer zu erraten sein! Rede nun wieder Du, denn ich bin mit meiner Antwort zu Ende.“
RB|1|27|1|1|Die Freigestaltung des Menschen und sein hilfloser Anfang auf Erden.
RB|1|27|1|0|Rede Ich: „Höre, du Mein lieber Freund! Mit dir wird es noch einige Anstände haben, bis du zu klareren geistigen Begriffen gelangen wirst! Du hängst noch viel zu sehr an der Materie und ihren Verhältnissen und daraus hervorgehenden Erscheinlichkeiten. Deshalb beurteilst du auch alles nach der Materie, die gerichtet und daher vergänglich ist, und magst das rein Göttlich-Geistige nicht erfassen.
RB|1|27|2|0|Begreifst denn du, als ein Hauptphilosoph, denn das noch immer nicht, dass, so die Gottheit ein Leben aus Sich freigibt, so muss Sie dasselbe ja doch vollkommen freigeben, und nicht gerichtet, außer was im höchsten Grad vollends nötig gerichtet sein muss, als da ist das eigentliche leibliche Leben, das da gerichtet ist, auf dass es eine Festigkeit habe zur Aufnahme des Lebensgeistes aus Gott heraus. Hat dieser einmal die rechte Festigkeit erreicht, oder will Gott einen an und für sich sehr schwachen Geist auf eine andere Art kräftigen zum ewigen Leben, ohne dass solch ein Geist es nötig haben soll, die volle Fleischprobe durchzumachen, so nimmt Gott Selbst das Gerichtete vom freiesten Geist, und der Geist ist dann auch ganz frei, und es geschieht ihm dann nichts anderes und kann ihm auch nichts anderes geschehen, als was er absolut selbst frei aus sich heraus will? Was willst du da noch mehr?
RB|1|27|3|0|Glaubst du denn, Gott wird dir gebieten, etwa entweder in die Hölle zu fahren oder in die Himmel einzugehen?! Oh, mit solchen Ideen brauchst du dich in Ewigkeit nicht abzugeben. Denn Ich sage dir, da bist du ganz vollkommen frei; was deine eigene Liebe will, das soll dir auch werden! Gott kann und will dir auch zum bessern Teil behilflich sein, aber nur, so du es willst. Willst du aber solche Hilfe nicht, so wird sie dir Gott auch nicht von selbst an den Rücken nachwerfen, und das darum nicht, weil du ein ganz freies und von Gott ganz unabhängiges Leben hast, das sich ganz frei bestimmen kann, wie es will, und daher auch für seine Ernährung und Stärkung zu sorgen hat, ganz unabhängig von Gott, ansonsten es wahrlich kein freies Leben wäre!
RB|1|27|4|0|So aber Gott den Menschen auch zur Welt ganz nackt und in jeder Hinsicht aus sich heraus völlig unbehilflich zur Welt geboren werden lässt, so geschieht das darum, um das Menschenleben schon da freizugeben, damit dasselbe an das Sich-selbst-überlassen-Sein sich schon von der Geburt aus angewöhnen soll. Dieser Lebens-Trennungsprozess muss darum auch mit der Geburt seinen Anfang nehmen, wo das Kind noch keiner Vorstellung, keines Begriffes und somit auch keines eigentlichen Schmerzes fähig ist; weil bei einer solchen Lebenstrennung, so sie dem Menschen in einem begriffsfähigen Zustand geschähe, er den Schmerz und die zu große Trauer gar nicht ertragen könnte. Trauert doch ein Mensch, so durch des Leibes Tod einer seiner besten Freunde gewisserart von seinem Lebensband getrennt wird; um wie viel mehr würde der Mensch erst trauern, so er mit vollstem Bewusstsein sich von seinem eigensten Lebensvater trennen sollte? Was denn am Ende dennoch geschehen müsste, weil ohne diesen an und für sich noch so schmerzlichen Akt kein Leben neben Gott frei gestellt werden könnte.
RB|1|27|5|0|So aber des Herrn höchste Weisheit und Liebe solch eine notwendigste Trennung in einen nahe ganz empfindungslosen Zustand des Menschen versetzt, ihm – zum anfangs ganz gebundenen geistigen Leben – ein äußeres Naturleben gibt, das vor dem Geist das ehemalige, mit Gott vereinte Leben auf eine unbestimmte Zeit verbirgt, auf dass der Geist sich solche Trennung desto leichter angewöhne und sich in sein künftiges absolutes freies Leben desto unbeirrter finden könne, sage, kann ein Mensch dann darum die Gottheit schmähen oder gar leugnen, so Sie tut, was Ihr Ihre eigene höchste Liebe, Weisheit und Ordnung gebietet?!
RB|1|27|6|0|Glaube es Mir, so es einen anderen möglichen Weg gäbe, der noch weniger schmerzlich wäre – zur Freigestaltung des Lebens aus sich, so hätte ihn die Gottheit auch sicher in Ihre Ordnung aufgenommen. Aber bei den Verhältnissen der Lebensdinge, wie sie sind und notwendig sind, ist kein besserer und schmerzloserer Weg möglich, weil das schon der beste und schmerzloseste ist, und ist somit auch gut und ganz zweckmäßig. Und weil also und nicht anders, da ist ja doch an der Sache selbst schon der größte Beweis fürs sichtbar greifliche Dasein Gottes, ohne den nichts entstehen, sein und bestehen kann.
RB|1|27|7|0|Ist aber dadurch das Dasein Gottes nur zu bestimmt und offenkundigst erwiesen, wie verdient es von so weisen Männern, wie du wenigstens einer sein willst, geschmäht zu werden? Sieh, sieh, lieber Freund, wie sehr Unrecht du dem großen, heiligen Vater tust!“
RB|1|28|1|1|Über Leibestod und Todesleiden. Zulassung von höllischen und irdischen Plagen.
RB|1|28|1|0|(Jesus:) „Siehe, das Sterben der Menschen auf der Erde ist auch für die äußeren Sinne eine sehr traurige und zumeist mit sehr verschiedenen Schmerzen verbundene Erscheinung. Der bloße Weltverstand findet sie für sehr hart und grausam angeordnet von Seiten einer allmächtigen Gottheit, die noch dazu voll der höchsten Liebe und Erbarmung sein soll! Wie oft ist die gute Gottheit schon darob von Menschen und Geistern geschmäht oder auch ganz geleugnet worden!
RB|1|28|2|0|Aber siehe, auch da tritt wieder dieselbe Notwendigkeit wie bei der Geburt ein. Und der freie Geist im Menschen kann unmöglich anders eines jeden, seine wahre Freiheit hemmenden Gerichtes ledig werden, als durch die Hinwegnahme seiner gerichteten, zeitweiligen Umhüllung, die dem Geist nur so lange belassen werden darf, als bis er von dem Einleben mit dem Urleben Gottes nach allen Teilen vollends isoliert worden ist, was freilich nur Gott, als der Gestalter des Lebens, wissen kann, wann solch ein Geist zur völligen Selbständigkeit gediehen ist; wenn solch eine Reife eingetreten, dann ist es auch an der Zeit, dem Geist die Last abzunehmen, die ihn an seiner Freiheit hindert.
RB|1|28|3|0|Freilich sagst du, wie viele deinesgleichen: ‚Warum geschieht denn diese Abnahme dann nicht schmerzlos?!‘ Ich aber sage dir: Würde ein jeder Mensch nach der Lehre Gottes leben, so würde seines Leibes Tod ihm auch nur eine Wollust sein, oder doch wenigstens wäre er völlig schmerzlos. Aber da die Menschen zufolge ihrer Freiheit sich zu sehr in die Ordnung der Materie begeben, und ihren Geist mit eisernen Ketten daran befestigen und ihn zur Weltliebe ziehen, da freilich muss solche Trennung, so sie erfolgen muss, mit umso mehr Schmerzen verbunden sein, je fester ein freier Geist sich an die gerichtete Welt angeklebt hat.
RB|1|28|4|0|Aber auch dieser Schmerz ist dennoch keine Härte, sondern nur die purste Liebe Gottes. Denn würde Sie da nicht eine kleine Gewalt anwenden, die freilich nie wohltun kann, da ginge der Geist dann ganz ins vollkommene Gericht über und somit in den ewigen, qualvollsten Tod, der da ist die eigentliche Hölle. Aber um den edelsten Geist davon möglicherweise zu retten, muss die Gottheit ein solches notwendiges Gewaltstreichlein ausführen. Und da Sie das tut, sage, verdient Sie darum wieder, geschmäht oder gar geleugnet zu werden?! Leider gibt es nun eine zu große Menge Geister, die von Gott nichts mehr hören wollen, so sie ihre Freiheit erlangt haben. Aber Gott unterlässt es dennoch nie, sie auf den besten Wegen zum wahren und vollkommensten Ziel zu führen und zu leiten.
RB|1|28|5|0|Siehe, in der Urzeit wurden die Menschen im Allgemeinen dem Leib nach viel älter und starben endlich auch eines gar sehr gelinden und schmerzlosen Todes. Das geschah aber darum, weil sie in ihrem Geist von Gott nicht so leicht wie die Menschen dieser Zeit abgelöst werden konnten, und das darum nicht, weil die Erde für sie viel zu wenig Reize aufzubringen hatte, und sie dadurch mehr in sich gekehrt und auch mit Gott in einem schwerer zu trennenden Verband standen.
RB|1|28|6|0|Aber als mit der Zeit die Menschen stets mehr Reize der Erde abzugewinnen begannen, und die Trennung vom Gottesleben daher auch eher sich ergab, da wurde auch die irdische Lebensperiode stets kürzer und kürzer.
RB|1|28|7|0|Als aber endlich die Menschen vor lauter Welttum und seinen Reizen ganz und gar ihres Urhebers zu vergessen anfingen, da erreichten sie dann aber auch das entgegengesetzte Extrem wider alle Gottesordnung, in welchem der ewige Tod ihnen zuteilwerden müsste. Siehe, da war es dann göttlicherseits nötig, Sich ihnen wieder mehr zu nähern und Sich zu offenbaren hie und da, um die dem ewigen Untergang nahen Menschen zu retten. Viele ließen sich retten. Viele aber nicht – aus eigenem, freiestem Willen. Hätte sie die Gottheit da mit Ihrer Allmacht ergreifen sollen, so sie Ihrer Liebe kein Gehör schenken wollten? Siehe, das hieße alle solche Geister dann für ewig verderben!
RB|1|28|8|0|Was kann da die ewige Liebe anderes tun, als aus Ihrer Liebe und Weisheit zu sagen, d. h. tatsächlich: Weichet von Mir, die ihr euch zu gänzlich von Mir abgeflucht oder abgelöst habt, und geht in eine andere Erhaltungsschule, die euch und allen euresgleichen bereitet ist, zu eurer möglichen Wiederlöse. Es ist ein Feuer des Gerichtes der Welt! Das muss euch lostrennen von ihr, ansonst es um euch geschehen ist!
RB|1|28|9|0|Wenn die Gottheit, um solche Übel so viel als möglich zu verhüten, nun äußere Plagen über die Erde kommen lässt, sage, ist Sie da nicht? Oder so Sie ist, ist Sie da hart und lieblos? Wenn Sie tut, was zu tun Sie für allernötigst findet! Wie kannst du dir aber auch nur in einem Traum beikommen lassen, dass die Gottheit Ihre Geschöpfe, die Sie aus Sich heraus zeugt und schafft, verfluchen und verdammen soll, und elend machen für ewig! Was wohl hätte Sie davon?!
RB|1|28|10|0|Aber so Sie die Geschöpfe frei darstellen will für ewig, muss da nicht Ihre größte Sorge dahin gerichtet sein, dass diese Geschöpfe ja nicht irgend wieder in die Arme Ihrer Allmacht hinein geraten, wo es mit der Freiheit in jedem Fall geschehen sein müsste; gerade als so du Kinder hättest und möchtest sie aber in ihrer Zartheit nach aller deiner Manneskraft an deine Brust drücken, was ihnen natürlich das zarte Leben kostete; so du sie aber zu Tode erdrückt hättest mit deiner Kraft und hättest noch andere Kinder, sage, würdest du diese nicht warnen vor deiner unbändigen Kraft, oder würdest du diese Kraft noch an mehreren versuchen? Dich würde wohl die Erfahrung davor warnen.
RB|1|28|11|0|Die Gottheit aber bedarf freilich der Erfahrung nicht, da Sie im Besitz der unendlichsten Weisheit ist. Sie ist der alleinige wahre gute Hirte aller Ihrer Schäflein und kann sie am besten schützen vor Ihrer Allmacht, die Sie nur zur Gestaltung der gerichteten Dinge aller Körperwelt gebraucht, nie aber zur freien Gestaltung und Bildung freier Geister aus Ihr! Diese müssen allein aus Ihrer Liebe und Weisheit hervorgehen, ansonst an ihnen ewig keine Freiheit und somit auch kein Leben zu bewerkstelligen ist! Denn Gottes Allmacht zeugt nichts als Gericht über Gericht!“
RB|1|29|1|1|Sinn des Textes: „Weichet von Mir, ihr Verfluchten.“ Nicht die Gottheit, sondern der böswillige Geist verflucht sich selbst. Über die Allmacht Gottes. Verderblichkeit der Sünde wider diesen Machtgeist.
RB|1|29|1|0|(Jesus:) „Wenn du jene dir so schauderhaft vorkommende Sentenz aus dem Evangelium nur einmal als ein kritischer Denker bloß grammatikalisch durchgegangen hättest, so müsstest du schon aus der alleinigen Wortfügung auf den ersten Blick erkannt und eingesehen haben, dass die Gottheit damit ein wirkliches richterliches Verdammungsurteil über die sogenannten verstockten Todsünder nie habe für ewig wirkend aus der Allmacht heraus aussprechen können und noch weniger wollen!
RB|1|29|2|0|Denn sieh, es heißt da: ‚Weichet von Mir, ihr Verfluchten!‘ Also sind die schon verflucht, an die das Gebot ergeht. Denn sonst müsste es heißen: Darum ihr vor Mir allzeit so gröblichst und unverbesserlich gesündigt habt, so verfluche Ich als Gott euch nun für ewig zur Hölle ins ewige Qualfeuer!
RB|1|29|3|0|So aber die schon verflucht sind, an die die Gottheit solche Sentenz ergehen lässt, so folgt fürs Erste schon daraus, dass die Gottheit hier durchaus nicht als Richter, sondern nur als ein alles ordnender Hirte auftritt und den von Ihr leider aus eigener Willensmacht ganz abgetrennten Geistern einen andern Weg strenge weisen muss, weil sie sonst alles Verbandes mit der Liebe der Gottheit ledig, unmittelbar in die Arme der Allmacht geraten müssten, wo es dann um sie wahrlich geschehen sein müsste!
RB|1|29|4|0|Fürs Zweite aber fragt es sich, da solche aber schon verflucht sind, wer sie dann verflucht hat? Die Gottheit unmöglich! Denn so die Gottheit jemanden verfluchte, da wäre keine Liebe in Ihr und auch keine Weisheit. Denn jeder Geist ist ja aus der Gottheit, wie alles andere. So die Gottheit aber also gegen Ihre Werke, die aus Ihr sind, zu Felde zöge, zöge Sie da nicht so ganz eigentlich gegen Sich selbst, um Sich zu verderben, anstatt stets mehr und mehr von Ewigkeit zu Ewigkeit Sich aufzurichten durch die stets wachsende Vollendung Ihrer Werke, Ihrer Kinder?
RB|1|29|5|0|So aber die Gottheit da unmöglich als ein Richter erscheinen kann, außer allein aus Ihrer Liebe und Weisheit heraus, so ist es ja klar, dass solche Geister zuvor durch jemand andern mussten gerichtet worden sein! Durch wen aber? Diese Frage ist gar leicht zu beantworten, so man nur so viel Selbstkenntnis besitzt, um einzusehen, dass ein Wesen, das einerseits einen vollends freien Geist und Willen hat, der eigentlich allein der Liebe und Weisheit Gottes entstammt, anderseits aber, auf dass es von der Allmacht isoliert werden könne, um ein wahrhaft vollkommen freies Wesen zu werden, dennoch auch eine Zeit lang einen (wohlverstanden) von der Allmacht gerichteten Leib und eine äußere, gerichtete Welt mit eigenen, ebenfalls gerichteten Reizen haben muss, durch niemand andern, als lediglich nur durch sich selbst gerichtet und bestimmt werden kann. Oder was dasselbe ist: Es kann sich (ein solch freies Wesen) nur selbst verfluchen, oder gänzlich von aller Gottheit absondern und ablösen!
RB|1|29|6|0|Die Gottheit aber, die auch solch einem Wesen darum dennoch die Freiheit nicht nehmen kann und will, kann da doch nichts anderes tun, als ein oder mehrere solche verirrte Wesen bei ihrer Beschaffenheit anrufen und ihnen den Weg aus ihrem weisesten Liebeernst anzeigen, auf dem für sie die Rettung möglich ist und sie wieder in den Verband der Liebe und Weisheit Gottes treten können, außer welchem Verband keine absolute Freiheit und somit auch kein geistiges, ewiges Leben denkbar ist, da gewisserart außer diesem Verband allein nur die Allmacht der Gottheit wirkt, in der nur die Kraft, Gottes Liebe und Weisheit, als ein Wesen mit der Allmacht, als das Urleben alles Lebens bestehen und sie leiten kann. Jedes andere von diesem Urleben abgelöste Leben aber muss in ihr zugrunde gehen und ewig erstarren, weil es für sich doch unmöglich der endlosesten Kraftschwere nur den allerleisesten Widerstand leisten kann!
RB|1|29|7|0|Darum heißt es auch: Gott wohne im ewig unzugänglichen Licht! Was so viel sagen will als: Gottes Allmacht, als der eigentliche Machtgeist Gottes, der die Unendlichkeit erfüllt, ist für das Sein jedes geschaffenen Wesens, so es bestehen soll, für ewig unzugänglich. Denn jeder Konflikt mit der ledigen Allmacht Gottes ist der Tod des Wesens! Also wird auch eine Sünde gegen diesen Machtgeist als höchst verderblich bezeichnet. Weil ein Wesen, das, von der Gottesliebe sich zuvor völlig trennend, mit dieser Macht sich messen will, doch notwendig von solcher Allkraft gänzlich verschlungen werden muss und nur höchst schwer oder auch wohl gar nicht mehr von ihr loszuwinden ist, gleich als so eine Milbe unter dem Schutt eines Himalaya begraben wäre! Wie würdest du sie aus dem Schutt befreien?!“
RB|1|30|1|1|Vom reichen Prasser und armen Lazarus im Jenseits. Muss eine Hölle sein und wer hat sie gemacht?
RB|1|30|1|0|Du sprichst nun bei dir: (Robert:) „Ja, ja, das ist alles richtig, so die Gottheit zu jenen also spricht, die sich zufolge ihrer vollsten Freiheit von Ihr ganz abgelöst haben, wie sie durch sich selbst in sich beschaffen sind. Somit kann in dieser scheinbaren Schreckens-Sentenz unmöglich das unmenschlichst Schaudervollste auf keinen Fall vorhanden sein, als wie man es auf den ersten Augenblick doch notwendig vermuten sollte. Aber was hat es dann mit der Parabel vom armen Lazarus und dem reichen Prasser für eine Bewandtnis, der ohne alle Gnade und Pardon im heftigsten und schrecklichsten Feuer der Hölle gesehen wird – der da bittet und keine Erhörung seiner Bitten findet – zwischen dem und der Liebe und Gottes Gnade eine ewig unübersteigliche Kluft angezeigt wird, über die für ewig keine Übergangsbrücke sich befindet! Was sagt denn da die göttliche Liebe, Weisheit, Erbarmung und Gnade dazu?“
RB|1|30|2|0|Spricht Jesus weiter: „Lieber Freund, Ich wusste es wohl, dass du mit dieser Frage kommen wirst. Dagegen frage Ich dich aber auch, ob du Mir sagen kannst, wer denn diesen Prasser so ganz eigentlich in die Hölle geworfen hat? Hat das etwa die Gottheit getan? Mir ist so was wahrlich nicht bekannt!
RB|1|30|3|0|Oder hat dieser in seiner notwendigen Qual sich etwa an die Gottheit und Ihre Liebe und Gnade gewendet, um von seiner Qual befreit zu werden? Ich weiß nur, dass er sich an den Geist Abrahams und nicht an die Gottheit gewendet hat! Der Geist Abrahams ist aber, obschon als ein geschaffener Geist überaus vollkommen, doch ewig die Gottheit nicht, die allein nur helfen kann; und ist auch in solchen Fällen die alleinige, unübersteigliche Kluft, über die sich die Geister heterogenster Art nie die Hände reichen können und dürfen, denn da wirkt allein Gottes geheimste und tiefste Weisheit und Liebe!
RB|1|30|4|0|Wenn dieser Prasser sich aber im großen Elend befindet, kann da die Gottheit darum, so er sich allgewaltigst selbst hineingestürzt hat? Was meinst du nun wieder zu diesem Punkt? Kann dem Selbstwollenden ein Unrecht geschehen, so ihm geschieht, was er will? Sage Mir nun wieder deine Meinung!“
RB|1|30|5|1|(Am 14. Jan. 1849)
RB|1|30|5|0|(Robert:) „Ja, ja, das ist wieder ganz richtig! Volenti non fit injuria [dem Selbstwollenden geschieht kein Unrecht]! Aber so die Gottheit voll der höchsten Liebe ist, was Sie auch sein wird, weil ich's nun mehr und mehr einsehe, da fragt es sich von selbst: Wie wohl konnte diese Gottheit einen so qualvollen Ort oder Zustand statuieren [einrichten], in welchem ein Geist zuvor unbeschreibliche Schmerzen auszustehen hat, bis er möglicherweise irgendeiner Vollendung sich nähern und durch diese in einen etwas gelinderen Zustand übergehen kann? Muss denn eine Hölle sein? Und müssen solche Geister schmerzfähig sein? Könnte denn das alles nicht auf eine andere weniger grausame Art eingerichtet sein?“
RB|1|30|6|0|Rede Ich: "Höre, Mein lieber Freund, meinst du denn, dass da die Gottheit die Hölle also eingerichtet habe!? Oh, da bist du in einer großen Irre! Siehe, das haben von alten Urzeiten her die argen Geister selbst getan. Die Gottheit hat es ihnen nur zugelassen, um sie ja nicht im Geringsten zu beirren in ihrer Freiheit. Aber dass Sie eine Hölle je erschaffen hätte, das kann in allen Himmeln kein Wesen sich auch nur im allerentferntesten Sinn denken. Denn so die Gottheit eine Hölle erschaffen könnte, da müsste in Ihr auch die Sünde und somit Böses sein, was für die Gottheit eine eigentliche Unmöglichkeit wäre. Denn es ist nicht möglich, dass die Gottheit wider Ihre ewige Ordnung handeln könnte. Und so ist es auch unmöglich zu denken, dass die Gottheit aus Sich im eigentlichsten Sinn des Wortes und der Bedeutung nach eine Hölle erschaffen könnte. Aber zulassen kann und muss Sie es den freiesten Geistern, so sie aus ihrer ganz verkehrten ursprünglichen Gottesordnung heraus sich selbst Zustände bereiten, die allerdings sehr arg und schlimm sind!
RB|1|30|7|0|In der ganzen Unendlichkeit aber wirst du nirgends einen Ort finden, der da schon von der Gottheit aus als eine barste Hölle gestaltet wäre. Denn es gibt nirgends eine Hölle, außer im Menschen selbst nur. So aber der Mensch ganz freiwillig in sich die Hölle in einem fort durch die gänzliche Nichtbeachtung des Gotteswortes gestaltet und ausbildet, und kehrt sich nimmer an die leichte Beachtung der Gottesgebote, was kann da die Gottheit dann dafür, so ein Geist Sie freiwillig flieht, verspottet und lästert!?
RB|1|30|8|0|Da aber die Gottheit doch allein nur das wahre Leben und auch das Licht alles Lichtes ist und sonach auch die alleinige, wahre, vollste Seligkeit aller Wesen, so ist es dann aber ja auch gar wohl erklärlich, dass ein gottloser Zustand durchaus nichts Angenehmes an sich haben kann, da es ohne Gott kein wahres Leben, kein Licht, also kein Wahres und kein Gutes geben kann!
RB|1|30|9|0|Ein Mensch aber, der die Gottheit verlässt und Sie aus sich herausschafft, und keine mehr annehmen will, muss dann ja in sich eine wahre Hölle gestalten, die in allem böse und arg sein muss, weil er freiwillig die Gottheit aus sich schafft! Wenn es dann solch einem gottlosen Menschengeist notwendig sehr schlecht ergehen muss, und je länger er in dem gottlosen Zustand beharrt, desto schlechter, da kann die Gottheit nichts dafür. Denn würde die Gottheit Sich durch Ihre Macht eines Wesens trotzdem bemächtigen, obschon das Wesen aus seinem eigenen freiesten Willen Ihr auf das Hartnäckigste und Entschiedenste widerstrebt, so würde das solch ein Wesen augenblicklich gänzlich vernichten, was wider alle göttliche Ordnung wäre.
RB|1|30|10|0|Denn so die Gottheit nur ein kleinstes Wesen, das einmal aus Ihr frei gestellt ward, vernichten möchte, so wäre das ein Anfang zur gänzlichen Vernichtung aller Wesen. So aber die Gottheit Ihre Ordnung dahin für ewig also unwandelbarst feststellt, dass solcher Ordnung zufolge kein Wesen, möge es in der Folge sich gestalten wie es wolle, unmöglich vernichtet werden kann, so ist dadurch allen Wesen die ewige Fortdauer gesichert und zugleich auch für jedes Wesen die freie Möglichkeit gestellt, ein überglückliches werden zu können, aber natürlich auch so lange ein unglückliches zu verbleiben, als es selbst will!
RB|1|30|11|0|So jemand einen Weinberg besitzt, in den lauter edle Reben gepflanzt sind, von denen der Besitzer auch die besten Früchte zu erwarten berechtigt ist; dieser Besitzer aber dann freiwillig hergeht und nicht nur die edlen Reben nicht pflegt, sondern sie sogar ausrottet und an ihre Stelle Dornen und Disteln setzt, weil ihn derlei Wildgewächse mehr freuen als der einfache Weinstock – sage, ist auch da die Gottheit schuld, so dieser dumme Weingartenbesitzer keine Weinernte machen wird, und wird darob zum Bettler und zu einem mittellosen, elenden Menschen?
RB|1|30|12|0|Siehe, so ist es auch mit allen Geistern der Fall, die sich die Ordnung Gottes nicht wollen gefallen lassen und wollen nicht pflegen den herrlichen Gottesweinberg in ihnen! So sie dann Dornen und Disteln anstatt der herrlichen Trauben ernten und elend werden, sage Mir, kann da wohl die Gottheit dafür? Kann Sie als Schöpferin solches Unheils angeschuldet werden? Sage Mir, was du darüber denkst?“
RB|1|31|1|1|Roberts bewundernde Zustimmung. Seine Frage nach der Gottheit.
RB|1|31|1|0|Spricht Robert: „Höchstgeehrtester Freund! Was soll ich da über diese Sache noch mehr denken, als was du nun gedacht und ausgesprochen hast. Denn alles, was Du mir erläuterst, ist klar, wohlverständlich und zugleich unwidersprechlich wahr. Es kann wahrlich die Gottheit nicht anders sein und handeln, als so, wie Du es mir dargestellt hast. Denn um ein Haar darüber oder um ein Haar darunter müsste die Gottheit aufhören, Gottheit zu sein, oder, so Sie bliebe, da wäre es doch wenigstens mit allen Ihren Schöpfungen ehest völlig zu Ende.
RB|1|31|2|0|Ich sehe es nun auch von selbst ein, dass ein jeder Geist, so er für die höchste Wonne und für alle Reize der Glückseligkeit Empfänglichkeit haben muss, und das zarteste Gefühl, und eine allerfeinste Empfindung und Wahrnehmung, dass ihm auch die allersubtilsten Eindrücke unmöglich entgehen können und dürfen, so er wahrhaft glückselig sein soll. Und so muss er im Gegenteil mit dergleichen Empfänglichkeit, als ein lebendiger Geist auch die schlimmen Eindrücke mit einer gleichen Gefühlsschärfe wahrzunehmen imstande sein, ansonst er entweder halbtot oder geistigerweise narkotisiert sein müsste, was sich aber mit seiner stets gleich freiesten Willenskraft und mit deren Tätigkeit doch unmöglich vertrüge!
RB|1|31|3|0|Siehe, das sehe ich nun ganz klar ein. Und es kann daher die Gottheit nur so, wie Du Sie mir im klarsten und besten Verhältnis zu Ihren Geschöpfen darzustellen die Güte hattest, als für ewig beständig existierbar sich denken lassen. Darum ich denn auch nicht weiter mehr darüber nachdenken kann, weil ich in der wahrsten Notwendigkeit Deiner Gedanken mich vollends zurechtgefunden habe.
RB|1|31|4|0|Aber nun kommt eine andere Hauptfrage, und zwar diese: Wo, wo ist denn diese Gottheit? Wo ist ihre ewige Burg? In welcher Region der Unendlichkeit hat Sie denn für ewig Ihre Wohnung aufgerichtet? Denn irgendwo muss Sie denn doch so ganz eigentlich in aller Ihrer Fülle zu Hause sein?! Hat Sie eine Gestalt? Welche wohl? Oder ist Sie gestaltlos und Ihr Sein ist ein unendliches, ohne Form, damit Sie eben darum der Inbegriff aller Formen sein kann? Siehe, Freund, da wir nun die Notwendigkeit eines obersten Gottseins klarst einsehen, so ist nun das Wo und Wie für uns von der größten Wichtigkeit!
RB|1|31|5|0|Vor allem aber muss ich Dir doch bekennen, dass es mir viel lieber wäre, so die Gottheit möglicherweise doch unter einer Form vorhanden wäre, und zwar eben in der menschlichen. Denn eine völlig Ihrem Wesen nach entweder unendliche Gottheit, oder eine Gottheit unter einer unserer menschlichen ganz fremden Form, könnte weder ich und ebenso wenig auch jemand anders aus allen seinen Kräften lieben!
RB|1|31|6|0|Denn ein Wesen, das man entweder nie erfassen und beschauen kann, wie auch ein Wesen in einer unserer menschlichen ganz fremden Form, die für uns nur mehr oder weniger abschreckend sein kann, kann nie geliebt werden! Mathematisch ist freilich wohl die Gestalt einer vollkommenen Kugel die vollkommenste; aber moralisch sicher die unvollkommenste!? Es nehmen sich wohl die großen himmlischen Leuchtkugeln sehr schön aus, aber das macht das Licht. Ob man aber auch eine solche Leuchtkugel lieben könnte? Wahrlich, auf diese Frage würde mein Gefühl offenbar verstummen müssen!
RB|1|31|7|0|Daher, mein liebwertester Freund, da Du in allem Ernst mit der Gottheit um vieles näher vertraut zu sein scheinst als ich es bin, so mache vor mir keinen Rückhalt und rücke auch einmal mit der lieben Gottheit, und zwar mit dem Wo und Wie vollernstlich heraus!
RB|1|31|8|0|Denn von nun an brauchst Du mit mir nicht mehr gar so beweisgründlich zu reden wie bisher. Ich bin von Deiner tiefsten Weisheit vollkommenst überzeugt und will, gerade herausgesagt, Dir aufs Wort glauben, was Du mir nur immer sagen wirst. Daher bitte ich Dich, dass Du mich darüber nicht im Zweifel belässt, da ich doch schon in anderen auf dieses Hauptthema Bezug habenden Dingen von Dir wahrlich die allergenügendste Aufklärung erhielt!“
RB|1|32|1|1|Jesus konfrontiert Robert mit „In Christus wohnt die Fülle der Gottheit leibhaftig.“ (Kol. 2, 8-9) Robert zweifelt, will aber stumpfsinnig glauben, um selig zu werden.
RB|1|32|1|0|Rede Ich: „Höre du, Mein liebster Freund und Bruder! Bevor die Traube am Stock nicht vollends reif wird, soll sie nicht von selbem gelöst werden! Denn eine noch nicht reife Traube ist noch sauer, und ihr Lebenssaft würde dann einen noch saureren Wein geben, der sehr wenig Geist hätte; und hätte er schon einen, so doch einen sehr unedlen.
RB|1|32|2|0|Siehe, du bist nun auch noch wie eine nicht vollreife Traube und bist für deine verlangte Enthüllung noch nicht reif. Warum aber, das wird dir die jüngste Folge zeigen! So du aber reif wirst, dann wird es dir dein eigener Geist sagen, was du nun von Mir so ganz geradeheraus haben möchtest.
RB|1|32|3|0|Wir haben nun zuvor noch ein sehr wichtiges Kapitel miteinander zu verhandeln. Wird diese Verhandlung wohl vonstattengehen, so wirst du eher reif als du dir's vorzustellen vermagst; wird aber diese Verhandlung nicht also ausfallen, als wie es die Ordnung Gottes verlangt, dann wirst du noch eine geraume Weile bis zu deiner Vollendung vonnöten haben.
RB|1|32|4|0|Das aber sollst du dennoch im Voraus wissen, dass, wie die Traube nur durch die Wärme der Sonne zur Reife kommt, also auch ein jeglicher Menschengeist durch die rechte Liebe zu Gott! Kannst du aber schon Gott nicht lieben, darum du noch fragst, wo und wie Er sei, so liebe denn Mich, und das aus allen deinen Kräften. Da du doch über Mein Sein nunmehr sicher in keinem Zweifel sein kannst, da wirst du der erwünschten Reife schon näherkommen! Denn die Liebe des Nächsten ist gleich der Liebe zu Gott. Dass Ich aber hier doch unfehlbar dein Nächster bin, daran wirst du nun wohl keinen Zweifel haben?
RB|1|32|5|0|Und so tue das, so wirst du dich der Gottheit sehr zu nahen anfangen. Aber nun gehen wir zu unserem zu verhandelnden Kapitel über!
RB|1|32|6|0|Lieber Freund, sage Mir, da dir die Briefe Pauli nicht unbekannt sind, was wohl dieser Lehrer meinte mit den Worten, da er sagte: ‚In Christo wohne die Fülle der Gottheit leibhaftig.‘ Meinte er wohl, dass sich in Christo, also in Mir, die gesamte Gottheit befindet? Oder wollte er mit diesen Mein Wesen vergötternden Worten bloß nur die außerordentliche Vortrefflichkeit des Geistes Meiner Lehre bezeichnen, und zwar nach der damaligen Sitte, wo man, nach deinem eigenen Bekenntnis, nur zu leichtfertig war, alles Außerordentliche zu vergöttern?! Sage du Mir darüber dein eigenes Urteil! Ich möchte es von dir vernehmen!“
RB|1|32|7|0|Spricht Robert: „Ja, mein geliebtester Freund, höre, das ist eine ganz kurios kitzlige Frage! Denn wie möglich wohl möchte sich hier erraten lassen, was der gute Paulus damit so ganz eigentlich gemeint habe?! Es wäre äußerst gewagt, festweg zu behaupten und zu sagen: Das und nichts anderes hat damit dieser übrigens höchst respektable Lehrer der Heiden gemeint! Ich finde das überhaupt für eine große Anmaßung so mancher Gelehrten, so sie festweg behaupten, den wahren Geist irgendeines genialen Autors vollauf erfasst und begriffen zu haben! Ich bin da um sehr vieles bescheidener und rufe mir in solchen Fällen sehr gerne das berühmte sutor ne ultra crepidam (Schuster bleib bei deinem Leisten) zu und lasse da andere urteilen. Gefällt mir ihr Urteil, so pflichte ich ihnen bei; und gefällt es mir nicht, so höre ich darüber noch andere urteilen und handle dadurch auch nach Paulus, der da spricht: ‚Prüft alles, aber nur das Gute behaltet!‘ Als gut aber kann ich nur das anerkennen und annehmen, was meiner innersten Überzeugung am nächsten kommt. Alles andere gehört unter den Leisten des Schusters! Hätte Paulus das Erste gemeint, was auch möglich sein kann, so hat er unmöglich das Zweite meinen können. Das ist mathematisch und logisch richtig. Hätte er aber das Zweite gemeint, was ich natürlich nicht wissen kann, was er wohl auch hat meinen können, so hat er unmöglich das Erste meinen können, was wieder mathematisch und logisch richtig ist!
RB|1|32|8|0|Aus dieser meiner Definition aber wirst Du hoffentlich auch einsehen, dass ich Dir auf Deine mir sonst sehr teure Frage eine genügende Antwort schuldig bleiben muss, und von Dir erwarten, was Du von mir haben wolltest! Dass ich Dich mit der größten Aufmerksamkeit anhören werde, dessen kannst Du vollends versichert sein! Sei demnach gebeten, Selbst über dieses Kapitel nach Deiner Weisheit zu reden!“
RB|1|32|9|0|Rede Ich: „Deine Antwort, Freund, wie du sie Mir nun gegeben hast, habe Ich erwartet. Sie musste ebenso natürlich klug ausfallen, als wie du in dir ein natürlich kluger Mann bist. Aber von einer übernatürlichen Klugheit ist darinnen noch nichts zu entdecken. Nach dieser innersten, übernatürlichen, also rein geistigen Klugheit aber kann Paulus nur ein Bestimmtes und rein Ausgeprägtes gemeint haben, das sich aus der Stellung seiner Worte ganz genau also muss definieren lassen, dass man im Verfolge dieser wichtigsten Sache dann nimmer in einem Zweifel sein kann, ob er dies oder jenes gemeint habe; sondern dass er ganz bestimmt nur, nehmen wir an, das Erste notwendig hatte meinen müssen. Wie aber das aus der innersten, übernatürlichen Klugheit zu entnehmen, das kannst du freilich nicht wissen. Denn Hegel und Strauß, wie auch der ältere Rousseau und Voltaire, haben solches selbst noch nie begriffen und daher auch unmöglich je gelehrt. Und du, als einer der eifrigsten Verehrer dieser Weltweisen, kannst daher auch jene Wege unmöglich kennen, die deinen Lehrern und Führern noch unbekannter waren als den alten Römern ein Amerika, ein Australien und ein Neuseeland.
RB|1|32|10|0|Hättest du, als ein Deutscher, an der Stelle deiner früher benannten Führer lieber die deutsche Bibel, den Swedenborg, (Jakob Böhme) und andere ähnliche Weise deutscher Abstammung mehr so recht tatsächlich fleißig durchstudiert, da wüsstest du nun ganz perfekt, wie der Paulus zu verstehen ist. Aber natürlich als Hegelianer bist du davon wohl noch weit entfernt, und es wird noch ziemlich vieles brauchen, bis du zu der innersten Klugheit gelangen wirst! Habe aber nun Acht! Ich will dir nun etwas sagen! So du es annimmst, da sollst du dem Ziel um ein bedeutendes näher gerückt werden.
RB|1|32|11|0|Siehe, Paulus hielt Christus, also respektive Mich, für das höchste Gottwesen Selbst, obschon er zuvor Mein schroffster Gegner war. Sage nun du Mir, was du von dem Glauben und von der Weisheit des alten Paulus hältst?“
RB|1|32|12|0|Spricht Robert: „Mein geliebtester Freund, auf diese deine Frage ist wieder äußerst schwer irgendeine genügende Antwort zu geben. Denn fürs Erste gehörte da wohl auch eine übernatürliche Klugheit dazu, die mir aber mangelt. Und fürs Zweite kann man denn ohne alle näheren kritischen Beweise doch nicht so ganz als ausgemacht annehmen, dass ein sonst sehr weiser Paulus das im vollsten Ernst selbst geglaubt hat, was er den anderen Menschen wollte glauben machen. Denn alle ehrenhaft guten alten Weisen haben, vielleicht samt Paulus, sicher bei sich selbst gar wohl eingesehen, auf welch lockerem und unhaltbarem Boden alle metaphysischen und theosophischen Theorien stehen, und berechneten es nach ihrer genauen Menschenkenntnis gar wohl, wie sehr unglücklich in kurzer Zeit das gesamte Menschengeschlecht werden müsste, so es auf dem Weg höherer Aufklärung über sein nichtiges und vergängliches Wesen ins vollends Klare gekommen wäre. Daher suchten sie durch kräftige Reden und Denksprüche – manchmal à la Orakel zu Delphi – die Völker zu einem gewissen mystischen Glauben zurückzuführen, durch den wenigstens eine goldene Hoffnung auf ein künftiges Leben sich zuwege bringen, nähren und für die Folge erhalten ließe. Ob sie aber auch im Ernst selbst vollauf solcher Hoffnung lebten oder gar von alledem, was sie lehrten, eine feste und somit vollends wahre Überzeugung hatten, das muss ich bis dahin wohl sehr in eine Frage gestellt sein lassen, bis ich entweder auf einem innersten Klugheitsweg oder durch eine unmittelbare Konfrontation mit den Geistern, die so was gelehrt haben, eines anderen belehrt werde!
RB|1|32|13|0|Ich für meine Person, ganz abgesehen von Paulus und Petrus, aber nehme übrigens nicht den geringsten Anstand, Dich, meinen allerliebsten Freund, so lange für einen Gott zu halten, bis ich nicht einen andern irgendwo finde! Soll sich aber für ewig kein anderer Gott finden lassen, so bleibst Du mein einziger Gott und Herr auch für ewig! Denn so es unter uns einer ist, da bist es offenbar du! Denn an mir lässt sich trotz aller meiner hegelschen Weisheit auch nicht ein allerleisester Tropfen von irgendeiner Gottheit verspüren. Aber um einen gründlichen Beweis, warum ich das sehr gerne glaube und annehme, darfst Du mich nicht fragen; denn da müsste ich Dir die Antwort wieder schuldig bleiben!
RB|1|32|14|0|Denn was man glaubt, das glaubt man ohne Beweis, da der Glaube an sich selbst nichts ist als entweder eine Trägheit oder manchmal wohl auch ein gewisser Gehorsam des Verstandes. Fordert aber ein tätigerer Verstand Beweise für das Glaubensobjekt, und können solche genügend dem Verstand geliefert werden, so hört der Glaube ohnehin auf, ein Glaube zu sein; denn dann wird er zur anschaulichen Überzeugung!
RB|1|32|15|0|Diese anschauliche Überzeugung aber kann ich mir hier von Deiner Gottheit durchaus nicht verschaffen. Daher will ich's unterdessen nur glauben, dass Du vorderhand ein Gott seist. Soll es in der Folge aber irgend möglich werden, diesen meinen Glauben bis zu einer bestimmten Evidenz beweislich zu steigern, da wird mein Glaube aufhören, ein Glaube zu sein, sondern er wird beschauliche Wahrheit! Ob aber denn dieser mein Glaube leicht zu einer beschaulichen Wahrheit wird umgestaltet werden können, das gehört freilich wieder in ein anderes Kapitel!
RB|1|32|16|0|Denn siehe, ich bin besonders in diesem Punkt ein sehr starker Thomas und verlange zuvor ganz kuriose Beweise, bis ich (hier) etwas als eine bestimmte Wahrheit annehme.
RB|1|32|17|0|Du hast mir wohl die Bibel und den deutschen (germanischen) Theosophen Swedenborg angeraten. Aber was nützt hier ein solcher Behelf, wo man ihn nicht haben kann. Und so man ihn auch hätte, so ließe sich sicher ebenso viel dawider als dafür darüber sagen und beweisen. Daher bleiben wir nur bei dem ganz einfachen Glauben. Und so es Dir möglich ist, da mache mich ein wenig dümmer, als ich so von der Natur aus bin, auf dass ich im bloßen Glauben desto stärker werde. Und ich sehe es schon zum Voraus ein, dass ich dann um vieles glücklicher sein werde, als ich es so bin!
RB|1|32|18|0|Denn ein so recht blitzdummer Kerl hat in Hinsicht auf ein glücklicheres Sein viel vor einem aufgeklärten Geist voraus. Während dieser gewisserart im Schweiße seines Angesichts in einem fort forscht und forscht, um nur der großen und heiligen Wahrheit näher und näher zu kommen und dadurch sich und viele Tausende möglichst glücklich zu machen, da betet der reine Glaubensmensch sein ‚Pater noster‘, und legt sich dann ganz behaglich, um nichts weiter sich mehr kümmernd, auf seine echte Bärenhaut nieder und schläft wie ein Murmeltier sorglos, süß und ruhig! Kommt dann die letzte Stunde, so macht er sich eben nicht gar zu viel aus ihr. Wenn ihm nur irgendein Priester ob einiger gutbezahlter Messen die Dispens von der Hölle und den Nachlass der zeitlichen Strafen im Fegfeuer verschafft! Sein blinder Glaube nimmt das alles als bare Münze an, und er stirbt in der zuversichtlichsten Hoffnung, sogleich vom Mund aus in den Himmel aufzufahren! Das heiße ich doch eine glückliche Dummheit, und sage auch noch hinzu:
RB|1|32|19|0|Ein großer Narr und Esel ist der, der sich durch sein ganzes Leben mit Denken und Forschen abgibt. Denn das vermehrt weder auf der Körperwelt und noch viel weniger in dieser geistig dunstigen sein Glück. Im Gegenteil macht es ihn nur um desto unglücklicher, je mehr er nach Licht und Wahrheit dürstet, aber dabei auch stets mehr und mehr zu der klarsten Einsicht gelangt, dass die irgendwo seiende Gottheit zur Stillung dieses Durstes nirgends eine erquickende Quelle erschaffen hat.
RB|1|32|20|0|Also will ich nun diesen Weg ganz verlassen und mich dafür in die weichen Arme des stumpfen und trägen Glaubens werfen. Vielleicht komme ich da eher zu so etwas, das man mit Recht ein wahres Glück des menschlichen Wesens nennen kann?!
RB|1|32|21|0|Wie glücklich ist z. B. so ein Stiftsprälat! Er denkt nichts, er erfindet nichts; sondern er lebt bloß seines echt römisch-katholischen Glaubens in der süßen Ordnung seines epikureisch-stoischen Ordensstifters, lässt sich täglich seine ausgesuchte Mahlzeit wohl schmecken, und so er abends nach einigen zu sich genommenen besten Gläschen Weines vom süßen Schlaf die ersten Visiten bekommt, da murmelt er wieder ganz takt- und gedankenlos sein ‚Pater noster‘, und darauf ein stummes ‚Gloria in excelsis‘, und lässt sich dann von seinen Dienern ins weiche Bettlein bringen. Kaum in dasselbe gefallen, kommen schon die lieben Engelein (natürlich ex spiritu vini [aus dem Geist des Weines]) und drücken ihm die Äuglein zu! Da schläft er dann allerruhigst bis zum nächsten Morgen, wo ihn gewöhnlich die Morgenbetglocke weckt. So er noch ein Schläfchen verspürt, da kann er sich noch einmal umkehren. Verspürt er aber kein Schläfchen, da läutet er an der Bedientenschelle, und diese dienstbaren Geister kommen darauf mit Sturmeseile und kleiden den Mann Gottes an. Ist er angekleidet, dann werden auf einem weichgepolsterten Betschemel einige Praeces matutinae [Morgengebete] aus einem lateinischen Breviarium herabgemurmelt, darauf ein stilles und kurzes Messchen verrichtet und dann sogleich ein gutes Frühstückchen eingenommen, und das alles so fort bis zum letzten Atemzug! Wahrlich, siehe Freund, das ist ein glückliches Leben! Und solch ein Leben gibt der blindeste und stupideste Glaube?!
RB|1|32|22|0|Wie dumm ist da unsereiner dagegen! Daher will ich nun auch rein nur ganz ohne Gedanken mich dem Glauben in die Hände werfen. Vielleicht werde ich dadurch glücklicher werden!? Ich glaube daher nun an Deine Gottheit! Sage mir, tue ich recht und wohl damit? O rede Du, mein geliebtester Freund!“
RB|1|33|1|1|Stumpfsinniger Glaube und wahrer Glaube. Gleichnis vom gemästeten Christen. Schlimme Folgen des Wohllebens.
RB|1|33|1|1|(Am 20. Jan. 1849)
RB|1|33|1|0|Rede Ich: „Höre du, mein liebster Freund! Zwischen dem, was du ‚Glauben‘ nennst, und was der rechte Glaube ist, waltet ein endloser Unterschied! Dein Glaube wohl ist eine barste Trägheit des Verstandes, während der wahre Glaube alle Leibes-, Seelen- und Geisteskräfte in den vollsten Tätigkeitsanspruch nimmt. Dein Glaube ist ein Froschglaube; denn wie ein Frosch sich mit jeder noch so schlechten Pfütze begnügt, so auch begnügt sich ein solcher Stumpfgläubiger mit allem Unflat und weiß am Ende nicht zu unterscheiden, was da ist Himmlisches oder Höllisches in der Lehre, der er stumpfgläubig blinde Folge leistet.
RB|1|33|2|0|Wie kannst du einen Prälaten darum als glücklich bezeichnen, so er durch seinen Stumpfglauben unter dem privilegierten Protektorat Roms sich in seinem Stift auf Kosten der Dummheit seiner Untertanen mästet und ganz außerordentlich wohl geschehen lässt?! Ist denn das irdisch glückliche Leben auch also gleich ein glückliches in dieser Welt der Geister? O mitnichten, sage Ich es dir!
RB|1|33|3|0|Denn je mehr jemand auf der Welt seinem Fleisch, das da ist des Geistes Kerker, gedient hat, je mehr er dasselbe pflegte und nährte, und je mehr er diesem Kerker willigst gewährte, danach es diesen gelüstete, desto mehr und desto fester hat er sich auch mit demselben verbunden.
RB|1|33|4|0|So es dann aber zu der endlichen Ablösung von diesem Kerker kommen wird, wie hart, wie schwer und schmerzlich wird diese sein?! Wird man nicht, wie bei einer schlechten Geburt, wo die Leibesfrucht mit der Gebärmutter an mehreren Stellen förmlich verwachsen ist, die Seele und den Geist auch mit aller Gewalt förmlich stückweise dem zu sehr gemästeten Fleischkerker entreißen müssen, um diese ineinander verwachsenen Wesenheiten notwendigst trennen zu können!? Wird solch eine Operation dem Fleisch, der Seele und dem Geist wohl ein angenehmes Gefühl verursachen?! O siehe, das setzt schon zuerst eine Marter ab, die mit keiner rein irdischen zu vergleichen (ist), was ich nur zu sehr und zu gut kenne! Da aber diese bittere Folge auf solch ein irdisch glückliches Leben nur nahe allzeit zu bestimmt zu erwarten und zu bestehen ist, sage – kann man solch ein Leben ein wahrhaft glückliches nennen?
RB|1|33|5|0|Siehe, es gab in Asien, als Mohammed seine Lehre und sein irdisches Reich gründete, eine sonderbare, grausame Art von Aberglauben, namentlich unter den Mohammedanern, der, zumeist aus einem Christenhass entspringend, darin bestand: Die Weiber der Osmanen mussten getrocknetes und pulverisiertes Blut von jungen und sehr fetten Christen einnehmen, so sie sehr schöne Mädchen zur Welt bringen wollten. Zufolge dieses krassesten Aberglaubens wurden dann nicht selten junge Christenmänner von den Osmanen gefangen genommen, natürlich keine Ahnung habend, zu welchem Zweck. Diese Gefangenen wurden mit der größten Freundlichkeit behandelt und hatten das beste Leben einige Jahre hindurch. Sie bekamen die besten und nahrhaftesten Speisen und Getränke und wurden sonach förmlich gemästet. Hatten sie aber einmal die rechte Fette, da kamen dann die Schlächter, zogen dem wohlgemästeten Christen alle Kleider aus und hoben ihn dann in ein Bad, wo er ganz rein von allem Schmutz gewaschen wurde. Als er also gewaschen ward und noch nicht wusste, was mit ihm nun weiter geschehen wird, da ward er an Händen und Füßen festgebunden und also auf ein durchlöchertes, starkes, breites, hohles Brett, das über eine reine Wanne gelegt und befestigt war, gelegt und abermals fest an dasselbe gebunden. Als diese Vorkehrungen getroffen waren, da zogen die Schlächter feine und scharfe Dolche aus den früher versteckten Scheiden und fingen an Stiche in das fette Fleisch des gemästeten Christen zu machen, auf dass das schöne und fette Blut dann aus tausend Wunden in die Wanne floss. Und damit das Blut desto reichlicher floss, wurde nach und nach der Leib des also Geschlachteten mit schweren Gewichten belegt! Welche verzweifelten Schmerzen aber der arme Geschlachtete dabei empfand, und das manchmal mehrere Stunden lang, bevor er starb, das kannst du dir ohne eine weitere Beschreibung leicht vorstellen!
RB|1|33|6|0|Ich frage dich aber und sage: War sein früheres allerbestes Leben mit Bezug auf ein solch elendestes Ende wohl ein glückliches zu nennen? Hätte ein solcher Christ sich nicht so blind und sorglos mästen lassen, da wäre er fein mager geblieben; und die Osmanen hätten ihn gar bald wieder laufen lassen, da er nimmer fett werden wollte. Aber da er ganz sorglos, gleich einem Schwein, sich den Speck hinaufmästen ließ, so musste er sich aber dann auch die Folgen seines Fettwerdens leider nur gar zu bitter gefallen lassen.
RB|1|33|7|0|Aber es bedarf zu solcher endlichen Bitterkeit wahrlich keiner abergläubigen Osmanen. Sondern der Speck selbst gibt und vollzieht noch viel Ärgeres! Glaube es Mir, solche sorglosen und egoistischen Fettwänste, sowie alle die durch ihr eigenes Fleisch gerichteten und verfluchten Unzüchtler, Geiler und Hurer werden sich vollauf zu verwundern haben, welch merkwürdige Schmerzen ihnen der Leibestod bereiten wird! Wahrlich, der osmanische wäre kaum ein kühles Lüftchen dagegen.
RB|1|33|8|0|Mit diesen Schmerzen nimmt das eigentliche Glück eines Stumpfgläubigen dort erst so recht seinen Anfang! Kommt ein solch glückliches Wesen aber dann erst wie ganz zerrissen und zerstochen in dieser (Geister-)Welt an, wo die Empfindsamkeit für jeden Eindruck bis in ein förmliches Indefinitum [ins Ungemessene] gesteigert sein muss, weil die früher durch den groben Leib geschützte Seele hier ganz bloß gestellt ist, da fängt dann erst das eigentliche Schmerzglück an, das dein Stumpfglaube bereitet!
RB|1|33|9|0|So du aber ein solches Glück im Ernst willst, so tue, wodurch du also glücklich zu werden wähnst, und Ich stehe dir dafür, dass du nur zu bald ganz anders denken und urteilen wirst!
RB|1|33|10|0|So Ich aber Selbst gelehrt habe: Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist; – und der Paulus verlangte, dass man alles genau prüfen soll, und das Gute daraus behalten, sage, wurde dadurch ein Stumpfglaube, der kein Glaube ist, oder ein wahrer, lebendiger Glaube, der über alles Wissen himmelhoch erhaben ist, geboten?! Urteile nun selbst, ob das, was du Glauben nennst, wohl Glaube ist!? Sodann erst werde Ich dir sagen und genau erläutern, was so ganz eigentlich wahrhaft glauben heißt! Rede nun, denn es ist die Reihe wieder an dir!“
RB|1|34|1|1|Roberts Begriffe vom Glauben und der rechten Gottesverehrung.
RB|1|34|1|0|Spricht Robert: „Freund, wahrhaftig wahr, du machst mich ganz perplex oder, mit anderen Worten gesagt, ganz dumm! Höre einmal, wenn das nicht Glauben heißt, was ich für den Glauben halte, da kannst du mir gleich den Kopf vom Rumpf reißen, und ich werde es dir dennoch nicht zu definieren imstande sein, was man denn so ganz eigentümlich für den Wahrglauben halten soll.
RB|1|34|2|0|Das reine Wissen kann doch kein Glaube sein! Das Schauen und Vernehmen und gar das Betasten noch weniger!? Außer dem Wissen und außer dem truglosen Wahrnehmen durch unsere Sinneswerkzeuge kenne ich aber wahrlich nichts, das der Mensch in sein Erkenntnis- und Beurteilungsvermögen aufnehmen könnte. Und so das Wissen und das Schauen, Hören, Schmecken und Fühlen Glauben heißt, was ist denn hernach das, was ich bisher Glauben nannte?
RB|1|34|3|0|Glauben heißt bei mir ein für alle Mal etwas für wahr halten, das an sich auch wahr sein kann, so es nicht mit den Gesetzen der reinen Vernunft im Widerspruch steht, wenn die Lehrsätze auch nicht wie ein mathematischer Grundsatz bewiesen werden können. Können sie aber einmal also mathematisch erwiesen werden, so hat es dann ja auch notwendig mit dem Glauben ein Ende, sowie die Hoffnung, die eine Tochter des Glaubens ist, eben da ihr erwünschtes Ende erreichen muss, so man das Erhoffte endlich einmal in aller Wirklichkeit erreicht hat!
RB|1|34|4|0|Ich kann mir unter Glauben demnach nichts anderes vorstellen als eine willige Annahme von Lehrsätzen und geschichtlichen Daten auf so lange, bis sie für den menschlichen Verstand erwiesen werden können. Soll jedoch das nicht Glauben heißen, da möchte ich doch wissen, was sonst noch Glauben heißen soll!
RB|1|34|5|0|Du hast wohl zu Deinen Jüngern ein paar Mal von der Wunderkraft des Glaubens gesprochen, weißt, wo Du vom Bergeversetzen etwas sagtest, das sie aber wahrscheinlich auch um kein Haar besser verstanden haben als ich! Du müsstest alsonach nur diesen fabelhaften Glauben meinen? Da freilich wäre mein Glaube alles eher, denn ein Glaube. Denn vor meinem Glauben wäre nicht einmal ein kleinstes Sandkörnchen, geschweige ein Berg gewichen!
RB|1|34|6|0|Ja, hör, einmal, Freundchen! Wenn ich solch eines Glaubens irgendwo auf der Erde hätte teilhaftig werden können, da wäre es dem guten Alfred ganz verzweifelt schlecht ergangen! No, den hätte ich doch ganz kurios versetzt! Wer, wo bin ich – und wo solch ein Glaube? Ach herrje, bloß mit dem Glauben Berge versetzen können, das ist ein sehr großer und schöner Gedanke! Aber leider nur bloß ein großer, herrlicher Gedanke!
RB|1|34|7|0|Den Lehrsatz Pauli über das Alles-Prüfen und daraus nur das Beste annehmen habe ich wohl auch allzeit mir zu meinem Leitsatz gewählt, so wie die große Idee, Gott ähnlich zu werden, wenn schon unmöglich je so vollkommen wie Er Selbst es ist, war die mächtigste Triebfeder zu allen meinen Mühen. Aber was habe ich dadurch erreicht?! Mein diesmaliger Zustand gibt dir von selbst die Antwort auf diese Frage!
RB|1|34|8|0|Auch Du scheinst eben auch noch keine Sonne unter Deinen Füßen zu haben. Ich meine da und sage: Dein Wunderglaube hat weder Dir, noch mir bisher irgend goldene Berge getragen!? Aber wer weiß es, was da noch nachkommen kann?!
RB|1|34|9|1|(25. Jan. 1949)
RB|1|34|9|0|So ich es nun z. B. ganz willig ohne alle Widerrede annehme, dass Du der Sohn des lebendigen Gottes bist, oder gar ausschließlich das höchste Wesen Selbst, vorausgesetzt, dass Du solch eine Annahme von mir verlangst, so glaube ich, dass Du entweder Filius dei [der Sohn Gottes] oder das Lumen supremum [das höchste Wesen] Selbst seiest. Denn ich kann mir keinen Beweis verschaffen, dass Du das auch wirklich bist, was ich von Dir glaube. Und so glaube ich es denn bloß nur, und das darum, weil meine geläuterte Vernunft darinnen wenigstens keine logische Unmöglichkeit findet, und das hauptsächlich durch Deine triftigsten Erläuterungen, durch die ich recht helle einsehen lernte, dass die Gottheit noch ganz unbeirrt in all ihrem allmächtigen Tun und Lassen als die wirkliche Gottheit verbleiben kann, wenn Sie auch Ihren Geschöpfen gegenüber die beschauliche, geschöpfliche Form annimmt. Aber wenn ich etwa mit der Weile denn doch tastbare Beweise bekäme, dass Du wirklich das bist, was ich nun bloß nur glaube, so hört denn ja doch der Glaube auf, ein Glaube zu sein, und an seine Stelle tritt dann ein helles Erfahrungswissen.
RB|1|34|10|0|Freilich wohl könntest Du nun sagen: Siehe, alle wahrhaft Gläubigen beugen ihre Knie bei der Nennung Meines Namens und beten Mich an. So du aber sagst, dass du glaubst, dass Ich die Gottheit Selbst bin, warum tust du denn nicht, was da tun alle wahrhaft Gläubigen?
RB|1|34|11|0|Dieser Einwurf ist allerdings sehr beachtenswert, und es ist etwas daran. Aber ich halte diese der Gottheit geziemenden Ehrfurchtsbezeugungen für eine Art Verstandesschwäche. Denn was dem Verstand mangelt, das ersetzt dann die gewisse fanatische Glaubensbegründung. Wer sich in irgendeinem Glauben eher begründen lässt, bevor er durch tatsächliche Beweise von der Wahrheit dessen, was er blind glaubt, hatte überführt werden können, der ist, wenigstens in meinen Augen, ein Narr!
RB|1|34|12|0|Und Du, so Du auch wirklich die Gottheit Selbst wärst, müsstest das doch auch für etwas ganz Ähnliches ansehen, ansonst Du eine ehrsüchtige und somit überaus schwache Gottheit wärst, die eher auszulachen als anzubeten wäre! Aber ich weiß, dass Dich solche Schwächen nicht plagen und nie geplagt haben, ob Du schon Gott oder auch nicht Gott sein solltest! Daher liege ich auch noch nicht auf meinen Knien vor Dir! Denn ich weiß es nur zu gut, dass Dich ein solcher Aktus menschlicher Verstandesschwäche, von mir aus begangen, nur ärgern müsste.
RB|1|34|13|0|Daher täte ich so was auch sogar dann nicht, so ich auch die Überzeugung bekäme, dass Du wirklich Gott seiest. Denn so ich es durchaus nicht annehmen kann, dass eine allerweiseste Gottheit anbetungssüchtig sein könnte, da eine solche Frommkriecherei schon sogar mir, als einem nur ein wenig über die gewöhnliche Stupidität der Menschen hinausgerückten Denker, als absurd und in hohem Grad dumm vorkommen müsste, so sie mir erwiesen würde, wie soll so was die weiseste Gottheit annehmen können!?
RB|1|34|14|0|Ich halte eine gewissenhafte Haltung der Gesetze Gottes für die rechte und der Gottheit allein wohlgefällige Anbetung. Denn das verlangt die ewig unabänderliche Ordnung der Gottheit selbst, ohne die kein Wesen denkbar wäre. Aber alles, was darüber hinausgeht, gehört in das Reich des blindesten Heidentums und ist somit auch die wahrhaftigste Narrheit!
RB|1|34|15|0|Ich habe Deine Lehre, besonders über die Schändlichkeit der langen jüdischen Lippengebete, gar oft bewundert und wahrlich hochgepriesen; wogegen ich wieder das paulinische ‚Betet ohne Rast‘ für die größte Eselei ansehen musste, vorausgesetzt, dass der sonst sehr weise und erleuchtete Paulus unter dem Gebet nichts als ein sogenanntes andächtiges Lippengemurmel verstanden hat, was man von einem sonst so weisen Mann doch wohl kaum annehmen kann!
RB|1|34|16|0|Ich glaube demnach nun, dass Du Gott seist, oder wenigstens ein wahrer Sohn Gottes, ein Prädikat, das Du selbst allen Menschen zusagtest, die Gottes Gebote halten und Ihn dadurch über alles lieben. Ich bin auch fest entschlossen, alles zu tun, was Du von mir weisermaßen verlangst. Aber so Du von mir Kniebeugung und ein rosenkranzartiges Gebet verlangen möchtest, da sei Du im Voraus versichert, dass ich so was nie tun würde, und das darum, weil ich darinnen nur eine Verletzung, nie aber eine Verehrung Deines mir über alles teuren Namens finden müsste! Sage mir Du nun wieder gütigst, ob Du mit dieser meiner Definition zufrieden bist oder nicht.“
RB|1|35|1|1|Das doppelte Erkenntnisvermögen des Menschen. Wahrer Glaube und dessen Erlangung. Notwendigkeit von Sittenreinheit.
RB|1|35|1|0|Rede Ich: „Mein Freund, solange der Mensch bloß aus seinem Verstand heraus Definitionen macht, kann er vom Glauben und vom Gebet auch keine andere Meinung haben, als du sie Mir nun gar sehr unumwunden kundgegeben hast. Denn des Menschen Kopfverstand hat keinen anderen Weg, als den der materiellen Anschauung und sinnlichen Betastung. Und ein geistiger, lebensvoller Glaube kann in seinem sinnlichen Gemüt ebenso wenig Wurzeln fassen, als ein Weizenkorn auf einem Granitfelsen, allda es wohl eine feste Unterlage hat; aber da der harte Fels keine Feuchtigkeit hat, die das Weizenkorn auflösen und den Keim frei machen würde, so bleibt das Korn wohl eine Zeit lang was es war, auch auf dem harten Felsen; aber mit der Länge der Zeit stirbt es dann gänzlich, dieweil es keine Nahrung hat! Was nützt dir all dein Wissen und was deines Verstandes Gehorsam, den du ‚Glauben‘ heißt, so dein Geist daran keinen Teil nimmt?!
RB|1|35|2|0|Siehe, ein jeder Mensch hat ein doppeltes Erkenntnisvermögen: ein äußeres, das da ist der Kopf, auch der eigentliche äußere Seelenverstand. Mit diesem Erkenntnisvermögen lässt sich nie das göttliche Wesen erfassen und begreifen, weil es der Seele gerade nur darum gegeben ward, um den Geist in ihr von der Gottheit vorderhand zu trennen und ihn Diese gewisserart auf eine Zeit lang verlieren zu machen! Wenn nun ein Mensch oder vielmehr eine Seele mit diesem alleinigen negativen Vermögen Gott suchen und finden will, da entfernt sie sich nur stets desto weiter vom Ziel, je hartnäckiger sie auf diesem Weg dasselbe verfolgt!
RB|1|35|3|0|Aber die Seele hat noch ein anderes Vermögen, das da nicht in ihrem Kopf, sondern in ihrem Herzen Wohnung hat. Dieses Vermögen heißt inneres Gemüt und besteht aus einem ganz eigenen Willen, aus der Liebe und aus einer diesen beiden Gemütselementen entsprechenden Vorstellungskraft. Hat diese einmal den Begriff vom Dasein Gottes in sich aufgenommen, so wird dann dieser Begriff sogleich von der Liebe umfasst und durch ihren Willen festgehalten, welches Festhalten dann erst ‚glauben‘ heißt.
RB|1|35|4|0|Durch diesen Glauben, der lebendig ist, wird dann der wahre Geist erweckt, und der beschaut dann seinen Wecker, erkennt und ergreift Ihn dann auch sogleich, richtet sich danach auf wie ein mächtig Licht aus Gott und durchdringt dann die Seele und umwandelt in ihr alles ins Licht. Und dieses Licht ist dann der eigentliche Glaube, durch den jede Seele selig werden kann.
RB|1|35|5|0|Hast du je von diesem allein wahren Glauben etwas vernommen? Du sprichst in dir: ‚Nein, diese Art des Glaubens ist mir völlig fremd; denn ein Denken im Herzen kommt mir völlig unmöglich vor!‘ – Ja, ja, so ist es auch! Es muss dir diese Sache unmöglich vorkommen.
RB|1|35|6|0|Denn um im Herzen denken zu können, muss man eine eigene Übung haben; und diese Übung besteht in der stets erneuerten Erweckung der Liebe zu Gott. Durch diese Erweckung wird das Herz gestärkt und erweitert, wodurch dann des Geistes Bande lockerer werden, sodass sein Licht (denn jeder Geist ist ein Licht aus Gott) sich nach und nach stets mehr und mehr und freier und freier entwickeln kann. Fängt dann des Geistes Licht an, des Herzens eigentliche Lebenskammer zu erhellen, so werden auch die zahllosen Urtypen in rein geistigen Formen an den ebenfalls zahllosen Wänden der Lebenskämmerlein stets deutlicher und deutlicher ausgeprägt und der Seele beschaulich gemacht. Und siehe, diese Beschauung der Seele in ihrem Herzen ist dann ein neues Denken; die Seele gelangt da zu neuen Begriffen, zu großen und klaren Vorstellungen; ihr Sehkreis erweitert sich mit jedem Pulsschlag; die Steine des Anstoßes verschwinden nach dem Maß, wie da verstummt der Kopfverstand. Da ist dann kein Fragen nach Beweisen mehr. Denn das Licht des Geistes erleuchtet die inneren Formen so, dass sie nach keiner Seite hin einen Schatten werfen; somit auch alles, das einem Zweifel nur wie im leisesten Hauch ähnlich wäre, für ewig verbannt wird.
RB|1|35|7|0|Und so ist denn auch ein Glaube, der sogestaltig im Herzen und nicht im Kopf seinen Sitz hat, ein wahrer und lebendiger Glaube zu nennen; ‚wahr‘, weil er dem untrüglichen Licht des Geistes entstammt, und ‚lebendig‘, weil im Menschen nur der Geist im wahrsten Sinn lebendig ist!
RB|1|35|8|0|In diesem Glauben aber liegt dann auch jene außerordentliche Kraft, von der in den Evangelien zweimal die Rede ist.
RB|1|35|9|0|Um aber zu diesem allein seligmachenden Glauben zu gelangen, muss man die vorerwähnte Übung wohl angehen und sich aufs Ernsteste bestreben, darinnen sobald als möglich eine rechte Fertigkeit zu erlangen, und das so frühzeitig als nur immer möglich! Denn so der Mensch zu sehr und zu lange nur für die Ausbildung des Kopfverstandes gesorgt hat, und durch diesen rein nur für irdische Zwecke und Wohlfahrten, da freilich muss es dann einem solchen Menschen völlig unmöglich vorkommen, auch im Herzen denken zu können, besonders so man einen ganzen Hegel, Strauß und Ronge im Kopf herumträgt, und dergleichen mehreres.
RB|1|35|10|0|Ferner muss man sich auch der Reinheit der evangelischen Sitten zu erfreuen vollen Grund haben. Man muss kein Schwelger und hauptsächlich kein fleischlicher Unzüchtler und Geiler sein. Denn die Unzucht und Hurerei tötet entweder nahe ganz den Geist, oder, so sie schon den Geist auch nicht zu töten vermag, so verhindert sie doch für alle Zeiten die freie Entwicklung seines Lichtes, woher es denn auch kommt, dass solche Unzüchtler, besonders in vorgerückteren Jahren, ganz stumpfsinnig werden und ihrem matten Leben nur dann noch ein heiteres Augenblickchen abkneipen, so sie ein wenig geschwelgt und irgendeine Maid angegafft und betastet haben.
RB|1|35|11|0|War solches bei dir etwa gar nicht der Fall in der späteren Zeit; indem du doch das weibliche Geschlecht ohnehin als dem alleinigen Lustzweck nur bestimmt zu sein ansahst? Fandest du nach Ronge nicht auch in solchen unlautersten Genüssen die eigentliche irdische Glückseligkeit, für die du strittest und starbst? Und so du nun zu einer rein geistigen übergehen sollst, da gibt es in dir nun nahe keinen Grund, auf dem man etwas bauen könnte. Denn siehe, rings um dich herum ist alles leer, so leer wie in deinem Herzen und ebenso wesenlos wie in deines Herzens-Lebenskammern!
RB|1|35|12|0|Sage, woher werden wir nun Stoff nehmen, um in dir einen ganz neuen Menschen aufzubauen?! Rede nun wieder und schaffe Rat!“
RB|1|36|1|1|Roberts Unmut über die Erinnerung an seine irdischen Schwächen.
RB|1|36|1|0|Spricht Robert: „Liebster und wertester Freund! Soviel ich's merke, da wirst du so ein wenig anzüglich und mitunter auch etwas beleidigend! Es ist das wohl so eine Eigenschaft, die nahe allen Lehrern, mögen sie groß oder klein sein, anklebt. Denn alle durch die Bank sind bei gewisser Gelegenheit etwas grob und deuten ihren Zöglingen wenigstens per circumstantias varias ambagesque [durch allerlei Umstände und Umschweife] manchmal so ganz leise an, dass diese dem Geschlecht jener sanften und geduldigen Gattung der Tiere angehören, die mit den großen Weltweisen so manches Ähnliche haben sollen! Wenigstens weiß die Weltgeschichte kein Beispiel aufzuweisen, dass ein solches Tier je irgendein Lamm zerrissen hätte! Nach Blut also lechzen diese Tiere niemals, wohl aber nach Heu und Stroh! Diese sehr magere Kost soll zur Bildung des Gehirnes nur einen geringen Beitrag leisten, daher auch sollen diese Tiere durch die Bank im Kopf verdammt wenig jenes breiartigen, weißlichten Stoffes besitzen, an dem der Kopf des Sokrates einen überschwänglichen Reichtum gehabt haben soll!
RB|1|36|2|0|Und da Du mir nun denn auch eben nicht gar zu schwer verständlich angedeutet hast, wie es da um mich her, wie (es) an und in mir so – weißt Du, gewisserart – leer ist, wie etwa in dem Haupt des Vierfüßlers, der seinen Lebensäther aus Heu und Stroh bezieht, so kann ich wirklich nicht umhin, für die Folge zu bitten, dass Du, so ich schon durchaus ein Esel bin, mir das so ganz deutsch ohne vorhergehende Umschreibung glattweg heraussagst! Denn so Du in mir denn im Ernst nichts findest, das da zu irgendeinem weiteren Ausbau meiner Erkenntnisse tauge, wenn in mir kein anderer Stoff vorhanden ist als wie etwa in dem Haupt eines Esels, so sage es mir ohne Vorhalt heraus, und ich werde mich darob gar nicht kränken; denn wo nichts ist, da ist einmal nichts!
RB|1|36|3|0|Ich sehe es wohl ein, dass der nun von Dir mir übergründlich erläuterte innere Glaube in mir nie zu Hause war, wie ich es Dir schon früher einmal bemerkt habe. Aber was kann denn ich dafür, so mir bis jetzt die Sache des wahren Glaubens von niemandem ist erläutert worden?! Wäre da an der Stelle des Hegels jemand aufgetreten und hätte mir nach Deiner Art Belehrungen gegeben, da wäre auch ich sicher kein Hegelianer und noch weniger ein Straußianer geworden, sondern ich stünde gleich einem Paulus vor Dir.
RB|1|36|4|0|Aber da das durchaus nicht der Fall war und meines Wissens wohl niemandem je ein Gedanke durch sein Gehirn gefahren ist, dass der Mensch auch im Herzen, ja am Ende vielleicht gar auch in den Knien und Fersen soll denken können, so musste ich ja doch dort meine Gedanken fassen und regeln, wohin sie in mir die liebe Mutter Natur beschieden hatte. Auf der Welt dachte ich im Kopf also: Jedes Glied und jeder Bestandteil des menschlichen Wesens hat seine eigene Bestimmung und zweckdienliche Verrichtung. Die Füße können nicht die Hände ersetzen, der Hintern nicht den Kopf, der Inhalt des Magens nicht den des Kopfes, das Ohr nicht den Dienst des Auges und das Herz nicht den der Zunge. Daher dachte ich denn auch nur im Kopf und ließ dabei dem Herzen seine Verrichtung ganz unbeirrt, und das darum, weil es mir auch nicht einmal in einem Traum eingefallen ist, dass der Mensch auch im Herzen soll denken können! So ich aber darum leer hierhergekommen bin, kann ich etwas darum?
RB|1|36|5|0|Wenn Du nun aber von mir Dinge verlangen möchtest, deren ich auf der Welt wohl niemals habe teilhaftig werden können, so bist Du ja doch offenbar trotz aller Deiner Weisheit um tausendmal blöder als ich und wirst mir für die Folge wenig oder nichts nützen können!
RB|1|36|6|0|Es ist auch sogar läppisch von Dir, mir hier meine irdische, wahrlich nur seltene Schwelgerei und Venusdienerei vorzurupfen und sie zugleich als einen Grund anzuführen, deswegen ich nun hier also leer, wie Du mich findest, vor Dir mich befinde. Wenn solche Genüsse, die in die Natur des Menschen also gelegt sind wie der Keim in das Samenkorn, vor Dir eine Sünde sind, warum sind sie denn dann in den Menschen gelegt worden?
RB|1|36|7|0|Man sagt doch von einem Löwen, dass er kein Mückenfänger ist; denn das Bewusstsein seiner großen Kraft sagt ihm: Meister, es ist nicht löblich, dich mit solchen Kleinigkeiten abzugeben! So Du aber nicht nur einer der größten Weisen bist, die die Erde je getragen hat, sondern sogar die große, allmächtige Gottheit Selbst, wie Du mir im Verlauf unseres diesfälligen Beisammenseins schon einige Mal eben nicht zu undeutlich hast zu verstehen gegeben, da ist es mir wahrlich unbegreiflich, wie Du solcher Kleinigkeiten gedenken magst, die ich als ein bloßer Mensch, selbst zur Zeit kaum eines näheren Denkens würdigte, so ich mich auf Augenblicke in ihrem leidigen Genuss befand?!
RB|1|36|8|0|Der Mensch ist seinem Leib nach ein Tier und hat da auch leider tierische Bedürfnisse, deren Befriedigung ihm elend genug die leidige Natur mit einer eisernen Hand diktiert. Findet er in sich einen unwiderstehlichen Drang, gegen den alle geistigen Vorstellungen nichts auszurichten vermögen, so ist es ja des Geistes, der im Fleisch wohnt, unerlässliche Pflicht, dem Fleisch seinen Naturdrang befriedigen zu lassen, um sich dann in der eigenen, rein geistigen Sphäre wieder freier bewegen zu können!
RB|1|36|9|0|Wenn der Geist also dem Muss in seinem Fleisch, und zwar in dessen Drangperioden nachkommt; wenn er den Kot durch den Darmkanal von sich treibt, wenn er den Leib urinieren lässt, wenn er Speise und Trank zu sich nimmt, wie sie dem Fleisch schmecken, wenn er ferner den lästigen Geschlechtstrieb, so dieser sein Opfer verlangt, auch nach Möglichkeit befriedigt, um danach wieder einige Stunden Ruhe vor ihm zu haben, sage, kann das wohl je als eine Sünde deklariert werden?! Und ganz besonders hier, wo wir beide hoffentlich für ewig von solcher groben Naturlappalie verschont bleiben; denn ohne Fleisch werden wir im Dienst des Fleisches wohl sicher ein ganz verdammt schlechtes Gesicht machen!?
RB|1|36|10|0|Reden wir daher von was anderem und lassen all die vergangenen Naturfetzen das und dort sein, was und wo sie sind! Reden wir z. B. einmal etwas vom gestirnten Himmel! Das wird mich mehr erbauen als die Aufwärmung meiner weiland – Naturfetzerei!
RB|1|36|11|0|Schau, Du mein liebster und höchst wertester Freund und Gott und alles, was Du mir gegenüber nur immer sein willst! Ich kann mich zwar über mein gegenwärtiges Befinden gar nicht beklagen; denn ich bin weder durstig noch hungrig; mein ganzes Wesen plagt kein Schmerz, und an Deiner Gesellschaft habe ich für die Ewigkeit genug. Aber, so wir zu unseren gegenseitigen Belehrungsdebatten nur ein ums Kennen besseres Plätzchen irgendwo ausfindig machen könnten, so wäre das wirklich gar nicht übel! Denn hier sieht es schon ein für alle Mal etwas zu luftig, ja man könnte sogar sagen, zu nichtsisch aus! Außer diesen Putterbergleins [Kleinhügeln], auf denen wir nun schon eine geraume Zeit beisammenstehen, ist nirgends etwas von irgendeiner Wesenheit zu entdecken. Wenn wir nur irgendwo so ein Rasenplätzchen mit etwa einem ganz schlichten Landhüttchen entdecken könnten, und dasselbe für bleibend in den Besitz nehmen, so könnten wir daselbst unsere, für mich wenigstens äußerst interessante Debatten mit viel mehr Animo (Gemütlichkeit) vornehmen und durchführen!
RB|1|36|12|0|Besonders interessant wären da Worte von großer Bedeutung über die Sonnen und verschiedenen anderen Weltkörper zu wechseln!? Aber nur nichts mehr von den – gottlob weiland – irdischen Lebensverhältnissen! Denn diese könnten mich mit größtem Hass und Widerwillen erfüllen, so zwar, dass ich am Ende sogar mit Dir ganz und gar über nichts mehr zu reden imstande wäre! Wenn es Dir alsonach möglich wäre, für uns beide ein solches Plätzchen ausfindig zu machen, da sei von mir über alle Maßen gebeten, dafür Deine Sorge und Weisheit in die gehörige Tätigkeit zu versetzen!“
RB|1|37|1|1|Die Seelengefahr des Lobes. Selbst Engelsfürsten brauchen Demut zum Geistesfortschritt.
RB|1|37|1|0|Rede Ich: „Höre, du Mein lieber Freund und Bruder! Das wird sich nun nicht tun lassen, indem hier in der Welt der Geister nur das in die wesenhafte Erscheinlichkeit treten kann, was eine Menschenseele in ihrem Herzen mit herüberbringt. Ist das Herz aber geistig ganz leer, wie es bei dir leider der Fall ist, trotzdem, dass du dagegen protestierest, so kann daraus auch nicht das allerkleinste Rasenplätzchen zum Vorschein kommen!
RB|1|37|2|0|Du sprachst auch, dass Ich dir lieber etwas vom gestirnten Himmel kundtun soll, als dass Ich dir deine irdischen Fehler vorrupfe. Das glaube Ich dir recht gern, denn einer jeden Seele ist das schon vom Urbeginn ihres Seins lieber, so sie gelobt, als so sie, wenn auch gegründetstermaßen, getadelt wird.
RB|1|37|3|0|Aber glaube es Mir, jedes auch sogar verdiente Lob ist ein Gift für die Seele und daher auch schädlich für den Geist. Wenn Ich dir feind wäre oder sein könnte, da würde Ich dich loben, um dich dadurch zu verderben. Da Ich aber dir sicher ein größter Freund bin, so muss Ich ja schon darum offen und aufrichtig mit dir reden, weil Ich dir ein wahrer Freund bin! Denn ein schändlicher Schmeichler ist jedem ein barster und gefährlichster Feind darum, dass er unter der Maske der Freundschaft gewöhnlich nur einen reißenden Wolf birgt. Ja Ich sage dir, du kannst dir nichts Ärgeres antun, als so du dich selbst lobst und eine rechte Freude an deiner eigenen Vortrefflichkeit hast. Denn dadurch versetzt du dir selbst einen barsten Todesstoß in dein eigenes Herz.
RB|1|37|4|0|Ich habe darum es auch allen Meinen Jüngern streng aufgetragen, sich auch sogar dann nicht zu loben oder loben zu lassen, so sie auch alles getan haben werden, was nur immer Gott von ihnen haben will. Denn auch da sollen sie von sich dennoch stets ganz ernstlich sagen und behaupten, dass sie nichts als unnütze Knechte waren.
RB|1|37|5|0|Warum aber forderte Ich solches von den Jüngern? Siehe darum, weil Ich allein es nur zu klar sehe, was die Seele tun muss, um sich selbst durch die Freimachung ihres Geistes wahrhaft frei zu machen. Es gibt in der ganzen Unendlichkeit nur ein wirksames Mittel zur Erreichung dieses Zwecks, und dieses einzige Mittel heißt die Demut des Herzens im ganzen Umfang ihrer Bedeutung!
RB|1|37|6|0|Die rechte, vollkommene Demut aber, die allein der Seele wahrhaft nützen kann, schließt auch selbst das schwächste, stillste und bescheidenste Selbstlob aus, weil durch dasselbe die Selbstliebe, welche ist eine Abwendung von der Gottheit und daher in sich der rechte Tod, eine Nahrung bekommt, das heißt: eine Nahrung zum Verderben des Geistes, welches ist ein rechter Tod der Seele.
RB|1|37|7|0|So Ich dich nun dazu auch noch loben möchte, da fürs Erste alle deine irdischen Handlungen im Grunde nur Meinen gerechten Tadel verdienen, und fürs Zweite in dir noch dazu eine große Gier nach Lob vorhanden ist, aus der heraus du dich selbst nur zu gerne vor Mir erheben möchtest, oder Mich wenigstens dahin bringen, dass Ich deine Weisheit anerkenne und vor der Schärfe deines Verstandes so einen recht massiven Respekt bekommen soll, was würde da aus dir werden?
RB|1|37|8|0|Ich aber setze den Fall, dass es möglich wäre, solches an Mir zu bewirken, was käme dann für dich heraus? Siehe, nichts anderes, als dass Ich von dir als Besiegter weichen müsste, da Mich deine größere Stärke unterjochte, was aber in der Geisterwelt so viel sagen will, als seinen Gegner verschlingen und sogestaltig aus der Erscheinlichkeit treten machen. Die Folge davon wäre, dass du fürs Erste wieder ganz allein dastehen würdest, und fürs Zweite es dann wohl äußerst schwer halten würde, dass du je wieder zu einer Gesellschaft kämst. Denn so Ich jemanden verlassen würde, der wäre dann auch für ewig verlassen, und der wahre Tod müsste der ewige Anteil seiner Seele sein und bleiben!
RB|1|37|9|0|Aber es ist so etwas wohl rein unmöglich. Niemand kann es mit Meiner Weisheit aufnehmen. Selbst der größte Weise aus allen Sternen muss sich vor Meiner Weisheit beugen bis zur innersten Faser seines Lebens. Und das ist heilsam sogar für den größten und tiefsinnigsten Engelsgeist. Denn auch die größten Engel müssen demütig sein, so sie ganz selig sein wollen, obschon ihr Weisheitsglanz jede Sonne zum finsteren Klumpen umgestalten müsste, so diese in seines Lichtes Sphäre käme.
RB|1|37|10|0|Um wie viel notwendiger ist dir sonach eine rechte Demütigung, der du noch ganz leer bist von allem, das dich nur wenigstens mit dem leisesten Schimmer eines reellen Seins erfüllen möchte. Beurteile daher künftig genauer alles was Ich dir vorhalten werde und werde darob nicht erbost, sondern bekenne deine Schuld vor Mir und demütige dich, so wirst du in Augenblicken weiterkommen, als so in Jahrtausenden!
RB|1|37|11|0|Bedenke das wohl und sage es Mir genau, was du tun wirst – und Ich werde Mich danach richten von nun an.“
RB|1|38|1|1|Roberts Rückschau auf sein Erdenschicksal. Er will Demütigung und Züchtigung annehmen, so ihn nur Jesus nicht verlässt.
RB|1|38|1|1|(Am 30. Jan. 1849)
RB|1|38|1|0|Spricht Robert: „Freund, Deine Worte sind wohl voll Ernstes, und Du scheinst es mit mir ganz ernstlich nehmen zu wollen, wofür ich Dir nur aus allen meinen Lebenskräften dankbar sein muss. Aber wie Du mich als noch viel zu wenig gedemütigt ansehen kannst, das ist mir völlig unbegreiflich! Bin ich denn, schon von meiner elenden Geburt angefangen, nicht durch alle möglichen allerwidrigsten Erfahrungen ohnehin bis auf den letzten Blutstropfen gedemütigt worden?
RB|1|38|2|0|Als ich mich trotz aller Hemmnisse mit der Zeit aus meinem angeborenen Staub denn doch ein wenig nur zusammenraffte, da brachen Unruhen in meinem Staat aus, und siehe, ich dämpfte sie durch meinen sicher redlichsten Willen und Verstand, ohne mich darauf dafür vom Staat erhöhen und verehren zu lassen! Als darauf sozusagen ganz Europa rebellisch ward, da wurde ich als ein Deputierter meines Staates nach Frankfurt abgesandt und vertrat dort meinen Staat nach meiner möglichst besten Ansicht und Kenntnis, geleitet von einem mir bewussten guten Willen. Denn wahrlich, es war nie nur im entferntesten Sinn meine Absicht gewesen, jemand zu schaden, sondern allein nur zu nützen, d. h. freilich nur in der Art, als wie ich es für die Völker nach meiner damaligen Überzeugung als nützlich erachtete; ob es ihnen aber wirklich zum Nutzen geworden wäre, so für sie meine Projekte realisiert worden wären, das ist freilich eine andere Frage. Aber ich konnte damals dennoch unmöglich anders reden und handeln, als wie ich es redlichstermaßen mit meinem Wissen und Gewissen für billig, gut und recht fand! Und ich meine, dass eine jede Rede und Handlung, die einem ganz redlichen Gemüt entstammt, vor Gott und vor aller Welt als redlich anerkannt werden muss. Denn ich glaube, dass Gott auch nur auf die Redlichkeit des Willens und nicht auf den Erfolg sieht, der ohnehin allzeit in der Hand der rein göttlichen Macht liegt!
RB|1|38|3|0|Als in Österreich die wütendsten Unruhen ausbrachen, da dachte ich daran, wie es mir in meinem Staat gelungen ist, einen Volksaufstand gegenüber dem König zu dämpfen und dachte danach auch, dass mir so etwas auch in Österreich gelingen dürfte! Ich fasste den Entschluss dahin zu eilen.
RB|1|38|4|0|Als ich aber allda ankam, fand ich die Sachen bei Weitem anders stehen, als wie ich sie mir in Frankfurt vorstellte. Das Volk war bedrückt und klagte laut über die Wortbrüchigkeit seines Regenten. Die schwärzeste und geldsüchtigste Reaktion war allen Dynasten und allen Aristokraten, Kaufleuten und Gold- und Silberjuden ohne Brille von der Nase herabzulesen. Das arme Volk wurde nur Luder und Kanaille benannt und gescholten. Und jeder, der (es) mit dem armen, über alle Maßen geistig und körperlich bedrückten Volk hielt und ihm mit Gut, Blut, Rat und Tat helfen wollte, wurde als ein Volksaufwiegler und Meuterer aufgegriffen und, wie bekannt, ohne Gnade und Pardon ums irdische Leben gebracht, welche Ehre auch mir allerschnödest widerfuhr, was aber doch niemand für eine Ehre halten wird?! Denn so man, als ein sonst aller besseren und gebildeten Welt achtbarer und angesehener Mann, wie ein gemeinster Verbrecher vor den Augen gar vieler Menschen auf den Richtplatz hinausgeschleppt und dort wie eine gemeinste Bestie erschossen wird, so glaube ich doch, damit zur Genüge für jede Ehre, die einem je irgendwo zuteilgeworden ist, gedemütigt worden zu sein?!
RB|1|38|5|0|Oder ist dir das auch noch zu wenig Demut? Soll ich wohl noch, oder kann ich wohl noch mehr gedemütigt werden?! Ich finde besonders in dieser meiner Lage, dass so was geradewegs unmöglich ist. Denn weniger zu sein und elender zu sein, als ich es nun bin, wird wohl kaum irgendwo ein Wesen sein!
RB|1|38|6|0|Nichts habe ich als Dich, meinen allergeliebtesten Freund, ganz allein. Du bist mir alles, mein Trost, mein größter Reichtum, meine einzige Entschädigung für alle meine irdischen Leiden und großen Demütigungen! Und Du, statt mich zu trösten, erweckst durch Deine weisheitsvollen Reden in mir auch noch eine Menge neuer, qualvoller Bedenklichkeiten, die mein großes Elend nur vermehren, nie aber verringern können! O sieh, Du mein geliebtester Freund, das ist etwas hart von dir!
RB|1|38|7|0|Es mag wohl sein, dass Du mit mir alles dessen ungeachtet die besten Absichten hast, und so es mir möglich ist, das zu tun, was Du mir rätst, so kann das auch leichtlich mein größtes und ewiges Glück sein. Aber nur das Einzige bedenke dabei, dass ich ein elendestes und über alle menschlichen Begriffe unglückliches Wesen bin, das allerwahrst von allem, was das Gemüt aufrichtet und aufrichten könnte, vollends blank und leer ist – so wirst Du Deine sonst allerweisesten Lehren wenigstens also stellen, dass sie mich nicht allzu sehr erschrecken und beängstigen möchten!
RB|1|38|8|0|Ich will mich fürderhin auch gar nicht mehr, auch nur mit dem schwächsten Gedanken, loben. Alle meine Handlungen sollen für ewig mit dem unvertilgbarsten Stempel der vollsten Schlechtheit und Verächtlichkeit gebrandmarkt werden und bleiben. Gerne will ich vor Dir, so Du es verlangst, das letzte und wertloseste Wesen der ganzen Unendlichkeit sein.
RB|1|38|9|0|Aber nur verlasse Du mich nicht! Und mache mich dadurch nicht gar zu unendlich elend! Drohe mir ja nicht mehr mit Deiner Entfernung, sondern stärke mich mit der Versicherung, dass Du mich ewig nie verlassen wirst, so gebe ich Dir die allergetreuste Versicherung, dass ich alles tun werde, was Du nur immer von mir verlangst!
RB|1|38|10|0|Habe ich auf der Welt je und wie immer gesündigt, so züchtige mich dafür, und demütige mich, so tief es nur immer möglich ist, und ich werde nie aufhören, Dich zu lieben. Aber nur vom Verlassen rede nichts mehr! Denn das wäre das Schrecklichste, was Du mir nur immer antun möchtest!“
RB|1|39|1|1|Gute Wendung bei Robert. Erläuterung über Johannes den Täufer.
RB|1|39|1|0|Rede Ich: „Nun, nun, Mein liebster Freund und Bruder! Das werde Ich auch nicht tun. Wir bleiben schon beisammen! Aber freilich in der Art, wie wir nun beisammen sind, könnte sich's für künftige Dauer wohl nicht gar zu leicht realisieren lassen, denn damit würde dir und Mir wenig geholfen sein.
RB|1|39|2|0|Aber Ich entdecke nun in dir im Ernst eine gute Wendung und kann dir daher auch im Voraus versichern, dass es mit dir ehestens besser gehen wird. Aber nur musst du das, was Ich dir nun sagen und eröffnen werde, ganz genau nach Meiner Vorschrift erfassen und danach handeln mit deinem Herzen, so wirst du sogleich heller zu sehen anfangen, und es werden dir Dinge, über deren Wesenheit du nun noch sehr im Dunkeln bist, ganz klar und hell werden. Und so höre Mich denn!
RB|1|39|3|0|Siehe, in den Evangelien, allda von Johannes dem Täufer die Rede ist, heißt es unter anderem: ‚Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste nur, und bereite den Weg des Herrn. Nicht würdig bin ich, dem die Schuhriemen aufzulösen, der nach mir kommt. Ich taufe nur mit dem Wasser; Er aber wird taufen mit dem Geist der Wahrheit, mit dem Geist Gottes zum ewigen Leben! Dieser mein erhabenster Nachfolger wird wachsen unter euch und in euch; ich, Johannes, aber werde abnehmen!‘ Was wohl meinst du, was dieser größte aller Propheten damit hat sagen wollen?“
RB|1|39|4|0|Spricht Robert: „Ja, Du mein bester, mein allerliebenswürdigster Freund! Wenn ich das verstünde, so wäre ich wahrlich nie auf diesen traurigen Punkt zu stehen gekommen, auf dem ich nun stehe!
RB|1|39|5|0|Wahrlich, diese von mir nie verstandenen Texte waren ja eben (am meisten) Schuld, dass ich an Deiner Gottheit zu zweifeln begann und konnte nimmer aus diesen Zweifeln kommen, was denn auch ein Hauptgrund war, dass ich ein Neukatholik wurde.
RB|1|39|6|0|Daher sei Du nur gleich so gut und erkläre mir diese höchst mystisch klingenden Texte. Denn ich könnte mich wohl ganz von A bis Z umkehren, so würde ich die eigentliche Bedeutung dieser, wie noch gar manch anderer Texte nimmer herausbringen!“
RB|1|39|7|0|Rede Ich: "Nun, so höre denn! Johannes (der Täufer) ist im Leib der Kirche das, was da ist der äußere Weltverstand bei jeglichem Menschen; und eines jeden Menschen Verstand soll also beschaffen sein, wie da beschaffen war der Johannes. Wie der Johannes vor Mir den Weg bereitet hat, also soll auch ein rechter äußerer (Kopf-)Verstand den Weg zum Verstand des Herzens anbahnen – welcher Herzensverstand da gleich ist Mir Selbst, indem Ich Selbst diesen Verstand aus Meinem Geist nehme, und ihn wie ein guter Sämann in das Erdreich des Herzens einlege, welches Erdreich aber da ist die rechte Liebe, die durch die Demut und Sanftmut bestens gedüngt wird.
RB|1|39|8|0|Johannes ist auch eines Rufers Stimme in der Wüste; das muss auch ein rechter äußerer Verstand sein. Denn die Welt, aus der der Verstand seine ersten Begriffe schöpft, ist eine Wüste, und das darum notwendig, weil sonst kein Mensch von der Gottheit völlig abgelöst und freigestellt werden könnte, was Ich dir schon früher einmal gezeigt habe. Da aber die Welt notwendig eine Wüste ist, so ist der äußere Verstand, der zum Teil aus eben dieser Wüste, zum Teil aber auch aus den Himmeln – entweder durch mittel- oder unmittelbare Offenbarungen seine Begriffe, Ideen und daraus hervorgehenden Urteile schöpft, aber auch eben durch die Aufnahme der geoffenbarten Wahrheiten aus den Himmeln die Stimme eines Rufers in der Wüste – und bereitet durch den Glauben die Wege zum Verständnis des Herzens.
RB|1|39|9|0|Dieser rechte äußere Verstand tauft sonach die Seele mit dem Wasser der Demut und des willigen Gehorsams; während der Verstand des Herzens, in dem der ewige Geist aus Gott wohnt, durch die Erweckung eben dieses Geistes notwendig mit diesem Geist taufen muss, weil dieser Geist aus Gott das wahre Licht, die vollste und hellste Wahrheit, die Liebe und somit das ewige Leben selbst ist.
RB|1|39|10|0|Es versteht sich demnach auch schon von selbst, dass der äußere Verstand da notwendig abnehmen, ja endlich sogar gefangen genommen und enthauptet werden muss, so der wahre Herzensverstand, der Mich Selbst darstellt, in eines jeden Menschen Herzen zunimmt und wächst zum herrlichsten Baum des wahren, ewigen Lebens, in dem da ist alle vollkommene Erkenntnis; also dass demnach der äußere Verstand auch wahrlich nicht wert ist, dem Verstand des Herzens die Schuhriemen zu lösen – das wird etwa doch auch ebenso klar sein, als wie klar es dir selbst sein muss, dass das Licht einer Nachtlampe denn doch bei Weitem unbedeutender ist als das Licht der Sonne am hellsten Mittag!
RB|1|39|11|0|Ich will nun auch nichts mehr von deinen irdischen Taten erwähnen, ob sie recht oder nicht recht waren. Denn sie flossen ja alle aus deinem äußersten Verstand, in dem die Stimme des Rufers gar nicht durchdringen konnte, weil das zu große Geräusch der Wüste, die da ist die eigentliche (Gott- und Johannes)lose Welt, den eigentlichen Johannes, der da ist Meine geoffenbarte Lehre, übertäuben musste! Denn so durch eine Wüste große Orkane toben und Donner rollen und mächtige Sturzbäche rauschen, da geht des Rufers Stimme wohl nur zu leicht unter, und das Gericht und der Tod hält dann ungestört sein Erntefest!
RB|1|39|12|0|Aber Ich komme dann auch zu retten, was noch zu retten ist. Nur freilich nicht so, als wie auf einem vom Johannes bereiteten Weg, sondern wie ein Blitz, der vom Aufgang bis zum Niedergang leuchtet, wie es eben bei dir nun der unverkennbare Fall ist! Wer da das Licht des Blitzes annimmt, der wird gerettet. Wer aber dieses Licht nicht annimmt, der geht zugrunde; d. h. er begibt sich dann auf einen Weg, auf dem es sehr schwer wird, jenes Ziel zu erlangen, das ihm Gott gestellt hat!
RB|1|39|13|0|Du aber hast das Licht des Blitzes wohl ergriffen. Daher kam auch der Retter Selbst zu dir und führt dich nun des rechten Weges. Aber du musst nun auch dem Retter willig folgen, und musst Ihm durch deinen äußeren Verstand keine Hemmnisse in den Weg legen, sonst verzögerst du nur selbst die Erreichung jenes Ziels, das dir eben der Retter Selbst gestellt hat.
RB|1|39|14|0|Was wirst du nun tun auf diese dir gemachte Erläuterung jener Texte, die dir nach deinem eigenen Geständnis Den verbargen, Den du am allerklarsten hättest erkennen und erschauen sollen?!“
RB|1|39|15|0|Spricht Robert nach einer nachdenklichen Weile: „O Freund! Ja endlos mehr als nur ein Freund! Nun erst fängt es in mir auf einmal an ganz gewaltig zu tagen! O Herr! O Herr! O Herr! Wie kannst Du bei mir verweilen? Denn ich bin ja ein Sünder!
RB|1|39|16|0|Was wohl hielt meine Augen, dass ich Dich nicht erkannte?! Wohl sagte mir meine starke Liebe zu Dir, dass Du mehr sein musst, als für was Dich mein elender Verstand hielt. Aber ein Teufel, oder [sonst] wer, schob mir stets eine Decke vor die Augen! Aber nun, nun, nun, erkenne ich die endlose Kluft zwischen mir und Dir, und kann nun nichts anderes sagen als: O Du mein großer Gott und Herr! Sei gnädig und barmherzig mir ärmsten und zugleich dümmsten Sünder vor Dir!“
RB|1|40|1|1|Das neue Leben aus dem göttlichen Geist bei Robert beginnt. Er hat nochmals eine Freiheitsprobe durchzumachen und erhält dafür Anweisungen.
RB|1|40|1|1|(Am 1. Febr. 1849)
RB|1|40|1|0|Rede Ich: „Liebster Bruder und Freund! Ich sage dir: Deine Sünden sind dir vergeben, dieweil du dich also gedemütigt hast, dass du den Wert deines Außenverstandes gänzlich hintan gabst und nahmst dafür den Verstand des Herzens an. Daher soll auch von nun an von allen deinen irdischen Gebrechen ewig keine Rede mehr sein!
RB|1|40|2|0|Du hast daher von nun angefangen eine ganz neue Lebensepoche zu beginnen, in der du eine nochmalige Freiheitsprobe durchmachen musst. In dieser Probe wird dir die Gelegenheit geboten werden, deinen alten und irdischen Menschen ganz auszuziehen und dafür den innern, der aus Mir ist, vollends auftauchen zu machen.
RB|1|40|3|0|Bis jetzt warst du ganz gesellschaftslos und hattest auch keinen Grund und keinen Boden, auf den du deine Füße hättest stellen mögen. Der magere Boden, auf dem wir beide uns noch befinden, entspricht genau jenen von dir angenommenen und auch nach deinem Geständnis gehandhabten Lehrsätzen, die du als ein Neukatholik Meinem Evangelium entnommen hast, und Ich Selbst kam dir auch gerade so entgegen, als wie du Mich auf der Erde mit Hilfe deines Verstandes in deinem Gemüt ausgebildet hast, nämlich: als ein bloß nur sehr weiser Lehrer der Vorzeit. Aber also konnte Ich wohl nicht verbleiben, sondern musste dich dahin leiten durch allerlei Lehre, dass du Mich denn endlich doch aus dir selbst als das erkennen musstest, was Ich von Ewigkeit her bin und auch hinfort ewig sein werde!
RB|1|40|4|0|Aber mit dieser Erkenntnis allein ist es noch bei Weitem nicht genug. Sondern du musst, um das wahre Himmelreich zu erlangen, diese Erkenntnis auch mit der wahren Liebe zum Nächsten und daraus mit aller Liebe zu Mir beleben!
RB|1|40|5|0|Daher werde Ich dich nun sogleich an einen Ort hinbringen wo es dir an Gesellschaften verschiedener Art durchaus nicht fehlen wird. Du sollst einen ansehnlichen Grund mit einem großen und wohleingerichteten Wohnhaus überkommen, und das an einer Hauptstraße und in einer sehr anmutigen Gegend. Auch für eine zahlreiche Dienerschaft wird gesorgt sein, die dir auf den leisesten Wink gehorchen wird.
RB|1|40|6|0|Viele Reisende von der Erde in diese Welt werden an deiner Wohnung und Wirtschaft vorüberziehen, und viele werden bei dir zusprechen. Darunter werden sein Freunde und Feinde. Aber da siehe du darauf, dass du sie alle mit der rechten Liebe empfängst und ihnen reichst, dessen sie bedürfen – und das alles darum, weil sie alle Meine Kinder und somit auch deine Brüder sind. So wirst du dadurch das alles vielfach wieder gut machen, was du auf der Erde, freilich nicht mit deinem Willen, sondern lediglich nur mit deinem geistigen Unverstand, verdorben hast, und Ich Selbst werde dann wieder zu dir kommen und werde zu dir sagen: Weil du bei dieser kleinen Haushaltung so gut gewirtschaftet hast, so sollst du nun über Großes gesetzt werden!
RB|1|40|7|0|Vor allem aber nimm dich in Acht vor Zorn, Rache, wie auch vor unreiner Liebe, wozu es dir an Gelegenheiten nicht fehlen wird, so wird diese deine neue Lebensaufgabe ehestens gelöst sein, und dein wahres, ewiges Lebensglück wird von da an erst seinen hellsten Anfang nehmen!
RB|1|40|8|0|Also hüte dich auch vor der Neugierde! Denn diese macht keinen Geist besser und heller, sondern nur gar zu leicht schlechter und finsterer! Wo deine Kräfte nicht auslangen sollen, das opfere nur allemal Mir auf, und es soll dir dann sobald eine rechte Hilfe werden.
RB|1|40|9|0|Nun weißt du alles. Daher sage es Mir nun, wie du mit diesem Meinem Antrag zufrieden bist? Worauf wir uns dann aber auch sogleich an dem bestimmten Ort befinden werden!“
RB|1|41|1|1|Robert nimmt den Antrag des Herrn an, möchte aber nicht von Ihm verlassen werden. Da seine Liebe zum Herrn groß ist, bleibt Jesus bei ihm.
RB|1|41|1|0|Spricht Robert: „O Herr! O Du meine nun und ewig ganz alleinige Liebe! Alles, alles ist mir ja unaussprechlich vollkommenst recht, was immer Du mit mir armen Sünder verfügen willst und wirst. Denn ich kann das alles nur als Deine unermesslichste Gnade und Erbarmung ansehen! Was wohl bin ich vor Dir?! Was ist der Staub gegen Den, der den ewig endlosen Raum mit Seiner alleinigen Macht ausgespannt hat, und erfüllt mit den zahllosesten Wunderwerken Seiner ewigen Liebe und Weisheit?! Ich bin nur ein durch Deine Gnade belebter Staub vor Dir! Dein heiliger Wille ist mein Leben! Wie soll mir da etwas etwa gar unrecht sein, was Du mit mir bestimmst?! O Herr! Dein Name werde geheiligt, und Dein Wille sei mein Leben!
RB|1|41|2|0|Was ich nur immer vermag, das werde ich sicher auch mit dem freudigsten Herzen tun! Denn Du, Du, o mein Gott und mein Herr und meine alleinige Liebe, hast es mir nun ja Selbst geboten! Und wie soll mir das, was Du, o Herr, o Vater, mir gebietest, nicht über alles, alles, alles heilig, überwert und in aller meiner Liebe zu Dir im höchsten Grad angenehm sein!?
RB|1|41|3|0|Nur, dass Du mich sichtlich wieder verlassen wirst, wie ich's aus Deiner heiligen Unterweisung entnahm, das wird mich freilich wohl überschmerzlich berühren! Aber es ist ja auch Dein heiliger Wille, und dieser wird Dich Selbst mir wiedergeben, wenn mein Herz Deiner vielleicht doch einmal würdiger sein wird als jetzt, wo es, zu unheilig, vor Deiner zu endlosen Heiligkeit nahe vergehen könnte aus einer gerechten Schande – darum es so lange gar so unbegreiflich blind und stumpf hatte sein mögen, Dich nicht nur nicht auf den ersten Augenblick zu erkennen, sondern Dir sogar spitzig und widerspenstig zu begegnen!
RB|1|41|4|0|O Herr! O Herr! Mein zu großer Unsinn lähmt mir nun wahrlich die allzeit dumme Zunge, dass ich nahe gänzlich unvermögend bin, noch länger Dir, o Du Heiligster, gegenüber Rede zu stehen. Daher geschehe nur sobald als möglich Dein heiligster Wille!“
RB|1|41|5|0|Rede Ich: „Nun, nun, Mein geliebtester Bruder!“ –
RB|1|41|6|0|Bittet Robert inzwischen: „O Herr! Nenne mich Staub und Nichts vor Dir doch nicht einen Bruder! Denn wie soll, das nichts ist, Dir ein Bruder sein?“
RB|1|41|7|0|(Der Herr): „Mache dir nichts daraus! Denn Ich weiß es wohl am besten, ob und wie du Mir auch ein rechter Bruder bist. Daher mache dir nun nicht gar so viel daraus! Denn Ich ersehe in dir soeben etwas, und zwar in deinem Herzen, das sich nun plötzlich gestaltet hat! Und so werden wir beide bei deiner nächsten Lebensfreiheitsprobe eben nicht so fern voneinander abstehen, als du es dir vorstellst! Denn so jemand mit solcher Liebe aufzublühen anfängt, wie da nun die deinige sich nun plötzlich zu gestalten beginnt, dessen Weg fürderhin wird mit sehr wenig Steinen zum Anstoß belegt sein!
RB|1|41|8|0|Schau, schau, du Mein lieber Robert du, deine Sünden sind alle hinweg, und Ich liebe dich ja ganz unbeschreiblich, weil du Mich nun gar so sehr zu lieben anfängst! Und da Ich dich so sehr liebe, wie soll Ich dich demnach verlassen können!? O nein! O nein! Fürchte dich nicht!
RB|1|41|9|0|Da du Mich so sehr liebst, so werde Ich dich nicht verlassen, sondern werde mit dir in dein Wohnhaus einziehen und mit dir arbeiten! Denn da du Mich gar so sehr zu lieben anfängst, so will Ich dir auch vieles erlassen, was du sonst noch notwendig zu bestehen haben müsstest! Denn wer viel Liebe hat, dem wird auch viel vergeben werden!
RB|1|41|10|0|Du wirst zwar alles sehen und durchmachen, was Ich dir ehedem zugesagt habe, aber an Meiner Seite! Sage Mir nun, du Mein geliebtester Bruder, ob Dir dieser Antrag lieber ist als der frühere?“
RB|1|42|1|1|Über die Bruderschaft mit dem Herrn. Gleichnis vom Scheibenschießen. Grund von Roberts dürftiger erster jenseitiger Welt.
RB|1|42|1|1|(Am 4. Febr. 1849)
RB|1|42|1|0|„O Herr“, spricht Robert nach einer Weile, „wenn Du mich Sünder vor Dir nur doch nicht ‚Bruder‘ nennen möchtest! Denn solch einer zu ungeheuren Gnade bin ich ja doch ewig nicht wert!"
RB|1|42|2|0|Sage Ich: „Lasse das nur gut sein! Es lebt ja nun Mein Ebenmaß in dir! Durch deine Liebe zu Mir bist du ja in Mir, wie Ich in dir, und so sind wir eins in der Liebe. Und siehe, diese Einheit ist ein rechter Bruder. Sind wir auch ein jeder für sich ein vollkommenes Individuum, so beirrt aber das dennoch die intimste Verbrüderung nicht, die da ist eine rechte Einung durch die Liebe. Denn es gibt nur eine wahre Liebe und ein wahres Gute; und diese Liebe und dieses Gute ist gleich und somit eins in allen Engeln und anderen seligen Geistern, und ist vollkommen gleich Meiner Liebe und all dem Guten aus ihr. Und siehe, diese völlige Gleichheit heißt wahrhaft ‚ein Bruder‘!
RB|1|42|3|0|Und so bist du Mir – zufolge deiner nun wahren Liebe zu Mir in dir – auch ein wahrer Bruder, so wie Ich einst auf der Erde alle, die Mir werktätig nachfolgten, Brüder nannte, nicht etwa aus einer Art freundlicher Höflichkeit, sondern aus gegründetster, vollster Wahrheit heraus. Also mache dir nun künftig nichts mehr daraus, so Ich dich Bruder nenne; denn nun weißt du es schon, warum?
RB|1|42|4|0|Nun aber sage Mir auch, ob dir dieser zweite Antrag lieber ist als der erste?“
RB|1|42|5|0|Spricht Robert: „O Herr! Du zu überguter, heiliger Vater aller Menschen und Engel, da ist ja gar nichts mehr zu sagen, und jeder Vergleich fällt da von selbst hinweg. Denn was Du bestimmst, möge es so oder so gestaltet sein, so ist es schon allzeit das Allerbeste – darum, da Du, als die endloseste Güte Selbst, es so bestimmt hast: Dass aber mir der zweite Antrag doch offenbarst lieber sein muss als der erste, das versteht sich schon von Ewigkeit von selbst. Denn Dich, o Du liebevollster Vater, wenn auch nur der Erscheinlichkeit nach zu missen, wird doch sicher keinem Wesen, das Dich so unbeschreiblich liebt wie ich nun, ebenso angenehm und beseligend sein, als so es Dich – als sein alles, alles, alles – auch persönlich sichtbar an seiner Seite hat!
RB|1|42|6|0|Aber, da Du mir nun gar so endlos gnädig und barmherzig bist, so bitte ich Dich aus aller Tiefe meines Herzens aber auch, dass Du mir gnädigst anzeigen möchtest, was ich wohl tun soll, damit ich solcher Deiner Gnade und Liebe denn doch wenigstens um ein Haar würdiger wäre, als ich es leider bis jetzt war? O Herr! Zeige, zeige mir doch solches gnädigst an!“
RB|1|42|7|0|Rede Ich: „Höre, du Mein geliebtester Bruder! Du hast auf der Erde wohl zu öfteren Malen ein Spiel gesehen unter dem Namen: das ‚Scheiben- oder Bestschießen‘? Du sprichst in dir: ‚O ja, hab' öfter selbst mitgeschossen und sogar manchmal ein Bestes gewonnen!‘ Da sage Mir, wie und durch welches Verdienst gegenüber dem Bestgeber hast du dir wohl das Beste erworben? Es mussten ja doch alle, die durch die Schüsse, gleich dir, ums Beste sich bewarben, ein gleiches Leggeld [Eintrittsgeld] geben, und dennoch gewannst du das Beste?
RB|1|42|8|0|Du sprichst nun in dir: ‚Weil ich das Zentrum der Scheibe glücklicherweise getroffen habe! Es hatte der Bestgeber dadurch freilich wohl im Grunde keinen Nutzen, dass ich das Beste gewann; denn die Leggelder, oder vielmehr deren Bestabzüge von den Leggeldern wären dem Bestgeber noch zum Gewinn geblieben, so niemand das Beste durch einen Zentralschuss gewonnen hätte. Aber er hatte dennoch eine große Freude mit mir, darum ich einen Zentralschuss gemacht habe.‘
RB|1|42|9|0|Gut, Mein geliebtester Bruder! Siehe, so geht es auch bei Mir! Ich bin ein ewiger Bestgeber allen Meinen Geschöpfen, und besonders den aus ihnen hervorgehenden Kindern! Die Schießscheibe ist Mein Vaterherz, die Schützen sind Meine Kinder, ihre Schießgewehre sind ihre eigenen Herzen, und das Beste bin wieder Ich Selbst und das vollkommenste ewige Leben mit Mir und aus Mir!
RB|1|42|10|0|Was wohl haben demnach die Kinder zu tun, welchen Verdienst haben sie sich zu erwerben, um das von Mir für sie bestimmte Beste zu gewinnen? Siehe, nichts anderes, als recht scharf ihre Herzen zu laden und damit auf das Zentrum Meines Herzens zu schießen. Und so sie es gar leicht treffen, so haben sie dann auch schon das Beste in der Tasche ihres Lebens. Und bei Mir geht es umso leichter, weil Ich gar keine Leggelder brauche, da Ich jedem ein ganz vollkommenes Freischießen gebe.
RB|1|42|11|0|Wie du aber nach deinem eigenen Geständnis auf der Erde manchmal ein Hauptschütze warst, so ist es dir auch hier gelungen, ebenfalls das Zentrum Meines Herzens mit dem deinen zu treffen, und so hast du nun auch schon alles, was Ich von dir verlange, nämlich die wahre Liebe. Diese allein macht dich aller Meiner Gegenliebe würdig, da sie vor Mir allein als ein wahres Verdienst angesehen und anerkannt wird. Was sollen da noch irgend andere Verdienste um Meine Gnade vonnöten sein? Daher sei auch deshalb ruhig! Denn so Ich mit dir zufrieden bin, was solltest du denn daneben wohl noch wollen? Siehe, Ich kenne nichts. Und so Ich nichts Weiteres kenne, so möchte Ich denn doch wissen, wie du da noch etwas Weiteres, Größeres und Meiner Würdigeres tun sollst!?
RB|1|42|12|0|Ah, wie du aber diese Meine Liebe in dir auch anderen deiner verschiedenartigen Mitbrüder wirst mitzuteilen haben, das wirst du wohl noch durch deine künftige Stellung dir erst eigen zu machen bekommen, was dir aber auch zu keinem höheren Verdienst angerechnet wird. Denn diese größere Vervollkommnung deines Wesens wird dir nur darum zuteil, dass du dadurch selbst desto seliger werden wirst können, also nur ein lediges Bene für dich! Aber von einem Meiner Gnade würdiger werden kann ewig keine Rede mehr sein, indem du unmöglich mehr tun kannst, als Mich über alles lieben, was allein Ich auch von dir, wie von jedem anderen, verlange.
RB|1|42|13|0|Sei also nun ganz unbesorgt wegen der größeren Verdienste, deren Ich ewig nicht benötige. Und habe nun Acht, was jetzt vor deinen Augen vor sich gehen wird.
RB|1|42|14|0|Siehe, wir sind nun noch auf unserer dürftigsten, kleinen Welt beisammen, und du erschauest noch nichts außer dieser Welt, die uns einen kärglichen Standpunkt bietet. Du hast gemeint, diese Welt ist so ein kleiner, angehender Komet, aus dem sich etwa nach Trillionen von Erdjahren allenfalls ein Planet bilden könnte, und entstehe etwa zufolge der Anziehungskraft Meines Wesens, durch die sich Atome aus dem endlosen Äther um Mich her versammeln. Allein, dem ist nicht so, sondern ganz anders.
RB|1|42|15|0|Siehe, diese kleine, sehr nackte und dürftige Welt ist aus dir und entspricht völlig deinem bisherigen inneren Zustand, in und aus dem freilich Ich wohl das Allerbeste bin. So also, wie diese Welt, und wie du Mich auf ihr zuerst erschautest, war dein Inneres beschaffen: der Grund klein und schwach, und Ich auf diesem Grund nur als ein purer Mensch!
RB|1|42|16|0|Nun aber, als dein Herz Mich erkannte und in aller Liebe zu Mir erbrannte, wird aus dieser kleinen und sehr dürftigen Welt sogleich eine größere und festere und reichere hervorgehen!
RB|1|42|17|0|Ich halte nun noch die innere Blende in dir, dass sich das starke Licht deines Geistes noch nicht in die Seele ergießen kann. Aber so Ich nun in dir diese Blende zerreißen werde wie einst den Vorhang des Tempels, wodurch das Allerheiligste freigegeben wurde, so wirst du sogleich eine ganz andere Welt erschauen und dich verwundern über alles! Und so habe denn nun recht Acht!“
RB|1|43|1|1|Roberts herrliche neue Welt. Worte staunenden Dankes und innigster Liebe. Gleichnis vom Wunder der Kinderzeugung.
RB|1|43|1|1|(Am 5. Febr. 1849)
RB|1|43|1|0|Robert schaut nun voll der größten Aufmerksamkeit um sich herum, um bald irgendwo eine bessere und größere Welt zu erschauen. Aber es will sich dennoch keine so schnell zeigen, als er sie nun auf Meine Worte erwartet. Er strengt seine Augen noch mehr an und schaut nach aufwärts, ob nicht von oben, als aus den Himmeln, nach seiner Idee die verheißene neue, bessere Welt niedersteigen möchte?! Aber es kommt auch von da nichts!
RB|1|43|2|0|Nach einer Weile gespanntester und in einer Hinsicht vergeblicher Erwartung wendet er sich wieder an Mich und spricht: „Allerhöchst Erhabenster, ewiger Meister und Schöpfer der Unendlichkeit. Du mein heiligster, liebevollster Vater! Siehe, ich schaue mir schon fast die Augen aus, und es kommt denn doch noch keine andere Welt zum Vorschein? Woran mag es nun da wohl liegen? Es wird höchst wahrscheinlich da wohl bei mir noch irgendeinen Haken haben. Aber wo?! Das bringe ich durchaus nicht heraus! Daher möchte ich Dich wohl bitten, mir diesen Grund zu zeigen.
RB|1|43|3|0|O Herr, so es Dir wohlgefällig wäre, da ziehe Du mir endlich einmal die Decke von den Augen!“
RB|1|43|4|0|Rede Ich: „Nun Bruder! Ich sage dir, tue dich auf! Was sagst denn du nun? Woher kam diese Gegend? Und wie gefällt sie dir?“
RB|1|43|5|0|Robert blickt, vor Freuden sich kaum fassen könnend, nach allen Seiten über alle Maßen erstaunt um sich. Denn er ersieht nun in größter Klarheit die herrlichsten Flure rings um sich herum. Auch die schönsten und kühnsten Gebirgsgruppen begrenzen den weitgedehnten Gesichtskreis. Mitten aus den herrlichen Fluren ragen auch kleine, hellgrüne Hügel empor, an deren Füßen gar niedliche Wohnhäuser angebaut sich Roberts staunendem Auge zur Beschauung darbieten. Und in der Nähe steht ein großes, herrliches Gebäude, um das ein gar üppiger frucht- und blütenreicher Garten sich ausbreitet. Über diese herrliche Gegend wölbt sich ein reinster, hellblauer Himmel, an dem zwar noch keine Sonne zu erschauen ist, aber dafür desto mehr der schönsten Sterngruppen, von deren einzelnen Sternen der kleinste heller glänzt als auf der Erde die Venus in ihrem hellsten Licht; daher denn auch diese Gegend durch das schönste Licht dieser vielen tausend Sterne nahe stärker erleuchtet ist als die Erde von der Mittagssonne.
RB|1|43|6|0|Robert kann sich kaum satt schauen und sehen, an dieser für ihn mehr als zauberhaft schönsten Gegend. Nach einer geraumen Weile seines Schauens und Staunens fällt er vor Mir auf seine Knie nieder, starrt Mich eine Weile ganz liebestrunken an und presst dann förmlich aus seiner Brust folgende Worte:
RB|1|43|7|0|„O Gott, o Vater! O Du allmächtigster Schöpfer nie geahnter Wunderwerke! Wie soll denn ich reinstes Nichts vor Dir Dich zu loben und zu preisen anfangen und wo enden mit dem ewigsten Lob? Ach, ach, wie endlos groß muss Deine Weisheit und Macht sein, dass Du mit dem leisesten Wink solch eine Schöpfung zuwege bringen kannst?!
RB|1|43|8|0|Und doch stehst Du also bei mir da wie ein anderer ganz gewöhnlicher Mensch! Ja, das erst macht Dich noch endlos größer, liebens- und anbetungswürdiger, dass Du äußerlich nicht mehr zu sein scheinst, als wie da ist ein ganz gewöhnlicher Mensch; aber so Du sprichst und gebietest, so entströmen Deinem Mund zahllose Welten, Sonnen, Engel und Myriaden anderer Wesen von nie geahnter Wunderpracht und Herrlichkeit!
RB|1|43|9|0|O Herr! Wer kann Dich je fassen und wer begreifen Deine Liebe, Weisheit und Allmacht-Größe! O mein Gott, o mein Gott! Ich bin wohl nur ein ärmster Sünder vor Dir und kann nichts als Dich lieben, lieben und lieben! Ich bin so verliebt nun in Dich, dass ich mir vor lauter Liebe gar nicht zu helfen weiß! O Du liebster, herrlichster Jesus Du! Wer auf der Erde begreift es, dass Du, und gerade Du, und sonst ewig nirgendwo ein anderes Wesen, das allerhöchste, urewigste Gottwesen Selbst bist!?
RB|1|43|10|0|Und Du, Du, Du bist hier bei mir armen Sünder, bei mir, als einem, den die Welt verflucht und gerichtet hat!? O Du Liebe der Liebe! Ach, ach! O Herr, o Vater, o Gott! Und Du nennst mich, den von der Welt Verfluchten – einen Bruder! Nein, nein! Du bist zu groß, und Deine Liebe ist zu furchtbar groß! Wie kann ein Verfluchter neben Dir sein?! Wie nennst Du ihn einen Bruder!? O schaffe, schaffe in mir Kräfte, dass ich Dich für solche Deine zu endlose Güte und Herablassung mit der Glut aller Sonnen, die der endloseste Raum fasst, lieben kann!“
RB|1|43|11|0|Rede Ich: „Mein liebster Bruder! Es erfreut Mein Herz wohl gar sehr, dass du Mich also preist in deinem Herz darum, dass Ich dir nun gewisserart die Decke von deinen Augen nahm, und du nun wieder schaust eine Gegend, die herrlicher ist als die schönste auf Erden und heller als ein reinster Mittag des gelobten Landes!
RB|1|43|12|0|Mit Recht lobst du Meine Liebe, Weisheit, Macht und Tatengröße. Denn wahrlich, ob du Mich auch lobtest mit der Zunge aller Engel, so würdest du dennoch ewig nicht den kleinsten Teil Meiner göttlichen Größe und Vollkommenheit geziemend durchzupreisen imstande sein!
RB|1|43|13|0|Dass du Mich aus allen deinen Kräften liebst, das wohl ist Mir das angenehmste Lob! Denn nur durch die alleinige Liebe bin Ich als Vater für jene Geschöpfe, die Meine Kinder sind, erreichbar; durch die Weisheit aber ewig nicht. Denn alle Weisheit aller Meiner ohne Zahl und Ende vorhandenseienden Engel und Geister ist gegen Meine ewige Weisheit kaum das, was da ist ein Tautröpfchen gegen das ewige Äthermeer, das da erfüllt den unendlichen Raum!
RB|1|43|14|0|Da du Mich aber also liebst, wie es Meine Ordnung will, und aus dieser Liebe heraus Mich lobst, so ist auch dein Lob gerecht, obschon hier gerade nicht nötig. Denn siehe, alles das, was du nun siehst, ist eigentlich dein Werk. Es ist insoweit freilich wohl auch Mein Werk, als du selbst Mein Werk bist, aber sonderheitlich ist das alles gerade also nur dein Werk, als wie es auf der Erde dein Werk war, was du gemacht hast.
RB|1|43|15|0|Freilich, wohl fragst du nun in dir und sagst: ‚O Herr! Wie ist das möglich?! Wenn das mein Werk wäre, da müsste ich selbst denn doch in mir irgendein Bewusstsein haben, das mir kundtäte, wie ich es doch angefangen habe, solche Herrlichkeiten und solche Größen zu erschaffen?! Aber ich habe in mir auch nicht eine allerleiseste Ahnung davon!‘
RB|1|43|16|0|Das ist wohl vorderhand wahr, dass du dessen noch nicht innewerden kannst, wie so etwas wohl möglich sein könnte! Aber es tut das nichts. Zeugtest du doch auf der Erde auch Menschen, von denen jeder ein endlosmal größeres Wunderwerk ist als alles, was du hier siehst, wusstest du wohl darum, dass du durch die ganz einfache und stumme Zeugung solche für dich noch lange nicht völlig begreiflichen Wunderdinge bewerkstelligtest, und wie und nach welchem vorgefassten Plan?
RB|1|43|17|0|Und doch warst du es, und nicht Ich, der du mit deinem Weib solche Wunder zeugtest. Freilich bin wohl Ich da wieder der Urheber und der alleinige Plan- und Ordnungssteller und habe die Sache so eingerichtet, dass durch den Akt der Zeugung ein Mensch werden muss. Aber trotz all dem muss denn doch auch der willkürliche Akt der Zeugung von Seiten der Menschen hinzukommen, so ein neuer Mensch gestaltet werden soll!
RB|1|43|18|0|Darum staune nun auch nicht zu sehr, so Ich zu dir sage: Siehe, das alles ist dein eigenes Werk, daher ist auch alles dein, was du hier anschaust! Denn siehst du diese Sache jetzt auch noch nicht völlig klar ein, so wird schon noch eine geistige Zeit kommen, in der du das einsehen wirst. Nun aber zu was anderem!“
RB|1|44|1|1|Roberts Aufgabe im neuen Heim. Erste Gesellschaft – die im Kampf gefallenen politischen Freunde. Roberts Belehrung an die Gäste.
RB|1|44|1|0|(Der Herr:) „Du siehst hier vor uns in unserer nächsten Nähe ein recht großes und herrliches Wohngebäude! Sieh, das wirst du nun bewohnen. Und Ich werde bei dir sein zeitweilig, woraus du dir aber eben nichts zu machen brauchst. Denn Ich werde allzeit und allemal bei dir sein und dir helfen, so oft du Mich nur immer in deinem Herz berufen wirst; was aber ebenso viel sagen will als: Ich bleibe stets bei dir!
RB|1|44|2|0|Du wirst auch keineswegs etwa allein sein, so Ich Mich auch dann und wann auf Momente sichtlich von dir entfernen werde. Denn du wirst in diesem deinem Haus eine bei Weitem größere Gesellschaft finden, als du sie je irgendwo zu finden vermeinen möchtest! Im gleichen Maß ist auch diese ganze Gegend, so weit nur immer deine Augen reichen, vollauf bewohnt. Daher es dir von nun an um eine Gesellschaft auch nimmer bange zu sein braucht.
RB|1|44|3|0|Aber Ich sage dir, dass diese Gesellschaften zumeist sehr radikaler Art sind. Es wird daher eine Hauptaufgabe von deiner Seite sein, alle diese Radikalen auf den gleichen Weg zu bringen, auf welchen nun Ich dich gebracht habe. Wird dir dieses Werk gelingen, so wirst du dann noch ganz andere Wunderdinge zu entdecken anfangen, als wie du sie nun bis jetzt an Meiner Seite entdeckt hast! Denn eben dadurch wirst du erst so recht in deine eigene Schatz- und Wunderkammer eingehen, in der sich dir Dinge offenbaren werden, von denen dir bisher noch nie etwas geträumt hat!
RB|1|44|4|0|Vor allem aber musst du das beobachten, dass du Mich an gar keinen aller derer, die dir hier bald entgegenkommen werden, verrätst! Denn sie alle kennen Mich nicht, da es mit ihrem Glauben noch mangelhafter aussieht, als es mit dem deinigen ausgesehen hat! Und so du Mich ihnen vor der Zeit verrietest, so würdest du ihnen dadurch um vieles mehr schaden als nützen! Daher sei du da vorsichtig.
RB|1|44|5|0|Nun aber folge Mir durch den Garten in dein Haus! An der Flur des Hauses wird uns eine große Gesellschaft empfangen.“
RB|1|44|6|0|Ich gehe nun voran, und der Robert folgt Mir in der allergrößten Liebe, Ehrfurcht und Demut auf dem Fuß nach.
RB|1|44|7|0|Als wir durch den Garten vor eine gar herrlich geformte Hausflur gelangen, da strömen aus derselben Massen von Menschen beiderlei Geschlechts und schreien ein lautes: „Vivat hoch! Hoch lebe unser hochverehrtester Robert Blum, der größte Volksfreund Europas! Vivat hoch dir, du erster und größter Deutscher des 19. Jahrhunderts! Willkommen, tausendmal willkommen, du unser größter Freund und mutvollster Anführer deiner vielen tausend Freunde gegen die starren Feinde der Freiheit der Menschen! Komm, komm in deiner Brüder Mitte! Wie lange harrten wir hier schon deiner, und du wolltest nicht vorkommen, obschon wir gar wohl wissen, dass du gar vielen aus uns vorangegangen bist! Wie sehr drängt uns die höchste und gerechteste Begierde, dein Blut und unser Blut an jenen hochmütigen Barbaren zu rächen, die aus der pursten und absolutesten Herrschsucht uns haben gemeinsten Hunden gleich erschießen lassen! Aber es fehlte uns an einem Anführer. Nun aber bist du hier als derjenige Mann, der mit allen Gesetzen der Natur- und Geisterwelt gar wohl vertraut ist. Daher ordne uns zuvor nach unseren Fähigkeiten und führe uns dann dorthin, wo wir die Rache nehmen können! Und diese irdisch großglänzenden Raubtiere in menschlicher Gestalt sollen Wunder der schaurigsten Rache erleben, die wir an ihnen verüben werden und wollen!“
RB|1|44|8|0|Spricht Robert: „Freunde! Kommt Zeit, kommt Rat! Vor allem meinen Dank für euren herzlichsten Gruß, und Gott dem Herrn alles Lob, dass Er mich euch alle hier beisammen hat treffen lassen! Vorderhand sage ich euch bloß nur das: wie auf der Erde, also hat auch hier alles seine Zeit! Bevor der Apfel nicht reif ist, fällt er nicht vom Baum; wann er aber reif ist, dann richtet ein kleines Lüftchen, das gar leise durch die Zweige säuselt, mehr aus als ehedem ein Orkan. Was sollen wir uns hier nun vor der Zeit eine extraordinäre Mühe machen, um uns an jenen Wüterichen zu rächen, die auf der Erde nun die Herren über alle Menschen zu sein sich dünken?! Lassen wir ihnen nur diese elende Freude noch einige Wochen oder Monde; sie werden uns dann schon von selbst kommen. Und haben wir sie einmal hier, dann, Freunde, werden wir mit ihnen so ein paar Wörtlein diskutieren! Ihr versteht mich hoffentlich, was ich damit sagen will?!“
RB|1|44|9|0|Schreien alle: „Ja, ja, wir verstehen dich! Du bist wohl doch stets ein grundgescheiter Mann gewesen und bist es sicher auch noch hier in dieser Welt, in der wir uns eigentlich noch gar nicht auskennen und auch gar nicht wissen, wie wir hierhergekommen und wo wir nun so ganz eigentlich sind?
RB|1|44|10|0|Es ist wohl diese Gegend sehr schön, ja, sie ist so schön wie ein wahrhaftiges Paradies. Aber wir kennen uns hier weiter gar nicht aus, als was uns sogleich bei unserer Ankunft hier von ein paar recht freundlich aussehenden Männern ist gesagt worden, und zwar sogestaltig: Dies Haus gehöre dem Robert Blum samt allem, was hier unsere Augen ersähen. ‚Also auch sogar die Sterne am Firmament?‘, fragten wir. ‚Ja, auch die Sterne‘, antworteten die zwei Männer. Darauf beschieden sie uns, so lange hier ganz ruhig uns zu verhalten, bis du als der alleinige Besitzer aller dieser Herrlichkeit selbst kommen wirst mit noch einem großen und guten Freund. Da werdest dann schon du selbst mit deinem Freund uns bescheiden, was wir in dieser Gegend werden anzufangen haben.
RB|1|44|11|0|Und so verhielten wir uns denn auch bisher in diesem deinem Haus und dessen Gemächern ganz mäuschenruhig und still. Nur als wir dich nun mit diesem deinem Freund ankommen sahen, brachen wir die Ruhe, und eilten dir entgegen und teilten dir auch sogleich unser Hauptanliegen mit; worauf du auch die Güte hattest, uns allen sogleich einen rechten Bescheid zu geben, den wir auch alle mit der größten Freude annahmen.
RB|1|44|12|0|Aber nun sei du nun so gut und zeig uns allen gütigst an, was wir denn unternehmen und tun sollen? Denn durch so ein ganz müßiges und sinnloses Herbrüten wird uns auch diese schönste Zeit und Gegend sehr langweilig! Kurz und gut, wir hoffen von deiner weisen Einsicht und von deinem redlichsten Brudersinn alles Beste! Denn einem Robert Blum soll künftighin nichts mehr missglücken! Vivat! Hoch!!“
RB|1|44|13|0|Spricht Robert: „Ganz wohl und gut! Es wird euch alles werden, was ihr wünscht. Und es freut mich ganz außerordentlich, dass ihr alle euch hier nicht minder folgsam zeigt, als wie ihr es auf der Erde wirklich wart, was euch hier aber auch sicher bessere Früchte tragen wird, als weiland auf der Erde. Aber nun lasst mich vor allem in dies mein sein-sollendes Haus ziehen, auf dass ich, als der Eigentümer, es auch einmal in den Augenschein nehmen kann.
RB|1|44|14|0|Vor allem aber muss ich euch darauf aufmerksam machen, mir von nun an ja kein ‚vivat hoch‘ mehr darzubringen – was hier auch eine reine Dummheit wäre, wo wir ein ewiges, unverwüstliches Leben zu leben anfangen, dem ewig kein Tod mehr folgen wird. Warum sollen wir sonach einander ein Lebehoch zurufen, wo wir ohnehin durch Gottes außerordentliche Güte und Gnade das eigentliche, höchste Leben überkommen haben?!
RB|1|44|15|0|Euer künftiger Ruf sei daher ganz ein anderer und laute also: Hochgelobt und über alles geliebt und gepriesen sei Gott der Herr in Christo Jesu, den wir für einen puren Menschen hielten, der aber dennoch ist von Ewigkeit zu Ewigkeit der alleinige Gott und somit Schöpfer der Unendlichkeit und alles dessen, was in ihr ist! So ihr so rufen werdet, da werdet ihr euch ehestens eines vollkommenen Lebens zu erfreuen den vollsten Grund haben, während euch Ehrenbezeugungen, die ihr mir erweist, nicht um ein Haar weiterbringen werden!
RB|1|44|16|0|Dieses merkt euch auch, und denkt, dass der Blum kein Narr ist und seinen guten Grund hat, euch allen solches hier gleich anfangs kundzugeben, was er auf der Erde leider selbst in hohem Grad bezweifelt hatte! Und das tut Blum hier, wie auf der Erde, als euer alter, bester und aufrichtigster Freund. Und so ihr das wohl erwägt, da wird es euch auch hoffentlich ein Leichtes sein, das auf das Wort eures Freundes anzunehmen, was euch sonst wohl ziemlich schwer ankommen dürfte. Nicht wahr, Freunde! Was ich euch sage, das wollt und werdet ihr auch glauben, da ihr es wohl wisst, dass ich nichts leichten Kaufes annehme, besonders wo es sich um Sachen des Glaubens und der Religion handelt!“
RB|1|44|17|0|Schreien alle: „Ja, ja, was du uns sagst und lehrst, das nehmen wir alle unbedingt an! Denn wir wissen es ja alle, dass unser Robert eine weiße Kuh auch bei der stockfinstersten Nacht niemals für eine schwarze angeschaut hat. Was du uns sagst, das ist auch sicher wahr; denn du hast uns auch auf der Erde, und zwar in Wien, die Wahrheit gesagt und rietst uns, vom Gefecht abzustehen, da der Feind zu stark und das Zusammenhalten und der Mut der Verteidiger Wiens zu locker sei! Aber wir glaubten dir's nicht und sprachen: ‚Ist denn nun auch Blum ein Feigling geworden?!‘ Da riefst du mit männlicher Stimme: ‚Blum, der das Leben nie für der Güter höchstes gehalten hat, fürchtet auch hunderttausend Teufel nicht, geschweige diese frechen Söldlinge! Daher zu den Waffen von Neuem, wer Mut hat, an meiner Seite zu sterben!‘ Da griffen wir zu den Waffen und sahen es leider zu spät ein, dass du ehedem die Wahrheit geredet hast!
RB|1|44|18|0|Nun aber wollen wir dir denn alles aufs Wort glauben und dir nimmer in etwas Widerrede tun. Aber nur bleib du stets unser Führer und Lehrer! Denn du bist weiser in einem Finger, als wir alle zusammen im ganzen Leib! Nun aber geh ungestört in dein Haus und besieh es. Und gib uns bald irgendeine unseren Kräften angemessene Beschäftigung.“
RB|1|45|1|1|Roberts machtvolles Bekenntnis zu Christus. Über Christen und Christus. Die Gäste haben Sehnsucht, Jesus zu sehen.
RB|1|45|1|1|(Am 9. Febr. 1849)
RB|1|45|1|0|Spricht Robert: „Das freut mich, das freut mich sehr von euch, ihr meine lieben Freunde und wackeren Kampfgenossen, dass ihr nun so willig alles annehmt, was ich euch anrate! Ich gebe euch allen dagegen aber auch die treuste Versicherung, dass ich – so wahr mir dieser mein und auch euer größter Freund allzeit beistehen und helfen werde – euch auch nun die durchdachteste und bestimmteste Weisung geben werde, durch die ihr allerunfehlbarst zur wahrsten Wohlfahrt des ewigen, unzerstörbaren Lebens, in welchem ihr euch nun nach der Ablegung der schweren Leiber befindet, gelangen müsst.
RB|1|45|2|0|Es wird freilich noch gar manches erforderlich sein, und ihr werdet noch so manche Proben zu bestehen haben, bevor ihr für jene großen Zwecke vollends reif werdet, die der große, heilige, ewige Urheber aller Dinge und alles Seins uns Erdenmenschen, die Er sich zu Kindern erkor, uns allen gestellt hat!
RB|1|45|3|0|Aber nur Mut und Ausharrung und eine wahre, vollkommene Liebe zu Ihm, unserem ewigen, heiligen Vater! Dadurch werden wir alle uns beirren-wollenden Vorkommnisse leicht besiegen und diejenige Reife ehestens erreichen, durch die wir uns Ihm wahrhaftigst im Geiste und in der vollsten Wahrheit werden nahen können!
RB|1|45|4|0|O Brüder! Ich, euer getreuster Freund Robert, sage es euch: Was ich selbst auf der Erde nicht einmal zu ahnen vermochte, das entfaltet sich hier vor meinen wie auch vor euren Augen nun schon so wundersam herrlich, dass auch die gebildetste Zunge nicht darzustellen vermöchte, was Gott denen bereitet, die Ihn lieben! Aber alles, was ihr nun seht, ist nicht einmal ein Tautröpfchen gegen das Meer! Denn Unaussprechliches erwartet uns!
RB|1|45|5|0|Hört, ein Weiser auf Erden, der das Reich der menschlichen Ideen und Phantasien mit einer tiefdurchdachten Würdigung jahrelang durchprüfte, sprach in großer Entzückung: ‚Welch ein Reichtum, welch ein unversiegbarer Born von zahllosen Himmeln der Himmel ist in dessen kleines Herz gelegt, der auf der Erde auf zwei gebrechlichen Füßen einhergeht und, unter allen Tieren aufrecht gehend, sich Mensch nennt! Könnte dieser Mensch alle seine Ideen durch ein göttliches Werde! Realisieren – oh, was Großes wäre es da, ein Mensch zu sein! Und doch ist all dieser Ideen- und Phantasiereichtum eines Menschen kaum nur ein gebrochenster und leisester Schimmer jener endlosen Fülle, Tiefe und Klarheit, die in Gott zu sein jedes tiefdenkenden Menschen Erkenntnis annehmen muss!‘
RB|1|45|6|0|So aber dieser Weise, der meines Wissens ein Heide war, schon eine so erhabene Idee vom Menschen und, durch die untrüglichsten Symptome im Menschen, eine noch endlos erhabenere von der Gottheit fasste, da er noch auf der Erde mit dem Staub der Vergänglichkeit bekleidet war, um wie viel mehr haben wir nun das vollste Recht, uns ganz diesen großen Ideen hinzugeben, da wir fürs Erste durch des großen Gottes Gnade über dem Staub der Verwesung uns befinden, und fürs Zweite wir uns auch ‚Christen‘ nennen, die berufen sind, in des großen Gottes Reich einzugehen!
RB|1|45|7|0|Freilich und leider sind wir nur kaum dem Namen nach Christen, und viele aus uns haben sich sogar geschämt, Christen zu heißen, woran aber freilich Rom und unsere eigene Dummheit die Hauptschuld trägt. Aber von nun an soll es nimmer so sein! Die größte Ehre unseres Herzens wird es nun sein, Christo völlig anzugehören!
RB|1|45|8|0|Ich sage es euch: Christus ist alles in allem! Er ist das ewige Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende! Er allein ist das Leben, die Wahrheit und der Weg – allen Wesen, Menschen, Geistern und Engeln! In Seinen Händen ruhen alle Himmel, alle Welten und alles, was auf und in ihnen ist, atmet, lebt, webt und strebt! Durch Ihn und durch Sein heiliges, ewiges Wort können wir Kinder Seines ewigen Vaterherzens werden und sein mit und in Ihm alles in allem! Ohne Ihn aber gibt es ewig kein Sein, kein Leben und somit auch keine Seligkeit! Glaubt ihr, meine lieben Freunde, mir das?!“
RB|1|45|9|0|Schreien alle: „Ja, ja, wir glauben es! Sehen wir es nun auch noch nicht vollends ein, was du uns nun gar so herrlich verkündet hast, so glauben wir es aber dennoch unerschütterlich fest! Denn wir wissen es ja, dass du uns nichts verkünden kannst und auch nichts verkünden willst, was du zuvor nicht selbst allerklarst einsiehst, was du aber einmal einsiehst, das siehst du mit allem Grund ein. Und so glauben wir dir aber auch alles, was du uns nur immer verkünden magst und kannst! Ehre sei darum Gott in der Höhe, der dich mit so viel Verständnis und tiefer Einsicht begabt hat!
RB|1|45|10|0|Das, was du uns nun von Christo gar so schön vorgesagt hast, hat uns alle ganz besonders erfreut! Denn weißt du, wir hielten heimlich auf Ihn stets große Stücke. Aber freilich, wie Ihn die römischen Pfaffen, besonders die gewissen Mönche, nur zu oft entstellten und Ihn nichts anderes tun ließen, als alle Menschen, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen möchten, ohne allen Pardon schnurgerade zur Hölle zu verdammen; da freilich musste man sich ja am Ende denn doch dieses sonst so allererhabensten Namens förmlich – wenigstens öffentlich – zu schämen anfangen! Denn einen Gott von so kaprizierter zorniger und eigensinnigster Art, wie diese Mönche einen aus dem sonst so unmenschlich guten, guten Christus Jesus gemacht haben, konnte denn doch wohl kein nur mit einiger Vernunft begabter Mensch annehmen! Das Rosenkranzbeten, die höchst fade Litanei, all die Heiligen-Gebete, die Exerzitien, die Verehrung der Reliquien, das Beichten ohne Maß und Ziel, das Messenzahlen dito, und noch zahllose ähnliche Dummheiten mehr fordere Christus für die Gewinnung des Himmels? Weißt, Bruder, das konnte man denn im 19. Jahrhundert doch nicht mehr annehmen, besonders wenn man als ein armer Tagwerker nur zu oft Gelegenheit zu sehen hatte, wie diese Gottesdiener, sicher aus lauter strenger Buße, sich beim Altar, wo sie ihre Messen herunterleierten, vor lauter Speck beim Dominus vobiscum kaum umdrehen konnten!
RB|1|45|11|0|Aber den Christus, von dem du nun gesprochen hast, nehmen wir wohl mit der größten Bereitwilligkeit an und haben eine große Freude an Ihm! Der kann auch gar wohl Gott Selbst sein! Denn Er ist nach unserem Verstand gut, weise und mächtig genug dazu, besonders so Seine Wundertaten keine Märchen sind, was aber auch nicht sein wird und sein kann; denn der rechte Christus muss gewiss ein ganz anderer gewesen sein, als wie Ihn die schwarzen Pfaffen Roms ums Geld den armen Sündern verkündeten?!
RB|1|45|12|0|Ah, was meinst du, Bruder, und was meint etwa dein uns gar liebevoll vorkommender Freund, der bis jetzt noch nichts geredet hat, werden wir wohl auch einmal der Gnade für wert befunden werden, diesen Christus, den du uns nun verkündet hast, also den wahren, wohl irgendwann einmal, so wir etwa doch einmal würdiger sein werden, nur so von fernhin zu sehen zu bekommen?! Bruder, wenn das möglich wäre, wenn wir Christus allenfalls so wie eine Magdalena oder wie die zwei nach Emmaus wandelnden Jünger einst könnten zu sehen bekommen, o da wären wir schon über alle Begriffe selig! Denn das könnten wir wohl nimmer verlangen, dass ein Christus, wie du Ihn nun uns verkündet hast, sich so hundsgemeinen Menschen, wie wir hier fast ohne Ausnahme sind, männlich und weiblich durcheinander, gar öfter zeigen sollte! Bruder, wenn so was möglich wäre, so leisten wir auf jede andere Seligkeit auf ewig Verzicht! Viel wissen und viel einsehen und verstehen, ist wohl sehr schön; aber wir haben danach wahrlich keine so große Sehnsucht, als so es möglich wäre – weißt schon was?!“
RB|1|45|13|0|Spricht Robert: „Liebe Freunde, ich versichere euch auf alles, was ihr nur immer wollt: Der wahre Christus, obschon das allerhöchste und heiligste Gottwesen Selbst, ist noch immer Derselbe, wie Er als Mensch auf Erden war! Er sieht nur das an, was auf der Welt niedrig und verachtet war, und die von der Welt Verfolgten sind Seine Freunde und Brüder! Alles aber, was die Welt groß und herrlich nennt, und was sie bevorzugt, ist vor Ihm ein Gräuel!
RB|1|45|14|0|Daher freut euch, ihr meine lieben Freunde und Brüder, ihr werdet den wahren Christus nicht nur einmal, sondern für immer sehen und lieben – ohne Maß und Ende! Denn ich sage es euch, und glaubt es Mir aufs Wort: Christus ist euch jetzt schon näher als ihr es je glauben möchtet! Ja, so ich dürfte, so könnte ich euch alle beim Schopf nehmen und eure Köpfe dorthin drehen, wo Er Sich befindet, und ihr würdet Ihn da auch ohne Weiteres ersehen müssen. Aber ich darf es nun noch nicht, eures Heiles willen. Daher geduldet euch nur noch eine gerechte Weile, bis ihr so ums Kennen reifer werdet. Dann wird auch das geschehen, das glaubt mir aufs Wort! Ich will vor euch ewig als der allerverachtetste Lump erscheinen, so nur eine Silbe von alledem unwahr ist, was ich euch nun gesagt habe! Seid ihr damit zufrieden?!“
RB|1|45|15|0|Schreien alle: „Ja, ja, wir sind alle damit vollkommenst zufrieden! Jetzt verlangen wir Ihn auch noch nicht zu sehen. Denn wir wissen wohl nur zu gut, dass wir Seines Anblickes noch gar lange nicht wert sind. Aber wir wollen darum auch alles tun, um uns Seines Anblickes nur einigermaßen würdiger zu machen!
RB|1|45|16|0|Denn weißt du, wir waren in Wien halt doch schöne Lumpen! Ah, wir wollen gar nicht daran denken, was wir besonders in der letzten Zeit alles angestellt haben. Und so können wir's wohl unmöglich etwa bald verlangen du weißt schon was! Denn wenn die römischen Pfaffen nur ein hundertstel Wahrheit in ihren Höllenpredigten den Zuhörern auftischten, da wären wir halt gerade reif fürs Zentrum der Hölle! Wenn aber Gottes, Christi, Gnade dennoch größer ist, als die Prediger uns sie verkündet hatten, da dürfen wir wohl auch noch hoffen, zu der Gnade zu kommen, deren du uns versichert hast! Aber da gehört noch gar viel Zeit und Geduld dazu! Also sind wir aber nun dennoch sehr zufrieden und danken dir und deinem Freund für diese Zusage! Und so magst du nun wohl in dein Haus ziehen und es besehen!“
RB|1|46|1|1|Frage Roberts nach drei irdischen Mitstreitern. Kritik an diesen „Volksfreunden“. Roberts Mahnung zu friedlichem Vergeben.
RB|1|46|1|1|(Am 11. Febr. 1849)
RB|1|46|1|0|Spricht Robert: „Ich wusste es ja, dass mit euch leicht zu handeln ist, und das macht mir wahrlich wahr eine große Freude! Bleibt stets so, wie ihr nun seid, und habt ein weiches und beugsames Herz, so wird euch die Erreichung des von Gott gestellten Zieles eine leichte Mühe machen.
RB|1|46|2|0|Aber nun noch etwas, liebe Freunde! Sagt ihr mir, so ihr es könnt, wo sind denn die drei irdischen Kampfgenossen, als: Messenhauser, Jellinek und Dr. Becher hingekommen? Ich habe euch nun schon einige Mal Mann für Mann durchgemustert und fand schon recht viele, mir von Wien aus wohlbekannte und wohlehrenwerte Freunde; aber von den dreien kann ich leider niemanden entdecken! Sind sie in dieser Welt von euch auch noch nicht gesehen worden? Oder habt ihr sie vielleicht irgendwo zurückgelassen? Sagt mir darüber etwas, so ihr's könnet! Danach will ich sogleich in dies Haus einziehen mit diesem meinem liebsten Freund.“
RB|1|46|3|0|Sprechen einige aus der Menge: „O Freund! Wie fragst du um diese drei Erzlumpen?! Die sind nicht unter uns! Wir wollten es ihnen auch gar nicht raten, sich unter uns irgendwo blicken zu lassen; no, hörst du! Denen wollten wir's gar kurios beschreiben, wie es hier in der Geisterwelt aussieht!
RB|1|46|4|0|Glaubst du denn, diese haben es auch so redlich mit uns gemeint wie du?! Oh, da wärst du in einer sehr großen Irre! Siehe, diese drei, die sich so wichtig machten und sich nicht selten so gebärdeten, als könnten sie mit dem kleinen Finger die ganze Erde bezwingen, taten das nur des irdischen Gewinns halber. So sie ihre Säckel vollgestopft hätten, und hätten dann mit diesen, ihren alleinigen Lieblingen, so ganz unbemerkt etwa in die liebe Schweiz oder sonst wohin entwischen können, so hätten uns dann in Wien alle Katzen, Hunde und Schweine auffressen können, da hätten sie sich sicher sehr wenig daraus gemacht! Aber es ist ihnen ihr sauberes Plänchen nicht gelungen, und so hieß es denn am Ende: ‚Mit g'stohl'n, mit g'hängt!‘
RB|1|46|5|0|Wir wollen gerade von den letzten zweien das nicht ganz bestimmt behaupten. Aber der Messenhauser, das war dir ein Sechzehnlötiger! – und verstand es aus der Kunst, viel blinden Lärm zu machen und sich dafür seine Säckel zu füllen! Hat er uns nicht die Munition verleugnet und hat die tapferen Verteidiger Wiens gerade dorthin zu beordern gewusst, wo die Gefahr am geringsten war! Wo aber die Feinde herkamen, da ließ er ihnen das Türl offen! O das war ein feiner Lump! Wahrscheinlich dachte er sich dabei heimlich: Die dummen Wiener habe ich nun am Bandl! Die halten mich für ihren Retter und lassen darum die Haare! Nun mache ich an ihnen einen Verräter und liefere sie alle in die Hände des Windisch-Graetz, so wird mir dieser wohl auch so ein allerliebstes Denunziantensümmchen zukommen lassen?! Aber oha! Nix da! Fehl g'schossen Herr Messenhauser! Andere waren geschwinder und haben eher als Messenhauser den Weg zum Feldmarschall gefunden! Dieser verstand gleich anfangs schon gar keinen Spaß, machte mit Messenhauser nicht viel Umstände und sandte ihn mit einer Extraschnellpost in diese Welt. Nun ist er sicher auch irgendwo hier in dieser Welt angestellt. Wo aber? Das werden die Engel Gottes sicher besser wissen als wir! Gott Lob, unter uns ist er nicht.
RB|1|46|6|0|Und ebenso sind auch der Jellinek und Dr. Becher nicht unter uns. Gott hab sie selig, wo sie sind! Aber wir sind sehr froh, dass sie nicht unter uns sind! Wir wissen von ihnen zwar geradewegs nichts Besonderes, außer dass sie mit den Gänsekielen noch ärger herumfuchtelten als der Feldmarschall mit allen seinen Kanonen, und dass beide wahre Zungenkünstler waren, wodurch sie viele dahin brachten, sich mit ihnen am Ende auch ex officio odioso auf die Entdeckungsreise in diese Geisterwelt begeben zu müssen. Das ist ungefähr alles, was wir von ihnen wissen! Einige, die durch den sozialen Eifer des Jellinek und Becher, die Reise in die Geisterwelt unternehmen mussten, sind wohl unter uns hier. Aber sie wissen von ihren Cooks und Perings ebenso viel wie wir.
RB|1|46|7|0|Nun macht es uns zwar wenig mehr, da wir denn doch im Ernst nach dem Tod fortleben, und das, aufrichtig gesagt, geradewegs gar kein schlechtes Leben! Aber so wir mit dem lumpigen Kleeblatt irgendwo zusammenkämen, so würden wir ihnen bloß so einige ganz unschuldige Leviten auf echt wienerisch vorlesen! Jetzt ist's freilich gut, und wir sind nun sehr froh, das dumme irdische Schmeiß- und Hurenleben für alle Ewigkeiten überstanden zu haben, um welches Leben wirklich keinem ehrlichen Kerl leid sein darf! Aber weißt du, so kitzeln macht es uns dennoch manchmal, so wir der Gewissenlosigkeit jener Lumpen gedenken, die unser gutes Vertrauen so schmählich missbraucht haben!
RB|1|46|8|0|Aber in Gott's Namen, jetzt ist uns schon völlig alles eins. Gott wird's ihnen schon geben, wie sie sich's verdient haben! Nun weißt du so viel als wir über die drei, wo sie in dieser Welt [sind]. Wie sie aber auf der Erde waren, das wirst du ohnehin besser wissen als wir, weil du besonders mit Messenhauser öfter die Gelegenheit hattest, Worte zu tauschen als wir armen Teufel, die wir bloß als ein Kanonenfutter betrachtet wurden! Und so haben wir dir nun alles gesagt, was wir wussten.“
RB|1|46|9|0|Spricht Robert: „Meine lieben Freunde, fürs Erste tut es mir wahrlich leid, dass jene drei, um die ich euch fragte, sich nicht unter euch befinden. Fürs Andere aber sage ich euch: Enthaltet euch hier im Reich des ewigen Friedens, der Sanftmut und der Liebe alles Urteils, und gelte dasselbe, wem immer es wolle! Denn wir haben nie jemanden je etwas gegeben und geben können, was wir zuvor nicht selbst empfangen hätten; haben wir's aber selbst alles empfangen, was wir nur immer hergegeben haben, sei's Gut oder Blut oder Leben, so können wir auch nicht die Nehmer also beurteilen, als wenn sie uns unseres baren Eigentums entblödet hätten, sondern also nur, als so sie es von uns entliehen hätten, was wir selbst nur als ein zeitweiliges Darlehen besaßen! Ob es gefehlt war oder nicht, dass sie uns des Darlehens beraubten, das überlassen wir dem großen Eigentümer, der der alleinige wahre Richter über alles ist, das allein Ihm angehört. Der wird das richtigste Urteil fällen!
RB|1|46|10|0|Wir aber wollen von nun an so handeln, wie Christus, der Herr, es gelehrt hat! Nämlich – unseren Feinden wollen wir Gutes tun, und die uns fluchen, die wollen wir segnen, und denen, die uns hassen, wollen wir mit Liebe entgegenkommen – so werden wir vor Gott dem Herrn als Ihm wohlgefällige Kinder erscheinen, und Seine Gnade wird mit uns sein ewiglich!
RB|1|46|11|0|Denn wir beten ja oft: ‚Herr! Vergib uns unsere Schulden, so wie wir unseren Schuldigern vergeben!‘ Tun wir also das, so wird uns auch der Herr vergeben, wie oft und wie gestaltig wir auch immer gesündigt haben! Wann wir allen alles werden vergeben haben, dann wird auch uns alles vergeben sein. Seid ihr mit diesem meinem Antrag einverstanden und zufrieden?“
RB|1|46|12|0|Schreien alle: „Ja, ja, ja, wir sind mit dir ganz einverstanden!“
RB|1|46|13|0|Spricht Robert: „Nun, so lasst uns ins Haus ziehen!“
RB|1|47|1|1|Das Haus Roberts. Geistige Entsprechung der Stockwerke. Mahnung zur Vorsicht mit der Wiener Gästeschar. Herzensverkehr mit dem Herrn.
RB|1|47|1|0|Darauf begibt sich Robert mit Mir ins Haus, das da drei hohe Stockwerke nebst dem sehr majestätisch schönen Erdgeschoß hat. Jedes Stockwerk aber hat eine andere Farbe, und das Erdgeschoß ebenfalls eine andere und zwar in dieser Ordnung und Art: Das Erdgeschoß ist hellsaftgrün und ist mit weiß und rot mannigfach verziert. Das erste Stockwerk ist vollends weiß und ist mit lichtgelb und blau verziert. Das zweite Stockwerk ist hellblau und ist mit violett und rosenrot verziert. Und das dritte Stockwerk ist rot, gleich dem Morgenrot, und hat durchaus keine Verzierungen.
RB|1|47|2|0|Dem Robert fallen diese verschiedenen Färbungen und Verzierungen des gesamten Hauses auf, und er fragt Mich heimlich beiseits: „O Herr, müssen diese Färbungen und Verzierungen so sein, wie sie sind, oder ist das eine bloße Geschmacksache der hiesigen Bauleute? Denn auf der Erde, etwa in Wien oder in Dresden oder in Berlin oder in Frankfurt und noch an gar vielen Orten Europas würde man so einen Baustil, der sich hier zwar wunderherrlich ausnimmt, für entweder chinesisch oder auch wohl gar für närrisch halten! Ich möchte daher wohl von Dir darüber eine Aufklärung bekommen. So es Dein heiliger Wille wäre, da könntest Du mir ein paar Wörtchen aus Deinem heiligsten Mund allergnädigst zukommen lassen!“
RB|1|47|3|0|Rede Ich: „Fürs Erste, liebster Bruder, musst du, so du mit Mir sprichst in Gegenwart dieser deiner vielen Freunde und Gäste, bloß nur in deinem Herzen sprechen, auf dass du Mich nicht vor der Zeit an ihnen verrätst! Denn so alle diese Mich nun dir gleich erkennten, da müsste ich dann offenbar weichen, weil sie alle noch viel zu wenig Festigkeit haben, um Meine Gegenwart vollends ertragen zu können. So du aber schon mit Mir in Gegenwart aller dieser etwas reden willst, um sie dadurch auf eine höhere Erkenntnisstufe zu setzen, so heiße Mich nur gleichweg Freund und Bruder, aber ja nicht Herr – so wirst du mit diesen deinen Gästen und Freunden in einer kurzen Zeit recht sehr weit kommen, was eben Mein sehnlichster Wunsch ist!
RB|1|47|4|0|Fürs Zweite aber, was deine eigentliche Frage betrifft, bist du ja ohnehin in der Farben- und Blumensprache bewandert und weißt daher genau, was diese verschiedenen Färbungen dieses deines Hauses besagen. So du aber das weißt, siehe da ist ja eitel dein Fragen, besonders hier in der Gegenwart dieser vielen, die noch hübsch lange nicht wissen dürfen, wer Ich bin!
RB|1|47|5|0|Nimm dich alsonach nur in der Zukunft recht in Acht, besonders so es sich um Reden über Mich handelt; sonst könntest du bei deinem wahrlich allerbesten Willen dennoch mehr Schaden als Nutzen stiften! Denn du musst dich nicht auf die Reden und Bejahungen dieser deiner Freunde stützen und glauben, so ihnen alles recht ist, was du ihnen sagst, dass sie dadurch der Vollendung schon sehr nahe sind. Ich sage es dir: da ist oft gerade das Gegenteil von dem, was du meinst, vorhanden.
RB|1|47|6|0|Siehe, Ich kenne dir Menschen hier und noch eine Menge auf der Erde, die Mich bei Weitem besser kennen von allen Seiten als du nun. Und Ich sage es dir, dass Ich ihnen so schön gleichgültig bin wie ein alter, abgetragener Rock, und ihre Liebe zu Mir ist so stark, dass sie ein Mädchen mit nur einigen sinnlichen Reizen ausgestattet, bis auf den letzten Tropfen aufzehren kann! Und Ich habe dann zu tun, um bei solchen Meinen Bekennern nicht ganz in die schönste Vergessenheit überzugehen!
RB|1|47|7|0|Und siehe, gerade das könnte auch bei diesen deinen Freunden der Fall sein. Sie sind sämtlich ‚Wiener‘, also Genussmenschen und Spektakelhelden. So wir ihnen stets eine Menge Wunderchen, etwa in der Art eines Eskamoteurs [Taschenspielers] vormachten, sie dabei recht gut bewirteten und ihnen auch eine Menge recht sauberer, rundgesichtiger und dickschenkliger Jungferchen zuführten, mit denen sie sich ganz ungeniert vergnügen könnten, wie es nur ihrer noch starken Sinnlichkeit am meisten zusagen möchte, da würden sie auch stets unsere besten Freunde sein, und wir möchten ihnen sogar unentbehrlich werden. Aber so wir mit der Zeit nötigsterweise denn doch etwas ernster zu reden würden anfangen, da würdest du dich hoch verwundern, wie sie uns, einer nach dem andern, gar schön möchten den Rücken zuwenden! Es gibt dir unter diesen Wesen einige so geile Böcke, dass sie allen Himmeln entsagten, so sie so einer recht üppigen Dirne sinnlich beiwohnen könnten. Wir werden sie schon noch näher kennenlernen und werden mit ihnen auch noch eine recht schwere Not bekommen! Aber durch eine recht weise Leitung können sie dennoch gewonnen werden! Ja Ich sage dir insgeheim: Einige werden sogar den ersten Grad der Hölle zu verkosten bekommen müssen, um von ihrer zu großen Weibergier loszuwerden! Wir werden zwar wohl alles eher noch versuchen, was sich nur immer mit ihrer Freiheit verträgt; aber so etwa am Ende dennoch alles das nichts fruchten möchte, da freilich wird leider zu dem äußersten Mittel geschritten werden! Sei daher und darum ja recht vorsichtig, und verrate Mich durch gar keine Miene, und suche sie vor allem auf ihre Sinnlichkeit und auf deren Folgen aufmerksam zu machen, so werden wir mit ihnen noch am leichtesten über Ort kommen. Ich werde sie schon auch bearbeiten; aber nur dürfen sie es, wie gesagt, noch lange nicht erfahren, wer Ich bin.
RB|1|47|8|0|Nun höre denn aber auch noch ganz kurz was die verschieden gefärbten Stockwerke dieses deines Hauses bedeuten. Siehe, das saftgrüne Erdgeschoß stellt den geistig naturmäßigen Zustand dar, dessen Hauptlebenszug sich im Hoffen ausspricht, welches Hoffen mit Glauben und Liebe umkleidet ist. Der erste Stock stellt den reinen und wahren Glauben dar, der mit sanfter Ruhe und Beständigkeit umkleidet ist. Der zweite Stock stellt die Liebtätigkeit dar, die aus dem reinen Glauben entspringt, entsprechend der irdischen Himmelsfarbe, durch die ebenfalls die beständigste Liebtätigkeit des Lichtes sprechend und wohlerkenntlich verkündet wird allen, die eines verständigen Herzens sind. Dieser Stock ist darum auch geziert oder bekleidet mit tiefer himmlischer Weisheit (violett) und reinster Nächstenliebe (rosenrot). Das dritte Stockwerk endlich bezeichnet durch sein jungfräulich hehrstes Morgenrot den allerhöchsten Unschulds- und pursten Liebehimmel, der eigentlich der vollends wahre Himmel ist, in dem Ich mit allen jenen zu wohnen pflege, die Mich über alles lieben. Dieser Himmel ist daher auch ohne Verzierung, weil er in dem Wesen seiner Färbung schon ohnehin alle erdenklichen Vollkommenheiten in sich fasst und Mich ganz allein zu seiner Zierde hat.
RB|1|47|9|0|Nun hast du ganz kurz die richtige Bedeutung der sondersfärbigen Gestaltung deines Hauses. Frage aber nun um nichts weiter; denn wie du in diesem deinem Stockwerkhaus selbst von Stock zu Stock höher kommen wirst, da wird dir auch ohnehin alles klar werden, was du jetzt noch nicht einsehen und begreifen könntest.
RB|1|47|10|0|Wir werden nun aber ins Erdgeschoß einziehen, allwo wir uns fürs erste Stockwerk vorbereiten werden. Und so denn gehen wir voran hinein und lassen dann auch alle anderen nach uns hineingehen, so sie es wollen. Die aber nicht wollen, die sollen aber auch tun, was sie wollen! Hast du wohl alles verstanden?“
RB|1|47|11|0|Spricht Robert: „Ja, Bruder, und werde es auch getreust beachten! Aber sonderbar ist es denn doch, dass es unter diesen gutmütigen Wesen so verstockte und leichtfertige Wesen geben soll; wahrlich, das ist mir ein Rätsel der Rätsel!“
RB|1|47|12|0|Rede Ich: „Ja, du Mein geliebtester Bruder, du wirst dich noch ganz absonderlich zu wundern anfangen, wenn du mit mehreren Charakteren der Geister dieser Welt wirst zu tun bekommen! Du wirst die Schönsten können finden mit schneeweißer Wolle äußerlich angetan, und innerlich werden sie lauter reißende Wölfe, Löwen, Hyänen, Bären und Tiger sein!
RB|1|47|13|0|Aber siehe da, nun sind wir schon in deines Hauses, und zwar dessen Erdgeschosses ersten Eintrittsgemächern! Wie gefallen sie dir?“
RB|1|48|1|1|Wundervolles Innere des Hauses. Skandalszenen der Wiener Gesellschaft im Garten und Roberts Ärger darüber. Der Herr beginnt die Seelenkur der Argen.
RB|1|48|1|0|Spricht Robert: „O Freund, o Bruder! Wunderherrlich, wunderherrlich! Man sieht es von außen diesem Haus wahrlich nicht an, dass es innerlich so herrliche und so geräumige Gemächer enthalten soll! Und wie herrlich ist die Aussicht durch die schönsten, hohen Fenster! Ach wie herrlich nimmt sich nur der Garten aus! Und die schönsten Gebirgsgruppen in der Ferne! Und wie lieb die vielen netten Häuschen, die die umliegenden kleinen Hügel zieren! Ach Freund, ach Bruder, das ist ja mehr als himmlisch!
RB|1|48|2|0|Aber da sieh, da sieh bei dem ersten Fenster hinaus! Was ist denn das für ein wahrstes Lumpenpack?! Ah, ah, nein, so was von einem allerechtesten Lumpengesindel ist mir noch nie vorgekommen! Da, da! O der frechsten Unverschämtheit! Sieh, sieh, ein Schöckchen [ein paar] lustiger Dirnen ziehen die lumpigsten Mannsbilder! Ah, ah, das ist zu arg! Die müssen wir denn doch aus dem Garten schaffen!?“
RB|1|48|3|0|Rede Ich: „Siehe, das sind schon so einige ‚Wiener Früchtchen‘! Es sind dieselben, die dir draußen alles bejahten. Da wir nun aber ins Haus gegangen sind, da sind sie lieber draußen geblieben, als dass sie dir gefolgt wären – und unterhalten sich nun nach ihrer Lieblingsweise! Sieh dich nur um und zähle sie, die uns ins Haus gefolgt sind; und du wirst auch nicht einen finden! Denn die etlichen Buhldirnen sind ihnen mehr als wir und alle deine Lehren! Und sie werden ihnen noch lange mehr sein als wir beide!
RB|1|48|4|0|Gehe aber jetzt hinaus und mache ihnen eine Predigt, da werden sie wieder ganz Ohr sein – zum Schein! Ich sage dir, es gibt dir kaum eine Gattung Sünder, die schwerer zu bekehren wären als eben die fleischlichen Sündenböcke; und das darum, weil sie äußerlich ganz geschmeidig erscheinen und alles annehmen, wenn sie sich nur in ihrer inneren Lustgier nicht beeinträchtigt fühlen. Versuche aber, ihnen solche Lust ganz ernstlich zu untersagen, so wirst du Wunder von allen möglichen Widerspenstigkeiten und Grobheiten erleben. Lassen wir sie nun aber nur ausrammeln, und befriedigen ihre Lust. Dann wollen wir denn wieder hinaustreten und sie fragen, warum sie uns nicht ins Haus gefolgt sind. Und du wirst dich nicht genug verwundern können, mit welch allerlei Entschuldigungen sie uns entgegenkommen werden!
RB|1|48|5|0|Bevor wir aber hinausgehen wollen, werde Ich es zulassen, dass da einige recht üppige ‚Dirnen‘ zu ihnen stoßen sollen. Da erst wirst du Wunderdinge der g- Unzucht zu schauen bekommen! Und so gebe denn Acht!“
RB|1|48|6|0|In diesem Augenblick kommen durch den Garten zwölf recht saubere Dirnen zu der Gesellschaft. Sogleich geschieht ein feldgeschreiartiger Jubelruf, und alles, was nur Mann heißt, stürzt sich, wie Tiger auf ihre Beute, auf diese Dirnen los.
RB|1|48|7|0|Robert springt über diese Ungezogenheit nahe vor Ärger auseinander und will mit Donner und Blitz hinauseilen. Aber Ich halte ihn weislich davon ab, und er bleibt voll gerechten Ingrimms in dem Haus bei Mir und wirft nur manchmal einen Blick zum Fenster hinaus!
RB|1|48|8|1|(Am 15. Febr. 1849)
RB|1|48|8|0|Nach einer Weile, als Robert sich über die Ohren an den verschiedenartigsten Unzuchtsskandalen seiner Wiener Freunde satt geärgert hat, spricht er zu Mir: „O Herr, nun hätte ich mich doch wahrlich geärgert zur großen Übergenüge! Aber, bei aller Deiner Heiligkeit, was wahr ist, ist wahr – diese echten Lumpen werden darum dennoch um kein Haar besser. Und so sehe ich es nun wieder bei mir ein, dass es von mir selbst eine tüchtige Dummheit war, dass ich mich darüber geärgert habe!
RB|1|48|9|0|Du könntest diese Sache freilich sogleich anders machen, so Du es wolltest, und so es Deine Weisheit für gut und recht fände. Aber Du, der Du nur zu handgreiflicherweise die ungeheuerste Geduld, Liebe und Sanftmut Selbst bist, siehst diesem echtesten Luderspektakel mit einer Ruhe zu, als könnte Dich so etwas ewig nimmer in einen auch nur scheinbaren Ärger versetzen. Was soll aber ich da noch mich ärgern, wo Du so ruhig zuschaust?! O da werde ich mich für die Zukunft auch nicht ärgern, und sollen's diese Lumpen noch tausendmal ärger treiben, als sie es nun schon getrieben haben und noch treiben!
RB|1|48|10|0|Nur das begreife ich nicht, wie einem sonst gebildeten Menschen solch eine Schweinerei aller Schweinereien zur Leidenschaft werden kann!? Ich war doch auch ein Mensch von festem Fleisch und sehr heißem Blut und habe wohl auch dann und wann dem Fleisch gedient. Aber, bei all meinem Leben, bis zur Leidenschaft ist bei mir dieser actus bestialis nie gediehen! Denn wahrlich wahr, ich habe mich dabei stets geschämt wie ein ganz hundsgemeiner Bettpisser. Denn ich dachte nur zu sehr dabei und sagte mir's auch oft ganz tüchtig ins Ohr: ‚Robert! Was bist du nun? Du sollst in allem ein rechter Mann sein, und siehe, du bist (zeitweilig) ein g- Tier! Schäme dich, Robert, der du ein Mann sein sollst, durchaus ein Mann, und du bist (jetzt) ein g- Tier, und blöd wie ein Esel! Robert! Du bist kein Mann, ein Weiberpopel bist! Ein rundes und glattes Gesicht, ein paar nach Unzucht glotzende feurige Augen einer dicken Dirne, ein voller Busen und dergleichen Dummheiten mehr können dich zum Tier runter machen, du kannst darob schwach werden! Pfui, und noch tausendmal pfui dir! Denn so bist du kein Mann, sondern bloß nur ein geiles Tier. Ein Tier aber kann nicht handeln, sondern bloß nur wie ein Ochse, ein Esel oder ein Schwein aller Gedanken ledig genießen eine Beschäftigung, deren jeder Polyp fähig ist.‘
RB|1|48|11|0|Siehe, eine solche und oft noch ärgere Lektionen habe ich mir selbst gegeben, so ich dann und wann, besonders so ich manchmal bei gewissen festlichen Gelegenheiten zu tief ins Gläschen geguckt habe, schwach geworden bin. Aber, bei meinem armen Leben, bis zur Leidenschaft ist es bei mir nie gekommen!
RB|1|48|12|0|Aber diese hundsgemeinen Kerle betreiben diese Sachen mit einer so leidenschaftlichen Gier, dass sich wirklich alle Hunde, Affen, Spatzen und Fliegen vor ihnen allerweidlichst schämen müssen, so sie diese Lumpen in die Betrachtung nehmen! Was mich aber am meisten wundert ist das, dass hier gerade die alten Schöpse und Esel es am ärgsten treiben! Da sieh einmal hinaus, dort unter einem Feigenbaum haben drei recht wunderalte Kerle eine Dirne und machen Spektakel mit ihr! Ach herrje! Das ist ja doch zum Donnerwetterdreinschlagen! Wird denn diese Schweinerei kein Ende nehmen?!“
RB|1|48|13|0|Rede Ich: „Gedulde dich nur noch ein wenig! Siehe, Ich will ihnen noch mehr Dirnen herbeiziehen, und wir werden dann sehen, was sie mit diesen tun werden. Die neu herbeigezogenen Dirnen sollen noch üppiger sein als die früheren, aber dafür etwas spröder und züchtiger. Und wir werden sehen, was deine Freunde mit diesen machen werden.“
RB|1|48|14|0|Spricht Robert: „O Herr, ich meine, um das im Voraus zu bestimmen, braucht man gar nicht allwissend zu sein! Da werden diese Kerle es noch hunderttausendmal ärger treiben! Ach herrje – das wird eine schöne Hetze abgeben!? Mag gar nicht einmal hinausschauen, so diese dumme Hetze angehen wird! Aber sag' mir doch gnädigst einmal, Du Herr, Du einziger Herr über alle Himmel und Welten, was wird denn da am Ende herauskommen? Werden diese Lumpen die Sache nicht einmal satt bekommen? Werden sie, statt Geister zu werden, sich nur zu echten Tieren umwandeln? Bei meinem armen Leben, das wird denn etwa doch eine saudumme Geschichte abgeben?!“
RB|1|48|15|0|Rede Ich: „Sei nur ruhig, du wirst in alledem gar bald ein rechtes Licht bekommen; aber nur musst du bloß, gleich Mir, einen ganz ruhigen Zuschauer machen! Wenn Ich dir aber die Augen mehr und mehr öffnen werde, so wirst du dann erst vollends einsehen lernen, wie man hier zu Werke gehen muss, um womöglich solche Schweine zu Menschen umzugestalten! Was aber hier die Liebe nicht vermag, das wird der Hölle oder dem eigenen, in jeder Seele wohnenden Strafgericht anheimgestellt! Aber nun ruhig! Denn sieh, die Dirnen kommen schon.“
RB|1|48|16|0|Robert sieht nun zum Fenster hinaus, sieht sich nach den neu ankommenden Dirnen um und spricht nach einer Weile: „Bei meinem armen Leben – wahrhaftig wahr, diese Dirnen, etlich zwanzig an der Zahl, sehen dir gar nicht übel aus, das heißt, so man sie mit einem rein irdischen Maßstab beurteilt! Potztausend und alle Elemente, die vorderen drei sind ja wie die ersten Pariser Balletttänzerinnen angekleidet! Die werden sicher diesen geilen Wiener Tiermenschen ein Pas de trois [Dreitanz] zum Besten geben, um sie desto lüsterner pro actus bestialis zu machen?! Ich möchte es ihnen wohl sagen, dass sie sich deshalb eben keine Mühe geben sollen; denn diese Tiermenschen haben zu derlei Verrichtungen ohnehin nur zu viel Gier, ohne es vonnöten zu haben, sich dazu extra durch allerlei weibliche Füßewacklereien reizen zu lassen!
RB|1|48|17|0|Es wäre nach meiner freilich menschlich unvollkommenen Meinung wahrlich besser, so an der Stelle dieser schmucken Choreographinnen ein paar Dutzend Bären aufmarschiert wären. Vielleicht würden diese sehr kräftigen und keinen Spaß verstehenden Wald- und Alpenchoreographen auf diese meine tierischen Wiener Freunde eine bessere Wirkung üben, und heilsamer vielleicht auch, als diese dick- und rundfüßigen, vollbusigen und pausbackigen Tänzerinnen?
RB|1|48|18|0|Mich wundert es aber dennoch, dass die Wiener Geister sich nun beim Anblick dieser Schönheiten noch so viel zurückhalten, dass sie diese neuen Schönheitskoryphäen der Geisterwelt doch nicht so wie die früheren gleich beim ersten Erscheinen wütenden Hunden gleich angefallen haben. Wahrscheinlich imponieren ihnen diese Schönheitssterne doch etwas zu stark, und sie trauen sich nicht an sie.“
RB|1|49|1|1|Eine Schar einstiger Kunsttänzerinnen tritt ins Haus. Sie waren wohlhabend auf Erden, aber elend in der Geisterwelt. Demütige Bitte um Versorgung, die Robert auf den Wink des Herrn gewährt.
RB|1|49|1|0|Während Robert noch solches kaum ausgeredet hat, kommen diese zwei Dutzend weiblicher Schönheiten eine nach der andern in das Zimmer zu uns beiden, machen vor uns eine tanzmeisterliche Referenz und fragen uns dann, ob in diesem Prachtpalast nicht etwa auch ein Theater sei, auf dem sie etliche Vorstellungen in der hohen Choreographie geben könnten.
RB|1|49|2|0|Spricht Robert: „Da, neben mir steht der eigentliche Herr. Den fragt! Ich bin erst seit einigen Augenblicken der ärgerliche Inwohner dieses Hauses und kenne im selben außer diesem Gemach, in dem ihr euch nun befindet, noch kein anderes. Es kommt mir überhaupt sehr sonderbar vor, wie ihr euch hier in der Geisterwelt, wo man allein nur Gott den Herrn suchen und sich in aller Liebe zu Ihm üben soll, um ein vollendeter Geist zu werden, mit solchen rein irdisch-materiellsten Skandalkünsten abgeben könnt?! Aber mir ist das gleich! So es dem Herrn dieses Hauses angenehm und zweckdienlich ist, da macht, was ihr wollt! Da, neben mir aber, wie ich's euch schon angezeigt habe, ist eben der Herr Selbst!“
RB|1|49|3|0|Sagen die drei ersten: „Wie ist nun das?! Da draußen sagte uns einer, der uns an die Türe gefolgt ist: Du wärst der Eigentümer und somit auch Herr dieses Palastes! Und du sagst nun, dieser, dein Freund, ist es!“
RB|1|49|4|0|Spricht Robert: „Ja, und noch tausendmal ja – Dieser ist der eigentliche Herr dieses Hauses! Und wer euch gesagt hat, dass ich der Herr sei, das war ein dummes Luder, und blinder als zehntausend Maulwürfe! Fragt also Diesen oder schaut, dass ihr bald zum Tempel hinauskommt.“
RB|1|49|5|0|Darauf wenden sich die drei an Mich und fragen Mich, ob Ich alsonach wohl der Herr dieses Palastes wäre.
RB|1|49|6|1|(Am 19. Febr. 1849)
RB|1|49|6|0|Rede Ich: „In der Welt der Geister ist ein jeder Herr, das ist: Besitzer dessen, was sein ist, und so dieser da Mein Freund und Bruder ist, so besitze Ich ihn auch als das, was er Mir ist, und bin sonach auch sein Herr und auch der Herr dessen, was sein ist; wogegen er aber auch vor euch von Mir das Gleiche aussagen kann.
RB|1|49|7|0|Dass Ich aber dieses Haus besser kenne, wie es beschaffen ist, als er, das hat seine gewissen Gründe, worunter auch der sich befindet, dass Ich schon um sehr viele Jahre länger, nach irdischer Rechnung, hier in der Welt der Geister Mich befinde als der Freund da.
RB|1|49|8|0|Mit der größten Gewissheit kann Ich euch daher sagen, dass sich in diesem ganzen großen Haus durchaus kein Theater und ebenso wenig irgendein Tanz- oder Springsaal befindet außer an der ganz äußersten Nordseite eben dieses Hauses eine Art Rednerkammer mit einer Versenkung, durch die unlautere Geister, die sich Gottes Ordnung durchaus nimmer wollen gefallen lassen, ganz behaglich und wohlerhalten zur Hölle hinab versenkt werden können! So ihr dort eure Produktionen diesen Gästen da draußen wollt zum Besten geben, so kann euch diese Redner- oder besser Haderkammer zur beliebigen Disposition gestellt werden! Aber ihr müsst da sehr Acht geben, dass ihr bei eurer Choreographie nicht in eine solche Versenkung stürzt. Denn so ihr da hineinkommt, da dürftet ihr schwer wieder den Weg zurückfinden! Habt ihr das verstanden?“
RB|1|49|9|0|Sprechen die drei ersten Koryphäen: „Höre, du lieber Freund, das ist etwas fatal! So ein Lokal können wir durchaus nicht brauchen! Kannst Du aber nicht gestatten, dass wir draußen im Garten unsere hohe Kunst produzieren dürften?“
RB|1|49|10|0|Rede Ich: „Ja, ja, draußen könnt ihr tanzen und springen wie ihr nur immer wollt, da haben wir vorderhand nichts dagegen. Geht sonach nur wieder hinaus und macht draußen, was ihr wollt! Denn hier im Haus tut es sich mit eurer Sache schon durchaus nicht.“
RB|1|49|11|0|Spricht die eine aus den dreien: „O lieber Freund, als wir noch auf der Erde waren, da ging es uns sehr gut. Denn wir waren die Abgöttinnen der größten Städte. Alles war entzückt, was uns zu bewundern Gelegenheit hatte. Wir erwarben uns nebst der Gunst der größten Kronenträger auch sehr viel Geld und sonstige Schätze, womit wir uns auf 1.000 Jahre bestversorgt sahen. Aber als wir uns in die Ruhe begaben, um die goldnen Früchte unserer Bemühungen zu genießen, da kam plötzlich eine fatale Krankheit über unsern schönsten Leib; wir zehrten ab und starben!
RB|1|49|12|0|Nun sind wir schon bei dreißig Jahre lang hier in dieser armseligsten Geisterwelt, oder was sie sonst sein mag, und es geht uns ganz entsetzlich schlecht! Nirgends gibt es für uns einen Verdienst! Wo wir nur immer anklopfen, da werden wir wie hier beschieden. Und o Freunde der Hunger tut gar entsetzlich weh! Auf eine gar zu gemeine Weise wollen wir uns das Brot denn doch nicht verdienen, da wir dazu denn doch zu gut sind. Besonders möchten wir mit einem so lumpigen Gesindel wie das da draußen, schon gar nichts zu tun haben, da wir auf der Erde doch nicht selten Prinzen das nicht gewährten, was sie doch gar so oft bei uns suchten. Und sonst gibt uns hier aber auch kein Mensch oder Geist nur einen Tropfen Wasser! Du siehst daraus, dass wir hier sehr elend und gar entsetzlich arm sind.
RB|1|49|13|0|Könntest oder wolltest Du uns denn nicht gegen was immer für einen ödesten Dienst hier in diesem Innern eine Unterkunft und nur so viel Brot zukommen lassen, dass wir uns nur einmal den allerbrennendsten Hunger um ein kleines stillen könnten?! Oh, sei von uns allen durch mich allerinbrünstigst darum gebeten!“
RB|1|49|14|0|Rede Ich: „Ja, Meine lieben Choreografinnen, das hängt hier nicht von Mir ab. Denn der eigentliche Eigentümer dieses Hauses, wie auch alles dessen, was eure Augen erschauen in dieser weitgedehnten Gegend, ist dennoch dieser Mein Freund und Bruder. Wenn er euch das geben will, was ihr möchtet, da werde Ich nichts dagegen haben, im Gegenteil wird Mir das nur eine große Freude sein. Aber dazu bereden oder gar bei den Haaren dazu ziehen, werde Ich ihn nicht! Wendet euch daher an ihn!“
RB|1|49|15|0|Die Sprecherin will sich nun in dieser Sache an den Robert wenden,
RB|1|49|16|0|aber er kommt ihr zuvor und spricht: „Meine liebe Choreografin, und ihr alle zwei Dutzend desselben Gewerbes! Ich habe von euresgleichen bisher nur das gewusst, dass eure Füße viel elastischer seien als die Füße anderer ehrlicher Menschen. Dass aber die Choreografinnen auch fuchsfeine Nasen hätten, das wusste ich bisher noch nicht! Wahrlich, eure Nasen machen euch nun mehr Ehre als eure noch so feingebildeten Füße! So ich's allein mit euch zu tun hätte, da würde ich euch sogleich zur Türe hinausweisen. Aber da es diesem meinem Freund eine Freude macht, so ich eure Bitte erhöre, so will ich euch denn in Gottes Namen auch aufnehmen! Und so bleibt denn! Dort im Hintergrund, und zwar in einer Ecke dieses Gemaches, befindet sich ein kleiner Tisch mit etwas Brot und Wein! Geht hin und stärkt euch! Sodann kommt wieder, und wir werden euch dann schon ein Geschäftchen anweisen, dem ihr recht emsig zu obliegen haben werdet. Nun geht, wohin ich euch beschieden habe.“ Die Tänzerinnen folgen sogleich diesem Befehl.
RB|1|50|1|1|Die Wiener Gesellschaft verlangt nach den Tänzerinnen. Roberts Donnerpredigt an die Schänder der eigenen Töchter.
RB|1|50|1|1|(Am 21. Febr. 1849)
RB|1|50|1|0|Diese vierundzwanzig schönen Tänzerinnen aber bleiben für die lüsternen Wiener Freunde Roberts nun schon zu lange im Haus. Daher kommen diese vor die Zimmertüre Roberts und sagen laut schreiend: „No, wie lange belieben denn diese Pariser und Londoner Schnellfüßlerinnen bei euch zu verweilen?! Wir glauben gar, dass du sie für dich und deinen Freund da zurückbehalten möchtest!? Wäre nicht übel, du behieltest das Beste für dich, und wir als deine Freunde könnten uns draußen mit den mageren, braunen und hässlichen Fetzen begnügen! Schau, schau, du wärst uns ein rarer Freund, das Beste möchtest du behalten und das Schlechte uns zukommen lassen! Wir bedanken uns ganz gehorsamst für solche deine saubere Freundschaft! Höre, wir wollen billig sein, weil du der Blum bist: ein Dutzend kannst du für dich behalten; aber ein Dutzend von diesen schönen Engländerinnen oder Französinnen musst du uns sogleich ausliefern, sonst fangen wir ein Spektakel ums andere zu machen an! Ja sogar mit der schönsten Katzenmusik sollst du sogar hier im Geisterreich bedient werden! Und wenn dich diese auch noch nicht für die Erfüllung unserer Wünsche stimmen soll, so schlagen wir hier alles quintelweis zusammen!“
RB|1|50|2|0|Spricht Blum: „Aber oha! sagt auch eine gewisse Gattung der Bewohner Wiens! Ich sage euch: So wahr ein ewiger Gott lebt, und so wahr ich bis jetzt noch den Erdnamen Robert Blum führe, so wahr auch kommt keine von diesen Tänzerinnen zu eurem schändlichsten Vergnügen aus dieser Burg, in der Gott der Wahrhaftige wohnt und jedem gibt, wie er sich's verdient hat!
RB|1|50|3|0|Ich habe sie als hungrige und elende Wesen in dies mein Haus aufgenommen; sie sind meine Gäste nun und genießen als solche auch alle jene Sicherheit und jenen Respekt, den mein Haus von jedem gut und ehrlich gesinnten Geist zu fordern das vollste Recht hat! Seid ihr aber etwa ernstlich gesonnen, dieses heilige Recht jedes Hauses an diesem meinem Haus zu schänden, so versucht es, und wir wollen sehen, wer da den Kürzeren ziehen wird?!
RB|1|50|4|0|Ich glaube und bin der Meinung, nach dem, was ich von euch gesehen habe durch dieses Fenster, dass ihr euch draußen in meinem Garten doch zur Vollgenüge müsstet ausgebuhlt haben!? Denn wahrlich, ich kenne kein Tier auf der Erde, das einen solch schändlichen Instinkttrieb je irgendwo verriete, wie ihr als vernünftige Menschengeister hier im Gottesreich sogar allertätigst an den Tag gelegt habt! Aber nicht genug, dass ihr euch ohnehin schon bis ins Zentrum der untersten Hölle hineingesündigt habt und den Teufeln gleich geworden seid; nicht genug, dass eure schändliche Gier jene ärmsten weiblichen Wesen, statt ihnen zu helfen, noch tausendmal elender gemacht hat als sie ehedem waren; nicht genug, sage ich, dass ihr diese reine, geistige Gotteserde mit dem schändlichsten Geifer der echt höllischen Unzucht und Hurerei auf das Schmählichste befleckt habt! Nein, das alles ist eurer unersättlichen Geilgier noch viel zu wenig!
RB|1|50|5|0|Auch diese armen Wesen, die dreißig lange Jahre nach irdischer Rechnung Hunger, Durst und tausendfaches anderes Elend zu erdulden hatten, nach dem Ratschluss des Allerhöchsten, die Gott Selbst nun aufgenommen hat, und die dort in jener Ecke dieses Gemaches vielleicht seit dreißig langen Jahren das erste Stückchen nährenden Brotes genießen und dafür Gott, den sie leider noch kaum kennen, mit Tränen danken – diese wollt ihr auch noch mit euch zur Hölle hinabziehen! O eurer grenzenlosen Verruchtheit!
RB|1|50|6|0|Die armen Wesen da draußen, die ihr soeben auf das Gewissenloseste und Unbarmherzigste geschändet habt, die nun voller Schmerzen jammern und wehklagen und dahinliegen wie halbtot, wisst ihr, wer sie sind? Seht, das sind eure eigenen Töchter auf Erden gewesen! Sie kamen zum Teil durch natürliche Krankheiten, wie sie im lustigen Wien leider nur zu häufig vorkommen, und zum Teil durch die Beschießung Wiens um ihr irdisches Leben. Aller geistigen Bildung bar und ledig kamen sie in dieser geistigen Welt an und wussten nicht wohin, wo aus und wo ein. Da erfuhren sie durch eine gütige Fügung Gottes, dass ihr, als ihre irdischen Väter, euch in dieser Gegend befindet, die ihnen angezeigt ward. Voll Freuden, in der Hoffnung, ihr traurig aussehendes Los zu verbessern, eilten sie hierher. Als sie hier anlangten und euch erblickten und erkannten und euch mit dem kindlichen Ruf ‚Vater!‘ an ihr kindliches Herz ziehen wollten, da sprangt ihr gleich wütenden Hyänen über sie und fingt sogleich an, als Väter mit den eigenen Töchtern, die allerg- und schmählichste Unzucht und Hurerei zu treiben. Umsonst schrien die Armen: ‚Um Gotteswillen! Wir sind ja eure Töchter! Was tut ihr mit uns!? Jesus, Jesus! Was tut ihr?!‘ Aber das hörtet ihr gar nicht! Denn eure verfluchte Geilgier und teuflische Brunst hat euch blinder und stummer gemacht, als da blind und stumm ist ein Auerhahn in seiner Balzzeit! Ihr zerrisst förmlich die Armen in eurer Geilwut! O ihr verruchten Täter des Übels! Da seht hinaus, euer schönes Werk – mit welchem Namen soll man es bezeichnen?! Wahrlich, meine Zunge findet keinen Ausdruck dafür!
RB|1|50|7|0|Als ich mit diesem meinem großen Freund hier ankam und euch alle eben hier in meinem Haus antraf, da hatte ich eine rechte Freude an euch; und besonders freute es mich, als ich von euch nach Verlauf einiger Worte, die ich an euch gerichtet habe, das herrliche Verlangen vernahm, demnach es eure diesweltliche größte Freude wäre, Christus, den Herrn, nur einmal von Ferne zu Gesicht zu bekommen! Ich gab euch darauf die Versicherung, dass ihr, so ihr Ihn recht innigst liebend in euer Herz werdet aufgenommen haben und durch solche Liebe reiner macht eure Herzen, Ihn, den Herrn der Ewigkeit, nicht nur einmal, sondern immer und ewig sehen werdet! Worauf ihr sehr froh ergriffen wart und recht demütigst bekanntet, dass ihr solcher zu großen Gnade noch gar lange nicht wert seid! Das gefiel mir so gut, dass ich vor Freude hätte weinen mögen.
RB|1|50|8|0|Aber incredibile dictu [unglaublich zu sagen]! – als ich in dies mein Haus mit diesem meinem Freund trat und Ihm darob meine Freude äußerte, da sprach Sein weisester Mund: ‚Traue ihnen nicht zu viel; das sind lauter grobsinnliche Genussmenschen! Ich sage es dir, es werden von ihnen etliche zur Hölle hinab müssen, und es wird ihrer aller Besserung ein hartes Werk sein.‘ O der großen Wahrheit! Ich sage es euch, ihr braucht nun nicht mehr zur Hölle hinab zu kommen, denn ihr seid schon vollends in ihr! Denn die böse, unersättliche Geilgier eurer unratvollsten und stinkendsten Herzen kann euch Gott nicht mehr bessern, außer durchs Gericht der Hölle, da ihr selbst ganz Hölle seid!
RB|1|50|9|0|Nun habe ich's euch gesagt, wie es mir Gott ins Herz gelegt hat! Ihr wisst nun, was ihr getan habt, und was ihr noch tun wollt, und was davon die unvermeidlichste Folge sein wird! Tut nun, was ihr wollt! Noch seid ihr frei; aber bald, nur zu bald, wird das Gericht Gottes euch ergreifen und euch geben euren Lohn! Aber nicht nur euch, sondern auch allen, die auf Erden in dieser Zeit noch im Leib herumwandeln und sich die Mahnungen Gottes, deren diese Zeit so voll ist, nicht wollen gefallen lassen!
RB|1|50|10|0|Hätte ich selbst auf der Erde lieber so manchen unverkennbaren Gottesmahnungen mein Ohr und mein Herz geöffnet, so wäre ich auch in gar kein Gericht gekommen. Aber weil ich nur dem folgte, was mein zu exaltierter und ruhmsüchtiger Verstand mir eingab, so musste ich mir dann aber auch ein übles Gericht gefallen lassen! Ich aber wollte dennoch Gutes, nach meinem Urteil, und habe mich dadurch dennoch eines Gerichts schuldig gemacht und ward auch gerichtet! Was wird aber mit euch, da ihr nur Arges wollt, das ihr gar wohl einseht, dass es ein Arges ist?!“
RB|1|50|11|0|Auf diese sehr eindringliche Rede Roberts fangen die äußerst betroffenen Zuhörer ganz gewaltig zu stutzen an, und einer um den anderen zieht sich zurück. Keiner hat den Mut, dem Robert auch nur ein Wörtlein zu erwidern. Nur untereinander murmeln sie, dass sie die Veränderung Roberts nicht begreifen, und sein Ernst sei wie ein großer Donner und seine Rede wie eine alles verheerende Sturmflut.
RB|1|50|12|0|Einige unter ihnen aber fangen an, sehr in sich zu gehen, und eine mächtige Furcht ergreift ihr ganzes Wesen, und sie bereuen sehr, was sie getan haben.
RB|1|50|13|0|Darauf wendet sich Robert zu Mir und spricht: „O Herr, Du mein allerheiligster und ewig wahrster und bester Vater! Vergib es mir, so ich nun an diese meine sogenannten ‚Wienerfreunde‘ eine vielleicht denn doch etwas zu harte und scharfe Mahnrede geführt habe!? Du siehst es ja in meinem Innersten, dass ich ihnen allen nur das Beste wünsche und möchte durch die Schärfe meiner Rede nichts anderes bewerkstelligen, als so es möglich wäre, ihnen das sicher allerhöchst traurige Gericht der Hölle ersparen. Denn ich meine, ein noch so scharfes Mahnwort ist dennoch unberechenbar milder als das kleinste Fünklein höllischen Gerichts! Und so donnerte ich denn auch in diese aller höheren Bildung ledigen Brüder mit aller Kraft, die ich nur immer aus allen Winkeln und Ecken meines Wesens habe zusammenraffen können, hinein und habe, wie es wenigstens scheint, bei einigen einen recht wohl sichtbaren Effekt zuwege gebracht!
RB|1|50|14|0|O Vater, segne Du diese meine Worte in ihnen, wer weiß es, vielleicht werden sie bei ihnen doch das bewirken, was ich damit so ganz eigentlich habe bewirken wollen!?“
RB|1|50|15|0|Rede Ich: „Mein lieber Freund, Bruder und nun auch Sohn! Ich sage es dir: Nicht ein Wort mehr und nicht ein Wort weniger hast du geredet, als was Ich Selbst in dein Herz gelegt habe! Denn was du geredet hast, das habe Ich in deinem Herzen gedacht und gewollt. Daher darfst du dir auch durchaus keine Vorwürfe machen, als wärst etwa du aus dir selbst gegen diese, aller geistigen Lebensbildung ledigen Menschen zu hart gewesen. O deshalb sei du nun ganz ruhig!
RB|1|50|16|0|Denn siehe, solche Geister, die am Rand des Abgrunds stehen und sich schon also vorneigen, um im nächsten Augenblick in selben hineinzustürzen, müssen mit aller Kraft ergriffen und so vom Rand des Abgrunds zurückgerissen werden. Nur so ist es möglich, sie ohne Hölle auf einen besseren Weg zu bringen.
RB|1|50|17|0|Du wirst dich nun bald überzeugen, welch eine gute Wirkung die Donnerrede deines Mundes bei ihnen hervorgebracht hat! Alle werden freilich noch allerlei Ausflüchte suchen und werden sich schöner machen wollen als sie sind. Aber das macht nichts, wenn nur nahe der größere Teil in sich geht, so ist das schon gut. Der mindere Teil wird dann, als der ganz natürlich schwächere, mit der Weile sich denn am Ende dennoch willig also und dahin zu fügen bemüßigt sein, da er nach sonst irgendwohin keinen Ausweg finden wird.
RB|1|50|18|0|Doch lassen wir sie nun ein wenig ruhen und in dieser Ruhe gleicherweise ein wenig durchgären! So sie nach rechtem Maß werden durchsäuert sein, wie da auf Erden durchsäuert ist die Maische, bevor sie in den Destillierkessel getan wird zur Gewinnung des Spiritus, da werden wir sie dann auch in den Destillierkessel tun, unter dem ein stets gleich mächtiges Feuer unserer Liebe brennt. Und es wird dann ein Leichtes sein, ihr wahres Geistiges von den groben, irdischen Trebern zu scheiden. Nun aber unterdessen von etwas anderem.“
RB|1|51|1|1|Drei Kampfgenossen Roberts vor dem Herrn. Auch sie sollen gebessert werden. Die dankbaren Tänzerinnen als Werkzeuge.
RB|1|51|1|0|(Der Herr:) „Es war schon ehedem einmal die Rede von deinen drei anderen Freunden, nämlich von Messenhauser, Jellinek und Becher. Es ward gefragt, wo diese, die mit dir das Los teilten, wären. Deine Freunde gaben ihnen ein eben nicht zu glänzendes Zeugnis. Ich sage dir, so plump und grob zwar dieses Zeugnis an und für sich auch immer war, so war aber dennoch im Ernst etwas daran. Denn alle drei waren heimlich von einem ganz anderen Geist getrieben als du. Du hattest nach deinem Verstand und Erkenntnis nur einen, irdisch genommen, guten Zweck vor dir, den du eben so zu erreichen strebtest, wie du einen gleichen in deinem Land auch wirklich erreicht hast. Aber nach solch einem irdisch allerdings achtbaren Zweck und Ziel trachteten deine drei vorbenannten Freunde nicht. Während du als ein echter Philanthrop handeltest und wirktest, handelten und wirkten die drei, mit geringen Gesinnungsunterschieden, bloß nur für die Erreichung entweder des losesten Volksabsolutismus oder, so dies fehlschlüge, doch wenigstens einer reich bespickten Börse, mit der sie sich dann bei einer günstigen Gelegenheit in nächtlicher und nebliger Dunkelheit hätten empfehlen können!
RB|1|51|2|0|Aber die schlüpfrige Fortuna war ihnen nicht günstig. Sie stellte wohl auf eine Zeit lang ein tüchtiges Füllhorn dem ersten vor die Füße. Aber er merkte es nicht, dass sich unter dem Füllhorn jene fatale Rollkugel befand, die an das Unbeständige alles irdischen Glücks gar so trefflich mahnt! Und so geschah es denn auch leicht, dass das irdische Glück des Messenhauser nur zu bald umschlug.
RB|1|51|3|0|Den andern zweien war diese Fortuna freilich sichtlich nicht so günstig, obschon sie mit Hilfe der Gänsekiele alles aufboten, um sich diese Göttin der Heiden geneigt zu machen. Sie fochten mit den Waffen, die ihnen die Gänse gaben, gleich einem Simson herum, und schlugen damit eine Zeit lang gar sehr wacker und ohne alle Schonung auf den Köpfen der sogenannten reaktionären Philister herum. Aber es wollte an diesen Wunden, die sie ihren Feinden mit den Gänseschwertern beibrachten, niemand sterben. Und die Fortuna war auch so trotzig und eigensinnig und wollte ihnen kein freundliches Gesicht zeigen. Das ärgerte sie sehr mächtig, dass sie darob die erste Waffengattung von sich warfen und borgten sich dafür andere beim Mars, mit denen sie im Ernst Simsonische Philisterniedermachungseffekte zu bewerkstelligen vermeinten, und zwar aus dem Grund, dass ihnen dadurch die für sie einzig göttlichste Fortuna geneigter werden möchte als sie es früher war, wo sie bloß die leichtere Waffengattung gebrauchten. Aber da stand es bald noch ärger um die beiden. Die Fortuna wurde erbost und warf ihnen am Ende so viele Kugeln unter die Füße und machte den Boden, auf dem sie fest stehen wollten, so glatt und schlüpfrig, dass es für sie unmöglich ward, sich noch fernerhin aufrecht zu erhalten; sondern gleich jenen sonst gutmütigen Tieren, die manchmal auch einen Tanz auf dem Eis versuchen sollen, zu fallen; und ihr Liedchen an die Fortuna ist damit auch vollends zum Ende gekommen.
RB|1|51|4|0|Mit diesem Fall traten diese drei Helden aber auch von dem Schau- und Prüfungsplatz der Außenwelt ab; und sind nun, dir gleich, in diese ewig gleich fortdauernde neue Welt herübergewandert, natürlich unter zahllosen Verwünschungen jener Weltmächtigen, die sie mit einer wahren Extraschnellpost hierher befördert haben. Sie sind nun alsonach auch ohne allen Zweifel, hier in der Geisterwelt, und das sicher nicht gar zu weit von hier.
RB|1|51|5|0|Du sprichst in dir: ‚Das ist sicher und wahr; aber wo so ganz eigentlich? Schweben sie etwa auch, mir gleich, noch irgendwo zwischen Himmel und Erde im Äther? Oder sind sie etwa gar hier in der Nähe dieses Hauses irgendwo in einem Winkel verborgen?‘
RB|1|51|6|0|Ich sage es dir: Nicht im Äther und nicht in irgendeinem Versteck, etwa in der Nähe dieses deines Hauses, das da gleich ist dem Innern deines Herzens. Sondern wie sie in deinem Herzen durch dein liebevolles Gedenken an sie gegenwärtig sind, so sind sie auch in der Wirklichkeit in diesem Haus gegenwärtig! Eine einzige Türe scheidet sie noch von dir und Mir. So wir diese Türe öffnen, da wirst du sie noch ganz so, wie sie die Erde verlassen hatten, antreffen.
RB|1|51|7|0|Aber so Ich dir die Türe öffnen werde, da darfst du sie nicht sogleich anreden, sondern sie eine Zeit lang an Meiner Seite belauschen, was alles sie untereinander abmachen und beschließen werden. So sie erst einen Vollbeschluss werden gefasst haben, alsdann erst wird es an der rechten Zeit sein, sie anzureden und sich ihnen zu zeigen. Das also zu deiner Darnachrichtung!
RB|1|51|8|0|Vorderhand aber wollen wir noch mit unseren Tänzerinnen ein paar Wörtlein wechseln und sie für unsere kommenden Operationen ein wenig vorbereiten. Denn diese werden wir in der Folge so gut brauchen können, dass du dir's nun noch gar nicht vorzustellen vermagst! Daher nun an dies nötige Vorwerk.“
RB|1|51|9|0|Nach dieser kurzen Vorunterweisung begeben wir uns aber auch sogleich zu unseren Tänzerinnen, die uns beide gar liebfreundlichst empfangen und fürs Erste gar herzlich danken für die so überaus gute Bewirtung, und fürs Zweite aber auch für den energischen Schutz gegen jene, die üble Absichten auf ihre ohnehin sehr unglücklichen und elenden Personen hatten! Auch bitten sie den Robert tausendmal um Vergebung, dass sie, was er wohl merken hatte können, ihn für ein hartes Wesen hielten, während er nun in der Tat bewiesen habe, was für ein überaus liebevoller und rechtlicher Mann er sei.
RB|1|51|10|0|Robert, solches Lob zwar gerade nicht ungern anhörend, aber ermahnt sich doch gleich und spricht in seinem gewöhnlichen, etwas rau-ernstlichen Ton: „Hört, ihr meine lieben, armen Schwestern! Seid nicht zu voreilig mit eurem Lob und Dank! Denn ihr wisst es ja noch lange nicht, wer hier der eigentliche Geber aller guten Gaben ist!
RB|1|51|11|0|Das sage ich euch, und ihr könnt es mir aufs Wort glauben, dass ich durchaus nicht der Geber bin, sondern jemand ganz anderer. Ich aber bin hier nur sozusagen ein recht derber und grober Hausknecht, aber dabei gottlob kreuzehrlich! Aber das ist nun alles eins, ob ihr mir oder dem eigentlichen Herrn dieses Hauses dankt; denn was mir nicht gebührt, das nehme ich auch nicht an, sondern gebe es ganz getreu meinem einzigen Herrn wieder!
RB|1|51|12|0|Doch nun von etwas anderem! Sagt ihr uns beiden, ob ihr nun noch darauf besteht, eine Tanzproduktion in diesem Haus zu veranstalten? Oder seid ihr nun etwa gar von dieser tollen Idee im Ernst abgekommen?“
RB|1|51|13|0|Sprechen die Tänzerinnen: „O ihr allerbesten und liebevollsten Freunde der armen Menschheit! So ein Verlangen wäre nun wahrlich die größte Tollheit von unserer Seite! Denn wir wollten ja nur darum allhier unsere armseligste Kunst in die Ausübung bringen, um uns durch sie möglicherweise so viel zu verdienen, dass wir mit dem Verdienst doch den brennendsten Hunger hätten stillen können! Da wir aber nun, dank euch beiden, bei euch auch ohne unsere beabsichtigte Produktion die herzlichste Aufnahme fanden, da wäre es ja doch eine der größten Torheiten von unserer Seite, so wir nur an so was gedenken möchten, davon wir nun nur zu sehr überzeugt sind, dass unsere genug elende irdische Kunst in euren sicher himmlisch reinen Augen ein Gräuel ist! Oh, so ihr beide uns nur stets so gnädig seid, wie ihr es bis jetzt wart, da wollen wir von unserer Kunst auch ewig nichts mehr hören und wissen! Dessen könnt ihr vollends versichert sein.“
RB|1|51|14|0|Spricht Robert: „Das freut uns, und das ist schön und gut von euch. Aber so wir beide später eines gewissen guten Zwecks wegen von euch verlangen möchten, dass ihr bei einer bald kommenden Gelegenheit denn doch so ein Tänzchen produzieren möchtet – würdet ihr auch dann dem sehr löblichen Entschluss, nimmer zu tanzen, getreu verbleiben?“
RB|1|51|15|0|Sprechen die Tänzerinnen: „O Freunde, was immer ihr wollt, das werden wir auch tun, da wir nur zu gut wissen, dass ihr nur etwas Gutes wollen könnt, und so wollen wir auch tanzen, so ihr es verlangt. Denn euer Wille soll fortan stets auch der unsrige sein!“
RB|1|51|16|0|Spricht Robert: „Nun gut, so haltet euch dazu bereit! Denn es wird die Gelegenheit sich in kurzer Frist ergeben.“
RB|1|52|1|1|Roberts Fortschritte im geistigen Leben. Sein Mitleid kommt den Tänzerinnen sehr zugute, durch die Gnade des Herrn.
RB|1|52|1|0|Rede Ich zum Robert: „Mein liebster Freund, Bruder und Sohn! Du hast wahrlich ein sehr geschmeidiges Herz, und das ist für Mich eine große Freude. Denn siehe, du redest wie aus dir selbst, und dennoch redest nicht du aus dir, sondern Ich! Und das ist eine rechte Sache hier im Reich der Geister, dass des Freundes Mund das laut kündet, was da Rechtliches und Wahres vorgeht im Herzen seines Nächsten. Dein Herz vernimmt genau Meine Gedanken, und Mein Wille bleibt ihm nicht fremd! Und siehe, das alles ist das Werk Meines schon stark wach gewordenen Geistes in dir.
RB|1|52|2|0|Dieser Geist, weil er ganz rein aus Mir ist, kann daher auch in Meine Tiefen dringen und allda erschauen und erforschen Meine Gedanken und Meinen Willen. Und das ist nun bei dir schon sehr stark der Fall; daher du nun schon also fertig in deinem Herzen wahrnimmst, was Ich denke und will, als wärst du schon tausend Jahre hier in die heiligen Geschäfte vollständig eingeweiht! Fahre du nur so fort, da wirst du Mir in aller Kürze ein ganz tüchtiges Rüstzeug werden.
RB|1|52|3|0|Und nun, da unsere Tänzerinnen schon unterrichtet sind und wissen, was sie zu tun haben, so wollen wir uns sogleich an die Eröffnung der Türe machen, hinter der wir sogleich das ‚Wiener Heldenkleeblatt‘ miteinander debattierend antreffen werden.
RB|1|52|4|0|Nur muss Ich dich noch vorher fragen, ob die Tänzerinnen so schön genug sind, wie du sie nun siehst oder sollen wir sie etwa so recht non plus ultra schön machen?“
RB|1|52|5|0|Spricht Robert etwas lächelnd: „O Herr, wie doch gar so über alle Begriffe gut, mild und herablassend bist Du! Du sprichst mit mir wahrlich nicht als ein ewiger Herr der Unendlichkeit; sondern gerade wie ein irdischer Freund zum andern, und als ob Du im Ernst meines Rates bedürftest! Ja, das, das erst macht Dich noch unendlich größer in meinem Gemüt, als so Du ganze Heere neuer Welten und Himmel vor meinen Augen erschaffen möchtest. Dass Du, als Gott und Herr unendlich mächtig in Dir Selbst, auch Unendliches gestalten kannst, siehe, das findet mein Herz nun ganz natürlich; aber dass Du mit mir, Deinem Geschöpf, so ganz familiär redest und handelst wie ein rechter Bruder mit dem andern, das macht mein Herz völlig erstarren vor Deiner Größe!
RB|1|52|6|0|Aber sei ihm nun, wie es ihm wolle, was die noch größere Verschönerung dieser Tänzerinnen betrifft, so stelle ich es, so wie alles andere, natürlich ganz nur Dir anheim! Die ersteren sehen nach meiner Beurteilung wohl ohnehin gar nicht übel aus; denn sie sind, wie man auf der Erde zu sagen pflegt, so recht fest und nett beisammen. Ihr Anzug ist recht, wie man sagt, gewählt, und ihre Gesichter, Brüste, Arme und Füße suchen ihresgleichen. Aber die anderen sehen wohl, besonders einige dort im Hintergrund, sehr spitzig aus, und ihr Anzug erinnert mich sehr lebhaft an den Anzug jener sogenannten fliegenden Komödianten-Trupps, die sich als eben nie zu reiche und geniale Trampolinspringer, Purzelbaummacher und Seiltänzer in den Märkten und Dörfern herumtreiben! So Du diese in ein bisschen besseres Licht stellen möchtest, das, meine ich, könnte gerade nicht schaden vorausgesetzt, dass sie dadurch etwa doch nicht eitler werden, als sie nun zu sein scheinen; denn jetzt scheint sie die Eitelkeit eben nicht gar zu sehr zu plagen, darum sie auch wahrscheinlich sich mehr im Hintergrund befinden!“
RB|1|52|7|0|Rede Ich: „Ganz gut, Mein allerliebster Robert, wie du es gewünscht hast, so soll es auch geschehen! Siehe, dort an der Wand, gerade wo die Spitzigeren stehen, befindet sich ein Schrank! Gehe hin und eröffne ihn und zeige es dann jenen Tänzerinnen, die du einer Verschönerung für nötig erachtest. In diesem Schrank werden sich eine Menge Kleider vorfinden, die ihnen ganz gut stehen werden; diese sollen sie anziehen!“
RB|1|52|8|0|Robert tut sogleich, wie Ich es ihm geraten habe. Und die Tänzerinnen haben eine große Freude daran und kleiden sich gar hurtigst an.
RB|1|52|9|0|Als sie nun in der kürzesten Zeit von wenigen Augenblicken gar sehr herrlich bekleidet dastehen, da kann sich der Robert nicht genug verwundern über die herrlichen Gestalten. Er kommt schnell wieder zu Mir und spricht: „Aber das ist doch alles, was man nur immer denken und sagen kann! Siehe, nicht nur, dass ihnen diese rein himmlisch schönsten Kleider wie angegossen gut anstehen, sondern diese Kleider wirken auch auf ihre Gestalt ein! Was das nun für herrlich allerliebste Gesichter sind! Eines in seiner Art interessanter als das andere! Dann, wie schön weiß und rund sind nun ihre früher sehr spitzeckigen Arme geworden! Wie hochrund und wallend ihr Busen! Und erst ihre Füße! Mord und tausend Elemente! Nein, hörst Du, so was bekommt ein armer Sünder auf der Erde nie zu Gesicht! Ist aber auch gut; denn so einem Fuß wäre ich auf der Erde selbst bis Kamtschatka nachgerannt! Hier an Deiner Seite [aber] ist mir das eine Tinte!
RB|1|52|10|0|Aber nun stechen sie aber dennoch etwas zu stark ab von diesen ehedem schöneren Choreografinnen! Du wirst nun schon diese Hascherinnen auch ein wenig besser ausstaffieren müssen!“
RB|1|52|11|0|Rede Ich: „Ganz wohl und recht! Gehe nur wieder hin und eröffne den bewussten Schrank, und es werden sich auch für diese noch Kleider in gerechter Menge vorfinden.“
RB|1|52|12|0|Robert zeigt das den ersteren Tänzerinnen sogleich an, und diese hüpfen vor Freude hin und ziehen sich auch in wenig Augenblicken ganz außerordentlich himmlisch brillant an.
RB|1|52|13|0|Diese gefallen nun dem Robert noch besser als die früheren, sodass er sich gar nicht genug sattsehen kann an diesen himmlisch schönen Gestalten, natürlich nach seinen Begriffen. Er kommt sogleich wieder zu Mir zurück und spricht: „O Herr, was Dir doch alles gar so leicht möglich ist, das ermisst wohl ewig keines noch so vollkommenen Geistes tiefster Sinn! Nein, wie schön aber diese Engelchen nun dastehen, und welch eine echt himmlische Anmut, Frische und Heiterkeit nun aus ihren schönsten Augen strahlt, das ist ja gar nicht zu beschreiben! Bei meiner großen Seligkeit, die könnten, so sie mir gar zu freundlich kämen, sogar zu einem Ku…! Nein, nein, doch nicht! Auch das muss für einen Blum ein und dieselbe Tinte sein! Aber schön sind sie, das ist wahr! No, gute Nacht, meine lieben ‚Wiener‘ draußen! Wenn ihr diese sehen werdet, dann wird der Teufel bei euch etwa doch ein bisschen loswerden!? Nun aber könnten wir etwa doch schon zu den drei Helden gehen?!“
RB|1|52|14|0|Rede Ich: „Ja, jetzt komm nur mit Mir!“
RB|1|53|1|1|Die Volksführer Messenhauser, Jellinek und Becher im Jenseits. Ihre Ansichten über Gott, Hölle und Fatum.
RB|1|53|1|1|(Am 1. März 1849)
RB|1|53|1|0|Wir beide langen nun bei der Türe an, und diese geht auch sogleich wie von selbst auf.
RB|1|53|2|0|Durch die geöffnete Türe sieht man nun die drei, ganz vertieft um einen runden Tisch sitzend, in verschiedenen Schriften und Akten also herumwühlen, als suchten sie irgendein wichtiges Dokument.
RB|1|53|3|0|Nach einer Weile dieses wie vergeblichen Suchens spricht Messenhauser ziemlich aufgeweckt: „Aber ich sage es ja immer: Dies wichtigste Dokument für unsere Unschuld ist bei den letzten unglücklichsten Affären rein verloren oder wohl ganz und gar vernichtet worden! Was nützt uns nun all unser suchen? Verloren ist verloren! Rettet uns sonst nicht ein guter Genius aus diesem unserem Gefängnis, etwa bei Nacht und Nebel, so sind wir ohne Weiteres verloren! Denn bei diesen Rechtlern Gnade erwarten, wäre noch ein größerer Wahnwitz, als so man meinen würde, eine ganze Herde Tiger möchte einem Menschen nichts tun, der recht mutig mitten durch sie ginge! Wir sind nun schon einmal in den Händen der rechten Teufel, und da gibt es weder Gnade noch Erbarmen! Denn wo Minos, Aiakos und Rhadamanthys [Unterweltsrichter] zu Gericht sitzen, da steigen sogar dem Satan die Grausbirnen auf, geschweige uns drei armen Sündern! Ihr werdet es sehen, es wird gar nicht lange hergehen, so wird ein sanfter Herr Auditor mit einem Profosen [Vollstrecker] zu uns hereinkommen und wird uns ein allerliebstes Todesurteil vorlesen, und das mit einer so stoischen Gleichgültigkeit, als hätte er statt Menschen bloß nur so ein paar Regenwürmchen vor sich, die zertreten werden sollen! Ich sage es euch, wir werden erschossen werden!“
RB|1|53|4|0|Spricht darauf der Jellinek: „Freund Messenhauser, ich versichere dir um was du nur immer willst, dass das, was du noch immer befürchtest, an uns schon lange buchstäblich ist vollzogen worden! Es sieht die Sache wohl nahe so aus wie ein Fiebertraum; aber es ist dennoch kein Traum! Denn ich weiß es nur zu gut, und es schwebt mir nur zu klar noch vor meinen Augen, wie ich hinausgeführt worden bin in den entsetzlichen Graben und bin dort in optima forma erschossen worden, [und] dass ich darauf mich aber auch sogleich in diesem zweiten, dem irdischen gar nicht unähnlichen Kerker befand und dich, Messenhauser, schon hier antraf und der Freund Becher auch solchergestalt hier eintraf! Dass ich nur wahrlich nicht weiß, ob er oder ich früher da war, das ist mir das einzige Unerklärliche bei der ganzen Sache! Wir leben also nun ganz bestimmt nach dem Tod unseres Leibes hier ein gewisserart geistiges Seelenleben fort, und unsere Furcht vor einem nochmaligen Erschossenwerden ist eitel – das versichere ich auf alles, was ihr nur immer wollt!
RB|1|53|5|0|Aber mich drückt hier in diesem sonderbaren Zustand etwas ganz anderes, und das ist die große Ungewissheit erstens darüber, wo wir nun sind, zweitens, was haben wir zu erwarten und drittens, was wird in der Folge aus uns? Wenn in Dreiteufelsnamen denn am Ende an den vielen Höllenpredigten der Liguorianer [Redemptoristen] und Konsorten doch etwas daran wäre!? So wären wir mit unserem Los wahrlich nicht zu beneiden! So ein ewiges Verdammungsurteil von Seiten irgendeines allmächtigen Wesens ginge zur Vervollständigung unseres Glücks gerade noch ab! Aber ich tröste mich bis jetzt noch immer mit dem, dass das Gottwesen, so es irgendwo ist, doch sicher endlos besser sein muss, als all die besten Menschen der Erde zusammengenommen; und soll es auch nicht gar so unmenschlich gut sein, so ist es doch sicher besser als der Feldmarschall Windisch-Graetz, der uns mit einer so unbeschreiblichen Gemütsruhe hat hinrichten lassen, als wie da ein Aar verzehret ein Aas. Oh, wenn es nur da irgendein Mittel gäbe, sich an diesem Tiger rächen zu können, und das so ausgedacht grausam als nur immer möglich, so wäre das für mich wenigstens die größte Seligkeit, die ich mir nur immer denken und wünschen könnte! Wärt ihr da nicht mit einverstanden?!“
RB|1|53|6|0|Spricht der Becher: „Ja, ja, Bruder, du scheinst in allem recht zu haben! Der Freund Messenhauser ist da noch in einer gewissen Hinsicht wie irdisch gefangen und meint, dass er noch immer in Wien, in einem Kerker schmachtend, das Todesurteil zu erwarten habe! Allein in diesem Punkt stimme ich nun ganz dem Freund Jellinek bei. Es ist im vollsten Ernst kein Traum, sondern leider die allernackteste Wahrheit, dass wir drei allesamt und sämtlich ganz vollkommen sind erschossen worden, und so ich mich nicht irre, zirka November oder Dezember herum – könnte aber dennoch nicht mit Gewissheit bestimmen an welchem Tag. Denn ich bin hier, wo es weder ganz Tag noch ganz Nacht ist, ganz vollkommen aus aller Zeitrechnung heraus! Es liegt hier aber auch nichts daran! Wir sind irdisch genommen ein für alle Mal tot, und da nützt kein Denken und kein Reden. Aber ich frage hier auch, wie du Bruder Jellinek ehedem ganz richtig gefragt hast.
RB|1|53|7|0|Aber an eine Hölle glaube ich durchaus nicht. Denn so es einen Gott gibt, da kann es keine Hölle geben. Gibt es aber keinen Gott, da kann es wohl noch weniger eine Hölle geben! Denn der eigentliche Begriff Gott ist zu rein, zu heilig, zu erhaben groß und zu weise gut, als dass man sich neben Ihm und eigentlich aus Ihm eine Hölle als den Begriff der totalsten Unvollkommenheit in allem denken könnte. Gibt es aber keinen Gott, sondern bloß rein mechanische, bewusstlose Kräfte, so fragt sich's, wie haben diese eine systematische Hölle zuwege bringen können?“
RB|1|53|8|0|Spricht Jellinek: „Oh, das kann ich mir recht leicht vorstellen, und das so: Gibt es einen Gott, was nicht zu bezweifeln ist, so fragt sich's: wie hat dies vollkommenste, beste Wesen auch einen Windisch-Graetz z. B. erschaffen? Dieser Tiger-Mensch wird etwa doch die Hölle so ziemlich getreu auf der Erde vorstellen, und ist doch gleich wie eine jede Klapperschlange ein Werk der vollkommensten Gottheit?! Soll es aber keine Gottheit geben, so fragt sich's dann auch wieder, wie konnten die stummen Naturkräfte in eine so miserable Laune geraten und einen Windisch-Graetz gewisserart zufällig herausmodeln?! Ihr seht nun, dass unter einem Gott, wie auch unter gar keinem Gott, das Böse sich ebenso gut vorfindet wie das Gute, und zumeist noch reichlicher und stärker, woraus sich aber dann unter beiden Bedingungen die Hölle ganz gut herausfolgern lässt. Und es ist daher auch gar sehr leicht möglich, in diese also ganz unschuldig zu geraten, als wie wir weiland irdisch in die Hände des Windisch-Graetz geraten sind. Was meint ihr in dieser Beziehung?“
RB|1|53|9|0|Spricht Messenhauser: „Ja, ja, Bruder, du scheinst ganz recht zu haben! Mir kommt es nun auch schon ganz evident vor, dass ich wirklich erschossen worden bin, und das bald nach dem armen, gutherzigen Blum. Ich habe nun schon so manche Beobachtungen nebenher gemacht, wollte euch aber dennoch nicht stören in euren Gesprächen. Aber da ihr nun damit zu Ende seid, so kann ich's euch wohl mitteilen!
RB|1|53|10|0|Seht auf den Tisch, an dem wir unsere wichtigen Papiere liegen hatten – die Papiere sind auf einmal rein unsichtbar geworden! Das ist schon ein frappant sonderbarer Umstand, den man sich ohne Döbler und Bosko [zwei berühmte Zauberkünstler] nicht leicht erklären kann!? So bemerke ich auch dort gegen Morgen zu auf einmal eine Türe offen, wo wir noch kurz vorher alle drei zusammen keine Spur hatten, an welcher Wandseite sich möglicherweise etwa doch eine Art Türe vorfinden ließe?! Endlich bemerke ich mit nicht geringem Staunen, dass dieser unser Kerker sich, nach Art der döblerschen Nebelbilder anfängt in ein ganz nett aussehendes Zimmer umzugestalten, also fange ich nun auch wirkliche Fenster in diesem Zimmer zu entdecken an, und nehme es ganz genau wahr, dass es nun lichter und lichter wird. Es war zuvor zwar wohl auch so ein gewisses sonderbares Dämmerlicht in diesem unserem Kerker; aber wir konnten bei diesem Licht nichts so recht bestimmt unterscheiden, ob wir von Wesen oder Gegenständen mechanischer Art umgeben sind. Nun aber nehme ich schon alles recht genau aus und sehe allerlei recht zierliche Gegenstände!
RB|1|53|11|0|All diese Erscheinungen bestärken mich immer mehr und mehr, dass wir uns nun richtig in einer Traum- oder Geisterwelt befinden müssen. Aber was da in dieser sonderbaren Welt aus uns in der Folge wird, das ist freilich eine ganz andere Frage, die schier keiner von uns gar zu leicht beantworten wird!
RB|1|53|12|0|Du, Bruder Jellinek, hast ehedem auch einmal etwas angezogen, wie du dich an dem Windisch-Graetz rächen möchtest, und wie dir diese Rache zur größten Seligkeit gereichen würde. Siehe, in diesem Punkt stimme ich dir wieder nicht bei; denn siehe, ich bin durchaus ein Fatalist. Das Fatum hat auf die Erde Gift und Balsam in gleichem Maß ausgestreut. Was kann ein Tiger dafür, dass er ein Tiger ist? Ist die Klapperschlange darum verdammlich, dass sie eine Klapperschlange ist? Was kann die Tollkirsche dafür, dass ihre Frucht dem Leben des Menschen gefährlich ist? Und ebenso gut lässt sich das auch vom Windisch-Graetz sagen. Er ist ein blindes Werkzeug des Fatums, das ihn so gestaltet und eingerichtet hat, wie er ist. Und er ist in seiner Art ebenso gut zu bedauern wie wir, die wir ihm zu einem blutigen Opfer geworden sind.
RB|1|53|13|0|Wir haben es gottlob, wie man so zu sagen pflegt, überstanden. Er hat es noch zu überstehen. Und wer weiß, ob er es am Ende besser haben wird, als wir es gehabt haben, die wir auch als arme Werkzeuge des Fatums eben darum gefallen sind, weil uns das leidige Fatum dazu auserkoren hat. Heute mir, morgen dir! Und am Ende ist es eins, ob man hundert oder ob man zehn Jahre den Staub und den Kot der Erde flachgetreten hat, oder ob man am Galgen oder im weichen Bett den Leib den Würmern zur Speise übergeben hat. Mir ist das nun ganz einerlei!
RB|1|53|14|0|Ein Leben habe ich wieder! Der Messenhauser bin ich auch noch! Ich habe keinen Schmerz, wie auch keinen Hunger und keinen Durst! Ihr, meine lieben Freunde, seid mir auch geblieben, und unser Zimmer wird stets heller und schöner! Was wollen wir da noch mehr?! Vom Schlechterwerden scheint hier schon durchaus keine Rede zu sein. Und wenn es so fortgeht, so können wir uns nur gegenseitig hoch zu gratulieren anfangen. Denn besser und sorgenloser ist es uns auf der lieben Erde ja auch nie gegangen! Wer weiß es, wie es sich hier noch fürder gestalten wird? Ich glaube, stets besser und besser! Und soll es mit der Weile wieder einmal schlechter werden, no, so wird uns das doch etwa auch nichts Neues sein? Denn wie gar oft hat das Fatum uns auf der Erde zwischen gut und schlecht hin und her geschoben.
RB|1|53|15|0|Also bleibt es wenigstens bei mir dabei, dass ich alles annehme, wie es nur immer kommen mag. Denn ändern kann ich die Sache nicht. Und so ist es doch am klügsten, alle Sachen zu nehmen, wie sie sind und wie sie kommen, und dabei alle seine Wünsche aber rein an den ersten besten Nagel zu hängen. Denn diese haben uns noch nie Interessen getragen und werden uns auch höchstwahrscheinlich nie einigen Nutzen bringen! Seid ihr darin mit mir nicht ganz vollkommen eins?“
RB|1|54|1|1|Jellinek beweist aus der Natur das Dasein Gottes. Der endliche Mensch könne die unendliche Gottheit aber niemals fassen. Ablehnung der Göttlichkeit Jesu.
RB|1|54|1|1|(Am 3. März 1849)
RB|1|54|1|0|Spricht Jellinek: „Bis auf dein Fatum ganz vollkommen einverstanden in allem! Aber mit deinem Fatum scheint es, weißt du, wie es die Wiener sagen, einen Faden zu haben, und das einen sehr bedeutenden!“
RB|1|54|2|0|Spricht Messenhauser fragend: „Wieso? Erkläre dich darüber deutlicher!“
RB|1|54|3|0|Spricht Jellinek: „Nur eine kleine Geduld, mein lieber Bruder Messenhauser! Denn weißt du, so was lässt sich nicht sogleich wie mir und dir nichts aus dem Ärmel herausbeuteln! Aber ich will es dennoch versuchen, dir dein leidiges Fatum ein wenig aus deinem Kopf herauszutreiben.
RB|1|54|4|0|Siehe, du warst dein ganzes Leben lang nur ein Mensch, der sich nie viel mit der höheren Sphäre der Wissenschaften abgegeben hat. Du warst sozusagen schon mit dem Einmaleins zufrieden und kümmertest dich wenig oder nie um die höhere Mathematik! Du weißt schon, was ich mit dieser Anspielung sagen will? Kurz und gut, du warst ein Schalen- oder Hülsengelehrter, als Belletrist, und hast dich wenig um den Kern der Wissenschaften bekümmert. Daher kam es denn auch, dass dir das innere Wesen der Dinge verschlossen bleiben musste. Weil dir aber dieses Wesen verschlossen blieb, so konntest du auch nie jene wohlbegründete Einsicht bekommen, in der sich dir eine gar wunderbar wohlberechnete Ordnung in all den Dingen und ihren Wirkungen und Gegenwirkungen beschaulich dargestellt hätte. Und so bliebst du nur an der äußeren Rinde kleben, die freilich wohl dem ersten Anschein nach das Aussehen hat, als wäre sie bloß nur des leidigen Zufalls Werk. Aber es ist dem nicht so, sondern ganz anders!
RB|1|54|5|0|Sage mir, Bruder, hast du schon einmal erlebt, dass so irgendwo aus bloßem Zufall ein Haus mit all seinen Einrichtungen entstanden ist? Du sprichst: Nein, so was sei noch nie geschehen! – Gut, sage ich; wenn der Zufall aber nicht einmal ein dummes Haus zuwege bringen kann, wie soll er eine ganze Erde erschaffen können, auf der wir doch die wohlberechnetsten Wunderdinge in einer Unzahl antreffen, von denen das allereinfachste schon eine viel zu tief durchdachte und weiseste Konstruktion aufweist, als dass man nur von Ferne hin, sogar mit verbundenen Augen auf die Mutmaßung kommen könnte, zu behaupten und zu sagen: Das ist ein Werk des stummen und sozusagen blindesten Fatums! Bruder, du gibst mir recht, und das freut mich! Aber höre mich nur noch ein wenig weiter an!
RB|1|54|6|0|Betrachte du nun aber erst die wunderbarsten Einrichtungen der Pflanzen! Wie streng und genau sie in ihrer einmal gestellten Form durch Jahrtausende als stets dieselben vorkommen und ihr Geschlecht und ihre Tauglichkeit auch nicht um ein Atom ändern. Wie unberechenbar kunstvoll muss schon die bloß nur mechanische Konstruktion eines Samenkorns sein, der zufolge es aus der Erde nur die ihm zusagenden Teile an sich zieht, durch die es sich dann wieder, und zwar allzeit vervielfältigt regeneriert! Von dem übersinnlichen Wesen eines Samenkorns will ich eigentlich gar nichts reden, denn wer begreift jene rein göttliche Berechnung, der zufolge ein einziges Samenkörnchen zahllose Myriaden seinesgleichen in sich fasst, und das nicht nur in der Form des Samenkorns, sondern auch in der Form der Pflanze, auf der das Samenkorn reift.
RB|1|54|7|0|Nehme an nur eine Eichelnuss! Setze sie ins Erdreich, so wird in Kürze ein ganzer Eichbaum zum Vorschein kommen, und dieser wird dir dann durch viele Jahre hindurch eine unzählbare Menge Eichelnüsse abgeben. Wenn du all diese Nüsse wieder in die Erde legst, so wirst du schon einen Wald von vielen Millionen Eichbäumen haben, die dir alle die gleichen Früchte erzeugen werden, in einer dir nimmer berechenbaren Vielheit! Und siehe, das alles liegt wunderbarst in einer jeden Eichelnuss vor unseren Blicken verborgen und ist doch unleugbar da! Wenn aber so, o sage mir dann, ob ein Fatum eine Eichelnuss wohl also einzurichten vermag?“
RB|1|54|8|0|Spricht Messenhauser: "Bruder Jellinek, wahrlich, ich muss es dir sagen, dass du ein ganzer Theosoph bist! Dein ganz schlichter Beweis mit der Eichelnuss hat mir mehr gesagt als all die gelehrten Phrasen, mit denen ich je auf der Erde meinen Gehirnkasten belästigt habe! Von der totalen Nichtigkeit eines Fatums bin ich nun total und geläutertsten Erkenntnisses überzeugt, und ich brauche wahrlich weiter gar nichts mehr. Denn dein Beweis war ein schlagender für mich. Aber nun kommt was anderes:
RB|1|54|9|0|Einen Gott voll der höchsten Urmacht und Weisheit muss es sonach geben – das kann mein Gemüt und all mein Verstand ewig nimmer in eine Abrede stellen! Aber wo und wer ist dieses Gottwesen? Kann es von einem Geschöpf je erschaut und begriffen werden?! Ich kann mich noch gar wohl entsinnen, wie ich noch als Studierender in der fünften Gymnasialklasse die sogenannte biblische Geschichte habe zu studieren gehabt und da einen Text gefunden habe, und so ich mich nicht irre, etwa wohl in einem der fünf Bücher Moses; dieser Text lautete: Gott kann niemand sehen und leben zugleich! Dieser ominöse Text soll dem Moses aus einer Feuerwolke zugerufen worden sein, als er an die mit ihm redende Gottheit das heißeste Verlangen stellte, Selbe nicht nur zu hören, sondern auch zu schauen. Ich muss dir aufrichtig bekennen, dass ich eben zufolge dieses Textes wohl noch immer einerseits so einen gewissen halben Glauben an die Gottheit behielt. Aber was dann den Glauben betrifft, dass der gewisse Jesus die Fülle der Gottheit in sich fassen soll, da muss ich euch, meinen beiden liebsten Freunden, ganz offen bekennen, dass ich darin ein reinster Atheist war und respektive es noch bin.
RB|1|54|10|0|Es hat zwar die reine Lehre Jesu, natürlich getrennt von den ihr beigemischten Wundermärchen, wahrhaftig die alleredelsten und allerrichtigsten mit der Natur der Menschen vollkommen übereinstimmenden Grundsätze, gegen die sich gar nichts einwenden lässt. Es setzt wahrlich einen vollkommensten Anthropologen (Menschenkenner) voraus, um solche allgemeinst praktikable Grundsätze aufstellen zu können! Aber dass der Erfinder solcher Grundsätze darum auch ein Gott sein soll, weil er aus dem klar vorliegenden Bedürfnis der Menschen moralische Grundsätze, die sich mit der allgemeinen Natur der Menschheit am besten vertragen, abstrahiert, zusammengestellt und endlich gelehrt hat – das geht über allen Horizont meines Wissens und Glaubens!
RB|1|54|11|0|Die Lehre für sich kann also ganz gut bloß nur menschlichen Ursprungs sein und benötigt keines Gottwesens. Denn so jeder richtigen Lehre Urheber ein Gott sein müsste, da müsste es nun schon beinahe wimmeln vor lauter Göttern auf der Erde! Euklides, als der Erfinder der geometrischen Figuren, eine der wichtigsten Erfindungen, wäre ein Gott! Der Erfinder der Ackergerätschaften, die von unberechenbarer Wichtigkeit sind, wäre schon eine Art Gott-Vater! Der Erfinder der Zahlen dito! Der Erfinder der Schiffe ebenfalls ein Gott! Und so noch zehntausend und mehr andere allerartige Erfinder von den verschiedensten nützlichsten Dingen! Wie aber das ganze Heer von allerlei Erfindern von gleich großen, wichtigen und nützlichen Dingen nie noch auf eine Vergötterung Anspruch machte, also glaube ich, dass der Erfinder der besten und einfachsten Moral wohl auch darauf hatte Verzicht leisten können. Meines Wissens hat er auf die lächerliche Vergöttlichung wohl nie einen Anspruch gemacht. So aber in jener Zeit kurzsichtige und sehr abergläubige Menschen aus ihm einen Gott machten, weil er tausendmal gescheiter war als sie, so soll uns das nun nicht mehr beirren, Jesus nicht mehr lächerlicherweise für einen Gott, sondern nur als das, was er wirklich war, zu halten! Denn ich glaube, dass die gegenwärtige Menschheit es endlich doch einmal einsehen soll, dass das Unendliche niemals endlich werden kann; dass Gott ewig Gott bleibt, und der beschränkte Mensch nur ein beschränkter Mensch.
RB|1|54|12|0|Doch es lohnt sich hier wahrlich nicht der Mühe, viele Worte darüber zu machen, was gegenwärtig bei allen Grundgelehrten als eine ausgemachte Sache betrachtet wird. Aber, was ich früher bemerkt habe, nämlich das: Wo und wer so ganz eigentlich die Gottheit ist, deren Dasein ich nun durchaus nimmer bezweifeln kann, darüber sagt mir etwas, ihr meine beiden lieben Freunde!“
RB|1|54|13|0|Spricht Jellinek: „Ja, du mein liebster Bruder Messenhauser, das ist eine ganz verzweifelt kitzlige Sache! Das Wo und das Wer werden wir wohl wahrscheinlich ebenso wenig herausbringen, als wie du soeben selbst recht trefflich als Gegenbeweis für die Gottheit Jesu gesagt hast, dass nämlich das Unendliche niemals endlich werden kann! Denn so wir endliche Wesen das unendliche Wesen der Gottheit begreifen wollten, da müssten wir es zuvor endlich machen können, was natürlich ganz vollkommen unmöglich ist, und ebenso scheint es mir auch vollkommen unmöglich zu sein, von dem unendlichen Gottwesen mehr zu wissen und zu begreifen, als was ich dir früher durch das Beispiel der Eichelnuss gezeigt habe! Ich bin nun der Meinung, wir sollen uns nun mit etwas anderem abzugeben anfangen. Denn im Punkt der Gottheit werden wir alle drei ganz verzweifelt wenig herausbringen.“
RB|1|54|14|0|Spricht Becher: „Ja, ja, du hast ganz vollkommen recht! Denn die Gottheit ergründen wollen, heißt wahrlich, wie eine alte, aber recht gelungene Kirchenfabel sagt: das Meer in eine hohle Nuss einfassen wollen! Lassen wir daher dieses Feld, das kein Ende und kein Absehen hat, und fangen wir von etwas anderem zu parlieren an, z. B. was etwa unser Freund, der Blum, in dieser Welt, oder was etwa unser Erzfeind, der Windisch-Graetz, auf der Erde nun macht, und ob er nicht etwa auch bald zu uns herüberkommen wird, wo wir ihn ganz gebührend empfangen würden!“
RB|1|54|15|0|Spricht Jellinek: „Brüder, was unsern Freund, den samt uns armen Blum betrifft, ja, da bin ich gleich dabei! Aber mit dem Alfredius Windisch-Graetz verschont mich; denn diesen Tiger wünsche ich wohl ewig nimmer zu Gesicht zu bekommen! Aber horcht, horcht! Mir kommt es vor, als vernehme ich noch mehrere Menschenstimmen außer[halb] der Tür, die nun offensteht! Erheben wir uns einmal von diesem unserem Disputiertisch und begeben uns zur Tür, um zu sehen, was es etwa außer[halb] derselben gibt.“
RB|1|55|1|1|Die drei Freunde Roberts fürchten sich vor dem Betreten des anderen Zimmers. Begegnung mit Robert und dem Herrn.
RB|1|55|1|0|Die drei erheben sich nun endlich einmal von ihrem Tisch und begeben sich langsamen und sehr behutsamen Schrittes zur offenstehenden Tür. Als sie an die Türe kommen, so entdecken sie, als wie aus einem Schlaf erwachend, dass es außer ihrem Wohnzimmer noch ein viel größeres und viel herrlicheres Zimmer gibt. Sie gucken einige Schritte vor der Türe hin und her und auf und ab, um irgendetwas für sie Denkwürdiges zu entdecken. Denn ganz an die Türe getrauen sie sich doch noch nicht, weil sie nicht wissen, wer und was ihnen da etwa doch begegnen könnte.
RB|1|55|2|0|Nachdem sie eine ziemliche Weile das Zimmer, in dem Ich Mich mit dem Blum etwas von der Türe zurückgezogen befinde, wie auch die vierundzwanzig Tänzerinnen, die noch mehr im Hintergrund beisammenstecken, gehörig durchspionierten, soweit sie von ihrem Standpunkt dasselbe in den Augenschein nehmen können, und darinnen nichts Bedenkliches und Gefährliches wahrnehmen, da spricht der Jellinek mit einer etwas leiseren Stimme:
RB|1|55|3|0|„Liebe Freunde, ich entdecke durchaus nichts Gefährliches in diesem unserem Antichambre (Vorzimmer)! Im Gegenteil ersehe ich gerade in der rechten Ecke dort einen Tisch, auf dem sich in einer sicher zwei Maße haltigen Kristallflasche ein sehr gut aussehender Wein und einige sehr einladende Stücke Brot, sicher aus dem feinsten Weizenmehl gebacken, befinden. Wenn uns sonst keine Gefahr droht, als bloß die nur, auch hier im Reich der Geister eine Bekanntschaft mit Brot und sicher bestem Wein zu machen, da glaube ich, wir sollten da nicht so sehr zaghaftig und über alle Maßen zaudernd dem entgegengehen, was offenbar nur dafür bestimmt zu sein scheint, um uns von diesem unserem geistigen Sein bessere Begriffe und Ideen beizubringen als die da sind, auf denen wir bis jetzt ungefähr also herumgeritten, wie die Donischen Kosaken auf ihren alles Fleisches und Fettes ledigen Reitpferden in einem Feldzug gegen die Kaukasier! Es dürfte uns meines Erachtens daher ein bisschen mehr Mut gar nicht schaden! Was meint ihr in dieser Hinsicht?“
RB|1|55|4|0|Spricht Messenhauser: „Bruder Jellinek, da stimme ich ganz vollkommen dir bei! Nur das muss ich dir wie auch dem Bruder Becher gegenüber sogleich zu meiner eigenen Schande bekennen, dass ich bei solchen Naturforschungsgelegenheiten allzeit am liebsten der Letzte bin! Denn könnte es da am Ende doch wohl möglicherweise zu einer Retirade [Rückzug] kommen, so wäre ich da dann natürlich der Erste!“
RB|1|55|5|0|Spricht Jellinek: „Aber lieber Bruder! Schau, schau! Wie es mir vorkommt, so bist du ja ein Haupthasenfuß! Wie aber hast du doch mit solch einem Mut einen Armeekommandanten vorstellen können?! O Bruder, nun wird mir so manches klar! Schau, so du nicht von einer gar so hasenfußischen Begeisterung beseelt gewesen wärst und hättest lieber im offenen Feld vor dem Feind deine Heeresmacht anstatt von deinem wohlbewachten Kommandantenbüro aus befehligt – wer weiß es, ob Wien nicht gesiegt hätte? Wenn allenfalls ein Napoleon an deiner Stelle gewesen wäre, da hätten die kaiserlichen Kanonen und Bomben sicher einen sehr bedeutend submisseren [bescheideneren] Ton angenommen. Aber nun all das beiseite. Freund! Ich bitte dich um deiner eigenen Ehre willen, sei mir nur jetzt kein Hasenfuß!“
RB|1|55|6|1|(Am 10. März 1849)
RB|1|55|6|0|Spricht Messenhauser: „Aber biederster, liebster Freund und Bruder, weil du schon so ein förmlicher Napoleon von einem Helden bist, wie wäre es denn, so du mir und dem Bruder Becher eine mutigste Avantgarde [Vortruppe] machtest?! Denn ich sehe nun schon, dass du unter uns den meisten Mut hast! Daher sei so gut und mache uns einen Anführer! Oh, ich halte mich darüber gar nicht auf, dass du soeben meinen Mut ein wenig durch die Hechel spazieren ließest. Denn wahrlich, ein wahrer Heldenmut hat mein Gemüt nie belebt! Aber was wahr ist, das ist wahr: Ich hatte trotz meinem geringen Heldenmut dennoch nie eine große Furcht vor dem Tod – und so ist es auch jetzt. Ich fürchte mich durchaus nicht davor, als ob mir etwas Arges widerfahren könnte oder möchte; aber es klebt mir so eine ganz eigene Scheu vor diesem unserem Vorzimmer an, allenfalls gleich jener, die gespensterscheue Kinder vor manchen Gemächern haben, die ihnen durch ihre Ammen als gespensterhaft bezeichnet worden sind. Es ist wirklich etwas ganz Eigenes an dieser meiner Furcht! Es kommt mir auch so vor, als [wie] jemandem, der eine unverscheuchbare Ahnung hat von großen Ereignissen, die ihn sehr nahe berührend bald und sicher eintreffen werden! Wahrlich, ich kann für dies mein sonderbares Vorgefühl nicht! Aber es ist einmal da, und ihr werdet es sehen, ob mich mein Gefühl getäuscht hat, wenn wir unsere Füße über die Türschwelle setzen werden. Da kommt es mir denn gerade so vor, als dass wir da sogleich auf unerwartete, große Dinge und Begebnisse stoßen werden. Und das, hoffe ich, wird meine sonderbare Mutlosigkeit bei dir, mein liebster Bruder Jellinek, denn doch etwa ein wenig zu entschuldigen imstande sein?“
RB|1|55|7|0|Spricht Jellinek: „Ja, ja, mein Freund, das ist aber auch etwas ganz anderes! Denn siehe, auch mich foltert ein ähnliches Vorgefühl. Aber weißt du, das darf nie einen großen Geist genieren! Wenn ich mir jene schöne Flasche Wein so recht von Angesicht zu Angesicht besehe, und das schöne Weizenbrot daneben, und mein zwar nun geistiger, aber dessen ungeachtet appetitvoller Magen auch eine sehr bedeutende Sehnsucht kundzugeben anfängt und gewisserart sagt: ‚Das könnte deinen Räumlichkeiten sicher bestens bekommen!‘ – oh, da möchte ich schon lieber draußen an selbem Tisch mich befinden als hier in eurer tremavollen [zittrigen, hasenfüßigen] Gesellschaft! Was soll mich aber eigentlich hier auch noch länger zurückhalten? Frisch gewagt, ist allzeit noch gewonnen gewesen! Daher also vorwärts, hurra!“
RB|1|55|8|0|Hier geht Jellinek mutig auf die Türe los und will auch ebenso mutig durch die Türe an den gutbesetzten Tisch hin wandeln. Aber in dem Augenblick, als er den Fuß über die Türschwelle setzt, vertreten Blum und Ich ihm die Tür, und der Blum spricht in seinem gewöhnlich etwas barschen Ton: „Halt, wer da?! Keinen Schritt eher weiter, als bevor du nebst deinen zweien noch anderen Begleitern dich legitimierend ausweisen wirst, wer ihr seid und was ihr hier wollt?!“
RB|1|55|9|0|Jellinek fährt anfangs bei dieser unerwarteten Begegnung etwas zurück, ermannt sich aber bald, da er in dem Examinator sogleich den Blum erkennt, und spricht ganz erstaunt: „Oh, oh, oh, Blum! Robert! Ja wo, wo bist denn du nun gewesen?! Ah, ah, das ist denn doch etwas zu stark! Geh und lass dich tausendmal umarmen und küssen ohne Ziel und Maß! Kennst du uns denn etwa doch im Ernst nicht? – den Messenhauser, den Becher und mich, deinen Jellinek – nicht?“
RB|1|55|10|0|Spricht Blum: „Ja, richtig, richtig! Ihr meine Leidens- und Schicksalsgenossen seid es ja so leibhaftig ganz dieselben, wie ihr es auf der Erde wart! Ich wusste das ja lange schon, dass ihr hier meine Gäste seid. Aber ihr wusstet es nicht, dass ihr euch in meinem Haus befindet. Ihr habt euch (aber) von einer läppischen Furcht beschleichen lassen, daher trat ich euch denn nun auch also barsch entgegen, um euch eure närrische Furcht wie einen faulen Apfel mittelst eines kräftigen Schüttlers vom Baum zu nehmen. Kommt nun nur alle ganz wohlgemut heraus, und lasst uns dort bei jenem Tisch, auf den du, Freund Jellinek, schon einige bedeutungsvolle Blicke geworfen hast, ganz guter und fröhlicher Dinge sein! Bruder Messenhauser und du, Bruder Becher, traut ihr euch nun auch noch nicht über die Türschwelle?“
RB|1|55|11|0|Sprechen Messenhauser und Becher zugleich: „Sei uns tausendmal gegrüßt, als unser schätzbarster Bruder und Freund! Mit dir gehen wir, wohin du uns nur immer führen willst – besonders aber zu jenem Tisch hin, der für unsere nun sicher vollkommen leeren Mägen eine sehr reichliche Segnung trägt!“
RB|1|55|12|0|Mit diesen Worten stürzen sie auch voll Freude zum Blum heraus, umarmen und küssen ihn klein ab und begeben sich dann zum Tisch hin.
RB|1|56|1|1|Jellineks Herz entbrennt in Liebe zu Roberts Freund. Ein himmlischer Wein. Jellineks Trinkspruch und des Herrn Erwiderung.
RB|1|56|1|0|Der Jellinek aber schaut Mich so recht freundlich fest an und fragt Mich, sagend: „Lieber, holdester Freund unseres Freundes und Bruders Blum, dürfte ich Dich nicht bitten, dass Du Dich uns auch näher zu erkennen geben möchtest! Denn Du musst sicher auch ein äußerst edler und guter Mensch sein, sonst Du Dich sicher nicht in der Gesellschaft unseres edelsten Freundes Blum befinden möchtest!“
RB|1|56|2|0|Rede Ich: „Die Folge wird dir alles enthüllen, was dir nun noch dunkel ist! Gehe aber nun mit Mir nur auch zum Tisch des Herrn hin und stärke dich dort zuvor, alsdann wirst du viel geeigneter sein, so manches zu begreifen anzufangen, was dir bis jetzt noch ein Rätsel sein musste. Komm also, mein lieber Freund und Bruder Jellinek!“
RB|1|56|3|0|Spricht Jellinek: "O Freund, Deine Stimme klingt wunderbar freundlich! Jedes Deiner Worte schwellte mir das Herz auf eine bisher noch nie empfundene Weise! So Du nicht ein Engel aus den Himmeln Gottes bist, so leiste ich auf meine Menschheit ewig Verzicht! Ja, ja, Du bist, Du musst ein Engel sein! Weißt, ich werde bei Dir bleiben und mich ganz besonders an Dich so recht ausschließend [ausschließlich] festhalten! Denn ich muss Dir's offen bekennen, so lieb ich auch den guten Freund Blum habe, so habe ich Dich nun, seit Du mit mir geredet hast, aber dennoch ganz unbegreiflich um sehr vieles lieber! Aber jetzt also zum Tisch und ein Gläschen miteinander zur ewigen Freundschaft! Denn ich glaube, hier wird es doch etwa keine W. G. und R. [die Feldmarschalls Windisch-Graetz und Radetzky] geben, die über dies Haus ein Standrecht verhängen könnten?!“
RB|1|56|4|0|Rede Ich: „O nein! Diese Furcht lasse du für ewig beiseite! Nun aber also nur zum Tische hin; denn die andern trinken uns schon eine rechte Gesundheit entgegen.“
RB|1|56|5|0|Der Messenhauser geht dem Jellinek sogleich mit einem sehr schönen Kristallpokal voll des besten Weins entgegen und spricht: „O Bruder Jellinek, das ist eine wahre Tausendessenz all der besten Weine, die wir je irgend wann und wo auf der Erde verkostet haben! Da, trink den Pokal aus! Trink ihn auf das Wohl aller unserer Freunde und Feinde! Auch der Windisch-Graetz soll leben! Dies blinde Werkzeug der irdischen Völkerbeherrscher wird vielleicht wohl [auch] einmal zu einer besseren Einsicht gelangen!“
RB|1|56|6|0|Jellinek nimmt erfreuten Gemüts den Pokal und spricht: „Liebe Freunde! So gefallt ihr mir besser, als ehedem im Verlauf unserer nichtssagenden Debatten in jenem Haftkämmerchen dort, wo du, Bruder Messenhauser, noch immer aufs Todesurteil in aller ersichtlichen Verzweiflung harrtest!
RB|1|56|7|0|Aber hört, ich habe mir hier den Freund unseres Bruders Blum zu meinem Herzensfreund erwählt. Und so müsset ihr mir's schon vergeben, dass ich von diesem göttlichst duftenden Saft eher keinen Tropfen auf meine Zunge geben will, als bis nicht Er zuvor aus diesem nun mir gereichten Pokal getrunken hat!“
RB|1|56|8|0|Alle stimmen überfröhlichen Mutes in den Wunsch des Jellinek. Dieser aber reicht sogleich Mir mit sichtlich intimster Freundschaftsliebe den Pokal und spricht: „O Du lieber, göttlich erhabener Freund! Verschmähe es nicht, aus der Hand eines armen Sünders, aus der Hand eines irdischen Staatsverräters diesen Becher anzunehmen! Wahrlich, hätte ich hier etwas Besseres, wie gerne würde ich Dir's als ein Zeichen meiner innigsten Verehrung und vollsten Hochachtung reichen! Aber so muss ich denn hier auch, wie einst der Apostel Petrus zum Lahmen an der Pforte des Tempels, sagen: ‚O Du lieber Freund! Sieh, Gold und Silber besitze ich nicht!‘, aber was ich nun habe, nämlich diesen mir dargereichten Becher und dann ein warmes Dich als einen allerwertesten Freund erfassendes und begrüßendes Herz, das gebe ich Dir! Oh, nehme es also an, wie ich es Dir darreiche! Es ist wohl sicher eine große Keckheit von mir, dass ich, als ein sicher in den Augen eines Engels für die Hölle ganz reifer Sünder, es wage, Dir, der Du sicher so ein Engel bist, diesen Becher und mein schlechtes Herz als Freundschaftspfand anzubieten. Aber ich liebe Dich einmal auch mit diesem meinem schlechten Herzen, weil ich ehedem in Deinen wenigen Worten, die Du an mich zu richten die Güte hattest, gar so viel Freundliches, Liebes und Weises fand! Bin ich auch ein ganz unreiner Geist oder Mensch, da drücke Du ein wenig Deine gar so himmlisch milden Augen zu und denke Dir: Der Kerl versteht's nicht besser! – Weißt, ich bin ganz irdisch verfasst und weiß die Manieren noch lange nicht, wie man mit Geistern Deiner Art umzugehen hat. Aber das kannst Du versichert sein, dass bei mir Herz und Zunge fest aneinandergewachsen sind! Gelt ja, Freundchen, Du nimmst mir diese meine kecke Freiheit nicht übel!?“
RB|1|56|9|0|Ich nehme gar sehr freundlich den Becher aus der Hand des Jellinek, trinke daraus und sage dann zu Blum: „Bruder, gehe hin, in dem Speiseschrank steht noch eine Flasche voll Meines eigentlichen Leibweins! Diese trage her, auf dass Ich diesem Meinem neuen, wärmsten Herzensfreund zeige, wie gar sehr teuer Mir nun seine Freundschaft geworden ist!“
RB|1|56|10|0|Blum springt geschwind hin und bringt eine förmlich diamantene Flasche voll des allerköstlichsten Weins und reicht sie Mir unter sichtlicher Rührung dar.
RB|1|56|11|0|Ich aber nehme die Flasche und schenke denselben Becher voll ein. Darauf nehme Ich den Becher und sage: „Hier, lieber Freund und Bruder, nimm den Becher hin und trinke dir daraus die vollste Überzeugung, wie gar überaus lieb, wert und teuer Mir deine Freundschaft ist! Was sprichst du von deinen Sünden? Welcher Mensch wohl könnte je ein Herz, das so voll der uneigennützigsten Liebe [ist], als ein mit Sünden behaftetes ansehen!? Bruder, Ich sage es dir, vor Mir bist du rein. Denn deine Liebe zu Mir bedeckt die Menge deiner irdischen Sünden! Was du aber noch irgend der Welt schuldig warst – weißt du, Ich müsste dir ein schlechter Freund sein, so Ich dir diese Schuld nicht abnähme und sie an deiner statt nicht berichtigte! Also trinke nun, Bruder Jellinek auf unsere ewige Freundschaft!“
RB|1|56|12|0|Jellinek, ganz zu Tränen gerührt, spricht: „O Du göttlicher Freund, Du, wie gar so lieb und gut bist Du! Oh, wenn ich mir nur jetzt das Herz aus dem Leib reißen könnte, und schieben in Deine Brust hinein! Aber gib nun den Becher her!“
RB|1|56|13|0|Er nimmt den Kristall, trinkt daraus und spricht: „Nein, o Du himmlischer Engelbruder! So Deine Freundschaft diesem Saft gleicht – und Du [dieser] natürlich zuerst selbst –, dann, dann, dann bist Du kein Engel, sondern ein reinster Gott selbst! Denn etwas Göttlicheres von einem Geschmack und Geist kann die ganze Unendlichkeit unmöglich irgendwo mehr aufzuweisen haben! Brüder, kostet auch ihr davon und sagt, ob ich nun nicht ganz vollkommen richtig geurteilt habe!“
RB|1|57|1|1|Wirkung des himmlischen Weins. Frage nach der Göttlichkeit Jesu. Erwägungen über die Liebe zu Gott und die Liebe zu den Frauen.
RB|1|57|1|1|(Am 14. März 1849)
RB|1|57|1|0|Blum, Messenhauser und Becher trinken alle daraus und verwundern sich über alle Maßen über die unaussprechliche Güte dieses wahrhaft allerechtest himmlischen Weins.
RB|1|57|2|0|Messenhauser nimmt das Wort und spricht: „Ja, wahrhaftig, deine Anspielung ist wirklich nahe so trefflich, wie dieser Wein hier! O Herr, ist das aber ein Wein! Bruder Blum, weißt du, in diesem Haus ist gut sein; ich glaube, wir sollen uns hier geradeaus für ewig einquartieren! Denn wo es in einem Haus, ob in der materiellen oder geistigen Welt, so ein Brot und so einen Wein gibt, da ist es schon ein für alle Mal non plus ultra gut sein! Daher bleiben wir hier in diesem Haus nur gleich für ewig, wenn es sein kann, beisammen! Sollte sich etwa dann und wann so uns gleich ein armer Sünder einfinden, d. h. wie wir – natürlich mit Ausnahme dieses unseres bisher namentlich noch unbekannten Freundes – es waren und eigentlich noch sind, so wollen wir ihn aufnehmen und ihm hier, wie man zu sagen pflegt, einen guten Tag angedeihen lassen, und wenn's auch einer unserer ärgsten irdischen Feinde wäre! Was meint ihr in dieser Sache?“
RB|1|57|3|0|Spricht Blum: „Freund Messenhauser, das war von dir sehr schön und würdig gesprochen, und das darum, weil du diese Worte wirklich aus deinem Herzen geholt hast, und nicht aus deinem Verstand. Ich sage es selbst: So jetzt der Windisch-Graetz hierherkäme als ein dürftiger und notleidender Geist, wahrlich, er soll bei uns sicher eine bessere Aufnahme finden, als wir sie auf der Erde bei ihm gefunden haben!“
RB|1|57|4|0|Alle drei schreien: „Bravo, so ist es recht! Um ein rechter Christ zu sein, muss man aus seinem tiefsten Lebensgrund das Böse mit Gutem vergelten können! Denn wer noch Rache in sich verspürt, der ist noch lange nicht ein vollkommener Geist und hat einen noch sehr großen Mangel an jeder freien Lebensgröße. Aber wer, wie einst der größte und weiseste Lehrer der Juden, am Galgen noch sagen kann: ‚Herr! Vergib es ihnen; denn sie sind voll Unverstand und wissen nicht, was sie tun!‘ – der hat in sich gewiss die höchste Lebensfreiheit! Ja, wir möchten sogar behaupten und sagen: Der ist ein Gott! Und das spricht auch am meisten für die Annahme der sonst noch sehr ins Dunkel gestellten Gottheit Christi.
RB|1|57|5|0|Wo etwa doch dieser einstige Jesus, an dessen irdischer Existenz gar nicht zu zweifeln ist, sich nun in dieser Geisterwelt befindet? Wahrlich, das war wohl ein allergrößter Freund der Menschen! Freund Blum, hast du bisher noch nie eine Gelegenheit gehabt, hier über diesen höchst merkwürdigen Mann irgend Näheres in eine sehr erwünschte Erfahrung zu bringen?“
RB|1|57|6|0|Spricht Blum: „O liebste Freunde, ich kann euch auf mein ganzes Leben versichern, dass gerade Er meine erste Bekanntschaft in dieser Welt war!“
RB|1|57|7|0|Fragen alle freudigst überrascht: „Wieso? Wie ging das zu? In welcher Gegend ereignete sich das? Was hat Er zu dir geredet?! Geh Bruder, geh und gib uns davon etwas zum Besten!“
RB|1|57|8|0|Spricht Blum: „Liebe Freunde, da wir nun etwas ganz anderes zu tun haben, so wollen wir das auf irgendeine günstigere Gelegenheit verschieben. Aber das kann ich euch schon in aller Kürze im Voraus versichern, dass Er mich gar bald wieder besuchen wird, bei welcher Gelegenheit dann auch ihr Ihn sicher werdet sehen und näher kennenlernen.“
RB|1|57|9|0|Spricht Jellinek: „Aber das kannst du uns doch im Voraus auch noch dazu sagen, ob du mit Ihm nicht über Seine von gar vielen Schwachgläubigen geglaubte Gottheit zu reden gekommen bist? Und hat Er solchen Glauben gebilligt oder nicht?“
RB|1|57|10|0|Spricht Blum: „Ja, liebe Freunde, ich sage euch ganz kurz, wir haben darüber sehr viel gesprochen. Und ich muss euch nun das schon hinzu sagen, der für euch nun freilich kaum begreiflichen Wahrheit gemäß: Christus ist der alleinig wahrste Gott von Ewigkeit! Er ist der Schöpfer aller Himmel und aller Welten! Mehr kann ich euch nun nicht sagen. Wenn Er aber kommen wird, da werdet ihr alles Nähere schon von Ihm Selbst erfahren!“
RB|1|57|11|0|Spricht Jellinek: „Freund Blum, das ist wegen des Beweises wahrlich nicht nötig, wohl aber wenigstens meines Herzens wegen. Denn ich muss euch's offen bekennen, dass so Er jetzt daherkäme und mir winkte, Ihm zu folgen, so würde ich euch allen augenblicklich untreu! Denn ich liebe Ihn schon als einen vollkommensten, besten Menschen mehr als alle Menschen der Erde zusammengenommen; denn alle Menschen zusammen haben Ihm bisher aber auch nicht das Wasser reichen können; wie um sehr vieles mehr aber werde ich Ihn erst lieben und liebe Ihn eigentlich schon, so Er auch wirklich Gott ist! Um das: wie Er ein Gott sein kann, will ich mich gar nicht kümmern. Denn ich habe einen Wahlspruch einmal wo in einem Buch gelesen, und dieser lautet: ‚Gott ist die Liebe! Wenn dein Herz je irgendwo und -wann von einer mächtigen Liebe ergriffen wird, so denke: Gott ist in dieser Liebe!‘ – und seht, dieser Spruch ist mein Barometer für das Dasein Gottes auch in einem Menschen, wie gleicherweise in einem ganzen Volk! Wenn sonach ich aber nun zu Christo eine allermächtigste Liebe in meinem Herzen verspüre, da sagt mir eben diese Liebe dann: Christus, den ich gar so überaus achte und liebe, ist und muss ein Gott sein; denn wie könnte ich Ihn sonst gar so mächtig lieben! Darum liebe ich auch diesen himmlischen Bruder gar so sehr nun, weil Er sicher gar viel Gottesliebe in sich birgt! Habe ich recht oder nicht?“
RB|1|57|12|0|Spricht Blum: „Ganz vollkommen! Nur das Herz kann Gott begreifen, der Verstand ewig nie! Aber nun, liebe Freunde, zu etwas anderem! Da wir schon gerade bei dem Kapitel der Liebe sind, so können wir dieses vermeinte andere gar leicht damit verbinden.
RB|1|57|13|0|Hört! Wohl ist die Liebe der einzige Beweisbarometer für die Gottheit und Ihr unbestreitbares Dasein. Aber wir wissen es auch, dass es neben uns ein weibliches zartes Geschlecht gibt, das nur gar zu oft unsere Herzen dergestalt in den Anspruch nahm, dass wir darob einer höheren und reineren Liebe für Gott gar nimmer fähig waren! Nun, meint ihr wohl, dass auch in dieser, zumeist doch nur rein sinnlichen Liebe, Gott wohne?!“
RB|1|57|14|0|Spricht Jellinek: „Allerdings! Wäre nicht Gottes Zartheit in dem Weib, wer könnte sie lieben? Aber dass dessen ungeachtet diese Liebe auch ausarten kann, daran ist gar nicht zu zweifeln.“
RB|1|57|15|0|Spricht Blum: „Wenn zur Probe hier mehrere so ganz ausgezeichnete weibliche Schönheiten allenfalls im schönsten Ballettkostüm auftreten, und zwar mit der größten Freundlichkeit gegen uns und daneben aber auch der strenge, wenn sonst auch übergute Gottmensch Jesus – sage mir, besonders du, Jellinek, was würde dein Herz dazu für eine Miene machen? Denn ich weiß, dass dir die sogenannten Choreografinnen stets am meisten gefährlich waren!“
RB|1|57|16|0|Spricht Jellinek: »Bruder, du hast zwar hier eine meiner leider schwächsten Seiten berührt. Aber so viel kann ich dir dagegen doch als vollends von mir gewisserart rühmlich dartun, dass ich trotz all meiner Schwächen dennoch für ein echtes Haar Christi, wenn es darauf ankäme, 10.000 Choreografinnen auf der Stelle kann sitzen oder tanzen lassen! Denn weißt du, die Liebe zu Gott wird doch etwa ein bisschen mächtiger sein als die Liebe zu einer schmucken Tänzerin. Die Liebe zu den Weibern kann nur dann die Liebe zu Gott schwächen, wenn man entweder an einen Gott kaum glaubt, oder auf einen Gott zu glauben bemüßigt ist, der irgend in einer Hostie gleich einem Buschklepper stecken soll!? Aber so die Gottheit wirklich, und zwar in der Person Christi da ist, dass man Sie sieht, als solche erkennt und mit Ihr sogar reden kann, Bruder, da fahre du ab mit 10.000 Fanny Elßler und Cerritos [berühmte Tänzerinnen]! Aber natürlich ohne Christo könnten mir so einige gar sehr üppig bestellten Fannys in der Brust etwas mehr Wärme erzeugen, als so keine da sind.“
RB|1|57|17|0|Spricht Blum: „Bruder, möchtest du einige sehen?“
RB|1|57|18|0|Spricht Jellinek: „Wenn du auch derlei Geister hier hast, so lass sie sehen, auf dass wir an uns erfahren, inwieweit sie uns gefährlich werden könnten! Experientia docet [Erfahrung lehrt].“
RB|1|58|1|1|Probe der Weiberliebe für Roberts Freunde. Gute Erwiderungen Jellineks und Messenhausers.
RB|1|58|1|0|Auf diese Rede des Jellinek begibt sich Blum sogleich in den schon bekannten hinteren Teil dieses Zimmers, wo sich die vierundzwanzig Tänzerinnen nun hinter einem reichen Vorhang befinden – welcher Vorhang erst nach der Bekleidung dieser Tänzerinnen auf ihr bittendes Verlangen hergestellt worden ist, und zwar auf die wohlfeilste Art von der Welt, nämlich bloß durch Meinen Willen. Als er da anlangt, zieht er den Vorhang auseinander und spricht zu den hier ganz ruhig versammelten Tänzerinnen: „Nun, meine Lieben, ist es an der Zeit! Tretet sonach hervor und macht vor jenen drei Gästen einige recht artige Bewegungen! Aber macht eure Sache gut und macht diesem Hause auf keine Weise irgendeine Schande!“
RB|1|58|2|0|Die Tänzerinnen tun sogleich, was Blum von ihnen nun verlangt. Sie treten hervor, und bevor sie noch einen sogenannten Pas [Tanzschritt] machen, spricht die erste zum Blum: „Nur das bitten wir dich, dass du es uns nicht zu irgendeinem Fehler anrechnest, so wir durch unsere hier merkwürdig äußerst üppige Gestalt etwa gefährlich würden?! Denn dafür könnten wir wahrlich nicht! Kannst du aber so was im Voraus vermuten, da wäre es uns allen wohl lieber, du ließest uns nicht vor jene deine drei neuen Gäste treten! Denn es wäre uns allen wahrlich sehr leid, so wir Böses anrichteten, da wir nur ganz vollernstlich Gutes wirken möchten!“
RB|1|58|3|0|Spricht Robert: „Meine lieben Schwestern, gar sehr erfreut diese eure Äußerung mein Herz! Denn ich entnehme daraus klar, dass ihr alle vollkommen eines guten und reinen Sinnes seid! Aber es sei euch allen darum nicht im Geringsten bange! Denn dafür wird schon mein liebster Freund dort und ich auch die beste Sorge tragen, dass ihr jenen Gästen, und die Gäste euch nicht, den allergeringsten Schaden zufügen werden! Tretet sonach nur mutig und unerschrocken auf; denn nichts Böses oder doch wenigstens Gefährliches, sondern nur Gutes und Ersprießliches sollt ihr durch euren Tanz an jenen drei Gästen bewirken!“
RB|1|58|4|0|Als die Tänzerinnen solche Versicherung vernehmen, da treten sie dann ganz rasch in den sehr hellen Vordergrund des Zimmers und beginnen sogleich mit den freundlichsten Mienen ihre Künste durch allerlei artige Bewegungen zu entfalten. Blum, der sich nun schon wieder bei den drei Freunden befindet, fragt sogleich den Jellinek: „Nun, Bruder Jellinek, wie gefallen dir diese unsere Haustänzerinnen? Hast du auf der Erde je etwas Vollendeteres in diesem Genre gesehen?!“
RB|1|58|5|0|Jellinek betrachtet die Tänzerinnen eine Weile mit großer Aufmerksamkeit und spricht danach wie mit einem tiefen Seufzer: „Ach, lieber Bruder, ich kann mir nicht helfen, aber mein Gefühl beim Anblick solcher Produktionen bleibt sich stets gleich! Ich muss es dir ganz offenherzig sagen, dass ich daran nie ein wahres Vergnügen gehabt habe; im Gegenteil bin ich dabei stets nur mit einer gewissen Art von einer ganz sonderbaren Wehmut erfüllt worden und verließ ganz sonderbar [gestimmt] das Komödienhaus! Ich dachte auf der Erde gar oft über diese seltsame Erscheinung oder vielmehr über den sonderbaren Vorgang in meinem Gemüt nach, aber ich war stets unfähig, mir darüber eine gegründete Rechenschaft zu geben. Nun aber fange ich darüber so ein recht tüchtiges Lichtlein zu bekommen an, und das freut mich mehr als all diese wirklich allerausgezeichnetste Tanzkunstproduktion. Der Grund liegt in der totalen Zwecklosigkeit dieser künstlerischen Gliederverrenkungsproduktion. Sage mir, welchen Nutzen kann diese Kunst wohl je bezwecken?! Siehe, nach meinem Dafürhalten nicht den allergeringsten fürs Allgemeine! Alle anderen Künste, als da ist die Tonkunst, die Dichtkunst und die Maler- und Bildhauerkunst können in ihrer wahren und würdigen Haltung dem menschlichen Gemüt wohl von einem sehr wesentlichen Nutzen sein, indem sie das Herz sänftigen und veredeln und so nicht selten aus einem ganz rauen Menschen einen sanften und gemütlichen ziehen und nicht selten eine rechte Liebe in der Brust erwecken und beleben. Nun aber lassen wir diese Tanzkunst eine noch so reine und würdige Haltung nehmen, so werden durch sie stets nur die unlautersten Gefühle in der Seele wach, und die Natur fast eines jeden Mannes wird nach einer solchen Produktion stets ums Vielfache sinnlicher und begehrender. Wer von den Zuschauern ein Reicher ist, der sieht darauf Tausende nicht an, um das zu erreichen, danach er schon während der Produktion so sehnlichst getrachtet hatte! Der ärmere Teufel aber, dessen Kasse zu beschränkt ist, als dass er sich nach einer solchen, im höchsten Grad alle Sinne aufreizenden Produktion auch noch die bewusste Quintessenz des sinnlichen Genusses verschaffen könnte, zieht dann allzeit wehmütig nach Hause wenn es gut geht – und spielt einen Philosophen; geht es aber ein bisschen schlechter, da sucht er sich die nächste und beste feile Dirne auf und treibt dann gegen einige Groschen Genusstaxe das mit ihr, was er, so es möglich wäre, freilich um eine Million lieber mit der Tanzprimadonna treiben möchte!
RB|1|58|6|0|Ich meine, liebster Bruder, dass dieser von mir nun ganz offenherzig angeführte Grund meines Missbehagens beim Anblick solcher Produktionen allerdings beachtenswert zu nehmen ist, obschon er nicht so ganz eigentlich die Quelle meiner Wehmut war, die, wie schon gesagt, stets meine Gefährtin nach solchen Produktionen war, die ich zwar allzeit sehr eifrig besuchte, aber allzeit den gleichen Lohn davontrug. Die eigentliche Quelle meiner ominösen Wehmut bei und hauptsächlich nach solchen Produktionen war, wie ich's nun recht deutlich wahrnehme, der gute Gedanke, durch den ich so eine wohlgestaltete Tänzerin wie durch ein magisches Theaterperspektiv [Augenglas] als einen gefallenen Engel ansah!
RB|1|58|7|0|O wie oft dachte ich da nicht so, und sprach bei mir selbst: Was könntest du meinem Herzen sein, wenn dein Herz je begreifen könnte, was dir mein Herz sein möchte! Aber du bist ein gefallener Engel und erkennst nimmer den Wert eines Herzens, das dich gar so gerne aus dem eitlen Schlamm deiner Gesunkenheit wieder zu einem wirklichen Engel erheben möchte. Der Welt Mammon ist nun dein Gott. Und dein eigen Herz trittst du Blinde mit den Füßen, mit denen du, die du einen Sonnentempel bewohnen könntest, so du den Wert deines Herzens erkenntest – die frechste Unzucht der Gäuler stachelst und manchen armen, seiner Natur bewussten Zuschauer für die etlichen Gulden, die er dir opferte, mit ein paar Dutzend schlaflosen Nächten strafst, ja manchen mit noch etwas viel Ärgerem! Aber, was kümmern dich tausend arme Teufel, die dich bezahlt, bewundert, beklatscht und oft an deinem Wagen sogar Tierdienste verrichtet haben! Dein Herz ist stumm gegen sie wie eine Marmorbüste! Du kennst sie nicht und willst sie auch nicht kennenlernen! Denn du hast ja Tausende eingenommen und hast dir dazu noch privatim die Säcke der reichen Wollüstlinge zinsbar gemacht! Was kümmern dich die Herzen, in die deine zauberischen Füße mit jedem Pas giftige Pfeile geschleudert haben, wenn sie gar schauerlich gewaltig etwa vor deinem Hotel par excellence dich noch einmal zu sehen verlangen!? Da wirfst du ihnen dann höchst eigenhändig einen Pantoffel auf ihre Köpfe, womit sie zufrieden sein können, und du kehrst darauf wieder in dein Prachtgemach zurück!
RB|1|58|8|0|Siehe, Freund Blum, solche Gedanken waren stets meine Begleiter und stimmten meine Seele ganz sonderbar schlecht. Hatte ich aber nicht recht, wenn ich so dachte, wie eigentlich ein besseres Herz seinem Mitmenschen gegenüber doch allzeit denken soll?! Weil ich aber aus gutem Grund bei solchen Gelegenheiten stets so dachte und nun ebenso denke – so frage dich nun selbst, ob mir nach deinem allfälligen Dafürhalten diese Tänzerinnen, die nun glücklicherweise ihre Produktionen beendet haben und uns nun zu behorchen scheinen, je gefährlich werden könnten? Vielleicht meinen beiden lieben Brüdern, dem Messenhauser und dem Becher? Was ich aber auch nicht behaupten möchte! Mir sind sie in dieser Situation wohl am wenigsten gefährlich, sowie auch diesem meinem nun wohl allerliebsten Freund, der diese meine Rede nun mit sichtlicher Rührung angehört hat. Also muss ich dir, liebster Freund Blum, die vollste Versicherung geben, dass all diese vierundzwanzig Künstlerinnen samt ihren achtundvierzig allerschönsten Füßen meiner Jesusliebe nicht den allerleisesten Eintrag gemacht haben! Im Gegenteil nur erhöht haben sie diese meine nun heiligste Liebe! Denn siehe, ich habe nun ein rechtes Mitleid mit diesen armen, gefallenen Engeln! Und so es mir möglich wäre, sie aus dieser ihrer Niedrigkeit zu wahren Menschen zu erheben, so gäbe ich mein halbes Leben darum! Aber lassen wir das! Es sind auf der Erde gar manche meiner Wünsche zu Wasser, ja am Ende sogar zu Blut geworden; warum soll das hier nicht auch der gleiche Fall sein können? Aber nun sagt auch ihr beide, Messenhauser und Becher, wie euch dieses Spektakel gefallen hat?“
RB|1|58|9|0|Sprechen die beiden: „No, no, so, so; – gar nicht übel! Aber etwas komisch kommt uns die Sache offenbar vor! Auf der Erde kommen einem solche Exzentritäten menschlicher Dummheiten ganz erträglich vor. Aber hier im Geisterreich muss ich dir offen gestehen, Bruder Blum, du wirst es uns nicht übelnehmen, kommen uns solche Aberrationen [Verirrungen] des menschlichen Strebens wohl ein bisschen gar zu sonderbar vor! Denke dir, so wir nun wieder zur Erde zurückkehren könnten, und dort unseren Freunden erzählen, dass wir soeben einem himmlischen Ballett beigewohnt hätten! No, das Gelächter möchte ich hören! Aber sage mir nun das Einzige, wie du so ganz eigentlich zu diesem tollen Gedanken gekommen bist, dir hier im Reich des Geistes ein förmliches Serail, gleich nur von so ein paar Dutzend der saubersten Balletttänzerinnen zu halten? Hast du sie denn förmlich in deinen Sold, oder was – genommen? Oder ist das etwa der Himmel der Neukatholiken? Geh, fahr ab mit diesen deinen neukatholischen Engelchen und bringe uns dafür lieber noch so ein Bouteillerl [Weinflasche] von dem letzten! Von dem ist ein Tropfen mehr wert als alle die achtundvierzig schönen Füßlein!“ Blum lächelt dazu und holt die zweite Bouteille.
RB|1|59|1|1|Der Herr über den Grundsatz „Der Zweck heiligt die Mittel“.
RB|1|59|1|1|(20. März 1849)
RB|1|59|1|0|Der Jellinek aber wendet sich nun auch an Mich und fragt, wie etwa doch Mir diese sonderbare Produktion gefallen hätte?
RB|1|59|2|0|Ich aber sage zu ihm: „Lieber Freund, Ich muss dir hier offen bekennen, dass Ich bei solchen Gelegenheiten viel weniger auf das Mittel als nur einzig und allein auf den Zweck Mein Augenmerk richte. Denn es kann an und für sich das Mittel oft noch so sonderbar aussehen, so macht das nichts, wenn damit nur ein in allen seinen Beziehungen edler und guter Zweck erreicht worden ist. Denn hier im Geisterreich heiligt allzeit der erreichte beste Zweck jedes Mittel, durch das er einzig und allein nur hat erreicht werden können! Es liegt hier wahrlich gar nichts an dieser Tanzproduktion; aber in Verbindung mit der durch sie allein möglichen Erreichung eines edelsten und besten Zwecks liegt dann wieder unendlich viel an ihr.
RB|1|59|3|0|Ich will dir diesen zwar jesuitisch klingenden Grundsatz aber zuvor irdisch beleuchten, auf dass dir dann sein geistiger Gehalt desto einleuchtender werden möge, und so höre Mich! Siehe, der Grundsatz lautet kurz so: Der gute Zweck heiligt jedes Mittel, durch das er möglich erreicht werden kann. Ob dieser Grundsatz aber auch richtig ist, werden wir nun aus mehreren Beispielen ersehen. Und so habe nur wohl Acht!
RB|1|59|4|0|Siehe, ein Sohn auf der Erde hat einen Vater, der bei einer Arbeit das Unglück hatte, sich ein Bein dergestalt zu brechen, dass selbes nur durch eine geschickte Operation wieder geheilt und dem jeweiligen Naturleben der anderen Leibesteile unschädlich werden kann. Was würde der gute, seinen Vater über alles liebende Sohn wohl mit einem so bösen Menschen tun, der seinem Vater rein nur aus Zorn oder bösem Mutwillen einen Fuß mit einem scharfen Beil abhiebe? Siehe, dieser Sohn würde den Übeltäter ergreifen und ihn züchtigen sein Leben lang und doch hätte sein Vater bei dieser Schnelloperation bei Weitem weniger gelitten, da sie an einem ganz gesunden Fuß pfeilschnell wäre bewerkstelligt worden, als sie nun an einem im höchsten Grad leidenden Fuße musste vollzogen werden. Siehe, das Mittel an und für sich, ohne Verbindung mit dem durch eben dies Mittel erreichbaren Zweck, allein genommen, wäre ein Gräuel. Aber in der Verbindung mit dem guten Zweck ist es ein Heil. Und der Sohn wird sich dem geschickten Operateur gewiss im höchsten Grad dankbar erweisen, [da] der seinem geliebtesten Vater das Leben rettete! Denn ohne diesen wäre der Vater am Brand gestorben. Gehen wir aber weiter!
RB|1|59|5|0|Was wohl würdest du jemanden tun, der dir mit der Faust einen Zahn einschlüge? Siehe, du würdest diesen Wüterich vors Gericht fordern und von ihm kein kleines Schmerzensgeld verlangen. So du aber einen leidenden Zahn hast, der dir viel Schmerzen verursacht, da gehst du selbst zu einem Zahnarzt und zahlst ihn gerne dafür, so er dir geschickt den schlechten Zahn herausreißt. Wer könnte einen ledigen Zahnreißer loben, der bloß zu seinem Vergnügen den Menschen, wo und wann er nur könnte, die Zähne einschlüge oder ausrisse!? Aber ganz anders verhält sich die Sache in den Händen eines wirklichen Zahnarztes, und das darum, weil er mit seiner oft noch so schmerzlichen Operation einen guten Zweck erreicht. Und du kannst es unmöglich in eine Abrede stellen, dass hier das an und für sich sehr grausame Mittel durch den erreichten guten Zweck geheiligt wird! Aber darum nur weiter!
RB|1|59|6|0|Siehe, der Totschlag ist eine der größten Sünden, die ein Mensch an seinem Nebenmenschen begehen kann. Es wandeln aber ein Vater und dessen Sohn durch einen Wald. Ein böser Mensch, der bei dem Vater viel Geld wittert, springt auf einmal gleich einem Tiger aus dem Dickicht hervor, packt den Vater an der Kehle und will ihn erdrosseln (eine [bei] solchen Mördern liebste Hinrichtungsart, weil ihnen dabei die Absicht zum wirklich aus vollem Willen vollbrachten Mord, so sie vors Gericht kämen, nicht so leicht erwiesen werden kann). Der Sohn ersieht die große Gefahr seines Vaters, greift sogleich nach seinem Gewehr und tötet den Raubmörder! Siehe, der Totschlag ist, wie bekannt, also eine der größten Sünden, die ein Mensch gegen seinen Nebenmenschen begehen kann. Ist aber auch der Totschlag, den der Sohn an dem Mörder, der seinen Vater erdrosseln wollte, beging, auch eine Sünde? O nein! Schon der pure Verstand sagt es dir: Der Totschlag ist nur an und für sich, wie auch umso mehr als Mittel zur Erreichung eines schlechten Zwecks, eine der größten Sünden. Aber, wie hier, in Verbindung mit dem besten Zweck, ist er ebenso heilig als der Zweck selbst, und ganz besonders dann, wenn er sich als ein einzig möglich wirksames Mittel herausstellt.
RB|1|59|7|0|Und siehe, wie mit diesen drei Beispielen, so verhält es sich auch mit jeder Handlung, deren nur immer ein Mensch oder ein Geist fähig ist, wenn sie nach genauer und weiser Überlegung als das einzig möglich wirksame Mittel zur Erreichung eines guten Zwecks erscheint, so ist sie auch gut, gerecht und durch den erreichten guten Zweck geheiligt.
RB|1|59|8|0|Und so wirst du, lieber Freund, bei diesen armen Tänzerinnen schon auch ein Auge zudrücken müssen; denn sie tanzten zur Erreichung eines mehrfach guten Zwecks. Und dieser Zweck ist nun auch wirklich erreicht worden, wie du es gar bald einsehen wirst. Sage, sollen wir diesen Choreografinnen dafür grollen, oder sollen wir ihnen dafür etwa auch vom zweiten Bouteillerl einige Gläschen verkosten lassen?“
RB|1|59|9|0|Spricht Jellinek: „Oh, wenn so allerdings, allerdings! Kommt nur her, ihr lieben Herzerln, kommt nur her! Sollt auch einen guten Tag haben!“
RB|1|60|1|1|Die Tänzerinnen wünschen Aufklärung über Gott. Robert belehrt sie über die Gefahr von rein äußerlich angenommener Lehre.
RB|1|60|1|1|(Am 21. März 1849)
RB|1|60|1|0|Die Tänzerinnen verneigen sich auf diesen Ruf gar ehrerbietigst, und die drei ersten sagen: „O ihr lieben, herrlichen Freunde, ihr seid gar zu gut und nachsichtig gegen uns! Denn unsere gar schlechte und elende Kunst ist wohl zu sehr die allerunterste aller Künste, als dass sie von Geistern, wie ihr es seid, nur die allergeringste Achtung verdienen könnte. Und so sehen wir es gar nicht ein und können es auch gar nicht begreifen, wie und warum ihr uns armen Sünderinnen gar so gut sein könnt!? Wahrlich, so wir auf der Erde noch im Fleisch uns befänden und möchten dort ebenso herzlichst gute Menschen treffen, als wie ihr da nun seid, da könnten diese eine große Macht über uns bekommen. Denn einer wahren Freundschaft und einer echten, uneigennützigen Liebe kann man wohl am leichtesten die größten Opfer bringen! Aber wir sind nun hier ganz vollkommen Arme, im Geiste wie in unserem Gesamtwesen, und haben nichts, als was eure große Güte uns beschert. Daher können wir auch für solche eure zu große Güte entgegen auch nichts anderes tun, als euch achten und lieben, so stark und mächtig es auch nur immer unseren Herzen möglich ist! Dürfen wir uns euch mit solcher unserer Liebe nahen, so wollen wir uns sämtlich auch übergerne zu euch hinbegeben und mit euch fröhlich sein. Ist aber diese unsere vielleicht zu wenig reine Liebe für euer Wesen euch nicht genehm, und sind wir leichtlich auch wohl gar nicht wert, euch zu lieben – o dann lasst uns wieder fortziehen und beweinen unsere irdischen Sünden, die uns eurer Liebe vielleicht für ewig unwürdig gemacht haben?“
RB|1|60|2|0|Spricht der Jellinek: „Ich bitte euch, ihr allerliebsten Herzchen, seid nur nicht gar so römisch-katholisch schwach! Wo ist denn der Gott, der je die Liebe für ein Verbrechen hielte!? Ich sage es euch, so ein Teufel mich wahrhaft zu lieben anfinge, da würde ich ihn dafür wieder lieben! Wie sollten dann wir euch wohl verachten können, dass ihr uns liebt, indem ihr doch sicher keine Teufel seid und auch ewig keine werdet! Kommt also nur alle her und trinkt von diesem wahren Lebenswein! Scheut euch ja nicht vor uns; denn wir alle tragen unsere Herzen auf der Zunge und sind wenigstens für diese unsere Wirkungssphäre innerlich nicht um ein Haar anders gesinnt, als wie wir reden und äußerlich handeln. Wir alle fünf verlangen von euch nichts als bloß eure Liebe, die ihr uns auch gerne werdet zukommen lassen. Und so hoffe ich, dass ihr nun ganz im Klaren seid, was ihr an uns habt, und was wir von euch zu haben wünschen – nämlich nichts als eure reine Liebe und Freundschaft!“
RB|1|60|3|0|Als die Tänzerinnen solches vom Jellinek vernehmen, da machen sie eine noch freundlichere und tiefere Verbeugung und begeben sich darauf gar liebfreundlichsten Angesichts zu uns hin, begrüßen uns da wieder freundlichst und sagen: „Wir sind eure Mägde! Euer reiner, guter und edelster Wille an uns sei ewig unser heiligstes Gesetz! Eine Bitte aber wagen wir euch dennoch vorzutragen, und diese besteht darin: wir haben auf der dummen Welt wenig Gelegenheit gehabt und haben sie im Grunde auch wenig gesucht, um das höchste Gottwesen näher und wahrhaft kennenzulernen, und sind sonach in diesem allerersten Fach jedes menschlichen Wissens und Glaubens hier als rein Blinde angekommen.
RB|1|60|4|0|Wohl waren wir sogenannte römische Christinnen und machten äußerlich wohl alles mit, was diese Kirche zu beobachten vorschrieb, obschon wir Tänzerinnen waren. Aber was nützte uns das alles für diese Welt?! Alle unsere Fasten, Beichten und Kommunionen haben uns alle der wahren Erkenntnis Gottes auch nicht um ein Haar nähergebracht. Wir starben etwa nach einem Verlauf von zehn bis fünfzehn Jahren alle, wie wir hier sind, und fanden uns hier wie zufällig wieder. Aber in welchem Zustand wir diese ernste Welt betraten, in demselben Zustand befinden wir uns noch, d. h. wir kannten Gott nie, wie man Ihn eigentlich kennen soll, und kennen Ihn noch nicht! Und doch kann nur ein Gott, ja ein überaus guter, höchst weiser und allmächtiger Gott uns dieses Dasein gegeben haben!
RB|1|60|5|0|Wenn ihr, lieben Freunde, es nicht zu sehr unter eurer Würde fändet, auch uns armen weiblichen Kreaturen bei manchen Gelegenheiten von Gott nur eine etwas bessere Vorstellung zu geben, als wie sie uns auf der Erde gegeben ward, da würdet ihr uns eine überaus große Freude machen.
RB|1|60|6|0|Man hat uns auf der Welt die Gottheit stets auf eine solche Weise vorgestellt, dass eben diese Vorstellung von Gott uns eben jede Vorstellung von Gott nahm. Ein Gott bestehe aus drei Personen, deren jede für sich ganz vollkommen Gott sei, was somit doch offenbar drei Götter geben müsste. Aber diese drei Götter sind dennoch nicht drei Götter, sondern nur einzig und allein nur ein Gott! Jeder der drei Götter hat zwar seine eigene Verrichtung und hängt, wie z. B. der Gott-Sohn, doch sehr vom Gott-Vater ab und darf nur das tun und lehren, was der Vater will. Und doch heißt es wieder: Sohn und Vater sind vollends eins! Mit dem Heiligen Geist weiß man eigentlich gar nichts zu machen! Ist er mehr oder weniger als der Vater oder als der Sohn? Er gehe aus beiden hervor und ist über beiden als eine Taube dargestellt! Nun kommen aber noch die Milliarden Hostien, von denen jede auch vollkommen Gott sein soll! Freunde! Kann daraus ein Mensch über das Gottwesen je ins Klare kommen?! Daher lasst euch unsere Bitte nicht zuwider sein. Denn ihre Erhörung tut uns not – mehr denn dieser Wein nun!“
RB|1|60|7|0|Spricht Blum, einen Pokal des besten Weins darreichend: „Liebe Schwestern, im Namen Gottes, des Herrn und Schöpfers der Unendlichkeit, nehmt nur getrost hin diesen Wein und trinkt ihn! Denn dieses Weins Geist ist nicht wie der Geist der irdischen Weine, in denen nach Paulus, dem weisen Lehrer der Heiden, die Geister der Unzucht und Hurerei wohnen; sondern dieser Geist, der in diesem Wein wohnt, heißt der Geist der ewigen, reinsten Liebe in Gott; welcher Geist aber zugleich auch ist eine heilige Flamme voll Licht, Helle und Klarheit! In diesem Licht werdet ihr gar bald von selbst in euch finden, was ihr von uns haben möchtet.
RB|1|60|8|0|Erhaben ist zwar euer Wunsch, und kein Engel Gottes kann an ihm einen Makel entdecken. Aber sucht seine Erfüllung ja nicht außer euch, sondern in euch, so wird sie euch frommen und nützen für ewig! Geben wir sie aber euch, da habt ihr ein fremdes Eigentum in euch, das euch wohl äußerlich hin einen zeitweiligen Vorteil gewähren kann, aber innerlich euch nie einen Nutzen, sondern mit der Zeit den barsten, nicht leicht zu verbessernden Schaden bringen müsste!
RB|1|60|9|0|Denn seht, eine bloß äußere Lehre kann sich vorerst auch nur bloß den äußeren Geistern, deren Sinn ein materieller ist, mitteilen. Er macht dann in diesen Geistern wohl eine Revolution und nötigt sie hie und da, solche Lehre anzunehmen. Der innere Geist merkt solches auch gar bald und macht sich auf und geht hinaus unter die Naturgeister oder die eigentliche Naturseele jedwedes Menschen und gewahrt da die gute Saat und hat große Freude daran, und freut sich umso mehr der herrlichen Ernte, die aus dieser Saat hervorgehen möchte. Aber seht, eben da geschieht dann meistens das nahe unvermeidliche Unglück, dass sich eben, während der eigentliche Lebensgeist des Menschen die äußere Saat betrachtet und sich außer[halb] seinem Gemach unter seinen Naturgeistern auf eine baldigste und reiche Ernte freut, die bösesten und unlautersten der Naturgeister, die noch in der Seele vorhanden waren, zusammenraffen, in das Gemach des wahren Geistes eindringen und diesem dann den Rückzug verwehren ja gar oft sogar unmöglich machen! So der wahre Geist aber dann diesen seinen wahren Sitz des Lebens verliert, da sucht er dann freilich anfangs, sich einen neuen Sitz unter den besten seiner seelischen Naturgeister aufzurichten und wohnt da unter ihnen wie eine Wohnpartei im Haus eines anderen Besitzers. Aber da er, all seines Eigentums beraubt, am Ende den Mietzins nicht entrichten kann, so pfändet ihn der eigentliche Hausherr und nimmt alles, was er noch hatte, und macht ihn noch obendrauf zu einem Gefangenen oder wohl gar zum Sklaven seiner Herrschsucht – in welchem Zustand dann der wahre innere Lebensgeist sich mit den unlautersten Naturgeistern verbinden und in selbem Joch am Schandseil des Lasters ziehen muss. Und das ist dann auch so viel als der geistige Tod des Menschen. Denn in so einem Menschen hat dann der Satan seinen Thron aufgerichtet und hat den eigentlichen Herrn des Lebens im Menschen zum Sklaven höllischer Gelüste und Triebe gemacht!
RB|1|60|10|0|Daher lasst euch das für allzeit geraten sein, dass ihr nicht zu gierig nach einer äußeren Belehrung trachtet. Denn diese taugt für nichts, wenn sie der Geist nicht in der größten Demut aufnimmt und sogleich vollkommen sein ganzes Leben danach einrichtet, was wohl für jeden Geist eine sehr schwere Aufgabe ist. Seht, Salomon, Israels weisester König, fiel trotz seiner Weisheit, weil sein innerer Geist, sich stark genug fühlend, es einmal wagte, seinen innersten Wohnsitz zu verlassen, dann hinauszutreten unter seine Naturgeister und sie zu ordnen nach seiner Weisheit. Aber da er das tat vor der Zeit seiner Vollreife, die allzeit von innen heraus und nie von außen nach innen erfolgen muss, so ward er von seinen unlauteren Naturgeistern gefangen und nicht mehr in sein Haus gelassen, welches nur zu bald zu einer Wohnung alles Lasters, der Hurerei, der Unzucht und der Abgötterei umgestaltet wurde! Also auch verriet ein Judas seinen Meister, seinen Herrn und Gott, weil er die Lehre des Heils nur in seine äußeren Geister, die im Verstand und daraus in allerlei Begierlichkeiten ihren Sitz haben, aufnahm, dadurch den eigentlichen Lebensgeist aus seiner innersten Wohnung lockte und sie dadurch dem Satan zum freien Einzug öffnete. Die Folge davon ist zu bekannt, als dass ich sie euch hier wiedergeben soll!
RB|1|60|11|0|Daher trinkt nun diesen Wein! Dieser wird in euch die rechte Liebe zu Gott erwecken. Und diese Liebe wird euern Geist stärken und wachsen machen. Wenn der Geist dann durch sein Wachstum alle seine äußeren Naturgeister durchdringen wird, ohne seinen ursprünglichen Sitz zu verlassen, so wird er auch dann schon in sich alles finden, was er jetzt von außen her erhalten möchte. Habt ihr mich wohl verstanden?“
RB|1|61|1|1|Der Tänzerinnen Verständnis. Kampf gegen unreine Naturgeister im Menschen. Der gute Zweck der vorherigen Tanzvorführung.
RB|1|61|1|0|Sprechen die Tänzerinnen: „O du lieber, weisester, wahrhaft in das innerste Wesen des menschlichen Lebens eingeweihtester Freund! Gar wohl haben wir dich verstanden! Du hast das, was wir oft dunkel geahnt haben, uns zur klaren Anschauung gestellt. O wie sollen wir dir dafür je genügsam danken können!?
RB|1|61|2|0|Wie oft sahen wir auf der Welt Menschen und hatten mit ihnen nicht selten zu tun bekommen, deren Geist alle erdenkliche, beste Bildung hatte. Wir sagen dir, Menschen, die zufolge ihrer inneren Bildung, und namentlich im Fach der Religion, in einem Ruf der Heiligkeit standen, und jedermann sie ehrte und pries; ja noch mehr: Menschen, die unverkennbare Spuren höherer Erleuchtung durch Wort und Tat bekundeten, solche Menschen kamen zu uns und machten uns Anträge zu den allersäuischsten Vergnügungen, die wir ihnen leider zumeist aus dem Grund nicht gewähren konnten, weil sie zu allermeist schon ganz bösartig angesteckt waren! Nein, dachten wir uns, wenn das die Folgen einer so ausgezeichneten christlichen Tugend sind, so schaffen wir von ihr nichts Weiteres mehr [wollen damit nichts zu tun haben]! Damals waren uns solche Erscheinungen ein unerforschliches Rätsel. Aber jetzt ist uns alles klar und helle! Oh, dank dir. Dank dir für diese Aufklärung! Denn nun wissen wir erst, woher die vielen Übel rühren. Gib nun den Wein des Lebens her, und wir alle wollen diesen Becher der Demut bis auf den letzten Tropfen in uns aufnehmen.“
RB|1|61|3|0|Blum reicht ihnen nun den Becher, und sie trinken alle daraus und werden dabei voll Freude.
RB|1|61|4|0|Der Jellinek aber verwundert sich samt Messenhauser und Becher ganz gewaltig über die Weisheit Blums, und spricht nach einer kleinen Weile: „Bruder! Das ist zu viel auf einmal von dir zu vernehmen! Weißt du, dass ich dich allzeit für einen sehr weisen Mann und Geist hielt, daran wirst du hoffentlich nicht zweifeln; aber dass du ein gar so grundweiser Mann seist, wahrlich, davon hatte ich wohl nie eine allerleiseste Ahnung! Bruder, musst mir's aber nicht übelnehmen, mir kommt es nun unwillkürlich so vor, als wenn das, was du nun zu diesen lieben Schwestern geredet hattest, nicht auf deinem höchst eigenen Grund und Boden gewachsen wäre?! Aber es macht das nichts. Denn auch mir hast du damit ein so sonderbares Lichtlein angezündet, dass ich nun die Sachen und Erscheinungen, die mir je vorgekommen sind, ganz anders zu schauen und zu beurteilen anfange, als das je [irgend]wann früher der Fall war! Mir kommt es nun vor, als wenn all die gegenwärtigen politischen Umtriebe auf der Erde eben auch darin ihren sehr zu bedauernden Ursprung hätten, und tausend andere Übel mehr.
RB|1|61|5|0|Es wird mir nun auch ein wenig einleuchtend, warum diese Tänzerinnen vor uns getanzt haben. Haben sie etwa nicht dadurch unsere unreinen Geister aus der usurpierten Wohnung unseres wahren Ich gelockt, und dieses hat dann schnell wieder seine rechte Wohnung eingenommen?!“
RB|1|61|6|0|Spricht Blum: „Ja, ja, Bruder Jellinek, beinahe hättest du die Sache des Tanzens der Wahrheit gemäß abgemacht und dargetan. Aber in dem hast du ein wenig zu seicht noch in dich hineingeschaut, da du meinst, durch den Tanz seien deine, die Wohnung deines wahren Geistes usurpierenden unreinen Naturgeister herausgelockt worden, und du, oder dein wahres Ich, sei dann flugs in seine ursprüngliche, rechte Wohnung, die im Herzen des Lebens sich befindet, gewisserart hineingesprungen. Aber lieber Bruder, wie hast du so von dir und uns allen denken können?
RB|1|61|7|0|Ich sage dir, bei uns ist nur gerade der umgekehrte Fall vorhanden. Unsere, und nun ganz besonders eure Geister, befinden sich glücklicherweise in ihrer rechten Lebenswohnung, ansonsten ihr euch nicht hier in dieser Wohnung befinden würdet, sondern in einer solchen, in die ewig kein Licht und keine Wärme des Lebens kommt.
RB|1|61|8|0|Aber sie (die Geister) wurden nur zu sehr von den Naturgeistern umlagert, sodass sie sich kaum rühren und durch diese Geister der Naturmäßigkeit schauen konnten – aus welchem Grund ihr auch ehedem in jenem Gemach euch kaum rühren und noch weniger irgendwohin sehen konntet. Nur durch eine außerordentliche Hilfe von oben sind die Umlagerer eures Geistes nach außen hinausgerückt worden. Und seht, euer Geist hat sich dann schon mehr rühren können, konnte auch sogleich aus sich mehr Licht entwickeln und dadurch seinen ehedem äußerst beschränkten Gesichtskreis erweitern, wo ihr dann auch sogleich eine offenstehende Türe entdecktet, und diesen Tisch mit dem Lebenswein.
RB|1|61|9|0|Aber dessen ungeachtet sind dennoch eine solche Menge Umlagerer aus den Naturgeistern um die rechte Wohnung eures Geistes geblieben, dass durch ihre noch immerhin große Anzahl euer Geist nicht in voller Klarheit, sondern wie durch einen leichten Nebel schauen musste. Da aber diese Geister, die stets am hartnäckigsten den wahren Geist umlagern und ihn in ihre Sphäre herauslocken wollen, zumeist der sogenannten sinnlichen Fleischliebe entstammen, so haben sie auch in einer Hinsicht die bedeutendste Ähnlichkeit mit dem wahren Geist der reinen Liebe Gottes in unseren Herzen und sind am schwersten von dieser Wohnung des Lebens hinwegzubringen, weil sie, wie keine andere Art der Naturgeister, nur zu sehr am Leben hängen und ihre größte Furcht es ist, das Leben zu verlieren, das ihnen so viele süße Genüsse darreicht.
RB|1|61|10|0|Diese hartnäckigen Naturgeister können nur durch eine außerordentliche äußere Lockung ein wenig mehr der Wohnung des eigentlichen Geistes entrückt werden, bei welcher Gelegenheit dann der wahre Geist sein Territorium wieder ein wenig erweitern und dadurch freier und heller werden kann. Und siehe, eine solche äußere Lockung ward auch hier durch diese Tänzerinnen veranstaltet. Und eure wahren Ich sind dadurch nun auch um vieles freier und heller geworden. Daher hat auch ehedem dieser mein erhabener Freund zu dir, Bruder Jellinek, gesagt, als du die Tanzerei allhier ein wenig sonderbar fandest, dass du hier nicht so sehr auf das Mittel, als vielmehr nur auf den guten Zweck sehen sollst! Du hast nun den klar beleuchteten, besten Zweck vor dir. Und so meine wenigstens ich, dass du gegen das Mittel nun auch nichts mehr einzuwenden haben wirst?
RB|1|61|11|0|Dass aber diese Tänzerinnen darum auch noch keine reinen Engel sind, weil durch sie für euch ein guter Zweck erreicht worden [ist], das brauche ich euch kaum näher darzustellen und zu beleuchten. Aber wir wollen alles tun, dass sie das werden, was sie noch nicht sind, und wir auch noch nicht.
RB|1|61|12|0|Ich habe nur eine einzige Stufe vor euch, und das ist mein einziger Vorteil vor euch. Aber die Leiter unserer ewigen Bestimmung ist eine unendliche, und da wird es wohl ehestens gar leicht geschehen, dass sich diese unsere gegenwärtigen Unterschiede vollends so ausgleichen werden, dass von uns niemand vor dem andern etwas voraushaben wird – mit Ausnahme jenes Freundes und Bruders neben dir, Bruder Jellinek, der uns allen ganz natürlich zu ungeheuer weit voran ist, als dass wir Ihn je möglich einzuholen vermöchten! Warum? Das wird euch die Folge und eine nähere Bekanntschaft mit Ihm sehr klar zeigen und zur Übergenüge treu beantworten.
RB|1|61|13|0|Nun aber haben wir noch eine andere, sehr bedeutende Arbeit vor uns, die ehestens in die Ordnung kommen muss, ansonsten wir uns in diesem Haus nicht nach unserer freien und reinen Lust und Willkür bewegen könnten.“ 
RB|1|62|1|1|Bei der losen Wiener Gesellschaft. Die Fleischeshelden sind erkrankt. Um Heilung zu finden, betreten sie Roberts Haus auf dessen Einladung.
RB|1|62|1|0|Robert Blum: „Seht einmal zu diesem Fenster hinaus in den herrlichen Garten, der dieses Haus umgibt weit und breit, und sagt mir, was ihr da seht?“
RB|1|62|2|0|Die drei gehen sogleich ans Fenster und schauen hinaus. Aber kaum [haben sie] einen Blick durch dasselbe gemacht, schaudern sie förmlich zurück. Und Jellinek nimmt das Wort und spricht: „Aber Brüder! Um Gottes, des Herrn, Willen, was ist denn das? Sind das Menschen, Tiere oder Teufel!? Es scheint alles durcheinandergemengt zu sein! Nein, so was hätte ich in der Nähe dieses Hauses wohl ewig nicht vermutet! Wahrlich, da sieht man ja auf einmal alle Scheußlichkeiten der alten, schmutzigsten heidnischen Mythologie auf einem Haufen beisammen – plastisch und tatsächlich! Ich bitte dich, lieber Bruder, verschließe doch die Pforte des Hauses fest, und die Türe dieses Zimmers, sonst laufen wir Gefahr, dass diese Bestien zu uns hereindringen und uns alle bei Butz und Stängel rein auffressen!“
RB|1|62|3|0|Spricht Blum: „Oh, fürchtet euch dessen nicht! Sie sehen im Grunde nicht gar so abschreckend aus, als wie sie auf den ersten Blick von hier euch vorkommen. Dass sie euch aber so abschreckend vorkommen, das rührt daher, weil sie euch noch von Wien aus darum im Zornmagen haben, weil sie meinen, ihr hättet sie an den Windisch-Graetz verraten! Werden sie einmal vom Gegenteil überwiesen sein, so werden sie euch dann auch sogleich etwas menschlicher vorkommen. Denn wisset, das sind allerlei Wiener Individuen, die in den ominösen Oktobertagen als Kämpfer für die irdische Freiheit gefallen sind, durch die Waffen der kaiserlichen Soldaten, und glauben nun, dass dieser Fall gar nie möglich gewesen wäre, so besonders der Bruder Messenhauser an ihnen nicht einen heimlichen Verräter gemacht hätte! Werden sie aber vom Gegenteil überführt, dann wird auch etwas anderes mit der Hilfe Gottes mit ihnen zu machen sein! Und sollten unter ihnen auch einige sein, die sich nimmer sollten eines Besseren belehren lassen, nun, so wird der Herr schon wissen, mit Seiner Macht solche Böcke von den besseren Schafen so abzuscheiden, dass sie weder uns und ebenso wenig der andern, bessern Herde mehr gefährlich sein können!
RB|1|62|4|0|Daher werden wir denn auch sie hereinkommen lassen und werden sie da nach dem Willen des Herrn in die Arbeit nehmen! Denn da wir doch auch sehr viel schuld daran waren, dass sie durch unsere Reden und Gesetze dahin gekommen sind, wo sie sich nun elend genug befinden, so ist es nun auch vor allem unsere Pflicht, sie auf einen besseren Weg zu bringen! Und so folgt mir nun hinaus zu ihnen, im Namen des Herrn.“
RB|1|62|5|1|(Am 25. März 1849)
RB|1|62|5|0|Blum begibt sich nun in der Mitte des Messenhauser und Becher hinaus in den Garten, allwo sich noch die schon bekannten Wiener befinden, nebst ihren ganz matt gewordenen Konkubinen, und ihren genotzüchtigten Töchtern. Ich aber folge den drei Vorgängern mit dem Jellinek an Meiner Seite sobald in den Garten, wo wir die Menge in einem ersichtlich sehr unbehaglichen Zustand antreffen,
RB|1|62|6|0|und Blum sie auch sogleich fragt, wie es ihnen nun ergehe, da schreien sie nahe alle zugleich auf: „Miserabel elend und schlecht! Helft uns, oder bringt uns um dieses elende Sauleben; das wird uns eine Leberwurst sein! Ist das nicht rein zum [des] Teufels werden!? Jetzt stell dir's vor, was wir hier in diesem dreckigen, nach faulen Pomeranzen riechenden Geisterreich alles für schöne und merkwürdige Erfahrungen gemacht haben! Es ist wahr, wir haben es mit der Menscherei ein wenig zu arg getrieben. Aber wir sind Viecher und waren nie was anderes, weil wir nie zu etwas Besserem sind erzogen worden, woran natürlich nicht wir, sondern unsere weisen und milden Regenten die alleinige Schuld tragen. Und so unterhielten wir uns denn auch hier auf jene beliebte Art gleich dem Vater Adam mit der Eva, wodurch dann der erste Brudermörder Kain, dergleichen es jetzt zu Millionen gibt, das Dasein erhielt! Aber nun höre, was an der Sache hier im Geisterreich ganz besonders und zugleich auch ganz niederträchtig verflucht merkwürdig ist, wir sind dir, was kaum glaublich, hier fast durch die Bank angesteckt worden! Oh, das ist ja doch verflucht, hier, im Geisterreich, angesteckt! Und das wie!? Hörst Brüderl, das wär so ein Paradieserl! Wenn's hier nur irgendeine Hilfe gäbe! Aber da ist überall nichts, wo man nur hinschaut! Du siehst also nun, wie es uns geht! Daher sei doch so gut und verschaffe uns irgendeine Hilfe, oder bringe uns alle um, wenn's dir möglich ist! Denn es ist ja doch zehntausendmal besser, gar nicht zu sein, als zu sein unter gar so scheußlich bittern und schlechten Umständen!
RB|1|62|7|0|Apropos, noch was! Sage uns auch, wer deine Begleiter sind? Den einen kennen wir schon; das ist der sogenannte eigentliche Hausherr dieses Hauses, ein recht rarer Mann Gottes! Aber die anderen drei kennen wir nicht! Geh und sag' uns, wer sie sind!“
RB|1|62|8|0|Spricht Blum: „Meine armen, kranken Freunde, seid ihr denn gar so blind, dass ihr den Messenhauser, Becher und Jellinek nicht mehr erkennen mögt?“
RB|1|62|9|0|Schreien mehrere: „Potztausend und fix Laudon! Was!? Die drei Hauptlumpen sind das! Na, hätt' mer uns a eher den Tod eingebild't, als dass wir besonders den Hauptspitzbuben Messenhauser nochmal zu Gesicht kriegen werd'n! Aber sein Glück, dass wir nun alle so miserabel san! Sonst hätten wir ihm hier wohl einen ganz kuriosen Dank für sein Oberkommando in Wien zukommen lassen! Aber weil wir für eine handfeste Dankbezeugung zu schwach sein, so kann er sich unterdessen bloß mit dem vertrösten, dass wir ihn allesamt für einen recht ausgepickten Lumpen und Spitzbuben ansehen und in der Wahrheit anerkennen und wünschen ihm, was er sich selbst sicher gar nicht wünscht! Also Messenhauser, Becher und Jellinek! Na, so kommt da aber alles G'sindl zusammen! Wirklich a schön's Paradieserl das!“
RB|1|62|10|0|Spricht Blum: „Sagt ihr mir, geschieht es euch nun leichter, dass ihr diese meine Freunde so beschimpft habt?“ – Sagen die Männer: „Na, das just am End' nicht. Aber wir haben's ihnen ja sagen müssen, weil sie es wirklich verdient haben! Du weißt es ja selbst, wie und warum?!“
RB|1|62|11|0|Spricht Blum: „Hört, lassen wir das nun gut sein, was vorüber ist, das ist vorüber! Keiner von uns allen, mit Ausnahme meines früheren Freundes, der nun mit Jellinek sich bespricht, kann von sich sagen und behaupten, dass er nie gefehlt habe! Ich glaube vielmehr, dass wohl ein jeder von uns die Skala aller Todsünden nicht einmal, sondern zu sehr öfteren Malen durchgemacht hat – nur mit dem Unterschied, dass einer bald in der einen und ein anderer in einer anderen Todsünde als exzellent sich erwiesen hatte; und es wäre sehr dumm von mir, so ich nun diese drei von euch Beschuldigten als unschuldig vor euch hinstellen wollte. Sie haben ihre gehörige Portion Sünden begangen; aber wir haben es unsererseits auch durchaus nicht gespart. Wer aus uns vor Gottes Richterstuhl eigentlich für die Hölle reifer wäre, das dürfte dem ewigen Meister des Lebens wohl nicht viel Kopfzerbrechen und Nachdenken kosten! Aber da meine ich, da wir schon alle durch die Bank vor Gott kaum das wert sind, als wie hoch uns der gute Fürst Windisch-Graetz in dem Stadtgraben und in der Au taxiert hat, so sollen wir uns gegenseitig hier wohl gar nicht mehr anschuldigen und anklagen, sondern uns die Hände unter der allgemeinsten gegenseitigen Amnestie reichen, uns gegenseitig alles vergeben und so hier in diesem neuen Reich und Leben auch eine neue Kolonie aus lauter Freunden und Brüdern gründen! Und ich meine, dass uns das in der Folge viel bessere Früchte tragen wird, als so wir uns auch hier noch richten wollten, wo ohnehin ein jeder von uns ein ganz gehörig vollgemessenes Maß des Gerichts auf seinen Schultern zu tragen hat! Was meint ihr da, wie gefällt euch dieser mein sicher bestgemeinter Antrag?!“
RB|1|62|12|0|Schreien alle: „Ja, ja, du hast vollkommen recht, und dein Antrag gefällt uns außerordentlich wohl! Aber nur die Gesundheit, die Gesundheit tut uns vor allem not! Denn du weißt, dass ein leidender Mensch oder Geist nicht leicht zu einem gesunden Beschluss kommen kann, und a Weaner [ein Wiener] schon gar nicht! Denn ein kranker Weaner ist für die Sau zu schlecht!“
RB|1|62|13|0|Spricht Blum: „No, no, lasst das nur gut sein! Erhebt euch und kommt alle zu mir ins Haus! Dort werden sich schon Mittel finden, euch wieder gesund zu machen. Denn da draußen habe ich weder einen Arzt noch eine Apotheke. Denn hier ist fürs Äußerliche mit keinem Arzt etwas zu machen, weil hier alle Übel von innen aus geheilt werden müssen, so einem Kranken geholfen werden soll. Und dazu ist es auch nötig, dass ihr euch in einem Haus befindet, und hier zwar in diesem meinem Haus, das mit allem Möglichen reichlichst eingerichtet und bestens versehen ist! Erhebt euch daher nur und folgt mir!“
RB|1|62|14|0|Auf diese Worte Blums erheben sich alle, auch die weiblichen Wesen, und hatschen, so gut es nur immer geht, uns nach ins Haus, und zwar in das schon bekannte Zimmer, das da groß genug ist, um viele Tausend Gäste aufzunehmen.
RB|1|63|1|1|Die Gäste beim Anblick der Tänzerinnen. Volksgespräche. Die Barrikadenheldin. Der Pathetikus.
RB|1|63|1|0|Als sie alle im Zimmer beisammen sind, da bemerkt einer die Tänzerinnen und spricht: „Na, die könnten uns nun auch alle gestohlen werden! Unser Zustand und die da, das taugt, so hübsch für einander!“ – Spricht ein anderer neben ihm: „Aber potz Seppel Laudon fix Element! Sabbatmiezl! Sauber wärn's! Und nur die schön'n Föß, die sei hobn, das wär so ein Extra-Speis'l auf'n Ostersonntag! Saprament, wann i nur g'sund wär, meiner Seel, der Mittern dort von den drei voranigen saget i was!“
RB|1|63|2|0|Ermahnt ihn sein Nachbar: „Aber ich bitt dich Franz, sei nur itzt gescheit! Weißt denn nicht, dass wir nemmer auf der Welt san?“ – Spricht der erste: „Das weiß i wohl! Aber Welt hin, Welt her – schön sans holt doch! und mi müßt' goar kan G'fühl hobn, wann ma do dabei gleichgülti bleibn kunnt!“
RB|1|63|3|0|Spricht ein dritter: „Aber waon holt der Franz noher mit saner Ungleichgültigkeit in d' Höll kimmen täte, wie wärs n' Franze nocher z' Muet?“ – Spricht der Franz: „Eh hols der Teufel! Bist und bleibst holt a dumms Luder! Sain mir denn itzt etwa in Himmel?! Oder host du schon amol die Höll g'sehn, um sag'n zu können, dass du ietzt noch nicht in der Höll wärst? Glabst du, mir zwa wär'n etwa zu gut für die Höll?“ – Spricht der Angeredete: „Dös woaß i schun, aber do mieße wir erst früher verdammt werd'n, und nocher s' höllische Feuer sehn! Und dös moan i, is itzt mit uns denno nit der Fall! Es brennt mi wohl ganz fix sakrisch – du woaßt schun, was und warum! Aber dös is denno ka Höll! Weil mer no nit san verdammt wurd'n, und weil mer auch ka Feuer sehen! Aber dös moan i holt, waon mer hietzt a no nit von de verdammte Menscher abloße tun, wo mer schun in der Geisterwelt san, da kunnt ma holt viel leichter in d' Höll kummen als auf der Welt! Ha, wos moans du, hob i etwa Unrecht?!“
RB|1|63|4|0|Spricht der erste: „Ja, ja, hast wohl recht! Aber denken kann i ja do, wie mir der Kopf gewachsen is?! Destwegen werd i denno nix thon!“ – Spricht der andere: "Jo, jo; nix tan, nix tan! Aber z'erst kummen an allzeit die Gedanken, noch die Gedonke kummen die Begirde, und noch die Begirde kummen die Thoten, und noch die Thoten kummt die Höll, und nocher is goar! Versteast mi, nocher is gar?! I moan holt so ietzt: gstorbn warn wir und san itzt in de Geisterwelt. Do hoaßt's izt holt schön ruhlig und ghurscham sein und nix oanders denken, redn und tan, als wos uns der Blum sogen wird – und do koanns mit uns no besser werdn!“ – Spricht der Franz: "Nu ja, is a recht so; bist erst nit gar so dumm als wie's du ausschaust.“
RB|1|63|5|0|Spricht an der Seite eine Barrikadenheldin: „Do schauts die zwa Lerchenfelder Schnipfer oan! Dö wulln anander die Höll aus- oder einreden! Hahaha! Das is spaßi, woar do aner a größrer Schnipfer als der andre – und woarte no, bis sie möchte verdammt werdn, als woans etwa nit längst schun wärn, hahaha! Das is do spaßi!“ – Spricht der Franz: „Holtst mi dein golgenstinketn Brodlodn! Du Hauptmärzeflachxn von olli Weaner Studenten! Du krahschinketer Barrikade-Schnepf! Na, woart du, dir meß i vorn Himmelreich Christi schun no a Paarl ober, daß dabei die allerseligste Jungfrau selber auweh schreien sull! Do schau aner dös kuguschäckigs Mistbradl oan! Döi möcht uns schun olli mitanander verdammt in der Höll hobe! Schau, dass du mit deine Fleadermausflügeln von ani Händ nit z'erst hineinfliege wirst!“
RB|1|63|6|0|Kommt ein anderer hinzu und spricht in einem pathetischen Ton: „Freunde, bedenkt, wo ihr seid! Das ist nicht etwa der Prater oder die Brigittenau, in der die rohe Wiener Menschheit noch zehnmal roher sich gebärdet als sonst! Bedenkt, hier ist das ernste Geisterreich, wo man ganz ordentlich und ernstlich sein muss, um nicht augenblicklich auf ewig verdammt zu werden! Denn bei Gott ist keine Gnade und kein Pardon mehr in dieser Welt!“ – Spricht die Heldin: „Oh, oh, oh! Ereifern's Ihne neit goar so ollmächti, Sie bratschulteriger Tapschädl! Dass unser liebe Herrgott mit an solchenen Eimerbiersauflimmel ka Erbarmnis hobe kan, wie Sei aner san, das wird do etwa gaonz natürli san!?“ – Spricht der Pathetiker, seine Augen sehr weit auftuend: „Waaas sagt diese Blocksberghexe!? Oh, für diese Hacke wird ja wohl auch sogar noch hier in der Geisterwelt sich ein Stiel finden lassen! Ist denn kein so gemeiner Kerl hier, dem es um seine Hände nicht leid sein dürfte, dieser unflätigsten Dirne den Hals umzudrehen!?“ – Spricht die Heldin: „Oh, destwegen moches Ihner ka Müh! Denn waons auf die gemeinste Kerlschaft hier ankäme, um mir den Hals umz'drahn, da war zu dem Gschäftl ja so ka Tauglicherer wie Sei!? Aber da moan i, dass so an Oarbeit für Sei wuhl no viel z'gut war! Was manens denn, wer Sei san, Sei lebendig täglichs Vier-Eimer-Bierfaßl, Sei!? Geltens, 's Birl, und Ihnre kropfete Mierl – die gehn Ihne holt ob hier in der Geisterwelt, drum sans so ernstli!? Aber tröstes Ihne nur, vielleicht kummt Ihre Mierl a bold nochi. Und do wird dann der liebe Herrgott glei barmherziger sein als er ietzt ist!“
RB|1|63|7|0|Spricht der Pathetikus: „Freunde! Lassen wir ab von diesem stinkenden Aas! Denn eine Kuh mit einem bedreckten Schweif macht alles unrein, was sie umgibt!“ – Spricht die Heldin: „No, war doch a Schaond, wann Sei nit reiner warn als i, hobns Ihne ja doch durch Ihr ganzes Leben mit anige tausend Eimer Bier ausgwosche und ausgschmapet gnua! Und das wird etwa doch wuhl etwas gaonz wos aonderes sein als hundert Generalbeichten bei olli Jesuiter!? Wann i so a bissl von an lieben Herrgott war, i wisst schon wie Sei selig z'mache warn! Schan's, i mochet die Donau zu lauter Linsinger Doppelbier und manchmal zu a bissl Gmischts, und do setzet i Ihne dann grod durt hin, wo die Donau ins schwarze Mier rinnt, und die kropfete Mierl neben Sein, und da warn Sei dann der seligste Mensch!“
RB|1|64|1|1|Der Pathetikus wird von Robert belehrt. Die gutherzige Heldin redet ihm vergebens zu.
RB|1|64|1|0|Der Pathetikus verlässt nun die Heldin und begibt sich zum Blum hin und zeigt ihm ehrerbietigst an, was für zotige Wesen hier in der Geisterwelt sein erhabenstes Haus verunreinigen! Er möchte solche Wesen doch irgendwo anders hin bescheiden!
RB|1|64|2|0|Spricht Blum: „Mein schätzbarer Freund, das geht hier wohl durchaus nicht an! Sehen Sie, wir wollten auf der Erde ja nichts anderes erreichen, als die volle Gleichheit unter den Menschen und ihre vollste Gleichberechtigung in jeder Hinsicht und Beziehung! Was aber jedoch auf der Erde nicht zu erreichen war, bietet sich nun uns allen im vollsten Maß dar. Und das ist ein wahres Geschenk von Seiten des allerhöchsten Beherrschers aller Himmel und aller Welten. Wollen Sie nun unter der allerfreiesten Konstitution, die uns hier Gott Selbst gibt, aber wahrhaft glücklich sein, so überschätzen Sie nie Ihren Menschenwert, und denken Sie ja gewissenhaft, dass alle Menschen beiderlei Geschlechts, die Sie hier sehen, den ganz gleichen Gott zu ihrem Schöpfer und Vater haben, so werden Sie diese Menschen dann wahrhaft lieben und werden dafür wieder eine rechte Liebe finden, die hier allein das Glück aller bewirkt. So werden Sie in der Folge nimmer, wie auf der Welt, zu Ehrenrichtern Ihre Zuflucht zu nehmen brauchen, um vor den Beleidigern gerechtfertigt zu werden; sondern Ihr eigenes Herz wird Ihnen die allerbeste und allergültigste Rechtfertigung in den Herzen Ihrer Brüder und Schwestern verschaffen! Übrigens haben Sie sich darum gar nicht zu sorgen, ob mein Haus durch diese armen Wesen verunreinigt werde oder nicht; denn dafür ist schon gesorgt! Übrigens muss ich Ihnen offen bekennen, dass mir jene mundgeläufige Heldin lieber ist als Sie; sie ist, wie sie ist, eine Wienerin, und hat dabei ein gutes Herz. Sie aber sind ein sogenannter k. k. (kaiserlich-königlich) pensionierter Bomben und Kartätschen-Philosoph, der sich noch hier per Sie titulieren lässt, ohne zu bedenken, dass wir hier alle Brüder und Schwestern sind! Sagen Sie selbst wer mir hier teurer sein soll – Sie, oder jene Wienerin in ihrer vollen Echtheit?!“
RB|1|64|3|0|Der Pathetikus verneigt sich vor dem Blum, und spricht: „Wenn man hier eine solche Sprache gegen Ehrenmänner führt, da bitte ich, mir erlauben zu wollen, dass ich mich wieder hinaus in die Freie begeben darf; denn hier stinkt es vor Gemeinheit und Gesindel!“
RB|1|64|4|0|Spricht Blum: „Mein Freund, in diesem Haus befindet sich nirgends ein Kerker noch irgendeine Fessel, außer die der Liebe! Wollen Sie sich diese nicht gefallen lassen, so können Sie ebenso frei wieder hinausgehen, wie Sie hereingekommen sind! Nur das muss ich Ihnen leider hinzu bemerken, dass es Ihnen dann ein wenig schwer werden dürfte, so Sie doch etwa wieder einen Appetit bekämen, herein in dies Haus der Liebe gehen zu wollen! Denn es könnte sehr leicht sein, dass Sie dies Haus sobald aus dem Gesicht verlören, als sie den ersten Schritt in die äußere Freie täten! Sie wissen nun, woran Sie sind und was Sie rechtens zu tun haben. Aber Sie sind frei und können tun, was Sie wollen!“
RB|1|64|5|0|Der Pathetikus stutzt nun und weiß nicht, was er tun soll. Aber unsere Heldin kommt schnell herzu und spricht: „Gängens, gängens, und bleibns do, und sans nur neit gar so hopertaschi! Schans, i bin scho lang wieder gaonz guat! Mi hat holt a a bissl verdrossen, dass Sei ehenter den lieben Herrgott goar alli Gnad und Barmherzigkeit hobn abspreche wölln, und do hob i Ihne holt so meine Manung gsogt, woar aber gaonz gutherzi dabei. Aber Sei hätten mi gleich gfraßn vor Zorn, waons Ihne war mögli gwest! Nocher sans mi a no klagen gangen und hätte mi gerne gstrafft gsehen! Aber der Herr Blum is holt a bisserl gscheider als wir zwa, und so habn's holt nix ausgricht, und verdrießt's Ihner ietzt! Aber lassens die Verdrießlichkeit, sans wieder guat und bleibns do, nocher wird scho alls wieder guat werdn. Wir san ja lauter fehlerhaftige Menschen und mieße deswegn holt mitanaond a bissl a Geduld hobn! Wos war denn dos, waon mir als Geister hier a noch hopertaschi warn! Gängens nur wieder zu uns her! Der alte Franz, der lang enker Stiffelputzer war, wird Ihne schun wieder den Kopf zurechtbringen. No, sans no harb auf mi?“
RB|1|64|6|0|Spricht der Pathetikus: „Nein, böse gerade bin ich nicht auf dich! Denn wahrlich, das würde mir zu keiner Ehre gereichen, auf dich böse zu sein, weil du gegen mich denn doch sozusagen nichts bist! Aber in eure Mitte, wo die größte Gemeinheit herrscht, kann ich mich auch nicht mehr begeben; sondern ich werde mich hier im Kreis der Honoratioren aufhalten. Und so gehe sie zurück!“ – Spricht die Heldin: „Aber gebns Ocht, dass den Honoratioren neben Ihnen nit übel wird, Sei eingebildeter Tapschädl Sei! Was glaubn's denn, was Sei etwa da san?! I bin wuhl a recht lustigs Weaner Madl; aber schleacht bin i grod neit. Waon i aber für Sei'n z'schlecht bin, da such's Ihne holt a bessri aus! Dort stangetn glei a poar Dutzend! Gehns hin und probirns holt ehner Glück! Dei werde Ihne schun soge, wie viel's etwa wert san!“
RB|1|64|7|0|Die Heldin begibt sich wieder in die Mitte der Ihrigen. Der Pathetikus aber rümpft seine Nase und macht, als so er auf die mundläufige Heldin gar nicht geachtet hätte.
RB|1|65|1|1|Die Wiener und der Böhme. Die Heldin wendet sich an Jellinek. Dieser weist sie an den Herrn.
RB|1|65|1|1|(Am 28. März 1849)
RB|1|65|1|0|Als unsere Heldin wieder in der Mitte der Ihrigen sich befindet, d. h. jener, mit denen sie früher ein etwas beißendes Zwiegespräch hielt, da sagt der schon bekannte Franz zu ihr: „No, du odrati Luxemburger Achazibaum-Mierl, wie is dir denn gaonge mit den bratschultrigen Kolifonifeuerhelden?! No, hast iehme so recht eine gsogt af ächt weanerisch?“ – Spricht die Heldin: „Na, verstanden wird er's wuhl hobn! Ietzt mant der Tolkentipl, daß er do a no a gnädiger Herr is! Na, den werdns do glei anondri Wurst broden! Ober gsagt hob is iehma! Hätts eis nur ghört, wie iehms der Herr Blum eini gsogt hot, weil er mi verkloge is gaongen! Eis hätts a narische Fraid ghobt! I wünsch kan Menschen was Schlechts, a diesem Tapschädl nit. Aber weil er holt goar a so a hochmiethiger Dinger is überanant, do hob i a rechti Fraid, won iehma die guaten Herrn dort a wengerl die Flügel stutzen than; o dös gschiacht iehme schun recht!“ – Spricht der Franz: „Na, Mierl, ietzt gfohlst mi schon wieder, und i bin schon wieder guat af di! Ober dos sog i di a, wons mi wieder amohl so angreifst, wie's ehnter ton host, da mogst schaun, wie's weiter kummen mogst! Ober ietzt is olles wieder guat; vesteast mi? Olles wieder guat!“
RB|1|65|2|0|Spricht die Heldin: „No, no, mir san ja kani Böhmen, doss af a nond sieben Johr sölle harbig san! Die Weaner, wons no so tan, als wulltes anonder fressen; wons sie sich ober don amohl umdrahn, do sans noche glei wieder die beste Freund! Aber mit d' Böhmen ist do a Kreuz! I hob amol so an Dolken harbig gmocht – i glaub, der hätt mi vor lauter Lieb nach drei Jahrln no zrissen, wo er mi wo griegen hätt kinnen!“ – Spricht der Franz: „Mierl! I sog dir, red neit so laut! Denn mon koan net wisse, wer an do olles zuhört! Waß denn net, dass d' Böhmen die längste Finger und d' längste Uhrwaschl hobn, deshalb se auch imme d'besten Spitzl und Bollizeidiener warn?!“
RB|1|65|3|0|Auf diese Worte des Franz erhebt sich sogleich eine kräftige, dickbackige männliche Gestalt [ein Böhme], holt einen tiefen Odem und spricht dann hauptsächlich zum Franz: „Hörte mi Kedl flukte! Wer hot de Hurwaschl lunge, un wer hot de Finge lunge? A, sog du mi nu a muhl a su, noche wart mi! Wer bin a Krist, obe wer di noche schunt zoge, wer hot de Hurwaschl lunge! A, host di mi verstonde, Kedl flukte!“ – Spricht die Heldin: „O jegrl, o jegrl! Fraonz! Ietzt schau mer, dass mer weiter kummen! Won ma in Wulfe nennt, so kummt er grennt! Da war scho grad anner, wie ma sich sei Lebtag ka beßre winsche kunnt! No, won der zurni wurd, i glaub, der bringet an no in hundert Jährln um! Mir scheint, der hot schun mit olli Russen d' Bruderschaft trunke!“ – Spricht der Böhme: „Holt de Kusche deine fladerwaschete! Ole i schlag de ani eine, do wist de kenug hobn! Ole manst di, de Böhme sei Teibl!? Du bis de ani Hur satrazena, obe de Böhme sein kude Leut! Verstehs mi, du fladerwaschete Krußkuschete!?“ – Spricht die Heldin: „Hörts meine lieben Weaner, do is aner! Won mer nit do in so an ehrsamen Haus warn, der mießt mi hinaus gwutzelt werde, und won das 's Lebn meiner Mudr koste tät! Ober do is nix zu moche! Gea mer do nur glai weg, sunst gib's Spektakl!“
RB|1|65|4|0|Auf diese Worte begibt sich die Heldin mit mehreren Wienern schnell, und zwar gerade zum Jellinek und zu Mir hin und fängt sogleich mit dem Jellinek folgendes Gespräch an, sagend: „No, no, Herr Dokter, ietzt hätt i Jehna bold nit kennt! Grieß Jehna Gott! Wia gehts Jehna, und wos moche denn Sei do?“
RB|1|65|5|0|Spricht Jellinek: „Schau, mir geht es sehr gut, viel besser als je auf der Welt. Mein sehnlichster Wunsch aber ist es, dass es euch allen bald ebenso gut gehen möchte, wie mir nun, so werdet ihr miteinander nicht mehr also hadern wie bis jetzt! Ihr müsst das hier ganz ablegen, sonst kann's mit euch allen wohl schwerlich besser werden! Lernt es von uns, wie man mit den Schwächen seiner Brüder Geduld haben kann und haben muss, so werdet ihr euch gleich leichter verstehen, und das wird euch goldne Früchte tragen! Aber wenn ihr euch untereinander stets so bekrittelt, beschimpft und mit Schlägen bedroht, da wird noch lange nicht jene christlich-himmlische Liebe unter euch sich aufzuhalten anfangen, die allein die wahre Seligkeit aller Menschen und Geister bedingt.
RB|1|65|6|0|Daher werdet vernünftiger nun! Lasst ab von eurem dummen Hader und werdet sanft in euren Herzen, so wird euch auch leicht und bald zu helfen sein! Aber so ihr stets also untereinander forthadern werdet, da werdet ihr noch lange leiden müssen. Und so euch auch geholfen wird, da wird aber die Hilfe dennoch ebenso karg bemessen sein, als wie karg da ist eure gegenseitige Liebe und Freundschaft. Denkt doch, dass wir vor Gott alle gleich sind und niemand einen anderen Vorzug hat, außer allein, wie er am meisten demütig ist und die stärkste Liebe zu Gott und allen seinen Brüdern in seinem Herzen birgt! Da werdet ihr euch gleich leichter verstehen! Hast du die Worte wohl verstanden?“
RB|1|65|7|0|Spricht die Heldin: „O ja, verstaonde hätt ich's wuhl, wia's nur glai recht war; ober unser Weaner Göscheln! De kinnen holt nit still sein, wons wo a Lüftl kriega! Da war holt a so a Wunderkur guat! Wär dos denn nit migli dohie in Geisterreich? Wisse's, unsre Herze warn grod so schleacht net; aber holt 's Göschl, 's Göschl, das hot holt 'n Teixel gsechn!“
RB|1|65|8|0|Spricht Jellinek: „Nun, nun, wir werden es schon sehen, was sich da wird tun lassen! Aber ein bisschen müsst ihr euch denn doch auch selbst bestreben, eure Zungen im Zaum zu halten, dann wird sich wohl so manches tun lassen. Bitte diesen Herrn neben mir da, der vermag sehr viel! Wenn der euch hilft, so wird euch wahrhaft geholfen sein! Hast mich verstanden, du Heldin?“
RB|1|65|9|0|Spricht die Heldin: „Sie, Herr Jellinek, soges mi, versteht der Herr do a unser Weanerisch? A guats Gsichtl hot Er wuhl, und goar so gmüthli sahet Er aus! Den trauet i mi schun anz'redn; ober wann Er nur Weanerisch verstehat?“
RB|1|65|10|0|Spricht Jellinek: „Oh, und das wie! Der versteht und spricht ja alle erdenklichen Sprachen. Ja, ich sage es dir, dass Er sogar die Sprache des Herzens ganz genau versteht und sozusagen von der Nase herabliest, was sich nur immer jemand noch so geheim denken möchte! Versuch's nur einmal, und du wirst dich gleich überzeugen, dass ich recht habe!“
RB|1|65|11|0|Spricht die Heldin: „Ei der Tausend, was sogn Sö mir da! Wann der dös kaon, da muss Er fast mit unsern liebe Herrgott a bissl verwaondt sein? 'S wird ober a a spaßigs Redn werdn, waon der schun ehenter olles waß, wos mi Iehma soge miecht! Aber aongeahn thu i Jähn amol, und do möcht Er schun soge, wos Er nur glai immer wullt! Aber nur dos sogns mi no, wia Er haaßt, nocher brauch i nix mehr.“
RB|1|65|12|0|Spricht Jellinek: „Ja, meine liebe Freundin, da klopfst du bei mir gerade auf dem Fleck an, unter dem es auch bei mir so ziemlich hohl ist! Ich ahne und vermute es, dass Er ein gar großer und mächtiger Engelsgeist Gottes ist und ist zu uns gesandt, um uns zu belehren, und den rechten Weg zu Gott zu zeigen. Das ist aber auch alles, was ich dir sagen kann. Wie Er aber so ganz eigentlich heißt, und welche hohe Stellung Er vor Gott bekleidet, das weiß ich ebenso wenig als du! Aber das ist gewiss, dass Er hier ganz allein wahrhaft helfen kann, weil Er dazu die hinreichende Macht besitzt.“
RB|1|65|13|0|Spricht die Heldin: „Aha, aha, ietzt geht mir schun so a Lichtl uf! Wissens Sei, Herr Jellinek, i man, das wird leicht wuhl goar so an Apostl san?! Vielleicht goar der Petrus oder der Paulus? He, was maanens denn Sei do, hob i recht oder nit?“
RB|1|65|14|0|Spricht Jellinek: „Meine Liebe! Das kann alles gar leicht sein. Wende dich daher nur schnurgerade zu Ihm hin, und du wirst es bald wissen, wie du mit Ihm daran bist. Nur ein wenig zu selbständig spricht Er mir für einen Petrus oder Paulus! Und ich vermute daher, dass Er noch etwas Bedeutenderes sein müsse. Vielleicht so eine Art Erzengel!? Aber rede du nur selbst mit Ihm, da wirst du am ersten ins Klare kommen!“
RB|1|66|1|1|Die Heldin wendet sich um Hilfe an den Herrn. Dieser verlangt ein Lebensbekenntnis. Geschichte einer Gefallenen.
RB|1|66|1|0|Auf diese Belehrung von Seiten des Jellinek schaut Mich die Heldin eine Weile an, geht darauf näher zu Mir hin, da Ich Mich während ihrer Unterredung mit dem Jellinek ein wenig zurückgezogen habe, und spricht zu Mir: „Verzeihns mir, Sei mein allerbester Herr, waon i Aehne ietzt mit aner Bitt lästig falle thu! Schan Sei, der Herr Jellinek hat mich an Sei angewiesen, und hot mi gsogt, dass Sei holt goar so allmächti warn, und kunnte an holt überoll helfen, wo's an nur glai immi fahlen miecht. Schan Sei, bester, liebeswürdigster Herr! Mir fahlet's holt so hübst tüchti! Und do gab's denn holt a hübsch viel z'helfe! San 'S so guat und helfens mie, und uns Weanern elle, waons Jähna nur glai miegli ist! Schans, mie san af der Welt holt aufg'wachse wie's liebi Vieh und san so a ols Viechar doher kummen, und san kraonk ietzt do überall, wo's nur glai hinschaun miege, und dumm san mer a no dazu, wia a dreißigjähriger Riligionskriag! San's so guat und machn 'S uns a bissl gsund und a bissl gscheider, wie mir sunst san – und mir oli werde uns daon schun bessr aufführe, ols wia bis ietzt!“
RB|1|66|2|0|Rede Ich: „Ja, ja, helfen kann Ich euch wohl, und dir am ersten! Aber du musst Mir zuvor so ganz offen bekennen und gestehen, was dir nun so ganz besonders fehlt? Bist du krank, da musst du Mir sagen, wo, wie und wodurch du dir die Krankheit zugezogen hast. Und da du dich für dumm zu sein glaubst, da musst du Mir denn auch recht getreu angeben, was dir an dir selbst so ganz eigentlich dumm vorkommt. Und Ich werde dann schon sehen, wie dir und auch deinen Landsleuten zu helfen sein wird! Denke nun nur so recht gewissenhaft über alle deine Zustände nach und sage Mir's dann, wie du dich gefunden hast! Das andere werde dann natürlich schon Ich machen!“
RB|1|66|3|0|Spricht die Heldin: „O jegrl, o jegrl! Da wird's bei mir an gewoltige Fode hob'n! Sei warn ja no über an Ligerianer, waon i Jehna dos olles soge sull! Schans, i war a mol ban an sulchtenen beichten; na, höre Sei, um was mi der a olles ausg'frogt und ausg'fratschlt hot – da hobe Sei goar kan Begriff! Na, an irgsti Stobskanallie misst da af die Zeahn blitzschaondroth werd'n. Und schans, waon i Jähna holt ietzt do olles sog'n miasst, wos i mei Lebtag olles thon hob – o jegrl, na! Da möchte Sei Auge moche, als waon Sei so a rechts Golgebradl vor Jähne hätten! Wann net so viel Leut da wärn, do geangets no, aber vor so viel Leut miesst ie mi jo grod die Auge ausschaomen! Wos manens denn? Höre Sei, dos war so a Spaßl! – Kinnen denn Sei nit so erkennen, wos mir fehlt? San S' so guat und probirn's mit mir holt Seiner Glück, vielleicht geats do ohne Schaond ober?“
RB|1|66|4|0|Rede Ich: „Aber hör du, Meine Liebe, wie kam es denn, dass du dich damals nicht geschämt hast, so du sündigtest? Du warst ja bei deinen sündigenden Gelegenheiten auch zumeist in Gesellschaften und schämtest dich wenig, so dich in nächtlichen Stunden ein Dutzend Jünglinge in Gesellschaft, vor denen du dich ganz entkleidet aufstelltest und allerlei wollüstige Gesten machtest, angafften, betasteten und dann gewöhnlich noch was taten?! Wie solltest du denn gerade jetzt gar so schamhaftig sein?! Schau, Ich weiß es, dass du einmal, als du etwas tief ins Gläschen geschaut, so ungeheuer die sogenannte „Sauglocke“ hast zu läuten angefangen, dass es dabei sogar den ausgelassenst sinnlichen Hurenhelden vor dir zu ekeln anfing! Sage Mir, wo war denn damals deine Schamhaftigkeit?! Und so weiß ich noch eine Menge noch ärgerer Saustückel von dir, die du wie eine wahre Heldin ohne die allergeringste Schamhaftigkeit vollbracht hast – und so wird es dir auch hier, meine Ich, gar nicht zu sehr deine Keuschheitsehre angreifen, so du Mir offenherzig sagst, wo es dir fehlt, und wie du zu solch deinem Fehltum, Not und Elend gekommen bist!?“
RB|1|66|5|0|Spricht die Heldin etwas verdutzt: „No, Sei warn mir a der Rechte, wo man die aondern damit faongt! Gespührns wos!? Sei kunnt'nan ins G'schra bringen, dass mi sei Lebtag gnua dron hät! Schans, wons nit goar so guatmiti aussahten, i kinnt mei Seel harbi af Sei'ner werdn! Ober weil i aus Sei'nern guaten Gsichtl erkennen thu, dass Sei mir's net schleacht manen, so will i mir glai wuhl nix draus moche! Aufrichti gsogt, schinire thu i mi eigentli nuar vor Sei'ner! Wos do dieses Weaner Gfraß anbetrifft, do mohet i mi grod nit zviel draus! Waons mir aber derlaben a wengerl stater z'reden, da kinnt i Jehna schun a so monche Stückl zum Besten gebn?!“
RB|1|66|6|0|Sage Ich: „Das kannst du schon tun. Aber nur nichts verheimlichen, verstehst du – nur nichts verheimlichen!“
RB|1|66|7|0|Spricht die Heldin, sich zuvor ein wenig räuspernd: „No, in Gottesnam, wons denn schon san muss, so höre Sei mi holt guatmiti an! Schans, mit vierzehn Jahrln hob i grod am Pfingstmonti meine Jungferschaft einbießt, und waon i mi net irre, so wars a gewisser Pratenhuber-Toni. Dos woar Jähne holt schun a gaonz sakrisch sauberer Bua! Und weil er mir holt goar so zugred und zugsetzt hot, do hob i holt gmant: Na, ewi konst so ka Jungfer bleibn, und amol muasst do probirn, wie dös is. Und so hob i ehn holt feschweg drübr lassn! Und weils mir holt do goar so guat gschmeckt hod und iähma a, so hamers nocher holt öfter probirt; und i wär nit goar so schleacht wurde, waon ich nur amol hät kinne schwangr wern. Aber do hob i schun than kinnen, wos i nur glai gwölt hon, so is holt denno nix draus wurde! Und schan S', do hot nocher der Toni mi heurote sulln, und weil er holt gemant hod, dass i unfruchtbar wär, so hot mi der Hauptschnipfer nocher sitze lossn, und hod iähma an aondri genuhma! Und i wor holt do gaonz deschperadig und hob mi denkt: Iatzt is schon olls ans, um a paar Dutzend Liebhaber uf oder o! Die Höll is dir so gewiss, waons ani giebt. Und do hob i holt recht fidel z'lebe aonfange, wos nur s' Zeig gholte hat! Vodern (Vater) hon i ehrnder nie an gsegn, und mei Mueder, Gott tröst sie, woar holt selbr nix bessr wie i! Und schans, bei so an Lebeswaondl bin i holt a öfter aongsteckt wurde, und aondri nocher a von mir. Und do hot mir nocher wuhl so a homipathischer Doktor ghulfe. No, dass er nocher mit mir a kan Rosenkranz beat hat, dos werdes Jahna wuhl denke kinnen, waons wos gschpühre!
RB|1|66|8|0|Wie nocher aber die Gschichten in Wean ausbroche san, do wor holt mei Herr Doktor a dabei und hod überoll fleißi ghulfe Revolution moche. Und weil i holt goar a so a guraschirts Madl wor, so hob i mi holt a zum Revolutionmoche brauche lossen und hob do a mein Tod gfunde. Und iatzt bin holt do als an oarmi Seel und muaß holt dfür leide, weil i af dr Welt zlusti war! Und iatzt hob is Jähna auch olles gsogt, wos i gwißt hob. Und Sei wissn's hiatzt a, wias mit mi dron san, und wiassn a, wo's mir fehlt, und wie i dazu kummen bin. Und so bitt i Sei'ner holt um Himmels Jesu willn waons mir helfen kinnen, so helfe S' mir!“
RB|1|66|9|0|Rede Ich: „No, Ich bin zufrieden mit deiner Offenherzigkeit! Und Ich werde nun auch schauen, ob und wie dir zu helfen sein dürfte. Zugleich aber muss Ich dir auch ebenso offen entgegen bekennen, wie du Mir deine Hauptsünden ganz offen bekannt hast, dass dich nur dein gutes Herz und deine dir unmöglich zu Schulden kommen könnende schlechte Erziehung von der Hölle retten! Hättest du entweder ein nur etwas schlechteres Herz, oder wärst du in deiner Erziehung nur etwas weniger vernachlässigt worden, als es bei dir der Fall war, so würdest du dich offenbar in der Hölle befinden und dort die entsetzlichste Qual leiden! Denn siehe, es steht geschrieben: ‚Hurer und Ehebrecher werden in das Himmelreich nicht eingehen!‘ Aber Ich will aus oben angeführten Gründen mit dir die Sache nicht gar so genau nehmen und werde sehen, wie dir zu helfen sein wird! Sage Mir aber zuvor, was du von Jesu, dem Heiland, hältst?“
RB|1|66|10|0|Spricht Sie: „O, den hob i z'todt gern! Denn der hot jo die Ehbrecherin gerettet und hot die Magdalena a nit verstoße, won se a no a so groaße Sünderin woar! Und vor der Samaritanerin hod er grod a kan Grausen kriegt! Und do maan i holt, woan Er mi sähet, und i Jähna reacht schön bitte tat, dass Er mi grod a net glai umbringen tät!?“
RB|1|66|11|0|Sage Ich: „Nun gut, Meine Liebe. Ich werde heimlich mit Ihm reden! Denn Er ist nicht weit von hier. Vielleicht macht Er's mit dir auch wie mit der Magdalena? Und so warte nur ein wenig hier – aber ganz ruhig!“
RB|1|67|1|1|Sonderbemerkung des Herrn über den Sinn dieser wörtlich wiedergegebenen Szene.
RB|1|67|1|0|Notabene. Dass diese Szene hier ganz so wörtlich wiedergegeben wird, wie sie in der Geisterwelt in der Wirklichkeit vor sich geht, und auch unmöglich anders vor sich gehen kann, als wie da Sitte, Sprache, Leidenschaften und die verschiedenen Grade der Bildung bei einem Volk es notwendig mit sich bringen – geschieht deshalb, um dem gläubigen Leser und Bekenner dieser Veroffenbarung einen desto anschaulicheren Beweis zu geben, dass der Mensch nach der Ablegung des Leibes ganz so Mensch ist mit Haut und Haaren, mit seiner Sprache, mit seinen Ansichten, Gewohnheiten, Sitten, Gebräuchen, Neigungen, Leidenschaften und daraus hervorgehenden Handlungen, wie er es auf der Welt bei seinem Leibesleben war – d. h. solange er nicht die völlige Wiedergeburt des Geistes erlangt hatte.
RB|1|67|2|0|Deshalb heißt denn auch ein solcher erster Zustand sogleich nach dem Übertritt ‚die naturmäßige Geistigkeit‘, während ein vollends wiedergeborener Geist sich im Zustand der ‚reinen Geistigkeit‘ befindet.
RB|1|67|3|0|Den Unterschied zwischen dem Leben dieser Welt und zwischen dem Leben in der Geisterwelt bei naturmäßigen Geistern, so sie mehr einfacher Art sind, macht bloß die zweckmäßige Erscheinung der Örtlichkeit aus, die stets mehr oder weniger ein Aushängeschild ist von dem, wie die Geister zum größten Teil innerlich beschaffen sind. Aber wie gesagt, diese die hier vernachlässigte Wiedergeburt des Geistes in der Geisterwelt sehr begünstigende Erscheinlichkeit kommt zumeist nur jenen armen Geistern zugute, die auf der Welt in einer wahren natürlichen und geistigen Armut ihr Leben zugebracht haben. Aber Geister von reichen Besitzern von allerlei irdischen Gütern, an denen ihr Herz wie ein Polyp am Meeresgründe geklebt ist, die finden alles wieder, was sie hier verlassen haben, und können dort mehrere hundert Jahre nach irdischer Rechnung in solch einem grob naturmäßigen Zustand verharren, und werden aus demselben nicht eher gehoben, als bis sie selbst Bedürfnisse nach was Höherem und Vollkommenerem in sich zu verspüren anfangen.
RB|1|67|4|0|Nun wisst ihr, warum diese wichtige Szene also wörtlich und umständlich veroffenbart wird! Und so wollen wir denn wieder zu der Szene selbst übergehen! Denn unsere Heldin wird schon unruhig und erwartet schon mit der größten Sehnsucht den Bescheid, den Ich ihr von Jesu Christo wieder zu geben verheißen habe! Ihr müsst aber auch noch dabei diesen wichtigen Umstand berücksichtigen, dass sich diese sehr bedeutungsvolle Szene gerade jetzt in der Geisterwelt zuträgt und sonach einen großen Einfluss auf die Begebnisse dieser irdischen Zeit ausübt! Aus allen diesen noch so trivial klingenden Gesprächen könnt ihr bei einiger Verstandesschärfe die ganze Lage und Bewegung der Dinge, wie sie nun auf der Erde statthaben, gar leicht erkennen und ebenso auch die Folgen dieser Bewegungen, die besonders aus dem späteren Verlauf dieser bedeutungsvollen Szene recht hell und klar hervorgehen werden. Aber stoßen dürft ihr euch an nichts! Denn es muss hier alles so kommen, wie es kommt. Und nun wieder zur Szene.
RB|1|68|1|1|Die auf ihre Heilung harrende Heldin und der hochmütige Pathetikus. Letzterer wird vom Herrn zurechtgewiesen. Liebeswunder an der Heldin Helena.
RB|1|68|1|0|Die Heldin, nun schon ganz ungeduldig, geht etwas schüchtern näher zu Mir hin und fragt Mich, ob Ich schon etwa so ganz geheim durch gewisse Zeichen mit Jesu, dem Herrn, ihretwegen gesprochen habe?
RB|1|68|2|0|Der Pathetikus, der nun aus der Gesellschaft mehrere seines Gelichters gefunden hat, ist schon sehr ärgerlich darüber, dass diese elende Lerchenfelderin – nach seiner Meinung – so effront (frech) ist und Mich als einen Honoratior dieses Hauses so sehr belästige. Er geht daher auch mit noch einigen auf sie zu und spricht: „No – Sie Lerchenfelder Bagage, wie lange wird es Ihr denn noch belieben, diesem allerrespektabelsten Herrn dieses Hauses mit Ihrem Hundegebell zur Last zu fallen?! Hat Sie denn gar keine Lebensart?!“
RB|1|68|3|0|Spricht die Heldin: „Nooooo und! Sei bratschultriger Tapschädl Sei! Geacht Sener dos eper wos aon?! Schans, dass weiter kummen. Sei naturwidrigs Fleischfutrohl von olle odelichen weaner Drecksäu! Sist sog is Sener, wia's af echt deitsch hasen than! Do schau der Mensch so an zopf'gen Gollpitzl-Fabrikanten aon! Iatzt is Jähna goar nit recht, dass unser ans mit an sulchenen Herrn redt! Wos glabes a, wer Sei san! Glabens denn, weil's amol auf dr Welt als pansenirter Frierschitz an kaiserliche Sabl trogen han, dos Sei deshalb a do in dieser Welt besser san als unser ans! O Sei tamischer Tapschädl Sei! Do wird mas Ener glai an Extra-Wurst brode! Is wuhl guat, dass Christus der Herr net do bei uns is; denn der miasst ja a narschi Freid habe, waon Er so an grobe Limmel vorn Ahm sähet, wie do Sei aner san! Iatzt schans aber nur, dass Sei mit senra Krokodilaugen und Bockfieß weiter kummen tan, sist gschieht Jähne wos aonders!“
RB|1|68|4|0|Wendet sich darauf der Pathetikus zu Mir und spricht: „Aber lieber, bester Freund, ich bitte Sie um Gottes willen, dieser Kreatur zu untersagen, fürderhin so ein loses Maul gegen Männer von Ehre und Reputation zu haben; denn sie stellt einen ja her, als wenn man der allergemeinste Schuhflicker wäre! Es ist wohl wahr, dass wir hier in der Geisterwelt sind, wo der Standesunterschied auf ewig aufzuhören hat. Aber der Unterschied der Intelligenz und der feineren Bildung kann solange nicht aufhören, als bis diese auf Erden vernachlässigten und verwahrlosten menschlichen Potenzen nicht jenen Grad von Bildung und Humanität werden erreicht haben, durch den allein sie einer besseren Gesellschaft angenehm und interessant werden können! Ich bitte Sie, lieber Freund, bedeuten Sie das doch dieser weiblichen echten Lerchenfelder Kreatur!“
RB|1|68|5|0|Rede Ich: „Mein lieber Freund, es tut Mir leid, hier Ihrem Verlangen auf gar keinen Fall Gewähr leisten zu können, und zwar aus dem alten Grund, demzufolge vor Gott alles ein Gräuel ist, was die sogenannte bessere Welt groß, glänzend, erhaben und schön nennt und preist! Denn Gott bleibt Sich stets gleich und hat nie ein Wohlgefallen an solchen Ehrenmännern, die den Menschenwert nur nach der Anzahl der Adelsahnen oder nach der Amtswürde oder nach der Vielheit des Geldes bestimmen, alles andere aber, was nicht adelig, nicht beamtet und nicht reich ist, als Kanaille bezeichnen. Aber alles, was vor der Welt klein, gering und oft sehr verachtet ist, das steht wieder bei Gott in großen Ehren! Und so muss Ich Ihnen hier auch ganz offen bekennen, dass Mir, als einem allerintimsten Freund Gottes, diese von euch sehr verachtete Lerchenfelderin gerade um eine volle Millionmal lieber ist als Ihr, Meine hochadeligen Freunde, d. h. wenn Ich so frei sein darf, euch als Meine Freunde zu titulieren! Ihr habt aber dieser Armen nun sehr genützt, denn von nun an will Ich sie erst recht fest an Mich ziehen, um ihr eine Bildung zu geben, vor der die Engel selbst einen Respekt bekommen sollen. Sie wird bald sehr hoch oben stehen und eine Zierde dieses Hauses sein! Wo ihr Ehrenmänner aber euch in Kürze befinden dürftet, das wird die leidige Folge zeigen! Ich ersuche euch aber, eures eigenen Heils willen, diese Arme ja nicht mehr zu belästigen, denn sie gehört nun ganz Mir an! – (Mich zur Heldin wendend): und du Meine liebe ‚Magdalena‘, bist du damit zufrieden?!“
RB|1|68|6|0|Spricht Sie: „O Jeises ja, und ob! Sei sa mir a um 1.000 Millionen mol lieber als diese hochmiethige Dinger do, de an armen Mensche grod als a Vieh betrachten! I bin nit harbig af sö; abr gifta koan mi dos denn do wuhl, wons aan goar so pagatelmäßi behaondle than. Unser Herrgott verzeih ehne, denn de wisse wuhl a nit, was sö than!?“
RB|1|68|7|0|Spricht der Pathetikus: „No, schon gut, schon gut! Hört ihr, meine Kameraden, wenn's in der Welt der Geister überall so fad zugeht als hier, da ist diese Welt eine saubere Bescherung für die saueren Vorbereitungen auf der Erde zu eben diesem viel gerühmten Leben der Seele nach dem Tod des Leibes! Auf der Erde hat der gebildete Ehrenmann sich doch durch seine Stellung, durch sein Staatsamt und durch seine Wohlhabenheit vor den Angriffen solch gemeinsten Geschmeißes verwahren können; hier aber wächst einem dieses Lumpenpack ganz keck übers Haupt, und man wird sich am Ende etwa gar noch müssen eine Gnade daraus machen, dass unsereinen so eine pausbackige Dirne anschaut! Zum größten Überfluss aller sozialen Fadheiten muss dieser sonst recht ehrenwert aussehende Mann sich auch noch für diese faule Pomeranze von einer Lerchenfelderin interessieren und sie uns zum Trotz gerade und linea recta bis zum Himmel erheben! Das ginge uns hier gerade aber auch noch ab zur vollen Verzweiflung! Der sagte, dass er ein allerintimster Freund Gottes sei! Nach dieser seiner Neigung zu der pausbackigen, vollbrüstigen und pompös und ominös dicksteißigen Lerchenfelderin zu urteilen, muss die ihm so sehr befreundete Gottheit ein wahrer Superlativ aller Gemeinheit und der allergroßartigsten Fadheit sein! Diese faule Dirne stinkt vor Unzucht, und er will sie bilden und sie zur Zierde dieses Hauses erheben! Hört, das wird eine schöne Zierde werden! Hahaha, oder was!?“
RB|1|68|8|0|Spricht die Heldin zu Mir: „Ober – hörns, hörns, wie der schimpfe thuat! Na, den sulln S' do wos sage, so ober, dass ers verstanet!“
RB|1|68|9|0|Sage Ich: „Mache dir nichts daraus! Sie sollen nur schimpfen, wie es ihnen freut [gefällt]. Es wird aber dann schon kommen, wo es sich zeigen wird, wie viele Interessen ihnen ihr hochmütiges Schimpfen tragen wird! Auf dass aber ihr Hochmut noch mehr Steine zum Anstoßen an uns zweien finden soll, so musst du von nun an als Meine Geliebte Mich per Du anreden und musst zugleich auch versuchen, recht fein Deutsch zu reden. Wenn diese das hören werden, da wirst du erst sehen, wie ihnen der Hochmutspitzel steigen wird! Versuch's einmal, ob du nicht zugleich ganz rein Deutsch zu reden imstande sein solltest!“
RB|1|68|10|0|Die Heldin merkt in sich eine Veränderung, und ein großes Wohlgefühl durchströmt ihr ganzes Wesen, was auch auf ihre Gestalt einen sehr günstigen Eindruck macht. Ganz selig erstaunt über solch eine plötzliche Veränderung ihres Wesens, an und in dem sich auch nicht ein leisester Schmerz irgend mehr verspüren lässt, blickt sie Mich voll Freuden an und spricht: „O, Du hoher Freund aus den Himmeln, wie wohl wird mir nun an Deiner Seite! Alles Rohe fiel wie ein Schuppenpanzer von mir! Mein grobes Denken und meine grobe Sprache haben sich verwandelt wie eine ehemals eklige Raupe in einen herrlichsten Falter! Und alle meine Schmerzen schwanden wie der Schnee vor der Glut der Sonne! O wie wohl ist mir nun! Und wem danke ich das? Oh, Dir, Dir! Du großer, heiliger Freund des Allerhöchsten!
RB|1|68|11|0|Aber da Du mir ärmsten Sünderin eine so unendlich große Gnade erwiesen hast, deren ich wohl ewig nie nur im allergeringsten Maß werde wert werden können – o sage mir nun aber auch, was ich tun soll und wie mich benehmen, um Dir nur einigermaßen meine gebührendste Dankbarkeit an den Tag legen zu können!“
RB|1|68|12|0|Rede Ich: „O du Meine geliebteste Helena (d. i. der himmlische Name), wir beide sind schon quitt miteinander! Du gefällst Mir nun ganz ausgezeichnet gut und hast ein Herz, das Mich gar sehr liebt, wie das Meinige dich – und was braucht es da noch mehr?! Reiche Mir nun auch deine Hand zum Pfand deiner Liebe zu Mir und gebe Mir einen so recht brennheißen Kuss auf Meine Stirn! Für alles Übrige werde schon Ich sorgen.“
RB|1|68|13|0|Die Helena, solches von Mir vernehmend, wird nahe ganz glühend vor Liebe, reicht Mir sogleich die Hand und gibt Mir auch den verlangten Kuss auf die Stirn mit einer kaum zu beschreibenden Liebeinnigkeit!
RB|1|68|14|0|Diese Szene lockt dem Blum, dem Messenhauser, Becher und vorzüglich dem Jellinek Tränen aus den Augen. Und die Helena sieht bald nach dem Kuss auf Meine Stirn wie eine Verklärte aus und wird in ihrer Gestalt so edel und schön als wie ein schon himmlisches Wesen – bis auf ihre Kleidung, die aber dennoch nun sehr gereinigt und nett aussieht. Blum aber kommt sogleich herzu und fragt Mich, ob er für diese schöne Blume auch neue Kleider holen soll? Ich sage ihm: „Nach einer kurzen Weile, so Ich es verlangen werde.“
RB|1|69|1|1|Der Pathetikus und seine Freunde über die wunderbare Veränderung Helenas. Unterschied zwischen Traum und wirklichem Leben. Olafs Gleichnis von der Brautwerbung.
RB|1|69|1|1|(Am 2. April 1849)
RB|1|69|1|0|Es bemerkt aber diese Metamorphose auch unser Pathetikus und seine Gesellschaft, und einer aus der Gesellschaft sagt zum Pathetikus: „Du, Freund, merkst du nichts? Jene Lerchenfelderin, ein ehemaliger Schmerkübel voll Unzucht, Ruß und Dreck von halb Wien, wird nun ganz verklärt! Es ist nun eine Passion, das neckische Dingerl anzuschauen! Soll denn etwa doch jener unbekannte Freund Blums so eine Art von einem echt ägyptischen Magier sein?!“
RB|1|69|2|0|Spricht der Pathetikus: „Ja, ja, ich merke wohl auch so etwas Ähnliches. Aber weißt du, das Menschl ist auch sonst nicht übel, und wann so ein Menschl recht verliebt ist, und ihr die Liebe die Wangen zu röten anfängt und den Busen anschwellen macht, so ist dann so ein Figurl gleich ganz nett aussehend beisammen! Oh, da hab' ich dir auf der Erde gar nicht selten Menscheln gesehen, die in ihrer gewöhnlichen, schmutzigen Hausverfassung, man könnte sagen grauslich ausgesehen haben; wenn sie aber sonntags mit ihrem Liebhaber zum Sperl hinausgewandelt sind, ja – da waren sie gar nicht mehr zu kennen! Ich habe ja selbst einmal ein recht verliebtes Ding von einer Küchenfee im Dienst gehabt! Unter der Woche sah sie dir manchmal ja doch so schmafumäßig aus, dass es einem, der sie ansah, offenbar ekeln musste; voll Fett, schwarz und geschmiert wie ein Ölgötze stand sie dir in der Küche am Herd! Aber wenn der liebe Sonntag kam, und sie am Nachmittag ihre Ausgehzeit hatte, so hättest du sie dann sehen sollen! Ich sage es dir, wie eine Zirkassierin sah sie dir aus! Und mit diesem Menschl wird's hier der gleiche Fall sein! Das ist bloß die Liebe, die hier wie auf der Erde gar nicht selten solch wunderähnliche Verschönerungen des weiblichen Geschlechts hervorbringt! Nimm du ihr die Liebe, da wird sie gleich mit einem ganz anderen Gesicht dastehen!“
RB|1|69|3|0|Spricht der andere: "Weißt, du hast wohl in einer Hinsicht recht; aber hier scheint sich die Sache aber dennoch ganz anders zu verhalten. Denn fürs Erste ist dies Wesen wirklich auf einmal zu schön geworden, und fürs Zweite spricht es nun auch ein ganz reinstes und edelstes Deutsch, und es ist keine Spur von einem Wiener Dialekt an selbem zu entdecken! Ich sage dir, das bewirkt so eine ganz gewöhnliche Liebe nicht! Da muss etwas Höheres, für uns rein Unbegreifliches mit im Spiel sein! Betrachte nur einmal recht den unendlich zarten Teint, die Weichheit ihrer Arme und ihres Nackens, das schönste Blond ihres Haares, die höchst interessante Form ihres Gesichtes, die echt himmlische Rötung ihrer Wangen, und was für ein wunderherrliches Füßchen unter ihrem Kleid hervorlugt! Und was wahr ist, ist wahr! Du wirst mir in jedem Fall recht geben müssen: Ex trunco non fit Mercurius [aus einem Klotz wird kein Gott]!“
RB|1|69|4|0|Der Pathetikus fängt hier ganz ernstlich zu stutzen an, da er die Bemerkung seines Freundes ganz wohl begründet findet. Aber ein dritter in der Gesellschaft erhebt sich und spricht: „Liebe, werte Freunde, ich muss euch da schon aus einem Traum helfen! Ihr beide fasst diese Sache ganz irrig auf! Seht, diese Metamorphose hat in meinen Augen einen ganz natürlichen Grund, und zwar diesen: Wir alle sind nun in der reinen Geisterwelt. Unser Leben ist nichts als ein vollkommener Traum, und was wir nun sehen ist ein Spiel unserer Phantasie, an der nichts echt und wahr ist als sie selbst, als das was sie ist, nämlich eine vane (eitle) Phantasie. Dieser Phantasie beliebt es nun, uns allerlei Spektakel vorzumachen, die sich unseren seelischen Traumsinnen wie objektive Wirklichkeiten darstellen, an denen aber natürlich ebenso wenig gelegen ist, als an den Bildern, die wir auf Erden mittelst einer sogenannten Zauberlaterne zuwege gebracht haben! Schaut und seht, so verhält sich diese Sache hier! Begreift ihr das?!“
RB|1|69|5|0|Spricht der erstere der Gesellschaft: „Freund, mit dieser deiner Erklärung hat es hier einen ganz offenbaren Faden. Denn siehe, wenn das alles nur so eine Art Traum wäre, da müsste ja deine soeben an uns erfolgte Erklärung auch ein Traum sein, auf den man dann auch ebenso wenig halten könnte als auf alle übrigen Erscheinungen, die sich hier vor unseren Augen als ganz zusammenhängend entfalten?! Oder könntest du wohl nur mit einiger Konsequenz behaupten, dass deine an uns gerichtete Belehrung von deiner Ansicht eine Ausnahme mache? Ich habe doch auf Erden sehr oft und sehr lebhaft geträumt; aber welch ein Unterschied zwischen einem Traum und zwischen dieser nur zu einleuchtend hellsten Wirklichkeit!
RB|1|69|6|0|In meinen Träumen verhielt ich mich stets vollkommen passiv, und hier bin ich meinem ganzen, klarsten Bewusstsein nach vollkommen aktiv! Im Traum hatte ich nie eine Rückerinnerung; und wenn mir schon so etwas vorkam, als wäre es eine Art Rückerinnerung, so war sie aber dennoch so dumpf und unvollständig, als sich nur etwas Unvollständiges in derart denken lässt. Hier aber ist eben die Rückerinnerung von einer solchen Klarheit, das mir sogar die allerunbedeutendsten Erscheinungen meines irdischen Lebenswandels wie vollendetste Bilder einer Camera lucida von A bis Z vorschweben! Sage Freund, kann man das einen Traum nennen?!
RB|1|69|7|0|Im Traum empfand ich nie vollkommen einen Schmerz oder einen Hunger und Durst, und die Gestalten der mir im Traum vorkommenden Wesen waren stets sehr unstet, flüchtig und wandelbar und verdrängten sich in sehr schneller Reihenfolge sogestaltig, dass von den Vorhergehenden gewöhnlich nichts mehr vorhanden war, so die Nachfolgenden in die Reihe der Erscheinlichkeit traten. Und von irgendeiner logischen Ordnung zwischen dem Vorhergehenden und Nachfolgenden war natürlich nie eine leiseste Spur zu entdecken. Hier hingegen geht, wennschon das Gepräge des Wunderbaren unleugbar an sich tragend, aber alles in einer solchen logischen Konsequenz seinen bestimmtesten Weg vor sich hin, dass man sich darüber nicht genug verwundern kann, besonders wenn man, mir gleich, so einen stillen Beobachter macht.
RB|1|69|8|0|Welche weise Logik durchweht jede Rede, die entweder der Blum oder seine Freunde an jemanden richten! Wie konstant und architektonisch richtig ist dieser Saal erbaut! Und wie sieht hier alles gar so bedeutungsreich aus!
RB|1|69|9|0|Und, Freund, das alles soll ein Traum sein?! Nein, nein, Freunde, das ist kein Traum, keine Phantasie; sondern das ist eine große, heilige Wirklichkeit! Und wir tun sehr wohl, so wir alle diese Erscheinungen mehr zu würdigen anfangen, als wir es bis jetzt taten! Und so kommt mir nun die merkwürdige Verschönerung unserer Lerchenfelderin auch ganz [viel] bedeutungsvoller als ehedem vor, wo sie noch nicht so grell ersichtlich war! Was meint ihr nun von dieser meiner Ansicht und Beurteilung dieser Sache?!“
RB|1|69|10|0|Spricht der Pathetikus: „Ja, ja, Freund, du hast recht, ich pflichte dir vollkommen bei. Aber das kann ich wahrlich nicht begreifen, wie man hier denn auch leidenschaftlich für oder wider etwas eingenommen sein kann?! Siehe, mich ärgert es noch, wie mich ehedem eben diese nun wahrlich und unbegreiflich schön gewordene Lerchenfelderin gar so lausbubenmäßig hergestellt hat; und als ich dann bei eben diesem ihrem Freund und Geliebten Schutz und Rechtfertigung suchte, so erhielt ich dann auch von Ihm, was ich sicher nicht suchte! Kurz, ich ward bis in die innerste Fiber meines Lebens gekränkt und beleidigt, was man als ein Mann von allzeitiger unbescholtener Ehre denn doch nicht so mir und dir nichts gleichgültig annehmen kann! Und siehe, eben das, dass man auch hier im Reich der Geister, im Reich der höchsten Ordnung und Konsequenz, gekränkt und beleidigt, ja sogar ordentlich erzürnt werden kann, das ist mir ein Rätsel!? Erkläre mir's, wie das möglich ist, und ich will mich dann ganz vollkommen deiner Ansicht anschließen!“
RB|1|69|11|0|Spricht der Angeredete (Max Olaf): „Mein Freund, diese Sache ist ja ganz einfach, leicht ersichtlich und klar! Was ist denn eine Kränkung und Beleidigung? Siehe, diese leidige Erscheinlichkeit ist nichts anderes als eine Zurückweisung unseres ganz natürlichen Hochmuts. Der Hochmut an und für sich aber scheint mir das Gefühl in der Seele zu sein, laut dem sie ihre hohe, göttliche Abkunft bloß wie für sich als abgeschlossen ansieht und also betrachtet, als wäre nur sie allein die Bevorzugte, alles andere sei entweder viel minder oder gar eine Null! Tritt nun dieser Lieblingsidee etwas recht schroff in die Quere und will neben ihr auch wenigstens den gleichen Rang behaupten, so empfindet die Seele diese Opposition wie schmerzlich, sie beengend und dadurch kränkend, weil sie daraus notwendig ersieht, dass andere von ihr das nicht halten wollen, was sie von sich selbst hält! Ein solcher Zustand der Seele aber scheint mir denn auch ein sogar in sich selbst sehr unlogischer und unkonsequenter zu sein; und [er] muss eine ganz entgegengesetzte Richtung einschlagen, so aus ihm für die Seele ein wahres Glück erwachsen soll!
RB|1|69|12|0|Auf der Erde haben jene, die sich für besser dünken als andere, allerlei Mittel, diesem unordentlichen Dünkel Geltung zu verschaffen. Aber hier, wo es weder Geld, Adel, Heere, Bajonette und Kanonen gibt, sieht's mit solchem unlogischen Dünkel der Seele auch notwendig etwas fatal aus! Denn fürs Erste ist es ja im Grunde denn doch Unrecht, so ein Geschöpf sich vor einem anderen ganz gleichen Geschöpf erheben will. Und fürs Zweite ist ein solches Bestreben sogar auch eine barste Narrheit!
RB|1|69|13|0|Denn so es mir Logik und Erfahrung sagt, dass eben derjenige Mensch im Grunde doch stets der glücklichste ist, der die wenigsten Anforderungen für sich an seine Nebenmenschen stellt, so ist es wirklich anderseits eine Tollheit, in etwas das Glück der Seele erreichen zu wollen, worin es logisch richtig ewig unerreichbar ist! Sage mir, was wohl hältst du für besser und zweckmäßiger? Das Bestreben nach der Erfüllung aller zahllosen Bedürfnisse, die in der Seele gleich dem Unkraut wuchernd auftauchen, oder eine weise Reduzierung der Bedürfnisse bis auf ein mögliches Minimum?“
RB|1|69|14|0|Spricht der Pathetikus: „Offenbar das Zweite. Denn je weniger man braucht, um glücklich zu sein oder zu werden, desto leichter und auch wahrer wird man glücklich!“
RB|1|69|15|0|Spricht Max Olaf: „Richtig! So ist es, und wird es bleiben ewig! Was nützt es einem Brautwerber, so er sich um die Hand einer Tochter bewirbt, deren Eltern von sich und so auch von ihrer Tochter viel zu viel halten!? Er wird sein Ziel schwer oder noch wahrscheinlicher nie erreichen; und erreicht er es, so ist er dann erst recht am Hunde [Ende] aller seiner Glücksträume! Wendet er sich aber an die Tochter geringer Eltern, die sich für viel weniger halten, als da ihr Brautwerber vor ihnen erscheint, so wird er eine leichte Mühe haben, sein Glück zu erreichen, und wird damit auch besser dran sein, als mit seiner früheren Hochwahl!
RB|1|69|16|0|Tun wir nun so! Und es wird uns keine Lerchenfelderin mehr genieren! Was meinst du, hab ich wohl recht oder nicht?!“
RB|1|70|1|1|Geschichte des Pathetikus. Der hilfreiche General.
RB|1|70|1|0|Spricht der Pathetikus: „Bruder Max, du hast nun vollauf gut, wahr und aus dem Leben gegriffen richtig gesprochen! Meine Kunigunde, Gott habe sie selig; du hast sie gekannt! Ich war von Geburt aus nur ein Landjunker, wie du weißt. Meine Eltern haben nie zu der Klasse der Wohlhabenden gehört und konnten mir somit auch keine andere Erziehung geben, als die sie selbst hatten. Der Zufall wollte es, dass ich zum Militär kam. Ich war ein sauberer Bursche und hatte das Glück, meinen Oberst für mich eingenommen zu machen. Er gab mich in die Militär- oder eigentlich Regimentsschule, in der ich binnen kurzem recht gut lesen, schreiben und rechnen [lernen] konnte. In den sonstigen Militärdienstsachen war ich gar bald einer der Gewandtesten im ganzen Regiment. Die ganz natürliche Folge davon war, dass ich Chargen (Dienstrang) bekam, wurde Gefreiter, Korporal, Feldwebel und endlich nach sieben Jahren schon Offizier! Jung, sauber, lustig und geschickt, und Offizier! Denke, dass ich auch im Punkte des schönen Geschlechtes bei solchen Eigenschaften nicht zurückblieb.
RB|1|70|2|0|Zum Unglück lernte ich bei einem Erzaristokraten eine seiner Töchter kennen, und das bei der Gelegenheit eines Balls, den er dem sämtlichen Offizierskorps gab. Sie war von Geburt eine Baroness; und ihr Vater, der Ballgeber, obendrauf ein ungeheuer reicher Mann. Das Mädchen gefiel mir, und ich ihr wahrscheinlich, als notorisch der schönste Mann beim Regiment, noch mehr. Kurz, sie fing Feuer und gab es mir ganz unzweideutig zu verstehen, was sie für mich fühle! Ich von Geburt ein Sauhalter und arm, vis-à-vis dem Baron, wie eine Kirchenmaus, nur durch meine Leibesvorzüge und nicht durch Verdienste Offizier, das reimte sich wohl verdammt schlecht zusammen! Aber was fragt die rechte Liebe nach Geburt und Reichtum! Da ich sah, dass das Mädchen mich wirklich liebte, so kam es mir wahrlich auch gar nicht schwer vor, mich auch in sie so recht nagelfest zu verlieben.
RB|1|70|3|0|Nun waren wir beide ineinander also kreuz und quer und über Hals und Kopf verliebt, und unser beider Wunsch auf Leben und Tod war dann natürlich kein anderer, als einander ehest möglich zu heiraten! Aber wie?! Wie des erzaristokratischen, reichen Vaters, der sich bei jeder Gelegenheit seiner wenigstens vierundzwanzig Ahnen rühmte, Einwilligung erhalten und ihn zur Legung der vorgeschriebenen Kaution bewegen?! Ich steckte mich hinter alles, was mich beim Vater nur immer protegieren konnte! Und der Erfolg war, dass mir das Haus, freilich auf eine ganz höfliche Art, verboten wurde. Was nun? War meine und meiner Geliebten Frage.
RB|1|70|4|0|Mein Oberst, der mich wie seinen Sohn liebte, war selbst ärgerlich über diese Geschichte und riet mir zu quittieren, dann Pässe zu nehmen, nach England zu reisen und mir dort nur alsogleich eine bedeutende Militärstelle zu kaufen, zu welchem Behuf er mir, als selbst ein überaus reicher Kavalier, das nötige Geld ohne allen Rückhalt vorschießen wolle! Ich verstand, was der Oberst damit erreichen wollte, und befolgte seinen väterlichen Rat auf das Pünktlichste. Kurz, omissis omitendis etc., [unter Auslassung unwesentlicher Umstände], im Verlauf von einem halben Jahr war ich, da ich mich zur Marine wandte, erster Kapitän eines Kriegsschiffs, das nach kurzer Zeit die Bestimmung erhielt, nach Ostindien zu segeln. An wahrer Tapferkeit fehlte es mir nicht, die Nautik hatte ich mir bald eigen gemacht, und die Art, auf der See ein Kriegsheld zu sein, nicht minder!
RB|1|70|5|0|Nur zu bald boten sich mir tausend Gelegenheiten, mich als ein Feldherr auszuzeichnen. Alle Operationen, die mir anvertraut wurden, habe ich glänzend durchgeführt, und so fehlte es auch nicht an glänzenden Auszeichnungen. Nach etwa vier Jahren kehrte ich nach England zurück, natürlich geadelt und auch ungeheuer reich. Ich schützte Gründe vor, um mich pensionieren zu lassen; allein sie wurden nicht angenommen. Aber dafür bekam ich einen halbjährigen Urlaub, den ich natürlich dazu benützte, um meine Heiratsgeschichte in die nun vielleicht doch mögliche Bewerkstelligung zu bringen?!
RB|1|70|6|0|Als ich, mit viel Geld, Urlaub und Pässen versehen, in meinem Vaterland ankam und gottlob meine Eltern und Geschwister am Leben fand und sie alle auch reichlichst beschenkt hatte, so war darauf mein erster Gang in die Stadt, wo ich assentiert wurde und wo sich mein guter Vater Oberst nun aber schon als Generalmajor befand. Ob meine oder ob seine Freude über unser Wiedersehen größer war, das wird Gott wissen! Kurz – eine gute Viertelstunde lagen wir uns in den Armen und küssten uns gegenseitig wohl tausendmal! Meine erste Sorge war, ihm die große bare Schuld abzutragen, und zwar mit den reichsten Zinsen. Wie gerne hätte ich diesem Ehrenmann das Dreifache des mir Geliehenen abgestattet! Aber er nahm nichts an und sagte, als ich ihm blankes Gold auf den Tisch legte: ‚Mein liebster Freund. Sie wissen, dass ich nie verheiratet war und somit auch keine Kinder habe. Sie sind mein einziger Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe, und somit auch der Erbe meines sämtlichen Vermögens nach mir. Diese Kleinigkeit aber betrachten Sie bloß als ein väterliches Vorgeschenk und machen bei mir weiterhin auch keine Erwähnung mehr!‘
RB|1|70|7|0|Dass mich eine solche Erklärung bis zu Tränen rühren musste, das versteht sich von selbst. Denn wer wohl könnte, und so er als ein Kriegsheld auch zehntausend Teufel im Leib hätte, einem solchen wahrsten Edel- und Ehrenmann gegenüber ungerührt bleiben?! Kurz, als wir uns so recht wacker durchgeliebt hatten, so fragte er mich, ob die bewusste Baroness nie an mich, oder ich an sie geschrieben hätte? Ich sprach der Wahrheit gemäß, dass ich ihr dreimal geschrieben habe, aber leider auf keines dieser Schreiben eine Antwort erhielt! Dass ich ihr dann nicht auch noch ein viertes Mal schrieb, lässt sich leicht denken. Dass ich aber nun mit diesem Besuch, den ich meinem Vaterland schuldig war und ganz besonders ihm, als meinem größten Freund, auch noch eine ganz solide Anfrage an den Baron um die Hand seiner Tochter verbinden möchte, lässt sich sehr leicht denken!
RB|1|70|8|0|Der Herr Generalmajor war damit sehr zufrieden und lobte die Festigkeit meines Charakters über alle Maßen, obschon er es mir nicht verhehlte, dass der Baron mit seiner Tochter, d. h. mit der mir allein wohlgefälligen, obschon sie nun um einige Jahre älter ist, jetzt noch ein prätentiöseres Wesen treibe als ehedem. Reichtum sei kein Köder für ihn, ebenso wenig auch das Verdienst eines unadelig Geborenen. Sondern bei diesem bornierten Aristokraten gelten bloß die Geburt und der hohe Adel etwas. Er habe auch deshalb den ihm vom Kaiser verliehenen Grafentitel zurückgelegt, weil er dadurch zu einem jüngsten Grafen würde, da er sonst doch der älteste Baron sei!
RB|1|70|9|0|Dass diese Erklärung auf mein Gemüt eben keinen sehr günstigen Eindruck machte, lässt sich leicht begreifen, besonders so man bedenkt, was unsereiner zur Gewinnung der Gunst solch eines Hauses alles unternommen und gewagt hatte!? Ich war wohl auch nun ein Gentleman! Aber wo wären bei mir die erforderlichen, wenigstens sechzehn Ahnen zu suchen gewesen, da der Stammbaum mit mir erst seinen Anfang nahm!? Aber der Herr Generalmajor meinte, ich soll dennoch hingehen und dem Alten meine Aufwartung machen und ihm bei dieser Gelegenheit recht viel Abenteuerliches erzählen von Meeresstürmen, Seeschlangen und Seeschlachten, wovon der Baron ein großer Freund sei; vielleicht gelänge es mir, das Herz des alten Kauzes zu gewinnen!?
RB|1|70|10|0|Ich befolgte den Rat meines Freundes, der mich selbst hingeleitete, ward vorgelassen und vom Alten mit großer Auszeichnung empfangen, was ich für ein gutes Prognostikon [Vorzeichen] hielt, worüber mich aber die Folge leider dennoch nur zu bald eines andern belehrte!
RB|1|70|11|0|Das Beste an der Sache war das, dass mich meine Emma noch mit derselben Glut liebte wie ehedem, und dass sie meine Briefe richtig erhielt, aber dieselben nur stumm und unter vielen Tränen in ihrem Herzen beantworten musste. Ich bot nun natürlich alles auf, um den Alten in puncto seiner Tochter mir geneigt zu machen. Aber da war alles vergebliche Mühe! Kurz, ich stand nach einem Vierteljahr auf demselben Punkt mit ihm, so wie am ersten Tag meines ihm gemachten Besuches!
RB|1|70|12|0|Was ist da zu machen? fragte ich meinen Freund. Der zuckte die Achseln, und ich mit ihm. Nach einer Weile sagte der Generalmajor: ‚Ich will Ihnen wohl durchaus keinen bösen Rat erteilen; aber so Sie hier zum Ziel gelangen wollen, was ich bei mir im Geheimen recht sehr wünschte, so müssen Sie sich schon auf ein paar Gewaltstreiche verlegen, von denen Sie einen in die Ausführung bringen müssen. Das Mädchen ist nun nahe an die fünf- oder sechsundzwanzig Jahre alt, also vollkommen majorenn und kann über ihr Herz und ihre Hand disponieren, wie sie will. Hat sie den Mut, sich auch ohne die Einwilligung ihres Vaters zu verheiraten, da heiraten Sie Ihre Emma nur vom Fleck weg! Denn ein Soldat darf nie viel Umstände machen. Freilich müssen Sie sich da auf die Enterbung gefasst machen und vielleicht auch einen wohl konditionierten Vaterfluch nach altaristokratischer Sitte – woraus Sie sich wohl nichts machen werden. Aber ob Ihre Emma auch so starkmütig sein wird, das müsste freilich erst eruiert werden! Aber ich denke, weil das Mädchen selbst Ihnen erst unlängst den Vorschlag zu einer Entführung gab, so dürfte sie in diesen meinen Vorschlag vielleicht doch noch eher eingehen, weil er sich auf dem Boden der Gesetzlichkeit befindet. Wenn aber dieser Vorschlag scheitern sollte an der Schlauheit des alten Fuchses, dass er etwa die Pfaffen in seinen Sold nähme, und Sie zu keiner Kopulation [Trauung] kämen, dann freilich müssten Sie den zweiten Gewaltstreich in eine schnelle und wohlberechnete Ausführung bringen, nämlich den der baren Entführung, und sich dann in England kopulieren lassen. Dieser zweite Streich bewegt sich freilich nicht mehr auf dem gesetzlichen Boden; aber so es da kein anderes Mittel zur Erreichung des Ziels gibt, das Sie doch um jeden Preis erreichen möchten, so wird Ihnen am Ende doch nichts anderes übrigbleiben!? Sie werden sicher verfolgt werden! Aber das lassen Sie nur mir über; ich werde diese Verfolgung schon so einleiten, dass Sie sicher nicht eingeholt werden. Und befinden Sie sich einmal auf ihrer Fregatte, dann, adieu Baron! Das Weitere werden dann schon Sie selbst zu veranstalten wissen?!‘
RB|1|70|13|0|Dieser Rat gefiel mir natürlich über alles wohl, und ich führte schon in der zweiten Woche den zweiten Gewaltstreich aus, weil mit der Ausführung des ersten sich zu viele unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg stellten. Wie mir hernach [durch] eine gute Gelegenheit von Seiten meines größten Freundes bekanntgemacht wurde, so wurde ich auch verfolgt. Aber da fürs Erste mein Freund die Verfolgung zu lenken wusste, und fürs Zweite das Meer keine Balken hat, so kam ich gut davon. Meine Fregatte betretend, ließ ich mich auch sogleich von unserem katholischen Schiffskaplan trauen und die Trauung gehörig dokumentieren, und war insoweit in der Ordnung, was sozusagen die nackte Heirat betrifft.“
RB|1|71|1|1|Der Ehehimmel des Pathetikus verfinstert sich. Das wahre Gesicht der Gattin.
RB|1|71|1|0|[Pathetikus:] „Ich sah nun nichts als ein Paradies ums andere vor mir, da ich nun das erreicht hatte, dessentwegen ich mich zu den größten Opfern herbeiließ! Aber leider stiegen um mein Paradies nur zu bald die düstersten Wolken auf!
RB|1|71|2|0|Meine Emma, von Woche zu Woche stets mehr und mehr von Gewissensschwächen gepeinigt, dass sie ihren Vater verlassen hatte, und dass er ihr noch vielleicht im Grab fluchen werde, ward daher von Tag zu Tag missmutiger, bereute den Schritt, den sie mit mir getan hatte, verwünschte Tag und Stunde, in der sie mit mir die erste Bekanntschaft gemacht hatte! Von Tag zu Tag wuchs bei ihr auch das Heimweh, dass ich ernstlich zu besorgen anfangen musste, dass dadurch ihr mir über alles teures Leben nur zu bald in eine sehr bedenkliche Krisis gelangen möchte! Was war da zu tun? Ich bot eine Zeit lang alles auf, um ihr vom Leben andere Begriffe beizubringen. Aber all meine Mühe war vergeblich! Und so blieb mir denn am Ende, und zwar schon nach dem Verlauf von einem Jahr, denn doch nichts übrig, als meines Dienstes in England ledig zu werden und mich dann als ein sehr wohlhabender Privatmann, und zwar nach Wien, mit meiner teuersten Ehehälfte zurückzuziehen.
RB|1|71|3|0|In Wien angelangt, wollten wir zum Vater der Emma und dort seine mögliche Vergebung erlangen. Aber er – wahrscheinlich mehr aus Gram als an einem Nervenfieber – war leider dahin!
RB|1|71|4|0|Jetzt erst war es bei meiner Emma völlig aus! Ihre hochmütigen Geschwister machten ihr die bittersten Vorwürfe und machten sie gleichsam zur Mörderin ihres Vaters, der noch sterbend die Hände nach seiner einzigen Emma ausgestreckt hätte! Solche Nachrichten brachten sie, was leicht begreiflich ist, aufs Krankenlager, und mich um mehrere Tausende. Sie ward wieder gesund und verlangte von mir nicht selten Opfer, die ich kaum erschwingen konnte, die ich ihr aber dennoch mit aller Zartheit darbrachte, obgleich ich von ihr weder Geld noch die erste Liebe wieder zu erwarten hatte. Aber der Zufall wollte, dass ihre Geschwister nach ein paar Jahren an einem bösartigen Typhus starben, wodurch mein Weib, und Mutter von ein paar Töchtern, die alleinige Erbin von einem großen Vermögen wurde! Da sollte man denken, dies werde meine Emma fröhlicher und mir geneigter machen, indem sie früher oft das als einen Hauptgrund von ihrer Traurigkeit angab, dass sie als Tochter eines der reichsten Kavaliere mir zu einem gänzlich vermögenslosen Weib ward – dessen ungeachtet sie aber meine Kasse dennoch gehörig zu gebrauchen verstand, wenn es galt, sich als Tochter des reichen Barons zu zeigen.
RB|1|71|5|0|Aber nach der Erbschaft erfuhr ich erst, wer sie und wer ich war! Ihre frühere Gemütskrankheit hatte sich zwar nach etwa einem Jahr nach dem Empfang ihrer Erbschaft gelegt; aber an ihre Stelle trat eine andre, nämlich die unersättliche Begierde nach Glanz, Pracht, nach ihr zusagenden Gesellschaften und Vergnügungen aller Art. Und ich, seligen Angedenkens, ward zum Sühnmantel [Simandl] aller Sühnmantel!
RB|1|71|6|0|Als ich ihr einmal mit der größten Gelassenheit und Zartheit vorstellte, dass so ein Leben nicht in der Ordnung sei, und dass im Grunde sie mich viel unglücklicher gemacht habe als ich sie, der ich doch nur durch sie und hauptsächlich durch ihr Wollen und Raten sie entführt habe; und dass ich nun in England schon ein Admiral sein könnte, so ich nicht ihr zuliebe alldort meine Charge verkauft hätte und nicht nach Wien gezogen wäre! Als ich ihr solches unter Tränen sagte, da war erst der Teufel vollkommen los! Ohne mir ein Wort zu erwidern lief sie hastig in ihr Gemach und brachte mir nach einer halben Stunde Papiere im Wert von zweimal hunderttausend Gulden und sprach: ‚Da, mein Herr Gemahl, von Geburt ein Sauhalter, empfangen Sie, was ich Sie allenfalls gekostet habe! Verlassen Sie meine Wohnung und sehen Sie sich wo um eine andere um! Auch steht es Ihnen frei, die paar Bälge von Kindern mitzunehmen; denn mit derlei Geschöpfen kann ich mich nicht abgeben, die mir leider in meiner großen Verblendung ein Bauernjunge gezeugt hat! Adieu, wir sind quitt!‘
RB|1|71|7|0|Mit diesen Worten warf sie die Türe hinter sich zu, und ich stand mit den zwei weinenden lieben Töchterchen wie versteinert da. Ich harrte darauf eine volle Stunde, in der Meinung, Emma werde ihren Fehler einsehen und zu mir zurückkehren. Aber nichts dergleichen! Ich ging nach ein paar Stunden selbst zu ihr hin, ward aber nicht vorgelassen. Und der Kammerdiener sagte mir, dass die gnädige Baronin es wünsche, dass ich sogleich aus dem Haus soll, ansonst sie genötigt wäre, dies Haus für immer zu verlassen! Vom Schmerz zu sehr übermannt, konnte ich kaum reden; bedeutete aber dennoch dem Kammerdiener, dass er der Gnädigen vermelden soll, dass ich weder ihres Geldes noch ihres Hauses bedarf und habe sie auch nie darum zum Weib genommen! Da ich ihr aber nun zu stinken anfange, so lasse ich ihr eine gute Nacht wünschen! Ich aber werde mit meinem eigenen, redlich erworbenen Vermögen mich mit den zwei Kinderchen schon durchbringen!
RB|1|71|8|0|Darauf eilte ich sogleich in mein Zimmer, wo ich meine beiden Kinder mit ihrer Gouvernante noch schluchzend traf, zog da an der Glocke meiner Dienerschaft, die sogleich herbeieilte, um meine Aufträge zu vernehmen. Als mich mein Kammerdiener fragte, was ich wünsche, sprach ich: Martin! Geh Er und bestelle Er mir wenigstens auf einen Monat ein Quartier, koste es, was es wolle! Komme aber längstens in zwei Stunden wieder. Ihr andern aber packt nur schnell alle meine Sachen zusammen! Denn wir müssen heute noch aus dem Haus, da mir meine erhabene Gemahlin solches geboten hat! Hole einer von euch aber auch noch andere Tagelöhner, damit die Sache hurtiger vom Fleck gehe! Meine Dienerschaft machte große Augen und sehr lange Gesichter; aber sie fügte sich emsigst meinen Befehlen.
RB|1|71|9|0|Als ich gerade mit dem Einpacken am emsigsten beschäftigt war, pochte jemand an meine Türe. Herein! Wer war's?! Mein guter Herr Generalmajor, der gerade an diesem Tag in Geschäften nach Wien kam. Ein Engel aus den Himmeln hätte mir gerade in dieser Stunde nicht gelegener kommen können als gerade dieser mein einziger und bester Freund! ‚Was sehe ich, was tun Sie denn, ziehen Sie denn aus? Oder was hat das zu bedeuten?‘, das waren seine ersten Worte. Ich erzählte ihm natürlich alles auf ein Haar, was in meinem Haus vorgefallen war, und das alles ohne meine allergeringste Schuld, und wie ich von meiner angebeteten Emma bedient worden bin!
RB|1|71|10|0|Der General schlug die Hände über dem Kopf zusammen und wusste anfangs nicht, ob er lachen, oder ob er sich ärgern soll. Nach einer Weile erst fasste er sich ganz und sprach: ‚Mein armer, geliebtester Freund, beruhigen Sie sich! Wenn Ihre Gemahlin so ist, wie ich's nun aus Ihrem Mund zu meinem großärgerlichen Erstaunen erfahren habe, da seien Sie recht von Herzen froh, dass Sie auf eine so honette Art dieser adeligen Rackalie losgeworden sind! Aber diese wertvollen Papiere behalten Sie für Ihre Kinder, das sage ich Ihnen! Denn da wären Sie wohl nicht gescheit, ihr diese namhafte Summe für nichts und wieder nichts zurückzulassen!‘
RB|1|71|11|0|Als der General mich also tröstete und belehrte, da trat der Kammerdiener der Gnädigen ganz barsch ins Zimmer und sagte: ‚Die Gnädigste lässt Euch sagen, dass sie das, was sie Euch als Entschädigung gab, unter gar keiner Bedingung mehr zurücknehmen wolle und zurücknehmen werde! Sollte aber etwa dies zu wenig sein, so ist sie erbötig, Euch noch mehr zu geben!?‘ Ich biss mir in die Lippen vor Ärger und konnte wahrlich nicht reden. Aber dafür nahm der Herr General für mich das Wort und sprach: ‚Sagen Sie der Gnädigen, diese 200.000 Gulden sind nichts anderes für die Opfer, die dieser Mann für sie brachte, als ein allerlausigster Bettel! Mir an seiner Stelle wäre eine Million zu wenig! Denn die Ehre eines Offiziers, wie dieser einer war, bezahlt man nicht mit solch einem Bettel! Darum soll die Gnädige nur in die große Kasse greifen und diesem Ehrenmann, der seinesgleichen sucht, seine von ihr mit Füßen getretene Ehre vergüten! Haben Sie mich verstanden?! Sagen Sie aber der Gnädigen, ich, der Fürst N. N., Vater dieses meines liebsten Sohnes, fordere das von ihr! Und sagen Sie ihr auch, dass sie sich für die Zukunft ja keine Hoffnung machen soll, von diesem meinem einzigen Sohn je wieder angenommen zu werden; und dass sie sich auch nimmer unterstehen soll, seinen Namen zu führen! Hat Er das alles verstanden?!‘ Spricht der Kammerdiener: ‚Ja, Euer Durchlaucht!‘ ‚So packe Er sich!‘, donnerte der General. Der Kammerdiener verbeugte sich bis zum Boden und ging.
RB|1|71|12|0|Nach einer Weile öffnete sich die Tür, und die Baronin stürzte nahe wie besessen vor den General hin und bat ihn und mich, ihre Hände ringend, um Vergebung und sprach viel von einer kränklichen Laune und von der durch sie bewirkten Übereilung, und Gott weiß, was sie noch alles zusammengeschnattert hat!?
RB|1|71|13|0|Der General ließ sie ausreden und sprach dann in seiner ihm sozusagen ganz allein eigenen, leidenschaftslosen Ruhe: ‚Madame, ich kannte Ihren bornierten Vater und kenne Sie! Der Apfel fällt nicht weit vom Baum, und so werden auch Sie, meine Holde, nicht viel besser sein, als es Ihr Vater war! Ich und mein Sohn sind Fürsten; aber uns wäre es sogar im Traum nie eingefallen, sich auf den Fürstentitel in hundert Jahren so viel einzubilden, als Sie sich in einer Stunde auf Ihren Baronstitel eingebildet haben. Dieser, Ihr gewesener Mann, ist zwar nicht mein leiblicher Sohn, aber da ich keine Kinder habe, so habe ich es bei meinem guten Kaiser dahin gebracht, dass er ihn einstweilen insgeheim als meinen rechtmäßigen Sohn unter dem Titel Graf adoptiert hat. Sterbe ich aber heute oder morgen, so ist er Fürst! Verstehen Sie mich?! Und sollten sich die Umstände ändern, oder sollten es andere Hochadelige beim Kaiser dahin bringen, dass ihm der Fürstentitel auch im Geheimen nicht zugelassen würde, so bleibt er aber dennoch mein Sohn und der alleinige Erbe aller meiner Güter! Verstehen Sie mich?! Dieser mein Sohn ist reich, sehr reich, und benötigt weder Ihres Hauses noch Ihres Vermögens. Aber Sie als ein Weib, das er anbetete, haben seine Ehre als Baronin geschändet, und dafür verlange ich, als sein Vater, eine Genugtuung von einer halben Million! Verstehen Sie mich, Madame?!‘ Spricht die Baronin: ‚Durchlauchtigster Herr Schwiegerpapa! Nicht nur eine halbe Million, sondern mein ganzes Vermögen gebe ich her, wenn Sie mir's nur verzeihen und mir meinen geliebten Gemahl nicht wegnehmen!‘
RB|1|71|14|0|Darauf sagte der General: ‚Ja, ja, meine holde Tochter, jetzt, da Sie zum ersten Mal erfahren haben, dass dieser Sauhalter, wie Sie ihn zu titulieren die Gewohnheit hatten, mein Sohn ist, fühlen Sie wieder Liebe zu ihm! Hätten Sie das auch ehedem für den Sauhalter gefühlt, da würden wir uns nun sehr leicht verständigen; aber auf diese Art wird es sich wohl schwerlich mehr tun! Gehen Sie daher in Ihr Gemach zurück; denn ich habe meinem Sohn wichtige Dinge zu eröffnen, wobei ich Sie in der Art als Zeugin durchaus nicht brauchen kann!‘ Emma bittet nun nur noch gewaltiger um Vergebung und gelobt bei allem, was ihr heilig ist, mit mir durch ihr ganzes Leben lieber eine Schweinehirtin zu sein, als mich nur eine Minute mehr zu verlassen! ‚Gut‘, sprach darauf der General, ‚das werden wir sehen! Ich werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen sogleich auf den adeligen Zahn zu fühlen und werde es sehen, wie Sie die Probe bestehen werden?!‘ Spricht Emma: ‚Tun Sie mit mir, was Sie wollen; nur als eine Leiche werde ich von meinem Gemahl mich trennen lassen!‘ – ‚No, no, das wird sich sogleich zeigen, liebste Baronin! Warten Sie ja auf keine neue Probe von mir; denn ich habe mit Ihnen die Probe schon angestellt, und Sie haben diese zur Hälfte schlecht bestanden. Wer weiß, ob die andere Hälfte nicht noch schlechter ausfallen wird!? Sie lieben nun diesen meinen Sohn, weil Sie nach meinem Geständnis nun ungezweifelt dafür halten, dass er mein Sohn sei. Aber es ist dem dennoch nicht so! Ich sagte das nur darum, um Sie zu prüfen und Sie endlich dadurch von der Schmählichkeit ihres Aristokratenhochmutes desto schlagender zu überzeugen! Als Ihre Leichtgläubigkeit dadurch in Ihrem Gemahl nicht mehr den stinkenden Sauhalter, sondern einen Fürsten gewahrte, da fingen Sie an, zu Kreuze zu kriechen! Aber was werden Sie nun tun, so ich all das nur zu Ihrer Probe Gesagte fest widerrufe und sage: Ihr mir über alles schätzbarer Herr ist und bleibt nur der Sohn eines Bauern!?‘
RB|1|71|15|0|Als die Emma solches vernahm, da sprang sie jählings auf und sprach: ‚Waaaaas! So verfährt man mit der Tochter des reichen Barons N. N.!? Also [ist] mein Gemahl kein Fürst, sondern nur ein Bauernsohn und ein in England neugebackener Gentleman!? Oh, das ist schändlich, das ist unaussprechlich niederträchtig! Mich, eine Baronin ersten Ranges, so zu einer barsten Gans herunterzustempeln! – Kammerdiener!‘ – ‚Was schaffen gnädige Frau Baron?‘ ‚Gehe Er eilends in mein Gemach und hole Er mir die Papiere, die auf meinem Tisch liegen, damit ich diesem Bauer da (auf mich deutend) seine gekränkte Ehre vergüte!‘ Sprach der General: ‚Hat nicht vonnöten, meine Gnädige! Ich sagte es ja, dass die zweite Probehälfte schlechter denn die erste ausfallen werde! Sie sind und bleiben, was Sie sind; Sie verstehen mich hoffentlich?! Und dieser mein wirklicher Sohn, bleibt aber auch trotz seines Bauerntums das, wie ich's Ihnen früher kundgab! Und nun gehen Sie weiter!‘
RB|1|71|16|0|Bei diesen Worten kehrt sich die Emma noch einmal um und sagt: ‚Euer Durchlaucht! Sie haben mich auf die Probe gestellt und hatten die Güte, mir soeben zu bemerken, dass ich diese Probe schlecht bestanden habe! Das mag wohl sein, wenigstens so, wie Euer Durchlaucht es nehmen! Aber Dieselben bedenken dabei nicht, dass vielleicht dieser ganze heutige, von mir gar wohl und schlau berechnete und bewirkte Auftritt nichts anderes als eine energische Frage an meinen Herrn Gemahl gerichtet war, ob er mich wohl noch liebe? Denn ich muss nun offen gestehen, dass mein Herr Gemahl seit nahe anderthalb Jahren sich gegen mich mit einer mir kaum begreiflichen Kälte und Gleichgültigkeit benommen hat, die mich heimlich, je länger sie währte, desto unerträglicher unglücklich machte. Ich gab ihm oft zu verstehen, wie ich ihm nun das nicht mehr sei, was ich ihm einstens war! Aber da wusste sich der fürstliche Herr Gemahl allzeit mit Tausenderlei zu entschuldigen. Ich koste ihn, ich zupfte ihn oft an seinen Locken; aber er blieb nicht selten wie eine Statue ungerührt vor mir und wusste meine an ihm verschwendete Zärtlichkeit mit gar nichts zu erwidern. Da dachte ich mir dabei: Bin ich denn gar so ein gemeines Wesen für dich geworden? Mein Vater war ein Baron von großem Vermögen und liebte mich wie sein Leben, und dennoch liebte ich diesen meinen Gemahl so sehr, dass ich zur Verbrecherin an der heiligen Liebe meines Vaters wurde! Und für diese meine große Liebe zu ihm soll nun eine unbegreifliche Kälte von seiner Seite der Lohn sein!? Oh, da muss es irgendeinen Haken haben.
RB|1|71|17|0|Ich bin nun sehr reich und kann so manches tun, um dadurch das Herz meines Gemahls zu erforschen, wie es mit seiner Liebe zu mir steht. Ich gab Gesellschaften und Bälle und ließ mir von Kavalieren den Hof machen, um zu sehen, was etwa doch mein Herr Gemahl dazu sagen werde, ob er doch etwa einmal mit etwas Eifersuchtähnlichem zum Vorschein kommen werde?! Aber da war all meine Mühe vergeblich! Er blieb dabei stets des allergleichsten Mutes, und es schien ihm sogar sehr recht zu sein, wenn ich ihm zeigte, dass ich mich mit andern besser unterhielt als mit ihm! Wie gesagt, einundeinhalb Jahr ertrug ich diese wahre Schmach für mein Herz. Da aber seine Kälte gegen mich nur zu- statt abnahm, und er auch meine Zimmer und mein Schlafgemach gar nicht mehr zu kennen schien, so fasste ich eben diesen Entschluss, den ich heute ausführte, um eine letzte, ernste Frage an sein Herz zu tun!
RB|1|71|18|0|Aber wie bisher jede meiner Bemühungen, so auch blieb diese meine letzte ohne den geringsten, von meinem verwaisten Herzen so sehnlichst erwünschten Erfolg! Weil ich aber denn schon ohne mein Verschulden seine Liebe ganz und gar verloren habe, so sei sie denn in Gottes Namen auch verloren!
RB|1|71|19|0|Wahrlich, Euer Durchlaucht, ich rede nun die volle Wahrheit, so lange ich als eine Arme an seiner Seite stand, da liebte er mich mit einer Kraft, die ich kaum begreifen konnte. Als ich aber durch den traurigen Zufall die alleinige Erbin eines großen Vermögens wurde und notwendig glaubte, dass mich mein Herr Gemahl nun noch doppelt mehr lieben werde, weil ich nun auch in den Stand gesetzt bin, ihm die vielen Opfer, die er mir darbrachte, nicht nur mit dem Herzen, sondern auch mit aller Tat wiederzuerstatten – aber da ward es gerade aus bei ihm! Er äußerte mir nicht nur keine Freude darüber, sondern er ärgerte sich allzeit darüber und sagte mir wie oft ins Gesicht: ‚Dein Geld wird diesem Haus Fluch, nie aber einen Segen bringen!‘ Wenn ich ihm die großen Stöße von wertvollen Staatspapieren und andere große Schätze zeigte, da blickte er mit Verachtung über sie hin, als wären sie ein kaum zu beachtender Hausmist! Überlegen Euer Durchlaucht nun ganz nüchtern solche meine Lage und urteilen dann erst über mich, ob ich hier wohl eine so große und infame Sünderin bin, als wie Sie und Ihr Herr Adoptivsohn es nun meinen!‘“
RB|1|72|1|1|Forderungen der Gattin Emma. Vermittlungsmühe des Generals. Der Streit beginnt zu eskalieren.
RB|1|72|1|0|[Pathetikus:] „Bei dieser Darstellung ihrer Herzensnot mussten wir beide freilich wieder große Augen zu machen anfangen und sagen: Ja, wenn sich die Sachen also verhalten, da bleibt uns freilich nichts anderes übrig, als zu sagen: ‚Mea culpa, mea culpa, mea quam maxima culpa‘ (meine eigene größte Schuld!)
RB|1|72|2|0|Und der General sagte darauf zur Emma: ‚Hören Sie, meine liebe Frau Schwiegertochter! Wenn sich die Sachen so verhalten, da bekommt unser Prozess freilich ein ganz anderes Gesicht, und ich werde dadurch genötigt sein, Sie natürlich vor allem ganz ergebenst um Vergebung zu bitten und hernach aber meinem Herrn Sohn so einige alte Leviten vorzulesen!?‘ Spricht die Emma: ‚Euer Durchlaucht, ich verlange nichts als unsere erste Liebe! Ist diese da, dann will ich ihm alles vergeben und alles tun, was nur immer sein Herz verlangt! Aber nur seine erste Liebe will ich wiederhaben!‘ Der Herr General wandte sich nun zu mir und sagte: ‚Ja, höre du, mein Sohn, wenn es also an dir liegt, dass dein Weib dir nun gewisserart notgedrungen solch wahrhaft bedauerliche Exzesse macht, so musst du nun vor allem sehen, deinen Fehler wieder gut zu machen! Emma wünscht deine erste Liebe! Also enthalte sie ihr nicht vor!‘
RB|1|72|3|0|Worauf ich erwiderte: ‚Mein wahrhaftigster, hochgeehrtester und geliebtester Vater! Meine Liebe zu meiner himmlischen Emma hat sich noch nie geändert und ist auch noch nie schwächer und geringer geworden, als sie bei unserer ersten Bekanntschaft war. Aber so die gute, allerliebste Emma dort Schatten und Gespenster sah, wo sie nicht waren und auch nicht sein werden, da kann ich wahrhaft wenig oder nichts dafür! Dass ich mich nicht eifersüchtig zeigte oder ihr gar Vorwürfe machte, so sie Gesellschaften gab, das ist allein nur meinem zu zartfühlenden Herzen zuzuschreiben. Dass ich bei mir aber dennoch so manches empfand, das ich durchaus nicht zu den angenehmsten Empfindungen meines Lebens rechnen kann, das weiß freilich nur ich allein! Was aber ihr großes Vermögen betrifft, da muss ich leider selbst eingestehen, dass ich darauf nie einen Wert gelegt habe, denn ich dachte mir: was du brauchst, um recht anständig leben zu können, das hast du; ein Luxusleben aber ist und bleibt stets ein Gräuel vor Gott und aller wahrhaft besseren Welt! Und so muss ich offen gestehen, dass mich der Anblick des furchtbar großen Vermögens meiner Emma höchst unangenehm berührt hat. Denn je reicher irgendein Haus ist, desto mehr Gelegenheit bietet es auch zu allerlei sündigen Ausschweifungen!‘ (Mich zur Emma wendend): ‚Sieh, so du die Tausende den Armen hättest zukommen lassen, die dich deine abgehaltenen Gesellschaften kosteten, wie glücklich wären diese, und wie glücklich wären wir beide! Aber du wolltest mich dadurch nur necken, und sieh, das war nicht löblich von dir, und ich glaube, solch eine empfindliche Strafe von dir durchaus nicht verdient zu haben! Denn einen noch zärtlicheren und nachsichtigst geduldigeren Gatten kann es wohl kaum noch irgendwo mehr geben, als ich es bin und allzeit war!?‘
RB|1|72|4|0|Die Emma wusste da sozusagen weder weiß noch schwarz darauf zu erwidern, schien aber dennoch mit Ungeduld auf den Kammerdiener zu warten, den sie ehedem um die Wertpapiere gesandt hatte. Da ihr nun dieser zu lange ausblieb, so bat sie um Entschuldigung und ging eiligst nachzusehen, was dieser so lange mache. Allein, wie sie fort will, so kommt dieser ihr auch schon mit einem schweren Pack entgegen. Sie herrschte ihm sogleich heimlich zu, diesen Pack auf meinen Tisch zu legen. Ich aber fragte sie, was denn nun damit geschehen soll, da ich doch glaube, mich nun mit ihr völlig ausgesöhnt zu haben?! Sie blickte mich etwas höhnisch lächelnd an und sagte: ‚Ich muss ja doch eher die dir angetane Beleidigung wieder gut machen und also der verlangten Genugtuung nachkommen, bis du mir wieder gutwerden kannst!‘ Worauf ich ihr erwiderte: ‚Liebe, teuerste Emma! Ich liebe dich zu sehr, als dass ich nur den allergeringsten Groll auf dich haben könnte; auch habe nicht ich, sondern mein allergeliebtester Herr Vater in einer verzeihlichen Aufwallung eine solche Forderung an dich getan, die du ihm sicher so gewiss nachsehen wirst, als wie sicher und gewiss ich dir alles von ganzem Herzen verzeihe! Nimm daher alle diese deine Papiere nur wieder in deine Verwahrung und werde mir wieder ganz dieselbe Emma, die mir vor einigen Jahren nach England gefolgt ist, und für die ich mein Leben tausend Gefahren preisgab!‘
RB|1|72|5|0|Die Emma stutzte hier und wusste nicht, was sie nun tun soll. Nach einer Weile sagte sie mit einem wahrhaft stoischen Gleichmut: ‚So du mich schon liebst, wie du sagst, so tue mir doch diesen Gefallen und nimm diese Papiere in deine Verwahrung und Sorge, denn du weißt es ja, dass ein Weib mit dem Geld nicht umzugehen weiß!‘ Worauf ich sagte: ‚Das ist ganz etwas anderes! Mit dem größten Vergnügen von der Welt will ich in dieser Hinsicht deinem mir allerteuersten Verlangen nachkommen! Aber nun musst du mir auch deine Hand zum Zeichen, dass du mir wieder gut bist, darreichen und auch um einen von mir schon lange vermissten Kuss nicht verlegen sein! Komm, Emmchen, komm und mache mich wieder glücklich!‘ Sie spricht: ‚Dazu hat es schon noch Zeit, mein Herr Gemahl! Eine Frau muss mit dem Besten das sie hat nicht gar zu freigebig sein, so sie den Kuss der Liebe aufrechterhalten will. Verstehst du das?! Dann muss ich dir noch etwas Besonderes bemerken, das für dich zwar eine kaum beachtenswerte Kleinigkeit sein wird, aber für mich durchaus nicht! Ich habe dir schon einige Mal gesagt, dass ich nicht Emma, sondern eigentlich nach meinem ersten Taufnamen Kunigunde heiße! Warum nennst du mich denn immer Emma, und warum nicht Kunigunde, einen echt altadeligen Namen, auf den meine Mutter und Großmutter getauft waren?! So du mich wahrhaft liebst, so nenne mich in Zukunft auch bei meinem würdigen, rechten Namen!‘
RB|1|72|6|0|Ob dieser Liebebedingung kommt mir und natürlich auch dem Herrn General das Lachen, und das wegen eines, ich glaube, nestroyschen Theaterstücks, in dem eben die gute Kunigunde mit ihrem Eduard durch ein lakonisches Lied sehr profaniert werden! Ich sage daher auch zur Emma: ‚Aber meine liebe, zarteste Gemahlin, das tat ich ja nur aus purer Achtung zu dir! Du kennst ja doch das gewisse Stück, in dem das Lied von Eduard und Kunigunde auf eine malhonetteste [unehrerbietigste] Art herabgesungen wird zur Belustigung des Publikums!? So oft ich dich rief, so fiel mir auch allzeit jenes dumme Lied ein, das mich selbst schon so manche Lache gekostet hat, was ich dir auch kundgab, und du mit mir ganz einverstanden warst. Denn der Name Emma klingt doch offenbar ästhetischer als Kunigunde. Willst du von nun an aber schon durchaus Kunigunde heißen, no, in Gottes Namen, so will ich dich ja auch recht gerne Kunigunde nennen.‘ Spricht sie darauf etwas bissig: ‚Ja, ja, was man nicht mag, das sucht man auf jede Weise lächerlich zu machen!‘ – ‚Aber Weibchen‘, sage ich, ‚was fällt dir denn ein!? Ich werde dich etwa doch nicht lächerlich machen wollen, dich, die du mir so unendlich lieb, wert und teuer bist. Ich wollte dich ja eben durch den schönen Namen Emma aller Lächerlichkeit entheben, nicht aber selbst lächerlich machen! So aber eben der Name Kunigunde durch das dir so gut wie mir bekannte Theaterstück ohne unser Wissen und Wollen lächerlich gemacht worden ist, sage, kann ich da etwas dafür?! Ich hoffe aber, dass du dich darüber hinaussetzen wirst, und diesen Prozess für beendet ansehen, und wirst mir nun die Hand zur gänzlichen Aussöhnung reichen und den sehnlichst erwarteten Kuss obendrauf geben? Oder hast du etwa noch was im Hintergrund?‘
RB|1|72|7|0|Sprach Sie: ‚Oh, nur genug!‘ – ‚Was der Tausend‘, erwidere ich, ‚was denn alles noch, wenn ich fragen darf, meine geliebteste Em- hätte bald gesagt – bitte tausendmal um Vergebung! Kunigunde wollte ich sagen! Nur heraus, Kundl, was dich noch drückt!‘
RB|1|72|8|0|Auf diese meine etwas lakonisch zärtlich gehaltene Frage hob sie den Fuß und stieß damit so gewaltig vor Zorn auf den Boden, dass darob die Gläser in meinem Schnapskasten klirrten. Und diesem gewaltigen Fußstampfer folgte ein schneidendes ‚Nein!‘ natürlich mit der Begleitung von allerlei Tränen. Diesem bedeutungsvollen Nein folgte eine stumme Zornpause, auf diese eine leichte Ohnmacht, und auf diese kurze und leichte Ohnmacht eine ganze Legion der herrlichsten Namen an meine Person, die wahrlich der allerderbsten Obstlerin keine Schande gemacht hätten! Als sie mit diesem Register fertig war, da herrschte sie mich noch zum Schluss an: ‚Wir sind quitt! Ich will von dir nichts mehr wissen, hören und sehen! Bezahlt bist, und so sind wir quitt für ewig! Mich hänseln auch noch!? Das ging mir gerade noch ab, von so einem Lümmel, der nicht geboren, sondern nur geworfen wurde von irgendeiner bäuerischen Kuh! Du magst tausendmal vom Kaiser selbst zum Fürsten erhoben sein, so bist du aber für mich, eine Baronin von uraltem Geschlecht, doch nichts, verstehst du das? Gar nichts bist du gegen mich! Siehe, dass du mir ehestens aus den Augen kommst!‘
RB|1|72|9|0|‚Mit der richten wir nichts‘, sprach der General, ‚denn die ist eine komplette Närrin! Lass sie gehen, mein Sohn, und kümmere dich nicht mehr um sie! Vielleicht bessert sie die Zeit eher als wir beide! Aber die Papiere nimm nur mit dir, denn es kann sehr bald eine Zeit kommen, wo sie sogar ihr gute Dienste leisten werden, wenn sie etwa bei ihrem gegenwärtigen Haussystem nur zu bald ihre Schätze und Reichtümer vergeudet haben wird.‘
RB|1|72|10|0|In diesem Augenblick tritt auch mein Kammerdiener herein und meldet mir, dass er eine sehr schöne, sogleich beziehbare Wohnung gefunden habe, und auch das Darangeld bezahlt hat. ‚Gut‘, sprach der General, ‚also nun nur geschwind auf- und eingepackt! Viele Hände machen jeder Arbeit bald ein Ende!‘ Spricht der Kammerdiener: ‚Herr, bis auf dieses Zimmer ist schon alles in der Ordnung!‘ Nun kommen die Träger hier herein!“
RB|1|73|1|1|Emmas Nervenkrise und Umkehr.
RB|1|73|1|1|(Am 28. April 1849)
RB|1|73|1|0|Pathetikus: „‚No, gut, gut; sehr gut hast du es gemacht‘, sprach ich. ‚Aber mit diesen drei großen und schweren Kästen wird es seine geweisten Wege haben?‘ Spricht der Kammerdiener: ‚Nichts zu sagen, Euer Gnaden, waren die andern doch auch nicht viel kleiner und sind doch schon in der Ordnung! Viele Hände, und geschickte Hände können ja Wunder wirken! Nur ganz unbesorgt, Euer Gnaden, in ein paar Stunden ist alles in der Ordnung. Oh, Euer Gnaden werden eine rechte Freude haben mit der Wohnung! Sie ist zwar nicht in der Stadt, sondern in einer der Vorstädte. Aber eine wahre Prachtwohnung, versehen mit allen möglichen Bequemlichkeiten und kostet wirklich eine Bagatelle! Acht Herrschaftszimmer, drei Zimmer für Dienstboten, einen Stall für sechs Pferde, Wagenremise, Holzlage, eine schöne, ganz englisch eingerichtete Küche, Speisekammer, ein bedeutender Keller und der ganze Dachboden! Was glauben Euer Gnaden, was das kostet?‘
RB|1|73|2|0|Sage ich: ‚No, so gegen drei- bis viertausend Gulden!‘ – ‚Oh, oh‘, verwundert sich der Kammerdiener und spricht: ‚Nicht zweitausend, sechzehnhundert macht die ganze Geschichte aus! No, ist das wohlfeil oder nicht?!‘ Sage ich: ‚Sehr wohlfeil, wahrlich sehr wohlfeil!‘ Spricht auch der General: ‚Ja wahrlich sehr billig! Aber in welcher Vorstadt ist es und im wievielten Stock?‘ Spricht der Kammerdiener: ‚Die Vorstadt nenne ich aus guten Gründen nicht (dabei auf mein Weib hindeutend); Stock aber ist es der zweite! Denn wenn man sich vor dem Feind zurückzieht, so darf man ihm nicht auf die Nase binden, wohin man sich zurückzieht! Hab ich recht oder nicht?!‘ – ‚Ganz vollkommen‘, sagte der General. ‚Ihr müsst einmal auch schon vor dem Feind gedient haben, weil Ihr das so gut wisst?‘ Spricht der Kammerdiener: ‚Zweifach, Euer Exzellenz! Einmal als Wachtmeister vor dem wirklichen, wo es Bomben, Granaten und Kartätschen geregnet hat; und bald darauf vor dem unwirklichen, nämlich vor meinem Weib. Da hat es zwar keine Bomben, Granaten und Kartätschen geregnet, aber dafür ganze Heuschreckenzüge von Lästerzungen! Fünf Jahre und drei Monate habe ich's ausgehalten und behandelte die Rackalie mit aller Geduld und Zartheit. Aber das war alles umsonst! Denn je zärtlicher ich mit dem Rabenbratl war, desto mehr stieg in ihr der Hochmutspitzl bis zu einer solchen Höhe, gegen die der Stephansturm ein reiner Spitzbube wäre! Kurz, es war mit ihr um keinen Preis mehr auszukommen. Ich zog mich daher auch vor diesem meinem zweiten Feind zurück, suchte mir einen Dienst und fand auch bald einen – nämlich hier! Mein eheweiblicher Feind hat mich zwar hier schon aufgefunden und kam schon einige Mal mit Friedensvorschlägen zu mir. Aber ich war allzeit so frei und keck zugleich und gab der Pazifizentin einen Fuß vor'n A… hätte bald gesagt – und einmal sogar eine ganz geschmeidige Ohrfeige. Und sehen Euer Gnaden, jetzt ist's gut! Denn gottlob, es sind nun bereits sieben Monate vergangen, und ich habe meinen zweiten Feind nicht wieder gesehen, außer manchmal zur Nachtzeit so ganz inkognito im Schlossergässl auf dem bekannten Schnepfenstrich! Prosit Mahlzeit, hab ich mir da gedacht, wer das Glück hat, über dich zu kommen, der wird viel zu genießen bekommen! Wenn vielleicht von Euer Gnaden Frau Gemahlin gewünscht werden würde, bei meiner liebenswürdigsten Gattin in allen nützlichen Dingen einen gründlichen Unterricht zu nehmen, so könnte ich ihr kein tauglicheres Individuum anempfehlen!?‘
RB|1|73|3|0|Meine Emma, aus Ingrimm an einem entferntesten Fenster dieses Zimmers stehend und mit ihren Fingern an einer Scheibe einen ganz wohlkonditionierten Zapfenstreich herunterarbeitend, kehrt sich auf einmal um, läuft auf meinen Kammerdiener zu mit verbissenen Lippen und zieht ihre zarte Hand für eine recht energische Ohrfeige gewisserart vom Leder. Aber der Kammerdiener pariert ihr aus, und spricht dabei: „Aber oha! Solches Gfraß kann ich mir drunten bei einer saubern Obstlerin schon selber holen! Mein Gsicht ist nicht so nobel, dass es sich zum Rasieren von einer hochadeligen Hand sollte einseifen lassen! Nur drei Schritte von meinem ehrlichen Feldwaibelleibe, sonst könnte ich auf den Gedanken kommen, mit der gnädigen Frau Baronin einen echten Straßburgischen (Tanz) anzugehen; und da möchte es dann ganz kurios verdrehte Geschichten absetzen, verstanden?!‘ – Die Emma zerbarst nahe vor Zorn und schrie: ‚Mir aus den Augen, Kanaillenvolk; mir aus den Augen, Bestien!! Er niederträchtiger Kujon! Wie kann Er sich unterstehen, miiiiiiir solche Sottisen ins Angesicht zu sagen, miiir, einer Baronin vom ältesten adeligen Geschlecht?! Packe Er sich nun augenblicklich aus meinen Augen, sonst lasse ich Ihn durch die Polizei holen!‘
RB|1|73|4|0|Spricht der Kammerdiener: ‚Hat nicht nötig, Euer Gnaden, Frau Baronin! In einer halben Stunde werden wir ohnehin gottlob aus dem Bereich Ihrer schönen Augen kommen. Zürnen Sie sich jetzt nicht; denn das könnte ja auf Ihre zartesten Nerven von einem sehr üblen Einfluss sein! Was würden Ihre für den heutigen Abend schon gestern bestellten Herren Gesellschafter sich alles denken können, wenn die gnädige Frau Baronin sie so zerstört empfinge!?‘ – ‚Schweige Er, impertinenter Lümmel, sonst soll Er es sogleich empfinden, was es heißt, eine Baronin so zu beleidigen!!! Ich bin imstande und werfe ihm, was mir in die Hände kommt, in sein scheußlichs Affengfriß!‘ Spricht ein anderer Bedienter zum Kammerdiener: ‚No, du, itzt hast bald Zeit 's Maul z' halten, sonst erleb mer noch so a klans Vorspiel zum Jüngsten Tag! Schau, dass mer weiter koammen!‘ Sage ich: ‚Ja, ja, tummelt euch; denn jetzt möchte ich schon selbst lieber hinausfliegen als gehen!‘
RB|1|73|5|0|Als ich solches noch kaum ausgeredet habe, springt die Emma zu mir hin und schreit: ‚Nein, nein! Habe ich das um dich verdient, dass du mich nun im Ernst verlässt und mich noch obendrauf dem Gespött deiner frechsten Dienerschaft preisgibst! Ich glaubte, du werdest meine diesmalige leidige üble Laune nicht so nehmen, sondern wirst mit ihr deine alte Geduld haben!? Aber nein, dein Herz ist zu einem Stein geworden, und dein Auge sieht [n]immer die einzige Krankheit deiner armen Emma! Habe ich dir, als ich noch jünger und gesünder war als jetzt, alles zum Opfer gebracht, was ich nur deinem Herzen ansah; nun aber, wo ich krank bin, ja sehr krank, wenn mein leidiger Paroxismus [eine heftige, leidenschaftlich Aufregung] mich befällt, hast du keine Geduld mehr mit mir! O du hartes Männerherz, das auch die sanftesten Worte einer kranken Gattin nicht mehr zu erweichen vermögen! Warum verlässt du mich denn jetzt, was habe ich dir denn getan?! Siehe, ich war in eine üble Laune geraten, wie und warum, das wird nur Gott wissen; kurz, ich wurde krank und bin dir gewiss in solch einem Zustand meines Leidens roh und bitter entgegengekommen. Aber nun fiel es mir wieder wie Schuppen von den Augen; ich gewahre es dumpf, dass ich dich, wie den Herrn General, muss ganz tüchtig beleidigt haben, vielleicht dich gar aus dem Haus geschafft?! Und du hast es nicht erkannt, dass dies nur deine arme, kranke Emma getan hat, die ihrer gesunden Sinne nicht mächtig war! O du mein teuerster Gemahl! Tue mit mir, was du willst; strafe mich, wenn ich Strafe verdient habe! Aber nur verlasse mich nicht!‘
RB|1|73|6|0|Mit diesen Worten fällt sie mir schluchzend und weinend an die Brust und umfasst mich krampfhaft. Die Dienerschaft macht große Augen und fragt mich, was nun zu machen sein möchte ob weiter fortzuziehen oder ob wieder zurückzuwandern?! Spricht die Emma: ‚Augenblicklich auf meine Rechnung wieder zurückzuziehen und die Miete der Wohnung auf ein halbes Jahr zu bezahlen!‘
RB|1|73|7|0|Spricht darauf der General: ‚Ja, wenn die Sachen also stehen, da bedauere ich dich und noch mehr deine Gattin, die mir auch im Ernst krank zu sein vorkommt. Natürlich kannst du als Kavalier, Mensch und Gatte bei so bewandten Umständen deine Emma in gar keinem Fall verlassen! Ich aber werde nun einen notwendigen Gang machen und in ein paar Stunden wieder bei euch sein. Richtet mir ein Zimmer ein, denn ich werde einige Tage bei euch zubringen.‘ Der General empfiehlt sich nun. Die Diener gehen an ihre Rückwanderungsarbeit, was ihnen etwas fatal ist, und meine Emma ist wie ausgewechselt, und weiß sich kaum an etwas zu erinnern, was früher zwischen uns vorgefallen ist! Ich staunte und staunte heimlich; aber die Sache war nun einmal so, wie sie war! Die Emma kurz vorher noch ein Teufel – ward jetzt zu einem Engel.“
RB|1|74|1|1|Der Pathetikus findet alte Bekannte. Olafs guter Rat.
RB|1|74|1|1|(Am 1. Mai 1849)
RB|1|74|1|0|Spricht endlich wieder der Max Olaf, sagend: „Mein geehrtester Freund, deine eheliche Lebensgeschichte fängt an, sich stark zu dehnen! Daher lassen wir die weitere Fortsetzung derselben, und das darum, weil sie mir ebenso gut bekannt ist wie dir selbst. Denn wisse, ich, allhier unter dem Namen Max Olaf, der ich dir hier zumeist fortwährend als ein rechter Freund zur Seite stehe, bin ja eben derselbe Oberste und General, der dich auf der Welt sozusagen aus nichts zu etwas gemacht hat. Und dieser Freund da, der alle diese Erscheinungen samt der Metamorphosierung der Lerchenfelderin für einen puren Traum ansieht, ist jener Baron, dessen Tochter ohne sein Wollen dein Weib wurde. Willst du aber auch dein Weib hier kennenlernen, mit der du nahe zwanzig Jahre auf der Erde gezankt und gehadert hast, so sieh das armseligst aussehende Wesen, das nahe halbnackt und ganz entsetzlich mager hinter dem Baron auf dich herüberlugt und du hast dann das wirkliche Finale deiner ganzen Lebensgeschichte beisammen! Bist du zufrieden mit der Lösung dieser deiner uns hübsch gedehnt erzählten Lebensgeschichte?“
RB|1|74|2|0|Spricht der Pathetikus: „O du verzweifeltes Wetter! No, no, no, die Sache wird sich machen! Ich glaube, die allermisslichste Fortsetzung meiner Lebensgeschichte wird hier wieder wie ein zweiter Akt eines Dramas ihren Anfang nehmen?! Was meinst du, mein alleiniger, aufrichtigster Freund?!“
RB|1|74|3|0|Spricht der Max Olaf: „Lieber Freund, mir kommt es hier sehr stark so vor, dass wir uns fast ausschließend an jenen Mann werden müssen zu halten anfangen, so wir eine bessere Fortsetzung unseres Lebensdramas an uns werden gewärtig sein wollen! Denn siehe, ich machte nun immer so einen stummen Beobachter, und meinen Feldherrnaugen ist nichts entgangen, was alles sich hier in diesem Gemach, zehn Schritte von uns entfernt, während deiner Lebenserzählung für mein denkendes Gemüt von größter und beachtenswertester Wichtigkeit ereignet hat! Die Lerchenfelderin wurde neu bekleidet und sieht nun wie ein purster Engel aus. Und je mehr sie jenem sonderbaren Mann mit Liebe zugetan ist, desto schöner und weiser wird sie auch! Aber nicht sie allein ist so glücklich; ich sehe schon eine Menge, die früher gleich uns sehr elend dagestanden sind; wie sie sich aber jenem Mann mehr und mehr haben zu nähern angefangen, da bekamen sie auch sogleich ein besseres Ansehen, und ihre Kleider verwandelten sich nahe, wie ihre Gemüter!
RB|1|74|4|0|Freund, das sind ja doch im buchstäblichen Sinn des Wortes und der Bedeutung nach Wunder über Wunder!
RB|1|74|5|0|Dort, mehr im Hintergrund, auf einer recht geräumigen Tribüne ersiehst du bei vierundzwanzig weibliche Wesen im Ballettkostüm. Die sehen dir doch schon ganz rein himmlisch aus! Und dort am mit Brot und Wein bestbesetzten Tisch stehen der bekannte Demokrat Blum, der uns nur zu bekannte Messenhauser, der Doktor Becher und der Doktor und Redakteur Jellinek! Welch eine, man könnte sagen, wahrhaft heilige Würde strahlt aus ihren Angesichtern! Von welcher Weisheitstiefe ist jede ihrer Reden erfüllt! Wie freundlich und dabei doch so erhaben ernst ist ihr Benehmen!
RB|1|74|6|0|Und dennoch scheint ihnen jener schlichte Mann, der nun der schönen Lerchenfelderin förmlich den Hof macht und mit ihr von nichts als Liebe spricht, alles in allem zu sein. Denn sie fragen Ihn um alles. Er ordnet alles an. Er gebietet; und es ist da und dort, was Er will und gebietet! Dabei aber ist Sein ganzes Benehmen ein so anspruchsloses und ein so, man könnte sagen unmenschlich, also rein himmlisch freundliches, dass ich Ihn nun bloß durchs Zusehen und Beobachten schon so liebgewonnen habe, wie man nur immer einen allerbesten Freund liebgewinnen kann!
RB|1|74|7|0|Ich möchte nun schon selbst zu Ihm hineilen und Ihn aber schon so zu liebkosen anfangen, als wie da liebkost ein sehr bedrängter Feldherr eine eroberte feindliche Hauptfahne, von deren Eroberung der vollkommene Sieg eines beschwerlichen Feldzugs abhängt! Sage mir, Freund, fühlst du nicht auch ein ähnliches Bedürfnis in dir? Und du Traumdeuter von einem irdischen Baron auch samt deiner Tochter Kunigunde Emma?!“
RB|1|74|8|0|Spricht der Pathetikus: „Ich für meine Person bin nun ganz mit dir einverstanden und fange nun auch das Gleiche zu fühlen an. Aber ob es mein Herr Schwiegerpapa und meine Emma auch so fühlen, das ist freilich eine ganz andere Frage? Vielleicht die Emma, bei der ich in der letzten Zeit so einige Spuren von einer Religiosität entdeckt habe! Aber was den Herrn Baron betrifft, so kenne ich ihn viel zu wenig, als dass ich behaupten könnte und sagen, wie er in sich denkt und fühlt! Das wenigstens dürfte hier als gewiss angenommen werden, dass er mit seinen irdischen Sechzehn-Ahnen-Hoheitsbegriffen keine zu weiten Sprünge machen wird, wenn er dieselben wie ich mein Ehrenmannsgefühl – ganz nagelfest mit herübergenommen hat!?“
RB|1|74|9|0|Spricht der Baron: „Mein lieber Tochterentführer, kehren Sie nur schön fleißig vor Ihrer eigenen Flur! Denn so ich mit Ihnen hier rechten wollte, da würde es einen tüchtigen Prozess absetzen! Aber ich habe Ihnen auf der Welt alles vergeben – und so sind wir in unserer fraglichen Causa quitt. Haben Sie aber hier in dieser mir noch immer wie ein Traum vorkommenden Welt etwas Ersprießliches vor mir voraus, so entgelten Sie mir hier durch Ihre Freundschaft das, was Sie mir auf der Erde doch offenbar feindlich genug entwendet haben, nämlich mein Leben! Denn meine Emma war dort mein Leben, welches Sie mir geraubt haben! Aber ich habe Ihnen diesen Raub vergeben. Fragen Sie daher nicht, wie ich hier gesinnt sei, oder ob ich mit meinen allfällig mit herübergenommenen Sechzehn-Ahnen-Begriffen kurze oder weite Sprünge machen werde; sondern helfen Sie mir und der armen Emma, so Sie uns irgend helfen können! Dieser Ihr Freund soll es sagen, ob ich nun recht geredet habe?!“
RB|1|74|10|0|Spricht Max Olaf: „Ganz vollkommen, sozusagen mir aus dem Herzen, lieber Freund! Der Schwiegersohn wird das auch sicher tun. Denn an gutem Willen hat es bei ihm nie gemangelt; und wer diesen hat, von dem lässt sich auch nur das Allerbeste erhoffen! Nur geht uns allen hier noch das Können ab. Aber ich hoffe zu Gott, dass wenigstens einem von uns bald geholfen sein wird, und dieser wird dann auch seine lieben Freunde nicht in der Not stecken lassen!“
RB|1|74|11|0|Spricht der Baron: „Ich danke Ihnen recht herzlich dafür! Irgendeine Hilfe täte mir und der Emma überaus not. Denn etliche zwanzig Jahre, die hier zu zweitausend geworden sind, schmachte ich schon in der größten Verlassenheit! Keine Hilfe und kein Trost und kein Licht kam bis nun, da wir hier in diesem herrlichen Gemach uns befinden, zu mir. Und Sie sind der Erste, der da angefangen hat, mir aus meinem langen Traum zu helfen! O Freund, vollenden Sie aber auch, was Sie begonnen haben! Wenn mein Herz und mein Leben für Sie irgendeinen Wert hat, so soll es ganz Ihnen zum Lohn und Lob geweiht sein und verbleiben!“
RB|1|74|12|0|Spricht Max Olaf: „Liebe Freunde, und Sie auch, meine arme Emma, folgt mir willig und getrost dorthin zu jenem herrlichen Mann, der dort mit dem Doktor Jellinek sich nun bespricht. Ich will dort vor Ihm einen Kniefall machen zu eurem und vielleicht auch meinem Besten! Wenn der uns annimmt und uns Seine wunderbar hilfreiche Hand bietet, so wird uns auch geholfen sein; davon bin ich vollkommen überzeugt! Aber es heißt sich vor Ihm ungeheuer zusammennehmen, das habe ich schon so im Vorbeigehen beobachtet. Denn so unaussprechlich gut Er auch sein mag, so aber besitzt Er neben Seiner unbegrenzten Güte dennoch auch eine so enorme Weisheit, vor der jeder unserer allertiefsten Gedanken wie eine Butter an der Sonne zerschmilzt. Wie wir denken und fühlen, so müssen wir vor Ihm reden! Denn vor Seinem Scharfblick lässt sich kein Hinterhalt machen! Kommt daher mit mir! Vielleicht finden wir Gnade bei Ihm!“
RB|1|74|13|0|Spricht der Pathetikus: „Bruder, wie wäre es denn, so du ohne uns, allein, zu Ihm hingingest und machtest für uns einen Fürsprecher? Denn sieh, wahrlich wahr, ich habe so ganz heimlich vor Ihm eine ganz eigene Art von einer Furcht!“
RB|1|74|14|0|Auch der Baron und die Emma bitten den General Max Olaf darum. Und dieser spricht: „Liebste Freunde, was ich für euch tun kann, das werde ich auch tun. Aber sammelt euch unterdessen! Denn ich ahne es, dass ich mit einer guten Antwort baldigst zurückkehren werde! Gehabt euch unterdessen wohl.“
RB|1|75|1|1|Dass Olaf sein Glück vom Glück anderer abhängig macht, erfreut den Herrn. Des Herrn Verheißung an ihn. Menschenseelen-Fischfang. Der blindstörrische Pathetikus.
RB|1|75|1|0|Mit diesen Worten begibt sich Max Olaf aber auch sogleich zu Mir hin, verbeugt sich vor Mir tief und spricht: „Erhaben weisester und sicher auch liebevollster Freund! Von allem, was nun während meines Hierseins sich zugetragen und wunderbar ereignet hat, ist meinen Augen nichts entgangen. Aber auch bei all den wunderbaren Ereignissen habe ich bemerkt, dass sie sich alle ganz allein auf Dich stützen! Du scheinst ganz allein, wenigstens hier in diesem Haus, der Grund von allem zu sein!? So kommt es mir auch noch obendrauf vor, dass es hier in diesem Haus eigentlich bloß nur auf Dich ankommt, ob da jemand glücklich oder unglücklich werden soll! Wer Dich gewonnen hat, der hat, wie es wenigstens mir vorkommt, schon alles gewonnen! Auf diese meine untrüglichsten Wahrnehmungen gestützt und auf Deine nur zu ersichtliche Güte vertrauend, habe ich, vielleicht der unwürdigste von allen, die dieses Gemaches Raum einschließt, mir die Freiheit genommen, Dich aus dem innersten Grund meines Herzens zu bitten, dass Du jenen dreien dort, nämlich zwei Männern und einem gar armseligen Weib, Deine Gnade, Liebe und Freundschaft zukommen lassen wollest! Es klebt an ihnen, wie an mir, wohl noch vielleicht so mancher irdische Klumpen, der für diese Geisterwelt wohl kaum zu brauchen sein dürfte. Aber wir alle sind sicher, bei Gott dem Lebendigen, vom besten Willen beseelt und werden das nach allen unseren Kräften zu ergänzen trachten, was uns noch abgeht, um uns dadurch der Gnade als würdiger zu erweisen, die wir nun von Dir erhoffen.“
RB|1|75|2|0|Rede Ich: „Mein geliebtester Freund und Bruder! Ich sage dir, gehe hin und bringe sie zu Mir! Denn wo wohl ist ein Vater, der dem Ohr und Herz verschlösse, der ihn um Gnade für seine Kinder anfleht!? Siehe, das würde selbst der härteste Vater auf der Erde nicht tun; um wie viel weniger Ich, wo in Mir doch alle Liebefülle des himmlischen Vaters wohnt körperlich! Daher eile du nur hin und bringe sie alle her, die nach Mir verlangen!“
RB|1|75|3|0|Spricht Max Olaf voll der tiefsten Freude: „O Freund, ich wusste es ja, dass ich bei Dir keine vergeblichen Schritte machen werde! Oh, ich danke Dir schon im Voraus für alle; denn nun sehe ich sie schon im Glück weinen vor Freuden! Oh, ich danke Dir, ich danke Dir!“
RB|1|75|4|0|Rede Ich: „Aber liebster Freund und Bruder! Ich habe nun immer gewartet, dass du für dich selbst auch etwas bitten möchtest; aber es kam nichts dergleichen zum Vorschein! Willst denn du nicht auch so ein bisschen glücklicher sein, als du nun bist?!“
RB|1|75|5|0|Spricht Max Olaf: „O Du himmlisch lieber, guter Freund! Siehe, ich bin schon also beschaffen, wenn ich nur andere glücklich sehe, da bin ich ja auch schon glücklich in dem Anschauen des Glücks derer, die mir am Herzen liegen! Ich war ja auf der Welt auch nicht um ein Haar anders. Ich vergaß eben darum stets für mich zu sorgen, weil mir nur das Glück anderer am Herzen lag! Ich habe es darum mit meinen eigenen Glücksumständen freilich nie weiterbringen können, weil ich alles, was ich hatte, nur für andere hatte, und was ich tat, nur für andere tat! Daher musst Du, liebster, bester Freund, es mir hier schon nicht für übel nehmen, so ich zu Dir bloß nur für andere um Deine Gnade bitte und vergaß dabei meiner fast so, als bedürfte ich derselben etwa weniger als jene, für die ich Dich gebeten habe! Oh, ich bedarf derselben wohl gar sehr; aber ich warte gerne darauf, so ich nur die andern glücklich sehen kann!“
RB|1|75|6|0|Rede Ich: „Höre, liebster Freund und Bruder! Ich fragte dich darum nicht umsonst, denn Ich wusste es wohl, wie dein Herz beschaffen ist und wie es mit dem Meinem in der größten Harmonie steht. Ich fragte dich aber nicht, als wüsste Ich's nicht, sondern um dein Herz für etwas vorzubereiten, was zu fassen du nun noch nicht fähig wärst, aber Ich Selbst werde dich bald fähig machen! Gehe aber nun hin und bringe sie her, die dir am Herzen liegen! Lasse aber noch von mehreren dein Herz belasten; und ich sage es dir: Alle die du Mir herbringen wirst, sollen angenommen werden! Verstehst du das? Ja, du verstehst es! Daher gehe hin und bringe sie Mir alle ohne Ausnahme hierher!“
RB|1|75|7|0|Max Olaf verneigt sich nun wieder tief vor Mir und kehrt zu den Seinigen zurück. Als er dort sehnlich erwartet zurückkommt, so fragt ihn der Baron gleich, wie er bei Mir aufgenommen wurde und wie seine Bitte?
RB|1|75|8|0|Spricht Max Olaf: „Meine lieben Teuren alle, ich sage euch: Allerbestens! Nicht nur ihr allein, sondern so viel sich ihrer uns anschließen wollen, werden bei Ihm die Aufnahme finden! Daher lasst uns ein wenig unter dieser Menge herumlavieren, ob sich nicht jemand vorfinden dürfte, der sich uns anschlösse!?“
RB|1|75|9|0|Spricht der Baron: „O Sie lieber Freund, sehen Sie da gleich hinter der Emma noch ein paar weibliche Wesen, es sind meine älteren zwei Töchter, und hinter ihnen ihre Gatten, und daneben noch ein paar treue Domestiken – vielleicht würden sie auch angenommen, so sie mit uns hingingen?“ – Spricht Max Olaf: „Nur her mit ihnen! Was mit uns geht, wird angenommen, denn ich habe dafür Sein göttlich Wort! Aber wir müssen uns nun um noch mehrere umsehen.“
RB|1|75|10|0|Spricht der Pathetikus: „Hören Sie, mein allerwärmster Freund! Da weiß ich ein Mittel: wir gehen unter die uns bekanntere Menge und machen unter ihr einen allgemeinen Aufruf! Wer sich dem fügen will, der wird uns auch folgen. Wer sich aber dem nicht fügen will, no, der bleibe zurück. Nötigen, glaube ich, sollen wir gerade niemanden.“
RB|1|75|11|0|Spricht Max Olaf: „Oh, vom Nötigen ist da durchaus ja ohnehin keine Rede! Aber erklären müssen wir es ihnen doch, warum wir von ihnen zu ihrem höchst eigenen Wohl so etwas wünschen! Und eine solche Erklärung wird hoffentlich doch keine Nötigung sein?!“ – Spricht der Pathetikus: „Je nachdem man die Sache nimmt, und je nachdem die Erklärung gestellt ist. Eine zu magere Erklärung wird wenig Effekt machen. Eine durchdachte und wohlbegründete aber ist ebenso gut eine Nötigung, als was immer für eine andere Macht; und der Wille des Beredeten ist kein freier mehr!“
RB|1|75|12|0|Spricht Max Olaf: „Freund! Sie greifen da sehr weit aus! Wenn man das alles eine Nötigung nennen würde, wodurch Menschen auf andere Ideen, Begriffe und dadurch auf andere Entschließungen gebracht werden, da müsste ja auch aller Unterricht verbannt werden! Denn durch den Unterricht kommen die Schüler, die doch auch mit einem freien Geist begabte Menschen sind, ja auch zu ganz anderen Ideen, Begriffen und Entschließungen, durch die ihr erstes, ursprünglich rein sinnliches Wollen eine ganz entgegengesetzte Richtung bekommt! Und ich meine, dass das etwas sehr Gutes ist? So aber die Unterrichtsnötigung dem menschlichen Geist nur ersprießlich sein kann, und dieser eben durch sie erst zur wahren Freiheit gelangen kann, da sehe ich hier gar nicht ein, wie allda, im eigentlichen Reich des Geistes, eine belehrende Erklärung die Willensfreiheit irgendeines Menschen gefährden sollte oder könnte?! Seien Sie, mein lieber Freund, deshalb nur ganz unbesorgt! Wenn daran etwas gefehlt sein sollte, so werde ich es schon dort vor dem verantworten, der mir dazu Sein göttliches Wort gegeben hat! Bleiben Sie alle hier noch eine kleine Weile ruhig, ich werde sogleich mich selbst an dieses Werk machen und werde mein treues Wortnetz unter diese Fische hineinsenken. Fange ich etwas, so wird es gut sein, und fange ich zufälligerweise nichts, no, so wird es denn also auch gut sein müssen.“
RB|1|75|13|0|Mit diesen Worten begibt sich unser Max Olaf unter die Menge und richtet an diese eine wohl dokumentierte Petition! Und bei zwanzig an der Zahl schließen sich ihm an, während die andern murrend sagen: „Nu, waon mer hin wulln, wer' Aber wuhl selbst'n Weg findn! Mi brauche kan extra sich Patzigmacher dobei!“
RB|1|75|14|0|Max Olaf solches vernehmend, kehrt mit seinem Fang sogleich aus der Menge zu den Seinen zurück und sagt voll Freuden: „Nun seht, liebe Freunde, mein Fischfang ist recht gut ausgefallen, und ich bin darob voll Freuden! Nun ziehen wir aber auch sogleich zu Ihm hin; ja zu Ihm, der uns allen allein helfen kann und auch helfen wird! Denn dafür und dazu habe ich Sein göttliches Wort!“
RB|1|75|15|0|Spricht der Pathetikus: „Aber ich begreife nicht, was Sie, mein teuerster Freund, immer von Seinem göttlichen Wort reden! Wie kann denn ein wenn schon auch ganz vollendeter Menschengeist ein göttliches Wort haben und geben? Oder halten Sie Ihn denn im Ernst etwa für so eine Art Apollo?!“
RB|1|75|16|0|Spricht Max Olaf: „Ja, ich sage es Ihnen ohne Scheu: Aut Caeasar aut nihil! [Alles oder nichts!] Entweder Er oder sonst keiner! Seine an mich gerichteten endlos großen Worte fielen bei mir durchaus nicht auf Sand und Fließpapier, sondern in alle Tiefe meines Herzens; und dieses sagt mir nun stets: Er und sonst ewig keiner! Verstehst du diese Kraft? So fragt mich mein Herz, und mein Geist antwortet: Ja, Herz! Den du liebst, der ist es, und außer Ihm ist keiner mehr! Aber nun nichts weiter davon, sondern auf und zu dem hin! Heil dem, der mir folgt!“
RB|1|75|17|0|Spricht in der Schnelligkeit der Pathetikus: „Muss wahrlich um Vergebung bitten, mein sonst schätzbarster Freund! Unter solcher Ägide kann ich Ihnen nicht folgen! Einen Menschen als einen sogar alleinigen Gott ansehen!? Fürwahr, das ist mehr als zu viel und zu stark! Ich habe gegen Seine Ihnen gar so auffallende Weisheit und innere Willenskraft nichts einzuwenden, wie auch gegen Seine Güte nichts. Denn die Lerchenfelderin macht sich unter Seiner Güte famos! Aber gegen Seine von Ihnen uns angezeigte Gottheit muss ich einen Protestanten machen! Im Moses heißt es: ‚Du sollst allein an einen Gott glauben!‘ Und hören Sie ferner, was Moses an einem anderen Ort spricht, eigentlich Gott zum Moses, als er Ihn zu schauen verlangte: ‚Gott kann niemand sehen und leben, denn Gott ist ein verzehrend Feuer!‘ Und hören Sie weiter, was der weise Jude Jesus, den Sie auch für einen Gott halten, Selbst an einer Stelle, glaube im Johannes, spricht, indem Er sagt: Es habe die Gottheit wohl nie jemand gesehen, aber wer Sein Wort hört, es annehmen und danach handeln möchte, der würde dadurch den Geist Gottes in sich aufnehmen, und dieser in ihm wohnen! Sehen Sie, ich bin auch ein wenig ein Orthodoxer und bin mit der Bibel so ziemlich vertraut. Aber das steht nirgends darinnen, dass ein Mensch oder auch sein Geist, wenn er auch aus Gott ist und sich göttlicher Vollkommenheiten zu erfreuen hat, darum auch schon das allerhöchste, im ewig unzugänglichen Licht wohnende Gottwesen Selbst wäre! Und da Sie, mir sonst stets gleich schätzbarster Freund, eben von jenem Lerchenfelderin-Verschönerer das zu behaupten scheinen, so kann ich wirklich nicht mit Ihnen gehen!“
RB|1|75|18|0|Spricht Max Olaf: „Lieber Freund, tun Sie nun, was Sie wollen! Sie haben schon früher gegen eine Nötigung protestiert, und so werde ich Sie auch fürderhin gar nicht mehr zu was immer bereden!“
RB|1|76|1|1|Der gute Rat des Stiefelputzers Franz. Die heimlichen Ausschweifungen des Pathetikus werden offenbar. Empört verlässt er die Gesellschaft.
RB|1|76|1|0|Tritt darauf der schon bekannte Franz zum Pathetikus, der weiland auf der Welt sein treuer Stiefelputzer war, und sagt: „Mir san hier wuhl olli gleich, ober i sog zu Siener denno Euer Gnodn! Hörns, Se sann holt do akradi a so, wia's af dr Welt woarn! Un das kimmt mi hold a so vur, als waons net recht war, verstängens mi! Af de Welt woarns freili a reacht großer Herr und woarns dozu a no blitztausendelementsakrisch reich, zu welche Reichtum Ihm freilich ihre Genädige z'meist verhulfe hod. Ober mit oll den ist iatzt goar, denn mer san do in de Geisterwelt, verstängens mi?! Un do hoaßts iatzt net hopertaschi sein! Do muaß a nijederner schön dehmiethi sein, sist giebt's spanische Mucken und an Loxenburger Spargl! De guate Herr do mants guat mit uns und hot uns a bissl a Lichtl gmocht, un do moan i hold, des sulle wiar net so leicht obe schlucken ols ani spanische Wind!? Gängens Se nur mit uns, i moan, 's wird sener Schode net sein! Und do schans her, senre liebe Mierl is a do, wissn's, de Sei holt so nebe senre Genädigen ghobt hobn, verstängens mi!? Un do moan i holt, wo Ihre Mierl is, do sulle Sei a net fehle! Woas moanens denn?“
RB|1|76|2|0|Spricht der Pathetikus ganz indigniert: „O du verfluchte Hauptwäsche! Das Fegefeuer scheint schon da zu sein, und so dürfte die Hölle auch nicht gar zu weit weg sein! Das ist aber ja doch rein zum Teufels werden! Jetzt ist das Luder von einer Mierl auch hier, und mein gottseliges Weib dazu! No, no, die Sache wird sich machen! Ist mein Weib doch ein paar Jahrln vor mir in die Ewigkeit spazieren gegangen, und ich glaubte, weil sie in ihrer letzten Zeit gar so liguorianerisch fromm geseufzt hat und also selig in dem Herrn entschlief, dass sie schon längst wo auf einer Himmelswolke herumschwebt!? Aber nein, sie ist hier, und das noch hundertmal elender als auf der Welt knapp vor ihrem Tod! Allein, das hätte mir wenig oder gar nichts gemacht. Aber jetzt kommt auch noch zum größten Überfluss mein Ludersmensch hinzu, die ein Maul wie ein Schwert hat! No, das ginge einem noch ab, mit so einer Gesellschaft hin zu jenem Mann zu gehen, der mir schon ehedem ganz unzweideutig zu verstehen gab, dass ich noch sehr gedemütigt werden soll! Aber ich rieche nun den Braten und werde mich weise zu hüten wissen, mit dieser Gesellschaft hinzuwallen vor den Magier und vor die verklärte Lerchenfelderin! Muss man aber in dieser Sauwelt auch mit allen Anujantitäten [Widerwärtigkeiten] zusammenkommen! Also musste aus dem früheren Max Olaf sich auch mein ehemaliger irdischer Oberste und Freund herausdrechseln, der auch in alle meine Geheimnisse eingeweiht war! Und aus dem Traumdeuter – mein Herr Schwiegerpapa mit seiner ganzen Sippschaft im Hintergrund! O Kruzifix Donnerwetter! Wenn das nicht Fatalitäten non plus ultra sind? So weiß ich nicht mehr, was man noch fatal nennen solle!? Vielleicht kommen noch meine anderen zeitweiligen Amoretteln und allerlei Gruppierungen, die ich mit ihnen per Jux manchmal machte [zum Vorschein]?!“
RB|1|76|3|0|Solches redete der Pathetikus wie in sich hinein. Aber es vernahmen die Umstehenden auch seine Worte, und sein Weib trat hervor und sagte recht sanft zu ihm: „Johann, ich wusste es ja auf der Welt, wie dein Leben beschaffen war. Und das war auch der Grund der Disharmonie, die zwischen uns beiden in der letzten Zeit mit geringen Unterbrechungen obwaltete. Aber ich habe dir am Ende dennoch alles vergeben! Mache daher aber du denn nun hier gut vor Gott an mir, deinem irdischen Weib, das dir aus purer Liebe alles, ja sogar die Liebe ihres Vaters geopfert hat! Fürchte mich ja nicht, denn ich werde dir wohl ewig keine Vorwürfe mehr machen! Folge aber nun auch dem, dem allein zu folgen du auf der Welt mir stets vorgabst! Wie oft hast du mich und mein Haus des stinkendsten, altaristokratischen Hochmuts beschuldigt, und siehe, nun hier, im Reich der Demütigung, bist du hundertmal hochmütiger als ich und alle meine Angehörigen! Wie kommt denn das?“
RB|1|76|4|0|Der Pathetikus Johann stutzt, murrt in sich hinein und sagt nichts auf diese sanfte Anrede seines Weibes.
RB|1|76|5|0|Da tritt aber die Mierl hervor und sagt (zu ihr): „I bitt Euer Gnodn tausendmol um Verzeihung, doss i Seanern Mann ghobt hon! I bin sonst alliwal a guats und bravs Diandrl geweßt. Aber wie beim Sperl draußt hob i amol Seiner Herrn kennen gelernt, weil er mir goar so zugsetzt hot und hot mi af Tod und Lebn s' Heurathe schriftli versproche! Un do hon i holt gmoant, 's kinnt v'leicht do miagli sein! Und der Sausackre hot mi von an Johr zum andern schön bei der Nose herumzogen, und vom Heurothe woar goar kane Red mehr! Ober do hob i nix gwußt, dass dieser Sausackre verheuroth woar! Schan sie, dos hob i erst iatzt ghört! Ober iatzt gfreuens Ihne a, wia i den Sausackre meine Manung söge wird! Na, der sull af seine tausendmol betrogne Anna Mierl denken!“
RB|1|76|6|0|Darauf wendet sich die Mierl zum Pathetikus und spricht: „No, Sei Sausackre von an holbenglischen Wosserfiacker und nochr hiar do, i moan in Wean, wia mer no af der Welt woarn, so a pensnirter Frierschitz oder wos Sei woarn! Woas moannes epr, woar Sei san?! Jenem Gneadige kunts schun an Antwurt gebn, de Sei af dr Welt so damisch aongschmiert hon?! Redns iatzt, waos a Guraschi hobn. Sei damischer Sausackre Sei! Wisse Sei, wos Sei mi olles gsogt hobn, und wia Sei a lediger Herr san, und wos für a Mengi Geld Sei hietn! O Sei damischer Sausackre Sei! Schans, waon Sei schon a so an groaßer Herr warn, wie Sei mi angloge hobn, und hietn Sei goar a so a groaße Ehr in Seinern Leib, do wärn Sei do unmiegli goar a so a damischer Sausackre gwest! Wissns, waon i mi net hellicht schaomen miasst, i söget Seinrer gneadige Frau olles, wos Sei bloß nur mit mir olles tribn hobn. Sei damischer Sausackre Sei! Hobn Sei irnern Frau nie die schön Klader zagt, de Sei gaonz agns für mi hon moche losse, woibei Sianer bold ols a Tirkin, bold ols a Spaningerin, bold ols a Französin, bold ols a Schweizerin und bold ols Gott waß wos ols hob erscheinen miasse, und woß Sei, damischer Sausackre Sei, nochr ols mit mir tribn hon!? Und hobn Sei seanem Gneadigen net gsogt, wia Sei olli Woche bei Sener a gaonze Mengi allerlei Menschergfraß hobn zsaom kemme lossen, dei sich nocher hobn als allerlei Gfraß aonziache miasse und nocher vur Seiner, wia epr vur an türkische Pascha, allerlei Corawecke und Schponbonade moche, doss Sei af dei Art nocher reacht wuhllüsti hobn wern kinnen, Sei damischer Sausackre Sei! Geltens, dos hobn Sei Seaner gnä Frau gwiß net gsogt? Na woartes mar no a bissli, i wer Seiner gnä Frau schun no mehr soge! Denn iatzt kriag i erst a reachte Gift af Sei, wal i waß, doss Sei, damischer Sausackre Sei, so an ehrsams, guats Wieberl ghobt hobn!“
RB|1|76|7|0|Max Olaf, solches vernehmend, tritt zum Pathetikus hin, unterbricht die Mierl und spricht: „No, no, lieber Freund, da kommen ja recht löbliche Histörchen über Ihren irdischen Lebenswandel zum Vorschein! Wahrlich, davon habe ich selbst von Ihnen nie etwas vernommen! Das ist schön, das ist wirklich sehr impertinent schön! Ja, jetzt verstehe ich so manches, was ich sonst nie verstanden hätte! Also solche Treue und Liebe erwiesen Sie Ihrem guten Weib?! O Sie Haupt-Schweinpelz von einem Ehrenmann! Hinc ergo illae lacrimae [daher also die Tränen]!? Ja, nun weiß ich, warum Sie jene Helena (Lerchenfelderin) so scheuen! Sie wird vielleicht wohl auch einige Mal zufällig teil an ihren sauberen Paschafesten genommen haben?! Und es wird Ihnen daher hier auch gar nicht angenehm sein können, sich nun mit mir dorthin zu begeben, wo man Sie etwas besser zu kennen scheint, als wie ich Sie je gekannt habe?! Ja, jetzt wird mir so manches klar! Zum Beispiel, dass Sie Samstagnachmittags nie zu haben waren. Und so man Sie fragte, was Sie denn Samstags zu tun hätten, so erwiderten Sie allzeit, dass Sie an diesem Tag allzeit ihre wichtigen Rechnungen zu machen und in ein Protokoll einzutragen haben! Also, das war so ganz eigentlich Ihr löbliches Samstagsgeschäftchen!? Schön, schön, o das ist wahrlich sehr schön! Freund, wenn ihre ehemännischen Aktien so stehen, und Sie dabei doch noch als ein Mann von Ehre dastehen wollen, so muss ich Sie nun wirklich bitten, sich nicht mit mir zu jenem reinsten und heiligsten Menschenfreund hinzubegeben! Denn mit solch einer Ehrenmannschaft will ich wahrlich, besonders vor jenem Heiligen dort, nichts zu tun haben! Auch müsste ich eine verdammt geringe Achtung vor jenem Heiligen haben, so ich Ihm so einen Ausbund von einem Schweinpelz vorführte! Tun Sie nun, was Sie wollen; ich für mich aber werde mich weislich zu hüten wissen, mit Ihnen noch fernerhin einen Umgang zu pflegen!
RB|1|76|8|0|Arme Emma! Hätte ich das auf der Welt gewusst, welch einen Schweinpelz von einem Mann du hattest, da hätte ich dir sicher keine Ehrenbeleidigungsstrafe diktiert – du weißt es, bei welcher Gelegenheit?! Geht aber nun alle mit mir hin zu jenem großen und heiligen Menschenfreund! Dort soll euch alles vergolten werden, was ihr je nur im entferntesten Sinn von mir irgendein Unrecht erlitten habt! Aber dieser Schweinpelz soll gehen, wohin er will!“
RB|1|76|9|0|Spricht der Baron: „Nein, das hätte ich von diesem Menschen auch nie geglaubt! So bleibt es denn doch allzeit wahr, was ich meinen Kindern auf der Welt so oft vorgepredigt habe: was gemein ist, das bleibt gemein und erhebt sich selten oder nie über den Schlamm seiner angeborenen Schändlichkeit! Natürlich keine Regel ohne Ausnahme! Aber geschehen, ist geschehen! Wir wollen ihn zwar nicht richten, aber für unsere Gesellschaft taugt er auch hier in dieser Welt nicht mehr! (Sich zum Pathetikus wendend:) Gehen Sie von uns und meiden Sie unsere Gesellschaft! Dort unter dem gemeinsten Proletariat ist für Sie der tauglichste Platz! Vielleicht finden Sie dort noch einige Göttinnen, die Ihnen bei Ihren sauberen Paschafesten den Nektar kredenzt haben!“
RB|1|76|10|0|Spricht der Pathetikus ganz erbost: „Man wird sich derlei Präsumtionen und Anherrschungen etwa wohl auch hier zu verbieten das Recht haben?! Hat etwa nicht auch mein sauberes Weib alle Samstage Gesellschaften gegeben? Ob sie dabei Betrachtungen à la Ignatius von Loyola gemacht hat, das weiß ich wahrlich nicht! Im Übrigen hat mir hier niemand etwas zu gebieten, was ich tun oder nicht tun soll! Denn ich glaube, dass ich nun keines Vormundes mehr bedarf! Ich verbitte mir aber auch für die Folge alle im höchsten Grad undelikaten Bemerkungen! Denn ich werde schon selbst wissen, was ich zu tun habe! Übrigens brauchen Sie mir gar nicht zu bedeuten, als wäre ich nun für Ihre hochadelige Gesellschaft zu gemein und somit gar nicht mehr wert, ein Glied derselben zu sein! Denn ich selbst danke nun meinem Gott, solch eines Gesindels auf eine so gute Art ledig geworden zu sein! Zum Glück sehe ich dort, mehr im Hintergrund, mehrere gute Bekannte; und mit denen werde ich sicher ehrenhafter dran sein als mit euch, ihr eingebildetes, hochadeliges Lumpenpack!“
RB|1|76|11|0|Mit diesen Worten verlässt der Pathetikus diese Gesellschaft und begibt sich sogleich zu seinen Bekannten hin. Die Emma will ihn aufhalten, aber er stößt sie zurück und eilt davon.
RB|1|76|12|0|Max Olaf aber sagt: „Lasst ihn ziehen! Vielleicht zieht er zu seiner Erstehung – oder zu seinem Fall? Wir aber wollen den Herrn dort bitten, dass Er ihm Gnade für Recht möge angedeihen lassen! Und so begeben wir uns denn hin zu Ihm, dem Retter der Menschen!“
RB|1|77|1|1|Olafs Fürbitte vor dem Herrn. Gutes Bekenntnis von der Gottheit Jesu und völlige Hingabe in des Herrn Willen. Der armen Seelen Sättigung.
RB|1|77|1|1|(Am 8. Mai 1849)
RB|1|77|1|0|Etliche zwanzig an der Zahl bewegen sich an der Seite Max Olafs hin zu Mir. Und der Anführer, bei Mir ankommend und sich tief verneigend, spricht: „Mein Herr und mein allerhöchster Freund! Nach Deiner gnädigsten Beheißung habe ich, wie Du es hier ersiehst, eine kleine Werbung, die mein Herz ausgeführt hat, hier vor Dich hergebracht!
RB|1|77|2|0|Einer zwar wollte nicht mitkommen, weil ihn einige Individuen wegen zu großer Bekanntschaft mit seinen irdischen Lebensverhältnissen zu sehr genierten. Aber ich meine da, dass er darum doch noch nicht völlig verloren sein wird? Denn Du bist ja der eigentliche Herr dieses Hauses; und wer einmal Dein Haus betreten darf, der, glaube ich, kann doch unmöglich verlorengehen?! Er war auf der Welt im Grunde nie ein böser Mensch. Seine Hauptschwäche war sein Fleisch. Und da er leider der irdischen Mittel in großer Menge besaß, so verfiel er dabei in einen Wust von allerlei Begierlichkeiten, die er auch bald und leicht ins Werk setzte. Ich muss es offen gestehen, dass sie mir nicht gefallen und machen seinem Geist wahrlich keine Ehre; aber was kann man nun machen? Verübt sind sie einmal! Und so glaube ich, dass er wohl in Zustände kommen möchte, die ihm zur Besserung und zur gerechten Demut verhelfen dürften; aber ihn darum etwa zu richten und zu strafen, das käme wenigstens mir doch etwas zu hart vor?
RB|1|77|3|0|Übrigens sind das bloß nur meine Ideen und Meinungen, mit denen ich Dir, o Herr, nicht im Geringsten vorgreifen möchte! Denn Dir gegenüber sage ich bloß nur: o Herr, o Freund, was Du willst, das geschehe!“
RB|1|77|4|0|Rede Ich: „Ich sage dir aber, dass hier deine Meinungen und Ideen sehr gut und daher auch gar sehr zu brauchen sind. Aber mit dem Geist wird noch so manches geschehen müssen, bis er zur wahren Einsicht und Besserung gelangen wird! Ich will auch von seinem irdischen, höchst unkeuschen Lebenswandel gerne nichts sagen, obschon er sehr geeignet wäre, ihn um das ewige Leben zu bringen. Aber dieser Geist ist auch zugleich voll des sehr stinkenden Hochmuts und voll des verderblichsten Übermuts! Und siehe, da sieht es bei Weitem schlimmer für diesen Geist aus, als wie du es meinen möchtest. Der Sinnlichkeit kann bald ein taugliches Mittel das Ziel setzen; aber dem Hoch- und Übermut ist auf dem Weg der ungebundenen Freiheit wohl nur sehr schwer oder aber auch wohl gar nicht beizukommen! Doch wir werden sehen, was da zu machen sein wird.
RB|1|77|5|0|Was soll Ich aber nun diesen deinen Mitgebrachten tun? Sage es Mir ganz unverhohlen!“
RB|1|77|6|0|Spricht Max Olaf: „Herr! Was Du zufolge Deiner mir unbegrenzt vorkommenden Güte nur immer willst! Denn Deine Weisheit geht über alles. Deine Güte kennt keine Grenzen, und vor Deinem Willen werden Welten zu Staub!“
RB|1|77|7|0|Rede Ich: „Aber lieber Freund, wie Ich es aus deinen Worten merke, so hältst du Mich ja sogar für das allerhöchste Gottwesen!? Sage mir doch, woher kommst du zu solch einem Glauben?!“
RB|1|77|8|0|Spricht Max Olaf: „Herr! Zu diesem wohlgegründeten Glauben, eigentlich nicht mehr Glauben, sondern zu dieser wohlbegründeten Anschauung gelangte ich ehedem eben durch Dein heiliges, göttliches Wort! Denn Worte, wie die Deinen, so voll Wahrheit, so voll der höchsten Kraft, Weisheit und Liebe, zeiht keines geschaffenen Geistes Zunge! Dass die Gottheit Selbst in Ihrem innersten Urwesen niemand schauen kann und leben zugleich, das weiß ich recht wohl! Denn welcher endliche Geist könnte wohl je das unendliche Gottwesen schauen – und leben zugleich?! Aber die Gottheit, die durch Moses redete, lehrte nach etlichen Jahrhunderten in all Ihrer Fülle aus dem Menschensohn Jesus. Und dieser sagte: ‚Ich und der Vater sind eins, wer Mich sieht, der sieht auch den Vater!‘ So also aber Jesus das lehrte und Seine Jünger Ihn gar wohl schauen und hören durften, ohne dass sie dadurch ihr Leben einbüßten, so sehe ich wahrlich gar nicht ein, wie man sich Gott in einem ewig unzugänglichen Licht vorstellen sollte oder könnte?! Dazu kommt noch, wie es mir nun ganz untrüglich vorkommt, dass Du eben derselbe Herr Jesus bist, der uns allen solch eine allererhabenste Lehre gegeben hat!? Und so bin ich ohne die geringste Täusche schon mit meinem Herzen und mit meinem Glauben und untrüglichsten Dafürhalten schon weidlichst am rechten Platz und Ort! Und ich meine, ich werde, je mehr ich Dich mit Herzen und Augen anschauen werde, nicht nur nie das Leben verlieren, sondern dasselbe nur stets mehr und mehr gewinnen!? Habe ich recht oder nicht?“
RB|1|77|9|0|Rede Ich: „Ich sehe schon, dass du in deinen Behauptungen fest und unerschütterlich bist! Und so muss Ich dir's vorderhand schon gelten lassen, was und wie du von Mir das Außerordentlichste und Höchste hältst. Die Folge aber wird es dir erst ganz klar machen, worin du nun noch in irgendeinem Zweifel sein könntest. Im Übrigen aber sei du Meiner Liebe und Freundschaft für ewig versichert!
RB|1|77|10|0|Sagt Mir, habt ihr keinen Hunger und keinen Durst!?“
RB|1|77|11|0|Sprechen alle: „O Du bester, himmlischer Freund! Mehr als wir brauchten, um auf der Welt vor Hunger und Durst hin zu werden [zu vergehen]! Wenn wir so eine kleine Stärkung haben könnten!? Oh, wie würde das unsere Gemüter aufrichten! Darum sei so gut und lass uns nach Deinem besten Willen so etwas zukommen!“
RB|1|77|12|0|Ich winke dem Blum, dem Jellinek, Messenhauser und Becher, dass sie Brot und Wein diesen Armen reichen sollen, was dann auch alsogleich geschieht.
RB|1|77|13|0|Mit großer Verwunderung und mit tausend Dank und Lob essen und trinken diese Max Olafschen Herbeibringlinge. Und als sie gar bald sehr gesättigt und gestärkt dastehen, spricht Max Olaf: „O Herr! Nun stehe ich vor Dir hier, ohne allen Zweifel. Du bist es, und sonst ewig Keiner mehr! Dir allein sei all unsere Verehrung, Anbetung und Liebe!“
RB|1|77|14|0|Diese olafschen Worte wiederholen alle die Seinen, die er mitgebracht hatte. Blum lächelt vor Freuden über solch eine schnelle Zurechtbringung sonst von der Welt sehr perturbierter [verstörter] Gemüter. Auch der Doktor Becher und der Messenhauser verwundern sich nun ganz gewaltig, dass ihnen der Max Olaf mit seiner Gesellschaft vorgekommen ist. Auch unsere Helena (die Lerchenfelderin) fällt vor Mir nieder.
RB|1|78|1|1|Mahnung zur Vorsicht mit Halbblinden. Ankündigung eines großen Rates über die Erde. Helena gerät in Furcht vor der Heiligkeit und Allmacht des Herrn. Des Herrn Größe, Einfachheit und Güte.
RB|1|78|1|0|Ich aber ermahne sie aus guten Gründen, dass sie nun davon nichts sollen merken lassen, was sich ihnen aus besonderer Gnade eröffnet hatte! Und sie verstehen Mich und schweigen, während ihre Herzen stets mehr und mehr zu erkennen anfangen.
RB|1|78|2|0|Der Helena geschieht es aber am schwersten, dass sie schweige. Aber der Jellinek sagt zu ihr: „Geliebteste Schwester, brenne innerlich wie du willst und kannst; aber dem Äußern nach mäßige dich, derjenigen willen, die hier noch blinden Herzens sind, auf dass über sie womöglich kein Gericht ergehe! Wir werden aber nun einen großen Rat halten, wie es mir der Herr ehedem insgeheim anvertraut hat. Und dabei müssen wir so ruhig als möglich uns verhalten, auf dass die ja nichts merken, die noch nicht erkennen, dass der Herr alles Lebens ihnen gar so überaus nahe ist! Daher sei also ruhig!“
RB|1|78|3|0|Spricht Helena: „Was sagtest du von einem geheimen Rat halten? Was wird denn da beraten werden?! O Gott, o Gott! Dahinter muss gewiss sicher etwas Großwichtiges stecken?!“
RB|1|78|4|0|Spricht Jellinek: „Ja, ja, etwas sehr Großwichtiges! Ich sage dir: Wehe allen Hochmütigen, Herrschsüchtigen, allen Mördern und Menschenschlächtern, und wehe denen, die auf den Thronen sitzen! Ich sah ehedem eine ungeheure Menge zorniger Engel mit flammenden Schwertern sich auf die Erde hinabstürzen, und eine Stimme hallte donnernd ihnen nach: ‚All Meine Geduld ist zu Ende! Darum keine Schonung mehr! Denn die Großen suchen Hilfe nicht bei Gott, sondern in ihren vielen Waffen. Und die Kleinen heulen und knirschen mit den Zähnen und kehren auch nicht um zu Gott, von dem alle Hilfe kommt! Daher keine Schonung mehr!‘ Und siehe, darüber wird nun Rat gehalten werden, weil nun alle Himmelsmächte in Bewegung gesetzt werden! Daher musst du also doppelt ruhig sein!“
RB|1|78|5|0|Spricht Helena: „Ja, ja, ich bin schon ruhig. Aber was wird da herauskommen?! O schrecklich, o schrecklich!“
RB|1|78|6|0|Spricht Jellinek: „Ja, meine allerschätzbarste Schwester Helena, da geht es nun ganz kurios anders zu, als es in Wien zugegangen ist, als wir beide seligen Andenkens noch im Fleisch uns unter den Freiheitskämpfern befanden! Denn hier gilt es im vollkommensten Sinn der unerschütterlichsten Wahrheit, entweder Leben oder Tod, oder – Himmel oder Hölle. Der Herr der Unendlichkeit, der allmächtige Schöpfer Himmels und aller Welten ist hier unter uns. Und Seine zahllosen Myriaden von mächtigsten Dienern werden, wenn auch uns nun noch nicht sichtbar, sicher nicht fern von hier Seiner heiligsten Winke harren! Und so kannst du dir schon im Voraus einen kleinen Begriff machen, wie unaussprechlich heilig und großwichtig nun dieses große Zimmer ist, wo der Herr Himmels und aller Welten nun Beschlüsse unter uns, Seinen jüngsten Freunden, fassen wird, von denen alle künftigen Zeiten und Ewigkeiten abhängen sollen! No, was denkst du dir nun, wenn du diese Sache so recht beim wahren Licht betrachtest?!“
RB|1|78|7|0|Spricht die Helena: „O sieh, lieber Freund! Ich kann die zu erschreckliche und die unendlichste Wichtigkeit dieses Platzes gar nicht fassen! Es ist nur unbegreiflich, wie in Ihm, da Er doch nichts von irgendeiner besonders göttlich-allmächtigen Auszeichnung zur Schau trägt, doch eine gar so allerunbegreiflichste, allerhöchste Kraft und Macht vorhanden sein kann, und wie Er mit einem Blick die ganze ewige Unendlichkeit vom Größten bis zum Allerkleinsten gar so unaussprechlich scharf übersehen kann!? Er steht da unter uns, als wären wir die Einzigen, mit denen Er Sich nun abgibt! Gar so anspruchslos, gar so gut, zuvorkommend und gar unbeschreiblich lieb ist Sein Benehmen! O Freund! Welch eine unendliche Herablassung ist das!
RB|1|78|8|0|Und höre welch ein Unterschied zwischen Ihm, dem allmächtigen, ewigen Herrn der Unendlichkeit, und zwischen den Machthabern unserer stinkenden Erde!? Er, alles in allem, ist voll Demut und erhöht sich nie vor seinen Geschöpfen. Aber die Mächtigen der Erde, du kennst sie, wollen von einer Herablassung und von einer Demütigung schon gar nichts hören; sie allein wollen alles sein und alles haben; alle anderen aber kann der Teufel holen, wie und wann er sie nur immer will! Wahrlich, bei solchen Regierungsaspekten muss die sonst so schöne Erde ja doch notwendigerweise in aller Kürze zu einer veritabelsten Hölle werden, aus der am Ende kein sterblicher Mensch mehr fürs ewige Leben wird gewonnen werden können!?“
RB|1|78|9|0|Spricht Jellinek: „Ja, ja, du hast recht und urteilst gut und scharf! Aber denke bei dir auch das hinzu, wie bei Gott gar unendlich viele Dinge möglich sind, die sich auch ein weisester Geist nimmer als möglich vorstellen kann – so wirst du all das Kommende mit einem viel ruhigeren Gemüt mit anzusehen imstande sein. Denn siehe, alle unendliche Machtgröße liegt ja eben nach Seiner höchst eigenen Belehrung an mich in der unermesslichen Größe Seiner Liebe. So aber des Allerhöchsten Höhe, Macht und Größe in Seiner Liebe steckt, so darf es uns bei Seinen noch so großen Vernehmungen und Beschlüssen ja nicht bangen. Denn was die allerhöchste und mächtigste Liebe tut, das kann doch unmöglich anders als auch nur allerhöchst gut sein, und sollte es äußerlich noch so ein erschreckliches Gesicht haben!“
RB|1|78|10|0|Spricht die Helena: „Ich danke dir, du lieber Freund, für solche deine Belehrung! Wahrlich, du hast mir nun wie einen schwersten Stein von meinem Herzen hinweggewälzt! Aber sage mir noch: Wann wird denn diese von dir mir vorerwähnte allerhöchste Beratung anfangen?“
RB|1|78|11|0|Spricht Jellinek: „Sogleich, meine geliebteste Schwester! Siehe, die große Gesellschaft der Wiener Proletarier, die noch kein Licht zu haben scheint, wird dort soeben vom Blum in ein Seitengemach zu treten beschieden! Nur die vierundzwanzig Tänzerinnen, der Blum, Messenhauser, Becher, ich und du und der Max Olaf mit seiner etlich Zwanziger-Gesellschaft, wie auch jener Halbengländer mit ebenfalls einem paar Dutzend echter Aristokraten, dort ganz im Hintergrund dieses Saales Posto fassend, diese werden bei der Beratung zugegen sein.
RB|1|78|12|0|Siehe, dort aus einem andern Gemach kommen auch soeben zwölf sehr weise aussehende Männer zum Vorschein und hinter ihnen noch sieben andere! Diese werden höchstwahrscheinlich auch an der großen Beratung teilnehmen. Und ein großer Tisch befindet sich auch schon in der Mitte dieses stets wie größer werdenden Saals! Es ist somit schon alles in der Bereitschaft da. Und freue dich, die Beratung wird nun unverzüglich ihren Anfang nehmen.“
RB|1|78|13|0|Auf diese Belehrung des Jellinek wendet sich die Helena ganz zerknirscht und nahe ganz bis zum Boden gebeugt zu Mir und kann vor lauter Furcht nahe kein Wort herausbringen. Ich aber fasse sie am Arm und sage zu ihr: „Aber Meine allerliebste Tochter Helena, was machst denn du nun für ein Gesicht? Vor was oder vor wem fürchtest du dich denn nun gar so gewaltig? Schau, schau, bin ja Ich bei dir! Wie kannst du dich denn an Meiner Seite fürchten?!“
RB|1|78|14|0|Spricht die Helena: „O Du mein Gott und Du mein Herr! Ja, da freilich, wenn Du mir gut bist und mir auch gut bleiben magst, kann man sich nicht fürchten! Aber wenn einem darauf gleich Deine alleinige, endlos allerheiligste Gottheit einfällt, zu der sich denn doch kein Sünder nahen darf und auch nicht nahen soll – so kommt's mir denn doch vor, dass Du unsereins nur gar zu geschwind verdammen könntest! Besonders wenn Du etwa doch möglicherweise so ein bisschen in einen Zorn kämst! Früher habe ich mich freilich nicht gar so gefürchtet vor Dir, weil ich da noch nicht gewusst habe, wer Du so ganz eigentlich bist. Ich hielt Dich für irgendeinen älteren Heiligen nur und dadurch auch, wie Du selbst sagtest, für einen intimen Freund Gottes, der für mich bei Gott eine wirksame Vorbitte tun könnte. Aber jetzt, oh, oh welch eine schreckliche Enttäuschung – bist Du Gott der Allmächtige! O weh, o weh, wer soll sich vor Gott dem Allmächtigen nicht fürchten!? Und jetzt wirst Du auch noch einen Rat halten, wahrscheinlich zum Jüngsten Gerichtstag!? O jemine, o jemine! Und da soll ich mich nicht fürchten als eine so große Sünderin vor Dir?!“
RB|1|78|15|0|Rede Ich, natürlich in dem gutmütigsten Ton von der Welt: „Also das drückt dich nun gar so sehr! Nun, wenn du denn nun schon eine gar so ungeheure Furcht vor Mir hast, so wirst Du Mich wohl auch nicht mehr lieben können und mögen? Was werde Ich denn nachher anfangen, wenn du Mir die Lieb etwa darum aufsagtest, weil Ich denn schon einmal der schreckliche Allmächtige bin?! Geh, Helenerl, und sag Mir, ob du Mich jetzt wohl auch noch so gerne hast, als wie früher, wo du Mich bloß so für einen allenfalls heiligen Joseph oder Petrus hieltst?!“
RB|1|78|16|0|Spricht die Helena etwas beruhigter: „O Du mein Gott und mein Herr! Na ist aber das doch eine Frage! Wenn's auf meine Liebe zu dir ankommt, so kannst du ja ohnehin in mein Herz hineinsehen, und da muss sich's ja gleich zeigen, ob neben Dir noch wer Platz in meinem Herzen hätte! Dich liebe ich ja nur ganz allein, und früher habe ich den vermeintlichen Joseph oder Petrus ja auch nur Deinetwegen geliebt! Um meine Liebe zu Dir darf Dir wohl nie bange sein. Aber mir darf es wohl bangen um Deine Liebe zu mir, wo ich eine so große Sünderin bin!“
RB|1|78|17|0|Rede Ich: „Nun, nun, Mein liebes Helenerl! Schau, jetzt werden wir zwei schon bald wieder in der Ordnung sein. Wie wäre es denn, so du nun probieren tätest, Mich wieder zu umarmen und gar – zu küssen!?“
RB|1|78|18|0|Die Helena wird hier ganz verblüfft, reibt sich die Augen und spricht endlich mit ganz liebebebender Stimme: „H, hm, wäre freilich unendlich süß, so was! H, unendlich gerne hätte ich Dich freilich wohl! Aber wenn Du doch nur nicht gar so entsetzlich heilig und allmächtig wärst?!“
RB|1|78|19|0|Rede Ich: „Ah, das macht nichts! Tue du nur, was dein Herz will, und du wirst dich gleich überzeugen, dass dir Meine Heiligkeit und Meine Allmacht nicht dein Nasenspitzchen wegbeißen wird!“
RB|1|78|20|0|Als sie Mich gar so herablassend vor ihr sieht, vergeht ihr endlich alle Furcht, und sie fällt an Meine Brust und küsst sie und spricht nach einer kleinen Weile: „O Gott, o Gott! Da wär's freilich gut! Wenn ich nur so die ganze liebe Ewigkeit verbleiben könnte!“ Endlich erhebt sie sich wieder von Meiner Brust und sagt: „Aber, aber, ist es denn wohl möglich, dass Du, o mein Gott und Herr, gar so unbegreiflich herablassend sein kannst!? Nein, nein, das hätte ich auf der Welt all meine Lebtage mir nicht einmal zu denken getraut! Aber gar so gut, demütig und lieb bist Du!! Nein, wer vor lauter Liebe zu Dir nicht ordentlich hin wird [vergeht], der ist gar kein Mensch!“
RB|1|78|21|0|Rede Ich: „Nun, siehst du, jetzt sind wir zwei schon wieder in der schönsten Ordnung, und das freut Mich! Nun aber komm nur auch mit Mir an den Ratstisch! Dort wirst du gleich neben Mir sitzen und uns mitunter auch einen Rat erteilen, was etwa nun mit der gar schlechten Welt der Erde geschehen soll?!“
RB|1|78|22|0|Spricht sie: „Nein, nein, das geht nicht! Ich und Rat erteilen!? Nein – das möchte ein schöner Rat werden! Ich und Rat erteilen!? Nein, das ginge so hübsch zusammen!“
RB|1|78|23|0|Rede Ich: „Nun, nun, Mein liebes Helenerl, wir werden die Sache von dir aber ja auch nicht gar so streng fordern. Wenn dir nur manchmal so etwas recht Gescheites einfällt, da sage es Mir; und Ich werde es dann, so du dir's nicht getraust, schon an deiner statt der Ratsgesellschaft vortragen.“
RB|1|78|24|0|Spricht die Helena: „O Du mein liebster Gott und Herr! Wenn man Dich anschaut und Dich gar so – man könnte sagen – einfachweg reden hört, so kommt's unsereinem aber auch gar nicht vor, als wenn Du unser allerliebster Herr Gott wärst, aber dennoch bist Du es, und das sehe ich jetzt klar! Aber ich werde darum jetzt aber auch so närrisch verliebt in Dich, dass ich vor lauter Liebe aber schon gerade zerplatzen könnte!! Ich möchte aber auch einen kennen, der Dich nicht auf das Allergewaltigste sobald möchte zu lieben anfangen, wenn er Dich nur einmal erkannt hat! Aber für ungut wirst Du mir's ja doch nicht aufnehmen, darum ich nun gar so verliebt in Dich bin?! Ich kann ja nicht dafür! Warum bist Du aber gar so unmenschlich lieb, herzlich gut, und aber gar so demütig, bescheiden und herablassend!“
RB|1|78|25|0|Rede Ich: „Nun, nun, sei du nur verliebt, so viel du kannst und magst, das ist Mir schon recht! Aber wenn du auch noch so verliebt in Mich wärst, so ist Meine Liebe zu dir dennoch viel stärker als die deinige zu Mir! Aber das macht auch wieder nichts. Denn Ich, als Gott, muss ja stärker lieben können als wie du, und das aus dem Grund, weil Ich ja sonst auch stärker bin als du, Meine liebste Helenerl! Glaubst du das?!“
RB|1|78|26|0|Spricht die Helena: „Nein, nein, ich bitte Dich, sei doch nicht gar so gut mit mir! Ich muss ja vor lauter Liebe zu Dir noch ganz zugrunde gehen!“
RB|1|78|27|0|Rede Ich: „Oh, sorge dich nur darum nicht, du Mein Liebchen du! Wenn du auch mitunter ein wenig schwach wirst, so macht das nichts. Denn Ich habe ja eine Menge von allerlei Stärkungen bei Mir, die werden dich schon wieder aufrichten! Oh, darum sei dir nur nicht bange! Aber jetzt heißt es, sich an den Ratstisch begeben. Komme also nur mit und setze dich hier gleich neben Mich!“
RB|1|78|28|0|Die Helena folgt Mir nun ganz bescheiden und wird am Tisch, zu dem sich nun auch die anderen setzen, ganz rot vor lauter sich genieren. Aber nach einer kleinen Weile fängt sie schon an, sich so mehr in dieser Gesellschaft zu finden, und wird ganz aufmerksam auf den ersten von irgendjemanden begonnenen Vortrag.
RB|1|79|1|1|Die ehrwürdige Ratsversammlung. Des Herrn Frage: Was soll mit der Erde werden? Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob reden.
RB|1|79|1|0|Nach einer Weile allgemeinen Schweigens fragt sie (Helene) Mich ganz leise: „Herr, wer wird denn nun zu reden anfangen? Und wer ist denn der gar so ehrwürdig neben mir sitzende Mann?“
RB|1|79|2|0|Ich antworte ihr auch ganz leise: „Meine Liebste, zu reden werde Ich Selbst anfangen, sobald aller hier anwesenden Gemüter ganz zu der erforderlichen Ruhe gelangen werden. Der neben dir sitzende Mann aber ist, weißt du, der Vater Adam selbst, wie er vor ungefähr sechstausend Jahren auf der Erde als erster geschaffener Mensch geleibt und gelebt hat. Neben ihm siehst du den Noah und nachher den Vater Abraham, dann Isaak und dann Jakob. Und dann siehst du noch zwei: Der erste ist der Moses und der andere David. Die zwölf auf diese sieben folgenden nun sehr ernst aussehenden Männer sind die dir wohlbekannten zwölf Apostel. Hinter ihnen stehen auch noch ein paar! Siehe, das sind auch noch zwei Apostel: der mehr vordere ist der Paulus, und der etwas hinter ihm stehende ist der Judas, weißt, der Mich verraten hat. Die andern kennst du ohnehin. Und so weißt du nun, in welch einer gewiss sehr merkwürdigen Gesellschaft du dich befindest.
RB|1|79|3|0|Was aber diese alle nun hier bei diesem Rat werden zu tun haben, das wird dir am Ende der Beratung vollends klar werden. Nun passe aber nur auf! Die Gemüter der Gesellschaft sind nun zur gehörigen Ruhe gelangt, und so werde Ich nun auch sogleich zu reden anfangen. Aber du musst dich etwa ja nicht erschrecken, wenn Ich so manchmal ein wenig scharf reden werde und hier vor uns so manche Erscheinungen vorüberziehen werden, die dir freilich keinen angenehmen Anblick gewähren werden! Aber da halte du dich nur fest an Mich, und da wirst du gleich wieder gestärkt sein.“
RB|1|79|4|0|Darauf wende Ich Mich zur Gesellschaft und rede, also fragend: „Meine Kindlein! Meine Freunde! Ich, euer aller wahrer Vater, Gott und Herr und Schöpfer der Unendlichkeit, frage euch: Wie gefällt euch allen nun die Erde? Was wollt ihr, dass Ich ihr tun soll?“
RB|1|79|5|0|Spricht Adam: „Herr, Du ewige Liebe! Die Erde war ärger nie, denn jetzt; aber auch Deine Liebe war größer nie denn jetzt! Tue ihr nach Deiner Liebe! Denn sieh, das Meer, der Erde weitsehend Auge, ist blind geworden. Lege ein mächtig Feuer hinein und lasse durch seine gewaltige Flamme Licht werden in den Abgründen, auf dass vor demselben sich alle Ungeheuer erschrecken sollen und vergehen vor Schmach, die ihr endlicher Lohn für ihre schwarzen Taten sein soll! Also erkannte ich und also sah und sehe ich es, als der Erde erster Mensch.“
RB|1|79|6|0|Darauf spricht Noah: „Herr, zu dem ich allzeit gebetet habe, und treu bewahrt den Glauben und die Liebe! Als sich's vor etlich viertausend Jahren mein Bruder Mahal gelüsten ließ, von den heiligen Höhen seine Blicke in die Tiefe hinab zu senken und zu machen eine Reise nach Hanoch, in der Drohuit und Fungar-Hellan ihr Unwesen trieben, und getrieben haben, und als eine Tochter Mahals Königin ward in der Tiefe, siehe, da beriefst Du mich und zeigtest mir zu bauen einen mächtigen Kasten, zur Rettung meiner kleinen Familie und vieler Tiere, die Deine Macht aus allen Gegenden der Erde in den weiten Kasten trieb.
RB|1|79|7|0|Ich tat, wie Du, o Herr, es gewollt hast. Und die Folge lehrte mich und mein Haus, wie gut es war, dass ich Dir unbedingt gehorcht habe! Damals war die Menschheit schlecht und arg und förderte Böses um Böses auf dem Boden der Erde und entweihte grässlich das Werk Deiner Hände. Aber dennoch geschah damals alles, was da geschah, in irgendeiner bestimmten, scharf abgegrenzten Ordnung, und die Lüge, der Hochmut und die satanische Herrschsucht schwellte nicht so nahe jedes Sterblichen Brust, wie es nun in dieser Zeit der Erde der Fall ist.
RB|1|79|8|0|Es waren damals die Menschen wohl auch grausam, und einzelne Taten finden kaum ihresgleichen wieder! Aber nun sind die Menschen zu Hyänen und Tigern geworden und begehen Grausamkeiten, vor denen die ganze Unendlichkeit erschauert! Damals sandtest Du ein schrecklich Gewässer über die Sterblichen und ersäuftest all die Täter des Übels. Was wohl wirst Du nun tun, o Herr? Ich kenne aber die Größe Deiner Liebe. Ich weiß es auch, dass es Dich gereute, damals die Menschheit ersäuft zu haben; denn es waren darunter ja auch viele Kinder, die noch der Mütter Brüste sogen! Wird es Dich nun auch gereuen, die tausendmal schmutzigere Erde durch ein mächtig Feuer zu reinigen, auf dass sie wieder würdig würde, Tritte Deiner Füße aufzunehmen?!“
RB|1|79|9|0|Noah schweigt darauf, und der alte Vater Abraham erhebt sich und bittet um die Erlaubnis zu reden! Ich aber sage zu ihm: „Rede, denn du hast die Verheißung überkommen, und diese muss erfüllt werden!“
RB|1|79|10|1|(Am 13. Mai 1849)
RB|1|79|10|0|Spricht Abraham: „Herr, tausend oder zehntausend Jahre sind vor Dir wie ein einziger Tag! Denn aus Dir ging hervor Zeit und Raum, aber Du setztest Dich über beide. Und die fernste Vergangenheit wie die fernste Zukunft sind Dir gleich mir die Geschichte eines Tages! Liebe ist Dein Wesen, und die höchste Güte ist Deine Weisheit! Weich wie Wolle ist Dein Gemüt, und sanft wie des Lenzes Abendhauch ist Dein Herz! Alle Deine Wege heißen Erbarmung, und Deine Führungen sind die Gerechtigkeit Deines Herzens!
RB|1|79|11|0|Als ich im Land Kanaan mit meinem Bruder stritt um des Bodens Teil, da sahst Du an mein Herz, und fandest es bereit zur Nachgiebigkeit! Und siehe, Du rührtest meine Seele an, und sie sprach zum Lot: ‚Bruder, frei sollst du wählen! Siehe, groß ist der weiten Erde Boden! Warum sollen wir also streiten um dessen vergänglichen Besitz? Ziehe du, oder bleibe! Ziehst du gen Abend, so ziehe ich gen Morgen, auf dass Friede und Einigkeit zwischen uns herrsche und zwischen all denen, die uns folgen werden. So du aber bleiben willst, da schwinge den Stab nach der Gegend hin, dahin du willst, dass ich ziehen soll. Und siehe, ich werde tun nach deinem Willen! Aber hier beisammen können wir nimmer wohnen, indem du nicht auf den Wegen des Friedens wandeln magst!‘
RB|1|79|12|0|Und der Lot fasste meine Worte und nahm sie zu Herzen und sprach: ‚Bruder, ich habe mir den Abend erwählt; dahin will ich ziehen. Dir aber steht es frei, ob du bleiben oder ziehen willst, entweder nach Mitternacht oder Mittag oder Morgen! Dahin du aber auch ziehst, da vergesse aber dennoch des Lots nicht!‘ Und wir segneten uns und zogen – er nach dem Abend und ich nach dem Morgen.
RB|1|79|13|0|Aber Lots Volk erhob sich bald mächtig in seinen reichen Gauen und baute Sodom und Gomorrha und fing an toller und toller zu werden. Ich sandte Boten an Lot, aber sie richteten nichts aus! Mehrere wurden getötet, und die wenigen zurückkehrenden brachten stets die übelste Kunde. Und siehe, in der Zeit hast Du wieder mein Herz geprüft und fandest es gerecht vor Dir und sandtest Boten aus der Höhe an mich, und diese taten mir kund, was Du vorhättest mit Sodom und Gomorrha! Ich aber erschrak darob und bat Dich um Schonung und stellte Dir die möglichen Gerechten vor. Aber Dein Auge fand sie nicht, außer allein den Lot! Und siehe, diesen rettetest Du, o Herr! Aber Sodom und Gomorrha ließest Du verheeren durch Feuer von oben!
RB|1|79|14|0|Als aber die beiden Städte im Pfuhl begraben samt Menschen und Vieh, da sah Dein Herz nach der Stätte hin. Und siehe, es gereute Dich wiederum des harten Gerichts über Sodom und Gomorrha, und Du machtest einen Bund mit mir und gabst mir die große Verheißung zur Erfüllung deiner großen Erbarmungen.
RB|1|79|15|0|Und wie Du es mir verheißen hast, so hast Du auch alles erfüllt bis zu diesem Zeitpunkt, wie Du es verheißen hast. Aber Deine Verheißungen dehnen sich noch gar endlos weit über diesen Zeitpunkt hinaus! O Herr! So gedenke nun, da alle Völker der Erde wieder, und zwar in eine größte Gärung geraten sind, Deines mit mir gemachten Bundes! Du kennst die Feinde Deiner Kinder! Du kennst ihre Habsucht, ihren unbeugsamen Willen! Siehst Du nicht die vielen Wölfe, Hyänen und Tiger, wie sie gewissen- und schamlos in den Eingeweiden Deiner Lämmer wühlen und sie zerfleischen mit feurigen Drachenzähnen?! O Herr! Konntest Du Sodom und Gomorrha züchtigen, o so ergreife nun auch die Wölfe, Hyänen und Tiger und schlachte sie als ein Sühnopfer für all die Unbilden, die sie begingen an deinen Kindern! Aber schone das Blut der Gerechten und das Blut Deiner Kinder!“
RB|1|79|16|1|(Am 15. Mai 1849)
RB|1|79|16|0|Darauf erhebt sich der Isaak und spricht: „O Herr! Ich bin das erste Blatt, das am großen Lebensbaum Deiner Verheißung, die Du meinem Vater Abraham gemacht hast, sich zu zeigen anfing. Wohl sehr alt und nahe gänzlich verdorrt stand zur selben Zeit der Lebensbaum Deiner Kinder im Garten der Liebe, während die Schlange sehr fruchtbar mit ihrem Gezücht alle Gaue der Erde anfüllte! Aber Du, o Herr, besahst die gänzliche Dürre des Lebensbaumes Deiner Kinder und belebtest ihn von der Wurzel bis zum obersten Scheitel und gabst ihm eine neue heilige Triebkraft! Und siehe, ich war das erste lebendige Blatt an dieses heil'gen Baumes Zweigen.
RB|1|79|17|0|Abraham hatte eine große Freude beim Anblick dieses ersten, so hoffnungsgrünen Blattes. Aber Dir, o Herr, gefiel es, seine Freude zu trüben und seinen Glauben zu prüfen. Du befahlst ihm, mich zu schlachten und am brennenden Scheiterhaufen zu opfern. Das tatst Du, um der Schlange zu zeigen, wie stark der Glaube Deines Sohnes Abraham war! Als aber Abraham durch den Gehorsam die Macht seines Glaubens bewährt hatte, da führtest Du einen Bock durch des Berges Gestrüpp, ein lebend Bild des Satans und seiner Herrschsucht! Das Gestrüpp umflocht nahe an seinem Rand des Bockes Geweihe, die da ein Zeichen waren seiner Widerspenstigkeit, seines Ungehorsams, seines Hochmuts und seiner geilen Herrschsucht, so wie das Gestrüpp ein treffend Bild aller Welttümlichkeit. Diesen Bock musste dann mein Vater ergreifen, ihn schlachten und ihn legen an meiner statt auf den brennenden Opferaltar.
RB|1|79|18|0|O Herr, konntest du damals den Weltbock ins Gestrüpp treiben und zur Schlachtung und zum Zeichen gerechter Sühne legen auf den verzehrenden Brandaltar; o so tue nun auch desgleichen in der Wirklichkeit! Denn war damals der Bock nur ein Sühnbild, wie ich selbst ein Vorzeichen Deiner Ankunft in die Welt und der zweiten Schöpfung durch Dein großes Erlösungswerk – so ist aber dieser Bock nun in der vollsten Wirklichkeit in der Welt so groß geworden, dass seine Geweihe nun schon in Deine Himmel reichen. So errichte nun auch einmal den großen Brandaltar über die ganze Erde! Ergreife dies schändliche Tier, das sich mit seinen mächtigen Geweihen gar sehr gewaltigst im dicksten Weltgestrüpp durch und durch verflochten hat, schlachte es, und werfe es dann ins mächtige Feuer des großen Brandaltars!
RB|1|79|19|0|O Herr, zögere nun nicht mehr, lasse die vielen grünen Blätter am Baum des Lebens nicht abfressen von des Tieres geilster Fressgier, sondern tue nach Deiner Verheißung! Denn siehe, die Zeit ist zur Vollreife gediehen, und Deine Kinder schreien nun überlaut: ‚Vater, tue Dich auf! Ziehe aus Deine Rechte! Ergreife das Beil Deiner Gerechtigkeit und schlachte das Tier, das mit seinen Geweihen nun schon sogar an die Feste der Himmel zu stoßen beginnt!‘ Amen!“
RB|1|79|20|0|Spricht darauf Jakob: „O Herr, Du rangst mit mir und ließest mich nicht weiterziehen, und als ich Dich ergriff, da gabst Du mir einen Stoß in die Hüfte, dass ich danach hinkte mein Leben lang! Aber der Stoß tat mir nicht weh, denn ich rang ja aus Liebe mit Dir. Aber dennoch blieb dieser Stoß allen nachfolgenden Kindern, und diese fühlten wohl auch den Schmerz, und siehe, der Stoß und der Schmerz hat nun den höchsten Grad erreicht! Oh, so befreie nun endlich einmal die Kinder vom Stoß und von seinem Schmerz!
RB|1|79|21|0|Vierzehn Jahre diente ich um die himmlische Rahel, und siehe, Du gabst mir die welthässliche Lea. Ich nahm sie und murrte nicht. Und noch einmal vierzehn Jahre musste ich dienen und Verfolgung leiden um die himmlische Rahel. Da gabst Du sie mir dann wohl, aber sie musste unfruchtbar sein, sodass ich einen anderen Schoß in ihren Schoß legen musste, um meinem Samen Leben zu geben! O Herr, siehe, das war hart von Dir vorgesehen!
RB|1|79|22|0|Nehme aber nun endlich einmal zurück Deine Härte! Nehme der Lea die Fruchtbarkeit, und gebe sie der himmlischen Rahel im Vollmaß, auf dass die Erde einmal ledig werde vom argen Gezücht der Schlange; und ihren Boden allein betreten möchten die Kinder der himmlischen Rahel! O lasse einmal Joseph und Benjamin zu wirklichen Kindern aus dem Schoß der himmlischen Rahel werden und mache versiegen die Quelle der Lea!“
RB|1|80|1|1|Helenas Ungeduld wird beruhigt. Moses und David reden. Helenas Zwischenrede und Davids Nachrede.
RB|1|80|1|1|(Am 16. Mai 1849)
RB|1|80|1|0|Hier fragt Mich heimlich die Helena, sagend: „Aber Herr, Du mein süßester Jesus. Du hast ja zu mir gesagt, dass Du zuerst reden werdest, und dass ich mich nicht erschrecken soll, so Du etwa hier und da sehr scharf reden werdest, und wenn so ganz absonderliche Erscheinungen zum Vorschein kämen! Und siehe, nun reden immer die andern, und Du sagst eigentlich gar nichts dazu, und Erscheinungen kommen auch keine zum Vorschein!? Wie ist denn das zu nehmen und zu verstehen? Ich bitte Dich, erkläre mir diese Sache doch ein wenig näher!“
RB|1|80|2|0|Rede Ich: „Meine liebste Helena, gedulde dich nur ein wenig, es wird dir nachher schon alles klar werden. Zuerst geredet aber habe Ich ja ohnehin, indem Ich an diese alle hier beim großen Ratstisch eine gar überaus großwichtigste Frage gerichtet habe. Nun aber müssen sie ja auf diese Meine an sie gestellte Frage sich äußern. Und so sie sich bald alle entäußert werden haben, dann werde Ich zu reden anfangen.
RB|1|80|3|0|Und siehe, Ich kann zu reden anfangen, wann Ich nur immer will, so bin Ich dennoch stets der Erste, der da redet; und Meine Rede ist ebenso allzeit die Erste, weil Ich Selbst der Erste bin! Verstehst du das? Nun, nun, du verstehst es ja schon! So sei nun nur wieder ruhig und horche recht genau, was nun Moses reden wird! Die Erscheinungen werden nachher, wann Ich reden werde, schon zum Vorschein kommen. Nun sieh, Moses erhebt sich schon, und so wollen wir ihn denn hören!“
RB|1|80|4|0|Die Helena ist nun wieder ganz ruhig, und Moses spricht mit großem Ernst: „Herr, als Dein Volk unter der ägyptischen Tyrannei schmachtete, da erwecktest Du mich und machtest mich zum Retter Deines Volkes. Ich lebte am Hofe Pharaos und ward eingeweiht in all die Schändlichkeiten und argen Pläne, die dieser Wüterich vor hatte mit Deinem Volk; denn seine Frevellust war mit der Ersäufung aller Erstlinge Deines Volkes noch lange nicht gesättigt! Ich betete im Geheimen oft zu Dir, dass Du Dein Volk denn doch endlich einmal erlösen möchtest von solch einem schrecklichen Joch. Aber Du hörtest damals viel schwerer denn jetzt!
RB|1|80|5|0|Als ich sah, dass des Königs Wut stieg von Stunde zu Stunde, und dazukam, wie ein elender Höfling von einem Ägypter einen Israeliten gar erbärmlich schlug, so ward ich entrüstet, ergriff den Elenden, erschlug ihn und verscharrte ihn dann im Sand. Pharao, solches bald erfahrend, ließ mich suchen, dass er mich erwürgte. Aber ich entfloh noch zur rechten Zeit nach Midian. Dort beim Priester Raguel, der sieben Töchter hatte, deren Schafe ich bei meiner Ankunft tränkte, ankommend – erhielt ich bald deren eine, die Zippora hieß, zum Weib und ward darauf Hirte der Schafe des Priesters Bruder Jethro!
RB|1|80|6|0|Und siehe, o Herr, erst als ich Jethros Schafe am Fuß des Berges Horeb weidete, kam ein Engel von Dir zu mir, hieß mich mit ihm gehen, da ein Dornbusch gar heftig brannte. Da behieß Deine Stimme mich meine Schuhe ausziehen, da die Stätte heilig war, an der ich stand. Da gabst Du mir dann die heilige Weisung, nach Ägypten zu ziehen und zu befreien Dein Volk, und gabst mir einen Stab, um mit selbem siebenfach zu schlagen den Pharao, dessen Herz Du verhärtet hast, darum er Dich nicht erkennen wollte.
RB|1|80|7|0|Siehe, o Herr, nun ist mehr denn die Härte Pharaos in die Herzen der vielen großen und kleinen Machthaber gekommen! Sie opfern nun nicht mehr allein nur die Erstlinge ihrer Völker wegen der Ehre ihrer Throne, sondern entsenden viele Tausende auf die Schlachtfelder und lassen sie kämpfen und würgen untereinander, ärger als es einst der Fall war unter den finstersten Heiden! Diese alle sind getauft auf Dein Wort und Deinen Namen und haben Dein Gesetz: Du sollst nicht töten! Aber dennoch morden sie in einem fort und sind taub und stumm und blind geworden und hören nicht die Stimme ihrer armen Brüder, geben den Fragenden keine Antwort mehr und sehen nicht das große Elend der Elenden!
RB|1|80|8|0|O Herr, wie lange wirst Du noch solchem Elend und solchen Gräueln der Verwüstung zusehen?! O Herr, erhebe Dich einmal, wie Du es verheißen hast! Gebe mir den Stab wieder, mit dem Du in meiner Hand den harten Pharao schlugst und Dein Volk errettet hast! Ich, Dein alter, getreuer Moses, bin nun wieder bereit auf Deinen Wink hinabzuziehen zur Erde, dort zu schlagen alle die Harten und Narren, und zu erretten Deine Kinder von deren zu großen Bedrängnissen! O Herr, erhöre Deinen alten Knecht Moses, und erhöre auch die Bitten Deiner blutenden Kinder! Dein Name werde geheiligt, und Dein allein heiliger Wille geschehe nun wie allzeit und ewig auf Erden wie in den Himmeln!“
RB|1|80|9|0|Nach dem Moses erhebt sich sogleich der David und sagt: „Herr, also sprach einst Dein Geist zu mir, Deinem Knecht: ‚Setze dich zu Meiner Rechten, bis Ich alle deine Feinde zu deinen Füßen lege!‘ – Herr, alles was Dein Geist mir geoffenbart hat, ist getreust in die Erfüllung gegangen. Nur die volle Bekämpfung Deiner Feinde, die endliche Zerstörung des Hochmuts und alles dessen, was er gebärt – das mir Dein Geist auch geoffenbart hat – will nicht in die Erfüllung übergehen. Die Menschen sind noch, wie sie waren: neun Zehntel schlecht und kaum ein Zehntel halbwegs gut!
RB|1|80|10|0|In Deinem Zorn, Herr, gabst Du Deinem Volk einen König – als es Sünden auf Sünden häufte und zu allen Sünden hinzu auch noch einen König verlangte. Und siehe, dieser Dein Zorn währt nun fort und will kein Ende nehmen! Denn alle Völker haben nun fort und fort Könige und sogar nach heidnischer Art Kaiser, die den Völkern stets als Vorbild des höchsten Stolzes und unersättlichen Hochmutes dienen! (1. Sam. 8; Hosea 13, 9-11)
RB|1|80|11|0|O Herr, wann, wann wirst Du denn endlich einmal die größte Plage Deiner Menschen von der Erde nehmen und wieder Deine alte, heilige, patriarchalische Verfassung einführen?! O Herr, siehe, ist es nicht also nun, wie zu allen Zeiten, dass feige und gewissenlose Speichellecker sich um die Könige machen und ihnen lobhudelnden Weihrauch streuen des eigennützigsten Gewinnes wegen und jeden ehrlichen Menschen sogar zum Tod verdammen, so er es einmal nur wagte, einem König die volle Wahrheit zu sagen, die ihm doch noch um vieles nötiger wäre als das Licht seiner Augen? Wird etwa nicht jede gegen den betörten König gerichtete bestgemeinte Wahrheit als Hochverrat deklariert, und ihr Verkünder schnöde aus der Welt geschafft?
RB|1|80|12|0|O Herr! Unter meiner Regierung standen die Sachen wohl auch arg, aber so arg ewig nicht! Denn ich lobte jeden Weisen, der mir die Wahrheit sagte; nur die Speichellecker verbannte ich und bestrafte die Lügner mit dem Tod. Nun aber ist alles verkehrt! Der Weise wird verfolgt wie ein reißendes Tier; aber der Lügner, der Schmeichler und der Speichellecker wird mit allen Ehrenzeichen geziert!
RB|1|80|13|0|Herr, so kann die Sache nicht mehr bleiben! Die Hölle soll Hölle sein, wo sie ist in ihrer Urtümlichkeit! Aber auf der Erde so ganz vollkommen ihr Regiment aufrichten, das sollte ihr nimmer gestattet sein! Herr, darum bitten wir Dich alle, dass Du dem Regiment der Hölle auf der Erde endlich einmal ein Ende machst! Lasse immerhin Könige sein, wenn schon Könige sein müssen. Aber lasse sie so sein, wie ich es war, auf dass die Menschen nicht zu Teufeln werden, und Dein Name nicht gar so grässlich entheiligt werde! Denn wer wird Dich preisen in der Hölle, und welcher Teufel wird Dich loben?! Daher tue Dich auf, o Herr, und mache zuschanden alle unsere Widersacher! Dein Wille geschehe! Amen.“
RB|1|80|14|0|Ganz beifällig durchdrungen von der Rede Davids, kann sich unsere Helena nicht mehr halten, sondern richtet sich ganz vergnügt auf und sagt zum Redner: „Bravo, bravo, Herr David! Sie waren wohl ein rechter König für die Erde! Wenn es solche Könige gäbe, oh, da wäre es wohl eine wahre Seligkeit, solchen Königen untertan zu sein! Aber unsere Könige in dieser jüngsten Zeit, die schon lange aufgehört haben, Menschen zu sein, und daher auch gar nicht mehr wissen, was ein Mensch ist und welchen Wert er hat, sind darum auch entweder Götter, die von allen ihren Untertanen nebst einer oft unerschwinglich großen Steuer auch eine wahrhaftige Anbetung verlangen, und das sind ehe noch die besten; oder sie sind gar in ihrem Handeln jenen reißenden Tieren gleich, die sie gewöhnlich als Aushängeschilder in ihren Wappen führen. Wie es den Untertanen unter solchen Herrschaften geht, das können sich der Herr David wohl gar leicht vorstellen! Die Kettenhunde haben sicher ein freieres Leben als die Menschen unter solchen Königen! Ich wäre wohl von ganzem Herzen dafür, dass solchen Herrschern, die nur sich selbst für alles, ihre Völker aber für gar nichts halten, unser allerliebster, bester und allmächtigster Herr Vater Jesus so auf eine recht eindringliche Weise zeigte, wie viel es nun etwa an der Zeit ist, und was sie und ihre Völker wert sind, und inwieweit sie das Recht haben, die Freiheit des Menschen zu beschränken!? Was meinen der Herr König David, habe ich recht oder nicht?“
RB|1|80|15|0|Spricht David sehr freundlichen Angesichts: „Liebe Helena, als eine junge Nachkömmlingin meines Volkes! Du hast ganz recht, ich muss deine Weisheit loben; denn du wünschest, wie ich, nichts Übertriebenes, sondern Billiges und Gerechtes nur.
RB|1|80|16|0|Es sollen ja Könige sein und bleiben, die da schon gesalbt sind; aber sie sollen von ihren zu hoch gestellten Thronen nun zu ihren Völkern herabsteigen und mit ihnen Menschen sein und ihnen auch gewähren, was recht und billig ist! Aber ebenso sollen auch die Völker an ihre Könige Forderungen stellen, die recht, billig und ausführbar sind. Aber nun werden auf beiden Seiten die Saiten zu hoch gespannt, und da wird es wohl leichtlich nicht eher besser, als bis auf beiden Seiten die Saiten vollends reißen werden! Die Könige werden ihre Völker, und darauf die Völker ihre Könige, schlagen!
RB|1|80|17|0|Aber alles dessen ungeachtet steht zwischen König und Volk noch immer unser alleiniger Jehova-Zebaoth, der noch alles auf eine uns ganz unbekannte Weise in die beste Ordnung bringen kann. Daher ist hier an uns auch bloß nur, dass wir uns entäußern. Das große Werk aber ist des Herrn allein. So, so, meine Liebe, verhält es sich mit dieser Sache!“
RB|1|80|18|0|Spricht Helena: „Ja, ja. Sie sind wohl ein weiser König. Sie haben recht.“
RB|1|81|1|1|Petrus' Gerichtsrede über die Hauptstadt der Heiden im Namen aller Apostel. Paulus' Gegenrede von der Gnade.
RB|1|81|1|1|(Am 21. Mai 1849)
RB|1|81|1|0|Darauf erhebt sich Petrus und spricht im Namen aller Apostel, sagend: „O Herr, Du meine Liebe, Du mein Leben! Siehe dorthin, nach der alten Hauptstadt der Heiden, die bald darauf nach und nach zu entstehen angefangen hatte, als das alte Schlangennest Troja in einen Schutthaufen verwandelt wurde und Babel und Tyrus Risse zum Einsturz bekamen; herrschet da nicht schon bei eintausend Jahre lang ein aus dem Heidentum, Judentum, wie auch aus deiner sehr beschnittenen Lehre zusammengesetzter Hierarch? Nennt er sich nicht Papst und Stellvertreter Gottes auf Erden und einen Thron meinen Stuhl und sich auch meinen Nachfolger?! Ist er dermal im Grunde etwas anderes als ein heidnischer Regent eines kleinen Landes? Gibt er aber nicht vor, im Besitz aller Macht und Kraft Deines allerheiligsten Geistes zu sein? Und sucht er etwa nicht dennoch, so er in seinem weltlichen wie in seinem vorgeblich geistlichen Regimente durch weltliche Aufstände bedrängt wird, nie Hilfe in seiner angeblichen Kraft des heiligen Geistes, sondern nur bei den größeren Machthabern der Welt? Ruft derselbe nun in großer Klemme etwa nicht öffentlich die Maria als seine vermeintliche alleinige Helferin um Schutz und baldige Wiederherstellung seines Reiches an? Aber bei sich an solch eine Hilfe gar nicht glaubend – lässt er darum etwa nicht nun auch neben der angeflehten Hilfe Mariens noch andere Hilfe kommen, gegen dieselbe wohl öffentlich ganz flüchtige Scheinproteste erhebend, um der Welt gewisserart zu zeigen, dass er an der Hilfe aus den Himmeln zur Genüge habe und somit keiner weltlichen Hilfe bedürfe? Aber so sich's eben die Machthaber dennoch trotz aller seiner Protestation nicht nehmen ließen, ihm zu helfen, es also dann klar sei, dass also dann diese Helfer unsichtbarer- und heimlicherweise von der mächtigsten Himmelskönigin angetrieben werden, der Kirche Gottes auf Erden zu helfen, so sie die Pforten der Hölle zu überwältigen drohen?! Was sagst denn Du, o Herr, zu dieser Gemeinde?
RB|1|81|2|0|Der Bruder Paulus stiftete sie wahr und rein; und sie erhielt sich durch mehrere hundert Jahre mehr oder weniger rein. Aber, wie eher bemerkt, ist diese Gemeinde seit nahe eintausend Jahren nun nicht in ein allerschmutzigstes und oft sogar sehr böses Heidentum übergegangen, gierend nach nichts als Gold, Silber, Herrschergröße und nach der allerabsolutesten Herrschaft über alle Völker der Erde, und für die Erreichung dieses Zwecks in einem fort in alle Gegenden die verschmitztesten Missionare aussendend? Sage, o Herr, wirst Du solch einem über alle Maßen argen Treiben denn wohl nimmer irgendein Ziel setzen?
RB|1|81|3|0|Ist es nicht so, o Herr, dass nun die Völker, die sich lange von dieser vorgeblichen Himmelstochter am Narrenseil haben ganz geduldig herumzerren lassen, sich endlich einmal erkühnt haben, dieser vorgeblichen Tochter des allerhöchsten Himmels die glänzende Larve herab zu reißen – und staunen nun ganz erbost, anstatt der Himmelstochter ganz was anderes zu erblicken?! Und nun bietet sie etwa nicht alles Mögliche auf, die starken Risse ihrer alten Larve auszuflicken und so viel als möglich unkenntlich zu machen? Herr, es geschehe Dein Wille! Aber dennoch möchte ich Dich fragen, ob Du dieser elenden Kreatur etwa nicht lange genug durch die Finger gesehen hast und ob es nun nicht endlich wohl einmal an der Zeit wäre, sie gänzlich aus dem Buch der Lebendigen zu streichen und ihren Namen in das Buch der Toten zu übertragen!?
RB|1|81|4|0|Denn lässt Du sie wieder zu Kräften kommen, so wird sie sich nicht nur nicht bessern und wird keine Buße tun, sondern wird ihr Getriebe nur noch glänzender aufrichten, sodass auch jene, die nun an Dich hielten, von ihrem üppigen Schoß angelockt, mit ihr im sinnlichsten Vollmaß werden zu gäulen [geilen] und zu buhlen anfangen. Und Dir wird dann endlich, und zwar in der Kürze, dennoch nichts übrigbleiben, als mit ihr zu machen, was Du dereinst mit Sodom und Gomorrha zu tun genötigt warst!?
RB|1|81|5|0|Es ist wohl wahr, dass uns dieselbe eine Menge der allerschönsten Kinder geboren hat und darum auch Deine große Geduld und Nachsicht bei tausend Jahre nahe in einem fort mehr oder weniger ungetrübt genoss. Und ich habe darob selbst eine recht große Freude gehabt samt allen meinen Brüdern.
RB|1|81|6|0|Aber ist sie nicht, ob ihrer zu großen Gäulheit [Verworfenheit], unfruchtbar geworden und wird uns wenig schöne Kinder zutage fördern? Daher meine ich, ob es denn nicht endlich doch einmal an der Zeit wäre, ihr den Lohn zu geben, den sie sich verdient hat! Übrigens geschehe dennoch allzeit wie ewig nur allein Dein heiliger Wille!“
RB|1|81|7|0|Rede Ich zum Paulus: „Bruder Paulus, sage nun auch du, als ein Lehrer der Heiden, ob du mit all diesen Vor- und Anträgen einverstanden bist? Denn in Bezug auf die Heiden hast du eine Hauptstimme, und so äußere dich! Denn an euch ist es, wie Ich Selbst es euch verheißen habe, zu richten die Geschlechter der Erde!“
RB|1|81|8|0|Paulus verneigt sich, öffnet den Mund und spricht: „O Herr, ich habe die Heiden vielfach beobachtet und habe ihnen gepredigt Dein Wort, das sie annahmen mit großer Begierde und Freude, und haben sich teilhaftig gemacht deiner Gnade. Und doch waren sie Kinder des Vaters der Lüge und des Hochmuts! Die Kinder Abrahams aber kreuzigten den hohen Gesandten von Gott und erkannten ihn nicht! Ich frage: Was wohl ist da rühmlicher, ein Heide oder ein Abrahamide? Was haben denn da die Juden für einen Vorzug vor den Heiden? Oder wozu ist ihre Beschneidung? Der Jude sagt wohl: Oh, die Beschneidung ist etwas gar Großes; denn durch sie wird angezeigt, dass Gott nur mit diesem Volk geredet hat. Ich frage aber, ist das denn ein Verdienst des Volkes? Oder ist es nicht vielmehr nur eine Gnade Gottes?! Oder glaubt wohl ein jeder Jude, dass Gott mit seinen Vätern geredet hat? Was liegt aber auch daran, sollte etwa ihr Unglaube den Glauben aufheben? Ich meine, das sei ferne! Denn ich finde unter allen Juden und Heiden nichts, das ich Gerechtigkeit und Verdienst nennen könnte. Daher sei es besser also, dass Gott, unser Herr und Vater, allein wahrhaft und gerecht ist! Alle Menschen aber, ob Juden oder Heiden, als nunmalige Christen, sind falsch und vor Gott kein nütze!
RB|1|81|9|0|So aber der Heiden Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit dennoch preist, was wollen wir denn dann noch richten?! Kannst Du, o Herr, Dich darüber zürnen? O nein, das ist ferne von Dir! Denn so Du Dich darüber zürnen möchtest, da müsstest Du ja ungerecht sein, und das ist ewig ferne von Dir! Denn wer wohl würde die Welt erhalten, so Gott so dächte, als wäre Er gleich wie ein Mensch!?
RB|1|81|10|0|Ich will aber nun ganz auf meine alte menschliche Weise reden: Wenn dann aber Gottes Wahrheit durch meine Lügen herrlicher wird zu Seinem Lob und Preis – sagt, warum soll mich darum Gott als einen Sünder richten?! Oh, das wird Er nicht tun! So ich es aber aus dem Gesetz weiß, dass dies und jenes ein Übel, so ich es tue; ich weiß es aber auch, dass, so ich das Übel begehe, da sicher etwas Gutes daraus entstehen muss; wenn ich aber dann ob solcher Übeltat, die ich der guten Folge wegen beging, verdammt würde, sagt, wäre dies wohl eine gerechte Verdammnis?! Was wollen wir aber sagen, oder welchen Vorteil haben wir dabei, so wir schreien: ‚Herr, siehe doch endlich an die Ungerechtigkeit Deiner Völker!?‘ Ich sage euch: Gar keinen Vorteil haben wir dabei! Denn wir wissen es nur zu genau, dass alle Menschen vor Gott, so oder so, Sünder sind – wie es denn auch geschrieben steht: ‚Da ist auch nicht einer, der da gerecht wäre vor Gott!‘ So wir aber das wissen, wie können wir denn Gott zum Gericht auffordern, als wären wir ohne Sünde gewesen?!
RB|1|81|11|0|Sagt mir doch, welches Ruhmes kann sich jenes schöne Weib dort an der Seite Gottes rühmen? Welch ein Verdienst hat sie denn gerechtfertigt vor Ihm? Und dennoch sitzt sie neben Ihm pur aus Seiner Gnade. Welches Verdienst hatte denn ich vor Ihm, der ich die verfolgte, die an Ihn glaubten! Seht, ich war ein Täter des Übels und war die Ungerechtigkeit selbst. Aber Gott kehrte Sich nicht an meine Sünden, sondern berief mich, als wäre ich ein Gerechter. Und ich folgte dem Ruf Seiner Stimme und ward sobald gerechtfertigt durch Seine Gnade! Wollt ihr nun Gott darum der Ungerechtigkeit zeihen, weil Er mir gnädig war?!
RB|1|81|12|0|Wer aus euch kann denn wohl vor Gott sagen, dass er verständig sei und weise!? Ich sage es euch: da ist nicht einer! Und dennoch wollen wir Ihn zu einem Gericht nötigen? Wer aus uns hat je gefragt: Wer ist Gott, und was ist Er!? Und dennoch möchten wir Gott einen Rat tun! Wer aus uns kann sagen: Ich bin nie von Gott abgewichen und bin vor Ihm nie untüchtig geworden?! Ich sage es euch, da ist von uns allen auch nicht einer um ein Haar besser als ein anderer, und dennoch schreien wir: ‚O Herr, siehe doch endlich einmal an die große Bosheit der Menschen auf der Erde, und züchtige sie!‘
RB|1|81|13|0|Was gilt es denn, so der Herr am Ende aufsteht und spricht wie dereinst dort im Tempel zu Jerusalem zu den Juden, die Ihm eine Ehebrecherin vorgeführt haben – ob wir uns dann nicht auch aus dem Staub machen werden?! Ich sage es euch: Nicht einer unter uns ist es, der da sagen könnte: ‚Herr, ich habe nur Gutes getan und bin mir keiner Sünde bewusst!‘ – Ja, wer aus uns ein Narr ist, der kann es sagen, gleich dem Pharisäer im Tempel, der auch Gott pries, dass Er ihn so überaus gerecht werden ließ! Aber, wie wir alle es wohl wissen, der Herr hat seine Rechtfertigung verworfen und die des sündigen Zöllners angenommen!
RB|1|81|14|0|Da wir aber das alles also wissen, was vor dem Herrn gilt, warum bitten wir Ihn denn, zu handeln nach unserem Ermessen, als wären wir weiser denn Er?! O seht, das ist von uns allen nicht fein! Was haben wir denn, das wir nicht empfangen hätten von Ihm? So wir alles von Ihm umsonst, ohne unser Verdienst, empfangen haben, was rühmen wir uns denn, als hätten wir es nicht empfangen und schreien Ihm die Ohren voll und sagen: ‚Siehe, siehe, o Herr!‘ als wäre Er taub und blind und von schwachem Verstand und von ebenso schwachem Willen?! O sagt mir, Freunde, welche Wege haben denn wir selbst angelegt, ohne dass Er uns mit Seinem Finger den unwandelbarsten Plan ehedem vorgezeichnet hätte?!
RB|1|81|15|0|Da wir aber schon alles von Ihm haben und alles, was wir waren und was wir nun sind, nur durch Ihn und in Ihm sind – wie können wir dann sagen: ‚Herr erfülle endlich, was Du verheißen, und vertilge die Täter des Übels auf der Erde!‘ – Ich meine, dass wir da sehr vorlaut wären!
RB|1|81|16|0|Seht, der Menschen Mund war allzeit ein offenes Grab! Ihre Zungen redeten allzeit Lügen, und Viperngift war unter ihren Lippen! Ihre Füße eilten allzeit, Blut zu vergießen! Und alle ihre Wege waren stets voll Unfall, Trübsal, Herzeleid und Bedrängnis aller Art. Den wahren Weg des Friedens aber hat noch kein Sterblicher erkannt in seiner Tiefe; denn die Furcht Gottes war ihnen stets noch wie ein Traum!
RB|1|81|17|0|Wir wissen aber, dass, was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetz sind, nicht aber auch denen, die entweder über dem Gesetz wohnen, oder vom Gesetz nie etwas gehört haben, auf dass aller Welt endlich einmal der Mund verstopft werde und sie endlich einsähe, dass wir und alle Welt ewige Schuldner zu Gott sind und verbleiben! Fasst doch einmal das! Kein Fleisch kann je durch das Gesetz vor Gott gerechtfertigt werden, wenn es auch erfüllt würde bis zum letzten Jota! Denn durch das Gesetz kommt ja die Erkenntnis der Sünde! Wer aber die Sünde erkennt, der ist aus der Sünde, und die Sünde ist in ihm!
RB|1|81|18|0|Wir aber haben eine neue Offenbarung erhalten, in der uns, wie schon ehedem durch die Propheten ihre Gesetze, gezeigt wird, dass die Menschen auch ohne das Hinzutun des Gesetzes zu jener wahren Gerechtigkeit gelangen können, die allein vor Gott gilt! Warum schreien wir denn: ‚Herr, richte sie und gebe ihnen den verdienten Lohn, und vertilge ihre Namen im Buch des Lebens, und übergebe sie dem Tod!?‘ – O Freunde, das ist nicht fein von euch! Wohl sagt ihr allzeit am Ende: ‚Aber nur Dein Wille!‘ Aber das entschuldigt eure Herzen nicht! Denn wahrlich, eher möchte ich in den Tod gehen, als zum Herrn sagen: ‚Herr, tue dies und jenes!‘ Haben denn wir dem Herrn einen Sinn gegeben, oder haben nicht wir vielmehr alle Sinne von Ihm? Und dennoch reden wir, als bedürfe Er unseres Rates!? Wenn Kinder lallen, solange sie noch unmündig sind, da mag so was wohl angehen; aber alte Bürger des Himmels – meine ich, Paulus – sollten doch schon wissen, was sie sind, und was und wer der Herr ist!
RB|1|81|19|0|Meint ihr denn, vor Gott gelte die Sünde etwas? Ihr irrt euch alle! Die Sünde ist vor Gott stets ohne allen Wert gewesen, so oder so! Wer die Sünde gerichtet haben will, oder wer die Sünde richten will, der muss selbst ohne Sünde sein! Denn es ist unmöglich, dass ein Sünder den andern richten soll! So er ihn aber schon richtet, da richtet er als ungerechter Richter. Denn in der Sünde ist keine Gerechtigkeit! So aber vor Gott alle Menschen Sünder sind und die Sünde und Ungerechtigkeit ihr Anteil ist – mit welchem Recht wollen sie denn da richten? Welche Gerechtigkeit haben sie denn als Sünder?!
RB|1|81|20|0|Ja, wir haben wohl eine Gerechtigkeit, die da gilt vor Gott. Aber diese kommt nicht aus unserer Erkenntnis über die Sünde und Nichtsünde und auch nicht aus dem Gesetz und aus den Werken nach dem Gesetz, sondern aus dem Glauben an Ihn, und aus der reinen Liebe zu Ihm! Und diese Gerechtigkeit heißt ‚Gnade‘ und ‚göttliche Erbarmung‘.
RB|1|81|21|0|Es gibt vor Gott keinen Unterschied zwischen Menschen und Menschen, denn sie sind allzumal Sünder, so oder so, und mangeln des gerechten Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen! Wenn sie aber nach ihrem Glauben von Gott angenommen werden, so werden sie ja doch ohne Verdienst gerecht, pur durch Seine Gnade, welche hervorgeht aus Seinem höchsteigenen Werk der Erlösung, an der wir eigentlich doch keinen verdienstlichen Teil haben können?! Denn so wenig wir Gott die Welt und alle Himmel haben erschaffen geholfen, ebenso wenig konnten wir Ihm bei dem noch größeren Werk der Erlösung behilflich sein! So wir aber an dieser zweiten, größten Schöpfung und Neugestaltung aller Dinge unmöglich einen verdienstlichen Teil haben können, da eben wir selbst die Erlösten sind, wie sollen wir uns denn nun an dem allein Gott zukommenden Richteramt beteiligen wollen, indem wir doch selbst als Begnadigte die Erlösten sind?!
RB|1|81|22|0|Kennt ihr aber den wahren Richterstuhl Gottes? Seht, dieser ist Christus, in dem da wohnt ewig die Fülle der Gottheit körperlich! Dieser Richterstuhl Gottes aber ist durch Seine höchsteigenen Werke zu einem Gnadenstuhl geworden, und kann gnädig sein, dem Er will, und barmherzig, dem Er barmherzig sein will!
RB|1|81|23|0|Wo aber bleibt sonach unser Ruhm? Ich sage es euch, mit diesem ist es aus! Denn durch welches Gesetzes Werke soll er unser sein?! Gibt es denn ein Gesetz ohne Sünde oder eine Sünde ohne Gesetz?
RB|1|81|24|0|Wir aber haben dennoch einen Ruhm und eine Gerechtigkeit! Aber das kommt nicht aus dem Gesetz, noch aus den Werken danach, sondern pur aus Seiner Gnade, deren wir teilhaftig wurden durch den Glauben an Ihn und an die Werke der Erlösung. Aber diese Gerechtigkeit gibt uns vor Gott dennoch kein Recht, mit Ihm zu Gericht zu sitzen, indem wir vor Ihm, wenn auch hier als schon Hochbegnadigte, dennoch dieselben Sünder sind, die wir allzeit waren.
RB|1|81|25|0|Da wir aber nur aus dem Glauben heraus von Gott sind gerecht gemacht worden und nicht nach der Erfüllung des Gesetzes, da sollte ja der Glaube das Gesetz aufheben? Oh, das sei ferne! Denn der Glaube richtet das Gesetz erst auf und macht es lebendig. Aber das Gesetz richtet den Glauben nicht auf, sondern tötet ihn, so es nicht zuvor durch ihn lebendig geworden ist!
RB|1|81|26|0|Das Leben des Glaubens aber ist die Liebe, und das lebendige Gesetz ist die Ordnung der Liebe! Wenn dann der Glaube gerecht ist, so ist alles gerecht. Ist aber der Glaube falsch, so ist auch die Liebe falsch und ihre Ordnung so gut wie keine!
RB|1|81|27|0|Aber wer kann dafür, so jemand einen falschen Glauben überkommt aus einer falschen Lehre? Ich aber sage: Wer da glaubt, wie er gelehrt wurde, dessen Glaube ist dann auch ohne Falsch bei dem, der da glaubt; und wird die Gnade finden! Aber wehe dem Lehrer falscher Lehre! Denn er ist ein Täter des Übels und ein Störer der göttlichen Ordnung! Aber nicht wir, sondern allein der Herr kann sie richten!
RB|1|81|28|0|Als aller geschaffenen Geister größter und reinster mit dem Satan auf Sinai um den Leib Moses rang, was dir, Bruder Moses, bekannt ist, da richtete der mächtige Geist den Satan dennoch nicht, sondern sprach zu ihm: ‚Der Herr wird dich richten!‘ So aber sich ein Michael kein Gericht über den Satan anmaßte, wie sollen wir da über unsere Brüder richten oder den Herrn zu einem Gericht vermögen wollen?! Oh, das sei ferne von uns!
RB|1|81|29|0|Ich aber sage: Der Herr handelt und richtet lange schon und hat nicht gewartet auf unseren Rat! Daher betrachtet auch diesen nunmaligen Rat für eitel! Aber so der Herr zu euch sagen wird, tut dies und jenes, da sei euer ganzes Wesen pur Tat nach dem Wort des Herrn! Denn des Herrn Wort ist schon die vollste Tat in euren Herzen!
RB|1|81|30|0|Dir o Herr aber danke ich, dass Du dies Wort in meinen Mund gelegt hast! Möchte es doch auf Erden wie in allen Himmeln die besten Früchte tragen! Dir allein aller Ruhm und aller Preis ewig! Amen!“
RB|1|81|31|0|Rede Ich: „Paulus! Du bist wie Mein rechter Arm und Mein rechtes Auge! Dich habe Ich zu Meinem Rüstzeug erkoren, und das wirst du auch verbleiben ewig. Du hast recht geredet in allem, und es ist also und es verhält sich also!
RB|1|81|32|0|Aber dem ungeachtet werden wir denn doch nun auch noch diese Neuangekommenen fragen, was da nun ihre Meinung ist? Und wir werden darauf einen rechten Beschluss fassen.
RB|1|81|33|0|Und so rede denn nun du Robert Blum! Sage, was sollen wir nun der Erde tun, darum sie so viel ungerechten Blutes eingesogen hat!? Welche Sühne verlangst du von ihr und ihren Mächtigen, die dich gerichtet haben!?“
RB|1|82|1|1|Blum und Jellinek äußern sich. Des Herrn Entgegnung und Frage, was zu tun sei.
RB|1|82|1|0|Spricht Robert Blum: „O Herr, wenn es auf mich ankäme, und was da mich betrifft, so habe ich nun keine Rechnung mehr mit ihr (der Erde), als der Trägerin mehr blinder als im Grunde böser Menschen. Und so ich Dir schon mit einer Bitte käme, so soll sie also lauten: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen alle nicht, was sie tun! Aber in ihre Herzen senke Frieden, Demut und Liebe! So wird die sonst schöne Erde wieder als eine liebliche Mutter ihre Kinder liebend küssen und allem vollauf zu leben geben durch Deine Gnade und Erbarmung! Siehe, o Herr, das ist aber auch schon alles, was ich nun hier von Dir erbitten möchte für die Erde.
RB|1|82|2|0|Aber ich setze in diese meine allfällige Bitte, oder vielmehr in diesen meinen Wunsch auch kein bestimmtes und festes Verlangen, indem ich doch füglich annehmen muss, dass vor Dir, o Herr, meine Bitten und Wünsche sicher im gleichen Maß unreif sein werden, als wie ich selbst als Bittsteller und Wünscher noch sicher vor Dir, o Herr, sehr unreif bin? Aber das denke ich mir im Herzen: ein schlechter Lump ist, der mehr tun will als er kann; aber auch zum Hinauswerfen derjenige, der sein Pfund vergräbt! Wer aber das, was er mit seines Herzens besten Sinnen als gut und daher wünschenswert findet, auch allen seinen Brüdern wünscht und womöglich seine guten Wünsche an seinen Nebenmenschen und Brüdern auch möglich zu bewerkstelligen sucht, so halte ich solch einen Wunsch und solch ein Handeln zur Realisierung des guten Wunsches für gut, recht und gerecht, indem der gute Wunsch wie nach ihm die Handlung unmöglich von wo anders herrühren können als wie von der ganz eigentlichen und wahrsten Nächstenliebe, welche Du, o Herr Selbst den Menschen zu einem ersten Gesetz gegeben hast.
RB|1|82|3|0|Es kann wohl das, was ich unmöglich anders als wie für gut erkenne und halte, für meinen Nebenmenschen gerade das Gegenteil sein, wie z. B., so ich einen Kranken sähe, der da an einem Übel litte, und ich kenne das Übel und habe auch eine gute Arznei dafür, die schon bei gar manchen mit gleichen Übeln Behafteten stets die beste Wirkung hervorgebracht hat, was werde ich tun, so der Leidende vor mir um Hilfe fleht!? Ich bin von der Wirkung meiner Arznei vielfach überzeugt, und die Liebe zum leidenden Bruder gebietet es mir, ihm zu helfen! Ich gebe ihm die Arznei, und siehe, er wird darauf noch schlechter! Hätte ich ihm darum die Arznei vorenthalten sollen, weil sie nachher nur eine schlimme statt einer guten Wirkung hervorgebracht hat? O mitnichten! Das darf mich nie abschrecken, meinen Brüdern alles das zu wünschen und zu tun, was ich nach meinen besten Erkenntnissen mit meinem besten Wissen und Gewissen als gut erkenne! Denn der Effekt liegt nicht mehr in meiner, sondern in Deiner Macht, o Herr! Darum ich denn für ihn auch keine Rechnung legen kann! So wollte ich in Wien nach meinem damaligen besten Wissen und Gewissen den bedrängten Wienern auch nur Gutes tun. Aber der Effekt meiner Bemühung fiel leider anders aus. Ich meine aber dennoch, dass ich dadurch nicht gefehlt habe; denn ich wollte ja nur das, was ich als gut erkannte!
RB|1|82|4|0|Und so glaube ich, gibt es nun eine Menge, die nach ihren Erkenntnissen sicher allen nur jenes Gute wünschen, was sie als gut erkennen. Sollen sie darob gerichtet werden? O das sei sicher auch sehr ferne. Aber Du, o Herr, gebe ihnen ein rechtes Licht und besänftige ihre Herzen, und sie werden erlöst sein von allem Übel!
RB|1|82|5|0|Es gibt wohl auch eine große Menge starrer Menschen, die sich von gewissen Prinzipien, die sie allein als Recht erkennen, so sehr verhärten ließen, dass sie eher die ganze Welt könnten zugrunde gehen sehen, als nur ein Jota von ihren starren Prinzipien fallen zu lassen. Bei ihnen gilt es, wie einst die alten Römer sagten: pereat mundus, fiat jus [möge die Welt zugrunde gehen, Recht muss geschehen]! Aber Du, o Herr, hast ja noch eine Menge Feuers, das da mit großer Leichtigkeit die starrsten Felsen wie Wachs schmelzen macht! Ein Fünklein von solch einem Feuer in die Herzen der Starren gesenkt, wird sie bald sanfter und nachgiebiger machen!
RB|1|82|6|0|Das ist so meine ganz harmlose Meinung und auch mein möglichst bester Wunsch! Inwieweit er aber auch in Deinen Augen, o Herr, gut ist, davon habe ich bis jetzt in meinem Herzen noch keinen verlässlichen Maßstab. Daher sei alles Weitere auch allein nur Dir, o Herr, anheimgestellt!“
RB|1|82|7|0|Rede Ich: „Mein lieber Freund und Bruder, auch du hast den Nagel auf den Kopf getroffen! Vollste und getreuste Wahrheit floss aus deinem Mund! Daher aber sollst auch du Mir für die Folge zu einem tüchtigen Rüstzeug werden! Sehr ausgezeichnet gut, wahr und edel war dein Antrag, und Ich muss dir schon im Voraus die Versicherung geben, dass Ich nach ihm sehr mächtig handeln werde und eigentlich auch allzeit so gehandelt habe! Aber nichtsdestoweniger soll nun auch Mein Jellinek einige Wörtlein von sich geben, und wir werden es sehen, inwieweit er mit dir einverstanden ist. Und so öffne denn nun auch du, Mein lieber Bruder Jellinek, deinen Mund!“
RB|1|82|8|0|Spricht Jellinek: „O Herr! Der Bruder Robert Blum hat nun wirklich ganz aus meiner Seele geredet, wie auch vor ihm der unerreichbare, große Paulus, dessen Rede durchaus ein Meer voll Wahrheit und Feuers war! Was soll ich da noch mehr reden können?! Ich sage daher bloß: Herr! Dein allein heiliger Wille geschehe und die herrlichste Ordnung wird wieder die arme Erde küssen! Was aber ehedem die großen Väter der Erde geredet haben, war in einer gewissen Beziehung sozusagen zu hoch über meinem Erkenntnishorizont! Sie meinen es vielleicht auch gut, und das sicher auf eine ganz andere Art, als ich und der Bruder Robert Blum. Aber das allein kommt mir denn doch etwas sonderbar vor, dass sie von Dir stets die Erfüllung irgendeiner gewissen Verheißung verlangen und Dich eines gewissen Zauderns beschuldigen!? Aber wie gesagt, ich verstehe die Sache nicht. Übrigens habe ich nun eine große Freude daran, dass ich nun als ein später Nachkomme endlich einmal die persönlich kennenlerne, deren Existenz ich gar so oft bezweifelt habe! Es liegt wirklich etwas heilig Ernstes in ihren Angesichtern! Da ist mein Antrag schon zu Ende.“
RB|1|82|9|1|(Am 25. Mai 1849)
RB|1|82|9|0|Rede Ich: „Höre du, Mein lieber Bruder Jellinek: Ihr alle mehr oder weniger hier im Reich der ewigen Wonne, könntet nun freilich leicht sagen: ‚Herr! Dein Wille geschehe!‘ Aber auf der Erde sieht es nun ganz anders aus als hier im Reich des freiesten Lebens. In den Leibern der Menschen wohnen dieselben freien Geister und unsterblichen Seelen, wie ihr es hier in der freiesten Wirklichkeit seid. Diese möchten sich denn doch endlich einmal freier entwickeln können und wollen daher eine rechte Freiheit und keine Knechtung unter einem eisernen Zepter der Könige. Sie erheben sich daher allerorten und bemühen sich, die Macht der Könige zu brechen. Aber die Könige sammeln ebenfalls alles was ihnen sklavisch untertan ist zu einer großen Streitmacht zusammen und haben jedem Widersacher den Tod geschworen und schlachten auch die Menschen ohne alle Gnade, Schonung und Erbarmung zu vielen Tausenden hin. Es schreien nun die Freiwerdenwollenden zu Mir um Rache wider ihre unbarmherzigen und unverbesserlichen Könige. Und die Könige rufen Mich um den Beistand und um den Sieg wider ihre empörten Völker an!
RB|1|82|10|0|Was soll Ich nun tun? Beider Parteien Recht ist wahrlich nicht weit her, d. h. nach der gegenwärtigen Gestaltung der Sachen. Denn die Könige wollen einmal um jeden Preis herrschen, und das freiwerdenwollende Volk will nun auch herrschen. Aber gehorchen und untertan sein will niemand mehr!
RB|1|82|11|0|Nun steht die Sache in einer sehr großen Frage, was Ich nun denn so ganz eigentlich tun soll? Helfe Ich den Königen, so werden diese wieder die alte Finsternis über ihre Völker ausbreiten, in der es keinem Geist leicht möglich wird, sich freier zu entwickeln. Und der Hass gegen die Geisterdrücker wird wachsen. Helfe Ich aber dem Volk, so wird dieses eine starke Rache nehmen an allen Großen und ehemaligen Machthabern und wird häufig Meine durch Rom sehr verdächtig gemachte Lehre, aus der so viele Übel hervorgegangen seien, am Ende ganz verbannen und den Völkern dafür eine rein weltliche Lehre im Zuschnitt des Ronge geben!
RB|1|82|12|0|Ihr seht, liebe Freunde, dass die Dinge auf der Erde nun so stehen, dass Ich vorderhand weder der einen noch der anderen Partei so ganz vollkommen helfen kann. Denn helfe Ich der einen, so ist es gefehlt, und helfe Ich der anderen, so ist es auch gefehlt! Also es fragt sich hier nun ganz ernstlich: was ist da zu tun? Lasse Ich die Sache so fortgehen, so werden die zwei aufeinander zu Tode erbitterten Feinde miteinander nimmer fertig; denn die gegenseitige Wut ist zu groß! Helfe Ich aber, so fragt es sich hier ganz ernstlich: Wem? Tue ich etwas, so ist es gefehlt, so oder so, und tue Ich nichts, so ist es auch gefehlt, so oder so! Was also machen?!
RB|1|82|13|0|Ja, Mein liebster Bruder Jellinek, es ist leicht sagen: Herr, Dein Wille geschehe! – aber wie bei solchen Verhältnissen, das ist eine ganz andere Frage!? Robert meint freilich, Ich könnte Fünkchen der himmlischen Sanftmut in die Herzen der Fürsten legen, und so würden sie dann sanfter, besser und weiser werden! Das ist wohl wahr und richtig. Aber werden ihnen die vielen und über alle Maßen aufgeregten und erbitterten Völker wohl trauen? O nein, das werden sie nicht; denn ein gebranntes Kind traut dem Feuer nimmer. Und alles lässt sich leichter wiederfinden als ein verlorenes Vertrauen!
RB|1|82|14|0|Du meinst freilich, dass man da auch in die Herzen der Völker solche Fünkchen legen solle, so würde dann alles gewonnen sein! Das wäre freilich ein sehr leichtes Mittel! Aber so Ich das täte, da hörten die Könige wie die Völker ja auf, freie Menschen zu sein! Sie würden dadurch gerichtet und würden zu edlen, menschenähnlichen Tieren umgestaltet werden, bei denen von keiner freien geistigen Bewegung mehr die Rede sein könnte. Wir dürfen, solange wir Menschen als Menschen erhalten wollen, durchaus keine uns zu Gebot stehende Gewalt ausüben! Denn täten wir das, so wäre es in dem Augenblick um die eigentliche Menschheit geschehen; sie würde zum Tier und zu gerichteten Sklaven unserer ewig unbesiegbarsten Macht. Du siehst also, dass es sich auf diese Art nicht tun wird!
RB|1|82|15|0|Wir werden demnach schon müssen auf ganz andere Mittel zu sinnen anfangen. Sage du, Mein lieber Becher, was du da für rätlich erachten möchtest, das da eine rechte Hilfe brächte den bedrängten Völkern der Erde?“
RB|1|83|1|1|Bechers radikale Vorschläge. Belehrung durch den Herrn. Die Natur des Menschengeschlechts ist bedingt durch die der Erde im Schöpfungsganzen. Messenhausers Rat.
RB|1|83|1|0|Spricht Becher, den Kopf ein wenig schüttelnd und mit den Achseln zuckend: „O Herr, wenn bei diesen Wirren auf der Erde schon Dir, wie Du nun zuvor gesagt hast, der Du doch allmächtig und allerhöchst weise bist, gewisser Art, wie man zu sagen pflegt, der Faden ausgeht – was soll da unsereiner noch auffinden können, womit es den Völkern der Erde zu helfen wäre? O Herr, das wäre so ein Stückchen Arbeit für unsereinen!? So da, wie ich es nun ganz klar einsehe, sich's mit einem inneren Gewaltmittel nicht tut, so wende man denn äußere Gewaltmittel an, als z. B. Hunger, Pest und dergleichen, dazu einige frappante Erscheinungen am Firmament, und die Menschen groß und klein werden dann schon zu Kreuze zu kriechen anfangen! Und kann oder darf etwa wegen der Freiheit des menschlichen Geistes auch das nicht angewendet werden, no, so lassen wir sie sich untereinander so lange balgen und würgen, bis sie daran genug haben werden. Ich glaube nun, dass wir uns überhaupt viel zu viel um das arge Menschengesindel auf der Erde kümmern! Es ist von A bis Z keinen Schuss Pulver wert! Am besten wäre es – so nach meiner Meinung, das ganze Lumpenvolk von der Erde ganz zu vertilgen und dafür ein besseres und edleres Volk hinzustellen! Denn das Volk, was nun die Erde bewohnt, wird sich nimmer bessern; es müsste nur, wie schon eben bemerkt, dem größten natürlichen Elend preisgegeben werden! Denn es sind nun alle Könige samt ihren Völkern schon einmal wie des Teufels! Womit aber kann man die große Bosheit des Teufels erfolgreich bändigen? Ich meine, da wird es so oder so eine vergebliche Mühe sein?! Also weg mit dem Lumpenpack und ein anderes Geschlecht hingesetzt! So wird's mit einem Hieb allen nun argen Menschen und in gewisser Hinsicht auch allen Teufeln geholfen sein! Das ist nun meine unmaßgebliche Meinung! Aber bloß nur, wie gesagt, meine Meinung!“
RB|1|83|2|0|Rede Ich: „Mein lieber Freund Becher! Siehe, wenn Ich so den Völkern der Erde helfen wollte, und wenn es ihnen auf diese Art zu helfen wäre, so wäre das freilich wohl etwas ganz Bequemes! Aber siehe, das tut sich wohl auf keinen Fall mehr und fürs Allgemeine schon gar nicht! Das kann wohl örtlich, und da nie zu heftig, stattfinden! Aber allgemein und total, wie du es meinst, das wäre nicht nur das größte Unheil für die Erde, sondern auch für das ganze Universum!
RB|1|83|3|0|Das Menschengeschlecht der Erde ist nicht aus sich selbst so, wie es ist, sondern es ist aus der Erde und hat in allem ihre Natur und Eigenschaft! Es wäre demnach mit der gänzlichen Vertilgung aller nun auf der Erde lebenden Menschen der einmal eingerissenen Unordnung sehr wenig abgeholfen! Denn dann müssten wir doch wieder andere Menschen aus der Materie der Erde hervorgehen lassen, die den gegenwärtigen nach einer kurzen Weile doch wieder also gleichen würden, gleich wie etwa auf der Erde die Früchte eines und desselben Baumes von einem vergangenen Jahr den Früchten, die derselbe Baum erst in einem Jahr oder noch später tragen würde.
RB|1|83|4|0|Man müsste sonach auch die ganze Erde aus dem Dasein schaffen und an ihre Stelle eine andere stellen, was aber ein noch viel größerer Streich wider alle Meine Ordnung wäre! Man kann einem Baum, so er schlechte und faule Früchte trägt, wohl die Rinde und so manche Äste und Zweige nehmen, worauf er dann gleich wieder recht gute und frische Früchte tragen wird, aber das Mark und die Wurzeln darf man ja nicht zerstören. Denn so man das täte, da würde sobald verdorren der ganze Baum und würde ewig weder gute noch schlechte Früchte zum Vorschein bringen. Die Erde aber ist eben der Kern des Lebens für den gesamten Lebensbaum und wie eine Hauptwurzel der ganzen Schöpfung! Würden wir an ihr ein Zerstörungswerk ausüben, so würden wir dadurch nicht nur die Erde, sondern die ganze sichtbare Schöpfung der endlichen Auflösung preisgeben, was denn doch noch um einige Dezillionen von Erdjahren zu früh wäre!
RB|1|83|5|0|Deinen Rat, Mein lieber Freund Becher, kann Ich sonach schon gar nicht brauchen! Wir wollen aber sehen, vielleicht hat sich unterdessen unser Freund Messenhauser etwas so recht Brauchbares herausgedacht, und soll er es sonach von sich geben! Nun, Freund Messenhauser, gebe es von dir, wenn du so was recht Brauchbares in dir gefunden hast!“
RB|1|83|6|0|Spricht Messenhauser: „O Herr! Du setzt mich nun in eine sehr große Verlegenheit! Was soll ich da sagen und raten können, wo nun schon die ersten Geister der Erde ihre Stimmen erhoben und sind damit mehr oder weniger durchgefallen?! O Herr, o Herr! No, da käme doch sicher eine noch größere Dummheit heraus, als die des Hauses Österreich da ist, da dieses Haus die ihm angestammte deutsche Kaiserkrone bloß darum nicht annahm, weil einige blinde Slawen darinnen eine Entwürdigung der großen Dynastie ersahen, wahrscheinlich in einem Traum, wo sie etwa tags vorher zu viel Wein und Schweinernes genossen haben! Aber jetzt wird es etwa doch noch für diese Dynastie entwürdigender sein, wo sie sich entweder förmlich der russischen Gewalt wird unterstellen müssen, um nur halbwegs zu reüssieren, oder sie wird sich von dem Krebs, der in ihren eigenen Eingeweiden sein verheerend Unwesen treibt und nicht mehr zu heilen ist, müssen aufzehren lassen!
RB|1|83|7|0|Und siehe, o Herr, gerade so dumm wäre es von mir nun, Deiner endlosesten Weisheit einen Rat erteilen zu wollen, was Du nun tun sollst, um die großen Wirren auf der Erde wieder auszugleichen! Ich weiß es nun nur zu gut, dass Dir mehr der besten und wirksamsten Mittel allerklarst bekannt sind, als es der Sterne im ewig unermesslichen All gibt; wolle nur allergnädigst das Kleinste anwenden, und es wird über eine Nacht alles wieder in der schönsten Ordnung sein! Gebe, o Herr, den Herrschern ein wahres Licht und den Untergebenen Sanftmut und Geduld in der Tragung des Kreuzes, und so ein bisschen ein kleines Kalifornien hinzu, und es wird alles über die Nacht wieder in der schönsten Ordnung dastehen! Und so etwa dem Herrn von Satanas die Geweihe zu hoch gewachsen sind, so lasse sie ihm durch einige wohlkonditionierte Blitze um einige Ellen kürzer machen! Da wird meines Erachtens der Hochmut der Großen auf der Erde auch so einige Erleichterung bekommen, etwa à la Windisch-Graetz, was ihm sehr heilsam sein wird!
RB|1|83|8|0|Es gibt ja noch recht viele gute Menschen auf der Erde, die es ganz gut und redlich meinen. Warum sollen diese mit gezüchtigt werden, so Du den Hochmütigen die Geweihe etwas kürzer machen wirst, und wie ich's merke, eigentlich schon machst!? Ich sage: Glück und Segen allen auf der Erde, die eines guten Herzens und Willens sind! Aber dafür eine wohlgenährte Demütigung allen, bei denen der Mensch erst beim Baron anfängt. Ich wünsche ihnen dadurch aber ja nicht etwa irgendetwas Böses; o nein, das sei ferne von mir! Aber nur diese Erkenntnis wünsche ich den Großen, dass sie doch endlich einmal möchten so recht praktisch einsehen, dass diejenigen auch Menschen sind, die sie nun bloß für ein lumpiges Kanonenfutter ansehen!
RB|1|83|9|0|Es müssen ja wohl Regenten sein; denn ohne Regenten und weise Gesetze könnte wohl schwerlich eine menschliche Gesellschaft bestehen! Aber diese Regenten sollen einsehen, dass sie der Völker wegen, und nicht die Völker, gleich wie eine Ware, ihretwegen da seien, mit der sie wie Kaufleute mit ihrer Ware nach Belieben schalten und walten können! Auch sollen sie das Schwert der Gerechtigkeit haben und tragen. Aber sie sollen es nur dann gebrauchen, so ihre Völker bedroht sind von äußeren Gefahren; aber gegen ihre eigenen Völker sollen sie es nimmer gebrauchen dürfen, denn bei denen werden sie mit der Waffe, die da Liebe heißt, bei Weitem mehr ausrichten als mit dem Schwert der Majestät, die bald gar keine Majestät mehr sein wird, sondern eine Grausität, und nachher eine vollkommene Marxenpfutschität!
RB|1|83|10|0|Aber weißt Du, o Herr, das sind nur so fromme Wünsche von mir! Du aber bist der Herr, Dessen geheime Ratschlüsse unerforschlich und Dessen Wege unergründlich sind! Du wirst schon die rechte Verfügung treffen, des bin ich mehr als gewiss! Denn es geht schon also alles, wie es eigentlich gehen muss, damit aus der Pastete keine Talken werden. Es muss einmal ordentlich alles durcheinandergehen und die Saiten müssen noch ein wenig mehr gespannt werden, damit sie dann desto sicherer reißen! Ein Riss aber muss geschehen, weil Du es also willst. Denn ohne einen Riss wird's noch lange nicht gut gehen auf der Erde, wie ich es denn also einsehe! Aber darum dennoch alles also, wie Du es willst, Amen.“
RB|1|83|11|1|(Am 29. Mai 1849)
RB|1|83|11|0|Rede Ich: „Nun sieh und höre, gar so wertlos, wie du dir's vorstellst, sind deine Wünsche nicht! Es ließe sich daraus schon etwas machen; aber nur mit dem rechten Licht-geben an die Regenten und ebenso mit dem Geduld-und-Sanftmut-geben an die Völker – siehe, das wird sich nun wohl nicht so recht tun lassen! Denn zu dem Behuf ist bereits allen Völkern der Erde das Evangelium gepredigt, der alte Brunnen Jakobs voll lebendigen Wassers ist ihnen gegeben! Wollen sie Licht und Erkenntnis und vollste Wahrheit, so können sie das alles aus dem Brunnen schöpfen. Wollen sie das aber nicht, so können wir das ihnen in gar keinem Fall durch was immer für eine Macht anhängen; und täten wir es auch, so würde ihnen das nicht nur sehr wenig nützen, sondern nur sehr mächtig schaden! Also das können wir auf unsere Liebe zu allem Leben nicht legen, nach unserem höchst eigenen Trieb!
RB|1|83|12|0|Aber ganz was anderes wäre es, so die Könige samt ihren Völkern das von Mir bittlich verlangen würden! Da könnte ihnen alles gegeben werden, um was sie bitten würden in Meinem Namen! Aber siehe, von dem vernehmen Meine Ohren wenig oder nichts! Ich höre wohl so des Gebrauchs wegen hie und da ein Geschrei, wo es heißt: ‚Herr, beschütze unsere Throne, Zepter und Kronen, und lasse uns weidlich siegen über alle, die sich wider uns erheben!‘ Anderseits, d. h. aus dem Mund der Völker im Allgemeinen aber wird von einer Bitte nun nahe gar nichts mehr vernommen, und die Einzelnen gelten nicht für ganze Völker.
RB|1|83|13|0|Jedem Einzelnen wird gegeben, um was er bittet; aber den Völkern kann's nicht gegeben werden, um was die wenigen Einzelnen bitten!
RB|1|83|14|0|Daher also, Mein lieber Freund Messenhauser, werden wir hier denn doch am Ende ganz andere Saiten aufziehen müssen, um eine bessere Harmonie unter den Völkern der Erde zuwege zu bringen! Die Saiten sind zwar schon aufgespannt; aber wie du ehedem selbst bemerkt hast, noch zu wenig. Aber nun sind neue Stimmer erweckt worden, die werden schon das Ihrige tun! Wahrlich, da wird eine starke Fege vor sich gehen müssen, bis alle Spreu von Weizen ausgeschieden wird!
RB|1|83|15|0|Aber wir haben ja noch unsere Helena nicht vernommen; die muss ja auch ihre Meinung von sich geben! Also, Meine liebste Helena, was meinst denn du nun, was da zu geschehen habe, damit es auf der Erde wieder zu bestehen sein möchte? Wer weiß, ob du uns nicht etwa den besten Rat erteilst?! Daher rede und spreche ganz ungeniert deine Meinung aus!“
RB|1|84|1|1|Helena sträubt sich, ihre Meinung zu sagen. Über den Spruch des Paulus, dass eine Frau im Gemeinderat nicht reden dürfe. Jesu Aufklärung darüber. Helenas Ansicht über den Weg zum Heil der Erdenmenschheit.
RB|1|84|1|0|Spricht die Helena: „O Herr, Du schönste Lebensblume meines Herzens, Du mein Leben, Du mein Alles! Schaue in mein Dich allein über alles liebendes Herz, und Dein heiliges allsehendes Auge wird darin alles finden, was ich habe, und wie ich es meine! O Du mein süßester, angenehmster, bester, weisester, mächtigster und auch – ach! – Du mein allerliebenswürdigster und – h – schönster Herr Jesus! Schau, ich bin gar zu verliebt in Dich und kann vor lauter Liebe nichts reden! Aber da hinter uns sitzen und stehen ja noch eine Menge, wie der General Max Olaf, der gewisse Baron, sein Weib und seine Töchter, unter anderen die Emma, die auf der Welt ein armes Weib eines untreuen Mannes war, und mehrere ihrer Dienerschaft, auch der Stiefelputzer und die berühmte Anna-Mierl! Vielleicht könnten diese auch etwas zum Besten geben? Mit mir aber tut es sich nun schon auf gar keinen Fall; denn schau, Du mein Herzerl, Du mein liebster, schönster Herr Jesus, ich bin nun wirklich ordentlich schwach vor lauter Liebe zu Dir! Denke Dir's nur – ich, ein armes Wiener Menschl – und sitze hier bei Dir, der Du der alleinig ewige Herr Himmels und der Erde bist; und gleich neben mir der Adam und die anderen Väter der Erde! Das wird etwa für eine arme Seele, wie ich eine bin, doch kein Spaß sein?! Daher bitte ich Dich, lasse doch die anderen eher reden! Vielleicht fällt mir nachher etwas so recht Gescheites ein?!“
RB|1|84|2|0|Rede Ich: „Ja, du Meine allerliebste Helena, das weiß Ich schon, dass du Mich nun gar überaus mächtig liebst, was Meine größte Freude ist! Aber wegen diesen hinter uns sich befindenden Gästen sage Ich dir bloß das: wer früher kommt, der mahlt auch eher! Siehe, diese werden nachher schon auch reden; oh, sie sollen nicht umgangen werden! Aber eher musst du reden, weil du eher bei Mir warst, und weil du Mich gar so sehr liebst! Zudem hast du an dem Kampf in Wien auch sehr teilgenommen und bist dabei um dein irdisches Leben gekommen, was dir damals sehr unlieb war! Und so denn musst du nun auch reden in der Sache, die dich selbst so hart mitgenommen hat! Fasse daher nur einen rechten Mut und rede, wie dir die Zunge gewachsen ist! Ich werde daraus schon das Beste zu finden wissen.“
RB|1|84|3|0|Spricht die Helena: „Auweh, auweh! O Du mein allersüßester Herr Jesus! Das ist bei Dir einmal richtig, so Du einmal etwas haben willst, so muss es geschehen, und wenn da auch Himmel und Erde dabei vergehen sollten, wie man so zu sagen pflegt! Aber schau, jetzt werd ich Dich aber doch noch erwischen! Mir fällt es nun gerade ein, wie einst der Apostel Paulus, dem Du die Worte in den Mund legtest, gelehrt hat, dass da kein Weib im Rat einer Gemeinde etwas reden dürfe, sondern allein die Männer! Ich bin aber ja auch ein Weib; wie soll ich hier in dieser allererhabensten Gesellschaft von lauter Männern es wagen können, auch etwas zu reden!? Oh, Du hast mich nur prüfen wollen, weil Du meine Liebe zur Plauderhaftigkeit kennst! Aber sieh, die Helena, die Dich gar so über alles liebt, ist nun schon ein bisschen gescheiter geworden und sitzt nicht auf! Oh, sei Du mein Goscherl nur schön sauber still und rede nicht viel, sonst kriegst heute, d. i. hier in diesem Haus, vom Paulus Wichs!“
RB|1|84|4|0|Paulus lächelt über diese etwas humoristische Entschuldigung der Helena.
RB|1|84|5|0|Ich aber sage: „Höre du, Meine liebste Helena, du meinst freilich, dass Ich dich nun nicht erwischen könnte! Aber Ich habe dich eigentlich schon erwischt, und du kannst Mir nun nicht mehr auskommen und wirst am Ende sogar nach Paulus' ausdrücklichem Gebot reden müssen; und nach Meinem Gebot, das noch übers Paulinische geht, aber schon ganz unausweichlich! Siehe, in einem Brief an die Römer, und zwar im 16. Kapitel, empfahl der Paulus die Phöbe, die der Gemeinde zu Kenchreä in allem Meinem Dienst vorgestanden ist. Ebendaselbst empfiehlt er aus gleichen Gründen die Priscilla, grüßt eine gewisse Maria, die ebenfalls viel Arbeit in Meinem Namen hatte, und ebenso die Tryphäna, die Tryphosa und seine liebe Persida, die viel mit Wort und Tat in Meinem Namen gearbeitet hatte!
RB|1|84|6|0|Siehe nun du, Meine liebe Helena, solchen Weibern hat Paulus keine Mundsperre in der Gemeinde angelegt; sondern nur solchen, die da aus einer Art Hochmut auch in der Gemeinde Sitz und Stimme haben wollten und, ohne Meinen Geist zu haben und zu begreifen, dennoch reden wollten, als wüssten sie auch, was die aus Meinem Geist Wiedergeborenen wissen! Siehe, so aber auch ein Weib voll Meines Geistes ward, der im Mann wie im Weib der stets Eine und Gleiche ist, da kann und muss sie sogar reden, was und wie es der Geist von ihr verlangt!
RB|1|84|7|0|Meine Apostel waren die erste und somit vorzüglichste christliche Gemeinde in der Welt, weil sie unmittelbar von Mir Selbst gestiftet war! Als Ich am dritten Tag wieder aus dem Grab erstand, wen wohl sandte Ich Selbst zuerst hin zu den Brüdern, ihnen zu verkünden Meine Auferstehung? Siehe, ein Weib, ungefähr von deiner irdisch moralischen Beschaffenheit! Nun, wenn das nachträgliche Gebot Pauli für plauderhaftige, noch ganz weltliche Weiber überall soll in die Anwendung kommen, wie hätte sich dann eine Magdalena je unterstehen können, an Meine ersten Apostel selbst einen Apostel zu machen?!
RB|1|84|8|0|Zudem habe Ich auch einmal den Sadduzäern bewiesen und gezeigt, dass im Himmelreich all die irdischen Unterschiede aufhören, d. h. die irdischen Geschlechtsrechte. Alle sind den Engeln Gottes gleich und genießen das eine Recht, nämlich: zu sein Gottes Kinder!
RB|1|84|9|0|Und siehe, so steht es nun auch mit dir, du Meine allerliebste Helena! Obschon Mir deine Bescheidenheit eine sehr große Freude macht, so wirst du aber dennoch reden müssen! Und das darum, weil du mit dem Adam, der neben dir sitzt, vor Mir das ganz vollkommen gleiche Recht zu reden hast! Und so mache dich nur darüber!“
RB|1|84|10|0|Spricht die Helena: „Ei, ei, ei! Nein! Das sehe ich nun schon ganz klar ein, dass Du gar nicht zu erwischen bist! Hm, hm, ja ganz merkwürdig, ja – Deine Weisheit und die unsereins, das sind wohl ganz kurios zweierlei Weisheiten! O je, o je, das ist ein Unterschied! Nein, mit dem Entschuldigen kommt man bei Dir schon ewig nicht aus! Aber mit einer recht herzlichen Bitte – könnte die Dich denn auch nicht von Deinem einmal ausgesprochenen Verlangen ein wenig nachlässig machen?“
RB|1|84|11|0|Rede Ich: „Ja, Meine allerliebste Helena, mit einer rechten Bitte kann man bei Mir wohl sehr viel ausrichten aber nicht alles! Siehe, so jemanden auf Erden das Leben sehr schmeckte, sodass er dort ewig leben möchte, und er bäte Mich darum aus allen seinen Kräften, so könnte Ich aber solch einer Bitte doch kein Gehör geben, weil das wider Meine Ordnung wäre! Und ebenso könnte Ich auch hier deine Bitte um Nachlass der Rede nicht erhören; daher öffne nur deinen schönen Mund und rede, wie es dir in den Mund kommen wird!“
RB|1|84|12|0|Spricht die Helena: „Nun, in Deinem Namen, weil Du, mein himmlischster Herzensliebling, es schon durchaus willst, so will ich ja gleichwohl reden! Aber weißt Du, wenn mir manches gar zu damische herausrutschen sollte, da zupf mich ein wenig, damit ich vor Dir und vor diesen allererhabensten Großmenschen der Erde doch nicht gar zu allmächtig zuschanden werden möchte! Und so will ich denn sogleich meine Meinung aufzutischen anfangen. Siehe, o Herr, das ist denn so meine Meinung:
RB|1|84|13|0|Auf der Erde sind ein kleiner Teil Menschen zu hoch oben und haben auch viel zu viel – und der größte Teil aber ist dafür zu tief drunten und hat entweder gar nichts oder doch wenigstens viel zu wenig gegen diejenigen, die da viel zu viel haben! Die Folge davon ist aber, wie ich's verstehe, doch notwendig diese: Die Hohen, die da viel zu viel haben, dabei aber doch die bei Weitem geringste Zahl ausmachen, sehen notgedrungen mit Verachtung auf die unteren, wenig oder nichts habenden Klassen, weil sie stets die starke und überzeugende Möglichkeit wie ein Gespenst vor sich haben, danach die geringen vielen, armen Menschenbestien sich denn doch etwa einmal vereinen könnten, und einen Griff nach dem starken Überfluss der Hohen, Großen und Reichen machen!? Um aber das nach Möglichkeit zu verhüten, scheuen die ersteren kein Mittel. Der Geist muss unterdrückt werden, wie und wodurch es nur immer möglich ist; als – durch Pfaffentrug, durch eine gänzliche Beschränkung der Druckpresse, durch Verbot besserer Bücher, sogar der Bibel! Die dawider Handelnden werden gestraft, und das nicht selten auf eine Art, dass ihnen dabei Hören und Sehen vergeht! Wer soll bei solchen Umständen dann noch zu einer Erweckung des Geistes gelangen!?
RB|1|84|14|0|Also wird auf der anderen Seite aber auch alles gestattet, was da nur immer zur Tötung des Geistes beitragen kann. Dergleichen Gestattetes ist: Geduldete Hurerei in allen Gestalten; wenn auch manchmal pro forma öffentlich dagegen polizeiliche Schritte getan werden, so tut das der schnöden Sache aber dennoch nicht den geringsten Eintrag. Denn so auch auf eine allfällige, dummscheinheilige Anzeige irgendeines am Gehirn ganz eingeschrumpften Bürgers, dem seine Parteien mit dem Auszug drohen, so die Hurenbagage vis-à-vis nicht entfernt wird, die Huren von der Polizei abgeholt werden und etwa über die Nacht ein freies Quartier bekommen, ja manchmal pro forma sogar über vierzehn Tage ins Arbeitshaus kommen, oder gar auf den Schub, so macht aber das der Sache im Ganzen dennoch keinen Eintrag. Denn beim einen Tor werden sie mit einem Gerichtsboten hinausbefördert, beim andern aber dürfen sie dennoch wieder ganz frei und lustig hineinspazieren, besonders so sie sich noch in einem brauchbaren Alter befinden. Sind sie aber etwa mit der Zeit auch älter geworden, da werden sie dann auch freilich bei Weitem nicht mehr so zuvorkommend behandelt! Weiters wird gestattet, zu lumpen und zu schwelgen, was die arme, blinde und erziehungsbare Menschheit nur kann und mag, weil die Schwelgerei auch sehr nachteilig auf den Geist einwirkt! Ebenso werden gestattet zotige Komödien; da kann die Sauglocke geläutet werden, so stark es nur immer tunlich – wenn darin nur keine politischen Anspielungen vorkommen oder andere Weckfünkleins, so kann die Komödie ohne allen Anstand vom Stapel gelassen werden, weil sie auf die Erdrückung des Geistes einen entschiedenen Einfluss hat!
RB|1|84|15|0|Sollte sich aber etwa ein Geist trotz allen diesen sanfteren Verdummungsmitteln dennoch erheben wollen und etwa hie und da zeigen, dass er göttlicher Abkunft sei, so werden dann auch schärfere Mittel angewendet, durch die jedem Geist seine göttliche Abkunft irdisch sicher sehr teuer zu stehen kommen wird! Der Becher und seine Freunde sind hier lebendige Zeugen, wie die Großen der Erde jede evidente Erhebung eines Geistes zu würdigen verstehen! Sie sagen: ‚Oh, das ist ja schon wieder ein himmlischer Menschenfreund! Also, nur geschwind ins Himmelreich mittelst der Strick- oder Pulverschnellpost mit ihm!‘ Wer es wagte, ihnen die Wahrheit zu sagen, dem erteilen sie sogleich den schönen Titel ‚Auswurf der Menschheit‘ und setzen auf seinen wertvollen Kopf sogleich einen Preis von vielen Goldstücken! Und bekommen sie ihn, o weh! Da wäre es für ihn und seinen freien Geist viel besser, so er nie wäre geboren worden!
RB|1|84|16|0|Siehe, Herr! So, so stehen die Aktien um die arme Menschheit nun auf Erden! Was Wunder nun, so sie sich denn doch einmal erhebt und Rache nimmt an denen, die schon so viele Jahrhunderte ihre Peiniger und Vampire waren! Ich, ein schwaches weiblich Wesen, da ich schon reden muss, bekenne es hier offen, dass die arme Menschheit nun zu solch einer Erhebung ein vollkommenes Recht hat und es auch allerhöchst an der Zeit ist, den Großen, die keinen Funken Liebe zu den Menschen haben, ihr arges Geistesmordungshandwerk aus den Händen zu reißen und es für immer von dem Boden der Erde zu verbannen! Die Großen sollen herabsteigen und, was sie zu viel haben, mit den armen Brüdern teilen! Und aus ihren viel zu weitläufigen Burgen sollen Armenhäuser werden und sie selbst Menschen! Die Armen aber sollen Schulen bekommen und wahrhaft gebildete Lehrer nach Deinem Geist, o Herr, sonst wird's nimmer besser auf der Erde, sondern nur schlechter von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde. Denn die Großen werden stets härter und tyrannischer, und der Hass der Kleinen wird wachsen wie eine Zeder und wie eine vom Hochgebirge herabrollende Lawine! Und so Du, o Herr, auf der Erde nicht bald etwas Entschiedenes ausführst, so ist es wenigstens irdisch in den mir bekannten Landen um alle Menschheit ganz vollkommen geschehen, was doch sicher nicht Dein Wille sein kann!
RB|1|84|17|0|Oder kannst Du, o Herr, wohl eine Freude haben, so sich nun die Menschen als die allerwildesten und reißendsten Bestien zu Tausenden zerreißen und zerfleischen, und das nur darum, weil die Großen um keinen Preis, auch nicht um den Preis von Millionen Menschenleben, von ihrer Höhe und von ihrem Reichtums- und Herrscherglanz (auch nicht) ein Haar vergeben wollen, weil sie meinen: So sie ein Haar vergeben, da würde man nachher auch ihren ganzen Kopf haben wollen, was aber eine ganz grundfalsche Meinung ist. Denn ich bin überzeugt, dass, so sie den armen Völkern freundlich entgegenkämen, diese sie dafür auf den Händen herumtrügen! Aber wann sie den Völkern erst dann maskierte Zugeständnisse machen, wo diese sich aus Verzweiflung gegen sie in großen Massen wildbewegt erheben und gröblichst bedräuen, und diese abgedrungenen Zugeständnisse auch nur so lange zum Schein halten, bis sie durch ihre gesammelten Militärmächte wieder in ihrer alteigentümlichen Weise diese Zugeständnisse über den Haufen werfen können, da ist es dann ja sehr leicht begreiflich, wie sie nun alles Vertrauens bar werden mussten. Da aber nun ein rechtes Vertrauen zwischen Völkern und Regenten nimmer herzustellen ist, und die zu kostbaren Regenten den armen Völkern zu teuer geworden sind, sodass sie dieselben nicht mehr erhalten können, und bezahlen alle die von den Regenten gemachten ungeheuren Schulden, so bleibt denn meines Erachtens doch nichts anderes übrig, als die Völker von ihren alten Regenten frei zu machen und an ihre Stelle wahrhaft gotterleuchtete Führer zu stellen, welche als selbst vollkommene Menschen den Menschenwert in ihren Brüdern achten werden und alles aufbieten, um den Geist in eines jeden Menschen Brust wahrhaft zu beleben! Das muss geschehen! Und geschieht das nicht, so wirst Du, o Herr, mit den Menschen der Erde ewig die gleiche Fretterei haben, wie mit uns nun, die wir trotz aller Deiner großen Mühe und Gnade noch so dumm dastehen, als wie junge Ochsen vor einem neuen Tor! Es muss Dir ja doch auch am Ende zu einem bedeutenden Überdruss werden, wenn zu jeder Minute Tausende von den allerblitzdummsten Wesen hier anlangen, die von Dir gerade so viel wissen und halten wie das nächste beste Vieh auf der Welt!
RB|1|84|18|0|Daher sei doch einmal auch für die arme Erde so gut wie für uns hier, und lasse Deine Bekenner nicht mehr kreuzigen von denen, die Dich heute d. h. nun, wie einst, ohne alles Bedenken kreuzigen würden, so Du als ein Mensch zur Erde kämst und eifern möchtest wider sie, wie einst wider die schnöden Pharisäer! Tue Dich einmal auf, o Herr, und bearbeite die Erde und dünge sie mit Deiner vollen Gnade ernstlich, sonst wird sie ehestens zum fürchterlichsten Gräuel aller Verwüstung werden! Siehe, Herr, Du mein süßester Jesus, Du selbst sagst es, dass ich nun Deine geliebteste Helena bin! So ich aber schon dieses allen Sternen unfassbaren allerunendlich höchsten Namens von Dir aus als würdig bekannt bin, so tue aber auch als mein alleralleinigster Geliebter meines Herzens mir das zuliebe!
RB|1|84|19|0|Ich will Dir aber dadurch freilich gleich allen anderen Vorrednern ja ewig nie eine Vorschrift erteilen, sondern bloß nur meine Meinung, der nach denn nun doch etwas Entschiedenes geschehen sollte! Du bist allein endlos weise und siehst es am besten, was da nun zu geschehen habe! Diese Weisheit habe ich ewig nicht und kann Dir daher auch ewig keinen wirklichen Rat geben. Aber nach menschlicher Weise stehen die Sachen einmal so, und meine menschliche Einsicht erkennt nur den ausgesprochenen Rettungsweg. Dir aber werden zahllose bekannt sein!? Tue aber daher nun was da ist des rechtens!
RB|1|84|20|0|Habe ich aber nun durchaus unsinnig geredet, so ist das wirklich nicht meine Schuld; denn da hättest Du mich ja zupfen sollen! Weil Du mich aber nicht gezupft, wohl aber dafür öfter angelächelt hast, so meine ich, dass ich denn doch nicht gar so unsinnig geredet habe? Übrigens wäre es für mich wahrlich kein Wunder, so ich ein wenig geganselt hätte! Denn bei solch einer Geistesbildung, wie sie mir auf der Erde zuteilward, kann man wahrlich keine Sapho und keine Katharina von Siena werden! Mein Hiersein aber reicht ja noch kaum hin, um so viel Weisheit sich eigen gemacht zu haben durch Deine Gnade, dass ich nun ungefähr weiß, welchem Geschlecht ich auf der Welt angehört habe, und dass ich Dich, aber freilich höchst seicht nur, erkannt habe!
RB|1|84|21|0|Ich habe nun, o Herr, Deinen Willen getan und bin mit meiner Antragsrede fertig! Dir, o Herr, sei alles aufgeopfert! Was ich dumm machte, das wirst Du schon korrigieren. Nur das bitte ich Dich, dass Du mich nach dieser meiner Plauderei nicht weniger liebhaben mögest als ehedem! Dir allein sei ewig alle meine Liebe, mein Leben und all mein Sein zu den Füßen gelegt, für ewig, Amen.“
RB|1|85|1|1|Des Herrn Kritik über Helenas Vorschläge. Gleichnis von der Kolonie. Die Erde unmöglich Paradies, solange sie Prüfungsboden ist.
RB|1|85|1|1|(Am 1. Juni 1849)
RB|1|85|1|0|Rede Ich: „Meine liebste Helena, du hast nach deinen Anschauungen und Erfahrungen und daraus abgezogenen Erkenntnissen die Sache wahrlich recht gut und folgerichtig vorgetragen, und dein Wunsch kann an und für sich selbst nur als ein sehr lobenswerter bezeichnet werden, und es wird so manches geschehen hie und da, wie du es wünschst; aber im Ganzen gingst du denn doch offenbar ein wenig zu weit. Ich sehe es wohl, und das leider nur zu genau, wie so manche Regenten, von denen einige schon gegangen sind, wohl zu allem eher taugten als zu Regenten der Völker. Aber was lässt sich tun?
RB|1|85|2|0|Ich will dir ein Gleichnis geben; nach diesem wirst du urteilen, ob Ich das alles in den Vollzug bringen kann, wie du es wünschst! Und so höre!
RB|1|85|3|0|Einige Kolonisten haben nach langem Wandern sich endlich irgendwo auf der Erde ein Plätzchen ausgesucht, eine schöne und fruchtbare Gegend, in der Mitte einer großen Wüste. Ihr Erstes ist, sich eine für diese Gegend zweckmäßige Wohnung zu errichten. Es ist Holz da in Menge, wie auch eine gute Art Bausteine. Schnell wird ein Plan gemacht und die Hände sogleich ans Werk gelegt. Und in kurzer Zeit steht hier eine Hütte, ganz geeignet, unsere neuen Ansiedler vor Hitze und Kälte wie auch vor den vielen reißenden in dieser Gegend reichlich zu Hause seienden Bestien zu schützen, so gut es nur gehen kann.
RB|1|85|4|0|Einer aus der Gesellschaft aber sagt: ‚Liebe Freunde, die Hütte ist wohl recht gut und zweckmäßig erbaut. Vor Hitze, Kälte und wilden Tieren wird sie uns wohl eine Zeit lang schützen; aber so hier in dieser Gegend, die wir noch nicht ganz kennen, sich etwa noch ein größerer und mächtigerer Feind vorfände, frage: Wird unsere Hütte auch ihm Trotz bieten können? Wenn z. B. hier irgendwo ein wilder Volksstamm haust, in der Nacht über unsere Hütte käme und sie zerstört mit allen ihm zu Gebot stehenden Mitteln und uns dann ergreift und tötet?! Bedenkt also wohl, ob uns die Hütte für alle Fälle Schutz geben könnte?‘ Dies bedenken nun alle Ansiedler wohl und sagen: ‚Du hast recht, für derlei Fälle möchte diese trotz ihrer zwei Klafter hohen steinernen Unterlage wohl zu schwach sein; daher wollen wir um die Hütte einen recht tiefen Graben und außer dem Graben noch einen wenigstens zwei Klafter hohen Wall ziehen. Und die wenigen Fenster der Hütte mit den mit uns genommenen Eisenstäben vergittern, und so dürften wir, also verwahrt, von allen äußeren Feinden wohl bei Weitem weniger zu fürchten haben! Auch soll die Eingangstüre so viel als möglich fest und stark hergestellt sein, damit sie ja jedem Feind den weidlichsten Trotz bieten kann!‘ Dieser Vorschlag wird angenommen und auch sogleich ins Werk gesetzt.
RB|1|85|5|0|Als alles fertig dasteht, da haben alle eine rechte Freude daran. Aber einer, so ein Skrupelheld, macht die Bemerkung und sagt: ‚Aber liebe Freunde, das Leben auf der Erde ist denn doch wohl allenthalben nahe gleich. Dort in den kultivierten Ländern Europas, wo stolze Könige herrschen und starke Armeen halten, braucht man eigentlich hauptsächlich die Zunge in den Zaum zu legen und hat dann weiter keinen Feind mehr zu fürchten. Und hat man sich einmal willig in die Gesetze gefunden und sie zum eigenen Willen gemacht, so kann man allenthalben unter dem Schutz der Machthaber frei herumwandeln! Nur dem der Magen zu groß und die Zunge etwas zu lang gewachsen ist, und dessen Verstand und Wille sich eigentlich gar kein Gesetz will gefallen lassen, der wird dort festgenommen und eingekastelt und somit seiner früheren bürgerlichen Freiheit beraubt, weil er sich nicht die allgemeine, verfasste Ordnung will gefallen lassen. Wir aber sind hier aller Machthaber und aller Gesetze ledig und können gottlob reden, wie uns die Zunge gewachsen ist, und können nun allen Herren der Erde den nackten Steiß zeigen. Aber was nützt uns das alles nun ganz absonderlich? Wir haben nun wohl keine Steuern an jemanden mehr zu entrichten, aber dafür müssen wir den ganzen Tag hindurch fleißig arbeiten und die Früchte, die diese Gegend wohl sehr reichlich trägt, fleißig einsammeln und uns an ihre Natur erst angewöhnen und wissen bei vielen noch nicht, ob und wie sie uns dienen werden. Also müssen wir uns hier im Land der vollsten Freiheit am Ende selbst förmlich einkasteln, um vor den möglich vorkommenden Feinden gesichert zu sein. Ja, zur Nachtzeit müssen wir uns ärger verbarrikadieren als die ärgsten Staatsaufwiegler von Paris! Sagt es treuherzig selbst, ob wir nun bei dieser unserer doch sicher absolutesten Freiheit auch nur um ein Haar besser daran sind als wie der geringste Tagwerker unter der allerabsolutesten Regierung in Europa? Wir sind hier vollkommene Kommunisten; aber die heulenden wilden Bestien draußen scheinen auch von einem höchst kommunistischen Geist beseelt zu sein! Wir haben kein Staatsgesetz mehr, außer das Gesetz unserer gegenseitigen Freundschaft; aber dafür müssen wir desto unausgesetzter arbeiten, um das Begehren unseres Magens zu befriedigen – und unsere Hände sehen nun schon aus, als wären sie mit einer Eichenrinde überzogen. Wir haben hier auch keine lästigen Beamten zu erhalten; aber dafür brauchen wir selbst desto mehr. Also ist hier auch kein Pfaffe, der uns die Hölle heißmacht; aber dafür befinden wir uns hier in einem Zustand, vor dem die Hölle eben nicht gar zu viel vorhaben dürfte! Was wollen wir sonach tun, um unser diesfälliges irdisches Plageleben ein wenig zu würzen und für die Folge erträglicher zu machen?‘
RB|1|85|6|0|Da zucken alle mit den Achseln und sagen: ‚Wer aber hätte sich das eher gedacht! Aber ein Übel gibt es überall; ist man des einen los, so kommt man in ein anderes! Nun aber sind wir einmal hier und können die Sache nicht mehr ändern. Daher heißt es hier tätig sein über alle Maßen, und so kann es mit der Zeit denn doch auch vielleicht besser werden!‘
RB|1|85|7|0|Siehe nun du, Meine liebe Helena, aus diesem Bild kannst du nun sehr leicht urteilen, was man auf der Erde, die ein dorniger Prüfungsweg für den Geist des Menschen bleiben muss, unternehmen soll, um ihren Boden zu einem Paradies umzugestalten!
RB|1|85|8|0|Entsetze Ich alle Regenten sogleich aller ihrer Ämter und lege Ich ihre bisherige Macht in die Hände der Völker, so werden diese dann in aller Kürze selbst herrschen – aber über wen? Ja, da wird dann ein jeder herrschen wollen, aber niemand gehorchen, außer es freut jemanden, seinen eigenen Gesetzen zu gehorchen! So aber das Volk herrschen möchte und gäbe sich selbst Gesetze, wer wird es denn im Fall der Not und Gefahr nötigen können, seine eigenen Gesetze zu befolgen?! Ja, Ich sage es dir:
RB|1|85|9|0|Es wird am Ende wohl eine Demokratie errichtet werden, aber von einem ganz anderen Kaliber, als sich's nun die Völker der Erde vorstellen. Und es wird sich dann fragen, ob sie nicht nur zu bald so schreien werden (au weh!), wie einst die Israeliten in der Wüste, wo sie keine Fleischtöpfe mehr ans Feuer stellen konnten!?
RB|1|85|10|0|Denke sich aber aus euch allen nur ein jeder das, dass die Erde unmöglich ein Paradies sein kann, indem sie ein Prüfungsboden für jeden in das schwere Schandfleisch des Menschen gelegten Geist für alle Zeiten verbleiben muss, ohne den kein Geist ein vollkommenes ewiges Leben erreichen könnte, so werdet ihr dann gleich um sehr vieles richtiger zu urteilen anfangen.
RB|1|85|11|0|Dass aber die Könige nun schwach und die Völker blind geworden, daran ist ganz wer anderes schuld, als ihr es meint. Diesen alleinigen (Haupt)-Schuldigen werden wir aber bald kennenlernen und werden ihn binden und dadurch die Menschen auf der Erde von seinen Fesseln frei machen. Und es wird dann schon wieder besser werden ohne unsere Rache.
RB|1|85|12|0|Ja, Meine liebste Helena. Ich sage es dir: Du wirst mit Mir schon noch ganz vollkommen zufrieden sein können; denn es wird am Ende alles einen sehr rühmlichen Ausgang finden. Aber nun müssen wir zuvor auf der Erde alle Geister erst so recht sich finden und zur Einsicht kommen lassen, was ihnen hauptsächlich vor allem fehlt?!
RB|1|85|13|0|Sodann aber wird es ein Augenblick sein – und alles wird sich auf der Erde in einer neuen Ordnung befinden!
RB|1|85|14|0|Und nun aber trete du, Mein lieber Max Olaf, näher her zu Mir und künde uns allen deine Meinung und deine Wünsche!“
RB|1|86|1|1|Olafs Weisheit. Ein himmlischer Trinkspruch. Neue Heilswege des Herrn. Die neue Gnadenbrücke.
RB|1|86|1|1|(Am 3. Juni 1849)
RB|1|86|1|0|Tritt Max Olaf näher und spricht: „O Herr, da ist es schwer, eine Meinung und irgendeinen besonderen Wunsch auszusprechen, wo Du, o Herr, als die allertiefste und allmächtige Weisheit sprichst und schon lange alles das, was nun geschieht, vorgesehen hast, und auch alle jene besten Vorkehrungen getroffen, nach denen alle die gegenwärtigen Wirren auf der Erde ohnehin die ehest mögliche Lösung bekommen müssen! Das ist aber auch ein Hauptwunsch von mir; denn ich wünsche nicht einmal dem Teufel etwas Schlechtes, geschweige den Menschen, die da meine Brüder sind!
RB|1|86|2|0|Ich brauche Dir, o Herr, es auch gar nicht zu beschreiben, wie es auf der Erde nun zugeht. Denn Du, o Herr, überschaust mit einem Blick nicht nur all die vielen Gräueltaten, sondern auch all die Herzen mit ihren guten oder schlechten Wünschen, aus denen diese Taten ausgeboren werden! Ja Du siehst es auch, wie und durch was solche argen Gedanken und Wünsche in den Herzen der Menschen entstehen!? Daher Du es auch ewig nie vonnöten haben wirst, von einem Geist zu vernehmen, was da nun zu tun wäre, wohl aber kannst Du zu uns sagen: Hört, dies und jenes werde Ich nun tun! Und es wird Dich schwerlich jemand fragen und sagen: ‚Warum?‘ Denn Du allein bist der Herr und kannst tun was Du willst!
RB|1|86|3|0|Also lässt Du nun auch auf der Erde Dinge geschehen, von denen sich niemand eine wahre Rechnung geben kann, warum und wozu sie geschehen. Aber die Menschen nur, die blind sind, sagen: ‚O Herr, bist Du nun blind und taub geworden, da Du uns nun verschmachten lässt unter allerlei Trübsalen!‘ Ich aber denke: Du lässt wohl niemand verschmachten, sondern richtest jeden auf, der Dich anruft und auf Dich vertraut. Jene aber, die sich selbst genügen wollen und nur auf ihre Waffen all ihr eigentliches Vertrauen setzen, denen geschieht es aber ja auch vollkommen recht, so sie mit ihrer Macht in aller Kürze vor Dir, o Herr, und vor aller Welt, zuschanden werden! Die Kleinen und Demütigen aber können jubeln und frohlocken! Denn Du bist ihr Schutz und Hort und wirst es nimmer zulassen, dass sie sich ihres Vertrauens schämen müssten vor den Großen der Welt! Wohl aber werden in aller Kürze die Großen vor den Kleinen zu großen Schanden stehen, wann Du, o Herr, ihnen die Larve abnehmen wirst! Denn sie treiben nun ein schmählich Spiel mit den armen Völkern!
RB|1|86|4|0|Aber ich bin darob gar nicht ängstlich bekümmert; denn ich weiß es ja doch nur zu bestimmt, dass da alles, was Du tust, wohlgetan ist; und weiß es auch, dass Dir keine Ruchlosigkeit entgeht! Denn die da einen Hauptschlag führen wie heute über ihre Brüder, die sie Feinde nennen, die schlägst Du morgen, und da verschwinden sie, als ob sie nie dagewesen wären, und mit ihnen ihr Amt! Darum werde allzeit geheiligt Dein allerheiligster Name!
RB|1|86|5|0|Aber nun bekomme ich ein sonderbares Gefühl! Ich sehe zwar nichts und vernehme auch nichts, aber mir ist es, als ob soeben jetzt auf der Erde ein mächtiger Schlag geschehen wäre? O Herr, was mag das sein?!“
RB|1|86|6|0|Rede Ich: „Mein liebster Max Olaf: O ja, ja, Ich sage es dir! Heute, heute und heute! Nacht wollen sie, und sie soll ihnen werden und sie alle verschlingen, die sie wollen! Den Tod wollen sie – auch der soll ihnen werden, die ihn erwählt haben zu ihrem Helfershelfer! Glanz, Ruhm und Ehre wollen sie; denn für diese müssen Tausende sich schlachten lassen; ja, es sei! Sie werden erschrecklich glänzen, ihr Ruhm wird furchtbar sein und entsetzlich ihre Ehre! Herrschen wollen sie! Ja, sie sollen herrschen, aber wie die Pest und wie der Drache in seiner Höhle und wie der Leviathan in seiner Schlammtiefe unter dem Grund des Meeres! Lüge wollen sie; denn die Wahrheit ist ihnen ein Gräuel der Verwüstung. Daher sollen sie auch nimmer an das helle Licht der Wahrheit kommen. Einen Gott wollen sie auch; aber nur, wie sie ihn brauchen können! Daher sollen sie nimmer Mein Angesicht zu sehen bekommen! Also wollen sie auch allein nur leben, und alle anderen sollen nur leben, wann sie fürs Leben der Großen taugen! Daher wird es aber sein, dass sie ewig allein leben werden! Was sie wollen, das soll ihnen werden und wie sie es wollen! Aber bald wird eine große und erschreckliche Reue in ihre Seele fallen, wie ein Mühlstein aus den Wolken, und sie werden suchen, dieser Reue ledig zu werden. Aber ihr Suchen wird vergeblich sein; denn diesen Stein wird niemand vom Grab ihrer Seele heben! Oh, Ich kenne sie und ihre Gelüste und ihre Taten! Ich habe die Könige der Erde gezählt und habe wenige gefunden, die da gerecht wären vor Mir in den Völkern! Daher soll Nebuchodonosers [Nebukadnezars] Los ihr Anteil werden! Aber den wenigen Gerechten will Ich auch helfen wunderbar, dass sie fürder glänzen sollen unter allen Königen und Völkern wie die hellsten Sterne unter dem Kleingeflimmer des Firmamentes.
RB|1|86|7|0|Und heute, heute und heute soll das Gericht beginnen! Heute sollen viele geschlagen werden! Viele Teufel sollen heute zugrunde gehen, und der Satan wird der ihm gelegten Falle nicht entgehen.
RB|1|86|8|0|Und nun du, Mein Robert, gehe hin, und bringe Wein her, und das den besten, den Wein des Lebens, der Liebe und der Wahrheit, auf dass wir das Wohl der armen Brüder der Erde trinken und sie segnen. Also sei es, und also geschehe es!“
RB|1|86|9|0|Schnell erhebt sich Robert und holt den bedungenen köstlichsten Wein.
RB|1|86|10|0|Als er ihn vor Mir hin auf den großen Ratstisch stellt, so segne Ich den Wein und sage zu Robert Blum: „Mein liebster Robert, so Ich einen Wein begehre, da versteht sich schon auch das Brot mit hinzu! Da du aber nur pur Wein hierhergeschafft hast, so gehe hin und schaffe uns auch ein gutes Brot; denn dies Haus ist ja mit allem reichlichst versehen!
RB|1|86|11|0|Gebe aber dort auch unseren vierundzwanzig Ballettistinnen Brot und Wein und sage ihnen, dass sie ihre Füße wieder in der Bereitschaft halten sollen; denn sie werden bald wieder etwas zu tanzen bekommen! Wollen sie etwa auch edle und gute Früchte genießen, so öffne ihnen den Schrank neben der Türe, die in ein zweites Nebengemach führt. Was sie darinnen finden werden, das sollen sie genießen.
RB|1|86|12|0|Nun aber noch etwas! Bringe auch sogleich eine gerechte Menge Trinkgefäße, auf dass wir in dieselben den Wein, und zwar für jeden Mann ein rechtes, volles Maß, verteilen können! Gehe, und erfülle Meinen Wunsch.“
RB|1|86|13|0|Robert vollzieht sogleich mit der größten Freundlichkeit, das ich verlangte.
RB|1|86|14|0|Als da alles in der gewünschten Ordnung sich befindet, da teile Ich Selbst das Brot und den Wein aus und sage: „Kinder! Nehmet hin und esset und trinket alle! So ihr aber trinket, da trinket auf das Wohl unserer Kinder und Brüder auf der Erde, die nun viele Verfolgung auszustehen haben und sind nun schon sehr matt und schwach geworden! Wahrlich, es soll ihnen geholfen werden! Aus jedem Tropfen tausendfaches Heil allen, die eines guten Herzens und Willens sind! Ich sage es euch, heute noch soll es sich vielfach bei den Guten bewähren, dass wir allhier ihrer sehr gedenken; ihre Herzen und die Taten der Welt werden es ihnen kundtun! Und einigen sehr wenigen auf der Erde wird das alles von Wort zu Wort und Zug für Zug mitgeteilt, was hier geschieht und wie hier für die arme Erde gesorgt wird.
RB|1|86|15|0|Wir wollen aber auch der Blinden und Tauben gedenken! Aber die Harten werden in das Feuer gehen, das da ist ein Meister und Zerstörer des Karfunkels und des Diamanten. Denn die durch Wahrheit des Wortes und der freien Lehre nimmer sich wollen erweichen lassen, die soll das mächtige Feuer weich machen! Und unter den gewaltigen Schlägen des großen Hammers Meiner Weisheit sollen sie wie ein glühend Erz zu einem nützlichen Gerät unseres Hauses (himmlische Kirche) umgearbeitet werden! Wohl werden sie noch viel Lärmens und Tobens machen und werden raten hin und her und auf und ab und werden noch manche Pläne entwerfen; aber dies alles soll ein eitles Bestreben sein und wird stets den entgegengesetzten Erfolg haben von alledem, was sie so ganz dadurch erstreben möchten! Denn Ich allein bin der Herr und habe die Macht, Kronen und Zepter zu brechen, und die zerbrochenen wieder aufzurichten, so sie sich an Mich wenden! Aber wehe ihnen, wenn sie sich nicht an Mich wenden und nicht bei Mir die wahre Hilfe suchen!
RB|1|86|16|0|Könige, die an Mich sich halten, will Ich aufrichten und ihnen geben eine rechte Weisheit, und eine große Macht daraus! Und es werden dann ihre Völker hergehen und sehr laut schreien: Heil dir, du unser großer, von Gott uns geschenkter König und Herr! Was unser ist, das ist auch dein! Deine große Weisheit und Güte sei unsere wahre und lebendige Konstitution! Dein Wort sei unser Wille, und dein Wille unser Gesetz! Wehe jedem Frevler an deinem gesalbten Haupt!
RB|1|86|17|0|Aber hingegen Wehe und dreimal Wehe jenen Königen, Herzogen und Fürsten, die allzeit wort- und treubrüchig sind gegen ihre Nachbarn und haben ihre Herzen erfüllt mit Lug und Trug. Ich sage es euch, die werden aber also vergehen wie die Milben eines Blattes! Denn Ich will nun die Erde fegen von allem Unkraut.
RB|1|86|18|0|Alsdann aber wird eine Brücke gestellt werden zwischen hier und dort, auf dass die Bewohner der Erde leichter zu uns herüberkommen sollen als bis jetzt auf der schon sehr morsch gewordenen Leiter Meines Jakob, auf der nur Engel auf und ab steigen konnten.
RB|1|86|19|0|Die Brücke aber soll sein sehr breit und so eben wie der Spiegel eines ruhigen Sees. Und es sollen weder am Anfang noch in der Mitte, und noch am Ende der Brücke Wächter aufgestellt sein, zu untersuchen die Elenden, Schwachen und Bresthaften; sondern da soll ein jeder ein vollkommener Freizügler werden und sein, und soll sich jeder jederzeit Rat und wahre vollkommene Hilfe von hier als von seiner wahren Heimat holen können!
RB|1|86|20|0|Auf dieser Brücke aber werden auch wir die lange verlassene Erde wieder betreten und dort unsere Kinder selbst erziehen, lehren, leiten und regieren und so das verlorene Paradies wieder aufrichten (in ihnen).
RB|1|86|21|0|Nun wisst ihr alle vollkommen Meinen Willen und Meinen Entschluss! Prüft ihn! Und jeder aus euch vergleiche damit seinen Mir gemachten Vortrag, seine Meinung und seinen Wunsch – und ihr werdet es getreu finden, dass sie in ihm alle enthalten sind. Und niemand aus euch allen wird sagen können, dass er umsonst geredet habe!?
RB|1|86|22|0|Also esst und trinkt nun alle auf das Wohl unserer Kinder und Brüder auf der Erde! Denn nun wisst ihr es alle, dass und wie wir den Kindern der Erde helfen wollen, helfen müssen, und zwar bestimmt so eben helfen werden.“
RB|1|87|1|1|Das Himmelsmahl zum Wohl der Erdenmenschen. Szene mit dem Herrn und Helena und mit Helena und Adam. Helena erhält ein himmlisches Brautgewand und eine Krone.
RB|1|87|1|0|Alle Gäste erheben sich auf diese Meine Rede ehrerbietigst und sprechen: „O heilig, heilig, heilig bist Du, unser alleiniger Gott, Herr und Vater! Allerhöchst gepriesen sei ewig Dein allerheiligster Name!“
RB|1|87|2|0|Die Helena fängt vor lauter Rührung zu weinen und zu schluchzen an und sagt: „O Du mein Jesus! Wie bin denn ich wert, hier neben Dir zu sitzen!? Du bist der lebendige, ewige, wahrste, allmächtige Gott und Schöpfer Himmels und der Erde, und ich bin ein allernichtigstes und schmutzigstes Küchenmensch voll Unflat und Sünden! Oh, oh, oh! Nein, nein! Das kann ja doch nicht gehen! O Herr! Nun erkenne ich es erst so recht in der tiefsten Tiefe meines Lebens, dass ich eine ganz abscheuliche Sünderin bin, und bin gar zu unwürdig, so ganz fest bei Dir zu sitzen! Daher lass mich zu jenen Tänzerinnen hingehen, mit denen ich doch etwas mehr Ähnlichkeit habe, als hier mit Deiner zu unendlichen Heiligkeit!“
RB|1|87|3|0|Rede Ich: „Oh, oh, schau, schau, was du nicht alles möchtest! Wenn du Mir zuwider wärst, da hätte Ich schon lange irgendwo ein passendes Plätzchen für dich gefunden. Aber da du Mir nicht zuwider, sondern nun nur gar überaus lieb bist, so habe Ich dich denn auch viel lieber recht fest bei Mir als irgendwo anders. Meinst du denn, Ich bilde Mir auf Meine Herrgottschaft etwas ein?! Oh, wenn du das meintest, da wärst du in einer großen Irre! Schau, so Ich Mir auf Meine ewig notwendige Herrgottschaft etwas eingebildet hätte, da hätte Ich Mich doch sicher nicht kreuzigen lassen und wäre auch nie ein Mensch geworden! Aber weil Ich Mir darauf gar nichts einbilde und von ganzem Herzen sanftmütig und demütig bin, und nun mit euch allen gleichweg ein Mensch bin, so kannst du es schon wagen, bei Mir zu verbleiben! Du wirst dich überzeugen, dass Ich dich durchaus nicht beißen werde! Und so bleibe Du nur schön bei Mir da, und esse und trinke nach deiner Herzenslust! Ich sage es dir, wir werden uns schon recht gut vertragen.“
RB|1|87|4|0|Nach diesen Worten ist es bei der Helena völlig aus vor lauter Liebe. Und sie wird eben durch solche ihre große Liebe zu Mir aber schon ganz unbeschreiblich schön, sodass sogar der Adam neben ihr die Bemerkung macht und sagt: „Wahrlich eine wahre Eva vor dem Falle! Nach dem Falle aber lebten auf meiner Höhe nur zwei, eine Gemelah und eine Priesterin Purista, diesen beiden sieht diese unsere jüngste Tochter wahrlich sehr ähnlich! O die hat einen herrlichen Geist! Helena, du musst dich schon mit mir auch ein wenig abgeben! Denn siehe, der Gestalt und der Seele nach bin ich gewisserart ja auch dein Vater, und du darfst dich daher nicht im Geringsten scheuen vor mir! Denn auch ich liebe alle meine Kinder gar überaus sehr und somit auch dich! Also darum, dass ich der Urmensch Adam und ein Vater aller sterblichen Menschen bin, hast du dich gar nicht zu scheuen vor mir! Dem Geiste nach aber vor dem Herrn, da sind wir beide gleich und haben uns gegenseitig voreinander noch weniger zu scheuen! Sei daher nur recht mutig, meine allerliebste Tochter, und habe gar keine Scheu vor jemanden, und wäre er noch um zehnmal mehr Adam als ich! Denn Mensch bleibt Mensch, ob er nun zehntausend Jahre früher oder später seine Wanderung durchs Fleisch gemacht hat! Siehst du, so, so ist es!“
RB|1|87|5|0|Spricht die Helena: „Na, na, ah das freut mich aber jetzt schon ganz besonders, dass mir der Vater Adam auch einmal die unverdiente Ehre angetan hat, mit mir ein paar Wörtlein zu sprechen! Na, für so gut und sanftmütig habe ich den Herrn Vater Adam nicht gehalten. Aber wann der Herr Vater Adam einmal eine Zeit haben, da erzählen's mir etwas von den alten Zeiten, wie es etwa da zugegangen ist?! Denn von solchen Geschichten bin ich eine große Liebhaberin!“
RB|1|87|6|0|Spricht Adam: „O mein Kind, nicht nur erzählen, sondern auch zeigen werde ich dir tausend und tausend Dinge!“
RB|1|87|7|1|(Am 5. Juni 1849)
RB|1|87|7|0|Rede Ich: „Helena! Aber du vergisst ja ganz das Essen und Trinken! Siehe, alle essen und trinken auf ein rechtes Wohl ihrer leidenden Brüder auf der Erde und du hast noch nicht einmal mit einem Finger weder das Brot noch den Wein berührt! Liegt dir denn das Wohl unserer Freunde und Brüder nicht auch ebenso am Herzen, als wie den anderen hier?!“
RB|1|87|8|0|Spricht die Helena: „O Du mein allersüßester, allerliebevollster Gott und Heiland Jesus! Du weißt es ja, wer, wie ich, Dich über alles liebt und in Dich, wie ich, bis in seine innerste Lebensfiber verliebt ist, der hat weder Hunger noch Durst. Denn Du Selbst bist ihm das allernährendste Brot des Lebens und der allerstärkendste Trank zur reinigendsten Erquickung der Seele und des Geistes! O sieh, so ich auch dies Brot äße und diesen Wein tränke in Ewigkeit, hätte aber Deine Liebe nicht vollkommen, in der allein alle Kraft des Lebens verborgen ist, so würde ich dadurch weder mir und noch weniger jemand anderem helfen können! Denn weder dies Brot, noch dieser Wein, wenn in sich auch noch so geistig, kann helfen, sondern allein Du, o mein liebster Herr Jesus! Und so meine ich, dass Du, mein allergeliebtester Herr Jesus, mir das nun ja doch nicht als einen Fehler anrechnen wirst, weil ich bis jetzt noch nicht gegessen noch getrunken habe?! Aber ich will jetzt schon sogleich das Versäumte einholen und will, aber nur aus der pursten Liebe zu Dir, sogleich essen und trinken! Aber nur sei Du mir darob ja nicht gram!“
RB|1|87|9|0|Rede Ich: „O du Meine liebste Helena! Sorge du dich um etwas anderes! Ich werde je dir gram sein?! Was fällt dir da ein? Siehe, Ich wusste es wohl, dass du aus purster Liebe zu Mir weder essen noch trinken konntest. Daher stellte Ich auch nicht darum die vorigen Fragworte an dich; sondern bloß darum, damit du vor dieser Gesellschaft also reden sollst, wie du nun geredet hast. Da du aber nun also vollkommen nach Meinem Sinn geredet hast, so sollst du dafür denn auch sogleich mit einem hellpurpurnen Kleid und mit einer Krone angetan werden! Denn nun bist du Mir eine allerlieblichste Braut geworden, die mit dem Kleid der reinen und wahren Liebe bekleidet sein soll für ewig! – Bruder Robert, gehe nun nur wieder hin, öffne den goldnen Schrank, dort wirst du schon das rechte Kleid für diese Meine Herzensbraut finden! Bringe es her, auf dass Ich Selbst es ihr antun werde!“
RB|1|87|10|0|Robert eilt voll Freuden schnell zum besagten Schrank, öffnet ihn und nimmt ein so über alle Maßen strahlend herrlichstes Kleid heraus, dass es ihn selbst auf das Weidlichste frappiert. Denn so was überhimmlisch strahlend Herrliches haben seine Augen auch noch nie gesehen. Als die Tänzerinnen dies Kleid ersehen, machen sie einen Schrei der höchsten Verwunderung und können sich kaum sattsehen an dem wie die schönste Morgenröte strahlenden Kleid.
RB|1|87|11|0|Ja sogar den Pathetikus, der sich mit seiner zahlreichen Gesellschaft in einem entferntesten Winkel dieses Gemaches befindet, lockt der wunderherrliche Glanz des Kleides herbei und nötigt ihn, den Robert zu fragen, für wen denn dies Kaiserkleid bestimmt sei. Robert erwidert ihm ganz gelassen: „Für jene Lerchenfelderin dort.“ Worauf sich der Pathetikus ganz ärgerlich verwundert und darauf die Bemerkung macht: „No, die versteht es aus der Kunst, auch den weisesten Helden des Himmels die Köpfe zu verdrehen! No, no, es ist recht, wenn sie das kann; es wird das ihr allein sicher am besten zustattenkommen! Aber sag' mir, Freund Blum, wie kann sich denn jener Weiseste der Weisesten mit jener maulschwertschneidigen Lerchenfelderin gar so damisch abgeben und sie nun sogar zu einer wahren Himmelskönigin machen?“
RB|1|87|12|0|Spricht Robert: „Freund, darüber frage du Ihn, Er wird es dir schon sagen! Ich bin noch in die Geheimnisse aller Himmel zu wenig eingeweiht! Er ist allein der Herr und kann tun, was Er will. Er will es nun also, und so muss es auch also geschehen! Nun weißt du genug. Ich aber muss gehen; denn Er ruft mich schon mit den Augen!“
RB|1|87|13|0|Robert eilt nun schnell zum großen Ratstisch mit dem Strahlenkleid hin und übergibt es Mir. Ich aber gebe es der Helena, die es vor lauter Dank, Liebe und Ehrfurcht zu und vor Mir kaum anzurühren getraut und sich auch weigert, es anzuziehen, weil sie sich solch einer zu himmlisch schönen Bekleidung viel zu unwert fühle.
RB|1|87|14|0|Ich aber sage zu ihr: „Meine allerliebste Helena, das weißt du nun ja schon recht gut, dass bei Mir kein Weigern etwas hilft und nützt!? Denn was Ich einmal will, das muss ja geschehen, und wenn schon darob die ganze Schöpfung zugrunde ginge – was hier freilich noch nicht der Fall sein wird. Und dann ist Mir, als dem Schöpfer all der endlosesten Pracht und Herrlichkeit aller Himmel und Welten, eine schöne und wohlgeschmückte Braut ja auch lieber als eine hässliche. Denn siehe, bei Mir muss alles in ein übereinstimmendes Verhältnis gebracht werden; bei dem das Inwendige vollends geläutert ist, bei dem muss auch das Äußere also gestaltet sein, dass es mit dem Inwendigen in der schönsten Korrespondenz steht. Und dies Kleid entspricht nun vollkommen deinem Inwendigen. Daher musst du es nun auch unverzüglich anziehen!“
RB|1|87|15|0|Als die Helena solches vernimmt, spricht sie: „O Du mein allerliebster Herr und Gott Jesus! Du siehst es, dass mein Herz nur an Dir, nie aber an einem Kleid, und wäre es noch tausendmal strahlender wie dieses hier, hängt. Denn so ich nur Dich habe, frage ich nicht um alle Himmel und um alle ihre Pracht, die mir ohne Dich nur zu einem Ekel würden! Aber weil Du es so willst und es Dir eine Freude macht, so will ich dies Kleid ja gleichwohl anziehen, und mein Herz soll Dir mit der allerheißesten Liebe dafür ewig danken! Dein heiliger Wille geschehe! O Du mein heiligster, liebster, und süßest-bester und schönster Jesus Du! Du allein bist ganz mein Herz, mein Leben, meine Seligkeit und mein Alles!“
RB|1|87|16|0|Nach solchen schönsten Worten aus ihrem Herzen ergreift sie das Kleid. Und wie sie es nur anrührt, da ist sie damit aber auch schon angetan, worüber sie schon wieder über die Maßen zu erstaunen anfängt und dabei sagt: „Aber um Deines heiligsten Namens willen! Wie ist denn das zugegangen?! Ich habe ja das Kleid erst kaum angerührt, und siehe, es liegt schon an meinem Leib, und so herrlich, als so es mir noch so genau abgemessen worden wäre! Oh, oh, wie herrlich steht es doch! O Jesus, o Jesus, o Du mein honigsüßester Jesus! Na, Du könntest einen aber gerade närrisch machen vor lauter Seligkeit! Na, na, aber wie ich aber jetzt wirklich schön aussehe, das ist ja doch aller Welt ungleich! Es war wohl das frühere Faltenkleid auch sehr schön; aber gegen diesem war es doch gleich fast wie nichts!
RB|1|87|17|0|Aber was werde ich denn nun tun müssen, um Dir, mein honigsüßester, liebster, bester und schönster Herr Jesus, mich doch mehr als bis jetzt dankbarst zu erweisen?! Oh, ich bitte Dich, gebe mir doch eine Aufgabe!“
RB|1|87|18|0|Rede Ich: „Meine liebste Helena! Du hast deine Aufgabe schon gelöst! Denn Größeres, als Mich, gleich dir, über alle Maßen zu lieben, kann Mir gegenüber wohl selbst der höchste Erzengel nicht! Daher bleib du nur stets bei diesem Mir allein allerliebsten Geschäft und frage nach keinem andern. Denn da ist jedes geringer um sehr vieles als das! Das aber sage Ich dir, du Mein wahres Herzensliebchen, wer Mich liebt wie du, der trägt Größeres in sich, als was da alle Himmel fassen! Denn da bin Ich in seinem Herzen ganz! In Mir aber glühen und keimen schon zahllose neue Himmel, die einst auch hinaustreten werden in eine neue Unendlichkeit!
RB|1|87|19|0|Aber nun nichts mehr weiter davon, sondern, du Meine liebste Helena, gebe Mir nun einen rechten Kuss, und wir werden dann bei verschiedenen Erscheinungen unsere Beratungen fortsetzen.“
RB|1|88|1|1|Ein rechter Kuss. Der höchste Preis reinster Gottesliebe – die Gottesbrautschaft.
RB|1|88|1|1|(Am 8. Juni 1849)
RB|1|88|1|0|Spricht die Helena fragend: „O Herr, Du sagtest mir, dass ich Dir einen rechten Kuss geben soll! Und siehe, das Wort rechten macht mir Skrupel! Denn ich kenne keinen anderen Kuss, als den die Liebe beut, und ich habe noch nie je jemanden einen anderen gegeben – und Dir, o Du meine allerwahrste und innerste Liebe, könnte ich ja doch unmöglich ewig je wann einen anderen geben! Denn ein verräterischer Judaskuss ist meinem Herzen und Leben noch nie zur Möglichkeit geworden, wenn aber ein Kuss, der der reinsten und aufrichtigsten Liebe entstammt; ein nicht rechter sein soll, da weiß ich wirklich nicht, von welcher Beschaffenheit ein von Dir bezeichneter rechter Kuss sein soll?! Ich bitte Dich darum, o Du mein allerliebster, süßester und schönster Herr Jesus, Du mein heiligster Gott, sage es mir daher gnädigst, wie ein rechter Kuss beschaffen sein muss!“
RB|1|88|2|0|Rede Ich: „Aber, aber! Mein allerliebstes Helenachen! Welch einen anderen Kuss soll es wohl noch irgend geben, den man einen rechten nennen könnte, als eben den nur, welchen die reine und wahre Liebe bietet!? Du hast aber die einzige Liebe zu Mir in dir, daher du Mir auch aus solcher deiner Liebe heraus unmöglich je einen andern als nur einen ganz vollkommen rechten Kuss geben kannst! Aber nur gibt es eine zweifache Art von den rechten Küssen! Die erste, die mehr aus Achtung als aus einer eigentlichen Liebe geschieht, oder eigentlich erteilt wird; und die zweite, die abgesehen von der Achtung, bloß rein aus Liebe geschieht oder erteilt wird! Und siehe, diese zweite Art, die den Kuss vom Mund wieder an den Mund gibt und nicht an die Stirn allein, wird von Mir als ein rechter Kuss bezeichnet; einen der innersten Achtung aber hast du Mir schon auf Meine Stirn gegeben. Ich fand ihn sehr heiß und merkte schon damals, dass er mehr Liebe als so ganz eigentlich eine für sich abgeschlossene pure Achtung enthielt. Da aber seit dieser unserer ersten Kussepoche deine Achtung ganz in die Liebe übergesiedelt ist und mit ihr ein Wesen ausmacht, was Mir wohl ewig das Angenehmste ist, so kannst du Mir denn nun auch nicht mehr einen Stirnkuss, sondern einzig und allein nur einen so ganz handfesten und brennheißen Mundkuss geben, und das wird dann ein rechter Kuss sein! Verstehst du Mein allerliebstes Helenachen das?“
RB|1|88|3|0|Spricht die Helena ganz rosig geröteten Angesichts: „O ja, das verstehe ich jetzt schon; aber es wird doch vielleicht – h, ja, hm, so – ein bisschen gar zu stark aussehen! Weißt Du, die werden mich vielleicht doch ein bisschen auslachen wegen meiner Keckheit? Aber – h, was macht's denn auch?! Willst es ja Du, Du mein Gott und mein einzigster Herr! Was Du aber willst, das kann nicht gefehlt sein! Und die Liebe kann auch nicht fehlen! Freilich, wenn ich bedenke, dass Du der allmächtige, ewige Schöpfer aller Dinge und Wesen bist und ich nur ein schwaches Geschöpf, so ist das freilich etwas sehr Sonderbares, so ich Unheiligste Dich Allerheiligsten auf den Mund küsse, durch Dessen allmächtiges ‚Werde!‘ Himmel und Erde und alles, was darauf, geworden ist! Aber Du, Du willst es ja. Du Selbst willst dadurch meines Herzens heißestem Drang die ersehnte, höchste Seligkeit gewähren, und so geschehe denn, wonach sich mein Herz heimlich schon gar oft und lebendigst gesehnt hat!“
RB|1|88|4|0|Nach diesen Worten gibt sie Mir einen Kuss wahrlich non plus ultra, das heißt, einen Kuss von echtem Schrot und Korn; und Ich sage darauf zu ihr: „Nun erst bist du vollkommen und hast für die ganze Erde an Mir ein großes Versöhnungswerk vollbracht! Du selbst aber wirst von nun an stets an Meiner Seite, d. h. durch alle Meine Liebe ewig fortan die höchste Seligkeit aller Seligkeiten genießen, nämlich die Seligkeit Meines höchsten und pursten Liebehimmels, in welchem lauter solche Engel wohnen, die Mich dir gleich lieben! Aber das sage Ich dir auch, dass es deren eben nicht gar zu viele gibt! Wohl lieben Mich sehr viele, aber nur als natürlich das, was Ich bin, nämlich als ihren Gott, Herrn und Vater! Du aber bist mit deiner Liebe nach dem Beispiel der Magdalena wahrlich noch tiefer in Mich hineingedrungen und hast Mein Herz erfasst und hingezogen an das deinige, wodurch zwischen uns eine vollkommene Ehe aller Himmel vor sich gegangen ist! Durch diese Ehe bist du nun zu einem förmlichen Gottesweib geworden und somit eins mit Mir! Daher aber sollst du an jeder allerhöchsten Seligkeit denselben gleichen Teil haben, der Mir zukommt! Bist du damit zufrieden?!“
RB|1|88|5|0|Spricht die Helena ganz bebend vor höchster Wonne: „Oh, oh, oh! Du, Du, Du mein heiligster, süßester Jesus! Ich arme Sünderin – wäre nun, o Gott, o Gott – Dein, Dein Weib!??! O Himmel, Himmel, Himmel! Was ist aus mir geworden? Ich, ein Gottesweib?! Nein, nein, das kann ja doch unmöglich sein! Aber Du, Du ewigste Wahrheit hast es nun Selbst ausgesprochen, und so wird es auch also sein! Aber was werde ich beginnen in der Seligkeiten tiefsten Tiefen und höchsten Höhen!? Wie werde ich sie ertragen können?! Wird es mir nicht also zu schwindeln anfangen, als wie einer armen Sünderin, die von aller Sterne höchstem auf die erschrecklich tief unten rastende Erde hinabblickte?! Oder werde ich mich wohl ewig je zurechtfinden können in solcher Höhe? O Gott, o Gott! O Du mein süßester Jesus! Was hast Du nun aus mir gemacht?! Ach, ach ich komme mir nun vor wie eine glücklichste Unglückliche und wie eine seligste Unselige! Ja, wie eine, die ist und nicht ist!“
RB|1|88|6|0|Sage Ich: „Meine Geliebteste, sei nur recht ruhig und heiter! Ich sage es dir, du wirst dich gar bald und gar überaus leicht in alles finden; denn siehe, in Meiner allerhöchsten Höhe geht es dir am allereinfachsten und niedrigsten zu! Da gibt's keine Hofetiketten, keine übertriebene Pracht und durchaus keinen Luxus, sondern die schönste und allerreinste Bescheidenheit und einen fortwährend gleichen und ungetrübten Frohsinn! Und siehe, das sind eben deine Sachen! Und so wirst du dich da schon zurechtfinden. Nun aber sehe du zum Fenster, das gen Morgen gewendet ist, hinaus und sage Mir, was du durch dasselbe alles gesehen und entdeckt hast!?“
RB|1|89|1|1|Die Erde und ihre Gräuel. Der Geist des Antichrist. Eine sinnbildliche Erscheinung.
RB|1|89|1|0|Helena eilt sogleich ans bezeichnete Fenster, sieht durch dasselbe ins Freie hinaus und schlägt nach einigem Betrachten die Hände über ihrem Haupt zusammen! Nicht lange hält sie es aus, weil der Anblick sie zu sehr ergreift, sondern begibt sich eiligst zu Mir hin und spricht: „Aber, aber, Du mein Herr, Du mein Gott, Du mein Jesus! Ah, ah, ah, das ist aber ja doch entsetzlich!“
RB|1|89|2|0|Sage Ich: „Nun, nun, Meine gar überaus liebe Helena, was gibt es denn, was hast du denn gesehen, das da gar so entsetzlich ist? Hast du vielleicht gar einen Teufel gesehen; oder vielleicht sonst was noch Schrecklicheres? Geh und fasse dich und erzähle uns, was du denn alles gesehen hast?!“
RB|1|89|3|0|Die Helena sammelt sich und spricht dann: „O Du mein süßester Herr Jesus! Ich glaube, gegen diese Entsetzlichkeit ist der ganze Teufel ein reiner Lump! Siehe, zum ersten Mal nach meinem Austritt von der Erde habe ich nun die abscheuliche und übergrausliche Erde wiedergesehen, aber so, als etwa von einer über diese hinschwebenden Wolke herab. Und merkwürdig, ganz Österreich und Ungarn samt seinen Nebenländern lag unter mir wie eine riesenhaft große Landkarte ausgebreitet, auf der vom größten bis zum kleinsten Gegenstand alles zu ersehen war! Aber, o Jammer, welch ein Anblick des Entsetzens! Die Städte sind voll Feuers und voll Unflats und grässlich aussehenden Gewürms, Flüsse, Seen und das Meer sind voll Blut! Fürchterliche Heere stehen einander gegenüber, und man ersieht da nichts als Mord, Verrat und dann wieder Mord! Die Menschen zerfleischen sich ja ärger als die allerwildesten und reißendsten Bestien! An der kaiserlichen Seite sah ich auch Russen in starker Anzahl. Aber selbst unter den Kaiserlichen selbst, und unter den Kaiserlichen und Russischen sah ich Verrat und Mord hier und da. Und unter dem ungarischen Heer, das furchtbar stark ist, sah ich auch Russen und Polen in größter Anzahl, sonst aber noch Menschen aus ganz Europa! Alle aber schreien: ‚Tod und Verderben allen Despoten, und Sieg uns vollkommen, oder der Tod uns vollkommen; keine Gnade und keine Schonung mehr! Und verflucht sei, der da dächte an eine friedliche Ausgleichung!‘ Die armen Kaiserlichen können trotz allen ihren großen Anstrengungen nichts ausrichten. Denn fürs Erste sind sie verraten an allen Enden und Punkten, und fürs Zweite haben immer zehn gegen hundert zu kämpfen und können daher zu keinem Vorteil kommen! O Herr, mache doch diesem entsetzlichen Würgen ein Ende und lasse nicht zugrunde gehen die Schwachen! Hauche in die Herzen der Ungarn einen versöhnenden Geist, und den Österreichern, wo es nottut, nicht minder; denn wahrlich, mich dauern meine bedrängtesten Landsleutchen!“
RB|1|89|4|1|(Am 12. Juni 1849)
RB|1|89|4|0|Rede Ich: „Meine geliebteste Helena, was du gesehen, ist richtig und wahr! Ein gar arger Geist hat Besitz von den Herzen der Menschen genommen. Es ist der Geist des Antichrist, und dieser ist es, der die Menschen also entzweit, dass sie gegeneinander toben und wüten, als wären sie alle zu Tigern, Hyänen und Drachen umgestaltet worden. Aber es soll ihrem Treiben ein baldiges Ende gemacht werden, und das ein Ende, wie die Erde noch keines gerochen hat!
RB|1|89|5|0|Da hier auf dem Tisch vor uns wirst du sogleich ein Gefäß ersehen, das wie eine Pflanze aus dem Tisch hervorwachsen wird. In diesem Gefäß wirst du das Maß der menschlichen Gräuel auf der Erde erschauen und daraus entnehmen können, um welche Zeit es nun ist auf der Welt!? Also sieh nun, hier vor dir kommt es schon zum Vorschein! Betrachte es, und beschreibe es Mir, wie es aussieht und was du in selbem erschaust!“
RB|1|89|6|0|Helena betrachtet ganz erstaunt das wunderbar aus dem Tisch vor ihr auftauchende und sich stets mehr und mehr entfaltende und fabelhaft gestaltende Gefäß. Als nach einigen Augenblicken das Gefäß ganz vollkommen entfaltet dasteht, da spricht die Helena ganz erstaunt: „Aber, aber, o Herr, ich bitte Dich um Deines heiligsten Namens willen! Ja was – was – was – ist denn das für eine sonderbarste Gestaltung!? Siehe, anfangs hat diese Geschichte ausgesehen wie eine ganz natürliche Pflanze, etwa wie auf der Erde eine Wasserlilie. Dann trieb es aus der Mitte seiner langen, bandartigen Blätter einen runden, starken Stängel, auf dessen Ende eine Knospe ersichtlich war. Die Blätter verdorrten aber bald, und die Knospe brach auf und trieb, statt einer erwarteten Blume, die unverkennbare päpstliche Dreikrone (Tiara), aber verkehrt, das heißt, mit dem Dreikreuz, das auf einem goldenen Apfel sitzt, nach unten, und mit dem eigentlichen untersten Kopfreif nach oben. Diese Tiara steht nun wie ein förmliches Trinkgefäß vor mir, und zwar merkwürdigermaßen auf einem Dreifuß, der sich wie von selbst aus dem ehemaligen Stängel geformt hat. Dies sonderbare Gefäß ist nun inwendig ganz schwarz wie eine starke Nacht. Und siehe, da wo von außen die köstlichen Edelsteine sitzen, fließt inwendig Blut und Blut. Und das Blut durchwühlt allerlei hässliches Gewürm! Die Köpfe der Würmer sehen aus wie glühendes Erz und ihr anderer Leib wie der eines Drachen. Und siehe, diese Bestien trinken gierig das Blut, sodass das Gefäß trotz des reichen Zuflusses nimmer voll werden kann, und über's Gefäß gehen, auf dass da alle sähen, welch schauerlichen Inhaltes dies Gefäß voll ist! Oh, oh, wie diese Bestien doch gar so gierig das Blut einsaugen! Und siehe, unter den Würmern (Bestien) ersehe ich nun eines, das da viel größer ist als alle anderen; und diese Bestie hat dir wie sieben Köpfe und auf jedem Kopf zehn Spitzen wie die eines Schwerts, und auf jeder Spitze steckt eine glühende Krone; und so es untertaucht in das Blut, da gischt das Blut und dampft und raucht es auf der Oberfläche. Der Zufluss wird nun stärker und stärker, aber noch will das Gefäß nicht voll werden; denn die Bestien zehren mächtig daran, und was sie nicht verzehren können, das löst sich in Dampf und Rauch auf! O Herr, binde den Bestien doch ihren Rachen, und von den Spitzen des einen Tieres nehme die glühenden Kronen, damit das Gefäß doch einmal voll werde! Oh, oh, wie abscheulich doch das anzusehen ist!“
RB|1|89|7|0|Rede Ich: „Nun, Meine allerliebste Helena, kennst du dich schon so ein wenig aus, wenn du die Erscheinung vor dem Fenster und diese vor dir am Tisch vergleichst?“
RB|1|89|8|0|Spricht die Helena: „O Herr, da bringe ich wohl schwer einen rechten Sinn heraus; daher bitte ich Dich aus aller meiner Liebe zu Dir, offenbare Du uns das rechte Verständnis dieser beiden Erscheinungen, so es Dein heiliger, ewig weisester Wille ist!“
RB|1|89|9|0|Rede Ich: „O Meine geliebteste Helena, recht von ganzem Herzen gerne! Höre nun und gib auf alles genau Acht! – Siehe, draußen vor dem Fenster hast du gesehen das große Übel, und hier siehst du den Grund desselben! Vor dem Fenster draußen stellte sich dir die nackte Wirkung dar, die von A bis Z hier ihre Grundursache hat.
RB|1|89|10|0|Siehe, wo es nun auf der Erde römische Katholiken gibt, da gibt es nun auch Aufstand, Verrat, Krieg und Mord! Blicke aber in die Türkei, und du wirst sie wohl gerüstet, aber sonst ruhig finden. Sehe nach China, nach Japan, alles ist ruhig. Beschaue das große England – bis auf sein Irland ist es ruhig; sehe nach Amerika hin – bis auf einige wenige katholische Kreise ist es ruhig. Beschaue das Afrika, und du wirst es ruhig finden! Beschaue das ganze große Asien, das da mit Menschen überfüllt ist – es ist bis auf einige kleine Distrikte ganz ruhig! Sehe an das große griechische Russland – es ist auch bis auf einige wenige polnisch-katholische Kreise ruhig. Das große Norwegen und Schweden ist ruhig bis auf einige wenige eingewanderte katholische Schwärmer, die im Geheimen machinieren, aber eben nicht viel ausrichten! Sehe nach Australien hin und nach Neuseeland und auf des großen Ozeans gesamten Archipel – siehe, überall mit Ausnahme geringer Kreise ist Ruhe; und wo es irgend kleine Unruhen gibt, so rühren sie sicher von den Römischen her! Nun aber beschaue das allererzkatholischste Spanien; es steht auf einem Vulkan – unter dem nun scheinbar etwas ruhiger aussehenden Boden ist nichts als Glut über Glut, die bald durchbrechen wird. Geradeso sieht es auch in Portugal aus! Beschaue das Frankreich, das katholischste, brennt es nicht allerorts?! Beschaue das eigentlich katholische Italien von A bis Z, vor Glut, Flamme, Rauch und Dampf kann man es kaum mehr erschauen. Richte deine Blicke ins getreu katholische Österreich, sieht es nicht aus als wie eine halbverbrannte und halb sonst zerrissene Landkarte?! Und wie diese gesamte Monarchie aussieht, so sieht auch jedes seiner einzelnen Länder aus – mehr oder weniger! Siehe an das, was in Deutschland mehr katholisch ist, und du wirst allenthalben Glut über Glut entdecken. Vor ein paar Jahren wollten sich in der Schweiz die Katholiken ausscheiden und einen alle andere Sekten tiefst verachtenden Sonderbund kreieren. Dadurch beleidigten sie alle anderen Parteien; diese vereinigten sich und trieben die dummen und finster-hochmütigen Sonderbündler weidlichst auseinander und zogen dadurch dem Hierarchen wie allen seinen Helfershelfern die Larve gerade von der Nase weg. Das verdross die Alleinseligmacher dergestalt, dass sie bei sich aller Welt die glühendste Rache schworen! Aber der hellere Teil der Welt entdeckte nur zu bald die schönen Pläne der Alleinseligmacher und ihrer getreuen Helfer, die sich von den Alleinseligmachern die goldensten Berge versprachen, und erhob sich allerorts und übt nun noch die Vergeltung in den meisten echt katholischen Orten und Punkten aus. Und so ersiehst du hier auf dem Tisch das arge Symbol: eine umgestürzte Tiara, deren Reiche noch innen bluten und sich bald verbluten werden. Wohl sucht die Hierarchie es zu verhüten, dass ihr äußeres Ansehen nicht möchte befleckt werden von ihren inneren Gräueln, aber es wird ihr all diese ihre Mühe nun nichts mehr nützen. Denn siehe, darum habe Ich ihren inneren Gehalt durch die Umkehrung der Tiara nun aller Welt gezeigt; und sie kann nun tun, was sie will, so wird sie ihre Krone nicht mehr aufrecht stellen können und wird sich in sich selbst zerstören und aufzehren! Verstehst du nun die Sache schon etwas besser?“
RB|1|89|11|1|(Am 14. Juni 1849)
RB|1|89|11|0|Spricht die Helena: „O Du, mein Herr, und Du, mein Gott! Ich verstehe die Sache nun wohl schon ein wenig besser; aber vom vollkommenen Verstehen ist noch gar keine Rede; denn was eigentlich das Blut und die abscheulichen Würmer im Blut bedeuten und vorstellen, das wird wohl außer Dir niemand je vollends fassen und begreifen können!? Wenn Du es mir aber etwas näher bezeichnen möchtest, da freilich würde ich es dann auch sicher besser verstehen! Sei so gnädig und sage mir auch nur ein paar Wörtlein darüber!“
RB|1|89|12|0|Rede Ich: „Nun ja, so höre denn! Siehe, das Blut, das da nach innen gerade aus jenen Stellen fließt, wo nach außen die Edelsteine, die da alle Reiche und Regierungen vorstellen sollen, angebracht sind, bedeutet die tyrannische Herrschgier, die nach außen hinaus auch vollste und glänzendste Freiheit und gleiche Berechtigung aller Stände vorschützt, in sich selbst aber ist sie Rache und Blutgier, der zufolge jeder über die schärfste Klinge springen soll, der nicht bei jeder Gelegenheit den Vorteil des alleinigen Tyrannen in die vollste Berücksichtigung zöge! Denke zurück an die Zeit der Inquisition und von da weiter bis auf diese Zeit, und du wirst es mit großer Leichtigkeit ersehen, wie in den Eingeweiden der Hierarchie nichts als der Hass, der heilloseste Zorn, Gericht, Verfolgung aller Art und Mord und Blut gehaust hat und nun noch haust und einer starken Pest gleich grassiert, wenn schon nicht so sichtlich in der Tat (weil dazu die Kräfte erlahmt sind), aber dafür desto ärger im geheimen Wollen und sehnlichsten Wunsch!
RB|1|89|13|0|Wenn du das so recht durchdenkst, so wirst du gar sehr leicht begreifen und fassen, was so ganz eigentlich das Blut in der Tiara bedeutet!? Das Gewürm aber, das das Blut fleißig verzehrt und das dadurch so viel als nur immer möglich den Augen der blinden Völker entzogen wird, sind die allerekelhaftesten, selbstsüchtigen Kriecher, Speichellecker und Augendiener unter jeder menschlichen Amts- und Beschäftigungsform. Diese Wesen sind in jeder Menschengesellschaft die allerverantwortlichsten, und haben keine Liebe weder zu denen, vor denen sie kriechen, und noch weniger zu denen, deren Speichel sie mit ihren Natternzungen vom Staub der Erde auflecken. Sie sind die barsten Feinde aller Menschen und lieben niemanden als bloß allein sich selbst; daher es denn auch geschieht, dass sie diejenigen, für die sie alles zu tun vorheucheln, wenn sich nur irgendein Vorteil herauskalkulieren lässt, am ersten und schmählichsten verraten. Denn der einmal ein Verräter ist, der ist und bleibt einer, ob rechts oder ob links, das ist ihm gleich, wenn es ihm nur einen Gewinn abwirft! Und siehe, so steht es nun auch mit der Römerin. Sie liebte die Gleisner, die Heuchler, die Angeber, die Ohrenbläser, die Augendiener, die Denunzianten, die Spione und alle, die geschickt lügen konnten und dabei recht herz- und gewissenlos allerlei frömmlich aussehende Betrügereien erfinden mochten. Und siehe, nun werden das gerade ihre ärgsten Richter werden und werden an ihr die treulosesten Verräter machen! Ein großer Teil, und zwar in Rom selbst, hat schon das Seinige getan. Und in Kürze werden es auch andere Rom treulichst nachahmen; ja dasselbe sogar bei Weitem übertreffen!
RB|1|89|14|0|Nun, Meine Allerliebste, verstehst du jetzt das Blut und das Gewürm schon etwas besser? Ja, du verstehst es; aber du hast noch das eine siebenköpfige Tier vor dir! Ja, ja, das soll dir auch durch eine neue Erscheinung klar gemacht werden.
RB|1|89|15|0|Sehe nun dahin, wo das sonderbare Gefäß steht, gebe aber genau auf alles Acht, was sich dir zeigen wird, und beschreibe es vor dieser ganzen Versammlung, wie auch was sich nebenbei ergeben wird! Aber recht sehr genau musst du auf alles Acht geben.“
RB|1|90|1|1|Weiterentwicklung des Sinnbildes der Weltgräuel.
RB|1|90|1|0|Die Helena betrachtet nun das vor ihr stehende Gefäß und ersieht gar bald, wie aus dessen Mitte ein Thron emportaucht, auf welchem ein Herrscher in Gold und Purpur gekleidet sitzt. Als sie dieser Erscheinung ansichtig wird, da erschrickt sie förmlich und spricht dann etwas ängstlich und befangen: „O Herr! Du liebevollster Heiland aller Menschen! Da, da sieh einmal her! Auf einem Thron sitzt dir ein Herrscherchen mit einer so entsetzlich hochmütigen Miene, dass man bei seinem Anblick schon ein förmliches Fieber bekommen muss! Ah, ah, das ist aber ja doch entsetzlich, was das doch für eine allerhochmütigste Physiognomie ist!
RB|1|90|2|0|Nun tauchen aus dem Gefäß eine Menge feingekleideter menschlicher Wesen auf und verneigen sich bis auf den Boden vor dem Herrscherchen; und dieses misst sie übermächtig stolz mit seinen echten Basiliskenaugen, dass sie alle beben vor seinem Angesicht. Und siehe, die nun am meisten beben und sich am meisten bücken, werden nun von dem Herrscherchen näher an den Thron berufen und werden mit Orden beteilt; denjenigen aber, die weniger beben und sich nicht so gar tief bücken, wird ins Angesicht gespuckt und darauf bedeutet, sich alsogleich vom Thron zu entfernen! Diese ziehen sich nun ganz demütigst zurück und werden bei ihrem Rückzug noch obendrauf von den mit Orden Beteilten mit aller Verachtung begleitet! Aber nun gibt das Herrscherchen auch den mit Orden Beteilten einen Wink, sich zu entfernen vom Thron, und siehe, als sie sich unter tausend Verneigungen entfernen und dem Herrscherchen den Rücken zuwenden, da flucht er ihnen nach und bespuckt ihren Gang! Nein, ist aber das doch ein unendlich hochmütiger Kerl von einem Fliegenkönig!
RB|1|90|3|0|Aber was sehe ich, der Raum um des Königs Thron wird nun immer größer und weiter. Und ich sehe eine große Menge Miniaturmenschen, die sehr armselig aussehen; und zugleich aber bemerke ich auch alle die früheren Bücklingshelden unter ihnen, aber nun mit ganz andern, herrschend aussehenden Gesichtern, als wie sie ehedem vor dem König zu ersehen waren. Und die Armen müssen sich vor ihnen ganz entsetzlich beugen; und einige müssen sich ganz geduldig auf den Boden hinlegen, auf dass die Bücklingshelden desto bequemer auf deren Köpfen herumsteigen können! Und einige, die dabei weh geschrien haben, werden sogleich von Häschern gebunden und in ein Loch, das sehr finster ist, hineingeschoben! Und, oh, oh, siehe, siehe, einige werden darum sogar aufgehängt! Ah, ah, no, das geht ja gar nicht übel!
RB|1|90|4|0|Da bemerke ich aber nun auch soeben ein Häuflein Menschen, die nahe ganz zertreten sind und aus gar vielen Wunden bluten. Diese bewegen sich unter großem Beben zum Thron hin und wollen um Einsichtnahme ihrer Gesuche den König bitten und um Abhilfe von solchen Bedrückungen; es wird dem König gemeldet, und dieser spricht zu seinen Dienern: Bei eurem Leben, dass mir keine solche gemeinste Kanaille vor den Thron kommt! Und die Diener sagen zu den Hilfesuchenden: Der König sei nun übel gelaunt, darum da niemand vorgelassen werden kann. So euch aber was fehle, da sollt ihr zu seinen Beamten gehen und ihnen euer Anliegen kundtun, und diese werden es dann schon wissen, was da zu tun sein wird, und werden danach ihr Amt handeln!? Da sprechen die Hilfesuchenden: Aber über diese wollen wir ja eben beim König Klage führen! Denn sie sind es ja, die uns gar so schmählich zertreten! Da spricht ein Königsdiener: Sooooo! Ah, ist es um diese Zeit! Ja das ist freilich ganz was anderes. No wir werden das schon machen! Geht jetzt nur ganz ruhig nach Hause und lasst das Weitere uns über; wie gesagt, wir werden die Sache schon machen! Aber eure Namen und euren Aufenthaltsort müsst ihr mir ganz getreu angeben, sonst wüssten wir ja nicht, wem und wo wir helfen sollen!? Die Armen geben dem Diener Schriften, und dieser empfängt sie wie mit einem rechten Wohlwollen. Als aber die Armen sich nun wieder entfernen in der besten Meinung, dass ihnen geholfen werde, wird sogleich ein Eilbote an die Beamten abgesendet mit der Weisung, benannte Untertanen, die noch Kraft genug besäßen, um zum Thron klagen zu gehen, noch mehr zu zertreten, damit sie in der Zukunft vor gerecht großer Schwäche sich nicht so leicht wieder erheben möchten, um irgend was immer für Klagen vor des Königs Thron zu bringen, dem auf der ganzen Welt nichts verhasster ist als das gemeine Bestienvolk! Und siehe, es wird daheim nun getreulich befolgt, was des Königs erster Diener befahl! Ah, ah, das ist aber doch zu schmählich, zu elend und niederträchtig! Der Diener berichtet nun solches dem König, und dieser belobt ihn sehr und erteilt ihm einen Orden!
RB|1|90|5|0|O Herr! So können doch wahre Könige nicht sein, sondern das müssen Usurpatoren sein, deren Herz und Gehirn der Satan ganz in den Beschlag genommen hat?“
RB|1|90|6|0|Rede Ich: „Ja, ja, du hast recht; das sind Usurpatoren, anfangs Volksbeglücker, aber gleich darauf echte Teufel! Schaue nur noch weiter; die Sache ist noch nicht aus. Wenn du alles wirst gesehen haben, dann erst werde Ich dir den rechten Sinn kundtun!“
RB|1|90|7|0|Spricht weiter Helena: „Ah, ah, was zeigt sich denn da schon wieder Neues?! Sieh, sieh, o Herr! Ich ersehe nun eine Menge der sonderbarsten Wölfe! Äußerlich sehen sie aus, als wären sie Menschen mit langen schwarzen Kleidern; aber sie sind es keineswegs, denn innerhalb der Kleider steckt, statt eines Menschen, ein reißender Wolf, der, obschon er ohnehin schwarz bekleidet ist und übers Gesicht eine Menschenlarve trägt, noch zum größten Überfluss zur Bergung seiner bestialischen Natur in einem Schafspelz steckt! Wie zart und sanft diese anscheinenden Menschen umgehen mit allen anderen Menschen, mögen sie hoch oder nieder sein! Aber hinterher ziehen sie die Menschenangesichtslarve von ihrem Wolfsrachen und fletschen ganz entsetzlich mit ihrem mörderischen Gebiss nach den Nacken der vor ihnen her wandelnden Menschen! Ah, ah, das sind ja doch ganz entsetzlich fürchterliche Wesen! Und da sieh, da sieh! Hinter dem Thron des Königs und auch vor dem Thron desselben stehen dicht aneinandergereiht solche Wesen! Die vorderen tragen auf purpurnen Polstern die schönsten Kronen und Zepter und machen die tiefsten Verbeugungen vor dem Thron. Und der blinde König (d. h. geistig blind) betrachtet das mit wohlgefälligen Augen und hat eine große Freude an diesen Thronumlagerern, unter denen ihm einige auch ganz neuerfundene Kriegswaffen präsentierten, die der König mit großen Freuden annimmt.
RB|1|90|8|0|Aber hinter dem Thron fletschen dieselben Wesen gräulich mit ihren Zähnen. Und an der Stelle der Kronen und Zepter und Waffen tragen sie auf ihren Händen schwere Fesseln und Ketten und Geiseln aus glühenden Schlangen! O König, o König, stehe auf vom Thron, diesem Sitz des Neides und des Hasses, und besehe deine verkappten Freunde, die dir frech mit Wort und Tat ins Angesicht lügen, hinter deinem Rücken aber deine ärgsten Feinde sind!
RB|1|90|9|0|O Herr, o Herr! Warum hat denn Deine unendliche Güte und Weisheit auch solche arge Wesen werden lassen?! Wäre es denn nicht besser, so es außer Dir gar kein Wesen gäbe, als dass es unter den vielen guten Wesen, die aus Dir sind, auch solche gibt, die doch unmöglich aus Dir sein können, wie sie sind!?“
RB|1|91|1|1|Grund der Nachtseite des Lebens. Gegensätze notwendig für geistige Freiheit. Gleichnis vom brennenden Haus.
RB|1|91|1|0|Rede Ich: „Ja, du Meine allerliebste Helena, das kannst du nun freilich noch nicht einsehen, warum es auch solche Wesen gibt und auch geben muss; aber mit der Zeit der Geister wirst du das schon alles noch in aller Fülle der Klarheit einsehen. Damit du aber dennoch etwas ruhiger wirst, so will Ich dir einige natürliche Beispiele zur Erläuterung dieser dich gar so störenden Sache vorlegen, und so höre!
RB|1|91|2|0|Siehe das Feuer! Welche zerstörende Kraft liegt nicht in diesem fürchterlichen Zornelement, wenn es nicht sorglichst gehütet und verwahrt wird, wo man sich seiner bedient! Welche Zerstörungen richtet es an! Und siehe, doch gibt es keinen größeren Wohltäter der Menschheit, als eben das Feuer, so es weise gebraucht wird!
RB|1|91|3|0|Sieh an das Wasser, wie schrecklich tobt und würget es, wo es, entfesselt, sich über Täler und Flure erhebt! Sollte Ich es aber darum nicht erschaffen haben, oder soll Ich es nun vernichten, weil es in seinem entfesselten Zustand so verheerend wirkt und dem irdischen Menschen Tod und Verderben bringt?! Sage, könnte wohl die Erde selbst und alles, was sie trägt, ohne Wasser bestehen?!
RB|1|91|4|0|Betrachte ferner die natürliche Schwere der naturmäßigen Körper! Welche Verheerungen richtet nicht eine von hohen Bergen herabstürzende Lawine an! Und wie erschrecklich ist ein schwerster Bergsturz selbst; er begräbt Menschen samt allen ihren Habseligkeiten schonungslos. Wo ein Fels niederstürzt, da zermalmt er durch seinen Fall alles, was er berührt! Wäre es denn nicht besser, so Ich die ganze Erde so leicht wie eine Federflaume geschaffen hätte? Freilich würde dann sogar eine Fliege ein ganzes Gebirge mit der größten Leichtigkeit davontragen, und der Mensch könnte dann mit der Erde spielen wie Kinder mit einem Ball. Aber wer würde dann die Erde fest zusammenhalten? Wie könnte eine Frucht aus ihr erwachsen? Und wie könnten sich Menschen und Tiere und Pflanzen ohne Schwere auf der Erde Boden erhalten?! Du ersiehst hieraus wieder, wie nötig diese schlimme Eigenschaft allen Körpern ist, so sie ein Dasein haben sollen!
RB|1|91|5|0|Wie aber all das Angeführte in der Natur nötig ist, damit sie das ist, was sie sein muss – ebenso müssen im Geiste Gegensätze zum Guten und Wahren da sein, damit eben der Geist durch diese feindlichen Gegensätze das wird, wozu er von Mir aus bestimmt ist, nämlich zur vollkommensten, ewigen Lebensfreiheit. Denn ohne Zwang gibt es keine Freiheit, und ohne Freiheit keinen Zwang. Alle Freiheit muss daher aus dem Zwang, welcher da ist eine gerichtete, ewige Ordnung, hervorgehen – so wie der Zwang selbst aus Meiner urewigen Freiheit!
RB|1|91|6|0|Und so ersiehst du hier auch solche Erscheinungen, die an und für sich wahrlich sehr arg sind, aber durch eine gewisse Periode zur Gewinnung und Erhaltung der geistigen Freiheit ebenso notwendig sind, wie auf der Erde etwa ein starker Blitz und Hagelsturm zur Erzeugung und Erhaltung der Lebensluft und zur Zerstörung aller schädlichen und tödlichen Dünste, die durch die manchmal nötige große Erwärmung des Bodens der Erde aus ihren Eingeweiden hervorgelockt und -getrieben werden! Ich sage es dir, dies alles ist also nötig, und eines bedingt das andere.
RB|1|91|7|0|An uns aber liegt es, die nötigen verschiedenen Elemente, so sie sich irgend zu sehr in ihrer spezialen Eigentümlichkeit für sich herauszustellen anfangen, weise in ihre nötige Ordnung wieder zurückzuführen. Haben wir das unter der nötigsten und weisesten Vorsicht getan, dann wird alles wieder seinen ganz geregelten Gang gehen und die besten Früchte tragen!
RB|1|91|8|0|Ein brennendes Haus weise löschen, ist ein gutes Werk; aber das Haus darum ganz vom Grund aus samt dem Feuer zerstören, wäre doch gewiss nicht weise; es müsste denn dadurch nur eine ganze anstoßende Häuserreihe gerettet werden können. Also muss man dem Wasser Dämme und der Schwere gehörig starke Stützen stellen und nach einem großen Sturm die Erde frisch wieder bebauen, so kommt dann alles wieder ins rechte Gleis. Aber alles mit einem Streich lösen wollen, hieße alles vernichten!
RB|1|91|9|0|Nach dem kannst du nun dem, was noch kommen wird, schon etwas ruhiger zusehen! Und so betrachte die Erscheinungen nur wieder ganz ruhig weiter!“
RB|1|92|1|1|Fortsetzung der sinnbildlichen Erscheinungen. Kampf der sechs Tiere. Wirkung auf die Wolfsmenschen und den König.
RB|1|92|1|1|(Am 18. Juni 1849)
RB|1|92|1|0|Spricht die Helena nach einer kurzen Pause weiter: „Hm, hm, 's ist aber doch sonderbar! Diese sonderbaren Wesen mehren sich wie der Sand des Meeres um den Thron, und kaum können des Königs erste Diener sich durch die starken Massen hindurcharbeiten! Ich sehe, dass sie von den Wolfsmenschen zuvor unterwiesen und sogar bestochen werden, um ihnen nur den König gehörig bearbeiten zu helfen! Es wird nun auch sehr finster um den Thron, sodass man nur noch mit Mühe etwas ausnehmen kann; und diese starke Dunkelheit scheint ganz allein von diesen Wolfsmenschen auszugehen; aber ihre Augen leuchten dennoch stark, und wohin sie ihre Blicke wenden, da werden die Gegenstände erleuchtet, insoweit aber nur, als es diese sonderbaren Wesen wahrscheinlich zu ihrer eigenen Instruktion benötigen.
RB|1|92|2|0|Aber nun sehe ich im Hintergrund ein gar sonderbares Wesen, es sieht einem Ochsen gleich; und ein anderes, einem Löwen ähnlich, taucht soeben hinter dem Ochsen auf und will den Ochsen verschlingen. Aber hinter dem Löwen taucht soeben wieder ein anderes Wesen auf, das da einem Rhinozeros ähnlich sieht; und da es ganz gewaltig gepanzert ist, so bemüht es sich nun, den Löwen samt dem starken Ochsen zu erdrücken. Der Löwe, der früher den Ochsen zu verschlingen drohte, macht nun freundliche Gemeinschaft mit demselben und bemüht sich, des Nashornes sich zu entledigen. Ah, ah, das sind doch sonderbare Erscheinungen! Und siehe, siehe nun kommt schon ein viertes Wesen hinzu! Und, o weh, o weh! Das ist ja eine ungeheure Riesenschlange! Diese umschlingt nun die drei kämpfenden Wesen und fängt nun an, sie ganz erbärmlich zusammenzudrücken! Ochse, Löwe und Rhinozeros strengen alle ihre Kräfte an, um sich der mächtigen Schlange zu entledigen; aber ihre Mühe scheint eine vergebliche zu sein. Trotz ihrer großen Mühe und Anstrengung zieht die Schlange ihre Ringe immer enger zusammen; und aus dem Gebrüll entnehme ich, wie eng es nun den dreien gehen mag! Aber merkwürdig ist es, dass diese Wolfsmenschen darüber ganz freundliche Miene machen und an diesem Kampf ein großes Wohlgefallen zu haben scheinen!?
RB|1|92|3|0|Aber, ah, ah, ah, nun kommt schon wieder ein neues Tier hinzu! Es ist ein ungeheurer Riesenaar! Dieser stürzt sich nun auf diesen Vier-Tiere-Knäuel herab, packt ihn mit seinen übermächtigen Krallen, breitet nun seine großen Flügel aus und hebt den ganzen Knäuel in die Höhe. Die Schlange, deren geringelter Leib zum größten Teil von den Machtkrallen des Riesenaars durchstochen ist, will sich nun losmachen; aber die Ringe sind durch des Aars Krallen so fest aneinandergeheftet, dass da all ihr Mühen rein fruchtlos erscheint! Die drei früheren Tiere unterstützen nun nach Möglichkeit die Schlange; aber des Aars Krallen sind zu mächtig und geben nicht um ein Haarbreit nach, und höher und höher erhebt sich der mächtige Aar mit seiner Beute! Mehr im Hintergrund ersehe ich nun eine Art Wüste an einem Strom, und gerade auf diese Wüste steuert der Aar mit seiner Beute zu. Nun setzt er sich, seine Beute noch stets mit gleicher Kraft festhaltend, auf diese Wüste nieder und macht nun Miene, seine Mahlzeit zu beginnen!
RB|1|92|4|0|Aber da sehe ich nun einen Alligator rasch dem Strom entsteigen und dem fetten Knäuel zueilen. Jetzt ist er schon dabei! Die Schlange streckt ihm ihren Kopf mit weit geöffnetem Rachen entgegen, und der Alligator begrüßt auf gleiche Weise die Schlange und verbeißt sich nun in ihren Unterkiefer. Der Aar will mit seiner Beute weiterfliegen; aber der Alligator hindert ihn. Nun lässt der Aar all seine Beute los und setzt sich auf den Rücken des Alligators und haut mit seinem Schnabel in die Augen desselben, denen er aber dennoch, wie ich's merke, keinen Schaden zufügen kann. Dabei aber werden die drei ersten Tiere ihrer engen Haft los und rennen nun auseinander und weit von dannen.
RB|1|92|5|0|Aber nun sehe ich ein Ichneumon hastig dem großen Alligator zutrippeln, der noch immer die Schlange festhält. Der Alligator ersieht und verspürt nur zu geschwind seinen ärgsten und unbesiegbarsten Feind, lässt sogleich die Schlange los, die vor Schmerz sich windend, den Staub der Erde aufwühlt und sich endlich in selben verkriecht. An der Kampfstelle bleibt bloß der Aar, wie es scheint, mit einem sehr hungrigen Magen. Das Ichneumon aber verfolgt den Alligator bis zum Wasser und starrt da in die Wogen hinein, die der Alligator mit seinem Hineinsturz bewirkt hatte.
RB|1|92|6|0|Der Aar ersieht nun das Ichneumon, erhebt sich und will es als eine kleine Fressbeute fangen; dieses aber entwischt des Aars Appetit in eine Bodenöffnung, und der mächtige Aar fliegt nun ohne alle Beute davon, gleich wie früher die anderen Tiere ganz unverrichteter Dinge bloß mit einigen Quetschungen entflohen sind. Nur die Schlange scheint am meisten gelitten zu haben, ob sie der Sand wieder heilen wird, ist eine große Frage?! Ob aber das Ichneumon irgend seine Rechnung finden wird, darum es diese feindliche Gruppe auseinanderbrachte, das wirst Du, o Herr, sicher am allerbesten wissen!
RB|1|92|7|0|Nun sehe ich aber auch, dass die sehr zahlreichen Wolfsmenschen anfangen, sehr lange und sehr verlegene Gesichter zu bekommen; ja, man kann es aus ihren Bewegungen leicht entnehmen, dass sie mit solcher Lösung des bestialischen Kampfknotens durchaus nicht zufrieden sind! O das ist schon recht und gut; denn diese selbst überbestialischen Menschen sind mir noch viel zuwiderer als die früheren reinen Tiere in ihrem Naturkampf, denn dieser ist begreiflich; aber diese Bestialmenschen sind mir unbegreiflich und zugleich auch nahe vollkommen unerträglich.
RB|1|92|8|0|Der König auf seinem Thron bekommt nun auch Zuckungen, als ob er an einer Nervenschwäche litte. Die Sache scheint ihm auch nicht zusammenzugehen!? Ja, ja, es wird nun wohl manchem König auf der Erde nicht zusammengehen! Aber was will, was kann er machen? Hat er noch irgendeine Macht, so wird er mit ihr sicher das Äußerste wagen, um sich durch sie auf seinem Thron zu erhalten. Hat er aber keine, so wird er sicher auch eher gehen, als er sich mit seinem Volk einen wird, durch Sanftmut, Liebe und Geduld! Der sich aber behaupten wird, dem wird es wahrscheinlich so gehen wie dem Aar, dass er nämlich eine sehr bedeutende Erleichterung in seinem Magen wahrzunehmen wird anfangen! Denn das Geld werden seine Soldaten verbrauchen, und seine Untertanen werden am Ende nur mit ihrem Leben ihre Steuern ihm entrichten können.
RB|1|92|9|0|O Herr, siehe, die ganze Erscheinung fängt nun an zu schwinden, und ich muss es Dir offenherzig bekennen, dass mir durch sie jenes rätselhafte Tier mit sieben Köpfen noch nicht klar werden will. So es denn doch Dein heiligster Wille wäre, da könntest mir Du davon wohl eine kleine Enthüllung machen!“
RB|1|92|10|0|Rede Ich: „Höre du Meine Geliebteste, nicht Ich, sondern – da alle diese unsere Tisch- und Ratgäste die Erscheinung von Zug zu Zug mit angesehen haben, so werden wir darob gerade den Robert ansprechen und ihn vernehmen. Warum sollen denn gerade wir beide allein alles besprechen? Die anderen haben ja auch einen Mund und eine gute Zunge! Also sollen sie auch etwas von sich geben! Und so denn erläutere du, Robert, der lieben Helena das, was sie noch nicht begriffen zu haben vorgibt! Und so denn rede du, Mein Robert!“
RB|1|93|1|1|Robert erklärt das Geschaute. Wesen der Eigenliebe und der reinen Liebe. Der unwandelbare Gotteswille. Die alte Prophezeiung der Indier.
RB|1|93|1|1|(Am 21. Juni 1849)
RB|1|93|1|0|Auf diese Meine Aufforderung erhebt sich Robert und spricht: „O Herr, Du Liebe der Liebe, Du Freund der Elenden, Du Weisester unter den Weisesten aus Dir! Es ist die ganze Sache in ihrer Erscheinlichkeit zwar schon ohnehin so klar dargestellt, dass nun daran wenig mehr zu erläutern sein wird; aber indem die allerliebste Helena im Fach der Entsprechungen sich noch nicht jenen notwendigen Grad hat aneignen können, durch den ihr solche Erscheinungen in dem, was sie vorstellen, beschaulich verständlich sein möchten, so ist es freilich wohl nötig, ihr diese Sache etwas klarer zu machen!
RB|1|93|2|0|Und so sehe denn, du allerliebste Schwester Helena – das alles, was du nun gesehen hast, stellt im Allgemeinen den Hochmut dar, welcher ein Geist aus dem Geiste der durch sich selbst bedungenen Verworfenheit ist. Vor dem Fenster dort siehst du kämpfen, und den harten Kampf durchwehte gegenseitiger Verrat; siehe, das ist alles ein Werk des Hochmuts, dessen Geburtsstätte die Selbstliebe ist. Wie aber die reine Gottes- und Nächstenliebe der Grund alles Heils und aller Glückseligkeit ist, und aller Eintracht und Einigkeit; ebenso ist die Eigenliebe ein Hass alles dessen, was ihr naht, und somit der Grund aller Verfolgung, Verachtung dessen, das sich irgend dieser bösen Eigenschaft eines verworfenen Lebens entgegenstellen will.
RB|1|93|3|0|Die reine Liebe gibt alles, was sie hat. Und dennoch kann sie ewig nicht ärmer werden, sondern nur reicher und mächtiger; denn so sie gibt, da empfängt sie tausendfach wieder von Tausenden, was sie gegeben hat. Die Eigenliebe aber verliert stets im tausendfachen Maße, was sie nimmt, stiehlt und raubt. Denn da sie in sich keine Kraft und Macht hat, so muss sie, wenn heimlich darob auch fluchend, andere Kräfte durch allerlei sich selbst verarmende Mittel zu Hilfe nehmen, durch die sie auf der Welt wohl eine Zeit lange sich in einem gewissen Scheinglanz in einer gleichen Scheingröße erhält. Weil aber solch eine Glanz- und Größeerhaltung mit der Zeit stets mehr und mehr kostet, so verarmt sie endlich ganz und gar, wo sie sich dann wie ein hungriger Wurm eine Zeit lang krümmt, bäumt und windet; aber es nützt ihr das wenig mehr, außer zur Beförderung ihres vollen Unterganges!
RB|1|93|4|0|Wer führt sonach Krieg? Siehe, die Eigenliebe, als die Mutter des Hochmuts und der Herrschsucht! Und wer setzt sich ihr entgegen und bekämpft und besiegt sie? Siehe, die rechte Macht der reinen Liebe, die da ist eine Gerechtigkeit und ein rechtes Gericht aus Gott! Wohl bietet die Eigenliebe des Feindes alle erdenklichen Mittel auf, um sich zu erhalten und Rache zu nehmen an der Gerechtigkeit Gottes; aber das nützt ihr nichts, weil sie sich dadurch gewaltigst schwächt an allen Enden und Punkten. Während in gleichem Kampf die reine Liebe nur mächtiger und mächtiger wird nach jedem Schlag!
RB|1|93|5|0|Die Erscheinung mit der umgestürzten Tiara, die aus einer Sumpfpflanze entsteht, zeigte klar, wessen Grundes alle irdische Herrlichkeit ist, und dass du sie verkehrt am Ende auf einem Dreifuß rasten sahest, stellte das klare Verhältnis dar, in welchem sich alle irdische Macht, Pracht, Glanz- und Herrschgröße gegen das rein Himmlische befindet. Der Dreifuß aber stellt die schwachen Stützen dar, auf denen alles das beruht, nämlich auf der Eigenliebe, welche ist der Reif des Dreifußes; die Füße aber sind Falschheit, List und Trug. In der Tiara sahst du Blut und schändliches Gewürm; das Blut und das kleinere Gewürm sind dir erklärt worden. Nur das siebenköpfige Tier, das dir der Herr durch die weitere Erscheinlichkeit näher enthüllt hat, ist dir noch etwas dunkel geblieben. Du darfst aber nur nach dem dir bereits gezeigten Maß kalkulierend vorgehen, das heißt: nach dem Maß der Entsprechungen – so wirst du gar leicht zur vollwahrsten, beschaulichen Erkenntnis dessen gelangen, was dies Bild besagt! Versuche es nur, wir alle werden dir darin helfen!
RB|1|93|6|0|Und hast du das entziffert, so wird auch der Herr das Seinige tun! Ja, ich sage es dir, wie ich es sehe, es hängt nun von dem ab, wie du in deiner großen Liebe die Sache erfassen wirst, denn wie du und wie wir, mit dir übereinstimmend, die Sache erkennen werden, also will und wird der Herr handeln! Daher mache nun deine Sache nur recht gut; denn es hängt nun das Heil der Welt an deiner Erkenntnis und an deiner Zunge!“
RB|1|93|7|0|Die Helena erstaunt sehr darüber, als ihr der Robert das kundgibt, dass nun das Heil der Welt von ihrer Erkenntnis des siebenköpfigen Tieres abhänge!? Sie wendet sich daher sogleich wieder an Mich und fragt, sagend: „O Herr, Du meine alleinige himmlisch-süßeste Liebe! Sollte denn das wohl wahr sein, was der weise Robert mir soeben eröffnet hat?!“
RB|1|93|8|0|Sage Ich: „Allerdings! Siehe, in irgendeiner ältesten Prophezeiung, die sich in den Händen der Indier als den ältesten Völkern der Erde befindet, heißt es ja: ‚Siehe, du sündiges Menschengeschlecht! Ein Weib war es, das die Welt ins Verderben stürzte! Und wieder wird es dereinst geben ein Weib, aus dem der Welt eine große Gnade wird gegeben werden. Und am Ende wird es wieder geben ein Weib, durch das die Welt soll gerichtet werden; aber es wird bei dem Weibe stehen und abhängen von seiner Erkenntnis ob zum Leben oder ob zum Tode!‘ – Und siehe, du bist wie zufällig gerade dasjenige Weib, von dem diese nun angeführte urälteste Offenbarung spricht! Daher mache deine Sachen nun gut, sonst wird es der Erde schlecht ergehen.“
RB|1|93|9|0|Spricht die Helena: „Ach, ach! O jemine, jemine! Jetzt wäre ich so ein merkwürdiges Weib!? Ach nein, ach nein, das kann ja doch unmöglich sein! Das wäre für mich auch keine Seligkeit, wohl aber eine große Pein! Daher erlasse mir, o Herr, diese Erkenntnis, für die ich wahrlich nicht bürgen könnte, ob sie gut oder schlecht ausfiele!“
RB|1|93|10|0|Rede Ich: „Meine allerliebste Helena! Meine große Liebe zu dir kennst du bereits; aber auch das weißt du, dass bei Mir, namentlich hier im Reich des Lebens, des Lichtes und der ewigen unverrückbaren Wahrheit, durchaus nichts mehr von dem herabgehandelt werden kann, was Ich einmal ausgesprochen habe! Und daher wirst du schon das tun müssen, was Ich nun von dir verlangt habe! Denn sieh, so Ich in Meinen Aussprüchen und Bestimmungen nachlässig wäre, welch eine Ordnung und welch ein Gesicht würde ehestens die ganze Schöpfung bekommen?! Siehe, so Ich nur einen Augenblick nachließe, alles Geschaffene in Meiner endlos großen Idee unverrückt festzuhalten, so ginge alles aus den Fugen, und alle Gestaltungen und Formen würden zu wolkenähnlichen höchst veränderlichen und nur zu bald vergänglichen Zerrbildern werden! Aber weil Ich eben über alle deine jetzt noch zarten Begriffe im höchsten Grad unwandelbar bin, so bleiben alle geschaffenen Dinge und Wesen durch die ganze ewige Unendlichkeit auch stets das, als für was und wie sie einmal geformt worden sind.
RB|1|93|11|0|Wäre es dir recht, so Ich in Mir deine nun so schöne Form änderte und Mir an deiner herrlichen Form-Stelle z. B. eine Kuh dächte, wodurch du aber auch sogleich in eine Kuhgestalt umgewandelt würdest? Wie es aber dir erginge, so auch erginge es der ganzen Unendlichkeit, so Ich in Meiner alles gestaltenden und erhaltenden Idee und alles bestimmenden und leitenden Ordnung nur einen Augenblick nachlässig würde!
RB|1|93|12|0|Ich habe es aber nun wie auch schon vor gar langen Zeiten also für diese Zeit bestimmt und habe dich auserwählt! Daher musst du aus purster Liebe zu Mir denn auch das tun, was Ich von dir verlange. Dadurch wirst du dann erst vollends selbständig frei in all deiner Lebenssphäre dich gestalten und in der Folge, wie aus dir selbst hervorgehend, von aller fremden Einwirkung ledig und unabhängig dastehen können!
RB|1|93|13|0|Denn das alles, was Ich hier von euch verlange, geschieht nicht so sehr der materiellen Welt, die ohnehin im Gericht steht, als vielmehr euretwegen, damit ihr alle wahrhaft frei werdet und fähig zum Genuss der höchsten Wonne und Seligkeit. Wohl auch hängt in allem alles Weltgetriebe von hier ab, indem hier der Kern und die Wurzel alles Werdens und Seins sich befindet. Aber darum arbeiten wir hier dennoch nicht für die Welt, sondern für die Himmel!
RB|1|93|14|0|Und so denn fange du, Meine liebste Helena, nun nur an, mit dem, was dir der Bruder Robert gesagt hat!“
RB|1|94|1|1|Helena über das siebenköpfige Ungeheuer, den Tierkampf, die Wolfsmenschen und den König. Vorschläge zur Besserung der Menschen.
RB|1|94|1|1|(Am 23. Juni 1849)
RB|1|94|1|0|Spricht die Helena: „Ja, wenn die Sachen hier wie auch in der ganzen Unendlichkeit also stehen und sich verhalten, da freilich muss ich zu einer Erkenntnis schreiten, auf dass ja etwa nicht die ganze Schöpfung zugrunde gehe!? Aber Du, mein allergeliebtester Herr Jesus, ich werde wohl alles tun, was Du nur immer von mir verlangst; denn das gebietet mir nur mein allein Dich liebendes Herz. Aber ich meine, gar so enorm wird etwa das Wohl oder Wehe oder gar das Sein und Nichtsein der Erde von meiner Dummheit nicht abhängen!? Gelt, Du mein alleinigster Liebling, ein paar Sekunden lang könntest Du etwa dennoch wohl ohne meine Erkenntnis des abscheulichen Siebenköpflers die Erde und die ganze Unendlichkeit erhalten? Gar so streng wird hier die Geschichte ja doch etwa nicht sein?!“
RB|1|94|2|0|Sage Ich: „Ja, Meine allergeliebteste Helena, bei Mir ist alles mit der genauesten Haarwaage abgewogen; da leidet es in manchem wohl gar keinen Aufschub oder was immer für einen Stillstand! Freilich wohl kann Ich die ganze Schöpfung ohne deine Erkenntnis erhalten, dafür hast du keine Sorge zu tragen; aber, wie Ich dir's schon eher bemerkt habe – es handelt sich hier nicht so sehr um eine definitive Erhaltung des Alls, als vielmehr um die baldigste, himmlisch vollendete Freiheit aller derer, die hier in der jüngsten Zeit von der Welt her angekommen sind! Das musst du dabei so ganz eigentlich in eine rechte Berücksichtigung ziehen, und es wird dir dann ein Leichtes sein, dem nachzukommen, was Ich von dir verlange! Hast du das nun wohl verstanden?“
RB|1|94|3|0|Spricht die Helena: „Ja Herr, nun bin ich im Klaren! Und so will ich's denn mit Deiner Hilfe denn auch versuchen, wie ich mit dem abscheulichen Siebenköpfler werde zurechtkommen können.
RB|1|94|4|0|Wie ich es nun einsehe, so stellt dieses siebenköpfige Unwesen den eigentlichen Geist des Antichrist dar und beurkundet desselben Walten innerlich in seinem eigenen Unflat! Der Wurm stellt schon einmal für sich die große Schändlichkeit vor, die aus der Herrsch-, Hab-, Lug- und Trugsucht hervorgeht. Die sieben Köpfe sind gleich den sieben Hauptleidenschaften, aus denen die sieben Hauptsünden ihren Ursprung haben werden? Hochmut, Herrschgier, eifersüchtigster Neid, ein tödlicher Geiz, unversöhnlicher Hass, Verrat und endlich Mord! Aus diesen gehen hervor, Genusssucht, Fraß, Völlerei, Unzucht, Hurerei, gänzliche Nichtachtung des Nächsten, härteste Verfolgung dessen, was frei zu atmen sich getrauen sollte, vollste Scham- und Ehrlosigkeit, gänzliche Gewissenlosigkeit und endlich die vollste Missachtung und gänzliche Vergessenheit Gottes! Diese notwendigen Vorkommnisse aus den ersten sieben Hauptleidenschaften sind dann aber auch bei jedem Kopf ganz dieselben, wie solches auch aus den zehn gleichen Spitzen zu ersehen ist, die über jedem Kopf als stets die gleichen zu ersehen waren. Auf den Spitzen waren auch noch glühende Kronen ersichtlich, mit denen es (das Tier) das Blut verdampfen machte, so es zu gewaltig das Gefäß zu füllen anfing. Diese glühenden Kronen scheinen mir entweder die siebzig römisch-katholischen Könige zu sein nach der Sage, die mir einmal auf der Welt zu Ohren kam, dass nämlich der Papst über siebzig gekrönte Herrscher gebiete!? Aber dies kommt mir zu wenig haltbar vor, weil die Zahl der Regenten nicht stets dieselbe war und geblieben ist! Aber für mich einleuchtender scheinen mir die Glühkronen die Reife der Herrschgier, die vor Dir, o Herr, ein Gräuel der Gräuel ist, anzuzeigen, die sich nun sogar in die Herzen der Völker eingenistet hat. Aber noch klarer als das alles, scheinen mir diese Kronen die sogenannte Politik anzudeuten, die da als ein artig aussehender und viel verheißender Deckmantel erscheint, auf dass da ja niemand merken soll, dass sich innerhalb desselben eine scharfe und todbringende Spitze verbirgt. Will aber jemand den Deckmantel anrühren, so ist dieser glühend durch die Esse des Zornes im Herzen der Beherrscher der blinden Völker, dass sich gar leicht ein jeder weidlichst verbrennen muss, der es wagt, sich an dem Deckmantel zu vergreifen!
RB|1|94|5|0|Daher meine ich, man soll die Kronen weg, dann die Spieße weg, die sieben Köpfe weg, das ganze Tier weg, seine Helfer weg und die Tiara auch wegtun – und die Erde wird meines Erachtens dann nicht mehr durchs Blut waten müssen, um zu dem goldnen und wahren Frieden zu gelangen. Auch die Menschentiergefechte dürften sogestaltig zu den nicht mehr vorkommenden Dingen zu gehören anfangen!?
RB|1|94|6|0|Ich bin nun durchgehends der Meinung und von der Erkenntnis durchdrungen, dass da auf der Erde zwei Dinge geschehen müssen, so es auf ihrem Boden je friedlich aussehen soll. Entweder musst Du, o Herr, neun Zehntel der Menschen nahe plötzlich durch Deine Würgengel von der Erde nehmen und den Überbliebenen bessere Leiter geben, oder Du musst die Erde ums wenigstens Neunfache vergrößern und in einem jeden Land einen großen Berg von gediegenem Gold erstehen lassen. Denn nur durch die ungeheure, überall gleich verteilte Menge dieses Metalls, das sich aus der Hölle seinen Ursprung nimmt, wird der Wert desselben zu dem der gemeinsten Kalksteine herabsinken, dafür aber der Wert der Menschheit steigen, was denn doch endlich einmal bewerkstelligt werden soll! Denn was heißt denn das, so der Mensch, wie es jetzt stehet, durchaus keinen Wert hat für sich und aus sich allein, sondern lediglich nur nach der Menge des Metalls, dessen er sich habhaft gemacht hat durch alle Arten, Weisen und Wege, durch die es nur immer möglich ist, sich in den möglich reichsten Besitz dieses gelben Mittels alles irdischen Lasters zu setzen!? Also entweder Verminderung der Menschen oder bedeutendste Vergrößerung des Erdbodens nebst der ungeheuren Vermehrung des Goldes und Silbers – sonst wird es ewig nicht besser auf der Erde! Denn die Besitz- und Habsucht der Menschen muss zu einer gewaltigsten Übersättigung kommen in aller Allgemeinheit, sonst wird sie ihren Hochmut und ihre Eigenliebe, als die Quelle des Hochmuts und der Herrschgier, nimmer fahren lassen!
RB|1|94|7|0|Was nützt der Ochse (Volkskraft) mit seiner Stärke!? Was des Löwen (Dynastie) gewaltige Tatze!? Wozu dient des Panzertiers (absoluter, tyrannisch-despotischer Fürstendruck) rücksichtslose und unbeugsamste Schwere!? Welche Effekte zum Wohl der Menschheit werden aus der Gewalt der Schlange (geheime, alles umschlingende Inquisitionspolitik)? Was vermag der mächtige, freie Aar (sozialisches Freistaatentum)! Was die im Hinterhalt lauernde Großrache der krokodilartigen Reaktion!? Am Ende treibt die notwendig hinzukommende Armut der Allgemeinheit, das armselige und schwache Ichneumon, dennoch alles auseinander, und zwar mit vollends leerem Magen! Wozu war denn da ein solcher Kampf gut? Ist das Ichneumon am Ende gut, so sei es auch im Anfang?! Muss denn die Erde durchs Blut arm werden!?
RB|1|94|8|0|O Herr! Du allweisester und liebevollster Schöpfer, Lenker und Erhalter des Alls! Wir geschaffene Wesen beten und bitten wohl und raten hier vor Dir; aber, wie ich es nun stets gleich innewerde, in einer gewissen Hinsicht vergeblich! Denn wir können da raten und beten und bitten wie wir es nur immer wollen, so tust Du aber dennoch was Du willst und wie es Deine allein höchste Weisheit für gut und recht ersieht. Das ist aber eigentlich auch das vollkommen Beste bei der ganzen Sache; denn ließest Du unsere Urteile in den äußeren Naturangelegenheiten effektiv werden, da wohl wäre die gesamte Schöpfung im nächsten Augenblick ihres Daseins ledig! Aber Du, o Herr, bist überall des Grundes Grund, und Deine gesamte heilige Ordnung ist bei Dir ein leichter, wenn schon für uns Geschöpfe ein gehaltschwerster Gedanke. Daher meine ich nun, dass es nahe überflüssig sein dürfte, Dir noch mehr vorzuplaudern.
RB|1|94|9|0|Dass jene in der letzten Erscheinung vorkommenden Wolfsmenschen jenen höchst gleisnerischen Orden darstellten, den alle Welt bereits ganz einhellig gerichtet hat, und dass eben dieser, wie auch seine ihm verwandten Orden, auf der Erde die nahe allzeitig alleinigen Stifter alles Übels waren und nach nichts anderem so emsig trachteten, als nach der vollsten Alleinherrschaft über die ganze Erde, und aus diesem Grund auch alle Könige nach ihrer Pfeife tanzen machen wollten, das ist wohl so klar, dass darüber jede weitere Beleuchtung ganz rein überflüssig wäre.
RB|1|94|10|0|Der König, der von dem höchsten Gefühl des Herrschrechtes durchdrungen am Thron mit einer höchst gebieterischen Miene saß, scheint bloß ein sprechendes Symbol der Herrschmanie dieser gegenwärtig schlimmsten Zeit auf der Erde zu sein, wo nun ein jeder herrschen, aber niemand mehr gehorchen will, außer der Gehorsam trägt ihm große Interessen; ist dies nicht der Fall, da wird aus dem sonst gehorsamsten und untertänigsten Diener sogleich ein alle Regierungen hassender Demokrat oder ein sogenannter roter Republikaner, der die Menschheit allein durch die Vernichtung der Regenten glücklich machen will, hauptsächlich aber dabei seinen eigenen, leeren Sack recht weit auftut und die Goldfischlein in sein feines Netz zu ziehen festesten Willens ist! Diese Herrschmanie scheint jetzt das Ärgste zu sein, und nahe der alleinige, letzte Grund, der nun wie ein zweischneidiges Racheschwert alle Menschen bis zum glühendsten Hass entzweit!
RB|1|94|11|0|Ich sehe nun durchaus keine wahre Liebe mehr unter den Menschen. Keiner liebt den andern als Mensch und Bruder in Dir, o Herr, sondern pur nur als ein leidiger Interessent. Kann der A. vom B. irgendeinen Nutzen ziehen, sei es in was immer, so wird A. dem B. auch mit aller Freundlichkeit begegnen und ihn sogar lieben, so B. dem A. wirklich zu irgendeinem Vorteil verholfen hat. War aber der Herr B. das nicht imstande, so wird er für den A. nur zu bald ein Mensch von der größten, ja oft sogar verächtlichen Gleichgültigkeit werden, und ich möchte es dem B. ja nicht raten, in einem möglichen Notfall Hilfe zu suchen beim A., so dieser mittlerweile vermögend geworden wäre, dem verunglückten B. zu helfen. Denn der B. ist sein Freund nicht, weil er ihn nicht unterstützt hat, auch dann nicht, so es auch erweislich wäre, dass der B. ihn damals unmöglichst hatte unterstützen können! Hätte aber auch der B. den A. im Ernst unterstützt, sodass A. nachher zu großen Vorteilen gelangt wäre; käme aber dann B. in eine Verlegenheit und suchte beim A. eine Hilfe, so wird der vorteilsüchtige A. sicher unter höflichen Entschuldigungen sich nach Möglichkeit zurückziehen und sorglichst trachten, des lästigen B. loszuwerden! Siehe, Herr, so kenne ich die Menschen, und so sind sie zum größten Teil.
RB|1|94|12|0|Wie aber sind sie besser zu machen? Das ist eine Frage, die nur Du allein und sonst ewig kein geschaffener Engel effektiv beantworten kann. Da könnten wir raten, bis alle Sonnen möchten ausgebrannt sein, und der Erde und ihren blinden Menschen wäre dabei doch nichts geholfen! So aber Du nach Deiner geheimen, endlos mächtigen, gütigsten und liebevollsten Weisheit nur ein Wörtlein sprichst, so wird gesund die ganze Erde, wie einst des römischen Hauptmanns Knecht, für den sein Gebieter bei Dir um die Heilung bat! O Du mein süßester, gütigster, allerliebenswürdigster Herr und Gott Jesus, sei, sei doch so barmherzig und reinige die arme Erde von allem was Teufel heißt und teuflisch ist für ewig! Dein Wille geschehe!“
RB|1|95|1|1|Erklärung des Herrn über die Entwicklung selbständiger Wesen. Winke über die Wege und Schwierigkeiten, freie Menschen ihrer herrlichen Bestimmung zuzuführen.
RB|1|95|1|1|(Am 26. Juni 1849)
RB|1|95|1|0|Rede Ich: „Nun, nun, du Meine allerliebste Helena, sieh, du hast Mir nun ja einen allerbesten Rat gegeben, und es lässt sich alles recht sehr gut anwenden und bewerkstelligen! Wahrlich, dein Geschlecht kann sich mit dir große Stücke zugutehalten!
RB|1|95|2|0|Nur zwei Stücke waren etwas zu bunt! Und das ist, dass du auf der Erde entweder neun Zehntel der Menschen weggenommen sehen willst, oder die Erde vergrößert, und dass du alles Herrschertum auf der Erde weghaben möchtest! Siehe, das ist etwas hart und auf einem naturmäßigen Weg gar nicht auszuführen, sondern allein auf dem Weg des Gerichtes. Das Gericht aber ist der eigentliche Tod eines jeden Wesens, das es ergreift!
RB|1|95|3|0|Denn siehe, Ich bin allmächtig, und alles, was Ich Mir nur immer denke, das muss auch sogleich geschehen, so Ich es will. So Ich nun hier vor Mir eine Million Menschen haben wollte, so wären sie auch da. Sie würden sogar weise reden und handeln und so schön wie die schönsten Seraphim aussehen; ja sie würden dich sogar mit aller Liebe umfassen und dir dienen nach Herzenslust; und dennoch wären sie in sich selbst vollkommen tot! Denn siehe, alles, was sie täten und redeten, das täte bloß Ich und redete auch bloß Ich. Denn in ihnen wäre da kein anderes Leben, als welches Ich für die nach Meinem Wollen gerichtete Dauer haben wollte. Wollte ich aber dann diese ephemeren Menschen nicht mehr, so würden sie aber auch in einem Nu vergehen und nicht mehr da sein!
RB|1|95|4|0|Wollte Ich aber solche Menschen erhalten und sie in ein wirkliches, dir ähnliches, freies, freitätiges und von Meiner Allmacht durchaus unabhängiges wahres Leben versetzen, da müsste Ich Meinen in diesen ephemeren Menschen wirkenden Geist durch ein geeignetes Trennungsmittel von Mir ablösen und ihn dann in diesen Menschen binden und durch eine äußere, taugliche, materielle Umfassung gefangen nehmen, ihn sogestaltig Mir gegenüber zu einem förmlichen Objekt machen und solchem Verhaltungsgesetze geben und Gelegenheiten und Anreizungen zukommen lassen, durch die er in die Notwendigkeit gesetzt würde, entweder aus seiner freien, von Mir gänzlich abgelösten Erkenntnis- und Willenskraft nach dem gegebenen Gesetz oder auch wider dasselbe zu handeln. Das Gesetz müsste natürlich zweckmäßig und weise eingerichtet und sanktioniert sein, und zufolge der Sanktion müsste ein solcher Mensch dann, im Falle er das Gesetz nicht beachtete, noch härter und länger gefangen gehalten werden – bis er notgedrungen das Gesetz tätig annähme und danach handelte, wonach es dann erst rätlich wäre, solch einem Menschen die äußeren Bande wieder abzunehmen und ihn, gleich dir, als ein wohlgebildetes Wesen in die vollste Freiheit übergehen zu lassen, wo er dann aus sich selbst heraus ein vollkommenes, nicht mehr gerichtetes Leben hätte!
RB|1|95|5|0|Aus dieser kurzen Erörterung aber kannst du nun schon ganz leicht abnehmen, das Ich Selbst die freie Handlungsweise der in der materiellen Freiheitsgewinnungsprobe auf der Erde stehenden Menschen im vollsten Maß respektieren muss – ob sie gesetzlich gut oder auch ungesetzlich böse ist. Denn ergreife Ich sie da mit Meiner Allmacht so oder so, so sind sie im Augenblick des Ergreifens schon tot, indem sie dann aus sich heraus durchaus nichts mehr zu tun imstande sind. Will Ich sie wieder frei machen, so muss Ich Mich dann wieder von ihnen vollends trennen und sie in der Materie gefangen machen, wo sie dann einer neuen Freiheitsgewinnungsprobe ausgesetzt werden.
RB|1|95|6|0|Fällt diese nach der gestellten Ordnung aus, so können sie dann, dir gleich, hierher in diese Welt der Geister in ein vollkommen freiestes Leben übergehen. Fällt sie aber wider die Ordnung aus, so muss die Gefangenschaft auch in der Geisterwelt so lange fortbestehen, bis solche Menschen dann mit der Weile zu jener praktischen Erkenntnis gelangen, durch die sie sich dann unbeschadet Mir, ihrem Schöpfer, nahen können. Können sie Mich einmal lieben als einen Herrn und Bruder, so sind sie durch solche Liebe dann erst wahrhaft frei, gleich Mir, indem Ich in ihnen als ein vollkommenes zweites Ich lebendig denke, fühle, urteile und handle!
RB|1|95|7|0|In solch einem für ewig dann bleibenden Zustand aber können sie dann von Mir aus, unbeschadet ihrer individuellen Freiheit, auch stets mehr und mehr freie Erkenntnisse und Kräfte aufnehmen, ja sogar in allem wie Ich Selbst vollkommen werden, welcher Zustand dann erst die vollendetste Seligkeit bei ihnen bedingt und ausmacht.
RB|1|95|8|0|Siehe, es ist daher bald und leicht gesagt: Herr, tue dies und jenes! Richte die bösen Völker, richte die Könige und richte den herrschsüchtigen Papst! Vertilge alle, die eines hochmütigen und herrschgierigen Herzens sind! Tue Wunder! Lasse durch eine allgemeine Pest das ganze arge Menschengesindel zugrunde richten, denn sie sind alle zusammen böse! Aber da muss man dann mit größerer Einsicht bedenken, dass Ich rein umsonst gearbeitet haben würde, so Ich wegen der nicht gesetzmäßigen Handlungsweise die auf die Erde gesetzten Menschen sogleich richten und töten möchte.
RB|1|95|9|0|Siehe, obschon wir hauptsächlich darauf zu sehen haben, dass die werdenden Menschen auf der Erde so viel nur immer möglich die vorgezeichneten Wege wandeln und nach den Gesetzen der ewigen Ordnung handeln, durch die natürlich am ehesten und leichtesten das freie Leben zu erreichen ist, so müssen wir aber anderseits doch auch uns der größten Geduld hingeben und selbst die verkehrtesten Handlungen mit derselben Ruhe betrachten, als wären sie gut und gerecht! Denn die erste Hauptbedingung zur Gestaltung freier Menschen ist, dass sie in der vollen Trennung von Mir einmal ihrer selbst bewusst werden und aus sich selbst heraus zu handeln anfangen, ob gut oder schlecht, oder gesetzlich oder ungesetzlich, das muss für den Anfang eines jeden neuwerdenden Menschen völlig eins sein! Wir müssen ihre aus ihnen selbst gemachten Einrichtungen und Erfindungen respektieren, und müssen unsern sie erhaltenden Einfluss ja so verborgen halten als nur immer möglich. Denn würden wir da laut und offenbar auftreten, so würden wir die junge und zarte Pflanzschule der Menschen mit einem Tritt zerstören und hätten dann viel länger zu tun, das Zertretene wieder aufzurichten und der großen Bestimmung zuzuführen, als so wir geduldig dieser ersten Entwicklung der Menschen auf der Erde nur ganz leise wirkend und helfend zusehen. Denn nach dieser ersten Entwicklungsperiode haben wir dann ja noch immerhin zahllose Wege und Stege, die auf der Erde noch unentwickelten Menschen ihrer rechten Bestimmung zuzuführen.
RB|1|95|10|0|Nur wann unter den werdenden Menschen solche entgegengesetzte Schroffheiten zu entstehen anfangen, dass dadurch die zu bezweckende und zu gewinnende absolute Lebensfreiheit in eine bedeutende Gefahr geraten könnte, da freilich müssen wir hie und da kleine, aber bloß nur äußere Schreckgerichte auftauchen lassen, als da sind Kriege, Teuerung, Hunger und Pest, aber jedes solche Strafgericht darf ja nie mehr als höchstens ein Zehntel der Menschen ergreifen, weil es bei einer größeren Verschärfung nur zu leicht die Wirkung eines wirklichen, tödlichen Gerichtes annähme!
RB|1|95|11|0|Siehe, da habe Ich dir nun Meine Einsicht und Meinung gesagt! Wie gefällt sie dir? Und hast du sie vollends verstanden? Sage Mir daher du nun auch wieder die deinige über die Meinige, ob du sie für gut, echt und vollends gerecht findest? Oder könnte es vielleicht auch noch anders sein?!“
RB|1|95|12|0|Spricht die Helena: „O Liebe der Liebe, o Güte der Güte, o Weisheit aller Weisheit! O Gott, o Vater, o Jesus! Wer, wer und woher und wie könnte man da noch etwas einzuwenden haben?! Oder was soll ich in meiner noch viel zu großen Weisheitsschwäche einzuwenden haben?! Denn so endlos weise, wie Du nun das Entstehen der Menschheit und deren Entwicklung bis zur höchst freiesten Lebensstufe hinauf der vollsten und hellsten Wahrheit gemäß vor unser aller Augen gestellt hast, ist das wohl noch nie vor menschlichen Augen und Ohren geschehen!
RB|1|95|13|0|Nun sehe ich es erst so recht nagelfest klar ein, was ein Mensch ist, wie er beschaffen sein muss, und wie handeln, und wie geleitet und geführt, damit er zu seiner ewigen Bestimmung gelangen möge! Und da soll ich Dir, o Herr, etwa noch eine Gegenmeinung aufstellen!? Nein, das wäre denn doch zu krassest unsinnig von mir! Bei solcher Deiner Weisheit, Macht und Güte soll ich als ein Lerchenfelder Mistmensch auch noch eine Meinung haben?! Nein, nein, nimmermehr! Wäre zufolge Deiner unendlichen Güte so eine effronte [unverschämte] Dummheit meines Mundes vor Dir schon gerade auch kein Verbrechen, so wäre es aber dennoch, wie gesagt, eine so horrible Dummheit, wie kaum ein aller-weiberfleischsüchtigster Menschengeilbock über seine echt allerdreckigste Zunge brächte, so ihm seine zu sehr missbrauchte Natur vor einer enthüllten reizendsten Dirne den gewissen Saudienst versagte! Nein, Du mein allerhöchst liebster, weisester, sanftester, geduldigster und überhimmlisch schönster und erhabenst liebenswürdigster Herr Jesus! Nun bringst Du mich sogar mit aller Allmacht zu keiner weiteren Meinungsäußerung mehr! Denn wessen Sinn für das hellste Licht dieser von Dir vor uns allen nun enthüllten Wahrheit entweder stumpf ist oder noch irgendetwas zu bemängeln hat oder haben solle, der ist nicht des Anpissens, von Seiten eines allerschmutzigsten, dümmsten und schäbigsten Esels wert! Ein elendster Schuft sei der, welcher es wagte darüber noch irgendeine dümmste Bemerkung zu machen! Na, Du mein allerheißest und innigst über alles geliebtester Herr und Gott Jesus! Wenn es selbst der Petrus oder der Paulus wäre, so müsste ich in mein allergröbstes Lerchenfelder Temperament zurücksinken und ihm zum wohlverdienten Lohn die Augen unter den schönsten Lerchenfelder Liederchen auskratzen! Aber sie sind nun alle stumm und sehen die große Wahrheit Deiner Worte sicher noch heller ein als ich, und das ist auch sehr schön und löblich von ihnen.
RB|1|95|14|0|Siehe, Du mein Herr und mein Gott, ich bin von der Heiligkeit Deiner nun ausgesprochenen Wahrheit so mächtig durchdrungen, dass ich nahe behaupten möchte: Nicht einmal Du selbst könntest Dir hier irgendetwas auch nur zum Schein einwenden oder irgendeine Gegenmeinung aufstellen!? Und das ist aber auch eine klarste und hellste und von mir nie widerrufbare Meinung, in der ich ewig leben und verharren werde – Dich ganz allein über alles aus allen meinen Kräften liebend!“
RB|1|96|1|1|Der Herr über Gottes- und Weltkinder. Gleichnis vom Obstgarten und vom unfruchtbaren Baum. Was mit den Lüstlingen, Blut- und Kinderschändern geschehen soll.
RB|1|96|1|1|(Am 30. Juni 1849)
RB|1|96|1|0|Rede Ich: „Meine herzensallerliebste Helena. Ich bin mit allen deinen Worten überaus zufrieden. Und dein Lob für die Enthüllung der wahren Führung und Bestimmung der Menschen lässt sogar in Meinem Herzen keinen ferneren Wunsch mehr übrig, denn der Wahrheit dient nur die Wahrheit zum allein größten Lob, so wie auch Mich als Gott niemand erkennen und lieben kann, der nicht aus Mir ist!
RB|1|96|2|0|Denn es gibt Menschen, die unmittelbar aus Mir hervorgegangen sind, aber daneben auch solche andere Menschen, die mittelbar von Mir geschaffen worden sind. Die unmittelbar aus Mir Hervorgegangenen sind die eigentlichen Gotteskinder, in deren Herzen denn auch die reine Gottesliebe wohnt und aus ihr heraus die wahre Erkenntnis Gottes. Die mittelbar Geschaffenen aber sind Kinder der Welt, gezeugt vom Satan aus der Hölle. Diese letzteren sind von Mir aber auch berufen zur wahren Erkenntnis und zur wahren reinen Liebe. Denn ihretwegen habe Ich hauptsächlich das Werk der großen Erlösung vollbracht. Eben dieser Menschen willen aber geschieht nun auch solches in der Welt und wird hier in Meinen Himmeln beraten. Und da meine denn Ich, dass in deinem Lob denn doch noch etwas hätte angeführt werden können, das gewisserart einen Ausnahmezustand vorstellt, bei dem Meine früher von Mir Selbst im Allgemeinen gezeigte Erschaffungs- und Führungsweise der Menschen einige nicht unbedeutende Veränderungen notwendig nach sich ziehen muss.
RB|1|96|3|0|Ich werde dir nun so einige Fälle vorstellen, und du wirst dann darüber urteilen. Und so höre:
RB|1|96|4|0|Der Besitzer eines Gartens hat im selben eine Menge große und kleine, edle und unedle Fruchtbäume gesetzt. Alle bekamen ein gleich gutes Erdreich, und womöglich die unedlen nahe noch ein besseres als die edlen. Alle wurden mit großem Fleiß gepflegt, und es zeigte sich, dass manche unedlen viel üppiger wuchsen als die edlen. Ein solcher Wildling fiel wegen seiner Üppigkeit besonders auf, sodass der Gärtner ihm eine volle Hauptaufmerksamkeit zu schenken anfing; er pflegte und pflegte ihn und erwies ihm alle Liebe. Aber es verstrich ein Jahr ums andere; während alle anderen Bäume Früchte brachten nach ihrer Art, blieb dieser stumm und brachte nichts als Blätter zum Vorschein. Da ward der Gärtner als Herr des Gartens denn endlich doch mit vollstem Recht unwillig über diesen schalen Baum und sprach zu seinen Knechten: ‚Ihr wisst es, wie sehr ich diesen Wildling gepflegt habe, durch viele Jahre, und er hat mir keine Früchte noch gezeigt noch gebracht; daher grabt ihn von der Wurzel aus, zerhaut ihn in Stücke und werft ihn ins Feuer! Denn mich ärgert nun gewaltigst dieser schale Baum! An seine Stelle aber setzt mir eine Weide, zum Zeugnis, dass an dieser Stelle ein unfruchtbarer Baum jahrelang meine Liebe und Geduld missbraucht hat!‘ Da sagen die Knechte: ‚Herr, lasse ihn noch ein Jahr; wir werden ihm einen Hauptast nehmen und werden ihm eine andere Erde geben. Wird er aber auch dann keine Früchte bringen, so soll ihm geschehen nach deinen Worten!‘ Der Herr des Gartens belobt darob die Geduld der Gärtnerknechte und lässt sie tun nach ihrer guten Meinung. Es geschieht nun alles, wie es die Knechte sagten. Aber nach einem Jahr und nach zwei Jahren und endlich sogar nach drei Jahren bringt der Baum noch immer keine Frucht; er setzt wohl Blüten an, dass man im Frühjahr meinen soll, der Baum werde endlich denn doch einmal mit seiner Frucht des Gärtners Mühe lohnen. Aber siehe, er bringt dennoch keine Frucht zum Vorschein!
RB|1|96|5|0|Was meinst du, Meine allergeliebteste Helena, was soll nun mit diesem schalen Baum geschehen? Soll Meine Androhung an ihm vollzogen werden oder nicht? Denn ganz ernstlich gesagt, der Baum ist dem Gärtner schon längst zuwider und über die Maßen ärgerlich geworden!
RB|1|96|6|0|Unter dem ‚Baum‘ aber verstehe du jene Menschen, die da sind der Welt Kinder und von Mir alle Pflege und Wartung bekommen, aber dennoch außer den Blättern und betrügerischen Blüten keine Früchte der Liebe, der Demut und des Gehorsams bringen, indem ihr Herz und Sinn in aller Welt, im Fleisch der Weiber, in der Geilheit, und im Wohlleben des Leibes vergraben ist! Also sage Mir, was du da meinst, was soll mit solchen Menschenbäumen geschehen, die da weder gute noch irgend arge Früchte zum Vorschein bringen, sondern zwischen den guten und schlechten Fruchtbäumen eine eigene verächtliche Art Schmarotzerbäume bilden, die bloß genießen, aber nie etwas Ersprießliches tun wollen; wenn sie es auch scheinen, so ist aber doch aller Schein ein Trug, denn ihr Sinn ist, wie ihre Liebe, geile Genusssucht.“
RB|1|96|7|1|(Am 1. Juli 1849)
RB|1|96|7|0|Spricht die Helena: „O Du mein Herr und mein Gott Jesus! Das ist schon wieder eine äußerst kitzlige Frage! Es hängt auch da freilich wohl alles von dem ab, was Du mir über die Erschaffung, Führung, Bildung und geistige Gestaltung, Ordnung und endliche Bestimmung der Menschen veroffenbart hast, aber einen Unterschied bilden solche gar zu saumäßig dumme Menschen dennoch in sich selbst vor anderen, die nicht wegen eines ungehorsamen und eigensinnigen Willens Deine Gesetze nicht halten, sondern aus Unkenntnis nur und aus Mangel an der erforderlichen Bildung. Wenn also aber gewisse sehr undankbare und in ihrem Herzen höchst eigenwillig zerlumpte Menschen allen Deinen Mahnungen nimmer ein williges und tätiges Gehör schenken wollen und mit ihren saumäßig dümmsten Handlungen Deinen heiligsten Worten nur den barsten und scheußlichsten Hohn sprechen; ja, denen das Fleisch der Weiber mehr schmeckt als Dein heiliges Vaterwort, denen ein dicker und gespannter Weiberpopo lieber ist, als Dein heilig Angesicht, o Herr; ja, die einer jungen Dirne, so sie ihnen zu ihrem buhlerisch sinnlichsten Gesichte steht, eher hundert Herzen als Dir eines zukommen lassen würden, so sie hundert Herzen besäßen, die sich auch aus Deinen so manchen Züchtigungen und Mahnungen nichts daraus machen, die Du doch jedermann in Hülle und Fülle zukommen lässt – so meine ich, dass solche dümmste Sauesel, solche Kloakenpolypenseelen, wahrlich nicht mehr wert sind als eine gut geschliffene Hacke an die Wurzeln ihres wahrhaft grauslichen Saulebens!
RB|1|96|8|0|Oh, solche allerennuyanteste Saukerls, sehr ähnlich jenem Pathetikus dort, habe ich in Wien auf der Erde in die schwerste Menge nur zu gut kennengelernt! Väter von äußerlicher Ehre und Ansehen, gäulen gleich jungen Böcken mit oft untern Hund herabgesunkenen, gemeinsten Huren, obschon sie zu Hause ein liebes und tugendsames Weib hatten, und eine Butte voll schon oft erwachsener Kinder, denen sie doch mit einem besten Beispiel vorleuchten sollten, die dann nur zu bald in alle die schönen Schliche ihres Herrn Vaters die reinste Einsicht bekommen, um endlich, besonders die männlichen, auch nur zu bald in die würdigen Fußstapfen ihres Herrn Papa zu treten! Siehe, o Herr, solche Menschen sind zur Bringung auch der schlechtesten Frucht nicht mehr fähig, und ist auch nichts zu bessern an ihnen; denn was einmal Dreck ist, das bleibt auch Dreck, aus dem kein Gold wird! Daher sollen sie abgehauen und ins Feuer geworfen werden! Vielleicht macht das Feuer noch etwas Brauchbares aus ihnen?!“
RB|1|96|9|0|Rede Ich: „Du hast vollkommen recht! Also sei es auch! Denn so Ich Selbst jemanden alle mögliche Bildung habe zukommen lassen und habe ihm erwiesen alle Geduld, Nachsicht und Milde, und trug ihn nahe auf den Händen, er aber dann noch über einen dickgespannten Weiberhintern Meiner vergessen kann und sein Herz und alle seine Sinne trotz allen sanften und schärferen Mahnungen in den schmutzigsten und stinkendsten Sumpf wie ein von dir recht treffend bezeichneter Pfuhlpolyp seine Fressarme in die Kloake versenkt, der ist wahrlich wohl keines besseren Loses wert! Aber siehe, wir haben eben hier mehrere solche Möbels von Menschen, dort, jener Pathetikus ist einer! Und da in dem uns gerade gegenüberstehenden Gemach stehen noch einige Dutzende – darunter sogar einige Blutschänder, und einer, Ich sage es dir, einer, der zwei zehnjährige, eigene Zwillingstöchter in einem Jahr bei hundertmal genotzüchtigt hat, was den beiden sehr lieben Kindern endlich das Leben und mit diesem ihre auf der Erde bestimmte Geistesbildung kostete. Und siehe, diese argen Gäulböcke sind dennoch hier in einem freien, ungerichteten Zustand. Ich frage dich nun, was denn nun für die Folge gerechnet mit diesen und solchen geschehen soll?!“
RB|1|96|10|0|Spricht die Helena: „Wenn sie schon einmal hier sind, so können wir denn etwa doch noch einen Versuch machen, ob an ihnen denn doch durchaus nichts mehr zu verbessern sein soll?! Ist bei ihnen noch irgendeine Besserung möglich, so soll nichts gespart werden, sie zu bekehren; soll aber jeder Versuch für ihre Besserung an ihrem hochmütigen Stumpfsinn scheitern, da verfahre Du mit ihnen, wie mit jenem schalen Feigenbaum, der keine Frucht hatte, dass sie Dich sättigte, als Du eines Abends müde und hungersschwach unter seine Äste tratst, die Dir nicht geben konnten, was Du gerechtesterweise von ihnen haben wolltest!“
RB|1|97|1|1|Über Fleischeslust und Hochmut. Roberts Auftrag betreffs des Pathetikus. Die kurzsichtige Philosophie des Weltlustmenschen.
RB|1|97|1|0|Rede Ich: „Sehr gut, Meine geliebteste Helena, hast du Mich beraten! Das werden wir auch tun! Gelingt es uns, so sollen sie leben! Gelingt es aber nicht, da seien sie verflucht! Wir wollen uns aber auch sogleich an dieses Werk machen; denn solange diese scheußliche Art nicht umgestaltet oder vernichtet ist, werden wir von der Erde nie vollends reife und gute Früchte zu erwarten haben.
RB|1|97|2|0|Den Hochmut kann man um vieles leichter bekämpfen als diese Seuche! Sind die Menschen stolz, hochmütig und herrschsüchtig geworden, so gebe man ihnen Krieg, Not, Armut und Krankheiten, und sie werden bald zu Kreuze kriechen und werden sich die sie demütigenden Lektionen sicher auf eine lange Zeit hinter die Ohren schreiben. Aber einen rechten Gäulbock geniert nichts! Wenn er auch alle sogenannten argen Venuskrankheiten ausgestanden hat und am Ende vor Schwäche kaum mehr gehen und stehen kann und der Tod von allen Seiten her ihn angrinst, so macht er sich aber dennoch wenig oder nichts daraus, wenn er nur noch einer üppigen Dirne den Steiß befühlen kann! Wenn er schlafen geht, so ist schier sein letzter Gedanke Fleisch, und so er erwacht, sein erster Gedanke wieder Fleisch, und sodann den ganzen trägen und schläfrigen Tag über wieder nichts als Fleisch! Und so ist seine Rede Fleisch, sein Sinn Fleisch, seine Liebe Fleisch, seine Freundschaft Fleisch, und alles in allem Fleisch –
RB|1|97|3|0|und der dem Fleisch stets fest anklebende Hochmut, der sich nur zu bald kundgibt, so jemand solch einem dümmsten Fleischesel in die sein Leben allein beseligende Nähe störend tritt und ihm etwa gar irgendeine freundliche Ermahnung zukommen lässt! Ihresgleichen, d. h. ihres Geschlechtes, dulden sie schon gar schwer, oft auch gar nicht um sich. Ja, so sie recht in der Brunst sind, da möchten sie wohl am liebsten aller anderen Menschen ledig sein, um desto ungenierter mit ihrer geliebten Fleischinhaberin gäulen zu können nach ihrer echten Bockslust! Nur wenn sie zu Zeiten auf eine kurze Frist des Gäulens müde und überdrüssig geworden, da nähmen sie dann auch Besuche an, damit sie sich ein wenig zerstreuten. Hat aber dann ihr Sinn wieder neue Nahrung bekommen, dann können sich die Freunde nur gleich wieder empfehlen; denn dann sind sie dem Gäuler schon zu einem Dorn im Auge! Siehe, so sind sie beschaffen auf der Welt, und so kommen sie auch hierher!
RB|1|97|4|0|Da du nun das weißt, so wollen wir sogleich einen Versuch an dem Pathetikus ganz ernstlich vornehmen. Der Erfolg soll dich lehren, ob unsere Mühe an ihm den erwünschten Lohn finden wird oder nicht. Und so denn die Hände an die Arbeit!“
RB|1|97|5|0|Darauf beheiße Ich den Robert hingehen zum Pathetikus und ihn ganz artigst zu Mir her zu bescheiden.
RB|1|97|6|0|Der Robert verneigt sich voll der höchsten und freundlichsten Achtung und sagt: „O Herr, wo Du Selbst Deine Hände an ein Werk legst, da muss es gelingen! Wenn er nur herzubringen sein wird?! Aber wie es mir so ganz leise vorkommt, da wird das ein hübsches Stück Arbeit abgeben! Wie wäre es denn, o Herr, so wir zuvor die vierundzwanzig Tänzerinnen aus seiner Nähe mehr auf die entgegengesetzte Seite, so mehr gegen Morgen hin, wo sich ohnehin ihre Tanztribüne befindet, bescheiden würden?! Denn so viel ich und auch sicher alle hier anwesenden hohen Gäste werden bemerkt haben, da fängt sich unser Pathetikus miserabilis samt seiner Gesellschaft sehr beträchtlich den sehr reizenden Tänzerinnen zu nahen an! Es wässert ihm schon der Mund zu einer erwünschten Ansprache; aber, wie es mir scheint, so ist er um den Anredestoff verlegen!? Daher meine ich, dass es allenfalls nicht schlecht wäre, die Tänzerinnen zuvor auf den bestimmten Ort hin zu bescheiden?!“
RB|1|97|7|0|Sage Ich: „Lieber Bruder, was dir als gut deucht, das ist auch gut vor Mir; denn so jemand etwas als gut erkennt und unterlässt es zu tun, der begeht eine Sünde gegen sein eigenes Herz. Daher tue du alles, was du als gut und gerecht zweckdienlich erkennst.“
RB|1|97|8|0|Robert geht nun schnell zu den Tänzerinnen hin und bescheidet sie, an den vorbestimmten Ort hinzugehen; die erfüllen sogleich liebfreundlichst des Roberts Willen.
RB|1|97|9|0|Aber dafür wird der Pathetikus samt seiner Gesellschaft ganz, wie die Menschen zu sagen pflegen, fuchsteufelswild, geht dem Robert entgegen und spricht: „Nooo – Musje! Diese Holden sind nun lange genug in meiner Nähe gestanden, und ist ihrer bei eurem dummen Geplapper nicht gedacht worden. Gerade jetzt, wo ich mit ihnen gerne in eine nähere Bekanntschaft getreten wäre, hat dich müssen der Teufel hierher reiten, um sie mir gerade vor der Nase wegzuschnappen! Ich glaube, unter uns geredet, du hättest ja wohl an denen genug, die dort an eurem Adams-, Abrahams-, Isaaks- und Jakobs-, Moses- und Gott weiß was noch für Tisch wie die schönsten Schafe versammelt stehen?! Meine Emma-Gundl ist auch dabei und meine Mariandl und die schönste Aurora von einer Lerchenfelderin! Freilich blüht bei der, wie's mir vorkommt, für dich verdammt wenig Weizen heraus, weil der Pseudo-Heiland Jesus bei ihr bei Weitem mehr zu gelten scheint als du! Aber anschauen darfst sie doch und dabei als ein über deine hübsch langen Ohren in sie Verliebter nach und nach ein wenig zu verzweifeln anfangen!
RB|1|97|10|0|O du blitzdummer Kerl von einem Robert Blum! Auf der Welt warst ein Esel, und hier bist ein Ochse! Also in einer Person die viehische Gesellschaft, die bei der Geburt Christi anwesend war. No, no, schön so, schön! Wahrlich, du wirst es in diesem deinem Himmel noch weit bringen! Glaubst denn du königlich sächsischer Bücherjude, dass ich nicht jedes Wörtel vernommen habe, was ihr dort über die ganze Unendlichkeit Gottes für einen Rat gehalten habt!? Und wahrlich Ehre, dem Ehre gebührt, oder was?! Die schöne Lerchenfelder Aurora, wahrscheinlich eine neuapokalyptische Plage aus diesem echten Siebenzwetschgenhimmel, hatte ein sehr bedeutendes Vorrecht zu urteilen; und ihr weisen Gottes-Ochsen und -Esel habt das Vergnügen gehabt, euch an ihrer Weisheit zu sonnen, gleichwie die Blattmilben an den herrlichen Strahlen aus dem Steiß eines Johanniskäferleins! Ah, das war wirklich himmlisch schön, erhaben und des großen Gottes würdig oder was?!
RB|1|97|11|0|Und nun möchtest du mich auch hin an jenen sauberen Ratstisch hinziehen, an dem so Erhabenes von einer mit einer ätherischen Phosphoreszenz übertünchten Lerchenfelder Tudl beschlossen wird – sogar ein Gericht über uns Männer, darum wir auf der Welt oft tierisch dumm genug waren, uns so weit zu vergessen, dass wir uns mit solchen Kloakenkreaturen abgeben mochten! Freund, da kannst du hübsch lange warten! Glaubst du denn, dass ich dir nun wie ein Gimpel gleich auf dein dreckiges Leimspindelchen aufsitzen werde? Oh, da hat es Zeit und seine sehr geweisten Wege! Brüderl, kehre halbrechts nur wieder um und sage deiner phosphorstrahlenden Gesellschaft: Nur die Gimpel fängt man so; andere Vögel sitzen nicht so leicht auf, besonders wenn eine Lerchenfelder Glorifiszenz Esel auf den Vogelfang mit Einverständnis ihres Pseudo-Jesus aussendet! Wenn's zurückkommst, so richte ihr von mir einen schönen Gruß aus!“
RB|1|97|12|0|Robert, ganz erstaunt über solch einen ultrasozialen Empfang, schaut den Pathetikus eine Weile ganz erregt bis zur Zehenspitze an und ist ganz geladen, ihm noch zehnmal gröber zu begegnen; ermannt sich aber dennoch und sagt dann in einem gemäßigten Ton: „Freund, du hast mich noch gar nicht vernommen und also auch gar nicht entnehmen können, warum ich so ganz eigentlich hierhergekommen bin und was ich dir zu hinterbringen habe, und verdammst mich, ohne einen Grund dazu zu haben!? Lasse mich erst reden mit dir, alsdann richte, so ich etwas Ungebührliches von dir verlangt haben werde!“
RB|1|97|13|0|Fällt ihm der Pathetikus in die Rede und spricht: „Freund, ohne gerade, dir gleich, ein Esel zu sein, reichen meine Ohren aber dennoch bis an euren sauberen Ratstisch hin und haben das unliebsame Vergnügen, alles zu vernehmen, was dort geredet und beschlossen wird! Und so haben meine Ohren denn auch die Keckheit gehabt, das zu vernehmen, was in eurem hohen Rat über jene Menschen beschlossen wurde, die leider auf der Welt das sich zu genießen erlaubten, wozu sie durch das Gesetz der Natur bei den Haaren hinzugezogen worden sind!
RB|1|97|14|0|O ihr dummen Kerle von himmlischen Weisen; wer hat denn die Natur geschaffen, und wer mit allmächtiger Hand eherne Gesetze in sie gelegt?! Siehe, die echte, allein ewig wahre Gottheit! Wie kann aber ein Wurm sündigen, so er das tut, wozu ihn die Gesetze der Natur instinktmäßig antreiben?! Siehe, der ist bei mir weise, der die Gesetze in der großen Natur ihm zu Gunsten benützt und danach lebt! Ein Esel und Ochse aber ist derjenige, der sich über die Gesetze der Natur hinaussetzend, nur nach einer übersinnlichen Wonne strebt, die sonst nirgends als in seinem dümmsten Gehirn zu Hause ist! So ich aber solchen Gesetzen gemäß gelebt habe, sage, wo ist der Gott, der mich deshalb richten könnte!?“
RB|1|97|15|0|Spricht Robert, noch immer in einem sehr gemäßigten Ton sagend: „Höre Freund, du bist aufgeregt wegen der nötigen Translozierung [Versetzung an einen anderen Ort] der vierundzwanzig Tänzerinnen, die deine noch unreinen Sinne sehr in Anspruch nahmen; aber mäßige dich nun und nehme an einen rechten Verstand, auf dass du einsehen magst, ob meine Sendung an dich her einen guten, schlechten oder eselhaft dummen Grund habe!?
RB|1|97|16|0|Du pochst nun gar so mächtig auf die Gesetze der Natur und willst mir begreiflich machen, dass man ein bornierter Esel sein müsse, so man sich dieselben nicht allzeitig zu einem wollustseligen Zweck dienstbar zu machen verstehe oder einer gewissen bigott-dummen Schwärmerei wegen nicht zu machen getraue! Ich aber frage dich und sage: Freund, wie räsonierst denn du dann darüber, wenn sehr viele der steten Erfüllung der stummen Naturgesetze Beflissene nach kurzer Wollustseligkeit in allerlei körperlich und geistig unheilbares Elend versinken, aus dem sie sozusagen kein Gott mehr herausziehen kann?! Siehe, z. B. ein der Naturgesetze sehr beflissener junger Mann auf der Welt ersieht eine seine Sinne über alle Maßen bezaubernde Dirne; wie ein Besessener rennt er ihr nach und setzt alles daran, mit ihr die starke Anforderung der Naturgesetze ins Werk zu setzen. Es gelingt ihm, sich bei der Dirne Gehör zu verschaffen; aber (finis coronat opus – das Ende krönt das Werk) bald nach der an der Dirne vollbrachten Erfüllung des Naturgesetzes meldet sich ein anderes ganz verteufelt schlechtes, widriges und sehr grauslich elend schmerzliches Naturgesetz, nämlich das verteufelte Nach-Gesetz der Lustseuche mit allen seinen unheilbaren Verordnungen! Ein Heer von fürchterlichsten Leiden und unaushaltbaren Schmerzen stürzt mit einer satanischen Wut der Erfüllung des ersten Wollustgesetzes nach und quält den getreuen Erfüller des wollustseligen Naturgesetzes auf eine Weise, die wahrlich für einen ärgsten Teufel zu arg wäre! Jahrelang muss nun ein solcher Mensch die zu bereitwillige Erfüllung des ersten, seligen Gesetzes durch ein nachfolgendes, höchst unseliges büßen! Seine ganze Natur wird verstümmelt, sein Geist nach und nach getötet und die eigene Seele verfinstert und zu einem Selbstpeiniger umgestaltet!
RB|1|97|17|0|Sage mir, wäre es für diesen Menschen nicht besser gewesen, physisch und geistig, so er dem ersten wollüstigen Gesetz nicht gar so treulich nachgekommen wäre, indem er dadurch ein zweites aus der Hölle über ihn heraufbeschwor!? Das zweite ist, ebenso wie das erste, ein Naturgesetz. Bist du für die Erfüllung des ersten gar so sehr eingenommen, warum darauf nicht auch für die Waltung des zweiten?!
RB|1|97|18|0|Du sagtest: ‚Wo ist der Gott, der mich für die Erfüllung der in die Natur gelegten Gesetze richten könnte?‘ Ich aber frage und sage: Welcher Gott hat denn dann das zweite, scheußliche Gesetz als eine Folge des ersten gesetzt, so dieses zu gewissenhaft eifrig befolgt wird?! Bist du nicht aufgelegt, diesem Gott ein Loblied zu singen?
RB|1|97|19|0|O sieh, du Blinder! Wohl hat Gott alle Gesetze in die Natur gelegt; aber dem freien Menschen gab Er Verstand und Vernunft, dass er die ersten Gesetze seines Fleisches nur sehr mäßig, und das nur im Zustand einer Ehe ordentlich erfüllen soll; für jeden Tritt über die moralische Grenze hinaus hat Er aber auch schreckliche Hinkboten gestellt, die solche Überschreitungen stets auf das Empfindlichste durch ein zweites Gegengesetz zu ahnden pflegen!
RB|1|97|20|0|Wenn wir das aber aus der Erfahrung wissen, wie auch, dass wir nur in der gesetzlichen Mittelstraße wahrhaft glücklich sein können, wie kannst du demnach jene Menschen Esel nennen, die nach der rechten Ordnung Gottes leben; die sich nicht auf die Extreme blind hinstürzen, sondern in allem ganz bescheiden auf der Mittelstraße einherwandeln?!
RB|1|97|21|0|Sage mir, was Gutes im eigentlichsten Sinn hast du wohl genossen durch dein ganzes irdisches und nun diesseitiges, geistiges Leben?! Auf der Welt lebtest du im steten Zank und Hader mit deinem rechtmäßigen Weib; deine Huren säckelten dich oft bis auf den letzten Heller aus, sodass du oft lästige Schulden machen musstest, von denen einige noch bis zur Stunde nicht bezahlt sind! Ein paar Jahre vor deinem Austritt aus der Naturwelt in diese geistige hat dich noch eine falsche Italienerin dergestalt angesteckt, dass in wenigen Tagen darauf dir das Hören und Sehen zu vergehen hat angefangen. Fünf Ärzte, voll guten Mutes, einmal einen reichen Kampel in ihre Obsorge bekommen zu haben, patzten, stachen und schnitten zwei Jahre an deinem durch und durch venerischen Leib! Sie halfen dir aber, wie dich deine Erfahrung lehrt, nicht nur nicht, sondern machten dich geflissentlich noch elender als du ohnehin warst. Denn wenn's dich so recht juckte, da bewarfst du sie mit Gold, auf dass sie dir eine Linderung gäben! Ja, sie hätten dich noch jahrelang herumgezogen, wenn die Wiener Geschichte dir nicht den elendsten Lebensfaden abgeschnitten hätte! Sage mir nun, wie warst denn du mit diesem zweiten Naturgesetz zufrieden; und welche Seligkeit genießt du nun hier?!“
RB|1|98|1|1|Der Pathetikus fängt an nach Jesus zu fragen. Selbsterkenntnis dämmert in ihm auf.
RB|1|98|1|1|(Am 5. Juli 1849)
RB|1|98|1|0|Der Pathetikus fängt an, sich sehr hinter den Ohren zu kratzen, macht ein verlegenstes Gesicht ums andere und spricht dann eben auch mit einer sehr verlegenen Stimme: „Ja – hemm – ja – tausend Teufel auf einmal! – Hehhh – ja, ja! – Das ist eigentlich eine verfluchte Geschichte, das ist eigentlich zum Teufelswerden! – Ja, ja, ja, ja ja! Da liegt eben der Hund begraben! Nummer eins wäre freilich nicht übel; aber Nummer zwei – ganz gehorsamschder Diener! Da hast du freilich ganz verdammt, verzweifelt und vollkommen recht! Und mit der Seligkeit hier? No, Gott steh uns bei, da hat es seine ganz verzweifelt geweisten Wege! Hunger, Durst, Ärger von allen Seiten, Schande, vollkommene Aufdeckung aller auf der Welt begangenen Sünden, und das gerade im Angesicht derer, vor denen man so manche saubere Schwachheiten für ewig verdeckt haben möchte! Und man kommt hier aber schon auch zu dem ominösen Behuf mit all dem Gesindel zusammen, das einen gerade am meisten geniert! Das ist denn ja doch rein zum Teufelswerden! Ich bin sonst äußerlich doch auf der Welt stets ein geachteter Mann gewesen; denn von meinen geheimen Vergnügungen wusste, außer wenigen sehr vertrauten Personen, keine Seele etwas! Hier müssen aber gerade alle auf einen Haufen zusammenkommen – jene, bei denen ich in der größten Achtung stand, wie z. B. jener Max Olaf, jener Baron, meine Gottselige und dergleichen mehr, und daneben aber auch jene männlichen und besonders weiblichen Individuen, mit denen ich leider so manchen lustigen Spaß hatte! Mit diesen letzteren kann man sich denn ehrenhalber doch nicht im Angesicht seiner achtbaren Freunde abgeben! Und gerade dieses gemeinste Gesindel wird hier so enorm effront [unverschämt], dass es unsereines Schwachheiten gerade dort ausposaunt, wo man es wahrlich am allerwenigsten ausposaunt haben wollte – worauf dann die Gesichter der mich stets in größter Achtung haltenden Freunde stets länger und länger werden, und dann mit ihren ellenlangen Soooooo! – Soooooo! – sich über unsereinen zu erstaunen anfangen! Oh, das ist dann für unsereinen aber schon ein Vergnügen, das zu missen man recht gerne Berge anrufen möchte, dass sie über unsereinen herfallen sollen! Es stünde unsereinem freilich wohl die Türe offen; aber man kann es denn doch nicht so ganz wagen, da man nicht wissen kann, was alles unsereinem erst dann draußen zustoßen könnte?! Ja, ja, das ist eine ganz verdammte Geschichte!
RB|1|98|2|0|Da ich mich aber mit dir denn nun schon so in ein miserables Gespräch eingelassen habe und du mit mir – so sage mir denn auch gefälligst, was es denn im Grunde mit jenem sein-sollenden Heiland Jesus für ein Bewandtnis habe? Was ist Er für ein Wesen? Ist mit Ihm wohl so ein vernünftiges Wörtlein zu reden? Und könnte Er unsereinen ohne weitere Beschämungen so ein bisschen auf ein etwas besseres Grasl setzen?! Und nota bene, unter uns gesagt, steht er denn wohl irgend in einem besondern übermenschlichen Verband mit der großen Gottheit? Denn weißt du, das kann ich denn doch nicht annehmen, dass er etwa gar das, nein, nein, ich kann's eigentlich nicht aussprechen! Ich meine – du verstehst mich schon, was ich eigentlich meine! Es hat wohl ehedem der Max Olaf etwas geschwärmt von einer Gottheitsfülle in eben diesem Jesus! Aber welcher vernünftige Geist kann das annehmen?! Sei so gut, lieber Freund, und gebe mir hierin einige besondere Winke!“
RB|1|98|3|0|Spricht Robert: „Mein lieber Freund Pathetikus! Da kann ich dir vorderhand nichts anderes sagen als: Gehe hin und überzeuge dich selbst!“
RB|1|98|4|0|Spricht Pathetikus: „Ja, ja, das wäre schon alles recht! Aber bedenke du mein Ehrgefühl und die ganze andere, mir gerade in dieser leidigen Situation äußerst fatale Gesellschaft! Besonders die nun freilich ganz verzweifelt schön gewordene Lerchenfelderin und mein Weib, mein irdischer Bursche Franz, der Max Olaf und die verzweifelte, allergröbste Mariandl, und so noch einige! Dann dito von Adam abwärts bis zum Paulus die historisch merkwürdigste Geistergesellschaft! No, die würden unsereinen doch sicher mit den sonderbarsten Augen ansehen! Mit Ihm zu reden würde ich mir gerade nichts daraus machen; aber das andere Völkl, du verzweifelte Geschichte, no, das würde seiner Zunge einen so schönen, freien Lauf lassen, dass unsereiner darob vollends vor Schande und Ärger zerplatzen müsste!“
RB|1|98|5|0|Spricht Robert: „Ja, lieber Freund, auf eine ganz radikale Demütigung musst du dich schon in einem jeden Fall gefasst machen! Denn ohne diese dürfte es wohl mit dir ewig nimmer besser, sondern nur schlimmer von Weile zu Weile zu stehen kommen! Mache dir den Mut, und lasse aus dir machen, was sie alle wollen! Ja, gebe du selbst alle deine Schwächen dem Herrn Jesus kund und fasse Glauben an Ihn und eine rechte Liebe zu Ihm, so dürfte es geschehen, dass Er dir so manches nachsehen möchte! Aber je mehr du selbst von deiner Ehrsamkeit halten wirst, desto ärger wirst du nur zu früh vor allen samt allen deinen dir gleich ehrsamen Freunden auf das Allerweidlichste beschämt werden! Denn so gut sonst der wirkliche (Gott und Herr) Jesus-Jehova-Zebaoth ist gegen die, welche sich eines reuigen Herzens Ihm nahen, ebenso furchtbar unerbittlich streng ist Er aber auch gegen jene, die Seine Güte, Langmut, Geduld und Liebe auf eine zu lange und schmähliche Probe setzen!
RB|1|98|6|0|Noch ist Er gut und wartet auf dich! Aber diese Seine Geduld dürfte von keiner langen Dauer mehr sein. Ist Seine Geduld aber über jemanden zu Ende, dann kommt der alte biblische Mahn- und Lehrspruch in die Anwendung, wo es heißt: ‚Erschrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu gelangen!‘ – Darum Freund, ich sage es dir ganz unverhohlen, für dich ist keine Zeit mehr zu verlieren! Denn Hurer und Ehebrecher werden in das Reich Gottes nicht eingehen! Groß ist Seine Güte und übergroß Seine Gnade und Erbarmung; aber im Gericht schont Er kein Leben! Da ist Er unerbittlich! Wen Seine Zuchtrute trifft, den verwundet Er auf das Schrecklichste für ewig! Daher bedenke wohl, wie du nun vor Ihm, dem allein Allmächtigen, stehst, und was du zu tun hast! Denn nach mir wird kein Bote mehr an dich abgesandt werden!“
RB|1|98|7|0|Spricht Pathetikus: „No, no, gar so arg wird es ja etwa dennoch nicht sein – vorausgesetzt, dass man auch hier von irgendeiner Humanität etwas kennt!? Aber so hier dein Gott-Jesus, Seine Apostel, und du samt ihnen noch unerbittlicher als die heidnischen Minos, Aiakos und Rhadamanthys sein solltet, da freilich wäre es hier mit allem Spaß im Ernst vollends zu Ende, und man müsste sich dann am Ende dennoch all dem fügen, was ihr wolltet! Eine freilich ganz verzweifelte Geschichte das! Aber, was kann ein Einzelner gegen eine allgemeine, zusammengreifende Macht!? Also, meinst du denn wohl im Ernst, dass ich hin zu Ihm, d. h. zu deinem sein-sollenden Gott Jesus, gehen soll?“
RB|1|98|8|0|Spricht Robert: „Ganz gewiss, denn sonst bist du ohne alle weitere Hilfe und Rettung verloren!“
RB|1|98|9|0|Spricht der Pathetikus: „O du verzweifelte Geschichte! No, no, no, no! O verteufelt, verflucht! Das wird nun eine Hetze werden, gegen die ein römisches Fegefeuer einer armen Seele eine pure Lumperei ist! Meine Emma! Auweh! Meine Mariandl! Noch mehr Auweh! Max Olaf! Auweh, auweh, auweh! Mein Franz! Auweh, auweh, auweh, auweh! Der Kerl ist nur gar zu sehr in alle meine irdischen Lumpereien eingeweiht! Dann die Eltern meiner Emma! No, no, no – die werden mir mit ihren Augen sicher die ausgezeichnetste Verehrung zollen, die ich aber im Grunde leider wohl auch verdiene! Denn gegen die Emma habe ich schändlich gehandelt! Alles Geld war von ihr! Ich, ein armer Bauernsohn, war ihretwegen und eigentlich durch sie nahe ganz allein ein reicher Kavalier geworden, und ich dankte ihr dafür mit der schmutzigsten Untreue von der Welt. Sie liebte mich zum Rasendwerden, und fütterte mich mit allem, was sie nur meinen Augen ansehen konnte! Und ich liebte dafür aus lauter Dankbarkeit gegen mein reines, bestes Weib die gemeinsten Huren und vergeudete Tausende mit ihnen auf die wahrlich schmählichste Weise!
RB|1|98|10|0|Nein, nein, Freund, ich kann denn doch nicht hin! Denn nun fange ich erst einzusehen an, dass ich im vollsten Ernst ein überaus grobes und eigentlich dummgrausliches Luder von einem Sünder bin! Nun ist alles eins schon, Jesus hin oder her, Gott oder nicht Gott! Aber ich bin wirklich ein grausliches Mistvieh vor allen Menschen; und es wäre wirklich ein Aberwitz, so ich als ein Schweinehund mich zu jener herrlichsten Gesellschaft hinwagen soll! Ich begreife es wohl zwar noch selbst nicht, wie es nur so kommen mag, dass ich nun auf einmal mein vollstes, grausliches Unrecht sonnenklar einzusehen anfange!? Aber, es ist richtig so, wie ich es nun einsehe!
RB|1|98|11|0|O du meine arme Emma, was warst du mir? Selbst in deinem gerechten Zorn noch ein reiner Engel! Und was war ich dir?! Ein schmutzigster Sauteufel, ohne Liebe, ohne Dankbarkeit, ohne alle Achtung sogar! Nein, nein, Freund, je mehr ich nun darüber nachdenke, desto klarer stellt es sich heraus, dass ich bis zu diesem Augenblick ein allergemeinster, sauteuflischer Lump war und eigentlich noch bin – und kann mich jener Gesellschaft unmöglich nahen! Nun zwar wohl nicht mehr des Ehrgefühls halber, aber desto mehr der schreiendsten Gerechtigkeit wegen. Nein, so ein liebes Weib hatte ich und konnte an den gemeinsten Huren mein Vergnügen finden!? O du von aller Gottheit verfluchtes Saufleisch du – nun eine Speise der stinkendsten Würmer! Um dich in deinen Bocksgelüsten zu befriedigen, konnte ich einen Engel fliehen und allen Sauteufeln nachrennen!? Nein, diese Erkenntnis muss mich nun notwendig umbringen!
RB|1|98|12|0|O Menschen, Menschen, die ihr meines Gelichters seid, lasst ab von eurer großen, bösen Sauteufelei! Ihr werdet bald, mir gleich, vor euren Richtern stehen! Diese werden euch euer eigenes Herz öffnen, und dieses wird euch verdammen! Kein Gott wird euch richten, sondern euer eigenes Herz wird euch richten und verdammen, und das mit Recht! Denn ihr selbst habt durch eure Sauteufeleien euch dazu qualifiziert! Lasst daher nach in eurer großen Verblendung, sonst seid ihr verloren durch euch selbst! Bruder, gehe von mir, denn ich bin ein zu grober Sünder! Heiße mich in die Schweine fahren!“
RB|1|99|1|1|Robert ermutigt den Pathetikus. Der furchtsame Sünder zagt, bekennt dann aber seine Schande. Szene mit seinen ebenso argen Freunden, seine gute Rede an sie. Darauf folgt er Robert zum Herrn.
RB|1|99|1|1|(Am 9. Juli 1849)
RB|1|99|1|0|Spricht Robert voll Freuden: „Nun, nun, Bruder Dismas! Das freut, das freut mich wahrlich recht sehr, dass du nun endlich auch einmal helle wirst und dadurch den ersten Schritt zur Erreichung des wahren vollkommensten Lebens des Geistes im Herrn getan hast! Aber nun musst du dennoch hier nicht stehen bleiben und dein dich richtendes Herz behorchen, inwieweit es dich verdamme oder nicht, sondern nun mache dich behände auf und eile hin zum Herrn!
RB|1|99|2|0|Denn glaube es mir, dass auch ich keines leichten Kaufes Ihn als den alleinigen Gott und Herrn der Unendlichkeit anerkannt und angenommen habe. Es kostete Ihn und mich eine große Geduld, bis ich aus meinem finstersten Hegeltum und Straußianismus herausgehoben werden konnte, desgleichen auch aus meiner Herrschsucht und Unzucht! Aber als ich einmal, natürlich nur durch Seine helfende Gnade, in ein wahres Licht versetzt wurde, da sah ich aber dann auch mit Sonnenaugen mein schreiendstes Unrecht ein und erkannte in dem Heiland Jesus den alleinigen Gott Himmels und aller Welten! Und so tue du nun desgleichen!
RB|1|99|3|0|Du hast nun leicht wandeln, da du an mir einen wohl durchgebildeten Vorwandler hast. Mir ging es wohl bei Weitem schwerer, denn ich hatte niemanden, der mir in meiner Nacht ein rechtes Zeugnis gegeben hätte über Jesus den Gekreuzigten. Ich musste allein Seinen Worten trauen und aus deren Weisheit entnehmen, dass Er wirklich das einzig und allein wahre Gottwesen ist! Zudem war ich nicht weniger als du, auch sogar noch hier im Reich der Geister, von der Begierlichkeit des Fleisches geplagt. Aber da ich von der Tiefe der Wahrheit und Weisheit des Gotteswortes Christi überführt war, so tat ich denn hernach meinen Sinnen auch eine größere Gewalt an und ward mit der Hilfe des Herrn dadurch auch bald und leicht Sieger über meine fleischlichen Schwächen, die in meiner Seele von der Sinnenwelt in der Erinnerung mit herübergenommen wurden.
RB|1|99|4|0|Mein eigenes Herz war auch mein Richter und hatte in seinem Unflat weder eine Ruhe, noch weniger eine rechte Hoffnung, außer die mir sicherst dünkende Anwartschaft auf den ewigen Tod. Aber da half mir der Herr aus meiner größten, mich für ewig töten wollenden Not. Mein Herz ward darauf durch meine mächtige Liebe zu Ihm gereinigt und bekam Raum zur Aufnahme Seiner Gnade! Ich aber ward dadurch seliger und seliger! Das alles aber wird auch an dir vorgenommen werden. Und so du diese Prüfungen ohne Zweifel auch mir gleich gut bestehen wirst, so wirst du dich aber auch bald in meinem seligsten Zustand befinden. Mache dich aber nun auf und eile mit mir hin zu Dem, der allein allen helfen kann!“
RB|1|99|5|0|Spricht der Pathetikus Dismas: „Wäre alles recht, wenn ich dazu den Mut hätte! Aber der Mut, der Mut! Woher werde ich den hernehmen?! Siehe, ich fange nun wohl zu glauben an, dass jener Jesus das allerhöchste, allmächtigste Gottwesen ist; aber mit dem Wachstum dieses schönen Glaubens wächst auch die Furcht vor Ihm, dem allein Heiligsten! Wer wird mich von der großen Furcht befreien?!“
RB|1|99|6|0|Spricht Robert: „Freund, danke dem Herrn für diese Furcht! Denn in dieser Furcht hat der Herr Seine Hand an dein Herz gelegt und hat kräftig angefangen, dein sehr zerstreutes Geistesleben zu sammeln. Diese heilige Tätigkeit des Herrn in deinem Herzen drängt deinen Geist, dass er wach werde, und bewirkt in deiner Seele das leidige Gefühl der Furcht! Aber du ermanne dich selbst und folge mir, da wirst du bald deiner guten Furcht ledig werden! Der Herr Selbst, der dir diese heilige Furcht gibt, wird sie dir nehmen. Daher noch einmal gesagt: Mache dich auf und folge mir hin zum Herrn!“
RB|1|99|7|0|Spricht der Pathetikus Dismas: „Nun denn, auf dein Wort, Freund Robert, will ich es wagen! Nun soll mir nach wohlverdientem Maß geschehen was da wolle, so werde ich es ertragen! Denn hatte ich schon keine Ehre in mir, so ich als ein Ehemann mit feilen Dirnen gäulte, warum soll ich nun vor den Augen, ja vor den sichtbaren Augen des allsehenden Gottes eine Ehre haben wollen, deren ich ewig nie als würdig angesehen werden kann! Nur Schande und große Beschämung nun über mich, das sei nun meine Lebenslosung! Denn so ich auf der Erde den Gottesgeist in mir nicht achtete, der mir das Leben gab und erhielt, wie soll ich nun eine Ehre verlangen können von Ihm, den ich so oft zuschanden gestellt habe!? Daher nun nur Schande der Schande über mich!
RB|1|99|8|0|Gott gab mir aus Sich Selbst ein Leben Seines heiligen Geistes, und ich wollte die hohe Heiligkeit dieses Lebens nicht erkennen und verherrlichen durch eine gerechte Ordnung und Zucht, sondern floh allzeit die rechte Erkenntnis und verkehrte so das Heilige in Tierisches und Unheiliges durch die Brechung der wahren Gottesordnung und hundemäßige Unzucht! Nun stehe ich hier auf wohlverdientem Schandepranger vor Gott und Seinen Heiligen – als ein Unheiligster! Daher noch einmal laut gerufen: Nur Schande mir, wohlverdiente Schande der Schande!“
RB|1|99|9|0|Auf diese laut gesprochenen Worte des Pathetikus Dismas treten seine pathetischen Freunde zu ihm und sagen: „Aber Freund Dismas! Was ist dir? Was hast du vor? Warum rufst du Schande über dich?! Sind wir denn nicht alle wie du beschaffen?! So du aber Schande über dich rufst, da rufst du sie ja auch über uns, und das kann uns wahrlich nicht einerlei sein! So du uns nicht exemtierst [als ausgenommen erklärst], so soll es dir wahrlich nicht am besten ergehen!“
RB|1|99|10|0|Spricht der Dismas: „Was, was, was wollt ihr echten Schlaraffen von mir?! Wollt ihr etwa auch eine Ehre für euer echtes Schlaraffenleben?! Oh, schreit nicht zu früh danach, sie wird euch nicht ausbleiben! Was tatet ihr denn samt mir auf der Welt, das da einer Ehre wert wäre hier vor Gott und Seinen Heiligen?! Meint ihr denn, dass auch hier die äußere Silber- und Goldlarve einen Geist, wie etwa auf der Materiewelt, vor öffentlicher Beschämung schützt!? O da irrt ihr euch sehr! Der giftige Gold- und Silberdunst, durch den die Menschen auf der Welt ihre Schande bedecken, nützt hier nichts mehr! Denn hier kommt nur die nackte Wahrheit an das Licht des ewigen Gottestages, welche zu verbergen es hier für eine längere Dauer kein schnödes Dunstmittel mehr gibt! Daher tue ein jeder von euch nur selbst das, was ich nun tue, so wird er dadurch doch wenigstens diese Ehre seinem Lebensgeist retten, die er als ein Geist der Gotteswahrheit von seiner Seele mit allem göttlichen Recht fordern kann! Tun wir aber das nicht, so haben wir in der Bälde die volle Wegnahme des göttlichen Lebensgeistes aus unserer schnödesten Wesenheit zu erwarten und mit ihr den, sage wohlverdienten ewigen Tod! Daher Schande über Schande über unsere Seelen, damit dem lebendigen Gottesgeist in uns die Ehre der ewigen Wahrheit und Ordnung gerettet werde!“
RB|1|99|11|0|Auf diese Worte ziehen sich die Freunde murrend zurück und kratzen sich stark hinter den Ohren. Robert aber spricht zum Pathetikus Dismas: „Nun, nun, Bruder, lieber Bruder! Bei dir geht es nun ja mit Riesenschritten vorwärts! Wahrlich, ich sage es dir, so schnell ist es bei mir nicht gegangen! Nun, nun, nun – das freut mich wahrhaft über die Maßen von dir! Du wirst, wie ich's nun sehe, wahrlich keinen zu schweren Stand vor des Herrn Angesicht haben. Komme nun, komme! Wahrlich, ich freue mich auf deine Worte vor dem Herrn!“
RB|1|100|1|1|Dismas bekennt vor Gott seine große Schuld, bittet aber nicht um Gnade, sondern um gerechte Strafe. Diskussion über Recht und Gerechtigkeit, Macht und Wille.
RB|1|100|1|0|Auf diese Worte des Robert Blum setzt sich der Dismas sogleich in Bewegung und geht mit dem Robert Blum zu Mir, dem Herrn des Lebens, hin und fällt dort am Tisch auf sein Angesicht vor Mir nieder und spricht laut: „O Herr, ewig unwürdig Dein heilig Antlitz anzuschauen, liege ich im Staub meiner vollsten und schändlichsten Nichtigkeit vor Dir als ein elender, stinkender Wurm, voll Eiter und Hurerei und des schändlichsten Ehebruches, und bitte von Dir mir die vollste Strafe für alle meine irdischen Schandtaten nach Deiner Gerechtigkeit zukommen zu lassen. Dein Wille geschehe!“
RB|1|100|2|0|Rede Ich: „Dismas! Wer bist du, und um was bittest du? Ist es dir recht, so Ich dir gebe nach den Worten deiner Bitte? Wohl wehe dir dann, so Ich es dir gebe! Willst du denn noch unvollkommener werden als du bist?! So gehe zum Obersten aller Teufel, der richtet mit der Strafe des Feuers! Ich aber richte und strafe niemanden, somit auch dich nicht. Willst du aber leben, darum du zu Mir kommst, da bitte ums Leben, aber nicht um den Tod! Glaubst du denn, Ich habe ein Wohlgefallen am Tod Meiner Kinder? O du Tor! Bin Ich denn ein Gott des Todes oder ein Gott des Lebens? Siehe, alle Ewigkeiten und die Unendlichkeit Meiner Himmel geben Mir das ewige Zeugnis, dass Ich ein Gott des Lebens und kein Gott des Todes bin. Und du möchtest Mich zum Todesgott machen?!
RB|1|100|3|0|Sage Mir denn, wer du seist, damit Ich sehe welche Verkehrtheit in dir wohnt. Waren deine Handlungen auf der Erde denn nicht schlecht und schnöde zur Genüge, dass du nun auch noch hier vor Meinem Angesicht sündigen willst! Ich aber sehe es wohl, wer du bist und was du willst; darum sei dir eine schwere Antwort wohl erlassen! Erhebe dich nun aber und ändere deinen Sinn! Denn mit dieser Bitte wirst du bei Mir ewig nie weiterkommen, und schon gar nie auf eine solche, Meine Geduld und Erbarmung auf die Versuchung stellende Bitte! Siehe, du batest nun wie ein japanischer Sklave Mich um eine gerechte Strafe – und dein Herz will eine vollkommene Gnade! Sage, soll Ich denn nun deiner Wort-Bitte oder dem Wunsch deines Herzens nachgeben?“
RB|1|100|4|0|Spricht Dismas: „O Herr Jesus, du einiger Gott! Habe Geduld mit mir armen Sauteufelsgeiste! Ich weiß es ja, dass ich ein gröbster Sünder bin und nicht vermögend bin, auch nur ein weises Wort vor Dir zu stammeln. Urteile Du aber dennoch nicht nach meinen elenden Worten, sondern nach meinem sehr kranken Herzen, und heile es nach Deiner freiesten Gnade, und meine Zunge soll ewig nimmer erlahmen unter Deinem Lob! Herr, so Du mich nun verstoßest, wer soll mich dann annehmen und aufrichten!?“
RB|1|100|5|0|Sage Ich: „Hast du doch Freunde in Menge! Sollen denn diese dir nicht zu helfen imstande sein?! Gleich und gleich gesellt sich sonst ja noch immer gerne und entschuldigt sich gegenseitig und haltet sich schadlos! Warum soll das bei dir denn nicht der Fall sein können? Bedenke, über sechzig Jahre lebtest du auf der Erde ohne Meine Hilfe, bloß nur mit deinen Freunden, die dich mit allerlei Rat versahen. Und du warst nicht unselig außer beim Anblick deines Weibes, so es dich manchmal in einer süßen Stunde zufällig überraschte! So dir jemand von Mir etwas sagte und zeigte, wie Mir dein Leben missfallen müsse, so lachtest du ihn weidlich aus; der dich aber lobte, den küsstest du als einen Freund! Nun liegst du vor Mir und willst Tod und Leben von Mir! Was soll Ich dir geben? Den Tod kann ich dir nicht geben, und das Leben willst du nicht vollends, indem dein Wort nicht eins ist mit deinem Herzen und alle deine irdischen Handlungen nichts in sich tragen, das da gliche einem Samenkorn des Lebens! Nun prüfe dich danach und sage was du willst?!“
RB|1|100|6|0|Spricht der Dismas: „Herr, wo ist der Gerechte, dass er mit Dir einen Streit bestehen könnte!? Denn wo Du tausend sagen wirst, da wird er nicht eins zu sagen imstande sein, da Deine Weisheit zu groß und Deine Macht zu unendlich ist! Umso weniger kann ich mit Dir streiten und rechten, der ich voll Sünden bin vor Dir wie vor den Menschen! Wohl weiß ich, dass man mit Dir zwar auch als ein Sünder reden kann, und dass Du dem reuigen Sünder auch barmherzig sein kannst, so Du es sein willst! Aber dagegen scheint mir auch das richtig zu sein, dass Du, vor dem die Engel nicht makellos sind, auch das bestgemeinte Wort aus dem Mund eines Dich anredenden Sünders deuten kannst, wie Du es willst, und kannst ihm die Sünden vergeben zum ewigen Leben oder vorenthalten zum ewigen Tod – und das alles nach der strengsten Gerechtigkeit.
RB|1|100|7|0|Denn die Gerechtigkeit ist eine Ordnung der Macht! Wer im Besitz der vollsten Macht ist, der ist auch im Besitz des vollsten Rechtes, das ihm niemand je streitig machen kann. Ist der Machthaber auch weise, so ist er desto unbesiegbarer und seine gestellte Ordnung desto unwandelbarer, indem er durch seine Weisheit seiner Macht auch eine desto größere Konsistenz bereiten kann. Und so steht bei einem und demselben Wesen Macht und Gerechtigkeit stets in einer und derselben Rubrik. Wenn aber Macht und Gerechtigkeit gleichbedeutend sind, wo soll dann ein ohnmächtiger Sünder sich je von irgendeinem ihm zustehenden Recht etwas träumen lassen?! Was die Macht tut, das ist gerecht; was aber die Ohnmacht tut wider die Macht, das ist ungerecht. Denn wäre der Ohnmacht Tat in sich nach allen Vernunftprinzipien auch recht, was nützte aber das? Die Macht wird es dennoch als ungerecht und strafbar erkennen und erklären, weil des Ohnmächtigen Handlung des Gewaltigen Ordnungsprinzipien zuwider war.
RB|1|100|8|0|Und eben in solchen Verhältnissen befinde ich mich nun vor Dir, o Herr – Du die Allmacht selbst, und ich die höchste Ohnmacht selbst! Ich könnte nun sagen, was ich wollte, so stünde es dann aber dennoch bei Dir, zu tun, was Du wolltest, indem Du der allein Mächtige bist. Ich will und kann daher denn aus den wohlweisesten und vernünftigsten Gründen nichts anderes sagen als: ‚Herr, Dein Wille geschehe!‘ Ich könnte nun tausenderlei wünschen, so wird aus allen den tausend Wünschen dennoch nur das geschehen, was Du, o Herr, willst. Ich will daher denn aber auch gar nichts mehr wünschen, sondern mich vollends Deinem allmächtigen Willen unterwerfen, mag dieser über mich Gutes oder Bitteres verfügen! Wird er mich ums kennen glücklicher machen wollen, so wird es gut sein; wird er mich aber zur Hölle verdammen, so werde ich auch zur Hölle müssen! Denn die entschiedenste Ohnmacht kann sich der Allmacht ewig nie widersetzen können! Tue Du, o Herr, mit mir denn nun, was Du willst, mir wird alles recht und gerecht sein müssen! Ich glaube dadurch mit der ersten Anrede meine Ohnmacht gegen Deine allmächtige und somit auch weisest gerechte Anforderung zur Genüge dargetan zu haben. Und Du, o Herr, wirst mir tun nach Deinem Vermögen!“
RB|1|100|9|0|Rede Ich: „Nun gut; weil du in die Macht allein alle Gerechtigkeit setzt, so will Meine Macht nun, dass du dich dort gegen Mitternacht hin in dieses Saales Winkel für ewig begibst. Dort sollst du dann von einer kleinen Stechfliege unaufhörlich geplagt werden! Meine Macht will es, und so verfüge dich dahin!“
RB|1|100|10|0|Spricht Dismas stark erschreckt und verlegen: „O Herr, obschon ich mich Deiner Macht fügen muss, so bitte ich Dich aber dennoch allerinständigst, dass Du mir wenigstens die mich verzweifelnd machende Stechfliege erlassen möchtest! Denn das wäre ja doch etwas verzweifelt Schreckliches, von solch einem Insekt ewig auf einem Fleck gemartert zu werden!“
RB|1|100|11|0|Rede Ich: „Das weiß Ich! Aber Mich rechtfertigt Meine Macht ja! Warum willst du denn nun dich nicht alsogleich fügen Meinem allmächtigen Willen?“
RB|1|100|12|0|[Spricht Dismas:] „O Herr, Du bist allmächtig, aber Du bist auch unendlich gut! Und so wende Ich mich denn an Deine Güte und flehe zu Dir um Gnade! Verschone mich mit der Stechfliege!“
RB|1|100|13|0|Rede Ich: „Du appellierst nun an meine Güte und Gnade, weil dir das Wasser des Todes schon den Mund zu umspielen beginnt! Aber Ich frage dich, wie du nun das tun kannst, da du doch früher alles in Meine Allmacht legtest und mit deinem höchst eigenen Mund sprachst: ‚Herr, Dein Wille geschehe!‘ Dir aber erscheint nun Mein Wille nicht eben sehr angenehm, und so möchtest du in deinem Herzen nun, dass Mein Wille nicht geschehen möchte! Wie aber soll Ich das machen?! Mit dem Mund sprichst du stets was anderes, als was du im Herzen willst! Meinst du denn, dass Ich ein Wesen bin, mit dem man förmlich Komödie spielen kann!? O da bist du in einer sehr großen Irre!
RB|1|100|14|0|Siehe, Ich verfahre nicht wie dumme Eltern mit Meinen Kindern. Dumme Eltern wollen ihre Kinder oft mit einem Scheinernst schrecken; aber die Kinder merken das bald und lachen sich ins Fäustchen, so ihre Eltern über sie ein falsches Donnerwetter verhängen, werden darauf stützig und achten wenig der Worte der Eltern! Aber so ist es bei Mir durchaus nicht gang und gäbe! Bei Mir ist überall der festeste, unbeugsamste Ernst, und das Leben einer Milbe muss in derselben ernstesten Ordnung wie das eines Engels erhalten und geleitet werden. Ich bin wie ein Stein von größter Härte und Schwere; der sich an diesem stoßt, der wird zerschellen. Auf wen aber dieser Stein fällt, den wird er zermalmen!
RB|1|100|15|0|Ich sage dir, so lange dein Wort nicht aus deinem Herzen kommen wird, wirst du mit Mir einen harten Stand haben! Denn zwei Stimmen in einem Menschen kann ich nicht hören. Wann aber dein Herz eins wird mit deinem Mund, dann will ich das Wort hören und alle Rücksicht darauf nehmen. Was dir an Mir aber heilig erscheint, dem musst du auch gehorchen! Die Macht Meines Gottwillens ist dir das Heiligste, wie du es selbst dargetan hast; also musst du dich auch demselben aber auch fügen, willst du dich nicht als ein Meuterer gegen Meine allmächtige Gerechtigkeit aufwerfen!
RB|1|100|16|0|Aber das sollst du auch wissen, dass nicht nur Ich als Gott einen freien Willen habe und darum tun kann, was Ich will; sondern auch ein jeglicher von Mir geschaffene Geist hat den gleichen freien Willen und kann tun, was er will. Ich werde dich daher auch nicht mit Meiner Allmacht nötigen, das zu tun, was Ich dir ehedem als ein scharfer Richter geboten habe. Du kannst dich auch widersetzen und tun, was du willst, aber welche andere Frucht dann dir daraus erwachsen wird, das wird dir die Folge zeigen! Daher tue nun, was du willst.“
RB|1|101|1|1|Törichter Trotz des verblendeten Dismas. Seine Bekannten wenden sich entsetzt von ihm ab.
RB|1|101|1|0|Hier wendet sich der Dismas an den Robert Blum und sagt: „Lieber schätzbarster Freund, wie ich es mir gedacht habe, so ist es auch; mit diesem Jesus ist nichts zu reden und nichts zu machen! Je mehr man sich vor Ihm beugt und demütigt, desto schroffer und unzugänglicher wird Er auch! Die Folge davon ist, dass man sich von Ihm entfernen muss und nach aller Möglichkeit zu trachten anfangen, dieses elenden Lebens, um das man nie einen Gott gebeten hat, loszuwerden! Denn bei solcher Sekkatur [Drangsalierung] pfeife ich auf ein solch verfluchtes Leben, das bloß zum Vergnügen einer göttlichen Schmeiß- oder Stechfliege da sein soll! Wohl sehe ich es nun ein, dass meine Ohnmacht gegen die göttliche Allmacht ewig nichts wird auszurichten vermögen. Aber danken werde ich der göttlichen Tyrannei wohl auch ewig nimmer für ein solches Sauteufelsleben!
RB|1|101|2|0|Bin ich dem Herrn doch so devot als nur immer möglich gekommen und glaubte, dass Er mich doch insoweit glimpflich aufnehmen werde wie diese Lerchenfelderin!? Aber welch ein Unterschied ist da zwischen ihr und mir! Sie wird behandelt wie ein Engel – und ich wie ein Verdammter! Und doch war sie so gut eine Hure wie ich ein Hurenlump. Wer bei solcher Handlung nicht in der Gottheit eine allerlaunenhafteste Willkür ersieht, der muss seine Augen im Steiß und nicht im Kopf haben! Auf der verfluchten Erde ist man ein Sklave seines Fleisches und hier ein allerelendstes Scheusal! Und für so ein sauberes Leben soll man etwa gar noch Gott danken?! Wann, wann in allen Teufelsnamen habe ich denn je Gott gebeten, mir ein Leben zu geben? Wo sind denn die ewigen Kontraktsbedingungen, unter denen mich die Gottheit zu einem selbständigen Wesen gestaltete?!
RB|1|101|3|0|Die Gottheit hat mich geschaffen, wie ich bin, und hat mir erst nachträglich Gesetze gegeben, die ich bewusstermaßen nicht halten konnte, weil meine ganze Natur dazu gar nicht eingerichtet war! Und nun soll ich dafür ewig zur Unterhaltung des göttlichen Mutwillens geplagt werden, weil ich zufolge meiner von Gott eingerichteten Natur nicht so handeln könnte, wie es dem Gesetz Seiner Laune angenehm wäre!? Kurz und gut, nun ist mir Gott und Teufel ein Ding! Das Mächtige spielt mit der Ohnmacht wie die Katze mit der Maus. Wenn es der Katze beliebt, so lässt sie die Maus laufen, und beliebt es ihr nicht, so wird die arme Maus gefressen! Und geradeso handelt die Gottheit mit den Menschen! Ein schönes Los, ein Mensch zu sein! Aber nun ist mir schon alles ein Teufel! Wo ist derselbe Sauwinkel, da ich ewig von einer Stechfliege soll gepeinigt werden?! Ich werde mich sogleich dahin begeben, und der allergerechteste Herr Jesus kann dann ein oder tausend Moskitos über mich senden! Meine Dankbarkeit dafür soll unbegrenzt sein – oder was? Die Gerechtigkeit der Weltfürsten ist bekannt! Denn da ist einer wie der andere ein Cicero pro domo suo [Sachverwalter fürs eigene Haus]. Aber die Gerechtigkeit Gottes sucht in der tyrannischsten Willkür ihresgleichen! Aber solange ich noch eines freien Gedankens fähig bin, will ich ihr einen Rezensenten machen, dass ihr die Augen übergehen sollen; und je mehr sie mich plagen wird, desto ärger werde ich schreien wider sie! Und nun in den verfluchten Dreckwinkel hin mit mir, damit ich desto eher aus allen Kräften zu fluchen die schönste Gelegenheit bekomme!“
RB|1|101|4|0|Spricht Robert: „Freund, bei solcher deiner Sprache kann ich mit dir nicht weiter reden! Der Herr, gegen den du zu Felde ziehest, wird dir die Antwort geben! Wir Geister Seiner Gnade haben das Recht der Liebe, die verirrten Seelen durch die Liebe und göttliche Weisheit für das wahre, ewige Leben zu gewinnen und sie zu führen vor des Herrn Angesicht, dessen reinstes Licht sie dann durchleuchtet und wahrhaftigst erwecket zum ewigen, freiesten Leben aus und in Ihm. Aber so irgendeine von uns schwächeren Geistern gewonnene Seele ein barster Teufel ist, da haben wir kein Recht und Befugnis mehr, uns weiter mit ihr einzulassen. Erwarte daher von mir nichts mehr, sondern der Herr wird dir geben nach deinem Verdienst!“
RB|1|101|5|0|Hier wendet sich der Robert von Dismas, und geht zu seinen Freunden hin, die voll Ärgers sich über die Frechheit des Dismas nicht genug verwundern können! Die Verwandten schlagen ein Kreuz ums andere und sind voll Entsetzens über die Verstocktheit ihres so nahen Anverwandten. Die anwesenden Apostel werden voll bittern Ernstes, und die Väter der Erde erschauern vor diesem Sohn des Gräuels, wie sie es sich gegenseitig laut bekennen. Die Helena brennt vor Grimm gegen dieses Scheusal, wie sie ihn benennt.
RB|1|101|6|0|Der biedere Max Olaf schlägt, mit Tränen in den Augen, die Hände überm Haupt zusammen und sagt: „O Gott, o Gott! Ist es denn wohl möglich, dass aus einem Menschen, der in der Schrift bestens bewandert war, durch die pure Fleischlust so ein aller-effrontester [allerfrechster] Teufel werden kann?! Um Gottes willen, was ist das!? Wer könnte das je glauben?! Nein, nein! Gott zu kennen, Gott vor sich zu haben, seine eigene Nichtigkeit einsehen, und solch eine Sprache zu führen!! O Jesus, o Du mein heiligster, liebevollster, allerwahrhaftigster, bester Vater! Mir zerspringt das Herz vor Gram, darum dass Du, o heiligster, ewiger Vater, von einem elendesten Wurm des Staubes gar so allerschändlichst verkannt und allertiefst beleidigt wirst – hier vor uns, Deinen begnadigten Kindern! O Herr, Vater Jesus, räche Dich doch an diesem Elenden! Denn er tritt Deine sichtbare Gnade, die Du ihm erteilen willst, mit den echtest satanischen Füßen und getraut sich hier Dir ins Angesicht zu trotzen!“
RB|1|101|7|0|Die gewisse Mariandl schlägt sieben Kreuze über ihre Stirn, Mund und Brust und spricht dann im noch wienerischen Dialekt zu dem oben bekannten Franz, dessen Augen auch größer und größer werden: „No host iena ghört? O der höllischi Sausackre der! Waon i hiazt af die Erd zruck denke thua, und mi so erinnern thua, daß de höllische Sausackre mei Liebhobr woar, und wos er mit mi alles tribe had, do möcht i aber schun vor Zorn grod aus der Haut faahrn! Na, hod aber so was amohl a menschlichi Seel gsehn und ghört! I bin a a große Sündrin, und waß es a recht guad, dass ich nix als d' Höll verdient han; aber i mieg hiazt grod zerfließa vor Lieb zum Herrn Herrgott Jesus, weil Er holt goar so entsetzlich guad is. Und i war auf d'r Welt a nit gar a so große Sündrin wurn, waon i nuar a bißel a beßri Erziehung ghobt hiet! Aber der höllische Sausackre hod die besti Erziehung ghobt, und immer d' heilge Schrift g'lesen, und aondri geistliche Bücher a no dazua, sodass seini Freund gemant hon, er miesst von Mund auf schnurgrod ins Himmelreich auffohrn! Aber hiatzt zagt sich, was für ein höllischer Sausacker von an Schriftglehrte er woar! Fur der Welt hod er wuhl für an ehrlichen Mensche gelte wuhln, aber unser liebesti Herrgott woar ihma a Pomadi. Und drum hod er furn Leite a so taon, als waon er schun 's gaonzi Himmelreich mit a große Löfl gfreße hiate. Ober Samsti, waon er sani lustge Zeit hod ghobt, do hod er's Himmelreich schön saubr an guadn Monn sein losse, und waon ma jehna draon erinnert hod, so woar er glei fuchsteufelstoll und sagte: ‚Sei still, dumme Gans! Was versteast du von dem Reich Gottes!? Sechs Tag ghöre Gott und einer der Natur!‘ Do hobmer hiazt seine wohre Natur! O du höllischer Sausackre du! Na woart, na woart! In der Höll werdes di schon sage, was du wert bist! Na, mit unsern liebasten Herrgott so z'reden!? Dos hod die Welt no nit gseahn!“
RB|1|101|8|0|Spricht der Franz: „Jo wuhl, jo wuhl, i moan, dös brächt der allerirgest Teifl net zwege! No, waon dös Luadr nöt in die Höll kummt, so wird noch der irgeste Teifl selig! Du waßt, i bin sist a guater Kerl und winsch kan Hund wos Schleachts; aber dös Vieh kunt i in dr Höll siede und brode seahn, und mi kummet ka Erbarmnus über'n ahn! No, ober i moan, den wird unser liabe Herrgott schun sogn, wie viel hiatzt für iehma gschlohn hod!?“
RB|1|101|9|0|Spricht darauf noch ein anderer Freund des Franz: „Du Fraonz, wie wars denn epr, waon mi badi den Limmel unsern liabe Herrgott z'liab pockete, und frisch von der Leber weg hinaus werfetn, und drauße, woaßt du, so reacht ausn Solz odrischanetn, doß er so auf a holbi Ewigkeit gnua hiat?!“
RB|1|101|10|0|Spricht der Franz: „Waon unsr liebesti Herrgott nix dagegn hiat, do loß i mi so wos net zwa mol sogn! Denn a Gift hob i af dös Luadr schun so, doß i iehn in klane Stickl' zreiße kunnt! Aber sei du hiazt nur ruhbig! Wias miar fur kummt, so is der liabi Herrgott a schun gricht, dös Luadr von aner Spitzbubnseel just in d'Höll zhoaßa! Sei d'her nuar stadig derwal!“
RB|1|102|1|1|Dismas wird stutzig. Er wendet sich aufrichtig an den Herrn, bekennt seine Schuld und bittet um Gnade und Barmherzigkeit.
RB|1|102|1|0|Dismas, der nun solche Urteile über sich vernimmt und aus allen Gesichtern nur zu klar entnehmen kann, dass sie ihm durchaus nicht gewogen sind, richtet sich nun auf, und richtet an Mich folgende Worte: „Herr! Ich glaube und sehe nun, dass Du der alleinige, wahrhaftige Gott und Schöpfer aller Dinge bist! Du allein bist endlos vollkommen in allem, und niemand ist Dir gleich! Alles Erkennen, alles Wollen und alle Taten in allen Deinen Geschöpfen sind vom Ursprung an Dein Werk und somit in sich selbst gut. Denn ein ewig vollkommenster Gott kann ja doch unmöglich etwas Unvollkommenes und somit Schlechtes erschaffen haben. Dir allein gegenüber kann es daher auch keine Sünder und Sünden geben! Aber da Du den Menschen so nach Deiner unendlichen Weisheit eingerichtet hast, dass das Wollen, welches Du ihm ursprünglich eingehaucht hast, für die ewige Folge ein von Dir ganz getrenntes, selbständiges und nach den ihm innewohnenden, mannigfaltigsten Erkenntnissen sich selbst bestimmendes, freies werden soll, aber ganz natürlich nur in der Ordnung, die von Dir allerweisest zur Erhaltung des unendlichen Ganzen bestimmt und festgesetzt ist – so kann dann freilich ein Mensch, der mit so zahllos mannigfaltigen Kenntnissen, Fähigkeiten und Inklinationen ausgestattet ist, in der vollsten Trennung von Dir und in seiner ungebundensten Selbstbestimmungsperiode auf der materiellen Welt wohl nur zu leicht trotz Deines geoffenbarten heiligen Willens so manche Handlungen begehen, die Deiner göttlichen, heiligen Ordnung im engeren Sinn schnurgerade entgegenlaufen müssen und somit auch zur Sünde werden, obschon alle derlei enge Abirrungen in der großen Allumfassung Deiner Ordnung als vollste Nichtigkeiten angesehen werden können.
RB|1|102|2|0|Aber Du, o Herr und Schöpfer aller Menschen, siehst auch sicher den Grund ein, wie so mancher Mensch nur zu leicht und oft gerade das tut, was er nicht tun soll und so ganz eigentlich auch im Grunde nicht tun wollte; aber ein sonderbarer Trieb ihn dazu wie bei den Haaren zieht, und ihm eher keine Ruhe lässt, bis er ihn befriedigt hat!
RB|1|102|3|0|Da Dir, o Herr, das alles wie sonst keinem Wesen aus dem tiefsten Grunde des Grundes ewig klar ist und sein muss, so wirst du ja auch meine Taten, die ohne alle weitere Entschuldigung offenbar allergröbste Verstöße gegen Deine Ordnung sind, denn doch nicht mit jener unbegrenzten Schärfe beurteilen und richten wollen, als hätte ein zweiter Gott vor Dir gesündigt. Sondern denke es gnädig in Deinem heiligsten Vaterherzen: der Sünder, der nun matt, schwach und hilflos vor Deiner unbegrenzten Macht steht – war, ist und wird auch ewig bleiben ein aus sich selbst schwacher Mensch, der nur von Dir allein eine volle Kraft bekommen kann, weil Du allein alles in allem bist, aus sich selbst aber bleibt er, was er ist – ein schwacher Schatten des Hauches aus Deinem Mund nur.
RB|1|102|4|0|Und so sei mir, als einem allerschwächsten Schatten vor Dir denn auch gnädig und barmherzig! Ich bekenne es ja laut, dass ich vor Dir leider ein gröbster Sünder bin. Aber ich erhoffe es auch bestbegründet von Deiner unbegrenzten Weisheit, Güte und Macht, dass Du, o Herr, Schöpfer und Allvater, die von mir begangenen vielen Sünden mir denn doch nicht ganz allein zur Schuldenlast schreiben wirst?! Denn, so es irgendeine Hölle gibt, da wird auch sie sicher ihren gehörigen Anteil haben!?
RB|1|102|5|0|So bekenne ich auch, dass ich ehedem freventlich Dir angesichts gesprochen habe zum sicher großen Ärger aller Deiner hier anwesenden lieben Freunde. Aber ich fühle darob nun wahrlich eine tiefste Reue und bitte aus aller meiner nun mir wohlbewussten Nichtigkeit vor Dir, Dich um eine vielleicht doch noch mögliche Vergebung.
RB|1|102|6|0|Wohl sagtest Du einst Deinen lieben Brüdern, als Dir der Jüngling wegen seiner Reichtümer nicht folgen konnte und wollte, dass ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr gehe als ein Reicher in das Himmelreich! Leider hat sich die ewige Wahrheit dieses Deines Spruches an mir nur zu praktisch bewährt, und nur zu schwer fühle ich nun den Fluch, der aus Deinem Mund an allen materiellen Gütern haftet. Aber ich weiß es auch aus Deinen Worten, dass Du zu Deinen Jüngern bei derselben Gelegenheit geredet hast, und sagtest, bei den Menschen sei solches freilich nicht möglich, aber bei Gott sind alle Dinge möglich! Und so, o Herr, könnte es denn doch vielleicht bei Dir möglich sein, mir meine Vergehen zu vergeben und dann gnädigst zu gestatten, mich von den Brosamen spärlich zu ernähren, die vom Tisch Deiner Freunde fallen?!“
RB|1|102|7|0|Rede Ich: „Lieber Dismas, diese deine Rede gefällt Mir besser als alle deine früheren, wo du in deiner großen Verblendung mit Mir rechten wolltest! Dies dein offenes Bekenntnis hat auch wieder den Riegel an der schon geöffneten Pforte der Hölle vorgeschoben, dass du nun nimmer hinein kommen könntest, so du es auch wolltest, von Mir aus sind dir alle deine Sünden erlassen. Aber du siehst hier eine Menge starker Gläubiger, denen du große Summen schuldest! Wie wirst du mit ihnen gleich werden?! Denn siehe, es steht auch geschrieben: ‚Solange ihr nicht den letzten Heller eurer Schuld an eure Brüder werdet entrichtet haben, werdet ihr ins Himmelreich nicht eingehen!‘ Was meinst du, wie diese Sache zu schlichten sein wird?!“
RB|1|102|8|0|Spricht Dismas: „O Herr! Du weißt es, dass ich hier in jeder Beziehung so nackt und arm bin, wie vielleicht kein zweiter in der ganzen Unendlichkeit. Wenn es hier ganz allein auf mich ankommen soll, aus meinem Vermögen, das ich nicht habe, die Gläubiger zufriedenzustellen, dann sind sie wahrlich sehr zu bedauern. Denn da dürften sie wohl ewig keine Vergütung zu erwarten haben! Aber ich getraue mir in meinem Herzen zu denken: Wenn Du, o Herr, es willst, so dürfte es sicher nicht schwer werden, durch Deine Güte und große Erbarmung aller meiner Schuld an ihnen ledig zu werden.
RB|1|102|9|0|Alles, was ich aber nun aus mir tun kann, ist, dass ich sie vor Dir um Vergebung und Nachsicht bitte und für ewig treulichst einbekenne, dass ich gegen sie wie gegen Dich allzeit arg und gröblich gesündigt habe! Setze, o Herr, mich hier aber irgend in eine Lage, und ich werde alle meine Kräfte dahin in die Tätigkeit setzen, ihnen nach Möglichkeit alles zu ersetzen, was sich nur immer als von meiner Seite gegen sie darstellen lässt!
RB|1|102|10|0|Die größte Schuld aber wird wohl die an mein liebes Weib und an den Freund Max Olaf sein!? Die beiden aber flehe ich nun nach Dir auch vor allen anderen auch zuerst um eine gütige Nachsicht und Vergebung mit der treuesten Versicherung an, dass ich zur Tilgung meiner Schuld an ihnen ja von ganzem Herzen alles tun will, was sie nur immer in Deinem heiligsten Namen von mir verlangen! Du, o Herr, aber wolle gnädigst stärken ihr und mein Herz zur Vollführung alles dessen, was vor Dir, wie vor allen Deinen Engeln, als recht, billig und gerecht erscheint!“
RB|1|102|11|0|Rede Ich: „Nun gut, so werde Ich für dich ein versöhnendes Wörtlein reden mit deinen Gläubigern, und es wird sich zeigen, was sie ferner verlangen werden. Und so sei du unterdessen ruhig“.
RB|1|103|1|1|Emma und Olaf vergeben ihrem Schuldner Dismas. Über dessen Geist. Vom wahren Verdienst. Der Herr gibt Dismas einen Auftrag.
RB|1|103|1|1|(Am 17. Juli 1849)
RB|1|103|1|0|Ich wende Mich darauf an die nun schon sehr heiter aussehende Emma und an den biedern Max Olaf und sage: „Nun, habt ihr die Worte eures Schuldners vernommen?“ – Sprechen beide: „O Herr Vater, zu unserer großen Freude vollkommen!“
RB|1|103|2|0|Rede Ich: „Gut! Was werdet ihr aber nun tun? Werdet ihr ihn richten oder werdet ihr ihm alles vergeben und ihn wieder in eure Herzen aufnehmen?“ – Sprechen die beiden: „O Du heiligster, bester Vater! Wir haben ihm schon lange alles vergeben und sind vollkommen bereit, ihn in aller Liebe wieder aufzunehmen und für ewig zu behalten, wenn so was nur Deinem heiligsten Willen nicht zuwider sein möchte?!“
RB|1|103|3|0|Rede Ich: „Was euch recht und lieb ist in Meinem Namen, das ist auch Mir über alle eure Begriffe recht und lieb. Ja, Ich sage es euch, dass Ich darob eine sehr große Freude habe, dass dieser Geist wiedergewonnen ist. Denn Geister seiner Art gibt es wenige; denn er hat einen paulischen Geist und gehört zu Meinem Rüstzeug wider alle ohnmächtigen Feinde Meiner Himmel! Wie hartnäckig er aber ehedem Mir widerstrebte, ebenso beharrlich wird er von nun an in Meinem Dienst stehen.
RB|1|103|4|0|Aber nun kann Ich ihn euch noch nicht sogleich wiedergeben, da er Mir früher noch ein tüchtiges Werk verrichten muss. Wird er dies Werk gut zustande bringen, dann sollt ihr sein und er euer Lohn werden!“
RB|1|103|5|0|Spricht der Max Olaf: „O Herr, bin denn ich zu gar nichts zu gebrauchen? O gebe auch mir eine Gelegenheit, etwas in Deinem heiligsten Namen zu tun!“
RB|1|103|6|0|Rede Ich: „Mein lieber Bruder! Fürs Erste hast du schon Mir einen großen Dienst geleistet, und fürs Zweite wirst du schon noch ehestens in die Gelegenheit kommen, Mir gar wichtige Dienste zu leisten! Nun aber ist es zur Vollendung des Bruders Dismas nötigst, dass er Mir einen Dienst der wahren Liebe leistet, und so werde Ich ihn nun allein auf einen guten Fischfang aussenden.“
RB|1|103|7|0|Damit ist der Max Olaf ganz beruhigt, und Ich wende Mich darauf an den Dismas und sage zu ihm: „Mein lieber Dismas! Da du dich nun so ganz Meiner Ordnung gemäß umgewandelt hast in deinem Herzen und hast dich endlich einmal vollkommen selbst gedemütigt vor Mir und vor allen denen, die noch kurz vorher ein Dorn in den Augen deines irdischen, mit herüber gebrachten Hochmuts waren, so sollst du aber durch eben diese deine eigene Selbstdemütigung auch zu großen und wahren Ehren gelangen! Aber da bei Mir jede Ehre rein nur von einer edlen, guten Tat abhängt, so wirst auch du nun eine gute und ersprießliche Tat aus- und durchzuführen bekommen. Von dem Gelingen wird sehr viel abhängen; aber es wird dir nicht auf Rechnung gelegt werden, ob es dir gelingt oder nicht. Denn bei Mir gilt bloß der gute Wille. Eine redliche, auf der Liebe beruhende Absicht und endlich zu dem Behuf nach reifem und bestem Ermessen eingeleitete Tat!
RB|1|103|8|0|Ob darauf das volle Gelingen erfolgt oder nicht, das geht dich nichts an. Denn jedes Gelingen liegt in Meiner Hand! Ich lasse es auch sogar öfters zu, dass den tätigsten Heldengeistern so manches, das sie, wenn auch auf Meine Beheißung tun, nicht gelingt, um ihnen dadurch zu zeigen, dass da in der ganzen Unendlichkeit kein Geist aus sich selbst etwas zu wirken vermag; sondern da er wirkt, muss er stets mit Mir wirken. Bei solchem mit Mir vereinten Wirken ist aber dann auch das Gelingen ein sicheres, und dem also mit Mir wirkenden Geist wird es dann zugute gerechnet.
RB|1|103|9|0|Es hat aber wohl ein jeglicher vollendete Geist eine eigene große Kraft, mit der er vieles wirken kann. Aber was er tut wie aus sich selbst heraus, das gereicht ihm vor Mir zu keinem Verdienst, da er dadurch nur ein Arbeiter für sein eigenes Haus ist. So er aber Meine Kraft in sein Wirken aufnimmt und wirkt mit Meinem Finger, so arbeitet er in Meinem Haus, und diese Arbeit wird ihm zu einem rechten Verdienst angerechnet. Daraus kannst du nun entnehmen, wie man hier in Meinem ewigen Reich des wahren Lebens handeln muss, um sich vor Mir Verdienste zu sammeln!
RB|1|103|10|0|Und so will Ich dir denn nun auch sogleich kundtun, was für ein Geschäft dich nun treffen wird. Und so höre denn: Du hast dort im mitternächtlichen Hintergrund dieses Saales eine Gesellschaft von deinen ehemaligen Freunden zurückgelassen. Ihre Zahl ist in allem genau dreißig Köpfe, darunter zehn weibliche, die anderen zwanzig männlich. Diese alle sind auf der Welt noch um ein bedeutendes ärger gewesen als du; ihre schnöden Handlungsweisen sind dir bekannt, wie nun nicht minder ihr Grund. Ich gebe sie nun in deine Hand und gebe dir auch durch diese Meine Worte die volle Macht, zu tun, was du willst. So denn von Mir ausgerüstet, gehe du zu ihnen hin und gewinne sie und bringe sie alle hierher, allwo Ich Selbst das Weitere mit ihnen verfügen werde. Gelingt dir das, so sollst du sogleich mit einem Ehrenkleid angetan werden. Fasse aber die Arbeit ja beim rechten Fleck an, sonst wird sie dir viel Mühe machen.“
RB|1|103|11|0|Spricht Dismas: „O Herr! Schon der Auftrag ist ein zu ehrenhafter für mich, geschweige, dass ich fürs mögliche Gelingen noch extra mit einem Ehrenkleid soll angetan werden! Denn wird mir diese schöne Mühe gelingen, so wird das nur ganz allein Dein Werk sein, wofür Dir ganz allein alle Ehre gebührt. Und wird sie mir nicht gelingen, so wird das ein Zeichen sein, dass ich durchgehends zu wenig mit Dir vereint gehandelt haben mochte; und in diesem Fall werde ich wohl doch sicher auch keines Ehrenkleides für würdig erachtet werden können?! O Herr! Ich werde mit Deiner Gnade wohl tun, was ich nur immer werde tun können, und ich hoffe und vertraue auch fest auf Deinen Beistand gestützt, dass mir dies Werk gelingen wird! Aber dann bitte ich Dich inständigst, mir dafür keine Ehre anzutun! Wohl aber lasse, o Herr, es zu, dass ich Dich mit der gewonnenen Schar loben und preisen werde nach allen Kräften. Denn einem Sünder, wie da ich einer bin, gebührt wohl für ewig keine ihn ehrende Auszeichnung!“
RB|1|103|12|0|Rede Ich: „Nun, gut, gut, Mein geliebter Dismas, das ist schon ein guter Anfang! Denn wer bei Mir der Erste sein will, der wird der Letzte sein; wer aber der Letzte sein will und alle seine Brüder ehrt, liebt und bevorzugt, der wird bei Mir der Erste sein in der vollsten Wahrheit! Wer das Leben sucht aus sich zu gewinnen, der wird es verlieren; wer aber sein Leben flieht und hasst um Meines wahren Lebens wegen, der wird es gewinnen in aller Hülle und Fülle! Und so gehe denn nun dahin, wohin Ich dir die fromme Weisung erteilt habe.“
RB|1|103|13|0|Dismas macht nun eine tiefe Verbeugung vor Mir und vor allen anderen Meinen Freunden und begibt sich dann schnell zu der obbesagten Gesellschaft hin.
RB|1|104|1|1|Dismas und seine ehemaligen Freunde. Allerlei Gegenreden der geistig Trägen. Hungerkur an starrköpfigen Ungläubigen.
RB|1|104|1|0|Allda nach einigen Augenblicken angelangt, wird er von der Gesellschaft sehr kalt empfangen. Dismas aber, solches wohl merkend, spricht die Gesellschaft nun also an: „Freunde, wie ihr auf der Erde wart, so seid ihr es auch hier. Eure wahren Freunde waren euch lästig, dafür aber desto angenehmer eure barsten Feinde, die da List genug besaßen, euch Sand in die Augen zu streuen, euch dadurch zu blenden, um euch dann leichter geschliffene Glasscherben für Diamanten und poliertes Messing für echtes Gold zu verkaufen. Der zu euch je mit der Wahrheit kam, der ward von euch als euer Feind zur Türe hinausgewiesen; wer euch aber ungefähr zu schmeicheln verstand, wie ein Fuchs den Hühnern und wie eine Klapperschlange den Vögeln, den begrüßtet ihr stets mit aller Wärme als euren besten Freund. Solange ich wie eures Gelichters mit euch leider in ein Horn stieß, ehrtet ihr mich und hieltet mich eurer Freundschaft wert; da ich aber – dem Herrn alles Lob! – die Leerheit unseres Zustandes einsehend, mich von euch abwendend dorthin wandte, wo die ewige Wahrheit und Treue waltet, und so vom Weg der Nacht und des Todes abwich und dafür den Weg des Lichts und des Lebens betrat und nun eben auf diesem neuen herrlichsten Weg wieder zu euch zurückkehre, um euch alle auf diesen Weg zu bringen, da empfangt ihr mich kälter als die kälteste Polarnacht den jungen, werdenden Tag!
RB|1|104|2|0|O ihr großen Toren! Was wollt ihr denn aus euch machen? Was hat euch denn bis jetzt eure Dummheit getragen, welche Vorteile hatte sie euch gewährt? Betrachtet euch und betrachtet jene Freunde Gottes dort! Wie selig sehen sie aus, und wie entsetzlich unselig ihr! Sagt, kann es euch denn nur bei einiger helleren Überlegung um Gotteswillen denn wohl ernst sein, für ewig bloß eurer großen Torheit zuliebe in diesem allermiserabelsten Zustand zu verharren?! Aus welchem Grund wollt ihr denn euch selbst verdammen, so euch Gott selbst glückselig machen und haben will?! Öffnet doch einmal eure Augen und schafft meinen Worten Raum in euren Herzen, damit es Gott und mir möglich werden soll, euch allen treuherzigst zu helfen. Wie wohl tut es mir nun, dass mir der Herr aus meinem Elend geholfen hat! Soll ich nun als euer alter Freund nicht euch allen dasselbe wünschen?! Und so ich bloß in der hehren Absicht zu euch komme, redet, warum wendet ihr zornig euer Angesicht von mir ab und verachtet mich noch obendrauf?! Wendet euch zu mir her und lest es aus meinen Augen, ob ich es unredlich mit euch meine! Findet ihr eine Hinterlist an mir, da verflucht mich in Gottes Namen! Wenn ihr aber an mir doch unfehlbar einen reellsten Freund findet, da nehmt mich auf und lasst euch von mir zur wahren Glückseligkeit hinführen!“
RB|1|104|3|0|Spricht einer aus der Mitte der dreißig: "Freund, du bist entweder ehedem ein gescheiter Mensch gewesen und bist jetzt zu einem Narren gemacht worden; oder du warst schon früher ein Narr und bist nun wenigstens ein zehnfacher! Wer hat denn auf der dummen Erde mehr gerechnet, gelesen und geforscht als ich, und manchmal auch du mit mir. Und was haben wir am Ende, aufrichtig gesprochen, herausgebracht? Siehe, nichts als dass der Mensch trotz all seines Mühens über das eigentliche Wesen des Universums kaum so viel herausbringt, wie die dir von mir oft vorgeführte gelehrte, unsere Menschennatur erforschen-wollende Laus, die, von ihrer Wissbegierde zu weit getrieben, sich einmal die impertinente Freiheit nahm, des Menschenhauptes Hochgebirge, Nase genannt, zu besteigen und kritisch zu untersuchen. Da sie aber dadurch dem Hochgebirge Nase ein bedeutendes Jucken verursachte, so wurde sie von dem immensen Arm ihres Weltkörpers (Mensch) ergriffen und ohne Gnade und Pardon in ein Minutissimum [geringsten Stäubchen] zerquetscht und zermalmt!
RB|1|104|4|0|Und siehe, wir Menschen sind noch viel weniger gegen das unendliche Universum Gottes, als wie da ist eine Laus gegen die Größe und Kraft eines Menschen. Und wir allerlausigsten Infusionstierchen des Schöpfungstropfens Erde wollen Gott begreifen, ja Ihn sogar als uns ebenbürtig vermenschlichen!? Ist das nicht gerade so viel, ja ums tausend- und millionenfache dümmer, als so eine theosophisch-sein-wollende Laus den Menschen, den sie, wie ein Mensch die Erde, bewohnt, verlauslichen wollte und sagen: ‚Unsere bewohnbare Welt (ein Mensch nämlich) ist nichts als eine mit hoher Macht und Kraft ausgerüstete große Laus!‘
RB|1|104|5|0|Schau, schau, Brüderl, wo du hingerutscht bist! Wie kann es dir aber auch nur im Traume beifallen, in jenem sonst ganz ehrwürdig schätzbarsten Menschgeist Jesus die große Gottheit uns nun hier auftischen zu wollen?! Geh und werde wieder der alte, vernünftige Kapitän Dismas! Sonst kann es dir noch ehestens ergehen, wie der eben erwähnten, gelehrten, naturforscherischen Laus!“
RB|1|104|6|0|Spricht darauf Dismas: „Freund! Solange der Mensch auf der Erde als eine quasi Erdlaus herumkriecht, will ich deine Lausfabel goutieren. Aber wir haben bereits das Lausmäßige abgelegt, und dieser Leib, den wir hier haben, ist kein fleischlicher, sondern ein rein ätherisch-geistiger Leib, in dem wir alles dessen gewahr werden, was uns der große Meister Jesus auf der Erde verkündigt hat. So wir aber nun sicher im höchsten Grad a priori das an uns bestätigt finden, als das Fortleben nach des Leibes Tod, und die Erinnerung an unser irdisches Leben und das uns selbst Wiedererkennen, dass wir dieselben sind, wie und was wir im Leibesleben waren – so wollen wir denn hoffentlich doch nicht zweifeln, dass derjenige Lebenslehrer, der auf der Erde gleich einer Sonne den Sterblichen zuerst die Augen öffnete und ihnen ihre wahre, ewig unvergängliche Heimat und ihren wahren Vater zeigte und kennen lehrte, denn doch etwas mehr sein musste, als alle Menschen zusammengenommen, indem Er der Einzige und der Erste war, die Menschen ihrer wahren Bestimmung zuzuführen, und wir nun als Geister die lebendige Überzeugung haben, dass es genau so ist, wie Er es durch Worte und Taten gelehrt hat. Wenn Er es nicht ist, sage, wer ist es dann?
RB|1|104|7|0|Zu alledem verrichtet Er Taten bloß durch Seinen Willen! Im Augenblick ist es da, was Er will; und es geschieht alles nach Seinen Worten. Unseres Rates bedarf Er nicht. Und so Er Sich von den Menschen auch etwas anraten lässt, so tut Er das nur, um den Menschen zu zeigen, wie gar wenig nütze alle menschliche Weisheit vor Ihm, dem endlos Weisesten, ist, und wie gut es sei, ewig nur von Seiner Weisheit abzuhängen!
RB|1|104|8|0|Wenn ihr dieses alles zusammenfasst und Jesus aus solchem Licht genauer betrachtet in euren Herzen, so müsst ihr es ja doch mit den Händen greifen, dass Er nicht nur allein als ein weisester Lehrer wie sonst keiner, sondern auch als das uns gegenüber sein muss, als was Er Sich uns Selbst ohne allen Hinterhalt geoffenbart hat! Denn man kann ja doch unmöglich annehmen, dass ein sonst so unerreichbar weisester Lehrer neben Seiner unbegrenzten Weisheit die überstarke, allereitelste Portion Dummheit besitzen soll, Sich Seinen Jüngern als Gott von Ewigkeit vorzustellen und als solcher Sich auch anpreisen zu lassen und vom Satan Gehorsam, Dienst und Anbetung zu verlangen, was meiner Beurteilung nach so viel sagen will als: die ganze geschaffene Naturwelt hat sich Seinem allmächtigen Gottwillen in allem vollkommenst zu unterwerfen, und zwar freiwillig, so sie nicht mit aller Schwere der Macht und Kraft Seines Wortes gerichtet werden will!
RB|1|104|9|0|Wenn ein Wesen voll der höchsten, unerreichbarsten Weisheit aber solches mit allem Gottesernst nicht nur von den Menschen, sondern auch sogar von der stummen Natur verlangt; kann man da noch einen Zweifel haben, ob solch ein Wesen – wenn schon uns Menschen gegenüber in der uns ähnlichen Gestalt – wohl Gott oder bloß nur, uns gleich, ein Mensch sei!? Ich meine, das nun Gesagte, das sich an Jesus nur zu klar erweist, muss wohl auch jeden Zweifel heben und in euch die lichteste Wahrheit aufrichten, dass Er ganz vollkommen das allerhöchste Gottwesen ganz allein sei. Glaubt das, und erhebt euch alle in diesem Glauben! Ich will euch dann hinführen zu Ihm, wo Er euch dann Selbst zeigen wird, dass Er derjenige ist, vor dessen Namen sich alle Mächte Himmels und aller Welten allertiefst beugen müssen.
RB|1|104|10|0|Ihr wisst es ja auch, dass eben ich aus euch allen derjenige war und noch bin, der leichten Kaufes wohl je am allerwenigsten etwas angenommen hat. Ich wehrte mich gewiss so lange, als es nur immer tunlich war. Aber als ich durch eine genaue und sehr harte Prüfung zum rechten Licht gelangte, da nahm ich aber auch weltenfest alles das unbezweifelt an, was mir von Jesus die klarste Offenbarung kundgab, und jetzt noch in einem stets helleren Licht kundgibt. Wenn also ich, als der Hartnäckigste unter euch, Jesus nun als Gott anerkenne und anbete, so glaube ich, dass solches wohl auch bei euch umso leichter stattfinden wird, indem ihr doch alle auf der Welt gläubiger wart als ich?!“
RB|1|104|11|0|Spricht der frühere Wortführer: „Freund, dich hat der Hunger dazu genötigt! Wir aber sind eben noch nicht gar so hungrig! Wenn uns aber der Hunger zwingen wird, dann werden auch wir jenen Schwarzkünstler lieber zuvor für einen Gott halten als verhungern!“
RB|1|104|12|0|Spricht der Dismas: „O ihr dummen Halbpolypen des stinkendsten Pfützenschlammes! Wo hat mich der Hunger zu der Annahme, dass Jesus der einige wahre Gott sei, genötigt?! Seit ich die Welt verließ, kam noch kein Brosame über meine Lippen! Und niemand von euch hat mich weder essen noch trinken gesehen! Und ihr sagt, ich hätte solches aus Hunger getan?! Nun sehe ich es wohl klar, dass ihr alle rein des Teufels seid! Ja, es hat mich ein Hunger dazu geleitet; aber das war kein Magenhunger, sondern ein Hunger im Herzen nach dem, der mir das Leben gab, das ich liebte, aber das mir ohne Ihn auch ein unerforschliches Rätsel war! Dieser Hunger und Durst nach der großen Enthüllung dieses heiligen Rätsels ist nun freilich gesättigt für ewig, und die Sphinx ist besiegt. Aber mein Magen ist noch vollkommen leer!
RB|1|104|13|0|So ihr aber sagt: ‚Wir haben keinen Hunger, auch den heiligen des Herzens nicht!‘ Dann ist mir euer inkurabler [unheilbarer] Zustand aber auch erklärlich, und auch dessen Grund. Wartet aber nun nur ein wenig; es soll ein ganz sonderbarer Hunger euch zuteilwerden! Wir werden es dann sehen, wie er euch munden wird?!“
RB|1|104|14|1|(Am 21. Juli 1849)
RB|1|104|14|0|Spricht der Sprecher der Gesellschaft: „Ja, ja, Freund, nur einen rechten Hunger, dann wird sich alles andere dann schon machen! Denn für die Hungrigen ist der ein Gott, der ihnen etwas zu essen gibt. Jene aber, die keinen Hunger, d. h. weder objektives noch subjektives Bedürfnis haben, die fragen wenig nach Gott und nach Seinem Reich. Zum Beispiel, wenn jemand von einer gewissen Lethargie in seinem ganzen Wesen ergriffen und dabei von einem Schlaf befallen wird, sodass er seiner Sinne kaum mehr mächtig ist – predige dem von der Moral und aller Tugend, so wird er nicht darauf achten; denn seine Sinne sind träge und sein Geist schläft!
RB|1|104|15|0|Willst du aber mit solch einem Lethargisten etwas ausrichten, so heile ihn früher von seinem Übel, schaffe in seine Seele ein lebendiges Bedürfnis nach dem, was du ihm geben willst, so wird er es denn auch sicher allergierigst an- und aufnehmen, das du ihm bietest, aber ohne dieses Präambulum [Vorspiel] wirst du bei deinem Patienten schwerlich etwas ausrichten! Möchte auf der Erde wohl je jemand die schwere Musikkunst sich eigen machen, wenn nicht schon vorhandene Künstler durch ihre herrlichen Produktionen und durch die damit verbundenen Vorteile in einem anderen Menschen den Hunger schafften, auch ein Musikkünstler zu werden!? Sage mir, würde die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes wohl statthaben, wenn der Schöpfer nicht in die sonst stumpfe Natur einen so mächtigen Trieb oder Hunger nach der Zeugung in dieselbe gelegt hätte?! Was würde ein Weib dem Mann sein, so dem Mann zum Weib keine Neigung eingehaucht wäre?!
RB|1|104|16|0|Du siehst hieraus hoffentlich leicht, dass beim Menschen allenthalben ein mächtiges Bedürfnis nach was immer vorhanden sein muss, so er sich für etwas tatkräftig interessieren soll.
RB|1|104|17|0|Und so steht es gerade nun denn auch bei und mit uns! Zu alledem, was du uns nun vorgetragen hast, fühlen wir durchaus kein Bedürfnis in uns. Wir sind wie Halbtote und haben keine Freude an diesem allerschläfrigsten Hundeleben. Sind wir aber bei so bewandten Umständen durchaus keine Lebensfreunde, wie sollen uns dann deine Lebenslehren und wie dein einziger Lebensmeister Jesus interessieren?! Schaffe in uns erst einen Hunger, oder fahre mit deinen uns lästigen Torheiten ab! Unsertwegen kann dein Jesus zehnmal hintereinander das höchste Gottwesen sein. Wenn wir aber kein Bedürfnis nach Ihm haben, wenn, sage ich, wir wie Steine nahe ohne Leben und Empfindung hier beisammen kauern, was soll uns da dein Meister Jesus sein?! Schaffe daher mehr Leben in uns und gebe uns ein Bedürfnis nach Ihm, so wird es sich dann ja zeigen, wie wir uns Jesus gegenüber benehmen werden – vielleicht besser als du?!“
RB|1|104|18|0|Diese Rede des Sprechers macht den Dismas stutzen, und er weiß nun nicht, was er aus ihr machen soll. Ich aber gebe ihm ins Herz, dass er einen recht mächtigen Hunger in ihre Mägen durch sein Wollen in Meinem Namen legen soll; da werden dann diese Halbtoten schon mehr und mehr ins Leben überzugehen anfangen.
RB|1|104|19|0|Dismas tut das, und die Gesellschaft wird sogleich regsamer. Einige fangen sich sogleich die Bauchgegend zu befühlen an und sagen zum Sprecher: „Freund, mache dass wir was zu essen bekommen, sonst fressen wir dich bei Butz und Stängel auf!“
RB|1|104|20|0|Spricht der Sprecher: „Narren, ich werde nun selbst hungrig wie ein zur Schlachtung durchfasteter Ochse und habe selbst nichts, damit ich mich sättigen könnte! Was soll ich denn euch geben?! Da steht der Dismas vor euch – den packt! Der wird euch wohl etwas zum Essen und Trinken zu geben haben; denn er ist ja nun, wie es sich zeigt, ein intimer Freund jenes Lehrers Namens Jesus geworden, der einmal in einer Wüste bei fünftausend Menschen mit wenig Broten soll gesättigt haben! Vielleicht ist da für uns auch noch eine Kleinigkeit übriggeblieben?! Daher also nur den Dismas darum angepackt!“
RB|1|104|21|1|(Am 23. Juli 1849)
RB|1|104|21|0|Darauf fangen alle an in den Dismas zu dringen und verlangen Speise und Trank von ihm.
RB|1|104|22|0|Dismas aber spricht: „Freunde, ihr verlangt nun etwas von mir, das ich nicht habe! Dort am Tisch aber sitzt derjenige, der alle Sättigung besitzt in Hülle und Fülle! Geht zu Ihm hin, bekennt vor Ihm eure Gebrechen, demütigt euch vor Ihm, da werdet ihr dann sicher auch gesättigt werden!“
RB|1|104|23|0|Sprechen die nun stets empfindlicher hungrig und durstig Werdenden zum Dismas: „O du ausgepeitschter Hauptlump von Halbengland! Hast du uns nach deinen eigenen Worten den Hunger und den Durst geben können, wie sollst du denn nun nicht imstande sein, uns allen durch was immer für ein Mittel die beiden Plagen wieder zu nehmen?! Kannst du das eine, so musst du auch das andere können! Benehme uns allen daher nur sogleich den nun nahe schon ganz verflucht quälenden Hunger und brennenden Durst – sonst sehe zu, was dir widerfahren wird!“
RB|1|104|24|0|Spricht Dismas: „Liebe Freunde, ich bitte euch nun eures eigenen Heils willen, werdet nicht ungestüm! Dass ich euch auf euer eigenes Verlangen Hunger und Durst geben konnte, beruht darauf, dass da nie jemand irgendeinem Bruder etwas zu geben imstande ist, was er zuvor nicht selbst hat. Was er aber selbst hat, das kann er auch geben, so er's will. Ich selbst habe in meinem Magen einen wahren Hundert-Ochsen-Hunger und kann davon sehr leicht den starken Überfluss mit anderen teilen. Hätte ich aber auch eine Sättigung, so könnte ich auch diese mit anderen teilen. Aber so ich euch zeige, wo ihr für ewig die vollste und sicherste Sättigung finden müsst, so geht denn hin und tut, was ich euch angeraten habe, so werdet ihr auch ebenso bestimmt von dem alle Sättigung überkommen, der die ganze Unendlichkeit nährt, sättigt und erhält! Und soll euch da die Sättigung nicht werden, dann erst habt ihr das Recht, mit mir zu machen, was ihr nur immer wollt; aber eher nicht! Dies Recht, an mir Rache zu nehmen, aber tritt auch erst dann ein, so ihr alles getan habt, wie und was ich euch angeraten habe. Unterlasst ihr aber auch nur einen Punkt, so habt ihr es euch selbst zuzuschreiben, so ihr nicht gesättiget werden würdet!“
RB|1|104|25|0|Sprechen die Hungrigen und Durstigen: „Haben wir dich denn gerufen, zu uns zu kommen?! Du kamst zu uns nicht in unserem Auftrag, sondern im Auftrag deines Gottes Jesus. Hat Er dir aber die Macht gegeben, uns mit Hunger und Durst zu schlagen, warum denn nicht auch die Macht uns zu sättigen?!“
RB|1|104|26|0|Spricht der Dismas: „Liebe Freunde, wer aus uns hat denn eine Macht, Gott zu nötigen? Er ist der allein Allmächtige und kann tun, was Er will. Er lässt aber gewöhnlich zuvor durch allerlei Apostel den Menschen Bitteres bringen, auf dass sie dann zu Ihm kommen sollen, und Süßes empfangen von Ihm. Die Menschen müssen dadurch zu der Einsicht gelangen, dass alle Menschenhilfe kein nütze ist, und dass sie gleich ist jenem sonderbaren Buch in der Apokalypse, das, von einem großen Engel dem Johannes zum Verschlingen dargereicht, im Mund honigsüß wohl schmeckte, aber dafür im Magen gar bitter ward! Erwartet daher auch von mir nichts Gutes! Denn so ich selbst schlecht bin, wie könnte ich euch denn Gutes bieten? Der aber Selbst wahrhaftig ist und gut über gut, der kann daher auch allein das Gute geben! Daher also zu Ihm hin!“
RB|1|104|27|0|Sprechen die Hungrigen und Durstigen: „Wenn alles gut ist, was von Ihm ist – warum bist denn hernach du und wir schlecht? Gehen wir ja doch alle von Ihm aus!“
RB|1|104|28|0|Spricht Dismas: „Wir aber sind nicht schlecht von Ihm aus; sondern durch uns selbst werden wir erst dann schlecht, so wir zufolge unseres freien Willens uns von Ihm abwenden und uns die vergebliche Mühe machen, zu tun, als wären wir selbst freie Götter, die vom eigentlichen Gott nichts mehr hören wollen. Da aber der eigentliche Gott das nicht wollen kann, so lässt Er solche eingebildete Götter so oft anrennen, bis sie zu der Einsicht kommen, dass sie denn doch keine Götter, sondern ohne Ihn nur schwache und dumme Menschen sind. Das bedenkt auch ihr und geht zu Ihm hin, so wird euch sicherlich wahrhaft geholfen werden!“
RB|1|104|29|0|Spricht die nun schon ganz verzweifelt hungrige und durstige Gesellschaft: „Aber wir wissen gar nicht, was du mit deinem ‚Sichergeholfenwerden‘ hast! Dummer Teufel! Bist du auch zu Ihm hingegangen, als dich der talkete [abgeschmackte] Blum dazu aufforderte? Was ist dir denn dadurch geholfen? Was hast du denn nun mehr, als du ehedem gehabt hast? Oder bist du etwa nun satter geworden als du früher warst? Siehe, so wie uns allen nun, schaut auch dir der ‚Herr von Hunger‘ bei den Augen heraus! Und das nennst du ein Besserwerden?
RB|1|104|30|0|O du blitzdummes Luder du von einem Apostel! Geh und lasse dich nicht auslachen! Komme in der Zukunft, vorausgesetzt, dass es hier eine gibt, selbst mit einem zufriedenerem Gesicht zu uns als diesmal, so wollen wir dir wenigstens ein wenig mehr Glauben schenken, als es nun möglich ist, aber wenn du selbst mit einem allerunzufriedensten und bedürfnisreichsten Gesicht zu uns wiederkommst, so wird es dir kein Pudel, geschweige erst ein Menschengeist glauben, dass du selig, d. h. mit allem versorgt und versehen bist!
RB|1|104|31|0|Fahr daher nur wieder ganz ruhig ab, Dismaserl! Denn in diesem deinem uns bis jetzt auf ein Haar gleichen Zustand richtest du nichts mit uns! Bringe uns lieber etwas zu trinken und zu essen, aber hierher; dann werden wir dir auch irgendwo anders hin folgen. Aber von deiner gegenwärtigen Weisheit lässt sich beim besten Gewissen nichts herabbeißen! Denke nach, denke nach, Dismaserl, wie schön dumm du nun bist! Du empfiehlst andern etwas an, was du selber noch nie gehabt hast! Dein Vater muss 's Schweinerne gern gegessen haben, weil ihm an dir ein gar so saudummer Sohn geraten ist?“
RB|1|104|32|0|Spricht Dismas: „Freunde, habe ich euch von dem, was ich nun in Kürze an mir erfahren habe, keine lebendige Überzeugung verschaffen können, so müsst ihr mir doch das zugeben, dass ich es mit euch allen fürs Erste sicher wohlgemeint habe, und fürs Zweite kann mir von euch allen wohl nie jemand nachweisen, dass ich mich je unartig, roh und grob gegen ihn benommen habe. Aus dem Grund aber glaube ich von euch mit Recht erwarten zu dürfen, mit mir doch ein wenig artiger und humaner zu reden. Ich ziehe euch ja nicht bei den Haaren hin zum Herrn! Wollt ihr hingehen, so geht ihr hin; und wollt ihr es durchaus nicht, da wird euch auch kein Zwang angetan werden. Aber unartig, roh und wahrhaft flegelhaft grob sollt ihr darum nicht sein! Dass ihr nun einen starken Hunger und Durst in euch verspürt, daran bin nicht ich, sondern ihr selbst schuld! Ihr habt zu eurer mehreren Belebung den Hunger gewünscht; und nicht ich, sondern der Herr hat ihn euch zukommen lassen durch mein Wort und durch meinen höchst eigenen Magenhunger. Ich aber habe es euch daneben auch sogleich gezeigt, wo und wie ihr den Hunger und den Durst stillen könnt! Warum tut ihr es nicht, so ihr es wisst? Ihr heißt mich einen dummen Teufel, weil ich dem Blum folgte, und sagt, dass mir diese Hinreise nichts genützt habe. Ich aber sage es euch, dass mir diese Hinreise gar überaus viel genützt hat. Ist auch mein Magen noch leer, so ist aber dennoch mein Herz gesättigt mit der Liebe zu Gott dem Herrn! Und das ist mehr als ein voller Magen! Es ist viel besser, ein Herz, denn hundert Magen satt machen! Denn so das Herz genährt wird, da wird auch des Magens bestens gedacht werden. Aber neben einem hungrigen Herzen kann kein Magen befriedigt werden, außer mit der Kost des Todes zum Tod des Herzens! Tut ihr nun, was ihr wollt! Ich aber werde euch für die Folge keinen Narren mehr machen! Wollt ihr Viecher bleiben, so bleibt es! Wollt ihr aber hin zum Herrn gehen, so steht euch der Lebensweg offen!“
RB|1|104|33|0|Auf diese Worte des Dismas stutzt die Gesellschaft und ist unschlüssig, was sie nun tun soll.
RB|1|104|34|0|Der Hauptwortführer aus ihrer Mitte aber tritt hervor, bittet die Gesellschaft um Gehör und spricht darauf, als ihn alle darum ersuchen, dass er reden möchte: „Achtbarste Freunde und Schwestern! Ich habe nun selbst bei mir viel nachgedacht über die Mission des Dismas an uns und über seine Rede; und habe, ich muss es euch denn doch offen gestehen, gefunden, dass er denn am Ende doch recht hat. Wir sollen wahrlich denn doch das tun, was er von uns haben will. Denn wir können für eine halbe Ewigkeit hin und her witzeln und Rat halten, so werden wir aber dennoch schwerlich je zu etwas Besserem gelangen, als es der gute Bruder Dismas uns geraten und gezeigt hat.
RB|1|104|35|0|Was geniert uns denn im Grunde auch hin zu jenem Mann zu gehen, von dem der Dismas nebst allen anderen, die nun schon glücklich sind, aussagen, dass Er die Gottheit Selbst sei? Ich meine also: Ist jener Jesus wirklich Gott Selbst, trotz unseres starren Unglaubens, so wäre unsere Renitenz gegen Ihn mehr als eine Tollheit zu nennen. Und soll Er das nicht sein, was der Dismas nebst den glücklichen andern von Ihm aussagen, no, so haben wir dadurch wahrlich nichts verloren, so wir Ihn uns zu einem Freund umgestaltet haben. Denn so die anderen an seiner Seite es gut haben, warum sollen wir es denn schlecht haben, so es lediglich nur von uns abhängt, sich zu Ihm hinzubegeben, und Ihn durch unsere Herzensfreundlichkeit für uns zu gewinnen? Ist's nichts, so ist's nichts, und wir verlieren nichts, weil wir haben nichts! Alles aber, was wir dadurch erreichen, kann für uns nur ein Gewinn sein! Denn wer, wie wir, durchaus nichts hat, der kann aber ja auch ewig nichts verlieren, sondern nur gewinnen, indem er wenigstens doch etwas Kleines sich eigen machen kann, was ihm früher in seinem neidischen Naturzustand unmöglich war. Gehen wir daher doch zum Herrn dieses Hauses hin und suchen Ihn für uns zu gewinnen; es wird sich dann ja ehestens zeigen, welchen Fang wir dadurch werden gemacht haben, so wir Christus werden gesprochen haben? Was meint denn ihr in dieser Sache?“
RB|1|104|36|0|Sprechen alle anderen: "Ja, ja, das können wir ja kinderleicht tun, weil es uns wahrlich keine besondere Mühe kostet; denn die Köpfe wird Er uns ja dennoch nicht vom Rumpf reißen? Auf deine recht vernünftige Rede ist aber auch leichter etwas zu unternehmen, als auf die stark geschwollene des Dismas! Wir wollen trotz unseres impertinenten Hungers und Durstes zwar nicht behaupten, dass der Dismas dumm geredet hätte; aber nach seiner altgewohnten Sitte desto geschwollener! Und eine geschwollene Rede macht nie den Effekt als eine nüchterne, vernünftige.“
RB|1|104|37|0|„Es wäre sonst alles recht“, spricht ein anderer aus der Gesellschaft, „wenn wir aber nur so um ein Haar besser adjustiert [bekleidet] wären! Besonders pitoyable [jämmerlich] nehmen sich unsere zehn Damen aus! Nichts als Fetzen und Lumpen von der schmutzigsten Art hängen in höchster Unordnung über ihre äußerst unvorteilhaft aussehenden Leiber! Und wir Männer haben eben nicht viel vor! Ich meine daher, so es möglich wäre, dass wir zuvor trachten sollten, zu nur um ein weniges besseren Kleidern zu kommen, und dann zu Ihm hinzugehen; denn in diesen sehr unhochzeitlich aussehenden Kleidern würden wir uns in Seiner mit aller Macht ausgestatteten Nähe denn doch gar verflucht schlecht ausnehmen. Was meint ihr in dieser Hinsicht?“
RB|1|104|38|0|Spricht der erste Redner: „Freund, ultra posse nemo tenetur! – übers Können hinaus kann niemand gezwungen werden! So sollen denn die Damen hinter uns einhergehen; und die von uns noch am leidlichsten bekleidet sind, die machen Avantgarde [Vorhut] – und so wird es sich meiner Meinung nach schon machen. Dismas als der am besten Bekleidete aber macht ja ohnehin unsern Anführer.“
RB|1|104|39|0|Sagen alle anderen: „Nun gut denn; so du's also für gut erachtest, so wollen wir denn also auch den Versuch machen.“
RB|1|105|1|1|Dismas wahre und gute Rede über die Werke des Verstandes und des Herzens. Dismas bringt die Schwergläubigen zum Herrn.
RB|1|105|1|0|Spricht Dismas: „Nun habt ihr euch endlich einmal für den Lebensweg entschieden! Da hat's doch ziemlich was gebraucht! Recht, recht so, wenn wir tun, wie es der Herr will, da werden wir nie irregehen; aber mit unserem eigenen Verstand und mit unseren Einsichten sind wir am allerdürrsten Holzweg, auf dem man höchstens in eine Köhlerhütte gelangen kann. Wo der Mensch überhaupt seinem kalten Verstand folgt, da kommt er auch gewöhnlich aufs Eis, wo es bekanntermaßen mit dem Feststehen einen sehr bedeutenden Faden hat. Nur wo der Mensch dem lebendigen Rat seines Herzens nachgeht, da ist das grüne Gras nicht ferne, und er kommt, wie man sagt, auf ein grünes Gras, oder respektive auf eine lebendige Hoffnung! Und so ist es nun auch mit euch wie mit mir selbst der Fall! Wir haben nun dem Rat unserer Herzen nachgegeben und den Rat des Verstandes wie einen Vagabunden und ewigen Schuldenmacher zur Türe hinausgeworfen. Und ich bin ganz fest überzeugt, dass es nun mit uns allen ehestens besser wird!
RB|1|105|2|0|Denkt nun einmal nach, was alles uns unser eigener Verstand geraten und welchen Wust von Regeln und Gesetzen er zuwege gebracht hat! Was aber haben sie uns genützt? In der Betrachtung dieses unseres elenden Zustandes findet ihr alle die überzeugendste Antwort. Nehmen wir alle die großen und nützlichen Produkte der Menschen auf der Erde, als z. B. große Meister in den schönen Künsten, als etwa in der Musik, Poesie und Malerei! All die Großmeister in diesen Künsten waren Schüler ihrer Herzen, ihres Gemütes; und ihre Werke stehen groß und unerreichbar vor den halbblinden Augen der aus lauter Verstand zusammengesetzten Nachwelt, die sich die saure Mühe nimmt, die großen Werke eines freien Herzens durch tausend Regeln und Gesetze zu erörtern, von denen dem Großmeister bei der Schöpfung seiner unerreichbaren Werke sicher nie etwas geträumt hat!
RB|1|105|3|0|Fragt aber, ob je ein solcher nachhinkender Regelschmied etwas Geniales, Freies und Lebensduftiges zuwege gebracht hat? Sind solcher Regelfabrikanten Werke nicht stets so trocken und steif wie die Spitze eines Chimborazo und so kalt und leblos wie der Nord- oder Südpol der Erde? Ja, ich sage es euch jetzt frei heraus, wie ich's nun klarst erschaue: die Werke des Verstandes kommen mir geradeso vor wie die Fossilien! Da haben wir eine Mumie, einen versteinerten Fisch, Krebs, ein versteinertes Holz, ein Farnkraut und dergleichen mehr; aber welch ein Unterschied zwischen diesen leblosen Fossilien und zwischen der lebendigen Wirklichkeit! Welch eine verzerrte und zerkrüppelte Steife in der Form selbst! Und welch eine schauderhafte Leblosigkeit! Daher hinweg nun mit all dem, was nur einigermaßen vom Verstand in uns herrührt! Denn an allen Werken des ledigen Verstandes liegt der Fluch, während die geringsten Werke des Herzens in einem endlos großen Wert sind für alles, was da atmet und lebt.
RB|1|105|4|0|Ein bloßer Verstandesmensch ist ein echter Totengräber. Sein Verstand, als ein Konglomerat von tausend Regeln und Gesetzen, ist der Spaten in seiner Hand, mit dem der tolle Totengräber einen Schacht in die vom lebendigen Gold strotzenden Tiefen des Herzens schlagen will; aber seine Mühe ist eitel und fruchtlos seine Arbeit! Denn das lebendige Gold bleibt nicht haften am plumpen Spaten, wohl aber taubes Gestein und Schlacken, aus dem kein echter Lebenschemiker auch nur einen kleinsten Tropfen echten Goldes bekommt! Aus diesem nur zu wahren Grund aber wollen wir, wie ich schon früher bemerkte, auch dem Verstand samt allen seinen Elaboraten für ewig den Abschied geben und uns an die allein auf unser Herz Bezug habenden Wege und Werke halten – und wir werden sicher bald zu einem besseren Ziel gelangen, als das bis jetzt der Fall war.
RB|1|105|5|0|Mit dieser nötigen Vorbetrachtung können wir aber auch nun ganz getrost uns zum Herrn hinbegeben, wo wir in dieser unserer umgewandelten Einsicht und Gemütsstimmung auch zu der erforderlichen Herzens- und Magenstärkung gelangen werden. Und so folgt mir nun in der Ordnung, die ihr selbst wegen der sehr unvorteilhaften Bekleidung als geziemend angeordnet habt.“
RB|1|105|6|0|Nach dieser sehr guten und wahren Rede des Dismas, die von der gesamten Gesellschaft begutachtet ward, gehen nun alle etwas furchtsam zu Mir her. Und als sie nach wenigen Schritten bei Mir anlangen, verneigt sich Dismas abermals tiefst vor Mir und spricht: „O Herr! Durch Deine Gnade und durch Deine alleinige Hilfe ist mir armen Sünder vor Dir dies heilige Werk gelungen! Alle dreißig sind mir in Deinem Namen hierher gefolgt, wie Du es mir gnädigst aufgetragen hast. Nun geschehe mit ihnen wie mit mir Dein heiliger Wille! Aber nur kein Ehrenkleid mir dafür; darum bitte ich Dich! Denn ich bin ewig keiner Ehre wert. Dir allein aber sei alle Ehre ewig!“
RB|1|105|7|0|Rede Ich: „Recht gut hast du, Mein lieber Dismas, deine Mission vollendet und hast dich nun um Meinen Namen sehr verdient gemacht! Ich will dir aber deshalb auch geben, was und wie es dir gebührt; nachher aber auch deinen Gewonnenen nach ihrem Herzen!“ Mich zum Robert wendend: „Du Robert aber gehe hin und bringe Wein und Brot und ein rechtes Gewand für den Bruder Dismas! Ich aber werde nun mit diesen dreißig eine kleine Verhandlung halten! Es sei!“
RB|1|106|1|1|Brunos Rede vor dem Herrn und dessen kritische Gegenfragen. Brunos Demut ruft des Herrn Gnade herab.
RB|1|106|1|0|Der Redeführer der dreißig tritt hervor, verneigt sich tiefst vor Mir und ebenso auch vor der ganzen Tischgesellschaft und spricht dann ganz beherzt: „Herr, Schöpfer, Erhalter und Regent der ganzen Unendlichkeit und alles dessen, was ihre ewig unbegrenzte Räumlichkeit erfüllt! Wir stehen hier als vollste Nichtigkeiten vor Dir, der Du allein alles in allem bist und erwarten von Dir Gnade und Barmherzigkeit, nicht aber so, als hätten wir irgend auch nur ein scheinbares Recht darauf, da wir alle größtenteils schwache und mitunter sogar gröbliche Sünder sind; sondern dieweilen Du – Gott als die reinste und vollkommenste Liebe bist, die sich nicht für die Engel, sondern für die gefallenen Sünder hat an das Kreuz heften lassen! Du allein bist die Stärke der Schwachen, der Heiland der Elenden, die Hilfe der Notleidenden! Du Selbst offenbartest Dich als Das und sagtest zu den Sündern: ‚Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch alle erquicken!‘
RB|1|106|2|0|Und so wären denn auch wir nun vor Dir, vollbelastet von allen Beschwerden des Lebens, die irgendeine Hölle über uns ausgeschüttet hat! Nehme sie uns ab nach Deiner Erbarmung, o Herr! Wohl können wir Dir dafür nichts bieten als höchstens dreißig mit allerlei Sünden behaftete Herzen, die Dich über alles lieben möchten, so sie sich getrauten! Aber ich denke nun, wie ich auf der Erde oft gedacht habe, so ich mich in schwachen Augenblicken einer üppigen Hure bedient habe: Wenn diese Hure ein Herz hätte, das für mich erglühen könnte, so müsste ich sie auch lieben trotz aller ihrer Unzuchtstaten. Denn die wahre Liebe sucht nur das Herz und schaut nur aufs Herz; für alles andere ist sie blind!
RB|1|106|3|0|So wollest denn auch Du, o Herr, mit uns verfahren! Sehe nicht auf unsere Taten, die da allesamt schlecht sind; sondern sehe auf unsere Herzen, die, wennschon unlauter, aber dennoch nach Deinem heiligsten Vaterherzen gieren wie ein dürres Gras nach einem belebenden Tautropfen."
RB|1|106|4|0|Rede Ich: „Ja, Mein lieber Bruno, es ist alles recht gut, wahr und schön, was du nun geredet hast im Namen dieser deiner Brüder und Schwestern. Aber in der Schrift steht es geschrieben, dass da Hurer und Ehebrecher in das Reich Gottes nicht eingehen werden! Ihr aber seid durch die Bank grobe Hurer und Ehebrecher und seid dabei voll Selbstsucht gewesen. Meine Gnade aber, die ihr wollt, ist das eigentliche Gottesreich. Es fragt sich daher, wie im Einklang mit der Schrift, ihr als Hurer und Ehebrecher Meiner Gnade und Erbarmung teilhaftig zu werden gedenkt!“
RB|1|106|5|0|Spricht Bruno: „O Herr, so Du es gestattest, dass ein Sünder vor Dir seinen Mund öffnen darf, so wirst Du es ihm ja auch nicht verwehren, Reue zu fühlen über seine Sünden, und Dich zu flehen um Gnade!? Siehe, Du hast ja trotz dieses schlimmen Richtertextes Deiner Heiligen Schrift dem Mörder am Kreuz Dein Reich nicht verschlossen, hast die Ehebrecherin im Tempel nicht gerichtet, und die Magdalena nicht, und kehrtest ins Haus des Zachäus ein; also hast Du auch nun hier so manche schon beseligt durch Deine Gnade, die Dir doch auch nicht mehr tun konnten als wir. O so sei auch mit uns nicht härter!“
RB|1|106|6|0|Rede Ich: „Ja, ja, aber alle diese waren nicht gar so grobe Sünder, als ihr es seid!“
RB|1|106|7|0|Spricht der Bruno: „O Herr! Was wohl kann vor Dir groß oder klein sein, ob Sünde oder Tugend!? Du allein bist groß und gut; alles andere aber ist nichts vor Dir! O Herr, der Du für Hunde, für Panter, Löwen, Hyänen und Tiger sorgst, das da böse Tiere sind, so sorge denn auch für uns, wenigstens nach dem Maße, wie für diese Tiere!“
RB|1|106|8|0|Ich winke hier dem Robert zu kommen mit Wein und Brot. Bruno schaut ganz erstaunt dem Robert entgegen, weiß aber noch nicht, was das bedeuten soll.
RB|1|107|1|1|Himmlisches Gnadenmahl. Brunos Selbstlosigkeit. Herzensprobe in der Feindesliebe.
RB|1|107|1|1|(Am 31. Juli 1849)
RB|1|107|1|0|Robert legt vor Mir das Brot auf den Tisch hin und stellt ebenso neben das Brot den Wein, verneigt sich dann und geht auf seinen Platz. Ich aber nehme das Brot und frage den Bruno, ob er wohl wisse, was das sei?
RB|1|107|2|0|Spricht Bruno: „Herr! Das ist Brot der Himmel, eine wahre Speise zum ewigen Leben und zur Vergebung der Sünden! Wohl dem, der es zu essen bekommt!“
RB|1|107|3|0|Sage Ich: „Nun gut denn also! Weil du also glaubst und sprichst, so nehme es hin und esse davon, so viel du magst und kannst!“
RB|1|107|4|0|Spricht Bruno: „Herr! Es sind aber hier nebst mir noch neunundzwanzig, die noch hungriger sein dürften denn ich! O lasse es zu, dass ich von diesem Brot zuerst ihnen gebe nach ihrem Bedürfnis und am Ende dann erst ich mich sättige mit dem, was da übrigbleiben könnte?!“
RB|1|107|5|0|Rede Ich: „Tue alles nach dem Verlangen deines Herzens!“
RB|1|107|6|0|Da dankt Bruno Mir um das Brot mit Tränen im Auge und teilt es bis aufs letzte Brotkorn unter die neunundzwanzig aus, die es eben auch mit dem gerührtesten Herzen sogleich verzehren. Einer aber bemerkt es, dass der Bruno sich ganz vergessen hat, tritt zu ihm hin und sagt: „Aber lieber Freund Bruno, du hast ja bei der guten Teilung des Brotes dich ganz vergessen und hast alles, was der Herr nur dir gegeben hat, uns gegeben! Ich habe von meinem Stück noch nichts weggenommen, nimm es hin und esse es; denn du bist nicht minder hungrig als ich.“
RB|1|107|7|0|Spricht Bruno: „Liebster Freund, behalte und esse, was ich dir durch des Herrn alleinige Gnade gegeben habe, und sehe nicht auf mich! Denn ich habe mehr Freude, so ihr alle gesättigt seid, als so ich hundertfach wäre gesättigt worden. Sorgt euch nur um mich nicht; denn an der Seite dieses heiligen Gebers darf einem um die Sättigung wohl ewig nimmer bange werden.“
RB|1|107|8|0|Bei diesem herrlichen Benehmen Brunos wie auch seines Freundes kommen allen Gästen die Tränen großer Freude, wie auch Mir selbst! Denn es gibt in allen Himmeln nichts Erhabeneres und Ergreifenderes, als wann ein armer und sehr hungriger Mann beim Anblick seiner gleich armen und hungrigen Brüder seiner selbst gänzlich vergisst und all das ihm Zugekommene an seine armen und hungrigen Brüder abgibt. Ein solcher macht aber dadurch auch einen Riesenschritt und das ins Zentrum Meiner Liebe!
RB|1|107|9|0|Notabene! Solches merkt auch ihr auf der Erde besonders wohl, schreibt es euch in eure Herzen!
RB|1|107|10|0|Darauf nehme Ich den Wein und gebe ihn dem Bruno mit der Frage: „Was es sei?“
RB|1|107|11|0|Dieser spricht voll der dankbarsten Rührung: „O Herr, das ist ein köstlicher Wein aus Deiner Kelter, ja aus der heiligsten Kelter Deines göttlichen Vaterherzens! Mit nie zu erlöschendem Dank und voll der höchsten Ehrfurcht wage ich, ihn aus diesen Deinen heiligsten Vaterhänden zu nehmen und, so Du es erlaubst, ihn auch meinen armen, durstigen Brüdern zukommen zu lassen?“
RB|1|107|12|0|Sage Ich: „Ich habe es dir schon früher gesagt, dass es Mir vollends recht ist, was du nur immer nach dem edlen Drang deines Herzens tust. Siehe, der Wein ist nun dein; tue nun damit, was du willst!“
RB|1|107|13|0|Bruno, ganz gerührt, dankt Mir und reicht den Wein sogleich seinen Brüdern und Freunden. Diese sagen und beteuern, davon nicht eher etwas zu nehmen, als bis er davon getrunken habe. Aber Bruno tut's nun einmal nicht anders, und so nehmen denn die andern dankbarst den Wein und trinken davon nach der Herzenslust. Es bleibt aber auch vom Wein nichts übrig. Obschon aber Bruno nun noch voll Hungers und Durstes ist, so freut er sich aber dennoch ganz immens, dass nun seine Brüder gestärkt sind und sogleich ein besseres Aussehen überkommen.
RB|1|107|14|1|(Am 1. Aug. 1849)
RB|1|107|14|0|Rede Ich und sage: „Nun, mein geliebter Bruno, sage Mir, wie hat dir denn allhier doch Mein Brot und wie Mein Wein geschmeckt? Bist du nun stärker als wie du früher warst?“
RB|1|107|15|0|Spricht Bruno ganz beherzt: „Herr! Ich habe nur einen Mund, einen Magen und ein Herz! Diese aber haben neunundzwanzig Munde, ebenso viele Magen und Herzen, die alle von meinem Herzen aus auch in meinem Magen und Mund zu Hause sind. Hätte ich das Brot und den Wein allein gegessen und getrunken, so wäre ich auch nur ganz einfach gesättigt und gestärkt worden, was mir eben nicht den größten Nutzen gebracht hätte. Da aber an meiner statt neunundzwanzig gestärkt worden sind, die ich alle wie ein zweites Ich in meinem Herzen trage, so bin ich dadurch nun nicht nur einfach, sondern in aller Wahrheit des Herzens neunundzwanzigfach gesättigt und gestärkt worden durch meine große Liebfreude an der Freude der neunundzwanzig gesättigten und gestärkten armen Brüder und allerärmsten Schwestern! Und so kann ich auf Deine an mich gerichtete heilige Frage auch wahrlich nichts anderes antworten und sagen als, dass Dein heiliges Himmelsbrot mir gar überaus wohl geschmeckt und der Wein sicher bestens gemundet hat! Dir allein ewig dank darum!“
RB|1|107|16|0|Rede Ich: „Liebster Freund Bruno! Siehe, du hast auf der Erde wohl recht oft und sehr gröblich gesündigt! Aber weil du so viel der uneigennützigsten Liebe gegen deine Brüder in deinem Herzen fassest, so wird dir auch viel vergeben werden! Denn jedem Wohltäter an seinen Brüdern und Schwestern wird hier Barmherzigkeit zukommen, indem er selbst Barmherzigkeit ausgeübt hat; und so denn auch dir deiner Brüder wegen und den Brüdern deinetwegen; denn da steht einer für alle und alle für einen!
RB|1|107|17|0|Aber es gibt da auch Wohltäter auf der Welt, die gegen ein junges armes Mädchen sehr barmherzig sind und suchen ihm nach allen ihren Kräften propter certam quoniam [aus einem gewissen Grund] aus einer Verlegenheit zu helfen; kommt aber eine alte und sehr mühselige Witwe zu ihnen, so wird sie mit einer Predigt und einem schlechten Kreuzer abgespeist; und ebenso auch ein alter, armer, mühseliger Bruder. Solchen barmherzigen Wohltätern werde Ich sehr wenig Barmherzigkeit erweisen! Denn wer für seine Wohltaten einen Genuss haben will und, wenn er den nicht haben kann, dann härteren Herzens ist denn ein Stein, der gehört zur Familie aller Teufel! Denn auch die Teufel tun denen Gutes, von denen sie irgendeinen angenehmen Vorteil zu erwarten haben.
RB|1|107|18|0|Du aber hast hier nicht also gehandelt und übtest Barmherzigkeit aus, hinter der keine unlautere Absicht zu erschauen war, und sollst daher auch bei Mir die höchste Erbarmung wiederfinden. Aber bevor ich dir diese im verheißenen Vollmaß werde angedeihen lassen, wirst du mir noch eine Probe deines Herzens ablegen müssen. Wirst du auch diese bestehen, dann soll dir aber auch sogleich Meine Gnade und Erbarmung im vollsten Maß zuteilwerden!
RB|1|107|19|0|Da gegen Abend hin ersiehst du eine Türe, die halb geöffnet ist. Gehe dahin! In selbem Gemach wirst du lauter solche Menschen finden, die auf der Welt deine ärgsten Feinde waren! Suche sie zu gewinnen und bringe sie zu Mir, so wirst du dann vollkommen sein vor Mir! Denn wer nur seinen Freunden Gutes tut, der hat noch lange nicht alles getan, auf dass er dann vor Mir sagen könnte: ‚Herr, ich war dennoch ein unnützer Knecht!‘ Wer aber das nicht sagen kann, der ist Meiner wohl noch lange nicht wert! Gehe daher hin und handle nach Meinen Worten!“
RB|1|107|20|0|Spricht Bruno: „O Herr! Dein heiliger Wille geschehe! Sei was es sei. Dein Wille ist mein Leben, mein Heil und meine höchste Wonne. O wie süß ist es, zu handeln im heiligen Haus des wahren, ewigen, allmächtigen Vaters! O ihr meine Feinde alle, ihr Brüder, die ihr an und in mir einen Bruder, der euch liebte, hart verkannt habt – im Namen meines und eures Gottes, Herrn und Vaters, komme ich zu euch, um euch zu segnen und Gutes zu tun und dadurch auch für ewig zu vergessen jede Unbill, die ihr mir je erwiesen habt!
RB|1|107|21|0|O Gott, o Gott! Welch eine Wonne erfüllt nun mein Herz, das sich nun stark genug findet, sich zu demütigen vor seinen Feinden, vor seinen hochmütigen und selbstsüchtigen Verächtern! Dunkel ahne ich's nun, was Dein heiliges Vaterherz damals im Angesicht Deiner argen Feinde muss empfunden haben, als Du in Dir Selbst zum Vater riefst: ‚Vater! Vergebe ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!‘ O Größe, Größe, heilige endloseste Größe, deren nur ein Gottesherz fähig ist!
RB|1|107|22|0|Wahrlich, es ist schön, ja erhebend wunderbar schön, so ein Bruder dem Bruder hilft; und schöner noch ist es, so er ihm hilft, ohne je an ein Entgelt zu denken! Aber Höheres und Größeres fasst kein Himmel, als zu segnen, die uns fluchen, und wohlzutun denen, die uns gehasst, verachtet und schädlich verfolgt haben!
RB|1|107|23|0|Daher hin, hin, hin, zu meinen Feinden hin! Denn diese sind wie berufen, mein Herz zu vollenden vor Gott!“ Mit solchen seltenen, erhebenden Worten stürzt Bruno zu der bezeichneten Türe hin.
RB|1|108|1|1|Der Liebesheld von Feinden umringt. Christi Liebe überwindet alles. Der große Seelen-Fischfang.
RB|1|108|1|0|Als er aber in das Gemach seiner Feinde eingehen will, da stellen sich sogleich mehrere vor die Türe und sagen mit zornerregter Stimme: „Zurück, Elender! Was haben wir hier mit dir zu tun!? Warst uns doch stets widerwärtiger als der Tod und ein Gegenstand unseres Hasses und unserer tiefsten Verachtung! Was sollen wir denn nun mit dir hier in der Hölle? Zu allen Teufeln mit dir, du elendste Menschenbestie!“
RB|1|108|2|0|Spricht ganz beherzt Bruno: „Liebe Freunde, was wohl habe ich euch denn je getan, darum ihr mir gar so entsetzlich gehässig seid?! Ich will ja alles tun, was ihr nur immer von mir verlangt nach Recht und Billigkeit, damit ihr mir nur wieder gut werden möchtet!"
RB|1|108|3|0|Schreien die in der Türe: „Du elende Menschenbestie kannst nichts tun, um uns eine bessere Meinung von dir anzubinden! Und wir brauchen auch nichts von dir – außer dass du uns verlässt! Denn deine Gestalt widert uns mehr als die unterste Hölle an! Ein Teufel ist ein Gott gegen dir! Und so weiche gutwillig von uns, sonst zerreißen wir dich in Stücke!“
RB|1|108|4|0|Spricht Bruno: „Wenn euch das mit mir aussöhnen kann, so lasse ich mich gerne kreuzigen von euch! Aber nur versprechen müsst ihr mir, dass ihr dann keinen Groll mehr auf mich habt!“
RB|1|108|5|0|Sprechen die Wüteriche: „Glaubst du denn, dass uns das zur Ehre gereichen würde, so wir unsere Ehrenhände an den Leib eines Schandbuben legten?! Wir und dich kreuzigen, das wäre doch eine barste Schande für uns! Höchstens dich niederschlagen wie einen allerschäbigsten Hund, und das nur so im Vorbeigehen, das könnten wir dir anstandshalber aus ganz besonders menschlichen Rücksichten tun, wenn wir gerade gut gelaunt wären! Aber mit dir uns eine größere und mehr Aufsehen erregende Mühe zu nehmen, wäre wahrlich unehrsam, kleinlich und lächerlich von uns! Fahre daher ab und ärgere uns nicht länger durch deine scheußliche Gegenwart!“
RB|1|108|6|0|Spricht Bruno: „Aber schätzbarste Freunde! Ich muss es euch nun offen gestehen, dass es mir leider nur zu bekannt ist, dass ihr mich auf der Welt allzeit gehasst und, wie und wo nur immer möglich, verfolgt habt! Wie sehr ich aber auch immer mich bemüht habe, davon auf den Grund zu kommen, so war es aber dennoch allzeit vergeblich! Ihr verfolgtet mich bloß nur, weil ich euch nicht zu Gesichte stand. Hier auf dieser Welt aber haben wir doch alle unsere Gesichter sehr stark verändert. Ich denke nun ganz anders, als wie ich je auf der Erde gedacht habe, und bin auch ein ganz anderer Mensch geworden. Dasselbe dürfte denn doch auch mit euch der Fall sein?!
RB|1|108|7|0|Sagt mir doch, was ich denn auf der Welt doch gegen euch verbrochen habe? Ich bin jetzt wahrlich in der Lage, euch allen das tausendfach zu ersetzen, was immer ich euch irgend, wenn schon mir unbewusst, schulde. Nur vergebt es mir und werdet freundlicher gegen mich, als ihr es bis jetzt wart! Welches Vergnügen kann es euch wohl gewähren, so ihr mich als einen armen Teufel hasst?! Ich prätendiere [beanspruche] keineswegs eure Freundschaft. Denn das wäre von euch als meinen erklärten Feinden gegenüber wohl zu viel verlangt! Aber darum darf ich euch ja dennoch bitten, dass ihr von eurer deklarierten Feindschaft gegen mich absteht, und das umso leichter, indem ihr mich ohnehin für zu gering haltet, dass ich von euch würdigermaßen könnte gekreuzigt werden?!"
RB|1|108|8|0|Sprechen die Wüteriche: „Was nützt da dein Reden und dummes Protzmaulen! Du bist einmal ein Sch..kerl und bleibst das auch in alle Ewigkeit! Ins Gesicht tust du, als wärst du der rarste und biederste Mensch; hintendrein aber bist du dann ein Luder aller Luder, und ist dir niemals zu trauen! Weißt du, wie du mit uns auf der Börse gehandelt hast?! Du sahst nichts als ein fortwährendes Sinken, schrecktest uns die Aktien heraus und kauftest sie dann selbst! O Lump! Stelle dich nur nicht so unschuldig! Wir kennen dich! Fallen etwa auch hier die Kurse, weil du nun gar so sehr unsere Freundschaft suchst?!“
RB|1|108|9|0|Spricht Bruno: „Ah, da steckt es also?! O Freunde, wenn euer Groll auf mich von da herrührt, da hoffe ich, dass wir miteinander ehestens die besten Freunde werden! Denn da kann ich euch im Voraus die treueste und wahrste Versicherung geben, dass ihr mit eurem Hass gegen mich rein auf dem allerchinesischsten Holzweg seid! Seht, fürs Erste konnte ich doch ebenso wenig wie ihr im Voraus bestimmen, ob die Kurse steigen oder fallen werden; und fürs Zweite könnet ihr mir ewig nicht beweisen, ob ich eben diejenigen Aktien aufkaufte, die ihr mit Verlust an die Bank zurück verkauftet! Ich kaufte, weil ich Geld hatte, und ihr verkauftet, weil euch das Geld ausgegangen ist! Ich habe euch doch bei Gott nicht und nie gefragt, wie es mit dem Kurs stünde; aber ihr umlagertet mich auf der Börse nahe an einem jeden Tag und fielt mir mit euren stets gleichen Fragen oft zum Ekel lästig! Was habe ich davon denn wohl für Vorteile haben oder ziehen können? O seht, wie seicht euer Groll auf mich basiert ist? Habe ich euch doch nie weder zum Kauf und ebenso wenig zum Verkauf genötigt! Dass ich euch aber allzeit, so viel es auf einer Börse nur möglich ist, immer die Wahrheit über den besonders in Kriegszeiten sehr schwankenden Kursstand benachrichtigte, so ihr mich darum fragtet, das habt ihr ja selbst bei dem täglich neuen Kursruf auf das Eklatanteste ersehen können! Wer aber müßigte euch, eure Papiere beim niedersten Kursstand zu verkaufen und beim höheren zu kaufen?! Ich sicher nicht, und tausend andere auch nicht! Ihr wart selbst so töricht und kamt dadurch unter die Scheibe! Aber euch selbst wolltet ihr solche Dummheit nicht zumuten, weil ihr euch für zu spekulationsweise hieltet. Habt ihr aber dann an euch selbst eine derbste Spekulationssünde begangen, so wälztet ihr dann die Schuld auf den Nächstbesten, der in seiner Spekulation irgend klüger war als ihr! Fragt euch aber nun in dieser Geisterwelt doch einmal ganz ernst, ob solch euer Hass besonders gegen mich doch nur wenigstens einen Scheingrund für sich hat? Lasst euch doch nicht auslachen! Was konnten mich eure und euch meine Papiere genieren? Ich kaufte, ihr auch, so es euch rätlich dünkte. Oder ihr verkauftet, und ich kaufte! Das ist doch etwas ganz Natürliches! Woher dann euer Groll auf mich?! Falsche Gerüchte aber habe ich nie ausgestreut und mich auch nie einer Illusionslaterne bedient!“
RB|1|108|10|0|„Gut!“, sagt einer aus der Hassgesellschaft, „du hast richtig also gehandelt, wie du es nun vor uns allen durchs Wort wiedergegeben hast, aber das kann unsern Groll, Grimm und Hass gegen dich nicht vermindern, weil du auf der Welt, was wir alle erst hier so recht radikal einsehen, stets anders dachtest, als wie der Sinn deiner süßen Worte lautete! Sagtest du schwarz, so war es sicher weiß; und sagtest du weiß, da war es schon ganz sicher schwarz. Hättest du in der Börsenspekulationssache durchaus keine Vorsichtskenntnisse, so hättest du doch unmöglich, und das aber allzeit, so sicher wie nur etwas sicher sein kann, schwarz für weiß und so auch umgekehrt prognostizieren können. Siehe, wir alle fragten dich nicht, um von dir von der Stirn weg die Wahrheit zu erfahren, sondern gerade das Gegenteil. Und das Gegenteil war dann die volle Wahrheit. Aber das merkte dein tückevollster Scharfsinn doch nicht, dass wir deine Aussagen verkehrt benützten, und dadurch, sicher zu deinem geheimen, großen Ärger, einen fünfzigpfündigen Huchen aus dem Strom der Papierspekulation zogen. Dass es uns gerade nicht allzeit glückte, das bringt des Spieles Laune mit sich; aber hätten wir allzeit nach deiner Aussage gehandelt, da hätten wir sicher in kürzester Frist alles verludert, was wir hatten! Sieh', so steht es, und von daher datiert sich auch unser gerechter Hass gegen dich! Erweise uns aber das Gegenteil, so wollen wir dich sogar um Vergebung bitten und deine besten Freunde sein.“
RB|1|108|11|0|Spricht Bruno: „Gut, ich nehme euch beim Wort. Beantwortet mir aber zum Voraus einige Fragen. Frage Nummer eins: War ich auf der Börse mehr als ihr, etwa so ein Direktor, Buchhalter, Kassier oder Sekretär oder ein Rechtskonsulent oder sonst was dergleichen?“ – Sagen die Grolligen: „Nein, du warst wie wir bloß nur ein Interessent!“
RB|1|108|12|0|Spricht Bruno: „Gut! Frage Nummer zwei: Wer auf der Börse ist denn so ganz eigentlich in all die finanziellen Geheimnisse eingeweiht?“ Antwort: „Die Bank- und Börsenamtsleute.“ – „Gut! Frage Nummer drei: Werden die vielen Bank- und Börseninteressenten von den unterrichteten Amtsleitern wohl allzeit mit der Wahrheit abgefertigt?“ Antwort: „Nein! Wenn etwas schief geht, so erfährt man schon gar nie die Wahrheit.“ – „Gut! Frage Nummer vier: So aber bei solchen zweifelhaften Gelegenheiten schon niemand aus der Interessentenmitte zur Wahrheit gelangen kann, wie und wodurch hätte denn da ich zur Wahrheit gelangen sollen?“ – Antwort: „O gar leicht! Auf dem Weg der Bestechung kann ein Lump hinter so manches kommen, was einem ehrlichen Kerl verborgen bleibt!“ – "Gut! Ex cantu cognoscitur avis! Aus dem Gesang erkennt man den Vogel! Oder: wie der Schelm, so der Helm! Bringt mir alle Bank- und Börsenbeamten her, und sie sollen reden, ob ich je aber auch nur den geringsten mit einem Heller wegen Verrat eines Bankgeheimnisses bestochen habe! Aber von euch wohl sprach die sogenannte böse Welt, dass ihr bei einer sehr kritischen Gelegenheit einem Eingeweihten einen heimlichen, tausend Dukaten schweren Rippenstoß sollt versetzt haben, auf dass er euch eine kleine Vorenthüllung gäbe, wie die Sachen sich gestalten dürften – worauf ihr dann aber auch schon am nächsten Tag fast eure sämtlichen Papiere mit einem bedeutenden Verlust gegen klingende Münzen umtauschtet und mit denselben dann ins Ausland einen geheimen Handel unternommen habt und dadurch zum zweiten Mal eingegangen seid. Sagt, habe da auch ich durch mein Schwarz-für-Weiß euch dazu bewogen?“
RB|1|108|13|0|Hier stutzen die Groller und wissen nicht, was sie darauf erwidern sollen. Aber Bruno spricht weiter und sagt: „Freunde, habe ich euch etwa auch dazu den Rat erteilt, dass ihr in Gesellschaft dreißigtausend fl. c. m. [Florin, Gulden] in Zwanzigern in einem Keller habt einmauern lassen? Als aber dann in Wien das liebe Standrecht publiziert worden ist und die strengen Hausuntersuchungen angeordnet wurden, und im verhängnisvollen Keller die guten Croati [Kroatisches Militär] die hohlklingende Mauerstelle aufbrachen, um etwa verborgene Waffen zu entdecken, aber statt der Waffen den für sie noch erfreulicheren Fund von baren dreißigtausend fl. c. m. fanden und ihn bis auf den letzten Groschen in den sichern Empfang nahmen – ich meine, dazu hat wohl mein Schwarz-für-Weiß keinen Beitrag gemacht. Ihr wart, kurz gesagt, allzeit selbst schuld an euren Verlusten. Ihr haltet euch aber noch immer für kluge Spekulanten und meint im höchsten Grad irrig, ich sei in eure Spekulationsgeheimnisse eingeweiht gewesen und habe an euch einen Verräter gemacht? Wie aber wäre so was doch möglich, da ich außer auf der Börse euch wohl nie mit meiner Gegenwart belästigt habe – wie auch auf der Börse nie, außer ihr fielet wie ein Schwarm Moskitos über mich her?! Ich trage an allem eurem Unglück nicht die geringste Schuld, dessen könnet ihr vollends versichert sein! Gott ist mein Zeuge! Meint ihr aber noch, dass ich euch unglücklich gemacht, so beweiset es mir vor Gott; und ich will alles tun, um meine Schuld an euch hundertfach abzubüßen. Redet nun, wie euch diese Sache vorkommt.“
RB|1|108|14|0|Sagt darauf einer nach einem etwas längeren Nachdenken: „Die Sache verhält sich allerdings so, wie du sie nun uns allen dargetan hast! Aber so du daran denn schon durchaus nicht beteiligt gewesen sein solltest, da begreifen wir aber dennoch nicht, wie du zu dieser genauen Kunde und Evidenz unserer Verhältnisse gekommen bist! Hättest du an unseren höchst misslichen Lebensverhältnissen durchaus keinen interessierten Anteil, wie wohl könnten sie dir dergestalt bekannt sein, als hättest du sie selbst angeordnet und geleitet? Es werden in Wien wohl noch eine Menge solch höchst unangenehmer Vorkommnisse stattgefunden haben, wie da die unsrigen waren – sage, sind sie dir ebenso bekannt wie die unsrigen?“
RB|1|108|15|0|Spricht Bruno: „Alle sicher nicht, aber gar viele gewiss, ohne dass ich an ihnen eben mehr oder weniger einen Teil hatte, als an den eurigen. Wusstet ihr doch auch allzeit, wer vom Gericht eingezogen wurde und warum – ohne darum irgend elende Denunzianten an den Gerichtsbeteiligten zu sein. Warum soll dann ich es nicht auch in Erfahrung gebracht haben können, wie es euch ergangen ist in der Zeit der großen Trübsal, da ihr mir von der Börse aus nur zu wohl bekannt wart, ohne an euch einen schändlichen Denunzianten gemacht zu haben? Gebt ihr mir nun darüber eine genügende Rede und Antwort und erweist es mir, dass derjenige, der wie zufällig vom Unglück seiner Bekannten Kunde erhält, auch an selbem darum eine Schuld haben müsse. Zeigt es mir, in welchem Gesetz das als ein kulpatives [schuldhaftes] Verbrechen aufgeführt ist?“
RB|1|108|16|0|Die Groller stutzen nun und wissen nicht, was sie tun sollen. Eine gute Rede fällt ihnen nicht ein, und mit einer seichten trauen sie nicht mehr aufzutreten. Ebenso steht es auch mit ihrem Zorn, Hass und Grimm. Sie möchten noch sehr gerne weiterhin nahe unversöhnlich zornig verbleiben; aber sie haben dazu bei weiserer Überlegung nun allen Grund verloren, und mit diesem verliert sich denn endlich doch auch der Zorn. So stehen sie nun ohne Grund zum Zorn und somit ohne Zorn vor Bruno und ärgern sich nun über sich selbst, da sie nun keinen Zorn, Hass und Groll auf den Bruno haben können.
RB|1|108|17|0|Nach einer ziemlichen Weile tritt einer hervor und spricht: „Dumm, dumm, dumm ist das! Ja ganz verzweifelt dumm, dass wir dir nun nichts vernünftig Geltendes mehr entgegenstellen können und müssen daher notgedrungen von unserem Zorn gegen dich rein abstehen. Wie gerne hätten wir dich so aus dem Salze durchgeprügelt, wenn wir dir nur wenigstens eine scheinbare Schuld hätten andichten können! Aber du bist ein zu gescheites Luder, dass man dir nicht an den Leib kommen kann. Und so müssen wir nolens volens [wohl oder übel] dir obendrauf noch sogar Freunde werden! Das bringt wirklich alles Vieh auf der ganzen Erde auf einmal um. Aber was willst du denn nun ferneres noch mit uns? Was sollen wir nun tun?“
RB|1|108|18|0|Spricht Bruno: „Freunde, seht ihr nicht in diesem großen Saal den großen Ratstisch und alle, die um denselben versammelt sitzen und einen mächtigsten Rat gleich über die ganze Unendlichkeit halten?“
RB|1|108|19|0|Spricht der Redner: „Wir sehen gottlob nichts, auch keinen Saal und keinen Ratstisch! Nur diese wahrhaftigste Kneipe, die voll Dunkelheit ist, sehen wir und dich auch! Ob sie aber irgendeinen Ausgang hat, das sehen und wissen wir nicht. Was aber willst du mit deiner für uns wahrlich unsinnigsten Frage?“
RB|1|108|20|0|Spricht Bruno: „Ich will damit nichts anderes, als euch zu dem Herrn und Heiland Jesus hinführen, damit Er euch reinige und darauf für ewig wahrhaft glückselig mache – aus welchem Grund ich einzig und allein von eben diesem Herrn und Heiland Jesus an euch abgesandt wurde. Ob ihr Ihn nun seht oder nicht seht, so folgt mir aber dennoch liebewillig dahin, wohin ich vor euch hingehen werde. Am rechten Ort und an der rechten Stelle wird euch schon ein rechtes Augenlicht werden!“
RB|1|108|21|0|Spricht der Redner: „Das wird etwas hart hergehen! Denn fürs Erste besitzt du unser Zutrauen noch lange nicht in dem Maß, dass wir dir nun gleich so blindlings folgen sollten, als wärst du uns ein schon Gott weiß wie lange und mächtig erprobter Freund gewesen. Und fürs Zweite sind wir Neukatholiken, die wohl wissen, was sie von dem Juden Jesus zu halten haben und sind nicht so dumm wie manche andere, die Ihn sogar zu einem Gott gemacht haben, wie einst die Griechen ihren Herkules und noch andere Helden aus der grauen Urzeit! Daher musst du dir zu unserem Besten schon etwas Klügeres und deshalb Annehmbareres ausdenken, so es dir ernst sein soll, uns am Gängelband herumzuführen.“
RB|1|108|22|0|Spricht Bruno: „Freunde, da könnte ich wohl eine Ewigkeit nachdenken, und mir würde dennoch nichts Klügeres beifallen. Der römisch-katholische Glaube ist zwar wohl unendlich dumm, albern und seicht in gar vielen Stücken; aber der neukatholische ist noch um ganze tausendmal blinder und dümmer. Leugnet er nicht das Leben der Seele nach des Leibes Tod?! Und doch lebt ihr nun nach dem Tod eures Leibes fort. Dieser Umstand beweist ja schon mehr als zur Übergenüge, welch Geistes Kind der Neukatholizismus ist. Ferner leugnet er nicht nur die evidenteste Gottheit Christi, sondern à la Strauß und Hegel jede Gottheit ganz bei Butz und Stängel weg! Wer aber kann solch einer verdammlichen Lehre anhangen, besonders hier in der ewigen Geisterwelt, die hinsichtlich des Fortlebens der Seele gegen eure nun doch sicher lebendigste Überzeugung einen gar so ungeheuren Fehlschuss gemacht hat!? Eine Lehre aber, die einen so ungeheuren Fehlschuss gemacht hat, wird doch in allen ihren noch handgreiflicher aus der Moderluft der barsten Selbstsucht gegriffenen Prinzipien nicht glaubwürdiger sein als in ihrer schnödesten Annahme der Sterblichkeit der menschlichen Seele! Ist aber bei einer Lehre ein Hauptlehrsatz grundfalsch, so können die anderen, davon mehr oder weniger abgeleiteten Sätze und Theoreme doch unmöglich anders als ebenfalls grundfalsch sein. Werft daher eure ganze neukatholische Lehre zum Plunder, und folgt mir, wohin ich euch führen will! Ich stehe euch dafür, dass es mit euch in Kürze besser gehen werde!“
RB|1|108|23|0|Spricht der Redner: „Freund, du bist ein ganz verteufelt gescheiter Kerl! Man muss dir recht geben, will man es oder will man es nicht; denn du redest wie ein gedrucktes Buch. Aufrichtig gesagt, es tut mir nun recht von Herzen leid, dass wir alle dir früher so hart und beleidigend entgegengekommen sind. Aber ich hoffe, du wirst uns das wohl vergeben können, besonders wenn du bedenkst, wie wir zu allen unseren Zeiten mit der barsten Finsternis in allem von der Geburt an geschlagen worden sind. Bedenke, wie in Wien alles so bestellt war, Pfaff und Beamte, die arme Menschheit in des Geistes dickste Nacht zu versenken, sie einzuschläfern durch zotige Komödien, Bälle, geduldete Hurerei und dergleichen mehr. Unter solchen, allen Geist tötenden Auspizien [Einflüsse] war es ja doch unmöglich, sich in ein reineres Wissen emporzuschwingen. Wie wir aber erzogen wurden, so sind wir noch, nämlich blind, taub und stumm an der Seele und am Geiste, und können daher das Schwarz vom Weiß kaum unterscheiden. Habe daher Nachsicht und Geduld mit uns und führe uns denn in Gottes Namen irgendwohin, wo wir doch etwas mehr Licht bekommen werden, als es bis jetzt der Fall war.“
RB|1|108|24|0|Spricht Bruno: „Ganz wohl und gut! Dass ich mit dem geduldigsten und zornlosesten Herzen zu euch hierhergekommen bin, das brauche ich euch nun hoffentlich wohl nicht mehr zu beweisen; denn mein ganzes Benehmen gegen euch ist dafür ein sprechendster Beweis. Ich habe euch alles vergeben und bin nun, wie allzeit, euer Freund in aller Wahrheit! Und so glaube ich denn nun auch, dass da zwischen uns nun kein Hindernis mehr obwalten dürfte, das uns beirrte, jenen Weg einzuschlagen, auf dem ganz allein es möglich ist, hier in dieser Welt sich in einen solchen Lebenszustand für ewig zu versetzen, in welchem es dem Bedürfnis der Seele und des Geistes gemäß möglichst selig zu bestehen ist. Fasst sonach Mut und einen festen Willen und folgt mir! Alles Übrige aber erwartet getrost von Dem, der allein helfen kann, mir schon geholfen hat, wie vielen meinen anderen Freunden, und also auch euch sicherst helfen wird; denn nicht umsonst hat Er mich an euch abgesandt. So viel eurer auch sind, ob hundert oder tausend, das ist gleich, folgt mir alle, und es soll euch allen geholfen werden.“
RB|1|108|25|0|Sprechen nun alle die Vorderen: „Wir, die wir uns von der Börse her kennen, sind unser nur etliche Zwanzig; aber hinter uns gibt es dir eine nahe unzählige Menge lauter allergemeinstes Gesindel. Ob diese dir auch folgen werden, das ist eine ganz andere Frage! Möglich, aber sehr wenig wahrscheinlich! Denn die sind zu tief in der Nacht zurück. Versuche es! Uns ist das ein Gleiches, ob sie mitziehen oder nicht.“
RB|1|108|26|0|Sagen die vielen Hintergründler: „Gar so dumm, wie die Herren da vorne meinen, sind wir nicht! Daher nichts für ungut ihr Herren – werden wir denn auch so frei sein, euch als eine wahre Tausendgesellschaft zu begleiten. Denn der euch helfen wird, der wird sicher auch uns nicht zur Türe hinausweisen. Versteht ihr das? Also denn auf gut Glück zur Ehre Gottes nur aufgebrochen!“
RB|1|109|1|1|Gute Rede unter den Lichthungrigen. Das Heer von Weltblinden kommt vor den Herrn. Durch Verweltlichung verursachte geistige Blindheit. Brunos Lebenserzählung.
RB|1|109|1|1|(Am 10. Aug. 1849)
RB|1|109|1|0|Sagen darauf die ehemaligen Groller: „O unsertwegen habt ihr euch gar nicht zu genieren! Hier in dieser Welt hat ja ohnehin jeder Standesunterschied vollends aufgehört. Und Platz werden wir im unendlichen Raum hoffentlich auch haben. Und so könnt ihr, ohne darum eigene Worte zu machen, mit uns ganz unbeirrt und ungeniert dorthin ziehen, wohin uns der Freund Bruno führen will!“
RB|1|109|2|0|Sagt darauf einer aus dem großen Hintergrundshaufen: „So ist's recht, so ein Wort lassen wir uns gefallen! Vor Gott ist alles gleich, Fürst und Bettler, Wolf und Lamm; aber der Fürst darf nicht über den Bettler hinwegblicken, und der Wolf darf nimmer nach dem Blut des Lammes gieren. Sind wir unter uns quitt, so werden wir es auch vor Gott und mit Gott sein. Denn Seinetwegen hat Er uns keine Gesetze gegeben, wohl aber unser selbst wegen. Tragen wir aber auf unseren gegenseitigen Schuldtafeln keine gegenseitig obligaten Noten, so werden wir sicher auch im großen Buch des Lebens, im großen Ordnungsbureau Gottes, keine finden. Sollt ihr irgend gegen uns was haben, so löscht es für ewig von der Schuldtafel, gleichwie wir alles vollends gelöscht haben, was immer wir auf unseren Vormerktafeln gefunden haben!“
RB|1|109|3|0|Spricht der eine Redner des Vorgrundes: „Schön, sehr schön von euch! Was ihr tatet, das taten auch wir; und somit sind wir nun Freunde und Brüder und Schwestern! Aber nun winkt uns der Freund Bruno, ihm zu folgen; und so wollen wir diese unsere Privatunterredungen aufheben und ganz stumm dem Freund Bruno folgen.“
RB|1|109|4|0|Auf diese Worte erheben sich alle und folgen dem Bruno geradewegs dahin, wohin er ganz heiteren Mutes voranzieht.
RB|1|109|5|0|In wenigen Augenblicken mit der ganzen großen Karawane bei Mir angelangt, sagt Bruno: „Herr, da wären sie alle, die jenes trübe Gemach gefangen hielt. Ich habe schlechtweg meinen Auftrag erfüllt. Nun geschehe, o Herr, mit ihnen ohne mich, Dein heiliger und ewig bester Wille! Blind sind sie alle. Gebe ihnen daher das Licht, dass sie Dich sehen mögen, wie ich Dich nun sehe in aller Deiner Milde und Vaterliebe!“
RB|1|109|6|0|Sagt einer aus der Gesellschaft: „Freund Bruno, sind wir denn schon am Ziel unserer kurzen Wanderschaft? Und mit wem hast denn du nun so in die Geisterluft hineingeredet?“ – Spricht Bruno: „Wir sind nun vollkommen am Ziel! Und Der, zu dem ich nun geredet habe, ist der Herr, Gott Jehova, Jesus Zebaoth. Bittet Ihn um Licht, wie ich Ihn schon gebeten habe, so wird euch dann auch sogleich Licht werden; und ihr werdet Ihn dann ebenso sehen können, wie ich Ihn nun sehe!“
RB|1|109|7|0|Spricht ein anderer aus der Gesellschaft: „Sage uns doch, ob wir uns nicht in dem großen Saal befinden, da wir früher waren, und nachher aber wegen unserer Arroganz und Impertinenz in jenes finstere Loch getrieben worden sind – und zwar von dem nie zu höflich gewesenen Sachsen Robert Blum, so wir uns nicht irren?“
RB|1|109|8|0|Spricht Bruno: „Ja, im selben Saal befindet ihr euch! Und der Bruder Robert ist nicht ferne von euch.“ – Spricht der Redner: „Da war ja auch, wie wir uns so ganz leise erinnern, der Herr Jesus, an den wir aber damals nicht glaubten, zugegen und hatte viel zu tun mit der kuckuckscheckigen Lerchenfelder Leanerl. Damals sahen wir Ihn und die Leanerl auch! Warum können wir Ihn denn jetzt nicht sehen, wie auch die Leanerl nicht?“
RB|1|109|9|0|Spricht Bruno: „Der Grund liegt ganz einfach darin, dass ihr zu grob sinnlich geworden seid. Aus solcher groben Sinnlichkeit aber lässt sich durchaus nichts Geistiges schauen, wahrnehmen und begreifen, wie ich solches aus der eigenen Erfahrung weiß, sowohl aus der Periode meines irdischen, wie nun aus den verschiedenen Zuständen dieses meines geistigen Lebens.
RB|1|109|10|0|Als ich auf der Erde noch als ein recht zarter und gottesfürchtiger Knabe mich im Haus meiner recht frommen Eltern aufhielt, da hatte ich allerlei recht herrliche Gesichte. Ja es war mir manchmal, so ich mein Morgen- oder Abendgebet verrichtete, als umschwebten mich Engelsgestalten, die mich stärkten und in meiner Brust so sehr ein himmlisches Gefühl erweckten, dass es mir dabei gar nicht selten so vorkam, als befände ich mich schon wirklich in irgendeinem Eden Gottes. So hatte ich auch in dieser meiner irdisch frommen Lebensperiode oft so wunderbar herrliche und nicht selten sehr bedeutungsreiche Träume, dass sich dieselben mein irdischer Vater nach meiner Erzählung nahe allzeit von Wort zu Wort in ein ganz eigenes Protokoll aufzeichnete und daraus so manche moralische Deduktionen machte, ja manchmal sogar daraus kommende Ereignisse für den Kreis unserer ziemlich starken Verwandtschaft weissagte. Als ich aber nachher als ein erwachsener Jüngling aus dem väterlichen Hause kam und stets mehr und mehr Geschmack an der Welt fand, da war es dann mit meinen himmlischen Gesichten auch bald gar. Meine lustigen Freunde disputierten mir alles bei Butz und Stängel weg und machten mir meine Jugend lächerlich und fad, sodass ich mich am Ende derselben förmlich zu schämen anfing. Und so ging ich mit Riesenschritten in die lustige Welt über, ward am Ende ganz grob materiell sinnlich und hatte von allen meinen herrlichen Knabengesichten kaum noch eine Erinnerung. Erst in meiner letzten Zeit bekam ich manchmal gewisse Mahnungen, die ich aber leider auch nicht eher würdigte, als bis es wahrhaftigst zu spät war. Nun erst sehe ich alles ein, wie alle diese Geschichten an mir sich betätigt haben und warum. Aber hier lässt sich daraus freilich sehr wenig oder auch wohl gar nichts mehr machen; denn hier kommt es nun bloß darauf an, welche Beschaffenheit das arme Herz der Seele anzunehmen noch irgendeine schwache Fähigkeit besitzt. Ist dasselbe noch einer reineren Erkenntnis und eines besseren Willens fähig, so ist es wohl [gut] für uns. Ist aber das Herz ein Luder, wie man zu sagen pflegt, so ist alles dann ein Luder. Aus dieser meiner getreusten Beschreibung meines eigenen miserablen Lebens, wie es sich entwickelte und gestaltete, könnt ihr alle nun überdeutlich abnehmen, woher es so ganz eigentlich kommt, dass ihr hier in geistlicher Hinsicht vollends blind noch seid. Wendet euch aber nun vollernstlich an den Herrn Jesus in euren Herzen, und bittet Ihn allein um das rechte Licht, und es wird und es muss euch Licht werden!“
RB|1|109|11|0|Die ganze große Gesellschaft fängt nun sehr darüber nachzudenken an, und viele fangen an, ihre Hände an ihre Brust und an ihr Herz zu legen.
RB|1|110|1|1|Der Herr über Seelenfischfang. Brot, Wein und himmlische Bekleidung.
RB|1|110|1|0|Ich aber sage zum Bruno: „Mein lieber Bruno, du bist wahrlich ein guter Fischer, denn mit einem Zug hast du Mir ein volles Netz gebracht, und das ist eine wahre Meisterschaft, die ihres guten Lohnes wert ist in allem Vollmaß. Es wird sich nun freilich erst zeigen, so wir diese Fische aus dem Netz heben werden, ob nicht mehrere darunter sind, die ausgeschieden und wieder zurück ins Meer geworfen werden müssen ob ihrer etwa doch zu großen Magerkeit. Aber das macht auf dein Verdienst vor Mir keinen etwa weniger verdienstlichen Eindruck; denn die Sonderung ist allein Meine Sache, während dir als einem von Mir ausgesandten Fischer allein nur das Fangen der Fische obliegt. Jeder Fischer aber hat schon alles getan, so er sein Netz vollgefüllt, und hat nicht darauf zu sehen, ob die Fische gut oder schlecht seien. Ich aber als der Herr kann dann erst bestimmen, welche Fische Mir taugen, und welche Mir nicht taugen!
RB|1|110|2|0|Gehe du aber nun zum Robert hin; er wird dir geben eine rechte Stärkung, bestehend aus Brot und Wein, und ein dir geziemendes Ehrengewand.“
RB|1|110|3|0|Spricht Bruno: „O Herr, ich bin wohl kaum Deiner allergeringsten Gnade wert; wie soll, wie könnte ich von Dir dann solch eine allergrößte und höchste annehmen!? Herr, was du mir zu viel tun willst, das tue lieber diesen armen Fischlein, die vor Dir etwa doch zu mager aus dem Netz dürften gehoben werden. Mich aber belasse, wie ich nun bin. Denn wahrlich, in Deiner heiligen Nähe bin ich weder hungrig noch durstig, und Dein Wort ist mir das allerkostbarste Ehrengewand!“
RB|1|110|4|0|Rede Ich: „Mir gefällt deine große Demut und deine ebenso große Nüchternheit über die Maßen wohl. Aber wegen eben dieses Meines großen Wohlgefallens an dir musst du schon auch das tun, was Ich dir nun anbefohlen habe. Siehe, auch Mein Petrus wollte es einst nicht zugeben, dass Ich ihm die Füße waschen möchte. Als ihm aber von Mir der Grund gezeigt wurde, da wollte er am ganzen Leib dann gewaschen werden, was aber auch wieder zu viel gewesen wäre. Ich gab ihm aber dann den vollen Grund zu verstehen, und er ließ sich darauf nur die Füße waschen. Und siehe, so ist es nun auch hier mit dir der Fall. Du musst darum zuerst mit Brot und Wein gestärkt und durch das himmlische Ehrenkleid geläutert werden, auf dass dann aus deiner Sphäre heraus diese deine Fischlein können erleuchtet, gestärkt und wahrhaft belebt werden. Wärst du aber zuvor nicht dazu eingerichtet, so könnte es auch mit diesen deinen hierhergebrachten Fischlein durchaus nicht vorwärtskommen. Den Grund davon wirst Du erst später vollkommen einsehen. Gehe daher und tue, wie Ich es dir ehedem angeraten habe, und es wird darauf mit dem Auslösen dieser Fische sogleich gut zu gehen anfangen.“
RB|1|110|5|0|Als Bruno solches vernimmt, da wird er ganz heiter und voll Freuden und spricht: „O Herr Vater! Wenn so, dann will ich ja gleichwohl essen und trinken für Tausend und mit dem Ehrenkleid der Sonne angetan werden!“
RB|1|110|6|0|Sage Ich: „Esse, was dir gegeben wird, und trinke desgleichen, und das Kleid, welches dir gereicht wird, das ziehe an und deine Fischlein werden sobald das Augenlicht bekommen – zu sehen, Mich und alle, die hier um Mich versammelt sind!“
RB|1|110|7|0|Als Bruno solches vernimmt, verneigt er sich sogleich tiefst vor Mir und eilt darauf sogleich zum Robert hin. Dieser reicht ihm freundlichst ein mäßiges Stückchen Brot und eben in einem kleinen kristallenen Becher etwas Wein. Bruno verzehrt das Brot sozusagen auf einen Schluck und Druck und ebenso auch den dargereichten Wein; empfindet aber darauf noch einen sehr bedeutenden Appetit. Robert aber macht keine Miene, diese Dosis zu repetieren, sondern holt sogleich das bewusste Ehrenkleid, welches Bruno auch sogleich anzieht in der Meinung, er werde dadurch etwas mehr satt werden. Aber dem ist nicht so! Denn nun wird er erst so recht hungrig und durstig und bittet den Robert noch um eine Dosis Brot und Wein. Dieser aber bescheidet ihn zu Mir und sagt: „Das Abgängige wird dir beim Herrn werden. Gehe nun hin! Ich tue, was ich tue, allein nur nach dem Willen des Herrn! Also sei es!“
RB|1|111|1|1|Bruno spürt noch immer Hunger und Durst, da noch ein kleiner Richtgeist in ihm ist. Winke über die himmlische Ordnung.
RB|1|111|1|1|(Am 15. Aug. 1849)
RB|1|111|1|0|Bruno, solches vernehmend, begibt sich sogleich zu Mir her, nun schon mit einer weißen Faltentoga angetan, die mit roten Streifen verbrämt ist, und sagt: „Herr, ich armer Sünder danke Dir für diese große, unschätzbare Gnade, deren Du mich allerunverdientestermaßen gewürdigt hast. Ich bin nun für meinen Teil glücklich, überglücklich; nur ein bisschen Hunger verspüre ich noch und ebenso auch etwas Weniges von einem Durst. Aber das macht nichts, denn die Seligkeit, die nun vor Dir und von Dir ausgehend mein ganzes Wesen durchströmt, macht mir weder Hunger noch Durst empfinden. Kurz – ich bin nun selig, und mein Herz fühlt zum ersten Mal eine wahre, reine himmlische Liebe zu Dir, o Herr, und so auch zu allen diesen meinen armen Brüdern und Schwestern. Oh, das ist eine Liebe, von der den schwachen Sterblichen wohl äußerst selten etwas in den Sinn kommen dürfte. Denn selbst die besten Menschen auf der Erde lieben sich selbst um reine tausendmal mehr als ihre allerinnigsten, besten Freunde. Um wie viel weniger werden sie dann erst ihre Feinde lieben!? So lieben die Männer die Mägde auch nur des Genusses wegen, also nur sich selbst in den Mägden; aber die Mägde ihrer selbst willen lieben sie nimmer. Denn liebten sie dieselben rein, da würden sie mit ihnen nicht Dinge begehen wollen, durch die sie den armen Mägden allzeit schaden müssen. Sie wollen die Armen wohl genießen, aber von einer Dir wohlgefälligen und liebgerechten Versorgung wollen sie sogar dann nichts wissen, wenn sie selbe auch bestens zu leisten imstande wären. Die Männer halten große Stücke auf ihre Ehre; aber so sie die armen schwachen Mägde mit allem Spott und aller Schande versehen durch ihre Geilheit, das macht ihnen nichts, wenn nur sie bei Nacht und Nebel mit ihrer Ehre davonkommen. Wie sah ich in Wien tausend geile Böcke in der Nacht Gassen auf und Gassen ab rennen, um irgendeine arme, verführte, feile Dirne für ihren sinnlichsten Genuss auf einige Minuten zu gewinnen! Haben sie den erbärmlichen Zweck ihrer nächtlichen Herumrennerei erreicht und ihre scheußliche Lust befriedigt, so gaben sie dann der armen, nahe zu Tode geschändeten Maid einige elende Groschen. Und bat sie um noch ein paar Groschen mehr, so wurde sie mit den schmählichsten Worten, mitunter auch Schlägen, traktiert und zu allen Teufeln verwünscht. Und das heißt auf der Welt nun auch Liebe! O du verfluchte Liebe!
RB|1|111|2|0|Herr, habe Erbarmen mit den Mägden, die durch der Männer schändlichste und gewissenloseste Geilheit zu Huren gemacht worden sind. Aber den Männern gebe für solche Verdienste auch den bestverdienten Lohn in der Hölle bei allen Teufeln. Denn so mächtig mein Herz nun von der reinen, himmlischen Liebe auch erfüllt ist, und wie sehr ich auch allen armen Sündern und Sünderinnen die vollste Vergebung ihrer Sünden von ganzer Seele wünsche und für sie auch alles zu tun bereit bin, so fühle ich aber dennoch gegen solche gewissenloseste Geilböcke nicht die geringste Erbarmung und hätte eine wahre Freude daran, sie so lange in der Hölle brennen zu sehen, bis sie ihre Geilheit bis zum letzten Tropfen würden abgebüßt haben. Ich wünsche wohl niemanden etwas Böses, nein, das wünsche ich nicht; aber den Bösen wünsche ich auch so lange nichts Gutes, als bis sie desselben durch eine wahre und vollkommene Buße sich als würdig erwiesen haben. Wohl wird es auch unter diesen von mir hierhergebrachten Fischen einige faule Nattern und Schlangen geben, die sich auf der Welt mit der raffiniertesten Geilerei sehr abgegeben haben; aber für sie bitte ich Dich dennoch um Gnade und Erbarmen; denn es sind darunter meistens solche, die auch nicht wussten, was sie taten. Aber es gibt anderorts viele, die gar wohl wissen, was sie so ganz eigentlich tun. Für diese Lumpen bitte ich nicht, die sollen alle Schärfe Deines Gerichtes verkosten!“
RB|1|111|3|0|Rede Ich: „Mein lieber Bruno, du verspürst noch einen Hunger und einen Durst! Weißt du aber auch, woher das kommt? Siehe, das kommt daher, weil in deinem Herzen noch ein kleiner Richter sitzt! Dieser Richter ist an und für sich zwar sehr billig und gerecht, aber das ist dennoch nicht in Meiner Ordnung.
RB|1|111|4|0|Willst du aber ganz nach Meiner Ordnung sein, da musst du auch diesen Richter aus deinem Herzen schaffen, und du wirst darauf ewig keinen Hunger und keinen Durst mehr empfinden. Denn siehe, Ich ganz allein bin ein Richter, gut und gerecht in aller Fülle Meiner Macht und Kraft! Und dennoch richte Ich Selbst niemanden! Sondern ein jeder richtet sich nach seiner Liebe. Ist diese rein und gut, so wird auch sein Gericht über ihn selbst gut und rein sein; ist aber seine Liebe unlauter und schlecht, so wird desgleichen auch sein Gericht. So Ich aber aus Meiner Macht und Kraft schon niemanden richte, um wie viel weniger darfst dann du erst jemanden richten.
RB|1|111|5|0|Wie die Welt und wie die Wiener beschaffen sind, und welch ein Geist sie belebt, das weiß Ich am allerbesten. Sie haben sich gebettet ohne Meiner, daher aber ruhen sie nun auch so, wie sie sich gebettet haben für Zeit und Ewigkeit. Sie übten allerlei Blutschande aus, daher ruhen sie nun auch auf blutigen Lagern. Wohl schreit dieses Blut vielfach um Rache zu Mir; aber Ich will es dennoch nicht rächen, sondern lasse es ganz einfach nur zu, dass sich die Blutschänder aller Art untereinander wie die Tiger zerfleischen und sich untereinander geben den Lohn, den sie sich gegenseitig verdient haben. Und das ist die Hölle im Vollmaß; und eine andere Hölle gibt es nirgends, als eben diese nur, die aus der Selbstsucht im Herzen des Menschen von selbst sich gestaltet und aufbaut.
RB|1|111|6|0|Wer sich selbst nicht verdammt, den verdammen auch wir nicht. Wer sich aber aus der argen Liebe seines Herzens selbst verdammt, der soll auch verdammt sein! Kurz und gut, einem jeden werde, was er selbst will. Und so ihm das wird, was er will, unbeschadet für alle andern, die etwas anderes wollen, so ist das wohl das höchste und vollendetste Recht, das je jemanden zuteilwerden kann. Es soll wohl von unserer Seite nie ermangeln, allen nach ihrer Fassungskraft den rechten Weg zu zeigen und sie durch eine rechte Belehrung hinzulenken. Wollen sie denselben wandeln, so wird es für sie wohl und gut sein; wollen sie aber das durchaus nicht, no – so werde ihnen darob von uns aus keine Strafe zuteil, sondern bloß das nur, was sie selbst wollen; und sie haben dadurch des Gerichtes und der Strafe in Überfülle! Wollen sie sich aber mit der Zeit, durch ihre Leiden genötigt, wieder auf den guten Weg begeben, so sollen ihnen ewig nie hemmende Schranken in den Weg gelegt werden.
RB|1|111|7|0|Siehe, das ist die wahre himmlische Ordnung der reinsten Liebe Meines Herzens! Diese Ordnung muss auch ganz die deines Herzens werden, so wirst du so vollkommen sein wie Ich Selbst und wirst nimmer irgendeine drückende Leere in deinen Eingeweiden verspüren. Auf diese Weise nun gesättigt und durch und durch erleuchtet, wird es dir ein Leichtes sein, allen diesen von dir Hierhergebrachten aus deiner eigenen Überfülle überall zu helfen, wo sie nur immer irgendeiner Hilfe bedürfen. Du wirst sie sättigen und ihnen den Durst stillen. Die Nackten wirst du bekleiden, die Gefangenen frei machen; die Traurigen wirst du trösten und die Elenden heilen; und den Blinden wirst du selbst so am ehesten die Augen öffnen und den Tauben hören machen das Wort des Lebens. So nun ausgerüstet und vollends gesättigt, wende dich nun wieder zu deinen Fischlein und öffne ihnen die Augen und die Ohren ihres Herzens für ewig!“
RB|1|112|1|1|Bruno belehrt seine Zöglinge. Einwürfe eines hartnäckigen Grobians betreffend Wiedergeburt und Willensfreiheit. Bruno klärt sie auf.
RB|1|112|1|0|Diese Lehre umgestaltet den Bruno ganz himmlisch, und er wendet sich darauf auch sogleich zu seinen Fischlein und fängt sie an zu lehren recht und gerecht!
RB|1|112|2|0|Als er aber mit seiner Lehre zu Ende kommt, spricht einer, der ein Neukatholik ist, aus der ziemlichen Anzahl seiner Glaubensgenossen, sagend: „Freund, deine Worte waren gewählt, und deine Syntax sucht ihresgleichen! Aber wozu alle diese Unkosten von theosophischen Weisheitsphrasen? Siehe, Moses erzählt in seiner Genesis: Als Gott Sich an das Schöpfungswerk machte, da war es Nacht in der ganzen Unendlichkeit. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht in all den endlosen Räumen. Als die Unendlichkeit auf diese Art erhellt ward, da erst begann der allmächtige Gottesgeist, der in der Mitte über allen den Gewässern und ihrem chaotischen Inhalt schwebte, eben diese Gewässer und ihr Chaos zu teilen und zu ordnen. Und siehe, Freund, das war wahrlich vollends eines Gottes würdig weise gehandelt. Aber du fängst mit uns gerade den verkehrten Weg an zu gehen. Was nützt all das ellenlange, weise Geplapper von der himmlischen Farbenordnung den Blinden? Was nützt es den Feind durchs Dickicht hereinbrechen zu hören, so man blind ist? Wohin wird man fliehen vor ihm? Wird man nicht, da man sich vor ihm zu entfernen wähnt, ihm gerade nur entgegeneilen? Also sprachst auch du nun viel und ganz wohl geordnet über Christus und über Seine alleinige Gottheit, über Seine Liebe, Güte und Erbarmung und ebenso von Seiner nächsten Nähe. Aber was nützt uns alles das, so wir keine Augen haben, Ihn zu sehen und danach zu beurteilen, ob Er es wirklich ist?
RB|1|112|3|0|Daher sage auch du, so dir irgendeine Macht eigen ist, gleich der Gottheit über uns: Es werde Licht! Dann wird sich alles andere, so wir einmal geläuterten Gesichtes sind, von selbst geben. Aber so du sprichst, was du alles siehst, wir aber außer dir nichts erschauen und vernehmen können, auch das Gemach nur so wie eine ganz ordinäre Bauernstube, in der wir wie Pökelheringe zusammengepfercht sind, von der du sagst, dass es ein außerordentlich großer Saal sei; wie sollen wir da deinen Worten vollsten Glauben beimessen können? Besinne dich daher ordentlich und tue, was uns zuerst nottut, so wirst du hoffentlich auch nicht wider die Ordnung der Himmel handeln, indem doch diese Ordnung das erste Werden aller Dinge bedingte.
RB|1|112|4|0|Wir begreifen das noch immer nicht, warum wir jetzt weniger sehen, als wir gleich im Anfang unseres Hierseins sahen? Daher ist uns die rechte Eröffnung unserer Augen auch ein erstes Bedürfnis, auf dass wir zu der Einsicht kommen, warum wir nun weniger sehen, als wir im Anfang sahen. Anfangs unseres Hierseins sahen wir recht gut den sehr geräumigen Saal, ebenso auch den seinsollenden Heiland Jesus, den Robert Blum, Messenhauser, Jellinek, Becher, die Leanerl, den Pathetikus Dismas, seinen Freund Max Olaf und ein paar Dutzend der saubersten Tänzerinnen. Und nun sehen und hören wir aber allesamt nichts von ihnen und von den noch vielen anderen! Wo liegt denn da der Hund begraben?
RB|1|112|5|0|Wir haben dich darüber schon einmal gefragt, und du hast uns darüber keinen befriedigenden Bescheid geben können, wohl aber auf die Geduld mit dem Versprechen gewiesen, dass uns allen Gott, der Herr Selbst, die Augen eröffnen werde. Aber nun geschieht von alledem nichts. Führe daher du an uns das aus, was ich nun von dir gebeten habe, so wird sich dann, wie gesagt, alles andere von selbst geben.“
RB|1|112|6|0|Spricht Bruno: „Freunde, nur noch eine kleine Geduld, und es soll euch dann vor allem das werden, danach ihr nun bestermaßen ganz besonders dürstet. Du hast mir zwar recht weise die Ordnung Gottes bei der Welterschaffung vorgeführt, um dadurch meiner an euch gerichteten Lehre ein starkes Gegengewicht zu stellen. Aber ich muss mit euch nicht wie Gott mit den Urgewässern Seiner ewigen Ideen bei der Schöpfung verfahren, sondern so nur, wie eine Wehmutter mit einem neugeborenen Kindlein. Bei dem Kind ist die Öffnung der Augen doch auch nicht das Erste! Wie soll sie bei euch es sein? Lasst euch erst willigst aus dem Mutterleib eurer Sinnlichkeit vollends herausheben, dann erst wird es sich zeigen, wie viel des Gotteslichtes ihr auf einmal werdet zu ertragen imstande sein! Und so sei es, und so geschehe es im Namen des Herrn!“
RB|1|112|7|1|(Am 10. August 1849)
RB|1|112|7|0|Spricht ein anderer daneben, d. h. neben dem früheren Redner auftauchend, mit satirischen Spottungen und mit einer sarkastischen Zunge, sagend: „No, no, Liebster, auf diese Art bist du ja eine himmlische Schwerenotsmutter geworden! Schade, dass so was die heiligen Patres Liguorianer auf der Erde noch nicht erfahren haben! Die hätten dich vielleicht schon als einen Gnadenpatron unter dem Namen Hebammius coelestis in einem Hochaltar entweder gemalt oder aus Holz geschnitzt und falsch vergoldet, und hätten dir zu Ehren sich schon einige gute Messen für die Erreichung leichter Geburten um einige Hundert Silberlinge heruntergestochen. Nein, du bist schon einmal ein grundgescheiter Mann! Zu helfen weißt du dir schon aus jeder Verlegenheit.
RB|1|112|8|0|Aber mein lieber St. Hebammius coelestis, sage mir als ein in allen nativitatibus [Geburtssachen] wohlerfahrener Patron, wie oft muss denn so ganz eigentlich eine Menschenseele geboren werden, bis sie endlich einmal sagen kann: Nun, gottlob, bin ich aus dem letzten Mutterleib an ein beständiges Tageslicht gebrochen! Ich glaube, dahin wird's bei dieser deiner Himmelsverfassung wohl ewig keine Seele bringen. Kein Wunder, dass ein Nikodemus einst Christus, der ihm von einer Wiedergeburt des Geistes etwas vorsagte, entgegen zu fragen sich genötigt fand, ob er denn wieder in einen Mutterleib wird hineinschlüpfen müssen. Mir scheint, eure ganze himmlische Weisheit ist aus sonst nichts, als lediglich aus Geburt und Tod, und dann wieder aus Wiedergeburt und also auch aus Wiedertod zusammengestoppelt! Sage uns das doch einmal recht aufrichtig, wie oft du an uns noch deine himmlische Hebammenschaft ausüben wirst, bis wir zum wahren Augenlicht gelangen werden. Licht, Licht, Freund Hebammius! Dann wird alles ohne viel Hebammerei anders und offenbar besser werden; denn ohne Licht ist jedes Mundwetzen eine Altweiberdummheit! Verstehst du das?“
RB|1|112|9|0|Spricht Bruno: „Freund, mit dem Grobianismus hat es hier im Reich der Geister noch keine Seele gar zu weit gebracht, das kannst du dir vorderhand ganz ernstlich gesagt sein lassen! Ich werde dich dafür zwar ewig nie richten und strafen; aber du wirst dich dadurch vom Ziel deiner Bestimmung von selbst nur stets mehr und mehr entfernen, anstatt dich zu nahen demselben. Was fragst du denn, wie oft du noch werdest aus irgendeinem Mutterleib geboren werden, bis du zu einer volllichten Wahrheit bleibend und unwandelbar gelangen würdest? Ich sage dir darauf: wohl noch einige Hundert Mal, so du verbleibst in solcher deiner eigensinnigen und über die Gebühr gröbsten Gemütsverfassung!
RB|1|112|10|0|Ist es denn wohl gar so schwer, seinen eigenen Willen zu verabschieden und an dessen nichtswerte Stelle den Willen der göttlichen Ordnung zu setzen und denselben tatsächlich zu befestigen?! Siehe, hättest du das schon auf der Erde getan, da wärst du auch schon lange aus dem letzten Mutterleib herausgeboren worden und befändest dich auch schon längst im wahrsten Licht alles Lichtes! Aber es hat dir wohl nie gemundet, deinem Herrlichkeitswillen nur den geringsten Abbruch zu tun. Und so muss es dir denn nun auch munden, blind zu sein – gleich allen denen, die so beschaffen waren und noch sind, wie du es warst und leider, trotz vielfacher bitterster Erfahrungen, noch bist.
RB|1|112|11|0|Wolle was anderes, als was du willst; d. h. wolle du, was Gott will, so wirst du zum Licht gelangen! Willst du aber nur stets, was du eigentlich willst, da wird es mit dir wohl ganz verzweifelt lange nicht anders werden, als es eben jetzt ist. Hast du diese Worte wohl verstanden?“
RB|1|112|12|0|Spricht der Grobianus: „Jau! Brüderchen St. Hebammius – jau – jech hobs verstunden! Männike! Hör emal, Männike! Du bist aber sehr dumm und redest etwas daher, was weder einen Fuß und noch viel weniger einen Kopf hat! Und wenn es schon irgendeinen Kopf hat, so dürfte der wohl so ein verabschiedetes Exemplar von einem auf Reisen begriffenen Stockfisch sein.
RB|1|112|13|0|Aber sage mir, wer kann denn seinen eigenen Willen verbannen und dafür einen ganz fremden in seine Seele einpfropfen? Schau, du sagst, dass du sehend bist und wir sind blind. Aber es ist dann doppelt merkwürdig, wie du als ein Sehender das nicht einsiehst, dass ich den Willen eines Fremden ja doch unmöglich anders als nur durch meinen höchsteigenen Willen zu meinem eigenen machen kann. Hätte ich aber schon durchaus keinen eigenen Willen, da möchte ich denn doch von dir erfahren, mit welchem Willen ich das wollen soll können, was irgendjemand anders mir zum Wollen auferlegen soll. Geh und lasse dir mit deiner himmlischen Weisheit ein wenig heimgeigen! Ich habe dich wohl immer für ein wenig dumm gehalten, aber dass du so enorm dumm wärst, das wäre mir nicht einmal bei einer Traumschmeißerei eingefallen! Nein, keinen Willen haben, und dabei aber dennoch unbeugsam wollen, was ein zweiter will, das will noch mehr sagen, als jemanden eine Herrschaft schenken, während man selbst nicht einmal der Inhaber eines Schneckenhauses ist. Sage mir, Männike, doch jefälligst, heste diese Weshet von enen Pater Liguorianer oder etwa gar vom hl. Ignatius von Loyola dich egen jemacht haben jethun? Oder hast dir eenmal dein Jehirn mit eenen schlecht osjebachnen Schöps'nen verdorben?
RB|1|112|14|0|Aber nun Spaß beiseite! Sage mir ganz aufrichtig, bist du wohl wirklich so dumm, oder foppst uns bloß so zu deinem Privatvergnügen? Schau, schau, ein Mensch ohne Willen wäre ja doch nichts anderes als ein organo-mechanisches Uhrwerk ohne Feder oder Gewicht. Ich meine, der Mensch kann wohl seinen Willen einem andern auf eine Zeit lang zu Diensten stellen und das wollen und tun, was irgendein anderer haben will, mag es nun etwas Vernünftiges oder etwas Unvernünftiges sein; denn keine Einsicht kann definitiv einen einmal gefassten Willen ändern. Aber seines eigenen Willens ehedem ganz ledig werden, so wie ein schwangeres Weib ihrer Frucht, und sich sodann erst einen andern Willen gewisserart einsetzen lassen, als wie ein Pfropfreis auf einen abgeschnittenen und gespaltenen Wildling, Freund, das geht sogar über den Horizont des letzten Fixsternes bei Weitem hinaus! Haue du dir so ganz evangelisch wohlgemeint beide Hände und zugleich auch beide Füße ab und lasse dir dann ein paar fremde, wenn's leicht sein kann, anheften, und wir werden sehen, welche Bockssprünge du damit machen wirst. Also nur gescheute [gescheit], Freunderl, gescheute! Hast du eine Kraft, so handle zu unserem Besten! Aber mit deinen ganz leeren Worten verschone uns für immer, o Herr Brunissimus!“
RB|1|112|15|1|(Am 21. August 1849)
RB|1|112|15|0|Bruno wendet nun alles auf, sein etwas erregtes Gemüt zu beruhigen; aber der Grobianus will ihm nicht so ganz aus dem Herzen weichen. Nach einer Weile, nachdem er sein Inneres mehr und mehr beruhigt hat, spricht er zum Grobian, sagend: „Freund, aus deiner ganzen, absichtlich beleidigen wollend gestellten Einrede habe ich mehr als klar entnommen, dass du meine an euch gerichtete Anrede nicht im Geringsten verstanden hast. Ich habe euch vorerst zu einer gerechten Geduld ermahnt, ohne die kein Mensch je zu etwas Ausgezeichnetem gelangen kann; denn die sogenannten Übers-Knie-Brecher haben noch nie etwas Großes geleistet. Darauf habe ich euch gezeigt, wie ein Mensch nur dadurch am ehesten vorwärts und zu einem erwünschten Ziel gelangt, wenn er seinen eigenen, nichtswerten Willen dahin gefangen nimmt, dass er durch ihn den Willen eines Weisen in sich aufnimmt und dann nicht mehr den (verkehrten) eigenen, sondern lediglich nur den (besseren) fremden Willen als volle Tatkraft in sich wirken lässt.
RB|1|112|16|0|Ich meine, diese Sache sollte doch klar sein? Aber du findest in dieser wichtigsten Wahrheit nur eine Dummheit, weil du die Sache dahin auffasst, dass man ehedem sich ganz willenlos machen müsse, um dann einen fremden Willen erst als den eigenen in sich wirkend aufzunehmen. Wer aber hat dir je eine solche Lehre gegeben? Das weiß ich so gut wie du, und vielleicht noch etwas besser, dass man ohne Willen das, was ein zweiter will, durchaus nicht wollen kann; denn ein Mensch ohne Willen wäre entweder ein stummster Automat oder eine barste Statue. Und so versteht es sich ja doch von selbst, dass ein Mensch nur sogestaltig seinen Willen in den eines anderen übergehen lassen kann, wenn er eben mit dem eigenen Willen den Willen eines anderen will, fest will und danach seine Handlungen einrichtet.
RB|1|112|17|0|Der Wille ist der Arm der menschlichen Bedürfnisse. Wer demnach seinen Willen bestens ändern will, der muss zuvor seine Bedürfnisse ändern. Ist dem Menschen die Trägheit ein angestammtes Bedürfnis, so bindet dies Bedürfnis der Seele die Notwendigkeit auf, nichts zu tun. Ist dem Menschen die Befriedigung seines Fleisches ein Bedürfnis, so muss die Seele alles aufbieten, um eine Sättigung dem Fleisch zuzuführen. Der Mensch aber hat auch ein höheres Erkenntnisvermögen, durch das er das Schädliche der groben Bedürfnisse einsieht; damit kann er solche unlautere Bedürfnisse bekämpfen, sie endlich ganz verbannen und an ihre Stelle bessere, d. h. göttliche, setzen; und das heißt dann seinen materiellen Willen gegen einen wahren göttlichen vertauschen. Das aber ist es auch, was ich von euch im Namen des Herrn verlange.
RB|1|112|18|0|So ich aber nur das und nichts anderes von euch verlange, da sage du mir, aus welchem Grund du gegen mich so empörend roh und grob aufgetreten bist?“
RB|1|112|19|0|Spricht der Grobian: "Hättest du früher auch so, wie nun, deutsch, d. h. verständlich mit uns gesprochen, so wäre ich dir auch ganz anders entgegengetreten. Aber du hast ehedem nur hochweise und sehr orthodoxisch mit uns parliert, dass wir dich selbst mit dem besten Willen nicht anders hätten verstehen können, als wie wir dich verstanden haben; und die für dich ein wenig unangenehme Folge war, dass ich dir deshalb im Namen dieser meiner zahlreichen Brüderschaft einige wohlgemeinte Komplimente habe müssen zukommen lassen, die ich aber nun wieder zurücknehme, weil ich aus deiner letzten, deine früheren unklaren Worte berichtigenden Rede ersehen habe, dass du denn doch nicht gar so einfältig bist, als für wie sehr stark einfach dich zu halten ich mich des guten reellen Umstandes wegen für berechtigt fühlte, aus dem uns allen entweder Heil oder Verderben zuteilwerden könnte. Jetzt aber nach dieser deiner letzten Berichtigung stehen die Aktien bei Weitem besser, und wir alle sehen nun die Notwendigkeit dessen recht wohl ein, was du über die gute Geduld und über den gewissen Austausch des menschlichen Willens geredet hast. Ja, ja, auf diese Art kann es auch gehen, wenn auch mit manchen Schwierigkeiten; denn ein berittenes Pferd nimmt allzeit schwerer eine andere Dressur an als ein Remont [frisches Ersatzpferd], aber das tut nichts zur Sache, wo im Hintergrund die Jungfrau Geduld am rechten Fleck weilt.“
RB|1|113|1|1|Grobians Rede über die Entstellung der Religion durch das Priestertum.
RB|1|113|1|0|[Grobian:] „Dass wir Menschen nun aber so ganz unmenschlich dumm sind, besonders in den Dingen der Religion Christi, das kann uns kein Gott für übel nehmen. Denn die frühere Metternichsche Regierung, die mit tausendmal tausend Spitzelaugen best versehene Polizei als rechter Arm der Kamarilla [einflussreiche Hofpartei] und endlich das mit ihr in bester Harmonie stehende hohe und niedere Pfaffentum haben mit der lieben Lehre Christi ja doch so gewirtschaftet, dass es am Ende doch schon sogar dem letzten Sauhalter auf den Pußten Ungarns auffallen musste, wie die vom größten Wohlleben strotzenden Diener der hl. Religion den anderen Gläubigen und dito getauften Bekennern der alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche nichts so sehr ans Herz legten als die liebe himmlische Armut, Liebe, Geduld und den unbedingtesten Gehorsam, vorerst gegenüber der Kirche und ihren göttlichen (oder was?) Dienern, und dann aber auch gegen den Staat, insofern natürlich dieser die Sache der alleinseligmachenden Kirche begünstige!
RB|1|113|2|0|Bin ich doch selbst zu öfteren Malen mit den allereinfachsten Leutchen darüber zu reden gekommen, die solche Lumpereien ebenso gut wie unsereiner beurteilten und daraus den Schluss machten und sagten: die Religion sei nichts anderes, als ein schon in alten Zeiten fein ausgedachtes Mittel, die armen Menschen zu blenden und sie durch höllische und himmlische Vorspiegelungen und durch allerlei auf diese beiden Bezug habende Lügen und glänzende Betrügereien dahin zu verhalten, dass diese dann aus Furcht vor der Hölle oder aus großem Wunsch nach dem Himmel für die arbeitsscheue Priesterkaste arbeiten, ihr die besten Bissen zubringen und selbst aber schlechter leben sollen als der gemeinste Kettenhund – natürlich alles zur größeren Ehre Gottes (oder was?) – woraus denn dann doch allerdeutlichst hervorginge, dass es entweder nie einen Jesus gegeben habe, oder, so es schon einen gegeben habe, da kann Er doch unmöglich Gottes Sohn gewesen sein! Denn wenn man die erschaffene Einrichtung der Welt, die unendlich weise ist, betrachtet und erforscht und daneben aber dann die löblichen Grundsätze der römisch-katholischen alleinseligmachenden Religion, wo man sozusagen ganz ohne Gedanken, so als schon ein quasi Vieh alles glauben muss, wenn es auch noch so dumm und widersinnig wäre, wenn es nur vom Papst ausgehe – und wenn man dazu noch bekennen muss, dass nur sogestaltig die römische Lehre die allein rein christliche sei – so muss man ja doch mit sogar verbundenen Augen sehen, dass derselbe Gott, der die Erde mit allem was auf ihr ist und Sonne, Mond und alle die Sterne so höchst weise erschaffen hat, auf der andern Seite zur Erweckung und Belebung des Geistes der Menschen denn doch unmöglich eine Lehre könne gegeben haben, die sogar einem Sauhalter keine Ehre gemacht haben würde, so er sie erfunden und der Menschheit zu ihrer Beseligung gegeben hätte.
RB|1|113|3|0|Siehe, Bruno, so philosophieren nun ganz einfache Leutchen, und das mit gutem Grund! Frage, wie sollen dann erst wir Gebildetere philosophieren und urteilen gegenüber den uns nur zu aufgedeckten Dummheiten, Lügen und schreiendsten Betrügereien der römisch-katholischen Kirche?! Und in welch einem Ansehen muss da erst der Stifter einer solchen Lehre stehen, die sich wie Wachs oder Gips in alle erdenklichen Missformen umwandeln lässt?!
RB|1|113|4|0|Man sagt freilich: Das Papsttum sehe der reinen Christuslehre ebenso ähnlich als ein schmutziger Kurierstiefel einer mediceischen Venus. Aber das ändert mein Urteil übers Christentum und dessen Stifter nicht. Denn was von Gott ausgeht, das kann keine menschliche Selbstsucht, und stellte sie sich darob auch auf den Kopf, nur im Geringsten ändern; sie kann wohl Fruchtbäume veredeln, aber ihnen eine andere Form zu geben, vermag sie nimmer, wie sie auch keinen Baum schlechter zu machen imstande ist, als wie er als wild der Natur entstammt. Wäre sonach die Lehre Christi göttlich, da soll es doch mit allen Teufeln hergehen, dass daran die elende Menschheit etwas nach ihrem selbstsüchtigen Belieben zu ändern imstande sein soll! Und soll es der Gottheit wirklich nur daran gelegen sein, durch eine Lehre von der vollsten Freiheit der Menschen eben, den Menschen auch jene Konzession mit der Lehre gegeben zu haben, dass sie auch mit ihr nach ihrem Belieben Schindluder treiben mögen, wie sie wollen – dann Freund, adieu Gottheit! Denn dann muss es sogar ein Blinder einsehen, dass der Menschheit solch eine Lehre noch viel weniger nützt als gar keine.
RB|1|113|5|0|Ich meine aber, vor einer rein göttlichen Lehre soll doch ein jeder Mensch wie vor einer aufgehenden Sonne die höchste Achtung und Ehrfurcht haben, und am allermeisten der Verkündiger und Ausbreiter solcher einzigen Lehre. So aber eben die Pfaffen gerade diejenigen sind, die in der Wahrheit die reine Lehre Christi, die doch eine Gotteslehre sein soll, am wenigsten respektieren, sondern sie als ein reines Menschenwerk zu ihren herrsch- und selbstsüchtigsten Zwecken ummodeln, wie sie dieselbe am besten brauchen können, ja, man kann es sagen, nachgerade nur das schroffste Gegenteil von dem sind, als was die ursprüngliche Lehre gebietet – muss da nicht ein jeder nur einigermaßen hellerdenkende Mensch bei sich selbst also zu denken und zu schließen anfangen: Eine Lehre, die sogar von den Priestern keine Achtung in der Tat genießt, sondern bloß nur durch äußere, nichtssagende, die arme Menschheit mit aller Blindheit zu schlagen beflissene Zeremonie, kann nicht göttlich sein. Denn vor rein göttlichen Dingen hat sogar das Vieh eine Achtung; um wie viel mehr der mit Vernunft begabte Mensch.
RB|1|113|6|0|Wer kann beim Anblick der aufgehenden Sonne ohne Achtung vor der großen Gottheit dastehen? Wen ergreift der Anblick hoher majestätischer Gebirge nicht? Wer kann ohne Achtung gleichgültig das Meer ansehen und höhnisch lachen bei einem gewaltigsten Meeressturm? Wessen Brust wird nicht mächtig erschüttert beim mächtigen Rollen der Donner Gottes? Siehe, das sind göttliche Dinge, vor denen der stupideste und eigennützigste Pfaffe ebenso vor Ehrfurcht bebt wie der gemeinste Sauhirt. Aber das seinsollende Wort Gottes ist ihm Pomade. Wie sieht es dann da mit der Göttlichkeit aus? Wenn das seinsollende Gotteswort aber den Pfaffen tatsächlich nichts als eine verkäufliche schlechte Pomade ist, was soll es dann uns Laien sein, die wir keine Doktoren der Gottesgelehrtheit sind, besonders so wir nur zu oft und zu klar zu der Einsicht durch die Taten der Pfaffen ordentlich bei [den] Haaren hingerissen werden, dass die Gotteslehre von Christo noch weniger als eine schlechte Pomade sein muss, ansonst sie doch unmöglich mit ihr solchen Missbrauch treiben könnten.
RB|1|113|7|0|So der Mensch auf diese Weise aber doch notwendig vor solch einer Lehre einen Degout (Abscheu) bekommen muss, ist es dann etwa zu wundern, dass sich hernach ein jeder nur etwas übers gemeinste Leben erhabene Mensch aus den soliden Bedürfnissen seiner Natur Lebensregeln formt, nach denselben vernünftig lebt und alles mit Ziel und Maß genießt, was ihm die liebe und wahrhaftige Gottheit auf dem natürlichsten Weg zum Genuss darstellt.
RB|1|113|8|0|Ich habe gegen die Grundsätze der reinen Urlehre Christi nichts einzuwenden; sie sind gut und den gegenseitigen Bedürfnissen der Menschheit ganz naturgerecht angepasst. Aber was nützt das, so man sie, um ein guter Katholik zu sein, sogar nicht einmal in ihrer Echtheit erkennen, geschweige denn erst anwenden kann und darf. Da die Gottheit aber doch sonst alles leitet, ordnet und erhält, was Sie einmal geschaffen hat, sollte es Ihr denn nicht auch möglich sein, Ihre eigene Lehre vor solchen Verwüstungen zu verwahren, wie es deren besonders in der römisch-katholischen Kirche nur leider zu ungeheuer viele gibt, wenn die Lehre wirklich aus Ihrem Mund gleich der ganzen Schöpfung gekommen wäre? Wo aber ist eine solche Verwahrung ersichtlich? Freund, auf der ganzen Erde mir bekanntermaßen nirgends!
RB|1|113|9|0|Wenn die Sache sich aber – sage – tatsächlich so und nicht anders verhält, da bitte ich und wir alle dich, zeige uns, wo es dann stecken mag, so die Lehre Christi etwa dennoch göttlich sein soll, dass sie vorerst gerade von jenen, die ihre Göttlichkeit am tiefsten fühlen sollten, als eine barste Nullität betrachtet und dann auf alle nur erdenklich mögliche Weise missbraucht wird und darauf, als notwendige Folge, dann natürlich auch bei allen ein wenig nur hellersehenden Menschen in Misskredit kommt.
RB|1|113|10|0|Rede und erweise uns die Göttlichkeit der Lehre Christi; alsdann wollen wir dir aber auch alles aufs Wort glauben, was du uns nur immer von den Pflichten, die Gott durch Seine Lehre von den Menschen zu ihrem eigenen Besten fordert, vorsagen wirst; und haben wir je dawider gesündigt, so wollen wir gerne unsere Sünden bereuen und womöglich abbüßen – sogar mehr als alle Ignatius von Loyola, wenn es sein müsste!
RB|1|113|11|0|Aber natürlich müsstest du uns auch beweisen, dass der Mensch ohne Gesetze auch sündigen kann. Wir aber hatten als hellerdenkende Menschen aus oben ersichtlichen Gründen notwendig kein, und am wenigsten ein positives, göttliches Gesetz außer das in unserer Natur, das wir auch stets beobachtet haben – und konnten daher auch keines befolgen. Bitte nun, Freund, so du Lust hast zu reden, so rede! Sonst aber lass uns gehen, dahin uns unsere Sinne den geraden Weg weisen werden!“
RB|1|114|1|1|Brunos Antwort aus dem Herrn. Der wesentliche Unterschied zwischen den Lehren von Menschen und der Lehre Jesu, welcher ihren göttlichen Ursprung belegt.
RB|1|114|1|1|(Am 25. Aug. 1849)
RB|1|114|1|0|Nach dieser ziemlich klar gefassten Rede unseres Groblings wendet sich der Bruno an Mich und bittet Mich um eine rechte Erleuchtung, damit er einen wirksamsten Gegensatz auf diese Rede dem Redner und dessen Genossen in einer wohlgeordneten Rede entgegenstellen könne.
RB|1|114|2|0|Ich aber sage und bedeute ihm: „Rede, und sorge dich nicht um die Worte! Auf deiner eigenen Zunge wirst du die rechte Entgegnung finden.“
RB|1|114|3|0|Auf diese Meine Zusicherung wendet sich der Bruno wieder an den Redner und sagt: „Freund, so du eine rechte Geduld mit wahrer Aufmerksamkeit verbunden besitzt, so will ich deiner Aufforderung bereitwilligst entgegenkommen.“ – Spricht der Grobling: „Nur zu! An der rechten, mit aller Aufmerksamkeit verbundenen Geduld soll es weder mir noch jemand anderem aus dieser Gesellschaft fehlen. Aber nur nicht übers Alter Christi hinaus darfst du deine Rede dehnen!“
RB|1|114|4|0|Spricht Bruno: „Ganz wohl, liebe Freunde, meine Rede soll ganz kurz und gut sein, und so vernehmt mich!
RB|1|114|5|0|Alle zeitlichen Gaben der Gottheit an die Menschen sind so gegeben und gestellt, dass der unvollendete Mensch mit seinem Naturverstand, der die Gaben durchaus nicht zu würdigen versteht, an ihnen stets etwas zu tadeln hat. Dem einen scheint die Sonne im Sommer zu heiß; ihm wäre ein ewiger Frühling lieber. Wieder einem anderen ist der Winter ganz entsetzlich lästig; ein ewiger Sommer wäre ihm denn doch bei Weitem lieber. Ein dritter schimpft sogar über den Mond, da dieser nicht stets im Volllicht bleibt. Einem ist das menschliche Leben zu kurz, dem andern oft so langweilig, ja und bis zur Verzweiflung langweilig, dass er sich selbst dasselbe gewalttätig abkürzt. Wieder will einer, dass die ganze Erde (meerlos) ein fruchtbarer, fester Boden wäre; während ein Engländer das Meer noch bei Weitem ausgedehnter haben möchte, als es an und für sich ohnehin ist. So wollen einige lauter Äcker, andere lauter Wiesen, wieder andere lauter Gärten, noch andere lauter Städte und Festungen! Und so tausend verschiedene Dinge! Ja, ich habe kaum je zwei Menschen kennengelernt, die ganz auf ein Haar ein und dasselbe wollten!
RB|1|114|6|0|Also können die Menschen aus eben dem mit allen göttlichen Gaben unzufriedenen Grund auch diese Gaben nicht lassen, wie sie gegeben sind, sondern sie wandeln dieselben stets nach ihrem Belieben und nach ihren irdischen Bedürfnissen um. Die Tiere werden gefangen, abgerichtet, geschlachtet und ihr Fleisch unter allerlei Zurichtungen verspeist. Die Bäume und Pflanzen, deren Früchte den Menschen Nahrung geben, werden auf bestimmten Äckern nur gezogen, so wie der Weinstock auf eigens dazu bestimmten Plätzen. Vom Schöpfer aus müsste eigentlich alles wie Kraut und Rüben untereinander wachsen. Aber mit dieser Ordnung ist der Mensch nicht zufrieden und macht sich selbst eine bessere. Ebenso wäre von Natur aus angezeigt, dass die Menschen nackt herumwandeln sollen, und Sommers und Winters unter freiem Himmel oder in zufälligen Höhlen und Grotten kampieren! Allein sie sind mit dieser ihre feine Haut etwas zu sehr kitzelnden Bescherung durchaus nicht zufrieden und machen sich deshalb zweckmäßige, ja mitunter sogar sehr luxuriöse Kleider, mit denen sie ihre Haut bedecken, und bauen sich aus demselben Grund allerlei Häuser und Wohnungen und tun sich in selben gütlich.
RB|1|114|7|0|Warum pfuschen denn die Menschen da in die erhabene Gottesschöpfung hinein und zeigen dadurch der Gottheit tatsächlich, dass sie mit der ersten, vom Schöpfer gestellten Ordnung durchaus nicht zufrieden sind? Ein Glück für die Gestirne des Himmels, dass sie von menschlichen Händen nicht können erreicht werden, sonst hätten sie schon lange eine andere Ordnung erhalten. Was lässt der Mensch wohl unangetastet, das er mit seinen Sinnen und besonders, das er mit seinen Händen erreichen kann? Ich sage dir, nichts! Sogar den Himmel nicht! Denn der eine malt sich ihn so, und ein anderer anders. Sollen aber alle die von Gott erschaffenen Dinge auf der Erde darum nicht von Gott erschaffen worden sein, weil die ungenügsamen Menschen ihre Hände an selbe gelegt haben, und manche sogar ganz umgestaltet? Freund, beantworte mir vorerst diese Frage; sodann wollen wir von der Gotteslehre sehr vernünftig und weise weiter miteinander reden!“
RB|1|114|8|0|Spricht der Redner: „No, no, die Sache lässt sich hören! Wie ich nun so ganz leise zu verspüren anfange, so dürfte es dir, so du dir konsequent verbleibst, wohl gelingen, uns auch die Gottheit Christi begreiflich zu machen. Fahre aber nur weiter fort, denn es ist wahrlich sehr interessant, dich in dieser Art reden zu hören!“
RB|1|114|9|0|Spricht Bruno weiter: „Gut, so ihr das von mir Gesagte einseht, so will ich denn im Namen des Herrn weiter die Sache Gottes vor euren Augen und Ohren kundtun. Und so hört!
RB|1|114|10|0|Mit der Lehre Gottes (Bibel) ganz kurz gesagt, verhält es sich gerade so wie mit der anderen Schöpfung. Sie ist vor den Augen des eigentlichen Weltverstandes eine höchst unordentlich aussehende Dummheit. Der Weltverstand sucht da vergeblich irgendeine feste Ordnung, die er eine natürliche Logik nennt. Wunderliche Taten und moralische Lehren in zumeist mystischen Bildleins sind nahe so wie Kraut und Rüben untereinander gemengt. Hier liest man ein Wundermärchen; dort einen Verweis; auf einer anderen Seite eine an und für sich zwar auserlesenste Moral, aber sie hängt mit den andern Erzählungen, Gleichnissen und Begebnissen für den Weltverstand oft noch weniger zusammen als die ordnungsloseste Flora einer gut gedüngten Bauernwiese, auf der ein Botaniker die heterogensten Muster für sein Herbarium beisammen findet. Das aber widerspricht der göttlichen Ordnung in der Gotteslehre an die Menschen dennoch nicht im Geringsten, sondern bestätigt dieselbe vielmehr. Denn eben dadurch zwingt die Gottheit die träge Natur der Menschen zum fortwährenden Denken und verschiedenartigen Suchen, in dem sich ordentlich zurechtzufinden, was ihr im Anfang und in der Äußerlichkeit der Gotteslehre gar so unordentlich und wie zufällig ohne alle Logik hingeworfen vorkommt.
RB|1|114|11|0|Was wohl würdet ihr von der Gottheit halten, wenn Sie z. B. auf der Erde die Sache so eingerichtet hätte, dass auf deren Boden nur auf bestimmten, ganz mathematisch scharf abgemarkten, symmetrisch gleich großen Plätzen nur eine bestimmte Fruchtgattung, auf anderen wieder eine andere Fruchtsorte, fortkäme!? Würde aber dann ein Hausvater eine andere Fruchtgattung, die besser und ergiebiger wäre, auf einer solchen Fläche ansäen und darauf nichts ernten, wie sähe es dann mit seinem Haushalt aus?
RB|1|114|12|0|Daher hat der endlos weise Schöpfer der Welten, Pflanzen, Tiere und Menschen nur dort eine unwandelbar feste Ordnung gestellt, wo sie notwendig ist, und heilbringend den Menschen. Aber Dinge, mit denen sich der freie menschliche Geist zu beschäftigen hat, sind von Gott darum ganz bunt durcheinandergeschleudert, damit an ihnen der Geist die beste Gelegenheit finden möge, sich im Fleiß zur Erreichung gewisser geordneter Vorteile zu üben – um dadurch jene Fertigkeit und andauernde Kraft sich eigen zu machen, die hier in dieser reinen Geisterwelt die eigentliche, freie, liebtätige, ewige Existenz bedingt.
RB|1|114|13|0|Also ist aber auch die Gotteslehre, wie schon früher bemerkt, so gegeben und gestellt, dass aus ihr wie aus dem Erdboden jeder Geist seine ihm zusagende Nahrung gleich einer Pflanze saugen, sich ernähren, wachsen und zur Vollendung gelangen kann.
RB|1|114|14|0|Wie auf dem Erdboden zwei verschiedene Pflanzen recht gut fortkommen und ihre Reife erlangen können, ebenso können auch aus derselben Gotteslehre zwei und mehrere, konfessionell noch so verschieden gestellte Geister ganz ungehindert ihre geistige Vollendung erlangen, wenn sie ihrer Konfession nur treu und gewissenhaft folgen.
RB|1|114|15|0|Dass aber keine Lehre auf der ganzen Welt wie eben die Gotteslehre Jesu Christi eine solche Menge Kultusarten zulässt, das ist hauptsächlich ein großer Beweis für die Göttlichkeit dieser Lehre und ebenso für die ihres erhabensten Verkünders und Stifters. Wäre diese Lehre ein Menschenwerk, so wie etwa ein aus Wachs oder Holz nachgebildeter Baum oder Strauch, so könnte auch niemand aus ihr irgendeinen Zweig weiterverpflanzen; und täte das jemand, so wäre er höchstens als ein Narr auszulachen. Da aber die Gotteslehre aus dem Gottesmund Christi kein durch Menschenhände künstlich geschnitzter, sondern ein ewig wahrer, mit aller Lebenskraft in allen seinen Zweigen versehener, also nur von Gott Selbst geschaffener und gepflanzter (ewiger Lebens-) Baum ist, so geschieht es denn auch, dass Seine Pfropfreiser (Konfessionen) überall grünen und bei gerechter und richtiger Pflege auch unfehlbar gute Früchte zum Vorschein und zum ewigen Lebensgenuss bringen.
RB|1|114|16|0|Betrachtet aber nun dagegen menschliche Lehren, z. B. die Philosophie, die Mathematik und dergleichen mehr; sie sind wie eine Maschine, die nur unter einer bestimmten Form und Einrichtung die stets gleiche Wirkung hervorbringt. In der Mathematik ist auf der ganzen Welt ohne alle Sektiererei zwei mal zwei gleich vier. Ein Aristoteles lässt nur eine Sekte, nämlich die rein aristotelische zu, so ein Wolff, ein Leibnitz, ein Fichte, ein Kant und so ein Hegel; denn sie alle pflanzten nur tote Bäume und Sträucher!
RB|1|114|17|0|Aber nicht so verhält es sich mit der Gotteslehre Christi! Jeder verpflanzte Zweig fasst Wurzeln, grünt fort, wächst bald groß zu einem Lebensbaum und trägt Früchte. Und das ist der gewichtige Unterschied zwischen einem Gotteswerke und zwischen dem toten eines Menschen und zugleich der größte Beweis für die unleugbarste Göttlichkeit einer Lehre, die unter allen Zonen und unter den verschiedenartigsten Kultusformen bei gerechter, guter und gewissenhafter Pflege stets dieselben Lebensfrüchte trägt.
RB|1|114|18|0|Habt ihr aber irgend noch etwas dagegen einzuwenden, so steht es euch nun frei. Ich werde euch im Namen des Herrn keine erläuternde Antwort schuldig bleiben.“
RB|1|115|1|1|Kritik an der römisch-katholischen Kirche. Brunos Beleuchtung dazu. Gleichnis vom alten Kastanienbaum. Vom Nutzen der Nacht.
RB|1|115|1|0|Spricht der Redner: „Freund, du hast die Sache des Gotteswortes mit einer staunenswerten, scharfen Konsequenz dargetan, und ich muss dir nun im Namen all dieser Gäste dafür sogar danken! Denn du hast uns dadurch einen entschieden wichtigsten Dienst geleistet. Aber nun kommt noch eine Hauptfrage hinzu. Beantwortest du uns auch diese auf die gleiche Weise überzeugend richtig, dann sollst du uns alle vollauf gewonnen haben, und wir werden dich zum Oberhaupt unserer Gesellschaft machen. Die Frage aber lautet also:
RB|1|115|2|0|So nach deiner wahrhaft weisen Erörterung Christus der Herr und Gott Himmels und der Erde ist, so fragt es sich, welche Glaubenssekte der Erde ist der Wahrheit am nächsten, und wie steht es bei Christo ganz vollernstlich mit der römisch-katholischen Kirche? Wer kennt nicht das alte, elende, welt-, selbst- und im höchsten Grad herrschsüchtige Getriebe der Alleinseligmacherin? Das Wort Gottes, verkümmert und verkrüppelt wie kaum irgendein Weinstock in Sibirien, ist da nur ein elend gleisnerisches Aushängeschild, ein von Motten zernagtes Schaffell, hinter dem der ewig blut- und golddurstige Wolf seine reißende Gier verbirgt. Alle möglichen Stürme haben sich an ihr versucht. Was nur irgendeine Kraft hat, machte sich daran, diesem Wolfsdrachen das geduldige Lammfell vom schändlichen Leib zu ziehen, aber leider waren bisher alle die großen und größten Anstrengungen rein vergeblich! Dieser Gog und Magog, dieser Moloch, dieser siebenköpfige Drache, diese alte Welt... [Welthure] lebt, gedeiht und vegetiert unverwüstbar fort und treibt, zum größten Teil wissentlich und nur zum niedern Teil, besonders bei der geknechtetsten untern Klerisei und ihren blindesten Anhängern, ihr schändlich ruchlosestes Metier weder aus dem Himmel noch aus der Hölle her ganz unbeirrt fort!
RB|1|115|3|0|So Christus, der die Schändlichkeiten der jüdischen Pfaffen bei allen Gelegenheiten doch so nachdrücklichst gerügt hatte, Gott ist und lebt wie wir nun nach unserer Leiber Tode – so sage uns, wie kann Er solchen Gräueln der Gräuel nun gut schon über fünfzehn Jahrhunderte ganz so gemächlich zusehen, wie diese schwarzen Gottesdiener mit Ihm ein bei Weitem ärgeres Schindluder treiben, als alle jene altrömischen Henkersknechte, die Ihn an das schmähliche Kreuz geheftet haben? Mehr als vier Fünftel der christlichen Menschheit sieht dieses arge Treiben nur zu klar ein und sagt: ‚Unter allen christlichen Sekten ist Rom die älteste und muss sonach auch am besten wissen, was sie von Christo und Seiner Lehre zu halten habe. Durch ihre, der Lehre Christi schnurgerade entgegenlaufenden Handlungen aber zeigt sie, dass sie in sich selbst an diese Lehre noch nie geglaubt hat und somit noch weniger an Christus, aus dem sie im Grunde macht, was sie nur immer will. Sie backt Ihn, sie verkauft Ihn, ja sie richtet und verflucht Ihn sogar zur Hölle, so Er es wagte, etwa auch mit einer andern Sekte Gemeinschaft zu machen. Dadurch werden alle sonst noch so treuen Bekenner Seiner Lehre in ihrem Glauben erschüttert und sind auf diese Weise dann gerade mit eiserner Macht genötigt, solch einer Lehre, die sich ganz gutwillig zu den größten Schändlichkeiten gebrauchen lässt, mit der gerechtesten Verachtung den Rücken zu kehren!‘
RB|1|115|4|0|Sage, so es einen Christus gibt, sieht Er das nicht, was nun schon die gemeinsten Menschen mit Händen greifen? Oder will Er es nicht sehen? Oder ist das etwa am Ende doch noch Sein Wille, dass die römisch-katholische Anstalt ebenso bestehe und fortwalte, wie sie noch allzeit bestanden und schändlich genug gewaltet hat? Sage uns, muss Rom also bestehen? Und hat Christus im Ernst ein Wohlgefallen an dessen Werken? Kann Er im Ernst nur lateinisch und liebt über alles die leerste, nichtssagende Zeremonie? Er, der zu Seinen irdischen Lebzeiten doch nichts so sehr bedroht hat, als die schändlichste Augendienerei?! Also, Freund, dies Rätsel noch löse uns, und wir sind dann ganz dein und deines Gottes!“
RB|1|115|5|0|Spricht Bruno: „Freund, diese deine Einwurfsfrage wegen Rom und dessen Kirche und Diener ist ganz richtig und bestbegründet, und es lässt sich für dieselbe wahrlich sehr schwer nur irgendeine Bevorwortung anbringen; aber nichtsdestoweniger muss der Herr dennoch irgendeinen Grund haben, dass Er sie bestehen lässt. Es ist ganz vollkommen wahr, dass das Gotteswort Christi sogar bei den Erzjuden und Stockmohammedanern ein bei Weitem größeres Ansehen genießt, als eben bei den allersinnlichsten Römlingen, und dass sie aus Christo machen, was sie wollen, und Sein heiligstes Wort verdrehen und beschnatzeln und beschneiden, wie es in ihren betrügerischen, herrsch- und habsüchtigsten Kram gerade am allermeisten und besten taugt.
RB|1|115|6|0|Aber da denke ich also: Dieser nun schon sehr alt gewordene Baum hat in geistiger Hinsicht nahe dieselbe Entartung und förmliche Degenerierung erlitten, als der alte Kastanienbaum in Sizilien nahe am Ätna, dessen Kern schon vor nahe tausend Jahren morsch, faul und tot geworden ist. Da aber dieser Baum nach allen Richtungen in seiner Jungzeit kräftige und mächtige Wurzeln und ebenso auch sehr starke und weitausgebreitete Äste und Zweige getrieben hat, die natürlich mit den Wurzeln in der beständigen Korrespondenz stehen, so hat sich mit der späteren Zeitenfolge zwischen den Wurzeln und Ästen eine neue Stamm- oder Rumpflinie gebildet, sodass aus dem ehemals einen, gesunden Baume nun ein Vielbaum entstanden ist, der bloß in der Krone und lange nicht mehr in den Wurzeln und in dem Stamm als ein und derselbe Baum zusammenhängt. Dieser seines hohen Alters wegen merkwürdige Baum trägt aber wohl noch hie und da sparsam Früchte; aber sie sind geschmacklos, hart und nahe ungenießbar. Der Grund davon dürfte wohl der sein, weil der Baum den ersten Hauptlebenskern schon lange gänzlich verloren hat. Es haben sich wohl aus den starken Seitenwurzeln in den geteilten Blattstämmen auch eigene Kerne gebildet; aber damit ist dem Hauptstamm wenig oder nichts geholfen, von dessen alleiniger Vollgesundheit auch die volle, gesunde und wohl genießbare Frucht abhängt. Dieser Baum wird nun mehr als eine historische Rarität denn als eigentlich ein nutzbarer Baum angesehen, erhalten und von dem einfachen Volk unter allerlei Märchen und Fabeln (die sich an alles sehr alte ebenso gerne, wie das Moos an alte Baumstämme, ankleben) verehrt, und von manchen gar stockblinden Narren sogar als ein Heiligtum angebetet. Das Beste an diesem Baum ist, dass er bei plötzlich eingetretenen Unwettern den Wanderern irgendeinen dürftigen Schutz gewährt!
RB|1|115|7|0|Und ebenso, kommt es mir wenigstens vor, verhält es sich mit dem in hohem Grad zerrissenen Bestehen der römisch-katholischen Kirche. Sie hat keinen eigentlichen Stamm und keinen Kern mehr; sie besteht wohl noch und hat noch äußerlich das Ansehen von einem Lebensbaum; aber im Grunde des Grundes ist sie ebenso wenig mehr ein eigentlicher Lebensbaum, als wie der alte sizilianische Kastanienbaum ein nützlicher Fruchtbaum mehr ist. Sie vegetiert wohl noch und hat in ihren Extremitäten noch ein Äußerlichkeitsleben, trägt auch noch Blüten und Früchte; aber sie sind nicht mehr zu genießen, sind holzig hart und geschmacklos und werden von einigen Reisenden nur als eine Rarität gekauft und mit sich genommen. Das Beste an dem altrömischen Kastanienbaume ist, wie bei dem sizilianischen, dass Reisende, d. h. durch politische Stürme bedrängte Fürsten, unter seinen weit ausgebreiteten Ästen einen Schutz suchen und ihn auch, freilich nur höchst dürftig, finden. Aber wie der sizilianische natürliche schon eigentlich lange tot ist und nun seiner gänzlichen Auflösung entgegengeht, so nun auch der geistliche altersschwache Baum Roms. Ich sage dir: Bald wird Rom nur mehr in den Geschichtsbüchern existieren – gleich wie der sizilianische Kastanienbaum in den Chroniken dieses Landes.
RB|1|115|8|0|Es ist allerdings wahr, dass an der Stelle, wo nun dieser Baum noch steht, eine Menge anderer frischer und vollgesunder Bäume stehen könnten. Aber so es gerade Gott dem Herrn noch genehm ist, solche Raritäten in der Wirklichkeit bestehen zu lassen, wozu Er sicher Seinen besten Grund hat, wozu sollen sie dann uns genieren, wo wir alle doch wahrhaftig schon gar lange und mit dem besten Gewissen von der Welt von ihnen durchaus keinen Lebensgebrauch gemacht haben und fürder in alle ewigen Zukünfte noch weniger einen Gebrauch machen werden!
RB|1|115|9|0|Übrigens kommt mir die römische Kirche aber auch so vor wie eine Glaubensnacht, darum sie bei ihren sogenannten gottesdienstlichen Verrichtungen stets Lichter anzündet, zum Zeichen, dass es in ihr auch am hellsten Tag Nacht ist! Die Nacht aber hat auch ihr entschiedenes Gute, denn sie gibt den Müden Ruhe! Und wo haben die Geistesmüden mehr Ruhe als in der Nachtkirche Roms? Sie brauchen nichts zu denken, nichts zu forschen und nicht vorwärtszuschreiten, sondern ganz ruhig an den Gütern ihrer Mutter (Nacht) teilzunehmen und sie können ruhig schlafen! Erwachen sie aber dann vom Schlaf, durch irgendeinen moralischen oder politischen Rumpler geweckt, so sucht niemand so emsig ein Licht als eben diejenigen, die sich in der Nacht befinden!
RB|1|115|10|0|Und so glaube ich, dürfte es denn wohl auch sein, dass der Herr aus eben diesem Grund die römisch-katholischen Nächtlinge duldet, gleichwie die natürliche Nacht neben dem Tag, auf dass die Menschen in dieser Nacht einen desto größeren Appetit nach dem Licht bekommen sollen! Ich habe mich wenigstens noch allzeit überzeugt, dass die Blinden noch allzeit größere Freunde des Lichtes waren als die Sehenden. Und so mag es wohl auch sein, dass aus allen christlichen Glaubenssekten keine so viel nach wahrem Licht forscht als eben jene, die das wenigste Licht hat, d. h. die der Nachtkirche zuständigen Bekenner. Ich meine, daraus dürfte euch so ziemlich einleuchtend sein, warum der Herr die alte Römerin duldet, und wozu sie eigentlich gut ist? Habt ihr noch irgendein Bedenken, so gebt es mir nur ganz offen kund; an der Antwort soll es nicht fehlen.“
RB|1|116|1|1|Entstellung der reinen Gotteslehre zufolge der menschlichen Willensfreiheit. Geldsüchtige Menschen manchen die Gotteslehre zur Verkaufsware. Hintergrund der Kreuzzüge. Die Skandale der römischen-katholischen Geschäftemacher werden offenbar. Der Herr liebt Roms Lämmchen.
RB|1|116|1|1|(Am 31. Aug. 1849)
RB|1|116|1|0|Spricht der Redner: „Schätzbarster Freund, wir sehen nun wirklich ein, was an der römischen Alleinseligmacherin ist, und dass die Gotteslehre Christi ganz wohl eine echte Gotteslehre sein kann und auch sicher ist, obgleich sie von der allerborniertesten Sekte Roms auf das Gräuelhafteste missbraucht wird. Aber nur das noch sehen wir alle nicht ein, wie denn der Herr zulassen hat können, dass diese Kirche, die in der ersten Zeit doch sozusagen ganz rein apostolisch gewesen sein soll, in diesen letzten Jahrhunderten bis unter den Hund herabgesunken ist, sodass sie nun ganz und gar nimmer zu der Einsicht gelangen kann, dass sie so ganz eigentlich nach dem reinen Sinn des Evangeliums gar keine Kirche mehr ist. Ihr lateinisches Geplärr, ihre Ohrenbeichte, ihr Messopfer und ihr sonstiges heiliges Firlefanz und sinnlosestes Klinkel-Klankel, und besonders das allen gesunden Menschensinnen und aller Natur widerstrebende Zölibat, sind ja doch Erscheinungen, über die sich in der Zeit schon sogar nur einigermaßen gebildetere Pudel zu mokieren anfangen – anderer über alle Begriffe dümmsten kirchlichen Gebräuche und Disziplinargeschichten nicht zu gedenken. Denn würde ein Mensch streng nach den römischen Gesetzen leben, so müsste er aber schon so ein dummes Luder sein, dass er dem ersten Narrenhause in Paris sicher keine Schande machen würde. Und siehe, solch eine großartigste Narrenkreierungsanstalt duldet der Herr, dessen Lehre ein Zentralsonnenlicht den Menschen der Erde sein soll. Siehe, darin liegt der eigentliche Hund begraben, und das ist des Pudels ominöser Kern. Darüber, Freund, gebe uns noch ein mögliches Lichtlein!“
RB|1|116|2|0|Spricht Bruno: „Liebe Freunde! Das eigentliche Wie und Warum dieses der Herr zulassen kann, müsst ihr euch aus dem heiligsten Begriff der notwendigsten Freiheit des menschlichen Willens erklären, ohne welche Freiheit der Mensch nicht Mensch, sondern ein bloßes Tier oder ein possierlicher Automat wäre. Da aber der Mensch, um ein Mensch zu sein, einen vollkommen freien Willen haben muss, demzufolge er tun kann, was er nur immer will, so ist es andererseits aber auch einleuchtend klar, dass es ihm auch in Hinsicht auf die noch so rein göttliche Lehre freistehen muss, sie anzunehmen oder nicht anzunehmen, oder als echt oder nicht echt anzuerkennen. Da aber dem Menschen solches zusteht, so ist es dann aber auch klar, dass sich mit der Zeit gar leicht aus der reinen Lehre Christi ein allerfinsterstes Papsttum hat herausbilden können.
RB|1|116|3|0|Denn es haben sich ja doch schon zu den Zeiten der Apostel Negozianten [Geschäftsleute] mit der Wunderlehre Christi vorgefunden; ja Christus Selbst hatte einen, der Ihn verriet, bei Sich; wie sollen sich da in den späteren Zeiten nicht Negozianten in Menge vorgefunden haben, da sie schon Erfahrungen vor sich hatten, nach denen die Lehre Christi als eine geduldige Kuh angesehen ward, die ohne viel Futter eine ungeheure Menge Milch gibt. Da aber gold- und geldsüchtige Menschen das nur zu gut eingesehen haben, so machten sie aus der Gotteslehre eine Verkaufsware, handelten damit in allen Landen der Erde und machten die besten Geschäfte. Das war schon die erste böse Tat! Als aber die Kaufleute (römische Pfaffen aller Art) sahen, dass die Ware ihrer reinen, geistigen Form nicht mehr gar zu gierig gekauft ward, besonders bei den Prunk und Zeremonie liebenden Asiaten, da richteten sie auch bald ihre Ware so ein, wie sie es glaubten, dass sie den Morgenländern am meisten zusagen dürfte. Und seht, der neue Handel ging dann wieder gut vonstatten.
RB|1|116|4|0|Aus dieser Handelsepoche datiert sich aber auch hauptsächlich zuerst die freche und willkürliche Beschnatzung und Beschneidung der Reinlehre Christi, die Erfindung des Fegfeuers, der Ablässe, der Bruderschaften und dergleichen mehr. Auch die famosen und den verschmitzten Kaufleuten Roms gar sehr viel tragenden Kreuzzüge gehören dieser zweiten Epoche an. In der noch etwas späteren Zeit, als die Menschen ein wenig einzusehen begonnen haben, zu wessen Nutz und Besten die Kreuzzüge Roms so eifrig und unter ungeheuren Ablässen gepriesen und mit aller Energie betrieben wurden, hat man dann dieser zu grellen Betrügerei dennoch Einhalt tun müssen, um sich vor aller Welt nicht gar zu bloß zu stellen. Denn man ist sehr überrascht dahinter gekommen, dass die Kaufleute Roms mit den Sarazenen in der innigsten Geschäftsverbindung standen und diesen allzeit treulichst kundgaben, wann sie wieder von einem fetten Kreuzzug würden besucht werden, von welcher Seite er kommen wird, und wie stark er sein wird; wo es dann den wohlunterrichteten Sarazenen freilich stets ein Leichtes sein musste, die blinden Kreuzritter auf das Zweckmäßigste zu empfangen!
RB|1|116|5|0|Als also die Menschen hinter diese Betrügereien kamen, was die fleißig beichthörenden Pfaffen nur zu bald erfuhren, da warf man sich auf die Mystik, eigentlich Eskamotie (Schwarzkunst), errichtete Wallfahrtsorte mit Mirakelbildern, hüllte sich ganz ins Latein ein, produzierte wundertätige Reliquien und baute große Tempel mit viel Wunderaltären, goss große Glocken und dergleichen mehr. Damit handelte man bis zur Stunde. Aber da in der Zeit die Menschen den Pfaffen denn doch schon wieder, und das stärker denn je, über den Kopf zu wachsen anfangen und sogar vor dem beheiliggeisteten Mann keinen Respekt mehr haben, so geht nun diesen Kaufleutchen der Faden aus, und sie wissen nun nicht, wie sie die Sache anstellen sollen, um ihrer sehr verlegenen Ware einen ergiebigen Absatz zu verschaffen.
RB|1|116|6|0|Aber Freunde, diesmal wird sich's nicht mehr tun. Die Bibeln sind nebst anderen hellen Schriften zu sehr unters Volk gekommen, und diese Kaufleute haben zu offenbar gezeigt, dass sie für alles zu haben sind um Geld. Und so hat sich sogar Maria, die lange ihre Hauptstütze war, samt ihrem hölzernen Christuslein bei ihnen zu empfehlen angefangen, was für diese Kaufleute ein außerordentliches malum Omen [übles Vorzeichen] ist. Es wird ihnen nun bald nichts mehr übrigbleiben, als ihre in den Geschäftsbüchern treu aufgezeichnete Chronik skandalös [Skandalchronik]. Denn ich möchte beinahe um meine ganze Seligkeit wetten, dass sie in Bälde gerade vor den Völkern nicht viel anders dastehen werden, als wie eine sich stets sittlich und fromm gebärdende Tochter vor ihren ehrlichen Eltern und andern Anverwandten, so sie von ihnen in der Unzuchtsstube einer schändlichen Kupplerin als eine feile Dirne ertappt wird. Oder sie, die Kaufleute, werden müssen stark handeln lassen; was aber auch ein Argumentum gegen sie sein wird, eins so schreiend wie das andere.
RB|1|116|7|0|Und so wird der Herr Seine Lehre reinigen zur rechten Zeit auf eine Art, die aller Welt wie ein Blitz in die Augen springen wird. Im Ganzen aber schadet es gerade niemanden, wenn er der Römerin secundum ad nominem [dem Namen nach] angehört. Denn ich kann euch allen versichern, dass der Herr die römischen Lämmer sehr lieb hat, was denn auch ein Hauptgrund ist, warum Er diesen Taubenkrämern und Geldwechslern nicht schon lange ihre schnöden Buden umgeworfen und die Krämer mit Stricken aus dem Tempel getrieben hat. Aber was bisher noch nicht in aller Eklatanz geschah, das steht nun vor der Türe!
RB|1|116|8|0|Darum alle Ehre Ihm allein, der die Seinen stets so sanftmild leitet wie eine Henne ihre Küchlein. Ich meine nun, dass ihr nun bezüglich der Römerin vollends im Klaren sein dürftet. Und so wendet euch denn nun allein an Jesus Christus, auf dass euch allen ein volles Licht für ewig werden möchte.“
RB|1|117|1|1|Die Zweifler glauben nun, fürchten aber zum Teil den Gang zum Herrn. Zwiegespräch eines Kirchlichen und eines Freien.
RB|1|117|1|1|(Am 1. Sept. 1849)
RB|1|117|1|0|Spricht darauf der frühere Redner, der vor dem hier sogenannten Grobianus gesprochen hatte, sagend: „Ich und meine Nachredner sind von der Klarheit deiner Rede ganz durchdrungen. Die Wahrheit ist durchgehends schlagend da. Es ist so, es war so und es wird auch unfehlbar also werden, wie du es nun in ganz vollkommen prophetischem Geiste vorausgesagt hast. Also ist auch der Jude Jesus, der Christ, sicher das, was die gute Tradition von Ihm zeigt und was du nun von Ihm ausgesagt hast. Aber um desto wahrer alles das ist, um eben desto schwerer ist es nun für uns, dass wir uns könnten an Ihn wenden. Denn wir sind allzumal grobe Sünder gewesen und haben Seiner göttlichen Lehre nicht geachtet! Wird Er nun, so wir uns auch noch so bittend an Ihn wenden möchten, uns nicht sogleich zurufen: Weichet von Mir, ihr Täter des Übels, Ich kenne euch nicht!?“
RB|1|117|2|0|Spricht der zweite Redner: „Oh, oh, oh! Wo denkst du schon wieder hin? Mir scheint, in dir spuken noch immer so ein halbes Dutzend ganz gemütlicher Liguorianer herum. Glaubst du denn im Ernst noch an eine Hölle und an ein Fegefeuer? Nein, so was könnte mir wohl sogar nicht einmal in einem Traum einfallen. Christus wird doch, meine ich, so um ein hübsches Stückchen weiser sein und besser auch als wir beide. Sag mir, könntest du sogar bei deiner einmaligen nicht unbedeutenden Herzenshärte jemanden in die jesuitische Hölle hinein verdammen, und das auf ewig, so es eine gäbe? Ich sage, da müsste man geradewegs ein Teufel sein, um so was zuwege zu bringen. Wie stellst du dir hernach aber Christus vor, wenn du Ihm so was zumuten kannst?!“
RB|1|117|3|0|Spricht der erste: „Du hast zwar wohl recht; aber weißt du, das sind auch Seine eigenen Worte, denen zufolge Hurer, Ehebrecher, Diebe, Mörder, Betrüger, Meineidige, Geizhälse und Hartherzige nicht ins Reich Gottes eingehen werden. Es heißt: ‚Wer glaubt und getauft wird, der wird selig.‘ Wir sind zwar wohl getauft worden, aber geglaubt haben wir nie etwas, außer das wir mit Händen greifen konnten; alles andere waren bei uns Narrenpossen! Wir können also vor Christo dem Herrn nun mit gar nichts auftreten, das für uns auch nur einen günstigen Schein hätte. Er ist wohl unendlich gut, aber Er ist auch ebenso unendlich heilig und deshalb ebenso gerecht! Wie wir uns aber mit Seiner Gerechtigkeit zurechtfinden werden, das ist eine ganz andere Frage?“
RB|1|117|4|0|Spricht der zweite: „Aber ich bitte dich, rede doch nicht gar so geschwollen und lehmlacket. Hast denn unsern Freund und Führer Bruno nicht reden gehört, wie die Sachen stehen? Er ist von Christo dem Herrn an uns abgesandt worden, um uns zu gewinnen und hinzuführen eben auch vor den Herrn. Er hat uns nun gewonnen; warum sollen wir denn nun noch Umstände machen? Das wissen wir alle, dass wir vor Gott keinen Schuss Pulvers wert sind; aber so Er uns gnädig und barmherzig sein will, warum sollen wir uns da spreizen wie eine Jungfrau auf einer Bauernhochzeit und gschamig tun, wie eine sächsische Prinzessin, wenn sie von ihrem königlichen Gemahl zum ersten Mal aufs Ehebett begehrt wird? Da heißt es mit beiden Händen zugreifen, wenn uns der große Herr der Himmel etwas geben will, und nicht allerlei jesuitische Bedenken tragen, die ohnehin für jeden Pudel zu schlecht und zu dumm wären, so man sie ihm selbst linea recta [geradewegs] unter den Schweif hängte.“
RB|1|117|5|0|Spricht der erste: „Aber wenn du nur um ein bisschen feiner wärst! Auf der Welt warst du stets so ein gerader Michel, und hier bist du um kein Haar anders. Wirst du etwa im Angesicht des Herrn und aller Seiner heiligen Freunde auch so reden? Da wirst du sicher beben wie das Laub der Espe bei einem großen Sturm!“
RB|1|117|6|0|Spricht der zweite: „O je, o je! Ich habe gemeint, du hättest bloß so mit einem halben Dutzend Liguorianer noch zu tun; aber wie ich's nun merke, so steckt noch ein ganzes Jesuitenkollegium in dir! Aber hast du denn auf die klarsten Worte Brunos nicht Acht gegeben? Der hat die römische Betrügerei doch so klar enthüllt, als wie klar da einstens der berühmte Spiegel von Arkadien war! Und du schwärmst nun noch als wie ein sterbender Pater Kochheim. Geh, lass dich nicht auslachen! Sieh, dem Freunde Bruno wird schon ordentlich nicht recht gut, wenn er dich ansieht, weil du nun gar so ein blitzdummes Gesicht machst und drauflosredest, als wie ein Wiener Fiaker am Karfreitag, wann die Liguorianer seine Pferde mit Weihbrunn besprengen, nötigenfalls auch klistieren. Schäme dich, hier im Geisterreich als selbst Geist mit derlei Albernheiten zu kommen! Schau, Christus, der Herr, müsste dich gerade selbst auslachen, wenn Er dich mit diesem Mölker-Bastei-Löwengesicht sähe!“
RB|1|117|7|0|Spricht der erste: „Aber um Gottes willen, Freund! Ich bitte dich, bezähme deine grobe Zunge, sonst kommst du noch offenbarlichst in die Hölle. Denn es gibt eine Hölle, wie es einen Himmel gibt. Lege doch deiner Zunge ein bisschen einen Zaum an, sonst wirst du ohne Weiteres verdammt! Denn du hast ja ein gottloses Maul!“  – Spricht der zweite: „Freund Bruno, sei so gut und tröste doch diesen Helden ein wenig; sonst erleben wir noch hier in der Geisterwelt das famose Malheur einer Hosenverunreinigung. Die Voranstalten dazu scheinen schon so ziemlich getroffen zu sein.“
RB|1|117|8|0|Die ganze Gesellschaft gerät darüber in eine Lache, und der erste Redner spricht: „Aber Freund Bruno! Ich bitte auch, diesem Verunglimpfer meines guten Namens sein zu ungebührlich weites Maul ein wenig zu stopfen. Denn was geht das ihn an, wenn ich ein Freund der Diener Gottes war? Lasse ihn doch nicht solche Anspielungen machen, dass mich darob alle auszulachen anfangen!“
RB|1|117|9|0|Spricht Bruno: „Sei gescheiter, dann wird dich niemand auslachen! Nehme an, was ich hier geredet habe, so wirst du wohl darauskommen! Aber so du hier mit lauter gar so jesuitisch aussehenden Bedenken kommst und dadurch mein Werk an euch allen verzögerst, so hat der Freund Niklas recht, wenn er dich ein wenig rippelt. Wer ist denn vor Gott gut und gerecht, und wer hat Verdienste vor Ihm, dem Allmächtigen? Hat Er denn nicht Selbst gesagt: ‚So ihr alles getan habt, da müsst ihr noch sagen, dass ihr faule und unnütze Knechte wart!?‘ So Er aber also geredet hat, was urteilen wir denn, ob wir gut oder schlecht seien, oder ob wir welche oder keine Verdienste vor Ihm haben? Siehe, wir sind alle zusammen vor Ihm schlecht und haben gar keine Verdienste. So Er uns aber gnädig und barmherzig sein will, was sollen wir uns denn da dagegenstemmen, als so es wirklich Menschen gäbe, die vollends gerecht sind und vor Gott entschieden Verdienste haben sollen?! O sieh, das ist eitel! Wir alle sind schlecht, und Gott allein ist gut! So Er uns aber nun etwas Gutes aus Seiner ewigen Güte heraus tun will, so ist es an uns, zu tun wie einst der Sünder Zachäus, als ihn der Herr vom Baum herabsteigen ließ und in seinem Haus einkehrte und dann mit ihm das Mahl hielt. Also ruft nun auch uns derselbe Herr! Und so tun wir denn auch, was einst Zachäus getan hat.“
RB|1|118|1|1|Bardos Hochmut. Niklas' Zurechtweisung. Die Tausendschar, im Geiste vereint, darf des Herrn Gnade erfahren.
RB|1|118|1|0|Spricht der erste Redner Bardo: „Nun denn, in Gottes Namen, ich will ja wohl nachgeben, wenn es so ist. Aber dass der Niklas durchaus kein feiner Geist ist, das muss er doch selbst einsehen. Er ist noch wie er auf der Erde war – ein grober, roher und ungeschliffener Mensch. Darum aber, dass der Niklas ein Neukatholik war und als solcher an den Herrn Jesus gar nicht mehr geglaubt hat, braucht er sich auch nicht eben gar zu viel einzubilden. Denn die haben wollen die Welt zum Himmel machen und haben uns Katholiken ausgelacht und dumme Schafsköpfe benamst. Aber nun sitzt der gute Niklas mit gar vielen seines Glaubens samt uns alten Katholiken im gleichen Pfeffer als Geist. Und deswegen braucht der Niklas gerade nicht gar so grob mit unsereinem zu sein. Bin ja doch auch ich mit ihm nicht grob gewesen.“
RB|1|118|2|0|Spricht etwas lächelnd der Niklas: „Mein schätzbarster Freund Bardo! Nichts für ungut, so ich etwa ein wenig zu hitzig geworden bin! Aber ich habe es wenigstens gut gemeint, was mir niemand negieren kann. Übrigens muss ich aber dennoch offen bekennen, dass mir zehn wohlgemeinte Grobheiten allzeit lieber sind als eine einzige Dummheit, die nicht einer hitzigen Sau zu einem Bad dienen kann. Ich muss dir offen bekennen, dass mir eine neukatholische Ohrfeige zur rechten Zeit lieber ist als ein römisch-katholischer Judaskuss. Denn die Ohrfeige wird mich nüchtern machen und zu irgendeinem bestimmten Entschluss bringen; aber so eine leere römisch-katholische Liebfreundelei sieht dem Freund nie ins Auge, sondern allemal nur in dessen Geldbeutel! Wahrlich, die dreißig Silberlinge hängen der Römisch-Katholischen überall an, gleich wie der Kuh ihr allzeit sehr schmutziger Schweif. Sag mir, ob je ein eigentlicher römischer Katholik anders zu Gott betet, als um von Gott etwas zu bekommen?! Der Bettler betet um ein Almosen, der Landmann um eine gute Ernte, der gläubige Beamte um eine gute Bedienstung, die Jungfrau um einen schönen und wohlhabenden, angesehenen Mann usw., ein jeder um etwas anderes; aber Gott die Ehre zu geben, darum nur, weil Er als Gott das endlos vollkommenste Wesen ist, Freund Bardo, meine Seligkeit gebe ich für einen Papisten, so er je aus dieser allein reinen, uneigennützigen Absicht zu Gott gebetet hat. Bilde dir daher auf deine römisch-katholische Sanftmut nur nicht gar zu viel ein; denn diese ist wirklich nicht gar zu weit her! Übrigens meine ich, dass es nun denn doch schon einmal an der Zeit wäre, dem Rat des Freundes Bruno nachzukommen, denn des leeren Strohs hätten wir beide nun, wie ich glaube, zur Genüge miteinander abgedroschen.“
RB|1|118|3|0|Spricht Bardo: „Leeres Stroh, so, leeres Stroh! Das ist kein leeres Stroh! Verstehst du? Denn wenn man jemanden einen Esel, wenn auch umschriebenermaßen nennt, so ist das bei mir kein leeres Stroh.“
RB|1|118|4|0|Spricht Niklas: „Was denn hernach? Vielleicht gar ein Limoni-Gfrornes etwa oder ein ungarisches Rebhendl? Wenn es dich denn gar so pitzelt, weil ich dir ein wenig die Wahrheit gesagt habe, so sage mir dafür denn eine zurück, und wir sind dann miteinander quitt! Schau, schau, siehst denn du das noch nicht ein, dass uns allen nun an Christo dem Herrn mehr gelegen sein muss als an unserer gegenseitig gekränkten, dummen Ehre? Was ist denn alle Ehre ohne Gott? Oder was hättest du denn davon, wenn ich dich für einige durchaus nicht vorsätzliche Beleidigungen mit aller Ehre vergolden würde, du dadurch aber von Christo noch länger geschieden bleiben müsstest? Ich meine, von solch einer Ehre würden wir beide ganz verdammt wenig herabbeißen. Daher, Freund Bardo, nun nichts mehr von derlei irdischen Dummheiten; sondern wir vereinigen uns alle nach dem Rat Brunos und bitten den Herrn Jesus um Licht, um Gnade und um eine uns Allen nottuende Erbarmung. Ich will den Vorbitter machen, und ihr bittet dasselbe mir laut und vom Grunde des Herzens nach, so ihr es natürlich wollt?!“ – Spricht Bardo: „Eh, warum soll ich denn gerade dir nachplappern!? Ich werde doch etwa selbst auch imstande sein, eine Bitte zu formulieren!“ – Spricht Niklas: „Nur zu, habe gar nichts dawider! Denn ein jeder muss es am allerbesten wissen, wo ihn der Schuh am meisten drückt! Ich aber werde nun einmal meine Bitte laut vortragen, und es stehe einem jeden frei, sich daran beteiligen zu wollen oder nicht.“
RB|1|118|5|0|Hier spricht die ganze Tausendgesellschaft: „Bitte, bitte, Niklas! Wir werden dir nachbitten!“
RB|1|118|6|0|Spricht Bardo: „Wegen meiner! Ich aber werde doch allein für mich bitten; denn ich weiß schon warum und was.“ – Spricht Niklas: „Tue was du willst; aber um das bitten wir alle dich, dass du uns fürder nicht störst! Daher bitte in der Stille.“
RB|1|118|7|0|Nach diesen Worten fällt es allen, bis auf Bardo, wie Schuppen von den Augen und Ich Selbst stehe, unweit des großen Ratstisches, um den noch die ganze, schon bekannte Gesellschaft versammelt sich befindet – knapp vor dem Niklas. Alle getrauen sich nun kaum aufzuschauen und können sich über die Größe und Pracht des Saales wie über die Frische und Schönheit der Gäste nicht genug verwundern.
RB|1|118|8|0|In diesem Moment tritt auch der Bruno in der höchsten Ehrfurcht vor Mich hin und spricht: „O Herr! Dir allein alle Liebe, Ehre und Anbetung! Sieh', als ein allerunnützester Knecht stehe ich hier vor Dir und übergebe Dir diese Schar, die, wie ich überzeugt bin, nun ganz Dir im Herzen angehört.“
RB|1|118|9|0|Rede Ich: „Sehr gut hast du es gemacht! Deine große Geduld und Demut haben dies nicht geringe Werk musterhaft zustande gebracht. Wahrlich, weil du bei diesem deinem ersten Geschäft in Meinem Reich dich so musterhaft benommen hast, so sollst du gar bald über Größeres gesetzt werden. Und dieser dein Freund Niklas soll dir zur Seite stehen, denn auch er hat gegen das Ende deiner Verhandlung mit dieser Tausendgesellschaft entschieden viel dazu beigetragen, dass sie nun, bis auf einen leichten Eigensinnler, als vollkommen gerettet vor Mir, ihrem Gott, Herrn und Vater steht und fähig ist, von Mir fernere und größere Gnaden zu empfangen!
RB|1|118|10|0|Wahrlich, keine Gewinnung der Geister ist segensreicher, als die durch ein wahres Wort und durch eine weise Lehre! Ihr habt aber hier allein durch Wort und Lehre diese Herde gewonnen, was vollkommen Meinem Willen und Meiner Ordnung gemäß ist. Daher aber ist diese Herde nun auch schon vollkommen frei, und kein Wunderwerk hält ihr Herz gerichtet; sie ist daher auch ganz fähig, sogleich größere Gnaden zu empfangen; und das macht Mir wahrlich eine große Freude! Euer Lohn soll aber daher auch ein großer sein.
RB|1|118|11|0|Als alle die Früheren zu Mir kamen, da hatten sie Hunger und Durst; denn sie konnten nur mehr durch wunderbare Taten und Erscheinungen zu Mir gebracht werden; euch aber hungert es nun nicht, und niemand, bis auf den Bardo, hat einen Durst! Der Grund davon ist, weil ihr alle allein dem Wort gefolgt seid. Und das ist recht, und so ist es Mein Wille!
RB|1|118|12|0|Geht ihr beide, du Bruno und du Niklas, zum Robert hin; der wird euch neue Kleider geben. Ich Selbst aber werde den Bardo ergreifen und ihm geben, was er haben will – Süßes oder Bitteres!“
RB|1|118|13|0|Niklas, ganz zerknirscht vor Liebe und Dank, möchte noch etwas reden. Aber Ich sage zu ihm: „Freund, du hast schon geredet – denn Ich verstehe Mich auf die Zunge des Herzens! Daher gehe nur ganz getröstet hin zum Robert, mit Bruno. Im neuen Kleid werden wir dann noch gar vieles miteinander zu reden und zu schlichten bekommen. Es sei!“
RB|1|119|1|1|Bardos Seelenheilung. Niklas Rede von den Führungen Gottes. Himmlische Verbrüderung.
RB|1|119|1|1|(Am 5. Sept. 1849)
RB|1|119|1|0|Die beiden bewegen sich nun sogleich zum Robert hin, der sie überaus freundlich aufnimmt. Ich aber sage zum Bardo, der Mich noch nicht sieht: „Tue dich auf, du Finsterling, und gebe Mir Antwort, und zeige Mir deines Hochmutes Grund!“
RB|1|119|2|0|Bardo erschrickt gewaltig, als er Mich sogleich erkennend vor sich stehen erblickt. Er versucht zu reden, aber die Zunge versagt ihm den Dienst. Und so stammelt er bloß so hin und wieder als wie einer, den in den größten Spekulationssorgen der Schlaf übermannt. Er meint in seinem zitternden Herzen aber nun nichts anderes, als dass Ich ihn schon im nächsten Augenblick zur Hölle verdammen werde.
RB|1|119|3|0|Aber Ich sage zu ihm: „Blinder! Wie eitel doch ist deine Furcht! Wann kam ich denn zu denen, die verdammt durch sich selbst, um sie noch mehr zu verdammen? Ich komme, so Ich komme, zu helfen, aber nicht zu richten und zu verdammen. Ich sehe aber in dir eine starke Krankheit, und die heißt Hochmut. Und darüber sollst du Mir, der Ich dir helfen will, eine genügende Auskunft geben, nicht um Mich etwa über dich in Kenntnis zu setzen, denn Mir sind alle Dinge von Ewigkeit her wohlbekannt; sondern damit du selbst dich deiner Bürde entledigst vor Mir.
RB|1|119|4|0|Siehe, als dein Freund Niklas euch allen vorbitten und dadurch einen Bittleiter machen wollte, da wolltest du nicht mithalten, sondern du wolltest ganz für dich allein bitten. Und du batest auch, aber wie und um was? Für dich selbst wolltest du gerade nicht viel, dafür aber desto mehr Demütigung für alle, die dich je beleidigt haben, und am allermeisten für den Niklas, der sich fürs Erste vor dir beim Bruno hingestellt hatte, und streitig gemacht deine Volksvertreterschaft, da du doch der Erste warst, der mit dem Bruno im Namen der ganzen Gesellschaft Worte zu tauschen begann, und fürs Zweite, darum er es am Ende sogar gewagt hatte, dir, freilich auf eine nicht feine Art, einige sehr bedeutende Wahrheiten ins Gesicht zu sagen!
RB|1|119|5|0|Bedenke nun aber auch, ob das wohl recht ist, so du dem, der dir dein bester Freund ist, eine große Demütigung an den Hals wünschest, weil er als Freund es gewagt hatte, dir ganz gebührendermaßen die Wahrheit zu sagen?! Solltest du dem nicht vielmehr nur alles Beste wünschen, der dir als ein wahrer Freund die Wahrheit sagt und dich dadurch von der verderblichen Stufe des Hochmuts und der Selbstsucht zurückzieht, als dass du ihm ein stark demütigendes Gericht über den Hals wünschest?!
RB|1|119|6|0|Meinst du denn, hier im Reich der ewigen, unverhülltesten Wahrheit geht es auch so zu wie auf der Erde, wo die Blinden nur die Schmeichler und die Feigen und feilen Lobhudler als ihre Freunde halten und ehren; jene aber, die ihnen die Wahrheit sagen, als ihre ärgsten Feinde verabscheuen und verfolgen – gleich wie es die Juden an Mir taten, der Ich auch keck genug war, ihnen die nackte Wahrheit unter die Augen und Nase zu reiben!
RB|1|119|7|0|O Mein lieber Bardo, hier ist es ganz anders! Hier gilt nur die nackte Wahrheit ganz allein und die mit ihr gepaarte reine Liebe! Alles andere ist ein Gräuel vor Mir und muss von diesem Meinem Reich ewig fernbleiben! Nun weißt du aber auch aus Meinem höchsteigenen, göttlichen Mund, wie sich hier die Sachen der gegenseitigen Freundschaft verhalten. Darum bekenne nun aus dir selbst, dass du an dem Niklas im hohen Grad Unrecht geübt hast, und gehe hin und vergleiche dich mit ihm! Alsdann komme wieder hierher, und Ich werde dir zukommen lassen, was recht ist und was dir gebührt!“
RB|1|119|8|0|Als Bardo solch gewichtigste Worte aus Meinem Mund vernimmt, da fängt er an, in sich zu gehen und sagt bei sich im Herzen: „Ja, ja, der Herr, der Allmächtige hat es gesprochen! Wer kann sich wider Seine Weisheit und Allmacht auflehnen? Es ist schon also und ewig recht! Der Mensch ist ein Feind der Wahrheit, besonders wo sie ihm zu nahe tritt; aber er tut ihr groß unrecht, zumal so er bedenkt, dass sein Leben nicht nur bis zum Rand des Grabes, sondern endlos weit über dasselbe hinausreicht, und zwar lediglich in der Wahrheit und Liebe bedingt! Der Herr Selbst hat es mir gezeigt und hat mich tiefst belehrt. Und so will ich denn auch, wie schwer es mir auch immer ankommen soll, tun, wie es der Herr will! Mut und Entschlossenheit gehört zu allen großen Dingen. Und so will ich denn auch mutig und entschlossen hin zum Freund Niklas gehen, ihm alles bekennen und ihn dann um seine Freundschaft demutsvoll bitten! Ja, so sei es!“ Darauf begibt er sich sogleich hin zum Niklas, um seinem guten Vorhaben nachzukommen.
RB|1|119|9|0|Niklas aber kommt ihm, nun schon umgekleidet, entgegen, umarmt ihn und spricht: „Freund! Auf der Erde benötigen die Blinden auch der Tat; denn sie sehen nicht des Willens ernste Kraft. Hier aber, wo man mit stark geöffneten Augen den vollen Ernst des Willens gar wohl erschaut, fragt man nicht nach der dem Willen folgen sollenden Tat, sondern allein nach dem Ernst des Willens. Ist dieser in der Ordnung, dann ist auch alles in der Ordnung! Hier ist nur der Wille unser, alle Tat aber ist des Herrn!
RB|1|119|10|0|Und siehe, so sind wir nun die besten und intimsten Freunde für ewig, und alle unsere früheren irdischen Differenzen haben für ewig aufgehört! Den Freund Bruno aber wollen wir auch allzeit recht von ganzem Herzen hochachten und lieben als einen allerwärmsten Freund; denn seinem Mut und seiner großen Geduld haben wir alle hier die volle Rettung vom Untergang zu danken! Natürlich, wie es sich von selbst versteht, der unendlichen Güte, Milde und unbegreiflichen Herablassung des Herrn aber alles! Denn Er war, ist und bleibt ewig der Haupt- und Urgrund alles Heils! Also haben wir auch noch mehrere hier uns vorangehende Freunde lobend anzuerkennen; denn sie waren uns ein starker Magnet, der uns schon auf der Erde sehr angezogen hat, und sie sind auch hier die handgreifliche Veranlassung gewesen, dass wir durch sie dies unser Heil in ihrer Wohnung gefunden haben!
RB|1|119|11|0|Dem Herrn Vater Jesus aber sei alle Ehre, Dank und Anbetung und Liebe dafür, dass Er unsere Wege so gezeichnet und unsere Schritte so geleitet hat, dass wir trotz aller unserer bösen Ohnmacht und wider allen unsern Glauben nun am Ende unserer lange andauernden Blindheit dennoch dahin gelangen mussten, wohin wir nach Seiner Ordnung zu gelangen hatten!
RB|1|119|12|0|Wahrlich, Seine Ratschlüsse sind unerforschlich und unergründlich Seine Wege! Es geht mit dem Menschen nicht anders dem Anschein nach als einem Schiff, das oft ohne Segel und Ruder von den Winden auf dem Meer wie zufällig hin und her getrieben wird. Wer sollte dabei denken und sagen: ‚Siehe, dies Fahrzeug, aller seiner leitenden Organe ledig, wird dennoch nach einem besten Plan geleitet!‘ Aber man bedenkt nicht, dass auch die Winde des Herrn sind und Er allein ihnen die Richtung und Kraft erteilt. Das Schiff kommt endlich dennoch an ein sicheres Ufer, als hätte es der erfahrenste Steuermann geleitet. Und sieh, das ist ein Werk des Herrn, dem allein darum alle Ehre und aller Preis gebührt für ewig!
RB|1|119|13|0|Also hat aber der Herr auch unsere Wege so geleitet, dass am Ende wir durch unsere wahrlich groben Sünden den Weg zu Ihm nehmen mussten! O wie endlos gut und weise muss Er sein und wie unermesslich liebegewaltig! Kurz, nun sind wir für ewig gerettet! Daher seien wir auch voll des besten Mutes und voll der innigsten Liebe zu Ihm, dem Retter aller unserer Retter!“
RB|1|119|14|0|Nach diesen Worten umarmen sich die beiden mit unsterblichen Armen, darauf den Bruno, dann den Dismas, der sich auch zu ihnen hinbegab, und den Max Olaf, der den Dismas zurechtbrachte, hauptsächlich aber den Robert, der zur endlichen Wiederbringung des Dismas kräftigst gewirkt hatte.
RB|1|119|15|0|Nach dieser Szene begibt sich Niklas mit Bardo zu Mir und spricht: „Herr, wir beide stehen wie ein Herz vor Dir. Vergebe auch Du uns, wie wir uns gegenseitig alles für ewig vergeben haben, auf dass wir Dich dann wie aus einem Herzen über alles lieben könnten!“
RB|1|119|16|0|Rede Ich: „Wenn ihr miteinander gleich seid, dann ist auch alles gleich und eben vor Mir! Eure Schuldtafel ist vernichtet! Geht aber nun mit Robert und all den andern Freunden hin zu dem großen Goldschrank! Dort werdet ihr für diese tausend Armen eine rechte Menge Kleider finden; nehmt sie, und teilt sie an die noch Armen aus, denn sie sehen noch sehr nackt aus. Dann aber kommt, auf dass Ich euch segnen und weiter führen kann im Reich des Lichtes! Also sei es!“
RB|1|120|1|1|Über Bekleidung im Jenseits. Segensrede des Herrn. Blum und seine Freunde werden zur Ordnung des Speisesaals beschieden. Ihre verwunderlichen Erfahrungen.
RB|1|120|1|0|Alle begeben sich nun urplötzlich hin zum Robert, und dieser führt die ganze, große Schar zu dem großen Goldschrank, öffnet ihn und teilt allen die neuen Kleider aus, die sie auch sogleich anziehen und sodann in und durch die Kleider ein besseres Aussehen bekommen und voll frohen Mutes werden.
RB|1|120|2|0|Es ist aber im Reich der Geister ein bedeutender Unterschied zwischen solchen, die durch ihr innerstes Erkenntnis, das rein durch Liebe zu Mir erweckt wird, sich von selbst zu Mir wenden und zwischen jenen, die nur durch einen weisen Unterricht von außen her zu Mir gekehrt werden. Die ersteren bekommen eine neue Kleidung wie von innen heraus. Die zweiten aber müssen sichtlich ihr altes Weltkleid ausziehen und dafür ein neues, himmlisches aber dann auch wie von außen her anziehen. Diese kurze Erläuterung wird hier deshalb gegeben, auf dass da in der Folge niemand einen Anstoß finden soll, indem es hie und da bei anderen Szenen vorkommt, dass manche Geister plötzlich wie aus sich heraus in eine neue Kleidung geraten, ungefähr so, als wie ein Baum im Frühjahr, während die Geister dieser Szene zumeist von außen her, als wären sie auf der Erde noch, neubekleidet werden müssen.
RB|1|120|3|0|Wir sehen nun vor uns die ganze, große Gruppe schon neu bekleidet voll heitern Mutes dastehen. Alle preisen Mich heimlich, und manche können Meine Herablassung nicht tief genug bewundern. Andere betrachten die Urväter und die Apostel mit einer gewissen heiligen Scheu. Und wieder andere wagen es, freilich ganz schüchtern, ein Gespräch mit den Aposteln anzuknüpfen. Aber Petrus bedeutet allen, sich zuvor zu Mir hinzubegeben und allda zu empfangen den verheißenen Segen, alsdann würden sie schon in allerlei Weisheit wie von selbst eingeführt werden. Auf diese Mahnung Petri eilen nun alle zu Mir hin, danken Mir für die schönen Kleider und bitten Mich um den verheißenen Segen.
RB|1|120|4|0|Ich erhebe darauf sogleich die Hände über alle und sage: „Nehmt alle hin den verheißenen Segen zur wahrsten Stärkung eurer nun noch schwachen Liebe und Weisheit, ohne welche es unmöglich wäre, in Mein eigentliches Himmelreich einzugehen. Da ihr nun aber Meinen Vatersegen empfangen habt, so seid ihr nun aber auch fähig, einen starken Schritt weiter zu machen in Meinem Reich. Ihr habt euch auf der Erde oft gefragt, wenn ihr manchmal einen Blick zu den Sternen emporgerichtet habt: Was etwa doch diese Sterne sind, was der Mond, was die Sonne und noch so manches andere. Einige aus euch meinten dies, einige jenes, ja einige meinten wohl auch gar nichts. Allein das tut nun fürder nichts zur Sache; denn ihr alle habt das Irdische überwunden und steht froh, munter und tief erbaut vor Mir, eurem Gott, Vater und Erlöser, als vollendete Kinder und habt das Recht, in alle die großen und endlos vielen Wohnungen eures himmlischen Vaters eingeführt zu werden. Und so denn bereitet euch alle wohl vor! Denn von nun an erst beginnt eine wahrhaft große Einführung in alle die Werke, die euch durch euer ganzes Leben als ein allerverhülltestes Rätsel täglich vor den Augen schwebten.
RB|1|120|5|0|Dies Haus aber, in dem ihr gefallen und nun wiedererstanden seid, wird euch so lange als eine allgemeine Wohnung dienen, in der ihr Mich allemal wiederfinden werdet, so ihr von einer großen Wanderung ein wenig müde euch eine Erholung wünschen werdet.
RB|1|120|6|0|So ihr aber durch die vielen großen Erfahrungen in der Liebe zu Mir ein rechtes Übermaß erreicht haben werdet, dann wird auch ein jeder in sich selbst sein höchsteigenes Wohnhaus finden, das er dann seligst bewohnen wird für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten!
RB|1|120|7|0|Auf dass ihr aber alle die vor der Türe harrenden großen Erfahrungswanderungen in Meinen Reichen vollgestärkt machen mögt, so wollen wir vorerst allesamt ein wahres Lebensmahl zu uns nehmen. Und du, Robert, und alle deine Hauptbrüder, geht und öffnet die mittlere Türe gegen Mittag, dort wird sich euch ein neuer Saal zeigen. In diesem Saal werdet ihr eine Menge Tische und Stühle finden. Ordnet sie und besetzt sie wohl mit Brot und Wein! Ich aber werde sodann Selbst diese Gäste alle einführen in den großen Saal des Friedens und der Ruhe. Da sollen sie alle gesättigt werden! Geht nun und tut, was Ich euch nun anbefohlen habe!“
RB|1|120|8|0|Robert begibt sich nun mit den anderen Freunden in den vorbezeichneten Saal, der überaus groß und mit einer Menge großer und kleiner Tische versehen ist. Aber diese Tische stehen noch in einer Unordnung, welche Unordnung entsprechend gleich ist jener des Geistes, in der der Geist zwar schon im Vollbesitz von allerlei liebtätigen Grundsätzen ist, aber diese noch nicht geordnet sind und daher zu den verschieden guten Zwecken auch noch nicht anwendbar, weil der Geist es noch nicht merken kann, was da als Nummer eins, zwei, drei usw. folgen soll. Aus diesem Grund müssen diese Geister denn nun auch vorausgehen, um die Tische, die gleich sind den Liebtätigkeitsgrundsätzen, zu ordnen; und werden sie geordnet sein, so komme dann Ich Selbst und führe die Gäste in den geordneten Wohl- und Liebtätigkeitssaal ein, wo sie die höheren Gnaden und Gaben auch in einer höheren und reineren Ordnung empfangen und genießen sollen.
RB|1|120|9|0|Als Robert mit seinen Freunden Messenhauser, Becher, Jellinek, Max Olaf, Dismas, Niklas, Bardo und noch einigen sich dazu frei Anbietenden die vielen Tische in einer ziemlichen Unordnung untereinanderstehend erschaut, macht er große Augen und spricht: „Freunde, da werden wir eine ziemliche Weile zu ordnen und zu stellen haben, bis alles so dastehen wird, wie es so ganz eigentlich dastehen soll. Es ist nur mit der verschiedenen Größe der Tische so fatal! Einige sind höher, einige, wie ich merke, niederer. Andere sind schmäler, einige wieder kürzer, als einige andere. So sind auch die Stühle und Bänke nicht gleich! Das wird ein schönes Stück Arbeit absetzen! Ich bin aber auch ein schöner Hausherr, weiß nicht einmal, was alles sich etwa noch irgendwo in diesem Haus vorfindet und wie es geordnet sein soll! Und ich soll vollauf der eigentliche Besitzer und Eigentümer alles dessen sein, wovor ich nun mit euch allen, meinen lieben Freunden, dastehe wie eine Kuh vor einem neuen Tor! Oh, das ist eine saubere Hausherrschaft! Aber was ist da zu machen? Wir werden uns denn doch müssen an die Arbeit machen und diese Geschichte ordnen so gut wir es nur immer vermögen.“
RB|1|120|10|0|Spricht Messenhauser: „Es ist wahrlich sonderbar! Im früheren Saal waren wir schon wie ganz vollendete Weise, und hier nur um einen Saal weiter stehen wir schon wieder so schön dumm da, als hätten wir nie das Einmaleins kennengelernt! Es handelt sich hier bloß nur um die ordentliche Zusammenstellung dieser Tische und Bänke und Stühle, und wir stehen da wahrlich wie die schönsten Ochsen am Berg und wissen nicht, was wir zuerst angreifen sollen. Welcher Tisch ist Nummer eins, also obenan, der welche Nummer zwei und so weiter? Wie werden wir die niederen zu den höheren stellen und die schmalen zu den breiten?“
RB|1|120|11|0|Spricht Becher: „Freunde, macht was ihr wollt, ich helfe überall; aber verlangt nur keinen Plan von mir! Denn wahrlich, in dieser ungeheuer großen Halle komme ich mir aber schon so dumm vor, als wäre ich erst aus dem Mutterleib gekrochen!“ – Spricht Jellinek: „Ja, ja, es ist diese Sache, wie es mir heimlich vorkommt, viel bedeutungsvoller als wir sie uns vorstellen! Ich meine: Der gute, beste Herr hat uns alle hier ein wenig anrennen lassen?! Und es wird uns am Ende dennoch nichts übrigbleiben, als zu Ihm zu gehen, und Ihn zu bitten um einen rechten Plan! Denn wir können da eine halbe Ewigkeit harren, studieren und simulieren, und wir werden dennoch mit gar nichts zu einem Ende kommen! Bei tausend Tische und einige Tausend Stühle und Bänke von der verschiedensten Größe – diese alle sozusagen unter ein Dach zu bringen, das vermögen wir nicht! Daher senden wir jemanden an den Herrn, auf dass er sich erkundige nach der rechten Ordnung!“
RB|1|120|12|0|Spricht Robert: „Da gehe ich selbst, und ihr bleibt unterdessen hier und beschaut unterdessen die anderen Wunderlichkeiten dieses Saales!“
RB|1|120|13|0|Nach diesen Worten kehrt Robert in den früheren Saal zurück und macht ganz übergroße Augen, als er diesen Saal ganz leer findet, d. h. leer von menschlichen Wesen. Die Einrichtung und Türen, Wände und Fenster aber sind dieselben, wie sie früher waren. Es rührt sich auch nirgends etwas, und kein Laut lässt sich von irgendwoher vernehmen. Robert schaut zu den Fenstern hinaus, sieht aber niemanden. Er öffnet andere Türen. Aber überall ist nichts von dem zu erspähen, was er sucht. Er geht sogar in des Hauses großen Hofraum hinaus, und es rührt sich nirgends etwas! Als er trotz alles Suchens und Rufens nichts findet, kehrt er ganz betrübt wieder zurück, wo er seine Freunde nicht minder betrübt antrifft.
RB|1|120|14|0|Bei ihnen angelangt spricht er: „Gott Lob und Dank, dass ich doch euch noch hier antreffe; denn der Saal draußen ist so leer von allen Wesen wie ein Eispol der Erde. Kein Herr und kein anderes Wesen ist irgendwo mehr vorhanden, auch in allen den Nebengemächern nicht, deren ich doch eine Menge durchsucht habe. Das bringt wahrlich ein Vieh um, und hätte es ein noch so zähes Leben! Nun erst stehen wir so recht wie die dümmsten Ochsen am Berg hier. O du verzweifelte Geschichte! Was machen wir nun?!“
RB|1|120|15|0|Spricht ganz erstaunt Jellinek: „Das ist nicht übel, o das ist ganz absonderlich sonderbar nicht übel! In Gottes Namen, sei es nun, wie ihm wolle; fangen wir denn doch an, so gut es geht, diese Tische zu ordnen! Werden sie geordnet sein, und besetzt mit Brot und Wein, so wird es sich dann ja zeigen, ob wir die Gefoppten sind!?“
RB|1|120|16|0|Beruft Robert den Max Olaf und sagt zu ihm: „Bruder, du bist auf der Erde so ein Seemann, Ingenieur und Geometer gewesen; daher dürftest du denn auch am ersten mit diesen Tischen und Bänken eine gute Ordnung zu treffen imstande sein?! Gehe und überschaue die Geschichte! Denn nun bleibt uns schon nichts anderes übrig, als das zu tun, was der Herr uns ehedem anbefohlen hat, und wie es auch der Bruder Jellinek meint!“
RB|1|120|17|0|Spricht Max Olaf: „Mehr als man imstande ist, kann kein Gott von jemanden verlangen! Und so wollen wir die Beordnung dieser Tische auch sogleich ins Werk setzen! Die großen von gleicher Höhe und Breite stoßen wir zuoberst des Saales zusammen, an diese die ein wenig niederen und schmäleren; an diese wieder die um etwas weniges niederen und ebenfalls um etwas weniges schmäleren und so fort in der Ordnung, bis wir auf diese Art alle werden zurechtgebracht haben. Im Ganzen formieren wir ein langes Viereck oder aber auch ein Kreuz, was nahe noch entsprechender wäre, da wir mit dieser Arbeit schon so ein eigentliches Kreuz haben! Und eben auf die gleiche Weise verfahren wir denn auch mit den Bänken und Stühlen. Haben wir diese Arbeit, wie ich's hoffe, recht bald beendet, dann wird es sich ja wohl zeigen, ob der Herr kommen wird, wie Er es verheißen hat. Kommt Er aber nicht, so gehen wir dann auch ins Freie hinaus und suchen unsere Gesellschaft in allen Winkeln dieser Welt. Und so fangen wir in Gottes Namen denn diese Geschichte an zu ordnen!“
RB|1|120|18|0|Mit dem Plan des Max Olaf sind alle einverstanden und legen ihre Hände auch sogleich rasch ans Werk. Und nach einer guten Weile stehen Tische, Bänke und Stühle in der Ordnung, und zwar in der Form eines Kreuzes. Robert öffnet darauf mehrere Schränke, die alle voll Brot und Wein sind, das Brot in der Form der gewöhnlich runden Laibe, und der Wein in mit goldenen Deckeln versehenen Bechern. Robert bestellt nun auch mit Hilfe der übrigen Freunde alle Tische mit Brot und Wein.
RB|1|120|19|0|Und als auch diese Arbeit zu Ende ist, spricht er: „Herr, der Du allsehend, allhörend und allwissend bist, Du siehst nun sicher, dass wir die von Dir uns gegebene Aufgabe, so gut es nur immer sein konnte, allergetreust gelöst haben. Du hast uns verheißen, sofort mit all den übrigen Gästen hierher zu kommen und uns alle für höhere Geschäfte der Himmel zu stärken und zu segnen! O so verziehe denn nun auch nicht und komme zu uns, die wir gar so schwer nunmehr Deine heilige, allbelebende und allbeseligende Gegenwart missen!“
RB|1|120|20|0|Sprechen darauf auch alle die anderen das Gleiche. Aber es bleibt alles in der tiefsten Ruhe, und niemand vernimmt irgendwo ein Geräusch oder irgendeine andere Stimme. Aber das macht unsere Tischordner nicht irre, sie warten ganz geduldig eine geraume Weile.
RB|1|120|21|0|Als aber trotz dieses geraumen Wartens noch niemand zum Vorschein kommt, da spricht Robert: „Das ist wahrlich sonderbar! Soll der Herr uns eigens versuchen wollen, oder haben wir etwas verschuldet? Oder ist diese ganze, lange Geschichte seit unserer Ankunft in dieser Welt denn doch nur ein Traum? Es ist wahrlich sonderbar, ja übersonderbar! Was tun wir aber nun?! Tretet zusammen, liebe Freunde, und macht Rat und Vorschläge; sonst bekommt diese Sache ein wahrhaft verzweifeltes Aussehen.“
RB|1|121|1|1|Ansichten und Ratschläge der Freunde. Dismas bringt die Herzen in Ordnung. Roberts Dank. Vom Segen der Nächstenliebe.
RB|1|121|1|0|Tritt Bardo zum Robert hin und spricht: „Freunde, ich kann es durchaus nicht leugnen, dass dies gänzliche Verschwinden des Herrn samt der ganzen großen, teils heiligen und teils aber eben noch nicht sehr heiligen Gesellschaft mir ebenfalls sehr sonderbar vorkommt. Aber ich denke mir's nun also: Ist die frühere ganze Geschichte mit tausend weisesten Vorkommnissen bloß nur eine leere, traumähnliche Erscheinung gewesen, was ich aber nun durchaus nicht mehr glauben kann, so sind wir frei und somit für alle Zukunft unsere höchsteigenen Gesetzgeber und können daher tun, wie wir es für uns und unsere Bedürfnisse am allerbesten finden, und keine fremde Macht kann uns darin beirren. Ist aber alles das, was wir nun seit schon einer sehr geraumen Weile in dieser Welt erlebt, gesehen, geschaut und erfahren haben, reine geistige Wahrheit und Wirklichkeit und der von uns allen gesehene und gefühlte und gehörte und über alles geliebte Jesus – der Herr; dann ist diese unsere nun wahrlich nicht unbedeutende Verlegenheit nichts als eine zu unserem Heil bestens berechnete neue Probe, die uns Seine Liebe, Gnade und Erbarmung zukommen lässt, um uns dadurch wahrscheinlich freier, selbständiger, selbsttätiger und somit gewisserart geistig männlicher zu gestalten. Daher meine ich also: Wir sollen in der Liebe zu Jesus dem Herrn, wie wir Ihn gesehen und gesprochen haben, und wie Er uns belehrt, erhoben und mit Seiner allmächtigen Schöpferhand gesegnet hat, wachsen und sehr zunehmen, so wird Er sicher sehr bald in unserer Mitte sein mit all den lieben Brüdern und Schwestern. Das ist mein Rat! Weiß aber jemand etwas Besseres, so bitte ich, dass er damit zum Besten aller auftrete!“
RB|1|121|2|0|Spricht darauf Niklas: „Bruder, ich muss dir's ganz offen bekennen, dass ich mit dir eine recht große Freude habe; denn du triffst nun mit deinem wahrlich großen Scharfsinn den Nagel aber schon allzeit auf den Kopf. Es ist so, wie du nun gesagt hast, und es muss so sein, und es kann unmöglich anders sein! Ich habe zwar unsern Freund Bruno eher verstanden als du; aber nun könntest du wahrlich unser aller Führer sein. Ja, ja, an der Liebe zu Jesus, dem Herrn, hapert es sicher bei uns allen, und darum lässt Er uns nun ein wenig sitzen und schwitzen! Die schöne Helena, aus Lerchenfeld bei Wien gebürtig, wird sicher nicht ohne Ihn sein, so wie wir nun. Warum? Weil sie Ihn schon gleich anfangs bei Seiner schwächsten Seite zu fassen gewusst hat, nämlich im Herzen! Wir aber als halbausgebackene Weisheitskrämer glaubten, dass wir das ganze Himmelreich mit dem Löffel rein aufgefressen haben; stehen aber nun da wie die allerschönsten Ochsen vor einem ganzen Chimborasso!
RB|1|121|3|0|Daher ganz richtig gesagt: Mehr Liebe! Ja vielmehr Liebe als Verstand müssen wir dem Herrn zum Opfer bringen! Da wird Er nicht verziehen! Aber so wir gewisserart mit einer himmlischen Grandezza die Befehle des Herrn vollziehen und uns dabei als göttliche Geschäftsträger einen siriusgroßen Himmelsfleck einbilden, als wären wir doch etwas mehr als so manche andere Gottesgnadenschlucker – da kann es dann freilich auch gar nicht fehlen, dass wir an uns Dinge erleben müssen, die uns allen allerdings sehr sonderbar vorkommen müssen! Ich meine aber vielmehr, dass wir selbst eigentlich noch sonderbarer sind als diese Erlebnisse! Was meint ihr, habe ich recht oder nicht?“
RB|1|121|4|0|Sagen alle: „Ganz vollkommen! So ist es auch! Wir selbst sind an alledem schuld? Aber der Herr kennt ja unsere Dummheit und wird sie uns etwa wohl nachsehen?!“
RB|1|121|5|1|(Am 15. Sept. 1849)
RB|1|121|5|0|Tritt der Dismas etwas näher und spricht: „Liebe Freunde, erlaubt auch mir ein Wörtlein! Was da die Nachsicht unserer Dummheit betrifft, so meine ich, dass mit solch einer Erwartung wir ganz rein auf dem morschesten Holzweg sind. Denn so es sich darum handelt, dass des Menschen Geist erst dann vollendet anzusehen ist, so er durch seine eigene Kraft, das heißt durch die ihm von Gott von Urbeginn an gegebene innere Lebensmacht sich aufrichtet, regeneriert und in die erkannte Gottesordnung eintritt und in derselben dann so wie in seinem höchsteigenen Lebenselemente sich tatkräftig fortbewegt – so dürfte es da mit einer gewissen barmherzigen Nachsicht von Seiten des Herrn einen sehr mächtigen Faden haben.
RB|1|121|6|0|Ein Uhrmacher, dem es daran liegt, ein gutes Uhrwerk zustande zu bringen, wird wohl sicher alles aufbieten, dass das Räderwerk in der strengsten Ordnung sich befinde, und wird dann, so das Räderwerk durchgeprüft ist, endlich auch dem Räderwerk eine mit verhältnismäßiger Spannkraft versehene Triebfeder beigesellen, damit das Werk dann in die erwünschte, ganz freitätige Wirkungssphäre trete und der Absicht des Uhrmachers entspräche. Was aber würden sogar wir von dem Uhrmacher sagen, so er dann, wenn das Uhrwerk einmal komplett beisammen ist, aus lauter Barmherzigkeit gegen sein eminentes Werk die Feder im Uhrwerk aus dem Grund nicht möchte frei wirken lassen, weil dadurch etwa dem zarten Räderwerk denn doch zu hart geschehen möchte?! Er will sich daher aus purer Schonung für sein Meisterwerk die löbliche Mühe nehmen, mit höchsteigenen Fingern die Uhrzeiger zeitgerecht herumzuschieben. Freunde, ich glaube, so ein Uhrmacher dürfte doch etwa für ein Narrenhaus eine hinreichende Reife haben.
RB|1|121|7|0|Ihr sagt: Das ist richtig und vollkommen wahr! Nun gut, liebe Freunde! So wir aber schon ganz richtig solch einen barmherzigen Uhrmacher doch offenbar für einen Narren erklären müssten, wie können wir denn nur, mit einigen Funken helleren Verstandes ausgerüstet, annehmen, dass der Herr, als der ewig weiseste Werkmeister aller Dinge im endlosesten Raum, gerade in der Periode, wo es sich um unsere selbständige Vollendung handelt, uns am sogenannten barmherzigen Gängelband für ewig herumschleppen soll, gleich wie ein Ochsenhirte eine Kuh am Strick, damit sie ja nicht vermögen soll, einen über der Grenzschnur stehenden Grashalm abzufressen!
RB|1|121|8|0|Wir haben nun eine Kraft und haben der Gotteslehre im Überfluss. Und so heißt es nun selbsttätig uns so gestalten, als wie es die von uns allen wohl erkannte Ordnung Gottes erheischt! Das Erste ist ganz richtig die Liebe, aber keine Zwangsliebe, sondern eine freie Liebe, wie deren unsere Herzen fähig sind. Denn Gott mehr lieben als man kann, wäre eine Torheit; Gott aber weniger lieben als es unsere Herzen verlangen, wäre eine sträfliche Lässigkeit und müsste uns endlich in den Stand des Halbtodes setzen, aus dem wir uns schwerlich mehr von selbst emporraffen könnten. Haben wir aber das rechte Maß der Liebe, so werden wir auch das rechte Maß der Weisheit haben und mit diesem Maß auch das entsprechende der geordneten Kraft, mit der wir dann als freie und vollendete Geister aus uns selbst wie aus Gott heraus, uns freitätig werden bewegen können. Gott ist sicher die höchste Ordnung Selbst in allem. Wollen wir aber diese Ordnung fassen, so müssen wir selbst in uns zur wahren Ordnung in allem gelangen, und das durch uns selbst, ansonst wir nie auf eine wahre, vollkommene Freiheit einen Anspruch machen können.
RB|1|121|9|0|Die von uns bewerkstelligte und früher vom Herrn zu dem Zweck gebotene in die Ordnungbringung dieser früher durcheinander gemengten großen und kleinen Tische und Bänke ist mehr als ein sicherster Fingerzeig Gottes, was wir an uns aus und durch uns selbst noch zu tun haben, um für die ewige Folge vor Gott bestehen zu können. Daher heißt es nun, diese Erscheinung weniger sonderbar, als vielmehr höchst notwendig finden, sie aber dankbarst auch also benützen, wie es der Herr will.
RB|1|121|10|0|Ich meine, so wir nun recht nachdächten, wie wir etwa noch beschaffen sind, ob wir wohl von allen Leidenschaften ledig sind, oder ob wir nichts mehr in uns verspüren, ob sich nicht etwa noch so irgendein Fünkchen Hochmutes in uns vorfindet, und ob wir wohl das Gute allein des Guten willen in uns tätig aufnehmen – so dürften wir es dann etwa doch nimmer gar zu schwer haben, in die endliche Vollendung des Geistes überzugehen und den Herrn als Vollendete nach Seiner Ordnung mit Seinen Gästen zu erwarten. Aber so wir diese Erscheinung als eine Art Ansetzerei von Seiten des Herrn betrachten und uns darob hin und her mehr oder weniger verwundern, so dürften wir freilich noch sehr weit vom eigentlichen Ziel entfernt sein!
RB|1|121|11|0|Es ist nicht genug, dass wir gleich belebten und wohleingerichteten Maschinen das tun, was der Herr von uns verlangt, sondern wir müssen in uns selbst den wahren Grund davon erforschen und einsehen. Dadurch erst können wir uns selbst in eine lebendige Gottesordnung stellen und aus der heraus das gewärtigen, was uns verheißen ist. An dieser äußeren Beordnung dieser Möbel liegt wenig oder nahe gar nichts; denn ein leisester Gedanke genügt aus dem Herzen Gottes, und eine ewig unübertreffliche Ordnung ist da. Aber wenn diese Beordnung dieser Möbel ein Fingerzeig Gottes ist, dass wir im zweiten Saal unseres Herzens, der ein Saal der göttlichen, freien Weisheit ist, alle unsere Lebensgerätschaften in eine bestimmte Ordnung bringen sollen, da liegt dann wohl ungeheuer viel an dieser Erscheinung! Ich glaube diese vor uns liegende Sache nicht von einer falschen Seite beleuchtet zu haben. Weiß jemand aus euch aber noch etwas Besseres, so trete er damit auf in des Herrn Namen!“
RB|1|121|12|0|Spricht Robert: „Freund, ich bin vor Verwunderung über deine große Weisheit ganz hingerissen. Du warst doch ehedem ein hartnäckiger Opugnant [Widersacher] gegen die Annahme der Göttlichkeit des Herrn Jesu Christi, und es hat uns viele Mühe gekostet, bis du dich zurechtfandest. Denn dein pathetisches Ehrgefühl und mitunter deine Weibersucht, die in dir noch verborgen steckte, haben deine Augen eine sehr geraume Weile allerdichtest umhüllt gehalten, und wir hatten um dich keine geringe Sorge. Aber nun bist du uns allen nahe um eine halbe Ewigkeit, wie man so zu sagen pflegt, voraus! Du hast uns allen nun eine so große Wahrheit enthüllt, dass ich offenbar bekennen muss: Wir alle wären ohne dich vielleicht erst nach der irdischen Zeit genommen in tausend Jahren hinter diese allerwichtigste Enthüllung gekommen! Bruder, du hast uns allen einen so großen Dienst erwiesen, dass ich mich ganz unvermögend fühle, dir dafür zur rechten Genüge dankbar sein zu können!
RB|1|121|13|0|Siehe, hier dies Haus hat der Herr mir für ewig zu eigen gegeben. Ich selbst kenne nur den wenigsten Teil seiner inneren Schätze. Wenn es dich freute, so gäbe ich es dir auf der Stelle vollkommen zu eigen! Wohl hast du uns keine sichtbaren Schätze gegeben, deren Wert so wie die Schätze nur ein beschränkter sein kann; aber du hast uns Worte, heilige Worte, wie aus Gottes Mund selbst gegeben, die uns aufgerichtet haben in unserer Öde, die Brüder engst aneinanderbinden und ihnen den Gott, der wie verloren schien, wiederbringen! O Bruder, da ist ein Wort mehr wert als Hunderttausende von solchen Häusern! Darum nimm, was ich dir geben kann! Es ist hier mein höchster Besitz außer dem Herrn und dir selbst, das ich dir aber nicht bieten und geben kann, indem fürs Erste nur du uns den Herrn für unsere Herzen wahrhaft wiedergegeben hast, und fürs Zweite du dir selbst zu höchsteigen angehörst, o du mein geliebtester Bruder du, wie unbeschreiblich lieb und teuer bist du uns allen nun geworden! Wie lange ist es wohl, als wir mit leidigem Bedauern auf dich herabschauten, und nun stehst du so hoch über allen. Aber wie wohltuend ist deine Höhe nun für uns alle! Ich bitte dich darum, so es dir genehm ist, uns noch mit einigen unschätzbarsten Worten zu erquicken und aufzurichten!"
RB|1|121|14|0|Spricht Dismas: „Liebe Brüder, habt ihr nie gehört, dass da stets eine Hand die andere wäscht und reinigt? So ist es auch hier! Euer Brudersinn hat mich ehedem gereinigt und gehoben aus der Tiefe meiner höchsteigenen Verworfenheit; denn ich war damals ein Bürger der Hölle meinem Innersten nach. Ihr aber habt es verstanden, mein Innerstes zu ergreifen, zu waschen und zu reinigen, und ich ward dadurch gerettet. Ihr seid nun aber bloß nur in eine kleine Verlegenheit geraten wegen einer kleinen Selbstordnungsprobe, die der Herr in diesem zweiten Saal gnädigst uns hat zukommen lassen. Und da habe ich aus meinem Innersten einige Worte geholt, dass sie euch erquickten. Sie haben, wie ich es sehe – dem Herrn allein alles Lob! – die erwünschte Wirkung wohl nicht verfehlt, und es macht mir wahrlich die größte Freude, dass ihr durch meine schlichten Wörtlein also erquickt worden seid.
RB|1|121|15|0|Aber darum verdiene ich noch gar lange nicht, dass du, Robert, mir dein Haus, das der Herr aus deinem Herzen erbaut hat, hier als ganz zu eigen schenken sollst, was nach meiner schwachen Meinung auch gar nicht so leicht möglich sein dürfte. Denn siehe, das Haus samt allen seinen Herrlichkeiten ist so ganz eigentlich entsprechend dein höchsteigenstes Herz, aus dessen Gottes- und Bruderliebe der Herr dieses herrliche Haus gestaltet hat. Würde ich nun dieses Haus von dir als ein Geschenk annehmen, so würde ich dir auch mit einem dein Herz und dein Leben nehmen, weil dies Haus der tieferen Wahrheit nach deines Herzens liebtätiges Wesen selbst ist.
RB|1|121|16|0|Aber geistig in diesem deinem Haus mit dir wohnen, ist in diesem Reich eine ganz natürlich leicht mögliche Sache. Denn wie schon auf der Erde ein guter, edler Mensch gar manche Brüder und Freunde in seinem Herzen mehr denn sich selbst schalten und walten lässt und es ihnen oft zur ganz freien Disposition stellt, so tut er es hier noch umso mehr und umso leichter, weil hier der Herr alles das in die plastische Erscheinlichkeit treten lässt, was auf der Welt bloß nur beim so viel als möglich tätigen Wunsch verbleibt. Kurz, auf der Welt bleibt es bloß bei den edlen Luftschlössern; hier aber werden sie zur tastbaren Wirklichkeit. Aber diese Wirklichkeit bleibt in sich dennoch, was sie auf der Welt war, nämlich das Herz und dessen liebtätige Einrichtung.
RB|1|121|17|0|Wie aber schon auf der Welt wahrhaft edle Menschen als echte Gotteskinder sich nicht selten ihr Herz aus dem Leib reißen möchten, so es möglich wäre, und geben ihren Brüdern, also möchtest auch du, liebster Bruder, nun dein höchsteigenes Herz mir zum Geschenk machen, was von dir überaus edel ist. Aber so etwas ist auch hier ganz vollkommen unmöglich; und so es auch möglich wäre durch die Macht des Herrn, da wäre es aber dennoch sehr unnötig und zwecklos. Denn wo die wahre Bruderliebe Gesetze über Mein und Dein gibt, da kann es wohl ewig keine Grenzstreitigkeiten geben. Denn kein Gesetz sichert jedem das eigentlich Seinige so treu und mächtig, als das heilige und lebendige Gesetz der Nächstenliebe, demnach ein jeder das Seinige stets allen freudigst zur freiesten Benützung stellt. Was aber einer tut und übt, das tun und üben dann auch alle anderen. Und so ist es hier die reinste Unmöglichkeit, dass da jemand je zu kurz kommen könnte. Hier erwahrt sich vollkommen der alte apostolische Spruch: ‚Quam amoenum et jucundum est, habitare fratres in unum!‘ [Wie schön und lieblich ist es, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!] (Psalm 133,1)
RB|1|121|18|0|Wir alle wohnen nun wahrhaft in dir, wie du in uns allen. Und siehe, wer aus uns kann sagen: ‚Brüder, ich habe zu wenig!‘ – Ein jeder hat das Seinige, und je mehr er hat und gibt, desto mehr empfängt er wieder. Denn je mehr wir alle an deinem Herzen uns sättigen, desto mehr wird dagegen auch dein Herz wieder zurück gesättigt. Die Herzen sind hier wie die Meere; eines ergießt sich stets in das andere, und doch hat nie eines zu wenig Wasser. Und so brauchst du dein Haus mir nicht zu schenken; denn ich genieße dasselbe so, als wäre es mein eigenes. Dafür aber steht dir auch das meinige zur vollkommen freiesten Disposition offen.
RB|1|121|19|0|Nun aber horcht! Ich vernehme Stimmen im nebenanstoßenden ersten Saal! Gehen wir zur Türe und sehen da, was es etwa gibt!“
RB|1|121|20|0|Spricht Robert: „Dank, dank, dank dir, liebster Bruder, für diese abermals überherrliche Belehrung, die wahrlich nichts mehr zu wünschen übrig lässt! Aber da ich nun auch sehr viele Stimmen vernehme, so ist es schon an der Zeit, dass wir alle uns zur Türe begeben, um nachzusehen, was es da gibt. Und so gehen wir hin. Aber du, Bruder, gehe mir zur Seite, denn du bist mir ein mächtiges Bedürfnis geworden.“
RB|1|122|1|1|Eindringen einer Gesellschaft von Kriegsgefallenen. Rede des Generals. Sein Aufruf zum Gebet.
RB|1|122|1|0|Alle bewegen sich sogleich zur Türe und schauen etwas verstohlen durch dieselbe in den bekannten großen Vorsaal, in der ganz natürlichen Hoffnung, den Herrn an der Spitze der ebenfalls auch bekannten Gäste zu erblicken. Aber dem ist nicht so! Eine große Menge von allerlei menschlichen Wesen dringt in den Saal ein und verlangt stürmisch den Herrn dieses Palastes.
RB|1|122|2|0|Spricht Robert zum Dismas: „Bruder, das ist ja eine ganz verzweifelte Bescherung! An der Stelle der nun schon so sehnlichst erwarteten Gäste an der Seite des Herrn kommt und dringt ein sehr zweideutig aussehendes Gesindel in dies Haus und verlangt ganz keck und stürmisch den Herrn dieses Hauses, der ich leider zu sein die sogestaltig traurige Ehre habe! Was wollen sie doch hier um des Herrn willen? Gibt es etwa auch hier Räuber und Mörder? Wahrlich, das wäre doch so eine hübsche Zulage für Gottes Himmelreich. Schau nur, was sie für glutentbrannte Augen haben, aus denen doch alles eher als irgendein leisester Funke Demut und Sanftmut herausblickt. Nein! Hörst du, wenn dieses Gesindel nicht geradewegs der Hölle entsprungen ist, so leiste ich auf alles Verzicht! Sage mir doch, was wir nun mit diesem Gesindel machen sollen!? Diese Kerls wären imstande, uns sogar hier im Himmelreich, wie man zu sagen pflegt, von Haus und Hof zu jagen. Da vorne schaut einer ja gar entsetzlich grimmig aus. Wie das wogt und tobt! Der ganze Saal ist nun schon gedrängt voll, und noch sehe ich durch die Türe des Vorsaales, wie sich sogar der Hofraum stets mehr und mehr anfüllt. Wenn das noch eine Weile so fortgeht, so werden wir ohne Weiteres erdrückt. Auch der sehr üble ganz bestialische Gestank will meinen Nüstern nimmer behagen. Ah, das ist wahrlich eine ganz unerwartet höchst fatale Erscheinung! Aber was nun machen?“
RB|1|122|3|0|Spricht Dismas: „Gar nichts vorderhand! Denn sie sehen uns nicht, wie auch diese Türe nicht, und können daher auch hier nicht eindringen. Übrigens scheinen sie erst von der Erde in diese Welt eingewandert zu sein; und ich werde mich kaum irren, höchstwahrscheinlich von den Schlachtfeldern Ungarns und mitunter auch Italiens; denn ich vernehme ganz deutlich ungarische Flüche und mitunter auch welsche Scheltworte! Wir müssen sie notwendig eher recht abkümmern lassen, wodurch sie etwas sanfter werden; dann erst wollen wir uns ihnen nahen und zeigen. Denn jetzt in dieser ihrer ersten Zorn- und Rachefurie wäre mit ihnen wenig oder nichts zu machen. Behorchen wir sie aber ein wenig, auf dass wir die Richtung ihrer Herzen erkennen mögen.
RB|1|122|4|0|Siehe, da vorne nimmer ferne von uns, scheinen die drei Weisel (Führer) zu sein! Denn wie sie sich gebärden, so gebärdet sich dann auch die ganze übergroße Menge. Daher nur aufgepasst, wir werden da ganz merkwürdige Dinge vernehmen! Siehe, der mittlere wendet sich nun um und gebietet Stille, Ordnung und Ruhe! Er wird nun sicher eine Anrede an den ganzen, großen Tross halten! Diese Anrede wird sicher von großer Bedeutung für uns sein; daher wollen wir sie auch mit aller Aufmerksamkeit behorchen! Es wird nun schon stiller und ruhiger, und es kommen auch keine mehrere Unholde mehr nach, was sehr gut ist; daher nun nur aufgepasst! Er gebietet nun die vollste Aufmerksamkeit und räuspert sich bereits! Horcht, er spricht!“
RB|1|122|5|0|(Ein Führer der Neuen): „Meine teuren Kampfgenossen! Auf dem sogenannten Feld der Ehre fürs Vaterland haben wir verendet wie das Vieh auf der Schlachtbank eines feisten Fleischers! Was haben wir nun davon? Nach oben strebten wir, und tief nach unten sind wir gekommen! Als tapferste Helden kämpften wir mit aller Verachtung des Todes und glaubten an kein Jenseits; denn unsere große Philosophie zeigte uns die Nichtigkeit der Mythe von Christo, und wir lachten über das sogenannte Evangelium. Nun aber sind wir de facto in der offenbarsten Hölle, was durchaus kein Traum und noch weniger irgendein Irrglaube ist; denn wir fühlen das nun umso mehr, als uns alle, wahrscheinlich aus purer Dankbarkeit für unsere großen Heldentaten – irgend ein Teufel diesen wahren Höllenpalast finden ließ und dann in denselben also hineintrieb, wie auf der Erde irgendein Schweineschlächter seine erkaufte Schweineherde! Nun sind wir hier eingezwängt gleich wie die allerschönsten Pökelheringe! Ringsum finster wie in einer unterirdischen Höhle! Nirgends mehr irgendein Ausweg! Der eigentliche Herr dieses Hauses ist nirgends zu entdecken. Es wird auch wahrscheinlich nirgends einen geben. Und so haben wir nun erst den wahren Lohn aller unserer irdischen Mühen und Bestrebungen.
RB|1|122|6|0|O wäre es doch möglich, das allen unseren Kameraden auf der Welt kundzumachen, welch ein Lohn hier ihrer harrt! Wahrlich, nicht einer würde mehr das verfluchte ‚Feld der Ehre‘ suchen und betreten! Wären wir in allen Teufelsnamen ganz hin geworden, so würde alles gut sein; denn wer nicht ist und nicht lebt, der empfindet auch nichts mehr. Aber dem ist es leider nicht also! Wir empfinden erst hier so recht intensivst, dass wir sind und leider fortleben im größten Elend und in der allergrässlichsten Not. Wir leiden an allem Guten den größten Mangel und haben dafür den schrecklichsten Überfluss an allen erdenklichen Leiden, Hunger, Durst, Hitze und Kälte zugleich. Allerlei Schmerzen nagen gleich Würmern in unseren Eingeweiden. Kein Licht erquickt unsere Augen, und die Stimme der Freundschaft scheint für ewig verklungen zu sein. Oh, das ist ein herrlicher Lohn für unsere unerhörten Mühen, Leiden und Entbehrungen aller Art, die uns das schöne ‚Feld der Ehre‘ in so reichlichstem Maß hat allergnädigst angedeihen lassen!
RB|1|122|7|0|Das ist also das Los des stolzen, hochtrabenden Herrn der Erde, dass er am Ende lebendig von ihm gefressen wird und dann als ein sich selbst mächtig bewusstes Wesen in der ewigen, schmerzvollsten Finsternis schmachten und verzweifeln kann. O du verfluchtes, betrugvollstes Leben eines Menschen und ganz besonders eines Helden! Was ist aber da nun zu machen? Geflucht hätten wir hoffentlich genug, und es hat uns nichts geholfen! Wie wäre es denn, so wir einmal beten möchten? Vielleicht könnte uns irgendein kurzes Gebet nützen? Kann denn niemand aus euch allen so irgendein lausiges Gebet auswendig?“
RB|1|122|8|0|Spricht einer aus der Mitte: „Herr Kommandant! Ich kann das von Kossut!“ – Spricht der Kommandant: „Dummer Esel! Das könnten wir gerade brauchen! Kossut ist damit auf den Hund gekommen, was wird es uns dann nützen?! Kann niemand ein anderes?“
RB|1|122|9|0|Spricht ein Italiener: „Signore Generale! Io schon kann altre che [ein anderes] – einer Sönheit vor hani Kebete! Hani Kebete von die santa Maria, un hani de lo santo Giuseppe! Ho – san er Sönheit von hani Kebete!“
RB|1|122|10|0|Spricht der Kommandant: „Halte dein Maul, dummer Esel von einem Italiener! Solche Dummheiten gingen uns hier gerade noch ab! Melde sich irgendein anderer, aber mit etwas Vernünftigem! Nein, so ein Maria- und Josephsgebet ginge uns gerade noch ab! Kann aus euch allen in Kuckucks-Namen niemand das sogenannte alte ‚Vaterunser‘ beten? Wer es kann, der melde sich!“ – Tritt einer hervor und sagt: „Herr General! Ich hob amohl glernt, wie war i noch Bub, hob i glernt Vaterhunser; is Kebet schönes, und is a wunderlich! Aber kann i hitzt nit mehr konz (ganz), aber was kann i no, un dos will i vorweten (vorbeten)!“ – Spricht der General: „No, so bete Er denn, wie viel und so gut Er's kann!“
RB|1|122|11|0|Beginnt darauf der sich zum Vorbeten Angebotene also: „Also wetet mi noche, und soget: Vode hunse, Du bis in Himmel – nun wort a bissl! Wie haßt weite? Ah – waß i schun; Vode hunse, du bis in Himmel, dei Nohm gheilig! Dei Wille gschitt im Himmel und af Erd! Nun wort wiede a bissl! Wie haßt i hitzt weite? Bitt um Verzeihung, Herr General, weil geht mi so schlechte; aber nu Gedul, wird schun olle werdn! Aha, waß i schun, wie geht weite! Gib uns heutige Brot – und – und – ha, waß i schun; gib uns heutige Brot – und – führ nit in Versuchung!“
RB|1|122|12|0|Spricht ein anderer: „Oha, vergib uns unsere Sünden, wie wir sie vergeben unseren Schuldnern – kommt noch früher!“ – Sagt der erste Vorbeter: „Bitt di, beth du s' letzti Stuck a aus, weil waß i nit kanz kut!“ – Spricht der zweite: "No gut! Weiter heißt es dann: Führe uns nicht in die Versuchung, sondern befreie uns von allen blitzdummen Kerlen, die schon in sich das größte Übel sind, Amen!" – Spricht der erste: „Ho, a so haßti nit af die Letzte! Haßte nu: Erles uns von halle Uibel Amen! Aber hob i di schun vestande, dass hast du mir gemant, dass bin i a dumme Kerl! Bis du selbe ha nix besse – weil glaubst a, dass bist du ha kscheide Kerl! Aber i sage di, du bist de kanne kscheide Kerl, ober bist de dumme Kerl selbe! Hitzt waß du!“
RB|1|122|13|0|Spricht der General: „Nur keine Zänkereien! Wir sind hoffentlich unglücklich zur Genüge durch des Schicksals ewig unbesiegbare Macht! Warum sollen wir uns da noch durch gegenseitige Witzeleien und Ehrverletzungen noch unglücklicher machen, als wir es ohnehin schon sind?! Und was kann so ein Gebet nützen, wo der eine gut die Hälfte nicht mehr beten kann, und ein zweiter ihn darum lächerlich zu machen sucht?! Das heißt alles nichts! Trete jemand vor, der dies Gebet ordentlich beten kann! Sonst ist es offenbar besser gar nicht zu beten!“
RB|1|122|14|0|Tritt eine Dame vor und sagt: „Herr General, ich kann dies Gebet wohl. Aber deutsch zu beten kommt mir so läppisch vor und ist auch gewisserart so gemein; aber französisch oder englisch könnte ich damit schon ganz famos dienen!“
RB|1|122|15|0|Spricht der General: „Meine liebe Dame! Ich bitte Sie, treten Sie wieder dorthin, von woher Sie gekommen sind, und beten Sie für sich englisch oder chinesisch! Wir aber verstehen bisher nur allgemein deutsch, obschon es unter uns recht viele Ungarn und Slawen gibt. Ich glaube, dass es in der Welt keine Sprache mehr gibt, die der Gottheit lästiger und abgeschmackter sein dürfte, als eben die französische und englische, weil sie eine Sprache des Hochmuts ist – und möchten wir dann in solch einer Sprache beten? No, da würden wir uns bei der Gottheit ein Bildchen einlegen, um das uns sicher kein Teufel beneiden würde! Ich frage daher noch einmal klar und deutlich: Wer aus euch allen kann das Vaterunser gut deutsch beten? Der trete hervor und bete gut deutsch vor!“
RB|1|122|16|0|Tritt ein Pastor vor und spricht: „Herr General, so das nichts macht, dass ich ein Lutheraner bin, da möchte ich es versuchen, hier einen Vorbeter zu machen!?“ – Spricht der General: „Mir ist das wohl höchst einerlei, ob Lutheraner, Römisch-Katholik oder Türke. Aber es gibt in dieser großen Gesellschaft, deren Führer ich bin, leider eine bei Weitem größte Menge finsterer Römlinge, und diese könnten sich dann doch stoßen daran. Daher danke ich Ihnen vorderhand für diesen Antrag, von dem ich erst dann Gebrauch machen werde, wenn sich in der römisch-katholischen Gemeinde wirklich niemand vorfinden sollte, der dies Gebet gut vorzubeten imstande wäre. Bleiben Sie unterdessen aber nun hier bei mir!“
RB|1|123|1|1|Ein Mönch will Messe lesen um Geld. Der General wettert über die römisch-katholischen Priester. Die Gesellschaft wirft den Mönch aus dem Haus. Robert und Dismas möchten mit dem Herrn helfen – und Er kommt.
RB|1|123|1|1|(Am 24. Sept. 1849)
RB|1|123|1|0|[General:] „Ist denn unter dieser großen, höchst armseligen Gesellschaft niemand dabei, der aus der römisch-katholischen Konfession das alte Vaterunser klar, deutlich und gut deutsch beten könnte? Wer es kann, sei verpflichtet, es allen laut und gut vorzubeten.“
RB|1|123|2|0|Auf diese Aufforderung tritt ein noch bekutteter Mönch hervor und spricht: „Herr General! Ich kann dies Gebet wohl; aber es wird uns nichts nützen, denn wir alle sind ohne die letzten heiligen Sterbesakramente gestorben und haben keine Beicht abgelegt, weshalb wir uns im Zustand der gänzlichen Gnadenlosigkeit befinden! In solchem Zustand aber könnten wir uns nun die Zunge herausbeten, und es würde uns allen dennoch nichts nützen, zumal wir respektive brevi manu [kurzerhand] von Gott aus schon für ewig verdammt sind. Wir werden in diesem traurigen Zustand wohl bis ans Jüngste Gericht verharren. Da wird uns dann die schreckliche Posaune in unsere Leiber zurückrufen, in denen wir dann werden vor den unerbittlichen Richterstuhl Gottes hintreten müssen, und da de facto empfangen die ewige Verdammnis, und werden geworfen werden in die ewige, allererschrecklichste Feuerqual.
RB|1|123|3|0|Ich kenne nur ein einziges Rettungsmittel, und dieses heißt: Die heilige Messe, die allein Gott wohlgefällig ist. Ich habe hier zwar keine Gelegenheit und keine Behelfe eine zu lesen; aber so Sie, Herr General, mich unterstützen wollten und ich von allen diesen unglücklichen Mitmenschen eine kleine Prämie bekäme, da möchte ich dennoch eine solche auswendig lesen, und wir alle möchten dadurch wohl gerettet werden. Denn nur die Messe kann uns helfen, alle anderen Gebete sind zu nichts nütze.“
RB|1|123|4|0|Spricht der General: „Schau, dass du weiterkommst, sonst packe ich dich und werfe dich wenigstens zehn deutsche Meilen weit von uns hinweg. Du Hauptlump! Wenn du die Messe als ein einzig gültiges Rettungsmittel ansiehst, ohne das wir alle verloren sind, und hast dabei nicht so viel Brudersinn und Nächstenliebe, uns, die wir sämtlich nichts haben, unentgeltlich zu retten, so bist du schlechter als alle Diebe, Mörder, Räuber, Hurer und Ehebrecher der ganzen Erde und verdienst nicht einmal den schlechtesten Namen eines Menschen. Du bist hier, was du auf der Erde warst, ein Gottesdiener ums Geld! Ohne Geld aber kann von dir aus die ganze Welt verdammt werden, und du wirst dich darum nicht im Geringsten abhärmen, sondern dich dabei ganz wohl befinden. Gehe mir aus den Augen und lese deinen lateinischen Quark, wo du willst! Aber uns verschone damit! Denn wir sind zum größten Teil Deutsche und Slawen und wollen und werden daher auch deutsch oder slawisch beten. Halbrechts! Marsch!“
RB|1|123|5|0|Der Mönch entfernt sich auf diese sehr militärisch gehaltene Einrede des Generals. Und dieser ruft nun die Slawen auf, dass jemand aus ihnen das Vaterunser beten möchte.
RB|1|123|6|0|Und sogleich tritt ein Pole heraus und spricht: „General, ich kann es in fünf Sprachen!“ – Spricht der General: „Gut, so bete Er's zuerst deutsch und dann slawisch! Aber gut vernehmlich und erbaulich.“
RB|1|123|7|0|Der Pole betet nun sogleich ganz nach dem Wunsch des Generals vor, und alle beten ihm von Wort zu Wort nach. Nur der Mönch, der die Messe lesen wollte, und einige seines Gelichters nehmen daran keinen Teil und sind darob voll Ärger und Ingrimm, darum der General sich nicht ihres lateinischen Gottesdienstes habe bedienen wollen. Die Umstehenden aber merken das, dass diese Geistlichen nicht nur nicht mitbeten, sondern nur schmähliche Gebärden schneiden, und der Messen lesen wollende Mönch bei der Bitte: ‚zu uns komme dein Reich!‘ gesagt hatte: ‚zu euch komme die Hölle!‘ – Deshalb packen sie diese heiligen Gottesdiener sogleich zusammen und schleppen sie vor den General hin und erzählen ihm alles, was diese während des Gebetes für schmähliches Unwesen getrieben haben.
RB|1|123|8|0|Der General, ganz erbost über diese ärgerlichsten Gottesdiener, spricht zu denen, die sie vor ihn hingeschleppt haben: „Gebt euch ruhig! Ihr wisst es doch hoffentlich, dass dieses Pfaffengeschmeiß auf der Erde noch allzeit mit seltener und geringer Ausnahme alles eher war als das, was es hätte sein sollen! Und so darf es euch hier umso weniger wundern, wenn der allerletzte Sauhirte von der Ketschkemeder Heide noch ein bei Weitem besserer Christ und Gottesbekenner ist als so ein Pfaffe. Wer hat Christus gekreuzigt? Die Pfaffen! Damit sie aber in diesem brutalsten Werk nicht aus der Übung kommen möchten, so haben sie die Messe erfunden, in der sie als tagtägliche Gottesscharfrichter fungieren können. Denn die ganze Messe ist nichts als eine grob unsinnige, zeremoniell-formelle Rekapitulation [Wiederholung] der einstigen wirklichen Kreuzigung Christi. Was man von solchen ‚Gottesscharfrichtern‘ erwarten kann, lässt sich leicht einsehen und mit den Händen begreifen. Denn wer jemanden richtet, der muss entweder mächtiger sein denn der, den er richtet, und ist somit sein Herr, oder er maßt sich das Richteramt an und tut, als wäre er ein Herr dessen, den er wenigstens in seiner Idee richtet. Der Pfaffe aber richtet, verurteilt und tötet Christus den Herrn täglich und macht Ihn auch wieder lebendig, um Ihn wieder zu töten – weil er einen beständig lebendigen nicht brauchen kann! Ist er dann als Gottesrichter nicht mehr als Gott Selbst?! Wer kann es leugnen, dass es nicht so ist in der alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche? So sich aber dies schwarze Pfaffenpack schon über Gott Selbst ein Todesurteil und sogar die wirkliche Gottestötung anmaßt, wie soll es uns dann wundern, so es uns so oft zur Hölle verdammt, als wie oft es ihm nur immer beliebt.
RB|1|123|9|0|Ich habe in meinem irdischen Leben die Weltgeschichte studiert und habe aber noch allzeit gefunden, dass, wo es sich irgend um Hauptniederträchtigkeiten handelte, die Pfaffen meist obenan waren – was aber auch ganz natürlich ist; denn von den privilegierten Gottesscharfrichtern lässt sich doch ewig nichts Gutes erwarten! Nehmt nur die gegenwärtige Revolutions- und Kriegsgeschichte. Wer hat sie angezettelt? Die Pfaffen!
RB|1|123|10|0|In der Schweiz haben sie angefangen und sind dafür gehörig geplätscht worden und mussten in alle Winde das löbliche Fersengeld nehmen. Das ärgerte diese Brut ganz entsetzlich. Darauf wurde der Papst von allen Seiten torquiert [gedrängt], diese Gräueltat womöglich auf der ganzen Erde zu rächen. Denn die Schweiz wäre für eine solche Missetat viel zu wenig gewesen, weil das Volk dieses Hochlandes, gleich wie etwa einst Adam, sich nicht nur für sich, sondern für und in allen Völkern der Erde an der Heiligkeit der Priester Gottes versündigt habe. Denn es hat nämlich das Schweizervolk sogar die unverzeihliche Keckheit gehabt, als es einige Mal sehr hungrig war, sich an den heiligen, mit den besten Weinen gefüllten Kellern und an strotzend vollen Speisekammern der Gottesdiener zu vergreifen – weil die Gottesdiener so nichts hergeben wollten, natürlich aus purer christlicher Nächstenliebe. Und diese Gräueltat hatte die reinen, heiligen Gottesdiener dann so aufgebracht, dass sie nur gleich die ganze Erde verfluchten und darauf auf allen möglichen Wegen die Menschen aufzuhetzen anfingen, damit ihr Fluch über die Erde in die blutigste Erfüllung gehen soll. Und seht, sie haben ihre, ihnen selbst gestellte Aufgabe sehr effektvoll gelöst, aber dabei auch gottlob ihnen selbst eine Wunde versetzt, die höchstwahrscheinlich auch kein irdisch Kräutlein mehr heilen wird! Ich meine, ihr habt mich verstanden und wisst nun, wie ihr mit den Pfaffen daran seid! Daher seid nun darob ganz ruhig, wenn euch diese Schwarzen auch tausendmal die Hölle wünschen; denn ihr wisst es ja, dass man von den Dornhecken keine Trauben lesen kann, und von den Disteln keine Feigen!
RB|1|123|11|0|Wer einen Menschen kennen will, der betrachte sein Tun. Denn jeder Mensch ist aus seinem Tun am leichtesten zu erkennen! Das Herz der Fleischer und Jäger ist stets roh und gefühllos. Und das Herz der Scharfrichter wird sicher noch roher und gefühlloser sein. So aber schon diese Menschen doch sicher kein Herz haben können, außer das eines Wolfes oder eines Tigers; was für Herz aber muss erst dann in der Brust derer pulsen, denen es sogar erbaulich dünkt, Gott Selbst tagtäglich ans Kreuz zu heften und zu töten. So es aber schon sehr bedenklich ist, mit Vieh- und noch weniger mit Menschenschlächtern einen Freundschaftsbund zu schließen, um wie viel weniger mit den sicher im Allgemeinen allerherzlosesten Gottesschlächtern?!
RB|1|123|12|0|Die Geschichte aller Zeiten und insbesondere die von Spanien zeigt nur zu klar, wie überteuflisch grausam die Gottesdiener mit ihren verirrten Schäflein umgegangen sind. Lasst daher diese Schwarzen an Leib, Seele und Geist gehen, wohin sie wollen, und fluchen, so viel sie nur immer wollen! Wir alle aber wollen uns von nun an als wahre Brüder verhalten und einander raten und helfen, so gut es geht!
RB|1|123|13|0|Ich denke, so es irgendeinen Gott gibt, woran ich eigentlich noch nie gezweifelt habe und hier umso weniger zweifle, weil ich nun sehe, dass wir nach dem Tod des Leibes wirklich fortleben – so muss Er nach der Betrachtung der weisesten Einrichtung der ganzen Schöpfung sicher weiser und besser sein als Seine seinsollenden Diener, die Er in der Person Christi zu den Zeiten Jerusalems Selbst gehörig gewürdigt hat, und gezeigt, wessen Geistes Kinder sie sind! Und wir dürfen darum der nahe sichern Hoffnung sein, dass Er uns auch sicher besser richten wird, denn dieses finsterste Pfaffenpack!“
RB|1|123|14|0|Die ganze Gesellschaft bricht in einen Jubel aus, als sie vom General so eine energische Rede, an die etlichen Pfaffen gerichtet, vernommen hatte. Aber die Pfaffen machen dazu die grimmigsten Gesichter. Und der vorerwähnte Mönch, dem es nicht mehr möglich ist, seine schäumende Wut zu verbeißen, fängt an in den Boden zu stampfen und der Hölle zuzurufen, dass sie sich öffnen soll, und jählings verschlingen solche gräuelhafte Frevler. Aber die Gesellschaft lässt sich das nicht zu lange gefallen, packt den Gottesdiener beim Kragen und wirft ihn in der besten Form vors Haus hinaus, wo er auch ganz ermattet eine Weile liegen bleibt.
RB|1|123|15|0|Zugleich aber spricht auch der an der Türe des zweiten Saales von dieser neuen Gesellschaft noch immer nicht bemerkte Robert zum ebenso nicht bemerkten Dismas: „Bruder, die Rede und Gesinnung des Generals gefällt mir, bis auf die etwas zu starke Auftragung über das Wesen der Pfaffen sehr gut; so es tunlich wäre, möchte ich denn doch diesen armen Narren ihren noch sehr trüben Zustand ein wenig verbessern?“
RB|1|123|16|0|Spricht Dismas: „Nur noch eine kleine Geduld, und die Sache wird sich wie von selbst machen! Nur müssen wir den Herrn haben, und ich fühle es, dass Er kommt! Und da sieh zum Fenster hinaus, schon ist Er da mit allen den uns wohlbekannten Gästen. Gehen wir Ihm nur schnell entgegen! Oh, Er ist es, Er ist es!“
RB|1|124|1|1|Roberts Freude und des Herrn Erklärung. Der hinausgeworfene Mönch soll zuerst geheilt werden. Schönheit und Nützlichkeit stimmen bei den Werken des Herrn überein. Robert erhält Helena als ewige himmlische Gemahlin.
RB|1|124|1|0|Alle die acht Männer begaben sich nun eiligst hinaus vors Haus, wo sie des Herrn ansichtig geworden sind. Und als sie hinauskommen, finden sie Ihn, d. h. Mich gerade mit dem hinausgeworfenen Mönch beschäftigt, welcher Mönch Mich aber natürlich noch lange nicht kennt.
RB|1|124|2|0|Der Robert tritt sogleich hin und richtet mit Tränen in den Augen folgende Worte an Mich, sagend: „O Herr Vater! Du lieber, heiliger Vater! Wo warst denn Du nun so eine geraume Weile, dass wir Dich trotz alles Suchens, Fragens, Rufens und Ratens nicht finden konnten!? Ach wie doch gar so traurig, öde und leer war es hier, als wir Dich im Haus nirgends mehr finden konnten! Wie gar schlecht ging es uns mit der in die Ordnungstellung der großen und kleinen Tische! Ja, kurz – es war ohne Dich nahe nicht mehr zum Aushalten! Nun aber, weil Du nur wieder zu uns in Dein Eigentum gekommen bist, ist schon auch alles wieder gut, ja alles unaussprechlich gut! O Herr Vater! Ich könnte nun vor Freude gerade ausgelassen werden gleich dem lieben Bruder David vor der Bundeslade! Aber nicht meine Füße, sondern mein nun seligstes Herz soll hüpfen und springen vor höchster Freude und Wonne! O wie ewig wahr ist es doch, was Du gesagt hast: ‚Ohne Mich vermögt ihr nichts!‘ Ich setze noch hinzu und sage es laut: Ohne Dich, o Du lieber, heiliger Vater, ist überall vollkommen nichts! Alles ist öde, leer und bis zum Verzweifeln traurig! Aber von nun an wirst Du uns denn doch nimmer verlassen?“
RB|1|124|3|0|Rede Ich: „Ich habe euch ja auch diesmal nicht verlassen. Ich führte diese deine Gäste als Meine Kindlein nur ein wenig in den großen Garten dieses Hauses und zeigte ihnen die mannigfachen, ganz neuen Anlagen, an denen alle ein übergroßes Wohlgefallen hatten, sogar der Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob! Und du hattest unterdessen die schönste Weile, den großen Speisesaal in die sicher beste Ordnung zu bringen, was auch zu Meiner Freude geschehen ist. Dass du Mich auf einige Augenblicke gerade mit den Augen nicht wahrnehmen konntest, das hat ja doch gar nichts zu bedeuten, da Ich mit der gleichen Liebe bei euch war, und habe dem Bruder Dismas Selbst Worte auf die Zunge gelegt, die er zu euer aller tiefster Belehrung und Beruhigung gesprochen hat. Nun aber bin Ich wieder sichtlich bei euch und will und werde mit euch wieder in dies Haus einziehen und allda heilen die vielen Kranken zum Leben!
RB|1|124|4|0|Da vor uns haben wir schon so einen Patienten, der nun noch ganz taub, blind, stumm und lahm zugleich ist. Diesem muss zuerst geholfen werden; und er wird uns sodann die andern bearbeiten helfen. Der General hat ihn zu derb angegriffen und ihn gewisser Verbrechen beschuldigt, an die dieser Arme in seinem ganzen Leben wohl nie gedacht, geschweige sie ausgeübt hat! Das war nicht recht von dem sonst ganz nach Wahrheit und Licht lechzenden General! Dieser Mensch ist nur, wie alle seinesgleichen, taub, blind, stumm und lahm, und da muss ihm geholfen werden. Denn ein eingefleischter römischer Katholik sein heißt: geistig taub, blind, stumm und lahm sein! Ein Zustand, in dem niemand als zurechnungsfähig betrachtet werden kann. Aber für seinen innerlichen priesterlichen Hochmut war diese erste Kur, wenn auch etwas stark angreifend, dennoch wieder gut. Denn er sieht es nun in sich ein, dass er gefehlt hat, indem er allen andern etwas glauben machen wollte, an das er selbst noch nie geglaubt hat. Denn die Hölle gebrauchte er bloß als ein Schreckmittel und den Himmel als eine süße Lockspeise. Aber er selbst glaubte bei sich weder an das eine wie an das andere. Die ganze Religion war bei ihm ein altes mythologisches Mittel, die Völker der Erde in dem Gehorsam gegen die weltlichen Gesetze zu halten. Und den Gottesdienst verrichtete er stets nur als notwendiges Blendwerk für die geistig blinde Menge, hielt aber selbst nie etwas darauf und sagte, gleich einem gewissen Papst, oft bei sich und auch nicht selten in Gegenwart seiner vertrautesten Kollegen: ‚Die alte Mythe von Christo ist gar nicht übel! Man kann aus ihr machen, was man will. Und sie trägt ihren Dienern sehr viel Geld und Ansehen. Und das ist aber zugleich auch das Beste an ihr; ansonst denn doch die alte griechische viel besser und erhabener gewesen wäre!‘“
RB|1|124|5|0|Aber Ich sage es euch: Das alles tut dennoch nichts zur Sache; denn er ist in solche seine große Blindheit hinein mit aller Gewalt gezwängt worden und war ein dreifacher Sklave Roms! Kann man aber einen Sklaven darum züchtigen, darum er sich hat von seinem Herrn, der mächtiger war denn er, die Augen ausstechen und die Ohren ausbrennen lassen? Ich meine, darüber lässt sich weiter nichts mehr sagen als: ‚Hilfe dem, der derselben bedarf!‘ Daher gehe du, Bruder Robert, nun sogleich ins Haus und bringe Wein und Brot heraus. Denn dieser muss eher eine volle Stärkung bekommen, auf dass er fähig wird, für die nähere Lebensfolge von uns belehrt und geordnet zu werden. Daher begebe dich nur schnell ins Haus und tue, was Ich dir nun anbefohlen habe!“
RB|1|124|6|0|Robert begibt sich nun auch sogleich ins Haus und bringt in ein paar Augenblicken eine tüchtige Flasche Wein und einen ganzen Laib Brot und spricht: „Herr Vater, hier ist es schon! Wie werden wir aber diesen Armen damit laben? Denn er liegt ja, als wäre er tot, mit dem Gesicht am Boden! Wir werden ihn doch offenbar eher vom Boden aufrichten müssen.“
RB|1|124|7|0|Rede Ich: „Liebster Robert, nur eine kleine Geduld! Unsere Nähe wird ihn schon gar bald aufrichten! Aber es sind das immer sehr gefährliche Patienten; daher muss man sich mit ihnen schon ein wenig mehr Weile nehmen. Aber Ich sehe, dass dir der Wein und der ganze Laib Brot ein wenig schwer zu halten ist. Wie wäre es denn, so dir die liebe Helena, die dich hier so teilnehmend betrachtet, ein wenig unter die Arme griffe!? Wenn du so eine Wirtin hättest, was meinst du, ginge da dein Hauswesen nicht um ein Bedeutendes besser vonstatten?“
RB|1|124|8|0|Robert schmunzelt ganz verlegen und sagt nach einer Weile: „Wäre alles unaussprechlich gut, wohl und recht, wenn sie nur nicht gar so ungeheuer schön wäre. Aber sonst so eine Gehilfin! O Herr, von Dir mir gegeben – würde freilich aus diesem meinem einen Haus zehntausend Himmel machen! Aber sie ist zu schön, ja zu ungeheuer schön, lieb und herrlich für mich!“
RB|1|124|9|1|(Am 27. Sept. 1849)
RB|1|124|9|0|Rede Ich: „Du warst ja doch sonst ein übermäßiger Freund alles Schönen und dabei freilich auch Nützlichen; dein Wahlspruch lautete ja sogar: ‚Das Schöne muss nützlich und das Nützliche schön sein; sonst ist das Schöne nur halb schön und das Nützliche nur halb nützlich!‘ – Und siehe, dieser dein Wahlspruch ist auch von Ewigkeit her Meine höchsteigene Handlungsmaxime gewesen. Daher denn alle Meine Werke nicht nur nützlich, sondern auch nach dem Grad ihrer Nützlichkeit ebenso schön als wie nützlich sind. Denn die Nützlichkeit entspricht Meiner ewigen Liebe und Güte, und die Schönheit Meiner Weisheit und Wahrheit. Und so kannst du hier im Reich der Himmel nie eines ohne das andere haben. Je schöner hier sich dir etwas darstellt, desto nützlicher ist es auch!
RB|1|124|10|0|Die liebe Helena ist wohl wahrlich gar überaus schön; aber sie ist eben deshalb auch ein ebenso überaus nützliches Wesen. Daher scheue dich nicht so sehr ihrer Schönheit wegen, da sie nicht so schön wäre, wenn in ihr nicht ein gleich großer Grad des Nützlichen vorhanden wäre. Du wirst erst durch sie ein vollkommener Mensch und Engel, und sie durch dich noch schöner, vollkommener und nützlicher! Ich gebe sie dir zu einem wahren himmlischen Weib, mit dem du stets weiser, glücklicher und seliger werden wirst. Reiche ihr daher deine Rechte und drücke sie an deine Brust! Und die Erfüllung dieses Meines Willens ist der ewige Segen für euch.“
RB|1|124|11|0|Robert ganz schwindelnd vor Wonne spricht: „O Herr, vergib mir meine große Schwachheit! Aber hier muss ich dir offenbar gestehen, dass ich die Bitte: ‚Herr, Dein Wille geschehe!‘ wohl nie leichter und seliger ausgesprochen habe, wie diesmal. Und so komme denn her an meine Brust, du überhimmlisch schöne und herrliche Helena! Was der Herr Vater Jesus Jehova Zebaoth mir gnädigst gegeben hat für ewig, das hat Er durch mich auch dir gegeben für ewig! Und so wollen wir denn seligst eins sein in allem, in der Liebe, in der Wahrheit, in aller Liebtätigkeit und dadurch eins in unserem heiligsten, liebevollsten Vater!“
RB|1|124|12|0|Spricht die Helena ganz strahlend von himmlischer Schönheit: „Des Herrn Name sei gepriesen ewig, und Sein heiliger Wille geschehe! Ebenso aber wird mir auch ewig heilig sein dein Wille, da ich nun klarst erschaue, dass du keinen andern Willen mehr in deinem Herzen birgst, als allein den heiligen des himmlischen, liebevollsten Vaters aller Menschen und Engel! Sollte dein Herz je nach großen Taten in der Liebe auf Augenblicke matt werden, da soll es an dem meinen eine reiche Sättigung und Stärkung finden! Und sollte ich je im heiligen Wollen irgendeine Schwäche gewahren, da wird dein Herz mich stärken und kräftigen in allem, was dem heiligsten Vater wohlgefällig ist! Und so will ich denn im Namen unseres heiligsten, himmlischen Vaters sein und bleiben für ewig dein himmlisches Weib, das mit dir und in dir leben und handeln wird als ein Wesen mit und in dir ewig! Des heiligsten Vaters Gnade, Liebe, Weisheit, Ordnung und Wille sei unser Segen für ewig!“
RB|1|124|13|0|Robert ganz über alle Maßen gerührt, drückt die Helena an seine Brust und küsst sie drei Mal auf die Stirn, und darauf sie ihn ebenso oft auf den Mund, und nimmt ihm darauf sogleich den Wein und das Brot ab, und spricht: "Als nun für ewig dein Weib, lasse dir deine Mühe von mir geringer machen. Es ist genug, dass du ordnest im Namen des heiligsten Vaters; handeln werde dann schon ich als dein rechter Arm!“
RB|1|124|14|0|Rede Ich: „Gut, gut, Meine geliebtesten Kinder! Ihr seid nun gesegnet und eins und werdet es bleiben stets seliger für ewig!
RB|1|124|15|0|Aber unser Werk ist dadurch nicht zu Ende. Nun heißt es erst so recht ins Handeln übergehen! Aber jede Handlung wird von nun an leichter und schneller beendet werden können, indem du, Mein geliebter Robert, als ein vollendeter Bürger des Himmelreichs dastehest und hast nicht nur eine überweisende Macht durch die Wahrheit des Wortes, sondern auch eine richtende durch den Liebewillen aus Mir, die du aber jedoch nur dann gebrauchen wirst, wo die erste durchaus nicht ausreichen soll! Und so bücke dich denn zu diesem Patienten nieder und hauche ihn an, auf dass er erstehe zur Heilung!“
RB|1|125|1|1|Geistiges Erwachen des Mönches. Selbstgespräche als Seelenspiegel. Bedenken gegen das Christentum. Christus, der Lebensanker.
RB|1|125|1|0|Robert bückt sich sogleich und behaucht den ehedem hinausgeworfenen Mönch. Und dieser fängt sogleich an sich zu rühren, als wie ein aus einem tiefsten Schlaf Erwachender.
RB|1|125|2|0|Als er sich nach einer Weile vollends aufrichtet, da fragt er: „Wer hauchte denn ein Leben in mein Eingeweide, da ich doch tot war, getötet von meinen Feinden?“ (In der Geisterwelt werden alle, die von einem Haus hinausgeworfen werden, wie tot auf eine Weile. Denn hinausstoßen oder hinauswerfen heißt in der Geisterwelt so viel als gewaltsam richten oder töten). „Wo bin ich denn nun? Es ist Nacht und sehr finster, wohin ich auch wende meine Augen; und kein Laut wird vernommen von meinen Ohren. Ob ich auch lahm bin, weiß ich kaum; denn ich fühle keinen Boden unter mir. Oh, wenn ich doch nur einen kleinsten Lichtschimmer irgendwo wahrnehmen könnte!
RB|1|125|3|0|War auf der Welt ein Priester, verrichtete meinen vorgeschriebenen Dienst mit allem Eifer. Freilich waren damit zumeist pure irdische Interessen verbunden, und von einem Glauben an alle meine Verrichtungen war freilich auch wohl nicht viel vorhanden. Aber dessen ungeachtet verrichtete ich mein Amt gewissenhaft und war dabei nie verdrossen. Aber welch einen schauderhaften Lohn habe ich nun im Reich des Todes geerntet! O Gott, so Du irgend Einer bist – oder Du unerbittlich hartes Fatum! Warum musste ich denn zu einem denkenden, seiner selbst bewussten Wesen werden? Warum geführt durch alle die unnatürlichsten Lebensverhältnisse, die mit allem Fluch belastet sind? Ja, ich war und bin noch ein ganz unnatürliches Wesen! Aber wer wollte es denn so, dass ich das und nichts anderes werden musste? Was wohl kann ein Kind dafür, dass es blind zur Welt geboren wird und es dann keinen Arzt mehr gibt, einem Blindgeborenen den Star zu stechen? O hartes Fatum, das da mich werden hieß! Wo bist du, dass ich zu dir hin mich wende und dir fluche? Denn mein ganzes Leben bisher war nur ein ununterbrochener Fluch! Ich selbst bin ein Fluch, und meine Taten können darum auch nichts als ein Fluch sein! Aber dennoch sei ferne, dass ich fluchen soll! Ich will nicht mehr fluchen; denn es ist genug, dass ich selbst ein Fluch bin.“
RB|1|125|4|0|Sage Ich zum Robert: „Nun behauche ihm die Ohren!“ – Robert tut das.
RB|1|125|5|0|Und der Mönch horcht und spricht nach einer Weile: „Wohin, wohin bin ich denn gekommen? Denn nun vernehme ich ja wie ein Rauschen großer Gewässer und unter dem Rauschen wie Stimmen von allerlei Vögeln! Hm, hm, das ist wahrlich sonderbar, und das Rauschen wird mächtiger und stärker das Getön der Vögel! Werden die Wasser mich denn überfluten und die Vögel dann sich sättigen mit meinem Leichnam? O grässliches Fatum! Warum öffnetest du dem Tauben das Ohr? Warum muss ich denn, darum ich untergehe, zuvor vernehmen die schreckliche Stimme des Verderbens! Kannst du, lüsterner Verderber, denn nicht wie ein Meuchelmörder dich über mich endlos Schwachen und Ohnmächtigen hermachen? Aber was hadre ich denn hier? Was nützt es mir? Verlesen ja doch auch die harten Menschenrichter auf der Erde denen ihr Todesurteil eher, als sie dieselben wirklich töten wollen! Denn der grausamen Härte des Menschenherzens genügt nimmer der alleinige Tod ihres wehrlosen unglücklichen Bruders; sondern er muss zuvor auch gequält werden. Tun es die Menschen also, warum soll sich da das harte Fatum ein Blatt vor den Mund nehmen? Also nur zu mit dem Rasseln mit den Ketten meiner ewigen Vernichtung, auf dass mich zuvor etwa doch die gütige Verzweiflung töte!“
RB|1|125|6|0|Ich sage darauf zum Robert: „Nun behauche ihm die Augen.“ – Robert tut es.
RB|1|125|7|0|Und der Mönch fängt darauf an, die Augen sich zu reiben und spricht: „Was war denn das? Ich vernahm ja deutlich einen Hauch über meine Augen gleiten, und nun sehe ich plötzlich als durch eine Abenddämmerung hindurch, und sehe und gewahre unter mir nun wieder einen festen Boden! Also kehrt bei mir die Erinnerung wieder zurück! Und da, da sieh, da ist ja wieder dasselbe Haus, aus dem mich meine echten Feinde hinausgeworfen haben. Ja, ja, es ist auf ein Haar dasselbe, und ich vernehme nun anstatt des ominösen Wasserrauschens die vielen Stimmen meiner Feinde! Und das Vogelgetöne sind Stimmen in meiner Nähe! Aber ich mag niemanden entdecken!
RB|1|125|8|0|Nun glaube ich doch wieder an irgendeinen Gott! Und der General drinnen im Haus, der meine Messe gewisserart nicht ganz mit Unrecht verschmähte, hatte recht, dass er die Gottheit als viel besser pries, als ich Sie ihm darzustellen bemühte. Aber wie die Arbeit, so auch der Lohn! Habe ich schlecht gearbeitet, so kann mir auch kein besserer Lohn zuteilwerden. Recht haben sie gehabt, dass sie mich herausgeworfen haben. Warum wollte ich sogar noch hier ein finsterer Esel sein?“
RB|1|125|9|0|Sage Ich zum Robert: „Behauche ihm nun den Mund und die Brust.“ – Robert tut sogleich, was Ich ihm sage.
RB|1|125|10|0|Und der Mönch spricht: „O wie herrlich und überaus wohltuend umwehte ein zartes Lüftchen meinen Mund! War das etwa eines Engels sanftester Kuss? Ja, ja, so können, so müssen die Engel küssen! Denn ich gewahrte es ja auch in meiner Brust, die ein wonnigstes Leben durchdrang, dass meinen Mund ein Engel geküsst haben musste, ansonst es mir nimmer gar so wonnigst hätte zumute werden können. Es ist wahrlich sonderbar, es wird nun auch auf eine ganz eigentümliche Weise heller und heller in mir, und meine Hände werden voller, und in den Füßen empfinde ich ein wohltuend Drängen. Es ist, als ob eine ganz neue Lebenskraft mein ganzes Wesen zu durchströmen begänne.
RB|1|125|11|0|Und ach, da sieh, es wird auch die ganze Gegend heller und das Haus in allen seinen schönen Bauformen bestimmter ersichtlich. Ach, das ist wohl ein gar wunderherrliches Haus! Drei Stockwerke! Und diese herrlichen Arkaden und Balkone unter den Fenstern! Diese imposante Größe und Höhe! Nein, es kommt mir die ganze Sache wie ein Traum vor! Ich habe ja doch schon ehedem dies Haus gesehen, als uns alle der General hierher brachte und dann in dasselbe Haus einführte! Aber ich kann mich nicht erinnern, dass es damals gar so herrlich ausgesehen habe.
RB|1|125|12|0|Ich möchte wohl nun wieder in dies Haus gehen; aber da würde ich sicher schnell wieder hinausgeworfen werden. Daher bleibe ich denn doch lieber hier im Freien und bewundere so ganz im Stillen dies ungeheure Prachtgebäude, das nun mit dem Zunehmen des Lichtes, das denn doch von Morgen her zu kommen scheint, stets größer und prachtvoller zu werden scheint. Ja, ja, ich bleibe hier; denn es wird mir nun gar so wohl zumute.
RB|1|125|13|0|Ich begreife nur nicht, wie es mir hier nun gar so heimelig vorkommt; es ist, als ob ich schon Gott weiß wie lange hier zu Hause gewesen wäre. Und doch ist mir diese Gegend so fremd, als einem Menschen nur je etwas vollends Fremdes und nie Gesehenes vorkommen kann und mag. Es hat viel Ähnlichkeit mit dem Gefühl, das ich auf der Erde empfand, wenn ich mich in Hochgebirgsgegenden befand. Ach, herrlich, herrlich ist es hier! Es harmoniert aber auch alles: dieser weitgedehnte Garten mit den wunderherrlichsten Anlagen, der schöne Gebirgskreis, der diese Villa in weiter Ausdehnung unter den herrlichsten Formen umgibt und sich besonders gegen Morgen stets höher und höher erhebt und gegen Abend und Mitternacht in eine unabsehbare Ebene verflacht. Oh, das ist herrlich, das ist unbeschreiblich herrlich!
RB|1|125|14|0|Aber da, ganz in meiner Nähe, ersehe ich ja einen gar herrlichen Pavillon! Wie wäre es denn, so ich ihn bestiege? Da müsste sich diese Gegend ja noch wunderherrlicher ausnehmen! Kraft habe ich nun in den Füßen! Es ist zwar hübsch hoch hinaufzusteigen, aber das macht nichts. Nur hinauf, hinauf mit mir! Doch nein, ich bleibe dennoch hier unten, es könnte so was dem Eigentümer dieses Hauses denn doch nicht angenehm sein. Und so will ich mich hier selbst verleugnen und meiner zu viel begehrenden Neugier Zügel anlegen. Es ist hier nun schon alles gut. Aber wie es nun um mich her und auch in mir stets lichter und heller wird, so merke ich aber auch, dass es gleichen Schrittes in meinem Magen heller wird; das heißt, ich fange an zu verspüren, dass der Mensch auch im Geisterreich hungrig und durstig werden kann. So ein Stückchen Brot und etwas Trinkbares zu dieser gottlob allgemeinen Beleuchtung der Geisterwelt könnte sich wahrlich nicht schlecht ausnehmen!“
RB|1|125|15|0|Sage Ich zum Robert: „Stelle ihm nun Brot und Wein vor.“ – Robert nimmt seiner Helena schnell das Brot und den Wein ab und gibt es in den Schoß des Mönches; der, sich hoch erfreulich verwundernd, wohl das Brot und den Wein sogleich erschaut, aber noch nicht die ihn umgebenden Geber.
RB|1|125|16|0|Er betrachtet eine Weile das Brot und den Wein, und spricht dann zu sich: „Gott Lob! Nun wäre freilich alles beisammen. O du göttliches Tischl deck dich! No, no, so tut es sich ja gottlob in der Geisterwelt! Eine bezaubernde Aussicht und so eine Einsicht für einen lichten Magen, wahrlich, da wird es schon auszuhalten sein, so in alle Ewigkeit, Amen. Aber nur keine Nacht mehr in dieser Gegend! Denn die Nacht war hier sehr schauderhaft.
RB|1|125|17|0|Aber nun möchte ich dann doch auch wissen, wer hier so dienstfertig ist? Geister sind es in jedem Fall, und das sicher lauter gute. Aber ich bin ja nun doch hoffentlich auch ein Geist! Wie kommt es denn, dass ich als selbst Geist diese guten, mir unsichtbar dienenden Geister oder Engel nicht sehen kann? Wahrscheinlich werde ich noch viel zu unheilig sein, um die reinen, heiligen Engelsgeister zu schauen! Aber das Brot und den Wein sehe ich doch. No, es ist schon auch also gut, hab ich nur Brot und Wein vorderhand! Das andere wird sich nachderhand etwa wohl machen. In Gottes Namen, und Seinen Segen dazu, werde ich denn doch mich zuerst ans Brot machen und dann aber auch an den überaus gut aussehenden Wein! Oh, in Gottes Namen, o in Gottes Namen! Gott segne es! Ihm allein alle Ehre, alles Lob und aller Preis!“
RB|1|125|18|0|Nach diesen Worten bricht er sich ein tüchtiges Stück Brot vom ganzen Laib, fängt an es zu essen und findet es wunderbar wohlschmeckend. Daher er sich sogleich über den ganzen Laib hermacht und spricht, als er damit ganz vergnügt fertig ist:
RB|1|125|19|0|„O gottlob, gottlob! Das war ein Brot, so wohlschmeckend wie eine vollkommen reife Ananas aus Brasilien. Es war gar nicht mehr zum Aufhören, als man einmal hineinbiss! Nun aber will ich auch dem Wein zusprechen. In Gottes Namen, in Gottes heiligstem Namen! Ist fast mehr als eine Maß! Aber das macht nichts, hab' ja öfter auf der Erde auch bei so guten Versehgängen ein Maßl und manchmal noch etwas darüber, etwa so einen heiligen Johannessegen, mitgenommen. No, no, in Gottes Namen! Es wird sich schon auch hier tun! O du liebs, liebs, liebs Weinle du! Was für eine herrliche Goldfarbe! Und was für ein nahe fingerhohes Oelrafl (Oelranft)!“
RB|1|125|20|0|Hier setzt er die Flasche an und setzt sie nicht eher ab, als bis der letzte Tropfen draußen ist. Nun kann er sich nimmer genug verwundern über die enorme Güte des Weines und wird nun ganz über die Maßen heiter und fröhlich und dabei sehr andächtig gestimmt, sodass er am Ende als nur in einem fort: „O gottlob, o gottlob!“ herausbringt.
RB|1|125|21|0|Nach einer Weile seiner andächtigen Ergießungen richtet er sich endlich ganz auf und spricht bei sich: „Wie doch hat mich dieses Mahl gestärkt! Das war kein irdisch Brot und kein irdischer Wein! Das war ein wahrhaftiges Brot aus den Himmeln und ein wahrhaftiger Wein aus den höchsten Himmeln! Denn das Brot war ganz Nahrung und der Wein ganz Leben. Nun erst lebe ich wahrhaft wieder, und der Tod scheint für ewig von mir gewichen zu sein. Am Ende ist die alte Mythe von Christo, der das Abendmahl im Brot und Wein Seinen Jüngern gegeben habe, und dessen Genuss anbefohlen zur Gewinnung des ewigen Lebens, denn doch nicht gar so leer, als wie sie, freilich ganz heimlich, von dem gebildeten höheren Klerus geglaubt ward!
RB|1|125|22|0|Es ist zwar wohl in dieser alten Christuslehre, die durch die vier mythischen Evangelisten sich bis auf diese Zeit freilich wohl schon sehr verkrüppelt erhielt, so manches Widersprechende enthalten, das ein gesunder Geist eben nicht so leicht verdauen kann, wie ich nun dies Brot und diesen Wein, das alles ich nun zu mir genommen habe. Aber dem ungeachtet enthält sie doch wieder andere höchst konsequente Dinge, aus denen man eben nicht gar so unklar ersehen kann, dass der Stifter solch einer Lehre, vorausgesetzt, dass er einmal existiert hat, durchaus kein gewöhnlicher Mensch, sondern offenbar ein Gott sein musste. Und nun diese Neubelebung durch Brot und Wein geben mir einen nahe unwiderlegbaren Beweis, dass Christus auf der Erde einst wirklich existiert hat, und dass es mit Seiner Gottessohnschaft eben nicht gar so schlecht aussehen mag und kann, als wie es heimlich die hohe Klerisei meint.
RB|1|125|23|0|Wer weiß es, oder wer kann es wissen, ob es sich denn nun in dieser schönsten Geisterwelt doch nicht einmal begeben kann, dass ich irgendwo mit dem Geiste Christi zusammenkäme! O Gott! Wenn ich solches erlebte, dann würde ich Christus aber doch so lange bitten, mir zu gestatten, dem Papst und sämtlichen Kardinälen einen sicher sehr unwillkommenen Besuch abzustatten und ihnen zu zeigen, wer Christus ist und wessen Geistes Kinder sie sind. Freilich würde das eben nicht viel nützen; denn diese alle sind zu sicher von aller Welt gefangen. Aber wohl täte es unsereinem, wenn man diesen, jedes bessern Gefühls baren Rotmäntlern, diesen offenbarsten Widerchristen zeigen könnte, dass Christus keine Fabel, wie sie es dafür halten, sei, sondern wahrhaft Der und Das, als wen und als was Er Sich Selbst geoffenbart hat! Augen wenigstens müssten sie machen so groß wie der allerschönste Vollmond.
RB|1|125|24|0|Aber ich vernehme nun auf einmal ein Gelispel wie von Menschen um mich her, und das Morgenlicht wird stärker und stärker! Darum stille nun, ganz stille! Vielleicht vernehme ich ganz wohl artikulierte Worte und Sätze.“
RB|1|126|1|1|Der Mönch vernimmt die heilige Lehre von Jesus. Der einst geistig Blinde erkennt den Herrn und dessen Gnade. Kundgaben des Herrn die römisch-katholische Kirche betreffend.
RB|1|126|1|1|(Am 1. Oktober 1849)
RB|1|126|1|0|Nun horcht der Mönch dem Gelispel nach und vernimmt ganz leise die Worte: „Jesus, der Gekreuzigte, ist allein Gott über alle Himmel und über alles, was den unendlichen Raum erfüllt. Er allein ist der Urschöpfer aller Dinge, aller Engel, Menschen, Tiere, Pflanzen und aller Materie. Er ist der Vater Seinem urewigen Liebewesen nach, der ewige Sohn Seiner Weisheit und der allein heilige Geist Seiner unendlichen Macht, Kraft und Wirkung nach.
RB|1|126|2|0|An diesen Jesus wende dich im Herzen wahrhaftig und getreu und liebe Ihn, der dich so sehr liebte und liebte, dass Er aus Liebe zu dir wie zu allen Menschen die Menschennatur annahm und des Leibes bittersten Tod über Sich kommen ließ, auf dass dir und allen Menschen ein ewiges Leben ermöglicht werden möchte.
RB|1|126|3|0|Das ewige, Gott vollends gleiche, seligste Leben ist durch Ihn allein ermöglicht worden und gegeben als ein unendlicher Schatz aller Kreatur. Und es bedarf nun nichts mehr und nichts weniger, als diese heilige, große Gabe des heiligen Vaters liebewillig zu verlangen und allerdankbarst anzunehmen – und der Mensch ist selig lebend in Ewigkeit in der Gesellschaft Gottes wie ein zweiter Gott.
RB|1|126|4|0|Gott, der da ist unser aller Vater Jesus, ist die reinste Liebe, die niemanden richtet und jeden seligst machen will. Aber nur muss der Mensch auch das wollen, was Gottes reinste Liebe will, sonst kann er nicht selig werden. Denn Gott tut niemanden einen Zwang an, am allerwenigsten in dieser Welt der Geister. Daher wird aber auch jedem nur das zuteil, was er selbst will. Was du demnach willst, das wirst du auch empfangen.
RB|1|126|5|0|Es gibt aber kein Leben und keine Seligkeit außer in der reinen Gottesliebe. Wer diese in sich aufgenommen hat und selbst das will, was diese heilige Liebe, der lebt und ist selig für ewig.“
RB|1|126|6|0|Als der Mönch diese Worte aus dem Gelispel vernommen hatte, staunt er nicht wenig und spricht wieder bei sich selbst: „Merkwürdig, merkwürdig! Eine ganz neue Lehre über Gott! Also keine drei gesonderten Personen! Merkwürdig, merkwürdig! Auf der Erde wäre das die größte Ketzerei, wäre himmelhoch verschieden von der römisch-katholischen Lehre; aber ich finde sie dennoch ganz natürlich und viel wahrer als die römisch-katholische. Was mich aber sehr wundert, dass dieser Geist, der aus der Luft zum Erstaunen weise zu mir geredet hat, von der allerseligsten Jungfrau Maria und von den anderen lieben Heiligen mit keiner Silbe etwas erwähnt hat, dass man sie um ihre mächtige Fürbitte angehen soll. Das ist schon durchaus nicht katholisch, aber das macht gerade nichts. Der höchstwahrscheinlich das herrlich gute Brot und den besten Wein ehedem mir zukommen ließ, hat nun auch diese Lehre mir gegeben. War das Erste überaus gut, so ist es auch die Lehre. Sei ihm nun, wie ihm wolle, ich werde diese Lehre denn doch annehmen.
RB|1|126|7|0|Muss offen gestehen, so der Teufel selbst von solcher Lehre durchdrungen wäre, da müsste er selbst selig sein, oder er müsste schon der allerdümmste Teufel sein, so er einen Geist, wie ich einer bin, zu Gott dem Herrn wenden wollte! Oh, das tut ein Teufel sicher nicht! Und solch ein Brot wird in der Hölle sicher nicht gebacken und solch ein Wein nimmer gekeltert. Daher ist alles aus den Himmeln – Brot, Wein und Lehre! Und ich will sie annehmen. Aber wenn es so ist, wie es auch sicher so sein wird, dann freut euch, ihr Kardinäle und du Papst auch! Ich werde in eurem Gehirn ganz kurios zu spuken anfangen. Ich will Jesus so lange bitten, bis Er mir das gewähren wird. Der Geist hat mir gesagt, dass man das alles haben kann, was man selbst will! Gut, ich will aber die römische Kurie in die engste Enge treiben und ihr ein Licht anzünden, vor dem sie erschauern soll. Aber nun nichts mehr davon! Jetzt heißt es, sich also ganz ernstlich an den Herrn Gott Jesus wenden! Alles andere wird dann erst von da ausgehen und unternommen werden.“
RB|1|126|8|0|Sage Ich zum Robert: „Berühre nun seine Augen!“ – Robert tut es. Und der Mönch erschaut nun zu seinem größten Erstaunen die große Schar Seliger samt Mir um ihn her versammelt, aus der er aber dennoch niemanden erkennt. Er betrachtet bald den einen, bald den andern und gebärdet sich wie ein vom Schlaf Trunkener.
RB|1|126|9|0|Nach einer ziemlichen Weile kommt er erst zur volleren Besinnung und fragt ganz schüchtern den ihm zunächst stehenden Robert: „O du lieblicher, himmlischer Freund, sage mir doch, wo ich denn bin! Und so du es nicht für zu unartig nimmst, dass ich mir die Dreistigkeit nehme, dich sogleich mit Fragen zu belästigen, so sage es mir auch, mit wem ich in dir, du lieber, himmlischer Freund, zu reden die hohe Ehre und Gnade habe?“
RB|1|126|10|0|Spricht Robert: „Du bist Nummer eins hier auf meinem himmlischen Grund und Boden; und dies Haus, das da vor dir in einer unbeschreiblichen Größe, Pracht und Majestät sich darstellt, ist mein himmlisches Wohnhaus für ewig. Ich aber bin der nun selige Geist des auf Erden dir nur zu wohlbekannten, unglücklichen Robert Blum, und dies allerschönste Weib an meiner Seite ist mein von Gott dem Herrn mir gegebenes und für ewig angebundenes Weib! Nun weißt du, um was du gefragt hast, und nun rede du, wie dir die Sache vorkommt, und was du vor allem wünschest!“
RB|1|126|11|0|Der Mönch, ein wenig seinen Kopf hin und her schüttelnd und dazu etwas mit den Achseln zuckend, spricht: „Du – der – Robert Blum? Und im Himmel? Der Hauptketzer Robert Blum – und im Himmel!? Ah, ah, ah, da geht es doch nicht mit richtigen Dingen zu! Und das soll dein Grund und dein Haus sein!? Gibt es denn im Himmel auch Gründe und Häuser? Der Himmel besteht ja nur aus lauter lichten Wolken, auf denen die himmlischen Bürger in der Luft gleich den Engeln herumschweben und Gott von Angesicht zu Angesicht schauen und in einem fort ausrufen: ‚Heilig, heilig, heilig ist der Herr Gott Zebaoth! Himmel und Erde sind Seiner Herrlichkeit voll! Die Ehre sei Gott, dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, als es war, jetzt ist und es sein wird in alle ewigen Zeiten, Amen!‘ Von alledem ist aber hier auch nicht eine allerleiseste Spur! Wie könnte das sonach der Himmel sein? Das wird vielleicht nur so ein neukatholischer Himmel sein, den euch Gottes Gnade zulässt, wahrscheinlich nur bis zum Jüngsten Tag hin, um euch für so manches Gute, das ihr auf der Erde gewirkt habt, zeitlich zu belohnen. Aber nach dem Jüngsten Tag wird auch dieser Himmel schier vergehen, und in die Hölle verwandelt werden. Gott gebe es, dass ich Unrecht haben möchte! Und dies Haus, das du dein nennst, wird wahrscheinlich auf lockerem Sand und nicht auf einen Felsen gebaut sein! Und so des Jüngsten Tages Stürme an seine Wände schlagen werden, da wird es schier nur zu bald und leicht in den nichtigsten Schutt zusammenstürzen.
RB|1|126|12|0|O die Sache, die Sache kommt mir ganz und gar nicht richtig vor. Sage mir, wo ist denn hernach Gott der Herr mit allen Seinen heiligen Engeln und allen den sonstigen Heiligen – so das der Himmel ist?“
RB|1|126|13|0|Spricht Robert: „Sehe dich nur nach rechts um, und du wirst dir zu allernächst Gott, den Herrn Jesus und hinter Ihm die heiligen Apostel ganz klar erschauen und hinter den Aposteln die Urväter der Erde von Adam angefangen!“
RB|1|126|14|0|Der Mönch sieht sich nun ganz schüchtern um und ersieht und erkennt sogleich an mir Jesus, den Gekreuzigten, und so auch die Apostel, die er aus den ihm bekannten Attributen, die an den Gewändern der Apostel ersichtlich sind, erkennt. Er fällt sogleich auf seine Knie vor Mir nieder und spricht: „Herr Gott Jesus! So Du es bist, wie Du Dich zeigst, so sei mir armen Sünder gnädig und barmherzig! Denn ich bin ein grober und großer Sünder!“
RB|1|126|15|0|Und Ich sage: „Thomas, stehe auf, schaue und lebe! Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte. Warum aber zweifelst du noch an Mir und an der Wahrheit dieses Meines Himmels?“
RB|1|126|16|0|Spricht der Mönch Thomas: „O Herr! Du fragst mich, als könnte ich Dir etwas sagen, das Du nicht wüsstest! Siehe gnädigst Dich nach Meinem Herzen um, und Du wirst noch jene Urschriftzüge im selben finden, die Deine allmächtige Rechte in dasselbe gezeichnet hat. In diesen Zügen spricht sich eine unendliche Größe, Majestät und Erhabenheit aus, unter der allein Dich mein Herz fühlen konnte, und es war darum stets außerstande, Dich anders sich vorzustellen, als wie es Dich nach der heiligen Urschrift in sich selbst besaß. Jede kleinliche, ja wie bei der römisch-katholischen Kirche sogar schändlich schmutzige und herrsch- und habsüchtige Vorstellung von Dir konnte daher in diesem meinem Herzen nimmer Platz fassen! Aus diesem Grund konnte ich denn auch den Glauben an die Gottheit Jesu, des Gesalbten, nie so ganz vollkommen annehmen, obschon ich streng genommen an der Möglichkeit nie gezweifelt habe. Aber freilich müsste die Gottheit Christi evidenter hervorgetreten sein ungefähr so, wie bei den Aposteln, so ich zu einem festen Glauben hätte sollen genötigt werden. Aber das war sicher aus göttlich wohlweisesten Gründen nie der Fall; sondern Christus oder Sein Geist ließ es noch allzeit zu, dass die römische Kurie aus Ihm machen durfte, was sie nur immer wollte, ja nicht selten Dinge und allerschuftigste Spekulationen, von denen die ältere Zeit mit all ihrem Götzentum sich nie etwas hätte träumen lassen können!
RB|1|126|17|0|Welch einem nur einigermaßen geweckteren Geist hätte bei der genauen Kenntnis der römisch-katholischen Theologie, die in manchen Stücken sogar für die Säue zu dumm wäre, nur in einem allerentferntesten Sinn einfallen können, solch eine Lehre für reinst göttlich zu halten? Ich selbst habe aus rund ausgestochenen Oblaten mehrere Tausend allerechteste Christusse gemacht und habe sie dann wieder getötet und zum größten Teil auch selbst bei Butz und Stängel aufgefressen. Was aber soll ein ehrlicher Mensch sich von einer Gottheit denken, oder vielmehr von einer Lehre, die einem unter solchen Auspizien aufgebürdet wird, über die ein jeder ehrliche Chinese hoch aufzulachen genötigt wird. Wie oft habe ich nach einer verrichteten Messe gedacht, wenn ich darauf die große, schöne, freie Erde betrat und einen Blick zur großen Sonne und abends zu den Myriaden Sternen sandte: ‚Also Der, den du heute Morgen durch die sogenannte Konsekration auf einer runden Oblate, aus Stärkemehl gebacken, zum allerhöchsten Gott machtest und Ihn darauf als quasi lebendig gegessen hast – soll dies alles gemacht haben?!‘ – O Herr, das war für den Glauben eines Sterblichen denn doch ein wenig zu viel! Wer das ganz ruhig glauben kann, dem ist es wahrlich nicht zu gratulieren. Denn der kann doch kein noch so kleines Fünklein irgendeines Geistes in sich besitzen! Er ist und bleibt eine bloß durch ein elektrisches Fluidum auf eine kurze Zeit belebte materielle Maschine, der es eins ist, ob sie äußerlich mit Kot oder mit Gold überzogen wird und ob deren inneres Räderwerk aus Holz, Eisen, Kupfer oder Gold ist. Wohl verrichtete ich den sogenannten Gottesdienst vor den Augen der total blinden Welt vollkommen vorschriftsgemäß; aber ich selbst glaubte doch unmöglich daran, weil die Urschrift in meinem Herzen und in der ganzen Schöpfung mich denn doch allzeit eines ganz andern belehrte.
RB|1|126|18|0|Dass aber dadurch auch der wirkliche Christus, der solchen Unsinn und solche Gräuel duldete und nimmer mit einer himmlischen Gegendemonstration zuwege kommen wollte, bei mir und vielen anderen in einen Misskredit kam, wirst Du, o Herr, sicher noch endlos klarer einsehen denn ich! Jetzt glaube ich freilich wohl an Deine ausschließend alleinige Gottheit, da Du nun wieder ganz so da bist, wie Du einst sicher auf der Erde unter den sterblichen Menschen gewandelt und gehandelt hast, aber an einen Oblatenchristus aus Stärkemehl glaube ich auch jetzt nicht und werde auch nie glauben.
RB|1|126|19|0|Siehe Herr, das stand und steht noch in meinem Herzen geschrieben! Das ist mein Leben – weil ich es als etwas rein Göttliches in mir selbst ansehe! Und somit habe ich armer Sünder Dir Allwissendem nichts als das mit höchst mangelhaften Worten äußerlich dargetan, was Du als der alleinige Urheber alles dessen schon von Ewigkeit allerklarst eingesehen hast. Und so denn geschehe mit mir Dein allein heiliger Wille!“
RB|1|126|20|0|Rede Ich: „Gut, Mein lieber Thomas, es ist alles ganz in der Ordnung, was du geredet hast! Aber dass du Mir darum gewisserart einen Vorwurf machst, dass Ich der römischen Kirche ob ihrer Gräuel noch nie eine energische Gegendemonstration zukommen ließ, da tust du Mir unrecht! Betrachte du alle die Trennungen von der Römerin! Siehe, das sind ganz gewaltige Gegendemonstrationen! Aber sie fruchteten wenig, weil ich den Drachen noch nicht richten wollte – wegen Meiner Liebe! Weiter betrachte du die große Verbreitung des reinen Wortes durch die Druckschrift in allen Zungen! Aber sie fruchtet wenig, weil Ich den Drachen noch nicht richten wollte – wegen Meiner Liebe! Wieder weiter betrachte die zahlreich zu allen Zeiten von Mir Selbst erweckten (neueren) Propheten! Diese übten eine starke Gegendemonstration aus. Aber es fruchtete wenig, weil Ich den Drachen noch nicht richten wollte – wegen Meiner Liebe! Dann betrachte du noch die tausendfachen Demütigungen, die Ich als starke Gegendemonstrationen der Römerin habe zukommen lassen von allen Seiten! Aber sie fruchteten auch bisher noch wenig, weil Ich den Drachen noch immer nicht richten wollte – wegen Meiner Liebe!
RB|1|126|21|0|Von nun an aber wird es ohnehin mit der Römerin ein ganz stark anderes Verhältnis zu nehmen anfangen! Ihre Weltmacht wird sehr erschüttert werden, und eine offene Zunge gegen sie allenthalben gestattet. Wird sie solch eine Demonstration auch noch nicht fruchtend berücksichtigen, so wird der Drache gerichtet werden – wegen Meiner zu lange missbrauchten Langmut.
RB|1|126|22|0|Ich meine, du wirst nun auch wegen der Römerin und wegen Meinen von dir vorgeworfenen Vernachlässigungen in der Ordnung sein. Und so schließe dich nun vollends an Mich an, und gehe mit uns allen in dies Haus zu einem schon bereiteten Mahl.“
RB|1|126|23|0|Spricht Thomas: „O Herr, Du ewiger Heiland aller kranken Seelen und Geister! Eines Mahles, das Du Selbst für Deine verdientesten und Deiner Gnade würdigsten Diener bereitet hast, bin ich wohl ewig nicht wert! Das wäre ja gar zu viel Gnade und Erbarmung für mich, der ich stets als ein nur zu großer Sünder nun dastehe, indem ich auf der Erde doch allzeit gröbst gesündigt habe vor Dir und allen Deinen lieben, geheiligten Brüdern. Mit hinein ins Haus werde ich wohl gehen, aber teilnehmen an einem so heiligen Mahl würde ich mir ewig nimmer getrauen, indem ich da gar leicht das Los eines Judas Ischariot an mir selbst erfahren könnte, und das wäre denn doch etwas überaus Erschreckliches!“
RB|1|127|1|1|Über die geistige Welt und das Gericht. Gotteslob des Mönches Thomas. Belehrung des Herrn über den Unterschied zwischen den großen Lobsängern und Seinen Kindern.
RB|1|127|1|0|Rede Ich: „Mein lieber Thomas, du bist noch sehr blöde! Den Judas hieß Ich nicht Brot mit Mir in die Schüssel zu tunken; denn Ich wusste es, dass es ihm zum Gericht gereichen wird, indem er unwürdig war, zu essen mit Mir das Brot des Lebens. Dich aber beheiße Ich Selbst, weil Ich in dir keine Unwürdigkeit entdecke. Und so kannst du das schon ohne alles Bedenken tun, was Ich von dir nun im Reich der Geisterwelt verlange. Zudem hat hier ja auch alle Zurechnungsfähigkeit für ewig aufgehört, indem da jede Tat ohnehin die Folge hinter sich hat, wie sie begangen wurde. Da gibt's nun kein Gericht und kein Urteil mehr, indem ein jeder Geist nach seinen Taten auch vollkommen sein eigener Richter ist. Daher hast du für die Folge auch von keiner Seite her mehr eine fremde, außer dir seiende Einwirkung zu befürchten, sondern alles nur aus und von deiner höchsteigenen Seite. Was du willst, das wirst du auch tun; und das Tun wird dich richten nach deinem Willen, der die eigentliche Triebfeder jeder Handlung ist.
RB|1|127|2|0|Und so komm und mache dir von nun an durchaus keine Skrupel mehr! Denn das wird man von dir denn hoffentlich doch erwarten dürfen, dass du keine Handlung begehen wirst, die dir notwendig ein Leiden aufbürden müsste. So du z. B. hungrig bist und durstig, da wirst du doch etwas zu essen und zu trinken haben wollen, um nicht des Hungers und des Durstes Schmerz zu tragen. Wolltest du aber trotz eines großen Hungers und Durstes dennoch nichts essen und trinken, was auch ein dem Essen und Trinken ganz entgegengesetztes Handeln wäre, da müsstest du dir dann freilich wohl auch den Schmerz gefallen lassen, den der Hunger und der Durst als eine notwendige Folge schon für ewig in sich bergen. Oder möchtest du wohl in einen Feuerofen gehen, in dem es lichterloh brennt? Sicher nicht, da solch eine Handlung oder Tat dir den größten Schmerz bereiten müsste. Oder würdest du eine scharfe Rute zur Hand nehmen und dich damit selbst züchtigen? Das wirst du sicher auch bleibenlassen; denn du weißt es, dass die Rutenhiebe stets mit Schmerz verbunden sind.
RB|1|127|3|0|Was du aber dir selbst nicht antun möchtest, das wirst du auch deinen Brüdern nicht antun, indem das die Liebe deines Herzens sicher nimmer zulassen würde, da sie wohl weiß, dass es auch den Brüdern wehtut, was ihr selbst den Schmerz bereitet, und weil hier im Geisterreich die Ordnung schon für ewig so bestellt ist, dass da eine jede gute oder schlechte Tat, wenn schon an einem zweiten verübt, auch allemal auf den Täter mit der gleichen Empfindung rückwirkt, was auch mehr oder weniger unter verschiedenen Variationen schon in der naturmäßigen Welt der Fall ist.
RB|1|127|4|0|Du weißt nun durch diese Meine beispielsweise Erörterung, wie sich die Sachen hier verhalten. Und so meine Ich, dass du nun auch darin kein Verbrechen mehr erschauen wirst, so du, nach Meiner Beheißung an dich, das ohne weitere Gewissensangst tun wirst, was dir nur ganz allein zu deinem höchsteigenen Besten gereichen kann und auch unfehlbar gereichen wird!
RB|1|127|5|0|Siehe, Ich bin ja allmächtig und könnte dich zwingen, dahin augenblicklich zu gehen, wo Ich dich haben will. Da Ich dich aber schon zum Guten mittelst Meiner göttlichen Allmacht nicht zwinge, sondern nur mittelst der sanftesten Belehrung, durch die dein Herz, dein Verstand und dein Wille nur gestärkt, nie aber irgend geschwächt werden können, um wie viel weniger werde Ich dich dann erst durch Meine Allmacht zu etwas Argem zwingen – daher du ganz wohl einsehen kannst, dass von Mir aus nichts so sehr berücksichtigt wird, als des Menschen vollends freier Wille! Und so kannst du es nun denn wohl ganz beherzt wagen, das freiwillig zu tun, was zu tun Ich als dein Gott, Schöpfer und Vater voll der mächtigsten Liebe, von dir ohne die geringste Beschränkung deines Willens verlange!“
RB|1|127|6|0|Spricht Thomas: „O heiligster, liebevollster Vater! Nun gibt es in meinem Dich allein über alles liebenden Herzen keinen Anstand mehr! Was Du nur immer wünschest, soll stets meines Herzens heiligstes Gesetz sein! O wie gar so herrlich, mild, sanft und weise ist Dein heiliger Vaterwille! Wo wohl ist noch ein Herz, das ihm widerstehen könnte? O wie selig ist nun mein ganzes Wesen, dass ich Dir folgen darf und kann! Wer auch soll da nicht zugleich von den Seligkeiten aller Himmel auf das lebendigste durchdrungen sein, dem Du Selbst zur Seite stehst, und ihn an Deiner allmächtigen Vaterhand führst in das Reich des ewigen Lebens! O du heiliges Haus der Häuser, das Gott betritt! Und wer kann lobend genug erwähnen des großen Mahles im Haus der Himmel aller Himmel, das Gott Selbst bereitet hat allen denen, die Sein heiligstes Vaterherz erwählt hat zu Seinen Kindern und Seine endlose Weisheit zu ihren getreuen Knechten? Ihr seligsten Brüder und Schwestern alle, die ihr hier überaus zahlreich versammelt seid, o sagt es, aber so laut, dass davon der ganze endloseste Raum vor tiefster Ehrfurcht erbebe – fühlet ihr es wohl ganz, erfasset ihr die endlose, heilige Tiefe, dass dieser unser Lehrer und Führer – Gott – Gott Selbst es ist! Wir sind bei Gott, ja bei dem großen Schöpfer der Ewigkeit und Unendlichkeit, bei dem Vater sind wir! O sagt es, sagt es – fühlt ihr es wohl tief genug, wer Der ist, der uns nun führt in Sein Haus?!“
RB|1|127|7|0|Rede Ich im Gehen ins Haus: „Gut, gut, Mein lieber Sohn Thomas! Es ist Mir eine rechte Freude, dass du in deinem Herzen Gefühle aufkeimen lässt, die Meiner Liebe würdig sind und viel Ähnliches haben mit den großen, Mich preisenden Flammengedanken der Cherubim und Seraphim, die da sind Meine Austräger Meines Willens in Ewigkeit. Aber so erhaben auch solche Gedanken und Gefühle sind, deren Tiefe und Größe nur ewige Geister zu fassen vermögen, so ist's Mir dennoch lieber, wenn Mich Meine Kindlein so recht herzlich ‚Vater‘ nennen und Meine Freunde zu Mir sagen: ‚Lieber Bruder‘, als wenn die größten Lobengel Mich mit den tiefsten Weisheitsliedern besingen und am Ende ganz ermattet zusammensinken, so sie nach ihren großen Akklamationen zur Einsicht kommen, und einsehen, dass alle ihre größten und flammendsten Gedanken nicht einmal den Saum Meines Kleides zu berühren imstande sind, während Meine ganz einfachen Kindlein mit Meinem Herzen und Gedanken seligst spielen können und allzeit bei Mir wohnen und an Meinem Tisch das Brot des wahren Lebens genießen!
RB|1|127|8|0|Siehe, die Meine Größe, Macht und Stärke besingen und den ewig unendlich großen Gott preisen, die sind außer Mir und betrachten Mich ungefähr so, als wie du auf der Erde den gestirnten Himmel oft betrachtet und überaus erhaben besungen hast – aber dabei dennoch nicht wusstest, was die von dir besungenen Sterne sind und was in ihnen ist! Die aber zu Mir sagen: ‚O lieber Vater! O Du mein göttlicher Bruder!‘ die sind bei Mir und sogar in Mir. Sie besingen und preisen Mich wie wahre Kindlein ihren allein wahren Vater und betrachten Meine Größe, Macht und Stärke nicht mehr aus irgendeiner gewisserart heilig scheuen Ferne, wo sie stets eine große Kluft von Mir trennt, wie dich einst von den Sternen, die du besungen, sondern sie sind selbst auf den Sternen bei ihrem Vater im Vollgenuss jener heiligen Wirklichkeit, die von den Großsängern kaum geahnt wird!
RB|1|127|9|0|Merkst du nun diesen gewichtigen Unterschied? Ja, du merkst ihn nun schon! Und weil du ihn merkst, so bist du auch schon um vieles glücklicher als du ehedem warst; und das ist gut und recht und Mir am meisten wohlgefällig, weil es also in Meiner Ordnung ist. Du wirst gar bald an Meiner Seite die ungeheuersten Großwerke voll Wunder über Wunder zu schauen und zu genießen bekommen. Wenn du da allzeit großerhaben fragen würdest: ‚Wer fühlt es tief genug, und wer empfindet es ganz, was Gott ist!?‘ – Siehe, da würden dich dann Meine lieben Kindlein auslachen und dir sagen: ‚Aber kindisch schwacher Bruder Thomas! Was schwärmst denn du da für Unsinn zusammen!? Wer kann es ewig je tief genug und ganz fühlen und empfinden, was Gott in Sich Selbst ist! Wie kann das Endliche das Unendliche je erfassen? Siehe, das ist eine eitle Schwärmerei! Gott ist unser aller Vater, und wir lieben Ihn über alles, und Er ist bei uns und führt uns, und wir sehen Ihn, wie lieb und endlos gut Er ist! Und das ist ja bei Weitem mehr! Gott als den heilig besten Vater über alles lieben, ist ja endlos mehr wert, als Ihn läppischerweise ergründen wollen! Was wohl ist eines Menschen würdiger: sich in große Gedanken vertiefen und, so ein armer Bruder an dem Großdenker vorüberzieht, ihn dieser vor lauter großen Gedanken gar nicht bemerkt; oder die großen Gedanken Gott dem heiligen Vater überlassen und mit liebfreundlichen Augen den armen Brüdern dienstfertig entgegenkommen!? Lassen wir daher das Große den Großen über! Wir aber bleiben in der Liebe allein so hübsch klein beisammen, und wir werden glücklicher sein als die großglücklichen Großen!‘
RB|1|127|10|0|Siehe Thomas! So würden alle diese Brüder mit dir reden, und du könntest ihnen nicht unrecht geben. Daher aber bleiben wir denn auch so hübsch klein beisammen! Denn um den ganzen Himmel zu sehen, braucht man ja gerade nicht ebenso große Augen zu haben, als wie groß der Himmel selbst ist. Man erreicht dasselbe auch mit den gewöhnlich kleinen Augen! Verstehst du das?
RB|1|127|11|0|Ja, du verstehst es nun schon! Und so wollen wir nun sogleich uns an das Mahl machen, da wir uns alle nun schon in dem großen Saal befinden, wo die Tische schon bestellt sind.“
RB|1|128|1|1|Thomas im Himmelssaal. Seine Bitte für die noch im Vorsaal harrende Schar seiner früherer Gegner. Er wird mit Ehrenkleid und Weisheitshut angetan. Seine erste Aufgabe.
RB|1|128|1|1|(Am 8. Okt. 1849)
RB|1|128|1|0|Thomas verwundert sich nun, dass er, ohne es vollends wahrgenommen zu haben, sich nun schon im großen Speisesaal mit all den andern Gästen befindet, und zwar im Angesicht einer bestbestellten Mahltafel, die im Ganzen und zwar nach der Berechnung einer Kreuzform vom Max Olaf also gestellt ward.
RB|1|128|2|0|Nachdem er sich sozusagen mehr und mehr ausgewundert hat, spricht er: „Herr, Du lieber Vater! Welche Größe und welch eine namenloseste Pracht zieren doch diesen Speisesaal! O Gott, o Gott! Da hätte ja die hundertfache Bevölkerung der ganzen Erde ganz bequem Platz! Diese unabsehbaren Kolonnaden nach allen Seiten hin! Diese wahre Himmelshöhe! Die einer Sonne gleichleuchtenden Verzierungen des majestätisch gewölbten Plafonds und der dreifachen Galerien! Die hohen, vielen, alle Lichtfarben spendenden Fenster und dieser ganz reine Goldboden machen alle meine Sinne erbeben vor zu großer Bewunderung und Ehrfurcht! Wer, wer hat denn das gebaut? Oh, ich frage ja hier wie ein Blinder! Du, Du ewiger Meister der Werke, von denen die Unendlichkeit strotzt, bist der alleinige Erbauer solcher Wunderwerke! Ewig nimmer kann Dich selbst der feurigste Geist eines Cherubs, wenn dessen Wesen schon aus den hellsten Flammen Deiner Weisheit geschaffen ist, genug lieben, loben und preisen; geschweige so ein Wurm des Staubes, wie ich einer bin! O herrlich, herrlich, herrlich!!! Nein, so ein Anblick! Wahrlich, das übersteigt – ich möchte sagen – millionenfältig jede Phantasie, selbst eines tiefsinnigsten Erzengels.
RB|1|128|3|0|Ein Weiser der Vorzeit hatte recht, als er von Deiner bodenlosen Güte zu tief ergriffen, endlich laut ausrief: ‚Vater, Vater! Höre doch endlich einmal auf zu segnen! Denn so Du ein Kind züchtigst, da hast Du ein gemessenes Ziel; aber so Du es darauf als gebessert zu segnen anfängst, da hat dann des Segnens nimmer ein Ende!‘ Und beinahe möchte ich hier schon auch also auszurufen anfangen; denn solch eine nie geahnte Größe Deiner Gnade, Güte, Liebe und allerbarmenden Milde, Sanftmut und Herablassung ist für einen schwachen Geist auf einmal zu viel!“
RB|1|128|4|0|Rede Ich: „Nun, nun, schon gut, schon gut, Mein liebster Thomas! Mache nur nicht gar so viel Wesens! Ist denn für Mich das gar so was, wenn Ich ein solches Haus also werden lasse nach dem guten Maß des Herzens dessen, dem es nun vollends zu eigen gegeben ist. Siehe, das alles entspricht dem Herzen unseres auf der Erde stets unglücklichen Robert und ist noch lange das Herrlichste und Großartigste nicht, was dies ganze Haus enthält. Du wirst in der Folge noch ganz andere Dinge zu sehen bekommen. Da kannst du dann deiner Phantasie einen ganz freien Lauf lassen. Nun aber setzen wir uns allesamt zu Tisch!“
RB|1|128|5|0|Der Thomas, einen schüchternen Blick nach dem ersten Saal werfend, dessen Türe offen steht, spricht: „O Herr, Du liebevollster heiliger Vater! Da sieh einmal zur Türe hinaus! Dieses Elend! Eine sehr große Schar unglücklicher Seelen! Könnte denn nicht auch ihnen geholfen werden? Sie sind nahe alle im Grunde auch besser denn ich, darum sie mich ehedem auch als den Schlechtesten gebührlichstermaßen hinausgeworfen haben, was ich ihnen auch schon lange gänzlich verziehen habe. Vergebe ihnen auch Du, o allerbester Vater, und lasse sie alle an diesem überreichen Mahl teilnehmen!“
RB|1|128|6|0|Rede Ich: „Ja, du Mein allerliebster Bruder Thomas, wenn du Mir mit solchen Angelegenheiten deines Herzens zu kommen anfängst, da wirst du freilich bald auszurufen anfangen müssen: ‚Vater! Höre auf zu segnen!‘ – Siehe, mit diesem deinem Herzenswunsch hast du selbst wie mit einem Zug alle deine Schulden vor Mir getilgt. Und dir muss daher sogleich ein neues Strahlenkleid und ein wie die Sonne leuchtender Weisheitshut angetan werden! Robert, dort gegen Mittag siehst du einen neuen großen Schrank aus reinem Gold! Gehe hin und hole ein Kleid und einen Hut. Denn dies ist das wahre Kleid aller jener, die mit der Weisheit im gleichen Maß Liebe paaren!“
RB|1|128|7|0|Robert eilt sogleich hin und bringt zum Erstaunen aller Gäste ein noch heller strahlendes Kleid als das der Helena und einen runden Hut, ungefähr in der Form eines sogenannten Kardinalshutes, der aber überaus stark leuchtet.
RB|1|128|8|0|Als Thomas das Kleid und den Hut ersieht, so sagt er ganz bebend vor zu großer Freude: „Aber Vater, Vater! Du wunderheiligster Vater! So etwas soll mein sündigstes Wesen zieren!? O Gott, o Gott, o Du mein süßester Jesus Du! Nein, nein, das ist für ewig zu viel, zu viel! Ach dieser Glanz! Und das soll ich anziehen! Ich – einer wie sonst nicht leicht ein anderer! Du weißt es schon, was ich meine.“
RB|1|128|9|0|Rede Ich: „Ja, ja, du ob deines mir wohlgefälligen Herzens musst es anziehen! Mache nur geschwind, denn wir haben nachher noch sehr viel zu tun!“ – Thomas nimmt das Kleid und den Hut, das sich im Augenblick des Ergreifens auch schon vollkommen auf seinem Leib best angepasst befindet, worüber er sich schon wieder nicht genug erstaunen kann.
RB|1|128|10|0|Als er nun also neu bekleidet dasteht, sage Ich zu ihm: „Nun Bruder! Du bist jetzt vollendet und gesättigt mit Meiner Gnade, Liebe und Weisheit! Das Mahl hier, wie du siehst, ist bereitet; und es mangelt hier auch nicht an würdig gemachten Gästen. Aber, wie du es ehedem selbst Mir gar wohlgefällig gewünscht hast – da draußen in dem Vorsaal befinden sich bei dreitausend noch sehr arme Geister unter der Anführung eines gewissen Generals, den du wohl kennst. Dieser Mann hat ein gutes und verständiges Herz, und sein Wort ist von großer Wirkung bei seiner bedeutenden Schar. Gehe du nun mit dem Bruder Dismas, den der General auf der Welt und namentlich in Wien sehr gut gekannt hat, hinaus in den Vorsaal und suche den biedern Mann für Mich nach der Freiheit seines Herzens zu gewinnen und durch ihn dann auch die ganze große Schar. Hast du diese deine erste Mission in diesem Reich des wahren Lebens gut ausgeführt, so sollst du nach dem Mahl über Großes gesetzt werden; denn Ich sage es dir: in Meinem Reich gibt es gar viele und von dir noch nicht geahnte große Bedienstungen und Anstellungen aller Arten und Weisen. Gehe daher nun schnell! An dem Dismas wirst du einen überaus weisen Helfer haben.“
RB|1|128|11|0|Spricht Thomas: „O Du guter, heiliger Vater! Wie sehr doch sorgst du für das verlorene Schäflein, für den verlorenen Groschen und wie unbegreiflich für den verlorenen Sohn! Heil, Ehre, Preis, Ruhm und alle Liebe und Anbetung Dir allein darum ewig.“
RB|1|129|1|1|Thomas und Dismas beim General und seinen Dreitausend. Aufklärung über Jesus und den Heilsweg. Rede des Generals. Der Herr an der Türe des Lebenssaals.
RB|1|129|1|0|Nach diesen Worten nimmt er den freundlichen Dismas bei der Hand und begibt sich sogleich hinaus in den Vorsaal zum General,
RB|1|129|2|0|der sich über und über zu erstaunen anfängt, als er den ihm bestbekannten Mönch Thomas auch in dieser leuchtenden Kleidung, mit dem Dismas vor ihm, in einer allerfreundlichsten Stellung erblickt. Er reicht sogleich beiden die Hände und spricht: „Grüße euch, liebe Freunde! Tausendmal willkommen! Aber Freund Thomas, wie seht Ihr aus? Ehedem, als meine Schar wider meinen eigentlichen Willen die Hände an Euch legte, wegen dem misslungenen Vaterunser und wegen der projektierten Messe und wegen noch so manchen nicht mehr zu erwähnenden Worten, da wart Ihr ja schwarz wie ein alter Mohr, und nun leuchtet Ihr wie die Sonne. Sagt mir doch, wie denn das zugegangen ist, dass Ihr in einer so kurzen Zeit zu solch einer enormen Glorifizierung gekommen seid? Habt Ihr das denn doch durchs Messelesen erhalten und durchs lateinische Vaterunser? Das ist ja wahrlich was Außerordentliches! Habt Ihr etwa gar die Gottheit aufgefunden? O sagt, sagt es mir, welchen Weg Ihr eingeschlagen habt, dass Ihr zu solch einem wahren Heil gelangt seid?“
RB|1|129|3|0|Spricht der Thomas: „Mein schätzbarster Freund! Verspreche du mir, das ungezweifelt zu glauben, was ich dir sagen werde – so sollst auch du mit dieser ganzen Schar dich sogleich auf demselben Grund und Boden befinden, auf dem nun ich und dieser dir ebenfalls von Wien aus wohlbekannte Bruder Dismas uns befinden.“
RB|1|129|4|0|Spricht der General: „Ich erkenne es aus eurem Leuchten, dass ihr euch auf dem Boden der Wahrheit befindet; denn die Lüge kann nicht leuchten, weil sie hohl und nichts ist. Und so will ich euch denn auch aufs Wort glauben, was immer ihr mir sagen werdet. Daher redet nur geschwind, denn ich brenne vor Begierde, aus eurem Mund eine leuchtende Wahrheit zu vernehmen!“
RB|1|129|5|0|Spricht Thomas: „Gut, so höre denn! Jesus, der Gekreuzigte, ist nicht nur der Sohn des lebendigen, allmächtigen Gottes, sondern Gott, der Allmächtige, Selbst, in aller Fülle der urewigsten Allmacht und Allkraft! Durch Ihn und in Ihm ist allein das Heil und das wahre, ewige Leben zu finden und für ewig zu haben. Wende dich samt der ganzen Schar an Ihn, und es wird euch allen im Augenblick geholfen sein. Er ganz allein hat mir und diesem Bruder geholfen, ohne mein und sein Tun in eine Rechnung zu ziehen, da Er endlos gut ist und richtet niemanden. Jedem aber gibt Er, danach sein Herz sich sehnt. Wer guten Willens ist, dem wird ein Übermaß des Guten zuteil aus seinem eigenen Willen. Nun weißt du aber auch schon alles und kannst tun, was du willst! Dein höchsteigener Wille wird dein Richter sein.“
RB|1|129|6|0|Spricht der General: „Was sagst denn du, Bruder Dismas, dazu?“ – Spricht Dismas: „Was der Bruder Thomas weisest gesagt, das sage auch ich, nach der Fülle der Wahrheit.“
RB|1|129|7|0|Spricht der General: „Zwei solche Zeugen genügen! Und somit glaube ich euch alles aufs Wort. Nun aber lasst mich auch einige Worte an diese schon ziemlich geweckte große Schar richten!“
RB|1|129|8|0|Darauf wendet sich der General zu der Menge und spricht: „Habt nun alle Achtung auf das, was ich euch nun verkünden werde. Ihr alle samt mir habt es seit unserem sehr traurigen Hiersein nur zu tief und hart empfunden, in welch einem unbeschreiblich unangenehmen Zustand wir uns bisher befunden haben. Wir riefen, und niemand meldete sich, wir klagten und weinten, und es kam uns kein Tröster entgegen. Wir suchten und fanden nichts. Wir fluchten, und es tat sich kein Schlund auf, dass er uns verschlänge. Wir begannen dann auch zu beten, so schlecht wir es eigentlich nur immer zuwege bringen konnten; denn das haben wir wahrlich nie gelernt. Aber auch das Beten schien uns im Stich lassen zu wollen. Kurz und gut, uns blieb am Ende nur noch die Verzweiflung übrig. Ich tröstete euch wohl, so gut es mir nur immer möglich war. Aber was half das alles, so sich der Tröster bei sich bei Weitem unglücklicher fühlen musste als wie die es waren, die er tröstete.
RB|1|129|9|0|Als mich selbst nun schon aller Mut samt irgendeiner Hoffnung zu verlassen anfing, da sandte die Gottheit, die von uns lange verbannte und nicht geglaubte, uns allen zwei Retter, und zwar uns wohlbekannte! Diese verkünden uns die nahe Rettung durch die alleinige Annahme der einzigen Gottheit Jesu Christi, des Gekreuzigten! Was hindert uns hier, wo wir doch bei Gott nichts zu verlieren noch etwas zu gewinnen haben, alles das treuherzigst anzunehmen und fest zu glauben, was diese zwei lichtumflossenen Freunde uns sagen. Schlechter als es uns hier bis jetzt ergangen ist, kann es uns wahrlich in einer barsten Hölle nicht ergehen. Wir haben dadurch nur eine – nach diesen zweien zu urteilen – gegründete Hoffnung auf die mögliche Verbesserung unseres Loses zu überkommen; und das ist ja schon in sich selbst etwas Ungeheures gegen unsere nunmalige verzweifelte Lage.
RB|1|129|10|0|Bedenkt das von mir zu euch allen freundlichst Gesagte, und tut danach! Schaden kann es uns ewig keinen bringen! Zudem übt an uns hauptsächlich jener Pater, den ihr früher hinausgeworfen habt, den Akt dieser Freundschaft aus. Der wird uns am wenigsten belügen, indem er ehedem lange genug das herbe Los mit uns geteilt hat und daher in seinem jetzigen, sicher sehr glücklichen Zustand nur zu gut empfindet, wie es uns, seinen früheren Genossen, zumute sein kann, uns in solch einem miserabelsten Zustand zu befinden, und das durch eine vielleicht schon kaum mehr messbare Zeitdauer. Und so, Freunde, aut Caesar, aut nihil (entweder alles oder nichts) – Jesus Christus für unsere Herzen um jeden Preis!“
RB|1|129|11|0|Die ganze Schar schreit: „Ja, ja, lieber General! Wir alle sind ganz Ihrer Meinung! Was Sie sagen und wollen, das werden wir auch tun! Jesus Christus, der uns helfe, um jeden Preis! Hilft Der uns nicht, so sind wir verloren und rein hin!“
RB|1|129|12|0|Spricht der General zum Thomas: „Freund! Vergebe es mir, so ich dich von nun an auch als kein General mehr, sondern als ein Bruder anrede! Denn ich meine, dass alle die weltlichen Titulaturen hier für mich zu Ende sein werden. Also noch einmal, liebster Freund und Bruder! Du hast nun selbst vernommen, wie schnell diese ganze große Schar, die aus allen möglichen nationalen Elementen zusammengesetzt ist, sich wie ein Mann für die allein gute Sache erklärte! Jesus ist ihr, wie mir selbst, nun alles in allem! Was geht uns nun noch ab, das wir zu erreichen trachten müssen, um Jesus, dem Herrn von Ewigkeit, nur etwas würdiger zu werden, als wir es nun sind?“
RB|1|129|13|0|Spricht Thomas: „Es steht geschrieben: ‚Wer an den Sohn Gottes glaubt und dass Er Selbst ist und gibt das ewige Leben, der wird selig werden.‘ Ihr aber glaubt es nun und werdet deshalb auch pur durch Seine Gnade selig. Aber etwas geht euch noch ab, wie ich es so aus deinen Äußerungen entnehme, die wohl recht sehr gläubig klingen aber dabei doch etwas lebenstrocken sind! Dieses Abgängige aber ist die Liebe eben zu Jesus, dem Herrn! Öffnet Ihm euer Herz! Lasst es in aller Liebe erbrennen zu Ihm, und Er wird euch Selbst – ich sage es euch, so ihr's wollt, tausendmal auf mein ewiges Leben – wahrlich, wahrlich entgegenkommen und wird euch aufnehmen und weiter führen. Denn Seiner Güte und Seiner Liebe und Erbarmung hat es ewig kein Ende!“
RB|1|129|14|0|Spricht der General: „Freund, wohl klingen unsere Worte etwas rau, und trocken scheint ihr Sinn zu sein; aber sie kommen aus einem wahren und aufrichtigen Herzen. Und so kannst du versichert sein, dass unsere Herzen dem Herrn Jesus sicher wärmer entgegenschlagen werden, als die so mancher feinen Christen, die recht viel und schön denken und erhaben sprechen aber dabei sehr wenig fühlen. Wir haben schon auch noch etwas Verstand, aber freilich nicht von sehr hoher und feinster Bildung; dafür aber desto mehr Herz auf der Zunge. Und ich meine, das wird dem Herrn der Herrlichkeiten doch auch nicht unangenehm sein. Du kannst somit denn auch vollauf versichert sein, dass wir in der Liebe zu Gott Jesus, dem Herrn, nicht schwächer sein werden als in unserem nun kernfestesten Glauben an Ihn! Du hast nun auch diese unsere Zusicherung, die durchaus auf festem Grund steht. Sage, was geht uns noch ab?!“
RB|1|129|15|0|Spricht nun Dismas: „Es geht euch allen nun nichts ab! Daher sage es der ganzen Schar, sie möge ihre Augen auftun und sehen auf die offen stehende große Türe, die aus diesem Saal in den großen anstoßenden Lebenssaal führt. Dort steht Er schon mit weit ausgebreiteten Armen, um euch alle aufzunehmen in das große Reich Seiner Gnade und Erbarmung!“
RB|1|129|16|0|Hier wendet sich der General schnell nach der klarst ersichtlichen offenen Türe und sieht und erkennt Mich sogleich. Von der größten Freude ergriffen, ruft er mit einer echten Kommandantenstimme aus: „O Du angebetetster Herr über alle Himmel und Welten! So, so endlos herablassend kommst Du Erhabenster uns Elenden entgegen! O Du Heiliger, Heiliger, Heiliger! Brüder und Schwestern! Hebet empor eure Augen und schaut! Der Herr, Gott, Jesus, der für uns am Kreuz den größten Heldentod starb und am dritten Tag aus höchst eigener Macht wieder vom Tod erstand als ein Sieger aller Sieger, kommt uns entgegen! Fallt nieder, und betet und lobt Ihn aus der tiefsten Tiefe eures Herzens! Nun sagt lebendigst: O unser heiliger Vater, der Du kommst aus Deinen Himmeln zu uns armen Sündern, hochgelobt, gepriesen und geheiligt werde Dein heiligster Name! O vergebe uns unsere Sünden und strafe uns nicht nach unseren schlechten Taten, sondern lasse uns Deine heilige Gnade nach dem Maß Deiner Erbarmung anstatt des strengen Gerichtes angedeihen! Dir, o Herr, Vater Jesus, sei ewig allein all unsere Liebe, Ehre, Ruhm und Preis!“
RB|1|130|1|1|Die Schar vor dem Herrn. General Theowalds Lebensweg zu Gott. Geheimnis des Erdendaseins im Jenseits beantwortet. Jesu Licht- und Lebensworte.
RB|1|130|1|0|Bei diesen Worten des Generals richtete alles die Augen nach der großen Saaltüre und fällt bei Meinem Anblick sogleich auf die Knie nieder und betet, lobt und preist Mich, so gut es nur immer gehen kann bei der völligen Unkultur der Seelen, die hier freilich einem noch sehr unverdorbenen Geist zur Wohnung dienen und daher auch in diesem Zustand mehr Gefühls- als irgendein Verstandesleben verraten. Ich belasse sie eine kurze Weile in diesem ihrem höchst andächtig erbaulichen Zustand, damit sie sich in ihrem Innern sammeln können.
RB|1|130|2|0|Den General aber berufe Ich zu Mir. Er entschuldigt sich zwar mit seiner Unwürdigkeit, Mir näher treten zu können; Ich aber verweise ihn auf den Zachäus des Evangeliums, der ein großer Sünder war – Ich aber dennoch in seinem Haus einkehrte und mit ihm das Mahl hielt!
RB|1|130|3|0|Auf diese Belehrung bekommt er denn sobald mehr Mut, nähert sich Mir aber wohl mit der höchsten Ehrfurcht und spricht, bei Mir angelangt: „O Herr, vergib, vergib mir und uns allen unsere große Dreistigkeit, dass wir es auch nur wagen können, Deiner endlosesten Heiligkeit ins Angesicht zu schauen! Aber was können wir armen Geschöpfe dafür, dass das Verhältnis zwischen uns und Dir, dem ewigen Schöpfer, gar ein so entsetzlich armseliges und völlig nichtiges ist. Wir alle zusammen sind vor Dir, o Herr, ein vollkommenes Nichts, und Du allein bist alles in allem! Es ist schon eine unglaubliche Seligkeit, dass ein Geschöpf, das auf der Erde bloß für die Vergänglichkeit geschaffen zu sein schien, denn doch nach dem Wegfall des Fleisches einmal in den Zustand jenes Dich schauenden Vermögens gelangen mag, das auf der Erde, wenigstens bei mir, kaum geahnt, geschweige geglaubt ward! Was soll ich hier wohl noch Größeres wünschen können! O Gott, Du endlos Erhabener! Welch eine Wonne durchströmt hier mein ganzes Wesen, dass ich Dich endlich einmal sehe und die heiligst allmächtige Stimme Deines Mundes vernehme!
RB|1|130|4|0|O wie oft fragte ich auf der Erde: ‚Gibt es einen Gott oder gibt es keinen? Und, so es einen Gott gibt, wo ist Er, wie kann Er aussehen? Ist der jüdische Lehrer Jesus wohl, was die Legenden von Ihm aussagen? Er, ein Mensch wie unsereiner, soll Gott sein? Gott?! Der den unendlichen Raum mit zahllosen Myriaden von Geschöpfen und Wesen aller Art aus Ihm Selbst erfüllt hat, der der Sonne das Licht gab, der das Meer der Erde in seinem großen Bett hält, den Winden und Stürmen gebietet und die zahllosen Sterne in den endlosen Fernen kreisen macht?‘ Aber auf alle diese schönen und sicher wichtigsten Fragen bekam ich nimmer eine meine Seele befriedigende Antwort; und der eitlen Frage Klang verschwamm im großen Meer der die Erde umgebenden Luft, und ich horchte vergebens einer Antwort entgegen. Denn der Himmel war verschlossen, und der Sterbliche fragte vergeblich nach dem ewig Lebendigen. Nur irdische, selbst sterbliche Menschen bemühten sich manchmal, mir eine andere Meinung von Gott beizubringen. Sie erzählten mir Deine irdischen Wundertaten, die wie Märchen klangen und daher auch viel zu schwach waren, meinem forschenden Geist das zu geben im Vollmaß, danach er forschte! Kurz, ich suchte und fand nichts! Ich fragte und bekam nichts, das ist – keine Antwort! Ich klopfte auch überall an, aber es war nirgends jemand darinnen, der zu mir der verlangten großen Wahrheit gemäß gesagt hätte: ‚Tritt herein, Freund, hier sollst du finden, was du suchst!‘
RB|1|130|5|0|Und so kam ich endlich denn auch sozusagen gänzlich um allen Glauben an einen Gott! Alles ward dann ein Werk des Zufalls durch die stumm wirkenden Kräfte der Natur. Und das warf mich dann aber auch in den Wirbel der Weltereignisse, in denen ich eben den irdischen, bösen Tod fand, der mir die Pforte, die ich nicht geahnt hatte, zu diesem Leben öffnete. Und nun bin ich hier und schaue ein anderes Leben und schaue auch Dich, der Du allein mir das Leben gabst! O Wonne, o Wonne! Das Reich des vielen Fragens ist zu Ende, und in Dir, o Herr, steht nun die große, lebendige Antwort für ewig vor mir! Ja, so ist es – das Erdenleben ist nichts als eine große Frage, die aber erst hier beantwortet wird! O dank Dir, ewiger dank Dir, darum Du des Wurmes im Staub gedenkst!“
RB|1|130|6|0|Rede Ich: „Mein lieber Theowald! Des Lebens Verhältnisse auf der Erde sind andere, wie die dieser geistigen, ewig unvergänglichen Welt. Aber sie müssen so sein, damit aus ihnen dieses wahre, vollkommene Leben werden kann. Freilich wohl ist ein jeder noch im Fleisch lebende Mensch berufen, schon auf der Erde durch die genaue Beobachtung Meines Wortes, das da hauptsächlich in den bekannten vier Evangelien geschrieben steht, die Bahn zu brechen, um sich dieses vollkommenen Lebens zu versichern. Aber da ein jeder Mensch, um ein ewig lebender Mensch zu werden, auch seinen freiesten Willen hat und haben muss, so geschieht es denn, besonders in dieser Zeitenfolge, nur zu leicht und häufig, dass sich die Menschen ihre Ohren von der Sirenenstimme der Welt übertäuben lassen, und blenden ihre Augen vom trügerischen Licht des Weltglanzes.
RB|1|130|7|0|Sogestaltig kommen dann solche Menschen auf der Welt aber auch schwer oder oft auch wohl gar nicht dahin, wozu sie berufen sind, sondern gerade dahin, wohin sie eigentlich gar nicht kommen sollten, nämlich zur Eigenliebe, Selbstsucht, Herrschlust, Habsucht, Geiz, Neid, Fraß, Völlerei, Wollust, Unzucht und Hurerei! Diese Stücke aber verzehren das Leben, statt dass sie dasselbe mehrten. Und so kommt es dann, dass es nach der Ablegung des Fleisches gar vielen so ergeht, wie es dir und deiner Schar ergangen ist. Sie müssen dann in dieser Welt sehr verlassen werden von allem, was je ihre rohen Sinne zu sehr beschäftigt hatte, und müssen sehr elend werden, damit sich ihr Leben in solch geistiger Einöde und Wüste wieder sammeln und finden kann. Hat es sich gefunden, so wie das eurige nun, dann kommt auch die Hilfe, die da vonnöten ist – aber doch so, dass sie nicht als aufgedrungen, sondern als rein von den Bedürftigen selbst verlangt erscheint!
RB|1|130|8|0|Aus dem Grund sagte dir auch Mein Bote Thomas, dass dein Wille der alleinige Richter und Geber von allem ist, was du willst, Gutes oder Schlechtes. Du verlangtest aber danach Gutes und verlangtest Mich Selbst und siehe, so steht nun vor dir wahrst und lebendigst, was du in deinem Herzen wolltest. Von nun an erst wird dir Mein besonderer Wille kundgetan werden. Wirst du diesen zu deinem eigenen machen, so wirst du leben ein wahres seligstes Leben! Gehe und künde solches auch deiner Schar!“
RB|1|130|9|1|(Am 13. Okt. 1849)
RB|1|130|9|0|Der General Theowald tut solches sogleich, und die ganze Schar nimmt das alles ganz unbedingt wie ein Militärkommando an und fügt sich in allem, was der General Theowald von ihr verlangt. Als er sogestaltig seinen Auftrag bald und gar sehr leicht ausrichtet, kommt er schnell wieder zurück und sagt: „Herr, Vater, Gott Jesus von Ewigkeit! Es ist geschehen, was Du von mir und durch mich auch von der ganzen Schar verlangtest! Dein allein heiligster Wille sei unser ewiges Gesetz! Da Du sagtest, uns allen erst nun Deinen besonderen Willen kundzutun, so bitten wir Dich, o Du heiligster, erhabenster, weisester und liebevollster Vater, nun darum! Wir alle beteuern es Dir auf das Gewissenhafteste, dass wir von Deinem einmal vernommenen Willen in unserem eigenen Walten und Handeln nie auch nur ein Häkchen werden fallen lassen!“
RB|1|130|10|0|Rede Ich: „Nun, nun, es macht Mir eine rechte Freude, von euch allen wie aus einem Munde das zu vernehmen! Aber dessen ungeachtet solltet ihr euch denn doch ein wenig prüfen, ob ihr wohl schon fähig seid, alles, was Ich will, in euren Herzen als willkommen und dadurch dann auch erst als vollkommen ausführbar anzunehmen!“
RB|1|130|11|0|Spricht der General Theowald: „O Herr, wer wohl kennt es besser als Du, wessen unsere Herzen fähig sind! Daher überlassen wir dies alles für ewig Dir ganz allein! Denn Du wirst uns sicher nicht mehr aufbürden, als was wir zu fassen und zu tragen imstande sind. Daher werde von uns auch nichts anderes erwogen, als ob wir wohl insoweit als würdig von Dir angesehen werden, um Deinen heiligsten, besonderen Willen in unsere noch sehr unreinen Herzen aufzunehmen. Denn wie ein Judas möchten wir wohl durchaus nicht unsere unlautersten Hände in das große Heiligtum Deines lebendigen Willens tauchen, um uns dadurch leicht möglicherweise den ewigen Tod zu holen. Ich meine, dass für uns alle zuvor noch eine ganz tüchtige Läuterung vonnöten sein wird, bis wir würdig werden, von Dir, o heiligster Vater, den heiligsten Willen zu vernehmen.“
RB|1|130|12|0|Rede Ich: „Meine lieben Kinder! Ich muss es euch offen bekennen, obschon ihr nahe sämtlich Kinder der Welt seid, so seid ihr aber dennoch in vielem klüger als die Kinder des Lichtes. Ihr habt Mich so ganz beim rechten Fleck gepackt und habt euch dadurch so manches erspart, das ihr sonst noch notwendig hättet zu bestehen gehabt. Aber weil ihr so klugen Herzens seid und weil ihr so viel Liebe und Volltrauen zu Mir in euren Gemütern aufkeimen lasst, so soll euch auch vieles erlassen werden. Seid aber froh, dass ihr auf der Erde keine Diktatoren wart; denn diese werden Mich in einem ganz anderen Gewand zu Gesicht bekommen! Erhebt euch nun alle und hört, was Ich nun zu euch sagen werde:
RB|1|130|13|0|Der Größte unter euch sei euer Diener und Knecht; und die gegenseitige, tatsächliche Liebe sei euer aller Gesetz. Thomas und Dismas seien eure Lehrer, und ihre Worte betrachtet als die Meinigen und tut danach, so werdet ihr fähig werden, vollends in Mein Reich einzugehen! Liebt sie als eure intimsten Freunde und Brüder; denn ihnen ist es von Mir gegeben, euch den wahren Weg in das ewige Leben zu führen. Diese werden euch auch mit allem versehen, was euch vorderhand nottut!“
RB|1|131|1|1|Das große Mahl. Der General und sein Freund Kernbeiß über die göttlichen Wunder. Thomas dankt ihnen für die frühere Kur. Blick auf die irdische Hölle.
RB|1|131|1|0|Nach diesen Worten trete Ich wieder aus der Türe und beordre den Robert, dass er mit Hilfe der ehemaligen Tänzerinnen eine hinreichende Menge Brot und Wein an die beiden Lehrer Thomas und Dismas ausfolgen soll, die dann diese Stärkungen an die neuen Gäste verteilen sollen. Robert tut das sogleich, und als die Gäste draußen auf diese Art zu solch einer Stärkung kommen, da hört man nichts als Jubel über Jubel und Lob und Preis von allen Seiten. Die beiden Lehrer aber treten nach der Verteilung auf einen Wink von Mir ebenfalls in den zweiten Saal, allwo auch wir das schon bereitete Mahl miteinander halten.
RB|1|131|2|0|Die neuen Gäste aber können sich nicht genug verwundern, wie es denn doch möglich war, dass sie alle so schnell allerbestens bedient haben werden können. Ein nächster Freund des Generals Theowald spricht darob folgendes: „Lieber Freund, aber wie kommt Ihnen – nein, nein, dir wollt ich sagen, denn hier sind wir ja alle gleich – also, wie kommt es dir vor, dass wir alle, sicher über dreitausend an der Zahl, von unseren zwei Brüdern, nämlich vom ehemaligen Mönch und dem uns aus alter Zeit her schon bekannten Dismas, wie auf einen Schlag mit Brot und Wein reichlichst versehen haben werden können? Ehedem brachte, wie ich's bemerkt habe, nur, so ich mich nicht irre, der berüchtigte Robert Blum mit etwa ein paar Dutzend gar verzweifelt schönen Maiden etliche Flaschen Wein und so auch etliche Laibe Brot. Ich dachte mir dabei, besonders als die beiden Brüder ganz allein die Verteilung übernahmen: No, bis die zwei diese wenigen Flaschen und die wenigen Laibe Brot werden an alle mathematisch genau wie beim Militär ausgeteilt haben, da werden die ersten schier schon wieder hungrig und durstig sein, so die letzten zur Beteilung kommen werden. Aber dem war es wunderbarst ganz anders. Wie durch irgendeinen Zauberschlag hatte ein jeder von dieser ganzen Schar einen guten Becher voll Wein und ebenso ein ganz respektabelstes Stück des allerwohlschmeckendsten echten Himmelsbrotes in seinen Händen! Und die etwa im Ganzen bei dreißig Flaschen Wein waren richtig geleert und vom Brot der letzte Laib bis aufs letzte Brodsaml verteilt. Nun sage du mir und eigentlich uns allen, wie diese Sache auf einem nur halbwegs begreiflichen Naturwege möglich war?! Mir ist das ein Rätsel, so wahr ich lebe, über alle Rätsel!“
RB|1|131|3|0|Spricht der General: „Ja du mein lieber Freund Johann von Kernbeiß, wie man dich auf der Erde nannte, du forscht schon wieder zu viel! Denke du dir die göttliche Weisheit und Allmacht hinzu, so wird dir so was ohne allen Anstand begreiflich sein. Hast denn du auf der Erde alles begriffen, was du da gesehen und erlebt hast? Wer spannte deine Lunge, so du atmetest!? Wer machte dein Herz pochen und die Pulse schwellen!? Wer kochte in deinem Magen die zu dir genommenen Speisen!? Wer sonderte die Lebensteile vom Unrat!? Wer machte, dass du gewachsen bist!? Und wer sperrte dir das Wachstum!? Wer baute die Augen und wer das Ohr!? Und wie hat solcher Dinge Meister das alles zuwege gebracht, und welcher Mittel hat Er sich dazu bedient!? Siehst du, all diesen und noch tausend anderen Wundererscheinungen sahen wir sogar schon auf der Erde sozusagen täglich ins Angesicht! Aber da wir uns an sie schon von Jugend an, wo wir noch gar nichts dachten, gewöhnt haben, so wie ans nicht viel Denken, so ist uns das wahrhaft Wunderbare bei all diesen Erscheinungen auch gar nie aufgefallen und konnten wir gar leicht ganz gleichgültig darüber hinausgehen.
RB|1|131|4|0|Aber hier, wo wir nun aller lästigen Materie bar sind und unser Denkvermögen desto ungestörter seine Tätigkeit auszuüben imstande ist, da freilich müssen uns alle Erscheinungen dieser Welt umso mehr in ein gerechtes Erstaunen setzen, inwiefern wir auch fähiger sind, das wahrhaft Wunderbare an einer Erscheinung schneller zu bemerken, und darüber in ein gerechtes Erstaunen zu geraten. Aber dass wir uns dabei und darob unsere Köpfe zerbrechen sollen, um die Möglichkeit solcher Dinge mathematisch erwiesen zu begreifen, siehe Freund Johann von Kernbeiß, das wäre eine barste Torheit! Ist es zu unserem ferneren Heil vonnöten, so werden uns unsere zwei Lehrer, die jetzt auch, wie ich's durch die offene Türe sehe, ein stärkendes Mahl zu sich nehmen, schon belehren. Ist aber solch eine Belehrung zu unserem Heil nicht absolut nötig, so ist's genug, dass wir das wissen, dass einem allmächtigen Gott alle Dinge möglich sind. Denn siehe, ich halte alles für ein unerforschliches Wunder! Wollte man nun von all den zahllosesten Dingen und Erscheinungen den Grund wissen, so würde man ja ewig damit nimmer zu einem Ende kommen, und das wäre doch eine Arbeit non plus ultra zu nennen!
RB|1|131|5|0|Da sieh nur einmal diesen meinen Finger an, wie er sich nach allen Seiten ganz bequem bewegen lässt; ist das nicht auch ein Wunder? Wer wird aber darüber zu grübeln anfangen wollen und am Ende doch kein sicheres Resultat herausbringen. Gott hat es so eingerichtet, und das ist genug! Mehr brauchen wir nicht zu wissen und zu begreifen. Gott, der Herr, hat uns allen aus Seiner Liebe und Erbarmung wunderbar des besten Brotes und Weines zukommen lassen, und das in einer hinreichendsten Menge. Und wir haben uns daran – Ihm allein alles Lob! – zur seligsten Übergenüge gesättigt und gestärkt. Was brauchen wir nun noch dazu zu wissen, wie Er das so wunderbar angestellt hat? Ich hielte so etwas für eine eitel läppische Neugierde. Danken wir aber dafür dem allmächtigen und allgütigen Geber, so werden wir Ihm auch sicher wohlgefälliger sein, als so wir Ihn mit der Weisheit aller Engel erforschen und zergliedern möchten!“
RB|1|131|6|0|Spricht der Johann von Kernbeiß: „Du hast ganz vollkommenst recht, und ich bin da auch ganz deiner Meinung! Aber überraschend wunderbar bleibt die Sache dennoch immer!“ – Spricht der General: „O allerdings, das wird dir auch kein Engel in Abrede stellen. Aber wir sind nicht da, um sie zu erforschen, sondern um sie zu bewundern und dankbarst zu genießen!“
RB|1|131|7|0|Spricht Johann Kernbeiß: „Du bist demnach durchaus nicht für einen geistigen Fortschritt?!“ – Spricht der General: „O Freund, da irrst du dich sehr, so du aus dieser meiner Rede zu entnehmen scheinst, dass ich darob wider einen geistigen Fortschritt wäre, weil ich mich in keine zwecklose Untersuchung einer wunderbaren Erscheinung einlassen will. Oh, ich liebe nichts so sehr als eine geistige Vollkommenheit; aber ich eifere nur gegen solche Bestrebungen des Geistes, die nicht in seine Sphäre wenigstens vorderhand taugen. Warte du nur ein wenig ab, bis unsere zwei Lehrer wieder zu uns kommen werden. Die werden dir sicher mehr über dein Petitum [Anliegen] sagen können als ich. So ich dir aber mehr sagen möchte, als ich weiß, da wäre ich entweder ein eitler Narr oder ein lügenhafter Großsprecher, der überall der Weiseste sein will, im Grunde aber bei sich selbst die Reife in ein Narrenkollegium sicher recht deutlich wahrnehmen muss.
RB|1|131|8|0|Da sieh, die beiden kommen schon! Der eine ganz schlicht und ohne vielen Glanz, das ist der Dismas – und Thomas mit einem wahren Sonnenlicht. Ich werde dich ihnen sogleich als einen sehnsüchtigsten Forscher in der Weisheit Gottes aufführen, so es dir genehm ist.“
RB|1|131|9|0|Spricht Johann Kernbeiß: „O ich bitte dich, liebster Freund, tue du nur das nicht! Denn weißt du, unsere Besprechung soll ganz unter uns bleiben! Was braucht da die ganze himmlische Gesellschaft davon in die Kenntnis gesetzt zu werden. No, die beiden würden ganz kuriose Augen machen, so ich ihnen mit einer solchen Frage käme. Daher sei du davon nur lieber ganz still! Ich bin nun schon ganz vollkommen deiner Meinung und werde auch bei ihr verbleiben! Aber nur nichts sagen diesen zweien davon!“
RB|1|131|10|0|Thomas und Dismas treten nun wieder in diesen ersten Saal zu der großen Schar. Und der General Theowald in Gesellschaft seines Freundes Johann Kernbeiß treten ihnen freundlichst entgegen und sprechen im Namen der ganzen großen Schar den rührendsten Dank gegen den Herrn der Herrlichkeit für solch eine allerkostbarste Bewirtung aus. Der Johann Kernbeiß bemerkt noch insbesondere, wie das alles so überraschend wunderbar schnell vor sich gegangen sei.
RB|1|131|11|0|Der Mönch Thomas aber erwidert den herzlichen Dank dem General Theowald darum, dass er nebst dem Herrn hauptsächlich der kräftigen Zurechtweisung von Seiten des Generals seine gegenwärtige geistige Vollendung zu verdanken habe, und nach ihm der gesamten Schar, die ihm den guten Dienst erwies, dass sie ihn wegen seiner großen Dummheit hinauswarf. Darauf sagt der Johann Kernbeiß: „Liebster Freund, nur davon rede nichts mehr! Denn ich war auch einer von denen, die dich hinausgeschoben haben. Aber was einmal geschehen ist, das kann man leider nicht mehr ungeschehen machen. Mich hat es schon tausendmal gereut. Aber der Mensch, ob Geist oder Fleisch, kommt dann manchmal in eine solche Hitze, wo er sich dann selbst nicht mehr kennt und oft nimmer weiß, wessen Geschlechts er ist. Es sollte so was nach den weisesten Gesetzen Gottes freilich wohl nie stattfinden; aber leider findet es denn manchmal sogar unter den sonst besten Menschen statt. Aber ich meine, so die Menschengeister dann ihre gegenseitigen Fehltritte aneinander so viel als nur immer möglich wieder gut machen, und sich gegenseitig um Vergebung bitten und die Hände der Freundschaft zu einem ewigen Bund reichen, dann wird auch der liebe Vater der Himmel dazu kein gar zorniges Gesicht machen.“
RB|1|131|12|0|Spricht Thomas: „Ganz natürlich! So die Menschen untereinander in der Ordnung sind, da sind sie es auch vor Gott! Denn Gott der Herr will ja von den Menschen nichts anderes, als dass sie eben untereinander als wahre Brüder und Schwestern leben sollen, dass sich keiner über den andern erheben soll, und keiner des andern Richter sein. Wir beide aber haben ohnehin gegeneinander nie etwas gehabt und haben uns daher auch nichts zu verzeihen. Dass du mich aber früher schon hier in dieser Geisterwelt ein wenig hinausschummeln halfst, das hat auf unsere alte irdische Freundschaftsordnung ohnehin nicht den allergeringsten Bezug, und dadurch schon umso weniger, weil du mir dadurch nur einen entschieden besten Dienst geleistet hast, ohne den ich vielleicht noch jetzt über den ganzen Kopf und Hals in meiner mönchischen Dummheit steckengeblieben wäre, in der ich euch allen noch so manchen Ärger hätte bereiten können, während ich euch nun für alle die an euch begangenen Dummheiten durch die Gnade des Herrn vielfach wiedergutmachen kann und sogar wieder gut machen muss, nach der Aufforderung meines eigenen Herzens.
RB|1|131|13|0|Wie viel Dummes habe ich euch auf der Erde vorgemacht und vorgeschwätzt, sodass es nun hier sogar noch einige unter euch geben dürfte, die noch von einer oder der andern der vielen Dummheiten, die ich euch als ein Priester vormachte und vorschwätzte, befangen sein können. Aber alles dieses wird hier von mir an euch vielfach wiedergutgemacht werden. Dummheiten sollen vernichtet werden, und an ihre Stelle sollen, so viel es nur immer in meinen Kräften steht, weise Belehrungen treten. Der aber, der mir dieses rein himmlische Amt gegeben hat, stärke euch und mich zu diesem schönsten Zweck!
RB|1|131|14|0|Durch die große Gnade des Herrn ist mir das Vermögen erteilt worden, dass ich auch sehen kann, was nun auf der Erde und namentlich in unserem irdischen ersten Vaterland geschieht. Auch ihr werdet bald Kunde von einigen hier bald eintreffenden neuen Ankömmlingen erhalten. Ich sage es euch, wie ich es sehe und wie es mir der Herr Selbst offenbart: Die Großen, die schon sehr klein waren, haben am Blut ihrer Brüder eine gute Mast gefunden und sind wieder fett und stark geworden. Statt dem Herrn zu danken für den Sieg über ihre vermeinten armseligen Feinde, wissen sie nun vor Übermut, Stolz, Hochmut und Rache nicht, was sie tun sollen. Der Satan, solches wohl merkend, schiebt ihnen die ganze Hölle auf die Schaubühne der Weltpolitik unter die Füße. Und sie ergreifen die Hölle und wirtschaften nach deren Prinzipien!
RB|1|131|15|0|‚Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet! Und verdammt niemanden, auf dass ihr nicht verdammt werdet! Seid barmherzig, so werdet ihr auch wieder Barmherzigkeit finden!‘ Das sind des Herrn allerernsteste Mahnungen und Gesetze, die Er den Menschen auf der Erde gab. Aber trotz allen diesen ernstesten göttlichen Mahnungen und Gesetzen tun die Mächtiggewordenen mit ihren Brüdern nun, was sie wollen. Sie richten, verurteilen, verdammen und töten nun nach ihrem Wohlgefallen, da sie im Besitz der äußern Macht sind. Von solchen in der jüngsten Zeit grausam Ermordeten werden nun bald mehrere hier anlangen und werden ein großes Klagegeschrei anfangen. Diese müsst ihr sogleich zu euch nehmen und sie trösten und beruhigen, so werdet ihr ein erstes himmlisches Werk verrichten.“
RB|1|132|1|1|Eine Schar Hingerichteter kommt an. Der Führer gibt ihre Geschichte kund. Philosophie eines Gott- und Rücksichtslosen.
RB|1|132|1|1|(Am 18. Okt. 1849)
RB|1|132|1|0|Als Thomas noch kaum solche seine Belehrung an die große Schar beendet hatte, wird von draußen her schon ein mächtiges Schreien und Heulen vernommen. Thomas ermahnt die Schar zur Aufmerksamkeit und sagt: „Wie ihr es nun vernehmt, so geht das schon in die Erfüllung, was ich euch soeben durch die Gnade des Herrn verkündigt habe! Eine schrecklich zerstörte Schar naht sich diesem Haus. Wir vernehmen nun ein mächtiges Schreien und Heulen. Die da kommen, müssen sehr bedrängt und im höchsten Grad beleidigt worden sein. Es sind Seelen unbarmherzigst Hingerichteter; sie kommen näher und näher. Daher heißt es nun sehr aufpassen, dass wir ihre Worte nicht überhören! Nun still, Freunde! Sie eilen schon durch die große Gartenstraße herein. Ein Mann, ganz düstern Ansehens, in eine schwarze Samtbluse gehüllt, das Haupt mit einem blauen mit Gold gestickten Käppchen geschmückt, schreitet nahe wie ein Betrunkener voran, und etliche dreißig folgen ihm. Hinter ihnen bemerke ich wie Flammen. O das sieht ganz entsetzlich aus! Aber nun still!“
RB|1|132|2|0|Der düstere Führer macht halt, wendet sich um, und mustert seine Gesellschaft und spricht nun zu ihr: „Da sind wir nun voll des höchsten Elends, voll des höchsten Jammers. O meine arme Gattin! Dein Schatten in Gestalt rachesprühender Flammen eilt vergeblich dem schändlichst gemordeten Gatten nach. Es hat sich die ganze Hölle wider ihn verschworen und ihn in ihre ewig todbringende Tatze gefasst, um ihn ewig nimmer auszulassen. O ihr meine lieben Freunde! Ihr schreit und heult umsonst in dieser finsteren Qualwelt. Eine übergeraume Zeit flohen, schrien und heulten wir schon; aber von keiner Seite her kommt uns irgendeine Hilfe oder irgendein Trost entgegen. Es gibt keinen Gott und keine Vergeltung! Ihr schreit umsonst um Rache gegen unsere Mörder. Denn gäbe es einen allgerechten Gott, so könnte Er ja doch unmöglich es je zulassen, dass auf der von mir aus für ewig verfluchten Satanserde solche Gräuel von elendsten Menschen wieder gegen Elende verübt werden!
RB|1|132|3|0|Was taten wir denn, das da des Todes würdig wäre? Wir wollten nur, was uns unser Kaiser und König versprach und auch wirklich gab. Und weil wir das wollten und das Gegebene von heute auf morgen doch nicht gleich feigen und fratzisch-dummen Buben auf ein kaiserliches Obverlangen konnten so mir und dir nichts fahren lassen, ohne zur Kenntnis gelangen zu dürfen, warum? – so fragten wir und wurden durch die Frage zu Rebellen und Hochverrätern. Wir wehrten uns gegen eine solche Zumutung zuerst moralisch und darauf auch physisch. Da zog man gegen uns zu Felde mit der Macht zweier Kaiser und hätte uns nicht besiegt, wenn man nicht alle erdenklichen Mittel aufgeboten hätte. Wir ergaben uns nicht aus Gnade und Ungnade, sondern gegen von Seiten Russlands garantierte Amnestie. Und da – als Staatsverbrecher Hingeschlachtete haben wir sie nun!
RB|1|132|4|0|O du verfluchte Erde mit all deinen Menschen und Herrlichkeiten! Wer auf diesem Satansboden reich genug, mächtig genug und grausam genug sein kann, der hat auch das volle Recht für sich und kann alle als Verbrecher hinmorden lassen, die sein Gewaltrecht nicht als wirkliches, die Menschheit wahrhaft beglückendes Recht annehmen wollen. Recht haben sie, dass sie uns gemordet haben. Sie wussten, wie man den Satansboden bearbeiten muss, um auf demselben sich eine Glückseligkeit zu schaffen auf Kosten von Millionen von armen Grasfressern. Hätten wir das schon lange getan, so wären wir im selben Recht, das wir zu unserem Besten uns selbst geschaffen hätten. Aber so sind sie uns zuvorgekommen und haben nun auch alles Recht für sich, und wer wird ihnen, die nun mächtig sind, Unrecht geben?
RB|1|132|5|0|So es einen Gott gäbe, der könnte es tun. Da es aber ewig keinen Gott gibt, so sind sie frei und können tun was sie wollen. Jede Grausamkeit ist recht, weil sie dieselbe, dieweil sie Macht haben, als Recht bestimmen und von niemanden zur Verantwortung gezogen werden können. Kurz, das alte ‚Potiori jus!‘ [der Stärkste hat Recht!] gilt für alle Zeiten. Nur der Reiche und zugleich Mächtige hat allein das Recht, zu leben und alles zu besitzen, wessen immer er sich durch seine überwiegende Macht bemächtigen kann. Nur der arme Teufel kann sündigen, Unrecht tun und dafür gezüchtigt werden, weil er ohnmächtig ist und das, was er für sein Bedürfnis als Recht ansieht, nicht durch eine überwiegende Macht zur Geltung bringen kann. Glaubt ihr nun etwa noch an einen Gott und an eine Vergeltung?“
RB|1|132|6|0|Schreien alle anderen: „Nein, nein, wir glauben es nimmer! Du hast recht geredet, so ist es! Eine Hölle ja gibt es, und zwar auf der Welt! Aber einen guten und gerechten Gott gibt es ewig nimmer! Denn gäbe es irgendeinen, so müsste Er die verfluchte Erde ja schon lange zu allen Teufeln gerichtet haben. Aber da es keinen Gott gibt und geben kann, so ist und bleibt die Erde gleichfort ein Thron der Hölle! So ist es, so ist es! Und so bleibt es!“
RB|1|132|7|0|Spricht ein anderer aus dieser ganz neu angekommenen Gesellschaft: „Herr Graf, Sie haben recht! Ich bin ganz Ihrer Meinung – bis auf das, dass es keinen Gott gebe! Aber dass dieser Gott oder das schaffende Prinzip sich um den Staub der Erde ebenso wenig kümmert, als wie wir uns je gekümmert und gesorgt haben um ein verdorrtes Schweißtröpfchen, das etwa im tiefsten Schlaf einer Pore des kleinen Fußzehs entquoll, das können wir mit Sicherheit annehmen. Eine Rauferei oder ein Krieg unter den Menschen auf der Erde ist vor den Augen der wahren Gottheit bei Weitem etwas viel geringeres als für den Kaiser von China der Infusionstierchen-Krieg in einem Tautropfen oder der Monaden und Atome in einem leeren bloß mit Luft gefüllten Medizinfläschchen aus Porzellan. Daher haben der Herr Graf auch vollkommen recht, so Sie sagen: ‚Recht haben sie gehabt, dass sie uns gemordet haben! Denn sie wussten es, wie man den Satansboden bearbeiten muss, um auf demselben sich eine Glückseligkeit bereiten zu können!‘ – Oh, da haben der Herr Graf ein großes, weises Wort gesprochen.
RB|1|132|8|0|Wahrlich, Diebe, Straßenräuber und Mörder sind eigentlich die gescheitesten Menschen auf der Erde! Diese wissen den Wert der Dinge, der Menschen und ihres Lebens am besten zu taxieren, weil sie es eben wissen, dass eine Trillion Menschen vor Gott gerade so viel als nichts sind. Gott liegt nichts am Leben von Milliarden mal Milliarden Menschen. Ob sie sich alle zusammen totschlagen, oder ob noch hie und da einige übrigbleiben, das ist bei Gott eine Leberwurst. Daher dürfen wir aber auch fürder nicht so dumm sein, als wie wir bis jetzt waren. Wir schließen einen Bund, und was uns nur unterkommt, muss ohne Rücksicht niedergemacht werden!“
RB|1|132|9|0|Spricht ein dritter: „Ich meine, ein bisschen etwas von einer Rücksicht sollen wir denn doch gegen gewisse uns irgend aufstoßende Individuen nehmen – wie z. B. gegen unsere Eltern, Weiber, Brüder, Schwestern und Kinder und noch gegen einen sonstigen gar guten Freund.“
RB|1|132|10|0|Spricht der zweite: „Was da Rücksicht! Was Eltern, was Weib, Kinder und Brüder, Schwestern und sonstige Freunde! Die Rücksicht ist nichts als eine entweder geflissentliche oder wirkliche Feigheit gegen andere, die man, wie gesagt, ehrenhalber oder bessern Gewinnes halber noch etwas länger leben lässt; oder man hält sie in der sich eigen bewussten Schwäche für bedeutend mächtiger als sich selbst. Das ist also eine Rücksicht? Eltern?! Hohngelächter der Hölle! Das sind die ersten Tyrannen der Kinder. Daher keine Rücksicht mit derlei lästigen Häschern. Das Weib!? No, so es noch jung und sehr üppig ist, das kann man schonen! Aber wird es einmal alt und hässlich, dann keine Schonung, da es dann doch niemanden mehr zu einem Vergnügen dienen kann. Kinder, als recht artige Spielpuppen, so sie schön geraten, lasse ich mir auch gefallen, obschon ich diejenigen Völker der Erde für weiser halte, die ihre schönsten und üppigsten Kinder schlachten und dann fressen, weil sie ein besseres Fleisch haben, denn die mageren und hässlichen. Sind sie aber einmal groß, dann auch mit diesen ersten Blutegeln ihrer Eltern keine Rücksicht mehr! Und hier, wo man wahrscheinlich zu keinen Kindern mehr kommt, außer zu denen auf der Erde gezeugten, wird gegen gar kein Kind eine Rücksicht genommen! Brüder und Schwestern und sonstige Freunde sind schon auf Erden die lästigsten Nebenmenschen und werden es hier umso mehr sein! Daher schon gar keine Rücksicht mit ihnen. Hätten die Menschen auf der dummen Erde die Einsicht, wie ich sie nun hier habe, so würde der Erstgeborene, so er zum Selbstbewusstsein gelangt, und zur gehörigen Kraft, sich dieser lästigen gleichberechtigt sein wollenden Nebenbuhler schon zu entledigen gewusst haben. Aber was auf der dummen Erde Mensch heißt, ist bis auf wenige raffinierte Spitzbuben rein Vieh und dümmer noch, und so kommt es dann auch notwendig, dass ein Vieh dem andern zur Last leben bleibt, bis es nicht erschlagen wird von einem Pfiffigeren, oder bis es nicht am alten Gift der Luft krepiert! Daher keine Schonung und Rücksicht mehr mit jemandem!“
RB|1|133|1|1|Der Graf und der Rücksichtslose. Beider Lebensgeschichte. Der stolze Königsthronbewerber und sein klägliches Ende.
RB|1|133|1|0|Spricht der Graf: „Freund, du gehst mit deiner Rücksichtslosigkeit denn doch etwas zu weit! Denn dadurch verurteilst ja du auch dich selbst und sprichst die gleiche Rücksichtslosigkeit gegen dich selbst aus. Wird es dir recht sein, so man sich z. B. deiner nach deinen Grundsätzen entledigen möchte oder würde?! – Spricht der Rücksichtslose: „Das gilt einem wie dem andern! Potiori fiat jus! So jemand sich meiner zu seinem Vorteil entledigen kann, so würde ich ihn selbst einen Esel nennen, so er's nicht täte!“
RB|1|133|2|0|Spricht der Graf: „Du nähmst also auch gegen mich keine Rücksicht?“ – Spricht der Rücksichtslose: „So ich daraus einen Vorteil zu ziehen vermöchte, allerdings. Der Herr Graf haben doch unseren irdischen Mördern selbst recht gegeben, darum sie sich unser, weil sie uns für ihre Zwecke nicht dienlich ansahen, entledigten. Können Sie mir dann Unrecht geben, so ich ganz so denke und fühle wie Sie, Herr Graf, selbst?!“
RB|1|133|3|0|Spricht der Graf: „Ja so – ist es um diese Zeit!? Höre! Du bist auch einer, der mich fangen will! Aber es soll dir nicht gelingen, denn ich weiß nun schon, was ich zu tun habe!“
RB|1|133|4|1|(Am 20. Okt. 1849)
RB|1|133|4|0|Spricht der Rücksichtslose: „Was werden Sie tun, und was können Sie tun? Ich sage ganz offen, dass Sie nun samt mir ebenso viel tun können, wie Sie in Ihrer letzten Erdlebenszeit haben tun können, wo Sie, wie ich, der Henkerrute folgen mussten hinaus zum Galgen, gleichwie ein Ochse den Hieben und Hundebissen auf die Schlachtbank. Geflucht haben wir alle schon bis zum Ekel, und es hat nichts genützt, alle neunmalhundertundneunundneunzigtausend Teufel haben wir auch ganz gehörig angerufen, und es ließ sich keiner sehen! Wir haben allerkräftigst Gott, Tod, Teufel, Himmel, Erde, Sonne, Mond und Hölle verflucht; aber die wollen sich zu unserem größten Ärger auch nichts daraus machen. Was, sagen Sie mir, können Sie nun noch tun? Wollen Sie etwa gar zu beten anfangen?“
RB|1|133|5|0|Spricht der Graf: „Ja, gerade das will ich tun, um dich dadurch wenigstens bis zum Totwerden zu ärgern!“ – Spricht der Rücksichtslose: „O nur zu, Herr Graf, meine Lachmuskeln sind schon in der vollsten Spannung, um Sie im Gebet ganz gehörig unterstützen zu können. Aber sagen Sie mir, zu wem werden Sie beten? Zu einem unendlich großen Gott, der Ihre Stimme geradeso vernehmen wird, wie Sie die etwaigen Sirenenstimmen jener kleinen Wesen, die zu Trillionen in einem Tautropfen wohnen; oder zu einem unendlich kleinen Götterl, dessen Ohren für Ihre Riesenstimme etwa doch ein bisschen zu klein sein dürften?! Oder werden Sie etwa gar ein allerandächtigstes Gebetlein zum allerheiligsten Herzen Jesu und Maria, und daneben auch ein Gebetlein zum heiligen Joseph anstimmen?“
RB|1|133|6|0|Spricht der Graf ganz zornig: „Jetzt halte mir das Maul, oder ich reiße es dir bei der Mitte auseinander! Du verfluchtes Luder von einem Galgenstrick! Nun nimmt sich diese gemeine, nie geborene, sondern wie ein Kalb geworfene Kanaille die Frechheit, mich ersten Kavalier von ganz Ungarn zu hänseln! Der Teufel hole dich, du schlechtes Hundsluder! So ich beten will, so werde ich's tun und werde es wohlweislich so einer schlechten Kanaille nicht auf die Schweinsnase binden. Schaue Er, dass Er mir aus den Augen kommt, sonst soll Er die Kraft meiner Kavaliersarme fühlen!“
RB|1|133|7|0|Spricht der Rücksichtslose: „Herr Graf, sehen Sie, was Sie doch für ein sonderbarer Mensch sind! Wie Sie auf der Erde waren, so sind Sie es auch hier. Ich habe nun zu Ihnen nichts anderes geredet, als was ich von Ihnen selbst aufgenommen habe. Und das ärgert Sie nun bis zum Zerbersten. Wann haben denn Sie, lieber Herr Graf, je an einen Gott geglaubt? Ihr Gott war der unendliche Raum und die ebenso unendliche Zeit. Haben Sie nicht oft selbst bis zum Gallespeien sich geärgert, so Sie eines Kruzifixes oder eines Marienbildes ansichtig geworden sind? Oder sind Sie nicht ein förmlicher Feind des edlen Kossut geworden, darum, weil er für Sie ein religiöser Schwärmer war und nicht selten ganz ernstlich Gottes Christi Hilfe anrief? Haben Sie auf der Welt je nur ein Vaterunser gebetet? Und Sie wollen jetzt beten! Ich frage Sie: Wie, was und zu wem denn?“
RB|1|133|8|0|Spricht der Graf noch voll Zorn: „Das geht Ihn einen Teufel was an! Kann ich denn auf der Welt in meinem Innern nicht ein ganz anderer Mensch gewesen sein, als wie ich mich nach außen hinaus zeigte?“
RB|1|133|9|0|Spricht der Rücksichtslose: „Wird schwer halten, Herr Graf! Ich werde es Ihnen genau sagen, wie Sie nach innen und nach außen sich benommen haben! Sehen Sie, Herr Graf, nach innen waren Sie ein Freund des schönsten und nobelst reizendsten Venusfleisches, und nach außen waren Sie ein Kavalier non plus ultra und wären lieber selbst König von ganz Ungarn geworden, als dass Sie jemand andern zum König gekrönt hätten. Christus war bei Ihnen eine lausige Fabel der Schwaben, aus dem Judentum aufgegriffen! Und eine andere Gottheit – ein Hirngespinst irgendeines am Hungertuche nagenden philosophischen Schluckers. Und Sie sagen, dass Sie innerlich ein ganz anderer Mensch gewesen wären, als wie Sie sich von außen zeigten? Ich bitte Sie! Lügen sich der Herr Graf doch nicht selbst an! Mein lieber Herr Graf, o wir kennimus nos [wir kennen uns!] – Sie und beten! Das sind zwei ganz konträre Pole, die sich noch nie berührt haben und sich auch schwer je berühren werden! Verstehen Sie mich nun?“
RB|1|133|10|0|Spricht der Graf: „Sage Er mir nun nur das Einzige, wer Ihm denn so ganz eigentlich das Recht gibt, mit mir so zu reden, als ob wir miteinander je die Schweine gehütet hätten? Glaubt Er denn, ein Graf Bathianyi wird sich das etwa gar längere Zeit von Ihm gefallen lassen? Oder meint Er etwa, dass ich durch mein Unglück oder dadurch, dass ich in der letzten Zeit in den Reihen der gemeinen Husaren stritt, mit Ihm schon in einem gleichen Rang mich befinde? Oh, da irrt Er sich gewaltig! Ich sage es Ihm, so Er sein loses Maul nicht bald zur vollkommensten Ruhe bringen wird, so soll Er es bald erfahren, welch ein Unterschied zwischen mir und Ihm obwaltet. Daher nun kein Wort mehr! Nehme Er sich ein Beispiel an unseren anderen zweiunddreißig Leidensgefährten! Alle sind still und ruhig und betrauern in mir ihren künftig werden-sollenden besten König. Nur Er nimmt sich eine gewisse Frechheit heraus und will, weil ich nun hilflos dastehe, mich hänseln. Lasse Er Ihm aber ja ehestens diesen Appetit vergehen, sonst könnte er Ihm sehr teuer zu stehen kommen.“
RB|1|133|11|0|Spricht der Rücksichtslose: „Herr Graf! Unsere Waffen in dieser Dunstwelt, in der wir selbst nur Dunst sind, bestehen nur in der Zunge und mitunter auch in den Händen und Füßen, wovon namentlich die letzten, beim Fersengeld nehmen, eine höchst wichtige Rolle spielen. Was die Zunge betrifft, da werden Sie mit mir nicht zu leicht aufkommen, also auch mit den Händen nicht; denn ich habe das Boxen in England aus der Kunst gelernt. Aber beim Gebrauch der Füße dürften Sie mir sehr bedeutend überlegen sein; denn von den Füßen habe ich in dieser Art gar nie einen Gebrauch gemacht.“
RB|1|133|12|0|Der Graf wendet sich nun von dem Rücksichtslosen ab und spricht zu einem andern: „Freund, was sagst denn du zu dieser enormsten Efrontie [Frechheit] dieses gemeinsten Honvedhusaren? Was soll denn daraus mit der Weile werden, wenn man sich von solch einem Kerl am Ende noch wird müssen auf den Kopf machen lassen? Sage mir doch, ob du diesen Kerl von der Weltseite her etwa nicht näher kennst? Ich weiß nur so viel, dass ich ihn einige Mal unter den gemeinsten Honveds gesehen habe. Wo er aber her ist, und was er etwa früher war, das ist mir vollends unbekannt.“
RB|1|133|13|0|Spricht der Angeredete: „Meines Wissens war er einmal ein Mönch aus dem Franziskaner-Orden und stand bei seinesgleichen im für den Orden etwas unangenehmen Geruch eines sogenannten Hellsehers, und sagte öfters verschiedene, den gesamten Orden über Hals und Kopf empörende Dinge über den Orden selbst aus, und nahm durchaus keine Zurechtweisung an. Und wollten sie ihn deshalb in eine Disziplinarstube hinter Schloss und Riegel bringen, so prügelte er, als ein unbändig starker Kerl, das ganze Konvent blau durch! Als er aber mit der Weile doch solches Neckens und Prügelns überdrüssig wurde, da packte er eines Tages alle seine Ordensfaxereien zusammen, schob sie in einen Abtritt, verließ darauf mit einigen mit sich genommenen Klostergeldern sein Konvent und ließ sich beim nächstbesten Honvedbataillon anwerben, und focht allenthalben einem Löwen vollkommen ähnlich, weshalb er dann nun auch mit uns als ein Kommandant sozusagen ins liebe Gras hatte beißen müssen. Das ist aber auch alles, was ich von ihm weiß.“
RB|1|133|14|0|Spricht der Graf: „Schau, schau, jetzt ist mir erst leid, dass ich den guten Menschen etwas zu hart angegangen bin. Wenn er ehedem ein Mönch war und um so viel weiser als seine Ordenskollegen, deren Verstand doch noch allzeit so vernagelt war, dass er sie geprügelt hatte, da gehört er schon lange und alleroffenbarst den besseren Menschen an. Ah, mit dem muss ich ja sogleich wieder ganz freundschaftlichst anknüpfen.“ Wendet sich darauf sogleich wieder an den Rücksichtslosen und spricht: „Mein allergeschätztester Freund! Sie müssen es mir schon ein wenig zugutehalten, so ich ehedem etwa doch ein bisschen zu unhöflich mit Ihnen umgegangen bin; aber ich wusste es ja nicht, wer Sie denn so ganz eigentlich waren. Da ich nun aber durch diesen werten Freund erfahren habe, wer Sie sind, und wer Sie auf der Welt waren, so bekommt nun freilich alles, was Sie zu mir geredet haben, ein ganz anderes Gesicht. Also Sie sind der förmliche Riese Goliath, der seinem Orden den Rücken kehrte, aus innerer, besserer Überzeugung, und ergriff darauf mit starker Hand das Schwert zur möglichen Rettung des Vaterlandes!“
RB|1|133|15|0|Spricht der Rücksichtslose: „Ja, mein lieber Herr Graf, der bin ich! Ich opferte mich zum Besten der Menschheit, deren zu schwere Sklavenketten mir unausstehlich lästig wurden. Jedoch Herr Graf: Wir haben es gesät, andere aber werden es ernten! So war es stets in der dummen Welt, und so wird es auch bleiben. Die Erfinder großer Werke sind noch allzeit nahe Hungers gestorben; aber ihre Feinde haben sich dann damit gemästet. Wir haben den Weinberg bearbeitet, und unsere Ernte war Blut und Tod! Den goldenen Rebensaft aber werden die auskeltern, die nach uns kommen werden. Schönes Los der großen Menschen! Sie sind verdammt, für das Fortkommen der Schmeißfliegen vorzuarbeiten. Kommt dann die Zeit der langerwünschten Ernte, so fallen ganz große Schwärme der faulen Schmeißfliegen über die großen Menschen her, bringen sie um und bemächtigen sich sogestaltig der schönen Ernte. Wie gefällt Ihnen diese göttliche, weise Einrichtung der Welt und ihrer naturrechtlichen Lebensverhältnisse?“
RB|1|133|16|0|Spricht der Graf: „Freund, ganz verdammt schlecht! Darüber ist wahrhaft besser zu schweigen als etwas zu reden. Denn diese Einrichtung ist gar für den Zufall zu schlecht, geschweige für irgendein allweisestes, höchstes Wesen. Die Gottheit scheint, so sie irgend ist, überhaupt nicht die leiseste Notiz von ihren Werken zu nehmen. Es genügt ihr wahrscheinlich als eine Art göttlicher Spielerei, bloß nur Wesen und Menschen zu erschaffen. Sind sie einmal da, so sorgt die liebe Gottheit wieder hauptsächlich dafür, dass sie nur so bald als möglich hingerichtet werden. Und damit das aber desto leichter gehen und geschehen kann, so lässt sie die sonst harmlose Menschheit von der allerschändlichsten Selbst- und Herrschsucht beseelen. Durch diese Höllengier getrieben, wird ein Bruder dem andern zur Hyäne und von nimmer zu löschendem Blutdurst erfüllt. Oh, das ist schändlich! Ein scheußlich Spiel mit dem Leben einer sich selbst bewussten Menschenpuppe! Welch einen Ersatz kann die Gottheit auch einem Menschen bieten und geben, der, wie ich, schändlichst tausendmal gestorben ist, ja gestorben eines Todes, wie die Weltgeschichte etwas Ähnliches kaum aufweisen dürfte.
RB|1|133|17|0|Denke dir einen ersten Grafen vom ganzen großen Ungarn! Dieser wird durch ein paar bartlose kaiserliche Soldatenrichterlein zum Galgentod verdammt. Der Graf wird sogleich ohne alle weitere Umstände und Rücksichten auf den Richtplatz hinausgeschleppt. Da er nun sieht, dass es für ihn weder eine Gnade noch einen Pardon gibt, so macht er in der größten Verzweiflung einen Selbstmordversuch, der ihm aber leider misslingt. Das zusehende Volk, vom Mitleid übermannt, fängt laut zu fluchen und zu drohen an und verlangt unbedingten Aufschub meiner Hinrichtung. Da geben die Exekutoren aber bloß nur wegen der Halswunde nach, und der Graf wird ins Spital zurückgebracht, wo man ihm ärztliche Hilfe angedeihen ließ. Der Wunde Schmerz ließ kaum ein wenig nach, und der Graf war der festen Hoffnung, nun vom Kaiser eine Amnestie zu erlangen. Da kommt gegen Abend ein Auditor, oder was er etwa war, weckt den Grafen aus einem Ohnmachtsschlaf und verliest ihm ein zweites Todesurteil, das sogleich in den Vollzug gesetzt werden müsse. Der Graf, wie von tausend Blitzen gerührt, sinkt ohnmächtig zusammen, sodass man ihn laben muss. Als er wieder etwas zu sich kommt, wird er sogleich von den Schergen ergriffen und da capo [abermals] zur Richtstätte hinausgeführt, wo er sozusagen im Gnadenweg von mehreren Jägern wie ein Hund erschossen und dann sogleich, einer Schindmähre gleich, begraben wurde. Und dieser selbe Graf bin ich, was dir ohnehin bekannt sein dürfte. Und siehe, das heißt man Gerechtigkeit! O du von aller Gottheit verfluchte Gerechtigkeit!
RB|1|133|18|0|Aber dennoch kann ich mich nun nicht so sehr ärgern über die rein bestialische Grausamkeit der Menschen; denn sie scheinen mir doch mehr stumme Werkzeuge einer unsichtbaren Macht zu sein, als dass sie so was lediglich aus ihrem höchsteigenen Willen heraus tun würden – aus welchem Grund der in vielen Stücken sehr weise Lehrer aus Nazareth auch bei seiner Hinrichtung seinen vermeintlichen Gottvater für seine Mörder um Vergebung bat, da er auch sicher der unmaßgeblichen Meinung war, dass die Natur der Menschen denn doch nicht gar so böse sein könne. Und derselben Meinung bin denn auch ich.
RB|1|133|19|0|Aber die eigentliche Gottheit oder Satan, was da nur immer übermächtig ist, das hat den eigentlichen Teufel gesehen. Dies allmächtige Wesen sitzt ganz behaglich in irgendeinem unzugänglichen Zentro und spendet in einem fort seinen giftigsten Odem allen Weltkörpern und ergötzt sich dann an den zahllosesten von ihm selbst zubereiteten Mordspektakeln. Dass dabei die armen Schauspieler aber auf das entsetzlichste gepeinigt werden, das kümmert die große Gottheit ebenso wenig, wie uns Menschen ein von dir ehedem sehr weise und sehr bezeichnend angeführter Infusionstierchen-Krieg in einem Tautropfen, den vielleicht schon die nächste Sekunde in das Meer der ewigen Vergessenheit hinab verwehen wird. Also diese schändliche Gottheit möchte ich kennen, aber zugleich auch Macht haben, sie zu verderben!“
RB|1|133|20|0|Spricht der Rücksichtslose: „Du hast nun ganz recht, nun taugen wir erst recht füreinander! Aber horch, ich vernehme wie Menschenstimmen in der Nähe. Daher nun Ruhe, vielleicht hören wir etwas zu unserem Trost.“
RB|1|134|1|1|Trost der Hingerichteten ist zunächst die Rachsucht. Wirkung der fremden Stimmen. Not lehrt beten. Die Heilsstimme.
RB|1|134|1|1|(Am 24. Okt. 1849)
RB|1|134|1|0|Spricht der Graf: „Was Trost, was Trost! Wer soll uns trösten können? Eine rechte Vergeltung denen, die uns auf der Erde ohne allen aus dem allein wahren Naturrecht erweisbaren Grund haben ermorden lassen, wäre der einzige Trost für mich wie sicher auch für euch alle! Jeder andere Trost ist mir ein Gräuel. Glaubst du wohl, dass mich ein Gott mit tausend Himmeln schadlos halten könne gegen das, was ich verloren habe, mein Weib, meine Ehre und all mein großes Vermögen!? Wohl weiß ich, dass ich mit der Zeit auch so alles hätte verlassen und der Nachkommenschaft übergeben müssen, aber das wäre mit der mir gebührenden Ehre geschehen, und mein Name wäre glänzend wie die Sonne auf die spätesten Nachkommen wie der Name eines David oder eines Salomon gekommen. Aber so wird mein Name nun in der Welt erlöschen wie eine mattbrennende Lampe in einer von heftigsten Stürmen durchtobten Nacht, und schadenfrohe Weltrichter werden ihn in der späteren Zeitenfolge unter den Galgenstricken gezeichnet finden. Also Vergeltung, unerbittlichste Rache! Das ist die Losung zu unserem Trost, zu unserer gerechten Sühne für die erlittene, unendliche Schmach! Weg daher mit allem, was nur den leisesten Geruch nach irgendeiner alles versöhnen wollenden Gottheit oder sonstiger engelhafter Intervention verspüren lässt. Vor allem muss unsere Ehre auf der Erde vollkommen wiederhergestellt sein und unsere Mörder müssen bis ins millionste Glied auf das Allerhöllischste gerächt sein. Dann erst wollen wir von irgendeiner Versöhnung in der Hölle vor dem Tribunal aller Teufel zu reden anfangen.“
RB|1|134|2|0|Spricht der Rücksichtslose: „Aber lieber Herr Graf, Sie sind ein wenig in einen zu starken Affekt geraten und können daher diese Sache auch nicht mit der gehörigen Ruhe und gerechten Würdigung betrachten. Sehen der Herr Graf, ich, der ich doch sicher ganz rücksichtslos streng urteile und ein über alle Maßen glühendes Herz besitze, denke über den fraglichen Punkt der Wiederherstellung unserer auf Erden am Galgen gänzlich eingebüßten Ehre ganz anders. Welche Ehre soll uns denn nun das sein, bei solch einer Schandwelt in Ehren zu stehen? Ich bedanke mich für die Herstellung einer Weltehre in solch einer ‚Ehrenwelt‘, oder was! Ich sage Ihnen, Herr Graf, diese dummen Weltochsen hätten uns ja keine größere Ehre antun können, als eben auf die Art, wie sie mit uns verfahren sind. Wäre es denn eine Ehre, von solchen hundsgemeinsten Schandbestien geehrt zu sein? Nein, bei Gott, dieser Wunsch sei für ewig ferne meinem Herzen!
RB|1|134|3|0|Wo wäre der Name des edlen Blum, so ihm das böhmische Rindvieh von einem Fürsten Windisch-Graetz nicht durchs Pulver und Blei den goldenen Weg zur Unsterblichkeit angebahnt hätte? Lange schon wüsste von ihm kaum jemand etwas noch! So aber bleibt sein Name allen Zeiten als ein wahrer Ehrenname aufbewahrt, während die Namen aller anderen Deputierten schon ein nächstes Jahr in die völlige Vergessenheit geraten werden. Und gerade so und noch besser wird es unseren Namen ergehen! Habe ich recht oder nicht?“
RB|1|134|4|0|Spricht der Graf etwas beruhigter: „Schau, das gefällt mir von Ihnen! Das ist ein köstlicher Gedanke! Wahrlich wahr! Auch ich brauche keine Ehre mehr auf der Hundewelt. Ja, ja, solch eine Weltehre wäre wahrlich nun nur die größte Schande für uns! Sie haben recht, sehr recht!“
RB|1|134|5|0|Nach diesen Worten des Grafen werden wieder Stimmen vernommen, und zwar diesmal auch vom Grafen selbst, sodass er zum Rücksichtslosen sagt: „Nun, nun, diesmal habe auch ich Stimmen wie von sehr vielen Menschen vernommen! Das ist nicht übel! Am Ende sind wir hier von für uns sehr feindlich gesinnten Geistern ausgekundschaftet worden, und sie haben uns nun ganz eingeschlossen und werden uns fangen und dann treiben irgendwohin zur Hölle oder zu allen Teufeln. Sie müssen uns schon ganz nahe sein, da sich ihre Stimmen so ziemlich klar vernehmen lassen. Wie wäre es denn, so wir denn doch noch möglicherweise eine Flucht irgend weiter vorwärts, entweder nach rechts oder nach links versuchten? Denn gerade vor uns, nach den Stimmen zu urteilen, scheinen sich unsere auf uns lauernden Feinde zu befinden.“
RB|1|134|6|0|Spricht der Rücksichtslose: „Da bin ich schon wieder einer anderen Meinung! Wohin sollen wir auch fliehen in dieser ewigen Nacht, wo wir kaum so viel Schimmer um uns verspüren, dass wir uns gegenseitig in der nächsten Nähe ausnehmen und schlecht genug erkennen mögen? Wer von uns ist denn bekannt mit dieser verzweifelten Gegend oder Welt oder A... – was sie etwa ist? Wir rennen vielleicht etliche Schritte nach irgendeiner Seite hin, und ein ins Unendliche gehender Abgrund hat uns allergnädigst aufgenommen per omnia saecula saeculorum [von Ewigkeit zu Ewigkeit]. Amen! Denn hier scheint schon alles unendlich und ewig sein zu wollen. Oder wir könnten gerade unseren Feinden in den Rachen eilen. Denn eine Kriegslist wird auch wahrscheinlich hier zu Hause sein. Und da kann gerade dort die Hauptmasse sich aufhalten, von woher wir gar keine Stimmen vernehmen; und wir könnten dann eben dort, wo wir uns am sichersten glaubten, am ersten gefangen werden. Daher verhalten wir uns nur hier ganz ruhig! Und kommt uns etwa so ein kleines Streif-Chörchen in die Nähe, oder so ein paar schleichende Rekognoszenten [Kundschafter], so packen wir sie sogleich an, nehmen sie gefangen und stopfen ihnen das Maul. Der Herr Graf werden mich hoffentlich verstehen?“
RB|1|134|7|0|Spricht ein anderer aus der Gesellschaft: „Wäre alles recht, wenn die Geister umzubringen wären. Aber ihr müsst ja schon aus dem entnehmen, dass die Geister nicht mehr umzubringen sind, weil auch wir, trotzdem man auf der Welt unseren Leibern das Lebenslicht ausgeblasen hat, von unseren Leutumbringern nicht haben umgebracht werden können und hier gerade so fortleben, als so wir nie umgebracht worden wären. Zwar wohl ist das ein so höchst miserables Leben, wie es schon kein miserableres mehr geben kann; aber Leben ist und bleibt es dennoch.
RB|1|134|8|0|Ich meine aber hier so: Wir sollten uns geradewegs fangen lassen und mit unseren vermeintlichen Feinden eine gemeinschaftliche Sache machen. Überhaupt aber kommt es wenigstens mir so vor, dass wir im Grunde gar keine Feinde haben können. Denn wie sollten wir hier uns irgend Feinde gemacht haben, da wir außer uns doch noch mit keiner Seele zusammengestoßen sind.“
RB|1|134|9|0|Spricht der Graf: „Freund, das verstehen Sie nicht! Gibt es denn hier in dieser verfluchten Teufelswelt nicht auch eine große Menge schwarzgelber Seelen oder Geister, was ein Teufel ist?! Und das ist genug! Wer schwarzgelb [österreichisch-kaiserlich] auf der Welt war, der wird es auch hier sein und ist somit unser Feind – z. B. ein Latour, ein Lamperg und Konsorten, die werden etwa doch hoffentlich für ewig unsere Feinde sein!“
RB|1|134|10|0|Spricht der andere: „Glaube nicht, Herr Graf! Denn schwarzgelb sind nur die Reichen! Der Staat mache sie nur arm, dass ihnen vor Hunger die Hosen auf den Beinen schlottern, und sie werden radikal wie die Wölfe. Wenn sie dann erst durch des Leibes Tod alles einbüßen und ihnen nichts als ein elendstes nacktes Seelenleben bleibt, da wird ihr schwarzgelber Sinn höchst sicher auch den größten Schiffbruch erleiden.“
RB|1|134|11|0|Spricht ein dritter: „No, schwarzgelb und Geisterwelt, das passte so hübsch füreinander! Man muss nur bedenken, warum die Untertanen des eigentlichen Österreichs schwarzgelb sind, so wird man auch allerleichtest einsehen, dass in dieser Geisterwelt niemand mehr schwarzgelb gesinnt sein kann. Warum aber sind die Untertanen Österreichs schwarzgelb? Die Untertanen Österreichs sind schwarzgelb, erstens: aus Furcht vor den vielen Bajonetten, Kanonen und Galgen – zweitens: die Reichen aus Eigennutz, das Militär ebenfalls aus Eigennutz und die Beamten ebenfalls aus Eigennutz; denn diesen allen liegt nicht das Wohl der Völker, auch nicht das ihres Kaisers, sondern nur ihr höchsteigenes am Herzen – und drittens sind auch viele aus einer Art religiöser Dummheit schwarzgelb, weil es einen heiligen schwarzgelben Kaiser Leopold gegeben habe und einen frommen, alle Protestanten verfolgenden und umbringenden Ferdinand. Die letzte Art könnte sich hier vielleicht erhalten; aber für die ersten zwei stehe ich, dass von ihnen hier keine Spur mehr anzutreffen sein dürfte!“
RB|1|134|12|0|Spricht der Graf: „Habt gut gesprochen, 's ist wahr! Aber ich verstehe unter schwarzgelb ganz was anderes als Sie es meinen, und das dürfte auch hier ganz wohl anzutreffen sein, und das ist: Rache nehmen wollende herrschsüchtige Bosheit! Haha, Freund! Was sagen Sie dazu?“ – Sagt der dritte: „Nichts als: wo nichts ist, da ist es mit aller Rache und mit aller herrschsüchtigen Bosheit futsch, und alle wirklichen oder falschen Rechte gehen da einen hohlen Weg!“ – Spricht darauf der Graf: „Mein Freund, die innere satanische Bosheit ist ein Feuerwurm, der nicht stirbt und sein Feuer nimmer erlischt und auch nimmer gesättigt werden kann. Wir haben freilich wohl sonst nichts als unser allerelendstes Dasein; aber der echten Bosheit kann das noch viel zu wenig elend sein, und man kann es darum nur zu leicht annehmen, dass es ihr sehnlichster Wunsch ist, uns womöglich noch elender zu machen. Daher ich denn auch meine, dass wir uns so ganz langsam, mit Füßen und Händen lavierend, von dieser Stelle begeben sollen. Und stoßen wir schon auf jemanden, so fragen wir ihn dann, wer er ist. Ist er uns nicht gefährlich, so nehmen wir ihn auf; hat er aber etwas Gefährliches an sich, das sich bald herausfinden ließe, no, so lassen wir ihn wieder gehen!
RB|1|134|13|0|Aber am besten wäre es denn doch, wenn wir so ein wenig zu beten anfangen möchten. Wohl habe ich auf der Erde kaum etwas für dümmer gehalten als das Beten, besonders den Rosenkranz und die lateinischen Gebete; aber hier kommt es mir vor, dass es denn doch gut wäre, etwas zu beten zu irgendeinem allerhöchsten Gottwesen. Und Sie, mein Freund, der Sie auf der Erde ein Franziskaner waren, werden doch noch so einige Praeces [Gebete] können, z. B. das Paternoster, lateinisch oder deutsch, windisch oder ungarisch, das wird ein und dieselbe Leberwurst sein. Hilft es uns schon nichts, so wird es uns doch auch höchstwahrscheinlich nichts nützend zu schaden imstande sein. Sind Sie daher von der Güte, uns wenigstens so per Spaß etwas vorzubeten!“
RB|1|134|14|0|Spricht der rücksichtslose Franziskaner: „Warum nicht gar! Das hieße die menschliche Vernunft doch mit Kot krönen. Wenn man schon beten will, so muss man wissen, zu wem und warum man betet! Aber bloß beten, um sich damit gewisserart die Zeit zu verkürzen, ist vor meinen Augen die größte und sogar sündhafte Dummheit; denn gibt es irgendeinen höchst weisen Gott, da wird Ihm so ein gebetartiges dümmstes Gemurmel wohl noch ekelhafter vorkommen als unsereinem, gibt es aber keinen Gott, no, da wird die Dummheit noch größer sein, so wir zu einem barsten Nichts unsere lateinischen Gebete möchten erschallen lassen. Ich bin daher der unmaßgeblichen Meinung, dass wir vorderhand gar nichts tun sollen, sondern alles mit der möglichsten Ruhe abwarten. Komme da am Ende heraus, was es nur immer wolle, so werden wir ganz vorbereitet für alles sein, was uns nur immer begegnen mag und will!
RB|1|134|15|0|Aber nun vernehme ich ernstlich ganz in aller Nähe Stimmen, ja sogar Worte, wie es wenigstens mir vorkommt. Horcht, horcht! Aus den Worten werden wir es am ersten erkennen, was für Geister sich nun in unserer Nähe befinden. Aha, aha! Habt ihr's vernommen?! Ich habe nun deutlich die Worte aufgenommen: ‚Wendet euch im Herzen an Jesus, den Gekreuzigten, so wird euch geholfen werden!‘“
RB|1|134|16|0|Spricht darauf der Graf, der auch dieselben Worte vernommen hat: „Freund, da sieht es schon sauber und gut aus! Mit solch einem echt römisch-katholischen Zuruf und allfälliger Darnachachtung von unserer Seite wird uns wohl verdammt wenig geholfen sein. Es wundert mich nur, dass wir hier bloß auf Jesus und nicht zugleich auch auf die ganze Litanei von Heiligen angewiesen worden sind. Ja, ich möchte sogar behaupten, dass dies kein alleinseligmacherischer Zuruf war, sondern etwa so ein lutheranischer oder calvinischer!“
RB|1|134|17|0|Spricht der Franziskaner: „Das ist nun schon ein Plunder! Helfe nun, was da wolle, könne und möge! Wenn uns nur geholfen werden kann, so wird das etwa doch einerlei sein, ob mit Dreck, ob mit Kletzen [Dörrbirnen], oder ob mit Ananas. Wenn uns nun durch Jesus die Hilfe angeboten ist, was soll uns hindern, sie anzunehmen?“
RB|1|134|18|0|Spricht der Graf: „Ganz gut, lieber Freund! Wissen Sie es aber auch ganz bestimmt, dass da diese Hilfe uns angeboten wurde? Können nicht noch andere Gruppen in unserer Nähe sich aufhalten und sich in einer ähnlichen miserablen Lage befinden? Allah ist groß, und Mohammed sein Prophet ist breit! Und so können auch wir sagen: Gott, so Er einer ist, ist groß, und Jesus war sein Prophet und war noch breiter in seiner Lehre als der sarazenische Mohammed! Gott weiß, wo die sind, denen dieser Zuruf gilt.“
RB|1|135|1|1|Geheimnisvolle Winke an die Unglücklichen. Grafenwahn von dem Rücksichtslosen gegeißelt. Ungarische Politik von damals.
RB|1|135|1|0|Nach diesen Worten vernehmen wieder alle deutlich die Worte: „Dieser Zuruf gilt euch – ihr Ungläubigen von der ersten Geburt an!“
RB|1|135|2|0|Der Graf erschrickt ordentlich bei diesem zweiten Zuruf. – Und der Franziskaner spricht: „No, da haben wir es jetzt doch auf die Nase geschrieben, wen allenfalls das angeht. Werden der Herr Graf jetzt auch noch ein Bedenken tragen, sich an Jesus den Gekreuzigten zu wenden?“
RB|1|135|3|0|Spricht der Graf: „Auf mich allein kommt es hier ja nicht an! Was die andern tun werden, das werde in Gottes Namen ja auch ich tun. Fragen Sie aber auch die andern, was sie tun wollen und werden. Nur das habe ich hinzuzufügen und ganz bedeutungsvoll zu bemerken, dass wir unsere reine Vernunft nicht gar zu leichten Kaufes mit dem Pantoffel der sogenannten christlichen Demut umtauschen sollen. Wenn es unter dem Regiment Jesu auch Grafen und Fürsten gibt, dann: Eljen Christus [Hoch lebe Christus]! Ist aber das nicht der Fall, dann: Adieu Christus! Denn das wäre nicht übel, so wir hier in dieser Welt etwa am Ende so irgendeinem Batzenlipl alle möglichen Honneurs machen oder gar die Stiefel putzen müssten.“
RB|1|135|4|0|Auf diese Worte des Grafen ertönen wieder Worte, die so lauten: „Hier gibt es weder Grafen noch Fürsten. Nur Einer ist der Herr, alle anderen aber sind lauter Brüder und Schwestern!“
RB|1|135|5|0|Spricht darauf der Franziskaner zum Grafen: „No, Herr Graf, das wird etwa doch klar und deutlich genug gesprochen sein. ‚Was thamer denn hiazt?‘ sagen die Weaner [Wiener]. Mir kommt es vor, als so diese sehr treffliche Antwort so ganz allein Ihnen gegolten hätte, der Sie noch in der Geisterwelt ein Graf oder Fürst sein wollen aus purer reinster Vernunft?! Aber dennoch verspüren Sie nicht, dass Sie sich mit ihrer reinsten Vernunft selbst foppen. Wie kann man als Geist noch eine Vorliebe zu dem Rock haben, in dem man auf der Welt schmählichsterweise justifiziert (hingerichtet) worden ist. Nein, von der Vernunft schaffe ich wahrlich nichts. Ist es denn nicht offenbarst besser, als ein ganz gemeiner Kerl gut und sorglos zu leben, wie als ein Graf aufgehängt zu werden? Was haben denn der Herr Graf nun davon, dass Sie auf der Erde einer der angesehensten Magnaten Ungarns waren? Wären Sie ein gemeiner, unadeliger Sauhalter gewesen, so könnten Sie vielleicht jetzt noch bei einer guten Tschutara Wein und einer guten Schüssel Gulasch sitzen. So aber machen Sie als Graf mit uns hier das gleiche trübseligste Gesicht und können von Ihrem Grafentitel nicht um eine Laus groß herunterbeißen. Haben Sie nie gehört, dass der Blitz die impertinente Eigenschaft hat, zuerst in die höchsten Gegenstände zu schlagen, und berührt die mindern erst dann, so diese sich zu nahe unter den hohen Gegenständen, gleich wie die Ochsen unter einem Baum, befanden!?“
RB|1|135|6|0|Spricht der Graf: „Mir scheint, Sie machen leise Anspielungen auf mich. Wissen Sie, dass ich mir so was auch hier noch werde zu verbieten wissen?! Denn ein Bathianyi bleibt Bathianyi auch in der Geisterwelt!“
RB|1|135|7|0|Spricht der Franziskaner: „Wahrscheinlich aus purer reinster Vernunft. Hm, ja, über die reine Vernunft eines ungarischen Edelmannes erster Klasse steht halt nix auf, sagen die Schwaben. Wünsch' Ihnen viel Glück und ein schönes Wetter dazu, Herr Graf! Bleiben Sie nur bei Ihrer echt magyarischen reinen Grafenvernunft, die Sie auf der Erde an den Galgen gebracht hat, auch hier in der Geisterwelt! Wer weiß, zu welch schönen gehörnten Auszeichnungen sie damit gelangen können.“
RB|1|135|8|0|Spricht der Graf ganz erbost: „Halt Er's Maul, sonst vergreife ich mich an Ihm! Hat Er mir was zu sagen, so rede Er, wie es sich geziemt, wenigstens als Mensch mit einem Menschen zu reden! Aber mich zu protzen, das lasse Er bleiben, sonst soll Er es erfahren, dass ein Graf Bathianyi noch nicht aufgehört hat, ein Graf Bathianyi zu sein! Versteht Er das, Er dummer Protzer!?“
RB|1|135|9|1|(Am 30. Okt. 1849)
RB|1|135|9|0|Spricht der Franziskaner: „Wenn Sie sich an mir vergreifen wollen, so packen Sie mich nur sogleich an, und Sie werden sich dadurch wenigstens überzeugen, wie gar nichts ein Graf Bathianyi hier vermag! Was für eine Kraft hat denn etwa so ein Geist, wie wir zwei zum Beispiel? Wann ist denn die Dummheit stark und mächtig gewesen? Ich sage es Ihnen – solange die Welt steht, nie! Sie sind aber sehr dumm, was ich Ihnen nun ganz frei zu vermelden die Ehre habe! Daher sind Sie auch in jeder Hinsicht sehr schwach, was Sie mir soeben dadurch bewiesen haben, dass Sie das beleidigt hat, was ich ganz rein zu ihrem eigenen Besten geredet habe. Und so haben Sie es auch auf der Erde gezeigt, dass Sie gar überaus dumm waren! Denn wären Sie gescheiter gewesen, so hätten Sie entweder es so gemacht wie ein Görgei und Klapka, oder wie ein Kossut und Konsorten, die noch zur rechten Zeit ein rechtes Loch aus dem Tempel gefunden haben. Sie haben aber mit ihrer reinen Vernunft sich lieber wie ein Gimpel fangen und dann ganz heldenmütig zur Hälfte aufhängen und zur Hälfte totschießen lassen. Sagen Sie mir, ob das pfiffig zu nennen verdient?
RB|1|135|10|0|Dass aber überhaupt ganz Ungarn bei dieser Geschichte mehr als saudumm gehandelt hat, liegt der klarste Beweis darinnen, dass es am Ende seiner unüberlegten Handlung mit Schande und Spott hat sein rostiges Aristokratenschwert in die saulederne Scheide stecken müssen, und sich darauf allen Mutwillen der pfiffigen Sieger gefallen lassen. Hätte man nicht so offen an den Tag gelegt, dass gewisse Magnaten eigentlich nichts anderes als die Krone Ungarns auf ihren Ochsenschädeln sitzen haben wollten, so wäre Österreich auch nicht so gewaltig gegen uns aufgetreten. Und hätten wir nur einen Funken Politik besessen, so hätten wir gar keinen Schwertstreich zu machen gebraucht und wir hätten uns zu den Beherrschern von ganz Österreich erheben können. So aber waren wir stolz – also dumm – ungeschmeidig und roh – also wiederum dumm – auf unsere alten Sau- und Ochsenrechte versessen – also noch mehr dumm – wollten, um unsere alte Dummheit zu restituieren und zu behaupten, uns als Zwerge mit Riesen messen – das war schon sehr dumm! Und so noch tausend Dummheiten mehr! Daher denn aber am Ende auch die totale Niederlage für alle Zeiten – was auch recht ist! Denn wer ein dummes Vieh ist, dem geschieht es recht, wenn er wie ein Ochse niedergeschlagen wird. Ich bitte, Herr Graf, daher mit Ihrer alten echt magyarischen Aristokratendummheit nur auch in dieser höchst ernsten und bedeutungsvollsten Welt fortzufahren, so werden Sie damit sicher keinen bessern Sieg davontragen, als was für einer Ihnen auf der Erde allerlöblichst zuteilgeworden ist. Jetzt habe ich Ihnen ganz offen als Mensch die reinste Wahrheit gesagt. So Sie sich nun an mir vergreifen wollen, da können Sie sogleich den Versuch wagen!“
RB|1|135|11|0|Spricht der Graf: „Wer den Schaden hat, über den kommt gewöhnlich auch noch die Schande. Wenn Sie aber schon so ein grundgescheiter Kerl sind, warum haben denn auch Sie sich aufhängen lassen? Warum sind Sie nicht dem Beispiel Kossuts und Görgeis gefolgt? Ich meine, so nach Ihrer Definition die Stärke mit der Weisheit gleichen Schritt hält, so dürften Sie auch nicht einer von den allerstärksten sein!“
RB|1|135|12|0|Spricht der Franziskaner: „Halte mich gar nicht auf über dero allergnädigste Bemerkung! Denn an der echt magyarischen Dummheit habe ich – als selbst so ein kleines Edelmännlein – niemals irgendeinen Mangel gelitten. O so ein lausiges Adelsdiplömchen war noch stets das beste Fernhaltungsmittel der eigentlichen wahren Menschenvernunft! Nur war es bei mir am Ende der Fall, dass ich einzusehen angefangen habe, wo in Ungarn der eigentliche Hund begraben ist – aber freilich leider um einige Wochen zu spät, wo man sich schon vollkommen zwischen der allerstürmischsten Szylla und Charybdis befunden hat. Da stand links ein Galgen und rechts ein zweiter Galgen; vorne und hinten Kanonen und Spieße ohne Zahl. Freund, da hat mir dann meine neuerwachte Vernunft freilich wohl keinen Ausweg mehr zeigen können. Aber bei Ihnen war die Sache ganz anders. Sie waren am Brette, konnten mit einer einfachen Altenweiberaddition an den Fingern ausrechnen, wie die Sache, für die zu verfechten einem nicht die Mittel zu Gebote stehen, in jüngster Zeit ablaufen wird. Aber nein, Ihre echt magyarisch alte aristokratische Weisheit – oder was? – raunte Ihnen nur ins Ohr: entweder siegen oder sterben! Eljen! Oder was? Und Sie sind gestorben! Eljen! Oder was? Und frage, was haben Sie nun von dem Heldentod am Galgen? Möchten Sie jetzt nicht auch großartig Eljen – oder was – rufen? Vielleicht werden Ihnen dafür einige Freunde in Nordamerika einmal eine Ehrensäule setzen; aber in Ungarn wird das nicht gar zu leicht der Fall sein. Auch in der Weltgeschichte werden Sie pro 1849 und 48 ein miserables Plätzchen finden. Das wird aber dann auch schon alles sein, was Sie für Ihren Heldentod auf der Erde zu erwarten haben. Beißen sie da was herab!“
RB|1|135|13|0|Spricht der Graf: „Ich werde von Millionen bemitleidet und betrauert! Ist das etwa auch nichts? Millionen sehen das schreiendste Unrecht ein, das Österreich an mir verübt hat, und verwünschen dasselbe zu allen Teufeln! Ist das etwa auch nichts?“ – Spricht der Franziskaner: „Ja, ja, ja, das klingt alles sehr schön und romantisch! Vielleicht schreibt noch einmal ein Franzose ein Trauerspiel, was ganz Paris alarmieren wird, unter dem Titel: ‚Graf Bathianyi!‘ Aber wir, die eigentlichen Helden, sind fortlebend in circumstantiis miserabilissimis (elendester Lage) hier. Und es fragt sich dabei, was nützt uns nun und für ewig das alles?
RB|1|135|14|0|Darum heißt es hier nicht mehr in der alten magyarisch-irdischen Dummheit beharren, die uns schon auf der Erde so schändlich hat sitzen lassen; sondern das mit dankbarstem Herzen annehmen, was uns dargeboten wird – so werden wir das sicher leichter vergessen, was uns auf der Welt für unsere Mühen zuteilgeworden ist, als so wir auch noch hier auf unserer alten Dummheit herumreiten wollen. Ich glaube, das wird doch etwa deutsch genug sein.“
RB|1|135|15|0|Spricht der Graf: „Ja, führe uns nicht in die Versuchung! – heißt es irgendwo in dem gewissen – ja, ja, hm! – wie heißt denn nur geschwind das Gebet? Hm, hm, hm – fällt mir nicht ein! Kurz, heiße es, wie es wolle – aber es steht irgendwo einmal so; daher sage ich nun auch: Führe uns nicht in die Versuchung!“
RB|1|135|16|0|Spricht, den Grafen unterbrechend, der Franziskaner: „Wie? Was? Wann? Was, was, was faseln Sie denn da von dem ‚führe uns nicht in die Versuchung?‘ Was wollen Sie denn damit sagen? Ich verstehe doch so manches, aber das verstehe ich durchaus nicht; denn das passt doch auf meine Rede noch tausendmal schlechter als eine Faust aufs Auge statt einer Brille. Ich bitte, erklären sich der Herr Graf ein wenig deutlicher, so es Ihnen noch möglich sein sollte!“
RB|1|135|17|0|Spricht der Graf: „Dummer Schwätzer! Hätten Sie mich ausreden lassen! Was haben denn Sie mich zu unterbrechen gehabt? Habe ich Sie doch auch nicht unterbrochen, wie Sie mir früher auf deutsch die Ohren vollgemacht haben mit Ihrem Geschwätz! Weil Sie denn diese Metapher“ – Inzwischen der Franziskaner: „Das nennt er eine Metapher! Über die ‚reine Grafenvernunft‘ steht halt doch nix auf!“ – [Graf:] „Was murmeln Sie denn schon wieder dazwischen? Hören Sie mich an, dann erst können Sie gemurmelte Bemerkungen machen! Also noch einmal! Weil Sie denn die Metapher nicht verstehen, so will ich sie Ihnen ganz gut deutsch erklären.“ – Der Franziskaner bei sich: „Auf die Erklärung voll echt ungarisch-adliger Klarheit freue ich mich!“ – [Graf:] „Aber Sie haben ja schon wieder etwas gemurmelt!“ – Spricht der Franziskaner: „Eh! So lassen Sie mich murmeln und reden Sie fort, was Sie reden wollen! Bisschen ein Aufstoßen werde ich doch etwa haben dürfen bei Ihrem metaphorischen Gespräch!“ – Spricht der Graf weiter: „Wegen des Aufstoßens mache ich mir nichts daraus! Aber Ihre satirisch scheinenden Bemerkungen genieren mich! Ich bin überhaupt kein Freund von gewissen Witzeleien.“ – Spricht der Franziskaner: „O ich witzele ja gar nicht! Daher genieren Sie sich nicht und fahren Sie mit Ihren metaphorischen Didaskalien [Lehren] fort, sonst kommen wir zu keinem Ende!“
RB|1|135|18|0|Spricht der Graf: „Also denn – die Metapher will so viel sagen als: Sie haben eine gute Gosche und wollen mich auf die schönste Art um meinen Grafentitel bringen. Es ist daher das eine Versuchung, mich ganz und samt allem und jedem auf den allerschönsten Hund zu bringen. Aber nichts da! Ein Graf Bathianyi bleibt fest! – Der Franziskaner bei sich: „Ein Ochs!“ – [Graf:] „Verstehen Sie nun das?“
RB|1|135|19|0|Spricht der Franziskaner: „O sehr gut und sehr klar! Haben aber der Herr Graf den Spruch nie gehört, der ungefähr so lautet: ‚Memento homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris?‘“ – Spricht der Graf: „Ich habe wohl einmal gut lateinisch gesprochen. Aber das ist aus'm Cicero, und den verstehe ich nicht!“ – Franziskaner: „Ja warum nicht gar aus Horaz oder Virgil? Mir scheint, mit einem gar zu großen Löffel haben der Herr Graf aus der lateinischen Schüssel nie gespeist. Ich will es Ihnen übersetzen, weil sie den Cicero schwer zu verstehen vorgeben. Es heißt diese Sache auf gut deutsch: ‚Gedenke, o ungarischer Magnat, der du allein Mensch und noch etwas mehr sein willst, dass du nur ein Staub bist und wieder in den alten Staub deiner Dummheit zurückkehren wirst und, so Gott will, in selbem auch verbleiben in alle Ewigkeit. Amen.‘ Haben der Herr Graf den Cicero nun verstanden?“
RB|1|135|20|0|Spricht der Graf: „Wie ich sag, Sie können nichts als witzeln und beleidigen. Wären Sie auch ein Magnat, da möcht' ich Ihnen schon was anderes sagen; aber weil Sie kein Magnat sind, so zahlt es sich gar nicht aus, Ihnen was Ordentliches zu sagen.“ – Spricht der Franziskaner: „Dös moan i hald a, sagen die Lerchenfelder in Wien! Sehen Sie, Herr Graf, wo nichts ist, da kann auch der allerhabsüchtigste Tod nichts verlangen. Wie soll denn ich von Ihnen etwas verlangen, was Sie noch nie besessen haben?“ – Spricht der Graf: „Was meinen Sie, dass irgendetwas ich nie besessen hätte – was ist das?“
RB|1|135|21|0|Spricht der Franziskaner: „Salomons Weisheit meine ich! Mit der scheinen Sie nie in irgendeiner Verwandtschaft gestanden zu sein. Aufrichtig und ohne alle Witzelei gesprochen, Herr Graf – Ihre große magyaro-aristokratische Dummheit hat Sie sozusagen an den Galgen gebracht. Denn wären Sie um ein Haar nur weiser gewesen, so wäre Ihrem irdischen Haus solch eine Schmach nie widerfahren. Aber weil Sie eben dümmer als ein Rebhuhn sind, so haben Sie es auch so weit gebracht. Das müssen Sie um Gottes willen nun ja doch einsehen, dass die Welt für Sie wie für uns alle für ewig verloren ist, samt allen ihren fingierten Rechten und Prärogativen [Hoheitsansprüchen]! Was wollen Sie denn hernach noch von ihr und weigern sich nun schon bis zum gerechten Ärger der ganzen Gesellschaft, die angebotene Hilfe durch Jesus Christus anzunehmen, außer Er würde Sie auch hier in der Geisterwelt als Grafen Bathianyi bestätigen oder gar zum Fürsten erheben!? Denken Sie doch einmal darüber weislich nach und reden Sie dann entschieden – aber nicht als Magnat von Ungarn, sondern als ein hilfsbedürftiger Mensch, wie wir alle es sind!“
RB|1|136|1|1|Gespräche über Jesus. Des Franziskaners religiöse Erfahrungen. Gleichnis vom Mann ohne Hochzeitskleid. Gleichnis von den zehn Jungfrauen. Über Gnade und Vergebung.
RB|1|136|1|0|Spricht der Graf: „Ja wer oder was ist denn so ganz eigentlich Ihr Herr Jesus? Ist das etwa derselbe, von dem die jüdische oder römische Fabel sagt, dass er ein Sohn Gottes gewesen wäre, und von dem Sie doch selbst früher einmal sagten, dass Sie nie an ihn und seine römisch-kirchlichen Alfanzereien geglaubt haben?! Oder gibt es noch irgendeinen andern Jesus?“
RB|1|136|2|0|Spricht der Franziskaner: „Ja, derselbe Jesus, von dem die evangelische Tradition sagt, dass Er Gottes Sohn ist und bleibt – als ein Herr Himmels und der Erde ewig. Ich glaubte zwar bei meinen Lebzeiten auf der Erde nicht dieser Tradition, weil sie von Rom aus zu sehr missbraucht ward und ich daraus den notwendigen Schluss ziehen musste: Wäre an der Sache etwas, wäre sie nicht ein Werk der früheren herrschsüchtigen Hierarchen, so wäre es ja doch unmöglich, mit solch einer von Gott abstammenden Lehre eben solch einen allerschändlichsten Unfug zu treiben. Denn es sind in der römischen Hierarchie in einem Zeitraum von kaum 1.200 Jahren in summa summarum ja doch Dinge geschehen, vor denen die ganze Hölle mit dem ganzen Heer ihrer Teufel den tiefsten Respekt haben muss. Und der im grauen Hintergrund weilende Stifter von solch einer Lehre, deren römische Diener als wahre Großmeister von den grauenerregendsten Teufeleien in der untersten Hölle florieren müssten – soll ein Sohn des Allerhöchsten sein?! Wahrlich, Herr Graf, so was zu glauben wäre für meinen Geist keine kleine Aufgabe gewesen.
RB|1|136|3|0|Als ich aber später einmal die vollkommene Bibel in meine Hände bekam von einem protestantischen Priester – da freilich ging mir ein ganz anderes Licht auf, und ich trachtete dann, um jeden Preis aus der römischen Geistesmördergrube zu entkommen und ward darauf lieber ein gemeiner Honved (ungarischer Soldat) als je wieder ein römisch-katholischer Völkergeist-Ermordungsgehilfe. Denn ich dachte mir: Es ist noch immer besser, ein Fleisch- als wie ein Geistesmörder zu sein.
RB|1|136|4|0|Es kann daher der obbesagte Jesus gar wohl Gottes Sohn sein und die Macht haben, uns zu helfen, wenn Er auch noch so von der schändlichsten Römerin verleugnet ward; denn Er ist auch trotz des Verrats des schändlichen Apostels Judas Ischariot doch am dritten Tage aus höchsteigener Macht vom Tode erstanden und hat demselben alle Macht genommen. Und sehen Sie, Herr Graf, von eben diesem Jesus ward uns durch einen unsichtbaren Mund Hilfe angeboten! Wir haben sie alle vernommen die köstlichen Worte. Und nun deliberieren [erwägen] wir noch, ob wir sie annehmen sollen oder nicht! Und hauptsächlich Sie, Herr Graf, sind der hartnäckigste Anstandserheber und wollen sich nicht dazu verstehen – als ob Sie in diesem allerscheußlichst elenden Zustand Gott weiß was alles vergeben müssten. Ich rate es Ihnen daher nun zum letzten Mal, sich zu entschließen, die angebotene Hilfe anzunehmen, oder im Gegenfall, uns andere nicht mehr zu beirren, die angebotene Hilfe anzunehmen!“
RB|1|136|5|0|Spricht der Graf: „Was euch nicht schaden wird, das wird ja auch mich nicht umbringen! Ich will auch die Hilfe annehmen! Aber einige notwendige Bedingungen könnten wir dabei denn doch in den Vorschlag bringen, sonst kann es uns hier zum zweiten Mal ergehen als wie auf der Erde, wo man sich auch aus Gnade und Ungnade ergeben hat und erntete dann die löbliche Ungnade. So z. B. wäre meines Erachtens eine wohlgenährte Rachenehmung an unseren irdischen Feinden eine Hauptbedingung, und für unsere Persönlichkeit eine volle Schadloshaltung für alles auf der Welt Verlorene keine zu verachtende Bedingung.“
RB|1|136|6|0|Spricht der Franziskaner: „Wäre nicht schlecht! Aber was fällt Ihnen doch alles für dummes, höchst unkonsequentes Zeug ein!? Wenn Sie z. B. auf der Erde irgend unter die Räuber gerieten, und jemand Starker wollte ihnen helfen, Sie aber schlügen ihm Bedingungen vor, unter denen Sie seine Hilfe annehmen – sagen Sie mir, würden Sie darob nicht sogar die Eisbären auszulachen anfangen? Wann hat man doch je gehört, dass ein Bettler dem Wohltäter Bedingungen vorgeschrieben hätte, unter denen er eine Wohltat anzunehmen willens sei? Ah, ah, Herr Graf, das ist denn doch etwas zu dumm! Da lässt sich's nicht mehr darüber reden. Unser irdisches Sich-Ergebungs-Verhältnis war ja ganz etwas anderes. Dort hat uns niemand eine Hilfe angeboten; sondern dort hieß es: ‚Gnade und Ungnade unter verheißener Fürsprache!‘ Aber von einer Hilfe war dort nie auch nur die allerleiseste Rede. Hier aber ist uns doch ausdrücklich volle Hilfe angetragen, und keine Gnade oder Ungnade. Wie kann man das nachher mit dem irdischen Zustand, der uns des Leibes Tod brachte, nur in eine allerentfernteste Parallele ziehen?! Ich bitte Sie, Herr Graf, sind Sie doch um Gottes willen nicht gar so vernagelt!“
RB|1|136|7|0|Spricht der Graf: „Ja, ja! Sie haben schon wieder recht! Ich bin wohl etwas dumm, das sehe ich nun schon ein. Aber ein gebranntes Kind fürchtet stets das Feuer. Es werden hier wohl ganz andere Lebensverhältnisse sein, als wie sie auf der scheußlichen Erde gang und gäbe waren. Aber an sich selbst traurig genug erfahrene Sachen haften tiefer in der Seele eines Unglücklichen, als dass man sie sozusagen von heute bis morgen aus dem Leib schaffen könnte. Und es ist mir denn doch auch sicher etwas zugutezuhalten, wenn ich in der Annahme der angebotenen Hilfe, die uns allen allerdings über alles willkommen sein muss, ein wenig gezaudert habe.
RB|1|136|8|0|Der Feldherr Paskiewitsch hat uns allen auch Amnestie verheißen und sie uns für seine Person auch gewährt. Als wir aber dann – sogar unter russischer Fürsprachsgarantie – an die Österreicher ausgeliefert wurden, da war sogleich ein anderes Gesicht zu bemerken, und von einer Amnestie war bis zur Stunde noch keine Rede. Aus solchen irdischen traurigsten Erfahrungsprämissen, die man nur gar zu lebendig mit herübergenommen hat und bisher noch keine besseren zu sammeln die Gelegenheit hatte, muss ein Mensch, Geist oder Vieh denn doch etwas stutzig werden und für die Zukunft, so viel es irgend in der eigenen Kraft liegt, in allem ganz verzweifelt vorsichtig zu Werke gehen.
RB|1|136|9|0|Ich erkenne nun ganz wohl, dass es sicher einen Gott geben muss, ohne den wir sicher gar zunichtegeworden wären und kein Dasein hätten und haben könnten. Aber dieser Gott ist allein allmächtig; gegen Sein Urteil findet kein Rekurs statt; was Er will, das muss unwandelbar geschehen. Und Freunderl, darin liegt mehr als Grund zur Übergenüge, mit der Annahme selbst von einer angebotenen Hilfe wohl bedenklich zu zaudern und vorher alle Umstände genau zu erwägen, die möglicherweise mit der angebotenen Hilfe vereint sein dürften. Sieh, ich kann mich aus meiner Jugend noch sehr genau erinnern, dass ich einmal ein Evangelium gelesen habe, wo von einem großen Gastmahl die Rede ist, zu dem am Ende, da die Geladenen nicht kommen wollten, alle an den Straßen, Gassen und Zäunen weilenden Proletarier durch die vielen Diener des mächtigen Gastgebers förmlich bei den Haaren herbeigezogen wurden. Als der große Speisesaal auf diese Weise gefüllt ward, da kam auch der Gastherr in den Saal, besah die Proletariergäste und fand einen, der kein sogenanntes Hochzeitsgewand anhatte. Und siehe, diesen ließ er sobald ergreifen und werfen ins finsterste Gefängnis. G'spürst was, Freunderl, was ich damit sagen will? Sieh, was hat der arme Teufel wohl verschuldet? Die Diener zogen ihn, wie die andern, die vielleicht zufällig besser bekleidet waren, von der Straße zum Gastmahl und nahmen keinen Anstoß an seiner Kleidung. Als aber dann der Herr kommt, da verurteilt er so ganz mir und dir nichts den armen Teufel, der doch sicher ohne sein Verschulden in den Speisesaal gekommen ist.
RB|1|136|10|0|Wenn man dieser Sache, durch die offenbar die Gottheit in Ihrem sehr willkürlichen Handeln dargestellt wird, etwas näher nachdenkt, so kann einem sogar aus rein evangelischen Rücksichten wohl niemand verargen, so man sogar bei angebotener Hilfe von oben so viel als nur immer möglich behutsam zu Werke geht, bei der Annahme derselben. Dem Judas ward auch der Bissen gereicht; aber auf diesen ward er dann erst recht des Teufels. Sagen Sie mir nun, ob Sie auf diese meine gegründete Motivierung mich ob meiner Zauderei noch für so dumm halten, als wie Sie es mir ehedem offen ins Angesicht ohne alle Schonung sagten?“
RB|1|136|11|0|Spricht der Franziskaner: „No, no, no, der Herr Graf sind ja ganz famos in der Bibel bewandert! Das freut mich umso mehr, dass Sie hier gerade einen Text aus der Bibel zum Vorschein bringen, der mir auch allzeit im höchsten Grad ungerecht vorgekommen ist. Es gibt zwar noch einige andere Texte, durch die der sonst überaus gute Herr Jesus Sich wahrlich als ein unerbittliches und zugleich, nach irdischem Sinn betrachtet, ungerechtes Wesen beurkundet. Aber dafür gibt es freilich wieder eine Menge Texte, die sehr trostreich sind. Ihre Bedenklichkeit, von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist hier freilich sehr zu entschuldigen. Denn die Macht, in wessen Händen sie sich auch befinden mag, hat stets das unwiderlegbar für sich, dass sie die Ohnmacht ewig im Schach zu halten vermag und tun kann, was sie will. Aber das Gute dabei ist, dass sich keine wahre Macht ohne die größtmögliche und vollkommene Weisheit denken lässt. Und mit einem höchstweisen Wesen ist es immer leichter auszukommen als wie mit einem Dummen. Und so meine ich, wir könnten es denn doch wagen, die angebotene Hilfe anzunehmen.
RB|1|136|12|0|Wenden wir uns denn im Herzen an Jesus, den Gekreuzigten, und warten dann mit einiger Geduld ab, was aus solcher unserer Herzenswendung werden wird. Sieht da was Gutes heraus, so haben wir keine schlechte Wendung gemacht. Soll aber aus dieser Wendung für uns etwas Schlechtaussehendes zum Vorschein kommen, no, so kehren wir in unsern jetzigen Zustand wieder zurück.“
RB|1|136|13|0|Spricht der Graf: „Wäre alles gut und recht! Wenn eine allerhöchste Weisheit nicht dadurch eine höchste Weisheit wäre, dass sie in sich selbst dergestalt als abgeschlossen erscheinen muss, als wie ein mathematischer Beweis. Zwei gleiche Größen zu wieder zwei gleichen Größen addiert gibt für alle Ewigkeit vier gleiche Größen. Da lässt sich ewig nichts herabhandeln, und so ist es auch mit der höchsten Weisheit der Gottheit. Was Sie einmal ausspricht, das ist ausgesprochen für die Ewigkeit. Das zeigt auch Jesus sehr klar in einem Text dadurch an, da Er sagt: ‚Himmel und Erde werden vergehen, aber Mein Wort ewig nimmer.‘ – Wenn wir nach unserer Herzenswendung zu Ihm etwa so was vernähmen: ‚Hinweg mit euch, ihr Täter des Übels!‘ – was dann, Freunderl? Ich meine, solange wir von Ihm nichts verlangen, hat Er auch vernünftigermaßen nicht vonnöten, uns entweder etwas zu geben, weder Gutes noch Schlechtes. Verlangen wir aber nur einmal etwas, da haben wir Ihm aber schon auch zugleich das Tor geöffnet, mit uns zu tun, was Er nach Seiner unwandelbaren Weisheit will.
RB|1|136|14|0|Mir fällt jetzt gerade wieder ein recht passender Text zur Belegung dieser meiner guten Meinung ein, und der hat, glaube ich, zehn Jungfrauen im Schilde, davon die Hälfte weise und die Hälfte töricht war. Alle erwarteten – nach wahrscheinlich damaliger morgenländischer Sitte – ihren Bräutigam. Die weisere Hälfte versah ihre Lampen mit Öl, und die törichte Hälfte aber zufällig nicht. Als aber in der Nacht die Kunde kam, dass der Bräutigam kommen werde, und wahrscheinlich schon etwa in einer Stunde, da baten die Törichten die Weisen, dass sie ihnen etwas Öl in ihre leeren Lampen geben möchten. Aber die eisernen Weisen verweigerten solches den Törichten, wahrscheinlich aus purer christlicher Nächstenliebe oder was? Und die Törichten waren dadurch genötigt, zu einem Kaufmann zu gehen und sich dort ums Geld ihre Lampen mit Öl füllen zu lassen. Sie kehren darauf sogleich in das Bräutigam-Erwartungshaus zurück voll guten Willens. Aber halt an! Schon ist die Haustüre verriegelt! Denn der Bräutigam ist bald darauf gekommen, und zwar früher als sie mit vollen Öllampen ankamen. Als die Armen dann ganz harmlos an die Türe pochten und um den Einlass baten, da donnerte des Bräutigams Stimme ihnen ganz rau entgegen: ‚Hinweg mit euch! Ich habe euch noch nie erkannt und kenne euch nicht!‘
RB|1|136|15|0|Die Sache, mit einem allein menschlich-ehrlichen Sinn betrachtet, ist impertinent grob, roh, ungerecht und, streng genommen, auch unwahr, wenn unter dem Bräutigam die Gottheit zu verstehen ist. Denn wie kann die Gottheit zu jemanden sagen: „Ich kenne dich nicht!“ – wo Sie andererseits wieder lehrt, dass Sie sogar alle Haare am Haupt eines jeden Menschen zählt. Aber wer kann der allmächtigen Gottheit unrecht geben? Sie lässt kalt sein zum Verzweifeln, und wenn dabei Tausende erfrieren. Und wenn Millionen armer Teufel um Wärme bitten, so bleibt es dennoch kalt, so lange die Gottheit kalt haben will, Ihrer Weisheit zufolge. So lässt Sie ohne Gnade und Pardon die schönsten Saaten durch Fröste und Hagel zerstören, und niemand kann Ihr dagegen einen Damm setzen. Ich sage dir, wer sich von der Gottheit zu abhängig macht, der hat das Elend schon in sich. Was hätte denn den fünf oder wie viel törichten Jungfrauen geschehen können, so sie gar nicht zum Bräutigamshaus wieder zurückgekehrt wären? Ärgeres kaum, als so, da sie mit ihren gefüllten Lampen zurückgekehrt sind und da um den Einlass baten. Die Grobheit hätten sie sich wenigstens doch sicher erspart! Denn hätten sie da nichts mehr gesucht, so hätten sie auch dem sonderlich groben Bräutigam keine Gelegenheit geben können, ihnen die Türe vor der Nase zu verriegeln und ihnen dann allergröbst zu kommen. Denn wo nichts zu gewinnen ist, da ist auch nichts zu profitieren. Und so meine ich wenigstens für meinen Teil, dass wir der Stimme Gottes erst dann ein volles Gehör schenken sollen, wenn wir von Ihrem vollsten Wohlwollen gegen uns ganz überzeugt sind, sonst aber bleiben wir, wie wir sind, und soll es uns noch so schlecht gehen. Denn ich traue der allmächtigen Gottheit nicht. Was meinen Sie nach reiflicher Überlegung dieses meines Einwurfes?“
RB|1|136|16|0|Spricht der Franziskaner: „Es ist alles recht, Herr Graf! Sie fassen die Sache möglichst behutsam auf! Aber ich sage, man muss die Schrift Gottes ja eben nicht so buchstäblich nehmen, da doch die ganze Schrift nur ein bildliches Darstellen der höheren Moral, wie sie ein vollkommener Mensch haben soll, ist. Unter dem Lampenöl wird hauptsächlich nur die wahre Liebe zu Gott verstanden, wie unter dem Licht der Lampe die aus der Liebe entspringende Weisheit. Die törichten Jungfrauen aber hatten keine Liebe und wollten die Liebe auch den andern nehmen. Diese aber waren klüger und ließen sich nicht verführen. Sie beschieden die Liebelosen dafür hinaus in die Welt, dass sie sich da das Liebeöl holen sollten. Und diese gingen und holten sich ihre Lampen, oder besser ihre Herzen, voll. Als sie mit der Weltliebe in des Bräutigams Haus abberufen wurden, in dem wir uns nun schon seit einer geraumen Zeit befinden, wie ich mir's nicht ohne Grund nun vorstelle – oder noch besser: als sie hier ohne wahre Liebe zu Gott ankamen und Einlass ins Himmelreich verlangten, so kann zu ihnen die Gottheit auch kaum etwas anderes gesagt haben als: ‚Ich kenne euch nicht mit dieser eurer Liebe, die Ich nie als die Meine anerkannt oder, noch besser, bestimmt habe! Geht also dahin, wovon eure Liebe ist!‘ – Sehen Sie, lieber Herr Graf, so verstehe ich diesen und noch manch andere Texte! Und so verhält sich's auch. Und so meine ich denn auch, dass der Herr Graf der Gottheit gar zu viel Härte ansinnen. Setzen wir uns alle darüber hinaus und ergreifen denn doch die angebotene Hilfe! Wahrlich, uns kann es nicht so arg ergehen – das sagt mir mein Herz.“
RB|1|136|17|0|Spricht ein Nebenstehender aus der Gesellschaft: „Das glaube ich halt a! Das Evangeli ist durjaus metapherisch und muss guit verstonde werde. Weil als ist metapherisch?“ – Spricht der Graf: „Ich bitte Sie, bemeistern Sie sich gütig Ihres Mundes, sonst wird's uns allen übel! War denn unsere Hinrichtung auf der Erde etwa auch metaphorisch oder etwa gar bloß nur provisorisch? Oder ist Jesus etwa auch metaphorisch ans Kreuz genagelt worden?“ – Spricht der Zurechtgewiesene: „O na, dos wo nit metapherisch, dos wor wirkli, sonst waren wir nit erlöst.“ – Spricht der Graf: „Schöne Erlösung das, wie Sie sich's wenigstens vorstellen. Mir hat bis jetzt wenigstens nichts davon geträumt! Besonders diese echt ägyptische Finsternis und unser ganz vollkommen leerer Magen sind die sprechendsten Beweise für die Eventualität der Erlösung an mir selbst, wahrlich, diese Erlösung macht sich. Auf der Erde, Tod am Galgen, und hier, wie es scheint, die ewige Finsternis – das sind so recht handgreifliche Beweise vom Effekt der großen Erlösung an uns! Gefallen sie euch, meine lieben Freunde?“
RB|1|136|18|0|Spricht ein anderer: „Bis jetzt hat es mit der Erlösung noch ganz verflucht schlecht ausgesehen. Aber ich muss es auch andererseits bekennen, dass wir eigentlich wohl noch nie etwas getan haben, was uns der Erlösung hätte teilhaftig machen können. Wenn zuletzt der Galgen nicht eine gute Portion von unseren massenhaften Todsünden von uns hinweggestreift hat, so sieht es, so hier wirklich nach den sogenannten zehn Geboten vorgegangen wird, hier mit der Erlösung schon ganz verdammt schlecht aus. Denn von irgendeiner christlichen Tugendheldenschaft war bei uns allen schwerlich je eine Rede. Ich wäre daher sehr für die sogleiche Annahme des Hilfsantrags, sonst kann es uns noch sehr übel ergehen. Denn wir haben gar nichts, worauf wir uns rechtens stützen könnten, als höchstens unsere unbegrenzte Dummheit und im besten Fall – auf die alleinige Gnade und Erbarmung Jesu Christi!“
RB|1|136|19|0|Spricht der Franziskaner: „Bene dixisti [wohlgesprochen]! Das ist dir gelungen! Gerade aus meiner Seele gesprochen! So ist es! Gottes Jesu Christi Gnade und Erbarmung – oder wir sind alle des Teufels. Denn wir waren es ja auf der Erde, besonders in der letzten Zeit, die ihre gehörige Portion armer Teufel in diese Welt herüberbefördert haben und haben der Kinder im Mutterleib nicht geschont und hatten ganz verdammt wenig Mitleid mit dem tausendfachen Elend unserer Mitmenschen. Wir trieben sie wie Kälber vor uns her und stießen sie auf das Schlachtfeld. Und den slawischen Feinden ging es ganz verzweifelt schlecht, so sie in unsere Gefangenschaft gerieten. Kurz und gut, so uns jetzt noch Rache belebt gegen die, die ihre Hände an uns gelegt haben, welches Maß von Rache haben wir von Tausenden und abermals Tausenden zu erwarten, die durch unsere Hände gefallen sind und ebenso gut, und manche vielleicht tausendmal mehr Menschen waren denn wir?
RB|1|136|20|0|Ich meine daher: Vergeben wir von ganzem Herzen allen denen, die uns moralisch und physisch misshandelt haben, und endlich gekreuzigt obendrauf. Denn auch wir wussten, das Kreuz Tausenden ganz gehörig an ihr Leben zu schlagen. Was meinen Sie, Herr Graf, habe ich recht oder nicht?“
RB|1|136|21|0|Spricht der Graf: „Leider, dass Sie recht haben müssen! Aber eben das macht mich stutzig und fürchten, dass es uns am Ende nicht so ergehen wird, als den fünf törichten Jungfrauen. Wie wir anklopfen, so werden wir auch die sententiam quam miserabilem [den allerübelsten Urteilsspruch] vernehmen, und dann gute Nacht auf ewig! Was meinen denn Sie zu dieser meiner Meinung?“
RB|1|137|1|1|Des Grafen Stolz bäumt sich nochmal auf. Erdenpolitik in jenseitiger Beleuchtung. Der General und Robert über den Streit dieser Geister. Des Herrn große Geduld.
RB|1|137|1|1|(Am 6. Nov. 1849)
RB|1|137|1|0|Spricht der Franziskaner: „Herr Graf, da lässt sich sehr wenig, wohl auch gar nichts darauf sagen. Das Unrecht ist einmal auf unserer Seite, und damit ist alles gesagt. Nun kommt es lediglich auf die Gnade Gottes an. Nimmt uns diese an, so sind wir nicht verloren. Lässt uns aber diese im Stich, dann gehören wir auf ewig der schwarzen Katze zu. Verstehen Sie das, Herr Graf?“
RB|1|137|2|0|Spricht der Graf ganz erregt: „Was sagen Sie da, das Unrecht sei auf unserer Seite? Wo lebt der Gott, der mir das erweisen könnte? Stammen wir nicht geradewegs von Attila ab? Haben nicht unter seiner weisesten Leitung unsere Voreltern das herrliche Ungarn für uns mit ihren Waffen erkämpft? Haben wir dies Land nicht schon über tausend Jahre inne? Wann ist dieses Reich noch einer anderen Macht vollends untertänig gewesen! Wir selbst haben unsere Könige gewählt und sind nie auf das Haus Habsburg beschränkt gewesen. Dass wir es lange genug beibehalten haben, das war unser ganz freier, echt magyarisch großmütiger Wille. Wie konnten wir fehlen, den echten Usurpator unserer Krone, den wir nie zum König gewählt und gesalbt haben, des ungarischen Thrones verlustig zu erklären, indem er sich den Thron Ungarns nur angemaßt hatte? Denn sein Oheim, der rechtmäßige König Ungarns, hatte laut der alten pragmatischen Sanktion ohne unsere Einwilligung wohl nie ein Recht, an seiner statt einen König für unser großes und mächtigstes Reich zu erwählen und einzusetzen. Und Sie reden von einem Unrecht auf unserer Seite? Hören Sie mir auf mit solch einer Diplomatie.“
RB|1|137|3|0|Spricht der Franziskaner: „Aber ich bitte Sie, um Gottes Herrn Jesus willen, reden Sie doch hier im Geisterreich nicht so echt ultramagyarisch dumm! Sagen Sie mir, hat denn die Gottheit dies Land dem Attila wie den Israeliten ein gelobtes Land Kanaan geschenkt? Oder hat es nicht vielmehr der Attila mit den Waffen in der Hand erobert und somit unrechtmäßig den alten Ureinwohnern, die er vernichtet hat, geraubt? Ist das ein rechtmäßiger Besitz vor Gott? – So sagen Sie auch: Wir wären nie unter fremder Botmäßigkeit gestanden! Waren es denn nicht mehrere Mal die Türken, die in Ofen und Pest alle Magyaren auf das Grausamste tyrannisiert haben? Und wer hat Ungarn von dieser Tyrannei frei gemacht? Hat das Ungarnland nicht die Küsten des Schwarzen Meeres wie auch die des Adriatischen beherrscht? Was ist nun das Schwarze Meer, wo das Adriatische nun? Belgrad und Bukarest waren magyarisch – wessen sind sie nun? Österreich hatte wahrlich größere und ältere Rechte auf unser Reich, als wir es ihm je zugestehen wollten. Österreich hat Ungarn von den Türken zurückerobert und hat es uns wieder zu eigen gegeben mit dem alleinigen Vorbehalt, dass die Habsburger stets das erste Recht auf die Krone Ungarns haben sollen, was ihnen auch feierlichst zugesagt wurde. Warum wollten wir denn nun eine eigene Wurst gebraten haben? Sehen Sie, das hat unser Hochmut getan! Wir sind unter Österreichs Zepter zu reich und mächtig geworden, wollten dann unser Reich ganz selbständig beherrschen und unter die Regenten Europas erster Klasse aufgenommen sein und viel von uns reden machen.
RB|1|137|4|0|Aber das hat dem lieben Herrgott nicht gefallen, und Er machte uns einen groben Strich durch unsere Rechnung! Und Ihnen, Herr Graf, als einem echten Attilas Sohn, steht es nun frei, einen Rekurs gegen unsern allmächtigen Herrgott zu ergreifen und diesen geradewegs beim Herrn von Teufel einzureichen! Wer weiß, welch seltene Effekte da herauskommen dürften. Ich wünsche Ihnen übrigens viel Glück und ein schönes Wetter dazu!
RB|1|137|5|0|Wissen Sie denn nicht, wie es in der Heiligen Schrift lautet, dass nämlich alles, was vor der Welt groß sein will, vor Gott ein Gräuel ist? Wir wollten aber groß und mächtig sein; und da stecken wir dafür nun in der schönsten Sauce. Das Rindfleisch ist uns schon auf der Erde ganz gehörig versalzen worden, und hier genießen wir die Sauce dazu! Wie schmeckt Ihnen dieses Gulasch? Jetzt aber nur noch mit der magyarischen Dummheit ein wenig weiter getrieben, und es kann uns noch glücken, dass wir mit der Weile so ein echt höllisches Bratl mit einem Schwefelsalat als ewiges Konfekt aufgetischt bekommen, und uns wird dann wahrlich nichts mehr zu wünschen übrig bleiben. Bisschen ein Gewühl hätten wir bereits, und so ein kleines Vorgeschmäckchen. Nur zu in unserer starrsinnigen Dummheit, es wird schon noch besser werden! Es ist ein altes Sprichwort: ‚Was die Hölle will, das bleibt ihr nicht aus!‘ Ich habe nun ausgeredet.“
RB|1|137|6|0|Spricht der Graf: „Sehr wohl von Ihnen, Herr von echt Schwarzgelb! Es ist nur ewig schade, dass Sie mit dieser Argumentation nicht um zwölf Monate früher auf der Erde zum Vorschein gekommen sind! Wahrlich, es müsste mit dem Teufel hergehen, wenn Sie nicht schon längst ein einträgliches Plätzchen beim Wiener Ministerium erlangt haben sollten! Wahrhaftig wahr, so eine schöne Argumentation hätte sogar einem Fürst Metternich keine Schande gemacht.
RB|1|137|7|0|Wenn wahrscheinlich für solch schöne schwarzgelbe Gesinnungen Sie etwa doch schon ehestens mit Jesu, dem Herrn, gar überaus freundschaftlichst in die nächste Berührung kommen dürften, so suchen Sie Ihn ja dahin zu bewegen, dass Er unverweilt einige himmlische Verdienstorden auf die Erde hinabsenden möchte, und sie als Zeichen Seines besondern Wohlwollens an jene verteilen, die sich bei unserer Aufhängungsgeschichte am tätigsten bewiesen haben. Vergessen Sie das ja nicht! Denn sehen Sie, das Leutaufhängungsgeschäft muss bei Jesu, dem Herrn, schon deshalb einen ganz besonders hohen Wert haben, da Er Selbst eines ähnlichen Todes dem Leibe nach gestorben ist, wie angenehm Ihm aber diese Todesart war, bewies Er durch die sonderbare Belohnung des Verräters Judas Ischariot. Nach Ihrer guten Meinung werden die Herren Freimanns (Henker) wohl lauter Cherubim sein, oder was! Nicht wahr, mein liebster Herr von Schwarzgelb! Nein, schauens! Das hätte ich nie geglaubt, dass Sie so ein Gutgesinnter wären. 'S Aufhängen muss Ihnen ordentlich wohlgetan haben, weil Sie nun der österreichischen Regierung dafür so dankbar sein! Und nur die brillanten Aussichten hier als Folge unserer reizenden Aufhängung? Oh, oh, die Sache macht sich! Nein, Sie sind halt wohl ein ganzer Mann, Sie! Und wie Sie nur in der Geschichte Ungarns bewandert sind, wahrlich, ich muss es gestehen: Wer mit Ihnen keine Freude hat, der muss kein Mensch sein. Sie werden sicher auch schon die Kunde haben, der zufolge Christus, der Herr, auch vollkommen ein schwarzgelber Tripons-Ordensritter sein soll. Oh, das wissen Sie gewiss, weil Sie in der Geschichte so außerordentlich bewandert sind!“
RB|1|137|8|0|Spricht der Franziskaner wieder: „Lieber Herr Graf. Sie belieben mich zu hänseln gleich einem Lausbuben! Aber das macht mir gar nichts. Denn ich weiß es, woran ich bin und warum ich so geredet habe. Sie aber haben meine ganze Rede gar nie verstanden! Daher ist es Ihnen auch zu verzeihen, wenn Sie so reden, wie Sie soeben geredet haben. Ex trunco non fit Mercurius [aus einem Klotz wird kein Gott]! Verstanden, Herr Graf! Lobte ich denn die Handlung der österreichischen Regierung? Herr, ich kenne Österreichs Gebrechen so gut, als irgendeiner. Aber ich sehe es auch ein, dass es ein größtes Malheur wäre, neben dem schon bestehenden Vesuv noch einen zweiten und noch wütenderen Länderverheerer hinzustellen. Österreichs Kaiser ist schon ein genügender Vesuvius für alle Länder Österreichs; das weiß der Herr Jesus. Wir wollten aber mit aller Teufelsgewalt ein zweiter werden, und das war, wie ich meine, gefehlt. Und das Unrecht ist von Gottes wegen auf unserer Seite.
RB|1|137|9|0|Wir haben aber nun die Pflicht, dieses Unrecht einzusehen und Gott, dem Herrn, das in unseren Herzen zu bekennen; ansonst es nie besser mit uns wird. Sprach nicht Gott dereinst: »In Meinem Zorne habe Ich euch einen König gegeben!« – Wenn ein König aber schon ein Werk des Zornes ist, warum trachteten wir denn auch danach, was rein des Zornes Gottes ist? Wir erhielten auch, danach wir getrachtet haben, wahrlich den Zorn Gottes als erste Draufgabe auf den König! Wahrscheinlich wird auch bald ein König nachfolgen. Aber wehe denen, die unter seinem Zepter stehen werden! Hätten wir lieber anstatt um den Zorn Gottes um Seine Liebe gekämpft, so stünde es nun wahrscheinlich heller um uns, als dies gegenwärtig der Fall ist!
RB|1|137|10|0|Der Herr Jesus aber will nun, wie ich es nun getreu in mir gewahre, die Zahl der Regenten vermindern und nicht vermehren – aus sicher höchst weisen Gründen. Und so sind wir Ihm gerade recht gekommen, die wir Europa um ein neues freies Königtum vermehren wollten! Sollen wir etwa hier auch noch auf der Realisierung dieser gotteslästerlichen Idee beharren und dadurch für ewig zugrunde gehen?! Lassen der Herr Graf doch einmal ab von diesen irdischen Hoheitsdummheiten und Narrenpossen! Es ist genug, dass wir auf der Erde dafür gehörig eingegangen sind!“
RB|1|137|11|0|Spricht im ersten Saal des Hauses der bewusste General zum soeben aus dem zweiten Saal mit dem schönen Weib Helena tretenden Robert: „Hören Sie – oder du, wollte ich sagen – das ist ja eine ganz verzweifelt langweilige Geschichte. Was diese unglücklichen etliche dreißig Geister da draußen vor den Fenstern zusammenschwätzen, das ist ja ganz unerhört! Da schlägt doch buchstäblich eine Dummheit die andere. Der Graf ist ein Ochs und sein Opponent ein Esel! Und die anderen aber scheinen noch dümmer zu sein! Jetzt streiten die Kerls schon eine halbe Ewigkeit, ob sie die angebotene Hilfe des Herrn annehmen sollen oder nicht. Nein, so was dürfte in der ganzen Unendlichkeit Gottes doch nicht leichtlich zum zweiten Mal vorkommen. Wie lange werden wir denn mit diesen dummen Schwätzern noch müssen Geduld tragen?“
RB|1|137|12|0|Spricht der Robert: „Mein liebster Freund und Bruder! Der Herr ist hier unser aller lebendigster Maßstab. Da sehe nur zur Türe hinein, wie gemütlich Er Sich mit all den Seinen unterhält und eben davon spricht, wie mit diesen dreißig fürder soll vorgegangen werden. Merken wir alle hier nur die geringste Ungeduld in Seinem allerheiligsten Angesicht?“ – Spricht der General: „Nein, wahrlich nein! Die wahrhaft göttlichste Ruhe und ewig gleiche, höchste Anmut entstrahlt Seinem ganzen Wesen.“
RB|1|137|13|0|Spricht der Robert weiter: „Siehst du, Bruder, das ist unser Geduld- und Liebemaßstab! Für Ihn gibt es keine Feinde! Die Konservativen sind so gut Seine Kinder, als wie die Radikalen! Er sorgt für alle! Siehe, so irgendein Vater auf der Erde recht viele Kinder hat, die untereinander im beständigen Zank und Hader leben; er bestraft die mutwilligsten wohl. Aber seine gleiche Liebe zu allen kann er denn doch nicht verleugnen und ist daher stets bemüht, für alle bestens zu sorgen. Was ist vor dem Herrn das irdische konservative oder radikale Wesen der Menschen, die alle gleich Seine Kinder sind. Er züchtigt wohl auch die Mutwilligen; aber durch eben die Züchtigung sorgt Er desto mehr für sie. Er ist noch stets Derselbe, der neunundneunzig eingefriedete Schafe verlässt und geht suchen das hundertste eine, das Er dann auf Seine Achsel nimmt und es mit der größten Freude in Seinen großen Schafstall trägt, der nach allen Seiten hin eingefriedet ist durch Seine göttliche Gnade, Liebe und Erbarmung.
RB|1|137|14|0|Und so müssen denn auch wir mit Seinen Kindern, unseren Brüdern, und mögen sie noch so schwach sein, die allergrößte Geduld haben. Denn hier gibt es keine fremden Parteien mehr, sondern lauter Kinder eines und desselben Vaters. Wir sagen hier nimmer: ‚Herr! Österreich handelt Deiner Ordnung durch seine Militärdespotie entgegen – strafe es!‘ Oder: ‚Die Ungarn haben wider Dein Gesetz gehandelt – züchtige sie!‘ Denn es sind ja alle unsere Brüder und Schwestern. Sondern wir sagen: ‚O Vater, siehe gnädig zur armen Erde hinab und erleuchte unsere schwachen Brüder, welcher Partei sie auch immer angehören mögen, und helfe ihnen allen!‘ – Und der Herr spricht dann huldreichst zu uns: ‚Warum bittet ihr denn? Habt ihr etwa mehr Liebe zu euren Brüdern und Schwestern denn Ich, als der Vater aller?‘ Auf solch eine Gegenfrage werden wir dann alle wie stumm und sprachlos gegenüber der zu großen Liebe des ewig heiligsten Vaters.
RB|1|137|15|0|Er liebt alle gleich! Die zu Ihm wollen, die kommen auch zu Ihm, und es ist da niemand ausgenommen. Wie Er Seine Sonne scheinen lässt über Würdige und Unwürdige und Sein Regen auf alle Kräuter, edle und unedle, fällt, so ist auch Seine Gnade, Liebe und Erbarmung. Sie erstreckt sich über alle gleich, und nicht selten kommt gerade über die Schwächsten ein ganzer Wolkenbruch von Seiner höchsten Liebe, Geduld, Gnade und Erbarmung.
RB|1|137|16|0|Geduldet euch daher nur noch ein wenig, und ihr alle werdet es sehen, was des Herrn Liebe vermag. An eben diesen dreißig wird sich Seine Erbarmung ganz besonders hervortun. Daher nur noch eine kleine Geduld.“
RB|1|138|1|1|Der Graf und der Franziskaner über die neuvernommenen Stimmen. Der Graf äußert immer noch Bedenken. Ein Mann aus dem Volk ruft Jesus an.
RB|1|138|1|1|(Am 8. Nov. 1849)
RB|1|138|1|0|Die draußen befindlichen etlichen dreißig vernehmen abermals dies Gespräch, und diesmal sogar der Graf Bathianyi ganz deutlich, sozusagen von Wort zu Wort.
RB|1|138|2|0|Er erstaunt sich sehr darüber und spricht zum Franziskaner: „Freund, haben Sie die sehr tröstlichen Worte vernommen? Wie es mir vorkommt, so haben weder Sie, noch ich recht, und die ganze Sache scheint sich ganz anders gestalten zu wollen. Zwar war die Stimme, die wir zuerst vernommen haben, etwas rau und voll Ungeduld und hätte mich beinahe recht tief zu beleidigen angefangen. Aber darauf erhob sich eine andere, überaus sanfte, wahre Engelsstimme und floss wie ein herrlichster Balsam über meine gedrückte Brust. Ja, Freund, so lasse ich mir den Herrn Jesus schon gefallen! Aber wie du Ihn mir mit höchst mangelhaften Umrissen vorgezeichnet hast, so hätte ich Ihn wahrlich nie brauchen können.“
RB|1|138|3|0|Spricht der Franziskaner: „Mein lieber Herr Graf, haben Sie denn das nie gehört, dass der ein Schelm und ein Hauptlump ist, der mehr gibt, als er hat? Meine Meinung war wenigstens ehrlich, wenn auch manchmal etwas roh und grob. Das sehen aber der Herr Graf selbst, dass es hier für uns alle gleich finster ist, und es ist daher auch nicht sehr zu verwundern, dass unsere hell sein sollenden Kontroversen eben nicht zu hell ausfallen können. Ich hatte aber im Grunde dennoch sehr recht, so ich Sie stets zur Annahme der angebotenen Hilfe von Seiten des Herrn Jesu Christi zu bewegen trachtete. Der Herr Graf aber waren dabei steinfest für die Nichtannahme dieser angebotenen Hilfe gestimmt – außer höchstens unter allerlei, gegenüber der Gottheit wahrlich im hohen Grad lächerlich ärgerlichen Bedingungen. Nun aber haben Sie es mit eigenen Ohren gehört, und so meine ich denn nun auch, dass Sie von nun an weiter keine Anstände mehr finden und haben und machen werden.
RB|1|138|4|0|Dass ich Christus, den ewigen Sohn des Allerhöchsten, nicht so kenne, wie Ihn Seine Engel kennen, das wird etwa doch so hübsch leicht und sogar ohne Mathematik zu begreifen sein. Aber das wusste ich doch, trotzdem ich ein Franziskaner war, dass der gute Herr Jesus nicht gar so tyrannisch unerbittlich ist, als wie Ihn der heilige Ignatius von Loyola dargestellt hat. Denn ich habe den Vers stets vor Augen gehabt, wo der Herr Jesus einmal sprach: ‚Kommt alle zu Mir her, die ihr mühselig und sehr beladen seid! Ich werde euch alle erquicken!‘ Leider haben die römischen Priester das auf den löblichen Beichtstuhl hingewiesen, an dessen Stufen der Herr Jesus ausschließend allein nur die Mühseligen und Beladenen annehme und erquicke. Aber diese beichtstuhlische Erquickung hat schon manchen Schwachen zur Verzweiflung gebracht und manche um all ihre notwendige Habe, um Ruhe und Leben – Zustände, die wahrlich sehr wenig Erquickliches aufzuweisen haben. Aber in diesem echt römischen Sinn habe ich's nie genommen, sondern wie ich es mir dachte, dass es ein überaus guter Mensch sicher anders tun möchte mit den Beladenen und Mühseligen, als die heilige römische, alleinseligmachende Kirche, die nach der stundenlangen Verdammung der armen Ketzer zur ewigen Pein in der Hölle sich das Mittagsmahl ebenso gut und ganz harmlos schmecken ließ und noch lässt, als wenn gar nichts vorgefallen wäre – und dabei noch die Keckheit hat, sich eine liebevollste Mutter zu nennen!
RB|1|138|5|0|Und so meine ich denn nun, wie ich auch ehedem meinte: mühselig und beladen wären wir schon so hübsch, wie etwa der gewiss im höchsten Grad gedrückte Mittelpunkt der Erde. Und so meine ich, hätten wir auch wohl Grund in die schwerste Masse uns zu dem liebreichsten Herrn Jesus hinzubegeben und Ihn um die verheißene und – wohlbemerkt! – bereits angebotene Erquickung anzuflehen. Ich bin ganz bereit, den Anfang zu machen. Wer mir folgen will, der nehme seine Sinne zusammen und tue das, was ich nun unwiderruflich tun werde.“
RB|1|138|6|0|Spricht der Graf: „Aber so warten Sie doch ein wenig, vielleicht kommen uns noch so einige Winke von irgendeinem unsichtbaren Mund, wie wir die Sache anzustellen haben. Denn man kann denn doch bei dem allerhöchsten Herrn nicht gleich mit der ganzen Türe ins Haus fallen. Sie sind wirklich ein Ehrenmann und in Ihrer Art recht hellen Verstandes, trotz der uns umgebenden Finsternis; aber den Fehler haben Sie dennoch, dass Sie diese höchst sonderbar mystischen Lebensverhältnisse dieser Welt, die schon gar keiner Welt mehr gleichsieht, mit zu natürlichen Augen betrachten und hier ganz so handeln wollen, als wenn Sie auf der Erde im Haus ihrer Eltern sich befinden möchten. Bedenken Sie doch, wo wir sind. Wissen Sie denn, was hier ober uns und unter uns sich befindet? Daher heißt es hier, sich eher genauest informieren lassen, bevor man auch den besten Schritt irgendwohin wagt.
RB|1|138|7|0|Ich bin nun keineswegs mehr gegen die Annahme der angebotenen Hilfe. Ja ich freue mich sogar kindlichst darauf, wann wir dieselbe geziemendst und sicheren Schrittes werden ansuchen und annehmen können. Ja ich sage Ihnen noch mehr, mein höchster Wunsch geht nun dahin, Christus, den Herrn von Ewigkeit, zu ersehen und in der höchsten Liebe Ihm zu den Füßen zu fallen und so möglich, da aus Liebe zu sterben! Aber, Freund, sogleich mit der Türe ins Haus zu fallen oder sogleich die ganze Hand herreißen, so einem ganz mystisch der kleine Finger gezeigt wird – das geht nicht.
RB|1|138|8|0|Die Artigkeit, als ein schönes Aushängeschild eines guten, dankbaren und demütigen Herzens, wird auf der Erde von jedermann gerne gesehen, und die vorlaute Dreistigkeit gar sehr missachtet. Sollten wir denn nun hier im Reich des eigentlichen Lebens annehmen, dass man hier wie ein Gassenbube unartig sein müsse, um bei dem höchsten Herrn der Unendlichkeit etwas durchzusetzen!? Daher, mein lieber Freund, nur ein wenig mehr moderato et piano [fein und artig], etwas mehr Eile mit Weile! So wird sich meiner Meinung nach schon alles machen.“
RB|1|138|9|0|Spricht der Franziskaner: „No ja, no ja, in dem Sinn sollen ja auch Sie einmal nicht unrecht haben! Vor Gott müssen wir freilich mit der höchsten Artigkeit und in tiefster Achtung hintreten, wenn auch schon anfangs bloß nur im Herzen. Und so warten wir denn noch ein wenig; vielleicht hören wir noch einmal etwas Tröstliches.“
RB|1|138|10|0|Auf diese Worte des Franziskaners wird die ganze Gesellschaft ganz lautlos und horcht, ob sie nicht irgendetwas Tröstliches vernehme. Aber es kommt von keiner Seite her ein Wort.
RB|1|138|11|0|Nach einer ziemlichen Weile erfolglosen Harrens tritt einer aus der Gesellschaft vor den Grafen hin und spricht: „Freund, ich war, was mein allzeitiges irdisches Benehmen und Handeln überklar zeigte, stets ein Magyar mit Leib und Seele und fürchtete weder Tod noch Teufel. Mein ganzes Leben war von der Zehenspitze bis zum Scheitel meines Hauptes dem schweren Dienst des Ungarntums geweiht. Du selbst musst mir das Zeugnis geben, dass ich stets ein glühender Ungar war. Und kein Gott hätte mich zu etwas anderem bewegen können, als was ich für ein Heil unseres Vaterlandes erkannte. Aber mein und unser aller Erkenntnis war ein Hirngespinst. Denn was wir auch taten in der fixen Idee, dass es dem Vaterland frommen werde, das taten wir – wohlverstanden! – ohne Gott. Wohl sprachen wir Gebete vor des Volkes Ohren, um es zu berücken. Aber wo war da unser Herz, wo unser Glaube, wo die wahre Liebe zu Gott und zum Volk!?
RB|1|138|12|0|Wir wussten, dass wir schwach sind und es allein mit unseren Gegnern nicht aufnehmen können. Wir täuschten aber unsern Feind mit einer blinden, nur in den Journalen existierenden großen Macht und harrten dabei auf eine Hilfe von außen her. Aber diese kam nicht, und wir mussten uns gefallen lassen, dass zufolge unserer illusiven Großtuerei unser Gegner, in der Meinung, er habe es wirklich mit einer Halbmillion von den tapfersten magyarischen Kriegern zu tun, die Hilfe Russlands ansuchte und auch bekam. Und wir waren dann genötigt, uns wie ein berauschter Esel im volksbelustigenden Zwinger im Angesicht eines freigelassenen Tigers zu gebärden, um doch noch einige Zeit den Völkern Europas zu zeigen, als ob wir Gott weiß was für verborgene unüberwindliche Kräfte besessen hätten. Am Ende aber musste es denn doch offenbar werden, wie wir bestellt waren. Und das Fazit war, dass wir unserem Volk durch unsere Hitze nicht nur nichts genützt haben, sondern uns bloß nur gestellt zwischen die Szylla und Charybdis und unsere goldenen Hoffnungen gemacht zu leeren Träumen.
RB|1|138|13|0|Daraus aber folgere ich nun, dass wir uns hier auch nicht auf ein Erwarten fremder Hilfe verlassen und uns auch nicht mehr Kraft und Geduld zugestehen wollen, als wir sie in der Wahrheit besitzen. Die Hilfe ist uns bedingungsweise zugesagt worden, so wie uns gleich anfangs unseres unglücklichen Aufstandes von Seiten des Wiener Ministeriums auch annehmbare Bedingungen gemacht worden sind. Wir aber nahmen sie nicht an, außer nur unter von uns gestellten Bedingungen, die das Wiener Ministerium nicht annehmen konnte oder wollte. Und wir kamen bald darauf zwischen zwei Stühlen am Boden zu sitzen. Und gerade so kann es uns auch hier ergehen, so wir unter allerlei scheinbar rechtlichen Vorwänden suchen, die Annahme der bedingten Hilfe hinauszuschieben. In dem wunderbar klingenden Antrag hieß es: ‚Wendet euch an den Herrn Jesus, und es wird euch geholfen werden!‘ Dawider und dafür habe ich nun schon bis zum wahren Ekel zwischen dir und dem Pater Franziskaner eine mir lästige Menge Worte versplittern gehört. Um wie viel besser ist es darum nun mit uns? Noch stehen wir am alten Fleck! Darum kein Zaudern mehr, sondern handeln nach der gegebenen Bedingung! Sonst gehe ich auf und davon und werde für mich ganz allein handeln.“
RB|1|138|14|0|Spricht der Graf: „Mein lieber Freund, du bist nun ja über alle Salamander schwarzgelb. Das ist hier ja ganz entsetzlich merkwürdig, dass in dieser über alle Begriffe chimärenhaften Geisterwelt alle Radikalen ganz verteufelt schwarzgelb werden. Am Ende ist die Gottheit denn doch auch so ganz con amore [in aller Liebe] schwarzgelb.“
RB|1|138|15|0|Fällt ihm der andere ganz erregt in die Rede: „Eh, leck du mich mit deinem dummen schwarzgelben Sarkasmus! Sage mir in Gottes Namen, was hast denn du gewonnen mit deiner antischwarzgelben Völkerbeglückung? Dass wir beide, und vielleicht noch einige Dutzend unsertwegen, aufgehängt wurden, das ist unser ganzer radikaler Gewinn! Und es muss unser höchst antischwarzgelbes Benehmen denn doch auch der lieben Gottheit nicht sehr anständig gewesen sein, ansonst wir nach unserer Justifizierung doch sicher nicht in einen solch jammervollen Zustand wären versetzt worden.
RB|1|138|16|0|Siehe, Freund, obschon wir uns in einer nimmer heller werden wollenden Finsternis befinden, so wird es mir aber im Herzen doch stets klarer, und ich sehe es ganz hell ein, dass der Mensch nicht für die Erde – auf der er nur ein Vorbereitungsleben durchzumachen hat, das sozusagen nur von heute bis morgen währt – sondern für eine reine, ewig dauernde Geisterwelt erschaffen ist, in der sich möglicherweise wohl gar leicht die höchste Seligkeit beurkunden kann.
RB|1|138|17|0|Wären wir lieber der österreichischen schwarzgelben Oberleitung und Regierung treu, gehorsam und untertänig geblieben und hätten uns so manchen Druck gefallen lassen, besonders so er zum allgemeinen Besten berechnet war, da stünde es nun besser um uns. Da wir aber der sicher von Gott oder doch wenigstens durch Seine Zulassung gestellten Regierung ungehorsam geworden sind und haben selbst Regenten werden wollen, so haben wir aber nun auch den Lohn dafür, der nach meinem Ermessen für unsere irdischen Handlungen ganz vollkommen konvenabel [angemessen] ist. Mache es durch deinen allerradikalsten Sinn besser, so du es kannst. Aber ich meine, dass dir das noch viel schlechter gelingen dürfte, als das: dir die ungarische Reichskrone auf dein Haupt hinauf zu setzen. Wo sind alle die berauschten Eljens, die dir und deinem Rivalen Kossut dargebracht wurden millionenfach!? Siehe, es ist alles stumm! Nicht einmal eine lästigste Gelse summst dir etwas ins Ohr. Ich bitte dich, höre doch einmal auf, dumm zu sein! Es ist ja übergenug, dass wir auf der Erde die größten Meisterstücke der menschlichen Dummheit an das helle Tageslicht befördert haben. Sollen wir hier davon nicht etwa auch noch einen ewigen Gebrauch machen? Nein, hörst du, davon schaffe ich wahrlich nichts! Lieber für ewig ein ganz gemeinster Einwohner irgendeines schwarzgelben Himmels sein, als in dieser Hölle, sonst dieser Ort wohl nichts ist, einen allerradikalsten König abgeben.
RB|1|138|18|0|Ich aber binde mich nun wohl nimmer an irgendeine Farbe, außer an die des Gehorsams und der wahren Demut. Und so rufe ich nun zuerst laut aus:
RB|1|138|19|0|‚Du allererhabenster, gerechtester und liebevollster Herr und Gott Jesus, Der Du auch mich mit Deinem heiligsten Blut am Kreuz erlöst hast, hilf mir und womöglich uns allen aus dieser allerlichtlosesten Bedrängnis! Höre nimmer auf das dümmste herrschsüchtigste Eselsgeplärr eines ungarischen hochadeligen Demokraten, bei dem trotz seines vorgeschützten Demokratismus das gemeine Volk dennoch Kanaille hieß, sondern höre auch auf uns andere armen Teufel und helfe uns allen nach Deiner Gnade und Barmherzigkeit aus diesem großen Jammer, der nun schon wohl einige Tausende von Erdjahren andauerte!“
RB|1|139|1|1|Im Grafen wird es hell. Ein Hochgebirge und ein Palast werden sichtbar. Der Fremde. Liebevolle Belehrungen über die jenseitige Ordnung.
RB|1|139|1|0|Der Graf kehrt sich bei diesem Aufruf des Redners aus der Mitte der Gesellschaft beinahe um vor Ärger und will davonfliehen. Aber der Franziskaner fasst ihn am Rock fest und lässt ihn keinen Schritt weiter tun und sagt: „Herr Graf, keinen Schritt weiter! Sie haben in Ungarn über uns als erster Minister geherrscht; nach ihren Gesetzen handelten wir! Es wird heller nun, der ewige Richter kommt! Sie werden uns vor Ihm verantworten! Verstehen Sie mich?“
RB|1|139|2|0|Der Graf, ganz entsetzlich überrascht über den ganz sonderbaren Ernst des Franziskaners und noch voll Ärger über das Gebet des Redners aus der Mitte, gerät in ein förmliches Fieber und spricht nun ganz sanft und gelassen: „Nun, nun, mir ist, ist, ist, ja so, ja, ja, mir ist schon alles recht! Aber nur um das bitte ich euch, dass ihr mich nicht wie einen Raubmörder umbringt! Fallt mich nur nicht gar so maliziös an, ich will ja alles tun!“ – Spricht der Franziskaner: „Nun gut denn, aber vor dem ewigen Richter, wie wird es Euch da ergehen und wie uns, als Ihren Helfershelfern?“
RB|1|139|3|0|Spricht der Graf: „Aber lieber Freund, haben Sie es denn nicht früher gehört, dass der Herr uns allen gnädig und barmherzig sein will!? So Er uns aber Gnade für Recht wird ergehen lassen, wie soll Er uns dann richten wollen? Was soll denn an uns überhaupt zu richten sein? Oder wozu soll der Allmächtige und Allwissende erst eine Konfrontation mit seinen lausigen Geschöpfen halten, um sie durch ihr eigenes Geständnis dahin zu bringen, dass sie selbst einsehen, dass sie rechtens verdammt werden!? Oh, das ist ganz verdammt schwach von einem römisch-katholischen Ordenspriester, der Gottheit menschliche Schwächen anzudichten. Gott ist gut und gnädig, dem Er gut und gnädig sein will. Den Er aber fallen lässt, dem hilft auch gar nichts, und schon am allerwenigsten das Vorwort eines ungarischen Grafen Bathianyi. Ich glaube aber, dass der liebe Herrgott auf den Mist gar nicht schauen wird, den wir uns gegenseitig vor die Türen gekehrt haben; sondern es dürfte schon ohnehin ein jeder von uns für sich ein ganz bedeutendes Häufchen haben, das sein ganz eigenes Werk ist; und nur dafür dürfte im schlimmsten Fall eine Rechnung verlangt werden, wobei Sie, mein Freund, sich wahrscheinlich sehr schwer, auf mich hindeutend, werden rechtfertigen können. Verstehen Sie das, mein lieber Herr Pater Cyprianus oder Grobianus, oder was Sie sonst etwa noch sind?“
RB|1|139|4|0|Spricht der Franziskaner: „Schon gut, schon gut, Herr Graf! Wir werden es ja doch endlich einmal zu sehen bekommen, wer denn am Ende recht haben wird. Es wird nun immer heller und heller von Osten her, wie es wenigstens mir vorkommt. Die Sache muss bald anders werden. Wenn nur der fatale Nebel nicht wäre. Wir müssten sonst bei dieser Helle doch schon hie und da etwas ausnehmen, wenn es hier überhaupt etwas zum Ausnehmen gibt.“
RB|1|139|5|0|Spricht wieder der Redner, sagend: „Liebe Freunde und Brüder, hört mich nun an; denn mir ist nun ein guter Gedanke durch meine Seele gefahren, und diesen will ich euch nun kundtun! Seht, wir sind alle gleich unglücklich geworden, und keiner hat etwas vor dem andern. Wie wäre es denn, so wir lieber in echter Bruderliebe und Freundschaft beisammen verharren möchten und ohne gegenseitige Vorwürfe das erwarten, was die Allmacht Gottes über uns verfügen wird. Es ist ja ohnehin Qual genug, so wir uns vor Gott fürchten wie eine Taube vor den mächtigen Krallen eines Aars. Wozu sollen wir uns selbst da noch hinzu quälen? Meint ihr denn, dass dadurch das Urteil Gottes gegen uns milder ausfallen wird? O mitnichten! Gott tut, was Er will, und keine Ewigkeit bringt Ihn von Seinem einmal gefassten Urteil ab! Denn es steht in der Schrift: ‚Himmel und Erde werden vergehen, aber Meine Worte nicht!‘ Freunde, darin liegt ein ganz kurioser Ernst, an dem wir für ewig zur Übergenüge werden zu beißen haben. Daher seien wir wenigstens unter uns freundlich, so uns die Gottheit nimmer freundlich entgegenkommen sollte. Aber es wird nun im Ernst heller und heller, und gegen aufwärts kommt mir auch der Himmel schon recht schön blau vor! Nur Sterne kann ich noch nicht ausnehmen. Wahrscheinlich werden hier auch keine sein!“
RB|1|139|6|0|Spricht der Graf: „Bravo, Freund Miklosch, deine Sprache gefällt mir schon um ganze tausendmal besser als die des Paters Cyprianus! Wahrlich, ein Pfaffe bleibt denn doch ewig ein gefühlloses Wesen! Aber es sei ihm nun alles verziehen! Von nun an werde ich mich ewig nimmer erheben, auch über meinen ärgsten Feind nimmer. Gott gebe uns allen eine rechte Erkenntnis und eine gegenseitige wahre, feste und bleibende Geduld! Sein Wille mit uns allen!“
RB|1|139|7|0|Auf diese Äußerungen des Grafen werden die Nebel dünner, und es kommt nun allen vor, als wenn sie noch nicht gar zu lange sich in dieser Gegend befänden.
RB|1|139|8|1|(Am 13. Nov. 1849)
RB|1|139|8|0|Der Miklosch sagt nach einer Weile, als er gegen Abend und Mitternacht ein starkes und mächtiges Gebirge entdeckt: „O Freunde, Freunde, liebe Freunde, da, da, da seht hin! Land, Hochgebirge! Endlich, endlich zum ersten Mal Land in dieser Welt, und das ein Hochgebirgsland – eine schwache Seite von mir, solange ich auf der Erde gelebt habe. Es steht über den majestätischen Anblick eines Hochgebirges denn doch wohl ewig nichts auf! Das sättigt und sänftigt ganz wahrhaft wunderbar das sonst oft gar so hungrige und magere Gemüt des Menschen, und sein Herz wird im Glauben an einen allmächtigen Gott gestärkt und von Liebe zu Ihm entbrannt. Und das bewirkt alles der Anblick von einem wahren Hochgebirge. O wie erbaut bin ich nun beim Anblick dieses allerriesigsten Hochgebirges! Besonders die Spitze zwischen Abend und Norden, so ich mich richtig orientiere, ist etwas Ungeheuerstes. Wahrlich, die muss über hunderttausend Fuß hoch sein. Gegen diese wären die höchsten Spitzen der Erde wohl kaum Hügelchen zu nennen. Seht ihr wohl auch dies prachtvollst herrliche Hochgebirge?“
RB|1|139|9|0|Sprechen alle: „Jawohl, jawohl sehen wir es! Das ist eine große Pracht! Aber es muss doch sehr weit von hier entfernt sein! Denn man kann das aus der graulicht-blauen Färbung entnehmen. Und doch muss man sich beinahe das Genick ausrenken, so man jene höchste Spitze, die richtig zwischen Abend und Norden sich befindet, erschauen will. Das muss eine Höhe sein! O Gott Lob, Gott tausendmal Lob, dass wir doch einmal etwas zu sehen bekommen! Und so ein herrliches Gebirge noch dazu! Oh, das ist herrlich, herrlich, herrlich, man könnte sich gerade die Augen ausschauen! Aber merkwürdig ist es, dass gegen Mittag und besonders gegen Morgen noch alles in Nebel gehüllt ist! Und doch kommt eine gewisse Helle, wie wir es merken, nur von Morgen her. Die Sonne, so es hier auch eine gibt, muss noch sehr tief unter dem Horizont stehen, weil selbst auf jenen höchsten Spitzen keine Strahlen anschlagen.“
RB|1|139|10|0|Spricht der Graf: „Jedoch, jedoch, wie ich es merke, so steht die höchste Spitze doch schon in den Strahlen, ansonst sie nicht so rötlich schimmern würde. Aber es ist wahrlich etwas ungeheuer Majestätisches – der Anblick so eines Gebirges. Wahrlich wahr, Freunde, wenn wir so einen Führer hätten, da wäre ich wirklich einer der ersten, der sich dazu entschlösse, so ein Gebirge zu besteigen. Von der mittägigen Seite müsste sie [die Spitze] nicht einmal gar zu schwer zu besteigen sein. Und zu verlieren und zu versäumen hätten wir hier gerade ja auch nichts. Nun, Herr Pater Cyprianus, was sagen denn Sie dazu?“
RB|1|139|11|0|Spricht der Franziskaner: „Was soll denn ich dazu sagen? Ich habe geredet genug, und man hat mich nicht gehört, sondern nur als einen Grobian gescholten. Darum bin ich nun still und werde bloß hören und danach handeln, so mir das Gehörte konveniert [zusagt]! Geht ihr ins Gebirge, so werde wohl ich nicht allein hier zurückbleiben. Aber ich meine, auf jener sicher unermesslich hohen Spitze wird keinen aus uns je der Kopf schmerzen, denn da wird man schon beim Hinaufschauen schwindlig. Wie würde es einem erst oben ergehen! Ich sage und bleibe daher bei meinem alten Spruch: ‚Berge sind sehr schön zu sehen; doch besser ist es, unten stehen und hinauf zu schauen, als herab voll Angst und Grauen.‘“
RB|1|139|12|0|Spricht der Miklosch: „Ja, ja, so denke ich auch! Wir sind zwar hier wohl Geister und somit um ganz verzweifelt vieles leichter als auf der Erde; aber von einer solchen Höhe möchte ich denn doch keinen Salto mortale wagen. Wir bleiben daher noch eine Weile, bis es etwas heller wird, und es wird sich dann schon zeigen, was zu tun uns am Ende übrigbleiben wird. Mir geht es immer im Geiste vor, dass wir in Kürze hier ganz seltene Visiten bekommen werden! Und so mich meine Sinne nicht täuschen, so kommt dort von Morgen her soeben schon jemand gerade auf uns zu.“
RB|1|139|13|0|Spricht der Graf: „Ja, ja, ich sehe auch jemanden mit einem sehr faltenreichen Gewand. Am Ende ist das wieder ein neuer Ankömmling von der lieben Erde, etwa auch ein gleich uns Justifizierter?“
RB|1|139|14|0|Spricht der Franziskaner: „Da müsste er gleich uns noch in die irdischen Lumpen gehüllt sein! Denn auf der Erde trägt seit den Zeiten der alten Griechen und Römer wohl kein Mensch ein Faltengewand mehr. Das wird schon so ein recht alter Bürger dieser Welt sein! No, es wird sich wohl bald zeigen, wer er ist, was er will oder wohin er geht und was etwa sein dürfte seines Amtes? Ich werde ihn zu uns herrufen.“
RB|1|139|15|0|Spricht Miklosch: „Freunde, ich glaube, dass wir ihn gar nicht zu rufen brauchen; denn er bewegt sich ohnehin geradewegs zu uns her. Und seine Annäherung macht einen guten, ja ich möchte es sagen, sogar wohltuenden Eindruck auf mein ganzes Wesen. Das muss ein guter Mensch oder Geist sein! Es wird aber nun auch heller und heller, je näher er kommt. Das ist schon einmal etwas sehr Merkwürdiges! Und, oh, oh, da seht hin gegen Morgen: etwas hinter dem auf uns zugehenden Mann erschaue ich durch die noch ziemlichen Nebel auf einmal ganz deutliche Umrisse eines ungeheuer großen Palastes.“
RB|1|139|16|0|Alle wenden ihre Gesichter nun gen Morgen hin und entdecken zugleich, was der Miklosch entdeckt hat, und verwundern sich darüber ganz gewaltig. Der Graf aber sagt: „Seht, ich hatte früher denn doch recht. Hätten wir uns etwa um einige Hundert Schritte weiterbewegt, so wären wir ja doch notwendig am Ende mit der Nase an dieses Gebäude gestoßen und hätten dort um einen Einlass bitten können! So aber sind wir noch hier.“ – Spricht der Franziskaner: „Das macht nichts, in der Ewigkeit um ein paar Minuten früher oder später, das ist schon einerlei. Aber nun still! Der gute Mann, der wahrscheinlich in jenem Palast wohnt, ist uns schon sehr nahe, und es erfordert die Artigkeit, dass wir ihm entgegengehen, indem er sich ganz sicher unsertwegen hierher bemüht.“
RB|1|139|17|0|Mit diesem Antrag sind alle einverstanden und gehen dem Ankommenden sehr anständig entgegen. – Und als sie mit ihm völlig zusammenkommen, da nimmt der Graf das Wort und spricht: „Mit dero gütigster Erlaubnis zu fragen: Wohin, wohin denn so eiligen Ganges? Werden wohl vielleicht einen noch sehr weiten Weg zu machen haben?“
RB|1|139|18|0|Spricht der Fremde: „Seid mir tausendmal gegrüßt, liebe Freunde und Brüder! Ich komme bloß nur euretwegen hierher zu euch! Ich habe eure Stimmen vernommen und bin daher von diesem Haus herausgeeilt, um euch allen nötigenfalls eine Hilfe anzubieten, so ihr irgendeiner bedürft. Ich wohne in diesem Haus, das ihr von hier noch etwas im Nebel erschaut.“ – Spricht der Graf: „Dieselben werden wohl höchstwahrscheinlich der Eigentümer – ?“
RB|1|139|19|0|Spricht der Fremde: „Ja, ja, so halb und halb, wie man zu sagen pflegt. Aber seht, es gibt hier so kein eigentliches isoliertes Eigentum. Sondern alles ist da mehr und mehr gewisserart ein Gemeingut. In diesem Reich herrscht eine reine Demokratie. Denn was dem einen gehört, das gehört auch allen andern, die eines Sinnes und eines Herzens sind. Und so könnt auch ihr von allem einen Mitgenussbesitz nehmen, ohne sich dabei zu fragen: wem gehört hier dies oder jenes? Hier herrscht die vollendetste Freiheit, über die nur eines jeden freiester Geist für sich ohne irgendeine Einsprache zu befehlen hat. Was hier jemand will, das wird ihm auch zuteil.“
RB|1|139|20|0|Spricht der Graf: „O schön, schön, das ist eine allerherrlichste Ordnung. Das wollten wir auch auf der Erde erkämpfen; aber es ging da nicht. Denn da ist noch immer Potiori Jus [das Recht des Stärkeren]! Aber hier scheint demnach das ledige Primo occupanti [das Recht des ersten Besitznehmers] zu gelten oder gar das uralte quilibet sui juris [jeder ist Selbstherr]?“
RB|1|139|21|0|Spricht der Fremde: „Ja, ja, fast also! Aber doch noch etwas anders! Denn hier gibt es nur ein Recht, und das ist das Recht der freien, reinen Liebe. Wie die Liebe, so das Recht, aus und durch die Liebe! Was ihr wollt, dass man euch tue, das tut auch den anderen – das ist hier der Grundsatz des Lebens! Und weil jedermann diesen obersten Rechtsgrundsatz zu seiner Hauptlebensmaxime stellt, so räumt er dadurch auch jedem das freie Recht ein, von allem, was er hat, den vollen Mitgenuss zu nehmen, da er umgekehrt auch das gleiche Recht ganz unbeirrt sich herausnehmen darf. Ihr seht nun jenes Haus schon etwas klarer. Und Ich sage euch, dass ihr das vollste Mitgenussrecht dieses Hauses habt, weil der Besitzer dann auch entgegen dasselbe Recht hat an einem Besitz, der euch hier irgendwo zuteilwerden kann. Seid ihr mit diesen Rechtsprinzipien einverstanden?“
RB|1|139|22|0|Spricht der Graf: „Aber Freund, das ist ja der Kommunismus in optima forma oder so ganz eigentlich das reine, alte Christentum! Auf der Erde blüht für solch eine Staatsverfassung wohl noch lange kein Weizen. Es ist wahrlich die natürlichste und beste Verfassung eines Volkes. Nur das Üble ist daran, dass dabei die Trägheit vor dem Fleiß in einer mächtigen Bevorteilung sich befindet.“
RB|1|139|23|0|Spricht der Fremde: „Freund, du irrst dich! Der Träge und der Fleißige stehen hier in keiner Gemeinschaft; weil der Träge unmöglich das wollen kann, was da will der Fleißige. Hier ist das wahre ‚Gleich-und-gleich-gesellt-sich‘, und das Ungleiche scheidet sich von selbst aus. Denn wenn der oberste Rechtsgrundsatz also heißt, dass ein jeder seinem Bruder gerade dasselbe zu tun hat, was er im Gegenfall von seinem Bruder wünschen kann, dass dieser ihm täte, so ist dann das schon durch sich selbst erklärt, dass nämlich der Träge von seinem fleißigen Bruder wohl alles ihm Zusagende wünschen würde, ohne jedoch im Geringsten des Sinnes zu sein, dem Bruder das zu tun, was er von ihm wünscht. Das aber geht hier schon durchaus nicht, da hier eben ein jeder Geist über alle Maßen nur sucht und trachtet, allen seinen Brüdern zu nützen auf jede mögliche Art. Wer aber träge und nicht von diesem Geist beseelt ist, dem ekelt es alsbald vor solcher Cosmopolitie [Kosmopolitismus], und er sucht sich bald eine Gesellschaft aus, die in allem seines Sinnes ist. Wie es aber nach kurzem einer solchen, ganz isolierten Faulenzer-Gesellschaft ergehen kann, das und noch so manches dürfte wohl jedem aus euch ohne viele Erläuterung klar sein.
RB|1|139|24|0|Ihr sagt dazu: Ja! Weil ihr denn nun das vollends klar einseht und das Rechtsgesetz dieser Welt, in der es keinen Tod mehr gibt – so verhaltet ihr euch denn auch so! Wie es in euch und eurem höchsteigenen Interesse dies Gesetz fordert, so seid ihr dadurch schon vollkommen Bürger dieser Welt und könnt von allem einen guten, euch dienlichen Gebrauch machen, so ihr meinetwegen in jenes Haus ziehen wollt, um dort irgendeine Erquickung zu nehmen. Nur müsst ihr aber den festen Willen mitnehmen, diesem Haus auch auf jede mögliche Weise nützlich sein zu wollen.“
RB|1|139|25|0|Spricht der Graf: „Mein geehrtester lieber Freund, das versteht sich von selbst! Denn ich wollte ja bei Weitem lieber gar nicht sein, als von jemandem etwas anzunehmen, das ich ihm nicht auf eine oder auf die andere Art wieder rückerstatten könnte. Und wie ich da gesinnt bin, so ist auch diese meine ganze Schar; dafür getraue ich mich einen Bürgen zu machen, und das mit dem besten Gewissen von der Welt. Aber nun, lieber Freund, der du schon sicher länger diese Gegend bewohnst und dich überall gut auskennen wirst, sage uns allen gefälligst, wie wir uns zu unserer Hilfe an den alleinigen Gott Himmels und der Erde, also an Jesus, den Gekreuzigten, wenden sollen? Wo ist Er? Und werden unsere allersündigsten Augen je Sein heiligstes Antlitz auf einige Augenblicke zu sehen bekommen?
RB|1|139|26|0|Wir sind ehedem, als es hier noch sehr finster war, ein paar Mal durch eine Stimme förmlich aufgefordert worden, uns an Jesus zu wenden, so uns geholfen werden soll. Anfangs hielt ich das mehr für eine Art akustische Täuschung. Aber nach und nach wurde mir die Sache klarer und ich fing an es einzusehen, dass da an der Sache wirklich was daran sein müsse. Aber wie eben diese Sache effektvoll anpacken, das ist eine andere Frage! Und diese Frage würde uns höchstwahrscheinlich wohl kein Wesen besser beantworten können als geradewegs du, der du hier sicher in allem und jedem schon ganz zu Hause sein wirst.“
RB|1|139|27|0|Spricht der Fremde: „Ganz gut, ganz gut, Meine lieben Freunde! Denn in dieser Welt bin ich ganz und sozusagen überall vollends zu Hause. Aber was da euer Anliegen betrifft, so habt ihr euch ja ohnehin schon an den Herrn Jesus gewendet, weshalb es auch sogleich heller um euch geworden ist, und Ich brauche euch dann in dieser Sache nichts Weiteres mehr zu eröffnen. Behaltet Jesus nur hauptsächlich in eurem Herzen, so wird euch ehestens die beste Hilfe in allem werden. Aber nur müsst ihr allen euren von der Welt mit hergebrachten Hochmut, Stolz, Eigendünkel, alles Rachegefühl und die leidige Sinnlichkeit in Bezug auf das weibliche Geschlecht für ewig von euch verbannen und alles Jesu, dem Herrn, anheimstellen. So werdet ihr Jesus nicht nur auf einen Augenblick zu Gesicht bekommen, sondern werdet für ewig bei Ihm, um Ihn, und in Ihm sein. Denn Seine Güte ist unermesslich.“
RB|1|140|1|1|Weitere Fragen an den Fremden. Wie Jesus aussieht und wo Er zu Hause ist. Rätselvolle Antwort.
RB|1|140|1|1|(Am 17. Nov. 1849)
RB|1|140|1|0|Spricht der Miklosch, ganz entzückt über die angenehmen Worte des Fremden: „O liebster Freund, da du den Herrn Gott Jesus Christus sehr gut zu kennen scheinst, ansonst du doch sicher nicht mit solch einer Zuversicht von Ihm reden könntest, so sei denn auch so gut und gebe uns Allen gefälligst eine kleine Beschreibung vom Herrn Jesu Christo und zeige uns nur so ungefähr die Gegend an, wo Er Sich mit Seinen seligsten Freunden vorzugsweise aufzuhalten pflegt.“
RB|1|140|2|0|Spricht der Fremde: „Liebe Freunde! Was da die erste Frage betrifft, so muss Ich euch sagen, dass gerade Ich Selbst die größte Ähnlichkeit mit Ihm habe. Persönlichermaßen sieht Er geradeso aus wie Ich. Auch Seine Stimme ist ganz wie die Meinige. Fürwahr, wer Mich sieht, der sieht das wirklich vollkommene Ebenbild Jesu des Herrn. Ihr dürft also nur Mich recht fest ins Auge fassen, so seht ihr auch schon so gut wie Jesus Selbst, der Gestalt nach.
RB|1|140|3|0|Was aber die zweite Frage betrifft, nämlich das Wo? – so ist die Antwort darauf denn doch ein wenig schwieriger, obschon am Ende alles auf eins hinausläuft. Im Allgemeinem aber wohnt Er im ewigen Osten. Und vom irdisch naturmäßigen Standpunkt aus betrachtet in der großen Gegend des Sternbildes ‚der Löwe‘, und in der entsprechenden geistigen Zentralsonne, die da umfasst die naturmäßige unter dem Namen Regulus und über sie hinaus die ganze Unendlichkeit. Habt ihr Mich wohl verstanden?“
RB|1|140|4|0|Spricht der Graf: „Ja, so gut es nur immer gehen mag! Aber dass du dabei so ein wenig dunkel dich über das Wo geäußert hast, das wird wohl jeder von uns gemerkt haben. Wie da deine persönliche Ähnlichkeit mit Jesu und Sein wahres Wo am Ende auf eins hinauslaufen können, das, liebster Freund, musst mir schon vergeben, ist mir ein bisschen zu rund! Denn was hat deine sozusagen zufällige Ähnlichkeit mit dem wahren Wo des Herrn Jesu zu tun? Wie kann das eins sein? Da musst du dich im Eifer denn vielleicht doch ein wenig verredet haben. Sei demnach so gut und deute uns diese Sache ein wenig klarer!“
RB|1|140|5|0|Spricht der Fremde: „Ja, Mein lieber Bathianyi, schau, hier ist es schon einmal so. Es muss einem da aber ja auch gerade nicht alles auf einmal klar sein. Siehst denn nicht, wie diese Gegend von den fatalen Nebeln nicht auf einmal klar werden will!? Also geht es auch mit so mancher Antwort. Eine vollständige Antwort macht den Geist träge, weil er um nichts Weiteres mehr zu fragen hat. Ist aber die Antwort etwas dunkel, o, da wird der Geist dann über alle Maßen fleißig, um sich in einer kleinen Dunkelheit wieder zurechtzufinden. Sieh, über die Gestalt Jesu, des Herrn, hast du keinen weiteren Anstand erhoben, und dein Geist gab sich auf diese klare Antwort sogleich seiner trägen Ruhe hin und fragte um nichts mehr. Aber die Dunkelheit der zweiten Antwort erweckte ihn wieder, und er nötigte dich dann sogleich, dass du weiter fragen musstest, und siehe, das ist gut! Mache dir daher in der Zukunft über irgendwo vorkommende Brocken nichts daraus, denn zu rechter Weile wird dir schon ohnehin alles klar werden!“
RB|1|140|6|0|Spricht der Graf: „Das ist alles recht schön, gut und wahr – aber mystisch, sehr mystisch bleibt es immer.“ – Fällt ihm der Franziskaner ins Wort und sagt: „Ja, ja, ja, mystisch, mystisch und halt immer mystisch! Wir müssen froh sein, dass uns dieser Freund so viel Aufschluss erteilt, nicht aber, dass wir noch seine herrlichen Worte bekritteln sollen. Mich z. B. hat die zweite Antwort gar nicht im Geringsten geniert. Sie, Herr Graf, aber möchten halt schon wieder die ganze Hand, wo Ihnen ein Finger gezeigt wurde. Ich finde darinnen wahrlich keine Höflichkeit mehr, die Ihnen doch sonst so eigen war!“ – Spricht der Graf: „Freund, das geht Ihnen wenig oder nichts an! Wenn Sie eines trägen Geistes sind, so seien Sie es immerhin, aber von meinem Geist haben Sie keine Trägheit zu verlangen!“
RB|1|140|7|0|Spricht der Fremde: „Ruhig, ruhig, Freunde! Denn in solchem Eifer lässt sich nichts Großes und Wahres erreichen. Liebe sei euer Führer!“
RB|1|141|1|1|Der Franziskaner über die Liebe. Er kritisiert den Grafen. Streitgespräch über Rangordnung in der Natur und bei Gott. Mikloschs Vermittlung.
RB|1|141|1|1|(Am 18. Nov. 1849)
RB|1|141|1|0|Spricht der Franziskaner: „Haben Sie's nun gehört, was dieser edle gute Freund gesagt hat? Die Liebe soll unser Führer sein! Mit sehr wenig Worten ungeheuer viel gesagt! Ja, ja und noch ein und hunderttausendmal ja, die Liebe, die Liebe, die große heilige Liebe! Darin liegen alle Geheimnisse des Lebens verborgen.
RB|1|141|2|0|Wir kennen wohl auch eine Art Liebe. Aber diese heißt bei uns Nummer eins Eigenliebe und Nummer zwei Fleischliebe, das heißt das Fleisch des schönen Geschlechts! Mit der Liebe haben wir beide so manches Abenteuer zu bestehen gehabt. Aber jene göttliche Liebe, die noch am Kreuz unter den größten Schmerzen für seine Mörder den ewigen Vater der Äonen um die vollste Vergebung bitten konnte, Herr Graf, von solch einer Liebe hat uns beiden wohl noch nie etwas geträumt! Und doch ist nur in dieser Liebe alles enthalten, was das Leben bedingt.
RB|1|141|3|0|Unsere Feinde verderben, ihnen alles Ungemach über ihre Köpfe wünschen, den österreichischen Thron in die kleinsten Splitter zerstören und seine Besitzer der Hölle überliefern – dazu, kommt es mir vor, wären wir ganz gemacht. Aber die segnen, die uns verflucht haben, unseren Missetätern Gutes tun und jene aufnehmen und beherbergen, die uns verfolgt haben, von dem ist noch keine Spur in unseren Herzen. Denn bisher haben wir geheim noch immer eine mögliche Rache gebrütet. Über seine Brüder ein gesetzliches Recht sprechen und sie verurteilen aus irgendeiner Macht heraus, ist wahrlich keine Kunst. Brüder wegen irgendeiner Meinungsverschiedenheit hassen und sie der göttlichen Gnade für unwert erklären, ist eine ganz leichte Sache; aber Meister der höchsteigenen Leidenschaften zu werden und über alle Schwächen der oft sehr blinden Menschen die reine göttliche Liebe allein walten lassen und ihnen ohne Unterschied ihrer blinden Taten die Gnade und Vergebung von oben herab aus vollstem Herzensdrang wünschen und mit allen Brüdern, mögen sie so oder so beschaffen sein, eine gleiche Geduld und Erbarmung haben – Freund, das ist eine ganz andere Kunst, als mit achthundert Kanonen und hunderttausend Spießen die ganze Welt magyarisch oder polnisch oder russisch machen wollen.
RB|1|141|4|0|Und sehen Sie, wertester Freund, das ist eben die Liebe, die große heilige Gottesliebe, das Geheimnis alles Lebens, von der uns beiden noch nie etwas geträumt hat. Und so ich mich nicht irre, da hat dieser unser uns noch unbekannte Freund gerade diese Liebe gemeint, dass sie unser Führer werde! Wie aber wird das möglich sein, solange wir nicht viel besser als Hunde und Katzen miteinander harmonieren und heimlich in uns noch immer auf Rache über unsere Feinde sinnen!? Aufrichtig gesagt, von Ihnen, Herr Graf, ärgert mich hauptsächlich das am meisten, dass Sie Ihren Titel nicht einmal ablegen wollen; zu verstehen habe ich es Ihnen doch einige Mal so ganz handgreiflich gegeben. Aber wer nichts davon verstehen will, das sind Sie! Ich habe meinen ‚Pater Franziskaner‘ schon lange bis auf den letzten Tropfen verabschiedet, und es ist keine Spur mehr davon an und in mir vorhanden! Warum haben Sie es mit Ihrem ‚Herrn Grafen‘ nicht auch schon lange also gemacht? Glauben Sie mir sicher, ich hätte Sie als Mensch und Bruder wohl nie mit einer Silbe beleidigt, so mich an Ihnen der Graf, der in dies ernste Geisterreich noch viel schlechter passt als die gröbste Faust auf das Auge eines zarten Säuglings, nicht noch ärger geniert hätte als einen müden Wanderer sechsunddreißig Hühneraugen und einen Hungrigen eine ganz leere Börse. Ich bitte Sie aber nun um Ihres eigenen Heiles willen, geben Sie selbst dem ‚Herrn Grafen‘ Bathianyi einen Nasenstüber für ewig, und Sie sollen nimmer ein Wort aus meinem Mund vernehmen, das Sie nur im Geringsten beleidigen soll; und ich will Sie für alle Ihnen angetanen Beleidigungen aus meinem ganzen Herzen um Vergebung bitten. Wenn Sie es schon meinetwegen nicht tun wollen, so tun Sie es doch dieses edelsten Freundes wegen, aus dessen Mund schon so viel Tröstendes für unsere traurigen Herzen geflossen ist.“
RB|1|141|5|0|Spricht der Graf: „Aha, aha, hinc ergo illae lacrimae [darum also jene Tränen]! Mein lieber Cyprian, so wohlfeil wird der ‚Graf‘ nicht verkauft, das sage ich Ihnen! Dieser Freund, der auch sehr weise zu sein scheint, hat so was von mir noch nicht verlangt. Und so er's verlangt hätte, da fragt sich's, ob ich seinem Begehren sogleich gewillfahrt hätte! Denn das Geschlecht Bathianyi ist sehr alt, verstehen Sie das?“ – Spricht der Franziskaner: „O ja!“ – [Graf:] „Bleiben Sie, was Sie sind, und ich, was ich bin. Was geniert Sie das, ob ich ein Graf oder kein Graf bin? Hat es denn nicht auch sehr fromme Grafen, Fürsten und Herzöge gegeben? Oder kann man als ein Graf Gott nicht ebenso gut und vielleicht noch besser als sonst ein ganz hundsgemeiner Batzen lieben? Ich glaube, die feine Bildung eines echten Kavaliers wird für eine reine Liebe denn doch wohl fähiger sein, als die eines gemeinen Stallbesens. Und Gott müsste nicht vollkommen sein, so Er am Unvollkommenen ein größeres Wohlgefallen hätte, als an etwas, dem doch die ganze Welt die größere Vollkommenheit zugeben muss. Warum werden denn sogar im Himmel die vollkommensten Engel ‚Erzengel‘ genannt? Auch nennt man sie ‚Fürsten des Lichtes‘ und ‚Herolde der Macht Gottes‘! Wenn also aber schon unter den ersterschaffenen vollkommensten Geistern Gott Selbst eine bestimmte Rangordnung gestellt hat, die Er sogar unter den Weltkörpern, Bergen, Flüssen, Seen, Meeren, Pflanzen und Tieren genau beobachtet hat, und zwar so, dass sich gegenseitig wohl alles dienen muss; aber dessen ungeachtet bleibt die Sonne fortan Sonne und kann zu keinem gemeinen Planeten herabgezogen werden, und der Chimborasso bleibt Chimborasso und kann zu keinem Maulwurfhügel herabgedrückt werden, und zwischen einem Amazonenstrom und einem Bächlein, das in einer Stunde kaum einen Eimer Wasser liefert, wird hoffentlich doch auch ein merklicher Unterschied sein.
RB|1|141|6|0|Möchten Sie denn nicht die Gottheit darum angehen, dass Sie solche, Ihnen sicher lächerlich und ärgerlich vorkommende Prioritätsrechte in der großen Natur annullieren möchte. Warum hat denn dereinst Jehova nur einen Saul, einen David und einen Salomon zu Königen und Herren übers ganze jüdische Volk gesetzt? Hätte Er nach Ihrer Meinung nicht lieber das ganze Volk zu lauter Königen salben sollen? So hat meines Wissens Gott auch dem David die ausschließende Verheißung gemacht, dass Er aus des Davids Stamm den künftigen Messias der Welt erwecken werde, und dass des Davids Stamm bestehen werde ewig. Sagen Sie mir, hat da die Gottheit nach Ihrer Logik nicht einen ungeheuren Plutzer [groben Fehler] gemacht, dass Sie gerade einen Menschen aus Millionen gar so sehr bevorzugt hat!? Musste der Herr Jesus denn gerade von der Maria, die königlichen Stammes von David her war, geboren werden!? Und musste denn Joseph, der desselben Stammes war, Sein Nährvater sein!? Lesen Sie, oder haben Sie es nie gelesen, wie im Buch, ich glaube die Chronik genannt, von Adam angefangen, die edle Primogenitur [Erstgeburtsrecht] bis auf Jesus treulich nachgewiesen wird? Wozu soll denn solch ein sehr aristokratisch aussehender Gallimathias [Unsinn] gut sein? Sollen nach Ihrer Meinung nicht lieber alle Menschen wie die Spatzen gleich sein, bei denen es auf eine Primogenitur sicher sehr wenig ankommen wird!?
RB|1|141|7|0|Sehen Sie, sehen Sie, lieber Freund, wie können Sie je eine Prioritätsordnung, die die Gottheit Selbst doch alleranschaulichst eingeführt hat, nun auf einmal aufheben wollen? Habe ich mich denn selbst zu einem Grafen gemacht, oder hat das nicht die Gottheit so geordnet, dass mein Stamm in das gräfliche Patriarchat aufgenommen werden musste? Hat aber Gott einmal etwas geordnet und bestimmt, dürfen das wohl Menschen so bloß nach ihrem Gutdünken aufheben? Ich bin Graf von Gott aus und kann daher dieses allerehrwürdigsten Vorzuges nicht vonseiten eines gallsüchtigen und ehrneidigen Franziskaners entsetzt werden. Haben Sie mich verstanden, mein lieber Pater Cyprianus?!“
RB|1|141|8|0|Spricht der Franziskaner: „Und ob ich Sie verstanden habe, und vielleicht besser, als Sie es meinen dürften! Denn ich habe aus Ihrer mit allerlei fraglichen Beweisen unterspickten Rede auch das ganz klar entnommen, dass dem Menschen, der weder eine Sonne noch ein Chimborasso und ebenso wenig ein Amazonenstrom ist, nichts schwerer ist, als sich zu demütigen und seine auf der Welt erreichten Hoheitsvorrechte fahren zu lassen. So habe ich aus Ihrer wirklich genialen Rede auch das herausgefunden, dass es den irdisch Hohen sehr schwer wird, so klein zu werden wie die Kinder, die noch von keiner irdischen Vorzüglichkeit etwas in sich verspüren und nach dem Wort Gottes wegen solcher ihrer wahren irdischen Geringheit allein die Befähigung haben, in das Reich Gottes einzugehen. Und auch das habe ich ganz merkwürdigerweise darinnen gefunden, was einst der Herr und Gott Jesus zum reichen Jüngling gesagt hat – wo nämlich ein Kamel leichter durch das Öhr einer Nähnadel käme, denn ein Reicher oder Hoher, was eins und dasselbe ist, ins Himmelreich.
RB|1|141|9|0|Freund, ist denn das Senfkörnlein, mit dem der Herr Selbst Sein Reich verglich, etwa ein Chimborasso oder ein Amazonenstrom? O nein, es ist unter den Samenkörnern das kleinste, wie es der Herr Selbst ganz klar angedeutet hat. So aber der Herr Selbst Sein Reich mit einer solchen Kleinigkeit vergleicht, wodurch Er ganz sicher die äußerste Demut des Menschen andeuten will, so kann man denn hoffentlich doch nicht annehmen, dass Chimborassos und Amazonenströme auf der Oberfläche des kleinen Körnchens Platz finden sollen. Auch sagt Er, dass unter den Ästen des ausgewachsenen Senfgesträuches die Vöglein des Himmels Wohnung nehmen werden. Hätte Er da zu Gunsten der irdischen Hoheit nicht vielmehr sagen sollen: ‚Und unter seinen Ästen werden Vogelgreife, Aare, Lämmergeier, Strauße und Kasuare Wohnung nehmen!‘ – um dadurch anzuzeigen, dass man wenigstens doch ein Baron auf der Welt sein musste, um ins Himmelreich aufgenommen zu werden.
RB|1|141|10|0|O mein lieber Herr Graf, Sie können mir mit tausend Beweisen kommen, und ich werde stets bei dem Spruch Christi verbleiben: ‚Was vor der Welt groß, hoch und herrlich ist, in was immer für einer Hinsicht, das ist vor Gott ein Gräuel!‘ Ich möchte alles darauf wetten, dass wir, so uns je die Gnade zuteilwerden möchte, ins Himmelreich eingehen zu dürfen, weder einen König David noch einen Salomon als König, keinen Kaiser Karl den Großen und auch keinen heiligen König Stefanus von Ungarn und somit auch keine Fürsten und Grafen Bathianyi antreffen werden; sondern, so sie schon im Himmelreich sind, lauter liebe, gegenseitig dienstbeflissene Brüder, die alle nur einen Gott, einen Herrn und einen Vater haben. Aber in der Hölle, da dürften noch so manche eisenfeste Erzaristokraten sich gegenseitig ganz ausgezeichnete Honneurs machen! Da – dieser unser edle Freund, unser ersehntester Trostmann, möge mich aufs Maul schlagen, so ich hier eine Unwahrheit geredet habe. Will Ihnen aber dadurch nur gesagt haben, wie ich Ihre Rede so für mich verstanden habe. Der edle Freund aber möge zwischen uns beiden einen gültigen Schiedsrichter machen, wenn Sie nichts dawider haben.“
RB|1|141|11|1|(Am 20. Nov. 1849)
RB|1|141|11|0|Spricht der Graf: „O mitnichten; ich habe dagegen gar nichts einzuwenden. Es bedarf aber da meiner Meinung nach keines Schiedsrichters; denn Sie haben recht für Ihren Teil, und ich desgleichen für meinen Teil. Ich will Ihnen zu Ihrer künftigen Seligkeit nichts in den Weg legen, und Sie lassen mich von nun an der meinigen zugehen. Und so sind wir beide ohne alles Schiedsgericht auf die leichteste Weise quitt miteinander.“ – Spricht der Franziskaner: „Requiescat in pace per omnia saecula saeculorum, et lux perpetua luceat ei! [Möge er ruhen im Frieden durch alle Zeiten der Zeiten, und das ewige Licht leuchte ihm]! Oder frei ins Deutsche übersetzt: Bei dem ist Taufe und Chrisam verdorben! Alles kann gewonnen werden, selbst ein Judas Ischariot; aber bei einem Magnus Hungariae [Ungarischen Großen] ist jeder noch so wohlgemeinte Versuch rein für und zu nichts. Darum noch einmal: Requiescat in pace etc. etc.“
RB|1|141|12|0|Spricht darauf der Miklosch, der sich unterdessen mit dem Fremden unterredet hatte, sagend: „Freunde, ihr hadert so hübsch fest miteinander; aber ich sage euch, euer Hadern kommt mir so vor wie das Getreidedreschen der kleinen Kinder, die mit kleinen Spieldreschflegeln, so die starken Eltern in der Wirklichkeit dreschen, in einem abgelegenen Winkel der Scheune auf einem leeren Strohhalm herumpicken.
RB|1|141|13|0|Ich sage euch: Wir werden und können uns gegenseitig schon darum nicht bessern und in eine gerechte Ordnung bringen, weil wir – als ein jeder für sich – schlecht sind von A bis Z. Was nützt es denn uns, so wir uns gegenseitig auch noch so weise belehren, wenn wir aber als Tat dennoch nichts Weises und Gutes aufzuweisen haben und der Belehrte dem Lehrer entgegen sagen kann: ‚Was lehrst du mich in eine gute Ordnung zu treten, und wandelst selbst in der größten Unordnung? Ordne dich zuvor selbst, und so ich an deiner Ordnung ein Wohlgefallen finden werde, dann warte, bis ich selbst zu dir komme und sage: Bruder, deine Ordnung gefällt mir! Weihe mich ein in alle die Vorteile und geheimen Grundsätze derselben!‘ – Es fehlt uns auch alle nötige Erfahrung in dieser neuen Welt, und wir wissen im Grunde alle zusammen nichts, was da die Wege und Verhältnisse dieser Welt betrifft. Wie sollen wir uns dann gegenseitig über dieselben belehren können!?
RB|1|141|14|0|Es war deine Rede, mein lieber Freund Cyprian, sicher sehr schön und ganz echt evangelisch christlich und hätte von einer Kanzel auf der Erde gesprochen viel Aufsehen und vielleicht auch manche gute Wirkung zur Folge gehabt; aber welche Wirkung hat sie bei meinem Freund Bathianyi hervorgebracht? Siehe, gerade das Gegenteil, als was du damit hast bezwecken wollen. Was aber ist davon die leidige Ursache? Siehe, nichts anderes, als das, was der Herr einst auf der Welt zu Pharisäern, so ich mich nicht irre, gesagt hatte, da Er sie als blinde Blindenführer bezeichnet hat, und ausdrücklich hinzusetzte, dass nämlich kein Selbst-Blinder wieder einen Blinden führen kann.
RB|1|141|15|0|Seht, hier in unserer Mitte weilt ein überaus erfahrener Führer, der in dieser Welt schon gar sehr wohl sehend ist. Diesen ersuchen wir alle einstimmig, uns des rechten Weges zu führen; und ich bin fest überzeugt, dass von Ihm ein Wort mehr wirken wird, als so wir Blinde uns gegenseitig noch eine halbe Ewigkeit herumstupfen würden, und dreschen einen leeren Strohhalm.“
RB|1|141|16|0|Spricht der Graf: „Ja, ja, mit diesem Antrag bin ich ganz vollkommen einverstanden! Da werde ich auch alles tun; aber der gute Cyprianus, der zeitweilig ein sehr bedeutender Grobianus ist, soll mich mit seinem requiescat gerne haben. Ich leugne es nicht, dass seine letzte Rede mehr als gut und echt evangelisch war; aber wer gab ihm denn das Recht, mich damit führen zu wollen? Er ist de facto doch um kein Haar besser als ich; wie will er mich dann lehren?
RB|1|141|17|0|Eine wahre Lehre muss von einem sanften, reinen und erleuchteten Herzen ausgehen und darf keine satirischen Witzfloskeln in sich tragen; dann wird sie auch stets von der besten Wirkung sein. Aber eine noch so in sich selbst reine Lehre, wenn sie mit sichtlicher Satire unterspickt ist, verdirbt allzeit mehr, als sie gut macht. Denn so ich gebessert werden soll, darf ich nicht beleidigt, sondern nur sanft und wahrhaft brüderlich überzeugt werden. Der Freund Cyprianus aber beißt mit seiner Lehre ja ärger denn der schärfste Paprika um sich herum. Wer – Teufel – soll sich dann nach solch einer Lehre kehren? Aber dein Antrag, Bruder Miklosch, ist ganz was anderes! Ah, danach kann man sich schon richten, und ich werde mich auch danach richten.“
RB|1|141|18|0|Spricht der Franziskaner: „Ja, so ihr alle das tut, was schon lange mein sehnlichster Wunsch war, so sind wir alle ja schon längst in der allerschönsten Ordnung. Bitten wir daher alle diesen lieben Freund, dass Er uns die rechten Wege zeigen möchte, die wir dann aber auch ganz unverwandt wandeln wollen und werden!“
RB|1|142|1|1|Predigt des Fremden gegen den Richtgeist. Einwurf des Franziskaners. Gleichnis vom verletzten Leib. Des Fremden Vergebungslehre.
RB|1|142|1|0|Spricht der Fremde: „Meine lieben Freunde! Ich verlange von euch noch keine Bitte, sondern bloß nur ein folgsames, sanftes Herz. Alles andere wird dann schon von selbst kommen, und ihr sollt dann ewig an nichts einen Mangel zu erleiden haben. Aber ihr müsst euch fürderhin wegen irgendeiner Meinungsverschiedenheit nicht mehr anfeinden und euch gegenseitig eine Menge Sünden vorwerfen und euch gegenseitig beschuldigen, als hättet ihr ein Recht, auch zu richten und zu verurteilen!
RB|1|142|2|0|Da ihr alle in der Schrift so ziemlich bewandert zu sein scheint, so müsst ihr es ja auch wissen, dass wer zu seinem Bruder sagt: ‚Du Racker!‘ er des Gerichtes schuldig sei; und wer zu seinem Bruder sagt: ‚Du Narr!‘ des ewigen Feuers in der Hölle schuldig sein soll. So ihr dieses wisst, wie könnt ihr dann hadern miteinander!? Ich sage es, ein jeder aus euch allen ist für sich voll Fehler und Gebrechen und hat genug vor seiner Türe zu fegen! Daher mache sich keiner breit über die Fehler seines Bruders; denn das ist am meisten ein Gräuel vor Gott.
RB|1|142|3|0|Auf der Erde wohl weiß Ich leider, wie Brüder gegen Brüder zu Felde ziehen, aus purem Hochmut und der bellendsten Habsucht; denn da will ein jeder weiser sein als der andere. Ein jeder hält sich für fehlerfrei gegenüber seinem Bruder und zeichnet seinen Bruder oft mit allen Farben der Hölle. Besonders schief und scheel werden die irdisch Wohlhabenderen von den Ärmeren angesehen und beurteilt, wozu freilich ein nicht selten zu knickerischer Geist der Wohlhabenderen die Veranlassung ist. Da aber der Wohlhabende auch stets der Mächtigere ist, und der Ärmere bei ihm Dienste und Brot suchen und ihm dadurch die Priorität zugestehen muss, so tut er das aber dennoch nicht aus Liebe, sondern aus Not, und es wurmt ihn heimlich nicht selten ganz entsetzlich, dass er seinem Bruder untergeordnet sein muss und befolgen dessen Gebote, während er doch um sehr vieles lieber seinen wohlhabenden Bruder auf jede erdenkliche Art beherrschen möchte. Dass, wie ehedem bemerkt, auf der Erde leider zwischen Brüdern solche Verhältnisse stattfinden, ist traurig genug gegenüber dem reinsten Gotteswort.
RB|1|142|4|0|Aber hier im Reich der Geister, wo von keinem Mangel, von keiner Armut und von keiner Priorität mehr die Rede sein kann, dürfen solche irdisch aussehende Gehässigkeiten wohl ewig nimmer zum Vorschein kommen. Denn Ich sage es euch ohne Hehl: Wer seinen Bruder hasst aus was immer für einem Grund, in dem ist Gottes Gnade nicht, und seine Seele ist ein Teufel voll Hochmut und voll unversöhnlichen Geistes, und ihr steter Wunsch ist alles Ungemach und Unglück zu einer gewissen strafartigen Witzigung ihren Brüdern, darum sie ihr ein eingebildetes Unrecht antaten.
RB|1|142|5|0|Eure gegenseitigen Belehrungen mögen noch so gut und richtig sein; was nützen sie aber, so hinter ihnen ein gewisser Prioritätseifer, Herrschlust, Eigennutz und allerlei Habsucht stecken!? Wer seinen Bruder wirksam lehren will, der muss zuvor den Balken aus dem eigenen Auge entfernen und dann erst voll Liebe zum Bruder sagen: ‚Mein teuerster Bruder, ich sehe, dass ein Splitterchen eines deiner Augen trübt. Komme zu mir, oder lasse mich zu dir hingehen, auf dass ich es dir ganz sanft aus dem Auge nehme.‘ Seht, sogestaltig wird dann jede Lehre, die sich Brüder gegenseitig erteilen, voll der herrlichsten Wirkung sein. Aber so Brüder durch ihre gegenseitige, oft ungebetene Belehrung nur zeigen wollen, dass jeder aus ihnen der Weisere und Bessere sei und der am meisten Autoritätswürdige, da ist die beste Belehrung kein nütze, sondern verdirbt nur und macht es schlechter, wo sie leider oft nur zu augenscheinlich eigennützig bessern wollte.
RB|1|142|6|0|Seht, Ich bin ein rechter Lehrer; denn Ich verlange von euch nichts, als dass ihr das annehmt, das allein zu eurem höchsteigenen Frommen dienen kann. Und so müsst ihr alle sein gegenseitig, dann werden gesegnet sein eure Worte.
RB|1|142|7|0|Der Bruder Miklosch ist ehedem euch allen gegenüber also aufgetreten, und seine Worte haben sogleich Eingang in eure Herzen gefunden. Hätten der Bruder Cyprianus und der Bathianyi auch also gesprochen, so wäre diese ganze Gesellschaft schon um viele Schritte weiter. Aber diese beiden wollten einander nur – und zwar ganz evangelisch – beweisen, dass ein jeder aus ihnen der Vorzüglichere ist, und so lag in ihren Worten denn auch kein gesegnetes Gedeihen.
RB|1|142|8|0|Legt sonach nun alles ab, was nur immer einen Schein von irgendeinem Vorzüglichkeitsgelüste in sich birgt, ansonst ihr nicht Kinder eines und desselben Vaters im Himmel werden könnt! Was könnte es euch wohl nützen, so ihr es mit eurer gegenseitigen Bekehrung dahin brächtet, dass einer dem andern eine ganze Welt abgewänne, dabei aber an der eigenen Seele den größten Schaden erlitte!? Was wohl wird er geben können, seine eigene Seele zu erlösen aus dem Pfuhl des Verderbens!?
RB|1|142|9|0|Ihr kennt doch das Gebet des Herrn? Seht, da lautet es unter anderem: ‚Vergib uns unsere Sünden, so wie wir sie vergeben unseren Brüdern, die sich an uns versündigt haben!‘ – So ihr aber allerlei schwere Versöhnungsbedingungen stellt, die von dem Gegenpart oft kaum zu erfüllen sein dürften zu eurer Genüge – auf was basiert ihr dann eure Parallelbitte zu Gott?
RB|1|142|10|0|In der Schrift heißt es auch: ‚Segnet, die euch fluchen, und tut Gutes denen, die euch hassen und Übles wollen!‘ – So ihr aber schon als Freunde und Unglücksgenossen euch untereinander zerzausen möchtet, was würdet ihr dann euren Feinden tun!? Und doch sage Ich es euch, dass aus euch keiner eher in das Gottesreich wird eingehen können, als bis er gleich Christo am Kreuz aus der Tiefe seines Herzens ausrufen wird: ‚Herr! Vergib es ihnen, denn sie wussten es ja nicht, was sie taten!‘
RB|1|142|11|0|Seid ihr alle damit einverstanden, so kommt nun mit Mir in jenes Haus! Im Gegenteil aber bleibt und sucht euch selbst eine Herberge! Denn frei ist euer Wille für ewig.“
RB|1|142|12|0|Spricht der Bathianyi: „Freund, deine Worte sind zwar wie scharfe Pfeile und treffen allzeit ganz genau das Zentrum, aber sie verwunden dennoch kein Herz; denn sie sind vollkommen nach der besten Ordnung, in der allein eine Gesellschaft glücklichst bestehen kann, mehr als überaus wahr. Und ich, und hoffentlich wir alle, nehmen sie, wie du sie uns gütigst gegeben hast, allerdankbarst an. Auf diese deine Worte vergebe ich auch aus meinem ganzen Herzen allen meinen irdischen Feinden. Denn sie taten, was sie taten, wahrlich nur in einer blinden Siegeswut an uns, ihren vermeinten größten Feinden. Gott der Herr vergebe es ihnen. Von mir aus haben sie keine Schuld mehr an mir.
RB|1|142|13|0|Nur möchte ich den Herrn Himmels und der Erde bitten, dass Er meines Weibes und meiner Kinder gedenken möchte, und sie so leiten, dass sie dereinst auf einem besseren Weg zu Gott dem Herrn gelangen möchten, als es bei mir der Fall war!“
RB|1|142|14|0|Spricht der Fremde: „Mein lieber Bruder! Sorge du dich um nichts mehr, was auf der Erde unten ist und geschieht! Denn dafür sorgt schon der Herr, der euch allen hier um sehr vieles näher ist, als ihr es meint. Was dein Weib und deine Kinder anbetrifft, so tut ihnen eine recht tüchtige irdische Demütigung überaus not, ohne die sie wohl kaum ewig je dahin gekommen wären, wo du dich nun befindest, aber durch diese Demütigung lernen sie doch etwas die vollste Nichtigkeit aller irdischen Güter kennen und heimlich sogar verabscheuen, und so wird es ihnen nach der Ablegung ihres Leibes leichter werden, in das Reich des Lichtes zu gelangen. Du aber sorge dich nun um nichts anderes, als um die Liebe zu Gott und allen deinen Brüdern; alles andere wird dir von selbst hinzukommen!“
RB|1|142|15|0|Spricht der Franziskaner: „Freund, ich bin sonst auch ganz in der Ordnung, was hier diesen meinen Leidensgenossen betrifft. Aber was die unbarmherzigsten wahren Teufel auf der Erde betrifft, da bin ich wohl nicht so leichten Kaufes fertig, als der Freund Bathianyi und vielleicht noch einige andere mehr. Denn das muss ja doch die liebe weiseste Gottheit Selbst einsehen, dass denn das doch keine Kleinigkeit ist, auf der Erde gleich einem gemeinsten Straßenräuber per Galgen hingerichtet zu werden. Für solchen Frevel verlange ich von Gott, eine gerechte Sühne durch eine verhältnismäßige scharfe Züchtigung an unseren Richtern zu nehmen, ansonst mein Herz nicht leichtlich je eine Ruhe finden wird.“
RB|1|142|16|0|Spricht der Fremde: „Freund, die, welche dich gerichtet haben, sind ebenso des Herrn, wie du. Nehmen wir aber an, du hättest durch Unvorsichtigkeit dir mit deinen Händen an den Füßen eine Verwundung zugefügt, die dich sehr schmerzte, sodass du im Schmerz deine Hände verwünschtest, und es käme jemand zu dir und sagte: ‚Freund, das haben dir deine eigenen Hände zugefügt, nehme darum volle Rache an ihnen und lasse sie dir abhauen. Denn sie sind fürder nicht mehr wert, Teile deines Leibes zu sein.‘ Sage Mir, würdest du diesem Antrag wohl Gehör und Willen leihen?“
RB|1|142|17|0|Spricht der Franziskaner: „Oh, vor so einer Dummheit wird einen Menschen doch die liebe Gottheit bewahren. Das wäre nicht übel – zu einem Wehe noch ein Zehnfaches hinzufügen!“
RB|1|142|18|0|Spricht der Fremde: „Aha, da habe Ich dich schon, wo Ich dich haben wollte! Wenn dir ein zweites Wehe zufolge des strafartigen Abhauens deiner Hände, die sich doch offenbar an deinen Füßen versündigt haben, nicht munden will – wie soll es dann der lieben Gottheit munden, Sich Ihre Glieder abzuhauen, so sie sich gegen andere unvorsichtig benommen haben sollen!? Wie magst du von Gott verlangen, dass Er an Sich tun soll, was du doch an dir selbst nimmer tun würdest!? Siehe, wie du mit allen deinen Leibesgliedern als ein ganzes und vereinigtes Wesen dastehst, so ist auch die Gottheit mit allen ihren geschaffenen Wesen ein konkretes ganzes Wesen und sucht stets alle Ihre kranken Teile bestens zu heilen und sie für ihre ewige Bestimmung tauglich zu machen. Wenn Gott der Herr dir aber deine Wunden auf eine andere und viel bessere Art zu heilen versteht, wirst du dann noch auf die Rache gegen deine irdischen Feinde sinnen?“
RB|1|142|19|0|Spricht der Franziskaner etwas verlegen: „Ja, dann freilich wohl nicht mehr! Überhaupt sage ich denn in Gottes Namen auch: Wie es Gott dem Herrn recht ist, so soll es künftighin auch mir recht sein! Aber ich hoffe, dass mir die liebe Gottheit solche meine durch die traurigsten Umstände herbeigeführte Gesinnung zu keinem Fehler anrechnen wird.“
RB|1|142|20|0|Spricht der Fremde: „Wenn du in deinem Herzen in der Ordnung bist, dann bist du es auch mit Gott. Und hast du allen deinen Feinden vom innersten Grunde deines Herzens vergeben, so ist dadurch auch deine Schuldtafel vor Gott gereinigt! Und du kannst dann ganz ruhigen Herzens und Gewissens zu Gott beten: ‚Vater, vergib mir alle meine Sünden, so wie ich nun allen vergeben habe, die an mir gesündigt haben!‘ Und der Vater wird es dir vergeben und hat dir's schon vergeben, bevor du Ihn noch darum gebeten hast.“
RB|1|143|1|1|Vergebungszweifel des Franziskaners. Was geschieht mit Todsündern? Über das Fleisch und die Seele, den Himmel und die Hölle.
RB|1|143|1|0|Spricht der Franziskaner: „Ich danke dir, liebster Freund, für diese herrlichste Auskunft! Sie ist wahr und eines großen Gottes vollkommen würdig, und jedes Gemüt muss in ihr die vollkommenste Beruhigung finden. Aber es gibt dem ungeachtet dennoch Dinge und Sachen, die als Hauptfehler der menschlichen Natur anzusehen sind, und man kann es mit ihnen wahrlich nicht so machen wie mit den Feinden, die mir Übles taten. Dazu gehören z. B. gewisse Betrügereien, die man an verschiedenen Personen ausgeübt hat und man sie nun mit dem besten Willen nicht wiedergutmachen kann. Also ist auch die Unzucht, sogar ausgeübte Notzucht, Selbstbefleckung, Knabenschändung oft sogar an geweihten Orten etc. etc. eine von Gott Selbst strengstens verbotene und mit der sozusagen unabweisbaren ewigen Verdammnis belegte Sündensache, die sich nimmer ungeschehen machen lässt und trotz der Beichte, die man vor der Hinrichtung ablegte, auf der Seele nahe unvertilgbare Sündenmakel zurücklassen muss. Es fragt sich daher sehr bedeutungsvoll: Was wird die liebe allerheiligste Gottheit da tun!? Gehen diese Makel auch mit dem lebendigen ‚Herr, vergib uns, wie wir vergeben!‘ von der Schuldentafel?“
RB|1|143|2|0|Spricht der Fremde: „Freund, hältst du die Gottheit für weiser als die weisesten und besten Menschen, so wirst du auch das von Ihr halten müssen, dass Sie die natürlichen Schwächen der Menschen mit noch viel besseren Augen betrachtet, als wie diese Schwächen von den weisesten und bestherrlichen Menschen betrachtet werden. Du hast freilich viel gesündigt in deinem Fleisch, weil du von selbem viel versucht worden bist. Du hättest zwar diese Versuchungen wohl bekämpfen können, so du je einen wahren Ernst dazu verwendet hättest. Aber solch ein Ernst kam dir zu ernst vor und des Naturlebens Tändeleien zu süß, und so bliebst du deinem Fleisch nach unverändert gleich. Aber siehe, da legte sich dann, dir unbewusst, die Gottheit ins Mittel, führte dich aus deiner sinnlichen Friedenszelle und stellte dich auf das Schlachtfeld. Da hattest du dann eine mächtige Gelegenheit, das Ende alles Fleisches und seiner Gelüste in den grauenerregendsten Zeichnungen vor dir zu erblicken und wurdest dabei nüchterner. Und am Ende musste dein eigenes Fleisch an sich selbst erfahren, welch ein Wert in all seinen Gelüsten und Vollbringungen derselben gelegen war. Und siehe, so hat die Gottheit dein Fleisch gestraft und deine Seele von selbem gereinigt, befreit, und du brauchst daher nun nicht mehr zu fragen, was daher aus solchen deinen Sünden wird. Denn Ich sage es dir, sie haben mit dem Fleisch ihr Urteil und ihr Ende erreicht! Denn was des Fleisches ist, das wird auch mit dem Fleisch gerichtet und begraben.
RB|1|143|3|0|Ja, ein anderes ist es, wo die Seele selbst ganz ins Fleisch übergegangen ist. Da freilich kann ihr kein anderes Los denn das des Fleisches zuteilwerden. Aber bei dir ist das nicht der Fall, was du selbst daraus erkennen magst, dass du hier ohne Fleisch vollkommen lebst, und liegst nicht wie tot im Grab, aber dennoch fühlend in sich das Los des Fleisches.“
RB|1|143|4|0|Spricht der Franziskaner: „Aber Freund, was geschieht denn dann mit solchen, das schaurige Los ihres Fleisches teilenden Seelen? Die werden denn nach der totalen Verwesung ihres Abgottes doch sicher zur Hölle fahren?“
RB|1|143|5|0|Spricht der Fremde: „Keine Seele wird je ihrer Freiheit beraubt, wie auch ihres Bewusstseins und ihrer Erinnerung nimmer! Was sie will, das wird ihr! Will sie erstehen, so wird sie erstehen. Will sie aber noch tiefer unter ihr Grab zur Hölle hinab, so wird ihr der Weg nicht verrammt werden. Wohl ist die Hölle von Gott gestellt (zugelassen) und als für ewig in sich selbst von allen Himmeln, strengst gerichtet, abgeschieden; aber nicht also eine Seele! Denn diese wird nicht gerichtet, außer von ihrer eigenen Liebe und vollsten Freiheit des Willens. Will sie zur Hölle, weil diese ihre eigentliche Liebe ausmacht, so wird sie zur Hölle gehen, und wir alle werden sie nicht abzuhalten vermögen. Will sie aber zum Himmel, so werden wir sie auch allerzuvorkommendst und liebreichst aufnehmen und auf den besten Wegen dahin geleiten. Denn so will es die beste Ordnung Gottes!“
RB|1|143|6|0|Spricht der Franziskaner: „Aber Freund, könntest du uns denn nicht auch sagen, wie es denn so eigentlich in der Hölle aussieht?“
RB|1|143|7|0|Spricht der Fremde: „Freund, in der Schrift heißt es: ‚Vor allem sucht das Gottesreich, alles andere wird euch dann von selbst werden.‘ – Und so wollen wir uns denn auch fürs göttliche Pro lebendigst kümmern; das leidigste Contra wird dann jedem früh genug ersichtlich und bekannt werden. Und so denn geht nun alle mit Mir in jenes nun schon von allen Nebeln befreite Haus! Dort werdet ihr ein größeres Licht erhalten! Es sei!“
RB|1|144|1|1|Herrlichkeit und Größe des Hauses. Wohnt hier Jesus Christus? Sehnsucht der Seelen nach dem Herrn. Mikloschs gute Ahnung.
RB|1|144|1|1|(Am 25. Nov. 1849)
RB|1|144|1|0|Bathianyi schließt sich rechts knapp an den Fremden an und der Franziskaner auch, und zwar zur Linken, so knapp als möglich. Und der Miklosch geht als Anführer der ganzen Gesellschaft hinter dem Fremden von Tritt zu Tritt nach.
RB|1|144|2|0|Je näher sie dem Haus kommen, desto mehr fällt ihnen die ungeheure Großartigkeit und unnennbare Pracht und Majestät des Gebäudes auf. Schon so hübsch in der Nähe des Hauses kann sich Bathianyi nicht mehr halten vor Verwunderung und sagt in einer höchsten Exaltation [Begeisterung]: „Freund, Freund, Freund! Das können weder Engel und noch weniger die weisesten Geister aus allen Sternen erbaut haben, sondern das hat Gott mit höchsteigener Hand erbaut! Diese furchtbare Größe und dabei dennoch eine über alles ästhetische Ebenmäßigkeit, die mit nichts zu vergleichen ist! Ah, das ist mehr, als was wir alle ewig je begreifen werden. Nun, nun, nun, so dies Haus aller Häuser schon äußerlich so unaussprechlich wundervoll angeordnet ist, wie erst wird es innerlich eingerichtet sein.“
RB|1|144|3|0|Spricht der Franziskaner: „Du hast recht, bitte um Vergebung, Herr Graf! Sie haben ganz recht, wollt ich sagen.“ – Spricht der Graf: „Freund, bleiben Sie beim Du! Ich will von keiner Titulatur irgendmehr was wissen! Wir sind von nun an Brüder!“
RB|1|144|4|0|Spricht der Franziskaner: „Schön, schön und gut, lieber Freund! Das war schon lange mein Wunsch! Aber nun zur Sache! Also du hast recht! Ich habe doch die Peterskirche zu Rom samt dem vieltausendzimmrigen Vatikan gesehen, und ich sage es dir, das alles ist kaum ein Schneckenhaus gegen diesen Palast. Ganz gering gerechnet könnte nach meiner Augenschätzung in diesem Riesenpalast aller Riesenpaläste wohl ganz bequem hundertmal die ganze Bevölkerung der Erde Platz haben! Da betrachte man nur einmal diese Breite der ersten Hauptfront! Da geht's ja links und rechts nahe gerade ins Unendliche hin! Und was da die Höhe betrifft, so kommt es mir vor, dass, so es auch hier einen Mond gäbe, er offenbar an den Giebel des Daches anstoßen müsste. Denn solch eine Höhe lässt sich wohl nimmer nach Klaftern, sondern nur nach Meilen bestimmen. Ah, ah, das ist etwas Ungeheures! Nein, da könnte man aber schon gerade zu einem Narren werden.“
RB|1|144|5|0|Spricht der Graf zum fremden Führer: „Aber sage uns doch, du lieber guter Freund, wohnt etwa der Herr Gott Jesus Christus in diesem mehr als weltgroßen Gebäude? Denn für einen oder auch für mehrere seligste und größte Engel wäre es denn doch zu ungeheuer groß und herrlich.“
RB|1|144|6|0|Spricht der der Gesellschaft noch Fremde: „Ja, ja, Er Selbst wohnt auch sehr häufig in solchen Häusern, und so auch in diesem, bei Seinen Freunden und Kindern. Nur in diesem Augenblick ist Er nicht im Haus, wird aber, so ihr in das Innere des Hauses treten werdet, Sich auch höchstwahrscheinlich sogleich einfinden. Nur müsst ihr da hübsch Obacht geben, dass ihr Ihn erkennt.“
RB|1|144|7|0|Spricht der Graf: „Eljen Christus! O Freund, bei Gott, wenn ich nur einmal Christus sehen könnte, so verlange ich mir nachher keine andere Seligkeit mehr! Aber weißt du, wohl den wirklichen Christus und nicht so eine römische Maskerade!“ – Spricht auch der Franziskaner: „Ja, ja, auch ich verlange mir keine andere Seligkeit mehr.“
RB|1|144|8|0|Tritt auch ein anderer aus der Gesellschaft vor und sagt: „Oh, oh, ich bitte, auch nur einmal Christus sehen; und wann kunnt möglich sein auch heiligen Joseph, weil war er mein Namenspatron. Aber wann kann nit sein, verlange ich nit, wenn kann ich nur Christus sehen.“
RB|1|144|9|0|Spricht der Fremde: „Ja, warum möchtest denn du gar so ungeheuer gerne Christus sehen – erkläre mir das!“ – Spricht der Hervorgetretene: „Ho, da braucht ja nix Erklärung. Weil ich hab Christus gar so gern über alles! Und was man so hat über alles gern, das möcht man auch über alles gern sehen!“ – Spricht der Fremde: „Das ist schon recht; aber warum hast denn du Christus gar so über alles gerne?“ – Spricht der Hervorgetretene: „Ho, das ist ganz klar – weil ist Er Christus und weil ist Er Gott und weil hat Er mich erlöst von der Höll und weil war Er auch gar so a guter Heiland!“ – Spricht der Fremde: „Aber was wirst du machen, so du Christus sehen wirst?“ – Spricht der Hervorgetretene: „Oh, da wird' i vor Freud ‚Eljen Christus!‘ schreien und aufspringen und Ihm, wann werd' i dürfen, um den Hals fallen.“
RB|1|144|10|0|Spricht der Fremde: „Nun, nun, das sehe Ich jetzt schon, dass du Christus sehr gerne hast! Aber was machtest du denn dann, wenn dich Christus nicht so gerne hätte, wie du Ihn?“ – Spricht der Gefragte: „Ho, das macht nix, weil bin i so nit wert, dass soll mich Christus a gerne haben. Da werd' ich mir nix draus machen!“ – Spricht der Fremde: „Mein Lieber, geh nun wieder zu deinen Kameraden zurück, und zwar mit der Versicherung, dass dich der Herr Christus vielleicht doch noch lieber haben wird, als du Ihn.“
RB|1|144|11|0|Der Joseph geht nun zurück, und der Fremde spricht zum Grafen: „Hört, der hat mit seinem Herzen statt mit seiner Zunge gesprochen! Das ist auch der Unschuldigste unter euch allen und hat seine irdische Todesstrafe wahrlich nicht im Geringsten verdient. Auf den Menschen muss Ich schon eine besondere Rücksicht nehmen. Nun sind wir aber auch am Tor! Lasst uns sonach denn auch sogleich einziehen in dieses Hauses Gemächer!“
RB|1|144|12|0|Spricht der Graf: „Liebster Freund, nur noch eine Bitte! Sage uns doch gütigst, so Christus ankommen wird etwa mit vielen Millionen Engeln, wie werden wir Ihn gleich erkennen?“ – Spricht der Fremde: „Da verlasst euch nur auf Mich! Ich habe es euch ja schon einmal gesagt, dass Er Mir vollkommen ähnlich sieht. Ihr dürft dann nur Mich ansehen und vergleichen, ob jemand Mir ähnlich aussieht; und der wird es dann auch sein!“ – „Ich danke dir“, spricht der Graf, „weil du bei uns bleibst! Da wird uns Christus der Herr auch nicht durchgehen, ohne dass wir Ihn sehen. Nun, nun, das ist gut, das ist sehr gut!“
RB|1|144|13|0|Spricht auch der Miklosch rückwärts [hinten]: „Freunde, wie ich nun merke, so sind wir noch ein wenig blind. Ich sage es euch, ich habe eine ganz sonderbare Ahnung.“ – Spricht der Franziskaner: „No, was denn für eine Ahnung?“ – Spricht Miklosch: „Ich sage euch sonst nichts! In der Bälde aber werdet ihr es auch fühlen und sagen: aber wie konnten denn wir gar so blinde Ochsen sein! Habt ihr mich verstanden? Gar so blinde Ochsen!“
RB|1|144|14|0|Spricht der Graf: „Liebe Freunde, wir stehen bereits an der Schwelle des großen Einganges in ein Haus, wovon Sonne, Erde und Mond nichts Ähnliches aufzuweisen haben dürften. Mit dem Eintritt in die Wundergemächer wird auch sicher der Eintritt in ein ganz neues, bisher noch nie geahntes Lebensverhältnis auf das Engste und Unwiderruflichste verknüpft sein. Vor diesem von unberechenbaren Folgen vollen Eintritt sagt der Bruder Miklosch, dass er eine gar gewichtige Ahnung habe und macht uns aufmerksam und erstaunt förmlich, wie wir anderen davon noch keine Spur haben mögen. Weil aber dieser Eintritt in dies Wunderhaus von den allergroßartigst wichtigen Folgen sein muss, so bin ich der Meinung, dass sich der Bruder Miklosch über seine Ahnung eher ganz klar ausdrücken sollte, bevor wir in dieses Hauses Gemächer treten. Denn so eine Ahnung kann uns von größtem Nutzen sein, so wir tiefer in ihre Elemente einzugehen vermögen. Sei daher du, Bruder Miklosch, so gut und detailliere uns deine Ahnung. Unser lieber Freund wird schon so gut sein und ein paar Augenblicke Geduld mit uns haben.“
RB|1|144|15|0|Spricht Miklosch: „Ja, meine lieben Freunde, meine Ahnung ist wahrlich sonderbar; aber ich kann sie euch nicht beschreiben. Doch mir kommt es hier nahe so vor, als wie es, so nach meinem Gefühl, den zwei nach Emmaus wandelnden Jüngern vorkommen mochte, als der Herr Selbst in ihrer Mitte wandelte und sie Ihn nicht erkannten, obschon Er sie allerweisest über allerlei belehrte. Seht, gerade so kommt es mir hier vor! Und ich wollte beinahe eine Wette eingehen, dass diese meine sonderbare, mich durch und durch beseligende Ahnung nicht ganz mit einem leeren Stroh zu vergleichen sein wird. Kurz, kommt Zeit – kommt Rat! Am Ende wird es sich dennoch zeigen müssen.“
RB|1|144|16|0|Spricht der Graf: „Geh, geh, geh, du lieblich frommer Schwärmer! Was meinst denn du? Christus, der Herr, wird aus Seinem allerhöchsten Himmel auch so ganz schlicht und ohne alle Glorie zu uns groben Sündern herabsteigen, als wie Er als Menschensohn zu den harten Juden herabgestiegen ist!? Schau, schau, wo tust du dich denn hin? Bedenke doch, was und wer Christus ist, und was und wer wir sind Ihm gegenüber. Dann wirst du gleich zu einer anderen Ahnung kommen. Siehe, deine gute Ahnung ist nichts als so ein recht artiges Christus-Luftschlösschen, deren ich auch in meiner Jugend in die schwere Menge gebaut habe. Aber wo ist die liebe Wirklichkeit geblieben!? Mir gefällt übrigens dein Luftschlösschen nahe besser als dies Haus, und muss dir's sagen – so es eine Realität hätte, ich sicher der glücklichste Geist von der ganzen Unendlichkeit wäre. Aber darüber seien wir ganz ruhig! Denn weißt du, Christus mag noch so gut und herablassend sein – ob Er es aber gar so wohlfeil geben wird, wie wir uns es in unseren idyllisch-christlichen Luftschlösserchen ausmalen, das möchte ich denn doch ein wenig stark, verstehst du, bezweifeln. Hab' ich recht oder nicht?“
RB|1|144|17|0|Spricht Miklosch: „Du hast recht, aber ich kann dem ungeachtet meiner Ahnung nicht loswerden. Und wahrlich, mein Herz bebt in mir!“ – Spricht der Graf: „Laperl! Das meinige bebt auch, und das wie! Aber das macht der bedeutungsvollste vor uns harrende Eintritt in dieses sicher echteste Gotteshaus und die Ungewissheit, was uns darinnen alles begegnen wird.“ – Spricht Miklosch: „Ja, ja, du wirst am Ende denn doch noch recht haben. Das wird es sein! Ja, ja, das ist es ganz sicher!“
RB|1|144|18|0|Spricht der Fremde: „Nun, seid ihr schon fertig mit eurer Debatte?“ – Spricht der Graf: „Freund, wir sind schon wieder ganz in der Ordnung! Es wäre freilich sehr interessant, auch von dir über diesen Punkt eine kleine Aufklärung zu bekommen. Aber du greifst schon nach der Türschnalle! Daher wird sich vielleicht ja noch im Haus irgendeine Gelegenheit finden, um darüber unsern Verstand ein wenig näher zu beleuchten.“
RB|1|144|19|0|Spricht der Fremde: „O allerdings, da wird es noch gar manche Gelegenheiten geben. Aber nun heißt es einmal ins Haus treten! Und so denn, öffne dich, du Pforte zum ewigen Leben!“
RB|1|145|1|1|Eintritt ins himmlische Haus. Der Graf und der General. Des Grafen blindes Suchen nach Jesus. Endlich offenbart sich ihm der Herr.
RB|1|145|1|0|In diesem Moment geht die Türe sogleich weit auf. Eine unbeschreibliche Pracht strahlt aus dem ersten Saal den Eintretenden entgegen, und eine übergroße Volksmenge in Faltenkleidern wie aus feinstem Byssus begrüßt die Eintretenden allerherzlichst. An der Spitze steht der General, umgeben von dem Mönch Thomas und Dismas.
RB|1|145|2|0|Als der Graf den General gleich erkennend ersieht, stürzt er sich, über die Maßen erfreut ob dieses unvermuteten Wiederfindens seines alten Freundes, an die Brust desselben, küsst ihn und spricht voll Feuer: „Hunderttausendmal gegrüßt in einem sicher besseren Leben sei du mir, mein lieber alter guter Freund und Bruder! O wie glücklich bin ich, dass ich dich wieder habe und, so es Gott der Herr will, dich vielleicht auch ewig haben werde! Du bist schon glücklich, überglücklich. Gott der Herr wird mich ja auch nicht unglücklich lassen. Ah, ah, aber alles hätte ich eher erwartet, als dich hier so glücklich zu treffen und wiederzusehen. Wie ist's denn dir ergangen gleich nach deiner Ankunft allhier? Und wie geht es dir jetzt? Und was machst du so ganz eigentlich hier?“
RB|1|145|3|0|Der General erwidert den Gruß und sagt darauf: „Mein liebster Freund, vom Etwas-Machen ist hier gar keine Rede; sondern bloß vom Genießen alles dessen, was uns die unbegrenzte Güte und Liebe des Herrn Jesu Christi in der überschwänglichsten Fülle beschert. Wenn der Seligkeitsgenuss nicht mit einer nie zu beschreibenden wundervollsten Mannigfaltigkeit verbunden wäre, so müsste man wahrlich mit Hiob auszurufen anfangen: ‚O Vater, süßester, bester Vater, höre doch endlich eine kleine Weile nur auf zu segnen!‘ Ja, Freund, hier erst lernt man wahrhaft Jesus Christus kennen. Lieber, ich brauche dir weiter nichts mehr zu erzählen, denn es wird dich die jüngste Folge über alles das ins Klare setzen. Willst du dir aber von der Weisheit, Allmacht und Liebe des Herrn so im Voraus einen kleinen Begriff machen, so betrachte nur ein wenig die Herrlichkeit dieses Saales, und du wirst schon bei dieser Betrachtung dir einen ganz kuriosen Begriff von Christo, dem alleinigen Herrn Himmels und der Erde, verschaffen.“
RB|1|145|4|0|Spricht der Graf: „Gerade recht, dass du mich an Christus den Herrn erinnerst. Was weißt denn du von Ihm? Hast du etwa gar schon das unaussprechliche Glück gehabt, Ihn, den Allerheiligsten, zu sehen? Ist Er schon da gewesen; oder wird Er etwa bald wieder kommen? Von woher wird Er kommen? Und wie werde ich Ihn sogleich erkennen? Weißt du, ich liebe Ihn so ungeheuer, dass mir wahrlich alle diese Herrlichkeiten wie ein ausgestorbenes Haus ohne Ihn vorkommen würden. Sei daher so gut und mache mich ja sogleich aufmerksam auf Ihn. O Gott, o Gott, welch ein Anblick wird das sein, so ich Ihn, meinen Schöpfer, sehen werde.“
RB|1|145|5|1|(Am 27. Nov. 1849)
RB|1|145|5|0|Der General schmunzelt bei diesem emsigsten Befragen des Grafen und sagt nach einer Weile: „Aber Freund, du kommst mir hier gerade so vor als einer, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Sage mir doch zur Güte, wie du dir so ungefähr denn doch Jesus den Herrn vorstellst. Nachher will ich dir etwas sagen, was dich sicher sehr mächtig überraschen wird.“
RB|1|145|6|0|Spricht der Graf: „Freund, es ist das zwar ein sonderbares Verlangen von dir. Aber um desto eher zu dem zu gelangen, was du mir sagen willst, will ich deinem Wunsch sogleich nachkommen. Sieh, ich stelle mir Christus als Gott den Herrn in einer unbeschreiblichen Glorie vor und umgeben von seinen Aposteln und zahllosen Engelschören. Denn so steht es in der Schrift, dass Er wiederkommen werde auf schwebenden Lichtwolken der Himmel, aus denen in jeder Sekunde sicher wenigstens eine Trillion Blitze nach allen Richtungen in die Unendlichkeit hinauszucken werden. Da hast du nun meine gute Vorstellung von Christo dem Herrn! Und nun sage du mir, was du mir versprochen hast.“
RB|1|145|7|0|Spricht der General: „Bruder, da hast du wahrlich eine ganz grundfalsche Vorstellung von Christo dem Herrn. Wie gesagt, du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht. Sieh, wir alle haben es hier ganz deutlich vernommen, wie dir dieser unser allergrößter Freund, den du noch fest bei Seinem rechten Arm umschlungen mit deiner linken Hand hältst, die Erkennungsmerkmale von Christo dem Herrn gegeben hat, wie auch zugesagt, dass der Herr mit euch zugleich in diesem Haus eintreffen werde. Nun, so sehe dich denn ein wenig um, ob du niemanden triffst, der Ihm auf ein Haar ähnlich sehen dürfte. Und findest du jemanden, so halte ihn für den Herrn. Denn ich sage es dir, der Herr Gott Jesus ist hier ebenso einfach und prunklos, als wie Er es auf der Erde war, und von irgendeinem Glanz an Ihm ist nirgends eine Spur anzutreffen.“
RB|1|145|8|0|Spricht der Graf: „Richtig, richtig, gerade so hat dieser hochliebwerteste Freund uns allen draußen gesagt. Aber ich werde eine ziemliche Weile brauchen, bis ich mit der Durchmusterung aller dieser sicher tausend Anwesenden mit diesem lieben Freund fertig werde. Aber es ist das eine Arbeit, bei der es sich wahrlich der Mühe lohnt. Der Saal ist wohl ungeheuer groß und stark beleuchtet, die Anwesenden stellen sich wie durch ein Kommando in Reihe und Glied auf, was sehr gut ist, und so möchte ich mit der Durchmusterung denn doch eher fertig werden, als ich mir's anfangs gedacht habe. Da, in den ersten Reihen, finde ich einmal nichts Ähnliches! Daher also weiter gemustert. Auch weiterhin will sich nichts Ähnliches auffinden lassen. Ich nehme hier mehr die entfernteren zwar ebenso gut aus, als wie die ganz nahe Stehenden; aber unser lieber guter Freund scheint darinnen keinen Zwillingsbruder zu haben. Dort ganz im Hintergrund entdecke ich noch eine Gruppe, die ich mir etwas näher besehen möchte, so es gestattet wäre, derselben sich einige Schritte zu nähern?“
RB|1|145|9|0|Spricht der General: „O nur zu, ganz ohne allen Anstand! Denn hier ist die vollkommenste Freiheit zu Hause.“ Darauf begibt sich der Graf mit dem ihm noch unbekannten Freund hin zu der obbenannten Gruppe. Als er aber ihr mit seinem Freund in die Nähe kommt, so fällt sie, von zu großer Ehrfurcht ergriffen, auf ihr Angesicht nieder und schreit: „Heil dir, Heil dir, Heil dir Allererhabenster!“
RB|1|145|10|0|Der Graf erschrickt förmlich vor dieser Metamorphose und sagt zu seinem Begleiter: „Nun, da haben wir's! Ich wollte sie mit dir vergleichen, und nun liegen sie alle auf ihren Angesichtern vor uns und schreien Gott weiß zu wem: ‚Heil Dir!‘ – Sollte das etwa einen von uns beiden angehen? Oder ist etwa schon Jesus sichtlich irgendwoher gekommen da?“ – Spricht der Fremde: „Warte nur ein wenig; diese Gruppe wird sich sogleich wieder erheben, und du wirst dann sogleich deine Forschungen weiter fortsetzen können.“
RB|1|145|11|0|Auf einen geheimen Wink des Herrn erhebt sich die ganze Gruppe wieder. Und der Graf macht sogleich die Entdeckung, dass sie aus lauter weiblichen Individuen besteht, und sagt darauf: „Liebster Freund, auf der Erde war meines Wissens der Herr, Gott und Heiland Jesus ein vollendeter Mann und wird in Seinem ewigen Gottesreich sicher kein Weib geworden sein! Daher meine ich, wird sich zu meinem Zweck hier sehr wenig eruieren lassen. Aber nur das möchte ich von ihnen erfahren, warum sie denn früher gar so enorm ‚Heil Dir!‘ geschrien haben.“ – Spricht der Begleiter: „Gehe hin und frage sie!“
RB|1|145|12|0|Der Graf nähert sich der Gruppe ganz bescheiden. Diese aber schreit ganz stentormäßig ihm entgegen: „Zurück, zurück, zurück! Mit dir haben wir keine Gemeinschaft, denn du bist ein Frevler im Haus Gottes!“
RB|1|145|13|0|Der Graf tritt wohl sogleich zurück, sagt aber dennoch zur Gruppe, die sich zwar selbst noch nicht gar zu lange in diesem Haus befindet: „Nun, nun, gebt ihr nur Acht, dass wir euch nicht etwa einige Lote Apothekergewicht herunterstreifen von eurer noch höchst päpstlichen Heiligkeit! O ihr heikligen Greteln ihr! Ich glaube, so heilig als ihr es seid, dürften wohl auch dieser mein Freund und ich auch sein?! Geh, lieber Freund, weiter mit mir; denn mit diesen echten Menschern ist nichts zu machen! Ihr echt jesuitischer Heiligkeitshochmut ist mir unausstehlich!“
RB|1|145|14|0|Spricht der Begleiter: „Ah, Freund, das darfst du nicht also nehmen. Denn hier muss alles mit der größten Geduld ertragen werden! Diese sind auch noch nicht ganz in der Ordnung; aber sie haben nicht gar weit mehr zum Ziel!“
RB|1|145|15|0|Spricht der Graf: „Ja, ja, es ist schon alles recht; aber uns wie ein paar Verbrecher zurückweisen, das ist etwas zu sonderbar! Aber in Gottes Namen, sei's nun wie ihm wolle. So ich nur schon meinen Zweck erreicht hätte. Es ist mir aber auch ganz unerklärlich, wie ich dir nun nahe für gar nichts als allein nur für Jesus, den Herrn, einen Sinn habe. Alle diese wahrsten Himmelsschönheiten, sowohl dieser reizendst schönen Damen als wie auch dieses Saales, sind für mich wie tote Mumien oder Bilder ohne Seele, solange der Eine nicht da ist. Es ist auf der Erde, wo der Schöpfer für tausend und tausenderlei Abwechslungen gesorgt hat, schon langweilig genug, dass man wohl öfter von einem allerhöchsten Wesen Gottes bloß nur etwas zum Hören bekommt; aber von einem noch so erwünschten Sehen ist, wenigstens in dieser Zeit, wohl nie eine Rede mehr. Hier aber, wo man auf dem Punkt steht, als selbst Geist den allervollkommensten Geist Gottes sehen zu können, wird einem das Dasein unerträglich, so man Den nicht zu sehen bekommt, der einem allein alles in allem ist. So du, lieber Freund, es weißt, wo Er Sich nun befindet, da zeige mir Ihn, dass ich Ihn nur in der Ferne erblicken möchte.“
RB|1|145|16|0|Spricht der Begleiter: „Mein lieber Freund und Bruder, das wird etwas hart hergehen, dass Ich dir Jesus in der Ferne zeigte. Denn wer Jesus nicht in seiner nächsten Nähe vorerst zu sehen bekommt, der kann Ihn in einer Ferne nicht ersehen. Du musst Jesus nur allein in deiner nächsten Nähe zu erschauen wünschen, dann wird es dir auch werden nach deinem Wunsch.“
RB|1|145|17|0|Spricht der Graf: „Mein allerhochgeehrtester Freund, das wäre schon alles recht, und es wäre das sehr wünschenswert, wenn ich Seine zu heilige Nähe ertragen könnte. Aber es sollen Seine nächsten und höchsten Engel sogar Seine nächste Nähe nicht zu ertragen imstande sein. Frage – wie dann ich?“ – Spricht der Begleiter: „Freund, so aber Christus, der Herr, nicht um ein Haar ansehnlicher vor dir stünde, denn Ich und geradeso mit dir redete, als wie Ich nun – sage Mir, hättest du denn da auch noch so eine gewisse Heiligkeitsscheu vor Ihm, als wie du sie nun hast?“ – Spricht der Graf: „Je nun, ich meine, das würde mir wohl etwas leichter vorkommen. Es würde mir zwar wohl noch immer etwas schwerfallen, da ich denn doch gar ungeheuer wohl bedenken müsste, wer Er, und wer ich es sei. Er das unendlichste Alles, und ich das vollendetste Nichts. Aber leichter müsste mir dabei doch auf jeden Fall zumute sein, als so Er in all Seiner himmlischen Macht daherkäme.“
RB|1|145|18|0|Spricht der Begleiter: „Gut! Was tätest denn du, so z. B. Ich Selbst Christus wäre und gäbe dir aber aus gewissen Gründen Mich erst jetzt zu erkennen? Was möchtest denn du dazu für ein Gesicht machen?“
RB|1|145|19|0|Spricht der Graf: „Höre, Freund, das heißt einen armen Teufel, wie nun ich einer bin, denn doch auf eine zu harte Probe stellen. Wahrlich, hoher Freund, so Du am Ende dennoch Selbst es wärst, da würde ich wahrlich für die ganze Ewigkeit sprachlos. Aber sage es mir lieber bestimmt, auf dass ich vor lauter Ehrfurcht, Liebe und Entsetzen sogleich hin werde.“
RB|1|145|20|0|Spricht der Begleiter: „Ja, Freund, Ich Selbst bin es! Und so du es schwer glauben solltest, so frage diese hier, sie werden es dir sagen. Deine Liebe hat Mich so an dich gezogen.“
RB|1|146|1|1|Der große Augenblick des Grafen. Seine Huldigungsrede. Der Herr über Geist und Seele und das Verhältnis des göttlichen Vaters zu Seinen Kindern.
RB|1|146|1|1|(Am 30. Nov. 1849)
RB|1|146|1|0|Der Graf, ganz außer sich, teils vor Furcht, teils aus zu großer, freudigster Entzückung und teils auch aus der Furcht vor irgendeiner von ihm für möglich gehaltenen Täuschung, kann sich über Meine Erklärung gar nicht fassen. Nach einer ziemlichen Weile des freudigsten inneren Erstehungskampfes, durch den sein Geist alle Bande zerreißt und sich in seiner ganzen ihn umfassenden Seele ausbreitet, stammelt der Graf erst die Worte in einer sehr stotternden Weise:
RB|1|146|2|0|„Also – d-d–du – du – b-b-bist – es! Du? Der ewige – Herr – über alles, was Zeit und Raum fassen und über alles, was über alle Zeit und über allen Raum erhaben in ewiger Freiheit lebt und mit vollendeten Augen in die ewigen Tiefen Deiner Wunderschöpfungen schaut!? O Gott, o Gott, o Gott! – Ich – ein elender, von anderen Würmern zertretener Wurm, ein nichtigster Staub am Staub des Staubes, stehe nun vor Dir, dem heiligen ewigen Meister der endlosen Wunderwerke, die alle aus Deiner allmächtigen Hand geflossen sind, vor meinem Gott, vor meinem Schöpfer, Vater, vor meinem Heiland Jesus!? O hört es, alle Himmel! Ich stehe nun vor Gott, meinem Gott und eurem Gott! Kommt, kommt hierher alle ihr überseligen Äonen und helft mir fühlen die endloseste Tiefe aller himmlischen Wonnen – fühlen, was das ist! Ein Geschöpf steht das erste Mal vor Gott, seinem allmächtigen Schöpfer! Und – oh, es ist kaum zu denken – dieser Gott ist wie ein Mensch einfach und schlicht und spricht, von der höchsteigenen Liebe geleitet, so herablassend milde und sanft mit mir, wie nur ein bester Bruder mit seinem einzigen, besten Bruder sprechen könnte.
RB|1|146|3|0|O Menschen, die ihr in allerlei Irrsalen auf der Oberfläche der tückischen Erde herumwandelt, und am oft sehr traurigen Pilgerziel mit gesenktem Haupt und gesenkten Armen steht und nimmer wisst, wo aus und wo ein ihr euch wenden sollt – hierher, hierher kommt in euern Herzen und lernt Gott in Jesu, dem lieblichen Heiland, kennen, und ihr werdet für das kurze Probeleben auf der Erde mit euern großen und eitlen Plänen leicht fertig werden.
RB|1|146|4|0|Die wahre und rechte Erkenntnis Gottes wird es euch zeigen, wie wenig dazu gehört, um in Gott dem Herrn sich zurechtzufinden und dann über alle eure Begriffe überglücklich zu sein. Balgt euch nicht wie elende Hunde und Katzen um irdische Dinge, die sehr vergänglich sind und vor Gott keinen Wert haben! Sondern bewerbt euch hauptsächlich um wahre und rechte Erkenntnis und Liebe Gottes, und liebt euch um Gottes willen wie wahre Brüder und Schwestern als Kinder eines und desselben Vaters, der allzeit und ewig heilig ist, und über alle eure Begriffe lieb, gut und sanft – so habt ihr in euern Herzen mehr, als was euch die ganze Welt je geben und verschaffen könnte!
RB|1|146|5|0|Was ist die glänzendste Ehrenstelle auf der Erde gegen diese meine Stellung vor dem sichtbaren Gott und Herrn, an dessen Liebe und Weisheit alle himmlischen Äonen sich nimmer genug sättigen können! - O Gott, o Gott, welch eine Wonne ist es doch, bei Dir zu sein! Und wie gar so ganz vergessen sind nun alle die schlimmen irdischen Kalamitäten, die mir auf der Erde begegnet sind. Wo sind nun meine Feinde? Wahrlich, nun könnte ich und Äonen mit mir ausrufen: Kommt her Millionen, ob Feinde oder Freunde, und lasst euch brüderlichst umarmen!“
RB|1|146|6|0|Nach diesen Worten, die er so vor sich hin voll der höchsten Liebesglut mehr stammelt als spricht, fällt er auf die Knie vor Mir nieder, faltet die Hände und spricht: „O Du mein allein ewig guter Gott und Heiland Jesus! Lasse Dich also ewig von mir mit den erhabensten Akzenten anbeten, loben und preisen! Denn es ist unmöglich, Dich je zu viel zu preisen und zu loben. O nun begreife ich es, wie man unter Deinem Lob und Preis allein nur die höchste Seligkeit aller Seligkeiten empfinden kann! Und so lobe Dich denn alles, was an mir ist, ewig und danke Dir auch ewig für alles, was Du je über mich, wenn auch in einem noch so bitterschwer zu tragenden Gewand, verhängt hast! Denn nun erst fange ich an, es einzusehen, dass das alles bloß Deine unberechenbar große Liebe zu mir getan hat!
RB|1|146|7|0|O Herr, Du heiliger Vater, ich war wohl auch sehr stark ein verlorener Sohn und musste durch ein großes Elend zu Dir zurückgewendet werden. Aber nun – nun – bin ich wieder bei Dir, Du ewig guter, heiliger Vater! Nehme mich auf als einen Allergeringsten in Deinem Reich und sei auch mit allen andern vielen verlorenen Söhnen ebenso gnädig wie mit mir, dem allerletzten Deiner begnadigten Kinder! Und wenn es Dein Wille wäre, so lasse meine auf Erden hinterlassene Familie eher um alle irdische Habe kommen, als dass sie vor Dir zu tief falle und Deiner am Ende gänzlich vergäße.“
RB|1|146|8|0|Rede Ich: „Stehe auf, stehe auf, Mein lieber Bruder, und mache nicht gar so viel Aufhebens! Denn du siehst es ja, dass Ich Mich deshalb nicht im Geringsten verändert habe, darum du Mich nun erkannt hast. Wie die Brüder miteinander reden, handeln und wandeln, so werden auch wir es ewig miteinander machen.
RB|1|146|9|0|Ich bin Gott wohl, als das urewigste Wesen voll Weisheit, Macht und Kraft – und du nur ein Geschöpf Meiner Willenskraft. Aber dein Geist ist dennoch ganz das, was Ich Selbst bin. Und somit bleibt zwischen uns fortan das vollends gleiche Verhältnis wie zwischen Vater und Sohn oder wie zwischen Bruder und Bruder. Denn deiner Seele nach, die nun dein äußeres Wesen ist, bist du Mir ein Sohn und deinem Geist nach ein Bruder! Die Seele ging hervor aus dem Urlicht Meiner Weisheit und ist minder um endlos vieles, als das erschaffen-habende Urlicht; und darum ist die Seele ein Sohn zu Mir, der Ich im Grunde des Grundes pur Liebe bin. Aber dein Geist, der da Meine Liebe Selbst in dir und somit Mein höchsteigener Geist, ist demnach Mein Bruder aus und aus und durch und durch! Also bedenke dich nicht zu weitläufig über diese Sache, sondern stehe auf und komme mit Mir zu den anderen Brüdern hin!“
RB|1|146|10|0|Spricht der Graf, sich ganz langsam vom Boden aufrichtend: „O Vater, wie endlos gut bist Du doch! Wenn meine über alle Kälber dumme Zunge Dich nur so einigermaßen Deiner heiligsten Würde entsprechender loben könnte. Aber ich bringe nun fast nichts zuwege.“
RB|1|146|11|0|Rede Ich: „Sei ruhig, Bruder, und lasse das übertriebene Loben! Denn dein Herz ist das beste Lob, an dem Ich stets allein das größte Wohlgefallen habe. Alles andere gehört mehr oder weniger ins Reich der Mir lästigen Betbruderei. Stehe nun vollends auf und gehe mit Mir zu den anderen Brüdern.“
RB|1|147|1|1|Bathianyis Zerknirschung. Das Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Der noch blinde Franziskaner erhält von Miklosch derbe Winke. Gleichnis vom verkleideten König.
RB|1|147|1|1|(Am 4. Dez. 1849)
RB|1|147|1|0|Spricht der Graf, ganz zerknirscht vor Liebe und tiefster Ehrfurcht: „O Herr, bei Deinem allerheiligsten und allmächtigsten Namen, es ist Dir sicher leichter zu sagen: ‚Stehe auf und komme!‘ – als für mich Sünder, aufzustehen vor Dir, dem ewigen Herrn der Unendlichkeit. Es kommt mir nun das Aufstehen nahe gerade so vor, als wie es einer Blattmilbe, so sie eine Intelligenz hätte, vorkommen müsste, so die ganze Erde zu ihr sagte: ‚Du winzigstes Tierchen, dem das Blatt einer Staude eine Welt voll Wunder ist, erhebe dich und begleite mich auf meiner weiten Reise um die Sonne!‘ – O Herr, das müsste für die große Erde doch eine sonderbare Gesellschaft abgeben, die schwerlich je von dem Auge eines Naturforschers beobachtet werden möchte, und dürfte etwa vom Uranus aus, selbst mit Trillionen Mal vergrößerten Fernrohren, noch schwerer zu entdecken sein, als wie von der Erde aus die Monde desselben Planeten mit freien, unbewaffneten Augen der Menschen. Und doch taugte eine Blattmilbe viel eher noch für einen Trabanten der Erde, als ich, ein totales Nichts, für einen Begleiter des ewig unendlichen Gottes, gegen Den die ganze Schöpfung für sich nicht einmal wert ist, ein Punkt genannt zu werden. O Herr, ich – ein dummer Menschengeist, ein Nichts im Nichtse vor Dir, und Du, das unendlichste ewige Alles in Allem – soll Dich begleiten!? Nein, dieser Gedanke ist zu ungeheuer für einen geschaffenen Geist, dessen ganze Größe physisch und moralisch mit fünf Spannlängen erschöpfend bemessen werden kann, während Dein Maß keine Ewigkeit je ergründen wird. O lasse mich doch noch eher ein wenig tiefer [mich] fassen, denn mir schwindelt es ungeheuer vor Deiner unendlichen Größe in allem.“
RB|1|147|2|0|Rede Ich: „Aber Mein geliebter Bruder, jetzt wirst du Mir schon ordentlich fad mit deinen Elogen an Meine endlose Macht, Kraft und Weisheit. Da stelle dich einmal zu Mir her und prüfe selbst, um wie viel Meine Nase über die deinige emporragt. Schau, schau, du kindischer Bruder. Ich muss als Gott ja das sein, was und wie Ich es eben sein muss, auf dass du aus Mir und neben Mir das sein kannst, was du bist und was du vielmehr noch werden wirst. Übrigens bist du ja doch Mein Werk, und so du dich dann als Mein Werk gar so für ein vollstes Nichts ansiehst, da beschimpfst du ja Mich! Und das, meine Ich, wirst du ja doch nicht füglich tun können?“
RB|1|147|3|0|Spricht der Graf: „Nein, nein, nein, Herr, ewig nein, von Dir aus bin ich ja ungeheuer groß. Aber nur von mir aus bin ich nichts. Nun, nun, ich stehe nun schon auf; denn Dein Wort hat mich nun ganz aufgerichtet.“ – Darauf richtet sich der Graf vollends auf und geht sogleich ganz mutig zu Mir hin und sagt: „Herr, Vater, Gott, Jesus! Ich bin nun durch Deine alleinige Liebe und Gnade ganz geheilt, und die gewisse übertriebene Furcht vor Dir ist auch dahin. Aber dafür tobt eine unbegrenzte Liebe zu Dir förmlich wie zur höchsten Leidenschaft potenziert in jeder Fiber meines Herzens. Nach und nach wird sich vielleicht auch diese neue Eigenschaft des geistigen Lebens wenigstens in etwas legen. Aber jetzt möchte ich Dich wohl so mit aller meiner Lebenskraft umarmen und also sterben in der höchsten Gottesliebe unbeschreiblichster Wonne. Herr, lasse Dich nur ein bisschen umarmen und an mein vor Liebe gleich einem Ätna oder Vesuv brennendes Herz drücken!“
RB|1|147|4|0|Rede Ich: „Mein lieber Bruder, das würde dir jetzt schädlich sein, weil dein Geist in der Seele noch zu wenig festen Fuß gefasst hat. Aber wenn dein Geist ehestens eine rechte Konsistenz erreicht haben wird, dann werden wir uns auch ohne alle Furcht vor irgendeinem Schaden umarmen können. Denn weißt du, lieber Bruder, Ich bin freilich, so viel als nur immer möglich, dir gleich ein Mensch; aber in diesem Menschen wohnt dennoch die Fülle Meiner Gottheit leibhaftig, und diese würde dein Geist nicht ertragen, sondern zersprengen alle Fesseln und sich dann vereinen mit der Gottheit in Mir, als seinem ewigen Urgrund und Urelement. Wann aber dein Geist in deiner Seele vollkommen sich wird geordnet haben und wird erfüllt sein mit aller Stärke der Liebe aus Mir in ihm selbst, dann wird er Meine Umarmung ohne allen Nachteil ertragen können.
RB|1|147|5|0|Jetzt aber gehe mit Mir nur geschwind zu den andern hin, auf dass auch sie alle auf Deinen Erkenntnisgrad mögen erhoben werden; denn ihre Wissbegierde ist nun schon über die Maßen groß und stark; denn sie wissen es noch immer nicht, welche Resultate du mit deiner Christussucherei herausgebracht hast; – der einzige Miklosch hat eine ganz tüchtige Ahnung, die ihm aber der Franziskaner gleichfort bestreitet, und dadurch auch die übrige Gesellschaft nach seiner Meinung stimmt. Daher müssen wir schnell hin, um dem Franziskaner ein wenig den etwas zu vorlauten Mund zu stopfen.“
RB|1|147|6|0|Spricht der Graf: „O Herr, Du ewige Güte und Sanftmut, das ist ganz aus meinem Gemüt gesprochen! Dieser Mönch ist zwar an und für sich ein gutes Wesen, so überhaupt außer Dir noch etwas gut sein kann; aber was da seine gerade nicht zu verwerfenden Begriffe über das Verhältnis Gottes zu den Geschöpfen und so umgekehrt betrifft, da ist er unverdaulicher als ein gekochtes Pfund Leder. Ich bitte Dich, Herr, nur den lasse Du so ein wenig durch – wie man so zu sagen pflegt.“ – Rede Ich: „Ganz gut, ganz gut! Aber nun ein wenig mehr leise gesprochen, denn sie kommen uns schon entgegen!“
RB|1|147|7|0|Ich bewege Mich nun mit dem Grafen der Gesellschaft entgegen. Und der Franziskaner ruft dem Grafen schon von weitem zu: „Nun, lieber Herr Graf, welche Resultate haben Sie – hast du, wollt ich sagen, denn auf deiner Saaldurchsuchung geerntet? Hast Ihn etwa doch irgendwo gefunden, den Herrn über Leben und Tod und über Himmel, Erde und Hölle? Mir scheint, der famose Zwillingsbruder verzieht noch immer, denn ich sehe noch keinen dritten bei euch beiden.“
RB|1|147|8|0|Spricht der Graf: „Mein Freund, das hat's auch gar nicht vonnöten; denn wir beide genügen uns auch ohne die Dazwischenkunft eines dritten! Verstanden, Herr von stets hübsch stark Naseweis.“ – Hier stupft der Miklosch den Franziskaner und sagt: „Herr Ziperl! Merkst was? Wirst des Ecksteins nicht eher gewahr, als bis du dir daran deine Nase breitschlagen wirst?“ – Spricht der Franziskaner: „Nun, was denn, was für einen Eckstein? Wo ist denn hier einer?“ – Spricht der Miklosch: „Ich glaube, der Graf hat es dir doch so hübsch auf deutsch gesagt. Aber du siehst noch den Wald vor lauter Bäumen nicht!“
RB|1|147|9|0|Spricht der Franziskaner: „Ich weiß es wahrlich nicht, was du mit dem ‚Wald vor Bäumen nicht sehen‘ immer hast! Erkläre dich einmal deutlicher! Was ist es wohl, das mir der Graf auf ziemlich gut deutsch gesagt haben soll? Er sagte nichts als, dass er und unser aller bisher noch zumeist unbekannter Freund sich auch ohne die Dazwischenkunft eines dritten genügen. Ist denn das gar so etwas Außerordentliches? Ich verstehe diese Sache ganz natürlich: Der dritte, allerhöchste, wird wahrscheinlich noch sehr lange verziehen, da von uns wohl keiner als moralisches Wesen so gestellt ist, dass er sich als würdig erachten könnte, Gott zu schauen. Solange man aber außer der notwendigen Würde sich befindet, und einen schon würdigen Gottesfreund zur Seite hat, der einem all die rechten Wege zu Gott zeigt, da kann man auch leicht sagen: Wir beide genügen uns auch ohne die Dazwischenkunft eines dritten, es versteht sich von selbst nur vorderhand. Denn das wäre sehr traurig, wenn wir nie zu der Anschauung Gottes gelangen sollten.“
RB|1|147|10|0|Spricht der Miklosch: „Freund, du bist vernagelt! Sonst kann ich dir nichts sagen, weil ich dir nichts anderes laut einer mahnenden Stimme in mir sagen darf. Es kann zwar auf der Welt noch eine große Menge von solchen vernagelten Köpfen geben, wie da ist der deinige. Aber sie werden doch sicher alle eher zu kurieren sein als du, obschon sie noch in der Welt in ihrem stummen Fleisch wandeln, während du als Geist dich lange schon hier in den Gefilden Gottes befindest, dabei aber dennoch stummer und blinder zu sein scheinst als der leidigste Mittelpunkt der Erde. Um dir aber möglicherweise dennoch etwas mehr die Augen zu öffnen, so will ich dir ein passendes Gleichnis erzählen. Gebe aber wohl Acht, auf dass du verstehst, was ich dir damit sage! Siehe, es war auf der Erde einmal ein gar großer und mächtiger Herr und Gebieter. Da es ihm aber darum zu tun war, seine verschiedenen Untertanen persönlich kennenzulernen, da er sich nicht mit dem Ohrenblasen der geheimen Spitzel begnügte, so verkleidete er sich oft zu einem ganz ordinären Menschen und besuchte sogar zu öfteren Malen als Bettler die Häuser der Reichen, die besonders mit der Obsorge für die Armen von ihm aus öffentlich betraut waren. Und wohl denen, die er als Unerkannter in der von ihm gegebenen gesetzlichen Ordnung traf. Aber es war jedem ein gar starkes Wehe sicher vorbehalten, den er nicht in der gesetzlichen Ordnung fand. Und siehe, der Herr des Himmels und aller zahllosen Myriaden von Welten und Sonnen scheint ein Ähnliches zu tun, freilich sicher nicht in der Absicht, um Seine verschiedenen Menschen zu prüfen und daraus erst zu ersehen, wie sie beschaffen sind; sondern um ihnen eine Gelegenheit zu geben, sich selbst zu prüfen und zu läutern, wozu Er ihnen durch Seine Liebe und Weisheit die handgreiflichste Gelegenheit gibt. Aber ich möchte beinahe auch hier sagen: Wehe jenen, die durch ihren Eigensinn, durch ihre, man könnte sagen, absichtliche Blindheit und Stupidität Ihn bezüglich Seiner Langmut und Geduld auf eine zu empfindliche Probe stellen. Hast du dieses Gleichnis verstanden?“
RB|1|147|11|0|Spricht der Franziskaner: „So ziemlich! Aber was soll ich damit? Soll ich deshalb etwa gar jenen fremden Freund für den gewisserart verkleideten Herrn Himmels und der Erde ansehen? Oder ist vielleicht irgendjemand anderer hier? Am Ende gar dieser mit dem strahlenden Hut? Diesen aber kenne ich, dass er meines Standes auf der Erde war, und er muss erst hier zu dieser Ausstrahlung des Kopfes gelangt sein; denn auf der Welt war sicher nichts strahlenloser als sein Kopf. Sage mir daher, wo ist Er denn, der Verkleidete, dass ich hingehe, vor Ihm niederfalle und Ihn gebührend anbete?“
RB|1|147|12|0|Spricht Miklosch: „Freund, ich habe dir schon beinahe zu viel gesagt und rede nun kein Wort mehr mit dir! Dort ist der Graf mit dem großen Freund; wende dich zu ihnen hin, und frage sie um den Verkleideten. Das aber bleibt eine ewige Wahrheit: Ein Pfaffe ist auf der Welt gewöhnlich das hartnäckigste Wesen, und in der Geisterwelt mag er den Herrn nicht erkennen, so er auch mit Ihm hart zusammenstößt! Weißt du, wer zu Jerusalem am blindesten und verstocktesten war? Siehe, es waren die Pfaffen! Und willst du wissen, welchen Menschen auf der Welt nahe aller Glaube mangelt und welche auch am wenigsten geneigt sind, einen wahren Glauben anzunehmen? Siehe, das sind wieder die Pfaffen, und hauptsächlich die römisch-katholischen, zu denen auch du gehörst. Jetzt habe ich dir's zur Genüge gesagt. Gott gebe, dass es dir etwas nützen möchte! Aber jetzt gehe du nur zu den zweien hin und bespreche dich mit ihnen! Ich habe ausgeredet.“
RB|1|148|1|1|Der Anblick Robert Blums stürzt den Franziskaner in Teufelsangst. Des Herrn Ernst. Das himmlische Mahl.
RB|1|148|1|1|(Am 10. Dez. 1849)
RB|1|148|1|0|Der Franziskaner geht nun ein paar Schritte vorwärts zu Mir und dem General und dem Grafen. Als er gerade seine wichtige Frage: „Wer bist du, fremder Freund?“ losgeben will, kommt gerade Robert Blum zu Mir (natürlich auf einen innern Ruf) und sagt: „Herr! Brot, Wein und Kleidung stehen in der vollsten Bereitschaft.“
RB|1|148|2|0|Sage Ich: „Ganz gut, Mein geliebter Robert – Blum (geflissentlich hinzusetzend), in diesem deinem Haus bist du ein Herr neben dem Herrn, und die große Liebe zum Herrn in deinem Herzen ist die Gesetzgeberin über dein ganzes Haus und über alle, die darinnen sind.“
RB|1|148|3|0|Als der Franziskaner, der aus Liebe zu einer gewissen Freiheit, aber ja nicht aus Liebe zur freiesten großen Wahrheit des Evangeliums, seinen Orden verließ, hier des für ihn aus vielen gelungenen Zeichnungen wohlbekannten Robert Blum ganz leibhaftig ansichtig wird, schlägt er die Hände überm Kopf zusammen und spricht nach einer stummen Weile: „Aber um Gottes willen! Jesus, Maria und Joseph, und ihr alle lieben Engel und Heiligen Gottes, steht uns bei! Da befinde ich mich ja in dem Haus eines erz-erzischsten Hauptketzers! O Jesus, Maria und o du heiligster Josephus! Das ist ja ebenso viel als in der – Gott steh uns bei! – Hölle selbst! Und da soll irgendwo Christus, der Herr Sich aufhalten!? O du verfluchter Teufel du! Du hinterlistiger Beelzebubteufel du! O du abscheulichster und gleisnerischster Hauptteufel du! Gelt, du hast gemeint, dass du mich hast!? Aber nichts da, du wildester, grauslichster, abscheulichster und dümmster Teufel du! Die seligste Jungfrau hat dich zu rechter Zeit mit ihrer himmlischen Allmacht vor mir entlarvt, und ich kann mich noch aus deinen Klauen entreißen! Ja, ich habe aber auch stets sozusagen allein nur die Hochseligste verehrt, damit sie mich vor den Versuchungen des Teufels bewahren möchte zeitlich, als wie auch ewig. Und jetzt hat sich's doch offenbarst gezeigt, wie sie die Ihrigen vor allen Teufeln in den Schutz nimmt! O ihr bestialischen Teufelsfreunde alle, und du schon so hübsch ein passabler Teufelskerl Miklosch! Möchtest du mir nun keinen neuen Christus unter eurer herrlichen Gesellschaft bekanntgeben? O du Hauptteufelslump, wie schön hast du dir die Mühe gegeben, mich in die Hölle zu bringen! Aber die seligste Jungfrau hat dir einen Strich durch deine böse Rechnung gemacht! Probier's noch einmal, was du vermagst! So bald, als du meinst, wird der Teufel mit einem Franziskaner denn doch nicht fertig.“
RB|1|148|4|0|Rede Ich: „Mein Freund, dies Haus ist weder das eines Ketzers und noch endlos weniger einer Kompanie von Teufeln! Das sage Ich, der alleinige, ewige Herr Himmels und der Erde dir! Denn in der Hölle wandeln nirgends freie Gestalten im Licht der Himmel. Ist dir aber diese echte himmlische Brüderschaft zu verdächtig und schlecht, so siehst du dort das noch offene Tor und draußen eine ewig weite Freie. Die Unendlichkeit ist weit, breit, hoch und tief genug. Und nun schweige oder gehe! Du Bruder Blum aber gehe in den großen Nebensaal und heiße sie alle, alle herauskommen und lasse des Brotes und Weines in aller Hülle und Fülle auf diesen genug großen runden Tisch bringen, auf dass dieser blinde Narr sich überzeugen mag, wie die vermeintlichen Teufel dieses Hauses aussehen und wie sie gehalten und etwa gar gesotten und gebraten werden.“
RB|1|148|5|0|Robert begibt sich schnell, Meinen Willen zu vollziehen, ins große Nebenlokal. Und sogleich kommen alle die Altväter, Propheten, Apostel mit Auszeichnungen, an denen sie leicht zu erkennen sind, ebenso auch die Altmütter, von der Eva angefangen, und nun auch die Mutter Maria mit dem Joseph, und so auch alle in den Evangelien vorkommenden Personen. Diesem großen Zug folgend schlossen dann die Neuangekommenen als Robert, Messenhauser, Jellinek, Becher, Niklas, Bruno und alle die zu ihnen Gehörigen und am Ende auch noch die vierundzwanzig Tänzerinnen sich an, die vom Weib Roberts geführt werden und Wein und Brod in großer Menge dahertragen und diese Lebenssache in bester Ordnung auf dem besagten Tisch aufstellen. Alle aber, die aus dem Nebensaal kommen, sind mit einer starken Glorie umfangen, und das hauptsächlich, um dem Franziskaner die Augen zu öffnen.
RB|1|148|6|0|Als der Tisch ganz bestens bestellt, so sage Ich zu allen den neunundzwanzig Neuen: „Kommt her, Freunde und Brüder! Und du, vom Franziskaner als ein Teufelskerl dargestellter Miklosch, trete ganz zu Mir her und nimm und esse zuerst das Brot des Lebens und trinke dazu zugleich den Wein des Erkenntnisses und der Kraft! Und sage es dann dem Franziskaner, der schon lange einen sehr leeren Magen hat, wie dir diese höllische Kost schmeckt.“
RB|1|148|7|0|Miklosch, der Mich eigentlich heimlich schon draußen hatte zu erkennen angefangen und darum öfter den andern zurief, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht sähen, kommt sogleich allerehrerbietigst und demütigst zu Mir hin, und spricht: „Nun, o Herr, kann ich zum ersten Mal meines gesamten Seins wahrhaftigst ausrufen: ‚O Herr, ich bin es nicht wert, dass Du eingingest unter mein sündiges Dach!‘ – Aber ein heilig Wort nur rede, o Herr, und alles, was in und an mir ist, wird gesund. Ja, das ist ein wahres lebendiges Brot der Himmel, Dein rechter Leib ohne Falsch und Trug, o Herr! Wer dieses Brot isst, der wird ewig leben! Denn dies Brot hat in sich die Kraft des ewigen Lebens! Und welch ein überhimmlisch süßester Geschmack! Und dieser Wein, rein aus Deinem Herzen geflossen, ist also auch Dein wahrhaftigstes Blut, durch das uns alle Sünden rein abgenommen werden, die wir je gewöhnlich liederlicher- und leichtsinnigerweise auf der Erde begangen haben. Und so denn wage ich es, denselben gleich wie das heilige Brot zu genießen. Oh, oh, oh, welch ein Geschmack und welch ein Geist! O Herr, das fasst kein Sterblicher einer Welt! O mein Gott, o mein Gott und Vater, ist das aber doch eine Herrlichkeit! O Brüder, esst und trinkt und schmeckt es selbst, wie viele Himmel in einem jeden Tropfen zu Hause sind.“
RB|1|148|8|0|Alles greift nun zu und isst und trinkt nach Herzenslust. Und niemand findet Worte, zu beschreiben die große Herrlichkeit des Geschmacks, der Süße und des Geistes.
RB|1|149|1|1|Der Franziskaner versteift sich auf die römische Lehre. Miklosch kuriert ihn mit scharfen Fragen. Seliges Staunen ob der himmlischen Wahrheiten.
RB|1|149|1|0|Nach einer Weile des tiefsten Erstaunens spricht der Graf zum nicht gar sehr ferne stehenden Franziskaner: „Freund, wenn es in deiner vermeintlichen Höll so aussieht – da bleibe ich schon unverrückt in dieser Höll und der Bruder Miklosch sicher auch samt allen andern. Es sehen auch jene höllischen Geister und, ich möchte sagen, auch Geistinnen ganz ungeheuer schön und herrlich aus. Wahrlich in der Gesellschaft solch einer höllischen Kompanie wird sich's für ewig gar nicht so schlecht bestehen lassen! He, Freund, was meinst du da?“
RB|1|149|2|0|Spricht ganz mürrisch der Franziskaner: „Es sind schon unendlich viele an der illusorischen höllischen Süße zugrunde gegangen! Dies Los wird etwa auch euch zuteilwerden. Ich bin zwar wohl auch sehr hungrig und ganz besonders aber durstig. Aber bis ich nicht, gleich einem Thomas, handgreifliche Beweise über alles das habe, traue ich dem Landfrieden nicht. Denn bei Ketzern, wie der Robert Blum und Konsorten es sind, kann Gott der Herr nicht wohnen.“
RB|1|149|3|0|Spricht der Miklosch: „Freund, da komm mit mir an jenes große Fenster dort! Ich werde dir etwas zeigen.“ – Spricht der Franziskaner: „Was denn?“ – Spricht Miklosch: „Wirst schon sehen!“ – Spricht der Franziskaner: „Gut, so gehen wir hin! Aber täusche mich nicht, sonst!“
RB|1|149|4|0|Die beiden gehen ans Fenster. Und der Miklosch zeigt ihm eine große Freie außerhalb des Hauses und in einer bedeutenden Ferne gen Abend eine Stadt wie Ofen und Pest [Ofenpest, Budapest] aussehend, und sagt zu ihm: „Freund, jener Herr, den deine ungeheure Dummheit noch stets für der Teufel Obersten hält, lässt dir durch mich sagen: ‚Ich gebe dich los von dieser Hölle. Dort ersiehst du Ofen und Pest! Gehe hin und schaffe dir daselbst oder auch irgendwo anders einen bessern Himmel.‘ Du kannst auch gleich hier durchs Fenster hinaus gehen; denn diese Fenster haben kein Glas.“ – Spricht der Franziskaner: „Ein wenig werde ich denn doch noch warten.“ – Spricht Miklosch: „O warum denn? So das die Hölle ist, wie möchtest du dich wohl noch länger darinnen aufhalten?“
RB|1|149|5|0|Spricht der Franziskaner: „Weißt du, ich möchte nur noch für gewiss erfahren, ob etwa der Blum vor seiner Hinrichtung sich doch wieder in den Schoß der allein wahren und seligmachenden Kirche zurückbegeben hat, samt seinen Glaubensgenossen. Ist dies nicht der Fall, was ich eben am meisten befürchte, so ist das hier nichts als höllisches Blendwerk. Denn auch die Hölle ist darin voll des hartnäckigsten Eifers, dass die Ihrigen eher wohl zubereitet werden, als bis sie als vollends tauglich in die eigentliche wahre Hölle hineingelassen werden. Es ist hier wahrlich alles beisammen: Christus, Maria und der heilige Joseph, alle heiligen Apostel, alle Urväter, Patriarchen und Propheten und sonst noch eine Masse männlicher und weiblicher Heiligkeiten; so ist auch dies Lokal mehr als hinreichend, um den Seligen als eine Art Paradies oder Vorhimmel zu dienen. Aber, wie gesagt, so der Blum und Konsorten noch stets die gleichen Ketzer sind, so ist dies alles nur höllisches Blendwerk, und ich muss mich dann schnellst von hier entfernen. Denn schau du, Freund, wenn der römische Papst nicht der allein wahre Stellvertreter Gottes auf Erden ist, und die römische Kirche nicht ausschließend die allein wahre und seligmachende, die allein die Schlüssel zum Himmel und zur Hölle in ihren allerheiligsten Händen hat für alle Menschen der Erde – so ist Christus gar nicht Christus und alle Religionen der Erde sind keine Religionen mehr, sondern ganz wertlose menschliche Hirngespinste, und es ist bei solchen Umständen auf kein Fortbestehen dieses geistigen Lebens sich zu verlassen. Siehe, so stehen die eigentlichen Dinge! Und ich bin nun darum auch äußerst auf der Hut, mich irgendwo von der Hölle berücken zu lassen. Denn die wahre Kirche ist ein Fels, den die Pforten der Hölle ewig nimmer überwinden werden.“
RB|1|149|6|0|Spricht der Miklosch: „Gut, gut, gut! Alle diese römisch-katholischen Narrheiten kenne ich so gut als du. Ich könnte dir deinen römisch-katholischen Mund zwar augenblicklich stopfen, sodass du auf tausend nicht eins erwidern könntest. Aber ich ziehe es vor, dich bloß durch einige Fragen in die engste Enge zu treiben, sage dir's aber im Voraus, dass du eine jede beantworten musst! Denn beantwortest du sie mir nicht, so wirst du mir dadurch nur stets mehr und mehr bejahen, dass das Papsttum ebenso wenig von Christo gegründet ist, als wie wenig je der Apostel Petrus auf der Erde mir ein natürliches Fischernetz ausgeflickt hat. Und so höre denn! Da sind die Fragen:
RB|1|149|7|0|Bei welcher Gelegenheit hat Christus das von der Kirche so hoch gehaltene Messopfer, und zwar ausschließend nur in der damals heidnischen römischen Sprache nahe bei Verlust des ewigen Lebens angeordnet? Bitte um eine streng aus der Heiligen Schrift dokumentierte Antwort!“
RB|1|149|8|0|Dem Franziskaner geschieht bei dieser Frage wie den Ochsen vor einem neuen Tor, und es erfolgt keine Antwort.
RB|1|149|9|0|Und der Miklosch fragt weiter: „Da du auf diese Frage keine Antwort findest, so muss ich dir schon mit etwas Leichterem kommen. Wann und bei welcher Gelegenheit hat denn Christus die Zeremonien, die reich verbrämten Gewänder, die Stola, das Quadratel, rote Strümpfe, die Impfel, den sehr wertvollen Hirtenstab (denn meines Wissens hat Er sogar den Aposteln verboten, einen Stock zu tragen), die päpstliche Tiara, die sehr teuren Kardinalshüte verordnet? Bitte um eine Antwort! Du bist schon wieder stumm! Nun, nun, ich werde gleich mit etwas Leichterem da sein.
RB|1|149|10|0|Sage mir: Wann hat denn Christus der Herr, der eigentlich bloß nur eine lebendige Kirche im Herzen des Menschen erbaut hat und für alle Zeiten erbaut haben wollte – die gemauerten Tempel, deren es nun schon bei einer Million und darüber auf der Erde geben dürfte, ihre inneren heidnischen Einrichtungen, die privilegierten und nicht privilegierten Altäre, die Gnadenbilder, das hochgeweihte Taufwasser, ebenso das heiligste Chrisam (denn die wahren Apostel tauften mit ganz natürlichem Wasser, wie es Gott erschaffen hat; ob sie sich bei der Taufe auch des allerheiligsten Öles bedienten, davon scheint die Geschichte zu schweigen), wann die Glocken, Orgeln und Messlieder, die teuren Messrequisiten, wann die Exequien und die teuren Totenämter und wann und bei welcher Gelegenheit hat Er die Kapläne, die Pfarrer, die Dechanten, die Domherrn, die Pröbste, Prälaten, Bischöfe und Kardinäle eingeführt und sie mit so großem Einkommen dotiert? Denn meines Wissens hat Er den Aposteln, als Er sie hinaussandte, auszubreiten Seine Lehre, sogar verboten, Säcke zu haben, um irgendein Geschenk einstecken zu können. Bitte hier abermals um eine wohl dokumentierte Antwort! Rede nun, rede! Hast ja doch sonst stets eine so geläufige Zunge gehabt! Wie magst du denn nun gar so stumm vor mir dastehen!? Du bist und bleibst stumm!? Das heißt also: ‚Ich weiß nichts zu sagen zu Gunsten der römisch-katholischen Kirche und bin daher lieber still!‘“
RB|1|149|11|0|Spricht endlich doch ganz unwillig der Franziskaner: „Ich könnte dir wohl so manches sagen, aber vor einem Ketzer ist es besser, so man schweigt.“ – Spricht Miklosch: „Das glaube ich auch, besonders so man mit gar keinen Beweisen aufkommen kann. Sage mir aber doch wenigstens das, wann Christus die gottlose (fluchvolle) Übertrittsformel von einer christlich-ketzerischen Religionssekte in die römische angeordnet hat? Wann den Ablass, wann das Rosenkranzfest, wann das Portiunkulafest und das Fronleichnamsfest? Bei welcher Gelegenheit hat Er denn die heilige römische und spanische Inquisition eingesetzt? Und wann und warum eingeführt alle die Ordensgeistlichkeit? Rede und gib mir Antwort! Sieh, du bist schon wieder stumm wie eine Grabmauer! Warum? Das weiß ich! Also etwas Leichteres:
RB|1|149|12|0|Sage mir, wo in der Apostelgeschichte steht es denn geschrieben, dass der Apostel Petrus wirklich in Rom war und das Papsttum gegründet hat? Meines Wissens hat sich dieser Apostel in seiner letzten Zeit wohl in Babylonien aufgehalten und hat von dorther nach Jerusalem auch einen Brief geschrieben. Aber Rom und Petrus haben einander ebenso wenig gesehen, als wie ich und der Kaiser von China. Aber vielleicht hast du andere, verbürgte Daten? Nun, so rede! Aber du redest schon wieder nichts! Dir fällt sicher wieder nichts Gescheites und Haltbares ein! Schau, schau, was du doch für ein armer Mensch mit deiner Papstverteidigung bist!
RB|1|149|13|0|Aber das wirst du mir vielleicht doch sagen können, wie und wann Christus oder Petrus dem Papst den Titel: ‚Heiliger Vater‘ gegeben haben und angeordnet den ablassreichen Pantoffelkuss? Christus hat ja meines Wissens freilich sogar strenge untersagt, irgendjemand anderen gut und heilig zu nennen, als bloß nur Gott allein. So sollte man auch niemanden Vater nennen, als Gott ganz allein; denn alles andere wäre Bruder und Schwester. Aber wer weiß, ob da Christus, der Herr, hintendrein, so Ihm etwas Besseres mag eingefallen sein, nicht eine Menge, uns Laien ganz unbekannte nachträgliche Verordnungen hat ergehen lassen – trotz dem, dass Er es Selbst offen vor vielen Menschen zu Jerusalem göttlich fest erklärte und sagte: ‚Himmel und Erde werden vergehen; aber Meine Worte werden nicht vergehen.‘
RB|1|149|14|0|Ja, mein Freund, du schweigst noch immer, und deine ärgervollste Verlegenheit könnte man dir schon auf eine Meile Entfernung aus dem Gesicht lesen! Was soll denn daraus werden? Schau, ich könnte dir noch mit einem ganzen Millionerl von solchen sonderbaren Fragen aufwarten. Aber was nützte es!? Du magst mir keine beantworten! Und so wird es besser sein, du lässt entweder den Papst ganz fahren und gehst mit mir zum wirklichen Herrn hin und bekennst vor Ihm treu und offen deine Dummheit – oder du machst dich auf die Reise nach dem ersichtlichen Pest und Ofen hin.“
RB|1|149|15|0|Spricht endlich der Franziskaner: „Freund, du hast durch deine merkwürdigen Fragen mich nun auf ganz andere Ideen gebracht, wofür ich dir sehr dankbar bin. Und ich werde dir folgen hin zu jenem Wahren.“
RB|1|149|16|0|Spricht Miklosch: „Also nicht nach Ofen und Pest hin?“ – Spricht der Franziskaner: „Nein, wahrlich nein! Denn ich glaube, in diesen Städten der Welt schaut für einen Geist ganz verdammt wenig mehr heraus. Sind die dort noch Lebenden schon, wie man sagt, petschiert [ruiniert] auf ihr Leben lang physisch und moralisch, was könnte alldort erst einem Geist alles widerfahren, so er sich irgend blicken ließe?“ – Spricht Miklosch: „Aber rede nur nicht gar so ein geschwollenes Zeug zusammen! Welcher Sterbliche hat denn noch irgendeinem Geist etwas antun können!? Aber besser wärst du dort durchaus nicht geworden, sondern nur um sehr vieles schlechter. Denn von solchen Disteln pflegt man wohl nie Trauben zu ernten.“
RB|1|149|17|0|Spricht der Franziskaner: „Aber sage mir – weil du schon wirklich um ein Bedeutendes weiser bist denn ich – ist denn das wohl das leibhaftige Ofen und Pest von Ungarn? Mir kommt die Sache denn doch ein wenig verdächtig vor. Ich bin der Meinung, dass jenes sichtbare Ofen und Pest mehr eine Illusion denn etwas Wirkliches ist.“ – Spricht Miklosch: „Lassen wir beide nun das gut sein! Ob das, was wir sehen, Wirklichkeit oder nicht Wirklichkeit ist, das wird uns schon noch einmal klar werden. Wir gehen nun hin zum Herrn und bekennen vor Ihm unsere große Torheit und lassen dann alles andere Ihm allein über.“
RB|1|149|18|0|Spricht der Franziskaner: „Aber meinst du nicht, dass es vielleicht gut wäre, so wir uns denn doch eher an die allerseligste Jungfrau Maria wendeten, weil sie auch da ist?“ – Spricht Miklosch: „Warum nicht gar an Adam und Eva und an alle Patriarchen und Propheten vor Maria!? Sieh hin, an wen hat sich denn der Graf gewendet? An niemand anderen als geradewegs an den Herrn Selbst! Und sieh, er ist bei Ihm, und zwar zuallernächst. Willst du etwa noch näher sein? Sieh an den Robert Blum, dem der Herr dies Haus, dessen Pracht und Größe wir von draußen schon nicht genug bewundern konnten, zu eigen für ewig gegeben hat, der hat sich zuvor doch sicher an niemand anderen gewendet als an den Herrn Selbst! Und er ist selig, überselig! Willst du etwa noch mehr?“
RB|1|149|19|0|Spricht der Franziskaner: „Ja, ja, du hast recht! Es hängen einem nur so viele katholische Narrentrümmer an, die man nicht auf einmal loswerden kann! Aber nur Geduld, es wird sich mit der Zeit alles machen. Gehen wir daher nun nur zum Herrn hin und zeigen uns Ihm, wie wir sind; und ich meine, Er wird es mit unsereinem ja doch nicht gar so römisch-katholisch genau nehmen.“
RB|1|149|20|0|Spricht Miklosch: „Ist meine geringste Sorge! Schau, ich bin doch etwa schön dumm und unweise und dazu noch sehr schlechten Herzens gegenüber dem Herrn – und schon ich, als nur ein bisschen besser denn ein römischer Kardinal, könnte dich deiner Blindheit wegen doch unmöglich scharf angehen, sondern dich als ein rechter Bruder nur ganz gemütlich behandeln, wie ich's bisher auch stets getan habe. Um wie viel mehr lässt sich das vom Herrn, der Selbst die reinste Liebe ist, im Vollmaß erwarten! Der Herr wird übrigens auch Seine höchst scharfen Seiten haben, besonders gegen den Hochmut, Geiz und Neid und gegen alle, die ihre irdisch ärmeren Brüder als reine Nullen angesehen haben. Aber gegen uns, die wir auch in dem gemeinsten Honved (Soldaten) stets einen Menschen sahen, wird Er sicher viel humaner sein. Und so gehen wir nun nur ganz guten Mutes zu Ihm hin.“
RB|1|149|21|0|Die beiden gehen nun schnell zu Mir hin, und Ich gehe ihnen wenige Schritte entgegen und sage zum Miklosch: „Nun, nun, ist dir der Bruder Cyprian doch nicht durchgegangen? Das freut Mich, das freut Mich recht sehr! Nun, so kommt nur! Etwas Brot und Wein ist noch vorrätig. Esst und trinkt davon nach eurem Bedürfnis! Nachher werde Ich euch alle in das große Museum dieses Hauses führen! Da werdet ihr Augen machen! Geht nun nur schnell zum Tisch hin, und stärkt euch! Sollte nicht genug da sein, da wird der Hausherr Robert Blum sogleich die Dosis repetieren.“
RB|1|149|22|0|Die beiden treten ganz ungeheuer schüchtern zum Tisch hin, und der Franziskaner, weil er gerade der Maria unters Gesicht zu stehen kommt, getraut sich kaum etwas anzurühren.
RB|1|149|23|0|Die Mutter aber lächelt ihn an und spricht: „Aber mein lieber Freund Cyprian, warum denn gar so verlegen? Iss und trink! Meinst denn du, hier im Himmelreich gehe es auch so hochmütig zu wie an den Höfen der Könige auf der finstern Erde? O mitnichten! Hier sind wir alle wie Kinder und lieben den Vater und sind voll Liebe, Güte und Sanftmut gegen jedermann! Daher also keine Scheu mehr, mein lieber Cyprian!“
RB|1|149|24|0|Der Cyprian sinkt fast zusammen vor Ehrfurcht vor der Maria. Aber der Miklosch sagt zu ihm: „Sei nur jetzt nicht dumm, lieber Bruder, und tue, was dir der Herr Selbst und die liebste und herrlichste Maria gesagt haben.“ – Spricht der Franziskaner ganz weinerlich vor Gefühl: „Du hast leicht reden! Denn das feine höhere Gefühl war dir sicher nie im höchsten Grad eigen. Aber ich, der ich schon von Geburt an so ein empfindlicher Kerl war, dass ich über den Tod einer Fliege drei Tage habe weinen können, bin hier auf ganz kuriose Gefühlskohlen gestellt.“
RB|1|149|25|0|Rede Ich: „Mache dir nichts draus! Sieh, das ist nur anfangs so. Mit der Weile wirst du schon mutiger werden.“ – Spricht der Franziskaner: „O Herr, wenn Du nur nicht gar so herablassend wärst, da ginge es auch noch leichter; aber Deine zu ungeheure Herablassung könnte einem gerade das Herz vor Liebe zu Dir zerbersten machen!“ – Rede Ich: „Nun, nun, so esse und trinke! Denn sieh, der Miklosch hat seinen Mann schon gestellt. Robert! Mehr Brot und Wein herbeigeschafft! Ich merke es dem Miklosch an, dass es ihm schmeckt.“
RB|1|150|1|1|Der Franziskaner labt sich. In heißem Dank gedenkt er des Herrn. Das wahre Himmelreich mit neuen Wundern. Die Gesellschaft der Seligen begibt sich in den großen Saal.
RB|1|150|1|1|(Am 16. Dez. 1849)
RB|1|150|1|0|Robert holt schnell mehr Brot und Wein. Und der Franziskaner nimmt unter dreimaliger tiefster Verbeugung vor dem Brot und Wein das Brot und isst es. Schon beim ersten Bissen weiß er sich aus lauter Entzückung über den wunderbarsten Wohlgeschmack gar nicht zu helfen, und es fehlen ihm auch Worte, zu schildern, welchen Eindruck des Brotes enormster Wohlgeschmack auf ihn ausübt. Als er aber darauf den Wein verkostet, da ist es aber völlig aus mit ihm. Man vernimmt von ihm nichts als ein nahe nimmer enden wollendes Ah!
RB|1|150|2|0|Bei dieser Verwunderung fragt ihn der schon gestärktere und beherztere Miklosch: „Nun Bruder, was sagst denn du nun zu dieser deiner früheren höllischen Illusionskost? Mir scheint, dass dir dieser Schwefelpfuhl usw. ganz vortrefflich schmeckt.“
RB|1|150|3|0|Spricht gar freundlich lächelnd der Franziskaner: „Mein lieber Bruder, zum Sein eines jeden Menschen gehören vier Dinge, ohne die kein Mensch gedacht werden kann. Davon kommt zuerst das Erschaffen-werden-in-die-Welt. Darauf kommt die Dummheit, in der sich der Mensch auf der Welt breitmacht. Nummer drei kommt dann des Leibes Tod, der zwar der Seele auf eine oft sehr unhöfliche Weise die schwere Fleischbürde abnimmt, ihr aber dabei die weltliche Dummheit ganz ungeschmälert belässt. Und so geschieht es, dass – Nummer vier: der Mensch in der Geisterwelt zuerst auch dumm sein muss, um weise werden zu können. Und so ging es denn auch mit mir! Ich bin erschaffen worden in die Welt; dort war ich dumm, und nach dem Tod war ich hier wieder dumm. Nun aber hat sich der Herr meiner erbarmt, und so werde ich nun nach und nach etwas weniger dumm.
RB|1|150|4|0|Mein Gott, Du weißt es so gut wie ich, wie dumm unser Glaube bestellt war und wie dumm das Dogma, das ihn uns einbläute! Woher hätten denn wir bei solch einer Lehre die wahre Weisheit schöpfen sollen? Wie das liebe Vieh sind wir erzogen worden und sind in dieser Eigenschaft auch groß gewachsen. Als dann der österreichische Tod über uns gekommen ist, so hat er uns als noch immer unveränderte Ochsen angetroffen und als solche durch die höchst undelikate Abnahme unseres Fleisches uns dann als noch immer die gleichen Ochsen hierher versetzt, in welcher Eigenschaft wir auch bis an unsere künftigen Ewigkeiten verblieben wären, so nicht der übergute, heiligste Herr, Gott und Vater Seine höchsteigenen allmächtigen Hände an uns gelegt hätte. Ihm daher allein alles Lob, allen Preis und Dank! Aber da sieh, der Bruder Robert hat richtig noch einen tüchtigen Becher voll Wein und einen ganzen Laib des köstlichsten Brotes hierher auf den Tisch gebracht!“
RB|1|150|5|0|Spricht der Miklosch: „Das ist wahrlich zu viel des Guten! Trinke und esse, Bruder! Ich habe meinen Mann bereits gestellt und bin nun so gesättigt und gestärkt, dass ich es für ewig, wie es mir nun vorkommt, aushalten könnte.“ – Spricht der Franziskaner: „Mir geht es nun auch so! Aber was etwa der Herr dazu sagen möchte, so wir Ihm dies Brot und diesen Wein zubrächten?“
RB|1|150|6|0|Spricht die Mutter Maria: „Tut es, tut es! Das wird Ihn freuen!“ – Spricht der Franziskaner: „Bruder, so die Allerseligste damit einverstanden ist, da gibt es gar kein weiteres Fragen mehr. Er spricht nun zwar etwas Geheimes mit dem Grafen, aber das macht nichts. Nimm du nur den Wein, und ich werde das Brot nehmen, und so wollen wir Ihn überraschen.“
RB|1|150|7|0|Beide tun nun das und bringen Mir Brot und Wein. Und der Franziskaner sagt in der höchsten Demut: „Herr, Du sagtest dereinst auf Erden: ‚Nun werde Ich von diesem Gewächs nicht eher etwas genießen, als bis Ich es neu genießen werde mit euch in Meinem Reich!‘ – Herr, hier ist nun Dein wahres Reich! O so genieße denn auch zu unserem großen Trost von diesem neuen Gewächs Deines Reiches.“
RB|1|150|8|0|Rede Ich: „Nun, nun, das freut Mich wahrlich ganz und gar sehr, dass ihr euch Meiner erinnert habt und habt als Kinder eurem Vater auch etwas zu essen und zu trinken gebracht. Ich könnte Mir es freilich wohl Selbst nehmen; aber dann hätte es Mir ja bei Weitem nicht so gut geschmeckt, als so es Mir Meine Kindlein zubringen. Und so gebt das Brot und den Wein nur her, und ihr werdet euch sogleich überzeugen, dass Ich im Ernst davon essen und trinken werde.“ Darauf verzehre Ich etwas Brot und Wein und gebe den Rest allen Umstehenden, die alle davon genießen und eine abermalige, noch größere Stärkung in sich wahrnehmen.
RB|1|150|9|0|Der Franziskaner aber sagt dazu, im höchsten Grad entzückt: „Herr, Gott und Vater, so mir's je womöglich selbst ein Engel auf der Erde gesagt hätte, dass es in Deinem Himmelreich so aussehe und zugehe, als wie ich es nun wahrlich überselig mit meinen eigenen Augen sehe und mit meinen Ohren vernehme – so hätte ich ihm nicht geglaubt. Denn wo ist hier dieser von uns Rom-Katholiken geglaubte übermystisch gloriose, göttlich unanschaubar heilige Nimbus? Wo das schrecklich ernste Richtergesicht des Gottessohnes? Wo das des unerbittlichen Vaters!? Alles ist hier so höchst natürlich, die größte Herablassung, die höchste Freundlichkeit von allen Seiten! Und Du, als das allerhöchste Gottwesen, wandelst am allereinfachsten unter allen einher. Und niemand merkt Dir es an, was und wer Du bist. Deine Rede ist die schlichteste von der Welt, und alles an Dir ist Zeuge der größten Prunklosigkeit.
RB|1|150|10|0|Wahrlich, wenn einem die große Majestät dieses Saales, das herrliche durch die großen Fenster hereinfallende Licht und alle die übergut, gesund, frisch und engelsjung aussehenden und herrlichst bekleideten Seligen und Seligsten nicht sagten: ‚Dies ist das wahre Himmelreich, es kann ewig kein wahreres geben, als das, wo der Herr Himmels und der Welten im schlichtesten und prunklosesten Hauskleid unter Seinen Kindern herumwandelt und für sie sorgt, da ist auch der wahrste Himmel im Vollmaß zu Hause!‘ – Ich muss es hier offen gestehen, dass mir hier sogar nach den Worten des Evangeliums anfangs so manches nicht zusammengegangen ist, wie sicher auch mehreren nicht. Denn es wird dort öfters erwähnt, wie der Sohn zur Rechten des allmächtigen Vaters sitzt im ewig unzugänglichen Licht; wieder, wo es heißt: ‚Ich werde kommen in den Wolken der Himmel mit großer Macht, Kraft und Herrlichkeit und richten die Lebendigen und die Toten!‘ – So sah auch ein Stephanus vor seiner Steinigung die Himmel offen und des Menschen Sohn zur Rechten des Vaters! Und wie seltsam mystisch sind die Gesichte des Johannes! Und von allem dem ist hier keine Spur, sondern es ist alles ganz himmelhoch anders. Darum ist es uns gewisserart auch zu vergeben, so wir hier in diesen nun allerwahrsten Himmel eine Zeit lang so hineinschauten wie allenfalls chinesische Ochsen in ein spanisches Dorf.
RB|1|150|11|0|Aber ich sehe es nun auch ein, dass nur ein gerade so gestalteter Himmel jedem Geist die wahrste, freieste und somit auch höchste Seligkeit für ewig bieten kann! Und dafür sei Du, o heiligster und liebevollster Gott und Vater, von mir und uns allen gelobt, geliebt und gepriesen.“
RB|1|150|12|0|Rede Ich: „Nun, nun, Mein lieber Cyprian, es sieht hier alles sehr einfach aus und man entdeckt nirgends ein unnötiges Gepränge; aber darum musst du dennoch nicht dich der vollen Meinung hingeben, als wären mit dem, was du nun siehst, Meine Himmel schon abgeschlossen. O warte nur ein wenig und du wirst des Wunderbaren noch in der größten Hülle und Fülle zu sehen bekommen!
RB|1|150|13|0|Wir werden jetzt sogleich in den großen anstoßenden Saal gehen und von dort ins große Museum dieses Hauses, wo sich dir Dinge vorstellen werden, vor denen du sicher niedersinken wirst, aber da darfst du dennoch nicht denken, dass es damit mit Meinen Himmeln schon eine bestimmte Grenzmarke hat; sondern da musst du dir's so denken: Das ist alles erst des Voranfanges erster Voranfang!
RB|1|150|14|0|Aber alles dessen ungeachtet werde Ich dennoch bleiben wie Ich nun bin! Und wenn du alle Dinge verändert und ins Endloseste veredelt und verherrlicht erschauen wirst, da werde Ich aber dennoch stets und ewig unverändert inmitten Meiner Werke erscheinen, obschon deren Größe und Tiefe keine Ewigkeit je ermessen wird. Jetzt aber machen wir uns nur auf und begeben uns in den anstoßenden großen Saal!“
RB|1|150|15|0|All die mehreren tausend Gäste gehen nun voraus. Denen folgen die Urväter und die Apostel. Vor uns geht die Maria mit dem Joseph und dem Apostel Johannes. Und Mir zunächst gehen der Graf, der Franziskaner, der Miklosch, der General, dann der Thomas und der Dismas. Und hinter uns geht der Robert mit seiner Helena, der Messenhauser, der Dr. Becher, Jellinek, Bruno, Bardo, Niklas und die vierundzwanzig Tänzerinnen, die dem Robert all die Geschirre und Gefäße nachtragen.
RB|1|150|16|0|Als wir so geordnet in den großen Saal gelangen, in dem sich die mehreren Tausende von Gästen geradeso ausnehmen, als so kaum einige dreißig Menschen sich im selben befänden, da sinkt der Franziskaner fast nieder vor Verwunderung und spricht:
RB|1|150|17|0|O Herr, das ist zu viel auf einmal für einen schwachen Geist! Aber diese Größe, diese Höhe, diese Pracht! Wahrlich, Herr, das wird doch kein Voranfang des Voranfanges sein!? Sondern das ist schon der gesamte Himmel mit allen Ärmeln, wie man so zu sagen pflegt!? Der Plafond ist bloß nur gleich der ganze komplette gestirnte Himmel selbst mit den herrlichsten Sterngruppen, und die Wände sind gleich wie Wolken im Morgenrot strahlend! Und die wundersamst verschlungenen Galerien gleichen den hohen Bergzinnen, die zuerst im Morgengold prangen! O herrlich, herrlich! Das ist zu viel, zu viel, viel zu viel auf einmal für einen schwachen Geist! O Herr, wie groß bist Du!“
RB|2|151|1|1|Alles Bisherige war nur ein Voranfang zur Einführung in den wahren Himmel. Eintritt in das Museum. Eine Art Seelenfriedhof. Mysteriöse Inschriften.
RB|2|151|1|1|(Am 19. Dez. 1849)
RB|2|151|1|0|Rede Ich: „Ja, du Mein liebster Freund, wenn du schon das für einen vollkommenen Himmel ansiehst, was im Grunde noch so ganz eigentlich kein Himmel ist, sondern nur eine etwas bessere Geisterwelt, in der der eigentliche Himmel erst anfängt, in den Geist des Menschen einzufließen, auf dass er aus demselben heraus erst neu gestaltet wird – was wirst du denn erst dann sagen, so du in den wirklichen Himmel aus dir selbst heraus eingehen wirst?
RB|2|151|2|0|Ich sage dir für ganz bestimmt, dass dies alles nur ein Voranfang des Voranfanges zum Eingang ins wahre Himmelreich ist. Schau, diese Urväter, Propheten, Apostel und die Mutter Maria mit dem Joseph könntest du ja gar nicht ansehen und behalten das Leben, so sie sich dir zeigten in ihrer eigentlichen Himmelsgestalt. Aber mache dir deshalb nur nichts daraus, denn deshalb bin Ich Selbst da, um euch alle nach und nach in den wahren Himmel einzuführen. Und Ich meine, dass Ich den besten Weg wohl am besten kennen werde.“
RB|2|151|3|0|Spricht der Franziskaner: „Ja, Herr, dann ist der Robert Blum ja doch auch noch lange nicht in dem eigentlichen Himmel?“ – Rede Ich: „Ja freilich noch nicht! Dies Haus ist zwar schon seinem Herzen entsprossen und ist, insoweit wir es jetzt kennen und sehen, schon so ziemlich vollendet. Aber da gibt es noch zahllose Fächer und Gemächer, die dem Robert noch ebenso unbekannt sind, als wie dir. Aber mit der Weile und rechten Geduld wird euch noch alles bekannt werden.
RB|2|151|4|0|Nun aber begeben wir uns durch die uns gegenüberstehende große Pforte in das Museum. Alldort werden euch allen die Augen ein wenig weiter aufgetan werden.“
RB|2|151|5|0|Spricht der Franziskaner: „Herr, was werden wir in dem Museum denn doch wohl alles zu sehen bekommen?“ – Rede Ich: „Wirst es bald ersehen! Siehe, ein Teil unserer Gäste ist schon darinnen, und du hörst doch deren unbegrenztes Erstaunen. Und wir werden sogleich uns auch darinnen befinden. Siehe nur genau durch die Pforte, die hoch und breit genug ist, und du wirst so manches zu erschauen anfangen. Sage Mir aber, was du allenfalls schon erschaust!“
RB|2|151|6|0|Der Franziskaner sieht hier sehr emsig von Ferne noch durch die große Pforte und sagt nach einer Weile: „Herr, das ist ganz verzweifelt sonderbar! Ich kann schauen, wie ich nur immer will, und erschaue nichts, als einen nach meinem Dafürhalten nahe endlosen Friedhof mit einer Unzahl von Grabmälern. Wahrlich, ein sehr sonderbares Museum das! Und je näher wir der Pforte kommen, desto klarer stellt sich ein unendlicher Friedhof meinen Blicken dar. Ich sehe nun auch schon eine Menge unserer vorangeeilten Gesellschaftsglieder sich um die Denkmäler, die über den Gräbern aufgerichtet sind, herumtummeln. Aber von irgendeinem freudigen Erstaunen vernehmen meine Ohren nichts, wohl aber hie und da Ausrufe wie von großem Entsetzen. – Herr, in diesem Museum werden wir sicherlich ganz verzweifelt wenig Amüsantes finden.“
RB|2|151|7|0|Rede Ich: „Oh, sei du dessen unbesorgt! Ich sage es dir: Da wirst du unaussprechlich viel und wunderbar Amüsantes finden. Und nun schaue recht genau, da wir soeben durch die große Pforte in dies Museum eintreten, und sage Mir abermals, was du nun siehst!“
RB|2|151|8|0|Spricht der Franziskaner: „Herr, was ich früher gesehen habe, das sehe ich nun auch wieder. Nur klarer und ausgeprägter tritt nun alles vor meine Augen. Aber wo sich unsere Gäste schon überall herumtummeln, das ist ja der Welt ungleich. Und nur, wie geschäftig sie sind! Mir kommen sie gerade so vor, als wie eine große Lämmerherde, die im Frühjahr zum ersten Mal auf die frische Weide hinausgetrieben wird. Da gibt's des Springens und Blökens auch kein Ende. Muss denn doch einmal so ein recht prachtvolles Grabdenkmal auch so recht fest in den Augenschein nehmen.“
RB|2|151|9|0|Der Franziskaner tritt einem solchen Grabmal näher und bemerkt sobald eine erhabene Schrift auf einer schwarzen ovalen großen Platte. Er bemüht sich, diese Schrift zu lesen, bringt aber dennoch keinen Sinn heraus, weil da einige ihm ganz unbekannte Buchstaben vorkommen. Ganz demutsvoll wendet er sich dabei an Mich und bittet Mich, dass Ich ihm dieses Grabmals Schrift lesen und erläutern möchte.
RB|2|151|10|0|Ich aber sage zu ihm: „Mein Freund, so wir in diesem Museum eines jeden Grabmals Denkschrift lesen und sie aus dem Gelesenen entziffern wollten, da hätten wir die ganze Ewigkeit vollauf bloß allein damit zu tun. Und es wäre dies gerade solch eine Arbeit, als so du berechnen wolltest, wie viele Samenkörner für eine künftige Fortpflanzung, die ins vollkommen Unendliche geht, schon in einem Samenkorn sich befinden. Siehe, um solche unendlichen Dinge zu begreifen, muss man nie beim Einzelnen anfangen, auch nicht bei dem Gegenstand, den man ergründen möchte, sondern allemal ganz einfach bei sich selbst. Verstehst du dein eigen Wesen, so wirst du auch alles andere verstehen und ergründen können. Aber solange du dir selbst nicht zur vollsten Klarheit geworden bist, da kann auch alles andere in dir zu keiner Klarheit werden. Wenn das Auge blind ist, woher soll der Mensch dann ein Licht bekommen und wissen, worauf er steht und was ihn umgibt? Ist aber das Auge hell, dann ist auch alles hell im Menschen und um den Menschen herum. Und geradeso ist es auch hier mit dem Geistmenschen.
RB|2|151|11|0|Die Seele, als die eigentliche äußere substanzielle Form des Menschen, hat in sich eigentlich gar kein Licht, außer das von außen in sie hineindringt von anderen Wesen, die schon lange ein eigenes inneres Licht haben, und ihr Erkennen ist darum auch nur ein stückweises; denn welche Teile in ihr gerade unter den Brennpunkt eines Strahles von außen her zu stehen kommen, die werden dann von der Seele auch in ihrer Einzelheit also erkannt und beurteilt, als wie sie sich der Seele als erleuchtet vorstellen. Fällt das Licht aber von irgendeinem Teil auf einen anderen Teil, so tritt dadurch eine volle Vergessenheit über das früher Gesehene ein und etwas ganz anderes taucht dann wie ein Meteor in der Seele auf und wird von ihr so lange erkannt und beurteilt, als wie lange es sich im Licht befindet. Weicht durch eine Wendung das Licht von außen her auch wieder vom zweiten erleuchtet gewesenen Teil, dann ist es auch mit dem Verständnis der Seele über einen zweiten erleuchteten Teil in ihr gar. Und so könnte die Seele eine Ewigkeit um die andere sich von außen her in einem fort erleuchten lassen und würde nach einer Ewigkeit noch immer auf demselben Erkenntnispunkt stehen, als auf welchem sie vor einer Ewigkeit gestanden ist. (2. Tim. 3,7)
RB|2|151|12|0|Aber etwas für dich bisher noch ganz unbegreiflich anderes ist es, so in der Seele der eigentliche lebendigste Geist vollkommen auftaucht und die ganze Seele von innen heraus auf das Hellste erleuchtet. Das ist dann ein ewiges hellstes Licht, das da nimmer erlischt und alle endlosen Teile in der Seele durch und durch erleuchtet, ernährt und wachsen und vollkommen sich entfalten macht. So also das in der Seele bewerkstelligt wird, dann braucht die Seele nicht mehr einzelne Teile zu lernen, sondern da ist dann alles auf einmal in der Seele zur vollen Klarheit gediehen. Und der also vollends wiedergeborene Geistmensch braucht dann nicht mehr zu fragen und zu sagen: ‚Herr, was ist dies und was ist jenes?‘ Denn der also wiedergeborene Geistmensch dringt dann selbst in alle Tiefen Meiner göttlichen Weisheit.
RB|2|151|13|0|Damit du aber die Wahrheit des dir nun Gesagten desto gründlicher einsehen magst, so will Ich dir nun auch diese Schrift lesen. Und du wirst dadurch sogleich tausend Fragen in dir entstehen sehen. Und so habe denn Acht! Denn so lautet das hier Geschriebene:
RB|2|151|14|0|‚Die Ruhe ruht gleich dem Tod tatlos. Aber dies Ruhen ist dennoch kein Ruhen, sondern eine Hemmung der Bewegung. Räumt hinweg die Hemmpunkte, und die Ruhe wird zur Bewegung wieder. Die Bewegung selbst aber ist dennoch keine Bewegung, sondern ein Suchen eines Ruhepunktes. Und ist der Ruhepunkt gefunden und die Bewegung zur Ruhe geworden, dann ist die Ruhe wieder keine Ruhe, sondern ein fortwährendes Streben nach der Bewegung, die auch sobald wieder erfolgt, als wie bald die Hemmpunkte hinweggeschafft werden, durch die aus der Bewegung eine Ruhe ward. Und so gibt es eine Ruhe ohne Ruhe und eine Bewegung ohne Bewegung. Die Ruhe ist eine Bewegung, und die Bewegung ist eine Ruhe. Ja, es gibt im Grunde weder eine Ruhe noch eine Bewegung. Denn beide heben sich fortwährend auf, so wie eine gleich bejahende und eine gleich verneinende Größe. O Welt, die du unter diesem Stein ruhst, du ruhst nicht, sondern bewegst dich in deinem Bestreben, das da ist deine sündige Schwere. Jetzt reifst du dem Leben entgegen. Deine Hemmbande suchst du unablässig zu zerreißen. Und so sie zerrissen sein werden, dann wirst du stürzen hinaus ins Unendliche, und wirst im Unendlichen wieder suchen, was du nun hast. Ein Leben weilt, ein Leben flieht; aber das weilende will fliehen, und das fliehende sucht die Weile. Gott, Du Urquell des wahren Lebens, gib der Ruhe die wahre Ruhe und der Bewegung die wahre Bewegung!‘
RB|2|151|15|0|Sage Mir nun, hast du diese Inschrift nun verstanden?“ – Spricht der Franziskaner: „Herr, das war für mich rein japanisch! Mehr kann ich Dir darüber nicht sagen. Aber erläutere uns das doch ein wenig mehr!“
RB|2|152|1|1|Auflösung des Rätsels. Gefangene der Materie. Wie sollen sie erlöst werden? Vorschlag des Franziskaners.
RB|2|152|1|1|(Am 23. Dez. 1849)
RB|2|152|1|0|Rede Ich: „Siehe, das erläutert dir das Gefühl deines eigenen Lebens, dem Ruhe und Bewegung zu gleichen Teilen beigegeben ist! Du kannst natürlich gehen und stehen, sitzen oder gar liegen. So du lange irgend herumgegangen und dadurch etwas müde geworden bist, was für ein Bedürfnis empfindet dann dein Leben?“ – (Antwort: „Nach Ruhe!“) – „Gut, sage Ich dir, und du suchst dann auch Ruhe und nimmst dir dieselbe. So du aber vollends wieder ausgeruht hast und siehst muntere Bewegung um dich herum, als – eine Herde muntere Lämmer, ihre lebensfrohen Hirten, die Vöglein von Ast zu Ast durch die bewegte reine Luft schlüpfen, einen Bach ganz rasch durch die Flure dahinrauschen und dergleichen mehreres – sage Mir, welch ein Bedürfnis fängt dann dein durch die Ruhe neu gestärktes Leben wieder zu empfinden an?“ – (Antwort: „Oh, nach Bewegung, nach viel Bewegung!“)
RB|2|152|2|0|„Wieder gut! Da du nun dieses fasst, so wird es dir ja doch auch andererseits aus dieser Inschrift klar sein müssen, dass sowohl die Ruhe wie die Bewegung an und für sich nichts sind, als bloß nur abwechselnde Bedürfnisse jedes Seins und Lebens. Dinge, die notwendig gerichtet sind, müssen freilich sich entweder in einer ununterbrochenen Ruhe oder in einer unausgesetzten Bewegung befinden. Aber Wesen, die ein freies Leben in sich bergen, haben Ruhe und Bewegung unter einem Dach zum freien Gebrauch anheimgestellt. Daher die Bitte: ‚Herr, gib der Ruhe eine wahre Ruhe und der Bewegung eine wahre Bewegung‘ nichts anderes besagt als: ‚Herr, gib uns die Ruhe und die Bewegung frei und halte uns nicht mehr im Gericht!‘ Oder noch deutlicher gesagt: ‚Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Übel des Gerichtes!‘ – Sage Mir, hast du das nun wohl doch verstanden? Oder ist dir etwa auch da noch kein Licht aufgegangen?“
RB|2|152|3|0|Spricht der Franziskaner: „Ja, Herr und Vater, das ist mir nun ganz klar! Aber wer sind denn die, welche da unten ruhen und aus deren lang gefühltem Bedürfnis solch eine Inschrift sich hier beschaulich vor unsere Augen stellt? Wer sind sie, die hier nach Erlösung dürsten?“
RB|2|152|4|0|Rede Ich: „Höre! Alle, die von der Materie gefangen sind, ruhen unter diesen Denkmälern, die ihnen das notwendige Gericht über alle Materie gesetzt hat, zum ewigen Gedächtnis Meiner urgöttlichen Weisheit, Macht und Stärke.
RB|2|152|5|0|Deine Seele ging ebenfalls aus einem solchen Grab hervor und wurde gelegt in ein anderes Grab, bereitet aus Blut und Fleisch. In diesem Grab spann sie sich wie eine Seidenraupe wieder in eine leichtere und eines sich fortentwickelnden Naturlebens fähige Materie, die sie nach ihrer eigenen Form modulierte und ausbildete. So ihr die Form gelang, da hatte sie dann eine größere Freude an der Form, denn an sich selbst, und hing sich ganz an die tote Form des Fleisches.
RB|2|152|6|0|Das Fleisch aber ist wie alle Materie tot in sich selbst. So denn die Seele mit der Materie eins wird, wie soll sie dann ungerichtet bleiben, so ihre materielle Form wie alle Materie in ihr selbst notwendig dem unvermeidlichen Gericht anheimfallen muss!? In die Seele ist zwar wohl ein neuer Geist gelegt, mit dem die eigentliche Seele alles aufbieten soll, mit ihm eins zu werden. Aber so die Seele nur alles aufbietet, mit ihrer Materie eins zu werden – wie soll dann der Geist in der Seele ein Herr seines Hauses werden?
RB|2|152|7|0|Ich sage es dir: Da wird der Geist selbst in die Materie begraben! Und hier siehst du solche begrabenen Geister in einer Unzahl! Jedes Grab birgt seinen eigenen. Und dessen Worte sind es, die du hier gelesen hast auf der schwarzen ovalen Tafel und sie ferner noch lesen kannst auf zahllosen anderen Tafeln. Aber der noch lebendige Geist ächzt und seufzt aus seinem harten Grab um Erlösung. Und da sage du Mir und bezeuge es, was wir hier machen sollen!“
RB|2|152|8|0|Spricht der Franziskaner: „Herr, wenn so – da wird niemand, der nur einen Funken Liebe in seinem Herzen trägt, um eine rechte Antwort auch nur eine Sekunde verlegen sein können. Man helfe ihnen, so man helfen kann, will und mag! Und man helfe ihnen bald, so es möglich, denn eine Hilfe nach einem Verlauf von einer Ewigkeit dürfte wohl kaum eine Hilfe genannt werden können. Sie sollen hervorgehen aus ihren Gräbern, samt der Materie. Die Materie lassen wir wie durch einen chemischen Dampfapparat sich verflüchtigen, und das rein Geistige soll dann frei werden.
RB|2|152|9|0|Dass die Menschen nun auf der Welt zumeist schlecht und somit gröbst materiell werden, kann ihnen mein Herz durchaus zu keiner besonderen Sünde rechnen. Denn man betrachte nur ihre physische Stellung, ihre unverschuldete Armut, dann in der moralischen Beziehung ihre totale Erziehungslosigkeit, die meist Folge der zu großen allgemeinen physischen Verarmung ist, die wieder rein aus den ehernen Herzen der reichen Geizhälse folgt – und man richte dann einen armen, aller Not und Verzweiflung preisgegebenen Dieb, eine Hure, die monatelang Dienst suchte und keinen fand; und fand sie schon einen, so war er sicher schlechter als die Hölle selbst. Bei vielen Dienstgebern werden arme Dienstmädchen zufolge eines zu schlechten Lohnes zu Huren, damit sie sich durch solche Nebenverdienste ihre physische Lage doch ein wenig verbessern. Denn von einer Moral und höheren geistigen Bildung kann da keine Rede sein, wo der bei Weitem größere Teil der Menschen mit dem besten Gewissen von der Welt sagen kann: ‚Es gibt des Sandes viel an den Ufern des Meeres; aber von uns kann niemand rechtlichermaßen sagen: Siehe, diese Handvoll ist mein, denn so ich ihn mir eigenmächtig nehme, da bin ich ein Sanddieb.‘ Die Erde gehört noch immer à la adamisch und evaisch nur Einzelnen; alle anderen Millionen aber sind hart gehaltene Knechte, Sklaven, Lasttiere und dergleichen Elendes mehr, was man nur haben will, und sind somit auch notgedrungen auf der Welt schon sozusagen rein des Teufels. Es gibt wohl hie und da noch Staaten auf der Welt, wo man zur Hintanhaltung zu großer Not wenigstens für den physischen Bedarf der armen Menschheit etwas tut. Aber für die Bildung des Geistes, Herr, da geschieht für die Armen nichts, außer dass sie genötigt werden, in eine sogenannte Kirche an Sonn- und Feiertagen in den lateinischen oder chinesischen Gottesdienst zu gehen und sich im Winter nicht selten Füße und Hände zu erfrieren und noch andere Krankheiten abzuholen!
RB|2|152|10|0|Wenn nun die meisten Menschen auf diese Art, wie sie auf der Erde nun allgemein ist (denn eine Schwalbe hie und da macht noch keinen Sommer), schlecht werden in jeder Hinsicht, wenn sie zu morden, rauben und plündern anfangen, wenn sie sich gegen alles Gesetz empören, ja sogar zu scheußlichen Gottesverächtern oder Gottesleugnern werden – wer kann es ihnen im Ernst verargen, so er diese und noch viele andere, die Menschheit von Gott ablenkenden und sich stets schlechter und schlechter machenden Umstände genau erwägt! Ich nicht, wahrlich, bei Deinem heiligsten Namen nicht! Darum helfen, aber wahrhaft helfen, zuerst physisch und dann erst moralisch – dann wird es mit der Erde bald besser aussehen, als es nun aussieht.
RB|2|152|11|0|Die Erde ist nun eine barste Hölle für die Menschheit. Man mache sie wenigstens zu einem Viertel-Paradies, und die Menschen werden Gott wieder anerkennen. Denn in der Hölle tut sich's mit dem Studium der Theosophie und höheren Moral auf keinen Fall mehr; dessen bin ich vollkommen überzeugt. Also helfen, wo zu helfen ist, aber ganz helfen! Und dann heraus mit allen, die in den Gräbern schmachten! Das ist und bleibe für ewig mein lebendigster Wahlspruch!“
RB|2|153|1|1|Wichtige Lebenswinke. Gleichnis von der Metall- und Glasgewinnung. Satan als Stammvater der Materie und aller Menschenseelen. Gottes Erlösungsplan.
RB|2|153|1|1|(Am 26. Dez. 1849)
RB|2|153|1|0|(Der Herr): „Mein lieber Freund! Dein Herz in sich selbst ist gut, weil du ein gebührendes Mitleid mit deinen Brüdern hast – eine Eigenschaft, die gar vielen deiner irdischen Ordens- und Glaubensgenossen mangelt. Aber deine Erkenntnis ist noch sozusagen unter dem Hund.
RB|2|153|2|0|Meinst denn du, Ich kümmere Mich etwa um die Menschheit auf der Erde nicht mehr? Oder glaubst du, dass dein Herz zum Besten der Menschheit mehr Liebe hat, denn das Meinige? Oder bin Ich etwa gar dumm und blöde geworden, dass Ich deshalb nicht mehr einsehen könne, was der jeweilig auf der Erde lebenden Menschheit frommen möchte? Siehe, siehe, dein Herz, ja das ist gut. Aber gut wie ein Blinder, der einen Geier kost in der Meinung, es sei eine sanfte Taube, und eine Natter für einen guten Aalfisch in seine Tasche schiebt. Weißt du wohl schon, woher der Erde meiste Menschen ursprünglich stammen und wie sie jeweils gehalten und geführt werden müssen, um durch allerlei Erlösungsmittel zu wahren freien Menschengeistern herangebildet zu werden? Siehe, das weißt du nicht und hast es auch noch nie gewusst und eingesehen und dennoch willst du Mich so ganz leise beschuldigen, als hätte Ich die Schuld, dass es nun auf der Erde mit der Menschheit so schlecht und elend stünde. Aber siehe, das ist sehr eitel von deines Herzens Weisheit.
RB|2|153|3|0|Hast du denn auf der Erde nie gesehen, wie die Metalle aller Art und wie das Glas bereitet wird? So du je in einen Schmelzofen geschaut hast, und hast da gesehen das Erz erglühen und dann brausend, zischend und tobend in ein Becken sich ergießen, was musste dein Gefühl dabei denken, so es nur an die Möglichkeit dachte, dass solche Materie denn doch etwa irgendeine stumm-intelligente Empfindung haben könnte? Welch ein Schmerz muss ihr innewohnen, so durch des Feuers Allgewalt sie in ihrer ersten Form gänzlich zerstört, in eine neue überzugehen genötigt wird? Aber so du dann das abgekühlte, feste, blanke und nützliche Metall ansiehst, wird es dir dabei auch so wehmütig zumute? Siehe, dann hast du eine Freude und lobst den Verstand der Menschen, die durch die Kraft des Feuers so nützliche Metalle und so herrlich schimmerndes Glasgeschirr zuwege bringen.
RB|2|153|4|0|Siehe, so ist es auch mit der Bildung des Menschen. So er krank ist hie oder da, lahm an den Füßen, kontrakt [verkümmert, gelähmt] an den Händen, blind, taub, stumm und manchmal voll Unflat und Aussatz – da wird ein weiser Arzt alles aufbieten, um den Kranken wieder gesund zu machen. Aber so die Krankheit starke und schmerzliche Heilmittel fordert, ohne die dem Kranken in keinem Fall zu helfen ist – sage oder urteile, ob es vom Arzt wohl weise und liebevoll wäre, aus einem unzeitigen Mitleidsgefühl jene Mittel dem Heilsbedürftigen vorzuenthalten, durch die dem Kranken einzig und allein zu helfen ist?
RB|2|153|5|0|So du ein Paar Ohren zu hören hast, so höre! Der Satan ist als ein ursprünglicher Geistmensch geschaffen worden. Als er aber durch ein Gesetz seine volle Freiheit erkennen und annehmen hätte sollen, da ward er unwillig und fiel durch die Verachtung des Gesetzes und somit auch durch die Verachtung Gottes. Da er aber gleich dem Adam ein Urvater der ferneren Menschen für die Ewigkeit hätte werden sollen, so trug er auch gleich einem Samenkorn zahllose Äonen von künftigen Menschen in sich und riss sich sogestaltet von Mir, seinem Schöpfer, los. Und die Folge davon war die materielle Schöpfung aller Welten, welche da ist ein notwendiges Gericht. Er ganz allein für sich kann wohl noch lange bleiben, was er ist; aber die zahllosen Keime der Menschen werden ihm genommen auf dem freilich harten Weg durch die Materie. Diese Keime aber gehen aus seinem gesamten Wesen hervor, bald aus seinen Haaren, bald aus seinem Haupt, bald aus seinem Hals, seiner Zunge, seinen Zähnen, seiner Brust, aus seinen Eingeweiden, aus seiner Haut, seinen Händen und Füßen. Und siehe, je nachdem die jeweilige Menschheit aus des gefallenen Satans einem oder dem anderen Teil hervorgeht, also muss sie auch entsprechend behandelt und geführt werden, um die Stufe der wahren Vollendung zu erreichen.
RB|2|153|6|0|Wenn man das weiß, dann erst kann man mit Grund gegen Mich auftreten und fragen: ‚Herr, warum hilfst Du den Elenden nicht und lässt sie verschmachten und zugrunde gehen?‘ – Siehe, Ich lasse niemanden verschmachten und zugrunde gehen, selbst den Satan und die barsten Teufel nicht. Aber so lassen kann Ich sie nicht, als wie sie – wider alle Meine Ordnung, von der die Erhaltung aller Dinge abhängt – es in ihrer eigensüchtigsten Blindheit wollen; sondern Ich allein muss auf jede mögliche ordnungsmäßige Weise sorgen, dass sie alle am Ende doch jenes Ziel erreichen müssen, das ihnen von Meiner Ordnung von Ewigkeit her gestellt ist.
RB|2|153|7|0|Meinst du aber etwa, dass da in diesen Gräbern lauter armes Proletariat, das gewisserart wegen seiner Armut zu sündigen genötigt ist, im Gericht gefangen rastet? Oh, wenn du so was meinst, da bist du in großer Irre! Siehe, die da unten sind lauter Großstämmler, lauter Wesen, die in den verschiedensten Dingen wohl unterrichtet waren. Aber da sie alles, was sie kannten und hatten, nur zum Vorteil ihres Hochmutes, ihrer harten Unversöhnlichkeit, ihrer fleischlichen Wollust, ihres Neides und Geizes verwendet haben, und somit ihre Seele zu sehr vermateriesiert, so stecken sie nun auch in denselben Gräbern des Gerichtes, das sie sich selbst bereitet haben.
RB|2|153|8|0|Dort hinter dem Grabmal wirst du eine Öffnung entdecken. Gehe hin und sehe hinein und sage Mir, was du siehst. Dann erst wollen wir weiter diese Sache miteinander erörtern!“
RB|2|154|1|1|Grabesgeheimnisse und jenseitige Kuren. Der große Sammelplatz göttlicher Gnade.
RB|2|154|1|0|Der Franziskaner geht darauf sogleich, die besagte Öffnung aufzusuchen, und als er sie findet, schaut er sehr aufmerksam in sie hinein. Anfangs ist alles stockfinster. Aber nach einer kleinen Weile wird es dennoch insoweit heller, dass er mit genauer Not etwas ausnehmen kann, was alles sich in der innern Höhlung vorfindet und welche Agitationen [Handlungen] an dem Vorgefundenen bemerkbar sind.
RB|2|154|2|0|Nach einer Weile seines sehr aufmerksamen Betrachtens fängt er an zu reden und spricht: „O Herr, um Deines heiligsten Namens willen, da gibt es aber Geschichten! Ich entdecke das Zimmer eines Gelehrten; in einer Ecke einen ganz wahnsinnig großen Bücherschrank voll mit allerlei sehr bestaubten Scharteken [alte wertlose Bücher] und in der anderen Ecke einen Schreib- und Studiertisch mit einer Menge übereinandergelegter Schriften. An der hinteren Wand aber befindet sich ein großes Lotterbett, auf dem ein ganz nacktes, fettes, aber sonst sehr unästhetisch aussehendes Weibsbild liegt, und zwar in keiner moralisch zu nennenden Situation. Und nun kommt soeben auch der Gelehrte sehr hässlichen Aussehens an das Lotterbett und sagt: ‚Choiba, lass uns des Lebens höchste Wonne genießen! Denn das Leben ist nur dann Leben, so es im Wonnegenuss schwelgt!‘ – O du verzweifelter Kerl von einem Gelehrten! Nun entkleidet er sich auch und – o du Haupt-Vieh! Nein, das ist zu arg! Herr, ist denn kein Wasser irgendwo bei der Hand, dass ich damit dem grauslichen Schweinekerl seine wahre Eselsbrunst ein wenig abkühlen könnte! Ich glaubte hier unten etwa einen toten Leichnam zu entdecken. Nein, das wäre mir ein sauberer Leichnam! Herr, ist dieses Museum durchaus so bestellt? Das ist wahrlich ein sonderbares Schweine-Museum das! Ich bitte Dich, Herr, verschaffe mir doch so ein gutes Schaff voll Wasser, ich muss den grauslichen Schweinkerl angießen!“
RB|2|154|3|0|Rede Ich: „Lasse du das nur gut sein! Denn dadurch würdest du ihn zum Zorn reizen und an ihm mehr verderben als gut machen! Denn solch geile Menschtiere sind sehr zornsüchtig, und es ist nicht gut, sie in ihrer Brunst zu stören. So er aber mit seinem Akt fertig sein wird, dann wird ihm seine Natur schon von selbst zeigen, welch sehr schmerzliche Verdienste er sich dadurch gesammelt hat. Warte nur noch ein wenig, er wird mit diesem seinem Wonneakt bald zu Ende sein, und dann wirst du sogleich einen anderen Akt zu sehen bekommen. Gebe nun nur Obacht!“ – Der Franziskaner gibt nun weiter sehr aufmerksam Obacht und sagt bald darauf: „Oh, oh, oh, ohhh! O du verzweifelte Mette! Des Gelehrten wie seiner fetten Choiba wollüstiges Wonnegefühl hat einen ganz verzweifelten Ausgang genommen. Schmerz über Schmerz; furchtbares Weheklagen, fürchterliche Verwünschungen dieses Aktes werden nun ganz deutlich vernehmbar, und beide krümmen sich wie getretene Würmer, vor Schmerz am Boden herumkriechend. Ah, das ist ein äußerst widerwärtiger Anblick! Wahrlich, so beide nicht gar so schändliche Schweinepelze wären, ich würde Dich, o Herr, für sie um Erbarmen anflehen. Aber da tue ich's gerade nicht! Dies Lumpenpack soll es recht ex fundamento [von Grund aus] empfinden, was die Unzucht für ein höllisches Labsal ist.“
RB|2|154|4|0|Spricht der Miklosch: „Freund, lasse mir's auch zu, dass ich da ein wenig hineingucke.“ – Spricht der Franziskaner: „Komm nur her und schaue!“ – Der Miklosch kommt und sieht durch die Öffnung hinein und spricht: „Ah, Tausend! Das ist wahrlich sehr arg! O Herr, o Herr, die beiden müssen einen ungeheuren Schmerz empfinden! Vielleicht wäre denn doch eine Linderung nicht am unrechten Platz?“
RB|2|154|5|0|Sage Ich: „Lasst das nur gut sein! Wenn solche verknöcherte Buhler sollen gebessert werden, da müssen sie zu Zeiten ganz absonderlich ernst angepackt werden. Denn geringe Rupfer sind für solche materielle Seelen von gar keiner Wirkung. Ich sehe dieser Art Menschenwesen ohnehin lange durch die Finger; aber so alle sanfteren Mahnungen und Rupfer nichts nützen, dann werden sie aber auch mit all Meinem Vollernst angegriffen. Und nur durch die Fülle des Schmerzes fangen sie dann ein wenig an, in sich zu gehen, und werden dann für etwas Höheres aufnahmefähig. Daher lassen wir sie nur ganz ruhig genießen die glühschmerzliche Frucht ihrer lustigen Tätigkeit.“
RB|2|154|6|0|Spricht der Miklosch: „Aber Herr, es ist Dir wahrlich nimmer zuzusehen! Sie schreien fürchterlich und fangen vor Verzweiflung förmlich sich zu zerfleischen an! Welch schaudererregende Verwünschungen sie über den begangenen Akt ausstoßen! Ah, das ist wahrlich entsetzlich! Bruder Cyprian, schaue nun nur wieder du diese Geschichte an, denn ich habe mich schon für ewig daran satt gesehen! Herr, geht es denn unter allen diesen zahllosen Denkmälern und Leichensteinen also zu?“
RB|2|154|7|0|Rede Ich: „Hie und da noch viel schlechter, aber hie und da auch etwas besser. Denn alle diese haben auf der Erde nicht zu klagen gehabt, als hätten sie kein Licht über das geistige Leben erhalten. Aber da sie das Licht nicht in ihr Herz, sondern nur in ihr loses Gehirn aufnahmen und dabei die alten Böcke im Herzen geblieben sind voll geilen Sinnes und danebst auch voll Hochmut, Misstrauen und auch voll geheimen Zornes, so müssen sie in diesem Museum erst wieder ganz neu umgestaltet werden. Nützen alle sanften Operationen nicht, so muss dann leider zu den schärferen vorgegangen werden, ansonst sie nimmer zu retten wären. Lassen wir aber nun diese und gehen zu einem anderen Grab über!
RB|2|154|8|1|(Am 30. Dez. 1849)
RB|2|154|8|0|Spricht einmal der Graf: „Herr, Du bester Vater, da gleich daneben steht ein ganz vergoldetes Grabmal, und zwar, so ich recht lese, mit der sehr mystischen Inschrift:
RB|2|154|9|0|‚Gott, Freiheit, Glückseligkeit! Mensch, Kettenhund, Elend, Tod! Der Mensch, ein Schmarotzertier auf dem weiten Gewand der göttlichen Heiligkeit, möchte Gott lieben wie eine Laus den Leib eines Menschen. Aber das ist der Gottheit lästig, daher tötet Sie in einem fort das menschliche Ungeziefer. Welcher Mensch weiß es denn, welche Liebe die Läuse zu ihm haben? Je mehr Läuse der Mensch über seine Haut bekommt, von desto mehr Lausliebe wird er umfangen sein. Aber an solch einer lausigen Liebe hat der große weiße [weise] Mensch kein Wohlgefallen; daher wendet er alles an, um sich dieser lausigen Liebschaften zu entledigen. Und so tut es die große Gottheit! Sie ist stets bemüht, sich der lausigsten Menschenliebe zu entledigen. Aber die Gottheit soll keine Läuse erschaffen und ihnen kein Bewusstsein geben, so Ihr die Lausliebe ein Gräuel ist. Denn ist die Laus auch endlos klein gegen die endlos große Gottheit, so hat sie aber doch ein sehr zartes Gefühl und empfindet den göttlichen Abscheu-Druck um ebenso viel schmerzlicher, als das schreckliche Übergewicht der göttlichen Machtschwere größer ist denn das elendeste Sein einer Laus (vulgo [gemeinhin genannt] Mensch). Daher sei gnädig, Du große Gottheit, Deinen Läusen, und vernichte sie für ewig ganz und gar.‘“
RB|2|154|10|0|Wahrlich eine sehr sonderbar schmutzig merkwürdige Inschrift! Da möchte ich denn selbst eine Einsicht nehmen, von welchem Genus [Art] etwa doch der Einwohner dieses Grabes ist.“
RB|2|154|11|0|Sage Ich: „Mein lieber Ludwig, dieses Vergnügen kann Ich dir sehr leicht gewähren! Gehe hin an die Rückseite dieses Grabmals, allwo du sogleich eine schlecht runde Öffnung finden wirst, dort sehe hinein, und du wirst sogleich im Klaren sein!“ – Der Bathianyi Ludwig tritt sogleich hinter das Grabmal und entdeckt auch sogleich die vorbesagte Öffnung. Bei dieser Öffnung beugt er sich nieder und richtet seine Blicke fest durch diese in das Innere des Grabes. Nach einer kurzen Weile spricht er ganz erstaunt über den Inhalt: „Oh, das ist im höchsten Grad grauslich frappant! Ein äußerst schmutziger Affe größter Art, ganz mit zerzausten Pfauenfedern behangen, spaziert in einem Saal auf und ab, legt öfter einen Finger auf die Nase und bald wieder auf die sehr niedere Stirn, dieselbe ein wenig philosophisch reibend. Und dort auf einem Ruhebett kauern etwa sieben oder acht etwas kleinere, höchstwahrscheinlich weibliche Affen und wispern sich gegenseitig etwas ins Ohr. Nun aber spricht er mit einer sehr kreischenden Stimme: ‚Ja, ja, Russen und Türken taugen nicht füreinander! Der Bem, der berühmte General, hat sie schon beim Schopf. Und hintendrein kommen die Engländer und Franzosen und werden dem Russen zeigen, wie weit's von Europa nach Sibirien ist! Hahaha, das hab ich immer g'wunschen, und itzt g'schicht's! Und 's liebe Östreich wird zu einem schleißigen Abwischfetzen und wird am Ende tanzen müssen, wie's die andern werd'n haben woll'n, hahaha, no, no, das geht itzt halt grad so, als wie ich's mir g'wunsch'n hab'! O ihr armen Deutschen, ihr dummen Slawen, ihr welschen Esel und ihr ungarischen Ochsen! G'schieht euch ganz recht, dass ihr alle miteinander englisch, französisch und türkisch werd't; denn ihr habt's ja so g'handelt und habt es so hab'n woll'n; itzt wird's euch hernach leichter sein! O ihr Hauptviecher! Im Parlament habt's nicht einig werden können! Aber am Galgen der allgemeinen Armut und Verzweiflung und als amerikanische Plantaschsklaven werd't ihr euch dann vereinen können! Habt's a fette milchreiche Kuh gehabt und habt sie statt an den Euterzitzen beim Schweif gemölket, wo's ka Milch hat gebn können! Da, nun g'schiehts euch recht, ihr welschen, deutschen, ung'rischen und slawischen Rindviecher! Hahaha! Mi geht's zwar nix mehr an, denn ich bin versorgt. Aber a Freud hab ich ganz unsinnig, dass es itzt so kimmt, wie i's mir auf der Welt oft gedacht hab!‘“
RB|2|154|12|0|Spricht der Graf weiter: „Ah, Herr, Du guter heiliger Vater, was dieser Affe zusammengeschwärmt, das ist ja der Welt ungleich. Sage uns doch allergnädigst, ob daran denn doch so etwas Wahres sein könnte?“ – Sage Ich: „Alles ist möglich auf der Welt, je nachdem die Menschen irgendwo noch mit Mir wandeln oder auf ihre eigengestaltete Macht vertrauen. Höre du aber diesen Affen nur weiter an!“
RB|2|154|13|0|Der Graf legt Aug und Ohr wieder an die Öffnung, und der Affe spricht nach einigem Räuspern weiter: „Wo nur meine Malla so lange bleibt! Aha, aha, da kommt sie schon, sicher mit einer Menge Neuigkeiten von der Welt.“ – (Malla tritt in den Saal.) – „Grüß dich! No, was gibt's denn Neues auf der Lauswelt?“
RB|2|154|14|0|Spricht die Malla, die auch sehr äffisch aussieht: „Nit zum sagen, mein Mallwit! Alles is konfus, kaner waß mehr, wer da is Koch oder Kellner! Die Minister in Östreich arbeit's auf anen Türl, wos leicht durchgehe werde können, waons die Suppen gaonz werde versolze hobn. Aus die Klanen mochn's Große und aus die Groß'n moches Klane. Da fluche die Große, und die großgemochte Klanen steh'n wie d' Ochsen am Berg! Gelt, mein lieber Mallwit, das Ding geht lustig und gaonz nach deinem Wunsch! – (Der Mallwit lacht dazu freudig.) –
RB|2|154|15|0|Die Reichen werden große Steuern zu zahle kriegen und schimpfen drum schun hiatzt wie d' Ruhrspatzen. Die Geistlichen können über d' Regierung nit gnua fluchen und sie verdammen. D' Landleut wulle von zahle nix wissen. Die Künstler und Professionisten geben sich langsam der Verzweiflung hin. Das Militär hofft immer aufs Silbergeld und Gold; aber es kimmt holt koan's; und daher haben sie a ka große Fidutz auf den Staat. No, und den Spaß! Der Papst hot holt no immer d' Franzosen und hot sich dofür schun von Neapel, Spanien und Östreich Aerzte verschrieben; aber es is glai umsonst, er wird holt von die Franzosen net los, und do moanen die Gescheidtern af der Welt: Das wird dem lieben Popstn wuhl 's Goaraus mochn. Hahaha! Net wohr, dös is doch spaßi gnua! Und du, das is a an neuer Spaß: Russland hätt iatzt mit England an Zwirnhaondelsvertrakt abgeschlossen, und dös dorum, weil's Russland hiatzt in allen Ort'n den schönsten Zwirn zu scheu… hätt' bald gsagt, anheben tät. Na du, da giebts dir Gschicht'n!“
RB|2|154|16|0|Spricht der Affe Mallwit: „Ganz nach meinem Wunsch, wie ich's auf der Welt oft g'sagt habe, so, aber grad so kommt's itzt. Aber der Spaß vom Papst ist im Ernst nicht schlecht, und es ist so, und es wird, muss und kann's nicht anders werden. Wie leicht wär's im Jahr 48 [1848] gwest, wie wir noch auf der Welt warn, so die dummen Menschen sich nur einigermaßen verstanden hätten oder verstehn hätt'n woll'n. Aber da wollte ein jeder Esel ein Deputierter sein und überschrie den Philosophen in der Kammer. Itzt hab'n sie den saubern Dank. Aber es g'schieht ihnen allen vollkommen recht! Itzt aber schau, dass ich was zu essen bekomm; denn ich bin schon ganz verdammt hungrig und unsre Töchter auch dort am Sofa.“
RB|2|154|17|1|(Am 1. Jan. 1850)
RB|2|154|17|0|Spricht der Graf weiter: „Jetzt läuft die Äffin Malla bei einer Tür hinaus! Bin doch auf das Traktament [Bewirtung] neugierig! Aha, da kommt sie schon wieder mit einem ganzen Korb voll! Aber was das für eine Speise ist, das mag wer anderer bestimmen! Dem Gesicht nach zu urteilen sieht die Geschichte wahrlich gerade so aus, als wenn das lauter halbgesottene weibliche und mitunter auch männliche Schamteile wären. Er fällt mit einem Heißhunger über den Korb her und klaubt sich nun gleich die größten heraus. Die kleinen und magern lässt er im Korb. Die Malla und ihre Töchter aber machen sich über die männlichen Ansehens! Ah, das ist ja doch rein zum wahnsinnig werden! Und mit welcher förmlich neidischen Begierde das alles zusammengepackt und verschlungen wird! Nein, so was hätte sich auf Erden wohl nie ein Mensch träumen können lassen. Jetzt ist er fertig und macht sehr wollüstige Mienen, als hätte er noch einen größeren Appetit. Aber dennoch sagt er nun: ‚Gottlob, itzt wär ich wieder satt! Das waren vortreffliche Austern! Es müssen auch die marinierten Schnecken recht gut gewesen sein; aber mein Magen verträgt sie nicht. Itzt könnt ihr schon wieder hinausgehen, so ihr euch im Freien ein wenig vergnügen wollt.‘
RB|2|154|18|0|Spricht die Malla: ‚Lieber Mallwit! Itzt is net ratsam; denn es streichen allerlei wilde Tiere draußen herum, als wenn d' gaonze Höll los wär'; und waon sie was erwischen, no, Gott sei dem gnädig! Drum moan i, wir bleiben so hübsch fein zu Hause. Wenn d' Höll Jagd holten tut, dann is net gut ins Freie z' geh'n.‘ – Spricht der Mallwit: ‚O weh, o wehe! Gute Welt, kannst dich freuen, wann's so ist! Du wirst wieder bald sehr blutig in deinem Gesicht aussehen! Aber ich merke, dass da von dem Dunstloch ein sehr unangenehmer Luftzug herabweht! Geh doch ein wenig nachsehen, was es etwa da für Geschichten hat.‘ – Spricht die Malla: ‚Ah, was wird's denn sein! Geht holt a bissl a höllischer Wind; müsse mer holt's Dunstloch zustopfen, da wird der Luftzug sogleich sein End habn!‘ Die Malla bringt sogleich aus einem Winkel eine Menge schmutziger Fetzen und bemüht sich also gleich, das Loch zu verstopfen; aber es gelingt ihr diese Arbeit nicht.
RB|2|154|19|0|Herr, wie wäre es denn, so man sie durch dieses Loch anredete?“
RB|2|154|20|0|Rede Ich: „Das ist noch lange nicht an der Zeit! Lassen wir sie aber nun! Die Angst ob der vermeintlichen Höllenjagd wird das Beste an ihnen tun. Du musst von seiner anscheinenden Tugend wegen der Anrufung und Belobung Gottes dir keinen zu großen Begriff machen, wie auch wegen seiner ebenso scheinbaren politischen Nüchternheit nicht; denn alles das, was er spricht, ist sein Wunsch und seine Liebe. Aus seiner Kost aber hast du hinlänglich entnehmen können, wessen Geistes Kind er samt seiner Familie ist. Aus seiner Gestalt hast du das noch sehr Unmenschliche seines Wesens wahrgenommen. Daher ist hier vorderhand nichts anderes zu tun, als ihn gehen zu lassen, so wie eine unzeitige Frucht, und abzuwarten, bis er reif wird.
RB|2|154|21|0|Darum aber ist dies ein ganz besonderes Museum, weil hier ganz verdorbene Geister durch einen ganz besonderen Akt Meiner Gnade wie die Pflanzen in einem Treibhaus wieder zum Licht und Leben zurückgeführt werden. Dies Museum oder der Kunstsammelplatz Meiner Gnade und besonderen Erbarmung hat seine Aufseher und Wärter, die wie echte Kunstgärtner mit aller zu diesem Zweck nötigen Weisheit bestens versehen sind. Und du kannst versichert sein, dass alles, was ihrer Pflege anvertraut ist, zur sicheren Reife kommen muss.
RB|2|154|22|0|Und so verlassen wir nun diese Stelle und begeben uns dorthin vorwärts, wo du bei einem großen sehr kunstreichen Denkmal fast alle unsere Gäste versammelt siehst. Dort wirst du und ihr alle Meine neu angekommenen Freunde noch deutlicher gewahr werden, warum dieser Ort, der sich eigentlich noch immer unter dem Dach des Robertschen Hauses befindet, das Museum eben dieses Hauses heißt.
RB|2|154|23|0|Ich sagte einst auf der Welt zu Meinen Brüdern: ‚Ich hätte euch noch vieles zu sagen; allein ihr könntet es jetzt nicht ertragen. Wenn aber der Geist der Wahrheit zu euch kommen wird, der wird euch in alle geheime und vor den Augen der Welt verborgene Weisheit Gottes leiten!‘ – Und siehe, so ist es nun auch hier! Ich kann euch nicht auf einmal alles sagen, zeigen und erläutern. Aber durch die Umstände wird der ewigen Wahrheit Geist in euch selbst erweckt; und dieser wird euch alles klar machen, was euch jetzt noch dunkel und unerklärlich sein muss. Daher gehen wir nun nur schnell weiter dorthin, wo sich alle versammeln, da wird euch allen ein mächtiges Licht angezündet werden. Denn wo ein Aas ist, da sammeln sich die gewaltigen Adler! Und nun vorwärts!“
RB|2|155|1|1|Das große Pyramidendenkmal. Licht- und Lebensworte des Herrn über Geist, Seele und Leib. Auferstehung des Fleisches. Vollendung der Nachfolger Jesu.
RB|2|155|1|1|(Am 4. Jan. 1850)
RB|2|155|1|0|In ein paar Augenblicken sind wir an Ort und Stelle. Die vielen anderen Gäste, die von den Aposteln geführt wurden, wie auch die Urväter machen uns in größter Ehrerbietung Platz. Und wir treten dem großen Denkmal näher, das nahe so aussieht wie allenfalls eine Pyramide Ägyptens, nur nicht in dem alten rohen Baustil.
RB|2|155|2|0|Auf der Spitze der Pyramide ist eine große Goldkugel angebracht. Und jede Stufe der Pyramide ist mit einem breiten Goldreif umfangen, in welchem allerlei Inschriften eingegraben sind. In die Pyramide führt von der Nordseite her nur eine Türe, durch die man ordnungsmäßigerweise ins Innere gelangen kann. Einige Ellen hinter dem Eingang sind nach rechts und links zwei Seitengänge, und noch etwas tiefer hinter diesen beiden Seitengängen befindet sich eine Treppe in die Tiefe hinab- und eine in die Höhe hinaufführend. Obschon aber die Pyramide äußerlich von lauter undurchsichtigen schweren Steinen erbaut zu sein scheint, durch die kein Licht ins Innere dieses riesigen Denkmales zu dringen vermöchte, so sind aber im Innern dennoch alle die vielen Räume so gut erleuchtet, dass man alles ganz gut ausnehmen kann, was sich darinnen vorfindet.
RB|2|155|3|0|Der schon überaus neugierige Franziskaner Cyprian fragt Mich, sagend: „O Herr, Du bester Vater, was wohl hat dieses zu bedeuten? So eine ungeheure Pyramide muss auch eine ungeheure Bedeutung haben.“ – Rede Ich: „Mein lieber Freund, habe nur eine kleine Geduld! Denn so einen Holzbaum haut kein Holzknecht mit einem Hieb auseinander! Es hat wohl auf der Erde einen heidnischen König von Mazedonien namens Alexander gegeben, der den berühmten gordischen Knoten mit einem mächtigen Schwerthieb entwirrte; aber auf diese Art und Weise werden hier im Reich der reinen Geister die Wirrknoten nicht gelöst, sondern mit der gerechten Weile und Geduld! Daher also nur ein wenig mehr Geduld, Mein lieber Freund Cyprian!“
RB|2|155|4|0|Der Franziskaner gibt sich auf diese Worte ganz zufrieden und sagt bloß hinzu: „Herr, Du bester Vater, Du hast ewig vollkommen recht! Wir leben ja nun nicht mehr in der naturmäßigen Welt, wo die lose, flüchtige Zeit wie ein Sturmwind dahineilt. Hier ist die unvergängliche Ewigkeit, und in ihr dürften wir denn doch Weile in größter Fülle haben, um uns alle Einsicht zu verschaffen, die uns hier nottut. Was bliebe uns am Ende aber auch übrig, so wir mit einem Schlag in alle die himmlische Weisheit hineinfielen? Alsbald darauf eine ewige Langweile! Daher nun nur langsam voran und voraus; sonst wird aus der ewigen Freude noch eine ew'ge Langweil daraus!“ – Spricht der Graf: „Aber Freund, mir scheint, du fängst schon wieder an, ein wenig satirisch zu werden. Ich sage es dir: Nehme dich in Acht! Denn der Ort, wo du stehst, ist heilig! Daher lasse endlich ab von solchen faden Witzeleien!“
RB|2|155|5|0|Rede Ich: „Nur keinen Streit hier! Du, Bruder Ludwig, hast zwar recht; aber des Cyprian Bemerkung hat auch etwas für sich. Daher nun allen Streit beiseite! Denn wir haben hier viel wichtigere Dinge vor uns, als einen Streit über eine einzelne Schafswolldecke. Gehe du, Freund Cyprian, dafür lieber hin zum Robert und beheiße ihn samt seiner Gemahlin zu Mir! Denn er muss hier bei dieser Gelegenheit die Hauptrolle übernehmen.“
RB|2|155|6|0|Cyprian verneigt sich tiefst vor Mir und richtet schnell den Auftrag an den Robert aus. Robert kommt aber auch samt seiner Helena schnell zu Mir und bittet Mich um die Kundgabe Meines Willens.
RB|2|155|7|0|Und Ich sage zu ihm: „Liebster Freund, Bruder und Sohn, Robert! Siehe, dies Museum, das du mit deiner Gemahlin nach allen Richtungen hin mit großer Aufmerksamkeit betrachtet hast, ist auch ein wesentlicher Teil deines Hauses, und Ich will ihn gerade dir ganz besonders ans Herz legen. Du hast bisher schon viel getan und große Dinge vollbracht, sodass Ich mit dir hoch zufrieden zu sein allen Grund habe. Dein Geist ist ganz in der schönsten Ordnung. Aber deine Seele hat noch hie und da zu wenig Konsistenz, was auch nicht anders sein kann, weil deinen Leib die Verwesung noch nicht vollends aufgelöst hat. Aber hier ist der Ort, wo du zur vollen Konsistenz deiner Seele gelangen kannst und auch gelangen wirst. Aber es gehört so manches sehr wohl zu beachten dazu.
RB|2|155|8|0|Siehe, der Leib eines jeden Menschen ist ein wahres Millionengemenge von allen möglichen Leidenschaften der Hölle, die in eine gerichtete Form zusammengefasst sind. Du hast doch einmal etwas von der Auferstehung der Toten wie der Lebendigen gehört, wie auch von einer Auferstehung des Fleisches und auch nicht minder von einem sogenannten Jüngsten Tag, an dem von Mir alle, die in den Gräbern sind, auferweckt werden, entweder zum Leben oder – nach ihren Werken – zum ewigen Tod.
RB|2|155|9|0|Siehe, hier ist der Ort, wo Ich dir diese Geheimnisse eröffnen muss, und das nach deiner eigenen Natur und Beschaffenheit! Und durch dich dann erst allen, die hier mit dir aus nahe der gleichen Ursache wegen hierher in die Geisterwelt gekommen sind und in deinem Haus die Aufnahme finden mussten, indem sie schon auf der Erde mehr oder weniger in deinem Geist lebten, durch Gedanken, Gesinnungen, Worte, Wünsche und mitunter auch Werke.
RB|2|155|10|0|Du warst aus allen diesen der Erste, den Ich hier aufnahm und für dessen ferneres Bestehen und Fortkommen [Ich] sorgte. Also musst du auch hier, wo es sich um die endliche Vollendung handelt, auch der Erste sein, der diese an sich zu bewerkstelligen anfängt und vollführt, auf dass sie dann auch an alle anderen übergehen kann.
RB|2|155|11|0|Ich habe es schon erwähnt, dass deine Seele noch keine eigentliche Konsistenz oder Festigkeit erreicht hat. Wie aber soll diese erreicht werden? Ich sage es dir und somit auch allen andern:
RB|2|155|12|0|Wie Ich als der Herr Meinem Menschlichen nach euch allenthalben voranging und eine gute unverwüstbare Bahn legte, so müsst ihr alle Mir auf dieser und derselben in allem nachwandeln, so ihr zum ewigen Leben wahrhaftigst gelangen wollt.
RB|2|155|13|0|Ich bin nicht nur der Seele und dem Geist nach auferstanden, sondern hauptsächlich dem Leib nach. Denn Meine Seele und Mein urewigster Gottgeist bedurften wohl keiner Auferstehung, da es doch zu der Unmöglichkeiten größten gehört hätte, als Gott getötet werden zu können. Wie Ich Selbst aber also dem Leib nach auferstanden bin als ein ewiger Sieger über allen Tod, also müsst ihr alle auch euren Leibern nach auferstehen. Denn Mich als vollends Gott könnt ihr erst in eurem auferstandenen, geläuterten und verklärten Fleisch anschauen. Das Fleisch aber ist im Gericht, und dieses muss dem Fleisch benommen werden, ansonst es nimmer zur Festung der Seele dienen möchte.
RB|2|155|14|0|Siehe an diese Gräber! Siehe, sie alle bergen dein ganz vollkommen eigenes Fleisch, gesondert nach seinen Millionen von gerichteten Teilen, aus denen es zusammengefügt war. Die Wesen, die du unter den Grabmälern entdeckt hast, sind im Grunde nur Erscheinlichkeit der verschiedenen Wünsche, Begierden und Leidenschaften, die du in deinem Fleisch als gerichtete Teile deines ganzen Naturwesens beherbergtest. Diese müssen nun geläutert werden durch allerlei Mittel, um sodann deiner Seele zu einem wahrhaften, festen, lebendigen Kleid zu werden.
RB|2|155|15|0|Wie aber Ich aus Meiner höchsteigenen Kraft und Macht Mein Fleisch erweckte, also müsst auch ihr alle durch die Kraft Meines Geistes in euch an dies wichtigste Werk euch machen und es zur wahren Vollendung bringen. Denn wer wahrhaft Mein Kind sein will, der muss Mir in allem gleichen und alles das tun, was Ich getan habe und noch tue und tun werde.
RB|2|155|16|0|Aber nun machst du, Robert, große Augen und fragst Mich in deinem Herzen: ‚Herr, was ist das, wie werde ich das zu bewerkstelligen imstande sein?‘ – Geduld, du sollst es sogleich erfahren.“
RB|2|156|1|1|Erklärung des Pyramidendenkmals. Wanderung in die Unterwelt. Fegefeuer, Himmel und Paradies.
RB|2|156|1|0|[Der Herr:] „Siehst du hier vor uns diese Pyramide? Sie ist deines Leibes Herz! Wie aber das Herz der Träger aller zahllosen Keime zum Guten und zum Bösen ist, so ist auch dieses Denkmal in der Form einer Pyramide der Inbegriff alles dessen, was da rastete und handelte als Fleischkraft im Fleisch deines Naturwesens. Gehe du nun mit deiner Gemahlin in diese Pyramide und besehe alles wohl, was sich darinnen aufhält in der Höhe wie in der Tiefe und an all den Wänden.
RB|2|156|2|0|So du alles wirst besehen haben, dann komme du sobald wieder zurück und sage es vor allen, was du darinnen alles angetroffen hast. Und Ich werde dir die weitere Weisung geben, was dir zu tun noch übrig bleibt. Aber verweilen darfst du bei nichts! Sollte dich aber irgendeine Lust, bei einer oder der anderen Sache länger zu verweilen, anwandeln, so sehe auf deine Helena, und sie wird dich davon abziehen!
RB|2|156|3|0|Nun weißt du, wie du dich zu benehmen hast. Und so trete denn nun deine Wanderung in die Unterwelt an, begleitet von Meiner Gnade und Liebe, mutig und voll des besten Trostes! Denn auch Meine Seele musste vor der Auferstehung Meines Fleisches in die Unterwelt hinabsteigen und dort alle frei machen, die da harrten im Fleisch Meines Fleisches noch der Erlösung.“
RB|2|156|4|0|Nach diesen Worten verneigt sich Robert tief und tritt sogleich seine Wanderung an.
RB|2|156|5|0|Der Franziskaner aber fragt Mich, ob er nicht etwa auch mitgehen dürfe. – Ich aber sage zu ihm: „Mein Bruder, so du ganz reif wirst, dann wird schon auch auf dich ein Gleiches zu tun kommen, wenn schon deiner Beschaffenheit wegen in einer anderen Form. Denn nicht allen ist eine und dieselbe Form entsprechend; diese hängt von der hervorragendsten Begründung ab, die irgendeine oder die andere Seele ihrem Fleisch einprägte. Bleibe du daher nur hier und erwarte da schön ab, was der Robert alles für Dinge hervorbringen wird, und dadurch wirst du dann schon auch mehr oder weniger innewerden, auf welche Art du in die Unterwelt steigen wirst.“
RB|2|156|6|0|Spricht der Franziskaner: „Herr, ist denn diese Unterwelt etwa so eine Art Vorhölle, eigentlich sozusagen das gewisse Fegefeuer?“ – Rede Ich: „Ja, ja, so was dergleichen! Aber dennoch ganz anders, als wie du es in deinem noch ziemlich römisch befangenen Herzen herumträgst.“
RB|2|156|7|0|Spricht der Franziskaner: „Also kommt denn eigentlich doch niemand sogleich, wie man sagt, vom Mund auf in den Himmel?“ – Rede Ich: „Nicht leichtlich, Mein Lieber! Denn so Ich Selbst zur Unterwelt musste, der Ich doch der Herr Selbst bin – so wird schon auch ein jedes Meiner Kinder es tun müssen. Denn ein jedes Obst muss eher vollkommen reif sein, bevor man es genießen kann. Blöde und unwissende Kinder meinen freilich, eine Kirsche sei schon reif, wie sie nur ein wenig gerötet aussieht; aber der kundige Gärtner weiß es genau, wie rot die Kirsche aussehen muss, um vollends reif zu sein. Also ist's nichts, durchaus nichts mit dem vom Mund aus gleich in den Himmel kommen. Wohl aber in das geistige Paradies, allwo ihr euch nun an Meiner Seite befindet. Denn es ist genug, so Ich zu einem Sünder sage: ‚Sei getrost, denn heute noch wirst du bei Mir im Paradiese sein!‘ – Aber nun Ruhe; denn Robert wird bald wieder da sein.“
RB|2|156|8|1|(Am 7. Jan. 1850)
RB|2|156|8|0|Der Franziskaner möchte noch gerne etwas sagen auf diese Meine Worte. Aber der General, der sich mit dem Dismas und dem verklärten Pater Thomas gerade dem Franziskaner am nächsten befindet, legt sogleich die ganze flache Hand auf den Mund des Franziskaners und sagt nichts als: „Subordination! Der Herr Gott Vater hat es geboten, nun still zu sein, und so heißt es gehorchen! Verstanden?! Da heißt es gehorchen!“
RB|2|156|9|0|Rede Ich: „Lasse das gut sein, Freund Matthia! Hier gibt es von Mir aus kein positives Gesetz. Will der Cyprian reden, so soll es ihm nicht verwehrt sein.“ – Spricht der Franziskaner: „Nein, nein, ich will nicht reden, obschon es mich ein wenig gejuckt hatte. Der General Matthia hat nun ganz recht gehabt, dass er mir mit seiner Handfläche 's Maul zugestopft hat; denn soeben kommt aus der Pyramide der Robert zurück, und ich freue mich nun schon ganz kindlich auf seine Erzählung. Es wäre daher sehr dumm von mir gewesen, so ich zu plaudern angefangen hätte. Aber er steht nun schon vor uns und macht eben nicht das zufriedenste Gesicht – auch seine Gefährtin nicht. Es muss ihnen die Sache nicht ganz zusammengegangen sein. Aber nun nur still!“
RB|2|157|1|1|Roberts Bericht vom Besuch seiner Unterwelt. Die heiligen Inschriften auf den Pyramidenstufen. Große Heilslehre und deren Wirkung auf Robert.
RB|2|157|1|0|In diesem Moment tritt der Robert mit seiner Gemahlin vor Mich hin und beginnt wie folgt zu reden: „O Herr, Du guter heiliger Vater aller Menschen und Engel! Da sieht es schlimm, ja sehr schlimm aus! Wäre dieser Pyramide Inneres ein Augiasstall, wenn auch noch ums Zehnfache ärger, da wäre es ein Leichtes, ihn zu reinigen. Aber so übersteigt der Sündenmist des Innern und besonders das Untere dieser Pyramide den Augiasstall ums Millionenfache! Und da ist wahrlich an keine Reinigung mehr zu denken, und könnte man auch alle Flüsse und Bäche der Erde hineinleiten. In den oberen Regionen dieser Pyramide präsentiert sich eine Anzahl von tausenderlei von den allerleichtfertigsten Bildern aus meinem gesamten Erdenleben. Die unteren Gemächer aber sind überfüllt von allerlei unbeschreiblichem Unflat, der noch dazu vom übelsten Geruch respektive Gestanks begleitet ist. O weh, o weh! Wer wird mir Armen helfen, diesen Stall zu reinigen?“
RB|2|157|2|0|Rede Ich: „Mein lieber Freund Robert! Keine Arbeit ist so groß, als dass sie mit den tauglichen Mitteln nicht könnte verrichtet und in die beste Ordnung gebracht werden. Aber es gehört dazu eine rechte Einsicht und Geduld. Sehe an die ganze unermessliche Schöpfung von ihrem Beginn bis zu ihrem einstigen notwendigen Ende und von ihren notwendigen kleinsten organischen und unorganischen Teilchen bis zu ihrem für dich unermesslich großen geordneten Ganzen – und du wirst darinnen für deine gegenwärtige Einsicht doch sicher die fast nimmer mögliche Ausführung, Ordnung, Erhaltung und Leitung zum rechten Endzweck gewahren. Und doch steht dies große Schöpfungsgebäude best geordnet da, und kein Atom kann seiner Bestimmung entgehen. Wie aber dies möglich ist, so ist es umso mehr möglich, deinen irdischen Augiasstall zu reinigen! Aber, wie gesagt, es gehört dazu die rechte Einsicht und Geduld und, was sich schon von selbst versteht, ein fester, durch nichts beirrbarer Wille.
RB|2|157|3|0|Damit du aber vor allem zur rechten Einsicht gelangen magst, so gehe hin zu den äußeren Staffeln der Pyramide, die mit einem beschriebenen Goldreif umfasst sind, und lese, was darauf geschrieben steht! Das wird dir sagen, was du da alles zu tun haben wirst!“
RB|2|157|4|0|Robert geht hin und liest zuerst die Inschrift des untersten Reifs, und diese lautet: „Kommt alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, es soll euch Erquickung werden.“ – Und weiter liest er: „Haltet euch an die alleinige Liebe! Wahrlich, so die Zahl eurer Sünden wäre wie die des Sandes am Meer und des Grases auf der Erde, so wird die Liebe sie tilgen ganz und gar. Und wäre eure Schande vor Gott gleich wie das Blut der Sündenböcke, so soll sie von der Liebe weiß gewaschen werden wie weiße Wolle und wie der feinste Byssus.“
RB|2|157|5|0|Und weiter liest er an der zweiten Stufe: „Die Liebe ist das Leben, das Gesetz, die Ordnung, die Kraft, die Macht, die Sanftmut, die Demut, die Geduld und dadurch der Kern aller Weisheit! Der Weisheit sind nicht alle Dinge möglich, weil die Weisheit nur einen gewissen Weg geht und sich mit dem, was unrein ist, nicht befassen kann. Aber der Liebe sind alle Dinge möglich: Denn sie ergreift auch das, was verworfen ist, mit derselben Innigkeit, als wie das, was in sich selbst schon das Reinste ist. Die Liebe kann alles gebrauchen. Die Weisheit aber nur, was die Liebe gereinigt hat.“
RB|2|157|6|0|Und wieder weiter liest er von der dritten Stufe: „Frage dein Herz, ob es sehr lieben kann, ob es Gott über alles lieben kann ohne Interesse, außer dem süßesten der Liebe selbst? Frage dein Herz, ob es den Bruder mehr denn sich, um Gottes willen wie einen zweiten kleinen Gott, lieben kann. Frage dein Herz, ob es wahrhaft und vollends rein lieben kann! Kann es Gott darum lieben, weil Gott Gott ist? Und kann es den Bruder wie aus Gott heraus wegen Gott und aus purer Liebe zu Gott wie einen Gott lieben? Kann dein Herz das, so ist deine Verwesung zu Ende, und du selbst stehst vollendet vor Gott, deinem Herrn und Vater und Bruder!“
RB|2|157|7|0|Und wieder weiter liest er auf der vierten Stufe: „Gott Selbst ist die urewige reinste Liebe, und ihr Feuer ist das Leben und die Weisheit in Gott, und also aus Gott wie in Gott das Leben und das Licht aller Wesen. Die Funken aus dem Essenfeuer der reinsten Gottesliebe in Gott sind die Kinder Gottes gleichen Ursprungs aus dem einen Herzen Gottes! Auch du bist ein solcher Funke! Fache dich an zu einem lebendigen Brand und du wirst in deinem Herzen Gott schauen!“
RB|2|157|8|0|Und weiter liest er auf der fünften Stufe: „Das Wort aus dem Gottes-Herzen ist der Liebe Allkraft. Daher ist das Wort und der ewige Sohn aus Gott eins. Ja Gott Selbst ist das volle Wort, das im Feuer der Liebe gezeugt wird. Du aber bist auch ein Gotteswort, erzeugt im Gottes-Herzen! Darum werde wieder ein volles Wort Gottes! Werde ganz Liebe, volle Liebe in Gott – so wirst du zum Gottes-Sohn gelangen und eins sein mit Ihm. Aber du gelangst nicht zu Ihm außer durch den Vater, der da ist die Liebe und das Wort Selbst in Sich, von Ewigkeit zu Ewigkeit stets derselbe.“
RB|2|157|9|0|Und weiter liest er auf der sechsten Stufe: „Christus ist allein der Mittler zwischen Gott und der Menschennatur. Durch den Tod Seines Fleisches und durch Sein vergossenes Blut hat Er allem Fleisch, das da ist die alte Sünde des Satans, den Weg gebahnt zur Auferstehung und Rückkehr zu Gott! Christus aber ist die Grundliebe in Gott, das Hauptwort allen Wortes, das da ist Fleisch geworden und dadurch geworden zum Fleisch alles Fleisches und zum Blut allen Blutes. Dieses Fleisch nahm freiwillig alle Sünde der Welt auf sich und reinigte vor Gott sie durch Sein heilig Blut. Mache dich teilhaftig dieses größten Erlösungswerkes Gottes durch das Fleisch und durch das Blut Christi, so wirst du rein sein vor Gott! Denn kein Wesen und kein Ding kann rein werden durch sich, sondern allein durch die Verdienste Christi, die da sind die höchste Gnade und Erbarmung Gottes. Du allein vermagst nichts, alles aber vermag Christus.“
RB|2|157|10|0|Und weiter liest er auf der siebenten Stufe: „Dein irdisch Wohnhaus ist voll Unflates; wer wird es reinigen? Wer hat die Kraft und die Macht allein? Siehe, Christus, der ewige Hohepriester vor Gott, Seinem ewigen Vater! Denn Christus und der Vater sind eins von Ewigkeit. In Christo allein wohnt alle Fülle der Gottheit körperlich. Und diese Fülle ist der Vater als die reinste Gottliebe. Diese ergreife mit deiner Liebe, und sie wird dein Fleisch reinigen und erwecken, wie sie erweckt hat das Fleisch Christi, das Sie Selbst in sich barg.“
RB|2|157|11|0|Und wieder weiter liest er auf der achten Stufe: „Du erschrickst über die große Menge deiner argen Geister, die auf der Welt beherrscht hatten dein Fleisch und Blut, und fragst mit Paulus: Wer wird mich erlösen von meinem Fleisch und frei machen von den Banden des Todes? Siehe hin, Christus, der getötet [ward], ist auferstanden und lebt, ein Herr von Ewigkeit! Wäre Er im Tod verblieben, so es möglich gewesen wäre, da wäre dir ebenfalls der ewige Tod sicher. Aber da Christus auferstanden ist, wie du Ihn nun selbst siehst, so ist es ja unmöglich, dass da jemand im Grab belassen werden könnte. Denn wie durch die eine Schlange der Tod kam über alles Fleisch, so auch kam das Leben durch den einen Gottmenschen über alles Fleisch der Menschen der Erde – aber auch ein neues Gericht, obschon das alte Gericht, das den Tod in sich barg, durch dieses Einen Auferstehung für ewig vernichtet ward. Aber dies neue Gericht ist dennoch auch ein Tod; aber kein Tod zum Tode, sondern ein Tod zum Leben. Mache dich an die Liebe durch deine Liebe, damit dies neue Gericht deines Fleisches durch die Werke des Einen zu einem wahren Leben wird. Du stehst an der Quelle, trinke des lebendigen Wassers in der Fülle!“
RB|2|157|12|0|Und auf der neunten Stufe liest er weiter: „Die pure Weiberliebe ist Eigenliebe! Denn wer von der Weiberliebe sich so weit verziehen lässt, dass ihm daneben die Nächstenliebe und aus dieser die Gottesliebe zur Last wird, der liebt sich selbst im Wesen des Weibes. Lasse dich daher von der reizenden Gestalt eines Weibes nicht gefangen nehmen übers gerechte Maß, ansonst du untergehst in der Schwäche des Weibes, während doch nur das Weib in deiner Kraft erstehen soll zu einem Wesen mit und in dir! Wie du aber ein oder das andere Glied deines Wesens liebst, also liebe auch das Weib, auf dass es eins werde mit dir! Aber Gott liebe du über alles, auf dass du in solcher mächtigsten Liebe neu geboren werdest zu einem wahren freiesten Bürger der reinsten Himmel Gottes für ewig und dein Weib wie ein Wesen mit dir!“
RB|2|157|13|0|Und noch weiter liest er auf der zehnten Stufe: „Suche, suche, suche, dass du dich nicht übernimmst, so du groß wirst! Siehe an des Herrn Demut, Sanftmut und Güte! Sieh, Er ist der Herr von Ewigkeit; alles, das die Unendlichkeit fasst, vom Größten bis zum Kleinsten, vom geistigsten bis zum materiellsten Atom, ist alles sein höchsteigenstes Werk, und Seine Kraft ist so groß, dass alle die zahllosesten Werke der Unermesslichkeit schon vor dem leisesten Hauch Seines Mundes in ein ewiges Nichts zurücksinken müssten. Und dennoch steht Er gar so einfach und ganz ohne allen Anspruch bei Seinen Kindlein, als wäre Er nahe der Allergeringste unter ihnen, und liebt sie und unterhält Sich mit ihnen, als hätte Er bloß sie allein in der ganzen Unendlichkeit, die doch von zahllosen Myriaden der allerwundersamst herrlichsten und liebweisesten reinsten Wesen strotzt. Also suche, suche, suche, der Geringste zu sein und zu werden und zu bleiben für ewig!“
RB|2|157|14|0|Auf dieser letzten Stufe wird Robert so mächtig gerührt vor Liebe zu Mir, dass er laut zu weinen anfängt. Er sieht bald diese letzte und oberste Inschrift, bald wieder Mich und manchmal auch sein neues Weib an und sagt nach einer staunenden Weile: „O du heilige Inschrift! Bist so einfach, ohne allen Wortprunk da auf reinstes Gold geschrieben und dabei doch so ewig wahr wie Derjenige Selbst, Dessen allmächtiger Finger dich hier in dies Gold gegraben hat. O Gott! Jetzt, jetzt erst fängt mich eine ungeheure Liebe zu Dir ganz allein zu durchdringen an. Und in diesem Durchdringen der mächtigsten Liebe zu Dir allein gewahre ich erst so ganz innig, dass ich Dich noch nie vollends wahr geliebt habe. Aber nun ist es anders geworden. Du allein, ja Du ganz allein bist nun der Herr meines Herzens, meines Lebens! Ewige, unbesiegbarste Liebe Dir allein, Du mein süßester Gott und Vater Jesus!
RB|2|157|15|0|Als Du mir die schönste Helena zu einem neuen Weib gabst, da fühlte mein Herz zu Dir nur eine innigste Dankbarkeit mehr denn irgendeine rechte Liebe zu Dir. Und mit dem pünktlichsten Gehorsam für alle Deine Gebote meinte ich, dass darinnen schon die sichere oberste Vollendung ruhe. Aber wie weit war ich da vom wahren Ziel! Ja, ich wusste nicht einmal so recht, wie man Ihn neben der Helena mehr als sie lieben möchte, und hielt solch eine Liebe heimlich bei mir auch für ein wenig albern. Aber nun ist es anders geworden. Ich liebe nur Dich allein über alles und sehe in dieser Liebe ein ganz neues Leben erwachen. O Herr, o Herr, o Herr und Vater Jesus, Du meine einzige Liebe!“
RB|2|158|1|1|Roberts feurige Gottesliebe lässt ihn – sein Weib vergessend – zum Herrn eilen. Helenas gute Rede. Ihre Scheu vor dem Allerheiligsten. Des Herrn Erwiderung.
RB|2|158|1|1|(Am 12. Jan. 1850)
RB|2|158|1|0|Mit diesen Worten springt er (Robert) förmlich von der Höhe der Pyramide, dass er sogar seines schönsten Weibes vergisst. Bei Mir kaum angelangt, will er Mir sogleich zu Füßen fallen und sein Herz ganz ausschütten vor Mir. Aber ich halte ihn davon ab und mache ihn aufmerksam, dass er diesmal der Helena, seines Weibes, vergessen hat;
RB|2|158|2|0|worauf er ganz seligst ergriffen spricht: „O Herr, Vater Jesus, wer kann in Deiner, nun von mir wohlbekannten und rein erkannten Nähe für was anderes Sinn und Gedanken haben als nur allein für Dich! Ich liebe die wahrlich überaus schöne und ebenso fromme Helena wie ein gutes Glied meines Wesens oder meines geistigen Leibes – aber mein alles über alles bist nun für ewig Du ganz allein, mein Gott und mein Herr und Vater! Was wäre mir ohne Dich eine ganze Welt voll Helenas? Nichts! Ich würde verzweifeln in ihrer Mitte! Habe ich aber Dich, so kann ich auch ohne eine Helena vollkommen glücklich sein. Aber ich will sie dennoch holen darum, weil sie eine Gabe aus Deiner Hand ist, darum mir auch endlos wert, teuer und angenehm.“
RB|2|158|3|0|Rede Ich: „Ja, ja, gehe hin und hole sie! Denn sie sieht ganz traurig nach uns her und meint, dich beleidigt zu haben, dieweil du sie so ganz verlassen hast.“
RB|2|158|4|0|Robert geht nun eilends zu der Helena hin und sagt zu ihr: „Komm, komm, mein geliebtes Weibchen! Ich habe nur aus übergroßer Liebe zum Herrn deiner auf ein paar Augenblicke vergessen. Aber nun ist schon wieder alles in der schönsten Ordnung. Komme daher nun nur mit mir hin zum Herrn und sei ja nicht mehr traurig!“
RB|2|158|5|0|Spricht die Helena: „Mein liebend Herz dem Herrn und dir dafür, dass du mich wieder anschaust! Denn mir kam wahrlich ein Kummer ins Herz, dass ich in meiner Seele mich irgend versündigt zu haben meinte, dieweil du mich verließest und dich nicht umsahst nach mir. Aber nun ist alles wieder gut und mehr als gut – denn dich zog die allein gerechte und wahre Liebe von mir hin zu Gott, dem heiligen Vater. Nun ziehe aber du auch mich hin vor Ihn, der noch immer der alleinige Besitzer meines Herzens ist und auch ewig verbleiben wird. Lasse unsere Herzen eins werden vor Ihm, der sie zuerst erfüllt hat mit Seiner Liebe, auf dass so nun dein irdisch Fleisch lauter wird durch die Auferstehung im Feuer der Gottesliebe in deinem Herzen, das meinige auch mit geläutert werde und wir dann wie ein Herz, ein Sinn, eine Liebe, ein Leben und Wesen vor Ihm uns des seligsten Lebens erfreuen könnten.“
RB|2|158|6|0|Robert zerfließt nahe vor lauter Liebe und bringt nun die Helena zu Mir. Als sie bei Mir ist, will sie auch auf ihr Angesicht niederfallen. Ich aber hindere sie ebenfalls daran und sage zu ihr: „Ja, Meine allerliebste Helena, getraust du dich denn, Mich nicht mehr so zu lieben, als wie du Mich ehedem geliebt hast? Schau, schau! Ich bin ja stets der Gleiche!“ – Spricht die Helena ganz weinerlich: „Fürs Auge ja! Aber fürs Herz, da bist Du schon viel anders geworden – viel größer und heiliger! Das Herz bebt nun vor Deiner Größe und Heiligkeit! Denn Du bist wahrhaftig der einige Gott!“
RB|2|158|7|0|Rede Ich: „Ja, Meine allerliebste Helena, das hast du denn doch schon früher gewusst und eingesehen und hast doch keine gar so enorme Heiligenscheu vor Mir gehabt! Ja, du hast Mich sogar – wie Mir und dir nichts – nach deiner ganzen Herzenslust geküsst! Wie sollst du denn wohl nun eine solche Heiligenscheu vor Mir überkommen haben? Denke zurück und bleibe dir gleich, so wie Ich Mir unwandelbar gleich bleibe – so wirst du in keine solch unnötige Furcht vor Meiner göttlichen Majestät verfallen!“
RB|2|158|8|0|Spricht die Helena: „O Herr, Du überguter, heiliger Vater! Das tut sich wohl in gar keinem Fall mehr! Denn es ist ein großer Unterschied zwischen dem Dich-Kennen und abermals Dich-Kennen. Beim ersten Erkennen hat Dein Göttliches doch stets noch mehr so einen menschlichen Anstrich, und Du bist zu ertragen für das Herz eines armen Sünders. Aber wann einem die stets größer und wunderbarer werdenden Vorkommnisse und Erscheinungen in einem fort bei allen Sinnen einzudonnern anfangen und nur zu klar den endlosen Unterschied zwischen Dir, o Herr, und einem Geschöpf, das sich selbst frei auszubilden hat, nach den Gesetzen Deiner Ordnung, zeigen – dann ist's mit diesem menschlichen Anstrich gar, und wie nackt in aller Heiligkeit steht dann Deine Gottheit vor unseren erstaunten Augen. Dass uns alle, wenn wir die Sache so recht beim Licht betrachten wollen, mehr oder weniger eine gewisse Heiligenscheu vor Deiner Gottheit anwandeln muss, das ist ja doch ganz klar.
RB|2|158|9|0|Ich habe sozusagen schon mit den zwei Fällen, die mir zuerst in diesem Haus meines Robert zu Gesicht kamen, des Wunderbaren zur Übergenüge gehabt, um mich darüber allein schon eine ganze Ewigkeit genüglich zu verwundern und Dich wegen Deiner Güte, Liebe und Weisheit zu preisen. Aber da führte uns Deine Liebe, Güte und Weisheit in dieses Museum, durch das das fleischliche Wesen Roberts entsprechend bildlich dargestellt werden soll, und da hat es der Wunder kein Ende. Und besonders jene merkwürdigsten Inschriften an den Stufen der großen Pyramide, der erhabene Sinn. Ja, da könnte man ja doch ganz rein bis auf den letzten Tropfen zerfließen vor lauter Ehrfurcht und Achtung, von der das arme erstaunte Herz für Dich, o Herr, ergriffen wird. Daher kann von meiner ersten Stellung, die sich gar so furchtlos gestaltete, wohl keine Rede mehr sein.
RB|2|158|10|0|Siehe, als ich noch auf der Welt, und zwar in der schlechten Wienerwelt, ein, wie man in Wien sagt, schlawutzigs Menschl machte und ums Geld und um ein gemütliches Wörtl für alles zu haben war, da ist auch oft ein recht sehr großer Herr zu mir gekommen, und ich hatte keine Furcht vor ihm, weil ich nicht sah seine glänzende Umgebung und seine Macht, aber so ich dann und wann zu einem solchen recht großen Herrn etwa gar in seine Amtsstube kam, ja, da konnte ich nicht mehr so furchtlos vor ihm sein, als so er in seiner Einfachheit bei mir war, wo er auch sehr einfach aussah. Man soll hier zwar so einen schmutzigst sündhaften Vergleich nicht aufstellen, da dieser Ort zu heilig ist; aber weil er schon gar so richtig herpasst, so konnte ich nicht umhin, ihn hier aufzustellen. Herr, Vater! Du wirst mir deshalb ja doch etwa nicht gram werden?“
RB|2|158|11|0|Rede Ich: „Nicht im allerentferntesten Sinn! Denn über deine Sünden haben wir schon lange die Rechnung abgeschlossen. Aber darum gelten bei Mir deine Entschuldigungen eben nicht gar viel. Was du nun fühlst und noch ferner fühlen wirst, so du noch größerer Wunder gewärtig wirst, das weiß Ich wohl am allerbesten. Aber das weiß Ich auch, dass es geschrieben steht: ‚Seid vollkommen, wie auch euer Vater vollkommen ist im Himmel!‘ – Wie möglich aber kann das ein Kind, so es vor dem Vater einen noch größeren Ehrfurchtsrespekt hat als ein Hase vor dem Donnergebrüll eines Löwen?“
RB|2|159|1|1|Gleichnis vom Kunstmaler und seinen Schülern. Über die Ehrfurcht vor dem Herrgott. Des Herrn liebweise Belehrung bringt Helena wieder zur himmelsbräutlichen Liebe.
RB|2|159|1|0|[Der Herr:] „Siehe, du hast Mir ehedem aus deiner schlabutzigen irdischen Lebenszeit ein gar nicht schlechtes Gleichnis vorgeführt, das da deine Furcht entschuldigen soll, die du nun vor Mir hast. Ich werde dir aber dagegen auch ein anderes Gleichnis erzählen. Und wir werden sehen, wie sich die Sache, die Ich von dir verlange, darinnen ausnehmen wird. Höre!
RB|2|159|2|0|Es gab einmal auf der Erde einen großen Meister in der Malerei, dessen Bildern wahrlich nichts abging als das Leben, auf dass die dargestellte Sache auch zur vollsten Wahrheit würde. Dieses Meisters Werke zogen aus allen Gegenden der Erde eine große Menge Bewunderer herbei und unter diesen Bewunderern auch so manches Talent, das sich bei dem großen Meister gerne ausbilden möchte. Das freute den Meister, und er bot auch alles auf, um aus den jungen Talenten etwas zu machen.
RB|2|159|3|0|Aber unter den vielen Kunstjüngern dieses Meisters waren einige mit nahe den besten Talenten begabt, welche aber vor der unübertrefflichen Kunstgröße ihres Meisters einen so ungeheuren Respekt hatten und eine derartig große Achtung, dass sie es nur mit größter und demütigster Selbstverleugnung kaum wagten, einen Pinsel zur Hand zu nehmen, denn sie glaubten es einzusehen, dass da all ihre noch so große Mühe rein vergeblich ist, um ein Atom von der Größe ihres Meisters zu erreichen. Die anderen, minder talentierten aber dachten und sagten: ‚Wohl wissen wir, dass unser Meister bis jetzt unerreichbar als einziger und alleiniger in seiner Art dasteht und wir ihm auch nie das Wasser reichen werden, aber mit dem Respekt vor seiner Kunst wollen wir's dennoch nicht gar so weit treiben, dass wir darob uns nichts zu malen getrauen. Wir wollen im Gegenteil ihm sehr zugetan sein und von ihm lernen, so viel wir nur immer imstande sind. Das wird ihn gewiss noch mehr freuen, als so wir bloß als stumme Bewunderer in seinem Kunstatelier von einem Werk zum andern ganz zerknirscht kriechen würden. Denn es muss dies ja auch ein Lob des großen Meisters sein, wenn Tausende, von seinen großen Kunstwerken hingerissen, sich nach der Möglichkeit ihrer Kräfte beeifern, dem großen Meister in einem oder anderem näher zu kommen. Und siehe du, Meine liebe Helena, die ersten von zu großer Ehrfurcht Hingerissenen lernen von dem großen Meister wenig oder nichts, während sich die anderen durch ihren Fleiß und Eifer unter der Leitung des großen Meisters zu ganz tüchtigen Künstlern heranbilden.
RB|2|159|4|0|Sage Mir nun so ganz nach deiner Meinung, welcher von diesen zweien Jüngergattungen wird der Meister den Vorzug geben – den zu Ehrfurchtsvollsten oder den weniger Ehrfurchtsvollen, aber desto eifrigeren Nachahmern seiner Kunst, für die ihr Herz glüht?
RB|2|159|5|0|Oder wer wäre denn dir lieber für dich, einer, der von deiner Schönheit so niedergedrückt ist, dass er sich um keinen Preis den Mut zu nehmen getraut, dir seine Liebe zu bekennen, sondern bloß einen sich in einer gewissen Entfernung haltenden stummen Bewunderer macht – oder einer, den deine Schönheit wohl zur Liebe sehr anfacht, er aber darob dennoch seiner Sinne mächtig bleibt und den Mut hat, dir zu gestehen, dass er dich unbeschreiblich liebt!? Sage Mir da deine Ansicht.“
RB|2|159|6|0|Spricht die Helena: „O Herr, die zweiten, die zweiten! Ich ergebe mich schon ganz, denn ich sehe nun meinen Irrtum schon ein.“
RB|2|159|7|1|(Am 16. Jan. 1850)
RB|2|159|7|0|Rede Ich: „Nun gut! So du deinen Irrtum einsiehst, was wirst du dann Mir gegenüber tun? Wirst du wohl wieder so zutraulich sein, als ehedem, bald nach deiner Erlösung vom Joch deines geistigen Todes?“
RB|2|159|8|0|Spricht die Helena etwas stotternd: „Hm, soll freilich, a… b… er hm, wenn Du nur nicht gar so entsetzlich heilig wärst! Wenn ich bedenke, dass Du Gott, der ewig Allmächtige, Heilige und Allweiseste bist und ich eigentlich nichts als bloß nur so ein allerkleinstes Gedankenfünkchen aus Dir bin – da kommt mir so eine ungeheure Ehrfurcht vor Dir von Deinen heiligsten Augen entgegen, dass ich in was für eine tiefste Tiefe vor Dir versinken könnte.
RB|2|159|9|0|Du siehst zwar wohl so sanftmütig aus, als wie ein allerfrömmstes Lämmchen und so herzensgut wie eine Großmutter, so ihr ihre liebsten Enkerl die Hände abküssen. Aber große Stürme, Blitz, Hagel und Donner und eine Menge erschreckliche Dinge mehr kommen denn doch wohl auch so manchmal aus Deinen allerholdseligsten Augen über die ganze Welt, zum alle Menschen erschreckendsten Vorschein. Und siehst Du dem Außen nach auch gar nicht kräftiger aus als etwa unsereins, aber die hübsch passabel großen und sehr vielen Weltkugerln, besonders die lichten (Sonnen), mit denen Du noch viel leichter sozusagen spielst als ein geschaffener Mensch mit Erbsen – sagen mir so ganz heimlich: Der Allmächtige sieht wohl aus wie ein Mensch; aber Er ist dennoch ganz was anderes als ein Mensch, und Spaß versteht Er schon gar keinen. Er ist wohl unendlich gut denen, die Er liebt; aber mit jenen, die sich Seine Ordnung nicht wollen gefallen lassen, diskuriert [diskutiert] Er ganz anders.
RB|2|159|10|0|Und solche Gedanken mehr dringen sich ganz ungebeten meinem Herzen auf, und ich kann dann freilich nicht dafür, dass sich meines Wesens stets eine größere Ehrfurcht vor Dir bemächtigt! Ja, ich möchte es sogar behaupten, dass Du Selbst als Gott nicht einmal so recht geschöpflich begreifen und wahrnehmen kannst, was ein schwaches Geschöpf fühlen muss, so es sich vor Dir befindet. Dir ist es sicher ein wahrer Spaß, vor Trillionen Deiner Geschöpfe zu stehen und sie ganz frei nach Deiner göttlichen Lust zu lieben. Aber wir Geschöpfe können das nur mit einem geheimen Ehrfurchtsschauder.
RB|2|159|11|0|Wenn ich mir's getraute, wie ich's möchte, da könnte ich Dich freilich, wie man so zu sagen pflegt, rein zu Tode lieben und mich in Dich so ganz ordentlich hineinverbeißen. Aber ja, da ist ein ungeheures Aber dazwischen!“
RB|2|159|12|0|Rede Ich: „Aber schau, schau, was du nun für ein grundgescheites Wesen bist! Ich werde bei dir schon noch müssen Unterricht nehmen! Aber schau, schau, du furchtsames Lapperl, wenn Ich nicht fühlen könnte, was du als ein Geschöpf zu fühlen vermagst, so du vor Mir, deinem Schöpfer, stehst – von wem andern könnte dir denn überhaupt ein Gefühl eingepflanzt sein? Schau! Ich habe dich ja ganz und nicht halb erschaffen! Aber Helenerl, jetzt hast du wohl einmal wieder einige Überbleibsel aus deiner Wiener Weisheit hervorgeholt!
RB|2|159|13|0|Schau du, Mein allerliebstes Helenerl, auf der Welt hast du öfter gesagt: ‚Nur keinen schwachen Mann! Wenn der Mann nicht auf einen Streich einen Ochsen niedermacht, so möcht ich ihn gar nicht zu einem Mann.‘ – Aber nun hier im Geisterreich möchtest du etwa gar einen fliegenschwachen Herrgott haben. Schau, schau, zu was wäre denn so ein schwacher Herrgott gut? Der Herrgott muss ja allmächtig sein und über alles weise, sonst müsste Er ja samt dir zugrunde gehen. Nun, was meinst du denn jetzt, bin Ich noch so fürchterlich oder vielleicht etwa doch nicht?“
RB|2|159|14|0|Hier fängt die Helena wieder an zu schmunzeln und sagt nach einer etwas schämigen Weile: „Na, aber Du liebster himmlischer Vater, kannst aber einem schon so zureden, dass man am Ende richtig alle übertriebene Furcht vor dir verlieren muss. Aber jetzt sollst Du von mir aber auch geliebt werden ohne Maß und Ziel.“
RB|2|159|15|1|(Am 18. Jan. 1850)
RB|2|159|15|0|Sage Ich: „Nun so komm her an Meine Brust, und mache deinem Herzen Luft!“ – Die Helena besinnt sich gar nicht mehr und fällt mir an die Brust und bedeckt diese mit einer großen Masse von Freudentränen, Liebeseufzern und Küssen.
RB|2|160|1|1|Pater Cyprian nimmt Ärgernis an Helenas Liebessturm. Über dem Herrn nahe oder ferne sein. Gewaltige Donnerworte gegen Priesteranmaßung.
RB|2|160|1|0|Als sie (Helena) eine gute Weile so an Meiner Brust in ihrer Liebe höchstem Enthusiasmus schwelgt, so kommt der Pater Cyprian etwas näher hinzu und sagt: „No, no, ich glaube, die will Dich schon ganz allein besitzen! Was wird denn hernach auf uns überkommen? Diese Robertus-Gemahlin scheint Dich, o Herr, nicht nur über alles zu lieben, sondern sie ist in Dich ganz eisen- und nagelfest verliebt, und das scheint mir denn doch ein bisschen zu viel zu sein. Siehe, die allerseligste Jungfrau und noch eine Menge hier anwesende seligste Jungfrauen und andere Frauen lieben Dich sicher auch über alles, aber solche Spanbonaden [Sperenzchen] machen sie denn doch nicht. Du bist zwar der Herr, und ich werde Dir ewig nichts vorschreiben; aber etwas sonderbar kommt mir diese Geschichte doch vor! Denn die verbeißt sich ja förmlich in Dich. Nein, so ein verliebtes Ding habe ich aber doch in meinem ganzen Natur- und Geistesleben nicht gesehen. Sie gibt noch nicht nach.“
RB|2|160|2|0|Rede Ich: „Gelt – das nimmt dich wunder! Und es wandelt dich auch zugleich so ein kleiner Ärger an! Aber Ich sage dir: Es ist nicht gut dem, der an Mir ein Ärgernis nimmt! Und wieder sage Ich dir: Wer Mich nicht liebt wie diese Helena, wahrlich, der wird an Meinem Reich einen ganz geringen Anteil haben!
RB|2|160|3|0|Liebtest du Mich auch wie diese, so würde dich ihre Liebe nicht ärgern und dir nicht übertrieben vorkommen. Aber da du an der wahren Liebe viel ärmer bist denn diese da, so ist dir ihr großer Reichtum ein Dörnchen in deinen Augen, und dich geniert darum ihre große Liebe. Aber was dabei Mich Selbst betrifft, so sage Ich dir, dass Mich ihre große Liebe nicht im Geringsten geniert. Aber deine Bemerkungen haben Mich wahrlich ein wenig zu genieren angefangen.
RB|2|160|4|0|Dass da die Mutter Maria und noch eine Menge anderer Weiber ihre innere inbrünstige Liebe zu Mir nun hier im Paradies nicht auf eine also offenbar auffallende Weise äußern, liegt der Grund darinnen, weil sie als schon lange rein himmlische Wesen dieselbe Liebe innerlich in sich bergen, die diese Helena nun äußerlich erscheinlich kundtut. Nun weißt du genug und trete ein wenig in den Hintergrund, da sonst diese ihrem Herzen nicht den Mir erwünschtesten freien Lauf lassen könnte.“
RB|2|160|5|0|Spricht der Franziskaner noch ein wenig verweilend: „Herr, so aber mein Herz zu Dir in aller Liebe auch so heftig sich entzünden möchte, als wie das dieser Helena nun, werde ich da auch noch im Hintergrund zu verbleiben haben oder verweilen müssen?“
RB|2|160|6|0|Rede Ich: „Die wahre Liebe ist hier der allein gültige Maßstab, nach dem es bemessen wird, wie nahe sich jemand bei Mir befinden kann. Hast du eine rechte, von allem Eigennutz freie Liebe, da bist du Mir auch am nächsten. Je mehr Fünklein aber aus deinem Herzen emporsprühen, die da zucken nach Eigennutz, desto weiter kommst du dann von Mir zu stehen!
RB|2|160|7|0|Siehe, die römischen Bischöfe halten nun Sitzungen auf der Erde über ihre kirchlichen Dinge, als da sind Geld, Ansehen, Konzessionen über noch weitere und fernere Verfinsterungen der Menschen. Dazu treibt sie der Eigennutz, und sie sind daher ungeheuer ferne von Mir, und ihre Sitzungen werden fruchtlos und ihr Rat unnütz sein und bleiben. Und das darum, weil sie sich ein Vorrecht bei Mir anmaßen, und Ich sage dir: Diese sind die allerletzten.
RB|2|160|8|0|Wer da vorgibt, dass er Mich liebe, ist aber dabei um Meine Liebe, über die Ich alleine Herr bin, andern neidig, der ist Mein Freund nicht und Meiner Liebe nimmer wert! Und wer da sagt: ‚Nur durch diese oder jene bußfertige Weise kannst du dich der Liebe Gottes und durch sie des ewigen Lebens versichern‘ – der ist ein Lügner und gehört zu seinesgleichen in die Hölle. Denn Ich bin ein Herr und liebe, wen Ich will, und bin gnädig, wem Ich will, und mache selig, wen Ich will, und binde Mich nie an eine gewisse, von herrsch-, ehr- und selbstsüchtigen gemästeten Propheten erfundene und die schwache Menschheit in schwersten Ketten aller Knechtschaft haltende Art und Weise. Wehe allen solchen, die Meine Liebe an die Menschheit auszuspenden – als dazu angeblich allein das Recht habend – sich erfrecht haben! Ihr Recht soll ihnen bald ganz enorm verkürzt werden! Und sie werden es ehestens mit allen Laternen suchen und doch keines mehr finden.
RB|2|160|9|0|Und siehe, du Mein Freund Cyprian, gleich wie die römischen Bischöfe nun auf der Erde ihre löblichen Sitzungen und Beratungen halten, durch die sie nichts als bloß nur ihre alte Herrlichkeit, Macht und ihren Glanz reserviert haben, während ihnen um das wahre Heil Meiner Völker noch bei Weitem weniger gelegen ist als dir um den Schnee, der tausend Jahre vor Adam der Erde gemäßigten Zonen ein weißes Kleid lieh – ebenso ist in dir auch noch etwas echt Römisch-Katholisches, das dieser Meiner lieben Tochter Meine Liebe beneidet und dein Herz deshalb mit einem geheimen Ärger erfüllt. Und darum sagte Ich auch zu dir, dass du darob in den Hintergrund zurücktreten sollst, weil dein Neid und dein Ärger diese Meine liebe Tochter in ihrer Liebe zu Mir beirrt. Aber gebieten will Ich es dir darum dennoch nicht, weil du vor Mir auch schon einige Proben von einer etwas geläuterten Liebe abgelegt hast. Kannst du bleiben, so bleibe! Gestattet dir aber dein geheimer Neid und Ärger das Bleiben nicht, da gehe!“
RB|2|160|10|0|Der Franziskaner macht dabei ein ganz trübes Gesicht und sagt so mehr bei sich: „Nein, so streng hatte ich mir Ihn nimmer vorgestellt! Du mein Gott und mein Herr, was wird denn aus mir, so Er mir die Türe weist? Ja, ja, Er hat ewig recht, an uns römisch-katholischen Pfaffen ist kein gutes Haar vorhanden. Aber was wird aus uns, was mit uns, so Er uns gehen heißt? In den Hintergrund soll ich zurücktreten – wo ist dieser? Was hat vor Gott dies ominöse Wort zu bedeuten? Aber ich kann ja auch bleiben, sagte Er auch. Bin ich aber auch geeignet, zu bleiben? Bin ich frei vom Neid und Ärger? Nein, leider nein, ich bin noch stark ein Pfaffe! Aber es soll, es muss anders werden! Ja, ja, der Herr sagte mir auch früher einmal, dass die Menschen ihrer Seele und ihrem Leib nach aus dem gefallenen und gerichteten Satan sind, und das entsprechend aus einem oder dem anderen Teil des Fürsten der Lüge. Ich werde sicher aus dessen Hörnern sein, weil in meinem Herzen sich stets von Neuem nichts als lauter abstoßendes Zeug beurkundet. Und noch andere Dinge werden aus seinem bösesten Herzen selbst sein, weil sie aus nichts als Neid, Geiz, Herrschsucht, Hochmut und aus noch einer Menge dergleichen Teufeleien zu bestehen scheinen. O Herr, treibe auch bei mir den Satan aus!“
RB|2|160|11|0|Sage Ich: „Nun kannst du schon wieder hier beim Ludwig und seinem Freund verbleiben! Bespreche dich aber unterdessen mit deinem Kollegen Thomas und seinem Freund Dismas – die werden dir das Teufelsrestchen schon austreiben!“
RB|2|160|12|0|Der Cyprian tut nun das viel heiteren Angesichtes. Ich aber berufe den Robert zu Mir.
RB|2|161|1|1|Wunderbare Verwandlung der Seelengrüfte. Ein Engel bringt ein Sternenkleid für Robert. Robert empfängt seinen himmlischen Namen. Der Engel Sahariel als Führer.
RB|2|161|1|0|Als der Robert schnell von übergroßer Liebe bemeistert zu Mir kommt und eine beinahe davidisch ausgelassene Freude darüber hat, dass seine Helena vor Mir so viel Gnade gefunden hat, da verschwinden auf einmal alle die Grabmäler, und an ihrer statt steigen mächtige Lichter empor, gleich aufgehenden Sonnen. Und diese erheben sich in einer allerlieblichsten Ordnung, aufwärts und aufwärts schwebend, bis sie wie am hohen Himmelsgewölbe als starkleuchtende Sterne allererster Größe in den herrlichsten Gruppen Ruhe nehmen.
RB|2|161|2|0|Nach einer Weile voll Staunens aller Anwesenden kommt aus der Höhe herabschwebenden Fluges ein sehr leuchtender Geist und bleibt auf derselben Stelle stehen, wo ehedem die bekannte Pyramide stand, ein himmelblaues, mit vielen leuchtenden Sternen besetztes Faltenkleid in seiner Rechten haltend.
RB|2|161|3|0|Alle die neuen Ankömmlinge überrascht diese Geschichte so, dass sie sich vor lauter Ehrfurcht kaum zu atmen getrauen. Der Robert selbst, der sich erst vor wenig Augenblicken vor lauter Heiterkeit kaum zu helfen wusste, steht nun ganz perplex, wie man sagt, vor Mir und getraut sich kaum, die Zunge zu rühren, geschweige erst, um etwas über diese Erscheinung zu fragen. Nur die Helena, zwar auch voll Staunens, fasst den Mut und fragt Mich, was denn dies um Meinetwillen doch zu bedeuten hätte?
RB|2|161|4|0|Und Ich sage darauf: „Siehe, Meine Tochter, dies alles kommt aus dem Fleisch deines Roberts. Und siehe, der Engel dort hat daraus ein Gewand zusammengefasst und hat es auf Mein Geheiß nun dem Robert wie aus den Himmeln überbracht. Zur Erreichung dieses Hauptzwecks hast aber du nun auch sehr viel beigetragen. Denn die große Liebemacht deines Herzens half sehr, das Fleisch auflösen und reinigen. Und daher gehe du denn nun auch zu dem Engel hin und führe ihn hierher, auf dass er vor Meinen Augen das Himmelsgewand dem Robert überreiche und anziehe. Denn das ist schon ein wahres Kleid zum ewigen Leben.“
RB|2|161|5|0|Die Helena, ganz entzückt über diese Erscheinung und noch mehr über Meinen erläuternden Antrag, eilt schnell zum leuchtenden Engel hin und bittet ihn, mit ihr zu Mir hin sich begeben zu wollen. Und der Engel zieht auch sogleich mit ihr zu Mir hin. Als er bei Mir anlangt, macht er eine ehrerbietigst tiefe Verbeugung und überreicht das Kleid freundlichsten Angesichtes dem beinahe vor Liebe und Ehrfurcht zerfließenden Robert, der sich aber auch in dem Augenblick schon angekleidet erschaut, als ihm der Engel das Kleid überreicht.
RB|2|161|6|0|Als Robert nun also mit dem Kleid der Unsterblichkeit angetan vor Mir steht, frage Ich ihn, sagend: „Nun, Freund und Bruder Robert-Uraniel, wie gefällt dir dieses Gewand? Und wie kommt dir überhaupt diese Verwandlung vor?“ – Spricht Robert-Uraniel: „Herr, Du alleiniger, der höchsten und reinsten Liebe vollster heiliger Vater! Ich habe es dann und wann schon auf der Erde, freilich nur ganz dumpf, empfunden, dass es im Verlauf des reineren Lebens manchmal Augenblicke gibt, die des Menschen Zunge verstummen machen; ja selbst die Gedanken stehen stille und können sich bei so manchen wunderbaren Begebnissen nicht um ein Haar breit weiter bewegen; und wollte man darüber auch etwas sagen, so findet man keine Worte. So es aber schon auf der gerichteten Erde solche Momente gibt, deren Außerordentlichkeit einem armen Sünder das Maul stopfen muss – um wie viel mehr muss das hier im Geisterreich, wo sozusagen ein außerordentliches Wunder das andere verdrängt, der Fall sein. Daher wirst du, o Herr, nun mir wohl vergeben, dass ich hier vor zu großer Freude und Liebe zu Dir nahe ganz sprachunfähig bin. Diese zu heilig erhabenste Sache ist zu plötzlich gekommen, als dass ich darüber mich sogleich fassen könnte. Aber so Du, o heiligster Vater, mir eine kleine Weile zur nötigen Fassung gönnen wolltest, so werde ich dann über alles das doch etwa ein nüchterneres Wörtchen zuwege bringen.“
RB|2|161|7|0|Rede Ich: „Nun gut, so gehe du mit diesem Engel! Er wird dir nun dieses ganze Museum als wirklich wahrhaftiges Museum zeigen! Am Ende aber komme wieder hierher und sage es allen, was alles du in diesem großen Museum gesehen und gehört haben wirst. Auf dass du aber desto eher mit der Mühe fertig wirst, so sollst du an der Seite dieses Meines Engels mit einer wahrhaft geistigen Bewegung wandeln. Diese Bewegung aber ist jene Schnelle, von der du auf der Welt schon oft gesprochen hast, und nanntest sie des Gedanken Flug.“ – (Mich an den Engel wendend:) „Sahariel, siehe an deinen Bruder Uraniel! Führe ihn durch diese Wunder seiner Seele und zeige ihm auch seine erste Erde, von der auch du ausgegangen bist! Es sei und es geschehe!“
RB|2|161|8|1|(Am 21. Jan. 1850)
RB|2|161|8|0|Und der Sahariel spricht zum Robert-Uraniel: „Komme Bruder und schaue und lerne und bewundere des Vaters endloseste Weisheit!“ – Und sogleich erheben sich beide und verschwinden im Augenblick vor den Augen aller, die hier als mit Robert-Uraniel Neuangekommene anwesend sind.
RB|2|162|1|1|Helena im Zwiegespräch mit dem Herrn. Frage: Wer kommt in die Hölle?
RB|2|162|1|0|Es sieht sich aber auch die Helena nach dem Robert-Uraniel um, und da sie ihn nirgends ersieht, so fragt sie Mich gar überaus sanft, wohin nun der Robert mag entschwunden sein samt dem Engel, der ihm das Sternengewand aus dem Himmel gebracht hat.
RB|2|162|2|0|Ich aber frage noch sanfter die Helena, ob es ihr bange sei um den Robert-Uraniel. – Und sie erwidert: „O Du heiligster, süßester Vater! Wie könnte mir das sein an Deiner von der heiligsten, höchsten und reinsten Liebe erfüllten Brust? Wohin könnte Robert auch gelangen, dass er Deinen Augen unsichtbar würde? Wer aber im Licht Deiner Augen wandelt, der verirrt sich sicher ewig nimmer und kommt wieder, begleitet von einer heiligen Freudenträne aus Deinem Vaterauge und begrüßt von seiner an Deinem Herzen ruhenden Liebe! Oh, er wird nun sehr viele und sehr große Wunder Deiner Allmacht, Weisheit und Güte schauen. Und so er wiederkehren wird, was wird er uns, die wir in Deinem endlosen Geisterreich noch ganz und gar nicht bewandert sind, alles für Herrlichkeiten zu erzählen wissen! O das wird recht herrlich sein!“
RB|2|162|3|0|Rede Ich: „Ja, ja, so wird es auch sein! Aber was meinst du denn, könnte Ich dir unterdessen etwa nicht auch so einige sehr merkwürdige Wunderdinge erzählen, die vielleicht noch seltsamer wären als jene, die du nun traulich vom Robert-Uraniel erwartest? Was meinst du da?“
RB|2|162|4|0|Spricht die Helena: „O liebster, heiligster Vater, das könntest Du freilich unendlichmal besser als alle zahllosen Engel aller Deiner Himmel! Aber darum Dich zu bitten, würde ich wohl ewig mir nicht getrauen. Denn du bist da zu endlos groß, mächtig und heilig! Und so Du mir etwas erzählen würdest aus Deiner höchsteigenen Gottesgeschichte, so würden wohl etwa Trillionen von Erdjahren erforderlich sein, bis ich etwa nur ein Wort aus Deinem Mund so recht in der Tiefe fassen könnte – obschon ich sehr neugierig wäre, von Dir, dem Schöpfer aller Dinge, über so manches etwas zu vernehmen.
RB|2|162|5|0|Von für mein Herz besonders hohem Interesse wäre es, von Dir zu erfahren, worin etwa doch das bestanden haben mochte, was Du, o Herr, mit Deinen lieben Aposteln nach Deiner heiligsten Auferstehung magst gesprochen haben, dass darüber der Evangelist Johannes sagte (Joh. 21,25): Du habest aber noch vieles mit ihnen geredet, was er nicht aufgezeichnet habe; denn hätte er es auch aufgeschrieben in viele Bücher, so würde sie die Welt doch nimmer fassen und begreifen mögen! Ich habe auf der Erde einst von einer lutherischen Freundin das Neue Testament zum Lesen bekommen und muss es hier zu meiner Schande gestehen, dass mir nichts so sehr meine Neugierde unbefriedigt gelassen hat, als eben diese nun erwähnte Schlussbemerkung des Apostels Johannes. Ja, so Du, o heiligster Vater, mir darüber irgendeine Erleuchtung möchtest zukommen lassen! O da musst Du ja ganz entsetzlich wunderbare Sachen Deinen lieben Aposteln kundgetan haben.“
RB|2|162|6|0|Rede Ich: „Ja freilich wohl, Du Meine liebste Helena! Aber dieselben Sachen und Geschichten waren dir so großartig und tief, dass du sie auch in der Geisterwelt unmöglich fassen und begreifen könntest! Aber es wird schon noch in der Kürze eine Weile kommen, wo du das alles sehen und verstehen wirst. Denn in Meiner großen Himmelsbibliothek sind derlei Dinge allergetreust und bestens aufbewahrt. Wenn du einmal zu dieser Meiner großen Bibliothek gelangen wirst, da wirst du ein vollkommenstes Evangelium zu lesen bekommen! Daher verlange du von Mir nun nur irgendeine andere Geschichte!“
RB|2|162|7|0|Spricht die Helena: „O Du süßester Vater, so erzähle mir etwas von dem Fall des Luzifer! Denn das ist auch so etwas, das mir auf der Welt stets dunkel geblieben ist.“ – Rede Ich: „Meine Allerliebste, auch das wäre etwas zu früh noch für dein Herz! Denn diese Geschichte würde dich zu sehr angreifen. Darum wähle dir lieber etwas anderes!“
RB|2|162|8|0|Spricht die Helena: „O heiligster, liebster Vater! So sage mir denn, da Du mich schon aus Deiner höchsten Liebe aufgefordert hast, Dich um etwas anderes zu fragen, was es denn da mit der Hölle, von der auf der Erde von den Geistlichen bei Weitem mehr als von den Himmeln gepredigt wird, für eine Bewandtnis hat, und wer so ganz eigentlich in die Hölle kommt? Oder gibt es eine Hölle, oder gibt es keine? Denn sieh, Du liebster und heiligster Vater und Herr und Gott Jesus! Ich war auf der Welt doch gewiss schlecht genug, ein schlawutzigs Wiener Früchtl, wie man nur eines suchen kann. Zehntausend Liguorianer, so sie mich gekannt hätten, samt dem Papst und samt allen anderen Geistlichen hätten mich ohne alle Gnade und Barmherzigkeit in die Hölle festweg verdammt. Ich muss es wahrlich jetzt noch zu meiner großen Schande eingestehen, dass ich sie deshalb gar nicht einmal eines Unrechtes in meinem Herzen hätte beschuldigen können. Und trotz aller meiner Schlechtigkeit bin ich nun dennoch seligst hier bei Dir, mein Gott und mein Herr! Und so dürften noch so manche hier in Deiner heiligsten Gesellschaft sich des ewigen, seligsten Lebens freuen, von denen auf der Erde so mancher Erzpapist sagen würde: ‚Nein, das ist denn doch zu arg! Diese Kerls sind denn doch schon sogar für die Hölle zu schlecht!‘ – Und siehe, sie sind hier in Deinem Heiligtum, freuen sich ihres Daseins und loben in ihrem Herzen nun, zarten Lämmern gleich, Deine unendliche Güte, Weisheit, Macht und Stärke! Wie schlecht müssen sonach jene sein, die da in die Hölle kommen, so es überhaupt eine gibt!“
RB|2|162|9|0|Rede Ich: „Meine allerliebste Helena! Siehe, diese deine Frage ist nicht ganz ohne Interesse, und die Beantwortung wird nicht ohne Nutzen sein. Aber anstatt dir darüber ein Langes und Breites zu erzählen, werde Ich dir so ein höllisches Individuum vorführen lassen, das nun gerade auf dem Sprung ist, in die Hölle zu kommen, und auch sicher und zwar in die unterste Hölle kommen wird. An diesem argen Wesen wirst du am allereinleuchtendsten ersehen, wer so ganz eigentlich in die Hölle kommt. Denn es gibt eine Hölle, die in drei Grade geschieden ist, und da ist der unterste der allerschlimmste. Und du wirst Mich dann loben, so du ersehen wirst, wer, wie und warum – in die Hölle kommt. Fürchte dich aber nicht; denn der Arge wird sogleich da sein.“
RB|2|163|1|1|Auftrag an Petrus und Paulus, den Raubmörder Kado vorzuführen. Des Petrus vergebliche Liebesmühe um Gewinnung des frechen Geistes.
RB|2|163|1|1|(Am 27. Jan. 1850)
RB|2|163|1|0|Ich berufe darauf Petrus und Paulus zu Mir und sage zu ihnen: „Ihr beiden geht hin und bringt Mir den Kado, der vor zehn Erdtagen in diese Welt kam, hierher! Es ist fürs Erste sein Wunsch und fürs Zweite, damit diesen neuen Brüdern auch der leiseste Schimmer von der Meinung benommen werde, als stecke da hinter Mir trotz aller Meiner Liebe etwas Despotisch-Tyrannisches. Also geht hin und bringt ihn!“
RB|2|163|2|0|Die beiden verschwinden nun urplötzlich und sind aber in diesem Moment schon auch bei dem berüchtigten Kado. Als sie sich also, wie aus den Wolken gefallen, plötzlich bei ihm befinden, so prallt er förmlich zurück und schreit: „Alle Teufel! Was sind denn das für zwei Bestien mit Menschenlarven? Wahrscheinlich so ein paar lumpige arme Schlucker schon wieder! O du verfluchtes Bestienvolk, das wird mich noch an den Bettelstab bringen!“
RB|2|163|3|0|Spricht Paulus: „Freund, wir kommen nicht, um von dir irgendein Almosen zu erbetteln oder irgendein Geld zur Leihe zu nehmen. Denn dergleichen bedürfen wir nicht, da uns ohnehin alle Schätze der Himmel und der Erde zu Gebote stehen. Aber etwas anderes haben wir mit dir vor, was dir viel heilsamer wäre denn alle Schätze der Erde. Und das besteht darin, dich, so noch möglich, vor dem ewigen Tod in der Hölle zu retten. Denn du warst auf der Erde ein vollendeter Teufel in Menschengestalt und sonach ein schon ganz höllisches Wesen und stehst nun in der Geisterwelt auf dem Sprung zur untersten Hölle und [bist] eigentlich deinem Innern nach schon lange in ihr. So du es aber nun noch willst, so haben wir die Macht und das Vermögen, dich davon zu retten. Aber du musst uns folgen und alles das willigst tun, was zu tun wir dir anraten werden.“
RB|2|163|4|0|Spricht Kado: „Was – was – was – faselt ihr zwei Hauptspitzbuben da?! Bin ich denn je gestorben? Bin ich nicht mehr auf der Erde etwa im Besitz aller meiner Güter, meines Goldes und Silbers? O ihr feinen schwarzen Jesuitenkanaillen! Auf welch eine feine Art ihr mir einige Goldstücke herauslocken möchtet für einen Himmel, den es nirgends gibt, und mich erretten von einer Hölle, die nichts als eine Erfindung hungriger und arbeitsscheuer Pfaffen ist. Seht, dass ihr weiterkommt, sonst rufe ich alle meine Hausteufel zusammen und lasse euch mit meinen bösesten Hunden hinaushetzen. Da schaue man einmal solche Lumpen an! Von der Hölle retten und den Himmel verschaffen könnten sie einem – ums Geld! Schaut, dass ihr weiterkommt, sonst werde ich euch sogleich Himmel und Hölle austreiben!“
RB|2|163|5|0|Spricht Paulus: „Freund, solche Rede aus deinem Mund ficht uns nicht an! Und, wie du es leicht merken kannst, wir haben keine Furcht vor dir! Aber das sei dir gesagt, so du uns nicht gutwillig folgst, da wirst du unsere Gewalt zum Verkosten bekommen! Denn für das ist schon gesorgt, dass dir auf dein Rufen keine Teufel zu Hilfe kommen und deine bösen Hunde uns nicht beißen werden. Wir wissen es übrigens sehr wohl, wie du auf der Erde zu deinem großen Reichtum gekommen bist. Da waren wohl eine schwere Menge hungriger Teufel in deinen Diensten, und ein Heer großer reißender Hunde umlagerten dein Schloss, fiel Reisende an, hielt sie fest, bis deine Hausteufel kamen und sie um ein bedeutendes Lösegeld von den Bestien befreiten. Wohl bist du öfter geklagt worden; aber die Kläger richteten nichts aus, weil die Richter in deinem Sold standen! O wir könnten dir von deinen Räubereien vieles erzählen, so hier der Ort dazu wäre. Aber am rechten Ort wirst du deine unmenschlichsten Gräueltaten alle vor dir erschauen, und es wird sich da zeigen, ob du vor ihnen einen Abscheu und eine wahre Reue bekommen wirst. Wirst du das, so bist du noch zu retten. Wirst du aber das nicht, so ist die unterste Hölle dein Anteil! Und nun komme mit uns gutwillig, sonst werden wir Gewalt brauchen!“
RB|2|163|6|0|Schreit Kado: „Ihr Hunde! Ihr wollt mir Gewalt antun!? Alle Teufel herbei! Wir wollen sehen, wie weit ihr mit eurer Gewalt ausreichen werdet!“ Er harrt eine Weile unter grässlichem Zähneknirschen auf seine Hausteufel. Aber es kommt niemand und kein Gebell irgendeines Hundes lässt sich von irgendwoher vernehmen. Auch sein Schloss, das er bisher noch immer, wie auf der Welt, als sein vermeintliches Eigentum vor sich sah, samt den Gärten und Äckern, Wiesen und Waldungen, fängt an, sich ganz neblig zu gestalten und zu verrinnen gleich einer Eisrosette auf einer Glasscheibe, so sie von einer erwärmten Luft bestrichen wird.
RB|2|163|7|0|Als er solches nur zu ersichtlich zu merken beginnt, da schreit er auf: „Verrat, Verrat! Ihr elenden Hunde, ihr habt mir etwas angetan! Fort mit euch! Weicht von mir, ihr Hunde! Bei allen Teufeln, ich will euch nicht folgen! Ihr seid ein paar Zauberer, ihr habt meine Sinne verhext, meinen Augen habt ihr Gift eingestreut! Hinweg, hinweg von mir, ihr Höllenhunde!“
RB|2|163|8|0|Bei diesen letzten Ausrufen aber befindet sich Kado schon vor Mir und der Helena wie auch vor allen den anderen Gästen, ohne aber außer Petrus und Paulus uns zu sehen. Die Helena erschrickt vor ihm, indem er vor Zorn förmlich glüht und dampft. Aber Ich stärke sie, dass sie ihn ruhiger betrachten und behorchen kann. Ich aber gebe nun Peter den Wink, mit dem Kado einen Bekehrungsversuch zu machen und ihn auf Augenblicke paradiesische Parthien schauen zu lassen.
RB|2|163|9|0|Petrus beginnt sogleich äußerst weise gar sanfte Worte an den Kado zu richten und sagt: „Freund Kado, sei vernünftig! Sieh, die Erfahrung aller Zeiten muss dich ja belehrt haben, dass auf der Erde alle Güter eitel und nur zu sicher und zu bald vergänglich sind, und dass am Ende der Reichste wie der Ärmste das ganz gleiche Los des Sterbens miteinander vollends ungeschmälert teilen. Alles Fleisch muss sterben, wie alle Materie vergehen; nur der inwendige Geist bleibt unverwüstbar. Sieh, du bist gestorben dem Leib nach, und lebst nun nur in deiner mit Geist erfüllten Seele unverwüstbar fort. Hänge daher nicht mehr an dem, was für dich wie für jeden, der das Zeitliche verlassen musste, für ewig vergangen ist. Bekenne aber deine großen Weltschulden vor uns, und wir wollen für dich Zahler sein und dich dann aufnehmen in unsere bessere, wahre und für ewig beständige Welt, in der es dir ewig nimmer an was immer gebrechen soll. Da sehe hin gen Morgen! Alle jene herrlichen Ländereien und Paläste sind unser, und du sollst sie haben! Aber deine Schulden musst du uns bekennen, auf dass wir sie auf uns nehmen können!“
RB|2|163|10|1|(Am 30. Jan. 1850)
RB|2|163|10|0|Kado sieht flüchtig gen Morgen hin und beschaut die herrlichen Ländereien. Nach einer Weile sagt er ganz höhnisch: „Wisset, Mäuse und Ratten fängt man am leichtesten vermittelst eines Köders, und so manche Narren zahlen ein doppeltes Entree [Eintrittsgeld] ins Theater, so ihnen ein Döbler [bekannter Zauberkünstler] Nebelbilder zeigt. Aber so ein dummer Hecht bin ich nicht, dass ich sogleich in die Angel bisse, so an deren Spitze statt einer Goldmücke ein Pfifferling steckt. Glaubst du, dummer Tagdieb, ich werde deinem Blendwerk irgendeinen Beifall zollen? O da bist du in großer Irre! Ich weiß es, was und wer du bist, und kenne auch mich sicher sehr genau. So ich nun außer dem Leib bin, da bin ich umso freier und werde tun, was mich freut. Aber ein dummer Jude wird mir nie ein Wegweiser sein! Verstehst du dieses? Dümmster Esel! So du schon solch eine Macht besitzt, mittelst welcher etwa gar alle Berge der Erde vor dir sich verneigen müssen, was hast du denn nach meinen Schulden auf der Erde zu fragen? Bist du so allmächtig und allweise, so wirst du ja doch auch irgend von woher schon lange erfahren haben, worin sie bestehen! Sehe sie an und berichtige sie dann auch, wenn du schon so eine Lust zum Schuldenzahlen für andere hast. Was gehen dich aber überhaupt meine Verbrechen an? Habe ich dich denn um deine je gefragt? Schaut dass ihr bald weiterkommt, sonst werdet ihr an mir den rechten Teufel finden! Habe ich euch etwa angerufen gleich irgendeiner alten Betsau? Nein, das tut ein Kado, der Schrecken der Wüste Armeniens, nimmer! Denn Kado ist mehr, als was ihr dummen Schöpse euch von eurem Gott Abrahams, Jakobs und Isaaks eingebildet habt. Kado ist ein Herr, und die Erde bebt vor seinem Namen! Aber euer Jehova ist ein Bettler und ein Hauptpfuscher in allen Dingen. Glaubst du, ein Kado kennt etwa den Jehova nicht und seine ans Kreuz gehängte Jesuspfuscherei? O ein Kado kennt alles, sogar seine ganze Lehre kennt er besser als du, der du sein Fels hättest sein sollen für alle Zeiten. Aber der Fels ist anstatt aus der festen Steinmasse aus der Schafbutter angefertigt worden und daher auch zerronnen; und somit ist von diesem Felsen auch nichts anderes übrig geblieben bis auf diese Zeiten, als dessen nichtssagender Name und eine Menge hölzerner Statuen, Bilder und falscher Reliquien! Du bist der Peter und dein Begleiter ist der etwas gescheitere Paul, Saul oder Faul; der letzte Name dürfte der ganz richtige sein. Sagt mir lieber, was es denn da mit eurem Meister, also in dieser Geisterwelt, für eine Bewandtnis hat. Richtet er noch fleißig die Toten und die Lebendigen? Ist er auch so dumm, als wie ihr es da seid?“
RB|2|163|11|0|Spricht Petrus: „Der hat uns eben an dich abgesandt, auf dass wir dich vor dem ewigen Untergang erretten sollen!“ – Spricht Kado: „Warum ist Er denn nicht lieber selbst gekommen? Er hat sich vielleicht bei den jetzt sehr häufig vorkommenden Gerichten verkühlt und hat darauf einen Schnupfen bekommen und wird jetzt nicht ausgehen können? Daher hat Er euch als seine wahrscheinlich ersten Gesellschafter, die sich schon durch ihren warmen Hauch bei seiner Geburt um Ihn verdient gemacht haben, an mich abgesandt, auf dass ihr auch mich erwärmen sollt durch euren starken Atem. Aber der Kado ist kein Schaf, als wie es der zu Bethlehem in einem Schafstall geborene Messias der Juden war, darum ihm dann auch seine Landsleute am Kreuz ihre Ehre bezeugt haben. O ihr dummen Schöpse! Meint ihr denn, dass ein Kado auch so dumm ist und lässt sich bei der Nase herumziehen, als irgendein hungriger Jude? O weit geirrt, meine lieben Schafe Gottes. Der Kado ist ein Löwe und ewig nimmer ein Gottesschaf. Versteht ihr das? So ihr zu eurem Meister kommt, so richtet Ihm einen schönen Gruß aus von mir und sagt Ihm, dass es mir sehr leid tut, dass er auf der Erde kein Kado, sondern ein ganz gemeines Schaf war.“
RB|2|163|12|0|Spricht Petrus: „Freund, auf diesem Weg wirst du nicht weiterkommen! Dieser dein Weg führt zur Hölle und zur ewigen Qual aus dir selbst! Denn du bist verdorben bis in die innerste Faser deines Lebens! Damit du aber weißt, wer nun Jesus der Gekreuzigte ist, war und ewig sein wird, so sage ich es dir als einer Seiner getreusten Zeugen: Er ist Gott, der Einige und Alleinige, der Ewige, ein Herr und Meister, heilig in der ewigen Unendlichkeit! Er allein kann dich erhalten, aber auch fallen lassen für ewig! Sehe noch einmal hin gen Morgen den Himmel offen; sehe aber auch gen Mitternacht der Hölle Rachen weit aufgetan! Wohin willst du ziehen? Kein Gott wird dich richten und kein Engel und wir beide auch nicht; aber dein Wille sei dein Richter!“
RB|2|163|13|0|Spricht Kado: „Also dort der sogenannte Himmel, und da gegen Mitternacht die romantische Hölle? So, so, das ist sehr schön! Was kostet denn dieses von euch hergezauberte Spektakel? Ihr seid ja ein paar Magier non plus ultra. Sagt ihr mir, ist die Hölle alter jüdischer Fasson, oder neu-römisch-katholisch, griechisch, türkisch oder ostindisch? Der Himmel ist persisch.“
RB|2|163|14|0|Spricht Petrus: „Kado, Kado! Du bist ein frecher Geist und treibst einen schnöden Unfug mit der unendlichen Güte und Erbarmung Gottes. Sieh, wir sind dir überaus wohlwollend gut und bereit, dir jeden wahrhaft nach der Ordnung Gottes ersprießlichen Dienst zu leisten, haben dich noch mit keinem nur einigermaßen harten Wort beleidigt, außer dass wir dir zeigten, wie es der Ungerechtigkeit [Urgerechtigkeit] Gottes gegenüber mit dir steht. Und du bist wie ein wütender Tiger gegen uns blutdürstigst entbrannt! Warum denn das, Freund? Sei doch gegen uns in deiner nur zu außerordentlichen Ohnmacht, wie wir im Besitz aller Macht aus Gott gegen dich sind, und wir werden uns leichter verständigen, als dies bisher der Fall war. Glaube es mir, der ich dich durch und durch kenne, dass es mit dir wahrlich äußerst schlecht steht! Nicht etwa von uns aus, sondern von der bösesten Liebe deines Herzens aus! Du kannst dir ewig nimmer helfen, denn zu verdorben ist dein Herz. Aber so du vor uns alle deine Missetaten bekennst und dadurch dein Herz vor uns auftust, so setzt du uns dadurch in den Stand, dass wir dein Herz ausfegen können. Verschließt du es aber stets mehr vor uns, so wird dein arger Unflat im Herzen erstarren, und es wird dann nimmer möglich sein, dich zu erretten vor dem ewigen Tod! Kado, bedenke doch diese heilsamsten und sicher freundlichsten Worte!“
RB|2|163|15|0|Spricht Kado: „Ich bitte euch, erspart euch jede fernere Mühe und ärgert mich nicht vergeblich! Habt ihr es denn nie gehört, dass jene, die schon von Kindheit an gewohnt sind, zu herrschen, nimmer gehorchen können und wollen? Ihr könnt von mir nur im Weg meiner Gnade und Großmut etwas erreichen, aber auf dem Weg eures gut sein sollenden Rates werdet ihr ewig nichts von mir erreichen. Denn ein rechter König darf sich niemals raten lassen, so er für alle Zeiten sein gebieterisches Ansehen behaupten will; er muss allzeit herrschen.“
RB|2|164|1|1|Teuflisches Wesen des Kado, der alle Liebe und Bekehrung von sich weist. Helenas Vorschlag eines geeigneten Gerichtes für arge Seelen. Der Herr über göttliche Züchtigung. Freilassung des Kado in seine höllische Sphäre.
RB|2|164|1|1|(Am 1. Febr. 1850)
RB|2|164|1|0|Spricht darauf abermals Petrus: „Aber du warst doch durch dein ganzes irdisches Leben kein König, wie kannst du da vor uns sagen, dass du schon von der Wiege an zum Herrschen geboren gewesen wärst? Du bist nichts als ein Beduinenhäuptling gewesen, und das nur in den letzten Jahren deines Lebens. Früher warst du ein Schafhirte und danebst ein getreuer Helfershelfer deiner löblichen Vorgänger und bist erst durch die schmähliche Heirat mit der ältesten Beduinenhäuptlingstochter zum Häuptling erhoben worden. Du hast somit auf der Erde gar lange blindlings gehorchen müssen und hast erst in den letzten Jahren deines Lebens, wie ich schon eher bemerkt habe, eine höchst schnöde Art von einer Herrschaft über dein allerlumpigstes Räubergesindel ausgeübt, und über deine echten Bluthunde. Und so meine ich denn, dass dir das Herrschen eben nicht in dem Grad möchte angeboren sein, als wie du es uns ehedem gesagt hast!“
RB|2|164|2|0|Spricht Kado: „Das ist gleich! Was ich nicht will, das will ich durchaus nicht! Und ihr mögt selbst Götter sein, so werdet ihr mich doch so lange nicht auf eine andere Idee bringen, als bis ihr mir ein anderes Herz und einen anderen Willen einhauchen werdet. Glaubt ihr denn, dass ich die Hölle fürchte? Oh, da irrt ihr euch sehr an mir! Einem allmächtigen Gott gehorchen kann ein jeder feige Esel; aber einem allmächtigen Gott den hartnäckigsten Trotz bieten und alle Seine Weisheit zuschanden machen, das kann nur ein starker Geist, der keine Furcht kennt, auch vor einem ewigen Schmerz in der ärgsten Hölle nicht! Werft mich in ein kochendes Erz, und ich werde euch im höchsten Brandschmerz dieselbe Antwort erteilen, die ihr nun hier vernommen habt. Denn groß ist der Geist, der seinen Schöpfer verachten kann, auch unter den größten Schmerzen! Denn welchen Dank soll ich dem Schöpfer auch schuldig sein? Ich bin nur dann gegen jemanden Dankes verpflichtet, so er mir das tat, um was ich ihn ersucht habe. Den Schöpfer aber habe ich sicher nie ersucht, dass Er mich hätte erschaffen sollen. Er hat es eigenmächtig getan. Es ist dann Schande genug für Seine angepriesene höchste Weisheit und Macht, dass Er an mir eine barste Pfuscherei von einer Schöpfung zuwege gebracht hat. Oder vielleicht muss ich wegen der Erhaltung des Ganzen gerade so sein, als wie ich bin. Und ihr werdet daher weder auf die eine und noch auf eine andere Art mit mir was ausrichten. Seht daher, dass ihr weiterkommt!“
RB|2|164|3|0|Hier wird Kado ganz schwarz, und seine Gestalt wird enorm hässlich, sodass sich die Helena recht sehr zu fürchten anfängt. Seine Augen fangen an wie die eines wütenden Hundes glühend zu werden und er macht Miene, die beiden anzufallen. – Aber Petrus sagt zu ihm: „Im Namen Jesus des Gekreuzigten gebiete ich dir, dass du dich vor uns ruhig verhaltest, sonst sollst du alsbald die Schärfe des Gotteszornes zum Verkosten bekommen, als wie bald du es wagtest, nur einen Finger gegen uns emporzuheben.“
RB|2|164|4|0|Kado bebt nun vor Wut und wird in seinem Innersten ganz glühend, äußerlich aber aller Kleidung bar. So steht er hässlichsten Anblickes vor uns, ohne unser jedoch ansichtig werden zu können.
RB|2|164|5|0|Ich frage nun die Helena und sage: „Nun, Meine geliebteste Tochter, was sagst du zu dieser Seele? Findest du, dass von Meiner Seite auch nur im Geringsten etwas unterlassen oder unternommen worden sei, was nicht auf ihre Beseligung beabsichtigt wäre? Du sagst Mir in deinem edelsten Herzen ein gewichtigstes Nein! Und so ist es auch. Es ist bei diesem Geist alles aufgeboten worden, was nur immer als ein Meiner Liebe entsprechendes sanftes Mittel gedacht werden kann. Aber, wie du dich nun selbst überzeugt hast – ohne den geringsten Erfolg. Dieser Geist wurde sozusagen auf den Händen getragen. Starke Engel wurden zu seiner Bewahrung beordert. Aber sein Wille, der frei bleiben muss, war stets mächtiger als Meine Liebefesseln, die Ich ihm durch die mächtigsten Engel anlegen ließ. Er zerriss sie alle und spottete ihrer allzeit grässlich. Es fehlte ihm nicht an der Erkenntnis; er kennt jeden Buchstaben der Schrift und hatte sogar das Vermögen, mit der gesamten Geisterwelt zu korrespondieren. Er kennt Mich und Meine Göttlichkeit und kann doch Meiner spotten. Für ihn ist jeder Herrscherstuhl ein Fluch, so er ihn nicht sein nennen kann, jedes Gesetz ist ein Gräuel für ihn, das nicht er gegeben. Er kennt nur seinen Willen, und der Wille eines andern ist für ihn ein Verbrechen, das er nie zur Genüge rächen könnte! Sage Mir, was kann da Meine Liebe noch ausrichten bei solch einem Wesen?“
RB|2|164|6|0|Spricht die Helena: „Ach du großer, lieber, heiliger Vater! So ein Wesen verdient denn doch eine fernere Gnade nimmer von Dir; wohl aber so lange eine gerechte Züchtigung, bis es nicht mehr sich als etwas zu sein dünken, sondern in aller Demut zum Kreuz kriechen wird.“
RB|2|164|7|0|Rede Ich: „Wäre alles recht, so die Züchtigung als von Mir ausgehend nicht auch schon ein Gericht wäre. Denn so Ich irgend die Menschen ihrer großen Bosheit wegen züchtige, so muss die Züchtigung ja so gestellt sein, dass sie so viel als nur immer möglich als eine natürliche Folge der Böswilligkeit erscheint, gleich als so sich jemand einen Schlag versetzt, der darauf folgende Schmerz als eine notwendige und ganz natürliche Folge sich darstellen muss – obschon eigentlich von Mir ursprünglich die Natur schon so eingerichtet ist, dass der Schlag auf das Fleisch einen Schmerz nach sich ziehen muss, weil er eine Sünde gegen die bestimmte Ruhe des Fleisches ist. Und so muss jede von Mir ausgehende Züchtigung beschaffen sein, wenn durch sie die Freiheit des Geistes und der Seele nicht untergraben werden soll.
RB|2|164|8|0|Also aber darf auch bei diesem argbösen Geist keine andere Züchtigung angewendet werden, als die er sich selbst aus seinem höchsteigenen bösen Willen, aus der Ausgeburt seiner Liebe, geben wird. So er dann aus solch seiner eigenen Schöpfung des Schmerzes satt bekommen und sich gewisserart selbst ersticken wird in seiner Wut, dann erst wird es wieder möglich sein, sich ihm auf einem gelinderen Weg zu nahen. Er kommt somit nach und nach in die unterste und allerärgste Hölle – aber nicht etwa von Mir dahin verdammt, sondern durch sein eigenes Wollen. Denn er erschafft sich diese Hölle selbst aus seiner Liebe. Was aber jemandes Liebe ist, das ist auch sein Leben, und dieses darf ihm ewig nimmer genommen werden.“
RB|2|164|9|0|Spricht die Helena: „Aber Herr, Du allein die wahrste und vollkommenste Liebe und Erbarmung! So er aber dann in solcher seiner allerbösesten Liebe für ewig verharrt und Dir zum Trotz lieber ewig das Ärgste und Grässlichste erleidet, als seinen starrsten Willen zu beugen unter Deinen allersanftesten – was dann mit solch einem Geiste? Wäre denn bei solchen gar argen Geistern nicht ein glimpfliches Gericht in eine vielleicht recht sehr nützliche Anwendung zu bringen? Der Geist würde sich mit der Zeit vielleicht daran gewöhnen und am Ende aus solch einer Gewohnheit eine Tugend machen, wie es zu Zeiten auch schon auf der Welt der Fall war.
RB|2|164|10|0|Zum Beispiel eine Dirne findet Versorgung in einem eingezogenen Haus mit der streng gemessenen Weisung, sich von der Zeit ihrer Aufnahme so zu betragen, als wäre sie einem strengen Kloster einverleibt geworden! Und sieh, o Herr, das ist für eine rechte Nachtwandlerin sicher ein kleines Gericht. Sie überlegt sich die Sache wohl eine Weile. Aber da der Vorteil eines guten, geregelten Lebens doch sehr anspricht, so lässt sie sich gerne das Gericht gefallen, gewöhnt sich endlich an die Ordnung und wird darauf eine ganz züchtige Person und bleibt und stirbt dann auch als solche! Und so meine ich denn, dass so was vielleicht bei diesem Kado auch der Fall sein könnte.“
RB|2|164|11|0|Rede Ich: „Ja, Meine geliebteste Helena, siehe, das ist bei diesem Geist schon vielfältigst unter allerlei Modalitäten angewendet worden – aber leider allzeit ohne den allergeringsten Erfolg, wie Ich es dir schon früher bemerkt habe. Und so bleibt uns nun nichts mehr übrig, als ihn ganz sich selbst zu überlassen. Will er durchaus die Hölle – gut, so genieße er sie denn auch in aller Fülle! Denn dem, der etwas Böses selbst will, geschieht auch für die nimmer endende Ewigkeit kein Unrecht! Wer in der Hölle verharren will, der verharre! Ich werde keinen bei den Haaren herausziehen wider seinen Willen. So ihm die Geschichte denn doch etwa einmal zu derb wird, da wird er dann schon von sich selbst auch einen Weg daraus bahnen. Macht ihm aber die Hölle eine Freude, ist ihm die ewige Nacht lieber als das ewige, alles beseligende Licht, so freue er sich dessen, was ihm Freude macht. Bist du damit einverstanden?“
RB|2|164|12|0|Spricht die Helena: „Herr, du bester Vater! Jetzt vollkommen! Habe auch gar kein Mitleid mehr mit solch einem allerdümmsten Esel! Aber was wird mit diesem wahrhaft dümmsten Teufel denn jetzt geschehen?“ – Rede Ich: „Das wirst du nun gleich sehen. Ich werde nun den zwei Aposteln den Wink geben, ihn völlig freizulassen und ihn – aber nur in seiner Sphäre – tun lassen, was er will. Und da wirst du dann schon sehen, was da mit diesem Geist es für einen weiteren Vorgang nehmen wird.“
RB|2|164|13|0|Ich gebe nun den beiden den vorbezeichneten Wink. Und der Petrus sagt zu dem Kado: „Da wir beide uns nun zur vollsten Genüge überzeugt haben, dass du dich durch uns, die wir von Gott dem Herrn an dich abgesandt worden sind, nicht willst für die Himmel Gottes vorbereiten lassen, so gehe von hinnen und tue, was dir Freude macht! Denn das will auch dein Gott und unser Gott Jesus Jehova Zebaoth. Von nun an wird Gott keine Boten mehr an dich absenden. Wir beide waren die letzten!“ Nach diesen Worten werden die beiden für ihn unsichtbar, obschon er allen Anwesenden gar wohl sichtbar bleibt, wie auch vernehmbar mit jeglichem Gedanken und Wort.
RB|2|165|1|1|Eine höllische Szene. Über die nötigen Extreme und die hohe Schmerzempfindlichkeit des Menschen. Die zugelassene Qual ist auch Gnade zur möglichen Umkehr.
RB|2|165|1|0|Als er sich nun allein befindet, so sagt er bei sich (Kado): „Dank der Hölle, dass ich diese beiden faden Luder endlich einmal losgeworden bin. Ha, da seh ich ja Bekannte, mehrere meiner Gesellen, ja sogar meinen einstigen Prinzipal. No, das wird ein Jubel sein, so wir zusammenkommen werden und uns gar leicht wiedererkennen. Sehen doch noch alle wie auf der dummen Welt aus!“
RB|2|165|2|1|(Am 5. Febr. 1850)
RB|2|165|2|0|Die Schar nähert sich ihm stets mehr und mehr, und sein vormaliger Prinzipal, ihn erkennend, stürzt mit grauser Hast auf ihn los, packt ihn an der Kehle und schreit fürchterlich pfeifend: „Ha! Schurke! Elender Hund! Bist du einmal hier, damit ich dir's zahle für das, dass du durch ein schändlichstes Mittel dir meine Königstochter zum Weib zu verschaffen dich erfrecht hast! Warte, du elender Schurke der Schurken, diese Schmach sollst du mir nun in einem Schwitzbad büßen, dass dir darob das Hören und Sehen für ewig vergehen soll! Ich hatte viel auszustehen, unbeschreibliche Schmerzen sind mir hier zugefügt worden durch Flammen und Glut, aber keiner ärger als der, dass ich hier im Ort der Qualen und Schrecken erfahren musste, dass ein elendster gemeinster Hund meine erhabenste Königstochter sich zum Weib gemacht hat! Aber dafür sollst du Hund mir nun auch auf eine Art gezüchtigt werden, wovon der ganzen Hölle noch nie etwas geträumt hat!“
RB|2|165|3|0|Auf diese Worte macht der Ludwig Bathianyi folgende Bemerkung zum Dismas, Pater Thomas und dem General: „No, das ist ein sehr löblicher Empfang! Ganz gehorsamer Diener! Der König Prinzipal scheint auch ein ganz verzweifelt starker Kerl zu sein; denn der Kado kann trotz all seines ernstlichen Ringens, aus den mächtigen Krallen seines Prinzipals sich nimmer loswinden. Nun kommen auch wahrscheinlich seine alten Helfershelfer herbei, und – o verflucht! – nein, da vergeht wahrhaft dem beherztesten Geist buchstäblich das Hören und Sehen! Mit ganz glühenden Stricken umwickeln sie ihn nun wie die Spinne mit ihrem zähen Fadenschleim eine Fliege, die sich zufällig in ihr Netz verirrt hat. Kado raucht nun von allen Seiten und schreit erbärmlich um Hilfe! O Herr, das ist grässlich! Da, da, seht hin, wie sie ihn vor sich nun stoßen und hinwälzen wie einen Glühknäuel! Und dort im finstersten Hintergrund sehe ich einen Thron wie von ganz weißglühendem Metall. Gegen diesen Thron wälzen sie stets heftiger den sehr zu bedauernden Kado-Knäuel! Was wird denn da geschehen? Sollte etwa da das verheißene Schwitzbad sein? O verflucht! Herr, gar sehr bitte ich dich, vergebe mir meine Sünden! Aber das ist zu arg! Sie stellen ihn richtig auf den Thron hinauf, von dem nun von allen Seiten her lichterlohe Flammen schlagen. Und er wird extra noch mit glühenden Ketten an den Thron gefesselt! Und dies schaudererregendste Schmerzgeheul von Seiten des geknebelten Kado! Herr, willst Du mir so viel Macht einräumen, dass ich hingehe und den Kado frei mache? Und da, da sieh! Nun kommen andere mit glühenden Spießen und fangen an, von allen Seiten ihn zu durchstoßen! Von jeder Wunde fließt eine grässlich dampfende Glühmasse! Herr, ich bitte Dich um alles, was Du willst, gebe mir Macht und lass mich hineilen, zu befreien diesen wahrhaftigst ärmsten Teufel.“
RB|2|165|4|0|Rede Ich: „Lasse du das gut sein und sei froh, dass zwischen uns und ihnen eine unübersteigliche Kluft gestellt ist – sonst würden auch die Auserwählten zur Qual kommen. Warte aber nur ein wenig ab! Es wird diese Sache bald ein ganz anderes Gesicht bekommen. Denn der zu große, allerunausstehlichste Schmerz wird den Kado bald zum Meister seiner Fesseln machen. Dann wirst du den zweiten Akt eines höllischen Dramas zu Gesicht bekommen.“
RB|2|165|5|0|Spricht der Bathianyi: „O Herr! Ich bin schon mit diesem über alle Maßen zufrieden und, wie ich's aus allen Gesichtern lese, auch alle anderen hier Seienden. Auch die allerliebste Helena scheint mehr als genug zu haben.“ – Spricht die Helena ganz erschüttert: „Mehr als übergenug! Denn das ist grässlich, übergrässlich!“
RB|2|165|6|0|Rede Ich: „Meine lieben Kindlein! Ich sage es euch, ihr müsst das sehen, auf dass ihr vollkommen rein werden mögt. Denn ein jeder Engel muss auch die Hölle kennen, wie sie beschaffen ist und was da für Früchte aus ihrer bösen Liebe erwachsen. Denkt ja nicht, als ließe Ich so was geschehen wie aus einer Art Zorn und Rache. O das ist ferne Meinem Vaterherzen! Aber ihr wisst es, dass ein jeglicher Same seine bestimmten Früchte trägt und jede Tat auch eine bestimmte Folge haben muss, wie jedwede Ursache ihre bestimmte Wirkung – und das alles wegen der ewigen Ordnung aus Mir Selbst, ohne die nie auch ein Atom hätte erschaffen werden können und ohne die noch viel weniger an irgendeine Erhaltung des Geschaffenen zu denken wäre. Nun aber hat dieser Geist also sehr wider die für ihn freilich notwendig freigestellte Ordnung gehandelt, dass er durch solch sein Handeln sich selbst die notwendig höchst traurige Folge hat bereiten müssen, die wir früher wegen der Erhaltung der allgemeinsten ewigen Ordnung nicht abändern dürfen und können, als bis das Wesen dieses vor unseren Augen nun höchst Unglücklichen durch die schmerzhaftesten Folgen seiner früheren Handlungen zu anderen Handlungen getrieben wird aus ihm selbst, die dann auch andere, entweder bessere oder aber wohl auch noch schlimmere Folgen nach sich ziehen werden!
RB|2|165|7|0|So jemand einen guten Samen in die Erde legt, so wird daraus auch eine gute Frucht erwachsen. Legt aber jemand statt des Weizenkornes den Samen einer Tollkirsche ins Erdreich, so wird er wegen der ewigen Ordnung doch auch nur wieder eine Tollkirsche und keinen Weizen ernten.
RB|2|165|8|0|Es dürfte Mir aber leichtlich jemand einwenden und sagen: ‚Wäre alles recht, o Herr; aber Du hättest Deine Ordnung denn doch nicht in so ungeheuer grelle Extreme treiben sollen!‘ – Gut, sage Ich und sage aber dazu bloß fragend: Ist das Lichtextrem einer Sonne darum zu beklagen als ein Fehler Meiner Ordnung, dieweil wegen seiner außerordentlichen Extremität jedes Auge erblindet, das da so toll wäre, stundenlang unverwandt in die Sonne zu schauen? Oder ist das Feuer, das alles verzehrende, etwa doch mit einem zu vehementen Hitzegrad begabt? Ist nicht die Last eines Berges zu groß, die Schnelligkeit des Blitzes zu groß, die Kälte des Eises zu intensiv und die Masse des Meerwassers zu ungeheuer? Wie sähe es aber mit einer Welt aus, auf der die Ordnung in den Elementen nicht so bestellt wäre? So des Feuers höchster Hitzegrad nur lau wäre, könnte es wohl die harten Metalle zerschmelzen? Oder wie weich müssten die Metalle wohl sein, auf dass sie in den Fluss kämen schon bei einer wenig gradigen Wärme? Wären aber die Metalle also weich, wozu könnten sie dann nütze sein? Wäre aber die ganze Erde etwa so weich wie eine Butter, welches Geschöpf von nur einigem Gewicht würde auf so einer butterweichen Welt oder Erde bestehen können? So die Sonne nicht ein so intensivstes Licht besäße, würde sie dann wohl auch imstande sein, aus Entfernungen von sehr vielen Millionen Meilen nach irdischem Maß die für den Planeten erforderliche Wärme und das über alle Maßen nötige Licht zu bieten?
RB|2|165|9|0|Es möchte vielleicht jemand den Gedanken haben und bei sich selber sagen: ‚Es sollen ja alle Extreme sein und bestehen, aber wozu ist denn bei den Menschen die enorme Schmerzfähigkeit gut? Warum hat er eine tausendfach größere Empfindlichkeit für Schmerzen und Leiden als wie für Wohltun und für Empfindungen beseligender Reize?‘ – Die Antwort auf diese Frage ist eine überaus handgreiflich leichte. Stellt euch die Menschheit als rein schmerzunfähig vor; gebt ihr dann ein vollkommen freies Erkenntnisvermögen und einen vollends freien Willen, sanktionieret dann aber auch die Gesetze wie ihr wollt, und es wird niemand ein Gesetz beachten! Denn wer keine Empfänglichkeit für Schmerzen hat, der hat auch keine für was immer für eine Lust. Oder würden geile Menschen, so sie nur mit einer puren Lustempfindlichkeit begabt wären, sich nicht in aller Kürze gänzlich verstümmeln, so sie bei einem allfälligen Abtrennen eines oder des andern Gliedes, statt des schützenden Schmerzes nur Lust und Wohltun empfänden?
RB|2|165|10|0|Dieser vor uns nun aus übergroßem Schmerz heulende Kado wäre sicher für ewig verloren, so er schmerzunfähig wäre. So aber wird er in seinem Hochmutswahn wohl vielleicht noch eine sehr geraume Zeit den schroffsten Trotz bieten; aber so ihn am Ende der Schmerz zu intensiv erfassen wird, so wird er am Ende mit sich auch sehr handeln zu lassen anfangen und wird sich auf bessere Wege begeben!
RB|2|165|11|0|Ihr seht nun aus diesen Meinen Worten sehr leicht, dass da jede Fähigkeit und Beschaffenheit eines Menschen wie auch jedes andern Wesens aus Meiner ewigen Ordnung bestens beraten und berechnet ist, und es darf an ihr kein Häkchen fehlen, so der Mensch vollkommen das werden soll, was er werden kann. So aber alles das so sein muss, da müsst ihr aber hier neben Mir auch keine so schiefen Gedanken in euch aufsteigen lassen, sondern sollt stets so denken: ‚Was jemand selbst will, trotz den großen damit verbundenen und ihm wohlbekannten Nachteilen, dem geschieht dann auch ewig kein Unrecht, und ginge es ihm auch noch tausendmal schlechter als es ihm geht!‘ – Nun aber gebt weiter Achtung auf die vor euren Augen vor sich gehende Handlung! Und du, Meine allerliebste Helena, sehe auch hin und erzähle es uns, was du siehst.“
RB|2|165|12|0|Spricht die Helena: „O Herr, da ist es ja nimmer hinzusehen! Denn das ist zu ungeheuer grässlich! O wohl dir, Robert-Uraniel, dass du das nicht mit uns schaust! Du würdest erstarren vor Grauen!“ – Rede Ich: „Meine allerliebste Helena, sorge dich nicht um den Robert. Er sieht diese Szene ebenso gut, wo nicht noch besser als du. Denn im Geisterreich gibt es keine Ferne, von der aus man irgendein Faktum weniger klar sehen würde, als so man ganz in der Nähe sich zu befinden meint. In dieser Welt gibt es ganz andere Nähen und Fernen, und diese befinden sich lediglich im Herzen eines jeden Geistes. Je inniger sich irgend Geister lieben, desto näher sind sie sich auch. Je schwächer aber da ist ihre gegenseitige Liebe, desto ferner sind sie sich auch. Verstehst du das? Ja, du verstehst es. Darum sehe nun nur mutig die Szene an.“
RB|2|165|13|0|Die Helena schaut nun mit mehr Mut und Ergebung nach der Szene hin, da sie nun einsieht, dass die Sache, wie sie sich auch immer gestalten möge, unmöglich anders sein kann, als wie sie wegen des Gesamtbestandes der ewigen Ordnung zufolge sein muss.
RB|2|166|1|1|Kado wird frei und nimmt Rache. Der Prinzipal lenkt ein. Ein höllischer Plan, um die Gottheit zu stürzen.
RB|2|166|1|0|Es macht aber auch der Franziskaner Cyprian mit dem Grafen Bathianyi und dessen Freunde Miklosch eine etwas größere Annäherung zu Mir und richtet seine Augen scharf nach dem Schreckensort hin. Nach einer Weile unverrückten Betrachtens wird seine Zunge locker, und er fängt unaufgefordert also zu reden an, sagend: „O du entsetzliche Schwerenot! Der Kado, von sicher zu namenlosestem Schmerz gedrungen, zerreißt nun alle seine Fesseln, als wären sie ein lockerstes Spinnengewebe, fällt über seine Peiniger wie ein wütender Tiger her und den er ergreift, den zerreißt er auch in kleine Stücke! Und die Stücke krümmen sich und hüpfen am ganz glühend aussehenden Boden herum, als wie abgehauene Stücke einer Schlange! Den glühenden Thron zermalmt er zu Staub! Die Spieße werden vernichtet, und nun stürzt er sich auf seinen irdischen Prinzipal, der sich zwar zur Wehr stellt und dem wütenden Kado mit grässlich klingender Stimme entgegenruft:
RB|2|166|2|0|‚Rühre mich nicht an, Hund! Sonst sollst du meine Rache an dir erst in aller ihrer unergründlichsten Tiefe und namenlosen Schärfe kennenlernen! Glaube ja nicht, dass ich hier verlassen nun und ohnmächtig vor dir stehe! Wie du mich nur mit einem Finger anrührst, wirst du von Millionen mächtigster Geister umringt werden, und in eine derartige Qual geworfen werden, gegen die alles, was du jetzt verkostet hast, nur ein kühlender Balsam war! Willst du aber, da ich in dir nun einige Kraft entdeckt habe, mit mir gegen einen anderen Fürsten einen Bund machen, so soll der auf der Erde an mir begangene Frevel vollends nachgelassen werden, und es soll hinfür von mir gegen dich von keiner weiteren Rache mehr die Rede sein. Du sollst von nun an mein intimer Freund sein und an meiner Seite mein königliches Ansehen als mein Schwiegersohn im Vollmaß teilen!‘
RB|2|166|3|0|Der Kado wird nun etwas stutzend und schreit nach einer kurzen Pause noch sehr grimmig: ‚Elendster Teufel! So du nun, da du ein kleines Pröbchen von meiner unbesiegbarsten Macht und Kraft gesehen hast und gar wohl fühlst, dass ich mit dir es nun ebenso machen kann, als wie es dir diese zerstreut herumhüpfenden Teile deiner ohnmächtigsten Helfershelfer nur zu klar zeigen, solch friedlich schimmernde Anträge machst, warum hast du denn das nicht eher getan, als ich dir, von der Welt herkommend und an deinem Wiedersehen eine rechte Freude habend, doch so harmlos freundlich als nur immer entgegen kam? Wahrlich, hättest du mir da meine Freundlichkeit erwidert, so hättest du an mir einen Freund gefunden, mit dessen Hilfe du die ganze Schöpfung aus den Angeln hättest heben können. So aber hast du dir an mir einen Feind gezogen, wie die ganze Hölle keinen zweiten soll aufzuweisen haben. Du glaubtest, mich vernichten zu können und unschädlich zu machen; bist aber nun grässlich enttäuscht worden und machst als weidlichst Besiegter mir nun friedlich schimmernde Anträge. Aber Kado kennt seinen Mann und wird daher deinen Worten auch ein ganz verdammt kleines Gehör schenken und wird dir vergelten tausendfach, was du ihm geliehen hast.‘
RB|2|166|4|0|Hier streckt Kado seine Hände nach dem Prinzipal greifend aus. Aber der Prinzipal macht einen Sprung zurück und schreit: ‚Blinder Esel! Musste ich dir denn das nicht antun, ansonst du nimmer zu dieser deiner Kraft gekommen wärst! Denn hier, wie auch schon auf der Welt werden Menschen und Geister nur durch große Leiden geläutert und zu mächtigen Helden umgestaltet! Und so habe ich dir durch meine grausamst scheinende Behandlung ja nur einen wahrhaftest großen Freundschaftsdienst geleistet und nicht meinen vorgeschützten Rachedurst gekühlt – was ich dir aber auch nur wegen der nahen Verwandtschaft tat, auf dass du schnell zu jener Kraft gelangen sollst, ohne die sich in diesem Reich kein Wesen behaupten kann und mag. So du aber das nicht anerkennen willst, da versuche immerhin dein loses Vorhaben an mir zu vollziehen und du wirst dich überzeugen, dass du noch lange nicht der mächtigste in dieser Welt bist.‘
RB|2|166|5|0|Hier stutzt Kado noch mehr und sagt nun nach einigem Umherschauen: ‚Dummes Luder von einem Beduinenhäuptling, wenn sich die Sache so verhält, warum hast mir denn das nicht gleich anfangs gesagt? Hintendrein, wenn sich eine Sache einmal von selbst durch die Umstände gestaltet hat, kann ein jeder daran beteiligte Esel sagen: ‚Siehe, das war mein wohlberechnetes Werk!‘ – Ich will dir's aber in Rücksicht dessen, dass du denn doch mein Schwiegervater bist, in allen Teufelsnamen für jetzt gelten lassen und halbwegs annehmen, dass es so sei. Aber wehe dir, so ich nur irgend je dahinterkomme, dass du mich nun, nur um dich vor mir zu schützen, also beredet hast! Dann sollst du mir's millionenfach büßen! Verstehst du diese meine allmächtige Sentenz? Aber nun sage mir, wie der Ort heißt, wo wir uns nun befinden, und ob es hier keine Burgen und keine reichbeladenen Karawanen gibt, die man so um etwas leichter machen könnte. Denn unser irdisches Handwerk werden wir hier ja etwa doch nicht aufgeben müssen.‘“
RB|2|166|6|0|(Cyprian fährt wieder fort:) „Schönes Vorhaben! Zwei Kerls, wie sie nur in der untersten Hölle ausgeheckt werden können. Der Prinzipal bedenkt sich nun ein wenig und sagt dann mit einem mysteriösen Pathos: ‚Freund, auf der Erde waren wir nur pure Mückenfänger, weil wir Fledermäuse waren; hier aber sind wir zu mächtigen Löwen herangereift! Daher hat's da denn auch mit dem verächtlichen Mückenfangen ein Ende, da uns ganz andere Pläne durchzuführen vorgesteckt sind. Du weißt es, dass bis jetzt noch immer die alte Gottheit die drückendst tyrannischste, aller Freiheit barste, Obergewalt ausgeübt hat und hat diese durch ihre Menschwerdung neuerlich noch mehr befestigt. Wir ersten Geister dieses großen Reiches der unbegrenztesten Freiheit aber haben mit unserer scharfsinnigsten Weisheit die sehr verborgenen, allerbedeutendsten Schwächen dieser alten Gottheit aufgefunden und werden sie nun in aller Kürze von ihrem alten Thron stürzen und mit ihr machen, wie du ehedem mit diesen deinen Peinigern getan hast. Dann werden wir die ganze alte urzopfigste Schöpfung zerstören und an ihre Stelle eine neue und allerfreieste setzen. Wie gefällt dir dieser Plan?‘
RB|2|166|7|0|Kado zuckt hier mit den Achseln und sagt nur: ‚Der Plan wäre wohl unser würdig; aber ich zweifle sehr, dass er uns je gelingen wird. Denn die alte, grausame Gottheit ist stets von größter Schlauheit und sieht da am besten, wie wir an ihr eine Blindheit zu gewahren wähnen. Daher meine ich, dass es mit der Ausführung dieses großartigen Planes schon durchaus nicht gehen wird.‘
RB|2|166|8|0|Spricht nun wieder der Prinzipal: ‚Du bist hier ein Anfänger und redest, wie du mit deiner noch sehr beschränkten Einsicht die Sache auffasst! Du hast noch zu irdisch mysteriöse Ansichten von der Gottheit und unterstellst ihr noch jene Providenz und unbegrenzte Macht, die du als ein Hirtenknabe an der Brust deiner schwachen Mutter eingesogen hast. Du siehst die Gottheit noch immer als ein ungeteiltes und ungeschwächtes, allwaltendes Wesen, das nur zu wollen braucht, um eine Myriade neuer wohlbestellter Welten aus sich in ein mächtiges Dasein zu rufen. Das kann sie zwar und tut es auch immer fleißig, weil das ihr höchstes Vergnügen ist, aber wir kennen das und wohin solch eine Lust die Gottheit mit der Zeitenfolge bringen muss, so wie ein jeder nur einigermaßen gewandte Politiker, der auch einem sich vom höchsten Luxus und unbegrenzter Prachtliebe hinreißenlassenden König es an den Fingern vorzählen wird, wie lange es mit ihm noch währen wird, und wie solch eine unbegrenzte Prachtliebe eines Fürsten seine Hauptschwäche ist, die ihn vom Thron am allerehesten herabfallen machen wird. Sieh Freund, geradeso verhält es sich auch mit der alten, schwachgewordenen Gottheit! Sie ist bettelhaft kindisch geworden! Ihre Sache ist, nur immer erschaffen und erschaffen, gehe es wie es auch immer gehen mag. Hast du denn auf der Erde nicht schon oft bemerkt, wie dann und wann der Gottheit der Zwirn ausgeht? Sie überhäuft die Bäume mit zahllosen Blüten und hat am Ende zu wenig Stoff, alle die Blüten zu einer Frucht zu ernähren. So setzt sie Menschen auf Menschen in die Welt, geht ihr endlich der Erhaltungsfaden aus, so muss sie ihre Lieblinge wieder wie die Fliegen dahinsterben lassen. Und in allem und jedem wirst du sicher ähnliche göttliche Verlegenheiten bemerkt haben, aber freilich leider nicht ahnen können, worin davon der Grund liegt. Wir aber wissen das nur zu gut und sehen es klarst, wie die Gottheit schwächer und schwächer wird und samt ihrer großen Haushaltung am Ende auf den Hund kommen muss. Und so ist es uns auch möglich, Pläne zu entwerfen, die ihren Untergang notwendig befördern müssen.‘“
RB|2|167|1|1|Kados höllischer Trotz und des Prinzipals vermessener Umsturzplan. Drachen- und Schlangengestalten. Des Herrn Rat hinsichtlich höllischer Vorgänge.
RB|2|167|1|1|(Am 13. Febr. 1850)
RB|2|167|1|0|[Cyprian:] „Kado schüttelt abermals den Kopf und sagt: ‚Freund, das ist noch alles eine Rechnung ohne Wirt, und die Pläne sind eitel! Ich bin zwar der Gottheit entschieden Feind, aber nicht ihrer Schwäche, sondern ihrer nur zu ungeheuren Macht wegen. Ich versichere dir, es ist mein vollkommen freier Wille, entweder hier im Ort der Qualen zu verbleiben oder umzukehren und Besitz zu nehmen von allen möglichen Freuden eines himmlischen Lebens. Aber ich ziehe es dennoch vor, hier zu verbleiben, weil ich der Gottheit endloseste und ewige Macht nur zu gut kenne. Wäre die Gottheit nur um einen Grad schwächer und besiegbarer als sie ist, da hielte ich's sogleich mit ihr und würde sie verteidigen gegen jeden Angriff. Aber da sie eben so unendlich mächtig und unbesiegbar ist, so bin ich ihr entschiedenster Feind. Ich weiß es, dass meine Feindschaft gegen die allmächtige Gottheit eine barste Torheit ist und sie mich vernichten kann jeden Augenblick; aber solange ich einen freien Willen habe, will ich ihr den entschiedensten Trotz bieten, bloß um ihr zu zeigen, dass sie mit aller ihrer Allmacht und Weisheit mit mir dennoch nichts richten kann, solange sie mich in der gegenwärtigen Willensfreiheit belässt. Es ist für einen Helden wahrlich der größte Hochgenuss, als ein Atom gegen die endloseste Größe Gottes sich derart zu stemmen, dass sie nichts dagegen auszurichten vermag! Ich werde daher auch nie ihre irgend eingebildeten chimärischen Schwächen, sondern nur vor allem ihre unendlichste Kraft aufzusuchen und zu erforschen bemüht sein. Und je mehr Kraft und Stärke ich in ihr entdecken werde, desto unbeugsamer werde ich mich ihr gegenüber gebärden. Siehe, das ist mein Sinn, der sich für einen Helden ziemt! Aber dein die Gottheit entthronen wollender Plan gehört offenbar zu den größten Lächerlichkeiten und ist ewig unausführbar. Meinst denn du, dass die wirkliche Gottheit eine persische oder chinesische Pagode ist, die jedermann vom Thron oder Altar herabreißen und ins Feuer oder in den Kot werfen kann!? Da irrst du dich ganz verdammt gewaltig! Die Gottheit ist das unendlichste Wesen in jeder Hinsicht! Daher gebe du deinen lächerlichen Plan auf und tue, was ich tue, so wirst du dadurch in dir selbst einen Hochgenuss haben darin und dadurch, dass du dir durch dein Bewusstsein selbst das Zeugnis geben kannst, der höchsten Gottesmacht mit deiner barsten Nullkraft dennoch einen härtesten Trotz bieten zu können.‘
RB|2|167|2|0|Spricht der Prinzipal: ‚O du dummer Esel! Meinst denn du, dass du bist, wie du bist, aus dir selbst heraus? Sieh, du bist ja also gerichtet und kannst nimmer anders wollen, als wie du nun vor mir dich dumm genug ausgesprochen hast! Und du meinst dadurch der Gottheit zu trotzen, so du bist, wie sie will, und nicht, wie du willst! Komme mit mir, so du frei werden willst! Solange irgendein Wesen Gesetze und sanktionierte Fesseln binden, ist es nicht frei, sondern ein Sklave einer höheren Macht! Und solange die Gottheit unserem Wirken fortwährend unübersteigliche Grenzen setzt, sind wir die elendesten Sklaven, und von einer Freiheit kann bei uns so lange keine Rede sein, solange wir aus unserer eigenen Macht das harte Joch der Gottheit nicht vollends von uns zu weisen imstande sein werden. Können wir aber der Gottheit trotzen, und muss die Gottheit diese Schmach erdulden und kann's nicht ändern, so ist das ja doch sicher ein Zeichen, dass sie schwach ist. Ist sie aber in einem schwach, so wird sie auch in vielem andern schwach und vielleicht noch schwächer sein! Daher ist es an uns, alle ihre schwachen Seiten sorglichst auszukundschaften und sie dann bei diesen mit aller unserer Übermacht anzugreifen und gänzlich zu verderben.‘“
RB|2|167|3|0|(Der Franziskaner Cyprian für sich:) „O du ganz verzweifelter Lump, was der für löbliche Ideen hat, schau, schau! Also: hinc illae lacrimae [darum jene Träne]! Ich habe immer noch gemeint, dass die höllischen Geister in ihrer fürchterlichsten Qual eine ewig vergebliche, brennendste Reue über ihre begangenen großen Sünden fühlen müssen, ohne dadurch je an eine Erlösung eine allerleiseste Hoffnung haben zu dürfen. Aber so ist die Sache ganz anders; sie wollen das alles selbst, bloß um Dir, o Herr, einen allerhartnäckigsten Trotz bieten zu können! Ah da sieh einmal jemand solch eine niederträchtigste Lumperei an! Die Kerle haben nur eine Freude über ihre grenzenlose Verstocktheit! Ah das ist wahrlich nicht übel! Aber Herr, solchen Lumpen, wie die beiden dort sind, möchte ich an Deiner Stelle denn doch ein bisschen ihre Freude versalzen, sodass sie es über alle Maßen empfinden sollen, wozu ihre Freude gut ist! O ihr Hauptlumpen ihr! Nein, wartet, wartet! Dieser seltene Freudenbecher soll euch mit einer Galle gefüllt werden, an der ihr für ewig hinreichend sollt zu lecken haben!“
RB|2|167|4|0|Sage Ich: „Mein lieber Cyprian, diese Erscheinung musst du ganz leidenschaftslos beobachten können, sonst füllst du dein eigen Herz mit demselben Stoff, mit welchem der beiden höllischen Geister Herz erfüllt ist. Denn Drohung, Rache und Krieg sind Tugenden der Hölle, wie sie sich dir soeben zur Schau stellen. Siehe nur hin, wie soeben eine Horde gleich glühenden Drachen aus einer mächtig qualmenden Höhle zum Vorschein kommt und unsere beiden armenischen Räuberhäuptlinge umstellt und begrüßt, und sie belobt ob ihrer gut höllischen Gesinnung, und die beiden sich nun auch in eine ganz gut ausgebildete Drachengestalt zu umwandeln beginnen, was so viel sagen will, dass sie nun vollends ins echt Höllische übergehen, da sich dasselbe, nach ihrem gegenseitigen Gespräch zu urteilen, in ihnen nun vollends ausgebildet hat.
RB|2|167|5|0|Ich sage dir, es bleibt diesen Geistern nichts geschenkt; jedes Lästerwort wird zu einem glühenden Stein auf ihrem Haupt. Und sie werden bei solch einer Last schon inne nach und nach, ob sie stärker seien als die Gottheit, und ob sie fähig seien, ihre argen Pläne gegen Mich je in eine Ausführung zu bringen. Denke du dir nur stets also: Gott ist durchgehends die purste Liebe, und aus solcher Liebe die höchste Weisheit, Ordnung und Macht. Alles das, und mag es dir noch so arg und schrecklich vorkommen, ist Meine Liebe, Weisheit und Ordnung, und es muss alles so geschehen, damit alles bestehe und nichts verlorengehe.
RB|2|167|6|0|Die eigentliche Höllenqual wird erst jetzt ihren Anfang nehmen; denn das frühere war nur so eine Art Vorstellung. Du siehst nun auch die ehedem vom Kado zerrissenen Quälgeister sich wieder ergänzen und zusammengreifen – nur nicht in einer menschenähnlichen, sondern in einer Schlangengestalt. Passe nun nur recht auf und du wirst sogleich der eigentlichen Hetze ansichtig werden. Aber du, Helena, darfst nun nicht mehr hinsehen, weil das für dich zu arg wäre. Aber ihr andern seht nur alle hin! Und du Cyprian kannst auch flüchtig erzählen nebenher, was du siehst und sehen wirst.“
RB|2|168|1|1|Warnung an Cyprian, sich der Szene nicht zu nähern. Höllische Tücke und himmlische Wachsamkeit. Entsprechende Wirkungen auf der Erde.
RB|2|168|1|0|Der Franziskaner Cyprian geht nun einige Schritte fürbass, um also gestaltig die Szene desto ungehinderter betrachten zu können. Aber Ich sage zu ihm: „Cyprian, nähern darfst du dich dem Ort des Gräuels nicht, weil das einen üblen Eindruck auf dich machen könnte! Daher mache du die Schritte nur wieder fein zurück, die du soeben vorwärts gemacht hast! Du wirst die Sache auch von deinem frühern Standpunkt ganz gut übersehen können.“
RB|2|168|2|0|Cyprian tritt auf diese Anrede sogleich zurück und sagt: „O Herr, ich danke Dir für diese Deine väterliche Ermahnung und Zurechtweisung! Denn ohne diese wäre ich am Ende noch ganz hingezogen worden, was wahrhaftig etwas höchst Unglückliches für mich hätte werden können; denn weit weg von dem Schuss ist immer am sichersten. Aha, aha, es fängt aber nun auch dort die höllische Geschichte an, ein ganz verzweifeltes Aussehen zu bekommen! Daher aufgepasst! O Kreuz, Blitz und Donner und alle nur möglichen Elemente! Diese Nordgegend bekommt nun ein sehr schauderhaftes Aussehen! Eine finsterste weitgähnende Grotte öffnet sich weit durch die schroffsten Wände eines wahrsten Milliongebirges, aus dessen Schluchten, Gräben und gigantischen Spaltungen sich ein stets dichterer und finsterer Qualm zu entwickeln beginnt. Auch vernehme ich ein ungemein unheimliches Toben, gleich dem eines entfernten großen Seesturms! O Million, Blitz und Donner! Das fängt an, sehr bedenklich zu werden! Aber nun erschaue ich auch zuoberst des Gebirges gerade über der schaudervollsten Grotte zwei Engel sehr düstern und ernsten Aussehens! Wer etwa doch diese zwei Engel sind?“
RB|2|168|3|0|Sage Ich: „Sehe sie nur besser an, und du wirst sie leicht erkennen!“ Cyprian beschaut sie nun schärfer und erkennt bald den Sahariel und den Robert-Uraniel. Er will sie Mir nennen; aber Ich untersage ihm solches, wegen der Helena, deren Herz zu zartfühlend ist, als dass es ohne Vorbereitung das Geschäft ihres Gemahls auf einer für ihre Begriffe so gefährlich scheinenden Stelle mit der rechten Ruhe betrachten könnte. Cyprian versteht solchen Wink und schweigt. Aber die Helena, wennschon an Meiner Brust mit ihrem Gesicht ruhend, fragt dennoch den Cyprian, ob er die zwei Engel noch nicht erkannt habe. Cyprian aber entschuldigt sich recht klug und sagt: „Jawohl! Aber ich habe nun vor lauter schauen keine Weile, dir ihre Namen zu nennen. Gedulde dich nur! Sie werden ohnehin bald selbst hierherkommen.“ Die Helena gibt sich damit zufrieden und verbirgt ihr Gesicht ganz außerordentlich an Meiner Brust vor den angekündigten Gräuelszenen der Hölle, damit sie davon ja nichts zu Gesicht bekommen möchte; denn ein stets mächtiger werdendes Tosen und Toben zeigt nur zu bestimmt an, dass die Hölle wieder etwas außerordentlich Arges auszuführen beabsichtige. Daher wird auch das Gemüt der Helena sehr eingeschüchtert, sodass sie sogar an Meiner Brust ein kleines Fieberchen verspüren lässt.
RB|2|168|4|0|Der Cyprian aber, dem dieses stets mächtiger werdende Toben, Tosen und donnerähnliche Dröhnen ebenfalls nicht munden will, sagt zu Mir: „Aber Herr, Du ewig heiligster, bester Vater! Was soll denn endlich aus dieser stets gröber werdenden Brummerei werden? Es fängt sogar dieser Boden, auf dem wir nun stehen, zu beben und sich zu heben an, und dort, und dort, wo die schaudererregendste Grotte, aus der nun schon sogar stoßweise Flammen mit einem massenhaften Qualm zu schlagen anfangen, sich weiter und weiter auszudehnen scheint, fangen auch übers Gebirge herab die fürchterlichsten Gewitterwolken sich zu wälzen an gleich losgerissenen großen Felsstücken. Die Sache bekommt ein ganz niederträchtiges Aussehen, obschon die höllische Gruppe sich noch ganz friedlich und wie nichts Arges ahnend vor dem Eingang der ganz verdammtest schrecklich aussehenden Grotte befindet und nicht einmal eine Miene macht, aus der man einen Schluss ziehen könnte, dass sie etwas zu unternehmen im Sinn hat. Ich bitte Dich, Herr, sage es uns doch, was denn da aus dieser sonderbaren Vorbereitung am Ende herauswachsen wird!? Ich schaue mir nun schon fast die Augen aus und entdecke sonst nichts Neues, als bloß nur stets mehr Flammen aus der Grotte schlagend, und ebenso auch stets mehr des dicksten Rauches aus der Grotte sowohl wie auch aus anderen Klüften und Ritzen des Gebirges – und auch ein stetes Anwachsen der Gewitterwolken von oben herab. Die beiden Engel zuoberst der höchsten Spitze des Gebirges, und zwar gerade ober der Grotte, sind auch ganz ruhig und scheinen diese grauenhaftesten Vorbereitungen gar nicht zu merken. Und der stets unerträglicher werdende Sturmlärm scheint bis zu ihren Ohren nicht zu dringen.“
RB|2|168|5|0|Rede Ich: „Mein lieber Freund! Die Hölle ist nie gefährlicher und unheilbringender, als so sie sich äußerlich ganz ruhig verhält, aber dafür innerlich mit einer desto größeren Wut zu toben beginnt, als wie es soeben der Fall ist. Dagegen aber ist auch der Himmel nie wachsamer gegen die Hölle gestellt, als so er sich bei solchen inneren Umtrieben der Hölle ganz ruhig und indifferent zu verhalten scheint. So lange die Hölle bloß innerlich gärt und tobt, schreitet der Himmel nicht ein. Aber so sie, mit der Weile ermutigt, ihre Wut nach außen hin in die Wirksamkeit treten zu lassen beginnt, dann wird schon auch der Himmel seine kräftigsten Gegenmittel in die effektvollste Wirksamkeit treten lassen. Daher gebe nun nur auf alles genau Acht, wie die Hölle nun ihren alten Versuch, Mich zu fangen und zu stürzen, ganz tückisch unter dem Deckmantel äußerer Ruhe und Gelassenheit erneuern wird, und wird es viel pfiffiger anstellen wollen, als wie sie es vor ein paar Jahren angestellt hat. Aber sie wird dabei um desto wirksamer eingehen. So du nun einen Blick auf die Erde werfen magst, und zu dem Behuf bloß über deine Achsel links zu schauen brauchst, so wirst du es genau gewahren, wie die Hölle nun auch gleichermaßen an den Höfen tätigst einzuwirken sich bemüht, um die ganze Erde in einen allerverheerendsten Krieg zu entflammen. Sie wird solch ihr Vorhaben auch hie und da zum Ausbruch bringen; aber dann passe auf, auf welch eine noch nie dagewesene Weise ihr da das Handwerk gelegt wird. Betrachte aber daher nun nur diesen Ausbruch und die Folge darauf, so wirst du entsprechend auch leicht schließen können auf die Erde, wie dort sich alles das, was hier nun vorgeht und vorgehen wird, mit der entsprechenden Weile nachbilden wird. Siehe, der Rumor wird schon wieder stärker, die Flammen in der Grotte werden intensiver und der Qualm selbst glühend! Die Rotte vor der Grotte wird zahlreicher und fängt an, sich zu bewegen, und zwar gegen uns her! Nun wird es bald losgehen!“
RB|2|169|1|1|Der höllische Himmelssturm bricht los. Warnung des Herrn vor Ärger. Friedensgeister in der Höhe. Eine Lavaflut vertilgt die Himmelsstürmer.
RB|2|169|1|1|(Am 18. Febr. 1850)
RB|2|169|1|0|Cyprian wendet nun kein Auge ab von der Szene; und Ich gebe Meinen Dienern einen Wink, und diese verstehen, was sie zu tun haben.
RB|2|169|2|0|Nach einer kurzen Weile sagt Cyprian ganz ängstlich: „Herr, wir werden uns am Ende dennoch zu einer Retirade [Rückzug] bequemen müssen; denn die Hölle scheint nun alle ihre viele Tausend Jahre alten Gefangenen freizulassen, auf dass sie wahrscheinlich mit vereinten Kräften Dich samt dem ganzen Himmel in den Beschlag zu nehmen vermöchten. Sie wandern nun ganz keck auf uns los, und die Gestalten, wahrlich, mitunter lächerlich-grässlich! Wie sich einige aufblähen und bald darauf wieder zusammensinken bis zur Größe eines kleinsten Affen! Ah, das ist doch alles, was man sagen kann! Auch allerlei Waffen fange ich an zu entdecken! Spieße, Lanzen, Schwerter und Schießgewehre aller Art und Gattung! Das geht ja auf einen ordentlichen Krieg los! Aber gegen wen denn? Gegen uns ja etwa doch nicht? Sehen sie uns denn auch, weil sie sich gerade gegen uns herrichten?“
RB|2|169|3|0|Sage Ich: „Freilich gilt der Krieg von Seiten der Hölle allzeit und somit auch jetzt uns. Aber sehen können sie uns nimmer; wohl aber vermuten sie uns hier, weil sie an der Stelle gegen uns her, die eigentlich der geistige Mittag ist, eine Art Helle wahrnehmen. Aber sie mühen sich vergeblich ab, uns näher zu kommen. Sie meinen es wohl, dass sie vorwärts gehen; aber ihr scheinbares Vorwärtsgehen ist ein Rückgehen und ein sich stets mehr Entfernen von uns. Daher lassen wir sie auch traben und sich bewegen, da wir wissen, wie weit und wohin sie mit dieser Bewegung kommen können und werden.
RB|2|169|4|0|Sie werden aber mit der Weile inne, dass sie um nichts vorwärtskommen, trotz all ihres Mühens. Und dies Innewerden wird das Signal zum Ausbruch ihrer inneren Wut sein, in der sie sich selbst gegenseitig anfallen werden, und sich zerreißen gleich wildesten Bestien ohne alle Schonung. Gebe nun nur recht und ganz besonders auf ihre Bewegung Acht!“
RB|2|169|5|0|Der Cyprian gibt nun sehr wohl Acht auf alles, was sich in der Bewegung der Höllenrotte ergibt. Der Miklosch und der Graf Bathianyi aber sagen einstimmig: „Herr, wohl übergroß ist Deine Langmut und Geduld, dass Du solchem Treiben noch stets mit aller Deiner sanftmütigsten Gelassenheit zusehen kannst! So es auf uns ankäme, so würden wir diesem Gesindel einen ganz kuriosen Ernst entgegensenden, der es sicher für ewig gehörig demütigen soll. Nein, solch eine Efrontrie [Frechheit], Dir entgegenstürmen zu wollen, ja Dich sogar gänzlich zu vernichten, so es natürlich möglich wäre. Nein, nein, das ist zu über- oder zu unterhöllisch arg! Solch ein Gedanke würde von uns aus schon einer ewigen Züchtigung wert sein, geschweige erst eine unternommene Handlung in solch einer allerhöllischsten Absicht.“
RB|2|169|6|0|Rede Ich: „Meine lieben Kindlein, lasst beiseite, was nur immer den Namen Ärger hat! Denn seht, aller noch so geringer Ärger entstammt der Hölle und verträgt sich nie mit der reinsten Natur Meiner himmlischen, noch kleinen Kindlein, als wie ihr es nun noch seid. Ihr müsst euch überhaupt über gar keine Erscheinung, wie böse sie auch immer aussehen möge, auch nur im Geringsten ärgern. Denn das Ärgern der Kinder der Himmel verleiht der Hölle einen Vorschub und gibt ihr Stoff zum Wiederärger, den sie nur zu leicht und zu bald vergrößert und in einen neuen Effektivstand setzt. Denkt aber dafür in eurem Herzen, dass dies alles so geschehen muss, so in jene Grotte auch einmal ein sanfteres Licht dringen soll! Denkt, dass die ganze Hölle aus Wesen besteht, die gewisserart teils wohl durch ihre Geschichte und zum Teil durch die Geschichte der Weltgroßen zu solchen Teufeln geworden sind und ihr geistiges Leben gänzlich verwirkt haben. Sie sind nun unendlich unglücklich und werden noch stets unglücklicher werden. An uns aber, die wir alle Macht innehaben, liegt es nun – ihnen so viel als möglich zu helfen, und zwar durch jedes Mittel, durch das eine Hilfe noch als möglich erscheint.
RB|2|169|7|0|Dieser nun bevorstehende Kampf, den sie gegen uns unternehmen, setzt ihr mattestes Scheinleben in eine größere Tätigkeit, durch die sie vor der totalen Auflösung geschützt werden. Durch den fehlgeschlagenen Versuch werden sie dann wieder in die Kenntnis gesetzt, dass sie gegen Gott nichts vermögen; und es werden dann viele aus ihrer Rotte bescheidener werden und sich bei einer ähnlichen künftigen Unternehmung nicht mehr beteiligen. Und das ist dann ein wirklicher Vorschritt [Fortschritt] dieser verlorenen Schafe. Und für sie stehen uns dann schon wieder eine zahllose Menge der wirksamsten Mittel zu Gebot, sie in eine hellere Belebung zu leiten, ohne sich direkt an ihrem freien Willen, der ihr Leben ist, zu vergreifen. Dass aber derlei Bäume nicht mit einem Hieb gefällt werden dürfen, das werdet ihr hoffentlich einsehen?“
RB|2|169|8|0|Spricht der Miklosch: „O ja, Herr und Vater! Nun ist uns schon wieder alles klar, und es ist alles gut, was Du, o Herr, anordnest. Aber nun entdecke ich, dass auf den Spitzen der überhohen Gebirge sich auch lichte Geister stets mehr und mehr anzuhäufen beginnen. Auch auf der höchsten Spitze stehen neben den zwei ersten eine Menge anderer uns ganz unbekannter kräftigster Engel! Und da, da seht in die Lüfte empor! Ungeheure Scharen schweben in wohlgeordneten Reihen und haben ein scharfes Auge auf die Bewegungen der höllischen Rotte. Und die Höllenrotten scheinen sie zu bemerken, weil sie nun auf einmal ihre allergrimmigsten Gesichter aufwärtsrichten, und ihre Wurfgeschütze aufwärts zu richten beginnen.“
RB|2|169|9|0|Spricht Cyprian: „Ja, ja, Bruder Miklosch, hast recht! Dort nahe an der wahren Teufelsgrotte habe ich schon eine Art Raketen in die Höhe steigen gesehen, die aber nicht bis zur Achtelhöhe des Gebirges gekommen sind. Auch sehe ich nun, wie ganze Massen an den schwarzgrauen Felswänden aufwärts zu klimmen anfangen, aber ganz verzweifelt schlechte Fortschritte machen. Von unten her werden sie ganz entsetzlich bedroht, und zum weiteren Emporklimmen scheinen sie auch keine bedeutende Lust zu haben. Nein, die Geschichte fängt an, ein ganz entsetzlich tragisches Aussehen zu bekommen. O Million! Nun ist eine ganze Rotte über eine sehr hohe und steile Wand herabgestürzt und wird nun sogleich wieder angetrieben, neu aufwärts zu klimmen anzufangen, und sie sträubt sich, indem sie auf die Unmöglichkeit hinweist; aber man fängt an, sie mit glühenden Spießen zu touchieren [anzustoßen]. Ah, das ist schauderhaft!“
RB|2|169|10|0|Rede Ich: „Gebt nun nur alle genau Acht; denn nun beginnt die eigentliche Hetze. Nun soll aber der Miklosch, der mehr gelassenen Geistes ist, die Szene weitererzählen, gerade wie sie vor sich geht – und zwar ohne alle verwunderlichen Nebenexklamationen. So sei es!“
RB|2|169|11|0|Spricht der Miklosch: „Herr und Vater! Ich armes, sündiges Wesen danke Dir aus aller Tiefe meines Herzens für diesen herrlichen und großen Auftrag, den Bruder Cyprian abzulösen in diesem wahrlich nicht wenig sicher jeden auch noch so standhaften Geistes seienden Beobachter höchst in den Anspruch nehmenden Geschäft. Aber ich muss es danebst aber auch sogleich offen bekennen, dass es mir dabei um nichts besser gehen wird. Denn die Erfolge jener höllischen Mühen sind eben für die Hölle und ihre Streiter zu grell und allen möglichen Schauder erregend, als dass selbst das beherzteste und gelassenste Gemüt dabei ohne alle Erschütterung bestehen könnte. Daher bitte ich Dich zu diesem Zweck wohl um eine ganz besondere Stärkung, so ich da mitten in der Nacherzählung des Geschauten nicht schon beim dritten Satz soll stecken bleiben. In Deinem allmächtigsten und heiligsten Namen will ich dann versuchen, wie es mir mit dem Nacherzählen gehen wird.
RB|2|169|12|0|Soeben stürzt eine ganze große Felswand über eine große Menge, die hinaufzuklimmen genötigt wurden, ein, und begräbt und zerschlägt eine große Masse der höllischen Streiter. Und hinter der eingestürzten Wand ergießt sich lichterloh eine grässlich brausende und zischende Lavaflut und begräbt in ihrem raschen Vordrang bei Weitem mehrere als ehedem die eingestürzte Wand. Nun ersehe ich auch wieder den schon sehr verunstalteten Kado und dessen Prinzipal. Sie scheinen im Vordergrund Rat zu halten, was da weiteres zu tun und zu unternehmen sein wird, indem da, wie es scheint, kein Teufel mehr eine Lust zeigt, über die schroffsten und steilsten Felsenabhänge hinauf für nichts und wieder nichts zu klettern. Die mächtigeren Teufel treiben die schwächeren wohl noch sehr echt höllisch-energisch an; aber wie ich es merke, so ist da von irgendeiner Obedienz [Gehorsam] gar keine Rede mehr, und ein jeder, vor dem Lavastrom fliehend, scheint nun allein nur dem eigenen Willen zu gehorchen. Welch ein grässliches Jammergeschrei, welch ein Elend, welch eine namenlose Not! Es brechen nun aus mehreren Ritzen und Spalten des Gebirges glühende Lavaergüsse hervor und stürzen gleich gewaltigsten Wasserfällen in die Tiefe herab. Dort, mehr rechts, über eine ungeheure Felsenwand, stürzt gleich einem Niagarafall in Nordamerika eine allerfurchtbarst große Masse des glühendsten geschmolzenen Erzes unter dem furchtbarsten Krachen und Donnern in die Tiefe herab. Und die Rotten, groß und klein, fliehen vor den gegen sie herwogenden Feuerfluten und heulen und fluchen ganz entsetzlich.
RB|2|169|13|0|Kado und sein Prinzipal machen auch eine ziemlich schnelle Bewegung mehr gegen uns her und klimmen nun auf einen mäßig hohen Hügel, der sich zu unserer Linken befindet. Und der Kado macht dem Prinzipal, wie ich nun recht deutlich vernehme, recht scharfe Vorwürfe ob dessen von ihm zum Voraus bestens eingesehener und abgeratener Ausführbarkeit eines allerwahnsinnigsten Planes, die allmächtigste Gottheit besiegen zu wollen. Nun habe er den Sieg vor seinen dümmsten Krokodilsaugen! Er soll nun die Löcher zustopfen gehen, damit die Gottheit über ihn und sein über alle Begriffe malträtiertes Heer so reichlichst aus allen tausend Schlünden des unersteigbar hohen und steilsten Gebirges so ganz mir und dir nichts Feuerfluten hervorsprudeln lässt, und soll auch die Begrabenen hervorholen. Aber der Prinzipal macht ihm die Bemerkung, dass dies alles bloß nur so ein blinder Lärm wäre, und diese Feuerflut bald erschöpft sein werde.
RB|2|169|14|0|Der Kado lacht dazu grässlich höhnisch und sagt: ‚O du verflucht dümmster Teufel! Da sieh ein wenig hinauf, wie da stets neue, allergewaltigste Quellen sich auftun und wie die rasche Glühflut auch in wenig Augenblicken unsern Hügel, der uns bis jetzt noch schützt, umspülen wird, und du wirst es leicht gewahren, wie bald nach deiner dümmsten Idee der Gottheit Zornquellen versiegen werden. Da sieh hin gegen die Grotte, deren löbliches Innere wahrscheinlich deine Königswohnung ist, sie ist bereits voll des glühendst fließenden Erzes, über dessen wogendem und dampfendem Spiegel sich ganze Scharen deiner mächtigsten Kämpfer allerschaudererregendst schwimmend befinden, und mit des Feuerstromes breiter und rascher Flut höchstwahrscheinlich in einen endlosen Abgrund hinabgeschwemmt werden. Das wäre mir ein Sieg, ganz gehorsamer Diener! Ich hoffe, du wirst doch wieder bald einen Feldzug gegen die Gottheit unternehmen! O herrje! Die Flut hat bereits auch unsern Hügel erreicht, nun heißt es weiter fliehen, sonst werden auch wir beide in diese Schwimmanstalt der Gottheit aufgenommen werden!‘ – Der Prinzipal ersieht nun die höchste Gefahr und schreit: ‚Dorthin, gen Abend, wo einige tapferste meiner Kämpen hinfliehen, fliehen auch wir, aber nur eiligst, sonst sind wir verloren!‘
RB|2|169|15|0|Spricht Kado: ‚Schöne Tapferkeit bei einem so grässlichen Fersengeld! Oh, ich war ein großer Esel und überdümmster Teufel! Zwei so grundehrliche Boten hatte die Gottheit an mich schlechtestes Luder abgesandt, und ich verschmähte sie. Nun sehe ich meinen allergrässlichsten Untergang, und kein Retter mehr naht sich mir.' – Schreit der Prinzipal: ‚Fliehe, sonst bist du verloren! Denn diese Flut ist arg, den sie begräbt, der ist begraben für ewig! Ich fliehe nun!‘ – Mit diesen Worten stürzt nun der Prinzipal jählings den Hügel hinab.
RB|2|169|16|0|Der Kado aber bleibt, und schreit dem Prinzipal nach: ‚Fliehe nur, Satan! Der ewigen allmächtigen Gottheit wirst du ebenso wenig entfliehen, als wie ich, der ich gar nicht fliehen will. Wir beide haben dies Los wohl verdient. Daher werden wir ihm auch nicht entfliehen; denn der Gottheit Rachefinger umspannt die Unendlichkeit.'“
RB|2|170|1|1|Kado als Überlebender zeigt Reue. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.
RB|2|170|1|0|[Miklosch:] „Kado sieht nun bebend und sehr erschreckt seinem fliehenden Prinzipal nach und sieht, wie einer mächtigen Feuerglut rascher Wogensturz dem Fliehenden schon sehr nahe an die Fersen nachkommt. Der Fliehende heult nun ganz entsetzlich, und schon so mancher aus der glühenden Flut hervorzuckende Funke leckt an seiner empfindlichen Haut. Das entsetzt den Kado, und es scheint eines jeden Funken Brand, der seines Herrn Prinzipals Haut berührt, auch die seine ganz gewaltigst zu stechen.
RB|2|170|2|0|Nun aber hat die Flut den fliehenden Prinzipal auch erreicht. – Und der Kado schreit: ‚O herrje, o Du allmächtige Gottheit – er ist verschlungen! Wie ein Tautropfen am glühendsten Erz – so auch ward er sicher allerschmerzlichst verzehrt! Und kein Wesen kommt ihm zu Hilfe! Wer aber soll ihm auch zu Hilfe kommen? Seine Mächtigen sind bereits alle begraben. Ich bin auf diesem Hügel, der bereits auch zur Hälfte von der grässlichsten Flut umflossen ist und wo nur ein schmaler Streif gen Morgen hin schlechtweg passierbar ist, auch auf dem Punkt, in einigen Augenblicken sein Los zu teilen; und wollte ich auch hin an die unglückliche Stelle rennen, so würde ihm das nun dennoch nichts mehr nützen. Kurz, ich bleibe, wo ich bin, und die göttliche Allmacht soll mit mir machen, was Sie will; denn zu entfliehen ist Ihr nimmer. Dies Feuermeer nun muss aber auch eine unermessliche Brennhitze haben, da es mich schon hier so unausstehlich brennt, wo es doch noch nach meinem Augenmaß mehrere hundert Schritte von mir entfernt sein dürfte.
RB|2|170|3|0|Großer Gott, welch eine Marter, welche Schmerzen in der höchsten Intensivität werden nur zu bald mein ewiger Anteil sein. Das ist also die fürchterliche Hölle, deren Wurm nimmer stirbt und deren entsetzlichstes Feuer nimmer erlischt. O Gottheit, o Gottheit! Habe Erbarmen mit einem Kind der Hölle, das zwar überaus schlecht war und ist, aber doch wenigstens seine Gräuel erkennt und nun, leider zu spät, bereut. Ich habe zwar schon eine entsetzlich schmerzliche Höllentour durchgemacht; aber ich fühlte da im höchsten Schmerzensübermaß eine Kraft in mir, durch die ich mich meiner Peiniger habe entledigen können. Aber beim Anblick dieser rein göttlichen Strafmacht hat mich alle Kraft verlassen. Und ich fühle nun kaum die Kraft eines Insektes in mir und muss mich demnach gefangen nehmen lassen von der leider gegen mich gerechten Zornflut des göttlichen Rachefeuers.‘“
RB|2|170|4|0|(Miklosch:) „Nun sinkt Kado auf seinem Hügel zusammen und erwartet die ihn verzehrende Flut, die ich zwar wohl noch ganz mächtig hin und her wogen, aber dennoch nicht mehr steigen sehe. Denn bis auf den Kado ist nun alles, was da gegen uns zu Felde ziehen wollte, weidlichst von ihr verschlungen. Nur das Einzige kommt mir noch unerklärlich vor, dass da die mächtigen Himmelsfürsten sich noch nicht entfernen wollen. Auch die schauerliche Grotte, obschon über die Hälfte erfüllt mit dem Feuerstrom, der nun etwas zu erhärten beginnt, hat ihr scheußlich drohendes Aussehen noch nicht verloren.“
RB|2|170|5|0|Rede Ich: „Der Kampf ist noch nicht zu Ende und der Kado noch nicht völlig verloren! Gebt aber nur Acht, was nun weiter geschehen wird! Darauf erst soll euch allen eine genügende Aufklärung zuteilwerden.“
RB|2|170|6|0|Der Miklosch beobachtet jetzt nur hauptsächlich den Hügel, auf dem der Kado also zusammengekauert liegt, als wäre er tot. [Er berichtet weiter:] „Aber da die schreckliche Flut denn doch über des Kado beiläufige Berechnung nicht an seine Haut gelangen will, so fängt er langsam sich wieder emporzurichten an, um zu sehen, was es denn nun da mit diesem Zornsturm aus der Gottheit Rachekammern für einen Fortgang nehme. Er ersieht zwar noch das Feuermeer in seiner gleichen, wogenden Tätigkeit, nur merkt er, dass es sich nicht mehr weiter ausbreite und auch nicht höher steige, als wie es sich gleich anfangs ausgebreitet hatte über eine unübersehbare weiteste Fläche und gestiegen ist zu einer bedeutenden Höhe.
RB|2|170|7|0|Diese Erscheinung flößt dem Kado mehr Mut ein, und er spricht nun bei sich: ‚Was haben nun alle diese Esel und Ochsen davon, dass sie sich wieder einmal den argen Spaß gemacht hatten, mit der allmächtigen Gottheit einen Kampf zu wagen? Aber ich selbst bin eigentlich auch ein Esel und Ochse zugleich! Warum habe ich denn ehedem den Antrag jener zwei Boten nicht angenommen, denen es von der Gottheit gegeben war, mich zu retten von dem schauervollsten Untergang. Wo sind diese Herrlichen nun? Rings um mich her ist Nacht, nur das glühende Feuermeer wirft einen matten Zornschimmer über mein verfluchtes bärenzottiges Wesen. Gegen Morgen – dort in weitester Ferne, wie es mir vorkommt – entdecke ich einen freundlicheren Schimmer als wie dieser da hier ist, der vom Spiegel dieses Qualmeeres über mein Wesen sich verbreitet. Wie es etwa doch wäre, so ich längs dieser Hügelzunge mich dahin zöge? Denn schrecklicher und gefährlicher kann es doch nirgends mehr sein, als eben hier in der Mitte der untersten Hölle.'
RB|2|170|8|0|Nun macht sich Kado auf die Beine und fängt ganz rasch an, sich gegen uns her zu bewegen. Aber, wie ich merke, so gibt seine Bewegung eben nicht sehr aus. Und es hat das Ganze seines Bewegens ein Aussehen, als ob er sich selbst mit seiner Schnellfüßlerei foppen möchte. Denn er zippelt und zappelt fast immer auf einem und demselben Punkt. Was wohl kann davon die Ursache sein, dass er bei seinem sicher festen Willen nicht weiterkommen kann?“
RB|2|170|9|0|Rede Ich: „Der Grund davon liegt in dem, dass solche Geister auch bei den besten Vorsätzen und bei guter Erkenntnis dennoch ein Herz voll Unflat haben, aus dem fortwährend böse Dünste in die Kammer des Willens aufsteigen und stets allda einen Rücktritt bewirken, wo der bessere aber schwächere Willensanteil einen Fortschritt tun wollte. Es geht ja vielen auf der Welt auch so: sie kennen das Gute und das Wahre und nehmen sich auch immer vor, es auszuüben – aber gemeiniglich in den Momenten, da sie das Gute und Wahre in ihren Willen aufnehmen wollen, da dunstet dann auch ihr Fleisch am meisten; sie werden schwach und kommen trotz ihres Strebens nicht vom Fleck. Und so ist denn der Geist stets willig, aber das Fleisch ist schwach! Und da an diesem Kado habt ihr nun ein lebendiges Beispiel, wie ein Mensch oder Geist aus seiner eigenen Kraft nichts vermag ohne Mich. Mit Mir aber vermag er alles!“
RB|2|171|1|1|Veränderte Szene – ein höllisches Ballett. Kados verzweifelnde Reue und Bekenntnis. Er ruft nach den zwei Boten und nach der Gnade der Gottheit.
RB|2|171|1|1|(Am 22. Febr. 1850)
RB|2|171|1|0|(Der Herr:) „Nun aber gebt nur weiter Acht, und du, Miklosch, mache den Erzähler. Denn es ist hier in dieser Gesellschaft nicht jedem gegeben, zu schauen und zu sehen das Kommende. Aber in der Unkenntnis davon soll niemand belassen werden.“
RB|2|171|2|0|Miklosch richtet nun wieder ganz fest seine Augen auf die höllische Szene und fängt nach einer kurzen Weile also zu erzählen an: „He der Tausend! Ah, das ist wahrlich im höchsten Grad tragikomisch! Aus dem Feuermeer, das noch immer ganz verzweifelt grauenerregend mit donnerartigem Getöse dahinwogt und aus einer jeden der Milliarden Wellen eine zahllose Menge Blitze entsendet, erheben sich nun ganz muntere Gestalten, und das ebenfalls, gleich den Wellen und Blitzen, in einer Unzahl. Von vorne sehen sie ganz rar aus, recht anmutig; und vom Rücken aus wie halbverweste Totengerippe! Das starke Wogen der glühenden Flut scheint sie nicht im Geringsten zu genieren, und die sicher allerenormste Glühhitze unter ihren Füßen scheint ihnen nur ein höchst angenehmes Gefühl zu verursachen. Die Blitze fahren durch sie durch, als wie das Wasser durch ein Sieb, ohne dass sie die muntern Gestalten nur im Geringsten inkommodieren [belästigen] möchten! Das ist wahrlich im höchsten Grad sonderbar! Ah, ah, sie mehren sich stets mehr und mehr und machen einen förmlichen Reigen! Eine wahrlich von vorne sehr elegant aussehende Gruppe bewegt in den zierlichsten Pas [Schritten] sich gegen unsern Kado hin, der diese Erscheinung auch mit der größten Aufmerksamkeit betrachtet, ohne jedoch daran ein sichtliches Wohlgefallen zu haben. Aber mit der fruchtlosen Bewegung seiner Füße hat er dennoch einen Einhalt gemacht und staunt nun ganz verblüfft diese vielen Tänzergruppen an. Die eine Gruppe macht nun schon ganz knapp am Hügel ihre Sprünge und sonstigen graziösen Bewegungen und scheint den Kado zu unterhalten; denn er hat sie schon ein paar Mal nun recht wohlgefällig angelächelt. Aber den Rücken bekommt er nicht zu Gesicht.
RB|2|171|3|0|Nun eilt ein Paar Tänzerinnen recht graziösen Ansehens zu ihm auf den Hügel hinauf mit rosenfarbigen Schleifen in ihren Händen und winken ihm, ihnen auf den glühenden Tanzboden zu folgen. – Aber er entschuldigt sich und spricht nun: ‚Meine Füße würden sich an solch einem Tanzboden nicht halten; daher bleibe ich, wo ich bin. Ihr aber bleibt, wo es euch gut zu gehen scheint. Ich brauche von solch einem zu brennheißen Vergnügen wahrlich nichts!‘ Aber die zwei kommen ihm näher und nehmen sich alle Mühe, ihn auf dies glühende Eis zu locken; aber er bleibt stehen und gebietet ihnen, sich ihm ja nicht noch mehr zu nahen, ansonst er wider sie Gewalt gebrauchen müsste. Je mehr er aber ihnen droht, desto mehr zeigen sie ihm von ihren Vordergrundreizen und bestreben sich, ihn ganz zu bezaubern. Es ist das wahrlich ein ganz sonderbarstes Schauspiel! Merkwürdig ist die Haltung dieser veritabelsten Höllengrazien, dass sie bei allen ihren verlockenden Bewegungen doch nicht irgend derart aus der Haltung kommen, dass der Kado ihrer Rückenteile ansichtig werden könnte. No, eine bemüht sich, ihm nun die Schleife um den Hals gleich einer Schlinge zu werfen.
RB|2|171|4|0|Er aber weicht zurück einige Schritte, hebt einen Stein auf und schleudert ihn der Grazie gerade an die Brust und schreit nun mit einer wahren Donnerstimme: ‚Zurück Höllenbestie! Wenn Satan, dein Gebieter, kein besseres Verführungsmittel mehr hat, um einen armen Teufel noch tiefer in die Hölle hinabzuziehen, als er ihn schon gezogen hat, da soll er sich heimspielen lassen. Glaubt denn dieses uralte, der Gottheit widerspenstige Rindvieh, Vögel meines Gelichters werden auch – so recht dümmsten Weltfinken, Gimpeln und Zeisigen gleich – sich auf seine alten, saudummen und alles Leimes baren Spindeln setzen und sich dann von ihm fangen lassen? Da irrt er sich! Ein Aar setzt sich nie auf eine Leimspindel! Sagt das eurem Ochsen von einem Gebieter!‘
RB|2|171|5|0|Aha, nun spricht die zweite Kameradin, nach der Kado noch keinen Stein geworfen hat: ‚Aber lieber Freund! Du irrst dich gewaltig über unsere große Fürstin Minerva! Siehe, sie kennt deinen großen Geist und will dir durch uns, als ihren Genien, eine kleine Vorauszeichnung zuteilwerden lassen, nach der sie im höchsten Majestätsglanz ihrer Macht und Kraft dir liebreichst entgegenkommen wird, um dich einzuführen zu den allerhöchsten Ehren – dieweil du der Einzige warst, der diesen von der alten, außer allen Kurs gekommenen Gottheit gegen einige Feiglinge der großen Fürstin gerichteten Feuerwogen den beharrlichsten Widerstand geleistet hat. Erkenne daher die höchste Gnade, die dir deiner unbezwingbaren Kraft wegen die allerhöchste Fürstin der ganzen Unendlichkeit zuerkannt hat!‘
RB|2|171|6|0|Spricht Kado: ‚Ist eure hohe Fürstin auch so dumm, oder vielleicht noch dümmer als ihr hundsgemeinsten Höllenfetzen?!‘ – Spricht ganz pomphaft die Ungesteinigte: ‚Was ist doch das für eine entsetzliche Frage! Die hohe Minerva, die Göttin aller Weisheit, bei der sogar alle Götter in die Schule gehen müssen, sogar Zeus und Apoll nicht ausgenommen!‘ – Spricht Kado: ‚Oh, ja das habe ich nicht gewusst, dass hier das alte Göttergesindel auch noch existiert! Ihr seid gewiss auch eine Art von Göttinnen?‘ – Spricht sie: ‚No freilich, ich bin ja die berühmte Terpsichore [Göttin des Tanzes]! Und diese hier, nach der du grausamermaßen einen Stein geschleudert hast, ist die herrliche Euphrosyne [Göttin des Frohsinns]! Die Arme leidet nun einen starken Schmerz; aber sie leidet ihn geduldig aus großer Liebe zu dir!“
RB|2|171|7|0|Spricht Kado: ‚No, no, nun weiß ich genug, um euch mit aller Macht meines unbeugsamsten Ernstes sagen zu können, dass ich die Minerva im höchsten Grad verachte und von ihr ewig nie eine Ehre annehmen werde. Sagt ihr, ich bin zwar ein entschiedener Feind eines gewissen Juden Je- Jes- ja, ja, so heißt er, Jesus, richtig Jesus heißt er, und bin auch mehr oder weniger ein Feind seiner Lehre in mancher Hinsicht. Aber so ich nun diesem verachteten Judenpropheten als ein Esel Dienste leisten soll, so bin ich dazu bei Weitem eher erbötig, als von eurer Minerva die höchste Ehre anzunehmen. Und nun fahrt ab, ihr sauberen Geniusinnen! Aber seht zu, dass euer Tanzboden nicht zu heiß wird!‘ – Spricht sie: ‚No warte nur, da wir dich nicht erweichen können, so sollst du die Minerva selbst zu sehen bekommen, aber von ihr keines Blickes gewürdigt werden!‘ – Spricht Kado: ‚O, das wird mir sehr angenehm sein, aber hauptsächlich das letzte, verstanden!?‘
RB|2|171|8|0|Nun entfernen sie sich und hüpfen ihren Solopas unter den andern vielen und höchst zahlreichen Gruppen fort. Und nun verlieren sie sich so ganz und gar, dass ich sie nimmer irgendwo mehr zu entdecken vermag. Aber nun wird das Glühmeer schon wieder unruhiger; die Wogen fangen an, stärker zu gehen, und die Oberfläche wird glühender und daher sicher auch leuchtender. Die zahllosen Tänzerinnen fliehen nun wie von höchster Angst gepeitscht in wildester Unordnung über die schreckliche Oberfläche gegen die allerscheußlichst aussehende Grotte hin und stürzen sich unter grässlich tönendem Schmerzgestöhne und Schreien des Entsetzens in einen wahrscheinlich alle meine Einbildungskraft weit übersteigend furchtbarsten Abgrund.
RB|2|171|9|0|Der Kado macht hier selbst eine sehr bedenklich kleinlaute Miene und sagt nun bei sich selbst: ‚No, no, die Gottheit sei aller Kreatur gnädig! Und so an der Hilfe des Propheten Jesus, der ein Liebling der Gottheit sein soll, etwas reell Wirksames ist, so helfe auch er! Denn diese Qualen sind für jedes lebende Wesen, ob Leib, Seele oder Geist, denn doch zu unaussprechlich groß und hart! Übrigens muss die weiseste Minerva diese ihre Dienerschaft eben nicht gar zu artig empfangen haben, weil sie gar so entsetzlich haben wehe zu klagen angefangen. O Du große, allmächtige Gottheit, habe ich auch eine Strafe verdient, so lasse mir nur ein bisschen Gnade für ein zu scharfes Recht widerfahren. Denn diese Strafe für zeitliche Vergehen, wie sie auch immer beschaffen sein mögen, ist doch als ewig während zu ungeheuer unverhältnismäßig allerschrecklichst grausam. Lasse uns zu nichts werden, und wir sind für ewig damit zufrieden; denn der nicht ist, dem ist doch sicher alles recht. Ich habe Dir, Du allmächtigster Gott, wohl ehedem trotzen wollen, als ich noch nicht verkostet habe des grässlichsten Schmerzes Macht; aber nun ich schon verkostet habe so eine wahrscheinlich nur höchst geringe Einleitung zum großen, ewig dauernden höllischen Schmerzenstraktament, so ist mir auch wahrlich für ewig alle Lust vergangen, mich Dir je wieder einmal widerspenstig zu bezeigen. Ich bin gewiss kein Feigling; aber was zu viel, ist zu viel! Zugleich aber danke ich Dir, Du große allmächtigste Gottheit, als ein wahrlich vielseitig ärmster Teufel für so viel Gnade, dass Du mich bis jetzt noch nicht in den Pfuhl geschleudert hast. O wie grässlich qualvollsten Anblickes ist doch dies erschrecklichste Glühmeer! Welch unerklärbarste Schmerzen müssen die empfinden, die unter seinen weißglühenden Wogen begraben ruhen! O eine erschrecklichste Ruhe!‘
RB|2|171|10|0|Hier wird Kado still und scheint zu weinen. Ja, ja, er seufzt recht bitterlichst. Und nun ruft er wieder aus in einem sehr klagenden Ton: ‚O du elendstes Geschöpf! Du für den höchsten Schmerz best befähigter Spielball in den Händen einer unerforschlichen ewigen Macht! Was ist dein Los sonst wohl, als eine ewige, allergrässlichste Verzweiflung im Gefühl deiner entschiedensten Ohnmacht! Die Erde ward dir beschieden, auf dass du durch ihre tausend Lockungen zu einem Teufel werden mochtest. Dann ward dir der elende Leib genommen, und du stehst nun als ein nacktester und allerärmster Teufel, ein ewiger Fluch der unerbittlichsten Gottheit, vor den Pforten der ewigen Qual! Und weil du ein Teufel bist, so reicht dir auf all dein Bitten auch keine helfende Macht irgendeinen leisesten Hoffnungsstrahl zu einer Erlösung. Wo seid ihr beiden Freunde nun, die ihr mich vor einer noch nicht gar zu langen Weile habt ins Paradies bringen wollen? Damals war ich blind, und nun bin ich sehend. Warum kommt ihr denn jetzt nicht zu mir, um mich zu retten als einen Sehenden, da ihr mich doch ehedem als einen Blinden habt retten wollen vor dem Abgrund des ewigen Entsetzens? Aber ich schreie und weine nun vergeblich, denn das Jammergeschrei aus der verdammten Tiefe eines armen Teufels dringt nimmer an ein göttliches Ohr. Wer verflucht ist, der ist auch verflucht, und die ewige schmerzvollste Verzweiflung ist sein erschrecklichstes Los! Wehe mir! Dies ist erst der Anfang, dem aber kein Ende folgen wird.‘“
RB|2|172|1|1|Kados irdische Lebensgeschichte Die höllische Minerva im Staatswagen. Kados geweihte Steine der Abwehr.
RB|2|172|1|1|(Am 26. Febr. 1850)
RB|2|172|1|0|(Miklosch fährt fort zu berichten): „Nun starrt er wieder ganz trübsinnig vor sich hin und wirft dann und wann einen Blick nach der entsetzlichen Grotte hin, aus deren schaudervollstem Hintergrund nun stets gewaltigere Flammen emporzuschlagen anfangen, begleitet von einem fürchterlich unheimlichen Tosen und von zahllosen Stimmen, wie sie nur ein höchster Schmerz einem Gemarterten erpressen kann.
RB|2|172|2|0|Dem Kado stehen die Haare zu Berge. In seiner Miene malt sich Furcht und Verzweiflung, und in seinem Innern wird es zornglühend. Nun fasst er einen Stein fest in seine Hand und spricht mit bebender Stimme: ‚O komm nur, du mir durch deine Quälteufel beansagte Minerva, du Urgrund alles Übels! Dieser Stein soll dir dein Gehirn messen, wie viel der grausamsten Weisheit etwa doch in selbem vorhanden sein möchte. Ein Gott oder ein Teufel gebe mir Antwort: Wer sind die Gequälten, wer quält sie, und was ist ihre Schuld? Keine Antwort? Auch aus der Hölle keine? Das ist schon die Art der Mächtigen, dass sie die Stimme eines armen Teufels als rein null und nichtig betrachten. Mein Herz, du fragst umsonst! Die Hölle ist taub und der Himmel zu entsetzlich ferne von hier. Hier gibt es keinen Trost mehr für dich! Du bist verloren, verloren auf ewig! Gewöhne dich an die Gräuel, so hier eine Angewöhnung überhaupt möglich ist – das ist noch der einzige Scheintrost, den ich dir bieten kann. Gewöhne dich an die Verzweiflung, an die Diamanthärte der Beherrscher der Hölle, an die Ferne von Gott und an die ewige Unzulänglichkeit jeder deiner an den Himmel gerichteten Bitten. Aber welch eine schaudervollste Angewöhnung wird das werden? Auf der Erde ging es zwar, dass ich mich angewöhnen konnte an alle die Gräuel, die zu verüben ich von meinem Prinzipal genötigt wurde. Aber damals war ich ein rohestes und aller Menschenbildung barstes menschliches Raubtier; ich hatte von keiner Religion auch nur einen allerleisesten Begriff. Erst als ich Selbstherrscher ward, griechisch lesen und schreiben lernte und dabei zu einer geraubten griechischen Bibel kam, da ward ich auch in meinem Leben zum ersten Mal über das Dasein eines allmächtigen Gottes belehrt.
RB|2|172|3|0|Ich las das Neue Testament und machte da Bekanntschaft mit dem berühmten Juden Jesus, dessen Lehre sehr viel für sich hatte, bis auf einige Widersprüche. Ich ließ mir einen sogenannten Geistlichen an meinen Hof bringen, dass er mir erläutere diese alte Schrift. Aber was war das für eine Erklärung!? Ein jedes alte Weib hätte mir sicher eine ebenso gute, wo nicht bessere gegeben. Der Pfaffe verlangte von mir bloß Opfer zur Sühne meiner Sünden und verbot mir das weitere Forschen in solchen Büchern, durch die des Menschen Geist getötet werde. Ich sah, dass der Geistliche ein Lump war, ärger denn ich, und ließ ihn darum gehen und legte auch die Schrift zur Seite. So ich nun dadurch zu einem Teufel ward, so frage ich, ob ich daran wohl alle Schuld trage? Aber frage, mein Herz, die Allmacht, und sie wird dich keiner Antwort würdigen.
RB|2|172|4|0|So der Soldat, der mit Schlingen und Ketten zu diesem Stand gezogen ward, auf dem Schlachtfeld Menschen ermorden muss – kann eine höchstweise Gottheit ihm das in sein Schuldbuch schreiben und ihn dann als einen Mörder rechtens verdammen? Nein und ewig nein! Das kann Sie nicht mit dem Recht wahrer Weisheit. Ist aber der Gottheit Weisheit auch mit dem eitlen Dunst ihres göttlichen Allmachtsdünkels umnebelt, da freilich muss einem armen Teufel in aller seiner Nichtigkeit und Schwäche alles recht sein, was die Allmacht über ihn verfügt. Aber was hadre ich! Geht es etwa nicht schon präparativ für die armen Teufel auf der Erde so zu? Die allmächtige Gottheit ruft sie ins Dasein auf ein Territorium, auf dem für sie kein Gräschen wächst, und nehmen sie sich eines ohne den Willen des privilegierten Besitzers, so haben sie schon das Gesetz als Diebe am Genick, während der Reiche im eigentlichsten Sinn gar nicht stehlen kann, da ja ohnehin alles sein ist. O du schöne Weisheit und Gerechtigkeit, die dem Reichen gibt im Übermaß und den Armen verhungern lässt.‘“
RB|2|172|5|0|(Miklosch weiter): „Nun werden die Flammen sehr tätig, die da aus dem Hintergrund der Grotte hervorbrechen, und Blitze fahren in einer Unzahl von eben diesen Flammen in allen Richtungen hin über die große Fläche des stets schauderhaft wogenden Glühmeeres. Ich gewahre nun ein starkes Drängen im Hintergrund der entsetzlichen Grotte. Ich kann mir in meinem Gefühl wahrlich nicht helfen – es sieht zwar die Grotte an und für sich betrachtet nicht anders aus, als wie ich auf der Erde schon so manche Grotte gesehen habe, nur mit dem einzigen sichtlichen Unterschied, dass da diese Grotte voll des allesverzehrendsten Feuers ist; aber alles dessen ungeachtet macht sie auf mein Gemüt dennoch einen allergrässlichsten Eindruck. Wie muss sie erst dem Kado vorkommen, der da in der gemeinten sichern Anwartschaft steht, über kurz oder lang in diese zu gelangen! O Tausend, o Tausend! Nun fängt es aber in der Grotte schon ganz entsetzlich zu toben und zu wüten an. Flammen schießen hervor, als so sie von einer allergewaltigsten Esse getrieben würden. Und ganze Bündel von den mächtigsten Blitzen fahren empor zu den noch in unverrückter Ordnung weilenden Himmelsscharen, die aller dieser gräuelhaftesten Machination ganz gleichgültig zusehen, gleichsam als sehen sie gar nicht, was da alles vor sich geht.
RB|2|172|6|0|Aber nun lässt sich aus der Grotte wie ein gar heftiges Angstgejammer vernehmen! Das Gejammer kommt näher und näher, und der Kado hält sich die Ohren zu. No, der muss dieses elendeste Geschrei, Geheul und Gebrüll gar gut vernehmen. Ah, ah, ah, das ist großartig teuflisch merkwürdig! Nun kommt aus der innersten Grotte ein Prachtexemplar von einem nach Römer Art gemachten kaiserlichen Galawagen, von 6 glühenden Drachen bespannt, zum Vorschein! Und im Wagen, der selbst ganz glühend zu sein scheint, sitzt im Ernst eine Art Minerva, in ihrer Rechten eine Art Zepter und in ihrer Linken eine glühende Lanze haltend.
RB|2|172|7|0|Sie gebietet nun dem Glühmeer Ruhe, und siehe, das Meer scheint ihre Sprache nicht zu verstehen, denn es ist stets gleich unruhig. Aber jetzt winkt sie mit dem Zepter in den Hintergrund zurück, und sogleich stürzen eine Unzahl ganz verzweifelt teuflisch aussehender Geister aus den Flammen unter grässlichem Geheul hervor. Sie gebietet ihnen, die Wogen des Glühmeeres zu bändigen und niederzuhalten. Die Teufel, unter allen erdenklichen Geschmeißgestaltungen, werfen sich sogleich auf die glühenden Wogen und bringen richtig eine etwas bedeutendere Ruhe zuwege. Aber es scheint diese Ruhe der Göttin noch nicht zu behagen; deshalb ruft sie noch eine größere Menge solcher Geister hervor. Diese stürzen mit großer Wut hervor und decken mit ihrer Scheußlichkeit nahe die ganze sichtbare Oberfläche des Glutenmeeres. Und es ist die Oberfläche nun ganz ruhig, so weit sie von diesen Scheusalen bedeckt ist.
RB|2|172|8|0|Nun erst fängt sie an weiterzufahren, und wie ich merke, nimmt sie die Richtung gerade gegen den vor Entsetzen schon nahe ganz starr gewordenen Kado. Dieser aber versieht sich nun mit Steinen, und wie ich merke, so bezeichnet er sie zum Teil mit dem Namen ‚Jeoua‘, und zum Teil auch mit Deinem Namen ‚Jesus von Nazareth, König der Juden‘. Er sieht ganz verzweifelt grimmig aus und droht schon von weitem der sich ihm nahenden Minerva.
RB|2|172|9|0|Diese aber herrscht ihm entgegen: ‚Wage es nur, meine Majestät zu beleidigen, so du in tausendmal tausend Stücke zerrissen sein willst! Siehe, ich komme zu dir, um dich glücklich zu machen – und du willst mich steinigen! O du elender, blinder Tor! Was ist deine Macht gegen die meinige!? Sieh, die ganze Schöpfung, alle zahllosen Sterne und Welten sind aus mir! Ein Hauch aus meinem Mund verweht sie auf ewig in einem Nu! Und du willst mit mir einen Kampf beginnen? O du tollster Tor! Sehe und höre mich vorerst – dann versuche dich an mir!‘ – Spricht Kado: ‚Das ist mir ein Teufel, ob schön oder hässlich oder ob mächtig oder schwächer denn eine Mücke! Das ist, wie gesagt, mir ganz gleich. Ich warne dich, nahe dich mir nicht, sonst sollst du ganz verdammt schlecht bedient werden! Denn ich verachte dich bis in den tiefsten Abgrund der Hölle, die von A bis Z dein Werk ist. O du bildschönster Satan von einer Minerva, meinst denn du, mit deiner reizendsten Gestalt wirst du mich bestechen oder verlocken, dass ich mich dir ergebe! Packe ein mit allen deinen Reizen! Wahrlich, nicht einmal mit meinem Kot möchte ich deiner Haut zarteste Stellen beschmieren! Fahre ab, sonst sollst du die Wurfkraft meiner Hände zum Verkosten bekommen. Sieh diesen Stein, Jeoua ist sein Name!‘“
RB|2|173|1|1|Kado und Minerva, ein sonderbares Zwiegespräch. Kados Stein der Weisen. Der Name Jesus ist der Hölle ein Gräuel.
RB|2|173|1|1|(Am 27. Febr. 1850)
RB|2|173|1|0|(Miklosch): „Spricht die Minerva: ‚Aber Kado! für so impertinent, roh und grob hätte ich dich wahrlich nicht gehalten! Es haben mir ein paar Favoritinnen meines Hofes erzählt, welch ein grober und roher Schroll du sein sollst. Aber ich nahm ihre Aussagen nicht sogleich als bare Münze an, sondern wollte mich erst selbst von allem überzeugen. Aber da ich mich nun von deiner höchst inhumanen Weise, mit hohen Geistern zu verkehren, selbst überzeugt habe, wo ich dir doch gewiss nicht unartig entgegengekommen bin, so bin ich denn auch genötigt, mit dir in einem ganz anderen Ton zu diskurieren [diskutieren] anzufangen. Zuerst sollst du einer kleinen Exekution zusehen und daraus entnehmen, wie ich mit Geistern so ganz von deinem Kaliber umzugehen pflege. Und soll dich dieser Anblick für mein Herz noch nicht mürbe machen, so werde ich dann auch unverzüglich dich meine Schärfe verkosten lassen – weil dir meine Herablassung, Milde und Sanftmut nicht munden will.“
RB|2|173|2|0|Die Minerva winkt, und in einem Augenblick werden von allerschrecklichst aussehenden Teufeln eine unübersehbare Menge von allen erdenklichen Marterwerkzeugen herbeigeschafft und in einem weiten Kreis um die Minerva ordnungsmäßig aufgestellt. Auf einen zweiten Wink werden von anderen noch grässlicher aussehenden Teufeln eine ungeheure Menge von noch ganz menschlich aussehenden Delinquententeufeln auf eine Weise nun aus der schauderhaftesten Grotte herbeigeschleppt, die selbst einen Stein empören müsste. Diese Delinquenten schreien und heulen nun furchtbar und viele winden sich entsetzlich aus tiefster Verzweiflung bittend vor der Minerva, dass sie ihrer schonen möchte. Aber diese winkt nun ganz stumm den vor Martergier ordentlich glühenden Teufeln, und diese ergreifen mit wildester Hast ihre Opfer und beginnen soeben dieselben auf das Allerunbeschreiblichste zu martern und zu quälen.
RB|2|173|3|0|Ah, Herr, das ist noch der allergrässlichste Anblick! Wenn diese ärmsten Teufel auch so wie wir schmerzfähig sind, so ist das etwas, worüber selbst der tiefweiseste Cherub verstummen muss. Das Martern geht nur sehr langsam und ganz planmäßig vor sich. O Herr, du ewige Liebe! Erbarme dich dieser ärmsten und allerunglückseligsten Teufel und lasse den armen Kado nicht in die vollste Verzweiflung übergehen! Ich höre von ihm nun nichts mehr und nichts anderes als: ‚O Gott, o Gott, o Gott! Wo bist Du? Ist es denn möglich, dass Du so was ruhig mitansehen kannst? Ich bin verloren, ich bin verloren!‘ Er fällt nun wie ohnmächtig zusammen.
RB|2|173|4|0|Nun ruft dem Kado die Minerva so ganz höhnisch gelassen zu: ‚No, du tapferster Held, wo ist denn nun dein Mut und dein Starrsinn? Beliebt es dir, mir etwa noch länger trotzen zu wollen? Versuche es, so du nun den Mut besitzt, und ich werde dir dann sogleich meinen Mut und meine Kraft zeigen! Wie gefällt dir dies kleine Pröbchen, das ich nun bloß nur so aus meiner Laune vor deinen Augen aufführen lasse? Nicht wahr, die Sache macht sich?‘
RB|2|173|5|0|Der Kado springt nun plötzlich auf wie neu gestärkt und heult der Minerva zu: ‚Satan! Grund alles Bösen! Was haben diese verschuldet vor dir, dass du sie alle quälen lässt? Wenn dir nur ein Funke Weisheit innewohnt, so forsche in dir dem Grund nach und gebe mir ihn kund! Und so er mich befriedigt, da will ich dich anbeten! Rede, oder ich zerreiße dich in Atome!‘ – Hier bricht die Minerva in ein gellendes Gelächter aus und sagt darauf: ‚O du elendester Wurm, du wagst es noch, bei all dem Gesehenen mich als die Herrin der Unendlichkeit um eine förmliche Rechenschaft anzuheulen! Warte, es soll dir sogleich die verheißene Züchtigung zukommen! Und diese wird es dir sagen, aus welchem Grund die Allmacht so manches zu tun pflegt nach ihrem launigen Belieben, ohne ein geschaffenes Wesen eher um eine Genehmigung anzubetteln.‘
RB|2|173|6|0|Nun winkt die Minerva ihren Büttelteufeln, dass sie den Kado ergreifen und auf eine allerärgste Martermaschine schleppen sollen. Und sogleich springen eine starke Menge der grimmigsten Teufel auf ihn zu, um ihn zur Martermaschine zu schleppen. Aber da sehe man den Kado an! Nein, solche Kraft hätte ich in ihm nicht gesucht! Im Augenblick, als ihn die Teufel ergreifen wollten, warf er allergewaltigst einen Stein unter sie, dass sie dadurch wie durch einen Zauber derart auseinander zerstoben wurden, als wäre ein allergewaltigster Blitz unter sie gefahren! Und es scheint keiner mehr die Lust zu haben, einen wiederholten Angriff zu wagen.
RB|2|173|7|0|Als Kado nun ersieht, dass ihm ein mit Deinem Namen, o Herr, bezeichneter Stein einen so ausgiebigen Dienst geleistet hat, legt er die Hände auf seine Brust und sagt: ‚Nicht mehr du Judenprophet Jesus, sondern Du Gott Jesus! Du hast mir geholfen, Dir sei all mein Dank und alle meine Achtung auch aus der Hölle, in der ich mich befinde, für ewig geweiht!‘
RB|2|173|8|0|Mehr als überaus merkwürdig ist es aber, dass bei der Nennung Deines allerheiligsten Namens die sämtlichen Teufel samt der Minerva wie von einer Million Blitzen zu Boden geschmettert worden sind und gar keine Lust mehr zeigen, sich wieder zu erheben.
RB|2|173|9|0|Kado aber fragt nun die zusammengekauerte Minerva: ‚No, du holdeste Beherrscherin der Unendlichkeit, wie geht es dir denn nun? Mir scheint, du bist ein wenig angegriffen? Möchtest denn nicht ein wenig näher zu mir dich begeben? Vielleicht könnte ich dir helfen mit noch so einem Stein der Weisen!‘
RB|2|173|10|1|(Am 1. März 1850)
RB|2|173|10|0|Die Minerva richtet sich nun wieder auf, findet aber zu ihrem großen Leidwesen, dass ihre Lanze gebrochen und ihr Zepter sehr beschädigt ward. Sie betrachtet nun solche ihre Herrschinsignien eine Weile und sagt: ‚Das ist sehr übel für meine Herrschaft! Denn es sagte einst das mächtigste Fatum zu mir: ‚Minerva, du weiseste und mächtigste Königin über alle Sterne, gebe Acht auf deine Lanze und auf deinen Zepter! So es je geschehen soll, dass dir deine Lanze gebrochen und dein Zepter beschädigt würde, dann wird es mit deiner Herrschaft auch ein baldiges Ende nehmen, und du wirst verabscheut werden ärger denn ein Aas.‘ Ja, ja, das Fatum, das unerbittliche Fatum hat wahr gesprochen. Kein Engel der Himmel konnte je meine Macht brechen. Aber einem niedrigsten Teufel, der doch in aller Bosheit ein dümmster Teufel war, wurde es vom Fatum vorbehalten, dass er mich stürze.‘
RB|2|173|11|0|Nach diesem Monolog wendet sie sich nun an den Kado und sagt: ‚O du dümmster aller Teufel, wie ist es dir denn nun, dass du mich so schmählich hintergangen hast!? Wirst du nun als das Symbol der rohesten Dummheit die Welten, Sonnen und alle Elemente lenken? Wirst du sie aufhalten, so sie nun bald, da ich sie nicht mehr erhalten kann, über dich hereinstürzen werden? Meinst du, auch eine ganze Welt mit aller ihrer Schwere wird sich im Fall von deinen allerschmutzigsten Steinen aufhalten lassen?‘ – Spricht nun Kado: ‚Wenn du als allmächtige Beherrscherin der Unendlichkeit dich vor meinen Steinen nicht schützen konntest, wie werden sich dann deine miserablen Werke schützen vor ihnen? Wer so eine saubere Gottheit, wie du eine, besiegt – für den werden wohl ihre Werke auch nicht unbesiegbar sein! Kümmere dich dessen nicht! Da weiß es schon eine andere Gottheit als wie du, was sie aus deinen seinsollenden Werken machen wird. Sage mir aber lieber, wie viele so arme Teufel hinter jener Grotte noch weilen, als wie diese da sind, die du nun so bloß zu deinem Privatvergnügen auf das Allerscheußlichste hast martern lassen? Und wie viele sind schon von jeher so und vielleicht noch ärger gequält worden? Sage mir die genaueste Wahrheit, sonst sollst du von mir auf das Allerübelste bedient werden!‘
RB|2|173|12|0|Spricht nun die Minerva: ‚Sieh, du blinder Tor! Alles das, was du hier gesehen, war nichts als bloß nur eine momentane Ausgeburt meiner Phantasie – also gestellt zur Probe deines Mutes! Ich allein bin eine Wirklichkeit; alles andere war ja nur ein Schein und kein Sein. Daher hattest du mit dem Schein auch einen leichten Kampf zu bestehen! Denn wäre dir hier eine Wirklichkeit entgegengetreten, da hätten dir deine allerschmutzigsten Steine sicher keinen Sieg verliehen – aus welchem Grund aber an deinem Sieg über mich auch nicht so viel liegt, als wie du nun etwa meinen dürftest. Denn du hast nur einen Schein und keine Wirklichkeit besiegt!‘ – Hier denkt die Minerva etwas nach und sagt nun nach einer Weile: ‚Auf deine Frage, wie es sich schon von selbst versteht, kann ich dir daher auch keine Antwort geben, was auch mein gerechter Stolz nie zugeben könnte, dass ich mich mit so einem miserabel dümmsten Teufel in eine Weisheitsberechnung einlassen möchte. Verstehst du miserabel dümmster Teufel solches?‘
RB|2|173|13|0|Spricht nun Kado mit spöttisch lächelnder Miene: ‚Schau, schau, was du doch bist für eine kluge Sau! Also nur bloß den Schein und keine Wirklichkeit hätte ich besiegt durch den Gottnamen Jesus? Und doch sagtest du soeben, die du auch total geschlagen bist, von dir selbst aus, dass du eine allmächtige Wirklichkeit bist! Wenn ich mit meinem Stein nach deiner Behauptung bloß nur deine allergrausamsten Phantasiebilder besiegt habe, wie kommt es denn, dass du als Wirklichkeit nun auch besiegt und ganz gelähmt vor mir dich befindest? Rede nun und mache mir diese Sache erklärlich! Wie ist das?‘
RB|2|173|14|0|Spricht die Minerva: ‚Das ist auch nur ein Scheinsieg, da ich mich nur so stelle, als wenn ich besiegt wäre – um mit dir ganz aufrichtig zu sprechen! Denn wäre ich wirklich besiegt, so stünde ich nicht mit aller meiner vollsten Entschlossenheit vor dir und wäre nicht bereit, mit dir noch zahllose Mal den glühendsten Kampf zu erneuen! Ich gebrauchte gegen dich, der du ein reinstes Nichts gegen mich bist, dieses Scheingefecht nur aus Schonung für dein mir leider zu wohlgefälliges Wesen, welches mein Herz mit der unverdientesten Liebe gegen dich erfüllte und noch erfüllt. Hätte ich nicht diese zarteste Rücksicht für dich, so hätte ich bloß so ein paar allerschwächste Mückengeister über dich gesendet, die alle deine Macht und Kraft rein in nichts verwandelt hätten. Und so du mir viel Flausen machst, so werde ich am Ende denn doch noch mit der Wirklichkeit dir entgegenzukommen genötigt sein!‘
RB|2|173|15|0|Spricht der Kado: ‚Hm, hm, merkwürdig! Nein, nein, du bist wirklich ein charmantes Wesen! Schau, schau, so viel Herzensgüte hätte ich bei dir nicht erwartet! Dass du überaus gut sein musst, das haben mir ja deine Phantasiebilder hinreichend bewiesen, wie auch deine schönen Gott zu entthronen beabsichtigenden Ideen, die du früher durch deine Hauptmacht, die nun unter diesem Glutmeer begraben liegt, effektuieren wolltest! Sage mir, war etwa das auch nur bloß so eine ganz leere Spiegelfechterei? Der erste Empfang von deinen Aposteln war an mir wenigstens ganz verdammt wirklich, was ich zu einer ewigen Witzigung nur zu klar verspürt hatte. Dieselben Apostel aber sind hernach, als sie an mir scheiterten, in einer ungeheuer vermehrten Anzahl gegen die wahre allmächtigste Gottheit zu Felde gezogen, um an Ihr höchstwahrscheinlich deinen uralten Plan auszuführen. Aber die liebe allmächtigste Gottheit war gleich so keck, zu öffnen die Feuerschleußen dieses Gebirges, und begrub deine Hauptmacht unter die Wogen dieses Glühmeeres. Sage mir gütigst, ob das auch alles bloß nur so ein Schein war ohne alle Wirklichkeit!‘
RB|2|173|16|0|Spricht die Minerva ganz trotzig und mit zornverbissenen Lippen: ‚Das war leider kein Schein! Dass es aber so ungünstig für mich ausgefallen, daran ist leider dein dümmster Vorfahre schuld. Denn ich habe es ihm tausendmal gesagt, dass es nun noch nicht an der Zeit sei. Aber er ließ sich nicht raten, handelte eigenmächtig und hat nun den Lohn für seine wahnwitzige Tollkühnheit. Wann wird sich wieder so eine Gelegenheit darbieten?‘
RB|2|173|17|0|Spricht Kado: ‚Ich glaube, in alle Ewigkeiten nimmer! Packe daher ein mit deinem allerdümmsten Plan! Gott ist und bleibt Gott ewig! Und du – ein allerdümmstes Wesen, schlecht und elend genug, so du solch einen allerdümmsten Plan nicht aufgeben wirst! Schau, was für ein ungeheuer schönstes Wesen wärst du, wenn du nicht so bösdumm sein möchtest! Lege einmal dein uraltes, stets fruchtlosestes Handwerk ab, und nehme an den Willen der Allmacht, der du ewig nimmer wirst zu widerstreben imstande sein. Ergebe dich, du sonst deiner Gestalt nach unbeschreiblich Herrliche, und ich selbst will dich mit einer Liebe umfassen, von der unter den geschaffenen Geistern die ganze Unendlichkeit kein Beispiel gesehen hat – ansonst ich dich trotz deiner höchsten Schönheit dennoch allertiefst verachten muss.‘
RB|2|173|18|0|Spricht die Minerva etwas weniger leidenschaftlich: ‚Wüsstest du, was ich weiß, so würdest du von deiner Gottheit anders reden. Aber dennoch hast du recht, dass du also zu mir redest, denn es ist auch so. Aber ich kann mich ewig nimmer ändern. Denn ändere ich mich, so ist im nächsten Augenblicke außer Gott und mir kein geschaffenes Wesen mehr in der ganzen Unendlichkeit; keine Sonne und keine Erde mehr! Ich muss daher in der ewigen Qual stecken, auf dass die Geschöpfe aus mir in aller Seligkeit schwelgen können. Aber nun habe ich es satt, und es muss denn doch einmal anders werden!‘
RB|2|173|19|0|Spricht Kado: ‚O du arme Mutter der Unendlichkeit! Geh, komm her zu mir, ich werde dich zu unserm lieben Herrgott Jesus führen, nachher wird schon alles wieder gut werden!‘
RB|2|173|20|0|Schreit die Minerva: ‚Nur diesen Namen nenne mir nimmer – sonst ist es gleich rein ganz aus mit uns beiden! Denn dieser Name ist mir ein Gräuel!‘“
RB|2|174|1|1|Kados Weisheit gegen Minervas Verblendung. Kado gibt ihr den Rat, Jesus anzuerkennen und sich mit ihm zusammenzutun.
RB|2|174|1|1|(Am 11. März 1850)
RB|2|174|1|0|(Miklosch): „Spricht Kado: ‚Aber liebe Mutter der Unendlichkeit, allerholdeste und schönste Minerva! Aber warum denn gerade vor diesem gewiss sehr menschenfreundlich klingenden Namen einen solchen Widerwillen haben? Was hat er denn dir getan? Ich meines Teils finde gerade in diesem Namen sehr viel Tröstendes und Beruhigendes. Also heraus mit der Farbe, was für einen Haken hat es denn da?‘
RB|2|174|2|0|Spricht die Minerva ganz erbost: ‚Freund, da hat es den allerunendlichst größten Haken, den wohl alle Ewigkeiten nicht geradebiegen werden! Denn in diesem Namen ist die Gottheit wahnsinnig geworden, hat Ihre Urhöhe und Tiefe verlassen und hat sich aus einer alleralbernsten Liebe zu Ihren Phantasiegeschöpfen in einen engen Schlafrock gepfercht, aus dem sie nun nicht mehr herauszubringen ist! Denke dir die aus purer Affenliebe zu Ihren Geschöpfen von Ihren allermistigsten Kreaturen malträtierte, ans Kreuz gehängte Gottheit – eine Gottheit, die sich zu einem Aas herunterwürdigt, anstatt auf Ihrer unendlichen Höhe und Glorie in meiner lichtvollsten Gesellschaft zu bleiben und zu herrschen über die vollendetsten Wesen, die da aus mir ihr unverwüstbares Dasein nehmen. Was, frage ich, was kann ich als die höchste noch durch nichts getrübte Weisheit von solch einer toll gewordenen Gottheit denken und halten? Ich könnte vor Schande und Schmach vergehen, wenn ich an solch eine entsetzlichste Erniedrigung schaue – und schauen muss, weil sie wirklich da ist. Siehe, Tor, da hat es den Haken! Würde ich auch mit der Gottheit toll, so geht die ganze Unendlichkeit in Trümmer und alle Wesen haben zu sein aufgehört, wie ich dir's schon früher sagte. Siehe, das ist der verzweifelte Haken.‘
RB|2|174|3|0|Spricht Kado: ‚Merkwürdig, merkwürdig, merkwürdig! Aber was ist denn hier so ganz eigentlich merkwürdig?! O nicht die Erniedrigung der Gottheit zu Ihren Geschöpfen herab; o nein, das ist in meinen Augen noch lange nicht so merkwürdig, als dass die mir sich als höchstweise darstellende, höchste Göttin Minerva so schauderhaft geistesbeschränkt ist, sich von der großen Gottheit eine gar so saudumme Vorstellung als permanent fixiert zu machen. Erlaube mir – wie kann die Gottheit, als der reinste Urgeist aller Geister, als die mächtigste Urkraft aller Ur- und (aller der von dieser Kraft ausgehenden) sekundären Kräfte, je möglich schwach werden? Sie, die die Unendlichkeit umspannt und danebst aber der ewigste und festeste Mittelpunkt aller Mittelpunkte ist – könnte je schwach, ja – quod incredibile dictu! [was ganz unglaublich erscheint!] – am Ende sogar wahnsinnig werden!? Nein, Minerva, dieser Witz ist dir nicht gelungen. Du magst sonst sehr weise sein, ja sogar so weise, als wie du – im Ernst gesagt – ungeheuer verführerisch schön bist; aber der Witz mit der göttlichen Schwäche und Tollheit ist dir nicht gelungen, und ich möchte dir beinahe mit dem Ausruf des alten griechischen Malers: ,Schuster bleib bei deinen Leisten!‘ dich zurechtweisend entgegenkommen. Aber ob deiner enormen Schönheit, die sicher einen jeden armen Sünder zur Anbetung auffordern müsste, so er dich zu sehen bekäme, verschone ich dich ernstlicherweise damit. Zudem sehe ich, dass du außerordentlich herrschsüchtig bist, und dass es dir beliebt, mit mir dir einen Spaß zu machen. Und so ärgere ich mich auch gar nicht mehr über deine wenigstens mir bezeigte Dummheit.
RB|2|174|4|0|Aber so du es annehmen willst, weil ich schon gar so ein großes Wohlgefallen an deiner allereminentesten Schönheit habe, und dich sogar im Ernst etwas liebe und noch mehr lieben möchte, so ich mir's getraute – so gebe ich dir einen Rat, und dieser besteht darin, dass du dich mit dem Gottmenschen Jesus auf einen freundschaftlichen Fuß stellen sollest! Lasse wenigstens Seinen Namen in deinem Reich (oder was es sonst noch ist?!) öfter ausrufen zu deiner eigenen Überzeugung, was da doch etwa daraus entstehen könnte. Und ich bin überzeugt, dass du schon dadurch in aller Kürze für bleibend zu ganz anderen Begriffen und Vorstellungen über die Gottheit gelangen wirst. Siehe, ich bin auch ein Teufel, vielleicht viel ärger noch denn du, und kenne, wie gesagt, Jesus nur dem Namen und einigen Paragraphen Seiner Lehre nach, die wahrlich höchst göttlich weise sind und sogar jedem nur einigermaßen reell denkenden Geist- oder Fleischteufel die höchste Bewunderung abnötigen müssen. Aber es kommt mich wahrlich gar nicht schwer an, Ihm die tiefste Achtung zu zollen. Warum soll denn das dir gerade schon gar so schwer und unausführbar vorkommen?
RB|2|174|5|0|Geh und mache nun einmal eine Gescheite! Denn dumm warst du ja ohnehin schon lange genug! Schau, wir zwei taugten denn doch so hübsch füreinander. Es wird deswegen noch Schlechtes genug geben, wenn es auch gerade nicht mehr von uns ausgehen wird. Denn für junge Teuferl haben wir, glaube ich, doch so hübsch gesorgt. Und der gute Herrgott wird so noch hübsch eine Weile zu tun haben, bis Er aller unserer Nachkommenschaft vollends Meister wird – so auch wir unser nahe ewig währendes Teufelmachungs-Geschäft für immer aufgeben. Es darf dir darum schon wahrlich nimmer leid sein. Denn du hast davon noch allzeit einen scheußlichsten Lohn empfangen. Und so du dein Geschäft fortsetzt, so wird dafür dein Lohn statt besser nur immer scheußlicher werden. Und am Ende könnte es der allmächtigen Gottheit so bei einer launigen Gelegenheit irgendeinmal denn doch einfallen, dich für ewig ganz zu vernageln! Und was hättest du dann von allen deinen allersauersten Mühen und [und deiner] Arbeit? Daher folge meinem Rat, und das umso mehr, da du dabei sicher am wenigsten verlieren kannst, indem du mir doch selbst ehedem deutlich genug zu verstehen gabst, dass dadurch deine Existenz für ewig, so wie die der Gottheit unverwüstbar sei!‘
RB|2|174|6|0|Die Minerva ist hierauf stumm, steht als ein unbeschreiblich schönstes Weib knapp am Hügel auf ihrem Phaeton [Herrenkutsche], und scheint – manchmal einen Blick nach dem Kado werfend – über die Worte desselben nachzudenken.“
RB|2|175|1|1|Minervas Bedingungen der Ergebung – Kados Erwiderung.
RB|2|175|1|1|(Am 13. Marz 1850)
RB|2|175|1|0|(Miklosch berichtet weiter): „Jetzt nach einer Weile von einigen irdisch währenden Minuten richtet sie ihr Angesicht wieder fest gegen den am Hügel weilenden Kado und sagt (Minerva): ‚Freund, ich muss dir offen gestehen, dass du mich sehr interessierst, denn es liegt in deiner schönen morgenländischen Gestalt wie auch in deinen Worten mehr Geist und Wahrheit, als du es selbst nun noch zu ahnen imstande bist, aber dem ungeachtet kann ich deiner Rede nicht eher Gehör bieten, als bis die von mir geschaffene Erzhure des neuen Babel vollends gestürzt ist. Ich habe sie aufgerichtet zu einer von der Gottheit mir gestatteten Feuerprobe für alle, die da auf den mir widrigsten Namen getauft wurden, und wollte der Gottheit gegenüber nur beweisen, dass auch ihre Lehre in ein allerabgefeimt-tollstes Heidentum umgestaltet werden kann. Mir ist scheinbar mein Werk gelungen, und die neuen Babylonier wissen sich nun vor Nacht und Grauen nicht mehr zu raten und zu helfen. Sie haben allen Geist verloren. Vom Christentum ist keine Spur mehr zu entdecken. Sie haben nur noch ein morsches Gerippe vor sich und erwürgen sich nun der äußersten toten Haut wegen, in der schon seit nahe einem vollen Jahrtausend kein Leib und umso weniger irgendeine Seele mit ihrem Geist sich befindet. Aber das muss nun also geschehen! Meine Gräuel müssen durch aus sich gezeugte neue Gräuel vernichtet werden, und die Menschheit in eine neue Pflanzschule versetzt werden. Wann solches bewerkstelligt wird, dann sollst du mir unter die Arme greifen, und ich werde eines Sinnes sein mit dir ewig!‘
RB|2|175|2|0|Nun spricht Kado: ‚Allerholdestes und reizend schönstes Weib der ganzen Schöpfung Gottes! O mache mir keine so schweren Bedingungen, deren endliche Erfüllung wahrlich nicht abzusehen ist! Lasse das hundemäßige Neu-Babel! Lasse die Gottheit allein walten, der es ein Leichtes sein wird, alle von dir angelegten Krummwege zu ebnen! Du aber folge mir und werde fortan glücklich! Gedenke nicht mehr dessen, was du warst in was immer für einer Hinsicht; sondern gedenke vielmehr, wie glücklich du wieder werden kannst, und wie glücklich ich an deiner unbegreiflich schönsten Seite, und zahllose Myriaden mehr, in der Anschauung deiner unendlichen Schönheit. Und du wirst meinen Worten dann leichter Gehör leihen können, als du Herrlichste es dir vorstellst. Denke dir meinen Schmerz, so ich dich verachten müsste deines tollen Starrsinnes wegen – dich, für die in meinem Herzen Milliarden Sonnen brennen! Ich bitte dich, du unbeschreiblich Schönste, folge meinem Rat! Bei aller Allmacht der Gottheit und aller deiner unendlichen Schönheit schwöre ich dir, dass du von mir nicht hintergangen sein sollst! Unbeschreiblich holdestes, schönstes Weib, du Zentralsonne alles Lichtes, gehe, verlasse deinen Phaeton, werfe das morsche Zepter und die zerbrochene Lanze von dir und ziehe an den herrlichen Schild der Liebe! Komme also gerüstet an diese meine Brust, und du sollst für alles Ungemach, das dir je begegnet ist, die reichlichste Entschädigung finden! Mit deiner gegenwärtigen Scheinmacht wirst du mich nie besiegen; aber mit der Liebe wirst du mich zum Sklaven deines Herzens machen!‘
RB|2|175|3|0|Spricht nun die Minerva: ‚Kado, Kado! Du wagst mit mir ein gefährliches Spiel! Was wirst du aber dann tun, so dich der eifersüchtige Himmel meinetwegen wird auf das Härteste zu verfolgen anfangen? Sehe auf, und du wirst sehen, wie ich von zahllosen Milliarden in meiner Unterredung mit dir belauscht werde und du mit mir! Meine unbegrenzte, mit nichts zu vergleichende Schönheit ist ja eben mein ewiges Unglück! Ich sollte nur Einen lieben, für den in meinem Herzen keine Liebe thront. Will ich aber meine Liebe jemand anderem zuwenden, dann ist aller Himmel voll Zorn und Rache gegen mich und gegen den, dem ich mein Herz zuwende. Daher begreife, so ich dich warne, mit mir ein so gewagtes Spiel zu treiben! Möglich, dass es dir vielleicht gelingt, da dir schon so manches gelungen ist, aber wehe dir und mir, so es dir nicht gelingen sollte!‘
RB|2|175|4|0|Spricht Kado: ‚Du hast in Hinsicht der Milliarden himmlischer Belauscher ober uns wohl recht! Ich ersehe sie nun auch; aber ich ersehe in ihnen Freunde und keine Feinde. Siehe, sie alle winken mir Beifall zu! Wahrlich, diese tun uns nichts. Und sollte ihre Freundlichkeit eine Kriegslist sein, so werden sie alle es allein mit mir zu tun bekommen! Kurz, ich lasse nimmer ab von dir! Du bist mein, und keine böse Macht soll dich mir nehmen! Denn auch ich bin unverwüstbar und bin mächtig aus Gott und aus keinem Teufel, der ich selbst einer bin.‘
RB|2|175|5|0|Spricht die Minerva: ‚Kado, Kado, Kado! Reize die Götter nicht, denn du bist ein schwacher Mensch! Siehe, die da oben werden mich bald in ein hässliches Kleid werfen, was wirst du dann sagen und tun?‘
RB|2|175|6|1|(Am 15. März 1850)
RB|2|175|6|0|Spricht Kado: ‚Holdeste, so sie das täten, dann sind sie Teufel und nie Engel! Nein, nein, sieh hinauf! Sie alle geben mir ein Zeugnis, dass sie solch einer Tat unfähig sind! Alle die Zahllosen haben eine Freude darüber, dass du so lange verharrst in solch deiner urwahrsten Gestalt, und sie Gelegenheit haben, die erste Urschönheit, den ersten Urgedanken alles Seins aus Gott vor sich zu haben und anzustaunen – mehr denn alles, was außer Gott der höchsten Geister nie erschöpfbare Weisheit als schön bezeichnen kann. O Lichtträgerin alles dessen, was der geschaffene Geist schön nennen und selbst als schön gestalten kann, mache keine Bedingungen mehr und komme! Denn mein Inneres sagt es mir, dass auf deine Rückkehr alle Himmel schon äußerst lange Zeitenläufe vergeblich harrten und sich nach der Lust sehnten, dich als die Krone endlicher Vollendung aller Dinge und Wesen die Ihrige nennen und ehren zu können. Umstimme daher deinen Willen! Lasse erweichen dein Herz! Komme und genieße an meiner Seite der freiesten Seligkeiten höchste! Fühle einmal auch die Wonne, für die als erste und größte und vollendetste Idee, in mächtigst lebendiger Wirklichkeit aus Gott hervorgehend, du bestimmt warst und noch bist.‘
RB|2|175|7|0|Die Minerva sieht den Kado nun recht freundlich, aber doch immer mit Herrscheraugen an und sagt: ‚Kado, hast denn du dir's wohl im Ernst vorgenommen, mich schwach zu machen? Meinst denn du, mich zu besiegen und für was immer für eine Sache geneigt zu machen sei etwas Leichtes, was so einem aus mir geschaffenen Erdwurm gelingen werde wie der Fang einer matt gewordenen Fliege? Oh, hoffe nicht zu voreilig! Denn gar mächtigste, größte Geister haben sich an mir versucht und sind am Ende mit Spott und Schande allerunverrichtetster Dinge abgezogen. Wie mag es dir denn träumen, mich durch die Macht des Stromes deiner Rede fesseln zu können? Sehe, solcher Mignionmanöver [Kleinmanöver] gegen mich habe ich schon zahllose bestanden und zurückgeschlagen! Wie kann es dir beifallen nun, du werdest mich gewinnen für dein Herz und am Ende gar für alle die mir über alles verhassten Himmel, die ich besser kenne denn du, als ein armer, blinder Teufel. Dich allein lasse ich mir gefallen. Aber so du mir als Teufel von den Himmeln vorzuschwärmen beginnst, dann bist du von mir aus des Anspuckens nicht wert. Jedes Wesen muss sich konsequent bleiben! Es muss entweder ein starker Teufel ganz, oder umgekehrt ein dummer Himmelsbote sein, der bei mir allzeit nichts ausrichtet, aber von mir dennoch respektiert wird wegen seiner obschon vanen Konsequenz. Aber so ein Teufel wie du, der zugleich auch eine Art Engel sein will, muss im Verfolge mir widrig werden, obschon er sonstige Eigenschaften besitzt, vor denen ich selbst eine gerechte Achtung habe. Mein lieber Kado, so du mein Herz für dich gewinnen willst, da musst du es ganz anders anfangen als es bisher der Fall war! Wahrlich, ich bin dir nicht abgeneigt; willst du mich aber gewinnen, so musst du mir folgen und zu mir kommen – aber nicht von mir verlangen, dass ich das tun soll.‘
RB|2|175|8|0|Spricht Kado: ‚Aber Herrlichste! Ich will dich ja nur für mich und nicht für jemand andern gewinnen! Ob sich die dir verhassten Himmel darob freuen oder ärgern wollen, das ist mir gleich! Ich will ja nur dich und nicht die dir verhassten Himmel und beharre für ewig nur bei diesem Verlangen! Aber den evidentest mächtigsten Himmeln trotzen werde ich auch ewig nicht – auch deinetwegen nicht, obschon ich dich mehr liebe, denn alle Gottesschätze der Unendlichkeit.
RB|2|175|9|0|Siehe, ich halte ein jedes Wesen, dich nicht ausgenommen, für höchst dumm, das da mehr tun will, als es vermag. Und überaus dumm aber ist ein Wesen, das selbst die bittersten, endlos vielen Erfahrungen nicht klüger zu machen imstande sind. Sage mir ganz aufrichtig, was und wie viel wohl hast du gewonnen durch deinen allerunbeugsamsten Starrsinn? Bist du dadurch mächtiger geworden oder reicher oder schöner? Oder waren dir die dezillionenfachen Züchtigungen, derer du allerschärfst teilhaftig wurdest, eine Wollust? Siehe, du gleichst in jeder Hinsicht jenen eselhaften Völkerbeherrschern, die lieber ihr ganzes Reich zugrunde richten, als dass sich ihre allerhöchst gestellte, aber auch allerevidenteste Dummheit von irgendeinem niederen Weisen etwas einraten ließe.
RB|2|175|10|0|Du zwar endlos schönstes, aber dabei, wie ich nun an dir nur zu klar merke, auch allerdümmstes Weib – wenn ich dich besiegen wollte, da brauchte ich auch nicht ein Wort mit dir zu verlieren! Denn da genügen diese Steine! Und da sieh, eine neue Waffe zu meinen Füßen; es ist eine Wurfschlinge, mit der ich umzugehen verstehe! Ich brauche sie nur nach dir zu werfen, und kein Teufel und Gott deines Maßes befreit dich mehr aus meiner Macht. Aber ich selbst will dich nicht fangen und nötigen, sondern alles dir selbst überlassen, damit der Sieg über dich nicht mein, sondern ganz allein dein freies Werk sein soll.
RB|2|175|11|0|Meinst du denn, dass ich mit dir eine Freude hätte, so du mir zu eigen würdest durch meine Macht über dich? Nein, da möchte ich dich nicht einmal, trotz deiner endlosesten Schönheit. Aber so du, meine wohlgemeinten Worte beherzigend, dich selbst besiegst und dich mir gibst zur ewig treuen Gefährtin, dann bist du für mich eine ewige Unendlichkeit aller Seligkeiten. Was wirst du nun tun? Wirst du in deiner Tollheit noch länger verharren und dadurch höchst elend sein? Oder wirst du meinen Worten Folge leisten? Lichtträgerin, um deiner endlosen Schönheit willen bitte ich dich: ermahne dich und lasse ab von deinem Starrsinn! Siehe, es nützt dir nichts; du kommst mir ewig nimmer aus. Denn richte ich mit dir nichts durch alle meine Liebe, so werde ich mit meiner Liebe auch die Gewalt gebrauchen und dich also an mich ketten! Denn meiner Gewalt widerstehst du wahrlich ewig nimmer!‘
RB|2|175|12|0|Spricht Minerva: ‚Aber lieber Freund, warum soll denn gerade ich mich besiegen und mich dir ergeben? Kannst denn du nicht ebenfalls dasselbe frischweg tun? Denn ich sollte für dich denn doch wohl mehr Anlockendes haben, als du für mich! Zudem wäre es denn hoffentlich dennoch ordnungsmäßiger, dass der Bräutigam zur Braut hinginge als die Braut zu ihm!‘
RB|2|175|13|0|Spricht Kado: ‚O allerdings! Ich wäre auch schon lange bei dir, so der Boden, auf dem du stehst, ein anderer wäre. Ich verstehe mich aber wahrlich nicht, auf solch einem Boden zu stehen und zu wandeln und kann daher nimmer zu dir kommen. Dich aber trägt jeder Boden, und so kannst du hier wohl eher zu mir kommen, denn ich zu dir.‘
RB|2|175|14|0|Spricht die Minerva: ‚Was wirst du dann aber mit mir machen, so ich zu dir komme?‘ – Spricht Kado: ‚Alberne Frage! Lieben und möglichst glücklich machen werde ich dich, und aus diesem Hügel gestalten ein neues Paradies der Gottheit zur Ehre, die mich mit Kraft versieht!‘
RB|2|175|15|0|Spricht die Minerva: ‚In einem Paradies bin ich schon einmal eingegangen, und das schändlich! Mein Adam, dieser deiner Erde Erstling, hat mich auf eine Art angesetzt, dass ich mir's wohl für die ganze Ewigkeit gemerkt habe. Es war ein Paradies, und das was für eins! Noch auf keinem Weltkörper ist es der Gottheit gelungen, mich so hinters Licht zu führen, als eben auf dieser Erde! Und daran war das schmähliche Paradies schuld! Ich brauche es dir gar nicht weiter zu erzählen, wie dies vor sich ging. Aber ich bin da zum ersten Mal der Gottheit aufgesessen und genieße nun durch über 6.000 Jahre die elendsten Früchte davon. Daher komme du mir mit keinem Paradies, so du mich im Ernst für dich gestimmt machen willst. Ich aber mache dir einen Vorschlag – so du diesen annimmst, dann bin ich die Deine für ewig.
RB|2|175|16|0|Der Vorschlag aber lautet: Gelobe es mir, den Namen Jesus, daran ich fast allzeit ersticke, nimmer auszusprechen, und werfe alle die Steine von dir und die Schlinge auch, so soll dir dafür mein Herz zum Lohn werden, und du sollst an mir Genüsse finden, von denen keiner Gottheit noch je etwas geträumt hat. Tue das, und ich bin dein für ewig und werde dir allein leben. Fasse meine Schönheit, meine Anmut, meine Reize und meine göttliche Erhabenheit nur einmal recht ins Auge und in dein Herz – und du müsstest vom härtesten und gefühllosesten Steine sein, so du solchen Reizen widerstehen könntest!‘
RB|2|175|17|0|Spricht Kado: ‚Meine allerdings allerreizendste Minerva! Weißt du, bevor du das Lügen erfunden hast, wäre ich auf deinen Vorschlag ohne Weiteres eingegangen. Denn Jesus oder kein Jesus das wäre mir ein Wind; und diese Steine und diese Götterschlinge – ich könnte sie entbehren und deiner auch ohne ihre Hilfe Herr sein, verstehst du?! Aber da bekanntesterweise du zu allen Zeiten eine größte Künstlerin im Lügen, Anschmieren und Sitzenlassen warst und sicher noch bist, was ehedem deine Windexekution [Scheinhinrichtung] hinreichend bewies – so kann ich so lange keinen Vorschlag von dir annehmen, als bis du nicht den ersten, von mir annehmen wirst. Mache aber bald, denn ich merke, dass die himmlischen Zeugen ober uns unruhig zu werden anfangen. Meinen Willen kennst du nun! Entschließe dich bald, sonst wird es bald ein Mordsspektakel absetzen. Denn meine Geduld geht nun auch schon zu Ende.‘
RB|2|175|18|0|Der Minerva Gesicht wird nun finsterer und herrschsüchtiger. Sie sinnt nach Widersätzen; aber es scheint ihr kein rechter unterkommen zu wollen. Sie möchte sich vor heimlicher Wut in ihren eigenen Leib verbeißen, so sie sich nicht genierte vor dem Kado. Es ist wahrlich recht komisch anzusehen, wie sich die Erfinderin des Hochmutes und der Lüge alle erdenkliche Mühe gibt, dem Kado ja keine ihrer Schwächen zu verraten. Aber der Kado scheint es ihr doch auf ein Haar abzulauschen, da er sie nun keinen Augenblick aus den Augen lässt und die Wurfschlinge in solcher Bereitschaft hält, dass er sie in jedem Augenblick loslassen kann. Nein, da bin ich wahrlich neugierig, was nun die Satana für ein Manöver wird ausführen wollen.
RB|2|176|1|1|Kado erhält stärkeren Engelsschutz. Minervas Gegenvorschläge. Die Hölle zeigt neue Schreckensmienen.
RB|2|176|1|0|(Miklosch): „Nun begeben sich aber auch unser Freund Robert-Uraniel und sein Gefährte Sahariel ganz unvermerkt auf den Hügel zum Kado hin, der ihrer aber nicht ansichtig ist, da sie sich hinter seinem Rücken postiert haben.
RB|2|176|2|0|Auch die Pseudo-Minerva scheint diese Transemigration [Ortsveränderung] der zweien nicht zu merken, weil sie darauf kein Auge verwendet, sondern nur allein den Kado mit verstohlenen Blicken zu mustern scheint, um höchstwahrscheinlich ihm irgendeinen schwachen Augenblick abzulauschen. Sie mustert hin und mustert her; aber Kado steht wie eine chinesische Mauer auf seiner Hut. Diese Hut des Kado scheint der Minerva nicht zuzusagen, daher sie denn auch immer auf den Boden hinstarrt und sehr nachdenkt, was sie nun tun soll. Sie macht und schneidet allerlei Gesichter; bald ein ernstes, bald ein freundliches, bald ein weises, bald nun wieder ein dominierendes; aber überall schaut der alte, heimliche Sünder heraus.
RB|2|176|3|0|Diese Geschichte scheint dem Kado bedeutend langweilig werden zu wollen, und er räuspert sich nun ganz wohlkonditioniert und fragt nun die Minerva sagend: ‚No, Holdeste, wie sieht es denn aus, wirst du anbeißen oder nicht? Ich habe nun ein ziemliches Weilchen geharrt; aber es kommt von deiner Seite zu keinem Entschluss und sonach auch umso weniger zu irgendeiner Tat nach meinem Wunsch. Ich gebe dir daher nur noch eine äußerst kurze Bedenkzeit; wird dich diese zu nichts vermögen, dann sollst du sogleich meine Fertigkeit im Gebrauch der Wurfschlinge zu bewundern bekommen. Ich sage es dir im vollsten Ernst, seit deinem Sein hast du aus den zahllosen Myriaden von verführten Geistern noch keinen gefunden, der dir ein Meister gewesen wäre; denn sie alle waren deiner List nicht gewachsen. Aber an mir wirst du dich ganz verdammt verrechnen. Ich sage dir, traue mir nicht! Denn wo du hindenkst, da bin ich schon vorne, verstehst du diese Sprache? Ich sage dir zu wiederholten Malen: Mich fängst du nicht. Es mochte dir wohl einmal ein Erzengel Michael aufgesessen sein, dass er dir halbe Ewigkeiten lange Bedenkzeiten zukommen ließ; aber bei mir ist da nichts. Der Erzengel bebte vor Gott und ahmte dessen Geduld nach und gab dir Fristen auf Fristen, die du dazu benütztest, um schlechter und schlechter zu werden. Ein Teufel Kado aber macht sich aus Gott, Tod und Teufel nichts daraus, und Himmel und Hölle sind ihm gleichgültig. Verstehst du das? Der Kado steht unter keinem Kommando, außer unter dem seines höchsteigenen Verstandes und Willens. Was er tun will, das wird er auch tun, weil er es will und weil er es kann. Verstehst du das?! Daher entschließe dich nun sogleich, sonst fliegt die Schlinge dir an deinen herrlichen Nacken.‘
RB|2|176|4|0|Spricht nun die Minerva: ‚Aber ich bitte dich, lieber Kado, sei doch ein wenig manierlicher! Ich kann ja doch nicht so urplötzlich aus allen meinen alten, üblen Gewohnheiten heraushüpfen wie eine Bachstelze aus ihrem Nest, so eine Natter dasselbe umschleicht. Ich glaube, so du zu deinem Heldentum auch ein wenig mehr Geduld hinzufügst, so wird dir das ja etwa auch nicht schaden. Dass ich so manches zu dir dich für mich prüfend sagte und dem Schein nach nicht sogleich einging in deine Ideen und in dein Begehren – das, Freund, hat seinen Grund! Denn auch mir muss es zustehen, den durch und durch zu erproben, mit dem ich mich als der ganzen Unendlichkeit erste und unerreichbare größte Schönheit verbinden möchte. Dazu glaube ich dir ein hinreichender Preis für dein bisschen Geduld zu werden. So ich an dir kein Wohlgefallen hätte, wäre ich schon lange eine ganze Ewigkeit von dir entfernt. Aber dein noch nie dagewesenes höchst sonderbarstes Wesen fesselt mich mit zauberischer Gewalt an deine Brust, und ich lasse mir von dir nun schon Dinge gefallen, die ich mir selbst von der Gottheit noch nie habe gefallen lassen! Bist du damit noch nicht zufrieden?‘
RB|2|176|5|0|Spricht Kado: ‚Herrlichste der Schöpfungen Gottes! Ich liebe dich unendlich, und daher habe ich wahrlich keine Geduld mehr! Aber um nicht unartig dir gegenüber zu sein, will ich mich noch einige Augenblicke gedulden. Aber länger wolle du meine Geduld nicht erproben!‘
RB|2|176|6|0|Die Minerva lächelt nun und wirft während dem Lächeln ihre zerbrochene Lanze in das beruhigte Glutmeer, auf dem noch immer zahllose breitgeschlagene Geister liegen und dessen Wogen darniederhalten.
RB|2|176|7|0|Als die Lanze von dem Meer nun verzehrt ist, was Kado für ein günstiges Zeichen zu halten scheint – erheben sich auf einmal aus dem Glühpfuhl eine große Menge der allerschrecklichst aussehenden Gestalten und umlagern die Minerva. Einer, der die Gestalt aller Drachen und aller der furchtbarsten Bestien in sich vereinigt, donnert nun der Minerva mit dem grässlichsten tausendstimmigen Wolfs-, Hyänen-, Löwen- und Tigergebrüll zu:
RB|2|176|8|0|‚Elendste! Ist das dein Dank für die Trillionen getreusten Dienste, die wir dir durch eine ganze Ewigkeit geleistet, und dir zuliebe kein Opfer, keine Mühe und selbst die ungeheuersten Schmerzen und Qualen nicht gescheut haben, um uns nur endlich einmal deiner uns so oft versprochenen Liebe und Hingebung zu versichern – dass du uns nun aus Liebe zu einem neuen, modernsten Teufel, der erst kaum die Nase auf einige Sekunden in die Höhle gesteckt und für dich noch gar nichts getan hat, schmählichst verlassen willst, und das auf immer?! Nein, schreien wir alle, die ersten und mächtigsten Teufel der Hölle, nimmermehr wirst du uns das tun! Eher zerstören wir dich, die Hölle und alle Himmel, bevor du einen Schritt von dieser Stelle tun wirst! Siehe, unsere Diener bändigen dies Meer und leiden entsetzliche Qual, auf dass du als unsere Gebieterin ruhig auf demselben herumwandeln kannst, und du willst uns verlassen und ewig nimmer gewähren jene Lust, die du uns so zahllos oft verheißen hast. O wage es nur, du elendste Hure eines elendsten Mastdarmwurmes des schmutzigsten Staubes, Erde genannt! Dir soll von uns dafür ein Lohn werden, von dem selbst der tiefsten Phantasiefülle der höchsten aller Gottheiten nie etwas geträumt hat! Rede nun! Was wirst du tun? Schaue nur hin auf jene Mastdarmmilbe auf dem Hügel! Rufe sie zur Hilfe dir! Sie soll nun Gebrauch machen von ihren Waffen; sie suche uns zu vertreiben, wenn sie so mächtig ist! Sieh nur hinauf, wie dein Held den großen Mut sinken lässt und sich nun nach allen Seiten umsieht, ob es nicht irgendwo ein Loch zum Durchgehen gäbe. O rufe ihn zur Hilfe dir! Das gestatten wir dir schon, du schönste Hure und Geliebte eines Mastdarmwurmes! Rufe, rufe ihn! Warum rufst ihn denn nicht, deinen Erwählten?‘
RB|2|176|9|0|Die Minerva scheint vor Schande, Zorn und Wut vergehen zu wollen. Sie bebt am ganzen Leib und scheint vor lauter Grimmfieber keines Wortes fähig zu sein. Der Kado aber gebärdet sich noch grimmiger und scheint in sich zu beraten, was er nun tun soll. Diese grässlichsten Giganten flößen ihm denn doch eine Art Respekt ein, sodass er eben nicht die größte Lust hat, sich mit ihnen in einen Kampf einzulassen, und zugleich erfährt er ein Zeugnis über die Minerva, das ihn über deren Treue und Liebe sehr bangen macht. Deshalb ist er denn auch unschlüssig, was er nun tun soll. Aber die Minerva macht so sehnsüchtige Blicke, dass er sich von ihr nicht trennen mag, und er fängt daher an nun, seine Steine zu mustern und zu ordnen.
RB|2|176|10|1|(Am 19. März 1850)
RB|2|176|10|0|Nach einer kleinen, aber allerschrecklichst aussehenden Weile richtet sich nun Kado auf und sagt nun zu diesen grässlichsten Unholden: ‚Eure Macht kenne ich, und eure gegenwärtige Trugkunst ist mir nicht fremd – sie ist nicht euer Werk! Denn ihr für euch selbst seid – als leere Schemen, als pur leere Phantasiegebilde dieser einen, der ihr eine leere und nichtigste Scheindrohung macht – keiner Tat fähig. Aber wäret ihr wirkliche Wesen, so möchte ich euch sogar belohnen für diesen wichtigen Dienst, den ihr mir nun geleistet habt. Denn durch dies euer Benehmen wie durch eure grässliche Gestalt und eure Worte, die diese eine selbst in eurem Rachen geformt hat, bin ich mit ihrem Charakter wieder näher vertraut worden, und das ist für mich von größter Wichtigkeit, und ich stehe dadurch dem Ziel näher denn je! Zerreißt sie, so ihr es könnt; aber ich könnte es tun, so ich es wollte. Aber ich will es nicht, weil sie solch einer Mühe von meiner Seite aus gar nicht wert ist.
RB|2|176|11|0|Satana! So dir noch ein Pröbchen ähnlicher Art vor mir auszuführen möglich ist, so tue es nur! Denn dabei bekomme ich desto mehr Gelegenheit, dich so recht durch und durch kennenzulernen. Mit euch, ihr Schemen, aber werde ich nun im Namen Gottes, Jesus des Gekreuzigten, sogleich fertig werden. Seht diesen Stein an! Er ist bezeichnet mit dem Gottnamen Jesus nebst drei Kreuzen! Dieser Stein wird euch sogleich zeigen, wessen Geistes ihr seid!‘
RB|2|176|12|0|Hier hebt Kado einen Stein vom Boden und fängt an, ihn zu schwingen zu einem kräftigen Wurf. Die Minerva aber schreit nun auf mit ängstlichst heftiger Stimme: ‚Kado! Um alles, was dir heilig ist, tue du nur das nicht! Denn du bist in dem Augenblick für ewig verloren, als der Stein deine Faust verlassen wird! Die Macht dieser Geister, die du irrig für Ausgeburten meiner Phantasie hältst, ist unbändig; was sie ergreifen, das entreißt ihnen keines Gottes Macht mehr! Verhalte dich ruhig! Vielleicht gelingt es mir, sie zu beschwichtigen und sodann meine Befreiung mit dir ins Werk zu setzen.‘
RB|2|176|13|0|Kado, der nun dem geheimen Einfluss der hinter ihm stehenden zwei Schutzgeister mehr und mehr ausgesetzt ist, spricht nun ganz ernstlichst: ‚Deine Worte sind gleich wie Seifenblasen, und es ist keine Wahrheit in ihnen! Du bist eine Lügnerin von jeher gewesen, hast aber dadurch niemanden mehr, denn gerade dir selbst geschadet. Darum sei versichert, dass ich allzeit nur das tun werde, was zu tun du mir am meisten widerraten wirst. Daher im Namen meines Gottes, meines Heilandes Jesus!‘
RB|2|176|14|0|Hier wirft Kado den Stein dem ersten großen Unhold an dessen Drachenkopf. Ein fürchterlichster Knall wie aus tausend Kanonen vom schwersten Kaliber geschieht, als der Stein den Kopf des Unholds berührt. Und alles bis auf die Minerva verschwindet, die nun bebend auf einem Sandhaufen ganz nackt steht und sich vor dem Kado zu verbergen sucht, was ihr aber nicht gelingt.
RB|2|176|15|0|Kado aber fragt sie: ‚Nun, Holde, wie siehst du nun aus? Wo ist die von dir mir angedrohte Gefahr? Und wo sind nun die gar großen drohend aussehenden Machtgeister, die ehedem Himmel, Hölle, Gott und alle Erde mit einem Biss zerstören wollten, und dich Arme der Untreue wegen auf das beispielloseste züchtigen? Wo, wo sind sie nun? Sieh, es tut sich nimmer mit deiner Kunst! Sie ist keines Schusses des schlechtesten Pulvers mehr wert, und es ist alle deine Mühe vergeblich! Du kommst mir nicht mehr aus! Sieh, ein anderer würde dir nun fluchen und dich auch züchtigen nach Gebühr, so er meine Macht besäße! Aber ich vergebe dir alles! Nur folgen musst du mir, sonst gebrauche ich eine Gewalt, der du mit gar nichts mehr einen Widerstand wirst leisten können. Was wirst du nun tun? Siehe, du bist verlassen von allem, was dir je irgendeinen Schein von einer Macht verliehen hat. Nichts hast du außer mich und deine unbeschreibliche formelle Schönheit! Lehne dich daher frei- und festwillig an mich, und ich werde dich führen einen rechten Weg; nicht einen Weg der knechtischen Demütigung, sondern einen ganz freien Weg der wahrsten Liebe meines Herzens zu dir. Aber frei folgen musst du mir!‘
RB|2|176|16|0|Spricht die tiefst beschämte Pseudo-Minerva nun: ‚Ja, ja, ich will, ich werde, ich muss dir folgen! Aber nur einen Schritt näher zu mir tue auch du, so du wirklich eine Liebe in deinem Herzen hast. Denn da ich mich dir schon nun über tausend Schritte genähert habe, so könntest du ja doch auch einen Schritt näher zu mir her wagen.‘
RB|2|176|17|0|Spricht Kado: ‚Du weißt nun ja, dass ich einer bin, der mit sich auch nicht um ein Haar handeln lässt und nie eher deinem Verlangen folgen wird, als bis du dich auf dem Standpunkt totalster Umwandlung deiner urbösen und ungetreusten Gesinnung befinden wirst. Daher unterlasse für die Folge alle deine Anforderungen an mich! Denn sie werden kein Gehör finden. Ich bin böser denn du, obschon deine Urbosheit die Unendlichkeit erfüllen hätte können mit dem härtesten Gericht. Aber da zu deiner Wiedergewinnung aller Engel Mühe an deinem unbeugsamsten Starrsinn scheiterte, so muss dich ein Teufel der Teufel wieder bringen dahin, von wo du ausgegangen. Aber dieser Teufel ist kein Teufel deiner Art, sondern einer ganz anderen Art! Seine Macht hat er von oben; aber sein Wesen gehört der Hölle an. Kennst du solch einen Teufel? Du allein bist sein Lohn – den er aber verschmähen wird, so er ihm nicht frei, sondern gezwungen wird. Darum folge mir!‘“
RB|2|177|1|1|Minerva wittert eine List der Gottheit. Gleichnis vom ehelichen Verhältnis. Ein Kleid fällt vom Himmel. Minervas Neugier.
RB|2|177|1|1|(Am 10. März 1850)
RB|2|177|1|0|(Miklosch): „Spricht die Minerva: ‚Freund Kado, wahrlich, ich liebe dich! Es ist wohl die erste wahre Liebe, durch die mein Herz noch ehedem bewegt ward. Aber so du mir zuliebe denn schon gar nichts tun willst, so tue mir doch den Gefallen und erkläre den Grund von solcher deiner Hartnäckigkeit gegen mich! Denn es muss da ein großer und zugleich allerfeinster Plan zugrunde liegen. Man hat mit mir was vor von der allerhöchsten Seite, und du bist deren verkapptes Werkzeug, entweder dir bewusst oder möglicherweise dir auch unbewusst. Der Plan muss mir enthüllt werden, sonst bringst du mich ungezwungen nicht um ein Haarbreit weiter von dieser wennschon höchst lockern Stelle. Was wird es dir auch nützen, an mir selbst Gewalt zu üben? So du dir mein Herz und meinen Willen nicht frei aus mir selbst dienstbar und innigst geneigt machen kannst, so hast du mit all deiner Gewalt an mir wenig oder nichts gewonnen. Denn du weißt, welch einen unbesiegbar hartnäckigsten Trotz ich der Gottheit selbst bieten kann und geboten habe; um wie viel mehr dir! Die Gottheit ist endlos mächtig und kann aus mir machen, was sie will, aber nur durch ewigen Zwang. Aber das Herz und der Wille sind mein und verstehen jeder Macht zu trotzen, und, verstehe! – auch der deinigen – obschon du der Einzige bist, der meinem Herzen seit meinem Urbeginn am allernächsten gekommen ist. Und wäre es nicht also, so hättest du statt dieser meiner wahren Urgestalt schon lange ein allerhässlichstes Scheusal vor dir! Nun weißt du, wie ich bin und sein kann. Daher gebe mir den verlangten Grund an, warum du, bei aller meiner ersichtlichen Aufrichtigkeit gegen dich, mir gegenüber so unbeugsam bist!‘
RB|2|177|2|0|Spricht Kado: ‚Was verlangst du von mir das, was ich dir schon sonnenklar dargetan habe frei, ohne dass du mich dazu aufgefordert hast! Ich kann und darf aber in nichts eingehen, was du willst, weil ich dich dann nimmer freimachen könnte. Du musst zuerst frei und ungezwungen dich in meinen Willen begeben und musst ihn zu dem deinigen machen! So du das getan haben wirst, dann werde ich auch alles tun, was du aus dir selbst wollen wirst!‘
RB|2|177|3|0|Spricht nun die Minerva: ‚Ja, ja, das ist gewiss, so ich nur das will, was du willst, dann wirst du freilich meinem Willen leicht nachkommen. Aber wo ist denn dann meine höchsteigene Willensfreiheit?‘ – Spricht Kado: ‚Indem, dass du frei das willst, was ich will, und sonach deinen Willen mit dem meinigen zur Einheit machst! Denn ohne diese ist ewig an keine höhere, wahre Wirkung zu denken.‘
RB|2|177|4|0|Spricht die Minerva: ‚Das ist mir zu dunkel! Ich verstehe dich nicht! Erläutere die Sache genauer!‘ – Spricht Kado: ‚O du sonderbare Trägerin alles Lichtes und Leuchtens, was da ausgegossen ist durch alle endlosen Räume! So du solche Dinge nicht fasst, die doch so klar sind, wie wirst du denn dann Tieferes aus dem ewig unversiegbaren Born der rein göttlichen, freiesten Weisheit zu erfassen imstande sein? Höre denn! So zwei Ehegatten miteinander in einem fortwährenden Hader sich befinden und das Weib nimmer in den Willen des Mannes eingehen will, so wird solch eine Ehe wahrlich nie zu einer lebendigen Nachkommenschaft kommen. Man kann da freilich auch sagen: Ja, dasselbe kann ja auch vom Mann gelten! Das ist richtig, so der Mann nachher stutzig würde und sagen zu seinem Weib: Ich erkenne meinen alleinigen Willen in deinem Begehren. Aber weil er auch nun dein Wille, so will ich ihn nicht. Siehe, das wäre eine große Torheit von Seiten des Mannes, und das Weib hätte dann das vollste Recht, dem Mann keines seiner Begehren zu erhören. Aber da das Weib schon gleich Anfangs der Ehe in das Begehren des Mannes eingeht, ohnedem es nie eines Mannes Weib werden könnte, und dadurch des Mannes Willen zu dem ihrigen macht – so hat dann im Stand der Ehe auch das Weib aus dem vom Mann in sich aufgenommenen Willen das vollste Recht, auch aus ihrem eigensten Willen etwas zu verlangen, was ihr dann ein weiser und redlicher Mann auch sicher gewähren wird, wenn das Verlangte nur irgend mit seinem Willen in einem harmonischen Einklang steht. Es müsste des Weibes Verlangen nur an und für sich ganz das Gegenteil wollen von dem, was sich in der Ordnung des männlichen Wollens ausspricht, wo dann der Mann freilich, um sich selbst nicht zu vernichten, nicht dem Begehren des Weibes nachkommen könnte. So ein Begehren des Weibes aber wäre dann auch der alleroffenbarste Ehebruch, durch den der schwächere Teil offenbar dem Gericht aus ihm selbst verfiele, weil keine Kraft für sich ganz allein sich als wirksam erhalten kann, und so sie erhalten werden soll, auch in eine Gerichtskammer eingesperrt werden muss, wie es mit dir nun schon nahe eine Ewigkeit der Fall ist. Denn wäre über dich nicht sogleich ein hartes Gericht verhängt worden, so beständest du schon ganz entsetzlich lange nimmer.
RB|2|177|5|0|Aber nun sollst du wieder frei werden und deshalb in eine rechte Ordnung eingehen! Und darum musst du zuerst in meine Willensordnung eintreten, damit dadurch dann auch dein eigener Wille frei wird. Mache wenigstens einen Versuch! Behagt es dir nicht, nun, so kannst du ja immer in dein altes Gericht zurückkehren.‘
RB|2|177|6|0|Spricht nun die Minerva heiteren Angesichts: ‚Nun denn, auf diesen deinen Antrag will ich eingehen! So mir der Rücktritt, wenn mir der neue Zustand nicht behagen solle, nicht verwehrt ist – dann sei es, wie du willst! Aber ich bin nackt und schäme mich also vor dich hinzutreten; schaffe mir ein Kleid, und ich werde sogleich zu dir mich hinbegeben!‘ – Spricht Kado: ‚Auch das kann ich dir nicht eher gewähren, als bis du meinem ersten Verlangen nachgekommen sein wirst. Komme her und sehe, soeben ist ein herrlich Gewand wie vom Himmel herab zu meinen Füßen gefallen! Es ist für dich, in einer Art, wie die Himmel noch kein ähnliches gesehen haben. Also komme und nehme es als ein würdiges Brautkleid aus meinen Händen.‘
RB|2|177|7|0|Die Minerva stutzt nun ein wenig und richtet ihre großen feurigsten Augen nach der Stelle hin, wo nun im Ernst bei den Füßen Kados ein Gewand, in ein rotes Tuch eingewickelt, sich befindet. Sie möchte es wahrscheinlich näher besichtigen und sehen, ob es ihrer Annahme wert sei. Sie strengt sehr ihre Augen an, um etwas vom eigentlichen Kleid zu erspähen. Aber es ist so gut in das rote Tuch eingewickelt, dass darüber hinaus vom Kleid nirgends etwas zu erspähen ist. Die Neugierde der Minerva wächst stark. Bin nun denn doch wahrlich selbst sehnends voll Neugier, was nun dies allerstützigste und mit allen allerbösesten Salben geschmierte Satanswesen tun wird!? Herr, unser allerbester, liebster, heiligster Vater Jesus! Wird dies Wesen, dieser alte Lügner, sich wohl einmal bekehren für immer? Und wird es dann besser werden auf den Weltkörpern, besonders auf unserer Erde?“
RB|2|177|8|0|Rede Ich: „Mein liebster Freund Miklosch! Das wird alles die Folge zeigen! Betrachte du nur den ferneren Verlauf der Szene und mache dieser Gesellschaft einen Dolmetscher wie bisher, und du wirst samt allen diesen Brüdern und Schwestern darüber ins Klare kommen! Daher gebe nun nur weiter Acht!“
RB|2|178|1|1|Minerva lenkt ein und nähert sich. Miklosch bewundert Kados Charakter und Willenskraft. Letzte Schritte vor dem Ziel.
RB|2|178|1|0|Miklosch kehrt nun wieder seine Augen der Szene zu und spricht nach einer Weile: „Aha, aha, die Minerva wird nun ganz unruhig, und man sieht es aus jeder ihrer Bewegungen, wie nur zu gerne sie das rote Bündel vor sich enthüllt hätte.
RB|2|178|2|0|Kado merkt solches gar wohl und fragt sie nun: ‚Bist du denn an den Boden geheftet? Erhebe deine Füße und begebe dich hierher! Da wirst du es leichter haben, in das Geheimnis dieses Bündels zu dringen, als von deinem gegenwärtigen Standpunkt. Bist du aber angeschmiedet auf deinem Boden, so sage es mir! Deine Füße will ich dir auch von hier aus frei machen.‘ – Spricht die Minerva: ‚Ah, das ist keine Notwendigkeit, denn ich bin frei und kann gehen, wohin ich will. Wie sieht das Kleid aus? Geh, sag' mir's, lieber Kado!‘
RB|2|178|3|0|Spricht Kado: ‚Nein, das kann nicht sein, wie vorderhand alles nicht, was du willst. Komme, und du wirst es sehen und dich darob sehr erstaunen!‘ – Spricht die Minerva: ‚Ei, ei, du bist aber doch hart! Aber was will ich machen? Muss ich aber auch in dich vernarrt werden! Nein, so was hat die Ewigkeit an mir noch nie erlebt. Nun denn, ich will's wagen! Aber so du mir was tust, dann kehre ich sogleich wieder um und komme nicht je wieder zurück – verstehe, nie wieder!‘
RB|2|178|4|0|Nun verlässt die Minerva endlich nach so vielen allerartigen Gegenbestrebungen ihren Standpunkt, eine Art Glühsandhügel, und begibt sich sondierenden Schrittes hinauf zum Kado, hinter dem noch immer die zwei bekannten Freunde verweilen. Aber da sieh einmal hin! Im Augenblick als die Minerva ihren unbeschreiblich reizend schönen Fuß an den vom Glutmeer freien Hügel setzt, verschwindet nun dieses; auch von der scheußlichen Grotte ist nichts mehr zu erschauen, und das gräuliche Gebrause, Gepfeife und Gestöhne, wie das Gekrache und Gedonner sind verstummt! Ah, das tut unsereinem ordentlich wohl! Das Hochgebirge scheint auch etwas niederer geworden zu sein und hat den Charakter der Schroffheit nahe ganz verloren. Nur hie und da sind noch einige nackte Felsen zu entdecken, so man den ganzen Gebirgszug von Punkt zu Punkt recht sorgfältig durchschaut. Kurz, die ganze Gegend ist gerade nicht stark aber doch hinreichend erleuchtet. Nun, nun, die Geschichte scheint sich machen zu wollen.
RB|2|178|5|0|Wahrlich der Kado ist ein Künstler in seinem Fach. Denn diese Prinzessin der Ewigkeit in sich verliebt zu machen – ich sage, ein Wesen, dem die Liebe fremder sein musste als mir das Ende der Unendlichkeit, zu irgendeiner attraktiven Neigung zu bringen – da gehört mehr dazu als zwei Ohren, zwei Augen, eine Nase, ein Mund und zwei Hände. Der Kado ist bis jetzt zwar noch ein sogenannter Teufel; aber ich habe wahrlich allen Respekt vor solch einer Teufelschaft. Nein, das ist ihm gelungen! Es muss aber auch eine Unbeugsamkeit in ihm sein, an der jede noch so diamantene Härte am Ende den unfehlbarsten Schiffbruch erleiden muss. Charakter hat er und einen Mut, der ins grauenhaft Schauderhafteste geht! Ja, so man so was nicht selbst gesehen hätte, da wäre solch eine erzählte Date das Unglaublichste, was ein Geist nur immer als unglaublich bezeichnen kann. Aber wir haben das Außerordentliche, noch nie Dagewesene mit unseren eigenen Augen mit angesehen und mit unseren offenen Ohren vernommen und können daher nichts anderes tun als staunen und Dich, o Herr, loben und preisen über alle Maßen, dass Du so was endlich einmal hast geschehen lassen. Nun ist es aber auch zu erwarten, dass die gesamte Erde – vielleicht nach wenig Stürmen – in ein solches Stadium übergehen werde, das allen Himmeln sicher sehr erwünscht sein wird.
RB|2|178|6|0|Aber gar zu sehr beeilt sich die Minerva gerade nicht bei ihrer Annäherung zum Kado. Denn ihre Schritte sind sehr klein und gemessen. Lungensucht wird bei solcher Bewegung sich die Schönste nicht zuziehen. Alle Augenblicke findet sie was am Boden, klaubt es auf, betrachtet es eine Weile und wirft es dann wieder hastig von sich. Mir kommt es vor, als so am Boden gegen den Kado hin geflissentlich allerlei scheinbare Preziosen verstreut wären, die die Schlaue gewisserart stets näher und näher zum Kado hin verlocken sollen. Wahrlich, die List ist gar nicht übel! Ich kann mich erinnern, sogar auf der Erde in einer sibyllischen Weissagung gelesen zu haben: ‚So aber der Satan bekehrt würde, da wird er auf Perlen und Diamanten einhergehen und wird sie verschmähen und ihrer nimmer achten. Dann wird die Hölle verschlossen werden, und die Ketten des Wahnes werden schmelzen wie Wachs an der Sonne.‘
RB|2|178|7|0|Wahrlich, da sieht die Geschichte beinahe also aus. Sie kommt näher und näher und ist nun keine vierzig Schritte mehr vom Kado entfernt. Bin wahrlich höchst neugierig, wie sich diese beiden empfangen werden. Aha, jetzt muss sie was sehr Bedeutendes gefunden haben. Mit großer Hast beugte sie sich zum Boden nieder und hob etwas wie ein Diadem auf, das sie nun recht beifällig betrachtet und keine Lust zeigt, es ebenso von sich zu schleudern, als die früher aufgeklaubten Dinge.
RB|2|178|8|0|Nun fragt sie den Kado, sagend: ‚Freund, wer hat denn diese vielen Kostbarkeiten hier verstreut? Sind sie für mich? Oder sind sie für wen anderen zu einem neuen Fall gelegt? Hier ist ein herrlichstes Diadem, meines Hauptes wert! Soll ich's behalten oder von mir schleudern?‘ – Spricht Kado: ‚Das Gute behalte und das Schlechte nur werfe von dir! Klaube aber nicht zu viel auf! Denn zu viel von derlei Dingen würden dich derartig belasten, dass du kaum einen Schritt vorwärts tun könntest. Das Diadem behalte, aber weiter klaube nichts mehr auf! Verstehe das und sei folgsam!‘
RB|2|178|9|0|Spricht die Minerva: ‚Ja, ja, ich komme schon, ich komme ja! Aber da liegt vor mir schon wieder ein allerherrlichstes Armband. Ah, das ist wunderschön! Du Kado – geh, erlaube, dass ich das noch aufhebe! Denn das ist meines Armes würdig!?‘ – Spricht Kado etwas ungeduldig: ‚Ei, ei, du schmuckgieriges Wesen, lasse liegen das verlockende Armband! Denn dein Arm ist ja ohnehin so unendlich schön, dass er für sich allein als ein Schmuck alles Schmuckes betrachtet werden kann! Wie könntest du ihn noch mehr schmücken wollen!? Hier aber zu meinen Füßen harrt deiner ja ohnehin ein Schmuck, dem keiner in der ganzen Unendlichkeit gleichkommt. Daher verweile dich nicht über dem Gassenkehricht, sondern komm und nehme eiligst von dem Besitz, was für dich bereitet ist!‘
RB|2|178|10|0|Die Minerva kommt nun, das Armband von sich werfend, schnell in die Nähe des Kado. Nur drei Schritte trennen sie noch. Sie spricht nun zum Kado: ‚Freund Kado, sieh, soweit bin ich dir entgegengekommen; es waren sicher bei dreitausend Schritte! Drei einzige Schritte fehlen noch. Diese wirst wohl du mir entgegen [kommen] können. Ich sehe es dir nur zu sehr an, wie du vor mir glühst und mit welch einer noch nie dagewesenen Liebegier du mich nun an deine Brust drücken möchtest! Meine wahrlich zu mächtigen Reize machen erbeben dein ganzes Wesen. Du liebst mich unaussprechlich. Das sagt mir deine glühende Brust; das sagen mir deine Augen. Tue mir daher den kleinen Gefallen und mache nur diese drei kleinen Schritte zu mir!‘
RB|2|178|11|0|Spricht Kado: ‚Endlos Schönste! Es werden noch himmlische Zustände kommen gleich wie irdische Zeiten, da ich dir Millionen Schritte entgegeneilen werde. Aber hier erheischt es eine allerfesteste, für dein alleiniges Wohl berechnete Ordnung, dass ich zuvor keines deiner noch so zu respektierenden Worte erhören darf, als bis du alles das erfüllt haben wirst, was ich von dir verlange und verlangen muss. Daher mache auch noch die kleinen drei Schritte, da du schon die dreitausend hast machen können.‘
RB|2|178|12|0|Spricht die Minerva-Satana: ‚Wer bemüßigt dich von mir all das zu verlangen? Wer ist dein Gesetzgeber?‘ – Spricht Kado: ‚Niemand mir bewusstermaßen kann mir vorschreiben, was ich von dir verlange. Ich selbst bin mein höchsteigener Gesetzgeber und lasse mir weder von irgendeiner Gottheit noch von irgendeinem Teufel etwas vorschreiben. Du bist doch der oberste Gebieter aller Teufel und dazu schön wie ein Augapfel Gottes. Und sieh, deine Worte finden kein Gehör bei mir! Und ich war ehedem vor Gott durch dessen zwei größten Geister, und sie waren gut und weise und zeigten mir Himmel und Hölle, auf dass ich mich entschiede für eines oder das andere. Und sieh, ich wollte den Himmel nicht und verstand der Hölle den gerechten Hohn zu sprechen. Ich sah ein wahnsinnigstes Unternehmen, dem ewig nie ein Gelingen folgen kann. Es ward von dir auf mich Fahndung gemacht auf alle mögliche Art und Weise. Alle deine Trugkünste scheiterten an der Härte meines Willens und an der Festigkeit meiner Absicht zu deiner redlichen Freiwerdung vom Joch deiner eigenen Blindheit! Sage, wer doch könnte mir so was vorschreiben?
RB|2|178|13|0|Sieh, in der ganzen Unendlichkeit gibt es kein Wesen, dem ich gehorchen würde, so es mir geböte: ‚Tue dies, oder tue jenes!‘ Denn ich bin ein Herr meiner selbst und kümmere mich um niemand andern, außer allein um dich, weil du mir so unendlich gefällst und weil du nach Gott als erstes, größtes, vollendetstes und mächtigstes Wesen in der ganzen Unendlichkeit dastehst, das nun im vollsten Sinn wieder das werden soll, was es der ewigen und höchsten Weisheit Gottes zufolge hätte werden sollen. Ich allein fühle in mir die Bestimmung, die ich mir selbst gebe, dich also umzugestalten. Aber das geht auf keinem anderen Weg als gerade auf dem nur, den ich dir vorschreibe – aus welchem Grund ich dir aber eher in gar nichts nachgeben kann, als bis du allem dem, was ich verlange, bis auf ein Haar nachgekommen sein wirst. Daher also nun keine Zauderei mehr mit den drei Schritten, sonst wirst du noch lange nicht gelangen zu deiner Urschönheit und Würde.‘
RB|2|178|14|0|Spricht die Minerva-Satana: ‚Weißt du, mein wirklich und im vollsten Ernst geliebter Kado – es ist alles richtig und wahr und gut und herrlich, was du mir nun gesagt hast! Ich will und kann dir da nichts einwenden; aber so uns für alle Zukunft die eigentliche Liebe leiten soll, so verstehe ich nicht, wo du diese hernehmen wirst, da du nun mir zuliebe auch nicht um ein Haar dich von der Stelle rühren wirst! Siehe, ich will noch zwei Schritte tun! Den einen, letzten aber musst du tun, und soll ich darauf eine Ewigkeit harren. Denn nun ist ja bei mir ohnehin auf keine Umkehr mehr zu denken, da ich mich dir schon so weit habe gefangen gegeben! Tue daher mir diesen kleinen Gefallen.‘“
RB|2|179|1|1|Streit um den letzten Schritt. Das stolze Urwesen Satanas kommt wieder. Kado bleibt fest. Gleichnis vom rettenden Lotsen.
RB|2|179|1|1|(Am 29. März 1850)
RB|2|179|1|0|(Miklosch): „Spricht Kado: ‚Aber allerendlosest Holdeste, warum verlangst du denn etwas von mir, das ich ohne dein Verlangen getan haben würde – aber nun nicht tun kann, weil du es von mir verlangst!? O du unverbesserliche Krone der Unendlichkeit! Nun musst du auch den letzten Schritt tun, ohne Gnade und Erbarmen, den ich sonst unfehlbar getan hätte! Ich bitte dich um deines eigenen, höchsten Vorteils wegen, verlange für die Folge nichts mehr von mir. Denn ich darf und kann dir nicht eher auch nur den leisesten deiner Wünsche gewähren, und demselben nachkommen, als bevor du nicht vollends in meinen Willen eingegangen sein wirst. Sieh, nur einen Schritt noch, und die ganze Unendlichkeit ist gerettet und befreit vom härtesten Joch eines ewigen Gerichtes! Und du sollst als das glücklichste Wesen leuchten mit dem Licht aller Sonnen, die der unendliche Raum fasst!‘
RB|2|179|2|0|Spricht die Minerva: ‚Ja, ja, das glaube ich schon, das könnte wohl sein – wenn ich nur so dumm sein könnte, das zu tun, was da dir beliebt von mir zu verlangen! Aber diese Dummheit fehlt mir, und das ist eben sehr traurig für deine stark glänzenden Aussichten für mich. Es fehlt freilich nur mehr ein einziger, kleiner Schritt. Aber so ich ihn durchaus nicht machen will, aus meinem freiesten Wollen heraus, und jeder deiner Beredungen den weidlichsten Hohn ins Angesicht lachen kann und auch werde – durch welches Mittel wirst du mich dann zu zwingen imstande sein? Äußerlich ja, aber innerlich ewig nimmer!
RB|2|179|3|0|Denn wisse, ich bin ein Wesen, aus dem die Unendlichkeit alle ihre Wesen hat. Ich bin ein Wesen der Wesen, die ganz gleiche negative Machtpolarität, als da die Urgottheit die positive ist! Ich bin der endlos große Boden, auf dem die Urgottheit ihre Werke baut! Und, verstehe und fasse das wohl, du unendliches Nichts vor mir – du willst mich durch einige elende Worte dir, dem nichtigsten Staub, untertänig und zinsbar machen und etwa bestechen durch deine endlos dümmsten Komplimente, an denen wohl eine feile Landdirne ein Wohlbehagen finden kann, aber nicht ich, als das erste und vollendetste Wesen in der ganzen Unendlichkeit. O du elendster Dummkopf! Wohl sehe ich dich beben vor Wollust in allen deinen Eingeweiden und deine große Gier nach einem Vollgenuss in meiner Umarmung. Aber mache dir ja ewig keine schmutzigen Gedanken, so du diesen letzten Schritt für meine Gunst und Liebe nicht wagen willst. Ich mache keine Linie mehr – mein festester Wille.‘
RB|2|179|4|0|Spricht Kado: ‚Oh, schau, schau, wie gescheit du nun auf einmal bist! Aber schau, so gescheit als du nun bist und allzeit warst, so gescheit ist unsereiner zum Glück wohl auch! Du willst mich eine Ewigkeit auf diesen einen und letzten Schritt harren lassen? Ich wünsche dir selbst dazu recht viel Geduld! Denn meiner Geduld wirst du dennoch nie Meisterin werden. Was ist es mir? Ich habe dich zu meinem Vergnügen! Der eine Schritt impediert [hindert] wenig; aus meinem Wollen heraus kann ich mit dir tun, was mir nur immer beliebt. Und somit brauche ich eigentlich nichts mehr, was da meinen Vorteil betrifft, und werde daher wegen dieses einen Schrittes mit dir sehr wenig Worte mehr verlieren. Daher verharre du, so es dir beliebt, nur immerhin in deiner Stützigkeit! Ich werde dadurch gar nichts verlieren. In meinen Klauen habe ich dich einmal. In keinen Drachen kannst du dich auch nicht mehr verwandeln, und so ist es mir eigentlich so lieber, wenn du so bleibst, wie du nun dich gestellt hast. Juchhe, Victoria! Na, das wird ein wahrhaft lustiges ewiges Leben werden! Brot und Wein habe ich auch schon, wie ich nun bemerke! Darum noch einmal juchhe! Brav, brav, Minervidl, das hast du gut gemacht! Juchhe, juchhe, juchhe!‘
RB|2|179|5|0|Spricht die Minerva-Satana ganz verdutzt über solche Verwandlung des Kado: ‚Das hätte ich nie geglaubt, dass du ein so feiner Halunke wärst! Ich möchte nun vor Galle zerbersten, dass ich gerade dir nichts abgewinnen kann! Aber traue dir nicht zu viel zu! So ich in die große Vorratskammer aller meiner Kniffe und Pfiffe greife, so möchtest du wohl sehr übel bedient werden! Wenn ich aber nur der verdammten Liebe zu dir loswerden könnte, da ginge die Sache gleich anders. Aber da steckt eben der Knoten, den bisher niemand zu lösen wusste durch alle Räume und Zeiten der Zeiten! Und gerade du musst meine Schwächen durchschauen! Das ist schmählich, überschmählich! Nein, das halte ich nicht aus! Verflucht sei, der dich gebildet hat! Aber warte nur, du sollst an mir noch zu lecken haben, du sollst an mir deinen Satan kennenlernen!‘
RB|2|179|6|0|Spricht Kado nun ganz phlegmatisch: ‚Oh, das macht nichts! Juchhe! Ich habe dich einmal und dazu die endlos größte und reizendste Schönheit, die sich nicht mehr verhässlichen kann; und das genügt einem Kado vollkommen. Übrigens ist es dir deshalb nicht verwehrt, den verlangten letzten Schritt zu tun. Wenn es dir also langweilig genug wird, dann wirst du etwa meinem Verlangen wohl von selbst nachkommen. Bis dahin aber nur juchhe, juchhe, juchhe! Denn ich habe dich, du mein allerholdestes Minervidl du!‘
RB|2|179|7|0|Die Minerva möchte nun zerbersten vor Zorn. Sie möchte sich überaus gerne in ein recht scheußliches Wesen verwandeln; aber es geht nicht. Auch möchte sie ihre Scham bedecken; aber sie findet nichts, das sie dazu benützen könnte. Sie bemüht sich, zu fliehen von dieser Stelle, aber ihre Füße sind wie an den Boden geheftet. Nur gegen den Kado kann sie den Fuß erheben. Will sie sich aber auf eine andere Seite hin wenden und ihre Füße zu einer Flucht benützen, so bringt sie keinen Fuß vom Boden. Sind aber das doch wohlgeformte Füße! Diese Rundung, diese zarteste Weichheit und die unbegreiflich schönste Proportion in allen Teilen! Ojemine, ojemine! Wahrhaftig wahr, da wird sogar unsereinem sehr warm bei der Betrachtung dieser wahrhaft gigantischen Schönheit! Nein, dem Kado alle meine Achtung! Wie er solch einer ungeheuersten und allerreizendst üppigsten Schönheit gegenüber, die er – nota bene – nun im Ernst ganz in seiner Gewalt hat, eine solche Mäßigung beobachten kann. Da gehört mehr dazu, als was ich bis jetzt begreife. Ich bin auch kein Unzüchtler gewesen auf der Erde, und mich ließen oft die irdischen größten Schönheiten kalt, die freilich gegen diese allerechteste Venus aller Venuse eine Kloake wären. Aber vor dieser Schönheit kalt zu bleiben oder sich wenigstens kalt zu zeigen – allen meinen Respekt!
RB|2|179|8|0|Jemine, jemine! Wie sich die Minerva nun zornig stellt, und wie sie den armen Kado verächtlich anglotzt – das ist ohne allen Vergleich! Sie bemüht sich über alle Maßen, ihr schönstes Gesicht zu verzerren. Aber je mehr sie es verzerrt, desto interessanter wird es. – Und der Kado sagt auch nun zu ihr: ‚Holdeste, gebe dir keine Mühe! Denn je mehr du dein Gesicht verziehst, desto interessanter und anziehender wirst du für mich! Du bist wahrlich eine Göttin!‘
RB|2|179|9|0|Spricht nun die Minerva-Satana nahe weinend vor Zorn: ‚So, das auch noch dazu? O du verfluchtes Leben, wenn es sich so zu gestalten beginnt! Bin ich denn keine Herrin, keine Fürstin aller Fürsten und Fürstinnen mehr? Muss ich mich von solch einem allerdümmsten Esel beherrschen und bespotten lassen? Kann ich denn nicht zurück, nicht verlassen dich auf ewig? Du dümmstes Rhinozeros! Hast du doch früher mir zugestanden, dass ich zurück kann, wann und wie ich will! Was ist es mit dieser deiner Verheißung?‘
RB|2|179|10|0|Spricht Kado: ‚Mit dieser Verheißung ist so lange nichts, als wie lange du nicht vollends in meinen Willen eingehen wirst. Denn du bist und bleibst so lange im Gericht, als du deines eigenen Starrsinnes Sklavin bleibst. Siehe, so jemand in einer großen Gefahr sich befindet und ein in allen Gefahren bewanderter Lotse ihm die Hilfe durch die Kraft seiner Hand bietet, er sie aber nicht ergreifen will, obschon er sich selbst gar nicht helfen kann – so wird er auch ebenso lange der Sklave der Gefahr, in der er sich befindet, verbleiben, als wie lange er die angebotene Hilfe des Lotsen nicht ergriffen und sich derselben bestens bedient hat.
RB|2|179|11|0|So auch ist es mit dir der Fall! Du stehst auf einer übers Meer emporragenden Spitze, auf die dich ein Sturm warf, der in dir selbst ausgeboren ward. Ich bin dir ein Lotse und reiche dir hier meine hilfreiche Hand, um dich von solch einer grässlichen Gefahr wegzubringen und dich dann in eine vollste Freiheit zu versetzen. Aber du verschmähst meine Hilfe, deine blindeste, alles Zwecks bare, hochmütige Tollheit lässt dich nicht handeln, wie es dir allein frommen würde, sondern treibt dich nur an, alles das zu unternehmen und zu tun, was doch offenbarst deinen bevorstehenden Untergang früher oder später wird herbeiführen müssen. Und darum kannst du auch jetzt nicht mehr zurück wie es dir beliebt, sondern musst hier auf dieser Klippe verweilen. Und so ich dich nicht verwahrte vor dem Untergang und hintan hielte die Wogen, die dich von dieser Klippe schon lange weggespült hätten – wo wärst du nun?
RB|2|179|12|0|Du pochtest nun nahe anderthalbtausend Jahre der Erde auf deine Siebenhügelburg. Sie hat dich nun schon nahe zwei Jahre lang ausgewiesen und du wirst kaum je wieder in deiner ersten, blutdürstigen Kraft den alten morschen Thron besteigen und beherrschen die schwachen Narren der Erde und die Teufel der Hölle. Denn mir, wie gesagt, kommst du nimmer aus, und kannst dich nicht um ein Haar breit entfernen von mir. Was willst du dann tun fürder, als die reinste Sklavin meines Willens? Wirst du mir wohl ewig Trotz zu bieten imstande sein?‘
RB|2|180|1|1|Kado erquickt sich an Brot und Wein. Minervas Ärger. Kados deutliche Belehrungen.
RB|2|180|1|1|(Am 31. März 1850)
RB|2|180|1|0|(Miklosch:) „Spricht die Minerva-Satana: ‚Ja, das kann ich, so ich's will. Habe ich auch äußerlich hier wirkend keine Macht und Gewalt mehr, so kann ich aber dennoch in meinem Innersten von der hartnäckigsten Widerspenstigkeit sein und in dieser verharren ewig! Aber ich werde das vielleicht meiner dummen Liebe zu dir wegen dennoch nicht tun, sondern diese Sache reiflicher überdenken und, so ich darinnen im Ernst einen Vorteil für mein Herz entdecken werde, mich deinem Rat unterordnen. Aber wohlgemerkt, ich werde mich noch hübsch lange besinnen!‘ – Der Kado entgegnet ihr nun ganz gleichgültig und kalt: ‚Ganz wohl, ganz wohl, meine Liebe! Gesagt habe ich dir bereits alles, und du wirst nun auch sicher alles wissen, was dir allein frommen kann. Je länger du aber auf deine völligste Umkehr wirst warten lassen, desto länger auch wirst du unglücklich verbleiben und desto schwerer diesen einen, letzten Schritt tun! Das beachte auch danebenher!‘
RB|2|180|2|0|Der Kado setzt sich nun nieder. Und da es ihn hungert und dürstet, so nimmt er etwas Brot und Wein, verzehrt nun beides, und da er dabei ein gar so wohlbehagliches Gesicht macht, so muss seine Stärkung von einer großen Lieblichkeit sein. Die Minerva betrachtet den Konsumenten sehr missvergnügt und sagt so mehr wie zu sich: ‚No, no, ein hübsches Geschäftl das! Eine Lebensart hat er, und das eine von der ersten Klasse. Das muss er in der Schule der Bären und Wölfe sich eigen gemacht haben. Der Kerl frisst ja wie ein echter Wolf und sauft wie ein Walfisch. Er hat noch einen Becher und noch ein sehr gut aussehendes Stück Brot; aber seine Schroffheit lässt es ihm nicht zu, mir damit einen Antrag zu machen. Ich würde von solch einem Esel wohl ohnehin nichts annehmen. Aber es schickte sich hoffentlich doch, mir, der ersten Zelebrität der ganzen Unendlichkeit, damit einen Antrag zu machen. Wie der Kerl aber frisst! Nein, an dem hat sich die Gottheit einen ganz gehörig bestkonditionierten Fresser bereitet. Der ist fähig, die ganze Schöpfung hohl zu fressen. Der Fressgiergeifer rinnt ihm ja wie einem hungrigsten Wolf aus den Mundwinkeln, dass unsereins geradewegs darüber speien könnte.
RB|2|180|3|0|Wenn nur ich mich auch so hinsetzen könnte! Aber nach abwärts dieses Hügels tut sich's nicht, weil das zu unbequem wäre; und anders ist es nicht tunlich, weil ich mich von diesem Esel nicht abwenden kann, da meine armen Füße wie gelähmt an diesen Boden geheftet sind. Und knie ich vor ihm der Rast wegen nieder, so könnte der Ochse das etwa ganz anders auslegen. Nein, das tue ich nicht! Aber was tue ich denn? Etwas muss ich ja doch auch tun! Wenn ich nur jenes Bündel, in welchem für mich ein non plus ultra Gewand sich befinden soll, näher zu mir herziehen könnte, so hätte ich damit eine gar nicht üble Unterhaltung mit der Durchmusterung desselben. Ist aber merkwürdig, wie dieser Kerl gerade wie mir zum ärgerlichsten Trotz in einem fort frisst und zu jedem Bissen einen tüchtigen Schluck Wein nimmt und sich nach mir aber auch nicht einmal umsieht. No, der muss eine Liebe zu mir haben wie ein Holzscheit zum andern! Anreden will ich ihn auch nicht. Denn täte ich das auch, wer steht mir dafür, dass er mir gar keine Antwort gäbe? Und das wäre für mich dann ja doch eine Kränkung, von der noch keiner Unendlichkeit etwas geträumt hätte! Was aber tun? So herlosen [verstohlen hinschauen], bis er sich wird angefressen haben? O das ist eine verflucht dumme Situation! Aber warte nur, du grober Esel, es soll noch ganz anders werden mit der gerechten Folge der künftigen Zeitbewegungen!‘
RB|2|180|4|1|(1. April 1850)
RB|2|180|4|0|Kado isst noch immer ganz behaglich ein Stückchen Brot ums andere fort, nimmt manchmal einen Schluck Wein dazu und sagt nun wie zu sich: ‚O Gott, das war doch ein herrliches Stückchen Brot und ein Wein! Nein, das war ein Wein, der muss auf einer Sonne selbst gewachsen sein! Bin sonst, das ist wahr, ein grundschlechter und böser Kerl, schlechter als die ganze Hölle zusammen, und ich bilde mir darauf sogar etwas ein, dass ich mit meiner allereklatantesten Bosheit den Herrn Satan selbst vor mir zittern mache und gänzlich rat- und tatlos. Aber jetzt wär' i lamperlfromm und gut wie ein Esel! Juchhe, und die Schönste, d. h. respektive den Herrn Satan oder noch besser die Frau Satana, nun umgetaufte ‚Minerva‘ bei mir, mir untertänig! Juchhe, itzt geht's gut! No, no, no! Was machst denn du, mein allerholdestes Minervidl, für ein saures Gesichtl dazu, so es mir nun so recht sauwohl geht? Darüber sollst du dich ja nur freuen und kein solches Sauerampfergesicht schneiden! Geh und sei guten Mutes und setze dich so recht behaglich und traulich zu mir her! So du das tust, soll's dir auch für den noch zu machenden letzten Schritt abgerechnet sein. Geh, geh, Minervidl, und mache mir einmal so eine rechte Freude! Schau, alle himmlischen Wesen freuen sich mit- und untereinander, dass es schon eine allerhellste Freude ist. Da sieh nur aufwärts, und du wirst es sogleich selbst entdecken, wie bunt es da durcheinander geht! Man möchte sogar selbst unter ihnen sein! Und wir beide, endlos edler und vollkommener als dies ganze bunte Himmelsgesindel, hocken da beisammen wie so ein paar kranke Esel mit ellenlangen Essiggesichtern. Pfui, lassen wir uns doch nicht beschämen und seien wir noch zehnmal heiterer als alle die da ober uns! Geh, geh, geh und setze dich nur gleich zu mir her!‘
RB|2|180|5|0|Spricht die Minerva ganz stolzen und beleidigten Gesichtes: ‚Halte dein Maul, grober, besoffener Lümmel! Was der Trottel nicht alles möcht'! Schaut's, nur gleich zu ihm soll ich mich setzen! Es wäre für ihn so eine Unterhaltung freilich wohl so übel nicht; das kann ich mir ungefähr schon so ein bisschen vorstellen. Aber nichts da, Lippl! Solche Früchte, wie ich etwa bin, werden für derlei Esel wohl sicher ewig nimmer reif werden! Versteht Er das?‘
RB|2|180|6|0|‚Nicht, nicht so, Minervidl‘, spricht Kado weiter, ‚warum solltest du für mich nicht reif sein oder werden können? O du bist schon sehr reif! Denn du bist darum auch schon schön alt geworden. Aber eine Passion wäre das nun, dich so recht con amore [mit Liebe] abzudrücken! Trillion tausend sapperment! Diese schönen und fetten, weißesten und zartesten Füße, diese Arme, dieser Nacken, dieser Busen! Und dös Gsichtl! Nein, das wäre so eine Freude für unsereinen! Und nur ein einzigs Busserl von diesen allerechtesten Rosenlippen! Oh, oh, oh, das wäre schon gar über alles! Daher, so gehe und komme und mache meinem Herzen eine rechte Freude!‘
RB|2|180|7|0|Spricht die Minerva: ‚O gleich, gleich, mein Herr Quasi-Gemahl und -Gebieter! Sie wissen es ja, wie gerne ich solchen Wesen, wie Sie eines zu sein die allersauberste Ehre haben, folge, so sie etwas oder was wünschen. Oh, Sie können es gar nicht glauben, wie sehr ich Sie liebe! Beruhigen Sie sich daher nur noch ein wenig, so etwa auf einige wenige Ewigkeiteln, dann werde ich Ihren besoffenen Wünschen schon nachkommen. Itzt wäre ich auch noch viel zu jung für Eure Majestät. Nicht wahr, das wäre wohl lustig, mich so recht nach Herzenslust mit rhinozerosgroben Händen abzudrücken? Ei, ei, es ist mir wirklich leid, dass ich Ihnen nicht sogleich dienen kann. Vertrösten Sie sich daher nur auf so ein paar Ewigkeitchen, mein Lieber!‘
RB|2|180|8|0|Spricht Kado: ‚Wie es dir gefällig ist, das ist mir alles ganz ein und derselbe Teufel, ob um ein paar Ewigkeiteln früher oder später! In meiner unauflösbaren Gewalt bist du einmal, und mehr brauche ich zu meinem alleinigen Vergnügen nicht. Ich kann mich mit dir unterhalten, wie es mir nur immer beliebt, und du wirst es mir nicht verwehren können, indem ich Kraft, Macht und Gewalt zur größten Übergenüge besitze, dich äußerlich zu meinem Vergnügen zuzurichten, wie es mir nur immer beliebt. Da ich aber nicht selbstsüchtig bin und mehr auf deine wahre Wohlfahrt sehe, denn auf die meinige – darum auch allein nur möchte ich dich aus deiner ungeheuren Torheit heben und dich so frei und glücklich, als nur immer möglich, machen. Aber so du lieber eine Sklavin deiner allerblindesten und abgeschmacktesten Torheit verbleibst – gut, so bleibe, was du bist, nämlich das dümmste und schlechteste Wesen in der ganzen Unendlichkeit! Mich wird das äußerst wenig genieren.
RB|2|180|9|0|Hebe deine zwar überschönen, aber sonst über alle Begriffe dümmsten Augen empor und siehe, wie sich da oben Trillionen ihres göttlichen Daseins freuen, obschon sie wohl wissen, dass du das unglücklichste Wesen in der ganzen Unendlichkeit bist, und so kann auch ich, wennschon nicht in der edlen, himmlischen Art, mich ganz prächtigst nach meiner Art ewig ohne dich beseligen. Ich muss dir auch noch das hinzugestehen, dass ich gerade von nun an gar nicht mehr darauf poche, dich für deine eigene Freiheit in Gott deinem Schöpfer zu gewinnen und dich somit zu bekehren. Denn ich weiß es ja so gut wie ein Gott, dass du ein allereigensinnigstes Luder bist und mit dir bis jetzt weder ein Gott noch irgendein Teufel je etwas ausgerichtet haben. Aber das alles geniert mich nicht; denn ich habe dich einmal, wo und wie ich dich gleich uranfänglich haben wollte! Ich für mich bin, wie schon öfter gesagt, ganz vollkommen zufrieden. Du bist mein und bist unschädlich gemacht wie eine Natter, der man das Gift genommen hat. Willst du für dich selbst frei und glücklich werden, so weißt du nun zur Genüge, was du zu tun hast. Ewigkeitle du in deiner Dummheit nur fort! Denn von nun an wirst du von mir aus keine Einladung mehr erhalten. Gehabe dich nun wohl in deinem Wahn! Wie du säest, so wirst du auch ernten! Halte nur daran fest, dass da mir alles eins ist.‘
RB|2|180|10|0|Nach diesen Worten fängt nun die Minerva sehr stark sich hinter den Ohren zu kratzen an und sagt: ‚Was wird denn dann mit meinem höchsten Ansehen, das ich bis nun genossen habe in der ganzen ewigen Unendlichkeit?‘
RB|2|180|11|0|Spricht Kado: ‚Lasse dich um Gottes willen doch deines eingebildetsten Ansehens wegen nicht auslachen! Da sehe auf meinen Hintern her! Dieser, wahrlich so schmutzig wie ein Abtritt selbst, ist bisher bei aller Welt und bei allen besseren Geistern in einem unvergleichbar höheren Ansehen gestanden als du mit aller deiner allergöttlichen Primokreatur [Erstgeburt]. Denn dich beschämt ja, was die reinere Weisheit betrifft, ein jeder Esel und Ochse. Wo aber ein Wesen, so es äußerlich auch noch so schön, gar so entschieden dumm ist wie kein zweites mehr in der ganzen Unendlichkeit – da wird es mit dem wahren Ansehen etwa wohl einen so derben Faden haben, als groß da sein dürfte der Durchmesser jenes Ankertaues, an dem die allmächtige Gottheit das große Schiff der ganzen Schöpfung durch die Kraft Ihres allmächtigsten Willens befestigt. Rede mir daher ja nimmer von einem vermeintlichen Ansehen, das du dir selbst und sonst noch kein Wesen je gegeben hat! Bilde dir ein, was du willst; aber nur mich verschone mit derlei nahe unaussprechlichen Albernheiten!‘
RB|2|180|12|0|Spricht die Minerva: ‚No, no, sei nur nicht gar so aufbrausend! Ich glaube, so ich schon gar so dumm bin, da werde ich aber ja etwa dennoch wert sein, dass du mit mir eine kleine Mühe dir nimmst und mich belehrst, wo es mir fehlt!‘ – Spricht Kado: ‚O Liebste, dir fehlt gar viel, ja dir fehlt bloß alles! Da werde ich noch vieles zu reden haben mit dir, obschon ich kein Freund des Redens bin.‘
RB|2|180|13|0|Spricht nun wieder die Minerva-Satana: ‚No, no, habe nur Geduld! Lehre mich recht und habe Geduld mit meiner Dummheit und Schwäche! Denn ich meine, so ich dann selbst dir zum Lohn werde, da dürftest du für deine Mühe etwa ja doch hinreichend entschädigt sein?‘ – Spricht Kado: ‚O allerdings, so du je zu belehren bist! Nimmst du aber wie bisher gar keine Belehrung effektiv an, so ist mir dann mein Hintern lieber als du, trotz aller deiner noch so unendlichen Schönheit! Solches beherzige auch! Denn ich bin durchaus kein sinnlicher Teufel!‘
RB|2|180|14|0|Die Minerva-Satana kratzt sich nun schon wieder sehr stark hinter den Ohren, als hätte sie Läuse, simuliert [sinniert] ganz gewaltig, reibt sich die Stirn und scheint mit sich sehr uneins zu sein. – Kado aber wendet sein Gesicht nun gerade zu uns herüber und macht eine Miene, als ob er von uns so einen Wind hätte. Was mich aber sehr wundernimmt ist, dass er, da er doch all die Himmelsgeister ober ihm gar wohl erschauen dürfte, die zwei neben ihm stehenden, als den Robert-Uraniel und dessen Begleiter Sahariel, nicht zu ersehen scheint. Denn da macht er gar keine Miene, als nähme er jemanden hinter sich wahr.“
RB|2|181|1|1|Bathianyi und Miklosch über diese Szene. Minerva macht den letzten Schritt. Das Himmelsgewand als Lohn. Ein Licht über die Erlösung.
RB|2|181|1|0|Sagt einmal der Graf Bathianyi, den diese Szene schon ein wenig zu langweilen beginnt: „Freund Miklosch, du bist wahrlich ein prächtiger Wiedergeber des Geschauten, und es ist äußerst interessant dich anzuhören. Aber was wahr ist, das ist wahr – diese Geschichte zwischen dem wohlkonditionierten Kado und der sogenannten Minerva, die besser Luziferina oder gerade ‚Satan‘ hieße, wird etwas langweilig. Ich bewundere nur die ungeheure Geduld des Herrn, wie auch die der Erzväter, der Propheten und Apostel! Diese betrachten diese nun höchst einförmig gewordene Szene, als läge da, Gott der Herr weiß es, was für eine ungeheure Wichtigkeit daran. Ich für mich finde nun stets weniger daran; es fängt die ganze Geschichte nun stets mehr und mehr an, das Gesicht eines allerfadesten Romans zu bekommen, der so angelegt ist, dass er sich ganz kommod eine ganze Ewigkeit fortspinnen kann. Der Kado verdient wahrlich allen Respekt! Aber die Minerva ist ein feines Luder, ein wahrer Proteus, der sich in alle Gestalten, Formen und Elemente verwandeln kann und somit auch gar nie zu fangen ist. Kado ist zwar wohl ein höchst politisch feiner Kauz; aber sie ist bei all ihrer Luderei dennoch pfiffiger als er, und ich fürchte sehr, dass es ihm bei aller seiner wahrlich wunderbaren Charakterstärke nie gelingen wird, sie zu diesem letzten Schritt zu bewegen. Sie stellt sich zwar hie und da, als wäre sie blöde. Aber von ihrem innersten, verborgenen Plan lässt sie ja weislich nichts merken. Er soll sie lehren. Von dem Unterricht möchte ich mir auch ein Exemplar ausbitten. Auskosten will sie ihn ganz; dann wird sie schon wissen, was sie tun wird! Oh, das ist eine Kanaille non plus ultra! Gib nun nur wieder weiter Acht, Bruder und Freund Miklosch! Du wirst sehen, dass ich recht habe!“
RB|2|181|2|0|Sagt Miklosch: „Lassen wir das alles nur dem Herrn über! Ich meine, dass da am Ende schon alles recht werden wird.“ – Sagt Bathianyi: „Ja, ja, das meine ich auch; es wird am Ende alles gut werden! Aber wann wird dies Ende kommen? Wir werden es wohl sicher erleben, weil wir ewig leben werden; aber der Faden der Ewigkeit ist ein ganz entsetzlich langer, und die Meilenzeiger sind auf diesem ewigen Fadenwege der Ereignisse und Zustände ganz entsetzlich weit auseinandergerückt. Über welchem dieser endlos vielen Meilenzeiger aber der Herr das große ‚Finis coronat opus‘ [das Ende krönt das Werk] geschrieben hat, das weiß nur Sein heiliger Geist, wir alle zusammen aber wissen so viel als nichts. Und es ist unsereinem daher sehr gut zu verzeihen, so man bei der nur sicher zu sehr ersichtlichen Lumperei der schönen ‚Minerva‘ notgedrungen auf die Idee gerät, der zufolge diese Geschichte zwischen dem Kado und der sogenannten Minerva wohl schwerlich ewig je zu einem Ende kommen werde.“
RB|2|181|3|1|(Am 5. April 1850)
RB|2|181|3|0|Spricht Miklosch: „Weißt du, Bruder, was da mich betrifft, so kümmert mich das nun im Grunde sehr wenig. Im Übrigen interessiert mich diese Geschichte ganz außerordentlich, denn das ist sicher keine Alltagsgeschichte. Zwei allerdurchtriebenste Geister der Hölle liegen sich in den Haaren, und es wird sich da bald zeigen, welcher aus ihnen den Sieg davontragen wird. Ich halte es noch immer mit Kado.“ – Spricht Bathianyi: „Ich auch! Denn am Ende, so es überhaupt ein Ende gibt, soll denn doch hoffentlich die gute Sache obenauf zu stehen kommen. Aber für diese steht die Geschichte noch ganz verzweifelt schiefrig da. Siehe du aber nun nur wieder hin zu dem sonderbarsten Dunst und erzähle uns nach deiner ausgedehnten Weise, was dort vor sich geht.“
RB|2|181|4|0|Miklosch schaut hin und sagt: „Schaue auch du, so wie ich, gleichfort hin, und du wirst nun ja ebenfalls ersehen können, wie die Minerva nun ganz freundlich dem Kado die schönste Hand reicht und dieser dafür zu ihr sagt: ‚Das nützt dir nichts, denn alles, was du mir aus deinem Wollen zur Annahme anträgst, kann und darf ich nicht eher annehmen, als bis du alles Verlangte, also auch den letzten Schritt gemacht haben wirst. Hebe den Fuß und setze ihn an den meinigen her, dann hast du deine Aufgabe gelöst und bist zu deiner Freiheit wieder gelangt! Von da angefangen werde ich dann, wie ich es dir oft genug versprochen habe, auch manches tun können, was du von mir wünschen wirst!‘
RB|2|181|5|0|Spricht die Minerva-Satana: ‚Nun denn, um zu erfahren, wie du dein Wort halten wirst und was machen mit mir, so hebe ich meinen rechten Fuß vom Boden und setze ihn an den deinigen hin! Alle Himmel und alle Höllen sollen mir ein lautestes Zeugnis geben, ob ich jemandes Willen so weit nachgekommen bin, als dem deinigen. Aber wehe, wehe, wehe dir Kado, so du mich nur im Geringsten hintergangen haben solltest, da ich dich liebe! Ich müsste an dir die fürchterlichste Rache nehmen, eine Rache, die noch nie da war!‘
RB|2|181|6|0|Die Minerva hebt nun ihren rechten Fuß im Ernst vom Boden und setzt ihn ganz zum Fuß des Kado hin und sagt: ‚Nun habe ich erfüllt, was du verlangtest von mir! Und nun, was wohl wirst du tun?‘
RB|2|181|7|0|Spricht nun Kado: ‚Hebe auch den andern! Dann erst hast du die dir gegebene Bedingung ganz gelöst, und ich werde dir dann alles sagen, was ich tun werde. Im Grunde habe ich es dir schon ohnehin gesagt, was danach geschehen werde, so du dir meinen Willen wirst eigen gemacht haben. Aber da du stets ein sehr kurzes Gedächtnis zu haben scheinst, so werde ich danach das schon zu öfteren Malen Gesagte ganz kurz wiederholen. Aber zuvor muss der letzte Schritt ganz und nicht nur bloß zur Hälfte gemacht werden. Darum also noch mit dem andern Fuße aus der Gefangenschaft, und es wird dann sogleich alles andere in der besten Ordnung sich befinden.‘
RB|2|181|8|0|Spricht die Minerva: ‚Nun, mir scheint es, dass deine sauberen Begehrungen an mich nimmer ein Ende nehmen werden. Wie kann ein ganzer Schritt, der stets nur nach der Vorwärtssetzung des einen Fußes gerechnet wird, darum nur ein halber Schritt sein? Siehe, das ist ein reinster Unsinn! Aber weil ich schon so viel getan habe, so will ich auch noch das tun. Aber siehe dich vor, dass ich dich dann ja nicht verlasse! Denn du weißt es, dass mir dann der freieste Abzug und Rücktritt in meinen vorigen Zustand gestattet ist, und zwar als eine Hauptbedingung zu dieser meiner mich unter alles Luderwerk entwürdigenden Handlung nach deinem Willen.‘
RB|2|181|9|0|Nun hebt sie auch im Ernst den zweiten Fuß nach und sagt: ‚Jetzt ist es vollbracht! Ich habe deinen Willen ganz erfüllt! Nun – was geschieht jetzt?‘ – Spricht Kado: ‚Endlos Holdeste! Hier löse das Bündel auf; nehme das Gewand heraus und bedecke deine mein ganzes Wesen zu mächtig aufregenden bloßen Reize!‘
RB|2|181|10|0|Die Minerva beugt sich sogleich nieder, löst das Bündel auf, und als sie im selben ein karminrotes, mehr als die Sonne hell strahlendes Kleid, mit einer schweren Menge strahlendster Diamanten und Rubinen besetzt, erschaut, erschrickt sie vor dieser ungeheuren Lichtmasse, sodass sie in Anwandlung von einer barsten Lustschwäche förmlich zu Boden sinkt und nun in einer Art Betäubung vor dem Kado nahe ohne Regung liegt.
RB|2|181|11|0|Kado fragt sie nun, sagend: ‚Nun Minerva, wie ist es dir? Gefällt dir das urkönigliche Gewand? Habe ich dich angelogen oder – habe ich dir die Wahrheit gesagt? Was hältst du nun von mir?‘
RB|2|181|12|0|Die Minerva, vor lauter Staunen kaum der Sprache mächtig, spricht mit einer etwas bebenden Stimme: ‚Kado, Kado, das ist zu viel, zu groß, zu herrlich! Ich kenne doch alle Himmel und deren Einwohner – aber mit so einem Kleid habe ich allda noch nie jemanden angetan gesehen, nicht einmal die Gottheit in ihrem unzugänglichsten Licht. Wie soll ich nun, aus meiner ärgsten und tiefsten Verworfenheit kaum ein wenig auftauchend, solch ein Feuergewand anzunehmen und am Ende gar zu tragen imstande sein? Ich habe daran zwar eine unbeschreibliche Freude; aber anzuziehen wage ich es wahrlich nicht! Denn das Tiefste der Hölle kann nicht so bald mit dem Höchsten der Himmel einen zu schnell veranlassten Bund eingehen! Da gehört noch eine lange Dauer, in der ich über mein langes höllisch-grundböses Wirken und Handeln nachdenken und mich über dasselbe mehr und mehr werde hinaussetzen können. Denn wohl bedenke, dass ich der Urgrund alles Bösen und alles Gerichtes bin. Wie und wann ich mich aber über diese meine höchst böseste Stellung werde erheben können! O Kado, wie sehr ferne noch ist eines solchen Zeitraumes Herbeikommen!‘
RB|2|181|13|0|Spricht Kado: ‚Törin, zähle die Sonnen im endlosen Raum, zähle die Planeten alle, die nicht selten zu Trillionen um eine einzige und letztere Zentralsonne wie Atome im Äther umherkreisen, die noch lange keine Haupt-Zentralsonne ist! Zähle den gerichteten Sand nur eines kleinsten Planeten! Summiere alle die atomistischen Materiepartikeln, die im endlosen Äthermeer des ewigen Raumes als gerichtet rasten und über ihren kleinen Rücken das Licht von einer Unendlichkeit zur andern tragen müssen! Sieh, das alles ist arg gerichtet aus deinem höchsteigenen Gericht. Wie lange wohl müsstest du da zählen und wie viel denken, bis du den Grund eines jeden gerichteten Atomes der ganzen Unendlichkeit durchsähest und durchdächtest, um dich in dir selbst dann darüber hinaus erheben zu können! Sieh, das wäre im höchsten Grad eitel und töricht! Daher tue du das, was ich dir zu deiner wahren Freiwerdung anrate, und du wirst der ganzen, ewigen Großrechnung nicht bedürfen, um wahrhaft frei, dadurch auch der allmächtigen Gottheit in Ihrer Jesus-Menschheit wohlgefällig zu werden.‘
RB|2|181|14|0|Spricht die Minerva-Satana: ‚Geliebtester Kado, du hast wohl recht, ich sehe es ein! Aber nur den gewissen Namen spreche mir nicht mehr aus! Denn dieser Name ist für mich im höchsten Grad unerträglich. Ich kann dir zwar nicht sagen, warum – aber es ist einmal so. Der Name brennt mich mehr, denn alles Feuer der Hölle.‘
RB|2|181|15|0|Spricht Kado: ‚Siehe, das ist schon wieder im höchsten Grad dumm und töricht von dir! Gerade in diesem Namen, wie ewig in keinem andern, ist für dich und mich ein ewig wahres Heil zu erringen. Deshalb lobe und preise du in der Zukunft lieber diesen Namen, so wirst du vollkommen siegen über alles zahllose Böse in deinem Herzen, und wirst dann einen wahrsten Triumph feiern über alles, was dich je zu solch einem großen, fortlaufenden Abfall von der ewigen Gottheit mag verleitet haben.‘
RB|2|181|16|0|Spricht die Minerva-Satana: ‚Guter Kado, du hast wohl viel leichter reden denn ich und hast auch recht in allem. Aber bedenke, wie viele Äonen ärmster Wesen schmachten nun noch in größter Qual, die ich ihnen bereitet habe. Wie soll ich überhaupt je frei und wahrhaft glücklich werden können, solange die zahllosen, durch mich unglücklich Gemachten in aller Qual schmachten müssen? Ich soll nun glänzen in diesem Kleid, und zahllose Kinder aus mir sollen meinetwegen schmachten, ewig schmachten!? Nein, nein, das geht nicht, das kann nicht sein!‘
RB|2|181|17|0|Spricht Kado: ‚Kümmere dich um was anderes! Seit die Gottheit zum Körpermenschen ward, hat Sie auch die ganze materielle Schöpfung auf Ihren Namen genommen und jeden Menschen von dir im höchsten Grad unabhängig und dem eigenen Gewissen zinsbar gemacht! Alle Welt ruht nun auf der Schulter Gottes und auf denen der freien Menschen. Und du stehst mit der Gottheit schon lange in keiner Verrechnung mehr. Daher tue, was ich dir sage, und du wirst frei sein in allem!‘“
RB|2|182|1|1|Von Buße und Bekehrung. Gleichnis von der Pflanzenveredlung. Bedeutsame Erlösungstatsachen.
RB|2|182|1|1|(Am 10. April 1850)
RB|2|182|1|0|(Miklosch): „Spricht die Minerva-Satana: ‚Aber es ist von der Gottheit eine Art Buße zur Vergebung der Sünden angeordnet, ohne die kein Mensch und somit noch um vieles weniger ein Teufel selig werden kann. Siehe, ich aber war und bin noch aller Sünde Grund und ein Pfeiler des Gerichtes und des Todes. Wie soll dann erst ich ohne Buße frei und endlich gar selig werden? Es müsste daher über mich wohl die größte Buße kommen, so ich im Ernst soll frei und selig werden. Wie aber könnte ich Buße wirken in diesem Lichtgewand? Dazu gehört ein härenes Büßerkleid und Asche und Sack! Verschaffe mir ein solches Büßerkleid und ich will und werde die ernsteste Buße zu wirken anfangen!‘
RB|2|182|2|0|Spricht Kado: ‚Du wohl du und Buße wirken – das ginge so hübsch zusammen! Was verstehst denn du, was da wahre Buße wirken heißt? Meinst denn du, ein härenes Kleid, Asche und Sack machen die Buße aus? Oder glaubst du etwas nach römischer Art tun zu müssen, um zur wahren Sündenvergebung zu gelangen? Möchtest du nicht etwa eine Generalbeichte ablegen, tausend Messen zahlen, kommunizieren, auf dass in dir dann alle deine Sünden krepieren? Auf der Erde, unweit meines großen Raubgebietes, war ein sogenanntes Franziskanerkloster, sehr schlecht gebaut zwar, aber dennoch tauglich zur Aufnahme von ein paar Dutzend ärgerlichster Müßiggänger, die sich Patres und Fratres nannten. Aus derer Munde habe ich solch einen Unsinn von einer wahren, der Gottheit wohlgefälligen Buße vernommen, ohne die niemand selig werden könne. Ich aber habe an diesen Kerlen bei guter Gelegenheit eine ganz neue Art Buße ausgeübt, und ich meine, dass sie eben für diese Geistestotschläger wirksamer war als die, welche sie den armen Teufeln aufdringen wollten und auch vielfach aufgedrungen haben. Ich, wennschon gleich dir der Gottheit gegenüber ein Teufel, halte das für die wahre Buße, so man das Schlechte, als das der Gottesordnung Widrige, eigenwillig verlässt, und seinen Willen fest und unerschütterlich unter das Panier der ewigen Gottesordnung stellt und dann selbst das unerschütterlich fest will, was man als solcher göttlichen Ordnung gemäß erkennt. So du so handeln wirst aus deinem neuen, in der Gottesordnung geregelten Willen, dann wirst du auch eine rechte Buße wirken. Aber ein härenes Gewand, Asche, Sack, Generalbeichte, Kommunion und wegen meiner eine Million Messen gehören ins Fach der größten Menschentorheiten, weil sie den Menschen nicht besser, sondern nur schlechter und schlechter machen. Nur durch meinen Willen allein kann ich besser werden. Alles andere gehört in einen Leibstuhl und hat keinen Wert weder vor bessern Geistern noch vor Gott.
RB|2|182|3|0|Du weißt es und siehst es auch ein, was ein jeder Geist durch seine höhere Weisheit genau ersehen kann. Wolle sonach nichts aus dir heraus, sondern bloß aus mir heraus oder was ich will – so wirst du deines höchsteigenen Kerkermeisters alsbald loswerden. Solange du aber noch mit deinen eigenen Willensbrocken mir entgegenkommen wirst, da wird es mit dir noch sehr lange nicht besser werden! Sieh, an der Weisheit und an einer gediegenen Erkenntnis hat es dir nie gemangelt. Aber an einem neuen, guten Willen, und darum bist du zum Grund alles Schlechten und Bösen geworden. So ein Wesen aber gut werden will und edel, da muss es mit seinem ersten, wilden Willen dasselbe Experiment machen, als was da macht auf der Erde ein Gärtner mit einem Wildling. Er schneidet ihm die Krone ab, spaltet dann den Rumpf und setzt einen edlen Zweig hinein. Und es wird dann ein neuer, edler und guter Fruchtbaum daraus. So musst auch du, wie gesagt, es mit deinem alten Wildling von Willen machen! Wenn es dich auch darauf eine Weile genieren wird, da du die alte Krone dir musst völlig nehmen lassen, so mache dir aber dennoch nichts daraus! Denn du wirst dafür zu einer herrlicheren, besseren und edleren Krone gelangen.‘
RB|2|182|4|0|Spricht die Minerva-Satana: ‚Kado, Kado! Du bist zwar eigensinnig wie ein echter Teufel, aber dabei weise wie ein Gott! Hörst du, wie ein Gott!‘ – Spricht nun wieder Kado: ‚Eh, was nützt mir meine Weisheit, so sie außer mir niemand befolgen will? Ich predige tauben Ohren, und vor blinden Augen mache ich Spektakel, und diese merken nichts! Ich habe bis jetzt, bei Gott dem Allmächtigen, geredet zur Übergenüge – aber was nützt alles das? Du hörst mich an wie der Prophet Bileam seinen Esel, wo letzterer auch weiser war als sein blinder, tyrannischer Herr. Denn dieser sah und wusste, warum er stehen bleiben musste; während sein Herr dafür nur desto eifriger des grauen Sehers Rücken in die Arbeit nahm. Ich zeige dir, warum du dich gänzlich meinem Willen unterordnen sollst, aber du hast da stets tausend Ausflüchte, und so du schon was tust, da tust du die Sache aber dennoch nie sogleich und auch nie ganz also, wie ich es haben will und haben muss. Warum denn das?! So du mich nun weise findest wie einen Gott, warum tust du denn dann nicht sogleich, was ich von dir verlange? Das herrlichste und kostbarste Kleid liegt vor dir und wirft seinen mächtigsten Strahlenglanz gleich einer Zentralsonne in die weite Unendlichkeit hinaus. Aber sein intensivstes Licht, das da bestimmt ist nach dem Innern deines Wesens den Strahl zu treiben, muss sich noch vergeblich verzehren. Warum denn das? Gebe mir davon einen Grund an!‘
RB|2|182|5|0|Spricht die Minerva: ‚Ich habe dir den Grund ja schon angegeben! Du aber hast ihn widerlegt mit der Schärfe deiner Weisheit, der ich nun freilich nichts mehr entgegenstellen kann. Aber alles dessen ungeachtet bleibe ich doch bei dem, dass ich mich für dies zu göttliche Gewand als viel zu unwürdig fühle, um es gleich so mir und dir nichts wie einen andern, gemeinen Fetzen anzuziehen. Und das ist ein Hauptgrund, warum ich also mit dem Anzuge zögere. Einen anderen Grund kann ich dir unmöglich angeben, und so du dich darob noch ärgern sollest. Ziehe es du an, wenn du schon so viel Mut besitzt, und gebe mir darinnen ein Beispiel; und ich werde dann diesem deinem Beispiel folgen. Apropos! Noch etwas! Wie sieht es denn auf der Erde und in allen anderen Welten dann aus, oder wie wird es aussehen, so ich dies Kleid anzöge? Wird es besser oder etwa noch schlimmer den dort neu zu bildenden, noch in die gröbste Materie verhüllten Geistern ergehen? Gebe mir davon eine begreifliche Erklärung, und ich werde dann sogleich alles tun, was und wie es du wünschst.‘
RB|2|182|6|0|Spricht Kado: ‚Ich habe es ja gewusst, dass sie richtig noch wieder eine die Sache verzögernde Ausflucht finden wird! O du ganz entsetzlich verzweifeltes Wesen! Was gehen denn uns nun die Erde und alle anderen zahllosen Welten an! Die Gottheit wird es wohl schier wissen, was Sie damit machen wird. Uns aber geht weiter weder die Erde noch der Himmel etwas an, und wir haben uns darum nicht im Geringsten zu kümmern. Wie von nun an die Menschen auf der Erde oder auf der Sonne untereinander leben werden, ob kriegerisch oder friedsam, das hat für uns aber auch nicht die allergeringste Beziehung. Wir leben und handeln bloß nur für uns. Alles andere sei und bleibe für uns eine terra incognita so lange, als bis wir zufolge etwa eines möglichen höheren Auftrages beordert werden, uns darum zu kümmern. Ich habe dir aber ja auch schon ehedem klarst gesagt, dass du außer allen Einfluss auf die Weltkörper gesetzt wurdest, seit der Menschwerdung der Gottheit, in der ein zweiter Adam in und aus Gott alle Schöpfung und somit auch alle ihre Übel auf die höchsteigene Schulter nahm und nun alles also leitet und führt, wie es Seine ewigste Ordnung verlangt. Daher hast du dich von nun an um nichts anderes mehr zu kümmern als bloß nur allein um dich selbst. Ziehe nun das Gewand an, und es wird sich dann schon sogleich zeigen, was da weiter zu geschehen hat.‘
RB|2|182|7|0|Spricht die Minerva-Satana: ‚O du lebendiges Buch du! Du sprichst ja, als so du ein Jünger Salomons wärst! Aber ich sehe es nun rein ein, dass du eines Teils denn doch recht hast, und so will ich denn vor dir mich zu einer Putzgredl umgestalten, und eine recht dumm-hochmütige und eitle Personage spielen – da du daran denn schon eine so große Freude hast. Dummer Lippel, wird's dir denn dann besser sein, so du mich vor lauter Glanz gar nicht anschauen wirst können? Ich ziehe es nun an! Aber dann komme mir ja nicht sobald wieder mit einem anderen Begehren.‘“
RB|2|183|1|1|Minervas Herrlichkeit im Himmelskleid. Robert und Sahariel geben sich zu erkennen. Robert klärt Kado über ihr Wirken auf.
RB|2|183|1|1|(Am 12. April 1850)
RB|2|183|1|0|(Miklosch): „Die Minerva zieht nun wirklich das Gewand an. Sie ist nun auch schon angekleidet! O Tausend, o Tausend! Ah, das ist stark! Nein, da ist es ja gar nimmer zum Aushalten! Aber diese ungeheure Schönheit! Herr und Vater Jesus! Mein Gott, mein Gott, sei mir armen Sünder gnädig und barmherzig! Nein, diese allerungeheuerste Schönheit auf eine längere Weile ansehen zu müssen und dabei das Leben zu erhalten, das dürfte wohl kaum möglich sein. Nur diese unbeschreibbar sanftest weiche Zartheit, diese göttlichst herrliche Form ihres Angesichts, dieser wallende Busen, dieser Arm! Nein, Herr, ich würde entweder tot oder ein Narr, so ich diese zu allerungeheuerste Schönheit nur einige Sekunden noch anschauen müsste. Ah, ah, sie wird immer schöner und schöner! Wie aber ein Kado, und wie die zwei andern, als der Robert-Uraniel und der Sahariel, die ihr doch gar so nahe gekommen sind, solch eine Nähe ohne Verlust ihres Lebens aushalten können, das ist mir ein ungeheures Rätsel! Wohl gehen den beiden Letztgenannten nahe die Augen vor lauter Glanz und Schönheit über, was da sehr begreiflich ist; aber wie der Kado es in ihrer größten Nähe auszuhalten vermag, das begreife, wer es begreifen kann! Ich werde es sicher nie begreifen. Denn diese allerungeheuerste Schönheit müsste geradewegs vollends tote Statuen im Augenblick beleben können. Bruder Bathianyi! Geh und suppliere [vertrete] du mich nun eine Weile! Denn ich kann es wahrlich nimmer aushalten!“
RB|2|183|2|0|Spricht der Bathianyi: „Mein Freund Miklosch, das kann wohl nicht ausgeführt werden! Ich habe nun nur ein paar sicher sehr flüchtige Blicke hingeworfen und bin deshalb schon ganz schach- und matt! Was würde aus mir erst dann werden, so ich mich ganz wohlbehaglich eine längere Weile in sie vergaffte? Ich bedanke mich, liebster Freund, für diesen deinen Antrag! Versehe du nur selbst diesen angenehmsten Dienst! Ich werde das meinige mir schon aus deinen Worten nehmen.“
RB|2|183|3|0|Spricht der Miklosch weiter: „Nun gut, so werde ich ein reiner Narr. Und itzt, oh, oh, oh! Die beiden machen gar Miene, als ob sie zu uns her sich begeben wollten. Nun, so das – da werde ich ganz bestimmt ein Narr! Aber, Gott, Dir alles Lob! Jetzt geben sich die beiden Engel dem Kado und der Minerva zu erkennen, und der Kado wie die Minerva scheinen gleichzeitig ganz verblüfft darüber zu sein, dass sie nun auf einmal, wie aus den Wolken gefallen, zwei ihnen ganz fremde Gesellschafter bekommen! Kado betrachtet die beiden mit sehr forschenden Blicken vom Kopf bis zur Zehe und scheint sie fragen zu wollen, woher sie gekommen seien, ob von oben oder von unten? Aber aussprechen will er es noch nicht, aber in seiner höchst klassischen Miene scheint diese Frage unverkennbar zu liegen. Bin nun höchst gespannt, was da herauskommen wird!
RB|2|183|4|0|Aha, nun wischt sich der Kado mit der rechten Hand die Haare aus dem Gesicht, nimmt eine ganz famose Heldenstellung den beiden gegenüber an und sagt nun: ‚Woher seid ihr? Was wollt ihr und wer seid ihr? Pünktlich genaueste und wahrste Antwort verlangt der Kado von euch! Versteht aber wohl! Der Teufel Kado verlangt solches von euch!‘
RB|2|183|5|0|Tritt der Robert vor und spricht: ‚Wir beide sind deine intimsten Freunde, sind von oben wie auch von unten zugleich her. Wir haben dich beobachtet und beschützt insgeheim, ansonst du diese Urkönigin aller Materie nicht so weit gebracht haben würdest. Nun du aber sozusagen am Ende deines großen Werkes stehst, so kommen wir dir zu gratulieren, dass dir dies schöne Werk so herrlich gelungen ist, daran die Mühe so vieler mächtiger Brüder gescheitert ist. Solltest du dich in was immer, das da gut ist vor Gott, unseres Dienstes bedienen wollen, so stehen wir dir zu Gebote.‘
RB|2|183|6|0|Spricht Kado: ‚Für euren allfälligen Schutz, den ihr mir geheim geleistet zu haben vorgebt, danke ich euch und so auch für eure Wache über mich! Aber ich bekenne es euch beiden auch ganz unverhohlen entgegen, dass es mir bei Weitem lieber gewesen wäre, so ihr mich weder beschützt noch bewahrt hättet. Denn mir genügt der Name und die Kraft des großen Einen. Alles andere ist bei mir eitel nichts. Auch ihr beide seid mir gleich einer Null! Einen weiteren Dienst von euch kann ich von nun an nimmer in irgendeinen Anspruch nehmen, da ich mir selbst zu genügen getraue. Ich ersuche euch darum, dass ihr euch alsogleich von mir entfernt, ansonst ich Gewalt gebrauchen müsste. Denn diese meine heißgeliebteste Minerva ist noch lange nicht auf dem Punkt, fremde Gäste, die ein sehr schmarotzerisches Aussehen haben, zu ertragen. Wird sie einmal ganz vollendet sein, dann könnt ihr gleichwohl wiederkommen und euch ihrer Wiedergenesung freuen. Aber nur keine weitere, weder offene und noch weniger geheime Hilfe mehr! Denn das würde meine Mühe nur verzögern und keineswegs verkürzen. Also, Gott befohlen, meine Freunde!‘
RB|2|183|7|0|Spricht die Minerva: ‚Freund Kado, da ich nun das urkönigliche Gewand anhabe und somit alles erfüllt habe, was du von mir verlangt hast, so glaube ich hier wohl auch schon wirksam ein Wörtchen reden und etwas frei begehren zu dürfen. Ich begehre sonach, dass diese beiden Weisen von oben und unten her, hier verbleiben und mir in so manchem einen Dienst leisten können, so sie's wollen! Kurz, ich will und begehre, dass hier ihrem Wunsch willfahrt werde.‘
RB|2|183|8|0|Spricht Kado: ‚Nur das hat zu geschehen, was ich anordne! Alles andere unterbleibt. Und muss ich dir nun nachgeben, so bist du von vornherein wieder auf wenigstens eine halbe Ewigkeit verloren samt mir. Denn vergesse du nur ja nicht, dass wir beide Teufel sind und eine andere Bahn zu gehen haben, um zur Vollendung zu gelangen, als die Engel Gottes, die schon in ihrer Art vollendet sind. Also, Freunde, tut mir sonach diese purste Freundschaft und geht! Denn in eurer Gegenwart kann ich die Minerva nimmer weiter führen.‘
RB|2|183|9|1|(Am 14. April 1850)
RB|2|183|9|0|Spricht Robert: ‚Freund Kado! Du kennst uns noch zu wenig, so du meinst, dass wir dir hinderlich sein könnten in Ausführung deines guten Planes mit der Minerva. Siehe, was du bisher geredet und getan hast, das hast du durch uns getan! Denn Gott der Herr, dessen Name herrlich ist, überherrlich, hat uns eben dazu die gerechte und hinreichende Kraft und Macht erteilt. Wärst du ganz allein vor dieser sogenannten Minerva-Satana gestanden, da wärst du ihr auch schon lange als ein schnödestes Opfer anheimgefallen. Wir waren es ja, die dir jegliches Wort in den Mund gelegt haben. Wir haben deine Steine, die du als Waffe gebrauchtest, gesegnet und gekräftigt und ließen die Feuerflut nicht höher steigen, auf dass du auf diesem Hügel ein sicheres Asyl finden sollest und auch wirklich gefunden hast, während deine Feinde in den Wogen des Zornmeeres Gottes ihren erschrecklichsten Untergang fanden. Da sich aber all die Sachen also verhalten und nicht anders verhalten können, wie sollen wir dir nun hinderlich sein können bei der ferneren Fortführung deines Planes mit der nun schon sehr hold gewordenen Minerva? Förderlich ja, das wollen und können wir dir sein bei deinem löblichsten und allen Himmeln gefälligsten Werk. Aber dich irgend ableiten, das Werk zu vollenden, das könnte uns auch in keinem Traum beifallen, so hier ein Traum möglich wäre. Sei du, Kado, daher ganz unbesorgt unsertwegen! Wir werden dir sicher in etwas um so weniger hinderlich sein, da wir so ganz eigentlich selbst die Urheber davon sind.
RB|2|183|10|0|Wir bleiben aber nun darum hier bei dir eine gerechte Weile, auf dass du nun wirklich frei aus dir selbst das Fernere tun wirst können, was zur Vollendung dieses Großwerkes vonnöten ist. Denn obschon wir dir auch nun mit Rat und Tat zu Diensten stehen werden, so wird aber unser Rat dennoch von nun an nicht mehr heimlich, sondern ganz offen, und eine Tat nur auf dein offenes Verlangen geschehen – auf dass du dadurch samt der Minerva wahrhaft frei werden kannst. Denn du wirst ganz frei unsern Rat entweder annehmen können – oder denselben von dir weisen. Würden wir, wie bisher, in dich heimlich einfließen, so könntest du nimmer frei und dadurch selig werden. Denn in diesem Fall bist du bloß nur ein Werkzeug in unseren Händen. Wir aber geben nun das Werkzeug frei und machen es los von den Fesseln des Gerichtes, auf dass es dann wahrhaft frei wirke und aus sich selbst etwas werde vor dem Herrn. Darum muss aber das an sich zwar sehr taugliche aber durch sich bisher dennoch höchst schwache Werkzeug das erkennen und danach sich selbst bestimmen – so wird es denn auch in Kürze zur wahren und freien Vollendung gelangen und nicht weiterhin in der genötigten Knechtschaft verbleiben. Und also sei und verbleibe es im Namen des Herrn Jesu, des einigen Gottes Himmels und aller Welten!‘
RB|2|183|11|0|Spricht Kado: ‚Wenn so, da freilich wohl bleibt ihr! Denn ich muss frei handeln und will selbst frei handeln, um frei zu werden von jeglichem Joch. Ob aber nun die Minerva, die ehedem für euer Hierbleiben sehr gestimmt war, auch noch so gestimmt sein und bleiben wird, das ist eine andere Frage.‘
RB|2|183|12|0|Spricht die Minerva: ‚Die Schritte, die ich nun vorwärts gemacht habe, die bleiben, und ich werde sicher keinen Rückgang mehr tun! Aber diese beiden himmlischen Filous müssen mir aus den Augen, darum sie gegen mich nicht offen, sondern nur geheim und hinterlistig gehandelt haben. So sie hier verbleiben werden, werde ich keinen Schritt mehr vorwärts dir zu Gefallen tun.‘
RB|2|183|13|0|Spricht Robert: ‚Nicht so, nicht so, holdeste Minerva! So wir dir erweislich etwas Arges zugefügt haben, dann wollen wir auch sogleich gehen. Du aber musst es selbst bekennen, dass wir dir dadurch nur etwas höchst Gutes erwiesen haben durch die Kraft Gottes, die in uns ist mächtig und tatkräftig, dass wir dich insoweit frei gemacht haben von den Fesseln der Hölle, und haben sie mehr und mehr verstummen gemacht in deinem Herzen, in dem ehedem der Grundkeim alles Übels und somit auch aller Hölle gelegen ist. Bedenke dieses ernstlich und gedenke der schaudervollsten Zeiten Länge, durch die du der Qualen höchste – freilich leider (sozusagen unglaublich) durch dein eigenes, starrstes Wollen – durchgelitten hast – und unsere für dein künftiges Wohl höchstbesorgte Gegenwart wird dir sicher nicht so unangenehm sein können, als wie du es dir nun einzubilden scheinst.‘
RB|2|183|14|0|Spricht Kado: ‚Ganz richtig! Also denke und es wird dann alles gut werden! Die beiden müssen nun bleiben, weil ich's ihnen gebiete. Hast du auch gegen mein Gebot etwas einzuwenden?‘ – Spricht die Minerva-Satana: ‚O ja, denn du gebietest, weil die beiden dich dazu nötigen!‘
RB|2|183|15|0|Spricht Kado: ‚Da irrst du dich sehr, ich lasse mich von niemanden bei meinem freien Wissen und Wollen nötigen. Bin ich aber dazu gerichtet, solches tun zu müssen, dann wirst du dich dem umso weniger widersetzen können, was da ausspricht mein gerichteter Wille, indem er da nicht mehr mein, sondern des allmächtigen Gottes ist. Und so denn bleibe es bei dem, was die beiden ehedem selbst bestimmt und ich nun geboten habe. Kein Jota darf daran geändert werden, verstehst du? Kein Jota!‘
RB|2|183|16|0|Spricht die Minerva: ‚Ja, ja, im Eigensinn bist du groß und weißt die Sache also zu drehen, dass du dabei von deinem Ansehen, das du dir gewisserart erstohlen hast, ja nichts verlierst. Nur ich, als der Erstling aller Kreatur, soll nun bei dir um ein Ansehen betteln! Aber sei es nun, wie ihm wolle, ich werde mich zwar äußerlich in dein Wollen fügen, wie bisher, weil ich zu schwach bin, dir einen wirksamen Kampf entgegen zu bieten. Aber das Innere gehört mir, und das hat von nun an nichts als den alleinigen Fluch für dich wie auch für diesen deinen Freundschaftsbund, Amen! Verstehst du dieses Amen?‘
RB|2|183|17|0|Spricht Kado: ‚O ja, so viel Verstand besitze ich gottlob! Aber auch noch etwas mehr, gottlob! Um wie viel mehr aber, brauche ich dir nicht zu sagen. Wird einmal nur dein Äußeres recht durchgegerbt werden, dann wird sich auch dein Inneres dem zuwenden, was ich mit dir nach der unwandelbaren Gottesordnung will. Und dazu sage auch ich ein unwandelbares Amen! Verstehst auch du, was ich mit diesem allerunwandelbarsten Amen sagen will und gesagt habe?‘“
RB|2|184|1|1|Sahariel über das Amen. Minervas Liebesantrag an Sahariel. Dessen weise Antwort. Gleichnis von den zwei Brunnen. Kado enthüllt die Sachlage.
RB|2|184|1|0|(Miklosch): „Tritt hinzu der Sahariel und sagt: ‚Hört! Auch mir steht ein Recht zu, über irgendetwas ein gar kräftigstes Amen auszusprechen. Aber ich tue es dennoch nicht, weil hinter einem jeden Amen irgendein Gericht steckt. Ich rate euch daher, eure Amen zurückzunehmen. Denn es steht niemanden ein Recht zu, über irgendetwas, das da mit der göttlichen Ordnung nicht in der Übereinstimmung steht, aus sich heraus ein Amen auszusprechen. Wohl aber darf und kann ein jeder Geist in dem ein ewiges Amen in sich tragen, was da betrifft die göttliche Ordnung und den Willen Gottes. Dies Amen ist das Urleben aller Wesen, ist ihr Wert und ist ihre höchste Freiheit, so sie es sich aus sich heraus vollends zu eigen machen. Jedes andere Amen aber ist Gericht, Tod und Hölle und erzeugt Hochmut, Stolz, Verachtung, Geringschätzung alles Wahren, Guten und Göttlichen und baut Kerker, Gefängnisse, schmiedet Ketten und facht an das Feuer alles Verderbens. Also nehmt darum euer Amen zurück und begebt euch in ein wahres und ewiges Gottes-Amen! Dann werdet ihr beide am ehesten frei werden von der Hölle, die nun noch recht stark in euren Herzen tobt und pocht, wie das Feuer eines feuerspeienden Berges. Geht und befolgt diesen meinen Rat, und ihr werdet wahrlich nicht schlecht fahren!‘
RB|2|184|2|0|Spricht die Minerva zum Kado gewendet: ‚Hast du's vernommen, du eingebildeter Weisheitspinsel und äußerst dummer Tropf!? Das sind Worte voll echter, himmlischer Salbung, auf die man bauen kann! Aber auf deine Worte, die keinen Anfang und kein Ende haben, kann man ja nicht einmal ein allerelendestes Kartenhaus setzen. Siehe, ich bin deinen Worten wohl gefolgt, weil es sich in denselben zeigte, als wäre dahinter wirklich ein guter Zweck verborgen. Aber je mehr ich sie in eine tiefere Erwägung zog und je näher ich dir kam, desto klarer wurde es mir hernach auch, dass du bloß nur so ein blinder Abenteurer bist, der zwar irgendeine Macht besitzt, sie aber bloß dazu verwendet, um damit zu einem sogenannten Gauklertriumph zu gelangen, hinter dem aber freilich nichts ist als die leerste Schalheit. Packe nur ein mit deinen Macht- und Weisheitssätzen! Auch diese deine Davidssteine kannst du dir zum ewigen Angedenken aufbewahren. Denn nicht deine Steine, sondern diese beiden haben mir die Lanze gebrochen und mein ewiges Zepter zerschlagen. Daher gebührt auch nur ihnen, nicht aber dir der Ruhm und der Preis. Sahariel, nehme mich hin! Ich will dir ein Preis sein, denn du hast dich um mich verdient gemacht.‘
RB|2|184|3|1|(Am 17. April 1850)
RB|2|184|3|0|Spricht Sahariel: ‚Holdeste aus aller äußeren Schönheitsmitte! Mir wie auch meinem Freunde Uraniel gebührt ebenso wenig ein Preis, als wie dem Freunde Kado! Denn wir sind nur Diener nach dem weisesten Plan des Herrn, Werkzeuge in Seiner Hand! Und so wir alles aufs Genaueste getan haben, so sind wir darob dennoch vor Ihm nichts, als eitel unnütze Knechte. Denn so wir auch etwas tun, das da aussieht, als täten wir es, so ist aber das dennoch nur ein Schein; indem doch nur Er es ist, der da alles tut und vollbringt! Wie würde ich vor dem Herrn bestehen, so ich für meine nichtigen Taten gleich mir einen so hohen Preis aneignen würde!? Was daher dem Herrn wohlgefällig ist, das geschehe! Du, wie wir alle, sind des Herrn und sind nach dem Grad unserer Demut vor Ihm und Liebe zu Ihm ein Preis, der allein Ihm gebührt! Uns aber gebührt nichts, als was uns Seine große Liebe, Gnade und Erbarmung bietet. Du musst dich darob aber etwa ja nicht betrüben, dass ich dich als einen zu hohen Preis meiner zu nichtigen Mühe nicht annehmen kann, indem du allein dem Herrn Gott Jesus Jehova Zebaoth angehörst. Sollte aber der Herr Selbst dich mir aus Seiner zu endlos großen Liebe heraus an mein Herz binden, dann werde ich dich aber auch mit der höchsten und liebedankbarsten Würdigung annehmen für ewig! Ist dir, du gestaltlich schönste Lichtträgerin, das recht und genehm?‘
RB|2|184|4|0|Spricht die Minerva: ‚Schönster Sahariel, deine Demut und nahe unbegrenzte Bescheidenheit nötigt mir ein gerechtes Erstaunen ab, und deine Rede fordert mein Herz zur wahren und vollsten Bewunderung auf. Denn wie Milch und Honig floss deiner himmlischen Rede Süße in meine tiefbewegte Brust, und ich atme nun nur Liebe über Liebe für dich, du mein göttlich schönster Sahariel! Welch ein schöner, göttlich-freundlicher Ernst strahlt aus deinem ewig jugendlich-zarten Jünglingsgesicht! Welch ein himmlischer Adel durchweht dein ganzes Wesen! Und welch eine sanfteste Rundung und himmlisch-ästhetische Harmonie leuchtet gleich einem Morgenstern aus allen deinen Gliedern! Ich muss es dir gestehen, dass ich dich liebe über alle Maßen. Und so du mir nicht eine Gegenliebe gibst, da bin ich das unglücklichste Wesen in der ganzen Unendlichkeit! Sieh mich doch recht an! Sieh, ich bin ja auch schön! Gut freilich bin ich leider nicht. Aber wer weiß es denn, ob ich eben durch dich nicht auch so gut werden kann, als ich nun schön bin!? Gerne möchte ich dir das beste und reinste Herz bieten, so ich's hätte. Aber nehme es an, wie es ist und wie ich dir's biete! Vielleicht wird es an deiner Seite auch edel und rein werden. Verschmähe diesen meinen Antrag nicht; denn er entstammt der ersten Liebe meines ewig langen Seins!‘
RB|2|184|5|1|(Am 18. April 1850)
RB|2|184|5|0|Spricht Sahariel: ‚Meine allerschönste und strahlend holdeste Minerva! Dein Sein ist wohl schon, der irdischen Zeit nach gerechnet, ein recht sehr langes – aber kein ewiges. Vom Anfang her ist es nicht. Gott allein ist ewig. Alles andere aber hat aus Ihm heraus einen Anfang genommen. Wir alle Zahllosen aus Ihm werden nun wohl ewig fortdauern, aber ewig, wie Gott, bestehen wir nicht. Ob auch jemand aus uns gerade um einige Dezillionen von Erdjahren länger besteht, so ist er aber deshalb noch lange nicht ewig. Du hast dich in deinem Eifer zwar ein wenig verstiegen; aber das macht nichts! Wenn du nur sonst eine wahre Liebe zu mir in deinem Herzen verspürst, woran ich zwar noch ein wenig zweifle – so kann ich über solch bloß poetische Übertreibungen schon ganz ruhig hinausschauen. Du hast mir deine Liebe und dein Herz angetragen, und ich nehme diesen Antrag an. Aber nur eine einzige kleine Bedingung knüpfe ich daran. Und diese besteht darin, dass du mir folgst zum Herrn willig und fröhlich und den Freund Kado mitnimmst. Kannst du das tun, so sind wir quitt.‘
RB|2|184|6|0|Spricht die Minerva: ‚Freund, das ist keine kleine, sondern eine unendlich große, für mich so gut wie rein unausführbare Bedingung. Was denkst du dir? Ich zum Herrn der Unendlichkeit mit dir hinziehen und den mir nun über alles verhassten Kado auch dazu mitnehmen? Freund, das tut sich wohl nicht! Alles andere – nur das nicht, weil es mir nun so gut wie unmöglich ist! Du musst mit mir eher noch sehr Mühe haben, musst reinigen und edeln zuvor mein Herz; dann erst kannst du mir mit solchen Bedingungen kommen. Es wäre die sogleiche Erfüllung von solch einer Bedingung ja auch für dich keine Ehre vor Gott, da es entweder von einer zu geringen Achtung vor der allmächtigen Gottheit dir ein Zeugnis gäbe, oder so das nicht ist, so doch von deiner Dummheit, deren du, wie ich dich bisher kenne, wohl kaum fähig sein dürftest. Ich sage dir, nehme mich unbedingt an! Kaufe die Katze im Sack, und du wirst damit keine schlechte Fahrt machen!‘
RB|2|184|7|0|Spricht Sahariel: ‚Das wird sich etwas schwer machen, weil noch zu viel Gerichtes in deinem Herzen rastet, das nur dadurch verringert werden kann, so du, Holdeste, ganz unbedingt dich stets mehr und mehr unserem in Gott geordneten Wollen frei und ohne Zwang unterwirfst. Wird auf diese Art dein Wille vollends in den göttlichen übergehen, dann wirst auch du von mir verlangen können, was dir nur immer belieben wird, und wir werden es dann ohne Verzug sogleich in die vollste Erfüllung bringen. Aber jetzt tut es sich noch nicht! Denn täten wir nun, was du willst, so begäben wir uns selbst in dein Gericht und würden dadurch dasselbe vermehren und härter machen, anstatt dass wir es mildern und verringern sollen.
RB|2|184|8|0|Die Sache verhält sich gleichnisweise gerade also, als wenn da zwei Brunnen nebeneinander wären, von denen der eine voll ist des reinsten Wassers, der andere aber voll Kloake. Wird man das ergiebige Wasser des ersten reinen Brunnens in den zweiten unreinen hineinleiten, so wird dadurch mit der Weile der Pfützengehalt dieses zweiten schlechten Brunnens gereinigt und am Ende selbst zu einem guten Wasser werden. So man aber die Kloake des zweiten Brunnens in den ersten reinen leiten würde, da würden dann beide Brunnen schlecht und unbrauchbar werden! Würde bei solch verkehrter Arbeit wohl jemand etwas gewinnen?
RB|2|184|9|0|Siehe, du hast nun ein handgreifliches Beispiel aus meinem harmlosesten Mund erhalten, aus dem du leicht ersehen kannst, warum wir das Wasser deines Willens in den unsern nicht aufnehmen können. Aber es muss dir auch sonnenklar sein, warum du zu deinem höchsteigenen Wohl das Wasser unseres Willens in das deines Willens allerreichlichst solltest überströmen lassen. Tue sonach das, was wir wollen, und du wirst gereinigt werden und voll edlen trinkbaren Wassers! Hast du doch selbst den Wunsch geäußert, dass du durch mich rein und edel werden möchtest! Ja, du kannst das, so du's willst, aber da musst du das tun, was ich im Namen des Herrn wie im Namen aller Himmel dir zu tun vorgeschlagen habe!‘
RB|2|184|10|0|Die Minerva sieht nach dieser wahrlich höchst einfach-weisen Belehrung ganz wie stumm vor sich hin und scheint, nach ihren Blicken zu urteilen, darauf zu sinnen, wie sie sich von dieser ihr sehr lästig werdenden Gesellschaft loswinden könnte.
RB|2|184|11|0|Der Kado scheint das auch zu merken und sagt nun zum Sahariel wie auch zum Robert-Uraniel: ‚Liebe Freunde! Obschon ich als selbst ein Teufel nicht wert bin, meine Augen zu euch emporzuheben, da ihr wahrlich voll seid der heiligen Wahrheit und Weisheit aus Gott; aber wie ich's nun merke, so werden wir mit dieser Schlange wenig oder nichts ausrichten. Denn ihre hartnäckigste böseste Schlauheit übersteigt nun schon alle meine Begriffsgrenzen, die doch nach meinem Dafürhalten eben nicht gar zu eng aneinandergeschoben sein dürften. Ihr ist es ebenso wenig ernst, in ein besseres Sein überzugehen, als es uns je ein Ernst sein könnte, in ihr ärgstes Gericht überzugehen! Denn dies echte Schlangenwesen ist zu voll des Giftes durch und durch. Was sind ihr schon alles für allertriftigste Vorstellungen gemacht worden, deren Grund und wahre vollkommenste Weisheit sie ebenso gut wie wir einsieht! Aber ihr alter Satanswille bleibt dabei stets der gleiche. Sie tut wohl, als ob sie in unser Wollen eingehen wollte. Aber das tut sie nur zum Schein und wendet dabei alles an, wodurch sie am Ende uns in ihren Sack schieben könnte. Aber da sage ich: Nichts da, Satanas! Mein Auge sieht schärfer denn das deine! Uns wirst du nicht lange mehr herumfoppen; denn wir kennen dich!‘“
RB|2|185|1|1|Minerva will sich rechtfertigen mit einem Beispiel von positiver und negativer Kraft. Kados Widerlegung. Entlarvung ihrer Bosheit. Sahariel wendet sich zum Gehen.
RB|2|185|1|1|(Am 22. April 1850)
RB|2|185|1|0|(Miklosch): „Spr. die Min.: ‚Schweige, du dümmster Esel! Was verstehst und was weißt du, was ich zu tun habe und tun muss!? Meinst denn du, die göttliche Ordnung sorgt bloß nur für die positive Polarität der Wesen und Dinge?! O du finsterer armenischer Patsch du! Muss denn bei den Wesen und Dingen die negative Polarität nicht im gleichen Maß ausgebildet dastehen? Ist nicht alles Leben ein fortwährender Kampf der beiden Polaritäten? Nimm du dummer Esel einem Baum die Wurzel und frage ihn dann, wie lange er noch Früchte tragen wird? Haue den Tieren die Füße ab und siehe, wie sie dann ohne Füße weiterkommen werden! So durch eine sogenannte gute oder positive Kraft das Blut zum Herzen zurückgedrängt wird und darauf durch eine sogenannte böse Kraft, die ich als negativ bezeichne, wieder vom Herzen hinausgetrieben werden muss, wenn das physische Leben fortdauern soll – sage mir, welche Kraft ist denn dann die vorzüglichere, die anziehende oder die abstoßende? Siehst du, grober Lümmel, was du in deiner unbegreiflichsten Dummheit alles zusammenredest!? Es versteht sich wohl von selbst, dass die negative Kraft der positiven subordiniert bleiben muss, weil sie aus ihr hervorgeht – das reine Wasser muss das trübe reinigen und nicht umgekehrt. Aber das alles ist auch Gottes Ordnung, dummer Lippel! Wenn Rom nicht finster wäre wie eine stygische Nacht, so würde die Menschheit nicht nach dem Licht fragen. Also bin auch ich, wie ich bin, aus Gott und werde es auch also verbleiben – wie du sicher ein Esel in Ewigkeit.‘
RB|2|185|2|0|Spricht lakonisch Kado: ‚Ja, ja, den letzten Namen auf dich angewendet, möchte es sich wohl begeben. O du Dummheitsprinzessin aus allen Fixsternen heraus! Du wirst mir was von einer positiven und negativen Kraft und von ihrer gegenseitigen Notwendigkeit etwas vorsagen! Ich müsste mich wahrhaftigst über die Ohren hinaus schämen, so ich darinnen von dir eine Belehrung anzunehmen genötigt wäre oder gar sein solle. Sage mir, du schönste Eselinerin, ist Gott eine ganze oder nur eine halbe Macht und Kraft ohne dich? Bist du notwendig, dass Er ist? Oder könnte Er vielleicht auch ohne dich bestehen, so wie Er ohne dich Ewigkeiten bestanden hat? O du vor Gott dem Herrn gänzlich zweckloses Geschöpf, du willst mir die Notwendigkeit des Bösen hinaufdisputieren, ohne das es unmöglich irgendetwas Gutes geben könnte. O du dümmstes und blindestes Weib-Vieh; worauf basiert denn hernach die reinste Liebe, Güte und höchste Macht Gottes? Muss etwa die Gottheit, die doch sicher in allem das vollkommenste Wesen ist, auch zuvor böse sein, um hernach gut sein zu können? O lacht, lacht doch alle Himmel über solch eine minervische Weisheit, von der doch ein schon hundsgemeinster Hadernsammler sagen müßte: Ich sch- mir eine bessere Weisheit, als wie diese sein wollende Weisheitsgöttin sie besitzt. Man erzählt sich von der fabelhaften Minerva solches, dass sie nämlich aus dem Haupt des Jupiter herausgesprungen sei. Aber diese oder jene Minerva wirst du sicher nicht sein. Denn für deine Entstehung müsste man ja nicht das Haupt des mächtigen und weisen Zeus, sondern höchstens – dessen Hinterleib annehmen. Dein Kleid glänzt freilich wie eine Sonne, aber was nützt das, wenn der Rock noch so glänzt, aber im Rock ein ganz blitzdummes Wesen steckt!? Bei dir kann man es wohl mit dem vollsten Recht sagen: Es ist nicht alles Gold, was da so glänzt wie ein Gold. Hat dir der himmlische Freund Sahariel die Sache seines Verlangens nicht handgreiflich zur Übergenüge gezeigt, wie sie nur also und nie anders vor sich gehen kann, zu deinem alleinigen Nutzen? Warum folgst du denn seinem Rat nicht? Hast du ihm doch ehedem alle erdenklichen Vorzüge eingeräumt vor mir – und scheinst ihn heimlich nun ebenso zu verachten als wie mich. O du Haupt aller Bosheit! Ich kenne dich nun ganz und werde auch diejenigen Mittel anzuwenden wissen, die dich mit der rechten Weile denn doch zähmen dürften! Denn auskommen wirst du mir wohl ewig nimmer, und mit deinem Zurückspringen in die alte Drachenhaut wird sich's auch nimmer tun; denn dafür ist schon durch dieses Strahlengewand gesorgt. Was aber wirst du tun?‘
RB|2|185|3|0|Spricht die Minerva: ‚Schweige, du dümmster Esel! Mit dir zu reden ekelt es mir! Meinst du denn, dass ich in diesem Gewand nicht ebenso gut meine Pläne ausführen könne, als wie in der Drachenhaut, deren ich mich nur auf Augenblicke bei besonderen Gelegenheiten bediente?! O da irrst du dich gewaltigst! Merke es dir: Jetzt werde ich es euch erst zeigen, was ich kann! Meine Regimenter – unter der Ägide besonders der römischen Hierarchie – habe ich noch, und ich werde sie spielen lassen! Da wirst du dann sehen, was alles ich vermag! Inquisitionen, Galgen, Schafotte und auch die alten Scheiterhaufen sollen wucherisch wieder erstehen und ihr Wesen ums hundertfache ärger treiben, als sie es getrieben haben! Und die Herrscher sollen ihre Untertanen mit glühenden Ruten schlagen und sie erwürgen lassen zu Tausenden! Daraus wirst du bald ersehen, was ich auch ohne Drachenhaut zu bewirken imstande bin!‘
RB|2|185|4|0|Spricht Kado: ‚Aber ich sage dazu: Aha, bis hierher und nicht um ein Haar weiter! Nun hast du deine Beichte vor uns gehörig abgelegt und uns in deiner großen Dummheit selbst deine schönen und menschenfreundlichen Pläne verraten! Und das war sehr gut von dir! Das ist dir einmal gelungen! Bravo! Das hast du gut gemacht! Mehr brauche ich dir nicht zu sagen. Das Unsrige werden dann schon wir zu tun verstehen.‘
RB|2|185|5|0|Spricht dazu der Robert: ‚Die geheimst gehaltenen Vorkehrungen sind bereits getroffen! Diesmal wird sich der Satan selbst den völligen Untergang bereiten! Sein Lohn wird ein fürchterlicher sein!‘
RB|2|185|6|0|Spricht Sahariel: ‚Liebe Freunde, ereifert euch nicht dieser Unverbesserlichen wegen! Denn die Hauptmacht ist ihr benommen und mit ihrer Scheinmacht wird ihr wenig geholfen sein. Es wird diese alte Schlange wohl noch etliche beißen und vergiften; aber es wird ihr dann das Handwerk auf ewig gelegt werden. Denn der Herr Selbst wird zu den Sterblichen kommen und wird der Schlange das Handwerk legen! Sie soll nun tun, was sie will. Je ärger sie es anfangen wird, desto eher wird sie mit ihrer schnödesten Arbeit fertig werden. Und genug nun der Arbeit mit und in der Hölle! Wir werden uns nun auf den Rückweg zum Herrn und zu unseren lieben Brüdern machen. Diese aber soll allein und gänzlich verlassen hier machen, was sie nur immer will und mag! An uns soll sie keine Narren mehr haben, mit denen sie ihr loses Windspiel treiben könnte. Richte dich auf, Bruder Kado! Denn du hast Gnade gefunden vor Gott, darum du dein Böses in dir in Gutes und Wahres verkehrt hast. Du wirst nun auch mit uns ziehen hin zum Herrn! Und Er wird dich annehmen und wird dir eine große Macht geben, über die Hölle zu wachen. Diese Minerva aber wird dir untertan verbleiben, weil du sie besiegt hast mit der Waffe der göttlichen Gerechtigkeit. Mache dich alsonach auf und wandle in unserer Mitte vor den Herrn hin.‘
RB|2|185|7|0|Spricht die Minerva: ‚So, so, mich also, mich, als die Perle der Unendlichkeit, wollt ihr nun so ganz mir und dir nichts verlassen und gleichsam davonjagen wie eine feile Dirne vom Tanz. O das ist sehr schön und löblich von euch! Früher habt ihr durch lauter Lockungen es mit mir so weit getrieben, dass ich nachgab und zu euch herkam. Und nun, wo ihr mit meinen Schwächen einige Geduld haben sollt, wollt ihr mich verlassen, weil euch irgendeine kleine Mühe zu sauer ist und ihr der Meinung seid, dass ich rein unverbesserlich bin. Aber dem ist es nicht also! Ich bin vielleicht wie kein zweites Wesen einer Besserung fähig. Aber nur der soll über mich triumphieren, der mir die gehörige und notwendige Geduld und gerechte Liebe erweist! Ich bin arm geworden und sehr verwaist, und allenthalben spricht man mit der tiefsten Verachtung von mir. Soll ich da nicht voll Misstrauen sein gegen jegliches Wesen, das sich mir naht – da es mir noch allzeit also ergangen ist, wie nun? Allzeit wurden mir Verheißungen gemacht, auf dass ich umkehrte zu Gott! So ich aber nahe daran war, da verließen mich die anfangs stets mutigst auftretenden Bekehrer und überließen mich meinem Schicksal, so wie auch ihr es nun machen wollt! Aber tut nur, was ihr wollt! Ich werde in der Folge denn wohl auch wissen, was ich zu tun haben werde. Kado! Willst du bleiben, so bleibe, und ich werde dir dann folgen! Aber mit diesen zweien ziehe ich nicht.‘“
RB|2|186|1|1|Minerva rechtet weiter. Sahariels Langmut. Bathianyis Ärger über die Unverbesserliche. Disput über Orden.
RB|2|186|1|1|(Am 25. April 1850)
RB|2|186|1|0|(Miklosch:) „Spricht Kado: ‚Was ich mit dir effektuierte bisher, das war nicht mein, sondern dieser mächtigen Gottesfreunde Werk. Wenn ich nun allein mit dir zu tun bekäme, wohin würde ich kommen, da du mir allein in jeder Hinsicht zu mächtig wärst. Daher tue ich nun freudigst, was diese beiden mächtigen Gottesfreunde von mir verlangen. Es gibt nichts mehr, was dir nicht wäre gesagt worden. Du hast so viel Lektionen und Witzigungen empfangen, als wie viel es der Welten im endlosesten Raum gibt. Aber es war das alles vergeblich, da dir dein hochmütigster Wahnsinn stets lieber war als die strahlendste Weisheit der vielen Gottesboten an dich. Deine Sache ist: Alleinherrschaft über alle Himmel, über alle Materie und über alle Höllen! Du willst drei Herrscherkronen, drei Zepter und drei Schwerter! Das ist und war, wie gesagt, stets deine Sache – und ist für dich auch zugleich das unbesiegbare Hindernis deiner von Gott zu bewerkstelligen beabsichtigten Freiwerdung, zu der du in dieser deiner Natur wohl ewig nimmer gelangen wirst. Und nun soll ich, aus mir selbst nichts als ein ärmster, schwächster Teufel, allein bei dir verbleiben und mit dir alle möglichen, bereits erschöpften Bekehrungsversuche machen, auf dass du am Ende mich verschlängest wie eine böseste Riesenschlange ein Kaninchen, was dein eigentlichster geheimer Plan ist, den ich nun nur zu gut und klar durchschaue! O siehe, dazu wird sich ein Kado nimmer gebrauchen lassen. Darum gehe ich mit diesen beiden lieben Gottesfreunden. Du wolltest ja frei sein! Und sieh, diese Freiheit ist dir nun eingeräumt, und du kannst tun, was du willst! Dass du nichts Gutes tun wirst, davon sind wir alle vollkommen überzeugt. Aber wir sind auch davon überzeugt, dass du diesmal dir ein Grab zum ewigen Tod bereiten wirst, dieweil du uns nicht folgen wolltest und verlangtest von uns, das wir von dir zu verlangen von Gott das Recht hatten, zu deiner Freiwerdung. Tue nun aus deiner eigenen Macht, was du willst, aber erwarte von Gott ja nimmer eine dir zugelassene Gewalt; denn diese wird dir nimmer werden.‘
RB|2|186|2|0|Spricht die Minerva: ‚So bitte ich euch alle drei, dass ihr noch eine Weile bei mir verbleibt und Versuche zu meiner doch noch immer möglichen Besserung macht! Denn am Willen fehlt es mir ja doch sicher nicht!‘
RB|2|186|3|0|Spricht Sahariel: ‚O ja, das sicher nicht – da du nur viel zu viel Willen hast! Aber was für einen? Das ist eine andere Frage. Aber wir wollen, da du es verlangst, deinem Begehren nachkommen und noch einige Augenblicke mit dir die möglichste Geduld haben. Sollen diese an dir nichts ändern, dann wirst du verlassen werden auf immer! Also sei es!‘
RB|2|186|4|0|Spricht die Minerva: ‚Nun denn, da ihr mir das Zugeständnis gemacht habt, so bitte ich euch, dass ihr euch ganz kurz und klar erklärt, was ich zu tun habe, um frei zu werden vor Gott und aller Schöpfung.‘ – Spricht Sahariel: ‚Schönste, da brauchst du gar nichts zu tun, sondern so zu bleiben, wie du nun bist! Denn frei vor Gott und allen Seinen Geschöpfen warst du seit deinem Anbeginn her. Es fragt sich nur, ob du in Gott, deinem Schöpfer und Herrn, wahrhaft frei werden willst? Was du aber zu tun hast, um solch eine allein wahre Freiheit zu erlangen, das weißt du so gut als wir! Und so kann ich dir darüber auch keinen anderen Rat erteilen als: Handle danach freiwillig! Wolle und tue das, was wir wollen und tun, so wirst du auch das erlangen, was wir dir im Namen des Herrn verheißen haben! Willst du aber das nicht, so ist unsere Geduld an dir vergeblich.‘
RB|2|186|5|0|Spricht die Minerva: ‚Ich müsste also zuvor eine Sklavin werden, um also dann erst aus der Sklaverei in die sicher sehr geknechtete Freiheit überzugehen!? O das wird sich bei mir sehr schwer tun lassen, weil in mir ein gewisses Gefühl gegen jede Erniedrigung meines Wesens sich auf das Allerentschiedenste ausspricht! Gibt es denn keinen anderen Weg als diesen, den zu wandeln ich unmöglich vermag?‘
RB|2|186|6|0|Spricht Sahariel: ‚Wie es nur einen Gott, eine göttliche Ordnung und nur eine Wahrheit gibt, so gibt es auch nur einen rechten Weg, der zu Gott und der wahren ewigen Freiheit führt. Wer diesen nicht betreten und wandeln will, der bleibt ewig ferne von Gott, Seiner Ordnung, Wahrheit und Freiheit. Wer aber in der einzig alleinigen Wahrheit, die in Gott ist von Ewigkeit, nicht frei wird, der bleibt, dir gleich, ein elendester Sklave in Ewigkeit. Also, nun sage du aber auch uns ganz kurz, bestimmt und entschieden, was du nun tun wirst. Willst du mit uns zum Herrn Jesus hin oder willst du nicht hin?‘
RB|2|186|7|0|Spricht die Minerva: ‚Ich wollte, so ich's könnte! Aber ich kann das nicht, weil es mir vorderhand nun nicht möglich ist. Aber ich will mir, so ihr mir noch eine kurze Geduld schenken wollt, nun alle erdenkliche Mühe geben, euch folgen zu können. So ich euch in der möglichsten Kürze diese Sache bekanntgeben werde, ob oder nicht – dann könnt ihr denn auch sogleich tun, was immer euch eure Ordnung gebietet!‘ – Spricht Sahariel: ‚Gut, gut! Auch noch diesen Gefallen wollen wir dir erweisen. Mache dich daher nur sogleich an die Bekämpfung deines bösesten Hochmutes.‘
RB|2|186|8|0|Aha, aha, da seht nun einmal hin, wie die lose Minerva nun druckt und schluckt und die Augen verdreht, als wenn es ihr noch so ernst wäre, sich zu bessern. O das muss eine allerdurchtriebenst feinste Kanaille sein!“
RB|2|186|9|0|Spricht der Graf Bathianyi: „Freunde, bei der ist, wie man auf der Erde gesagt hat, Taufe samt Chrisam in dem Grund und Boden verdorben! Bei der alten Hure schaut keine Besserung mehr heraus. Eine dreifache Krone im Herzen und im Kopf und dazu eine Besserung durch die Demut! Ich bitte euch, lasst euch nicht auslachen! So wenig ich je wieder auf der Erde einen Grafen spielen werde, so wenig wird die sich einmal bessern! Ich habe doch alles vernommen, was ehedem Kado allein und was nun alle drei mit dieser Primadonna der Hölle gesprochen und verhandelt haben. Wie weit sind sie denn mit ihr gekommen? Auf demselben Fleck stehen sie noch, wo sie mit ihr zu verhandeln angefangen haben. Das Strahlenkleid wohl hat sie angezogen, weil das ihren Stolz und ihre unbegrenzt herrschsüchtigste Eitelkeit erhöht. Aber zu etwas, das nach nur irgendeiner geringsten Demütigung riecht, werden die drei sie nie bewegen! Ich meine, dass sogar ein Papst Roms eher zu irgendeiner Nachgiebigkeit zu bewegen wäre, natürlich durch sehr viel Gold und Silber, als wie diese echteste Zentralhöllenkanaille. Ich meine, man soll das Luder möglicherweise irgendwohin auf ewig festbannen und sich dann weiter nicht mehr um dasselbe umsehen und kümmern! Denn bessern wird es sich wohl ewig nimmer.“
RB|2|186|10|0|Spricht Miklosch: „Weißt du, lieber Freund, lassen wir das dem Herrn über! Er wird es am besten wissen, was Er mit diesem sonderbaren Wesen tun wird. Mich aber interessiert nun die Geschichte ganz besonders – fürs Erste die ungeheure Geduld unseres allgütigsten, liebevollsten, heiligsten Vaters – und fürs Zweite aber auch die wirklich mehr als merkwürdigste Art, wie sich die Pseudominerva überall und zumeist auf eine so gar bescheidene Weise durchwindet, wenn es gilt, dass sie sich umkehren soll. Sie ist wirklich eine Minerva in ihrer freilich leider bösen Art, der keine zweite in die Nähe kommen kann. Ich begreife bloß nur das nicht, wie sie bei ihrem urhässlichsten Charakter so ungeheuer, bis zum rein rasend werden, äußerlich schön sein kann. Aber es gibt ja auf der Welt auch Ähnliches! Die schönsten Tiere sind gewöhnlich auch die bösesten, die schönsten Blumen giftig und die schönsten Weiber gewöhnlich eines sehr schlüpfrigen Charakters. Unter allen kirchlichen Anstalten auf der Erde steht die römische in der äußern Pracht und Schönheit sicher bei Weitem oben an, und im Innern ist sie ohne Zweifel die schlechteste. Und so scheint es mir wenigstens, dass gerade in der vollendetsten lediglich äußern Schönheitsform der eigentliche Hauptcharakter des Höllenwesens zu suchen ist.“
RB|2|186|11|0|Spricht der Graf Bathianyi: „Ja, ja, da hast du ganz recht, es ist so! Die schönsten Länder der Erde werden gewöhnlich von den schlechtesten Menschen und bösesten Tieren bewohnt und das Unkraut wuchert ungeheuer. In den schönsten Palästen wohnen zwar äußerlich gewöhnlich die schönsten und üppigsten Menschen, aber welches Geistes Kinder sind sie zuallermeist? Was äußerlich zu sehr glänzt, das ist meistens des Teufels.“
RB|2|186|12|0|Spricht auch der nebenstehende General: „Ja, wohl wahr, wohl wahr! Je mehr Orden auf dem Rock, desto mehr Menschen muss man umgebracht haben, und Tausende zu Sklaven und zu Bettlern gemacht! Das weiß ich aus Erfahrung. Die Orden stehen zwar gut, aber unter den Orden das Gewissen steht schlecht, so noch eines da ist! Und das ist auch Satan in deutlichster Art, nicht wahr, liebe Freunde und Brüder im Herrn.“
RB|2|186|13|1|(Am 28. April 1850)
RB|2|186|13|0|Spricht Graf Bathianyi: „Ja, ja, es ist hie und da auch manchmal etwas daran, aber freilich nicht allzeit – da es doch auch Männer gibt und gab, die ihre Ehrenzeichen sich auf die redlichste Art von der Welt erworben haben. Ich habe zwar auf Orden nie etwas gehalten und war da ein reiner Nordamerikaner. Aber dessen ungeachtet gibt es neben den freilich vielleicht auf eine unrechtliche Art erworbenen Orden auch recht viele Verdienstorden, deren Besitzer rechtliche und biedere Menschen sind und somit auch auf dem rechtlichsten Weg zu solch ihren Namen und ihre Taten ehrenden Auszeichnungen gekommen sind. Und so ist nicht anzunehmen, dass unter jeder mit Orden geschmückten Brust ein schlechtes oder gar kein Gewissen zu Hause sei! Da hast du, Bruder, ein wenig zu viel gesagt! In Medio beati [die Wahrheit liegt in der Mitte]! Bleiben wir daher schön in der Mitte, so werden wir vor dem Herrn sicher am besten bestehen können.“
RB|2|186|14|0|Spricht der General: „Du hast in deiner Weise ganz recht, aber ich in meiner auch. Denn ich verdamme ja auch nicht jede geschmückte Brust, aber der erste Schmuck jeder Brust ist und bleibt ewig die reinste und wahrste Liebe zu Gott und zu dem Nächsten. Wo diese einer noch so rechtlich geschmückten Brust mangelt, da gelten bei mir alle andern noch so rechtlich erworbenen Ehrenanhängsel nichts. So aber der Herr Selbst sagte: ‚So ihr alles getan habt, so bekennt es in euch, dass ihr pur unnütze und faule Knechte wart!‘ – wie soll da ein wahrer Nachfolger Christi des Herrn sich ein ehrendes Verdienstzeichen auf seinen Rock können anhängen lassen? Ich meine, gegen den [dagegen] wird doch niemand etwas einzuwenden haben! Denn das ist Gottes Wort!“
RB|2|186|15|0|Spricht Graf Bathianyi etwas, wie man so zu sagen pflegt, touchiert: „Ja, ja, und noch einmal ja, ja, ja! Du hast recht; denn Recht bleibt Recht. Und es versteht sich von selbst, dass es ohne die Liebe kein Recht und ohne das Recht auch keine wahre Liebe gibt und geben kann.“
RB|2|186|16|0|Spricht Miklosch: „Brüder, wie ich merke, so kommt ihr vor dem Herrn und allein ewig wahren Richter in eine Art Rechtskampf wegen nichts und wieder nichts! Hört, da, wenige Schritte zu eurer Rechten, steht der Herr voll Liebe, Güte und Sanftmut! Das ist der allein wahre und vollkommene Richter! Ihn fragt um den rechten Bescheid, und ihr werdet dann sogleich erfahren, wer aus euch das vorzüglichere Recht hat. Wer aber wird hier im Gottesreich vor dem Herrn Selbst einen irdischen Ordensstreit beginnen wollen, der gerade jetzt bei diesen vielleicht für die ganze Ewigkeit wichtigsten Betrachtungen der Erscheinung dort im Norden ebenso am ungeeignetsten Platz ist, wie die Faust eines Riesen auf dem Auge eines zarten und augenkranken Kindes.“
RB|2|187|1|1|Minerva will ein Schwert, um auf der Erde wider Unglauben und Ketzerei zu kämpfen. Sie ignoriert die Warnung des Sahariel. Schließlich erhält sie von Robert ein minderes Schwert gemäß ihrer Macht. Rückkehr von Sahariel, Robert und Kado. Der Herr nimmt Kado auf.
RB|2|187|1|0|Rede Ich: „Halt, halt! Nur nicht zu weit von allen drei Seiten! Und nun keinen Lärm! Denn die Schwangere ist in Kindesnöten und darf in der Geburt nicht gestört werden! Miklosch, mache dich nur wieder an dein nur mehr sehr kurz dauerndes Geschäft und mache den Dolmetsch. Ich sage euch, die Ernte ist zur Reife gediehen, sie ist vor der Türe! Aber die Schnitter sind auch gerüstet zur Arbeit. Ich merke auf der Erde einen starken Jammer. Der Satan möchte sie schlagen mit zehnfacher Finsternis. Aber dies und das letzte Mal wird er seine Rechnung nicht finden! Denn seine Mühe sei verflucht! Passe du, Miklosch, nun aber nur auf! Denn von nun an wird jeder Schritt des Satans auf sehr kurz von großer Bedeutung sein für die Erde, den Prüfungsort Meiner Kinder. Schaue nun nur wieder hin und rede!“
RB|2|187|2|0|Miklosch sieht nun wieder hin und spricht: „Ah! Was Welt und alle Wetter! Die Minerva braust nun auf einmal auf und verlangt ein Schwert zum Kampf auf der Erde wider den Unglauben und wider alle Ketzerei.
RB|2|187|3|0|Der Sahariel aber deutet auf die Zunge und sagt: ‚So dies lebende Schwert nichts fruchtet, da ist auch jedes andere vergeblich. Das lebendige, so es mit dem Herzen im Verband steht, wirkt für die Ewigkeit wie auch der Herr sprach: ‚Dieser sichtbare Himmel und diese Erde werden vergehen, aber meine Worte ewig nimmer!‘ – Also wenn du es redlich meinst, so wirke durch Worte! Das Schwert aber lasse du stehen! Denn so du mit dem Schwert predigen wirst, da wird das Schwert auch dein sicherstes Ende sein. Denn wer nach dem Schwert greift, der wird auch durch das Schwert zugrunde gerichtet werden. Begebe dich in Frieden, sonst wird deine Zeit ganz entsetzlich verkürzt werden.‘
RB|2|187|4|0|Spricht die Minerva: ‚Ich will ein Schwert, und es geschehe darauf, was da wolle! Ich will ein Schwert! Ein Schwert, ein Schwert gebt mir! Denn nun will ich endlich einmal mit Gewalt und wie von heute bis morgen die Erde fegen!‘
RB|2|187|5|0|Spricht darauf Robert: ‚Nun gut denn, du verlangst ein Schwert – und hier ist eines! Nimm es hin und gebrauche es nach deinem Wissen und Gewissen! Der Lohn wird dir diesmal an der Ferse nachfolgen.‘
RB|2|187|6|0|Robert reicht ihr ein Schwert hin. Minerva reißt es ihm völlig aus den Händen und lacht darauf echt satanisch, höhnisch daneben sagend: ‚Hahaha! Ist das ein Schwert – aus Blei oder Pappendeckel! Hahaha! Ist das etwa ein Sinnbild eurer himmlischen Macht und Stärke und Festigkeit?‘ – Spricht Robert: ‚O nein, Holdeste! Wohl aber ist es ein Symbol deiner nunmehrigen Macht. Gehe hin und kämpfe, du Elende, und erringe deinen elendesten Sieg! Willst aber du mit uns ziehen, so steht dir auch der Weg offen. Nun denn, Herkul am ewigen Scheideweg, erkläre dich nun, was du tun wirst?'
RB|2|187|7|0|Spricht Minerva: ‚Ich werde kämpfen auch mit diesem Schwert, verstehst du? Auch mit diesem Schwert.‘ – Spricht Robert: ‚Nur zu mit dieser Waffe! Aber gebe Acht, dass sie dir morgen auf der Erde nicht zu kurz wird! Diesmal soll dir der letzte Kampf – aber pur auf deine Rechnung – zugelassen werden. Und genug nun der Worte mit dem Satan! Gehen wir unseres Weges. Der Herr richte dich nach Seinem Wohlgefallen!‘
RB|2|187|8|0|Nun verschwand Satana plötzlich und die drei eilen unter Vortritt des Sahariel hierher. Nun bin ich neugierig, was sie alles etwa von ihren anderweitigen Himmelsbereisungen erzählen werden! Sie kommen, sie kommen schnell!“
RB|2|187|9|0|In dem Augenblick sind die drei auch schon hier. – Und der Sahariel tritt vor Mich hin, verneigt sich tiefst und spricht: „O Herr! Du allliebender, allmächtiger, bester, heiligster Gott und unser aller Vater! Mit dem Bruder Robert-Uraniel allein bin ich von Dir und in Deinem Namen hinausgegangen, um ihm zu zeigen ein Fünklein Deiner endlosesten Herrlichkeit. Er sah seine Urheimat und hatte eine ungemeinste Freude daran. Und alles pries und preist dort Deinen Namen. Aber auf dem Rückweg führte uns Dein heiligster Geist zu einer großen Szene, die für Deine Himmel alle, und für die kleine Erde als Geburtsstätte Deiner Kinder von größter Bedeutung sein wird. Aber diese Szene war ein glühend heißes Werk! Die ganze Hölle empörte sich wider Dich und alle Deine Himmel! Der Satan schmückte sich gewaltig und wurde schön wie Deine Himmel, um durch solche Schönheit alle Himmel an sich zu ziehen.
RB|2|187|10|0|Aber hier steht ein starker Geist, in sich schlecht und recht, und böse und gut, ein Wesen seltener Art! Dieser Geist warf zuerst frei aus seinem eigenen Willen heraus der glänzendsten Fürstin der Hölle über die glühendste Flut ihres Grimms den Fehdehandschuh hin; kämpfte mit ihr wie einst Dein Sohn David mit dem Riesen Goliath. Ihr Äußeres bezwang er wie ein Meister, aber das Innere dieser Fürstin blieb wie bisher noch stets dasselbe. Dieser beherzte Geist steht hier, sein Name ist Kado. Und so sind ich und der Bruder Uraniel-Robert um einen Bruder reicher hierher zu Dir, heiligster Vater, wiedergekehrt. Wir wollen Dich nicht bitten, dass Du ihn annehmen möchtest in Dein Reich, da Deine unendliche Güte und Liebe uns schon lange zuvorgekommen ist, aber unsere große Freude nur wollen wir hier vor Dir, o heiligster Vater, so ganz nach unserer Herzenslust ausschütten darüber, dass Deine Liebe und Macht uns einen so herrlichen Bruder hat finden und gewinnen lassen! Dank, Lob, Liebe, Preis und alle Ehre Dir allein dafür!“
RB|2|187|11|0|Rede Ich: „Meine Liebe, Meine Gnade und Mein Segen euch und ihm darum! Denn er war schon so wie verloren, aber ein Fünklein war noch in ihm, das da lebendig ward in der Qual, die ihm sein einstig, irdischer Vorfahr bereitet hat – und das rettete sein Herz und verlieh ihm eine große Kraft, mit der er Mir dann wahrlich unaufgefordert einen großen Dienst erwies. Aber er soll dafür auch einen großen, freien Lohn überkommen und werden ein Meister im Kampf wider die Hölle.
RB|2|187|12|0|Mein geliebter Kado, Ich sage dir, trete näher zu Mir herzu! Denn Ich habe dir Großes und Wichtiges zu geben!“ – Kado tritt näher, verneigt sich tief und sagt dann: „Herr, ich hatte von Dir wohl eine ganz andere Vorstellung. Aber da ich Dich nun also in der schlichtesten Einfachheit treffe und sehe, so bist Du mir unter diesem Bild auch am allerangenehmsten. Und ich frohlocke tiefst in meiner Wonne, dass Du als das allerhöchste Gottwesen so höchst schlicht und einfach bist. So habe ich mir die Gottheit oft in meinem Herzen gewünscht – wenn ich mir von Ihr auch stets eine endlos glänzendst unzugängliche Vorstellung machen musste, weil meine halb türkischen und halb jüdisch-christlichen Begriffe von der Gottheit mir keine andere Vorstellung ermöglichten. Aber da ich nun hier meinen Gott und meinen allmächtigen Schöpfer so finde, wie ich mir Ihn gar oft im Herzen, freilich ganz heimlich nur, gewünscht habe, so bin ich nun über die Maßen froh und stelle sofort Dir, o Herr, meine allerkleinste Kraftwenigkeit zum bereitwilligsten Dienst. Aber nur müßig lasse, o Herr, mich nicht sein! Denn meine Freude ist, etwas Gutes zu tun haben. Was wird denn nun mit der sogenannten ‚Minerva‘ geschehen? Soll sie so verbleiben? Oder sollen wir etwa doch noch weitere Besserungsversuche mit ihr machen? Denn so wird sie viel Unheil auf der Erde anstiften, auf was sie auch ganz sicher ausgegangen ist.“
RB|2|187|13|0|Rede Ich: „Sei deshalb ruhig, lieber Kado! Diesmal ist ihr, wie allen ihres Sinnes, die endliche Falle gelegt, in der sie sich unausweichbar fangen wird! Wir aber werden nun etwas ganz anderes beginnen!“
RB|2|188|1|1|Der Herr mit Robert und Helena. Rekapitulation Roberts bisheriger Führung. Der Segen des Herrn. Roberts Seligkeit.
RB|2|188|1|1|(Am 1. Mai 1850)
RB|2|188|1|0|Der Herr: „Robert, siehe hierher! Die du lieb hast, ist die ganze Weile an Meiner Brust gehangen, während der du auswarst. Du hast sehr viel gesehen und hast große Erfahrungen gemacht. Aber frage sie, was sie unter der Periode deines wichtigen Ausseins alles gesehen und gehört hat! Du bist in Meine Himmel gedrungen – und diese deine Helena tief in die großen Geheimnisse Meiner Liebe. Was meinst du nun, wer aus euch beiden an tiefen und wichtigsten Erfahrungen alles Lebens wohl die größten und weitesten Fortschritte gemacht hat?“
RB|2|188|2|0|Spricht Robert-Uraniel: „O Herr, sicher nur diese liebste Helena hier! Denn der an der Urquelle selbst schöpft, der empfängt sicher des Lebens reinstes Licht. Wer aber durch Umstände, wie sie Deine heiligste Ordnung erheischt, genötigt wird, hinauszugehen und an den weitgedehnten Ausflüssen Deiner Liebe, Weisheit und Macht und Deiner Erbarmungen Wunder zu besehen, der trinkt Deine Gnade nur tropfenweise, während eine Helena in den gewaltigsten Zügen ganze Ströme Deines Urlichtes in ihr Herz aufnimmt und dadurch in den ungeheuersten Sehkreis Deiner endlosen Erbarmungen und Wundertaten geleitet wird. Eine flüchtigste Sekunde ihres ungetrübtesten Schauens in Dein Herz muss ihr ja mehr enthüllen als mir in der sichtlichen Ferne von Dir ein ganzes irdisches Jahrtausend! Aber wie werde ich denn nun vor ihr bestehen? Ich, ein durch winzige Lichttropfen gesättigter Geist – und sie Ströme und Meere des Lichtes aller Weisheit in sich fassend?“
RB|2|188|3|0|Rede Ich: „Dessen kümmere dich nicht! So jemand auf Erden ein Weib sich nimmt, so wird sie ihm umso lieber sein, je reicher sie bei andern, gleich guten Eigenschaften ist, und so wird es dir hier wohl auch sicher nicht unangenehm sein, so hier dein rechtes Weib möglichst reich ausgestattet ist und einen derartigen Schatz von Mir überkommen hat, dass ihr beide daran für die Ewigkeit zur Genüge haben werdet. Ihr Schatz besteht in einer unschätzbarsten Fülle der Liebe. Und dein Schatz an Weisheit ist der kleinste nicht.
RB|2|188|4|0|Wohl bist du nur mit Tropfen gespeist worden, wo sie Ströme in sich eingesogen hat. Aber so du einen solchen Tropfen in die Fülle ihrer Liebe tauchen wirst, so wird daraus eine Unzahl von Wundern und neuen Geschöpfen und Werken entstehen, an denen du dich nimmer sattsehen wirst können. Und du wirst darinnen dann erst Meine Macht, Größe, Liebe und Weisheit in aller Fülle stets mehr und mehr zu ersehen, zu bewundern und anzubeten beginnen. Denn alles, was mit dir bisher geschah, das war nur eine nötige Vorbereitung zu all dem, was du von nun an beginnen wirst!
RB|2|188|5|0|Du sahst dein Haus zuerst von außen, und es gefiel dir ganz ungemein. Als du aber in den ersten Saal deines Hauses kamst, da gefiel es dir schon bei Weitem besser, da du darauf bald zu einer Gesellschaft kamst, die zwar noch sehr roh aussah – als deinem Inwendigen in allem entsprechend. Aber sie ward bald sanft, wie dein Innerstes selbst lichter und sanfter wurde. Es ward darauf ein zweiter Saal geöffnet, der große Speisesaal, allwo du die Tische zu ordnen hattest, die dir viel Bangens machten. Darauf traten wir in einen dritten, sehr großen Saal, das Museum benannt. Da lerntest du im weitesten Umfang alle deine Mängel und des Todes Samen in dir kennen und schafftest sie aus dir nun alle, indem du auf den Grund der Hölle zu dringen hattest, von deinem Urentstehen an, und dich zu reinigen von ihr. Und nun stehst du noch im selben Museumssaal vor Mir.
RB|2|188|6|0|Aber hier ist des Bleibens noch nicht! Daher werden wir uns nun in die große Schatzkammer begeben, in der dir die Schätze ersichtlich werden, die du mit der Helena als eine freie Mitgabe von Mir erhältst. Rufe daher die ganze, nun sehr große Gesellschaft zusammen, und wir werden uns dann sogleich in den vierten großen Saal begeben, der da ist die große Schatzkammer dieses deines Hauses. Grüße aber vorerst deine Helena, die da ist dein himmlisches Weib!“
RB|2|188|7|0|Robert-Uraniel grüßt nun die Helena mit wahrer Engelszärtlichkeit. Und diese erwidert allerholdseligst den Gruß, ihm freundlich die Hand reichend. – Robert-Uraniel vergeht nahe vor Wonne und sagt: „O du meine himmlische Helena, wie groß bist du nun, und wie klein bin ich vor dir!“
RB|2|188|8|0|Spricht Helena: „Liebster Robert-Uraniel! Vor Gott, dem Herrn, Der da ist unser aller Vater voll der reinsten Liebe, gibt es weder irgendetwas Großes, noch etwas Kleines, sondern alles ist gleich – nur Sein Werk! Er aber gibt dem einen Werk diesen, und einem anderen Werk einen anderen Zweck. Wo aber der Zweck göttlich, da ist auch das Mittel, durch das irgendein solch göttlicher Zweck erreicht wird, gut. Ich bin ein Mittel, und du bist es auch in der Hand der göttlichen Liebe und bist, so wie ich, weder groß noch klein, sondern gleich mit mir in der Liebe vor Gott. Daher machen wir uns gegenseitig keine Lobhudeleien mehr, sondern ergreifen wir uns hier so recht innigst in Gott, unserem heiligsten Vater! Deine Weisheit vermähle sich wahrhaft mit meiner in Gott reif gewordenen Liebe! Und werden wir sodann eins vor Gott, so werden wir ein wahrhaftiges Ehepaar im Himmel und werden als ein solches leben und wirken nach und in der Ordnung Gottes. Meinst du nicht auch, dass es also besser sei und klüger um vieles, als sich gegenseitig leere, nichtssagende Lobhudeleien zu sagen und sich das Herz damit zu trüben?“
RB|2|188|9|0|Spricht Robert-Uraniel: „Du liebste, holdeste Schwester in Gott, dem Herrn und Vater – und Weib meines Herzens! Du hast ganz vollkommen recht! So ist es und ewig nimmer anders. Ach, wie selig doch haben mich deine Worte gestimmt! Ich hätte dir wahrlich jedes deiner Worte vom Mund wegküssen mögen! Denn ich sah mit deinen gar so himmlisch klingenden Worten den Geist der reinsten göttlichen Liebe mit in mein Herz herüberströmen. O welch eine liebliche Harmonie entfaltete das in meiner hochseligsten Brust! O ihr armen Schulvölker der mageren Erde, könntet ihr je so einen harmonischen Sang in euren Ohren vernehmen, da erst würdet ihr es mit einem euer irdisches Leben zermalmendem Staunen gewahren, welch eine Macht im himmlischen Sange verborgen ist! O Gott, welcher Masse von Seligkeiten gehe ich nun entgegen? Was alles wird meinen über die Maßen erstaunten Augen in der großen geheimen Schatzkammer des Herrn begegnen! O Gott, o Gott, was alles habe ich schon gesehen und was werde ich noch sehen? Seligkeiten ohne Maß, jede von neuen, nie geahnten Wundern der göttlichen Liebe, Weisheit und Macht begleitet!“ – Hier fällt Robert-Uraniel der Helena an den Hals und küsst sie dann auf die Stirn.
RB|2|188|10|0|Ich aber segne sie abermals und bedeute dem Robert-Uraniel, dass er nun alle zum Weiterzug aufrufen soll.
RB|2|189|1|1|Cyprian beim Herrn. Der beste Dank. Des Herrn Führungsweise. Die Gerichtswege über Roms.
RB|2|189|1|1|(Am 4. Mai 1850)
RB|2|189|1|0|Robert geht nun zu den sehr vielen Freunden hin und verkündigt ihnen, was nun nach Meinem Willen zu geschehen habe.
RB|2|189|2|0|Währenddem aber tritt der Pater Cyprian, seine Freunde, den Dismas und den Pater Thomas samt dem General verlassend, zu Mir hin und sagt: „Herr, Du bester Vater der Menschen und Engel! Das rein höllische Zwischenspiel hat ein hübsches Weilchen hindurch gedauert. War aber eben nicht sehr amüsant. Das Beste an der Sache ist, dass da mit dem Verschwinden jenes wirklichen Ursatans auch mein Faksimile [Nachbildung] nun aus meiner Brust gänzlich verschwunden ist. Denn die beiden Brüder, der Dismas und der Thomas, haben mit mir nahe den gleichen Exorzismus ins Werk gesetzt, wie dort im Norden der famose Kado mit der Pseudo-Minerva. Und ich bin nun, soweit ich mich nur immer durchforsche, wenigstens von allem dem, was in mir, wie gesagt, römisch war, rein. Geiz, Neid, Habsucht, Herrschsucht und Rechthabegier sind nun ferne von mir. Mit einem leichten und freien Gemüt stehe ich, o Herr, nun vor Dir und bitte Dich auch um einen kleinen Segen. Es ist die Bitte wohl ein wenig verwegen, ich sehe es ein. Aber da Du schon den guten Bruder Robert gar so übermäßig gesegnet hast, dass er sich nun vor lauter Seligkeit nahe nimmer zu helfen weiß, so wirst Du ja auch mir meine Bitte nicht für eine Art Vermessenheit anrechnen.“
RB|2|189|3|0|Rede Ich: „Nein, nein, das ewig nicht; aber nur kommst du mit deiner Bitte etwas zu spät. Denn Ich habe dich schon gesegnet!“ – Spricht Pater Cyprian: „So ist es an mir, Dir, o Herr und Vater, zu danken!“
RB|2|189|4|0|Sage Ich: „Ist auch schon geschehen! Denn Ich lese es in deinem Herzen, und das ist mir der gültigste und angenehmste Dank. Hast du Mir aber den besten Dank schon geleistet, wozu nachher noch einen schlechteren hinzufügen wollen?“ – Spricht Pater Cyprian: „Ja, aber davon weiß ich ja selbst beinahe kaum etwas! Wie soll dann eine mir selbst nahe ganz unbewusste Handlung vor Dir einen Wert haben können!?“ – Sage Ich: „Weil sie Meiner Lehre im Evangelium gemäß ist, wonach auch die rechte Hand nicht wissen soll, was Gutes die linke tut in Meinem Namen. Meinst denn du noch immer, ein mir wohlgefällig werden sollender Dank muss mir, nach Roms Art, unter weithin schallendem Geläut aller Glocken, unter den gewaltigsten Tönen der Orgeln, Pauken, Trompeten und Posaunen und unter dem grässlichen, sinnlosesten Geplärre lateinischer Hymnen dargebracht werden!? O Freund, sieh, alles das ist vor Mir ein barster Gräuel. Wer Mir recht danken will, der danke Mir im Herzen, und zwar so, dass sein hochweiser Verstand dabei nicht viel mehr zu tun hat, als ein gemeiner Handlanger bei was immer für einer Meisterarbeit. Und solch einen Dank hast du Mir schon dargebracht. Nun, so Ich damit überaus zufrieden bin, was willst du nachher denn noch?“
RB|2|189|5|0|Spricht Cyprian: „Mein Gott und mein Herr! Du bist zu gut, zu gnädig und zu sehr barmherzig, dass Du die puren Gedanken des Herzens als etwas Dir Wohlgefälliges ansehen magst. Ehre, Lob, Liebe und Preis sei darum Dir allein ewig! Du ordnest alle Dinge richtig, und Deine Kinder führst Du den rechten Weg, dass sie nimmer irren können in der Fülle und verfehlen den rechten Weg. Ich war zwar sehr in der Irre, und mein Herz machte seine Lebensschläge in großer Trübnis; aber Du ließest es nicht zu, dass da erstarrte mein Herz in seiner Nacht und keiner Pulse der Liebe zu Dir mehr fähig wäre. Darum ewig Dir allein allen Preis, allen Ruhm, alle Ehre, alle Anbetung und alle unsere Liebe!
RB|2|189|6|0|Es geht zwar nun wieder auf der Erde sehr traurig, düster und finster zu, wie ich es jetzt häufig merkte; aber es ist recht also, wie Du, o Herr, es zulässt. Denn es muss ja auch das Unkraut zur Reife kommen und seine Wurzel dürre werden und tot, auf dass es dann von Grund aus zerstört und vernichtet werden kann. Wie das Gute von Dir, so auch muss das Böse sich tatkräftig äußern, damit es als wahrhaft Böses erkannt und verworfen werden möge. Und so lässt du nun auch die arge Pflanze einen Wuchertrieb tun, auf dass sie desto eher dürr und tot werde. Ein Stein, der nie in die Höhe geworfen wird, kommt nie zum Fall. So Du aber den Pfaffen sich aufzuschwingen zulässt höher und höher, so ist ihnen dadurch auch der Fall gegeben.
RB|2|189|7|0|Das Böseste auf der Erde ist nun das römische Pfaffentum; es erhebt sich nun unter der Maske der Frömmigkeit und steigt und steigt höher und höher. Aber so es bald mit seinem stolzen Flügelpaar an die eherne Decke Deiner Himmel schlagen wird, da werden ihm die Flügel verstört werden durch Feuer aus den Himmeln, und es wird da einen erschrecklichen und letzten Fall tun, nach dem keine Erhebung mehr möglich sein wird. Ein trauriger Weg zwar; aber gut, recht und gerecht ist er und verfehlt nimmer des rechten Zieles Mitte.
RB|2|189|8|0|Ich war falsch, schlecht und böse vor Dir und Deiner Erde, o Herr, und stieg und stieg höher und höher, um desto tiefer zu fallen. Aber als ich gefallen bin vollends, da erst kamst Du, o Herr, und halfst mir wieder empor und machtest so aus einem Teufel einen Menschen nach Deinem Maß und nach Deiner Zahl. Und so tust Du, o Herr, fortwährend! Darum sei Dir wieder aller Ruhm, alle Ehre, aller Preis, alle Anbetung und alle Liebe! Denn Deine Erbarmungen sind unbegrenzt und Deine Liebe und Gnade erfüllt da alle Räume der Unendlichkeit. Den Niedern erniedrigst Du noch mehr, auf dass er vollkommen werde und näher käme Deinem Herzen. Aber die Hohen erhöhst Du und bereitest ihnen den vollkommenen Fall, auf dass sie dann als Gefallene ersehen mögen, wie gar so eitel da war all ihr Mühen und wie gar nichts sie sind vor Dir, o Herr! Wohl aber denen, die ihren sicheren Fall merken werden, und werden sich demütigen vor Dir! Die aber sich in ihrem Fall werden erhalten wollen – denen ein dreifaches Wehe! Denn ihr Weg wird ein heißer sein und ihre Umkehr nahe unmöglich.
RB|2|189|9|0|O Rom, o Rom! Du pochest vergeblich an die eherne Pforte deiner alten Macht. Siehe, die Riegel sind verrostet und unbeugsam die Querstangen, mit denen du selbst die Türe zum Gottesreich verrammt hast allen, die da hinein wollten. Ich stehe vor Gott dem Allmächtigen und Sein Auge sagt mir: deine letzte Mühe wird dir einen schnöden Lohn bringen! Du dürstest nach Blut, und Feuer willst du speien über der Erde weite Triften. Aber wehe dir! Der Herr hat da eine Nacht vorbereitet, die dich selbst verschlingen wird wie eine hungrige Schlange einen Sperling!“
RB|2|189|10|0|Sage darauf Ich: „Amen, ja, so sei es! Du hast gut, wahr und weise geredet vor Meinem Angesicht. Und so sei es, wie du nun geredet hast vor Mir!“
RB|2|190|1|1|Der Altväter Heilsbitte für die Erde. Antwort des Herrn. Religionsfreiheit bewirkt das Ende der herrschsüchtigen religiösen Hierarchien. Vorbereitungen zur Wiederkunft des Herrn.
RB|2|190|1|1|(Am 10. Mai 1850)
RB|2|190|1|0|Treten alle Propheten und Apostel zu Mir dem Herrn hin und sagen: „Ja, Amen! Dein Name werde geheiligt, wie hier in Deinen Himmeln also auch auf Deiner Erde, die da ist nach Deiner ewigen Ordnung eine wahre Probestätte für die Geschlechter, die da zum ewigen Dasein erkeimen unter Deinem Herzen! Aber nur das, heiliger Vater, bitten wir Dich alle aus einem Herzen und aus einem Mund: Lege dem Satan einmal sein schnödes Handwerk! Nehme hinweg von Deiner Erde den Purpur und mache verschwinden Gold, Silber und das eitle Edelgestein, auf dass die Menschen nicht mehr nach dem Schimmer dieser unflätigen Dinge gieren sollen, sondern nach reiner Liebe und Wahrheit nur. Welche Schätze des Geistes im Menschen müssen zu Grabe getragen werden und können nie vom Licht Deiner Sonne beschienen werden, weil das Jagen nach all den eitelsten Dingen die Menschheit über die Maßen hindert, ihren Geist zu erwecken nach Deiner heiligen Ordnung und dann aus ihm zu schöpfen unvergängliche Reichtümer für Zeit und Ewigkeit.
RB|2|190|2|0|Lege sonach endlich einmal dem Satan sein schnödes Handwerk! Mit seinem Verschwinden aus der Sphäre der Wirkung wird und muss die Menschheit zu allem, was da gut und wahr ist, geneigter und geneigter werden – weil wir dadurch einen freieren Wirkungsraum einnehmen können und auch sicherst werden; widrigenfalls die Menschheit stets tiefer und tiefer ins Verderben sinken muss. Wohl sind Deine Ratschlüsse unerforschlich und unergründlich Deine Wege. Niemand, außer Dir, ist es bekannt, wie Du in solchen Fällen vorgehst, um alles am Ende dem einzig rechten und besten Ziel zuzuführen. Aber bei manchen Wesen wird wohl eine übergedehnte Zeit erfordert, bis sie zu ihrem vorbestimmten Ziel gelangen. Also eine Abkürzung der langen Wege und der Zeiten Dauer, wie Du, o Herr, sie Selbst Deinen Völkern allen verheißen hast, wäre von uns allen Gleichgottgesinnten wohl das sehnlichst Erwünschteste!
RB|2|190|3|0|Es ist wahrlich schade für Deine sonst so schöne Erde, dass sie ihre ihr stets neu geschlagenen Wunden nimmer zu heilen vermag, so Du, o Herr, ihr die stets gleichen Quäler nicht vom Leib schaffst! Was Du aber tun wirst, o Herr und Vater, das tue ja bald! Denn sonst verschmachten die Menschen vor der zu bangen Erwartung der Dinge, die da noch über die Erde kommen dürften. Wir warten freilich wohl leicht, da nun auch vor uns ob der zu großen Seligkeit bei Dir, heiliger Vater, tausend Erdjahre gleich sind wie ein flüchtiger Lenztag. Aber den armen, noch in sterblichen Hüllen lebenden Brüdern auf Erden werden bange Minuten zu Jahren und Jahre zu Ewigkeiten. Daher tue auf, o Vater, den reichen Born Deiner Liebe und Gnade, und suche die Armen auf Erden gnädigst heim und kürze ab diese arge Zeit. Dein allein heiligster Wille geschehe allzeit und ewig!“
RB|2|190|4|0|Rede Ich und sage: „Ihr tut wohl daran, dass ihr also bittet. Aber es geht euch allen bei euren Bitten stets so, wie jenen, die überall zu spät kamen und da vor Mir auch stets zu spät kommen müssen, weil Ich überall, und ganz besonders hier in den Himmeln, in allem der Erste bin und sein muss – eine Bedingung, ohne die ihr nimmer einer Bitte und irgendeiner Handlung fähig wäret. Ihr seid wie Meines Leibes Glieder, die nicht eher zu handeln vermögen, als bis Mein Geist sie zu handeln antreibt. So es aber allenthalben in euch Meines Geistes bedarf, wie könnt ihr es in euch wohl meinen, dass Ich durch eure Bitte erst müsste dazu bewogen werden, um etwas zu bewerkstelligen, dessen Notwendigkeit oder Nichtnotwendigkeit Ich schon lange eher eingesehen habe, bevor noch irgendein Geist aus Mir sich eines freien Bewusstseins erfreute? Kurz, Meine lieben Kindlein, ihr kommt denn schon allemal und überall zu spät! Denn so ihr über eine Sache erst so ein wenig nachzudenken beginnt, da habe Ich schon um tausend Erdjahre vorgesorgt und alles so in den Gang gesetzt, dass nun die Erfolge-Effekte eben also zum Vorschein kommen müssen, weil sonst am Ende der allgemeine Hauptzweck unmöglich erreicht werden könnte, der da ist – ein ewiges, produktives, freiestes Leben Meiner göttlichen Gegenwart gegenüber.
RB|2|190|5|0|Wenn nun in den meisten römisch-katholischen Staaten auf Erden die sogenannte Religion frei gegeben ist, somit auch die römische, was da bewirkt ist durch Mein Einfließen in die Verständnisse derer, denen das Staatsruder anvertraut ist – und diese dann solche Anordnungen zu treffen genötigt sind, durch die die herrschsüchtigste Hierarchie zugrunde gehen muss, so meine Ich, dass man da doch unmöglich mehr tun kann!? Soll Ich denn alle Hierarchien durch ein Feuer vom Himmel mit einem Schlag vertilgen? O das geht im Allgemeinen nach dem größten Werk der Erlösung wohl nicht mehr! Keine allgemeine Sündflut mehr, und kein Untergang Sodoms und Gomorrhas mehr!
RB|2|190|6|0|Aber ein jedes Übel der Erde ist nun sein eigener Richter, und die Strafe folgt der Sünde auf der Ferse. Die Hierarchen verlangten ihre alte heidnische, grausame Priesterfreiheit. Und seht, sie sei ihnen – aber ohne materielle Macht! Denn auch die materielle Macht des Staates ist frei unter ihrem Regenten und kann sich nimmer von der Hierarchie knechten lassen. So aber nun die Hierarchen von ihrer grausamen Freiheit auch irgendeinen geringsten Gebrauch machen werden, so werden sie dadurch Tausende bewegen, aus ihrer schlechten Gemeinde in eine bessere überzugehen, wozu nun jedermann der freieste Weg mit guter Zurechnung für Seele und Geist gebahnt und gegeben ist. Wenn solche Übertritte von Tag zu Tag sich mehren werden, so wird die Hierarchie bald allein mit einigen wenigen Narren dastehen und ihr sicheres Ende an den Fingern zu berechnen anfangen. Wenn Ich aber solches veranlasse, davon jedem die sicherste Folge einleuchtend sein muss, was soll Ich denn da noch mehr tun? Während ihr hier bittet, sind schon Tausende von Rom abgefallen! Kann da die Zeit noch mehr verkürzt werden? Wenn der Schlange das Gift gegeben ist, sich selbst zu töten, da sie damit in ihrer Ohnmacht niemand andern mehr erreichen kann, ist nicht alles getan zu ihrem Untergang, der nun notwendig geworden ist?
RB|2|190|7|0|Wie könnte Ich verheißenermaßen je wieder zur Erde kommen, so nicht der argen Hierarchie auf diese alleinig wirksamste Weise ihr altes Handwerk gänzlich gelegt würde? Käme Ich ohne dem zu den Armen, da würden sie Mich womöglich ergreifen und abermals kreuzigen mehrfältig. Käme Ich aber zu den Reichen, so würden sie Mich in den Bann tun und wider Mich alle Hölle entflammen zehnfach ärger, als sie je entflammt war, und alle Welt würde sich in einem langgrässlichsten Krieg zerfleischen. Käme Ich aber als Gott – nun, das begreift ihr doch sicher, dass da die ganze Erde gerichtet würde und kein Wesen auf ihr eines freien Atemzuges mächtig wäre.
RB|2|190|8|0|So Ich aber zur Erde komme, kann Ich nur zu den Armen kommen. Darum muss früher die reiche Hierarchie in allem in die tiefste Armut gelangen. Der Verlorene muss mit den Schweinen Kost nehmen und die Reichen dürfen ihm sogar diese nicht gönnen. Und erst so ist eine rechte, nun baldigste Ausgleichung aller herrschsüchtigen Tendenzen auf der Erde möglich, und daneben auch Meine Entgegenkunft auf der Erde dem Verlorenen.
RB|2|190|9|0|Eure Bitte aber war dennoch recht, denn sie ward euch gegeben; aber Meine Handlung kam ihr viel zuvor. Nun aber kommt Robert-Uraniel mit seinen Scharen daher; daher seid alle bereit zum nötigen Weiterzug.“
RB|2|191|1|1|Aufbruch zum Saal der Vollendung. Robert und Helena gefolgt von Kado vor verschlossener Himmelspforte. Robert und Helena schämen sich wegen ihrer prachtvollen Himmelsgewänder. Minerva tritt wieder auf.
RB|2|191|1|1|(Am 13. Mai 1850)
RB|2|191|1|0|Alles begibt sich nun schnell in Meinen Willen. Und Robert-Uraniel kommt und sagt: „Herr und Vater, es ist alles geordnet nach Deinem Willen, nach Deiner heiligen Ordnung.“
RB|2|191|2|0|Sage Ich: „Also gehen wir denn dorthin gen Morgen, wo du in scheinbar großer Ferne zwei mächtig große Säulen ersiehst! Alldort ist der vierte Großsaal der Vollendung, wo der eigentliche Himmel erst seinen Anfang nimmt für deiner Liebe und Erkenntnis Sphäre. Nimm hier dein Weib, auf dass du als vollkommen eingehst in das Reich deiner Liebe und deiner Erkenntnis, aus Meiner besonderen Liebe in dir! Also sei es!“
RB|2|191|3|0|Auf diese Meine Worte umfasst Robert-Uraniel mit aller Liebe seine Helena und bittet Mich, dass Ich, so es nach Meiner Ordnung anginge, sogleich an seiner Seite, und zwar zwischen ihm und der Helena, in den Großsaal der Vollendung einziehen möchte. – Ich aber sage zu ihm: „Du musst einmal frei zu wandeln anfangen, ansonst du stets eines Gängelbandes bedürfen würdest. Ich aber werde schon ohnehin in dem Großsaal zugegen sein, wenn du in denselben eintreten wirst. Sorge dich daher nicht um Mich und denke nicht, ob Ich hier oder dort sei. Denn wo du mit der Liebe zu Mir immer dich hinbegeben wirst, da werde Ich bei dir sein, indem deine Liebe zu Mir Ich Selbst bin, und bin da gegenwärtig überall, wo die wahre und reine Liebe in irgendeinem Herzen zu Mir gegenwärtig ist in gerechter Fülle. Und so gehe denn voran und öffne uns allen in der Fülle die Pforte in das Reich der Vollendung deines Herzens!“
RB|2|191|4|0|Hier macht der Robert eine tiefe Verbeugung vor Mir und tritt darauf sogleich seine Reise an und wandelt wohlgemut mit seiner Helena, die ihn unterwegs fragt, wie es ihm denn hier im Reich Gottes so ganz eigentlich vorkomme, ob er sich wohl schon so ganz heimisch fühle, oder ob es ihm dennoch nicht öfter vorkäme, als ob er in der Fremde wäre? – Sagt darauf Robert-Uraniel, es komme ihm allerdings manchmal sehr fremd vor, besonders so der Herr nicht neben ihm sich befindet. Aber so der Herr sich in seiner Gegenwart sichtlich befindet, da sei er wieder ganz zu Hause. Nun käme es ihm an der Seite der Helena aber dennoch weniger fremd vor, als ehedem an der Seite des Sahariel. [Robert-Uraniel:] „Nur die Erscheinungen, die da kommen und bald wieder vergehen, kommen mir, trotzdem, dass ich sie recht wohl verstehe und begreife, noch immer sehr befremdend vor, weil ihr Auftreten oft gar so unvorbereitet zum Vorschein kommt. Aber das tut nun gar nichts, ich habe mich daran schon gewöhnt. Aber nun ist auch schon die Pforte da – und verschlossen! Was nun?“
RB|2|191|5|0|Spricht die Helena: „Nun, die werden wir im Namen des Herrn denn aufzumachen versuchen. Sieh, es steckt ja ein goldener Schlüssel daran! Also versuchen wir's!“ – Robert ergreift sogleich den goldenen Schlüssel und fängt an, ihn nach rechts und nach links zu drehen. Aber die große Türe will sich nicht öffnen. Er dreht wieder, und stärker als zuvor drückt er mit aller Gewalt an die beiden Torflügel – doch vergebens! Nimmer weichen sie seiner Gewalt.
RB|2|191|6|0|Darob wird ihm etwas bange und er spricht zu seiner Helena, sagend: „Siehe, mein geliebtes Weib, da ist wieder eine lebendige Antwort auf deine Frage, ob es mir nicht öfter vorkäme, als ob ich in der Fremde wäre. Ich muss dir hier offen gestehen, dass ich mich nun einmal wieder sehr in der Fremde fühle, ja als wie einer, der ganz verlassen ist von allen seinen früheren Freunden und Helfern in der Not. Sieh dich nur einmal um und sage mir, ob du selbst in der weitesten Ferne hinter uns jemanden erschauen kannst. Außer dem Freunde Kado, der uns ganz still aus eigenem Antrieb gefolgt ist, entdecke ich keine Seele und somit auch keinen Geist. Was sagst denn du, mein Engel, zu dieser nun ganz unerwarteten himmlischen Anrennerei?“ – Spricht Helena: „Ist wahrhaft sonderbar! Außer dem Kado sehe ich auch niemanden, und das Tor lässt sich nicht öffnen – und hat uns doch der Herr Selbst da hierher beordert. Geh, versuche es noch einmal zu öffnen die Türe! Ich werde dir selbst helfen – vielleicht wird es dann gehen.“
RB|2|191|7|0|Robert macht sich nun wieder an den Goldschlüssel und dreht ihn nach allen Seiten, währenddem die Helena stets an die beiden Flügel recht kräftig drückt. Die Operation geht eine gute Weile vor sich, aber ohne Effekt. – Als beide schon etwas abgemüdet sind, sagt die Helena: „Weißt du, mein geliebter Robert-Uraniel, über die Möglichkeit hinaus kann sich niemand zu einer Tat verpflichtet fühlen. Wir haben bereits alle unsere Kräfte daran verwendet, um zu öffnen diese Himmelspforte. Sie lässt sich aber durchaus nicht öffnen, wofür wir doch kaum etwas schulden können. Also bleibe sie denn in des Herrn Namen verschlossen. Den Freund Kado könnten wir zwar noch um eine gefällige Mitwirkung ansprechen. Wer weiß, vielleicht weiß er damit besser umzugehen als wir beide.“ – Spricht Robert-Uraniel: „Du hast aber auch recht! Das werde ich aber nun auch sogleich tun.“
RB|2|191|8|1|(Am 14. Mai 1850)
RB|2|191|8|0|Hier spricht Robert-Uraniel den Kado an und sagt: „Liebster Freund, du hast uns sozusagen ganz allein bis hierher ein freundliches Geleit gegeben, während von all den vielen andern nicht ein bewegliches Atom irgendwo zu ersehen ist. Du hast auch des Herrn Auftrag an mich vernommen, wie ich mit meinem Weib hierher ziehen soll, und hier öffnen dies Tor. Allein alle meine noch so kräftigen Versuche scheiterten an der Widerkraft dieses Tors! Meines Weibes nicht unkräftige Mithilfe fruchtete auch nichts. Daher will ich dich hiermit ersucht haben, da du schon ohnehin hier bist, dass du mir noch einen, und zwar den dritten Versuch recht kräftig möchtest machen helfen. Vielleicht gelingt's uns dreien, diese riesige Himmelspforte denn doch zu öffnen – dann wohl uns! Gelingt es uns aber wieder nicht, was das offenbar Wahrscheinlichste ist – nun, so mag der Herr dann tun und machen mit uns, was Ihm wohlgefällt.“
RB|2|191|9|0|Spricht Kado: „Lieber Freund, dieses unermessliche Meer von Erscheinungen, die sich hier schnell aufeinanderfolgend die Hände bieten, macht aus mir eine Ohnmachtsmücke, und es wird dir mein Wirken sehr wenig Segen bringen. Quod licet Iovi, non licet bovi! [Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt!] Du bist dazu berufen und auserwählt; und ich nicht einmal glattweg berufen. Aber es macht das nichts! Ich werde dir dennoch die verlangte Hilfe leisten. Ob es dir aber etwas nützen wird? Natürlich, für das kann ich dir nimmer gutstehen! Du weißt es ja, dass das Himmelreich Gewalt braucht! Nur die werden es besitzen, die es mit Gewalt an sich reißen! Gewalt muss also hier geschehen dieser Pforte! Und so gehen wir's denn in Gottes Namen an!“
RB|2|191|10|0|Robert macht sich nun abermals an den Schlüssel und dreht ihn nach links siebenmal. Und da dadurch bei allem Kraftaufwand die Pforte noch nicht aufgeht, so dreht Robert den Schlüssel nach rechts so lange um, als sich der Schlüssel nur immer drehen lässt, und es wird während des Drehens in einem fort kräftigst an die Pforte losgedrückt. Allein die Pforte bleibt beharrlich verschlossen.
RB|2|191|11|0|Robert-Uraniel kratzt sich hinter den Ohren. – Und Kado sagt: „Ich habe es dir früher gesagt, dass es nicht gehen wird! Denn obschon ich eben noch nicht zu lange hier ein Bewohner des Geisterreiches bin, so weiß ich aber doch, dass diese geistigen Dinge um sehr vieles hartnäckiger sind, denn die irdischen. Ein Berg auf der Erde ließe sich eher versetzen, als wie so ein hartnäckiges Geistertor öffnen. Mein Rat wäre hier dieser, nämlich: die Geschichte abwarten. Die Gegend ist hier wahrlich wunderschön, und Gärten und Früchte aller Art gibt es hier auch in großer Fülle. Was wollen wir mehr? Dass unsere Bestimmung nicht darin bestehen kann, gleichfort sichtlich dem Herrn Gott Jesus auf der Nase zu sitzen, das werdet ihr hoffentlich ebenso gut einsehen, wie ich es einsehe! Es ist uns demnach ein Ort im Gottesreich angewiesen worden, wo wir so lange zu verharren haben werden, als bis uns von höheren Mächten diese große Himmelspforte aufgetan wird. Denn wir werden sie wohl ewig nimmer zu öffnen imstande sein. Was wir aber tun können, wäre meines Erachtens das, dass wir uns auch hier an den evangelischen Rat halten sollen, der nämlich also lautet: ‚Suchet, so werdet ihr finden! Bittet, so wird es euch gegeben, und pochet an, so wird euch aufgetan!‘ – Wer weiß, ob das Tor nicht schon offen stünde vor uns, so wir uns statt des Schlüsseldrehens an diesen evangelischen Rat gehalten hätten. Was meinst du, mein Freund, in dieser Sache?“
RB|2|191|12|0|Spricht Robert-Uraniel: „Ja, ja, Freund, du hast da durchaus recht! Dagegen lässt sich gar nichts einwenden! Aber dass der Herr mich förmlich genötigt hat, ja eilends voran mich hierher zu begeben und diese Pforte zu öffnen, da uns alle großwichtige Dinge hinter dieser Pforte erwarten. Und nun bin ich hier, erwartend die Eröffnung des Himmels – und richte mit der Pforte nichts! Siehe, das ist denn doch, bei Gott, etwas sonderbar! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, ich werde deinem Rat folgen.“
RB|2|191|13|1|(Am 16. Mai 1850)
RB|2|191|13|0|Spricht hinzu die Helena: „Freunde, wahrlich wahr, es gehört viel dazu, um in das Himmelreich Gottes eingehen zu können. Wenn man auch schon, wie ich selbst, in der allerwahrsten Glühhitze der reinsten Liebe dem Herrn Selbst an der heiligen Brust gelegen hat, und da als ein Säugling gesogen die Gnadenmilch des Lebens, so nützt das aber dennoch, wie es hier ersichtlich ist, eben nicht gar viel. Denn kommt man dann vor die eigentliche Hauptpforte des Himmelreichs, so findet man diese ebenso gut verschlossen als einer, der etwa in geradester Linie von unten hergekommen. Es ist wahrlich höchst sonderbar! Mich geniert nun hier nichts als dies herrlichste Strahlengewand! Wenn ich so ein ganz ordinäres Bauernkleid statt diesem strahlenden hätte, so würde mich diese Verweigerung des Eintrittes in das eigentliche Himmelreich bei Weitem weniger genieren. Der Sauhalter muss auch als solcher bekleidet sein, sonst wird ihm entweder sein Amt oder er ihm selbst zu einem Überdruss werden. Wahrlich wahr, bei dieser Geschichte könnte man auf den Herrn ordentlich ungehalten werden. Früher Milch und Honig von bester Qualität – und nun eine tinctura amara [bittere Tinktur] darauf. Und an der Stelle des Himmelsbrotes, das man ehedem schon im wahren Übermaß genossen, kommt nun eine Hafergrütze! Prosit Mahlzeit! No, gespührst du so was, Robert!? Das wird eine sonderbare himmlische Süßigkeit abgeben! Aber wenn ich arme Närrin nur dieses dummen Kleides loswerden könnte! Mich geniert's nun schon ganz entsetzlich! Gefällt, mein geliebtester Robert, dir noch dein uranisches Sternengewand?“
RB|2|191|14|0|Spricht Robert: „Wäre mir gleichwohl auch ein anderes um eine ganze Million lieber, aufrichtig wahr gesprochen! Ich komme mir nun in diesem göttlichen Sternenkleid wie so ein gefoppter himmlischer Esel vor. Bei Gott, eine lederne Hose und eine Jacke vom gröbsten grauen Tuch wäre mir um ein ganzes Leben lieber! Ich habe mich aber in meinem ganzen irdischen und geistigen Leben nie so impertinent wahrhaft bettpisserisch geschämt, als diesmal in diesem fatalen Himmelsgewand. Wenn ich es nur gegen ein anderes vertauschen könnte.“ – Spricht die Helena: „Ich gäbe das meine um den allerschmutzigsten Küchenfetzen her. Denn es gibt wahrlich nichts Erbärmlicheres als zu tragen ein Königsgewand auf einer Sauhaulterwiese.“
RB|2|191|15|0|Spricht Kado: „Meine liebsten Freunde, ihr redet mir aus dem Herzen! Das muss auch Christus als Gott und Herr der Unendlichkeit tief gewollt und gefühlt haben, da Er so oft gegen die Kleiderpracht so sehr geeifert hat, und trägt auch als Herr der Unendlichkeit hier im Reich alles Lichtes wahrlich das lichtloseste ganz allereinfachste Kleid. Ich bin selbst ein größter Feind von jeder Kleiderpracht, mag sie nun auf der Welt materiell oder hier im Reich des Geistes geistig sein. Wahrscheinlich sind die Prachtgewänder in den Himmeln, mit denen die weisen Engel angetan sind, jene Flecken an ihnen, die das reinste Gottesauge an ihnen ersieht. Denn es heißt irgendwo in der Schrift: ‚Auch an den Engeln erschaut Dein Auge, o Herr, Mängel!‘ – Daher gebe ich euch ganz recht, dass ihr euer für hier unpassendes, prachtvollstes Himmelsgewand verabscheut. Aber wo nun ein anderes hernehmen? Daher behaltet es, solange kein anderes zu bekommen sein wird. Sehen kann uns offenbar doch kein vierter, weil er nicht da ist. Wir drei aber wissen es ja, was wir davon zu halten haben. Deshalb sollen euch diese strahlenden Himmelsfetzen auch gar nicht genieren. Haben sie nun vorerst in euren Augen keinen Wert, dann ist alles wohl gut und recht; denn in meinen Augen hat solch ein selbst himmlischer Flitter nie einen Wert gehabt. Aber was werden wir nun vor dem Öffnen der Pforte beginnen? Werden wir zu bitten, zu suchen und zu pochen beginnen?“
RB|2|191|16|0|Spricht die Helena: „Ich meine, das werden wir schön fein bleibenlassen. So sie uns der Herr nicht öffnen will, so soll sie denn gleichwohl verschlossen bleiben in alle Ewigkeit, Amen!“ – Spricht Robert: „Hast eben nicht ganz unrecht, du meine allergeliebteste Helena! Aber weißt du, so man es schon einmal bis zur – sozusagen – letzten Himmelspforte gebracht hat, da soll man sich denn doch noch einige Mühe geben, auch durch diese zu kommen. Bitten ist gerade keine Schande, suchen noch weniger und was am Ende das Anklopfen betrifft, so will ich mich selbst gleich einem irdischen Regimentstambour auf die beiden Flügel hermachen und einen Lärm machen, der sich gewaschen haben soll. Nein, aber das gefällt mir nun erst – ehedem machte ich schon, als selbst ein Engel, mit dem Sahariel die gedehntesten Himmelsdurchwanderungen und nun stehe ich wieder in eurer Gesellschaft als ein barster Ochse am Berg. Es geht uns nun nur noch die famose Minerva ab! Das wäre wirklich ein Spaß, diese hier über diese Torsperre losziehen zu hören!“
RB|2|191|17|0|Spricht Kado: „Nur den Wolf nicht genannt, sonst kommt er gerannt! Und so ich mich nicht irre, so kommt sie schon daher, uns eine Visite zu machen. Nun sehen wir, wie wir ihrer loswerden!“ – Spricht dazu die Helena ganz verblüfft über diese Erscheinung: „Aber die muss ein feines Gehör haben. Nun, nun, nun, du mein liebster Robert-Uraniel, das wird eine hübsche Geschichte werden. Hast aber auch müssen deren Namen so gewisserart als nun in dieser unserer ohnehin zuwidern Lage wissgierig nennen. Nein, nein, das wird nun eine schöne Mette werden! Am Ende zieht sie uns noch alle drei mit sich in die allerunterste Gott-steh-uns-bei!“
RB|2|191|18|0|Spricht Kado: „Ah, von dem ist keine Rede; aber das eigentlich etwas Fatale besteht nur darin, dass man ihrer nicht so bald wieder loswerden kann, so sie einmal da ist.“ – Spricht Robert: „Ja, so suchen wir es ihr zu verhindern, dass sie nicht herkomme; denn mit so viel göttlicher Kraft und Gewalt werden wir ja etwa doch noch ausgerüstet sein!“ – Spricht Kado: „Versuche es! Aber ich meine, dass dies nichts nützen wird; denn sie wird gleich sagen, dass auch sie das vollste Recht habe, vor die Pforte des Gotteshauses zu kommen und da zu begehren den Einlass. Ob sie hineingelassen wird, das ist freilich eine andere Frage. Aber an die Pforte zu kommen, kann ihr nicht gewehrt werden. Lassen wir sie daher ganz ungehindert fortwandeln und tun nichts dergleichen, als ob wir sie bemerkten. Wird sie sich dann etwa an uns machen, nun, so werden wir ihr schon etwas zu erzählen wissen, was sie sicher nicht gerne hören wird. Nur aber dürfen wir gegen sie weder freundlich und noch weniger wie richterlich diktatorisch uns benehmen – sondern so ganz gleichgültig, was sie am wenigsten vertragen kann, da werden wir ihrer am ersten loswerden. Denn ich glaube, sie so ziemlich durch und durch zu kennen.“
RB|2|192|1|1|Minerva vor der Pforte mit Robert, Helena und Kado. Minerva beleidigt Helena und diese reagiert entsprechend. Kado versucht zu schlichten.
RB|2|192|1|0|Spricht Robert: „Ganz gut, ganz gut, dein Rat ist, bei Gott, wahrlich sehr gut! Das sieht man aber gleich, dass du, mein geliebtester Kado, kein Europäer bist; denn diese sind samt mir keiner so evident klarest weisen Ansicht fähig. Aber nun nur stille, denn sie kommt schon sehr eilig in unsere Nähe! Aber das herrliche Kleid hat sie noch an, und das Pseudoschwert aus Blech und Pappendeckel. Auch von ihrer enormsten Schönheit scheint sie noch nichts eingebüßt zu haben. Wahrlich wahr, das muss man aber bekennen, was da ihre Gestalt anbetrifft, so kann man sich aber wohl unmöglich etwas Schöneres vorstellen. Sie ist wirklich unendlich schön und reizend. Man könnte beinahe die Behauptung aufstellen, dass es der lieben Gottheit gar nicht möglich sein soll, eine noch größere gestaltliche Schönheit ins Dasein rufen zu können. Aber ich glaube, man darf auch ihre Gestalt nicht gar zu sehr rühmen; sie könnte dadurch denn doch noch eitler und stolzer werden, als sie ohnehin schon ist.“ – Spricht Kado: „Ja, ja, überhaupt von und mit ihr nicht reden, sonst bringt man sie nicht leichtlich vom Hals.“
RB|2|192|2|0|Spricht hinter dem Rücken des Kado schon die Minerva, sagend: „Richtig, du triffst den Nagel wohl immer auf den Kopf! O du Hascherl du! Du wirst den anderen was lehren, wie sie meiner am ehesten loswerden könnten – als ob ich mich etwa jemanden je schon aufgedrungen hätte. Dazu besitze ich wohl zu viel Ehre in mir und bin zu stolz, als dass ich solch kleinlichster Schmutzereien fähig wäre. Und du, mein Freund Kado, darfst dich schon gar nicht fürchten, meiner etwa schwer loszuwerden! Denn weißt du, wir kennen uns schon so hübsch lange. Soll ich dich etwa bei deinem wahren Namen nennen?“
RB|2|192|3|0|Spricht Kado: „Schweige, sonst sollst du von meiner dir schon bekannten Höflichkeit sogleich ein neues Pröbchen erfahren! Dort ist die verschlossene Pforte, versuche, ob dich wer hineineinlassen wird! Denn du gehörst etwa ja auch dort hinein, wo es sicher besser ist, als da außerhalb der verschlossenen Pforte.“ – Spricht die Minerva: „Lecke mich, wo ich mich selbst nicht kann; ich tue, was ich will, und nie was du willst. Verstehst du das?“
RB|2|192|4|0|Spricht Kado: „O das verstehe ich ganz vollkommen! Denn du bist eitel und stolz und somit auch dumm zur Genüge! Wie sollst du da wollen und tun können, was dir für ewig wahrhaft frommen möchte? Im Übrigen aber merke, dass du, seitdem dir das berühmte Schwert des großen Helden Kolofuntius Bratto, der damit ganz glücklich gegen die Gelsen gekämpft haben soll, eingehändigt wurde, an der Höflichkeit gar nicht zugenommen, sondern ganz bedeutend nur abgenommen hast! Denn unsereinem, und das in der Gegenwart einer ganz allerliebsten, schönsten, zartesten und bestgeschmückten Himmelsdame, deinen Steiß, als für deine liebe Zunge den allerunzulänglichsten Teil, belecken zu heißen – das ist und bleibt, um geradeheraus zu sprechen – saugrob. Wenn so ein Wort aus dem Maul einer Sau gegrunzt werden würde, da ließe man sich's gefallen; denn von einer Sau lässt sich füglichermaßen wohl nichts Besseres erwarten. Aber so man, verstehe, so man solch eine höchst unästhetisch klingende A...-Sentenz von einem so weich und schönst geformten Mund eines allerschönsten weiblichen Geistwesens zu vernehmen bekommt, so wird man wahrlich sehr sonderbar unangenehm berührt. So du mit uns etwa noch etwas zu reden haben solltest, so bitte ich dich um ein wenig gewähltere und bessere Ausdrücke! Denn so du schon mich nicht berücksichtigen willst, so berücksichtige unsere hier gegenwärtige, allerzarteste, wahre Himmelsdame.“
RB|2|192|5|0|Spricht die Minerva: „Fahre ab mit dieser Lerchenfelderin! Das wäre eine rare Himmelsdame! Dieser Lerchenfelder Barrikadenschnepf, diese Sau aus allen Mistlachen, diese allergemeinste Proletariertrud; vor – vor der soll ich am Ende etwa noch gar einen Respekt haben? Ich – das erste Wesen in der ganzen Unendlichkeit! Und die – das letzte aus dem allerlumpigst berühmten Lerchenfeld! Nun, nun! Du hast einen hübschen Begriff von einer Himmelsdame, wenn du dieses echte Wiener Mistbrettl für eine, sage, Himmelsdame ansiehst! Gratuliere, gratuliere! Du hast es in deinem Himmel mit deiner Weisheit wahrlich schon sehr weit gebracht!“
RB|2|192|6|0|Hier unterbricht sie die vor Ärger nahe ganz glühend gewordene Helena, sagend: „Nun, du stolzes A... eines auf der Simmeringer Sauheide krepierten Pfaffenesels, weißt etwa über mich noch was Schlechteres – du aus der ganzen Unendlichkeit zusammengedroschene Sau du! Schau nur gleich, dass dir die ganze Unendlichkeit nicht zu eng wird! Nein, das gefällt mir; will dieses ewige Unendlichkeitsmistviech, dieses Hauptluder aus allen Fixsternen sich über mich hermachen! Na warte, du bist schon über die Rechte gekommen! Ich werde dir deine polierte Quadrateselshaut schon etwas runzliger klopfen, weil sie dich gar so juckt! Glaubst du, schönes Obers von der höllischen Rindsuppn, ich kenne dich etwa nicht! O da sei du ganz unbesorgt, du schmutzigstes Unterfutter von einer Liguorianer-Hose! Schau, schau, das alte Jesuitenschnupftuch will mich eine Proletariertrud nennen! Jetzt schau nur, dass du bald weiterkommst, sonst zeige ich dir, wo die ewigen Zimmerleute Gottes für dich das Loch gemacht haben!“
RB|2|192|7|0|Spricht Robert: „Aber ich bitte dich, du meine holdeste Helena, du mein herrlichstes, von Gott Selbst in den Himmeln mir gegebenes Weib, ereifere dich nicht! Es wäre ja ewig schade für deinen herrlichsten, schönsten Mund! Schau, mit dieser Pseudo-Minerva richtet Gott Selbst nichts, was erst sollen wir mit ihr richten? Sie ist einmal so, wie sie ist. Du weißt es ja, dass auf den Disteln keine Datteln und auf den Dornhecken keine Feigen wachsen. Lasse sie daher reden, was sie will! Denn in unsere Ohren dringt ihre Stimme wahrlich nicht und somit noch weniger in unsere Herzen!“
RB|2|192|8|0|Sagt die Helena: „Ja, ja, das weiß ich wohl. Aber das weiß ich auch, dass man dem Teufel das Maul stopfen muss, als ein ehrlicher Christ, wann er es zu weit aufmacht! Schau, itzt ist sie schön sauber still, weil sie sieht, dass sie nimmer gröber werden kann als unsereins! Nein, die soll aber auch nur einmal mehr sich mucksen, so will ich ihr ein echtes Lerchenfelder Liedl anstimmen, dass sie für alle Ewigkeit damit genug haben soll! Nein, dös Giftbratl vom heiligen Erzengel Michael soll mich dann erst kennenlernen! Wahrhaftig wahr, ich könnte sogar unserm lieben Herrgott und Himmelsvater eine Grobheit um die andere ins Gesicht sagen, wenn Er je diesem Leibstuhl Petri eine Gnade erweisen möchte. Die ist ja schon lange für die Hölle zu schlecht! Daher leiden sie die anderen Teufel auch gar nicht mehr unter ihnen. Hast es aber auch hierher berufen müssen.“
RB|2|192|9|0|Spricht Kado zur vor Zorn ganz bebenden Minerva: „Nun, bist du mit deinem Grobheitslexikon schon zu Ende, dass du auf die würdevollen Komplimente, die dir soeben von der lieben Lerchenfelderin zugekommen, keine gleichwürdige Erwiderung zuwege bringst? Mir scheint es, dass du eine Meisterin gefunden hast und bekennst nun durch dein Schweigen, dass die Lerchenfelderin recht habe.“ – Spricht die Minerva: „Ich bitte dich, rede mir nur von dieser Galgenschnur nichts mehr, denn ich habe sie genossen.“
RB|2|192|10|0|Unterbricht sie die Helena: „Schau nur, dass du weiterkommst, sonst setzt's noch Gelsen und spanische Mucken ab! Kennst du diesen Lerchenfelder Salat?“ (Der Minerva die beiden Fäuste zeigend:) „Ich sag dir's, wann's nicht bald weitergehst, so putz ich dir so einen kleinen Tagrebell über dein rotzig's Multi-Gfriß obr!“ – Spricht Robert: „Aber ich bitte dich, Helena, um Gottes willen! Wir kommen ja anstatt in den reinen Himmel Gottes gar zum Schmierseppl nach Oberlerchenfeld! Bedenke doch, wie als ein wahrer Gottesliebling du dem Herrn Selbst an der heiligen Brust lagst und alle Gnade von Ihm einsogst – und nun bist du, bis auf ein etwas besseres Deutsch, so ganz wieder eine vollendete Lerchenfelderin in optima forma. Schau, das musst du ganz ablegen, sonst wird die Pforte noch lange nicht aufgehen!“
RB|2|192|11|0|Spricht die Helena: „Nun, ich glaube, dir ist's etwa gar leid, dass ich dieser ewigen Mistsau ein paar Wahrheiten ins Gesicht gesagt habe.“ – Spricht Robert-Uraniel: „Nein, meine allerliebste Helena, das sicher nicht! Aber um deinen nun schon ganz himmlisch gewordenen Mund ist es mir leid, dass er nun wieder, nachdem er schon sogar mit Gott gesprochen und mir manche recht herrliche Lehre in der Liebe gegeben hat, in das rein Oberlerchenfeldische übergehen soll – und das gerade hier, hier an der bedeutungsvollsten Gottesreichstüre zum wahren ewigen Leben.“
RB|2|192|12|0|Spricht die Helena: „Was! Mund hin, Mund her! Die Wahrheit muss einmal heraus! Dass sich die Wahrheit auch aus dem schönsten Mund eben nicht am besten ausnimmt, das ist schon was Altes, ob's nun oberlerchenfelderisch, oder ob's sächsisch klingt. Aber wie kommt es denn, dass du die Wahrheit gerade aus meinem Mund als übelklingend darstellst, während du die Lüge aus dem ebenfalls sehr schönen Mund jener ewigen Teufelsgredl eben nicht als sehr hässlich gefunden zu haben scheinst!? So es um meinen Mund denn dir schon leid ist, wenn er auf oberlerchenfeldisch dieser ewigen Gottes-Gnad- und Barmherzigkeitschnipferin eine Wahrheitslektion gibt wie sich's gehört – um wie viel mehr leid soll es dir dann erst um jenen holdesten Mund sein, über dessen Lippen wohl noch nie ein wahres Wort gekommen ist? Sage lieber ihr einige gute Rügen ins Gesicht und lass mich reden, so ich einmal im Zuge bin.“
RB|2|192|13|0|Spricht die Minerva: „Bist einmal fertig, du grobes ungehobeltes Lerchenholz! Du hast die Höflichkeit sicher nie auf einer hohen Schule studiert! Denn etwas Gröberes ist wahrlich durch meine Ohren noch nie gedrungen.“ – Unterbricht sie die Helena: „Nun, schau Sie nur gleich, dass Sie etwa kein Ohrengeschwür bekommt! Ist Sie mir denn etwa gar so höflich gekommen!? Ich soll etwa Ihre Grobheiten nur gleich so recht von ganzem Herzen demütig einstecken, wie so ein frommes Jesuitenbeichtkind, wann es von seinem Herrn Gottesstellvertreter mit Höll und Fegfeuer gefüttert wird!? Da warte du ein bisschen! Ich sage es dir, wenn du mir nicht sogleich aus den Augen gehst, so wird es zwischen uns beiden noch einen ganzen Mordspektakel absetzen! Darum sage ich dir nun ein für alle Male, dass du dich nun sogleich aus dem Staub machst, sonst möchte dein schönes Gfriß [Gesicht] bald ein anderes Aussehen bekommen!“
RB|2|192|14|0|Sagt Kado: „Sei ruhig, Helena, und du auch, Freund Robert! Ich werde nun mit der Minerva ganz allein reden und mit ihr etwas sehr Wichtiges abzumachen versuchen. Vielleicht gelingt es mir, sie dem Herrn wieder um einen Schritt näherzubringen. Aber ihr müsst euch unterdessen ganz ruhig verhalten.“ – Spricht Robert-Uraniel: „Ja, Bruder, tue das! Ich wäre nun schon wahrlich sehr froh, so wir ihrer bald loswerden könnten; denn es geht von ihr ein wahrer Zwietrachtssamen in die über, die ihr zu nahe kommen! Ich glaube, so es ihr möglich wäre, in die Himmel Gottes zu kommen, da brächte sie in kürzester Zeit alle Engel durch- und untereinander. Ich wünsche dir aber auch zugleich sehr viel Glück zu deinem sicher höchst löblichen Vorhaben! Nur zweifle ich auch an dem geringsten Erfolg deiner vorhabenden Mühe; denn dies Wesen wird nur als genötigt guttun, aber als vollkommen frei nie, ewig nie! Darauf getraute ich beinahe meine ganze Seligkeit zu setzen.“
RB|2|192|15|0|Spricht Kado: „Du dürftest zwar eben nicht ganz unrecht haben; aber meine Seligkeit getraute ich dennoch nicht darauf zu setzen. Die Ewigkeit ist endlos lang. Und in solcher endlosen Zeiten- und Zustandsfolge könnte denn doch noch so manches geschehen, von dem bis jetzt noch keinem Geist etwas durch seinen Sinn gefahren ist. Daher nehmen wir alles als möglich an, was nicht mit der göttlichen Ordnung im handgreiflichst grellsten Widerspruch steht. Aber etwas daran setzen, ob dies oder jenes irgendwann möglich oder unmöglich sein dürfte, wäre unweise und hieße so viel als in die göttliche Weisheit selbst einen Zweifel setzen. Bei Gott sind alle Dinge möglich, warum auch nicht die volle Umkehr Satans?“
RB|2|193|1|1|Indische Weisheit über Satan. Mahnung zur Geduld. Satans Läuterung soll nicht ausgeschlossen werden.
RB|2|193|1|0|(Kado): „Sieh, ich habe einmal ein Buch alter indischer Weisheit gelesen und fand eine sehr denkwürdige Stelle, die ungefähr also lautete:
RB|2|193|2|0|‚Im urewigen Sein war nur Gott allein, und die Unendlichkeit und Ewigkeit war Er Selbst im klarsten Schauen Seiner Selbst. Seiner Gedanken und Ideen war kein Ende. Aber wie sich kreuzen an einem schwülen Abend zahllose Scharen von allerlei Ephemeriden [Eintagsfliegen] in einer losesten Freiheit, ohne irgendeine wahrnehmbare Ordnung, also stiegen auch die Gedanken und Ideen in der Gottheit auf und ab und hin und her. Aber der endlose Raum war noch ganz wesensleer. Nur Ihre großen Gedanken sah die endlose Gottheit allein in Ihr in gänzlich ungezwungenster Freiheit große Bewegungen machen. Aber der Gottheit bedünkte es, und Sie schied die Ideen von den Gedanken, und das war ein erstes Ordnen in der Gottheit Selbst. Die Ideen stellte Sie nach und nach fest; nur den Gedanken ließ Sie den freien Lauf.
RB|2|193|3|0|Als aber fester und fester gestellt waren die Ideen, da zeigte es sich, dass sie nicht völlig lauter waren. Da beschloss die Gottheit, Ihre Ideen Selbst zu läutern und schied dann das Lautere von dem Unlauteren. Als dieses da ward vollkommen bewerkstelligt, so stellte die Gottheit all das Unlautere wie außer Sich, festete es durch Ihr allmächtig Wollen und belebte es durch den Geist Ihrer freiesten Gedanken.
RB|2|193|4|0|Und es ging da hervor ein großer Geist voll Unlauterkeit zur Läuterung durch sieben andere Geister, die die Gottheit aus Ihren lauteren Ideen ins Dasein rief, durch den freiesten Geist Ihrer Gedanken.‘
RB|2|193|5|0|Und siehe du, Bruder Robert, hier vor uns steht eben dieser erste große Unlauterkeitsgeist, an dessen Läuterung noch immer gearbeitet wird. Daher müssen wir aber auch nicht sogleich zweiflig werden, so etwas eine längere Zeit braucht als so manches andere. Dieser Geist ist wohl ganz richtig das Unlauterste, was du dir nur immer vorstellen kannst, aber zu seiner Zeit einer totalen Läuterung eben nicht unfähig. Wir dürfen aber darum nicht ungeduldig werden, weil wir leichter zu läutern waren als dieser Geist; denn ein kleines Plätzchen kann doch offenbar eher und leichter gefegt werden als etwa der Boden einer ganzen Welt. Dieser Geist aber ist in sich der Totalausdruck der ganzen Schöpfung, während die ganze Erde samt allen ihren Wesen nur kaum als ein Atom seines eigentlichen Wesens anzusehen ist. Dass dann ein einzigstes Geistlein, wie du einer bist, leichter und eher zu läutern ist als dieser allergrößte geschaffene Urgeist, als der Totalbegriff aller Schöpfung, das wirst du hoffentlich ebenso gut einsehen, als wie ich. Aber weil zur Läuterung einer solchen Größe etwas mehr erfordert wird als so sich jemand sein Gesicht wäscht, allenfalls in einer Minute Zeit und mit einer Faust voll Wassers – so muss man aber auch diese Sache Gottes recht wohl bedenken und sich in aller Geduld in die Anordnungen Gottes fügen. Aber einem Wesen die Möglichkeit des Reinwerdens absprechen, das wäre etwas sehr Gewagtes und zugleich etwas sehr Kleinliches – so man die großen Naturen und Verhältnisse aus Gott nach seinem allerkleinsten und winzigsten Maß und Verhältnis beurteilen würde. Also lieber Freund, das berücksichtige ein wenig, und du wirst dich dann in meine Mühen leichter fügen. Und nun zur Minerva!“
RB|2|194|1|1|Die Geduld Gottes. Gleichnis vom Riesendiamanten und dem Kolibri. Minervas satanische Versucherlehre. Kados schlagende Richtigstellung.
RB|2|194|1|1|(Am 21. Mai 1850)
RB|2|194|1|0|Hier wendet sich Kado zur Minerva und sagt: „Wie lange noch Satana, wirst du missbrauchen unsere Geduld? Willst du selbst denn gar nichts tun außer Arges und Böses nur? Siehe, so die allmächtige und allgütige Gottheit erschaffen hätte einen Diamanten so groß, dass ein Blitzstrahl von einem Pol bis zum andern eine Zeit von einer Million von Erdjahren bedürfte, um solch eine weite Strecke zu durchfliehen – und erschüfe hierzu aber auch ein kleinstes Kolibri-Vöglein und bestimmte, dass dies Vöglein alle tausend Erdjahre einmal zu dieser Diamantkugel hinzuflöge und stieße nur einmal mit seinem Schnabel an sie – so hätte das Vöglein der Kugel schon lange einen Garaus gemacht, indem es durch das überoftmalige Berühren die obgleich unnennbar harte Materie derselben mittelst des Schnäbelchens längst bis zum letzten Atom abgenützt hätte. An dich wurden schon tausend solche Zeitenläufe verwendet, und noch bist du ganz dieselbe, die du warst im Anfang und Beginn aller Zeiten der Zeiten. Kein Geist kann es fassen, welche Geduld dir die Gottheit stets erwies und welche Wege eingeschlagen wurden, um dich lauter zu zeihen. Aber bisher – hm – ungeheuer undankbar, bisher vergebens. Ich meine, es wäre nun wohl schon einmal an der Zeit, dass du dein ganzes Wesen in jene Ordnung brächtest, die dir von Gott schon von Ewigkeit her getreust und sichtlichst vorgezeichnet ist.“
RB|2|194|2|0|Spricht die Satana-Minerva: „Und was tat ich denn je, das da gewesen wäre wider deine Gottesordnung? Du sprichst fortwährend von einer gewissen Gottesordnung und scheinst im Grunde es selbst auch nicht einmal zu ahnen, was die eigentliche Gottesordnung ist und worin sie besteht. Wenn ich, als der ausgeschiedene unlautere Teil, den fortwährenden Gegensatz zu dem reinen Teil der Gottheit darstelle, und das unverrückt, so wie die Gottheit Selbst unverrückt in ihrer göttlichen Reinheit verbleibt – ist dann das etwas anderes als eben die Gottesordnung selbst in ihrer Totalumfassung? Und was tue ich denn, das man vor Gott als unrecht, also als etwas Arges und Böses bezeichnen könnte? Es ist wahr, ich versuchte stets die Menschheit, ob sie in ihrer Tugend für Gott und Seine Liebe feuerprobehältig sei oder nicht. War sie es, nun, so hatte meine Versuchung ohnehin für alle Ewigkeit ein Ende; und war sie es nicht, so ward ihr durch meine Versuchung nichts als eine neue Gelegenheit gegeben, sich in der wahren Tugend zu festigen und feuerprobehältig zu machen.
RB|2|194|3|0|Den Stolzen machte ich noch stolzer, auf dass er durch dieses Laster am Ende in sich selbst gedemütigt werde. Denn nichts heilt dieses Laster besser, als eben die Überschwänglichkeit dieses Lasters selbst, wenn nicht schon auf der materiellen Probewelt, so doch sicher hier, früher oder später, was ein gewisser Kado an sich selbst mag erlebt haben. Also mache ich auch die sinnlichen Gäulböcke noch sinnlicher und gäuler, als sie von Anfang her sind, und das so lange, bis sie sich in eben diesem Laster bis in ihre letzte Lebensfiber selbst gefangen haben, und ihnen eben dieses Laster zur größten Qual und Pein wird, als wann sie dann erst aus höchsteigenem Antrieb diesem Laster den Rücken kehren und den Weg der Keuschheit zu betreten und fortzuwandeln anfangen. Schon auf der Materienwelt habe ich durch gewisse körperliche Krankheiten diesem Laster Grenzen gesetzt. Und helfen diese nicht, so habe ich hier schon noch viel stärkere Mittel, den Seelen dieses Laster am Ende so verächtlich als nur immer möglich zu machen.
RB|2|194|4|0|Und wie ich's mache mit den beiden hier angeführten Lastern, also mache ich es mit jedem Laster. Ich bin ein scheinbarer Beförderer des Lasters, das ist wahr. Ich fühle jedem Hiob auf den Zahn. Aber nie noch ist von mir aus ein Laster belohnt worden, außer der Lasterhafte war noch zu wenig lasterhaft, um das Laster zu verabscheuen; da freilich wohl musste ich durch allerlei Lockungen den Lasterhaften noch lasterhafter zu machen streben, um ihn auf den Kulminationspunkt des Lasters zu heben, wo er dann erst das Laster als solches erkennen musste, es dann verabscheuen und für ewig Abschied nehmen von selbem. Ich und die Gottheit verfolgen ja stets das gleiche Ziel, nämlich die Reinigung der geschaffenen Seelen, damit sie tauglich würden, zu tragen den ungeschaffenen reinsten und mächtigsten Geist aus Gott.
RB|2|194|5|0|Gott ist der Töpfer, ich aber bin das Feuer. Wie aber kein Topf zu brauchen ist zum Kochen beim Feuer, der nicht eher im Feuer selbst gefestet worden wäre, also ist auch keine Seele fähig, eher das Feuer der göttlichen Liebe zu ertragen, als bis sie nicht durch mein Feuer gefestet und als feuerbeständig gemacht ward. So ich aber das tue, was ich tun muss, wie kannst du je es nur zu sagen wagen, dass ich nicht nach der Ordnung Gottes, der ich, wie alle Dinge, ewig unterstehe, lebe und handle? Ja, so du mir je nachweisen kannst, dass ich das Laster belohnt habe, dann hast du recht! So ich aber des Lasters größte und unerbittlichste Züchtigerin bin, da ist deine Rede blind und schabt an der Rinde nur, da sie nie des Kernes ansichtig werden kann.
RB|2|194|6|0|Oder kannst du dir eine Tätigkeit denken aus purer positiver Bewegung? Muss nicht ein Fuß unterdessen ruhen, also eine negative Bewegung machen, damit in der Zeit der andere Fuß die frei, positive Bewegung machen kann? Ein Fuß muss also stets eine Sünde gegen die Bewegung machen, damit eben aus der Sünde gegen die Bewegung und aus der Bewegung des je einen Fußes eine vollkommene Bewegung wird. Müssen nicht gewisse Punkte und Stellen sich im Zustand der Ruhe, also im Zustand der Sünde gegen die Bewegung sich befinden, damit sie von dem Wanderer erreicht werden können? Muss es nicht eine Nacht geben, damit der Sehende und Lichtverwandte das Licht schätzen und heiligen lernt? Muss es nicht wenigstens einen scheinbaren Tod geben, auf dass durch ihn das Leben verherrlicht wird? Und was wäre denn die Seligkeit für den Geist, dem das Gefühl möglicher Unseligkeit nicht innewohnte? So es keinen Schmerz gäbe, wie sähe es da mit dem Wohltun der Gesundheit aus? Und gäbe es wenigstens kein scheinbares Böse, wie sähe es dann mit dem Guten aus? Siehe, alles muss seinen Gegensatz haben, damit es sei! Und so ich der Grund alles Gegensatzes bin, wie bin ich dann wider die Ordnung Gottes?“
RB|2|194|7|0|Spricht Kado: „Meine liebe Minerva oder was anderes! So du auf einer Universitätskanzel auf der Erde, und zwar entweder in Freiburg oder Jena, Stuttgart oder Berlin eine solche salbungsvolle Rede über die Gottesordnung deines satanischen Wesens gehalten hättest, wahrlich, du hättest bei diesen gelehrten Gremien ein nicht unbedeutendes Aufsehen erregt – ob sie dir schon mit der Bemerkung entgegengekommen wären, dass sie es schon wissen, dass ein Topf eher gebrannt werden müsse, bevor er zum Kochen tauglich sei; wie auch, dass man beim Gehen stets einen Fuß um den andern aufheben muss, um weiterzukommen. Aber dass du durch deine gegenwärtige Rede mich zu einer guten Überzeugung über dein Wesen hast zu bringen vermeint, da hast du einen äußerst lächerlich starken Fehlschuss gemacht. Denn fürs Erste zeigtest du, dass du dich selbst noch nie erkannt hast und daher auch gar nicht wissen kannst, wie du beschaffen bist und welche Richtung du dir selbst nach der Gottesordnung geben sollst. Und fürs Zweite kennest du mich gar nicht, nicht einmal dem Namen nach, dass du solch dummes Zeug vor mir dich auszusprechen getraust.“
RB|2|194|8|0|Unterbricht ihn die Minerva: „Du heißt Kado!“ – Spricht Kado weiter: „Ja, so heißt mein Rock, den Ich nun anhabe. Aber ich selbst heiße anders! Sage, wie kann es dir je beifallen, dass Gott die Seele durch Laster bessern werde oder zulassen, dass sie durch Anhäufung von Lastern auf Laster rein, stark und edel werde, und kräftig zur Tragung Seines Geistes? Siehe, um dir kurz deine Narrheit zu zeigen, so sage Ich dir bloß und frage dich: Ob ein Kleid dadurch besser und vollkommener wird, wenn man Tag für Tag, irdisch genommen, einen neuen Riss in dasselbe macht? Oder ob ein weißes Tuch, das ohnehin schon einige Flecken hat, dadurch rein und weiß wird, so man statt es im reinen Wasser zu waschen, nur stets fort frische, ganz kohl- und pechschwarze Flecken hineinmacht? Oder wird ein schadhaftes Haus dadurch wieder fest und bewohnbar werden, so man, statt es mit neuem, gutem Material zu unterstützen und auszubessern, von dem alten, ohnehin morschen Material stets mehr wegreißt und zerstört und dadurch die Schadhaftigkeit des Hauses stets mehr und mehr vergrößert? Oder wird eine ohnehin schon sehr verstimmte Harfe dadurch reiner klingen, so man, statt sie rein zu stimmen, sie nur stets mehr verstimmt und ihr zudem noch eine Saite um die andere wegnimmt und zerstört? Wird es lichter in einem Gemach, so man ein Fenster ums andere verstopft und ein im Gemach allenfalls noch mattglimmendes Lämpchen auch noch dazu ganz auslöscht? Werden aus einer Schule, in der nichts als Huren, Fluchen, Stehlen, Rauben, Plündern und Morden gelehrt wird, wohl am Ende reine, zarte, sanfte, ehrliche, gute, liebe und moralisch gebildete Menschen hervorgehen? Und wird es mit einem Kranken besser werden, so man ihm durch schädliche und giftige Arzneien und durch Schläge und gewaltige andere Züchtigungen zu Hilfe kommen wird? Oder wird ein Bettler reicher, so man ihm noch das Wenige, das er sich mühsam erbettelte, wegnehmen wird, anstatt ihm etwas zu geben?
RB|2|194|9|0|O sieh, du Dümmste und Blindeste, zehntausend Beispiele könnte ich dir anführen, wo eines genügt, den krassesten Unsinn deiner Rede mehr denn handgreiflich darzustellen! Aber es genügen die wenigen, aus denen du hoffentlich denn doch ersehen musst, welch dümmsten Geistes deine Rede und quasi Lehre an mich war. Was wolltest denn du damit beweisen? Etwa deine Unschuld – weil du kein Laster je belohnt hättest?! O Unsinn alles Unsinnes! Sage mir, wie möglich könnte man denn den Toten einen Lohn geben? Wie kannst du einen Stein belohnen für einen allfälligen Schwerdienst, den er dir, unbewusst irgendeiner Eigenschaft und Kraft in ihm, bloß durch seine natürliche, in ihm hart gerichtete Schwere geleistet hat? Oder welchen Lohn kannst du einem gebratenen Vogel darum geben, dass er sich von dir hat fangen, töten, braten und fressen lassen? O du Unsinnigste aller Unsinnigsten!
RB|2|194|10|0|In solcher Weise also willst du dennoch behaupten, dass du ganz der göttlichen Ordnung gemäß handelst!? Und von dir selbst sagen, du und Gott verfolgen stets ein und dasselbe Ziel!? O du Allerelendeste! Gott willst du dich gleichstellen, ja dich Ihm sogar voranstellen, als wärst du nahe vorzüglicher denn Er! Siehe, meine Liebe, das ist etwas zu arg; das kann für fernerhin nimmer geduldet werden! Daher wird von nun an deine Scheinfreiheit selbst wieder sehr bedeutend eingestellt werden! Denn du hast dich nun an den Rechten Gottes stark vergriffen und vergreifst dich blind [an ihnen] auf der Erde mit deinen Baalsdienern, die im Gold und Silber Gott zu dienen vorgeben, und hast dich an den Rechten der Könige und ihrer Völker vergriffen, und darum werden sie dir bald ein vollstes Garaus machen! Und dir wird nichts übrigbleiben, als mit einigen wenigen Schweinen der Könige und Fürsten, welche Schweine da sind jene blinden Anhänger deiner Götzenlehre, die du durch deine Reliquien- und Wundermärchen-Moral dazu gezogen und herbeigebracht hast, die bekannten Treber zu fressen. Hebe dich aber nun von dannen, denn deine Gegenwart ist mir zum Ekel geworden!“
RB|2|195|1|1|Minervas Arroganz bringt Helena in Rage. Helena gibt Minerva eine Ohrfeige. Kado über das diktatorische Herrschertum als Zuchtrute. Minerva geht.
RB|2|195|1|1|(Am 24. Mai 1850)
RB|2|195|1|0|Spricht die Minerva, sich vom Kado abwendend und wie schon im Sichentfernen begriffen: „Ich werde gehen, so ich es selbst werde wollen! Aber gebieten lasse ich mir's von niemanden, weder von Gott noch von jemand anderen, der da wähnt, als habe er über mich irgendeine Gewalt! Verstanden, Herr Kado? Ich bin auch eine erste Majestät der ganzen Unendlichkeit, und alle Wesen müssen erbeben, so ich mein Haupt und meinen Arm erhebe. Verstanden, Herr Kado? Ich werde mit euch nun in einem ganz anderen Ton zu reden beginnen; denn meine Macht und meine nie besiegbare Kraft erteilen mir dazu das unbestreitbarste Recht! Wo aber ist der, der es mir nehmen könnte? Ich allein bin ein Herr! Alles andere ist unter meiner gouvernementalen Knechtschaft von Ewigkeit her gewesen!“
RB|2|195|2|0|Unterbricht sie Helena, sagend: „Meine lieben Freunde und Brüder! Jetzt halte ich es aber nimmer aus! Nein, was diese Ewigkeitssau sich alles zu sein einbildet, das ist ja der ganzen Unendlichkeit ungleich! Jetzt will sie sogar mehr als Gott der Herr Selber sein! Na, das ginge unsereinem noch ab! O du Mistsau du, höllische du! Jetzt schau, dass du weiterkommst, sonst werden meine Mandelbäume für dich bald zu blühen anfangen; o du Mistsau du!“ – Spricht die Minerva: „Schweige, du Lerchenfelder Jauchenkrott, sonst vernichte ich dich!“
RB|2|195|3|0|Die Helena, förmlich wachsend vor Ärger, spricht darauf sehr laut: „Waaaaaas sagst, unterhöllisches Zindhölzl! Du wunderbare Kasernen-Sch... Hauslaterne, du ewige Parfümbüchse aus allen Schmutzwinkeln der ganzen Welt, du dürrster Ast am Baum der Erkenntnis, du alte Badwanne für alle venerischen A..., du übergrausliches Schwein du, du willst mich vernichten!? Na warte, du grausliche, aller höllischen Misthaufen stinkendste Unterlag'! Nicht genug, dass sie ohnehin mehr sein will als alle Menschen und Engel Gottes, nicht genug, dass sie mehr sein will als Gott Selbst! Nein, das ist dem Satan aller Satane noch viel zu wenig! Er oder sie, was immer ein und derselbe Satan ist, will auch dazu noch alles vernichten, mich auch, und euch beide sicher auch! O ganz natürlich, was soll denn so einer allmächtigen Sau nicht alles möglich sein?“
RB|2|195|4|0|Spricht vor Wut ganz bebend die Minerva: „Nein, das ist zu stark! Gott, wie kannst du es je zulassen, dass Dein urerstes, vollkommenstes Geschöpf von einem Dreckwurm so grässlich verlästert wird? Stopfe diesem ekelhaftesten Wurm das Maul, sonst muss ich mich an ihm vergreifen!“
RB|2|195|5|0|Bemerkt die Helena zum Robert: „Aha, lässt schon ein wenig handeln, die Mistsau! Jetzt ruft sie schon den lieben Herrgott an! Aber der wird ihr was pfeifen!“ – Hier tritt die Minerva ganz von Wut entbrannt zur Helena hin und sagt mit einer gellenden Schreistimme: „Wenn du nur noch ein Wort redest, so vergreife ich mich an dir, so wahr ein Gott lebt!“
RB|2|195|6|0|Die Helena aber springt hier auf vor Ärger und gibt der Minerva eine derartige wohlgezielte Maulschelle, dass die Minerva niedersinkt und einige Schritte von der Helena hinwegpurzelt und da eine Weile ganz erschöpft liegenbleibt. – Die Helena aber, ganz erfreut über ihr gelungenes Zuchtwerk an der Minerva, sagt nach der wohlgeführten Maulschelle: „Da hast du, stolzer Wanzenduft aus der Hölle, so ein kleines Vorspielerl! Wenn's aber beliebt, so kann das Hauptspiel schon nachfolgen!“
RB|2|195|7|0|Spricht die Minerva, sich vom Boden erhebend und ihr Gesicht abwischend: „Habe hinreichend genug, um mir den gediegensten Begriff von der Humanität und zartesten Liebenswürdigkeit der lieben Kindlein des Herrn Himmels und aller Erden zu machen. Besonders schön aber ist das von dir Kado, der du mich auf dem bewussten Hügel dort nahe vor lauter Liebe gefressen hättest, dass du mich hier sogleich mir und dir nichts ohrfeigen lässt, als wäre ich irgend auf der Erde noch ein allerletztestes Kuhmensch, um recht gemein zu reden. Es bleibt dir aber gemerkt, verstehe!“
RB|2|195|8|0|Spricht Kado: „Ist dir sehr recht geschehen! Warum bist du nicht gegangen, als ich dich zu gehen beheißen habe?“ – Spricht die Minerva: „Aber habe ich denn von Gott deshalb den freiesten Willen empfangen, um ihn für ewig in des Gehorsams engste Zwangsjacke einzupferchen? Hätte es der Schöpfer gewollt, dass ich gehorchen soll, so hätte Er mich doch sicher auch gleich wie dich mit einem gehorsamen Willen begabt. Aber da Er das sicher nicht wollte, da bin ich denn auch wie ich bin – nämlich meines eigensten und niemanden gehorchen-könnenden allerfreiesten Willens! Siehe, so Gott alle Wesen und alle Geister gleich mit einem gehorchenden Willen begabt hätte, wer würde dann den blinden Völkern auf der Erde einen regierenden Kaiser, König, Herzog und Fürsten abgeben können? Denn das wirst du doch wissen, dass auf der Erde die Kaiser, Könige und Herzoge und Fürsten niemanden zu gehorchen pflegen – außer einem guten Rat zu ihren Gunsten.“
RB|2|195|9|0|Sagt Kado: „O ja, das weiß ich! Darum sprach aber Jehova durch den Mund Samuels zu den Kindern Israels: ‚Zu allen Sünden, die dieses Volk vor Meinen Augen schon begangen hat, tut es nun auch diese größte hinzu, dass es gleich den Heiden von Mir einen König verlangt. Ja, es soll einen haben, auf dass er es züchtige und führe in die Gefangenschaft!‘ – Siehe, so lautet das Gotteszeugnis über die Könige. Kannst du daraus wohl schließen, dass die gegenwärtigen wie vorgewesenen Regenten aus dem Willen Gottes hervorgegangen sind? Ich sage dir, die Regenten aller Zeiten, auch die besten, sind nicht aus dem Willen Gottes, sondern lediglich aus dem Willen der Völker der Erde hervorgegangen und bestehen noch gegenwärtig also. Würde ein Volk irgend zu der Erkenntnis kommen, dass es Gott in aller Wahrheit zum ewigen Regenten über sich setzte, so würde Gott solch ein Volk auch sogleich von dieser Zuchtrute freimachen und es Selbst leiten durch Seine Engel in Menschengestalt. Aber so die Völker nur um das Gegenteil, also um eine beständige Erhaltung solcher Zuchtrute zu Gott flehen, so müssen sie sich aber auch alle die Schläge gefallen lassen, die ihnen ohne alle Schonung von dieser Rute zugefügt werden.
RB|2|195|10|0|Dein Beispiel also fällt ins Blaue, mittelst dem du deinen Ungehorsam beschönigen wolltest. Denn alle die Regenten, mögen sie gut oder böse sein, gehen nicht aus dem Willen Gottes, sondern aus dem Willen und Hochmut der Menschen hervor, die da groß und mächtig sein wollen durch den Glanz ihres Königs. Aber weil die dummen Menschen lieber einen Menschen über sich gesetzt haben, als Gott, den Herrn aller unendlichen und ewigen Herrlichkeiten der Herrlichkeiten, so verleiht Gott diesem Menschen auch nach der Beschaffenheit der ihm untergebenen Menschen jene diktatorische Gewalt, mit der er sie, die Untergebenen, so ganz nach seinem Willen leiten und züchtigen kann, so sie irgend seine Gesetze nicht beachten. Und diese Gewalt ist dann auch von oben, und der König muss sie üben, weil er von oben so gerichtet wird. Denn es steht geschrieben: ‚In Seinem Zorn gab Gott den Juden einen König!‘ Der Zorn ist aber keine Liebe, die alles freimacht, sondern ein Gericht, das da alles bindet und nötigt. Glaube du ja nicht, dass da ein König wollen kann, was er frei will – sondern glaube, dass ein König wollen muss, wozu ihn der Gotteszorn nötigt. Hat ein König auch keinem Menschen zu gehorchen, so muss er aber doch Gott wissentlich oder unwissentlich gehorchen. Aber so er Liebe übt für Recht, so wird Gott Seinen Zorn im gewalthabenden König auch sänftigen und in Liebe umwandeln. Verstehst du solches?
RB|2|195|11|0|So du mich verstehst, so werde sanft und übe Liebe – so wird Gott dich ansehen und sanfter und sanfter zeihen dein Herz! Und ein sanftes Herz wird dich in alle Zukunft bewahren vor einer Misshandlung, so wie auch sanfte Könige von ihren Völkern am wenigsten zu befürchten haben, so ihre Handlungen im Übrigen den Gesetzen nach gerecht sind und keine Blößen haben. Gehe, und werde also, so wirst du Ruhe haben und wirst geachtet sein! Denn die wahre Achtung wird nur aus der Liebe gezeiht, wie auch jede Freiheit. Der aber ihm eine Achtung erzwingen will, dem wird sie nimmer in der Wahrheit, sondern nur zum Schein aus Furcht; und diese Achtung ist keine Achtung, sondern nur ein Fluch – und zwar derselbe Fluch, der seit deinem Beginn dein Anteil. Fasse solches! Und gehe und ändere dich!“
RB|2|195|12|0|Spricht die Minerva: „Ja, ja, ich gehe und werde mich bestreben, mich womöglich zu ändern.“ – Hier kehrt sie den dreien den Rücken und geht von dannen, und verliert sich bald aus dem Gesichtskreis der Helena und des Robert, aber nicht auch aus dem des Kado.
RB|2|195|13|0|Als aber die Helena nun von der Minerva nichts mehr ersieht, sagt sie: „Gott dem Herrn allein das Lob, der mir in eurer Mitte den Mut gegeben hat, dass ich dieser ersten Feindin alles Lebens die Courage habe abgewinnen können. Ich meine, von nun an dürften wir vor ihr endlich einmal wohl Ruhe haben?“ – „O ja“, spricht Kado, „wir wohl! Aber auf der Erde wird sie noch viel Unheil stiften. Aber dann wird sie mehr und mehr in sich gehen durch gewaltige Züchtigungen und Demütigungen. Aber nun fragt es sich, was nun wir beginnen werden. Denn seht, die Pforte hat sich noch nicht geöffnet! Was werden wir nun tun?“
RB|2|196|1|1|Roberts und Helenas Ärger vor der Himmelspforte. Kados weiser Rat.
RB|2|196|1|1|(Am 26. Mai 1859)
RB|2|196|1|0|Spricht Robert: „Ja, mein geliebtester Freund, da steht mein Verstand noch immer wie ein Paar junger Ochsen am Berg! Wer sich da auskennt, der muss weiterher sein als ich. Wenn der Herr gesagt hätte: ‚Dort vor jener Pforte, die in das vierte und größte Gemach deines Hauses führt, harrt Meiner bis Ich nachkomme und euch öffne das Tor des Lebens!‘ – da wäre dieser Wartezustand ein natürlich-erträglicher und man könnte sich ein längeres Harren wohl ganz begreiflichermaßen gefallen lassen. Aber so sprach der Herr doch ausdrücklich schon von einer offenen Türe und dass ich mit der Helena nur alsogleich vorauseilen soll, und gewisserart mich darinnen umsehen, und für die Aufnahme und für den Empfang der Nachkommenden da sein soll, wie ich es wenigstens aus Seiner klaren Rede entnommen. Und hauptsächlich aber sagte Er ausdrücklich von der hier nötigen Eile wegen großwichtiger Dinge, die uns da erwarten und von uns zu versehen und abzumachen seien.
RB|2|196|2|0|Wir eilten nach aller Möglichkeit hierher voran, um dem Willen des Herrn ja pünktlichst nachzukommen. Wir kamen, fanden die Pforte aber unaufmachbar und stehen nun schon eine allergeraumste Weile vor der verschlossenen. Frage: Was ist das, was heißt das, und warum denn das also? Wie gesagt, wer sich da auskennt, der muss von sehr viel weiter irgendwoher sein als ich. Das ist denn doch wahrlich etwas zu stark! Ich lasse mir wohl auf der Erde von dummen und aberwitzigen Menschen eine Erste-April-Sendung gefallen; aber hier im Reich reiner Geister, und namentlich vom Herrn Selbst, sieht diese für mein Erkenntnis, wie es ist, barste Fopperei doch etwas sonderbar aus.
RB|2|196|3|0|Aber: ultra posse nemo tenetur (von niemand kann man übers Vermögen verlangen). Wir erfüllten bisher, soweit unsere Kräfte genügten, des Herrn Willen doch sicher vollkommen. Es geht nun nicht mehr weiter, und so bleiben wir denn auch hier stehen. Versorgt scheinen wir gerade mit allem zu sein, was uns nottut. Ums vierte Gemach aber werde ich mich von nun an sehr wenig zu kümmern anfangen. Freilich heißt es, dass das Himmelreich Gewalt leide, und dass man es mit Gewalt an sich reißen muss, um es zu besitzen. Aber kann man dem Himmelreich wohl eine größere Gewalt antun, als sie einem zu Gebote steht? Ich meine, das wäre eine Kunst aller Künste! Wir haben einmal unser Möglichstes geleistet, und es ging nicht. Nun soll sich jemand anderer daran machen und sein Glück versuchen.“
RB|2|196|4|0|Spricht die Helena: „Schau, aber gerade dieser Meinung bin ich auch. Was einmal durchaus nicht gehen will, davon wende man sich ab und lasse es stehen.“
RB|2|196|5|0|Spricht Kado: „Meine Lieben, ihr räsoniert zwar recht, wie man sagt, vernünftig; aber dem ungeachtet kann ich mich eurer Meinung nicht anschließen, da ich an der Möglichkeit nicht zweifle, dass diese Pforte eröffnet werden könne. Haben wir denn schon alles versucht? Ich sage: Nein, das haben wir wahrlich nicht! Und so am Ende die Pforte doch offen wäre und ihr sie nur darum nicht hättet eröffnen können, weil ihr höchstwahrscheinlich, wie es mir nun bei genauerer Betrachtung dieser Pforte ganz klar wird, sie umgekehrt zu eröffnen euch bestrebtet!
RB|2|196|6|0|Ihr habt die Pforte nach öfterer Umdrehung des goldenen Schlüssels wohl mit aller Kraft hineindrückend öffnen wollen – und ich selbst half euch, nach eurem Wollen und Erkennen und Begehren, denn ihr wisst, dass hier jede Hilfe sich danach zu richten hat, wie der, dem sie werden soll, sie geleistet zu haben wünscht, indem das die Ordnung der Himmel bedingt. Aber ich sehe den Irrtum recht gut ein, konnte ihn aber auch nicht eher aufdecken, als bis ihr nicht selbst durch ein gewisses Suchen, Bitten und Anklopfen dahintergekommen sein dürftet. Ich habe euch zwar wohl auf diesen evangelischen Rat aufmerksam gemacht; aber ihr habt ihn nicht befolgt, und so habt ihr auch die Entdeckung nicht machen können, dass diese Pforte nicht nach innen hinein, sondern nur nach außen aufzumachen ist, und das aus dem ganz natürlichen Grund, weil die Pforte auch das Himmelreich im kleinsten Maßstab vorstellt, das man mit Gewalt an sich reißen, nicht aber von sich hinwegschieben darf. Es ist aber ja natürlich schon so, dass, so man etwas haben will, man dasselbe zu sich nehmen und gewisserart an sich ziehen muss, nicht aber von sich hinwegschieben.
RB|2|196|7|0|In den Himmeln ist einmal in allem und jedem vom Kleinsten bis zum Größten dieselbe feste, unwandelbare Ordnung, der nirgends, und sei es in noch so was Unbedeutendem, wie es nur irgendetwas Unbedeutendes geben kann, dawider gehandelt werden darf, und so ist es auch beim Toraufmachen. Ihr habt dieser Ordnung dawider gehandelt und habt daher nichts ausgerichtet. Versucht es nun, im Namen des Herrn ordnungsmäßig mit der Eröffnung dieser Pforte vorzugehen, und ihr werdet das sicher erreichen, was ihr schon lange hättet erreichen können.“
RB|2|196|8|0|Spricht Robert-Uraniel: „Aber liebster Freund, ich begreife nun meinen gewaltigsten Irrtum! Aber etwas anderes begreife ich nicht, und das bist du, liebster Freund, selbst! Woher du solche Weisheit nimmst, vor der ich mit der meinen nun schon zu einer Blattmilbe herabsinke? Ich sage: eine Weisheit, vor der sogar der tiefweiseste Cherub einen allergrößten Respekt haben müsste, so er sie hier an meiner Seite vernähme! Wahrlich, das ist mir ein Rätsel der Rätsel! So der Herr hier wäre, so könnte Er mich unmöglich weiser belehren, als wie du mich nun belehrt hast! Wahrlich, das ist mir ein Rätsel der Rätsel!“
RB|2|196|9|0|Spricht auch die Helena hinzu: „Ja, ja, das ist wahr! Wie der Freund Kado weise ist – das ist wahrlich allen Himmeln ungleich. Er muss es aber auch sein, sonst hätte der Teufel keinen solchen Respekt vor ihm. O das hat der Freund schon auf jenem Hügel bewiesen, wo er dem Teufel der Teufel ganz kurios die Courage abgekauft hat. Wenn ich auch gerade nicht, wie der Miklosch, immer hingesehen habe, so habe ich aber dennoch alles gesehen, was dort vorgegangen ist, und darum habe ich aber auch einen besonders großen Respekt vor dem Kado.“
RB|2|196|10|0|Spricht Kado: „Aber meine liebe Freundin, weißt du denn nicht, dass Kado eigentlich selbst ein Teufel war? – und dass sonach auf dem bewussten Hügel des Nordens ein Teufel dem anderen in den Haaren lag?“ – Spricht die Helena: „Wenn Kado jemals ein Teufel war, so war ich sicher desgleichen zehnfach, aber Kado war nie ein Teufel im Ernst, sondern vielleicht bloß nur erscheinlich – um dem andern wahren Teufel desto mehr opponieren zu können! Und das ist auch eine große Weisheit, die einem wahren Teufel darum unmöglich ist, weil in ihm keine Liebe wohnt.“
RB|2|196|11|0|„Bravo!“, sagt Kado, „das ist dir gut gelungen! Solange im Kado keine Liebe war, war in ihm auch keine Weisheit, wie aber Kado in sich die Liebe aufnahm, da belebte er auch die Weisheit und kämpfte dann mit dieser Waffe wider den Teufel – eine Waffe, vor der jeder Teufel den größten Respekt hat.
RB|2|196|12|0|Aber nun macht euch einmal an die Eröffnung der Pforte. Denn ich sehe dort in wohl noch sehr starker Ferne die ganze große Gesellschaft sich hierher bewegen. Was wird sie sagen, so sie uns noch hier vor der uneröffneten Pforte treffen wird?“
RB|2|196|13|0|Spricht Robert-Uraniel: „Ich habe vor der Eröffnung dieser Pforte nur noch einen einzigen evangelischen Anstand – eben mit der Pforte selbst. Es heißt im Wort des Herrn ausdrücklich: ‚Die Pforte aber, die in den Himmel führt, ist eng. Ihr müsst durch die enge Pforte ziehen, so ihr in den Himmel kommen wollt!‘ – und ungefähr so weiter im Buch des Lebens. Betrachte aber diese Pforte, welche Höhe und welche Breite! Meinst du wohl, dass dies ein rechter Eingang in den Himmel ist?“
RB|2|196|14|0|Spricht Kado: „Freund, du hast noch manche materielle Vorstellung vom Gotteswort! Bedeutet denn die enge Pforte im Evangelium nicht die Demut des Herzens – und nicht eine wirkliche Türe? Aber schaue doch! Öffne sie nur, diese hohe Pforte! Sie wird dir wohl auch noch etwas eng werden!“
RB|2|196|15|0|Spricht Robert-Uraniel: „Es ist doch wahrlich manchmal in hohem Grad merkwürdig, wie dumm man zuweilen wird! Ja man wird manchmal wirklich dümmer als ein Ochse! Denn ein Ochse bleibt denn doch vor einem Tor stehen, aber unsereiner wollte sozusagen mit dem Kopf sogleich durch die Mauer rennen. Und sieh, Bruder, ich war nun unbegreiflicherweise so dumm und wollte diese Pforte stets hinein von mir weg aufmachen. Als es mit leichter Mühe nicht gehen wollte, brauchte ich Gewalt. Und als es auch mit aller Gewalt nicht ging, da ward ich sogleich verdrießlich, wollte meine Kleider nicht mehr, wünschte mir die Minerva her, auf dass sie mir ein wenig im Schimpfen unter die Arme greifen möchte. Aber dass es mir anstatt all dieser Dummheiten eingefallen wäre, dass die Pforte vielleicht herauswärts zu mir aufzumachen wäre; o von dem wäre mir ja nicht eine Silbe eingefallen! Gelt Helena, du wirst mit mir eine rechte Freude haben, weil ich so schön dumm bin wie zehn Ochsen auf einmal?“
RB|2|196|16|0|„Ah, das ist alles eins!“, spricht die nun schon wieder sehr munter aussehende Helena, „ich bin ja ebenso dumm! Hätte es mir ja doch auch einfallen können, was der Freund Kado uns geraten hat. Aber so man schon dumm ist, da ist man dann aber auch recht dumm. Zwar wissen wir beide noch nicht als ganz bestimmt, ob die Pforte herwärts sich öffnen werde oder nicht. Aber es ist dessen ungeachtet schon dumm genug, dass wir beide damit keinen Versuch gemacht haben. Nun aber gehe doch hin und versuche die Geschichte noch einmal, und zwar nach hineinwärts – dann aber erst, wie es dir der Freund Kado geraten hat.“ – Spricht Robert: „Nein, nach hineinwärts versuche ich's nimmer! Aber nach heraus zu mir soll sogleich ein Versuch gemacht werden.“
RB|2|197|1|1|Die Pforte öffnet sich und zeigt die Stadt Wien. Das Wesen jenseitiger Erscheinlichkeiten. Robert staunt über Kados Weisheit. Kindisch und kindlich.
RB|2|197|1|0|Damit tritt der Robert sogleich zur Pforte hin, macht mit leichter Anstrengung seiner Kräfte den Versuch. Und der hohen Pforte breite und schwere Flügel gehen ohne allen Anstand auf.
RB|2|197|2|0|Als nun die Pforte also eröffnet dasteht, fängt der Robert an, hellauf aufzulachen, und sagt: „Nun, da haben wir nun den Himmel in der für diese Welt wahrlich allerseltsamsten Art vor uns! Nein, das ist wahrlich komisch über komisch! Geh, Helena, komm her und schaue!“
RB|2|197|3|0|Helena kommt und sieht schnell mit großer Aufmerksamkeit durch die geöffnete Pforte und sagt nach einer kurzen Weile: „Je, je, das ist ja Wien, wie es leibt und lebt! Und wir stehen hier wie am Weinberg bei der Spinnerin am Kreuze! O du himmlische Süßigkeit übereinander! Wien und nichts als Wien! Also das ist das glorreiche vierte himmlische Gemach deines Hauses! Ah, Respekt! Nun, itzt können wir uns nachher in Wien gleich wieder um ein Dienstl umsehen! Oder weißt du was, wir fangen auf den Basteien ein bisschen zu spucken an, zünden – natürlich unsichtbarerweise – eine Kanone um die andere los! Am Ende hebt so was für die armen Wiener den Belagerungsstand auf. Nein, aber Spaß beiseite, komisch ist das wohl, Himmel erwarten und nach Wien auf d' Erd' dafür kommen! Nun, was sagst du dazu?“
RB|2|197|4|0|Spricht Robert: „Ich habe es dir ja ehedem gesagt, als du mit der Minerva gar so gewaltig geoberlerchenfeldelt hast, dass wir statt in die reinen Gotteshimmel noch ganz rein nach Oberlerchenfeld kommen werden! Und da siehe, meine Prophezeiung ist in die Erfüllung gegangen! Vor Wien stehen wir bereits, und so werden wir wohl auch noch nach Oberlerchenfeld kommen! Muss nun aber doch auch unsern Freund Kado herführen, damit er die liebe Wienerstadt sieht.“
RB|2|197|5|0|Robert beruft den Kado, der unterdessen dahin seine Beobachtungen machte, von woher die große Gesellschaft ziehe. Kado geht sogleich hin, und Robert sagt zu ihm: „No Freund, wie gefällt dir denn der Himmel des irdischen Hauses Österreich? A saub'res himmlisches Jerusalem das! Siehst du die Palisaden, die Schießscharten und die schönen Kanonen, Mörser und Bombenkessel? Nimmst du die Wachen aus und ihre herrlichen Blockhäuser? Ah, das ist wirklich schön: die himmlische Stadt – auch im Belagerungszustand!“
RB|2|197|6|0|Spricht die Helena: „Du, Freund Kado, sage mir, ob wir für die Sterblichen nicht könnten auf eine kurze Zeit uns sichtbar machen, aber gleich darauf wieder unsichtbar? Weißt du, so ein bisschen nur möchte ich mir den Spaß machen, die lustigen Wiener ein wenig zu necken! Vielleicht brächte sie so eine Neckerei auch um den Belagerungszustand. Und sollen Robert, ich und du etwa gar in dieser Welt Wohnung nehmen, so werden wir etwa doch den Belagerungszustand eher kassieren?“ – Spricht Kado: „Aber liebste Helena! Meinst denn du doch im Ernst, dass dies das wirkliche, irdische Wien sei? Siehe, das ist ja nur eine Erscheinlichkeit und sonst nichts! Hat doch Robert zuvor von einer engen Pforte geredet, durch die man ins Himmelreich einziehen soll. Und siehe, da steht sie schon vor uns! Ihr werdet bei dem Durchgang noch auf so manche Engstellen kommen, die euch sehr genieren werden; aber es wird dennoch zum Durchkommen sein.“
RB|2|197|7|0|Spricht Robert: „Das meine ich auch! Aber wie – das ist wieder eine andere Frage! Wenigstens muss dies erscheinliche Wien doch eine Abbildung vom wirklichen, irdischen sein, sonst könnte es ihm doch nicht gar so auf ein Haar gleichsehen.“ – Spricht wieder Robert-Uraniel nach einer Weile, sagend: „Erlaube mir, lieber Freund, dass ich dich noch mit einer Frage belästige! Du sagtest ehedem, dass dies Wien nur so bloß eine Erscheinlichkeit ist und sonst nichts. Und doch steht es so klar vor uns, als wie wir uns selbst klar gegenüber stehen. Sind demnach wir uns gegenseitig auch nur pure Erscheinlichkeiten? Oder sind wir wirklich das, was wir zu sein scheinen? Ist diese Pforte etwa auch nur eine bloße Erscheinlichkeit und sonst nichts? Ich kann mich hier in den Begriff ‚Erscheinlichkeit‘ noch immer nicht finden. Denn nach meiner Beurteilung ist eine Erscheinlichkeit nichts anderes als entweder ein Reflex eines irgend wirklich vorhandenen Dinges oder Wesens – oder sie ist zur Erklärung eines Begriffes oder zur Prüfung eines Geistes bloß nur für einen nutzbaren Moment erschaffen; hat sie aber ihren Dienst verrichtet, so tritt sie dann wieder aus der Sphäre jedes Daseins. Das ist so meine Idee über den Begriff ‚Erscheinlichkeit‘. Und ich meine, es wird sehr schwer halten, ihr eine andere Erklärung beizulegen. Es muss mir aber darüber vollste Klarheit werden, sonst bin ich genötigt, alles für eine bloße Erscheinlichkeit zu halten, was mir seit meinem überirdischen Hiersein nur immer unter die Augen gekommen ist.“
RB|2|197|8|1|(Am 30. Mai 1850)
RB|2|197|8|0|Spricht Kado: „Du hast ohnehin eine ganz richtige Idee von der Erscheinlichkeit, und ich werde dir darüber dann wenig mehr zu sagen brauchen. Nur das ist etwas unrichtig, dass da eine Erscheinlichkeit etwas ganz Leeres sein soll, weil sie vorderhand nur bloß eine Erscheinlichkeit ist. Siehe, eine Erscheinlichkeit ist hier, nach meinem Urteil, entweder wirklich nur ein Abbild eines schon in der Wirklichkeit vorhandenen Dinges, oder sie ist ein Probeplan zu einer neuen Schöpfung, zuerst beschaulich dem Herrn allein, dann aber auch jedem Geiste, der seinem Innern nach mit der neuerscheinlichen Idee des Herrn in irgendeinem sage wesentlichen Liebeauswirkungsverband steht. Dass aber solch eine Idee mit der moralischen Sphäre des Beschauers auch stets in eine solch entsprechende Stellung kommt wie eine Parabel, das ordnet des Herrn unbegrenzteste Weisheit also und das so lange fort, bis der Geist jene Kraft und Stärke erreicht, selbst in dem Erscheinlichen das Wirkliche und Unvergängliche zu konstatieren.
RB|2|197|9|0|Denn der zuerst hier anlangende Geist ist gewisserart noch viel zu zart und schwach, als dass man ihm sogleich die kräftigsten geistigen Wirklichkeiten entgegenstellen könnte, weil er sich an ihnen sehr stoßen und am Ende aufreiben würde, gleich als so man auf der Erde ein neugeborenes Kind, anstatt es in weiche Windeln, auf hartes Holz und Steine legen würde, was ihm sicher sehr übel bekommen dürfte. Aber nicht alles, was ein noch mehr oder weniger neu hier angekommener Geist zu Gesichte bekommt ist pure Erscheinlichkeit, sondern zumeist, nach der Kraft des Geistes, auch zum größten Teile Wirklichkeit.
RB|2|197|10|0|Die Pforte hier ist eine geistige Wirklichkeit, und wir uns gegenüber auch. Aber jenes Wien dort ist nur eine Erscheinlichkeit, aber so, als wie du es selbst bemerkt hast, also als ein Abbild der wirklichen, irdischen Stadt Wien, das ihr beide von Zug zu Zug in eurer eigenen Seele beschaulich bergt. Dies Bild aber graviert eure Seele noch dann und wann und erzeugt auch dann und wann Unlauteres in ihr, das sich in irgendeinem etwas mehr gereizten Lebenszustand den Weg bahnt und in die ‚redende Erscheinlichkeit‘ tritt. Solches kann aber im reinsten Gottes-Liebelicht, das da ist der reinste Himmel, nicht Eingang finden und daselbst bestehen, da etwas nur im geringsten Unreines in die Himmel Gottes unmöglich eingehen kann. Und so tritt denn nun aus eurer Seele, die sich vor dem Eingang in die reinsten Gotteshimmel befindet und schon von der reinsten Himmelsluft angeweht wird, das letzte unreine Bild der Stadt Wien heraus, auf dass ihr es beschauen und daraus für immer aus euch verbannen mögt und könnt.
RB|2|197|11|0|Aber, wie schon früher einmal bemerkt, es wird euch noch einige Mühe und Arbeit kosten! Aber mit der beständigen Hilfe des Herrn wird sich auch das machen, und leichter als ihr es meint! Darum seid mutig im Herrn, so wird alles leicht und fertig gehen.“
RB|2|197|12|0|Spricht Robert-Uraniel: „Aber liebster Freund, sage mir bloß das noch, woher du nur deine Weisheit nimmst? Denn das war schon wieder also geredet, als wie aus dem heiligsten Mund des Herrn Selbst! Geh und erkläre mir das! Denn ich bin früher stets der Meinung gewesen, dass du darum mit uns hierher gezogen bist, auf dass du durch mich und die Helena für die Himmel Gottes möchtest vorbereitet und tüchtig gemacht werden. Und nun geschieht gerade das allerblankste Gegenteil! Du bist unser allervollendetster Meister, und wir beide haben kaum die hinreichende Fassungskraft, dich so viel als möglich zu verstehen. Sage mir, bist du wohl im Ernst derselbe Kado, der auf dem Hügel dort im Norden die Minerva schlug mit Wort und Tat? Oder bist du bloß so als ein Kado maskiert und bist in der Tat irgendein allererster Erzengel Gottes? Denn nur auf diese Art lässt sich deine Weisheit begreifen, sonst bleibt sie mir ein Rätsel. Ich bin, Gott Lob, doch auch gerade nicht eines total verschlagenen Kopfes und Herzens. Aber so du deinen Mund nur aufmachst, da bin ich schon geschlagen wie mit zehntausend Blitzen auf einen Schlag. Also, liebster Freund, sag' es mir, woher du deine Weisheit borgst!“
RB|2|197|13|0|Spricht Kado etwas lächelnd: „So es an der rechten Weile sein wird, wirst du alles erfahren! Nun aber ist das die Hauptsache nicht! Darum kümmere dich vorderhand dessen nicht, indem viel wichtigere Dinge vor dir stehen! Sieh, die große Gesellschaft kommt! Trete darum in die Pforte!“
RB|2|197|14|0|Spricht Robert: „Ganz wohl, ganz überaus wohl! Aber du allerliebster Freund musst auch mit mir, denn du bist doch zehntausendmal reifer für die reinsten Himmel als ich.“ – Spricht Kado: „Nun ja, das versteht sich doch von selbst, dass ich dich nicht allein werde gehen lassen und ebenso wenig die allerherzlichste Helena, die ich ebenfalls sehr liebhabe.“ – Spricht Robert: „Aber wie werde ich denn die große Gesellschaft nun hier, in der Pforte stehend, empfangen? Mit welchen Worten werde ich sie anreden? Was werde ich zum Herrn sagen? Wie mich über meine Dummheit bei Ihm entschuldigen, wie bei den Propheten, bei den Aposteln und wie bei den vielen anderen Weisen, die auch bei dieser wahrhaft heiligsten Gesellschaft sich befinden? O Freund, helfe mir da nur ein wenig aus meiner neuen Not!“
RB|2|197|15|0|Spricht Kado: „Aber ich bitte dich, Freund Robert, sei nicht läppisch und kindisch! Kindlich magst du zwar sein, so stark du es nur immer sein kannst, aber nur kindisch nicht. Denn kindisch ist der Verstand der Kinder, und der ist kein nütze. Aber kindlich ist ihr Gemüt, und das ist vom größten Wert vor Gott. Ich werde dir es schon heimlich eingeben, was du wirst zu reden haben vielleicht, aber das Wenige muss gut sein.“
RB|2|197|16|0|Spricht Robert: „Ja, wie wirst du mir denn heimlich eingeben können? Da müsstest du ja förmlich ein Gott sein, oder der Herr müsste dir zudem eine eigene Kraft verliehen haben.“ – Spricht Kado: „Ei, ei, bist du aber doch ein lästiger Grübler! Muss man denn gleich alles bis auf den letzten Grund einsehen? Schau, die Ewigkeit ist ja doch so hübsch lang, und es wird sich in ihr noch gewiss sehr viel einsehen und begreifen lassen. Gebe nun Acht, die Apostel kommen – voran Petrus, Johannes und Paulus als die Ersten! Mit ihnen wirst du also zuerst etwas zu tun bekommen.“
RB|2|198|1|1|Merkwürdiges Verhalten der Gesellschaft gegenüber dem scheinbaren Kado. Robert erkennt mit Helena den hohen, göttlichen Freund.
RB|2|198|1|0|Die drei Benannten treten nun schnell vor die Pforte hin, machen eine tiefste Verneigung ihrer Häupter und grüßen dann den Robert und dessen Weib Helena auf das Allerherzlichste und zeigen eine große Freude, nun wieder bei Robert zu sein. Die ganze andere, übergroße Gesellschaft aber fällt vor der Pforte aufs Angesicht und ruft ein himmlisch-harmonisches Hosianna dem Herrn entgegen.
RB|2|198|2|0|Robert aber schaut sich nach allen Seiten um, um zu erspähen, von wannen etwa der Herr käme. Aber es will sich eben nun von keiner Seite der Herr sehen lassen. Wohl aber ersieht er hinter der Gesellschaft noch jemanden, der dem Kado nahe auf ein Haar gleichsieht. Aber während alledem hört das Hosiannarufen nicht auf. Und Robert merkt es auch den drei ersten, neben ihm in der Pforte stehenden Aposteln ganz genau an, dass sie in sich geheim von einer übergroßen Ehrfurcht ergriffen und vor lauter Liebe und heiliger Empfindung kaum etwas zu reden imstande sind.
RB|2|198|3|0|Er kann's nun nicht länger mehr aushalten, fragt eiligst den Kado, sagend: „Aber lieber himmlischer Freund und Bruder! Diese alle sind von einer mir unbegreiflich heiligen Scheu hingerissen. Die Erzväter, die Propheten alle, die Apostel, bis auf die drei Ersten bei uns in der Pforte, die aber vor lauter Ehrfurcht nicht reden können, liegen auf ihren Angesichtern. Ja sogar die allerseligste und glorreichste Jungfrau Maria an der Seite ihres allerwürdigsten Josephs macht von allen anderen keine Ausnahme! Und ich schaue mir nun samt meiner Helena schon beinahe die Augen nach allen Seiten aus und sehe alles, sogar dort im Hintergrund einen knienden Geist, der, dir frappant gleichsehend, sich auch schon vor lauter Erbauung kaum mehr zu helfen weiß. Sage mir doch, vor wem sind denn diese alle gar so erbaulichst hingerissen, da doch der Herr noch nirgendswo zu ersehen ist. Oder sehen Ihn diese alle schon vielleicht irgendwo in großer Nähe, und nur mein Auge allein und etwa das der Helena auch mag noch nichts erschauen? O ich bitte dich, liebster Freund, lasse mich doch jetzt nicht sitzen!“
RB|2|198|4|0|Spricht Kado: „Ja, aber du mein lieber Freund, was soll ich denn tun? Schau, schau, keine Augengläser gibt es hier mehr und Fernrohre auch nicht! Was also soll ich dir tun?“ – Spricht Robert: „Uns womöglich den Herrn zeigen, und sonst nichts! Denn zum Herrn muss ich hin und muss Ihn grüßen aus allen Kräften meines Lebens. Wo, wo, wo ist Er denn? Wo steht Er? Von wannen kommt Er, der Heiligste aller Himmel?“
RB|2|198|5|0|Spricht Kado: „Nun, wenn du den Herrn jetzt auch noch nicht siehst – da bist du aber doch wirklich aus dir selbst heraus ein wenig blind. Da frage die drei, vielleicht sehen diese Ihn auch nicht?“
RB|2|198|6|0|Spricht Robert: „Das ist aber wirklich sonderbar von dir, dass du mir gerade jetzt so halbe Antworten gibst, wo mir gerade eine ganze am dienlichsten wäre. Du verwunderst dich auch nicht darüber, dass diese ganze große Gesellschaft hier vor dieser Pforte gar zerknirscht dahinliegt und sich vor lauter Ehrfurcht nicht einmal aufzuschauen getraut! Wahrlich, dich bringt nichts aus deiner Fassung, weder der offene Himmel noch die finsterste Hölle! Wahrlich, du bist klassisch in allem, wie in deiner mir stets unbegreiflicher werdenden Weisheit und in deinem allerlangmütigsten Gleichmut über alles, also auch nun in deinen halben Antworten, die du mir bloß darum zu geben scheinst, um etwas geredet zu haben, aber was, das scheint dir nun ganz einerlei zu sein.“
RB|2|198|7|0|Spricht Kado: „O nein, nicht so, mein lieber Freund und Bruder! Ich gebe dir wohl ganze Antworten, die aber du leider nur halb verstehst. Warum hast du denn für deine so überaus pressante Angelegenheit nicht, wie ich dir riet, die drei befragt? Die hätten es dir schon lange gesagt, wo dieses alles hinaus will und wo sich allenfalls der Herr befindet. Aber da fehlt dir, wie es scheint, der Mut, was von dir eigentlich so ein wenig dumm ist. Denn sie werden doch als Bürger der Himmel nicht mehr sein wollen als unsereins. Im Himmel ist alles gleich, und der Niederste ist der Beste, und das ist der Herr Selbst! Sehe dich also nach Dem um, und du wirst Ihn bald haben und hast Ihn eigentlich schon. Aber Er ist dir zu wenig, so magst du Ihn auch nicht erkennen, obschon du Ihn schon lange siehst, verstehst du das?“
RB|2|198|8|1|(Am 1. Juni 1850)
RB|2|198|8|0|Spricht Robert-Uraniel: „Obschon ich Ihn schon lange sähe! Ah, das wäre aber doch im Ernst etwas komisch – Ihn sehen und nicht erkennen. Ihn nicht erkennen? Ich, der ich nun schon die geraumste Weile seit meiner höchst traurigen Ankunft in dieser Geisterwelt von der miserablen Erde um Ihn war, soll Ihn nun auf einmal nicht mehr erkennen mögen, so Er vor mir stünde! Nein, das wäre denn doch im Ernst etwas mehr als zu viel! Freund Kado, du bist wohl sehr weise, aber diese Behauptung scheint dir denn doch auch einmal so ein wenig misslungen zu sein. Denn nach dieser deiner Behauptung müsstest entweder du selbst oder am Ende gar die Helena der Herr sein! Denn ich bin es etwa doch ewig nicht, und die drei Apostel neben uns auch nicht. Die Helena ist doch ein Weib nur und kann's darum nicht sein und ist dazu auch eines viel zu himmlisch-reichen Anzuges. Du bist unter uns wahrlich am einfachsten; denn diese deine nach dem Orient riechenden höchst unansehnlichen Kleidungsstücke entbehren offenbar jeder Zierde, zieren deinen Leib auch wahrlich nicht im Geringsten, sondern decken bloß nur dessen Blöße und sind daher auch sicher, wie du selbst, im höchsten Grad einfach. Du musst daher nach deiner eigenen Behauptung es Selbst sein – obschon du dem Kado noch immer wie ein Ei dem andern gleichsiehst! Es hat zwar die Physiognomie des Herrn mit deiner Kadoischen eine bedeutende Ähnlichkeit. Aber du bist dem ungeachtet noch stets ganz derselbe Kado, der an jenem Hügel dort mit der Satana kämpfte. Hm, hm, sollst du also wirklich – der Herr Selbst es sein!?
RB|2|198|9|0|Nein, wenn das im Ernst so wäre, so träfe mich beinahe vor Schande ja ein Schlag, trotzdem ich nun ein Geist bin! Denn wie viel Dummes und sogar Schlechtes habe ich vor dir durcheinander geredet und geschimpft wie ein Narr! Ja, ja, jetzt geht mir auch noch ein anderes Licht auf! Du hast mich überall aufs Evangelium hingewiesen, wo es bei mir zu stocken anfing und nicht weiter gehen wollte. Und das hätte denn der eigentliche Kado, der mit der Schrift doch unmöglich so vertraut sein kann, doch nicht so umfassend zuwege bringen können – da es sogar bei mir hie und da hapert, obwohl ich schon von der Wiege an in der Bibel bin unterwiesen worden; und dazu begreife ich nun auch deine ewig unerreichbarste endloseste Weisheit. Ja, ja, Du bist es schon, und es kann niemand anderer sein!
RB|2|198|10|0|Aber da Du es bist und niemand anderer es sein kann, was auch diese ganze, große Gesellschaft bezeugt durch ihr unbegrenztes Ergriffensein vor Dir, o Herr – so lasse mich und meine Helena denn nun Dir auch zu Deinen heiligen Füßen hinfallen und Dir unseren lange her schon schuldigsten Dank in aller Zerknirschung unserer Herzen darbringen! Helena, sehe hierher! Dieser unser Begleiter, dieser Freund der Freunde, dieser überweise, himmlische Kado ist nicht der eigentliche Kado! Bloß nur das Kleid ist wie das des dir bekannten Kado! Aber im Kleid steckt, vor dir und mir nahe ganz unerkennbar, der Herr Selbst! Verstehst du? Der Herr Selbst!“
RB|2|198|11|0|Die Helena, solchen Ruf kaum vernehmend, stürzt sich jählings dem Herrn zu den Füßen und schreit: „O Herr, verdamme mich doch nicht, denn ich war ganz entsetzlich roh und grob vor Deinen Augen! O Gott, o Gott, was habe ich getan!“ – Sage Ich, noch immer als Kado: „Stehe auf, du Meine liebste Tochter! Denn Ich liebe dich eben deshalb, weil du so bist und warst, wie du nach Meinem Willen sein musst. Stehe also nur auf; denn wir müssen nun nach Wien! Verstehst du das?“
RB|2|199|1|1|Eintritt der Gesellschaft ins erscheinliche Wien. Bornierte Zöllner. Petrus, Paulus und Johannes sollen ins Narrenhaus. Robert und Helena setzen sich durch.
RB|2|199|1|1|(Am 2. Juni 1850)
RB|2|199|1|0|Spricht Robert: „O Herr, möchtest Du mir denn nicht kundgeben, so ein wenig nur, was wir denn so ganz eigentlich in diesem erscheinlichen Wien machen werden und was uns da nun alles begegnen wird? Denn wenn ich gar so unvorbereitet selbst an Deiner göttlich allmächtigen Seite in diese Stadt komme und diese ganze große Gesellschaft mit uns – so weiß ich wahrlich nicht, wie wir da empfangen werden, oder wie ich mich bei verschiedenen Vorfällen misslicher Art, die da wahrscheinlich nicht ausbleiben werden, zu benehmen habe, um nicht in recht allereklatanteste Verlegenheit vor Dir und vor dieser ganzen großen Gesellschaft zu gelangen.“
RB|2|199|2|0|Rede Ich: „Um alles das hast du dich nicht zu sorgen und zu kümmern, so Ich bei dir bin. Die ganze große Gesellschaft aber geht ohnehin nicht mit, sondern bloß nur Ich, die drei Apostel, du und die Helena. Alle andern bleiben hier bis zu unserer Wiederkunft.
RB|2|199|3|0|Sehe aber nun nach Wien hin, wie es nicht etwa leer, sondern ganz so bewohnt ist wie auf der Erde, und zwar entsprechend von ganz denselben Menschen, die seit dem Erdjahre 1848 bis in dies gegenwärtige Jahr 1850 diese Stadt bewohnt haben und nun noch bewohnen, entweder als Geister oder als noch Materiemenschen. Gehen wir daher nun hin, auf dass du dein ‚enges Pförtlein‘ bald magst durchgemacht haben. Aber da zu euren Füßen liegen dunklere Überwurfskleider; diese werft über eure himmlischen zuvor!“
RB|2|199|4|0|Robert und dessen Weib tun das sogleich und sehen nun ganz pilgermäßig aus, so wie auch die Apostel, die ganz gut drei Pilgern allenfalls aus Jerusalem gleichsehen. Meine Kleidung aber gleicht der eines ordinärsten Juden. Und also kostümiert treten wir unsere kurze Reise in das ganz vor uns liegende Wien an.
RB|2|199|5|0|Bei der „Zoll-Linie“ angelangt, und zwar bei derjenigen, die gleich zunächst der sogenannten „Spinnerin am Kreuze“ sich befindet, fragt Robert, der knapp bei Mir einhergeht: „Herr, sehen bloß wir die Wachhabenden von allerlei Mannschaften – oder sehen sie uns etwa auch? Sollten sie uns etwa auch sehen, da ginge es uns schlecht, wenigstens fürs Gesicht; denn wir haben keine Pässe.“ – Sage Ich: „Ja, sie sehen uns auch; aber nicht alle, sondern jene nur, die auch schon wirklich in der Geisterwelt sich befinden. Aber diese werden durch ein gewisses Einfließen die noch Irdischen auf uns aufmerksam machen, und da wird es dann freilich eine kleine Hetze abgeben. Lasse aber nun nur Petrus vorangehen! Der weiß es am besten, wie man mit solchen Zöllnern und Einnehmern umzugehen hat.“
RB|2|199|6|0|Petrus geht nun sogleich zum Zöllner hin und sagt zu ihm: „Freund, wir sind Reisende von für dich und deinesgleichen sehr weit her, haben aber keine Pässe, denn unserem himmlischen Reich ist volle Freizügigkeit für ewige Zeiten gewährleistet. Wir können dir daher nicht leicht mit Reisepässen aufwarten, da wir keine besitzen. Wir sind aber überaus kreuzehrliche Wesen, haben uns nirgends was zu Schulden kommen lassen und sind sonach auch überall noch ohne allen Anstand durchgekommen. Daher glaube ich, dass man uns auch hier keine Anstände machen wird.“
RB|2|199|7|0|Spricht der Zöllner: „Mein Freund, wahrscheinlich aus China, so ihr nichts Mautbares bei euch habt, da könnt ihr von mir aus sogleich ohne allen Anstand weiterziehen. Da weiter vorne ist noch eine Maut; alldort werden die Pässe den Passanten abgenommen und vidimiert [beglaubigt]. Seid ihr also im Ernst Chinesen?“
RB|2|199|8|0|Spricht Petrus: „Ja, ja; also dort vorne ist das Passamt? Wir sind Ihnen für diese Auskunft sehr verbunden!“ – Spricht der Zöllner: „Nun, nun, ich glaube gar, dies zerlumpte Bettelgesindel möchte etwa gar großtun auch noch!“
RB|2|199|9|0|Spricht Petrus: „Freund, beurteile du die Menschen nie nach dem Rock! Denn du kannst es ja nie wissen, was vielleicht denn doch dann und wann hinter einem schlichten Rock stecken könnte.“ – Spricht der Zöllner: „Sicher höchst selten etwas anderes als Lumpen und Vagabunden, die man aufgreifen muss, und per Schub dahin retourschicken, von wo sie zu Hause sind und wo gerichtszuständig. Verstanden, mein Herr?“
RB|2|199|10|0|„Jawohl“, spricht Petrus, „diese Sprache ist nun nur zu häufig gang und gäbe, als dass sie die arme Volksklasse nicht verstehen sollte. Wer hier in einer Prachtschäse [Prachtkutsche] vorüberfährt mit bordierter Dienerschaft, mit dem redest du sicher ganz anders. Aber mit uns Barfüßlern redest du, als wären wir eine Gattung Tiere nur. Und siehe, das ist nicht löblich von dir. Lasse uns aber nun weiterziehen! Vielleicht werden bei der vorderen Maut die Aufseher nicht so scharf sein als du.“ – Spricht der Zöllner: „Ja, ja, dort werden sie mit euch sicher nicht viele Umstände machen. Seht nun, dass ihr weiterkommt, sonst lasse ich euch selbst arretieren!“
RB|2|199|11|0|Spricht der Robert zu Mir: „So sind sie; und das ist eher noch einer der Besseren! Wenn man mit so einem Menschen zu tun bekommt, wahrlich, vor Grimm und Ärger könnte man da geradewegs zerbersten. O Menschen! O Erde!“ – Spricht auch die Helena: „Nein, wenn der noch länger uns mit seinen allerfadesten Geringschätzungsreden belästigt hätte, so hätt' ich ihm was g'sagt; denn ich kenn' diesen Dalken. Ist aber gut, dass wir weiterziehen, sonst wäre ich mit ihm zusammengewachsen! So ein paar Blitzschnelle hätten sich auf seinem Hottentottengesicht gar nicht schlecht g'macht! No, der hätt' sich verwundert, wenn er so ein gedoppeltes G'sicht bekommen hätt'!“
RB|2|199|12|0|Sage Ich: „Nur nicht gar zu laut, Mein Töchterchen! Denn dieser Zöllner hat sehr lange Ohren; so er das vernähme, da bekämst du ein schweres Tun mit ihm.“ – Sagt die Helena: „Aber ärger, o Herr, wird er doch etwa nicht sein als die Satana selbst?“ – Sage Ich: „Ja, es kommt darauf an. Die Hunde, die die großen Reichen in ihren Höfen als Wächter an den Ketten halten, sind in ihrer Art böser um vieles als ihre Herren. Die Herren reden bloß, aber die Hunde beißen. Daher sei du froh, dass dich der Hund seines Herrn nicht gebissen hat. Aber wir kommen nun schon zu der zweiten Maut! Petrus fängt mit der Polizei zu reden an. Wir wollen sehen, was da herauskommen wird!“
RB|2|199|13|0|Sagt die Helena: „O eing'führt [eingesperrt] werden wir und sonst nichts – so Du, o Herr, von Deiner Macht keinen Gebrauch machen wirst.“ – Sage Ich: „Meine liebe Tochter, sei ohne Sorge! Was wäre es denn auch, so uns diese Blinden im Ernst einführten? Sage, welcher Kerker könnte uns wohl festnehmen?! Ein leisester Hauch Meines Mundes und die ganze Erde samt allen ihren Kerkern ist nicht mehr! Und so haben wir uns vor keinem Kerker zu fürchten.“ – Aber nun horchen wir auf den Petrus, der soeben befragt wird: „Woher des Weges? Wo sind die Pässe? Reist die ganze Gesellschaft mit einem oder mit mehreren Passierscheinen? Wo sind sie? Her damit!“
RB|2|199|14|0|Spricht nun Petrus: „Eine kleine Geduld und eine ganz kurze Frage! Sage mir gefälligst, kann da gar niemand, auch kein Einheimischer, ohne Pass in die Stadt?“ – Spricht der Polizeisergeant: „Bekannte Einheimische wohl; aber Fremde nie! Seid ihr fremd und dieser Stadt Bürger nicht, da müsst ihr einen Pass haben, sonst kommt ihr nicht hinein! Gehört ihr aber dieser Stadt an, so müsst ihr euch durchexaminieren lassen, auf dass ich daraus ersehen kann, wessen Geistes Kinder ihr etwa seid.“
RB|2|199|15|0|Spricht Petrus: „Nur zu! Ich werde dir alles ganz genau angeben.“ – Hierauf fragt der Sergeant: „Wie heißt Er?“ – „Simon Juda, Jonas Sohn, genannt Petrus.“ – Der Examinator spricht weiter, sagend: „Das klingt sonderlich; aber wer ist Er denn, was treibt Er für ein Gewerbe?“ – Spricht Petrus: „Ich bin ein Fischer von Geburt aus und gehe aber nun aufs Menschenfischen aus, schon seit nahe 2.000 Jahren.“
RB|2|199|16|0|Spricht der Sergeant zu einem Gehilfen: „Bewache diesen, denn der gehört ins Narrenhaus! Der Kerl bildet sich ein, dass er Petrus, der berühmte Apostel sei. Nein, was man bei einer Linie doch alles erlebt!“
RB|2|199|17|0|Hierauf wendet sich der Sergeant an den Paulus, fragend: „Wer seid Ihr denn und wie heißt Ihr?“ – Spricht Paulus: „Ich bin ein Teppichweber, dann ein Apostel der Heiden. Mein erster Name hieß Saulus und der spätere hieß und heißt noch Paulus.“ – Spricht der Sergeant zu einem zweiten Gehilfen: „Bewahre auch den; denn auch dieser ist ganz reif ins Narrenhaus!“ – Darauf, sich zu Johannes wendend, und diesen fragend: „Wer seid denn Ihr? Etwa auch so ein Apostel Christi?“
RB|2|199|18|0|„Ich“, sagt Johannes, „bin der Evangelist Johannes und zugleich auch Apostel des Herrn Jesu Christi!“ – Spricht der Sergeant zu einem dritten Gehilfen: „Gehört auch ins Tollhaus, bewacht sie wohl! Es sind noch drei dort, die werden wohl sicher des gleichen Geistes sein! Denn gleich und gleich gesellt sich gern!“
RB|2|199|19|0|Hier tritt voll Ärger die Helena vor und sagt zum Sergeanten in ganz echt oberlerchenfeldischer Weise: „Sö Haupttappschädl von an böhmischen Puliquatschenfeldwebl, gebens Acht, dass ehna die drei net eper auskämen!“ – Spricht der Sergeant ganz spinngiftig über die Anrede der Helena: „Waaaas ist das für eine Kreatur! Waaas hat sie gesagt? Na wart' du! Dir werden wir das Rohe schon herabarbeiten!“ – Hier springt die Helena hin zum Sergeanten, und sagt: „No, no, nur geschwind, nur geschwind a Portion Laxenburger Spargel her, du alter Schwefelebertegel aus der höllischen Apotheke; schau nur glei, dass dein böhmisches Zartgefühl kan Leibschadn kriegt! Schau, schau, ehrgeizig a noch mit dem Gsicht! Lasst sich der Herr 'n Grimm vergehn, sunst sog i ean was, dos ean grod net am besten schmecken möcht'!“
RB|2|199|20|0|Spricht der Sergeant: „Wessen Landes ist Sie gebürtig, Sie ungehobeltstes Mensch?“ – Spricht die Helena: „No denken's nach! Können Sie sich noch auf das Wirtshäusl erinnern, von dem Se dreimal hinausgworfe sans wurde wegen Unzucht und Stenkerei? Schans, dort bin i gebürdi!“ – „Waaas brodelt sie daher? Ist sie denn ein Oberlerchenfelder Früchtl?“ – Spricht Helena: „Ja, die Schwarzmaxllenerl, kennens mi denn nemmer?“
RB|2|199|21|0|Spricht der Sergeant: „Ja, aber sag mir, wie kommst denn du zu dieser Narrengesellschaft? A das ist gut! Die Schwarzmaxl-Lenerl! Aber sag mir doch, wo bist denn seit der Revolution hingekommen? Man hat von dir ja gar nichts mehr gehört und gesehen!“ – Spricht die Helena: „No, gsturbe bin i holt, und hiazt war i wieder als lebendige da und geh mit diese meine gute Freund' mei Hamet bsuche, waons nix dawider hobn! Dass aber die kane Noarn san, do steh i eana guat dofur!“ – Spricht der Sergeant etwas besänftigter: „Ah, meine Liebste, diese drei sind ganz vollkommen Narren! Diese müssen demnach ins Narrenhaus! Bei den zwei Letzten aber wird es sich erst durch ein gutes Examen zeigen, wessen Geistes Kinder sie etwa sind. Und ich werde sie daher auch gleich vornehmen.“
RB|2|199|22|0|Hier tritt Robert-Uraniel von selbst vor und sagt: „Freund, du willst mich und diesen meinen heilig großen Freund vornehmen und uns untersuchen, ob wir etwa nicht sinnesverrückt seien?! O du blinder Hascher! Siehe, das hättest lange schon bei dir selbst tun sollen, auf dass du wenigstens soweit es gebracht hättest in der Einsicht und besseren Erkenntnis, dass du schon lange nicht mehr dem Leibe nach lebst auf der eigentlichen Erde und im eigentlichen Wien – sondern nur in dem entsprechend geistig Erscheinlichen auf der ebenfalls erscheinlich-geistigen Erde. Meinst denn du, dass du hier der wirkliche Linienaufseher bist? Ja in deiner Einbildung bist es und sonst gar nichts! Glaubst denn du, dass du irgendeine Gewalt oder irgendein Recht hast, uns zu untersuchen? Ich sage es dir, du hast kein anderes Recht als das Recht eines Narren, der dazu noch blind und taub zugleich ist!
RB|2|199|23|0|Denn du bist ja schon lange gestorben, und zwar an der Cholera im Jahre 1849 der Erdzahlrechnung nach. Abgesandte Geister aus den Himmeln haben es dir im Moment deines Austrittes aus dem irdischen Leibesleben gesagt, dass du dem Leibe nach gestorben bist, aber du lachtest sie aus und sagtest: ‚Was da, ihr dummen, hirnverrückten Kerls! Seht ihr denn nicht, wie ich noch ganz vollkommen und rüstig erster Polizeisergeant bin? Und wollt ihr etwa das nicht einsehen, so stecke ich euch ins Loch und ihr werdet es dann gleich einsehen, ob ich gestorben bin oder ob ich noch lebe!‘ Bei solcher deiner Gegensprache verließen dich dann aber auch sogleich die Boten aus den Himmeln und ließen sonach den Narren in seiner Narrheit, in der er nun über ein Erdjahr schon hier verharrt und andere weise, ihm helfen wollende Geister als Narren deklariert, dabei aber selbst der größte Narr ist und bleibt. Meinst denn du wohl im Ernst noch, dass du ein leibhaftiger Polizeisergeant der Stadt Wien bist, die auf der Erde des österreichischen Kaisers Residenz ist? Da sehe an den Schrankenbaum! Siehst du nicht und merkst es nicht, wie er nun vor uns stets luftiger, durchsichtiger und somit auch nichtiger wird?“
RB|2|199|24|0|Spricht der Sergeant: „Das ist alles wie leeres Geschwätz, das eine Amtsperson, wie ich eine zu sein die hohe kaiserlich-königliche Ehre habe, nicht anhört, sondern ihr hohes Amt handelt, wie es ihre Amtsinstruktion ihr zu handeln strengst gebietet. Wie heißt Er denn? Oder hat etwa Er einen Pass oder irgendeine sonstige Ausweisung?“ – „Nein!“, donnert ihm Robert ins Ohr, dass darob der Sergeant ganz schwindlig wird und um Hilfe zu rufen anfängt. Wieder donnert ihm der Robert-Uraniel ins Ohr: „Tor, was willst du, das ich dir tun soll? Willst du leben oder sterben für ewig? Denn einen zeitlichen Tod gibt es hier nimmer! Wer hier stirbt, der stirbt für ewig!“
RB|2|199|25|0|Hier schreit der Sergeant ganz entsetzlich laut um Hilfe. Und es erscheinen sogleich drei gemeine Diener aus einer Wachtstube und wollen den Robert in Empfang nehmen. Dieser aber donnert über sie so ein gewaltiges „Halt!“, dass darob alle samt dem Sergeanten also zusammenstürzen, als ob sie vom Blitz gerührt worden wären. Und als sie also da am Boden wie ganz bewusstlos dahin liegen, sagt Robert: „Herr, so es auch Dein Wille ist, da können wir nun ganz unbeirrt weiterziehen. Die drei dort, die Petrus, Paulus und Johannes bewachen, blasen wir ein wenig hinweg und wir haben dann den freiesten Abzug von dieser Linie.“
RB|2|199|26|0|Sage Ich: „Es wäre wohl alles recht; aber dieser Sergeant muss noch Mich Selbst auch eher examinieren. Ist dies geschehen, dann werden wir, auch ohne viel blasen zu müssen, weiterkommen, ohne dass uns diese aber auch nur im Geringsten irgendein Hindernis in den Weg zu legen imstande sein sollen.“ – Spricht Robert: „Ganz überaus wohl, o Herr! Dein Wille allein ist heilig!“
RB|2|199|27|0|Hier erhebt sich der Sergeant wieder und sagt voll Grimm: „Wer ist hier ein Herr, und wessen Wille ist da heilig? Hier regiert allein der Kaiser! Der allein ist der Herr, und sein Wille allein muss heilig sein allen seinen Untertanen! Was darunter oder darüber, ist nichts als Asche. He Mannschaft, habt Acht! Nehmt dies ganze Gesindel fest und führt es vors Gericht und sagt demselben alles, wie sich dieses sozialistische Gesindel hier benommen hat. Dieser Schreier aber soll hier noch früher in der Wachtstube extra für sein tumultuarisches Schreien mit fünfundzwanzig wohlgemessenen Stockstreichen belohnt werden, worüber ihr eine Note von mir eigens an das Gericht zu überbringen habt, welche Note ich auch sogleich während der Exekution verfertigen werde. Ergreift ihn und schleppt ihn ins Wachtzimmer! Nun, der soll sich sein Schreien merken!“
RB|2|199|28|0|Drei Mann umstehen nun den Robert und wollen ihn binden und schließen. Aber da springt die Helena hinzu und sagt: „Wer es wagt, Hand an den Robert zu legen, der ist des Todes!“ – Als aber einer doch mit der rechten Hand den Robert beim Kragen packt, bekommt er im Augenblick aber eine solche Maulschelle von der Helena, dass er sogleich wie tot auf den Boden fällt. Nun wollen die zwei andern die Helena packen, werden aber von ihr derart bedient, dass da beide jählings die Flucht ergreifen und sich so schnell als nur immer möglich aus dem Staub machen. Auch jene drei, die da die drei Apostel bewachten, sind nun gehend geworden. Und der Sergeant ruft ihnen vergeblich alle Galgen und ein Mordio übers andere nach, aber es kehrt sich keiner mehr um. Denn diese haben es so ganz leise zu ahnen angefangen, dass es mit unserer Sechsergesellschaft eine ganz sonderbare Bewandtnis haben müsse.
RB|2|200|1|1|Der Zollsergeant examiniert den Herrn und verdächtig die römische Geistlichkeit. Der Steuereinnehmer bemerkt skurrile Erscheinungen und folgt dem Herrn.
RB|2|200|1|0|Aber der Sergeant ist noch ganz in Wien und ganz von den Pflichten seines Amtes durchdrungen und sieht und hört daher aber auch nichts anderes, als das nur, was seines vermeintlichen Amtes ist. Nur etwas bescheidener wird er nun, weil ihn alle Gehilfen rein im Stich gelassen haben. Er begibt daher zu Mir sich hin und fragt Mich, wer denn Ich etwa wäre, wie Ich hieße und ob Ich keinen Pass oder sonstige Ausweisung besäße.
RB|2|200|2|0|Und Ich sage zu ihm: „Wir kommen direkt aus den höchsten Himmeln hierher. Ich bin Christus der Herr und bin nun gekommen hierher, die Toten zu erwecken und die Verlorenen aufzusuchen und die Kranken zu heilen. Und allen, die eines guten Herzens sind, soll ein großes Heil widerfahren!“
RB|2|200|3|0|Spricht der Sergeant, zu dem sich auch noch einige Individuen gesellen, die im Mauthaus sich befanden: „Gut gesprochen! Du bist noch der gescheiteste Narr aus all den frühern, in denen sich sogar wühlerische Verschmitztheit beurkundete, indem sie ihre Narrheit mehr als einen Deckmantel ihrer verbrecherischen, geheimen Absichten vorschoben und mich so sub bona fide [unter dem Schein guten Wollens] täuschen wollten. Aber da ich Argusaugen habe und das Gras wachsen höre, so kann ich nicht so leicht übertölpelt werden. Ich kenne mich aber nun mit euch ganz genau aus und weiß, woran ich bin. Und so muss ich euch wegen allerhöchsten geheimen Willens ja wohl passieren lassen. Das heilsame Placetum regii [Erfordernis der Aufenthaltsgenehmigung] ist aufgehoben und der katholischen Kirche freiestes Schalten und Walten in ihrer klerikalen Sphäre eingeräumt! Und so kann und darf sich auch ein exponierter Sergeant auf einer Linie nicht mehr wundern, so ihm von Zeit zu Zeit nun gewisse verkappte Jesuiten und Liguorianer in allerlei Gestalten vorkommen werden! Es wird bald wieder Ablässe und Wunder zu regnen anfangen. Die Jakobsleiter wird wieder repariert und zwischen Erd' und Himmel aufgestellt werden, auf der Engel, Apostel, die seligste Jungfrau, andere Heilige und nicht minder auch Christus Selbst auf- und absteigen werden, natürlich ums Geld und andere kostbare Buße. Und ihr seid schon die erste Probe! Deo gratias! [Gott sei Dank!] Ja ja, wir kennen uns schon aus beim Herausfassen! Schön, schön, das kann sicher so manchen sehr viel Trost gewähren – oder was?
RB|2|200|4|0|Ihr könnt nun schon weiterziehen! Hätte ich das eher gewusst, von welchem Geist ihr getrieben werdet, so hätte ich euch ja kein Hindernis in den Weg gelegt, wozu ich auch die gemessene geheime Weisung habe. Aber die Zusammenstellung ist wahrlich als vollkommen gelungen zu betrachten – bis auf den Robert Blum und bis auf die unverkennbare Schwarzmaxl-Lenerl, die doch sicher jeder lustige Wiener in vielfacher Hinsicht kennt. Der eigentliche Blum wird zwar von Kopf- und anderen Schmerzen nicht viel mehr geplagt sein. Aber die Erfindung eines Pseudo-Blums ist gut! Denn wer den rechten Paganini nicht hören konnte, der stellt sich nachher doch mit einem falschen recht gemütlich zufrieden. Und dieser Name hat noch viel geheimes Gewicht in Wien! Auch eine travestierte [verkleidete] Barrikadenheldin aus Oberlerchenfeld ist wahrlich für eure Zwecke nicht schlecht! Denn zum Gimpelfang gehört ja allerdings so ein recht niedlicher Lockvogel mit einem geisterhaft heroisch klingenden Namen. Der Zweck heiligt ja jedes Mittel. Und du bist Christus, der Herr Selbst? Oh, das ist sehr schön! Nun, wenn solche Christusse wie Du der römisch-katholischen Kirche nicht wieder auf die goldenen Beine helfen werden, dann ade Papst und Rom und ade Pfaffentum! Ein Dutzend Weihröcke noch dazu, und es wird sich schon alles wieder geben und machen.“
RB|2|200|5|0|Rede Ich: „Freund! Ich weiß, dass du ein sogenannter Protestant bist, und denkst übers römische Christentum nicht unbillig. Denn dieses ist vom Grunde aus ein Gräuel in allen seinen herrschsüchtigsten Mühen vor Gott, von denen ihm aber keine gelingen wird, dafür Ich dir stehen kann. Aber Mich und Meine kleine Gesellschaft verkennst du ungeheuer. Ich aber will dir von nun an nichts mehr aufbürden, indem du frei bist und glauben und tun kannst, was du willst. Aber das sei dir noch einmal kundgetan, dass du nun nicht mehr auf der Welt der Materie, sondern ganz in allem Ernst in der Geisterwelt dich befindest, und alles das, was du außer Mir und Meiner Begleitung siehst, nichts ist, als leere Erscheinlichkeiten, die für dich aber zu geistigen Wirklichkeiten werden könnten, so du dich an Mich schlössest und in Meine Fußstapfen trätest. Aber du bist in deinem Herzen noch zu weit von Meinem Reich entfernt und kannst Mich daher auch nicht erkennen in deiner Blindheit. Bleibe daher nur, wo und was du bist! Vielleicht sehen wir uns später noch irgendwo und irgendeinmal wieder!“
RB|2|200|6|0|Spricht der Sergeant: „Wird mich sehr freuen, wenn nicht in dieser, so vielleicht doch möglicherweise in einer anderen Welt. Wünsche übrigens eine gute Verrichtung in der Residenzstadt! Der noch immer fest andauernde Belagerungszustand dürfte eurem löblichen Unternehmen günstig sein. Darum noch einmal eine gute Verrichtung und einen schönen Gruß nach Maria-Zell! Ade.“
RB|2|200|7|0|Wir begeben uns nun ohne weiteren Anstand in das Innere der Stadt. Aber der Sergeant, uns mit seiner Gesellschaft nachschauend, sagt zu den Seinen, wie auch zu dem Einnehmer der ersten Verzehrungssteuermaut, der nun auch dazu gekommen ist, um zu erfahren, was es mit diesen sonderbaren Reisenden für ein Bewandnis habe und wer sie etwa seien, ob doch Chinesen oder wenigstens Indier, folgendes: „Das sind verkappte, feine Jesuiten als fromme Missionäre! Weißt du, seit die Kirche wieder frei ist in unserem lieben, väterlichen Österreich, haben ihre Pfaffen wieder die alte Jakobsleiter aufgefunden und sie geradewegs am Himmel angelehnt. Mit den alten Kirchenstrafen geht es denn doch wenigstens so geschwinde nicht und mit der goldenen Buße der Kreuzfahrer auch nicht; daher werden vorderhand Döbler und Bosko [zwei berühmte Zauberkünstler] zur Leihe genommen werden, und wir werden bald von den großartigsten Wundern von allen Seiten her die rührendsten Kunden erhalten.
RB|2|200|8|0|So waren z. B. diese sechs nichts weniger als: Der Capo [Anführer] war höchsteigenen Bekenntnisses Christus Selbst, der nun alle Kranken gesund machen wird etc., vielleicht hilft Er auch den Finanzen auf die Beine zum Spazier nach Rom – oder was? Die drei ersten waren Petrus, Paulus und Johannes der Evangelist. Nun, wie g'fallt dir das Gschichtl? Ein recht bildsauberes Menschl haben's auch bei sich g'habt, unter dem Namen Schwarzmaxl-Lenerl, die Barrikadenheldin, und, itzt fall' aber nur um und werde völlig tot vor Verwunderung – den Robert Blum auch! Nun, ist's Gschichtl nicht lustig? Wie g'fällt dir dieser Spaß? Meine Mannschaft, die etwas schwachen römischen Geistes ist, hat dir im Ernst dabei Reißaus genommen und hat mich allein hier sitzen gelassen. Nun, Freund, was sagst du zu dieser Errungenschaft vom Jahre 1848?“
RB|2|200|9|1|(Am 6. Juni 1850)
RB|2|200|9|0|Sagt dazu der Verzehrungs-Steuereinnehmer: „Mein lieber Freund, diese Geschichte sieht wohl dem ersten Anschein nach etwas spaßhaft aus, aber im Grunde liegt, wie es mir vorkam und wie es mir mein inneres Gefühl sagte, doch etwas sehr Ernstes in dieser Geschichte. Ich will es schon zugeben, dass die Pfaffen bei der nun wieder erreichten kirchlichen Freiheit so manches versuchen werden, wodurch irgendein ihnen erwünschenswerter Volksaberglaube wiederbelebt werden könnte. Aber auf diese Weise, Freund, Freund – das werden sie fein bleibenlassen! Es mag in den früheren Zeiten sich wohl so mancher gäule [lüsterner] Pfaffe in nächtlichen Stunden gegenüber einer schönen jungen Nonne oder sonstigen Betschwester einen Spaß erlaubt haben, der vielleicht sehr nach einer himmlischen Maskerade roch, aber also öffentlich gegenüber offenbar amtlichen Aufsichtsmenschen und – nota bene [wohlgemerkt] – in einer sich im Belagerungszustand befindlichen Kaiserstadt, dürfte sich wohl der verschmitzteste Jesuit so was nimmer erlauben. Ah, weißt du, ich bin sicher kein Freund der Pfaffen; aber ich glaube, dass sich zu solch einem Geschäft wohl keiner herbeilassen würde, selbst so er im Ernst die bedeutendsten Vorteile davon zu erwarten hätte.
RB|2|200|10|0|Aber ich halte von dieser mir wahrlich ganz chinesisch vorkommenden Geschichte ganz was anderes, und zwar: Entweder sind diese sechs verkleidete hohe Personen, oder sie sind am Ende im Ernst das, als was sie sich ausgegeben haben. Denn, weißt du, aufrichtig gesagt, mir kommt meine ganze Lebensgeschichte hier in Wien, so ich die Sache bei rechtem Licht betrachte, etwas sonderbar vor. Und das bringt mich heimlich immer mehr auf die Vermutung, dass ich mich entweder in einem Traumleben befinde oder ich werde von irgendeinem sonderbaren Schwindel geplagt. Auch eine Menge anderer Bemerkungen habe ich schon gemacht und mich dabei am Ende, wenn ich die Sachen näher beurteilt habe, höchlichst verwundert, dass derlei Vorkommnisse mir nicht eher aufgefallen sind. So zum Beispiel habe ich dir seit ungefähr einem Zeitraum von zwei Jahren her aber auch nicht einen Fuhrwagen gesehen und ebenso wenig irgendeine Equipage, was gewiss sehr sonderbar ist, so gehen auch äußerst wenige Menschen hier vorüber. Und von einem Hineintragen von den gewöhnlichen Viktualien [Lebensmittel] ist auch keine Rede mehr; gewöhnlich werden seltene, mir ganz unbekannte Wurzeln und Kräuter und geselchte Wölfe, Füchse und kleine Bären vorbeigetragen und noch eine Menge anderes so dummes Zeug mehr, dass man darüber gerade lachen muss. Ich kann dafür auch von niemanden eine Steuer erheben, weil derlei Dinge in keinem Steuertarif vorkommen. Und verhalte ich auch jemanden dazu, so gibt er mir gar keine Rede und Antwort und geht unaufhaltsam seines Weges weiter. Mir aber fällt es auch dann gar nicht bei, dass ich jemanden anhalten soll.
RB|2|200|11|0|Letzthin sah ich so in Gedanken vor mich hin und bemerkte ein großes, wertvolles Goldstück von neuester Präge so etliche Schritte vor mir am Boden liegen. Ich eile hin, um es aufzuheben. Als ich hinzukam, ist das ganze Goldstück verschwunden und an seiner Stelle lag eine zertretene ganz kohlschwarze kleine giftige Natter. Ich wollte sie mit meinem Visierstab hintanschleudern. Als ich sie aber noch kaum berührte, so metamorphosiert sie sich augenblicklich in einen recht sonderlich hässlichen Raubvogel, der in dem Augenblick auf und davon flog, als ich den verwunschenen Prinzen von einem Großdukaten mit meinem Visierstab davonschleudern wollte. Letzthin war ich auch auf eine außergewöhnliche Art von einer Erscheinung affiziert worden. Ich sah zum Fenster hinaus, und es regnete gewaltig stark. Mir fiel es erst auf, dass ich bis dahin durch sage zwei Jahre, weder regnen und noch weniger schneien gesehen habe. Ich eile schnell hinaus, um mich ein wenig anregnen zu lassen. Wie ich aber – doch sicher schnell genug – hinauskam, da war dir aber vom Regen auch keine Spur mehr. Und ich fing erst über die Sonderbarkeit der Witterung an nachzudenken, und es kam mir wahrlich sehr sonderbar vor, dass ich hier noch nie eine Sonne gesehen habe, und wahrlich gar nicht weiß, woher wir das Licht haben. Oder hast du schon einmal eine eigentliche Nacht erlebt oder einen Winter, Frühling, Sommer oder Herbst? Sieh, alles dauert hier so in einem und demselben Zustand fort, und uns fällt es noch dazu am Ende gar nicht auf, dass die Sachen hier eben so sonderbar stehen, an denen wahrlich weder der Belagerungszustand und ebenso wenig irgendwo daseiende Jesuiten Schuld tragen können.
RB|2|200|12|0|Siehe, aus diesen Vorkommnissen bin ich umso mehr genötigt und geneigt zu glauben, dass wir fürs Erste nicht mehr auf der eigentlichen Erde uns befinden und somit dem Leibe nach schon lange gestorben sind – und fürs Zweite, dass die sechs danach sehr leicht das sein können, als für was sie sich ausgegeben haben. Und, weißt du was, ich werde ihnen nachgehen! Sie stehen gerade noch dort vor einem Haus! Bei denen muss ich ins Klare kommen.“
RB|2|200|13|0|Spricht der Sergeant: „So warte, ich werde auch mit dir gehen!“ – Beide machen sich sogleich auf den Weg und gehen uns eiligst nach.
RB|2|200|14|0|Als sie zu uns kommen an der Stelle vor einem Haus, in das wir zuerst den Petrus sandten, auf dass er besuchte die Kranken darinnen und heilte, die zu heilen wären, da sagt der Verzehrungs-Steuereinnehmer: „Meine lieben, erhabensten Freunde, und besonders Du, Urweiser von Nazareth! Eure Rede fiel mir auf und weckte mich insoweit, dass mir gleich darauf auch sehr verschiedenes anderes aufzufallen begann, was mir früher lange nicht aufgefallen wäre, und auch nicht aufgefallen ist, obschon es mir und vielen tausend anderen schon lange hätte auffallen sollen. Zugleich durchrieselte mich bei eurer Gegenwart an meiner Maut ein so merkwürdig wohltuendes Gefühl, dass ich mich kaum halten konnte, euch sogleich zu folgen. Ich kämpfte zwar eine Weile ganz männlich gegen dieses Gefühl und schützte ihm meine kaiserlich-königlichen Beamtenpflichten vor. Aber das Gefühl sagte wie ganz mächtig laut: ‚Was kaiserlich, was königlich! So Gott dich ruft, dann hört der Kaiser und der König für ewig auf.‘ – Und ich wandte auf solche Stimme meines Gemütes meinem kaiserlich-königlichen Mauthaus sogleich den Rücken und bin meinem innersten Trieb gefolgt und bin nun bei euch, ihr sicher weiseren Freunde, als wie da ist unsereins. Erlaubt mir aber nun auch, dass ich dem Drang meines Gefühles nach bei euch mich wenigstens so lange aufhalten darf, als bis ich durch eure Güte und Weisheit so viel Einsicht erlangen werde, um einzusehen, das ich bisher wirklich nicht eingesehen habe – wo und was ich denn hier so ganz eigentlich bin. Ob das Wirklichkeit oder ob das etwa bloß nur so ein ewiger Traum ist? Lebe ich noch auf der Erde – was ich stets mehr bezweifle? Und mich nimmt auch stets mehr und mehr wunder, dass ich bei so verschiedenartigen, von der wirklichen Erdnatur gänzlich abweichenden Erscheinungen es nicht noch bei Weitem mehr bezweifle. So es euch möglich ist, was ich durchaus nicht bezweifle, da zündet mir in meinem Gehirnkasten so ein kleines Lichtlein an!“
RB|2|201|1|1|Der Steuereinnehmer wird vom Herrn aufgenommen, der Sergeant zurückgewiesen. Paulus' Missionsgang ins Haus ‚Zum guten Hirten‘.
RB|2|201|1|0|Rede Ich: „O ja, das tun wir recht gerne! Was in unseren Kräften steht, das werden wir auch sicher tun. Nur musst auch du dann deinen Teil zu verrichten nicht unterlassen! Bleibe also deinem Wunsch nach bei uns und gebe auf alles Acht, was wir reden und tun werden. Und tue das, was dir gut dünken wird, und du wirst auf diese Art bald ins Klare kommen.“
RB|2|201|2|0|Hier tritt auch unser Sergeant vor und fragt: „Freund, darf auch ich bleiben? Denn ich habe mich auch eines etwas Bessern besonnen!“ – Sage Ich zu ihm: „Du bist wie ein Fuchs und traust dir viel zu! Aber es wird nicht ein jeder angenommen, der da kommt und sagt: ‚Freund, auch ich will bei dir bleiben!‘ Der bei Mir bleiben will, der muss eines reineren Herzens sein denn du! Hast du doch nie an Christus geglaubt, wie möchtest du nun Dem folgen, den du für einen verschmitzten Jesuiten hältst? Wir werden uns wohl noch einmal wo sehen, aber für jetzt wäre es für dich und deine Erkenntnis noch zu früh. Daher gehe du nur wieder auf deinen kaiserlich-königlichen Posten zurück und gebe zuerst dem Kaiser das Seine und sehe, wie du dann Gott das Seine geben wirst! Es steht aber geschrieben: ‚Zu der Zeit aber werden zwei in einer Mühle sein, der eine wird angenommen und der andere belassen werden. Und zwei werden auf dem Feld sein, der eine wird angenommen und der andere am Feld belassen werden.« – Du wardst geladen und fandest es nicht der Mühe wert, der Einladung zu folgen. Darum werden die an den Straßen und Zäunen eher zu Mir kommen und ein Gastmahl halten mit Mir, denn die zuerst Geladenen.“
RB|2|201|3|0|Spricht der Sergeant: „Bei der Sprach' wird's einem ehrlichen Menschen ohnehin übel, und somit Gott befohlen!“ – Hier geht der Sergeant wieder auf seinen Posten zurück, natürlich schimpfend.
RB|2|201|4|0|Der Verzehrungs-Steuereinnehmer aber sagt: „Das hätt' ich von diesem Menschen nicht geglaubt, dass er so widerchristlicher Art wäre. Es ist wohl schwer, Christus für den allmächtigen Gott anzunehmen, da man unter dem Begriff Gott etwas zu unendlich Großes und heiligst Erhabenstes sich vorstellt; während Christus doch nur ganz vollkommen ein Mensch war, so wie ein jedweder andere Mensch – nur mit dem Unterschied, dass Er mit dem Geist Gottes sehr erfüllt war, mehr noch denn ein Moses, Samuel, Elias und noch eine Menge anderer Propheten. Aber Christus ganz zu verwerfen, Ihm nicht einmal die Würde eines Weisen, der Er doch sicherst war, zukommen zu lassen, das ist etwas zu stark!“
RB|2|201|5|0|Sage Ich: „Gut, gut, was aber hältst du von Christus?“ – Spricht der Annehmer: „O, ich halte Ihn so lange für das höchste Gottwesen, als bis sich nicht irgendein anderer größerer, besserer und vollkommenerer Gott wird auffinden lassen. Denn mit einem Gott, der zu endlos großen Wesens ist und den daher auch nie ein geschaffenes, endliches Wesen erschauen wird können, ist mir wahrlich wenig gedient. Christus ja, der ist mir schon recht! Aber irgendwo ein unendlich großer Gott-Vater oder ein noch unbegreiflicher heiliger Geist können von mir aus sein, wie sie wollen – mich werden sie nie genieren. Ich halte mich einmal an Christus, das andere wird dann schon Er machen!“
RB|2|201|6|0|Sage Ich: „Nun recht, recht so! Halte dich nur recht an Ihn, so fest als dir nur immer möglich! Alles andere wird sich dann schon von selbst finden und machen lassen. Nun aber kommt Petrus aus dem Haus. Wir wollen hören, welche Effekte er darinnen zuwege gebracht hat.“ – Spricht Petrus: „Herr, wahrlich, da sieht es schlimm aus! Ohne Gericht wird sich da wenig bezwecken lassen! Denn da gibt es eine Verstocktheit, eine Blindheit und einen Wahn, der selbst in Sodom und Gomorrha kaum anzutreffen gewesen sein möchte, als Du, o Herr, sie mit Schwefel vom Himmel vernichtet hast. Wäre ich angreifbar, wahrlich diese Brut da drin hätte mich in die kleinsten Stücke zerrissen. Herr, die Kranken bedürfen eines kuriosen Arztes und einer ebenso kuriosen Medizin.“
RB|2|201|7|0|Sage Ich: „Nun gut denn, so lassen wir sie! Aufdringen werden wir uns niemanden, und so ziehen wir weiter!“ – Spricht Robert: „O Wien, o Wien! Auch du hast gerichtet, die zu dir gesandt waren! Der Herr vergebe es dir! Ich werde keine Rache je an dir nehmen, aber da du des Herrn vergessen willst, da du dich mächtig wähnst durch die Gewalt deiner Wehrmänner und ihrer Waffen, so wirst du sehr gewaltig heimgesucht werden. Du magst den Herrn nicht annehmen, so Er dich heimsucht und dich heilen will. Darum aber wird eine große Trübsal über dich kommen und eine große Not und Schmach! Und du wirst dann rufen: ‚Herr, Herr, helfe mir!‘ Aber der Herr wird verziehen, und die Hilfe wird dir zu spät werden.“ – Rede Ich: „Ja, ja, du sollst recht haben! Ich will hier auf diesem Weg nicht vorhersehen, sondern es nehmen, wie wir's hier finden werden. Aber soll uns allenthalben ein solcher Empfang werden, dann, Robert, sollst du vollends recht haben.“
RB|2|201|8|1|(Am 8. Juni 1850)
RB|2|201|8|0|Wir begeben uns nun weiter und kommen bald wieder zu einem Haus, wo an der Außenmauer ein ‚guter Hirte‘ aufgemalt ist. – Und die Helena sagt: „Herr, sieh, hier heißt es ‚Zum guten Hirten‘! Unter solch einem guten Aushängeschild dürften vielleicht etwas bessere Geister hausen!“ – Sage Ich: „Ich will nicht vorhersehen. Geht aber hinein und erforscht es!“ – Spricht der Einnehmer: „Meines schwachen Wissens hat dies nie noch etwas Besonderes beherbergt. Ich meine, das wird noch schlechter bestellt sein als das frühere.“ – Spricht Robert: „Einen Versuch können wir ja wagen, was kann uns geschehen?“
RB|2|201|9|0|Sagt Johannes: „So ihr wollt, will ich das Haus betreten.“ – Sagt Paulus: „Bruder im Herrn, mit Heiden kann ich am wirksamsten umgehen; daher lasse mich hier einen Versuch machen! Denn du, mein geliebtester Bruder, bist viel zu sanft gegenüber solchen Wesen und würdest auch wenig ausrichten. Ich aber bin etwas barsch und ernst und verlange, wo du zu bitten pflegst. So hier noch was zu richten ist, da werde ich sicher nicht leer ausgehen. Richte ich aber nichts, so werdet ihr, du und Petrus, auch nichts ausrichten.“ – Spricht Johannes: „Lieber Bruder im Herrn! Sehr gerne gönne ich dir dies Geschäft im Haus Roberts. Aber ich meine, dass hier auch deine Schritte vergeblich sein werden. Denn wo die Liebe leer ausgeht, da geht der Ernst noch leerer aus.“
RB|2|202|1|1|Paulus im Klub ‚Zum guten Hirten‘. Der Apostel wirkt ein Wunder. Gleichnis vom Wettrennen.
RB|2|202|1|0|Paulus geht nun ins Haus und sagt darinnen zu einem Haufen Menschen, die gerade eine geheime Beratung halten, wie sie eine großartigste Demonstration gegen das Ministerium könnten ins Werk setzen: „Der Friede sei mit euch! Ich, Apostel Paulus, ein Knecht Jesu Christi, vom Herrn Selbst zu euch gesandt, ermahne euch in aller Liebe und Geduld und in der wahren christlichen Sanftmut, die da ist ein rechtes Schild und ein fester Schirm gegen jeden Feind, dass ihr ablasst von euren bösen, nichts fruchtenden Beratungen, von euren höchst unlauteren Begierden und daraus hervorgehen-sollenden Werken. Kehrt eure Herzen dem Herrn zu, und tragt Ihm vereint eure Not vor, und Er wird euch helfen wahrhaft. Noch weiß die Geschichte kein Beispiel, dass der Herr je jemanden, so er sich ernstlich an Ihn gewendet hat, nicht erhört hätte; und Er wird auch vor euch Sein Ohr und Herz nicht verschließen, so ihr in eurer Not euch an Ihn wendet und in euren Herzen sagt: ‚Herr, Du liebevollster heiliger Vater, helfe uns aus unserer großen Not, denn wir sind ja auch Deine Kinder!‘ – So ihr also reden werdet, da auch wird der Herr mitten unter euch sein und wird jedem geben das Seinige. Bedenkt, dass eine jede Menschenhilfe gar keine Hilfe ist, sondern oft nur ein größerer Schade, als so sie nie einem sie Suchenden zuteilgeworden wäre. Sucht also die Hilfe bei Gott, dem Herrn aller Herrlichkeit, und es wird euch für ewig wahrhaft geholfen werden.“
RB|2|202|2|0|Tritt einer aus dem Haufen zum Paulus vor und sagt: „Was willst du, verkappter Pfaffe und sicheres Mitglied des verkappten Paulusvereines, der nun schon auf eine allerunverschämteste Weise sein Metier zu treiben anfängt? Sehe, dass du weiterkommst, sonst sollst du hier in optima forma Jesus Christus erst kennenlernen!“ – Spricht Paulus: „Lieber Freund, ich sage dir, dass du und deine ganze Gesellschaft euch ja schon durch eine geraume Weile nicht mehr auf der Welt, sondern rein nur im Geisterreich befindet – und tut aber noch immer, als wärt ihr in eurem Fleisch auf der finstersten Welt. Lasst euch ermahnen und werdet des wahren Zustandes inne, in dem ihr euch befindet!“
RB|2|202|3|0|Schreit der Hervorgetretene: „Hinaus mit diesem Schmafuh-Pfaffen! Da schaut einmal so eine Figur an! Jetzt will uns der Kerl begreiflich machen, dass wir schon gestorben wären! Ah, da geht der Spaß zu weit! Dass er sich für 'n Paulus ausgibt, das ist sicher eine schwärmerische Finte des neuen Paulusvereins und gehört offenbar ins Narrenhaus! Aber dass wir schon Geister seien, das ist zu viel auf einmal! Darum hinaus mit solch einem besonderen Paulus!“
RB|2|202|4|0|Spricht Paulus: „Hört, ich will euch noch ein Wort sagen, und danach könnt ihr mich hinaustreiben oder behalten, wie es euch frei belieben wird. Ich selbst, als ich zu Gottes Berufe zu Damaskus in Asien vor nahe zweitausend Jahren zu einem Gesandten Christi ward, da geschah es mir nicht selten, dass ich ebenso, wie nun bei euch hier, und manchmal wohl noch ärger, angefallen wurde wegen der damals bei den Erzjuden und auch anderen Völkerschaften sehr verhasst gewordenen Jesu-Heilslehre. Aber so ich zu jemanden im Vertrauen sagte: ‚Freund, prüfe die Lehre und behalte davon, das dir gut dünkt! Sie kostet dich ja nichts als allein deinen Willen und ein wenig Verstandes zur Prüfung.‘ Und seht, dadurch ward beruhigt so mancher, der mich im ersten Moment vor Wut und Ärger gleich hätte zerreißen mögen, und wurde am Ende selbst ein Eiferer für Jesu Heil- und Lebenslehre. Und also sage ich denn nun auch zu euch: Prüfet eher an euch, was ich zu euch geredet habe! Und habt ihr etwas gefunden, das sich an euch denn doch erwahren soll – was kann euch dann hindern, es anzunehmen und für die Folge euer Leben danach zu richten? So ihr dies euer eben nicht zu glänzend-glücklich aussehendes Leben gut wähnt, jemand euch aber ein offenbar besseres bietet – wahrlich, ihr müsstet ja rein besessen und von allen Sinnen sein, so ihr das, was ihr bei einiger Prüfung als besser findet, von euch weist und das viel minder Gute behieltet. Darum prüfet, prüfet! Und dann erst urteilet!
RB|2|202|5|0|Was aber habe ich mit dem neuen Paulusverein zu tun? Wahrlich, ich sage es euch: Ich, als der wahre Paulus, und dieser neue Verein unter meinem Namen haben wohl nichts anderes miteinander gemein, als den an sich selbst ganz toten Namen! In der Lehre und der zwecklichen Tendenz aber ist er von mir noch weiter entfernt, als der geistigste Himmel und die materiellste Erde. Mehr kann ich, als der wirkliche, lebendige und leibhaftige Paulus, nicht sagen. Und ihr könnt von diesem meinem Bekenntnis hinreichend entnehmen, dass ich weder ein finsterer Pfaffe und noch viel weniger ein Paulusvereinler bin. Prüfet aber alles zuvor und tut dann erst, was ihr wollt und was euch am besten dünkt.“
RB|2|202|6|0|Sprechen nun mehrere so recht proletarisch rau: „Ja, ja, die Red' wär' grad' so dumm nicht! Aber zwei schlawutzige [schlechte] Sach'n sind denn doch noch dabei! Und das ist, dass du der wirkliche Paulus sein willst und dass wir schon g'storb'n wär'n, da hätten wir ja entweder gar keinen Leib mehr und wären pure Geister oder wir wären wohl etwa gar nicht mehr, was das Gewisseste ist. So du aber doch nicht blind bist, da musst du's ja sehen, dass wir alle ganz vollkommene Leiber haben mit Haut, Haaren, Fleisch und Knochen. Oder haben denn deine Geister auch Leiber? Wann das, dann magst du recht haben, aber sonst wohl in Ewigkeit nicht.“
RB|2|202|7|0|Spricht Paulus: „Ich sagte aber ja zu euch: Prüfet, und es wird sich zeigen, ob ich zu euch eine Unwahrheit geredet habe.“ – Sprechen mehrere: „Prüfen, prüfen – das ist leicht gesagt! Aber wie, das ist eine andere Frage. Wie sollen wir denn das prüfen? Sollen wir das etwa einem Minister unterbreiten?“
RB|2|202|8|0|Spricht Paulus: „Habt ihr kein Geld bei euch?“ – Sprechen die andern: „Geld!? Welch eine dumme Frage! Wie kämen denn wir und 's Geld etwa zusammen, und das in Wien noch dazu, wo schon lange gar kein Geld mehr existiert! Nein, ist aber das wieder eine dumme Frage von dir gewesen! Wien, wir und 's Geld!? Das ist ja beinahe schon gar nicht mehr wahr, dass in Wien einmal ein Geld existiert hat! Und wir sollen nun ein Geld haben. Lumpen [unwertiges Papiergeld] ja; aber lange schon kein Geld mehr. Wanns dir mit so einem Geldfetzen gedient ist, so können wir damit schon aufwarten!“ – Spricht Paulus: „Lasst sehen, es soll sich zeigen, was sich daraus machen lässt!“
RB|2|202|9|0|Sprechen die Redner des Klubs: „Schau du, der du schon durchaus der berühmte Paulus sein willst, wir werden jetzt auch ein wenig heiligschriftisch mit dir reden. Petrus soll einmal vor der Pforte des Tempels zu Jerusalem zu einem lahmen Bettler gesagt haben, als dieser ihn um ein Almosen anredete: ‚Mein Lieber, Gold und Silber habe ich nicht, aber was ich habe, das gebe ich dir!‘ – Sieh nun, du lieber Paulus, das sagen wir nun auch mit sehr vielen und tiefen Gründen: ‚Gold und Silber haben wir schon lange keines mehr, aber was wir haben, nämlich Fetzen, das geben wir dir!‘ – Petrus gab zwar dem Bettler die Gesundheit, die wir dir darum nicht geben können, weil du fürs Erste ohnehin kerngesund bist, und wärst du's auch nicht, so könnten wir dir keine geben, weil wir keine solche Heilkraft in uns besitzen. Da wir dir sonach weder wirkliches Geld noch irgendeine Gesundheit geben können, so nehme denn hin unsern Gewinn – da ist nichts drin! Sieh, ein barer Zehn-Kreuzer-Fetzen. Verwandle ihn, so es dir möglich, in zehn Dukaten dafür, und rechne dann auf unsere besondere allseitige Dankbarkeit!“
RB|2|202|10|0|Paulus nimmt den Zehn-Kreuzer-Zettel und verwandelt ihn augenblicklich in zehn wirkliche, allerschönste und gewichtigste Dukaten. Die Klubisten staunen über die Maßen und sagen: „Nein, Freund, du kannst schon mehr als Birnen braten allein. Ah, das ist wirklich mehr als zu viel auf einmal! Das übersteigt schon alle Döblers und Boskos! Das wär' so ein Künstler nach dem Herzen des Ministers Kraus und nach dem Herzen Rothschilds und noch sehr vieler Millionen Herzen. Nein, hörst du, Paulus, mit deiner Kunst könntest du auf's öst'reich'sche Papier ein wahnsinniges Agio [Aufschlaggeld] zuwege bringen. Weißt du was, wir behalten dich! Du bist uns wie aus allen Herzen zugleich erwünscht.“
RB|2|202|11|0|Spricht Paulus: „Nicht so und deshalb wollen wir in eine nähere Freundschaft treten, sondern auf dass ihr der Kraft Gottes, des Herrn, in mir gewahr werden mögt und daraus ersehen, dass ich euch kein Lügner und Betrüger bin. Ich verlangte von euch ein Geldstück, und ihr alle hattet nicht einmal einen reellen Kreuzer. Das zeigt auf euer Leben hin, das ihr noch für ein irdisch materielles haltet, das im Grunde aber nun dennoch trotz aller eurer eingebildeten Behauptung und allerirrigsten Meinung ebenso wenig Materielles in sich enthält, als eure Tasche Goldes und Silbers.
RB|2|202|12|0|Aber ihr gabt mir dennoch in der Zehn-Kreuzer-Note ein rechtes Zeugnis über den Gehalt eures Lebens. Euer nunmaliges Leben gleicht ganz diesem schlechtesten Papiergeld, dessen innerer Wert natürlich so gut wie gar keiner ist. Nur äußerlich hin gilt es auf eine gewisse Zeitdauer, so wie diese Zehn-Kreuzer-Note. Wie aber nun auf der Welt die Papiergeldbesitzer nichts als Tag und Nacht spekulieren und simulieren, wie sie aus ihren vielen Kreditpapieren klingendes Geld machen könnten – so auch tut ihr und möchtet aus euren falschen, in sich völlig wertlosen Leben ein wirkliches herausbeuteln. Aber eure Mühe ist eine rein vergebliche. Denn alles Wertlose lässt sich durch ein abermals Wertloses unmöglich verwerten. So ihr fürs Papier wieder Papier ausgebt oder einlöst, sagt, welchen Wert hat dann das Papier? Ich sage es euch: Gar keinen! Denn je mehr neues Papier fürs ältere gesetzt wird, desto wertloser werden beide.
RB|2|202|13|0|Und gerade so ist es auch mit dem Leben. Das irdische Leben ist ohnehin an und für sich völlig wertlos. Sein Wert liegt lediglich darin, dass man durch eine rechte und kluge Spekulation fürs irdische, nur scheinbare Leben ein wirkliches aus der göttlichen Lebenswechselbank erhalten kann. So ich aber das irdische Leben nur dadurch verwerten will, um diesseits wieder in ein noch schlechteres und leereres Leben einzugehen, so nehme ich's schlechte Papier fürs bessere frühere und bin somit ein Narr und ein unsinnigster Spekulant.
RB|2|202|14|0|Habt ihr aber noch nie ein Wettrennen gesehen, wo gute Läufer innerhalb gewisser Schranken einen Rundlauf machen eines rechten Preises wegen, den derjenige erhält, der natürlich am schnellsten laufen kann und somit am ersten das bestimmte Preisziel erreicht? Ich sage es euch: Viele laufen in den Schranken, aber nur einer bekommt den Preis. Ist denn der Preis nur dem einen bestimmt? O das sei ferne! Der Preis gilt allen! Aber die sich die Mühe des besseren Laufens nicht nehmen, die müssen sich's denn am Ende selbst zuschreiben, so sie leer ausgehen. Ich aber sage euch: Lauft alle, der Preis ist groß und reicht für alle hin. So ihr aber gut laufen wollt, da müsst ihr aller eitlen, dummen Dinge ledig sein, auf dass euch nichts im Lauf hindere und die Füße nicht vor der Zeit beschwere und müde mache. Der Lauf ist ein ordentlicher Kampf; der aber da kämpft, der kämpfe vollen Ernstes aufs Bestimmte und Gewisse hin und haue mit seinem Schwert nicht in die leere Luft. Der Gewinn ist eine gute Sache; aber der ihn nicht ernstlich mit aller Mühe anstrebt, bleibt ein armer Teufel ewig.
RB|2|202|15|0|Ich machte aber auf euer Verlangen aus der Zehn-Kreuzer-Note zehn gute Goldstücke, und ihr habt darüber eine große Freude! Ich tat das aber durch meine geheime Kraft, nicht um euch zu zehn Dukaten zu verhelfen, sondern um euch zu zeigen, was sich auch aus eurem papierenen Leben machen ließe, so ihr danach auch, so wie nach den zehn Stück Dukaten, in euch ein Verlangen trügt. Denn euer hiesiges materiell scheinendes Leben gleicht ganz der Zehn-Kreuzer-Note, die wohl einen fingierten und durch die Umstände genötigten, aber keinen reellen Wert innehat, weil sie an und für sich nichts ist und auch nichts Reelles im Rücken zur Deckung ihres Nennwertes besitzt, auf das derjenige, der sie in ihrem Nennwert annimmt, Rechnung machen könnte. Kann aber jemand, wie ich, hinter diese Note zehn reelle Dukaten legen, dann freilich wird sie ein hohes Agio erhalten, wie ihr es selbst bemerkt habt. So lasst denn auch ihr euch umwandeln! Werft von euch alles Eitle, Leere, Nichtige! Macht leicht eure Füße und tretet an den Wettlauf nach des wahren Lebens Ziel! Und es soll euch an meiner Seite ein rechter Preis werden!“
RB|2|203|1|1|Die gewonnenen Sechs. Paulus' Werbung um die übrigen. Rede über die Zeit der besonderen Gnade und über die Fleischeslust.
RB|2|203|1|1|(Am 11. Juni 1850)
RB|2|203|1|0|Spricht der zuerst hervorgetretene Klubist zu den andern: „Reden tät er aber schon wie a Buch! Und so a bisschen auf die Schwarzkunst verstünde er sich auch! Und ein prächtigs Gmüd häd er auch! Und so närrisch sonst das Ding auch klingt, dass er uns für Geister und sich selbst für'n Apostl Paulus hält – aber wisst's, so ganz leer scheint solche seine Behauptung nicht zu sein! Denn mir ist auch schon so manch's aufgfalln, was i euch nit hab sagen wolln, weil's euch so wie mich gwiß sehr stark geniert hätt'. Aber d' Sach ist amal so und wir können's leidr nicht anders mache. Darum mon i halt, wir soll'n grod diesem Paul folgn! Denn schlecht maont er's nicht mit uns.“
RB|2|203|2|0|Sagen einige: „Ja, ja, probieren können wir's ja! Was kann uns dabei gschehn? Ist was dran, nun, so kanns nichts schlecht's sein. Und ist nichts dran, so habn wir nichts verlorn. Also gut, wir fünfe sind mit dir einverstanden! Was die andern, die sich noch nicht erklärt habn, machen wollen, das geht uns natürlich nichts an. Wir aber sind einmal dabei.“ – Sagt der Erste: „Wann nur noch aner wär', so machetmer grod die heil'ge Zahl aus. Nun, hat denn von euch keiner a Lust mehr dazu?“
RB|2|203|3|0|Tritt einer aus der Menge hervor und sagt: „Nun, weil ich aus allen, die nicht mit euch stimmen, der Dümmste bin, so will ich in eure heil'ge Zahl treten; und wären nun ‚die sieben Schwaben‘ wieder beisammen. Aber das müsst ihr mir schon erlauben, dass ich als der Letzte hinter euch einhergehe und zu euch sage: ‚Jockele, geh du voran, du hast jo Stifln an!‘ Wisst's aber, was die heilige Zahl bedeutet? Ich seh schon, dass ihr's nicht wisst, d'rum will ich euch's sage. Seht, sieben bedeutet einen Esel: zwei Eselsohren, zwei dito Augen, zwei dito Nasenlöcher und ein Eselsmaul macht gerade sieben! Ich glaube, dass uns keines dieser teuern Stücke fehlt, und so sind wir denn auch ganz geeignet, alles das für bare Münze anzunehmen, was uns dieser wahrlich aus den Wolken gefallene Paulus sagt. Nur zu! Solange es gut geht, bin ich überall dabei; wann's aber dann schief zu gehen anfängt, so werde ich, als nun Letzter, beim Umkehren sicher der Erste sein, wie es auch irgendwo in einem Evangelium heißt: Und so werden dann die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein – nämlich beim Davonlaufen.
RB|2|203|4|0|Ihr wisst, dass ich stets ein lustiger Kauz war und noch bin. Aber dass wir schon gestorben sein soll'n, das geht mir nicht ein; denn wir müssten da ja doch etwas wissen davon. Denn das Sterben ist ja doch keine gar so unbedeutende Sache, dass sie der Betreffende gar so total vergessen soll können. Aber sei ihm nun, wie's ihm wolle, ich bin beim Dummwerden nun einmal dabei, und so sei es denn! Um zehn Dukaten für ein lumpig's Zehn-Kreuzer-Stück kann man ja wohl so etwas mitmachen. Ich hätte selbst noch so ein halb's Dutzend solcher Zehn-Kreuzer-Fetzen; vielleicht verwandelt's mir der gute Eskamoteur [Zauberkünstler] Paul auch per Kreuzer in Goldstücke!? Wenn das, da bin ich dann vollends zufrieden.“
RB|2|203|5|0|Hier wendet sich dieser siebente an Paulus und spricht: „Höre du, lieber guter Freund, der du das sonderbare Vermögen besitzt, Papier in reines, gediegenes Gold zu verwandeln, und zwar auf die Art, dass aus zehn Kreuzer Scheinwert zehn Dukaten werden! Sieh, ich habe hier gerade sechs solcher Zehn-Kreuzer-Fetzen; möchtest du sie mir nicht auch in Goldstücke umschaffen?“ – Spricht Paulus: „Warum denn nicht, so es dir nach deiner freilich offenbar höchst blinden Meinung damit gedient ist. Wo hast du deine Fetzen?“
RB|2|203|6|0|Sagt der siebente: „Hier sind sie schon – nahe jeden Zusammenhanges ledig.“ – Paulus rührt sie an, und es werden in dem Augenblick sechzig Dukaten daraus. – Der siebente sinkt nahe bis zum Boden vor Verwunderung und sagt nach einer ziemlichen Staunensweile: „Ja, jetzt ist es klar, das ist ein Wunder in optima forma. Denn beim früheren dachte ich, dass du, um uns in unseren Meinungen über dich gewisserart breitzuschlagen, bloß so ein Boskoisches Trugstückchen produziert hast; aber da hört des Bosko Kunst auf und an ihre Stelle tritt ein reines Wunder! In meiner Hand aus den sechs Zehn-Kreuzer-Fetzen augenblicklich sechzig Dukaten herzaubern, das geht über den Horizont alles menschlichen Wissens himmelweit hinaus! Jetzt aber glaube ich auch an die sämtlichen Wunderwerke Christi. Ihre Möglichkeit liegt vor meinen Augen auf meiner rechten Hand, und so glaube ich nun alles, was ich sonst ewig nie hätte glauben können. Sehe, du guter Mann Paulus, nun glaube ich auch, dass du im Ernst der eigentliche und wahrhaftigste Paulus bist, wie auch, dass wir schon im Ernst gestorben sind.“
RB|2|203|7|0|Sagt der zuerst Hervorgetretene: „Ja, ja, der Meinung bin ich nun auch ganz festweg! Aber wahrlich nicht so sehr dieses Wunderwerkes wegen, als vielmehr seiner früheren Rede wegen, die er, als wir ihn wegen der neupaulusvereinlichen Verdächtigung hinaus schoppten, an uns gerichtet hat. Denn da hat wirklich der alte Paulus, wie er einst mag geleibt und gelebt haben, haufenweise groß und stark herausgeleuchtet! Mir ist die Rede erst nach und nach so recht in den Leib gedrungen. Und je mehr ich bei mir darüber nachdenke, desto mehr Paulus finde ich darinnen und desto mehr Wahrheit. Das Dukatenmachen aus den Fetzen ist wohl sehr blendend und breitschlagend; ob's aber deshalb auch gut und wahr ist, das ist eine ganz andere Frage. Ich setze den Fall, dass wir schon ganz sicher in der Welt der Geister uns befinden, in der doch sicher allerlei zauberhafte Dinge zum Vorschein kommen dürften – da wäre es mit dem Dukatenmachen ein Spaß. Denn der gute Paulus darf sich recht fest zum Beispiel hundert oder tausend Dukaten denken, und da die Geister Gedanken sehen können, so werden auch wir, so wir im Ernst Geister sind, des Paulus Dukatengedanken beschauen können.“
RB|2|203|8|0|Sagt der siebente: „Ja, aber wie kommt es denn, dass wir als Geister auch schon seit einer geraumen Zeit her uns mit lauter klingenden Gedanken beschäftigten, und es kam anstatt der Fetzen auch nicht ein schlechtester kupferner Pfennig zum Vorschein, geschweige ein Dukaten. Siehst du, da bin ich mit dir nicht so ganz einverstanden. Es muss also hinter der paulinischen Dukatenmacherei ganz was anderes stecken als bloß nur feste Dukatengedanken.“
RB|2|203|9|0|Sagt der erste: „Ist nicht in Abrede zu stellen! Aber dabei bleibe ich dennoch stehen, dass seine Rede besser war als seine Dukatenmacherei.“ – Sagt der siebente: „Allerdings! Aber er hat in seiner Rede eben gar herrlich auch gezeigt, was so ganz eigentlich seine Dukatenmacherei für uns bedeutet, und wir können sie sonach so ziemlich der Rede gleichstellen.“
RB|2|203|10|0|Spricht Paulus: „Eure ganze Gesellschaft besteht aus einhundertzwanzig Menschen. Sieben haben sich meinen Worten und Taten gefügt. Somit bleiben noch hundertdreizehn, die sich nicht gefügt haben. Was ist mit ihnen?“ – Sagt einer aus den hundertdreizehn: „Wir bleiben und brauchen nichts mehr von deiner Lehre und von deinem Gold.“
RB|2|203|11|0|Spricht Paulus: „Nun ist geöffnet die Pforte zum Reich Gottes! Wer da hinein will, der wird auch hinein kommen. Wer aber nun nicht will, der wird dann, so die große Pforte der besondern Gnade wieder geschlossen wird, schwer hineinkommen. Denn obschon der Herr stets unveränderlich ist in Seiner Liebe und großen Erbarmung gegen und für alle Seine Geschöpfe und Kinder, so ist Er aber dennoch in der Gabe Seiner besonderen Gnade nicht allzeitig gleich; denn fürs Erste gibt Er diese nicht jedermann gleich, und nicht jedweder bekommt sie, sondern nur wenige, die da erwählt sind vom Anfang an und dazu schon also geschaffen und zugerichtet, die besondere Gnade in sich ohne Nachteil für ihr Sein fassen und ertragen zu können. Aber zu allen Zeiten sind die Propheten nicht da. Nicht jedes Erdjahr bringt seine eigenen zum Vorschein; da gilt es kaum von hundert zu hundert Jahren irdischer Zeitrechnung für die Zulassung besonderer Gnaden in den Propheten, die da sind nach dem Willen des Herrn aus Seiner besondern Gnade, auf dass sie schauen Dinge des Geistes und hören das Wort aus dem Mund Gottes und dann verkünden beiden – den Schwachen und den Blinden der Erde – damit diese denn auch selig werden mögen und eingehen in die Gnadenhimmel Gottes.
RB|2|203|12|0|Und so hört ihr Tauben und seht ihr Blinden! Nun ist wieder eine solche zugelassene Epoche der besondern Gnade Gottes des Herrn! Boten aus den höchsten Himmeln durchziehen nach allen Richtungen die unteren und untersten Sphären der finstern Geisterwelt! Ja der Herr Selbst tut dasselbe, um die Unglücklichen glücklich zu machen! Und auf der Erde und in allen Weltkörpern werden nun besondere Propheten und Knechte des Herrn erweckt und geben den andern Menschen das Licht und das Wort aus den Himmeln!
RB|2|203|13|0|Aber leider kehren sich nur wenige daran. Viele aber tun, was ihr tut: sie lachen den Propheten ins Gesicht und spotten ihrer oder drohen ihnen gar. Aber diese Zeit wird bald wieder vergehen, und die besondere, große Gnadenpforte Gottes wird wieder auf lange hin verschlossen werden den Kindern der Welt und des Gerichtes. Und so ihr dann rufen werdet in eurer großen Not, da wird euch keine Antwort werden. Und so ihr auch suchen werdet, da werdet ihr aber dennoch nichts finden. Und durch all euer Bitten und Flehen werdet ihr dann nichts bekommen. Jetzt aber, da noch die Zeit der besonderen Gnade währt, braucht ihr weder zu suchen noch zu rufen, zu bitten und zu pochen, sondern bloß einfach zu wollen nur, und ihr werdet angenommen! Denn nun werdet ihr gerufen, gesucht, gebeten, und an die Türe eures Herzens wird von uns aus gepocht, und ihr braucht bloß ernstlich ‚herein‘ zu sagen und die Aufnahme ins Gottesreich ist bewerkstelligt. Was wollt ihr mehr? Nun tut der Herr alles, das ihr wollt, zu eurer Beseligung für ewig. Aber nach dem baldigen Ablauf dieser besonderen Gnadenzeit werdet ihr alles Mögliche tun können und werdet dennoch nichts erlangen – wie ich es euch schon im Verlauf dieser meiner Belehrung und Beredung gezeigt habe.
RB|2|203|14|0|Aber ich sehe euren Sinn! Und danach wollt ihr nicht dem Geist angehören und nicht folgen seiner sanften Stimme aus den geöffneten Himmeln, weil ihr auf die tote Stimme eures vermeintlichen Fleisches hört und wollt Weiber, um mit ihnen den Rest eures Lebens zu verbuhlen. Aber eure bocksgeile Gestalt will den Weibern nicht mehr gefallen. Und nach denen ihr giert wie eine Hyäne nach einem Leichnam, die haben vor euch einen Ekel wie vor der Pest, und die an euch noch irgendein Vergnügen fänden, die wollen eurem Sinn nicht behagen, weil ihr zu geile Fleischböcke seid und nur junges und fettes Fleisch wollt!
RB|2|203|15|0|Wartet aber nur noch ein wenig! Denn diese besondere Gnadenzeit wird nimmer lange währen, und es werden dann Weiber über euch kommen, denen ihr werdet dienen über alle die Maßen. Da werdet ihr dann zu heulen und zu wehklagen anfangen und werdet euch vom Fleisch der Weiber entfernen wollen. Aber all euer Bestreben und all euer Heulen und Wehklagen wird dann vergeblich sein. Die Weiber werden um eure Lenden glühende Fesseln, aus Schlangen gemacht, schlagen und werden euch also versenken in die Grube des Verderbens für ewig, daraus euch dann auch keine künftige Gnadenzeit mehr wird befreien können. Wehe euch und jedem hier in der Geisterwelt wie auch jedem Geilbock auf der Welt, so er seinen Sinn von der Gnade abwendet und seine Augen nach dem fetten und jungen Fleisch der Weiber richtet! Wahrlich wahr, so wahr ein Gott lebt und so wahr Sein Wort durch meinen Mund nun an euch ergeht, so wahr und gewiss wird, was eurer Geilheit nun wie ein Himmel voll Lust und Wonne sich zeigt und euer Herz verlockt, in aller Kürze für euch und für alle euresgleichen eine Hölle grässlichster Art werden!
RB|2|203|16|0|Ihr schimpft darum auch in einem fort über die Regierungen der weltlichen Fürsten, weil ihr Aufwand zu viel der Schätze benötigt und ihr dabei zu kurz kommt. Aber dies Zukurzkommen geniert euch nur hauptsächlich eures zu unbefriedigten Fleisches wegen! Hättet ihr Millionen, bei Gott dem Herrn, euch wäre jede Regierung recht. Denn da würdet ihr euch schon einen Fleischhimmel non plus ultra einrichten können. Aber weil eure Finanzen nicht auslangen und ihr gewisserart mit den Schweinen die gemeinen Treber speisen müsst, und das nur selten – so seid ihr darob voll Grimm gegen die Fürsten, die da die schönsten Weiber haben können, so viel sie nur wollen, mögen und können.
RB|2|203|17|0|Aber das seht ihr nicht ein, dass das Gott der Herr Selbst also anordnet und geschehen lässt, auf dass ihr zu euch kommen sollt und erkennen, dass euch Gott der Herr für etwas Besseres erschaffen und bestimmt hat als bloß für die geilsten Werke des Fleisches nur, die der Mann wohl auch, so lange er auf einer Welt lebt, im wahren Fleisch des Todes, zu verrichten hat nach weisem Ziel und Maß – aber nie anzusehen hat als eine Bestimmung seines Seins, sondern als eine zufällige, allzeit nüchterne, natürliche Verrichtung, wie es deren zur Bedienung des zeitweiligen toten Fleisches mehrere gibt, von all denen diese die unwesentlichste ist.
RB|2|203|18|0|Denn wer da auf einer Welt es tut nach Maß und Ziel, der tut wohl; wer es aber ganz unterlässt, der tut besser. Denn der Herr gab diesen Sinn dem Fleisch nicht zu einem Bedürfnis, sondern als eine Eigenschaft zum nüchternsten und weisesten Gebrauch. Wer aber daraus ein Bedürfnis sich macht, der ist ein elender Sünder, und die Gnade Gottes weicht aus seinem Herzen, da er dem stummen Gesetz des Fleisches gehorcht und ihm in diesem Gehorsam einen Himmel der Böcke und Hunde nach der Gerechtigkeit des Todes und des Gerichtes erbaut.
RB|2|203|19|0|Fasst es, wer es fassen kann! Wer immer an einem Gesetz, auf dem ein Gericht lastet, eine Wollust findet und das Gesetz der Wollust wegen beobachtet und danach tut, der hat das Gericht schon in ihm; wer aber das Gericht in sich trägt, der ist ein Sklave und ist für die Freiheit in Gott und aller Wahrheit verflucht.
RB|2|203|20|0|Und darum sollt ihr über dem Gesetz des Fleisches stehen durch die freie Macht der Selbstverleugnung und durch die Liebe und den lebendigen Glauben an Gott den Herrn, auf dass ihr alles Gesetzes und alles Gerichtes ledig werden mögt! Denn ein Sklave des Gesetzes, ob natürlich oder moralisch, kann in das Reich Gottes nicht eher eingehen, als bis er jedes Gesetzes ledig geworden ist. Denn niemand wird nach dem Gesetz gerichtet; denn das Gesetz selbst ist schon das Gericht. Nur wer sich in der Liebe zu Gott über alles Gesetz frei erhebt, der wird auch frei werden in Gott und in aller Wahrheit! Denn die Liebe in Gott ist die alleinige Wahrheit!
RB|2|203|21|0|Nun habt ihr es alle gehört, und niemand kann sich entschuldigen, als ob er es nicht vernommen hätte! Tut daher nun, das euch bestens bedünkt!“
RB|2|204|1|1|Gute Antwort eines aus der Schar. Paulus' letzte Rede an die Hartnäckigen. Der lustige Wiener und die derben Tiroler. Alle ziehen weiter.
RB|2|204|1|1|(Am 14. Juni 1850)
RB|2|204|1|0|Sagt einer aus der Mitte der hundertdreizehn: „Diese Rede war gewichtig und deckt mir manches Geheimnis des Lebens auf. Denn wer am Gesetz hängt, der hängt auch wie am Galgen des Geistes. Und die Sünde wie nach ihr die Strafe sind nichts als Kinder des Gesetzes. Je mehr es irgend Gesetze gibt, desto mehr gibt es auch Übertretungen und Strafen. Warum sind denn nun in Europa nahe alle Kerker mit Verbrechern angestopft? Weil die Belagerungsstände eine Menge neuer Gesetze erfunden haben und die Menschheit – der allgemeinen Ordnung und Vermögens- und Lebenssicherheit wegen zur Danachachtung genötigt – hat aber vom Anfang an dieses Joch abschütteln wollen, und so sind die Menschen dann dafür in die Löcher hineingeschüttelt worden und sind richtig durch das Gesetz verflucht zur Strafe. Das Gesetz ist für Gesellschaften zwar nötig, aber dabei doch stets ein Übel und ein Fluch in der Gesellschaft.
RB|2|204|2|0|Denn wären die Menschen wie sie sein sollen – als wahre Menschen, da benötigten sie sicher keines Gesetzes und stünden dadurch weit über jedem Gesetz. Aber da die Menschen eigentlich, wie die allzeitigen Erfahrungen es nur zu hell zeigen und gezeigt haben, mehr Tiere (und oft von der bösesten Art) als Menschen sind, so bedarf es da freilich auch entsprechender Gesetze, durch die die wilden Leidenschaften der bildungslosen Menschheit gezügelt und gebändigt werden. Was wäre eine Schule ohne Schulgesetze? Was eine große Menschengesellschaft ohne dieselben! Daher müssen wohl Gesetze sein als ein Übel gegen ein anderes Übel. Aber dem ungeachtet lässt sich immer eine weise Gesellschaft von Menschen denken, die keiner Gesetze bedarf und dadurch auch vollends frei und glücklich ist und sein muss. Das also sehen wir alle hoffentlich recht gut ein und können diesem Paulus nur alles Recht zu- und nachsagen.
RB|2|204|3|0|Aber wie kann sich ein Mensch oder hundert Menschen von noch so verschiedener Weisheit übers Gesetz hinaussetzen, mag das Gesetz ein natürliches oder ein moralisches oder politisches sein? Hält man das Gesetz, so ist man doch offenbar ein Sklave des Gesetzes. Und hält man es nicht und setzt sich darüber hinaus, so wird man vom Gesetz vors Gericht gezogen, allwo einem des Gesetzes Fluch zuteilwird. Macht man aber das Gesetz gewisserart zur zweiten Lebensnatur und hat an der Erfüllung desselben eine förmliche Lust, gleichwie ein Scharfrichter an der Hinrichtung eines armen Sünders, auf die sich mancher Henker oft schon wochenlang freut, so ist man dadurch sich selbst zum lebendigen Gesetz geworden. Und weil das Gesetz selbst ein Fluch ist dem Menschen, so muss ja denn auch ein Mensch, der es zum Selbstgesetz gebracht hat, der hartnäckigste Fluch sein. Wahrlich, da heißt es wohl: Herr, wer wird mich vom Gesetz je erlösen können?!
RB|2|204|4|0|Wir sind aus lauter Soll und Muss zusammengesetzt. Das Muss ist rein des Teufels, und das Soll ist nun nicht vieles besser. Denn was einmal geschehen muss nach dem Willen einer allmächtigen Gottheit, das ist schon gerichtet. Was aber als dem eigenen menschlichen freien Willen anheimgestellt geschehen soll, das ist zwar noch nicht gerichtet, aber es steht in der beständigen Erwartung des Gerichtes.
RB|2|204|5|0|Nun frage ich euch als einer eurer besten Freunde: Was tun wir, oder was wollen wir tun? Dieser Mensch mit dem Apostelnamen, oder meinetwegen auch derselbe Apostel selbst, so wir hier schon durchaus in der Geisterwelt uns befinden müssen (was mir im Grunde, offen gesagt, gar nicht unangenehm wäre; denn der Gedanke an den Tod war doch stets meine größte Qual) hat uns diese Geschichte wahrlich sehr klar und wahr auseinandergesetzt. Was ist's denn? Folgen wir ihm. In die Hölle, die es sicher nirgends gibt, wird er uns nicht führen und vor kein Gericht auch nicht. Und so können wir ihm folgen ja auf die Gasse hinaus; da wird sich's wohl zeigen dann, was er eigentlich mit uns will.“
RB|2|204|6|0|Sagen die andern: „Ja, ja, wenn wir schon wirklich in der lieben Ewigkeit sein sollen, da wäre es sogar dumm von uns, wenn wir einem g'scheiten Kampl von einem Paulus nicht folgen möchten. Nun, und g'fällt es uns draußen nicht, da können wir ja immer wieder umkehren. Denn gezwungen können wir draußen doch ebenso wenig werden, als wie herinnen.“
RB|2|204|7|0|Spricht nun wieder Paulus, der sich unterdessen ganz ruhig verhielt: „So frei ihr hier seid, ebenso frei und noch um vieles freier sollt ihr in dem Befolgen meiner Lehre und meines guten Rates an euch alle sein. Ich sage euch allen, meinen lieben Brüdern in Gott dem Herrn, was verliert ihr eigentlich hier, so ihr diese Stube verlasst? Nichts als eine ekelige leere Erwartung einiger geiler Dirnen, die euch bloß eure dumme, das ist so viel als blind erhitzte Einbildung vormalt, sonst aber für euch und für gar viele euresgleichen in solch naturmäßigem Zustand nirgends in der Wirklichkeit weder zu finden und noch viel weniger zu haben sind. Was ist ein leerstes Phantasiebild gegen die Wahrheit? Ich aber will euch für all das ekelhafte Leere die vollste Wahrheit geben! Was soll euch denn hernach noch abhalten können, mir zu folgen in die heiligen Sphären des Lichtes, der Wahrheit und des Lebens, welches ist die Liebe in Gott, der da ist Christus, der Ewige, der Wahrhaftige!?
RB|2|204|8|0|Ihr seid nun schon eine geraume Weile leibesledig hier in eurer einbilderischen Erwartung. Aber welche Erfolge sind euch geworden? Seht, gar keine – außer dass sich euch dann und wann ein nebliges Gebilde irgendeines weiblichen Wesens auf einige Augenblicke gezeigt hat und dann wieder in nichts verrann. Diese Augenblicke sind aber auch alles, was ihr hier als euch Beseligendes aufzuweisen habt! Nicht einmal einen schlechtesten Wein und nicht einen Bissen Brot, und kurz gar nichts habt ihr noch genossen! Und dennoch wolltet ihr anfangs nichts hören vom Verlassen dieses leeren Ortes, der zu sonst nichts taugt als zum noch dümmer und noch elender werden, als ihr es ohnehin schon lange seid.
RB|2|204|9|0|Aber wohl euch nun, dass ihr in euch den guten Entschluss gefasst habt, mir zu folgen! Denn nun werdet ihr erst dahin gelangen, wo die Urwahrheit und Urwirklichkeit alles Seins und Bestehens zu Hause ist. In aller Welt ist alles Lüge und Täuschung, das euch je irgendwo vorgekommen ist; euer Leben selbst, euer Besitz, eure Wissenschaft, alle eure Künste und Schätze, nichts als Lüge und Trug war es! Und wäre die materielle Welt was Besseres, so müsste sie beständig sein, wie die Wahrheit selbst für ewig eine und dieselbe beständig ist und bleibt! Was aber bleibt in der Welt als beständig? Ich sage es euch – nicht einmal das Wort Gottes! Denn auch dieses wird so viel nur immer möglich von der Lüge der Welt durchtrübt und dann in allerlei Dummes, Falsches und Böses verkehrt. Darum ist es aber den Menschen verhüllt gegeben, auf dass es in seinem Heiligsten nicht verunreinigt werden kann. Die Welt ist nichts als eine gerichtete Lüge, auf eine bestimmte Probezeit; so diese beim Menschen aufhört, dann erst beginnt das Gottesreich der ewigen Wahrheit. Und so macht denn nun auch ihr in euch der Welt ein Ende, auf dass dann in euch das Gottesreich anfangen kann, Platz zu greifen. Und so denn folgt mir alle!“
RB|2|204|10|0|Sagt einer, der seiner Natur nach eines guten Humors ist, stets mehr lustig als traurig: „So leb' denn wohl du stilles Haus, wir zieh'n von dir vergnügt hinaus! Sollten wir uns irgendwann in der allerliebsten Ewigkeit wiedersehen, so werden uns beiden die Augen offen stehen. O du liebes Gebäude du, wie schön haben wir in dir Hunger und Durst und an durchaus keinem Geldüberfluss gelitten! Ja, wie oft sind wir vor allerlei Rührung zwischen deinen vier Wänden zu Tränen gekommen, an denen aus purer, freisinniger Ökonomie nur zwei schmale und niedere Fenster angebracht sind, jedes aus sechs kleinen Glastafeln bestehend, die aber so vielfach mit Blei durchzogen sind, dass dem Licht nur sehr kleine Flächen zur beschmutzten Durchpassierung belassen sind. Oh, das ist rührend! Freunde, dass wir beim Verlust dieses Hauses nicht nur nichts verlieren, sondern nur ungeheuer gewinnen, das wird hoffentlich doch jedem von euch bestens und klarst einleuchtend sein. Mit dem Haus ist's also aus; nun werden wir sehen, wie es uns geh'n wird drauß.
RB|2|204|11|0|Das Spaßigste bei der Sache aber ist und bleibt das, dass wir schon sämtlich, wie wir hier sind, unsere Madensäck' abgelegt haben und bloß Seelen sind mit Haut, Haaren, Knochen, Hintern und noch was. Auch müssen wir als Seelen die gewöhnlichen Notdurften verrichten und Hunger und sehr viel Durst verspüren, haben aber wenig, um sie zu stillen. Merkwürdig! Daher wird's wahrscheinlich kommen, dass man auf der Welt schon oft sagt: Das ist aber eine arme, hungrige und durstige Seel! Ja, ja, über ein elendes Leben in Wien steht denn doch nichts auf! Das dumme Völkl singt mit hungrigem Magen noch immer ein lustig's Liedchen vom Tod. Die Reichen geben nichts her, die Minister schreiben Steuern aus, der Kaiser weiß sich vor lauter Unterhaltungen nicht zu helfen und schaut nur, was der Kaisergroßpapa im Eisbärenland [Zar Nikolaus I. (Russland)] spricht; das Einzige hat ein G'wicht, alles andere ist nichts. Und wer da was dawider spräche in seiner Not und Schwäche, der kann's verspüren bald, ob jung er oder alt, mit wem er's hat zu tun im Belag'rungsstande nun! Der Kaiser ist nicht faul und gibt ihm eins aufs Maul! O Nikolaus, o Nikolaus, du großer Mann! Nach Östreich hast dir g'baut die Bahn, und Preußen in der großen Not leckt schon jetzt an deinem Kot. Was wird's erst später werden auf der lieben Erden! Das Deutschland in Wirr'n schon schmeißet Zwirn, und's liebe, starke Frankreich, wird auch schon totenbleich. Wenn England sich nur rührt, wird Europa gleich verwirrt. Oh, das sind schöne G'schichten! Sei'n wir froh, dass wir nimmer leben auf der Erd'. O Wien, o Wien, o Wien, wohin, wohin, wohin treibt dein Unsinn, Unsinn, Unsinn?
RB|2|204|12|0|Aha, schau, schau, schau der Mensch! Während meines Geplausches sind wir nun auch samt und sämtlich auf die Gasse gekommen. Wie war denn das möglich? Denn ich kann mich ja gar nicht erinnern, dass ich aber auch nur einen Fuß in die Höhe gehoben hätte.“
RB|2|204|13|0|Sagt sein Nachbar, so ein recht derber Patron: „Wie kannscht du aber a so dumm sein und um so wos frogn? Siegscht denn nit, wos dös ischt? Dös ischt hold ane Zauberei, Gott schteh uns bei!“ – Sagt der Humorist: „Wenn nur ein Tiroler nie sein Maul auftät! Denn wenn ein Tiroler zu reden beginnt, so bebt die ganze Erde vor Dummheit!“ – Sagt der Tiroler: „Dös loß du schtean, dass du mi schimpfscht, süscht krieagst mi a Fauntsche auf dei Gfriesch, dosch dir die roate Supn obedreantsche wird!“
RB|2|204|14|0|Sagt der Humorist: „O du dummer Kerl von einem Tiroler! Siehst denn nicht, dass wir jetzt Geister sind, die bloß Willen und Verstand, aber keine Leiber haben! Wir sind nun so etwas außerordentlich Luftiges. So du mir nun eine allerechteste Tirolerflauntsche gäbest, vor der sonst das gesamte Rindvieh von ganz Europa eine besondere Achtung haben sollt', so würdest du damit dich aber nur lächerlich machen, denn da schlügest du mit deiner Luft auf die meine, und es schlüge da eine Dummheit die andere. Petter! Stecke daher ein dein Schwert, es hat ja keinen Wert! Denn wer mit dem Schwert umgeht, der kommt auch durchs Schwert um. Siehst du, das steht geschrieben in der Heiligen Schrift. Hast du sie einmal gelesen?“ – Sagt der Tiroler: „Ober bischt du dümm! Wia kunnt iachs denn lösen, bin do nia in a Schul gongen. Ober dös wäß i wohl, dass iach von da heilge Schrift meh woaß als du!“
RB|2|204|15|0|Sagt der Humorist: „Nun, nun, werde nur nicht so massiv wie deine Berge in deinem Landl! Schau lieber dorthin, wo unser Paulus dort nun gar so freundlich mit einem lieben, schlichten Mann sich bespricht und wie ihm jener die Hand drückt, aus lauter, wie dankbarer Freude! Und dann schau dort weiter rechts hin – ein Mädchen, wie's keine zweite mehr wo gibt! No du, dös wär a so a rechte Tausendelement-Lisl! Du, dös wär ein anders Früchtl als deine fünfzähnluckete Nazi beim gschecketen Hirschen! Du, da gehen wir ein wenig näher hin! Meiner Seel, die wär mir schon lieber als wie die österreichische Staatsschuld! Was meinst du blatterstepziger [blatternnarbiger] Tiroler?“ – Sagt der Tiroler: „Du bischt di hold noch immer a tamasches Luder von an Menschn. Siagscht denn not, doss af solchen Bahmern für ünsch kane Feige woxn! Bleibmer, wo wir san, do isch viel gschieder für ünsch.“
RB|2|204|16|1|(Am 17. Juni 1850)
RB|2|204|16|0|Spricht der Humorist: „Gelt, du hast nur keine Courage nicht, sonst gingest du schon hin. Ja, ja, die Courage, die Courage – die fehlt dir wohl sehr stark! Denn ich habe es immer gehört, dass die Tiroler nur hinter den Felsen, wo sie schusssicher sind, couragierte Leute seien, aber im offenen Feld der Davonlauferei sehr ergeben, so es irgendwo ein wenig hitzig herzugehen beginnt. Und so wirst du davon wohl etwa auch keine Ausnahme machen. Ich aber werde wohl hingehen und werde pflichtgemäß dem guten Paul meinen Dank abstatten, dass er uns so gut und zu unserem Wohle ins Freie herausgeführt hat. Wir sind freilich nun noch in unserm lieben Wien, aber da doch wenigstens in einer der belebtesten Straßen, wo es stets sehr lebhaft zugeht! Und das ist schon ein ungeheurer Profit und steht viel höher als das Hocken in einer solchen wahrhaftigen Bleikammer und sich in derselben von allen Trutten [Tirolern] abdrucken lassen. Kurz und gut, Paul hat an uns Großes getan; ich muss ihm darum meinen Dank abstatten.“ – Spricht der Tiroler: „Siagscht, Siagscht, wosch du vor a Haupts... bischt! Moanscht, iach kenn' dich epes nöt! Dös Menschle schticht dich in d' Augn, und dößhalben mögschd hingeahn, nöt ober epes n'Paul z'dank'n. Ober schau nuar, döss d'weiter kimmscht, sünscht wirsch dö bald seahn, obs die T'ruller a Kurasch hobn oder nöt; versteascht mi?“
RB|2|204|17|0|Spricht der Humorist zu einem anderen Nachbar: „Freund, magst du mit mir hingehen, dem Paulus zu danken, dass er uns aus dieser Bleikammer befreit hat? Denn mit diesem vierschrötigen Tiroler ist nichts anzufangen. Sagt man ihm etwas, so wird er gleich schlagsüchtig und gebärdet sich wie ein Stier, der gerade im Begriff ist, seinen Hörnern so ein kleines unschuldiges Stoßvergnügen zu verschaffen. Also, wenn's dich nicht geniert, so gehe mit!“ – Spricht der Angeredete: „Ich geh auch nicht! Denn du hast auch mich beleidigt, indem ich auch ein Tiroler bin, freilich mehr gebildet als der andere. Wenn du den Tirolern Mangel an Courage vorwirfst, so bist du ein dummer Mensch, der das nicht weiß, dass die Tiroler die allertapfersten Krieger sind und allzeit waren. Schau, du damischer Wiener, wenn du ein rechter Mensch wärst, der Kopf und Verstand hat, so nähmst du schon von weitem den Hut vor jedem Tiroler ab! Denn das sind noch Leute, die in die Welt taugen! Ihr Wiener seid sonst nichts als allergemeinste Mistkäfer. Und es ist für längere Zeit für keinen ehrlichen Mann eine Ehre, mit euch in Familie zu leben.“
RB|2|204|18|0|Spricht der Humorist: „O je, o je! Jetzt hab ich's gut gemacht! Zwischen zwei Feuern vom gröbsten Kaliber! Jetzt habe ich aber auch die höchste Zeit, dass ich weiterkomme, sonst entleert sich noch ehestens ein echtes Tiroler Hochgewitter über mein Haupt.“
RB|2|204|19|0|Hier verlässt der Humorist seine Hochgebirgsgesellschaft und begibt sich schnell zum Paulus hin und sagt: „Liebwertester Freund! Du hast uns allen eine große Wohltat erwiesen, und wie ich bemerke, so ist es noch keinem eingefallen, dass er sich hier draußen im Freien bei dir bedankt hätte, darum du uns durch die Wahrheit deiner Rede aus unserer wahren Bleikammer befreit hast. Ich habe daher, vom tiefsten Dankgefühl gedrungen, mir als Erster die Freiheit genommen, dir als unserem allerwertesten Freund hiermit meinen tiefsten und wärmsten Dank darzubringen.“
RB|2|204|20|0|Sagt Paulus ein wenig lächelnd: „Schön, schön von dir! Aber nur hättest du hier auch den Hauptgrund angeben sollen, der dich vorzüglich ganz besonders zu diesem deinem Dankgefühlsaufschwung vor mir genötigt hat. Sieh, der grobe Tiroler hatte recht, als er zu dir sagte: ‚Nicht der Paulus, sondern das Menschle sticht dir in die Augen!‘ – Also in Zukunft nur alles, was wahr ist! Denn hier, vor uns, ist es wohl keiner Seele möglich, sich zu verstellen. Gehe aber jetzt nur auch zum Menschle hin und mache ihr dein Kompliment! Aber vergesse es nicht, dass sie schon ein Weib eines Mannes ist, und zwar eben desjenigen, der neben ihr steht.“
RB|2|204|21|0|Spricht der Humorist: „Lieber Freund, ich danke dir auch für diese Belehrung, denn sie ist wahr, und durchaus wahr! Aber dass ich nun dieser wahrlich allerholdesten Dame sogleich ein Kompliment machen soll, während sie mit ihrem Gatten in ein tiefes Gespräch versunken dort steht, dürfte denn doch ein wenig unschicklich sein. Je mehr ich sie aber betrachte, desto bekannter kommt mir ihr Gesicht vor, wie auch das seine. Er hat, so ich mich nicht irre, eine ganz außerordentlich frappante Ähnlichkeit mit dem berüchtigten – hm, hm – fällt mir aber gerade jetzt der Name nicht ein! No, no, no – kurz, er sieht einem Hauptdemokraten gleich, den ich vor ein paar Jahren oft – oft – in Wien gesehen habe. Vom Sehen aus sind mir also er und sie bestens bekannt, aber natürlich die Namen können mir nicht bekannt sein.“
RB|2|204|22|0|Spricht Paulus: „Daran liegt auch sehr wenig vorderhand, und wir haben nun gar um sehr vieles wichtigere Dinge zu tun, als uns mit ein paar Namen herumzubalgen und uns dann drei Tage lang nach irdischem Gebrauch zu verwundern, dass diese die und die seien. Ich werde dir aber nun einen anderen Rat geben! Den befolge du, und es wird dein Schaden nicht sein! Falle du nun vor diesem meinem höchsten und allerbesten Freund auf deine Knie nieder und sage: ‚O Herr, sei mir armen Sünder gnädig und barmherzig! Nehme mich als ein sehr mächtig verloren gewesenes Schaf in deiner großen Gnade auf, und lasse auch mich genießen die Ausflüsse deiner Liebe und Erbarmung!‘ – Sage aber solches mit aller Wärme deines Herzens aus, und dir soll dafür ein Heil widerfahren!“
RB|2|204|23|0|Spricht der Humorist: „O Freund, du verlangst sehr viel von mir! Bedenke, wie mich alle meine Bekannten auslachen werden und ansehen für einen barsten Trottel! Und so mich dann jemand fragen wird und sagen: ‚Warum tust du wohl solches? Wer ist denn der, vor dem du wie vor dem allerheiligsten Altarssakrament bei der Wandlung auf die Knie gerutscht bist und hast vor ihm schon getan, als so er unser Herrgott wäre?‘ – was werde ich solch einem Fragesteller zur Antwort geben?“ – Sagt Paulus: „Nichts als: ‚Tue auch du desgleichen, so wird es für dich besser sein als solch ein leeres Fragen! Denn Der, vor Dem ich niederfiel, ist Jesus Christus, der Herr Himmels und aller Welten.‘“
RB|2|204|24|0|Hier fällt unser Humorist am Boden nieder und sagt hell lachend: „Nein, was z'viel ist, ist z'viel! Entweder bist du zeitweilig ein Narr, oder dir beliebt es, mich und uns alle dafür zu halten und dich also an unserer Schwäche zu belustigen. Es ist genug, dass wir dich unter dem Namen eines alten, berühmten Apostels verehren, weil du uns wirklich durch deine Lehre zu einem wahren Apostel geworden bist, aber dass nun dieser dein noch schlichter denn du aussehender Freund nun so ganz mir und dir nichts Christus der Herr sei und die andern zwei höchstwahrscheinlich auch ein paar Apostel und jene Dame etwa gar die allerseligste Jungfrau mit dem hl. Joseph (oder was beißt mich da unter der Achsel?) sein soll – sieh, das geht vom Himmelblauen schon rein ins Hellkirschrote über! Lieber Freund, ist das wirklich dein Ernst, oder machst du einen Spaß mit uns?
RB|2|204|25|0|Ich sage dir, Freund, aber nun ganz freundlich ernst: Mit derlei Späßen bleibe du uns vom Hals! Denn sie könnten dir mit der Zeit ganz verdammt übel bekommen. Denn wisse du, mein sonst allerhochschätzbarster Freund, obschon ich zwar kein Pharisäer bin – das ist, in der neuen römisch-katholischen Art, die Christus aus Stärkemehl backt und vor einer Oblate aufs Gesicht fällt, im Herzen aber Christus und Sein heilig Wort hasst und verachtet, wie auch jeden, der sich rein nach der Gotteslehre Jesu hält – so bin ich aber dennoch ein wahrer, innerer Verehrer Christi und bekenne vollkommen Seine unbestreitbare Göttlichkeit; aus welchem Grund Er mir denn doch viel zu erhaben und zu heilig ist, als dass ich Ihn hier in den weltberühmt allergemeinsten Wiener Straßenkot herabziehen soll. Glaube mir, obschon ich zwar in manchen Punkten, besonders im Punkte des schönen Geschlechts, kein Trappist bin, und kein Plato und kein Sokrates, aber dem ungeachtet bin ich ein großer Freund und Verehrer und Anbeter Christi. Daher bitte ich dich wohl, mit diesem Namen aller Namen ein wenig behutsamer umzugehen.“
RB|2|204|26|0|Sagen nun auch die sieben, die sich zuerst an den Paulus angeschlossen haben: „Ja, ja, der Pepi hat recht! Christus den Herrn muss man höher achten! Und es ist nicht schön von unserem sonst sehr achtbaren Freund, dass er den Gottessohn in so einen ganz gewöhnlichen Menschen herabziehen will.“ – Sagt Paulus: „Seid nur ruhig! Es soll sich übrigens bald zu zeigen anfangen, ob ich recht habe oder nicht! – Ziehen wir nun weiter! Denn hier sind wir bereits vollends fertig! Der Herr geht, und so denn gehen auch wir!“
RB|2|205|1|1|Vermutungen der Mitläufer. Die Ahnen des Hauses Habsburg-Lothringen.
RB|2|205|1|0|Sagt im Gehen der Humorist: „Was soll das wieder heißen? Der Herr geht, also gehen auch wir! Wer ist denn der Herr, was ist er als Herr, warum ist er ein Herr? Der Mensch wird doch etwa nicht im Ernst behaupten wollen, dass dieser echte polnische Schachermann am Ende dennoch Christus der Herr sein soll!?“ – Sagt ein anderer neben dem Humoristen: „Du, Sepl, jetzt wird mir die ganze Sache klar, was es da mit dieser Gesellschaft für eine Bewandtnis hat.“ – Sepl fragt: „Nun, was denn? Rede!“
RB|2|205|2|0|Redet der Erste weiter: „So höre denn! Das sind feine russische Spione unter dem Deckmantel von einer gewissen transzendentalen Pietistik, mit der sie die Menschheit blenden. Es ist wahr, der sogenannte Paulus sprach wie ein Buch, und seine zwei Geldwechslungsgeschichtchen sind von einer Art, hinter der sich entweder wenig oder wohl auch gar kein Betrug soll denken lassen. Aber ich denke da viel schärfer und sage: Eine plumpe Maske ist schlechter als gar keine! Daher haben diese Russitschkis eine gar feine Maske gewählt, durch die man sicher ohne sehr vergrößernde Augengläser nicht leichtlich wie durch ein hohles Fass schauen wird. Christus, Paulus, sicher auch Petrus, Jakobus oder Johannes und gar etwa auch Joseph und Maria! O wie denn anders? Ein recht rares Sextett! Der Christus wird so ein Hauptmagier sein und sehr hieroglyphenartig reden, so er überhaupt etwas redet. Denn gewöhnlich sind solche Hauptmagier stumm gleich wie ein altes Stück Bauholz. Der sogenannte Paulus wird sein nächster Helfershelfer sein, auch in der Magie nicht unbewandert, aber hauptsächlich beim Redezeug zu Hause. Die andern zwei scheinen mir mehr so Taschenspielsadjudanten zu sein. Und der ganz Voranige mit der schönen Zirkassierin ist höchst sicher so ein feiner Pfiffikoni und kennt sich überall aus. Und seine Holdeste ist so ein Lockvögelein und manchmal, gegen natürlich viel Geld, so ein liebes Zugpflästerchen für gewisse Schmerzen und Anschoppungen im Unterleib. Zwar alles menschlich, aber der Art nach doch sogar für unser großes Wien etwas selten. Nun Sepl, fangst nun schon an, dich ein wenig auszukennen?“
RB|2|205|3|0|Sagt der Humorist: „Ja, ja, die Geschichte hat wohl ein solches Gesicht, dass man schier so was glauben soll! Aber für ganz, wie für alle Zeiten abgemacht, möchte ich die Sache denn doch nicht annehmen. Denn der Paulus ist wirklich ein Weiser, wie es in ganz Wien keinen zweiten irgendwo mehr geben dürfte. Und der sogenannte Christus, zwar ganz ein polnischer Jude, scheint aber sonst ein überaus guter Mann zu sein ohne die geringste kaufmännische Tücke. Und die andern vier, die Zirkassierin mitgezählt, sehen wenigstens sehr honett aus, und man entdeckt nichts Gemeines an ihnen. Auch der Verzehrungssteuereinnehmer geht an der Seite des seinsollenden Christus ganz allerbehaglichst mit und scheint sich um sein Amt gar nicht mehr umsehen zu wollen. Also laufen auch wir mit, als ob wir bezahlt würden, ohne dass uns wer bemüßigte. Das sind denn auch Zeichen, die irgendein Gewicht haben! Was meinst du, mein Freund? Die Sache fängt an, für mich ein sehr bedeutend anderes Gesicht zu bekommen, als das im Anfang der Fall war. Schau hinauf ans Firmament! Der Himmel ganz rein, keine Sonne, und doch ist Tageshelle vorhanden! Gelt, das frappiert dich nun! Schaue aber diese uns nur zu bekannte Gasse an! Siehst du außer uns aber auch nur eine bekannte Seele wandeln? Siehe, alles ist leer, die Häuser wie ausgestorben, und auf der Straße wächst – incredibile dictu [unglaublicherweise] – das schönste Gras! Sage mir, fällt dir diese Sache nicht auf?“
RB|2|205|4|0|Sagt der Erste: „Allerdings hat die Sache etwas für sich! Am sonderbarsten sieht aber wirklich das Firmament aus. Der Himmel ist förmlich licht-indigoblau. Und alles ist ganz so beleuchtet, als wie von der Sonne am hellen Mittag. Aber nirgends ist etwas zu entdecken, das da der Sonne gleichen möchte. Kein Gegenstand wirft einen Schatten, überall gleiches Licht, und nirgends ein leuchtender Körper, weder eine Sonne, noch ein Mond, noch ein Stern! Ja, ja, du hast recht, das ist schon sehr merkwürdig!“
RB|2|205|5|1|(Am 20. Juni 1850)
RB|2|205|5|0|Sagt der Humorist: „Nun, ich glaub's auch, dass die Sache so ein wenig merkwürdig sein könnte. Die Stadt, die Häuser und Gassen und Plätze sind wohl ganz vollkommen Wien; auch der Belagerungszustand mit seinen verpalissadierten Bastionen und Kanonen dauert in völlig gleicher Gestalt fort. Nur ist das Wache habende Militär nicht so streng gegen die Besucher der Bastionen und lässt sie wandeln ihre Wege. Aber sehe dir einmal die Menschen an, so dir irgendwelche unterkommen! Da kann man wohl mit allem Recht sagen: 'S Mandl und 's Weibl ist nimmer zum Auseinanderkennen! Und sie sind meistens weltfremd, wild und dumm wie die Chinesen, und traurig und wehmütig, als wenn sie schon halbenteils die Cholera hätten. Dort schaue hin! Vor einem Haustor stehen so einige Zigeuner! Schaue sie nur an, was die für echte Froschgesichter machen und wie sie sich dann und wann einander beriechen als wie die Sultl und Spitzl [Hundenamen: Sultan und Spitzer] im Frühjahr oder als wie die echten Mäckeljuden, die ihre Schuldner, die als zahlungsunfähig vor sie um eine Prolongierung flehend sich demütigst hinstellen, am Ende zu beriechen anfangen, ob kein Silber oder Gold aus ihnen röche. Sage, hast du so was sonst je im lieben Wien gesehen? Gelt, das ist rar.“
RB|2|205|6|0|Sagt der Nachbar: „Ist wahr, ist wahr! Merkwürdig, sehr merkwürdig! Aber he, he! Dort, dort, wo sich die Gasse etwas beugt, was wandert denn dort wahrlich Wien ganz was Fremdes uns entgegen? Beim Kuckuck! Das sind ja große schwarze Straußvögel! Sie haben ungeheuer lange Hälse und noch längere Beine! Und es gibt ihrer eine Masse! Sie kommen uns näher! Wahrlich, mit denen möchte ich gerade nicht einen Gassenkampf beginnen! Du, Freund Sepl, zupf du da ein wenig den Herrn Paul! Er wird dir darüber wohl etwa eine Auskunft zu geben vermögen.“ – Sagt der Sepl: „Zupf du ihn! Warum soll das gerade ich tun? Die Vögel werden etwa wohl einer großen Menagerie ausgekommen sein! Der Herr Vetter Holzbamer wird sich doch etwa vor diesen afrikanischen Kapaunen nicht fürchten!?“
RB|2|205|7|0|Sagt der Vetter Holzbamer: „Nein, das gerade nicht. Aber wissen möcht ich's doch, wo etwa diese Viecher her san. Vielleicht sein's etwa gar böse Geister? So wir nun etwa doch in der Geisterwelt uns befinden könnten, da wäre so was ja gar leicht möglich!“ – Spricht der Humorist Sepl: „Warum nicht gar! Geister werden's wohl sein, aber keine bösen! Denn Geist muss alles haben, was da lebt. Aber nun machen die Luder förmlich Front vor uns, und aus ihren sonderbaren Mienen ist eine gewisse Kampfgier gerade nicht unverkennbar. Der Herr Vetter könnt am Ende mit seinen bösen Geistern auch noch recht haben! Nun muss ich denn doch im Ernst den guten Paulus ein wenig zupfen gehen.“
RB|2|205|8|0|Hier zupft der Humorist den Paulus und sagt: „Höre, edler Freund, was hat's denn da mit den schwarzen Straußen für eine verzweifelte Bewandtnis? Werden sie uns fressen oder was?“ – Sagt Paulus: „O nein! Sorgt euch um nichts! Diese werden uns nichts tun. Sie ziehen uns nur in Parade entgegen, um uns zu ersuchen, dass wir sie in ihrem Palast besuchen sollen. Daher seid ganz zuversichtsvoll ruhig! In der Kürze aber werdet ihr es schon ohnehin erfahren, was es mit diesen Eisenfressern für eine Bewandtnis hat.“
RB|2|205|9|0|Der Sepl gibt sich nun ruhig und sein Vetter auch. Und diese beiden beruhigen auch die andern, die auch mehr oder weniger über diese Erscheinung stutzen. Als wir aber ganz in die Nähe dieser Vögel kommen, so verlieren sie mehr und mehr ihre Straußgestalt und werden zu sehr hager aussehenden Menschen, von denen ein paar vortreten und den Robert ersuchen, dass er die ganze Gesellschaft in ihren alten, höchst adeligen Palast führen möchte.
RB|2|205|10|0|Robert sagt darauf freilich wohl, dass er der Herr nicht sei und weist die beiden an Mich, aber die beiden sagen: „Wonn du nöt Herr, worum voron gahn?“ – Und Robert sagt: „Weil es also des Herrn Wille ist! Und also ist es auch des Herrn Wille, dass ihr euch an Ihn wenden sollt, so es euch in irgendetwas wahrhaft geholfen werden soll. Wir alle andern können euch nicht helfen, außer durch Lehre und Rat. Die Tat ist des Herrn allein! Darum wendet euch an den Herrn! Was Er anordnen wird, das wird geschehen.“
RB|2|205|11|0|Auf diesen Bescheid vom Robert verfügen sich die beiden zu Mir und sagen: „Wonn du Herr, so gah mid ons sämtlich deiner Gesellschaft! Wür bitten di dorom!“ – Sage Ich: „Was sollen wir bei euch? Wer seid ihr Hohen denn – dass Ich euch nicht kenne? Was waren eure Taten? Ich kenne die Geister nur nach ihren Taten und nie nach ihrer Gestalt.“
RB|2|205|12|0|Sagen die zwei: „Wür sund kane Geister noh, wür sund Herzog und Erzherzog und König und noh mehr! Und wür wohnen alle in einem Höchstadlings-Palast. Und do sollst du mid ons gahn, und wür werden ons dort besser verstahn.“ – Sage Ich zum Robert: „Also führe uns denn dahin, und wir werden sehen, was sich dort alles offenbaren wird.“
RB|2|205|13|0|Robert sagt nun zu den zweien: „So ihr es vernommen habt, was der Herr nun geredet hat, so tretet vor mich hin und führt uns alle in euer Haus.“ – Sagen die beiden: „Wür hohn kan Haos, wür hohn nur ann Höchstadlings-Palast, weil wür sund von de höchste Adl.“
RB|2|205|14|0|Sagt die Helena, die schon etwas pitzlich wird über die höchst langweilige Gesprächsweise dieser Höchstadeligen: „No, no, schauts nur gleich, dass euer Höchstadlings-Palast am End etwa gar so ein recht schmutzigs Saustallerl ist. Jetzt wollen die einen Palast, nein, das ist wohl zum Lachen! So graupige und kleinzerlumpte Kerls – und einen Höchstadlings-Palast! No, no, wir werden es wohl sehen, was da für ein Palast herauswachsen wird.“ – Sagt einer der Höchstadlings: „Mane Jongfr, sa se stad mid Maul, sonst leg i ane Schlos af ihr Maul! Se moss froh san, wonn sie onser Herrgott lebe laht! Had se verstahn?“
RB|2|205|15|0|Sagt die Helena: „Sie, sagen's mir, wie lang ist's denn schon seither, als sie g'storbn sind? Sie müssen, Ihrer Sprache nach zu urteilen, doch noch so hübsch viel vor'n Adom auf der Welt g'lebt habn? Nein, ist aber das eine Sprache, bei der man alle Zustände bekommen möchte, besonders so man sie längere Zeit anhören müsste. Nun, wie ich's merke, so geht der Weg ja zu den Kapuzinern? Soll etwa dort der Höchstadlings-Palast sein?“ – Sagt der eine Höchstadlings: „Stad sei mid dan Maul! Du verstahn ons nöt, du best su jong. Dorom holt stad dane Maul! Ba de Kopozenr son mer wohl, obr nöt of de Erd', sonde ondr de Erd, verstahn du Jongfr!“
RB|2|205|16|0|Sagt die Helena: „Ja, ja, mir kommt es auch so vor, dass ihr noch so hübsch fest unter der Erde zu Hause sein werdet. Das wird wohl 's erste Mal sein, dass ihr euch über der Erde befindet.“ – Sagt der eine wieder ganz zornig: „Jche hohn de scho gsagt, dass dei Maul holde sulst, ob du thost de nöt fulge man Word, so werd i de musse ane obe schloga! Host du me verstahn?“
RB|2|205|17|0|Sagt Robert zur Helena: „Meine Geliebteste! Musst nicht gar zu viel reden mit diesen Wesen; denn sie sind sehr roh und könnten dir am Ende im Ernst etwas Leides antun! Ich sehe aber ja ohnehin, wohin sie uns führen werden, und so braucht man weiter nicht mehr darum zu fragen. Sieh, das sind lauter längst verstorbene Regenten des Hauses Habsburg und Lothringen! Nun ruhen sie in der Herrschergruft bei den Kapuzinern, teilweise auch bei den Augustinern wie auch einige in den Stephansdom-Katakomben – das ist ihr Höchstadlings-Palast. Wir werden nun sogleich bei ihren Särgen uns befinden. Daher sei nur ruhig und still!“
RB|2|206|1|1|In der Kaisergruft bei den Kapuzinern. Viel Totes in den Särgen. Lebensweisheit des Humoristen. Verschiedene Ansichten über Rom.
RB|2|206|1|0|Mittlerweile kommen wir aber auch wirklich bei den Kapuzinern in der Gruft an, was einigen von unseren neuen Begleitern eben nicht gar recht zusagt; denn unser Humorist macht gleich die Bemerkung und sagt: „Nun frage ich jeden von euch noch so Unbefangenen aus euch: Was haben wir denn nun bei der Geschichte gewonnen? Gar nichts! Von einem Loch hat uns der gute Paulus herausgefoppt, damit wir nun in ein noch ärgeres gesteckt werden mögen. O das Leben ist denn doch schön! Freunde, hört, eine Preisfrage: Was ist das Leben? Da die Antwort euch denn doch einige Mühe kosten könnte, so will ich als Fragsteller zugleich auch selbst die Antwort bringen. Seht, das Leben ist eine eingehülste Beweglichkeit, aus Hunger, Durst und allerlei anderem Elend zusammengesetzt. Dies eingehülste Elend, was man Leben nennt, wird stets von einem Loch in ein anderes versetzt, und darin scheint auch die Bestimmung des Lebens zu sein! Bei der Zeugung nimmt die Lochwanderschaft ihren Anfang und hört nachher auch ewig nimmer auf. Nur so schön fort von einem Loch ins andere in Ewigkeit amen.
RB|2|206|2|0|Hier in der alten Fürstengruft werden wir's fangen! Da können wir den alten Habsburgern ein bisschen herumspuken helfen. Denn sie allein werden ohnehin keine Spukerei mehr zuwege bringen. Und so eine Spukerei von einem Karl oder Rudolf oder Leopold wäre doch sicher ein wahres Labsal für die hungrigen Mägen einiger Kapuziner, denen nun die Messen trotz ihres Kanzellärmens nichts mehr eintragen wollen, und für die freien Zustände der Alleinseligmacherin und Versetzerin und Erheberin der seligst im Herrn Entschlafenen in den Bauernkalenderhimmel. Wenn so eine Geisterspukerei von vielen gesehen und beobachtet werden könnte, und das in der Fürstengruft – welchen Glauben an die Messen würde das wieder mit sich bringen, und an die vollkommenen Ablässe? Also, vivat! Freunde, den Kapuzinern soll geholfen werden!“
RB|2|206|3|0|Sagt ein anderer: „Aber Freund, hast du nun aber wieder einen Stiefel zusammen geredet! Wo aber steht denn das geschrieben, dass wir hier deshalb schon bei den Fürstensärgen in der Kapuzinergruft verbleiben sollen oder gar müssten, weil wir hierhergekommen sind mit den Freunden, die uns ehedem aus dem ersteren Quasi-Arrest befreit haben? Das war wohl wieder schwach, mein lieber Freund Sepl! Ich aber meine, diese Fürsten werden wohl auch den Wunsch haben, von ihrem langen Schlaf einmal erweckt zu werden, und haben sich, so gut es ihnen möglich war, an diese sehr wundermächtigen Freunde Gottes gewendet. Dass wir denn nun aber auch mit hierher gezottelt sind, das ist unsere Sache, indem wir auch ebenso gut hätten draußen bleiben können. Da wir nun aber schon hier sind, so seien wir auch ruhig und hören, was alles die Wunderfreunde Gottes mit diesen alten Fürstengeistern tun werden.“
RB|2|206|4|0|Sagt der Zöllner: „Nun, das ist einmal ein Wort, das sich auf so einem ernstvollsten Platz hören lässt! Ein jeder dieser Särge ist eine Weltgeschichte von Völkern, die unter einem oder dem andern dieser Regenten gelebt, gewebt, gewandelt und gehandelt haben. Und wo Gott Selbst leibhaftig so einen Ort besucht, da müssen solche Protzer und Patzer, wie wir beide es sind, wohl schön fein 's Maul halten, sonst könnte es für sie am Ende nicht am besten gehen. Dort schau hin, wie Paulus und der Herr Jesus nebst den zwei noch andern, wahrscheinlichst auch Aposteln, die alten Särge ganz wehmütig betrachten, und ein Paulus nun sagt: ‚O Herr, Deine Liebe, Gnade und Erbarmung hat keine Grenzen – aber da gibt es noch sehr viel Totes in den Särgen!‘ – Hörst du, Sepl? Sehr viel Totes gebe es noch in diesen Särgen!“
RB|2|206|5|0|Spricht der Sepl: „No ja, das wird doch ein jeder Mensch wissen, dass so in einem Sarg keine Tanzreunionen gegeben werden, und es bedarf da keines Paulus, um so was einzusehen. Dass aber diese alten Fürsten mit ihrem oft sehr tyrannischen Herrschen über die armen Völker so manches Stückchen einer haarzubergtreibenden Geschichte zuwege gebracht haben, das, Freundchen, weiß ich so gut wie du! Und inwieweit diese Särge ehrwürdig oder nicht ehrwürdig sind, das weiß ich auch. Ob aber jener schlichte Jude, mit dem der sogenannte Paulus sich bespricht, Jesus, der bekannte Gottessohn, ist oder nicht, das ist eine ganz andere Frage! Möglich ist alles. Aber hier mangelt uns noch sehr das, was man für lieber wahr als für unwahr halten möchte. Meinst du denn, dass ich etwa ein Feind Christi bin, oder an Ihn nicht glaube? Oh, da irrst du dich sehr! Ich verehre Ihn unendlich hoch, und eben deshalb trage ich noch immer Bedenken mit diesem Juden da. Ich gebe auf alles Acht! Sehe ich aber, dass Er es etwa doch sei, dann sollst du Wunder schauen an meinem Benehmen gegen Ihn! Denn weißt du, ich liebe Ihn unendlich!“
RB|2|206|6|0|Sagt der Zöllner: „Das ist sehr schön von dir, so das dein Ernst ist; aber aus deinen früheren Reden hätte das wohl nicht leichtlich wer herausgefunden!“ – Sagt Sepl: „Ja, ja, weil ich über die römischen Pfaffen nicht zu honett gesprochen habe, so hast du geglaubt, ich sei etwa auch so ein halber Fetzen von einem Antichristen! Aber Freunderl, da hat's Zeit! Wenn der Freunderl n' Antichrist sehen will und den Herrn Teufel, seinen Bruder, so gehe der Freunderl nach Rom; dort kann er ganze allerechteste Antichristenklumpen beisammen finden, als wann's die Tauben zusammengetragen hätten. Ja du, mein Lieber, man kann eben dadurch erst ein lebendiger Verehrer und Anbeter Christi sein, so man im Herzen ein Feind des Papsttums ist; denn Christentum und Papsttum verhalten sich gerade wie ja und nein. Was das eine ist, dem ist das andere schnurgerade entgegengesetzt. Wann du mir das nicht glaubst, so gehe hin zum Paulus, der wird es dir auf Hebräisch sagen, wenn du 's Deutsche nicht verstehen solltest.“
RB|2|206|7|0|Sagt der Zöllner: „Ich habe die römische Religion wieder nicht gar so schlecht gefunden; und man kann in ihr auch selig werden.“ – Sagt der Sepl: „O ja, wenn man mit dem Bauernkalenderhimmel zufrieden sein will. Aber hübsch viel Maxen kostet es und Zeit und Geduld. Nun aber heißt uns Paulus still sein, und so gehorchen wir ihm!“
RB|2|207|1|1|Anliegen der Regentengeister. Ihre Erzählung vom feurigen Reiter und dessen Weissagung über Weltende und Wiederkunft Christi. Die Regenten erbitten irdische Hilfe, Paulus verheißt geistige.
RB|2|207|1|1|(Am 22. Juni 1850)
RB|2|207|1|0|Paulus richtet sich nun auf und sagt zu den Bewohnern der Gruft: „Ihr habt uns von unserer Bahn abgeleitet und berufen, euch gewisserart dringend nötig hierher zu folgen. Was wollt ihr denn, dass wir euch nun hier tun sollen? Welches Tatenvermögen traut ihr uns wohl zu? Und wodurch wart ihr denn genötigt, zu uns zu kommen? Redet nun, auf dass wir euch helfen nach eurer Not und nach der Rührigkeit eures Gemütes!“
RB|2|207|2|0|Tritt der eine vor und sagt: „Ich bin ein Römisch-Deutscher (die Würde wird bei irdisch höchstgestellten Personen im Geisterreich nicht leichtlich genannt, manchmal auch die Namen nicht), bin hier meines Namens und der Würde der Erste und heiße Rudolf. Ich sah letzthin eine große Bewegung in der Luft, und ein feuriger Reiter trat zu mir hin und sagte: ‚Dies euer Haus wird euch wüste gelassen werden und kein Stein auf dem andern! Die Erde wird durch Feuer und Blut gesäubert werden! Ein großes Wehe wird erschallen aus dem Mund der Großen, und Feuer und Pest wird zu Millionen hinraffen die Armen! Und es soll kommen der Welt Ende!‘ – Das waren die Schreckensworte des feurigen Reiters. Und als der feurige Reiter also geredet hatte, da hat uns alle eine sehr große Furcht angewandelt, sodass wir zu schreien anfingen vor zu großer Angst.
RB|2|207|3|0|Aber der feurige Reiter sagte darauf zu uns: ‚Es wird aber zuvor noch berufen Gott der Herr alle, auch die Verworfensten; im Geisterreich wird der Herr Selbst kommen und wird Sich zu erkennen geben allen, die ihre Nacht gefangen hält. Die sich an Ihn wenden werden, die wird Er auch erhalten. Es werden Ihm aber vorangehen Seine Knechte Petrus, Paulus und Johannes und werden den Gefangenen verkünden das Licht, welches da kommt aus dem Namen des allmächtigen Gottes; und die den Namen aufnehmen werden in ihr Herz, die werden selbst einen neuen Namen bekommen, und der Herr wird wieder aufrichten ihre morschen Festen und zerfallenen Burgen.
RB|2|207|4|0|Also wird der Herr auch kommen auf die Erde, und zwar zuerst auch nur durchs Wort aus dem Herzen und Mund der Weisen, die Er erweckt hat, und noch mehrere erwecken wird. Dann aber, so die Erde geläutert wird sein, auch in Seiner allerhöchstheiligsten Person zu allen denen, die Ihn lieben und eines reinen, erbarmenden Herzens sind.“ – Darauf verließ uns der feurige Reiter, fuhr wie ein Blitz von dannen, und wir sahen ihn dann nicht wieder.
RB|2|207|5|0|Nun aber haben wir vernommen ein Gerücht, dass und zwar in diese unsere alte Residenzstadt Wien über die ‚Spinnerin am Kreuze‘ Menschen angekommen seien, die sich für Gottesboten ausgeben und auch Wundertaten verrichten, um durch sie für die Blinden die Wahrheit ihrer Sendung zu bekräftigen. Wir sind auch bei dieser Kunde, sogleich diesen unsern Höchstadlings-Palast verlassend, in guter Ordnung hinausgeeilt, um womöglich mit solchen Boten selbst zusammenzukommen. Wir sind mit ihnen wirklich zusammengekommen und haben sie hierher geführt. Ihr selbst seid unleugbar solche Boten!
RB|2|207|6|0|Wir Fürsten legen darum unser Anliegen hier zu euren Füßen, dass ihr unsere alten Festen und Burgen wieder aufrichten und derart befestigen möchtet, dass sie nimmer von irgendeinem Feind wieder möchten erobert und zerstört werden. Auch diesen unsern Höchstadlings-Palast mögt ihr derart festen, dass ihn nimmer jemand soll verwüsten können. Das ist nun aber auch unser ganzes Anliegen, dessentwegen wir euch entgegenkamen und hierher geführt haben. Denn könnte diesem unserm Höchstadlings-Palast irgendetwas Übles zugefügt werden, so wäre das auch rück- und vorwirkend ein großes Unglück für die hohe Habsburg-Lothringer Dynastie, und es stünde bald sehr am Spiele um ihren Fortbestand.
RB|2|207|7|0|Im Erdjahr 1848 ward in diesem unserm Höchstadlings-Palast nur ein einziger Stein ein wenig locker, und seht, die Dynastie hatte zu tun, um sich in ihrem uralten Ansehen zu behaupten. Sie hat sich nun wieder gefestet und hat den gerechtest redlichen Sinn, ihre Untertanen bestens zu regieren und zu leiten, die Guten zu belohnen und die Bösen ganz rücksichtslos zu bestrafen nach dem Maß ihrer Vergehen, was gewiss vollkommen dem Willen Gottes gemäß ist und sein muss, weil Er Selbst es also tut und also haben will. Es wäre darum wahrlich ein unberechenbares Übel für alle ihr untergebenen Völker, so sie (die Dynastie) nun könnte in irgendetwas gefährdet werden oder am Ende gar um ihren alten Thron kommen.“
RB|2|207|8|0|Sagt Paulus: „Freunde, die Prophezeiung des feurigen Reiters ist richtig wohl, doch noch nicht ‚gerichtet‘. Aber eure Bitte und eure Sorge, die euch zu bitten nötigt, ist eitel, übereitel und sehr töricht. Was können euch die alten Festen und Burgen auf der Erde mehr nützen, deren viele Tausende durch der Zeiten Walten in Schutt verwandelt worden sind? Es hat wohl der feurige Reiter von der Aufrichtung eurer Festen und Burgen geredet; aber es sind darunter nicht zu verstehen eure alten irdischen Festen und Burgen, sondern euer Glaube und eure Hoffnung durch die Macht der Liebe zu Jesu, Gott dem Herrn. Das ist die Feste und die Burg; diese will der Herr bei euch, die ihr hier zufolge eures höchsteigenen Wollens in tiefer Geistesnacht schmachtet, schon lange Zeiten aufrichten und neu beleben. So ihr das wollt, da sage ich zu euch im Namen des Herrn, der auch hier ist, aber ihr Ihn nicht erkennt und noch nie erkannt habt: Das wird der Herr euch auch tun, so ihr Ihn darum bitten werdet!
RB|2|207|9|0|Auch die irdische Dynastie wird Er erhalten, solange Er es für gut finden wird und solange diese so handeln wird, dass die Völker von ihr aus in keinerlei zu große Not geraten. Sollten die Völker aber in ihrem Herzen zu sehr laut zu klagen anfangen, dann wird der Herr der Dynastie auch sobald ein volles Ende zu machen verstehen. Denn die Dynastie ist vor Gott nichts und ihr Thron ist auch nichts, und sie ist nicht da des Thrones wegen und der Thron nicht der Dynastie wegen, sondern sie ist da als ein weise-sein-sollender Hirte der Kinder Gottes. Kann oder will sie diese Gottesherde nicht hüten vor allerlei Übeln und nimmer Gott geben, was Dessen ist, da ist sie nicht mehr zu brauchen! Der Herr wird dann auch wissen, einer hochtrabenden Dynastie ein völliges Ende zu bereiten und zu geben.“
RB|2|208|1|1|Fortsetzung der Dynastenbelehrung. Gleichnis von den faulen Hirten. Die Dynastien sind nur der Völker wegen da. Über das unzugängliche Licht Gottes.
RB|2|208|1|1|(Am 25. Juni 1850)
RB|2|208|1|0|[Paulus:] „Ich, Paulus, ein wahrer Knecht des Herrn Jesus, sage es dir und euch allen: Vor Gott dem Herrn sind alle Throne und Dynastien ein Gräuel. Aber so die Dynastie den Willen des Herrn achtet und handelt nach solchen Grundsätzen, die aus dem Wort Gottes und aus Seiner Liebe und Erbarmung abgeleitet sind, dann ist die Dynastie über den Thron, und dem Herrn recht und genehm. Mit solch einer Dynastie ist dann des Herrn Gnade, Macht, Kraft und Stärke; und wehe dem Feind, der sie angriffe! Wahrlich, er wird zu Staub und Asche zermahlen werden. Merkt euch das, ihr alten, selbst in eurem Geist tiefst eingefleischten Dynasten! Keine Dynastie ist an und für sich etwas, und kein Thron hat einen Wert und einen Bestand, so da nicht jemand tatsächlich von Gottes Gnaden darauf sitzt.
RB|2|208|2|0|Eine Dynastie, die der Herr aber – wie die Habsburger – so lange auf dem Thron belässt, muss dem Herrn im Allgemeinen doch recht sein, ansonst sie schon lange gleich anderen Dynastien sich auf keinem Thron mehr befände. Ihr aber seid eben deshalb hier so lange in eurer Nacht und Blindheit, weil ihr in euren Herzen die Dynastie als etwas anseht und für etwas haltet, das da auf der Erde und auch noch in der Geisterwelt das Allerhöchste sei, für dessen Erhaltung und Befestigung der Herr alle Seine Allmacht verwenden soll. O seht, das ist ein großes Irrsal in euren Eingeweiden! Der Herr ist freilich wohl die alleinige Stärke und Macht jeglicher Dynastie und jeglichen Thrones, aber nicht der Dynastie und des Thrones wegen, das vor Ihm nichts ist, sondern der Völker wegen, die vor Ihm allein etwas sind.
RB|2|208|3|0|Gott der Herr tut gegenüber einer jeden Dynastie, was da tut ein Haus- und Grundherr, der viele Weideplätze und viele Herden hat. Wenn ein oder mehrere Schafe seiner Herde schlecht sind, so wird sie der Besitzer dennoch pflegen mit aller Sorgfalt, auf dass sie gut werden mögen. Aber so der Hirte faul wird und schlecht, so wird er mit dem Herrn der Herden übel zu tun bekommen; und bessert er sich nicht, so wird ihn der Herr aus dem Dienst jagen und ihm nimmer eine Herde zur Hut anvertrauen. Wenn der Herr aber auch hundert Hirten vom Dienst hinwegtut, darum sie schlechte Hirten waren, so wird er aber dennoch nicht ein Schaf darum wegtun, weil es schlecht geworden ist. Sondern er wird es behalten und pflegen; aber einen schlechten Hirten wird er nimmer behalten und pflegen, sondern ihn weidlich vom Dienst entfernen.
RB|2|208|4|0|Seht hin über die ganze Erde! Die Völker sind noch dieselben; aber wo sind alle die Dynastien, die einst diese Völker beherrschten? Sie sind schlechte Hirten geworden und somit auch ihres Dienstes verlustig. Entfernt sonach ihr aus euren Herzen das, was da töricht ist und überaus eitel und nichtig vor Gott! Zieht aus wie ein schlechtestes Kleid eure Dynasten, und zieht an ein neues Gewand der wahren Demut und Erkenntnis, auf dass ihr dadurch möget in die Zahl der Gotteslämmer, die da sind die wahren Gotteskinder, aufgenommen werden!
RB|2|208|5|0|Ihr habt aber alle die Worte vernommen, die der feurige Reiter an euch gerichtet hat. Da hieß es auch, dass bald auf die Boten, denen ihr entgegengegangen seid, der Herr Selbst kommen wird, und aufrichten eure zerstörten Festen und zerfallenen Burgen. Ich, Paulus, aber sage euch noch sehr viel mehreres denn jener feurige Prophet zu Pferde:
RB|2|208|6|0|Seht, der Herr, der da nach uns kommen sollte, ist gleich mit uns da! Dieser hier an der Seite meines Herzens ist es! Zu Diesem geht hin und tragt Ihm die Anliegen eurer Herzen vor! Er allein besitzt die Urquelle des lebendigen Wassers! So ihr das trinken werdet, da wird es euch nimmer dürsten ewig. Ich habe euch zwar ein gutes, lebendiges Getränk dargereicht, aber es stillt dennoch nicht des Lebensdurstes heißes Verlangen. Aber das Wasser Seines Mundes stillt jeden Durst für ewig. Darum also, da Er Selbst hier ist persönlich wesenhaft gegenwärtig, so geht hin vor Ihn! Er allein kann und wird euch helfen! Wir andern haben keine Hilfe in unserer Macht, wohl aber die Eigenschaft, unsere blinden Brüder für die Hilfe aus Gott vorzubereiten.“
RB|2|208|7|0|Sagt darauf der erste Dynast Rudolf: „Vom Anfang her war deine Rede gut, und du hast uns die rechte Sache recht gezeigt! Aber dass dieser hier an deiner Herzseite Christus, der Herr, sein soll, also Gott Selbst von Ewigkeit, das ist dumm von dir. Wenn ein Herrscher auf der Erde kein Abzeichen, als etwa einen Hausorden und dergleichen trägt und einhergeht wie ein geringster Stallknecht eines gemeinen Bürgers, dann mag er sich es selbst zuschreiben, so er mit Kot beworfen wird. So aber ein irdischer König stets auch durch äußern Glanz zeigen muss, wer er ist, umso mehr wird das wohl beim ewigen Herrscher aller Herrscher der Fall sein. Zudem heißt es ja auch: ‚Gott wohnt im unzugänglichen Licht.‘“
RB|2|208|8|0|Spricht Paulus: „O ja, das ist auch so – aber nicht für jedermann. Siehe hin! Gerade das Licht, in dem Sich der Herr nun befindet, wird für dich und deinesgleichen wohl schier das unzugänglichste sein. Denn das Licht der Demut und der Selbsterniedrigung ist für Wesen euresgleichen wohl schier das unzugänglichste. O, ich Paulus sage es euch, wäre der Herr strahlend wie eine Sonne zu euch gekommen, so hättet ihr Ihn sogleich anerkannt; aber in diesem Kleid ist Er euch unzugänglich. Es wird euch aber fürder schwer werden, in solche Seine Nähe zu kommen. Ihr wisst nun alles; tut sonach, was ihr wollt! Ich habe ausgeredet vor euch.“
RB|2|209|1|1|Ein alter Dynast und der Herr. Der Dynast bittet um ein echtes Gotteswunderzeichen. Geschichte des Wiener-Merkur.
RB|2|209|1|0|Hierauf tritt einer dieser noch (geistig) toten Dynasten vor Mich hin und sagt: „Du hast es vernommen, was jener Paulus und der alte Rudolf von dir geredet haben. Siehe, die Sache klingt selten und nahe unglaublich; aber ich will mich an alledem nicht stoßen und komme daher zu Dir, um von Dir Selbst zu vernehmen, ob vom Zeugnis des Paulus über Dich etwas Wahres sei im Grunde des Grundes. Ich will jenen guten Mann, der sonst viel Weisheit besitzt, gerade nicht als einen Lügner ansehen, da er mir dazu viel zu ehrlich aussieht. Aber gar leicht kann er für Dich zu sehr eingenommen sein und Dich deshalb in seiner zu starken Liebe zu Dir rein vergöttern – eine Erscheinung, die auf der Erde besonders bei den feurigeren Bewohnern des Südens tausendfach vorgekommen ist.
RB|2|209|2|0|Ich aber will ihn deshalb weder loben noch tadeln, dass er solches von Dir aussagt, dieser gute Mann. Aber prüfen will ich die Geschichte denn doch, da es ja sogar geschrieben steht, dass man alles prüfen und das Gute behalten soll. Sage mir daher denn Du Selbst, was ich und respektive wir alle von Dir halten sollen. Kann Gott wohl in Deinem Anzug Seinen Geschöpfen erscheinen? Oder kann Gott, der Unendliche, überhaupt von Seinen Geschöpfen gesehen und gesprochen werden?“
RB|2|209|3|0|Sage Ich: „Freund, du verlangst von Mir nicht Worte, sondern Taten! Handle Ich vor dir aber wie ein Mensch in seiner Ohnmacht, so wirst du sagen: ‚Das kann jedermann tun, ohne darum ein Gott zu sein!‘ – Tue Ich vor dir aber Ungewöhnliches, so wirst du Mich entweder für einen Magier halten, oder für einen Naturgelehrten und sagen: ‚Das geht ganz natürlich zu, so man von den dazu erforderlichen Vorteilen die rechte Kenntnis und Praxis hat; und man ist deshalb noch lange kein Gott, so man auch anscheinende Wunder ans Tageslicht fördert.‘ – Würde Ich vor deinen Augen aber im Ernst eine Tat verrichten, deren ausschließend nur ein Gott fähig sein kann, so würde sie dir aber dennoch nichts nützen, sondern nur ungemein schaden. Denn da wärst du gerichtet zum zweiten Mal, und zwar sehr leicht zum ewigen Tod. Denn ein Gefesselter kann in Mein Reich, spricht der Herr, nicht eingehen. Glaube also den Worten Pauli, so wirst du leben. Mehr von Mir sagen aber kann Ich vor dir auch nicht, indem du noch lange nicht reif dazu bist!“
RB|2|209|4|0|Sagt darauf der Dynast: „Du hast wohl recht; aber das sehe ich gerade nicht ein, warum und wie mir ein wirkliches Wunder, als eine von Deiner sein-sollenden Gottheit zeugende Tat, schädlich, ja sogar tödlich sein oder werden soll. Ist doch alles ein Wunder der Allmacht und Weisheit Gottes, was ich nur immer anschaue; und ich bin zunächst mir das größte. Und siehe, das alles bringt mich nicht ums Leben. Also, ob nun von Gott zu den zahllosen Wundern eines hinzukommt oder eines weniger wird, das soll bei Gott denn doch eins und dasselbe sein. Denn mich touchiert das wohl gar nicht, in welcher Gestalt die Gottheit Sich Ihren Geschöpfen zeigen wolle, und wirken vor ihren Augen ein außergewöhnliches Werk. Ich werde dadurch in meinem Geiste dennoch ganz ungebunden bleiben und denken und handeln wie jetzt, wo ich von Deiner Gottheit noch keine andere Überzeugung habe als die: so ich daran glauben will oder kann.
RB|2|209|5|0|Du kannst vor mir tun, was Du willst, und ich werde stets derselbe in meinem Tun und Lassen bleiben, der ich nun bin und allzeit war. Bist Du Gott, so bin ich Dein Geschöpf und werde eine große Freude haben, meinen Schöpfer personaliter kennenzulernen; und bist Du es aber nicht, nun, so würde ich Dich für keinen schlechten Menschen, wohl aber hie und da für einen überspannten halten, und das wird hoffentlich weder Dich noch mich touchieren.
RB|2|209|6|0|Als ich noch Herrscher war, siehe, da kam einmal ein sonderbarer Mensch am Wege einer erbetenen, besonderen Audienz zu mir. Und als ich ihn in meiner gewöhnlichen, jovialen Weise fragte: ‚Was wollt Ihr von mir? Geld, Welt, Land, Sand, eine Ehrenstelle oder meine Seele? Wollt Ihr auf Erden ein Minister werden oder gar ein Hofnarr?‘ – Da sagte er: ‚Ich bin der Gott Merkur und leiste große Wunderdinge! Wollt Ihr Gold? Es steht in meinem Sold! Wollt Ihr Perlen und Edelgestein, wollt Ihr Ambra und feinsten Wein? Wollt Ihr den Mond auf Erden? Es soll nach Wunsch Euch werden! Wollt Eure Feind' Ihr sehen? Vor Euch sie sollen stehen! Wollt Frieden oder Krieg? Ich gebe Euch den Sieg.‘ – Darauf schwieg er, und ich sagte zu ihm: ‚Vor allem, Freund, ich muss es Euch gestehen, möcht ich allein nur meine Feinde sehen und wissen auch nach altem Brauch, was Ihr von mir verlangt dafür?‘ – Da sprach er: „Ihr seid der Herr, und Euer ist das Land! Gebt bloß den Glauben mir zum Lohn und Pfand!“
RB|2|209|7|0|Ich reichte ihm die Hand und sprach: ‚Wird Euch das Werk gelingen, und ich die Feind' bezwingen, dann soll an Euch den Glauben kein Wesen mehr mir rauben!‘ – Und er bat mich darauf, dass ich in einen großen Spiegel hineinsehen möchte. Ich tat es, und sieh, merkwürdig, übermerkwürdig! Ich ersah auf der Stelle ganz klar und deutlich eine große, mir wohlbekannte Menge derselben Menschen, die mir bekanntermaßen abhold waren und im Geheimen fortwährend gegen mich wühlten. Und ich sah aber auch noch andere, die ich sonst für meine besten Freunde hielt, unter denen, die mich hassten. Das war mir etwas zu arg doch. Und ich sagte darauf in großer Erregtheit meines Gemütes: ‚Wenn dir, mein Freund Merkur, schon wirklich irgendein göttlicher Funke innewohnt und du im Ernst daraus deine Macht ziehst, so schaffe mir diese Feinde vom Hals! Und was nur immer in meiner Macht steht, will ich dir darum tun.‘
RB|2|209|8|0|Da sprach er: ‚Das soll geschehen, doch nicht auf eine übernatürliche Weise, sondern auf die natürlichste und zugleich angenehmste Weise von der Welt. Ihr veranstaltet ein großes Fest, aber lasst am Plafond [Zimmerdecke] Eures größten Speisesaales eine starke Öffnung machen und seht, dass die Türen und Fenster wohl zu versperren sind. Lasst die Tafeln mit Speisen und Getränken bester Art reichlichst besetzen und vergesst nicht die Spieler, Gaukler und Pfeifer, so auch die Sänger und Harfner. Solange Ihr an der Tafel bei diesen Gästen sein werdet, soll die vollste Heiterkeit herrschen; aber nach ein paar Stunden lasst Ihr die Harfner, Spieler, Gaukler und Sänger abtreten. Darauf entfernet auch Ihr Euch! Lasst darauf den Plafond öffnen und vorerst einen Sphärensang durch die Öffnung ertönen, darauf aber sogleich große Massen von den allerwohlriechendsten Blüten, als Rosen und Hyazinthen, durch die Öffnung über die Gäste ausschütten, dann diese Öffnung wie alle Türen wohl schließen, und in einer Stunde werden die Feinde im Duft dieser Blumenblüten ersticken.‘
RB|2|209|9|0|Und ich fragte den Merkur: ‚Und was verlangst du für diesen Rat?‘ – Und er sprach wieder: ‚Nichts als deinen Glauben!‘ – Ich aber sagte: ‚Was soll ich denn so ganz eigentlich von dir glauben?‘ – Und er erwiderte: ‚Dass ich in aller Wahrheit der Gott Merkur bin, dem du einen Tempel bauen sollst in großer Pracht! An Gold und andern Schätzen sollst du keinen Mangel haben; denn ich verstehe mich darauf, Schätze der ganzen Erde auf einen Punkt zusammenzubringen.‘ – Ich aber sagte: ‚Du bist ein närrischer Kauz! Ziehe mir den Mond herab, wie du es sagtest, und ich will dir dein Verlangen erfüllen.‘ – Da zog er einen runden Spiegel hervor, stellte ihn auf einen Tisch, der an einem offenen Fenster stand, durch das gerade der Mond hereinzuscheinen begann, indem es schon sehr Abend geworden war. Er stellte mich in eine gewisse Entfernung vor den Spiegel, und – bei Gott und allen Heiligen! – ich sah den Mond, wie er ist, freischwebend in meinem Audienzsaal, so natürlich wie er am Firmamente zu sehen ist.
RB|2|209|10|0|Und ich sagte darauf zu ihm: ‚Dass du etwas mehr bist denn ein gewöhnlicher Mensch, das sehe ich nun schon ein und glaube fest, dass du so ein von Gott begabter Weiser bist, wie sie zu Zeiten die Erde getragen hat; aber für einen vollkommenen Gott kann ich dich darum nicht halten, weil du dich bisher, um etwas zu effektuieren, äußerer Mittel bedient hast. Sieh, ein Gott muss aus nichts eine Welt erschaffen können, ansonst er kein Gott ist. Du hast aber auch gesagt, dass du Gold und Edelsteine mir schaffen könntest, so viel dessen, als ich wollte. Also schaffe mir zum Beweis deiner Göttlichkeit aus nichts Gold und Edelgestein!‘ – Da sagte aber der Merkur: ‚Meine Gottheit kannst du nicht schauen und danebst behalten dein Leben, darum darf ich vor dir denn auch kein unmittelbares Wunderwerk verrichten, da es dich töten würde. Mit den leichten äußerlichen, sage, nur bloßen Scheinmitteln aber verhülle ich meine Gottheit vor deinen sterblichen Augen. Ich will dir Gold und Edelgestein geben in aller Hülle und Fülle; aber dafür schaffe du mir her Eisen, guten Kalk und viel Kohle!‘
RB|2|209|11|0|Ich ließ das alles sogleich herbeischaffen. Er aber nahm dann aus einer Tasche ein Fläschchen und benetzte das Eisen mit einigen Tropfen von der Flüssigkeit, die er im Fläschchen hatte. Und siehe, das Eisen ward zu blankem Gold. Darauf legte er Kalk und Kohle in ein ziemlich großes Gefäß und begoss es mit einer anderen Flüssigkeit aus einer anderen großen Flasche; und es fing an zu zischen und zu brausen im Gefäß, und ein sonderbarer Geruch erfüllte bald den großen Saal. Er aber sagte: ‚Dieser Geruch sei unschädlich und ich möge nur eine halbe Stunde Geduld zu Hilfe nehmen.‘ – Ich tat seinem Verlangen Genüge, ging aber unterdessen dennoch in ein Nebenzimmer, da mir der Geruch doch etwas unangenehm war. Nach einer halben Stunde aber rief er mich; ich kam und sah im Ernst die schönsten Diamanten im Gefäß, darin früher Kalk und Kohle gelegt ward. Vom Kalk und von der Kohle aber war keine Spur mehr zu entdecken, und der Saal war vom besten Geruch erfüllt.
RB|2|209|12|0|Ich ließ sogleich meinen Hofjuwelier kommen und untersuchen das Gold und die Edelsteine, und der Juwelier fand zu seinem größten Erstaunen alles echt. Das machte mich stutzen, und ich sagte bei mir selbst: Wahrlich, so dieser Wundermann nicht mehr ist als ein gewöhnlicher Mensch nur, so wird das sehr viel sein; denn so was ist mir noch nie vorgekommen. Alle meine Hofchemiker und Apotheker machten große Augen und wussten sich die Sache nicht zu erklären und drangen in den Wundermann, dass er ihnen das Geheimnis kundtäte. Er aber sprach: ‚Das Geheimnis besteht in dem, dass ich ein Gott bin, ihr aber nur blinde, schwache und sterbliche Menschen!‘ – Da zuckten die Apotheker und die Chemiker mit den Achseln und sagten: ‚Ob du ein Gott oder ein Mensch seist, wäre so schwer zu entscheiden nicht; man soll ihn töten wie einen Verbrecher, und der Tod würde da ein ganz unparteiischer Richter sein. Stürbe er, so ist er auch ein ganz gewöhnlicher Mensch; und könnte man ihm aber den Tod nicht geben, dann wäre er offenbar ein Gott.‘
RB|2|209|13|0|Er aber sagte: ‚Erspart euch diese Probe an mir! Bedenkt, dass es mit Göttern nicht gut ist, zu hadern oder zu scherzen! Denn ehe ihr euch's versehen möchtet, würdet ihr auch schon verwandelt sein in Asche und Staub!‘ – Da wollten ihn die Leute ergreifen. Er aber verstieß sie wie Mücklein von sich und entschwand plötzlich aus dem Saal und ward nachher nicht mehr gesehen.
RB|2|209|14|0|Freund, das war doch eine sehr seltene Erscheinung! Und dennoch blieb ich, was ich war, und mein Glaube nahm keinen Zwang an. Ich dachte mir, es ist wohl möglich, dass du etwas mehr bist als ein gewöhnlicher Mensch; aber es ist auch möglich, dass du auf Kosten irgendeiner geheimen Wissenschaft, die uns fremd ist, dich als ein Gott uns aufdrängen willst, um auf diese Art dann ein Herrscher über die Herrscher zu werden – was dir dann freilich eine bessere Rechnung trüge, als so ich dich für deine Wundertaten noch so kaiserlich belohnen möchte. Und so konnte ich diesen Gott recht gut ansehen samt seinen Wundern und dennoch leben dabei. Warum nicht auch bei Dir, mein geehrtester Freund?
RB|2|209|15|0|Zeige mir denn auch Du etwas Wunderbares! Erschaffe mir eine Welt vor den Augen, und ich werde dabei gerade so mich verhalten, wie ich mich bis jetzt verhalte; denn bei mir ist kein Wunder größer oder kleiner. Und Gott ist und bleibt Gott, ob Er eine Mücke oder einen Elefanten erschafft und ob Er im endlosesten Lichtgewand der Sonnen oder in dem eines Bettlers Sich Seinen Geschöpfen offenbart. Was machte denn Christus mit all seinen Wunderwerken für einen Effekt bei den Juden? Sieh', nahe gar keinen – außer bei einigen für blind gehaltenen Fischern und Anverwandten; alle übrigen hielten Ihn für einen Magier, Arzt und alles andere eher als für einen Gott. Und doch war Er wirklich Gott Selbst.“
RB|2|210|1|1|Wunder und ihre Wirkung. Der Dynast erkennt des Herrn Weisheit. Sein Christusbekenntnis mit Vorbehalten. Die Dynasten beraten sich.
RB|2|210|1|1|(Am 29. Juni 1850)
RB|2|210|1|0|Rede Ich: „Freund, was ein Wunder auf dich für einen Eindruck machen würde, das weiß wohl nur Ich am besten; daher soll dir auch keines erzeigt werden! Dass übrigens die gesamte materielle Schöpfung, die Erhaltung und Führung derselben allerdings ein bleibend großes Wunderwerk göttlicher Macht und Weisheit ist, das die Bewohner der Erde tagtäglich schauen und bewundern können, das ist in jedem Fall wahr und richtig. Aber weil die Bewohner der Erde wie aller anderen Weltkörper eben solche Wunder schauen, die daselbst freilich wohl die sprechendsten Gotteszeugen sind, so müssen sie aber auch in diesen Wundern sterben dem Fleisch nach, das eben auch ein gleiches Wunder ist.
RB|2|210|2|0|Jedes Wunder ist für die dasselbe beschauende Seele ein Gericht, von dem die Seele nur durch die Macht der möglichst größten Selbstverleugnung wieder befreit werden kann. Nun aber kann diese nur in dem bestehen, dass der Seele alles, was nur immer nach einer Nötigung den leisesten Geruch hat, hinweggenommen wird. Diese Hinwegnahme aber ist eben das, was ihr das Sterben oder den Tod des Leibes oder der Materie nennt.
RB|2|210|3|0|Es muss aus der Seele alles hinaus- und hinwegsterben, was nicht des Geistes ist. Denn solange irgendeine äußere Nötigung die Seele noch in einigen Lebensfibern gefangen hält, kann der freie Gottesgeist sich nicht in ihr völlig ausbreiten und die Seele frei machen von jeglichem Gericht.
RB|2|210|4|0|Die Gottheit an und für sich kann freilich wohl, um eine Seele zur Überzeugung zu bringen, Wunder wirken; aber diese Wunder, da sie nur von außen her auf die Seele einwirken können, binden und knebeln dann die Seele aber auch derart, dass diese an eine freie Bewegung sich gar nicht mehr erinnern kann, die doch die alleinige Bedingung des Lebens vor Gott ist. Daher muss dann die Seele in einen solchen Zustand kommen, in welchem sie aller Äußerlichkeit ledig wird, auf dass in ihr dasjenige Gott ganz gleiche Wesen, das ist der Geist, sich ausbreiten kann, und die Seele für ewig als beständig zeihen vor Gott. Denn Gott gegenüber kann nichts bestehen als nur das, was selbst ‚Gott‘ ist.
RB|2|210|5|0|Verstehst du nun, warum Ich dir Wunder vorenthalte? Sieh, wenn Gott in die schon vernünftige und einsichtige Seele nicht den Geist gelegt hätte, so könnte sie keinen Augenblick bestehen als ein freies Wesen; es würde ihr ergehen wie einem Wassertropfen auf weißglühendem Eisen. Die Tiere aber müssen eben darum ganz dumm und nahe ohne alle Erkenntnis einhergehen, weil sonst ihr Bestehen eine Unmöglichkeit wäre. Verstehst du solches?“
RB|2|210|6|0|Sagt der Dynast: „Ja, Freund, mir kommt es vor, als sollte ich's verstehen, und doch verstehe ich es nicht. Denn derartige Dinge zu begreifen, dazu gehört mehr, als dass man einige Jahre auf der Erde die Krone und den Zepter getragen hat. Übrigens aber sehe ich das nun sehr wohl ein, aus was für einem Grund Du der eigentlich Erste Deiner kleinen Gesellschaft bist. Denn Du bist bei Weitem der Weiseste unter ihnen. Du kennst die Natur dieser Geister- und der Materiewelt aus dem Salze und siehst die wechselseitigen Beziehungen wohl bestens ein, das muss man offen gestehen! Ob aber deshalb Du auch schon Christus, der Herr Selbst bist? das ist wieder eine leider freilich wohl ganz andere Frage.“
RB|2|210|7|1|Die Verse 7 bis 10 finden sich nicht in der Erstausgabe. Sie wurden aus der zweiten Auflage (1929) übernommen.
RB|2|210|7|0|Weißt du nicht, dass man als ein rechter Christ etwas behutsam sein muss mit der Annahme, dass da ein jeder, der irgend weise ist und im Notfall vielleicht auch einige Wunderzeichen gleich meinem Gott Merkurius zuwege bringt – Christus sei? Heißt es doch in der Schrift: ‚Es werden aber in der Zeit viele falsche Propheten aufstehen und werden Zeichen tun und sagen: ‚Sieh, hier ist Christus, oder dort ist Er!‘ – so glaubt es aber nicht! Denn des Menschensohnes Ankunft wird sein also wie ein Blitz, der da vom Aufgang bis zum Niedergang fährt. Auch wird die Ankunft des Herrn sein also wie die eines Diebes zur Nachtzeit!‘ – die freilich etwas fatal sein möchte. Denn ein Dieb tut nichts Gutes, so er geheim in ein Haus kommt!
RB|2|210|8|0|Und so, mein Freund, musst du uns allen schon etwas zugutehalten, so wir mit der Annahme, dass du Christus seist, etwas zaudern. Übrigens haben wir alle gegen die wahrlich große, ja übergroße Weisheit und Schärfe deines Geistes nicht das Geringste einzuwenden. Mit den Wundern wird es sich schon also verhalten, wie du es gesagt hast, und ebenso auch mit der Materie der Außenwelt. Aber dass du deshalb auch schon Christus bist, weil du das alles also einsiehst und uns erklären kannst – das anzunehmen wäre, wie gesagt, von uns etwas sehr Gewagtes. Petrus, Paulus, Johannes, Jakobus – das geht alles an; aber Christus?! Freund, da hört aller Scherz auf und der vollste Ernst nimmt seinen Anfang!“
RB|2|210|9|0|Rede Ich: „Ich verlange das im Grunde aber auch gar nicht, da es völlig genügt, so ihr Christus als Gott und Herrn aller Welten und aller Himmel bekennt. Aber ihr müsst euch darüber untereinander beraten und fest bestimmen – erstens: ob alle Christus als Gott, Herrn und Vater in ihrem Herzen anerkennen und ob alle, die hier in dieser Gruft rasten, uns folgen wollen, um Christi des Herrn willen!? Denn die andern alle, die ihr hier seht, sind uns darob gefolgt, und sie werden darum ihr Heil finden. Tut ihr sonach desgleichen, und ihr sollet darob auch das eurige finden!“
RB|2|210|10|0|Sagt der Dynast: „Gut, das wollen wir sogleich in Vollzug bringen! Geht es, so ist's gut, und geht es nicht vollkommen, so wird es doch unvollkommen gehen!“
RB|2|210|11|1|(Am 1. Juli 1850)
RB|2|210|11|0|Hierauf wendet sich der Dynast an die gesamten Familiengruftbewohner und sagt: „Ihr alle habt es vernommen, was dieser Freund hier geredet hat, und ich brauche es euch deshalb nicht zu wiederholen. Ich aber bin der Meinung, indem wir hier wahrhaftigst je fernerhin etwas zu gewinnen, und an diesem unserem Zustand noch um vieles weniger zu verlieren haben, so sollten wir gutgläubig den Antrag annehmen. Beratet euch deshalb und gebt mit eurer gesamten Einstimmung mir euren Willen und Entschluss kund; und wir werden dann entweder diesen Ort auf immer verlassen, oder aber auch, was sehr traurig wäre, Gott weiß es wie lange noch in diesem wahrlich nicht angenehmen Ort verbleiben.
RB|2|210|12|0|Ich war und bin noch ein fester Christ, und meine Losung war stets: ‚Christus! oder alles ist verloren!‘ – und so glaube ich denn auch jetzt: Christus müssen wir um jeden Preis des Lebens uns zu erringen streben! Denn ist der nicht unser, oder soll Er nach einiger Meinung uns auch bloß nur eine Fabel sein – dann sind wir die allerunglücklichsten Wesen. Denn wer ist dann Gott, und wie, wann und wo? Wann aber Christus Gott ist und ein Herr Himmels und aller Welt, so haben wir an Ihm einen sichtbaren, ewigen Vater voll Liebe, Güte und Erbarmung, der Seine Kinder nicht so leicht verstößt, als ein irgendwo seiender, allmächtiger, gerechtester Gott allein, in dem wohl die höchste Weisheit sein müsste, aber keine Vaterliebe und keine Erbarmung.
RB|2|210|13|0|Ich, der erste aus Habsburg, aber denke so und habe bei mir stets so gedacht: Wer in sich selbst voll Stolz und Hochmut ist, der will auch einen allerhöchst stolzen und hochmütigsten und allerunzugänglichsten Gott – eine Sünde des Stolzen, die manchmal auch meine Seele beschlichen hat. Aber dieser weiseste Freund hat mir ehedem begreiflich gemacht, worin die Unzugänglichkeit des Lichtes besteht, in welchem Gott wohne, nämlich in der Demut und unbegreiflich tiefsten Herablassung Gottes, die dem Stolzen ein Gräuel ist. Und ich sage nun nach meiner eigenen Denkweise: Mea culpa, mea maxima culpa [meine Schuld, meine höchsteigene Schuld!] – Ich war einst als Kaiser auch in der Werktat so, obschon ich immer den Hauptgedanken hatte, dass nur der Stolze und Hochmütige sich Gott also denkt. Aber nun ist der Gedanke in mir zur Wahrheit geworden, und ich mache euch allen meinen irdischen Kindern den Antrag, diesem guten Freund zu folgen. Er sagt von Ihm Selbst aus, dass Er Christus sei. Allein das lassen wir aber unterdessen noch. Möglich ist alles. Aber des Evangeliums wegen, das in der Hinsicht die möglich größte Behutsamkeit anratet, wollen wir diese Sache noch sehr scharf prüfen. Also was dünkt euch, ihr meine lieben Freunde und irdischen Kinder – was werdet ihr tun?“
RB|2|210|14|0|Sagt einer aus der Mitte: „Ich und wir wissen's, dass du Rudolf bist von Habsburg, des Namens und der Würde der Erste; aber dein Höchstadlings-Palast ist nicht hier, sondern woanders. Du bist hier nur ein Einwohner und sollst daher hier nicht das Haupt- und Vorwort führen. Uns vielen behagt es hier. Wir sind gerecht, sind auch Christen! Daher werden wir denn auch bleiben, bis uns die Posaune zum Jüngsten Gericht hinausrufen wird, allwo uns der liebe Herrgott gnädig und barmherzig sein wolle. Wir waren zwar nach unserem Gewissen und nach der Möglichkeit der Sachen und Dinge, die wir schlichteten, gerecht und streng gegen jedermann, der gegen uns gesündigt hatte; aber wir übten auch Gnade sehr oft für Recht. Und so möge uns auch der liebe Herrgott Gnade für Recht ergehen lassen am Jüngsten Tage – bis dahin wir in aller Ruhe verharren wollen.“
RB|2|210|15|0|Fragt der Dynast Rudolf I.: „Warum seid ihr aber dann mit uns ausgezogen, als wir diesen sechsen entgegengezogen sind?“ – Sagen einige Hauptthronisten: „Das taten wir allein nur der Parade wegen und auch aus etwas Furcht ob der damischen Prophezeiung des feurigen Reiters. Allein da wir nun sehen, dass da an der ganzen Sache nichts ist, so bleiben wir wieder in diesem unserm Höchstadlings-Palast, verstanden? Wir bleiben hier fest.“
RB|2|211|1|1|Maria Theresia und einige andere Dynasten stimmen Stammvater Rudolf zu. Bitte an den Herrn, sie aus der Gruft zu führen. Gutes Zeugnis über Rudolf. Vom langen Harren der Fürstengeister bis zu ihrer Erlösung.
RB|2|211|1|1|(Am 3. Juli 1850)
RB|2|211|1|0|Sagt darauf der Dynast Rudolf I.: „Ich hoffe, dass da unter euch vielen Narren doch einige Gescheite sein werden und werden mir nachfolgen. Es ist übrigens wahr, es geht in diesem Höchstadlings-Palast niemanden etwas ab, außer eine gewisse Lebensfreiheit und Lebenslust, indem dies Leben so ganz eigentlich einem Brutleben gleicht. Aber ich für mich bedanke mich für ein solches Schlaraffenleben. Lieber wäre ich ein Schafhalter (Hirte), als solch ein stummer Einwohner solch eines dummen Hochadlings-Palastes. Ihr drei edlen letzten Lothringer und du auch, meine Tochter Theresia, was ist denn mit euch? Werdet auch ihr hier verbleiben bis zum wahrscheinlich nie erfolgenden Jüngsten Gerichtstag?“
RB|2|211|2|0|Sagt die Theresia: „Lieber Urgroßohm! Ich werde dir folgen und meine Söhne auch! Auch wir sind satt geworden dieses Maulwurfslebens; werde aus uns, was da wolle! Nur einmal eine Veränderung, sonst werden wir noch zu lauter Statuen.“ – Sagt Joseph: „Bin auch vollkommen dieser Meinung! Man muss den Augenblick sich zunutze werden lassen! Wer diesen versäumt, der hat Krone und Zepter von sich geworfen, und keine Zeit bringt sie ihm je wieder zurück! Und so will ich nun denn auch nicht der Letzte sein, diesen günstigsten Augenblick zu ergreifen und ihn treu zu benützen.“ – Sagt darauf Leopold: „Bin auch so gestimmt! Einmal muss es ja doch anders werden; denn mit dieser Hockerei und mit diesem Blindenmausfangen heißt es nichts! Auf der Erd' ein Sündenbock und hier ein ewiger Stock ohne Hemd und Rock, das wird öd und fad! Darum bin auch ich so frei und schließe mich der Auswanderung bei.“
RB|2|211|3|0|Sagt dazu auch Franz: „Das werden auch wir machen, und mögen die andern lachen, soviel sie immer wollen, wir werden uns dennoch davontrollen! Auf der Welt ging's mir schlecht; meine Jugend bestand aus Krieg, Verfolgung, Ärger, Furcht und Zorn und mein Alter aus Mühseligkeiten aller Art, aus Krankheiten und endlich aus einem herben Leibestod. Hier in der Geisterwelt, eigentlich in diesem Höchstadlings-Elysium, verzehrt einen die tödlichste Langeweile. Daher nur hinaus aus diesem Langweilsloch; und das je eher je desto lieber. Ich möchte nun schon lieber fliegen als gehen von hier.“
RB|2|211|4|0|Sagt darauf Rudolf I. zu Mir: „Freund, wir sind beisammen, die wir hinaus mit Dir wollen! Einige wenige Verwandte werden sich noch anschließen. Und so könnten wir, so es Dir genehm ist, uns schon auf den Weg machen.“
RB|2|211|5|0|Rede Ich: „Gleich wird es werden, mein nun wie allzeit recht schätzbarer Freund! Ich sage es dir, dass du Mir stets ein lieber Mann warst und hast dir nicht zuschulden lassen kommen je eine Ungerechtigkeit; denn du hattest eine große Liebe zu Gott, Jesu dem Herrn. Darum du denn auch gesalbt warst zum Leiter der Völker und hast von der Gotteskraft das Erbrecht für deine Nachkommen erwirkt und erhalten, sodass nun nach etlich hundert Jahren noch immer deine Nachkommen, wenigstens mütterlicherseits, auf dem dir von der Gotteskraft verliehenen Thron sitzen und die Völker leiten gut, recht und schlecht, je nach dem Tun der Völker.
RB|2|211|6|0|Weil du Mir denn aber schon stets ein lieber Mann warst und geleitet hast die Völker gut, recht und schlecht, je nach ihrem Tun und Lassen, so soll dir denn aber nun auch der Lohn dafür werden, auf den du nun schon etliche Hunderte von Jahren gewartet hast. Es erscheint ein solch langes Harren als eine Art Ungerechtigkeit von Seiten Gottes des Herrn; allein es ist dem nicht so. Ein jeder Herrscher, wenn noch so gerecht, kann auf der Welt unmöglich das Hohe seines Standes in den Staub der Demut herabziehen. Er muss wie ein Gott sich ehren und förmlich anbeten lassen, ansonst er kein rechter Herrscher wäre. Das Reich Gottes aber kann nur von denen in Besitz genommen werden, die sich bis in die letzte und kleinste Lebensfiber herab gedemütigt haben.
RB|2|211|7|0|Wer auf der Welt eine höchst geringe Stellung einnahm, dem ist es auch ein Leichtes, in der Demut Tiefe hinabzusteigen; aber nicht so für den, der notwendig den höchsten Gipfel der menschlichen Würde und Größe in der Welt eingenommen hat. Die gelehrten Menschen auf der Welt haben z. B. das Meer für die am niedersten stehende Fläche der Erde angenommen und haben jede Gebirgshöhe von dem Meeresspiegel aus bemessen und ziemlich genau bestimmt, und Ich sage dir, dass sie da den Nagel auf den Kopf getroffen haben. Wer nun am Meer wohnt, der hat wenige Schritte nur und er befindet sich am Ufer der Segnungen des niedern Meeres. Aber wer sich zu gleicher Zeit noch auf einer höchsten Bergspitze der Erde befindet, der wird schon bedeutend länger brauchen, bis er zu den Segnungen des Meeres hinabgelangen wird.
RB|2|211|8|0|Die Herrscher aber befinden sich geistig auf solchen Höhen, und es braucht da mehr, um ans Meer zu kommen, als bei denen, die schon am Meer wohnen. Sieh, David war ein König ganz nach dem Herzen Gottes; er war vollkommen gut, recht und schlecht; und doch musste er in der Geisterwelt mehrere hundert Jahre harren, bis zu ihm die volle Erlösung kam. Und so musst auch du es nehmen – so wirst du darin die vollste Rechtfertigung der göttlichen Gerechtigkeit, Gnade und Liebe und Weisheit finden zu deiner vollsten Beruhigung.
RB|2|211|9|0|Das aber, was Ich nun dir gesagt habe, gilt allen, die auf der Erde die Krone über Meine Völker getragen haben; wer aus euch sich darinnen finden will, der finde sich bald und folge Mir! Wer aber nicht will, der bleibe! Leider gibt es noch manche hier, die sich noch lange nicht finden werden, weil sie sich eigentlich gar nicht finden wollen. Ich aber will nun noch, bevor wir diesen Ort verlassen, durch den Paulus, der da ist Mein Rüstzeug, über diesen Schlaf der Blinden eine Erweckungsstimme erklingen lassen; vielleicht werden davon doch noch einige erweckt. Ihr Wille ist frei wie ihr Geist; darum kann und darf Ich Selbst nicht bestimmen und sagen: ‚Diese und so viele!‘ – denn Ich will hier nicht vor- sondern bloß nur nachsehen und mild sein und voll Erbarmung. Denn denen Ich viel zu tragen gab, muss Ich auch eine große Nachsicht erweisen; darum sie sehr müde und schläfrig geworden sind unter ihrer großen Bürde.
RB|2|211|10|0|Darum Paule! Erhebe dich und erwecke sie, die sich wollen erwecken lassen!“
RB|2|212|1|1|Paulus Erweckungsrede an die Dynasten. Der Apostel zeigt ihre Regierungsuntaten auf und verheißt des Herrn Gnade.
RB|2|212|1|0|Hier erhebt Paulus sich und richtet folgende Worte nun an die Höchstadelings, sagend: „Meine geliebten Freunde und Brüder in Gott Jesu, dem Herrn!“
RB|2|212|2|0|Hier wird er sogleich vom Vater der Theresia unterbrochen, der ihm bitter höhnisch also sagend vorhält: „Wann denn haben wir Schweine miteinander gehalten, dass Er, als ein gemeiner Judensohn, sich erfrecht, mich per Bruder nur so gleich mir und dir nichts anzureden? Weiß Er denn nicht, wer wir sind? Also mehr Art, Er hundsgemeiner Judenpatzen, sonst wird man Ihm zeigen, wer da ein Kaiser ist.“
RB|2|212|3|0|Paulus aber achtet nicht darauf, sondern fährt mit seiner Rede fort und sagt: „Es steht geschrieben: ‚Denen wenig anvertraut ward, die werden über weniges die Rechnung zu geben haben, und denen vieles, wie euch, anvertraut ward, die werden über sehr vieles die Rechnung zu legen haben!‘ – Ihr aber gehört allesamt zu denjenigen, denen Gott, der Herr, sehr vieles anvertraut hat, und so habt ihr nun auch eine übergroße Rechnung vor Gott dem Herrn zu legen! Denn ich, Paulus, sage es euch, die ihr da noch voll alten, verrosteten, höchstadeligen Starrsinn seid, dass für euch alle nun ein eigentlichster Jüngster Tag herbeigekommen ist, an dem man von euch die strengste Rechnung fordern wird, so ihr von eurem Starrsinn nicht lassen werdet. Denn Gott Jesus, unser Herr und Vater, obwohl die höchste Liebe, Sanftmut und Geduld, lässt mit Sich nicht spaßen, indem Er allzeit und ewig nur das Allerbeste Seiner Kinder will. Und dieser Jesus, der uns alle durch Seinen Kreuzestod der Macht des Satans entwunden hat, steht hier vor euch, zwar noch immer so geduldig und sanft wie ein Lamm; aber Seine Sanftmut und Geduld ist nicht ohne Grenzen. Wehe euch, so Er einmal mit euch wird zu rechten anfangen! Nicht eins werdet ihr Ihm auf tausend antworten können; denn ihr seid allesamt große Sünder vor Ihm!
RB|2|212|4|0|Wie viele habt ihr bloß eures überschwänglichen Hochmutes wegen hinrichten lassen, nicht selten auf eine grausame Weise! Wie hart habt ihr stets einen erleuchteten Geist verfolgt! Welcher allerschonungslosesten Grausamkeiten habt ihr euch gegen die evangelischen Brüder bedient! Welchen namenlosen Jammer habt ihr nicht selten in tausendmal tausend Familien gebracht! Wie habt ihr in dem dreißigjährigen Religionskrieg gewütet, und wie viele andere Ungerechtigkeiten habt ihr auf eurem Gewissen! Wie sehr habt ihr stets danach gestrebt, euren Glanz zu erhöhen auf Kosten des Lebens und Blutes von Millionen, die ebenso gut Gottes Kinder sind und waren wie ihr! Wie viele Tausende schmachteten in den Kerkern schuldlos – durch die Trägheit und Ungeschicklichkeit eurer Richter, die sich unter eurem Protekte [Schutz] gut geschehen ließen, während eure und ihre armen Brüder – sage noch einmal – häufigst schuldlos in den finstersten Kerkern verschmachten und verzweifeln mussten! Seht, solche und noch tausend andere allergröbste Sünden habt ihr auf eurem Gewissen! Ströme von ungerecht vergossenem Blut schreien um Rache wider euch zu Gott. Und der Herr, so Er nach der ausschließenden Gerechtigkeit richten wollte, müsste euch ja für jede Ungerechtigkeit und herrscherische Grausamkeit, die ihr begangen habt und begehen habt lassen, eine Ewigkeit um die andere im Feuer der Hölle allerschärfst büßen lassen.
RB|2|212|5|0|Aber Er hat bei Sich beschlossen, nun allen Gnade für Recht angedeihen zu lassen, indem Er keine Freude hat an den obschon wohlverdienten Qualen der Sünder. Er betrachtet euch als sehr Kranke und will euch helfen und kam daher (als Heiland) Selbst hierher zu euch. Was hält euch denn ab nun, ihr Blinden, dass ihr Seinem Ruf nicht folgen wollt? Was habt ihr hier? Nichts, als was euch eure alte, herrscherische Einbildung schafft! Und dennoch wollt ihr dem Beispiel jener eurer wahrhaft hohen Brüder nicht folgen, die, wohl wissend, dass vor Gott alle irdische Größe ein purstes Nichts ist, sich sogleich an den Herrn, obschon sie Ihn noch nicht ganz erkennen, angeschlossen haben.
RB|2|212|6|0|Seht an einen Rudolf, der da war ein Regent nach dem Herzen Gottes, die Theresia, den biedern Joseph, den herzlichen Leopold und den leutseligen Franz und noch einige ihrer Brüder und Schwestern – sie haben auch manches begangen, wie einst ein David, das da nicht in der Ordnung der Gottesliebe war; aber Gott der Herr erwog ihre Bürde, die sie zu tragen hatten, erließ ihnen wie einem David jegliche Schuld und hat sie nun schon in Sein Reich aufgenommen. Denn die bei Ihm sind, die sind auch in Seinem Reich. Der Herr aber will auch euch allen gnädig sein. Warum wollt ihr Seine endlos große Gnade denn nicht annehmen? Ist es denn nicht besser, dem Gnadenruf des Herrn zu folgen, als sich langsam durch einen unbeugsamen Starrsinn für die Hölle vollends reif zu machen?“
RB|2|212|7|0|Durch diese Rede werden bis auf einen alle erschüttert und fangen an nachzudenken. Nur der eine sagt: „Ich bleibe ein Kaiser ewig! Auch vor Gott ein Kaiser ewig!“
RB|2|213|1|1|Paulus' Rede an den hartnäckigen Kaiser. Starrsinnige Gegenrede.
RB|2|213|1|0|Sagt darauf Paulus: „Mein Freund, du magst mit deinem ‚Kaiser‘ einen noch viel höheren Begriff verbinden, als wie du ihn schon ohnehin verbunden hast. Sage es dir aber selbst, was ein Kaiser ist – ohne Land, Volk und Macht!? Ich sage dir, nichts anderes als ein Tor! Ist denn ein Kaiser je aus seinen eigenen Gnaden Kaiser geworden, oder aus Gottes Gnaden? Wer gibt denn dem Menschen Macht zu herrschen, und den Willen den Völkern, dass sie ihm gehorchen? Siehe, das tut Gott, der allein der ewige Herr ist aller Macht und Kraft. Wer machte dich zum Kaiser, du dich selbst oder Gott? So dich aber Gott zum Kaiser machte, als der alleinige Herr der Unendlichkeit, was pochst du denn hernach auf deine Kaiserwürde, als hättest du dich selbst zum Kaiser gemacht?
RB|2|213|2|0|Siehe, wenn es so leicht wäre, ohne göttliche Kraft und Macht ein Kaiser zu werden, da gäbe es eine große Menge Kaiser auf der Erde. Das wäre aber vor Gott ein Gräuel der Gräuel. Deshalb setzt Er über viele Länder nur einen Kaiser und versieht ihn mit Macht, Kraft und großem Ansehen – aber nur auf seine herrschensfähige Lebensdauer!
RB|2|213|3|0|Nach dem Leibestod hört der Kaiser für ewig auf, und der Mensch, der da auf Erden ein Kaiser war, wird gleich einem seiner geringsten Untertanen. Er kann aber im Reich Gottes wieder etwas werden durch die Demut und durch große Liebe – zu Gott dem Herrn vorerst und dann zu allen Brüdern und Schwestern. Aber solch starres Beharren auf dem, was jemand auf Erden war, bringt nicht Leben und Wirkung des Lebens, sondern den wirklichen Tod nur und die Wirkung des Todes. Ich sage dir daher: Bedenke dir's wohl, was du tun wirst! Denn siehe, das Tor der besonderen Gnade und Erbarmung des Herrn ist nicht in einem fort offen, wie es auf Erden auch nicht immer Tag und Sommer ist. Im Sommer kannst du den Samen legen in die Furche der Erde, und er wird dir aufgehen und viele Frucht bringen; im Winter aber magst du säen, wie du willst, so wird der Same nicht aufgehen und wird dir auch keine Frucht bringen. Denn im Winter ist für einen Teil der Erde das Tor der besondern Gnade verschlossen, und wird im Frühjahr erst wieder eröffnet. Auf der Erde geschieht dies Schließen und Öffnen zwar regelmäßig, weil der Herr alldort die Natur also eingerichtet hat; aber nicht so allhier, wo alles frei ist und am freiesten sicher der Wille Gottes. Da kann niemand zum Voraus sagen: ‚Sieh, nun kommt bald das Frühjahr und dann der Gnadensommer!‘, sondern das liegt im Herrn verborgen! Wann Er will, so ist es da. Er allein schließt und öffnet, wie und wann Er will.
RB|2|213|4|0|Nun ist es da offen vor euch allen! Darum ergreifet und benützet es! Es wird aber wieder verschlossen werden, da wird dann wieder niemand etwas zu ergreifen und zu benützen bekommen. Glaubst du denn, dass der Herr Tag für Tag auf die Erde körperlich von Seinen allerhöchsten Himmeln herabkommt und lehrt, heilt und begnadigt Seine Geschöpfe und macht aus ihnen Seine Kinder? O sieh, das tut der Herr nicht! Und Er weiß es allein, warum Er so was tut oder nicht tut. Er ist zwar stets die Liebe Selbst, und Erbarmung Selbst; aber Seine besondere Gnade gibt Er nicht allzeit gleich und nicht jedem gleich.
RB|2|213|5|0|Sieh, ich war einst der größte und wütendste Verfolger, und Er erwies mir dafür die höchste Gnade und stärkte mich zu einem Weltapostel – während Er Seine anderen Apostel nur für die Juden zuallermeist gestellt hat. Und gar viel, ja ums Tausendfache bessere und edlere Menschen hat Er irgendeiner besonderen Gnade nicht gewürdigt. Den Weisen enthielt Er es vor und den unmündigen Kindern offenbarte Er Sein Reich und Seine besondere Gnade!
RB|2|213|6|0|Aus dem aber geht abermals hervor, dass der Herr nach Seiner innersten Weisheit tut, was Er will. Er gibt niemals in großer Überfülle und entzieht es ein anderes Mal ganz und gar. Der sich oft am sichersten wähnt, ist von tausend Gefahren umringt; und der Furchtsame, der jeden Augenblick fürchtet, von tausend Gefahren verschlungen zu werden, den beschützt der Herr nicht selten derart, dass ihm auch dann nichts geschehen würde, so die ganze Erde in kleine Splitter auseinandergerissen würde. Also tut der Herr, was Er will, und bedarf nie eines Menschen Rat. Es ist aber dann auch die größte und unverzeihlichste Torheit, die Gnadengeschenke aus Seiner höchstheilig eigenen Hand nicht anzunehmen, so Er sie jemanden freiwillig verabreicht.
RB|2|213|7|0|Lasse also fahren nun deinen Kaiser und nehme dafür hin des Herrn Gnade, so wirst du leben – sonst aber sterben in deinem Wahn!“
RB|2|213|8|0|Sagt der Starrsinnige: „Du redest wohl recht weise wie ein Minister; aber welch ein Unterschied ist dennoch zwischen einem Minister und einem Kaiser! Führe mir den Herrn Selbst vor; ich will Ihn in Gnaden anhören und Ihm ausnahmsweise eine längere Audienz erteilen.“
RB|2|213|9|0|Spricht Paulus: „Und hast du sonst keine Schmerzen? Ah, das ist wirklich auch schon alles, was man alles über alles von deiner Gnade erwarten kann. Du wolltest also sogar dem Herrn eine Audienz erteilen, so ich Ihn dir aufführte! O du unsinniger Tor du! Gott, deinem Herrn – im Gnadenweg noch dazu – eine Audienz erteilen! Nein, Freund, das geht etwas zu weit! Ich, ein Paulus, erbebe vor diesem Gedanken! Und du kannst ihn denken und solches verlangen? Nein, das kann unmöglich dein Werk, sondern nur ein Werk des Satans sein! Ermanne dich daher und stehe ab von deiner zu ungeheuer großen Torheit! Ich bitte dich, werde ein Mensch vor Gott!“
RB|2|213|10|0|Spricht der Starrsinnige: „Ein Regent spricht nach seiner gewohnten Weise und ein Apostel nach der seinen! Ich verstehe aber unter einer Audienz nicht gar so etwas Himmelschreiendes, als wie Er. Und ich meine, dass das unmöglich gar so hoch gefehlt sein kann, so ich den Herrn zu mir bitten lasse! Denn auf der Erde schickt man ja auch um einen Geistlichen, dass er dann komme mit Christus dem Herrn, indem man selbst als ein Kranker nicht zu ihm kommen kann. Mache daher keinen solchen Lärm, als ob deshalb schon Himmel und Erde eingestürzt wären!
RB|2|213|11|0|So du schon ein weiser Lehrer bist, so bedenke dabei, dass zwischen einem Kaiser, der freilich auch nur ein Mensch ist, und einem gewöhnlichen Menschen doch immer ein himmelhoher Unterschied obwalten muss. In welcher Sphäre jemand lebt, in der bildet sich auch sein Leben zu seiner eigentlichen Natur aus. Der Adler horstet ganz heimisch und gemütlich auf den schwindelndsten Höhen; trage eine Haushenne hinauf auf eine Felsenspitze, deren Höhestand über die Wolken hinausragt, und sie wird lebendig nimmer ins tiefe Tal hinabkommen. Dem Fisch ist das Wasser sein Lebenselement, einem Erdtier ist es der Tod. Was aber physisch sich bewährt, das findet auch physisch unter den Menschen statt. So ich also hier vor dir meiner hohen Seelennatur nach rede, da wird das ja doch nicht so weit gefehlt sein können, als wenn ein anderer, gewöhnlicher Mensch sich also zu reden unterfangen würde.
RB|2|213|12|0|Ich war einmal ein Kaiser, das kann mir kein Gott nehmen, solange Er mir die Rückerinnerung belässt. Und sonach bleibe ich denn ein Kaiser auch vor Gott ewig – in meiner Erinnerung. Dass ich aber hier weiter nichts mehr zu gebieten habe, das weiß ich schon lange, so wie Er, mein polternder Freund! Ich brauche daher aber auch nichts Weiteres mehr von Ihnen; ich werde mich schon selbst weiter fortbringen. Ich habe von jeher nichts weniger leiden können, als irgendjemanden, der mir etwas, und wenn es selbst das Beste gewesen wäre, hatte aufdringen wollen. Und so bin ich noch ein abgesagter Feind von allem Aufgedrungenen. Wolle mir also gar nichts aufdringen, so werde ich das Gute und Wahre von selbst aufnehmen und danach tun und handeln; sonst aber bleibe ich wie ich bin, ob gut oder schlecht, das ist eines. Verstanden, Er Polterpatron?“
RB|2|213|13|0|Sagt Paulus: „O ja, sehr gut! Bemerke aber bloß ganz einfach nur hinzu: Solange der Ego (dein Ich) als maßgebend und vorwaltend dir zu einem Richter dienen wird, solange wird das Ego des Herrn nicht Wohnung nehmen in deinem Herzen. Die äußeren Lebensverhältnisse und Unterschiede allein für sich berücksichtigend, hast du recht in allem, was du, wenn auch gegen meine Person sehr anzüglich, in deiner dich entschuldigenden Rede mir vorgesagt hast; aber die inneren Lebensverhältnisse sind von einer ganz anderen Art! Diese, weil sie dir ganz fremd sind, musst du dir vorerst aufdringen lassen, sonst kommst du in der Geisterwelt, deren Einwohner du nun schon nahe ein paar hundert Erdjahre bist, nimmer auf ein grünes Plätzchen. Ich bin ja dein Feind nicht, darum ich dir die volle Wahrheit offenbare, nach der Beheißung des Herrn. So ich aber dein Feind nicht bin, warum behandelst du mich aber, als so ich dein Feind wäre?“
RB|2|213|14|0|Sagt der Harte: „Ich behandle dich nicht als Feind; aber du gefällst mir nicht! Darum will und muss ich einen andern haben und ihn hören, auf dass ich recht weiß, was ich zu tun habe.“
RB|2|214|1|1|Paulus' Wirken gleich dem einer geistigen Hebamme. Ein weltgeschichtliches Verlangen. Gleichnis vom Taschenspieler. Gefahr der Hofgrandezza. Der wahre Hofglanz.
RB|2|214|1|1|(7. Juli 1850)
RB|2|214|1|0|Spricht Paulus: „Du wirst auch einen andern erhalten – aber jetzt noch nicht, wo du nahe wie ein Stein materiell in allem deinem Denken, Sinnen und Trachten bist. Ich, Paulus, aber bin darum ein Paulus, der winzige Apostel – weil ich zuerst von den Kindern das Grobmaterielle hinwegrasple und von ihnen den ersten Unrat schaffe gleich einer Hebamme und taufe die schwachen Kinder gewisserart schon im Mutterleib, auf dass sie dann um desto eher fähig werden möchten, die mächtige Taufe des Geistes zu empfangen. Solange du daher nicht deine zu sehr materievollen Gedanken und Begierden gegen geistige vertauschen wirst, wirst du des Paulus nicht los! Denn wie gesagt, das ist des Paulus Geschäft, dass er zuvor den Platz reinigt, auf dass hernach die rechten Bauleute das Gebäude aufführen können, welches dann vom großen Baumeister eigenhändig die entsprechenden Verzierungen und allerlei innern herrlichen Einrichtungen erhält.
RB|2|214|2|0|Sei du daher anfänglich nur zufrieden mit mir; denn wer einmal den Paulus annimmt, der kommt dann auch zum Petrus, zum Johannes und endlich zum Herrn Selbst. Aber jeder, der da anfängt, der fängt mit Paulus an, sonst kommt er nimmer an den Petrus und noch weniger an den Johannes. Wer aber nicht an den Johannes kommt, der kommt auch nicht an den Herrn! Denn Johannes ist gleich der Liebe des Herrn zu Seinen Kindern.“
RB|2|214|3|0|Sagt der Harte: „Ganz wohl, aber du bist nicht getreu in deinen Angaben, und so kann ich mich auf dich nicht verlassen. Denn ‚Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht!‘ – Du sagtest, dass ich schon nahe an zweihundert Jahren nach irdischer Rechnung hier in der Geisterwelt mich aufhielte. Und siehe, das ist vollkommen erlogen, denn ich bin erst kaum bei 110 Jahre hier, und es fehlen sonach noch 90 nach deiner Angabe! Sollten denn Geister deiner Art nicht genau anzugeben imstande sein, wie lange irgendein Geist als ganz bestimmt hier wohnt? Putze dich nun aus dieser Soße, so du's kannst, und ich will dich behalten.“
RB|2|214|4|0|Sagt Paulus: „Das ist eine Schafswoll-Locke, um die du hier mit mir rechten möchtest! Aber es soll dir sehr schwer fallen ein solcher Streit! Denn wisse, der Paulus ist ein gewaschener und kein ungewaschener Jude, und mit denen ist es nicht gut Kirschen essen; denn da bekommt der in der Wette Mitessende sehr leicht alle Stängel und Steine ins Gesicht. Sage mir, du ausgehöhlter Hohlbohrer der hohlsten Materie, wann du in der Geisterwelt das Rechnen gelernt hast, indem du mich einer Lüge beschuldigen willst!? Siehe, du Tor, wir rechnen hier in der Geisterwelt so: Von dem Augenblick an, als vom Herrn deiner Seele der Geist eingelegt ward, was sobald geschieht, als die Seele eines Kindes des ersten Gedankens fähig wird, was bei manchen Kindern schon im ersten Jahr der Geburt geschieht. Vor der Zeit der Einlegung des Geistes in die Seele aber ist jeder Mensch auch schon ein Bewohner der Geisterwelt und lebt und webt stets die halbe Lebenszeit vollends in der Geisterwelt, was ihm seine Träume nur zu klar sagen. Nur die naturwache Tageszeit ist er zum größten Teil seines Wesens in der Materiewelt, obschon mancher durch geistige Gedanken, Betrachtungen, Gebete, Liebe zu Gott und edle Handlungen sich auch am hellsten Tage rein in der reinen Geisterwelt befindet. Und sieh, von da an beginnt auch die Rechnung, wie wir hier zu rechnen pflegen. Und so du das addierst zu deinen 110 Jahren, so wirst du die Annäherung an die 200 Jahre wohl doch sicher nicht gar so lügenhaft finden, als wie du es mir, deinem Freunde, keck und grob genug ins Gesicht sagtest.“
RB|2|214|5|0|Sagt darauf der Harte: „Das habe ich aber nicht gewusst, dass man hier so rechnet! Hättest du mir davon früher eine Anweisung gegeben, so hätte ich dich keinen Lügner genannt und du mich auch nicht einen ausgehöhlten Hohlbohrer der hohlsten Materie, was auch kein Kompliment ist. Und weil du grob warst, da ich grob war, so glaube ich, dass wir uns gegenseitig quittiert haben und sind demnach einander nichts mehr schuldig. Ich bin nun gut; bist du es auch?“
RB|2|214|6|0|Sagt Paulus: „Ganz vollkommen! Aber jetzt musst du dir von mir dafür aber schon noch einige Worte gefallen lassen.“ – Sagt der nun etwas Weichere: „Rede nur, soviel du magst und kannst! Ich will dich anhören. Sage mir aber auch, wie es nun in der Welt aussieht, und was da meine Nachkommen machen und wie es ihnen ergeht. Ich habe vernommen, dass es in Österreich große Bewegungen gegeben habe. Sage mir auch darüber noch etwas Näheres, so du das kannst.“
RB|2|214|7|0|Sagt Paulus: „Wir sind nun in Wien selbst und werden in dieser Stadt noch manches zu schlichten bekommen, und bei der Gelegenheit auch so manches erfahren, wie es nun auf der materiellen Außenwelt aussieht. Vorderhand aber heißt es, sich mit dem befassen, was uns viel näher ist als die Materiewelt. Du bist noch ganz von der spanischen, zumeist durch den damals höchst und reichst gestellten Priesterstand promulgierten Hofgrandezza der dortigen Herrscher durchdrungen und meinst, dass alles Hohle nur durch einen möglichst erhöhten Glanz, der im Gold und allerlei eitelsten Zeremonien besteht, aller Welt imponieren kann, um das gemeine Gesindel zum blindesten Gehorsam zu nötigen. Ich aber sage dir, dass es auf der ganzen Welt nichts Grundfalscheres und Irrigeres geben könnte, als eben diese über alle Maßen dumme Annahme.
RB|2|214|8|0|Siehe, ein Taschenspieler unterhält seine geblendeten Zuseher nur so lange, als diese nicht hinter das Nichtige seiner Kunst gelangen; werden sie aber von einem Sachkundigen aufgeklärt, dann kann der falsche Zauberer schauen, wie er ein Loch zum Durchgehen findet, sonst werden ihm die Zuschauer etwas erzählen und sich bei ihm auf eine sicher sehr energische Weise zu bedanken wissen, darum, dass er ihnen eine falsche für eine wirkliche Zauberei verkauft hat. Ah, klar und gewiss etwas anderes ist's, so ein Falschmagier sich auch als solcher ankündigt! Da wird ein jeder Zuschauer es wissen, dass diese Zauberei eine rein natürliche ist und wird ganz vergnügt, den Falschkünstler sogar ehrend und lobend, den Schauplatz verlassen und wird sich auch um die Art und Weise nicht viel kümmern, wie der Falschzauberer ein oder das andere Zauberstück hervorgebracht hat; denn der Zuschauer weiß es ja, dass das Ganze nur ein recht fein und pfiffig ausgedachter Sinnentrug ist, und keine Realität.
RB|2|214|9|0|Aber so der Falschkünstler ankündigte, dass er eine wirklich altägyptische Zauberei ohne alle Apparate zum Besten geben wird, und man entdeckt aber dann bei der Produktion dennoch allerlei Behelfe und entdeckt in dem angekündigten wirklichen Zauberer nur einen ganz gewöhnlichen sogenannten Hokuspokuskünstler, da wird dieser einen schweren Stand haben, sich vor seinen betrogenen Zuschauern zu behaupten. Und siehe, ebenso verhält es sich auch mit dem Hofglanz. Dieser kann ein wirklicher und auch ein falscher sein. Wehe aber dem Regenten, der da durch einen falschen Hofglanz seine Untertanen hat täuschen wollen! So sie dahinterkommen, wie es in Spanien und Frankreich und in vielen andern Staaten schon gar oft der Fall war, da wird es solch einem Falschglänzer schlecht und übel ergehen.
RB|2|214|10|0|Der wahre Hofglanz aber besteht vorerst in der Weisheit und Herzensgüte des Regenten, in einem gut verteilten und zweckmäßigen Wohlstand der Untertanen, in einer festen und guten Disziplin eines nicht unnötig, bloß der Parade wegen, großzählig gehaltenen Wehrstandes und in allerlei weisen Staatseinrichtungen, vor denen die ganze Welt einen tiefen Respekt bekommen muss; und nachher auch erst in dem, dass der Regent seiner Würde nach in seiner Wohnung als das erscheint, was er eigentlich ist, nämlich ein weiser Regent eines wahrhaft glücklichen, großen Volkes.
RB|2|214|11|0|Was nützt es aber einem Regenten, in goldnen Staatswagen herumzufahren, so sein Volk in dürftigste Lumpen gehüllt, traurig, matt und hungrig seufzt, weint, klagt und von einer Verzweiflung in die andere dahinschmachtet? Was nützt es, den Schwachen alle Bürden aufzulegen, von denen sie erdrückt werden, selbst aber als ein stolzer Aar in hohen Lüften, der armen Menschheit am harten Erdboden spottend, herumzuschweben und sich zu ergötzen am Elend der schreienden Armut? Die Armut wird sich in ihrem Todeskampf entsetzlich rächen an solch einem Regenten, der füglicher ein Volksvampir als ein Volksregent genannt zu werden verdiente.
RB|2|214|12|0|Siehe an solch stolze Herrscher, wie da Spanien, Frankreich und England schon einige getragen haben! Sie fielen endlich als traurige Opfer einer entfesselten Volkswut! Du bist aber im eigentlichsten Sinn noch ganz befangen von dieser Hofgrandezza, die weder vor den Menschen und noch viel weniger vor Gott einen Wert hat. Lasse sie fahren, denn sie hat dir nie einen Segen gebracht und wird dir noch weniger für die Ewigkeit je einen bringen! Siehe, wäre deine Tochter nicht von einem ganz anderen Geist durchdrungen worden, als wie von dem deinen, da bestände schon lange kein Österreich mehr! Von allen Seiten wären sie über es hergefallen, wie die Raben über ein Aas, und hätten es zerrissen nach allen Seiten, wie sich's hernach auch unter deiner Tochter, ihrem Sohn, unter dem Leopold und Franz praktisch in teilweisem Maß gezeigt hat. Und siehe, zu all diesen Übeln hast du den Samen gelegt. Und solange die nachfolgenden Regenten in deinen Goldwagen fahren werden, werden sie von Prüfungen mancher trüben Art nicht befreit sein. Der Herr kann es zwar ändern und kann die veränderten Wagen segnen; aber leicht geht das nicht, besonders wo ein solches Gerät zu sehr aus den Tränen geheim weinender Völker geschaffen ward.
RB|2|214|13|0|O Karl, du warst ein harter Regent! Werde daher nun weich vor Gott, deinem Herrn, auf dass du jene Wunden heilen magst, die dein übertriebener Hochmut den Völkern geschlagen hat. Warst du auch gerade kein böser Regent, so warst du aber dennoch ein harter. Und darum werde nun weich vor Gott und ein Balsam allen, die unter dir, stark verwundet, in eine krasse Nacht gelangt sind; denn es schmachten ihrer noch viele hier im Geisterreich, die unter dir geblendet worden sind. Gehe daher nun her vor den Herrn, deinen Gott und unser aller Gott und Vater, lege deine große Schuldenlast zu den Füßen Jesu des Herrn, auf dass Er dich stärke und gesund mache in allem, wo du als höchst krank vor Ihm erscheinst. Denn bei Ihm sind alle Dinge möglich.“
RB|2|215|1|1|Des stolzen Karls Lebensbericht. Paulus rüttelt den Hochmütigen. Regenten vor Gott. Eigensucht und Gottes Ehre. Zwiegespräch Karls mit Jesus. Endlich Gnadenbitte und Befreiung.
RB|2|215|1|1|(Am 9. Juli 1850)
RB|2|215|1|0|Spricht Karl: „Wo ist der Je- Je- J- no, no, no, jetzt bringe ich den Namen nicht heraus! Wie, wie heißt er denn noch anders?“ – Spricht Paul: „Jesus Christus, das heißt der Heiland, der Gesalbte. Du kannst diesen Namen nur deshalb nicht aussprechen, weil nichts von Ihm in deinem Herzen ist. Du brauchst aber nicht zu fragen, und stolz zu fragen: ‚Wo ist denn Jesus, zu dem ich hingehen soll?‘ Denn Er steht ja ohnehin hier knapp bei mir und ist mir stets der Allernächste! Du brauchst nicht einmal einen Schritt zu tun, sondern dich bloß nur an Ihn zu wenden, und du bist dann schon bei Ihm, so gut als es dir möglich ist, in diesem deinem Zustand dich Ihm zu nahen. Sage wenigstens in deinem Herzen: ‚Herr, sei mir großem Sünder gnädig und barmherzig! Nicht wert bin ich, meine Augen zu Dir emporzuheben!‘ – Und der Herr wird dir tun, was da des Rechtes und der milden Gerechtigkeit ist.“
RB|2|215|2|0|Sagt Karl: „Also dieser ganz ordinäre Jude soll der Herr sein?“ – Sagt Paulus: „Ja, dieser ist es, und das einzig und alleinig!“
RB|2|215|3|0|Hier fängt der Karl an, sich hinter den Ohren zu kratzen, und sagt bei sich so mehr in seinen Gedanken: „Also das soll der Herr und der Schöpfer Himmels und der Erde sein! Nun, nun, das geht gut! Also so sähe der Herr aus! Nicht übel, gar nicht übel! Dem hätte ich ja gleich wie einem gemeinsten Bettler etwas geschenkt! Und das soll – soll – soll wirklich Gott der Herr sein? Zwar manchmal reisen ja auch die hohen Regenten der Erde im strengsten Inkognito. Warum soll so was Gott unmöglich sein? Nicht auf meine, sondern auf dieses Paulus Verantwortung will ich es aber dennoch gleichwohl annehmen, obschon mir diese Annahme äußerst fade vorkommt, wie mir auch auf der Welt überhaupt jeder gemeine Kerl unendlich fad vorgekommen ist. Ich habe deshalb auch nur einer Messe beiwohnen können, die mit dem höchsten Pomp aufgeführt worden ist, und wo kein Plebs in die Kirche eingelassen wurde, sondern allein nur der höchste und glänzendste Adel und die höchsten Staatsbeamten in den glänzendsten Staatskleidern. Ich erteilte darum dem gemeinen Volk des Jahres auch nur eine bis höchstens vier Audienzen, weil mir dies gemeine Gesindel über alles fade war. Ich errichtete darum auch stehende Heere, damit ich nicht mit dem gemeinen Tross des Volkes, das gewöhnlich meine Adelinge im Notfall zusammenrafften, in einem oder dem andern Gefecht in Berührung kam. Ich verlieh darum auch dem Hof den größten Glanz, um mich vor der unerträglichen Fadheit zu verwahren. So war mir der eheliche Beischlaf das Unerträglichste, weil ich darauf von einem allermarterlichsten Fadheitsgefühl gequält worden bin. Und nun soll ich dennoch wieder in die Fadheit mich hineinwerfen gleichwie eine Sau in eine gemeinste Froschlache! In Gottes Namen denn! So ich schon mich der Fadheit ergeben muss, so sei es denn! O du entsetzliche Fadheit! Dieser gemeine Jude – überhaupt ein Jude –, das ist mir schon das Allerunerträglichste! Ich hätte als Kaiser alle Juden können hinrichten lassen, und jetzt soll ich einen gemeinen Juden als Gott den Herrn anerkennen und anbeten und lieben? O du entsetzliche, furchtbarste Fadheit aller Fadheiten!“
RB|2|215|4|0|Sagt Paulus: „Siehe zu, dass dir am Ende nicht etwas anderes fade wird! Meinst denn du, der Herr ist etwa auch ein solcher Erzaristokrat wie du und findet alles fade, was sich nicht als hochadelig legitimieren kann! Ich aber sage dir etwas anderes: Siehe zu, dass du dem Herrn nicht fade und unerträglich wirst! Denn so der Fall eintreten würde, da wärst du das unglücklichste Wesen unter den zahllosen! Denn wer Gottes Einrichtungen und Anordnungen fade findet, der ist ein Kind des Hochmutes und des Stolzes und also ein Gräuel vor Gott, dem Herrn. Der Herr ist stets dem Kleinen zugewendet; und wer da nicht wird wie das Kind eines gemeinsten Bettlers, wird nie einen Teil an dem Reich Gottes haben.
RB|2|215|5|0|Meinst denn du, der Herr liebe die Regenten der Erde? O da irrst du dich sehr! Sieh, der Herr duldet sie wohl als ein Übel den Völkern, die selbst übel und böse sind; aber Seine Liebe sind sie nicht, sondern Sein gerechter Zorn. Denn Er Selbst sprach durch den Mund eines Propheten (Samuel), als das jüdische Volk auch einen König von Gott verlangte: ‚Zu allen Sünden, die dieses Volk vor Mir beging, tut es auch diese hinzu, dass es einen König verlangt. Ich werde ihm auch einen König geben in Meinem Zorn!‘ – Sieh, nicht in der Liebe, sondern im Zorn gab Gott den törichten Juden, die auch durch eines Königs Glanz ein großes Volk sein wollten, einen König, der sie hernach knechtete und zu lauter gemeinen Dienern und Sklaven machte. Daraus aber geht hervor, dass die Könige dem Volk nicht so sehr ein Segen, als vielmehr eine Strafe sind, weil die Menschen noch immer die Welt mehr als Gott lieben.
RB|2|215|6|0|Da es aber so ist, was bildest denn du dir hernach gar so viel ein auf das, dass du auf der Erde ein Regent warst? Gott allein ist Regent! Alle Menschen aber sind Brüder und Schwestern! Gehe hin und bekenne vor Gott deine Schuld, sonst sieht es schlimm aus mit dir!“
RB|2|215|7|0|Sagt Karl: „Warum soll es übel mit mir aussehen?! Ich habe als Regent so gelebt und gehandelt, dass mir alle Weltgeschichte ein rühmendstes Zeugnis vor Gott und den Menschen geben muss. Was soll ich deshalb dann zu fürchten haben? Besaß ich nicht die Liebe meiner Völker, und zwar in dem Maße, dass ich sie buchstäblich mit ins Grab nehmen konnte, und wurden meine Anordnungen nicht pünktlich befolgt? Was Arges habe ich denn hernach angestellt, weshalb ich ein Übel zu erwarten haben soll?“
RB|2|215|8|0|Sagt Paulus: „Was deine Regentschaft betrifft, so war sie, wie jede andere, eine von Gott zugelassene, zur Züchtigung eines stark entarteten Volkes, und wir wollen darüber keine weitere Kritik anstellen; denn es handelt sich hier weniger darum, was du deinen Untertanen gegenüber, als vielmehr, was du dir und deinem innersten Leben selbst warst! Sagst du: ‚Ich habe geherrscht aus meiner Macht!‘ – dann war deine ganze Herrschaft schlecht! Sagst du aber: ‚Gottes Kraft und Macht hat mich so und nicht anders zu herrschen bestimmt!‘ – dann hat die Sache sogleich ein anderes Gesicht, denn der Herr sieht nie auf die Handlung allein, sondern hauptsächlich auf den Grund und auf die Absicht der Handlung.
RB|2|215|9|0|Mag eine Handlung an und für sich noch so gerecht sein, der Vollführer derselben aber verrichtet sie auf seine Ehre und nicht auf die Ehre Gottes, so ist sie schlecht für den Vollführer. Denn der Herr Selbst sagt es: ‚Und so ihr alles getan habt, so sagt: ‚Wir sind unnütze und faule Knechte gewesen!‘‘ – So der Herr Selbst aber ein solches Bekenntnis von uns verlangt, was können wir Ihm dawider entgegnen? – So du sagst: ‚Ich war ein Regent!‘ – da handelst du schon wider Gott und gibst dir selbst ein arges Zeugnis wider dich. Sagst du aber: ‚Ich war nur ein schlechtes Werkzeug in der Hand Gottes, und der Herr war der Regent durch meinen Willen und machte aus meinem schlechten Samen eine gute Frucht!‘ – dann bist du gerechtfertigt vor Gott wie ein David, der aus sich auch war schlecht und allein nur durch Gott recht und gerecht.
RB|2|215|10|0|Sieh, du hast durch deine mehrjährigen Kriege nicht so viele Menschen geschlachtet, als David oft an einem Tag; und doch war David ein Mann nach dem Herzen Gottes, du aber nicht, weil du aus deiner eigenen Kraft und Macht zu handeln wähntest, während David sich solch eines Vergehens nur ein einziges Mal zu Schulden hatte kommen lassen, wegen des Urias Weib, dafür er aber dann auch viel Buße tat. Du besaßest wohl deines Volkes Gunst, besonders des hochadeligen; aber es wäre besser gewesen, so du die Gunst und Liebe des Herrn besessen hättest. Also Freund, nicht wir, sondern der Herr allein ist alles in allem, und ganz und gar nichts sind alle Menschen vor Ihm! Dies fasse in dein Herz, und wende dich also an den Herrn, so wird es mit dir vorwärtsgehen! Ich habe nun geredet. Der Herr sei mit dir!“
RB|2|215|11|0|Karl, über diese Worte sehr zum Denken getrieben, wendet sich nach einer Weile zu Mir und sagt: „Du wärst nach der Aussage dieses Paulus also wirklich Christus, der Herr, der einst zu Jerusalem gekreuzigt wurde von den bösen Juden, die noch deshalb fortwährend meine größte Antipathie sind, und zwar derart, dass es mir nun noch leid tut, dass ich diese Brut wenigstens in meinem Reich nicht vertilgt habe.“ – Sage Ich: „Ja! Hast du aber dagegen etwas einzuwenden, so rede und sage, was Mir noch abgeht, um vor dir, du großer Herr, würdig als Christus auftreten zu können.“
RB|2|215|12|0|Sagt Karl: „Das ist eine sehr sonderbare Frage, die einem Menschen wohl kaum in einem Traum einfallen könnte. Nach meiner irdischen Art zu urteilen, ginge dir wohl gar vieles ab, um vor mir würdig als Christus, ein Herr Himmels und der Erde, auftreten zu können und von mir als solcher auch anerkannt zu werden. Aber hier bin ich nun nicht mehr gar so delikat und nehme bald irgendeinen Prügel für einen Zepter und eine Schlafmütze für eine Krone an – warum denn nicht auch Dich für Christus, den Herrn! So lange, bis mir irgendein besserer vorkommt, bin ich mit dir ganz vollkommen zufrieden; kommt aber irgendwann ein anderer und ein tüchtigerer vor, nun, so lässt sich die Sache dann ja auch sehr leicht ändern; der Rechte wird angenommen und der Falsche sitzengelassen werden. Aber übrigens muss ich dir sagen, dass Du mir unterdessen als Christus recht gut gefällst, wenigstens verstehst du so recht gut, die Rolle desselben zu spielen. Dein gewisser leutseliger Ernst und Dein recht majestätisch schöner Kopf mit großen blauen Augen macht sich sehr gut, und Du bist somit ein recht würdiger Repräsentant dessen, was Du hier vorstellst, ob Du nun auch möglicherweise wirklich das bist, was Du vorstellst, das zu bestimmen und zu behaupten vermag ich nimmer; aber auf die Gefahr dessen, der Dich mir als den wirklichen Christus anzeigte, will ich auch das annehmen und falle daher als der größte gewesene Kaiser des römisch-deutschen Reiches Dir zu den Füßen und sage: ‚Herr, sei mir Sünder vor Dir gnädig und barmherzig!‘“
RB|2|215|13|0|Sage Ich: „Freund, Ich bin zufrieden, dass es nun mit dir so weit gekommen ist und wir nun aus dieser Gruft der Toten hinaus ins Freie uns begeben können; denn hier, wo die Toten hausen, kann man nicht viel vom Leben sprechen. Draußen, wo ein reineres Licht das endlose All der Geisterwelt durchdringt, lässt sich auch reiner schauen und wahrnehmen und empfinden wer Der ist, der hier nun mit dir redet! Und so verlassen wir denn nun diesen Ort und begeben uns ins Freie.“
RB|2|215|14|0|Schreien nun alle: „Heil Dir, o Herr, dass Du solches an uns tust! Denn nun fangen wir erst an einzusehen, wo wir waren und wie es uns ergangen ist! Du allein bist unser Erlöser! Dir ganz allein daher auch alle unsere Liebe, Ehre und Anbetung! Denn Du allein bist es würdig, dieses alles von uns allen zu empfangen und allergnädigst hinzunehmen!“ – Sagt Karl, sich nun vom Boden wieder erhebend: „Herr, bei diesem Gruß bin auch ich vollkommen dabei, und das nun wirklich aus vollem Herzen! Aber wohin wirst Du uns nun führen?“
RB|2|215|15|0|Sage Ich: „Nun hinaus in die Gassen Wiens, und da wird es sich dann schon zeigen, wo wir etwa einkehren werden. Robert, gehe nun mit der Helena wieder voran!“
RB|2|216|1|1|Szene mit geldgierigen und hartherzigen Mönchen.
RB|2|216|1|0|Robert geht nun voran, und am Eingang der Gruft stehen zwei Mönche mit einer tüchtigen Geldbüchse und reden den Robert um ein Trinkgeld für die armen Seelen im Fegfeuer an. Robert entschuldigt sich und sagt, dass er kein Geld habe. Die Mönche schmunzeln und sagen ganz heimlich: „Ja, ja, holt wieder an Schmutzpack mehr auf der Welt!“ – Kommen nun die Dynasten an den Ausgang und werden auch angesprochen, die den Mönchen aber auch nichts geben, natürlich aus dem Grund, weil sie nichts haben. – Und die Mönche sagen: „Ja, ja! Bei diesen muss man holt allzeit bittschriftli einkummen, und nochher kriegt mon erst noch nix, ols höchstns an obweislichen allergnädigsten Bescheid um a paar Joahrlen später. No, dös kennen wir schon; ober hiazt kummen die vier ganz Fremden! Vielleicht lossn döi a bisserl ani Hoar!“
RB|2|216|2|0|Komme nun Ich mit Paulus, Petrus und Johannes, und wir werden auch sogleich um einen Beitrag für die armen Seelen im Fegfeuer angeredet. Paulus aber fragt die Mönche, wo denn das Fegfeuer für die armen Seelen wäre. – Und ein Mönch sagt ganz gravitätisch: „Zweihundert Meilen tief unter der Erd, und noch um hundert Meilen tiefer kummt dann d' Höll mit den Verdammten, die dort ewig brennen, weil sie nie für d' armen Seelen im Fegfeuer was tun wollten.“
RB|2|216|3|0|Sagt Paulus darauf: „Und gelt, da habt ihr wohl eine rechte Freude darüber!“ – Sagen die beiden Mönche: „O ja, das wuhl sicherli, und won mer ihne a helfe kunnte, so tat mers deno nit; denn die schmutzgn hartn Ludern sulln nur ewig brennen! Wir möchten jo kannen Vaterunser beten für sener.“ – Sagt Paulus: „Aber ihr seid eben nicht gar sehr barmherzig, wie ich es sehe! Wie wäre es denn, so ihr in der vierhundert Meilen tiefen Hölle unter der Erde wäret? Wäre es euch angenehm, so jemand gar so unbarmherzig mit euch umginge? Möchtet ihr euch so ewig sieden und braten sehen?“ – Sagt der eine: „I bitt Ihnen, Euer Gnodn, dos war aber a dumme Frag'. Wie kann mer ober so wos frogn, wos net gschehen kann? Ei Mönch' kimmt jo net so leicht in d' Höll, wie an onderer Mensch – denn den schützen schon die vielen heiligen Messn, die er für d' armen Seele glesn hat! Verstandn, Euer Gnodn!?“
RB|2|216|4|1|(Am 12. Juli 1850)
RB|2|216|4|0|Sagt Paulus notgedrungen etwas scherzhaft: „Ah, das ja, das ist freilich etwas ganz anderes! Richtig, richtig, an die heiligen Messen habe ich gar nicht gedacht! Ja, ja, die mögen wohl freilich für alles Mögliche gut sein. Habt ihr beiden schon so recht viele heilige Messen gelesen, und das mehr gezahlte oder mehr ungezahlte?“
RB|2|216|5|0|Sagen die Mönche: „Dös is scho wieder ani ung'schickte, dumme Frog. Wer wird denn in Wean ani ungezohlte Mess lesen! Mer wird mit de g'zohlten net firti, nocher soll mer epers a noch ung'zohlti lesen. Waß der gnäd'ge Herr dös net, dass sich die Reichn n' Himmel kaufen müssen und nur d' armen Teufel werdn umsonst hineingeloss'n!? Jo mein lieb'r gnädger Herr! D' reich'n Luidern sulln nur zohln, wonns a in Himml inein kumme wulln, sonst wird wuhl a Komel ehenter durch a Nodlloch schliefen, als a Reicher ins Himmelreich! Wer 'n Himml af der Erd hot, dem g'bührt in d'r and'rn Welt die Höll. Und waon er scho a durt den Himml hobn will, so müass ern ihma kaufe, und dös net epers wuhlfli, sondern so teuer als nuar immer migli is. Und mer Priestr Gottes hob'ns Recht, den Himml aufz'tan ode zu z'mochn. Daß wir ihn ober für d' Reiche net umsist auftun werdn, dös werdn d' gnäd'gen Herrn doch epers begreife! De schmutzgen Luidern sulln zohln, doss inna d' Augn übergeahn, befur sie in den Himml inein g'lossn werdn. Jo, dös tuan wir, und wir hobn's Recht dozu!“
RB|2|216|6|0|Sagt Paulus: „Und wer hat euch denn das Recht gegeben?“ – Sagt der Mönch: „Na, is ober dos wieder a Frog! Wer wird's denn gebe hobn? Der Papst, als der Stellvertreter Christi auf Erdn! Und der hot's Recht von Gott. Dos werdns jo epers doh wissn, wonns kan Erzketzer san!“
RB|2|216|7|0|Sagt Paulus: „Nun gut, gut, wir verstehen uns schon und benötigen deshalb keines Lärmes. Aber das Einzige sagt mir noch, ob ihr das wisst, dass ihr euch nun nicht mehr auf der Erde, sondern rein nur in der Geisterwelt befindet!?“ – Sagen die Mönche laut lachend: „Uns scheints, doss beim gnädgen Herrn, wie wir so urdinär weg sag'n, es z'rapln anfangt. Won wir in dr Giest'rwelt war'n, so warn wir entweder im Himml oder im Fegfeuer oder gor in d'r Höll und tät mer neamer ane heilge Mess les'n. Do ober sicht der gni Herr jo do, doss mer hiazt in aner Kirchn san und sonst nirgends! Und do ist kane Giesterwelt! Hod der gnä Herr dos verstaonden?“
RB|2|216|8|0|Sagt Paulus: „Ja, ich habe euch verstanden und eingesehen, dass ihr noch für eine lange Zeit unheilbar seid! Daher wir euch auch so belassen wollen, wie wir euch gefunden haben. Ich bin zwar Paulus, der weltbekannte Apostel des Herrn, die zwei hinter mir sind Petrus und Johannes, und in ihrer Mitte ist Christus, der Herr Selbst, der euch helfen wollte; aber ihr seid dafür noch viel zu blind. Euch wird nur das Loch des äußersten Abends heilen, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird. Gehabt euch wohl! In einigen Hundert von Erdjahren werden wir uns wieder sehen.“
RB|2|216|9|0|Paulus geht nun. Und als Ich mit Petrus und Johannes zu den Mönchen komme, so reden sie auch Mich um ein Almosen für die armen Seelen im Fegfeuer an. Ich aber gebe ihnen keine Antwort und gebe ihnen auch nichts, wie auch Meine Begleiter nichts. Da fangen die beiden Mönche uns in die Hölle zu verwünschen an, und heißen uns schmutzige Luder hin und her und auf und ab. Da kommen aber alle die Wiener nach, die wir schon früher gewonnen haben, packen die beiden Mönche und wollen sie recht wacker durchprügeln. – Ich aber sage zu ihnen: „Lasst sie! Diese sind geschlagen zur Genüge! Alle ihre Mühe, sowohl auf Erden als wie besonders hier im Geisterreich, ist von nun an eine vergebliche. Sie werden langsam verdorren wie ein gemähtes Gras und werden zu Futter für die Tiere aufgespeichert werden im äußersten Abend. Gehen wir nun hinaus! Ich sehe noch einige fruchtbare Gärten, in denen müssen wir noch eine Ernte machen.“
RB|2|217|1|1|Vor dem Stephansdom. Gute Bittrede der erlösten Dynasten. Schwierige Heilung geistlichen Hochmuts. Besuch der Katakomben.
RB|2|217|1|0|Wir gehen nun vorwärts und befinden uns nach einigem Gehen vor dem sogenannten Stephansdom.
RB|2|217|2|0|Da treten einige Dynasten zu Mir und sagen: „Herr, da es Dir schon wohlgefallen hat, diese unsere Residenzstadt zu besuchen und die in ihr noch vielfach hausenden und herumirrenden blinden Geister zu beleben mit Deiner Liebe, Gnade und Erbarmung und sie zu befreien aus der Nacht des Todes – oh, so wolle denn Du nun auch noch dieser Armen gedenken, die hier unter diesem Bethaus in den Katakomben physisch und geistig begraben liegen! Wir sehen es jetzt nur schon zu klar ein, dass bei Dir alles, was auf der Welt niedrig gestellt war, einen leichten Vorgangsstand hat. Denn aller niedergestellten Menschen Vergehen liegen zumeist in dem Mangel an einer rechten, zweckmäßigen Erziehung. Aber bei den Hochgestellten rühren ihre Sünden sicher nicht von einer verwahrlosten Erziehung, sondern wohl lediglich von ihrem Hochmut und schnöden Eigennutz her und sind daher auch sicher hartnäckiger als bei den Niederen; daher bedarf es hier aber auch ausschließend eines Arztes wie Du, o Herr, Selbst es bist, damit solchen Schwerkranken geholfen werde. Besuche daher auch diese Armen hier unter den Katakomben; vielleicht – Dir, o Herr, ist ja nichts unmöglich – werden auch hier einige sich erwecken lassen.“
RB|2|217|3|0|Sage Ich: „Meine recht sehr lieben Freunde, die ihr auf der Welt sehr vielfach nach Meinem Herzen gelebt und gehandelt habt! Von euch freut es Mich ungemein, dass ihr euch dieser Toten hier erinnert, und Ich werde auch sogleich dem schönsten Wunsch eures Herzens nachkommen. Aber nur das sage Ich im Voraus: In diesem Garten werden wir eine sehr magere Ernte halten! Denn nichts ist schwerer aus einer Seele zu bringen, ohne ihr zu schaden, oder sie auch ganz zu vernichten, als der sogenannte theosophische (theologische) Hochmut.
RB|2|217|4|0|Ein Kaiser, ein König, ein Fürst dünkt sich wohl unter den Menschen der Höchste und der Unantastbarste zu sein; das aber liegt seinem Stand auch natürlich höchst nahe, der von ihm das zu sein auch naturgerecht und pflichtgemäß verlangt. Aber ganz anders ist es bei diesen da unten. Das sind zumeist alte, eingefleischte Hierarchen aus den finstersten Zeiten. Diese halten sich fortwährend für Wesen, denen die Gottheit Selbst gehorchen muss. Zu dieser wahnsinnigsten Idee kamen sie meist durch die Irrlehre Roms, die jeden Priester als zweimal höher stellt als die Mutter Maria und diese an der Macht zweimal über Mich Selbst, und das also, dass Ich nur durch sie zu etwas zu bewegen sei. Dazu kommen ihre Messen, in denen sie mit Mir gewisserart machen können, was sie wollen, und dabei wie ein Papst Alexander ausrufen: ‚Wer kann es wagen, mit mir zu rechten? Die ganze Erde, die ich trete, erbebt unter meiner Sohle! Und Gott habe ich in meiner Rechten!‘
RB|2|217|5|0|Ihr könnt aus dem leicht begreifen, wie schwer es dann ist, solche Geister zur rechten Demut zurückzuführen, die sich selbst nicht nur als Selbst-Götter, sondern als barste Gebieter über Gott halten. Und eben solche hausen recht viele da unten. Es wird daher recht schwer gehen, bei ihnen etwas auszurichten. Vielleicht ein paar, diese dürften etwas sanfter sein; aber die andern – da werdet ihr alle Wunder der Hartnäckigkeit sehen! Aber ärgern dürft ihr euch nicht, sondern euch gerade so benehmen, als ob ihr in einem Irrenhaus unter lauter Irrsinnigen euch befändet. Auch sollt ihr in keine Furcht geraten; denn sie werden auch Zeichen tun durch Fixierungen ihrer Phantasie. Aber ihr müsst das alles als ein Trugwerk ansehen, das da vollends nichts ist und keine Realität hat und haben kann. Und so denn, da ihr das wisst, wollen wir uns ganz ruhig da hinab begeben. Es sei!“
RB|2|217|6|0|Wir gehen nun hinab in die finstern Katakomben und lassen nur so viel Licht in denselben entstehen, als es nötig ist für die neuaufgenommenen Dynasten, auf dass sie sehen können die Einwohner dieser unterirdischen Gewölbe.
RB|2|217|7|0|Als wir nun alle im Zentrum der Gewölbe uns befinden, kommt Robert mit der Helena zu Mir und sagt: „Herr, Du unser aller heiliger, liebevollster Vater! Erlaube uns nun, ganz nahe bei Dir zu sein; denn ich muss Dir bei meiner unbegrenzten Liebe zu Dir gestehen: Weder je auf der Erde noch in der Geisterwelt, die ich doch schon in so manchen Nuancen durchgekostet habe, hat mich so eine Furcht angewandelt, als hier in diesen Gewölben. Ich sehe noch niemanden; nur hie und da grinst uns irgendein halbverfaulter Totenschädel aus einem zerfallenen Sarg an, und ein höchst unangenehmer Moderduft beschleicht unsere Nüstern – und doch durchrieselt ein sonderbares Bangen mein ganzes Wesen. Sogar die Haare am Haupt kommen in eine gewisse bergansteigende Bewegung. Das ist wahrlich höchst sonderbar! Als ich vor ein paar Erdjahren vom G. Windisch-Graetz bin zum Tod verurteilt worden, habe ich keine solche Angst empfunden, als nun. Nun, da wird es gut werden! Du, lieber Vater, erlaubst es wohl, dass wir uns bei dieser Expedition in Deiner nächsten Nähe befinden dürfen!?“
RB|2|217|8|0|Sage Ich: „Ganz in der Ordnung, mein lieber Sohn Robert! Denn das will Ich ja stets, dass da ein jeder zu Mir kommen soll, der irgendwo belastet ist, auf dass er bei Mir erquickt werde. Bleibe also nur hier, denn der Haupttanz wird bald angehen.“
RB|2|218|1|1|Kaiser Josephs Erfahrungen mit der Klerisei. Grund des frühen Todes dieses Kaisers, der nun als Gerichtsengel gegen Rom bestellt wird.
RB|2|218|1|0|Hier tritt der Kaiser Joseph hin zu Mir und sagt: „Herr, sei mir Sünder gnädig! Ich sollte zwar nicht über andere etwas reden, denn ich bin selbst noch voll von allerlei Schulden; aber da es sich hier um den römischen hohen Klerus handelt, da, Herr, vergib mir alle meine Sünden, kann ich unmöglich schweigen. Ich habe diese Brut kennengelernt wie keiner vor und nicht leicht einer nach mir. Sie ist aber von mir auch auf eine Art gesalbt worden, die ihr in ewigem Angedenken bleiben dürfte. O Herr, es ist mir vor Dir nahe unmöglich, alles zu beschreiben, was ich als Kaiser mit diesen Wesen alles erlebt habe! Die Schändlichkeit und barste Gewissenlosigkeit erreicht bei dieser Kaste einen solchen Grad, dass man, um sie zu beschreiben, wahrlich keine Worte finden kann. Denn ihre Betrügereien auf Kosten Deines allerheiligsten Namens sind wahrlich von der Art, dass sie bisher noch mit keinem tauglichen Namen bezeichnet werden.
RB|2|218|2|0|Wahrlich, so ich hätte tun können und dürfen, wie ich es als höchst nötig angesehen haben musste, da es mir als Bekenner Deiner reinen Lehre, in der ich wohl bewandert war, nur zu grell einleuchtend war, welch ein Unterschied zwischen der Lehre Roms und zwischen Deiner reinsten hervortrat – so hätte ich der allerfalschesten Römerin für alle Zeiten ein Garaus gemacht. Und wäre es mir vergönnt gewesen, nur noch zehn Jahre zu leben auf der Erde, bei Deinem heiligsten Namen, da hätte ich's auch getan! Aber eben diese Luder, denen ich zum ärgsten Stein des bittersten Anstoßes geworden bin, haben gewusst, sich wie ein böses Krebsgewürm hinter meinen irdischen Lebensfaden zu schleichen und ihn vor der Zeit durchzunagen. Und so musste mein Vorhaben unterm Wege verbleiben.
RB|2|218|3|0|Aber es freut mich dennoch, dass ich wenigstens den Weg zu ihrem Verfall gebahnt habe und er hat gute Folgen. Denn so oft ich nur in dieser Welt von der Erde Kunde erhalte, so heißt es allzeit, dass die Hure Babels an der unheilbarsten Abzehrung leide. Und das ist für mich eine Wonne, ja ein völliger Himmel. O Herr, segne Du meine Arbeit, auf dass sie auf Deiner Erde gute Früchte trage! Das wird meine größte Freude sein, so Du es mir sagst, dass ich Dir auf der Erde kein ganz unnützer Knecht war!“
RB|2|218|4|0|Sage Ich: „Mein liebster Bruder Joseph! Ich kann dir vorderhand nichts anderes sagen als: Du warst Mir ein Knecht wie wenige vor und bisher keiner mehr nach dir! Du handeltest ganz nach Meinem Herzen und warst treu in dem dir anvertrauten Haushalt! Dass ich es zuließ, dass du nur eine kurze Zeit auf der Erde Mir zu dienen hattest, das hatte seinen Grund darinnen, weil die Menschheit deiner nicht wert war; denn sie war zu schlecht; darum Ich sie aber dann auch durch Kriege und allerlei andere Nöte und Trübsale heimgesucht habe, wodurch sie durch die Bank, hoch und nieder, gedemütigt ward wie nicht leichtlich irgendwann vorher. Und diese Demütigungen sollen fortdauern, bis der letzte böse Same von der Erde vertilgt wird.
RB|2|218|5|0|Dir aber werde Ich erst jetzt ein rechtes Schwert geben, mit dem du der Hure Babels ganz anders wirst zusetzen können, als du es auf der Erde je hättest zu tun vermocht; denn du bist Mir ein rechter Kämpfer für diese allerwichtigste Sache. Was aber Babel und dessen schwarze und scharlach- und purpurrote Knechte alles für Gräuel getrieben haben, brauchst du Mir gar nicht hier wieder zu erzählen; denn alles das weiß Ich am allerbesten, darum aber nun auch die Zeit des Gerichtes über sie gekommen ist.
RB|2|218|6|0|Jetzt aber gebe Acht! Dort aus einem überaus finsteren Gewölbe trabt ein Erzbischof aus deiner Zeit zu uns hervor! Du wirst ihn sogleich erkennen, auch er dich! Dem gebe eine gemessene Antwort, wie Ich sie dir in den Mund legen werde.“
RB|2|219|1|1|Das wahre Wesen des Erzbischofs Migazzi. Zwiegespräch zwischen diesem und Joseph. Blick in tiefste Priesternacht.
RB|2|219|1|1|(Am 16. Juli 1850)
RB|2|219|1|0|Spricht Joseph: „Ja, ja, ich erkenne ihn an seinem Gang, er ist es! O Herr, wie sieht der aus! Das ist ja eine wahre Schreckensgestalt! Über ein förmliches Totengerippe hängt ein alter sogenannter Vespermantel. Und auf einem Totenschädel klappert eine Bischofsmütze voll Schmutz und Unflat. So trabt diese Schreckensgestalt langsamen und sichtlich überaus wankenden Schrittes auf uns zu. Nun, nun, da bin ich denn doch neugierig, was dieses Monstrum vor uns tun wird.“
RB|2|219|2|0|Sage Ich: „Es wird dir zu schaffen genug geben; aber nur musst du dich über nichts ärgern! Denn alle diese Wesen sind mehr oder weniger als Irrsinnige anzusehen.“
RB|2|219|3|0|Spricht Joseph: „Aber was mich bei diesem Menschen wundert, ist, dass er auf der Welt gerade einer von den hellsten Köpfen und mit mir mehr als alle anderen Bischöfe meines irdischen Regierungsreiches einverstanden war. Mir haben die Erzbischöfe von Salzburg, Prag, Olmütz, Gran, Erlau, Agram, Triest, Venedig, Trient und Mailand bei Weitem mehr Mucken gemacht als mein Wiener. Ja, ich muss es offen gestehen, dass er mir in mancher Hinsicht bei meiner Purifikationsarbeit viele gute Dienste geleistet hat. Und ich kann eben deshalb schwer begreifen, wie dieser Mann in einen so jammervollen Zustand geraten ist.“
RB|2|219|4|0|Sage Ich: „Mein lieber Bruder, dieser Erzbischof Migazzi war einer, der es am meisten verstand, den Mantel nach dem Wind zu drehen, und sah sich die Prügel wohl an und beurteilte scharf, ob sie übers Knie zu brechen wären oder nicht. War ihm einer zu massiv und stark, so legte er ihn ja nicht ans Knie, sondern ließ ihn als Ganzen vergolden, damit fürs Erste ja keine Seele merken soll, dass so ein gewaltiger Prügel auch zu der Zahl derjenigen gehörte, die ihm unter die Füße geworfen wurden; und zweitens, dass dann beim Anblick solch eines gewaltigen, vergoldeten Prügels jedermann nur eine neue Macht in seinen Händen ersehen und erkennen möchte. Denn wer auf der Erde mit einem gewaltigen Kaiser Hand in Hand einhergeht, vor dem hat jedermann schon nahe ebenso viel Respekt, als wie vor dem Kaiser selbst.
RB|2|219|5|0|Unser Erzbischof Migazzi sah es recht gut ein, dass man unter deiner Regierung sich nur lächerlich machen würde, so man mit dem Papst, der damals sehr von Österreich abhing und dir auch beispielloserweise selbst persönlich noch einen fürs zeitliche Wohl der Hierarchie wohlberechneten Besuch abstattete, zu sehr Hand in Hand ginge; daher schloss er sich lieber an dich an und wurde geheim ein Gesetzgeber des Papstes! Denn er korrespondierte fleißig mit dem Stuhl und sagte diesem, was er zu tun habe, um sich gegenüber deiner Macht und Erkenntnis aufrecht zu erhalten. Weil aber der Papst sich danach richten musste, so war das unseres Erzbischofs Migazzi größter Triumph, dass er sogestaltig gewisserart ein Papst über dem Papst war. Und er hatte seine größte Freude daran, dass endlich einmal einer in Rom tanzen musste, wie ein Erzbischof Migazzi in Wien pfiff.
RB|2|219|6|0|Sieh, das war der Grund, warum Wiens Erzbischof Migazzi mit dir hielt! Die Prügel, die du ihm legtest, wusste er sehr gut aufzuklauben und sie allesamt zu vergolden und machte sie dann zu lauter Zeptern, die ihm große Zinsen trugen und eine große Macht und großes Ansehen verliehen. Aber so du meinen würdest, dass er auch innerlich also gesinnt gewesen sei, als wie er sich äußerlich zeigte, da wärst du in einer großen Irre. Denn da war er mehr Papst als der Papst selbst und bei Weitem mehr ultramontan als alle seine Kollegen. Ja, Ich sage dir, dass er dich insgeheim hasste, mehr als den Tod. Aber weil er durch dich gewisserart ein Gesetzgeber dem Papst geworden ist, so hielt er es mit dir und unterstützte dich in deinen Unternehmungen. Kennst du nun den Mann, der mit dir auf der Erde Hand in Hand ging?“
RB|2|219|7|0|Spricht Joseph: „Ah, so stehen die Aktien! O du verschmitzter Kerl! Nein, da hätte ich mir doch eher alles, als wie so was von diesem Mann eingebildet! Ja, ja, wer die sogenannte schwarze Politik erlernen und darinnen ein Meister werden will, der gehe zu den Schwarzen und Scharlachroten und zu allen den Purpurmäntlern – da findet er sie sicher in einem so hohen Grad ausgebildet, wie sie kaum im Kopf des Satans zu Hause sein dürfte. Nun, warte, du Schwarzpolitiker, du sollst an mir einen sehr harten Knochen zum Abnagen bekommen!“
RB|2|219|8|0|Sage Ich: „Gebe aber ja wohl Acht darauf, dass er dir nicht um vieles härter wird, als wie du ihm! Denn Ich sage dir, dass dies einer ist, der sich mit allen Salben gesalbt hat, und es für jeden noch so durchleuchteten Geist wahrlich keine geringe Aufgabe ist, einen also Gesalbten auf einen rechten Weg zu bringen. Fasse dich aber nun, er kommt uns schon sehr nahe. Sogleich wird er deiner und auch unser ansichtig werden.“
RB|2|219|9|0|Joseph fasst sich. Der Erzbischof Migazzi wird nun seiner ansichtig, tritt rascher zu ihm hin und sagt mit einer stark kreischenden Stimme: „Ich grüße dich, Bruder Joseph! Aber wie kommst denn du hierher in dieses elendste Loch?“ – Sagt Joseph: „Um dich zu besuchen, Bruder!“ – Sagt der Erzbischof Migazzi: „Das ist sehr schön von dir! Aber wenn du noch so ein Erzketzer bist, wie du es auf der Erde warst, da wirst du hier ganz verdammt übel aufgenommen werden.“
RB|2|219|10|0|Spricht Joseph: „Das macht einem Joseph nichts! Denn du weißt es ja, dass sich ein Joseph überall eine gute Aufnahme zu verschaffen versteht. Du magst mir sagen, was du willst, und ich werde dir stets jene Antwort geben, die ich dem Patriarchen von Venedig gab, als er mir ein Gemälde zeigte, das da die merkwürdige Szene vorstellte, wo der Papst über den Nacken eines schwachgewordenen Kaisers auf sein Maultier steigt und den Kaiser mit dem stolzesten Gesicht verächtlich anblickt.“ – Fragt der Erzbischof Migazzi: „Und wie lautete diese Antwort?“ – Sagt Joseph: „Tempi passati! – Das heißt: das sind vergangene Zeiten! Jetzt diskuriert [diskutiert] man anders! Und solch eine Antwort wirst auch du von mir erhalten, so du mir mit etwas kommen solltest, was mir nicht munden sollte. Denn weißt du, ich habe dir gegenüber noch nicht aufgehört, ein Kaiser zu sein. Sage mir aber nun, wie es dir hier geht und was du hier machst.“
RB|2|219|11|0|Spricht der Erzbischof Migazzi: „Eine dalkete [dumme] Frage, wie's unsereinem hier ginge und was man mache. Sehe mein Gesicht an, das bis zu den Knochen herabgemagert ist, und dir muss die Antwort doch von selbst werden. Meine Arbeit aber siehst du doch an meiner Kleidung. Mundus vult decipi, ergo decipiatur! [Die Welt will ja betrogen sein, also betrüge man sie!] Das ist unser Geschäft von jeher gewesen und ist es daher auch noch jetzt. Die Menschheit will vom größten Wunder in ihr, das da ist die göttliche Vernunft und der ihr gleich göttliche Verstand, keinen Gebrauch machen. Ein noch so dumm angestelltes Spektakel ist ihr lieber, sie will nicht denken, ist lange zu träge dazu. Sie will einen durch Wunder hineingezauberten Glauben, damit sie dabei das mühsamere Denken entbehren kann. Also ist es ja klar, dass sie betrogen sein will. Volenti autem non fit injuria [Dem Selbstwollenden geschieht kein Unrecht]. Also sei sie denn auch betrogen!
RB|2|219|12|0|Lasse du Musiker, Maler, Dichter und Schauspieler bester Art in einem Saal spielen, malen, dichten und deklamieren, in einem andern Saal aber vom berühmten Magier Philadelphus Zaubereien aus dem Gebiet der ganz natürlichen Magie produzieren – ich versichere dich, der Zauberer wird das allermeiste und größte Auditorium haben, während die wahren Verstandes- und Gemütskünstler ihr Publikum sehr leicht werden überzählen können. Jedes Stück des Magiers ist ein Trug, aber das macht dem dummen Menschen nichts, wenn er nur etwas Wunderähnliches angaffen kann, so geschieht es ihm schon leichter. Wie ein Ochse tritt er die Großwunder Gottes leichtsinnigst mit seinen schmutzigsten Füßen, die machen auf ihn nahe gar keinen Eindruck. Die Sonne, der Mond, die Sterne, die herrliche Erde mit ihren Wundern ohne Zahl und Maß, das ist dem ochsigen Menschen rein Pomade! Aber in einen scheinbar leeren Becher eine Kugel hineinwerfen und hernach à la Hokuspokus drei herauswerfen – das ist Wunder über Wunder. Und siehe, so war die Menschheit, so ist sie jetzt und so wird sie sein so lange auf der Erde Menschen existieren werden! Daher ist der Grundsatz der Jesuiten das Beste, was je die menschliche Vernunft erfunden hat; denn er ist von der eigentlichsten Natur der Menschheit herausgenommen.
RB|2|219|13|0|Die weisen Ägypter haben eine der besten Religionen aufgestellt, weil sie rein auf Mysterien und Zaubereien aller Art basiert war. Sie hielt sich aber deshalb auch über zweitausend Jahre. Als aber gewisse Volksfreunde unter dem Volk aufgestanden sind und dasselbe über den Betrug ihrer heiligst gehaltenen Religion aufzuklären angefangen haben, da gab es dann nur zu bald auch eine Masse Feinde der Priester und ihrer Religion. Die Tempel wurden zerstört und die Priester häufig getötet oder im besten Fall aus dem Land vertrieben. Frage: was aber hat das Volk dabei gewonnen? Nichts als Not, Elend, Trostlosigkeit, Verzweiflung und am Ende den totalen Verfall ihrer Nationalität und ihrer uralten nahe göttlichen Berühmtheit. Wäre es denn nicht besser, so diese unzeitigen Volksbeglücker mit ihrer Verstandesschärfe unter dem ägyptischen Volk nie aufgestanden wären? Das Volk wäre bei seinen wunderreichen Festen in seiner Dummheit glücklich geblieben. Und die Priesterschaft, die eigentlich allein weiß, dass der Mensch nichts ist und auch ewig nichts zu erwarten hat, hätte dafür – dass sie die Sicherheit und das traurige Gefühl für sich allein in die Verwahrung nimmt, dass nach dem Tod jeden Menschen die ewige Vernichtung erwartet, aber dabei doch unermüdlich bestrebt ist, den Glauben an einen Gott und an die Unsterblichkeit bei dem blinden Volk durch jedes taugliche Mittel aufrecht zu erhalten und ihm dadurch eine recht hoffnungsreiche und fröhliche Existenz zu sichern – wohl ihre Einkünfte ungestört genießen können, indem sie von dem Volk denn doch die größte Last auf ihren höchsteigenen Nacken nimmt und allein mit jedem Tag und mit jeder Minute der ewigen Vernichtung entgegensieht.
RB|2|219|14|0|Lasst beim Volk die Einsicht lebendig und überzeugend aufkommen, dass es nach dem Tod kein Leben mehr gibt, und ihr werdet dann das Volk sogleich in alle erdenklichen Entartungen übergehen sehen! Ja, in einigen Augenblicken werden viele aus dem Volk zu Tigern und Hyänen. Der Priesterstand nimmt das alles auf seine Haut. Er allein sieht der ewigen Vernichtung mutig entgegen, weil er allein den großen Vorteil des Nichtseins vor dem Sein allerklarst einsieht. Und sonach ist es wohl der größte Undank gegen diese größten Wohltäter der Menschheit, so sie von gewissen Volksaufklärern entlarvt und als offenbare Betrüger dem Volk denunziert werden. Sie sind es allerdings, aber nicht zum Nachteil, sondern nur zum entschiedensten Wohl der Völker.
RB|2|219|15|0|Warum sind die Chinesen und hauptsächlich die Japanesen nahe die glücklichsten Völker der Erde? Weil sie in ihrer Dummheit noch nie gestört worden sind, indem ihre weisen Regenten dafür eine Hauptsorge tragen, dass ihre Völker ja nie zu irgendeiner Aufklärung gelangen. Einige wenige, die es wagten, diesen Völkern ein sogenanntes Lichtlein anzuzünden, wurden arg bedient. Und so haben sich denn doch nicht so leicht wieder andere eingefunden, die es gewagt hätten, dem Volk ein Licht anzuzünden.
RB|2|219|16|0|Du mein sonst überaus schätzbarer Freund hast aber als Regent selbst, statt mit der Priesterschaft ungestört Hand in Hand zu gehen, ihr eine Wunde geschlagen, die ihr schwerlich je eine Zeit wieder verheilen wird. Was soll da ein wahrer Erzbischof von dir urteilen?! Ja, was die ganze vernünftigere Menschheit? Du nahmst ihr das eine und gabst ihr nichts Besseres dafür.
RB|2|219|17|0|Wenn ein Mensch in seiner Dummheit glücklich ist, warum ihn aufwecken, auf dass er unglücklich werde? Alle Menschen sind zum Tod ausgesetzte Delinquenten. Wenn der Delinquent aber schläft, so ist er glücklich in seinem Traum. Wird er aber wach, was dann? Sieh, da fasst der Todesgedanke ihn, und er ist sogleich unaussprechlich unglücklich. Sage, hat der dem Delinquenten eine Wohltat erwiesen, der ihn aus dem Schlaf gerüttelt hat?
RB|2|219|18|0|Nicht umsonst nennt sich die Kirche eine Mutter. Denn sie ist den Völkern wirklich das, was die Mutter ihren Kindern ist. Sie gibt den Völkern allerlei sanft zum Schlafen lockende Speisen und Getränke, auf dass sie der Welt grässlichsten Jammer nie fühlen und schmecken sollen. Denn wer fest an der Kirche hängt und ihre Mittel gebraucht, der wird wahrlich den eigentlichen Todesschmerz nie empfinden. Wehe aber jedem Volksaufklärer! Der Tod wird sich schrecklich rächen an ihm! Was bedünkt dich nun? Wirst du mir da auch mit deinem törichten tempi passati kommen können?“
RB|2|219|19|0|Sagt Joseph ganz kurz und lakonisch: „Freund, durch diese deine sehr gehaltlosen Worte hast du eigentlich nichts anderes gesagt, als dass eben die Priesterschaft sich stets in ihrer krassesten Ignoranz befindet und diese ums teure Geld auch allen Völkern aufzubürden bemüht ist. Sieh, ich und Tausende, die so dachten wie ich, haben an der Unsterblichkeit unserer Seelen nie gezweifelt, obschon wir gottlob sehr aufgeklärt waren. Aber unser Glaube war kein blinder, sondern ein hellstsehender. Wir empfanden aber, dass alle Menschen das einsehen könnten, so sie nicht von der blindesten Geistlichkeit davon abgehalten würden. Und das, Freund, war der Grund zu unserem tempi passati, und es freut uns nun sehr, dass wir die tempi passati, so viel als nur möglich war, an das klare Licht gestellt haben.“
RB|2|220|1|1|Geistiger Fortschritt bei einem Volk. Joseph als Reformator weist Erzbischof Migazzi an den Herrn. Migazzi erklärt das Jenseits für Trug und Joseph für geisteskrank. Joseph über die Ursache seines Todes.
RB|2|220|1|1|(Am 18. Juli 1850)
RB|2|220|1|0|[Joseph:] „Schaue, Freund, wie dumm und gänzlich gehaltlos deine Gründe sind, mit denen du deine Kirche – natürlich nur mir gegenüber – beschönigen willst, erhellt aus dem allein schon zur Übergenüge, dass gottlob wir beide dem Leib nach schon vor sechzig Erdjahren gestorben sind und nun, nach diesem Leibestod, hier ganz wohlerhalten, frisch und gesund fortleben. Würde das Volk im wahren, lichten Glauben unterwiesen sein, so würde es sich auch leichter leiten lassen und wäre mutiger in allen seinen Unternehmungen und emsiger in allem Guten, Wahren und Schönen. Da es aber, statt zu wachen und zu schauen alle Dinge in ihrer Wirklichkeit, nur schläft und sich von einem Traum in den andern hineinschnarcht, so ist bei solch einem Volk an einen wahren geistigen Fortschritt gar nicht zu gedenken. Wie schnell erblühten in England die zweckmäßigsten Erfindungen aller Art, als der Geist dieses Volkes nur zu einiger Freiheit gelangt war! Was aber haben wir in Österreich unter der Regierung meiner Mutter aufzuweisen? Nichts und noch tausendmal nichts! Wir können nichts als schlechte Taschenveitel [Kerbmesser] fabrizieren.
RB|2|220|2|0|Mein erster Minister fragte mich einmal, als er zuvor eine Zeit lang eine Stecknadel betrachtet hatte, ganz im Vertrauen, wie etwa doch diese beknöpften Stifte verfertigt werden. Und, so wahr ich dastehe, ich konnte ihm selbst keine Antwort geben. Denn ich sogar als Kaiser hatte davon wirklich keinen Begriff, dachte aber bei mir: Mit der Aufklärung meines großen Staates muss es verdammt schlecht stehen, da sogar ich als Kaiser nicht weiß, wie eine wahrlich lausige Stecknadel geschaffen wird! Zudem habe ich auch noch in die Erfahrung gebracht, wie ein Kapuziner gegen den Gebrauch der Stecknadeln mit höllischem Mord und Brand auf der Kanzel geeifert hatte, indem er sie als eine reine Zauberei ansah. Der hat doch sicher auch keinen Begriff gehabt, wie die Stecknadeln verfertigt werden. Er habe es selbst einmal versucht und hätte eine ganze Woche sich die unsäglichste Mühe gegeben, eine solche Nadel zu verfertigen, wäre aber um alle Welt nicht imstande gewesen, auch nur eine zuwege zu bringen; aber in seiner törichten Mühe sei der leibhaftige Gottseibeiuns zu ihm gekommen und habe gesagt: ‚Verschreib' mir deine Seel', und ich will dir die Kunst lehren, Stecknadeln tausendweise zu machen.‘ Darüber habe er sich so gewaltig erschreckt, dass er vor Angst umgesunken sei. Und wäre ihm nicht die allerseligste ‚Maria auf der Stiege‘, die er stets am meisten verehrt habe, zu Hilfe gekommen, so wäre er offenbar verloren gewesen.
RB|2|220|3|0|Wenn nun das arme Volk solchen ungeheuren Ochsen von Geistlichen überlassen ist, frage: welche Früchte lassen sich von solch einem Volk erwarten? Und siehe, dieser und zehntausend ähnliche Anlässe sind mir zu Ohren gekommen und bestimmten mich denn auch notwendig, solchem krassesten Unfug für alle Zeiten ein Ende zu machen. Und, gottlob, der Herr hat meine Mühe gesegnet und sie mir zu keiner Sünde gerechnet. Der Papst bekommt nun eine Ohrfeige um die andere von der lieben Welt und hat bei Millionen bereits gottlob alles Ansehen weidlichst verloren. Ja ein Prinz Schnudi und Piripinker stehen in einem größeren Respekt als der Papst mit allem seinem Anhang. Und dazu habe ich den ersten Hauptgrundstein gelegt, den freilich früher ein Luther, Calvin, Huß und Melanchthon schon behauen haben. Bin dafür von Rom aus freilich wohl etliche Millionen Mal bis in die unterste Hölle verdammt geworden; aber, gottlob, es brachte mir das keinen Schaden. Denn da sieh her, der hier fest neben mir steht, ist Christus, der Herr Himmels und der Erde Selbst! Und ich glaube, wer so, wie ich, bei Ihm ist, der wird ja etwa doch so ein bisschen selig sein.“
RB|2|220|4|0|Sagt nun der Erzbischof ganz aufgeregt: „Du warst schon im Mutterleib ein Ketzer und wirst als solcher in der Hölle auch verbleiben in Ewigkeit! Du meinst, dass wir schon gestorben sind!? O du Narr! Für die Welt, politisch genommen, sind wir freilich gestorben, weil wir uns in den Ruhestand zurückgezogen haben; aber nicht so in der Wirklichkeit, da wir doch noch alle in dem sichtbaren Wien leben und herumgehen und -fahren, so wir eine Gelegenheit bekommen. Bin ich doch erst unlängst in Hietzing gewesen und habe mir dort recht wohl geschehen lassen! Und das wird doch nicht etwa in der Geisterwelt – so du es mir erlaubst zu sagen – gewesen sein!? Oder gibt es etwa auch in der Geisterwelt ein natürliches Wien, ein Hietzing, einen Heurigen und bach'ne Händln mit einem delikaten Häuptelsalat? Geh, lass dich nicht auslachen! Ich als ein Erzbischof werde es doch besser wissen, was es mit der Geisterwelt für eine Bewandtnis haben müsste, so es eine gäbe! Aber da es nach dem Tod kein Leben mehr gibt und geben kann, so fällt die ganze Geisterwelt ja von selbst ins rein Blaue hinein. Und mit der Gottheit Christi wird's etwa doch den allerallmächtigsten Faden haben. Wie weit aber musst du es in deiner Narrheit gebracht haben, dass du einen echt polnischen Zinbeljuden [Binkeljude; Hausierer] für den Nazarener hältst, der am Kreuz lange gut gestorben ist und in alle Ewigkeit nimmer lebendig wird. Es ist wirklich viel, dass du dich nicht selbst schon lange für Christus gehalten hast; denn ein Narr zur Genüge wärst du schon lange dazu gewesen!
RB|2|220|5|0|Weißt du denn nicht, und hat dein traurig-leidender Zustand dir denn dein Erinnerungsvermögen so ganz und gar verstört, dass du nun dich nimmer entsinnen kannst, dass du ein Narr geworden bist, und als solcher gekommen in die geheime kaiserlich-königliche Irrenanstalt! Sieh, dies Ereignis wird dir das Gefühl gemacht haben, als seiest du gestorben! Aber dem ist nicht so! Du bist nur irrsinnig geworden, was du noch mehr oder weniger bist, und das erzeugt in dir das Gefühl des schon Gestorbenseins. So du aber wolltest, da könnte ich dich bald heilen, auf dass du dann wieder des Lebens goldne Freiheit genießen könntest. Du weißt es ja, so dir noch irgendeine Erinnerung geblieben ist, dass ich nie ein sogenannter Zelot war, am wenigsten dir gegenüber. Geh, biederer Freund, und lass dich kurieren!“
RB|2|220|6|0|Spricht Joseph: „Mein Freund, du behauptest Dinge hier, die einem Spinoza, den doch die Kirche selbst, nachdem er schon mehrere Jahre begraben war, wieder ausgraben, öffentlich verdammen und dann verbrennen ließ, wahrlich keine Schande gemacht hätten. Ich, ein Narr!? Nein, das ist alles, was man sagen kann! Das ist dir gelungen! Schau, ich habe doch schon so manches über mich lügen gehört, aber so was ist mir noch nicht vorgekommen. Dass du an die Unsterblichkeit und an Christus nicht glaubst und – salva venia [mit Verlaub] – auch nie geglaubt hast, das geniert mich eigentlich gar nicht und ich will mir da auch keine Mühe geben, dich in diesen Glauben einzuführen. Aber dass du behauptest, Ich sei auf der Welt irrsinnig geworden, das geniert mich, indem ich nur zu bestimmt weiß, wie und auf welche Weise ich so ganz eigentlich das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht habe.
RB|2|220|7|0|Siehe, durch nur zu gewisse Sorge von eurer kirchlichen Seite habe ich höchstwahrscheinlich entweder durch das Beriechen eines seltenen Blumenbuketts oder einer Prise Spaniols ein Übel in meinem Kopf wahrzunehmen angefangen, das sich wie ein starker Kopfkatarrh zu äußern begann. Ich achtete dieser Sache nicht und dachte, dieser Schnupfen wird so vergehen, als wie sonst bei mir noch jeder vergangen ist. Aber dem war es nicht so. Als der Schnupfen mir zu lange andauerte und, statt besser, nur von Tag zu Tag schlimmer ward, ließ ich natürlich meinen Hofarzt kommen, der aber auch nichts anderes sah als ich, nämlich einen recht hartnäckigen Kopfkatarrh. Ich musste ins Bett, musste schwitzen und Tee saufen und allerlei Dunst in die Nase ziehen. Es ward mir darauf wohl etwas besser; aber einen gewissen Druck gerade wie aufs Gehirn im Oberhaupt verspürte ich von Tag zu Tag fühlbarer, den ich aber anfangs auch zu wenig achtete – bis sich nahe an derselben Stelle auch äußerlich ein Tuberkulum malum (bösartiges Geschwür), wie es meine Hofärzte nannten, zu entwickeln begann, und trotz aller ärztlichen Mühe und emsigster Behandlung von Tag zu Tag schlimmer ward.
RB|2|220|8|0|Man tröstete mich, so gut man konnte, berief aber endlich doch ein Ärztekonzil zusammen. Das Konzil erkannte an meinem Kopfabszess nichts gefährliches, bis auf einen gewissen schlichten Arzt namens Quarin. Dieser schüttelte hinter der Türe mit seinem Kopf verneinend, wurde von mir im gegenüberhängenden Spiegel entdeckt und sogleich hervorgerufen und gefragt, ob das Übel zu heilen sei. Und Quarin sagte entschieden: ‚Nein!‘ – wofür er von mir auch geadelt und bestens dotiert ward. Von da an ward es mit meinem Leib von Stunde zu Stunde schlechter. Und ich starb bald danach bei meinem vollsten Bewusstsein, ohne die geringste Furcht vor dem sichersten Tod. Als ich starb, da kam es mir vor, als ob ich ganz süß eingeschlafen wäre; erwachte aber bald darauf, nur, gottlob, nicht mehr in der materiellen, sondern in der geistigen Welt, in der ich noch zu sein und ewig zu verbleiben die Ehre habe.
RB|2|220|9|0|Ich meine, aus dem dürfte dir denn doch klar sein, dass mein Erinnerungsvermögen nicht so ganz und gar futsch ist, als wie du es soeben behauptet hast. He, was meinst du da? Rede nun!“
RB|2|221|1|1|Migazzi gibt für Josephs Tod eine andere Erklärung. Er verlangt Beweise über Jesus. Josephs Rede über den Geist der Liebe als einzigen Gotteszeugen.
RB|2|221|1|1|(Am 20. Juli 1850)
RB|2|221|1|0|Spricht der Erzbischof Migazzi: „Mein lieber guter Freund! Du kannst zwar reden, was du willst und magst und kannst – das macht mir nichts! Denn ich war keiner von jenen Pfaffen, die dir bei deinen kirchlichen Purifikationsarbeiten je irgend in den Weg getreten wären, obschon ich als Erzbischof und Kardinal zugleich es hätte tun können. Kurz, alles, was du mir hier gesagt hast, beleidigt mich nicht; aber dass du mich so gewisserart eines Attentats auf deine Persönlichkeit beschuldigst, das ärgert mich. Denn ich meine, dass ich wohl dein intimster Freund und, ganz im strengsten Inkognito, ebenso gut ein Freimaurer war, als wie du es warst, und daher auch wohl wusste, warum ich auf der Welt war, und warum einverstanden mit deinen Purifikationen. Ich erkläre es dir daher als ein allzeitig helldenkender Ehrenmann, dass du mit deinem Attentatsglauben rein am Holzweg bist!
RB|2|221|2|0|Sieh, das Ganze deines Übels war fürs Erste schon ein angeborener Organfehler, bestehend in einer Art Kopf-Skrofeln, die aber dir so lange gerade keine besondern Anstände machten, als du hinsichtlich der Venus dich mehr zurückhaltend benahmst. Als du aber dieser sehr zu huldigen angefangen hast und letzterer Zeit auch von einer gewissen Reizendsten so comme il faut angesteckt worden bist, da hat dein Kopfübel von diesem Gift etwas eingesogen. Du achtetest die Sache zu wenig, und die Ärzte haben wie gewöhnlich das Übel nicht erkannt und dich ganz falsch behandelt; und so war es denn auch nicht anders möglich, als dass du am Ende ein Opfer deines Übels werden musstest. Also du selbst und niemand anderer war schuld an deinem entweder eingetretenen Irrsinn oder, so du schon gestorben sein willst, an deines Leibes Tod. Beschuldige also fortan die Kirche nicht mehr! Denn sie ist ganz unschuldig an deinem Übel, das dich so oder so zugrunde gerichtet hätte.
RB|2|221|3|0|Mir wäre es im höchsten Grad angenehm gewesen, wenn wir noch viele Jahre miteinander hätten Österreichs Völker leiten können. Aber ein Fatum hat es so gewollt, dass du und ich samt dir vom großen Schauplatz unseres Wirkens haben abtreten müssen. Wir können die Gesetze der Unendlichkeit und ihrer Zeiten nicht verändern, und so sind wir beide entweder, wie du behauptest, gestorben, oder, nach meinem richtigeren Dafürhalten, pensioniert und in eine geheime Irrenanstalt gebracht worden, aus der wir im strengsten Inkognito alle Jahre ein paar Mal ins Freie hinaus einen Spaziergang machen dürfen und allein etwas genießen. Joseph, sei gescheit, und halte diese Juden doch nicht für mehr als sie sind! Sollte dies aber auch die Geisterwelt und an Christus etwas gelegen sein – so wird sich dieser gegenüber einem Kaiser und einem Kardinal doch anders präsentieren als wie ein gemeinster Binkeljude. Was für Beweise hast denn du für deine Behauptung? Christus, ein Binkeljude! Aber ich bitte dich!“
RB|2|221|4|1|(Am 21. Juli 1850)
RB|2|221|4|0|Spricht Joseph: „Aber ich bitte dich auch, eben in der allerhöchsten, persönlichen Gegenwart Jesu, des Herrn, dich ein wenig anders zu benehmen, sonst wird es mit deiner Kardinalschaft bald aus sein. Die Geduld des Herrn muss zwar unergründlich groß sein, dass Er so gelassen solch einen Unsinn, wie er zwischen uns beiden zum Vorschein kommt, anhören mag und kann. Aber ob sie gerade ohne alle Grenzen ist, das möchte ich wohl äußerst stark bezweifeln. Denn so oft Menschen und Geister zu lange, zu grell und zu hartnäckig zu sündigen anfangen und von ihren törichten Bosheiten sich nimmer abwenden wollen, dann, glaube ich, wird Er solche Späße nicht gar zu lange Sich gefallen lassen. Hätte z. B. ich selbst auf der Erde den Anreizungen der Venus ein paar Jahre früher schon kein Gehör gegeben, wie der gute himmlische Vater mich durch allerlei Vorkommnisse meines Lebens davor wohl zu öfteren Malen hatte nur zu deutlich wahrnehmbar machen lassen – so hätte ich vielleicht trotz allen Nachstellungen aller meiner Feinde um etliche zehn bis zwanzig Jahre länger leben und die Völker im Namen Gottes bestens regieren können. Aber da ich diese heilsamsten Mahnungen des Herrn nur zu leicht in den Wind schlug, so ist dem Herrn über mich die Geduld nur so um ein ganz Geringes ausgegangen, und ich musste ohne Gnade und Pardon dem Leib nach ins Gras beißen, und das schmerzlich und bitter genug. Also, Freund, setze die Geduld des Herrn nicht auf eine zu lange Probe!“
RB|2|221|5|0|Sagt der Erzbischof Migazzi: „Aber lieber Freund, das mag ja alles sein, aber bevor ich mich vor Ihm als Christus dem Herrn gehörig zusammennehmen kann, muss ich ja doch erst einsehen, dass Er es wirklich ist. Was nützt mir dein Reden? Beweise mir zuvor, dass Er es wirklich ist, dann werde ich gleich anders zu denken und zu reden anfangen. Ich habe dich ja nur um den Beweis gebeten; nicht aber, dass ich von dir erführe, wie kurz oder wie lang etwa die Geduld des Herrn ist. Gebe mir Beweise, und es soll sich dann zeigen, ob ich da auch noch so dumm in den Tag hinein reden werde, wie nun.“
RB|2|221|6|0|Spricht Joseph: „Solange es dir dein eigenes Herz durch den Geist der Liebe nicht sagen lässt: Dieser ist es! – so lange nützen dir auch alle Beweise nichts. Wird es dir aber dein Herz sagen: Dieser ist es – dann bedarfst du aber auch keines andern Beweises. Denn wer Jesus erkennen will, der muss Ihn lieben. Wer aber Jesus liebt, der hat Ihn auch lebendig in sich, und das ist eben der alleinige Beweis, durch den jedermann Christus am ersten und am ungezweifeltsten erkennen kann und erkennen muss. Liebe Christus in diesem dir so sehr gering vorkommenden Juden zuvor aus allen deinen Lebenskräften, und es wird sich dann ja zeigen, ob hinter diesem Juden bloß ein Jude oder vielleicht denn doch etwas mehr steckt.“
RB|2|221|7|0|Sagt der Erzbischof Migazzi: „Du bist aber doch ein närrischer Kauz! Wie kann denn ich in diesem Juden zuvor Christus zu lieben anfangen, als ich es weiß, dass Er es wirklich ist!? Hieße denn das nicht die Gottheit Christi, so Er schon wirklich also Gott ist, wie es die alte Mythe uns tradierte, tiefst herabsetzen und entheiligen, so man gleich ohne alles weitere Forschen und Denken in jedem nächstbesten Juden Christus den Herrn zu lieben und zu verehren anfinge? Christus unter jenen Gestalten des Brotes und Weines zu lieben, zu verehren und anzubeten, da tut sich's, indem Er Selbst diese Gestalten an Seiner Stelle als äquivalent eingesetzt hat. Aber Christus in einem ganz gewöhnlichen Menschen und Juden noch dazu zu lieben, zu verehren und anzubeten anfangen, das Freund, hieße mit der Liebe zu Christus wahrhaftigst Schindluder treiben. Das werde ich wenigstens nicht tun! Denn ist entweder Christus bloß nur eine fromme Volksfabel, so ist das eine wie das andere eine Dummheit. Ist aber Christus im Ernst das, was uns die Mythe von Ihm überliefert hat, so wäre ein Nachkommen deiner Anforderung doch offenbar die grässlichste Gotteslästerung, die mit der untersten Hölle bestraft werden müsste.“
RB|2|221|8|1|(Am 22. Juli 1850)
RB|2|221|8|0|Spricht Joseph: „So, wäre nicht übel! Was lehrt denn Christus Selbst? Sieh, du echter Pharisäer Roms, Er sagt: ‚So aber jemand ein armes Kind oder einen armen Bruder aufnimmt in Meinem Namen, wahrlich, Ich sage es euch, der nimmt Mich auf. Wer aber Mich aufnimmt, der nimmt auch Den auf, der Mich gesandt hat!‘ – So aber also der Herr Selbst Sich mit unseren armen Brüdern identifiziert, und sie Ihm Selbst wie unter Eins gleichstellt, was sollen denn hernach wir eines anderen Sinnes sein? Ich sage es dir, nichts als unser Hochmut ist es, der einen allerglänzendsten und allergrößt-erhabensten Gott sich einbildet und lässt Christus in einer niedrigeren Bekleidung fahren, weil des Menschen hochmütige Seele nichts niederes und demütig Aussehendes ertragen kann. Der Hochmütige nur wünscht sich einen Gott mit Krone und Zepter; der Demütige aber also, dass auch er sich's getrauen könnte, die Augen zu seinem freundlich und mehr ihm gleich aussehenden Gott zu erheben und zu sagen: ‚O Herr! Wohl kommst Du im Kleid der herzlichen Demut zu mir armen Sünder; aber dennoch bin ich ewig nicht wert, meine Augen zu Dir emporzuheben.‘ – Was meinst du wohl, welcher aus beiden dürfte Christus dem Herrn der bei Weitem Angenehmere sein?“
RB|2|222|1|1|Selbstgespräch Migazzis. Er möchte sich zum Herrn bekennen, fürchtet aber seine Amtsgenossen. Joseph als milder Richter über seine zwei Todesurteile. Migazzi nimmt den Herrn an.
RB|2|222|1|0|Sagt der Erzbischof Migazzi: „Warte ein wenig, da muss ich ein wenig nachdenken, um dir eine würdige Antwort geben zu können.“ – Hierauf legt der Erzbischof drei Finger der rechten Hand auf seine Stirn, reibt diese recht tüchtig auf und ab und hin und her und sagt in sich zu sich: „Bei meinem armseligsten Leben, dieser Joseph ist am Ende orthodoxer als ich, der ich doch ein Erzbischof und Kardinal zugleich bin! Und so ich mich nicht genierte, wäre ich beinahe genötigt, das anzunehmen, was er mir von diesem Juden vorsagte. Wenn ich allein wäre, so wäre es auch schon geschehen. Aber meine sehr zahlreichen Kollegen, die hier mit mir diesen Vatikan bewohnen, würden über mich ja alle Teufel aus der Hölle heraufbeschwören, wenn ich so was täte. Hm, hm, hm! Wenn ich nur wüsste, was da rechtens zu machen wäre. Meine Kollegen, die ohnehin immer einen Spitz auf mich haben, bewachen mich mit Argusaugen und behorchen mich mit Midasohren. Ich dürfte nur eine Miene machen, mich an diese Gesellschaft anzuschließen, so würden die Kerls sogleich also über mich herfallen, wie die hungrigsten Hunde über einen schweißenden Hasen. O Joseph, du hast ganz recht in allem, was du über Rom gesagt! Es ist so und nicht anders, das weiß ich am besten! Aber was kann einer machen, der eben auch zu ihrem Gremium gehört?
RB|2|222|2|0|Man muss dem Volk einen großartigen blauen Dunst vor die Augen machen, Handlungen verrichten, die einem zum Speien fade und dumm sind, und dem Volk etwas glauben machen, was man selbst doch um alle Schätze der Welt nicht glauben könnte. Man muss sich ferner mit einem gottähnlichen Nimbus umgeben, während man im Grunde bei Weitem unter dem Wert eines Sauhalters steht. Denn was ist man denn als ein Erzbischof und Kardinal? Nichts, gar nichts! Man kann nichts, man weiß fast nichts mehr von allem dem, was man in den Studien gelernt hat. Und auf der erzbischöflichen Höhe lernt man auch nichts mehr als höchstens seine Finanzen in der sehr interessierten Ordnung zu erhalten und sein hochkirchliches Regiment mit einer alles zermalmenden Hochwürde zu versehen und die Hölle stets offener zu halten als den Himmel. Das ist das hohe Amt eines Erzbischofs! Man stellt einen Apostelissimus vor, dem schon quasi vor dem natürlich blinden Volk die Gottheit Selbst gehorchen müsste, und ist aber in und bei sich selbst in re vera [in Wahrheit] im Grunde des Grundes gar nichts, ja ein diplomiertes Nichts, das vor allem Volk in den höchsten, gottähnlichen Ehren dasteht, vor sich selbst sich aber doch offenbar insgeheim ärger schämen muss als ein Bettpisser, indem man sich doch bei nur irgendeinem Gewissen alle Tage hundertmal ins Ohr raunen muss: ‚Du bist nichts! Denn das was du vorstellst, ist an und für sich nichts! Ohne Schuster und Schneider könnten die Menschen schwer bestehen, aber ohne einen Erzbischof unendlich leicht!‘ Das ist eine unbestreitbare Wahrheit; aber wer dürfte es wagen, sie offen auszusprechen? Darin liegt eben der große Höllenhund begraben, dass selbst des redlichsten Priesters Mühe dahin gerichtet sein muss, das Nichts als ungeheuer Großes aufrecht zu erhalten und es stets für großes Geld an das dumme Volk zu verkaufen. Wahrlich, ein schönes Geschäft für einen Ehrenmann!
RB|2|222|3|0|O Joseph, du hast recht! Aber ich darf dir nicht recht geben. Denn gäbe ich dir recht, so werden sie über mich herfallen von allen Seiten und Winkeln und mir den Mund gehörig zu stopfen verstehen. Hm, hm, hm, wenn ich nur wüsste, wie ich mich aus den Schlingen dieser meiner Lauskollegen losmachen könnte! Mit dem größten Vergnügen täte ich's. Nicht nur diesen recht ehrlich aussehenden Juden, der, neben Joseph stehend, sich mit einem Mann und Weib bespricht, sondern einen jeden Schusterjungen möchte ich als einen Halbgott mir gegenüber verehren und anbeten, der ich im Grunde gar nichts bin. Aber meine allerfinstersten und bösesten Kollegen! O Gott, wie würde mir's da ergehen? Ich weiß, mein lieber Freund Joseph, so gut als du, dass ich dem Leib nach gestorben bin und mich schon bei sechzig Jahren und vielleicht schon darüber hier in der Geisterwelt befinde, obschon ich auf der Welt nicht daran geglaubt habe, dass so was möglich wäre. Aber wehe mir, wenn ich vor meinen Kollegen so was fallen ließe! Ich glaube, die Kerls würden mich vor Wut und Grimm in Stücke zerreißen, weil sie noch immer in der vollen Idee leben, dass sie noch Erzbischöfe und Kardinäle auf der Erde sind.
RB|2|222|4|0|O Joseph, helfe mir von meinen Kollegen, und du sollst deinen Migazzi gleich in einem anderen Licht erblicken. Migazzi war nie ein Freund Roms in seinem Herzen, musste aber äußerlich tun, als wäre er es. Auch du, guter Joseph, kanntest deinen Migazzi nicht. Aber dein Migazzi kannte dich und bot dir auch stets, so viel es möglich war, die hilfreiche Hand. Aber es ist traurig, dass ich mit dir anders reden muss, als ich denke und so ganz eigentlich mit dir reden möchte. Du kennst Rom wohl; aber ich kenne es besser. Du kennst nur, was du gesehen und gehört hast; aber ich kenne den Grund, auf dem Rom steht; den kannst du nicht kennen – und siehe, eben darin liegt der große Höllenhund begraben. Solange über den nicht ein Herkules kommt und ihn um seine Köpfe kürzer macht, wird es nie vollends Tag auf der lieben Erde werden.“
RB|2|222|5|0|Auf dies Selbstgespräch macht der Erzbischof einen Seufzer und sagt zum Joseph: „Lieber Freund, ich habe dich auf eine würdige Antwort ein wenig zu warten geheißen. Du hast darauf auch ganz geduldig gewartet. Aber ich kann dir dennoch trotz all meines Denkens keine Antwort geben. Denn es gibt Dinge zwischen dem Mond und der Sonne, von denen sich noch keine menschliche Weisheit etwas träumen hat lassen. Ich hoffe, du wirst mich verstehen?“
RB|2|222|6|0|Sagt Joseph: „Ja, ja, ich verstehe dich, und in diesen Räumen gibt es noch eine große Menge Erzpfaffen, vor denen du eine unsägliche Furcht hast, die aber ebenso eitel und leer ist, als deine erzbischöfliche Hochwürde. Siehe, der Herr hat mir das Ohr meines Herzens aufgetan und ich vernahm deine Gedankenrede; daher du mir nun denn auch keine Antwort mehr zu geben brauchst, indem ich die Antwort schon habe. Von nun an aber bist du auch ganz mein liebster Freund, und der Herr hier wird das an dir gutmachen, was dir noch fehlt. Lasse aber ab von der törichten Furcht vor deinen finsteren Kollegen. Sie werden dir nichts tun; dafür stehe ich dir! Ihretwegen sind wir auch nicht hierher gekommen, sondern deinetwegen, weil ich dich kenne. Bist du unser, dann sind wir hier aber auch schon fertig! Wende dich aber nun an den Herrn! Er wird dich mit einem Wort ganz gesund machen! Gehe und tue das!“
RB|2|222|7|1|(Am 23. Juli 1850)
RB|2|222|7|0|Spricht der Erzbischof: „Lieber Freund Joseph! Du weißt, dass ich mit dir in allem, was mein Innerstes betrifft, vollkommen einverstanden bin, was du als recht, gut und wahr erkennst; nur mit dem, dass dieser dein sonst überaus bieder aussehender Abrahamssohn – Jesus, der göttliche Meister aus Nazareth sei, kann ich mich noch nicht ganz einverstehen! Jesus, der Herr, sollte denn doch etwas von der Herrlichkeit Seines himmlischen Vaters durchblicken lassen. Aber bei diesem da schaut doch ebenso wenig irgendetwas Göttliches heraus, als wie bei sonst was immer für einem ganz gewöhnlichen Menschen.
RB|2|222|8|0|Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, Christus, der Gesalbte Gottes, der wahre Hohe-Priester in Ewigkeit, ist die Liebe Gottes zu den Menschen. So Er mir armen Sünder vor Ihm die Liebe erweisen wird, so ist Er dann aber auch um alles, was du haben willst, mein Christus und mein Heiland in Ewigkeit, und wäre Er auch im Kostüm eines Schusterjungen vor mir! Erweist Er mir aber keine Liebe und wird Er mit mir verfahren wie ein römischer Pfaffe, dann gebe ich nichts für Ihn.
RB|2|222|9|0|Leider war ich selbst auch ein römischer Hoch-Pfaffe und musste auch von der alleinseligmachenden Kirche predigen und alles verdammen, was nicht vor der Tiara die Knie beugte. Aber gottlob, wie du immer sagst, mir war es bei solchen Verdammungen wohl ebenso wenig Ernst als wie bei einem Vater, der auch zu seinen Kindern äußerlich hindonnert: ‚Wenn ihr nicht brav sein werdet, so werde ich den schwarzen Juden kommen lassen; der wird euch mit Ketten binden und euch in einen finstern Wald bringen und daselbst umbringen!‘ – So ungefähr war es mir bei solch einer Verdammungspredigt zumute. Denn fürs Erste glaubte ich doch durch mein ganzes Leben nie an ein Fegfeuer und noch weniger an eine Hölle, weil ich weder das eine und noch weniger das andere mit der göttlichen Liebe und Weisheit in eine Übereinstimmung bringen konnte. Und fürs Zweite liebte ich die Menschen zu sehr, als dass es mir je Ernst sein könnte, auch den bösesten aus ihnen auf ewig zu verdammen.
RB|2|222|10|0|Denn auch der Böseste hat nur eine gewisse Zeit hindurch böse sein können, und besaß höchstwahrscheinlich ein solches Naturell, nicht anders handeln zu können. Wird ein solcher Bösewicht nach genauer Durchsuchung seiner Natur, seiner Erziehung, der Handlungsbeweggründe, der Umstände, in denen er sich befand, zu einer zweckmäßigen Strafe zeitlich verurteilt, entweder auf der Erde schon oder nach dem Abfall des Fleisches hier im Reich der Geister auf so lange, als er sich vollends bessert, dann ist eine Strafe gut und gerecht. Aber eine ewige Strafe für ein zeitliches Vergehen kann doch unmöglich je angenommen und noch viel weniger von der höchsten Weisheit und Liebe Gottes angeordnet sein! Denn so was ziemte wohl einem Erztyrannen, aber einem Gott der Liebe ewig nimmer.
RB|2|222|11|0|Du siehst hieraus, dass ich in mir durchaus kein eigentlicher Pfaffe war; denn davor bewahrten mich meine durch und durch philanthropischen Grundsätze. Finde ich nun Christus, wie Er ist, und nicht wie Ihn Rom predigt, so ist Er Christus auch im Gewand eines Schusterjungen. Ist Er aber Christus nach römischer Art, dann sei uns gnädig und barmherzig, wer da wolle! Denn dann ist unser Los entschieden – die ewig lichterloh brennende Hölle, aus der natürlich ewig kein Ausweg mehr zugelassen wird. Guten Appetit, wem solch eine Gerechtigkeitskost schmeckt. Ich für meinen Teil schaffe [halte] ewig nichts davon und wünsche mit dem vollsten Ernst von der Welt aller Geister mit solch einem Christus ewig nicht zusammenzukommen. Denn der kann mir, wie die lustigen Wiener sagen, mit Haut und Haaren gestohlen werden.“
RB|2|222|12|0|Sagt Joseph: „Bin ganz deiner Ansicht und deines Verlangens! Aber bei eben Diesem wirst du das finden, was du finden willst – einen Herrn, der dir wie uns allen vollends ans Herz gewachsen ist. Kurz, einen weiseren und besseren Christus kannst du dir in Ewigkeit nicht denken und noch viel weniger wünschen, als wie dieser allein wahre und einzige es ist. Dass aber auch ich keinen rachesüchtigen Strafgott mir je denken habe können, sondern nur einen weisen und milden Vater voll ernster Liebe, beweist ja mein mildes Strafgesetz, da ich die entsetzliche Todesstrafe gänzlich aufhob und selbst die gröbsten Verbrecher nur mit solchen Strafen belegte, durch die sie wieder zu Menschen werden konnten. Die Todesstrafe ließ ich bloß am Anfang an ein paar gar zu teuflisch mutwillig allergrässlichst bösesten Verbrechern vollführen. Der eine hatte sein Weib oder seine Geliebte, was sie sein mochte, bloß aus Mutwillen bei lebendigem Leib anatomiert [zerlegt] und die Leibesteile dann zur nächtlichen Weile auf den Gassen herum zerstreut. Und der andere war ein Herzblutsauger, ein Vampyr in optima forma. Bei diesen beiden musste ein Beispiel statuiert werden. Und dennoch gereuete es mich nachderhand. Hätte ich sie zum Galeerenzug gegeben, so hätten sie vielleicht auch noch können zu Menschen umgewandelt werden. Aber nicht so sehr ich, als vielmehr das Volk verlangte die Hinrichtung dieser Ungeheuer, und so dachte ich: Vox populi, vox dei [Die Stimme des Volkes ist Gottes Stimme] und ließ sie exemplarisch töten. Ob ich da vollends recht gehandelt habe, weiß ich kaum. Aber das weiß ich, dass ich dabei durchaus keinen argen und rachesüchtigen Willen hatte. Du siehst also hieraus…“
RB|2|222|13|0|Hier unterbricht den Joseph der Erzbischof und sagt: „Ja, ja, ja, ich sehe, dass du ein vollkommen edelster Regent warst und ein echter Mensch nach dem Willen Gottes! Und so denn nehme ich denn auch diesen deinen Freund als Christus an, und möge mir nun schon geschehen, was da nur immer wolle. Meine Kollegen werden nun bald ein Zetergeschrei erheben und wie die Teufel über mich herfallen. Aber Migazzi wird bleiben bei dem, was er nun angenommen hat. Ich höre, sie schon kommen! Nun, das wird eine saubere Mette werden!“
RB|2|223|1|1|Ansturm der Bischofsrotte. Der eselhafte Präsident. Migazzis Bekenntnis zum Herrn. Dessen Urteil über Rom. Lärm und Höllenspuk.
RB|2|223|1|0|Es stürzen nun auf einmal bei hundert skelettartige Wesen in sehr zerfetzten Vespermänteln und zerquetschten Bischofsmützen aus allen Winkeln hervor, erheben in größter Aufregung ein Zetergeschrei, und einer, mit einem mehr einem Esel als einem Menschen ähnlichen Gesicht, der zugleich ihr Präsident ist, zwar der dümmste aus allen, aber das macht dort nichts; denn sie ernennen deshalb immer den Dümmsten, damit sie selbst desto unumschränkter tun können, was sie wollen – wie es auch bei der Wahl der Päpste noch stets der Fall war, wo die pfiffigen Kardinäle sich auch allzeit den schwächsten und borniertesten Ultramontanisten herausgestochen haben. Also solch einer springt hastigst zum Migazzi hin, macht ein ernstes Gesicht, das aber erst in solch einer Position am allerdümmsten auszusehen anfängt, sodass darob die ganze andere Gesellschaft in ein helles Lachen ausbricht. Als der hervortretende Präsident sich auslachen ersieht, da wird sein Gesicht noch ernster und daher auch lächerlichst dümmer anzusehen, was das Lachen der Gesellschaft überaus befördert, dass sie wirklich aus vollem Halse zu lachen anfängt.
RB|2|223|2|0|Aber nun wird es völlig aus beim Präsidenten. Er reißt das Maul gut eine halbe Spanne weit auf und strengt sich an, einen so recht römisch-apostolisch kräftigen Fluch herauszustoßen. Aber Ich mache ihm einen kleinen Strich durch die Rechnung. Und der Herr Präsident bringt nichts als ein sehr heiser knurrendes „I-a, I-a, I-a“ heraus. Helena und Robert ersticken fast vor Lachen. Sogar Petrus, Paulus und Johannes können sich des Lachens nicht ganz enthalten. Die Monarchen lachen auch über Hals und Kopf. Und Joseph macht die Bemerkung, dass ihm durch sein ganzes Leben nie eine lächerlichere Visage untergekommen ist, als die dieses zornvollen Präsidenten.
RB|2|223|3|0|Auch Robert sagt zu Mir: „Herr, ich begreife aber nur das nicht, wie ich mich beim Eintritt in diese Gruft gar so scheußlich fürchten habe können! Und nun muss ich fast zum Zerbersten lachen über diese unendlich dumme Physiognomie und über's ganz vollkommen allerechteste Eselsgeplärr. Das ist aber in der Entsprechung auch so höchst wahr bezeichnend, dass man sich schon nichts treffender Wahreres vorstellen kann! Wie mächtig hat Rom geschrien vor Grimm und Wut zu Luthers Zeiten, und wie mächtig schreit es nun den Rongeanern gegenüber! Aber das Geschrei ist immer gleichfort nichts als das ganz unveränderte Eselsgeplärr! Und dieser Präsident, ein so gelungenes und getreustes Bild des Papsttums, wie man sich aber schon nichts Gelungeneres und Getreueres vorstellen könnte!“
RB|2|223|4|0|Sage Ich: „Das wird auch der Effekt der gegenwärtigen Mühe und des Eifers des Papsttums sein! Die Menschen werden die Diener weidlichst zu belachen anfangen, und je mehr sich diese ärgern werden, desto mehr werden sie verlacht werden, bis sie am Ende ihr eigener Grimm verzehren wird. Was du hier siehst im Kleinen, das wird auf der Erde geschehen im Großen. Die Diener Balaams werden alles aufbieten, werden Wundermagie treiben und schreien und plärren wie dieser hier, und das Volk aber wird sich erbauen, wie diese unsere Gesellschaft nun hier im Angesicht dieses ‚I-a‘ plärrenden Esels. Und diese Demütigung wird das beste Heilmittel für diese Narren sein.
RB|2|223|5|0|Aber du wirst es nun auch bald sehen, warum du dich ehedem gar so gefürchtet hast. Es wird nun bald das Innere dieser Pfaffen heraustreten, und du wirst dich hoch erstaunen über die Trugkünste, die dir diese Wesen produzieren werden. Ich aber werde die Gesellschaft beleben dahin, dass sie sich gegenüber solchen Trugkünsten benehmen wird wie ein mutwilliges Publikum in einer schlechten, misslungenen Komödie. Und das wird von gutem Erfolg sein.“
RB|2|223|6|0|Hier tritt Migazzi vor Mich hin und sagt: „Herr Jesus, Du bist es wahrhaftig! Nun erst erkenne ich Dich vollkommen! Ehre sei Dir allein ewig!“ – Ich aber fasse ihn bei der Hand und sage: „Bruder, werde vollkommen!“ – Und Migazzi bekommt sogleich ein recht gutes und gesundes Aussehen.
RB|2|223|7|1|(Am 25. Juli 1850)
RB|2|223|7|0|Als er (Migazzi) sich nun also in einem bessern Aussehen befindet, da wird es ihm auch überaus wohl. Er fühlt sich ganz leicht und gestärkt, und heller und heller wird sein Auge. Nur das Gewand bleibt noch dasselbe sehr zerlumpte erzbischöfliche, was ihn sichtlich stets mehr und mehr geniert. Er beschaut sich und sagt nach einer Weile zu Mir, voll der innigsten Liebe und des festesten Vertrauens: „Herr Jesus, Du wahrhaftigster Gott und ewiger Sohn Deines ewigen Vaters! Da Du mir schon ohne alle Verdienste um Deine Ehre und um Deinen allerheiligsten Namen so gnädig bist und hast mich erlöst aus diesem wahrhaftigsten Pfuhl des Verderbens, so erlöse mich auch von dem Rest, der einen widerlichen Anblick meinen Augen und einen ekeligen Geruch meinen Nüstern bereitet. Siehe, dies mich im höchsten Grad anwidernde Gewand, ein Gewand des Hochmutes und des Truges! Befreie mich davon und gib mir dafür ein allergemeinstes Bettlergewand, und ich werde mich darinnen ganz selig fühlen!“
RB|2|223|8|0|Sage Ich: „Sieh, mein lieber Bruder, dies Gewand ist ein Gewand des Hochmuts und des Trugs zwar gewesen für den, der es hochmütig und übellästig trug; du aber hast es nicht in dieser Art getragen, sondern nur des vorgeschriebenen Ritus wegen, weil es die römisch-kirchliche Regel also vorschreibt. Und so war es für dich ein wahres Ehrenkleid und somit nicht verächtlich, wie du es meinst.
RB|2|223|9|0|Denn sieh, gar alles ist nicht schlecht an der Römerin! Nur das ist ein Gräuel, so sie des irdischen Mammons wegen zu Mitteln greift, die rein höllischer Natur sind – als falsche Wunder, falsche Heilmittel, Ablässe, Reliquien und Bilderdienst, Amuletts, frömmlich klingende Zaubersprüche, allerlei blinde Zeremonien, Gnadenwallfahrtsorte, Kirchenschätze bloß für leeren kirchlichen Luxus, hohe Ämter und Ehrenstellen und die ausgedehnteste Herrschsucht und die hartnäckigste Alleinrechthaberei. Ich will von ihren Messopfern nichts sagen, nichts von ihrer Ohrenbeichte, nichts von ihren Tempeln, Glocken und Orgeln, nichts von würdigen Kunstwerken, nichts von der Heilighaltung ihrer Bethäuser und nichts von den pomphaften Begräbniszeremonien ihrer Verstorbenen; denn dies alles im reinen Sinn würdig benützt ist eben nicht untauglich, das menschliche Gemüt zu erheben und zu veredeln. Aber dass die Römerin diese an und für sich reinen Dinge dazu mitgebraucht, das menschliche Herz zu verdummen und blind zu machen, und zu glauben, dass man durch den sorgfältigsten Gebrauch alles dessen zum Leben in den Himmeln und nur durch sie zu Meiner Gnade gelangen könne – das ist schlecht! Denn dadurch werde Ich bei den Kindern als Vater zu einem Tyrannen, den die Dummheit wohl fürchtet, aber nie liebt. Die Verständigen und Gelehrten und Weltläufigen aber fangen dann Meiner sich zu schämen an, und wollen oft von einem solchen Erlöser, wie Ihn die Römerin schildert, nichts mehr hören und wissen und verwerfen sodann das Kind samt dem Bad. Und siehe, das bewirkt die römische Kirche durch ihre eigenmächtigen Lehren, Satzungen, Zugeständnisse und Privilegien, die sie als von Mir empfangen vorgibt, und durch allerlei geduldeten und gepredigten Aberglauben. Und das ist es aber auch, wodurch sie selbst sich zugrunde richtet und eigentlich schon zugrunde gerichtet ist.
RB|2|223|10|0|Das alles aber liegt nicht am Kleid, sondern am gewaltigen Missbrauch desselben! Daher behalte du nur unterdessen dein Gewand! So wir bald von diesem Wien uns hinwegbegeben werden, und werden unterwegs noch einem Ort einen kleinen Besuch geistig abstatten, da wird sich dein Kleid schon in ein anderes umgestalten.“ – Damit gibt sich Migazzi auch ganz zufrieden und dankt Mir sehr über diese ihn über alle Maßen tröstende Belehrung.
RB|2|223|11|0|Zugleich aber ertönt aus den finstern Winkeln ein gellend Geschrei: „Hinaus mit diesen Ketzern, mit diesen Gottesleugnern, mit diesen Vermaledeiten in Ewigkeit!“ – Migazzi fällt in eine förmliche Ohnmacht und sagt ganz bebend: „Aber, o Herr, um Deines allerheiligsten Namens willen, kannst du das anhören, ohne sie alle mit Feuer und Schwefel zu vernichten? O um Deines allerheiligsten Namens willen – was wird daraus werden!?“
RB|2|223|12|0|Sage Ich: „Gar nichts! Denn sieh, Ich bin ja nicht wie ein Mensch, der gleich alles mit Feuer und Schwert verheeren möchte, so ihm etwas in die Quere kommt. Welche Menschen und Geister trägt die Erde? Und dennoch lasse ich täglich die Sonne auf- und niedergehen und beleuchten und erwärmen die Erde an allen ihren Punkten nach dem Maß der natürlichen Notwendigkeit. Siehe, in der Geduld und Liebe liegt die größte Kraft! Wer diese nie aus den Augen lässt, wird große Dinge erreichen! Und so müssen denn auch wir Geduld und Liebe haben mit allem, was schwach ist, so wird unsere Mühe stets der beste Effekt lohnen. Lassen wir sie schreien, sie werden schon aufhören, so sie genug sich werden ausgeschrien haben. Und somit keine Furcht und keinen Ärger mehr!“
RB|2|223|13|0|In diesem Augenblick, als Ich das letzte Wort dem Migazzi sage, fängt es im Hintergrund zu blitzen und ganz gewaltig zu donnern an. Glühende Riesenschlangen fangen an, aus verschiedenen Winkeln hervorzukriechen und wütende Krümmungen zu machen. Feurige Totengerippe klappern und Nachteulen und Fledermäuse fehlen nicht. Und im Hintergrund ist ein grässlichst aussehender riesigster Rachen mit furchtbar großen und nahe weißglühenden Hauzähnen zu erschauen. Aus dem Rachen schlagen fortwährend Rauch und Flammen empor. Und auf der Stirn dieses Höllendrachen steht es mit rotglühender Schrift geschrieben: „Ich bin der ewige Höllendrache, zu verschlingen alle frechen Ketzer! Alle Lutheraner, alle Calviner, alle Melanchthoniten, alle Hussiten, alle nicht-unierten Griechen, alle Herrnhuter, alle Quäker, alle Mährischen Brüder, alle verfluchten Freimaurer und andere ketzerischen Pietisten, alle fluchwürdigen Puritaner und Anglikaner, sowie auch alle Sophisten und Gelehrten, die auf die römische, alleinseligmachende Kirche nichts halten und ihre heiligen fünf Gebote belachen und sich darüber lustig machen, dann alle Neukatholiken, Hegelianer und Straußianer, alle Mathematiker, Mechaniker und Astronomen werden von mir auf ewig gefressen!“
RB|2|223|14|0|Über solche Inschrift geschieht schon eine gewaltige Lache. Und sogar die anfangs sehr furchtsame Helena fängt zu lachen an und sagt: „Diese Szene würde im Prater, und zwar im Affentheater, recht viel Aufsehen machen. Aber der Stephansdom steht ja auf einem recht schönen Grund. Nein, wenn ich aber auf der Welt davon nur eine schwache Ahnung gehabt hätte, so wäre ich doch, bei Deinem heiligsten Namen, die Erste gewesen, die so einen Tempel mit einer brennenden Fackel heimgesucht hätte! Da schaue man einmal diese Kerls an, was die alles treiben, um arme und schwache Geister in ihre hab- und herrschsüchtigsten Netze zu treiben! Ah, ah, da kommen sie nun in einer großen Schar in ihren erzbischöflichen Ornaten und eine große Menge Dienerschaft mit ihnen! Was sie etwa nun tun werden!?“ – Sage Ich: „Sei ruhig, meine Tochter, und horche und siehe!“
RB|2|224|1|1|Ohnmächtige Wut der Römlinge. Ihre Unbarmherzigkeit, Habgier und Dummheit. Joseph erklärt den Papst für den Antichrist.
RB|2|224|1|0|Hier weicht auch der vielbelachte I-a-Schreier von uns zurück. Alle machen eine tiefe Reverenz vor ihm und sagen: „Allerhochwürdigster apostolischer Nuntius [Gesandter] des Heiligen Vaters aus Rom! Wie kannst du zaudern noch mit diesen Ketzern? Verfluche sie und treibe sie alle in die Hölle ohne Gnade und Erbarmen!“
RB|2|224|2|0|Sagt dieser mit einer hässlich kreischenden Stimme: „Ich hab's ja schon getan, was ihr wollt und danach ihr fragt; aber die Teufel sind euch ganz entsetzlich hartnäckig und wollten nicht tun, was ich ihnen gebiete, sondern lachen mich obendrauf noch recht brav und tüchtig aus! Oh, das sind harte Teufel! Auch vor unseren Blitzen und Donnern wie auch vor unserer Hölle haben sie keine Furcht, sondern schauen diese doch allererschrecklichsten Dinge so ganz gleichgültig an, als wenn gar nichts daran wäre! Oh, oh, das sind schlimme, harte und unverbesserliche Teufel!
RB|2|224|3|1|(Am 29. Juli 1850)
RB|2|224|3|0|Und einen haben's uns doch weggefischt! O du armer Teufel, wie bist du jetzt auf ewig verloren, und wenn du dich auch jetzt eine Zeit lang wehrst vor der Hölle, was dir nichts nützt, so wirst du aber mit der Zeit dennoch ohne Gnade und Barmherzigkeit samt diesen deinen Gesellen hinein müssen auf ewig. Ja, ja, hinein, hinein werden die alle müssen! Da ist keine Gnade und kein Erbarmen mehr.“
RB|2|224|4|0|Hier tritt Kaiser Joseph vor und sagt: „Hört, meine Hochwürdigen! Wäre es denn nicht genug, so ihr uns bloß nur so auf einige Erdentage lang ins Fegfeuer werfen möchtet? Denn seht, uns sogleich mir und dir nichts in die Hölle hineinverdammen, von der ewig kein Auskommen mehr sein soll, ist denn doch von euch allen zu hart. Habt daher Gnade und Erbarmen für uns! Bedenkt doch, wie einem armen Teufel das höllische Feuer gar unbeschreiblich schreckliche Schmerzen bereitet! Es geht einer armen Seele im Fegfeuer zwar auch durchaus nicht gut, aber von da heraus ist doch eine Erlösung zu erhoffen. Aus der Hölle aber ewig keine. Darum erbarmt euch unser und befreit uns von der Hölle!“
RB|2|224|5|0|Schreien darauf alle: „Nichts da, ihr Vermaledeiten! Nur hinein mit euch in die Hölle, und das in die allerunterste, wo vor lauter Hitze der Diamant und das weiße Gold schmilzt. Bei uns ist kein Erbarmen mehr für euch Teufel! Wir werden euch schon lehren, was es heißt, die heilige römische, alleinseligmachende Kirche verspotten und verlachen! Darum nur geschwind hinein mit euch allen!“ – Spricht Joseph: „So wir für uns aber, sage, zehntausend allerkräftigste sogenannte Hundert-Dukaten-Messen zahlten – sagt, ginge da die Geschichte auch nicht mit der Höllenbefreiung?“ – Schreien alle: „Das ist viel zu wenig, um von der Hölle befreit zu werden! Da müsstet ihr gerade zehnmal so viele Papstmessen lesen lassen! Da wäre vielleicht noch was zu machen! Aber wohlfeiler auch um keinen roten Heller! Denn das wissen wir, was es heißt, einen Teufel aus der Hölle zu erlösen.“
RB|2|224|6|0|Spricht Joseph: „Was müssten denn unterdessen wir tun, bis die, also hunderttausend Hundert-Dukaten-Messen könnten gelesen werden – etwa hier verbleiben?“ – Schreien wieder alle: „Dummer Teufel! Wenn ihr derweil da verbliebt und nicht in die Hölle hineinginget, wie könnten wir euch denn da aus der Hölle erlösen, wenn ihr nicht in der Hölle wärt? Wenn ihr aus der Hölle erlöst werden wollt, so müsst ihr früher drin sein! Zahlt also früher die hunderttausend kräftigsten Papstmessen und geht dann geschwind in die Hölle – sonst könnt ihr nicht erlöst werden!“
RB|2|224|7|0|Spricht Joseph: „Aber wie lange wird es denn hergehen, bis die hunderttausend Messen gelesen werden?“ – Schreien die Erzbischöfe und die andern ihnen dienenden Pfaffen alle: „Von solchen allerheiligsten Messen können nur drei, und zwar unmittelbar vom Heiligen Vater selbst, in einem Jahr gelesen werden! Nur er allein hat da das ausschließende Recht und die Macht dazu. Jetzt rechnet es selber zusammen, wie lang es da hergehen kann. Unter dreißigtausend Jahren ist gar keine Rede! Denn die Hölle ist und bleibt Hölle! Wer einmal drinnen ist, der kommt nicht so leicht wieder heraus.“
RB|2|224|8|0|Sagt Joseph: „Nun, nun, nun, jetzt bin ich schon im Klaren mit euch und den hunderttausend Messen! Nur den Grund möchte ich noch wissen, warum denn gerade die drei Papstmessen von einer so ungeheuren Kraft sind? Denn man sollte es ja doch glauben, dass da, was die Würde und den Wert eines Messopfers betrifft, eine Messe so gut ist wie eine andere.“ – Sagt nun der frühere I-a Plärrpfaffe: „Das ist so – und das weiß nur ein Nuntius: Bei der Messenlesung durch die anderen Geistlichen, welcher Würde sie auch sein mögen, opfert sich nur allein der Gottsohn seinem himmlischen Gottvater auf für die armen Seelen im Fegfeuer und für bußfertige Sünder auf Erden. Da ist in der Hostie nur Gottsohn ganz allein gegenwärtig. Bei der Papstmesse aber tritt die ganze allerheiligste Dreifaltigkeit in die Hostie, und darin liegt dann die ungeheure Kraft einer Papstmesse, bei welcher nur die Erzengel ministrieren dürfen, und zwar nur dann, wenn sie von der allerseligsten Jungfrau Maria zu diesem allerheiligsten Dienst auserkoren werden. Also darin liegt es, und daher können nicht mehr als eigentlich gültig in einem Jahr nur drei solche Messen gelesen werden. So ist es! Hat mich der Herr Kaiser verstanden?“
RB|2|224|9|0|Sagt Joseph: „Beinahe – aber doch noch nicht ganz! Und darum möchte ich denn auch noch das wissen, warum denn ein Papst nicht mehr als drei Messen lesen darf, und das eigentlich nicht ganz, indem er eigentlich nicht selbst die Messe liest, sondern nur bei derselben, die entweder von einem Kardinal oder von einem kardinalisierten Erzbischof gelesen wird, glorificaliter [der Verherrlichung wegen] assistiert. Das möchte ich noch so recht klar von dir erfahren.“ – Sagt der Nuntius: „Ist aber das eine verfluchte ketzerische Frage! Auf der Welt könnte ich Ihm darauf gar keine Antwort geben! Aber hier, wo Er schon ohnehin mit Haut und Haaren dem Teufel zugehört und sich im nächsten Augenblick in der Hölle befinden wird, da kann Ihm so was schon gesagt werden, damit Er dadurch desto tiefer in die Hölle kommen kann. Und so merke sich der Herr Kaiser! Der Papst kann deswegen nicht mehr als drei Messen lesen, weil dadurch die allerheiligste Dreifaltigkeit als lebendig für alle Zeiten der Zeiten auf der Erde in der alleinseligmachenden Kirche dargestellt und erhalten wird. Dass aber der Papst nicht unmittelbar ganz selbst die allerheiligste Dreifaltigkeits-Messe liest, sondern dabei pontifiziert, glorifiziert und assistiert, kommt daher, weil er ein Knecht der Knechte Gottes und der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden ist, der allen dient und sich nicht darf bedienen lassen. So ist die Sache! Jetzt wird Er's doch verstehen!?“
RB|2|224|10|0|Sagt Joseph: „Ja, jetzt bin ich im Klaren und weiß nun vollkommen, was ich vom Papsttum zu halten habe.“ – Sagt der Nuntius: „Nun, und was hält man denn nun vom Papst?“ – Sagt Joseph: „Nichts anderes, als dass gerade er der vollkommene Antichrist ist und ihr alle seine getreusten Helfershelfer seid. Denn wäret ihr Christen, so wie es sich gebührt und nun auch gottlob ich einer bin, so würdet ihr Christus den Herrn, der hier fest neben mir steht, sicher sogleich erkannt haben. Aber da ihr in aller Fülle die vollendetsten Antichristen seid, so verdammt ihr uns samt Christus in die Hölle, während ihr selbst schon sehr lange euch darinnen mit Haut und Haaren befindet.
RB|2|224|11|0|O ihr elenden Schurken! Ihr habt Christus, der als die ewige, reine Liebe, als Gott und Schöpfer in die Welt, die Er gemacht hat, kam, um allen Blinden die Augen zu öffnen, nach eurem eigenen Urteil zu einem Teufel umgestaltet und habt Ihn, den Rechten, verflucht! Denn euer Christus, den ihr ehrt und begehrt, heißt Gold und Silber! Der wahre aber, der am Kreuz für alle Menschen blutend Seine göttlichen Arme ausgestreckt hat und allen Seinen Feinden vergab und den ewigen Vater in Ihm für sie um Vergebung bat – ist euch zum Ekel geworden derart, dass ihr alle, die Ihm und nicht euch, die ihr euch frechst und gewissenlosest Seine Diener nennt, anhangen, ohne alles Bedenken mordet, sengt und brennt und am Ende noch in die unterste Hölle verdammt! O ihr Schlangen und Otterngezücht! Welcher Teufel hat euch denn gezeugt? Wahrlich, wäre der Herr nicht von einer endlosen Geduld, Sanftmut und Liebe, welche Hölle gäbe es denn, die schlecht genug wäre, euch aufzunehmen!?
RB|2|224|12|0|Ich will und darf euch kein Richter sein; der Herr tue euch nach euren schändlichsten Verdiensten. Würde ich euch aber richten, wahrlich, ich sage es hier laut im Angesicht Gottes, ich würde über euern Nacken eine Züchtigung verhängen, dass sich darüber die ganze Unendlichkeit Gottes verwundern soll. Bei Deinem allmächtigsten Namen, o Herr, Du kennst mich, ich habe allzeit alle Geduld und Nachsicht gehabt mit den Schwächen meiner mir untergebenen Brüder; aber bei dieser Brut der Hölle, bei diesem Auswurf Deiner Schöpfung erschaudere ich, und alle meine Geduld und Nachsicht hat da ihr entschiedenstes Ende gefunden.
RB|2|224|13|0|Schon auf der Erde, wo sich diese Brut maskierte, wo sich diese reißenden Wehrwölfe in Schafspelz verkrochen und nur ganz im Geheimen ihr schnödestes Unwesen trieben, habe ich sie von einer Seite kennen gelernt, die ganz vollkommen der untersten Hölle glich. Ich habe selbst mit eigener Hand ein Kruzifix, das ums teure Geld Blut schwitzte, und ein anderes, das sich immer den Bart wachsen ließ, zerstört. Denn es war doch zu heillos, zu sehen, wie diese besoldeten Knechte des Antichristen den armen blindesten Menschen den letzten Kreuzer aus dem Sack herauspressten durch allerlei Lug und Trug. Ich tat dagegen mein Möglichstes. Aber auf der Erde sah nach der Zurechtweisung doch noch bei manchem Pfaffen so ein Mignionmensch heraus, und man hatte mit ihm dann auch eine gerechte Geduld. Hier aber zeigt sich diese Brut in ihrer wahren Gestalt, ist grässlichst anzuschauen und noch grässlicher anzuhören. Herr, Dein Wille geschehe, aber meine Geduld ist da zu Ende!“
RB|2|224|14|0|Sage Ich: „Mein Bruder, sei nur ruhig und ärgere dich nicht! Denn sieh, es muss alles so kommen, sonst wären Daniel und Jesajas ja Lügner. Die haben von ihnen geweissagt, und ihre Weissagung muss erfüllt werden. In der Folge wirst du es einsehen, warum alles dies also kam und kommen musste. Nun aber gebe nur weiter Acht, denn es wird nun gleich eine andere Szene zum Vorschein kommen, von der du recht viel lernen wirst. Aber ärgern darfst du dich fürder nicht.“
RB|2|224|15|0|Auf obige energische Rede Josephs haben sich die Pfaffen alle samt ihren unteren und viel niederen klerikalischen Helfershelfern in ihre Winkel zurückgezogen, um allda über die ihnen angetane Beleidigung sich zu beraten – mit welch einer gelingbaren Rache sie uns für den ihnen angetanen Frevel bedienen sollen und wie sie uns wirksam in ihre vermeintliche Hölle hineinbringen könnten.
RB|2|225|1|1|Maßnahmen der Kirchenhäupter. Der Herr über Glaubenserweckung. Niederlagen als Kur der Stolzen. Beispiel vom Feldherrn. Josephs Ärger über die Pfaffen.
RB|2|225|1|0|Nach einer Weile vernehmen wir Orgeltöne, und zwar die Melodie des sogenannten Te Deum laudamus. – Joseph fragt Mich, sagend: „Herr, Du bester, heiligster Vater, was soll denn das bedeuten? Welchen Gott loben denn diese Deine offenbarsten Widersacher? Denn von Dir kann da doch ewig keine Rede sein! Welchen Gott also haben sie denn?“
RB|2|225|2|0|Sage Ich: „Ja du, Mein lieber Bruder, meinst denn du, dass sich die je um irgendeinen Gott bekümmert haben? Sieh, Gott ist ihnen ganz etwas Gleichgültiges. Dies Loblied gehört zu ihrer leeren Zeremonie und hat für sie als Sache selbst gar keinen Wert, außer dass es ihnen, so es außerordentlich geschieht, Geld, und das nicht wenig, trägt. Hier aber soll es bloß als ein Schreckmittel Dienste tun, um uns als vermeinte Teufel in die Flucht zu treiben, indem sie der Meinung sind, dass die Teufel überaus dumm sind, und sich auch schon durch scheinbar frömmliche Dinge sogleich in die Flucht treiben lassen. Auf diese Dinge halten zwar die meisten Pfaffen bei sich selbst nichts; aber sie üben sie dennoch deshalb aus, um damit die Dummheit noch breiter zu machen, als sie es ohnehin schon ist. Also das ist der Grund denn auch nun, dass wir bei solchen geweihten Tönen sogleich davonlaufen sollen.“
RB|2|225|3|0|Sagt Joseph: „Nicht übel, nicht übel! Aber gibt es denn nichts, um diesen Kerlen einen so recht derben Schabernack entgegenzusenden, sodass sie vor Angst speien sollen? Vielleicht könnte so etwas diese Wesen auf andere Gesinnungen bringen.“
RB|2|225|4|0|Sage Ich: „Das darf aus zwei Hauptgründen nicht geschehen! Erstens, um sie nicht in ihrer Freiheit zu stören – da kein gebundener Geist mehr irgendetwas zu seiner Besserung leisten kann und an und für sich so gut wie tot ist, und Zweitens könnte man diese Geister, die selbst an gar kein Wunder glauben, obschon sie das Volk durch lauter Wunder blenden möchten, auch durch was immer für ein auch noch so reines Wunderwerk nie zu irgendeinem Glauben bringen. Denn sie würden die großartigsten Wunder geradeso ansehen, als wie zu Meiner Zeit auf der Erde die Priester und Schriftgelehrten alle Meine Wundertaten aufgenommen und angesehen haben.
RB|2|225|5|0|Siehe, bei Meinem Tod zerriss der Vorhang im Tempel von oben bis unten in zwei Teile; die Bundeslade verschwand und ward hernach nicht mehr irgendwo gesehen; Sonne und Mond verloren ihr Licht; die Gräber öffneten sich und die Verstorbenen kamen aus den Gräbern und verkündigten vielen Meine Ehre. Viele Heiden schlugen sich an die Brust und sagten: ‚Dies war wahrhaftig ein Gott!‘ und glaubten darauf fest an Meinen Namen. Aber die Priester und Schriftgelehrten wurden darauf nur noch härter und verfolgten mit aller Energie Meine Schüler und Meine Lehre. Mehr kann man denn doch nicht tun, als einen Lazarus, der bereits vier Tage im Grab gemodert hatte, vom doch gewiss sichersten Leibestod erwecken und ihn frisch und gesund den Seinen wiedergeben. Welchen Effekt aber hat diese gewiss keinem Menschen mögliche Tat bei den Priestern, Pharisäern und Schriftgelehrten zuwege gebracht? Nichts anderes, als dass sie hernach desto energischer zu beraten anfingen, Mich aus der Welt zu schaffen. Aus dem kannst du, Mein lieber Bruder, schon ersehen, wie wenig bei diesen Wesen, die noch zehnmal ärger sind als die jüdischen Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer zu Jerusalem es je waren, ein wie immer geartetes Wunder wirken würde. Eine gute, wahrheitsvolle Rede ist und bleibt noch immer das beste und allerunschuldigste Mittel, um solche Wesen auf einen besseren Weg zu bringen, obschon vorderhand bei diesen hier nicht viel zu erhoffen sein wird.“
RB|2|225|6|0|Sagt Joseph: „Ja, das ist gewiss und wahr, bei diesen wird sich wenig machen lassen! Neugierig aber bin ich doch, was die Kerls nun machen werden und womit sie zum Vorschein kommen.“ – Sage Ich: „Siehe nur hin dort, wo noch der Höllenrachen in künstlicher Glut sich befindet! Von dort aus wird nach plötzlicher Verwandlung dieser höllischen Spektakelszene die neue Prozedur beginnen! Aber nur musst du dich nicht ärgern! Denn diese legen es geflissentlich darauf an, dass wir uns wohl recht in die Haut hinein ärgern sollen; und so wir uns darob wirklich ärgern würden, so würde das für sie gerade ein Triumph sein. Diesen aber ersparen wir ihnen, so wir uns auch nicht im Geringsten ärgern und dafür den Ärger zu ihnen selbst zurückkehren lassen, der ihnen dann am ersten ihre vollste Ohnmacht zeigt und sie zu demütigen beginnt.
RB|2|225|7|0|Einen stolzen Geist kann man durch nichts eher zur Demut bringen, als wenn man ihm von allen seinen Plänen aber auch nicht einen gelingen lässt. Siehe an die stolzen Feldherren, welch eine ungeheure Meinung haben sie von sich, wenn sie irgendwo über den Feind einen Sieg erfochten haben! Trete wer zu ihnen und sage es, dass der Sieg nur ein zufälliger war und durch ein glückliches Ungefähr herbeigeführt wurde – von Mir darf da freilich schon gar keine Erwähnung geschehen – nun, der einem Feldherrn so was sagen würde, dem möchte es doch nicht am besten ergehen. Ich aber lasse so einem Feldherrn hernach eine Niederlage um die andere überkommen, und der große Mann sitzt dann bald irgendwo ganz ruhig und verzehrt ganz gemächlich seine Pension, und vergisst am Ende alle seine Heldentaten und wird oft ein recht lieber und artiger Mensch. Und so wollen wir es auch nun mit diesen Pfaffen wie mit allen auf der Erde machen! Und du wirst es sehen, das wird die möglichst beste Kur für sie sein. Darum denn nur keinen Ärger über sie, lieber Freund und Bruder!“
RB|2|225|8|1|(Am 1. Aug. 1850)
RB|2|225|8|0|Spricht Joseph: „O Herr, ich sehe es nun klarst ein, dass Du ganz vollkommen allein in allen Punkten recht hast! Ja, so ist es am besten, und so allein nur kann es gehen! Aber wegen dem Sich-Ärgern oder Nicht-Ärgern, da hat es seine geweisten Wege. Wenn Du, o Herr und Vater, nicht jemandes Herz ganz mit Deiner Sanftmut erfüllst, der kann tun, was er will, mag und kann, und denken, so viel es ihm nur immer möglich ist, so wird er sich vor dem Ärger dennoch nicht völlig enthalten können, wenn er diese Wesen so schmähliche Sachen und Dinge durch lauter selbstsüchtigsten Trug und die eigennützigste Lüge zuwege bringen sieht. Habe ich doch auf der natürlichen Erde viele Hunderte von den miserabelsten Gelegenheiten gehabt, wie eben die Pfaffen von oben bis unten mir am meisten mit ihren Gesuchen und Rekursen in den Ohren gelegen sind und mir aus den selbstsüchtigsten Gründen, die man von weitem erkennen musste, derart lästig geworden sind, dass ich sie alle hätte totschießen mögen. Jeder andere Mensch hatte vor mir, als einem Kaiser, seinen gemessenen Respekt und die möglichst höchste Achtung; aber diese Brut, besonders so es etwas Kirchliches galt, woraus für ihren Sack ein bedeutender Vorteil heraussah, war dir doch so dreist als wie eine Sommerfliege und gab eher keine Ruhe, als bis sie, so es nimmer gerade gehen konnte, auf den allerverschmitztesten Kriech-, Schleich- und Krummwegen am Ende dennoch das erreichte, was sie hatte erreichen wollen. Und so ich dann hinter so etwas kam, ja da musste ich mich denn doch wieder ärgern bis zum Grün- und Gelbwerden. Hier in dieser Welt aber kommt das noch viel ärgerlicher heraus, indem man sogleich bei jeder geringsten Bewegung nur zu klar einsieht, welch eine allerniedrigste Absicht diese geistigen Lumpen und Spitzbuben mit jeder ihrer Handlungen, ja mit jeder ihrer Mienen verbinden.
RB|2|225|9|0|Sie spielen die Frommen, ums zahlende Vertrauen ihrer Schafe zu wecken. Sie gehen barfuß einher, um den Schafen glauben zu machen, dass sie demütig sind und dass ihre Demut sehr viel Geld wert ist. Sie beten öffentlich mit andachtsvollen Mienen, um die Goldminen ihrer gläubigen Schafe locker und transzendent zu machen. Sie machen bei ihren Messen ganz entsetzlich tiefe Referenzen und beugen ihr Haupt nahe bis zur Erde, um den Schafen zu zeigen, von welch einer allerunbegrenztesten Hochachtung und Ehrfurcht sie vor dem Tisch Gottes durchdrungen seien. Aber bei sich selbst glauben sie nichts und tun das nur, um desto mehr Messopfer anzulocken; denn die Blindschafe meinen, dass eine Messe, mit solch einer sichtlichen Andacht gelesen, schon für alle Übel, die nur immer auf der Erde gang und gäbe sind, gut sein muss. So sind die sogenannten schönen und gewöhnlich neueren kirchlichen Paramente [Kirchengewänder] viel stärker geweiht, und haben die geheime doppelte Weihe, weil sie angerührt sind; deshalb aber kosten sie auch mehr als die alten schon mehr zerlumpten und beschmutzten.
RB|2|225|10|0|O Herr, eine zahllose Menge solcher Dinge gibt es bei dieser echten Gespensterkaste, über die, so man auf ihren Grund gekommen, man sich über alle Maßen ärgern muss! Aber was kann man dabei tun? Nichts als zusehen eine Zeit lang, und wenn's einem am Ende zu arg wird, dreinschlagen wie ein ägyptisches Donnerwetter. Es ist richtig, dass diese Lumpen es darauf anlegen werden, uns zu ärgern, und wir uns aber dennoch nicht ärgern sollen, um ihnen keinen Sieg über uns einzuräumen. Aber der Kuckuck halte es aus! So ich nur einen sehe, da dreht sich bei mir schon alles festweg um und um. Wie gesagt, Herr und Vater, so Du mich nicht besonders hältst, kann ich nicht gutstehen, ob ich mich nicht ärgern werde.
RB|2|225|11|0|Aha, aha! Nun ist die Hölle schon ganz verschwunden und wir stehen nun auf einmal ganz in optima forma inmitten des Stephansdomes, der noch ganz so aussieht, wie er bei meinen Lebzeiten ausgesehen hat. Jetzt kommen die rotbemäntelten Kirchendiener, um Kerzen anzuzünden! Sie zünden alle Kerzen an und decken den Hochaltar ab. Nun, am Ende werden sie uns gar mit einem levitierten Amt hinausheizen wollen. Die Geschichte wird ja recht lustig und possierlich! Freund Migazzi, wie kommt denn dir diese Geschichte vor?“
RB|2|225|12|0|Sagt Migazzi: „Wie soll sie mir wohl je anders als dumm, überdumm vorkommen!? Aber ärgern kann ich mich wahrlich nimmer darüber, weil die Sache zu ungeheuer dumm ist! Aber lachen, ja, so viel du nur immer willst. Denn darüber kann sich kein Mensch mehr ärgern, so diese allerborniertesten römischen Dummköpfe sich auch als Geister nicht wollen kurieren lassen. Lassen wir das alles unserm lieben guten Herrn und Vater über und seien wir guten Mutes und guter Dinge! Diese Wesen aber lassen wir ungestört machen, was sie wollen; das wird für sie auch sicher die beste Kur sein. Was nützt uns da all das Aufzählen von den allerungebührlichsten Sachen und Dingen, von allen den Lügen und Betrügereien, von all den Filoustückeln und Grausamkeiten dieser Wesen und ihrer Konsorten? Sie sind darum dennoch, wie sie waren und wie sie auch höchstwahrscheinlich verbleiben werden! Denn wir zwei werden nichts ändern an ihnen.“
RB|2|225|13|0|Sagt Joseph: „Da hast du allerdings recht! Denn an diesen ist im buchstäblichen Sinn des Wortes und der Bedeutung nach die Taufe und das Chrisam lange total verdorben, und es wird an ihnen darum auch schwerlich je etwas zu bessern sein. Aber ich selbst bin von der Art, dass es mir gerade leichter geschieht, wenn ich mich so ein wenig meines Ärgers dadurch entledige, wenn ich hier vor dem Herrn und eben auch vor den Ohren jener Weltlumpen ihre Hauptstückchen ihnen ins Gedächtnis zurückrufe, auf dass an ihnen erfüllt werde, was der Herr Selbst auf der Welt allen solchen Hauptlumpen verheißen hatte, da Er ganz ausdrücklich sagte: ‚Von den Dächern herab wird man's euch laut verkündigen, was ihr im Geheimen Arges getan habt!‘ – Sie halten nun ein gespenstisches Hochamt. Bis sie fertig werden, kann ich mich noch von so manchem entledigen, was mich drückt.“
RB|2|226|1|1|Der Herr über das Messopfer und die ewige Verdammnis.
RB|2|226|1|0|(Joseph:) „Herr, Du bester Vater aller Menschengeister, sage es mir doch, so Du mich als irgend dafür wert findest, ob denn an dem sogenannten Messopfer, von dem einem Petrus doch sicher nie etwas geträumt hat und in keiner Heiligen Schrift etwas davon steht, denn doch etwas daran sei? Denn es könnte vielleicht, wie ich es mir oft auf der Erde gedacht habe, doch wohl etwas daran sein, besonders wenn so recht stillen Orts ein recht herzlich guter Priester, gläubig und in der besten Meinung von der Welt, Dir, Gott dem Herrn, ein wahrhaft andächtiges Messopferchen darbringt, das er aber umsonst verrichtet, da sich ganze Monate lang kein Zahlender einfindet, der Priester auch überhaupt von dem Schrot und Korn ist, sich kein Messopfer zahlen zu lassen, weil er es wirklich als zu heilig erachtet und seinen lieben Heiland um keine Silberlinge mehr verkaufen will. Ich meine, so ein Messopfer dürfte bei Dir, o Herr, denn doch nicht ganz ohne Wert sein!“
RB|2|226|2|0|Sage Ich: „Mein liebster Freund! Was kann wohl bei Mir ohne Wert sein, so es im rechten Sinn verrichtet wird? So Ich dir einen jeden Becher frischen Wassers, den du einem Durstigen reichtest, so er unvermögend war, sich selbst ein Wasser an irgendeiner Quelle zu schöpfen, hundertfach belohnen will – um wie viel mehr werde Ich ein andächtig verrichtetes Messopfer eines wirklich frommen und edelherzigen Priesters, deren es aber freilich leider nur sehr wenige gibt, mit dem wohlgefälligsten Herzen ansehen und werde segnen, den Priester wie sein Opfer. Denn Ich sehe ja nur allzeit aufs Herz und nie auf die Form. Denn durch ein liebevolles und gerechtes Herz wird auch jede äußere Form, wie sie auch immer beschaffen sein möchte, gerecht und gut vor Mir – obschon an der Form, möge sie was immer für ein Gesicht haben, gar nichts liegt und sie auch keinen Wert hat und haben kann, weder äußerlich noch innerlich.
RB|2|226|3|0|Ich habe nur einmal, und das für alle Menschen gleich, Mich Dem geopfert, der in Mir ein heiliger Vater von Ewigkeit ist. Von diesem einigen und einzigen Opfer an gibt es für ewig kein zweites, und diesem ähnliches mehr. Aber so irgend gute und wahrhaft fromme Kinderchen eines großen Helden nach ihrer Erkenntnis und Fähigkeit eine größte Heldentat ihres Vaters in eine entsprechende Szene bringen und sie dem Vater mit wonnetrunkenen Augen vorführen, sage selbst, ob so was den Vater freuen wird oder nicht! Sieh, er wird sicher eine recht große Freude daran haben, obschon durch diese Aufführung kein gedrücktes Volk mehr vom harten Joch eines Tyrannen befreit wird. Und sieh, gerade also ist es auch bei Mir. Durchs Messopfer wird nichts zuwege gebracht, aber durch das edle Herz dessen, der es verrichtet, sehr vieles! Denn da wird es von Mir wahrhaft gesegnet, nicht aber etwa als ein Opfer, sondern als eine Szene Meines Erdenlebens. Denn ein Opfer kann es nimmer geben, weil, wie gesagt, dieses schon einmal als gültig für ewig vollbracht wurde, weshalb Ich auch am Kreuz zum letzten Mal ausrief: ‚Es ist vollbracht!‘ Was aber einmal vollbracht und vollendet ist für alle Zeiten der Zeiten, das kann dann nie wieder noch einmal vollbracht und vollendet werden.
RB|2|226|4|0|Ist aber an und für sich ein rechtschaffener Priester vermöge des erhaltenen Unterrichts dennoch der Meinung, dass er ein gleiches Opfer in seiner Messe verrichte, wie Ich es verrichtet habe am Kreuz, nun, so werden wir ihm das wohl zu keiner Sünde anrechnen, sondern zu ihm sagen: ‚Es sei dir vergeben; denn du wusstest es ja nicht, was du getan hast!‘ – Wohl aber soll es jenen angerechnet werden, die bei sich übers ganze Opfer lachten und sagten: ‚Mundus vult decipi, ergo decipiatur!‘ [Die Welt will betrogen sein, also werde sie betrogen!] Denn wer jemanden des eigenen Vorteils wegen will etwas unter Hölle, Mord und Brand glauben machen, worüber er bei sich selbst lacht, der ist kein Priester, sondern wahrhaft ein Teufel! Dessen Lohn wird gleich sein seiner falschen Mühe und seinem falschen Eifer. Hast du das alles wohl verstanden, Mein lieber Bruder Joseph?“
RB|2|226|5|0|Spricht Joseph: „Ja, mein Herr und Vater, wie soll ich das auch nicht verstanden haben, indem Du die Sache mir nahe auf ein Haar so gezeigt hast, als wie ich mir sie oft vorgestellt habe. So ist es und es kann unmöglich je anders sein. O ich danke Dir, dass Du Deine Ordnung gerade so eingerichtet hast, als wie ich sie bei meinen irdischen Lebzeiten gar oft gedacht und mir vorgestellt habe.
RB|2|226|6|0|Nur eines geht mir noch ab zur vollen Ruhe meines Herzens, und das ist eine Aufhellung über den fast in allen christlichen Religionssekten vorkommenden Begriff von einer sogenannten ewigen Strafe. Gibt es eine solche, oder gibt es keine? Denn so man für die irdischen Minuten ehrlichen und rechtlichen Lebenswandels eine ewige Belohnung erhält, so kann man nicht leichtlich umhin, auch anzunehmen, dass es gegenüber einer ewigen Belohnung auch füglicherweise eine ewige Strafe geben müsse. Denn gebührt hier im Reich der Geister einer kurzen edlen Tat ein ewiger Lohn, so gebührt dem gegenüber auch für eine kurz dauernde böse Tat ein ewiger Strafzustand in der Hölle oder wo immer. Ich finde diese Annahme ganz logisch richtig.“
RB|2|226|7|0|Sage Ich: „Du schon, aber Ich nicht, indem Ich mit all dem, was Ich geschaffen habe, doch unmöglich mehr als nur einen Zweck vor Augen haben konnte. Der Ich Selbst nur das ewigste Leben bin, so konnte Ich ja nie Wesen für den ewigen Tod erschaffen haben. Eine sogenannte Strafe, wo sie auch immer vorkommen mag, kann daher nur als ein Mittel zur Erreichung des einen Grund- und Hauptzwecks, ewig nie aber als ein quasi feindseligster Gegenhauptzweck sein; daher denn auch von einer ewigen Strafe nie die Rede sein kann. Verstehst du, lieber Bruder, nun dieses?“
RB|2|226|8|0|Spricht Joseph: „Ja, Dir, o Herr, ewig Dank, Liebe, Lob und Ehre, das verstehe ich nun ganz! Und es wäre mir nun nahe unmöglich, es nicht zu verstehen. Aber in der Schrift, und zwar aus Deinem allerheiligsten Mund selbst steht es nur zu deutlich geschrieben von einem ewigen Feuer, das nimmerdar erlischt, von einem Wurm, der nimmer stirbt! Ja, es steht geschrieben: ‚Weichet von Mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Dienern bereitet ist!‘ – Ja Herr, ich kenne eine Menge Texte, wo der Hölle und ihres ewigen Feuers sehr handgreiflich gedacht wird. So es nun denn aber keine ewige Strafe gibt, ja, so dieses sogar von dem Sträfling selbst abhängt, in derselben zu verbleiben, so lange er mag und will – da sehe ich denn durchaus nicht ein, wie da von einem ewigen Feuer, das nimmer verlischt, und von einem Wurm, der nimmer stirbt, die Rede in der Schrift sein kann.“
RB|2|226|9|0|Rede Ich: „Mein liebster Freund und Bruder! Es steht wohl geschrieben von einem ewigen Tod, welcher da ist ein ewig festes Gericht, und dieses Gericht geht hervor aus Meiner ewig unwandelbaren Ordnung, und diese aber ist das sogenannte Zorn- oder besser Eiferfeuer Meines Willens, der ganz natürlich also für ewig unwandelbar verbleiben muss, ansonst es mit allem Geschaffenen auf einmal gar aus wäre.
RB|2|226|10|0|Wer sich aber von der Welt und von ihrer Materie hinreißen lässt, der ist freilich so lange als verloren und tot zu betrachten, als wie lange er sich von der gerichteten Materie nicht trennen will. Es muss also der Geschaffenen wegen wohl ein ewiges Gericht, ein ewiges Feuer und einen also lautenden ewigen Tod geben. Aber darin liegt ebenso wenig die Folge, dass ein darin gefangener Geist so lange gefangen verbleiben muss, als wie lange dieses Gericht an und für sich dauern muss; wie auch, so du auf Erden ein allerfestestes Gefängnis erbaut hättest, das gleich einer ägyptischen Pyramide Jahrtausenden trotzen soll, die Gefangenen deshalb nicht auf die ganze mögliche Dauer des Gefängnisses verurteilt werden sollen.
RB|2|226|11|0|Ist denn Gefängnis und Gefangenschaft nicht doch für jedermann ersichtlich zweierlei? Das Gefängnis ist und bleibt freilich ewig und das Feuer Meines Eifers darf nimmer erlöschen; aber die Gefangenen bleiben nur so lange im Gefängnis, als bis sie sich bekehrt und gebessert haben.
RB|2|226|12|0|Übrigens steht in der ganzen Schrift aber auch nicht eine Silbe irgendwo von einer ewigen Verwerfung oder Verdammnis eines Geistes, sondern nur von einer ewigen Verdammnis der Nichtordnung gegenüber Meiner ewigen Ordnung, die notwendig ist, weil sonst nichts bestehen könnte. Das Laster als Unordnung oder Widerordnung ist wahrlich ewig verdammt, aber der Lasterhafte nur so lange, als er sich im Laster befindet. Also gibt es auch in aller Wahrheit eine ewige Hölle, aber keinen Geist, der seiner Laster wegen ewig zur Hölle verdammt wäre, sondern nur bis zu seiner Besserung. Ich habe wohl zu den Pharisäern gesagt: ‚Darum werdet ihr desto mehr oder eine längere Verdammnis überkommen!‘ – aber nie: ‚Darum werdet ihr auf ewig verdammt werden!‘ – Verstehst du nun deine so gefährlich aussehenden Schrifttexte? Oder verstehst du etwa noch etwas nicht?“
RB|2|227|1|1|Der Herr erklärt den Sinn von der unübersteiglichen Kluft. Joseph als milder Richter und als Freimaurer.
RB|2|227|1|1|(Am 5. Aug. 1850)
RB|2|227|1|0|Spricht Joseph: „O Herr, was du nun geredet hast, habe ich wieder ganz vollkommen verstanden. Aber noch einen einzigen kleinen Punkt in der Schrift verstehe ich nicht ganz, wie man ihn eigentlich verstehen soll. Und das ist die unübersteigliche Kluft in der Parabel vom reichen Prasser, den Du, o Herr, vor den Augen der Welt in die Hölle gestellt hast. Das ist eben dieser fragliche Punkt. So denn zwischen denen, die im Schoße Abrahams, Isaaks und Jakobs im Himmel sich befinden und zwischen denen, deren schrecklichstes Los die Hölle ist, eine ewig nimmer übersteigbare Kluft sich befindet, darüber niemand mehr weder hin- noch herkommen kann – wie wird dann wohl eine Erlösung aus der Hölle möglich sein? Dass aber aus der Hölle schwerlich je eine Erlösung stattfinden dürfte, leuchtet auch noch aus einem andern Lehrtext der Schrift hervor, wo nämlich den Sündern gegen Deinen heiligen Geist (Mark. 3,29) entweder eine nur sehr schwere oder auch gar keine Erlösung zugesichert ist, und das ausdrücklich, o Herr, aus Deinem heiligsten, höchsteigenen Munde. Was hat es sonach mit der unübersteiglichen Kluft und mit den Sündern gegen Deinen heiligen Geist für eine Bewandtnis?“
RB|2|227|2|0|Sage Ich: „Dasselbe, wie da die sogenannten Rechtsgelehrten in der Welt sagen: Volenti non fit injuria. Wer es selbst also will, dem geschieht kein Unrecht. Die Kluft aber bedeutet wieder den nie übersteigbaren Unterschied zwischen Meiner freiesten Ordnung in den Himmeln und der ihr in allem schnurgerade widerstrebenden Unordnung in der Hölle. Dieser Text bezeichnet also nur die Unvereinbarkeit der Ordnung und der Unordnung, nicht aber eine quasi ewige Torsperre für denjenigen, der sich darin befindet.
RB|2|227|3|0|Dass aber einer, der schon so schlecht ist, dass er sich selbst schon vollkommen zur Hölle wird vermöge seines freiwilligen Übergehens aus Meiner freiesten Ordnung in die notwendigst für ewig gerichtete Widerordnung, eben nicht gar zu bald und gar zu leicht aus der Hölle kommen wird, das versteht sich von selbst, indem es dir nur zu bekannt sein muss, wie schwer und hart es einem Bösestolzen und in allem Herrschsuchts-Hochmut Gefangenen ist, in die Sanftmut und Demut der Himmel überzugehen. Es ist so was gerade wohl keine Unmöglichkeit, aber dennoch eine große Schwierigkeit. Du wirst in der Zukunft es nur gar zu oft noch erfahren, wie schwer es hergeht, jemanden vollends aus der Hölle zu heben. Der Stolze kehrt immer wieder zum Stolz zurück, der Unkeusche zur Unkeuschheit, der Träge zur Trägheit, der Neider zum Neid, der Geizhals zum Geiz, der Lügner zur Lüge, der Prasser und Schwelger zum Prassen und Schwelgen, der Dieb zum Stehlen, der Räuber zum Raub, der Mörder zum Mord, der Rohe zur Rohheit, der Wollüstling zur Wollust usw. Wenn man ihnen die unordentlichen Eigenschaften auch tausendmal rügt, so verfallen sie alsobald wieder in die gleichen sündigsten Leidenschaften, als ihnen zu ihrer nötigsten Sichselbstrichtung die fürs ewige, freie Leben bedungene Freiheit gegeben wird. Und je öfter sie wieder in einen Rückfall kommen, desto schwächer werden sie stets und desto schwerer wird es ihnen auch, sich aus den bösen Leidenschaften zu erheben und als lautere Geister in Meine wahre, ewige, göttliche Freiheit überzugehen.
RB|2|227|4|0|Aber bei den Menschen-Geistern ist wohl gar vieles unmöglich, was aber Mir am Ende dennoch gar wohl möglich ist und sein wird. Denn bei Mir sind alle Dinge möglich. Verstehst du dieses?“
RB|2|227|5|0|Spricht Joseph: „Ja, mein Herr, mein Gott, mein heiliger Vater! Jetzt sind mir alle jene Texte klar, die ich auf der Erde wohl geglaubt habe; aber sie haben auf mich nie einen wohltätigen Eindruck gemacht, obschon ich, als ein irdisch plenipotenter [vollmächtiger] Kaiser, selbst alles auf die gewissenhafteste Gerechtigkeit halten musste und durfte nicht Gnade üben, wo mir irgendein harter Sünder unterkam.
RB|2|227|6|0|Merkwürdig aber war das doch stets in meinem Gemüt, dass ich keinen harten und strengen Richter leiden konnte. Wer aus meinen vielen Amtsrichtern die in dem ihm angewiesenen Bezirk vorkommenden Sünder zu scharf richtete, dem war meine Gunst ferne. Wer aber die Sünder nach ihren Vergehungen so richtete, dass er dem Sünder wohl die Größe und Schwere seiner Sünde recht genau zeigte, wie auch aus dem Strafkodex zeigte, welcher Strafe er verfallen, darauf aber bei den Reuigen auf meinen Namen hin den Akt der Gnade übte und dem Sünder statt fünf Jahre schweren Kerkers nur ein Jahr im milderen und leichteren Kerker als korrektive Strafe gab, der wurde bei mir im weißen Buch vorgemerkt und hatte an mir seinen sicheren Freund.
RB|2|227|7|0|Und so war es denn auch, wenn ich das Evangelium las. Wenn ich die Verse durchging vom verlorenen Sohn, vom guten Hirten, wenn ich die Ehebrecherin in dem Tempel vor Dir betrachtete, den Zachäus vom Baum herabrufen hörte, den gerechtfertigten Zöllner im Tempel sagen hörte: ‚O Herr, ich bin nicht wert, meine Augen zu Dir emporzuheben!‘ – und Dich, o Herr, mit dem samaritanischen Weib am Jakobsbrunnen allerbedeutungsvollste, heilige Worte tauschen vernahm, da konnte ich mich nie der Tränen erwehren. O welch ein Gefühl hat Dein Wort am Kreuz: ‚Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!‘ in mir stets rege gemacht. Aber die Stellen, wo Du, wennschon gerechtestermaßen, die Sünder mit schärfsten Fluch-Sentenzen zur Hölle wiesest und wo ich überhaupt von Deiner Seite (Herr, vergib mir, dass ich so frei vor Dir mir zu reden getraue!) eine gewisse Unversöhnlichkeit entnahm, machten auf mein Gemüt wahrlich keinen guten Eindruck. Ich sah darin wohl einen gerechten, allmächtigen Gott walten, aber Ihm gegenüber nichts als allerohnmächtigste Wesen, die sich die endloseste Machtschwere ihres Schöpfers und ewigen Richters müssen gefallen lassen.
RB|2|227|8|0|Ich zwang mein Herz, diesen allmächtigen Gott wohl aus allen Kräften zu lieben und stellte mir auch die schrecklichsten Folgen so recht lebendig vor, so mein Herz Gott nicht über alles liebte; aber ich muss zu meiner Schande und meinem Ärger gestehen, mein Herz wollte sich in dieser Liebe nicht finden. Und so ich ein hübsches gemütliches Mädchen vor mir sah und mein Herz emsiger pulsen vernahm, so fragte ich mich gleich wieder: Wie sieht es nun mit deiner Liebe zu Gott aus? Ist sie stärker oder schwächer als die zu diesem Mädchen? Und das zartfühlende Herz, ich muss es offen gestehen, fand in dem holden, sanften Mädchen unwillkürlich mehr Anziehendes als in der die schärfste Gerechtigkeit donnernden Gottheit. Ich wurde durch solche Selbstprüfungen und Vergleiche denn auch ein Freimaurer, um da zur tieferen Kenntnis Gottes zu gelangen. Ich habe dabei wohl recht viel gewonnen, aber der allmächtige schärfest gerechteste Richter wollte um keinen Preis ein sanfteres Gesicht mir zeigen. Ich las viel von der reinen Liebe zu und in Gott; aber der ewig unerbittliche Richter wollte durchaus nicht untergehen und die Hölle nicht verlöschen.
RB|2|227|9|0|So stellte ich mir auch oft recht lebendig Dein Leiden und Sterben vor und wie Du, der Du aus Liebe zu den Menschen so viel leiden wolltest, um sie glücklich zu machen, eine gerechteste Ursache haben magst, mit den Sündern unbarmherzig zu sein und ihre Sünden, die ein Grund Deiner Leiden waren, unerbittlich streng zu ahnden. Aber mein dummes Herz wollte sich alles dessen ungeachtet in die non plus ultra Liebe zu Dir dennoch nie ganz finden.“
RB|2|228|1|1|Der große Exorzismus und die säumende Hilfe der Schmerzhaftesten.
RB|2|228|1|1|(Am 8. Aug. 1850)
RB|2|228|1|0|[Joseph:] „Aber nun, o Herr – Dir allein alle Liebe, alles Lob! – bin ich erst auf dem rechten Weg! Jetzt verstehe ich Dein heiliges Wort, und Du, o Herr, bist mir nun erst die Liebe aller Liebe! Kurz, ich bin nun ganz geheilt und wollte, dass alle Menschen es also wären. Aber nun geht das Messopfer dieser Pfaffen auch zu Ende. Was wird darauf etwa nun geschehen?“
RB|2|228|2|0|Sage Ich: „Mein lieber Bruder, du wirst es sogleich sehen, wie sie nun einen sogenannten Exorzismus an uns ausüben wollen werden. Aber wir werden ihn nicht annehmen und dafür an ihnen einen sonderlichen Gegenexorzismus in die Anwendung bringen. Und da wirst du deine Wunder sehen, was da alles zum Vorschein kommen wird. Aber, wie gesagt, nur keinen Ärger dabei! Das ist eine Grundbedingung, ohne die wir wenig oder nichts ausrichten würden; denn bei diesen bedarf es einer scharfen Feile.“
RB|2|228|3|0|Nun ist der letzte Monstranzensegen mit seinem nichtssagenden „Genitori, Genitoque“ zu Ende, und wir als die vermeintlichen bösen Geister sind nicht geflohen. Das ärgert nun die Pfaffen ganz entsetzlich und ihre reichliche und zahlreiche Dienerschaft fängt an, gegen dies gehaltene Hochamt verschiedene Verdächtigungen zu machen. Einige meinen, dass das heilige Geschirr eher von ungeweihten Händen angerührt worden sei und dass deshalb das ganze Amt vor Gott keinen Wert haben kann und somit auch keine Kraft. Ein anderer sagt, vielleicht habe etwa die heilige Wäsche eine Hure oder eine Ehebrecherin oder gar eine Lutheranerin gewaschen und dadurch das heilige Messgerät tiefst entheiligt, und da könnte der Teufel freilich lachen, wenn er solch ein Messopfer verrichten sieht. Ein anderer meint, der Hauptfungierende habe zu wenig tiefe Referenzen gemacht und sich dadurch der allerheiligsten Himmelskönigin missfällig erwiesen; sie habe darum ihre Gnade nicht hinzugegeben, und so sei das Messopfer ohne Kraft und Wirkung gewesen. Man soll nur noch ein Amt halten, aber mit den allertiefsten Referenzen, was der allerseligsten Himmelskönigin am besten gefiele, und er stehe dafür, dass bei einem solchen tiefst referenzierten Amt die Teufel nicht gegenwärtig bleiben werden.
RB|2|228|4|0|Ein anderer wieder will bemerkt haben, dass ein Ministrant beim „Confiteor“ und namentlich beim „Mea culpa“ zu wenig an die Brust geschlagen habe. Ja, einen Schlag habe er sich etwa eines teuflischen Flohes wegen auf den Bauch gegeben, und das zerstöre etwa auch die Wirkung der Messe. Denn man soll es kaum glauben, von welcher Kleinigkeit oft die Wirkung oder Nichtwirkung einer Messe abhänge. Ihm habe das einmal ein alter, frommer Kapuziner ganz haarklein auseinandergesetzt.
RB|2|228|5|0|Einer bemerkt gar etwas Lächerliches und sagt: Das Epistelpolster sei beim Infundieren verkehrt worden, was er wohl bemerkt habe. Und wenn so etwas geschieht, so ist die Messe ohne Kraft; denn aufs Epistelpolster legt die glorreichste Mutter, so das heilige Messbuch auf das Evangeliumspolster übertragen wird, das Christkindlein. Wird aber das Polster verkehrt, so nimmt sie das Christkindlein wieder weg und die Messe ist ohne Wirkung. Daher sei es auch notwendig, dass diese heiligen Polster, und zwar das linke mit dem Namenszeichen Jesu und das rechte mit dem der allerheiligsten Jungfrau Maria mit Gold gestickt bezeichnet sind, auf dass da ja keine Verwechslungen und Verkehrungen statthaben können, weil so was dem Messopfer einen entschiedenen Nachteil brächte.
RB|2|228|6|0|Ein Zeremoniarius fragt, ob nicht etwa jemand die Stola verkehrt übers Kreuz mit dem Zingulum überbunden habe? Man untersucht und findet richtig bei einem bevespermantelten Assistenten, dass der linke Stolateil über dem rechten statt unter demselben liegt, und diesem Umstand wird nun die Misswirkung der Messe zugeschrieben. Und dieser Assistent, so er nicht ein Kardinal wäre, hätte in jedem Fall eine Strafe erhalten. Aber einem Kardinal kann man so was denn doch nicht mehr antun. – Aber ein Kapuzinerprior sagt doch: „Ja, wenn man bei der heiligsten Handlung so unvorsichtig ist, da könnte sich unsereiner zu Tode ministrieren, so würde das aber dennoch nichts nützen. Nein, die Stola verkehren! Das ist ja schon was Altes, dass da sogleich alle Engel, die unsichtbar bei der heiligsten Handlung ministrieren, vom Altar zurücktreten und ihre heiligen Gesichter abwenden. Und die heiligste Mutter Gottes kann da gar nicht zum Altar kommen, weil durch eine solche Unvorsichtigkeit sie alle ihre sieben Schmerzen wieder empfindet.“
RB|2|228|7|0|Hier wird es Meinem lieben Joseph förmlich unwohl; auch der Robert und die Helena können sich eines hellen Lachens kaum mehr enthalten. Hier tritt auch der Kaiser Franz zu Mir hin und sagt: „Herr, ich habe zwar nie viel gehalten auf die Pfafferei; nur des blinden Volkes Willen musste ich so manches tun, was diese Brut von mir verlangte; denn ich kenne den Papst und seinen Stuhl besser als tausend andere. Aber hätte ich diese Dummheiten je auf der Erde gehört, wie hier nun, da hätte ich sicher das vollendet, was mein Onkel Joseph begonnen hat. Nein, aber so was wäre mir auch im Traum nie eingefallen!“
RB|2|228|8|0|Sage Ich: „Seid nur ruhig, das ist alles noch nichts. Bei dem bald über uns ergehenden Exorzismus werdet ihr erst die großartigsten Wunder der Dummheit der Pfaffen kennenlernen! Denn von der römisch-katholischen Teufelsaustreiberei habt ihr alle keinen Begriff, besonders so nach ihren dümmsten Begriffen die Teufel irgendeinen sogenannten Gottestempel in den Besitz genommen haben. Habt nur auf alles Acht! Die Sache wird zwar von keiner langen Dauer sein, aber für euch alle dennoch sehr belehrend. Denn ihr Kaiser müsst das vorzugsweise sehen, weil ihr solche Dummheiten, die ihr leicht hättet abstellen können, für nichts und wieder nichts geduldet und hie und da sogar kräftigst befördert habt. Gebt nun nur Acht, der famose Exorzismus wird sogleich beginnen.“
RB|2|228|9|1|(Am 9. Aug. 1850)
RB|2|228|9|0|Ein Levit entfernt sich nun und mit ihm einige Dienstbare. In wenigen Augenblicken bringt er ein schwarzes Buch, das auf beiden Deckeln äußerlich mit einem weißgrauen Totenkopf geziert ist. Die Diener aber bringen eine Menge schwarzer sogenannter Requiem- und Exequien-Gewänder. Diese werden nun unter einigen lateinischen Murmeleien gewechselt und in wenig Augenblicken steht die ganze Hohepriesterschaft ganz schwarz vor uns. Es wird auch ein sogenannter Katafalk aufgerichtet, aber verkehrt, und eine Menge schwarzer Kerzen werden auf schwarze Leuchter so unordentlich als nur möglich gesteckt. Ein schwarzes Rauchfass und ein ebenso schwarzer Weihbronnkessel fehlt nicht samt einem ganz schwarzborstigen Sprengbartstock.
RB|2|228|10|0|Nun tritt der Hauptfungator vor und murmelt aus dem ihm ehrerbietigst vorgehaltenen Buch, und die andern sagen alle Augenblicke Amen dazwischen. Nach solcher ziemlich lange anhaltenden Murmelei wird die Hälfte der Kerzen angezündet, mit dem Rauchfass beraucht und mit dem Weihwasser besprengt. Dies Murmeln, Rauchen und Besprengen geschieht noch zweimal. Darauf wird ein schwarzer Strick hingelegt. Der Hauptfungator tritt im Namen Mariä auf den Strick, andeutend, dass er nun der Schlange den Kopf zertritt. Darauf wird eine große schwarze Schüssel mit glühenden Kohlen von den Dienern herbeigeschafft. Das Feuer wird dreimal verflucht und der Strick wird darauf in dieses Feuer geworfen. Nach dieser Operation wird wieder aus dem Buch gemurmelt und darauf das Feuer mit dem verbrannten Strick aus der Kirche geschafft. Nun aber werden eine Menge Knittel aus der Sakristei gebracht; ein jeder nimmt einen solchen in die Hand. Bei dieser Gelegenheit wird auch die andere Hälfte der Kerzen angezündet, aber dafür die schon brennende, zuerst angezündete Hälfte ausgelöscht. Nach diesem Akt werden die Knittel geweiht, beräuchert, besprengt und angerührt. Als dies beendet ist, sagt der Hauptfungator: „Hiscum fustibus percutiantur omnia!“ Das heißt: Mit diesen Stöcken muss jetzt alles zerschlagen werden, was die Teufel entheiligt haben. Auf dies Wort werden zuerst die Leuchter umgeschlagen. Darauf wird der Katafalk ganz zertrümmert und das Bahrtuch in Stücke zerrissen. Zugleich macht auch der Hauptfungator einen kleinen Riss in das weiße Unterkleid. Darauf beginnt ein wilder Lärm; ein jeder schreit was er nur kann, natürlich uns Quasiteufel aus der Kirche hinausverfluchend. Daneben wird mit diesen Knitteln auf allen Bänken herumgeschlagen, was nur immer möglich ist. Nur die Altäre werden geschont und die Orgeln; aber die armen Bänke müssen bei dieser Operation viel aushalten. Solange die Knittel nicht ganz zerschlagen sind, wird mit dieser Agitation nicht innegehalten.
RB|2|228|11|0|Aber als nach ein paar Stunden irdischer Zeitrechnung die Knittel zu Ende sind und wir denn doch noch fest dastehen und nicht um ein Haarbreit weichen wollen, beruft der Hauptfungator alle die Teufelsaustreiber zu sich und sagt: „Hört! Wir haben nun alles getan, mehr können wir nicht tun! Aber leider hat all unsere Mühe nichts gefruchtet. Ich bin daher der Meinung, dass wir noch die große lauretanische Litanei beten sollen, und zwar vor dem Bild der allerschmerzhaftesten Mutter Gottes. Holt sie aus der geheimen Kammer der Schätze Marias und stellt sie gerade vor das Tabernakulum hin! Zündet nun alle Kerzen an, auf dass wir mit der Litanei sogleich beginnen können! Maria ist und bleibt unser Schutz und Schirm und unsere letzte Zuflucht!“
RB|2|228|12|0|Sagt einer aus der Mitte: „Wenn aber das etwa auch nichts nützen sollte, was werden wir dann tun? Denn so dieser Generalexorzismus nichts gefruchtet hat, der doch ganz auf den Namen der allerseligsten Jungfrau sich fußt, was wird dann das tote Bild der Schmerzhaftesten und die große Litanei fruchten? Ich bin gar nicht mehr dafür! Übrigens kommen mir diese Wesen auch gar nicht als Teufel vor. Man betrachte sie nur genauer und man wird sich bald überzeugen, dass da hinter ihnen gar nichts Teuflisches zu stecken scheint.“ – Sagt der Hauptfungator: „Teufel können auch Engelsgestalten annehmen! Darum heißt es hier alles versuchen und daraus das Gute behalten. Darum geht nur ganz geschwind und bringt mir die Allerschmerzhafteste herbei! Amen dico vobis!“
RB|2|228|13|1|(Am 10. Aug. 1850)
RB|2|228|13|0|Ein paar Diener begeben sich nun sogleich nach dem Ort hin, wo sich das Bild der allerschmerzhaftesten Mutter befindet. Als sie aber das scheinbar hölzerne Bild herbeischaffen, da zeigt es sich, dass es ganz außerordentlich schadhaft ist. Es fehlen dem Bild die sieben Schmerzen, die gewöhnlich durch sieben in den Leib der Maria hineingestoßene Schwerter ausgedrückt werden. Dann fehlt dem Bild die Krone, der halbe Kopf, eine Hand und der ganze tote Heiland, den sie auf ihrem Schoß trägt. Von einer Farbe und Vergoldung ist keine Rede mehr. Dafür aber ist das, was noch von der Allerschmerzhaftesten da ist, desto wurmstichiger, und die ganze Figur wäre kaum mehr zur Beheizung eines kleinen Kamins zu gebrauchen.
RB|2|228|14|0|Als der Großfungator dies zerstörte Bild ansieht, sagt er ganz verdrießlich: „Aber um des Himmels willen! Was ist denn mit diesem glorreichen, außerordentlich mirakulösen Gnadenbild geschehen? Das sieht ja doch so jämmerlich aus als wie die sieben teuren Zeiten in Ägypten. Mein Gott und mein Herr! Wie hast denn Du dies heilige Bild Deiner allerseligsten Mutter gar so zugrunde können gehen lassen? Ei, ei, ei! Was wird nun da zu machen sein? Sagt mir, gibt es denn nirgends eine andere? Denn mit dieser ist es nichts mehr.“
RB|2|228|15|0|Sagt ein Diener: „Eure Eminenz! Da unten in einer Seitenkapelle ist wohl eine ohnehin zur öffentlichen Verehrung Ausgestellte. Wie wäre es denn, so wir uns dahin begäben?“ – Sagt der Großfungator: „Das ist nichts! Es muss eine Übertragbare sein, damit man sie vors Tabernakulum stellen kann. Die Festangemachte auf einem Altar ist wohl für eine allgemeine Verehrung gut genug; aber für außerordentliche Gelegenheiten muss auch etwas Außerordentliches da sein, sonst macht es keine Wirkung. Tragt dies Bild weg und seht, dass ihr mir ein anderes herbeischafft. Das wäre nicht übel, wenn in dieser Kirche weiten Räumen nicht noch irgendeine besser erhaltene Schmerzhafteste soll aufzufinden sein. Geht und durchsucht mir alle Winkel!“
RB|2|228|16|0|Die Diener tragen das zerstörte Bild wieder hinaus, kommen nach einer Weile mit ganz betrübten Gesichtern und vermelden allerehrfurchtvollst, dass sie alle Winkel durchsucht haben und nichts Schmerzhaftes irgendwo antreffen können. Darob wird der Großfungator ganz unwillig und macht die Dienerschaft zum Zerfallen aus, sagend: „So ist es, wenn lauter Esel man zu Kirchendienern hat! Wie die Ochsen rennen sie von einem Winkel zum andern und finden halt nichts! Dumme Tölpel! Gehe wer anderer suchen! Es muss noch was geben!“
RB|2|229|1|1|Des helleren Kirchendieners Erklärung und Lichtrede.
RB|2|229|1|0|Sagt einer von den Kirchendienern: „Ja, ja, sollen nur suchen gehen, werden halt auch einen D…k finden, so wie wir ihn gefunden haben! Da könnte einer ein ganzes Jahr in allen Winkeln und Löchern dieser großen Kirche herumsuchen und am Ende dennoch nichts finden. Ich finde das schon jetzt selbst dumm, dass sich Eure Eminenz gerade auf so eine Mutter Gottes kaprizieren, als wenn zwischen der Maria und wieder ganz derselben Maria ein Unterschied wäre. Die Bilder können ja ohnehin keine Wunder wirken. Und der wirklichen Mutter Gottes wird es wohl vernünftigermaßen ganz gleich sein, ob sie durch was immer für ein Bild verehrt wird. Ich muss es hier offen gestehen, dass ich nie etwas Besonderes auch selbst bei den besten Bildern gefunden habe.
RB|2|229|2|0|Ein Bild ist wohl dazu gut, dass man durch dasselbe an so manches Würdige der heiligen Religion erinnert wird; aber den Bildern eine gewisse Wunderkraft zuzuschreiben, das ist heidnisch! Und da kann mir einer sagen, was er will, und wenn's der Papst auch selber mir ins Gesicht sagen möchte, dass die toten Bilder Wunder wirken können – so glaubte ich ihm nicht. Können die lebendigen Menschen kein Wunder wirken, wie hernach erst die toten Bilder? Ich meine, dass das sogar ein Stockblinder einsehen müsste, um wie viel mehr so hochgelehrte und hochstudierte Herren. Was ist denn mehr, so ein oft sehr schlechtes entweder geschnitztes oder gemaltes Bild, oder ein Mensch?
RB|2|229|3|0|Der Bilder wegen ist unser lieber Herrgott gewiss nicht auf die Welt gekommen, sondern bloß nur der Menschen wegen! Und darum müssen die Menschen doch mehr wert sein, als so ein dummes, totes Heiligenbild. In der Wirklichkeit ist mir ja eine Schmeißfliege lieber als das schönste Bild! Denn die erste hat Leben und ist wirklich ein wunderbares Werk der göttlichen Allmacht, Liebe und Weisheit; während ein Bild nichts ist als ein Werk der grellsten menschlichen Dummheit, die einen ewig lebendigen Gott und die das ewige Leben habenden reinen Geister durch vollends tote Bilder vorstellen will. Das ist meine Ansicht und mein Glaube. Und die Herren können mit mir machen, was sie wollen; das ist mir gleich. Dass ich aber kein altes Bild mehr irgendwohin suchen gehen werde, darauf schwöre ich! Von nun an bleibe dumm, wer da will; ich aber werde niemanden mehr einen Narren machen.“
RB|2|229|4|0|Jetzt fahren alle über diesen Ketzer her und drohen, ihn zu züchtigen auf das Schauderhafteste. Und der Großfungator sagt in einem ganz prophetisch-pathetischen Ton: „So das am grünen Holz geschieht, was wird es mit dem Reisig werden? Darum muss ein solcher Ketzer zum abschreckenden Beispiel gezüchtigt und sodann öffentlich den Teufeln zur ewigen Pein und Marter übergeben werden! Denn er hat die Heiligtümer der Kirche Gottes beschimpft und ist dadurch ein Sünder wider den heiligen Geist geworden. Ein Sünder wider den heiligen Geist aber hat weder hier noch jenseits eine Vergebung zu erwarten. Daher hinaus ins Gerichtshaus mit ihm! Von dort in die geheime Totenkammer und von dieser zu allen Teufeln mit ihm. Fiat!“
RB|2|229|5|0|Hier wird der Kirchendiener ganz entsetzlich rabiat, hebt einen tüchtigen Stock vom Boden und sagt in einem all den Pfaffen Respekt einflößenden Ton zum Großfungator: „Heda (mit dem keulenartigen Stock drohend)! Wenn du böser Pfaffe es wagen solltest, mich anrühren zu lassen, so sollst du und jeder, der seine Hand an mich legen sollte, mich von einer Seite kennenlernen, dass euch allen auf ewig das Hören und Sehen vergehen soll! O ihr vermaledeiten Lumpen und Spitzbuben der allerersten Klasse! Ihr alten Gott-, Kaiser- und Volksschänder! Mich wollt ihr in euer schmählichstes Richthaus schicken? Mir den Tod und die Hölle geben deshalb, dass ich nun die Wahrheit vor Gott und aller Welt euch ins Gesicht gesagt habe?
RB|2|229|6|0|Wer seid ihr denn, ihr schlechten Kujons?! Meint ihr denn, man hat eine Achtung etwa vor euren Goldborden und heidnischen Bischofsmützen? Ja, man achtet sie wohl, aber so wie einen wütenden Hund oder wie den Biss einer Klapperschlange. Ihr wollt mich allen Teufeln übergeben? Wer seid denn ihr? Kann es noch irgend ärgere Teufel geben, als ihr es seid? Ihr seid die reißenden Wölfe in Schafsfellen, ihr – ihr die verkleideten Teufel! Ihr wollt jene allerachtbarsten Menschen als Teufel aus dieser Kirche treiben, und ihr selbst seid die allerärgsten Teufel?! Treibt euch selbst aus, dann werdet ihr rechtens handeln; aber nicht jene sichtlichsten Ehrenmänner, die hunderttausendmal eher verdienten als Heilige auf die Altäre gesetzt zu werden, als eure schlechten Götzenbilder!
RB|2|229|7|0|Heißt denn das Gott, dem reinsten Geiste, dienen, so man vor geschnitzten Bildern die Knie beugt, um das Volk zu täuschen und ihm glauben zu machen, dass man als ein Gottesgelehrter selbst daran glaubt, während man von der hochgeistlichen Seite doch nicht ein Jota glaubt von allem, was man dem Volk zu glauben aufbürdet. Ihr seid es, von denen Christus im Tempel sagte: ‚Ihr bürdet den Armen und Schwachen unerträgliche Lasten auf, aber ihr selbst wollt sie auch nicht mit einem Finger anrühren. Ihr schützt den armen Witwen und Waisen lange Gebete vor, auf dass sie könnten ins Himmelreich kommen, ein Reich, an das ihr noch nie geglaubt habt, und verzehrt dafür ihre Häuser und ihr Vermögen! Ihr seid es, die da die Mücken säugen und dafür Kamele verschlingen. Dafür soll aber auch desto mehr Verdammnis über euch kommen!‘
RB|2|229|8|0|Euer Gottesdienst ist und muss allzeit ein Gräuel vor Gott gewesen sein, denn Christus Selbst hat ausdrücklich gesagt: ‚Was ihr den Armen tut, das tut ihr Mir!‘ So ich aber nicht ginge an einem Sonn- und Feiertag in euren Gottesdienst, besuchte aber dafür die Armen und täte ihnen Gutes nach meinen Kräften, beichtete aber hernach, so würdet ihr mich richten! Und doch kann nur das ein rechter Gottesdienst sein, wenn man den Armen dient im Namen Gottes des Herrn. Wessen Diener aber seid ihr, so ihr den wahren, von Gott Selbst klarst bestimmten Gottesdienst richtet und gleichwohl heuchlerisch sagt, man soll das eine wohl tun, aber das andere darum nicht weglassen, weil eines ohne das andere keinen Wert hätte? O ihr Toren! So redeten auch die Pharisäer! Was ist denn vor Gott besser, das tun, was Er Selbst angeordnet und geboten und gerühmt hat, oder Ihn mit den Lippen ehren, das Herz aber ferne halten von den Armen und Leidenden? Ich habe mich selbst überzeugt, wie man in der Stadt die Bettler mit Gerichtsknechten abfangen und ihnen Strafe geben ließ, so sie irgend während des sogenannten Gottesdienstes jemanden um ein Almosen anflehten. Und so hat man die wahren und lebendigen Gottesaltäre, an denen allein man den wahren Gottesdienst hätte verrichten sollen, zur Strafe eingesperrt und dann schmählich per Schub fortgeschickt und brachte dafür Götzen ein Opfer! Meint ihr wohl, dass an solch einem Opfer Gott je ein Wohlgefallen hat haben können? O ihr blindesten Toren! Wann habt ihr wohl Gott gedient, da ihr Sein Wort und Sein Gesetz noch nie angenommen habt?
RB|2|229|9|0|Ihr seid allzeit selbst- und herrschsüchtige blinde Blindenleiter gewesen und seid am Ende mit ihnen in die Grube gefallen. Ihr habt an Christus nie geglaubt! Denn hättet ihr an Christus je geglaubt, so hättet ihr das getan, was Er gelehrt hat! Ihr aber hieltet nur auf eure Satzungen! Diese waren euch ein kostbares Bild, zu dem Christus bloß einen schlechten, abgeschabten Rahmen abgeben durfte. O ihr schändlichen Volksbetrüger und Volksverführer! Ihr haltet euch Göttern gleich und verdammt alles, was da eurem großen Geldbeutel als gefährlich erscheint! Und so verdammt ihr auch das Wort Gottes selbst, so es nicht für euren Beutel taugt!
RB|2|229|10|0|O ihr Heuchler! Warum enthaltet ihr denn das reine Wort Gottes den Gläubigen vor und verdammt den, der es läse? Ihr sagt wohl heuchlerisch genug, dass dies wegen der falschen Auslegung geschähe, und nur der Priester es dem Volk vorzutragen habe. O ihr Heuchler! Wisst ihr den Grund, warum ihr dem Volk das Gotteswort vorenthaltet? Seht, des Geldes wegen tut ihr das und aus Furcht, das Wort Gottes könnte dem Volk die Augen öffnen und euch entlarven vor ihm! Darum verbietet ihr es, und weil ihr selbst es nicht glaubt. Aber darum kommt das Wort doch unters Volk. Und dieses kennt nun nur zu gut, wessen Geistes ihr seid!
RB|2|229|11|0|Greift mich, so ihr euch getraut! Ich werde mich gegen euch zu stellen wissen! Warum zaudert ihr denn nun? Hat Seine Eminenz doch eher, als ich mich wider das grässliche Bilderwesen ausgesprochen habe, sogleich – wahrscheinlich aus purer christlicher Nächstenliebe, wonach man dem Nächsten nichts wünschen und tun soll, was man sich selbst sicher nicht gewünscht und getan haben möchte – zu allen Teufeln haben wollen! Warum zaudert Sie denn jetzt? Ich werde es der Eminenz aber sagen, worin der Grund davon steckt! Die Eminenz hat nun, da ich so frei war, Ihre Schande und Bosheit vor jenen Ehrenmännern, die die Eminenz als Teufel aus der Kirche exorzismisieren hat wollen, aufzudecken, die sogenannte ganz eigentümliche Spitzbuben-Trema [Spitzbubenangst] bekommen und traut sich daher nichts mehr zu unternehmen gegen einen Mann, der ihr sehr in allem, was Kraft und Verstand heißt, überlegen ist.
RB|2|229|12|1|(Am 13. August 1850)
RB|2|229|12|0|Die Eminenz wirft wohl Blicke auf mich wie so ein hungriges Krokodil und möchte mich gerne zerreißen. Aber es tut sich denn doch nicht mehr! Ja, ja, die Diebe und Räuber sind auch von größter Wut beseelt, so sie verraten und ertappt werden! Aber das macht nichts; im Kerker werden sie hernach schon sanfter! Siehe die Eminenz! Warum hat Sie denn so ganz eigentlich diese misslungene exorzistische Handlung gegen jene Ehrenmänner vorgenommen, die sie als Teufel deklariert hat? Sie wird es freilich nicht sagen; aber dafür werde ich so frei sein, es ihr gerade ins Gesicht zu sagen. Sehe Sie, diese Ehrenmänner, die dort stehen und entweder die Kirche oder unsere unbegrenzte Dummheit in den Augenschein nehmen, hat Sie bei sich selbst durchaus nicht als Teufel angesehen, da Sie doch selbst nie an einen Teufel geglaubt hat, sondern für höchst weise und in allen Dingen wohlerfahrene Leute, denen es vor jeder Dummheit ekeln muss.
RB|2|229|13|0|Obschon eine lateinische Messe mit allerlei Zeremonie und Geplärr zwar für einen wahren und reinen Christen des Dummen schon so viel enthält, dass es ihm dabei übel werden muss, so er die Sache nur einigermaßen beim Licht des helleren Verstandes betrachtet – so hat aber diese Dummheit, da sie etwas Alltägliches ist, und durch die Gewohnheit erträglich geworden ist, auch den von der Eminenz erwünschten Erfolg nicht gehabt. Die Ehrenmänner haben sie ganz geduldig angehört und ganz im Stillen unter sich ihre Bemerkungen gemacht. Das machte die Eminenz beinahe schäumen vor Wut, und eine ungebührlich übers Kreuz gelegte Stola musste am Ende den Sündenbock machen, obschon die Eminenz bei sich gar wohl gewusst hat, dass sich solche Männer nicht mehr vor einem Fetzenkrampus fürchten werden, wohl aber sich vor einer zu grellen Dummheit werden zurückziehen müssen. Die Eminenz suchte also nur durch eine Exzentrizität der Dummheit auf jene Ehrenschar natürlich so widrig als nur immer möglich einzuwirken, da sie früher durch alle die falschen Höllenspektakel nichts hat ausrichten können, da diese Ehrenmänner die pappendeckelne Hölle und die Kolophoniumflamme nur zu geschwinde gemerkt haben. Aber mit der großen Plärrmesse ging es wie Figura zeigt, ‚durchaus niche‘, sagen die Preußen! Es ward daher zum echt römisch-katholischen Exorzismus geschritten, der in seiner Art einzig als Krone aller menschlichen Dummheiten dasteht und als das auch auf jene weisesten Ehrenmänner einen entschieden alleranekelndsten Eindruck hätte machen sollen. Aber die Ehrenmänner müssen sich zum Grundsatz gemacht haben, auch vor der größten Dummheit nicht zu weichen, und sie blieben denn auch so zu Seiner Eminenz größtem Ärgernis hier. Was blieb der Eminenz nun noch übrig?
RB|2|229|14|0|Die Eminenz dachte bei sich: Der Exorzismus ist zwar wohl aller Dummheit Krone; aber da es dabei so mysteriös spektakelhaft zugeht, so kann auch der Gebildetste solch eine Obszönität sich einmal ganz behaglich mit ansehen; denn es fehlt dieser Handlung das eigentliche fade Element. Das Fadeste des Fadesten und das Langweiligste des Langweiligsten ist und bleibt denn doch ewig eine langsam herabgebrodelte Lauretanische Litanei und ein altes Mirakelbild; das halten diese Weisen nicht aus, da werden sie gehen müssen, so sie nicht von der allerfadesten Langweile getötet werden wollen. Aber oha! hat der gute Zufall dazu gesagt. Das alte Mirakelbild, durch den Zahn der Zeit zu sehr entstellt, obschon es zu den Meisterwerken ohnehin nicht und nie gehört hat und sonach ohnehin ein wahres Schmafu-Bild war, an dem sich auch nicht einmal ein allerdümmster Kerl hätte je erbauen können, konnte wegen zu schreiender Miserabilität denn doch nicht mehr vors Tabernakulum gestellt werden, das die Protestanten schon lange den römisch-katholischen Herrgottsarrest genannt haben, und so blieb denn auch bis jetzt das Fadeste des Fadesten, die Lauretanische Litanei beiseite. Und wie es sich nun zeigt, werden diese Ehrenmänner auch nicht mehr damit geplagt werden. Wie befinden sich nun Eure Eminenz? Werden Sie mich nicht in die Hölle hineinschieben?“
RB|2|230|1|1|Der Kirchendiener gibt weiteres Licht. Herbe Wahrheiten für Roms Eminenz.
RB|2|230|1|0|Spricht ein dem Kardinal zunächst stehender Pfaffe: „Elender! Nur der unendlichen Sanftmut und Geduld der alleinheiligen und seligmachenden Kirche hast du es zu verdanken, die im Stillen für dich, verlorenes Schaf, zu Gott betete, während du dich bemühtest, ihr tödliche Stiche beizubringen! Höre aber nun auf, die festlich geschmückte Braut Gottes zu verunglimpfen, sonst wird die Kirche dich in ihrem beständigen Gebet um dein Seelenheil fallen lassen! Dann wird sich der Erdboden unter deinen Füßen öffnen und dich auf ewig verschlingen!“
RB|2|230|2|0|Hier fängt der Kirchendiener hell zu lachen an und sagt dann in einem ganz lakonischen Ton: „O du allersanftmütigstes Mutterl du! Oh, oh, oh! Wenn sie mit der höllischsten Grausamkeit, und soll diese nichts fruchten, darauf mit der Dummheit nichts ausrichtet, dann wird der Wolf sogleich wieder in das zarteste Lammfell eingenäht und muss ein so sanftes Gesicht machen, als wie die Naturgeschichte vom Kuckuck erzählt, dass er die Vögelein bloß durch seine Sanftmut vom Nestchen treibe, um dann ungestört ihre Eier austrinken zu können, und dann seine eigenen dafür einzulegen. O über so eine Sanftmut und Geduld steht doch wohl nichts auf!
RB|2|230|3|0|Wie sanft ist die Kirche geworden bei den berühmten Kreuzzügen? Wie freudig hat sie die verlassenen Witwen und Waisen, deren Männer sie im Morgenland durch die damals übermächtigen Sarazenen umbringen ließ, in wohlverwahrte Klöster aufgenommen, nachdem sie sich vorerst ihre Güter und Schätze schenken ließ, um keine Erbsteuer zahlen zu dürfen. O du göttliche Sanftmut, die du der heiligen Kirche ums bare Geld noch nie gemangelt hast! Als ich noch auf der Welt gelebt habe (denn das werden die Herren doch hoffentlich wissen, dass wir alle schon lange nicht mehr auf der eigentlichen materiellen Erde im Fleisch uns befinden)“ -
RB|2|230|4|0|Sagt ein Pfaffe dazwischen: „Das ist erlogen! Wir leben noch alle in der Welt, denn sonst müssten wir entweder in der Hölle oder im Fegfeuer oder gar im Himmel uns befinden.“
RB|2|230|5|0|Spricht der Kirchendiener: „Das ist nun gleich, wir sind einmal in der Geisterwelt, ob ihr es glaubt oder nicht. Und darum sage ich: Als ich noch auf der Welt war, da glaubte ich der Kirche auch so manches; aber als zu uns die Nachrichten von der heiligen spanischen Inquisition gekommen sind, wie zart und sanft sie daselbst mit ihren verlorenen Lämmern umgehe – da habe ich von der heiligen Kirche sogleich ganz andere Begriffe bekommen. Was haben denn Hunderttausende verschuldet, dass sie so grausamst ad majorem Dei gloriam [zur höheren Ehre Gottes] mussten verbrannt werden? So fragte ich ganz erstaunt um den Grund solch eines Attentates auf die Menschheit. Und die Antwort auf solch meine Frage lautete schroff und laut genug, um sie vom Nordpol bis zum Südpol der Erde vernehmen zu können: ‚Weil sie die Bibel gelesen haben und somit zu den allerverdammlichsten Ketzern geworden sind!‘ – O Herr! rief ich in mir aus, ist es denn möglich, dass Menschen, die sich um Dein heiligstes Wort bewarben, von den römischen Bestialpfaffen solch einen Lohn auf dieser Welt finden müssen? Herr! Hast Du keinen Schwefel, keine Blitze und keine Sündflut mehr, um Spanien und Rom zu vertilgen für ewig?
RB|2|230|6|0|Aber die Antwort Gottes kam langsam aber sicher aus den hohen Himmeln. Ich erlebte sie auf der Erde zwar nicht mehr, aber dafür desto heller in dieser Geisterwelt. Wo ist nun das stolze, übermütige Rom? Was ist nun der Papst? Bis auf einige wenige stockblinde Esel und Ochsen, die ihm, dem stolzesten Stellvertreter Gottes, noch anhängen, lacht man ihm ins Gesicht und hat vor ihm gerade einen solchen Respekt wie vor der schwarzen Pest und hasst und verachtet ihn allerorten. Dieser primo Padrone [oberster Herr] aus den Abruzzen kann nun die Sanftmut predigen wie er will; die wahren Vöglein des Himmels kennen nun nur zu gut ihren Kuckuck. Und wie er sich einem Menschen nur nähert, so werden ihm sogleich eine Masse Federn von den kleinen aber scharfen Schnäbelchen ausgerupft, die ihm dann wohl nimmer wachsen dürften, und er dadurch von Tag zu Tag unfähiger wird, sich in die hohen Lüfte von Neuem emporschwingen zu können.
RB|2|230|7|0|Schon fängt man selbst in Italien einen Erzbischof um den andern einzunähen an, und das mit vollstem Recht; denn für die Herrscher aus den Abruzzen gebührt sich nichts anderes; denn sie waren allzeit und sind noch immer die größten Feinde der Menschheit, aber dafür desto größere Freunde des Goldes und des Silbers und der kostbaren Perlen und Edelsteine.
RB|2|230|8|0|Ein Petrus, als dessen Nachfolger sich ein jeder Papst ausposaunt, sagte einst zu einem armen Teufel, der – ich weiß es nicht recht genau – lahm oder blind war und den guten Petrus um ein Almosen anging: ‚Gold und Silber habe ich nicht; aber was ich habe, das gebe ich dir.‘ Könnte das wohl ein Papst, ohne bis zur kleinen Zehe schamrot zu werden, auch einem Armen sagen? Und er nennt sich einen Nachfolger Petri! O du verfluchte Nachfolgerschaft Petri! So ein sauberer Nachfolger Petri könnte nur sagen: ‚Ich habe zwar des Goldes und des Silbers im höchsten Überfluss, aber das gebe ich dir nicht, sondern meinen apostolischen Segen, der mich nichts kostet, den gebe ich dir! Und dann fahre hin im Frieden! So du unterwegs auch vor Hunger stirbst, so wird deine Seele aber dennoch nach einem dreitägigen Fegfeuer sogleich ins Paradies kommen, wo es dir dann gut genug gehen wird.‘ – Und so ein Papst so sagen würde, so redete er einmal die einzige Wahrheit, die je über seine Lippen gekommen ist. Denn sonst darf ein jeder Papst die Wahrheit, die er vor dem Volk geredet hat, mit allen Laternen suchen gehen, und er wird sie nicht finden, dafür stehe ich ihm.
RB|2|230|9|0|Hat der große Paulus nicht geeifert wie ein Löwe wider die Feiertage und verbrämten Kleider, so über jede Würde, die sich die Menschen nur gar zu gern beilegen? Wann hat Christus, der Selbst sagte –  ‚es kommt die Stunde, und ist schon da, wo man Gott weder im Tempel zu Jerusalem noch auf dem Berg Garizim anbeten wird; denn Gott ist ein Geist und muss im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden‘ – anbefohlen, Tempel und Bethäuser ums sündigst teure Geld zu erbauen und dafür tausend Arme verhungern zu lassen? Welcher Apostel hat die lateinische Sprache denn zur göttlichen erhoben, als ob Gott der Herr, der sicher alle Sprachen versteht, nur bloß an der lateinischen das größte Wohlgefallen hätte? Beweist mir das aus der Schrift, dann will ich's euch glauben! Könnt ihr aber das nicht, wie ich's zu Gott hoffe – so seid ihr die leibhaftesten Antichristen, wie sie Daniel und der Apostel Johannes in seiner Offenbarung nur zu klar beschrieben hat.“
RB|2|230|10|0|Sagt darauf ein vor geheimer Wut stark schnaubender, sehr alt aussehender Erzbischof: „Hat Christus der Herr nicht Seiner Kirche, d. h. Petro und all dessen Nachfolgern, vor Seiner Aszension die ausschließende Macht, zu lösen und zu binden, gegeben? Er hauchte Seine Apostel an und sprach: ‚Nehmet hin den heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlassen werdet, denen sollen sie auch erlassen sein, denen ihr aber die Sünden vorenthalten werdet, denen sollen sie auch vorenthalten sein.‘ – Und ein anderes Mal sagt Jesus ebenfalls zu Seinen Aposteln: ‚Was ihr lösen oder binden werdet auf Erden, das soll auch im Himmel gelöst oder gebunden sein.‘ – Ich meine, darin liege des Beweises zur Genüge, dass es da der wahren Kirche von Gott aus ganz übervoll rechtlich zusteht, neue Gesetze zu geben, so sie es für nötig erachtet, und andere, selbst von Gott dem Herrn gegebene, aufzuheben, so sie sieht, dass sie unter gewissen Verhältnissen dem Heil der Seelen nicht gedeihlich sind.
RB|2|230|11|0|Dass die Kirche aber in ihrem gottesdienstlichen Ritus sich der lateinischen Sprache bedient, hat einen höchst weisen Doppelgrund. Fürs Erste ist das allzeit die ausgebildetste Sprache gewesen, somit auch die einstimmig würdigste, um Gott besonders damit zu ehren und anzubeten. Und fürs Zweite ward die lateinische Sprache gegenüber dem gemeinsten und ungläubigsten Pöbel als eine Schutzwehr für die besonders heiligen Kraftgeheimnisse des Wortes Gottes aufgestellt, auf dass solche Kraftgeheimnisse vom Pöbel nicht könnten profaniert werden. Das sind die zwei Kardinalgründe! Ein dritter aber besteht in der Plenipotenz [uneingeschränkten Vollmacht] der Kirche, der zufolge sie auch gesetzlich die lateinische Sprache zur allgemeinen Ritualsprache fest und unabänderlich bestimmen kann. Ich meine, das wird etwa doch aus der Heiligen Schrift genug erwiesen sein, mein hochweiser Herr Kirchendiener!“
RB|2|230|12|0|Sagt der Kirchendiener: „Aus der Heiligen Schrift waren die zwei angeführten Texte wohl; nur haben sie alles eher bewiesen als das, was Eure Eminenz damit entweder gern bewiesen hätten, oder beweisen haben wollen. Hätte Christus, der Herr, auf die Art, wie Eure Eminenz es auffassen, der Kirche eine Plenipotenz erteilen wollen, da hätte Er wahrlich nicht nötig gehabt, drei volle Jahre und vielleicht auch schon bei früheren Gelegenheiten im Schweiße Seines Angesichtes die Apostel und noch gar viele andere Jünger zu lehren das große Gesetz der Liebe, das Gesetz des Lebens und die großen Geheimnisse des Himmelreiches; sondern da würde Er bloß Seinen Aposteln und Jüngern ohne vorhergehenden Unterricht die Plenipotenz in dem Maß erteilt haben, dass sie als von Ihm bloß Aufgenommene nun tun können, was sie wollen, und es wird dem Vater im Himmel alles ganz vollkommen recht sein. Sagen Eure Eminenz sich selbst, ob es wohl von einer Gottheit möglich zu denken ist, dass Sie so eine unter aller Kritik elendeste Plenipotenz Ihren Jüngern je habe erteilen können in dem Sinne, wie Eure Eminenz es verstehen?
RB|2|230|13|0|Ich frage dabei bloß, zu was die Gottheit Selbst ehedem durch drei Jahre ein weisestes Lehramt ausgeübt habe, zu was eine heilige Lehre des Lebens den Menschen durch Ihren höchsteigenen Mund geoffenbart, so Sie, die Gottheit nämlich, hernach durch einen einzigen Text, der quasi eine unumschränkte Gewalt den Jüngern einräumt, alles dies über den Haufen würfe, wie es sich auch bei der römischen Kirche buchstäblich zeigt, da eben in dieser Kirche außer dem Namen des Herrn und Seiner Jünger nichts mehr anzutreffen ist – keine Demut, keine Sanftmut, kein Funke von einer Geduld und noch weniger von einer Liebe zu dem Nächsten. Vom Glauben reden wir ohnehin keine Silbe mehr. Von einem Glauben an die Macht des Goldes und des Silbers ja, der steht noch fest; nur soll er jetzt auch schon sehr schwach geworden sein, weil etwa die Menschen glauben sollen, dass das Papier auch Silber oder Gold sei. Auch der gegenwärtige Papst soll von einer gewissen Not gedrungen sein, sich solch einem papiernen Glauben in die Arme zu werfen. Vielleicht ist so ein papiernes Glaubenspflaster gerade dazu gut, um den Papst einmal zu dem Glauben zu bringen, dass das Reich Gottes nicht in den großen Schätzen der Welt, sondern allein nur in denen eines reinen, demütigen, mit Liebe erfüllten Herzens besteht.
RB|2|230|14|0|Die Plenipotenz, die der Herr Seinen Jüngern scheinbar erteilt hat, war und ist nur eine Plenipotenz des heiligen Geistes Gottes im Menschen. Wer nach dem Wort Gottes lebt, durch das alle Dinge und Wesen gemacht worden sind, der überkommt auch den Geist Gottes. Denn Gottes Wort ist eben der heilige Geist, aus dem Mund Gottes in alle Menschenherzen übergehend, die das Gotteswort werktätig in sich aufnehmen. Mit solchem Besitz des Gottesgeistes, der mein Herz zu einem Tempel der tiefsten Weisheit aus Gott macht, kann ich dann gleichwohl zu einem sündigen Bruder sagen, so er Reue und Besserung zeigt: ‚Deine Sünde ist dir vergeben!‘ – Ist er aber hartnäckig und will nicht lassen von der Falschheit und Bosheit, die gewöhnlich eine Tochter der ersteren ist, so kann der vom Gottesgeist Erfüllte auch sagen: ‚Freund, bei solch deiner bösen Beharrlichkeit kann dir die Sünde nicht erlassen werden.‘ – Aber zu glauben, man überkomme den heiligen Geist durch eine gewisse sakramentalische Zeremonie, als da ist die nichtige, leere Wassertaufe, die Backenstreichfirmung und gar die allerläppischeste auf eine pure Zeremonie berechnete und darauf beruhende Priesterweihe, nach der der Neugeweihte ebenso ein Strumpf bleibt, als er ehedem war – das gehört doch auf den allermorschesten Holzweg und hat nichts als eine schmählichste und unerträgliche rein ägyptische Kastenbildung zur Folge, von der der heilige Geist bei Weitem ferner ist, als Himmel und Erde voneinander abstehen. So ein neugebackener Alumnus [Schulabsolvent] hat noch nie aus höchst eigenem Ernst auch nur einen einzigen Vers des Evangeliums, außer dem der vermeintlichen Plenipotenz, zu seiner Lebensrichtschnur gemacht und auch nicht machen können, da er fürs Erste alles unter einem gewissen kirchlichen Kastenzwang hat studieren und tun müssen und fürs Zweite gar noch nie eine volle Heilige Schrift zu Gesicht bekam, aus der allein er die Wege zum Empfang des heiligen Geistes hätte ausfindig machen können.
RB|2|230|15|0|Der Herr sagt: ‚Seid nicht eitle Hörer, sondern Täter Meiner Lehre, Meines Wortes, so werdet ihr erst in ihr die Kraft des Gottesgeistes erkennen lernen.‘ – Wie soll aber solch ein neugeweihter Alumnus je zu dieser heiligen Erkenntnis gelangen, so ihm das Lesen der Bibel sogar bei scharfer Ahndung untersagt ist? Er kann sonach nicht einmal auch vielleicht beim besten Willen ein eitler Hörer, geschweige denn erst ein Täter des Wortes Gottes werden. So er aber dieser bedingenden, lauten Anforderung Christi nicht Folge leisten kann, sage, woher soll ihm dann jener mächtige Geist Gottes werden, ohne den man sich nur als ein Frevler alles Frevels eine göttliche Plenipotenz usurpatorisch anmaßen kann, aber in der Wirklichkeit von ihr unendlich weit entfernt ist und bleibt?
RB|2|230|16|0|O du meine liebe Eminenz! Denke nach, wie schlecht jene Texte auf die heidnischste Kastenkirche in Rom passen, und sage: ‚Mea culpa, mea quam maxima culpa!‘ – Ich bin leider auch so ein recht bocksbeinfester heiligen Geistes Usurpator gewesen! Herr vergib es mir, denn ich war stockblind, geblendet von allerlei Anlockungen der Welt und des Teufels, und wusste daher auch nicht, was ich tat! Vielleicht erbarmt Sich der Herr deiner armseligsten Menschheit, wennschon sicher nimmer deiner kardinalischen Eminenz; denn Eminenzen hat Christus der Herr wohl nie eingesetzt – auch der Petrus und der Paulus nicht.“
RB|2|231|1|1|Der Kirchendiener über christliche Gleichheit und kirchliche Ungleichheit. Der „Ketzer“ wird von den Pfaffen verdammt.
RB|2|231|1|0|Nach dieser Rede kratzt sich die Eminenz, aber nicht der Großfungator, bei den Ohren und sagt nach einer Weile zu seinem Kollegen: „Dieser Kirchendiener ist ein ganz verdammter Kerl! Bei meiner armen Seele, so ich kein Kardinal wäre, möchte ich ihm beinahe recht geben. Aber natürlich als Kardinal kann man sich denn doch nicht von einem Messner belehren lassen!“ – Spricht der Messner: „O meine liebe Eminenz! Wir sind hier, so wahr ein Gott lebt, nicht mehr auf der Erde, sondern wie ich schon ehedem einmal erwähnt habe: wir sind samt und sämtlich mit Haut und Haaren in der Welt der Geister, was Eure Eminenz aus gar mancherlei Erscheinungen und Vorkommnissen gar leicht hätten merken können, so Sie es hätten merken wollen.“
RB|2|231|2|0|Sagt die Eminenz inzwischen: „Wie hätte ich denn das sollen merken können? Ich müsste ja doch davon aus einer wohl wahrnehmbaren Empfindung etwas verspürt haben, dass ich gestorben bin, das doch offenbar vorausgehen muss, bevor man in irgendeine Geisterwelt kommt! Und so man dann in einer Geisterwelt sich befinden würde, da würde man sich doch als ein Geist, nicht aber als ein rein materieller Mensch mit Haut, Haaren und Knochen befinden? Das alles aber trifft bei keinem von uns ein und zu. Wie könnten wir dann in einer Geisterwelt uns befinden? Mein lieber, hochweiser Messner! Wie es mir immer klarer wird, so ist Er ein Narr und gehört in ein Narrenhaus.“
RB|2|231|3|0|Sagt der Messner: „Das hat nicht not, denn solange ich mich unter euch befinde, bin ich in einem ganz vollkommen ausgebildeten Narrenkollegium und somit auch in optima forma in einem Narrenhaus. Denn wenn Sie das nicht einsehen, dass Sie sich schon lange in der Geisterwelt befinden, so müssen die Eminenzen erstens stockblind und zweitens vollends begriffsunfähigste Narren sein.
RB|2|231|4|0|Sagen Sie mir: Wie viel Erzbischöfe und Kardinäle waren denn auf der Welt auf einmal am Stephansdom zu Wien angestellt? Hier seid ihr als Hochgeistliche allein nahe an Hundert knapp beisammen! Wann wären denn in Wien einmal so viele Erzbischöfe und Kardinäle auf einmal effektiv angestellt gewesen? Ich weiß nur von einem auf einmal! Von mehreren auf einmal meldet keine Geschichte, auch die der römischen Kirche und Päpste, nicht eine Silbe. So die Eminenzen aber hier schon so eine geraume Weile von einigen Hunderten von Jahren der Erde beisammen hocken, wie die Frösche in ihrem Winterschlaf in irgendeinem Schlammwinkel einer zugefrorenen Pfütze – so wird ja so was etwa doch nicht auf der natürlichen Welt stattfinden können, sondern rein nur in der Geisterwelt!
RB|2|231|5|0|Und da sage ich, als ein von Eurer Eminenz deklarierter Narr: Hier sind wir uns alle gleich, wenn auch die Narrheit der Welt uns auf der finstern Erde dem Stand nach außerordentlich hoch und weit geschieden hat – was freilich nach der reinen Lehre Jesu auch nie hätte geschehen dürfen. Denn Jesus der Herr hat Seinen Jüngern, als diese Ihn töricht genug angegangen sind, wer da unter ihnen der Erste sein soll, ausdrücklich gesagt und geboten: ‚Wer unter euch der Geringste ist und euch dient, der ist vor Mir der Erste. Wahrlich sage Ich euch, wer in seiner Einbildung, Idee und handelnden Wirklichkeit nicht einem Kind gleichen wird, wird keinen Teil am Reich Gottes haben. Nur einer ist euer Herr! Ihr alle aber seid ganz gleiche und unterschiedslose Brüder! Daran aber wird man euch erkennen, dass ihr Meine Jünger seid, dass ihr euch untereinander als wahrhaft vollends gleiche Brüder liebt. Ein jeder aber, der den Nebenmenschen als Bruder liebt und sich über ihn nicht erhebt, außer allein in der Liebe zu ihm, der ist Mein Jünger und hat das Reich Gottes schon in sich.‘
RB|2|231|6|0|Meine Eminenzen, das sind Worte Christi des Herrn, in denen nur zu klar dargetan ist, dass es auf der Erde selbst nie, besonders in geistigen Dingen hätte Standesunterschiede geben sollen. Nie hat Christus der Herr von einer geistlichen Eminenz etwas gesagt, noch weniger je etwas von einem Papst. Alle sollen gleich sein vor Ihm, indem Er allein der Herr ist über die totale Unendlichkeit materiell und geistig.
RB|2|231|7|0|Woher und wie entstanden denn sonach in der sogenannten allein wahren Kirche so ungeheure Standesunterschiede, wie sonst in der ganzen Welt nirgends, da doch das offenbare Gebot des Herrn jeden Standesunterschied zwischen Seinen Jüngern verbietet? Sehen die Eminenzen! Das bewirkte die Hölle! Der von oben kam, Der diente allen und opferte Sich für alle. Und das war Gott Jesus, der Herr der Ewigkeit Selbst! Der aber als ein schroffster Gegner des heiligsten Ersten von unten heraufkam, der will von allen bedient sein und macht solcher Standesunterschiede so viele, damit sein Stand desto höher erscheine und desto unerreichbarer.
RB|2|231|8|0|Dass der Herr aus Seinen Kindern die besten und weisesten zu Königen über Sein Volk mit aller Macht ausgestattet und gesalbt hat, das wissen wir, und sind daher auch verpflichtet, diesen von Gott gesalbten Königen und Herren der Erde zu gehorchen, denn ihre Macht ist von oben her. Aber die Macht, die sich die Päpste selbst usurpatorisch gegeben haben, ist nicht von oben, sondern von unten her! Denn sie sind eben die Ersten, die die heiligsten Brudergesetze mit den Füßen zertreten. Denn wer kann, wer darf sich einem Papst gleichstellen? Wer kann, wer darf zu ihm ‚Lieber Bruder!‘ sagen? Muss nicht ein jeder Katholik den Namen des Papstes gleich wie den Gottesnamen mit der größten Hochachtung und Ehrfurcht aussprechen und, so er nach Rom käme, sich's zur allerhöchsten Gnade rechnen, zum Pantoffelkuss zugelassen zu werden? Fragt euch selbst, wo sind da die Gebote Christi: ‚Ihr alle seid Brüder, und nur Einer (Christus) ist euer Herr!‘?
RB|2|231|9|0|Die Eminenzen werden daraus leicht ersehen, dass sie auf der Erde von der größten antichristlichen Torheit gefangen genommen worden sind, und sind in dieser Torheit denn auch Bürger der Geisterwelt geworden. Diese ihnen noch fest anklebende Torheit ist aber auch hauptsächlich der Grund, aus dem sie noch immer in dem Wahn leben, als wären sie nicht gestorben. Ich aber sage Ihnen: Legen Sie ab diesen Wahn, der der heiligsten Absicht Christi, des Herrn, schnurgerade zuwider ist!
RB|2|231|10|0|Und Sie werden dann auch leicht einsehen, dass ein schlichter Messner ebenso gut eine Eminenz belehren kann, wie eine Eminenz einen Messner. Und ich möchte behaupten, dass ein Messner größeres Recht hat nach der heiligsten Lehre, einen Kardinal zu belehren, der so lange blind und dumm bleibt, als ihm an der großen Würde, die er widerchristlich auf der Welt begleitet hat, etwas gelegen ist. Der Messner hingegen ist tief genug, gottlob, unter der Würde eines Kardinals, und ist daher auch der christlichen Anforderung näher als jeder noch so kleine Kaplan und ungeheuer um sehr vieles näher als eine über alles hochmütige Eminenz.“
RB|2|231|11|0|Sagt die Eminenz: „Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden. Das steht auch geschrieben. Versteht Er das, Er naseweiser Messner, Er?“ – Sagt der Messner: „O ja, ich verstehe das sehr gut und habe es schon lange an mir selbst praktisch verstanden! Denn bei mir war von einer Erhöhung wohl nie die Rede. So ich aber Christus rühme und Sein heilig Wort Eurer sehr unchristlichen Eminenz gegenüber, so ist das doch sicher keine Erhebung meiner selbst, sondern eine Erhebung Christi vor euren Augen. Sie lassen sich noch immer Eminenz titulieren und wissen, dass Christus, der Herr, doch ewig nie eine Eminenz eingesetzt hat. Das ist eigenmächtige Selbsterhöhung und somit ein Gräuel vor Gott. Aber ein allen Kirchenstaub schluckender Messner ist und bleibt eine Null, und das ist viel christlicher als eine Eminenz. Verstehen Sie das?“
RB|2|231|12|0|Spricht der Großfungator: „Ich bitte euch, meine lieben Brüder, die ihr samt mir auf der Erde schon auf den goldenen Thronen der Himmel Gottes sitzt, gleich den zwölf heiligen Aposteln, um zu richten die Geschlechter der Erde, lasst ab mit diesem Ketzer euch zu zanken! Ihr wisst ja, welche Macht ihr habt. Was nützt es dem Juden, so er uns höhnt und zerlästert? Wir verdammen ihn im Konklave, und er ist für ewig des Teufels. Was nützt es allen Protestanten, dass sie wider uns sind? Wir haben sie alle verdammt, und sie sind des Teufels zeitlich und ewig. Was hat Martin Luther davon, dass er sich einer Hure wegen von uns losgemacht hat und gestiftet das Ketzertum? Millionen, die seiner Lehre wegen gefallen sind, schreien fortwährend um Rache gegen ihn, und er sitzt in der ärgsten Hölle und verflucht fortwährend den Tag, an dem ihm das Dasein gegeben ward. Warum ist er in der Hölle? Weil wir ihn im heiligen Konklave für ewig in die Hölle verdammt haben. Kurz, was nützt es all unseren Widersachern, dass sie wider uns sind? Sie sind alle sämtlich von uns per Bausch und Bogen verdammt und können daher unmöglich je in das Himmelreich gelangen.
RB|2|231|13|0|Also verdammen wir denn auch diesen alleranmaßendsten verfluchten Ketzer und er soll dann nur sehen, wie er in die Himmel Gottes kommen wird. Ich sage nun in eurer Mitte: Haeretice infamis! Esto maledictus per omnia saecula saeculorum! [Verfluchter Ketzer! Sei verdammt auf alle Zeiten der Zeiten!] Und ihr habt dazu ‚Amen‘ gesagt, und er hat schon seinen Teil in der Hölle! Seht, so müssen wir handeln und nicht irdisch zanken, sondern sogleich von der uns von Gott verliehenen geistigen Waffe ohne alles Bedenken bei solchen Ketzern den vollsten Gebrauch machen! Dann werden wir am meisten ausrichten. Sie sollen gleichwohl auf der Welt noch herumlaufen wie herrenlose Hunde. In der anderen Welt aber werden sie in der Gesellschaft der Teufel schon zu verspüren anfangen, was die alleinseligmachende Kirche ihnen nützen hätte können, so sie ihr getreu geblieben wären, und welchen ewigen Schaden sie nun erleiden, so sie von allen Teufeln in die Hölle gezogen werden. Da werden sie dann ihre Hände nach uns ausstrecken, dass wir ihnen hülfen. Wir aber werden zu ihnen sagen: ‚Nichts da! Ihr habt uns auf der Welt nicht hören wollen, und nun hören wir euch auch nicht. Weicht von uns auf ewig, ihr Verfluchten!‘ Dann werden sie schreien: ‚O helft uns, ihr heiligen Päpste, Kardinäle, Erzbischöfe und Weihbischöfe und alle ihr heiligen Priester Gottes! Wir waren auf der Erde ja blind und wussten nicht, was wir an euch getan haben. Nun sehen wir erst ein, was heilig Großes ihr bei Gott seid und was für ein scheußliches und elendes Nichts wir vor euch sind. Gebt uns auf hunderttausend Jahre ins ärgste Fegfeuer, nur die Hölle, die ewig allerschrecklichste, erlasst uns!‘
RB|2|231|14|0|Aber dann werden wir zu ihnen sagen: ‚Wir haben euch auf der Welt gelehrt und ermahnt genug! Wir sandten einen Hirtenbrief um den andern an euch, gaben euch um kleine Opfer, die ihr allzeit leicht hättet erschwingen können, Ablässe in Hülle und Fülle und wiesen euch allerernstlich zu den Beichtstühlen und zur Buße! Aber ihr habt uns nur ausgehöhnt, ausgelacht und beschimpft, denn ihr wart ja großenteils freie und große Herren und tatet, was ihr gewollt habt! Nun hier in der Geisterwelt vor Gott aber sind wir zu großen und allmächtigen Herren geworden und könnten euch helfen, so wir wollten. Aber wir wollen es nicht, und so will es auch Gott nicht! Und somit weicht von uns, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, was den Teufeln und all seinen ketzerischen Dienern bereitet ist!‘ Da wird sich der Boden unter ihren Füßen öffnen und der ewige Abgrund wird sie samt den Teufeln verschlingen und ihrer Namen wird dann ewig fürder nicht mehr gedacht werden. Amen dico vobis! [Amen, ich sage euch!] – Seht, das tun wir, das ist unser Schild! Und das haben wir auch bereits getan an diesem vermaledeiten Ketzer. Er soll nur schauen, wie er der Hölle entrinnen wird.“
RB|2|231|15|0|Sagt darauf der Messner: „Aber ein bisschen werdet ihr ja doch handeln lassen mit euch? Ich nehme ja auch ein hunderttausendjähriges Fegfeuer anstatt der ganzen Hölle! Gebt mir also das Fegfeuer anstatt der Hölle! Was wird es denn sein, ob so ein Lauskerl, wie da unsereins ist, mehr oder weniger in der Hölle siedet oder bratet?“ – Schreit der Großfungator: „Aha, bestia infamis infernalisque! [verdammte höllische Bestie!] Das Höllenfeuer fängt schon an seiner verdammten Seele zu lecken an, und das verspürt er und möchte nun eine Erlösung von uns! Aber nichts da! Fort mit ihm zur Hölle und zu allen Teufeln!“
RB|2|232|1|1|Der Herr nimmt den Messner gnädig auf und zeigt Sich den harten Richtern als Richter. Gewaltige Flammenkur. Vergebliches Rufen nach Fürbittern. Petri Rede und Gnadenakt des Herrn.
RB|2|232|1|0|In diesem Moment trete Ich zum Messner hin, der Mich sogleich erkennt, und sage: „Mein lieber Bruder Johann! Es ist genug! Diesen ist nun alles gesagt worden durch deinen Mund; aber sie sind geblieben, wie sie allzeit waren. Daher komme du zu Mir in Mein Reich! Diese aber sollen sich ihren Himmel und ihren Gott suchen und machen, wie es ihnen beliebt. Zu Mir werden sie schwerlich je kommen! Was sie aber dir vermeinten, das sollen sie eine Weile selbst genießen, auf dass sie es an sich selbst erfahren, wie gut sie es mit ihren Brüdern meinen.“
RB|2|232|2|0|Hier zeige Ich Mich auch diesen harten Pfaffen nach ihrer Vorstellung als der Herr Himmels und der Erde und sage in einem geflissentlich sehr ernsten Ton: „Kennt ihr Mich nun?“
RB|2|232|3|0|Sie sagen alle bebend: „Ja, nun erkennen wir Dich erst, Du erschrecklicher Richter! Sei uns, Deinen Dienern, gnädig und barmherzig!“
RB|2|232|4|0|Ich aber sage sehr ernst zu ihnen: „Habt ihr nie gelesen, wo es steht: ‚Seid barmherzig, so werdet auch ihr Barmherzigkeit erlangen!‘ – Wie sah es mit eurer Barmherzigkeit aus? Habt ihr je die Hungrigen gespeist, die Durstigen getränkt, die Nackten bekleidet, die Gefangenen erlöst und die Kleinmütigen getröstet? Nein, das habt ihr nie getan! Mit der Hölle ja! Und mit dem nicht viel besseren Fegfeuer aber nur diejenigen, die euch recht viele Opfer brachten! Ihr wart allzeit weidlichst wider Mich, tratet Meine Lehre mit Füßen und setztet dafür nur dümmstes Zeug auf den Altar! Darum denn, weil ihr also hart und unverbesserlich seid, so geschehe euch, was ihr aus eurer unbegrenzten Herzenshärte diesem Meinem wirklichen Bruder gegeben habt! Und dazu sage Ich: Amen dico vobis!“
RB|2|232|5|0|Hier öffnete sich plötzlich der Boden der Kirche; Flammen schlagen empor aus der weiten Kluft, mehrere dienstbare Geister erscheinen, die sogleich bei der Hand sind und die harten Pfaffen gegen die flammende Kluft langsam hinzudrängen beginnen, die dabei ein allerjämmerlichstes Geheul anfangen und den Messner Johann um Erbarmen und Fürbitte anflehen.
RB|2|232|6|0|Der Messner aber sagt: „Ihr habt doch immer gesagt, gelehrt und von allen Menschen verlangt, dass sie bei Strafe der sicheren, ewigen Verdammnis das von euch glauben sollen, dass ihr ganz allein die Schlüssel zum Himmelreich und auch die zur Hölle habt! Sperrt euch nun die Himmel auf und verschließt die offene Pforte der Hölle, die Christus, der Herr von Ewigkeit, vor euch aufgetan hat, damit sie euch aufnähme in ihren sanften, echt römisch-katholischen Schoß! Habt ihr mich doch erst vor einigen Minuten für ewig in die Hölle verdammt – wie soll denn nun ich für euch einen Fürbitter bei Gott machen? Die Verdammten stehen ja doch nicht in eurer Fürbitterlitanei?! Der Herr tue mit euch nach Seinem heiligsten Willen und nach Seiner Liebe und Gerechtigkeit! Ich bin euch um ein besseres Los sicher nicht neidig, will auch nicht unbarmherzig sein gegen euch; aber Besseres als vom Herrn sollt ihr von mir ewig nimmer erwarten. Gott allein ist gut. Wir alle aber sind schlecht und können daher unmöglich Ihm in dem vorgreifen, wozu Ihm allein das ewige Recht zukommt, nämlich gut und barmherzig zu sein. Daher wendet euch an Ihn! Er ganz allein kann euch helfen!“
RB|2|232|7|1|(Am 19. August 1850)
RB|2|232|7|0|Nun heulen die schon stark zur flammenden Kluft hingedrängten Pfaffen: „Lieber Johann! Bei Gott gibt es ja für die, so von Ihm verdammt worden sind, keine Erbarmung mehr! Wie könnten wir da an Ihn uns wenden?“ – Sagt der Johann: „Ihr Narren! So ihr von Gott dem Herrn keine Erbarmung erwartet, wo soll ich sie dann hernehmen, da ja doch das höchst Wenige in mir rein nur aus Gott ist?“ – Heulen die Pfaffen: „Nein, nein, bei Gott kann keine Erbarmung jenseits des Grabes über eine Seele ausgegossen werden! Denn die Liebe Gottes dauert nur bis zum Grab! Nachher nimmt Seine allerstrengste Gerechtigkeit den Platz der Liebe ein!“
RB|2|232|8|0|Sagt Johann: „Ihr dummen Narren! Hat denn Gott der Herr zwei Herzen – ein kleines voll der höchsten Liebe und Erbarmung und ein großes dann voll Zorn und gerechter, ewiger, allerunerbittlichster Strafgier?! Habt ihr doch selbst gelehrt, dass Gott ewig unveränderlich ist! Wie könnt ihr Ihm dann, gleich daneben, solch eine allerentsetzlichste Veränderlichkeit beilegen? Wie kann Gott, das urallervollkommenste Wesen der Wesen, zu gleicher Zeit aus einem und demselben Herzen den höchsten, nie versöhnbaren Zorn und die allerhöchste Sanftmut und Liebe ausfließen lassen? Wie kann Gott einen Geist nur so lange lieben, als derselbe im sündigen Fleisch gefangen lebt und webt; nachher aber ihn ewig hassen wegen einiger Fehler, zu denen ihn sein Fleisch als die von Gott angeordnete Freiheitsprobenatur verleitet hat?
RB|2|232|9|0|Ich aber sage euch: Der Herr und Gott Jesus Christus von Ewigkeit, der hier dreimal überheilig vor mir und euch leibhaftigst gegenwärtig, ist zeitlich und noch mehr ewig die reinste Liebe und die höchste Erbarmung Selbst. Nur euer römisch-katholischer Dreipersonen-Gott ist so gesinnt, wie ihr es seid. Bei dem gibt es, wie bei euch, keine Gnade und keine Erbarmung. Wohl mir und allen meinesgleichen, dass solch ein Gott sonst nirgends als allein nur in eurem bösen und überharten Herzen zu Hause ist!“
RB|2|232|10|0|Hiernach drängen die dienstbaren Geister die Pfaffen wieder etwas näher zu der stets stärker flammenden Kluft, und Ich lasse es zu, dass die sich sträubenden und über alle Maßen heulenden Pfaffen der Flammen mächtige Hitze zu verspüren anfangen. – Da schreien sie: „Jesus, Maria und Joseph! Jesus, Maria und Joseph! Ihr alle lieben Heiligen und Märtyrer Gottes, kommt uns zu Hilfe! Helft uns armen Teufeln! Wie erschrecklich heiß ist doch das Feuer der Hölle, und wir sollen nun ewig darinnen brennen?! O Jesus, Maria und Joseph! O Jesus, Maria und Joseph! O Jesus, Maria und Joseph! O Christe Jesu! Erbarme Dich unser! O sancta Maria mater alma, ora pro nobis!“
RB|2|232|11|0|Hier gebe Ich den die Pfaffen drängenden Geistern den Wink, sie nicht mehr zu drängen. Und es tritt Petrus vor und sagt zu den Pfaffen: „Seht mich an! Ich bin der leibhaftige, wirkliche Petrus, der Fels des Glaubens, den der Herr Himmels und aller Welten dazu erwählt und bestimmt hat. Ihr und euer Papst nennt euch meine Nachfolger. Wann aber habe ich euch ein Richteramt übertragen? Und wie hätte ich, als ein Fels im Glauben an das Wort Gottes, euch auch je ein Richteramt übertragen können, indem ich doch selbst nie eines vom Herrn überkommen habe und überkommen konnte, da uns allen der Herr das Richten bei Strafe des Gerichts über uns selbst verboten hat, indem Er ausdrücklich sagte: ‚Richtet nicht, auf dass ihr dereinst nicht gerichtet werdet!?‘ So der Herr aber Selbst so lehrte und solches strenge von uns bei Ahndung eines Gegengerichtes forderte, wie soll Er uns dann zu Richtern über unsere Brüder gemacht haben? So aber wir nie auch nur im Traume ein Richteramt ausgeübt haben, wie hätten wir es dann auf euch übertragen können? Ihr wäret als meine Nachfolger so gut wie meine Erben; so ihr das seid, wie möchtet ihr denn von mir mehr geerbt haben, als ich euch hinterlassen konnte?
RB|2|232|12|0|So aber der Herr Selbst von Sich aussagte, dass Er nicht gekommen sei, um die Welt zu richten, sondern selig zu machen alle, die nur immer durch den Glauben an Ihn selig werden wollen – woher habt denn hernach ihr euch das Recht genommen, eure schwachen Brüder zu richten und – kaum glaublich zu sagen – für ewig in die Hölle zu verdammen? Seht, das habt ihr euch selbst angemaßt aus Herrschsucht und unbegrenzter Geldgier! Und es tut denn nun auch der Herr an euch, was ihr allerwiderrechtlichstermaßen an euren armen Brüdern getan habt! Denn mit welchem Maß ihr ausgemessen habt, mit demselben Maß wird euch nun wieder eingemessen werden. Versteht ihr das?“
RB|2|232|13|0|Sagt der ehemalige Großfungator unter größter Angst und unter dem furchtbarsten Beben: „O heiligster Apostel Petrus! Du Fels Gottes! Bitte doch du den Herrn für uns arme Sünder, dass wir doch nicht in die Hölle, sondern dafür lieber auf eine ganze Million Jahre möchten ins Fegfeuer geworfen werden. Wir sehen es jetzt ja alle ein, dass wir alle gräuelhaft gesündigt haben! Wir empfinden auch die tiefste Reue über unsere so große irdische Verblendung! Wir wissen es aber auch erst jetzt, dass wir dem Leibe nach wirklich gestorben sind. Hätten wir das eher gewusst und eingesehen, so hätten wir auch gewiss die ganze Weile in dieser Welt uns der allermächtigsten Reue und der strengsten Buße unterzogen. Aber wir wussten ja nichts anderes, als dass wir noch immer auf der Welt wären, und blieben daher auch bisher die alten, verstockten Sünder. Du siehst ja doch, dass wir alle hier nun voll der tiefsten Reue sind. Sei uns daher auch doch nur ein wenig gnädiger und barmherziger! Wir wollen ja alles tun, was nur immer der Herr von uns verlangen möchte, aber nur mit der Hölle möchte Er uns verschonen.“
RB|2|232|14|0|Sagt darauf Petrus: „Ja, ja, das wissen wir alle lange schon, was du nun geredet hast! Dass ihr eine brennende Reue empfindet, das muss so kommen! Denn eben die in Ewigkeit stets wachsende und brennender werdende Reue gehört ja – nach euern Dogmen – sogar mit zur Höllenqual, und meldet sich nun vor der Pforte der Hölle schon bei euch an und wird euch sogestaltig auch ewig nicht mehr verlassen. Und solch eine Reue, die da von der Furcht vor der Strafe erzeugt wird, hat ja ohnehin keinen Wert vor uns. Denn die vor uns gültige Reue muss der Liebe zu Gott, nicht aber der Furcht vor der Hölle entstammen.
RB|2|232|15|0|Ebenso steht es auch mit der Buße. Vor uns hat nur die freie Buße, die da entspringt aus dem lebendigen Glauben und der wahren Liebe zu Gott und zu allen Menschen, einen Wert. Die von der Furcht vor der Hölle erzwungene ist vollends ohne Nutzen und Wert – und wäre sie selbst ärger um vieles, als all die erschrecklichsten ewigen Qualen und Martern der Hölle, die ihr, so Gott der Herr es will, bald werdet zu verkosten bekommen.“
RB|2|232|16|0|Durch diese wenig Trost einflößenden Worte Petri werden die Quasi-Adspektanten [Quasi-Anwärter] der Hölle in eine solche Angst versetzt, dass sie allesamt zu Boden sinken und da nur stöhnend die Worte: ‚O Je-sus, Maaaarri-a- und Jo-seph! – Gna-de! – Gna-de!‘ – herausbringen.
RB|2|232|17|0|Während sie da so in einer Betäubung am Boden liegen, lasse Ich die Erscheinlichkeit der flammenden Kluft verschwinden und an ihre Stelle einen großen Becher Wein hinstellen und sieben große Laibe des besten Brotes mit einer schriftlichen Anweisung, dass sie sich daran ohne Unterschied erlaben und stärken und sodann auf alle Zeiten der Zeiten diese Kirche verlassen sollen, deren irdische Großartigkeit bloß dazu dient, den Hochmut der in ihr fungierenden Pfaffen ins kaum Glaubliche zu erhöhen. So sie aber im Freien sein werden, da wird schon jemand zu ihnen kommen, der ihnen angeben werde, was sie zu tun haben werden, um den Strafen der Hölle zu entrinnen.
RB|2|232|18|0|Nachdem dieses alles also bestellt ist, entfernen wir uns von dieser vor Angst halbtot darniederkauernden Pfaffenrotte und gehen ins Freie. Auch der Messner Johann natürlich – als ein von Meiner Liebe und Weisheit durchglühter Bruder.
RB|2|233|1|1|Weiteres Geschick der Dompfaffen. Das Wesen der Weisheitsgeister und ihre schwere Bekehrung zur Liebestat. Die Militärpatrouille im Jenseits.
RB|2|233|1|1|(Am 21. August 1850)
RB|2|233|1|0|Als wir draußen auf dem sogenannten Stephansplatz uns befinden, zieht gerade eine Rotte Militär an uns vorüber.
RB|2|233|2|0|Robert tritt zu Mir und sagt: „Lieber Vater, dies Militär sieht doch etwas sonderbar aus! Ist es aus einer früheren oder aus der jetzigen Zeit? Wahrlich, das wäre schwer zu bestimmen. Aus meiner Erdenzeit ist es einmal nicht. Damals war die Adjustierung eine ganz andere. Aus den älteren Zeiten scheint es auch nicht zu sein, da mir die Adjustierungen aus jener Zeit aus gar vielen Gemälden und Zeichnungen nur zu bekannt sind. Es muss denn etwa doch aus der Jetztzeit sein, etwa so nach dem Geschmack des jungen Kaisers, der jetzt in Österreich das Zepter führt.“
RB|2|233|3|0|Sage Ich: „Ja, ja, so ist es! In diesem Jahr sind viele aus dem Militärstand durch die Typhusseuche und durch die Cholera und durch noch eine Menge anderer Krankheiten aus ihren Leibern erlöst worden. Da sie aber einmal schon zu dem Militärstand gehörten, so bleiben sie nach der Ablegung des Leibes auch noch diesem Stand getreu und erscheinen hier als Soldaten. Sie wissen auch nichts von dem, als wären sie gestorben. Wohl wissen sie, dass sie als Kranke ins Spital gekommen sind und dass sie sich vor dem Sterben gefürchtet haben. Aber auf eine gute Medizin seien sie in einen stärkenden Schlaf gekommen und hätten recht tüchtig geschwitzt und seien dann am Morgen so ganz frisch und gesund aufgestanden, als ob ihnen nie etwas gefehlt hätte.
RB|2|233|4|0|Von dem aber, dass sie gestorben sind, wissen sie keine Silbe. Es ist auch gut so, dass sie es nicht wissen, weil das Wissen für sie ein Gericht wäre. Sie müssen erst, nachdem sie hier ihren Dienstabschied erhalten haben werden, nach und nach ganz unvermerkt eingeleitet werden, und das anfangs nur durch Erscheinlichkeiten, durch die sie so gewisse Stupfer bekommen werden, dass ihnen dadurch die Welt, in der sie nun leben, stets mehr und mehr befremdlich vorkommen muss. Das macht sie stutzen, und ihr Gemüt wird unruhiger und unruhiger. Sie kommen dann auch in allerlei Unannehmlichkeiten und scheinbare Gefahren, suchen dann Schutz und Hilfe und suchen sich oft vor scheinbaren Verfolgungen zu retten. Aber sie finden keinen rechten Zufluchtsort und sind dann nicht selten genötigt, sich an die Verfolger zu ergeben. Manchmal aber verlaufen sie sich in unabsehbare Wüsten, auf denen sie dann kaum ein Ende finden, und kommen sie schon zu irgendeinem Ende, so ist dieses gewöhnlich noch um vieles ärger als die Wüste selbst. Kurz, alle diese noch ganz in der Naturmäßigkeit sich befindenden Seelen müssen noch eine Art förmlichen Todes durchmachen, bis ihr Geist in ihnen frei wird.
RB|2|233|5|0|So hast du es nun auch bei diesen Pfaffen gesehen; die Angst vor der Erscheinlichkeit der flammenden Höllenpforte hat sie beinahe wie ganz tot gemacht. Nach einer Weile werden sie wieder erwachen und sich in der Kirche zwar noch befinden, aber das Geschehene wird ihnen wie ein heller, schrecklicher Traum vorkommen. Sie werden da Wein und das Brot antreffen, und da sie sehr hungrig und durstig sein werden, was stets der Fall ist, so der Geist in der Seele freier wird, und wacher und wacher, so werden sie auch gierig danach greifen und es verzehren. Die offene Schrift, die sie auch sogleich neben den Broten ersehen werden, wird ihnen schnell die Anweisung geben, was sie zu tun haben, um der Hölle zu entrinnen, vor der sie eine ganz entsetzliche Furcht haben, weil sie sich diese Hölle so ganz lebendig vorstellen, als sie sich dieselbe auf der Erde gläubig oder auch selbst als ungläubig vorgemalt haben. Denn ob einige bei ihren irdischen Lebzeiten an die Hölle auch nicht geglaubt haben, so blieb ihnen aber doch das Bild. Nun haben sie den geöffneten Rachen gesehen, und die ihnen ganz entsetzlich vorkommenden Flammen aus demselben schlagen, und somit ihr böses Bild in der Verwirklichung wahrgenommen. Dadurch ist ihr Unglaube an die Hölle wieder zum Vollglauben geworden. Darum aber werden sie nach der abgelesenen schriftlichen Anordnung sich auch keine Sekunde mehr aufhalten in der Kirche, sondern eiligst aufbrechen und sich ins weite Freie machen.
RB|2|233|6|0|So sie aus der Kirche treten, werden sie auch sogleich keine Stadt irgendmehr ersehen, sondern bloß nur ein offenes, freies Land. Allda werden sie dann schon hie und da auf gewisse Reisende stoßen, die sie weiter zu ihren Bestimmungen leiten und führen werden in Meinem Namen. Um diese haben wir uns denn nun auch gar nicht mehr besonders zu kümmern. In einigen und dreißig Jahren werden sie für den unteren Weisheitshimmel ganz geeignet sein. Höher hinauf aber werden sie wohl schwerlich je kommen, weil bei ihnen das Organ der Liebe, weil es nie geübt und gestärkt worden ist, zu unentwickelt und schwach ist. Dafür aber hat freilich das Organ der weitwendigen Weisheit eine viel zu große Ausdehnung und kann daher nie von der enorm schwachen Liebe überwältigt werden. Denn so bei solchen die Liebe sozusagen um sieben Ellen wächst, so wächst die Weisheit daneben schon uns dreifache. Und es kann daher nie jenes Verhältnis zwischen Liebe und Weisheit hergestellt werden, welches notwendig ist, um in einen höheren Himmel aufsteigen zu können.
RB|2|233|7|0|Es ist zwar wohl gerade keine absolute Unmöglichkeit, dass auch Geister des untersten Weisheitshimmels in einen höheren Himmel übergehen können; aber es geht so was immer sehr schwer, weil die Weisheit sich stets mehr in der Spekulation als in der wirklichen Tat gefällt. Der Weise hat nur ein Wohlgefallen, so er vor andern seine tiefen Einsichten auskramen kann, während der eigentliche Liebegeist nur nach dem Guten und Wahren handeln will. Der pure Weisheitsheld ist gewisserart das, was das Publikum in einem Theater ist. Er hört die Komödie an und betrachtet mit scharfem Kennerauge alles, was oben auf der Bühne vor sich geht. Er versteht auch gewöhnlich alles besser, als der auf der Bühne handelnde Komödiant. Man stelle ihn aber nur einmal auf die Schaubühne und er wird kaum einen letzten sogenannten Statisten vorzustellen imstande sein. Da aber das Zuschauen, Betrachten und danach Räsonieren viel leichter als das Handeln ist, so sind die Geister des untersten Himmels auch stets sehr schwer in einen höheren Himmel zu bringen; denn die meistens tatlose Bequemlichkeit ist ihnen lieber als die schönste und beste Handlung. Solche Geister können nur durch eine gewisse Einförmigkeit der ihnen vor die Augen gestellten Erscheinungen, dann aber auch durch erheiternde Handlungsexempel zur Tat angespornt werden. Sind sie einmal beim Handeln, wenn anfangs auch noch so spießig, so geht dann die Sache schon vorwärts; aber nur im Anfang wehrt es sich ganz entsetzlich.
RB|2|233|8|0|Und so, Mein lieber Robert, wird es auch mit diesen Pfaffen gehen – wenn es gut geht, wie man so sagt. Aber eher wird es so sein, wie Ich es ehedem dir gezeigt habe. Sie werden zwar noch manchen Brocken zum Verschlucken bekommen, bis sie in den untersten Weisheitshimmel gelangen werden.
RB|2|233|9|0|Mit dieser Rotte werden wir es viel leichter haben. Sie hat nun nach einigen Hin- und Herschwenkungen vor uns Halt gemacht, da wir ihr aufgefallen sind. Sie übt hier eine Art Patrouille aus und hat nun den Sinn gefasst, uns zu fragen, was wir hier vorhätten, weil unsere Gesellschaft auf einem Fleck des Platzes ihr ein wenig zu stark vorkommt, besonders in einer Stadt, die sich leider noch im Belagerungszustand befindet. Bei der Gelegenheit ihrer Anfrage an uns werden wir ihr denn auch sogleich der Wahrheit getreust kundtun, wer wir sind und was wir so ganz eigentlich hier wollen und werden sie dann auch sogleich unter einem einladen, uns zu folgen in das Reich des Lebens. Aber da kommt, Mein lieber Robert, die Reihe wieder einmal an dich. Du musst hier für uns alle den Wortführer machen; daher nimm dich nur recht zusammen!“
RB|2|234|1|1|Roberts Widerwille gegen das Militär. Der Herr über den Soldatenstand. Hauptgrund für die Wienreise: Robert muss seine Abneigung gegenüber Soldaten überwinden.
RB|2|234|1|1|(Am 24. August 1850)
RB|2|234|1|0|Spricht Robert: „O Herr! Das wird, wie ich es so im Voraus betrachte, eben von meiner Seite aus nicht am besten gehen; denn der Soldatenstand ist eben meine schwache Seite nie gewesen. Und wo ich nur immer einen Soldaten gesehen habe, da hat sich auch allzeit ein ganz eigener Ingrimm meines Herzens bemächtigt, dessen ich beim besten Willen nicht Meister werden konnte. Denselben Ingrimm empfinde ich auch jetzt noch, obschon ich mich durch Deine Gnade zu wenigstens halbvollendeten Geistern zählen darf. Soll ich nun diese Soldaten bekehren, so müsste ich irgendeine Liebe oder doch wenigstens einen gewissen Geschmack ihnen abgewinnen können. Das aber scheint mir, je mehr ich mich mit meinem Herzen beratschlage, eine reine Unmöglichkeit zu sein. Denn diese Art Menschen sind nichts als pure Maschinen, die sich wie abgerichtete Tiere nach einem gewissen Kommando bewegen. Was ihnen befohlen wird, das tun sie, ohne sich auch nur zu fragen, ob es recht war oder nicht.
RB|2|234|2|0|Nehmen wir den Belagerungszustand an! Jede Wache hat die Weisung, jedermann, ohne Ausnahme, der auf ein dreimaliges Anrufen keine Antwort gibt, sogleich niederzuschießen. Setzen wir aber den Fall, der sehr möglich ist und sich auch schon öfter wirklich ereignet hat, dass ein Taubstummer sich einem besonders heiklen Posten der Wache unwissend über die Gebühr nähert; die Wache ruft ihn nach Vorschrift dreimal an; der Angerufene kann ihr natürlich keine Antwort geben – was geschieht nun? Der Posten oder der Wachesoldat zielt und schießt den Taubstummen ohne Weiteres Knall und Fall über den Haufen! Frage: Wie ist solch eine Handlung zu betrachten? Was für ein Herz gehört dazu, das nach einer Hinrichtung eines armen Bruders so ganz mir und dir nichts seinen mechanischen Dienst weiter fort verrichten kann, als ob da gar nichts vorgefallen wäre? Ich weiß wohl, dass der Soldat gezwungen ist, so zu handeln; aber das entschuldigt die Sache bei mir durchaus nicht. Denn es ist schlecht, dass man Menschen als Hunde gebraucht, und ebenso schlecht ist es, dass sich Menschen als Hunde und reißende Wölfe gebrauchen lassen. Leider, dass da Millionen denselben Weg wandeln und bis jetzt noch keine Abänderung weder von der einen noch von der anderen Seite geschehen ist.
RB|2|234|3|0|Du siehst also, wie Du es schon lange gesehen hast, dass ich unmöglich ein Freund des Soldatenstandes werden kann und somit auch mit dieser vor uns stehenden Truppe sicher sehr schlechte Geschäfte machen würde, so ich mit ihr belehrend zu unterhandeln anfinge. Darum bitte ich Dich, o Herr, übertrage dies Geschäft an irgendjemand Tauglicheren! Denn mein ganzes Gemüt sträubt sich ganz gewaltig dagegen, besonders hier in dieser Stadt, in der ich, wie Dir die Gründe nur zu bekannt sein müssen, eben den Soldatenstand von einer zu elenden und überschmählichen Seite habe müssen kennenlernen. Ich habe es ihnen wohl vergeben, die an mich die Hand gelegt haben; aber dem Stand selbst kann ich nimmer ein Freund werden.“
RB|2|234|4|0|Sage Ich: „Eben deshalb, weil dir dieser Stand noch gleichfort ein Dorn in den Augen ist, übertrage Ich dir dieses Geschäft. Ich sage dir, Mein lieber Sohn, du könntest nicht wahrhaft eingehen in Mein Reich, so du diesen Dorn nicht aus deinen Augen brächtest. In Meinem Reich herrscht nichts als nur die allerreinste Liebe, die vollends frei sein muss von allem, was auch den allerleisesten Schein nach irgendeiner Unversöhnbarkeit hat. Du musst der Welt, was ihr angehört, eher alles bis auf den letzten Heller zurückerstatten, bevor du ein Bürger Meines Reiches in Hülle und Fülle werden kannst.
RB|2|234|5|0|Weg also mit allem, das nach irgendeiner Unversöhnbarkeit nur allerleisest riecht! In jeder Sekunde musst du aus deinem ganzen Gemüt deine Arme für Millionen ausbreiten können! Dein Bruderkuss muss allen Wesen der ganzen Schöpfung gelten, ob sie dir genehm oder nicht genehm sind! Ob Freunde oder Feinde, das muss dir vollends ein ganz Gleiches sein! Denn so es in Meinem reinsten Liebereich auch gewisse bedenkliche Rücksichten gäbe, wie sähe es dann bald mit der Weltenregierung aus?
RB|2|234|6|0|Auf der Erde hast du oft sehen können, wie Ich Meine Sonne über Gute und Böse habe scheinen lassen, ohne den geringsten Unterschied, und den Regen goss auf das Feld Meiner Verächter ebenso gut, wie übers Feld Meiner intimsten Verehrer und Anbeter. Warum aber tat Ich das, was Ich auch recht gut hätte anders machen können? Weil Ich Selbst die allerreinste Liebe bin und in Mir ewig nie eine Rache oder auch nur der leiseste Schein von irgendeiner Unversöhnlichkeit Platz greifen kann. Mein innerster Wunsch und Wille geht unverwandt dahin aus, alle Wesen so frei und so selig als nur immer möglich zu machen, und solle, so es möglich wäre, dies auch auf Kosten Meiner höchsteigenen Seligkeit geschehen, wie es auch zeitweilig schon geschehen ist, und noch geschieht.
RB|2|234|7|0|Ich gehe nun schon eine geraume Weile mit dir um, und du kannst nicht sagen, dass Ich Mich oft dir entzogen habe. Für Mich als das urvollkommenste Wesen der Wesen ist es sicher nicht so selig, unter unvollendeten Wesen, die Mich nur zu oft gar nicht erkennen und nicht erkennen wollen, zu weilen und sie mit aller Geduld und zartesten Sanftmut zu leiten, als so Ich Mich unter Meinen vollendetsten Söhnen und Brüdern befinde, in Meinem Reich der reinsten Liebe und des hellsten Lichtes, aus dem Zentrum Meines Herzens ausstrahlend. Aber Ich tue es dennoch, weil Meine höchsteigenste reinste Liebe es Mir zu einer Pflicht auferlegt. Also musst auch du dir so manches gefallen lassen und stets dahin trachten, Mir in allem vollends ähnlich zu werden.
RB|2|234|8|0|Siehe, ein Soldat ist zwar an und für sich ein Feuer, welches zerstört, tötet und verwüstet. Aber denke dir ein Land, in dem es durchaus unmöglich wäre, ein Feuer zu erhalten und zu unterhalten. Könnte in solch einem Land wohl jemand bestehen? Sicher nicht, denn wo kein Feuer bestehen kann, da gibt es auch keine Lebensluft und ohne die kein animalisches Leben. So aber in einem großen Volksstaat es keine Waffenleute gäbe, wo wäre da die Sicherheit des nötigen Eigentums, des Lebens und der Aufrechterhaltung der Ordnungsgesetze zu suchen? Siehe, das, was dem Leben zwar im Übermaß gefährlich werden kann, das muss auch hauptsächlich das Leben erhalten! Und deshalb ist der Soldatenstand durchaus nicht so schlecht, als wie du es meinst. Im Gegenteil ist der Soldatenstand für jeden Völkerstaat nur sehr nützlich und unentbehrlich, und daher musst du ihn durchaus nicht mehr mit feindlichen Augen betrachten, sondern mit den Augen der reinen Liebe, der wahren Gerechtigkeit und Ordnung und dir dabei denken: Auch ein Soldat ist mein Bruder! Dass er eine Maschine des Gesetzes ist, das geht dich nichts an und darf dich nichts angehen! Denn es muss ja Maschinen des Gesetzes geben, auf dass aus und unter dem Gesetz eine wahre und für ewig dauernde Freiheit erkeimen und erwachsen kann.
RB|2|234|9|0|Muss von Mir aus nicht ein jeder Weltkörper eine Gesetzesmaschine sein, auf dass auf demselben freie Wesen ungestört zum wahren Leben heranreifen können? Was wäre aber mit den Menschen, so die Weltkörper keine Gesetzesmaschinen wären? Denke dir eine freischwebende Erde voll freien und unbeschränkten Willens, wie würde die mit ihren Schmarotzer-Einwohnern verfahren, so sie ihr fühlbar lästig werden würden? Also Freund! Bedenke das alles und du wirst dem Soldatenstand sicher geneigter werden, als wie du es bis jetzt warst, und wirst dich nun auch leichter an das dir anbefohlene Geschäft machen, was unumgänglich nötig ist zu deiner gänzlichen Vollendung, ohne die du in Mein Reich nicht eingehen könntest. Denn siehe, darin liegt eben der Hauptgrund, warum du noch einmal mit Mir Selbst nach Wien dich hast begeben müssen. Fasse dich und mache dich an das Geschäft! Ich sage dir, dass es besser gehen wird, als du es meinst! Denn Gesetzesmaschinen sind allzeit leichter zu leiten als jene, die da Gesetze geben.“
RB|2|235|1|1|Helena treibt den zaudernden Robert an. Roberts Ansprache an die Truppe. Er sucht ihr Klarheit zu geben über das Jenseits.
RB|2|235|1|0|Robert etwas betroffen über solche Meine Zurechtweisung, dankt Mir zwar recht inbrünstig dafür; aber er hat dennoch keinen rechten Mut, eher mit den vor uns stehenden Soldaten ein Gespräch anzuknüpfen, als bis sie ihm dazu einen Anlass geben würden. Die Soldaten aber merken das, denn sie haben Meine Worte vernommen, die ihnen gefielen, und sind darum still und warten, bis Robert sie angehen würde. Und so schaut nun Robert die Soldaten an und die Soldaten den Robert; kein Teil will die Offensive ergreifen.
RB|2|235|2|0|Nach einer Weile tritt die schöne Helena, die stets voll der innigsten Liebe zu Mir ist, hervor und sagt zum Robert: „Aber lieber Robert! Bist du ein Hasenfuß oder bist du keiner? Wie könnte ich aber auch nur eine Sekunde es auf den Vollzug des Willens des Herrn anstehen lassen? Schau, hätte der Herr mir so einen Auftrag gegeben, ich wäre damit schon lange zu Ende. Du aber bringst erst eine lange Wurst von eitlen Entschuldigungen vor, obschon du weißt, dass der Herr niemals mit Sich handeln lässt und lassen kann; denn Sein mildestes Wort geht allzeit aus Seiner liebweisesten Ordnung hervor und muss erfüllt werden, ohne welche Erfüllung unmöglich je an ein Heil zu denken ist – wie es dir soeben der allgütigste Herr und Vater nur zu klar gezeigt hat. So du aber das aus dem Mund Gottes Selbst vernimmst, was zauderst du denn hernach, den allerheiligsten Willen in den Vollzug zu bringen? Rühre dich doch, dass die achtbare Truppe es merke, dass du ein Leben hast! Es wäre mir sonst wirklich zum Ärger, so einen Mann zu haben! Denke bei solchen Gelegenheiten an den mutigsten Kado zurück, der selbst dem Satan seine Courage ganz kurios abgekauft hat. Damals hast du schon den schönen Dienst eines Schutzgeistes versehen, und nun hast du eine Trema (Zagen) vor dieser kaum hundert Mann zählenden Truppe! O das ziert den großen Namen Robert Blum wohl gar nicht.“
RB|2|235|3|0|Als die Truppe den Namen „Blum“ vernimmt, da tritt sie uns näher und sagt und fragt ganz barsch: „Was ist das für ein Blum? Doch nicht der große Staatsverbrecher, den der Fürst General von Windisch-Graetz hat erschießen lassen?“
RB|2|235|4|0|Diese Frage entzündet den Robert, und er tritt sogleich ganz keck vor die Truppe hin und sagt mit einer sehr lauten Stimme: „Ja, derselbe Blum steht vor euch; aber nicht mehr sterblich, sondern ewig unsterblich! Robert Blum aber war nie ein Staatsverbrecher. Das Zeugnis dafür gibt mir der Herr und das ganze Königreich Sachsen und das ganze bessere Deutschland! Aber der General, der mich hier in Wien hat erschießen lassen in seinem übertriebenen Hochmutseifer, ist wohl gar nicht lange darauf zu einem wirklichen Staatsverbrecher geworden. Nur sein alter hoher Adel und einige patriotische Vortaten haben ihn vor dem Kerker verwahrt. Wäre er nun kein Fürst Windisch-Graetz, so hätte er sein Vergehen in Ungarn gewiss auf eine härtere Art zu sühnen bekommen, als so. Tausende hier in Wien können mir das Zeugnis geben, dass ich am Ende, als Wien ohnehin schon so gut wie verloren war, allen abgeraten habe, sich fernerhin über die nur zu sichtliche Übermacht zu erheben. Aber man schalt mich dafür einen Feigling. Da ergriff ich wieder das Schwert und sprach: ‚So ziehe denn mit mir, wer den sicheren Tod nicht scheut!‘ Ist das bei euch ein Staatsverbrechen? Redet und glaubt nicht, dass Robert Blum je ein Feigling war!“
RB|2|235|5|0|Auf diese scharfe Rede Blums tritt der Offizier zu ihm hin und sagt: „Mein Freund! Es hat sich zu der Zeit des Jahres 1848 die Sage verbreitet, dass Er nicht erschossen, sondern vom Fürsten heimlich in die Freiheit gesetzt wurde und ein anderer Verbrecher in Seinen Kleidern erschossen worden sei unter dem Namen Blum. Er aber sei dann in fremden Kleidern mit strengster Weisung über Berlin und Hamburg für ewige Zeiten nach Amerika unter einem fremden Namen und zugleich rasiert und geschoren transportiert worden. Sein Wiedererscheinen in dieser Stadt gibt für mich der Vermutung Raum, dass an dieser Mythe etwas Wahres sei. Sage Er mir genau, getreu und wahr, wie sich Sein wirkliches unverkennbares Wiedererscheinen in dieser Stadt mit der Ihm nun kundgegebenen Mythe verhält. Rede Er mir aber die reine Wahrheit, sonst – !“
RB|2|235|6|0|Spricht Robert: „Freund, diese Mythe ist nichts als ein leeres Geplausch alter, müßiger Weiber, besonders in Sachsen und Preußen! Ich bin so gut wie tausend andere im Angesicht von vielen Zuschauern, die mich gar wohl kannten, erschossen worden, worüber hoffentlich auch in ganz Europa und Amerika kein Zweifel mehr obwaltet. Das, was du nun aber hier vor dir siehst, ist kein irdisch Fleisch und Blut mehr, sondern das ist Robert Blums ewig lebender Geist, hier dazu von Gott dem Herrn berufen, wie du es ehedem selbst vernommen haben wirst, euch dahin zu belehren, dass auch ihr alle das seid, was ich nun bin – nämlich bloß unsterbliche Geister im großen Reich der Ewigkeit.
RB|2|235|7|0|Ich selbst konnte nach dem mir gewaltsam entrissenen Leib lange nicht innewerden, ob ich wohl gestorben sei oder nicht. Lange umgab mich eine dichteste Finsternis. Ich erinnere mich ihrer noch stets mit einem nicht unbedeutenden Grauen. Nur Gottes Allgüte und Erbarmung führte mich aus solcher Nacht zum heiligen Licht alles Lebens empor. Und ich ward erst in solchem Licht inne, dass und wie so ganz eigentlich und sicherlichst ich gestorben bin.
RB|2|235|8|0|Derselbe Herr und Gott ist seit derselben Zeit noch immer beinahe unverwandt bei mir. Mehrere tausend von der Erde abgeschiedene Geister haben bei dieser meiner Gelegenheit und unter diesem heiligsten Panier die vollste Freiheit des ewigen Lebens erreicht. Viele bewohnen schon die allerfreiesten Staaten der Himmel Gottes, die wahrlich keine Chimäre sind, wie wir es auf der Erde leider gedacht und am Ende für wahr gehalten haben. Nur eine geringste Anzahl in der beständigen Gegenwart Gottes des Herrn ist vor dem vollen Eingang in die freiesten Himmel hierher nachgekommen, um allen Guten die Erlösung zu bringen und zu geben.
RB|2|235|9|0|Die keineswegs geringe Gesellschaft, die ihr hier erschaut, sind schon lauter Erlöste dieser Stadt, in der manche, noch von irdischem Wahn belebt, schon einige Hunderte von Jahren traurig und elend genug zugebracht haben. Durch die alles durchleuchtende Kraft des göttlichen Wortes sind sie ihres Irrwahnes innegeworden, haben das wahre Licht des Lebens erkannt und sind dann freiwillig, durch ihre eigene Überzeugung gedrungen, Dem gefolgt, der allein ein Herr alles Lebens ist von Ewigkeit.
RB|2|235|10|0|Tut ihr desgleichen! Denn auf der Erde, die ihr noch zu bewohnen wähnt, ist ewig kein Heil mehr für euch. Glaubt es mir! Ich würde es euch sicher nicht sagen, wenn es nicht so wäre. Legt ab eure Waffen! Ihr werdet in der Art keine mehr gebrauchen! Denn in alle ewigen Zukünfte wird allein des Herrn Name euere mächtigste Waffe sein. Brüder, bedenkt euch kurz und folgt mir! Ich habe euch die vollste Wahrheit gezeigt.“
RB|2|236|1|1|Antwort des ungläubigen Offiziers. Dessen Zwiesprache mit Helena und Robert.
RB|2|236|1|1|(Am 27. Aug. 1850)
RB|2|236|1|0|Spricht der Offizier: „Du bist zwar ein guter Mensch, aber dabei ein närrischer Kauz! Du sagtest, dass wir schon lange gestorben wären und nun hier nur als Geister herumwandeln. Aber schau, schau! Da steht der herrliche Stephansdom, wie er sozusagen leibt und lebt! Der hohe gotische Turm gerade so, wie er seit seiner notwendigen Restauration ausgesehen hat! Nicht einmal ein Schwalbennest fehlt unter seinen vielen Gesimsen und durchbrochenen Verzierungen. Da – rings herum die seit alters her nur schon zu bekannten Häuser! Dort der unverkennbare Stockameisen. Das alles müsste denn auch Seele und Geist haben und gestorben sein und auf der Welt gar nicht mehr vorhanden sein, um hier – also in deiner Geisterwelt – für ewig fortbestehen zu können. Schau, schau, für so dumm musst du unsereins denn doch nicht halten und verlangen, dass man dir so etwas sogleich mir und dir nichts glauben könnte.
RB|2|236|2|0|Also schwärmtest du auch von Gott, dass Er Sich hier unter euch befinde und hier in Wien die altgebannten Geister aus ihrer Nacht befreite, um sie dann in die Himmel aufwärts zu führen. Aber wo tust du dich hin mit solch allerburleskesten Behauptungen? Das gehört ja doch in einen siebenten Stock des allerersten Irrenhauses!
RB|2|236|3|0|Gott, das unendliche, für kein endliches Geschöpf je begreifliche Wesen, ist eine heiligste Urkraft, die die ganze Unendlichkeit durchdringt – und soll hier in der höchst beschränkten Gestalt eines Menschen und noch dazu in einer sterblichen Umhüllung Sich befinden?! Mein Freund, so was zu glauben, wäre ja noch bei Weitem über eine Mariazeller Wallfahrt ob irgendeiner Gnade. Du bist doch, so du im Ernst der berühmte Blum bist, kein Mensch eines echt römisch-katholischen Leicht- und Aberglaubens gewesen; denn du warst ein Deutschkatholik. Wie möglich kamst du, wahrscheinlich in Amerika oder England, dazu, solch ein Zelot zu werden? Haben dich denn etwa gar die Irländer, die wahrlich nicht umsonst diesen Namen tragen, dazu umgewandelt? Haha, es ist wahrlich schon zum Tollwerden! So etwas zu glauben!
RB|2|236|4|0|Schau, Freund, ich könnte dich nun zwar samt deinem lieben Herrgott arretieren; aber ich unterlasse das, denn du bist mit deinen echt irländischen Ideen keinem Menschen mehr gefährlich. Sogar die Liguorianer und Jesuiten können mit dir Arm in Arm herumwandeln und haben von dir bei so bewandten, echt irischen Umständen nichts zu befürchten. Dein lieber Herrgott scheint auch ein wirklich ganz unschuldiges Lamm zu sein, sowie die ganze übrige, für eine Mariazeller Wallfahrt ganz reife Gesellschaft. Das Beste, nicht an dir, sondern bei dir, hörst du, wäre dein allerliebstes Weiberl. Beim Styx! Der zulieb machte ich am Ende noch selber eine Mariazeller Wallfahrt mit. Ist das etwa auch eine Irländerin? Sie wird es wahrscheinlich sein, sonst hätte sie bei ihren gewaltigen Schönheitsvorzügen unmöglich dich geheiratet, vorausgesetzt, dass ihr wirklich verheiratet seid. Sage mir doch, was sie für eine Landsmännin ist. Ist sie eine Inglismännin [Engländerin], oder was sonst?“
RB|2|236|5|0|Sagt die Helena: „Ich heiße Helena und bin aus echt Oberlerchenfeld gebürtig, waon's was gspürn! Das ist das gewöhnliche ‚Irland‘ für die armen Wiener Sünder! Verstehn's mich?“ – Sagt der Offizier: „O kotz Kreuz Bomben und alle Granaten! Potz Blitz und alle Elemente zu Wasser und zu Lande! Also eine Lerchenfelder Zirkassierin! O verfluchte Geschichte! Aber wie kommt denn das, dass Sie nun sein Weib sein sollen, indem meines Wissens er ja ohnehin ein Weib und mit demselben auch mehrere Kinder in Sachsen hat?“
RB|2|236|6|0|Sagt die Helena ganz echt wienerisch: „No wissen's denn das nicht, Sie Kreuzblitzer von an Offizier? So lang man auf der Erd ist, hat man freilich ein gültigs Weib und soll für Rechts wegen ka zweite daneben haben, verstehen's mich? Wenn man aber amal gstorben is und mit Gottes Gnad und Barmherzigkeit in den Himmel kommen is, da kriegt man nachher gleich an anders Weiberl, aber halt von der Erd ani. Denn im Himmel droben wachsen kani Madeln, wann's nit ehender auf der Erd geboren worden san. Schaun's nur, dass a bald in Himmel einikommen, da wird sich vielleicht für Ihnen a no so a recht saubers Weiberl auftreiben lassen! Aber unsern allerliebsten Herrgott müssen's ehender wohl über alles recht liebhaben, sonst is nix, mein lieber Herr Offizier!“
RB|2|236|7|0|Sagt der Offizier: „Schade um das schöne Kind, dass sie eine gar so hundsgemeine Sprache spricht. Das ist ja ein schrecklicher Dialekt der edlen deutschen Sprache. Sagen Sie, echte Lerchenfelderin, sprechen im Himmel alle Frauenzimmer so wie Sie? Wenn das der Fall wäre, da bliebe ich schon lieber in gebildeten Zirkeln auf der Erde. Nein, ist aber das doch eine Hundssprache, wie es nur immer irgendwo eine geben kann.“
RB|2|236|8|0|Spricht die Helena: „No, ich bitt Sie, was meinen's denn, was Sie für a politiertes Deutsch sprechen? Schaun's, a jede Sprach is schön und gut, wann's nur aus an ehrlichen Herzen und Mund kommt! Aber wann a Sprach a noch so politiert ist und kommt aber aus an rechten Spitzbubenherzen, was is sie nachher wert? Was wär Ihnen denn lieber, wann ich so recht hochdeutsch redete, Sie aber dann auch auf hochdeutsch anschmierete – oder wann ich so recht gemeinweg oberlerchenfelderisch red und es dabei mit Ihnen kreuzehrlich mein? Schaun's, a so a recht hochdeutsche Sprach, besonders hier in Wien, is gwöhnlich a Verstellung. Der red't hochdeutsch, weil er möcht die Leut von ihm meinen machen, dass er a Glehrter is, bei ihm selber aber is er an Esel in allen vier Elementen. Sagen's, is so was nit a rechte Spitzbüberei, wann man die Leut mehr von sich meinen machen will, als man is? An anderer spricht hochdeutsch, um beim schönen Gschlecht Eroberungen zu machen, hat dabei aber gwöhnlich die schmutzigsten Absichten, wie ich's nur gar zu oft erfahren hab. Sagen's, is das nit wieder a recht grausliche Spitzbüberei? An anderer is bloß nur a Kommis in einer Zeughandlung; wann recht noble und schöne Mädchen und Damen hineinkommen, um was zu kaufen, so kegelt er sich völli den Mund vor lauter Hochdeutsch aus und lobt sein Waar auf echt sächsisch oder gar preußisch, um die Mädchen und Damen ja für sein Waar und vielleicht für noch was zu gwinnen. Sagen's, is dann so a Sprach nit schon wieder a recht hochdeutsche Spitzbüberei? So geht's auch in den Ämtern und Kanzleien zu. Diejenigen Beamten, die so recht hochdeutsch reden, sind gwöhnlich die gröbsten, stolzesten und dümmsten zugleich und wollen durch ihre hohe Sprach nix als ihre Fehler unsichtbar machen. Sagen's, is so was nit schon wieder a rechte Spitzbüberei? Und das heißen Sie a gebildete Sprach, die die Leut brauchen, um anander recht tüchtig anzuschmieren? Jetzt hören's mir nur bald auf, sonst wird's mir übel!“
RB|2|236|9|0|Spricht der Offizier: „Nein, nein, mein liebes Kind, so meine ich es aber ja auch nicht! Sieh, ich meine es nur so, dass man in einer gebildeten guten Welt wenigstens so reden soll, wie man schreibt – aber nicht gar so provinzialisch, was einem gebildeten Ohr geradeso unangenehm klingen muss, als wie schlechte und in Grund und Boden falsche Musik. Schau, du bist, je länger ich dich betrachte, ein schönes Kind, dass ich wahrlich in meinem ganzen Leben noch nie ein schöneres Wesen gesehen habe, was doch gewiss sehr viel sagen will, da ich in der Art beinahe in ganz Europa sehr viel gesehen habe. Hättest du auch eine mehr gebildete Sprache, so wärst du eine reine Göttin. Aber wenn du redest, so streifst du den ganzen himmlischen Schönheitsnimbus herab, und man wird dadurch von der höchsten göttlichen Poesie in die alleralltäglichste Prosa versetzt. Schau, du hast dich ehedem als eine Himmelsbewohnerin ausgegeben, was ich dir deiner Gestalt nach auch gar nicht in eine Abrede stellen möchte; denn sie ist schön genug, um auch in einem noch so phantastisch schönen Himmel Aufsehen zu erregen, schön genug, um in den goldenen Gärten der Hesperiden zu glänzen. Aber so du dann mit deiner hundsgemeinen Sprache kommst, so fällt dann ein hochlyrisch-poetisches Gemüt, wie das meine, ja gleich von einem siebenten Himmel in den schmutzigsten Patsch der Erde zurück. Daher, so du schon durchaus ein himmlisches Wesen sein willst, so musst du auch wirklich durchaus himmlisch sein in der Sprache wie in der Gestalt, sonst glaubt dir's ewig kein Kuckuck, dass du eine Bewohnerin des Äthers menschlich-lyrischer Phantasie bist.“
RB|2|236|10|0|Spricht die Helena: „Ich bitt Ihnen, reden's nit gar so gschwollen und lahmlaket! Mit Ihren Komplimenten können's Ihnen a bald hamleuchten lassen. Manen's denn, ich bin etwa a so ani, die sich mit so an Komplimentenköder fangen lasst? Sie, wann's das meinen, da sag i Ihnen glei: ‚Da schaut unser liebe Herrgott zum Fenster hinaus und sagt, es wird nix draus!‘ – Sie, i bin a Durchgwixte! Verstehen's mich? Auf der Simringer Heid gibt's Meisen gnug, die Sie fangen können; aber in Oberlerchenfeld muss man anders reden, wann man so noch wo an überbliebnes Ganserl fangen will. Meinen's denn, ich kenn' etwa Ihre Begierden nit? Gehn's und schaun's, dass Sie mir nit gstohlen werden! Ihnen gfallt nur mein Gfrieß, mein Herz aber ghört vor Ihren Augen der Katz zu! Das geniert Ihnen freili, dass ich nit so fein gesprächig bin wie so an aufgeputzte Stadtfräule, aber das is justament gut für unserans, denn dadurch verschaff i mir a Ruh vor Ihnen. Da reden's mit mein' Mann! Der kann schon besser hochdeutsch, als wie i. Glauben's aber, was er Ihnen sagt, sonst werden's no lang kan Himmel zu sehen bekommen!“
RB|2|236|11|0|Spricht der Offizier, sich die Ohren zuhaltend: „Gottlob, dass sie ausgeredet hat! Die treibt einen gebildeten Mann bei Gott zur Verzweiflung mit dieser Hundesprache. O du verzweifelter, allerechtester Lerchenfelder Rostbraten mit Knoblauch und echt böhmischem Rapunzelsalat! O Gott, o Gott! Mann! Robert! Freund! Bruder! Bist du taub? Was sagen deine Ohren zu solcher Ästhetik? Du feingebildeter Sachse, du Hofmann! Du kannst selig sein an der Seite dieses Rostbratens? Gott verleihe dir die höchste Geduld dazu! Mich brächte so eine Ehehälfte in wenigen Stunden zur Verzweiflung! Nein, hörst du, diese Sprache! Und je länger sie spricht, desto hundsgemeiner! Hier könnte ich mit dem göttlichen Schiller ausrufen: ‚Das Leben ist der Güter höchstes nicht‘ – aber der Übel größtes ist ein dummes, ungebildetes Weib! Sage, Freund, wie wird es dir denn, so sie mit dir spricht, obschon du ein ziemlich starker Irländer geworden bist? Wahrlich, so diese sonst ganz überirdisch schönste Gestalt ganz stumm wäre und durch Zeichen und Mimik redete, wäre sie bei Weitem interessanter als so mit solch einer Hundesprache. Nein, hörst du, die ist fest assekuriert [gesichert] vor mir! Und du darfst dich durchaus nicht fürchten, dass die je jemand zu irgendeiner Untreue bereden wird; denn die ist zu ungeheuer dumm!“
RB|2|236|12|0|Spricht Robert: „O da irrst du dich sehr! Die ist nur zu durchtrieben gescheit und hat dir einen Mut über zehn ganze Husarenregimenter! Sie redet auch nicht immer so, sondern nur, wann sie will. O sie kann dir auch gar wunderschön reden, so es ihr am rechten Ort und Platz zu sein dünkt. Ergibt sich aber dann wieder eine sie etwas genierende Gelegenheit, da wird sie wieder ganz Lerchenfelderin. Füge du dich nur dem, was ich dir gesagt habe! Gehe hin und rede mit Gott, dem Herrn Jesus Christus Selbst! Überzeuge dich von allem selbst! Dann erst rede und handle nach deiner subjektiven Überzeugung.“
RB|2|236|13|0|Spricht der Offizier: „Weißt du, das klingt alles wohl sehr närrisch und rätselhaft. Aber führe mich doch hin, ich will mich von allem überzeugen. Sollte es so sein, wie du mir sagtest, so sollt ihr an mir den wärmsten Teilnehmer finden. Im Gegenteil aber einen, der sich auch der Narren annehmen kann und wird.“
RB|2|237|1|1|Des Offiziers Herzenszug. Der Vater offenbart Sich dem Liebenden.
RB|2|237|1|1|(Am 29. Aug. 1850)
RB|2|237|1|0|Robert führt den Offizier zu Mir hin und sagt: „Dieser ist es, von dem die großen Schöpfungen zeugen, alle Propheten und Sein eigenes, heiliges Wort – ein Wort aller Worte, das große Wort vom Vater, von der ewigsten, reinsten Liebe!“
RB|2|237|2|0|Spricht der Offizier: „Aha, also dieser soll es sein?! Ja, ja, das ist ja derselbe, der ehedem den Soldatenstand, als du über denselben losgezogen hast, sehr lobend in den Schutz nahm. Ah, der Mann gefällt mir sehr wohl, auch ohne deshalb ein Gott sein zu müssen! Schau, Robert, wenn aus eines Mannes Brust Gerechtigkeit, richtige Beurteilung jedes Standes und jeder Sachlage, gute Gesinnung, Liebe für Ordnung und Recht und rechte Liebe zum Nächsten wie aus einem reichen Born hervorquillt in stets gleicher ungeschwächter Kraft und Fülle durch Wort und Tat, so ist er, wenn auch gerade selbst kein Gott, aber dennoch sicher erfüllt von einem starken Geist aus Gott und verdient daher die höchste Achtung und Liebe eines jeden rechtlich und bieder denkenden Mannes. Und diese zolle ich auch diesem Mann, bei dem ich ehedem solche Eigenschaften hocherfreulich entdeckt habe, aus allen Kräften meines Lebens.
RB|2|237|3|0|He, Soldaten, habt Acht! Präsentiert vor diesem Mann! Er trägt zwar kein goldenes Portepee auf dem Degengriff, aber dafür ein zehnfaches in seinem Herzen. Und vor so einem Mann muss man dreimal ‚Gewehr aus!‘ rufen, den Grenadiermarsch schlagen und dreimal präsentieren. Denn derlei Männer sind in der [gegenwärtigen] Zeit rar geworden. Komm her an meine raue Soldatenbrust, du biederer Ehrenmann! Die Brust eines Kriegers ist zwar rau anzufühlen; sie ist eine wahre Gesetzesmaschine. Aber hinter der Maschine schlägt oft ein Herz sehr warm für Gott, Kaiser, Vaterland, Recht und Ordnung. Und an so ein Herz in meiner Brust drücke ich denn auch dich, du Edelster der Edelsten!“
RB|2|237|4|0|Hier umarmt er Mich und küsst Mich sozusagen klein ab und sagt darauf: „O du selten heiliger Genuss! Wahrlich, es gibt viel Schönes auf Gottes weiter Erde und viel, was so manches Herz oft mit Wonne, oft mit süßer Wehmut erfüllt. Aber das Herrlichste des Herrlichsten ist doch der erste warme Freundschaftskuss zweier sich wohl erkannt habenden Biedermänner. Darum sei du mir auch so warm als nur immer möglich gegrüßt! Denn deine früheren Worte an den Robert haben dich mir als einen Mann gezeigt, der Kopf und Herz am rechten Fleck hat. He! Soldaten, noch einmal: – dreimal ‚Gewehr aus!‘ Grenadiermarsch und präsentiert!“
RB|2|237|5|0|Bei dieser etwas lärmenden Gelegenheit werden mehrere Menschen beiderlei Geschlechtes aus den Häusern gelockt, und die Neugierde treibt sie an, sich an Ort und Stelle zu begeben, um zu sehen, was da geschähe. Als wir so ziemlich von Zuschauern aller Art umlagert sind, will der Offizier den Soldaten befehlen, die gafflustige Menge auseinander zu treiben. – Ich aber sage zu ihm: „Freund, lasse das! Auch diese Müßiggänger und Pflastertreter sollen sehen, wie da aussieht das Heil der Welt! Das sind halbtote Wesen, die niemanden etwas nützen, noch eben auch etwas schaden können. Lassen wir sie daher gaffen!“
RB|2|237|6|0|Der Offizier befolgt Meinen Rat und sagt zu Mir: „Mein herrlichster Freund! Es tut mir sehr leid, dass ich dich verlassen muss. Aber du weißt, dass des Kriegers Zeit auf die Minuten berechnet ist und ich daher mit meiner Truppe weiterziehen muss nach dem Ort unserer militärischen Bestimmung. Lebe daher wohl! Und meine größte Freude wird es sein, dich ehestens irgendwo wieder zu treffen!“ – Hier umarmt Mich der Offizier noch einmal und küsst Mich mit tränenfeuchten Augen und will sich darauf entfernen mit sichtlich schwerem Herzen.
RB|2|237|7|0|Ich aber sage zu ihm mit weitgeöffneten Armen: „Mein Sohn! Ich sage dir: Du bleibst hier! Denn du hast nicht umsonst solche Liebe zu Mir empfunden, die dich an Meine Brust gezogen hat. Ich bin ja dein wahrer Vater von Ewigkeit! Die Binde, die deine Augen hinderte, Mich sogleich zu erkennen, sei dir für ewig genommen! Und der Vater freut Sich nun, einen so lieben Sohn an Seine Brust drücken zu können! Dies steht allzeit beim Sohn und nicht beim allmächtigen Vater. Der Sohn muss frei sein, sonst erträgt er nicht die Allmacht des Vaters! Du bist aber nun frei geworden, daher komme her an die lang ersehnte Brust deines ewigen, allmächtigen, allein wahren Vaters!“
RB|2|237|8|0|Hier erkennt Mich der Offizier, stößt einen Schrei der höchsten Freude aus und fällt vor Mir auf den Boden hin und sagt: „O Du mein großer Gott! Ich bin ja ein Sünder, wie soll ich nun an Deine heiligste Brust kommen?!“
RB|2|237|9|0|Ich aber sage: „Stehe auf, Mein Sohn, und komm! So Ich dich ‚Sohn‘ heiße, da bist du ohne Sünde. Denn wer so wie du in seinem Herzen Liebe trägt, der hat keine Sünde mehr! Und hätte er Sünden gehabt, so viel des Sandes ist im Meer und des Grases auf der Erde, so sind sie ihm alle vergeben darum, weil er die Liebe hat in seinem Herzen!“
RB|2|237|10|0|Nach diesen Worten erhebt sich der Offizier vom Boden, sieht wie trunken nach Mir hin und sagt mit hoher Begeisterung: „Es ist ja dieselbe heilige Brust, die ich früher unwürdigsterweise als Blinder zweimal umarmt habe. Warum soll ich mich nun fürchten vor ihr, da ich sie erkenne?! O Du mein heiligster Vater! Du bist ja mein, mein, mein lieber, guter, heiliger Vater ewig!“ – Hier fällt er Mir wieder an die Brust und sagt: „O welch ein Glück, welch eine Seligkeit, den wahren Vater gefunden zu haben! O Vaterliebe, du heiligstes, größtes Wort! Was birgst du in deinen ewig unergründlichen, heiligen Tiefen!“ – Hierauf weint er vor Liebe zum Vater. Ich aber stärke ihn, dass er Meine Liebe ertragen kann.
RB|2|237|11|0|Nach einer Weile lässt er Mich wieder aus und sagt mit ganz verweinten Augen: „O lieber Vater! Du heilige, ewige Güte! Siehe, ich bin zwar nun so selig, als nur je ein Wesen selig sein kann. Aber da siehe gnädig hin auf meine recht brave Truppe! Nimm sie auch an! Denke nicht ihrer Gebrechen! Sei ihr, wie mir, gnädig und barmherzig!“
RB|2|237|12|0|Sage Ich: „Mein geliebtester Sohn! Bist schon etwas zu spät gekommen mit deiner Bitte! Denn Ich habe sie schon alle angenommen. Du aber wirst auch in Meinem Reich ihr Führer und Lehrer sein und wirst an diesen deinen Waffenbrüdern Freude haben für ewig. Sie haben viele Schätze in sich, die du erst wirst kennenlernen, so du sie von Stufe zu Stufe höher erheben wirst. Ich sage dir: Einer schon fasst mehr in sich, als alles, was dein irdisch Auge in Meinen Schöpfungen je geschaut hat!“
RB|2|237|13|0|Der Offizier aber bemerkt auch, wie die herbeigeeilte, schaulustige Menge ganz gerührt diese Szene zwischen Sohn und dem wiedergefundenen Vater betrachtet (denn die Menge meint, dieser Offizier habe etwa seinen natürlichen Vater, den er schon lange nicht gesehen und gesprochen hatte, gefunden und sei darob nun so gerührt), und sagt dann zu Mir: „Vater, sieh hin! Die Halbtoten scheinen lebendiger werden zu wollen! Wie wäre es denn, so wir auch sie bei uns bleiben hießen? Mich dauern sie von ganzem Herzen. Ich möchte sie gleich auch alle zu mir nehmen. Ist auch irgendein etwas räudiges Schäflein darunter, das wird sich ja wohl etwa mit gerechten Mitteln reinigen lassen.“
RB|2|237|14|0|Sage Ich: „Mein geliebtester Sohn! Auch das ist schon geschehen, und du sollst sie alle unter dein Regiment bekommen und ihr Führer und ihr Lehrer sein. Ich ließ sie deshalb von dir ja nicht auseinandertreiben. Gehe hin und sage ihnen, was du nun gesehen und erfahren hast! Und sie werden dir folgen.“
RB|2|238|1|1|Der Offizier als Heilverkünder an die Menge. Er treibt ihre Zweifel aus und führt sie aus dem „Tal Josaphat“ zum Herrn.
RB|2|238|1|1|(Am 30. Aug. 1850)
RB|2|238|1|0|Der Offizier verneigt sich tiefst vor Mir und all den anderen, und geht unter die Menge und verkündet ihr das Heil auf eine sehr kräftige und energische Weise, sodass darob alle in eine Art Schwindel geraten und die Weiber zu schluchzen und zu weinen anfangen. Denn einige Schwache meinen, es werde nun offenbar der Jüngste Tag kommen, an dem sie erweckt und gerichtet werden.
RB|2|238|2|0|Aber der Offizier herrscht sie ordentlich an und sagt: „O ihr albernen Weiber und Betschwestern übereinander! Wie fällt euch denn gar so etwas Dummes ein? Glaubt ihr denn, dass der Jüngste Tag gerade so aussehen muss, als wie die Pfaffen ihn euch vorgemalt haben? Es ist hier allerdings ein jüngster Tag für uns alle, weil wir bis jetzt in der stockfinstersten Nacht gelebt haben. Und Gott der Herr Selbst hat uns auferweckt an diesem Tag – ansonst wir in der ewigen Nacht der Weltirrtümer geblieben wären. Und seht, das ist ein rechter jüngster Tag, an dem uns Heil für ewig widerfahren ist. Es ist und gibt auch wohl ein Gericht zum Tod, in dem wir eben ohnehin mit Haut und Haar gesteckt sind; aber das ist ein Gericht aus uns selbst und nicht aus Gott. Das Gotteswort selbst, durch das wir geworden sind, und die uns verliehene Willensfreiheit sind das, was uns richtet und richten muss, ansonst wir Steine ohne Leben wären. Haben wir uns aber aus unserem höchst freien Willen den Todesstoß gegeben und können uns dann im Tod von selbst nimmer helfen – so kommt dann der Vater von oben mit Seinen Engeln und hilft den Toten wieder zum Leben. Wenn die Toten im Geiste dann wieder erwachen im neuen Tage zum ewigen Leben, so ist das für jeden Erweckten und Erwachten dann ein wahrhaftester jüngster Tag – so wie auch für ein jedes neugeborene Kind jener Tag, an dem es in die Welt hinausgeboren ward, ein irdischer ‚jüngster Tag‘, wie dieser für uns alle nun ein geistiger ist zum ewigen unvergänglichen Leben in und bei Gott! Darum fürchtet euch nicht mehr so albern vor einem gewissen Schreckenstag, der wenigstens in dieser geistigen Welt ewig nimmer zum Vorschein kommen wird und kommen kann. Heißt es denn nicht in der Schrift, soviel ich mich derselben noch entsinnen kann: ‚Und Ich, spricht der Herr, werde ihn am Jüngsten Tage erwecken!‘ – und nicht: ‚Ich werde ihn am Jüngsten Tage umbringen und verdammen!‘ – Schaut, schaut, wie albern ihr doch seid!
RB|2|238|3|0|Hätte Gott je gewollt, dass eine gewisse Art Wesen die Gräber der Toten bewohnen soll und gleich daneben die Hölle, so hätte Er diese Wesen auch sicher so eingerichtet, dass sie für Tod und Hölle ganz geeignet wären – so wie der Fisch fürs Wasser und der Vogel für die Luft. Uns Menschen aber hat Gott der Herr fürs Licht erschaffen und nicht für eine ewige Todes- und Qualnacht. Und so erweckt Er Selbst auch alle, die im Tod noch begraben darniederliegen. Seid daher weise und lasst euch belehren! Der Herr hat allen Menschen durch Seine göttliche Lehre das Beste vermeint. Dass sie die Menschen aus Torheit und noch mehr aus Habsucht grundfalsch ausgelegt haben, da kann der Herr nichts dafür, denn Er lässt jedem den freien Willen. Also weg mit allen Skrupeln und folgt mir zum Herrn hin! Er wird euch alle selig machen nach dem Maß der Fähigkeit eines jeden aus euch.“
RB|2|238|4|0|Sagen die Weiber: „Aber lieber Freund, es steht ja ausdrücklich in der Heiligen Schrift, dass nach der Auferstehung alle im Tal Josaphat werden zusammengetrieben werden – von Adam angefangen bis auf den letzten Menschen, der auf der Erde leben wird. Und dort werden sie sehen den Sohn Gottes ankommen in der Mitte Seiner heiligen Apostel, aller sonstigen Heiligen und Märtyrer, begleitet von zahllosen Engelscharen. Und da wird sich dann der erschreckliche Richter auf den Richterstuhl setzen und richten die Toten und die Lebendigen. Siehe, das steht auch in der Heiligen Schrift. Wie erklärst denn du dir solche Schreckensworte?“
RB|2|238|5|0|Sagt der Offizier: „Meine lieben Weiber! Könnt ihr es glauben, dass unser lieber Gott und Vater eine viereckige Kugel erschaffen kann oder machen, dass ein Kinderröckchen, ohne dass es größer wird, einem Riesen am Leib schlottern werde? Ohne den Riesen so klein zu machen als ein Kind oder das Kleid riesenhaft auszudehnen, wird es sich nicht tun! Was meint ihr?“ – „Ja, ja“, sagen die Weiber und Männer, „das möchte sich freilich nicht tun! Und mit einer viereckigen Kugel möchte es doch auch etwas hart hergehen.“
RB|2|238|6|0|„Gut“, sagt der Offizier weiter, „wir sind nun schon Geister in der Geisterwelt. Kommt ihr euch größer und kleiner vor, als wie ihr auf der Welt wart?“ – Sagen alle: „Da finden wir gar keinen Unterschied, vorausgesetzt, dass wir denn in Gottes Namen schon wirklich gestorben sein sollen.“ – Sagt der Offizier: „Nun gut! Nur eine kleine Geduld! Jetzt werden wir bald dort sein, wo wir sein müssen, um das Tal Josaphat besser zu begreifen. Dass wir gottlob alle wirklich in der Geisterwelt uns befinden, welche besser ‚die Welt der Wahrheit‘ heißen sollte, ist nun schon zu evident hell und klar und bedarf durchaus keines Beweises mehr. Aber ob wir auch wirklich so groß sind, als wie groß wir auf der Welt waren, das muss sich ein wenig vergleichsweise erörtern lassen. Aber wie? Ich meine, das soll eben nicht eine zu schwere Aufgabe sein! Versuchen wir die Geschichte!
RB|2|238|7|0|Seht, da steht der Stephansturm, der Dom, die Häuser alle noch gerade so vor uns, als wie wir sie auf der Welt in unseren Leibern viele Tausend Mal gesehen haben; und wir stehen hinsichtlich unserer Größe im selben Verhältnis zu ihnen, als wie wir auf der Welt zu ihnen gestanden sind. Ich habe noch meine fünf Schuhe und etliche Striche, als wie ich sie auf der Welt gehabt habe. Also bemerke ich auch bei euch die ganz natürliche Größe, wie ihr sie auf der Welt gehabt habt. Kurz und gut, wir sind hier der Gestalt nach eher größer als kleiner geworden. Der größte Beweis aber liegt darin, dass dort Gott der Herr Selbst, dessen Gestalt sicher kein Trug ist, ebenso groß ist, als wie wir es sind. Nun, auch über diesen Skrupel wären wir hinaus. Jetzt aber gebt Acht, denn nun werden wir ein wenig rechnen.
RB|2|238|8|0|Ich war noch als Kadett einmal bei einer Expedition in Asien und habe das gute Tal Josaphat gesehen. Es liegt eben nicht sehr ferne von Jerusalem, und ich dachte mir so meinen Teil dabei. Denn die Täler des Gelobten Landes sind durchaus schmal, ziemlich steinig und gar nicht lang. Ein Tal von mehreren Meilen Länge und etwa von einer halben Meile Breite gehört dort zu den größten Seltenheiten. Weiter über Damaskus hinaus, gegen Babylonien und gar Persien hin, gibt es dann schon sehr lange und breite Täler; aber im Gelobten Land, als Judäa, Mesopotamien, und wie die einzelnen Striche alle heißen, findet man nur mehr schmale Schluchten und Gräben. Selbst das Tal am Jordan, eines der ansehnlichsten, ist durchaus nicht breit und eben auch gar nicht lang; und das ist eben auch das Tal Josaphat.
RB|2|238|9|0|Wenn ich in das Tal zweitausend Mann lege, so darf die Mannschaft sich schon um einen Platz umschauen, wo sie ihr Lager aufrichten wird. So ich aber erst eine ganze Armee von fünf- bis sechsmal hunderttausend Mann hineinlegte, so würden die Soldaten wie die Pickelheringe beisammenstehen und das ganze Tal so ausfüllen, dass sich wegen des Gedränges kaum jemand würde umdrehen können. Eine Million Menschen im Tal Josaphat müsste vor lauter Gedränge Blut zu schwitzen anfangen. Nun denkt euch aber hundert Millionen Menschen ins Tal Josaphat hinein! Frage, wo würden diese Platz finden? Seht, mit hundert Millionen Menschen bevölkere ich das ganze große Kaisertum Österreich so, dass es ob der Häuseranzahl einer nahe kompletten Stadt gleichen wird. Wohin also mit hundert Millionen im Tälchen Josaphat? Nun denkt euch aber erst tausend Millionen Menschen, die fest aneinandergestellt wenigstens einen Flächenraum von sieben Quadratmeilen vollends bedecken würden. Wir rechnen aber jetzt wenigstens fünftausend Jahre, während welchem bedeutenden Zeitraum auf der Erde in runder Zahl genommen wenigstens zwei- bis dreimal hunderttausend Millionen Menschen gelebt haben – und wie viel noch darauf leben werden, das wird unser lieber Herrgott wohl am besten wissen – und diese erschreckliche Menschenmasse soll im Tälchen Josaphat am Jüngsten Gerichtstag natürlichermaßen Platz haben?!
RB|2|238|10|0|Schaut, schaut, Leutchen! Und denkt nur ein kleines bisschen nach, und euch muss ja doch die große Ungereimtheit auffallen! Wenn so was möglich sein soll, so müsste entweder die ganze Erde zum Tal Josaphat umgewandelt werden, oder die Menschen müssten in die Größe der Infusionstierchen zurückgedrängt werden, um im Tal Josaphat auf einmal Platz zu haben. Den lieben Engeln Gottes müsste aber dann geraten werden, sich ja mit den besten Himmelsmikroskopen zu versehen, um bei dem Absonderungsgeschäfte nach dem ergangenen erschrecklichsten Urteil die Guten von den Bösen zu scheiden. Und das wäre wirklich eine kurios saure Arbeit für die guten, lieben Engel Gottes. Würde aber die ganze Erde zum Tal Josaphat umgewandelt werden, da könnten ja dann nicht alle zugleich den allergestrengsten Richter sehen und das schreckliche Urteil auch nicht auf einmal vernehmen, sondern erst nach dem Ablauf von vierundzwanzig Stunden. Und der Herr müsste da das Urteil wenigstens alle Sekunden einmal aussprechen und schon mit einer ungeheuer starken Stimme, denn die Erde macht in jeder Sekunde eine Rotationsbewegung von ungefähr fünf deutschen Meilen. Und es gehört, wenn man die ganze Schriftsache materiell auslegen will, so ein hübsches Kanonenstimmchen dazu, um auf nur wenigstens drei Meilen vernommen zu werden.
RB|2|238|11|0|Ihr seht nun leicht ein, welche Albernheiten da am Ende herauskommen müssen, wenn man das Wort Gottes, das doch nur den allerreinst geistigen Sinn haben muss, ganz buchstäblich und somit materiell nimmt. Man muss das Wort Gottes, weil es durchgängig geistig ist, auch stets geistig nehmen, so man zur Wahrheit gelangen will, die allein erst das menschliche Gemüt von allen Albernheiten und absurdesten Dummheiten frei macht.
RB|2|238|12|0|Seht, das Tal Josaphat seiner besonderen Lage und Charakters wegen, und auch wegen der geringen Fruchtbarkeit ist häufig zu Begräbnissen von angesehenen Familien benützt worden. Und wie man bei uns sagt: ‚Am Friedhof kommen am Ende alle zusammen, Groß und Klein, Reich und Arm, Jung und Alt, und Freund und Feind!‘ – das Gleiche bezeichnet man auch mit dem ‚Tal Josaphat‘. Auch bezeichnet im engeren Sinn dieses Tal wegen seiner Enge und Unwirtlichkeit das Grab selbst und im geistigen Sinn die Geisterwelt insoweit, als wie wir uns bis jetzt in derselben befunden haben. Denn auch die Geisterwelt ist so lange ein Totengrab für den Geist des Menschen, bis diesen Gott der Herr durch Seinen heiligen, allmächtigen Liebewillen, wie nun uns, daraus erweckt hat.
RB|2|238|13|0|Wir waren also bis jetzt im eigentlichen Tal Josaphat. Nun kam aber der Herr mit aller Herrlichkeit Seiner unbegrenzten Liebe und Erbarmung und hat uns durch Seine Gnade eine lebendige Richtung gegeben. Daher sollen wir denn nun auch nicht mehr an das denken, was nichts ist, sondern wie wir Ihm danken sollen für solche endlose Gnade. Kommt daher nun mit mir und gebt dem Herrn die Ehre, da Er euch nun aus dem Tal des Todes und Gerichtes erlöst hat!“
RB|2|239|1|1|Fragen und Anliegen aus dem Volk. Der Landmann, die Anhaftenden, die Betschwester, die Alte mit der Reliquie. Geduld des Offiziers wird erprobt.
RB|2|239|1|1|(Am 1. Sept. 1850)
RB|2|239|1|0|Tritt ein Mensch, mehr dem Landvolk als dem der Stadt gehörig, ziemlich ältlichen Aussehens und durchaus kein Genius, zum Offizier hin und sagt in einer Art süßem Bauerntrema: „He, he, he, Sö san a gwaltige gscheidta Mann! Sö habn gsagt, dass unsa liabi Herrgott da wär! He, he, he, sagn's ma, der welche war's denn? Bitt, um Verzeihung, Ener Gnoden!“ – Der Offizier kommt hier beinahe aus der Fassung vor Unterdrückung der Lache, die sich seiner hier bemächtigen will ob der komischen Frageweise dieses Landmannes. Aber er erholt sich bald und sagt darauf: „Mein lieber Freund! Da seht hin! Derselbe, der nun dort unter der Ecke des Hauses steht und Sich mit einem gewissen Robert Blum und gleich daneben auch mit dem seligen Kaiser Joseph bespricht und sehr schöne blonde Haare hat wie sonst kein anderer um Ihn herum. No, wie gefällt Er euch denn?“
RB|2|239|2|0|Sagt der Landmann: „He, he, he, was sogen Sö? Das wär unser liabi Herrgott?! Du mein Gott, du mein Gott! Hätt mir Ihn a ganz anderst vorgstellt! Nix größer als unserans und denno so allmächti dabei! Wahrhaftig, das is rar! So a klaner Herrgott, und doch so allmächti! Das is wirkli rar! Wer sähet Ihm das an?! Aber nix für unguet, Euer Gnoden, i red, halt, wie ich's verstehn tu!“
RB|2|239|3|0|Sagt der Offizier: „Ja, ja, mein lieber Freund, so ist es denn! Man sieht es Ihm freilich nicht an, aber Er ist es dennoch. Aber nun seid ihr nur schön still und begebt euch mit mir samt den andern hin zu Ihm! Ich werde euch alle Ihm vorführen, wie Er mir auch den Auftrag an euch alle gegeben hat. Er Selbst wird euch am allerbesten und am allerschnellsten belehren und euch eurer Bestimmung am schnellsten zuführen. Lasst Ihn aber ja nicht lange warten, weil Ihm sonst am Ende denn doch die Geduld ausgehen könnte, und das wäre dann wahrlich kein Spaß mehr für uns. Versteht das wohl, meine lieben Freunde!“
RB|2|239|4|0|Treten ein paar andere hinzu und sagen: „Wir haben nur zu Hause, wie wir da den Lärm gehört haben, alles in der Unordnung verlassen; die Unsrigen wussten nichts, wo wir hingekommen waren. Wenn wir nur einen Sprung noch nach Hause machen könnten, um den Unsrigen etwas davon zu sagen, sonst werden sie in großen Sorgen sein, und werden nicht wissen, ob wir in die Luft oder ins Wasser gekommen sind.“
RB|2|239|5|0|Sagt der Offizier: „Ihr Toren! So ihr zu Gott dem Herrn kommen könnt, was kann euch wohl noch mächtiger am Herzen liegen? Euer ganzes Haus ist hier ja so nichts anderes als eine eitel genug eingebildete, nichtigste Chimäre. Die Wahrheit und Wirklichkeit fängt ja ohnehin erst hier an. Alles Bisherige war ja sonst nichts als ein eitel nichtiger Traum! Wollt ihr also den Traum pflegen und dafür die große, heilige Wirklichkeit aufs Spiel setzen? Habt ihr denn nicht gelesen, wo es geschrieben steht: ‚Wer zu der Zeit aus dem Haus ist, der kehre nicht zurück, seinen Rock zu holen! Wer auf dem Dach ist, der steige nicht herab usw.!?‘ Wenn Gott der Herr uns beruft, so müssen wir augenblicklich alles verlassen können und Ihm folgen, sonst sind wir Seiner ewig nicht wert. Versteht ihr dieses?
RB|2|239|6|0|Seht, ich bin ein Offizier; wie oft habe ich mich in einer oder der anderen Station, in der Meinung, da werde ich nun etwa ein paar Jahre verbleiben, ganz kavalierment [kavaliermäßig] eingerichtet, um mir da recht gütlich tun zu können. In sechs Tagen in der Nacht kam der Befehl: Binnen drei Stunden muss alles marschfertig dastehen. Was habe ich machen wollen? Ich musste, ohne auf einen Ersatz Rechnung machen zu dürfen, alles stante pede verlassen und meine Füße nach der Trommel zu rühren anfangen. Und was war am Ende der Grund von solch schneller Translozierung [Transferierung]? Nichts als die Laune eines Kriegsministeriums-Praktikanten oder -Adjutanten. Und ich musste mich zufriedenstellen. Hier aber ruft Gott der Herr alles Lebens Selbst und will uns für all das Nichts, das wir je als etwas zu besitzen wähnten, Unaussprechliches für ewig geben. Ihr Toren! Was könnet ihr wohl verlassen Gott zuliebe, das Er euch nicht tausendfältig wieder zu ersetzen imstande wäre? Versteht doch die Ordnung Gottes einmal! Lasst ab von euren Torheiten und erkennt, was falsch und was wahr ist. Lasst Liebe zu Gott in euer Herz und kommt mir mit keiner Torheit mehr, sondern folgt mir zu Gott dem Herrn hin, sonst lasse ich euch stehen und sitzen in eurem Tal Josaphat!“
RB|2|239|7|0|Sagt noch eine alte Dame, die ein Gebetbuch und einen Rosenkranz in der Hand hält: „Aber Sie, gnädiger Herr Offizier! Glauben Sie denn nicht, dass man unterwegs die dreißig Schritte zum Wenigsten die heiligen Tagzeiten zu der allerseligsten Jungfrau Maria beten soll oder zum Wenigsten einen halben Rosenkranz vom bitteren Leiden?“
RB|2|239|8|0|Sagt der Offizier: „O Gott, verleih mir Geduld! Jetzt kommt die alte Betschwester auch noch mit ihren Anständen!“ – (Zu der Alten:) „Möchten's nicht noch etwa auch beichten und kommunizieren früher? Wenn der wirkliche Herr und Gott da vor uns steht, werden wir doch hoffentlich keinen gebackenen mehr brauchen! Schau, du alte Schlafhaube, ich bin nur ein bisschen gescheiter als du, und mir kommt dein Antrag schon sehr dumm und fad vor. Wie dumm und fad muss er erst vor unserem lieben und allerweisesten Herrn und Gott erscheinen?
RB|2|239|9|0|Werft von euch alle die Geist und Seele tötenden Pfaffen-Instrumente und geht mit uns zu Dem hin, der allein das Leben ist und das Leben gibt aus Sich. Der wird es euch sagen, was ihr tun sollt. Glaubt ihr denn, der Herr habe eine Freude an solchen Dummheiten? Er hat mit den Torheiten der blinden Menschen wohl alle mögliche Geduld und Nachsicht, aber von einer Freude und von einem Wohlgefallen kann da doch ewig keine Rede sein; denn in der Geduld, die eigentlich nichts als ein von der großen Liebe gesänfteter und unterdrückter Ärger ist, kann keine Freude stecken. Geduld kommt vom Dulden her, und Dulden heißt Leiden aus Liebe, so der göttlichen Weisheit die zweckwidrigsten und dümmsten Sachen vorgemacht werden; und daran kann Gott ewig kein Wohlgefallen haben. Ich habe es euch aber schon früher gesagt, dass ihr mir mit keinen Dummheiten mehr kommen sollt, sonst lasse ich euch stehen. Nun sage ich's euch zum letzten Mal, wenn mir jemand noch mit einer Dummheit kommt hier in diesem allerheiligsten und wichtigsten Moment für die Ewigkeit, der wird ohne Weiteres von dieser Gesellschaft ausgewiesen werden und kann nach seiner Phantasiebehausung zurückkehren und sich für die ganze Ewigkeit Phantasie-Erdäpfel sieden und braten!“
RB|2|239|10|0|Sagt die Alte: „No, no, no, bitt um Verzeihung, Herr Offizier! Ich hab's ja nicht gewusst, dass das Beten gar so was Gefehltes wäre. Ich hab's in meiner Meinung ja nur gut gemeint! Ich weiß das wohl auch, dass das Beten gerade nichts Angenehmes ist und dass man damit keinem Menschen eine besondere Freude machen kann. Aber eben deswegen hab ich gemeint, weil's Beten was Unangenehmes ist, dass man sich selbst verleugnen soll, das Kreuz des Betens auf sich nehmen und Christus dem Herrn nachfolgen; und die vermöglichen Stadtleut' haben sonst halt wohl kein anderes besonderes Kreuz gehabt, als das liebe Beten; und wenn wir halt das auch nicht getragen hätten, da hätten wir dann ja gar kein Verdienst vor Gott! Und wann wir halt das Wegerl dahin auch noch so ein bissel von einem Kreuzerl getragen hätten, da hab' ich halt gemeint, hätten wir dann auch noch so ein kleines Verdiensterl dazu. Aber ich sehe jetzunder [nun] schon, dass der Herr Offizier die heiligen Sachen besser verstehen als unsereins. Und so tun wir denn auch das, was der Herr Offizier wollen!“
RB|2|239|11|0|Sagt der Offizier: „Bleibt mir ewig mit dem ‚Herr‘ weg! Denn nur Gott allein ist der Herr! Wir alle aber sind Brüder und Schwestern. O Herr! Wie entsetzlich dumm sind doch Deine Menschen geworden! Das Gebet, die über alles entzückende Erhebung des Herzens zu Dir, heiliger Vater, den himmlischsten Akt des armen Menschen auf Erden wie hier in der Welt der Geister, halten sie für eine Art Bußkasteiung, für ein drückendes Kreuz. Ah, das ist denn doch etwas zu stark! Aber leider, ihre höchst geist- und sinnlose Art zu beten, wodurch der Geist nicht belebt, sondern nur getötet wird, ist auch im Grunde bei Gott nichts anderes. Die Leute urteilen wenigstens über ihr Beten ganz richtig. Diese Menschen meinen es nach ihrem freilich höchst beschränkten Verständnis nicht schlecht, und so muss man mit ihnen ja Geduld haben. Aber so ein bisschen aufrütteln muss man sie denn doch, sonst würden sie schimmlig vor Dummheit. Herr, habe Geduld mit der Dummheit der Armen! Schlecht sind sie gerade nicht, aber dumm wie die Nacht. Das soll aber nichts machen, denn sie lassen sich ja belehren. Nur muss man oft wider Willen einen etwas festeren Rüttler über sie kommen lassen, dann lassen sie ihre Dummheit um desto eher fahren. Vielleicht kommen noch so ein paar alte Weiber her? Nun, ein bisschen rütteln; nachher tut es sich schon wieder.“
RB|2|239|12|0|Kaum hat der Offizier diese Worte so mehr vor sich hin ausgesprochen, so kommt schon wieder eine andere Alte mit einem silbernen Reliquienkreuz zu ihm und sagt: „Verzeihen Sie eine Frage! Das Kreuz da, vom Papst selbst dreimal geweiht und angerührt, hat mir ein hochwürdigster Pater Quardian der Kapuziner gegen dem verehrt, dass ich eine Schuld fürs Kloster, es waren bloß so bei 600 Gulden C. M., bezahlt habe; und in diesem Kreuz sind bloß nur Reliquien von Christus dem Herrn drinnen. Was meinen Sie denn, könnte ich etwa dieses mein teures Kleinod nicht Christus dem Herrn nun als eine Art Präsent vermachen?“ – Der Offizier springt hier förmlich auf vor Ärger und sagt: „Nur zu so in der Dicke! O Gott, o Gott! Sind diese Menschen aber doch so unbegreiflich dumm, wie man sich's aber schon nicht noch dümmer vorstellen kann!“ – (Zum Weib:) „Macht's nur immerhin Euer Präsentl! In Gottes Namen! Nur so fort in der Dicke!“
RB|2|240|1|1|Noch einige Lebensgeschichten. Weitere Geduldsproben für den Offizier.
RB|2|240|1|1|(Am 3. Sept. 1850)
RB|2|240|1|0|Es kommt aber auch sogleich ein drittes Weibsbild zum Offizier hin und sagt: „Sie, Herr Offizier!“ – Der Offizier: „Was gibt es noch in Gottes Namen?“
RB|2|240|2|0|Spricht das Weibsbild weiter: „Sehen Sie, ich bin halt richtig gestorben auf der Welt in meinem siebenundzwanzigsten Lebensjahr, und zwar im Kindbett. Aber ich war nicht verheiratet, sondern war nur Köchin und Stubenmädl in einer Person bei einem Witwer. Und stellen Sie sich vor, bei der Nacht hab' ich dann dem Witwer auch müssen ein Weib abgeben. Und er hat mir immer gesagt, wenn ich ein Kind mit ihm bekäme, so tät er mich hernach sogleich heiraten. Aber der alte Kerl, schon bei den Sechzig, hat nichts mehr vermocht. Er hat wohl alle Tag' bei der Nacht mit mir herumg'frett, dass es schon eine helle Schand' war, aber es war rein alles umsonst. Ich hätt' aber den alten Schippel doch heiraten mögen, weil er viel Geld gehabt hat. Ich hab' aber auch einen andern festen Liebhaber gehabt, den ich noch nie drüber lassen habe, damit er von mir eine bessere Meinung haben soll. Weil ich aber jetzt den Alten hab' heiraten wollen, so ist mir am Gschatz [an der Wertschätzung] des Jungen nicht mehr so viel gelegen gewesen und ich hab' ihm halt das getan, was er lange schon gerne gehabt hätt'. Da bin ich denn hernach auch schwanger worden und hab' dann die Schuld auf den Alten geschoben, damit er mich heiraten soll. Aber bei der Geschicht' hab' ich mich selbst ganz abscheulich angeschmiert. Der alte Schippel hat's auch richtig geglaubt und hätt' mich auch geheiratet; aber da hat der liebe Herrgott uns beiden einen gewaltigen Strich durch die Rechnung gemacht. Ich bin im Kindbett gestorben, und der Alte hat sich nachher gewiss eine andere genommen.
RB|2|240|3|0|Wie ich aber in diese Geister-Welt gekommen bin, da hat mir sogleich eine andere gesagt: ‚Du, nimm dich zusammen! Denn du bist gestorben auf der Welt, und von nun an wirst du ewig nimmer auf diese materielle Welt zurückgesetzt werden, auf der du bis jetzt über sechsundzwanzig Erdjahre lang in jeder Hinsicht schlecht genug gelebt hast. Fasse, dass du nun für alle Ewigkeit eine pure arme Seele bist, voll Sünden groß und klein! Was wirst du nun tun?‘ – Nach dieser schrecklichen Frag' bin ich ohnmächtig geworden, dass ich eine Weile nichts von mir selber gewusst habe. Aber nach einer Weile ist mir die Besinnung schon wieder gekommen. Die schreckliche Person, die mir eine solche Nachricht gegeben hat, war unterdessen verschwunden, und ich hab' mich wieder ganz gut auf der Erd', und zwar in Wien, wie jetzt, befunden. Nur das kam mir etwas spaßig vor, dass ich mein Quartier und meinen Dienstgeber noch bis zur Stunde nicht habe ausfindig machen können, wie auch meine Freundinnen nicht, mit denen ich doch immer den schönsten Umgang gehabt habe. Ich war bis jetzt so halb hin, halb her. Ich weiß es, dass ich in der Geisterwelt bin, und doch weiß ich es wieder nicht! Denn manches hat mich immer befremdet; manches ist aber dagegen wieder ganz natürlich. Jetzt aber, mein bester Herr Offizier, kommt erst das Wahre!“
RB|2|240|4|0|Sagt der Offizier: „Was? Noch nicht gar? No, so rede nur zu!“ – Spricht sie: „Sehen Sie, mein bester Freund! Ich bin halt eine große Sünderin worden, und da hab' ich halt die Höll verdient und den Himmel verscherzt! Denn ich hab' das Handwerk der schlechten Lieb' schon in meinem dreizehnten Jahr ganz heimlich ang'fangen und gleich von Anfang mit einem Soldaten von der Artillerie. Und das, wie oft ich allerlei Leut' in einem Jahr nur hab' bei mir schlafen lassen, das ging schon ins Unglaubliche. Auf der Erd', wie ich also gestorben war, ist die Geschicht' halt gar so geschwind gegangen, dass ich nicht einmal mit den Sterbesakramenten habe können versehen werden. Hier in dieser Welt bin ich nun schon in allen Kirchen, die noch ganz die alten sind aus- und inwendig, herumgerennt und hab' beichten und kommunizieren wollen; aber da ist nirgends ein Geistlicher anzutreffen gewesen. Bloß einen hab' ich gefunden, und der hat aber dafür so viel Geld verlangt, dass ich es wahrlich in Ewigkeit nicht zusammen hätte bringen können. Und so bin ich halt noch voller Sünden da und trau' mir nicht zu unserem lieben Herrgott hin. Ich hab' wohl schon oft die lebendigste Reu' und Leid erweckt – aber was hilft das, wenn man halt nicht gebeichtet und kommuniziert hat und auch keine letzte Ölung hat kriegen können? O du mein Gott! O du mein Gott! Was wird jetzt aus mir werden?
RB|2|240|5|0|Das tut mich halt am meisten drucken, dass ich meinen guten Liebhaber, der es so gut mit mir gemeint hat, ganz hinterlistig hab' aufsitzen lassen wegen dem alten Schippel! Dieser alte Esel aber hätt' mich so gewiss nicht geheiratet, denn dem war's nur ums umhergaulen zu tun! Schaun's Herr Offizier! Ein arm's Madl ist und bleibt halt a dumm's Vieh bis an ihr letztes End'. Ich hätt's ja lang schon mit Händen greifen können, dass mich der alte Schippel nie heiraten wird, und wenn ich auch schon zehn Kinder mit ihm gehabt hätt'; aber dennoch hab' ich müssen versuchen, den alten Saumagen dranzukriegen. O ich arme Seel', wer wird mir jetzt helfen? Wann aber nur unser lieber Herrgott solchen alten, gewissenlosen Saukerl'n doch schon auf der Erd' a rechte Straf schickete, dass sie leiden müssten wie ein schäbiger Hund, weil sie sich gar kein Gewissen daraus machen, ein armes Mädel mit ihrem tausendmal verfluchten Geld unglücklich zu machen.
RB|2|240|6|0|Hätte dieser alte Saumagen mich denn nicht so heiraten können, ohne dass er zuvor eine Todsünd' als Bedingung hat setzen müssen? Der hat recht wohl gewusst, dass er nichts mehr machen kann, drum hat er eine solche Bedingung gesetzt, aus der nie was hätt' daraus werden können, und er hätt' da schön sein Lebtag mit mir herumgäulen können. Wie ich nachher wirklich schwanger war, o da hat er schön sauber vom Heiraten kein Wort mehr gered't. Wenn ich ihn daran gemahnt hab', da hat er sich immer mit allerlei entschuldigt – wegen der Welt, wegen seiner Stellung, wegen seinen Verwandten, wegen seiner Tochter, die wo in Ungarn verheiratet war; und dann hätt' er einen Prozess, den er noch eher gewinnen muss, was schon bei einer nächsten Tagsatzung hätt' ausgemacht werden sollen; aber diese nächste Tagsatzung ist halt immer überlegt worden. Und so bin ich denn eher gestorben, als bis die erlog'ne Tagsatzung gekommen ist.
RB|2|240|7|0|Ich sag' Ihnen, Herr Offizier, mich hat eigentlich so mehr die Gall' über diesen alten Lumpen umgebracht, als das Kindbett. Und glauben Sie, dass ihm etwa leid war um mich? O da sein Sie ruhig! Er hat nur eine große Freude dran g'habt, dass er meiner auf so eine unschuldige Art los worden ist. Na, ich bin noch so giftig auf diesen Schweinekerl, dass ich ihn quintelweis zerreißen könnt, wenn ich ihn nur so wo erwischen könnt. Wann ich ihn so bei den Haaren packen könnt, und mit ihm in die Höll fahren, ich machte mir aus der ganzen Höll nichts draus.“
RB|2|240|8|0|Sagt der Offizier schon ganz halbsteif vor Ungeduld und zugleich auch vor Ärger über den Alten, der dies Mädel so missbraucht hat: „Ich bitte Euch um Gott des Herrn Willen – hört einmal auf! Dass es Euch unrecht ergangen ist, das ist ganz klar; aber ganz unschuldig seid Ihr denn bei dieser Geschichte doch auch nicht! Für Euren schlechten Teil seid Ihr bereits durch die gnädigste Zulassung Gottes gezüchtigt worden und habt sonach die Folgen Eures schlechten Anteils genossen. Und ihm (dem Alten) wird der Herr auch nicht ein Haar schuldig bleiben. Daher sei du nur ruhig! Vergib dem Alten von ganzem Herzen und komme nun mit mir zu Gott dem Herrn hin! Er wird schon alles wieder gut machen. Denn Er Selbst spricht ja: ‚Kommt alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid; Ich werde euch alle erquicken!‘ – Aber Zorn dürft ihr nicht haben in eueren Herzen, sondern Liebe sogar zu den größten Feinden! Dann werdet auch ihr volle Liebe bei dem Herrn unserem Gott finden.“
RB|2|240|9|0|Sagt das Mädchen: „Ja, ja, Sie, Herr Offizier, sind wohl ein recht guter und gescheiter Herr! Mit Ihnen könnt ein ehrlich's Mädl schon a rechte Freud' haben! Schaun's, es ist halt doch gut, dass ich mich vor Ihnen so recht ausgered't hab', denn jetzt ist mir viel leichter ums Herz und ich hab' auf den dummen Alten auch gar keinen Zorn mehr. Unser lieber Herrgott wird schon wissen, was Er mit ihm tun wird. Ich bedank' mich recht gehorsamst für die schöne Lehr', die Sie mir gegeben haben.“ – Sagt der Offizier: „Ist schon gut, schon gut! Sehen wir jetzt nur, dass wir zum Herrn kommen! So ihr alle bereit seid, da gehen wir; denn ich stehe schon auf Nadeln vor Ungeduld!“
RB|2|240|10|0|Es kommt aber noch eine vierte Alte hin zum Offizier und sagt: „Monsieur! Je vous prie!“ [Mein Herr, ich bitte Sie!] – Sagt der Offizier: „Nur deutsch und kein Wort französisch mehr; denn wir sind nun in Wien und nicht in Paris!“
RB|2|240|11|0|Sagt die Alte: „Ja, ja, Herr Offizier, es ist nur so meine Gewohnheit! Denn ich kann weiter so kein Wort französisch mehr und verstehe sogar von den vier Wörtern nicht alle. Wir haben einmal so eine französische Amme gehabt, und die hat immer diese Worte gesagt, und da habe ich es mir denn so gemerkt. Aber jetzt ist's schon gut von dem, und daher nun von etwas anderem. Sehen Sie, Herr Offizier, wie ich noch auf der Welt war, da habe ich ein kleines Hündchen gehabt, und das habe ich denn wahrlich ganz förmlich geliebt, weil es ein gar so rares Tierl war, und hab' es im Winter sogar bei mir im Bett schlafen lassen, und hätte es mir nie im Traum einfallen lassen, dass so was eine Sünde sein soll. Aber da ist einmal ein Liguorianer zu mir gekommen und hat das Hunderl im Bett liegend gefunden. Na, hören Sie, da war's aus! Der Liguorianer hat darum über alle Maßen zu fulminieren [wettern] angefangen, und ich hab' müssen das Hunderl gleich wegtun, beichten und kommunizieren und zehn schwere Messen zahlen. Ich hab' das alles wohl getan und habe meine Sünd bereut, aber manchmal ist's mir denn doch ums Hunderl leid gewesen. Und da meine ich denn, dass das eine Sünde wäre, und habe kein ruhiges Gewissen. Sagen's mir, was ich da tun soll, um ein ruhiges Gewissen zu bekommen.“
RB|2|240|12|0|Der Offizier springt hier völlig auf vor Ungeduld und sagt: „O Herr! Du hast wahrlich ganz kuriose Kostgänger! Nein, das ist für einen ehrlichen Menschen auf einmal zu viel! Eine Hundskomödie ist schon da; am Ende kommt noch eine Katzenmusik auch zum Vorschein. Ich gehe! Macht ihr alten Weiber, was ihr wollt. O du verzweifelte Hexengeschichte! Jetzt macht die sich ein Gewissen daraus, dass es ihr um ein Hündchen leid war, trotzdem dass sie gebeichtet und kommuniziert hat, und wenigstens eine gute halbe Million Rosenkränze heruntergeschnattert, denn die hat ein vollendetes Rosenkranzgesicht. O Herr, ich bitte Dich, lasse mich prügeln, aber nur kein Rosenkranzgesicht mehr; denn das ist für mich das Allerfurchtbarste.“ – (Zum Weib): „Geht zum Plunder mit Eurem Finetterlgewissen und werdet gescheiter, sonst muss man einen Ekel vor Euch bekommen! Jetzt gehen wir, sonst kommen wir richtig noch auf eine Katzengeschichte, denn da hinterher lugt schon wieder so eine Alte herüber auf mich. Die könnte sehr leicht so eine Katzbalgerei zuwege und zum Vorschein bringen. Wer mir folgen will, der folge mir; denn von nun an harre ich keine Sekunde mehr!“
RB|2|240|13|0|Der Offizier macht sich nun auf den Weg, aber eine fünfte Alte vertritt ihm den Weg und bittet, nur sie noch gütigst anhören zu wollen; denn sie habe ihm was ganz Wichtiges anzuvertrauen.
RB|2|241|1|1|Eine denkwürdige Lebensgeschichte, die auch den Offizier interessiert.
RB|2|241|1|1|(Am 6. Sept. 1850)
RB|2|241|1|0|Der Offizier bleibt stehen und fragt sie hastig und geflissentlich noch ungeduldiger scheinend, als er im Grunde ungeduldig ist, was sie denn für ein sicher ebenso wichtiges Anliegen habe, wie es die früheren vier gehabt haben.
RB|2|241|2|0|Sagt die Alte: „Mein bester Herr Offizier! Das Leben auf der Welt war für mich stets eine Sache des größten Ernstes, und ich habe in meinem Hauswesen gottlob alles also eingerichtet, dass da alles, was sich nur immer in meinem Haus dienstlich befand, das Leben also in der besten Ordnung voll Ernstes nehmen musste, wie ich es selbst genommen habe. Die Dienstleute murrten zwar, besonders anfangs; aber wann sie sich einmal in die Ordnung sozusagen hineingewöhnt und hineingelebt haben, dann konnten sie es sonst nirgends so leicht aushalten, als wie eben bei mir.
RB|2|241|3|0|Viele Leute hielten mich zwar für eine Pedantin, wo nicht gar für eine Halbnärrin; aber das machte auf mich gar keinen Eindruck, und ich blieb bei meiner Ordnung nagelfest und wich nicht um ein Haarbreit davon ab. Denn ich habe in meiner Jugend einen sehr weisen Lehrer gehabt, der die Fähigkeit hatte, sogar sich zu gewissen Zeiten in den Verkehr mit guten Geistern zu setzen, von denen er mir nicht selten Wunderdinge erzählt hat. Obwohl ich mich aber anfangs vor solch unheimlichen Gästen meines Lehrers sehr gescheut habe, so wusste er mir aber nach und nach dennoch so viel Mut und Begeisterung für die Bewohner der reinen Lichtsphären einzuflößen und schilderte mir ihre Schönheit, Anmut und Grazie derart anziehend, dass ich bald alle Furcht vor den Geistern verlor und in mir eine große Sehnsucht rege wurde, selbst mit den Bewohnern der Lichtsphären Gottes konversieren zu können.
RB|2|241|4|0|Mein Lehrer, zwar ein Mann in die vierzig von Jahren, aber wohlgestaltet, ward mir aber auch derart zu einem Bedürfnis, dass ich ohne ihn mir das Leben für rein unmöglich vorzustellen begann, obschon ich damals erst vierzehn Frühlinge zählte. Für die eigentliche Welt taugte ich zwar durchaus nicht, was mir meine ziemlich weltlich gesinnten Eltern von Tag zu Tag mehr auszustellen begannen. Aber das war mir gleichgültig, denn ich fand ja in jedem Wort meines heißgeliebten Lehrers aus seinem schönen Mund den tausendfachen Ersatz für jeden eitlen Verlust der Welt, die mir gegen das, was mir mein Lehrer bot, so trocken und leer vorkam, als wie ein altes Fass, in dem über hundert Jahre kein Tropfen Wein mehr existiert hat.
RB|2|241|5|0|Wie aber auf der bösen Welt alles Erhabene, Wahre, Große und Edle angefeindet wird, und am Ende sogar womöglich gekreuzigt und getötet, so erging es denn auch nur zu bald mir und meinem, ich könnte sagen, beinahe heiligen Lehrer. Meine sonst guten Eltern, freilich mehr von ihren superklugen Freunden aufgehetzt, fingen an, bedeutenden Verdacht zu schöpfen, als würde sich zwischen mir und meinem Lehrer eine feste Liebe zu entfalten beginnen, beriefen heimlich, dass ich es nicht merken und hören soll, den guten Lehrer auf ihr Zimmer und hielten ihm die Sache ganz ernstlich vor, was ich, in einem Nebenzimmer aufmerksamst und ängstlichst lauschend, genau vernahm.
RB|2|241|6|0|Der Vater, ein ziemlich barscher Mann, sagte: ‚Mein Freund! Sie sind zwar ein äußerst und wahrlich seltener geschickter Mann, wohlunterrichtet in allen möglichen Künsten und Wissenschaften; aber eine scheint Ihnen zu mangeln, und das ist die Kenntnis der Welt und dessen, was sie von uns Menschen von einem gewissen Stand zu fordern sogar berechtigt ist. Sie machen aus unserem schönen und guten Kind zwar wohl eine ganz förmliche Gelehrte, aber leider in einer Art, wie sie für die hohe Welt, der wir angehören, am allerwenigsten taugt. Das Mädchen schwärmt nun schon wie eine Sappho [griechische Dichterin] in Gott weiß was für Regionen herum und stellt uns tausend Dinge aus, die sie des unsterblichen Menschen für unwürdig findet. Ja, sie lacht uns manchmal sogar aus, besonders so wir von den vor aller Welt anerkannten historischen Vorzügen des Adels sprechen. Mein Freund, so Sie unserem Kind solche Ideen beibringen, da können wir Sie in keinem Fall mehr brauchen.
RB|2|241|7|0|Und zudem sind wir noch hinter ein anderes Geheimnis gekommen, was uns anfangs zwar unmöglich geschienen, da Sie ein Mann von etlichen vierzig Jahren sind, und unsere Tochter erst ein Mädchen von vierzehneinviertel Jahren ist, und schön und reizend wie ein Engel. Aber festere und anhaltende Beobachtungen haben dies Rätsel in ein völlig klares Licht gestellt, und zwar derart, dass das arme, von Ihnen im buchstäblichen Sinn verführte Mädchen in Sie mehr verliebt ist, als Sie in das Mädchen. Denn Sie verstehen es mehr aus alter Erfahrung, Ihre Liebe zu maskieren, und es scheint daher, dass Sie in das Mädchen weniger verliebt sind, als das Mädchen in Sie. Aber das entschuldigt Sie vor uns nicht, denn Sie müssen dem Kind ganz kurios das Köpfchen verrückt zu machen gewusst haben, dass es nun bloß nur nach Ihnen seufzt und ohne Sie ihm die Welt zu einer Null wird.
RB|2|241|8|0|Sie werden also einsehen, dass wir unter solchen nur zu klaren Umständen das Mädchen nicht mehr unter Ihrer Leitung belassen können, sondern es anderen Händen anvertrauen müssen, so wir das Mädchen in kurzer Zeit nicht zu einer barsten Närrin gemacht sehen wollen. Verlassen Sie daher heute noch unser Haus und empfangen Sie hier die Remuneration [Vergütung] für Ihre wahrlich nicht nach unserem Sinn angewandte Mühe an unserem Kind. Hüten Sie sich aber, irgend auf Schleichwegen unserem Kind sich zu nahen, denn eine solche Keckheit könnte Ihnen teuer zu stehen kommen! Für das Bisherige aber sei Ihnen hiermit volle Amnestie gewährt. Hier ist Ihr Geld, und somit Gott befohlen!‘
RB|2|241|9|0|So ward mein Engel in meinem elterlichen Haus abgefertigt. Der göttliche Mann, von dem ein Hauch seines Mundes bei Weitem mehr wog in der Schule der göttlichen Wahrheit und Gerechtigkeit als tausend Weltgecken, die bei meinen leider hochadeligen Eltern aus und ein liefen, wie die Schmarotzerfliegen, wurde also, wie eine feile Dirne vom Tanze, aus meinem elterlichen Haus gejagt, und ich Arme bekam dann Lehrer und Meister, vor denen mir stets mehr ekelte und graute, je mehr ich sie nur zu bald kennenlernte!“
RB|2|241|10|0|Spricht der Offizier: „Sagen Sie mir, liebe Frau, hat denn Ihr Lehrer die Geschichte wohl so mir und dir nichts hingenommen? Erzählen Sie mir das umständlich, denn Ihre Sache fängt an, mich bedeutend zu interessieren.“
RB|2|241|11|0|Sagt die Frau: „Mein hochschätzenswertester Freund! Was hätte der Edelste wohl darauf sagen sollen? Er wusste ja nur zu gut, wie viel mit Aristokraten, besonders in solchen Dingen, zu reden ist. Das Einzige, was ich mit dem gebrochensten Herzen vernehmen konnte, war, dass er sich für alles Gute, das er in diesem Haus genossen habe, weinend bedankt hat, und am Ende hinzufügte: ‚Gnädigste Eltern des besten und edelsten Kindes! Ich habe es euch ja gleich anfangs gesagt, dass ich mit meinen der Welt leider völlig fremden Grundsätzen und Lehrmaximen für euch schwerlich taugen werde. Ich habe euer Haus, Gott weiß es, nie gesucht. Ihr habt mich durch allerlei glänzende Versprechungen, und als diese bei mir kein Gehör fanden, durch andere, meinem Gemüt mehr zusagende Vorteile für euch, sozusagen um jeden Preis zu gewinnen gesucht und habt mich denn auch gewonnen. Als ich dann mit Sack und Pack in euer Haus kam, legte ich euch als ein ehrlicher Mann meine Erziehungsmaximen sonnenklar vor eure Augen, und ihr wart, bis zu Tränen gerührt, damit zufrieden und sagtet dann, mich an euer Herz drückend: ‚Freund, wir sind reich und haben Güter; Sie sind bei uns für Ihr ganzes Leben versorgt.‘
RB|2|241|12|0|Allein ich lebte nun kaum nur drei Jahre in Ihrem Haus und habe meinen Grundsätzen und Maximen als Mensch und Lehrer vor Gott und der Welt nach meinem durch nichts befleckten Gewissen derart getreust gehandelt, dass ich davon aber auch nicht um ein Haar groß etwas wegnahm noch hinzufügte. Denn Wahrheit gibt es nur eine, die weder einen Zusatz noch eine Wegnahme duldet. Und nun werde ich unter einer gewiss höchst unliebsamen, weil höchst ungerechten Anschuldigung aus diesem Haus, das mir ein volles Jahr nachrannte, hinausversorgt. Allein das macht mir nichts. Denn ungerecht dulden und leiden war in der Welt ja stets der Gerechten und Reinen Los. Und ich freue mich deshalb; denn das gibt mir ja wieder einen neuen Beweis, dass mich Christus, der Herr, in dem ich lebe und sterbe, für einen Seiner Jünger als würdig befunden hat. Er, der Herr der Unendlichkeit, hat ja Selbst den Lohn des schwärzesten Undankes von den Menschen geerntet, und Er vergab es ihnen, weil Er wohl wusste, dass sie nicht wussten, was sie taten. Warum soll ich, ein sündiger Mensch, es auch übelnehmen, so ihr an mir nun eine Handlung begeht, die mir auf der Welt zwar zum offenbaren Nachteil gereicht; aber ich, der ich nie den Vorteilen der Welt nachgejagt habe, sondern allein denen, die mir mein Gott und mein Erlöser gezeigt hat, verschmerze das leicht, was ich ohnehin nie gesucht habe und auch künftighin nie suchen werde.
RB|2|241|13|0|Dass Sie mir Ihr Haus verbieten, schmerzt mich wohl am meisten; denn ich habe mir an Ihrer Tochter eine wahre Freundin des inneren Lebens in Christus dem Herrn erzogen, ein Etwas, das in der gegenwärtigen Welt schwer irgendwo mehr zu bewerkstelligen ist, aber auch das macht nichts. Denn wer immer um des Herrn Willen etwas verliert, wird es zu seiner Zeit tausendfach wiedernehmen können.
RB|2|241|14|0|Dies armselige Geld aber, auf das Ihr einen besonderen Wert legt, behaltet und tut damit, was Ihr wollt! Denn das, was ich durch die Gnade Gottes Eurer Tochter gab, ist mehr wert als eine ganze Welt voll Goldes! Ihr kennt zwar den Wert nicht; aber eure liebste Tochter kennt ihn. Und so wahr ein Gott lebt, so sie auch alle Schätze dieser Welt verlöre, die ohnehin eine eitle Chimäre sind, so wird sie mit dem Schatz des Geistes, den sie von mir empfing, glücklicher sein als ein Krösus, der sich durch seine unermesslichen Schätze goldene Paläste bauen konnte! – O Menschen, o Menschen! Wie blind und schwach seid ihr doch! Die Sonne glänzt euch zu mächtig und wärmt zu sehr das Feld der Gottessaat. Darum sehnt ihr euch nach den Irrlichtern der Nacht, denn diese blenden und wärmen nicht. Leben Sie wohl! Vielleicht sehen wir uns in der anderen Welt wieder!‘
RB|2|241|15|0|Der Vater, etwas ungehalten über diese rein himmlischen Worte meines göttlichen Lehrers, nahm das Geld, was ich aus dem Geklinge rückgefallener Münzen wahrnahm, und wollte es mit Gewalt dem guten Lehrer aufdringen. Dieser aber wies es zu meiner Freude entschieden zurück und ging zur Türe hinaus, das Haus für immer verlassend. So war die Endgeschichte mit meinem Lehrer, den ich dann leider nie wieder zu Gesicht bekam.
RB|2|241|16|0|Wie ich aber schon früher bemerkt habe, so waren meine nachherigen Lehrer und Meister wirklich so dumm, so aufgebläht und dabei aber auch so höchst interessiert, dass es wahrlich eine allerbarste Schande war. Sie bewegten sich so gefühllos wie eine Maschine, und ich doch ein Mädchen von der zartesten und weichsten Art, machte auf sie gerade so viel Eindruck, als wie eine Erbse an eine Marmorwand geworfen in den harten Marmor. Ich war ihnen bloß ein Mittel, durch das sie recht viel Geld erwarben und sonst nichts. Aber ich lernte auch danach – zur leidigen Galle meiner blinden Eltern. Aber dafür strebte ich, je älter ich wurde, desto inniger allen jenen Grundsätzen nach, um sie in mir zu verwirklichen, die mir mein himmlischer Lehrer und Meister auf eine wahrhaft allzeit himmlische Weise beigebracht hat; denn seine Lehrstunden waren für mich ein wahres Sein in dem Paradies Gottes.
RB|2|241|17|0|In meiner späteren Zeit, wo ich leider schon Witwe geworden bin, habe ich in die Erfahrung gebracht, dass dieser mein göttlicher Lehrer durch eine besondere Verwendung als Offizier zum Generalkommando gekommen ist, und von da zur Armee als Hauptmann; wohin aber und ob er noch lebe, konnte ich nicht mehr erfahren. Er hätte damals kaum etliche und sechzig Jahre alt sein können; denn ich habe mit meinem achtzehnten Jahr leider heiraten müssen und ward aber auch in meinem fünfundzwanzigsten Jahr eine Witwe. O hätte ich da meinen Lehrer irgendwo finden können! Wie glücklich wäre ich dann geworden! Aber Gott der Herr ließ es nicht zu. Ich blieb hernach unverheiratet mit einer Tochter, die so ziemlich in allem mein Ebenbild war, bis an mein irdisches Lebensende. Vor ein paar Jahren habe ich, das Zeitliche verlassend, diese ewige Welt betreten und erkundigte mich hier überall nach meinem Lehrer, ob er möglicherweise auch schon da wäre; konnte aber leider bisher noch keine Silbe von ihm erfahren. Er hieß Peter und abermals Peter. Ob er noch irgendeinen anderen Namen hatte, konnte ich nie von ihm erfahren; auch meine Eltern nicht. Die einzige Sonderbarkeit, die dieser Lehrer der Lehrer besaß. Nun hier in der Geisterwelt, so es möglich wäre, möchte ich denn doch von diesem Lehrer etwas erfahren. Sie sind ein so weiser Mann, ganz wie mein Peter Peter; vielleicht könnten Sie mir von ihm eine Auskunft geben. O wenn ich nur mit diesem edelsten Geist noch einmal zusammenkäme!“
RB|2|241|18|0|Der Offizier wendet sich nun ein wenig ab von dem Weib und sagt staunend zu sich selbst: „Wäre es denn möglich?! Dies gar armselig aussehende Weibsbild soll jene einst auf der Welt so herrliche Mathilde sein?! Die beinahe himmlische Tochter eines borniertesten, reichen Erzaristokraten, ein so gutes und edles geistvolles Kind, wie es in Wien sicher kein zweites gegeben hat? Und hier in einem so miserablen Zustand!? O Gott, du bester Vater aller Menschen und Engel! Was hat denn dieser Engel verbrochen, dass er hier gar so armseligst ankommen musste?! Die Stimme und das Benehmen sind noch so ziemlich erkenntlich; aber die Gestalt! Was wären da die sieben mageren Kühe vom Traum Pharaos gegen diese entsetzliche Magerkeit? O das wären gemästete Ochsen dagegen! O du arme Mathilde! Der Herr möge dir gnädig und barmherzig sein! Wahrscheinlich wird ihre für sie sicher allerungünstigste Ehe sie dahin gebracht haben. Ärger, Unmut über nichtigste aristokratische Dummheiten, die unheilbar sind, eine unsanfte Behandlung, Untreue und Rohheit von Seiten ihres Gemahles mögen zu solch einer Abmagerung ihrer sonst so schönen Seele wohl das meiste beigetragen haben. Nun, bei Gott sind ja alle Dinge möglich. Sie gehört ja nun auch zu den vom Herrn Berufenen; Er wird sie schon wieder zurechtbringen!
RB|2|241|19|0|So aber hier auch so ganz eigentlich ‚himmlische Ehen‘ statthaben sollen, so werde ich sie auf jeden Fall vom Herrn Selbst zum Weib erbitten, und soll sich auch ihre Gestalt um gar nichts ändern. Denn ihr Geist ist noch ganz so voll hoher Ideen, als er war zu den Zeiten, als sie meine Schülerin war. Ah, das war wahrlich wahr eine herrliche Zeit! Damals konversierte ich mit Geistern aus den Himmeln; ja mit Engeln führte ich Zwiesprache. Damals war sie ein Engel mit; denn die Lehre der Engel strahlte erst dann ganz himmlisch, wenn ich sie in ihre unvergleichlich schöne Seele legte. O was war das für ein herrliches Strahlen und Wiederstrahlen des Lichtes aus den Himmeln! Da empfand ich in solch seligen Momenten so ganz, was ein Engel empfinden kann, wenn er vom süßen Geschäft der Liebe müde hinsinkt an des allmächtigen Vaters heilige Brust, um sich da neue Kräfte und neue, ungeahnte Seligkeiten zu holen. O heilige Momente des Erdenwallens! Die Himmel Gottes müssen zwar von unnennbarer Schönheit sein; aber auch die Erde Gottes ist schön für den, der in seinem Herzen ohne Falsch ist, der seinen Gott erkennt und Ihn aus allen seinen Kräften wahrhaft liebt. O Mathilde! Was warst du auf der Erde? Eine Sonne unter den holdesten Wesen deines Geschlechtes. Und was bist du nun? Nichts als ein erbärmlichster Schatten einer dürren Distelstaude, vom Halblicht des letzten Mondviertels beschienen. O Herr, o Herr! Wesen, die nach einem Jahrhundert dem Grab entsteigen, könnten doch unmöglich elender aussehen.“
RB|2|241|20|0|Nach diesen Worten kehrt er sich wieder zur Mathilde und sagt laut: „Ich habe jetzt nachgedacht über dein Anliegen und bin dem gewissen Mann im Ernst auf die Spur gekommen. Er ist auch schon hier, und wir werden ihn sicher finden. Nur musst du M- (leise zu sich: hätte mich bald verschnappt) dir eine recht große Portion Geduld aneignen und alles, was nur immer nach einer Leidenschaft riecht, rein aus dir verbannen. Alles aber, was Liebe heißt, musst du dem Herrn zuwenden und den Peter Peter ganz Peter Peter sein lassen. So wird dann schon der Herr dafür sorgen, dass du ganz glücklich wirst. Denn siehe, bei Gott sind ja alle Dinge möglich! Du hast einst Gott gefürchtet, und das war gut; denn Gottesfurcht ist die erste Stufe zur Weisheit. Nun musst du aber Gott lieben über alles – und das wird dir geben die höchste Seligkeit und eine himmlische Schönheit für ewig!“
RB|2|242|1|1|Fortsetzung der Lebensgeschichte Mathildes. Enthüllungen traurigster Art.
RB|2|242|1|1|(Am 6. Sept. 1850)
RB|2|242|1|0|Spricht die Mathilde, so wie in sich, etwas abgewendet vom Offizier: „Das sind ja ganz die Worte von meinem himmlischen Lehrer! ‚Bei Gott sind alle Dinge möglich!‘ Das war sein Wahlspruch! Dann der herrlichste Satz: ‚Gottesfurcht ist die erste Stufe zur Weisheit. Gott über alles lieben aber ist der Weisheit Vollendung und somit die höchste Seligkeit!‘ ist ja wieder ganz der meines Lehrers! Er sieht ihm auch so ziemlich ähnlich; nur etwas zu jung kommt er mir vor, sonst wäre alles ganz frappant übereinstimmend. So mag er ausgesehen haben, als er etliche und zwanzig Jahre alt war. Ich möchte schon alles darauf setzen, dass er es ist. Aber nur stille, mein armes Herz! Du darfst ihn ja nicht merken lassen, als ahntest du, dass er es ist! Befolge aber seine göttliche Lehre und du wirst sie dann sicher ernten – die goldene Frucht, die aus den vom himmlischen Licht umstrahlten Ästen solcher Lehre, so sie befolgt wird, reichlichst hervorknospet. Ach Gott, ach Gott! Das kann nur er sein! Nur in seinem engelreinsten Herzen können solche Lehren gleich den hellsten Sternen der Himmel Gottes emporkeimen und in seines Geistes Gotteslicht und Lebenswärme schnell heranreifen zur gesegnetsten Tat, zur heiligen Gottähnlichkeit.“
RB|2|242|2|0|Der Offizier sagt bei sich, da er diese Worte in sich auch vernimmt: „O welch ein herrlicher Geist in dieser aber gar so entsetzlichen Seele! Wenn ich aber nur erfahren könnte, wo es denn bei der stecken muss! Wie kann ein solch herrlicher Geist voll Liebe, Wahrheit und Demut seine Seele denn gar so entsetzlich vernachlässigt haben? Man sollte ja doch der Meinung sein, dass vor Gott, dem Herrn, ein reines Herz, ein Herz voll Liebe, Wahrheit, Duldsamkeit und Demut schon die vollste Vollendung der Seele zur Folge haben müsste. Aber wie Figura zeigt, ist es hier durchaus nicht der Fall! Sonderbar, sonderbar! Es muss mit ihr in der späteren Zeit, die mir nicht mehr bekannt ist, etwas vorgefallen sein, sonst könnte ich mir die Sache unmöglich erklären. Nein, wenn ich so zurückdenke, wie dies Wesen zwar freilich noch in ihrem Fleisch als Mädchen doch gar so strotzend üppig war! Kurz, sie hätte jedem Maler, dem eine Aufgabe würde, die reizendste Schönheit in der blühendsten Fülle der Gesundheit zu malen, als ein bestes Modell dienen können; und jedem Engel als Gesellschafterin! Und nun hier, o Gott, o Gott, ist sie ein Bild des größten Elends und der größten Not! Dürftigste Lumpen bedecken ihre Skelettform, kaum hinreichend, ihre Scham zu verbergen. Mein Gott, mein Gott, sei doch diesem armen Wesen gnädig und barmherzig!“
RB|2|242|3|0|Nach diesen Worten wendet er sich wieder ganz freundlich zur Mathilde und sagt: „Höre, du meine liebe Freundin! Möchtest du mir denn nicht so im Vertrauen sagen, wie es denn doch etwa kommen konnte, dass du gar so in deiner Seele, wie man sagt, ganz rein auf den Hund gekommen bist? Denn ich erinnere mich, dich in der Blüte deiner irdischen Jahre hier in Wien irgendwo gesehen zu haben. Da warst du ja ein Muster weiblicher Fülle und Üppigkeit; und alles war glücklich, dich nur von Ferne ansehen zu dürfen! Und nun? Kurz, da ist gar nichts zu reden. Ich mache dich nur traurig, ja über die Maßen traurig, so ich dich daran erinnere. Also, so es dich nicht etwa zu sehr geniert, da gib mir den Grund an, wie und warum du gar so herabgekommen bist in deiner Seele bei einem so herrlichen Geiste.“
RB|2|242|4|0|Sagt die Mathilde: „Edler Freund, der du mit mir viel Mitleid zu haben scheinst, ich habe hier wohl keinen Grund mehr, mich irgendwie beschönigen zu wollen; denn das Elend ist der Tod der Schamhaftigkeit schon an und für sich, und hier in der Geisterwelt gar, wo einem von den Dächern verkündet wird, wie man auf der Erde im Fleisch gelebt hat. Es ist wahr, dass mein Geist gewiss zu denjenigen gehört und gehört hat, die wahrlich der schlechtesten Gattung nicht angehören. Aber diesem Geist ward leider eine zu üppige Fleischmasse gegeben, die, je ausgebildeter sie wurde, auch desto sinnlich begehrender ward. Mein Stand erlaubte es aber nicht, mein Fleisch auf jene natürliche Weise zu befriedigen, auf welche Weise tausend gemeine und feile Dirnen dem Begehren ihres Fleisches zu Hilfe kommen. Ich war teils durch einen verderblichen Umgang mit Mädchen meines Standes (Wesen, die schon frühzeitig die schlechte Pariserschule müssen durchgemacht haben) und teils durch meine sehr geil gewordene Natur auf Mittel gekommen, mich künstlich zu befriedigen. Das schadete aber meiner Natur derart, dass ich in kurzer Zeit darauf die sogenannte Bleichsucht über alle Maßen bekam. Die Eltern wussten sich nicht zu helfen noch zu raten. Ein Arzt um den andern ward geholt und gefragt. Da regnete es Rezepte und Medizinen, durch die meine Natur noch aufgeregter ward als sonst, und ich desto anhaltender mit der künstlichen Selbstbefriedigung, deren ich mich heimlich bedienen musste, um nicht zu verzweifeln.
RB|2|242|5|0|So wahr ich lebe, zweimal war ich daran, mir das Leben zu nehmen! Schon in meinem siebzehnten Jahr hat mein Fleisch einen solchen Grad der Geilheit erreicht, dass ich mir aus purster Geilheit mit einer unbeschreiblichen Wollust hätte mögen selbst ein Stück Fleisch um das andere vom Leib schneiden. Wenn ich mir dann und wann mit einer Hundspeitsche auf die nackte Haut nur einige Schläge, die mich zwar sehr schmerzten, habe versetzen können, so geschah mir sogleich leichter. Kurz, wenn ich nicht nach dem Rat eines vernünftigen Arztes noch im selben Jahr geheiratet hätte, so wäre ich im nächsten Jahr darauf sicher als eine verstümmelte Leiche irgendwo aufgefunden worden.
RB|2|242|6|0|Es ist merkwürdig! Mein Geist blieb dabei stets hell und voll der besten Vorsätze, aber sie waren leider zu ohnmächtig, um den Stürmen des Fleisches Widerstand zu leisten, wann dieselben zu toben und zu wüten begannen. Ich weinte oft wie ein Kind im Geheimen über meine Unnatur. Aber das half alles nichts! Es musste ein Mann mir werden, sonst gab es keine Ruh und keine Rast in meinem Fleisch. Wie schon gesagt, ich bekam zum Glück meines Fleisches einen sehr sinnlichen Mann. Der heilte zwar mein Fleisch mit dem, dass er mich im ersten Jahr schwängerte und somit aus meinem entarteten Fleisch die letzte, doch noch übrig gebliebene Frucht sich holte – und in kurzer Zeit darauf den Tod.
RB|2|242|7|0|Ich ward darauf zwar nüchternen Fleisches und bekam auch wieder ein recht gutes Aussehen, aber in meiner Seele gewahrte ich dennoch fort und fort ein gewisses ganz unbehagliches Siechen, das sich durch eine gewisse Unlust zu allem Schönen, Guten und Wahren nur zu fühlbar aussprach. Ich besuchte Gesellschaften, Theater, Konzerte, reiste im Sommer von einem Bad zum andern, versammelte im Winter um mich einen Kreis von den geistreichsten Damen und Männer. Aber es war umsonst, meiner Seele Zehrfieber war nimmer zu verscheuchen.
RB|2|242|8|0|Nur der geheime Gedanke an meinen einstigen Lehrer vermochte allein meine Seele auf Augenblicke in eine bessere Stimmung zu bringen – aber leider nur auf Augenblicke, die sehr jenen wärmlichen, sonnigen Mittagsstunden des Novembers glichen, auf die nur zu bald Frost und Kälte und der starre Winter folgen. Mein Geist war wohl der gleiche, voll des besten Willens; aber das Fleisch der Seele ist ganz impertinent schwach geworden. Und ich konnte mich trotz des besten Willens nicht mehr erholen, weder auf der Erde und noch weniger diesseits in der Geisterwelt, die zwar bis jetzt der Naturwelt so gleichgesehen hat wie beinahe ein Auge dem andern, aber nichts weniger als eine Naturwelt ist, weil es denn doch nebst dem, dass die Formen ihr Aussehen behalten, recht viele und manchmal nur zu handgreifliche Unterschiede gibt zwischen den Erscheinungen dieser und zwischen jenen der früheren Naturwelt.
RB|2|242|9|0|Nun wissen Sie alles. Und ich meine, Sie werden nun leicht den Grund einsehen, warum ich zu dieser elenden Gestalt gekommen bin. Wäre mein Lehrer nie von meiner Seite gekommen, da stünde es um mich nun sicher anders. Aber Gott dem Herrn gefiel es wahrscheinlich nicht, einen Engel in einem Haus des Hochmutes und des Stolzes fallen zu lassen; daher nahm Er dem Haus den Schutzengel. Und das Haus verfiel darauf bald in allerlei Laster der Großen und der Toren, und ich, dessen einzige Tochter, mit. Ich bin zwar nun da, so elend als möglich. Wo aber etwa meine Eltern sich befinden, und wie es ihnen etwa ergeht, und auch meinem Gemahl, das wird der Vater im Himmel sicher besser wissen denn ich arme, elende Seele. Ich wünsche zwar allen ein besseres Sein als wie da ist das meinige; aber leider, mein Gefühl sagt es mir, wird es ihnen wohl kaum besser ergehen denn mir. Wenn sie nur samt und sämtlich nicht irgend ganz und gar verloren sind!“
RB|2|242|10|0|Sagt der Offizier: „Meine Liebste! Da hat es mit dir leider eine schlimme Bewandtnis gehabt! Aber verzweifle deshalb nicht, sondern gehe nun sogleich mit mir zum Herrn hin, der hier ist, um allen zu helfen, die Seinen Namen anrufen und sich an Ihn wenden. Folge mir aber ohne Furcht und Scheu, denn niemand kann dir helfen, als Gott der Herr allein; denn nur bei Ihm sind alle Dinge möglich. Darum also folge mir.“
RB|2|242|11|0|Der Offizier eilt nun mit der Mathilde schnell zu Mir hin und sagt: „Herr, Du allerheiligster, bester Vater! Ich brauche Dir sicher nicht kundzutun, was diesem Wesen fehlt. Denn Du, dem alle Dinge, Sachen und Verhältnisse schon von Ewigkeit her bekannt sind, weißt es am besten. Ich kann darum auch hier nichts anderes tun, als Dich, o Herr, kniefälligst mit dem teilnehmendsten Herzen bitten, dass Du diesem Wesen, diesem armen Weib, gnädig und barmherzig sein wollest. Dein heiligster Vaterwille geschehe!“
RB|2|242|12|0|Sage Ich: „Weib, was willst du denn, dass Ich dir tun soll? Rede!“ – Sagt die Mathilde: „Herr! Du allmächtiger, ewiger Gott, Schöpfer aller Kreatur und heiligster Vater aller Menschen und Engel! Du siehst hier eine große geheime Sünderin vor Dir. Du wirst am besten wissen, welche Geister, ja welche Teufel mein Fleisch und mit diesem auch die Seele so übel zugerichtet haben. Ich war es nicht; denn mein Wille war nach meiner reinen Erkenntnis stets dagegen, und ich warnte jeden Menschen vor dem großen Übel der Selbstbefriedigung. Und doch war aber ich gerade wie ausersehen für dies fürchterliche Übel! Ich – im Geiste die größte Feindin davon – musste dem Drachen des Fleisches geradewegs zum Opfer werden!
RB|2|242|13|0|O Herr, das ist hart; das ist sehr hart! Wer pflanzte denn solch einen verderblichen Stachel in mein Fleisch? Ich selbst unmöglich! Ich war ja nur das höchst leidige Opfer dieses Stachels. Ich ward getrieben wie mit glühenden Ruten! Und gerade wann ich mir oft die ernstesten Vorsätze gemacht habe, dies Übel um Deines heiligsten Namens Willen nicht mehr zu begehen – da erst erwachte bald die Gier des Fleisches mit zehnfacher Heftigkeit, und ich unterlag dem Drang ärger denn irgendein früheres Mal. Nach solch satanisch stummer Befriedigung kam dann freilich allzeit die Reue, diese höchst stiefmütterliche Elegie armer unglücklicher Herzen, über mich und zerfleischte jede Regung in mir, die mein Innerstes auch nur mit dem leisesten Strahl einer besseren Hoffnung hätte emporrichten können. O Herr, o heiliger Vater! Warum, warum musste denn gerade ich gar so unglücklich werden?
RB|2|242|14|0|Ich war ja doch bis in mein beinahe sechzehntes Jahr eine so reine Unschuld, wie es deren wenige geben dürfte. Warum musste ich meinen wahren Schutzgeist von einem Lehrer verlieren? Warum durfte denn der Satan gerade gegen den Mann, der ein Engel war, in der aristokratischen Brust meiner blinden Eltern Verdacht und Hass erregen und hernach an des Engels statt und Stelle mir Geister aus der Hölle zu Lehrern geben? O Gott, o Gott, Du Barmherziger! Warum musste denn ich so unglücklich sein und noch mehr werden zeitlich und vielleicht auch ewig?“
RB|2|242|15|0|Rede Ich: „Ja, Meine liebe Tochter! Wie es mit dir steht und wie es mit dir gestanden ist, das habe Ich wohl gar lange schon gewusst. Und wie und warum und wodurch auch. Ich fragte dich also nicht darum, sondern nur: ‚Was willst du, dass Ich dir tun soll?‘ Und siehe, auf diese Frage hast du Mir noch keine Antwort gegeben. Das also, Meine Liebe, rede zuvor; hernach wird sich in der Ewigkeit noch Zeit genug finden, wo du über alle deine irdischen Lebenserscheinungen ins Klare kommen wirst.“ – Sagt die Mathilde: „O Herr, Du heiligster Vater! Du siehst es ja am besten, wo es mir fehlt. So es Dein heiligster Wille ist, so hilf mir da, wo es mir fehlt! Denn nur Dir allein, o heiligster Vater, sind alle Dinge möglich!“
RB|2|242|16|0|Rede Ich: „Aber glaubst du es wohl, dass Ich eben der so ganz eigentlich wahre, ewige Gott, Schöpfer und Vater bin, bei dem alle Dinge möglich sind? Denn siehe, Ich bin ja nur ein Mensch, wie du deren hier viele siehst! Wie kann denn ein Mensch Gott sein, oder ist denn Gott auch nur ein Mensch?!“
RB|2|242|17|0|Sagt die Mathilde: „Du bist Christus, genannt Jesus, der Heiland der Menschen, und jedes Wort aus Deinem Mund hat das Leben in sich, und dem Du Dein Wort gibst, der hat von Dir auch das ewige Leben empfangen. Denn Deine Worte sind nicht wie die Worte eines Menschen, die da tot sind und kein Leben haben. So aber Deine Worte das Leben in sich tragen und jedem, der sie aufnimmt, das ewige Leben geben – wie sollst Du hernach nicht Derjenige sein, Dem alle Engel, Sonnen und Welten als ihren alleinig wahren, ewigen, heiligen Vater, Gott, Schöpfer und Richter im Staub ihrer Nichtigkeit anbeten?! Denn ihr Sein bist ja nur Du durch Dein allmächtiges Wort!
RB|2|242|18|0|Als Du, o Herr und Vater, auf der Erde den Weg des Fleisches aus Deiner unendlichen Machtvollkommenheit, Weisheit und Liebe durchmachtest, da sagtest Du eben als auch nur ein Mensch: ‚Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater! Denn Ich und der Vater sind eins.‘ So Du, o Herr Jesus, damals im Fleisch eins warst mit dem Vater – wie sollst Du es nun nicht sein? Du allein bist es, und niemand mehr ist Dir gleich! Mein Herz sagt es mir, dass Du die ewige Liebe bist! O so nimm mich in Deine Liebe gnädig auf, Du heiliger Vater!“
RB|2|243|1|1|Des Herrn Gnade und Barmherzigkeit. Zwei Getrennte dürfen sich wiederfinden vor Gott. Vom Gottesreich.
RB|2|243|1|1|(Am 11. Sept. 1850)
RB|2|243|1|0|Rede Ich: „O Weib! O Tochter! Dein Glaube ist groß, und viel Liebe wohnt in deinem Herzen; dir werde es nach deinem Glauben und nach der Macht deiner Liebe! Meine liebe Tochter, du stehst nun hungrig, durstig und nackt vor Mir, denn das, mit dem du auf der Erde deine Seele gesättigt hast, war eine schlechte und magere Kost. Wärst du nicht in der ersteren Zeit deines Erdenlebens im Geiste vorgenährt worden und wäre deine Seele mit ganz stummem Geiste in das Pfützen- und Kloakenleben des gemeinsten und ekelhaftesten Gewürmes übergegangen, so wärst du wohl verloren, und es wäre beinahe unmöglich geworden, dich je retten zu können; denn so unmöglich es ist, einen Fisch außer dem Wasser in der freien Luft am Leben zu erhalten, ebenso unmöglich ist es auch, Seelen, die sich selbst zum Pfützen- und Kloakengeschmeiß hinab- und hineingelebt haben, in dem Lichtäther der Himmel am Leben zu erhalten. Denn wo der Drache lebt ein totes Leben, da lebt dem Tod auch sein Gewürm.
RB|2|243|2|0|Aber du bist in deinem Geiste vorgenährt worden, und die nachträgliche Kloakenkost, die deiner Seele gereicht wurde, war nicht vermögend, deine Seele ganz zu verderben. Denn die Vornahrung deines Geistes würzte nach Möglichkeit und äußerst nötigem Bedarf die elendeste Weltkost deiner Seele und benahm ihr das tötende Gift. Dass aber deine Seele bei solcher Kost sich kein Fett sammeln konnte, das wirst du nun hoffentlich einsehen. Nun aber will Ich dir Nahrung geben aus den Himmeln und ein besseres Kleid wegen deines Glaubens und wegen deiner Liebe. Und das wird dir dann schon zu einem besseren An- und Aussehen verhelfen. Robert, schaffe Brot und Wein und ein neues Kleid her!“
RB|2|243|3|0|Als Ich solches kaum ausspreche, ersieht Robert hinter sich wie eine Krämerbude, die beladen ist mit Brot und Wein, und ein Bündel, darinnen sich das verlangte Gewand befindet. Er bringt Brot und Wein, und sein Weib das Bündel mit Gewand. Ich segne Brot und Wein und lasse es verabreichen der Mathilde und dem Offizier. Als sie mit unaussprechlichem Dankgefühl mit dem Offizier das Brot und den Wein verzehrt, wird sie augenblicklich voller und voller, bekommt ein wundervoll schönes, jugendliches Aussehen und weiß sich aus lauter Dank nicht mehr zu helfen. Nun bekommt sie auch ein schönes, azurblaues Kleid mit purpurroter Verbrämung, was sie sehr schön ziert.
RB|2|243|4|0|Als sie nun so versorgt dasteht, fängt sie an laut zu weinen vor Dankbarkeit, Liebe und Seligkeit. Sie fällt, nun schon so schön wie eine schöne Blume der Himmel, vor Mir auf ihre Knie nieder, breitet die Hände weit aus und sagt schluchzend: „O Du heiligster Vater! Mein Herz kann es nur fühlen, aber die noch viel zu matte Zunge nimmer aussprechen, was ich nun für Dich, o Du heiligster Vater, fühle! Deine Liebe, Deine Gnade ist zu endlos groß, als dass sie eine geschaffene, endliche Zunge je auszusprechen vermöchte. So weit aber nun das Gefühl und die Empfindung dieses von Dir, o heiligster Vater, mir nun neu gegebenen und durch Deine Gnade neu erweckten Lebens reicht, fühle und empfinde ich nur Dich, Du heilige, ewige, weiseste Liebe! O Vater, o Vater, o Du lieber, heiligster Vater! Dein heiligster Name Jesus werde geheiligt ewig, ewig, ewig!“ – Bei diesen Worten übermannt sie ihre Liebe zu Mir so mächtig, dass sie vor Mir mit dem Gesicht ganz auf den Boden niedersinkt.
RB|2|243|5|0|Aber auch der Offizier wird so von der Liebe übermannt, dass auch er zu weinen beginnt. – Aber Ich ermahne ihn, sagend: „Freund, ermanne dich! Denn die Beseligte wird bald deiner Kraft bedürfen. Du hast sie bis hierher gebracht und wirst daher ihr weiterer Führer sein. Achte ihren Geist!“
RB|2|243|6|0|Spricht der Offizier: „Ja, Du mein ewig bester Vater, Herr und Gott! Dein Wort, allzeit neue Seligkeit schaffend, soll ewig das alleinige Leben im Zentrum meines Herzens sein! Es ist zu viel Liebe und Gnade von Dir, o heiliger Vater, auf uns niedergegangen, sodass wir in unserem Gemüt noch viel zu klein und schwach sind, solch eine Masse von Seligkeit zu ertragen! Aber Deines ewigen Reiches heilige Zeit, eine Zeit, die kein Ende hat, und auch keinen materiellen Anfang, wird uns mit Deiner zu großen Liebe, Gnade und Huld schon vertrauter und kräftiger machen. Mein ganzes Wesen aber sei ein ewiger Dank für solche Liebe und Gnade von Dir an uns arme Sünder. Was können wir Dir anderes, o Du heiliger Vater, wohl tun, als Dir ewig danken und Dich lieben und loben und preisen über alles! Und so sei denn unser nun so überseliges Leben Dir, o lieber, heiliger Vater, ein ewiger Lobgesang! Große Weisheit wird zwar unsere Sache nicht sein, denn dazu hast Du, o heiliger Vater, Dir Engel geschaffen aus der Flamme Deines Lichtes, von dem der Welten Sonnen ihren gebrochenen Schimmer borgen, dass sie die unendliche Majestät Deiner Werke besingen und allzeit lobpreisend sagen: ‚Heilig, heilig, heilig ist unser Herr und Gott Zebaoth! Die Himmel sind Seiner Ehre voll! Darum ewig Ehre, Lob und Preis Ihm, ewig!‘ – Wir aber wollen Dich dafür preisen über alles in unseren Herzen; denn Du allein bist all unsere Liebe und all unser Leben!“ – Hierauf wendet er sich zur Mathilde und sagt: „Liebste Schwester Mathilde, stehe auf und schaue, wie gar so endlos gut, liebevoll, mild und sanft unser alleinig wahrer, heiliger Vater ist!“
RB|2|243|7|0|Hierauf erhebt sich die Mathilde, sieht ganz wonnetrunken um sich her und erkennt nun in dem Offizier sogleich ihren Lehrer Peter Peter und sagt, noch auf ihren Knien am Boden ruhend: „O Gott, o Vater! Du bist denn doch wahrlich zu ungeheuer gut und liebevoll! Nicht nur, dass Du mich hier als eine unwürdigste Sünderin namenlos selig gemacht hast dadurch, dass Du mir ein unnennbares Übermaß Deiner Gnade, Liebe und Erbarmung hast zukommen lassen, sondern ich darf auch den Lehrer hier vor Deinem allerheiligsten Angesicht treffen, der mir schon auf der Erde zuerst die Wege zu Dir gezeigt hat. Diesem Lehrer werde ich nun von Dir zur weiteren Ausbildung übergeben; o welch eine Wonne, welch eine Seligkeit! Wie Herrliches, Schönes und Erhabenes werde ich von ihm erfahren, reiner und reiner werden, und würdiger anzuschauen Dein allerheiligstes, allergöttlich-schönstes Angesicht! Noch bin ich zwar hier in der Stadt, in der ich geboren und endlich irdisch und auch seelisch unglücklich geworden bin; aber der Ort macht für mich nicht den Himmel aus, sondern Deine sichtbare allerheiligste Gegenwart. Wo Du bist, o Herr, da ist auch der höchste Himmel! Mein Herz, mein ganzes Wesen sei Dir, o heiligster Vater, allein geweiht! Dein heiligster Name Jesus werde geheiligt!“
RB|2|243|8|0|Tritt aus dem Hintergrund zu Mir hin der Erzbischof Migazzi und sagt: „Herr und Vater, heilig, überheilig! Dieses Wesen, nun so hold und schön wie ein schönster Stern Deiner Himmel, beschämt uns wirklich alle, wie wir da sind. Wie die Stöcke stehen wir hier, während diese nunmehrige Blume der Himmel in der Deiner würdigen Lobpreisung wahrlich einen David zu Schanden reden würde. Nein, das habe ich noch nie gesehen und gehört. Diese Anmut, diese feierlichste Würde, dieser echt himmlische Anstand vor Dir! Diese heilige Reinheit in ihrer Sprache, diese englische Wahl der Worte! Ihre unbegrenzte Liebe und Dankbarkeit! Kurz, in allen ihren nunmehrigen Gebärden liegt eine so wahrhaft magische Würde, dass wir alle ganz hingerissen sind. Sie lehrt uns alle Dich erst so ganz und recht erkennen. Ah, das ist ja ein rein himmlisches Wesen, an dem sich nun nichts Mangelhaftes mehr zeigt. O Herr, Du ewige, reinste Liebe! Welch großen Dank sind wir alle Dir für diese Verklärung schuldig! O du liebstes, holdestes, rein himmlisches Wesen! Und ihr Lehrer neben ihr nicht minder!“
RB|2|243|9|0|Sage Ich zum Migazzi: „Mein Freund und Bruder! Das gibt nicht die Weisheit, sondern allein nur die Liebe! Daher haltet euch alle an die Liebe, wollt ihr in den Himmeln bei Mir sein. Ihr werdet zwar in jedem der drei Haupthimmel bei Mir sein und leben und wandeln vor Meinem Angesicht – aber so wie hier nur in und durch die alleinige Liebe. Diese Mathilde aber hat den rechten Grad der Liebe und wird demnach auch, so wie hier in den Himmeln bei Mir sein, allwohin wir nun bald gelangen werden. Gehe aber hin und verkünde das allen, die hier sind!“
RB|2|243|10|0|Migazzi dankt Mir inbrünstigst für diese Belehrung und geht sogleich hin zu der großen Menge und verkündet das allen.
RB|2|243|11|0|Der Offizier aber sagt zu Mir in seiner großen Liebe: „Herr, siehe wir sind nun so selig als nur immer möglich; aber da stehen noch in Reih und Glied meine Soldaten. Was soll nun mit ihnen geschehen?“ – Sage Ich: „Gehe hin und lasse sie die Gewehre ablegen! Denn fortan werden sie diese Waffen nicht mehr gebrauchen; denn in Meinem Reich kämpft man allein nur mit den Waffen der Liebe ewig!“
RB|2|244|1|1|Peter Peter beruft seine Soldaten vor den Herrn. Der jüdische Feldwebel, ein poetischer Redner.
RB|2|244|1|0|Der Offizier geht nun sogleich hin zu den in Reihe und Glied stehenden Kriegern und sagt: „Habt Acht, Brüder! Bisher war ich noch immer euer Hauptmann und ihr gehorchtet mir, wie es biederen und rechtlichen Kriegern gehört; denn der pünktlichste Gehorsam des Untergebenen gegen seinen Vorgesetzten ist die eigentliche Hauptmacht, mit der ein weiser Feldherr jeden Feind besiegen kann. Weil ihr aber eben in der Tugend des Gehorsams groß wart und ich über euch, die ihr hier steht, nie eine Klage zu führen bekam, so hat es Gott dem Herrn also wohlgefallen, dass Er euch auch nach eures Leibes Tod in der Geisterwelt so lange unter meinem Kommando beließ, bis ihr durch meine oft an euch gerichteten Lehren und Ermahnungen auf den Punkt gebracht worden seid, von dem aus ihr einer anderen, freieren Lebensanschauung fähig wurdet. In dieser Anschauung habe ich euch, selbst nicht wissend wie und warum, auf diese Stelle gebracht, wo ihr noch steht.
RB|2|244|2|0|Wir waren alle mehr oder weniger noch von den Pflichtverhältnissen der Welt befangen gehalten, obschon wir gar wohl wussten, dass wir uns in der geistigen Welt schon seit einer geraumen Zeit befanden. Wir dienten noch dem Kaiser, obschon wir keine Pflicht mehr gegen ihn zu beobachten gehabt hätten. Und wir leisteten ihm sogar gute Dienste, denn die geheimsten Verschwörungen entdeckten doch nur wir zuerst und wirkten dann auf die noch auf der Welt lebenden Invigilanten [Amtspersonen] leicht also ein, dass diese dann alsbald auf die auch noch so heimlich gehaltenen Machinationen bösgesinnter Gesetzes- und Ordnungsfeinde gewisserart mit der Nase stoßen mussten. Wir konnten dafür vom auf der Erde lebenden und herrschenden Kaiser freilich wohl keinen Sold mehr beziehen; aber dafür erhielten wir von unserem Gewissen den schönsten Lohn, und zwar in dem sicheren Bewusstsein, so manches sehr grässlich werden könnende Unheil von dem Staat abgewendet zu haben, der uns geboren, ernährt und erzogen hat. Und so übten wir denn noch als Geister für den irdischen Staat einen guten Dienst, bis zu diesem Zeitpunkt, in dem wir uns jetzt befinden.
RB|2|244|3|0|Aber von nun an tritt für uns alle ein ganz anderes Lebensverhältnis ein. Der Weltdienst hört nun für ewig auf und ein rein geistiger im Namen Gottes des Herrn tritt an seine Stelle. Diese Waffen, wie ihr sie nun tragt, werdet ihr fürder nimmer gebrauchen. Wir werden zwar fortan auch kämpfen im Reich Gottes, aber nicht mehr mit den Waffen zum Tode, sondern mit den Waffen zum Leben. Und diese neuen, herrlichsten und mächtigsten Waffen heißen die Liebe zu Gott dem Herrn und die Liebe zu unseren Brüdern und Schwestern, die noch irgendwo in großer Armut ihres Geistes stecken. Legt daher nun diese Waffen ab! Sie sind ohnehin nichts als pure Gedankenstriche unserer noch von der Erde her mitgenommenen Einbildungskraft, und es liegt daher an ihrem scheinbaren Verlust umso weniger etwas, da sie an und für sich nichts sind.
RB|2|244|4|0|Dort aber seht hin! Ein herrlichst gestalteter Mann, der soeben Sich mit einer himmlischen Jungfrau bespricht, die vor Ihm wie von der Wonne aller Himmel auf einmal durchglüht also überselig steht – dieser Mann ist Jesus, der große Heiland der Welt, und ist zugleich in einer und derselben Person Gott, das allerhöchste Wesen Selbst, der alleinige Schöpfer aller Geister- und aller Materiewelten. Dieser ewige und alleinige Herr der Unendlichkeit lässt euch nun durch mich zu Sich rufen, auf dass Er euch gäbe das ewige Leben. Legt also nun sogleich die Waffen ab und folgt mir zu Gott, dem allmächtigen Vater und Schöpfer der Unendlichkeit.“
RB|2|244|5|0|Auf diese wirklich kräftige und geistvolle Rede des Offiziers legen alle die Waffen vor sich auf den Boden hin und begeben sich sogleich mit dem Offizier zu Mir hin. Als sie in einem ziemlich gedehnten Halbkreis um Mich gestellt sich befinden, segne Ich sie sogleich alle. Und alle loben Mich nun einstimmig mit den herrlichsten und rührendsten Lebensworten – ganz besonders aber darunter ein Feldwebel, der auch bei dieser Gelegenheit einen glänzend vollendeten Vorredner und Vorsprecher macht.
RB|2|244|6|1|(Am 14. Sept. 1850)
RB|2|244|6|0|Dieser Feldwebel war auf der Erde seinem Glaubensbekenntnisse nach ein Jude und hielt fest dafür, dass der Messias erst kommen werde und dass nun eben die Zeit gekommen sei, nach einer mystischen Berechnung der jüdischen Kabbala, in der der Messias ganz unfehlbar in die Welt kommen müsse, um Sein Volk, das die Juden seien, wieder zusammenzubringen in das Gelobte Land und es da zu erheben zum ersten und mächtigsten Volk der Erde. Mit solchem Glauben ist also auch unser Feldwebel in die Geisterwelt übergegangen und wartete da auch sehnsüchtigst auf den großen Messias. Als der Offizier aber der noch unter Waffen stehenden Mannschaft von Mir die Kunde brachte, und die Berufung in Mein Reich, so meinte der Feldwebel anfangs, dass Ich der erwartete große Messias der Juden sei, nur frappierte ihn das, dass Ich auch die anderen berief, die da keine Juden waren.
RB|2|244|7|0|Als aber der Offizier vor der Truppe Meinen Namen nannte, da ging dem Feldwebel ein mächtiges Licht auf und er sagte zu einem Kameraden, der auch ein Jude war und ein eifriger Erwarter des Messias: „Du! Mir scheint nun nur zu klar, wir haben Ihn denn doch verpasst. An dem Jesus fanden sich am meisten und am leichtesten die Weissagungen zurecht; aber die Dummheit: ‚Aus Galiläa steht kein Prophet auf!‘ hat Millionen geblendet. Es mag ja so sein, dass aus Galiläa kein Prophet erstehe; aber warum soll deshalb der Messias, der mit dem Prophetentum nichts gemein hat, nicht aus Galiläa gekommen sein? Der Messias ist nach David Jehova Selbst und braucht nicht unter dem Mantel eines Propheten zu Seinem Volk zu kommen, sondern alsogleich als Jehova. Und dazu kann Er gerade Galiläa wählen, damit die Menschen, die dummen Menschen, nicht verleitet werden sollen, am Ende auch den Herrn aller Menschen und Propheten für einen Propheten zu halten, weil Er gerade von dort herkam, von woher nie ein Prophet kommen kann. Kurz und gut, Jesus aus Nazareth in Galiläa gebürtig, war der erwartete Messias! Aber wir haben Ihn allzeit verpasst, und unsere Brüder werden Ihn noch gar oft verpassen. Wir beide aber werden Ihn nicht mehr verpassen. So wir hin vor Ihn treten werden, da lasse mich reden! Ich werde Ihm unsere grobe Blindheit gehörig darstellen und dann für alle ein gebührlich Lob ganz nach Davids Art aussprechen.“
RB|2|244|8|0|Danach hat denn hernach aber auch er, wie schon früher erwähnt, den Hauptvorredner gemacht, und ist nun eben einer Meiner glühendsten Anbeter, sodass sich alles hoch verwundert über seine echt orientalisch erhabenste Wohlredenheit.
RB|2|244|9|0|Der Offizier sagt nach einer Weile: „Ich war auf der Erde und auch hier in dieser Welt sein Vorgesetzter; und er ist nun in der Weisheit ein Seraph, und ich bei all meiner auf der Erde erworbenen theosophischen Kenntnis, die dazu hier noch eine große Ausbildung bekam, ein Esel, ganz glattweg! Seht nur diese herrlichen Bilder, diese Weichheit, Zartheit, dieser ungezwungenste Schmelz seiner so herrlich angebrachten historischen Episoden. Nein, so man ein Stein wäre, so müsste man bei solch einer Rede ätherweich werden! O wenn er diese Rede nur aufgeschrieben hätte! Wahrlich, ich könnte sie gerade tausendmal nacheinander lesen. Wie herrlich ist z. B. doch der Satz:
RB|2|244|10|0|‚Dorthin, Du ewiger Vater, wo der Sterne zahllose Myriaden von heiligem Schauer gedrungen ihr reines Angesicht mit dem dunklen Schleier der Nacht umhüllen, wo der lichte Aar und der glanzvolle Schwan an dem Gotteswege ewige Wache halten und ewig erstaunt in die nie gemessenen Tiefen Deiner Werke schauen – dorthin war auch oft mein mattes und von heiliger Wehmut tränenfeucht gewordenes Auge gerichtet und harrte also mit Adler und Schwan am großen Wege Jehovas, des großen Verheißenen!' Und so weiter.
RB|2|244|11|0|Das habe ich mir so gemerkt und durchdachte nur so ganz flüchtig dies eine Bild und fand eine Größe, eine Tiefe und eine so hohe Weisheit und Wahrheit darinnen, dass es mich geradewegs zu schaudern begann! O Herr, Du heiligster Vater! Wie kam denn dieser Jude nun auf einmal zu solch einer Weisheit und echt himmlischen Lyrik? Nein, auch das Bild von der alten Zeder Libanons, von der Zinne Ararats, vom Euphrat und Ganges, von der Wiege Judas, von der Blume der Wüste, o Gott, was liegt da in solchen Bildern. O Herr, gib mir auch nur etwas Weniges von der Weisheit meines früheren Feldwebels!“
RB|2|245|1|1|Liebe als Grundquell aller Weisheit und Lyrik. Gleichnis vom Schrank und Keller. Torheit der Weltweisheit. Des Offiziers Bitte um mehr Liebe.
RB|2|245|1|0|Sage Ich: „Mein Freund! Hast du auf der Erde es nie gemerkt, dass Menschen, die so recht kernfest in der Liebe stecken, die zartesten Dichter sind? Also ist die Liebe die eigentlichste und beinahe stets alleinige Mutter der wahren Lyrik. Ein David brannte vor Liebe zu Mir wie auch zu den Menschen und ward darum auch einer der größten Lyriker, die je auf der Erde gelebt haben. Sein Sohn Salomon war, solange er liebte, auch weise dem wahren Sinn des Wortes und der Bedeutung nach; als er aber dann seine rechte Liebe in die Geilheit der Weiber versenkte, ward er bald dumm und schwach in Wort und Tat.
RB|2|245|2|0|Betrachte Meinen Johannes! Dieser Apostel hatte die mächtigste Liebe zu Mir und darum auch die größte Glut in der Darstellung Meines Wortes. Und in seinen Worten liegt auch die größte Weisheit wie bei keinem anderen Apostel. Ihm ward darum auch die tiefste Offenbarung gegeben. Und du kannst die ganze Geschichte der Erde durchgehen und du wirst stets und nie wandelbar bei jenen Menschen die wahre Lyrik und Weisheit antreffen, die das Herz, wie man zu sagen pflegt, am rechten Fleck haben.
RB|2|245|3|0|Es dichten wohl auch die Verstandesmenschen und machen ein Langes und Breites. Aber in dem Langen und Breiten steckt nichts als ein höchst mühevolles Suchen eines verlorenen Groschens in der Nacht ihres Herzens. Sie kommen wohl manchmal dem Groschen auf die Spur, so sie ihn aber ergreifen wollen, da gleiten sie aus, weil der Grund, auf dem sie stehen, ein höchst lockerer ist, und verlieren auf die Art auch nur zu bald alle Spur, da etwa der verlorene Groschen liegen könnte.
RB|2|245|4|0|Daher ist denn auch alle die sogenannte Weltweisheit eine größte Torheit vor Mir; denn was der Mensch mit dem Verstand in hundert Jahren bei aller Mühe kaum erreicht, das gibt dir die rechte Liebe in einer Sekunde. Denn die Liebe bin Ich Selbst im Menschen! Je vollkommener seine Liebe wird, desto entfalteter auch Mein Ebenbild in ihm.
RB|2|245|5|0|Der Verstand aber ist nur ein Schrank, in dem die Liebe ihre erworbenen Schätze aufbewahrt. Was kann aber die Seele in dem Schrank finden, so die Liebe zuvor nichts hineineingelegt hat? Oder was soll die Seele in dem Schrank finden, so das, was noch irgendeine vergangene oder erloschene Liebe in einer früheren und besseren Zeit hineingelegt hatte, in solch unerleuchteten Gemächern höchst zerstreut und verrostet daliegt, dass auch die mühevollste Arbeit der Seele entweder nur höchst wenig oder auch wohl gar nichts effektuieren kann? Gehe du in einen finstern Keller und suche darin einen verlorenen Groschen, und du wirst ihn nicht finden. So du aber ein gutes Licht anzündest, so wirst du den Groschen bald finden, so du recht suchst und eine rechte Geduld im Suchen hast.
RB|2|245|6|0|Also siehe nun, Mein lieber Freund! Dieser Feldwebel hatte allzeit eine rechte Liebe zu Gott dem Herrn, den er nur so kannte, wie er Ihn aus der Schrift des Vorbundes kennen lernte. Er liebte also die Gottheit, ohne Sie zu kennen, schon über die Maßen. Wie groß muss dann erst seine Liebe zur Gottheit werden, so er mit Derselben volle persönliche Bekanntschaft macht, wie es nun der Fall ist?! Und diese Liebe gibt ihm eine solche lyrische Weisheit. Willst du aber auch solch eine Weisheit, so musst du auch solch eine Liebe dir aneignen, dann wird es schon gehen. Du liebst Mich wohl sehr mächtig; aber der Feldwebel liebt Mich mehr. Wie dies aber möglich ist, das alles wird dir die nächste Folge klar darstellen.“
RB|2|245|7|0|Sagt der Offizier: „Herr! Das verstehe ich wahrlich nicht, wie das möglich sein könnte, Dich noch mehr zu lieben. Denn bei Deinem heiligsten Namen, ich liebe Dich aus allen meinen Kräften über alles! Und ich könnte mich nun rein auf den Kopf stellen, so wäre es mir allerreinst unmöglich, Dich, o Herr und Vater, noch mehr über alles zu lieben. Mir käme überhaupt eine solche Liebe so vor, als so ein Mensch eine Tausendzentnerlast mit der ihm verliehenen puren menschlichen Kraft weiterschaffen sollte. Herr, erweitere mein Herz und vermehre die Liebelebensflammen in selbem, dann werde ich auch in der Liebe zu Dir werden gleich einem Atlas, der nach der Fabel bestimmt war, den ganzen Himmel auf seinen Schultern zu tragen.“
RB|2|245|8|0|Sage Ich: „Mein lieber Freund! Das, was du von Mir willst, ist dir selbst anheimgestellt! Denn von nun an wirst du allein der Schöpfer und Umstalter deines Wesens und deiner Liebe sein. Frage aber den Feldwebel: wie? – und er wird es dir sagen.“
RB|2|246|1|1|Über die Quelle der höchsten Weisheit. Wink zur Sammlung der Gottesliebe.
RB|2|246|1|0|Der Offizier wendet sich nun an seinen ehemaligen Feldwebel und sagt zu ihm: „Höre du, mein allerschätzbarster Freund! Du warst einige Jahre direkt bei meiner Kompagnie und versahst deinen Dienst stets zu meiner vollsten Zufriedenheit. Hätte uns im Feld der Tod nicht ereilt, so wärst du zufolge meiner Verwendung ohneweiters Offizier geworden. In dieser Welt aber, in der wir alle ex propriis [auf eigene Verantwortung] dienten, war natürlich schon nach der göttlichen Ordnung, die gleich beim ersten Eintritt in diese Welt überaus fühlbar vorzuwalten beginnt, an kein Avancement [Beförderung] eher zu gedenken, als bis derjenige Herr, dem alle Welt- und Himmelsämter der ganzen Unendlichkeit untergeordnet sind, uns zu einem Avancement verhelfen werde.
RB|2|246|2|0|Wir sind nun glücklich vor das allerheiligste Angesicht des großen Alleinbeherrschers der Unendlichkeit gelangt durch Seine alleinige Güte, Gnade und Barmherzigkeit. Wir haben Ihn kennengelernt von einer Seite, von der Ihn wohl die ganze Erde im Allgemeinen wie im Besonderen kaum kennen dürfte und haben Gnade ohne die geringsten Verdienste vor Ihm gefunden.
RB|2|246|3|0|Du aber, wie es scheint, bist Ihm vor uns allen sicher am nächsten gekommen. Denn als du mit Ihm in einer noch nie dagewesenen, allererhabensten Art ehedem geredet hast, habe ich selbst Tränen im allerheiligsten Auge Gottes entdeckt und, Freund, das ist etwas, was die ganze Unendlichkeit kaum je fassen wird.
RB|2|246|4|0|Sage mir denn, wie du es denn angestellt hast, dass dir solch eine ungeheure Weisheit zuteilgeworden ist. Hast du diese etwa schon gar auf der Welt besessen und ließest davon nie etwas merken, oder ist sie dir erst nach und nach in dieser Welt zuteilgeworden durch den allmächtigen Einfluss Jesu Christi, des Herrn von Ewigkeit? Wohl weiß ich es auch aus dem allerheiligsten Mund Gottes Selbst, dass dir deine große Liebe zu Ihm zu solcher Weisheit verhalf, aber nun erst kommt die Hauptfrage:
RB|2|246|5|0|Wie bist du zu solch einer immensesten Liebe gelangt, aus der in deinem Herzen eine solche Weisheit sprüht, wie sie kaum in der Flammenbrust des feurigsten Cherubs anzutreffen sein dürfte? Der Herr Selbst hat mich in dieser Angelegenheit an dich gewiesen. Sei demnach so gut und gib mir dazu eine gehörige Anleitung! Denn ich liebe Jesus den Herrn wahrlich über alles aus allen meinen Kräften, und ich wüsste wahrlich nicht, wie ich Ihn noch mehr lieben könnte. Du aber wirst es wohl wissen, weil dir der Herr Selbst darinnen das Zeugnis gibt. Weil du es aber weißt, so sage es mir, wie das mir bisher unmöglich Scheinende am Ende doch noch möglich sein kann.“
RB|2|246|6|0|Sagt der Feldwebel: „Mein Hauptmann, mein Freund! Dein eigener Wahlspruch: ‚Bei Gott sind alle Dinge möglich‘ sollte dir ja doch am ersten zeigen, dass die Liebe zu Gott dem Herrn ebenso wenig zu begrenzen ist, als die Erkenntnisse über Gott Selbst, die auch ewig keine Grenzen haben können. Wie möglich kommst du zu solch einer Frage? Kannst du denn irgend mehr sehen, als das Licht es dir gestattet? Und kann das Licht stärker sein als das, was das Licht erzeugt? So du aber ein Material hast, zu erleuchten ein großes Gemach, dessen allein du bedarfst zu deiner Arbeit, warum zerteilst du dann das Material, zu erleuchten auch andere Gemächer, in denen du vorderhand nichts zu tun hast?
RB|2|246|7|0|Sammle das Material nur allein für die Erleuchtung bloß des einen Gemaches! Und ist das einmal so erleuchtet, dass du darinnen alles wie am hellsten Tageslicht ausnehmen kannst, dann öffne Türen und Fenster, und es wird aus dem einen Hauptgemach von selbst ein hinreichend Licht in die Nebengemächer dringen und dieselben erleuchten zur Genüge. So du nicht sammelst, da zerstreust du schon deshalb, weil du nicht sammelst. Sammle also, auf dass dir ein reicher Schatz werde. Wer nicht sammelt und spart, kommt nie zum Reichtum. Du musst also sammeln und sparen, so du zu einem großen Reichtum gelangen willst.
RB|2|246|8|0|Die Liebe ist der Himmel größter Reichtum; nach der muss man geizen. Und hat man sie, da muss man sie nicht sogleich aller Welt preisgeben. Die Nächstenliebe ist zwar gleich der Gottesliebe; aber sie muss nur wegen Gott in Werken bestehen, nie aber in der Flamme des Herzens unmittelbar an den Nächsten selbst gerichtet, sondern nie anders wie allein nur durch Gott, denn sonst schwächt das die Liebe zu Gott. Sieh an deine schönste Mathilde! Siehe, siehe, die hat (bei dir) drei Viertel von dem, was der Herr allein haben soll! Merkst du den Grund deiner Liebesschwäche?“
RB|2|247|1|1|Gottesliebe und Frauenliebe. Alle Liebe soll von der Gottesliebe ausgehen.
RB|2|247|1|0|Sagt der Offizier: „Ich danke dir, lieber Bruder, für deine gar sehr herrliche Erklärung. Nun ist es mir schon klar, wo es bei mir steckt. Ja, ja, du hast ganz vollkommen recht, die geschöpfliche Liebe ist bei mir noch bei Weitem stärker als die Liebe zu Gott dem Herrn, der doch der Urgrund aller Liebe ist. Die Weiber aber haben es auch mit der Liebe zu Gott dem Herrn viel leichter als wir rein männlichen Wesen, denn sie lieben in Gott wohl doch den endlosest vollkommenen Mann, das sich ganz mit ihrer antimännlichen Polaritätsnatur sehr wohl verträgt; aber bei uns Männern ist die Sache ein wenig anders. Wir können in ein noch so vollkommenes Mannswesen nie so ganz radikal verliebt werden wie in ein weibliches Wesen, weil das schon so in der Natur gegründet ist.
RB|2|247|2|0|Daher meine ich, obschon ich nun einsehe, wo es bei mir so ganz eigentlich steckt, dass da zwischen der Liebe zum Weib und der zu Gott ein bedeutender Unterschied sein müsse? Man wird Gott, das höchste Urwesen, denn doch ganz anders lieben müssen, als ein Weib. Und so glaube ich denn, dass eine höchst bescheidene Liebe zu einem wunderlieben Weib gar wohl neben der allmächtigsten Liebe zu Gott existieren kann. Die Liebe zu Gott muss von höchster Reinheit sein, während die Liebe zum Weib immer etwas, wie man zu sagen pflegt, mehr schmutzig sein kann. Das heißt, die Liebe zum Weib hängt größtenteils an der Form, also an etwas, was mehr den äußeren Sinnen entspricht, während die Liebe zu Gott eine rein allerinnerste Beschauung der unendlichen Vollkommenheiten der Gottheit ist, eine entzückende Bewunderung alles dessen, was die Gottheit aus Ihren Macht- und Weisheitsvollkommenheiten in das beschauliche Dasein aus Sich Selbst hervorrief, und ein erhabenstes Lob der reinsten Liebe und Güte der Gottheit. Ich meine, dass das im Grunde eine wahre Gottesbeleidigung wäre, so man Gott eben mit der Empfindung liebte, als wie man ein Weib liebt?
RB|2|247|3|0|Ich bin daher auch der Meinung, dass die nun gerettete Mathilde mir in der Liebe zum Herrn nicht den geringsten Eintrag machen kann, im Gegenteil mir nur zu noch größerer Liebe zu Ihm verhelfen kann.“
RB|2|247|4|0|Spricht der Feldwebel: „Glauben und stark meinen macht zwar auch selig; aber ich halte es mit der Seligkeit der reinen Liebe zu Gott und in Gott ganz allein. Weil der Mensch nur ein Herz und somit auch nur eine rechte Liebe haben kann, aus der hernach, so die Hauptliebe reif geworden ist, alle anderen Seitenliebearten in der reinsten göttlichen Ordnung hervorgehen können, so bin ich der maßgeblichen Meinung, man müsse zuvor in der Liebe zu Gott vollends feststehen; dann erst lässt sich alles andere in der schönsten Ordnung ergreifen. Ist man aber in der Liebe zu Gott noch schwankend und weiß man es etwa kaum erst, wie man Gott mehr soll lieben können, als ein schönst gestaltetes Weib – da, Freund, ist die rechte Weisheit des Geistes noch etwas fern und du wirst sie noch nicht so bald überkommen.
RB|2|247|5|0|Siehe, das Herz hat nur eine Kammer für die Liebe, und diese muss gleich sein wie für Gott also auch für den Nächsten; ebenso auch umgekehrt. So du recht liebst, da kannst du Gott nicht anders als wie ein Weib lieben und ein rechtes Weib nicht anders lieben als wie Gott, weil das Herz des Menschen nur einer rechten Liebe fähig ist. Was daneben ist, gehört dann schon zur Selbstliebe und taugt nicht in das Reich Gottes.
RB|2|247|6|0|Siehe hin! Wie hat denn ein Johannes, ein Jakobus, ein Petrus, wie auch ein Paulus den Herrn geliebt? Wie liebte z. B. eine Magdalena und tausend andere mehr? Siehe, diese waren in den Herrn ganz vollkommen verliebt, ungefähr noch um einige Grad stärker wie du nun in deine allerholdeste Mathilde. Und siehe, eben solch ein förmliches Verliebtsein in den Herrn hat in diesen obbenannten Wesen, und zwar deutlich, den dir gezeigten Grund gehabt, dass sie als solche rechte Liebhaber des Herrn hernach auch ehestmöglich zu Seinen intimsten Freunden und zu Meistern in der rechten Liebe und Weisheit geworden sind. Dort gleich hinter dem Herrn stehen ein Petrus, Paulus und Johannes! Gehe hin und frage sie, ob ich nur in einer Silbe unwahr geredet habe.“
RB|2|247|7|0|Sagt der Offizier: „Was sagst du? Paulus, Petrus und Johannes, der die berühmte Offenbarung geschrieben hat, wären da? Und zwar die drei ernsten Männer hinter dem Herrn?“ – Sagt der Feldwebel: „Ja, ja und noch einmal ja! Sie sind es, wie sie geleibt und gelebt haben.“ – Spricht der Offizier weiter: „No, da muss ich ihnen freilich sogleich mein Kompliment machen gehen. Ich halte zwar nichts auf die Komplimente; aber wo sie einen Grund haben, da sind sie auch ganz in der Ordnung und dürfen nicht ausbleiben. Ehre dem, dem sie gebührt!“
RB|2|247|8|0|Sagt der Feldwebel: „Freund! Hier aber, soviel es mir mein Herz sagt, gibt es nur ein Kompliment – und das besteht für alle in der reinen Liebe. Hast du aber Liebe zu Gott dem Herrn, was allein ein ewig wahrstes und bestes Kompliment ist, so fasst du in dieser Liebe auch den Petrus, Paulus und Johannes wie auch alle Himmel ein. Mit den sonstigen, irdisch gearteten Komplimenten und Aufwartungen aber ist's hier nichts. Daher meine ich, dass du allein nur dem Herrn die Aufwartung zu machen hast, alles andere macht sich dann schon wie von selbst.“
RB|2|247|9|0|Sagt der Offizier: „Ja, ja, du hast recht, du hast ganz vollkommen recht! Und du musst auch in allem recht haben, weil du in der wahren Weisheit so tief eingeweiht bist, um alles, was hier recht heißt, bis auf den innersten Grund einzusehen. Aber schaden, glaube ich, könnte es denn doch gerade nicht, so man sich mit jenen drei ersten Aposteln des Herrn in ein freundlichstes Einvernehmen setzen würde. Denn das müssen wir denn doch immer annehmen, dass diese drei nach Gott dem Herrn die ersten Geister in der ganzen Unendlichkeit sind; daher es denn meiner Meinung nach sich denn doch schickte, ihnen eine Aufwartung zu machen, d. h. sich ihnen doch wenigstens vorzustellen und sie als die ersten Freunde des Herrn freundlichst zu begrüßen!“
RB|2|247|10|0|Spricht der Feldwebel: „Tue du, was du willst! Ich habe dir nur gesagt, was hier ganz allein nottut. – Nun winkt dir aber der Herr Selbst! Gehe hin! Aus Seinem Mund allein strömt die höchste Weisheit in den klarsten, bescheidenen Bächlein. Fasse sie recht ins Herz und lebe danach!“
RB|2|248|1|1|Jesus belehrt Peter Peter über die rechte Liebe zu Gott. Gleichnis vom engen Pförtchen und der großen Bürde. Peter Peter übergibt Mathilde dem Herrn. Diese spricht ein himmlisches Vaterunser.
RB|2|248|1|0|Der Offizier begibt sich nun schnell zu Mir hin und sagt: „Heiligster, bester Vater! Du riefst mich, und ich stehe in aller Liebe zu Dir, vor Dir, und erwarte aus Deinem heiligsten Mund Deinen hochheiligsten Willen an mich zu vernehmen.“
RB|2|248|2|0|Rede Ich: „Mein lieber Peter Peter! Du musst fürs Erste nicht immer ‚heilig‘ und ‚allerheiligst‘ vor Mir im Munde führen! Und fürs Zweite musst du dir die ganz irdisch klingende Komplimentensprache vollends abgewöhnen. Denn hier, wo alle gleich sind, wo es nur einen Herrn gibt, alles andere aber vollends gleich ist, da ist jedes Kompliment eine Torheit. Der Feldwebel hat dir ganz richtig und recht die Sache und das Lebensverhältnis Meiner Himmel erörtert. Aber du hast so ganz leiseweg denn doch immer etwas dagegen einzuwenden gehabt; und siehe, das ist nicht recht. So Ich Selbst dir jemanden anempfehle, dass er dich belehre in dem, was dir noch fremd ist, so musst du ihn bloß hören und nach dem, was du gehört hast, dein Leben einrichten. Aber so du immer mit Einwendungen kommst und auch was anderes für recht und gut darstellst, was nach Meiner ewigen Ordnung dennoch nie vollends gut und recht sein kann, so wirst du mit dir selbst nie ins Klare kommen.
RB|2|248|3|0|Der Feldwebel hat dir unter anderem auch gesagt, wie die Liebe zu Mir beschaffen sein muss, so sie dir die rechten Früchte tragen soll. Aber du meintest dann wieder anders; und siehe, dennoch muss es also sein, wie es der Feldwebel dir ganz einfach erklärt hat.
RB|2|248|4|0|Siehe, die holde Mathilde liebst du nun ganz leidenschaftlich. Ich begreife das wohl, dass du dich solcher Liebe nun kaum erwehren kannst. Aber du musst vorderhand dennoch die Mathilde ganz aufgeben und musst für deinen Teil ganz Mir allein angehören, so wie die Mathilde für ihren Teil! Sonst könntest du samt der Mathilde nimmer in Mein Reich einziehen!
RB|2|248|5|0|So du die Mathilde nicht aus Meinen Händen bekommst, kann sie dir nicht zum Heil und zur Kraft aus Mir behilflich sein, wohl aber nach und nach zum Unheil und zur bedeutenden Schwäche.
RB|2|248|6|0|Daher gehe hin, führe sie zu Mir und übergib sie Mir! Dann erst wirst du frei sein zur Aufnahme einer rechten Liebe aus Mir zu Mir.“
RB|2|248|7|1|(Am 19. Sept. 1850)
RB|2|248|7|0|Spricht der Offizier: „Herr und Vater, dass ich Deinem Wort auf das Allerpünktlichste nachkommen werde, das versteht sich lange schon von selbst. Aber nur um das möchte ich Dich bitten, dass Du mir, weil Du mir nun schon die höchste Gnade, mit mir zu reden, erwiesen hast, aber auch noch nur mit wenigen Worten hinzufügen möchtest, warum, ganz aufrichtig gesprochen, ich so ganz eigentlich die Mathilde eher zu Dir führen und sie Dir ganz übergeben muss, bevor sie hernach erst durch Deine Hand vollends mein werden kann. Zum Weib kann ich sie hier im Geisterreich ja ohnehin nie nehmen, indem hier nach Deinen Worten ‚niemand freien und sich freien lassen‘ kann. Zur weiteren Fortbildung in diesem Deinem Reich, o Herr, hast Du mir sie aber ja Selbst übergeben, und ich habe sie denn auch mit tausend Freuden übernommen. Dass ich sie erstens als eine Gabe aus Deiner Hand und zweitens als ein wirklich himmlisch-allerliebstes Wesen liebe, und zwar himmelweit entfernt von jedem sinnlichen Gedanken, das finde ich doch so in der Ordnung, als nur immer etwas, das sich mit dem besten Gewissen Ordnung nennen lässt.
RB|2|248|8|0|Herr, vergib mir armen Sünder solche Fragen! Aber ich kann wahrlich nicht dafür, dass ich so denke und von allem eher den Grund sehen will, bevor ich zur Handlung schreite. Ich weiß zwar nur zu überzeugend klar, dass man Deinem Willen ganz unbedingt darum nachkommen soll, weil Du allzeit das Beste Deiner Kinder willst, und dass man nicht erst fragen soll – warum? Aber alles dessen ungeachtet finde ich in mir dennoch den Trieb, von allem, was ich tun soll, den Grund und das Ziel zu erforschen, um hernach die Handlung desto energischer beginnen zu können. Wenn es also Dein Wille wäre, mir davon etwas kundzutun, wäre es mir wohl äußerst erwünscht!“
RB|2|248|9|0|Rede Ich: „Mir aber nicht, Mein lieber Freund und Sohn! Denn so es nötig wäre, dir davon den Grund zu sagen, so hätte Ich ihn dir schon sogleich vollauf kundgetan. Denn für so weise wirst du Mich hoffentlich wohl halten, dass Ich wohl einsehen werde, was da nötig und nicht nötig ist. Ich sage dir aber den Grund davon aus dem besten Grunde nicht. Hast du etwa da auch noch irgendetwas einzuwenden?
RB|2|248|10|0|So du aber eine Bürde trägst, die einen bedeutenden Umfang hat, und kommst damit zu einer engen Pforte, durch diese Pforte aber musst du gehen, so du das Ziel des Lebens erreichen willst; nun ist aber hinter dir deine umfangreiche Bürde, die du auf deine Schultern geladen hast; sage Mir, was wirst du nun tun, um das hohe Ziel deines Lebens zu erreichen?“
RB|2|248|11|0|Der Offizier macht hier etwas große Augen und sagt nach einer Weile: „So ich die Bürde durchaus nicht durch die enge Pforte bringen kann, so werde ich auf jeden Fall die Bürde vor der Pforte niederlegen und mich ganz ohne sie durch die Pforte zu zwängen versuchen; denn das Ziel des Lebens steht höher, als jede noch so wertvoll scheinende oder auch seiende Bürde.“ – Sage Ich: „Gut, Mein Sohn! Gehe hin und tue also, so wirst du leben!“
RB|2|248|12|0|Hier begibt sich der Offizier sogleich zur Mathilde und sagt zu ihr: „Mathilde, der Herr will dich! So komme denn mit mir, auf dass ich dich in Seine heiligsten Hände übergebe.“ – Sagt die Mathilde: „Auch ich bin nur eine zwar unwürdigste Magd des Herrn; aber Sein allzeit heiligster Wille geschehe!“
RB|2|248|13|0|Mit diesen Worten führt er die Mathilde hin zu Mir und sagt: „Mein Herr, mein Gott und mein heiliger Vater! Hier ist sie, die Du verlangtest! Ich übergebe sie Dir mit großer Freude meines Herzens; denn ich weiß es, dass du mit ihr die besten Absichten hast und daher auch zu ihrem ewigen Lebensglück das Beste verfügen wirst. Dein Name werde geheiligt und Dein allein heiliger Wille geschehe!“
RB|2|248|14|0|Die Mathilde aber, voll Furcht und Liebe zu Mir, sagt: „Heiliger Vater, der Du in den Himmeln wohnst, Dein heiliger Name werde allzeit und ewig stets mehr und mehr erkannt und geheiligt! Dein Reich der Liebe, der Weisheit und des ewigen Lebens komme zu uns allen! Dein allein heiliger Wille werde von allen freien Geistern, Wesen und Menschen in den Himmeln wie auf allen Weltkörpern auf das Pünktlichste befolgt! Gib, o heiliger Vater, allen Kindern Dein Himmelsbrot alles Lebens zu essen mit reinem Mund! Vergib uns allen unsere Schwächen und Sünden, gleichwie wir all denen vergeben, die uns je beleidigt haben! Lasse auch nicht zu, dass wir – mit noch allerlei Schwächen behafteten Kinder – über unsere Kräfte irgend sollen versucht werden. So aber ein Übel Deine Kinder zu verderben droht, da wende es ab und befreie sie von allem, was ihnen Übles zufügen könnte! Denn Dein allein ist alle Macht und Kraft ewig! Dir sei aller Ruhm, aller Preis, alle Ehre und Anbetung! Dir allein alle unsere Liebe und alles Lob ewig! Amen!“
RB|2|249|1|1|Der Herr über das Vaterunser. Platzstreit an der Vaterbrust. Helena über Liebesmut, Gottes- und Nächstenliebe.
RB|2|249|1|1|(Am 20. Sept. 1850)
RB|2|249|1|0|Sage Ich zur Mathilde und auch zugleich zum Offizier: „So ist es recht, und solch ein Gebet gefällt Mir! Denn da ist alles vorgetragen, was jedem Menschen nötig ist, auch jedem Geist und jedem noch so vollkommenen Engel. Komme her, Mathilde, an Meine Brust und stärke da dein Leben! Denn siehe, aus dieser Brust ist alles, das erfüllt den unendlichen Raum, und der unendliche Raum selbst, hervorgegangen. Alles saugt an dieser Brust und sättigt sich. So komme denn auch du, Mein Töchterchen, her und sauge ein in starken Zügen das ewige Leben voll Liebe, Weisheit und Macht!“
RB|2|249|2|0|Siehst du, Mein Sohn Peter Peter, die Mathilde hat vor Mir die beste Rede gehalten und ist daher auch am weitesten gekommen. Du aber wolltest eher weise werden, bevor dein Herz noch fähig war, die rechte Weisheit zu ertragen. Daher bist du nun ziemlich weit hinter der Mathilde, obschon du ehedem vorne warst. Siehe aber, dass deine Liebe zu Mir gleich wird der mächtigen Liebe dieser Mathilde, dann wirst auch du dahin gelangen, wohin nun die Mathilde gelangt ist.
RB|2|249|3|0|Du Meine holdeste Tochter aber habe keine Furcht vor Mir darum, dass Ich das allerhöchste Gottwesen bin; denn siehe, ebendarum, da Ich das bin, bin Ich der sanfteste, demütigste, freundlichste, herablassendste, liebevollste und allerbeste Geist und Mensch zugleich. Komme nur her und fürchte dich nicht!“
RB|2|249|4|0|Die Mathilde bebt vor süßer Furcht und brennendster Liebe, kann sich aber dennoch nicht Mut genug verschaffen, um an Meine ihr zu heilig vorkommende Brust zu fallen. Ich aber berufe die Helena und sage zu ihr, dass sie dieser Mathilde zeigen soll, wie es die Auserwählten im Himmel machen.
RB|2|249|5|0|Diese fällt sogleich mit offenen Armen an Meine Brust und sagt: „O Du mein süßester Vater! Das ist mir so schon unaussprechlich stark abgegangen! O Du lieber Vater! O Du meine einzige Liebe! Du meine unaussprechliche Schönheit aller Schönheiten! Du ewiger Honigseim aller Süßigkeiten des Lebens! O wie süß ist es, an dieser Deiner Brust zu ruhen und einzusaugen des Lebens höchste Kräfte!“ – Nach solchen Worten fällt Mir die Helena an die Brust und verbeißt sich, wie man sagt, förmlich vor Liebe in dieselbe.
RB|2|249|6|0|Als die Mathilde das sieht, sagt sie: „Aber mein Gott und mein Vater! Hat aber diese doch einen Mut, der dem Erzengel Michael sicher nicht eigen ist. Mit welch einer Heftigkeit sie doch hingestürzt ist und tut nun, als ob sie schon ganz und gar in die allerheiligste Brust hineinsteigen wollte. Ah, ah, das ist denn doch ein wenig zu stark! Ich möchte das freilich auch tun, wenn ich dazu nur den erforderlichen Mut hätte. Nein, aber die treibt mir's denn doch einmal zu bunt!“
RB|2|249|7|0|Sage Ich: „Nun, Mathilde, so komme und tue wie diese!“ – Nun lässt sich die Mathilde nicht mehr zum zweiten Mal rufen und fällt ebenfalls an Meine Brust. – Da aber die Helena sich beinahe über die ganze Brust her breit macht, so findet die Mathilde etwas zu wenig Platz und sagt gar sanft zur Helena: „Aber liebe, holdeste Schwester! So lasse doch mir auch ein Plätzchen übrig! Ich bin ja auch dir gleich hierher berufen worden.“
RB|2|249|8|0|Sagt darauf die Helena: „Siehe, wer zuerst kommt, der mahlt denn auch zuerst! Wenn man zu etwas so Gutem berufen wird, o da muss man sich durch nichts abhalten lassen; und fehlt einem die Courage, so muss man sie von irgendwoher zur Leihe nehmen. Komme nur her da! Wir werden schon Platz finden! Denn schaue, an dieser Brust haben gar viele auf einmal Platz!“
RB|2|249|9|0|Sagt die Mathilde, die nun auch schon ihr Köpfchen an Meine linke Brustseite gelegt hat: „Jetzt ist es schon gut! O Gott, o Gott, welch eine süße Ruhe! Ja, ja, wer wahrhaft ruhen will, der ruhe in Gott! O Du heilige Brust! Was fühle ich nun! Ach mein Herz ist viel zu enge, um zu fassen die Fülle dieser heiligen, zu großen Empfindung! Wer könnte aber auch solcher Gnade und Liebe Tiefe je fassen und ergründen!“
RB|2|249|10|0|Sagt die Helena: „Ist auch gar nicht nötig! Denn schau, die rechte Liebe will nichts ergründen und nichts bis auf den Grund erschöpfen. Wenn wir da ergründen wollten, wie heilig und erhaben diese Brust ist, an der wir nun ruhen, da hätten wir Ewigkeiten um Ewigkeiten zu tun! Und das wäre denn doch sicher eine noch talketere [törichtere] Arbeit, als die eines hungrigen Philosophen, der das Brot zuvor in seine Atome zerlegen wollte, ehe er sich seinen Hunger damit zu stillen begann – aber dabei verhungerte. Wer da fragt, was etwa doch die Liebe sei, der liebt gewiss ganz verzweifelt wenig. Die wahre Liebe ist stumm und redet nicht viel um einen Groschen, sondern sie fasst ihren Gegenstand wie ein Polyp seine Beute und saugt so lange daran, bis sie satt geworden ist. Hernach kommt dann schon auch wieder die Philosophie. Darum musst du jetzt nicht viel reden, sondern bloß genießen, da dir die Gelegenheit geboten ist; sonst kommst du neben mir offenbar ein wenig zu kurz.“
RB|2|249|11|0|Sagt die Mathilde: „Sorge dich nicht darum, ich verstehe es schon auch, wie man lieben muss. Schaue nur, dass am Ende du nicht zu kurz kommst. Ich bin auf der Erde von der Liebe ganz kurios geplagt worden, rein und unrein – und habe nirgends eine rechte Sättigung finden können. Nun aber empfinde ich alle Sättigung in mir, und mein Herz leidet keinen Hunger mehr. Daher sorge dich nicht um mein Zukurzkommen; denn so ich an der Tafel bin, da verstehe ich schon auch zu essen, und besonders an dieser, an der zahllose Myriaden ihren belebenden Nektar saugen!“
RB|2|249|12|0|Sagt die Helena: „Nur nicht gar so poetisch, meine liebe Schwester! Denn schau, ich bin eine ganz gemeine Person von meiner irdischen Geburt her und verstehe mich nicht auf so hohe Ausdrücke. Und schau, der Herr hat das nicht einmal gar zu gern. Je einfacher, desto lieber ist es Ihm, weil in einer so hohen Sprache oft auch eine Art Eitelkeit zugrunde liegt. Daher nur so hübsch ordinär weg, meine holdeste Schwester! Das ist dem Herrn am liebsten!“
RB|2|249|13|0|Sagt die Mathilde: „Ja, ja, du hast recht, ganz recht! Aber nur ein bisschen mehr Platz lasse mir noch!“ – Sagt die Helena: „Ei, ei, liebste Schwester! Hast denn noch nicht Platz genug? Ich glaube, dass du diese ganze, heilige, süße Brust allein in den Besitz nehmen möchtest? No, dir zulieb, weil du gar lieb und herzig aussiehst, mache ich noch einen kleinen Rücker. Aber hernach musst du mich in meiner Seligkeit nicht mehr stören, liebe, holdeste Schwester!“
RB|2|249|14|0|Sagt die Mathilde: „Nein, nein, jetzt haben wir beide Platz genug. Ich bin dir sogar sehr vielen Dank schuldig, dass du mir den Mut gemacht und den Weg gezeigt hast. Ich habe von dem, wie man eigentlich würdigsterweise Gott lieben müsse, mir nie eine rechte Vorstellung machen können. Ich meinte bei mir nur zu oft und sogar hier noch, Gott müsse man bloß in einer Art allererhabenster und frömmster Schwärmerei lieben. Ich machte denn daher aber auch sonderbar große Augen, als der Herr, Gott und Vater mich vor dir berief, an Seine seligkeitsvollste, heiligste Brust zu kommen. Ich stellte mir solch eine Annäherung für ewig unmöglich vor. Aber nun sehe ich erst recht klar ein, wie bei Gott dem Herrn am Ende dennoch alle Dinge möglich sind. Ihm darum ewig alle meine Liebe!“
RB|2|249|15|0|Sagt die Helena: „Also für deinen Peter Peter nichts mehr? Wie wird denn ihm hernach die Sache schmecken? Oder sollen etwa in diesem Punkt für dich bei Gott auch alle Dinge möglich sein?“ – Sagt die Mathilde: „Aber liebe, schönste Schwester, warum musst denn du aber auch stets ein wenig sticheln auf mein Herz? Macht dir das denn irgendein Vergnügen? Ich meine, der Peter Peter wird hoffentlich wohl selbst meinem Beispiel folgen. Denn er sieht sicher besser als wir beide ein, dass man Gott den Herrn und alleinig wahren Vater mehr lieben müsse, als alle noch so vollkommenen Geschöpfe. Solange man Gott nicht hat, muss man leider die Geschöpfe wegen ihrer formellen Ähnlichkeit mit Gott lieben. Hat man aber den wahren, urewigen Grund der Liebe, ja die reinste und die wahrste Liebe Selbst gefunden, dann ist es mit der geschöpflichen Liebe für ewig gar! Verstehst du mich?“
RB|2|249|16|0|Sagt die Helena: „O ja, das verstehe ich wohl! Aber so ganz und gar aus ist es dennoch nicht; denn die Nächstenliebe, die Bruder- und Schwesterliebe hört darum nicht auf, weil eben in der Liebe zu Gott die Liebe des Nächsten eine vorzügliche Bedingung ausmacht. Denn so wenig man Gott lieben könnte, so man hasste seinen Bruder, ebenso wenig kann man den Bruder wahrhaft lieben, so man zu Gott keine oder wenigstens eine dumme Liebe hätte, wie solche bei vielen borniert zelotischen römischen Katholiken anzutreffen ist, die da besser den Namen Gotteshass als Gottesliebe verdiente. Aber diese Menschen können nicht dafür, dass sie so sehr dumm sind; denn sie werden schon von Kindheit an so erzogen.
RB|2|249|17|0|Ich war einmal selbst so dumm und glaubte eine Zeit lang, dass einem ein Pfaffe den Himmel zubringen kann. Als ich mich aber hernach nur zu bald überzeugte, welches Geistes Kinder die Pfaffen sind, da hat sich natürlich auch mein Denken in allem geändert. In dem berühmten Jahr 1848 stand ich wohlbewaffnet selbst allen Feinden der Wahrheit und der göttlichen Freiheit auf den Barrikaden gegenüber und fand da auch den Tod meines wenig werten Leibes.
RB|2|249|18|0|Also, meine liebste und lieblichste Schwester, es ist sehr recht, dass du nun Gott den Herrn, unseren allerliebsten, heiligsten Vater, also liebst, dass du darob aller geschöpflichen Liebe bar bist, aber du musst dabei denn doch noch stets so viel Besinnung behalten, dass du in solcher Liebe auch der ärmeren Brüder und Schwestern nicht vergisst, die noch lange das Glück nicht haben, also an der Quelle der Liebe höchste und belebendste Segnung und Seligkeit zu genießen. Verstehst du, meine lieblichste Schwester, das?“
RB|2|249|19|0|Sagt die Mathilde: „O und ob ich dich verstehe! Du hast schon recht und bist schon sehr weise geworden, das ich noch lange nicht bin. Aber ich hoffe, dass auch ich bald so weise werden werde. Aber jetzt ist mein Herz zu voll von Liebe zum Herrn, und die Weisheit hat daher nun gut ruhen bei mir.“
RB|2|250|1|1|Robert belehrt Peter über die rechte Liebesreifung. Gleichnisse vom Phönix und vom Weinkeltern.
RB|2|250|1|0|Der Offizier sieht dieser Szene zu und bewundert die ihm wohlbekannte Helena, dass diese eine so ganz gebildete Sprache spricht. Er wendet sich zum Robert und sagt: „Nun, du musst unterdessen deiner Helena schön zugeheizt haben, dass du ihr ihre frühere allerhässlichste Lerchenfelder Proletariatssprache ordentlich wie Wanzen aus einer alten Bettstätte hinausgebrannt hast! Denn wahrlich, sie spricht nun ein ganz gutes und schönes Deutsch.“ – Spricht Robert: „Freund, das hat sie früher auch schon gekonnt. Sie spricht aber nur dann ihren Lerchenfelder Dialekt, so es ihr darum zu tun ist, jemanden um Gottes willen so recht zu demütigen. Sie ist sonst das sanfteste, zarteste und vom Herrn Selbst best- und feinstgebildete Wesen, schön wie eine Morgenröte und herzlich und lieb wie eine Taube.“
RB|2|250|2|0|Sagt der Offizier: „Ja, ja, das sieht ihr nun wohl alles gleich. Aber lieber Freund! Nun noch eine Frage! Ich liebe Jesus so mächtig nun wegen Seiner unbegreiflichen Liebe zu uns, Seinen Geschöpfen. Diese Liebe drängt mich sehr. Was soll ich denn tun, um mein Herz zufriedenzustellen?“ – Sagt Robert: „Tue das nicht, lasse dein Herz vor Liebe zerbersten, dann wird dadurch dein Geist frei werden, der nun noch in deinem Herzen eingeengt ist. Wird aber dein Geist frei, dann wirst auch du frei in allem deinem Wesen, was dir vor allem nottut, so du dich dem Herrn vollends nähern willst.
RB|2|250|3|0|Das Herz vor der Zeit beruhigen und zufriedenstellen heißt seinen Geist wieder schlafen legen; und ein schlafender Geist hat dann wenig Hand zum Freiwerden. Man hat schon auf der Erde ähnliche Miniaturbeispiele. So jemand zum Exempel in ein liebes, gutes Mädchen so recht sterbensverliebt ist, bekommt aber keine Gelegenheit, seine Liebe auf dem gewöhnlichen Sinnlichkeitsweg zu befriedigen und ihre stark gespannten Saiten herabzustimmen, so wird dessen Liebe stets intensiver, und er wird dann alle Mittel anwenden, um sein liebes Mädchen zum Weib zu bekommen. Ist er aber früher zu einer Befriedigung gekommen, so wird dann sein matrimonielles Bestreben um sehr vieles kühler werden, wo nicht gar am Ende ganz erlöschen. Und siehe, also ist es auch hier der Fall. Man muss hier im Gnadenreich der Liebe die Liebe ganz frei walten lassen. Was da aus ihrem Walten auch immer herauskomme, kann nicht anders als nur gut sein, weil die Liebe eine heilige Kraft ist aus Gott und nur die besten Effekte des Lebens ins Werk stellen kann. Lasse dich daher nur drängen von der Liebe des Herrn! Sie wird dein ganzes Wesen ganz zurecht umgestalten. Hast du mich wohl verstanden?“
RB|2|250|4|0|Spricht der Offizier: „Freund, du hast nun freilich gut predigen und predigst auch in der größten und wahrsten Ordnung, weil du die Schule schon durchgemacht hast, aber unsereiner, der sich gerade im Glühofen der Liebe befindet, findet in einem solchen Geduldszustand ein ganz absonderlich unbehagliches Drängen und kann die Sache nicht so leicht ertragen, als ein freier Geist ihm vorpredigt. Du wirst es zwar auch so gut empfunden haben, als wie ich es nun empfinde, aber das mildert meine Sache nicht im Geringsten. Mache lieber, dass ich Jesus umarmen kann, so hast du mir mehr geholfen, als mit der schönsten Lehrpredigt. Rede die herrlichsten Worte in ein brennendes Haus und du wirst damit das Feuer nicht löschen. So du aber statt der Worte einen Wassereimer nimmst und begießt damit fleißig die Glut, so wirst du dadurch einen offenbar besseren Zweck erreichen.“
RB|2|250|5|0|Sagt Robert: „Lieber Freund! Das ist es aber eben, dass ich dein Feuer nicht löschen, sondern nur vielmehr anfachen will. Denn du musst in diesem Feuer gleich einem Phönix zuvor völlig verzehrt werden und aus der Asche deiner Demut neu erstehen, ehe du ohne Schaden an deinem Wesen dich Gott in der Fülle nähern kannst.
RB|2|250|6|0|Hast du denn auf der Erde nie dem Weinkeltern zugesehen? Sieh, die Traube kommt unter eine ganz entsetzlich schwer drückende Presse, durch die sie ganz zerquetscht wird und ihr der letzte Tropfen ihres edlen Saftes genommen wird. Dass die Traube eine Empfindung hat, daran haben wenigstens wir freistehenden Geister keinen Zweifel, indem alles, was durch einen offenbaren Lebensprozess ins Dasein gelangt und ein belebendes Prinzip in sich enthält – das, zu einem anderen Leben sich gesellend, dasselbe stärkt und erhöht – auch selbst ein Leben haben muss, das ohne eine bestimmte Empfindung kein Leben wäre und daher auch nichts beleben könnte. Mag nun unter der schweren Presse die schöne Traube einen noch so mächtigen Druck wie immer schmerzhaft empfinden, so ist dieser Druck aber dennoch für die rechte Erhaltung und Vermehrung ihres belebenden Geistes höchst nötig. Denn würde diese drückende Operation an der Traube nicht verübt, so würde ihr Geist nimmer frei und könnte nicht den ganzen Saft also durchsättigen, dass dann ein jeder, der den Saft zu sich nimmt, den belebenden Geist in selbem gar bald in seinem ganzen Wesen verspürt, und manchmal, so man zu viel des reinen Saftes zu sich nimmt, nur zu heftig.
RB|2|250|7|0|So du aber den Wein liebst, und dessen entzückend belebende Kraft, kannst du dann ein Feind des Kelterns sein? Ich sage dir, ohne Druck geht es nicht! Der belebende Saft verkümmert in der Hülse und gelangt nie zu einer selbsttätigen Kraft. Nur wenn durch den Druck auch der Geist genötigt wird, in den seelenartigen Saft überzugehen, dann wird erst die Seele selbst Leben im eigenen Besitz der Kraft und Macht. Verstehst du dies Bild?“
RB|2|250|8|0|Sagt der Offizier: „Ja, nun verstehe ich dich und werde mich auch danach benehmen. Ich danke dir, lieber Bruder, für diese wahrlich sehr weise und praktische Belehrung.“
RB|2|250|9|0|Darauf bescheide Ich die Helena und die Mathilde hin zu jenen Weibern, mit denen eher der Offizier Peter Peter seine Anstände gehabt hat und von denen eine Mir mit einem Reliquienkreuz aus Silber ein Präsent machen will. Die beiden küssen zuvor Meine Brust klein ab und begeben sich dann sogleich an das ihnen anvertraute Liebeswerk und machen auch die besten Effekte.
RB|2|251|1|1|Peters Lobpreisung des heiligen Vaters. Abschied vom erscheinlichen Wien. Wen der Herr direkt erweckt und führt.
RB|2|251|1|0|Unterdessen aber berufe Ich den Offizier zu Mir und frage ihn, sagend: „Wie ist dir nun wohl zumute?“ – Er antwortet: „Heiliger Vater! Du Urquell der reinsten und mächtigsten Liebe! Mir ist überaus himmlisch wohl zumute; aber ich kann es nun vor Liebe zu Dir nicht mehr aushalten. O lasse Dich auch von mir umarmen! Mich drängt es mächtig zu Dir hin! Ich vermag es nun nimmer, diesem Drang zu widerstehen. Tue, o Vater, mit mir denn, was Du willst, strafe mich mit der Hölle für meine Vermessenheit – aber wehre es mir nicht, Dich, Du Liebe aller Liebe, nach dem Drang meines Herzens zu umarmen!“
RB|2|251|2|0|Hier fällt der Peter Peter unaufhaltsam an Meine Brust und weint vor größter Liebe. Ich aber umarme ihn auch und sage zu ihm: „Mein Bruder! Du liebst Mich mächtig; aber Ich liebe dich noch viel mehr! Und siehe, diese Erwiderung Meiner Liebe für die deine ist Meine süße Strafe für dich! Sage Mir, bist du mit deiner Strafe zufrieden?“
RB|2|251|3|0|Sagt der Offizier: „O Herr und Vater! Also ist es, wie man es von Dir erwarten kann und muss. Du bist ja die ewige, allerreinste, von jeder Rache, von jedem Zorn, Ärger, von jeder Ungeduld und von jedem Zwang endlos weit entfernte Liebe. Wie könnte man von Dir je etwas anderes erwarten, als allein das nur, was die reinste Liebe in Dir und aus Dir heraus schafft.
RB|2|251|4|0|Du bist der alleinige Rettungsanker für alle Verirrten und für alle, die auf des Lebens sturmbewegten Wogen von einer wüsten Klippe zur andern geschleudert werden. Du lässt niemanden zugrunde gehen, und den Abtrünnigen setzt Deine ewige Liebe und Weisheit Dämme, auf dass sie nicht, gleich einem angeschwollenen Strom, die edle Saat verderben können und am Ende ihres Tobens selbst in ein Meer verlaufen müssen, wo ihrem Treiben ein Ziel gesetzt ist und sie in der Ruhe zur Einsicht gelangen, dass man gegen Deine ewige Allmacht nicht zu Felde ziehen kann. Und so ist Dein Bestreben, nach Deiner urewigsten, heiligen Ordnung, den Verderber zur rechten Erkenntnis zurückzuführen und alles zurechtzubringen, was da schon verdorben war. Kurz, mein heiligster, liebevollster Vater, Du suchst stets das verlorene Schaf und nimmst Tag für Tag eine Unzahl von verlorenen Söhnen auf und rufst ebenso tote Lazarusse aus den Gräbern zum Leben hervor.
RB|2|251|5|0|Darum aber ist es auch billig, dass Dich ein jedes Herz liebe über alles. Denn Du ganz allein bist gut und heilig, überheilig, alle anderen Wesen aber nur allein durch die Liebe zu Dir. Liebt ein Wesen aber irgendetwas anderes mehr denn Dich, heiliger Vater, so ist es schon schlecht; denn alle Liebe muss Dir zugewandt sein. Liebe ich ein Geschöpf des Geschöpfes wegen, so ist meine Liebe schon eine Sünde. Liebe ich aber ein Geschöpf allein Deinetwegen, dann ist meine Liebe eine rechte Tugend und gibt dem Herzen eine bleibende Seligkeit. Du bist allein Liebe und hast uns aus Liebe und für die Liebe geschaffen; daher gebührt Dir allein auch alle unsere Liebe. Wer Dich liebt, der betet Dich auch recht an, und eine Null ist jedes andere Gebet.
RB|2|251|6|0|Nicht umsonst sprachst Du schon durch den Mund des Propheten Jesaja: ‚Dies Volk verehrt Mich mit den Lippen, aber sein Herz ist ferne von Mir.‘ – Nicht umsonst erteiltest Du der Sünderin Magdalena große Gnaden; denn sie hatte ihr Herz Dir zugewandt. Und nicht umsonst riefst Du den Sünder Zachäus vom Maulbeerbaum; denn die Liebe zu Dir hieß ihn den Baum ersteigen. Du, o Vater, warst allzeit Liebe, und alle Sünder, die in ihrem Herzen Deinen Namen anriefen, sind nicht zuschanden geworden. Darum sei Dir allein alle meine Liebe, denn Du allein bist wert, alle Liebe zu nehmen von Menschen und Engeln. Weinen, heulen und wehklagen aber sollen alle, die ihre Herzen von Dir abgewandt haben und sie nicht wieder zu Dir wenden wollen, das sie doch leicht könnten.“
RB|2|251|7|0|Sage Ich: „Ganz gut, ganz gut, Mein lieber Bruder! Du hast den rechten Weg gefunden. Leider aber leben in dieser Stadt gar viele, denen dieser Weg fremd ist, und was aber das Traurigste ist, das ist – dass er ihnen noch lange fremd bleiben wird. Was da reif war, das habe Ich nun geerntet. Alles andere aber ist noch unreif und muss daher auch noch am Feld belassen werden.
RB|2|251|8|0|Wir werden uns daher auch nicht länger mehr an diesem Ort aufhalten, sondern sogleich nach der Beilegung unserer Geschäfte, die in etwas ganz Geringem noch bestehen, in eine andere Stadt verfügen, deren Namen Ich euch aber erst dann nennen werde, so wir uns in ihrer Nähe befinden werden.“
RB|2|251|9|0|Spricht der Offizier etwas wehmütig: „O Du heiliger, lieber Vater! Diese Stadt zählt nun mehrere Hunderttausende von Einwohnern, und unser werden hier samt und sämtlich kaum etwas über Tausend sein. Wenn ich dazu noch alle jene bedenke, deren Staub die Asche der Friedhöfe deckt, also eine Verwesung die andere; was wird mit denen allen geschehen? Es mögen darunter wohl einige sich schon lange im ewigen Lebenslicht sonnen, aber Millionen sicher nicht aus diesem Ort. Was geschieht mit diesen? Wo sind sie? Was wird aus ihnen? Werden sie je erstehen?“
RB|2|251|10|0|Sage Ich: „Sorge dich um alle diese nicht! Ich habe gar viele Diener, die diese Schafe weiden und zu führen haben. Es ist daher auch nicht an dem, dass gerade wir alle führen sollen, sondern nur jene, die bei ihren Lebzeiten auf der Erde sich hauptsächlich um Meinen Namen bekümmert haben, ob auf falschen oder rechten Wegen, das ist hier gleich. Wenn nur ein Glaube da war, so können wir diesen immer brauchen, ihn zurechtbringen und die Liebe erwecken. Aber wo gar kein Glaube vorhanden ist oder ein zu dicker Aberglaube, da können und dürfen wir zunächst nicht die Führer und sichtlichen Erwecker machen, denn dazu habe Ich Millionen von Dienern, denen solche Geschäfte in die Hände gelegt werden. Aber es ist dennoch dann ein Unterschied zwischen denen, die Ich Selbst unmittelbar erwecke und führe und zwischen jenen vielen, die von Meinen Engeln und Dienern erweckt und geführt werden. Denn da gilt das: ‚Viele sind berufen, aber nur wenige auserwählt!‘“
RB|2|252|1|1|Gleichnis vom streng-gerechten König, den die Liebe überwindet.
RB|2|252|1|1|(Am 24. Sept. 1850)
RB|2|252|1|0|Spricht der Offizier: „O Vater! Viel zu viel Gnade für uns arme Sünder! Wie aber können oder sollen wir Dir je zur Genüge danken können für solche Gnade? Was sollen wir tun? Wie sollen wir es denn anstellen, um solcher Gnade würdiger zu werden?“ – Sage Ich: „Freund und Bruder! Ein mit Liebe zu Mir erfülltes Herz ist Mir der größte und vollkommenste Dienst, den Mir zu Gefallen ein Mensch tun kann. Ich sage dir, bei Mir reduziert sich am Ende alles auf die Liebe.
RB|2|252|2|0|Es war einmal auf der Erde ein mächtiger König, in allem seinem Tun und Lassen unerbittlich streng und gerecht. Nie nahm er ein Wort, das er einmal ausgesprochen hat, zurück. Sein Volk gehorchte ihm aus Furcht, da es wohl wusste, dass bei ihm jedes Vergehen streng bestraft wird, ohne allen Unterschied des Standes; aber von einer Liebe zu solch einem allergestrengsten Herrscher war wahrlich keine Rede. Man lobte wohl seine unbestechlichste Gerechtigkeit, aber dennoch scheute sich alles vor ihm und zitterte und bebte, so er den Richterstuhl bestieg. So wie aber dieser König beschaffen war, waren es auch seine Beamten. Sie übten das strengste Recht; aber von einem Nachlass irgendeiner Strafe war da nie eine Rede.
RB|2|252|3|0|Es befand sich aber in der Stadt auch ein ganz einfacher Mensch, der sich mit allerlei nützlichen Wissenschaften abgab und hie und da auch so manches ans Tageslicht brachte, das den Menschen gar manchen Nutzen bereitete. Ein Gebot des Königs aber bestand darin, dass da ein jeder Künstler oder Gelehrte alle seine Werke eher dem König zur Prüfung unterbreiten soll, damit nicht etwa irgendetwas unters Volk käme, was bei unkundigem Gebrauch solch eines Werkes demselben einen Schaden physisch oder moralisch bringen könnte. Dieser Mensch aber wusste kaum, dass da ein solches Gesetz bestehe, und brachte daher ohne Vorwissen des Königs mehrere seiner sehr nützlichen Werke unter das Volk, das da nicht unterließ, den Künstler zu loben über alle Maßen.
RB|2|252|4|0|Es kam aber das auch dem König zu Ohren, und dieser sandte sogleich seine Diener hin und ließ gefangen nehmen den Künstler und ihn bringen vor des Königs Richterstuhl, um ihm hier das gemessene Gesetz vorzulesen und zugleich auch die auf solche wissentliche oder unwissentliche Übertretung gelegte Strafe. Nach der Diktierung der Strafe warf sich das anwesende zahlreiche Volk vor dem König nieder und bat ihn, bei diesem Mann, der so viel Gutes und Nützliches ins Leben rief, durch seine Talente und Geschicklichkeiten, Gnade für Recht ergehen zu lassen. Aber es half nichts, des Königs Wort war wie ein Fels unbeugsam.
RB|2|252|5|0|Da das Volk durch sein dringend Flehen beim König aber nichts ausrichtete, so fing es über die Härte des Königs laut zu murren an und bedrohte ihn wohl gar in großer Masse.
RB|2|252|6|0|Da stand der einfache, nun zur Strafe bestimmte Mensch auf und sprach: ‚Großer, gerechtester König! Gestatte mir nun, bevor ich in meine wohlverdiente Strafe abgeführt werde, einige Worte an dies dein aufgeregtes Volk zu richten.‘
RB|2|252|7|0|Der König gewährte dem der Strafe Verfallenen diese Bitte. Und dieser sagte zum Volk: ‚Liebe Freunde und Brüder! Murrt nicht über euren für euer Bestes über alles besorgten Vater. Meint ihr denn, dass er seinetwegen so streng und gerecht ist? O ihr irrt euch darin alle äußerst mächtig! Aus zu großer Liebe zu euch ist er in allem so streng. Ich habe euch zwar Gutes erwiesen; ihr habt es erkannt und seid mir nun dafür dankbar. Ich hätte euch aber auch Gift für Balsam verkaufen können; ihr hättet es anfangs nicht erkannt und hättet euch damit weidlichst töten können. War es bei mir auch durchaus gerade kein böser Wille, des Königs heilsames Gesetz zu übertreten, so war es dennoch eine sträfliche Fahrlässigkeit, dass ich mich nach dem heilsamen Gesetz so wenig erkundigt habe, und habe dadurch nicht geachtet des weisen und guten Vaters Liebe und Sorge fürs Wohl seiner vielen Kinder. Und so trifft mich die Strafe ganz gerecht. Lobt und liebt darum den weisesten König, als euren für euer stetes Wohl nur zu ängstlich besorgten Vater, so werdet ihr dadurch ihm den besten Tribut in euren Herzen zollen.‘
RB|2|252|8|0|(Sich zum König wendend:) ‚Dir, du guter, weiser Vater deiner Völker, aber danke ich mit dem liebeerfülltesten Herzen für diese gerechte Strafe. Mein Auge sagt es dir, dass ich dich liebe mehr denn mein Leben! Erlaube mir zuvor noch, als ich den verdienten Kerker besteige und in selbem die verdiente Zuchtrute über meinen Schultern verkoste, aus großer Liebe zu dir den Saum deines Gewandes mit meinen Lippen zu berühren und mit den Tränen meiner großen Liebe zu dir zu benetzen!‘
RB|2|252|9|0|Hier steht der König auf, öffnet seine Arme und sagt: ‚Mein Sohn! In deinem Mund bewegt sich keine Schlangenzunge, denn dein tränenfeuchtes Auge und dessen ernstsanfter Blick ist mir ein getreuster Bürge, dass du mich aus allen deinen Kräften liebst. Komme her in meine Arme! Die Liebe bedeckt die Menge der Sünden! Mein Herz ist nun auch voll Freude, aus meinen vielen Kindern einmal eines gefunden zu haben, das in mir den liebenden Vater erkannt hat. Weil du mir mit Liebe entgegenkamst, so sollst auch du bei mir Liebe gefunden haben. Anstatt dich zu strafen nun, sollst du mit königlichen Ehrenkleidern angetan werden und wandeln an meiner Seite.‘
RB|2|252|10|0|Siehe nun, du Mein lieber Bruder! Gerade also ist es auch bei Mir. Jedes Meiner Worte bleibt zwar ewig unwandelbar in dem Bereich Meiner Ordnung und Weisheit; aber wer durch die Liebe zu Mir kommt, dem wird alles nachgesehen. Denn bin Ich schon in der Weisheit ein Diamant, so bin Ich aber in der Liebe dennoch weicher wie Wachs und lasse sehr mit Mir handeln!“
RB|2|253|1|1|Peters Lobrede über die sanfte Liebe des Herrn. Reflektion über diesbezügliche Gerichte in der Bibel. Lass dich allein von der Liebe leiten! Peter erhält Mathilde zu seiner Stärkung. Gleichnis vom Magnet.
RB|2|253|1|1|(Am 25. Sept. 1850)
RB|2|253|1|0|Sagt der Offizier: „O wie herrlich und überheilig süß ist es, von einem solchen Herrn abzuhängen, der in der Weisheit über alle Wesen ewig unerreichbar obenansteht und daher auch zur Erreichung Seiner heiligen Zwecke stets die tauglichsten Mittel wählt und dabei aber doch – insoweit es die zwar freie, aber dabei dennoch weiseste und unwandelbarste Ordnung aller Dinge und Wesen gestattet –, der Liebe die höchste Freiheit einräumt und sie so stellt, dass sie gar nicht fehlen kann, so sie auch fehlen wollte. Ja, ja, das ist endlos groß, erhaben und heilig!
RB|2|253|2|0|Dass Du, o Herr und Vater, mit Dir in der Liebe und eben durch die Liebe selbst hast handeln lassen, darüber findet sich ja eine Unzahl von Beispielen in der Heiligen Schrift. Ich will jener Beispiele des Alten Bundes gar nicht gedenken, wo Du die Sarah erhört hast, dem liebenden Jakob gabst das Vorrecht der Erstgeburt, den Joseph, der Dich liebte, zum Wohltäter seiner Brüder machtest, darauf den Moses, der von jeher ein Sohn der Liebe war und durch die Liebe gerettet ward und endlich durch den Drang seines Herzens, das Elend seiner Brüder nicht mehr sehen wollend, zu Dir im brennenden Dornstrauch kam und allda erst vollends zum Werkzeug Deiner Liebe und Erbarmung ward. Ja, es gäbe im Alten Bund Tausende von Beispielen, in denen von der Milde und Weichheit Deiner Liebe gar sehr ersichtlich gehandelt wird.
RB|2|253|3|0|Aber ich gedenke hauptsächlich des Neuen Bundes, wo Du unmittelbar Selbst mit Dir hast derart handeln lassen durch die Liebe, dass sich darob oft Deine Jünger und Apostel weidlichst geärgert haben. Wie hätten sie es gerne gesehen, so Du bei so manchen ärgerlichen Gelegenheiten Feuer und Schwefel vom Himmel herab hättest regnen lassen! Aber Du verwiesest es ihnen und heiltest, wo sie erwarteten, dass Du verwunden möchtest. O Herr, eine ganze Ewigkeit ist viel zu kurz, um alle die Wundertaten Deiner Liebe aufzuzählen! Aber was kann man tun? Nichts, als Dich nur lieben und lieben, weil Du Selbst nur Liebe und wieder Liebe in allem bist!“
RB|2|253|4|0|Sage Ich: „Gut, gut, Mein Bruder, Mein Sohn! Was die Liebe tut, ist wohlgetan! Lasse dich daher stets allein nur von der Liebe leiten! Wohin immer diese dich ziehen wird, wirst du als am rechten Ort anlangend, schon auch völlig zu Hause sein. Mein Reich ist pur Liebe, und wo die Liebe waltet, da bin auch Ich zu Hause. Daher kommt aber auch niemand ohne Liebe je in Mein Reich und noch weniger unmittelbar zu Mir. Das Licht Meiner Augen durchströmt wohl die vollste Unendlichkeit, und das ist der ewig strahlende Diamant Meiner Weisheit; aber die Liebe ist nur da, wo Ich unmittelbar Selbst zu Hause bin körperlich und wohl unterscheidbar wesenhaft.
RB|2|253|5|0|Der Sonne Licht durchdringt auch einen beinahe unmessbaren Raum; aber ihre Wärme genießen nur jene Weltkörper, die sich in ihrer Nähe befinden; über ihren Planetenkreis hinaus aber dringt keine Wärme mehr. Die Körper aber, die von der Sonne wollen erwärmt werden, müssen zuvor selbst Wärme in sich haben, sonst ist's mit der Erwärmung nichts. Denn ein Eisklumpen nimmt, solange er ein Eisklumpen ist, keine Wärme an, außer er schmilzt ehedem zu Wasser, das da schon fähig ist, Wärme in sich aufzunehmen.
RB|2|253|6|0|Was also Liebe hat, das wird auch Liebe finden und aufnehmen in sich wie zum vollen Eigentum. Was aber keine Liebe hat, das kann auch keine Liebe in sich aufnehmen. Hätte ein Stein kein Feuer in sich, nimmer könnte er glühend gemacht werden, sowenig als ein Eisklumpen; da er aber Feuer in sich hat, so kann er auch glühend gemacht werden.
RB|2|253|7|0|Bleibe also in der Liebe, da du die Liebe in dir hast – und gehe nun hin und nimm die Mathilde-Eljah, damit alle deine Liebe zu Mir eine ewige Nahrung habe! Denn so der Magnet als das Symbol der Kraft der Liebe keine Nahrung hat, da wird er schwach; hängt man ihm aber eine Speise an, so wird er stärker und stärker. Also soll dir auch die Mathilde-Eljah eine stärkende Speisung sein. Es sei!“
RB|2|254|1|1|Segensbitte vor dem Speisen. Über Swedenborg. Segnung des Hauses Habsburg. Einwirkung der Geister und Engel auf die Menschen. Wesen der Dreieinigkeit. Grundgesetz der Willensfreiheit.
RB|2|254|1|1|(Am 26. Sept. 1850)
RB|2|254|1|0|Der Offizier tut nun sogleich, was Ich ihm angeraten habe, bringt aber die Mathilde-Eljah auch sogleich wieder zu Mir hin und sagt: „O Vater, hier ist sie, die Dich – wie ich – über alles liebt. Du hast sie mir zwar gegeben durch Dein heilig Wort, und ich könnte sie auch alsogleich an meine Brust ziehen; aber ich weiß doch nicht, ob es hier also in der Ordnung ist. Es kommt mir im Herzen so vor, dass ich Dich zuvor um den Segen anflehen soll und ich die Mathilde-Eljah erst dann als vollends die Meine ansehen kann, so ich sie aus Deiner Hand erhalten habe.
RB|2|254|2|0|Als eine Speise für mein Herz hast Du, o lieber Vater, sie mir beschert. So bescherst Du auch allen Menschen auf Erden Speise und Trank. Die da vor der Zusichnahme der Speise zu Dir in ihrem Herzen kommen und Dir danken und um Deinen besonderen Segen flehen, die werden von der Speise dann auch wahrhaft genährt. Die aber meinen, so was sei gar nicht mehr nötig, denn eine Speise, die einmal am Tisch sich befindet, sei ohnehin schon gesegnet und es sei eine abergläubige Dummheit, die Speise noch einmal nachgesegnet haben zu wollen – denen gereicht sie zu keinem Segen, weder leiblich noch geistig. Denn man kann Dich nie genug loben, lieben, Dir danken und Dich preisen; und die Fülle Deines Segens kann niemanden Schaden bringen. Darum segne uns nur noch einmal, o Du heiliger Vater!“
RB|2|254|3|0|Rede Ich: „Mein Sohn! Um was du gebeten, ist schon geschehen! Daher sei nun ganz beruhigt und getröstet; denn bei dir ist nun schon alles in der Ordnung. Nur etliche sind noch in unserer Gesellschaft, die zwar noch nicht ganz in der Ordnung sind, aber sie haben Liebe im Herzen, und das ist schon gut. Es wird da nicht viel mehr brauchen, dass auch sie völlig in die Ordnung kommen werden.
RB|2|254|4|0|Dir hat das Lesen der Bücher des deutschen Weisen Immanuel Swedenborg sehr genützt darum, weil du das Gelesene zugleich auch ins Werk gesetzt hast. Aber diese hier haben weder Mein Wort und noch weniger das, was Ich dem Immanuel Swedenborg über Mein Wort veroffenbart habe, gelesen und müssen daher hier wie die Ochsen am Berg stehen. Aber, wie gesagt, das macht unterdessen nichts, denn wir werden sie noch unterwegs zurechtbringen.
RB|2|254|5|0|Wir könnten zwar nun hier in dieser Stadt einige Zeit uns aufhalten, auch besuchen das regierende Haus und es segnen für alle Zeiten der Zeiten; aber es fleht uns darum niemand an, und so sei es nur gesegnet, ganz einfach, durch unsere Gegenwart in dieser Stadt, wodurch es aber dennoch besser daran ist, als alle anderen regierenden Häuser in der ganzen Welt. Es wird zwar dieses Haus noch eine Probe zu bestehen haben; aber dann soll es zum Segen von Europa erhoben werden. Wir sind also hier mit dem fertig. Daher machen wir uns nun auf die vorbestimmte Weiterreise, und zwar nach Süden hin.“
RB|2|254|6|0|Hier treten die Kaiser Joseph, Leopold und Franz zu Mir hin und bitten Mich inständigst um den besonderen Segen über das Haus Österreich und über alle Völker dieses Staates. Und Ich tue das nach der weisen Bitte dieser drei einstmaligen Regenten und sage:
RB|2|254|7|0|„Du ergrautes Haus! Bleibe! Dein Panier sei die Liebe, Sanftmut und Geduld! Werde und bleibe fest im wahren Glauben und scheue das Licht des Geistes nicht! Denn dies Licht wird dich erheben über alle Fürsten Europas! Lasse dich nimmer von Rom betören und knechten; denn dich setze und segne Ich zu einem Regenten, und über dich bin nur Ich und sonst niemand auf der Erde. Ich kenne kein gebietendes und alle Fürsten ins Schlepptau nehmen wollendes und über alles herrschsüchtiges und darum allerfinsterstes Rom. Nur ein demütiges, nicht mit drei Kronen gekröntes Rom, das da auf Mein Wort hielte, würde Ich kennen. Aber ein Rom, das die Vertilgung aller jener Brüder begehrt, die sich die Bürde von drei Kronen auf einem Haupt nimmer wollen gefallen lassen und heller denken als der Fürst der Nacht zu Rom, ist vor Mir ein Gräuel der Verwüstung an der heiligen Stätte alles Lebens aus Mir! Mein Haus! Du hast nun schon so Manches getan; tue alles, so wird deine Macht wachsen wie eine Zeder auf Libanon! Mein Segen und Meine Kraft mit dir! Es sei!“
RB|2|254|8|0|Hier fallen die drei Fürsten vor Mir nieder, sagen Amen und loben und preisen Mich aus allen ihren Kräften.
RB|2|254|9|0|Sage Ich: „Steht auf, Freunde! Ein jeder tue, was er kann. Ich weiß am besten, wie die Sachen gestanden sind und wie sie nun stehen. Aber sie werden nicht lange mehr so stehen, wie sie bisher gestanden sind. Euch dreien aber werde Ich die Macht geben, auf euer Haus in der Welt nach der freien Ordnung, nach dem freien Recht und nach der rechten Billigkeit einwirken zu können, ohne dadurch des jeweiligen herrschenden Regenten freien Willen zu beeinträchtigen.
RB|2|254|10|0|Solches geschieht aber so, dass man bei jedem Menschen nur auf sein Erkenntnisvermögen, nie aber auch nur in dem entferntesten Sinn auf den Willen entweder hemmend oder befördernd einwirkt; denn ein unterstützter Wille ist ebenso als ein gerichteter zu betrachten als wie ein gehemmter. Die Hölle ja, die packt die Menschen beim Willen und zerrt sie beim selben ins Verderben, ins Gericht und in den Tod! Aber so darf es bei uns nicht sein; denn von uns aus muss die vollste Freiheit des Willens auf das Äußerste respektiert werden. Daher müsst auch ihr dort, dahin ihr bemächtigt seid, nie auf den Willen, sondern allein nur auf das Erkennen des Menschen einwirken. Der Mensch kann sein Erkennen aber noch so hoch steigern, so wird sein Wille in sich denn doch bleiben, wie er ist und wie er war. Und so muss es sein, weil es so Meine ewige Ordnung haben will.
RB|2|254|11|0|So der Mensch aber zu einem rechten Erkennen gelangt, da wird dies Erkennen schon ohnehin den Willen, wie ein guter Reiter sein Pferd, leiten. Und der Wille wird dann schon das mehr und mehr zu wollen anfangen, was sein Erkennen als wahr, gut und somit zweckdienlich findet. Dadurch werden der Wille und das Erkennen einander stets befreundeter, bis sie endlich völlig eins werden – was denn auch schon die Vollendung des Menschen abgibt. Der Wille aber ist das Leben der Seele, und das Erkennen liegt im ewig in sich freien Geiste. Werden Geist und Seele eins, dann ist die zum ewigen Leben bedungene Freiheit durch diese geistige Wiedergeburt auch da, und der Mensch lebt da schon in Meinem Reich, das da ist die Wahrheit und das ewige Leben.
RB|2|254|12|0|Drei aber sind, die solches bezeugen: Das Wort, die Erkenntnis und der Wille. Und diese drei müssen eins werden, wie Ich Selbst eins bin als Vater, Sohn und Geist. Der Vater ist das ewige Wort wesenhaft. Der Sohn ist die Aufnahme des Wortes und dadurch die ewige Weisheit Selbst. Der Geist oder Wille oder die Kraft aber geht dann aus beiden hervor und ist auch vollkommen eins mit Vater und Sohn – und das alles in einem Wesen, das da in Mir vor euch steht und euch belehrt.
RB|2|254|13|0|Darum müsst ihr euch das recht wohl zu Gemüte nehmen und diese Meine unwandelbarste Ordnung recht fassen, sonst würdet ihr, so ihr bei einem noch auf der Welt lebenden Menschen Einfluss nähmet, bei demselben viel mehr verderben als irgend gut machen. Jeder auch nur durch eine äußere Gewalt gezähmte Wille ist kein nütze, geschweige durch eine innere. Rom hat sich wie das Heidentum allerlei Zwangsmittel bedient, um den Willen der Menschen zu bändigen. Was hat es aber damit erreicht? Die baldigste Auflösung und allseitigste tiefste Verachtung. Was es nun auch tun mag, so wird es sich doch nimmer erholen und erheben.
RB|2|254|14|0|Also muss solches ganz besonders von unserer rein geistigen, also innersten Machtsphäre auf das Genaueste beobachtet werden. Innerlich dürfen wir nie jemanden einen Zwang anlegen, wohl aber, so es sehr nötig ist, um der Hölle einen Damm zu setzen – äußerlich durch allerlei Übel fürs sinnliche Fleisch, Krieg, Hungersnot und Pestilenz, durch Misswachs bald der einen, bald einer andern Nährfrucht. Es ist zwar dies auch schon ein Gericht und seine Früchte sind nur schlecht; aber so euch nur zwischen zwei Übeln die Wahl bleibt, da wählt allemal das kleinere. Ein äußeres Gericht lässt sich wieder auf rechtem Weg gutmachen, aber ein inneres nur höchst schwer oder häufig wohl auch für die wahre Freiheit Meiner Himmel gar nicht.
RB|2|254|15|0|Darum also nehmt, wohl und allzeit beachtend diese Meine Worte, denn auch hin die Macht – zu wecken die guten Geister eures Hauses! Und benützt sie nach der euch nun gegebenen Anweisung! Es sei!“
RB|2|254|16|0|Die drei danken nun Mir wieder für die ihnen erteilte Lehre und Macht und geloben nun vor allen Anwesenden, dass sie von solcher nun ihnen zuteilgewordenen Gnade stets den möglichst weisesten Gebrauch machen werden.
RB|2|255|1|1|Winke über Form und Wesen der Liebe. Aus Liebe kommt Weisheit, aus Weisheit Liebe – die ewige Ordnung des Lebens in Gott.
RB|2|255|1|0|Es kommt aber nun wieder die Mathilde-Eljah mit ihrem Peter Peter und dankt mir noch einmal allerinbrünstigst für die Gnade, dass Ich ihr ihren einstigen irdischen Lehrer, den sie schon als Kind geliebt hatte, nun im Himmelreich zum bleibenden Führer gegeben habe.
RB|2|255|2|0|Ich aber sage: „Du bist eine gute Kost für ihn und er für dich. Aber nur lasst euch von der äußeren Form nicht mehr als von eurem Geist der Liebe leiten! Denn die Form kann auch im Himmel verändert werden, je nach dem Wachstum der Liebe oder nach dem Bedürfnis irgendeiner auszuführenden Liebetat; aber die Liebe bleibt ewig unveränderlich. Auch gewöhnt sich der äußere Sinn bald an eine noch so schöne Form, wo sie ihm dann gleichgültig wird. Die Liebe aber, da sie stets neue Weisheit und ein neues Wunder um das andere schafft, wird anziehender von Stunde zu Stunde, oder hier besser gesagt, von Weile zu Weile. Haltet euch daher stets an den inneren Geist der Liebe, der wird euch das wahre ewige Himmelsbrot sein und wird euch kräftigen und stärken stets mehr und mehr ohne Unterlass; denn solcher Geist in euren Herzen ist Mein Geist!“
RB|2|255|3|0|Die Mathilde-Eljah ist über solche Meine Belehrung im höchsten Grad ergriffen, die große Wahrheit derselben wohl einsehend. – Sie sagt darauf zum Peter Peter: „Edler Bruder! Hast du diese heilige Wahrheit auch gehört und wohl begriffen?“ – Spricht der Peter Peter: „Mathilde-Eljah! Warum fragst du darum? Fürchtest du etwa, ich möchte irgendetwas anderes, als der Herr will, oder irgendetwas wider des Herrn Willen tun wollen? O sorge dich nicht darum! Ich habe des Vaters heiligstes Wort tiefst in mein Herz eingegraben und lebe nun ganz allein aus diesem Wort in mir. Es wäre mir nun unmöglich etwas anderes zu denken oder zu wollen, als was da ganz einzig und allein nur der Herr will. Habe darum keine Sorge! Wo es mir mit der Liebe irgend noch fehlen könnte, da wirst du bei mir das Fehlende ersetzen, und sollte dir noch irgendwas abgehen mit der Weile, da werde ich dir das Gleiche tun. Sollte aber uns beiden irgendetwas abgehen, da werden wir vereint den heiligen Vater darum bitten, und Er wird uns aus Seinem ewig unversiegbaren Born alles geben, was uns nottun würde. Daher also ohne Sorge, meine liebste Mathilde! Dein Peter Peter hat alles wohl verstanden.“
RB|2|255|4|0|Spricht sie: „Ja, ja, du bist denn doch stets mein Meister in allem, wie in der Weisheit, also auch in der Liebe. Du hast zwar auf der Erde zuerst durch deine Weisheit die Liebe in mir zu dir angefacht; nun aber scheint mir, dass die große und reine Liebe in deinem Herzen in mir die Weisheit anfachen wird. Hm, was meinst denn du darüber?“
RB|2|255|5|0|Sagt Peter Peter: „Meine allerholdeste Mathilde-Eljah! Siehe, das ist ja eben jener große Kreislauf, in dem sich alle Dinge bewegen und regen: Die Liebe erzeugt die Weisheit, und die Weisheit erzeugt wieder die Liebe. Der Urgrund alles Lichtes ist natürlich die Liebe als die ewige Lebenswärme der Gottheit. Ist aber die Wärme uns gegeben, so erzeugt sie dann immer gleichfort auch Licht in dem Grad, als sich die Wärme in uns vermehrt. Die Wärme aber vermehrt sich eben durch das reicher werdende Licht; denn du weißt, dass das Licht, so es stärker und stärker wird, wieder die Wärme erzeugt. Und es geht stets das eine aus dem andern hervor, das Licht aus der Wärme und die Wärme wieder aus dem Licht.
RB|2|255|6|0|Wie aber diese beiden Urelemente alles Lebens sich gegenseitig neu erzeugen und gebären, ernähren, kräftigen und erhalten – ebenso sind denn auch wir im kleinsten Maßstab bestimmt, uns gegenseitig durch Liebe und Weisheit zu kräftigen. Das ist der Wille und die ewige Ordnung des Herrn, die vorerst Sein unerforschliches Sein und aus ihm das Sein aller Wesen bedingt, denen Sein Wort das Dasein gab. Sorge dich also um nichts, ich verstehe nun schon auch – durch die Gnade des Vaters – zu leben ein rechtes Leben in Gott.“
RB|2|255|7|0|Sage darauf Ich: „Amen! So ist es recht, das ist des Lebens rechtes Verständnis! In diesem verbleibt alle! Nun aber, Meine lieben Freunde alle, heißt es weiterziehen. Stellt euch in eine gewisse Ordnung! Robert! Das alles ist noch in deinem Haus, du bist der Hausherr – daher kommt denn nun schon wieder die Reihe an dich, die ganze, große Gesellschaft zu führen. Nimm aber diesen Freund Peter Peter mit seiner Eljah wie auch deine Helena zu dir; sie werden dir am Weg gute Dienste leisten.“
RB|2|256|1|1|Die heilige Gesellschaft verlässt Wien und zieht den Alpen zu. Am Semmering. Der Herr über Grenzsteine und über Land und Volk der Steiermark.
RB|2|256|1|0|Nach diesen Worten ordnet sich alles und der Weitermarsch beginnt sogleich, und zwar auf der Straße nach der Steiermark. In kurzer Zeit darauf kommen wir an den Fuß des sogenannten Berges Semmering, und die ganze Gesellschaft, weil sie nun in der Fähigkeit ist, die naturmäßige Erde zu sehen, macht hier einen Halt.
RB|2|256|2|0|Und es tritt der Kaiser Joseph hervor und sagt zu Mir: „Herr, diesen Berg habe ich einige Mal überfahren und habe für eine bessere Straße über ihn so manches angeordnet; denn vor mir war so manche Straße zu Wagen ohne Lebensgefahr nicht zu befahren. Damals schlugen die Leute ihre Hände über den Kopf zusammen und schrien darob sich heiser. Die weise sein Wollenden sagten: ‚Ja, ja, nur die Straßen schön eben, glatt und breit machen, damit der Teufel eine leichtere Mühe haben werde, auf solch höllischer Straße einherzufahren.‘ Man sah zu meiner Zeit eine breite Straße noch sehr stark als eine zur Hölle führende an, und ein so recht eingefleischter Erzkatholik wäre um keinen Preis auf eine breite Straße zu bringen gewesen. Ja, es gab sogar in Wien Menschen, die in einer breiten Straße keine Wohnung genommen hätten, und so sie dafür auch noch obendrauf bezahlt worden wären.
RB|2|256|3|0|Es genügt, diese Dummheit der Menschen insoweit berührt zu haben, um dadurch anzuzeigen, welche Mühe es mich gekostet hat, um die Menschheit zu geläuterteren Begriffen zu erheben. Ich will die Sache übergehen, dass sogar Priester über die Errichtung von bequemen und breiten Straßen nichts hören und wissen wollten, sondern dagegen hie und da ein wahres Zetergeschrei erhoben und mich samt den Straßen in die unterste Hölle verdammten, und jedem, der in der Beichte aussagte, dass er eine breite Straße betreten hat, ohne weiters die Absolution auf längere Zeit verweigerten und den Eintritt in die Kirche, weil sie ihn für einen Verunreinigten erklärten. Es wäre beinahe nötig gewesen, das mosaische Operat [Sühneopfer] von der rötlichen Kuh (4. Mose, Kap. 19) ins Werk zu setzen, die vor dem Lager verbrannt werden musste, und deren Asche, in ein reines Gefäß voll reinen Wassers getan, zur reinigenden Besprengung alles Unreinen diente. Nun aber, was sagen denn die Pfaffen und die Menschen jetzt zu den sogenannten Eisenbahnen und besonders zu dieser hier über den Berg Semmering? Wahrlich, Herr! So was hätte vor hundert Jahren ja doch keinem Menschen im Traum vorkommen können.“
RB|2|256|4|0|Sage Ich: „(Früher) zu deinen Zeiten waren die Menschen zwar wohl sehr dumm; aber sie waren gläubiger wie jetzt. Sie fassten zwar alles grobmateriell auf und wussten vom Geistigen sozusagen nichts. Die rötliche Kuh Aarons und Eleasars, und was mit ihr zu geschehen hatte, nahmen sie wörtlich, und es hat in den katholischen Bethäusern noch heutzutage sehr vieles mit dem jüdischen Sprengwasser gemein; nur wird keine Asche einer keuschen und unbejochten rötlichen Kuh mit Ysop hineingemengt. Aber um was nun die Menschen weiser geworden sind, um das sind sie auch ungläubiger. Mir aber ist der Glaube, und wäre er noch so blind, dennoch lieber als ein sogenannter Weltgelehrter. Denn im Glauben ist der irdische Mensch frei und hat seine Seele nicht in irgendetwas gerichtet; aber in der Wissenschaft liegt schon ein Gericht.
RB|2|256|5|0|Solange das Kind glaubt, dass zweimal fünf zehn sind, ist es frei vom Zwang; nicht so der Mathematiker, bei dem laut Beweis zweimal fünf zehn sein müssen. Also schreien die Menschen nun nicht mehr über solche Bauten, denn sie sehen deren Natur ein; aber dafür schreien sie desto mehr über die Teuerung und über die Geldnot, und der Glaube ist ganz bedeutend rar geworden. Wohl weiß die Welt nun sehr bedeutend mehr, als sie zu deiner Zeit gewusst hat, aber sie ist darum nicht besser und durchaus nicht reicher geworden, weder naturmäßig und noch viel weniger geistig. Daher lassen wir nun diese Straßen das sein, was sie sind, mehr Prunk- als Nutzwerk, besonders diese da über diesen Berg, bei der die Rechnung ohne Wirt gemacht worden ist, und begeben uns weiter.“
RB|2|256|6|1|(Am 30. Sept. 1850)
RB|2|256|6|0|Der Weg wird nun wieder weiter fortgesetzt, und in kurzer Zeit wird des Berges Höhe erreicht, allwo das bekannte Grenzmonument steht. Hier wird wieder eine kleine Siesta gemacht. Und der Kaiser Karl tritt hervor und sagt: „Herr und Vater! Siehe an dieses Zeichen! Es ist ein Werk aus meiner irdischen Zeit. Der Grund davon waren stete Grenzreibungen. Um solchen Reibungen ein Ende zu machen, habe ich an besonders streitigen Punkten Grenzsteine setzen lassen. Und hie und da hat man sie dann auch mir zu Ehren gesetzt. Sage mir armen Sünder vor Dir, ob ich da wohl recht gehandelt habe?“
RB|2|256|7|0|Sage Ich: „Mein Freund, Grenzsteine sind nichts als Aushängeschilde der Härte menschlicher Herzen. Es ist traurig genug, so ein Bruder dem andern sagen muss: ‚Bis hierher und dann nicht weiter!‘ Aber so die Menschen einmal vom bösen Geist der Selbstsucht besessen sind, da werden sanktionierte Grenzsteine eine Notwendigkeit, weil sie der unersättlichen Habgier der Menschen gewisse Schranken ziehen, über die hinaus sie ungestraft nichts mehr als ihr Eigentum ansehen dürfen. Also sind denn Marksteine zwischen Provinzen eine Notwendigkeit geworden. Was aber notwendig ist, das ist denn auch aus eben dem Gesichtspunkt der Notwendigkeit betrachtet gut, obschon an und für sich schlecht, weil der Grund, der sie notwendig macht, schlecht ist.
RB|2|256|8|0|Lebten die Menschen nach Meiner überaus leicht verständlichen Lehre, und pulsten in ihrer Brust wahre, von Meinem Geist erfüllte Bruderherzen, da wäre auf der ganzen Erde kein Grenzstein vonnöten. Denn dem, was da gut ist, darf man wohl ewig nie eine Grenze ziehen; wohl aber dem, was da schlecht ist. Die Habsucht, Herrschgier, der Geiz, der Neid und der Hochmut aber sind ganz grundböse Dinge. Daher müssen ihnen Grenzen gezogen werden, auf dass sie nicht ausarten und wie ein Krebsschaden stets weiter um sich greifen. Aus dem aber kannst du nun ganz leicht beurteilen, ob deine Grenzmarken gut oder schlecht waren. Ich sage dir, sie sind beides zugleich, so wie ein Gericht und der Grund des Gerichtes, nämlich das Gesetz. Denn gäbe es kein Gesetz, so gäbe es auch kein Gericht. Was aber das Gesetz notwendig macht, das macht auch das Gericht notwendig. Aber weder das Gesetz, noch das Gericht sind gut, weil beides eine Folge des Bösen und Schlechten des menschlichen Herzens ist.
RB|2|256|9|0|Siehe, in Meinem Reich gibt es kein Gesetz und somit auch kein Gericht mehr. Denn das Gesetz und das Gericht sind nur Wächter und halten das Falsche, Schlechte und Böse in den bestimmten Schranken. Sind aber die Wächter auch schon notwendig wegen des Bösen im Menschen, so sind sie aber darum doch nichts Gutes. Denn in den Himmeln können weder Gesetze und noch weniger irgendein Gericht Platz haben, außer das der reinen Liebe, welches Gesetz aber die höchste Freiheit selbst ist. Ich sehe daher Grenzsteine sehr ungern an, weil sie nichts als Denksteine der Härte und Lieblosigkeit des Menschenherzens sind. Nun weißt du, lieber Freund, alles und brauchst daher über solche Nichtigkeiten nicht weiter mehr nachzudenken.
RB|2|256|10|0|Seht aber dafür lieber alle hin gegen Süden das schöne Land, das da ist wie ein Kanaan. Es heißt die Steiermark. Die Bewohner dieses Landes sind zum größten Teil noch sehr dumm. Denn wo der Mensch von der Not nicht zu sehr geplagt wird, da gleicht er einem Faultier und kümmert sich weder ums Physische und noch weniger ums Geistige. Und das ist eben in diesem schönen und guten Land sehr der Fall. Es nährt seine wenigen Bewohner zu gut; daher sind sie träge und tun nur so viel, als da gerade zur Befriedigung ihrer Haut vonnöten ist. In den Städten ist hie und da wohl etwas mehr Leben anzutreffen, aber dafür auch desto mehr Bosheit und Sünde aller Art. Nur einige wenige leben in den Städten dieses Landes, derentwegen wir dies Land besuchen. Und so denn setzen wir wieder unseren Weg weiter fort!“
RB|2|257|1|1|In Spital. Gespräche über alte und neue Zeit. Das Beamtentum. Kalte Verstandesherrschaft. Die früheren freie Herbergen sind verschwunden. Die Welt war nie gut, immer nur wenige Menschen in ihr.
RB|2|257|1|1|(Am 1. Okt. 1850)
RB|2|257|1|0|Wir bewegen uns wieder weiter bergabwärts und erreichen den Ort Spital, gerade am Fuße des Semmering.
RB|2|257|2|0|Kaiser Karl tritt abermals hervor und sagt: „O Herr und Vater, der Du heilig bist, überheilig! Sieh an diesen Ort! Zu meiner Zeit war es ein Ort menschlichen Wohltuns. Dieser Ort war wirklich ein Asyl für arme Leidende. Ich selbst habe ihn öfter bei meinen Reisen nach dem Süden besucht und beschenkt. Aber mit mir hat sich denn auch bald alles verloren, was da zum Nutzen und Frommen der Menschen bestimmt war; denn der Wohltätigkeitssinn der bemittelteren Steirer hat sich nur zu schnell in einen Gewinnsinn verwandelt. Die Leute wollten reich werden und vergaßen nur zu bald, dass der Arme nichts hat und sonach auch nicht leben kann. Es hat aber das dem Land wenig Segen gebracht. Zu meiner Zeit war es eines der reichsten Länder des ganzen Reiches. Und nun wird es bald zu den ärmsten gehören. So die Schranken zwischen Ungarn und diesem Land fallen, so ist es ein Land für Bettler, und das geschieht dem Land recht; denn sein Sinn fürs Wohltun der Armen ist erloschen. Pfennigspenden gibt es noch; aber die wahren Wohltäter sind gestorben.“
RB|2|257|3|0|Sage Ich darauf: „Ja, ja, in dieser Hinsicht hast du nicht ganz unrecht. Es gibt wohl einige wenige, die noch so Erkleckliches leisten; aber im Allgemeinen wird es nicht bald in irgendeinem Land so viele Selbstsüchtler geben, als eben in diesem. Auch ist das Grenzsteinverrücken nirgends so gang und gäbe, als in diesem Land. Sein Hochlandsteil ist noch der bessere, aber das Unterland ist schlecht bestellt. Gewinnsucht, Geilsinn, Unzucht, Unglaube auf der einen, der krasseste Aberglaube auf der anderen Seite, wenig Liebe, Eigennutz, oft starre Gefühllosigkeit gegen die arme Menschheit und für alles, was den Geist mehr wecken könnte, Scheelsucht, Geiz und Neid und stete Missachtung des Nächsten sind so die Hauptgrundzüge dieses Landes. Darum aber besuchen wir dies kranke Völkchen, um es möglicherweise ein wenig gesünder zu machen. In Wien ist der Belagerungszustand noch nicht aufgehoben, und siehe, es hat uns in der Stadt doch gelitten; aber in diesem Land wird es uns in der Stadt dieses Landes nicht leiden, daher werden wir auch außerhalb herum unser Quartier suchen für die kurze Weile unseres Aufenthaltes.“
RB|2|257|4|0|Sagt Karl: „Herr! Da schlage Donner und Blitz in diese Stadt! Das müssen ja rechte Teufel von Menschen sein. Gibt es denn keine Beamten, keine Behörden, kein Militär, keine Polizei darinnen?“
RB|2|257|5|0|Sage Ich: „O genug, aber wenige Menschen darunter! Die Beamten dienen ums Geld und möchten nur zu bald schon große Herren sein, um mehr Geld zu bekommen. Daher sind ihre Herzen auch meistens aus Stein und üben häufig ihr Amt unerbittlich streng, um dadurch als tüchtige Männer von ihrem Fach angesehen zu werden, auf dass man bei einer nächsten Vorrückung ihrer gedenken möchte. Wenige nur gibt es, die mit dem zufrieden sind, was sie sind und was sie haben; das aber zählt eben nicht viel. Die meisten wollen nur steigen und steigen, und siehe, das ist ein großes Übel; da sieht ganz entsetzlich wenig Liebe und noch weniger wahre Gerechtigkeit heraus – besonders bei dieser neuen Umgestaltung der Staatsverfassung, wo der Beamte einesteils lieber fluchen als arbeiten und andernteils aber doch gern ein sehr großer Herr sein, gut leben und nicht viel tun und einen kleinen Herrscher machen möchte.
RB|2|257|6|0|Und so, Mein Freund, ist da mit dem Beamtenvolk eben nicht viel ausgerichtet. Wäre in dieser Stadt nicht so manches von militärischer Gewalt vorhanden, da ginge es dem Beamtenstand im Allgemeinen schlecht; denn er ist durchaus nicht beliebt. Denn soll der Beamte Segen streuen im Staat, so muss er viel Liebe haben! Hat er diese nicht, so sät er nur Unkraut und Disteln an, wo er wirkt. Er erzeugt Hass und Verachtung bei den Untertanen gegen ihren Fürsten und am Ende Scheelsucht und Zwietracht unter den Beamten und unter den Untertanen. Daher dann die Masse der unseligsten Prozesse, bei denen bloß die sogenannten Rechtsfreunde gewinnen und die Parteien aber verlieren.“
RB|2|257|7|0|Sagt der hervortretende Rudolf von Habsburg: „Aber Herr, da sieh an die zwei breiten Straßen! Die eine fürs gewöhnliche Fuhrwerk und die andere für die eisernen Wagen. Wie viel schönes Land nehmen sie ein, während zu meiner Zeit alle Straßen nur eng sein und über sonst zu nichts verwendbare Landesstellen gehen mussten. Ich hatte keine Staatsschulden und hatte doch auch manchen Krieg zu führen. Die aber nun auf so breiten Straßen so schnell wie der Wind einherfahren und ihre Sachen schnell weiterschaffen, sind nun aller Welt schuldig. Wahrlich, das begreife ich nicht!“
RB|2|257|8|0|Sage Ich: „Das besteht ganz einfach darin: Weil sie keine Liebe haben, so können sie auch unmöglich ein rechtes Licht haben. Wer aber kein rechtes Licht hat und baut eine Brücke über einen Strom zur Nachtzeit, der wird eines gefahrvollen Weges wandeln über den Strom. Wenn die Menschen lebten nach dem Bedürfnis, so hätten sie alle genug; weil sie aber dem Luxus leben und der Hoffart, so leiden sie Not und Elend und werden aller Welt Schuldner. Verstehst du diese ganz einfache Grundwahrheit?“
RB|2|257|9|0|Sagt Rudolf: „O Herr! Leider verstehe ich sie. Es wird wohl nun eben die Zeit auf Erden sein, von der Du vorausgesagt hast, dass in ihr die Liebe erkalten und kein Glaube bestehen wird. O aus all den Einrichtungen, die ich bis jetzt gesehen habe, geht das nur zu klar hervor! Nichts als eitle Pracht, Hoffart und Luxus über Luxus! Ein jeder will sich vor dem andern hervortun. Alles geht in feinsten Kleidern einher, sogar die Tochter eines Bettlers steht nicht selten gleich einer Hofdame geputzt da und sucht durch ihren üppigen Anzug die Sinnlichkeit der Männer und Jünglinge noch reger zu machen, als sie es ohnehin schon ist. Man sehe aber auch die Männer, Jünglinge und Knaben an; wie sehen diese aus?
RB|2|257|10|0|Wenn ich auf meine Zeit zurücksehe, so war da auch in der Tracht eine Ordnung. Ein jeder musste nach der Vorschrift seinem Stande gemäß sich kleiden. Und dadurch war dem Hochmut und der verschwenderischen Luxuspracht sehr gesteuert. Jetzt aber, wo besonders an Sonn- und Feiertagen man den Hausknecht nicht mehr von einem Prinzen unterscheiden kann, hat die gegenseitige Achtung, die Liebe, das Vertrauen, der Glaube, die Barmherzigkeit aufgehört, und der kalte, allergefühlloseste Verstand beherrscht die Herzen der Menschen nicht nur hier, sondern überall, wohin man nur immer sein Auge wenden mag.
RB|2|257|11|0|Zu meiner Zeit waren an den Straßen freie Tavernen eingeführt, in denen arme Reisende unentgeltlich verpflegt wurden. Jedermann hatte einen rechtlichen Anspruch auf die Gastfreundschaft seines Glaubensbruders. Nur Juden und Heiden mussten dem Wirt einer solchen Taverne für die Bewirtung einen kleinen Tribut entrichten. Der Tavernenwirt aber hatte das Recht, gleich wie nun noch die Barmherzigen Brüder, in die benachbarten Gemeinden Sammler auszusenden, die ihn reichlich mit allem versahen. Und das war gewiss eine gute Einrichtung. Jetzt ist von so etwas keine Spur mehr. Hat der Reisende kein Geld, so ist er dem Hungertod verfallen. O Menschheit! Wie weit von dem Weg zum Himmelreich Gottes hast du dich entfernt!
RB|2|257|12|0|O Herr! Ich glaube, mit diesen gegenwärtig die liebe, schöne Erde bewohnenden Menschen wird wenig mehr zu richten sein! Denn da trägt ja schon fast ein jeder das Gericht des Todes auf seiner Stirn wie in seinem Herzen geschrieben. Wo einmal eine solche gefühllose Härte des Herzens eingetreten ist, wo sozusagen niemand mehr die Not seines Nächsten einsieht, wo die laute Klage des Elends überhört wird vor dem lautesten Prunkgeräusch der Welt – da ist, wie man zu sagen pflegt, Grün und Gras beim Kuckuck. Daher meine ich, dass man da mit dieser geistig beinahe toten Menschheit gar keine besonderen Umstände mehr machen soll, sondern sie naturmäßig ganz aussterben lassen durch allerlei Seuchen, und nur die wenigen Guten, die hie und da zerstreut wie die Lämmer unter den Wölfen leben, erhalten, durch die dann die Erde doch wieder zu besseren Bewohnern käme.“
RB|2|257|13|0|Sage Ich: „Du, Mein lieber Freund, hast wohl ganz recht; es ist wahrlich ein Elend, wie es nun in der Welt aussieht! Ich sage dir, ärger um ein Bedeutendes als zu Noahs und zu Lots Zeiten! Aber was kann man da anderes tun, als Geduld über Geduld haben? Lasse sie heute alle sterben, so werden sie im Geisterreich um kein Haar besser sein als auf der Erde. Lässt du sie aber auf der Erde eine Zeit lang herumzappeln und sie durch ihre Torheit recht elend werden, da gehen dann doch viele wieder in sich und kriechen, wie man sagt, zum Kreuze.
RB|2|257|14|0|Hie und da gibt es dann aber schon noch recht wohltätige Menschen auch, die, wann sie gleichwohl in besseren Kleidern einhergehen, denn doch ihren armen Brüdern und Schwestern recht viel Gutes tun. Es waren zu deiner Zeit, mein lieber Rudolf, wohl manche recht gute Einrichtungen, aber dafür auch manche wieder recht schlechte. Und so ist es auch jetzt noch der Fall.
RB|2|257|15|0|Ich sage dir, die Welt war nie gut, sondern stets nur einige wenige Menschen in ihr – und so ist es auch jetzt. Was da einmal schlecht ist, das ist und bleibt schlecht. Auf Dornen und Disteln wachsen keine Trauben und Feigen, und möchtest du sie auch ins beste Erdreich versetzen. Auf Reben und Feigenbäumen aber wirst du stets edle Früchte ernten. Kümmern wir uns daher der Welt wegen auch gar nicht! Je toller und bunter sie ihre Sachen treibt, desto ärger wird sie sich am Ende selbst strafen. Wer hoch steigt und sich am Ende aus den höchsten und steilsten Felsspitzen nichts daraus macht, dem werden die Felsspitzen nur zu bald selbst zu erzählen anfangen, wie hoch und wie lebensgefährlich sie sind. Wir aber besuchen nun nur kranke Menschen. Die Welt aber kümmert uns gar nicht, denn die war, wie gesagt, noch allzeit unter aller Kritik schlecht. Gehen wir daher nur wieder weiter.“
RB|2|258|1|1|In Mürzzuschlag. Über das Zeitalter der Technik. Es fehlen Glaube und Liebe und darum der wahre Segen. Weiterreise nach Bruck und Frohnleiten. Die himmlischen Quartiermacher melden sich bei Lorber an.
RB|2|258|1|1|(Am 3. Okt. 1850)
RB|2|258|1|0|Wir kommen nun gegen den Ort Mürzzuschlag, und alles bewundert das Gebäudewerk in diesem sonst sehr eingeengten Ort, der von Bergen nach allen Seiten hin umlagert ist.
RB|2|258|2|0|Sagt der gleich hinter Mir, sozusagen in Meine Fußtritte seine Füße setzende Joseph: „Herr und Vater! Ich war doch auch gerade kein dummer Kerl und hatte große Meister in der Maschinenkunst in meinen Landen. So war z. B. ein gewisser Mälzl, der wahrlich Sachen zuwege brachte, über die jedermann über Hals und Kopf erstaunen musste. Warum aber fiel damals niemanden diese Maschinenart ein, durch die der Wasserdampf zu der so kräftigen Wirkung gelangt? In meinem Jahrhundert hat es sonst große Geister gegeben; ja man könnte sagen, dass dies Jahrhundert ein wahres goldenes Zeitalter Deutschlands war; aber die glückliche Benützung des Dampfes war dem Jahrhundert fremd geblieben. Wahrlich, wenn unter meiner Regierung auch diese Erfindung zustande gekommen wäre, so wäre es auch mit dem reinen Christentum anders gestanden. Freilich wohl hätte daneben der Aberglaube mir so manches zu schaffen gemacht, aber dessen wäre ich schon auch noch Meister geworden. Wäre der Aberglaube einmal besiegt worden, und das finstere Pfaffentum rein zu Boden gestreckt, da wäre es dann mit der rein geistigen Bildung ebenso schnell vorwärts gegangen, als wie schnell über die zwei eisernen Zeilen die ehernen Wagen dahinrollen.
RB|2|258|3|0|Es ist wirklich eine selbst für Geister nicht uninteressante Sache, zu sehen, wie ihre jüngsten Erdenbrüder Dinge erfinden, die durchaus keine Kleinigkeit sind. Dort in weiter Ferne entdecke ich nun soeben, wie ein ganzer, langer Wagenzug pfeilschnell sich bewegt. Eine volle Tagreise hätte man zu meiner Zeit gebraucht, um solch eine Strecke zu überfahren. Und nun, während ich hier rede, ist die ganze Strecke schon über die Hälfte zurückgelegt. Herr! Du musst denn doch auch irgendeine Freude daran haben, so Deine unmündigen Kindlein auf Erden aus ihrem noch höchst unreifen Verstand so respektable Dinge entdecken und zuwege bringen! Denn diese genaue Berechnung zwischen Ursache, Kraft und Wirkung ist auch etwas, das Deinem Geist im Menschen große Ehre macht. O Herr, habe ich recht oder nicht?“
RB|2|258|4|0|Sage Ich: „Mein lieber Freund! Du hast wohl recht, und Ich hätte auch eine rechte Freude daran, so die Menschen bei solchen Werken Mir die Ehre gäben und solche Werke auf den Pfeilern der Liebe erbauten; aber so denkt von allen denen, die ein solches Werk zustande bringen, kaum einer an Mich und gibt Mir die Ehre. Die ganze Fahrerei ist mit so strengen Gesetzen eingeschränkt, dass nur derjenige davon Gebrauch machen kann, der sich solchen Gesetzen auf das Genaueste unterzieht. Er muss zuerst zu der bestimmten Zeit sein Fahrgeld entrichten; eine Minute zu spät, und ein Pfennig zu wenig schließt dich schon von der Benützung dieser Schnellfahrtgelegenheit aus. Gratis wird kein Mensch auch nur um eine Elle weiterbefördert.
RB|2|258|5|0|Was wäre es denn, so bei jedem Wagenzug ein Gratiswagen angekoppelt würde für ganz arme Menschen, denen es eine große Wohltat wäre, so schnell als möglich in ihre Heimat zu gelangen, wo ihrer Not, die sie in der Fremde erduldeten, schnell ein Ende gesetzt würde. Aber so was lässt sich diese Anstalt nicht träumen, geschweige ins Werk setzen. Siehe, so ein Gratiswaggon wäre ein Segen für die Unternehmer, und ihre Aktien, die stets sehr schlecht stehen, würden gar bald zu den besten und wertvollsten zu rechnen sein. Aber Ich sage: Solange Arme nicht unentgeltlich Teil daran nehmen dürfen, wird diese Anstalt nie die langerwünschten und stark benötigten Prozente abwerfen. Merke dir diesen Satz: Wo keine Liebe ist, da ist auch kein Gewinn! Denn die Liebe allein nur verschafft den rechten, ausgiebigen und bleibenden Gewinn. Ich sage dir, diese Anstalt, so sie noch lange also bleibt, wie sie nun ist, wird das ganze Land in ein großes Elend versetzen.
RB|2|258|6|0|Ich habe zwar einem irdischen Knecht Meiner Lehre und Offenbarung an die Menschen der Zeit eine neue Art gezeigt. Diese ist gut und vollkommen brauchbar. Aber solange Arme nicht unentgeltlich befördert werden, soll diese Straße von Mir keinen Segen haben, außer den alle Welt im Allgemeinen hat.
RB|2|258|7|0|Da aber kommt mit diesem Zug ein guter Freund von Mir aus Graz, (Covacz aus der Gegend bei Cilli) auch noch einer und noch einer (zwei, die Wilhelm heißen); diese drei müssen wir segnen. Sie werden uns natürlich nicht sehen, aber in ihrem Herzen sollen sie eine bedeutende Regung verspüren. Es sind aber auch noch drei andere darinnen, die sind auch nicht schlecht, aber doch nicht recht, weder im Glauben noch in der Liebe. Aber dessen ungeachtet soll ihnen unser Segen nicht vorenthalten sein. Auch ein Weib sitzt darinnen, die das Vermögen hat, Geister zu sehen, und es würde uns auch zu sehen bekommen, so dessen Auge auf diese Seite gerichtet wäre. Es versteht sich von selbst, dass hier nur von den Augen des Gemütes die Rede ist. Auch ihr soll unser Segen zukommen!
RB|2|258|8|0|Und nun, Meine Freunde, ziehen wir wieder weiter! Der für diese schon ziemlich späte Jahreszeit warme Wind aus Osten, auf dessen Flügeln sich Milliarden Geister wiegen in Gestalt der Wolken, aus denen, das nächste Jahr segnend, ein reicher Regen zur Erde fällt, soll unseren wenigen Freunden in Graz anzeigen, dass wir uns diesem Ort nahen. Zuerst werden wir nordwärts von diesem Ort auf einem Hügel unser Lager machen. In der Vollnähe soll dieser Hügel näher bezeichnet werden.
RB|2|258|9|0|Wir kommen nun nach Bruck, einer kleinen Stadt, die aber sehr großtut. Da werden wir gar keine Siesta machen, sondern gleich fortziehen.“
RB|2|258|10|1|(Am 4. Okt. 1850)
RB|2|258|10|0|Wir kommen nun gegen Frohnleiten, einem zwar gläubigen, aber durch die Liguorianer äußerst verfinsterten Flecken, während der Robert und der Offizier Peter Peter mit ihren beiden Weibern sich vorauszubegeben hatten, um gewisserart in der Nähe des Ortes Graz für Mich und die ganze Gesellschaft Quartier zu machen.
RB|2|258|11|0|Heute Morgen um sechs Uhr sind diese vier Personen in der Nähe von Graz angekommen. Die drei starken Schläge an die Türe bei dir, Meinem Knecht, waren das Signal der Ankunft dieser vier Gäste. Sie machten gewissermaßen einen Abstecher in der Vorstadt und da sogar in das von dir bewohnte Haus und weckten dich durch drei starke Schläge an die Türe, um dir anzuzeigen, dass sie angekommen sind. Von da zogen sie sogleich an den Ort ihrer Bestimmung, der aber erst bei Meiner Ankunft näher bezeichnet wird.
RB|2|259|1|1|In Frohnleiten. Kirchlich vernagelte Geister. Petrus war nie in Rom und hat die Päpste auch nicht als seine Nachfolger ermächtigt.
RB|2|259|1|0|Wir aber befinden uns nun im Flecken Frohnleiten, allwo uns eine Menge Geister aus der dasigen [dortigen] Pfarrkirche zulaufen und uns sorgfältig ausforschen, woher wir kämen, wohin wir gingen und wer wir wären.
RB|2|259|2|0|Tritt Petrus vor und sagt: „Wir kommen von oben her und ziehen auf eine kurze Frist nach unten, um die verlorenen Schafe und Lämmer zu suchen, die Böcke zu züchtigen und die Wölfe zu verderben.“ – Sagen die Geister: „Aha, aha, ihr seid also sicher wirkliche Missionäre aus Rom, also vom Papst selbst für dies hochwichtigste Amt geweiht?!“
RB|2|259|3|0|Sagt Petrus: „O meine Lieben! Wir sind wohl Missionäre, aber nicht von eurem blinden Papst dazu verordnet und geweiht, sondern von Gott, dem Herrn Jesu Christus, unmittelbar Selbst. Wer von euch uns folgen will, der wird von uns sogleich aufgenommen für das wahre Reich Gottes; der uns aber nicht folgen will, aus was immer für einem Grund, der wird auf der wüsten Erde belassen werden. Frage uns aber ja keiner mehr, wer wir seien oder wie wir heißen! Denn wer hier nicht unbedingt dem folgt, das wir verlangen, der wird nicht angenommen werden.“
RB|2|259|4|0|Sagen die Geister: „O so ihr nicht vom heiligen Papst aus geweiht und gesandt seid, da können wir euch unmöglich folgen, denn Gott der Herr hat ja alles ihm in die Hände gelegt. Was er bindet auf Erden, das ist auch gebunden im Himmel, und was er löst auf Erden, das ist auch gelöst im Himmel. Wenn ihr also nicht vom Papst aus hierher gesandt seid, so könnt ihr umso weniger von Gott gesandt sein, sondern von der Hölle, von der alle Ketzer und Protestanten ausgehen und auch frevelhaftigst sagen, sie gehen von Gott aus und Er sei ihr Vater – während doch nur der Gott-steh-uns-bei ihr Vater ist. Zieht nur wieder weiter! Denn in diesem Ort wächst für euch ebenso wenig ein Geschäftchen, als für die Rongeaner.“
RB|2|259|5|0|Sagt Petrus: „Woher wisst ihr denn, dass der Papst von Gott dem Herrn eine so ungeheure Macht überkommen hat?“ – Sagt ein Weib mit einem zweipfündigen Gebetbuch in der Hand: „Nun, das weiß doch die ganze Welt! Gott hat dem Petrus alle Gewalt gegeben und Petrus hernach einem Papst um den andern. Und darum ist ein jeder Papst gleich so viel wie der heilige Petrus selbst. Hat der Herr das verstanden?“
RB|2|259|6|0|Sagt Petrus: „Das klingt sehr spaßhaft, und das namentlich vor meinen Ohren, indem ich doch selbst ebenderselbe Petrus bin, in dessen Hände Gott der Herr die geistigen Schlüssel zum Himmelreich gelegt hat. Ich weiß nichts von solch einer Übergabe der mir von Gott erteilten Macht an den römischen Papst, wie ich auch nie in Rom war. Paulus, als ein Apostel der Heiden, hat wohl längere Zeit sich in Rom, und zwar unter der tyrannischen Regierung des Kaisers Nero aufgehalten; aber ich, als der wahre und wirkliche Petrus, nie. Wie sollte ich dann einen Papst zu meinem Nachfolger ernannt und ihm alle mir von Gott Selbst eingeräumte Macht übergeben haben?“
RB|2|259|7|0|Schreit das Weib: „Hinweg Satan! Da schaut's einmal den Kerl an! Jetzt will der sogar der heilige Petrus selber sein! Na, so was ist in der Welt doch noch nie erhört worden. Nicht genug, dass sie die Lehre Christi, die der Papst allein hat, als grausliche, höllische Ketzer verachten; sie wollen am Ende noch der liebe Herrgott selber sein! Jetzt aber schaut's nur, dass ihr weiterkommt, sonst werdet ihr mit Gewalt hinausgestäubt!“
RB|2|259|8|0|Sage Ich: „Bruder Simon! Da ist vorderhand jede Mühe vergeblich; die brauchen noch zweihundert Jahre, bis sie etwas heller werden. Diese sind von den Liguorianern gehörig vernagelt worden. Begeben wir uns daher nur wieder weiter! Nur werde Ich dich eher auf ein paar Augenblicke himmlisch erglänzen lassen und zulassen, dass diese Vernagelten dich erkennen. Dann aber werden wir vor ihren Augen plötzlich verschwinden. Dies Gesicht soll ihnen ein Leitstern sein, bei dessen Schimmer sie nach und nach den wahren Weg des Lebens finden sollen.“
RB|2|259|9|0|In diesem Augenblick erglänzt Petrus gleich der Sonne am reinsten Mittag. Alle die Geister fahren vor Schreck auf und zusammen. Wir aber verschwinden. Als diese Geister wieder aufwachen und vor uns niederfallen wollen, sehen sie niemanden mehr. Da fangen sie alsbald zu weinen und zu heulen an und verwünschen ihre Blindheit.
RB|2|259|10|0|Aber ein ganzes Gremium von den Liguorianern begibt sich, der Kirche enteilend, zu diesen Weinenden, Heulenden und Klagenden und belehrt sie auf streng päpstliche Weise und erklärt ihre ausgesagte Erscheinung für ein Spukwerk der Hölle. Die Geister aber vergreifen sich an den Mönchen und wollen sie massakrieren. Die Mönche aber nehmen ganz lustig Reißaus und fliehen gleich den Orang-Utans in ihr Kloster. Die Geister lachen sie aus und entfernen sich dann von diesem Ort und begeben sich auf die Berge.
RB|2|259|11|0|So endet die Szene in Frohnleiten. Wir aber ziehen nun weiter und werden abends um sechs Uhr in die Nähe von Graz kommen und zwar Platz nehmen am sogenannten Reinerkogel, allwo die vier Vorangegangenen schon Quartier gemacht haben.
RB|2|260|1|1|Geisterszene mit ehemaligen Aufsehern. Der Herr mit den Seinen am Reinerkogel. Heilsuchende Geister aus den Bergeshöhen.
RB|2|260|1|1|(Am 5. Okt. 1850)
RB|2|260|1|0|Unterwegs von dem Ort Frohnleiten bis in die Nähe von Graz machten wir noch eine kleine Ruhe, allwo uns eine bedeutende Menge von allerlei bunt durcheinandergemengten Geistern unterkommt, meistens aufseherischer Art, d. h. es sind Seelen verstorbener Aufseher, Grenzwächter, Bahnwächter, auch Polizeiknechte und Gerichtsdiener. Diese stellen sich auf und wollen von uns die Pässe und Passierscheine, ansonst sie uns ergreifen möchten; denn man sei jetzt der Fremden wegen äußerst streng. Sie könnten zwar nichts dafür; aber weil ihr Gesetz also lautet, so könnten sie bei Verlust ihres Amtes, das ihnen Brot verschafft, unmöglich anders, als das Gesetz allerstrengst handhaben.
RB|2|260|2|0|Hier treten vom Rudolf von Habsburg angefangen alle Kaiser ganz als Kaiser orniert vor und sagen zur Wachmannschaft: „Reisen bei euch auch Kaiser mit Pässen und Passierscheinen?“ – Hier prallt die Wache zurück vor Schreck und Entsetzen; nur einer fragt ganz schüchtern: „Ja, aber wie viele Kaiser regieren denn jetzt auf einmal? Um Gottes willen! Da gibt es ja schon beinahe mehr Kaiser als Untertanen, die ihnen gehorchen sollen. Ja, da ist freilich nichts mit dem Passabverlangen! Es könnte ja gar leicht der Kaiser von Russland dabei sein, und da kämen wir in eine schöne Wäsche.“
RB|2|260|3|0|Sagt ein anderer, der sich so ein bisschen von seinem Schrecken erholt hat: „Aber das kommt mir doch ein bisschen verdächtig vor, dass diese großen Herren zu Fuß daherkommen.“ – Sagt der erstere: „Dummer Kerl! Sie werden die Bahnstrecke besehen wollen und gehen deshalb zu Fuß.“ – Sagt ein anderer: „Ja, ja, so wird es sein! Aber wer etwa die anderen sind? Es müssen ihrer gut bei Dreitausend sein.“
RB|2|260|4|0|Sagt der erste: „Nur keine dumme Frage mehr! Es wird halt wo ein großer Kongress sein wegen der Rebellen in Deutschland und wegen der Franzosen und Engländer; und darum kommen jetzt alle Potentaten zusammen und werden sich darüber beraten. Seid nur sogleich alle schön mäuserlstille und rührt euch nicht, sonst können wir morgen alle miteinander zwei Schuh hoch von der Erde ohne Atem in freier Luft schweben. Ich allein werde hingehen und sagen, dass die Majestäten allergnädigst alsogleich allerungehindertst weiter Ihre hohe Reise fortzusetzen geruhen wollen.“ Die anderen ziehen sich nun sogleich zurück; nur der erste geht hin in der gebeugtesten Stellung und macht stotternd seine obige Anrede.
RB|2|260|5|0|Kaiser Joseph aber sagt zu ihm: „Also du bist bloß darum so amtsstreng, weil dir dein Amt ein Brot verschafft? Am Gesetz selbst würde dir sicher wenig gelegen sein. Ich sage dir: Du bist ein schlechter Diener deines Herrn. Wer das Gute nicht des Guten wegen tut, der ist nie eines Lohnes wert! Merke dir das! In der Zukunft beobachte du das Gesetz des Gesetzes wegen und nie deines Amtsbrotes wegen, so wirst du ein rechter Diener Dessen sein, der das Recht hat, Gesetze zu geben. Und nun Gott befohlen! Sehe Er, dass Er weiterkommt!“
RB|2|260|6|0|Der Amtsdiener entfernt sich nun und holt bald seine Gehilfen ein und erzählt ihnen, was zu ihm ein sehr strenger Kaiser gesagt hat. Die anderen aber sagen: „Seien wir froh, dass wir da so gut davongekommen sind! Sie ziehen nun gottlob weiter.“ – Von diesen Geistern war auch noch keiner reif; aber durch diesen Zusammenstoß haben sie wenigstens einen geheimen Wink erhalten, der sie nachgiebiger macht, und sie ziehen sich nun auch mehr auf die Berge, wo sie zu der Einsicht gelangen werden, dass sie sich nunmehr in der Geisterwelt befinden.
RB|2|260|7|0|Nach dieser Begebenheit ziehen wir denn ganz gemach unter mannigfachen Besprechungen weiter und gelangen genau um sechs Uhr abends, den 4. Oktober 1850, zu dem vorbestimmten Platz – um welche Zeit ihr, Meine Freunde, euch am Schloßberg befandet und durch allerlei vorübergehende Zeichen in der Form, dann durch ein in euch gewecktes Gefühl, das euch stärkte, durch die Ruhe der Natur, durch die ehrfurchtsvolle Stellung der Wolken, wie auch durch die freundliche Beleuchtung und Reinigung des Hügels Meine Ankunft überaus gut und wohl verspürbar habt merken können.
RB|2|260|8|0|Gleich bei Meiner Ankunft fingen Massen von Geistern aller Art an, sich an den Hügel zu drängen. Viele darunter ganz böser Art – diese wurden jedoch schnell gegen Abend hin gedrängt. Die Verdunklung des Plabutschberges durch schwarze Dünste benachrichtigte eure Sinne sogar davon. Ja sogar Satana war unter diesem Auswurf. Mehr um den Fuß des Hügels lagerten sich bessere Wesen und baten um eine Verbesserung ihres Loses, die ihnen auch gewährt ward. Nach der Gewährung zogen sie dankbar ab.
RB|2|260|9|0|Darauf kam vom Schöckelberg her eine ganze Legion Geister, noch sehr dem Naturreich angehörend. Ihre Ankunft mochtet ihr durch eine Feuerröte an der rechten Seite gegen dreiviertel auf sieben Uhr recht deutlich ausnehmen. Diese verlangten ganz ungestüm die volle Erlösung vom beschwerlichen Bergdienst. Sie wurde ihnen zum Teil gewährt. Und sie gaben sich zufrieden, was ihr durch das Verschwinden dieser Helle habt abnehmen können.
RB|2|260|10|0|Darauf kam eine Menge Geister von allen Gegenden der Umgebung dieses Ortes und sie baten um die Segnung dieser ganzen Gegend. Sie wurde ihnen auch noch vor der siebenten Stunde gewährt. Ihr habt diese Segnung mitempfangen und habt sie durch einen regenbogenfarbenen Lichtausguss übers flache Land sehr wohl merken können.
RB|2|260|11|0|Der Freund And. H. W. hat auch in Gestalt von Sternchen die Anwesenheit der vielen Monarchen gesehen, die sich gegen Süden hin am Berg gelagert haben. Du, Mein Knecht, aber hast gegen Osten hin ganz auf der Höhe einen weißen Lichtschimmer gesehen. Das war Ich zwischen den vier Quartiermachern und den drei Aposteln.
RB|2|260|12|0|Durch die Nacht hin ist noch eine Menge unzufriedener Geister beruhigt und abgefertigt worden und sie haben sich mehr zur Ruhe begeben, was auch bald die für euch sichtbar heitere Nacht zur Folge gehabt hat, wie auch den heutigen reinen Morgen und darauf folgenden Tag. Es werden sich zwar immer Wolken zeigen; das sind Geister, die noch immer etwas mehr wollen, als sie schon empfangen haben. Aber ihre Liebe ist noch schwach, daher auch ihr Gewinn nicht stärker.
RB|2|260|13|0|Und heute, den 5. Oktober, um halb 10 Uhr, kam eine Schar starker Geister durch die Luft, gab Mir Ehre, Lob und Preis und errichtete Mir schnell ein erhabenes Wohnhaus. „Denn“, sagte ihr Anführer, „es ist nicht fein, den Herrn der Herrlichkeit am schmutzigen Erdgrunde weilen zu lassen.“
RB|2|260|14|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Lasst ab von eurem Eifer! Ich weiß, warum Ich so handle und warum Ich nun die Erde berühre mit Meinen Füßen. Zieht ein dies Gezelt! Wollte Ich eine Wohnung, so stünde sie sogleich Meiner würdig da. Erbaut aber dafür lieber in eurem Herzen Mir ein rechtes Haus, das werde Ich dann schon zur Wohnung nehmen; aber dieses luftige Taubenhaus ist Mir durchaus nicht anständig; daher reißt es nur sogleich wieder ab, wie ihr es errichtet habt!“
RB|2|260|15|0|Diese Geister taten, wie Ich es ihnen geboten habe, und fuhren dann wieder etwas unvergnügt ab. Du, Mein Knecht, hast es auch gesehen und schlechtweg schnell aufgezeichnet. Die violett-farbigen Wölklein zu beiden Seiten dieses Taubenhauses waren eben die besprochenen Geister, die darauf bald verschwanden oder, besser gesagt, sich zurückzogen.
RB|2|260|16|0|Robert macht soeben die Bemerkung, dass es ihn hier sehr befremde, dass sich hier solche Massen von allerlei Geistern fortwährend an den Hügel hindrängen, während man in Wien sie eigens habe aufsuchen müssen, um mit ihnen irgendeine Verhandlung vornehmen zu können. Woher denn das komme; warum also hier, und warum in Wien nicht?
RB|2|260|17|0|Ich aber sage zu ihm: „Siehe, das ist ein Gebirgsland. Geister, die auf den Höhen der Berge sich lagern, haben schon eine hellere Sehe und wissen woran sie sind und kommen daher scharenweise zu vielen Tausenden und bitten um eine baldige Verbesserung ihres Bestandes. Aber es ist noch in manchen eine tüchtige Portion Selbstsucht; daher darf man ihnen auch nur so viel tun, als es gerade zu ihrem Heil unumgänglich nötig ist. Würde man ihnen zu viel tun, so würden sie darauf übermütig und fingen allerlei Spektakel an. So aber, so sie mehr in der Dürftigkeit gehalten werden, bleiben sie nüchtern und reifen der Vollendung schneller entgegen. Da wirst du noch so manches in aller Kürze erfahren, was dir bisher noch ganz fremd war. Nun nur wieder ruhig! Es kommen schon wieder neue Scharen an!“
RB|2|261|1|1|Über das Wesen der Geister der Bergbewohner. Über Gnadenspenden in Wallfahrtsorten. Jakob Lorber, dem der Herr durch einen Engel diktiert, mit Freunden im Gesichtskreis der heiligen Gesellschaft. Vorhersage der Veröffentlichung dieses Buches und dessen Segen.
RB|2|261|1|1|(Am 6. Okt. 1850)
RB|2|261|1|0|Fragt Robert: „Woher sind denn diese, und was wollen sie? O Herr und Vater aller Engel und Menschen! Vergib mir, dass ich Dir fast beständig mit allerlei Fragen in den Ohren liege! Aber ich kann wahrlich nicht umhin; denn was ich da schon für allerlei Wesen gesehen habe, das geht schon sogar für uns vollendetere Geister ins beinahe Unglaubliche über. Wahrlich, hier zeigt sich Deine Macht, Würde und Herrlichkeit auf eine vor meinen Augen noch nicht dagewesene Weise! Denn fast überall hast Du Dich wenigstens vor meinen Augen so passiv als möglich verhalten. Alles mussten wir anderen, freilich nur nach Deinem Wort, vollziehen. Hier aber gleichen wir alle nun dem schaulustigen Volk in irgendeiner Komödie, das den Künstler anstaunt und wohl mit dessen Gefühl mitgeht, aber ihn in seiner Kunst sonst nirgendwo unterstützen und ihm behilflich sein kann. O Herr, sage mir doch, wie denn das nun so kommt in diesem Gebirgsland.“
RB|2|261|2|0|Sage Ich: „Mein lieber Bruder! Das rührt daher, weil Geister aus Gebirgsländern mit geringer Ausnahme stets mit einer helleren Sehe begabt sind, als die mehr abgestumpften der Flachländer. Diese uns nun zu vielen Hunderttausenden umschwärmenden Geister wissen genau, dass sie sich in der Geisterwelt befinden und machen sich diesen ihnen wohl bewussten Zustand, so gut es nur immer gehen kann und mag, zu Nutzen. Sie sind freilich wohl noch von vielen abergläubischen Dingen umgarnt und sehen nicht selten den Floh für einen Elefanten an. Aber das macht eben nicht viel; denn andererseits sind sie dann aber darum auch fassungskräftiger und begreifen eher einen Wink, als ein Flachländer eine ganz große mit allen Argumenten bestbestellte Unterrichtsrede über den alleinigen Umstand, dass sie gestorben sind.
RB|2|261|3|0|Wo demnach so derbmaterielle Menschengeister vorkommen, dort müsst ihr wohl eher Mir den Weg bahnen, weil das Allergeistigste sich mit dem Materiellen nie sogleich unmittelbar in die Berührung setzen kann und darf, Meiner Ordnung zufolge; und siehe, da eben seid ihr dann als eine Mittelstufe vonnöten. Aber hier, wo die Geister gar wohl wissen, was sie sind, da kann dann schon, ohne ihnen zu schaden, sogleich Ich Selbst mit ihnen zweckdienlich verkehren. Wie aber die Bewohner der Berge schon auf der Erde im Grunde bei Weitem genügsamer sind und leben, als die nimmer satt werden wollenden Bewohner der Flachländer, ebenso sind auch die Geister der Bergbewohner. Sie sind leicht zufriedengestellt. So sie bitten, muss man ihnen allzeit etwas tun, und sie sind dann sogleich zufrieden. Gäbe man ihnen aber nichts, so wäre es gefehlt. Denn das würde sie zu sehr traurig und am Ende dennoch wieder sehr ungestüm machen und ihnen alles Vertrauen nehmen.
RB|2|261|4|0|Aus dem Grund geschieht es ja auch dann und wann, dass solchen Menschen auf der Erde in den sogenannten Wallfahrtsorten irgendeine erbetene Gnade zuteilwird. Es ist zwar eine solche Zulassung durchaus nicht gutzuheißen, weil sie die Flehenden nur in ihrem Aberglauben bestärkt. Aber lasse Ich so was gar nicht zu, so verlieren sie am Ende alles, was nur immer irgend mit dem Namen Glauben belegt werden kann und mag. Und siehe, das wäre dann noch schlimmer. Wenn man nur bloß zwischen einem großen und zwischen einem kleinen Übel zu wählen hat, so ist es doch sicherlich besser, das kleine denn das große zu wählen. Meinst du nicht auch so, Mein Bruder Robert?“
RB|2|261|5|0|Sagt Robert: „O Du mein liebevollster Vater! Das versteht sich ja allzeit von selbst; das kann ja auch gar nicht anders sein. Aber was wollten denn gestern Abend nach dem irdischen Kalender die zwölf, die so gegen halb sechs Uhr von der Stadt zu uns heraufkamen? Einen kenne ich wohl schon. Das ist der, der da in Deinem Namen Brot und Wein mit sich brachte. Das ist so ein schwaches irdisches Knechtlein von Dir und schreibt, was Du ihm durch irgendeinen Engel in Deinem Namen in die Feder diktierst. Aber die anderen waren mir ganz fremd.“
RB|2|261|6|0|Sage Ich: „Das waren eben diejenigen wenigen Freunde in dieser Stadt, derentwegen wir hauptsächlich von Wien aus diesen Abstecher gemacht haben. (Namen der zwölf: Jakob Lorber, Andreas Hüttenbrenner, Anselm Hüttenbrenner und dessen sechs Kinder: Wilhelmine, Julie, Alexandrine, Angelika, Peter und Felix; dann Cölestin Hüttenbrenner und die zwei Frauen: Mathilde Esswein und Eleonore Irschinger) Siehe, diese lieben Mich und haben einen guten Glauben, obschon sie Mich nicht sehen. Hätte Ich Mich ihnen gezeigt, so hätten sie aus Liebe zu Mir sogleich das Leben ihres Leibes am Berg gelassen. Aber das darf nicht sein in dieser Zeit, sie haben auf der Welt noch manche Arbeit in Meinem Namen zu verrichten. Und Ich habe sie lieb und lasse ihnen noch manche Zeit auf der Erde zu ihrer Vollendung.
RB|2|261|7|0|Sie werden mit der Zeit diese unsere Handlung der Welt kundtun in kurzer Zeit. Da werden viele ihr Heil darinnen finden. Aber viele der reinen Weltkinder werden sich darob auch sehr ärgern, werden aber dabei zugrunde gehen physisch und moralisch. Denn solche werden fürder kein Licht unmittelbar aus den Himmeln irgendwo mehr finden. Hast du aber auch die zwei Weiblein beobachtet, die da mitwaren? Sahst du ihre glühenden Herzen?“
RB|2|261|8|0|Sagt Robert: „O ja, Herr und Vater! Das war wirklich ein Paar von solch einer Schönheit, wie ich seit Deiner irdischen Mutter Maria noch keine gesehen habe. Wahrlich, da wäre meine Helena und des Peter Peter Mathilde wohl sozusagen nichts dagegen. Es waren auch die andern fünf sehr himmlisch schön, aber die beiden waren gar ungemein schön und herrlich. Aber eine aus den fünfen konnte ich nicht so recht ausnehmen; sie wandte ihr Angesicht stets ab von mir; wer war denn die?“
RB|2|261|9|0|Sage Ich: „Das war die irdische Mutter (Elisabeth Hüttenbrenner, gest. 29. Nov. 1848) der vier Töchter und der zwei Söhne des Anselm Hüttenbrenner Wortemsig; diese aber ist keine Bürgerin der Erde mehr, sondern eine reine Bürgerin der Himmel. Sie wandte deshalb auch stets ihr Gesicht von dir ab, weil ihre zu große Schönheit dir sogar schädlich hätte werden können; denn das ist ein ungemein schöner Engel. Sie wollte bei dieser Gelegenheit auch teilnehmen an der Freude ihrer Familie und fand sich darum auch in dem Kreis ein – natürlich durch Meine besondere Zulassung.“
RB|2|261|10|0|Sagt Robert: „Was waren denn hernach das für junge Böcklein, die da ganz ungebärdig auf diese Höhe kamen und einige Minuten lang herumsprangen, als wenn ihnen nur sogleich die ganze Welt zugehört hätte?“ – Sage Ich: „Das waren so ein paar naseweise Schmeißfliegen, die noch einige Überpuppungen werden durchmachen müssen, bis ihre Seele die volle menschliche Form überkommen wird. Derlei Wesen haben vor uns noch keine andere Bedeutung, als die der Schmarotzerpflanzen auf den saftigen Ästen der Fruchtbäume. Daher auch kein Wort mehr über derlei Nullen eines schmutzigen Daseins.“
RB|2|262|1|1|Wandergeister aus dem Sternbild des Hasen. Lichtprodukte haben wenig Unterschied. Mannigfaltigkeit der Liebeprodukte. Licht und Liebe und ihre verschiedenen Wirkungen.
RB|2|262|1|0|[Der Herr:] „Wie gefällt dir aber die große Menge von Geistern besserer Art, die uns heute schon am frühesten Morgen der Erde haben in großen Scharen zu besuchen angefangen, im Grunde nichts verlangten, sondern uns bloß nur so eine stumme Aufwartung machten, sich hernach gegen Abend hinzogen und auf dem Berg Plabutsch über dem Murstrom eine kurze Ruhe nahmen?“
RB|2|262|2|0|Sagt Robert: „Das waren für mich ganz fremde Wesen. Sie sahen wohl wie Menschen aus, aber sonst kalt und beinahe alles Gefühles bar. Herr! Was waren sie denn und was hatte sie eigentlich hierher geführt?“
RB|2|262|3|0|Sage Ich: „Das waren Geister aus einem anderen Planeten, und zwar nicht eines Planeten dieser vor uns stehenden Erdsonne, sondern einer ganz weit entfernten, die sich im Sternbild des sogenannten Hasen befindet. Von jener Sonne der nächste nicht unansehnlich große Planet, von ihr beinahe ebenso weit entfernt, als der Merkur von der Sonne dieser Erde, ist dieser Geister Geburtswelt. Wer diese Sonne näher kennen will, der lasse sich das Sternbild des Hasen weisen. In dessen linkem Ohr wird er einen ganz kleinen Stern, kaum fünfter Größe, entdecken; das ist dieselbe Sonne, von deren nächststehenden Planeten diese Geister her sind. Es sind Wandergeister, deren größte Seligkeit darin besteht, stets auf der Wanderschaft zu sein, aber so sie zu dieser Erde kommen, was aber nur selten der Fall ist, so nehmen sie Ruhe und suchen Bekanntschaft mit Meinen Kindern zu machen.
RB|2|262|4|0|Manchmal geschieht es, dass sogar manche sich hier wieder inkarnieren lassen, aber dann in der Anwartschaft, dass sie Meine Kinder würden, gleichen sie den neugefangenen Vögeln im Käfig; sie haben keine Rast und keine Ruhe. Es ist ihnen beinahe unmöglich, bei irgendetwas zu bleiben. Reisen und Wandern ist ihre größte Lust. Wird ihnen diese durch was immer beschränkt, da sind sie dann sogleich sehr unglücklich. Daher ist auch bei ihrem Erscheinen auf dieser Erde selten ein anderer Grund vorhanden, als der dir nun bekanntgegebene; nur diesmal sind sie durch eine dumpfe Ahnung, als sei Ich hier, hierher getrieben worden. Von großer Ferne schon merkten die Weiseren unter ihnen Meine Gegenwart und sind daher hierher geeilt, um Mir die Aufwartung zu machen. Darin besteht aber auch all ihr Gottesdienst, dass sie zu gewissen Zeiten Gott dem Herrn ihre Aufwartung und ihre Komplimente machen und Ihm bei solcher Gelegenheit einige sehr gezierte Lobesworte vorsagen. Im Reich des Lichtes ist der Botendienst derjenige, der ihnen am meisten zusagt. Nun weißt du, was das für Wesen sind und was sie hier wollten.“
RB|2|262|5|0|Spricht Robert: „Ja, Herr und Vater! Aber merkwürdig ist das Zusammentreffen der Unruhe dieser Geister mit der Unruhe ebendesselben Erdtieres, mit dessen eben keinen Helden bezeichnenden Namen dies Sternenbild benamst wird. Das sind also, wie man sagt, so rechte ‚Springinsfelde‘. Einige Gestalten unter ihnen waren aber gar nicht übel. Ob es aber weibliche oder männliche waren, das habe ich nicht beurteilen können. Denn wahrlich, sie sahen einander doch alle so ähnlich wie auf der Erde, dieser unserer Leibesmutter, die Sperlinge. Sehen denn auf anderen Weltkörpern die Menschen einander ebenso ähnlich wie diese Geister sich ähnlich sehen, oder gibt es auch bei ihnen formelle Unterschiede?“
RB|2|262|6|0|Sage Ich: „Geister aus den Sphären der puren Weisheit sehen sich einander stets so ähnlich wie ein Auge dem andern, denn ihr Urbestandelement ist ja nur das Licht, das sich mit höchst wenigen Färbungsverschiedenheiten in allem vollends gleich ist. Wie aber das pure Licht sich überall sehr ähnlich ist, so sind und sehen sich auch seine Produkte gleich. Nur die Liebe macht das endlos Mannigfache in den Formen aus; das Licht aber nur das höchst Einförmige. Siehe an auf dieser Erde den Schnee; der ist ein Produkt des puren Lichtes. Eine Flocke ist wie die andere. Nur so sich viele aneinanderhängen, wird oft eine größer als die andere. Und selbst das geschieht nur dann, wenn zwischen solchen kalten Lichtproduktionen etwas von irgendeiner der Liebe verwandten Wärme vorhanden ist. Mangelt diese sehr oder ganz, da fallen lauter Flockensternlein von ganz gleicher Größe und Gestalt zur Erde. Also wird auch das Eis stets eine und dieselbe Grundform annehmen, weil dabei bloß nur das kalte Licht als Schöpfer tätig ist.
RB|2|262|7|0|Und so ist alles, das da mehr dem puren Licht verwandt ist, in seiner Form und Beschaffenheit einförmig; nur das, was mehr und mehr von der der Liebe verwandten Wärme in sich birgt, wird mannigfaltiger und verschiedener in der Form. Es erzeugt freilich wohl auch das Licht, so es sich sehr potenziert, eine Wärme; aber das ist keine gute, sondern eine böse Wärme, die nicht belebt, sondern tötet. Nur das Licht, dessen Grund die Wärme ist, ist gut; und die Wärme, die dann aus dem Licht strömt, ist gut und belebend.
RB|2|262|8|0|Alle reißenden Tiere und giftigen Tiere und Pflanzen sind Produkte des puren Lichtes und dessen nach außen wirkender Wärme, die böse ist und Böses bewirkt bei allem, das da nicht neu gezeugt ist von der Liebe und deren nach innen wirkendem Licht. Aber bei den Wesen der Liebe wird solches Licht dann auch wieder in Gutes verkehrt und nimmt dadurch seine Urbeschaffenheit wieder an.
RB|2|262|9|0|Aus dieser Erläuterung kannst du nun leicht ersehen und erkennen, warum diese Geister sich einander wie die Sperlinge gleichsehen. Sie sind aber sehr bescheiden, und ihr Verlangen ist nur, fort und fort zu wandern, was da auch entsprechend dem beständigen Fortschreiten des puren Lichtes gleicht. Wie das Licht keine Ruhe hat, sondern in die unendlichen Räume weiter und weiter wandert, so auch seine Geschöpfe. Es sind aber von Mir solchem Bemühen wohl auch Grenzen gesetzt, wo es dann heißt: ‚Bis hierher und nicht weiter!‘ Aber da gibt es dann freilich oft sehr gewaltige Kämpfe ab, bis solche Wesen zur Ruhe gebracht werden. Und nun gut von dem! Diese Geister sind nun abgezogen und es kommen schon wieder Legionen anderer her.
RB|2|262|10|0|Heute, als am Montag der Erde, aber werden wir eben nicht viel vornehmen. Auch ist mit diesen Geistern eben nicht viel zu machen, da sie noch sehr kühler Art sind. Nur am Abend werden wir etwas Wärme unter sie lassen, und sie werden sich dann unter heiterem Himmel wie ein leichter Tauregen auf die Fläche der Erde demütig niederlagern und uns die Ehre geben. Morgen, als am Dienstag, werden drei Bischöfe dieser Stadt uns besuchen. Da wird es ein bisschen feurig hergehen, aber erst gegen Abend.“
RB|2|263|1|1|Drei Bischöfe von Graz auf Wolken. Der herrschsüchtige Sebastian und seine zwei besseren Kollegen. Gericht über die Hochmutsrotte.
RB|2|263|1|1|(Am 9. Okt. 1850)
RB|2|263|1|0|Sagt der daneben stehende Kaiser Joseph: „O Gott! Drei Bischöfe auf einmal, und das aus Graz auch noch dazu! Nun, nun, nun, das wird gehen! Armer Hügel! Diese Last wird dein Haupt vom Angstschweiß triefen machen. Drei Bischöfe, sage aus Graz – auf einmal! O Herr, gedenke der Spektakel in den Katakomben des Domes zu Wien und am Ende in dessen Bethalle selbst; und das waren bis auf meinen Migazzi noch lauter Gleichgesinnte. Das aber ist bei den Grazer Bischöfen von jeher der löbliche Brauch, dass ein Nachfolger stets ein abgesagter Feind seines Vorfahrers war. Ich weiß es aus meiner irdischen Lebensperiode, wie gerade in dieser Stadt ein nachfolgender Bischof stets die Einrichtungen seines Vorgängers in einem oder dem andern Punkt als rein verdammlich erklärte. Nun drei solche hund- und katzische Bischöfe auf einmal! Nun Herr und Vater, greife nun nur recht tief in Deinen heiligen Schatzkasten der Gnade und Erbarmung, da wird sie uns allen vonnöten sein im höchsten Grad.“
RB|2|263|2|0|Sage Ich: „Ja, ja, du Mein lieber Freund, dürftest zwar nicht ganz unrecht haben! Aber unter den dreien gibt es nur einen Hauptrenitenten, die anderen zwei sind ein Paar ganz rare Geister. Da kommen sie schon als Okkupanten einer auch für Fleischesaugen ersichtlichen Wolke, deren besonders gegen die nördliche Seite hin dunkle Färbung es nur zu deutlich beurkundet, welcher Beschaffenheit ihre Passagiere sind. Die beiden Besseren haben zwar nur eine kleine Leibgarde, die aber, wie man in der Welt sagt, fest bei der Hand ist.
RB|2|263|3|0|Aber der eine im Hintergrund voll stark nächtlichen Dunkels hat eine starke Leibwache bei sich, die geradeso fühlt, denkt und will, wie er selbst; ja sie imitiert ihn sogar im Atemholen und Kopfdrehen. Beobachte ihn nur, wie stolz er daherfährt auf seiner dunklen Wolke, die von der vorigen, lichteren etwas entfernt ist – als ob er über Himmel und Erde zu gebieten hätte! Was sagst du zu solch einem Benehmen? Er ist nun bei drei Jahre ein Bewohner dieser Welt und weiß, dass er es ist, ansonst er nicht auf den Wolken einherführe. Aber er hat von seiner ultramontanen Gesinnung auch noch um kein Haarbreit in etwas Wenigem nur nachgegeben. Er ist noch in pleno [komplett] ein päpstlicher Hausprälat. Diese Würde nimmt ihm so leicht niemand. Denn das geht ihm bei Weitem über Petrus und Paulus und Johannes, auch um sehr vieles über Maria und Joseph. Denn nach seinem allerborniertesten Glauben gilt vor Gott Vater natürlich ein Bischof, besonders von seinem Kaliber, dreihundertvierundsechzigmal so viel als die Maria selbst, die Christus in ihrem Leben nur einmal gebar, während er Christus schon für seine eigene hochpriesterliche Person wenigstens dreihundertfünfundsechzigmal in einem Gemeinjahr und natürlich dreihundertsechsundsechzigmal in einem Schaltjahr gebiert und daher auch in solch einem Jahr dreihundertfünfundsechzigmal mehr wert ist, denn die Maria; der anderen Geistlichen nicht zu gedenken, die seine Hand zu tagtäglichen Christusgebärern gemacht hat, welche Christusgeburten aber natürlich ihm wie eine Tantieme zugutekommen und seinen Wert vor allen Engeln ums Unglaubliche erhöhen. Und in einem solchen Hochwertsgefühl fährt er nun langsam zu uns herüber und erwartet von uns die ehrerbietigste Aufnahme. Wie gefällt dir dieser Geist?“
RB|2|263|4|0|Sagt Joseph: „Wahrlich ein nettes Exemplar von einer allerborniertesten Dummheit! Den solltest Du, o Herr, denn doch ohne Weiteres in irgendeine Selchanstalt (Räucherkammer) geben! Denn so ein Kerl gäbe ja doch eine sehenswerte Rarität in irgendeinem wie immer bestellten Museum ab. Nein, ist aber das ein Kerl!“
RB|2|263|5|1|(Am 10. Okt. 1850)
RB|2|263|5|0|Sagt auch der Robert: „Ich habe von diesem Zeloten sogar bis nach Sachsen die seltsamsten Stücke vernommen und bedauerte sehr die vor uns liegende Stadt und dies wahrhaft paradiesisch schöne Land, dass es von solch einem Finsterling in kirchlicher Hinsicht beherrscht und noch dümmer gemacht wird, als es ohnehin schon seit dem allen gebildeten Steiermärkern nur zu bekannten Kaiser Ferdinand war. Dieser verschmitzte Kerl von einem Bischof wusste sich bei dem Hofweibervolk einzuschmeicheln und einzunisten, setzte auf diesem Weg unter der Schürze alles durch und bildete sich so nach und nach zu einem förmlichen Kirchentyrannen aus. Er vergrößerte seinen Hofstaat mit vielen in dieser Stadt und in diesem Land schon lange aufgehobenen Orden, die er wieder einführte, und dadurch gar viele besser und heller Denkende im Geheimen auf das Äußerste empörte. Er, dieser Kerl, hat zu dem Aufstand des Jahres 1848 nicht Geringes beigetragen, und es ist wahrlich jammerschade, dass er auf der Welt den vollen Ausbruch nicht erlebt hat. So ein paar Katzenkonzerte hätten ihm für seine Bemühungen durchaus nicht schaden können. Ist das ein Kerl gewesen und ist es wahrscheinlich auch noch in diesem Reich.
RB|2|263|6|0|Jetzt aber schwebt er schon über uns und tut, als bemerkte er uns gar nicht. Was will er denn mit seiner fortwährenden Zweifingerkreuzschlagerei, und was sollen seine roten Strümpfe, seine weiße Bischofsmütze, sein goldener Mantel und sein silberner Hirtenstab für eine Bedeutung haben? Auf der Erde war das wohl ein Blendwerk für blinde Menschen, aber hier im Geisterreich, wen will er denn hier damit breitschlagen?“
RB|2|263|7|0|Sage Ich: „Nur eine kleine Ruhe nun, Meine lieben Kinder, Freunde und Brüder! Wir werden ihn bald hier haben, und er wird uns zu tun geben. Gebt Acht! Aus seiner Frage werdet ihr es leicht erkennen, wie der ziemlich hoch über der Erde schwebende Bischof nun über uns denkt. Er ist da, daher nun nur aufgepasst!“
RB|2|263|8|0|Ein unverkennbarer Jesuit und noch ein Helfershelfer mit ihm treten ganz keck vor uns hin und der erste fragt: „Was seid ihr denn für ein elendes Zigeunergesindel, dass ihr vor einem von Gott mit aller Macht ausgerüsteten Kirchenfürsten, so er auf den Himmelswolken, die Erde segnend, einherzieht, nicht einmal die Hüte abnehmt und augenblicklich auf eure verdammlichen Knie niedersinkt?“
RB|2|263|9|0|Sage Ich: „Du sagst, dieser Bischof sei mit aller Macht von Gott ausgerüstet? Wenn es so wäre, da müsste Ich denn doch auch etwas davon wissen! Und ob die Wolke, auf der er steht und schwebt, gerade eine Himmelswolke ist, auch davon weiß Ich nichts. Und doch sollte Ich es am ersten wissen.“
RB|2|263|10|0|Spricht der Jesuit: „Warum gerade Du, Zigeunerbube? Dir wird es der große Gott gerade auf die Nase binden, gehe, du dummer Zigeuner du! Weißt du denn nicht, dass alle Zigeuner von Gott schon auf der Welt für ewig verdammt sind?“ – Sage Ich: „Nein, Mein Lieber! Auch davon weiß Ich keine Silbe. Und doch sollte Ich am allerersten etwas davon wissen. Merkwürdig, was du doch alles weißt, und Ich nicht! Und doch sollte Ich bei Weitem mehr wissen, denn du. Sage Mir, warst du denn zugegen, als Gott diesem Bischof solch eine unbegrenzte Macht über die Erde eingeräumt hat?“
RB|2|263|11|0|Sagt der Jesuit: „Gott erteilt solche Macht stets unsichtbar. Man muss ihre Gegenwart erst aus den mannigfachen Wirkungen erkennen. Gott aber wohnt im unzugänglichen Licht, und außer den heiligen ersten Engeln, die stets um Seinen Thron auf Seine Befehle harren und ‚Heilig, heilig, heilig!‘ rufen, darf niemand sich Ihm nahen. Verstehst du die Tiefe dieser Weisheit?“
RB|2|263|12|0|Sage Ich: „Scheint eben nicht sehr tief zu sein, diese deine Weisheit! Und Ich muss dir schon wieder gestehen, dass Ich von all dem nichts weiß. Merkwürdig! Aber das weiß Ich wohl, dass dein Bischof Sebastian ein Ochs ist und du ein Esel! Tiere, eben nicht böser Art, aber über alle Maßen dumm. Für uns alle, wie wir da sind, ist Gott nicht unsichtbar, sondern sehr sichtbar, und Er wohnt durchaus nicht im unzugänglichen Licht, sondern in einem gar sehr zugänglichen. Nur den auf der Welt noch sehr stark im Fleisch Lebenden muss Gott wegen der Willensfreiheit der angehenden Menschen unsichtbar bleiben, solange sie nicht des Geistes volle Wiedergeburt erlangt haben. Er bleibt aber auch Geistern eures Gelichters unsichtbar, weil ihr nicht rein und wiedergeboren seid. Und Er ist daher für euch noch sehr stark im unzugänglichen Licht wohnend und wird es noch hübsch lange bleiben.“
RB|2|263|13|0|Sagt der Jesuit: „In welcher Gegend seht ihr demnach Gott?“ – Sage Ich: „Gerade in derselben, in der ihr Ihn nicht seht und noch lange nicht sehen werdet! Und so Er euch auch schon auf der Nase säße, so werdet ihr Ihn aber dennoch nicht erkennen, auf dass ihr Ihn dann sähet. Gehe hin zu deinem blinden Bischof und sage ihm: Hier wohnt das Heil der Menschen! So er auch ein Mensch ist, so komme er her, gebe Gott die Ehre und nehme teil am Heil der Menschen – sonst dürfte er samt euch allen zum Anteil des Todes gelangen. Sage ihm: Gott der Herr braucht keinen Seine Macht okkupieren wollenden Weltsegner. Er segnet die Welt schon Selbst. Der Bischof soll nur sein eigenes Herz mit aller Demut segnen und nicht hochtrabend auf den Wolken herumfahren, als wenn er selbst die Welt erschaffen hätte. Sage ihm: Gott der Herr Selbst wandelt nun auf der Erde herum und es schicke sich daher gar nicht, dass sich ein schlechter Knecht der Wolken bedient. Gehe und sage ihm das!“
RB|2|263|14|0|Sagt der Jesuit: „Wer bist denn du zigeunerähnliches Wesen, dass du es wagst, gegen mich, einen Gottesdiener, und gegen eine kirchlichfürstliche Autorität so keck dich zu gebärden, als ob du selbst die Kirche eingesetzt hättest? Ich frage dich, du unheimliches Zigeunerwesen: Wer bist du denn und wer diese deine Gesellschaft?“
RB|2|263|15|0|Sagt Joseph geheim zu Mir: „O Herr, du lieber Vater! Meine Geduld wird nun schon so dünn, als wie ein allerfeinster Spinnenfaden. Sie reißt ohne Weiteres im nächsten Augenblick, so dieser Feind des freien Liebelebens in Dir sich nicht bald aus dem Staub machen wird.“
RB|2|263|16|0|Sage Ich: „Sei du, lieber Freund, nun nur ruhig und ärgere dich nicht! Kannst du von einem Esel wohl je etwas anderes verlangen, als das nur, was in die Tätigkeitssphäre eines Esels gehört? Er hat nun schon vernommen, was er tun soll. Will er das, so ist es wohl und gut, und will er es nicht, nun, so wird es wohl noch ein Mittel geben, dieses Lasttieres loszuwerden.“
RB|2|263|17|0|Sagt der Jesuit: „Bekomme ich eine Antwort oder nicht?“
RB|2|263|18|0|Sage Ich zu ihm so ziemlich gewaltig: „Nein, hebe dich, sonst wirst du gehoben werden!“
RB|2|263|19|0|Auf diese gewaltigeren Worte macht er ein sehr saures Gesicht und entfernt sich zu seinem Bischof hin und gibt ihm beinahe bis zur Zehenspitze mit dem Kopf gebeugt das alles kund, das er allhier gesehen und gehört hat, natürlich zu seinem großen Überdruss. Seht aber nun den Bischof an, was der nun für ein gelehrtes und echt episkopalisch weises Gesicht macht, als ob er in sich beschlösse: ‚Soll ich die Erde noch leben lassen, oder nicht? Und gibt es keine Blitze mehr, dass ich sie schleudere unter diese frevelnde Menge?‘ Es fällt ihm aber eben nichts Brauchbares zur Kühlung seiner Rache ein; daher macht er Miene, unverrichteter Dinge weiterzuziehen.
RB|2|263|20|0|Aber nun umringen ihn die zwei anderen Bischöfe mit ihrem ganz ehrenhaft aussehenden Gefolge. Und der große, namens Waldstein, sagt zu ihm: „Freund, Kollega! Was ist es mit dir? Was willst du tun? Erkennst du die lichte Schar denn nicht, die da unten die Kuppe des Hügels mit ihrer Gegenwart segnend deckt? Siehst du denn noch nicht so klar und deutlich wie eine Sonne am Mittagshimmel Christus den Herrn, drei Seiner ersten Apostel, alle Kaiser aus dem Hause Habsburg, den berühmten Erzbischof Migazzi und noch eine große Menge vollendeter Geister?“
RB|2|263|21|0|Hier wird der Bischof Sebastian ganz glühend vor Zorn und sagt: „Ich kenne euch beiden Ketzer! Das kirchliche Verderben, das ihr in diesem Land angerichtet, habe ich durch zwanzig Jahre nicht vermocht auszumerzen – und ihr wollt mich Christus kennen lehren?! Mich, der ich ganz erfüllt von Seinem heiligen Geist bin und die Schlüssel zum Himmel und zur Hölle in meinen Händen herumtrage? Wer kann Christus wohl besser kennen als ich?“
RB|2|263|22|0|Sagt Waldstein: „Freund! Ich sage dir, wenn du eine solche Rede führst, so hast du Christus nie gekannt und wirst Ihn auch nie kennenlernen! Denn mit solch einem Hochmut wandelt der Geist des Herrn nimmer. Du warst und bist noch nichts als ein herrschsüchtiger, stolzer Pfaffe und hast dich behufs dessen auch gehörig mit einer schwärzesten Pfaffenrotte umgeben, um durch die Masse zu deinem vorgesteckten Ziel zu gelangen, weil es dir dazu an der Kraft des Verstandes allzeit gemangelt hat. Aber der Herr machte dir einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Und du hast durch deine Mühe gerade das Gegenteil nur erreicht von dem, was du eigentlich hast erreichen wollen, nämlich eine allerabsoluteste Pfaffenherrschaft über die ganze Erde! Und du gibst uns vor, dass du ein Alleinbesitzer des heiligen Geistes bist! O du elender Wicht! Du bist wohl im Alleinbesitz des Höllengeistes, welcher Lüge und Hochmut heißt; aber den Geist Christi hast du noch nie erkannt, denn du bist ja ein abgesagter Feind dieses Geistes.“
RB|2|263|23|0|Auf diese energische Rede Waldsteins wird Sebastian stets glühender und ebenso auch sein sehr zahlreiches Gefolge. Waldstein und Arco senken sich nun zur Erde nieder. Als sie die Erde berühren, entsende Ich sogleich den Robert an sie, auf dass er sie führe zu Mir hin. Sie gehorchen sogleich und begeben sich in tiefster Ehrfurcht zu Mir hin. Ich gehe ihnen aber schon bis an den halben Weg entgegen und führe sie Selbst auf die Kuppe des Hügels.
RB|2|263|24|0|Allda angelangt wollen sie auf ihr Angesicht zu Boden sinken. Ich aber stärke sie sogleich und verhindere sie daran und sage: „Freunde! Das ein anderes Mal! Nun aber haben wir viel wichtigere Dinge vor uns. Dieser Sebastian hat recht böse Absichten und will der Erde Übles zufügen. Heute ist Donnerstagabend; am Mittwoch ruhte er und auch wir. Heute noch will er auf der Erde alles ihm Unterkommende verheeren der großen ihm angetanen Beleidigung wegen. Aber Ich habe bereits schon den starken Friedensgeistern den Wink gegeben. In dieser Nacht noch wird er geknebelt samt seinem Millionenanhang zu Erde niedergeschleudert und dort gehörig abgekühlt werden.“
RB|2|263|25|0|Spricht Waldstein: „O Du heiligster Vater! Wie wird das wohl zugehen, und wie werden wir es erkennen mögen, da wir noch sehr viel Blindheit in uns haben?“
RB|2|263|26|0|Sage Ich: „Hebt empor euere Augen und seht die weißen Geister des Friedens, wie sie schon von allen Seiten her sich in bester Ordnung aufstellen! In Blitzesschnelle werden diese Wüteriche unter Sebastian samt ihm geknebelt an den Boden der Erde geschleudert werden. So ihr morgen die hohen Berge rings herum mit Schnee bedeckt erschauen werdet, so wisst und sagt: Da liegt Sebastian in seinem Triumph auf dem besten Zornfeuer-Abkühlungsapparat, nämlich unter der Decke, die ihm die Friedensgeister vom Norden zu einem nützlichen Präsent hergebracht haben.“
RB|2|263|27|0|Sagt Waldstein: „Also hat der Schnee denn doch auch eine geistige Bedeutung?“
RB|2|263|28|0|Sage Ich: „O sicher! Alles was nur immer auf der Erde in die Erscheinlichkeit tritt, hat durchgängig vorerst eine geistige Wichtigkeit, dann erst eine auch naturmäßige. Nun aber gebt nur Acht; die wilde Jagd wird sogleich beginnen.“
RB|2|264|1|1|Gefangennahme Sebastians durch die Friedensgeister. Schneedecke als Sondergericht für Meuterer gegen die Gottesordnung.
RB|2|264|1|1|(Am 12. Okt. 1850)
RB|2|264|1|0|Die beiden Bischöfe verwundern sich sehr darüber und erheben mit ihrem ganzen, höchst demütigen Anhang ihre Augen aufwärts. Als sie aber kaum noch den Sebastian ins Auge fassen, ist er schon ein Gefangener der Friedensgeister samt seinem Anhang. Er bäumt und krümmt sich nun wie ein getretener Wurm und schleudert einen Fluch über den andern auf das Haupt dieser Geister, die so frevelnd keck sind, sich an ihm, als einem Mann nach dem Herzen Gottes, zu vergreifen. Aber das geniert Meine Friedensgeister nicht. Ihre eiserne Gemütsruhe macht sie all das Toben und Schimpfen ganz überhören, und sie handeln wie ein Uhrwerk und lassen mit sich auch nicht um eine Terzie [Tertie; den sechzigsten Teil einer Sekunde] handeln.
RB|2|264|2|0|Der Bischof Waldstein sagt: „O Herr, das kommt mir geradeso vor, als so ich auf der Erde nicht selten einer Kreuzspinne zugesehen habe, wie sie die Fliegen in ihrem Netz gefangen hat. In einem Nu ist die Fliege von allen Seiten her umgarnt und somit vollkommen gefangen. So scheinen es auch diese famosen Friedensgeister nun getan zu haben. Sie müssen schon früher ganz unsichtbar ein Netz weit und breit ausgespannt haben; sonst wäre es mir kaum begreiflich, wie sie nun mit dem Sebastian und dessen Anhang gar so plötzlich haben fertig werden können. Aber wie der Sebastian nun flucht und seine Schar mit ihm! Das ist ja ganz unerhört.“
RB|2|264|3|0|Sage Ich: „Ist nichts Neues von Wesen seiner Art! Hat er doch auf der Welt jeden verflucht in den Grund der Hölle, der nicht nach seinen Noten pfeifen und tanzen wollte – wie sollte er dann hier anders handeln können gegen jeden Geist, der es wagt, seinem Hochmut in die Nähe zu treten. O das ist ein dummböser Pfaffe, ein Geist, der in der größten Gemütsruhe eine Million Menschen als Ketzer auf dem Scheiterhaufen hätte mit einer wahren Wollust können verbrennen sehen. Das macht ihn nun aber auch so wütend, weil er sich nirgends mehr Luft machen kann.
RB|2|264|4|0|Seht, wie die Geister ihn nun durch die Luft gegen Obersteier hinschieben. Sie werden ihn auf einer Hochalpe versorgen; die geringeren Geister aber auch auf niederen Gebirgshöhen, als da sind die des Schöckels, des Rabenwaldes, des Kulms und noch einer Menge anderer. Seht, nun haben sie schon die Höhen erreicht! Und seht nun, wie die Rücken der Berge grau werden und nach und nach weißer. Wie gefällt euch das?“
RB|2|264|5|0|Sagt Waldstein: „Diese Geschichte sieht wahrlich etwas traurig und düster aus! Wie lange werden diese Geister wohl unter solch einer Kühldecke zu verbleiben haben? Etwa gar ewig?“
RB|2|264|6|0|Sage Ich: „O mitnichten! Bis sie zur Einsicht aus sich selbst gelangen, dass sie grundfalsch und irrig daran sind, und sich in ihren Herzen an Mich wenden, da sollen sie von solch einem Gericht sogleich befreit werden; aber eher auch nicht um eine Sekunde Zeit. Der Sebastian aber wird schon noch unters Eis der Gletscher gebracht werden müssen, bis er gehörig abgekühlt wird; denn der hat des Hochmuts viel in sich und ist dabei sehr dumm, sodass er seinen Hochmut am Ende sogar für gottesverdienstlich ansieht. Mit solchen Narren ist es schwer weiter zu kommen, aber dessen ungeachtet dürfen wir ihnen gegenüber unsere Geduld, Gnade, Liebe und Erbarmung nie auf die Seite setzen, weil sie denn doch auch unsere Brüder sind, für deren Heil wir vorzüglich sorgen müssen.”
RB|2|264|7|0|Spricht Robert, der hinter den beiden Bischöfen die Szene der Gefangennehmung und der Expedition des Sebastian und dessen starken Anhanges betrachtet hatte: „Herr, Du allgütigster, bester Vater! Ich sehe nun, so weit mein Auge reicht, alle Berge und Höhen mit Schnee bedeckt. Soll das alles dieses Sebastians wegen also sein? Alle höheren Berge Steiermarks, Kärntens, Tirols, Salzburgs sind durch und durch hoch überschneit. Das kann denn doch wohl unmöglich alles des Sebastians falscher Grund und Boden sein!“
RB|2|264|8|0|Sage Ich: „Das freilich wohl nicht. Aber solcher Narren, wie er einer war und noch ist, gibt es in allen Landen gar viele. Bei diesen Geistern aber geht die Sache wie durch einen elektrischen Rapport. So auch in einem allerverborgensten Winkel irgendein Geist in was immer erregt wird, so werden im selben Augenblick alle Geister gleicher Art erregt und in die besondere Tätigkeit versetzt. Ist diese in etwas Meiner Ordnung schroff zuwider, so werden dann auch alle solche Geister auf einmal in allen Landen gepackt und zurechtgewiesen durch ganz taugliche Mittel. Aber mit dem Besserwerden geht es dann nicht so gleichartig und momentan, als wie mit dem gleichzeitigen Erregtwerden zum Bösen; sondern da geht es dann sehr sukzessiv vorwärts, beinahe also, als wenn auf einem Feld tausend Menschen in Reihe und Glied stünden, die durch einen plötzlichen Erdstoß auch plötzlich umgeworfen werden würden. Fallen werden sie sicher alle zugleich; aber mit dem Aufstehen, was dann natürlich einem jeden frei zusteht, wird es wohl schwerlich so gehen. Einige werden sich sogleich wieder aufrichten; besonders so sie durch den Fall keine Verletzung erlitten haben. Andere hingegen, die sich mehr oder weniger beschädigt haben, werden sich mühsam erst nach und nach langsam emporzurichten anfangen. Und einige, die dabei schwer verletzt worden sind, die werden zum Aufstehen wohl sehr viel Zeit und Mühe brauchen. Ja einige darunter werden als Totgewordene liegen bleiben. Und siehe, gerade so geht es auch bei diesen Sondergerichten. Gefangen werden sie alle sozusagen auf einmal; aber frei werden sie nicht so, weil das Freiwerden nicht von einer äußeren Macht, sondern rein nur von ihrer eigensten Lebenskraft abhängt.
RB|2|264|9|0|Also ersiehst du denn auch nun wie auf einen Schlag alle Berge der Erde voll Schnee, der da ist eine Kühldecke für zu hitzige Geister, an und für sich aber im eigentlichsten Sinn des Wortes und der entsprechenden Bedeutung nach als die erscheinliche Kraft der Friedensgeister, welche Kraft aber dann wieder zu rechter Zeit von den Geistern zurückgezogen wird, wo dann die mitgefangenen Naturgeister als Wasser zerfließen. Die unter diesen Naturgeistern aber gefangenen wirklichen Geister werden dann wieder frei und können tun, was sie wollen. Wenden sie sich dem Guten zu, so ist es eben gut und wohl für sie; wenden sie sich aber wieder dem Schlechten zu, nun, so ergeht es ihnen denn auch natürlich wieder nicht anders als schlecht. Verstehst du das?“
RB|2|265|1|1|Über Naturgeister und die Sternenelemente der Menschenseelen. Wie aus Gott sich auch unlautere Wesen entwickeln können. Besuch der siebzehn alten Prälaten von Rein. Warum Robert Blum zum Pfeiler eines neuen geistigen Vereins wurde.
RB|2|265|1|1|(Am 14. Okt. 1850)
RB|2|265|1|0|Sagt Robert: „Herr, das verstehe ich nun ganz klar. Aber Du hast soeben auch etwas von den Naturgeistern gesprochen, die dann, so die drückende Kraft der Friedensgeister nachlässt, als Wasser zerfließen. Wer und was sind denn eigentlich diese Geister?“
RB|2|265|2|0|Sage Ich: „Das sind geistige Spezifikalpotenzen oder einzelne Ideen Meines Herzens. Wann sie erst durch allerlei Kleingerichte gehörig vorbereitet und durch allerlei ihnen gegebene Tätigkeiten in Meiner Liebe ausgegoren wurden, dann werden sie auch in Formen gehüllt und werden am Ende ihres Kreisweges zu Seelen der Menschen mit aller Intelligenz, auf dass in ihnen dann Mein eigenster Liebegeist zu einem d. i. mit solchen Seelen auf ewig unzertrennbar verbundenen Wesen werde.
RB|2|265|3|0|Deine Seele ist schon auch so etwas, nur eben nicht von dieser Erde, sondern von einer andern. Etwas davon, das mit dem Fleisch deines Leibes zusammenhing, ist wohl von dieser Erde hinzugekommen; aber im Ganzen gehörst du zu den Seelen der Erdenwelt, die da heißt Uranus.
RB|2|265|4|0|Es haben wohl alle Seelen auf dieser Erde etwas aus allen Sternen in sich; aber vorherrschend bleibt nur das, was sie aus der Natur derjenigen Erdenwelt haben, aus der sie zuerst als komplette Menschenseelen ausgebildet worden sind. Begreifst du nun, was es mit den Naturgeistern für eine Bewandtnis hat?“
RB|2|265|5|0|Spricht Robert: „Ja, mein Herr, mein Gott und mein Vater! Diese Sache ist mir nun ganz klar! Nur begreife ich noch immer nicht so ganz klar, wie aus Dir, der Du doch in allem das vollkommenste Wesen bist, auch unlautere und unvollkommene Wesen hervorgehen können; denn es kann ja doch nichts irgendwo da sein, was nicht aus Dir hervorgegangen ist.“ – Sage Ich: „Freund! Denke nach, diese Sache habe Ich schon bei einer früheren Gelegenheit ganz hell gezeigt. Rufe es in dir hervor und dir wird alles klar sein.“
RB|2|265|6|0|Spricht Robert: „Ach ja, richtig, richtig, ich weiß es schon. Wo Du, o Herr, uns den Unterschied zwischen Deinen Gedanken und Ideen kundgetan hast! Ja, ja, nun weiß ich es schon. Jeder Gedanke an und für sich als die Grundlinie zu einer Idee ist rein. Aber weil man aus den Grundlinien, die an und für sich immer rein verbleiben, auch unlautere Bilder formen kann, so sind die Bilder oder die Ideen schon darum Nummer 2 und mehr unlauter als die Gedanken, weil sie Unreines darstellen können, was natürlich bei den Grundlinien an und für sich unmöglich ist; denn eine pure Linie bleibt Linie; aber nicht so eine Figur, die durch Kombination der Linien entsteht. Ja, ja, so ist es, jetzt ist mir alles klar!
RB|2|265|7|0|Aber, Herr! Heute ist schon Montag, und wir haben außer der Besichtigung der Bischof Sebastianschen Geschichte eben nicht viel anderes getan, gesehen und gehört. Wie wäre es denn, wenn wir einmal auf einige Stunden einem anderen Punkt irgendeinen kurzen Besuch machten?“
RB|2|265|8|0|Sage Ich: „Du sorgst gut; aber heute werden uns siebzehn Prälaten aus dem Stift Rein besuchen, mit denen haben wir etwas abzumachen. Morgen erst werden wir auf einige Stunden einen anderen Ort besuchen; welchen aber, das wird euch erst beim Aufbruch kundgetan werden. Nun aber verhalten wir uns alle ganz ruhig, denn die siebzehn Prälaten sind schon am Weg zu uns her.“
RB|2|265|9|0|Sagt der Bischof Waldstein: „Wenn sie nicht zu sehr aus der früheren Zeitperiode sind, so dürfte ich etwa wohl jemanden aus ihnen erkennen?“ – Sage Ich: „Das wirst du kaum; denn diese gehören alle der ersten Periode der Entstehung dieses Stiftes an. Die deiner Zeitperiode Angehörenden sind noch lange nicht reif, um dahin gelangen zu können, wo wir uns befinden. Aber nun kommen sie ganz ernsten Gemütes daher. Darum wollen denn auch wir sie ganz ernstlichen Angesichtes empfangen und ihnen zeigen, dass auch wir ein gutes Recht haben, uns auf dieses Hügels Kuppe aufzuhalten, solange es uns beliebt.
RB|2|265|10|0|Dieser Hügel gehörte einst ganz diesem Stift zu und war südwestlicherseits mit kleinen Rebanlagen und Winzereien kultiviert, während die nördliche und östliche Seite der guten und bequemen Jagd wegen stets bewaldet blieb; aber in der späteren Zeit hat sich da freilich gar manches geändert und ist gar manche Besitzung aus den Händen dieses Stiftes gekommen. Diese aber sind in ihrer Idee noch stets im Vollbesitz alles dessen, was einst zu diesem Stift gehörte. Auf diesen Hügel waren sie sehr stolz und sahen es nicht gerne, so er von Weltlichen besucht wurde, und das bloß wegen der Wildhege, denn da wurden die Rehe und Hirsche förmlich gemästet und sonach als noch lebend für den Prälatentisch zubereitet. Diese siebzehn meinen, wir wären verkappte Wilddiebe, aus welchem Grund sie denn auch so ernsten Angesichtes und Gemütes auf uns zueilen, willens, uns von dieser Höhe zu verschrecken. Aber wir werden uns denn nicht so leicht verschrecken lassen! Gebt nun Acht! Sie kommen uns schon sehr in die Nähe. Die Hetze wird sogleich angehen.“
RB|2|265|11|0|Sagt Robert: „Herr, wäre für diese Helden etwa nicht die Helena, die sich nun stets mit der Mathilde-Eljah und mit dem Peter Peter bestens unterhält, wegen ihrer bekannten Wiener Schroffheit zu gebrauchen? Die könnte diesen hirsch- und rehsüchtigen Dummköpfen so recht auf Plattdeutsch die Wahrheit ins Gesicht schleudern.“ – Sage Ich: „Wäre hier nicht rätlich, denn diese siebzehn verstehen das Wienerische nicht und sind ungeheure Zeloten, bei denen das ‚Omnia ad majorem Dei gloriam‘ [Alles zur höheren Ehre Gottes!] noch sehr stark gang und gäbe ist. Sie stammen aus den Zeiten der sogenannten heiligen Inquisition. Man würde sie sehr böse machen, so man ihnen eine Gelegenheit böte, die in ihrem Gemüt jenen schlummernden Eifer weckte, durch den so viele treue Seelen auf das Empörendste ad majorem Dei gloriam sind gemartert worden. Was konnte man aber tun? Diese Pfaffen waren wirklich so dumm, zu glauben, dass sie durch solche grässliche Handlungen Gott einen angenehmen Dienst erweisen. Und je strenger und unerbittlicher so ein Pfaffe war, für desto näher bei Mir und für desto heiliger auch dachte er sich und ward auch von allen anderen Finsterlingen dafür gehalten. Redet daher in Gegenwart dieser siebzehn gar nichts! Verhaltet euch ganz indifferent, als gäbet ihr darauf gar nicht Acht, was Ich mit ihnen abmachen werde. Aber nun nur ganz ruhig! Sie stehen schon vor uns und messen uns mit echt inquisitorischen Augen.“
RB|2|265|12|0|Nach dieser Rede tritt sogleich ein Prälatus, zu seiner Zeit titulierter auch gewesener Primas regni und Salvator Hierarchiae periculis circumdatae [Oberster Landeshirte und Retter der von Gefahren umgebenen Kirche] hervor. Dieser Erzpapist misst Mich vom Kopf bis zur Zehe nach der echt pfäffischen Art mit abgewandter Brust verächtlichen Blickes über die linke Achsel und sagt nach einer Weile: „Wer erlaubte euch, diese heilige Höhe zu betreten und mein Wild scheu zu machen, das ebenfalls heilig ist, weil es für die eifrigen Diener Gottes bestimmt ist? Rede, sonst gibt es Loch, Tod und Verdammnis!“
RB|2|265|13|0|Sage Ich: „Der Herr der Welt hat überall das Recht Sich niederzulassen, wo immer es Ihm beliebt, und hat nie vonnöten, die weltlichen Pseudobesitzer um die gnädige Erlaubnis zu bitten. Und so hat Er Sich denn auch jetzt das freie Recht genommen, ohne euere Erlaubnis hier Platz zu nehmen, und das darum, weil dieser Hügel von allen in der ganzen Umgebung dieser Stadt der am wenigsten Entheiligte ist durch schmähliche Handlungen der argen Menschen. Ich bin Christus der Herr! Bin gekommen, der argen Welt ein Gericht zu geben und Meinen getreuen Bekennern Meine Gnade, Vergebung ihrer Sünden und das ewige Leben. Wer Mich erkennt, annimmt und sich an Mir nicht ärgert, der soll nicht zugrunde gehen! Wer sich aber an Mir ärgert und nicht glaubt, dass Ich es bin, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende, das Alpha und das Omega, der wird verlorengehen. Nun wisst ihr alles, was euch vor allem zu wissen nottut. Was werdet ihr nun tun?“
RB|2|265|14|0|Sagt der Primas regni: „Gib uns ein Zeichen und wir wollen Deinen Worten glauben.“ – Sage Ich: „Es gibt der Zeichen viele vor euren Augen – betrachtet sie und sie werden euch Licht schaffen! Denn ihr seid gerade nicht böse, aber dafür sehr blind und dumm. Wisst ihr wohl schon, dass ihr alle lange schon gestorben seid?“ – Sagt der Prälatus, Primas regni, minister Caesaris, protector custos salvatorque ecclesiae sacrosanctae: „Wie, was, wer, wer ist gestorben? Wie, wo und wann? Cur? Quomodo? Quando?! [Warum? Wie? Wann?] Lebe ich etwa jetzt nicht? Bin ich tot? Wer vermag mir denn das zu beweisen? Weder Plato, Sokrates, noch der göttliche Aristoteles! Also Zeichen und Beweise für alles, sonst sollt ihr alle als Gauner und Wilddiebe eingesperrt werden!“
RB|2|265|15|0|Sage Ich: „Nur nicht so hitzig, Meine Lieben, sonst könntet ihr Mich auch in eine Hitze bringen, und bei der könnte es euch wohl etwas zu warm werden. Weil ihr aber denn schon eine so enorme Furcht habt für euer Wild, das nur bloß noch in eurer Einbildung existiert und sonst nirgends mehr, so wollen wir alle auf eine kurze Zeit von etlichen Stunden diesen Hügel verlassen und auf den Berg Schöckel uns hin begeben. Dort werden euch auf einige Augenblicke die Augen geöffnet werden, damit ihr sehen sollt, ob ihr wohl noch Herren des Stiftes Rein seid oder ob dieses nicht schon lange von einem ganz neuen Prälaten dominiert und administriert wird.“
RB|2|265|16|0|Sagt der Primas: „Was?! Auf jenen montem altissimum Stiriae [höchsten Berg der Steiermark], den noch nie eines Sterblichen Fuß betreten hat, wegen seiner Höhe und wegen der vielen Hexen und bösen Geister, die dort ihre böse Burg haben, sollen wir uns hinbegeben?“ – Sage Ich: „Ich habe euch schon gesagt, dass ihr zwar wohl gerade nicht böse, aber dafür ganz ungeheuer dumm seid. Und eben darum müsst ihr dorthin, um von drei Hauptdummheiten, die eure Sehe gefangen halten, geheilt zu werden, und zwar zuerst von der wahnsinnigen Meinung, als lebtet ihr noch auf der Erde, und fürs Zweite, dass der Schöckel bei Weitem kein höchster Berg dieses Landes ist und dass dort weder Hexen noch böse Geister hausen. Darauf erst werdet ihr einsehen, dass auch dieser Hügel durchaus nicht mehr euer Eigentum ist, und das Stift gegenwärtig auf der Fläche dieses Hügels ganz verzweifelt wenig mehr besitzt, und dass es hier auch durchaus kein sogenanntes Rotwild mehr gibt, und man daher auf diesem sogar spatzenlosen Hügel durchaus keinen Wilddieb machen und abgeben kann.“
RB|2|265|17|0|Spricht der Primas: „Wie werden wir aber da hinaufkommen auf solch eine erschreckliche Höhe? Da werden wir ja mehrere Tagreisen brauchen!“ – Sage Ich: „O nein! Das werden wir nicht. Zum Beweis, dass auch ihr nun nicht mehr Leibes-, sondern Geistmenschen seid, werden wir diese Reise in einem Augenblick zurücklegen. Ich sage bloß: Es sei! Und seht, wir sind auch schon da, wohin zu ziehen ihr meintet, dass wir mehrere Tagreisen werden dazu verwenden müssen. Nun, wie gefällt es euch hier?“
RB|2|265|18|0|Sagt der Primas ganz verblüfft: „Ah, ah, das ist stark! Ja, wie sind wir denn gar so plötzlich hierhergekommen? Das war nur ein Zucker! Wie ein Blitz schießt, so auch kam es mir vor, sind wir vom Reinerhügel hierher übersetzt worden. Ja, ja, jetzt fängt mir schon ein Lichtel an aufzugehen! Wir alle siebzehn sind wirklich schon vor vielen Jahren leiblos geworden. Aber dass uns das nicht früher eingefallen ist! Wir hätten es ja doch aus dem abnehmen können, dass dieses Stift doch nie mehr als nur einen Prälaten gehabt hat, und wir waren unser siebzehn und etliche, die später dazugewachsen sind. Ist aber doch merkwürdig, wie man eine so geraume Zeit dumm und blind sein kann. Was hier für eine herrliche Aussicht ist! Alles schön frei! Und jetzt merke ich wohl, dass es noch viel höhere Berge gibt, als dieser Schöckel da ist – und von Hexen und bösen Geistern keine Spur! Ja, ja, wir müssen jetzt aber schon diesem wunderbaren Führer sehr zu danken anfangen! Ist er aber auch etwa doch nicht so ganz Christus der Herr Selbst, so wird er aber dennoch ein sehr mächtiger Geist sein, der von Gott aus an uns gesandt ist, um uns zu erlösen von unserer Dummheit.“ – Hier fallen alle vor Mir auf ihr Angesicht und loben Gottes Kraft in Mir.
RB|2|265|19|0|Robert aber fragt: „Herr! Was habe ich denn eigentlich mit diesen gemein?“ – Sage Ich: „Es sind auch Uraniden wie du und darum sehr hartnäckig. Und du musst sie darum auch aufnehmen in dein Haus. Kennst und verstehst du nun den Grund und die Ursache von dieser Erscheinung?“
RB|2|265|20|0|Spricht Robert: „Ja, Herr und Vater! Jetzt verstehe ich den Grund und die Ursache freilich wohl. Sind etwa die früheren Geister, mit denen wir schon auf jener Höhe dort unten waren, auch meine Urlandsleute?“ – Sage Ich: „Nein, das gerade nicht; aber sie sind dir in der Liebe gleichartig und gehören deshalb auch in deinen Verein. Denn Ich sage dir: Du bist von nun an ein Hauptpfeiler eines neuen Vereines. Das ist ein Lohn, der allen jenen zuteilwird, die auf der Welt aus einem redlichen und guten Grund in Meinem Weinberg gearbeitet haben.“
RB|2|265|21|0|Bemerken die beiden Bischöfe ganz demütig: „Herr! Wir haben ja doch auch in Deinem Weinberg gearbeitet. Sollen wir hier denn nicht auch irgendein Ämtchen zu versehen bekommen?“ – Sage Ich: „Ihr wart zwar auch Arbeiter; aber die Welt gab euch darum einen guten Lohn. Dieser aber arbeitete ohne weltlichen Lohn; für seine Mühe aber ward er von der Welt mit dem Tod bezahlt, und das macht einen großen Unterschied zwischen euch und ihm. Er ist ein Märtyrer; seid es auch ihr? Er ist gefallen als ein Opfer seiner Liebe für die Brüder; seid es auch ihr?“
RB|2|266|1|1|Die zwei Bischöfe werden von ihrem Heiligenwahn kuriert. Gut ist Gott allein. Vom Wesen des Himmels und der Hölle; vom Satan und noch schlimmeren Geistern. Finstere Geister und arme kranke Seelen nahen sich und finden zweckvolle Behandlung.
RB|2|266|1|1|(Am 18. Okt. 1850)
RB|2|266|1|0|Sagen die beiden Bischöfe zugleich wie aus einem Munde: „O Herr! Da sind wir gegen ihn reine Nullen! Denn uns ist es, außer in einer Krankheit, wohl nie schlecht gegangen auf der Erde. So dieser Sohn Deiner Liebe, o Herr, dieser Robert, aber ein großer Geist vor Dir ist, da wird er uns denn doch vergeben, so wir unwissendermaßen ihm viel zu wenig die ihm gebührende Ehre bezeigt haben. Wir werden das in der Zukunft schon allerreichlichst einholen, was wir bis jetzt in der kurzen Periode unseres Beisammenseins verabsäumt haben. Nur begreifen wir nicht, wie wir solcher unendlichen Gnade haben würdig befunden werden können, in den Himmelsverein eines so großen Heiligen aufgenommen zu werden. Denn wie groß muss der sein, der stets so nahe an Deiner Seite wandelt und handelt nach Deinem Willen und wird stets in allem von Dir belehrt!“
RB|2|266|2|0|Sage Ich: „Ihr wart doch recht achtbare Bischöfe auf der Erde und redet nun gerade, als so ihr bei irgendeiner griesgrämigen alten Betschwester wenigstens durch zehn Jahre in die Schule gegangen wäret. Wer ist denn ein Heiliger bei Mir? Wisst ihr denn nicht, dass es außer Gott niemanden gibt, der da heilig wäre? Gott allein ist heilig und gut; alles andere aber ist Bruder und Schwester, und der Geringste aber ist stets der Größte in Meinem Reich. Die Ehre aber gebührt nur Gott allein; alles andere hat sich zu erfassen und zu begreifen nur in und durch die Liebe.
RB|2|266|3|0|Nun aber lassen wir das Weitere; denn wir haben eine ganze Ewigkeit vor uns, und in der wird sich noch so manches aufklären lassen. Wir sind nun schon bei drei Stunden nach irdischem Maß hier auf dieser Höhe, und die siebzehn Prälaten liegen noch auf ihren Angesichtern. Nun muss ihnen geholfen werden, und wir müssen dann schnell wieder auf unseren Hügel eilen. Dort befinden sich nun einige unserer irdischen Freunde und verlassen nun auch schon den Hügel; aber das macht nichts; unseren Segen, der an dem Hügel haftet, haben sie dennoch empfangen. Jetzt also an die Prälaten!
RB|2|266|4|0|Steht auf, ihr siebzehn Brüder des Stiftes Rein! Ihr habt nun neue Augen empfangen, zu schauen das rechte Licht und zu begreifen die Wahrheit. Darum kehrt das neue Licht eurer Augen nicht in der Erde finsteren Boden, sondern beschaut mit eurem Licht das Licht alles Lichtes und versteht es und begreift es!“
RB|2|266|5|0|Hier erheben sich die siebzehn und schauen ganz voll Staunens um sich herum. Und der Primas als der Wortführer sagt: „Herr, Gott und Vater! Nun erst erkennen wir es ganz, dass Du es bist, von dem alle Himmel und alle Erden voll Herrlichkeiten der Herrlichkeiten zeugen. O Vater! Was sollen wir denn nun tun, um Deiner über alles heiligen Nähe würdiger zu sein?“ – Sage Ich: „Von nun an Mich lieben über alles – da euere Liebe zu Mir euer wahres ewiges Leben ist – und alle Brüder und Schwestern aber wie euch selbst; denn die gegenseitige Brüder- und Schwesterliebe bedingt eure Seligkeit. Je mehr ihr der wahren tätigen Liebe euch gegenseitig gemäß Meiner ewigen Ordnung erweisen werdet, desto seliger werdet ihr sein!
RB|2|266|6|0|Alle Himmel mit allen ihren Seligkeiten ohne Zahl und Maß und Namen gehen aus der gegenseitigen wahren Nächstenliebe hervor – so wie im Gegenfall auch alle Qualen und Martern der Hölle aus der Eigenliebe. Gäbe es keine Eigenliebe, so gäbe es auch keine Hölle und auf der Erde keinen Krieg, keine Hungersnot und also auch durchaus keine Pest. Weil aber die Menschen voll Selbstsucht sind und voll der allerverderblichsten Selbstliebe, aus der die Hölle gemacht ist durch die Menschen und nicht etwa durch Mich, so müssen sich solche Menschen auch all das Üble gefallen lassen, was da hervorgeht aus der Eigenliebe und aus der Selbstsucht.
RB|2|266|7|0|Wohl ist zwar noch der alte Satan der Chef der Hölle, wie er auch ihr erster Gründer war; aber er hat schon lange die Macht nicht mehr, die Menschen zu verderben; aber die Menschen sind nun schon seine Meister geworden. Seit die Menschen allein von ihrem höchsteigenen, freiesten Willen abhängen, gibt es recht viele unter ihnen, zu denen der alte Satan in die Schule gehen könnte; besonders unter dem hohen römischen Klerus und unter den Jesuiten, wo sie noch irgendeinen Bestand haben. Ich kenne welche, vor denen sogar der Satan einen solchen Respekt hat, als wie eine nervenschwache furchtsame Jungfrau vor einer Klapperschlange. Solche Wesen aber nennen sich auch ‚Diener Gottes‘. Wie gefällt euch das?“
RB|2|266|8|0|Sagt der Primas: „Herr! Erschrecklich, erschrecklich ist, so was aus Deinem Mund zu vernehmen!“ – Sage Ich: „Ja wohl, aber es ist einmal so, und es lässt sich dagegen vorderhand nicht viel tun. Nun aber wird es halb sechs Uhr; darum kehren wir wieder auf unseren Hügel zurück.
RB|2|266|9|0|Es sei! Es geschehe! Und seht, da sind wir nun schon wieder (auf dem Reinerkogel). Aber nun erhebt sich über der Stadt eine dichte Wolke, und aus allen Friedhöfen dieser Stadt erheben sich leichtere Nebel. Was meint ihr, was das zu bedeuten hat?“ – Alles sagt: „Herr, wir wissen es nicht. Deute uns das!“
RB|2|266|10|0|Sage Ich: „Das schwarze Gewölk über der Stadt ist ein Gremium von wenigstens zehntausend Mönchen und anderen Pfaffen, die seit 400 Jahren hier in dieser Gegend sich aufhielten und zufolge ihrer groben Blindheit auch nirgends einen Ausweg finden konnten. Darunter gibt es auch einige Bischöfe, Prälaten und Pröbste. Diesen werden wir nun Flöße geben und sie samt und sämtlich stromabwärts in die Gebiete des Schwarzen Meeres expedieren; denn hier würden sie mit der Weile gar manches Unheil zu stiften beginnen, indem sie nun bei dieser besonderen Gelegenheit Meiner persönlichen Anwesenheit etwas wacher und sehender geworden sind. Im Meer werden sie nach etlichen hundert Jahren wohl ganz zu sich selbst kommen, und es wird dann mit ihnen schon etwas zu machen sein. Die leichten Nebelchen über den Friedhöfen aber enthalten ganz arme, kranke Seelen, die nach Heilung dürsten. Denen soll auch in dieser irdischen Nacht vom Mittwoch bis zum Donnerstag völlig geholfen werden. Ich will, dass sie sich uns nahen sollen. Und seht, sie fangen an, sich gegen uns her zu bewegen!“
RB|2|267|1|1|Wer Arme aufnimmt, nimmt Mich auf! Heilung und Tröstung bedürftiger Seelen. Die liebende Jungfrau.
RB|2|267|1|1|(Am 19. Okt. 1850)
RB|2|267|1|0|Spricht Robert: „Herr und Vater! Je mehr Gäste sich unter das Dach meines Hauses ziehen, desto größer wird meine Freude und Seligkeit. Aber nur möchte ich wieder wissen, wie die Seelen des Steierlandes mit mir in irgendeiner Entsprechungsverwandtschaft stehen? Sind das etwa auch Uraniden?“ – Sage Ich: „O nein! Das sind sie nicht und brauchen es auch nicht zu sein. Das sind Arme, und als solche stehen sie ja wohl am allernächsten. Auch hier gilt der Grundsatz: ‚Wer einen Armen aufnimmt in Meinem Namen, der nimmt Mich auf.‘ Ich meine, Bruder Robert, darin liegt wohl ein allermeister Hauptgrund, warum Ich es also zulasse, dass auch solche armen Seelchen in deinem großen Haus eine rechte Aufnahme finden sollen.“
RB|2|267|2|0|Sagt Robert: „O Herr und Vater! Dann nur alles, was da arm ist auf der Erde, in mein Haus – denn an Raum im selben fehlt es wahrlich nicht. Wenn in einem Haus Sonne, Mond und Sterne und die ganze Erde Platz haben, da können wohl gar viele Arme Platz finden und haben. Ja, wo Du, o Herr, Dich Selbst schon so lange fast ununterbrochen aufhältst, da hat die ganze Unendlichkeit Platz in Genüge.“
RB|2|267|3|0|Nach dieser guten Bemerkung Roberts kommen mehrere Tausende von armen Seelen und lagern sich in gedehnten Reihen um den Hügel und bitten um Hilfe und um eine rechte Genesung von ihren mannigfachen irdischen Übeln, die an der Haut ihrer Seele noch von der losen Welt her hängengeblieben sind. Diese Bitte wird auch alsogleich erhört und ins erwünschte Werk gesetzt. Sogleich bekommen diese Seelen ein ganz gutes Aussehen und werden mit weißen Kleidern angetan, wovon der männliche Teil grün verbrämt und der weibliche rot verbrämt erscheint.
RB|2|267|4|0|Nachdem die Armen alle so gut hergestellt sind, wird von uns aus ein Bote an sie gesandt mit der Weisung, sie alle auf die Höhe des Plabutschberges zu führen, allwo sie schon alles Nötige finden werden, als Milch, Brot und Wein. Denn solche schwachen Geister müssen zuvor mit der geistigen Milch gesättigt werden, damit sie aus solcher Kost so viel Kraft erlangen, um bald darauf Brot und Wein vertragen zu können. Der Bote aber ist einer der Einnehmer, der uns in Wien zuerst folgte. Er bringt sie alle in schnellster Bewegung auf die Höhe dieses vorbezeichneten Berges, wo die Armen alles in der reichsten Bereitschaft antreffen, was ihnen nottut.
RB|2|267|5|0|Als sie gesättigt sind, zum ersten Mal im Geistesleben, da können sie nicht danken genug, und wissen nicht, was alles für Liebes und Angenehmes sie dem Boten tun sollen. Dieser aber verweist sie gar sehr freundlich auf Mich, den alleinigen Geber aller guten Gaben und zeigt ihnen an, dass Ich Selbst sie bald besuchen werde und sie da mit ihren Augen zum ersten Mal Gott, den Herrn, ihren Schöpfer und Vater sehen und von Ihm Selbst für ewig werden gesegnet werden. Als sie das vernehmen, da ist es völlig aus vor Freude bei ihnen.
RB|2|267|6|0|Ein Wesen aber von ungewöhnlicher Schönheit, eine Jungfrau, wird ganz schwermütig, als sie die Nachricht von Mir erhält. Ihr Herz, das schon auf dieser Welt stets nach Mir gekehrt war, wird voll Feuer, und ihre Liebe zu Mir wird heftiger und heftiger, sodass sie sich nicht zu helfen weiß. In einem äußerst sanften Ton sagt sie zum Boten: „Edler Freund meines allergeliebtesten Jesus! Ich bitte dich, führe mich zu Ihm hin! Ich lebe nur für Ihn. Er allein ist mein alles, Er ist mein Gott, mein Vater, meine Liebe!!!“
RB|2|267|7|0|Sagt der Bote: „Meine allerschönste, teuerste Schwester! Siehe, ich bin nur ein Knecht des Herrn und darf nur das tun, was mir vom Herrn geboten wird. Aber ich kehre nun eben zu dem Herrn zurück und werde Ihm allerinständigst dein Anliegen vortragen. Sei ganz versichert, ich werde deiner nicht vergessen; denn du hast dich auch in mein Herz zu wundertief eingegraben, und ich weiß kaum, ob du daraus je wieder den Ausweg finden wirst; daher kann ich deiner ja unmöglich vergessen. Lebe wohl unterdessen, vielleicht sehen wir uns schon in wenigen Augenblicken wieder.“
RB|2|267|8|0|Hiermit verlässt der Bote die schwermütige Schönste und begibt sich zurück. Als er aber kaum den halben Berg herabkommt, sieht er sich um und sieht die Schwermütige ihm nahe an der Ferse folgen. Da bleibt er stehen und sagt: „Aber meine himmlisch Schönste, was tust du? Du weißt denn ja doch, dass ich nicht mehr tun darf, als wie weit mir ein Gebot gegeben ist. Warum verfolgst du mich denn?“ – Sagt sie: „O Freund! Hast du denn auch ein Gebot erhalten, mich auf meinem Weg aufzuhalten?“ – Sagt der Bote: „Nein, das gerade nicht.“ – Sagt sie: „Nun, so lasse mich gehen den süßen Weg meines Herzens!“
RB|2|267|9|1|(Am 21. Okt. 1850)
RB|2|267|9|0|Der Bote weiß auf diese Äußerung der schwermütigen Jungfrau nichts Weiteres mehr zu erwidern, sondern geht ganz naturmäßig seinen Weg weiter. Aber kaum ein paar hundert Schritte weiter, an der Stelle, wo es am halben Berg (der Höhe nach) auf dem gewöhnlichen Weg der Bewohner der Stadt durch den Steinbruch bei der ‚schönen Aussicht‘ heißt, komme Ich Selbst, und zwar diesmal ganz allein, dem Boten entgegen, der Mich denn auch gleich ersieht und erkennt und Mir auch sogleich seine Not mit der Schwermütigen klagt, die ihm nachgehe, obschon er es ihr gesagt hätte, dass er dafür kein Gebot erhalten habe, sie nach sich wandeln zu lassen.
RB|2|267|10|0|Ich aber sage: „Hat sie dir denn nicht gesagt, dass sie dir nachwandle den süßen Weg ihres Herzens? Sie liebt Mich über alles und möchte an deiner Seite desto eher dahin gelangen, wo Ich als der einzige Gegenstand ihrer Liebe Mich befinde. Das musst du in der Zukunft dir wohl recht sehr merken: Wo du solche Liebe findest, da darfst du ihr ja nie mehr den Weg zu Mir verwehren wollen! Denn wo solch eine Liebe in einem Herzen wohnt, da wohnt auch schon die Vollendung des Geistes. Wo aber ein Geist die Vollendung in sich trägt, da trägt er auch schon Mich in sich und kann ohne Furcht und Scheu sich Meiner eigentlichsten freien Wesenheit nahen. Wer selbst zum Feuer geworden ist, darf das Feuer nimmer fürchten. Wo ist nun die Geliebte Meines Herzens?“
RB|2|267|11|0|Sagt der Bote etwas betroffen: „O Herr! Etwa ein paar hundert Schritte hinter mir wird sie nun höchstwahrscheinlich klagen und weinen, weil sie sich denn doch nicht getraut hat, mir weiter zu folgen, obschon ich es ihr gerade weiter nicht mehr widerraten habe.“ – Sage Ich: „Ei, ei, Mein lieber Freund, das darfst du ja wohl nicht mehr tun! Siehe, die Arme leidet nun viel. Darum führe Mich ja augenblicklich zu ihr hin!“
RB|2|267|12|0|Sagt der Bote: „Wohl weißt Du, o Herr, wo die Arme, in der Liebe zu Dir beinahe sterbend, Deines Wortes: ‚Komme zu Mir Geliebte!‘, harrt, und hast noch nie eines Führers benötigt. Aber Du, o Herr, hast mir es nun befohlen, und so wage ich es also, zu tun, wie da lautet Dein heiligster Wille, von dem das Sein aller Wesen abhängt.“
RB|2|267|13|0|Nach diesen Worten geht der Bote voran, und Ich folge ihm, und in einigen irdischen Sekunden Zeit sind wir beide an Ort und Stelle. Da finden wir die Liebste auf ihren Knien, ihr himmlisch-schönes Antlitz nach oben gekehrt und mit gefalteten Händen schluchzend und weinend und dazwischen also betend: „O Du meine alleinige, ewige Liebe, Du mein Jesus, Du mein Gott und mein Herr! Wie lange schmachtet mein Herz schon nach Dir, und noch immer kann ich nicht zu der Gnade gelangen, nur eine Minute lang Dein heilig Angesicht zu schauen. Ich muss zwar gestehen, dass mir durch sicher schon mehr denn zwölf Jahre in dieser Geisterwelt nichts abgegangen ist. Ich hatte recht viele Freuden an den guten Seelen, die sich von mir über Dich, o mein Herr, und über Dein heiliges Wort haben belehren lassen. Alle diese meine geliebten Schüler sind mir nun auch gefolgt und harren bei etlichen Tausenden auf dieses Berges Höhe des Herrn. Alles, alles haben wir getan, was wir, o Gott, aus Deinem Wort nur immer entnehmen konnten, das uns zur Anschauung Deines Angesichtes bringen könnte. Im letzten Stadium unseres Seins in dieser Welt fingen wir sogar zu fasten und uns förmlich zu kasteien an, aus sicher purster Liebe zu Dir, die stets mehr und mehr unsere Sehnsucht nach Dir belebte. Aber es war bis jetzt alles vergebens. O Gott, o Vater! Zeige uns doch aus Deiner stets so überschwänglich großen Gnade, welche Sünden denn an uns und ganz besonders an mir noch kleben!
RB|2|267|14|0|Auf der Welt war ich in den etlichen letzten Jahren meines Lebens eine recht angesehene Frau, ward adelig, weil mein alter Gemahl adelig war, und genoss gar manche Auszeichnung. Aber ich habe mir darauf nie etwas eingebildet. Einem Lehrer meiner Tochter habe ich wohl ein ziemlich Unrecht angetan, das war ein grober Undank von mir; denn er war ja wie von Dir in der Zeit der größten Finsternis als ein Licht vom Himmel in mein Haus gesandt und lehrte mich durch Wort und durch gewählte, außerordentliche Lektüre, Dich, den heiligen Vater, in der Fülle der Wahrheit erkennen. Aber wie oft habe ich diesen Fehler bereut und beweint, wie oft heimlich auf der Erde noch und wie oft hier.
RB|2|267|15|0|Die Ewigkeit ist ja lang, o Herr; gib mir nur die Gnade und die Gelegenheit – ich will alle meine irdischen Fehler und Gebrechen in Deinem allerheiligsten Namen gutmachen. War ich auch auf der Erde leider keine Jungfrau, so bin ich es doch aber hier; denn bis jetzt hat mich noch kein menschlicher Geist anrühren dürfen. Meine Liebe zu Dir, o Vater, war meine stets mächtige Beschützerin! O du Bote, du harter Bote des Himmels, der du mich dir nicht folgen ließest, wann, wann wirst du wiederkehren und mir Nachricht bringen von Dem, den allein ich über alles liebe?! Du warst wohl sonst ein lieber Bote; aber hart, sehr hart warst du!“ – Nach diesen Worten fängt sie wieder an zu weinen und verhüllt sich das Gesicht mit ihren Händen.
RB|2|268|1|1|Die zwei Boten bei der neuen Maria. Gleichnis von den Kleingewächsen und der Eiche. Vom geistigen Zustand der Erde. Drohung mit dem Feuergericht.
RB|2|268|1|0|Ich aber trete nun zu ihr hin und sage: „Maria! Siehe der Bote ist schon wieder zurückgekehrt – darum weine nicht! Der Bote ist wohl genau, aber hart ist er nicht.“ – Hier tut sie schnell ihre Hände von ihrem Angesicht und erhebt sich vom Boden, uns beide etwas verwirrt ansehend. Nach einer kurzen Pause sagt sie ganz schüchtern: „Nun sind aber zwei Boten da; der welche bringt mir die süßeste Nachricht von Dem, den allein ich liebe über alles? Wo ist Er, der die Liebe Selbst ist? Wann werden meine Augen zur Anschauung Seines allerheiligsten Antlitzes gelangen?“
RB|2|268|2|0|Sage Ich: „Nur noch eine kleine Geduld, Meine geliebte Tochter! Siehe, der Herr ist wie ein recht kluger Gärtner, der die weniger schön geratenen Früchte von seinen Bäumen eher einliest und in seine Kammer legt, auf dass sie dort die Vollreife erlangen, die schönen Früchte aber länger am Baum hängen lässt, auf dass der Süßstoff in ihnen sich mehre und der Geist und das Leben reif werde in der Fülle in dem Keim, den das Samenkorn in sich birgt. So auch wird das Kleingras der Erde in kurzer Zeit reif, aber es dauert darum auch nur eine kurze Zeit. Wann dann kommen des Winters Fröste und gewaltige Stürme, da stirbt es bald und behält nur ein schwaches Leben in der von der Erde bedeckten Wurzel.
RB|2|268|3|0|Die Eiche aber braucht viele Jahre, bis sie ein Früchte zu tragen fähiger Baum ist. Ist sie aber einmal als ein fruchttragfähiger Baum in der Fülle wohlgereifter Kraft da, dann können Stürme und des Winters Fröste um sie toben mit all ihrer Gewalt, so trotzt sie ihnen wie mit eherner Brust und lacht über solch Toben und Wüten. Und siehe, so bist auch du nun durch ein etwas längeres Harren zu einer vollreifen Frucht und zu einer Eiche geworden, und es wird dir nun ein Leichtes sein, die Nähe Gottes zu ertragen, die niemand ertragen kann, so er nicht zuvor in sich den göttlichen Geist vollends Gott in allem ähnlich gemacht hat auf den von Gott Selbst gezeigten Wegen, die du wohl kennst. Du hast es aber nun dahin gebracht, bist mächtig geworden in der Liebe und bist auf diese Art eben vollreif geworden im Geist der Liebe zu Gott. Und deshalb sind wir beide denn auch zu dir hierher geeilt, um dich als eine köstliche Frucht einzulesen für die Speisekammer des Herrn. Aber jetzt wollen wir noch eher auf die Höhe zu deinen Jüngern und Jüngerinnen gehen und wollen ihnen eine frohe Botschaft bringen.“
RB|2|268|4|0|Spricht die Maria: „O lieber Freund! Deine Stimme klingt unnennbar lieblich und Deine Weisheit durchleuchtet wie eine Sonne alle meine Irrsale. Wahrlich, o Du himmlischer Freund, Du allein wärst fähig, mir auf noch zwölf Jahre und vielleicht auf noch länger die Verzichtleistung auf den Anblick meines Herrn Jesu Christi erträglich zu machen. Denn wahrlich wahr, weiser und angenehmer und stärkender und belebender kann ja doch schon fast unmöglich der Herr Selbst reden. O nur gar so himmlisch gut, sanft und lieb siehst Du aus! Möchtest Du es mir denn nicht gestatten, dass ich Dich anrührte? Mich drängt es allergewaltigst danach!“
RB|2|268|5|0|Sage Ich: „Nun, so komme her und lasse dich von Mir auf die Höhe geleiten! Bei dieser Gelegenheit wirst du Mich wohl anrühren können. Meinst du denn, dass du Mir etwa minder angenehm bist, als Ich dir? O denke dir nur so was nicht! Denn viel eher, als du Mich geliebt hast, liebte Ich dich mit aller Lebensglut Meines Herzens! Aber hier ist der Ort nicht, um dir ganz förmlich alle Seiten Meiner Liebe darzutun. Auf der Höhe werden wir uns erst näher kennenlernen und uns auch unsere gegenseitige Liebe ganz eingestehen.“
RB|2|268|6|0|Sie tritt nun zu Mir, ganz zerknirscht vor Liebe, ohne zu wissen, dass Ich eigentlich schon der Rechte bin. Als sie Meinen Arm berührt, da sinkt sie vor Wonne beinahe zusammen und sagt: „Freund, lasse ab von mir! Ich bin viel zu schwach, um Deiner Liebe zu widerstehen. Du könntest mir noch alle Liebe zu Jesu dem Herrn nehmen und an Dein Wesen hinziehen.“ – Sage Ich: „Das macht nichts. Ich und der Herr werden uns deinetwegen schon aufs Beste ausgleichen.“
RB|2|268|7|0|Sagt sie: „Ja, ja, ach ja wohl wirst Du das tun können; aber meinem Herzen kann es am Ende dennoch nicht gleichgültig sein, ob ich den Herrn Selbst oder nur einen Seiner zahllos vielen, großen Freunde liebe. Und doch kommt es mir nun schon so vor, dass ich außer Dir beinahe kein Wesen mehr lieben könnte. Ich balge mein Herz zu einem Knäuel zusammen, ich zwinge und drücke es zu Gott hin, und ich finde da nirgends einen Grund. Meine Liebe verliert sich mehr und mehr im Unendlichen; ja ich kann mich nun, seit ich bei Dir bin, im Herzen noch so zwängen zu Gott hin, so erglüht es dennoch nicht; denn alle Glut geht nun auf Dich über! Ich will Dich ja nicht lieben; Gott nur will und muss ich lieben. Aber je mehr ich mich bestrebe, Dich nicht zu lieben, desto glühender wird mein Herz für Dich. Ja, ja, mag Gott mit mir machen, was Er will; ich kann ja nicht dafür, dass mein Herz so gewaltig nur allein mehr für Dich erglüht. O Du himmlischer Freund! Sage doch, wie es denn ist, dass ich Dich gar so lieben muss. Stets mehr und mehr fühle ich es, dass Du allein mir alles in allem wirst und nun schon bist. O was wird aus solcher Liebe werden?!“
RB|2|268|8|0|Sage Ich: „Sei nur ruhig und kümmere dich nicht, wie und wen du nun liebst! Es genüge dir, dass deine Liebe rein und gut ist. Jede Liebe aber, die an und für sich rein ist, kann nicht anders als nur gut sein. Rein aber ist die Liebe, so sie nichts von einer Selbstliebe in sich hat. Kommt aber zur reinen Liebe nur etwas weniges Selbstliebe, so durchsäuert diese leider allzeit nur zu bald die reine Liebe und macht aus ihr dann einen Sauerteig der Pharisäer, welcher da ist ein sehr elender Lebensgrund, oft schlechter als gar keiner.
RB|2|268|9|0|Und siehe, du Meine geliebte Maria, von solch einem Sauerteig ist nun die ganze Erde voll. Aus ihm entstehen lauter böse Geschwüre und Beulen, aus deren Eiter nichts als schändliches Fressgewürm sich erzeugt, oft Polypen mit tausend Saugrüsseln. Darum siehe dich nur ein wenig um und du wirst Trillionen Feuergeister entdecken, die mit aller Gewalt kaum zurückgehalten werden, diese Erde samt allem, was in ihr, auf ihr und über ihr sich befindet, mit aller Macht ihres nicht ungerechten Grimmes in Asche und Staub zu verwandeln.
RB|2|268|10|0|Bei den Menschen ist keine Beständigkeit mehr. Sie sind alle zu einem Sauerteig der Pharisäer geworden. Ihre Herzen sind kalt und finster geworden, weil aus dem gärenden Sauerteig ihrer Herzen sich eine böse Luft entwickelt hat, die da alles Leben erdrückt, d. h. alles wahre Leben in Gott. Aber Ich sage dir, es wird nun auch Gott dem Herrn Selbst die Geduld bald zu kurz werden.
RB|2|268|11|0|Nur einige höchst wenige trägt die Erde noch, um deren willen Gott nun auf eine Zeit lang der gänzlichen Zerstörung dieser Erde vorbeugen will und wird. Wie aber diese entweder von der Erde in Gottes Freundlichkeit abgehen oder am Ende selbst zum Sauerteig werden, was Gott nun gar nicht voraussehen will, so wird die Erde den Feuergeistern übergeben, und sie sollen dann mit dieser Sündenträgerin tun, was sie nur immer wollen.
RB|2|268|12|0|Aus dem Staub dieser Sündenmutter aber soll dann ewig kein mitzerstörter Geist jewann mehr zum Leben erstehen. Der Wucher und die Besteuerung haben nun beinahe auf der ganzen Erde eine solche Höhe erreicht, dass es beinahe zur Unmöglichkeit wird, dass die arme Menschheit, die bisher noch immer eine wahre Stellvertreterin Gottes war und das eigentliche Volk Gottes auf der Erde ausmachte, mehr bestehen kann. Gott gab der Erde gute Jahre. Die Reichen aber machten sie durch ihren Wuchergeist zu schlechten und trieben mit den Nährmitteln schändlichen Wucher, und die Armen mussten im Elend schmachten.
RB|2|268|13|0|Ich aber werde nun eine magere Zeit über die Erde kommen lassen, auf dass die Armen von der Erde sterben sollen. Gott wird es aber wohl merken, was da die Reichen tun werden. Werden sie sich der Armut annehmen und den Wucher einstellen, dann sollen auch die Gerichte aufgehalten werden, und der Erde wieder gute Zeiten gegeben werden. Im Gegenfall aber soll alles ins Verderben gestürzt werden, denn es ist auch schon die Erde selbst zu einem Sauerteig geworden.
RB|2|268|14|0|Wahrlich, Ich befinde Mich nun wirkend auf außerordentlichen Wegen und bekomme von Tag zu Tag mehr Ekel an den Fleischmenschen dieser Erde, und an dieser Erde selbst. Heute ist der Erde Donnerstag. Bis zum Samstag in die Nacht nur werde Ich Mich mehr auf diesem Sündenboden aufhalten und bis dahin noch heilen und annehmen, was zu heilen und anzunehmen ist. Nach Meinem schnellen Abzug aber übergebe Ich diesen finsteren Boden Meinen mächtigen Friedensgeistern, und sie sollen darauf handeln nach ihrem Gutdünken.
RB|2|268|15|0|Nun wirst du wohl einsehen, was für ein Unterschied da ist zwischen der reinen und somit guten, und zwischen der unreinen und somit schlechten Liebe. Ich aber sagte dir und sage es dir nun wieder, dass deine Liebe zu Mir rein und gut ist, weil du Mich Meiner Selbst willen liebst. Daher ist deine Liebe denn auch gerecht vor Gott und Gott überaus angenehm; denn so soll jede rechte Liebe geartet sein und soll nicht sein gleich einem Sauerteig der Pharisäer.
RB|2|268|16|0|Wir sind nun bei dieser Gelegenheit aber auch auf die Höhe dieses Berges gelangt. Und siehe, dort vorne unter den Bäumen lagern deine Jünger und Jüngerinnen. Gehe hin und sage ihnen, dass Ich und der frühere Bote da seien, um sie vollends zu erheben zum ewigen Leben infolge der puren Gnade des Herrn!“
RB|2|269|1|1|Vom argen Wucher mit Lebensmitteln. Der Herr enthüllt Sich der Liebenden. Das blinde Herz ist verständiger als der gebildete Verstand. Große Segnung am Berg.
RB|2|269|1|0|Sagt die Maria: „O Freund! Du musst schon ein ungeheuer mächtiger Freund des Herrn sein, dass dir eine solche Gewalt eingeräumt ist! Auch ist deine Art zu reden und zu belehren ganz die des Herrn; nur kommst du mir etwas strenger vor, als es der Herr Selbst sein dürfte. Der sonach mit dir gut abkommt, der kommt sicher auch mit dem Herrn gut ab. Aber so streng und genau scheinst du mir denn doch wieder nicht zu sein, als wie streng da ist dein Freund, der mich ehedem ihm gar nicht folgen ließ, weil er dazu kein Gebot erhielt.“
RB|2|269|2|0|Sage Ich: „Woher hältst du Mich denn für strenger als den Herrn Selbst?“ – Sagt die Maria: „Weil Du gewisserart ein ordentliches Vergnügen zu haben scheinst, die ganze Erde in Kürze in Staub und Asche vor Dir zu sehen. Strafe die reichen Wucherer und hilf im Namen des Herrn den Armen, und die Erde wird wieder gut sich gestalten.“ – Sage Ich: „Ja, ja, also wird es auch geschehen; du sollst recht haben! Diesmal wird über die Wucherer ein Gericht ergehen. Diese Erdmäuse und Maulwürfe der Erde sollen alle durch eine Flut des Gotteszornes, der über sie ausgegossen wird, ersäuft werden, inmitten ihrer betrügerischen, nächtlichen Machinationen.
RB|2|269|3|0|O du, Meine Geliebte! Ich vernehme gar wohl die Klagen und das Weinen der Armut. Ich sehe, wie der Bäcker und der Müller geheim um vieles wohlfeileres Getreide aus dem benachbarten Land an sich kaufen und deshalb aber dennoch ihr Brot nicht um ein Lot ergiebiger machen. Ich sehe, wie die allerungewissenhaftesten Fleischer dem Landmann das Schlachtvieh bis zu einem Spottpreis herabdrücken und beim Kauf sich in einem Tag tausendmal selbst verdammen und verfluchen, so sie einen Kreuzer gewännen. Ja, sie stellen sich, als ob sie schon am nächsten Tag zu Bettlern würden. Sie bitten auch den Verkäufer um etwas Essen, indem sie nicht so viel gewännen, um sich einen Löffel Suppe kaufen zu können. Sie kaufen den Ochsen nicht selten um einen solchen Preis, dass ihnen das Pfund Fleisch nicht höher als auf vier, höchstens fünf Kreuzer zu stehen kommen kann und verkaufen nachher in der Stadt, wo die Armut am größten ist, das Pfund um zwölf Kreuzer. Meine liebe Maria, das ist ein himmelschreiender Wucher. Und siehe, so tun nun fast alle, die nun mit Lebensmitteln handeln.
RB|2|269|4|0|Andere Reiche, die sonst noch die Armen und Dürftigen unterstützten, ziehen sich auch mehr und mehr zurück und suchen sich einzuschränken, so viel sie das nur immer können. Aber alle diese leben gut; nur die Armen müssen all das Elend, das rein nur die Wucherer erzeugen, zehnfach empfinden. Sieh, das wird den lange schlafenden Zorn Gottes in der Kürze erwecken und ein namenloses Gericht über alle Wechsler, Mäkler, Holz- und Nährmittelwucherer und auch über alle Reichen, die über die Not und Gebühr sich vor ihren armen Brüdern einschränken oder ihnen gar ihr Herz und Haus gänzlich verschließen. Ich sage dir, diesmal soll es also kommen, dass die Armen Gott preisen werden, und die Reichen aber fluchen allem, das ihnen entgegenkommen wird; aber das wird ihnen nichts helfen!“
RB|2|269|5|0|Sagt die Maria: „Aber liebster Freund! Woher weißt du denn das so genau und sogar auch das, was der Herr tun wird? Bist du denn gar so erfüllt von dem Geist Gottes, dass du alles das geradeso weißt, als wenn du der Herr Selbst wärst?“ – Sage Ich: „Nun, nun, jetzt gehe nur hin zu deinen Jüngern und berufe sie hierher, auf dass wir mit ihnen einmal in die volle Ordnung kommen.“
RB|2|269|6|0|Nun geht die Maria hin und beruft die vielen Jünger, sagend: „Meine lieben Brüder und Schwestern! Der Herr hat unser Flehen erhört und hat Boten aus den Himmeln an uns gesandt, auf dass sie uns weiter hinführen möchten in die Gefilde des Lichtes, des Lebens und der Wahrheit in Gott, der das ewige Endziel aller unserer Bestrebungen und Mühen ist und unsere Liebe für ewig! Erhebt euch alle und zieht mit mir hin zu den zwei Boten!“
RB|2|269|7|0|Alles frohlockt und zieht in guter Ordnung hin zu Mir und stellt sich in einem weiten Kreis in siebenfacher Reihe auf. – Die Maria aber kommt wieder zu Mir und sagt: „Freund, siehe, da sind alle, und es ist meines Wissens niemand darunter, der da nicht angetan wäre mit einem hochzeitlichen Gewand, und alle fühlen und denken so wie ich. So gut ich es verstand, habe ich sie auch unterrichtet und geführt bis hierher. Sie weiter zu führen wäre mir unmöglich, da mir fernerhin kein Weg mehr bekannt ist. Du bist erfüllt von der Liebe und der Kraft des Herrn so, dass mich die Liebe zu dir verzehrt. O so lasse uns auch von der Überfülle der Liebe des Herrn zu Seinen Kindern, die du in überschwänglicher Fülle in dir birgst, in gnädigem Maß zukommen und enthülle uns den heiligen Willen des Herrn, auf dass wir wissen und erkennen möchten, was uns für fernerhin zu tun übrigbleiben wird.“
RB|2|269|8|0|Sage Ich: „Meine Liebe! Die Zeit drängt. Der Donnerstag geht zu Ende; denn der Erde Sonne hat schon lange den abendlichen Horizont verlassen. Daher werde Ich euch auch in aller Kürze dartun, woran ihr seid und was künftighin euer Geschäft sein wird. Und so hört Mich denn:
RB|2|269|9|0|Der Herr, den du so sehr liebst, der nun dein alles ist, den zu lieben aber du dich nun zwingen musst, weil dein Herz Mich erfasst hat und Mich auch nimmer auslassen will und kann, bin eben – Ich Selbst! (Hier sinkt die Maria auf ihre Knie.) Und euer Geschäft ist, dass ihr Mir nun folgt auf jenen Hügel dort nach Osten, allwo viele unser harren. Dort werdet ihr gesegnet und gestärkt werden mit Meiner Liebe, Gnade, Kraft und Macht!“
RB|2|269|10|1|(Am 24. Okt. 1850)
RB|2|269|10|0|Nach diesen Meinen Worten erholt sich die Maria ein wenig, richtet ihr Haupt empor und sagt mit liebegebrochenem Herzen: „Herr! Herr! Mein Gott, mein Vater! Jetzt erst begreife ich es, warum mein Herz nur für Dich also glühend ward. Und als ich mittelst meines Verstandes mich bemühte, das Herz zu Gott hin zu wenden, so war das Herz in sich verständiger als meine Sehe und wollte von Dir nimmer ablassen. O darum sollen die Menschen auch stets mehr auf die rechte Bildung ihres Herzens als auf die ihres Verstandes halten. Denn so das Herz in seiner Blindheit schon mehr sieht, als der gebildetste Verstand mit offenen Augen am hellen Mittag – was würde dann erst ein wohlgebildetes Herz alles zu schauen imstande sein! O Herr, Du ewige Liebe, Du Liebe der Liebe meines Herzens! Vergib es der großen Blindheit meines Verstandes, dass ich Dich nicht erkannt habe mit meiner Sehe, da Dich doch mein blindes Herz so leicht und so bald erkannt hat, als es Deine Nähe gewahrte!“
RB|2|269|11|0|Sage Ich: „Sei nur ruhig, Meine liebe Maria! Es ist nun schon alles in der besten und schönsten Ordnung. Stehe aber auf und sage deinen Jüngern, dass sie uns folgen sollen.“ – Maria erhebt sich nun sogleich mit dem von aller Freude und Liebe erfülltesten Herzen und gibt Meinen Willen schnell ihren Jüngern kund. Diese fallen alle auf ihre Angesichter und erheben ein starkes Lobgeschrei. – Die Maria aber redet sie sehr weise an und sie horchen auf ihre Stimme, erheben sich vom Boden und sagen: „Heiliger Vater! Sieh uns gnädig an und nimm uns als die allergeringsten Deiner Diener auf!“
RB|2|269|12|0|Sage Ich: „Aller und jeder Friede sei mit euch! Eure Sorge ruht auf Meinen Schultern und Meine Gnade und Liebe sei euer Leben ewig! Das aber sei euer Geschäft, dass ihr Mich liebt und alle eure Brüder und Schwestern wie euch selbst! Denn Mein Gesetz für die Erde ist auch ein Gesetz für alle Himmel! Nun aber folgt Mir, ihr wisst schon wohin!“
RB|2|269|13|0|Nun erheben sich alle und folgen Mir. In wenigen Minuten sind wir an dem bekannten Punkt und werden von allen hoch begrüßt. Als wir alle am Reinerkogel uns befinden und diesen Punkt nun freilich bis in die Ebene herab einnehmen, segne Ich alle diese Neugewonnenen und lasse durch Robert ihnen das wahrhaftige Brot und den wahren Wein aus den Himmeln verabreichen. Alles, was nun mit Mir auf dieser Höhe sich befindet, wird nun sehr rührig und bedient diese neuen Ankömmlinge.
RB|2|269|14|0|Als alle gesättigt sind, da erheben sie wieder einen Lob- und Dankgesang, der sich bis zum Aufgang des Freitages erhält. Beim Aufgang der irdischen Sonne aber versinken alle die Neuangekommenen in eine tiefe Andacht und beten zu Mir in der Tiefe ihrer Herzen und hören mit diesem schönen Beten erst gegen Mittag auf, in welcher Zeit eine beinahe zahllose Menge von lauter Mönchen aller Art von allen Seiten her sich dem Hügel zu nahen beginnt.
RB|2|270|1|1|Große Scharen finsterer Mönchsgeister. Auseinandersetzung über die Dreieinigkeit.
RB|2|270|1|0|Hier fragt Mich die fest neben Mir im bekannten Baumrondo sich befindende Maria, was denn nun dies bedeute und wer diese zahllos vielen schwarzen Wesen seien. – Ich aber sage ihr: „Weißt du denn nicht, wie geschrieben steht: ‚Wo das Aas ist, da auch sammeln sich die Adler!‘ Denn diese suchen in Mir nicht, was du gesucht hast. Sie wissen aber, dass Ich hier bin, aber für sie bin Ich nicht, was Ich für dich bin. Für diese bin Ich gerade das Gegenteil! Ich bin ihnen ein Widerchrist, ein Oberster aller Ketzerei; daher suchen sie Mich zu umringen und, so es möglich wäre, gänzlich zu verderben. Ich wäre ihnen also ein wohlschmeckendes Aas für den bösen Magen ihres Grimmes und ihrer Herrschwut.
RB|2|270|2|0|Aber es ist schon gesorgt für ihre Unterkunft. Sieh empor, und du wirst große, mächtige Scharen entdecken. Das sind die Friedensengel! Diese werden diese schwarze Brut fangen, knebeln und binden und ihre Wut sehr abkühlen. O das ist eine böse, verstockte Rotte! Diese muss erst ganz zur Ruhe gewiesen werden. Bei der werden noch gar viele Jahrhunderte vonnöten sein, bis es unter ihrem Dach zu dämmern anfangen wird. Fürchte dich aber nicht, sie werden uns nicht in die Nähe zu kommen imstande sein!“
RB|2|270|3|0|Sagt die Maria: „O Herr! O Vater! Es werden ihrer ja von Minute zu Minute mehr! Das Firmament wird schon ganz dunkel. Von der irdischen Sonne ist keine Spur mehr zu gewahren, und noch [dazu] steigen von allen Seiten gleich unheilschwere Gewitterwolken auf. Man kann ja beinahe keine Gestalt mehr ausnehmen. Wie viele Trillionen mögen ihrer denn sein?“ -
RB|2|270|4|0|Sage Ich: „O was fällt dir ein! Trillionen?! Wann die ganze Erde zu Menschen umgestaltet würde, so gäbe das erst kaum deine große Zahl ab. Dass hier zwar sehr viele böse Geister beisammen sind, ist allerdings wahr; aber wo sind die Trillionen, und wo ist dagegen dieser Argen ihre ungeheuer kleine Zahl von etlichen Siebzigtausend? Über ihnen aber stehen wohl über eine Million Friedensgeister, die mit diesem Gesindel in einigen Erdtagen vollends in der Ordnung sein werden. Die Friedensgeister könnten zwar auch in einem Augenblick mit diesem Gesindel fertig werden; aber das darf wegen der Ordnung nicht geschehen, der zufolge jeder Geist, mag er gut oder böse sein, im Gebrauch seines freien Willens nicht gehemmt werden darf.
RB|2|270|5|0|Es gibt viele unter diesen Geistern, die etwas besser sind als die größere Zahl, und die nur so mehr im allgemeinen Schwall mitgerissen wurden – wie es auch bei Aufständen auf der Erde zu sein und zu geschehen pflegt, wo auch in einem aufständischen Haufen, so er aus tausend Köpfen besteht, es sicher wenigstens vierhundert darunter gibt, die durchaus keine Absicht haben, etwas Arges zu tun. Dieser also nicht gar sehr bösgesinnten Geister wegen, da sie noch geeignet sind, irgendeine Belehrung anzunehmen, muss die Gefangennehmung der eigentlich Argen nicht auf einmal, sondern nur sukzessive geschehen und wird daher sicherlich auch für die Erdmenschen in Gestalt von Wolken, Schnee und Regen wohl einige Tage andauern. Die Allerärgsten werden freilich wohl beinahe auf einmal zusammengepackt werden, aber mit den weniger Argen wird es dann schon weiliger (langsamer) vor sich gegangen werden.
RB|2|270|6|0|Da siehe hin gen Mittag! Drei Abgeordnete kommen zu uns! Es sind drei alte Karmeliter. Wir werden sehen, was die von uns begehren werden. Aber das merkt euch: Außer Mir, Paulus, Johannes und Petrus, die hier neben Mir stehen, darf niemand ein Wort mit ihnen verlieren, weil da noch niemand so stark ist, dass er es aushielte vor diesen; eher vor dem Satan, als vor diesen – weil der Satan schon oft bitterst gewitzigt wurde, diese aber nie. Sie werden sehr weise tun; aber wir haben für ihre Hacke schon einen rechten Stiel. Sie sind uns schon ganz nahe. Daher heißt es sich nun zusammenfassen!“
RB|2|270|7|0|In diesem Augenblick stellen sich die drei ganz keck vor Mich hin und fragen Mich mit höhnendem Ton, wer Ich wäre. – Ich aber entgegne ihnen: „Ich bin gerade das, was ihr nicht seid. Nun aber frage Ich euch, wer ihr seid und was ihr so kecken und frechen Willens hier sucht und wollt?“ – Sagen die drei: „Wir sind hier zu erforschen, welcher Religion du bist und dein ganzes Gesindel zusammen. Und somit stellen wir die Frage, ob du an einen dreieinigen Gott glaubst und an Seine alleinseligmachende, heilige, apostolische und somit katholische Kirche unter dem Oberhaupt, dem römischen Papst?“
RB|2|270|8|0|Sage Ich: „Was ist das – der dreieinige Gott?“ – Sagen die drei: „So du das nicht weißt, so ist es mit dir eo ipso schon gar. Weißt du denn nicht, dass Gott aus drei Personen besteht!? Nämlich aus dem Vater, aus dem Sohn und aus dem aus beiden zugleich hervorgehenden Heiligen Geist?“ – Sage Ich: „O ja, das weiß Ich wohl, dass ihr solchen Glaubens seid. Ich und diese alle aber halten gerade das Gegenteil für die Wahrheit. Wir halten dafür, wie es auch ist, dass Gott nur eine einzige Person ist, welche Person aber in Sich Selbst eigentlich sozusagen aus drei Göttern besteht. Tres in unum!“ – Schreien die drei: „Ketzer, Ketzer, Ketzer!!!“
RB|2|270|9|1|(Am 26. Okt. 1850)
RB|2|270|9|0|Sage Ich: „Warum soll denn das eine Ketzerei sein? Ist ja doch der Mensch selbst, als nach dem Ebenmaß Gottes geschaffen, eine solche Dreieinigkeit in einer und derselben Person. Hat er nicht einen Leib, der da ausmacht seine äußere Form; eine Seele, die diese Form und deren Organismus belebt, und endlich in der Seele einen göttlichen Geist, der der Seele gibt den Verstand, den Willen und jegliche Kraft? Würdet ihr es nicht dumm finden und die Sache als eine allerkrasseste Narrheit bezeichnen, so da herkämen drei Menschen und würden vor euch auf Leben und Tod behaupten, dass sie ganz vollkommen nur ein Mensch seien, obschon ein jeder aus ihnen eine ganz seinen Talenten entsprechende eigentümliche Verrichtung vollzöge, von welcher der zweite und der dritte keine besondere Kenntnis hätte und auch die Fähigkeit nicht, sie zu vollziehen in irgendeiner Tat? So ihr aber eine solche Behauptung von Seiten dreier bornierter Menschen als im höchsten Grad dumm finden müsstet, wie kommt es hernach, dass ihr eine solche allerschreiendste Torheit der unendlich weisen Gottheit aufbürdet? Würde euch nicht sogar das Tierreich auslachen und als Wahnsinnige aller Wahnsinnigen erklären, so ihr die Gottheit, vorausgesetzt dass ihr an eine glaubtet, des Wahnsinnes und der Torheit verdächtigen möchtet mit Worten und Lehren?
RB|2|270|10|0|Wie ist es aber, so ihr sagt und lehrt: ‚Gott ist die höchste und tiefste Weisheit Selbst‘ – stellt aber Seine Wesenheit unter dem Bild des allerdicksten Wahnsinns euren Jüngern und euch selbst vor und macht auf diese Weise aus der Gottheit ein derartiges Unding, an das wohl nur die Blindheit der Wiege glauben kann; jedem Denker muss es aber in kurzer Zeit zum barsten Ekel werden.
RB|2|270|11|0|Was seid aber dann ihr, frage Ich, die ihr also eure Glaubensgenossen die Gottheit erkennen lehrt, wie Sie ewig nie bestanden ist und auch ewig nie bestehen wird? Seht, gerade ihr selbst seid dadurch die ärgsten Gottesleugner! Denn der mit Feuer und Schwert einen Gott lehrt, wie es nie einen Gott geben kann, und hindert gewaltsam Millionen an der rechten Erkenntnis Gottes, der ist kein Diener im Weinberg Gottes, sondern nur ein feiler Knecht Satans und hilft ihm verderben die grünen Saaten und bereiten Stoppelfelder und Wüsten, auf denen nichts denn Dornen und Disteln vorkommen.
RB|2|270|12|0|Wer aus euch hat je Gott gesehen und mit Ihm gesprochen? Oder wer aus euch kann mit gutem Gewissen sagen, dass er von Gott belehrt worden sei? Ja, ihr habt wohl das Wort Gottes gelesen, habt es aber verdreht und daraus gemacht, was ihr gewollt habt, dass es dann taugte für euren unersättlichen Geldbeutel – und das ist nun eure Nacht. Judas verriet nur einmal den Herrn, weil er sich vom Satan hatte überwältigen lassen, und dieser fuhr in seinen Bauch und tötete ihn. Ich aber frage euch: Ein wie großer Heiliger ist wohl Judas euch gegenüber, die ihr Gott tagtäglich vor aller Welt hundertmal verrietet und verleugnetet? Ihr alle habt den Judas in die Hölle gesetzt, der Mich doch nur einmal verriet und bald darauf die brennendste Reue empfand. Wohin soll Ich denn euch dann setzen, ihr Millionenverräter Gottes? Ihr hießet Mich einen Ketzer, wer seid denn dann ihr millionenfachen Gottesverräter und Gottesleugner? Was wollt ihr hier?“
RB|2|270|13|0|Auf diese Meine Rede fangen die drei sehr zu stutzen an und keiner weiß dem andern Bescheid zu geben. Sie betrachten Mich vom Kopf bis zur kleinen Zehe und kennen sich nicht aus und wissen nicht, was sie aus Mir machen sollen; denn Meine Worte kommen ihnen vor wie glühende Pfeile, und sie erkennen darinnen die tiefe Weisheit.
RB|2|271|1|1|Die drei Sendlinge erwachen. Drei Doktoren der Theologie werden scharf zurechtgewiesen und bekommen eine Probearbeit.
RB|2|271|1|0|Es kommen aber in diesem Moment noch drei andere Geister zu diesen und fragen diese, was sie denn so lange hier machten.
RB|2|271|2|0|Die drei ersten aber sagen: „Wir behorchten die Weisheit dieses vor uns stehenden Mannes. Seine Worte drangen wie glühende Pfeile in unsere Herzen und wir erkennen, dass in diesem Mann die Wahrheit ist, bei der wir verbleiben wollen. Ihr mögt tun, was ihr wollt; wir aber werden bleiben bei und in dieser Wahrheit.“ – Die anderen drei aber fragen: „Wie lautet denn diese?“ – Und die ersten drei sagen: „Hier steht Er vor euch, der die Wahrheit also geredet hat! Wir sind nicht berufen, sie euch zu verkünden. Fragt Ihn darum!“
RB|2|271|3|0|Die drei Neuangelangten wenden sich an Mich und sagen: „Wie lautet denn hernach Deine Wahrheit, von der diese unsere drei Brüder gar so durchdrungen sind?“ – Sage Ich: „Es heißt in der Schrift: ‚Jetzt ergeht das Gericht über die Welt, und der Fürst dieser Welt wird ausgestoßen werden!‘ Versteht ihr diese Worte?“
RB|2|271|4|0|Sagen die drei: „Was gehen uns die Fürsten der Welt mehr an? Wir sind Geister und haben mit der dummen Welt nichts mehr zu tun. Ein Fürst oder tausend Fürsten der Welt können alle Tage gerichtet werden, das ist uns gleich. Wir haben erst dann mit ihnen so manches zu tun, so sie in unser Reich kommen. Wir wollten nur jene Wahrheit aus Deinem Mund erfahren, die Du unseren drei Brüdern kundgetan hast. Bibeltexte kennen wir selbst genug und verstehen sie auch, da wir Doktoren der Theologie sind.“
RB|2|271|5|0|Sage Ich: „Verstündet ihr die Schrift nach der Wahrheit, so würdet ihr Mich erkennen, denn Ich Selbst bin die Wahrheit und das Leben aus der Wahrheit. Aber da in euch keine Wahrheit ist, so erkennt ihr Mich auch nicht und würdet daher auch nicht fassen, was Ich euch enthüllte aus der Wahrheit. Ihr selbst aber seid eben des Fürsten der Welt, des Vaters der Lüge, des Betruges und des Hochmutes. Über diesen Fürsten und über alle seines Hauses aber ist gekommen und kommt noch stets ein Gericht. Daher ist denn auch ein jeder, der in seinem Herzen der Welt dient, in ihrem Gericht und wird hinausgestoßen werden in die äußerste Finsternis.
RB|2|271|6|0|Entfernt euch daher, ihr Kinder der Welt, von Mir und sucht euch euren Gott, dem ihr gedient habt mit Leib, Seele und Geist! Denn für Mich seid ihr Fremde und Ich habe euch noch nie erkannt. Ihr wart Diener ums Geld; auch nicht drei Worte habt ihr je gebetet aus innerem Antrieb der Liebe zu Gott. Jedes Paternoster musste euch bezahlt werden. Und jedes Begräbnis als ein sein-sollender Liebesdienst an einem Bruder musste euch teuer bezahlt werden, und jede Messe, die ihr für den höchsten und Gott wohlgefälligsten Dienst hieltet und jedermann das zu glauben und zu halten mit Feuer und Schwert aufdranget, musste euch klassenmäßig sogar teuer bezahlt werden. Dadurch aber habt ihr euch schon lange selbst euren Lohn genommen und habt sonach hier keinen mehr zu erwarten! Entfernt euch daher! Meine Zeit geht auf die Neige für diese Welt, denn sie achtet nicht auf Meine Stimme mehr, und Meine Knechte sind ihr eine Last und ein Dorn im Auge geworden und die Welt möchte sie weit entfernt von sich wissen!
RB|2|271|7|0|O Meine auf der Welt armen Brüder! Klagt nicht! Die Zeit ist gekommen zu eurem und Meinem Jubel. Von nun an sollt ihr auch auf der Erde reich werden an allem. Dafür aber werden arm werden die harten Reichen! Und so sie dann eine große Klage und ein starkes Geheul erheben werden, da werde Ich sie nicht anhören. Und so sie kommen werden zu Meinen Knechten, da werden diese sagen: ‚Was sind wir euch schuldig?‘ Und die Klagenden werden sagen: ‚Dies und jenes!‘ Da werden ihnen Meine Knechte bezahlen die Schuld und dann hinter sich verschließen die Türe, durch die dann niemand hineingelassen wird; denn die Türe in die Wohnung Meiner Knechte ist auch zugleich eine Pforte in Mein Reich!
RB|2|271|8|0|Wahrlich sage Ich euch: Vor den Fremden werden sie die Wohnung offen halten, aber vor den heimischen Brüdern wird sie verschlossen sein! Ihr seid auch die Heimischen, aber die Pforte wird euch nicht aufgetan werden; denn ihr habt euch allzeit nur um das gesorgt, was der Welt war und noch ist. Das Reich Gottes war für euch nichts. Darum lebt denn nun auch von dem, was euch die Welt bietet. Große Kapitalien Geldes habt ihr euch gesammelt, und eure Sorge war, diese stets zu vergrößern. Gings mit den Kursen und Zinsen irgendwo nicht nach Wunsch, so habt ihr Zeter geschrien, euch beschränkt und alle eure ohnehin mageren Wohltaten an die Armen eingestellt, und habt dann strenge Buße gepredigt, und die Gläubigen zu reichen Opfern aufgefordert, und eure gläubigen Schuldner mit Exekutionen überhäuft.
RB|2|271|9|0|Eure Sorge war daher ganz nur die Welt. Sie soll euch den Lohn geben, den ihr euch dort zu bereiten strebtet. Ja, der Welt Gericht soll auch das eurige sein! Den Lohn, den nun alle Welt breit und weit ernten wird in Bälde, sollt auch ihr ernten! Und alle noch auf der Welt Lebenden sollen ihn mit euch ernten; ob sie Geistliche oder Weltliche seien, das ist Mir eins. Wer für die Motten und Würmer gesorgt hat, der soll seinen Lohn auch eben bei den Motten und Würmern suchen. Wer für seine irdischen Kinder gesorgt hat, der soll den Lohn auch bei den Kindern wiedernehmen – wann er und seine Kinder am Hungertuch nagen werden. Wer für seine Verwandten gesorgt hat, der soll es nur von den Verwandten wiedernehmen. Wahrlich, wer nicht für Meine auf der Welt armen Brüder und Schwestern mit Eifer gesorgt hat, der hat seinen Lohn schon dahin und hat bei Mir keinen mehr zu gewärtigen. Ihr drei aber seid solcher Art; daher habt ihr bei Mir nichts mehr zu suchen und zu bekommen. Entfernt euch daher von Mir; denn euch kenne Ich nicht!“
RB|2|271|10|1|(Am 28. Okt. 1850)
RB|2|271|10|0|Sagen die drei: „Wer bist du denn, dass du mit uns in einem so gebieterischen Ton sprichst, als wenn du der Herr Selbst wärst? Siehe auf! Von Millionen bist du durch alle Räume hin umringt. Es kostet uns nur einen Wink, und du befindest dich im Augenblick in der allerhärtesten Gefangenschaft!“
RB|2|271|11|0|Sagen die drei ersten mit sehr geängstigter Stimme: „Ihr Toren voll Blindheit! Was forscht und was redet ihr? Seht ihr denn nicht, dass dies der Herr Himmels und der Erde Selbst ist, der euch soeben traurig genug von Sich wies? Wie wollt ihr dem Allmächtigen drohen? O ihr elenden Toren, was wollt ihr tun? Seid ihr nicht sämtlich in Seiner allmächtigen Hand? Was wollt ihr tun, ihr Toren? Euer Sein sind ja Seine Gedanken, so Er euch in Seinen Gedanken fallen lässt, wer wird euch dann ein Sein und einen Bestand geben? In dem Moment, als Er euch fallen lässt, seid ihr ja auch schon nicht mehr. O ihr Toren! Was wollt ihr tun? Er, dessen leisester Hauch schon zahllosen Myriaden von Welten und Engeln gebietet, ist alles in allem. Er ist die Urmacht aller Mächte, die Urkraft aller Kräfte – und ihr wagt es, vor Ihm eine Drohung auszusprechen!? Anstatt dass ihr vor Ihm sogleich auf die Knie niedergefallen wäret und mit dem reuigsten und zerknirschtesten Herzen sagtet:
RB|2|271|12|0|‚O Herr, sänftige Deinen gerechten Zorn gegen uns und sei uns armen Sündern gnädig und barmherzig! Denn wir haben auf der Erde sehr viel Arges angerichtet. Vergib es uns, denn daselbst waren wir stockblind. Nun wir aber sehend geworden sind und solches einsehen und erkennen, so können wir nun nichts tun, als uns an Deine Milde, Gnade und Erbarmung wenden. Waren wir auch selbst sehr unbarmherzig gegen alle unsere Brüder, so sei aber doch Du barmherziger gegen uns, denn Du, o Herr, weißt es ja, wie sehr dumm und blind wir waren!‘ – Seht, so sollt ihr tun und reden, nicht aber drohen dem Allmächtigen ins Angesicht! Was wird es Ihm denn sein, dass Er euch verderben ließe? Werdet ihr Nichtse euch je an Ihm rächen können? Wer wird Ihn zur Verantwortung ziehen, so Er euch in die Hölle tausendfältig verdammt?“
RB|2|271|13|0|Hier fallen die zweiten drei bebend vor Mir nieder und fangen ganz jämmerlich zu heulen an und bitten um Gnade und Erbarmen. – Ich aber sage zu ihnen: „Erhebt euch! Denn es ziemt sich nicht für Teufel, dass sie also heulen und beten aus einem Herzen, in dem keine Liebe wohnt. Tätet ihr das, was ihr nun tut, aus Liebe anstatt aus Furcht, so sollte die Hilfe für euch nicht unterwegs bleiben; aber da euch dazu nur die Furcht vor der Strafe treibt, so hat euer Geheul vor Mir keinen Wert. Der zu Mir den Weg durch die Liebe nicht findet, der kommt auch nicht zu Mir, und hätte er auch die Weisheit aller Engel.
RB|2|271|14|0|Geht aber hin zu eurer Schar, sagt ihr, was ihr gehört und gesehen habt, und Ich werde euch dann geben nach solchem euerem Werk den Lohn, wie ihr ihn euch werdet verdient haben. Das aber sage Ich euch: Da es viele gibt in eurer Schar, die auf der Erde viel mit Weibern zu tun hatten und mit ihnen lebten – so ein solcher euch hören wird und dann sagen: ‚Wartet, ich will mich zuvor mit meinem Weib besprechen!‘, den lasst nicht mehr vor euch; denn wem das Wort seines Weibes mehr ist als das Meine, und der sein Weib nicht um Meines Namens willen verlassen kann, der ist Meiner ewig nicht wert. Und wer da sagt: ‚Lasst mir Zeit, auf dass ich mich berate mit meinen Freunden!‘, den nehmt auch nicht mehr an; denn dem die Freunde mehr sind, denn Ich und der, den Ich sende, der ist Meiner nicht wert. Und so denn geht nun! Nach dem Maß eurer Ernte für Mich soll euch auch der Lohn werden.“
RB|2|272|1|1|Schwierige Mission der drei Theologen. Gleichnis vom Fernrohr. Missionsregeln. Der beste Weg.
RB|2|272|1|0|Nach diesen Meinen Worten entfernen sich nun die drei zweiten, zu ihrer großen Schar zurückkehrend, und beginnen dort sogleich mit entschiedenem Ernst, das ihnen gegebene Amt zu verwalten. Aber sie finden durchgängig eine sehr schlechte Aufnahme. Fast alles fängt an zurückzugehen und verwünscht die Apostel.
RB|2|272|2|0|Nur einige wenige sagen: „Ja, so wir das aus Seinem Mund vernähmen, dann ginge es mit unserer Glaubensänderung sicher besser vonstatten; aber so kommt die Sache uns eben doch sehr ketzerisch vor und wir finden es zu gewagt, uns euch sogleich anzuschließen. Es liegt in eurer Aussage zwar sehr viele Konsequenz; es kommt da wirklich an auf eins zwei und auf zwei drei und so fort. Das sehen wir recht gut ein, aber die Sache an und für sich ist zu wenig orthodox und zu undogmatisch und kann vor dem Forum des Papstes nicht auftreten und noch weniger angenommen werden.“
RB|2|272|3|0|Sagen die drei Gesandten: „Sind wir denn etwa noch auf der Erde, wo der Papst das sichtbare Oberhaupt der Kirche ist oder wenigstens sein will und von vielen blinden Narren dafür gehalten wird, zu denen weiland auch wir gehörten? Wir leben nun ja schon eine geraume Zeit in der Geisterwelt, und wir kennen kein Dogma, das an uns die Forderung stellte, den Papst auch nach dem Leibestod in der Geisterwelt als das Oberhaupt der Christenheit anzusehen. Es genügt, dass wir uns auf der Erde vom Papst haben breit- und blauschlagen lassen. Hier hat der Papst ein Ende, und wir gehören allein Gott, dem Herrn Jesu Christus an. Dem aber wird es etwa doch freistehen, für die Geister an Seiner irdischen Lehre so manches zu ändern und den einzelnen Lehren eine ganz andere Exegese zu geben, indem Geist und Materie denn doch sehr stark zweierlei sind. Oder meint ihr denn etwa doch im Ernst, dass Sich Christus der Herr auch hier in Seinem Reich den dummen und selbstsüchtigen Anordnungen eines Papstes unterziehen wird? Wahrlich, mit solch einer allerwahnsinnigsten Meinung wäret ihr doch auf dem allervermodertsten Holzweg!“
RB|2|272|4|0|Auf diese ganz energisch gehaltene Rede fangen mehrere hinter den Ohren sich sehr stark zu kratzen an und sagen: „Bei Gott, ihr redet keine leeren Worte! Da ist etwas daran! Aber habt eine kleine Geduld, wir wollen uns zuvor mit unseren Weibern und Freunden besprechen und beraten und sehen, was diese dazu sagen werden.“ – Sagen die drei: „Dann fahrt nur ab, denn so euch am Rat eurer Weiber und Freunde mehr gelegen ist, als an der Wahrheit Gottes, da seid ihr Gottes auch nicht wert und könnt daher euer künftiges Wohl auch bei euren Weibern und Freunden suchen; aber von Gott werdet ihr keines zu erhoffen haben.“
RB|2|272|5|1|(Am 30. Okt. 1850)
RB|2|272|5|0|Sagen die sich Entschuldigenden: „Aber unsere Weiber – die wir freilich erst in der Geisterwelt uns genommen haben, weil uns auf der Welt der über alle menschliche Begriffe dumme Zölibat daran hinderte – und unsere sonstigen Freunde sind denn ja doch auch berufen, die Wahrheit zu vernehmen und so zur rechten Religion und zu einem lebendigen Glauben zu gelangen. Wir gehen daher ja gerade nicht deshalb allein hin, um uns mit ihnen zu besprechen und zu beraten, sondern um sie vielmehr für die Wahrheit mit zu gewinnen.“
RB|2|272|6|0|Sagen die drei Abgesandten: „Da muss zuvor die Wahrheit in euch sein und ihr müsst vollends ihr angehören! Ist aber die Wahrheit noch lange nicht in euch und könnt ihr derselben somit auch nicht angehören – wie wollt ihr dann eure ganz verkehrten Weiber und Freunde in die Wahrheit aus und in Gott führen und sie in ihr erhalten? Seht, alle Wahrheit gleicht einem Fernrohr mit einer tausendmaligen Vergrößerung. Sieht man am rechten Ort durch dasselbe nach den Sternen, so werden die Sterne groß und hell erscheinen, und auf einem Fleck, da man mit freiem Auge nur einen einzigen, kleinen Stern zu sehen wähnte, wird man einen sogenannten Nebelfleck in Millionen Sternlein aufgelöst erschauen. Sieht man aber durch dasselbe Fernrohr in verkehrter Art, d. h. technisch gesprochen, durch das Objektivglas, so entweichen alle Sterne in eine unermessliche Tiefe zurück und das Auge des Beschauers gewahrt dann sogar von den Sternen erster Größe nichts mehr. Ja, sogar die große Sonne, also verkehrt durch das Fernrohr gesehen, wird zu einem Schimmerpunkt in des Himmels Tiefe zurückgedrängt, dass dadurch ihr Licht und ihre Wärme tief unter alle Nullen zu stehen kommen wird.
RB|2|272|7|0|So ihr aber nun euren Weibern und Freunden wollt durch bei euch selbst noch sehr verkehrte Fernrohre die Himmelslichter der ewigen Wahrheit erschauen lassen, da fragt euch selbst, was eure Weiber und Freunde zu sehen bekommen werden?! Ihr seid also noch gleich den verkehrt gegen die Sterne des Himmels aufgestellten Fernrohre und niemand mag durch euch eine Wahrheit erschauen. Das große Licht der Sonne, das da gleichbedeutend ist mit dem ersten klaren Begriff von Gott, wird bei euch sogestaltig noch sehr in Frage gestellt, ob es wohl die Sonne und nicht den Mond darstelle. Wie soll es dann bei euch mit den zahllosen anderen Lichtern aussehen, von denen ihr doch unmöglich bei euren bisherigen ganz verkehrten Betrachtungen eine Spur haben könnt? Ihr wisst nun, wie ihr steht. Tut, was ihr wollt. Geht! Ob ihr aber wiederkehren werdet, das ziehen wir in einen sehr starken Zweifel; denn wir kennen die Macht eurer Weiber über euch!“
RB|2|272|8|0|Hier fangen die Entschuldiger noch mehr hinter den Ohren zu kratzen an, und einer aus ihnen sagt: „Freunde, die reden wie ein Buch Gottes! Nicht mit einer Silbe könnte ich ihnen eine Einwendung machen. Wie wäre es denn, so wir hier blieben und ließen die drei zu unseren Weibern und Freunden hinziehen?“ – Sagt ein anderer: „Da haben wir unsere Weiber ehedem zum letzten Mal gesehen und gesprochen.“ – Sagt der erste: „Und was liegt daran? Ein bisschen Hölle weniger um uns her kann uns doch nur eher nützen als schaden. Denn für das bisschen schmutzigen Vergnügens, was uns unsere Weiber gewähren, finden wir bald irgendeinen Ersatz. Ich bleibe einmal! Wer noch?“ – Sagt ein anderer: „Bruder! Wenn du bleibst, da bleibe auch ich! Und die anderen sollen machen, was sie wollen.“
RB|2|272|9|0|Sagen die drei: „So ist es recht! Niemanden einen Zwang in der Sache des Glaubens antun, den rechten Weg zeigen und die Gefahren des unrechten Weges auch! Dann sich aber um niemand mehr kümmern, sondern dafür lieber selbst am rechten Weg bleiben! Denn unseres Dafürhaltens ist es besser, selbst auf den Wegen des Lichtes und des Lebens zu wandeln – als Tausende auf den rechten Weg hinzudrängen, dabei aber selbst in den Pfützen und Morasten, wo man leicht versinken kann, herumzutaumeln und einen festen Grund dort zu suchen, wo es sicher keinen gibt. Wer etwas Schweres heben will, muss einen festen Boden zuallererst haben, sonst versinkt er samt der Last in den Boden. Hat er aber einen festen Boden gefunden, so darf er sich nicht über eine größere Last wagen, als nur über eine solche, für die seine Kräfte ausreichen; sonst wird die Last ein Meister seiner Kräfte und er wird ihr unterliegen. Und wer endlich jemanden, der blind ist, führen will, der muss sehen. Denn so ein Blinder den andern führt, da werden gar bald beide in der Grube sich befinden. Was man geben will, das muss man zuvor selbst haben, sonst wird das Geben eine leere Maulmacherei und eine der lächerlichsten Lügen. Oder kann ein Weib dem anderen Weib eine Frucht erwecken? Weiber können wohl auch miteinander gäulen und Onanie treiben, aber mit der Frucht wird es ewig einen allernichtigsten Faden haben. So ihr also beide bleibt, da tut ihr wohl! Aber bereden sollt ihr die anderen nicht, dass sie auch bleiben sollen.“
RB|2|272|10|0|Die zwei bleiben nun, und die anderen gehen ab, um ihren Weibern und Freunden das zu vermelden, was sie nun gehört haben. Aber sie kommen da sehr übel an. Denn fürs Erste werden sie wegen ihres längeren Ausbleibens sehr hart zur Rede gestellt und weidlichst beschimpft und verlacht. Und fürs Zweite werden sie mit geschickt gestellten Gegensätzen so bearbeitet, dass sie alles das, was sie von den dreien gehört hatten, alsbald selbst zu bezweifeln und zu belachen anfangen. Und so ist ihr zweiter Zustand ärger, als da war ihr erster.
RB|2|272|11|0|Zwei aber haben sie, das heißt die drei, dennoch zu ihren Jüngern gemacht. Und sie fangen nun zu beraten an, wie sie es anstellen sollen, um auf die große Masse günstig einzuwirken. Der eine meint, Wunderwerke würden hier vielleicht am wirksamsten sich erweisen. Ein zweiter meint, Wunderwerke wären allerdings von keiner geringen Bedeutung und Wirkung, aber es werde dazu fürs Erste die Fähigkeit in hohem Grad dazu erfordert, solche in der großartigsten Form verüben zu können, und fürs Zweite gehörte dazu wohl die gewissenhafteste Redlichkeit und ein göttlich allerbester Wille, das Volk der niederen Geisterwelt nicht nur blenden und dadurch gewinnen, sondern rein nur belehren zu wollen.
RB|2|272|12|0|[Der zweite:] „Das ist aber eben etwas, was nach meinem unmaßgeblichen Dafürhalten nur der Gottheit allein möglich ist und sonst keinem geschaffenen Geist, da ein jeder Geist beim Gelingen eines außerordentlichen Werkes sich für einen kleinen Gott zu halten anfängt oder wenigstens für erfüllt mit besonderen göttlichen Eigenschaften, und darin liegt eben der erste Keim des Hochmutes und des darauffolgenden Verderbens. Und dadurch wird dann ein Wunderwerk an der Stelle des Segens nur ein bares Gericht, und das zwar zunächst für den, der es verübt hat und darauf auch für jene, die durch so ein Wunderwerk sowohl in ihrem Erkennen wie in ihrem Wollen breitgeschlagen worden sind. Sage einer aus uns, ob die freie Erkenntnis und das freie Wollen durch ein Wunderwerk nicht einen bei Weitem größeren Schaden erleidet, als wie groß da ist der Nutzen, der für den Geist aus dem Wunderwerk hervorgeht!
RB|2|272|13|0|Und endlich geht noch ein Nachteil aus jedem nicht von Gott Selbst verrichteten Wunderwerk für den geschaffenen Geist hervor, und dieser besteht fürs Erste in einer unersättlichen Spektakelsucht in stets außerordentlicheren Formen und fürs Zweite die Gier, auch selbst Wunder wirken zu können, hinter welcher Gier aber schon wieder der verderbliche Hochmut weilt. Denn der einmal ein Wundertäter ist, der ist damit gar nicht zufrieden, dass er ein Wundertäter ist, sondern er will oder möchte wenigstens ein unübertrefflicher Wundertäter sein, und das ist schon ein Kitzel des Hochmutes und somit verderbenbringend und daher durchaus schlecht. Meine Freunde! So meine und erkenne ich es. Es steht euch aber frei, die Sache auch anders auszubeuten, so ihr das imstande seid.“
RB|2|272|14|0|Sagt ein dritter: „Bruder! Wir teilen da ganz vollkommen deine Ansicht. Es ist so, wie du nun geredet hast; aber es fragt sich hier nur: Wie werden wir dieser großen Masse von Millionen mit der reinen Lehre von Gott und daraus über ihre wahre Anwendung zu imponieren imstande sein? Wodurch werden wir sie bewegen, dass sie unseren Worten glaube und uns danach folge?“
RB|2|272|15|0|Sagt ein vierter: „Ich meine, wir bleiben ganz einfach nur bei der reinen Wahrheit in Wort und Tat. Wer sich danach richten will, der wird wohltun; wer sich aber danach nicht richten will oder das Wort gar nicht annimmt, der geht uns dann weiter auch in was immer gar nichts mehr an, und der Herr der Ewigkeit soll mit ihm dann tun, was Sein allmächtiger Wille für gut findet.“
RB|2|272|16|0|Sagt ein fünfter: „Uns aber ist der Lohn nur nach dem Maß des Werkes zugemessen. Wird unser Werk gering sein, so wird auch der Lohn sicher nicht um ein Haar größer und besser ausfallen.“ – Sagt der vierte: „Ei, hole der Kuckuck den Lohn! Ich will das Gute des Guten wegen tun und nie eines wie immer gearteten Lohnes wegen. Kommt irgendein Lohn am Ende heraus, so werde ich ihn ohne Taxierung, ob groß oder klein, dankbarst annehmen; aber als ein Motiv zu einer edlen Handlung soll und wird er mir nie dienen.“
RB|2|272|17|0|Sagen nun alle vier: „Das ist edel gedacht und sehr edel gesprochen. Bei dem soll es denn auch bei uns allen verbleiben für ewig. So wollen wir von nun an auch samt und sämtlich handeln.“ – Sagt der fünfte: „Aber wohl gemerkt, ohne uns darauf etwas einbilden zu wollen!“
RB|2|272|18|0|Sagen alle anderen vier: „Hole der Kuckuck alles, was nur immer Einbildung heißt! Wir tun, was da gut ist und recht, nur des Guten und des Rechten selbst willen, weil es also Gott Selbst so will. Alles andere geht uns nichts an.“
RB|2|272|19|0|Auf solche Äußerung kommen sogleich bei etliche und dreißig herbei und wollen erfahren, was denn für gar so Gutes und Rechtes diese fünf nun ihren Freunden auf eine gar so uneigennützige Weise erweisen wollen.
RB|2|273|1|1|Gute Missionsrede der fünf an die dreißig. Letztere scheuen sich, sündenbeladen vor den Herrn zu treten. Dieser vergibt ihnen und gibt ihnen Arbeit.
RB|2|273|1|1|(Am 1. Nov. 1850)
RB|2|273|1|0|Die fünf aber merken wohl, was die dreißig herbeigezogen hat und sagen wie aus einem Munde: „Freunde! Wir alle stehen in der Luft, und unsere Füße haben keinen Grund. Wir haben wohl Füße, aber diese haben keine Unterlage und sind uns daher so wenig nützlich, als hätten wir keine. Also haben wir auch Hände, aber es gibt für sie keine Arbeit. Wir haben Augen, mit denen wir sehen könnten, so wir wollten, aber wir legen die flachen Hände über die Augen und machen uns dadurch blind, auf dass wir ja nichts von all den Wundern erschauen mögen, die uns doch so reichlichst nach allen Seiten hin umgeben. Also haben wir auch sehr feine Ohren, zu hören; aber wir verstopfen sie, auf dass das Wort Gottes ja nicht eindringe in unsere Herzen und sie reinige und belebe für Gott.
RB|2|273|2|0|Suchen wir daher zuerst einen festen Grund zu fassen für unsere Füße, welcher Grund da ist der Herr Jesus, der Christ Selbst, in dem rechten Verständnis Seines Wortes. Haben wir auf diesem Grund einmal unsere Füße festgestellt und uns auf demselben ordentlich wie heimisch zu bewegen angefangen, dann werden unsere Hände, unsere Augen und Ohren vollauf zu tun bekommen und aus solcher Tätigkeit bald den größten Gewinn ziehen.“
RB|2|273|3|0|Sagen die dreißig: „Ja, wo ist denn hernach Jesus der Christ, der da sein soll Gott und Mensch zugleich? Zeigt uns Ihn, und wir wollen Ihn sogleich zu unserem alleinigen Lebensgrund annehmen; aber da muss Er doch erst sein. Der Glaube an Ihn, ohne Ihn Selbst, ist eine eitle Sache. Wir haben es ja auf der Erde nur zu oft erfahren, wie schwer es geht, den Menschengeist in einem blinden Glauben zu erhalten. Macht es aber schon bei den unerfahrensten blinden Geistern große Schwierigkeiten, den Blindglauben aufrechtzuerhalten, um wie viel schwieriger ist es bei uns, die wir doch mit so vielen Erfahrungen bereichert in diese Welt eingewandert sind?! Also zeigt uns Christus, und wir glauben euch dann alles!“
RB|2|273|4|0|Sagen die fünf: „Seht hinab hier gleich vor uns auf die Erde! Ihr werdet daselbst einen Hügel erblicken. Auf der Spitze dieses Hügels befindet Sich nun der Herr Jesus Jehova Zebaoth Selbst in der Mitte einer großen, überglücklichen Schar! Diese, sicher nichts anderes als Engelsgeister, spielen und schäkern um Ihn herum, als wenn sie schon ganz das wären, was Er Selbst ist. Sie drängen sich zu Ihm hin wie Kinder zu ihrem Vater, und Er redet und spielt gleichso mit ihnen, als wären sie lauter Brüder und Schwestern zu Ihm. Brüder! Geht hin und überzeugt euch, dass es so ist, und kommt wieder! Sodann erst werden wir mit euch von der ferneren Weisheit Gottes zu reden imstande sein.“
RB|2|273|5|0|Sagen die dreißig: „Wie aber können wir gefahrlos dahin gelangen?“ – Sagen die fünf nun: „Auf dem Weg zum Herrn hin gibt es ewig keine Gefahren. Wohl aber am Weg, der den Geist vom Herrn ableitet und entfernt. Daher mögt ihr euch ohne Scheu und Furcht hinbegeben. Habt ihr aber in der finstersten Nacht, fern vom Herrn eben nie noch eine Furcht gezeigt, wie soll sie euch übermannen können in der Nähe dessen, der euch das ewige Leben geben will, so ihr es nur annehmen wollt.“
RB|2|273|6|0|Sagen die dreißig: „Ja, ja, das wäre alles recht, so wir nur keine gar so groben Sünder wären. Aber wir sind grobe Sünder, und da fragt es sich, wie wir als solche vor Ihm bestehen werden, so Er es wirklich sein soll?“ – Sagen die fünf: „Wo sind denn die, die vor Gott sagen könnten: ‚Herr, sieh uns an, wir haben nie eine Sünde vor Dir begangen und sind deshalb ganz rein! Gib uns darum den verheißenen ewigen Lohn!‘“
RB|2|273|7|0|Sagen die dreißig: „Ja, ja, das ist wohl wahr, aber dessen ungeachtet hat es bei uns einen gewaltigen Haken. Es gibt wohl viele, ja alle könnte man füglich sagen, die nun die größte Seligkeit bei Gott genießen und auf der Erde sicher nicht ganz sündenfrei gelebt und gewandelt haben. Aber das waren dennoch fürs Erste sicher keine so groben Sünder wie wir, und fürs Zweite, so sie auch schon gesündigt haben, da haben sie dann sicher eine rechte Buße gewirkt und sind dadurch in den Zustand der heiligmachenden Gnade gelangt, in welchem Zustand sie dann natürlich wieder zu Freunden Gottes und dadurch auch selig geworden sind. Von dem allem aber war bei uns sozusagen der Wahrheit nach keine Spur. Wir sind alle mehr oder minder in unseren Sünden gestorben und haben als Geister noch hier in dieser Welt ohne Rast und Ruhe fleißig fortgesündigt. Jetzt aber sollen wir also mir und dir nichts vor den Herrn hintreten? Ah, das tut sich wohl in keinem Fall.
RB|2|273|8|0|Wir wollen recht gern von euch lernen alle Sünde zu meiden und unser diesfälliges Geisterleben nach jener Ordnung und Norm einrichten, wie es Gott dem Herrn wohlgefällig ist; aber in solchem unserem allersündigsten Zustand vor den Herrn hintreten, hieße geradezu allen unseren ohnehin allergröbsten Sünden die allergrößte Sünde der Vermessenheit hinzufügen, um dann desto eher und sicherer in die Hölle zu gelangen, aus der dann ewig keine Erlösung mehr zu erwarten ist. Nein, nein, Freunde, da ist nichts! Entweder ist jener Mensch dort auf des Hügels Spitze wirklich der Herr, wie ihr uns gesagt habt, in dem Fall könnten wir doch sichtbarer und wohl begreiflicher Maßen unmöglich vor Ihn hintreten. Ist Er aber das nicht, was ihr uns von Ihm kundgetan habt, noch etwa auch nicht ein besonderer Freund des Herrn, da wäre unser Hintritt ohnehin ein vergeblicher. So wollen wir denn hier in eurer Gesellschaft verbleiben, bis wir uns möglicherweise einmal für würdiger fühlen werden, vor den Herrn alles Lebens hinzutreten.“
RB|2|273|9|0|Sagen die fünf: „Eure Entschuldigung lässt sich hören und macht uns eine rechte Freude. Tut was ihr wollt, denn ihr seid frei, und wir haben nur ein Recht von Gott aus, nämlich zu belehren und zu raten, aber ja niemand zu nötigen. Wir meinen aber, dass, so wir, die wir doch viel schlechter sind als der letzte Geist in der Nähe des Herrn, euch nicht verdammen eurer Sünden wegen, euch der Herr umso weniger verdammen wird, so ihr vor Ihm, wie hier vor uns, eure Schuld bekennt und Ihn um Vergebung derselben bittet.“
RB|2|273|10|0|Sagen die dreißig: „Ihr könnt uns leicht vergeben, da ihr fürs Erste unsere Sünden nicht kennt und wir fürs Zweite gegen euch uns auch nie versündigt haben. Aber ganz anders ist es vor dem Herrn, der fürs Erste unsere Sünden durch und durch kennt und dessen allergröbste Schuldner wir sind. Wenn auf der Welt jemand einem Gläubiger viel schuldet, so hat nur dieser allein ein Recht, die Schuld von ihm zu verlangen und zu sagen: ‚Der Termin ist verstrichen, daher zahle mich, sonst lasse ich dich in den Schuldenarrest stecken!‘ Und es wird der Schuldner mit seinem Gläubiger durch Bitten und Flehen nicht wohl zurechtkommen, solange er die Schuld nicht abgetragen hat. Der Schuldner aber kann jedem andern Menschen gegenüber ein recht achtbarer, angenehmer Mann sein, dass da wider ihn niemand eine Klage erheben wird, aber das hebt seine Schuld zu dem einen Gläubiger nicht auf, sein Recht bleibt.
RB|2|273|11|0|Man kann freilich wohl annehmen, dass der Gläubiger aus Mitleid und Barmherzigkeit die ganze Schuld nachlassen kann; aber das ist pur ein Werk des guten Gläubigers, aber der Schuldner hat wenig Recht, solch eine edle Handlung wie immer, oder unter was immer für einem Grund und Namen zu verlangen. Er ist und bleibt so lange ein Schuldner, bis die Schuld abgetragen ist. Aus dem Grund haben wir denn auch leicht reden mit euch; denn ihr seid unsere Gläubiger nicht. Der Herr aber steht uns mit einer ungeheuren Forderung vollrechtlichst gegenüber; daher es denn wohl auch um sehr vieles schwieriger sein dürfte, mit Ihm zu reden, als mit euch, denen wir nie etwas schuldig waren.“
RB|2|273|12|0|In diesem Augenblick stehe Ich vor den dreißigen, und zwar auf dem bekannten Hügel, auf den sie, ohne es zu gewahren, samt ihren Lehrern gezogen worden sind. Die dreißig erkennen Mich sogleich und beben vor großer Angst zusammen. Ich aber sage zuerst zu den dreien: „Ihr habt eure Aufgabe gut gelöst im Kleinen; es soll euch deshalb ein Mehreres anvertraut werden. Also seid auch ihr beide, die ihr euch zuerst den dreien angeschlossen habt, fähig, mit ihnen Meine Geschäfte im gleichen Maß zu besorgen. Ihr dreißig aber seid zwar wohl sehr starke Schuldner zu Mir und wir hätten vieles zu verrechnen miteinander, aber da ihr ganz treuherzig eure Schuld einbekannt habt, so erlasse Ich sie euch ganz. Geht aber nun auch mit den fünfen und bearbeitet Meinen Weinberg! Und Ich werde euch dann geben, was da rechtens sein wird. Seid ihr damit wohl ganz vollkommen zufrieden?“
RB|2|273|13|0|Sagen die dreißig: „O Herr, Gott, Schöpfer und Vater aller Wesen! Wie endlos groß muss Deine Liebe und Erbarmung sein, dass Du uns arge Sünder sogar fragen magst, ob wir mit dem zufrieden seien, was Deine endloseste Gnade und Güte uns allerunverdientestermaßen beschert? O Herr, o Du bester Vater! Wir sind schon damit zufrieden, dass Du uns nicht, wie wir es tausend- und tausendmal verdient hätten, in die Hölle geworfen hast, wie sollten wir mit einer noch größeren Gnade, die Du, o heiligster Vater, uns willst zukommen lassen, nicht zufrieden sein? Für jeden Tautropfen auf unsere dürstenden Herzen Dir, o heiligster Vater, alle unsere Liebe, allen unseren Dank! Denn auch der Tautropfen rann aus Deiner Hand, o Du heiliger, allmächtiger Vater. Welch ein Lohn ist das schon!
RB|2|273|14|0|Welche Welt, welche Sonne, ja welcher Himmel wiegt wohl den Wert auf, der für uns in dem besteht, dass unsere blöden und noch immer sterblichen Augen einmal Dich, o Du ewig heiliger Vater, geschaut haben, und dass unsere Ohren vernommen haben den über alle Himmel erhabensten Klang Deiner Vaterstimme! Daher, o heiligster Vater, ja keinen Lohn mehr für uns! Denn wir sind schon jetzt so hoch belohnt, dass wir diesen hohen Lohn ewig nie durch all unsere künftige Tätigkeit werden abdienen können. Wie sollen wir je auf noch irgendeinen höheren Lohn einen Anspruch machen können? Wir würden ja jede Hoffnung für eine Todsünde halten. Gib, o Vater, uns nur das nötigste tägliche Brot, und wir haben dann alles, was sich unsere Herzen nur immer wünschen können. Dein allein heiliger Wille geschehe!“
RB|2|273|15|0|Sage Ich zu Robert: „Bruder! Wenn solche Gäste zu uns kommen, dann darf es an Brot und Wein nicht fehlen. Geh und bringe vom Brot und Wein ein rechtes Maß, auf dass sie alle gestärkt werden zu ihrem starken Amt. Denn diese vielen Millionen sollen ihnen anvertraut sein, die nun schon über die meisten Länder der nördlichen Erde sich auszubreiten beginnen.“
RB|2|273|16|0|Robert schafft sogleich Brot und Wein herbei, und Ich Selbst teile es unter diese in allem fünfunddreißig Personen aus. Mit dem dankerfülltesten Gemüt verzehren sie es und loben über die Maßen Meine große Güte, Liebe, Gnade und Erbarmung.
RB|2|273|17|0|[Sage Ich:] „Wahrlich, ein solcher Sünder, der wahre Buße im Herzen tut und sich demütigt, ist Mir um sehr vieles lieber als neunundneunzig Gerechte, die der Buße zwar nicht bedürfen. Denn der Gerechte ist gerecht aus Furcht, denn er scheut sich zu stehlen [fehlen]. der Sünder aber wird gerecht durch die Buße der Liebe zu Mir, und das ist Mir lieber um vieles.“
RB|2|273|18|0|Unter den tiefsten Lobpreisungen ziehen die fünfunddreißig nun wieder ab, geleitet von Meinem Segen, und machen sich voll Mutes an das ihnen anvertraute Werk. – Es treten aber auch die ersteren drei hin zu Mir in der allertiefsten Achtung und sagen: „Herr, auch wir, so Du uns für tüchtig ansähest, möchten in Deinem allmächtigen heiligsten Namen zum Wohl unserer Brüder tätig sein. Wenn es Dein heiliger Wille wäre, so lasse uns nachziehen unseren Brüdern!“
RB|2|273|19|0|Sage Ich: „Meine Freunde! Ich meine, dass euch ja hier bei Mir auch nichts abgeht. Wartet nur! So Ich euch rufen werde, dann werdet ihr schon auch in Hülle und Fülle zu tun bekommen. Jetzt aber haben wir auf diesem Hügel noch andere Dinge abzumachen. Der irdische Freitag (18. Oktober 1850) geht zu Ende und der Sabbat ist im Anzug, und da wird es noch so manches zu schlichten geben.
RB|2|273|20|0|Die fünfunddreißig Boten beginnen die Hände an ihr Werk zu legen, es wird deshalb auch schon sehr unruhig in den Regionen des unteren Gewölks. Seht euch vor, denn diese dunkeln Geister werden sehr bald ihr arges Metier beginnen. Aber es ist schon vorgesorgt, dass sie sich nicht zu sehr verderblich werden erheben können. Ober ihnen harren Milliarden der überaus mächtigen Friedensgeister und werden gar wohl verstehen, die unruhigsten sogleich zur Ordnung und Ruhe zu treiben. Die Berge werden es euch bald erzählen, wie es eigentlich mit diesen Unholden stehen wird. Habt aber keine Furcht, denn in allen solchen Geistern, die sich außer Meiner Ordnung befinden, ist keine Kraft und nicht die geringste Macht vorhanden.“
RB|2|273|21|0|Die drei geben sich nun vollends zufrieden und loben Meine Liebe, Güte, Weisheit und Macht. Robert kommt aber auch für diese drei mit einer Portion Brot und Wein und gibt sie ihnen zur Stärkung zum ewigen Leben. Sie getrauen sich aber nicht zu nehmen weder das Brot noch den Wein, bis Ich es ihnen zu nehmen förmlich, wie einst dem Petrus die Fußwaschung, gebiete. Als sie das Brot und den Wein vollends verzehren, fühlen sie sich ganz gewaltig gestärkt und fangen darauf denn auch an, Mich über alle Maßen zu loben und zu preisen.
RB|2|274|1|1|Aggressive und defensive Kriegsgeister im Verkehr mit Spaßmachern.
RB|2|274|1|1|(Am 5. Nov. 1850)
RB|2|274|1|0|Nach der Beendigung solchen Lobens und Preisens aber bricht auch der Sabbat an, und es naht sich eine Menge rotgekleideter Geister von der Nordgegend dem Hügel, und diese tragen eine rote und eine weiße Fahne.
RB|2|274|2|0|Robert fragt Mich, sagend: „Herr, das ist eine ganz neue Erscheinung; was soll mit diesen Geistern geschehen? Bei Deinem allerheiligsten Namen, da geht es nun ja doch schon beinahe gerade zu, als wie ich es auf der Erde einmal in dem bekannten Märchenroman ‚Tausend und eine Nacht‘ gelesen und mit den Augen meiner Phantasie gesehen habe. Was bringt denn diese Roten daher mit ihrer roten und weißen Fahne?“
RB|2|274|3|0|Sage Ich: „Das sind lauter Kriegslustige; denn es gibt dir sowohl auf der Erde Menschen beiderlei Geschlechtes, bei denen ein Krieg das größte Vergnügen ist, und eben also gibt es denn auch in der Geisterwelt Geister, die außer dem Wesen des Krieges keine Seligkeit kennen und wollen. Wenn es auf der Erde recht kriegerisch zugeht, so sind diese Geister am glücklichsten. Sie gewinnen zwar durch den Krieg nichts, aber dennoch ist ihnen der Kriegslärm über alles angenehm. Sie sind deshalb auch die besten Propagandisten und verstehen sich sehr wohl darauf, in den Gemütern der Völker sowohl wie in den Gemütern der Könige die Kriegslust anzufachen. Die mit der weißen Fahne sind defensiv kriegerisch gesinnt und die mit der roten offensiv. Sie haben in die Erfahrung gebracht, dass Ich Mich persönlich wesenhaft auf der Erde befinde, und zwar in der Nähe der Provinzialhauptstadt Graz, und kommen daher in einer ganz gut aussehenden Ordnung hierher, um sich zu erkundigen bei den uns nahestehenden Geistern, ob sie nichts wüssten, dass Ich etwa ein Gericht über die Erde verhängen wolle oder werde; denn ihnen ist alles willkommen, was da irgendein bedeutendes Spektakel abgäbe.
RB|2|274|4|0|Du siehst aber auch, wie sich diesen Kriegslustigen andere Geister in dunkelblaugrauen, etwas schmutzigen Gewändern nahen. Das sind so rechte Maulhelden, und ihre Lust besteht darin, die Neugierigen und Spektakelsüchtigen bis zum blau und grau werden anzulügen, und das nicht selten mit einer solchen Beredsamkeit, dass manche aus ihnen am Ende sogar selbst zu glauben anfangen, was sie gelogen haben. Diese Geister sind zwar nicht böser Art; sie sind sogenannte Spaßmacher. Sie können zwar niemanden einen bedeutenden Schaden zufügen, obschon gerade auch keinen Nutzen. Von diesen Geistern werden nun die Kriegsrufer allerweidlichst angesetzt werden, und das wird dann eine Haupthetze abgeben; denn es werden auch einige Wahrheitsfreunde von Mittag herbeikommen und werden die Kriegslustigen darüber belehren, dass sie von diesen Blaugrauen allerweidlichst angelogen worden sind. Die Kriegsgeister werden dann aufbegehren und Genugtuung verlangen, und das wird dann der Moment sein, in dem wir ihnen auf einem bestimmten Weg werden beikommen können.“
RB|2|274|5|0|Sagt Robert: „Ah, das ist aber denn doch im Ernst komisch! Da möchte ich dabei sein, um zu hören, wie etwa doch die Blaugrauen die Roten werden anlaufen lassen.“ – Sage Ich: „Das ist dein Geschäft, und Ich habe dich darauf eigens aufmerksam gemacht. Begib dich daher mit dem Peter Peter hinab und nehmt beide eure Weiber mit. Sucht irgend jemanden zu gewinnen, auf dass er dann ein Friedensrichter werde unter den Parteien, so sie recht zu streiten beginnen werden; denn es wird am Ende unter ihnen ganz heiß und stürmisch werden.“
RB|2|274|6|0|Robert und Peter Peter begeben sich nun schnell hinab und kommen gerade zu der ersten Begegnung. Ein Roter eilt den Blaugrauen entgegen und sagt: „Freunde! Wir haben vernommen, dass sich der allmächtige Geist des berühmten Nazaräers namens Jesus (hier erschrecken die Blaugrauen ein wenig) in dieser Gegend persönlich aufhalte mit einer großen Menge anderer Machtgeister. Könnt ihr uns denn diese Gegend nicht näher bezeichnen und sagen, was alles etwa dieser Machtgeist nun über die böse und harte Menschheit der Erde zu unternehmen im Schild führt. Wir haben auf unserer Hierherwanderung vernommen, dass Er über ganz Europa den Krieg in einer allererbittertsten Art will entstehen lassen. Ihr werdet da sicher etwas Näheres schon erfahren haben. So ihr da etwas Verlässliches wisst, so teilt es uns mit; denn wir haben das dann sogleich der ganzen Welt zu hinterbringen, auf dass sie sich gehörig vorbereiten könne.“
RB|2|274|7|0|Sagt ein Blaugrauer: "Ja, ja, der große Machtgeist befindet sich nun hier in dieser Gegend, und zwar in Gesellschaft von vielen Millionen Geistern, die alle ganz ungeheuer mächtig sein müssen. Wo gerade der Punkt ist, den sein Fuß berührt, das wissen wir wohl nicht anzugeben. Weit von hier ist er in keinem Fall; aber wo gerade, damit können wir euch nicht dienen. Aber seht nur einmal aufwärts und ihr werdet die Luft voll Geister erschauen.
RB|2|274|8|0|(Die Roten tun das und erstaunen über das zahllose Heer.) Von einem europäischen Krieg haben wir zwar noch eben nicht so viel vernommen, aber dafür von einem allgemeinen Weltkrieg über alle Länder der Erde. Dieser Krieg wird wie eine Noahische Sündflut bis auf etliche wenige Menschen und Tiere alles vertilgen, was da lebt und atmet; denn die Menschheit ist von A bis Z zu toll und zu böse geworden!“
RB|2|274|9|0|Über diese Nachricht machen alle Roten ganz enorm heitere Gesichter und sagen: „Ja, ja, so wird es ganz gewiss werden, und der Hebel für den Beginn aber dürfte wohl die rein politische Spiegelfechterei zwischen Österreich und Preußen sein. Wir haben uns Einsichten in die geheimen Kabinettsverhandlungen zu verschaffen gewusst und daraus ersehen, dass diese gegenseitigen, offenen Zwistigkeiten zwischen den oben benannten zwei Mächten nichts als leere optische Täuschungen für Frankreich seien. Unter dem Vorwand, dass diese zwei deutschen Mächte sich mit den Waffen zurechtweisen wollen, rüsten sich beide, und zwar in einer allerintensivsten Art. Preußen sucht pro forma sogar wider Österreich mit Frankreich in ein Bündnis zu treten, was aber Frankreich, das nun den Braten zu riechen beginnt, nicht annimmt, sich aber dafür geheim derart armiert, wie es noch nie armiert war. Werden nun die beiden Mächte ganz armiert dastehen, dann werden sie, sich an Russland stützend, gemeinschaftlich über die Republiken in Europa sich werfen und werden daraus feste Monarchien bilden, so es gut gehen wird. Wird ihr Unternehmen aber scheitern, was auch sehr leicht geschehen kann, und wir möchten es nahezu sogar behaupten, dann ist der Weltkrieg fertig – ein unübersehbarer Kampf zwischen der Sklaverei des Absolutismus und der unbedingten Freiheit des reinen Weltbürgertums. Da wird die Nacht mit dem Licht so lange ringen, bis sie ganz untergehen wird und dem Licht am Ende der volle Sieg zuteilwird. Was meint ihr dazu? Kann das eueren Weltkrieg geben oder nicht?“
RB|2|274|10|0|Sagen die Blaugrauen: „Ja, ja, ihr sollt recht haben! Aber wir haben noch etwas anderes vernommen.“ – „Was denn, was denn?“, fragen die Roten hastig, „vielleicht noch etwas Ärgeres als einen Weltkrieg?“
RB|2|274|11|0|Sagen die Blaugrauen: „Oh, ganz gewiss! Wir haben von glaubwürdigen Geistern vernommen, dass der Machtgeist im Ernst es vorhabe, das große, allgemeine Weltengericht in der ganzen Unendlichkeit ergehen zu lassen, und dass dazu schon alle möglichen, uns freilich unbegreiflichen Vorkehrungen getroffen werden.“ – Hier fahren die Roten vor Entsetzen zurück und schreien: „Nein, nein, das ist nicht möglich! Um des allmächtigen Gottes willen! Ihr meint doch nicht etwa das Gericht, vor dem Sonne und Mond verfinstert werden und alle Sterne vom Himmel auf diese Erde fallen werden wie die Schneeflocken im Winter?“
RB|2|274|12|0|Sagen die Blaugrauen: „Ja, ja, dasselbe Gericht soll nun im Anzug sein, und damit die Auflösung aller Natur.“ – Sagen die Roten: „Wo, wo, und von wem habt ihr so etwas vernommen? Hat etwa der große Machtgeist Selbst so was jemanden anvertraut, oder haben das etwa gar Seine Geister ex officio divino [im göttlichen Auftrag] getan? Sind vielleicht gar schon Posaunen vernommen worden?“
RB|2|274|13|0|Sagen die Blaugrauen: „Das gerade eben noch nicht, so viel wir es wissen; d. h. von daher wissen wir noch nichts, aber eine Menge anderer Geister hat uns darüber gar sehr bedeutende Winke gegeben, und es dürfte daher wohl sehr etwas daran sein.“ – Hier machen die Roten sehr verdutzte Gesichter und vergessen ganz des Krieges. Fragen die Blaugrauen die Roten: „Warum erschreckt ihr denn bei solcher Kunde gar so sehr, da ihr doch bei der Nachricht eines Weltkrieges ganz heitere Gesichter gemacht habt? Geniert euch denn das große verheißene Weltengericht, das der große Machtgeist Jesus halten wird, wie Er es Selbst vorhergesagt hat bei Seinen Leibeslebzeiten auf dieser Erde, und zwar im Angesicht der Stadt Jerusalem?“
RB|2|274|14|0|Sagt ein Roter: „Ja, Freunde, das geniert uns ungeheuer! Denn nach solch einem Gericht hören alle Welten und was sie hervorbringen auf. Keine Menschen werden mehr den Erdboden betreten und von einem ergötzlichen Krieg wird dann auch sicher ewig keine Rede mehr sein. Was sollen wir aber dann anfangen, wenn keine Kriege mehr geführt werden? Kriege sind ja unser Leben; ohne Kriege gibt es auch überhaupt gar kein Leben, keinen Gewinn und kein Vergnügen. Dieser nun bevorstehende Weltkrieg wäre sonach der letzte, der auf dieser Erde Boden, der auch vergehen wird, zustande käme?“
RB|2|274|15|0|Sagen die Blaugrauen: „Ganz gewiss! Denn wenn keine Menschen mehr existieren werden, wer soll da denn hernach wohl noch einen Krieg führen? Selbst wenn auch noch nach dem Weltkrieg, der nun in Kürze beginnen wird, etliche und dreißig Menschen und vielleicht noch weniger am Leben bleiben würden und die Erde noch etliche und fünfzig Jahre erhalten werden möchte, so kann auf ihr schon darum kein Krieg mehr stattfinden, weil die wenigen Menschen Land genug besitzen werden und daher nicht nötig haben, sich wegen des Besitzes von mehr oder weniger Land einander gegenseitig zu bekriegen, um Länder durch den Krieg an sich zu reißen und darüber zu triumphieren. So aber die wenigen Übriggebliebenen dazu noch im Licht Gottes sein werden und leben nach dessen Geboten leicht, ja sehr leicht, weil dann viele Tausend Versuchungen, die die Menschheit nun wider das Gottesgesetz zu handeln anfachen, von selbst hinwegfallen werden, wer soll dann auch an einen Krieg denken können?
RB|2|274|16|0|Also von einem Krieg nach dem großen Weltkrieg wird gar keine Rede mehr sein können, und das halten wir für überaus gut; denn aus einem selbst allerglücklichsten Krieg ist noch nie ein Glück für die Menschheit hervorgegangen. Daher ist ein ewiges Ende aller Kriege nur über alles zu erwünschen. Ob das allgemeine Weltengericht auch so segensreiche Folgen haben wird, als das gänzliche Aufhören der Kriege, das ist eine sehr bedeutend andere Frage. Wenigstens dürften dabei so kriegslustige Helden, denen das größte Unglück der Menschheit Vergnügen schafft, eben nicht am besten bestehen.“
RB|2|274|17|0|Fragen ganz heftig die Roten: „Und warum denn? Sind denn die Kriegshelden nicht stets die verdienstlichsten Menschen auf der Erde gewesen? Machen nicht sie allein den Ruhm aller Völker aus? Sind Ordenszeichen und Siegestrophäen nichts in euren Augen? Nur ruhmgekrönte Helden leben in der Geschichte und in der Erinnerung der Völker ewig fort! Alles andere aber ist Asche und Spreu, und vergeht wie eine Tagesfliege, und lebt in keines Menschen Erinnerung fort.“
RB|2|274|18|0|Sagen die Blaugrauen: „Und was habt ihr Helden nun davon, so ihr etwa noch im Gedächtnis schwacher Erdmenschen gleich mattesten Schattenbildern um ein paar Jahrhunderte länger fortbesteht als ein anderer armer Teufel? Auch ihr werdet vergessen werden! Und so der Krieg alles zerstören wird, werden da wohl die Geschichtsbücher bleiben? Und so sie auch bleiben, sagt, wer sie dann lesen wird, so alles Leben aufhört? Hier im Geisterreich aber hat ohnehin jeder Unterschied aufgehört, und wo er besteht, da ist die Hölle. So ihr aber auch hier Standesunterschiede sucht, da seid ihr Geister der Hölle und habt Zeit, euch von uns zu entfernen. Sonst dürfte es geschehen, dass ihr von uns entfernt werdet.“
RB|2|274|19|0|Hier werden die Roten vor Ärger ganz stumm. Nur die unter der weißen Fahne Stehenden treten hervor und sagen: „Wir sind keine Krieger aus Lust, sondern aus Not. Wir sind pure Verteidiger! Wir rufen den Krieg nicht. So er uns aber geboten wird, dann stehen wir freilich beim Zeuge und verstehen es, dem Feind die allerheißeste Stirn zu bieten. Gelten deshalb etwa unsere Auszeichnungen und unsere Helden hier auch um nichts mehr, denn ein anderer ganz gewöhnlicher verdienstloser Mensch?“
RB|2|274|20|0|Sagen die Blaugrauen: „Das ist hier vollkommen eins. Ihr seid um gar nichts besser als die anderen; denn ihr seid ebenso ruhmsüchtig wie eure Gegner. Eure Gegner suchen den Krieg und ihr erwartet die Kriegssucher mit brennender Gier, um euch mit ihnen messen zu können. Was für Unterschied ist wohl darin, so ein hochmütiger Teufel den andern, der ihn beleidigte, herausfordert, und der Herausgeforderte nimmt den Kampf begierig an? Sagt, derwelche oder wer aus beiden ist da wohl der Verdienstvollere, Bessere und Schätzenswertere? Wir meinen, die Geschichte hebt sich hier so ziemlich auf und ein Unterschied ist da wohl beinahe gar nicht bemerkbar. Da ist schon ein Teufel wie der andere.“
RB|2|274|21|0|Hier fahren auch die mit der weißen Fahne auf vor Zorn und wollen sogleich die Blaugrauen zu massakrieren beginnen. Aber hier treten Robert und der Peter Peter vor und drängen die Roten auf gute hundert Schritte zurück und bedrohen sie. Aber darauf werden die Roten alle gemeinschaftlich erst so recht kriegstoll.
RB|2|275|1|1|Robert und Peter bearbeiten die Spaßmacher. Diese bekennen ihre Schwäche und entschuldigen sich. Menschen- und Gottesgericht. Ein Bote von oben.
RB|2|275|1|1|(Am 9. Nov. 1850)
RB|2|275|1|0|Sie (die Roten) getrauen sich aber dennoch nichts zu unternehmen, da sie nun erfahren haben, dass die beiden eine besondere Kraft haben müssen, die sie so unwiderstehlich zurückgedrängt hat. Aber dafür treten sie recht eng zusammen und halten Rat, was sie nun tun sollen, um ihrem Grimm doch ein wenig Luft machen zu können.
RB|2|275|2|0|Unterdessen aber wenden sich die beiden an die Blaugrauen und sagen: „Freunde, wie wir es jetzt erfahren haben, so seid ihr dem Reich Gottes näher, als ihr es bei euch meinen möchtet. Aber es geht euch noch so manches ab, das ihr aber sehr leicht gewinnen könntet. Und seht, dieses Manche besteht lediglich darin, dass ihr ganz ausschließend der Wahrheit euch bestrebt und fürder keine Lust daran haben sollt, in der Zukunft jemanden anlaufen zu lassen, wie ihr es mit diesen roten Geistern gemacht habt. Seht, es ist für den Blinden genug des Elends, dass er blind ist. Wozu dann daran eine Lust haben, sich aus der Blindheit des Blinden einen nichtssagenden Spaß bereiten zu wollen, der am Ende dennoch zu allerlei Ärgernissen und Verdrießlichkeiten, die sicher in der wahren Nächstenliebe nicht gegründet sind, Anlass geben können und oft unausweichlich geben müssen? Also weg mit dem, was weiseren Geistern, wie ihr es seid, nicht ziemt!
RB|2|275|3|0|Seht, die Folge eines oft noch so harmlosen Spaßes oder Scherzes, den man sich gegen einen etwas Schwachsinnigen erlaubt hat, kann nicht selten eine recht bittere sein. Der Gefoppte merkt es am Ende, dass er gefoppt ward, wird darüber erbost und denkt dann nur darüber, wie er sich revanchieren könnte. Er findet bald einen Weg dazu und handelt dann rücksichtslos; denn so ein Esel einmal toll wird, so bringt er den Tiger zum Weichen. So was erbittert dann das Gemüt der früheren Spaßmacher ganz entsetzlich, dass sie dann auch schonungslos zuzuhauen anfangen. Und die Folge davon ist? Wir brauchen sie euch nicht näher zu detaillieren, denn ihr seid selbst so klug, dass ihr sie in all ihrer bittersten oft endlosen Ausdehnung übersehen könnt. Daher lasst in der Zukunft das und wendet euch dafür ganz lebhaft zum Herrn, den ihr recht wohl kennt, und ihr sollt von Ihm in Sein Reich aufgenommen werden.“
RB|2|275|4|0|Die Blaugrauen danken den beiden für diese wahre und sehr freundliche Zurechtweisung und fragen sie aber auch zugleich, was sie nun diesen roten Geistern tun sollen, indem sie dieselben denn doch etwas zu stark haben anlaufen lassen, wie mit dem Weltkrieg und am Ende gar mit dem allgemeinen Weltengericht.
RB|2|275|5|0|Sagen die beiden: „Das war freilich etwas stark. Aber da diese Anlaufenlasserei bei diesen Kriegssuchern denn doch einen gewissen moralischen Eindruck gemacht hat, so kann man es vorderhand dabei bewenden lassen. Bei einer nächsten Gelegenheit wird sich dann das schon wiedergutmachen lassen. Sie aber jetzt aufzuklären, könnte sehr üble Folgen haben. Es wird nun ein starker Krieg über die Erde zugelassen werden und wird wüten hie und da zum Teil moralisch und zum großen Teil auch natürlich. Also wird sich auch ein besonders starkes Gericht über die Großen und zu selbstsüchtigen Reichen ergießen. Auch werden hie und da große irdische Eruptionen statthaben, und so wird sich diese eure Fopperei für den Sinn dieser Geister bewahrheiten. Aber nun zieht euch zurück und tut das, was wir euch angeraten haben, so werdet ihr einen großen Vorteil für euer Leben ernten. Ihr seid also näher dem Reich Gottes, als ihr es meint. Tut danach, wie es recht ist nach der heiligen Ordnung Gottes, und ihr werdet in dieses Reich alles Lebens eingehen. Wir waren auch, wie ihr nun seid; der Herr aber hat uns erhoben, und wir sind nun bei Ihm für ewig. Folgt uns, und ihr sollt von Ihm nicht verstoßen werden! Denn wahrlich, in Seinem Haus gibt es gar viele Wohnungen!“
RB|2|275|6|1|(Am 11. Nov. 1850)
RB|2|275|6|0|Sagen die Blaugrauen: „Wir waren in diesem Ort stets ehrliche Bürger bei unserem Leibesleben sowohl als auch nun als des schweren Leibes entledigte Seelen oder Geister. Nur diese sonderliche Schwachheit hatten wir alle mehr oder weniger, dass wir gerne Kasperladen ausgeübt haben, freilich stets weit entfernt von irgendeiner bösen Absicht. Unseres Wissens ist aus all unseren ausgeführten Späßen auch nie für jemanden etwas Übles hervorgegangen; und hatte sich auch nur irgendein Schein von einem Schaden gezeigt, so haben wir ihn sicher wiedergutgemacht. Bei manchen etwas stark eingebildeten Leuten haben unsere Stand-, Sach-, Tat- und Wortwitze sogar eine gute moralische Wirkung zuwege gebracht. So manche hoch aufgetriebenen Blasebälge sind dadurch ihrer überflüssigen Hochluft entledigt worden, was da sicher nicht schlecht war, weil sie hernach recht artige und freundliche Menschen geworden sind. Wir wollten durch unsere Scherze auch nie einen auch noch so geringen Menschen entehren; sondern unsere Sache war vorerst freilich nur, einen erheiternden Spaß auszuführen – und danach aber auch so manche gar zu alberne Dummheiten jener vielen Menschen sanft durchzugeißeln und dadurch einen etwas geläuterten Sinn bei den Trübsinnigen zu bewerkstelligen.
RB|2|275|7|0|Und so erhoffen wir denn auch, dass Gott der Herr, der der menschlichen Seele auch den Heiterkeitssinn eingepflanzt hat, mit uns etwa doch nicht gar zu scharfrichterlich umgehen werde. Sagte ja auch der weise Apostel Paulus im Namen Gottes, dass man mit den Heiteren heiter sein soll und weinen mit den Weinenden. Vom Weinen war bei uns freilich wohl gar leicht nicht die Rede, aber heiter waren wir stets, und der zu uns kam, hatte sicher nie eine Ursache zum Weinen gefunden; und hatte er auch vor unserer Türe geweint, so wussten wir ihm seine Tränen auch bald zu trocknen, entweder durch eine Unterstützung oder durch unsere stets ungetrübte gute und heitere Laune. Wir finden daher an uns zwar wohl geradewegs nichts, was man mit gutem Gewissen loben könnte, aber ebenso auch nichts, was da ex fundamento [von Grund aus] zu verdammen wäre,
RB|2|275|8|0|und erhoffen daher von Gott dem Allgerechten, wennschon nichts, das da ein Gesicht wie ein Lohn hätte, so doch aber auch keine ewige Verdammnis. Das ist so unsere Meinung; was sagt ihr dazu? Ob wir so zu reden hier ein Recht haben, das ist freilich eine ganz andere Sache. Aber das glauben wir fest und haben es trotz der Höllenpredigten unserer Pfaffen allzeit geglaubt, dass Gott der Herr kein so unerbittlicher Richter sein wird, als wie da waren und noch sind die Richter auf der Welt. Diese richten die Armen schonungslos nach dem Buchstaben des Gesetzes und kennen weder Schonung, Gnade und Erbarmung. Bei Gott aber dürfte es ja doch bei der völligen Besserung einer sündigen Seele etwas gnädiger hergehen.“
RB|2|275|9|0|Sagt Robert: „Allerdings! Des Herrn Gericht ist ein angelegter Weg zur Besserung und Vollendung des Geistes; aber der Menschen Gericht gebiert Verderben und den Tod der Seele. Folgt uns daher nur auf die Höhe dieses vor uns stehenden Hügels! Dort sollt ihr es vom Herrn Selbst erfahren, wie gar sehr verschieden Seine Gerichte von den Gerichten der Menschen sind. Die Gerichte des Herrn sind ein Balsam zur Heilung aller Wunden, die je einer Seele geschlagen worden sind. Die Gerichte der Welt aber gleichen den wilden Raubtieren, die ihre Opfer ohne alle Schonung anfallen und dieselben zerreißen und mit großer Gier verzehren, was ich selbst wohl erfahren habe. Folgt uns daher nur ganz ohne Furcht, denn hinter uns erwartet euch ein sanfter Richter und keine mit scharfer Ladung zum Tod wohlversehene Schützen.“
RB|2|275|10|0|Sagen die Blaugrauen: „Ihr lieben Freunde! Wenn es zuverlässig so ist, als wie ihr es uns nun kundgemacht habt, da folgen wir euch sogleich ganz unbedingt. Aber da wir schon einmal mit euch reden, so möchten wir denn doch auch erfahren, wer denn etwa die zwei gar wunderschönen Damen hinter euch sind. Wir sahen sie mit euch kommen, auch wichen sie nicht von eurer Seite. Sie besprechen sich untereinander ganz still; mit euch aber sahen wir sie noch nicht ein Wörtchen wechseln. Das kommt uns etwas sonderbar vor; daher möchten wir wissen, wer die beiden Engelsschönheiten sind und was sie bei euch zu tun haben? Am Ende sind das etwa so ein paar himmlische Spione, die es sich zum Geschäft machen, uns zu bespitzeln und hernach bei der himmlischen Polizei uns anzuzeigen, so uns etwa irgendein unrechtes Wort über die Lippen geflossen wäre!? Das wäre so eine ganz verzweifelte Bescherung!“
RB|2|275|11|0|Sagt Robert: „Habt vor diesen beiden Weibern keine leere und törichte Angst. Sie sind unsere von Gott dem Herrn uns für ewig angetrauten Weiber und begleiten uns überall auf unseren Wegen und Stegen, die wir allzeit im Namen des Herrn zu machen haben. Von irgendeiner Spitzlerei aber kann hier schon darum ewig keine Rede sein, weil fürs Erste der Herr allwissend und allsehend und allhörend ist, und fürs Zweite auch wir als Seine Boten jeden Geist, mit dem wir zu tun haben, durch und durch schauen können und daher ganz genau wissen, wie er mit all seinen Gesinnungen, Gedanken, Worten und Werken bestellt ist. Wir aber gehören noch lange nicht zu den vollendeten Geistern, und doch sehen und hören wir sozusagen das Gras wachsen und verstehen die Sprache der Infusionstierchen, um wie viel mehr versteht das erst der Herr Selbst und Seine vollendeten Geister.
RB|2|275|12|0|Aus dem aber könnt ihr gar überaus klar entnehmen, dass man im Reich Gottes durchaus keine Denunzianten braucht und keine Ohrenbeichte, um hinter die geheimsten Gedanken, Wünsche und Triebe der noch so gesinnungsverschiedenen Geister zu gelangen. Wir kennen euch nun durch und durch. Sähen wir, dass ihr untüchtig wäret zum Gottesreich, so würden wir euch ebenso wenig uns zu folgen bereden, als wie wenig oder gar nicht wir jene roten Geister uns zu folgen bereden, die noch große und sehr bittere Lebensproben durchmachen werden müssen, bis sie fähig werden, ins Reich Gottes aufgenommen zu werden. Da wir aber in euch die Fähigkeit ersehen, vermöge der ihr – nicht etwa würdig, sondern einfach bloß nur, wie gesagt, fähig seid, ins Gottesreich aufgenommen zu werden, so bereden wir euch denn auch, dass ihr uns zum Herrn hin folgen sollt, tun euch aber ja keinen Zwang an.
RB|2|275|13|0|Ihr könnt noch immer tun, was ihr wollt. Wollt ihr mit uns ziehen, so könnt ihr das ganz frei ohne allen Zwang tun. Wollt ihr aber lieber also verbleiben, so steht es euch auch ganz frei. Aber so ihr uns folgen wollt, da müsst ihr euch wohl sogleich dazu bequemen, denn die Zeit fängt an, uns zu drängen. Der Sabbat geht dem Ende zu; die irdische Sonne beugt sich schon sehr stark in ihrer Tagesbahn dem Untergang zu. In dieser Nacht noch geschieht unser Abzug von hier, daher hätten wir nun nur sehr wenig oder nun schon auch keine Zeit mehr, uns für nichts und wieder nichts mit euch noch länger abzugeben. Kommt daher sogleich – oder bleibt!“
RB|2|275|14|0|Sagen die Blaugrauen: „Wir gehen mit euch ohne alle weiteren Bemerkungen! Der Herr wird uns gnädig und barmherzig sein. Aber da kommt soeben ein Bote von oben herab; den müssen wir denn etwa doch noch abwarten! Der könnte vielleicht gar wichtige Dinge uns zu hinterbringen haben. Er sieht zwar sehr freundlich aus, aber in seinen Augen ist dennoch ein gewisser Ernst zu entnehmen, aus dem gar wichtige Dinge hervorgehen können. Er naht sich uns mit schnellen Tritten; er wird sogleich bei uns sein.“ – Sagt Robert: „Ja, den Boten müssen wir freilich noch abwarten. Der wird uns wohl das Wichtigste zu berichten haben.“
RB|2|275|15|0|Der Bote tritt nun in die Mitte der Blaugrauen und sagt: „Seid mit uns voll guten Mutes; denn ihr habt den Weg zum Heil des Heils gefunden! Eure Gewänder sollen lichtblau werden und eure Herzen beständig in der Liebe zu Gott dem Herrn und zu euren Brüdern und Schwestern. Werdet frei in allem! Und tut Gutes jedermann! Niemand sei euch zu gering, aber auch niemand zu groß. Denn im Gottesreich herrscht die vollste Gleichberechtigung aller Stände und aller Nationen! Daher folgt uns ohne Furcht und ohne Zaudern!“
RB|2|276|1|1|Staunen der Lichtblauen ob der Macht des Wortes dieses Boten. Gottesvorstellung und Gotteserkenntnis der Menschen und Geister. Selbst Gottergebene erkennen oft den Herrn persönlich nicht.
RB|2|276|1|1|(Am 13. Nov. 1850)
RB|2|276|1|0|Sagen die nun sogleich mit lichtblauen Gewändern Angetanen, die nun nicht begreifen können, wie möglich ihre Kleider gar so plötzlich sich haben verändern und umfärben können: „Freund, du kommst uns ganz sonderbar vor! Was du sagst, das geschieht! Unsere Kleider, merkwürdig! Dein Wort erging über sie, und wir konnten es nicht einmal merken, wann sie so ganz eigentlich umgewandelt worden sind. Auch hat sich unsere Gesinnung ganz umgeändert. Wir sehen nun manches bis auf den Grund ein, wovon wir früher keine Spur hatten. Du musst ein gar überaus mächtiger Freund des Herrn sein. Die beiden früheren Freunde, d. h. die vor dir zu uns kamen mit den beiden Weibern, waren wohl auch so hübsch mächtig, denn jene rote Schar, die uns von weitem her ganz verzweifelt kriegslustig angrinste, haben sie ganz allmächtig scheinend zurückgedrängt, und jene haben sich darauf uns nimmer nahen können. Diese Tat zeugt wahrlich auch von einer ungeheuren Willensmacht; aber sie scheint doch nur mehr darin bloß zu bestehen, dass sie hindert und gewissen Begierden und Handlungen ein schroffes Ziel setzt gleich einem sanktionierten Gesetz aus dem Mund eines Feldherrn. Aber Dinge durch ein leichtes Wort zauberisch wunderbar verwandeln – ah – das gehört auf ein anderes Blatt!
RB|2|276|2|0|Es kann ein mächtiger Feldherr durch sein Donnerwort wohl einen halben Erdkreis erbeben machen, aber eine rote oder gelbe Blume durch sein Machtwort blau zu umfärben vermag er nicht, da gehört mehr dazu, als einem Heer von Millionen zu gebieten, dass sie Berge abtragen sollen und den großen Strom Euphrat austrocknen. Sage, du liebster Freund, mit welcher sonderbaren Macht tust denn du solch ein wahres Wunder? Siehe, wir glaubten auf der Welt eben nicht zu fest an die Wunder Christi, wohl aber an Seine Lehre, die wahrlich rein göttlicher Art ist. Aber nun werden uns auch alle Seine Wunderwerke einleuchtend; das ist schon rein göttlich. Nur möchten wir auch einsehen, wie denn doch so was möglich ist.“
RB|2|276|3|0|Sagt der dritte Bote: „Ich kann euch darüber vorderhand keine andere Erklärung geben als diese: ‚Bei Gott sind alle Dinge möglich!‘ Wer aber Gott über alles liebt und durch solche Liebe mit Gott eins ist, dem ist dann so wie Gott Selbst auch alles möglich. Sagte nicht Christus auf der Welt: ‚Um was immer ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird euch gewährt werden.‘ Wer also in und durch die Liebe mit Gott eins ist, der kann auch tun, was Gott Selbst tut. Werdet alsonach voll Liebe zu Gott dem Herrn, so werdet ihr auch ebenso mächtig werden, als wie mächtig Ich nun vor euch stehe. Alle Macht besteht einzig und allein nur in der Liebe. Die endlose Macht Gottes besteht auch nur in dessen unbegrenzter Liebe. Und so kann ein jeder Geist durch die Liebe allein zu einer ebenso großen Macht gelangen, als wie groß da ist seine Liebe in Gott und zu Gott. Ohne Liebe aber gibt es weder ein Leben noch irgendeine Macht desselben. Habt ihr das nun wohl verstanden?“
RB|2|276|4|0|Sagen die nun Lichtblauen: „Herrlicher Freund! Wer soll deine Worte nicht verstehen? Sie fließen ja wie ein feinster Balsam in unsere Herzen. Wir bitten dich, führe uns nur sogleich zu Jesu dem Herrn hin auf diese Höhe, auf der Er Sich nun befinden soll! Wir brennen vor Liebe und großer Begierde, Ihn zu sehen und womöglich mit Ihm vielleicht auch ein paar Wörtlein zu wechseln – wenn Er auch nun rein im Geiste so ist, wie Er auf der Erde war, nämlich voll Liebe und voll der größten Sanftmut!“
RB|2|276|5|0|Sagt der Bote: „Aber als Er aus dem Tempel die Käufer und Verkäufer trieb und den Taubenkrämern und Wechslern ihre Buden umstieß, da war Er eben nicht von der größten Sanftmut beseelt; wie auch damals nicht, als Er den fruchtleeren Feigenbaum verfluchte und den heuchlerischen Pharisäern ihre Schandtaten vorhielt. Was meint ihr dazu?“
RB|2|276|6|0|Sagen die Lichtblauen: „O Freund! Da war Er erst ganz ungeheuer sanft und nachgiebig. Wir an Seiner Stelle, so wir im Besitz Seiner Macht gewesen wären, hätten da eine ganz andere Wirtschaft angerichtet. Das jüdische Krämer- und Wechslergesindel hätten wir wie Wanzen und Schwabenkäfer mit Feuer behandelt und das jüdische Pfaffentum wäre von uns aus ganz à la Sodom und Gomorrha behandelt worden. Die Kerls hätten braten müssen wie ein kälberner Schlegel am Ostersonntag. Was aber den fruchtlosen Feigenbaum betrifft, so stellte Er dadurch ja ohnehin nur ein Symbol auf, wahrscheinlich von der römisch-katholischen Kirche, die auch voll von lauter heidnischen Zeremonienblättern ist, hinter denen keine Frucht bemerkbar ist. Also nur zu Ihm hin auf Gnade und Ungnade! Er muss Sich von uns über Hals und Kopf lieben lassen.“
RB|2|276|7|0|Sagt der Bote: „Nun denn, auf eure Verantwortung! Wir wollen also unser Glück versuchen.“ – Sagen die Lichtblauen: „Nur zu! Wir werden dich schon verantworten! Wir fürchten uns nicht vor Ihm, denn wir lieben Ihn ja über Hals und Kopf!“
RB|2|276|8|0|Auf diese Äußerung der nun Lichtblauen, deren Zahl dreißig Mann hoch ist nebst einer ziemlichen Zahl ihrer Dienerschaft, wird nun hurtig der Hügel erstiegen. Als wir oben im bekannten Baumrondo ankommen durch die vielen Reihen von Geistern aller guten Art, da stehen die drei Apostel, die Kaiser und etliche Bischöfe und machen eine tiefe Verbeugung vor uns. – Da fragen die Lichtblauen den vermeintlichen Boten: „Freund, vor wem verneigen sich denn diese Geister, vorausgesetzt, dass sie auch Geister sind? Am Ende sehen sie schon irgendwo Christus den Herrn, den wir als Folge unserer zu tiefen Unwürdigkeit noch nicht sehen können? Wenn das der Fall wäre, o da zeige uns wenigstens die Stelle, von welcher Er herkommt, auf dass wir uns vor Ihm sogleich niederwerfen und Ihm im Staub unserer gänzlichen Nichtigkeit unsere Ehre geben!“
RB|2|276|9|0|Sagt der vermeintliche Bote: „Wahrscheinlich werden diese den Herrn sehen und kennen zugleich, weshalb sie sich also verneigen vor Ihm. Denn es gibt recht sehr viele, die wirklich den Herrn sehen und sprechen oft viele Tage und manchmal sogar Jahre lang, aber weil ihr Herz noch blind ist, so erkennen sie Ihn nicht. Diese fragen dann auch in einem fort und sagen: ‚Oh, wenn wir doch nur einmal das große Glück hätten, den Herrn Jesus zu sehen, dann verlangten wir keine andere Seligkeit mehr! Wir würden im Staub vor Ihm aus lauter Demutstiefe uns herumwälzen und Ihn preisen und loben mit allen Psalmen Davids und hohen Liedern Salomons!‘ Das sagen sie dem Herrn, den sie wohl sehen und sprechen, aber nicht kennen, ins Gesicht und harren immer Seiner, während sie doch mit ihren Nasen hundert und Tausend Mal an Ihn gestoßen sind.
RB|2|276|10|0|Aber was nützt das Sehen allein, so das Erkennen nicht dabei ist? Das Erkennen ist aber zumeist darum recht sehr erschwert, weil das menschliche Herz, das in seinen Tiefen noch so manchen Hochmutsbrocken birgt, sich in dem sehr schwer findet, sich die Gottheit etwas menschlicher vorzustellen, als es gewöhnlich der Fall ist, wonach die Gottheit etwas ganz verzweifelt Außerordentliches sein muss. Wenn Sie auch schon der Form nach aussehe wie ein vollkommenster Mensch, so soll Sie aber nach dem Erwarten und Einbilden der Menschen doch wenigstens glänzen wie eine Sonne.
RB|2|276|11|0|Der Mensch kann sich die Gottheit nur als etwas ungeheuer Außerordentliches vorstellen. Die Ursache davon ist erstens die Anschauung der Materienwelt in all ihren Verhältnissen, sowohl der Masse wie der Größe und ihrer Einrichtung nach. Der gestirnte Himmel zeugt von einem überriesenhaft großen Gottwesen, die Sonne von Seinem Licht, die Erde von Seiner Macht und Stärke. Der Papst, die Kardinäle, Bischöfe und andere geistliche Korporationen aller Konfessionen verkünden Ihn auch als etwas, das der Mensch sich kaum zu denken getrauen soll. Am Ende kommt noch der Hochmut des eigenen Herzens und dessen feinen Weltverstand dazu, der sich so ganz eigentlich eines unansehnlichen Gottes schämt, nicht gern in einer angesehenen Gesellschaft den Namen Jesus ausspricht und noch weniger dessen unbestreitbarste Göttlichkeit fest behauptet.
RB|2|276|12|0|Und so kommt es denn auch ganz besonders hier im Geisterreich wie auch dann und wann auf der Erde vor, dass der Herr Selbst lange mit sonst weisen Geistern wie auch mit Menschen auf der Erde umgeht, aber sie erkennen Ihn nicht aus den angeführten Gründen. Die Erdmenschen verlangen oft noch mehr als die Geister, sie wollen große Wunder, denn kleine taugten ja nicht für ihren großen Gott, dessen Namen Jesus sie sich, wie gesagt, in einer noblen Gesellschaft nicht auszusprechen getrauen, weil ihnen der Herr Jesus ein denn doch ein bisschen zu kleiner Gott ist. Da heißt es nur, wenn schon von Gott die Rede ist: Großer, allmächtiger Gott! Großer Schöpfer der Unendlichkeit, Weltenlenker, Vater der Äonen und dergleichen. Wenn nun Jesus den Menschen auf der Erde als ein ganz gewöhnlicher, manchmal dem Anschein nach sogar mit manchen Schwächen behafteter, dürftiger Mensch entgegenkommt, Sich oft länger bei ihnen aufhält und nicht alsbald echt zauberisch verschwindet und geisterartig, wohl sehr weise, so es nottut, spricht, mit ihnen isst und trinkt, aber keine Wunder wirkt – da erkennt Ihn sicher niemand, obschon Er Selbst so bis an das Weltende bei den Seinen zu bleiben versprach.
RB|2|276|13|0|Denn nur im Kleid der Armut kommt der Herr zu Seinen Kindern auf die Erde gar oft. Aber sie erkennen Ihn nicht, weil ihre Begriffe von Gott an und für sich schon Hochmut sind – gleichwie ein Adeliger sich's wohl gefallen lässt, wann ein Hochadeliger von sechzehn Ahnen und darüber über ihn herrscht. Man unterstelle ihn aber nur einem Unadeligen, und sein Gehorsam und besonders sein Respekt hat, wenigstens moralisch genommen, sein Ende erreicht. So, wie gesagt, geht es mit der Gottheit bei den vom Hochmut Aufgeblähten. Hat der Heer vor ihren Augen nichts ihren hohen Forderungen Gemäßes und glänzendst Außerordentliches, etwa so was von einer echt orientalischen oder wenigstens spanischen Grandezza an Sich, etwa nichts von einem echt stoischen Ernst und nichts Wunderähnliches, gehen Seinem Erscheinen nicht Feuer, Sturmwind, Blitz und Donner allerdickster Art voran – dann ist es mit Seiner Gottheit aus.
RB|2|276|14|0|Manche sonst sogar sehr gottergebene Seelen ließen sich eher martern, bevor sie sich anzunehmen getrauten, dass der Herr sie in der Gestalt irgendeines in der Welt ganz bedeutungslosen Menschen heimgesucht hat. Ja, Ich sage euch, es ist dem Herrn auf der Welt seit achtzehnhundert Jahren das schon gar oft widerfahren, dass Er sogar von sonst ganz gemütlichen Gottergebenen hinausgeprügelt worden ist; und doch war es wirklich der Herr des Himmels und der Erde Selbst, den sie hinausgeprügelt haben. Daher es denn auch fast stets schwerer wird, dass Sich der Herr den Menschen auf der Erde nähere. Als ein Lügner gegen Sein Wort kann der Herr die Menschen nicht besuchen; kommt Er aber in Seiner harmlosesten Weise, da mag Ihn niemand erkennen. Was soll man dann tun und wie Sich Selbst richten, dass man erkannt werden möchte?
RB|2|276|15|0|Seht, im Himmelreich Gottes ist nur der der Erste und Vorzüglichste, der aus allen der Geringste und der Unbedeutendste zu sein scheint. Wie soll bei solcher ewigen Ordnung Gottes Er als das allererste und vorzüglichste Wesen von dieser goldensten Regel eine Ausnahme machen wollen? Fragt euch nun selbst, ob bezüglich der Gotteserkenntnis nicht etwa auch bei euch ganz derselbe Fall vorhanden ist. Ihr seht Christus den Herrn vielleicht schon eine geraume Weile, mögt Ihn aber nicht erkennen, weil Er euch ganz sicher viel zu wenig göttlich nobel aussieht.“
RB|2|276|16|0|Hier erst fangen sie den Boten schärfer zu betrachten an und sagen: „Du wirst es aber etwa ja doch nicht sein? Ah, das wäre wirklich ein sehr fataler Spaß! Wenn Du es wärst, was dann mit uns Sündern? Aus Deinen Worten aber könnten wir fast entnehmen, dass, o Gott, es so wäre!“
RB|2|277|1|1|Vom wahren Wesen Gottes. Wie die Vorstellung vom unendlich großen Gott zum Verhängnis wird. Vom Wesen des Lichtes und der Liebe.
RB|2|277|1|1|(Am 15. Nov. 1850)
RB|2|277|1|0|Sagt der Bote: „Diese ängstliche Verwunderung ist schon wieder eine Folge eurer ursprünglichen endlos allerhöchsten Begriffe von Gott. Ich sage euch aber, diese Begriffe von der Gottheit taugen nicht zum wahren Leben aus und in der Liebe. Was geht euch denn das Unendliche des göttlichen Wesens an? Haltet euch bloß nur an die Liebe, die alles in engen Kreisen um sich herum versammelt haben will, was sie einmal angezogen hat.
RB|2|277|2|0|Die Liebe ist ein rechtes Feuer, das da sammelt und nicht zerstört und zerstreut. Das Licht aber, das da ausgeht von der hellen Flamme der Liebe, wallt freilich wohl in geraden Strahlen endlos und ewig fort und weiter und weiter und kehrt nicht zurück, außer die Liebe Gottes hat demselben Schranken gesetzt, an denen es sich stößt und den Rückweg zu seinem Ursprung antritt. So ihr aber die Gottheit nach der freilich endlosen Ausdehnung Ihres Lichtausströmens beurteilt und dadurch wahre ‚Lichtreiter‘ seid, auf den endlosen Flügeln des Geistes aus der Gottesliebe die endlosen Räume durchfliegt und das Dasein der großen Gottheit sucht, da bleibt euch freilich die wahre Bekanntwerdung mit dem eigentlichen Gottwesen ewig fern und ihr müsst endlich vor der endlosesten Gottesgröße erliegen und mögt euch nimmer aufrichten in euren Herzen, auf dass ihr schauen und fassen möchtet das wirkliche Wesen Gottes, eures Vaters. Steht aber dann ein Wesen wie Ich vor euch und sagt zu euch: ‚Ich bin es, den ihr so lange vergeblich im Unendlichen gesucht habt!‘ so erschreckt ihr und fahrt wie ohnmächtig zusammen. Warum denn das? Die Ursache liegt am Tage: Weil ihr das Wesen, das Sich euch als die wahre Gottheit in Ihrem Ursein vorstellt, noch immer mit den Unendlichkeitsaugen angafft und an diesem Wesen von Neuem euer Gemüt wie einen elastischen Ballon ins Endlose auszutreiben beginnt mit der Luft eurer eitlen Einbildung.
RB|2|277|3|0|Es ist wohl recht, dass ein Geist oder ein Mensch das Gottwesen betrachtet in den Werken; aber er soll sich von ihnen nicht verschlingen lassen. Seht, in der ersteren Zeit der Erde haben die Menschen ihre Lust gehabt, riesenhafte Bauten aufzuführen. Ein Nimrod baute Babylon und einen über die Berge ragenden Turm. Eine Semiramis ließ Berge abtragen. Ein Ninus erbaute das große Ninive. Die alten Pharaonen überschwemmten Ägypten mit den kolossalsten Bauten und Bildern. Die Chinesen erbauten eine Mauer von vielen Hunderten Meilen Länge, um ihr Land vor dem Eindringen fremder, feindlicher Völker zu verwahren. Wollte man nun solche Erbauer ebenso groß sich vorstellen, als wie groß da waren ihre Werke, so müsste man denn doch von jedem nur einigermaßen heller denkenden Mann für einen barsten Narren gehalten werden. Seht, diese Urbaumeister der großen Gebäude der Erde waren als Menschen um nichts größer als ihr; nur ihre Kräfte verstanden sie ins sehr Große auszudehnen und wirksam zu machen, während sie an und für sich dasselbe Maß hatten wie jeder andere Mensch.
RB|2|277|4|0|So aber schon die kleinen geschaffenen Menschen große Werke zuwege bringen und dabei dennoch nicht größer werden auch nicht um ein Haar – und erbauten sie auch Türme und Pyramiden, die mit ihren Spitzen an den Mond stießen; warum soll denn dann die Gottheit in Ihrem Urwesen ebenso groß sein, als wie groß da sind Ihre Bauten? Da es doch heißt: ‚Und Gott schuf den Menschen nach Seinem Ebenmaß‘ – warum soll denn Gott ein Riese und die nach Seinem Maß geschaffenen Menschen gegen Sein Maß pure atomistische Tierlein sein, die zu Trillionen ganz bequem einen Tautropfen bewohnen können?
RB|2|277|5|0|War denn Christus, der doch in aller Fülle Gott und Mensch zugleich war, ein Riese, als Er auf der Erde das Werk der Erlösung vollzog? O Er war der Gestalt nach durchaus kein Riese, obschon Seine Werke von für euch nie messbarer Größe waren. Und seht, derselbe durchaus nicht riesenhafte Jesus steht auch jetzt vor euch, mit echtem Fleisch und Blut sogar. Nur Sein Geist, der also aus Ihm strömt, wie das Licht aus der Sonne, wirkt in der ganzen Unendlichkeit mit ungeschwächter Kraft ewig. Aber dieser (Schöpfer-)Geist geht euch nichts an und kann euch auch nichts angehen. So ihr aber bei dem Urquell euch befindet oder so ihr beim Herrn alles Geistes seid, so fasst Ihn nach Seiner Liebe und nicht nach Seinem ausströmenden Licht! Dann seid ihr wahrhaft Seine Kinder, wie Er euer aller Vater ist! Aber draußen in der Unendlichkeit habt ihr rein nichts zu tun.
RB|2|277|6|0|Wäre es von den Astronomen nicht sehr dumm, so sie die Sonne bemessen wollten nach dem Durchmesser, wie weit da reichen ihre Lichtstrahlen? Diese dringen fort und fort durch die endlosen Tiefen des ewigen Raumes, und ihr Maß wird größer stets von Sekunde zu Sekunde. Mit welchem Maßstab wäre solch eine törichte Bemessung wohl möglich? Die Sonne selbst messen die Sternkundigen, da ihr Maß ein stetiges und bleibendes ist.
RB|2|277|7|0|Also tut auch ihr! Mich, wie Ich nun vor euch stehe, messt mit dem rechten Maß der Liebe in euren Herzen und habt keine närrisch übertriebene und läppische Furcht vor Mir, der Ich doch ganz euer Maß habe und euch liebe aus aller Kraft Meines Herzens! Dann seid ihr Mir angenehm und ihr könnt dann also über alle Maßen selig sein im engen Kreis der Liebe, außer dem es für euch nirgends eine wahre Seligkeit gibt und geben kann. Sagt nun, habt ihr Mich wohl verstanden, oder ist euch noch irgendetwas dunkel geblieben?“
RB|2|277|8|0|Sagen nun die selig Staunenden: „O Herr! Wie ganz anders bist Du doch, als wir leider dumm genug Dich uns vorgestellt haben! Ja, so kann man Dich, so muss man Dich ja aus dem freiesten Herzen von selbst über alles lieben. Da braucht man wahrlich kein Fegfeuer, keine Hölle und keinen Himmel dazu. Wer Dich nicht erkennt, wie Du bist, der trägt in seiner Blindheit und Dummheit Fegfeuer und Hölle in sich. Wer Dich aber erkennt, wie wir nun, bei dem haben sich mit einem Schlag Fegfeuer und Hölle in den Himmel der Himmel verwandelt.
RB|2|277|9|0|Aber wer kann dafür, dass die Menschen auf der Erde gar so dumme Begriffe von Dir haben?! Am meisten trägt dazu wohl die Lehre Roms bei. Diese lehrt ihre Bekenner einen Gott kennen, von dem man wohl, so man glaubt, die scheußlichste Angst, nie aber eine Liebe zu Ihm haben kann. Man wird dabei wohl voll von aller Hölle und ihren Schrecken, aber von der Liebe kann da keine Rede sein; denn wo die Furcht das Zepter führt, da ist die Liebe fern. Wir dachten oft darüber auf der Welt nach, worin denn davon der Grund liegen könne, dass man sich als ein schlichter Bürger doch unmöglich in eine stolze Prinzessin verlieben könnte, und so man es im Herzen auch versucht, so geht es ebenso wenig als wie mit einer Fahrt in den Mond. Kommt man aber zu einer so recht freundlichen, hochmutslosen, schlichten Bürgerstochter, da gibt es im Herzen sogleich Feuer und Flammen der heißesten Liebe im größten Überfluss.
RB|2|277|10|0|Jetzt begreifen wir das auf ein Haar. Die Liebe webt und wirkt nur in engen, aber in sehr klaren Kreisen. Sie erwärmt nur so den Großen wie den Kleinen, den Künstler und den Weisen. Wahrlich, sie allein ist alles in allem! Sie ist die wirkliche Sonne; alles andere ist nur Schein und ein wesenloses Abbild. O Herr, wie gut bist Du!“
RB|2|278|1|1|Von den Bedingungen des Glückes. Grund der Unglückseligkeit der Höllengeister. Das Reich Gottes im Herzen. Der Weg zum Himmel ist nur drei Spannen lang.
RB|2|278|1|1|(Am 17. Nov. 1850)
RB|2|278|1|0|Rede Ich: „Ja, ja, so ist es! Nur auf dem engen Pfad und am engen Plätzchen ist jedes Menschen wahres Glück und wahre Seligkeit zu erreichen. Wer es auf den breiten Straßen sucht und der Meinung ist, dass die Seligkeit nur am großen Platz voll Glanzes zu finden ist, der findet das Gesuchte nimmer. Nur der Hochmut baut breite Straßen des Verderbens und errichtet große Plätze. Aber auf diesen Plätzen werden auch große Gerichtshäuser, Gefängnisse und Galgen neben den Palästen der Großen errichtet. Und derlei Einrichtungen bedingen wohl nicht das Glück der Menschen, weder materiell noch geistig.
RB|2|278|2|0|Ihr habt auf der Welt oft gesehen, wie in den Palästen sich die Großen auf Kosten der Kleinen und Armen mästen. Ihr habt gesehen die prunkvollen Bethäuser – Kirchen genannt. Wer aber ward noch glücklich durch deren Gold, Silber und Edelstein? Ich sage euch: Niemand! Der Pfaffe nicht, der darinnen schaltet und waltet; denn seine Ruhmsucht und seine Habgier findet viel zu wenig Sättigung und trachtet Tag und Nacht, wie er zu noch mehr Glanz und Ruhm und zu den Reichtümern eines Großmoguls gelangen könnte. Diese Sorgen plagen ihn und machen ihn unzufrieden. Wer aber unzufrieden ist, der ist auch nicht glücklich und kann es auch nicht werden. Denn ein großer und breiter Platz braucht viel, bis er voll wird, und wird er hie und da auch voll, so genügt er dann dem Besitzer nicht mehr. Dieser strebt nun nach der Erweiterung des Platzes, und ist dieser erweitert, da wird dann sogleich wieder nach der Anfüllung des erweiterten Platzes getrachtet. Und so treibt da ein verderblicher Keil den andern, und es ist da nicht möglich, dass da solche Menschen je an ein Ziel gelangen könnten, wo sie einmal ein wahres Glück finden würden.
RB|2|278|3|0|Was macht denn so ganz eigentlich das größte Unglück aller Höllengeister aus? Es ist das Streben nach dem Unendlichen! Die Unendlichkeit aber hat keine Rückwand und somit keine Grenzen. Daher ist es denn auch sicher für jeden nur einigermaßen denkenden Geist leicht klar ersichtlich und überleicht begreiflich, dass so ein von der Hölle erfüllter Geist unmöglich zu einer Glückseligkeit gelangen kann. Denn wer die Seligkeit im Unendlichen sucht, der kann sie unmöglich je finden, denn je weiter er dringt, einen desto endloseren Abgrund ersieht er vor sich und eine Kluft, über die er ewig nicht gelangen wird.
RB|2|278|4|0|Mein Reich ist daher in eines jeden Menschen kleines Herz gelegt; wer nun da hineinkommen will, der muss in sein eigen Herz eingehen und sich da ein Plätzchen der Ruhe gründen, das da heißt Demut, Liebe und Zufriedenheit. Ist er mit diesem Plätzchen in der Ordnung, so ist auch sein Glück für ewig gemacht. Er wird dann auf diesem Plätzchen gar bald nun sehr vieles mehr finden, als er je erwartet hat. Denn ein kleines Häuschen ist doch gewiss leichter mit allem einzurichten, was zum Hauswesen gehört, als ein großer Palast, der noch sehr leer aussieht, und wenn auch schon um viele Tausend Gulden Einrichtungsstücke sich darin befinden.
RB|2|278|5|0|Ihr müsst euch daher auch von Meinen Himmeln keine gar zu breiten und endlosen Gedanken machen [, sondern ganz enge und kleine Vorstellungen,] ungefähr wie bei den Keuschlern (Hüttenbewohnern) auf der Erde. Da werdet ihr dann darinnen die wahre Glückseligkeit finden. Das Herz voll Liebe zu Mir und zu den Brüdern und Schwestern und ein stets tätigkeitslustiger und tätigkeitsvoller Sinn, glaubt es Mir, das wird für jeden aus euch die wahre, ewige Seligkeit begründen.
RB|2|278|6|0|So sollt ihr euch Meine Himmel auch nicht irgendwo noch als recht weit entfernt vorstellen, sondern ganz nahe. Der ganze Weg beträgt höchstens drei Spannen Maß. Es ist das die Entfernung vom Kopf bis ins Zentrum des Herzens. Habt ihr diese kleine Strecke zurückgelegt, da seid ihr auch dann, wie man sagt, mit Haut und Haaren darinnen. Denkt ja nicht, dass wir etwa eine Aszension (Himmelfahrt) über alle Sterne hinauf und hinaus machen werden; sondern denkt euch, dass wir bloß eine Deszension (Niedersteigung) in unser Herz machen werden. Und da werden wir unsere Himmel und das wahre, ewige Leben finden!”
RB|2|279|1|1|Des Herrn schlichte, doch machtvolle Rede. Bezähmung des hochmütigen Kopfverstandes. Erläuterungen des Weges zum seligen Ziel. Gleichnis vom Obstpflücken.
RB|2|279|1|0|Sagen die Lichtblauen: „Dass Du es bist – der wahrhaftige und ewige Gott, Herr, Schöpfer und Erlöser von allen Himmeln, Sonnen und Erden, darüber haben wir nun auch in den geheimsten Winkeln unserer Herzen keinen Zweifel und kein Bedenken mehr. Denn so man Dich sonst auch nicht erkennte, da darf man Dich aber nur reden hören, und alle Zweifel schwinden gleich wie Nebel im starken Licht der Sonne. Denn wie Du redetest durch den Mund der Propheten und wie Du Selbst gesprochen hattest auf der Erde unnachahmlich und unerreichbar für jeden geschaffenen Geist – so sprichst Du nun auch vor uns. In der einfachsten, prunklosesten Redeweise sprudeln Ströme der höchsten und göttlichen Wahrheit und Weisheit, gleich den mächtigsten Quellen, aus denen der Ozean seine unversiegbare Nahrung nimmt, aus Dir hervor.
RB|2|279|2|0|Wie herrlich ist die Darstellung des Weges in Dein Reich! Nur geht es uns dabei wie einst dem Nikodemus, der auch nicht wusste, als Du, o Herr, von der Wiedergeburt mit ihm sprachst, was er aus ihr machen soll. Der Weg vom Kopf bis ins rechte Zentrum des Herzens wäre wahrlich so kurz, als ein Weg nur immer kurz sein kann. Aber wie ihn antreten? Das ist eine ganz andere Frage. Die Sache, mit den ganz natürlich gesunden Sinnen betrachtet, liegt trotz der darin verborgenen tiefsten Weisheit sehr rätselhaft, und wir möchten hier auch mit Nikodemus fragen und sagen: ‚Herr, wie kann das sein? Wie können wir mit unseren höchsteigenen Füßen in unseren eigenen Leib, ja am Ende sogar ins Zentrum unseres Herzens hineinsteigen?‘ So wir wären wie die Regenwürmer oder wie eine Schlange, da wäre so eine Operation wenigstens logisch denkbar möglich, aber bei dieser unserer Konstruktion wird solch eine Reise wohl zu dem Unmöglichen des Unmöglichsten gehören. Und es wäre vielleicht doch leichter, in den allerletzten Stern Deiner endlosen Schöpfungen zu gelangen, als wie sozusagen mit Stiefel und Sporn in unser eigenes Herz hinein. Diese Geschichte wird sich offenbar etwas schwer machen.
RB|2|279|3|0|Da müssen wir Dich, o Herr, schon um eine nähere Beleuchtung anflehen – wie es auch öfter Deine Apostel auf der Erde getan haben, denen auch gar nicht selten Deine allerweisesten Lehren wie funkelnagelneue spanische Dörfer vorkamen, bei denen sich auch kein Fremder auskennt, ob sie aus Hütten für Menschen oder fürs pure Vieh bestehen; wo der Eingang ist, wo das Dach, wo die Küche, und wie da aussehen mag der Bauplan. Herr, erkläre uns diese Sache ein wenig näher!“
RB|2|279|4|0|Sage Ich: „Dass ihr solches nicht versteht, daran schuldet nur euer noch sehr nach echt Irdischem riechender Sinn. So gescheit aber solltet ihr dennoch wohl schon sein, dass ihr euch denken könntet, dass da von keinem naturgemäßen Gehen mit den Füßen die Rede sein kann, sondern nur rein von einer reingeistigen Reise im Gemüt. Nikodemus war noch ein rein irdisch-materieller Mensch, und es war begreiflich, dass er mit seinen total irdischen Begriffen den Mutterleib als eine Notwendigkeit ansah, um aus demselben zum zweiten Mal wiedergeboren werden zu können; aber ihr seid nun schon selbst in eurem ganzen Wesen vollends aller groben, irdischen Materie bare Wesen. Wie mögt ihr als Geister gar so materiell denken!?
RB|2|279|5|0|Habt ihr an euch denn nie eine doppelte Art geistiger Tätigkeit entdeckt, nämlich eine im Kopf und eine andere im Herzen? Seht, im Kopf sitzt der Seele kalt berechnender Verstand und sein Handlanger, die Vernunft, die da gleich ist einem weit ausgreifenden Arm voll Augen und Ohren am seelischen Verstandesleib. Der Verstand verlängert diesen Arm stets mehr und mehr und will mit demselben am Ende die ganze Unendlichkeit an sich reißen. Dies eitel-tolle Bestreben des Verstandes aber ist eben jene gefährliche, Tod und Gericht bringende Eigenschaft der Seele an und für sich, die da mit dem Wort Hochmut bezeichnet wird. Im Herzen aber ruht die Liebe, als ein Geist, aus Meines Herzens Geist genommen. Dieser Geist hat aber, so wie Mein höchsteigener, ohnehin schon alles, was die Unendlichkeit vom Größten bis zum Kleinsten enthält, zahllosfältig in sich.
RB|2|279|6|0|Wenn nun der hochtrabende Verstand, das Eitle seiner törichten Bemühung einsehend, seinen vorbezeichneten Arm – der da ist seine Vernunft, oder noch deutscher gesprochen, sein Vernehmvermögen, anstatt selbes in die Unendlichkeit hinauszustrecken und das Unerreichbare erreichen zu wollen – demütig und bescheiden zurückzieht (gleich wie eine Schnecke ihre mit Augen versehenen Fühlhörner, die sie auch öfter nach der Sonne ausstreckt, weil sie aber die Sonne wegen ihrer naturmäßigen zu großen Ferne nicht erreichen kann, eben diese Vernehmarme ihres Kopfes wieder in sich hineinzieht), diesen Arm aber dann nicht mehr eitel in die Unendlichkeit hinausstreckt, sondern ihn in das Herz als die Wohnung Meines Geistes im Menschen lenkt und leitet – so macht man die von Mir bezeichnete drei Spannen lange Reise und gelangt auf solchem Weg zum wahren, ewigen Leben, zu der wahren, seligen Ruhe desselben und findet dann allda alles beisammen, was da enthält die ganze Unendlichkeit.
RB|2|279|7|0|Dieses wird dann freilich erst nach und nach, wie eines nach dem andern offenbar, gleichwie die Gewächse aus dem kleinen Keim, der im Zentrum des Samenkornes verborgen ist. Ob aus diesem im Geist zugrunde liegenden Keim aber eher oder später, und reicher oder minder reich die Saat Meiner Werke voll Entwicklung und Reife aufgehen wird, das hängt lediglich von der Stärke der Liebe zu Mir ab, wie auch von der Liebe des Nächsten. Denn die Liebe des Herzens zu Mir ist gleich dem Licht und der Wärme der Sonne, und die Liebe zum Nächsten ist der notwendige, fruchtbare Regen. So aber Sonne und Regen in gerechter Ordnung miteinander wirken, so wird sicher jede Saat bestens gedeihen und in der Bälde zur Reife gelangen.
RB|2|279|8|0|Ich will euch zum besseren Verständnis dieser Sache aber noch ein gar leicht fassliches Bild geben, und so seht! Es verhält sich mit dieser Sache auch so, als wenn ein Vater seine Kindlein ausführte im Sommer in seinen Garten, der da voll ist von den mit reifen Früchten belasteten Bäumen. Die Kinder werden nun voll Begierde und möchten sogleich auf die Bäume steigen und die Früchte mit großer Hast abpflücken und essen im Übermaß. Der weise Vater aber sagt zu den unerfahrenen Kindlein: ‚Kinderchen, bleibt nur schön fein bei mir. Würdet ihr allein mit euren schwachen Kräften auf die Bäume steigen und euch die Früchte nehmen, so würdet ihr leicht von dem Baum, auf dem ihr euch befändet, fallen, euch Hände und Füße brechen oder euch gar zu Tode fallen. Ich und meine Knechte aber sind groß und stark genug und wissen es, wie die Früchte von den Bäumen zu lesen sind. Wartet daher ganz ruhig! Ich selbst werde sie von den hohen Bäumen herablesen und sie legen in euren Schoß; da werdet ihr sie dann ohne alle Mühe ganz ruhig genießen können. Wann ihr aber einmal selbst groß und stark werden werdet, dann werdet ihr schon auch selbst Meister der hohen Bäume werden.‘ Versteht ihr dieses Bild?“
RB|2|279|9|0|Sagen die Lichtblauen: „Dank Dir, heiligster, weiser, bester Vater, ewig Dank! Nun ist uns alles sonnenklar, und wir wissen nun nichts, danach wir noch um eine Aufhellung bitten möchten.“
RB|2|280|1|1|Entsprechungsbedeutung von Brot und Wein. Über Wissen und Handelns. Gleichnis vom Töpfer. Auftrag an die Lichtblauen. Die große Züchtigung und die Vernichtung des Papsttums.
RB|2|280|1|1|(Am 19. Nov. 1850)
RB|2|280|1|0|Sage Ich: „Nun denn, so ihr das begriffen habt, da müsst ihr aber auch danach tun und handeln, ansonst ihr von dieser Meiner Lehre keinen Nutzen ernten würdet. Ich werde euch nun ein rechtes Brot und einen rechten Wein geben lassen. Das Brot ist auch hier wie Mein Leib und der Wein wie Mein Blut. Diese Nahrung wird euch stärken, und ihr werdet hinfort keinen Tod mehr weder fühlen noch riechen, sondern das ewige Leben wird in euch sein ewig.“ – (Zum Robert:) „Du, Bruder Robert, aber gehe und schaffe abermals Brot und Wein her!“
RB|2|280|2|0|Robert geht im Wäldchen einige Schritte gegen Süden und findet auf einer freien Stelle ein ganzes Eimerfässchen voll des besten Weines, daneben eine rechte Menge Trinkgläser und bei fünfzig Laibe schönsten Weizenbrotes. Als Robert solche Menge himmlischer Nähr- und Stärkemittel hier ersieht, beruft er seinen neuen Gehilfen Peter Peter und sein Weib, dass sie ihm alles das auf die rechte Stelle hin transportieren helfen sollen. Die Gerufenen kommen auch sogleich, aber alle vier sind nicht imstande, all das Vorhandene auf den rechten Fleck hinzuschaffen.
RB|2|280|3|0|Das sehen aber auch die Geister der Kaiser, die sich bis jetzt über mannigfache Einrichtungen der Himmel und des himmlischen Jerusalems mit den drei Aposteln besprachen, eilen schnell hinzu und helfen dem Robert, alles auf den rechten Ort hinzuschaffen, und wetteifern dann in der Bedienung der lichtblauen Geister, die mit großem und dankbarstem Behagen das Brot essen und den Wein in vollen Zügen trinken.
RB|2|280|4|0|Ich aber sage darauf zu den Monarchen: „Meine lieben Freunde und Brüder! Es ist wohl sehr schön, löblich und gut, sich von Mir und Meinem Reich zu besprechen, aber noch schöner, löblicher und besser ist es, sich in den Geschäften der Himmel recht wacker zu üben. Das Wissen geht natürlich dem Geschäft voraus. Weiß man aber einmal, was man zu tun hat, dann muss man handeln! Und es ist dann schon eine kleine gute Handlung besser, als ein großes Wissen für sich ohne Handlung! Denn aus einer noch so kleinen Handlung wird schon etwas zum Vorschein kommen; der Handlung folgt stets ein Werk; aber dem puren Wissen folgt nichts, so es nicht ins Handeln übergeht.
RB|2|280|5|0|Was nützte es einem Töpfer, so er noch so ausgezeichnet in der Kunst, Töpfe zu formen, bewandert wäre, aber nie einen Lehm auf die Drehscheibe gäbe und versuchte seine Wissenschaft ins Werk zu übertragen? Also ist auch der Glaube eine Wissenschaft des Herzens. Solange sie nicht ins Werk gesetzt wird, ist sie so gut wie tot. Nur das nach ihr vollbrachte Werk gibt ihr erst das Leben. Und so denn macht Mir das nun eine rechte Freude, dass ihr ohne Geheiß in einem guten Dienst tätig geworden seid. Wahrlich sage Ich euch allen: Auch ein Trunk frischen Wassers, den ihr einem Durstigen gereicht habt, wird von Mir hoch angerechnet werden; denn Ich sehe weniger auf das Wissen als auf das Handeln!
RB|2|280|6|0|Wer einmal etwas Rechtes weiß und nicht danach handelt, der ist ein Sünder, so gut als der, welcher wider das Rechte handelt, das er zwar als Recht wohl erkennt, aber es dennoch nicht will, weil es mit seinem Bequemlichkeitsgefühl nicht im Einklang steht. Man muss sich daher, um ein rechter Bürger Meines Reiches zu sein, über das Bequemlichkeitsgefühl allzeit hinaussetzen und das Recht nach der gerechten Wissenschaft üben; dann ist man erst ganz das, was man nach Meiner ewigen Ordnung werden und sein soll.“
RB|2|280|7|0|(Zu den Lichtblauen:) „Und da ihr nun gesättigt und hinreichend gestärkt seid, so begebt euch noch einmal hinab in die Tiefe, weckt dort, was noch zu wecken ist, und sucht die erhitzten Gemüter zu besänftigen, auf dass noch möglicherweise ein Krieg unter den Erdmenschen vermieden werde. Bei nur einigem Gelingen dieses Meines Wunsches, den Ich euch nun kundtat, soll euch ein großer Lohn erwarten in Meinen Himmeln, in die ihr leicht gelangen könnt, da Ich Selbst euch den nie verfehlbaren Weg dahin gezeigt und nach eurer eigenen Aussage klar genug beschrieben habe.
RB|2|280|8|0|Seht euch aber vor, dass ihr jenen feuerroten Geistern allenthalben zuvorkommt; denn die werden sich nun alle mögliche Mühe geben, den Krieg zwischen den Regenten anzufachen. Ihr werdet zwar nicht alles verhindern können, aber so ihr in Meinem Namen recht tätig seid, doch sehr vieles, das die Menschheit in ein zu dickes Elend stürzen würde. Nach vollbrachtem Werk aber begebt euch wieder hierher auf diese Stelle! Da wird euch ein Bote erwarten, der euch beim vollen Eingehen in Mein Reich hilfreiche Hand in Meinem Namen bieten wird. Und nun macht euch an das Werk – es sei!“
RB|2|280|9|0|Sagt beim Abgang noch einer von den Lichtblauen: „O Herr und Vater! Wenn es uns aber in der Folge wieder hungern und dürsten sollte nach solch einem Brot und Wein (denn wir können im Voraus denn doch nicht wissen, wie lange wir zu tun haben werden); woher werden wir dann Brot und Wein nehmen?“
RB|2|280|10|0|Sage Ich: „Da frage den Robert und seinen Gefährten, wie lange es schon ist, dass sie so wie ihr nun mit Brot und Wein gespeist worden sind, und ob es sie bisher je gehungert und gedürstet hat. Wer Mein Brot einmal gegessen und Meinen Wein einmal getrunken hat, den wird es weder hungern noch dürsten in Ewigkeit! Denn Mein Brot ist ein lebendiges Brot und also eine wahrhafte Speise, die sich in dem Magen deiner Seele stets von Neuem wieder zeugt, nährend Seele und Geist, und also ist auch Mein Wein ein rechter Trank, dem kein Durst mehr folgt. Daher könnt ihr nun denn auch ganz getrost hinausziehen auf euer Geschäft, denn von nun an wird euch nimmerdar hungern und dürsten.“
RB|2|280|11|0|Auf diese Meine Belehrung und Versicherung gehen sie nun voll Trostes und Mutes an ihr zu verrichtendes Werk. Ob sie viel ausrichten werden, steht wohl sehr in der Frage, da die vielen roten Geister schon überall die vollste Tätigkeit zur Erreichung ihres Zwecks zu entwickeln angefangen haben; aber mildern können sie die Sache dennoch um ein sehr Bedeutendes.
RB|2|280|12|0|Es muss aber nun eine große Züchtigung kommen über alle, die es ganz verlernt haben, Mich in der Not wie allzeit anzurufen und anzuerkennen den Wert des Menschen, der eines ganz anderen Zwecks wegen von Mir in die Welt gesetzt worden ist, als sich wegen des Glanzes einer Krone und eines Thrones totschießen zu lassen. Diesmal soll dem Volk, wenn es nüchtern handelt, für alle Zeiten der Sieg eingeräumt werden. Dann erst kommt Mein Reich in die Welt. Sollte aber das Volk unnüchtern und grausam sein, was Ich weder vorsehen noch vorbestimmen will, so wird es schwer zum endlichen Sieg gelangen. Mit dem Papsttum aber wird vorerst moralisch und endlich auch physisch ein totales Garaus gemacht werden, denn sein gegenwärtiges Streben ist scheußlicher als es je war. Zur Zeit der gräuelhaftesten Inquisition war es bei Weitem nicht so scheußlich als jetzt. Wenn Ich dir, Meinem irdischen Knecht, einen Blick in die römischen Gefängnisse, wie auch in die Neapels machen ließe, und dir gewährte eine Einsicht in die geheimen Beratungen der hohen Pfaffen des sogenannten heiligen Konklaves, dich träfe augenblicklich der Schlag vor Grimm, Wut und Zorn. Gib aber nun Acht und du wirst bald sehen, wie es diesem Hierarchentum zu Rom ergehen wird. Wahrlich, das soll, wenn es sein Spiel aufs Äußerste treibt, Mir mit Feuer aus den Wolken gleich Sodom und Gomorrha vertilgt werden. Ich will ihm nur noch eine ganz kurze Frist geben; beharrt es – trotz der vielen Ermahnungen, die es nun von allen Seiten bekommt – in seinem tollsten und bösesten Starrsinn, so lasse Ich alle Schleußen Meines Zorngerichtes öffnen, und von den Fluten alles Feuers begraben werden diesen Ort des Verderbens der Welt, und das physisch und moralisch. Wehe dann allem römischen Pfaffentum in der ganzen Naturwelt! Doch nun nichts mehr weiter von dem Ort Meines Zornes!
RB|2|281|1|1|Über Tätigkeit und Ruhe. Aufbruch in das Himmelreich über die neue Lichtbahn. Abschiedssegen.
RB|2|281|1|0|Tritt der Robert zu Mir und sagt: „O Herr, was sollen wir nun tun? Alles, was sich uns genaht hat, ist gewisserart bis auf ein in der Folge kommendes Weiteres abgefertigt worden. Die gestärkten einstmaligen Priester auf der Erde machen nun unter den Millionenscharen ihresgleichen, wie es sich zeigt, recht erwünschte Erfolge. Die nun zuletzt gestärkten lichtblauen Geister tun schon auf das Emsigste, was ihnen zu tun anbefohlen war. Und ich sehe keine neuen Scharen mehr, die sich uns näherten. Müßig sein ist für mich aber etwas kaum Erträgliches; daher bitte ich Dich, o mein Herr, mein Gott und mein Vater, gib mir doch etwas zu tun!“
RB|2|281|2|0|Ich sage aber darauf: „Mein Freund und Bruder! Die Tätigkeit ist zwar das eigentlichste Hauptwesen des Geistes; aber dann und wann ist es auch gut, dass er ein wenig ruht. Denn in der Ruhe sammeln sich wieder die erschöpften Kräfte der Seele, die da ist ein Organ des Geistes zur neuen Tätigkeit. Daher ist denn auch euch hier eine kleine Ruhe vonnöten, auf dass ihr alle euch stärkt zu großen neuen Tätigkeiten in Meinem Reich. Der Sabbat geht zu Ende. Was hier nötigst zu schlichten war, das haben wir geschlichtet. Wir haben somit auf dieser Erde ein Tagewerk vollbracht, und dort seht hin gegen Osten! Das bekannte Tor, das du nicht öffnen konntest, steht offen! Alle die früheren Freunde erwarten uns schon mit größter Sehnsucht! Daher Meine lieben Freunde, Brüder und Kinder, werden wir uns auf den Weg zum Abzug von diesem irdischen Hügel anschicken und eingehen durch jene Pforte in Mein Reich, das da nun als ein neuer Verein hervorgegangen ist aus Deinem Herzen, du, Mein lieber Bruder Robert-Uraniel!
RB|2|281|3|0|Und da wir nun alle durch eine kleine Ruhe neu gestärkt sind, so treten wir in guter Ordnung den Weg an. Wie ihr aber seht, so brauchen wir nicht die dazwischen liegenden Täler und Hügel zu übersteigen, sondern auf der geraden Bahn, die Ich nun dahin aus lauter Licht gestaltet habe, uns fortzubewegen, und wir werden das uns scheinbar weit abstehende Tor in aller Bälde leichtest erreichen. Du, Uraniel, aber als oberster und erster Inhaber und Leiter dieses Vereins gehst voran mit deinem Gehilfen und deinem und seinem Weib. Ich aber werde mit den drei Brüdern dir nachgehen. Mir folgen dann zunächst alle die Monarchen und Bischöfe und diesen die große Volksschar beiderlei Geschlechtes.
RB|2|281|4|0|Nach dieser Meiner angezeigten Ordnung ordnet euch nun und tretet den neuen Weg an, den Ich nun vorerst für euch und nach euch für viele gebaut habe. Unser Segen den Guten dieser Erde! Und nun vorwärts, es sei!“
RB|2|282|1|1|Roberts Staunen über die neue Himmelsgegend. Seine künftige Aufgabe. Besonderer Segen auf dem Gnadenhügel.
RB|2|282|1|1|(Am 22. Nov. 1850)
RB|2|282|1|0|Die Reise beginnt, und nach kurzer Dauer der wohlgeordneten Fortbewegung wird das Tor erreicht. Am Tor erwarten uns viele Tausende und loben Mich ob Meiner großen Güte, Gnade, Liebe und Erbarmung und ob Meines allein gerechten Gerichtes, demnach jedem durch das Wort der ewigen Ordnung der Richter in die eigene Brust gelegt ist.
RB|2|282|2|0|Robert tritt nun zu Mir zurück und sagt: „O heiliger Vater! Wir stehen nun vor dem Eingang! Unabsehbare Reihen breiten sich strahlenförmig innerhalb des Tors über die himmlischen Gefilde aus. Aus ihrem Mund tönt ein Lob Dir. Alles ist voll des Lichtes und des höchsten himmlischen Glanzes. Im tiefsten Hintergrund zeigt sich auch etwas wie eine Stadt; aber zufolge ihres zu mächtigen Glanzes ist es meinen Augen nicht möglich, ihre Form näher auszunehmen. O Vater! Was ist das wohl für eine Gegend, was für ein Land, gegen das selbst Gegenden und Länder der Sonne, die ich wohl besehen habe bei meiner Reise mit Sahariel, der mich vom bekannten Museum meines Hauses in den Uranus geführt hat, wie eine trübste Nacht gegen den hellsten Tag sich ausnehmen müssten? O Vater, welch namenloseste und allerunbeschreiblichste Herrlichkeiten wallen uns da entgegen! Das muss der Himmel höchster sein!“
RB|2|282|3|0|Sage Ich: „Ja, ja, so ist es! Und zugleich ist es aber auch das dritte Stockwerk deines Hauses, das du gleich im Anfang deiner Entwicklung in diesem Reich zuerst äußerlich geschaut und bald darauf als Eigentum in den vollen Besitz genommen hast. Also stellt diese Gegend auch den Verein dar, den du aus deinem wohlwollenden Herzen gegründet und bestens nach Meiner Ordnung geordnet und geregelt hast. In diesem Verein wirst du nun ewig als Oberhaupt wirken und sorgen, dass darin alles in der besten Ordnung vor sich gehen wird. Zugleich aber sollst du auch von diesem deinem Verein aus eine machtvolle Aufsicht über einen Teil der Erde führen, der dir als stammesverwandt am nächsten liegt. Die beiden Orte, die wir nun auf der Erde betreten haben, sollen dir vorerst stets ein Augapfel bleiben: In Wien, wo du irdisch Übles überkamst, übe du Gutes und Edles! Das zweite Land aber, das wir zuletzt betreten [betraten], benütze du als Läuterungsanstalt für unlautere Geister, mögen sie von wo immer herkommen.
RB|2|282|4|0|Die Brücke aber, die Ich nun von einem niederen Hügel hierher gesetzt habe, soll bleiben. Wer auf derselben sich hierher bewegen wird, soll nicht zurückgewiesen werden. Auf den Hügel aber stelle fortan eine Wache auf, auf dass jeder, der im guten Sinn diesen Hügel geistig als Geist betritt, einen Freund finde und einen rechten Wegweiser. Naturmenschen aber, die noch im Fleisch wandeln auf der materiellen Erde, soll auf diesem Hügel eine Stärkung im Glauben werden, und sie sollen in der Liebe erweckt werden, jedoch ohne Gericht und ohne Band! Und Kranke sollen Linderung ihrer Schmerzen und die Guten und Gläubigen sieben Mal ihre Gesundheit wieder gewinnen.
RB|2|282|5|0|So die Menschen auf der Erde uns in der Folge der Zeiten auf dem besagten Hügel ein Erinnerungszeichen errichten wollten, so sollen sie daran gerade nicht gehindert, aber auch nicht unterstützt werden. Denn jedes äußere Denkmal an eine himmlische Erscheinung auf der Welt wird nur zu bald zu einem Platz der Gewinnsucht und des Betruges umgewandelt. Will aber schon jemand ein Denkmal setzen, no, so soll er daran auch nicht gehindert werden; denn die Sinais, Tabors und Ölberge sollen zum steten Angedenken den irdischen Menschen als das belassen werden, als was und wozu sie von Mir bestimmt worden sind. Und nun treten wir ein in das Reich des wahren ewigen Lebens!“
RB|2|283|1|1|Die erreichte höchste Himmelssphäre. Robert und Peter begleiten mit drei Freunden den Herrn zum heiligen Jerusalem. Kado wird erster Wachposten auf dem Reinerkogel. Die Stadt der Städte und die Sonne der Sonnen.
RB|2|283|1|0|Alle gehen nun ein, und jeden durchdringt des Lebens höchstes Wonnegefühl, und alles lobt Meine große Güte und Weisheit. Die überweit gedehnte Gegend ist voll kleiner, niedlicher Wohnhäuser, und es wird jedem das seinige gezeigt und ihm zum vollsten Eigentum übergeben. Sogleich ergreifen auch alle mit der höchsten Freude ihren neuen himmlischen Grund und Boden, der allenthalben bestens hergerichtet ist.
RB|2|283|2|0|Nur Robert-Uraniel und dessen Gehilfe sehen kein Haus für sie in Bereitschaft übrig und fragen Mich, wo sie denn so ganz eigentlich für gewöhnlich wohnen werden.
RB|2|283|3|0|Ich aber sage zum Robert: „Siehe, dies alles ist ja dein Haus! Du bist überall zuhause in deinem Haus, und dein Freund mit dir. Sonst aber hast du deine Wohnung dort in jener Stadt, in der Ich Selbst beständig zu wohnen pflege. Es ist das das neue, himmlische Jerusalem, die Stadt deines Gottes, deines Herrn, deines Vaters und im Geiste der Liebe deines Bruders. Von dort aus wirst du stets dies dein eigen Haus besorgen und bestellen, und von Mir aus wirst du dazu stets reichlichst mit allen erforderlichen Mitteln versehen werden.
RB|2|283|4|0|Folge Mir daher nun, nachdem alle, die wir von der Erde hierher gebracht haben, Kleine und Große, bestens versorgt sind, hin in jene Stadt! So du aber von den Mitgekommenen jemand mitnehmen willst, so steht es dir frei. Ich sehe wohl, dass du alle mit dir ziehen möchtest; aber das tut sich jetzt noch nicht. Aber den Joseph und den Leopold und Rudolf den Ersten nimm mit! Ihre Wohnungen befinden sich hier zunächst der Hauptstraße. Diese berufe, und sie sollen mit uns nach der Stadt der Himmel sich begeben.“
RB|2|283|5|0|Robert beruft die drei. Sie treten sogleich aus ihren Häusern, deren innere Einrichtung sie nicht genug rühmen können, und machen sich mit uns auf den Weg nach der Stadt. Robert aber fragt Mich, wo jene Geister wären, die vor uns mit den Erzvätern in dies Reich eingegangen sind.
RB|2|283|6|0|Ich aber zeige ihm die Gegend gen Mittag hin und sage: „Dort wirst du sie alle treffen, denn auch sie wohnen in deinem Haus. Die Erzväter aber wohnen in eigenen Großhäusern, die du mit der Weile alle wirst kennenlernen. Denn solcher Häuser, wie dies dein neues nun ist, gibt es in Meinem Reich endlos viele. Du wirst ewig mit deren Bekanntwerdung zu keinem Ende gelangen. In Meinem großen Haus jedoch wirst du sie zu sehen bekommen, nach dem Maß der himmlischen Bedürfnisse. Kennst du aber diesen Geist, der uns nun auf der Straße entgegeneilt?“
RB|2|283|7|0|Sagt Robert: „Das ist ja der berühmte Kado, der im Museum der Satana so unverdauliche Brocken zum Verschlucken gab.“ – Sage Ich: „Ja, derselbe ist es. Diesem gib nun zuerst die Wache auf dem Hügel, denn er hat viel Kraft und Mut. Aber über ein irdisches Jahr soll keiner auf Erden Wache halten, und somit auch dieser Kado nicht.“
RB|2|283|8|0|In diesem Augenblick tritt Kado vor uns hin und sagt: „Herr! Ich habe meine Bestimmung schon vernommen und beeile mich, ihr getreust nachzukommen.“ – Robert küsst ihn und sagt: „Sei gut, gerecht und streng, denn die Erde liegt sehr im Argen!“ – Kado verneigt sich und eilt nach dem Ort seiner ersten Bestimmung.
RB|2|283|9|0|Wir aber gehen auf der allergeradesten Straße, die da aussieht als wie ein sieben Klafter breites Goldband, in das wie aus feinster Seide die Farben des Regenbogens eingewebt sind und sich dem Auge überraschend herrlich präsentieren, der heiligen Stadt zu, die da für keinen noch im Fleisch steckenden Geist beschreibbar ist; denn ihre Herrlichkeit, ihre Größe und das Maß der in ihr herrschenden Seligkeiten und Wonnen ist unendlich; aber die Gestalt, von außen her ersichtlich, erscheint wie ein Mensch, dennoch in begrenzter Form – obschon das Innere eines jeden Hauses unendlich ist, gleichwie da ist unendlich das Innere des Keimes in jedem Samenkorn und wie da ist noch unendlicher in aller Mannigfaltigkeit das Herz des Geistes.
RB|2|283|10|0|Robert, sein Gehilfe Peter Peter, ihre Weiber, Joseph, Leopold und Rudolf sind voll Staunens über die große Herrlichkeit der Stadt. Je näher wir ihr kommen, desto herrlicher wird ihre Gestalt, und von allen Seiten her duftet allen die größte Liebfreundlichkeit entgegen.
RB|2|283|11|0|Robert fragt Mich in aller Liebe, da er über der Stadt der herrlichsten Sonne aller Sonnen ansichtig wird, von der das Licht in alle Unendlichkeit ausgeht, was denn das für eine Sonne wäre, indem ihr Licht viel heller wäre, als das der irdischen Natursonne, aber dabei dennoch so lieblich anzusehen, wie das Licht des schönsten Morgensternes.
RB|2|283|12|0|Und Ich sage zu ihm: „Siehe, diese Sonne bin Ich im Grunde Selbst. Es gibt unter uns noch zwei Himmelssphären, und zwar gegen Abend hin einen puren Weisheitshimmel und gegen Mittag hin einen Liebe- und Weisheitshimmel. Die Bewohner dieser beiden Himmel sehen Mich nur als eine Sonne, und zwar ebendiese, die du und alle anderen nun sehen in der Mitte über der Stadt leuchten.
RB|2|283|13|0|Nur hier im allerhöchsten Himmel bin Ich außer der Sonne, obschon auch in der Sonne. Außer der Sonne bin Ich, wie ihr alle Mich nun seht, unter euch; in der Sonne aber bin Ich pur geistig durch und in der Kraft Meines Willens, Meiner Liebe und Weisheit. Ich Selbst bin im Grunde des Grundes in dieser Sonne, und die Sonne bin Ich Selbst, aber dennoch ist ein Unterschied zwischen Mir und dieser Sonne. Ich bin der Grund, und diese Sonne ist gleich einer Ausstrahlung Meines Geistes, der von hier und also aus Mir alle Unendlichkeit in ungeschwächter Kraft durchströmt und allenthalben Meine ewige Ordnung schafft.
RB|2|283|14|0|Nun aber seht hin auf die großen Scharen, die uns aus der Stadt entgegeneilen und ihre höchste Liebfreundlichkeit ersichtlichst uns entgegentragen.“ – Sagt Robert: „O Herr! Ich vergehe vor Wonne und Liebe, wenn ich Dich anschaue! Du bist bei uns, und das ist alles Dein Werk! O Herr, was sind wir denn, dass Du uns gar so endlos gnädig bist?! O Gott, o Gott! Wie groß, herrlich und heilig bist Du!“
RB|2|284|1|1|Rudolfs Vergleich zwischen himmlischen und irdischen Verhältnissen. Näheres über die himmlische Stadt.
RB|2|284|1|1|(Am 24. Nov. 1850)
RB|2|284|1|0|Tritt der Kaiser Rudolf zu Mir, lobt und preist Mich aus vollem Herzen und sagt zum Schluss: „O wie ganz anders sind doch die Dinge und Verhältnisse dieser Geisterwelt, als wie jene kleinlichsten auf der Erde. Was hat man auf der Welt sich alles eingebildet zu sein – und war im Grunde des Grundes doch nichts. Denn solange ein Mensch, mag er Kaiser oder Bettler sein, im Kleid des Todes herumwandelt und in was immer für einem Weltstand vergänglich ist, kann sein Sein nichts als eine Null sein. Ich war auf der Welt ein großer Kaiser, als aber der Tod über mich kam, was war ich dann? Nichts als eine Handvoll Staub und Asche. Hier bin ich aber nun doch sicher nichts, wenigstens nicht um ein Haar mehr, als da ist ein geringster Bürger dieser Welt, dieses ewigen Reiches, dieser Gottesstadt; und ich dünke mich erhabener in aller meiner Nichtigkeit, als stünde ich auf der Erde über tausend Kronen und Throne gebietend als ein mächtigster Regent, vor dem Erde und Meere bebten.
RB|2|284|2|0|Wie lange hat der irdische Dünkel selbst nach dem Abfall meines Leibes mich berückt! Einem Freien aus der Freiheit der Wahrheit ward es vorbehalten, den alten, schon morsch gewordenen Fels aus dem harten Schlaf zu rütteln. Der Fels zerstob, und ich stehe nun hier in all meiner Nichtigkeit vor Dir, o Herr, wie ein neugeborenes Kind vor dem Schoß seiner Mutter, und staune eine neue Welt an und ihre heiligen Verhältnisse. Ich bin zwar nun auch gleichwie ein neugeborenes Kind in allem, was da dieses herrlichsten Reiches ist, aber um wie vieles hat dies Kind voraus vor allen noch so weisen und mächtigen Herrschern der Erde. Ja, ich möchte behaupten, dass hier eine Mücke schon mehr zu bedeuten hat als auf der Erde ein Elefant. Mir kommt hier alles gar so groß und erhaben und gar so überaus bedeutungsvoll vor. O Herrlichkeiten über Herrlichkeiten ohne Namen und ohne Zahl! Das Kleinste will ich auf die Erde setzen, und die Erde wird zerquetscht von der Schwere der zu großen Bedeutung dessen, was hier beinahe wie eine volle Nichtigkeit dasteht. O Vater, wie groß und heilig bist Du!“
RB|2|284|3|0|Sage Ich: „Ja, ja, du hast recht! Auf der Erde aber müssen Unterschiede sein, sonst wäre sie nicht, was sie sein muss. Hier aber ist alles gleich! Da gibt es einmal keinen Rang, außer dem, dass ihr alle Meine Kinder seid und Ich euer aller Vater und Herr. Aber dessen ungeachtet gibt es hier auch Unterschiede, und niemand soll von dem etwas verlieren, was er redlich auf der Erde besessen hat. Du warst auf der Erde ein rechter Kaiser. Und siehe, du wirst wieder Kaiser werden, aber über ein sehr bedeutend größeres Reich, als dies auf der Erde der Fall war. Auf der Erde maß dein Reich in allem wohl einige Tausend Quadratmeilen; hier aber wirst du gesetzt werden über eine ganze Sonne, in der eine Trillion Erden Platz hätte. In der Stadt, und zwar in deinem Haus, wirst du erst deine künftige Bestimmung näher kennenlernen.
RB|2|284|4|0|Nun aber stehen wir schon am Tor. Daher lasst uns beim Harfenklang in sie ziehen!“
RB|2|284|5|0|Wir ziehen nun in die Stadt, die da ist eine Stadt voll Lichtes und Lebens, in der ewig an keine Not an was immer für einem Lebensbedürfnis mehr gedacht wird, weil in ihr alles in höchster Überfülle vorhanden ist und ewig vorhanden sein muss. Denn aus dieser Stadt bezieht alle Unendlichkeit eben auch ihre Nahrung physisch und geistig.
RB|2|284|6|0|Robert und alle staunen über die große Lieblichkeit der Wohnungen, deren es eine solche Anzahl gibt, dass sie von niemand mehr gezählt werden können; denn sie nehmen wohl einen Anfang, aber hinter dem Anfang nimmer ein Ende. Wohl ist im Anfang diese Stadt so gestellt, dass sie ein vollkommenes Viereck bildet, aber hinter dem Viereck dehnt sie sich parabolisch aus und hat nirgends und nimmer ein Ende.
RB|2|284|7|0|Nach lange anhaltendem Staunen sagt Robert: „Ja, jetzt verstehe ich es erst so ein wenig tiefer und besser, was das heißt: ‚Kein Auge hat es je gesehen, kein Ohr gehört, und in keines Menschen Sinn ist es gekommen, was der Herr denen bereitet hat, die Ihn lieben.‘ Wenn die Menschen auf der Erde aber auch nur eine leiseste Ahnung hätten von dem, was sie hier erwartet! Jede Sekunde irdischen Lebens würde ihnen zu einer unerträglichen Bürde werden, und tausendmal sterben wäre ihnen lieber, als ein auch nur minutenlanges Leben auf der Erde. Aber des Herrn große Liebe und Weisheit verbirgt solches vor den Augen der Sterblichen, auf dass sie ihre Probe durchmachen und eine rechte Befestigung (Festigkeit) ihres Geistes erlangen können, ohne die es ihnen unmöglich wäre, eine solche Wonnefülle zu ertragen.
RB|2|284|8|0|O Herr, nun begreife ich auch, wie es hier gar leicht möglich ist, dass manchmal Geister meinesgleichen auf die leichteste und erklärlichste Weise ihrer sterblichen Brüder gewisserart ein wenig vergessen und sich ihnen nur sehr selten zeigen. Wer könnte über solch einer Wonnefülle nicht der bösen und finsteren Erde nur zu bald gänzlich vergessen, so er nicht von Dir, o Herr und Vater, von Weile zu Weile ermahnt würde, zur rechten Zeit auch der noch sterblichen Brüder auf Erden zu gedenken.“
RB|2|285|1|1|Das Vaterhaus in der himmlischen Stadt. Die Herrlichkeit seiner Räume und Bewohner. Dazu im Gegensatz des Herrn Schlichtheit.
RB|2|285|1|0|[Robert:] „O Herr und Vater voll Liebe, Sanftmut und Geduld! Was ist denn das für ein gar so endlos herrlicher Palast, der auf ein paar hundert Schritte uns gerade gegenüber gen Morgen hin steht?“ – Sage Ich: „Das ist Mein höchsteigentümliches Haus! Aber darinnen gibt es gar viele Wohnungen, von denen nun auch du eine beziehen wirst für ewig. Und ihr alle, die ihr nun mit Mir seid, werdet wohnen darinnen. Diese Wohnungen werden euch allen sehr gefallen.“
RB|2|285|2|0|Sagt Kaiser Joseph: „Was, bei Dir, in Deiner nächsten Nähe, o heiligster Vater, sollen wir sein?! Nein, nein, das wäre zu endlos viel Seligkeit für uns arme Sünder! Wir sind schon mit einem letzten Winkel in dieser Stadt vollends und überseligst zufrieden!“ – Sage Ich: „Mein lieber Bruder! Siehe, es steht ja geschrieben: ‚Wo Ich bin, da werden auch die sein, die Mich lieben über alles.‘ Ihr aber liebt Mich nun über alles und habt Mich in euren Herzen stets mehr geliebt, als ihr Mich zu lieben glaubtet. Und so müsst ihr denn auch dort wohnen, wo Ich Selbst wohne, und wirken mit Mir in ewiger Gemeinschaft. Ihr werdet da gar viele antreffen, die ebenfalls in Meinem Haus wohnen. Denn dies Mein Haus ist gar groß und zählt sehr viele Wohnungen. Betreten wir sie nun! Die drei Brüder gehen voran!“
RB|2|285|3|0|Wir treten nun in eine große Vorhalle des Hauses. Der Boden ist aus reinstem, durchscheinendem Gold. Zu beiden Seiten stehen zwölf Säulen, die die Decke der großen Vorhalle tragen. Die Säulen leuchten wie die Sonne und spielen im höchsten Glanz alle Farben des Regenbogens. Ihre Masse ist reinster Diamant. Die Wände der Vorhalle sind reinster Porphyr, und die Decke ist Smaragd, und die Stufen im ersten Stock (das Haus hat drei Hauptstockwerke) sind aus reinstem Rubin mit Gold gerändert und führen in geradester Neigung zu einer großen Türe, die niemand außer Mir öffnen kann.
RB|2|285|4|0|Alle, die da mit sind, können sich über die allerhöchste Pracht dieser Halle, wie sie sich ausdrücken, nicht genug erstaunen. Und Joseph sagt: „Bruder, wären wohl alle Kaiser und Könige der Erde, so sie alle Schätze aufbieten würden, imstande, solch eine Vorhalle mit bloß irdischem, diesem himmlischen gleichenden Material zu erbauen? O Gott, welch eine namenloseste Pracht und unbeschreiblichste Majestät!
RB|2|285|5|0|Und der Herr aber bleibt dennoch stets gleich in Seiner höchsten Schlichtheit. Wie Er auf der Erde einst bekleidet herumging und die Menschen lehrte und ihnen zeigte die Wege des Lebens, so wandelt Er auch hier in Seinen Himmeln der Himmel. Kein Glanz, kein Leuchten und kein glänzender Hofstaat von Myriaden Engeln umgibt Ihn. Wir sind hier fast Seine einzige nächste Begleitung. Draußen auf den Gassen geht es wohl sehr bunt zu. Aus Millionen Kehlen erschallen die lieblichsten Lobpreisungen unter dem harmonischsten Klang der allerwohlklingendsten Harfen. Die ganze Himmelsluft ist ganz durch und durch erfüllt von den herrlichsten Gesängen und Harmonien. Man sollte schon beinahe zu glauben anfangen, alle diese Himmel seien bloß Gesang und die allerreinste und herrlichste Harmonie. Man sollte schon nur hören.
RB|2|285|6|0|Ja, in der Stadt geht es wahrlich höchst lebendig zu, aber hier beim Herrn aller Herrlichkeiten, bei Gott, dem allmächtigen Schöpfer und Vater der Unendlichkeit, ist es bis auf die unendliche Pracht des Hauses ganz einfach. Keine Hofdienerschaft, keine glänzende Begleitung, kein dem Herrn der Ewigkeit gebührender Empfang ist irgendwo bemerkbar. Fangen daher doch wir ein bisschen einen Lärm zu schlagen an, auf dass die sicher vielen Bewohner dieses Hauses auf die Ankunft des Herrn aufmerksam gemacht werden.“
RB|2|285|7|0|Sage Ich: „Lasst das gut sein, liebe Brüder! Die vielen Bewohner dieses Hauses wissen gar wohl, was sie bei Meiner Ankunft zu tun haben. Ihr seid auf der Erde an das Lärmen gewöhnt worden und denkt euch, es müsse daher auch hier bei Meiner Ankunft in allen Himmeln ein ungeheurer Lärm geschlagen werden. O dessen bedarf es hier durchaus nicht. Wenn bei Meiner Ankunft nach irgendeinem auf Erden und in deren geistigen Regionen vollbrachten Werk Mir nur ganz im Stillen die Herzen Meiner süßen Kindlein entgegenpochen voll Liebe, Dank und Leben, dann ist für Mich des feierlichsten Lärmens schon in aller Überfülle vorhanden. So wir die Gemächer betreten werden, da werden sie uns schon entgegentreten und werden uns grüßen auf die lieblichste Weise von allen Himmeln.“
RB|2|285|8|0|Ich öffne nun die Türe, und Meine Freunde fallen nieder auf ihre Angesichter auf die Stufen, auf denen sie noch stehen. Und Robert sagt mit bebendem Herzen: „O Vater, das ist zu viel auf einmal für einen geschaffenen, kleinsten Geist, für ein winzigstes Lebensatom in Deiner Unendlichkeit. O dieses Licht, diese Herrlichkeit und diese überhimmlisch schönsten Engel, die mit tränenfeuchten Augen ihre gar zu unendlich schönsten, weichsten Arme nach Dir und nach uns ausstrecken! Wir sind ja gegen sie rein wie gestaltlos bei all unserem auch schon etwas himmlischen Aussehen.“
RB|2|285|9|0|Hier sieht sich Robert nach seiner Helena um, um zwischen ihr und den Bewohnern Meines Hauses einen Vergleich zu machen. Die Helena ist aber da schon auch mit der Schönheit Meiner Kinder versehen. Robert erschrickt davor ordentlich und sagt: „O Herr, was ist denn mit der Helena geschehen und mit der Mathilde-Eljah? Sie sind ja auch schon so schön, dass ich sie mir gar nicht mehr anzusehen getraue.“
RB|2|285|10|0|Sage Ich: „Erhebt euch nun alle und verwundert euch nicht gar so sehr, denn ihr selbst seid ja nun auch schon so schön gestaltet!“ – Hier erheben sich die sieben, beschauen sich und kennen sich selbst kaum mehr vor Schönheit. Und Robert sagt voll Staunens: „Bin ich es denn wohl?“ – Sage Ich: „Ja, ja, du bist es, aber nun gehen wir in das erste Gemach!“
RB|2|286|1|1|Eintritt ins Innere. Robert als neuer Erzengel und Himmelsfürst. Seine Demut und Weisheit. Roberts Würdezeichen.
RB|2|286|1|1|(Am 27. Nov. 1850)
RB|2|286|1|0|Wir treten nun ins erste Gemach, d. h. in ebendasselbe, in das die verschlossen gewesene Türe führt, zu der man auf den Rubinstufen zuerst gelangt.
RB|2|286|2|0|Robert und sein Gehilfe Peter Peter sind ganz weg, wie man sagt, vor lauter Verwunderung über Verwunderung. Beide aus dem Uranus abstammend, was aber Peter Peter aus einem guten Grund noch nicht weiß, sind sie natürlich große Freunde von Bauwerken, besonders von so recht großen. Sind aber solche Bauwerke dazu noch mit entsprechender Pracht und Majestät versehen, so ist das für unsere beiden Freunde gar etwas Enormes. Beide haben nun ihre Augen auf die hohen Galerien und auf die kunstvollsten Säulen, die die Galerien tragen, geheftet und merken von der allerherrlichsten und liebevollsten himmlischsten großen Gesellschaft kaum etwas, die in Robert einen neuen Erzengel begrüßt, und einen Vorsteher eines neuen, großen Vereines.
RB|2|286|3|0|Hier stupst die Helena den Robert und sagt: „Aber du, mein liebster Robert, verschaue dich doch nicht gar zu sehr! Da siehe, wie du empfangen wirst!“ – Auf diesen Stupfer kommt Robert von seiner Verwunderung wieder zu sich und sieht, wie ihm die schönsten Liebeengel auf einem rotstrahlenden Polster eine herrlichste Krone überbringen und ein Zepter aus reinstem, durchsichtigem Gold, das einen Glanz um sich wirft wie eine aufgehende Sonne, und zuletzt auch ein Schwert, das von einer unverlöschbaren Flamme umflossen ist.
RB|2|286|4|0|Die Überbringer dieser Insignien verneigen sich nun vor Robert-Uraniel und sagen gar liebfreundlichst: „Herr, liebster, herrlichster Bruder, empfange du den gerechten Lohn, den dir der Vater schon von Anbeginn der Welt vorbereitet hat! Um des Sinnes der Lehre Christi auf Erden wegen bist du ein Märtyrer geworden. Wohl hättest du das vermeiden können, so du es gewollt hättest; aber du wolltest das nicht, und so warst du ein Märtyrer zumeist des guten Sinnes der reinen Lehre des Herrn Jesus, unseres Gottes und unseres allerliebevollsten und allerheiligsten Vaters von Ewigkeit zu Ewigkeit wegen.
RB|2|286|5|0|Du glaubtest auf der Erde zwar nicht, dass Jesus, zu Bethlehem geboren, von dir ‚der Weise aus Nazareth‘ genannt, Gott der Herr Selbst gewesen sei. Aber du liebtest diesen Weisen dennoch ganz besonders und sahst Seine Göttlichkeit in deinem Herzen wohl, obschon dein Verstand da mit deinem Herzen nicht übereinstimmen wollte, und das behielt dir Seine Liebe und Gnade, die dich nun zu einem großen Fürsten der Himmel macht. Daher nimm nun hin die Krone, Zepter und das Schwert der Kraft, Macht, Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit und werde ein rechter und weiser Regent deines großen und neuen Vereines. Der Herr hat dich gesegnet und derselbe Herr will es so!“
RB|2|286|6|0|Robert, ganz verblüfft über diese Erscheinung, sagt aus seiner Demutstiefe: „Meine lieben allerhimmlischsten Freunde und Freundinnen! Hättet ihr mir anstatt dieser königlichen Insignien die eines Schuhputzers überbracht, ich hätte sie mit der größten Rührung meines Herzens angenommen; aber diese um keinen Preis der Himmel. Trägt der Herr und König Himmels und aller Welten keine Krone, Zepter und kein Schwert, wie soll ich das als ein armer Sünder? Da seht hin! Es stehen neben mir drei Kaiser, die schon von der Erde her gewohnt sind, Kronen zu tragen. Denen reicht die Insignien hin, diese werden nicht eitler durch sie, ich aber könnte am Ende eitler werden, und das wäre wahrlich kein Gewinn, weder für mich, noch für euch und für den Verein oder für das Gottesreich in meinem Herzen; das ist mein rechtes Haus, dem ich vorzustehen und zu gebieten habe in der Ordnung und im Namen meines und eures Herrn und Vaters. Darum lasst ab von dem, was mir ewig nicht gebührt.“
RB|2|286|7|0|Sagen die Überbringer: „Freund! Es ist also des Herrn Wille! Willst du dich diesem widersetzen?“ – Sagt Robert, auf Mich hindeutend: „Mein Herr und mein Gott hat noch nichts gesagt! So Er es mir sagen wird, dann in Seinem Namen will ich es wohl tun. Aber ohne Sein Wort tue ich nichts! Denn Er ganz allein ist mir alles, ohne Ihn sind mir alle Himmel nichts. Es steht geschrieben: ‚Ihr müsst alle von Gott belehrt sein. Den Er als Vater nicht erzieht, der taugt nicht für die Himmel und kommt nicht zum Sohn, der da ist des ewigen Vaters ewiges Reich!‘“
RB|2|286|8|0|Kommen die Träger der Insignien zu Mir und sagen: „Vater! Was sollen wir nun tun? Er nimmt diese Auszeichnungen nicht an.“ – Sage Ich: „So er will bleiben Mir gleich, so lasst ab von der Nötigung. Denn hier gibt es ewig keine Nötigung mehr, sondern die vollste, unbedingteste Freiheit. Dieser Bruder aber ist ganz gewiss kein Alltagsgeist, wie er gibt es wenige. Daher müssen wir ihn schon auch etwas gelten lassen. Legt aber diese Insignien in sein Gemach. So es nötig sein wird, wird er sie schon gebrauchen. Aber nun bringt für die drei irdischen Regenten ihre eigenen Kronen, Zepter und Schwerter und Purpur. Es sei!“
RB|2|287|1|1|Die drei Kaiser erhalten ihre Insignien. Des Herrn Belehrung über Bedeutung und Zweck der Insignien. Große Bestimmung der Bürger des höchsten Himmels.
RB|2|287|1|1|(Am 28. Nov. 1850)
RB|2|287|1|0|Alsogleich werden die Reichsinsignien herbeigeschafft. Auf rotstrahlenden Polstern werden sie den dreien vorgehalten, auf dass sie dieselben nehmen sollen zum Zeichen der Verherrlichung dessen, was sie auf Erden wohlberufen waren. Aber auch diese drei irdischen Kaiser weigern sich entschieden, in Meinem Haus und gar an Meiner Seite Kronen, Zepter, Schwert und Purpur zu tragen, indem doch Ich, als ein König aller Könige und als ein wahrster und vollkommenster Herr aller Herrlichkeit, weder eine Krone noch ein Zepter und noch weniger ein Schwert und einen Purpur trüge.
RB|2|287|2|0|Ich aber sage zu ihnen: „Meine lieben Freunde! Von einem beständigen Tragen dieser Insignien ist ja ohnehin keine Rede; aber annehmen und haben müsst ihr so etwas dennoch. Es gibt hier gar sehr verschiedenartige Situationen des Lebens, oft die großartigsten Besuche aus all den zahllosesten Weltgebieten und sehr viele Sendungen in verschiedene Welten und Sonnen. Also gibt es auch Sendungen in die zwei unermesslichsten unteren Himmel und sonderlich in ihre zahllosen Vereine, und Sendungen in all die zahllosen Geisterweltregionen der Welten aller Art und Maß ohne Zahl. Für solche Gelegenheiten müssen von hier abgesandte Erzengel mit Insignien versehen sein und sie tragen zu einem großen Zeichen, dass sie selbst den mächtigsten Sieg über sich erfochten haben und nun mit Mir Herren sind über die ganze Unendlichkeit.
RB|2|287|3|0|Bei Sendungen auf die Erde, allda Meine Kinder wachsen und erzogen werden, ist das freilich wohl nicht nötig. Denn diese müssen in der möglichst größten Einfachheit erzogen werden; daher sie denn auch von hier aus mit nichts Strahlendem dürfen aus ihrer ohnehin sehr mühsam gehaltenen Demut geweckt werden. Aber ganz anders ist es bei Geistern, die da Bewohner großer Mittelsonnen sind, schon im größten Licht und Glanz geboren werden und in Wohnungen leben, gegen die alles, was ihr sogar hier seht, wie eine ärmliche Hütte dasteht. Da heißt es dann auch, zu Zeiten, so es nötig ist, in höchster Pracht und im höchsten Glanz auftreten.
RB|2|287|4|0|Und seht, bei solchen eben nicht zu selten vorkommenden Fällen braucht ihr dann auch solche Insignien, durch die ihr den betreffenden Geistern kundtut, dass ihr Fürsten aus den allerhöchsten Himmeln und gleichsam Brüder des allerhöchsten Gottesgeistes seid. Unter dem Tritt eurer Füße müssen Sonnengebiete erbeben und eures Mundes Stimme muss gleichen dem Donner jener Gewitter, die auf den größten Sonnenwelten die Flammengemüter ihrer großen und mächtigsten Bewohner im tiefsten Respekt erhalten. Ich meine, ihr werdet nun wohl begreifen, warum euch hier solche Zeichen eingehändigt werden.
RB|2|287|5|0|Die Krone ist ein Zeichen, dass ihr der Seele nach, die da nun ist euer geläuterter Leib, Meine Kinder – und dem Geist nach, der aus Meinem Herzen stammt und Mein Ich in euch ist, Meine Brüder seid. Das Zepter aber zeigt an, dass ihr, da ihr Mein Ich in euch habt, mit Mir gleiche Regenten der Unendlichkeit seid für ewig. Das Schwert aber ist ein Zeichen von der Macht und Gewalt, die euch von Mir gegeben und für immer eingeräumt ist, und der Purpur aber bezeugt, dass euer Äußerstes wie euer Innerstes pur Liebe ist und ihr gleich Mir überall nur durch die Macht der Liebe alles ordnen, bändigen und beherrschen wollt. Und so denn mögt ihr nun ohne alles Bedenken diese Insignien annehmen.“
RB|2|287|6|0|Sagt Rudolf: „O Herr und Vater voll Güte, Liebe und Erbarmung! Wir drei sind nun wohl so sehr ausgezeichnet, dass wir Dir dafür ewig nie in nur einiger Genüge werden danken können. Aber siehe, meine anderen irdischen Kinder sind, obschon in diesen allerhöchsten Himmel aufgenommen, aber dennoch außer dieser Stadt gestellt worden und können unmöglich ebenso glücklich sein als wir. Wäre es denn nicht tunlich, dass auch sie hierherkommen dürften und gestellt werden uns gleich?“
RB|2|287|7|0|Sage Ich: „Mein Bruder, du sorgst dich etwas zu spät! Siehe dich nur nach der Türe um, durch die wir hereingekommen sind, und du wirst sie alle sehen mit den gleichen Insignien bekleidet. Sie kommen voll Wonne Mir dafür zu danken. Es ist zwischen ihnen und euch dreien nur der Unterschied, dass sie diese Insignien ein wenig früher als ihr in ihren majestätischen Wohnungen überkommen haben. Daher sie dieselben auch schon tragen, während ihr sie noch nicht angenommen habt. Wie gefällt euch das?“ – Sagt Rudolf: „O Herr und Vater! Deine Güte und Macht ist zu groß! Ich finde keine Worte, Dir meinen Dank auszudrücken. Sie haben also auch die gleiche Bestimmung mit uns?“
RB|2|287|8|0|Sage Ich: „Ganz natürlich! Alle Bewohner dieses Meines allerhöchsten Himmels haben die gleiche, übergroße Bestimmung. Aber freilich haben die am meisten zu tun, die in Meiner nächsten Nähe in Meinem höchsteigenen Haus wohnen, gleichwie auch diejenigen Lebensnerven des Menschen in fortwährend größter Tätigkeit sind und sein müssen, die dem Herzen zunächst liegen.“
RB|2|287|9|0|Rudolf und alle danken Mir nun aus allen Kräften. Ich aber berufe den Robert und sage zu ihm: „Mein lieber Bruder! Gehe mit den drei Brüdern Petrus, Paulus und Johannes, die den Hausbrauch schon kennen, und bestelle dort einen guten Tisch! Du verstehst Mich, was Ich meine! Nehmt aber ja den größten, denn wir werden unser sehr viele sein, die daran teilnehmen werden.“
RB|2|288|1|1|Von der Freiheit und den Verhältnissen im Himmel. Die Speisehalle des Herrn. Der große Mustergarten. Art der Vollendung der Himmelsbewohner. Über das Wesen von Liebe und Wissen.
RB|2|288|1|1|(Am 29. Nov. 1850)
RB|2|288|1|0|Robert-Uraniel fragt, ob er seinen Freund Peter Peter auch mitnehmen soll und die beiden Weiber? – Sage Ich: „Hast du denn nicht ehedem, als du Krone, Zepter und Schwert nicht annehmen wolltest, vernommen, dass hier für jedermann die vollkommenste Freiheit gang und gäbe ist? So aber dies, wozu dann solche Fragen? Hier kannst du tun, wie auf der Erde, was du nur immer willst, und es ist da alles recht getan. Denn siehe, es kommt ja sonst niemand hierher, als ein solcher nur, der seinen irdischen Weltwillen ganz aus sich hinausgeschafft hat und hat dafür vollends für ewig den Meinen in sich und sein ganzes Leben aufgenommen. Hättest du das nicht getan, so wärst du nicht hier bei Mir in aller Himmel höchstem. Da du aber solches getan hast, so bist du hier und kannst unmöglich etwas anderes wollen, als was Ich Selbst will. Nun aber besteht ewig nirgends und niemals eine höhere und vollkommenere Freiheit, als wie die da ist Meines höchsteigenen Willens. Da du diesen aber vollends innehast, wie solltest du da bei was immer für einem Handeln nach deinem Wollen, was eigentlich nur Mein Wollen ist, beschränkt sein können?
RB|2|288|2|0|Ohne die höchste, unbedingteste Freiheit wäre Ich und alle, die da mit Mir vollends eins geworden sind, eine reine Chimäre, und die vollste Glückseligkeit Meiner Kinder wäre eine Lüge. Daher kannst du dich hier ganz so benehmen, als wenn du vollends Herr im Haus wärst, und andere auch also; denn hier in diesem Meinem Haus bestehen keine Rangstufen. Was einer ist, das ist auch der andere. Hier ist alles vollkommen Bruder und Schwester. Nur Ich allein bin euer aller Herr und Vater. Dem Geist aber, wie der innersten Wahrheit nach bin Ich auch euer Bruder. Nun weißt du alles. Daher handle und frage nicht wieder!“
RB|2|288|3|0|Robert nimmt nun den Peter Peter und die Helena und Eljah mit und begibt sich mit Petrus, Paulus und Johannes in das nächste Gemach, und kann sich wieder vor lauter Verwunderung gar nicht zurechtfinden und sagt zum Petrus: „Freund, Bruder! Du trittst so ganz mir nichts und dir nichts herein und scheinst alle die zahllosen Herrlichkeiten, die vom Kleinsten bis zum Größten dies Gemach oder besser diese ungeheuer große Halle Gottes zieren, gar nicht zu berücksichtigen. Das ist wirklich merkwürdig! Schau, für mich wäre diese Halle ein Gegenstand ewigen Betrachtens und Studierens.“
RB|2|288|4|0|Sagt Petrus: „O du irrst dich, lieber Bruder, so du mich in der Mitte der höchsten Wunderwerke des Herrn für unempfänglich halten oder dir von mir denken würdest, dass mir die Gewohnheit diese Werke gewisserart alltäglich und weniger beachtenswert gemacht hätte. O gerade das Gegenteil! Aber ich betrachte alles das mit einer gewissen Ruhe meines Geistes und verkünde in meinem Herzen des Herrn Lob. Du aber bist nun hier noch ein Neuling, kennst den rechten Hausbrauch noch nicht und bist sonst auch eines sehr lebendigen und enthusiastischen Geistes. Daher ist bei dir auch sogleich alles in Flammen. Wann du aber mit der Weile das große Haus des ewigen Vaters näher wirst erkannt haben und dessen liebevollsten Hausbrauch, dann wirst du mein Benehmen sicher ganz in der besten Ordnung finden.
RB|2|288|5|0|Übrigens gefällst du mir überaus wohl deines Eifers wegen! Denn dein Geist ist ganz wie der unseres Bruders Paulus, der ebenso wie du noch immer voll Feuers ist, und der stets gleiche Enthusiast. Mir gefallen solche Geister sehr. Aber ich bin deshalb nicht minder ein Enthusiast für alles, was da ist des Herrn; aber nur erscheine ich dabei stets ruhiger und mache außer mir weniger Lärm, aber dafür geheim in meinem Herzen desto mehr.
RB|2|288|6|0|Aber jetzt zur Tat! Siehe dort den großen Tisch aus purstem, durchsichtigstem Gold! Diesen werden wir in die volle Mitte dieses Saales stellen und werden ihn dann allerreichlichst bestellen mit Brot und Wein und mit allerlei himmlischen Früchten, die wir dort an der Mittagswand im großen Schrank in höchster Überfülle antreffen werden.“
RB|2|288|7|0|Auf diese Rede Petri gibt sich Robert zufrieden. Und alle begeben sich zur Tat und bestellen den Tisch in wenigen Augenblicken. – Als Robert die herrlichen Früchte aller Art ersieht, sagt er: „Wahrlich, was auf allen besseren Weltkörpern sicher als das edelste Obst vorkommt, ist hier in höchster Reife und in größter Überfülle vorhanden. Die Ananas unserer Erde ist hier die mir allein bekannte Frucht.“
RB|2|288|8|1|(Am 30. Nov. 1850)
RB|2|288|8|0|Sagt Petrus: „Hast du denn auf der Erde nie Trauben gesehen, nie Feigen und sogenannte persische Äpfel, insgemein Pfirsiche, und keine Melonen? Derlei gibt es hier ja auch! Und da komme her an dieses Fenster gen Mittag und besieh dir den großen Garten, und du wirst darin alle erdenklichen Fruchtgattungen ersehen, die du je irgendwo auf der Erde entweder in der Natur oder im Bild gesehen hast.“
RB|2|288|9|0|Robert geht hin und ersieht aus dem Fenster einen ungeheuer großen Garten in vollster Üppigkeit. Ganz wie versteinert bleibt er da stehen und sagt nach einer Weile: „Höre, Bruder! Das wird denn doch ein Garten aller Gärten der ganzen Unendlichkeit sein! Der muss ja allein so groß sein, als alle Gärten der Erde zusammengenommen! Welch eine unabsehbare Ausdehnung! Welche Ordnung und welche reichste Fülle von zahllosen Arten und Gattungen der edelsten und seltensten Früchte! Wahrlich aus diesem Garten könnte die ganze Erde mit einer nur einmaligen Ernte wenigstens auf tausend Jahre reichlichst versorgt werden. Aber sage mir, Bruder, wer kann denn diese beinahe grauenerregende Menge verzehren? Wo sind denn die Konsumenten?“
RB|2|288|10|0|Sagt Petrus: „Die ersten Konsumenten sind wir. Die zweiten alle die Bewohner dieser Stadt, die wahrlich weiter und weiter gegen Osten hin kein Ende hat. Und die dritten Konsumenten die zwei unteren Himmel. Durch diese hinab dann auch die ganze Geisterwelt und durch sie die ganze Naturwelt. Denn das ist ein Mustergarten für die ganze Unendlichkeit. Kennst du dich jetzt aus?“
RB|2|288|11|0|Sagt Robert: „Ja, Bruder! Also habe ich es mir auch sogleich gedacht, dass es so sein wird. Aber jetzt möchte ich nur die Arbeiter kennen, die da solch einen Garten bearbeiten und also bestellen natürlich im Namen des Herrn.“ – Sagt Petrus: „Das alles tut der Herr Selbst durch Seinen allmächtigen Willen. Er will es, und es ist da, was Er will! Aber eine Weiterverpflanzung geschieht dann wohl durch eigens dazu bestimmte Geister und Engel, denen die Befruchtung aller Weltkörper anvertraut ist.
RB|2|288|12|0|Aber diese (Geister und Engel) bleiben auch nicht immer das, sondern werden von Weile zu Weile abgelöst und durch neue ersetzt. Den Abgelösten wird aber dann wieder sogleich eine andere Bestimmung zugemittelt. Denn von irgendeiner Monotonie ist nie eine Rede. Überall herrscht die freieste, allermannigfaltigste Abwechslung. Wozu jemand die meiste Lust hat, mit dem beschäftigt er sich, solange es ihm eine Freude und Seligkeit macht. Freut ihn dann irgendeine Beschäftigung nicht mehr gar sehr, so hat er sogleich eine große Auswahl vor sich und kann sich wählen und nehmen, was er nur immer will. Das wird doch der Freiheit in Übergenüge abgeben?“
RB|2|288|13|0|Sagt Robert: „Bei Gott ja! Das heiße ich ein freies Leben. O Erde! Von einer solch grenzenlosesten Freiheit hat dir wohl doch sicher nie etwas geträumt. Aber was geschieht nun? Der Tisch ist bestellt. Sollen wir etwa ein Zeichen geben?“ – Sagt Petrus: „Freund, das war noch ein sehr irdischer Gedanke von dir. Meinst du denn, der Herr und die anderen Bewohner dieses Hauses wissen etwa nicht, ob wir mit unserer Arbeit zu Ende sind oder nicht?“
RB|2|288|14|0|Sagt Robert: „Ja, ja, du hast recht! Der Herr weiß es ganz sicher. Aber wie erfahren das die anderen Bewohner dieses Hauses?“ – Sagt Petrus: „Siehe, da ist schon eine solche Einrichtung getroffen! In jedem der beinahe zahllos vielen Gemächer dieses Hauses, und zwar durch alle die drei Hauptstockwerke, befindet sich eine sogenannte Direktionstafel. Auf dieser Tafel wird vom Herrn aus signalisiert, was da zu geschehen hat. Und ein jeder Bewohner richtet sich dann allerseligst augenblicklich danach.
RB|2|288|15|0|Eine gleiche Einrichtung ist aber dann auch in allen Himmeln getroffen, nur in einem nach wohlberechneten Verhältnissen minderen Grad als hier im Haus des Vaters. Du wirst das alles noch genauer kennenlernen. Denn glaube es mir: Hier lernt man nie aus! Man bleibt ein Schüler in Ewigkeit. Denn unsere Vollendung besteht nur in der Liebe und in der Empfänglichkeit für die stets wachsende Gnade des Vaters. Aber im Wissen und im Erfahrungen machen bleiben wir ewig Jünger des Herrn. Nur der Herr allein ist allwissend; wir aber nur insoweit, als es der Herr will und für gut und zweckdienlich findet.
RB|2|288|16|0|Daher gibt es hier denn auch neben dem großartigsten Wissen der Geister dennoch ein fortwährendes Fragen und Erklären der mannigfachsten Erscheinungen und Dinge aller Arten und Weisen. Du wirst sicher mit den Fragen auch ewig nie zu einem Ende gelangen. Am leichtesten kommt man daraus [zurecht], so man sich stets mehr in der Liebe zu befestigen sucht als im Wissen; denn die Liebe befriedigt, aber das Wissen ewig nimmer!“
RB|2|289|1|1|Roberts innere Beziehung zu den habsburgischen Kaisern. Erbthrone und Wahlthrone. Das Volk soll seiner Regierung gehorchen. Regierung und Erde sind den Menschen überlassen; wann der Himmel eingreift.
RB|2|289|1|1|(Am 1. Dez. 1850)
RB|2|289|1|0|Sagt Robert: „Das aber ist eben auch vom Herrn endlos weise eingerichtet! Denn würde man mit dem Wissen je zu einem vollsten Ende gelangen können und gäbe es endlich gar nichts mehr, danach man fragen könnte, so wäre einem ehrlichen Geist mit der Weile das Dasein ja noch bei Weitem unerträglicher als alles, was man fürs bewusste und intelligente Leben nur immer unerträglich nennen kann und mag. Aber so ist man selbst als ein vollendeter Geist, obschon man hier mehr weiß, versteht und einsieht, als alle Menschen auf der Erde in tausend Jahren, im Wissen, besonders hier im Haus des Herrn, wo ein Wunder das andere verdrängt, äußerst beschränkt. Ja man ist eigentlich eine barste Null und begreift sogar das nicht, was einem doch sozusagen auf der Nase sitzt. Und das ist gut, weil dadurch das Herz und der Geist in einer immerwährenden Tätigkeit erhalten werden.
RB|2|289|2|0|So habe ich bei mir schon einige Mal nachgedacht, was denn ich so ganz eigentlich mit den römisch-deutschen und österreichischen Kaisern zu tun habe. Wie komme ich in ihre und sie in meine Gemeinschaft? Was habe ich je mit Rudolf dem Ersten zu tun gehabt, was mit seinen Deszendenten [Abkömmlingen]? Ich kann mir wohl solche Geister als für meinen Verein tauglich denken, die entweder in meine irdische Lebensperiode fallen, meiner Denkweise waren und in Österreichs Staaten bei der Gelegenheit in die Geisterwelt kamen, als ich in Wien nach diesseits befördert worden bin, wofür ich nun meinen irdischen Feinden nicht genug danken kann. Aber wie die Regenten Österreichs, mit denen ich noch nie in irgendeiner Konnexion habe stehen können, da doch die meisten viel vor mir auf der Erde ihre Herrschaft ausgeübt haben, in meinen Verein kommen – und neben ihnen auch so manche römische Bischöfe – das ist mir ein Rätsel! So sie allenfalls mich in ihren Verein aufgenommen hätten, so ließe sich das erklären. Aber dass ich sie in meinen Verein aufnehme, und dass sie gewisserart zu mir kommen und wenigstens anfänglich in meinem Haus Wohnung genommen haben – den Grund davon begreife, wer ihn will. Ich begreife ihn trotz aller meiner geistigen Vollendung nicht. Begreifst vielleicht du ihn, mein liebster Freund und Bruder?“
RB|2|289|3|0|Sagt Petrus: „Der Grund davon ist ganz einfach: Siehe, du warst stets der Dynastie der Habsburger, wie man sagt, von der Wurzel an ein wahrer Feind. Ihr allein schriebst du alle Übelstände von Europa zu. Mit solch einem Groll aber hättest du nimmer ein Bewohner dieses Reiches der reinsten, ewigen Liebe werden können. Der Herr verschaffte dir daher die Gelegenheit, dich mit solchen deinen Antipathien auszusöhnen, ihren Wert anzuerkennen und sie als echte Brüder in dein Herz aufzunehmen und sie zu achten und zu lieben wie dich selbst. Und siehe, darum kamen sie denn auch in dein Haus. Verstehst du nun den Grund?“
RB|2|289|4|0|Sagt Robert: „Ja so, jetzt verstehe ich den Grund freilich wohl nur zu klar, könnte ich sagen. Richtig, richtig! Die vom Rudolf errichtete Erbfolge der Kaiserwürde war mir ein Gräuel der Verwüstung beinahe sämtlicher Menschenrechte. Denn bei einer erblichen Herrscherwürde werden alle anderen Geister zurückgesetzt, so sie auch tausendmal weiser wären als der Geist dessen, der am Thron sitzt. Ein Kronprinz wird dadurch schon im Mutterleib ein Regent. Der sonst weiseste Mann im Reich aber muss schweigen und wird vom Regenten, der sich allzeit auch als erbrechtlich für einen Salomon hält, gar nicht erkannt und zum Wohl der Völker gebraucht. Siehe, solche und noch tausend andere beachtenswerte Gründe haben mich stets mit Groll gegen die Habsburger erfüllt. Und es regte sich alles in mir, so ich des herrschsüchtigen Rudolf gedachte, dem es nicht genügte, dass er zum Kaiser gewählt wurde, er wollte fortherrschen in seinen spätesten Nachkommen, bis womöglich ans Ende der Welt.
RB|2|289|5|0|Nun ist mir freilich ein anderes Rechtslicht aufgegangen, aus dem heraus ich klar und deutlich ersehe, dass ein mittelmäßiges Erbkaiserreich denn doch um sehr vieles besser ist, als ein bestes Wahlreich, bei dem die zur Kaiserwahl Berechtigten allzeit Feinde dessen werden, den das Los aus ihrer Mitte auf den Thron setzte. Ja, ja, so ist es! Dass aber gerade darin die Ursache hätte verborgen sein sollen, darauf wäre ich aus mir selbst noch lange nicht gekommen. Es mag wohl solches der Herr nicht nur allein zugelassen, sondern auch wirklich Selbst gewollt haben, dass die Wahlreiche aufgehört und dafür die Erbreiche den Anfang genommen haben.
RB|2|289|6|0|Ob aber nun nicht ein wenigstens sehr nahe scheinendes, wo nicht schon wirklich seiendes Ende der Erbdynastien und ihrer Reiche vorhanden ist – das hat der Herr Selbst erst jüngsthin eben nicht gar zu unverständlich aus Seinen mannigfachen heiligen Reden durchleuchten lassen. Was meinst du über diesen Punkt?“
RB|2|289|7|0|Sagt Petrus: „Mein Freund, das kümmert uns hier wohl enorm wenig. Die Menschen auf der Erde in ihrem irdisch politischen Verband und in ihren staatlichen Verhältnissen sind frei und können sich diese einrichten, wie sie wollen. Nur so sie eine Obrigkeit haben, so sollen sie dieser gehorchen und sollen eins sein mit ihr, so werden sie Ruhe und Frieden haben. Alle Bürger eines Staates sollen mit ihrem Regenten ein Leib sein und sollen eben dem Regenten im Fall der Not auch bereitwilligst mit ihrer Habe, mit ihrem Mut und Blut zur Hand stehen, so werden sie ein glückliches Volk sein und werden reich sein in allen Dingen auf Erden. Aber ein Volk, das seinen Regenten verachtet und bei allen bitteren Vorkommnissen, die es aus höchsteigenem Verschulden treffen, die Schuld auf den Regenten schiebt, wird von einem Glück weniger mehr zu erzählen haben. Denn wo immer die Völker mit ihren Regenten haben zu hadern angefangen, da bekamen bald dessen Feinde die Gelegenheit zum Lachen.
RB|2|289|8|0|Es haben aber die Menschen der Erde ohnehin ein Gebot, nach dem sie der weltlichen Obrigkeit gehorchen sollen. Tun sie das nicht, so müssen sie sich dann nur selbst zuschreiben, so über sie dann böse Zeiten kommen. Der Herr lässt solche Zeiten zwar nie als ein Gericht Seines Willens über die Menschen kommen; aber so die Menschen sich selbst solche Zeiten bereiten, da tritt Er nicht hindernd entgegen, sondern lässt die Menschen dieselben Früchte ernten, die sie ausgesät haben.
RB|2|289|9|0|Wir können wohl sehen, was die Menschen ausführen wollen, und können auch wohl ermessen die Folgen, die daraus entstehen müssen, aber wir hindern sie dennoch nicht, zu handeln, wie sie wollen. Denn die Menschen der Erde sind freiesten Willens. Ja sogar die Erde liegt in ihren Händen. Beleidigen sie diese, so wird diese sie auch strafen, wie zu den Zeiten Noahs. So es aber Menschen gibt, die sich deshalb an den Herrn wenden und Ihn bitten um eine gute Regierung, um Ruhe, Frieden und gute Ordnung – dann greifen wir schon auch in die Zügel des Regenten und leiten dann ihn und sein Volk auf den Weg, auf dem allein alles Glück erreicht werden kann. Darum sollen die Menschen ihren Regenten nie grollen und sie gar hassen, da auch die Regenten Menschen sind. Sie sollen sie dafür lieber segnen und den Herrn bitten, dass Er sie als ihre irdischen Herrscher lenke und segne. Dann werden sie glücklich sein in Hülle und Fülle. Nun, was meinst du, Bruder? Habe ich recht geredet, oder nicht?“
RB|2|290|1|1|Roberts politischer Eifer gegen die Tyrannei. Petrus über Selbsthilfe der Völker und Gotteshilfe.
RB|2|290|1|1|(Am 3. Dez. 1850)
RB|2|290|1|0|Sagt Robert: „O ja, du hast ganz recht, so ist es auch. Jeder Mensch für sich tut wohl daran, so er seiner vorgesetzten Obrigkeit gehorcht in weltlichen Dingen und sich friedfertig verhält bei allen oft noch so traurigen Lagen des irdischen Lebens. Denn es steht auch geschrieben: ‚Selig sind die Friedfertigen, sie werden darum das Erdreich besitzen!‘ Aber was sollen die armen Menschen auf der Erde dann machen, wenn ihre Herrscher, aus Furcht, Thron und Glanz zu verlieren, in ihren Untergebenen auch die Sphäre des Geistes angreifen, dieselbe knechten und fesseln und der Seele und dem Geist die Sehe verfinstern, die reine Lehre des Herrn auf Erden in ein Götzentum verwandeln und dadurch die ihnen gehorchen müssende Menschheit mit aller Blindheit schlagen? Frage noch einmal: Was sollen da sogestaltigst geknechtete Menschen tun, so die herrschsüchtigsten Kronträger für die vom Herrn Selbst erweckten Geister Scheiterhaufen errichten, Galgen und mindestens harte Kerker und Gefängnisse?
RB|2|290|2|0|Soll den Menschen auch da aus den Himmeln kein unverantwortliches Recht zuständig sein, sich der Geistesmörder zu entledigen? Ist solch ein Handeln auch wider die Ordnung der Himmel, so muss man andererseits ja doch notwendig supponieren [annehmen], dass es dem Herrn am Ende einerlei ist, ob der Mensch auf der Welt ein Fetischdiener, ein finsterer Heide oder ein reiner Christ sei. Ist aber das der Fall, so sehe ich die ganze Erlösungsgeschichte, alle die Propheten und die reine Wunderlehre des Lebens aus dem Mund Gottes nicht ein. Denn da ist das alles vergeblich, und die Menschheit hätte lieber in ihrer Urnacht verbleiben sollen. Millionen von Menschen, die sich Christen nennen, haben von Christus dem Herrn nicht den allerleisesten Begriff und von Seiner Lehre ebenfalls nicht. Der Papst ist ihr Gott und der Regent ist sein Handlanger. Beide sorgen nach Kräften für die Verfinsterung der Menschen und feiern Triumphe, so es ihnen gelang, jeden Funken Geistes in ihren Untertanen zu ersticken. Sage, Freund, haben die im Geheimen sich noch irgendwo vorfindenden helleren Gesellschaften auch da keinen Funken Rechtes, sich gegen solch eine allergrausamste Tyrannei zu erheben, sie zu schlagen und zu vernichten?“
RB|2|290|3|0|Sagt Petrus: „So sie es vermögen, warum nicht? Vermögen sie aber so was nicht, so wird ihnen ihr Versuch bitter zu stehen kommen, und sie werden dann in der Folge noch zehnfach mehr geknechtet werden, als sie es früher waren. Ich sage dir, es bleibt ewig bei dem, dass Menschen für sich allein gar nichts tun können; und tun sie doch etwas, so machen sie nur, dass ihr Zustand verschlimmert, nie aber gebessert wird. Aber ganz was anderes ist es, so solch eine reinere Gesellschaft von Menschen, die dem Herrn ergeben sind, Ihn um Hilfe und Schutz anflehen. Da legt dann schon der Herr Selbst die Hand an solch ein Werk und mit der von dir vorbeschriebenen Tyrannei hat es dann für immer ein Ende. Denn nur die Allmacht kann jede andere Macht schlagen! Des Menschen Ohnmacht aber vermag nichts ohne den Herrn. Im Übrigen weiß der Herr schon auch, inwieweit Er solch eine Tyrannei fortkommen lassen kann.
RB|2|290|4|0|Siehe an den Pharao und sein Tun und Handeln! Siehe an tausend andere Tyrannen! Sie gaben sich alle Mühe, ihre Völker bis auf den tiefsten Abgrund aller Finsternis zu schleudern. Und wo sie meinten, da werden sie ihr Ziel erreichen, eben da stellte der Herr dann in der Tiefe der von den Tyrannen vermeinten Nacht ein großes Licht auf, stärkte solche gedrückte Völker, und diese erhoben sich dann und die Tyrannen flohen vor ihnen wie lose Spreu vor dem Sturmwind. Und man nannte darauf ihren Namen kaum mehr, und so sie auch irgend genannt wurden, so wurden sie nur zur Schande aber nimmer zur Ehre ihrer Handlungen genannt und wurden verabscheut von jedermann. Ich sage dir: Der Herr misst eines jeden Zeit. Und so ist auch aller Tyrannen Zeit genauest bemessen. Es fehlt oft nur der letzte Tropfen. Fällt dieser, dann ist die Zeit zu Ende. Darum sorge dich nun nicht mehr um die Verhältnisse der Erde! Der Herr versteht sie am besten zu leiten und zu schlichten.
RB|2|290|5|0|Wie oft habe ich schon von besseren Erdmenschen den Wunsch vernommen, dass der Herr dem Papsttum doch endlich einmal ein Ende machen möchte. Aber der Herr säumt noch immer, und Er weiß es gar wohl, warum Er also säumt. Dass Er aber gar nicht lange mehr säumen wird, dessen kannst du ganz vollends versichert sein. Rom meint wohl einem Phönix gleich zu sein, der sich selbst verbrennt und dann aus seiner Asche wieder herrlicher denn früher ersteht. Aber diesmal wird es am Ende bei der Asche verbleiben. Und so wird es nun gar manchen anderen ergehen auf der Erde. Verstehst du das?“
RB|2|290|6|0|Sagt Robert: „Ja, nun erst bin ich in allem klarst berichtet und unterwiesen. Aber nun kommt der Herr! Darum nichts mehr weiter von dem.“
RB|2|290|7|0|Robert geht mit der ganzen Gesellschaft von sieben Personen, er selbst mitgerechnet, Mir entgegen und sagt: „Herr! Vater! Wie Du es befohlen hast, steht alles in der Bereitschaft.“
RB|2|290|8|0|Sage Ich: „Mein lieber Bruder! Das habe Ich schon gesehen. Aber so Ich nicht Selbst gekommen wäre, so hättest du Mich und die große Gesellschaft noch hübsch lange warten lassen und wärst nicht gekommen, Mir zu sagen vor der Gesellschaft: ‚Herr und Vater komme, es ist alles bereit!‘“
RB|2|290|9|0|Sagt Robert: „Herr, das habe ich ja ohnehin gewollt, aber der Bruder Petrus hat mich im allereigentlichsten Sinn davon abgehalten.“ – Sage Ich: „Ei, ei, wenn du auf eine kleine Hausprobe gestellt wirst, so darfst du nicht gleich so nachgiebig sein.“
RB|2|290|10|0|Sagt die Helena: „Siehe, ich habe dir noch mit den Augen gewinkt! Aber du legtest den Finger auf den Mund und zeigtest mir dadurch an, dass ich hier schweigen soll, wo der erste Bruder des Herrn das Wort führe. Ihr habt dann recht lange miteinander über Verschiedenes gesprochen, bis nun der liebe Herr Vater von Selbst gekommen ist, ohne von euch Weisen gerufen worden zu sein. O es geschieht euch schon recht, so euch der liebe Herr Vater ein wenig putzt.“
RB|2|290|11|0|Sage Ich: „Nun, nun, Meine liebste Tochter Helena, es ist schon lange alles wieder in der besten Ordnung. Robert ist gerecht, da er dem Bruder Petrus folgte. Der Bruder Petrus ist ebenfalls gerecht; denn er weiß, was er bei solchen besonderen Gelegenheiten zu tun hat. Und du bist auch gerecht, weil du Mich durch deinen Robert wolltest hereingerufen haben. Ich Selbst aber bin noch nie ungerecht gewesen, und so haben wir alle uns in der Zukunft nichts mehr vorzuwerfen. Es ist schon alles recht so; daher werden wir nun das Mahl einnehmen. Geht und beruft die Gesellschaft! Und du, Bruder Petrus, öffne alle Türen, die in diesen Speisesaal führen.“
RB|2|291|1|1|Die Haus- und Stadtordnung. Großes Himmelsmahl und Himmelskonzert im Vaterhaus. David als Musikdirektor und Tonschöpfer. Himmelsort anderer Musikmeister.
RB|2|291|1|0|Als nun dies alles schnell geschieht, so fangen ganze Prozessionen von allen Seiten her sich in den großen Speisesaal in bester Ordnung zu bewegen an. In kurzer Weile stehen viele Tausende im Saal, und noch immer ziehen neue Prozessionen von Tausenden und abermals Tausenden in den Saal. Robert und die ganze, ebenfalls bedeutende Gesellschaft, die sich zunächst an Mir befindet, fängt an große Augen zu machen, als des zahlreichsten Zuzuges noch immer kein Ende werden will. Und Robert fragt Mich ganz leise, sagend: „Aber um Deines allmächtigsten Namens willen! Der Saal ist schon ganz angestopft mit Menschen herrlichster Gestaltung, und noch ist kein Ende zu ersehen. Wo werden sie denn am Ende Platz finden? Wir haben den größten Tisch wohl so reich als möglich bestellt, aber was wird er bieten für diese ungeheure Volksmenge?“
RB|2|291|2|0|Sage Ich: „Sei nur ruhig! Hast du doch auch auf der Erde schon öfter vernommen, dass da friedlicher Schafe viele Platz haben in einem Schafstall. Also werden auch diese Bewohner dieses Meines Hauses am Ende hinreichenden Platz finden.“ – Sagt Robert ganz erstaunt: „Was! Diese alle sind bloß Bewohner dieses Deines einen Hauses? Um Deines Namens willen! Ja, wie viele wohnen denn eigentlich herinnen? Es müssen ja Millionen sein. Ah, ah, noch immer kein Ende! Aber was merke ich denn nun? Der Saal wird ja auch stets größer und größer, oder kommt es mir bloß so vor? Nun fangen sich auch die Galerien zu füllen an! Mir ist der Saal wohl früher auch ganz ungeheuer groß vorgekommen; aber nun kommt er mir noch um vieles größer vor. Ah, jetzt erst wird ein Ende des Zuges durch die offenen Türen ersichtlich. O Herr! Wie viele möchten doch nun ihrer in diesem großen Saal sich befinden?“
RB|2|291|3|0|Sage Ich: „So du willst die Zahl, da sieh, und du wirst es finden, dass da sind ihrer zwölfmalhunderttausend! Aber das sind bei Weitem nicht alle, die dies Mein Haus bewohnen. Mehr als zehnmal so viel sind in wichtigen Geschäften abwesend und haben zu tun auf den verschiedenen Welten und Sonnen in allen den Himmeln und deren zahllos vielen Vereinen. Verstehe aber wohl: Diese dir nun Genannten sind ausschließlich nur Bewohner dieses Meines Hauses, das Ich Selbst bewohne und allda Ich sorge für Meine Kinder.
RB|2|291|4|0|Du siehst aber, dass diese Stadt bloß nur in ihrem Hauptteil eine übergroße Menge der herrlichsten Häuser hat. Ein jedes Haus steht frei und hat einen großen Raum um sich, der da gleich ist einem schönsten Garten und ist wohlbestellt mit allerlei Fruchtbäumen und anderen Gewächsen, die eine Zierde der Gärten sind und den höchsten Wohlgeruch ausstreuen. Solche Häuser sind auch vollauf bewohnt, und die Bewohner sind ebenfalls Meine Kinder und besuchen Mich in diesem Meinem Haus, wann sie wollen. Und ich habe eine große Freude an ihnen, und sie sind alle voll der reinsten Liebe zu Mir und zu all den Brüdern, die da stets wohnen in diesem Meinem höchsteigenen Haus.
RB|2|291|5|0|Weiter ersiehst du eine große Vorstadt gegen Osten, die da nimmer ein eigentliches Ende hat. Diese Vorstadt ist eben auch voll Häuser und Gebäude aller Art, wie sie auf allen den Weltkörpern in bester Form gang und gäbe sind. In dieser Vorstadt und ihren zahllos mannigfaltigsten Gebäuden wirst du vollendete Geister aus allen Welten der Unendlichkeit antreffen, die ebenfalls überselig sind nach der Art ihrer Liebe und inneren Vollendung. Zugleich befindet sich aber auch in einem jeden Haus dieser großen Vorstadt eine solche Einrichtung, eine Türe und eine Brücke, durch die und mittelst der die seligsten Bewohner auf jenen Weltkörper schauen und gelangen können, den sie in ihrem Fleisch bewohnt haben.
RB|2|291|6|0|In diesen Häusern der Hauptstadt aber ist die Einrichtung also getroffen, dass jeder Bewohner derselben durch zwölf innerhalb des Gemaches angebrachte Türen in alle Weltkörper der ganzen Unendlichkeit gelangen und also auch wieder zurückgelangen kann, und das im Augenblick, so der Bewohner es will. Aber es ist dabei dennoch zu bemerken, dass solche Türen zu den Weltkörpern in jedem Haus nur in den Gemächern zu ebener Erde angebracht sind, niemals etwa auch in einem höheren Stockwerk. Daher hat denn auch jedes Gemach eines höheren Stockwerkes ein entsprechendes zu ebener Erde. Das Wunderbare solcher Einrichtung aber wirst du erst in der Folge genauer kennenlernen, je nachdem sich dein Innerstes mehr und mehr entfalten wird.
RB|2|291|7|0|Nun aber siehe, während dieser Unterredung haben sich die Zwölfmalhunderttausend am großen Tisch geordnet und mehrere kleinere Tische sind ebenfalls nun nachträglich bestellt und besetzt worden – und du merkst doch sicher kein Gedränge.“
RB|2|291|8|0|Spricht Robert: „Überaus wunderbar merkwürdig! Aber der große Tisch hat denn auch eine Länge, die man auf der Erde nur nach Meilen-Längen messen müsste. O Herr, Du wunderbarst bester, heiliger Vater! Der Tisch ist aber schön ausgezogen worden! Auch die kleineren Tische sind stundenlang geworden! Und der Saal hat nun eine Länge, Höhe und Breite, dass man ja ganz London und Paris ganz bequem hineinstellen könnte. Wahrlich, das hört schon auf, ein Saal zu sein, sondern er ist wie eine ganze Welt!“
RB|2|291|9|0|Sage Ich: „Ja, ja, Mein Bruder, hier geben wir's denn auch ein wenig großartiger als auf der Erde am Reinerkogel. Was meinst du?“ – Sagt Robert: „O Vater, Du bist zu gütig und gnädig! Ja, da sähe es, wie man sagt, schon etwas besser aus, als wie bei einem Keuschler [Hüttenbewohner] auf der armseligen Mutter Erde. O Vater! Ein Funke dieses Lichtes auf die Erde gebracht, würde sie also erglänzen machen, dass die Sonne zum finsteren Klumpen würde neben der also erleuchteten Erde. Aber haben die auf den zwei hohen Galerien ober uns auch Tische und Speise und Trank?“
RB|2|291|10|0|Sage Ich: „Ganz sicher! Mein Haus hat, wie du es von außen wirst bemerkt haben, drei Stockwerke. Von jedem kann man auf die mit dem Stockwerk gleichlaufende Galerie dieses Speisesaales gelangen, der die Höhe von allen drei Stockwerken hat. Dies ist aber nicht der einzige Saal in diesem Haus, es gibt deren noch gar viele, die so eingerichtet sind, wie sie für die verschiedenartigen Zwecke eingerichtet sein müssen. Du wirst sie nach und nach alle kennenlernen. Jetzt aber sehen wir auch, dass wir irgendeinen guten Platz am großen Tisch bekommen.“
RB|2|291|11|0|Sagt Robert: „Herr, so irgendein kleines Katzentischchen wäre mir lieber! Denn dort am großen Tisch sieht wohl nirgends mehr von einem günstigen Plätzchen etwas heraus.“ – Sage Ich: „Hast auch recht! Da ist gerade noch ein freier, ziemlich umfangreicher Tisch. Diesen versorge! Und wir werden alle, die wir von der Erde daher gekommen sind, an ihm Platz nehmen. Von diesem Tisch aus übersehen wir auch ganz gut alle die Gäste und können auch von ihnen am besten gesehen und bemerkt werden.“
RB|2|291|12|0|Robert und sein Gehilfe richten sogleich den Tisch zurecht. Und Ich, die Monarchen und noch einige andere nebst Robert, dessen Gehilfe Peter Peter und die zwei Weiber, setzen uns dazu und essen und trinken von allem, was sich auf dem Tisch befindet. Nach dem Essen aber erheben sich alle die vielen Gäste und stimmen Mir ein großes Loblied an, das dem Robert überaus gut gefällt.
RB|2|291|13|1|(Am 6. Dez. 1850)
RB|2|291|13|0|Als das gar liebliche Loblied, das von durchaus zarteste Liebe atmenden Redensarten strotzte, zu Ende ist, beginnt erst ein sogenanntes aber hier allerwahrstes Himmelskonzert von den Galerien herab zu ertönen. Den Anfang macht eine gar herrliche Kantate mit Begleitung von vielen allerreinst gestimmten Harfen, deren Ton aber so rein und hellsanft klingt, dass sich auf der Erde wohl kein Toninstrument befindet, das da vermöchte einen Ton in solch einer Reinheit hervorzugeben. Das Ähnlichste wäre noch der Ton einer sehr wohl konstruierten sogenannten Äolsharfe, so ein ganz reiner und gleichmäßiger Wind von mittlerer Stärke der reinen Saite harmonische Punkte zu ertönen nötigt.
RB|2|291|14|0|Robert weiß sich vor lauter Anmut nicht zu helfen. Die zwei Weiber weinen vor Rührung. Und die Helena sagt ganz zerknirschten Gemütes: „O Gott, o Gott! Ist aber das doch eine so ergreifendste Musik, dass man dabei ganz zerfließen könnte. Jeder Ton dringt aber schon so entzückend zum Herzen, als wie ein erster Kuss der feurigsten Liebe zwischen zwei sich über alles liebenden Seelen. Robert, das klingt ein bisschen anders, als eine noch so schöne Oper im Kärntnertortheater und schon gar unendlich besser als auf der Erde eine türkische Musik.“
RB|2|291|15|0|Sagt Robert lächelnd: „Jetzt geh', du Tschaperl! Wie kann man bei dieser unbeschreiblich herrlichsten Symphonie auch nur einer irdischen Musik, besonders einer türkischen, gedenken.“ – Sagt die Helena: „Du hast wohl recht! Aber ich habe diesen Vergleich ja nur deshalb gemacht, weil so eine türkische Musik ja auf der Erde auch zu der allerletzten gehört; denn nach ihr kommen sogleich die Bettlerwerkeln (Drehorgeln). Meine Art und Weise ist schon also; wenn ich etwas Allerherrlichstes recht herausheben will, so setze ich diesem scherzhafterweise stets die allerletzten derselben Art entgegen. Und ich meine, dass so was nicht unrecht ist.“ – Sagt Robert: „Ja, ja, du hast schon auch recht! Aber jetzt sei schön still, denn bei dieser Musik kann man nicht genug Herz und Ohr sein.“
RB|2|291|16|0|Fragt Mich ganz leise der Kaiser Joseph: „O Herr und Vater! Von wem ist denn doch diese Kantate komponiert?“ – Sage Ich: „Siehst du dort vorne auf einem Vorsprung den Direktor nicht?“ – Sagt Joseph: „O ja, lieber Vater, den sehe ich wohl; aber wie er heißt und wer er auf der Erde war, das weiß ich nicht und kann es sicherlich auch nicht wissen.“ – Sage Ich: „Das ist David, der einstige König in Israel. Dieser ist hier ein Hauptdirektor der Musik und zugleich der auserlesenste Komponist solcher Tonwerke, die Mir wahrlich stets ein großes Vergnügen machen.“
RB|2|291|17|0|Sagt Joseph: „Ja, das will ich aber auch eine Komposition heißen. Es klingt in der großartigsten Ganzheit wie eine allergrößte Gesangs- und Instrumentalsymphonie. Inmitten oder im Durchtönen der Einzelheiten aber vernimmt man alles, was nur immer im Gebiet der Töne gehört werden kann. Ein jeder einzelne große Ton der Gesamtheit klingt wie eine ganze, aber ganz leise durchgeführte Sonate. Wenn ich auf der Erde ja etwas freilich nur im entferntesten Sinn sich Annäherndes vernommen habe, so wäre es das harmonische Tönen der sogenannten Mundtrommeln mit den feinsten Silberzungen, die im Grunde auch nur einen bestimmten Hauptton besitzen, aber innerhalb dieses Haupttones entfalten sich gleich durchgleitenden Liebesgeistern in den zartesten Schwingungen alle möglichen Melodien und Modulationen, ohne dem eigentlichen Hauptton nur den allergeringsten Eintrag zu machen. So kommt es mir auch hier vor. Die Haupttöne bieten harmonisch die Hauptkantate, aber ein jeder einzelne Hauptton ist belebt von den wunderherrlichsten Sonaten und Sonatinen.
RB|2|291|18|0|Ich möchte aber nun noch etwas von Dir Selbst erfahren, und das ist: Wo etwa jene Musikmeister sich befinden und was sie machen, die vor und zu meiner Zeit auf der Erde wirklich das Herrlichste in der Musik geleistet haben, als z. B. ein Händel, Bach, Gluck, Salieri, Mozart und beide Haydn und noch einige andere, deren Namen jedoch weniger bekannt sind?“ – Sage Ich: „So du in den ersten und zweiten Himmel bei Gelegenheiten kommen wirst, wo du auch die großartigsten Herrlichkeiten antreffen wirst, da wirst du jene Geister schon auch antreffen. Nun aber gib Acht! Es kommt nun eine andere Nummer des Konzertes.“
RB|2|292|1|1|Orgelkonzert mit Tonbildern. Über des Ton- und Formenwesens. Grundgesetz aller Kraftmanifestation: Kraft und Gegenkraft. Beispiele: Sonne und Auge. Der Riese und die Fliege. Wind, Regen und Wolken.
RB|2|292|1|1|(Am 7. Dez. 1850)
RB|2|292|1|0|Joseph mit allen anderen einstigen Kaisern auf Erden, und Robert, sein Gehilfe und die beiden Weiber passen nun auf mit aller Attention [Aufmerksamkeit], was da nun kommen werde.
RB|2|292|2|0|Nach einer kurzen Weile ertönen gar mächtige Akkorde einer Orgel. Und wie da die Akkorde melodisch sich ineinander verschlingen, so werden im freien Raum die wunderherrlichsten Formen ersichtlich, ungefähr in der Art, als wie man auf der Erde auf dem Weg der Camera obscura Bilder schafft. Je nachdem dies optische Instrument so oder so gedreht wird, kommt auch nach und nach ein anderes Bild zum Vorschein. Ein Unterschied bestünde darin, dass die Camera obscura nur Abbilder von schon daseienden Gegenständen wiedergeben kann, während hier durch die Harmonie der Töne stets neue Formen geschaffen werden, insoweit aus den Tönen stets neue Kombinationen gezeugt werden. Natürlich, wie es sich schon von selbst versteht, bringen wiederholte, schon dagewesene Tonkombinationen auch stets dieselben Formen wieder zum Vorschein. Diese Tonbilder aber sind hier überaus hell und wechseln stets in den allerlebhaftesten Farben und ergreifendst schönsten Formen miteinander ab. Dadurch wird nicht nur das Ohr und das Gemüt auf eine allerherrlichste und erbaulichste Weise entzückt, sondern auch das Auge und der mit demselben zusammenhängende Verstand der Seele, der in der Seele ist gleichwie das Auge des Geistes.
RB|2|292|3|0|Es fragt Mich aber nun Robert und sagt: „Aber wie ist denn das? Bei der ersten Kantate haben wir keine solche Formen und wunderherrlichsten Bilder zu sehen bekommen; erst jetzt beim großen, harmonischen Tönen der Orgel kommen sie zum Vorschein.“ – Sage Ich: „Weil das in Meiner ewigen Ordnung schon so eingerichtet ist, dass da nichts ohne eine Vorwirkung, Nachwirkung und Gegenwirkung entstehen und zum Vorschein kommen kann. Die Danksagungshymne von Seiten der Gäste, die da am großen Tisch gespeist haben, war eine Vorwirkung. Die große Kantate von den Galerien war die Nachwirkung. Und das große Präludium auf der Orgel ist die Gegenwirkung – weil sowohl die Töne anderer Art sind und zugleich durch dieses Präludieren die Gegenthemata von der früheren Danksagungshymne wie von der nachfolgenden Kantate vorführen. Diese Gegensätze stoßen sich, und wo sie sich berühren, da werden sie auch sichtbar und machen ersichtlich, was sie sind und was sie sagen.
RB|2|292|4|0|Siehe, auch auf der Erde hat die freilich sehr unvollkommene Musik beinahe eine ähnliche Wirkung. Die Zuhörer werden oft ganz unwillkürlich in ganz fremde Regionen in ihrem Gemüt versetzt, und es kommt ihnen vor, als ob sie da oder dort wären. Das bewirken die Formen, die durch verschiedene Tonkombinationen in der Seele erzeugt werden und diese dann geistig in solche in ihr aufgetauchte Formen und daraus gebildete Regionen versetzen. Würde sich nun der Orgelspieler in ganz neuen Tonkombinationen zu bewegen anfangen, denen keine entsprechende Vor- und Nachwirkung vorangegangen ist, so würden diese herrlichen Bilder auch alsbald aufhören, und ihr würdet dann bloß nur ganz herrliche Töne vernehmen, aber ohne daraus hervorgehende Formen.
RB|2|292|5|0|Es entwickelt zwar ein jeder Ton eine bestimmte Form, aber diese wird erst dann sichtbar, so sie sich auf eine vorangehende Form gewisserart anlehnen kann. Es ist ungefähr mit den Lichtbildern derselbe Fall. Wenn sich ihnen kein Gegenstand in den Weg stellt, durch den sie aufgehalten werden, so fliehen sie unsichtbar ins Unendliche unaufhaltsam hinaus. Mein Auge kann wohl alles schauen, aber nicht so das Auge eines geschaffenen Geistes, das selbst nicht sein könnte, so es an Mir nicht einen Stützpunkt hätte. Nur ein Erstes kann ein Erstes sehen; ein Zweites nur ein Zweites – und ein Erstes kann es nur dann sehen, wann ein Erstes die Gestalt eines Zweiten angenommen hat.
RB|2|292|6|0|So könntet ihr Mich als ein pur göttliches Wesen nie sehen. Da Ich aber von Selbst ein Zweites, Geschöpfliches, angenommen habe, so könnt ihr Mich sehen, insoweit Ich nun Selbst ein Zweites, Geschöpfliches, angenommen habe und ein vollkommenes und bleibendes Zweites geworden bin aus Mir Selbst.
RB|2|292|7|0|So wird es auch sein, so ihr in einen der zwei unteren Himmel kommen werdet. Solange ihr nicht das Element dieser Himmel annehmen werdet, werdet ihr stets unsichtbar verbleiben, wogegen ihr aber dennoch alles sehen werdet, was sich dort vorfindet, indem ihr als Bewohner dieses obersten Himmels auch gegenüber einem zweiten und gar dritten Himmel ein Erstes seid. Sagt Mir nun, ob ihr das alles wohl verstanden habt? Das Konzert ist zu Ende, und so können wir nun schon wieder weiter uns miteinander besprechen über die Dinge Meiner Himmel.“
RB|2|292|8|1|(Am 8. Dez. 1850)
RB|2|292|8|0|Sagt Robert: „Herr und Vater! Dass es so ist und nicht anders sein kann, das sehen wir recht klar ein. Auch das Wie sehen wir ein, aber freilich so recht urgründlich noch lange nicht; denn mit den nötigen Gegensätzen oder Objekten, die zur Sichtbarmachung von irgendetwas als ein erstes Daseiendem erforderlich sind, will es sich wenigstens bei mir nicht so ganz und richtig zusammenreimen lassen. Ein Erstes muss doch notwendig etwas ganz Gediegenstes sein, ansonst aus ihm nie ein Zweites hervorgehen könnte. Nun fragt es sich, warum dies Erste aus dem von ihm ausgehenden Zweiten zu seiner eigenen Manifestierung ein Objekt bilden muss, um einem gegenüberstehenden Zweiten sichtbar zu werden?“
RB|2|292|9|0|Sage Ich: „Das liegt als ewige Ordnung in einer jeden einfachsten Grundkraft. Jede Kraft ist unauflösbar in jeder Art ihres Grundseins. Weil aber jede Kraft unauflösbar ist, so ist es klar, dass sie fortbestehen muss in sich und aus sich heraus. Die Kraft ist sonach stets da, ob sie sich äußert oder nicht. Solange sich aber eine Kraft nicht äußert oder nicht äußern kann, besteht sie in sich selbst nur als eine stumme Kraft und ist so in ihrem Bestand, als ob sie gar nicht da wäre. Soll die Kraft aber als bestehend auftreten, so muss ihr ein Gegensatz gestellt werden. Und dieser Gegensatz kann kein anderer als eine Gegenkraft sein, durch die die erste in ihrem ruhigen Fortfluss gestört wird. Wo ein solcher störender Konflikt geschieht, da wird auch die eine wie die andere Kraft als daseiend ersichtlich. Die erste geht aber da unfehlbar in eine zweite über und die zweite umgekehrt in die erste. Und erst auf diese Weise werden die beiden Kräfte einander gegenseitig wahrnehmbar und somit auch in der Art und Weise ihrer Tätigkeit ersichtlich.
RB|2|292|10|0|Einige kleine Bilder sollen euch diese wichtige Sache näher und näher beleuchten. Betrachtet das ausströmende Licht aus einer Sonne. Denkt euch, die Sonne wäre wirklich da, wie sie ist in ihrem Sein und Bestehen; aber in der ganzen Unendlichkeit gäbe es kein der Sonne verwandtes Auge, das sich als eine sekundäre Kraft der Sonne gegenüberstellte und auffinge das aus der Sonne strömende Licht, durch das die Sonne im Auge ihresgleichen bildet und dadurch als Primitivkraft in eine sekundäre Kraft übergeht. Wäre da die Sonne nicht so gut als gar nicht? Hat sich aber ein Auge gebildet, in dem die Sonne sich gewisserart selbst wiederfindet, so tritt dann die Sonne als eine Primitivkraft dem Auge gegenüber in ein erscheinliches Dasein. Schließt sich das Auge und kann sich die Sonne in dem ihr verwandten Auge nicht finden, so ist fürs Erste das Auge für die Sonne wie gar nicht da, und die Sonne selbst hat fürs Auge das erscheinliche Dasein verloren. Ich meine, Freund Robert, das soll dir nun wohl recht einleuchtend sein.
RB|2|292|11|0|Aber Ich will dir dennoch ein anderes Bild geben. Stelle dir einen überaus starken Riesen vor. Setze ihn in einen leeren Raum, in dem sich kein Gegenstand vorfindet, an dem der Riese seine Kraft auf die Probe setzen könnte. Stelle ihm eine Fliege als Gegenkraft vor, doch so, dass er sie mit seinen Händen nicht erreichen kann, und die Fliege wird mit dem Riesen in einer ganz gleichen Kraft dastehen und wird den Riesen zu einem Zweikampf herausfordern können, so sie einen Stützpunkt hat. Hat aber der Riese einen solchen, so werden Millionen Fliegen ihm nichts anhaben können. Und so muss jede Kraft erst eine Gegenkraft finden, sonst kann sie sich nicht äußern und in die Erscheinlichkeit treten. Eine Kraft muss sich an der andern versuchen, sonst ist sie wie gar nicht da.
RB|2|292|12|0|Wenn auf der Erde in einem fort nur ein Wind ginge, so käme es ewig zu keinem Regen. Kommt aber diesem einen Wind ein anderer entgegen, da werden dadurch sogleich Verdichtungen in der Luft geschehen, und werden als Nebelchen und am Ende als regenschwere Wolken ersichtlich. Die Wolken aber sehen den Wind an und für sich nicht, solange der Wind pur Wind bleibt. Hat aber einmal der Wind aus sich die Wolken geschaffen und hat sich mit ihnen bekleidet, da sehen dann freilich auch die Wolken den Wind und zeigen durch ihre Bewegung seinen Zug an. Ich meine nun, Freunde und Brüder, diese Sache soll euch nun wohl schon sehr klar geworden sein.“
RB|2|292|13|0|Sagt Robert: „Ja, Herr und Vater, nun sind wir darüber ganz vollkommen im Reinen, aber es hat dazu etwas gebraucht. Nun aber verlassen diese Gäste wieder diesen Saal! Wohin werden sie sich nun begeben und was werden sie tun?“
RB|2|292|14|0|Sage Ich: „Sie gehen dankbarst und höchst selig in ihre Wohngemächer zurück. Dort aber werden sie auf den Tafeln schon finden, was sie zu tun haben werden. Mit der Weile wirst du und ihr alle das schon viel genauer kennenlernen. Gehen wir aber nun ein wenig hinab in die Gemächer zu ebener Erde! Dort werde Ich euch die Türen zeigen, durch die ein jeder Geist auf dem kürzesten Weg in alle naturmäßigen Welten gelangen kann. Dort in der abendlichen Ecke dieses Saales befindet sich eine sehr gut konstruierte Wendeltreppe. Begeben wir uns also nach dorthin. Wir werden über sie sehr leicht in die ebenerdigen Gemächer gelangen, in die von außen her kein Eingang führt. Und so begeben wir uns denn nun ganz wohlgemut hinab! Es sei!“
RB|2|293|1|1|Mahnruf an die Kinder der Erde. Unterschiede zwischen irdischem und himmlischem Leben. Gleichnis von den abgefallenen Baumfrüchten und vom Töpfer. Der ewige Tod. Notwendigkeit der Beibehaltung der Urindividualität für die Erlangung der Kindschaft Gottes.
RB|2|293|1|0|Sagt Robert und die anderen alle mit ihm: „O Du lieber heiliger Vater, Du! Ach, es ist gar nicht auszusprechen, wie unendlich selig wir sind. Du Selbst und gleichfort Du Selbst führst uns und zeigst mit Deiner höchsteigenen Hand die endlosen Wunderwerke Deiner allmächtigen Liebe und erklärst uns aus Deinem allerheiligsten Mund Deine heiligen Werke so natürlich und wohlverständlich, dass wir uns schon am Ende über uns selbst zu verwundern anfangen und sagen müssen, wie es denn doch möglich sein kann, solche Dinge zu begreifen, die für viele Millionen noch ganze Ewigkeiten ein unauflösbares Rätsel verbleiben werden.
RB|2|293|2|0|O der unbegreiflichen Dummheit der Menschen auf Erden! Das Gold der Himmel, das Gold des Lebens achten sie nicht und treten es mit den Füßen! Dafür aber führen sie Kriege um den Kot der Straßen, und des Unflates wegen zerfleischen sie sich. Hierher, hierher ihr armen Sünder und ihr stockblinden Teufel alle! Da lernt Demut und Herablassung von Dem, dessen Mundes leisester Hauch euch in einem allerkürzesten Augenblick samt eurer sündigen Unterlage, Erde genannt, auf ewig ins reinste Nichts und Nimmersein verwehen kann.
RB|2|293|3|0|Aber ihr sagt: ‚Was sollen wir? So wir auch bitten und beten, da wird es mit uns dennoch nicht anders! Wir sehen nichts und wir vernehmen nichts. Unser Flehen wird von der Luft verzehrt und wir starren dann nachher so wie ehedem in die weite und tiefe Unendlichkeit fruchtlos hinein und staunen trost- und weisheitslos die unerforschlichen Werke Gottes also an, wie die Kälber ein neues Stalltor! Wir sorgen uns daher nur bloß nun darum, was unserem Leib nottut, und das zunächst unserem höchsteigenen. Um alles andere kümmere sich, wer da will. Der Mensch muss was zu essen und zu trinken haben und einen Rock und eine Wohnung, das ist nötig. Alles andere steht im tiefsten Hintergrund und ist daher entbehrlich.‘
RB|2|293|4|0|Jawohl, entbehrlich für euch Erdwürmer, die ihr alle gleicht dem reichen Jüngling im Evangelium. Dieser betete auch und bat den Herrn um die Erteilung des Gottesreiches. Als aber der Herr zu ihm sprach: ‚Trenne dich von deinen Erdengütern, überlasse sie den dürftigen Kindern der Welt und du folge Mir!‘, da brach dem jungen Menschen das Herz und er kehrte sofort zu seinen süßen Erdengütern zurück und ließ Gott den Herrn ziehen und kümmerte sich nimmer um Ihn, sondern nur um seine Erdgüter, und ward hernach härter denn früher – was der Herr gar deutlich dadurch zu verstehen gab, dass Er nur zu deutlich bemerkte, wie schwierig es sei für einen Erdgüterliebhaber, ins Reich Gottes einzugehen.
RB|2|293|5|0|Hierher, hierher also, ihr Geister der Erde! Hierher in eurem Herzen! Da werdet ihr Schätze und Reichtümer finden in solch endloser Fülle, dass sie keine Ewigkeit je verzehren wird. Hierher, hierher, ihr Ehrsüchtigen alle, in der rechten Demut eurer Herzen! Da ist eine rechte und ewig dauernde und stets zunehmende Ehre aller Ehren der Erde zu Hause. Was sind all eure Kronen, Throne und Zepter gegen ein freundlich Wort Dessen, der das Nichts zu einem unendlichen Raum ausgespannt und durch Seine Macht und Weisheit diesen Raum erfüllt hat mit Wunderwerken ohne Zahl und Maß!
RB|2|293|6|0|O bedenkt den unendlichen Unterschied zwischen unserem vollendeten, ewigen Leben in der beständigen Gesellschaft des allmächtigen Vaters und Schöpfers aller Himmel und Welten und alles dessen, was sie tragen – und zwischen euerem vergänglichen, das vom Morgen bis gegen Abend dauert. Wie könnt ihr hängen an einem Leben, das da eher den Namen Tod als Leben verdient? Das irdische Leben ist ja nur ein fortwährendes Sterben schon von der Wiege an. Dies wahre Leben aber ist ein stetes Lebendigerwerden in Gott, dem heiligen Vater. Und dies wahre Leben ist euch gar so nahe. Ihr könntet es in jedem Augenblick ergreifen für ewig. Aber ihr seid blind! Eure Erdgüterliebe verblendet die heilige Sehe eures Herzens! Darum wähnt ihr das Reich des ewigen Lebens fern von euch, während es euch doch sozusagen auf der Nase sitzt. Wir sind euch gar so nahe und ihr wähnt uns fern von euch! O wie blind seid ihr doch!
RB|2|293|7|0|Des Herrn Knechte auf Erden kennen uns, sehen uns und unterreden sich mit uns, wann sie wollen. Und ihre Füße sind dem Erdboden ebenso nahe, als die eurigen. Aber sie haben die Sehe und das Ohr ihres Herzens offen, weil sie nicht geblendet sind von der Last des reichen Jünglings im Evangelium. Ihr andern aber seid reiche Erdjungen, und so euch der Herr beruft, da kommen euch Tränen in die Augen, mit denen ihr die öde Welt gar so gern beschaut. O diese Welt sehen auch wir und noch viel mehr Welten hinzu. Der Herr schenkt uns tausend solche Welten, so wir sie nur annähmen. Aber wer wird nach einem gemalten Stück Goldes greifen, so er einen tausendmal größeren, ganz gediegenen Goldklumpen vor sich zum ewigen Eigentum hat?
RB|2|293|8|0|Steigt mit uns an der Hand des allmächtigen Vaters hinab in die heiligste Tiefe und schaut mit den Augen des Herzens den kühnsten Brückenbau von einer Welt zur andern, von einem Himmel zum andern und von einem Herzen zum andern. Und ihr werdet, obschon noch in sterbliches Fleisch eingehüllt, mit uns Wonne und Seligkeit fühlen und durch sie beleben euere Seele. O Herr, warum müssen denn wir gar so selig sein, und Millionen Brüder sind blind und taub?“
RB|2|293|9|0|Sage Ich: „Freund und Bruder! Jedes wahre Leben hat das in sich, dass es unmöglich anders als nur überaus selig sein kann und muss. Ein Leben aber, das noch der Tod wie ein Bräutigam seine Braut unter dem Arm führt, aber freilich nicht ins heimliche, reizende Brautgemach, sondern wie ein Scherge einen armen Sünder zum Hochgericht, kann nur als vollends geblendet noch irgendeine Lust empfinden. Würdest du es aber entblenden, so würde es zurückschaudern, so es ersähe, wohin es sein Begleiter führt. Darum ist es einesteils besser, dass die Menschen der Erde blind und taub sind; denn so mögen sie doch das spannenlange, von Tod zu Tod gleitende Leben mit einiger Scheinruhe genießen.
RB|2|293|10|0|Denn Ich sage euch allen: Für viele Millionen folgt ihrem Scheinleben ewig kein weiteres Leben mehr. Denn so gut es ein ewiges Leben gibt, ebenso gut gibt es auch einen ewigen Tod. Es gibt ja Bäume auf der Erde, auf denen gar süße und herrliche Früchte in kurzer Zeit reif werden und keine Blüte auf den Zweigen hat vergeblich geblüht. Aber es gibt auch Bäume, die zwar reichlich blühen und sehr viele Früchte ansetzen, aber da solche Bäume meistens saftarm sind und ihre unschmackhaften Früchte lange auf ihren Zweigen behalten müssen, bis diese die erwünschte Reife erhalten, so fallen erstens wegen Mangel an Nahrung und zweitens wegen der zu langen Reifwerdungsfrist sicher drei Vierteile eher vom Baum, bevor sie die Reife erlangen können. Und Ich sage euch: Für die Wiederbelebung solcher unreif herabgefallenen Früchte ist sehr wenig heilsames Kraut gewachsen. Wenn ein Teil solcher Früchte etwa kurz vor der Vollreifezeit vom Baum fällt, so kann man sie sammeln und abliegen lassen, und sie werden dadurch wenigstens eine Notreife erlangen, die doch noch immer besser, als gar keine ist. Aber Früchte, die bald nach der Blüte wegen Mangel an Nahrung von den Zweigen gefallen sind, für die gibt es kein Heilmittel mehr.
RB|2|293|11|0|Ich sage euch hier aber nicht also, als könnten Kinder, die bald nach der leiblichen Geburt sterben dem Leib nach, nicht das ewige Leben erlangen, denn mit der irdischen Geburt und Reife hat dies Mein Gleichnis nichts zu tun, sondern hier handelt es sich um solche Seelen, die auf der Erde in Meinem Gnadenlicht schon überaus schön geblüht haben, und haben im Anfang gierig den Saft des Lebens aus Meiner Gnade eingesogen; als aber dann kam die notwendige Zeit der Probung, da verschlossen sie hart ihren Mund und ihre sonstigen Nährorgane und wollten nimmer einsaugen das freilich herb schmeckende Salz des Lebens. Die Folge davon aber war hernach alsbald die volle Abtrennung von den sie nährenden Zweigen und der für jede Wiederbelebung unfähige Tod. Lassen wir daher solche Früchte taub und blind ihr kurzes Leben genießen, es ist noch immer lang genug dauernd für ihre volle Nichtigkeit.“
RB|2|293|12|0|Sagt Robert: „Aber so wahr die Sache immer ist und sein wird, so kommt sie mir aber dennoch ungefähr so vor, wie ein Gesetz bei den Chinesen und Japanesen, vermöge dessen kein Elternpaar mehr als sechs, höchstens sieben Kinder aufziehen darf. Alle über diese gesetzliche Zahl Geborenen müssen ersäuft oder auf eine sonstige Art ums Leben gebracht werden.“
RB|2|293|13|0|Sage Ich: „Mein Freund, das verstehst du noch nicht! Siehe, so ein Töpfer einen Topf auf seiner Scheibe formt aus Lehm, der Topf aber missrät ihm, ob eines wie zufälligen Umstandes wegen; der Topf aber war schon über die Hälfte geformt; was tut da der Töpfer? Sieh, er schlägt den halbfertigen Topf zusammen, nimmt den Lehm von der Scheibe, vermengt ihn mit einem anderen frischen Lehm und gibt ihn dann wieder auf die Scheibe, und fängt daraus ein anderes, minder heikles Gefäß zu formen an, das ihm auch wohl gelingt. Und so geht zwar wohl der Stoff nicht und unmöglich je verloren; aber die eigentümliche Individualität des zuerst begonnenen Werkes ist für ewig vollkommen dahin und tot. Kurz, das erste Ich ist vollends dahin, und das ist im eigentlichsten Sinn der ewige Tod, den keine Liebe und keine Erinnerung ans Ursein wiederbeleben kann. Wo aber dies nimmer geschehen kann, da kann auch ewig an keine vollkommene endliche Vollendung mehr gedacht werden. An der Beibehaltung der Urindividualität aber liegt gar unaussprechlich viel, denn ohne sie kann die Kindschaft Gottes nie erreicht werden. Denn eine Sekundogenitur wird ewig keine Primogenitur mehr. Verstehest du das?“
RB|2|294|1|1|Der ewige Tod, sein Grund und sein Wesen. Schicksal der ihm in der dritten Hölle Verfallenen. Gleichnis vom faulen Apfel. Gerichtsandrohungen und Langmut des Herrn.
RB|2|294|1|1|(Am 11. Dez. 1850)
RB|2|294|1|0|Sagt Robert und auch alle anderen, schon knapp an der Wendeltreppe stehend: „O Herr, Du bester, liebevollster, weisester Vater! Es fehlt uns an Worten und an Begriffen, Dir für solch eine Aufklärung nach Recht und bester Gebühr zu danken. Man kann sich also im derartigen ewigen Tod sogar als lebend und glücklich in irgendeinem Himmel befinden. Nur ist dabei das eigentliche Ur-Ich nicht mehr vorhanden. O das ist ja dennoch Gnade über Gnade von Dir! Wir verstanden unter dem Ausdruck ‚ewiger Tod‘ festweg die Hölle, aus der ewig kein Ausweg mehr führt. Und, so es schon einen gibt nach dem Maß, wie da bei Dir am Ende doch alle Dinge möglich sind, so kann dieser unmöglich anders als nur ein höchst beschwerlicher sein. Nun aber bekommt die Sache auf der Stelle ein ganz anderes Gesicht, und zwar gerade ein solches, wie man es von Dir schon lange hätte erwarten sollen. O dank über dank Dir und Liebe für diese herrliche Belehrung!“
RB|2|294|2|0|Sage Ich: „Es macht Mir eine ganz besondere Freude, dass ihr das alles so wohl aufnehmt. Aber die Gnade bei der Gabe des ewigen Todes an ein verunglücktes Wesen der Welt ist gar so groß nicht, als ihr es meint. Denn es wäre für manchen die Hölle auf 1.000.000 Erdjahre mit beibehaltener Primogenitur besser als der eigentliche ewige Tod. Ist aber mit der Hölle dritten Grades auch die Primogenitur als für ewig im Verlust, dann ist sie freilich noch schlimmer als der pure ewige Tod für sich allein.
RB|2|294|3|0|Soviel Ich aber merke, so begreift ihr nun wohl, was so ganz eigentlich der ewige Tod an und für sich ist und sein muss; aber das eigentliche Übel dieses Zustandes seht ihr noch nicht ein. Und so muss Ich euch hier beim Hinabsteigen über diese Wendeltreppe noch einiges hinzufügen. Und so hört!
RB|2|294|4|0|Wer als das, was er uranfänglich war, wegen Verkehrtheit seiner Liebe in einem ersten oder zweiten Grad der Hölle sich befindet, der kann nach vielen allerbittersten Erfahrungen wieder das werden, was er uranfänglich war. Sein Bewusstsein wird ihm belassen und seine Erinnerung bleibt ihm, und er kann zur Vollendung gelangen.
RB|2|294|5|0|Aber so der Mensch durch die Mir allerunerträglichste Lauheit weder kalt noch warm ist, sich um nichts kümmert, weder um was Gutes noch um etwas Böses, oder es ist ihm das eine wie das andere, sodass er auf der einen Seite ganz kaltblütig die größten Gräuel und so auch manchmal etwas Gutes ausüben kann – dem da gleich ist Gott oder Teufel, Tag oder Nacht, Leben oder Tod, Wahrheit oder Lüge – der ist dem eigentlichen ewigen Tod verfallen und befindet sich so ganz eigentlich in der alleruntersten Hölle, aus der in einer Urwesenheit kein Auskommen mehr denkbar ist.
RB|2|294|6|0|Der Grund solch eines Zustandes ist eigentlich der allerkonzentrierteste Hochmut, der alle Grade der Selbstsucht und Eigenliebe durchgemacht hat und sich in solcher Konzentriertheit gewisserart selbst erdrückt und sogestaltig sich um das Urleben des Geistes gebracht hat. Und eben darin besteht der eigentliche ewige Tod, welcher das Schlimmste alles Schlimmen ist, weil da das eigentliche Sein ein völliges Ende nimmt.
RB|2|294|7|0|Solch eine Seele ist dann gänzlich verdorben. Ihre erste Totalität muss durch des Feuers Gewalt in ihre einzelnen Spezifikalpotenzen aufgelöst und darauf, mit ganz neuen gemengt, auf langen Wegen durch die Pflanzen- und Tierwelt eines andern Planeten in einem ganz fremden Sonnengebiet in eine höchst untergeordnete Form eines Menschen übertragen werden. Auf diese Weise bleibt dann von der Urwesenheit solch einer Seele ganz verzweifelt wenig mehr übrig. Und das ist das eigentliche Schlimmste, denn solch eine Seele kann dann auch unmöglich mehr je zu Meiner Anschauung gelangen, weil sie dann bloß nur Seele ohne Meinen Geist in ihr ist und bleibt.
RB|2|294|8|0|Kurz, die Sache ist ungefähr also zu nehmen, wie da auch ein unreifer, fauler Apfel in einen Schimmel und Schwamm übergehen kann. Aber aus dem Schimmel und Schwamm kann kein Apfel mehr werden, höchstens im besten Fall eine Schmarotzerpflanze. Und diese hat wohl wenig Ähnlichkeit mehr mit dem Urbaum und mit der Urfrucht. Sagt Mir, ob ihr das wohl vollkommen verstanden habt?“
RB|2|294|9|0|Sagen alle wie ein Mann: „Herr und Vater! Jetzt ist uns alles ganz vollkommen klar. Es ist zwar über den Zustand solch einer selbstischen Verlorenheit für ewig nicht viel Erfreuliches zu erwähnen; aber dessen ungeachtet sieht denn doch immer Deine große Liebe und Erbarmung heraus, und bei Dir sind ja alle Dinge möglich. Es kann nach freilich undenkbar langen Zeiträumen denn doch auch für diese Wesen ein Stündchen kommen, in dem sie sich und Dich mehr und mehr urzuständlich werden zu erkennen und zu lieben anfangen und von da fortschreiten in der Erkenntnis wie in der Liebe.
RB|2|294|10|0|Wie oft hast Du durch den Mund Deiner Propheten und Knechte den Kindern der Welt alle erdenklichen Gerichte und schlimmsten Folgen ihrer bösen Handlungen prophezeien lassen. So sich aber dann nur einige wenige Besseren an Dich in ihrem Herzen wandten, da zogst Du sogleich wieder Deine scharfe Zuchtrute zurück, und segnetest darauf den Erdkreis für die Guten und Bösen gleich, und schlugst dann für die Besserung der Bösen einen ganz anderen Weg ein, als den Du durch Deine Propheten und Knechte der Welt anzeigen ließest. Jonas und Jeremias geben Dir dafür das untrüglichste Zeugnis. In allen guten Verheißungen hast Du noch allzeit das Wort gehalten; aber in den Verheißungen oder vielmehr Androhungen von Strafen nur dann, so die Menschen Dich gänzlich aus den Augen gelassen haben – wie es z. B. noch heutzutage auf der Erde mit den Juden der Fall ist. Denn diese können sich trotz ihrer großen Reichtümer kein Königreich mehr verschaffen und kein freies, unabhängiges Volk werden. Niemand führt sie mehr aus Ägypten und niemand macht sie mehr frei von der babylonischen Gefangenschaft.“
RB|2|294|11|0|Sage Ich: „Ja, ja, ihr habt vollkommen recht! So ist es auch! Dass Ich angedrohte Strafen und Gerichte oft nicht erfolgen lasse, davon liegt hauptsächlich der Grund darin, weil Ich es wohl weiß, dass wirklich erfolgte Strafen die Menschheit selten bessern, sondern meistens nur verschlimmern. Und so lasse Ich denn, so sich nur einige wenige Gerechtere gläubig an Mich wenden, die Drohungen recht gerne in Segnungen umwandeln. Deshalb aber lasse Ich die Strafen und Gerichte auch allzeit nur bedingungsweise ankündigen und androhen. Finden sie Ohren und Herzen, die sie hören und die Bedingungen nur einigermaßen erfüllen, so tut es sich dann schon wieder. Und Ich segne für wenige Gute auch viele Schlechte mit, damit sie nicht Gelegenheit bekommen sollen, noch schlechter zu werden, wie das gewöhnlich bei Kriegen der Fall ist. Denn Kriege sind stets die beste Nahrung für den unersättlichen Wuchergeist gefühlloser Kaufleute und die beste Schule der Grausamkeit und des teuflischsten Hochmutes.
RB|2|294|12|0|Es ist leider oft der Fall, dass die sanfte Mahnstimme Meiner Engel an den starren Ohren der Weltmenschen ungehört vorübergleitet und Ich dann genötigt bin, die Stimme der Teufel unter die tauben Menschen fahren zu lassen. Findet aber die sanfte Mahnstimme aus den Himmeln nur irgendein kleines Gehör, so lasse Ich gern die Stimme der Teufel verstummen. Denn ein Vater bleibt ja doch stets der sanfteste Richter seiner leider oft nur zu strafwürdigen Kinder und schlägt nicht sogleich drein, wenn er auch schon die Zuchtrute drohend erhebt. Die Richter auf der Erde richten freilich wohl unerbittlich und ihr einmaliger Ausspruch muss vollführt werden. Aber nicht so darf es bei uns sein. Es ist besser, zehn, auch zwanzig Jahre drohen und durch die Finger sehen, als ein Jahr lang strafen! Denn die Pflanzen auf unserer Erde sind von der zartesten Art und müssen mit großer Schonung behandelt und gepflegt werden; denn die Geburtsstätte der Kinder Meines Herzens ist eine andere als die Meines Afters. Ihr müsst das stets vor Augen haben, dass die kleine Erde die Geburtsstätte der Kinder Meines Herzens ist.
RB|2|294|13|0|Aber nun sind wir auch vollends am Boden des ebenerdigen Gemaches und wollen da sogleich die nötigsten Beobachtungen machen. Beseht die vier großen Wände! An jeder Wand erseht ihr drei Türen. Durch diese Türen könnt ihr zu all den Welten und Himmeln und deren Vereinen gelangen, die unter uns und ober uns in der ganzen Unendlichkeit sich befinden; nur zu diesem höchsten und innersten Himmel nicht, in dem ihr nun seid. Kommt nun gen Norden; da wollen wir in aller Kürze den Anfang machen.“
RB|2|295|1|1|Die drei Türen der Nordwand. Endlose Weiten des Schöpfungsraums. Das Walten der Engel in den Schöpfungsgebieten. Kados Wirkungskreis. Blick in den Mittelgürtel der Sonne und in den Mond.
RB|2|295|1|1|(Am 14. Dez. 1850)
RB|2|295|1|0|[Der Herr:] „Robert, öffne sogleich die erste Türe und wir wollen dann sogleich einen Blick hinaus machen und sehen, was alles da den Strahlen unserer Augen begegnen wird.“
RB|2|295|2|0|Robert öffnet nun die erste der drei Türen und fährt vor großer Verwunderung wie von einem förmlichen Schwindel ergriffen zurück. Nach einer kurzen Weile sagt er: „O Herr! O Freunde! Das ist wahrlich zu viel auf einmal für das Auge eines geschaffenen Geistes! Ich ersehe den Mond der Erde, wie er leibt und lebt, am hohen Firmament; er war im Volllicht und sah ungemein lieblich aus. Gar zarte Silberwölkchen umschwebten ihn. Und im tiefen Hintergrund erblickte ich noch eine Menge sehr hell leuchtender Sterne. Die Plejaden erkannte ich sogleich, und den Orion, und den großen Hund. Auch die Milchstraße war ganz hell, aber nicht als ein Schimmerdunst, sondern wie ein breites Band voll der herrlichsten Sternbilder ersichtlich. O Freunde! Von hier aus so was zu erschauen, gewährt eine unbeschreibliche Lust im Hinblick auf Dich, o Herr, der Du die Unendlichkeit also herrlich erfüllt hast mit so glänzenden Werken Deiner Liebe, Weisheit und Macht.
RB|2|295|3|0|Der große, unendliche Raum aber ist nicht unausgefüllt zwischen den Weltkörpern; denn ich erblickte da Geister in großer Schnelligkeit hin und her schweben, von denen einige mir sehr nahe kamen und mich gar herzlichst begrüßten. Ah, da sieht es wirklich im höchsten Grad tätig aus! Und das ist eben meine große Lust, Tätigkeit zu sehen und selbst nach Kräften Tätigkeit zu üben.“
RB|2|295|4|0|Alle drängen sich nun zur Türe und durch sie auf einen großen Balkon, der vor jeder Türe sich befindet. Von diesem Balkon beschauen sie mit großer Lust den ganzen gestirnten Himmel und besprechen sich mit den Geistern, die im freien Raum umherschweben und dem Balkon nahe kommen, was sie allzeit umso lieber tun, so sie Mich am Balkon gewahren.
RB|2|295|5|0|Robert fragt Mich, ob er, so er über das Geländer hinausstiege, ob er auch so frei herumschweben könnte. – Sage Ich: „Versuche es, vielleicht geht es auch.“
RB|2|295|6|0|Robert besieht sich die Tiefe unter ihm, weicht schnell vom Geländer zurück und sagt: „Herr, das werde ich nun bleiben lassen! Denn unter uns ist eine große Tiefe. Wie kommt denn das? Wir sind doch zu ebener Erde durch die erste Türe gen Norden heraus auf den Balkon getreten und sollten nun meinen, dass wir uns denn auch auf dem Balkon zu ebener Erde befinden; aber bei dieser unendlichen Tiefe unter uns, die zahllose Fixsternweiten ausmacht, wird von einer ebenen Erde ja doch unmöglich eine Rede sein können. Auf welch einem Grund steht denn hernach dies mein Haus, o Herr und Vater, erbaut? Denn unter dem Balkon hört die Wand auf und man ersieht nichts als die endlos weite Schöpfungstiefe, die hie und da durch hin und her schwebende Geister belebt wird und in unbestimmbarer Ferne durch zahllose Sterne und durch den lieben Mond. O Herr und Vater! Da kenne ich mich schon wieder nicht im Allergeringsten aus. Das sieht denn doch etwas zu fabelhaft wunderlich aus!
RB|2|295|7|1|(Am 16. Dez. 1850)
RB|2|295|7|0|Ja, da gäbe es schon wieder Tausende von Fragen aller Art! Zum Beispiel: Wir sind denn doch, als wir von der Erde hier in dieser Stadt ankamen, auch ebenerdig in Dein heiliges Haus getreten und haben da von keinem solchen Balkon etwas bemerkt; und wir sind nun in selbem zu ebener Erde, und siehe da, das Zimmer, sicher so groß und herrlich als der Saal ober uns; zwölf Türen, durch die man auf die Aussichtsbalkone gelangt, von denen zuvor aber auch nicht die leiseste Spur zu entdecken war; und man entdeckt da, dass dieses Haus gleich einem Weltkörper, anstatt auf irgendeinem Grund zu stehen, frei im Äther herumschwebt, während man dann von einer weiteren Stadt, die doch eine endlose Ausdehnung hat, nicht ein Häuschen mehr erblicken kann. Also gehen auch in gleicher Linie ganz gleiche drei Tore an einer und derselben Wand in diese sehr rätselhafte Freie heraus – und siehe da, ich sehe sie nicht. Herr und Vater! Das ist wahrlich wahr etwas stark. Wer das so recht ex fundamento (aus dem Grund) begreift, der muss wahrlich, wie man sagt, ein Kind guter Eltern sein.
RB|2|295|8|0|Nein, nein, Himmel hin, Himmel her! Aber das geht einmal in meinen Sinn nicht ein. Ja, ich sehe da nicht einmal die Möglichkeit ein, das je begreifen zu können. Ist das bloß eine geistige Art Phantasmagorie oder eine Art geistigen Dioramas?! Oder ist das eine sonstige Art geistig-optischer Täuschung? Denn sonst ist mir die Sache unerklärlich. Denn Wirklichkeit kann das unmöglich sein. Entweder ist der Himmel wahr, und das muss dann bloß nur eine Illusion sein – oder das ist wahr und der Himmel eine Illusion. O Herr und Vater! Da bitte ich Dich wohl im Namen aller um eine schnelle Aufklärung, sonst verzehrt mich die Ungeduld.
RB|2|295|9|0|Es sind wohl beim Eintritt in die Geisterwelt mir auch oft gar sonderbare Erscheinungen aufgestoßen, und zwar hauptsächlich in meinem ersten Haus. Aber ich konnte sie nach und nach fassen, weil sie eigentlich korrespondierend mit meinem Innersten in die Erscheinlichkeit traten. Aber da bin ich ja eigentlich mein Allerinnerstes selbst, hinter dem sich doch sicher nichts mehr noch Inneres bergen kann. Woher dann diese so seltsame Erscheinung?“
RB|2|295|10|0|Sage Ich: „Nur Geduld, mein lieber Freund! Mit der Weile wird dir schon all dieses klar werden, obschon du hernach ewigfort noch gar endlos vieles ebenso wenig begreifen wirst wie dieses Leichte nun. Nun aber treten wir wieder ins Gemach und tun da einen Blick durch die zweite Türe.“
RB|2|295|11|0|Alle treten nun schnell zurück, und Kaiser Rudolf fragt Mich im Gemach, sagend: „Herr und Vater! Was da die vom Bruder Robert angeführten Unwisstümlichkeiten betrifft, so haben sie mich im Grunde gar nicht geniert, denn ich dachte bei mir: Unbegreiflich ist es freilich wohl, und die Bestandverhältnisse kontrastieren hier auf eine wunderbarste Weise und dürften für geschaffene Geister wohl noch so ziemlich lange unbegreiflich bleiben, darüber ich mich im Grunde gar nicht aufhalte, denn solange ich den Vollgrund einer Sache oder einer Erscheinung nicht einsehe, bleibt sie für mich im stets gleich hohen Interesse. Sehe ich aber endlich einmal so was ein, dann ist das Hauptinteresse auch schon dahin; denn nur das unbegreiflich Wunderbare nimmt stets alle unsere Aufmerksamkeit in den vollsten Anspruch. Das verstandene Natürliche aber wird ganz gleichgültig; denn da wir es verstehen, wie es ist und geschieht, so denken wir dann entweder auch gar nicht oder nur sehr wenig darüber nach, und das stört das Vergnügen samt der durch dasselbe bedingten Seligkeit. Nur das Unbegreifliche ist und bleibt sehr interessant; das einmal vom Grunde aus Wohlbegriffene aber, wenigstens für mich, nimmer. Ich habe daher auf der Erde auch nie hinter so manche Geheimnisse der Künstler, die an meinem Hof lebten, dringen gewollt, denn hätte ich, so wie sie, ihre Geschichten und Sachen verstanden und eingesehen, so hätten sie für mich auch alsbald alles Interessante verloren und solch ein Künstler wäre dann von mir auch bald pensioniert worden.
RB|2|295|12|0|Also mich juckt es nicht so wie den Bruder Robert, die Gründe von all diesen Wundern einzusehen. Nur etwas möchte ich wissen, und das ist, wer etwa doch jene Geister sind, die vor uns im freien Äther gespielt haben? Dass sie in ihrer Art auch sehr glücklich sein müssen, habe ich aus der großen Freundlichkeit ihrer Gesichter abgenommen; aber wer sie eigentlich sind und was ihre Bestimmung ist, das kann Dir, o Herr und Vater, ganz allein nur bekannt sein. Wenn es Dir genehm wäre, so möchte ich darüber wohl selbst einen kleinen Aufschluss haben.“
RB|2|295|13|0|Sage Ich: „Das sind im Geschäft stehende Engel dieses obersten Himmels. So ihr dazu mit der erforderlichen Weisheit werdet ausgerüstet sein, dann werdet auch ihr von Periode zu Periode in ihr Geschäft treten. Sie stehen für die Erhaltung aller Welten und sind deren oberste Leiter und Führer. Siehe, solch ein munterer Engel ist nicht selten ein Herr und Regent eines ganzen Sonnengebietes. Um aber solch eine Regentschaft antreten zu können, muss er vorher freilich sehr vieles kennenlernen und muss viele Schulen durchmachen. Unser Kado, ein sehr talentierter Geist, hat bereits auf der Erde zu dienen und zu regieren angefangen. Er macht seine Sachen gut und versteht die verschiedenen Geister in vollem Respekt zu erhalten; deshalb aber bekommt er auch einen stets größeren Wirkungskreis.
RB|2|295|14|0|Im Anfang wird jedem nur ein kleiner Kreis zugewiesen. Ist er in diesem treu und vollauf tätig, so wird er dann bald über Größeres gesetzt werden. Dem Kado war anfangs nur ein kleiner Kreis aus kaum zwei ganz kleinen Ländern, die du kennst, zur Leitung und Überwachung anvertraut, und siehe, nun streckt er sein Zepter schon über mehr als halb Europa aus und wird, wenn er so fortfährt, bald die ganze Erde unter der Macht seines Willens haben. Hat er bei der Erde bewiesen, dass er mit der ihm verliehenen Macht umzugehen versteht, so wird er dann die Sonne zur Leitung bekommen; endlich mit ihr das ganze Planetentum und so fort, bis er ein Herr eines ganzen Sonnengebietes ist. Verstehst du nun, wer die Geister, die draußen vor uns vorübergeschwebt sind, so ganz eigentlich sind?“
RB|2|295|15|0|Spricht Kaiser Rudolf: „Ja, Herr und Vater! Ich verstehe es nun. Aber ich schaffe [halte] für mich von dieser Würde eben nicht gar vieles, denn so ein Engel hat ja dann aber auch nie eine Weile, hierher zu kommen, um allda ein wenig auszuruhen von seinen großen Anstrengungen.“ – Sage Ich: „Ah, da sorge du dich um was anderes! Ein jeder solcher Engel hat Millionen unter sich, die da vollbringen seinen Willen, und er kann, so oft er will, hierherkommen und von Mir Selbst fernere Verhaltungsmaßregeln und dazu die nötigen Stärkungen einnehmen. Beim ehedem abgehaltenen großen Mahl hast du viele gesehen, die nun schon wieder an den Orten ihrer Tätigkeit sich befinden.
RB|2|295|16|0|Aber nun einen Blick durch diese zweite Tür! Sie ist schon offen, und so treten wir denn hinaus. Da stehen wir schon am zweiten Balkon! Was seht ihr hier?“
RB|2|295|17|0|Alle staunen über die Maßen, denn sie sehen hier das wunderherrliche Land des Mittelgürtels der Sonne und können sich nicht genug verwundern über dessen Herrlichkeit. Sie sehen auch Menschen, aber für jetzt noch in einer solchen weiten Ferne, dass sie deren Formen nicht wohl ausnehmen können; denn für diese wären sie im Ganzen noch zu wenig festen Herzens.
RB|2|295|18|0|Es tritt nun auch der Robert wieder zu Mir und sagt: „O mein lieber, heiligster Vater! Der Bruder Rudolf hat im Grunde wahrlich nicht unrecht! Auch ich sehe nun ein, dass bei solchen Erscheinungen alles Fragen vollkommen eitel ist und sein muss. Da gibt es nun des Wunderbaren noch um vieles mehr als bei der früheren Türe! Mit den Fragen würde man da wohl in alle Ewigkeit nicht fertig; deshalb ist es wahrlich besser, diese Sache der Himmel seligst und ruhig zu genießen und dabei in einer allersüßesten Geduld dahin abzuwarten, bis es Dir, o Herr und Vater, genehm sein wird, uns darüber ein helleres Licht geben zu wollen. Aber die Menschen müssen da sehr schön sein! Ich kann zwar ihre Formen nicht näher ausnehmen; aber so viel merke ich schon, dass sie ganz ungeheuer schön sein müssen.“
RB|2|295|19|0|Sage Ich: „Siehe, das ist die Sonne und ihre eigentlichen Bewohner. Die etwas Dunkleren sind noch in der Materie; die Lichteren aber sind Geister und hausen auch in der Sonne. Später wirst du schon noch alles ganz vollkommen lernen; aber für jetzt wäre es noch etwas zu früh. Gesehen haben wir nun, was die zweite Türe verschließt; daher begeben wir uns nun sogleich zur dritten Türe dieser Wand.“
RB|2|295|20|0|Wir treten sogleich wieder ins Gemach und allda in die dritte, schon offenstehende Türe. Uns am Balkon dieser Türe befindend, ersehen wir eine ganz natürlich erleuchtete Welt, ganz nahe am dritten Aussichtsbalkon. Es kann von ihr natürlich wie früher bei der Sonne nur ein kleiner Landstrich auf einmal übersehen werden. Robert fragt sogleich, was denn das so ganz eigentlich für eine Welt wäre, ob vielleicht noch ein dunklerer Teil der Sonnenwelt?
RB|2|295|21|0|Sage Ich: „O nein! Das ist der Erde Mond; siehe dessen düsteres Land und dort in einiger Ferne eine kleine Gruppe zwerghafter menschlicher Wesen. Es sind das die eigentlichen Einwohner der von der Erde stets abgewandten Seite. Ihre größte Lust sind ihre Weibchen, die sie auch aus purer Liebe und Zärtlichkeit zumeist auf ihren Schultern herumtragen. Ober ihnen, einige Klafter hoch, seht ihr ganz muntere Geister herumschweben. Das sind die Seelen verstorbener Mondmenschlein; ihre Freude ist, ihren noch sterblichen Brüdern Gutes zu tun und sie vor mannigfachen Gefahren zu schützen. Hauptsächlich richten sie ihr Augenmerk darauf, dass die sehr materiellen Geister, die die der Erde stets zugewandte kahle Seite des Mondes sehr kastenmäßig bewohnen, nicht zu den Bewohnern der negativen Seite des Mondes gelangen können, wo sie ihnen bedeutende Gefahren ins Haus bringen würden, das in einer unterirdischen Höhle besteht.
RB|2|295|22|0|Für jetzt wisst ihr genug von der Einrichtung dieses kleinen Weltkörpers! In der Folge und auf den Wegen der euch zukommenden Beschäftigungen werdet ihr das alles durch und durch kennenlernen; daher wollen wir uns nun auch nicht länger mit der Besichtigung dieser kleinen Welt abgeben, sondern uns sogleich in die erste Türe an der abendlichen Wand begeben und von dort wieder eine neue Betrachtung der Außenwelt machen.“
RB|2|296|1|1|Blick auf eine Planetar-Mittelsonne, Mutter zahlreicher Planetarsonnen. Einrichtung des geistigen Dioramas.
RB|2|296|1|0|Alle treten nun wieder ins Gemach, und die erste Türe an der abendlichen Wand steht schon offen, ohne dass sie jemand eigens mit der Hand geöffnet hätte. Das ist für unseren Robert schon wieder ein neuer Stein des Anstoßes, und er fragt Mich sogleich um die allfällige mechanische Einrichtung, durch welche die Türen wie von selbst eröffnet wurden.
RB|2|296|2|0|Ich aber sage zu ihm: „Freund, kannst du dir denn noch immer keinen vollkommenen Begriff von der Allmacht Meines Willens machen?“ – Sagt Robert: „O vergib mir, bester Vater! Siehe, bei Deiner gar so großen Freundlichkeit und unglaublichsten Herablassung vergisst man oft ganz, dass Du allmächtig bist. Aber nun ist schon alles wieder in der schönsten Ordnung, und die Mechanik der von selbst aufgehenden Türe ist mir nun völlig klar.“
RB|2|296|3|0|Auf die Erwiderung Roberts treten wir sogleich in die Türe, und vor den Blicken der neuen Bewohner des himmlischen Jerusalems dehnen sich unabsehbare Ländereien aus. Große Ströme durchfluten diese unabsehbar weit gedehnten Ländereien, und ihre Gewässer strahlen stärker denn alles Licht der Erdsonne auf einen Punkt zusammengedrängt. Überaus große und prachtvollst bestellte Gärten werden nach und nach bei größerer Gewöhnung an das starke Licht der Ströme ersichtlich, und in der Mitte solcher Gärten erglänzen die großartigsten Prachtgebäude, in denen die Menschen dieser Lichtwelt zu wohnen pflegen. Über den Lichtströmen aber sieht man überaus mächtig strahlende Menschengestalten schweben; ihre Formen sind unbeschreiblich schön. Robert und noch einige halten sich die Hand vor die Augen, weil sie den zu mächtigen Lichtglanz nicht ertragen können, und fragen Mich, was denn das etwa für eine Welt sei.
RB|2|296|4|1|(Am 19. Dez. 1850)
RB|2|296|4|0|Sage Ich: „Das ist eine Mittelsonne, um die in weiten Kreisen Millionen von kleineren Planetarsonnen bahnen. Ihre anziehende Kraft ist so groß, dass sie alle die Millionen Planetarsonnen samt ihren Planeten in den vorgezeichneten Bahnen erhält und noch mehrere eben mit der gleichen, ungeschwächten Kraft erhalten könnte. Was ist aber alle solche Kraft gegen die Kraft eines der geringsten Meiner Kinder! Ich sage euch: Sonnenalle sind ein Spielzeug zum Tändeln in den Händen Meiner Kinder. Nun wisst ihr, was ihr nun schaut! Und da ihr dieses nun wisst, so wollen wir den Balkon wieder verlassen und zur zweiten Türe dieser abendlichen Wand übergehen.“
RB|2|296|5|0|Sagt Robert: „Herr und Vater! So ein bisschen möchte ich denn doch von der Möglichkeit einen Begriff haben, wie denn das bestellt ist, dass man hier von jeder Türe nun einen eigenen, großen Weltkörper ersieht – und doch steht eine Türe von der andern nur wenige Schritte ab. Wie ist das möglich? Wie können solche Weltkolosse nebeneinander bestehen, und das auf einem Raum von wenigen Schritten? Herr, ich bändige meine Geduld, was ich nur immer kann, aber es nützt leider nichts. Ich muss da ein kleines Lichtlein bekommen, sonst werde ich sogar hier im Reich des vollkommensten Lebens krank.“
RB|2|296|6|0|Sage Ich: „Nun, nun, krank sollst du denn doch nicht gerade werden! Und das fürs Erste, weil hier eine Krankheit rein unmöglich ist, und fürs Zweite, weil Ich dir nun denn doch darüber ein kleines Lichtlein geben will. Und so höre denn! Du hast schon ehedem von einem geistigen Diorama etwas erwähnt. Und so denn sage Ich dir, es ist dies auch solch ein geistiges Diorama, das aber freilich auf ganz anderen optischen Grundsätzen beruht als irgendein irdisches.
RB|2|296|7|0|Siehe, jede dieser Türen ist gewisserart ein geistiger Hohlspiegel. So die Türe aufgemacht wird, so ersiehst du das, was einer gewissen, ewigen Ordnung nach in deinem eigenen Herzen in kleinster Form, aber dabei doch in vollendetster, wohnt. Trittst du nun vor einen dieser Hohlspiegel, so ersiehst du den höchst vergrößerten Wiederschein dessen, was nach einer genauest berechnet entsprechenden Ordnung sich aus deinem Vorrat auf der reinsten Fläche des Spiegels gewisserart abspiegelt. Der Spiegel ist hier aber nicht etwa wie auf der Erde ein Glas, sondern eine reinste Himmelsluft, die so geglättet ist, dass sie für den rechten Bedarf eine hellste Wand bildet, an der das wiederstrahlt, was bei ihrer eigensten Konstruktion von ihr der Ordnung nach aufgenommen werden kann.
RB|2|296|8|0|Auf der Erde gibt es freilich wohl nichts Ähnliches. Die sogenannten Fata Morganas wären wohl nebenbei in irgendeine Betrachtung zu ziehen. Sie sind wohl auch Luftspiegelungen; aber sie stehen dennoch in allem diesen Spiegelungen himmelweit nach, denn sie nehmen jedes Objekt auf, was sich ihnen vorstellt; diese hier in Meinem Haus aber nur, was ihnen entspricht. Etwas ähnlicher wäre wohl die verschiedene Farbenreflexion durch einen prismatischen Spiegel, wo eine bestimmte Fläche bei gleicher Wendung nur entweder eine rote, gelbe, blaue, grüne usw. Farbe zurückwirft. Was aber solch ein Spiegel mit den freilich formlosen Farben tut, das tut ein solcher Spiegel hier mit den Formen, die aus dem Herzen der vor ihm stehenden Engelsgeister auf seine Fläche überstrahlend eben seiner eigens konstruierten Fläche zur Wiederstrahlung entsprechen.
RB|2|296|9|0|So Ich nun diesen oder auch einen andern Spiegel destruieren (wegtun) will, so wirst du durch solch eine Türe nur das sehen, was natürlich dies Mein Haus, das nach allen Seiten hin in der Mitte der großen Stadt frei ist, zunächst umgibt; denn das gewöhnliche Schauen und Sehen beruht hier auf denselben Grundsätzen wie das Schauen und Sehen auf der Erde, nur natürlich in der höchst reinsten Potenz.
RB|2|296|10|0|Da aber solch ein Spiegel durchaus keine feste Wand bildet, so ist allda die Einrichtung also getroffen, dass ein jeder Geist im Fall der Notwendigkeit auch alsbald auf jenen wirklichen Weltkörper in größter Gedankenschnelle hingelangen kann, den er im Spiegel ersieht. Das geschieht auf dem Weg eines himmlisch-geistigen Rapportes. Wie aber dieser beschaffen ist und wie er bewerkstelligt wird, das, Mein lieber Freund, wird dir alles mit der Weile klar werden. Nun, wie sieht es nun mit deiner Krankheit aus? Meinst du etwa wohl noch, dass dich noch so ein Ungeduldsfieber packen wird?“
RB|2|296|11|0|Sagt Robert: „O Herr und Vater! Du Liebe aller Liebe! Jetzt ist schon wieder alles in der schönsten Ordnung. Ich bin nun schon wieder um tausend irdische Unterrichtsjahre weiser und verständiger. Dir allein alle unsere Liebe und Anbetung ewig.“ – Sage Ich: „Nun denn, so es dir nun leichter ist ums Herz, da gehen wir sogleich in die zweite Türe. Seht, sie ist schon geöffnet!“
RB|2|297|1|1|Eine Zentralsonne höheren Ranges. Glückseligkeit der dortigen Menschen. Herrlichkeit der Städte und Bauwerke. Gebilde des Instinkts oder wahrer Weisheit?
RB|2|297|1|0|Alle bewegen sich nun in diese zweite Türe an der Abendwand und erschauen da nun eine zweite Zentralsonne höheren Ranges, um die ganze Sonnengebiete, ihren Mittelsonnen anhängend, gleich den Planeten um ihre Planetarsonne, in übergroßen Bahnen kreisen.
RB|2|297|2|0|Hier heben alle die Hände empor und schreien: „O Herr, o Herr! Zurück, zurück mit uns! Das ist nicht mehr zu ertragen! Das ist ja ein Licht, welches das der früheren Zentralsonne ums Trillionenfache übertreffen muss. Wir ersehen hier kein Ende mehr und können auch keine Formen mehr ausnehmen. O Gott, o Gott! Du allmächtigster Herr der Unendlichkeit! Welch ein massenhaftes Licht! Welch eine Intensivität!“
RB|2|297|3|0|Sage Ich: „Schaut nur eine Weile hinein, und ihr werdet eure jungen Augen schon daran gewöhnen und werdet dann auch Formen entdecken.“ – Sagt Robert: „Es wäre alles recht, wenn man es nur aushalten könnte! Das ist ja eine derartige Lichtstärke, dass sie, so dieses Licht in dieser Intensivität auf die Erde fiele, dieselbe in einem kaum denkbar schnellsten Moment in ein purstes Nichts auflösen müsste. Unsere Augen sind – Dir o Herr und Vater allen Dank, alle Liebe und Ehre – doch schon sozusagen ziemlich ganz ans Licht stärksten Kalibers gewöhnt worden; aber da erleiden sie einen ordentlichen Schiffbruch, und ich kann tun, was ich will, so ist es mir rein unmöglich, auch nur eine volle Sekunde lang kontinuierlich hineinzusehen. Wenn Du nicht eine Art Blende vor unsere Augen schaffst, so können wir ein volles irdisches Jahrtausend unsere Augen schulen, und wir werden dann sicher noch lange nicht imstande sein, eine ganze Minute lang dies erschrecklich starke Licht anzuschauen.“
RB|2|297|4|0|Sage Ich: „Ei, ei, dass du doch allemal eine Sache besser verstehen willst, als wie Ich sie verstehe. So sieh in das Licht nur einige Augenblicke lang und du wirst dich ja dann überzeugen, ob es denn durchaus nicht zu ertragen sein wird. Denn siehe, ihr müsst euch hier auch das stärkste Licht zu schauen angewöhnen. Es geschieht dann und wann, dass Ich Selbst im Licht der Gottheit in Mir erscheine, gegen das all dies Licht eine barste Nacht ist. Wie könntest du dann Mich in solchem Licht schauen, so dich schon dies geringe gar so geniert? Darum nur mutig hineingeschaut, es wird sich schon alles geben.“
RB|2|297|5|0|Auf diese Worte fängt Robert an, mit anfangs freilich stark blinzelnden Augen, in diese zweite, große Zentralsonne hineinzusehen und sagt nach einer Weile: „O Gott, Vater! Ich danke Dir für solche Deine große Gnade! Jetzt fängt bei mir die Sache schon so ein bisschen sich zu machen an, und ich ersehe nun auch schon Formen, aber sie halten sich noch nicht, denn des Lichtes Macht wischt sie noch von Periode zu Periode weg. Aber sie kommen nun doch als stets die gleichen wieder zum Vorschein. O das muss eine gar überaus wunderbar herrliche Welt sein! Wahrlich, so eine Welt ist auch schon ein Himmel, denn da muss es sich überaus herrlich leben lassen, so man einmal das Licht gewöhnt ist.
RB|2|297|6|0|Ah, ah, jetzt entdecke ich eine ungeheuer große Stadt, von den allergroßartigsten und wundervollsten Bauwerken überfüllt. Die Stadt hat eine Ähnlichkeit mit dieser Deiner heiligen Stadt aller Städte der ganzen Unendlichkeit. Merkwürdig, merkwürdig! Und siehe, so weit nun schon meine durch dies mächtigste Licht gewisserart getöteten Augen reichen, sehe ich Gärten und die herrlichsten, in einem mir ganz fremden Baustil erbauten Paläste. Ungeheure Arkaden ziehen sich nach allen Richtungen hin, und auf diesen stehen die herrlichsten Säulen, und über diesen prangen erst Paläste von unbeschreiblicher Pracht. Oh, oh, das ist herrlich, überherrlich!“
RB|2|297|7|0|Nun fangen auch alle anderen mehr konstant in das Licht dieser zweiten Zentralsonne zu schauen an, und entdecken auch nach und nach das, was Robert entdeckt hat. Ja einige entdecken noch mehr. Sie entdecken eine überaus herrliche Pflanzenwelt, eine große Menge der merkwürdigsten Tiere aller erdenklichen Art, und über den Arkaden und in den Gärten lustwandelt eine Menge unbeschreiblich schön gestalteter Menschen. Aus ihren freien und munteren Bewegungen lässt sich wahrnehmen, dass sie äußerst glücklich und zufrieden sein müssen.
RB|2|297|8|0|Besonders bemerkt solches die Mathilde-Eljah, sagend: „O Gott, welch ein ewig nie vergleichbarer Unterschied zwischen solch einer Welt und zwischen unserer Erde! Da ist alles ein vollkommener Himmel; auf der Erde aber alles im Vergleich mit dieser Welt eine barste Hölle. O Gott, o Vater! Das müssen ja gar überaus gute und weise Menschen sein. Auf dieser Welt wird es wohl sicher keinen Tod geben. Es scheint darauf auch nichts zu altern. Allenthalben strahlt ein ewiger Frühling, und jede Gestalt strotzt in aller Fülle der heitersten und ungezwungensten Jugend. O Gott, o Vater! Welch eine Welt! Auch die Tiere sehen überaus gutmütig aus. Wie die frommsten Lämmer wandeln sie miteinander und suchen auf den für sie bestimmten Plätzen das ihnen Zusagende und ihren Naturen sicher überaus süß schmeckende Futter.
RB|2|297|9|0|O Herr, da muss es doch für jedes Deiner Kinder eine hohe Lust sein, ein Regent solch einer Welt zu werden. Ja, Dir Selbst muss es eine große Freude machen, die lichtvollsten Gefilde solch einer Welt zu betreten. Nein, da dürfte ich nicht lange hineinsehen. Das könnte mich wahrlich so schwach machen, dass ich nolens volens diese Welt betreten und nähere Bekanntschaft machen müsste mit deren gar wunderschönsten Menschen.“
RB|2|297|10|0|Sagt Peter Peter: „Du kannst die Geschichte ja versuchen, wirst aber nach meinem Dafürhalten eine schlechte Ressource finden. Diese Wesen sehen wohl ihresgleichen untereinander, aber dich als einen Geist aus dem obersten aller Himmel dürften sie wohl durchaus nicht sehen können, weil sie dennoch mehr oder weniger von der Materie ihrer Welt umfangen sind. Und da hättest du ein schlechtes Vergnügen, so du nur sie sehen könntest, sie aber dich nimmer. Denn ich nach meiner gegründeten Mutmaßung halte dafür, dass diese Menschen gar keinen Tod haben, d. h. gar keine Verwandlung. Sie werden so, wie du sie nun erschaust, schon von ihrem ersten Entstehen an ein ihnen zusagendes, ewiges Leben zu leben beginnen. Ihre Werke zeigen zwar, dass unter ihnen recht sehr viel Weisheit zu Hause sein wird, aber als Regel möchte ich das geradewegs auch nicht annehmen; denn es gibt ja auf der Erde Tiere und Tierchen aller Art, die im Ernst Dinge zuwege bringen, die ihnen ein noch so weiser und erfahrenster Künstler nie nachmachen wird. Wäre es aber folgerichtig, so man solchen Tieren und Tierchen eine übersalomonische Weisheit zumuten möchte? Siehe, ebenso mehr oder weniger kann das auch bei diesen Menschen der Fall sein. Sie können gar leicht mehr Instinkts- als Weisheitsmenschen sein, und in solchem Fall würde dann unsereiner bei ihnen eben nicht viel Amüsantes finden. Was sagst du zu diesem meinem nicht ungegründeten Dafürhalten?“
RB|2|297|11|0|Sagt die Eljah: „Ja, ja, du dürftest da gerade nicht ganz unrecht haben. Nur nach der großen Mannigfaltigkeit des da Vorkommenden zu urteilen, scheint es denn doch, dass diese Menschen mehr in einer wirklichen Weisheit sich befinden, als in irgendeiner Art noch so ausgebildeten Instinktes. Denn solche Bauten in einem allerkühnsten Baustil, diese herrlichen Gartenanlagen, geben einen hinreichenden Beweis, dass bei diesen, stets vom mächtigsten Licht umflossenen Menschen mehr als ein purer Instinkt zu Hause ist.“ – Sagt Peter Peter: „Ja, ja, du magst in dieser Hinsicht auch nicht unrecht haben! Aber ich bleibe hier so ziemlich fest bei meiner Ansicht.“
RB|2|297|12|0|Sage Ich: „Ihr habt in wechselweiser Beziehung beide recht! Aber da Ich nun schon die dritte Türe eröffnet habe, so verlassen wir nun diese Türe und treten sogleich in die schon geöffnete dritte Türe.“
RB|2|298|1|1|Die sechste Tür zeigt eine All-Mittelsonne. Ordnung des Universums, Größe und Lichtstärke der Sonnen. Feuergeister der All-Mittelsonne in ihrer Tätigkeit.
RB|2|298|1|1|(Am 21. Dez. 1850)
RB|2|298|1|0|Alle treten nun in die dritte (westliche) Türe, und wie sie einen Blick hinauswerfen, kehren sie sich sogleich wieder um, und die Weiber machen einen starken Schrei, als wie einer, der sich über etwas mächtig entsetzte. Denn das hier entgegenstrahlende Licht ist wieder ums gar Unvergleichbare mächtiger als das in der früheren Türe.
RB|2|298|2|0|Und Robert und mehrere andere mit ihm sagen: „O Herr, o Gott, o Vater! Unsere Augen, die nun das Licht der früheren Sonne am Ende schon ganz leicht haben ertragen können, vermögen nun dies unbeschreiblich mächtigste Licht nicht mehr zu ertragen. Das Licht der früheren Sonne war doch ein ruhiges, obschon anfangs auch beinahe unerträglich stark. Dies Licht aber gleicht den mächtigst wallenden Flammen und sticht gar übergewaltig in die Augen, sodass man es nimmer zu ertragen vermag. Was ist das wohl für ein Licht? Ist das etwa auch wieder eine Zentralsonne?“
RB|2|298|3|0|Sage Ich: „Allerdings, und das wieder eine einer höheren Ordnung. Damit ihr aber das recht begreift, so müsst ihr euch die Ordnung also machen:
RB|2|298|4|0|Die vielen Millionen Planetarsonnen, um die sich die Planeten wie eure Erde bewegen, machen mit ihrer eigenen Zentralsonne ein Sonnengebiet aus, und dessen Zentralsonne ist stets so groß, dass sie den körperlichen Inhalt ihrer um sie bahnenden Sonnen samt deren Planeten manchmal ums beinahe Hundertfache, manchmal gar ums Tausendfache, ja manchmal wohl auch ums Millionenfache übertrifft; denn es gibt größere und kleinere Gebiete. Je größer aber ein Sonnengebiet ist, desto größer muss auch verhältnismäßig eine Zentralsonne sein in allen Teilen gegen das totale Körperverhältnis ihrer Nebensonnen, um sie ob der größeren Entfernungen von ihr in den bestimmten Bahnen zu erhalten. Denn in dem Verhältnis sich die Anzahl und die notwendigen Entfernungen der Nebensonnen mehren, desto verhältnismäßig größer muss auch das Volumen einer solchen Zentralsonne sein, um Meister all der sie umbahnenden Planetarsonnen zu sein.
RB|2|298|5|0|Viele solche nun näher beschriebenen Sonnengebiete aber haben dann wieder eine gemeinsame Mittelsonne und bahnen, von ihrer Mittelsonne getragen, wieder in unvergleichbar größeren Kreisen um ihre gemeinsame Mittelsonne, die ganz natürlich wieder ums Verhältnismäßige vielfach größer sein muss, als alle ihre Sonnengebiete zusammengenommen – deren oft viele Tausende um eine solche zweite Mittelsonne, wie wir in der zweiten Türe eine gesehen haben, kreisen. Alle solche Sonnengebiete samt ihrer Mittelsonne geben dann ein Sonnenall.
RB|2|298|6|0|Aber wieder haben viele Tausende solcher Sonnenalle einen gemeinsamen Mittelpunkt oder eine Mittelsonne, die im gleichen Verhältnis wieder oft ums Vieltausendfache größer ist in ihrem Volumen, als alle die sie umbahnenden Sonnenalle. Und solch eine All-Mittelsonne ist ebendiese hier, die wir nun sehen.
RB|2|298|7|0|Wie sich aber die Größen solcher Mittelsonnen steigern, so steigert sich auch ihr Licht. Ihr könnet das Verhältnis ungefähr so annehmen: Ist z. B. eine Planetarmittelsonne so groß, dass ihr Durchmesser eine volle Billion irdischer Meilen zählt, so zählt der Durchmesser einer zweiten Sonnengebiets-Mittelsonne das Zehnhunderttausend- oder Millionenfache, was da eins und dasselbe ist, des Durchmessers einer Planetarmittelsonne, also eine volle Trillion irdischer Meilen. Und eine solche Sonne, wie wir sie nun in dieser dritten Türe schauen, wächst dann wieder, je nachdem sie mehr oder weniger ganze Sonnenalle beherrscht, ums Millionenfache, manchmal sogar ums Billionenfache in jeglichem Verhältnis sowohl der notwendigen Größe als wie eben also des Lichtes und kann dann wohl eine Quadrillion, manchmal sogar eine Quintillion irdischer Meilen im Durchmesser fassen.
RB|2|298|8|0|Sonnen dieser Art haben schon vollkommen ein eigenes Feuerlicht und sind zur Bewohnung materieller Wesen auf ihren für euch beinahe unermessbar weiten Oberflächen nicht geeignet. Dafür wohnen aber desto mehr Feuergeister ganz glücklich und behaglich in solch einem unermesslich ausgedehnten Feuermeer und haben da ihre Wohnungen und ihre Herrschgebiete. Wohl aber bewohnen auch Körpermenschen solch eine Sonne, aber nicht die äußerste Oberfläche einer solchen Sonne, sondern eine mehr innere; denn alle Sonnen bestehen aus mehreren Sonnen, die sich inwendig in der äußeren Sonne ungefähr so befinden wie der Planet Saturn innerhalb seiner Ringe. Wie aber alles das sich verhält und warum, werdet ihr in der Folge ganz auf ein Haar genau kennenlernen.
RB|2|298|9|0|Nun aber bemüht euch, auch das Licht dieser Sonne zu ertragen; denn ihr müsst in der Folge unendlichmal stärkere Lichter ertragen, um endlich auch Mein eigenstes Gottlicht ertragen zu können. Versucht es nur, es wird schon gehen! Der Anfang ist stets schwer!“
RB|2|298|10|1|(Am 24. Dez. 1850)
RB|2|298|10|0|Auf diese Meine Aneiferung wenden sich alle wieder nach dieser Sonne hin und beginnen zu versuchen, ob es etwa wohl möglich sein soll, am Ende auch dieser Sonne Licht zu ertragen.
RB|2|298|11|0|Robert, dessen Augen gar sehr empfindlich sind, wendet sich an die stets anwesenden drei Apostel und sagt: „Liebe Freunde! Wie macht ihr es denn nun so ganz eigentlich, dass ihr gar so ungeniert in dies Licht schauen könnt? Ich weiß auch, dass das Beschauen dieses mächtigsten Lichtes meinen Augen durchaus keinen Schaden bringen kann, aber dennoch vermag ich vor zu großer Lichtstärke es nicht zwei kontinuierliche Sekunden lang anzuschauen. Es macht mir auch gerade keinen Schmerz, so ich in dies Licht einen Blick werfe; aber die ungeheure allerstechendste Lichtstärke selbst verwehrt es ordentlich meinen Augen, ihre Majestät länger als eine flüchtige Sekunde lang anzugaffen. Sagt, ihr lieben Brüder, wie ihr es so ganz eigentlich macht, dass euch ein solches Licht aber auch nicht im Geringsten geniert?“
RB|2|298|12|0|Sagt Paulus: „Mein lieber Bruder! Ich sage dir nichts als das: Sei festen Willens, dann geht alles! Meinst du etwa, dass wir an unserer Sehe etwa schon derart abgestumpft sind, dass uns ein solches und ein noch ums Unvergleichbare stärkeres Licht gar nicht mehr genieren kann? O da wärst du in einer sehr bedeutenden Irre! Solch eines Lichtes ungeheure Kraft und Stärke empfinden auch wir gleich wie du selbst; aber unser Wille hat bei solchen Gelegenheiten jene entschiedene Stärke, die es mit jeder Lichtstärke aufnehmen kann, mit der alleinigen Ausnahme der Lichtstärke in der innersten Gottheit des Herrn Selbst, die auch wir bei all unserer Willensbeharrlichkeit nie länger als drei kurze Augenblicke nur ertragen können. Du musst demnach nicht so sehr bemüht sein, deine Sehe, sondern vielmehr nur deinen Willen zu stärken; dann wirst du jedes Licht ansehen können, und es wird dich keines mehr behindern. Versuche das, und du wirst dich sogleich überzeugen, dass ich ganz recht habe!“
RB|2|298|13|0|Sagt Robert: „Will es versuchen und sehen, wie weit ich die Sache treiben kann.“ – Hier setzt sich Robert fest an und fängt ganz glühenden Angesichtes in dies Sonnenlicht hinein zu starren an und sagt dann nach einer Weile: „Brüder! Ihr habt denn doch richtig ganz vollkommen recht! Nicht im Auge, sondern an meines Willens schwacher Entschiedenheit lag es. Als nun mein Wille entschiedener auftrat, da ging es anfangs freilich wohl sehr schlecht; aber nach einigen Minuten hatte sich alles Behindernde verloren.
RB|2|298|14|0|Und ich schaue nun auch dies Licht mit einer großen Leichtigkeit an und habe darob eine ganz unbändig große Freude; denn ich fange nun an, durch überaus klarste Ätherflammen eine ganz ungeheure Wunderwelt zu entdecken und sehe ungeheuer weitgedehnte Wohngebäude, in denen wahrscheinlich die vom Herrn ehedem bezeichneten Feuergeister wohnen werden. Merkwürdigermaßen besteht ein solches Gebäude eigentlich aus einer Unzahl von symmetrisch errichteten ungeheuer hohen Türmen, die untereinander mit unzählbar vielen Arkaden nebeneinander und übereinander verbunden sind. Und nun ersehe ich auch wirklich menschenähnliche Wesen auf den Arkaden herumwandeln. Ihre Bewegung ist aber schon eine ungemein schnelle! Das geht ja wie Blitze hin und her! Haben denn diese Geister gar so dringende Geschäfte, weil sie gar so hin und her rennen, als ob sie so ein wenig, wie man auf der Erde sagt – besessen wären?“
RB|2|298|15|0|Sagt Paulus: „Ja, mein Freund, auf solch einer Sonne gibt es schon ganz kurios viel zu tun, was du nun freilich noch nicht zu fassen imstande bist. Aber aus diesen übergroßen und weitgedehnten Gebäuden kannst du schon den füglichsten Schluss ziehen, dass es in dieser Sonne gar ungeheuer viel zu tun geben müsse, und daher denn auch die große Emsigkeit dieser Geister. Siehe, auf dieser ungeheuer großen Sonne brennt das allerreinste Gas, und dieses muss in stets gehörigster Überfülle vorhanden sein in den großen untersonnischen (so viel als unterirdischen) Gasometern. Und so ersiehst du hier vor uns nichts anderes als eine große Gas(bereitungs)anstalt, dergleichen es auf dieser Sonne Trillionen gibt. Auch auf der Erde bereiten gewisse Geister in den inneren Gemächern der sogenannten feuerspeienden Berge das brennbare Gas und zünden es auch an, wenn es einmal in einer gerechten Menge vorhanden ist. Das Gas selbst aber besteht im Grunde aus puren einfachsten Naturgeistern, die eine solche Läuterung zuvor durchmachen müssen, bevor sie in eine schon bestimmtere Wesenheit übergehen sollen. Auf der Erde aber sieht das alles krud und roh aus, was hier in der allergeordnetsten Weise verrichtet wird. Nun weißt du vorderhand genug – und die mit dir; darum macht euch zusammen, denn wir werden uns nun sogleich südwärts wenden.“
RB|2|299|1|1|Das gewaltige Licht einer Urzentralsonne. Deren Riesenverhältnisse. Dort lebende Wesen als Sonnenballwerfer.
RB|2|299|1|1|(Am 26. Dez. 185O)
RB|2|299|1|0|Sage Ich darauf: „Ja, ja, so ist es! Siehe hin, Robert, auf die erste Türe an der südlichen Wand, sie ist bereits geöffnet! Der noch bei Weitem mächtigere Lichtglanz, der durch diese erst geöffnete Türe an der südlichen Wand dringt, beurkundet, dass wir dort mit einer noch für dich kaum begreifbar größeren Sonne, als hier diese Mittelsonne ist, zu tun bekommen werden. Dort werden wir auch am Schluss der Ordnung materieller Schöpfungen Meines Willens und Meiner Weisheit uns befinden; daher begeben wir uns nun denn auch sogleich in diese Türe!“
RB|2|299|2|0|Alle gehen wir nun mit einer förmlichen Furcht in diese Türe, natürlich mit Ausnahme von Paulus, Petrus und Johannes, denen alles das schon durch und durch bekannt ist. Als wir nun in die Türe kommen, kehren sich anfangs alle sogleich und hell aufschreiend um und beteuern die volle Unmöglichkeit, in dies Licht auch nur einen allerkürzesten Blick mehr wagen zu können, denn dieses Licht komme ihnen um viele Millionen Mal, ja Trillionen Mal stärker vor als das Licht der früheren Sonnenuniversums-Mittelsonne.
RB|2|299|3|0|Sage Ich: „Ja, ja, das kann Ich euch durchaus nicht in Abrede stellen! Aber es wird sich bei dieser letzten Haupt- und Urzentralsonne ebenso tun, als wie es sich bei den früheren getan hat. Nur festen Willen, Mut und Beharrlichkeit, und es tut sich dann alles! Nun, Freund Robert, hast auch du keinen Mut?“
RB|2|299|4|0|Sagt Robert: „O Herr, es wird sich hier kaum tun! Der Glanz ist zu stechend intensiv! Man wird hier förmlich zurückgeworfen! Aber ich will es in Deinem allerheiligsten und allmächtigsten Namen versuchen. Ich werde anfangs die Augen förmlich schließen und sie nach und nach zu öffnen anfangen. Vielleicht wird es dann gehen.“ – Sage Ich: „Tue, wie es dir rätlich dünkt! Aber besser ist es, wenn du gleich volloffenen Auges in dies Licht zu schauen beginnst. Ein paar Minuten Kampf und du hast auch dieses mächtigste alles materiellen Lichtes überwunden.“
RB|2|299|5|0|Sagt Robert: „Auch gut, es soll geschehen! Was Du o Herr und Vater willst und anordnest, muss ewig das Beste und Zweckdienlichste sein. Und so denn nun nur aufgeschaut, meine lichtscheuen Augen! Jetzt wird ein tüchtigster Lichtsturm euch etwas zu schaffen machen.“ – Mit diesen Worten kehrt er sich schnell um und schaut, natürlich anfangs stark blinzelnd, in dies Licht.
RB|2|299|6|0|Nach einer Weile spricht er hocherfreut auch über diesen Sieg: „Vater, Dir allen Dank, alle Ehre und alle Liebe! Auch dieses Licht gehorcht nun meinen ganz kleinen Augen. Oh, ich habe eine übergroße Freude daran. So sind denn bei Dir, o heiligster Vater, doch im allervollsten Ernst sogar die allerunmöglichst scheinenden Dinge vollstauf möglich. O Menschen auf der armseligsten Erde! Euer Auge erblindet beim Anblick eurer kleinen Erdsonne, deren Licht nicht die dezillionste Stärke von einem Funken dieses Lichtes hat. Was würdet ihr sagen, so ihr nur einen kleinsten Funken von diesem Licht in eurem Naturzustand zu Gesicht bekämet? Ich sage euch: Ein Funke würde genügen, um die ganze Erde im schnellsten Augenblick in ein wahres Nichts zu verwandeln.
RB|2|299|7|0|O Herr und Vater! Wie ist denn wohl solch eine über alle menschliche Berechnungsfähigkeit stehende Kondensierung des Lichtes möglich? Bei meinem nun allerglückseligsten, ewigen Leben! Ein Kubikzoll groß des Lichtes aus dieser Sonne hat im Grunde schon mehr Lichtintensität, als das Licht der ganzen irdischen Sonne auf einen gleichen Kubikzoll zusammengedrängt. Das ist doch für jeden noch auf der Erde wandelnden Doktor eine sicher unbegreiflichste Proportion – und dennoch ist es so. Jetzt sehe ich doch schon eine recht geraume Weile, und zwar schon ganz leicht, in dieses Licht; aber es will im Grunde durch die Angewöhnung meiner Augen an dasselbe nicht schwächer werden. O Herr, o Vater! Ist das doch eine Kraft des Lichtes! Wie groß doch muss etwa diese Sonne sein; wo muss sie sich befinden und welch einen furchtbarst großen Zweck ihres ungeheuersten Daseins mag sie haben?“
RB|2|299|8|0|Sage Ich: „Das ist eine Haupt- und Urzentralsonne, um die sich genau sieben Millionen Sonnenuniversen drehen und bewegen. Sie ist aber auch genau um eine Million Mal größer als alle die sieben Sonnenuniversen. Ihr Durchmesser beträgt bei zwei Oktillionen irdischer Wegmeilen. Das Licht in größter elektro-magnetischer Schnelligkeit, auf die Sekunde zwölftausend irdische Wegmeilen gerechnet, hätte viele tausend Trillionen Jahre der Erde zu tun, um von einem Pol zum andern dieser Sonne zu gelangen!“
RB|2|299|9|0|Hierauf fahren alle vor Entsetzen zusammen, und Robert sagt ganz zerknirscht: „Und solch ein Sonnenkoloss aller Kolosse (Herr, verzeihe mir diese dumme Frage!) ist auch von Dir erschaffen?! Von Dir, der Du hier so ganz allerherablassendst und gemütlichst von diesen Größen redest, als hättest Du bloß so mit einer Handvoll Erbsen, einer sehr unbedeutenden Frucht der Erde, zu tun!“
RB|2|299|10|0|Sage Ich: „Ja, ja, Mein lieber Bruder! Nicht nur diese, sondern noch zahllos viele andere, die noch um vieles größer sind als diese, die du nun schaust! Denn diese ist geradewegs die Kleinste unter allen.“ – Sagt Robert: „Ich küsse Dir Deine Hände! O Gott, o Gott, das zu denken ist wohl keinem geschaffenen Geist möglich!“ – Sage Ich: „Doch, doch, frage nur einen von Meinen drei Brüdern; sie werden es dir schon sagen, ob so was möglich oder nicht möglich sei.“
RB|2|299|11|0|Sagt Robert: „Ja, ja, es wird wohl schon alles möglich sein. Denn bei Dir ist alles möglich, aber dass das trotz der sichersten Möglichkeit etwas so ungeheuer Großes ist, dass darob sicher ein jeder Geist bis in sein Innerstes allergewaltigst erbeben muss, besonders so er ein erstes Mal solche Größen zu Gesicht bekommt, das kann weder Petrus noch Paulus und ebenso wenig der tiefstweise Bruder Johannes in Abrede stellen. Viele tausend Trillionen Jahre hätte das schnellste Licht zu tun, um von einem Pol zum andern zu gelangen!? O Herr, o Gott, welch ein schauderhaftes Volumen! Nein, nein, das wird in meinem Kopf nie Platz haben. Wie weit muss denn hernach so eine Sonne von unserer Erde abstehen, um von ihr aus als ein leuchtender Punkt gesehen zu werden?“ – Sage Ich: „Eine Dezillion Meilen genügt, um sie bis zum scheinbaren Durchmesser der Venus zusammenzudrücken. Eine weitere Rechnung sei dir selbst zu einem Vergnügen.“
RB|2|299|12|0|Sagt Robert und auch der Peter Peter mit ihm: „O Herr, mit solchen Berechnungen werden wir beide uns je weder unsere Köpfe und noch viel weniger unsere Herzen zerbrechen. Es sei, wie es ist nach Deinem allerheiligsten Willen; aber wir werden uns damit nicht gar zu sehr mehr abgeben; denn solche Größen verschlingen zu sehr all unser Denk- und Begriffsvermögen.“
RB|2|299|13|0|Sagt Robert allein: „Nun, o Herr und Vater, fange ich auch in dieser Sonne an eine Menge großer Menschwesen zu entdecken! Sie müssen auch durch und durch überglühend sein. Aber von irgendeiner Art von Gebäuden entdecke ich nirgends etwas. Mit großer Hast wallen diese ganz entsetzlich großen Wesen in den allermächtigsten Flammen herum und scheinen bei solch einer sicher sehr heißen Tätigkeit überaus guten Mutes zu sein. Einige erheben sich von Weile zu Weile ziemlich hoch über das Lichtmeer und schleudern sehr stark glühende Bälle in die Unendlichkeit hinaus. Eine sonderbare Beschäftigung und Belustigung dieser Wesen. Sie scheinen auch eben nicht gar zu mathematisch zu berechnen, wohin sie ihre Feuerkugeln und himmlischen Granaten werfen. Die Geschichte scheint ganz dem Zufall überlassen zu sein. Es könnte daher so ein Granatchen auch unter uns hierher so eine Reise unternehmen. Wahrlich, der Erste möchte ich gerade nicht sein, trotz meiner nun rein geistigen Beschaffenheit, der von solch einem runden Gast eine Kopfvisite bekäme. Diese Granaten dürften wohl auch hübsch umfangreich sein; denn mit gar zu besonderen Kleinigkeiten werden sich diese Riesen kaum abgeben. Wie groß etwa im Verhältnis unserer Erde so ein Feuermensch dieser Sonne aller Sonnen doch ist?“
RB|2|299|14|0|Sage Ich: „Wird hübsch groß sein, Mein lieber Robert; denn eine jede Kugel, die du von ihnen hintanschleudern siehst, ist größer als die Sonne der Erde, manche aber wohl auch kleiner.“
RB|2|299|15|0|Sagt Robert: „Ganz gehorsamster Diener! Diese Leutchen schnellen auf diesem Weltkörper nur gleich so mir und dir nichts Sonnen in die hübsch weite Unendlichkeit hinaus. Bravo, bravo; es kommt immer besser! Wenn demnach so ein Menschchen auf der Erde stünde, die für seine zarten Füße bloß so ein ganz kleinstes Sandkörnchen sein müsste, müsste es für ihn ein wahrer Spaß sein, den Bewohnern des Miron (nun Neptun) den Schweiß von der Stirn zu wischen und, so es ihm am Ende beliebte, auch die ganze Sonne samt allen ihren Planeten, Monden und Kometen ganz bequem in seine Westentasche zu stecken. Ganz gehorsamster Diener! Ich meine, mein Gott, mein Herr und mein allerliebster heiliger Vater, mit diesen Leutchen wird unsereiner wohl nie Bruderschaft zu trinken imstande sein! Herr, Du lieber Vater! Du musst mir schon vergeben, so ich bei solchen Anlässen ein wenig humoristisch werde. Aber man kann sich dessen nicht enthalten, wenn man diese Größen mit den Größen der Erde vergleicht. Denn das geht schon ein für alle Mal ins Allerfabelhafteste über. Wohin aber fallen dann diese glühenden Kügelchen, die diese Menschlein so mir und dir nichts in die Unendlichkeit hinausschnellen?“
RB|2|299|16|0|Sage Ich: „Die meisten fallen wieder zurück auf den Boden dieser Sonne, hie und da aber auch einige in den endlosen Raum und werden dort in irgendeiner Raumestiefe zu Sonnen im Gebiet irgendeiner Zentralsonne.“ – Sagt Robert: „Aber da müsste denn doch auch zufälligerweise irgendwann eine einmal in die Nähe der Erde geraten, wovon aber in den Geschichtsbüchern der Erde wahrlich nichts zu finden ist.“
RB|2|299|17|0|Sage Ich: „Mein Freund! Fürs Erste hast du noch gar lange nicht alle solche Bücher auf der Erde gelesen, und fürs Zweite sind solche Erscheinungen von den gleichzeitig lebenden Völkern auch nicht getreu genug aufgezeichnet worden und erhielten sich bloß traditionell unter den noch wenig gebildeten Völkerhorden. Es sind aber dennoch schon mehrere solche Kügelchen als außerordentliche Kometen von der Erde aus gesehen worden, und es wird eben nicht zu lange mehr dauern, dass ein Gast durch das Gebiet der fernsten Planeten der Erdsonne eine Reise machen wird, und wird sogar am hellen Tag gesehen werden.
RB|2|299|18|0|Es sind aber noch keine dreitausend Jahre, als ein solcher Sonnenkomet durch das Gebiet der Saturnus- und Uranusbahn zog und auf die Erde ein so starkes Licht warf, dass neben ihm die Sonne ganz matt leuchtend aussah. Freilich dauerte dieses Phänomen in seinem Vollglanz nur kaum einige Tage und konnte wegen der zu großen Schnelligkeit dieses Passanten nicht länger geschaut und beobachtet werden. Vor ungefähr kaum einigen hundert Jahren ging auch ein solcher Gast durch und konnte auch am hellen Tag gesehen werden. Alle Tage, Mein Freund, aber kann so was nicht statthaben. Wie und warum solches geschieht, das wirst du alles in der Folge kennenlernen. Betrachte aber nun diese Sonne nur noch eine kleine Weile; du wirst noch so manches entdecken, was dich hoch wundernehmen wird.“
RB|2|300|1|1|Weitere Arbeit der Feuerriesen auf der Urzentralsonne. Entstehung einer großen All-Mittelsonne. Hülsenschale der großen Weltengesamtheiten.
RB|2|300|1|1|(Am 28. Dez. 1850)
RB|2|300|1|0|Robert betrachtet noch eine Weile diese Sonne recht sehr aufmerksam und sagt nach einer Weile: „Ich kann schauen, wie ich nur immer mag und will, so komme ich aber dennoch auf keinen Grund. Eine Lichtwoge drängt die andere, und die Feuerriesen scheinen mehr in diesem Lichtmeer herumzuschwimmen als etwa auf irgendeinem festen Boden sich wie Balletttänzer herumzubewegen. Ich möchte nur das sehen, woher sie ihre Glühkugeln nehmen und wie diese so ganz vollkommen mathematisch rund geformt werden, als hätte sie ein Kunstdrechsler nach dem besten Zirkel abgedreht.
RB|2|300|2|0|Aha, aha! Was geschieht nun dort in einer ziemlichen Ferne von hier? Mehrere Feuerriesen richten ein ungeheuer großes Rohr in die Höhe. Dieses Rohr hat ohnehin schon eine überaus große Mündung, aber die Riesen ziehen diese noch stets mehr und mehr auseinander. Das ganze ungeheure Rohr muss aus einer sehr dehnbaren Masse sein, sonst ließe es sich schwerlich so wie auf der Erde ein Gummi elasticum auseinanderdehnen. Jetzt scheint es die rechte Weite zu haben! Tausend! Tausend! Das muss nach irdischem Maß eine ungeheure Weite haben, weil diese Riesen zu mehreren Hunderten nun um dies Rohr stehen; und es ist zwischen einem und dem andern noch eine ziemliche Strecke leer, in der noch ganz gut zwanzig solche Riesen Platz hätten. Was etwa da nun geschehen wird? Nun sehe ich, dass die Riesen ihren Mund öffnen, und dem Mund entströmen verschiedenartige Lichtformen. Was bedeutet das wohl?“
RB|2|300|3|0|Sage Ich: „Das ist die Sprache dieser Wesen! Und sie geben nun einander zu verstehen, dass nun bald eine große Sonne, d. i. eine Zentralsonne, die ganze Sonnenalle in sich trägt, ausgeboren wird. Du wirst sie auch alsbald aus der weiten Mündung steigen sehen. Gib nur Acht!“
RB|2|300|4|0|Robert sieht hin und ersieht auch nun einen mächtigen Lichtball aus dem großen Rohr emporsteigen und sich dann mit großer Schnelligkeit von der Oberfläche dieser Sonne hinwegbewegen. Über solche Erscheinung hoch staunend, sagt er: „Freunde! Das ist im vollen Ernst nichts Kleines! Wir sahen nun mit unseren höchsteigenen, unsterblichen Augen die Entstehung einer Zentralsonne, und das sicher einer solchen, die unter ihresgleichen nicht die kleinste sein dürfte. Sie ist bestimmt als eine All-Mittelsonne zu dienen, um die in Zeiten der Zeiten sich Trillionen Welten und Welten bewegen werden, und werden aus ihr schöpfen ihr Licht, ihre Wärme, ihr Leben und ihre Nahrung. Ach, das ist eine große Erscheinung! Aber wohin wird sie gesetzt werden? In welchem Gebiet wird sie ihren großen Kreislauf beginnen? O Herr! Das sind Dinge, vor denen es sogar den größten und ältesten Erzengeln allerehrfurchtsvollst grauen muss. Hier sieht man buchstäblich, wie neue Schöpfungen unter Deinen Blicken, o Herr, entstehen, große Wohnungen für Milliarden freier Wesen, die sie einst bewohnen werden. O Herr, das ist zu groß für uns winzige Geisterlein!
RB|2|300|5|0|Aber nun möchte ich, damit doch so ein bisschen Ordnung in meinem Denken bewerkstelligt wird, nur das noch wissen, wie das auseinanderzuklauben ist: Diese Wesen werfen in einem fort kleine Sonnen aus, d. h. Planetarsonnen. Und solch eine Sonne, wie diese nun durch das große Rohr getriebene All-Mittelsonne, gebiert dann mit den Zeiten der Zeiten auch wieder sowohl Zentralsonnen unterer Gattung und Ordnung, und diese dann in noch ferneren Zeiten der Zeiten unter ihnen stehende Gebietsmittelsonnen, und diese ihre etlichen Millionen Planetarsonnen. Nun, wie unterscheiden sich dann jene ordnungsmäßig ausgebornen Sonnen für Planeten von diesen von hier ausgeworfenen? Ein Unterschied muss denn da doch sein?“
RB|2|300|6|0|Sage Ich: „Siehe, jeder solcher Komplex von Sonnen- und Weltenuniversen, die sich in den weitesten Kreisen um solch eine Urmittelsonne bewegen, ist in tiefster Ferne von all den Sonnenuniversen mit einer festen Hülse umfangen, durch die kein materielles Wesen dringen kann. Diese Hülse besteht aus einer eigensten diamantartigen durchsichtigen Materie und ist nach innen höchst spiegelglatt. Alles Licht nun, das von allen zahllos vielen Sonnen hinausgeht und von keiner Erde noch Sonne aufgefangen wird, wird dann von dieser Hülse aufgefangen und wieder zurückgeworfen. Da aber solch eine Hülse mit der Zeit auf ihrer inneren Spiegelfläche dennoch matter und matter werden könnte und darauf ihren Dienst nicht vollauf verrichten möchte, so werden eben von dieser Urmittelsonne stets solche Lichtbälle von diesen riesigsten Geistern mit der entsprechenden Macht hinausgeschleudert, sodass sie mit der Zeit bis zu der besprochenen Hülsenfläche gelangen. Dort werden sie dann zur Reinigung solcher Hülse verwendet. Die Reiniger aber dort sind wieder eigens dazu bestimmte mächtige und große Geister, die in größter Anzahl vorhanden sind und die ihr alle in der Folge ganz genau werdet kennenlernen. Denn siehe: Alles, was da geschieht in der ganzen Unendlichkeit, geschieht durch Meine Geister und großen Engel. Meine Kinder aber sind die Größten und Mächtigsten unter allen. Verstehst du das?“
RB|2|300|7|0|Sagt Robert: „Herr, da bin ich sicher kein Kind von Dir! Denn bei Deinem allerheiligsten Namen, ich komme mir nun schon ganz entsetzlich klein vor und denke und fühle, dass es nun unter mir und über mir nichts mehr noch Kleineres geben kann, als wie ich es nun bin. Ich darf an diese nun geschauten Größen gar nicht denken, sonst, so ich daran denke, werde ich noch zu einem pursten Nichts. Ich habe schon an dieser beinahe dezillionmeiligen Urmittelsonne genug, um ihre Größe und Beschaffenheit ewig nie ganz zu begreifen. Am Ende kommt noch die sicher dezillionenmal Dezillionen Sonnen und andere Welten in sich fassende Hülse hinzu, gegen die diese Sonne in gar keinem Größenverhältnis steht, und ist auch noch dazu bewohnt von mächtigen Geisterheeren. O Herr, o Vater! Da bleibt all mein Verständnis still wie der Tod selbst.
RB|2|300|8|0|Ich habe mir in meiner natürlichen Beschränktheit die ganze Unendlichkeit kaum größer vorgestellt, und Du aber sagtest, dass es im unendlichen Raum zahllos viele solche Hülsen gebe. O Herr! Ich rede nun nichts mehr. Denn das geht in das Fabelhafte alles dessen, was nur als fabelhaft bezeichnet werden kann. Ich bin daher nun rein vernichtet, und alle meine allergrößtmöglichsten Gedanken ruhen nun gleich den jungen Schwalben in ihrem Nest. Den Schwalben werden zwar Flügel wachsen, mit denen sie zu sehr geschickten Luftseglern werden. Diese Auszeichnung dürfte meinen Gedanken schwerlich je wieder einmal zuteilwerden. Ich meine, an dieser nun eingenommenen großartigsten Kost werden meine Gedanken auf ewig genug zu verdauen haben. Hier kann man nichts mehr tun und sagen als: ‚Herr Gott Zebaoth! Groß bist Du und groß die Werke Deiner Hände! Darum bist Du aber auch ganz allein alles in allem, und alles ist in Dir und aus Dir. Du bester, ewiger, heiliger Vater! Wir, Deine Kindlein aber sind nur groß in Deiner Liebe, die da ist unser Leben. Für uns selbst aber sind wir die pursten Nullen vor Dir, o heiligster Vater!‘“
RB|2|300|9|0|Sage Ich: „Schön, schön von dir, Mein lieber Freund Robert, dass du nun solches fühlst, aber dessen ungeachtet musst du dennoch auch mit der ganzen Gesellschaft dich nun in die zweite Türe dieser Wand begeben, wo du noch Größeres schauen wirst, und so denn machen wir uns nun nur wieder weiter auf den Weg! Denn siehe, die Türe steht bereits offen und harrt unseres Eintrittes über ihre breite Schwelle! Und so denn gehen wir weiter! Es sei!“
RB|2|301|1|1|Das Gesamtbild der materiellen Schöpfung. Der große Schöpfungsmensch als verlorener Sohn. Dessen Wesen und Bestimmung.
RB|2|301|1|1|(Am 30. Dez. 1850) 
RB|2|301|1|0|Alle begeben sich darauf sogleich mit großer Wissbegierde in die zweite Mittagstüre. Und als sie da anlangen, sagen alle: „Ah, da ist gut hinausschauen! Denn da haben unsere Augen mit keinem gar so mächtigen Licht zu kämpfen. So was tut sich! Aber bei diesen Sonnen war es, besonders bei den letzten zweien, schon gar nicht mehr auszuhalten. Es fragt sich hier bloß, was wir hier denn so ganz eigentlich sehen? Es ist ein matt schimmernder Hintergrund, ungefähr so, wie auf der Erde die sogenannte Milchstraße schimmert in einer heiteren Sommernacht. Aber was hinter diesem Schimmer verborgen sein soll, das möchten wir nun erfahren, so es Dir, o bester, liebevollster Vater, genehm wäre.“ – Sage Ich: „Darum sind wir ja hier! Tretet aber alle hier nur recht weit auf den Balkon hinaus, ansonst ihr das ganze Bild nicht völlig übersehen könnt.“
RB|2|301|2|0|Auf diese Beheißung gehen nun alle bis an den Rand des großen Balkons hinaus, und Robert überschaut zuerst das große Schimmerbild und sagt: „Merkwürdig, merkwürdig! Das ist ja eine vollkommene Menschengestalt! Die Knie etwas vorgebogen. Die Hände hängen ganz nachlässig herab. Und das Haupt, mit langen Absalomshaaren versehen, ist wie das eines Trauernden nach vorwärts und in die bodenlose Tiefe hinabsehend geneigt. Die Lenden sind mit einer sehr zerrissen aussehenden Schürze zur Not bedeckt. Kurz, die ganze Gestalt macht auf mich einen wehmütigen Eindruck. Die ungeheuerste Größe könnte einen gewisserart auf die Idee führen, als sei dies die Außengestalt des allwirkenden Geistes aus Dir, o Herr! Aber die Trauergestalt sagt mir, dass dies unmöglich der Fall sein dürfte. Also müsste in Deinem Geist, o Herr, auch ein Leben verspürbar sein. Von so was aber ist bei dieser Großgestalt keine Spur zu entdecken. Es ist wahrlich nur wie ein Phosphorbild, durch Deine Allmacht, o Herr, ans unermessliche Firmament hingehaucht, und wird seinen wichtigen Grund haben, den aber freilich außer Dir wohl niemand kennen wird. Herr, bitte, erläutere uns dies Bild!“
RB|2|301|3|0|Sage Ich: „Ich möchte es wohl, aber du hast eine noch zu große Achtung vor materiellen Größen, und so möchtest du bei nur einiger Erklärung denn doch etwa ein wenig zu sehr zu fiebern anfangen. Und da wäre es mir leid, dich hier in Meinem Reich krank zu machen. Frage dich daher, ob du das Allerungeheuerste aus dem Reich der Materie ertragen kannst oder es zu ertragen dir getrauest. Sodann will Ich sogleich euch dies Bild ein wenig näher enthüllen.“
RB|2|301|4|0|Sagt Robert: „Herr und Vater voll der höchsten Liebe! Jetzt ist schon alles eins. Ich bin nun schon einmal in diesen Größen darinnen, und mein Gemüt ist somit auch schon ganz gehörig breitgeschlagen. Jetzt ertrage ich schon gleichwohl noch einige Dutzend solcher Hülsengloben, in deren jeder meinetwegen dezillionenmal Dezillionen Sonnen kreisen sollen wie sie wollen.“
RB|2|301|5|0|Sage Ich: „Nun gut, so sieh näher hin und sage Mir, was du nun erschaust!“ – Sagt Robert: „Ich ersehe durch die ganze, ungeheure Gestalt, die nun beinahe alle Tiefen des endlosen Raums auszufüllen scheint, wie sie aus lauter kleinsten, glitzelnden Sandkörnchen, allerdichtest aufeinander gestreut, besteht. Die Zahl dieser Glitzelpunkte ist offenbarst eine ewig unendliche oder doch sicher eine solche, die kein geschaffener Geist sich mehr vorstellen und versinnlichen kann. Die ganze Gestalt aber nimmt sich nun auch um vieles besser aus; denn dieses Glitzeln verleiht ihr nun einen ganz eigentümlichen Majestätsnimbus. Aber nun fragt es sich abermals, was da dieses alles besagt?“
RB|2|301|6|0|Sage Ich: „Nun, so vernehmt denn alle das große Geheimnis! Dieser Mensch in seinem ganzen Gehalt ist der urgeschaffene Geist, den die Schrift Luzifer (Lichtträger) nennt, der noch immer im Vollbesitz seines großen Selbstbewusstseins, aber nicht mehr im Besitz seiner Urkraft ist. Er ist gefangen und gerichtet in allen seinen Teilen. Nur ein Weg steht ihm stets frei, und das ist der zu Meinem Vaterherzen. Für jeden anderen aber ist er gerichtet und so gut wie tot und vermag keinen Fuß und keine Hand auch nur um ein Haarbreit weiter wohin zu bewegen.“
RB|2|301|7|1|(Am 31. Dez. 1850)
RB|2|301|7|0|Das aber, was dir wie glitzelnde Sandkörnchen vorkommt, sind lauter Hülsengloben, in deren jeder dezillionenmal Dezillionen Sonnen und dazu noch ums Millionenfache mehr Planeten, Monde und Kometen sind geschoben. Die Entfernung einer solchen Hülsenglobe von der andern aber beträgt in einer runden Zahl durchschnittlich genommen fast stets eine Million Durchmesser einer Hülsenglobe. Dass sie hier dicht aneinandergereiht erscheinen, das macht fürs Erste die scheinbar große Entfernung – und mehr aber noch als diese das, weil du auch jene im Hintergrund dieses Bildes erblickst und auf die Art auch alle, aus denen dieser ganze große Leib besteht, ungefähr so, wie man auf der Erde und eigentlich von der Erde den gestirnten Himmel sieht, der fürs Auge auch wie eine gewölbte Fläche erscheint, die mit dicht aneinandergereihten Sternengruppen übersät ist, während in der Wirklichkeit oft zwei scheinbar fest nebeneinander stehende Sternlein (eigentlich hintereinander) ganz gut mehrere Trillionen Meilen voneinander abstehen können.
RB|2|301|8|0|Dass aber dieser Geist nun in sich also, wie gezeigt, in lauter solche feste Globen gesondert ist, das ist sein Gericht; und sein Leben, das dadurch in beinahe endlos viele abgeschlossene Teile getrennt ist, ist auch als kein Ganzes, sondern als ein höchst geteiltes anzusehen. Denn nur in jeder Globe ist Leben, außer ihr aber kein anderes, außer das Meines ewig unwandelbar festen Gottwillens. Jede Globe steht fest und kann ihr Standverhältnis gegen ihre nächsten Nachbargloben auch nicht um ein Haarbreit ändern.
RB|2|301|9|0|Zu allerunterst in der kleinen linken Zehe aber ersiehst du einen etwas rötlich glitzelnden Punkt. Das ist eben jene Globe, in welcher sich naturmäßig unsere Erde und all das Sonnenwerk, das wir bis jetzt geschaut haben, befindet.
RB|2|301|10|0|Und in eben diese Globe, und darinnen nur auf den Punkt Erde, ist das gesamte Leben dieses größten urgeschaffenen Geistes nun gebannt. Will er sich dort demütigen und zu Mir wiederkehren, so soll sein Urleben wieder freigegeben werden. Und dieser große Mensch wird dann wie von einem ganz freiesten Leben durchweht sein. Will aber dieser Urgeist Meiner Schöpfung in seinem hochmütigsten Starrsinn verharren, so mag diese Ordnung, wie sie nun bestellt ist, auch für ewig verbleiben. Im günstigeren Fall aber wenigstens solange, als bis die ganze Materie in ein neues, endlos vervielfachtes Seelen- und Geisterleben sich wird aufgelöst haben.
RB|2|301|11|0|Diese letzte Ordnung wird aber auch dann fortbestehen, so der urgeschaffene große Geist eine rechte Umkehr machen würde. Er kann nunmehr nur als ein ganz einfacher Geist gedemütigt umkehren und muss dann frei aus sich seine Urtotalität für ewig fahren lassen, wofür ihm aber freilich eine unermessbar größere, aber wie jedem andern Menschengeist nur ganz einfache zuteilwürde.
RB|2|301|12|0|Das Hülsen- und Schotenwerk, das ohnehin bloß nur aus Meinem ewig festesten und unwandelbarsten Willen besteht, aber wird dann bleiben, entblödet (entledigt) alles nun in sich gehaltenen Seelen- und Geisterlebens, als feste Unterlage und als ein ewiges Denkmal unseres großen Wirkens, an das sich dann ewig neue und rein geistige Schöpfungen reihen sollen. Robert und all ihr anderen, sagt, ob ihr das nun wohl ordentlich aufgefasst und begriffen habt?“
RB|2|301|13|0|Robert und alle anderen getrauen sich nun kaum zu atmen vor lauter Ehrfurcht. Nur Robert allein sagt nach einer langen Weile des höchsten Staunens: „O Herr, o Gott, o heiligster Vater! Ich komme mir jetzt geradeso vor, als wie ein in sich selbst endlosfältig vernichtetes Nichts. O guter Vater! Lasse uns eher ein wenig zu uns selbst wieder kommen, bis Du uns etwa noch zu einer andern Türe führst! Denn das, was wir hier nun gesehen und gehört haben, hat uns alle zu sehr vernichtet, als dass wir nun imstande wären, noch etwas Weiteres zu schauen und dasselbe zu begreifen. O Gott, wie groß und endlos erhaben bist Du doch! Nein, nein, das verträgt kein Geist! Das alles ist zu ungeheuer! O Gott, o Gott, o Herr, o Vater!“
RB|2|302|1|1|Verhältnis materieller und geistiger Größe. Gleichnis vom künstlichen Riesenkorn und natürlichen Weizenkörnlein.
RB|2|302|1|1|(Am 1. Jan. 1851)
RB|2|302|1|0|Sage Ich: „Ja, ja, groß ist alles, was ihr nun geschaut habt, für alle hier in Meinem wahrsten, ewigen Reich noch jungen Bewohner, die noch zu wenig in ihres Lebens eigene Gemächer haben schauen können. Werden sie aber einmal mit ihrem innersten Leben oder eigentlich mit Meiner Liebe in ihnen vertrauter, dann wird ihnen so was, das der gerichteten Materie angehört, ganz klein vorkommen, indem ein kleinster Funke Meiner Liebe alle diese Materien in einem nie berechenbaren Verhältnis übertrifft, sowohl an der wirklichen wahren Größe als wie auch in der Beschaffenheit. Ein kleines Bild soll euch diese Sache anschaulich machen.
RB|2|302|2|0|Seht, ein Künstler in der Bildnerei von verschiedenartigen Natursachen betrachtete auf der Welt durch ein gutes sogenanntes Mikroskop ein Weizenkorn und bildete es dann aus einer eigenen Kittmasse in einem sehr vergrößerten Maßstab von Pore zu Pore ab, sodass er dadurch ein wahres Riesenweizenkorn vor sich hatte, das an Größe das natürliche Original um mehrere Millionen Mal übertraf. Er stellte dieses riesige Produkt seiner Kunst auch zur Schau und erklärte dabei um einen kleinen Lohn den künstlichen Bau solch eines Weizenkornes. Da kam aber auch ein weiser Mann hin, zu betrachten dieses künstliche Riesenkorn. Als er es beschaute und den Künstler belobt, sagt er weiter: ‚Freund! Ihr habt neben dem großen künstlichen Korn auch mehrere natürliche. Welches dünkt euch in der Wahrheit größer zu sein – euer künstliches oder so ein natürliches in seiner bestandlichen Winzigkeit?‘ Worauf dann der Künstler spricht: ‚Freund! So eure Augen messen können, da vergleicht eines mit dem andern, und ihr werdet, ohne ein Wort von mir darüber nötig zu haben, gar leicht selbst euch den Bescheid zu geben imstande sein.‘ – Worauf der Weise spricht: ‚Wohlan, so hört es denn! Ein jedes der kleinen Weizenkörner ist endlosmal größer denn euer künstliches! Denn in jedem kleinen Korn wohnt im Keimeshülschen Gottes Kraft, die aus jedem Korn endlos viele zu schaffen imstande ist, die am Ende zusammengenommen euer totes Riesenkorn ums Allerendloseste an allem übertreffen müssen. Denn alles, was in sich nicht groß ist, weil ohne Leben, ist höchst klein, und wäre es dem Volumen nach auch größer als eine ganze Welt. Das Kleinste aber, das in sich birgt Gottes Kraft und Leben, ist größer als eine ganze tote Unendlichkeit.“
RB|2|302|3|0|Was dieser Weise dem Künstler sagte, dasselbe sage Ich nun auch euch. Diese materielle Schöpfung ist wahrlich groß, und wer ihrer achtet in gerechter Weise, wird eine große Freude an ihr haben. Aber in eines jeden Menschen Herzen liegt endlos Größeres, als da ist das alles, was ihr nun seht. Denn das wird nimmer größer als es ist. Ihr aber werdet wachsen ewig in eurem Herzen an der Liebe, Erkenntnis und Weisheit. Ihr könnt nun schon diesen großen Schöpfungsmenschen überschauen und ihn berechnen und verstehen. Er aber ist tot und vermag das nimmer. Dazu wisst ihr auch noch, dass eben dieses große Bild aus euch selbst hier wiederstrahlt; so aber das alles in euch ist, und nicht außer euch, wie groß müsst dann ihr sein, da solches alles in eurem Herzen Platz hat?! Wundert euch daher nicht zu sehr über solche Größen; denn ihr wisst ja und müsst es wissen, dass es vor Mir nichts Großes gibt und geben kann außer allein die Liebe in den Herzen Meiner Kinder zu Mir, ihrem Vater.
RB|2|302|4|0|Wäre solch eine Schöpfung für Mich groß genug, so möchte Ich ewig keiner zweiten mehr gedenken. Aber ihr seht, das große Bild hat seine Grenzen, ohne die es kein Bild wäre. Außer dem Bild aber seht ihr nichts als einen allerunendlichsten leeren Raum gegen diesen Großmenschen; uns gegenüber aber ist er nicht leer, sondern schon ziemlich gefüllt.
RB|2|302|5|0|Kommt nun in die dritte Türe, und ihr sollt das sogleich mit euren höchsteigenen Augen schauen. Die Türe steht bereits offen, und ihr erseht nun schon bei der Annäherung zu dieser Türe ein gar liebliches Licht euch entgegenströmen, aus dem ihr schließen könnt, dass dies Licht euch aus einer zweiten Schöpfung Meiner Liebe entgegenkommt und nicht mehr aus Meiner ersten, deren Licht den Flammen Meines Zornfeuers entströmt und nichts schafft denn Gericht über Gericht. Geht und schaut euch sonach den Beginn der zweiten wahrhaft endlos großen Schöpfung an und sagt, was ihr alles seht und fühlt.“
RB|2|303|1|1|Der große, herrliche Lichtmensch der neuen Schöpfung. Verheißung und Mahnung an den Leser. Schluss.
RB|2|303|1|1|(Am 2. Jan. 1851)
RB|2|303|1|0|Alle eilen nun nach Meinem Wort in die dritte Türe und sehen da wieder einen endlos großen Menschen von durchaus allersanftest und lieblichst strahlendem Licht umflossen. Nur aus der Gegend des Herzens dringt ein mächtiges Licht hervor, das aber das Auge nicht beleidigt, sondern im selben nur ein überaus wonnigstes Gefühl hervorruft. Unter dem linken Fuß aber ist in einer halb liegenden, mit dem Kopf abwärts gewandten Stellung eine ganz kleine Menschengestalt zu ersehen, die jener in der zweiten Türe ganz ähnlich ist und hier von einem höchst matten, etwas rötlichen Schimmer umgeben ist.
RB|2|303|2|0|Robert fragt natürlich sogleich, was dies alles vorstelle. – Und Ich sage: „Da hast du die erste und die zweite Schöpfung nebeneinander! Der große Lichtmensch stellt die neue Schöpfung dar, einen neuen Himmel und eine neue Erde, die da nicht mehr in der untersten und kleinsten Fußzehe sich befindet, wie dies bei der ersten, materiellen Schöpfung der Fall war und noch ist, sondern im Zentrum des Herzens dieser neuen Schöpfung. Das mächtige Licht aus der Gegend des Herzens entstammt der neuen Erde, die ein ewiges Wohnhaus bleiben wird Meiner Liebe und aller Meiner Kinder.
RB|2|303|3|0|So du diesen übergroßen Menschen alldort voll hellsten Lichtes genauer betrachtest, so wirst du leicht entdecken, dass auch er aus zahllos vielen herrlichsten Sternen besteht, sein Gewand sowohl als sein ganzer Leib. Dieser Sterne einer ist größer um unberechenbar vieles als der ganze in der zweiten Türe gesehene Mensch mit all seinen zahllosen Hülsengloben, in deren jeder, wie dir nun schon bekannt ist, dezillionenmal Dezillionen Sonnen und noch ums viele Millionenfache mehr Erden bahnen; denn diese Sterne sind Vereine, von seligsten Geistmenschen bewohnt, von denen jeder kleinste ums Tausendfache größer und mächtiger ist, als jener erste Mensch, dessen Bild du auch hier im rechten Verhältnis zu diesem zweiten Himmelsmenschen unter dessen kleinster Fußzehe gleich einem gekrümmten Würmchen ersiehst. Er ist gegen die wirkliche Größe dieses zweiten Menschen kaum das, was da ist ein irdisch Sandkorn gegen die Größe des ganzen Hülsenglobenmenschen.
RB|2|303|4|0|Dieser zweite Mensch aber stellt im Grunde des Grundes Mich Selbst in Meiner Wirkung dar, auf einem schon vollbestellten Acker.
RB|2|303|5|0|Du siehst aber, dass auch die Form dieses zweiten Menschen notwendig eine Begrenzung haben muss, ansonst du dir daraus keinen Menschen erschauen könntest. Was ersiehst du aber über diese Form hinaus, die vollauf in all ihren Teilen pur Leben ist?“
RB|2|303|6|0|Sagt Robert ganz zerknirscht: „Herr und Vater! Ich sehe Licht und Licht, so weit das Auge reicht.“ – Sage Ich: „Das ist alles Mein Geist, Meine Macht, Meine Liebe! In dieser werden noch zahllose Myriaden solcher Großmenschen den allergeräumigsten Platz finden und haben. Denn alle Meine Kinder müssen ja auch Raum haben, ihre Schöpfungen unterbringen zu können.
RB|2|303|7|0|Nun aber, Meine lieben Kindlein und Brüderchen, wissen wir vorderhand und für die erste Stunde eures Seins in Meinem Haus genug! Daher werden wir auch die drei Türen gen Osten jetzt nicht öffnen, denn ihr würdet das jetzt noch nicht ertragen, was diese verschließen. Wann ihr aber einmal einheimischer und mit allen den Einrichtungen dieses Meines Vaterhauses werdet vertrauter sein, dann werdet ihr auch den Inhalt dieser drei Türen gen Osten beschauen können.
RB|2|303|8|0|So viel aber sage Ich euch dennoch in aller Kürze, dass die erste das ganze gesamte Geisterreich der Erde vorerst, dann aber auch aller andern zahllosen Sonnen, Erden und Monde jeder einzelnen Hülsenglobe enthält; die zweite Türe im Vordergrund den ersten oder untersten Weisheitshimmel unserer Erde und im Hintergrund dieselben Himmel aller Welten aller Globen. Im gleichen Verhältnis enthält die dritte Türe den zweiten oder Liebe- und Weisheitshimmel vorerst der Erde und im Hintergrund aller Hülsengloben. Für den dritten und obersten reinen Liebehimmel, in dem ihr euch befindet und auch ewig befinden werdet, aber findet sich hier keine Türe, und das darum, weil wir ohnehin im selben uns vollauf befinden. In den unteren Himmeln aber befindet sich in eines jeden Engelsgeistes Wohnung auch eine Türe in den dritten Himmel, ist aber jedoch sehr schwer und manchmal gar nicht zu eröffnen, was besonders im untersten Himmel oft der Fall ist, und ganz besonders in dem anderer Welten.“
RB|2|303|9|0|Nun aber wisst ihr auch, wie gesagt, im Allgemeinsten vorderhand genug und beinahe alles, was ein jeder Engelsgeist dieses obersten aller Himmel wissen muss. Die sonderheitliche und spezielle Einsichtsgewinnung, von ewig stets steigendem Interesse begleitet, aber nimmt hiermit ohnehin ihren Anfang und dauert dann ewig fort und fort, stets auch größere Seligkeiten der Seligkeiten nach sich ziehend.
RB|2|303|10|0|Begeben wir uns daher nun wieder hinauf in den großen Saal, von wo aus ihr dann mit Meinen Brüdern euch in der großen Stadt umsehen könnt und euch vergnügen ganz frei nach jeglicher Lustliebe eurer Herzen.
RB|2|303|11|0|Mich aber werdet ihr stets daheim antreffen.
RB|2|303|12|0|Zugleich werden euch die drei Brüder eure für ewig bleibenden Wohnzimmer und ihre Einrichtung zeigen und zuweisen, zugleich aber auch vorderhand dir, Bruder Robert, eine geheime Türe, durch die du allzeit zu deinem Verein gelangen kannst, wann immer du willst. Dort ordne und richte du alles vollkommen in Meinem Namen ordentlich ein und sei all deinen dir Untergebenen ein rechter Führer und Bruder!
RB|2|303|13|0|Genießt von nun an ein jeder aus euch die vollste Freiheit und vergnügt euch mit allem, daran euer Herz ein Wohlgefallen findet! Denn hier herrscht die vollste Freiheit, da gibt es für den Geist kein Gesetz mehr und somit auch ewig keine Sünde.
RB|2|303|14|0|So denn geschehe nun, was Ich von Ewigkeit angeordnet habe!“
RB|2|303|15|0|Mit diesen Worten begeben wir uns alle hinauf in den Saal, allwo uns eine große Menge seligster Brüder und Schwestern auf das Allerfreundlichste begrüßt. Hier erst nimmt dann auch die freundlichste himmlische Konversation ihren Anfang. Und alle verfügen sich nach und nach allerseligst und glücklichst in ihre ewigen, allerwunderbarst herrlichsten Wohngemächer und bringen Mir ein großes Lob dar.
RB|2|303|16|0|Das aber ist denn nun auch die in aller umständlichsten Hülle und Fülle gezeigte Führung eines großen Geistes in der Geisterwelt.
RB|2|303|17|0|Wohl dem, der sie mit redlichem Herzen betrachtet und sein Leben danach einrichtet! Er wird dereinst auch diesen Weg zu machen haben, so er redlichen Herzens ist. Hat er ihn aber hier getreu mitgemacht, so wird er dereinst nur einen sehr kurzen Weg zu wandeln haben.
RB|2|303|18|0|Jeder aber lese das mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf, so wird er dadurch zu einem großen Segen gelangen in seinem Leben, und der Tod wird weichen aus seinen Lenden. Wer es aber lesen wird mit purem Verstand, der wird darinnen seinen Tod finden, aus dem er schwerlich je wieder erwachen wird.
RB|2|303|19|0|Damit ist denn aber auch diese elfte Szene aus dem Geisterreich als vollkommen beendet anzusehen. Wohl denen, die sich daran nicht stoßen werden! Amen, Amen, Amen!
RB|2|303|20|1|Dir, o Herr und Vater, allen ewigen Dank für diese übergroße Enthüllung, deren wir arme sündigste Menschen nicht im Geringsten wert sind. O Herr, segne aber alle, die sie mit gläubigem und freudigem Herzen aufnehmen werden! J. Lorber.
HS|0|1|1|1|Allgemeines über die Heilkraft der Sonne
HS|0|1|1|0|Bei dieser Sache ist durchgehends nicht gar zu sehr auf das Maß und Gewicht, sondern einzig und allein auf den rechten Glauben und auf das rechte Vertrauen auf Mich Bedacht zu nehmen; denn ihr wisst, dass Ich gar wohl imstande bin, jemanden mit wenigen Tropfen Wassers zu ersäufen und einen anderen, der ins Weltmeer gefallen ist, am Leben zu erhalten.
HS|0|1|2|0|Die materiellen Mittel haben an und für sich hier [bei der Sonnenheilmethode] ohnehin keine Wirkung, außer bloß die, unter den angegebenen Verhältnissen die Sonnenstrahlen an sich zu ziehen und sie zu behalten. Haben diese materiellen Mittel diesem Zweck gedient und entsprochen und werden in Krankheitsfällen, mit der angegebenen Diät, mit rechtem Glauben im angegebenen Maß gebraucht, so werden sie ihre Wirkung nicht verfehlen.
HS|0|1|3|0|Vor allem gehört – besonders von Seiten des Helfers – ein uneigennütziger, guter Wille und fester Glaube dazu, um mit solcher Meiner ihm geoffenbarten Gnade einem Leidenden in der Kraft Meines Namens zu helfen; denn von dem Leidenden lässt sich nicht immer ein voller Glaube erwarten. Ist aber auch der Leidende völlig gläubig, so wird das Heilmittel desto sicherer und frühzeitiger die Wirkung bewähren.
HS|0|1|4|0|In den ältesten Zeiten, in denen schon Menschen diese Erde bewohnt haben, benützten eben diese Menschen, so sie irgendein Unbehagen in ihrem Leib verspürten, die Sonne, d. h. ihr Licht und ihre Wärme, als das einzige Heilmittel zur Wiederherstellung ihrer Gesundheit.
HS|0|1|5|0|Sie legten ihre Kranken in die Sonne und entblößten diejenigen Teile des Leibes gänzlich, in denen der Kranke eine Schwäche, eine Unbehaglichkeit oder einen Schmerz verspürte, – und es wurde in Kürze besser mit dem Kranken.
HS|0|1|6|0|Fehlte es dem Kranken im Magen, so musste er – nebst dem, dass er eine Zeitlang seine Magengegend dem Sonnenlicht ausgesetzt hatte – darauf aus einer reinen Quelle, die der Sonne ausgesetzt war, Wasser trinken, und es wurde alsbald besser mit ihm.
HS|0|1|7|0|Überhaupt tranken die ersten Bewohner dieser Erde nicht leichtlich ein Wasser, das nicht zuvor auf eine kurze Zeit, so es tunlich war, dem Sonnenlicht ausgesetzt war.
HS|0|1|8|0|Tiefe und gedeckte Brunnen waren ihnen fremd, und aus einer Quelle, wohin das Licht der Sonne nicht dringen konnte, trank niemand ein Wasser; denn sie wussten – und sahen es wohl auch –, dass sich in solchem Wasser so lange grobe und mitunter sogar böse Geister aufhalten, bis selbe durch die Kraft des himmlischen Sonnenlichtes ausgetrieben wurden.
HS|0|1|9|0|Seht! In dem bisher Angeführten liegt eine tiefe Wahrheit; denn das Licht der Sonne führt, wie ihr es euch leicht denken könnt, reinere Geister mit sich. Diese Geister haben die größte Verwandtschaft mit den substantiellen Teilen der Seele des Menschen. Wenn durch die Einwirkung solch reiner Geister der Seele eine sicher kräftige Stärkung zugeführt wird, so wird dann die also gestärkte Seele mit irgendeiner in ihrem Leib entstandenen Schwäche sehr leicht und bald fertig, weil die Gesundheit des Leibes gleichfort einzig und allein von einer hinreichend kräftigen Seele abhängt.
HS|0|1|10|0|Denn wo immer ursprünglich irgendeine Schwäche in der Seele, d. h. in ihren substantiellen Teilen, auftritt und die Seele selbst auf einem geordneten Weg sich in den geschwächten Teilen keine Stärkung verschaffen kann, da wendet sie sich dann an ihren eigenen Nervengeist und zieht aus ihm das ihr Mangelnde an sich. Dafür entsteht dann, wie in entladenen elektrischen Flaschen, in den Nerven ein offenbarer Mangel an jenem Lebensfluidum, durch das allein sie in der rechten Spannung erhalten werden.
HS|0|1|11|0|Die Nerven, dadurch gewisserart hungrig, saugen dann eine noch zu wenig reine Kost aus dem Blut, und wenn solches vor sich geht, so entsteht dann ganz natürlich ein unnatürlicher Lebensprozess in der Natur des Fleisches, aus dem alle möglichen Krankheiten je nach der Art und Weise entstehen können, wie sie nach dem tieferen Seelenkalkül einem oder dem anderen Teil, der in der Seele schwach geworden ist, entsprechen.
HS|0|1|12|0|Da aber in den reineren Sonnengeistern alle jene partikularen Seelensubstanzen, aus denen die Seele selbst besteht, sich vorfinden, so ist es für die Seele ein leichtes, aus ihnen das zur Stärkung zu nehmen, was ihr abging, um dadurch auch wieder die frühere Ordnung in ihrem Nervengeist – und durch diesen in den Nerven – und in dem Blut die rechte, natürliche Lebensspannung zu bewerkstelligen.
HS|0|1|13|0|Aus eben diesem Grund ist auch in sehr vielfacher Hinsicht ein rechtes homöopathisches Verfahren jedem allopathischen bei weitem vorzuziehen. Denn durch die Homöopathie wird sogleich Geistiges, das der Seele verwandt ist, der Seele zugeführt, und die Seele selbst, wenn sie irgendetwas in ihr Abgängiges, oder wenigstens Geschwächtes, von außen her in sich aufgenommen hat, wird dann Arzt ihres Leibes.
HS|0|1|14|0|Bei allopathischem Verfahren aber wird der Leib gezwungen, zuvor ein Arzt seiner Seele zu werden. Und so diese allenfalls durch großen Jammer des Leibes gesund geworden ist, so kann sie sich dann erst rückwirkend über die Herstellung ihres Leibes machen, was doch sicher der ungeeignetste Weg zur Wiedererreichung der vollen Leibesgesundheit ist, was jeder aus der langen, siechenhaften Rekonvaleszenz des Leibes mit unbewaffnetem Auge leicht ersehen kann.
HS|0|1|15|0|Wie gesagt, ist sonach die Homöopathie eine rechte Heilmethode; aber wohlgemerkt, es gibt eine zweifache Homöopathie, nämlich:
HS|0|1|16|0|Erstens eine spezielle [die von Hahnemann begründete], welche in ihren Erfolgen notwendig unsicherer ist, weil auch ein noch so geschickter Arzt nicht stets sicher erkennen kann, wo und welche Teile in der Seele geschwächt sind. Er kann daher denn auch das rechte Seelenspezifikum nicht in Anwendung bringen. Ein im Geist wiedergeborener Arzt kann das freilich wohl; aber für einen noch nicht völlig oder zumeist gar nicht wiedergeborenen Arzt ist so etwas bei all seiner Verstandesgeschicklichkeit schwer oder gar nicht möglich.
HS|0|1|17|0|Aus diesem Grund ist dann vorzugsweise der zweiten Art Homöopathie, die Ich, bloß zum Unterschied von der ersten, „die allgemeine“ benenne, eine volle Beachtung zu widmen, weil durch sie kein Arzt – bei nur einiger Geschicklichkeit – fehlen kann.
HS|0|1|18|0|Und eben diese Art Homöopathie ist dasjenige, was Ich euch von der Heilkraft der Sonnenstrahlen am 16. Juli 1851 vorangekündigt habe.
HS|0|1|19|0|Es fragt sich nun von eurer Seite ganz natürlich: „Wie ist solches anzustellen?“
HS|0|1|20|0|Eine Art habe Ich euch schon gleich anfangs gezeigt. Diese Art ist oder wäre vielmehr genügend, wenn die Menschen dieser Zeit jene Lebensweise beachten würden, die von den früheren Menschen getreu beachtet wurde.
HS|0|1|21|0|Für die gegenwärtige Lebensweise, wo der Seele durch allerlei verkünstelte Speisen eher Teile entzogen als gegeben werden und die ihr gegebenen durchweg schlecht sind, wäre die Art des Gebrauches des Sonnenlichts, wie sich die Alten desselben bedienten, zu schwach.
HS|0|1|22|0|Aus diesem Grund will Ich euch mehrere Arten kundgeben, wie auch die dazu erforderliche Diät. Wenn diese mit dem Gebrauch der angezeigten Sonnenlichtarznei genau beachtet wird – aber wohlgemerkt: sehr genau! –, so könnt ihr damit jede Krankheit, welcher Art und welchen Namens sie auch sei, sicher heilen.
HS|0|1|23|0|Selbst äußere Beschädigungen des Leibes können so bei rechter Handhabung dieses Medikamentes am ehesten geheilt werden.
HS|0|1|24|0|Das andere folgt nächstens.
HS|0|1|25|0|Wir wollen nun diese sonderheitlichen Arten und Weisen dartun, wie nämlich der Sonnenlicht-Gesundheitsstoff leichtmöglicherweise mit irgendeinem subtilen materiellen Stoff gebunden werden kann, und wie er dann zu gebrauchen ist in vorkommenden Krankheitsfällen.
HS|0|1|26|0|Dass sich der Sonnenlichtstoff mit verschiedenartigen Materien in Verbindung setzt, lässt sich für jedermann mit Händen greifen, so er nur einen Blick über einen Wiesenteppich wirft.
HS|0|1|27|0|Das nächste beste Pflänzchen gepflückt, gerochen und verkostet, – und sowohl Geruch als Geschmack werden sagen: „Wir entstammen dem Licht und der Wärme der Sonne!“
HS|0|1|28|0|Eine Glasscheibe, längere Zeit hindurch dem Licht der Sonne ausgesetzt, wird allerlei Farben auf ihrer Außenfläche zu zeigen anfangen. Warum nicht auch auf der inneren Fläche? – Weil die innere Fläche nicht dem ersten Anfall der Sonnenstrahlen ausgesetzt ist!
HS|0|1|29|0|Setzt einen Blumenstock in einen finsteren Keller! So er auch blühen wird, da wird aber an der Blüte entweder gar keine oder nur eine höchst matte Farbe zu entdecken sein.
HS|0|1|30|0|Aus dem geht aber hervor, dass die Farben der Blüten wie der Früchte auch ein Werk der tätigen Lichtgeister des Sonnenstrahles sind.
HS|0|1|31|0|In jenen Ländern, die von euch „die heißen“ genannt werden, ist das Farbenspiel sowohl bei den Pflanzen als sogar auch bei den Tieren noch viel lebhafter und üppiger, als solches der Fall ist in der gemäßigten oder gar in einer kalten Zone, in der alles beinahe mehr in ein gemeinschaftliches Grau übergeht, von irgendeinem stärkeren Wohlgeruch wenig mehr die Rede ist und der Geschmack zumeist ein herber und bitterer ist, der da gleichkommt der gerichteten Herbe und Bitterkeit der in der Erde gebannten Geister.
HS|0|1|32|0|Es könnte hier jemand sagen: „Ja, wenn sonach alle die verschiedenen Pflanzengattungen, wie auch Mineralien – besonders in den heißen Zonen –, so viel des Lichtstoffes aus der Sonne in sich besitzen, da bedarf es dann ja keiner weiteren künstlichen Vorkehrungen, um durch sie der Sonne das künstlich abzuringen, was man auf einem ganz natürlichen Weg ohne viel Mühe erhalten kann!“
HS|0|1|33|0|Dieser Einwurf ist richtig, und es hat sich bisher beinahe alle Heilkunde darauf gegründet.
HS|0|1|34|0|Denn wer irgend bekannte heilsame Kräuter gebraucht, wird auch davon sicher allzeit eine Wirkung verspüren; aber kein Kraut ist so beschaffen, dass es den Gesundheitslichtstoff aus den Strahlen der Sonne als allgemein aufzunehmen imstande wäre. Jede Pflanze nimmt nur das ihr Entsprechende auf und kann nichts Weiteres aufnehmen, indem ihr Bau so beschaffen ist, dass sie nur das ihr Zusagende und Entsprechende aus der Sonne Licht in sich aufnehmen kann.
HS|0|1|35|0|Wenn ein Arzt bei einer kranken Seele genau erforschen könnte, welche Lebensspezifika in ihr schwach oder gar mangelnd geworden sind, und würde daneben auch das Kräutlein kennen, das eben dieselben Lebensspezifika in sich enthält, so würde er dadurch einer kranken Seele, oder – was dasselbe ist – einem kranken Menschen, die volle Gesundheit sicher wiedergeben können.
HS|0|1|36|0|Aber da solch eine tiefere Kenntnis des Menschen und seiner Seele einem gewöhnlichen Arzt zumeist so unbekannt ist wie ein noch unentdeckter Weltteil, so ist und bleibt sein ärztliches Heilfach stets nur mehr ein Raten denn ein Wissen.
HS|0|1|37|0|Was die Menschen durch Erfahrungen und selten glückliche Proben sich aus der Heilkraft der Pflanzen, Mineralien und Tiere zu eigen gemacht haben, mit dem heilen sie auch gewöhnlich ihre Kranken, und man könnte bei den meisten Ärzten das nordländische Sprichwort in Anwendung bringen, durch das ein solcher Arzt mit einem Knittel verglichen wird: „Trifft der Knittel glücklicherweise die Krankheit, so wird es mit dem Kranken besser; trifft der Knittel aber den kranken Menschen statt die Krankheit, so ist der Mensch des Todes!“
HS|0|1|38|0|Hier aber handelt es sich also nicht um die Anwendung alter Erfahrungen oder neuer Versuche zur Heilung der Menschen, sondern gewisserart um ein Arkanum [Geheimmittel], das die kranke Menschheit, solange es die Maschine des Leibes gestattet, also wieder neu zu beleben imstande ist, gleichwie das stets stärker und stärker werdende Licht im Frühjahr Pflanzen und Tiere neu belebt, – wenn überhaupt deren Organismus für eine solche Neubelebung aufnahmefähig ist. Denn – wohlgemerkt! – für ein von manchen Wunderärzten geträumtes ewiges Leben des Leibes auf der Erde, im Verband mit seiner Seele, gibt es kein Arkanum. Aber insoweit es aus Meiner Ordnung dem Menschen gegeben ist, sein leibliches Leben zu fristen, kann er bei rechter Diät und richtigem Gebrauch des Arkanums ein möglichst hohes und gesundes Alter erreichen.
HS|0|1|39|0|Da wir nun dieses notwendig vorangeschickt haben, wodurch jedermann begreifen kann, wie die verschiedenartigsten Lebensspezifika aus den Sonnenstrahlen sich mit der Natur verbinden, so können wir nun zu einer Art eines solchen Sonnenstrahlenauffangapparates übergehen.
HS|0|2|1|1|Erste Art eines Apparates, die Sonnenstrahlen aufzufangen
HS|0|2|1|0|Nehmt eine aus dunkelviolettem Glas angefertigte Tasse im Raumdurchmesser von 3-4 Zoll, deren Rand etwa 1 Zoll hoch sein kann, aber sehr eben abgeschliffen sein muss. Zu dieser Tasse lasst aber auch einen Deckel so machen, dass derselbe hermetisch (luftdicht schließend) die Tasse decken kann.
HS|0|2|2|0|Wenn ihr ein solches Gefäß euch angeschafft habt, welches am tauglichsten ist, so nehmt dann die euch bekannten Milchzuckerkügelchen und streut sie auf den Boden der Tasse so auf, dass nicht etwa 2 oder 3 Kügelchen einander decken. Stellt dann die Tasse mit den Kügelchen längere Zeit hindurch den Sonnenstrahlen aus, so werden diese Kügelchen den Sonnenstrahl und dessen sämtliche Lebensspezifikalgeister in sich aufnehmen. Und so dann bei irgendeinem Krankheitsfall dem Kranken, nach vorhergehender rechter Diät, 1, 2 höchstens 3 solcher Kügelchen – am besten vor dem Sonnenaufgang – eingegeben werden, so wird es vom 3. bis längstens 7. Tag völlig besser mit ihm werden; denn die Seele wird sich davon das Mangelnde nehmen, dadurch gestärkt das Unbrauchbare von sich schaffen und sodann mit Leichtigkeit in ihrem Leib die rechte Lebensspannung bewerkstelligen.
HS|0|2|3|0|Im Sommer, wenn die Sonne am heftigsten wirkt, genügt es, wenn die vorbenannten Milchzuckerkügelchen eine Mondumlaufszeit hindurch der Sonne ausgesetzt werden. Sie dürfen aber nicht so lange des Tages hindurch der Sonne ausgesetzt bleiben, als wie lange die Sonne am Firmament sichtbar ist, sondern nur so lange, als die Sonne noch gegen 45 Grad hoch steht. Unter 45 Grad wird wegen der Schiefe des Einfalls der Strahlen ihr Licht und ihre Wirkung zu schwach und übt auf die Kügelchen wenig oder gar keine Wirkung mehr aus. Daher müssen sie dann mit dem oben beschriebenen Deckel sorgfältig zugedeckt und an einem kühlen, trockenen Ort bis zum nächsten Tag aufbewahrt werden.
HS|0|2|4|0|Zu einer weiteren Aufbewahrung dieser nun mit dem Sonnenlicht geschwängerten Kügelchen müsst ihr euch aus dunkelviolettem Glas angefertigte Fläschchen verschaffen, die mit einem reinen Stöpsel desselben Glases von der Luft wohl abzusperren sind; darauf erst können sie mit einer Blase gut abgebunden werden. Die Aufbewahrung muss eine kühle und trockene sein.
HS|0|2|5|0|Im Frühjahr oder Herbst müsste die Aussetzung der Kügelchen an die Sonnenstrahlen wohl drei Monate dauern. Die weitere Manipulation bleibt dieselbe. Im Winter ist eine Präparation durchaus unmöglich, weil da die Sonnenstrahlen zu schief und somit zu wirkungslos einfallen.
HS|0|2|6|0|Die Diät ist völlig dieselbe, wie sie bei der Homöopathie sorgfältig gehandhabt wird, nur mit dem kleinen Unterschied, dass mit der Diät um 3-7 Tage früher angefangen werden muss, als dies bei dem gewöhnlichen homöopathischen Verfahren der Fall ist. In der vorangehenden Diätzeit kann der Patient zu öfteren Malen des Tages gesonntes Wasser trinken.
HS|0|2|7|0|Als Trinkgefäß wäre ebenfalls ein etwas weniger dunkles violettes Glas oder wenigstens ein mit solcher Farbe glasiertes Porzellantöpfchen jedem anderen Gefäß vorzuziehen.
HS|0|2|8|0|Um das Wasser recht wirksam zu machen, könntet ihr auch ein gutes, 1 ½ Schuh im Durchmesser habendes Brennglas von höchstens 3 Fuß Brennweite zu Hilfe nehmen und durch dasselbe den potenzierten Sonnenstrahl, wie er sich im Brennpunkt kundgibt, also auf das Wasser leiten, dass der Brennpunkt, je nach der Höhe des Gefäßes, 1, 2 bis 3 Zoll unter den Wasserspiegel, also mehr in die Mitte der Wassermasse fällt. – Jedoch über eine halbe Minute darf der Brennpunkt nicht im Wasser verweilen, weil dadurch die gewissen erfrischenden Lebensgeister des Wassers von den Lichtgeistern aus der Sonne zu sehr gefangen würden und ein solches Wasser dann bei schwächeren Naturen eine zu heftige Wirkung hervorbrächte, die der nachfolgenden Hauptkur eher hinderlich als förderlich wäre.
HS|0|2|9|0|Auch ein ganz echter, unverfälschter Wein, wenn er nicht in eichenen Gebinden aufbewahrt ist, sondern entweder, wie bei den Alten, in Schläuchen oder in gläsernen Flaschen oder wohl auch in Fässern aus süßem Holz wäre, in gleicher Weise behandelt wie das Wasser, bei nervenschwachen Menschen dem Wasser vorzuziehen.
HS|0|2|10|0|Nach dem Gebrauch solchen Medikamentes muss dieselbe Diät nach Beschaffenheit der Jahreszeit drei Mondläufe hindurch beachtet werden. Dabei soll sich der Patient häufig in die frische Luft begeben, wenn die Sonne scheint, so wird es mit ihm vollkommen besser werden.
HS|0|2|11|0|Den Eheleuten ist noch zu bemerken, dass sie sich während der Kurzeit des Beischlafes zu enthalten haben; denn der Same beiderlei Geschlechtes ist ein Hauptlebensspezifikum und darf der Seele bei der Herstellung ihres Leibes nicht entzogen werden.
HS|0|2|12|0|Wenn ein sogestaltig gesund gewordener Mensch fürderhin mäßig und ordentlich lebt, wird er nicht leichtlich wieder krank werden und kann ein sehr hohes Alter erreichen.
HS|0|2|13|0|Dies ist eine Art, wie man sich auf etwas künstlichem Weg das Sonnenlicht für die Gesundheit der Menschen dienstbar machen kann. Über eine weitere – und über noch mehrere Arten – will Ich euch nächstens mehreres zu eurer Kenntnis bringen.
HS|0|3|1|1|Zweite Art eines Apparates, die Sonnenstrahlen aufzufangen
HS|0|3|1|0|Wo die erste euch bekanntgegebene Art irgend Schwierigkeiten hätte – was sehr leicht sein kann –, durch die ihr nicht imstande wärt, euch all das dazu Erforderliche herbeischaffen zu können, so mögt ihr auch noch auf eine andere, aber dennoch der ersten ähnliche Art und Weise die Sonnenstrahlen durch ein taugliches Mittel auffangen und in vorkommenden Krankheitsfällen einem Leidenden damit zu Hilfe kommen. Diese Art besteht darin:
HS|0|3|2|0|An Stelle der violetten Glastasse könnt ihr auch eine aus gutem Ton gebrannte, entweder ganz schwarz oder aber besser dunkelblau glasierte Tasse oder Schale nehmen, und in diese Tasse – an Stelle der Milchzuckerkügelchen – einen anderen reinen, erbsengroß zerbröckelten Zucker so tun, dass nicht ein Bröckchen das andere bedeckt. Stellt dann solchen Zucker eine gleiche Tageszeit, wie bei der früheren Art, auf wenigstens zwei Monate lang – wie oben – der Sonne aus und verwahrt ihn die Nacht hindurch wie auch nachher, ebenso sorgfältig wie bei der früheren Art, in einem dunklen, vor der Einwirkung der Luft wohlverwahrten Gefäß.
HS|0|3|3|0|Der Gebrauch ist derselbe wie bei der ersten Art, nur mit dem Unterschied, dass hier die Dosis etwas stärker sein muss als bei der ersten Art, weil sich in diesen Zuckerbröckchen in dem tönernen Gefäß die Sonnenstrahlen nicht so sehr konzentrieren wie bei der früheren Art.
HS|0|3|4|0|Bei Krankheiten, die schnelle Hilfe und Linderung brauchen, kann nach dieser zweiten, wie auch nach der ersten Art das Heilmittel sogleich dem Kranken eingegeben werden. Wo es aber möglich ist, dass die vorhin angezeigte Vordiät mit dem Genuss des bekanntgegebenen Sonnenwassers zum Voraus beachtet werden kann, so ist die darauf folgende Heilung desto sicherer und schneller, weil dadurch der Seele eine bedeutende Arbeit erspart wird.
HS|0|3|5|0|Diesen von den Sonnenstrahlen geschwängerten Bröckelzucker könnt ihr sehr wirksam auch also anwenden:
HS|0|3|6|0|Wenn der Kranke den Tag hindurch zuvor einige Trinkgläser voll gesonnten Wassers getrunken hat, so soll er sich darauf in ein gutes Bett legen, in welchem er nach ein paar Stunden sicher in einen Schweiß kommen wird.
HS|0|3|7|0|Wenn der Kranke so in einem Schweiß ist, so nehmt 1-3 Bröckchen des gesonnten Zuckers, taucht selbe ein wenig in einen der Schweißtropfen und gebt es so dem Leidenden ein. Darauf wird er sich etwas eingenommen fühlen, im Kopf und im Magen einen leichten Druck verspüren; auch wird es ihn am ganzen Leib krankhaft frösteln. Auf dieses Frösteln wird sich dann eine leichte Diarrhöe einstellen, mit welcher der Patient auch völlig geheilt ist.
HS|0|3|8|0|Diese nun beschriebene Wirkungsäußerung kann bei manchem 3, bei manchem sogar bis 7 Tage andauern, je nachdem der Kranke eine leichtere oder schwerere Natur besitzt.
HS|0|3|9|0|Nach der Herstellung aber soll der Geheilte dennoch die Diät ein paar Wochen hindurch fortdauernd beachten und zuweilen ein Glas voll Sonnenwasser trinken, und er wird von was immer für einen Übel aus der Wurzel geheilt und hergestellt sein.
HS|0|3|10|0|Hierzu ist aber noch zu bemerken, dass bei jenen Krankheiten, die gewöhnlich von Anschoppungen (Blutüberfüllungen) herrühren, eine vorangehende Diät unbedingt notwendig ist, und zwar so streng, wie sie in der besten Homöopathie vorgeschrieben ist.
HS|0|4|1|1|Diät
HS|0|4|1|0|Im Allgemeinen: Regelmäßigkeit in allem, wie z. B. im Essen, Trinken, Schlafen, Baden, Waschen, Ausgehen. Im Besonderen: Enthaltsamkeit von allen sauren und gewürzten Speisen und Getränken und besonders Enthaltsamkeit von Bier und Kaffee.
HS|0|4|2|0|Kaffee ist bei weitem das Schlechteste, was der Mensch sich aus der Pflanzenwelt zu seinem Genuss erwählt hat. Diese Frucht ist bloß für Pferde, Esel und Kamele, Dromedare und dergleichen Tiere auf der Erde geschaffen und belebt dieselben und macht ihre Nerven stark. Bei den Menschen aber, die sie genießen, wirkt diese Feigbohne ganz entgegengesetzt. Bei ihnen verdirbt sie das Blut ungemein, erhitzt die Genitalien, und wenn darauf nicht die alsbaldige Befriedigung erfolgen kann, so entsteht daraus eine völlige Abstumpfung in den reizbaren Teilen des Leibes. Da dieses der Seele viel Mühe macht, solche, nur für das grobe Vieh bestimmten seelischen Potenzen aus dem Leib zu schaffen, so wird sie müde, träge, nachlässig, oft düster, mürrisch und traurig. Ich sage euch: Eine Tasse voll mit Zucker versüßter Mistjauche getrunken, wäre dem menschlichen Leib bei weitem gesünder als die braune Brandsuppe dieses groben Tierfutters.
HS|0|4|3|0|Ich habe euch die Schädlichkeit des Kaffees bloß deswegen gezeigt, weil Ich es nur zu gut sehe und weiß, wie sehr die Menschheit – besonders die weibliche – an diesem Eselsfutter hängt, wo doch ihrer Natur nicht leichtlich etwas schädlicher ist als eben der Genuss dieses Getränks! Und es macht auch nicht leichtlich irgendetwas den Leib – besonders den weiblichen – für eine heilsame Medizin unempfänglicher als eben dieser Kaffee. Daher soll er auch, besonders in irgendeinem krankhaften Zustand und während jeder Kur, namentlich bei dieser sonnen-homöopathischen Behandlung, allersorgfältigst vermieden werden, weil sonst die Medizin nicht im Geringsten wirken kann.
HS|0|4|4|0|So jemand Gift genommen hätte, wäre aber zuvor schon ein starker Kaffeetrinker und würde nach dem Gift auch eine tüchtige Portion Kaffee zu sich nehmen, so würde dadurch sogar die Wirkung des Giftes getötet!
HS|0|4|5|0|So aber der Kaffee solch grelle Wirkung zeitigt und sogar das Gift zu töten vermag, um wie viel eher wird er die zarte und sanfte seelenspezifische Wirkung der euch nun gezeigten neuen, sonnenstrahlen-homöopathischen Medikamente vernichten! Daher muss man sich sorgfältig vor solcher Speise hüten, die, gewisserart ärger noch als das bekannte Opium (Kampfer, Chinin usw.), die Einwirkung edler und reiner Medikamente hemmt.
HS|0|4|6|0|Frische Mehlspeisen, entweder in einer aus reinem und gesundem Fleisch gewonnenen Brühe oder auch in frischer, guter, nicht zu fetter Milch gekocht, sind – mäßig genossen – allen anderen Speisen vorzuziehen. Es können aber auch – mit Ausnahme der Bohnen und Linsen – andere Lebensmittel wohl genossen werden,
HS|0|4|7|0|z. B. Grütze aus Mais (Polenta) in Wasser oder Milch, aber flüssig als Suppen oder Brei, gut gekochter Reis als weicher Brei, auch Hirsengrütze in obiger Brühe oder Milch zubereitet.
HS|0|4|8|0|Gut gekochtes und gesundes Fleisch schadet auch nicht, nur soll es mit gekochtem Obst, Äpfeln oder Birnen, auch Zwetschgen, genossen werden, und zwar mäßig; denn das Fleisch enthält gleichfort Seelenspezifika gröberer und untergeordneter Art. Wenn es aber mit Obst genossen wird, so werden diese Spezifika gemildert, und es wird solche Speise den Kranken gut zustattenkommen.
HS|0|4|9|0|Die sogenannten „Grünspeisen“ aber sind – wenigstens die Zeit der medizinischen Behandlung hindurch – zu vermeiden; denn die seelischen Nährspezifika der genießbaren Kräuter und Wurzeln (auch die der Kartoffeln) sind noch viel unlauterer als die im Fleisch der Tiere und sind daher hintanzuhalten.
HS|0|4|10|0|Diese zweite euch hier gezeigte Art (d. i. die Verwendung groben gesonnten Zuckers) wirkt bei rechtem Gebrauch, vollem Glauben und Vertrauen auf Meine tätige Mithilfe ebenso gut wie die erste und ist leichter zu bewerkstelligen. Nur braucht sie etwas mehr Zeit; aber das tut ja doch nicht gar so viel zur Sache.
HS|0|4|11|0|Wer sich die erste Art bereiten kann, ist freilich wohl sicherer daran; ist dies aber nicht leicht auszuführen, so kann Ich – bei rechtem Glauben und Vertrauen – die zweite Art ebenso gut segnen wie die erste.
HS|0|4|12|0|Ohne Meine Mithilfe oder Meinen Segen wirkt aber ohnehin keine Medizin, außer zum Nachteil und Verderben des Leibes, und nachweilig auch oft der Seele!
HS|0|4|13|0|Nächstens von einer dritten Art.
HS|0|5|1|1|Dritte Art eines Apparates, die Sonnenstrahlen aufzufangen
HS|0|5|1|0|Zu diesem Zweck sucht ein von allen mineralischen Teilen, besonders von Arsenik befreites Salz zu bekommen. Am besten wäre vollkommen reines Schwefelsalz oder auch an dessen Stelle ein reines Meersalz, das vorher jedoch so weit durchgeröstet werden müsste, bis es keinen sichtbaren Dampf mehr von sich gibt; nachher müsste es jedoch fein zu Pulver zerstoßen werden.
HS|0|5|2|0|Dieses Salz müsste dann auch, so wie nach den zwei bekannten Arten der Zucker, 2-3 Monate lang den Sonnenstrahlen ausgesetzt werden, und zwar ebenfalls in einer Art der früher beschriebenen dunklen Gefäße, von denen die von dunkelviolettblauer Farbe die besten sind.
HS|0|5|3|0|Wenn das Salz aber an der Sonne ist, so muss das dabei beachtet werden, dass es des Tages hindurch etliche Male mit einem eigens dazu angefertigten gläsernen Stiel durcheinander gerührt wird. Dieses Durcheinanderrühren muss deshalb geschehen, weil das feingepulverte Salz in jenem Gefäß, in welchem es der Sonne ausgesetzt wird, doch ungefähr zwei Linien (4 mm) hoch liegen könnte. Damit dann auch die unteren Salzteilchen den Sonnenstrahlen ausgesetzt werden, so müsste durch das Umrühren das beachtet werden, dass sich dabei nicht zu viele Furchen oder Häufchen bilden; und werden solche dennoch gebildet, was oft unvermeidlich ist, so müssen dieselben ausgeglichen werden, auf dass der Sonnenstrahl überall gleich einwirken kann.
HS|0|5|4|0|Nachdem solche Salzgattungen die vorbeschriebene Zeit hindurch mit den Sonnenstrahlen hinlänglich geschwängert worden sind, so sind sie, wie der Zucker in der ersten und zweiten Art, in dunklen und trockenen Gefäßen vor der Einwirkung der atmosphärischen Luft gut zu verwahren und müssen nebst dem an den trockensten Orten des Zimmers in trockenen Kästchen aufbewahrt werden.
HS|0|5|5|0|Wenn man sie bei einer Krankheit gebrauchen will, so soll dazu ein eigenes Löffelchen, entweder aus purem Gold oder aus reinstem Silber, zu dem Behuf angefertigt werden, um damit vom Salz herauszunehmen, so viel man braucht. Das Löffelchen darf nur so viel Schöpfraum haben, als ein kleines Linsenkorn einnehmen würde; und diese Portion ist dann für Erwachsene auch schon hinreichend. Kindern unter 14 Jahren gibt man nur die Hälfte, und Kindern unter 6 Jahren nur ein Viertel; denn die Wirkung dieses Salzes, besonders des reinen Schwefelsalzes, ist überaus stark und wirkt besonders auf das Knochensystem wie auf die Zähne und Haare des Menschen, daher es auch bei Beinbrüchen vorzugsweise zu gebrauchen ist. Denn so jemand ein Bein gebrochen hat und dieses Bein dann auf die gewöhnliche Art wohl eingerichtet und abgebunden wird, so wird es in wenigen Tagen nach dem Einnehmen des Salzes wieder völlig geheilt sein.
HS|0|5|6|0|Ist der Beinbruch sehr bedeutend und durch denselben auch das am Bein klebende Fleisch und Muskelwerk verletzt, so kann man auch äußerlich entweder mit Umschlägen von gesonntem Wasser oder mit der bekannten grünlichen Arnikasalbe dem verletzten Fleisch zu Hilfe kommen; aber man menge allzeit sowohl ins Wasser als auch in die Salbe eine bis zwei Dosen des bekanntgegebenen Salzes.
HS|0|5|7|0|Nur dürfen von diesem Salz – selbst beim stärksten Menschen – innerlich höchstens 1 ½ Portionen gebraucht werden, und es darf nur ein einziges Mal eingenommen werden, weil es bei öfterem Einnehmen statt der Heilung in kurzer Zeit den Tod herbeiführen würde; denn da es hauptsächlich auf den Knochenorganismus wirkt, so würde es das Knochenwachstum so außerordentlich fördern, dass in kurzer Zeit ein oder der andere Mensch in all seinen Teilen beinahe ganz verknöchert würde.
HS|0|5|8|0|Durch einen rechten Gebrauch aber gibt es dann dem ganzen Leib eine rechte Spannung und bewirkt mit der Zeit einen vollkommenen Leibeswechsel, so dass nach einem Jahr von dem Leib, den die Seele vor einem Jahre mühsam herumschleppte, nicht ein Gran mehr vorhanden ist. – Sogar die Zähne, die mancher Mensch verloren hat, werden wieder ersetzt; aber die älteren Zähne werden dabei leichtlich um eine Linie länger, aus welchem Grund man auch die Portion nicht übertreiben darf, weil jemand dadurch an seinem Gebiss zu Unbequemlichkeiten gelangen würde.
HS|0|5|9|0|Das hier Angezeigte ist die besondere Wirkung dieses Salzes. Es heilt – richtig gebraucht, so wie die früheren Mittel – auch jedes leibliche Übel; aber es muss dabei, wie gezeigt, große Vorsicht gehandhabt werden. Denn bei den früheren Arten kann dadurch kein namhafter Schaden angerichtet werden, so man dem Kranken auch nach Beschaffenheit seiner Natur und Krankheit auf einmal eine etwas größere Dosis eingäbe oder dieselbe im Notfall nach etlichen Tagen wiederholte; aber bei diesem Salz darf nie eine Wiederholung – außer erst nach 10 Jahren – stattfinden, und die Portion darf das vorgeschriebene Maß nie übersteigen.
HS|0|5|10|0|Die Diät ist aber dabei ebenso sorgfältig zu beachten wie bei den früheren Arten. Nur muss der Kranke sich von sauren Getränken und Speisen wenigstens um 14 Tage länger enthalten als bei den früheren Arten; denn dieses Salz enthält überaus intensive Seelenspezifika, die auch in jeder anderen Säure mehr oder weniger zu Hause sind, und es würde selbes daher in der ersten Zeit aus den in den Magen und Leib gekommenen anderartigen Säuren die ihm ähnlichen Seelenspezifika im Leib anziehen und sie dadurch übers Maß vermehren, was am Ende dieselbe Wirkung hätte, als so man gleich anfangs eine doppelte oder dreifache Portion eingenommen hätte.
HS|0|5|11|0|Im Übrigen hat aber dieses Salz auch noch die Wirkung, dass, so es ein schon nahe dem Tod Verfallener auf die Zunge bringt und sein Organismus noch nicht zu gewaltig zerstört ist, er wieder entweder völlig gesund werden, jedenfalls aber das Leben dadurch noch einige Zeit fristen kann.
HS|0|5|12|0|Auf die Frage, welche Gattung Schwefelsalz anzuwenden sei, diene dies zur Antwort: Ich weiß es noch bei weitem besser als alle Chemiker und Apotheker, dass aus dem Schwefel mannigfache Präparate gemacht werden und noch viel mehr, als bisher bekannt sind, gemacht werden können und schweflige Salze heißen, indem der Schwefel – zum Teil ein Mineral, zum Teil ein Fett, dem inneren Eingeweide der Erde entspringend – ebenso viele Salzarten in sich hat, als er verschiedenartige eigentliche mineralische Teile in sich enthält.
HS|0|5|13|0|Dieses alles jedoch nenne Ich nicht das allgemeine Schwefelsalz, sondern was von Mir aus als „Salz“ bezeichnet ist, das ist die Säure im Schwefel. Die Säure aber, wie ihr sie kennt, ist eben auch von zweifacher Art, nämlich die bekannte rauchende braune und dann die geläuterte wasserreine.
HS|0|5|14|0|Diese letztere soll so behandelt werden, dass sie sich kristallisiert, und diese Kristalle sind dann von aller noch vorhandenen Feuchtigkeit auf einem geeigneten Weg zu befreien.
HS|0|5|15|0|Nachdem sie also so viel als möglich trocken sind, werden sie in einem reinen Gefäß aus Porzellan mit einem Pistill [Stampfer] zu Pulver zerrieben. Während des Reibens aber tue man auf einen Kaffeelöffel solchen Salzes ein Viertel möglichst von Arsenik freie Schwefelblüte und verreibe sie wohl mit dem anderen Pulver, – und dann ist dieses Gemisch das Schwefelsalz, das in vorliegender Mitteilung über die Salze für den bekannten Zweck als Schwefelsalz zu gebrauchen ist.
HS|0|5|16|0|Auf diese Weise kann ein Apotheker oder Chemiker – so er sich die Mühe geben will –das bedungene Schwefelsalz bereiten; aber es wird jedem damit etwas schwer werden, weil eben diese aus der reinen Schwefelsäure gewonnenen Kristalle etwas schwer zu trocknen sind. Das Trocknen bewirkt am besten die Zeit, indem man die Schwefelsäure so lange kristallisieren lässt, bis sich die Kristalle zu einer sichtlichen Gediegenheit ausgebildet haben.
HS|0|5|17|0|Eine etwas leichtere, aber eben auch nicht so kurzweilige Methode, sich aus solcher Säure Kristalle zu bereiten, wäre allenfalls auch diese: Man nehme eine Glastasse mit ebenem Boden (von dunklem Glas ist sie besser als von lichtem). Diese Tasse stelle man an die Sonne oder im Winter – was freilich nicht so gut ist – auf ziemlich heißen Sand und gebe auf einmal so viel dieser Säure hinein, dass dieselbe so hoch den Boden bedeckt, als wie hoch da ein einziger Tropfen über den Boden zu ragen pflegt, also höchstens ¼ Linie (1/2 mm) hoch.
HS|0|5|18|0|Diese Säure lasse man dann den Sonnenstrahlen ausgesetzt, so wird das Sonnenlicht die wässrige Feuchtigkeit aus der Säure heben, und der Boden des Glases wird dann ersichtlich mit einer sehr dünnen Kruste überzogen sein. Diese Kruste ist dann schon eben die kristallisierte reine Schwefelsäure. Über diese Kruste gibt man wieder mehr Säure und lässt sie auf vorbenannte Weise verdampfen.
HS|0|5|19|0|Macht jemand dieses Präparat im Winter, so muss er dazu nicht etwa ein Wohnzimmer oder eine gewöhnliche Speiseküche wählen, sondern muss zu diesem Behuf schon ein eigenes kleines Laboratorium haben, weil die von der Säure sich trennenden wässrigen Dämpfe auf jede menschliche Brust einen schädlichen Einfluss haben würden.
HS|0|5|20|0|Im Übrigen verfahre man so wie bei dem Abdampfen durch die Sonne, welche – wie schon gesagt – die bei weitem vorzüglichere ist, weil diese Kristalle auf solche Weise schon von den Sonnenstrahlen im Voraus gesättigt und hernach bei der zweiten Sättigung desto kräftiger werden.
HS|0|5|21|0|Es gibt aber noch mehrere Arten, solche konzentrierte reine Schwefelsäure zum Kristallisieren zu bringen. Wenn man diese Säure in reine, aus gutem Ton gebrannte und nicht glasierte Geschirre gibt, sie aber wohl verstopft, so werden sich bald an der äußeren Wand des tönernen Gefäßes Kristalle zu bilden anfangen. Solche Kristalle sind dann auch ebenso gut zu gebrauchen wie andere, die man noch auf andere Weise gewinnt.
HS|0|5|22|0|Mit der Gewinnung der Kristalle aber dürfte es leichter gehen als mit der Gewinnung einer vollkommen von Arsenik freien Schwefelblüte.
HS|0|5|23|0|Zur Bereitung der Kristalle aber ist die ganz reine, weiße, konzentrierte englische Schwefelsäure vorzuziehen; denn in England wird sie am reinsten bereitet.
HS|0|5|24|0|Es wäre aber das erforderliche Schwefelsalz als sehr brauchbar noch auf eine andere Weise zu gewinnen; da aber zu dessen Gewinnung zu viele, ziemlich kostspielige Apparate und eine kürzeste Zeit von 1-2 Jahren erforderlich sind, so unterlasse Ich, euch die derartige Gewinnung des sehr brauchbaren Schwefelsalzes näher zu beschreiben, werde aber später dafür eine spezielle Beschreibung geben, nebst der nötigen Zeichnung der Apparate.
HS|0|5|25|0|Damit ist euch nun die dritte Art vollends bekanntgegeben und deren Gebrauch gezeigt.
HS|0|5|26|0|Aber wohlgemerkt, das gewöhnliche Kochsalz wie auch das Laugensalz – entweder vom Salz oder von verschiedenen Pflanzen – ist für diese Präparierung durchaus nicht geeignet, weil das erstere, nämlich das Kochsalz, zu viel grobe mineralische Teile in sich enthält und sogar nicht arsenikfrei ist, – die Laugensalze aber zu auflösend und mitunter zerstörend wirken. Also nur die bekanntgegebenen Salze sind für diese Präparierung geeignet.
HS|0|5|27|0|Und somit ist für heute über diesen Punkt zu eurer verlangten Wissenschaft genügende Erklärung gegeben worden.
HS|0|5|28|0|Bevor wir aber noch zu einer vierten Art übergehen, will Ich euch noch etwas weniges von der dritten Art hinzufügen, und zwar namentlich von den Bereitungsgefäßen, die im Notfall auch für die erste und zweite Art zu gebrauchen sind. Und was Ich euch darüber zu sagen habe, besteht darin:
HS|0|5|29|0|So ihr irgendeines der beschriebenen Gefäße schwer oder gar nicht bekommen könnt, so könntet ihr auch an dessen Stelle, aber dennoch wenn möglich von gleicher Farbe, eines von sogenannter Papiermache, gleich wie die sogenannten Tabaksdosen, anfertigen lassen.
HS|0|5|30|0|Sollte der Lackierer die dunkelviolette Farbe auch da nicht zuwege zu bringen imstande sein, so tut es sich auch mit der schwarzen Farbe.
HS|0|5|31|0|Nur hat die schwarze Farbe das in sich, dass sie im Einsaugen zu wenig wählerisch ist, sondern alles per Bausch und Bogen annimmt, was ihr zukommt. Daher rate Ich euch, bei den schwarzen Gefäßen die Sonnenstrahlen nicht unmittelbar auf die unterhalb liegenden Einsaugungsmedikamente fallen zu lassen, sondern durch ein etwas bläuliches, aber sonst ganz reines Glas, welches auf das Gefäß sehr gut zu passen hat.
HS|0|5|32|0|Bei den Zuckerpräparaten würdet ihr am besten tun, so ihr das oben erwähnte Glas mittels eines aufgelösten Gummis am Rand des Gefäßes leicht aufklebt; so braucht ihr dann über Nacht oder an Tagen, wo die Sonne nicht scheint, das also zubereitete Gefäß mit seinem Medikamenteninhalt nur mit einem gleich(farbig)en Lappen Tuches zu bedecken und an einen trockenen Ort zu stellen. Bei den Salzen müsste aber ein eigener Deckel angefertigt werden, der auf das Gefäß genau passt. An der Stelle der oberen Decke des Deckels aber müsste dann eine oben beschriebene Glasscheibe, hermetisch schließend, eingekittet sein; denn bei den Salzen muss, wie ihr wisst, öfteres Rühren stattfinden. Wenn das Gefäß mit solch einem Deckel versehen ist, der leicht wegzunehmen ist, so kann solches Rühren leicht bewerkstelligt werden, nur müsste das Gefäß zur Präparierung der Salze noch einmal so gut und stark lackiert sein als für die Präparierung der Zuckermedikamente.
HS|0|5|33|0|Da wir nun dieses vorausgeschickt haben, so können wir sogleich zur vierten Art übergehen.
HS|0|6|1|1|Eine vierte Art der Verwendung des Sonnenlichtes zu Heilzwecken
HS|0|6|1|0|Nehmt einen aus Serpentinstein angefertigten Tiegel, der ungefähr 2 Seidel guten Maßes hält. Nehmt zum Tiegel auch einen vom gleichen Serpentinstein angefertigten Rühr- oder Reibpiston [Stampfer] und seht dann, ob ihr von einem Fleischer etwa 1 oder 1 ½ Seidel Lämmerblut, oder, im Fall das nicht zu haben wäre, ganz gesundes Kalbsblut bekommen könnt. Tut dieses Blut in den vorbeschriebenen Tiegel, und so ein Tiegel zu klein wäre, so nehmt zwei und gebt in einen jeden die Hälfte des Blutes, das ist entweder ein halbes oder dreiviertel Seidel. Setzt dann dieses Blut, so wie die früheren Medikamente, der Sonne aus und rührt es so lange gleichfort um, als die Sonne darauf scheint. Die Nacht über müsst ihr es aber vor der Einwirkung der Luft wohl verwahren und es an einen kühlen Ort stellen.
HS|0|6|2|0|Dieses Rührverfahren und Ausstellen des Blutes an die Sonne geschieht so lange, bis das Blut völlig eingetrocknet ist. Wenn es völlig eingetrocknet ist, so pulverisiert es im gleichen Gefäß und mit demselben Piston durch Reiben, Quetschen und Stoßen.
HS|0|6|3|0|Habt ihr auf diese Weise ein rotbräunliches Pulver erhalten, so verwahrt es in einem dunklen, reinen Glasgefäß.
HS|0|6|4|0|Dieses Medikament ist eben wieder so zu gebrauchen wie die ersten zwei Arten und wirkt ebenfalls universell. Hauptsächlich aber wird es den Lungenkranken gut zustattenkommen, wie auch jenen, die an häufigen Blutungen irgendeiner Art leiden.
HS|0|6|5|0|Wenn das Blut nach einigen Ausstellungen auch durch irgendeinen, dem Blut eigentümlichen Übelgeruch eure Geruchsorgane reizen würde, so macht euch nichts daraus; denn solcher Geruch ist nicht schädlich und geht endlich, wenn das Blut schon trocken ist, in einen förmlichen Wohlgeruch über.
HS|0|6|6|0|Aber Blut von einem anderen Tier, wie auch das Blut des Rindes und des Schafes, dürft ihr nicht nehmen; denn wenn solche Tiere sich einmal vom Gras zu nähren beginnen, so werden ihre Seelenspezifika im Blut auch gröber und unlauterer, und diese würden dann aus den Sonnenstrahlen nur das ihnen Gleichartige einsaugen.
HS|0|6|7|0|Daher ist das Blut von den genannten zwei Tiergattungen (Lamm und Kalb) für den vorbeschriebenen Zweck nur so lange zu gebrauchen – vorausgesetzt, dass die Tiere ganz gesund sind –, als eben diese Tiere noch von der Milch der Mutter leben.
HS|0|6|8|0|Dieses Medikament, wenn es gut verwahrt ist, behält die gleichen Wirkungen ein ganzes Jahr hindurch; nach einem Jahr aber wird es schwächer. Man kann es zwar dadurch stärken, dass man es wieder einige Zeit den Sonnenstrahlen aussetzt, aber besser bleibt immer ein neues.
HS|0|6|9|0|Das ist demnach die vierte Art. Nächstens von einer anderen.
HS|0|7|1|1|Eine fünfte Art der Verwendung des Sonnenlichtes zu Heilzwecken
HS|0|7|1|0|Als Medizin zum Einnehmen genügen die vier Arten vollkommen; aber dessen ungeachtet kann der Sonnenstrahl für mannigfache leibliche Leiden noch mehrartig nutzbringend in Anwendung gebracht werden.
HS|0|7|2|0|So z. B. jemand eine äußerliche krebsartige Wunde hätte, so nehmt ein mäßiges, sogenanntes Brennglas und überfahrt solche Wunden des Tages zu öfteren Malen mit dem Brennpunkt, und zwar so, dass mit solchem Brennpunkt die ganze Wunde überfahren wird, wobei aber zu bemerken ist, dass man mit dem Brennpunkt über einer Stelle der Wunde nicht zu lange verweilen darf.
HS|0|7|3|0|Nach solchem Überfahren mit dem Brennpunkt tauchet einen leinenen Lappen in gesonntes Wasser und legt solchen über die Wunde, was öfters in einer Stunde zu wechseln ist, so wird der also Leidende – bei übrigens rechter Diät – in Kürze von seinem Übel geheilt werden.
HS|0|7|4|0|So ihr aber statt des Lappens gute, reife Blätter der Tabakspflanze haben könntet, so wären diese dem Lappen noch vorzuziehen; aber sie müssten auch zuvor, auf einer Glastafel liegend, von der Sonne etwas gebäht [geröstet] werden.
HS|0|7|5|0|Ebenso heilsam an Stelle des Sonnenwassers wäre eine sogenannte „Sonnentinktur“, welche aber wie folgt zu bereiten ist:
HS|0|7|6|0|Ihr kennt das Alpenkraut, genannt „Arnika“. Von dieser Blume nehmt bloß die Blütenblätter und die Staubfäden, und gebt dann zwei Handvoll in ein halbes Liter guten Spiritus [Weingeist]. Dieser Spiritus ist in einer lichten Flasche wohlverstopft vierzehn Tage bis drei Wochen lang den Sonnenstrahlen auszusetzen und während dieser Zeit zu öfteren Malen aufzurütteln. Nach solcher Zeit wäre dann dieser Spiritus, schon „Sonnentinktur“, in eine dunkle Flasche abzuseihen und also wohl zu verwahren.
HS|0|7|7|0|Von dieser Tinktur wäre dann beim Gebrauch auf ein Quintel [wohl 1/5 Liter gemeint] gesonnten Wassers 1 Tropfen zu nehmen, nur bei stärkeren Wunden 3-5 Tropfen. Damit ist dann ein oben erwähnter leinener Lappen, der zuvor an der Sonne zu erwärmen ist, zu benetzen und auf die Wunde zu legen. Dadurch, sowie durch die früheren zwei Mittel, ist die Wunde in ehester Zeit zu heilen.
HS|0|7|8|0|Auch venerische Beulen, Flechten und Kopfgrinde können damit leicht geheilt werden, wenn die innere Diät danach beschaffen ist.
HS|0|7|9|0|Noch ein anderes Mittel gegen derlei bösartige Außenwunden ist folgendes:
HS|0|7|10|0|Nehmt guten Hanfsamen, trocknet ihn 14 Tage hindurch an der Sonne und verwahrt ihn sodann an trockenem Ort in verschlossenen Gefäßen. Wenn irgendein Bedarfsfall vorkommt, so gebt solchen Hanf in eine Ölpresse, nachdem ihr ihn etwas zerquetscht habt. Da werdet ihr ein recht feines Öl daraus bekommen.
HS|0|7|11|0|Mit diesem Öl bestreicht dann zu öfteren Malen solche Wunden, und sie werden, bei rechter Diät, in kurzer Zeit heilen, ohne schädlichen Einfluss auf den Körper.
HS|0|7|12|0|Von diesen also zubereiteten Hanfsamenkörnern lässt sich auch eine Art Milch, auf die Weise wie die Mandelmilch, bereiten, die denen sehr gut zustattenkommen wird, die z. B. Tuberkeln in den Lungen, Verhärtungen in der Leber und Milz, wie auch in den Nieren, haben; diese werden beim Genuss solcher Milch eine günstige Wirkung verspüren.
HS|0|7|13|0|Nur da, wo die inneren Teile mehr einem Austrocknen sich nähern, wäre eine Milch aus Leinsamen, welcher gleichfalls an der Sonne vorher getrocknet werden müsste, der Hanfsamenmilch vorzuziehen.
HS|0|7|14|0|Ferner ist noch ein Mittel zur Stillung der Schmerzen in den Gliedern ganz einfach so zu benützen:
HS|0|7|15|0|Man nehme womöglich ein ganz frisch gepresstes Baumöl [Olivenöl], ungefähr ein Pfund, gebe es in eine wohl zu verstopfende Halbflasche und tue eine gute Handvoll Mohnblütenblätter hinein. Die Blätter des wilden Mohns oder des kleinen Feldmohns wären denen des großen (gefüllten) Gartenmohns vorzuziehen.
HS|0|7|16|0|Wenn solche Mohnblütenblätter sich im Öl befinden, so verstopfe man die Flasche wohl und stelle sie ebenfalls 2-3 Wochen lang der Sonne aus und rüttle dieselbe auch öfters mit ihrem Inhalt.
HS|0|7|17|0|Nach dieser Zeit gieße man dieses Öl in eine (am besten dunkle) Flasche und verstopfe sie wohl.
HS|0|7|18|0|So nun jemand von den vorher erwähnten Schmerzen befallen wird, so benetze er einen frischen, gesonnten Lappen mit diesem Öl und lege ihn auf das schmerzende Glied, so wird es in Kürze besser. Auch bei Brust- und Seitenstechen, wenn solche rheumatischer oder gichtischer Art sind, kann solches Öl vorteilhaft angewandt werden.
HS|0|7|19|0|Nächstens noch von einigen Arkanen oder Hauptlebensmitteln.
HS|0|8|1|1|Eine sechste Art der Verwendung des Sonnenlichtes zu Heilzwecken
HS|0|8|1|0|Somit wollen wir auf die Bereitung eines anderen, ebenso kräftig wirkenden Heilmittels übergehen.
HS|0|8|2|0|Nehmt fettfreie Milch von einer Ziege, gebt sie in eine ähnliche Glastasse, wie Ich sie euch früher zur Gewinnung der Schwefelkristalle beschrieben habe. Ist eine solche Tasse schwieriger zu bekommen, so tut es sich auch mit einer quadratschuhgroßen dunkelfarbigen Glastafel.
HS|0|8|3|0|Betropft diese Tafel mit vorerwähnter Milch, und setzt sie der Sonne aus. In kurzer Zeit werden die Tropfen eingetrocknet sein.
HS|0|8|4|0|Sind die ersten Tropfen trocken, so beträufelt die Tafel abermals mit derselben Milch, und das so lange fort, bis sich über der Glastafel oder über dem Boden der Tasse eine ziemlich dicke Kruste gebildet hat.
HS|0|8|5|0|Schabt dann die Kruste behutsam von der Tafel, pulverisiert sie noch mehr durch Reiben und hebt dieses Pulver in einem Glasgefäß, vor der Einwirkung der Luft verwahrt, an einem trockenen Ort auf.
HS|0|8|6|0|Zu gleicher Zeit aber gebt in ein Glasgefäß, das aber von gleichem Glas einen kuppelartigen, wohlschließenden Deckel haben muss, bis zur Hälfte desselben geschabten, reinen Kampfer und stellt es, also verschlossen, ebenfalls an die Sonne. Dadurch wird sich der eigentliche Kampfer im Glas von Tag zu Tag vermindern, aber in der obenauf befindlichen Glaskuppel wird sich ein weißlicher Reim [Niederschlag] bilden.
HS|0|8|7|0|Wenn durch den Reim die Glaskuppel schon ziemlich undurchsichtig wird, so nehmt sie herab, gebt das vorbenannte Milchpulver hinein und rührt dieses so lange in dieser Kuppel herum, bis das Milchpulver diesen Reim vom Glas weg in sich aufgenommen hat.
HS|0|8|8|0|Dieses Pulver verwahrt wohl in dazu geeigneten Flaschen. Es ist ein Hauptlebensmittel gegen alle inneren wie auch äußeren Übel, die von übermäßigen Anschoppungen [Blutüberfüllungen] herrühren und in allen Teilen des Leibes Geschwülste, Entzündungen und Beulen verursachen.
HS|0|8|9|0|Dieses Mittel ist auch vorzugsweise für Pestkranke zu verwenden; auch bei Cholera wird es vorzügliche Dienste leisten.
HS|0|8|10|0|Lungensüchtige werden ebenfalls leicht kuriert.
HS|0|8|11|0|Also werden auch bösartige Hautausschläge, wie die Rose und der bekannte Scharlach, am ehesten geheilt.
HS|0|8|12|0|Der Gebrauch dieses Mittels ist ein doppelter: man nimmt davon 1-3 Gran ein, oder wenn an den Extremitäten – als Händen und Füßen – Geschwülste vorkommen, so reibe man mit diesem Pulver ein reines, gesonntes Leinentuch ein und lege es trocken auf die Geschwulst, und es wird sich in Kürze die ganze Geschwulst zerteilen. Dazu ist aber auch angezeigt, je nach Beschaffenheit der Natur, 1-3 Gran einzunehmen.
HS|0|8|13|0|Dieses Pulver hat auch noch die Eigenschaft, einen Sterbenden auf längere Zeit zu beleben und manchmal, so es nicht wider Meine Ordnung ist, auch vollkommen gesund zu machen, in was immer für einer Krankheit es auch jemand bis zum Sterben gebracht hätte durch Benützung grober, allopathischer Heilmittel. – Nächstens noch ein anderes Arkanum.
HS|0|9|1|1|Einige weitere Sonnenheilmittel
HS|0|9|1|0|Zu dem bisher Gesagten will Ich euch noch einige Medikamente, durch die Sonnenstrahlen präpariert, hinzugeben, die jedoch mehr äußerlich als innerlich zu gebrauchen sind, und die ihr sonnenstrahlensympathetische Heilmittel nennen könnt.
HS|0|9|2|0|Nehmt das Zweigholz samt der Rinde eines Zwetschgenbaumes und verbrennt es zu Asche.
HS|0|9|3|0|Am besten wäre es freilich, wenn ihr ein so starkes Brennglas oder einen Hohlspiegel hättet, um in seinem Brennpunkt das Zwetschgenholz, das natürlich vorher zu kleinen Spänchen gemacht werden müsste, zu Asche zu verbrennen.
HS|0|9|4|0|Diese Asche müsste dann noch fünf bis acht Tage den Sonnenstrahlen ausgesetzt werden, natürlich besser in einem dunklen Gefäß als in einem lichten.
HS|0|9|5|0|Nachdem diese Asche so durch die Sonnenstrahlen präpariert ist, muss sie, so wie die anderen Medikamente, in einem trockenen Fläschchen vor der Einwirkung der äußeren Luft besonders wohl verwahrt werden.
HS|0|9|6|0|Wenn jemand angefressene Zähne hat, so nehme er ungefähr 5-8 Gran davon auf ein halbweiches Zahnbürstchen, das zuvor in einen gesonnten Zwetschgengeist zu tauchen ist.
HS|0|9|7|0|Mit dem also mit der Asche versehenen Bürstchen reibe man sich den angefressenen Zahn 3 Tage hindurch, und zwar des Morgens und des Abends, recht wohl aus, und der Beinfraß wird dadurch eingestellt und am Ende eine vollkommene Herstellung des Zahnes bewerkstelligt werden.
HS|0|9|8|0|Man kann sich eine ähnliche Asche auch aus der Salbeistaude bereiten, die dann auf die gleiche Weise zu behandeln ist; nur ist da das Bürstchen nicht in Zwetschgengeist zu tauchen, sondern in einen mit ätherischem Salbeiöl geschwängerten, ungefähr 40gradigen Weingeist.
HS|0|9|9|0|Den Weingeist aber schwängert man mit dem ätherischen Salbeiöl dergestalt, dass man auf 1/8 Seidel 10 Tropfen Salbeiöl gibt, dann das Fläschchen verstopft, es gut durcheinander schüttelt und es 5-8 Tage hindurch den Sonnenstrahlen aussetzt, darauf das Fläschchen entweder mit einer dunklen Farbe oder Papier umgibt und es also zum Gebrauch an einem trockenen Ort aufbewahrt.
HS|0|10|1|1|Ein Sonnenheilmittel gegen die Brechruhr und Cholera
HS|0|10|1|0|Sammelt frische Wacholderbeeren zur Zeit, so sie anfangen blau zu werden, und reinigt die Beeren von den Nadeln.
HS|0|10|2|0|Wenn die Beeren so gesammelt sind, so nehmt ein blaues Tuch aus Leinenfäden, breitet dieses auf irgendeinen trockenen Ort, dahin die Sonne scheint, aus; über einen alten hölzernen Tisch wäre es am besten. Auf dieses Tuch gebt die gesammelten Beeren und breitet sie so aus, dass nicht eine Beere die andere deckt.
HS|0|10|3|0|Wenn die Sonne in der Zeit schon etwas schwächer wird, so kann man die Einwirkung der Sonnenstrahlen dadurch erhöhen, dass man neben dem Tisch, auf dem die Beeren ausgebreitet sind, der Sonne gerade gegenüber eine etwa ein paar Ellen hohe weiße Wand bildet, was mittels eines aufgehängten Leintuches sehr leicht zu bewerkstelligen ist.
HS|0|10|4|0|Am Abend fasst man das blaue Tuch an den vier Enden und gibt die Beeren in eine so große gläserne Flasche, dass darin Tuch und Beeren Platz haben. Die Flasche deckt man über die Nacht so gut als möglich zu.
HS|0|10|5|0|Man setzt die Beeren so lange der Sonne aus, bis sie eine pfefferartige, runzlige Haut bekommen; sodann kann man die Beeren in dieselbe Flasche, aber ohne Tuch, zur ferneren Aufbewahrung geben, muss sie aber mit einer Blase gut abbinden und an einen trockenen Ort stellen. So präparierte Beeren lassen sich viele Jahre hindurch gleich kräftig erhalten.
HS|0|10|6|0|Wenn an einem Ort vorerwähntes Übel grassiert, so verzehre man morgens 3-7 solcher Beeren, nehme auch einen Teil, pulverisiere ihn und räuchere damit die Zimmer und das Gewand, das man zum Ausgehen anzieht, ein. So kann das Übel an einem Ort noch so grassieren, so wird dennoch derjenige, der besagtes Mittel im Glauben und Vertrauen auf Mich nach Vorschrift anwendet und dabei Diät lebt, sich der Venus [Geschlechtsverkehr] und sonstiger Schwelgereien enthält, vollkommen bewahrt bleiben.
HS|0|10|7|0|Solche Beeren, in einem Seidel voll reinem Quellwasser bei mäßigem Feuer aufgekocht und nachher getrunken, d. h. bloß das Wasser, befreien den, der die Cholera bekommt, in kurzer Zeit von diesem Übel.
HS|0|10|8|0|Mit etwas Wein und Wasser gekocht heilt dieser Wacholderbeertee auch die Pest, vorausgesetzt, dass dieses Übel nicht schon das höchste Stadium erreicht hat. Solcher Tee von den Beeren, getrunken, heilt auch die leidige Wassersucht besser als jedes andere Mittel; aber bei der Wassersucht nimmt man besser Wasser allein als Wein dazu.
HS|0|10|9|0|Gegen die Cholera kann Ich euch noch ein Mittel sagen.
HS|0|10|10|0|Sammelt die kleine Feldkamille, nehmt aber davon nur die weiße Blüte und den gelben Blütenstaub, gebt diese gesammelten Blüten in eine weiße sogenannte Zucker- oder Einsiedflasche – versteht sich aus gutem weißen Glas; das Glas darf nämlich nicht grün sein –, verstopft diese Flasche recht wohl und setzt sie so lange der Sonne aus, bis ihr Inhalt beinahe ganz trocken ist; dann stellt ihn in derselben Flasche an einen ganz trockenen Ort.
HS|0|10|11|0|So jemand von der Cholera befallen würde, so nehme man einen guten Esslöffel voll dieser Blüten, gebe sie in eine Tasse und gieße ½ Seidel reines, siedendes Wasser darauf, decke die Tasse 1-2 Minuten wohl zu, seihe den Tee ab, gebe ihn also dem Kranken zu trinken und decke diesen in einem Bett wohl zu, so wird es auch in kurzer Zeit völlig besser mit ihm werden.
HS|0|10|12|0|Wer es gerade haben kann, gebe in den Tee 1-2 Gran Bibergeilpulver (Castoreum sibiricum); das wird die Wirkung des Tees erhöhen. Aber die sogenannte Bibergeiltinktur ist nicht anzuraten, außer diese wäre in viermal abgezogenem Wacholderbeergeist ausgezogen, in welchen man auf ein halbes Seidel ein halbes Lot Bibergeilpulver zu geben hätte.
HS|0|10|13|0|Darauf müsste die Flasche wohl verstopft und so lange der Sonne ausgesetzt werden, bis solcher Spiritus eine gehörig dunkelrötlich-bräunliche Farbe bekäme. Von solcher Tinktur wären dann auf eine 3/4 Seidel große Tasse 7-10 Tropfen zu geben, wodurch dann das Übel auch in wenigen Minuten geheilt sein würde.
HS|0|10|14|0|Da habt ihr nun die besten Mittel gegen die Cholera.
HS|0|10|15|0|Nächstens aber werde Ich euch noch mehrere Mittel gegen die Schwarze Pest und das sogenannte Gelbe Fieber geben.
HS|0|11|1|1|Ein Sonnenheilmittel gegen die Pest und das Gelbe Fieber
HS|0|11|1|0|Ihr kennt schon seit euren Kinderjahren eine Wurzel, und diese ist keine andere als der echte asiatische Rhabarber.
HS|0|11|2|0|Im echten Rhabarber liegt eine übergroße Heilkraft, selbst wenn man ihn in rohem Zustand entweder als Pulver oder in Stücken (aber dann freilich im Mund etwas zerkaut) einnimmt. Noch mehr aber bewährt sich seine Heilkraft, so die Wurzel auf nachstehende Weise präpariert wird:
HS|0|11|3|0|Man nehme einige Lot von dieser Wurzel und pulverisiere sie, aber nicht allzu fein, setze dieses Pulver auf die schon bekannte Weise in einem dazu geeigneten Gefäß den Sonnenstrahlen aus und überdecke es zur Nachtzeit mit einem reinen, schwarzen Lammfell, das man tagsüber, und zwar die raue Wollseite, gleichfalls den Sonnenstrahlen aussetzen kann.
HS|0|11|4|0|Die Wolle soll jedoch nicht knapp auf das Pulver zu liegen kommen. Am besten ist es, so man aus dem Lammfell ein geradeso großes Quadratstück herausschneidet, als wie groß das Gefäß (etwa eine Tasse) ist und dann dasselbe auf ein gleichgroßes Quadratbrettchen auf der glatten Seite des Felles anklebt. So das Fell eine etwas zu lange Wolle hätte, so stutzt man dieselbe mit einer Schere und reinigt das Fell dann mit einer reinen Bürste.
HS|0|11|5|0|Wenn die Sonne stark ist, so genügen 8-10 Tage des Aussetzens; ist sie aber schwächer, so müsste die Zeit des Aussetzens verdoppelt werden.
HS|0|11|6|0|An den Tagen, an denen ein Nordwind weht, kann das Pulver auch in die freie Luft gesetzt werden, wenn auch die Sonne zufolge starker Nebelzüge gerade nicht immer auf das Pulver scheinen könnte. In diesem Fall ist die Nordluft so viel wert wie der Sonnenstrahl.
HS|0|11|7|0|Wenn das Pulver präpariert ist, ist es auf gleiche Weise aufzubewahren wie die früheren Medikamente. Gut tut man, wenn man das Aufbewahrungsgefäß in dasselbe Lammfell einwickelt, mit dem man vorher das Pulver zur Nachtzeit zugedeckt hat.
HS|0|11|8|0|Auf diese Weise hat man nun ein Hauptmedikament, das beinahe in allen Krankheiten, morgens und abends 7-10 Gran eingenommen, sichere Heilung bewirkt, – wenn die Krankheit nicht schon das letzte Stadium erreicht hat.
HS|0|11|9|0|Wenn irgendwo die Schwarze Pest herrscht oder das Gelbe Fieber grassiert, wird dieses Pulver – zeitig genug, aber allezeit ½ Lot groß eingenommen – schnelle und vollkommene Heilung bewirken; aber zu spät eingenommen, was bei diesen Krankheiten sehr leicht der Fall sein kann, weil sie gewöhnlich einen schnellen Verlauf haben, würde natürlich mit diesem Heilmittel wenig ausgerichtet sein.
HS|0|11|10|0|Für diesen Fall will Ich euch eine andere Wurzel anzeigen, die in Asien auf den höheren Gebirgen gefunden wird. Diese Wurzel wächst wohl auch in der Tiefe, hat aber dann ein etwas gelbes Aussehen und ist nicht so kräftig wie die weiße. Ihr Name ist Jaisung und wird manchmal auch Jensing, oder Ginseng, auch Gensung genannt.
HS|0|11|11|0|Diese Wurzel wird ebenso präpariert wie der Rhabarber, nur muss sie in fünffach geringerer Dosis eingenommen werden als der Rhabarber.
HS|0|11|12|0|In verhältnismäßig stärkerer Dosis heilt sie, wie gar kein anderes Mittel, die Schwarze Pest und das Gelbe Fieber, oft auch im dritten Stadium noch. Besonders bei der Schwarzen Pest ist noch das zu bemerken, dass die Zimmer von solchen Patienten des Tages öfters mit geschabtem Bockshorn und Wacholderbeeren zu durchräuchern sind. Wenn das Übel grassiert, ist es auch von guter Wirkung, einen oder zwei Ziegenböcke in das Zimmer des Kranken zu stellen.
HS|0|11|13|0|Wenn man das alles so beachtet, darf diese Schwarze Pest noch so sehr in einem Ort grassieren, so wird sie dadurch von solch einem Haus abgehalten. Und werden die Räucherungen allgemein gebraucht, so wird sie auch binnen längstens drei Tagen verschwinden.
HS|0|11|14|0|Im Fall von besonderer Intensität dieses Übels kann zu dem Räucherwerk auch ein wenig von dem Rhabarberpulver genommen werden.
HS|0|11|15|0|Hier habt ihr also die versprochenen Mittel gegen die zwei tödlichsten Übel auf der Erde.
HS|0|11|16|0|Hauptsächlich wäre der Gebrauch des Rhabarberpulvers sowie des Jensings zur Wiederbelebung sehr geschwächter, oft ganz eingetrockneter Nerven vorzugsweise anzuempfehlen, sowie auch gegen alle Übel, die einer gewissen Seuche entspringen.
HS|0|11|17|0|Hier in Graz werdet ihr den Jensing schwerlich ganz echt bekommen; aber in Triest, Paris, London, auch in Hamburg, ist er ganz echt zu haben, – jedoch nur um einen kaum erschwinglich hohen Preis.
HS|0|11|18|0|Die fünfmal schwächere amerikanische Jensingwurzel tut, in reichlicher Dosis genommen, denselben Dienst. Sie kommt in Amerika, südlich und nördlich, vor. Die südliche ist besser als die nördliche.
HS|0|12|1|1|Ein Mittel für den Haarwuchs
HS|0|12|1|1|Dieses Kapitel ist in der Erstausgabe nicht vorhanden. Es findet sich erst in späteren Ausgaben.
HS|0|12|1|1|Aus Aufzeichnungen Anselm Hüttenbrenners. Nachträgliche Anmerkung Anselm Hüttenbrenners: „Aus Jakob Lorber selbst.“
HS|0|12|1|0|Am 21. September 1840 wandte sich Jakob Lorber an den Herrn wegen eines Mittels für den Haarwuchs, und zwar auf Ersuchen des And. H.
HS|0|12|2|0|Rezept / Feinstes, geruchloses Öl von Sonnenblumen: 1 Pfund / Flüssiges Gänsefett: 4 Lot / Kammfett: 4 Lot / Flüssigen Storax: 1 Lot / Eieröl: ½ Lot / Neroliöl: ½ Lot / ganz echtes Thymianöl: 1 Lot / ganz echten Peruanischen Balsam: 1 Quentchen / echtes Rosenöl: ¼ Quentchen / so auch dazu vom Kakaobutter: 1 Lot.
HS|0|12|3|0|Diese 10 Spezies müssen in einer Flasche wohl durcheinandergemischt werden und morgens und abends unausgesetzt gebraucht werden. Dann und wann soll der Kopf auch wieder mit lauem Wasser gewaschen werden, dann – gut abgetrocknet – wieder mit dieser Ölsalbe eingerieben werden; so werden die Haare schon wieder kommen, wenn noch dazu eine gewisse Abstinenz in rebus carnis [in Sachen des Fleisches] beobachtet würde längere Zeit von wenigstens 3 Monaten; – und aber auch vorzüglich: Spero in te, Domine, in omnibus rebus, quoniam tu solus sanctus, amore plenus, peramabilis, peradjuvabilis et omnipotens es, – – – Fiat Dixit Dominus. [Ich hoffe auf Dich, Herr, in allen Dingen, denn Du bist heilig, voller Liebe, höchst liebenswert, hilfreich und allmächtig. – Es werde, sprach der Herr.]
DTT|0|1|1|1|Der Brauch der Kinderprüfungen
DTT|0|1|1|0|Es war Sitte und vorgeschriebener Gebrauch im ganzen Reich der Juden, dass sie ihre Kinder, wann sie einmal das zwölfte Jahr zurückgelegt hatten, nach Jerusalem bringen mussten, allwo sie im Tempel von den Ältesten, Pharisäern und Schriftgelehrten ausgefragt wurden über alles, was sie bis zu diesem Alter besonders in der Lehre von Gott und den Propheten [sich zu] eigen gemacht hatten.
DTT|0|1|2|0|Für solche Prüfung war natürlich auch eine kleine Taxe zu entrichten, nach der die Geprüften auch, so sie es wünschten, gegen eine abermalige kleine Taxe ein Fähigkeitszeugnis erhielten. Hatten sich die Kinder in jeder Hinsicht ausgezeichnet, so konnten sie dann auch in die Schulen des Tempels aufgenommen werden und hatten Aussicht, einst Diener des Tempels zu werden.
DTT|0|1|3|0|Konnten die Eltern nachweisen, dass sie dem Stamm Levi entstammten, so ging es mit der Aufnahme in des Tempels Schulen leicht. Konnten die Eltern aber das nicht nachweisen, so ging es damit schlechter, und sie mussten sich in den Stamm Levi förmlich einkaufen und dem Tempel irgendein bedeutendes Opfer bringen.
DTT|0|1|4|0|Die Töchter waren von dieser Prüfung ausgenommen – außer sie wollten auf Antrieb ihrer Eltern sich auch prüfen lassen, der größeren Gottwohlgefälligkeit wegen, so wurden sie von den Altmüttern des Tempels in einer besonderen Behausung fein geprüft und bekamen auch ein Zeugnis von allen sich bis dahin erworbenen Kenntnissen und Fertigkeiten. Solche Mädchen konnten dann Weiber der Priester und Leviten werden.
DTT|0|1|5|0|Die Prüfungen mit den Knaben und noch mehr mit den Mädchen dauerten nur kurz. Es waren einige Hauptfragen schon für immer bestimmt, die schon ein jeder Jude seit lange her auswendig wusste.
DTT|0|1|6|0|Die Antworten auf die genannten Fragen wurden den Kindern ganz geläufig eingebläut, und es hatte der Prüfer die Frage kaum zu Ende gebracht, so war der geprüfte Knabe auch schon mit der Antwort fertig.
DTT|0|1|7|0|Mehr als zehn Fragen hatte kein Prüfling bekommen, und es ist darum leicht begreiflich, dass eine Prüfung mit einem Knaben kaum über eine Minute Zeit gedauert [hat], besonders so er die ersten Fragen ganz gut und sehr fertig beantwortet hatte, da wurden ihm dann die anderen meistens erlassen.
DTT|0|1|8|0|Nach vollbrachter kurzer Prüfung bekam der Knabe ein kleines Zettelchen, mit welchem er sich dann mit seinen Eltern an derselben Taxkasse zu melden hatte, bei der er ehedem die Prüfungstaxe entrichtete, allwo er gegen Vorweisung des Prüfungszettelchens wieder eine kleine Taxe zu entrichten hatte, so er auf das Zettelchen ein Tempelzeugnis haben wollte. Kinder ganz armer Eltern mussten ein Signum paupertatis [Armutszeugnis] mitbringen, ansonst sie zu der Prüfung nicht zugelassen wurden.
DTT|0|1|9|0|Die Zeit der Prüfung war entweder zu Ostern oder zur Zeit des Laubhüttenfestes und dauerte gewöhnlich fünf bis sechs Tage. Bevor aber die Prüfungen in dem Tempel ihren Anfang nahmen, wurden schon ein paar Tage früher Tempeldiener in die Herbergen geschickt, um sich zu erkundigen, wie viele Prüfungskandidaten etwa anwesend seien.
DTT|0|1|10|0|Wer sich da wollte besonders vormerken lassen gegen eine kleine Taxe, der konnte es tun, weil er dadurch früher zur Prüfung kam, aber die Taxlosen mussten dann gewöhnlich die letzten sein, und mit ihrer Prüfung nahm man sich schon durchaus nicht viel Mühe, und die Zeugnisse blieben gewöhnlich aus. Man versprach ihnen wohl, solche einmal nachzutragen, woraus aber gewöhnlich nie was geworden ist.
DTT|0|1|11|0|Manchmal aber geschah es auch, dass Knaben von sehr viel Geist und Talent den Prüfern auch Gegenfragen stellten und Aufklärungen über dies und jenes aus den Propheten verlangten. Bei solcher Gelegenheit gab es unter den Prüfern dann gewöhnlich verdrießliche und ärgerliche Gesichter; denn die Prüfer waren selten in der Schrift und in den Propheten irgend mehr bewandert als heutzutage die sehr mager gestellten Abc-Lehrer. Sie wussten nur so viel, um wie viel sie zu fragen hatten. Darüber hinaus sah es gewöhnlich sehr finster aus.
DTT|0|1|12|0|Es saßen aber bei den Prüfungen, gewisserart als Prüfungskommissare, wohl auch einige Älteste und Schriftgelehrte. Sie prüften aber nicht, sondern horchten bloß nur zu, was da geprüft ward. Nur im vorerwähnten besonderen Falle, so es sich der Mühe lohnte sowieso, fingen sie an sich zu rühren und verwiesen zuerst so einem fragestellenden Knaben seine unkluge Vermessenheit, der es gewagt hatte, seine Prüfer in eine unangenehme, zeitzersplitternde Lage zu versetzen.
DTT|0|1|13|0|So ein Knabe wurde, so er sich nicht zu leicht einschüchtern ließ und bei seinem Vorhaben und Begehren verharrte, mehr des Scheines vor dem Volk als irgend der tieferen Wahrheit wegen, ad interim auf die Wartseite gestellt und musste auf die für dergleichen kritische Fragen gegebene erklärende Antwort bis zu einer gewissen Stunde am Abend warten, allwann er dann erst eigens vorgenommen wurde.
DTT|0|1|14|0|Kam dann die anberaumte Stunde, so wurden stets mit einigem Unwillen solche Knaben aus ihrem Versteck hervorgeholt, mussten ihre schon früher gestellten Fragen wiederholen, und einer der Ältesten und Schriftgelehrten gab dem Fragesteller gewöhnlich eine sehr mystische und so viel als möglich verworrene Antwort, aus welcher der Knabe offenbar nicht klüger wurde – und das Volk schlug sich dabei auf die Brust und bewunderte tief, dumm, stumm, taub und blind die unerforschliche Tiefe des Geistes Gottes durch den Mund eines Ältesten und Schriftgelehrten und verwies am Ende eines solchen Knaben unbesonnene Keckheit.
DTT|0|2|1|1|Der geistreiche Jesusknabe im Tempel. Der alte Simon besticht die Ältesten und Schriftgelehrten mit einer Opfergabe. Die Rede des jüngeren Schriftgelehrten über das Kommen Jehovas
DTT|0|2|1|0|Aber so ein recht geistreicher Knabe ließ darauf den Kopf noch nicht hängen und sagte: „Alles Wirken in der großen Gotteswelt ist am Tage vom hellsten Sonnenlicht erleuchtet, und selbst die Nacht ist nie so finster, dass man gar nichts sehen sollte; warum muss denn gerade jene wichtigste Lehre, die dem Menschen den Weg zum wahren Heil klarst und hell zeigen soll, so verworren und keiner Seele verständlich gegeben sein?“
DTT|0|2|2|0|Und der Knabe, der den Ältesten eben dieses eingewendet hatte, war Ich selbst und brachte sie dadurch in eine große Verlegenheit, zumal Mir alles anwesende Volk sehr recht zu geben anfing und sagte: „Beim Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – dieser Knabe ist zum Verwundern gescheit, der muss noch mehreres mit den Ältesten und Schriftgelehrten verhandeln! Wir wollen für ihn ihnen ein bedeutendes Opfer in den Gotteskasten legen.“
DTT|0|2|3|0|Ein sehr reicher Israelite aus Bethania (es war dies der damals noch lebende Vater des Lazarus, der Martha und Maria) trat hervor und erlegte für Mich ein Opfer von 30 Pfund Silber und etwas Gold bloß zum Behufe dessen, dass Ich länger mit den Ältesten und Schriftgelehrten verhandeln dürfte.
DTT|0|2|4|0|Die Ältesten und Schriftgelehrten nahmen natürlich das große Opfer nur gar zu gerne an, und Ich bekam dadurch ordentlich Luft, mit den Ältesten in ganz außerordentliche und vorher aus sicheren Gründen nie dagewesene Besprechungen kommen zu dürfen.
DTT|0|2|5|0|Aus dem Jesajas aber war schon die erste und schon vorerwähnte Vorfrage, deren äußerst mystisch-dunkle Beantwortung dann eben den Grund zur folgenden gedehnten Verhandlung bildete, die wir nun alsbald werden folgen lassen. Wer sie mit gutem und liebereinem Herzen lesen wird, der auch wird vieles aus ihr für seine Seele und seinen Geist gewinnen.
DTT|0|2|6|0|Bevor wir aber zu der größeren Verhandlung kommen, und weil Ich die gut bezahlte Freiheit, zu reden, hatte, kehrte Ich zur Vorfrage zurück und fing die Ältesten und Schriftgelehrten über die einzelnen Punkte derselben an zu befragen.
DTT|0|2|7|0|Die Vorfrage aber war genommen aus Jesajas 7,14 und Vers 15 und 16 dazu, und die Verse lauten: „So wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären, den wird sie Emanuel heißen. Butter und Honig wird er essen, dass er wisse Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen. Aber ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land, davor dir graut, verlassen sein von seinen zwei Königen.“
DTT|0|2|8|0|Der erstere Teil der Vorfrage bestand offenbar sogar von selbst verständlich darin: wer die Jungfrau und wer ihr Sohn Emanuel sei, wann dies geschehen werde, dass solch ein Sohn in die Welt geboren werde. Die Zeit müsste schon da sein, indem das Land Jakobs bereits schon seit mehreren Jahren seiner beiden Könige entsetzt ist und nun die Heiden zum Herrn hat. Ob etwa nicht jener vor zwölf Jahren zu Bethlehem von der Jungfrau Maria, die dem Zimmermann Joseph angetraut war – noch nicht als Weib, sondern als Pflegebefohlene nach dem alten Gebrauch des Tempels – in einem Schafstall geborene Knabe, dessentwegen die Weisen vom Morgenland herbeikamen, um ihn als den verheißenen großen König der Juden zu begrüßen, dem Anna und Simeon im Tempel bei der Beschneidung ein großes Zeugnis gegeben haben, eben jener Emanuel sei, von dem Jesajas geweissagt hatte.
DTT|0|2|9|0|Nun, auf diese eben nicht unbedeutende Vorfrage fing ein Ältester, so ein recht herrschsüchtiger Knauser an, ein verworrenstes Zeug zusammenzuschwätzen, das Ich gar nicht wieder bekanntgeben will, weil er Mich danebst auch einen schlecht erzogenen Knaben nannte, da Ich schon von einem Aus-einem-Weib-Geboren-werden was wüsste.
DTT|0|2|10|0|Nur ein jüngerer, ein wenig menschlicher aussehender Schriftgelehrter erhob sich dagegen und sagte, dass solches noch keineswegs auf irgendeine schlechte Erziehung hindeute, da besonders in Galiläa die Knaben eher reifer würden als in dem verkümmerten Jerusalem, wo nichts als Luxus und eine große Verzogenheit der Kinder daheim sei. Man könnte Mir schon eine bessere Antwort auf sein Gutstehen für Mich geben, denn er meine, dass Ich schon mit allen Verhältnissen des menschlichen Lebens bestens vertraut sei. Man solle nur die anderen Knaben entfernen und mit Mir dann ganz männlich reden.
DTT|0|2|11|0|Aber der Älteste brummte etwas in seinen Bart hinein, und Ich fragte hernach den menschlicher aussehenden Schriftgelehrten bezüglich der Geburtsgeschichte in Bethlehem. Aber auch dieser sagte so ganz weitwendig:
DTT|0|2|12|0|„Ja, du mein lieber, recht holder Knabe, mit jener glücklicherweise total verrauchten Geschichte, die in jener Zeit vieles von sich reden machte, ist nun und besonders in Bezug auf die dunkle Weissagung des Propheten Jesajas, der nur für seine Zeit in stets dunklen Bildern weissagte, so viel als nichts. Denn die Alten haben sich, glaube ich, wie ich es vernommen habe, nach dem bekannten Herodischen Kindermord von Bethlehem – bei welcher Gelegenheit sicher auch ihr aus dem Morgenland begrüßter König der Juden geschlachtet ward – gar aus ganz Judäa irgendwohin geflüchtet und leben vielleicht gar nicht mehr. Denn man habe nachher nichts mehr von ihrem Dasein vernommen.
DTT|0|2|13|0|Es mag immer etwas an der Sache gewesen sein, denn sie habe damals viel Aufsehen gemacht. Aber merkwürdigerweise sei in wenig Jahren darauf derart alles in das Meer der gänzlichen Vergessenheit gesunken, dass nun wohl kein Mensch mehr nur mit einer Silbe irgendeine Erwähnung davon mache und es sich auch nicht der Mühe lohne darüber ein Wort zu verlieren. Simeon und Anna aber wären zwei bekannte alte Tempelschwärmer gewesen, die bei gar manchen Knaben ihre messianischen Bemerkungen in einem mystischen Ton gemacht haben und dadurch recht viele schwache Eltern ganz ordentlich verrückten.
DTT|0|2|14|0|Als Gott Moses auf Sinai die Gesetze gab, da bebte nahe der ganze Erdkreis, und die Geschichte in der Wüste hatte bei vierzig volle Jahre gedauert, und es musste da schon nahe alle Welt die Allgewalt Jehovas anerkennen. Umso mehr wird sich der in diese Welt kommende Messias, von dem David sang: ‚Macht die Tore weit und die Türen der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe! Wer ist derselbe König der Ehren? Es ist der Herr stark und mächtig, der Herr mächtig im Streit! Macht die Tore weit und die Türen der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe! Wer ist der König der Ehren? Es ist der Herr Zebaoth, Er ist der König der Ehren!‘, sicher noch mehr die ganze Welt erbeben machend zeigen!
DTT|0|2|15|0|Und du, mein holder Knabe, wirst sonach wohl einsehen, dass es da mit der Geburt in Bethlehem, die bereits ganz verschollen ist, bezüglich des anzuhoffenden Messias wohl seine sehr geweisten Wege haben werde. Bedenke nur, wie Ihn David angekündigt hatte, und was man zuvor tun solle, so der große König der Ehren aus den Himmeln zu den Juden kommen werde, und bedenke auch, dass da alle Juden zuvor sicher mehrere Jahre werden von großen Propheten, als wie vom Elias, der in jener Zeit dem Herrn der Ehren vorangehen werde, aufgefordert werden, das ins Werk zu setzen, was der große König David anbefohlen hatte, um sich auf solch eine ungeheure Ankunft des allerhöchsten Gottes wohl vorzubereiten!
DTT|0|2|16|0|Denke du, holder Junge, darüber nur nach, und es wird dir dann schon einleuchtend werden, dass ein Jehova Zebaoth nicht gar so leichten Kaufes in die Welt kommen werde. Und darum gehe nun und frage um dergleichen nicht wieder!“
DTT|0|2|17|0|Darauf erst machte Ich dann die schon früher bekanntgegebene Bemerkung, die den reichen Mann aus Bethanien bewog, für Mich die große Besprechungstaxe zu zahlen, um Mich zu vermögen, über die von Mir gegebene Vorfrage weitere Einreden zu machen und Mich darüber auch noch weiter über die auf den Messias lautenden Texte im Jesajas auszusprechen, denn er war einer der wenigen, der nun den König der Ehren nach Elias nicht mehr im Sturm oder Feuer, sondern im sanften Windessäuseln erwartete.
DTT|0|3|1|1|Wer ist die ‚Jungfrau‘ und wer ihr ‚Sohn‘ (Jes. 7.14-16)? Die gute Antwort eines weisen Schriftgelehrten
DTT|0|3|1|0|Als Ich auf diese Weise Sprachluft bekam, sagte Ich gleich zu den Ältesten und Schriftgelehrten, die Mir bedeuteten, dass Ich nun reden solle und fragen, um was ich wolle, und sie würden mir nun pflichtgemäß antworten. So begann Ich wieder mit der Vorfrage und sagte: „Eure noch so sicher scheinend gestellten Worte können das Meer nicht ruhen machen und den rauschenden Winden nicht das Stillschweigen gebieten! Nur ein Blinder merkt von den Zeichen dieser Zeit nichts, und als Stocktauber kann er auch nicht vernehmen den mächtigst dröhnenden Geschichtsdonner eben dieser allerdenkwürdigsten Zeit der ganzen Erde. Während schon Karmel und Sion vor dem angekommenen König der Ehren ihr Haupt geneigt haben und Horeb aus seinen hohen Zinken Milch und Honig fließen lässt, wisst ihr, die ihr am ehesten davon wissen und das harrende Volk davon benachrichtigen sollt, nicht eine Silbe!“
DTT|0|3|2|0|Hier machten alle große Augen und sahen bald Mich und bald wieder sich untereinander an und wussten nicht, was sie Mir erwidern sollten.
DTT|0|3|3|0|Nach einer Weile sagte einer: „Nun so rede du weiter von dem, was du davon wissest!“
DTT|0|3|4|0|Sagte Ich: „Sicher weiß Ich, was Ich weiß; aber darum stellte Ich keine Frage an euch, um Mir das von euch erläutern zu lassen, was Ich ohnehin weiß, sondern nur, dass ihr es Mir zeigtet, wer des Propheten Jesajas schwangere Jungfrau sei, von der eben der Sohn des Allerhöchsten soll geboren werden! Warum wird sie Ihm den Namen ‚Emanuel‘ (Gott mit uns) geben? Warum wird Er Milch und Honig essen, um zu verwerfen das Böse und erwählen das Gute? Dieses müsst ihr als Schriftgelehrte denn doch verstehen, was der Prophet unter der schwanger gewordenen Jungfrau, die den bezeichneten Sohn gebären werde, verstanden hatte?
DTT|0|3|5|0|Ich bin denn doch der Meinung, dass an jener bethlehemitischen Geburtsgeschichte etwas mehr daran sei, als ihr es meint, und dass jenes Elternpaar, der bekannte Zimmermann Joseph aus Nazareth und dessen später zum Weib angetraute Jungfrau, samt dem zu Bethlehem geborenen Sohn noch ganz gut leben; denn sie sind durch eine recht weise Vermittlung des damaligen römischen Hauptmannes Cornelius der späteren Grausamkeit des alten Herodes entronnen und lebten nun ganz wohlbehalten zu Nazareth in Galiläa.
DTT|0|3|6|0|Solches weiß Ich als ein Knabe von zwölf Jahren, und euch, die ihr doch um alles wisst, sollte das unbekannt sein – zumal Joseph als einer der tüchtigsten Zimmermeister noch alle Jahre für Jerusalem was zu machen bekommen hat und ihr ihn gar wohl kennt, sowie dessen Weib, das eine Jerusalemerin ist und bis zu ihrem vierzehnten Jahr im Tempel erzogen wurde? Ist sie nicht eine Tochter der Anna und des Joachim, die nach euren chronischen Aufzeichnungen wunderbarerweise zur Welt kam? Anna war schon hohen Alters, und ohne ein Wunder wäre da an eine Befruchtung wohl nie zu gedenken gewesen!
DTT|0|3|7|0|Nun, dieses Elternpaar samt dem neugeborenen Knaben verlebten bei drei Jahre lang, gleich nach der Flucht aus Bethlehem, wohl in Ägypten, und zwar in der Nähe des Städtchens Ostracine, nach altägyptischer Sprache Austrazhina, das so viel sagt als ,ein Schreckenswerk‘, also eine Feste, die allen Feinden zu den Zeiten der Pharaonen den Tod brachte. Später haben die mächtigeren Feinde des alten Ägypten diesen Schreckensort wie vieles andere erobert, und es ist zu unseren Zeiten dem einstigen Schreckensort und -werk nichts geblieben als der alte, verkümmerte Name, dem die Römer freilich eine andere Analyse [Deutung] gegeben haben als die alten Ägypter.
DTT|0|3|8|0|Allein daran liegt nichts, sondern Ich führte dies Mir Bekannte nur darum an, um euch den dreijährigen Aufenthaltsort des in Rede stehenden Elternpaares näher zu bezeichnen. Von dort sollen sie nach einer geheimen höheren Weisung wieder nach Nazareth heimgewandert sein, allwo sie nun vollkommen gottergeben in möglichster Zurückgezogenheit leben, obschon man sich dort von dem Knaben, den sehr wohl zu kennen auch Ich die Ehre habe, eine Menge Wunderdinge erzählt. Denn es gehorchen Ihm die Elemente sogar, und die wildesten Tiere der Wälder und Wüsten fliehen vor Seinem Blick ärger denn vor tausend Jägern. Denn in dieser Hinsicht sei Er ein tausendfacher Nimrod! Und davon solltet ihr im Ernst nichts wissen? Sagt es Mir aber ganz aufrichtig und wahr, ob ihr denn wohl im Ernst von alledem nichts vernommen habt?!“
DTT|0|3|9|0|Sagte ein anderer Ältester, der von einem etwas besseren Sinne beseelt war: „Ja, davon eben haben wir wohl schon etwas reden gehört, wie auch, dass der uns wohlbekannte Zimmermann mit seinem jungen Weib Maria sich in Nazareth für beständig aufhalte. Ob aber der Wunderknabe wohl derselbe ist, der vor zwölf Jahren zu Bethlehem in einem Stall geboren ward, dies wissen wir nicht und zweifeln auch sehr daran, dass dies derselbe ist! Und wie solle jener Knabe etwa gar der Emanuel des Propheten sein?“
DTT|0|3|10|0|Sagte Ich: „Ganz gut, so Er es aber nicht ist, woher rührt dann die Macht, die Er über alle Elemente ausübt? Und wer ist des Propheten ‚Jungfrau‘ und wer der ‚Emanuel‘?“
DTT|0|3|11|0|Sagte der Reiche aus Bethanien: „Hört, dieser Knabe hat ja einen Riesenverstand! Mir kommt es im Geiste vor, als ob er etwa gar ein junger Elias wäre, den jener Wunderknabe aus Nazareth vor Ihm her sendet, um uns alle auf den also da seienden Emanuel des Propheten vorzubereiten! Denn wann hat denn je aus uns einer erlebt, dass außer Samuel ein Knabe von zwölf Jahren so enorm weise geredet hätte?!
DTT|0|3|12|0|Daher müsst ihr mit diesem Knaben schon eine bündigere und salbungsvollere Rede zu führen anfangen, sonst werden wir des Knaben nicht los! Den Propheten werdet ihr ihm schon müssen auf eine hellere Weise zu erläutern anfangen und auch prüfen, wie es denn mit der Jungfrau Maria, der wunderlichen [wundersamen] Tochter des Joachim und der Anna, steht, die am Ende alle ihre bedeutenden Güter dem Tempel vermachten, als sie starben, oder eigentlich nahm der Tempel dieselben als Lohn für die Erziehung der Tochter Maria mit Gewalt als ein herrenloses Besitztum in den eigentümlichen Beschlag.
DTT|0|3|13|0|Was haltet ihr so ganz treu und wahr von jener Jungfrau? Wenn von einem Propheten etwas zu halten ist, so wäre die von ihm genau bezeichnete Zeit nun wohl da, und das Wundersame von der in der Rede stehenden Jungfrau kann nun nicht mehr geleugnet werden! So denn daran doch was wäre, da wäre es denn doch auch ganz verzweifelt frevelhaft von uns allen, so wir uns darum nicht tiefer und näher erkundigen würden!“
DTT|0|3|14|0|Sagte der ärgerliche Älteste: „Das verstehst du nicht und redest, dem Knaben Vorschub leistend, davon wie ein vollkommen Blinder von der großen Pracht der schönen Farben!“
DTT|0|3|15|0|Sagte Ich inzwischen: „Es ist aber das wirklich eine sonderbare Sache, dass ein Hungriger wähnt, dass da alles hungrig sei, was ihm nur unterkommt! Ein dummer Mensch hält stets die anderen Menschen für noch dümmer, als er selbst es ist. Für den Blinden ist jeder auch noch so scharf Sehende blind, und für den Tauben ist ein jeder andere Mensch taub!
DTT|0|3|16|0|Glaubst du alter Zornkopf, dass außer dir kein Mensch irgend mehr was wissen kann? Oh, da irrst du dich sehr! Sieh, Ich bin nur ein Knabe und könnte dir Dinge, die vollkommen wahr und richtig sind, erzählen und kundtun, von denen deiner griesgrämigen Weisheit wohl noch nie was geträumt hatte!
DTT|0|3|17|0|Warum soll Mein reicher Simon aus Bethanien, der Indien, Persien, Arabien, Ägypten, Spanien und Rom und Athen bereist hat, nicht auch etwas wissen, wovon dir noch nie etwas im Traum gekommen ist?! Wenn aber also, mit welchem Recht magst du ihn der Unwissenheit zeihen?! Ich aber sage es dir, dass er ganz recht urteilt, und ihr sollt darum das tun, das er um sein vieles Geld von euch verlangt!
DTT|0|3|18|0|So jemand einen Knecht dingt für eine Arbeit, so muss der Knecht das tun, wofür ihn der Herr gedungen hat. Will der Knecht das nicht, oder kann er es nicht, so wird des Knechtes Herr etwa wohl das Recht haben, den bedungenen Lohn von dem faulen oder ungeschickten Knecht zurückzuverlangen. Ihr habt euch gut zahlen lassen – und wollt nun aber dafür nichts tun, oder könnt es nicht! Hat Simon nun nicht das Recht, seinen euch gegebenen Lohn von euch zurückzufordern?“
DTT|0|3|19|0|Sagte ein anwesender römischer, alles Rechtes kundiger Kommissar und Richter: „Da seht einmal den Knaben an! Der ist ja ein vollendeter Jurist und könnte sogleich ein Richter in allen streitigen Sachen sein! Seine Rechtsaussage ist vollkommen in unseren Rechten begründet, und so Simon aus Bethania das von mir verlangt, muss ich ihm offenbar das Exequatur geben!“
DTT|0|3|20|0|Darauf trat er zu Mir hin, koste und herzte Mich und sagte zu Mir: „Höre du, mein holdester, reichlockiger Knabe, ich bin ganz verliebt in dich! Für dich möchte ich sorgen mit allen meinen Gütern und dich zu was Großem erziehen!“
DTT|0|3|21|0|Sagte Ich: „Dass du Mich lieb hast, weiß Ich recht wohl – denn in dir schlägt ein treues, gutes Herz. Du kannst aber auch versichert sein, dass auch Ich dich sehr liebe! Aber für Mein Fortkommen brauchst du dich nicht zu sorgen, denn da ist schon Einer, der sich darum kümmert!“
DTT|0|3|22|0|Es trat aber nun auch Simon von Bethanien zu Mir und fragte Mich ganz erstaunt: „Sage mir, du mein schönster, liebster und holdester Knabe, woher du es erfahren hast, wie ich heiße, und wo ich schon überall gewesen bin?“
DTT|0|3|23|0|Sagte Ich: „Oh, es wundere dich dessen ja nicht, denn so Ich irgendwas wissen will, so liegt das schon so in Meiner Natur, dass Ich es weiß! Das Wie würdest du jetzt wohl noch nicht fassen! Aber nun wieder zur Sache und zu unserer Jungfrau! Wollt ihr Priester und Schriftgelehrten dies näher beleuchten oder nicht?“
DTT|0|3|24|0|Sagte einer der helleren Köpfe aus der bedeutenden Anzahl der Ältesten: „Ja, ja, es wird sich das schon nicht anders machen, als dass wir dem Knaben einen ganz reinen Wein einzuschenken anfangen, und so erklärt ihm denn seinen Jesajas nach der Entsprechungslehre der Kabbala, und er wird dann keinen weiteren Ausweg zu einer weiteren Frage mehr haben!“
DTT|0|3|25|0|Darauf trat dann ein weisest seiender Schriftgelehrter auf und sagte: „Nun, du wissbegierigster Junge, nehme deine Sinne denn zusammen und höre und fasse: Unter der Jungfrau verstand der Prophet ja etwa keine Jungfrau aus Fleisch und Blut, sondern die Lehre nur, die Gott durch Moses den Kindern dieser Welt gab. Im engsten Sinne stellen wir Priester nun diese Lehre und das Gesetz lebendig vor.
DTT|0|3|26|0|Wir aber, als das Wort Gottes lebendig, sind nun voll der besten Hoffnung, dass diese Lehre nun in die ganze Welt von uns hinausgeboren wird und wird erquicken die Heiden. Und diese lebendige und wahrhaftige Hoffnung in uns ist die vom Propheten gemeinte Schwangerschaft der Jungfrau; der Sohn aber, den sie gebären soll und wird, sind eben die Heiden alle, die unsere Lehre annehmen werden, und diese werden dann sagen und also benannt werden: ,Emanuel‘, d. i. ,Gott ist nun auch mit uns!‘ Und solches geschah schon vor uns und geschieht nun umso lebendiger und eifriger.
DTT|0|3|27|0|Aber dieser Sohn werde Honig und Milch essen und dadurch verwerfen das Böse und erwählen das Gute. Unter Honig verstand der Prophet die reine Liebe und das wahre Gute aus ihr, und unter der Milch verstand er die Weisheit aus Gott, die den Menschen zuteilwird durch die Befolgung der Lehre und des Gesetzes; und hat man dann die Liebe und die Weisheit aus Gott sich lebendig eigen gemacht, so verabscheut man dann auch frei aus sich alles Böse und will und erwählt das Gute!
DTT|0|3|28|0|Siehe, du mein lieber Junge, so verhielt es sich der innersten Weisheit und Wahrheit zufolge mit der Propheten geistigen Worten und Sprüchen und Reden! Sie haben alle nur einen inneren, geistigen Sinn, der aber nur für den wahrhaft Schriftgelehrten aus den materiellen Symbolen und Bildern durch die treue und wahre Lehre der Entsprechungen herauszufinden ist. Ein Laie kann das nicht – und könnte er es, so wären alle hohen Schulen ganz überflüssig und Moses hätte da keine Not gehabt, für die Verwaltung der Lehren und der Gesetze Gottes eigene Priester und Gelehrte aufzustellen! Verstehst du nun diese allein wahre und richtige Auslegung deines von dir nicht verstandenen Propheten?“
DTT|0|4|1|1|Der Jesusknabe verlangt, seine Vorfrage über Jes. 9,5-6 beantwortet zu bekommen
DTT|0|4|1|0|Sagte Ich: „O ja, das, was du nun ganz gut dargestellt hast, habe Ich schon lange gewusst, und du hättest dir füglichermaßen können die ernste Mühe ersparen, Mir solches kundzutun. Ich bleibe nun einmal dabei stehen und lasse die Jungfrau Maria nicht aus den Augen!
DTT|0|4|2|0|Warum sagte denn der Prophet [Jes. 9,5-6]: ,Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, dessen Herrschaft auf seinen Schultern ist, und Er heißt: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig, Vater, Friede, Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und seinem Königreich, dass Er es zurichte und stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit! Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.‘
DTT|0|4|3|0|Was ist das für ein Kind, und was ist das für ein Sohn, der uns gegeben ist? Sollte das nicht etwa doch jener zu Bethlehem in einem Stall geborene Knabe sein? Denn es heißt auch: ‚Zu Bethlehem in einem Stall wird den Juden ein König geboren werden; der wird ein neues Reich gründen, dessen ewig kein Ende sein wird!‘ Wie verstehst du Kabbalist dies alles?“
DTT|0|4|4|0|Wir samt sahen alle einander an und sie sagten: „Aber von wo hat denn der Knabe sich die Schrift so zu eigen gemacht? Es bestehen im Ganzen nur höchst wenige Abschriften und vollkommene nur kaum zehn, und für diese wissen wir, wo sie sind, und es kommt kein Laie in ihre Nähe. Die Samaritaner besitzen wohl zwar noch eine elfte, die aber ganz falsch ist und eine Menge Zusätze enthält, die eine reine morgenländische Dichtung sind.“
DTT|0|4|5|0|Hierauf fragte Mich ein Scharfbissiger: „Nun sage du dieses mir, was ich dich fragen werde: Von woher und seit wann hast du dir die so vollendete Kenntnis der Schrift und namentlich der Propheten zu eigen gemacht?“
DTT|0|4|6|0|Sagte Ich: „Darüber Mich zu befragen, hast du ebenso wenig ein Recht, als Ich dich zu fragen, woher es komme, dass du als Priester dir die Schrift gar noch nicht zu eigen gemacht hast – weder im Wort und noch um vieles weniger in der Tat! Gebe Mir Antwort auf das, was Ich frage, und wofür dir gezahlt worden ist! Um alles andere hast du dich wenig oder gar nicht zu kümmern, denn dich hat es nichts gekostet, weder eine Mühe, eine Zeit, noch irgendeine allergeringste Sorge oder irgendein anderes Opfer.
DTT|0|4|7|0|Übrigens gereicht es eurem Lehramt durchaus zu keiner besonderen Ehre hier in Jerusalem, wenn euch die sichtliche Bildung eines Knaben aus Galiläa eine so große Bewunderung abnötigt, denn dadurch zeigt ihr ja an, dass eure Knaben hier in der Bildung kaum ein wenig über dem Tierreich stehen!“
DTT|0|4|8|0|Auf diese Meine ein wenig stark aufgetragene Bemerkung fängt der römische Kommissar laut zu lachen an, auch Simon kann sich des Lachens nicht völlig erwehren. Der scharfbissige Bemerker aber tritt ab und lässt sich im Hintergrund auf eine Bank ganz verdrießlich nieder.
DTT|0|4|9|0|Darauf sagte ein Oberster einer Synagoge aus Bethlehem, der da auch nun im Tempel bei der Knabenprüfung zugegen war: „Ich sehe schon, dass ich da werde Rat zu schaffen anfangen müssen, sonst werden wir mit diesem Knaben nicht fertig. Er hat nun ein erkauftes Recht, uns eine Woche lang zu fragen; wir müssen ihm zur Rede stehen, wollen oder wollen wir nicht! Macht er uns schon mit seiner Vorfrage so viel zu schaffen, so dürfen wir uns erst auf seine Nach- und Hauptfragen gefasst machen!
DTT|0|4|10|0|Verstand hat er genug und natürlichen Witz auch in Menge, und wir werden mit ihm nicht aufkommen, so wir nicht das wollen, was er will. Er will einmal einen wahren Sachverhalt über die eben vor zwölf Jahren erfolgte Geburt eines Knäbleins in einem Schafstall bei Bethlehem haben, und diese kann ich ihm verschaffen, weil ich damals sowie noch heutzutage schon der Oberste der dortigen Synagoge war.“
DTT|0|5|1|1|Rede des Obersten der Synagoge von Bethlehem. Antwort des Jesusknaben. Misslungener Störungsversuch eines stolzen Pharisäers
DTT|0|5|1|0|Hierauf wandte sich der Oberste an Mich und fragte: „Nicht wahr, du willst alle die Data und Erscheinungen jener denkwürdigen Geburt zu Bethlehem von uns genauest erfahren?“
DTT|0|5|2|0|Sagte Ich: „Oh, damit kannst du dir auch gar fein die Mühe und Arbeit ersparen. Denn alles das ist Mir so getreu und wahr bekannt wie keinem aus euch! Ich will von euch nur nach allem dem, was sich damals in Bethlehem zugetragen hatte, erfahren, ob und in welchem Zusammenhang ihr das mit den Aussagen aller Propheten findet, namentlich mit den Aussagen des Jesajas. Um das handelt es sich und um sonst gar nichts, Meine Ältesten!“
DTT|0|5|3|0|Spricht der Oberste aus Bethlehem: „Ja, du mein lieber, holder Junge, siehe, du verlangst da Dinge von uns, die wir dir sehr schwer oder auch gar nicht zu geben imstande sind!
DTT|0|5|4|0|Es ist schon wahr, dass zwischen den Aussagen des Propheten Jesajas und jener vor zwölf Jahren zu Bethlehem erfolgten Geburt in einem Stall – eines auch von einem Propheten bezeichneten Ortes – eine Art Zusammenhang unfehlbar zu suchen und auch eben nicht unleicht zu finden ist; aber, mein Lieber, wie viel derart Ähnliches mag schon seit den Zeiten des Propheten Jesajas dagewesen sein, und noch ist von einem Emanuel leibhaftig keine Spur!
DTT|0|5|5|0|Judäa war sozusagen schon mehrmals königlos, und so manche Jungfrau gebar bei Bethlehem irgend in einem Stall ein Knäblein, und manchmal sogar unter – obschon nur zufällig – großer Zeremonie, die aber nur als ein Naturereignis für sich dastand.
DTT|0|5|6|0|Schwache und abergläubische Menschen unter Zutritt gewinnsüchtiger Magier aus Indien und Persien, und Sterndeuter, an denen es bei uns noch nie einen Mangel gab, haben sie was zu benützen gewusst; mit den Sagen der Propheten vertraut, benutzten sie stets solche besonderen Gelegenheiten und verkündeten den blinden Juden mit ernsten Prophetenmienen, wie nun ihr angehoffter Messias unfehlbar zur Welt geboren worden sei.
DTT|0|5|7|0|Aber die Zeit, die unerbittliche Zerstörerin aller menschlichen Werke und Sagen und Dichtungen, hat die Nachkommen stets wieder eines anderen und Besseren belehrt. Alles versank in die bodenlose Tiefe der stets größeren Vergessenheit, und auf uns kam nichts Weiteres als eine eitle Sage in irgendeiner möglichst größten Verwirrtheit. Die Aussagen der Propheten sind mystische Bilder, an denen die Menschen noch Hunderte von Jahren nagen werden; aber schwerlich je wird ein Volk zu einer Lösung auf Erden gelangen.
DTT|0|5|8|0|Und siehe, du mein holder Knabe, ebenso steht es auch mit der vor zwölf Jahren erfolgten wunderbaren Geburt zu Bethlehem als dem mir nur zu wohlbekannten Ort, der eben darum, weil ihn die Propheten so ausgeschrien haben, stets von allerlei Magiern, Sehern und Sterndeutern umschwärmt wird, ob sich dort nicht etwa irgendwas ereignen würde, das sie zu ihrem Nutz ausbeuten könnten. Die Geburt vor zwölf Jahren war ein Hauptwasser auf ihre trockenen Felder.
DTT|0|5|9|0|Die drei Magier aus Persien haben um ihre der Jungfrau dargebrachten Geschenke mir wohlbewusstermaßen eine Menge Schafe, Kälber, Kühe und Ochsen zum Gegengeschenk von den Hirten bekommen und haben ihre Reise sicher nicht umsonst gemacht. Doch nun sind erst zwölf Jahre seither, und schon gedenkt kein Mensch mehr jener Geschichte.
DTT|0|5|10|0|Dass du uns aus dem Schwärmerland Galiläa diese Geschichte wieder vorbrachtest, wundert mich nicht im Geringsten, denn Galiläa war ja stets das Land der Schwärmerei, aus welchem Grund es auch schon von den Alten als ein Land bezeichnet wurde, aus dem nimmer irgend ein wahrer Prophet kommen kann.
DTT|0|5|11|0|Damit, mein holder Junge, glaube ich auch deine sogenannte Vorfrage ganz beantwortet zu haben. Es kann wohl sein, dass einstens einmal Jehova den jetzt sehr bedrängten Juden irgendeinen Helden erweckt, der sie wieder zu einem freien Volk erheben wird; aber dazu ist eben jetzt nach der ganz natürlichen Lage der Dinge die allergeringste Aussicht vorhanden.
DTT|0|5|12|0|Wie müsste ein Held etwa aussehen, und von woher müsste er gekommen sein, der es mit der ungeheuersten Macht der Römer aufnehmen könnte? Das kann vielleicht in tausend Jahren einmal geschehen, wann zufällig allen anderen Weltgroßmächten gleich auch Rom locker und schwach wird, aber jetzt ist dazu wohl noch lange keine Aussicht vorhanden, und deine berühmte Vorfrage geht da offenbar ins Blaue der Luft über. Bist du nun endlich im Klaren mit der Vorfrage?“
DTT|0|5|13|0|Sagte Ich: „Ja, ja, so du alles nach dem diesweltlichen Maße nimmst, da magst du recht haben. Aber hier ist nur ein rein geistiges Maß anzunehmen, von dem du aber eigentlich gar keinen Begriff zu haben scheinst, und so hast du Mir mit deiner ganzen, erfahrungsreich sein sollenden Rede am Ende in Bezug auf Meine Vorfrage dennoch ebenso viel als gar nichts gesagt!
DTT|0|5|14|0|Denn so der Messias kommen wird, wird er kein materielles, sondern ein geistiges Reich auf Erden gründen, und dieses Reiches wird kein Ende sein in Ewigkeit, wie solches auch der Prophet Jesajas von dem kommenden Messias geweissagt hat.
DTT|0|5|15|0|Was ist aber ein geistiges Reich auf Erden? Das ist kein Reich mit einem äußerlichen Schaugepränge, sondern das muss inwendig im Menschen sich offenbaren, und ein Mensch, der in dieses wahre Gottesreich auf Erden unter die Menschen gelangen wird, der wird sein ein wahrhaft lebendiger und wird den Tod nicht sehen noch fühlen und schmecken in Ewigkeit, wie solches David, Daniel und Jesajas geweissagt haben.
DTT|0|5|16|0|Wenn es sich aber mit dem verheißenen Messias nur so und niemals anders verhalten kann, wie und aus welchem Grund sollte denn jene stark wunderbare Geburt zu Bethlehem ganz so bedeutungslos dastehen?
DTT|0|5|17|0|Gott hat jenes Kind wunderbar vor der mörderischen Hand des Herodes beschützt, und es lebt heutzutage, freilich höchst zurückgezogen, und steht, wo es sein muss, in einer allen Elementen gebietenden Kraft da, wie solche nur einem Gott möglich sein kann. Niemand kann sich vor Ihm verbergen; verbirgt es sich aber vor den anderen Menschen, so ist es aber dann niemandem möglich, es eher irgend zu finden, als bis es sich ganz freiwillig finden lässt.
DTT|0|5|18|0|Es hatte nie Lesen und Schreiben gelernt, und dennoch gibt es keine Schrift in der Welt, die es nicht lesen könnte, und schreibt in allen Zungen und ist bewandert in allen Künsten, die nur irgend in der Welt vorhanden sein können, und hat eine Kraft, vor der Berge zittern und die mächtigsten Zedern ihre Häupter bis zur Erde herab beugen, und selbst Sonne, Mond und Sterne scheinen zu gehorchen seinem Willen! Was Ich hier sage, ist keine Übertreibung, sondern ganz reine buchstäbliche Wahrheit!
DTT|0|5|19|0|Wenn aber genau so und nicht anders, da meine Ich denn doch, dass es von eurer Seite der Mühe wert wäre, euch näher darum zu erkundigen und darüber nachzusehen in den Propheten, ob die Weissagung Jesajas nicht übereinstimme mit den bewussten Eltern des Kindes, mit dem Kind selbst, mit seiner Geburt, mit dem Geburtsort, mit der Zeit, mit seinem jetzigen Aufenthalt und mit so manchen Zeichen, die es schon bis jetzt von sich gegeben hatte!
DTT|0|5|20|0|Diese an sich gewiss nicht unwichtige Sache sollte von euch Priestern, Weisen, Schriftgelehrten und Ältesten des Volkes doch nicht ganz so unbeachtet bleiben, da ihr doch eben jene Stellen im Volk bekleidet, von denen das Volk die offene Kundgabe der Ankunft des ihm verheißenen Messias allein und mit allem Recht zu erwarten hat. Ich rede um Mein teuer erkauftes Recht, und es steht niemandem zu, Mich schweigen zu heißen! Da steht der römische Richter, dem allein ein solches Recht zusteht!“
DTT|0|5|21|0|Ich würde diese Berufung an den Richter nicht gemacht haben, so Mich im Flusse Meiner Rede nicht ein alter, gar stolzer Pharisäer zu schweigen ermahnt hätte, da dies Dinge wären, über die ein naseweiser Sauhirte aus Galiläa durchaus nicht zu urteilen habe.
DTT|0|5|22|0|Aber der Richter, der ganz auf Meiner Seite war, verwies sehr ernstlich dem Pharisäer seine Gerechtigkeit und gebot ihm, mit solch einer gemeinen Herrschsprache in seiner Gegenwart nicht mehr zum Vorschein zu kommen. Denn Meine Kundgabe über den irgend bei Nazareth wohnenden Wunderknaben sei wichtiger auch für die Römer als ihr ganzer abgenützter schon sehr fadensichtig gewordener Judenkram. Er sagte den Pharisäern trocken ins Gesicht:
DTT|0|5|23|0|„Eure Lehre, wie keine auf der weiten Erde, bedarf einer gänzlichen Reformation, sonst hält sie sich wahrlich keine zwanzig Jahre mehr! Denn wie eure Gotteslehre und euer Gottesdienst nun bestellt sind, da sind Roms Bacchanalien eine wahre Sonne dagegen, obwohl sie als eine Verehrung eines höheren Gottwesens als eine wahre Missgeburt des Menschenverstandes dastehen!
DTT|0|5|24|0|Du, holder Knabe, aber rede nur ganz beherzt weiter! Es darf dir ja kein Leid zugefügt werden! Denn in dir scheint mehr Verstand zu sein als in diesem ganzen Tempel! Daher nur fortgeredet, mein holder Knabe!“
DTT|0|6|1|1|Gute Ansicht eines Leviten. Verächtliche Rede eines Hochpriesters über Zacharias und den Zimmermannssohn von Nazareth
DTT|0|6|1|0|Es trat aber ein junger Pharisäer vor, der eigentlich noch ein Levite war, und bat um die Erlaubnis, hier auch ein paar Worte reden zu dürfen. Der Richter erlaubte ihm das mit dem Bemerken, gelassen und verständig zu reden.
DTT|0|6|2|0|Da nahm der Levite das Wort und fing also zu reden an, sagend: „Ich stamme aus Galiläa, und zwar aus der Nähe von Nazareth, und kann mich nun erinnern, von jenem Wunderknaben so manches gehört zu haben, von dem eben dieser Knabe eine durchaus nicht unbeachtenswerte Anzeige gemacht hat. Ich kann zwar nicht behaupten, ihn irgend persönlich kennengelernt zu haben; aber erzählen habe ich von ihm oft und vieles gehört.
DTT|0|6|3|0|Ich selbst erkundigte mich wohl, so gut es gehen konnte, um seine Eltern und vernahm, dass sein Vater ein Zimmermann namens Joseph sei und dessen zweites Weib Maria heiße, und dass beide in der geraden Primogeniturlinie [Erstgeburtslinie] vom David abstammen. Nun soll eben der anzuhoffende Messias aber vom David abstammen – und es ginge das demnach mit den Aussagen der Propheten zusammen.
DTT|0|6|4|0|Ich bin sonach der Meinung, dass es denn doch der Mühe sich lohnte, diese namentlich uns Juden sehr nahe angehende Sache einer näheren Prüfung zu unterziehen. Jedoch, ich habe da nichts anzuordnen, sondern bloß in aller Demut nur meine Meinung kundzutun, da ich solches als meine Pflicht ersehe; alles Weitere geht bloß den hohen Tempelrat an. Ich habe in aller Demut geredet.“
DTT|0|6|5|0|Da erhob sich ein Hochpriester und sagte: „Was soll der Tempel auf die Aussage eines wahnwitzigen Knaben?! Da müssen dem Tempel höhere Indizien gemacht werden! Dergleichen Reden waren unter dem Judenvolk schon oft da, und es sind auch sogar offenbare Wunder geschehen, und dennoch war da von einem Messias späterhin keine Spur zu entdecken.
DTT|0|6|6|0|Wie lange ist es denn, als Zacharias dem Tempel vorstand?! Dessen Weib Elisabeth gebar ihm, schon im hohen Alter stehend, einen Sohn, was ihm von einem Engel, als er im Tempel opferte, angezeigt wurde. Zacharias konnte dieser Anzeige keinen Glauben geben, da sein Weib dafür zu alt war. Da ward er dafür so lange mit Stummheit geschlagen, bis sein Weib gebar. Als zu ihm aber eines Tages die Kunde in den Tempel kam, dass ihm sein Weib einen Sohn geboren hatte, und er befragt ward, wie der Sohn benannt werden soll, da ward ihm die Zunge gelöst, und er sprach: ‚Johannes!‘ Und siehe, es war dies eben der Name, den ihm zehn Monde früher der Engel des Herrn gegeben hatte.
DTT|0|6|7|0|Zacharias aber fragte den Engel: ‚Was soll aus dem Knaben werden? Lasse mich erkennen des Herrn Willen!‘
DTT|0|6|8|0|Der Engel aber sprach: ‚Dieser ist es, von dem Jesajas also sprach: ‚Er wird sein die Stimme eines Predigers in der Wüste; bereitet dem Herrn den Weg, und macht eben dessen Fußsteige. Alle Täler sollen voll, und alle Berge und Hügel erniedrigt werden, und was krumm ist, soll richtig werden; was aber uneben ist, soll werden ein schlechter Weg, und alles Fleisch wird sehen den Heiland Gottes!‘‘
DTT|0|6|9|0|Man forschte aber damals näher nach und fand bald, dass der herrschsüchtige Zacharias sich nur dadurch mit geheimer Hilfe der Essäer habe eine erbliche Dynastie gründen wollen. Er ward deshalb von dem Arm der Gerechtigkeit ergriffen und für solchen Frevel mit dem Tode bestraft.
DTT|0|6|10|0|Wo ist nun jene große Messiashoffnung hingekommen? Kein Mensch denkt mehr daran! Alles ist vor dem Tempel, der vom Jehova ist für alle Zeiten der Zeiten geheiligt worden, wie ein schwacher Pfützendunst vor der Macht der Sonne ins Nichts zerronnen! Und doch ging jene Geschichte vom Hohenpriester selbst aus. Da sie aber unlauter war und das Heiligtum Gottes zu verunreinigen drohte, so hat der Herr auch nicht gesäumt, den Frevel zur rechten Zeit zu züchtigen.
DTT|0|6|11|0|Wenn aber schon jene sicher sehr denkwürdig aussehende Geschichte ein solches Ende nahm, wie würde sich dann erst des Zimmermanns Joseph Messiasgeschichte vor dem Tempel ausnehmen, hinter der nichts als irgendwelche essäische und indomagische Betrügereien stecken! Der Knabe soll nur vor unseren allsehenden Augen seine Wunder produzieren, und wir werden es dem dummen Volk dann wohl zu erklären verstehen und enthüllen seinen vermeintlichen Messias.
DTT|0|6|12|0|So dieser kommen wird, werden zuvor vor aller Welt Augen große Zeichen geschehen am Firmament. Alsdann erst wird der große Erwartete kommen, mit aller Macht der Himmel ausgerüstet, zu erlösen sein Volk von der Macht der Heiden, und wird fürder sein ein Herr und König über alle Lande der Erde, und die Kinder Abrahams werden sein Volk sein und bleiben in Ewigkeit!
DTT|0|6|13|0|Wer dieses weiß wie unsereiner aus den Büchern der alten Weissagungen über die Ankunft des Messias, der kann doch unmöglich glauben, dass Gott, der Seine allzeitige Ankunft auf überaus großartige Weise vor den Augen der Menschen und aller Kreatur betätigte, nun so unscheinbar als möglich, und sogar als ein uneheliches Kind in diese Welt als ein schwacher Mensch, uns gleich dem Tode untertan, kommen werde!
DTT|0|6|14|0|Denn wir wissen es ja, dass des Joachim Tochter Maria eher schwanger wurde, als sie noch dem Joseph als Weib im Tempel angetraut ward. Das Fräulein war dem bekannten Baukünstler aus dem Stamm Davids ja anfänglich zur Pflege gegeben, und nur, um ihn nicht zugrunde zu richten, hatte man freundlich geraten, das Fräulein, bevor die Sache im Volk ruchbar werde, zum Weib zu nehmen und somit den Fleck zu verwischen.
DTT|0|6|15|0|Jener Knabe aber ist und bleibt dennoch ein unehelicher, und es kann dadurch desto weniger Möglichkeit vorhanden sein, dass er je ein verheißener Messias werden könnte, und möchte er durch seine erlernten Zauberkünste auch alle Berge zu versetzen imstande sein.
DTT|0|6|16|0|Aus dem wird hoffentlich doch ein jeder noch so Schwachsinnige ersehen können, was irgend möglich und was hier nach der Gestalt der Sache rein unmöglich ist und sein muss.“
DTT|0|7|1|1|Antwort des Jesusknaben auf die Rede des Hochpriesters. Über die Mission des Sohnes des Zacharias und die Wundermacht des Zimmermannssohnes
DTT|0|7|1|0|Sagte der Richter zu Mir: „Nun, was sagst du, holder Knabe, zu dieser allerdings äußerst triftigen Rede des Hochpriesters?“
DTT|0|7|2|0|Was sollte Ich anders dazu sagen als: „Entweder hat er recht, und der Prophet ist ein Lügner und hat somit kein Recht, oder das Unrecht fällt auf den Hohenpriester zurück, und der Prophet hat dennoch recht. Beide aber können unmöglich recht haben, da der Hochpriester gerade das Gegenteil von dem behauptet, als was da der Prophet von der Ankunft des Messias geweissagt hatte.
DTT|0|7|3|0|So der Prophet spricht: ‚Siehe, eine Jungfrau – also kein Weib – ist schwanger und wird einen Sohn gebären; den wird sie Emanuel, verdolmetscht ‚Gott mit uns‘ heißen.‘ – wie behauptet dann der Hochpriester, dass der Messias nur unter den großartigsten Zeichen am Firmament als ein allermächtigster Kriegsheld und als ein schon gemachter König über alle Völker der Erde rein vom Himmel herab unter dem größten Himmelsglorienpomp auf diese Erde zu den Menschen kommen werde?! Wenn es so wäre, was gewönnen da wohl die armen, schwachen Menschen, die voll von der höchsten Furcht über die Erwartung der Dinge, die da kommen würden, mehr denn zur Hälfte verschmachten müssten?!
DTT|0|7|4|0|Ich möchte da schier behaupten, dass solch eine Messiasankunft auch den Herren des Tempels sehr ungelegen käme und ihnen am Ende dennoch lieber wäre des Messias Ankunft auf jene bescheidene, höchst anspruchslose Weise, wie sie eben der Prophet Jesajas beschrieben hatte.
DTT|0|7|5|0|Es meinte aber der Hochpriester zuvor, dass die etwas wunderbare Geschichte mit dem Sohn des Zacharias, der eben von den Priesterhänden zwischen dem großen Opferaltar und zwischen dem Allerheiligsten ist erdrosselt worden, ganz zu Ende ist und niemand mehr daran denke.
DTT|0|7|6|0|Ich aber sage, dass sie noch lange nicht gar so zu Ende ist, als wie es diese Herren meinen, und es wird die Zeit ehest kommen, wo derselbe Johannes wie ein mächtiger Blitz unter sie fahren und ein großes Gericht halten wird unter ihnen. Seine Worte werden schärfer sein für euch denn die allerschärfsten Pfeile!
DTT|0|7|7|0|Und wie die Geschichte des eben in der Rede stehenden Johannes, so und noch als ein ärgeres Gericht wird jener Wunderknabe aus Nazareth über euch kommen und euch zeigen seine volle göttliche Herrlichkeit, aber ja etwa nicht zu eurer Auferstehung, sondern zu eurem Fall!“
DTT|0|7|8|0|Hier machte der Hochpriester ganz zornige Augen und sagte: „Woher weißt du denn das, du wahnwitziger Knabe?! Wer hatte dir in solchen Dingen den Kopf so verwirrt gemacht, und wer bist du denn, dass du es wagst, uns solche Dinge so ganz keck zu sagen?!“
DTT|0|7|9|0|[Sagte Ich:] „Ich bin der, der Ich bin, und woher Ich kam, das habt ihr ja aufgezeichnet. Was fragt ihr dann weiter, wer und woher Ich sei?! Zudem habe Ich es euch ja ohnehin schon gesagt, dass Ich aus Galiläa und eben auch von Nazareth gekommen bin und daher den in der Rede stehenden Knaben überaus gut kenne und durchaus nicht so dumm bin, um die Taten eines Magiers – wenn auch aus Indien sogar – von jenen des Wunderknaben zu unterscheiden.
DTT|0|7|10|0|Mache Mir aus euch jemand aus Lehm zwölf Sperlinge und belebe sie dann bloß durchs Wort, dass sie dann auffliegen und gleich den anderen sich ihre Nahrung zu suchen anfangen und fortleben!
DTT|0|7|11|0|Wer aus euch vermag wohl einem sich zu Tode gefallenen und ganz zerschmetterten Knaben augenblicklich durchs bloße Wort das Leben wiederzugeben und ihn leiblich vollkommen wieder zu heilen?!
DTT|0|7|12|0|Wer aus euch vermag dem Blitz zu gebieten, dass er dort und dahin fahre und erschlage eine Hyäne, die einer Mutter ihr einziges Kind raubte und damit dem Wald zueilte?
DTT|0|7|13|0|Wer aus euch kann dem Sturm, wie jener Knabe, gebieten bei einer nächtlichen großen Windstille und bei einer Gelegenheit, wo einigen Städten und Flecken eine große Gefahr durch eine zahlreiche Raubmörderhorde drohte, die nächtlicherweile auf einem großen Schiff sich Kapernaum nahte, bei zweihundert Mann stark, die bis an die Zähne bewaffnet waren?!
DTT|0|7|14|0|Der bewusste Knabe, der zur selben Zeit gerade mit seinem Vater sich in Kapernaum befand, rettete also den ganzen Ort! Denn auf sein Wort erhob sich plötzlich einer der fürchterlichsten Seestürme, trieb das Schiff mit Pfeilesschnelle weit hinein in die hohe See, allwo das ganze Schiff durch den zu mächtigen Wellenschlag zerstört wurde und unfehlbar mit all den zweihundert Raubmördern unterging.
DTT|0|7|15|0|Das und viele dergleichen Taten hatte jener Knabe schon verübt allzeit zum Wohle der irgend bedrängten Menschheit, und noch nie hatte es jemals jemand erlebt, dass er darum je von jemand irgendeinen Lohn verlangte. Dass aber das keine Erdichtungen von Mir sind, dafür mögt ihr zur Steuer der vollsten Wahrheit ganz Nazareth und Kapernaum zur Zeugenschaft anrufen.
DTT|0|7|16|0|Wenn aber also, ist da jener Knabe wohl bloß nur gleich so schlechtweg ein eingelernter Zauberer, oder tut er alles das nur aus der ihm in aller Fülle innewohnenden Gotteskraft? Oder erklärt es nun Mir, wie und mit welchen Mitteln der Knabe etwa nach eurer Kenntnis und Weisheit solches zustande bringt!
DTT|0|7|17|0|Meine Vorfragen habt ihr Mir schlecht beantwortet. Wir werden nun sehen, was ihr auf diese Hauptfrage für eine Antwort bringen werdet, und wir werden dann auf die Vorfrage schon wieder zurückkommen und sie selbst zu einer Hauptfrage machen. Redet aber behände, denn der Tag neigt sich, und wir werden uns dann wohl um ein Abendmahl umzusehen anfangen!“
DTT|0|8|1|1|Drohung des Hochpriesters. Strenge Warnung des römischen Richters
DTT|0|8|1|0|Sagte der Hochpriester: „Wenn jener Knabe ohne unser Wissen und ohne Einwilligung des Tempels also ganz eigenmächtig im Ernst solche Dinge verrichtet, da liegt es ja klar am Tag, dass er vom Beelzebub, dem Obersten aller Teufel, besessen ist! Mit Gotteskraft geht das niemals außerhalb des Tempels! Welche sittliche Reinheit gehört dazu, um der göttlichen Kraft teilhaftig zu werden, und das kann man nirgends anderswo als allein nur im Allerheiligsten des Tempels nach der Lehre Mosis und aller Propheten!
DTT|0|8|2|0|Wer das weiß aus der Schrift, der weiß es auch, was es mit allen dergleichen Wundern außer dem Tempel für eine Bewandtnis hat! Da ist es sogar eine unerlässliche Pflicht des Tempels, solche Kinder und Menschen von der Erde um jeden Preis zu vertilgen! Und sollte sich infolge unserer späteren Nachforschungen bewähren, was du von dem Knaben aussagtest, so wird auch er als ein Verbündeter des Beelzebub von der Erde vertilgt werden!“
DTT|0|8|3|0|Sagte der Richter: „Das war bei euch wohl ehedem also die von euch selbst kreierte Sitte – aber seit wir Römer als eure Herren und Gebieter dastehen, wird so was wohl kaum mehr geschehen; denn das Schwert der Gerechtigkeit ist nun durchaus und für alle Fälle ganz in unserer Hand, und wer es immer eigenmächtig ohne unser Wissen und Wollen erhebt, wird ohne allen Unterschied des Standes als ein Meuterer und Raubmörder behandelt werden!
DTT|0|8|4|0|Ich aber habe ehedem von eben diesem Knaben, wie auch von dir selbst vernommen, dass ihr in eurem Tempelwahn sogar einen Hohenpriester ermordet habt, im Tempel selbst, weil er ein höheres Gesicht gehabt zu haben vorgab. Er hatte dadurch sicher euren zu mächtigen Neid erweckt, und das genügte, um euch zu bestimmen, ihn aus dieser Welt zu schaffen. Das geschah vor zwölf Jahren, also unter unserer Herrschaft!
DTT|0|8|5|0|Dieser Fall wird näher untersucht, und wer weiß, ob ihr nicht eher das Schwert der römischen Gerechtigkeit zu verkosten überkommen werdet – denn jener Wunderknabe eure Tempelrache! Ich sage euch Templern hier kraft meiner Amtsgewalt, dass ich jeden, der es nur von fernehin wagen würde, jenem Knaben irgendein Leid zu tun, mit dem Schwert bestrafen werde! Eines mehreren bedarf es nicht!“
DTT|0|8|6|0|Sprach der Hochpriester: „Wir aber haben ein Wort vom Kaiser, das uns die Tempeljustiz sichert, und dass sie von keinem weltlichen Richter anzutasten ist!“
DTT|0|8|7|0|Sagte der Richter: „Wie weit sich diese erstreckt, weiß ich genau! Ihr könnt wohl eine weise Disziplin üben, aber über diese hinaus bis zum ius gladii [Hinrichtungsrecht] ist noch eine sehr große und sehr weite Kluft! Und wehe dem aus euch, der sie überschreitet!“
DTT|0|8|8|0|Sagte der Hochpriester: „Was ist mit der Macht eines Herodes, der zugleich Vierfürst in Galiläa ist – besitzt er nicht auch das ius gladii?“
DTT|0|8|9|0|Sagte der Richter: „Herodes samt den übrigen Fürsten in den Landen der Juden sind pure Lehensfürsten, und ihr ius gladii ist allein auf ihre Diener, Knechte und Sklaven beschränkt. Gehen sie mit diesen grausam um – wozu sie wohl ein erkauftes Recht von zehn zu zehn Jahren haben –, so werden sie bald ohne Diener sein, da von uns aus niemand gezwungen wird, bei ihnen Dienste zu nehmen, und sie können daher ihres eigenen Heils willen keinen besonderen Gebrauch machen von ihrem teuer erkauften Recht, und das noch dazu umso weniger, da ein jeder ihrer Diener – bis auf etliche Sklaven – aus ihrem Dienst treten kann, wann er will, und sich im Augenblick des Austritts nicht mehr unter der Jurisdiktion eines solchen Fürsten befindet, sondern unter der unsrigen.
DTT|0|8|10|0|Dann haben sie das Recht, die Steuern, die ihnen zukommen, zu erheben und nötigenfalls mit Gewalt einzutreiben, aber ohne ius gladii! Die Exekutionen haben sie bei uns zu nehmen und dafür zu zahlen.
DTT|0|8|11|0|Das sind deines Herodes’ Rechte, wie jedes anderen Lehensfürsten; weiter hinaus ist alles ein schärfst strafbares Verbrechen und wird schon beim ersten Vergehen mit dem Verlust des Lehensrechtes geahndet.
DTT|0|8|12|0|So du etwa glaubst, mit der Macht des Herodes auf den Wunderknaben zu fahnden, da bist du in einer großen Irre, und Herodes wird sich davor wohlweislich zu hüten verstehen, um über sein Recht hinauszutreten!
DTT|0|8|13|0|Dieser Knabe hier aber befindet sich nun auch in meinem Schutz, und ich erteile ihm nun erst ganz das volle Recht, euch mit allerlei Fragen zu plagen, und ich werde nicht von seiner Seite weichen, denn in seinem Gehirn und Gemüt steckt mehr der kerngesunden Weisheit als in euch allen und in eurem ganzen Heiligtum. Und nun, du mein liebster, holdester Knabe, kannst du wieder reden, denn ich habe den Platz für dich gereinigt!“
DTT|0|9|1|1|Der Jesusknabe verheißt dem römischen Richter die Aufnahme in das Gottesreich und segnet ihn. Der Zorn des Hochpriesters. Wie der Mensch selbst zum lebendigen Wort Gottes, somit zum Gott werden kann
DTT|0|9|1|0|Ich aber sah den römischen Richter freundlichst an und sagte: „Du bist zwar ein Heide, aber du bist gerecht und guten Herzens, und wahrlich, wann nun das wahre Gottesreich zu den Menschen auf diese Erde kommen wird, wirst du samt deinem ganzen Haus nicht als einer der Letzten in dasselbe aufgenommen werden! Wer aber darein aufgenommen wird, der wird selig sein und nicht sehen den Tod ewiglich!“
DTT|0|9|2|0|Sagte der Richter: „Wie magst denn du mir eine solche Verheißung machen?“
DTT|0|9|3|0|Sagte Ich: „Nichts leichter als das! Denn Ich sage es ja, dass Ich jenen Wunderknaben sehr wohl kenne und sein innigster Freund bin; so Ich ihn kenne, da werde Ich deiner nicht vergessen, und er wird dich segnen, und sein Segen wird nicht ohne Folgen sein!“
DTT|0|9|4|0|Hier erhob sich ganz zornig der Hochpriester und sprach: „Ist denn jener Knabe ein Gott, dass er segnen kann, als wäre er ein Gott? Weißt du denn nicht, dass nur Gott allein segnen kann und sein Hoherpriester nach der Beheißung Gottes dreimal im Jahr? Wie sprichst du von jenem Knaben, dass auch er einen Menschen und sein ganzes Haus sogar segnen könnte? Welche Lehrer müssen bei euch sein, dass ihre Schüler solch einen Unsinn herschwätzen können?!“
DTT|0|9|5|0|Sagte Ich: „Fürs Erste habt ihr selbst uns solche Lehrer gegeben, und so die Schüler einen Unsinn daherschwätzen, so fällt dieser auf euch selbst zurück, und so erzeugt ein Unsinn den anderen. Wenn aber das ein Unsinn ist, was Ich von dem Wunderknaben ausgesagt habe, dass er die segne, die ihm wahre Freunde sind, warum lehrt denn ihr dann, dass die Eltern ihre Kinder und die Kinder ihre Eltern allzeit segnen sollen?
DTT|0|9|6|0|Noah war doch kein Gott und segnete höchst fruchtbringend seine beiden Söhne, die seine Scham bedeckten; also war auch der alte, blinde Isaak kein Gott, als er den Jakob segnete und ihm gab den Beinamen ‚Israel‘, was so viel heißt als: ‚Aus dir gehe hervor das Volk Gottes!‘ War solcher Segen etwa ein fruchtloser?
DTT|0|9|7|0|So du aber sagst und fragst in deinem großen Tempelhochmut, ob jener Knabe ein Gott sei, was kannst du Mir sagen, so Ich dir sage: Ja, er ist es, und das mit offenbar mehr Recht, als es von euch geschrieben steht: ‚Der Herr Jehova Zebaoth sprach zu seinen Göttern!‘ So ihr aber also in eurem Dünkel Götter seid, warum soll denn jener mit so vielen wahrhaft göttlichen Eigenschaften begabte und erfüllte Knabe kein Gott sein, da er doch sogar vom David abstammt in erster Linie?!
DTT|0|9|8|0|Wer aber Gottes Wort hört und danach tut, der hat Gottes Wort lebendig in sich und ist selbst in seinem ganzen Wesen ein lebendiges Wort Gottes geworden und ist also im Geiste aus Gott! Wo aber das, wer kann da sagen, dass da der ganze Mensch nicht aus Gott wäre?! Ist ein Mensch aber dadurch, dass er in seinem ganzen Wesen zum lebendigen Gotteswort geworden ist, voll erfüllt mit dem Geiste Gottes, ist er dann nicht ein Gott, da das vollwahre Göttliche überall, somit auch im Menschen umso mehr, als Gott angesehen werden muss?!“
DTT|0|9|9|0|Sagte der Hochpriester: „Was hast du da wieder für einen sträflichen, gotteslästerlichen Unsinn hergeschwätzt? So kann nur ein unsinnigster Narr reden! Das ist ein hirnloses Gewäsch, darüber ein hellersehender Denker hellauf lachen muss!“ Darauf lachte der Hochpriester selbst hellauf.
DTT|0|9|10|0|Ich aber sagte: „Was heißt du das einen Unsinn? Ist das ein Unsinn, so seid ihr Hochpriester, Ältesten und Schriftgelehrten selbst Schöpfer und Ausbreiter desselben, was Ich sogleich auf das Allerklarste beweisen kann!“
DTT|0|9|11|0|[Der Hochpriester:] „Wie willst du kecker Schweinehirte aus Galiläa uns das beweisen?“
DTT|0|9|12|0|Sagte Ich: „Bringt Mir her den Volkskatechismus!“
DTT|0|9|13|0|Fragte der Hochpriester: „Und was willst du damit?“
DTT|0|9|14|0|Sagte Ich: „Das wirst du dann schon sehen! Vorderhand werde Mir das Buch hergeschafft!“
DTT|0|9|15|0|Es ward das Buch hergeschafft, und der Hochpriester sprach: „Hier ist es! Was wirst du nun damit machen?“
DTT|0|9|16|0|Sagte Ich: „Das wirst du nun gleich sehen!“ Ich schlug das Buch auf und bat den römischen Richter, dass er die ihm von Mir angezeigte Stelle laut vorlesen möchte. Er tat das mit sichtlicher Freude.
DTT|0|9|17|0|„Wer Gottes Wort hört und danach tut, der hat Gottes Wort lebendig in sich und ist selbst in seinem ganzen Wesen ein lebendiges Wort Gottes geworden und ist also im Geiste aus Gott. Wo aber das, wer kann da sagen, dass nicht der ganze Mensch aus Gott wäre?! Ist aber ein Mensch dadurch, dass er in seinem ganzen Wesen zum lebendigen Wort Gottes geworden ist, voll erfüllt mit dem Geiste Gottes, ist er dann nicht ein Gott, da das vollwahre Göttliche überall, somit auch im Menschen umso mehr, als Gott angesehen werden muss?!“
DTT|0|9|18|0|Hierauf sagte der römische Richter: „No, das sind ja auf ein Haar dieselben Worte, die ehedem der respektable Hochpriester bei dir als einen Schweinehirtenunsinn erklärt hatte! No, diese Geschichte – wie ich’s merke – fängt stets heiterer zu werden an! Da bin ich denn doch selbst gar sehr neugierig darauf, was da nun herauswachsen wird!“
DTT|0|10|1|1|Der Hochpriester hat sich selbst gründlich blamiert und weiß nichts mehr zu sagen. Missglückte Versuche, den Hochpriester zu rechtfertigen. Der Jesusknabe und Simon begeben sich als Gäste des römischen Richters in die Tempelherberge
DTT|0|10|1|0|Der Hochpriester machte über diese Vorlesung ein ganz ärgerliches Gesicht.
DTT|0|10|2|0|Ich aber sagte: „Nun, du gar so hoch Gottesgelehrter, Oberster des Tempels, ist dadurch von Mir nicht alleraugenfälligst der Beweis geliefert, dass, wenn das von Mir dir ehedem Gesagte ein Unsinn ist – das er aber nicht ist –, eben ihr selbst die Schöpfer und Verbreiter des Unsinns seid? So Ich aber dadurch eine Unwahrheit geredet habe, kannst du Mir sogleich eine Maulschelle für Meine Keckheit verabfolgen! Aber du wirst das nun schwerlich tun, dieweil du das, was in eurem Volkskatechismus geschrieben steht, nun unmöglich mehr als einen Unsinn erklären kannst! Aber nun möchte Ich von dir den Grund vernehmen, warum du das ehedem getan hast! Ich habe geredet, rede nun du!“
DTT|0|10|3|0|Der Hochpriester machte nun eine lächerliche Miene und war um eine Antwort sichtbar im hohen Grad verlegen.
DTT|0|10|4|0|Es erhob sich aber gleich ein anderer Schriftgelehrter und sagte: „Seine hochzuverehrende Herrlichkeit haben dich dadurch nur auf eine recht heiße Probe gestellt und wollten daraus ersehen, ob du wohl im Volkskatechismus fest bewandert bist, dieweil du selbst solchen zugunsten deiner Sache angezogen hast. Lasse nun das, und reden wir beide lieber von ganz was anderem! Denn es kommt bei diesem Hin- und Herstreit ja am Ende doch nichts heraus.“
DTT|0|10|5|0|Sagte Ich: „Siehe du da, wie gescheit du sein möchtest, wenn du es sein könntest!? Du möchtest dem Hochpriester nun gerne aus der Kloake helfen, in die er sich selbst bis über die Ohren und Augen gestürzt hatte; aber es geht das nun wohl nicht mehr!
DTT|0|10|6|0|Ich weiß es wohl, dass er Mir nun den Grund nicht sagen wird, warum er das bei Mir einen Unsinn nannte, das er als Hochpriester wohl am ersten hätte wissen sollen, dass das im Volkskatechismus vor jedermanns Augen geschrieben steht; aber weil er eben darum nicht gewusst hat, so nannte er das einen Unsinn – und doch ist er ein Hochpriester, ein Schriftgelehrter und Ältester zugleich!
DTT|0|10|7|0|Das Denkwürdige an der Sache ist dabei nur das, wie man in dieser Zeit ein Hochpriester werden und sein kann und wie sich vom Geiste Gottes erfüllt dünken, da man das Wort Gottes nicht einmal äußerlich kennt!? Ist es nicht also Gebot und Sitte, dass ein jeglicher Hochpriester, der am Stuhl Mosis und Aarons sitzt, der Schrift in allen ihren Teilen vollkommenst kundig sein soll und jedem, der irgend in etwas einen Zweifel hat, einen vollrechten Bescheid gebe?!
DTT|0|10|8|0|Welchen Bescheid aber kann der jemandem geben, der nicht einmal die sehr kurz gefasste Textierung des Volkskatechismus kennt und somit zum Gelächter und gerechten Ärger eines wahren und eifrigen Juden aus eigener Unkunde das Unsinn nennt, was doch ein jeder Judenknabe aus dem Volkskatechismus wissen muss, ansonst ihn ein ehrlicher Meister in irgendeine Handwerkslehre nicht aufnimmt!“
DTT|0|10|9|0|Da ermahnte Mich ein anderer Ältester, dass ich wohl bedenken solle, wer und was ein Hochpriester sei.
DTT|0|10|10|0|Ich aber sagte: „So Ich die volle Wahrheit rede, kann Ich dadurch je einen wahren Menschen beleidigen?! Sagt es selbst, ob das, was Ich hier rede, nicht in der Schrift von Moses aus geschrieben steht, und ob sich nicht die Sache so verhält, wie die Sache selbst klar zeigt!
DTT|0|10|11|0|Leider werden hochgeborene Menschen nun nicht mehr nach ihrem geistigen Vermögen, sondern nur nach ihren weltlichen Reichtümern zu den höchsten Ämtern befördert, wo sie dann gewöhnlich geistig noch ärmer, aber dafür materiell desto reicher werden! Aber sagt es selbst, ob es so vor Gott auch gerecht ist?!
DTT|0|10|12|0|Ja, da kann man dann, gar leicht begreiflich, über die Ankunft des verheißenen Messias freilich wohl schwer eine Auskunft erhalten, so diejenigen, die davon doch füglichermaßen zunächst und zuerst etwas wissen sollen, in der Schrift so unbewandert sind als wie die Menschen, die vom Dasein einer Schrift aus dem Geiste Gottes durch Moses und andere Propheten gar keine Kenntnis besitzen, aber dabei doch ganz entsetzlich hoch und breit auf dem Stuhl Mosis und der Propheten sitzen!
DTT|0|10|13|0|Sie selbst wissen von Gott und dessen Wort wenig oder nichts und noch weniger von dem lebendigen Wort Jehovas im Menschen, durch das sie selbst zu einem Gott werden sollen nach ihren eigenen und ausgemachten Volksunterrichtsgrundsätzen! Was sagst denn du, römischer Richter, als ein Heide zu solchen Dingen und Verhältnissen?“
DTT|0|10|14|0|Sagte der Richter: „Da kann ich dir in allem nur recht geben! Denn hier zwischen den Mauern und in diesem abgeschlossenen Saal kannst du reden, wie dir die Zunge gewachsen ist, nur öffentlich vor dem Volk wäre so was unschicksam und sogar schlimm – was du aber auch nicht tun wirst, da du ein viel zu vernünftiger Junge bist und die für diese Zeit schlimmen Folgen daraus selbst gar wohl berechnen kannst. Nun aber gehen wir zum Nachtmahl! Du und Simon seid heute und morgen meine Gäste!“ Darauf hob der Richter die Sitzung auf und bestellte sie am nächsten Tag wieder.
DTT|0|10|15|0|In des Tempels nächster Nähe aber war eine große Herberge, da nahmen wir ein gutes Nachtmahl und begaben uns dann schnell zur Ruhe.
DTT|0|10|16|0|Diese Herberge gehörte aber auch zum Tempel und ward von den Tempeldienern bedient. Wer von den Reisenden in dieser Herberge blieb, dem ward es also angerechnet, als wäre er unmittelbar im Tempel selbst geblieben. Man konnte zwar im Tempel auch verbleiben, musste aber doppelt so viel zahlen und bekam nichts als Brot und Wasser zum Genuss. Wenn es demnach heißt, dass Ich drei Tage lang im Tempel verblieb, da muss auch diese Tempelherberge dazugerechnet werden.
DTT|0|10|17|0|Uns dreien ging es in der Herberge ganz gut; jeder konnte ganz süß und ruhig schlafen.
DTT|0|11|1|1|Nächtliche Beratung der Templer. Ein junger Levite aus Nazareth berichtet über den Wunderknaben und dessen Spiele. Diskussion über das Wesen des Beelzebub. Über den Kampf des Satans mit dem Erzengel Michael um den Leib Moses
DTT|0|11|1|0|Aber die Tempelherren hatten eben keine so ruhige Nacht; denn Ich wollte es eben, dass diese selbst- und herrschsüchtige Art von Menschen durch allerlei beängstigt werden musste. Und der Hochpriester konnte vor Galle, Ärger und Furcht zu keinem Schlaf kommen, denn es genierte ihn besonders das über alles, dass Mich der römische Richter als einen geehrten Gast mit sich nahm. Er ließ denn auch in einem fort seine Horcher in die Herberge kommen, dass sie ihm Nachricht brächten von dem, was wir etwa miteinander redeten. Aber wir redeten gar nichts, und schwätzten somit auch nichts aus der Schule.
DTT|0|11|2|0|Aber dafür schwätzten die Templer mehr unter sich und berieten sich, wie sie Mich am nächsten Tag durch allerlei Fragen verwirrt und recht unsinnig machen könnten. Nur der junge Levite, der auf dem Punkte stand, ein selbständiger Pharisäer und Vorsteher einer Synagoge zu werden, hat dem Gremium, weil er sehr viel gesehen und erfahren hatte bei seinen Missionsreisen, ganz trocken ins Gesicht gesagt:
DTT|0|11|3|0|„Mit diesem Knaben werdet ihr alle nichts richten! Ich habe in Nazareth wahrlich Wunderdinge von seiner Beredsamkeit gehört, und da gibt es gar keinen Gelehrten, der diesem Knaben je etwas abgewonnen hätte! Ich sage es euch ganz offen: Dieses Knaben Zunge und seines Freundes unbegreifliche Willenskraft sind mächtig zur Genüge, um die ganze Welt zu unterjochen! Und wir haben uns mit diesem Knaben eine ganz mächtige Laus in den Pelz gesetzt, der wir ohne Schaden nicht leicht loswerden!
DTT|0|11|4|0|Daher wäre meine freilich immerhin unmaßgebliche Meinung diese: Man lasse ihn bei seiner Meinung, dass wenigstens möglicherweise jener Wunderknabe der verheißene Messias sein oder mit der Zeit werden kann, da denn doch die Weissagungen der Propheten so ziemlich auf ihn wie auf diese Zeit hindeuten!
DTT|0|11|5|0|Mit was immer für Widerspruch kommen wir mit ihm nicht weiter – und ihn ärgerlich machen durch irgendeine Drohung, wäre meiner Ansicht nach sogar bedenklich, denn er weiß um alles auf das Genaueste, und nicht fremd scheinen ihm unsere tiefsten Tempelgeheimnisse zu sein!
DTT|0|11|6|0|Es wäre da schon dann rein des Beelzebubs zu werden, so er eben von unseren ganz besonderen Geheimnissen offen vor dem ihm sehr geneigten Simon und dem römischen Richter auszuplaudern anfinge! Daher heißt es da sehr klug sein, ihn bei seinem Thema lassen, ihn darin eher noch bestärken, als von seiner Idee abwendig machen zu wollen!
DTT|0|11|7|0|Was liegt denn da daran für uns, die wir alle die alten Schriftglaubenssachen schon lange über Bord ins Meer der Vergessenheit geworfen haben, ob ein Messias, oder ob keiner?! Sondern klug sein und dadurch herrschen und dabei auf Kosten der blinden und dummen Menschenmenge sehr gut leben ist besser, als sich allerlei Gewalt, die wir am Ende doch nicht haben, anmaßen und sich daneben mit allerlei unnötiger Sorge und Angst zernagen lassen!
DTT|0|11|8|0|Wir haben uns schon gestern mit unserer schlecht berechneten Hoheitssteife bei dem Römer schlecht insinuiert, und die Zachariasgeschichte kann uns noch in große Verlegenheiten bringen! Denn zu scherzen ist’s mit den Heiden schon durchaus nicht! Wir dürfen uns daher morgen nur ein wenig unsanft gegen den Knaben benehmen – und wir stehen alle in der heißesten, echt römischen Brühe!
DTT|0|11|9|0|Darum seien wir nur ganz feine und schlaue Füchse und machen unsere gestrigen Fehler wieder so viel als möglich gut, und ich will wetten, dass der Römer die Geschichte vom Zacharias ganz fallen lässt, ansonst er sie sogleich als eine scharfe Waffe gegen uns benützen wird. Was meint ihr von meinem Rat?“
DTT|0|11|10|0|Sagte der stets wache Oberpriester: „Ja, ja, ich bin mit dir da ganz einverstanden; es dürfte also schier am besten sein! Rede und Antwort müssen wir dem Knaben geben, weil er dazu ein teuer erkauftes Recht hat, dieses können wir nicht von uns hinwegschieben! Nur bin ich der Meinung, dass wir ihm morgen ein anderes Kollegium geben aus uns, das ihm da günstiger denn wir gestern Rede stehen soll! Was meint ihr da?“
DTT|0|11|11|0|Sagte der junge Redner: „Der Meinung bin ich wieder nicht! Ein fremdes Kollegium müsste erst mühsam informiert werden, um so recht zu verstehen, wen es in dem Knaben vor sich hat. Wir aber kennen ihn nun und wissen, was er eigentlich will. Wir haben ihm sonach leicht Rede zu stehen. Ein fremdes Kollegium würde morgen vor dem Knaben dastehen wie ein junges Paar Zugochsen vor einem Berg und wüsste ihm selbst bei einer besten Information nicht Bescheid zu geben.
DTT|0|11|12|0|Dann kommt aber da noch etwas ganz Wichtiges in die Betrachtung, und zwar: Können wir wissen, ob der Knabe sich nicht gerade auf uns versteifen würde? Wir müssten dann, vom Simon und dem römischen Richter verlangt, kommen und dem verzweifelt pfiffigen Knaben zur Rede stehen, bei welcher Gelegenheit wir uns eben nicht gar zu besonders gut vor dem Römer ausnehmen möchten, da wir uns dadurch ja offen verrieten, dass wir im Kampf mit dem Knaben das offenbar Kürzere gezogen haben!
DTT|0|11|13|0|Ich will und kann mit solcher meiner Meinung keine gültige Vorschrift machen, aber das ist doch gewiss, dass wir das von mir Bemerkte ganz sicher zu erwarten haben, was niemand aus uns eben etwa sehr erwünscht sein dürfte!“
DTT|0|11|14|0|Sagte der Oberpriester: „Bin ganz mit dir einverstanden, und wir werden uns auch deinen guten Rat zur Richtschnur nehmen; aber was meinst du, mein Sohn, denn überhaupt so über diesen ganz verzweifelt pfiffigen Knaben?
DTT|0|11|15|0|Es ist ja doch rein des Satans zu werden! Wir höchsten Würdenträger vom ganzen Judenland müssen uns nun von einem echten galiläischen Schweinehirten bis über die Ohren ins Bockshorn treiben lassen! Vor solch einem niedrigsten Wurm des Gassenstaubes müssen wir zittern und alles Mögliche aufbieten, um seiner nur auf eine gute Art loszuwerden. Nein, nein, so was ist noch seit Menschengedenken nicht dagewesen!
DTT|0|11|16|0|Aber sage mir, was du so bei dir von dem Knaben denkst! Wie und wann kann sich dieser Knabe von zwölf Jahren Alters solche Totalwissenschaft zu eigen gemacht haben?“
DTT|0|11|17|0|Sagte der junge Redner: „Lieber, nach dem Hohenpriester allerhöchster Gebieter und Gönner! So was ist in Galiläa gar nichts Neues. Alles in Galiläa treibt Handel, kommt mit allen Nationen der Welt zusammen und macht tausendfache Erfahrungen aller Art und Gattung, lernt verschiedene Sprachen und verkehrt mit Griechen, mit Armeniern, mit Ägyptern, Römern und noch mit einer Menge anderer Völker. Es ist daher auch begreiflich, dass man in den Städten und Flecken und Dörfern Galiläas nicht selten Kinder antrifft, deren durchdringender Verstand alles ins größte Staunen setzen muss, was von uns aus Jerusalem dahin kommt.
DTT|0|11|18|0|Ich, wie bekannt, bin selbst in der Gegend von Nazareth geboren und war mit der ganzen Schrift schon in meinem zwölften Jahr vertrauter denn jetzt, wo ich schon so manches vergessen habe, und daneben noch mit einer Menge anderer Schriften und Dinge. Warum unser blondlockiger Knabe nicht? Mich wundert seine Gewecktheit eben nicht so sehr, obwohl sie sehr durchdringend ist.“
DTT|0|11|19|0|Sagte weiter der Oberpriester: „Ja, das wäre bei einer frühzeitigen Bildung eines talentierten Knaben freilich nicht so etwas ganz Besonderes; aber wie kommen diese Menschen in den Besitz der Schrift, die als allein echt nur im Heiligtum des Tempels aufbewahrt ist, und niemand daraus lesen darf als nebst dem Hohenpriester nur der Oberpriester und die Schriftgelehrten?“
DTT|0|11|20|0|Sagte der junge Redner: „Höchster Gebieter, das ist ja schon seit der Zeit, als die Römer unser Reich erobert haben, nicht mehr wahr! Dem Eroberer mussten alle Einrichtungen des Tempels und alle seine Bücher zur Einsichtnahme ausgeliefert werden. Da wurden durch drei Wochen lang von allem und jedem die getreuesten Abschriften genommen.
DTT|0|11|21|0|Und nun gibt es unter den Römern und Griechen schon eine solche Menge der ganz getreuen Abschriften in allen Zungen sogar, dass man sich um wenige Silberlinge eine solche Abschrift in jeder beliebigen Zunge anschaffen kann. So aber das, wie soll es dann etwa schwer möglich sein, in einem galiläischen Knaben von Talent einen wahren Schriftgelehrten non plus ultra anzutreffen?“
DTT|0|11|22|0|Sagte der Oberpriester: „Du kommst mir noch mit römischen Zwischenworten und weißt doch, dass ich ein Todfeind alles Römischen bin! Was heißt denn der Ausdruck ‚non plus ultra‘?“
DTT|0|11|23|0|Sagte der junge Redner: „Höchster Gebieter, ich als Galiläer bin auch nebst der hebräischen noch der Griechen wie der Römer Zunge mächtig, also verstehe ich Syrisch, Chaldäisch, Armenisch, Persisch und Altarabisch, das man als ein Sendling auch verstehen muss – und es geschieht mir da im Fluss der Rede gar leicht und öfters, dass sich mir manchmal eine fremde Zunge wie von selbst in den Mund schiebt.
DTT|0|11|24|0|Der Ausdruck ‚non plus ultra‘ ist aber nun unter uns Juden seiner Kürze und Bündigkeit wegen so gang und gäbe, dass es einem ordentlich schwer vorkommt, den langen und langweiligen hebräischen zu gebrauchen. An und für sich aber besagt es so viel: So ein Knabe ist also sehr ‚von niemand übertreffend‘ in aller Schrift bewandert.“
DTT|0|11|25|0|Sagte der Oberpriester: „Gut, gut, es liegt nichts daran, ich bin nur aus leicht begreiflichen Gründen kein Freund der Römer und somit auch ihrer Zunge nicht; aber lassen wir das beiseite, und du sage mir, was dir allenfalls von jenem Wunderknaben in Nazareth bekannt ist, dessen Vater ich kenne wie auch dessen Mutter!“
DTT|0|11|26|0|Sagte der junge Redner: „Ja, höchster Gebieter, das ist ein stark kitzliger Punkt! Ich glaube, ihn vor ein paar Jahren gesehen zu haben, und zwar in Gesellschaft von mehreren Knaben, die einander aber über alle Zwillingsbrüder hinaus ähnlich waren. Man sagte mir wohl, dieser und solcher und jener sei es, aber da die Knaben gleichfort sich sehr lebhaft durcheinander tummelten, so konnte ich unmöglich den rechten aus ihnen fest ins Auge fassen. Ich habe ihn also gesehen, und doch wieder auch nicht gesehen.
DTT|0|11|27|0|Unser uns nun ein rechtes Wetter machender Knabe aber war damals ganz sicher auch in der Gesellschaft, begleitet von einem ihm sehr ähnlichen Knaben, und zwar – wie es mir nun vorkommt – mit einem noch mehr ernsthaften Gesicht, und machte keine lustigen Sprünge. Es hatte sehr das Aussehen, als wären die beiden Knaben gleichsam Gebieter über die anderen, da sich die anderen ganz nach deren Willen zu bewegen schienen.
DTT|0|11|28|0|Was aber übrigens dieses Buntgetriebe der Knaben durcheinander für ein Spiel bedeutete, begriff ich nicht, da ich früher nie etwas Ähnliches gesehen habe. Planlos schien mir die Sache nicht zu sein, weil sich bei längerer Beobachtung irgendeine Ordnung durchaus nicht verkennen ließ. Was es aber vorstellte, konnte mir niemand von den mit mir Anwesenden erklären. Man sagte mir, dass die Knaben sich stets auf eine solche Art unterhielten, die früher noch nie in Nazareth gesehen ward; aber niemand versteht es, was so eine fremdartige Unterhaltung besagt.
DTT|0|11|29|0|Das wäre nun aber auch schon alles, was ich persönlich von jenem Knaben aus eigener Erfahrung weiß. Nun aber habe ich mir von jenem Knaben wohl gar außerordentliche Dinge erzählen lassen, die an das Allerunglaublichste stoßen! Alles das wiederzuerzählen, würde man eine Zeit von wenigstens zehn Tagen vonnöten haben, daher sage ich nur im Allgemeinen:
DTT|0|11|30|0|Es gehorchen diesem oder besser jenem Wunderknaben buchstäblich alle Elemente, ja sogar Sonne, Mond und all die Sterne seien seinem Willen augenscheinlich untertan, da er etwa bloß zu wollen brauche, und die Sonne und der Mond geben kein Licht! Und sage er dann ernstvoll zur Sonne oder zum Mond: ‚Leuchte fortan!‘ so ist das Licht gleich wieder gegenwärtig.
DTT|0|11|31|0|Von der Geburt an Blinde macht er bloß durch ein Wort so hell sehend, als wie hell sehend da ist eine Katze, die auch in der finstersten Nacht ihren Raub gar wohl erschaut.
DTT|0|11|32|0|Einem Knaben aus der Mitte seiner Gespielen, der voll Mutwillens auf ein Dachgerüst stieg, herabfiel und ganz zerschmettert tot blieb, habe er im Angesicht vieler Zuschauer bloß durch sein Wort das Leben also wiedergegeben, dass der wiederbelebte und von allen Wunden geheilte Knabe so ganz kerngesund und munter dastand, als so ihm nie etwas Übles begegnet wäre. Wohl aber habe darauf der Wunderknabe dem vom Tode erweckten Knaben dahin eine ganz ernste Mahnung gegeben, künftighin nicht mehr so mutwillig und unfolgsam zu sein, ansonst er ihm nicht mehr helfen würde.
DTT|0|11|33|0|Man spricht überhaupt von Wundern der Sittlichkeit und der weisesten Redekraft von Seite des Wunderknaben. Nur eines klingt etwas sonderbar: Er, der Wunderknabe nämlich, bitte nie jemanden um irgendetwas, und so ihm jemand etwas gegeben, so danke er auch niemals dafür! Er ist stets voll Ernstes, man sieht ihn oft beten, auch weinen im Stillen, aber lachen niemals.
DTT|0|11|34|0|Das ist nun so in aller Kürze all das Denkwürdige, was ich von jenem Wunderknaben in meine Erfahrung gebracht habe. Ein Mehreres ist mir nicht bekannt. Wie und mit welchen Mitteln aber jener Knabe solche Wunderdinge zustande bringt, das zu beurteilen steht zu hoch über dem Horizont meines Wissens und meiner zu beschränkten Weisheit – das mögt nun ihr ältesten und weisesten Vorsteher des Tempels tun, und ich habe geredet.“
DTT|0|11|35|0|Sagte darauf der Hochpriester: „Mit welch anderer Macht wohl als mit der des leibhaftigen Beelzebub?! Denn Gott wirkt niemals derart Wunder durch Kinder und lose Knaben, sondern höchst selten nur durch fromme, Ihm ganz ergebene und an Jahren reif gewordene Männer, wie wir da sind! So aber zu Nazareth ein zwölfjähriger Knabe solche Dinge verrichtet, so liegt es ja klar am Tage, dass so was nur durch die Hilfe des Beelzebub geschehen kann! Das ist meine Meinung, wer irgendeine andere und bessere geben kann, der stehe auf und rede!“
DTT|0|11|36|0|Es erhob sich ein Ältester und sagte: „Meiner Ansicht nach räumst du dem Beelzebub denn doch etwas zu viel Macht ein! Streng unter uns gesagt, ist der Beelzebub ja ohnehin nur eine allegorische Persönlichkeit, unter der man sich den Totalbegriff alles Bösen und Schlechten, das bloß in der Verkehrtheit des Menschenwillens liegt, vorstellt.
DTT|0|11|37|0|Dass dann durch ein volles Zusammenwirken einer allen guten Gesetzen hohnsprechenden Gesellschaft von vielen Menschen unter sich ein sogenannter Beelzebub erzeugt wird, der fürder nichts mehr Gutes in ihr aufkommen lässt, das ist eine schon seit lange her ausgemachte Sache! Denn ein solcher böser Geist gleicht einem moralischen Pesthauch und vergiftet fortwährend die Herzen der in solcher Gesellschaft bestehenden Menschen, dass sie aus sich und durch sich nimmer besser werden können.
DTT|0|11|38|0|Aber daran schuldet abermals nicht ein gewisser geistig-persönlicher böser Geist Beelzebub, sondern die gänzlich verkehrte und somit schlechte Erziehung der Kinder von der Wiege an. Dergleichen Menschen bekommen keinen Begriff von einem allmächtigen und allweisesten Gott, auch in allen anderen Kenntnissen und Wissenschaften stehen sie den zivilisierten Völkern himmelweit nach und können darum auch bald und leicht besiegt werden von denselben.
DTT|0|11|39|0|Wenn wir nun aber die außerordentliche Bildung unseres in der Rede stehenden Knaben betrachten, dessen überaus fromme und tiefgebildete Eltern uns nur zu gut bekannt sind, und beherzigen seinen überaus großen Wohltätigkeitssinn, so kann es wenigstens mir nicht einmal in einem allerschlechtesten Traum unmöglich beifallen, zu behaupten, ein solcher Knabe stehe im vollsten Machtverband mit dem Obersten aller Teufel, die nimmer imstande seien, auch nur einen kleinsten Lichtgedanken in sich aufkommen zu lassen!
DTT|0|11|40|0|Oder kann durch das absolut Böse nach unserer Anschauungsweise je auch nur ein anscheinend guter Zweck erreicht werden? Mir wenigstens ist so was bis jetzt noch ganz fremd geblieben! Oder weiß es jemand aus euch etwa, dass irgend ganz grundschlechte Menschen je eine gute und lobenswerte Handlung begangen haben? Oder lässt sich mit den schlechtesten und verworfensten Mitteln je etwas erweislich wahrhaft Gutes erreichen?!
DTT|0|11|41|0|So aber unser Wunderknabe mit seiner Willenskraft, die für uns freilich etwas Unbegreifliches ist, lauter allerbeste und großartigst edle Handlungen von nachhaltig besten Folgen verübt, wie möglich kann er sich dabei des allergrundschlechtesten Mittels bedienen?! Darüber bitte ich mir von euch eine haltbare Erklärung aus!“
DTT|0|11|42|0|Mehrere von den Ältesten und Schriftgelehrten stimmten mit dem Redner überein – nur der Oberpriester und sein eben nicht sehr zahlreicher Anhang nicht. Und der Oberpriester erhob sich und sagte zum Verteidiger des Wunderknaben:
DTT|0|11|43|0|„Sieh, ich merkte aus deiner Rede, dass du des Beelzebubs Persönlichkeit leugnest mit sinniger Rede und ebenso die Persönlichkeit der ihm unterstehenden Teufel. So du mit deiner Rede das Recht behaupten sollst, da erkläre es mir denn auch in deiner Weise, wer auf dem Berg Horeb gestritten hat um den Leib Mosis mit dem Erzengel Michael durch drei Tage und dazu noch den Sieg behauptete!
DTT|0|11|44|0|Wer war jene Lichtgestalt, die sich vor den Gottesthron wagen durfte, um sich die Zulassung zu erbitten, um dem Vater Hiob auf den Zahn fühlen zu dürfen? Wer war denn die Schlange Evas? Wer der böse Geist Sauls, den der Knabe David mit dem Saitenklang seiner Harfe verscheuchte? Ferner gibt es noch eine Menge Datas in der Schrift, besonders im Daniel, der zu öfteren Malen des großen Drachen und der großen Hure Babels erwähnt. Wie wirst du eigentlicher Weltweiser das alles in deiner Weise aufklären?“
DTT|0|11|45|0|Sagte der frühere, weise Älteste und Schriftgelehrte: „Dies wäre mir eine gar leichte Arbeit, so dein Verstand den das zu begreifen erforderlichen Bildungsgrad besäße, aber deine gänzliche Verstandesnacht fasst solche Lichtdinge nicht. Und so würde ich nur einem Tauben und Blinden eine vergebliche Predigt halten, die keine Wirkung hätte – und so lasse ich das bleiben.
DTT|0|11|46|0|Die mich verstehen wollten und konnten, die haben mich schon ehedem verstanden. Einem harten Willen aber eine Predigt halten, heißt einen Stein darum ins Wasser legen, damit er weich werde. Hast du denn nie die große Kabbala gelesen, die da ist ein Werk eines großen Geistes? Darin geschieht eine gedehnte Erklärung von den Entsprechungen zwischen den Sprach- und Schriftbildern und der Wirklichkeit, die sie darstellen!“
DTT|0|11|47|0|Sagte der Oberpriester: „Die kleine wohl, aber die große nicht.“
DTT|0|11|48|0|Sagte der Redner: „Dann kann ich unmöglich reden mit dir, denn die kleine hat einen anderen Autor und ist nicht wert, ein schlechtester Auszug von der alten, großen genannt zu werden!
DTT|0|11|49|0|Vor Gott gibt es keinen Satan und keinen Teufel und somit auch nirgend etwas absolut Böses, denn Ihm müssen alle Mächte und Kräfte gehorchen, und keine kann über ihren Kreis hinaus wirken.
DTT|0|11|50|0|Ist das Feuer nicht ein Kraftelement, das des Bösen und Zerstörenden in höchster Fülle in sich fasst? Ist es darum ein Produkt des Satans, so es ganze Städte zerstört und in tote Asche verwandelt, so es entweder durch den bösen Willen, sage, der Menschen oder durch ihre immerhin sträfliche Fahrlässigkeit entfesselt wird?
DTT|0|11|51|0|Oder steckt darum etwa der Satan im Wasser, das auch Menschen und Tiere tötet, so sie in dasselbe fallen? Oder steckt der Satan etwa in einem Stein, oder in der Höhe der Gebirge, oder in den giftigen Tieren und Pflanzen, oder kurz in allem, was uns Menschen den Tod bringen kann bei einem unsinnigen Gebrauch? Sieh, alles auf der Erde oder in der Erde kann sein voll Segen, aber auch gleichzeitig voll Fluch, je nachdem es ein Mensch entweder weise oder dumm gebraucht.
DTT|0|11|52|0|Was war denn der berühmte Kampf des Satans mit dem Erzengel Michael um den Leib Mosis?
DTT|0|11|53|0|Der fromme Teil der Juden, die Moses wie einen Gott verehrten, gedachte, dass Moses auch dem Fleische nach nicht sterben werde, da es hieße: ‚Die die Gesetze Gottes streng beobachten, die werden nicht sterben, sondern gleichfort ewig leben, und ihr Fleisch werden die Würmer nicht zernagen!‘ Moses aber ward am Ende dennoch schwach und starb wie ein jeder andere Mensch.
DTT|0|11|54|0|Da waren unter den Juden ein Weiser und ein Arzt.
DTT|0|11|55|0|Der Weise sagte: ‚Man trage den Leichnam auf die Spitze eines hohen Berges, allwo die reinsten Lebenslüfte wehen, und Moses wird wieder lebendig und führen sein Volk ins verheißene Gelobte Land!‘
DTT|0|11|56|0|Der einsichtsvollere Arzt aber sagte: ‚Kein Leib, der einmal vollends entseelt ist, wird je wieder lebendig!‘
DTT|0|11|57|0|Der Weise sagte: ‚So Moses auf der Bergesspitze in drei Tagen nicht wieder völlig lebendig wird, sondern tot bleibt, dann hast du über mich und meinen Glauben gesiegt, und ich bin dein Sklave mein Leben lang!‘
DTT|0|11|58|0|Der Arzt aber sagte: ‚Dass ich siegen werde, das weiß ich zum Voraus. Darum brauchst du mir aber keinen Sklaven abzugeben, sondern ich werde bleiben, was ich bin, und du, was du bist, und einsehen, dass der Fürst oder die Macht des Todes sein Opfer behält und nimmer auslässt.‘
DTT|0|11|59|0|Und es ward der Leib Mosis mit großer Feierlichkeit wohin gebracht. Viele Tausende der vornehmsten Israeliten begleiteten den Leichnam. Und als die Spitze des Berges mit vieler Mühe erreicht war, so ward Moses den freien Lebenslüften ausgestellt, und es wurden an ihm durch drei Tage alle denkbaren geistigen und materiellen Wiederbelebungsversuche gemacht, aber alles vergebens: Des großen Propheten Auge öffnete sich nicht mehr für das Licht dieser Welt.
DTT|0|11|60|0|Da sprach am vierten Tag der Weise ganz entrüstet vor dem Volk: ‚Siehe, du Volk Gottes, des Satans Macht! Drei Tage lang kämpfte Michael (Macht der Himmel) mit dem Satan (Macht des Todes) um den Leib des Propheten und Satan besiegte ihn; aber dafür sprach Michael: ‚Gott wird dich darum richten‘!‘
DTT|0|11|61|0|Das war eine Rede vor dem Volk, figürlich zwar, aber doch notwendig und in ihrem eigentlichen Grunde doch auch sehr wahr.
DTT|0|11|62|0|Als der Arzt dann unter sicher nur vier Augen mit dem Weisen sprach und ihn daran erinnerte, wie er doch recht hatte, da sagte freilich der Weise:
DTT|0|11|63|0|‚Leider hast du recht. Aber es ist doch immerhin traurig für uns Menschen, dass Jehova auch bei Seinem größten Propheten keine Ausnahme macht und ihn am Ende ebenso wie jedes noch so gemeine Tier erwürgt und tötet! Moses hätte Er wohlbehalten können und zeigen dem Volk, dass Satan über seinen durch und durch Geheiligten keine Macht mehr habe.‘
DTT|0|11|64|0|Der Arzt aber sagte: ‚Du rechtest nicht gerecht mit Jehova! Siehe, Er hat allem Fleische seinen Weg und dem Geiste den seinen vorgezeichnet; der Weg des Fleisches aber muss vollends gerichtet sein, damit der Weg des Geistes ein freier bleibe für ewig.‘
DTT|0|11|65|0|Als die beiden noch also miteinander Worte wechselten, da trat auf einmal zwischen sie Moses Geist und sagte: ‚Der Friede mit euch! Gottes Ordnung ist unwandelbar, und alles, was Er tut, ist gut! So der Leib auch stirbt, da stirbt dennoch nicht auch der Geist. Haltet die Gesetze, und rechtet nicht um meinen Leib, denn ich, Moses, lebe ewig fort, so auch tausend Male gestorben wäre der Leib, den ich trug!‘
DTT|0|11|66|0|Darauf verschwand der Geist, und die beiden waren ausgeglichen.
DTT|0|11|67|0|Nun, mein lieber Bruder in Abraham, Isaak und Jakob, was sagst du dazu? Wo ist deine Persönlichkeit des Satans? Denn was ich dir nun sagte, ist die nackte geschichtliche Wahrheit, und die im Buch geschriebene ist nur ein Bild, gegeben wie alle dergleichen Nachrichten in dichterischen Versen, die man doch allein nur durch die Wissenschaft der Entsprechungen in der Natürlichkeit verstehen kann. Was sagst du nun dazu als selbst ein Schriftgelehrter?“
DTT|0|11|68|0|Sagte der Oberpriester: „Ja, ja, die Sache hat viel für sich und lässt sich gut hören, aber sie beruht nun dennoch auf dem Glauben und lässt über diesen hinaus keinen erweisenden Grund zu. Aber es mag an dieser Sache immerhin etwas sein, denn so es einmal pur auf dem Glauben beruht, da ist es am Ende schon bald einerlei, ob ich dieses oder jenes glaube – und es ist etwas Natürliches immer leichter zu glauben als etwas Übernatürliches. Lassen wir demnach von dieser Sache ab. Die Nacht ist vorüber, und man wird uns in der Sprechhalle schon erwarten.“
DTT|0|11|69|0|Sagte der junge Halbpharisäer: „Bin wahrlich sehr neugierig darauf, was die Sache heute für eine Wendung nehmen wird! Aber nur um das möchte ich um unseres Heiles willen wohl gebeten haben, dass mein Rat als ganz klug wegen der Römer in eine kleine Erwägung gezogen werden möchte; denn es liegt ja doch wahrlich gar nicht so sehr irgendetwas Besonderes daran, ob wir unter uns und zwischen den vier Wänden das halbwegs wenigstens scheinbar annehmen, was der Knabe so ganz eigentlich haben will, da wir uns sonst die Römer zu sicher noch größeren Feinden machen würden, als sie es ohnehin schon sind.“
DTT|0|11|70|0|Sagte der Oberpriester: „Sei unbesorgt, mein Sohn! Was sich nur immer tun lässt, das wird nicht unterlassen werden, denn heute kennen wir unseren Standpunkt offenbar besser, als wir ihn gestern gekannt haben.“
DTT|0|11|71|0|Nach diesen Worten kam schon ein Tempeldiener und meldete – wie gewöhnlich in der allertiefsten Ehrfurcht –, dass der römische Kommissarius mit dem Knaben, der Simon von Bethania und noch etliche Herren mit ihm in der Halle seien.
DTT|0|12|1|1|Zusammenkunft im Sprechsaal am zweiten Tage. Die Pharisäer ärgern sich, nicht vom Jesusknaben begrüßt zu werden. Erst jetzt erfahren von dem Richter, wer der Knabe ist. Vergeblicher Versuch der Templer, die Sitzung aufzuheben
DTT|0|12|1|0|Auf diese Nachricht eilte das ganze Kollegium in den Sprechsaal und wurde von den Anwesenden nach der Sitte geziemend begrüßt, ein Etwas, was die Pharisäer gar sehr liebten, und [weshalb] sich einige gleich aufhielten, weil der Knabe nichts dergleichen tat, was nur von fernehin irgendeinem Gruß ähnlich sähe.
DTT|0|12|2|0|Es trat darum sogleich ein Alter zu Mir hin und fragte so mehr bescheiden, warum Ich als der etwas trotzig aussehende Knabe niemanden gegrüßt habe.
DTT|0|12|3|0|Ich aber sagte ihm ganz kurz: „Das schickt sich wohl von euch und euresgleichen untereinander, was hat damit ein zwölfjähriger Knabe zu tun?! Übrigens hat ja aus euch auch Mich niemand gegrüßt, warum soll Ich denn nun wieder etwas zurückgeben, das Ich zuvor von euch noch nie erhalten habe?!
DTT|0|12|4|0|Und zudem besteht bei uns in Galiläa diese Sitte nicht, und für Mich schon gar nicht! Denn ihr lasst euch allzeit über alle die Gebühr ehren und grüßen, dieweil euch die Welt zu Herren gemacht hat. Ich aber bin in Meiner Art auch ein ganz besonderer Herr! Warum habt denn ihr Mich nicht auch zuvorkommend gegrüßt?
DTT|0|12|5|0|O glaubt es Mir, Ich als Knabe weiß sehr genau, wen Ich zu grüßen habe, aber euch hier bin Ich durchaus keinen Gruß schuldig! Den näheren Grund kann euch Mein Römer kundgeben, so ihr ihn durchaus wissen wollt. Es ist aber heute ja ein Nachsabbat, an dem, so wie am Sabbat selbst, nach eurer Satzung alles Grüßen und Ehren streng untersagt ist, weil auch dieses den Sabbat entheilige und den Menschen auf den ganzen Tag verunreinige. Warum verlangt demnach ihr von Mir etwas, das euren Satzungen zuwiderläuft?“
DTT|0|12|6|0|Hier schwiegen die Templer, sahen einander groß an, und der junge Levite sagte: „Meine hohen Gebieter, es ist mit diesem sonst allerholdesten Knaben schon ganz und gar nicht mehr zum Aushalten! Das Schönste bei der Sache ist nur, dass er aber rein um alles weiß und somit auch recht hat.“
DTT|0|12|7|0|Sagte der Oberpriester zum römischen Kommissar: „Hoher Richter nach Recht und Gebühr! Dieser Knabe wies uns an dich von wegen noch eines Grundes, deshalb er uns nicht gegrüßt hatte. Möchte es dir genehm sein, uns denselben kundzutun?!“
DTT|0|12|8|0|Sagte der Richter: „O warum nicht? Recht gerne auch noch obendrauf! Ob es euch aber eben eine besondere Freude machen wird, das weiß ich kaum.“
DTT|0|12|9|0|Sagten alle: „Nur heraus damit, denn heute sind wir gut gelaunt und vertragen gar manches, das wir sonst kaum ertragen würden!“
DTT|0|12|10|0|Sagte der Richter: „Also wohl denn, und so hört! Dieser Knabe ist eben jener Wunderknabe aus Nazareth selbst, den er gestern nur zu vertreten schien! Wie gefällt euch nun diese Geschichte? Wer Ihm ein Haar krümmen würde, hätte meinen höchsten Zorn zu gewärtigen!“
DTT|0|12|11|0|Als das Kollegium solches hörte, fuhr es sehr erschreckt und bebend zusammen!
DTT|0|12|12|0|Erst nach einer Weile sagte der Oberpriester: „Warum hast du uns denn das nicht schon gestern gesagt? Hätten wir das schon gestern gewusst, so hätten wir sicher ganz anders geredet mit dir und hätten dir auch ganz andere Antworten gegeben, die dir offenbar besser gefallen hätten als die gestrigen!“
DTT|0|12|13|0|Sagte Ich: „Oh, das weiß Ich recht gut. Aber da es Mir nicht ums Heucheln, sondern allein um die Wahrheit zu tun ist, so tat Ich eben also, wie Ich es getan habe! Und wäre Ich heute noch der, der Ich gestern war, so hätte Ich von euch wieder kein wahres Wort erfahren, da ihr in der Nacht euch aus Furcht vor dem römischen Richter gar fein beraten habt, wie ihr Mir von wegen des bereits in dieser Welt seienden Messias gar alles wolltet gelten lassen, um Mich zu besänftigen und durch Mich etwa auch den Richter wegen des Zacharias Geschichte.
DTT|0|12|14|0|Da Ich aber nun nicht der Verteidiger des Wunderknaben, sondern gleich der Wunderknabe selbst bin, so hat solche plötzliche, unvorhergesehene Wendung der Sache eure Sinne verwirrt und euren schlechten Plan vereitelt, und ihr steht nun da voll Furcht und Angst, und wisst nicht aus und nicht ein. Redet nun, wie euch diese Geschichte behagt!“
DTT|0|12|15|0|Alle stutzten nun, und der Oberpriester sagte mit scheinbar freundlicher Miene: „No, du lieber Wunderknabe, da du so schon um alles zu wissen scheinst, da möchte ich denn von dir nun auch noch erfahren, wer aus uns eigentlich solchen Rat ausgedacht hat!“
DTT|0|12|16|0|Sagte Ich: „Eben derjenige, dem Ich selbst den Rat also eingeflüstert! Er ist unter euch der Jüngste und ist auch aus Galiläa geboren. Sein Name ist Barnabe.“
DTT|0|12|17|0|Diese Antwort war schon wieder ein Blitzstrahl unter die Pharisäer, und es fing sie an eine große Furcht anzuwandeln; denn vieler Gewissen war sehr unrein, und sie fürchteten so manche Entdeckung ihrer geheimen Laster vor den Ohren des strengen Römers.
DTT|0|12|18|0|Der Oberpriester raunte einem Pharisäer still ins Ohr: „Geben wir dem Simon das Geld zurück, und die Konferenz mit dem Jehova-steh-uns-bei-Knaben, der uns noch die unerträglichsten Verlegenheiten bereiten wird, ist aus! Oder wir fragen ihn ja um nichts mehr! So er uns fragt, wollen wir ihm schon eine Antwort geben, aus der kein Satan klug werden soll! Nein, der Bube soll uns noch lange nicht über den Kopf gewachsen sein! Schau du einmal diese saubere Kundschaft an! Gestern war er ein anderer – und heute wieder ein anderer!“
DTT|0|12|19|0|Hier zog ein gar schlau sein wollender Pharisäer den Oberpriester auf die Seite und sagte: „Weißt du was?! Dem Wechselbalg von einem Wunderknaben sind wir ja gar keine Rede und Antwort mehr schuldig! Für den es bezahlt wurde, der ist der heutige nicht, für den heutigen aber hat niemand bezahlt, und sohin sind wir ihm auch keine Rede und Antwort schuldig! Was meinst du?“
DTT|0|12|20|0|Sagte der Oberpriester: „Freund, diesen Gedanken konnte dir nur ein Gott eingegeben haben! Wann die Not am höchsten, ist die Hilfe von oben am nächsten! Die Konferenz und Konzession werde somit als völlig aufgehoben erklärt, weil der heutige Knabe ein anderer ist, als der gestrige war, für den eigentlich gezahlt worden ist!“
DTT|0|12|21|0|Mit dem trat schnell der Tempelherold hervor und sagte mit großem tempelamtlichen Pathos: „In aller Ermächtigung von Seite der allerhöchsten Oberpriesterschaft des Tempels Jehovas erkläre ich auf Grund dessen, da der heutige Knabe nicht mehr der gestrige ist, für den da die große Taxe bezahlt worden ist, die weitere Sitzung als vollends aufgehoben, und man wird diesem ganz anderen Wunderknaben, für den keine Taxe bezahlt wurde, und auch niemand anderem Rede stehen! Dixi [Ich habe gesprochen].“
DTT|0|12|22|0|Hier erhob sich aber der Richter voll Ernstes und sagte: „Die Sitzung bleibt, und ihr werdet reden! Der heutige Knabe ist ganz derselbe, für den die große Taxe bezahlt ward, nur die moralisch-charakteristische Persönlichkeit ist, von euch unvermutet, eine andere geworden. Nach unseren Gesetzen ändert aber dieser kluge Umstand nichts an dem Recht des Knaben, und somit lautet mein stets gültiger Richterspruch: Die Sitzung dauert heute und morgen unverändert fort, was da auch immer herkommen möge! Fragt oder antwortet, das ist gleich!“
DTT|0|13|1|1|Der Jesusknabe fragt die Templer, was sie tun würden, wenn Er der Messias wäre. Jorams vorsichtige Antwort
DTT|0|13|1|0|Bei dieser energischen Widersprache des römischen Richters traten alle, wieder sichtbar unwillig, an ihre Plätze und verhielten sich eine Zeitlang ganz stumm. Da an Mich denn keine Frage mehr ergehen wollte,
DTT|0|13|2|0|so trat Ich unter sie und sagte: „Hört, da ihr Mich keiner Frage mehr würdigen wollt, so werde Ich so frei sein, euch eine kleine Frage zu stellen: Sagt Mir — aber ganz offen —, was ihr dann tun würdet, so Ich denn doch im Ernst der verheißene Messias wäre, um den sich gestern das Hauptgespräch gedreht hat!“
DTT|0|13|3|0|Sagte mir ein griesgrämiger, alter Tempelzelot: „Knabe, Knabe, nimm dich vor Jehovas Tempel wohl in acht, was du rechtest und redest allhier an heiliger Stätte! Hüte dich vor zu großem Frevel!“
DTT|0|13|4|0|Ich aber sagte ihm darauf: „Hüte lieber du dich davor und ihr alle, dass das Haus des Herrn von euch nicht gänzlich zu einer Mördergrube wird! Dadurch aber, so ich sage, was ihr tun würdet, so Ich am Ende dennoch der verheißene Messias wäre, entheilige Ich den Tempel durchaus nicht, indem solch eine Frage ohne alle Sünde und Scheu ein jeder Mensch an euch stellen kann. Und ihr könnt Mir ja ebenso eine bedingungsweise Antwort geben, als Ich euch nur eine bedingungsweise Frage gestellt habe!“
DTT|0|13|5|0|Hier erhob sich der alte weise Talmudist und Großkabbalist namens Joram und sagte: „Bei Gott sind alle Dinge möglich; doch wir Menschen müssen sehr auf unserer Hut sein, eine solche über alles hochwichtige Verheißung erst dann als wahr anzunehmen, so alle Umstände, von denen die Erfüllung der Verheißung in der [beschriebenen] Art begleitet sein muss, mit Händen zu greifen klar dastehen vor jedermanns staunendem Auge.
DTT|0|13|6|0|Nun, du mein Holdjunge, hast wohl so halbwegs in Bezug auf deine Geburt im Propheten Jesajas ein paar Verse für dich; aber wie viel hat dieser Prophet noch alles von dem verheißenen und kommen sollenden Messias geweissagt, was auf dich ebenso wenig passt wie auf mich, obschon ich auch ein Abkomme Davids und auch mit deinem Vater Joseph weitschichtig verwandt bin, wie ich auch am meisten dazu beigetragen habe, dass die Tempelzöglingin Maria sein Weib wurde.
DTT|0|13|7|0|Ich habe nun dieses mir sonst sehr werte Ehepaar schon über elf Jahre lang nicht gesehen und dich als offenbar den Erstling Josephs aus der zweiten Ehe noch gar nie. Ich weiß von dir also nachgerade nur so viel, als ich gestern von dir aus deinem Mund und von unserm Leviten Barnabe, der auch ein Nazaräer ist, vernommen habe.
DTT|0|13|8|0|Nun, deine besonderen Fähigkeiten, die nach verlässlichen Berichten alles, was je irgendeine noch so vollendete Willens- und Glaubensmacht als ein offenes Wunder leistete, himmelweit übertreffen sollen, wären freilich von der Art, dass man von ihnen aus auch auf den Besitzer derselben ein ganz besonderes Augenmerk zu richten hätte; aber von irgendeiner abgemachten Bestimmtheit dessen, was sie beurkunden sollen, kann da begreiflicherweise noch lange keine Rede sein, obwohl, wie gesagt, man sie als ein hell denkender Mensch und Priester nicht unberücksichtigt lassen kann.
DTT|0|13|9|0|Auf jeden Fall wird der Messias auch gleich uns allen ein Mensch sein, nur seine Eigenschaften und Fähigkeiten werden göttlicher Art sein. Nun, was deine Eigenschaften schon jetzt in deinen Kinderjahren betrifft, so wären die schon von der Art, die für dein späteres Mannesalter etwas Ungeheures erwarten ließen. Aber siehe, ich bin schon ein sehr alter Mann und habe viele Erfahrungen gemacht, und [ich habe] auch schon zu öfteren Malen in der oft zartesten Jugend nicht selten Fähigkeiten und Eigenschaften entdeckt, die mir da sagten: Aus diesem und jenem Kind hat uns Jehova offenbar wieder einen großen Propheten erweckt! Allein, als solche Kinder dann älter und älter geworden sind, haben alle die glänzenden Eigenschaften rein, als wären sie nie dagewesen, sich verloren, und der Mensch war so ein ganz gewöhnlicher wie unsereiner, der ich nun nur das weiß, was ich bei allem Fleiß in vielen Jahren recht mühsam erlernt und erfahren habe!
DTT|0|13|10|0|Es hat sonach an mir wie an unzählig vielen anderen Menschen sich der Schriftspruch bewahrheitet: ‚Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen!‘ Und es wird dir, mein holdester junger Vetter, vielleicht auch noch einmal so ergehen – vielleicht auch nicht, was wir Menschen natürlich nicht und nie als ausgemacht zum Voraus bestimmen können. Der Mensch denkt wohl so manches, Gott aber lenkt es. Nun, mein lieber, holdester junger Vetter, kannst du schon wieder deine Bemerkungen machen, und ich werde dir recht gerne Rede stehen.“
DTT|0|13|11|0|Sagte Ich: „Du bist Mir auch aus eurem ganzen Collegio der Liebste und hast für Mich schon in dieser Nacht dem Hohenpriester ein gutes und ein reines Wort geredet, wodurch dem Hohenpriester ein wenig die Augen bezüglich der Persönlichkeit des Satans geöffnet wurden, dass er zum Wenigsten – und zwar zum ersten Mal in seinem ganzen Leben – einen Dunst von der allerwichtigsten Entsprechungslehre bekommen hat und dadurch einzusehen begann, dass Taten wie die Meinigen unmöglich mit Hilfe einer bösen Macht und Kraft zustande gebracht werden können!
DTT|0|13|12|0|Du siehst aus dem, dass Mir auch das nicht verborgen ist, was du noch so still und geheim mit dem Oberpriester verhandelt hast, und so kannst du dir es auch denken, dass Ich nun ganz genau weiß, was sich nun der sehr verlegene Oberpriester denkt, und hat darum eine große Furcht, durch Mich in irgendetwas für ihn Unangenehmem verraten zu werden. Allein, diese Furcht ist bei ihm eine eitle.
DTT|0|13|13|0|Ja, würde Ich mit des Beelzebubs Hilfe Meine Taten verrichten, da wäre er schon lange verraten und auch schon gerichtet, aber da Ich alle Meine Werke nur mit Kraft und Macht Gottes in Mir verrichte, die ewig nur Gutes und nimmer was Böses will, so hat der Oberpriester sich vor Mir auch nicht zu ängstigen – denn von Mir ausgehend soll ihm kein Haar gekrümmt werden.
DTT|0|13|14|0|Wir aber haben nun die Zeit mit recht vielen unnützen Dingen verplaudert und die eigentliche Hauptsache in ihrem weiteren Verfolge ganz beiseitegelassen!“
DTT|0|13|15|0|Hier fragte Joram: „Worin soll denn eigentlich diese bestehen? Rede du nun nur ganz von der Leber weg, und wir werden in unserer Beurteilung billig sein, da wir auch in dir recht viel Billigkeit entdeckt haben.“
DTT|0|14|1|1|Der Jesusknabe zeugt über Sich als der rechte ‚Raubebald, Eilebeute‘; Er habe die Allmacht Gottes in Seinem inneren Geist. Jorams Bedenken
DTT|0|14|1|0|Sagte Ich: „Hier vor euch steht in Mir der rechte ‚Raubebald, Eilebeute‘, ein Name des Sohnes einer Prophetin im Jesajas. Wir haben gestern von dem kommenden Messias gesprochen. Ich selbst ward euch als solcher dargestellt, und zwar laut den genauest auf Mich passenden Texten aus dem Propheten Jesajas. Die Sache aber wurde von euch negiert.
DTT|0|14|2|0|Gestern redete Ich nur wie ein Zweiter von Mir, heute aber stehe Ich selbst vor euch ohne die allergeringste Furcht, weder vor euch noch vor jemand anderem in der ganzen Welt, da Ich Mir nur zu sehr der ewig nie besiegbaren Kraft und Macht in Mir selbst bewusst bin, die aber wahrlich keine fremde, sondern geradewegs Meine höchsteigene ist, und greife dasselbe Thema wieder auf und frage nun besonders dich, Joram, was du davon hältst! Rede aber nun auch du ohne Scheu und Furcht, so ganz klar von der Leber weg! Wahrlich, auch dir soll darum kein Haar gekrümmt werden!“
DTT|0|14|3|0|Sagte Joram: „Ja, du mein sonst allerliebster und holdester Vetter (wirst mir’s nicht für Übel nehmen, dass ich dich nun so rufe, denn ich bin ja mit deinem Vater wahrlich sehr nahe verwandt), das ist und bleibt immerhin eine sehr kitzlige Sache, zu sagen: ‚Du bist es, der da verheißen ist!‘ Und es wäre so was unter gewissen Umständen nun auch noch sehr gewagt, da man schon doch so manche Beispiele von Kindern hat, die auch in ihrer zarteren Jugend so manche außerordentliche Talente und Fähigkeiten an den Tag gelegt haben, dass darob oft eine ganze große Menschenmenge ins größte Staunen versetzt ward; aber in den späteren Jahren wurden da so ganz gewöhnliche Menschen daraus, dass an ihnen von ihren Jugendtalenten und -fähigkeiten keine Spur mehr zu entdecken war!
DTT|0|14|4|0|Nun, ein solcher Fall, wenn auch nicht wahrscheinlich, muss von uns Menschen denn doch auch bei dir als möglich angenommen werden, und es wäre daher eine volle Annahme dessen, als stecke in dir verborgen der verheißene Messias, ein wenig zu sehr verfrüht, was du mir als ein wahrhaft für deine Jugend überraschend weiser Knabe nicht in Abrede stellen wirst! Aber dir in Anbetracht deiner Geburt, deiner Abstammung und deiner noch nie dagewesenen Fähigkeiten apodiktisch in Abrede stellen, dass du der Verheißene seist, wäre meiner Ansicht nach ebenso unsinnig. Denn du kannst ja das ebenso gut sein wie nicht sein! Daher heißt es nach meiner Ansicht sowohl für dich als für uns, abwarten und sehen, was uns die Zeit bringen werde! Sage mir du nun, ob ich recht habe oder nicht!“
DTT|0|14|5|0|Sagte Ich: „Weltlich, nach der irdischen Vernunft hast du offenbar recht. Aber es liegt im Menschenherzen ja noch ein tieferes und leuchtenderes Kriterium; dieses könnte es dir schon sagen, ob Ich ein Knabe jener Art bin, die in späteren Jahren ihrer Fähigkeiten bar werden können. So Ich die Macht habe, zu schaffen und zu zerstören nach Meiner höchsteigenen Willkür, wie werde Ich Mich da dann selbst zerstören wollen?!
DTT|0|14|6|0|Ich sage es dir: Von Meinem inneren Geist hängt das Dasein aller Dinge allein ab. Daher kann Ich denn ja auch wollen, was Ich will, und es muss geschehen, was Ich will, wie dir solches auch von Mir gesagt ward durch anderer Zeugen Mund, nicht allein durch den Meinigen. Wenn aber also, wie lässt sich da dann wohl denken, dass Ich je Meiner dir bekanntgegebenen Eigenschaften und Fähigkeiten bar werden könnte?! Kann Ich aber das nicht, was bin Ich dann?“
DTT|0|14|7|0|Sagte Joram: „Ja – jetzt – das ist noch immer nur eine Annahme, aber noch lange kein Beweis! Dasselbe, was du von dir sagst, könnte ebenso gut auch ich von mir sagen; aber da so was dann ein wenig zu kühn wäre und etwas, das mir ewig nicht gleichsehen könnte, so würde man mich entweder weidlichst auslachen oder als einen Narren in Gewahrsam bringen. Nun, du bist ein geweckter Knabe in einem unzurechnungsfähigen Alter und scheinst eine große dichterische Begabung zu besitzen, schon vom Mutterleib an, und man lächelt daher nur zu deinen mutterwitzigen Ausbrüchen.
DTT|0|14|8|0|Schau, schau, du sonst allerliebster Knabe! Wo kann denn ein Mensch je von sich sagen: ‚Durch meinen inneren Geist ist alles, was da ist, erschaffen!‘?! Das kann ja nur der ewige Geist Gottes, der in Seinem Wesen allenthalben gegenwärtig ist. Da hast du dich in deiner Messiasidee ein wenig zu hoch verstiegen. Bleiben wir nur immer schön beim Boden dieser Erde und bearbeiten denselben mit dem rechten Fleiß, damit er uns eine hinreichende Nahrung bringe, dann werden wir sicher besser daran sein, als so wir uns zu etwas machen wollen, das unmöglich ist und nie werden kann!
DTT|0|14|9|0|So etwa einst der Messias kommen wird, da wird Er auch nur als ein vollkommener Mensch, nie aber als ein Gott zu uns kommen. Aber es ist bei euch halbgriechischen Juden und somit auch Halbheiden also die Sitte, dass ihr Menschen von so manchen Begabungen gleich unter die Götter steckt oder euch als solche anseht und betrachtet. Das soll aber nicht sein und ist hoch gefehlt gegen das Gebot Gottes, wo es heißt: ‚Ich allein bin euer Gott und euer Herr, ihr sollt keine fremden Götter neben Mir haben!‘ Aber in Galiläa scheint man es mit diesem Gebot eben nicht gar zu genau zu nehmen, ansonst es dir doch nie einfallen könnte, dich als einen Gott zu dünken!
DTT|0|14|10|0|Siehe, solches unterlasse du in der Folge, und bleibe bei allen deinen außerordentlichen Talenten und Fähigkeiten dem alten und einzigen Gott treu, und lasse die Heiden Heiden sein, so wird es dir wohlergehen auf Erden! Was ist denn selbst die größte Stärke eines Riesenmenschen gegen die vereinte Kraft von vielen tausend Menschen, und was dann erst die Stärke eines Knaben?! So aber David sagt: ‚Oh, wie gar nichts sind alle Menschen gegen Dich, o Herr!‘ – wie kann dann es einem Knaben beifallen, zu sagen, er sei ein Gott in seinem Geist, durch den alle Dinge erschaffen seien?! Siehst du wohl ein, dass du da ungeheuer stark über die Schnur gehauen hast?!“
DTT|0|14|11|0|Sagte hier der Oberpriester: „No, das war einmal wieder eine gesunde Belehrung, gepaart mit ungewöhnlich vieler Mäßigung! Das ist aber richtig und wahr, weil es von den Galiläern geschrieben steht, dass in ihrem Land kein Prophet aufstehen kann, so machen sie sich gleich lieber selbst zu Göttern, diese Halbheiden! Und dieser Knabe scheint die besten Anlagen dazu zu besitzen! Ja, du mein lieber Messiasknabe, uns macht man nicht gar so leicht ein Alpha für ein Omega! So was kann wohl in Nazareth gehen, aber bei uns in Jerusalem geht das nicht!“
DTT|0|15|1|1|Die Einwände Jorams und des Oberpriesters gegen die Messianität des Jesusknaben und ihre Widerlegung
DTT|0|15|1|0|Sagte Ich: „Ihr habt in eurer Art und Erkenntnis ganz wohl geredet, da eure Gedanken und Begriffe nicht weiter vor euch hinreichen, als wie weit da reicht euer Odem. Würdet ihr aber weiter und höher zu denken imstande sein, so würdet ihr Mich auch mit ganz anderen Augen ansehen und über Mich auch ganz anders urteilen. Da ihr aber das schon gar so anstößig findet, was Ich euch über Meinen inneren Geist gesagt habe, so erklärt es Mir, was denn hernach das für ein Geist war, der aus den Propheten redete!“
DTT|0|15|2|0|Sagte Joram: „Das war Gottes Geist, und zwar derselbe, durch den alle Dinge gemacht sind!“
DTT|0|15|3|0|„Gut“, sagte Ich, „so jener Geist, der aus den Propheten redete, Gottes Geist war, warum soll dann Mein innerer Geist kein Gottesgeist sein, da Ich aus demselben bei weitem Größeres zu wirken imstande bin, als alle die Propheten vom Henoch an je gewirkt haben?! Denn sie waren beschränkt, nur in einer gewissen Sphäre zu wirken, Ich aber bin unbeschränkt, und tue, was Ich will! Wenn aber also, wie ist dann Mein innerer Geist ein anderer denn jener, der aus den Propheten redete?“
DTT|0|15|4|0|Sagte Joram: „Jawohl, und ganz gut, es könnte das schon so sein, wenn du nur kein Galiläer wärst! Aber das steht denn einmal im Buch geschrieben, dass aus Galiläa kein Prophet kommt – und so musst du es dir schon gefallen lassen, dass wir deinen inneren Geist jenem der Propheten nicht gleichstellen können und dürfen!“
DTT|0|15|5|0|Sagte Ich: „Bin Ich denn auch in Galiläa geboren? Ist nicht Bethlehem, die alte Stadt Davids, Meine Geburtsstätte? Schlagt nach in euren Registern, ob es nicht so ist! Oder war Jesajas darum etwa auch kein rechter Prophet, weil er auch nach Galiläa kam und dort Weissagungen machte in der Nähe der heutigen Stadt Cäsarea Philippi?! Seht, wie blind ihr doch seid und wie unstichhaltig euer Urteil!
DTT|0|15|6|0|Es ist in der Schrift wohl gesagt, dass niemand, der in Galiläa geboren, zu einem Propheten erweckt werden kann. Da aber weder Mein Nährvater Joseph noch Meine Leibesmutter Maria und ebenso wenig auch Ich von Geburt aus Galiläer sind, sondern nur als fremde Einwanderer erst neun Jahre lang in Nazareth leben, wie soll dann Ich nicht auch den wahren, göttlichen Geist in Mir besitzen können gleich jedem anderen Propheten?!“
DTT|0|15|7|0|Sagte der Oberpriester: „Steht es aber nicht auch geschrieben: ‚Siehe, Ich sende Meinen Engel vor Dir her, damit er bereite die Wege dem Herrn und ebne Seine Fußstapfen!‘, es werde zuvor Elias kommen und die Menschen wohl vorbereiten auf die große Ankunft des Messias? Ist das bei dir nun der Fall? Wo ist der Engel des Herrn und wo Elias?“
DTT|0|15|8|0|Sagte Ich: „Für Menschen eures Schlages, die vor lauter Bäumen nicht sehen den Wald, ist freilich weder der Engel des Herrn noch sein Prophet Elias dagewesen; doch für die Sehenden ist das alles schon vor zwölf Jahren geschehen. Ihr aber habt weder den Engel, der mit Zacharias redete, noch dessen wunderbar gezeugten Sohn gesehen und erkannt! Denn was bei euch nicht mit Feuer, Blitz und Donnergekrache geschieht, das merkt ihr nicht!
DTT|0|15|9|0|Als Elias in seiner bekannten Felsenhöhle die Aufforderung erhielt, darauf zu achten, wie Jehova vor seiner Höhle vorüberziehen werde, da zog zuerst ein Feuer vor seiner offenen Höhle vorüber, aber darin war Jehova nicht. Dann zog ein mächtiger Sturm vorüber, aber auch darin war Jehova nicht. Am Ende zog ein kaum merkbares sanftes Säuseln vor der Höhle vorüber – und siehe, darin war Jehova!
DTT|0|15|10|0|Und seht, eben damit zeigte der erwähnte große Prophet die gegenwärtige Ankunft des Messias an!
DTT|0|15|11|0|Ihr erwartet wohl Feuer und Sturm, was vor euch schon oftmals vorüberzog, aber da war Jehova nicht darin. Nun zieht das sanfte Säuseln vor euch vorüber, darin wahrlich Jehova ist, aber das merken eure tauben Ohren und eure blinden Augen nicht und werden es nicht merken – außer am Rande eures Lebens, allwann euch aber solch ein spätes Merken nicht viel nützen wird.
DTT|0|15|12|0|Ich meine hier doch so ziemlich handgreiflich geredet zu haben! Gebt Mir nun darauf eine Antwort nach eurer Tempelweisheit!“
DTT|0|16|1|1|Barnabes spöttische Frage. Rügende Antwort und Gegenfrage des Herrn. Barnabes Verlegenheit und Entschuldigung. Das Wunder mit den Eselsohren und dem Esel
DTT|0|16|1|0|Barnabe fragte die hohen Pharisäer um die Erlaubnis, mit Mir zu reden, da er auf einen guten Einfall gegen Mich gekommen sei. Man gestattete ihm das, und er begann also wie folgt zu reden:
DTT|0|16|2|0|„Höre, du mein lieber, kleiner herrgottlicher Messias aus Nazareth in Galiläa, was freilich nicht viel sagen will! Du hast uns nun einige Beweislein geliefert, aus denen wir sogar mit unseren verstopften Ohren zu hören und mit verbundenen Augen zu sehen anfangen, dass du am Ende dennoch der verheißene Messias bist, aber eben mit dieser Einsicht stehen wir nun ganz als eingespannte Ochsen am Berg. Was werden wir nun tun? Oder was sollen wir nun?
DTT|0|16|3|0|Dieser Tag geht schon wieder seinem Ende entgegen, und du hast nur mehr morgen noch das erkaufte Recht, zu reden, trotzdem du der Messias bist! Daher meine ich, dass es für dich nun an der Zeit wäre, deine Anordnungen zu machen, was von nun an, da wir dich erkannt haben, mit uns und mit dem Tempel zu geschehen hat! Bleibt alles, wie es ist, oder wird alles nun umgestaltet? Du bist nun einmal der verheißene und zu uns hereingesäuselte Messias, was wir dir nicht mehr abstreiten können, aber was nun? Rede und handle, du junger gottmenschlicher Messias – natürlich von oben her!“
DTT|0|16|4|0|Sagte Ich: „Wegen dieses deines gar zu schlechten Witzes hättest du wahrlich nicht nötig gehabt, dein Maul gar so weit aufzureißen und zu zeigen, dass du wohl sehr gerne etwas möchtest, aber es fehlen dir die materiellen und geistigen Mittel dazu! Verstanden, du Träger Bileams?! Aber da du an Mich denn schon einmal die Frage gestellt hast, was von nun an mit euch und darauf mit dem Tempel zu geschehen hat, so muss Ich dir schon auch eine rechte Antwort darauf geben.
DTT|0|16|5|0|Siehe, also steht es geschrieben: ‚So aber der Messias kommen wird, da wird Er das Gesetz nicht aufheben – auch nicht ein Häkchen desselben –, sondern es selbst auf das Allergenauste erfüllen!‘ Er wird nicht aufheben den Tempel und dessen Diener, wohl aber züchtigen deren gesetzwidrige Verkehrtheit, und solche weise sich dünkende Protzler von Leviten wird Er kennzeichnen zur dankbaren Anerkennung ihrer schlechten und noch schlechter angebrachten Witzreißerei!
DTT|0|16|6|0|Ist denn für dich Meine auf Mich Bezug habende Besprechung der eben auch unwiderlegbar auf Mich Bezug habenden Schrifttexte eine Narrheit?! Oder beweise du es Mir, dass Ich nicht gerade auf ein Haar derselbe bin, von dem aber gar alle Propheten geweissagt haben! So du aber das ernstlich nicht imstande bist, wozu unterfängst du dich dann, Mich zu protzen? Nu, warte! Ich werde dir dann auch eine Frage geben, die du Mir beantworten wirst! Beantwortest du Mir die Frage nicht zu Meiner Zufriedenheit, so sollst du Mir zu einem wahren Midas der Heiden werden!
DTT|0|16|7|0|Sage Mir, du seichtester Witzbold, was der Name ‚Jerusalem‘ besagt?! Was steckt darinnen? Als Levite und angehender Varisär (Pharisäer) musst du das aus den Büchern Mosis und auch aus dem Buch Henoch, das Noah über die Sündflut herübergebracht hat unter dem Titel ‚Kriege Jehovas‘ wissen, und Ich habe nun das volle Recht, von dir die Erklärung zu verlangen! Denn es liegt gar viel an dem richtigen Verständnis dieses Namens! Rede nun!“
DTT|0|16|8|0|Hier fing sich der junge Levite stark hinter den Ohren zu kratzen an; denn von der urhebräischen Zunge hatte er gar keinen Dunst. Er bat Mich darum um etwas Zeit und Geduld, und Ich gewährte ihm das. Nun schlich er sich zu einem alten Schriftgelehrten, ob der ihm das nicht zu sagen wüsste. Allein der wusste es auch nicht und beschied ihn zum Kabbalisten Joram. Dieser zuckte auch ganz bedenklich mit den Achseln und sagte nach einer Weile leise zu ihm:
DTT|0|16|9|0|„Ja, es gibt in den gar alten Büchern wohl eine Art etymologischer Erklärung darüber, und in der Kabbala geschieht auch eine Art erläuternde Erwähnung, aber in so mystischen Thesen, dass dagegen das Hohe Lied Salomons ein wahres Kinderspiel ist. Ich selbst habe je weder das eine noch das andere verstanden und kann dir daher nun unmöglich aus deiner Verlegenheit helfen!
DTT|0|16|10|0|Übrigens muss ich dir die Bemerkung machen, dass du mit dem Knaben schon einmal wegen seiner allereminentesten Geistesschärfe und dann wegen des Ansehens seines hohen römischen Protektors viel glimpflicher hättest reden sollen, zumal du eben derjenige bist, der uns eine mehr haltbare Auskunft über sein wundersames Wesen gegeben hat!
DTT|0|16|11|0|Merktest du denn zuvor nicht, wie er von Wort zu Wort um alles wusste, was wir in der Nacht in aller Geheimheit über ihn beraten und gesprochen haben? Ich sagte dazu nichts, habe aber für mich darin ein gewaltiges Zeichen gefunden von der Anwesenheit eines Geistes in diesem Knaben, dem es eben kein Schweres zu sein scheint, Herzen und Nieren der Menschen zu prüfen.
DTT|0|16|12|0|Ich gebe dir darum den Rat, den außerordentlichen Knaben wegen der angetanen offenbaren Beleidigung um Vergebung zu bitten, sonst stehe ich wahrlich nicht gut, ob er dir nicht einen sicher sehr lästigen Schabernack spielt! Gehe hin, und folge meinem Rat!“
DTT|0|16|13|0|Sagte Barnabe: „No, das Recht zu reden hat er allerdings, und Scherz versteht er auch keinen – so muss man ihn denn doch um Vergebung bitten. Dass aber niemand den Namen der Stadt mehr zergliedern kann, das ist wahrlich bei uns Templern doch auch etwas Sonderbares!“
DTT|0|16|14|0|Hierauf begab sich Barnabe wieder zu Mir und sagte ganz freundlichen Angesichtes: „Lieber, holdester Junge! Ich habe meinen groben Fehler, den ich an dir durch meinen wahrlich schlechten und sehr unzeitigen Witz begangen habe, eingesehen und bitte dich wahrhaft von ganzem Herzen um Vergebung und füge zugleich inständigst die Bitte hinzu, dass du uns gefälligst den Namen ‚Jerusalem‘ erläutern möchtest, denn wir wissen alle nichts aus ihm zu machen! Man übersetzt ihn wohl mit dem Ausdruck ‚Heilige Stadt‘ oder ‚Stadt Gottes‘ – allein, wie das im Wort ‚Jerusalem‘ vorhanden sei, das weiß wohl kaum jemand aus uns.
DTT|0|16|15|0|Man erzählt sich wohl, dass ein Ort hier unter dem Namen ‚Salem‘ bestanden hatte, allwo der große und mächtigste König wohnte, dem alle damaligen Fürsten der Erde den Zehent geben mussten – denn der König namens Melchisedek war für alle Menschen auf der Erde zugleich der einzige und wahrhafteste Hohepriester Jehovas. Aber man weiß sonst von diesem Hohenpriester, von seinen Lehren und Taten, wie auch von seiner Persönlichkeit wenig oder auch nichts. Wenn du ohne Zweifel davon etwas Näheres weißt denn wir alle, so setze uns gefälligst davon in die Kenntnis.“
DTT|0|16|16|0|Sagte Ich: „Dein Glück, dass du Mir so gekommen bist – sonst wärst du auf eine Art gezeichnet, die dir wahrlich nicht angenehm gewesen wäre! Die Zeichen aber, mit denen dein Haupt geziert worden wäre, liegen nun zu deinen Füßen. Hebe sie auf und lerne daraus, dass Ich fürs Erste die mutwillige Spottsucht bei jedem Menschen züchtige, und dass man an der Stätte, wo es sich um den größten Lebensernst aller Menschen der Erde ewig handelt, sich nicht eines elenden und nichtigsten Scherzes bedienen soll! Besehe nun zuvor den Scherz, den Ich für deinen schlechten Witz mit dir gemacht hätte, dann erst werde Ich dir auch die zweite Bitte gewähren.“
DTT|0|16|17|0|Hier bog sich Barnabe zu Boden und hob zwei zu seinen Füßen liegende allervollkommenst ausgebildete, ganz natürliche Eselsohren auf und entsetzte sich darum umso mehr, weil ihnen jede Spur mangelte, als wären sie zu dem Behuf irgendeinem wirklichen Esel abgeschnitten worden.
DTT|0|16|18|0|Einige der Anwesenden – besonders unser Simon und der römische Richter – gerieten dadurch in eine helle Lache; aber allen Templern wurde es ganz sonderbar zumute, und sie fingen sich untereinander an zu fragen, wie solches irgend auf eine natürliche Weise möglich wäre. Und sie rieten hin und her, konnten aber zu keinem nur von fernhin haltbaren Resultat gelangen.
DTT|0|16|19|0|Da sagte Barnabe: „Was nützt all unser Hin- und Herraten! Die Sache ist ein reines Wunder und weiter gar nichts! Denn hätte sich der Knabe damit irgend zuvor schon vorgesehen, so müsste er auch schon zuvor gewusst haben, dass ich gegen ihn einen schlechten Witz machen werde! Und das wäre doch etwa auch ein noch größeres Wunder!
DTT|0|16|20|0|Der Knabe aber hat uns von solcher seiner Eigenschaft schon dadurch eine sehr denkwürdige Probe abgelegt, als er unsere geheimen nächtlichen Besprechungen mir von Wort zu Wort vortrug und dem Hohenpriester seine ganz geheimen Gedanken offen und laut aussprechen wollte! Wer das eine kann, dem dürfte etwas anderes auch auf eine gleiche, uns freilich unbegreifliche Weise möglich sein!
DTT|0|16|21|0|Hinter diesem Knaben steckt unfehlbar etwas Außerordentliches! Ich wäre für mich nun schon der Meinung, dass sich mit der Zeit aus ihm ein ganz vollkommener Messias herausbilden dürfte!“
DTT|0|16|22|0|Sagte der Oberpriester: „Da redest du gerade wie ein Blinder von der Pracht der Farben! Wie oft haben persische Zauberer uns mit Zauberstücklein überrascht? Und Gedanken erraten, ist bei uns auch nichts mehr Neues. Wer kennt die griechischen Orakel nicht; die haben das Gedankenerraten so geläufig gehabt, dass sich am Ende nahe niemand mehr in ihre Nähe zu kommen getraute!
DTT|0|16|23|0|Ja, mein Lieber, bei einer so hochwichtigen Sache muss man mit ganz anderen Augen schauen und die Erscheinungen einer viel tieferen Beurteilung unterziehen! Erst wenn man alles genauest durchgeprüft hat, kann man – aber immer sehr behutsam nur – dabei eine etwas bessere Meinung anzunehmen anfangen! Von einem Vollglauben aber darf so lange keine Rede sein, als bis alle Umstände und Zeichen derart konstatiert sind, dass sie nichts mehr zu wünschen übriglassen.
DTT|0|16|24|0|Das, mein lieber Barnabe, zu deiner Belehrung, denn es ist das noch immer ein alter Fehler von dir, dass du bei deinen sonst sehr schätzbaren Kenntnissen sehr leichtgläubig bist.“
DTT|0|16|25|0|Sagte Barnabe: „Nein, das war ich nie! Denn wäre ich ein Leichtgläubiger gewesen, so wäre ich niemals zu den mannigfachen gründlichen Kenntnissen gekommen, die man sich durch die Leichtgläubigkeit niemals erwerben kann. Ich verstehe eine Sache und eine Erscheinung zu prüfen und unterscheide ganz sicher das Alpha vom Omega, aber hier ist mein ganzer Verstand mir zu kurz geworden, und alle meine vielen und mannigfachen Erfahrungen sind in den Jordan gefallen!
DTT|0|16|26|0|Die Zauberkünste der Perser kenne ich und noch eine Menge anderer hinzu, aber da gibt es keine darunter, durch die man imstande wäre, ein Paar ganz unversehrter Eselsohren aus der puren Luft ins Dasein zu rufen! Und die Gedankenerratungen sowohl des ältesten Orakels zu Dodona wie des zu Delphi sind mir nur zu wohlbekannt, aber darunter habe ich noch nie etwas dem Ähnliches gefunden, wie dieser Knabe mir, wie auch dem Joram, von Wort zu Wort vorhielt, was wir ganz geheim unter uns besprochen haben!
DTT|0|16|27|0|Ich bleibe daher bei meiner ausgesprochenen Meinung stehen und sage noch einmal ganz unverhohlen: Hinter diesem Knaben steckt mehr, als was wir alle je zu begreifen imstande sein werden! Ich will gerade nicht behaupten, dass er ob solchen seinen außerordentlichen Eigenschaften schon unfehlbar der anzuhoffende Messias sei; aber eher kann es offenbar er sein denn irgendjemand unter uns allen, wie wir da versammelt sind!
DTT|0|16|28|0|Aber nun, mein lieber, holder junger Landsmann, möchte ich wohl, bevor es ganz Abend wird, noch das ‚Jerusalem‘ und den ‚Melchisedek‘ von dir versprochenermaßen erklärt haben!“
DTT|0|16|29|0|Sagte Ich: „Das soll dir, weil du so gut für Mich geredet hast, auch werden, nehme aber zuvor die beiden Eselsloser [Eselsohren] an den äußersten Spitzen in deine Hände und halte sie zwischen den Fingern etwas in die Höhe, und wir werden sehen, ob das auch die persischen Zauberer vermögen!“
DTT|0|16|30|0|Barnabe tat das, und Ich sprach: „Es werde zu diesen Losern auch ein ganzer lebendiger und völlig gesunder Eselsleib!“
DTT|0|16|31|0|Im Augenblick stand ein ganz vollkommen gutgestalteter Esel mit Haut und Haaren mitten unter der Gesellschaft!
DTT|0|16|32|0|Da entsetzten sich alle vor Meiner Wundertatskraft und machten Miene, die Flucht zu ergreifen.
DTT|0|16|33|0|Aber der römische Richter und Simon ließen das nicht zu und sagten: „Die Zeit muss eingehalten werden, und der Wunderknabe wird noch die zwei Worte erklären!“
DTT|0|16|34|0|Da setzten sich die Templer wieder und staunten den neugeschaffenen Esel ganz verblüfft an, und keiner vermochte auch nur eine Silbe über seine Lippen zu bringen oder zu urteilen, wie etwa solches zu effektuieren möglich wäre.
DTT|0|17|1|1|Das wunderbare Verschwinden des Esels. Das Steinwunder. Der römische Richter anerkennt den Jesusknaben als Messias. Aufklärende Worte über das Kommen des Gottesreiches
DTT|0|17|1|0|Ich aber sagte: „Um euch zu zeigen, welche Macht Mir eigen ist, und um euch die Furcht vor diesem unnatürlichen Tier zu nehmen, so gebiete Ich, dass es wiederum so vergehen soll, als wie es entstanden ist!“
DTT|0|17|2|0|Im selben Moment ward das Tier so völlig zunichte, dass auch nicht ein kleinstes Härchen von ihm irgend übrigblieb. Darob erstaunten sich alle noch mehr und wussten nicht, was sie darüber sagen sollten.
DTT|0|17|3|0|Nur der sehr beherzte römische Richter sagte: „Nein, hörst du, mein liebster Knabe, in dir muss entweder Zeus oder irgendeine andere Hauptgottheit wohnen! Wenn du wolltest, da könntest du auch ein natürliches Tier oder auch wohl eines Menschen Dasein zunichtemachen?“
DTT|0|17|4|0|Sagte Ich: „O ja, nicht nur das, sondern auch die ganze Erde! Aber Mein Sinn, den noch nie jemand erkannt hatte, ist: alles zu erhalten und nichts zu vernichten. Aber damit du selbst ersehen magst, dass Ich kein eitler Prahler bin und das, was Ich aussage, auch zu leisten imstande bin, so bringt Mir einen Stein, so groß und schwer ihr wollt, hierher, und legt ihn auf diesen Tisch!“
DTT|0|17|5|0|Alsbald wurde ein über 100 Pfund schwerer und sehr harter Stein herbeigeschafft und mit Mühe auf den Tisch gelegt. Als der Stein dalag,
DTT|0|17|6|0|sagte Ich über ihn: „Löse dich, und werde zu Äther als deinem ursprünglichen Element!“
DTT|0|17|7|0|Und der Stein war derart weg, dass von ihm auch nicht ein Sonnenstäubchen groß übrigblieb.
DTT|0|17|8|0|Da sagte der Römer: „Das, meine achtbaren Freunde, kann nur einem Gott, nie aber einem Menschen von noch so großen Talenten möglich sein! Ich habe davon nun diese Überzeugung bekommen, dass es um sehr vieles besser ist, mit dir, holdester Knabe, in der besten Freundschaft denn in irgendeiner Feindschaft zu stehen.
DTT|0|17|9|0|Was würden uns Römern alle unsere vielen Legionen von den tapfersten Kriegern gegen dich nützen? Denn du darfst nur wollen, und sie erleiden das Schicksal dieses hier gewesenen Steines und sind im Moment deines Wollens nicht mehr hier, sondern aufgelöst in der Luft und dem Äther! Und somit erkläre ich, dass du unfehlbar ein rechter Messias deines Volkes bist und keine Macht je mit dir sich in einen gänzlich fruchtlosen Kampf einlassen wird!“
DTT|0|17|10|0|Sagte Ich: „Darum lasse du als Römer dir ja nie ein graues Haar wachsen! Denn Ich bin nicht gekommen in diese Welt, um Mich zu einem Weltfürsten zu machen und den Juden ein weltliches Reich zu gründen, sondern allein das Gottesreich alles Lebens zu bringen allen Menschen, die eines guten Willens sind, und möglichst zu verderben das Reich des Satans, der da ist der Tod auf Erden! Daher wird jedes irdische Reich wohl bestehen können und am allerwohlsten, so es auch das Gottesreich, das Ich auf Erden schaffen werde, anziehen wird!
DTT|0|17|11|0|Es weiche darum jede Furcht von euch ob Meiner göttlichen Macht, denn Ich werde euch untertan bleiben bis zur Umwandlung Meines Leibes, allwann Ich heimkehren werde dorthin, von wannen Ich gekommen bin. Jetzt aber wollen wir zum Schluss des heutigen Tages noch die zwei Worte ein wenig näher beleuchten!“
DTT|0|17|12|0|Sagte ganz erfreut auch Barnabe: „No, dem Herrn alles Lob! Nur Worte wieder und keine Wundertaten mehr – denn es wird einem gar unheimlich dabei!“
DTT|0|17|13|0|Fragte Ich ihn: „Warum denn unheimlich? Hast du doch oft schon persische und indische und ägyptische Wunder angestaunt, und es ist dir dabei niemals unheimlich geworden; warum denn gerade jetzt?“
DTT|0|17|14|0|Sagte Barnabe: „Weil jene samt und sämtlich auf eine begreifliche Weise hervorgebracht werden, während die deinen auf nichts als nur in der Macht deines Willens basiert sind! Und das ist ein ungeheurer Unterschied!“
DTT|0|17|15|0|Sagte Ich: „No, da muss Ich dir schon noch eine Bemerkung machen, bevor Ich auf die Erklärung der zwei Worte übergehe.“
DTT|0|18|1|1|Von den Wundern indischer Magier in Damaskus. Barnabes Verlegenheit. Geheimnis der Allwissenheit des Jesusknaben
DTT|0|18|1|0|[Der Jesusknabe:] „Es werden nun genau zwei Jahre sein, als du dich in Damaskus herumtriebst? In derselben Zeit kamen bei 27 Magier aus Indien. Diese machten große Ankündigungen, wie am dritten Tag nach dem Neumond sie die großartigsten Wunder im großen Hain außer[halb] der Stadt wirken werden.
DTT|0|18|2|0|Unter den vielen Ankündigungen waren auch folgende: ‚Fünf der Hauptmagier werden, bloß mit ihren kleinen Fingern ohne alle physische Kraftanstrengung, einen über 1000 Pfund schweren und über 7 Schuh tief in die Erde – also über seine halbe Länge – eingegrabenen Pfahl herausziehen und ihn dann frei mehrere Augenblicke dauernd in der Luft herumschweben lassen. Dasselbe werden sie dann auch an einem über 10.000 Pfund schweren Felsstück tun, einer Last, die von 300 der stärksten Männer mit der Kraft ihrer puren Hände nicht um ein Haarbreit verrückt werden kann. Am Ende wird noch ein vollkommen totes Kamel auf einige Augenblicke lang belebt.‘
DTT|0|18|3|0|Auf diese Ankündigung war an dem bestimmten Tag nahe ganz Damaskus im großen Hain, um die angekündigte Wundertäterei anzustaunen. Du warst einer der Ersten in der Nähe der Zauberer, und hast alles sehr gut gesehen und dich erstaunt über alle die Maßen.
DTT|0|18|4|0|Die vielen vorhergehenden Stücke waren dir schon mehr bekannt, aber als die letzten mit der überraschendsten Präzision effektuiert wurden, da rissest du Mund und Augen weit auf, schlugst die Hände über dem Kopf zusammen und riefst laut aus: „Das ist unerhört – noch nie dagewesen! Das können keine Menschen, sondern das können nur Götter sein, die man anbeten soll!“
DTT|0|18|5|0|Du hast freilich solche deine Exklamation [Ausruf] mehr der vielen hochangesehenen Heiden wegen gemacht, die bei jener Vorstellung stark vertreten waren; heimlich bei dir aber hast du dennoch Beelzebubs gedacht, darum dir auch sehr unheimlich zumute geworden ist.
DTT|0|18|6|0|Nun sagst du aber auch, dass dir bei Meinen Wundern sehr unheimlich zumute wird! Was Unterschiedes findest du dann zwischen diesen Meinen Wundern und jenen von dir vor zwei Jahren in Damaskus gesehenen?“
DTT|0|18|7|0|Hier wurde Barnabe sehr verlegen und sagte erst nach einer Weile: „Aber sage, du holder unbegreiflicher Knabe, woher du das wissen kannst?! Du warst doch zu jener Zeit nicht selbst in jener Stadt und mir wohl bewusst sonst auch niemand aus dieser Gegend! Außer einigen wenigen Kollegen im Tempel habe ich jene sonderbare Wunderwirkung auch noch niemandem erzählt. Wie kamst du nun hinter mein tief verborgenes Erfahrungsgeheimnis?“
DTT|0|18|8|0|Sagte Ich: „Sei darob ganz ruhig – Ich komme hinter gar alles, aber es wird darum von Mir aus dennoch nie jemandem ein Hemmschuh angelegt, sondern ein jeder ist und bleibt frei, zu handeln nach dem Gesetz oder wider dasselbe. Die Folgen hängen nie von der Macht Meines Willens, sondern von der Ordnung und Heiligung der gegebenen Gesetze in der Natur sowohl wie auch in der Moralsphäre der Menschen untereinander ab.
DTT|0|18|9|0|Das aber, wie und woher Ich solches alles wissen kann, ist auch ein Geheimnis, darüber der Welt erst nach etlichen zwanzig Jahren ein Licht gegeben wird, so wie auch über Meine anderen Wundertaten. Glaubtet ihr, dass in Mir des Messias Geist wohnt in seiner Fülle, da dürftet ihr bald begreifen, wie und woher Mir solche noch nie dagewesenen Fähigkeiten eigen sind. So ihr aber das nicht annehmen und glauben könnt, da müsst ihr schon der vorhin bestimmten Zeit harren. Da werdet ihr es wohl begreifen, aber Mir es doch nie nachmachen.“
DTT|0|19|1|1|Erklärung der beiden Worte ‚Jerusalem‘ und ‚Melchisedek‘. Die Heilige Schrift als göttliches Wort. Jorams Hinweis auf die Unverständlichkeit der auf den Messias hinweisenden Texte
DTT|0|19|1|0|Sagte Barnabe: „Aber liebster wunderbarer Knabe! Wegen den zwei Worten ‚Jerusalem‘ und ‚Melchisedek‘ – darüber möchten wir wohl noch heute von dir einiges vernehmen!“
DTT|0|19|2|0|Sagte Ich: „So gebe denn acht allein auf die einzelnen Wurzeln der althebräischen Zunge! Je (dies ist), Ruh oder Ruha (die Wohnstätte), sa (für den), lem oder lehem (großen König); Me oder mei (meines), l’chi oder lichi – gelesen litzi – (Angesichtes oder Lichtes), sedek (Sitz).
DTT|0|19|3|0|Ihr wisst, dass die Alten die Selbstlaute bei der Wortbildung zwischen den Mitlauten wohl aussprachen, aber aus einer gewissen Pietät nicht niederschrieben. Man muss sonach bei solchen über tausend Jahre alten Worten die Vokale zwischen die Konsonanten zu setzen verstehen, und der wahre Begriff eines so alten Namens erklärt sich dann von selbst aus seinen Wurzeln. Nun bist du wohl zufriedengestellt mit dieser Erklärung?“
DTT|0|19|4|0|Sagte Barnabe: „Ja ganz überaus und über die Maßen vortrefflich! Aber wie kamst du denn wiederum da hinter solche Geheimnisse?“
DTT|0|19|5|0|Sagte Ich: „Da ist eines wie das andere und beruht alles auf der von oben Mich verherrlichenden Kraft des Geistes aus Gott! Das aber kannst und wirst du noch lange nicht einsehen, wie solches möglich ist.
DTT|0|19|6|0|Sieh, du liest auch die Schrift, findest aber für dich nichts Göttliches darinnen, denn du hältst sie für reines Menschenwerk, das verschiedene Menschen wegen der leichteren Beherrschung ihrer Nebenmenschen zusammengeschrieben haben. Die Ägypter hätten das getan durch ihre mystischen und riesenhaftest großen Gebilde und die Hebräer durch ihre mystischen Schriften; für die wahre Bildung des Menschen dieser Zeit aber tauge das eine wie das andere nicht mehr, was alle wahren Weltweisen schon lange wohl eingesehen und klar bewiesen haben!
DTT|0|19|7|0|Nun sieh, das ist dein höchsteigenes inneres und daher wahres Glaubensbekenntnis! Ich aber sage es dir: Wer die Schrift mit deinen Augen betrachtet, der wird auch nie etwas Göttliches darinnen finden und bleiben fortan ein materieller Weltklotz, der mitunter wohl auch für außerordentliche Dinge und Erscheinungen einen Sinn haben wird, so sie gerade vor seinen Augen effektuiert werden. Aber er wird daraus für seinen Geist nie einen Gewinn ziehen, weil ihm jedes noch so große Wunder eine pure, seine Sinne ergötzende Vergnügungssache ist!
DTT|0|19|8|0|Wahrlich, dergleichen Menschen haben eine große Ähnlichkeit mit den Schweinen, die auch allerlei zusammenfressen, aber dabei dennoch gleichfort die alten, unveränderlichen Schweine verbleiben, denen alles gleich wohlschmeckt, ob Kot oder feinstes Weizenbrot.
DTT|0|19|9|0|Darum aber sollen solche Menschen, denen es an einem höheren geistigen Glauben fehlt, die Schriften, die aus dem Geiste Gottes den Menschen gegeben worden sind und als göttliches Wort zu betrachten seien, auch nicht lesen und sie dadurch verunheiligen, denn es steht geschrieben: ‚Den Namen Jehovas sollst du nicht eitel nennen!‘
DTT|0|19|10|0|Ich aber sage und setze hinzu: Ein jedes Wort aus dem Geiste Gottes ist dem Namen Jehova gleich! Wer es liest wie ein Menschenwerk, der ist ein strafbarer Eitelnenner des Namens Jehova. Wer es aber liest mit großer Ehrfurcht seines Gemütes und glaubt, dass die Schrift göttlichen Ursprungs ist, der wird auch bald und leicht das Göttliche zur Erweckung und Belebung seines Geistes darinnen finden.
DTT|0|19|11|0|Würdest du – und auch ihr – in euch die Schrift dafür halten, dass sie göttlichen Ursprunges sei, so würdet ihr Mich schon lange als das gehalten haben, was Ich eigentlich bin, und wie Ich Meine Wundertaten bewerkstellige. Weil ihr aber die Schrift nur für ein eitles und für diese Zeit gänzlich unbrauchbares Menschenmachwerk haltet, so ist es euch auch unmöglich, Mich als das anzuerkennen, was Ich so ganz eigentlich bin – und da ihr Mich als das nicht anerkennen mögt, so müssen euch da ja auch Meine Taten im höchsten Grade unbegreiflich sein!“
DTT|0|19|12|0|Sagte Joram: „Mein holdester Knabe, du scheinst hier denn doch in deiner Annahme dich ein wenig zu versteigen! Denn sieh, so unter uns auch etwa einige sind, die an die reine Göttlichkeit der Schrift nicht glauben, so sind aber dennoch schon wieder noch einige, die daran noch sehr festhalten und glauben und daher auch auf die Ankunft des verheißenen Messias und seines Reiches hoffen, und die werden auch bei deiner näheren Bekanntschaft eben nicht viel dagegen sein, so du eben jener verheißene Messias wärest, von dem eben der große Prophet Jesajas am meisten geweissagt hatte.
DTT|0|19|13|0|Es ist im Jesajas die Weissagung freilich stark mystisch gehalten, und man kann mit des Messias Persönlichkeit nicht so recht ins Klare kommen; aber sie hat im Ganzen recht vieles, was mit dir stimmt! Einiges ist dann freilich wieder darunter, was weder auf dich und am Ende noch weniger auf einen rechten Messias – und käme er direkt aus den Himmeln – schon gar nicht passt! Und so wirst du überaus weiser Junge wohl auch selbst einsehen, dass es selbst für die festest Gläubigen stets noch sehr seine geweisten Wege hat, und dass es eine wahrlich sehr schwere Sache ist, sich darinnen ordentlich und klar zu orientieren.
DTT|0|19|14|0|Die Sache bleibt immer nur mehr eine Volkssage, hervorgehend aus dem langgehegten Wunsch des Volkes, und da mögen die Römer nicht ganz unrecht haben, so sie sagen: Ubinam vanis invectis superlativum tradit gens, nihil quam aquam haurire! [Sobald das Volk aus nichtigen Gerüchten Übertreibungen überliefert, heißt dies nichts als Wasser schöpfen! (Auf Volkssagen kann man nichts geben!)] Und so ist es teilweise auch hier mit dem Messias! Es kann allerdings schon etwas sein, möglich aber auch nichts – und so würde man aus dem alten Jakobsbrunnen kaum einen gesunden Wassertropfen zu schöpfen bekommen. Was sagst du dazu, holdester Knabe?“
DTT|0|19|15|0|Sagte Ich: „Wie lauten denn hernach die Stellen aus den Weissagungen des Jesajas, die auf den Messias und namentlich auf Mich schon gar nicht passten?“
DTT|0|19|16|0|Sagte Joram: „Ja, mein liebster junger Freund, da muss ich erst das Buch holen; denn auswendig sind mir jene Stellen eben nicht mehr geläufig, denn so was liest man seltener nach, und da vergisst man denn doch so manches, namentlich aus der Sphäre der Propheten! Aber warte nur ein wenig, wir werden die Sache gleich haben.“
DTT|0|19|17|0|Sagte Ich: „Weißt du was?! Indem es heute schon Abend geworden ist, so lassen wir das auf morgen. Und da heute von frühmorgens bis jetzt niemand zur Stärkung seines Leibes etwas zu sich genommen hat, so wollen wir nun unsere Sitzung aufheben, ein Abendbrot nehmen und morgen dann unsere Sache fortsetzen.“
DTT|0|19|18|0|Mit diesem Meinem Antrag waren alle gleich einverstanden, und wir verließen die Sprechhalle und begaben uns in die schon bekannte Herberge.
DTT|0|20|1|1|Zweite Nacht in der Herberge. Joram und Barnabe suchen im Buch Jesajas vergeblich nach Texten, die auf Jesus als Messias nicht passen
DTT|0|20|1|0|Ich, der Richter und der alte Simon begaben uns in die Herberge, in der wir schon eine Nacht zubrachten, und in der gewöhnlich die Nazaräer in Jerusalem sich aufzuhalten pflegten.
DTT|0|20|2|0|Denn es war in Jerusalem schon eine alte Sitte, dass eine jede Stadt vom ganzen Judenreich eine den gleichen Namen tragende Herberge hatte. Und das war darum, dass, so jemand von Jerusalem oder auch von einer anderen Stadt mit jemandem etwas abzumachen hatte oder einen anderen Aufschluss aus irgendeiner Stadt haben wollte, er bloß in die gleichnamige Herberge zu gehen brauchte und dort sicher täglich einen oder auch mehrere aus der gleichnamigen Stadt nach Jerusalem in irgendwelchen Geschäften Angekommene antraf.
DTT|0|20|3|0|Diese Sitte hatte sich auch nach Europa mit der Zeit verbreitet, und es hatten in früheren Zeiten die Aushängeschilder der Gasthäuser auch eine ähnliche Bestimmung; in der Jetztzeit ist davon freilich keine Spur mehr.
DTT|0|20|4|0|Ich habe dies nur angefügt, damit man später leichter begreifen wird, wie Meine Nähreltern Mich am dritten Tag als am Tag ihrer Rückkunft, und zwar gegen den Abend hin, ganz leicht finden müssen, da sie in der Herberge namens ‚Nazareth‘ Mich ehest erfragt haben, wo Ich Mich des Tages aufgehalten.
DTT|0|20|5|0|Die Templer hatten nach ihrem Abendmahl sich diesmal auch zum größten Teil zur Ruhe begeben. Nur Joram und Barnabe nahmen den Jesajas zur Hand und suchten darinnen Texte, die auf Mich oder auf irgendeinen anderen Messias gar nicht absonderlich passen würden. Mit der Zeit wurden auch die beiden vom Schlaf übermannt und begaben sich zur Ruhe.
DTT|0|20|6|0|Wie ein Augenblick verfliegt für die Müden die Nacht; und so war es auch hier der Fall. Die Templer wollten sich noch einmal umdrehen, aber der schon sehr hell gewordene Tag forderte sie zum Wachbleiben auf, um sich zu begeben an ihr ihnen obliegendes Geschäft, was ihnen für den Tag gar nicht munden wollte – auch sogar dem Joram und dem Barnabe nicht, weil sie im ganzen Jesajas keine so recht schlagende Stelle finden konnten, die Mich zum Schweigen hätte nötigen können.
DTT|0|20|7|0|Joram sagte beim Suchen zum Barnabe: „Man ist ja gerade wie verhext! Sonst habe ich gleich ein paar Dutzend der für diesen Zweck passenden Stellen gerade auf der Nase sitzen gehabt; jetzt suche ich schon eine Stunde lang wie ein müder Rabe sein Nest und finde nichts, aber ja auch gar nichts daran!
DTT|0|20|8|0|Wolle der Knabe denn schon durchaus zufolge seiner außerordentlichen Eigenschaften, so sie ihm auch im Mannesalter bleiben, Messias bleiben wollen, no, so soll er es bleiben! Da liegt doch wahrlich nicht gar zu besonders vieles daran! Verlassen ihn aber etwa späterhin diese, da wird er seine Idee schon von selbst fahren lassen. Nehme aber das Buch dennoch mit, denn wir könnten es etwa doch noch brauchen im Verlauf des heutigen Tages! Nun aber gehen auch wir in den Sprechsaal, denn es werden dort schon die meisten versammelt sein.“
DTT|0|20|9|0|Darauf erhoben sich beide und begaben sich schleunigst in den Sprechsaal.
DTT|0|21|1|1|Beginn der Besprechung am dritten Tag. Jorams misslungener Versuch, das begonnene Thema abzubrechen. Unterschied von Materie, Seele und Geist. Der Jesusknabe verwarnt den ausfällig werdenden Oberpriester
DTT|0|21|1|0|Als die beiden auch an ihre Stellen kamen, da erst begann die Besprechung des dritten Tages.
DTT|0|21|2|0|Ich trat nach dem Wink des Mir höchst geneigt gewordenen Römers zuerst auf und wandte Mich an den Joram, sagend: „Nun sind wir heute am dritten Tag wieder hier in dieser Redehalle versammelt. Es kommt nun darauf an, dass du Mir, schon gestern angetragenermaßen, aus dem Propheten Jesajas zeigst, welche Texte auf Mich wie auf jeden anderen nach deiner Meinung werden mögenden Messias nicht passen sollten!“
DTT|0|21|3|0|Sagte Joram: „Ja, mein holdester Junge, es wäre alles recht – aber mir sind die fraglichen Texte dem Wortlaut nach schon lange entfallen, und es würde mir jetzt eine wahre Verlegenheit bereiten, gerade dir gegenüber, der du infolge deines riesenhaften Gedächtnisses die ganze Schrift von Wort zu Wort kernfest im Kopf zu haben scheinst, die gewissen Texte aufzusuchen! Darum gehen wir von der Sache lieber ab, und ich sage: Wir lassen dich infolge dessen, was wir von dir gesehen und gehört haben, als den verheißenen und respektive schon angekommenen Messias gelten. Aber alle die vielen Texte nun in der Schrift aufzusuchen, würde uns viel zu viel Zeit und Mühe kosten!“
DTT|0|21|4|0|Sagte Ich: „Nein, Mein Freund, das geht nicht! Ihr möchtet Meiner nun auf eine gute Art loswerden, denn ob ein Messias oder ob keiner, das ist euch einerlei, wenn ihr dabei nur recht gut leben könnt und euch sammeln große Haufen Goldes, Silbers und allerlei köstlichen Edelgesteins! Aber es handelt sich nun ganz vollernstlich darum: Bin Ich es, oder sollt ihr noch auf einen anderen warten?
DTT|0|21|5|0|Bin Ich es, so ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen, und ihr werdet es aus der Schrift wissen, was da an euch ist zu tun, so ihr eines guten Willens seid! Bin Ich aber nach eurer Meinung und aus dem Propheten erwiesen das nicht – nun, da mögt ihr denn in euren alten Sünden verharren, bis der Tod euer Endlos sein wird! Aber da euch das Aufsuchen der tauglichen Texte schon so viel Zeit raubt und eine gar so große Mühe macht, so gebt Mir das Buch her und Ich werde euch Zeit und Mühe ersparen!“
DTT|0|21|6|0|Hierauf sagte der Oberpriester: „Da wirst du dir wohl alle jene Texte heraussuchen, die auf dich am allerbesten passen?!“
DTT|0|21|7|0|Sagte Ich: „Nun gut, so suche du Mir welche auf, die auf Mich etwa am wenigsten passen!“
DTT|0|21|8|0|Sagte der Oberpriester: „No, damit soll dir gleich aufgewartet werden! Gebt mir das Buch!“
DTT|0|21|9|0|Man gab dem Oberpriester das Buch in die Hand, und er fing darin mit wichtiger Miene an herumzusuchen, konnte jedoch längere Zeit etwas Rechtes nicht finden. Endlich aber fand er, ihm anscheinend, doch etwas, denn es malte sich in seinem Gesicht eine eigene Art Zufriedenheit, hinter der aber auch der oberpriesterliche Hochmutskamm bald ärger noch als bei einem zornigen Truthahn zu steigen anfing. Er legte mit einem gewissen Herrscherpathos das Buch aufgeschlagen vor sich auf den Tisch und bohrte ordentlich mit seinem Zeigefinger siegesfroh in den Text hinein und sprach:
DTT|0|21|10|0|„Da! Komm nun her, du junger Messias aus Galiläa, lese den Text und sage mir, ob auch der auf deine Person passt!“
DTT|0|21|11|0|Sagte Ich: „Was rufst du Mich, dass Ich den Text aus deinem Buch lesen soll?! Der Geist, der in Mir wohnt, wusste schon sehr lange eher darum, als er vom Jesajas niedergeschrieben wurde! Und du hast gerade den rechten zu Meinem Sieg über dich aufgeschlagen, wo Ich wahrlich keinen besseren hätte finden können!“
DTT|0|21|12|0|Hier erhob sich der Oberpriester ganz zornig und sprach voll wutentbrannten Eifers: „Was sagst du? Du hättest um diesen Text schon früher gewusst, als ihn der Prophet niedergeschrieben hatte? Ich warne dich, du galiläischer Knabe, vor zu großem Mutwillen! Du zählst erst zwölf Jahre und willst schon vor dem Propheten um diesen Text gewusst haben?! Bist du denn wahnsinnig?!
DTT|0|21|13|0|So du auch von deiner Seele oder deinem Geist sprichst – was immer eins und dasselbe ist –, so wird diese doch unmöglich älter sein als ihr Leib, der doch schon nach dem Zeugnis Mosis eher da sein musste, bevor die Seele in denselben einziehen konnte!
DTT|0|21|14|0|Sagt nicht Moses: ‚Gott bildete den ersten Menschen aus Lehm und blies ihm durch die Nüstern eine lebendige Seele ein‘?! Geht aus dem aber nicht klar hervor, dass dann doch jedes Menschen Leib, als das fertige Wohnhaus der Seele, eher da sein muss als sie selbst? Denn was und woher sollte die Seele ohne den Leib sein?! Daher bedenke, du junger Galiläer, wohl, wo du stehst und vor wem!“
DTT|0|21|15|0|Sagte Ich: „Abgesehen von dem, dass du durch weltliche Protektion und nicht durch höheren geistigen Beruf hier Oberpriester bist, und abgesehen von dem, dass wir hier in der alten Sprechhalle des Tempels versammelt sind, sage Ich dir dennoch ganz trocken ins Gesicht, dass du über geistige Dinge noch um vieles schlechter urteilst denn ein Blinder von den Farben.
DTT|0|21|16|0|So Gott eine lebendige Seele dem fertigen Leib Adams durch dessen Nüstern einblies, so war die Seele doch offenbar zuvor in Gott und konnte auch nirgends anderswo sein, weil Gott in seinem Wesen unendlich ist und sich streng genommen außer Ihm nichts befinden kann!
DTT|0|21|17|0|Gott aber, da Er selbst ewig ist, kann nichts Zeitliches und Vergängliches oder erst Entstehendes in sich fassen, sondern, was in Ihm ist, ist wie Er selbst ewig. Er kann Seine ewigen großen Gedanken und Ideen nur außer Sich der Erscheinlichkeit nach zur Gewinnung einer wesenhaften Selbständigkeit wie hinausstellen; und wann Er das tut, so ist dies von Ihm ausgehend ein Schöpfungsmoment, und für das durch Seine Macht und Weisheit wie außer Ihn freigestellte Gottesgedankenwesen beginnt dann erst die Zeit, besser aber der Zustand der zugelassenen Selbsttätigkeit zur Erwerbung eines bleibenden selbständigen Seins wie außer Gott, wenn schon im Grunde des Grundes dennoch in Ihm.
DTT|0|21|18|0|Wenn aber also, wie soll Ich dann im Geiste und in Gott nicht eher dagewesen sein, als der Prophet seine Texte aus Gott schrieb?!
DTT|0|21|19|0|Zudem aber bist du noch in einer großen Irre, so du meinst, dass Geist und Seele eines und dasselbe sind. Die Seele bei den Menschen ist ein geistiges Produkt aus der Materie, weil in der Materie eben nur ein gerichtetes Geistiges für die Löse rastet, der reine Geist aber ist niemals gerichtet gewesen, und es hat ein jeder Mensch seinen von Gott ihm zugeteilten, der alles beim werdenden Menschen besorgt, tut und leitet, aber mit der eigentlichen Seele sich erst dann in eins verbindet, so diese aus ihrem eigenen Wollen vollkommen in die erkannte Ordnung Gottes übergegangen und somit selbst vollends rein geistig geworden ist.
DTT|0|21|20|0|Dass aber bei dir dieser Übergang noch lange nicht stattgefunden hat, hast du soeben dadurch gezeigt, dass du von deinem eigenen Geist, ohne den du nicht einen Augenblick lang leben könntest, noch nie eine Idee gefasst hast!
DTT|0|21|21|0|Ich aber kenne Meinen Geist und bin schon lange eins mit ihm und kann darum auch aller Natur gebieten, weil der Geist wahrhaft ein Gottesgeist ist und ewig nie ein anderer sein kann, weil es außer Gott keinen Geist geben kann, der nicht Gottes Geist wäre. Denke du und alle nun darüber ein wenig nach, und findet euch darinnen zurecht, dann erst gehen wir auf die auf Mich nicht passen sollenden Texte über.
DTT|0|21|22|0|Dir, Oberpriester, aber rate Ich, dass du dich gegen Mich in den Schranken der gerechten Mäßigung erhaltest, sonst könntest du bald die Kraft Meines Gottesgeistes wider dich zu sehr gereizt haben! Was Ich vermag, hast du schon gestern erfahren – darum weißt du nun auch schon, was dir bevorsteht, wenn du hier deine Grenzen überschreitest! Denn Ich habe ein teuer erkauftes Recht, zu reden in Sachen Jehovas, das da vor allem bedungen ward. Es ist aber schon schlecht genug, dass man sich bei euch sein wollenden Dienern Jehovas ein Rederecht, nach Stunden bemessen, erkaufen muss; und noch schlechter müsste es dann sein, so man noch obendrauf von dem erkauften Recht nicht den bedungenen Gebrauch machen dürfte!“
DTT|0|22|1|1|Der römische Richter anerkennt den Jesusknaben. Über das Richteramt und das göttliche Gesetz der Nächstenliebe
DTT|0|22|1|0|Hier sagte der Richter: „Aber, du rein aus den Himmeln herabgekommener holdester Knabe! Du bist ja jetzt schon weiser denn alle Weisen, die je auf der Erde gelebt haben! Was wird erst aus dir werden?! Ja, ja; du bist ohne weiteres ein rechter Messias (Mittler zwischen Gott und Menschen), denn noch nie hat je ein Weiser die Unterschiede zwischen Materie, Seele und Geist so klar dargestellt und mit so wenigen Worten wie du! Wahrlich, diese Belehrung verdient eine eigene Belohnung sogar; denn so was ist noch nie dagewesen!“
DTT|0|22|2|0|Sagte Ich: „Lasse das gut sein, edler Freund! Welchen Lohn könntest du Mir wohl geben, den Ich dir nicht sogleich tausendfach rückerstatten könnte?! Wahrlich, sage Ich dir: Der je einem seiner dürftigen Mitmenschen aus wahrer, reiner Liebe zu Gott und den Mitmenschen etwas Gutes tun wird, der wird es Mir tun, und es wird ihm vergolten werden tausendfach! Aber ebenso auch das Schlechte und Böse, das jemand an seinen Mitmenschen verüben wird!“
DTT|0|22|3|0|Sagte der Richter: „Was möchtest du als Schlechtes und Böses, das man den Nebenmenschen nicht erweisen soll, näher bezeichnen?! Ich möchte es wohl wissen, weil ich als ein Richter gar oft in die Lage komme, den Nebenmenschen oft sehr Übles und Böses zuzufügen, freilich sehr oft wider meinen Willen. Aber unser Gesetz ist ein ehernes und kennt keine Rücksichten, nicht einmal an den eigenen Kindern! Sage mir darum etwas Haltbares!“
DTT|0|22|4|0|Sagte Ich: „Hättest du die Gesetze gemacht, so könntest du sie auch ändern, aber sie sind ein alter wohlbedachter Volkswille, und du bist gestellt, die Sünder wider solchen Volkswillen zur gerechten Ahndung zu ziehen. So du aber das streng gewissenhaft und gerecht tust, was das Gesetz vorschreibt, so tust du darum kein Böses, sondern nur Gutes!
DTT|0|22|5|0|Denn jedermann, der als Mitglied einer großen Menschengesellschaft lebt, muss sich den Ordnungsgesetzen fügen und sie zu seinen eigenen Lebensmaximen machen. Will er das nicht, so muss er sich als der für sich dastehende offenbar Schwächere die notwendig bitteren Folgen als Widerspenstling der allgemeinen Volksordnung gefallen lassen.
DTT|0|22|6|0|Und der vom Volk oder von dessen herrschendem Repräsentanten, der ein König oder gar ein Kaiser ist, bestellte Richter, der das ihm durch und durch bekannte Gesetz streng und gerecht ausübt, kann nicht anders als nur wohltun, denn er reinigt das Feld der Menschensaat vom Unkraut. So du das tust, erfüllst du deine Pflicht und bist ein Wohltäter der ordnungsliebenden und -beflissenen Menschen.
DTT|0|22|7|0|Dass du als Richter aber hauptsächlich darauf siehst, dass vor allem ein verirrter Mensch durch das Gericht nicht so sehr gestraft, als nur vielmehr gebessert werde, das ist eine Tugend aus den Himmeln in deinem Herzen, denn du befolgst den ewig wahren Grundsatz der Nächstenliebe, der also lautet: „Was du vernünftigermaßen nicht willst, dass man es dir täte, das tue auch deinen Mitmenschen nicht!“ Damit aber bist du vor Gott wie vor den Menschen schon ganz in der Ordnung und hast gar nicht nötig, dich zu kümmern darum, was da eigentlich gut und was da böse ist!
DTT|0|22|8|0|Würden die, so da sitzen auf den Stühlen Mosis und Aarons, auch so handeln und gehandelt haben, so würden sie nie von euch Römern unterjocht worden sein. Aber da sie nicht mehr dem alten Gesetz treu blieben, das für alle Menschen gleich gegeben ward, sondern sich ganz eigene Satzungen machten nach ihren Gelüsten, so hat Gott denn auch Sein Angesicht von ihnen abgewendet und sie gegeben unter die scharfe Zuchtrute der Heiden, unter der sie auch ihrer großen und groben Halsstarrigkeit wegen belassen werden.
DTT|0|22|9|0|Du bist ein Heide und erkennst Mich, diese sind Juden und sollen Kinder Jehovas sein, und sie erkennen Mich nicht und werden Mich auch schwerlich erkennen. Wie ist nun das?! Mir kommt es vor, wie da ein Prophet geredet hatte, freilich auch schon damals zu tauben Ohren: ‚Er kam zu den Seinen in sein Eigentum, und die Seinen haben Ihn nicht erkannt und nicht aufgenommen!‘ Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, Ich habe dir den rechten Stand der Dinge gezeigt, und es ist nun an der Zeit, jene von dem Oberpriester aufgefundenen Texte näher anzusehen, die auf Mich nicht passen sollen.“
DTT|0|23|1|1|Lesung und Erklärung von Jesajas 9,5-6 durch den römischen Richter
DTT|0|23|1|0|Hier schob Mir der Oberpriester das Buch zu und sagte: „Da lese es selber, und überführe Dich!“
DTT|0|23|2|0|Ich nahm das Buch und gab es dem Richter, ihm die laut zu lesenden Stellen anzeigend, und ersuchte ihn, selbe auch laut lesen zu wollen, auf dass da niemand sagen könne, dass Ich die Texte zu Meinen Gunsten gelesen hätte. Das konnte der Richter umso leichter tun, da er in den meisten orientalischen Zungen sehr wohlbewandert war und namentlich die althebräische Schrift um vieles besser zu lesen verstand als alle Templer zusammen.
DTT|0|23|3|0|Der Richter nahm freudig das Buch und las daraus, wie da folgt: ‚Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, dessen Herrschaft auf seiner Schulter ist; und er heißt Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig, Vater, Friede, Fürst, auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhl Davids und seinem Königreich, und dass er es zurichte mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit! Solches wird tun der Eifer Zebaoths!‘ Hierauf fragte der Richter den Oberpriester, ob die Texte also gut gelesen wären.“
DTT|0|23|4|0|Der Oberpriester bejahte das mit einer großen Verbeugung.
DTT|0|23|5|0|Darauf fuhr der Richter fort, in Meinem Namen zu reden, und sagte: „Da habt ihr aber nach meiner Ansicht ja gerade eine Stelle aufgesucht, die meines Erachtens wie kaum eine andere auf ein Haar genau auf diesen jungen und weisen Knaben passt!
DTT|0|23|6|0|Wie eine Jungfrau einen Sohn gebären und den sie Emanuel heißen werde, das haben wir – wenigstens zu einer subjektiven Einsicht – derart erörtert, dass es bei mir nun nicht mehr dem allergeringsten Zweifel unterliegt, dass dieser Knabe eben der von dem Propheten vorbezeichnete Sohn der euch nach eurem höchsteigenen Geständnisse wohlbekannten Jungfrau, glaube, namens Maria ist.
DTT|0|23|7|0|Und so ich mich nicht irre, so ist mir bei einer Gelegenheit von dem Hauptmann Cornelius erst vor gar nicht langer Zeit von jener wunderbaren Geburt eines Knaben zu Bethlehem in einem leeren Schafstall — ob Mangel an besseren Herbergen — erzählt worden, und zwar mit einer großen Begeisterung und innigsten Teilnahme am damals höchst misslichen Schicksal jener denkwürdigen Familie, und dass er sich schon oft darum erkundigte, aber seit deren Abreise von Ägypten nichts von ihr zu erfahren imstande war! Leider hat er sich nun in Staatsgeschäften nach Tyrus begeben müssen, sonst säße er ganz sicher hier!
DTT|0|23|8|0|Also, was die prophezeite Geburt dieses Knaben betrifft, so wären wir darüber im Reinen, und es kann da vor dem Forum der ganz gesunden und reinen Vernunft durchaus kein Kontra mehr geben!
DTT|0|23|9|0|Nun das, dass er Butter und Honig essen werde, um hernach zu verstehen und zu erwählen das Gute und zu verwerfen das Böse, kann ich mir nach der altägyptischen Weise nur als eine Entsprechung denken, die vielleicht – nur nach meiner Ansicht geurteilt – so viel sagt als: Er wird erfüllt sein mit aller Liebe und Weisheit und wohl erkennen das wahre, reine Gute und das entschiedene Böse!
DTT|0|23|10|0|Dass er wie gar kein Weiser und Gelehrter der ganzen Welt das vermag, davon hat er mir gerade vorhin den klarsten Beweis vor euch allen abgelegt, und so hat er des geistigen Honigs und der Butter sicher die größte Menge in sich, wie er das auch euch Weisesten des Tempels schon zur Genüge gezeigt hat, und wie ihr gar vieles bei ihm noch erlernen könntet – aber er von und bei euch sicher nichts! Und das dürfte doch hinreichend anzeigen, wie viel Honig und Butter er schon bis jetzt zu sich genommen haben müsse!?
DTT|0|23|11|0|Das alles aber bezeugt umso klarer, dass er eben der von dem alten Propheten vorhergesagte und von einer Jungfrau geborene Sohn Emanuel ist und fortan keine Jungfrau je mehr einen solchen Sohn auf dieser Erde gebären wird!
DTT|0|23|12|0|Ich habe im ganzen großen römischen Kaiserreich noch nie einen Sohn von zwölf Jahren kennengelernt, der dem – abgesehen von seinen unbegreiflichen Wundereigenschaften – nur in einem allerentferntest annähernden Maße gleichkäme, und so glaube ich, dass die zweite, von euch selbst uns vorgelegte Textierung des Propheten ebenso haargenau auf ihn passt wie die erste, die er euch gleich anfangs als eine sogenannte Vorfrage aufstellte.
DTT|0|23|13|0|Ja, in ihm ist uns wahrlich ein Kind aller Kinder geboren und ein Sohn aus dem Schoße der Götter wie wir Römer zu sagen pflegen – uns sterblichen Menschen gegeben, dessen unbegreifliche Herrschaft er selbst wahrlich nur auf seinen höchsteigenen Schultern trägt, und keines Helfers bedarf!
DTT|0|23|14|0|Der Prophet bezeichnete durch die aufgeführten Namen offenbar nur dessen Eigenschaften, und sagt es selbst, ob ihm da nur eine mangelt!
DTT|0|23|15|0|Ist er nicht wunderbar in seinem Verstand, in seiner Rede und in seinen Taten?!
DTT|0|23|16|0|Welcher Weise der Erde kann mir einen noch weiseren Rat erteilen als dieser wahre und allerreinste Göttersohn?!
DTT|0|23|17|0|Dass er eine wahre Allkraft in jeder Beziehung – sei es Geist oder Materie – besitzt, daran wird hoffentlich auch niemand zweifeln, der ihn reden gehört und handeln gesehen hat!
DTT|0|23|18|0|Durch seinen allerunerschrockensten Mut gegen euch bekannt allerhochmütigste Priester, die ihr euch schon über alle Götter weit hinaus preisen und anbeten lasst, hat er sein unerschrockenes Heldentum auch hoffentlich klar genug an den Tag gelegt!
DTT|0|23|19|0|Wie sein Geist ein notwendig ewiger und eins mit dem Geist Gottes ist, hat er vor euch auf eine so begreifliche Weise mit wenigen Worten bewiesen, dass man wahrlich mit der Blindheit aller Nächte, die je auf der Erde bestanden haben, geschlagen sein müsste, um da nicht gleich auf den ersten Augenblick zu verspüren, von wo dieser Wind her zu wehen anfängt!
DTT|0|23|20|0|Dass er ferner allein den Menschen den wahren, lebendigen inneren Frieden geben kann und er daher auch allein nur ein wahrster Fürst aller Fürsten der Erde ist und einen Frieden den Menschen geben kann auf dieser Erde wie kein anderer Fürst, das habe ich bereits empfunden!
DTT|0|23|21|0|Er allein kann das alte Seher- und Erkenntnisreich Davids, das von euch schon lange zerstört wurde, wieder lebendig aufrichten und eine Herrschaft gründen, der alle Fürsten der Erde trotz ihrer Zepter und Kronen für ewig untertan sein werden; denn das Reich der hellsten Erkenntnis ist und bleibt stets das mächtigste auf der Welt und kann von keiner Nacht-Macht je völlig unterjocht werden. Wo aber Licht ist und dessen alles durchschauende Wirkung, da ist auch ein rechtes Gericht und die vollste und offenste Gerechtigkeit!
DTT|0|23|22|0|Am Ende heißt es noch: ‚Und solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.‘ Wer sonst als der diesen Knaben durch und durch erfüllende Geist Gottes ist eben der Herr Zebaoth selbst – ein Etwas, das ich auf den ersten Augenblick heraushatte! Wie denn ihr nicht, da euch das doch offenbar mehr angehen sollte denn mich, einen Heiden?!
DTT|0|23|23|0|O Götter und o Orakel der ganzen Welt zusammen! Wie entsetzlich schlecht müsst ihr sein, dass ihr das nicht auf den ersten Blick einsehen und fühlen mögt, von wo da der Wind zu wehen angefangen hat! Ich, ein Heide, muss euch das sagen, dass es so ist!
DTT|0|23|24|0|Was würde wohl jener Prophet, der solche Weissagung niedergeschrieben hatte, zu eurem allerfinstersten Starrsinn sagen, so er wieder aufstünde und vor euch hinträte?
DTT|0|23|25|0|Wandelt euch denn nun keine Scham an, so ihr nun gar so dumm und blind dasteht vor den Augen dessen, dessen Wille allein euch das faule, selbstverschuldet schlechte Leben und seine finstere Herrschaft belässt?! Könnte er mit euch nicht eben ein gleiches Manöver machen wie gestern mit dem fertigen Esel und mit dem großen Stein?!
DTT|0|23|26|0|Da denken die noch in alle Welt hinaus nach, was da etwa Rechtens wäre – entweder vor einem Gott, den sie nicht kennen und auch nie an ihn geglaubt haben, oder vor der Welt, von der sie alle sehr fett geworden sind und noch fetter zu werden gedenken –, und ein allerwahrster Gott steht vor ihnen, ausgerüstet mit allen Eigenschaften, die sich die menschliche Phantasie nur je von einem Gott hatte vorstellen können, natürlich in der allererhabensten Art und Weise.
DTT|0|23|27|0|Jetzt möchte ich von euch alten Dummköpfen denn doch erfahren, wie ihr euch denn einen Gott vorstellt? Einen Begriff müsst ihr euch von Ihm ja dennoch machen!? Redet – denn nun gebiete ich euch, dass ihr mir antwortet!“
DTT|0|24|1|1|Jorams Rede über das Wesen Gottes und sein Versuch, den Richter mit heuchlerischen Vernunftgründen vom Verhalten der Templer zu überzeugen
DTT|0|24|1|0|Diese scharfe Anrede des Richters hatte unsere Templer aus aller Fassung gebracht und sie in einen großen Schreck versetzt, so dass sie nur zu stottern statt irgend zusammenhängend zu reden vermochten. Der Gefassteste war noch Joram; der erhob sich denn auch von seinem Stuhl, verneigte sich tief vor dem Richter und sagte dann:
DTT|0|24|2|0|„Hoher, gestrenger und gerechtester Gebieter und Richter über ganz Jerusalem und noch sehr weit darüber hinaus! Es ist bei uns um den wahren Begriff von dem Wesen Gottes eine schwere Sache, indem es im Moses ausdrücklich verboten ist, sich irgendeinen fasslichen Begriff oder irgendeine nur halbwegs bildliche Idee von Ihm zu machen! Du wirst darum in unserem Tempel durchaus kein Bild finden, durch das für die menschlichen Außensinne sich von der Gottheit ein anschaulicher Begriff machen ließe!
DTT|0|24|3|0|Trotzdem aber haben doch die Väter – als Abraham, Isaak und Jakob – zu öfteren Malen Gesichte gehabt, in denen sie Gott stets nur in einer vollendeten Menschengestalt sahen und sprachen, obwohl es im Moses später heißt: ‚Gott kann niemand sehen und leben zugleich; denn Gott ist ein verzehrend Feuer und wohnt im unzugänglichen Licht!‘
DTT|0|24|4|0|Aber Moses verlangte dennoch einmal Gott zu sehen, so ihm das auch den augenblicklichen Tod gäbe. Da aber sprach am Sinai Gott zu Moses: ‚Verberge dich in dieser Grotte, Ich werde da vorüberziehen! So Ich dich rufen werde, da trete aus der Grotte, und du wirst Meinen Rücken sehen!‘
DTT|0|24|5|0|Ja, jetzt – da, wo es sich bald um eine Form Gottes und bald wieder, sogar streng gesetzlich, um gar keine mehr handelt und eigentlich bei Strafe handeln darf, da wird eine Ideefassung und Begriffmachung von einem Gott wahrlich etwas schwer oder mit der Zeit schon gar nicht mehr möglich, obwohl das menschliche Gemüt sich dennoch nach einem formellen Gott sehnt und man es streng genommen den Heiden gar nicht so sehr übelnehmen kann, dass sie sich ihren Zeus als einen vollkommensten Menschen bildlich vorstellen. Wir haben nur das Wort Jeoua [Jehova], darüber hinaus gibt es nicht viel mehr.
DTT|0|24|6|0|Was mich, bloß als Menschen, anbelangt, da ist mir, wie dir, dieser Knabe als ein Gott ganz gut und mächtig zur Genüge. Aber nun bedenke du das Volk, das an der Lehre Mosis und der Propheten hängt! Der Tempel ist der alte Mittelpunkt seiner Beseligung, dahin trägt es seine Wünsche, seine Hoffnungen und glaubt sich im Tempel seinem Gott nahe, allwo es dieser vernimmt durch das Ohr des Hohenpriesters und es erhört durch die Gebete desselben und seiner Gehilfen! Nehme das auf einmal dem Volk weg und stelle an die Stelle der Bundeslade diesen göttlichen Knaben hin, und du hast ehest die allgemeinste Revolution im ganzen Land!
DTT|0|24|7|0|Wir sind Narren, weil wir es zu sein genötigt sind. Wäre das nicht der Fall und hinge nicht unser Leben und des Volkes Wohlfahrt und Ruhe davon ab, so wären wir schon lange keine Narren mehr! Oder meinst du, dass es gar so ein Leichtes ist, dem Volk etwas als seiend vorzustellen, das nicht ist und von dem man sich sogar beim besten Willen durchaus keinen Begriff machen kann?
DTT|0|24|8|0|Ich für mich halte dasselbe vom Knaben, was du hältst. Aber vor dem Volk muss ich demungeachtet die alte Narrheit forttreiben und von dem ja nicht die leiseste Spur merken lassen, dass ich innerlich ganz einen anderen Glauben habe, als den ich äußerlich zur Schau trage!
DTT|0|24|9|0|Sollte es der Macht des Knaben mit der Zeit gelingen, das Volk, wie nun uns, auf sich aufmerksam zu machen, und dass es ihn als das erkennt und annimmt, was er ist, dann wird er mit dem ganzen Tempel leicht fertig werden. Aber eine alte Sache, an der sich gar so viele Interessen kreuzen, ist nicht leicht beiseite zu schieben wie ein alter Schrank, den man leicht ohne allen Anstand wegwerfen und vernichten kann und stellen einen neuen an seine Stelle.
DTT|0|24|10|0|Das ist meine Ansicht, die ganz sicher der ganze Tempel mit mir teilt, und ich glaube kaum, dass mir da jemand eine Widerrede geben wird!“
DTT|0|24|11|0|Sagte der Richter: „Ja, gegen diese Ansicht lässt vorderhand freilich wenig oder doch sicher nicht viel sich einwenden. Aber eines kann dabei immerhin bemerkt werden, und das besteht darin: Ihr – so ihr glaubt an des Knaben Sendung – könnt doch immerhin das Volk auf eine geeignete Weise auf den Knaben aufmerksam machen und zeigen, was nun in die Welt gekommen ist?!“
DTT|0|24|12|0|Sagte der Joram: „Diese Forderung gehört offenbar zu denen, die man billig nennen kann, und es wird sich darin vielleicht auch etwas tun lassen! Aber es wird das immer ein sehr gewagtes Unternehmen sein, das uns und dem guten Knaben recht viele Verlegenheiten bereiten dürfte!
DTT|0|24|13|0|Denn fürs Erste bleibt der Knabe sicher nicht im Tempel, da er eben auch sicher heute oder ganz gewiss morgen von seinen Eltern wieder nach Nazareth geführt wird, das denn von hier doch ein wenig zu entfernt ist, um alle nach ihm Fragenden dahin zu senden.
DTT|0|24|14|0|Fürs Zweite aber würden Hunderttausende uns ganz ernstlich um den Grund zu fragen anfangen, warum er als der, als welcher er durch den Propheten verkündet ist, nicht in dem ihm allein gebührenden Haus, das da eben der Tempel ist, Wohnung nehme!
DTT|0|24|15|0|Und was könnten wir da dann dem Volk für einen Grund angeben, aus dem er Galiläa und Nazareth der Stadt Gottes vorziehe? Bald würde das Volk sagen: ‚Stadt und Tempel müssen sich haben was Großes zuschulden kommen lassen; die Sache muss untersucht und gesühnt werden!‘
DTT|0|24|16|0|Kurz und gut, wir könnten es nun schon anstellen, wie wir auch nur immer wollten, so würden wir immerhin im Volk eine große Erregung wachrufen, die uns gar viel zu schaffen machen würde. Daher, meine ich, dürfte es hier immerhin geratener sein, vorderhand dem Volk davon nahe gar keine Erwähnung zu machen, sondern die Sache ganz dem Knaben und der Zeit selbst zu überlassen!
DTT|0|24|17|0|Was dann auch kommen möge, wir wenigstens werden darauf schon durch diesen dreitägigen Akt vorbereitet sein und werden uns selbst noch besser und tiefer vorbereiten können. Übrigens wolle nun der Knabe selbst reden und bestimmen, was er haben will, denn seinem Willen wird sich’s schwer zu widersetzen sein!“
DTT|0|25|1|1|Scharfe Rede des Jesusknaben an die heuchlerischen Templer. Die Missbräuche im Tempel
DTT|0|25|1|0|Sagte Ich: „Ich bin nun da, um euch eine Kunde zu geben, dass Ich da bin, um zu vollbringen die Werke dessen, der Mich gesandt hat, den ihr nach eurem Geständnis nicht kennt, aber Ich Ihn wohl kenne, da Er in Mir wohnt in Seiner Fülle.
DTT|0|25|2|0|Moses verlangte Ihn zu schauen und bekam den Rücken nur zu sehen – ward aber davon schon geblendet auf drei Tage lang, und sein Antlitz strahlte dann so sehr, dass er es verhüllen musste, so er zum Volk kam; denn dessen Augen hätten den Lichtglanz nimmer ertragen.
DTT|0|25|3|0|Ihr aber mögt Mir nun ganz wohl ins Angesicht schauen, und es blendet eure Augen kein unerträglicher Lichtglanz! Warum? Weil dies Fleisch den, der in Mir wohnt, verbirgt! Aber dessen ungeachtet ist hier mehr denn das, was dort war! Aber ihr merkt es nicht, weil vor euren Augen nun die dreifache Decke Mosis hängt und noch lange hängen wird, auf dass ihr den ja nicht erkennen mögt, der aus den allerhöchsten Himmeln zu euch gekommen ist.
DTT|0|25|4|0|Mit dem Richter habt ihr freilich wohl gut reden, da er euren ganz gut gestellten Worten nur sein Gehör leihen kann, mit Mir jedoch zu reden ist etwas schwerer, weil Ich auch die geheimen Gedanken eurer Herzen vernehme, die ganz anders lauten denn die Worte eures Mundes! Darum auch seid ihr Mir in hohem Grade widerwärtig, weil ihr euch wohl äußerlich rein wascht, aber inwendig in euren Seelen voll Schmutz seid.
DTT|0|25|5|0|So euch der Richter, in dessen Herzen kein Falsch ist, dazu aufforderte, das Volk auf Mich aufmerksam zu machen und es zu erquicken mit der Erfüllung seiner Hoffnung, warum suchtet ihr da allerlei nichtige Umstände, denen zufolge so was gar nicht angehen könnte?
DTT|0|25|6|0|Ich sage es euch aber ganz offen heraus: Ihr – und nicht das Volk – wollt so was nicht, ihr selbst seid Meine ärgsten Gegner! Allein, es macht das eben gar nichts; denn fürs Erste ist Meine Zeit noch nicht da, und fürs Zweite ist eben dieser Tempel von euch zu entweiht worden, als dass Ich je darinnen eine Wohnung nehmen könnte! Wahrlich, euer Ansehen soll durch Mich nimmer gesteigert werden.
DTT|0|25|7|0|Darüber schmollt ihr, dass euch Moses verboten hatte, euch von Gott irgendein geschnitztes Bild zu machen. Aber das macht nichts, so ihr euch selbst zu Göttern vor dem Volk macht und dasselbe ganz ernstlich lehrt, dass Gott ohne euch nichts tue, auch keine andere Bitte erhöre als nur die eures Mundes. Sagt, ob das zu tun auch Moses irgend geboten hatte?
DTT|0|25|8|0|Ja, ja, ihr sollt das Volk eben leiten auf den Wegen, die zum Himmel führen – denn das ist Gottes Wille, und das hat Moses und sein Bruder Aaron geboten! Ihr aber tut nur gerade das Gegenteil und betrachtet euren Stand, Gott, Volk und den Tempel für nichts anderes als für eine so recht fette Melkkuh, die zu melken ihr allein ein Recht von Gott aus zu haben vorgebt.
DTT|0|25|9|0|Ich aber sage es euch ganz offen, dass euch Gott, den ihr verleugnet mit jedem Atemzug und mit jedem Pulsschlag, dieses Recht nie gegeben und eure toten und maschinenartigen Gebete nie erhört hat, sie jetzt nicht erhört und sie auch nie erhören wird!
DTT|0|25|10|0|Denn würde Gott euer wildes Geplärr und euer Rabengekrächze erhören – wahrlich, da müsste Ich doch auch etwas davon wissen! Denn was der Vater weiß, das weiß auch der Sohn, oder – was Meine Liebe weiß, das weiß auch Mein Verstand! Aber von einer jemaligen Erhörung eures Gebetes weiß weder Meine Liebe noch Mein Verstand etwas!
DTT|0|25|11|0|Und dennoch sagt ihr: ‚So du, Mensch, zu Gott um etwas betest, da ist dir das zu nichts nütze, so du aber uns ein Opfer bringst und wir für dich beten, dann ist dir unser Gebet schon zu etwas nütze! Wir Priester allein dürfen beten mit Nutz, das Volk aber darf nur Opfer bringen und also mitbeten durch die reichlichen Opfer!‘
DTT|0|25|12|0|So saugt ihr das Volk aus doppelt: erstens nehmt ihr von allen Früchten den Zehent und alle Erstgeburten der Haustiere und lasst euch für die Erstgeburt der Menschen eine tüchtige Löse geben; und zweitens haranguiert [beschwatzt] ihr das Volk ohne Unterlass um Opfer und verheißt ihm darum lange und anhaltende Gebete, die ihr dann aber nie vollbringt!
DTT|0|25|13|0|Denn ihr sagt dann wohl bei euch: ‚Ob wir beten oder nicht beten, das nützt dem Opferbringer ohnehin nichts. So ihm etwas nützt, da nützt ihm allein das Opfer, das er uns gebracht hat in guter Meinung!‘ Und so tut ihr auch das nicht, wofür ihr euch habt zahlen lassen!
DTT|0|25|14|0|Mit wem aber soll Ich euch da vergleichen? Ihr seid allzeit wider Gott und gleicht vollkommen den reißenden Wölfen, die in Schafspelzen einhergehen, damit die Schafe vor ihnen nicht fliehen und sie dieselben mit ihren scharfen Zähnen ganz ohne Mühe erreichen und zerreißen können. Aber wie nun eure Arbeit, so wird auch euch dereinst drüben im Seelenreich der Lohn werden! Ich sage euch das, und ihr könnt euch darauf verlassen, dass für euch Meine Verheißung nicht unterm Wege bleiben wird!“
DTT|0|26|1|1|Zornige Entgegnung des Oberpriesters. Weissagungen des Jesusknaben: Die Gnade aus den Himmeln wird von den Juden genommen und den Heiden verliehen, der Tempel und Jerusalem werden zerstört. Über die Ermordung des Zacharias und weitere Gräueltaten der Templer
DTT|0|26|1|0|Bei dieser Meiner Rede ward der Oberpriester ganz zornig und sagte: „Knabe, wer gab dir das Recht, uns und den Tempel zu bedrohen?! Haben denn wir die Satzungen gemacht, nach denen wir zu handeln haben? So weise manche deiner früheren Reden waren, so unweise sind sie nun! Weißt du denn nicht, dass auf einen Hieb kein Baum fällt, und dass es eitel ist, etwas zu ändern, was durchaus nicht zu ändern ist?! Ändere du das Volk, wenn du’s kannst! Das Judenvolk ist ein schon gar alter Baum, den man nicht mehr wie eine junge Haselstaude beugen kann!
DTT|0|26|2|0|Wir wollen durchaus nicht zweifeln, dass dir ein höherer Beruf von Gott aus erteilt ist; aber darum musst du die alten Institutionen, die von Moses herrühren – wenn vielleicht auch mit manchen nachträglichen Beisätzen, die die Zeitverhältnisse erforderten – nicht mit Füßen treten und uns als die Verwalter derselben nicht mit reißenden Wölfen in Schafspelzen vergleichen! Denn wir haben noch niemand zerrissen; so wir aber irgendeinen Gottes- und Tempellästerer gezüchtigt haben und die Ehebrecher, so taten wir nichts als nur, was Moses befohlen hatte! Kannst du da sagen, dass wir unrecht und wider die Satzungen Gottes gehandelt haben?
DTT|0|26|3|0|So du mit uns redest, da lege deine Worte in eine bessere Waagschale. Denn findest du was Schlechtes an uns und am Tempel, so sage uns das mit kindlich-guten Worten, und wir werden sehen, was sich da wird machen lassen! Aber mit den gewissen theosophischen Drohungen wirst du mit uns nichts ausrichten!“
DTT|0|26|4|0|Sagte Ich: „Mit eurer Art hat noch nie jemand weder mit sanfter noch mit scharfer Rede etwas ausgerichtet. Daher werdet ihr auch bleiben, wie ihr seid, bis ans Ende der Welt! Darum aber wird die Gnade von euch genommen und den Heiden verliehen werden!
DTT|0|26|5|0|Seht über das große Meer nach dem Weltteil Europa! Das ist von puren Heiden bewohnt, höchst selten nur kommt ein Jude dahin. Dorthin wird die Gnade aus den Himmeln verpflanzt werden!
DTT|0|26|6|0|In etlichen siebzig Jahren aber wird man Jerusalem und den Tempel suchen und wird die Stelle nicht mehr finden, wo die Stadt und der Tempel gestanden, und so wird man dann sagen: ‚Ha, was liegt wohl an der alten Stelle, wo der Tempel gestanden?! Nehmen wir die nächste beste Stelle her und bauen da einen Tempel Salomons und richten ihn ein, wie er früher eingerichtet war!‘
DTT|0|26|7|0|Ja, also werden sie reden und also auch tun! Aber wie sie am Tempel werden zu arbeiten anfangen, wird aus der Erde ein mächtiges Feuer emporschießen, und die Bauleute und das Material werden gar übel zugerichtet werden.
DTT|0|26|8|0|Bald auf mehrere solche missglückten Versuche werden mächtige Heidenstämme von Morgen und Mittag in dies Land dringen und es verwüsten, und ihr Juden werdet zerstreut werden auf der ganzen Erde und werdet verfolgt werden von einem Ende der Erde bis zum anderen!
DTT|0|26|9|0|Also wird es mit euch geschehen, dieweil ihr euch eigenmächtig von den alten Satzungen Gottes entfernt habt und habt dafür eure sehr weltsüchtig-menschlichen hingestellt und habt euch gemästet von dem großen Gewinn, den euch die Handhabung eurer Menschensatzungen abwarf.
DTT|0|26|10|0|Lest selbst die Chronik des Tempels und seiner geheimen Begebenheiten, und ihr werdet Dinge schon seit den Zeiten der Propheten finden, vor denen sich jedes nur einigermaßen menschlich gerecht denkenden Menschen Haare bis zur Spitze Libanons hinan sträuben müssen!
DTT|0|26|11|0|Ist doch ein jeder Priester und Prophet noch gesteinigt worden, der es sich ernstlich vornahm, aus dem Haus Jehovas die abscheulichen Menschensatzungen auszuscheiden und wieder die rein göttlichen einzuführen!
DTT|0|26|12|0|Wie lange ist es wohl, als der Oberpriester Zacharias, als er in reiner Weise im Tempel opferte, von, sage, euren Händen erwürgt worden ist?!
DTT|0|26|13|0|Das Volk, das den Zacharias hochachtete und liebte, verlangte laut Kunde von euch, was mit dem Mann Gottes geschah, als ein neuer Oberpriester an seine Stelle berufen ward.
DTT|0|26|14|0|Da logt ihr das Volk auf eine überdreiste Weise an und sagtet mit erheuchelter Ehrfurchtsmiene: ‚Zacharias hat im Allerheiligsten gebetet für das ganze Volk, da erschien ihm abermals der Engel des Herrn, dessen Angesicht mehr denn die Mittagssonne leuchtete!
DTT|0|26|15|0|Und der Engel sprach zum erstaunten Mann Gottes: O treuer Diener des Herrn! Dein irdisch Tagwerk hast du vollendet, und bist gerecht befunden worden vor Gott! Darum sollst du nun verlassen diese Erde und mir folgen, wie du bist, mit Leib und Seele gleich dem Henoch und Elias vor den Thron des allmächtigen Gottes im Himmel, allwo ein großer Lohn deiner harrt!‘
DTT|0|26|16|0|Darauf habe Zacharias mit schon ganz himmlisch verklärten Augen gen Himmel geblickt und sei in den Armen des Engels augenblicklich entschwunden aus dem Tempel und von dieser Erde!
DTT|0|26|17|0|Ihr aber habt dann noch einen weißen Stein an die erlogene Stelle mit der Inschrift hingesetzt: ‚Zacharias, des Mannes Gottes, Verklärung!‘ Und damit habt ihr euch vor dem Volk wieder weißgewaschen und verehrtet dann mit dem Volk den Mann Gottes mit allerlei Psaltern, während ihr als seine ärgsten Feinde ihn zwischen dem Opferaltar und dem Allerheiligsten, als er da kniend betete, gleich Raubmördern überfallen und erwürgt habt!
DTT|0|26|18|0|Wie es aber dem Zacharias ergangen ist, so erging es gar vielen Propheten und wahren Hohenpriestern in der Ordnung Aarons! Nachher aber habt ihr ihnen des Volkes willen gleich erhabene Monumente errichtet und ihnen bis zur Stunde alle Verehrung erwiesen!
DTT|0|26|19|0|Sagt, ob es anders ist!? Ihr schweigt und seid nun stumm vor Angst, da Ich solches nun vor euch aufgedeckt habe! Ihr dünkt euch durch eure Stellung freilich sicher vor dem Arm der Weltgerechtigkeit; ja, ja, der kann euch wohl leider nicht zu, weil sich dazu außer Mir kein Zeuge wider euch vorfindet! Aber Ich bedarf für euch auch des Weltgerechtigkeitsarmes nicht – auch werde Ich selbst an euch keine Hand legen und euch züchtigen. Aber so ihr verharrt in eurer Verkehrtheit, so wird auch das an euch geschehen, was Ich euch ehedem angekündigt habe. Ich habe geredet, redet nun ihr!“
DTT|0|26|20|0|Hier machte der Richter eine böse Miene und sagte zu Mir: „So Du es willst, mache ich mit diesen Larven von Gottesdienern einen ganz kurzen Prozess! Denn mir genügt Dein Zeugnis vollkommen!“
DTT|0|26|21|0|Sagte Ich: „Lasse das gut sein! Denn sieh, Ich hätte ja Gewalt zur Übergenüge in Meinem Willen und könnte sie vernichten im schnellsten Augenblick. Aber weder du noch das Volk und ebenso wenig Ich würden dabei etwas gewonnen haben! Es genügt nun, dass wir ihre starke Nacht etwas dämmerlich gemacht haben, ein plötzlich eingetretener Tag würde sie erst recht blind machen, und mit ihnen das ganze Judenvolk. Das würde aber geschehen, so du sie nun ihrer übervielen gröbsten Sünden wegen zur schärfsten Ahndung zögest. Die werden sich in ihre gelegten Netze selbst verstricken und darinnen zugrunde gehen!
DTT|0|26|22|0|Es ist aber dem Menschen auf dieser Erde überall ein Maß gestellt, wie fürs Gute also auch fürs Schlechte; im Gleichen aber ist auch einem jedem Institut und jedem Volk ein Maß gestellt. Wann es voll wird des göttlich Guten, dann wird das Volk und sein Land anfangen zu triefen vom Segen; wann aber ein Volk und sein Land voll wird des Schlechten, da ergeht über dasselbe aber auch unnachsichtlich ein strengstes Gericht. Das Volk hat ausgespielt seine schlechte Rolle, und das Land wird in eine Wüste verwandelt, wie es auch in nicht ganz ferner Zeit mit diesem Land der Fall sein wird!
DTT|0|26|23|0|Wer es fassen kann und will, der fasse es! Es ist nun die Zeit so nahe herangerückt, in der man den argen Menschen von den Dächern herab zurufen wird, wessen Geistes Kinder sie sind, und ihre Taten wird man ihnen von den Stirnen herablesen können! Denn aus der Schule Ich geschöpft habe, was Ich weiß, aus derselben Schule werden dereinst viele Jünger Meiner Liebe schöpfen und dann aber auch wissen, was Ich weiß, und tun, was Ich tue! Aber noch ist die Zeit nicht völlig da; wann sie aber völlig da sein wird, werdet ihr schon vernehmen und euch danach richten können.
DTT|0|26|24|0|Ich habe nun geredet! Wer noch was zu reden hat, der rede; denn Ich werde nur eine ganz kurze Zeit Mich unter euch noch aufhalten, da die Mich verloren zu haben meinen, bald Jerusalem erreichen und Mich hier finden werden.“
DTT|0|27|1|1|Joram anerkennt den Jesusknaben als Messias und bittet Ihn um Rat und um die Erklärung von Jesajas 52,14 und 53,3. Die ausführliche Antwort des Jesusknaben
DTT|0|27|1|0|Sagte Joram: „Lieber Knabe, uns tut es wahrlich recht sehr leid, so wir Dich irgend beleidigt haben, und dass Du uns nun schon so früh zu verlassen gedenkst! Höre mich, Du lieber göttlicher Knabe! Denn ich will nun noch ganz offen ein paar Wörtlein zu Dir reden und bin der Meinung, dass Du sie mir nicht übel deuten werdest, und so ich Dich dann um einen Rat bitten würde, da wirst Du deinen Mund vor uns und vor mir nicht verschließen?!“
DTT|0|27|2|0|Sagte Ich: „So rede denn, obwohl Ich weiß, was du reden wirst und welches Rates du benötigst; und spreche du dich dennoch der anderen wegen laut aus, denn sie haben es nötiger, das laut zu vernehmen, denn wir beide!“
DTT|0|27|3|0|Hierauf trat Joram näher zu Mir hin und sagte: „Dass Du unfehlbar derjenige bist, der uns verheißen ist und auf dessen Ankunft alle Juden und mit ihnen auch die anderen Völker harren, darüber sind bei mir alle Zweifel gewichen, und was mir die Augen am meisten geöffnet hat, war Deine höchst genaue Kunde von dem innersten losen Tempelgetriebe schon seit alters her!
DTT|0|27|4|0|Denn es ist also und ist schon lange also, und weil es leider also ist, war allein der Grund, dass sich das bedeutende Land Samaria von uns gänzlich getrennt hat und wir nun mit Galiläa nicht um vieles besser stehen als mit Samaria. Vom Geist ist bei uns nun gar nichts mehr. Nur durch eine notgedrungene Politik erhalten wir noch das bisschen Ansehen des Tempels.
DTT|0|27|5|0|Ich war zwar ein genötigter Teilhaber an der schwarzen Disziplin der Mauern Salomons, konnte aber, ob auch das Übel einsehend, als ein einzelner Mensch nichts gegen sie tun, da bei uns jeder effektive Beschluss vom großen Rat abhängt und da stets die Stimmenmehrheit den leidigen Ausschlag gibt. Ich war mit meiner einzelnen Stimme wohl bei solchen Gelegenheiten, wie Du vor uns aufgedeckt hast, nie dafür, sondern allzeit dagegen, aber das hat dem zu Verurteilenden keinen Nutzen gebracht.
DTT|0|27|6|0|Ich sehe es nur zu klar ein, dass sich der Tempel so nicht mehr sieben Dezennien halten kann, und doch ist es anderseits dennoch für dieses alte, ehrwürdige Institut ewig schade, dass es offenbar zugrunde wird gehen müssen, und das nun umso sicherer, als uns in der nächsten Nähe noch die Essäer und die Sadduzäer stark über den Kopf zu wachsen anfangen.
DTT|0|27|7|0|Aber hier fragt es sich nun ganz ernstlich um den Rat, was da noch zu tun sein könnte, um den Tempel dem nächstfolgenden Jahrhundert zu erhalten! In Dir, Du göttlicher Knabe, scheint jene Weisheit in aller Fülle vertreten zu sein, die hier meiner Meinung allein einen maßgebenden Rat erteilen könnte?
DTT|0|27|8|0|Und nun schließlich, da Du schon der Verheißene sein sollst – woran ich, wie gesagt, für meine Person nicht den geringsten Zweifel mehr habe – noch etwas höchst Sonderbares über den Messias eben aus dem Propheten Jesajas!
DTT|0|27|9|0|Hier hast Du das 53. Kapitel – da sieht es mit dem erhabenen Messias, der ganz identisch mit Jehova ein und dasselbe Wesen ist, ganz besonders aus. Es wird von seiner menschlichen Hässlichkeit Erwägung getan, wo es heißt: ‚Dass sich viele über Ihn ärgern werden, weil seine Gestalt hässlicher ist denn die anderer Leute und sein Ansehen denn der anderer Menschenkinder.‘ [Jes. 52,14]
DTT|0|27|10|0|Und da, sieh, wieder weiter heißt es: ‚Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war verachtet, dass man das Angesicht vor Ihm verbarg; darum haben wir Ihn nicht geachtet!‘ [Jes. 53,3]
DTT|0|27|11|0|Wahrlich, wenn ich Deine ganz vollkommen gesunde Gestalt, die dazu noch von großer Anmut ist, betrachte und nun auch sehe, wie Du geachtet bist, so stimmt das mit dem Propheten wohl durchaus nicht zusammen! Oder was hatte der Prophet damit sagen wollen?“
DTT|0|27|12|0|Sagte Ich: „Ja, das wird das endliche vollwahre Zeichen sein, dass eben Ich der Verheißene bin! Denn an Mir wird das alles vollzogen werden nahe buchstäblich, was da gesagt ist. Was jedoch Meine Leibesgestalt anbelangt, so hat die Aussage des Propheten darauf keinen Bezug, sondern der Prophet drückt da bildlich entsprechend nur die gänzlich verkehrte Gemütsart und Denkungsweise der jetzigen Menschen aus, dem gegenüber Meine Gemütsart und Denkweise sich ausnehmen wird wie eine hässliche Gestalt, die da verkümmert ist durch allerlei Krankheit und viele Schmerzen.
DTT|0|27|13|0|Ich werde darum bei den Angesehenen und Reichen dieser Welt auch sehr verachtet sein, und man wird fliehen vor Mir wie vor einem Aas, und so es von oben zugelassen wird, wird man Mich verfolgen wie einen ärgsten Verbrecher, wie sich solches nun schon bei euch augenfällig gegen Mich zeigte. Denn stünde Ich, als vor euch ein Menschenkind, nicht unter römischem Schutz, und es wäre die Zeit der Zulassung über Mein Außenmenschliches schon da, so wäre Ich nimmer lebend aus euren Händen gekommen.
DTT|0|27|14|0|So wie ihr aber nun zum größten Teil seid, also werdet ihr auch fortan bleiben, bis dereinst das große Gericht über euch ergehen wird, von dem der Prophet Daniel geweissagt hat, als er an der heiligen Stätte stand.
DTT|0|27|15|0|Aber es könnte das alles auch anders gehen, so ihr eure große Irre erkenntet, Buße tätet und euch bekehrtet gänzlich! Aber es wird das mit euch je schwerlich der Fall werden, und somit ist der von Mir euch zu gebende und hiermit auch schon gegebene Rat ein fruchtloser! Denn ihr hängt zu mächtig an eurem Weltansehen und an euren irdischen Schätzen, und diese werden euch in das Gericht stürzen! Nicht Ich werde je über euch den Stab brechen – obwohl Ich es könnte in Folge Meiner Macht –, sondern ihr selbst und euer Welttum wird das über euch tun!
DTT|0|27|16|0|Oder du meinst nun, Ich solle euch nun nur eine rechte Weisung geben – ihr werdet darüber zu Rate sitzen und beraten, wie solche unvermerkt dem Volk beizubringen wäre? Ja, ja, ihr würdet darüber wohl einen Rat halten, und euer Geld und Weltansehen würde dann euch entgegentreten und sagen: ‚Wir bleiben, was wir sind, und wollen erst abwarten, ob jenes Gericht je über uns hereinbrechen werde; denn ein so altes und befestigtes Institut soll sich denn doch nicht von einem galiläischen Knaben ins Bockshorn treiben lassen!‘ Dann wird Mein Rat mittelst der Stimmenmehrheit verworfen, und ihr werdet also sein wie jetzt und noch eigentlich um vieles ärger!
DTT|0|27|17|0|Tuet hinweg euer vieles Gold und Silber, hinweg eure vielen und überkostbaren Edelsteine und die große Masse Perlen. Teilt vieles unter die Armen, und das viele Mehrere gebt dem Kaiser, der allein das Recht hat, die Schätze der Erde zu sammeln und sie zu gebrauchen zur Zeit der Not. Lebt allein von dem, was euch Moses bestimmt hatte, bereut die vielen Frevel und sühnt die großen Sünden durch die Werke der wahren Nächstenliebe. Habt keine Geheimnisse vor dem Volk, sondern seid wahrhaftig, gerecht und getreu in allen euren Reden und Handlungen, und werdet gegen vom Geist Gottes erweckte Menschen niemals halsstarrig; so wird das Gericht unterm Wege verbleiben und der Tempel bestehen bis ans Ende der Welt.
DTT|0|27|18|0|Denn Gott der Herr will die Menschen zu keinen Maschinen Seiner Allmacht, sondern zu ganz freien, selbsttätigen und selbständigen Kindern will Er sie haben! Er bedarf eurer Opfer und eurer Gebete ewig nicht, sondern dass ihr in euren Herzen Ihn erkennt, Ihn über alles liebt und eure nächsten armen Brüder wie euch selbst. Tut ihnen alles, was ihr weisermaßen auch wollen könnt, dass sie solches auch euch täten, so werdet ihr bei Gott alle Gnade wiederfinden und werdet Ihm angenehm sein, wie einer Mutter ihre liebsten Kinder, und Er wird euch schirmen, wie eine Löwin ihre Jungen, und sorgen für euch, wie eine Henne für ihre Küchlein!
DTT|0|27|19|0|Könnt ihr das tun? O ja, ihr könntet es wohl tun, so ihr dazu den rechten Willen hättet, aber an dem fehlt es euch und hat euch immer daran gefehlt, und somit habe Ich nun so gut wie alle die vor Mir dagewesenen Propheten und Seher zu tauben Ohren und Herzen geredet!“
DTT|0|28|1|1|Die neue Bundeslade und das Verfluchte Wasser. Der Tempel und das ganze Land sind nicht mehr zu reinigen und zu retten
DTT|0|28|1|0|Sagte Joram: „Das möchte ich denn doch noch nicht als eine ausgemachte Sache ansehen! Denn es kommt Zeit, und es kommt Rat, und so Salomon recht hat mit dem, dass er behauptet, wie in der Welt alles eitel ist, so könnte es ja doch einmal sein, dass Deine nunmalige Prophezeiung auch in das Fach des Eitlen übergehen könnte und wir dennoch Deinen wahrhaft höchst zu beherzigenden Rat ins Werk setzten! Denn siehe, wir mehrere sind einmal sehr einverstanden mit Dir! Freilich sind wir wohl der allerwenigste Teil der Tempelbewohnerschaft, aber so ziemlich die Allerhöchsten dürften wir da sein und somit auch ohne weiteres maßgebend! Was meinst Du da?“
DTT|0|28|2|0|Sagte Ich: „So aber war es in diesem Haus schon öfter und manchmal sogar um vieles besser, und dennoch drang der bessere Teil niemals durch, sondern allzeit der große Haufe, der stets den größten Lärm zu schlagen verstand. Aber Ich sage es dir und jedem, der da denkt wie du und aber auch bei sich danach tut – denn auch bei den übervielen Bösen wird der einzelne Gerechte vor dem Angesicht Gottes nicht unbeachtet verbleiben:
DTT|0|28|3|0|Ihr im Allgemeinen habt euch wohl eine neue Bundeslade anfertigen lassen und habt euch angeschafft ein neues Gefäß zur Aufbewahrung des von keinem Propheten angeratenen ‚Verfluchten Wassers‘, welches da ist eine schlechteste Erfindung und Einführung der neueren Zeit! Wahrlich, das war unnötig, weder die Lade noch das Gefäß! Warum habt ihr dafür nicht lieber eure Herzen durch eine rechte Buße in Gott erneuert und euren alten Weltsinn umgewandelt in den der wahren Liebe und Barmherzigkeit?
DTT|0|28|4|0|Wahrlich sage Ich euch: Die alte Bundeslade, voll des Geistes aus Gott, steht in Mir nun vor euch und sagt euch ganz offen ins Gesicht, dass in eurer neuen Bundeslade sich kein Sonnenstäubchen groß irgendeines Geistes Gottes befindet, wohl aber eine Überfülle des alten, bösesten Märengeistes, der in euren Herzen ausgeboren wird; und das Verfluchte Wasser sind die schlechten Tränen um so manche Weltlichtsverluste, von denen ihr euch die größten Gewinne erhofftet, und diejenigen, die euch verrieten gegen die Römer, so ihr sie in eure Klauen habt bekommen können, sind zumeist am Verfluchten Wasser elendest gestorben!
DTT|0|28|5|0|Aber von nun an wird euch das selbst tausendmal verfluchte Wasser nichts mehr nützen! Es ist zwar wohl dereinst ausgemacht worden, dass jene, die einen Tempelverrat in den göttlichen Dingen gegen die Feinde Jehovas machten – als da waren die Philister und derart gar sehr böse und finstere Heiden vor alters –, das böse Wasser aus dem Toten Meer sollten zu trinken bekommen, und täte ihnen das Wasser kein Leids, sie als unschuldig zu betrachten wären, wogegen, so ihnen aber die Bäuche aufgetrieben würden, sie als Schuldige ihrem argen Schicksal überlassen werden sollten und zugrunde gehen an den Folgen und Wirkungen des toten Wassers. Aber seit wie lange ist diese Satzung in eine ganz andere übergegangen!
DTT|0|28|6|0|Wie viele Tausende sind schon an den Folgen eures neueren Giftwassers zugrunde gegangen, ohne dass sie nur den allergeringsten Verrat des rein Göttlichen aus dem Tempel an irgendeinen bösen Heiden gemacht haben! Warum nahmt denn ihr selber nicht das tote Wasser, da eben ihr selbst den Heiden geheim – aber freilich um viel Gold – das Allerheiligste zur Besichtigung schon gar oftmals aufgeschlossen habt?!
DTT|0|28|7|0|Siehe, das und noch viele andere Dinge gehen hier im Tempel vor, ja dieses sein sollende Gotteshaus auf Erden ist zu einer wahren Raubmörderhöhle geworden. Da gibt es keinen Gräuel, der in diesem Tempel nicht wäre zu öfteren Malen verübt worden! Meint ihr wohl, dass solch eine Stätte noch immer gut genug wäre, Gott dem Herrn eine Wohnstätte abzugeben?! Wahrlich, mit dem Schwert, an dem das Blut deines Bruders haftet, sollst du nimmer ins Feld ziehen, denn daran hängt schon ein alter Fluch, und du wirst damit nimmer einen Sieg erfechten!
DTT|0|28|8|0|Ja, eure Herzen könnt ihr noch reinigen, so ihr gerade alle ernstlich wolltet, aber dies Gemäuer nimmer! Habt ihr doch selbst ein Gesetz, demzufolge ein ganzes Land, ein Haus, ein Acker, ein Haustier und ein Mensch durch eine gröbste Sünde wider den Geist Gottes für immerdar verunreinigt werden kann – warum dieser Tempel nicht, in dem zu verschiedenen Malen doch die größten und himmelschreiendsten Gräuel verübt worden sind?!
DTT|0|28|9|0|Ich aber sage es euch: Nicht nur dieser Tempel, sondern das ganze Land ist schon seit lange her unwiederrett- und -reinigbar über alle die Maßen verunreinigt und wird darum in jüngster Folge von den Heiden zertreten und zu einer Wohnstätte der Räuber und reißenden Tiere werden.
DTT|0|28|10|0|Damit habe Ich euch nun Meine Meinung ganz unverhohlen preisgegeben, und ihr könnt nun damit machen, was ihr wollt! Denn Ich werde euch bald verlassen, und was Ich geredet habe, habe Ich nur vor euch geredet und vor sonst noch niemandem, obwohl Ich allzeit wusste, wie es um euch steht, und werde auch zu niemandem weiterreden, da solches fruchtlos wäre. Aber ihr könntet, so ihr wolltet, die Sache noch ändern! Aber dieses Gemäuer würde zu nichts mehr taugen! Versteht ihr das?“
DTT|0|29|1|1|Die hänselnde Frage des Oberpriesters und die abweisende Antwort des Jesusknaben. Erklärung von Jesaja 54,4-9. Die dummen Reden des Barnabe und dessen Zurechtweisung durch den Jesusknaben
DTT|0|29|1|0|Sagte nun einmal wieder der Oberpriester darauf: „Sage mir denn nun, du Halbgott und Halbmensch von einem Knaben aus Galiläa, wohin wirst denn du ziehen, dass wir dich hinfür lange nicht mehr zu sehen bekommen sollen? Ich aber meine, indem du ein Nazaräer und zwar ein Sohn des mir nur zu wohlbekannten Zimmermanns Joseph und dessen Weibes Maria bist, und ich oder jemand von uns jährlich sicher ein, zwei, auch drei Mal jene galiläischen Orte besuchen werden, so solle es denn etwa ja doch nicht so besonders schwer werden, dich dort als sicher eine sehr bekannte Persönlichkeit zu Gesicht zu bekommen und sich mit dir weiter über eine Reorganisation des Tempels zu besprechen?! Was meinst du, junger Prophet aus Galiläa, in dieser Hinsicht?“
DTT|0|29|2|0|Sagte Ich: „So dein Herz auch bei deinen Mich nur hänseln wollenden Worten dabeigewesen wäre, so hätte Ich dir allerdings noch eine Antwort gegeben; aber so bist du keiner anderen wert als der allein, die du nun erhalten hast.
DTT|0|29|3|0|Du kannst ein- oder tausendmal nach Nazareth kommen, so wirst du Mich doch nie wieder zu sehen und noch weniger zu reden bekommen. Denn wann du kommen wirst, werde Ich es schon lange voraus wissen, wo aber dann Ich hinziehen werde unterdessen, das wirst du nicht wissen und keiner deiner Templer!
DTT|0|29|4|0|Ich sage es dir, dass es ein sehr Schweres ist, den zu suchen und zu finden, der allwissend ist! Ja, wann die Zeit der Zulassung kommen wird von dem Geist, der in Mir ist, dann werdet ihr Mich wiederfinden! Oder ihr alle befolgt Meinen Rat, dann werde Ich auf Mich nicht lange warten lassen und selbst kommen zu euch; aber sonst nur dann, wie Ich schon bemerkt habe.“
DTT|0|29|5|0|Auf diese Meine Äußerung sagte der Oberpriester nichts mehr, denn es ärgerte ihn heimlich sehr, dass Ich ihm als Stellvertreter des Hohenpriesters gar keine Achtung zollte. Aber die anderen sahen das gerade nicht ungerne, weil er für sie ein starker Haustyrann war.
DTT|0|29|6|0|Hierauf trat wieder einmal Barnabe zu Mir und sagte: „Sage mir, du weisester Knabe, wie verstehst du denn folgende Texte des 54. Kapitels des Propheten Jesajas? Sie besagen den Trost auf Zion und lauten:
DTT|0|29|7|0|‚Fürchte dich nicht, denn du sollst nicht zuschanden werden; werde nicht blöde, denn du sollst nicht zum Spott werden, sondern du wirst der Schande deiner Jungfrauschaft vergessen und der Schmach deiner Witwenschaft nicht mehr gedenken,
DTT|0|29|8|0|denn der dich gemacht, ist dein Mann, Herr Zebaoth ist Sein Name, und dein Erlöser, der Heilige in Israel, der aller Welt Gott genannt wird.
DTT|0|29|9|0|Denn der Herr hat dich lassen im Geschrei sein, dass du seist wie ein verlassenes Weib, das verstoßen ist, spricht dein Gott.
DTT|0|29|10|0|Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit will Ich dich sammeln.
DTT|0|29|11|0|Ich habe Mein Angesicht im Augenblick des Zornes ein wenig vor dir verborgen; aber mit ewiger Gnade will Ich Mich deiner erbarmen, spricht der Herr dein Erlöser.
DTT|0|29|12|0|Denn solches soll mir sein wie das Wasser Noahs, da Ich schwur, dass die Wasser Noahs nicht mehr sollten über den Erdboden gehen. Also habe Ich denn auch geschworen, dass Ich nicht über dich zürnen, noch dich schelten will.‘
DTT|0|29|13|0|Siehe, diese sehr gewichtigen Verse Jesajas scheinen mir trotz deiner Drohungen für Jerusalem und für den Tempel wieder sehr günstig und trostvoll zu lauten! Kannst du diese Texte auch auf dich beziehen, dann wollen wir dir ganz glauben, dass du vollernstlich der verheißene Messias bist, und der ganze Tempel wird niedergerissen und auf dem reinen Berg Libanon ein neuer erbaut werden für alle Zeiten der Zeiten!“
DTT|0|29|14|0|Sagte Ich: „Was bis jetzt von Mir geschrieben stand, das war auch möglich, es euch begreiflich zu machen; was aber Mich betrifft und Mein Wirken von nun an weiter hinaus, das wird euch schwerst und schon eigentlich gar nicht begreiflich zu machen sein!
DTT|0|29|15|0|Denn diejenige ‚Jungfrau‘, die sich nicht fürchten soll, zuschanden zu werden, sondern die der Schande der Jungfrauschaft nicht mehr gedenken soll und vergessen der Schmach der Witwenschaft, ist ja nicht etwa Jerusalem und sein Tempel, denn wahrlich, da passten die bildlich entsprechenden Bezeichnungen ‚Jungfrau‘ sowenig wie die ‚Witwe‘ schon ewig nimmer!
DTT|0|29|16|0|Die ‚Jungfrau‘, von der da die Rede ist, die wird von Mir erst gemacht werden; es wird dies sein Meine neue Lehre an die Menschen aus den Himmeln, und sie wird darum eine ‚Jungfrau‘ genannt, weil zuvor noch nicht irgendeine selbstsüchtige und hurerisch freche Priesterschaft sie missbraucht hatte zu ihren schnöden weltlichen Zwecken.
DTT|0|29|17|0|Diese Meine künftige Lehre wird aber auch auf eine kurze Zeit Witwe genannt, weil Ich ihr da genommen werde durch euren Zorn und durch eure Rache, aber nur durch die Zulassung dessen, der in Mir ist und nirgends außer Mir. Dieser Jungfrau und Witwe Mann aber werde eben auch Ich sein, weil sie von Mir gemacht wird! Wer aber eben der Mann ist, der die Jungfrau und die Witwe gemacht, das lest nur im Propheten, wie auch die ihr gemachten Verheißungen; denn Ich bin der Mann, und die Verheißungen gehen nur die geheimnisvolle Jungfrau an.
DTT|0|29|18|0|Es werden viel später auch Zeiten, wie sie Daniel beschrieben hat, kommen, in denen auch mit dieser reinsten Lehre großer Missbrauch getrieben wird, aber mit der Jungfrau selbst nimmer, sondern mit den Kindern und Kindestöchtern der reinen Jungfrau und kurzsichtigen Witwe. Natürlich, die werden keine Teilhaber Meiner Verheißungen werden, allein wohl aber die gewisse ‚Jungfrau‘, entsprossen aus Meinem Munde, und ihre vielen reinen Kinder!
DTT|0|29|19|0|Siehe, so wird die Sache ausfallen und sich verhalten und ewig nimmer anders werden! Denn mit euch und eurem Tempel werde Ich hinfort ewig in gar keiner Gemeinschaft mehr stehen. Ich kam zu euch wohl, um euch zu erretten; ihr habt Mich nicht erkannt und aufgenommen. Für fernerhin werdet ihr zu Mir kommen, wann euch der böse Schuh zu drücken anfangen wird, dann werde Ich euch nimmer erkennen und nimmer aufnehmen! Habt ihr Mich wohl verstanden?“
DTT|0|29|20|0|Sagte Barnabe: „Wahrlich, um dich mit leichtem Gemüt zu vertragen, gehört sehr viel Geduld dazu; denn du wirst stets dichter und eigentlich gröber! Aber sei ihm nun schon, wie ihm wolle, wir werden diese Sache denn doch noch ein wenig abwarten! Die Sache kommt mir immer so vor mit dir wie mit einem Blitz, der bei seinem Entstehen plötzlich ein mörderisch starkes Licht erzeugt und durch seinen ihn stets begleitenden Donner die Erde sogar erbeben macht; aber es ist dann gleich gar mit ihm, und nach ihm wird es finsterer als es früher war.
DTT|0|29|21|0|Weißt du, du bist in deiner Art offenbar ein Phänomen, das seinesgleichen sucht, und du hast uns bei all deinem Trotztum dennoch recht viel Vergnügen gemacht! Deine Talente, Junge, wären zu brauchen, aber du solltest da in eine ganz andere und freiere Erziehung kommen und mit deinen wahrlich großartigen und nie dagewesenen Eigenschaften ein bisschen mehr Humanität vereinen, so wärst du für späterhin ein Mensch in der Welt, wie es noch kaum je einen zweiten gegeben hatte. Aber mit solcher deiner stets gleichen Schroffheit wirst du unter den Menschen auf der Welt dir sehr wenig Freunde machen. Wenn du in deiner sonderbaren Naturmacht noch zunimmst und du keinen Feind zwar zu fürchten hast, so wirst du wohl von jedermann gefürchtet, aber nie geliebt und geachtet werden. Mir aber ist es lieber, von allen Menschen geliebt als gefürchtet zu werden! Welcher Meinung bist da du selbst oder jemand anderer?“
DTT|0|29|22|0|Sagte Ich: „O ja, du hättest ganz recht, so alle Menschen rein und gut wären! Aber da es ganz verschiedenartige Menschen auf der Erde gibt, davon einige gut und viele andere schlecht, meineidig und böse sind, da wäre es wahrlich eine sehr schwere Aufgabe für einen Gerechten und Wahrhaftigen, sich also zu stellen, um von allen gleich geliebt zu werden! Man müsste mit dem Bösen böse und mit dem Guten wiederum gut sein, und siehe, das ist ebenso wenig möglich, als eine Art Licht sein, das zugleich die größte Helle und auf demselben Fleck aber auch die allerdickste Finsternis verbreitet.
DTT|0|29|23|0|Ich sage es dir: Die wahren Freunde aus Gott, die werden Mich schon lieben, und das über alle die Maßen; aber Menschen, die die göttlichen Gesetze und Wahrheiten mit Füßen treten und leben, als gäbe es gar keinen Gott mehr, die sollen Mich immerhin fürchten! Denn dergleichen Menschen und weltsüchtige Gottesleugner sollen Mich dann kennenlernen, dass Ich durchaus keinen Scherz verstehe und jedem vergelte nach seinen Werken! Denn Ich allein habe die ewig allervollkommenste Macht dazu.“
DTT|0|29|24|0|Sagte Barnabe lächelnd: „Aber Knabe, was sprichst du von ‚ewig‘ und zählst noch kaum zwölf Jahre!? Wohin versteigt sich dein Messiaseifer?! Bleibe schön bei der Natürlichkeit, und wir werden dich recht gerne anhören!“
DTT|0|29|25|0|Sagte Ich: „Gehe, du wirst Mir nun schon widrig! Meine Ich denn etwa damit diesen Leib, der freilich erst zwölf Jahre auf dieser Erde besteht?! Habe Ich denn euch allen nicht schon gestern von der Ewigkeit desjenigen Geistes eine hinreichende Erklärung gegeben, der in Mir ist und wirkt? Was wirfst du Mir da Meinen sich versteigenden Messiaseifer vor?! Verstehe etwas zuvor, dann erst sehe, ob du mit Mir Reden führen magst, und das offenbar über Dinge, die dir noch ferner und unbekannter sind als der entfernteste Pol der Erde!“
DTT|0|30|1|1|Nikodemus Frage nach den Polen der Erde. Die Freundschaft zwischen Nikodemus und dem Jesusknaben
DTT|0|30|1|0|Hier erhob sich ein anderer Ältester und sagte: „Nun, was weißt du denn von einem entferntesten Pol der Erde?! Geh und sage mir etwas davon, denn ich habe einmal schon davon von einem vielgereisten Griechen etwas reden gehört.“
DTT|0|30|2|0|Sagte Ich: „Ich weiß nicht nur um die Pole der Erde, sondern sehr genau um alle die ewig weiten Pole aller Himmel Gottes! Aber um dir davon einen Begriff zu verschaffen, müsste Ich dir mindestens auf tausend Jahre Zeit einen Lehrer abgeben! Also das geht nicht; aber da sage Ich dir ganz was anderes:
DTT|0|30|3|0|Jenen, die in Meiner Lehre einst sein werden, denen werde Ich geben Meinen Geist, der sie erst zu den wahrsten Kindern Gottes machen wird und wird sie leiten in alle Wahrheit und Weisheit, und es soll wahrlich die Unendlichkeit naturmäßig und geistig nichts in sich bergen, das ihnen fremd bleiben sollte!
DTT|0|30|4|0|Wirst du etwa ein Jünger Meiner Lehre werden, so sollst du auch von den Gaben des Geistes Gottes etwas zum Verkosten bekommen und die Pole der Erde besser kennenlernen, als du sie bis jetzt kennengelernt hast!“
DTT|0|30|5|0|Der Fragsteller von einem Ältesten machte bei dieser Meiner Antwort große Augen und schrieb sich das fein hinter die Ohren, denn er war noch nicht alt, aber einer der Weisesten unter den Ältesten. Denn den Titel Ältester bekam oft ein ganz junger Mensch, so er das dazu erforderliche Vermögen, d. h. Geld und auch Verstand zur Genüge besaß! Und an dem hatte es bei Meinem Fragesteller eben keinen Mangel. Sein Name war Nikodemus, der später bei Meinem Lehrantritt geheim auch im Ernst Mein Jünger wurde, wie solches nun schon bekannt ist.
DTT|0|30|6|0|Dieser Älteste hatte sich alle Meine Reden geheim am tiefsten in sein Herz geschrieben und sehr darauf geachtet. Er erhob sich von seinem Sitz und kam zu Mir und drückte Mir freundlichst Meine Hände und sagte zu Mir ganz heimlich: „Lieber, holdester Wunderknabe! Wann du etwa wieder einmal nach Jerusalem kommen solltest, da besuche mich nur ganz allein, wir zwei werden miteinander leicht gleich werden! Und brauchen deine Eltern irgendwas, so sollen sie sich nur an mich allein wenden! Ich heiße Nikodemus.“
DTT|0|30|7|0|Und Ich drückte ihm auch ebenso freundlich die Hand und sagte: „Wann du etwa einmal nach Nazareth kommst, so wirst du aus eurem ganzen Collegio auch der Einzige sein, der Mich finden wird. Und so dir was fehlt, da komme du zu uns, und Ich werde dir helfen in allem, was dir je nottun kann! Im Übrigen aber nehme Ich deinen guten Willen schon fürs Werk an.
DTT|0|30|8|0|Da du aber zugleich ein bleibender Vorsteher aller Bürger Jerusalems bist, so habe auch darauf acht, dass von Seite des höchst herrschsüchtigen Hohenpriesters, der Mir nicht die Ehre geben wollte, nicht zu arge Bedrückereien in und außer dem Tempel verübt werden und Ich nicht genötigt werde, das Gericht vor der Zeit über diese Stadt hereinbrechen zu lassen.
DTT|0|30|9|0|Gedenke Meiner! Mein Name heißt Jesus Emanuel, und Mein Geist heißt Jehova Zebaoth! Nun weißt du, woran du bist! Vertraue und baue auf Mich, und du wirst den Tod nicht sehen!“
DTT|0|30|10|0|Als Nikodemus von Mir diese Worte vernahm, da frohlockte er heimlich in seiner Seele, aber seinen Kollegen ließ er nichts davon merken.
DTT|0|31|1|1|Abschließende Rede des römischen Richters. Über den Verbleib der Eltern Jesu während der drei Tage, die der Jesusknabe im Tempel verbrachte
DTT|0|31|1|0|Es rieb sich aber nun der römische Richter die Stirn und sagte mit sehr lauter Stimme: „Hört nun auch noch einmal mich! Nach all dem, was ich mit scharfem Blick seit nun drei Tagen an diesem Knaben bemerkt, von Ihm vernommen und gesehen habe, so geht da ganz mit den gröbsten Händen leicht zu greifen klarst hervor, dass Er durchaus ein anderes Wesen ist als wir armseligen, überaus schwachen und sterblichen Menschen dieser Erde.
DTT|0|31|2|0|Er gehört zwar seiner irdischen Geburt nach dem Judenstamm an und steht so teilweise unter den Gesetzen des Tempels und teilweise aber auch gleich einem jeden Juden unter den unsrigen. Ich aber nahm sehr wahr, dass der Geist dieses Knaben eigentlich das Fundament aller Gesetze, sowohl der jedes Staates, jeder gesellschaftlichen Volksordnung, und ferner aber auch aller uns nie offenbar werden könnenden Gesetze in der großen Natur aller Materie und aller Geister ist! Er ist zugleich ein tief weisester und gerechtester Richter, und nicht ein Atom groß irgend auch nur scheinbar Arges ist an seinem Wesen! Was sollen da unsere Gesetze mehr noch mit Ihm zu tun haben, da Er doch augenscheinlichst ein Herr über alle die Gesetze ist?!
DTT|0|31|3|0|Ich stelle Ihn demnach frei und himmelhoch erhaben über alle unsere römischen und ebenso auch frei über alle eure eben nicht viel sagenden Tempelgesetze und erkläre auch hiermit feierlichst, dass dieser Tempel zur Aufnahme seiner heiligen Persönlichkeit viel zu unwürdig ist, und sooft es Ihm belieben sollte, das schlechte Jerusalem zu besuchen, so soll Er in den größten Ehren, die die Sterblichen einem unsterblichen und allmächtigen Gott erweisen können, in meinem offenbar reineren Palast die freundlichste Aufnahme finden.
DTT|0|31|4|0|Und wann Du zu mir kommen wirst wollen, so will ich laut ausrufen: ‚Höret, Völker! Meinem Haus und dem Herrscher Roms ist das größte und höchste Heil widerfahren!‘
DTT|0|31|5|0|Er wird das Heil euch Juden nehmen und es uns Heiden geben, und ihr werdet zu seiner Zeit noch von unseren schweren Fersen zertreten werden, und Staub und Asche werden wir über diese Stätte streuen, da ihr jetzt als Götter von dem betörten Volk euch preisen und förmlich anbeten lasst!
DTT|0|31|6|0|Ich habe nun aus meiner innersten Überzeugung gesprochen und bin nun der sogar maßgeblichen Ansicht, dass wir nun, da ihr wahrlich finsteren Templer zu keiner besseren Anschauung zu bringen seid, diese Sitzung aufheben! Denn für was so heilige Worte an gänzlich taube Ohren und steinharte Herzen vergeuden?!“
DTT|0|31|7|0|Sagte Ich: „Noch einige Augenblicke, bis die kommen, die Mich nun bei drei Tage lang suchen. Sie werden es in der Herberge ‚Nazareth‘, die ohnehin zu dem Tempel gehört, erfahren, wo Ich Mich aufhalte, und werden Mich hierher auch suchen kommen. Mit ihnen werde Ich dann wieder nach Nazareth ziehen! Denn dem Leibe nach muss Ich bei denen bleiben, die Ich Mir selbst dazu treu und wahr erwählt habe!“
DTT|0|31|8|0|Sagte der Römer: „Aber wie ging denn das zu, dass Du Deinen Leibeseltern hast können verlorengehen? Denn meines Dafürhaltens haben sie Dich ja hierher begleiten müssen, und ich erinnere mich sogar jetzt, beim Eintritt in die große allgemeine Prüfungshalle des Tempels einen alten, würdigen Mann und ein ganz junges, aber sehr fromm aussehendes Weib an Deiner Seite bemerkt zu haben! Sie gingen nach ihrer entrichteten kleinen Taxe freilich wohl mit vielen anderen aus dem Tempel, worauf ich sie dann nicht mehr zu Gesicht bekam; aber sie müssen dann ja doch gewusst haben, dass Du nirgends anders als nur hier sein kannst?!“
DTT|0|31|9|0|Sagte Ich: „Liebster Freund, sieh, das ist ganz einfach: Ich wollte es so, weil das in Meinem Willen und in Meiner ewigen Ordnung lag! Denn Ich sage es dir: Diese Szene war in Mir schon von Ewigkeit her vorgesehen. Dann konnte das auch ganz natürlich so geschehen!
DTT|0|31|10|0|Meine Leibeseltern erwarteten Mich gleich den anderen in der bekannten Herberge, wohl wissend, dass Ich sie nicht verfehlen kann. Da aber der Nährvater Joseph bei einem Zeugschmied aus Damaskus sich einige Werkzeuge neu anfertigen ließ und schon vorauswusste, dass er nicht so bald fertig werde und wegen des Tragens ihn auch Meine recht leibeskräftige Mutter dahin begleitete, so gab er mehreren Verwandten und sonst wohlbekannten Nazaräern den Auftrag, falls er mit der Maria etwa zu spät wiederkehrte, dass sie Mich irgend bis zur nächsten Station nur mitnehmen sollten, weil die beiden von dem bewussten Schmied bei längerem Verweilen nicht wieder nach Jerusalem, was ihnen stark aus dem Weg läge, zurückzukehren für nötig hätten.
DTT|0|31|11|0|So ward es abgemacht, und so auch getan. Die beiden verweilten hübsch lange, und als sie dann in die bewusste Station kamen, so trafen sie wohl eine Menge bekannter und verwandter Nazaräer daselbst, aber Ich war nicht bei ihnen. Und diese meinten, dass Ich vielleicht mit einer früher abgegangenen Gesellschaft bis zur weiter gelegenen Nachtherberge mitgezogen sei – was zu glauben Meine Alten auch keinen Anstand nahmen und mit diesen ganz gemächlich dahin zogen, wo sie aber erst nach Mitternacht ankamen. Nun, da war Ich auch nicht dabei.
DTT|0|31|12|0|Am frühen Morgen machten sie sich auf zu einer noch um ein Bedeutendes weiter liegenden Herberge, aber auch da vernahmen sie nichts von Mir. Von da kehrten sie wieder hierher zurück und sind bereits in unserer Herberge angelangt und haben Mich auch zu ihrer großen Beruhigung erfragt und werden nun alsbald Mich mit einem kleinen Verweis hier auffinden.“
DTT|0|31|13|0|Sagte der Römer: „Ach, einen Verweis dürfen sie Dir nicht geben, da werde ich dagegen einen Protest einlegen!“
DTT|0|31|14|0|Sagte Ich: „Ach lass nur alles geschehen, was von den Propheten geweissagt ist, Ich werde ihnen dann schon auch Meine Meinung sagen, die ihnen als Menschen sehr heilsam sein wird!“
DTT|0|31|15|0|Hier wollte der Oberpriester noch etwas sagen, aber der Römer und unser Simon ließen es nicht mehr zu und erklärten die Sitzung nochmals für aufgehoben.
DTT|0|32|1|1|Eintreffen von Joseph und Maria im Tempel. Freundliche Unterhaltung des römischen Richters und des Nikodemus mit den Eltern Jesu. Im Palast des Römers. Rückkehr nach Nazareth
DTT|0|32|1|0|In diesem Augenblick traten eben Meine Eltern in diese besondere Redehalle, geführt von einem Tempeldiener, und erstaunten bei sich geheim über die Maßen, Mich in einer so hochweisen und hochherrlichen Gesellschaft anzutreffen.
DTT|0|32|2|0|Der Römer fragte sie sogleich, ob Ich ihr Sohn wäre.
DTT|0|32|3|0|Und die Eltern bejahten das mit sichtbar großer Freude. Maria aber – weniger darum, um Mir einen Verweis zu geben, sondern vielmehr, um ihr Mutteransehen ein bisschen vor den großen Weltherren geltend zu machen – sagte, freilich mit der freundlichsten Stimme von der Welt: „Aber, liebster Sohn, warum hast Du uns denn das getan? Nahe drei Tage suchten wir Dich mit großer Angst!“
DTT|0|32|4|0|Sagte Ich: „Wie mochtet ihr das tun?! Ich habe es euch daheim ja schon zum Voraus gesagt, dass Ich hier das tun werde müssen, was der Wille Meines Vaters im Himmel ist!“
DTT|0|32|5|0|Darauf schwiegen beide und schrieben sich diese Worte tief ins Herz.
DTT|0|32|6|0|Hierauf aber sagte dann der Römer ihnen recht ausführlich, was Ich für ein Wesen bin, und was Ich geredet und getan habe, und wie sich alle über die hohe Weisheit und Macht Meiner Reden verwunderten, wie eben auch über die unbegreifliche Macht Meines Willens, und wie darum er als eine der ersten Machtautoritäten Roms in Jerusalem Mich über alle die Maßen liebgewonnen hatte und er sich erbiete, ihnen als Meinen Eltern jeden denkbaren Vorteil angedeihen zu lassen,
DTT|0|32|7|0|wofür ihm besonders Joseph über alle die Maßen freundlichst dankte und ihm sich nötigenfalls als Zimmermann und Architekt besonders anempfahl und bald darauf von dem Römer auch große Bauten in und um Jerusalem bekam. Sogar einen neuen Richterthron nach römischer Art bekam Joseph zu machen und verdiente dabei recht viel Geld.
DTT|0|32|8|0|Desgleichen versicherte auch der überreiche Simon von Bethanien noch im Tempel den Joseph seiner vollsten Freundschaft, worauf wir uns dann erhoben und zum Fortgehen zusammenmachten.
DTT|0|32|9|0|Hier erhoben sich auch die Templer und machten dem Römer eine tiefe Verbeugung und zogen dann bis auf den Nikodemus ab. Dieser aber gab uns allerfreundlichst das Geleit bis zum großen Palast des Römers, der es sich durchaus nicht nehmen ließ, uns diese kommende Nacht bei sich unter der auserlesensten Bewirtung zu beherbergen. Ich musste sein Weib und seine Kinder segnen, und er sagte darauf:
DTT|0|32|10|0|„Nun erst ist meinem ganzen Haus das größte Heil und die höchste Ehre widerfahren! Denn der Herr aller Herren und König und Kaiser aller Könige und Kaiser hat mein ganzes Haus heimgesucht und gesegnet!“
DTT|0|32|11|0|Dass darüber Meine Eltern höchst erbaut und ergriffen wurden, lässt sich leicht denken, und sie vergaßen dieses Momentes dann nicht wieder.
DTT|0|32|12|0|Darauf wurden wir in den Speisesaal geführt, wo eine vortreffliche Mahlzeit unser harrte, die ganz besonders Meinen müde und hungrig gewordenen Eltern sehr wohl zustattenkam.
DTT|0|32|13|0|Bei der lange anhaltenden Tafel musste die Maria alles über Meine Empfängnis und Geburt und noch eine Menge Datas aus Meinem Kindesleben dem Römer erzählen, worüber er stets in einen Enthusiasmus von Verwunderung ausbrach und dabei oft ausrief:
DTT|0|32|14|0|„Und das wissen diese Tempelhelden – und glauben doch nichts!?“
DTT|0|32|15|0|Nach der Mahlzeit aber begaben wir uns zur Ruhe und am nächsten Tag verschaffte uns der Römer eine sehr bequeme Fahrgelegenheit bis nach Nazareth und versah den Joseph mit einem reichlichen Reisegeld, und Simon geleitete uns bis nach Galiläa, wo er in einem Flecken ein Geschäft zu besorgen hatte. Und so kamen wir denn ganz wohlbehalten wieder nach Nazareth, womit die Tempelszene ein Ende hatte.
DTT|0|32|16|0|Dass Ich darauf bis in Mein dreißigstes Jahr von Meiner Göttlichkeit wenig mehr merken ließ, ist bekannt, und somit ist diese einzig richtige und wahre Mitteilung über die drei Tage im Tempel zu Ende. Wohl dem, der sie glaubt und sich daran nicht ärgert. Wer sie gläubig im Herzen lesen wird, wird vielen Segen überkommen. Amen. Das sage Ich, der Herr. Amen, Amen, Amen.
DTT|0|33|1|1|Meine (des) Knechtes Anmerkung, am 13. Januar 1860
DTT|0|33|1|0|O Herr! Vor allem danke ich armer Sünder Dir für diese herrliche und bis jetzt noch nie dagewesene allerhöchste Gnadenmitteilung, deren zunächst mein Ich, wie auch die ganze Welt noch unwürdig ist. Da Du, o Herr, aber schon uns dadurch eine so übergroße und unverdiente Gnade erwiesen hast, o so segne uns auch damit, die wir voll des wahren Glaubens Dich aus vollem Herzen lieben! Verzehre damit unsere mannigfachen Schwächen, mache uns stark in aller Liebe zu Dir und unseren armen Brüdern, und lass uns in Deinem allerheiligsten Namen allzeit erquicken die Herzen der betrübten und notleidenden Brüder! Und, o Herr, gedenke auch in Deiner großen Liebe Deines armen Knechtes auf Erden fortan und habe meinen innigsten Dank für alle Deine von mir nie verdienten Wohltaten, die Du mir allzeit hast gnädigst angedeihen lassen. O lass aber auch meinen Segen an die vielen Armen und Dürftigen und Bedrängten und an alle Deine wahren Freunde und meine Wohltäter in Deinem allerheiligsten Namen mit Deinem Segen vereint wirksam sein!
DTT|0|33|2|0|Dir allein alle Ehre und Liebe ewig, und Dein allein heiliger Wille geschehe! In tiefster Zerknirschung, Deiner Gnade allerunwürdigster Knecht.
GEJ|1|1|1|1|1. – Geistige Auslegung der Eingangsworte des Johannesevangeliums. (Kap.1-5)
GEJ|1|1|1|1|2. August 1851
GEJ|1|1|1|1|Ev.Joh.1,1. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
GEJ|1|1|1|0|Dieser Vers hat schon eine große Menge von allerleigestaltigen Irrdeutungen und Auslegungen zur Folge gehabt; ja, es bedienten sich sogar barste Gottesleugner eben dieses Textes, um mit dessen Hilfe Meine Gottheit um so sicherer zu bestreiten, da sie die Gottheit im allgemeinen verwarfen. Wir wollen aber nun solche Finten nicht wieder vorführen, wodurch die Verwirrung nur noch größer statt kleiner würde, sondern sogleich mit der möglich kürzesten Erklärung ans Tageslicht treten; diese, als selbst Licht im Lichte des Lichtes, wird von selbst die Irrtümer bekämpfen und besiegen.
GEJ|1|1|2|0|Ein Hauptgrund des Unverständnisses solcher Texte liegt freilich wohl leider in der sehr mangelhaften und unrichtigen Übersetzung der Schrift aus der Urzunge in die Zungen der gegenwärtigen Zeit; allein es ist gut also. Denn wäre der Geist solcher Texte nicht so wohl verborgen, als er es ist, so wäre das Heiligste darin schon lange allertiefst entheiligt worden, was da von größtem Übel wäre für die gesamte Erde; so aber hat man nur an der Rinde genagt und konnte zum lebendigen Heiligtume nicht gelangen.
GEJ|1|1|3|0|Nun aber ist es an der Zeit, den wahren innern Sinn solcher Texte zu zeigen allen, die da würdig sind, daran teilzunehmen; dem Unwürdigen aber soll es teuer zu stehen kommen, denn Ich lasse bei solcher Gelegenheit mit Mir durchaus keinen Scherz treiben und werde nie einen Handel annehmen.
GEJ|1|1|4|0|Nach dieser nötigen Vorerinnerung aber folge nun die Erläuterung; nur bemerke Ich noch das hinzu und sage, daß hier nur der innere, seelisch- geistige Sinn zu verstehen ist, nicht aber auch der allerinnerste, reinste Himmelssinn. Dieser ist zu heilig und kann für die Welt unschädlich nur solchen erteilt werden, die ihn suchen durch ihren Lebenswandel nach dem Worte des Evangeliums. Der bloß innere, seelisch-geistige Sinn aber läßt sich leicht finden, manchmal schon durch die richtige, zeitgemäß entsprechende Übersetzung, was nun sogleich bei der Erläuterung des ersten Verses sich zeigen soll.
GEJ|1|1|5|0|Sehr unrichtig und den innern Sinn sehr verhüllend ist der Ausdruck „Im Anfange“; denn dadurch könnte sogar der Gottheit ewiges Dasein bestritten und in Zweifel gezogen werden, was auch von einigen älteren Weltweisen geschehen ist, aus deren Schule die Gottesleugner dieser Zeit auch so ganz eigentlich hervorgegangen sind. So wir aber nun diesen Text recht geben werden, da wird die Hülle nur sehr dünn erscheinen, und es wird nicht schwer sein, den inneren Sinn durch solche leichte Hülle recht wohl und manchmal sehr genau zu erspähen.
GEJ|1|1|6|0|Also aber laute die richtige Übersetzung: Im Urgrunde, oder auch in der Grundursache (alles Seins), war das Licht (der große heilige Schöpfungsgedanke, die wesenhafte Idee). Dieses Licht war nicht nur in, sondern auch bei Gott, das heißt, das Licht trat als wesenhaft beschaulich aus Gott und war somit nicht nur in, sondern auch bei Gott und umfloß gewisserart das urgöttliche Sein, wodurch schon der Grund zu der einstigen Menschwerdung Gottes gelegt erscheint, was im nächstfolgenden Texte auch schon von selbst ganz hell ersichtlich wird.
GEJ|1|1|7|0|Wer oder was war denn so ganz eigentlich dieses Licht, dieser große Gedanke, diese heiligste Grundidee alles künftigen, wesenhaften, freiesten Seins? – Es war unmöglich etwas anderes als eben Gott Selbst, weil in Gott, durch Gott und aus Gott unmöglich etwas anderes als Gott Selbst nur Sich in Seinem ewig vollkommensten Sein darstellte; und so mag dieser Text auch also lauten:
GEJ|1|1|8|0|In Gott war das Licht, das Licht durchfloß und umfloß Gott, und Gott Selbst war das Licht.
GEJ|1|1|9|1|Ev.Joh.1,2. Dasselbe war im Anfange bei Gott.
GEJ|1|1|9|0|So nun der erste Vers zur Genüge erleuchtet, von jedermann einigen Lichtes leicht begriffen werden kann, so erklärt sich der zweite Vers von selbst und besagt nur zeugnisweise, daß das obbeschriebene Wort oder Licht oder der große Schöpfungsgedanke nicht ein in der Folge des Urgottseins entstandener, sondern ein mit Gott als Selbst Gott gleich ewiger ist und somit nimmer irgend einen einstigen Entstehungsprozeß in sich birgt, darum es denn auch gewisserart zeugnisweise erklärend heißt: Dasselbe war im Anfange oder im Urgrunde alles Seins und alles späteren Werdens als Urgrund selbst bei, in und aus Gott, also Selbst durch und durch Gott.
GEJ|1|1|10|1|Ev.Joh.1,3. Alle Dinge sind durch Dasselbe gemacht, und ohne Dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
GEJ|1|1|10|0|In diesem Verse bezeugt sich das nur gewisserart als betätigt und handgreiflich, was da schon im ersten Verse sich als das „Wort“ oder „Licht“ im Urgrunde alles Seins und Werdens völlig gegenwärtig, aber noch nicht als schon ausgegangen bewerkstelligt, klar dargestellt hatte.
GEJ|1|1|11|0|Es soll demnach dieser dritte Vers rein gegeben auch also lauten: Alles Sein ward aus diesem Ursein, welches in Sich Selbst ist der ewige Urgrund Seines Seins durch und durch. Dieses Seins Licht, Wort und Wille stellte Sein höchst eigen Licht, Seine urewige Schöpfungsidee aus Sich Selbst ins feste beschauliche Dasein, und nichts gibt es in der ganzen ewigen Unendlichkeit, was nicht aus demselben Urgrunde und auf demselben Wege ins erscheinliche und beschauliche Dasein getreten wäre.
GEJ|1|1|12|0|Wer nun diese drei ganz klar erläuterten Verse vollends aufgefaßt hat, dem ist der Vers 4 schon von selbst notwendig einleuchtend klar.
GEJ|1|1|13|1|Ev.Joh.1,4. In Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
GEJ|1|1|13|0|Es versteht sich ja schon bei weitem von selbst, daß ein Urgrundsein alles Seins, das Licht alles Lichtes, der Urgedanke aller Gedanken und Ideen, die Urform als der ewige Urgrund aller Formen fürs erste nicht formlos und fürs zweite nicht Tod sein konnte, da dieser den vollsten Gegensatz alles wie immer gearteten Seins im Grunde des Grundes bezeichnet. In diesem Worte oder Lichte oder in diesem großen Gedanken Gottes in Gott, und im Grunde des Grundes Gott Selbst, war sonach ein vollkommenstes Leben. Gott war also das urewigste, vollkommenste Grundleben in und aus Sich Selbst durch und durch, und dieses Licht oder Leben rief aus Sich die Wesen, und dieses Licht oder dieses Leben war das Licht und also auch das Leben in den Wesen, in den aus Ihm hervorgegangenen Menschen; und diese Wesen und Menschen waren sonach völlig ein Ebenmaß des Urlichtes, das in ihnen das Sein, Licht und also auch ein dem ewigen Ursein völlig ähnliches Leben bedingte.
GEJ|1|1|14|0|Da aber das Urleben Gottes ein ganz vollkommen freies ist und sein muß, da es sonst so gut wie gar kein Leben wäre, dieses gleiche Leben aber in den geschaffenen Wesen ein und dasselbe Leben sein muß, ansonst es auch kein Leben und als sonach Nichtleben auch kein Sein wäre, so ist es ja nur zu handgreiflich klar, daß den geschaffenen Wesen, Menschen, nur ein vollkommen allerfreiestes Leben gegeben werden konnte, das sich selbst als ein vollständiges fühlen, aber aus eben diesem Gefühle auch ersehen mußte, daß es kein aus sich selbst hervorgehendes, sondern nur als ein völlig ebenmäßiges aus Gott nach Dessen ewig allmächtigem Willen hervorgegangen ist.
GEJ|1|1|15|0|Diese Wahrnehmung mußte in allen geschaffenen Wesen vorhanden sein gleich der, daß ihr Leben und Sein ein völlig Gott ebenmäßiges sein muß, ansonst sie wieder weder ein Leben noch irgend ein Sein hätten.
GEJ|1|1|16|0|So wir aber diesen Umstand näher betrachten, so ergibt es sich, daß sich in den geschaffenen Wesen notwendig zwei Gefühle begegnen müssen, und zwar erstens und zunächst das Gefühl der göttlichen Ebenmäßigkeit oder des Urlichtes Gottes in ihnen und zweitens aus eben diesem Lichte aber dann auch notwendig das Gefühl des zeitgemäßen Werdens durch den Urwillen des Schöpfers.
GEJ|1|1|17|0|Das erste Gefühl stellt das Geschöpf unbedingt dem Schöpfer gleich und wie aus sich hervorgehend völlig unabhängig von dem ewigen Urgrunde, als gleichsam solchen in sich selbst fassend und bergend; das zweite aus diesem ersten notwendig hervorgehende Lebensgefühl aber muß sich dennoch als ein vom eigentlichen Urgrunde aus sich hervorgerufenes und erst in der Zeitenfolge als in sich selbst als frei manifestiertes und somit vom Haupturgrunde sehr abhängiges ansehen und betrachten.
GEJ|1|1|18|0|Dieses demütigende Gefühl aber macht das erste Hoheitsgefühl ebenfalls zu einem Demutsgefühle, was fürs Hoheitsgefühl freilich wohl eine höchst und unumgänglich nötige Sache ist, wie es in der Folge ganz klar gezeigt wird.
GEJ|1|1|19|0|Das Hoheitsgefühl streitet ganz gewaltig gegen solch eine Erniedrigung und will das zweite Gefühl erdrücken.
GEJ|1|1|20|0|Durch solchen Kampf aber entsteht dann Groll und am Ende Haß gegen den Urgrund alles Seins und aus dem gegen das niedere Demuts- oder Abhängigkeitsgefühl; dadurch erlahmt und verfinstert sich aber dann das Hoheitsgefühl, und es wird aus dem Urlicht im geschaffenen Wesen Nacht und Finsternis. Diese Nacht und diese Finsternis erkennt dann kaum mehr das Urlicht in sich und entfernt sich also, als blind und dabei dennoch selbständig, vom Urgrunde seines Seins und Werdens und erkennt solchen nicht in seiner Verblendung.
GEJ|1|1|21|1|Ev.Joh.1,5. Und das Licht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis begreift es nicht.
GEJ|1|1|21|0|Daher mag dann dieses Urlicht leuchten in solcher Nacht, wie es auch leuchten mag; da aber die Nacht, die wohl auch aus dem Lichte entstanden ist, keine ordentliche Sehe mehr hat, so erkennt sie das Licht nicht, das da kommt in solche Nacht, um selbige wieder ins rechte Urlicht umzugestalten.
GEJ|1|1|22|0|Sogestaltig kam denn auch Ich als das ewige Ursein alles Seins und als das Urlicht alles Lichtes und Lebens in die Welt der Finsternis zu denen, die aus Mir waren; aber sie erkannten Mich nicht in der Nacht ihres ermatteten Hoheitsgefühls!
GEJ|1|1|23|0|Denn dieser 5. Vers deutet eben darauf hin, wie nach und in den ursprünglichen Maßen und Verhältnissen Ich als ganz Derselbe, Der Ich von Ewigkeit war, in diese von Mir und aus Mir geschaffene Welt komme und diese Mich nicht erkennt als ihr eigenstes Grundsein.
GEJ|1|1|24|0|Aber Ich als der Urgrund alles Seins mußte ja aus Meinem urewigen Allichte sehen, wie das Hoheitsgefühl als Urlicht in den Menschen durch den fortwährenden Kampf stets matter und schwächer und sonach als Lebenslicht auch dunkler und am Ende gar finster ward, und daß demnach die Menschen, so Ich zu ihnen in dem ihnen aus Mir gegebenen Ebenmaße käme, Mich nicht erkennen würden, wenigstens gar sehr viele nicht, besonders so Ich als ein reiner Deus ex machina ganz unerwartet und unvorbereitet in beschränkter Menschenform zu ihnen käme, und Ich es Mir dann Selbst zuzuschreiben hätte, daß Mich die Menschen als unvorbereitet auf solch Meine Ankunft unmöglich erkennen könnten.
GEJ|1|1|25|0|Ja, wohl sah Ich das von Ewigkeit ein und ließ daher den Menschen schon von ihrem ersten aus Mir geschiedenen Entstehen angefangen bis zu Meiner wirklichen Ankunft durch viele tausend Seher, die im Kampfe das Licht nicht verloren, eben solche Meine Ankunft vorhersagen und die Art und Weise und sogar den Ort und die Zeit Meiner Ankunft treulich bezeichnen, und bei Meiner wirklich erfolgten Ankunft ließ Ich große Zeichen geschehen und erweckte einen Mann, in dem ein hoher Urgeist Wohnung nahm, daß er den Blinden verkünde Meine Ankunft und volle Gegenwart auf der Erde.
GEJ|1|2|1|1|2. - Johannes der Täufer zeugt vom Herrn. Vom Wesen Gottes. Vom Fall der Menschen. Gottes Erlösungswege
GEJ|1|2|1|1|Ev.Joh.1,6. Es ward aber ein Mann von Gott gesandt, der hieß Johannes.
GEJ|1|2|1|0|Dieser Mann hieß Johannes, der am Jordan die Buße predigte und die Bekehrten mit dem Wasser taufte. In diesem Manne wohnte der Geist des Propheten Elias, und dieser war ebenderselbe Engelsgeist, der den Luzifer im Urbeginn besiegte und später auf dem bekannten Berge um den Leichnam Mosis mit ebendem Luzifer rang (also Michael).
GEJ|1|2|2|1|Ev.Joh.1,7. Dieser kam als ein Zeuge (von oben), auf daß er vom Lichte ein Zeugnis gäbe, damit sie alle (die lichtlosen Menschen) durch ihn glaubeten (d.h. durch sein Licht das zu ihnen gekommene Urlicht erkenneten).
GEJ|1|2|2|0|Dieser kam als ein alter und neuer Zeuge von oben, das heißt vom Urlichte als Licht, auf daß er zeugete vom Urlichte, vom Ursein Gottes, Das nun Selbst das Fleisch annahm und in vollgleicher Menschenform als Selbst Mensch zu Seinen Menschen, die aus Ihm sind, kam, um sie in ihrer Nacht neu zu erleuchten und sie sogestaltig Seinem Urlichte wieder zurückzugeben.
GEJ|1|2|3|1|Ev.Joh.1,8. Er war nicht das Licht (aus sich), sondern er war ein Zeugnis des Lichtes (d.h. er zeugete dem verfinsterten Hoheitsgefühle der Menschen gegenüber, daß nun das Urlicht Selbst von Seiner ewigen Höhe herabkam als ein Lamm in der Demut zu den Menschen und nähme freiwillig alle ihre Schwächen (Sünden) auf Sich, um dadurch den Menschen das Urlicht wiederzugeben und sie Ihm gleichzumachen und –zustellen).
GEJ|1|2|3|0|Dieser Mann war freilich wohl das eigentliche Urlicht nicht Selbst, sondern gleich allen Wesen nur ein Teillicht aus dem Urlichte. Aber ihm ward es also gegeben, im Verbande mit dem Urlichte zu verbleiben durch seine überwiegende Demut.
GEJ|1|2|4|0|Da er aber also im steten Verbande mit dem Urlichte sich befand und Dieses wohl unterschied von seinem Lichte – da er wohl auch aus dem Urlichte hervorgegangen ist, aber dennoch nicht das Urlicht, sondern nur ein Ablicht Desselben war, auf daß er Dasselbe erkennete und Demselben ein rechtes Zeugnis gäbe –, so gab er denn auch ein vollgültiges Zeugnis dem Urlichte und erweckte dadurch so viel des rechten Lichtes in den Herzen der Menschen, daß diese dann, wenn schon anfangs nur sehr schwach, aber mit der Zeit doch stets stärker und heller erkennen konnten, daß das Urlicht, Das nun im Fleische eingehüllt, dennoch Dasselbe ist, Dem alle Wesen und Menschen ihr selbständiges Dasein verdanken und es als selbständig für ewig behalten können, so sie es wollen.
GEJ|1|2|5|1|Ev.Joh.1,9. Das war das wahrhafte Licht, Das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.
GEJ|1|2|5|0|Nicht der Zeuge, sondern sein Zeugnis und Der, von Dem er zeugete, waren das rechte Urlicht, Das vom Urbeginn an alle Menschen, die in diese Welt kommen, erleuchtet und belebt hat und nun noch stets mehr belebt und erleuchtet; darum heißt es denn auch im 9. Verse, daß eben Das das wahre und rechte Licht ist und war, Das alle Menschen in ihrem Urbeginne zum freien Dasein gestaltete und nun kam, um dasselbe in aller Fülle zu erleuchten und es Ihm Selbst wieder ähnlich zu machen.
GEJ|1|2|6|1|Ev.Joh.1,10. Es war in der Welt, und diese ist durch Dasselbe gemacht, aber sie erkannte Es nicht.
GEJ|1|2|6|0|Wiegestaltig Ich oder das Urlicht von dieser Welt, das heißt von den verfinsterten Menschen, die in allem ihrem Sein aus Mir oder, was Eines ist, aus dem Urlichte (Worte) hervorgegangen sind, habe verkannt werden können trotz all den Vorboten und Verkündern Meiner Ankunft, ist bereits schon im 5. Verse klar erörtert worden; nur ist noch ganz besonders zu erwähnen, daß hier unter „Welt“ nicht die Erde als die Trägerin gerichteter Seelen, die eigentlich die Materie ausmachen, sondern bloß nur die Menschen, die zwar wohl zu einem Teile aus dieser Materie genommen sind, aber als einmal freigestellte Wesen nicht mehr dieser urgerichteten Seelenmaterie angehören oder angehören dürfen, zu verstehen sind; denn welch eine Zumutung wäre das auch, so Ich von dem noch im tiefsten Gerichte liegenden Steine verlangte, daß er Mich erkennete!? Solches kann nur von einer freigewordenen Seele, die Meinen Geist in sich hat, voll rechtlich verlangt werden.
GEJ|1|2|7|1|Ev.Joh.1,11. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.
GEJ|1|2|7|0|Also nicht die Erde, wie vorerwähnt, sondern lediglich nur die Menschen ihrem seelisch-geistigen Wesen nach sind hier als das eigentliche Eigentum des Herrn anzusehen und zu betrachten, und darum Eigentum, weil sie sogestaltig selbst Urlicht aus Meinem ewigen Urlichte sind und somit mit Meinem Urgrundwesen in Eins zusammenfallen.
GEJ|1|2|8|0|Aber da sie in ebendiesem Wesen, das sich in ihnen als das Hoheitsgefühl ausspricht, geschwächt sind, welcher Schwäche halber Ich auch zu ihnen als in Mein Ureigentum kam und noch immer gleichwegs komme, so erkannten sie Mich nicht und somit auch nicht sich selbst und ihr höchsteigenes Urgrundsein, das da nimmer vernichtet werden kann, weil es im Grunde des Grundes Mein Wesen ist.
GEJ|1|2|9|1|Ev.Joh.1,12. Wieviele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er Macht, Kinder Gottes zu werden, da sie an Seinen Namen glauben.
GEJ|1|2|9|0|Es versteht sich aber so gut wie von selbst, daß bei allen jenen, die Mich nicht aufnahmen oder nicht erkannten, die Urordnung gestört blieb und mit dieser Störung ein leidender Zustand, das sogenannte „Übel“ oder die „Sünde“ blieb; wogegen bei vielen andern aber, die Mich aufnahmen, das heißt, die Mich in ihren Herzen erkannten, sich dieses Übel notwendig verlieren mußte, da sie wieder mit Mir als mit der Urordnung und Urmacht alles Seins vereint wurden, sich darinnen selbst und Mein Urlicht als das gestellte ihrige in ihnen und in diesem das ewige, unvertilgbare Leben fanden.
GEJ|1|2|10|0|In solchem Leben aber fanden sie auch, daß sie dadurch notwendig nicht nur Meine Geschöpfe, was sich aus ihrem niederen Lebensgefühle nur herausstellt, sondern, weil sie Mein Selbst in sich bergen, was nur durch Meine Willensmacht aus Mir frei hinausgestellt ward, unfehlbar Meine höchsteigenen Kinder sind, da ihr Licht (ihr Glaube) gleich ist Meinem höchsteigenen Urlichte und daher in sich selbst die volle Macht und Kraft hat, die in Mir Selbst ist, und aus solcher Macht heraus auch das vollste Recht, Mein Kind nicht nur zu heißen, sondern auch in aller Fülle zu sein!
GEJ|1|2|11|0|Denn der Glaube ist eben ein solches Licht, und Mein Name, an den die mächtigen Strahlen dieses Lichtes gerichtet sind, ist die Kraft und die Macht und das eigentliche Wesen Meines Urseins, durch die jeder in sich selbst die vollrechtliche und vollgültige Kindschaft Gottes bewerkstelligt. Darum heißt es denn auch im 12. Verse, daß alle, die Mich aufnehmen und an Meinen Namen glauben werden, sage – die Macht in sich haben sollen, vollrechtlich „Kinder Gottes“ zu heißen!
GEJ|1|2|12|1|Ev.Joh.1,13. Welche nicht von dem Geblüte, noch von dem Willen des Fleiches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
GEJ|1|2|12|0|Dieser Vers ist nichts als eine nähere Bestimmung und Erläuterung des früheren Verses, und es könnten in einer mehr verbundenen Sprache die beiden Verse nebeneinander auch also lauten: Die Ihn aber aufnahmen und an Seinen Namen glaubten, denen gab Er die Macht, „Kinder Gottes“ zu heißen, die nicht von dem Geblüte, noch vom Willen des Fleisches (Begierde des Fleisches), noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
GEJ|1|2|13|0|Es versteht sich aber schon von selbst, daß hier nicht von einer ersten Geburt als Fleisch aus dem Fleische, sondern lediglich nur von einer zweiten Geburt aus dem Geiste der Liebe zu Gott und aus der Wahrheit des lebendigen Glaubens an den lebendigen Namen Gottes, der da heißet Jesus-Jehova-Zebaoth, die Rede sein kann, welch zweite Geburt auch gut definiert „die Wiedergeburt des Geistes durch die Taufe aus den Himmeln“ heißet.
GEJ|1|2|14|0|Die „Taufe aus den Himmeln“ aber ist der volle Übergang des Geistes und der Seele samt allen ihren Begierden in den lebendigen Geist der Liebe zu Gott und der Liebe in Gott Selbst.
GEJ|1|2|15|0|Ist solcher Übergang einmal aus des Menschen freiestem Willen geschehen und befindet sich nun alle Liebe des Menschen in Gott, so befindet sich durch solche heilige Liebe auch der ganze Mensch in Gott und wird allda zu einem neuen Wesen ausgezeitigt, gekräftet und gestärkt und also nach Erlangung der gerechten Vollreife von Gott wiedergeboren; nach solcher zweiten Geburt, der weder des Fleisches Begierde noch des Mannes Zeugungswille vorangeht, ist dann der Mensch erst ein wahres Gotteskind, das er geworden ist durch die Gnade, die da ist eine freie Macht der Gottesliebe im Herzen des Menschen.
GEJ|1|2|16|0|Diese Gnade aber ist auch eben der mächtige Zug Gottes im Geiste des Menschen, durch den er, als vom Vater gezogen zum Sohne, das heißt zum göttlichen Urlichte, oder, was eines ist, zu der rechten und lebendig mächtigen Weisheit Gottes gelangt.
GEJ|1|3|1|1|3. - Die Menschwerdung des Ewigen Wortes. Von der Wiedergeburt. Erste und zweite Gnade
GEJ|1|3|1|1|Ev.Joh.1,14. Und das Wort ward Fleisch und wohnete unter uns, und wir sahen Seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voll Gnade und Wahrheit.
GEJ|1|3|1|0|Wenn der Mensch alsogestaltig durch die Wiedergeburt zur wahren Kindschaft Gottes gelangt, in die er von Gott, dem Vater, oder von der Liebe in Gott förmlich eingeboren wird, so gelangt er zur Herrlichkeit des Urlichtes in Gott, das da eigentlich das göttliche Urgrundsein Selbst ist; dieses Sein ist der eigentliche, eingeborene Sohn des Vaters also, wie das Licht in der Wärme der Liebe inwendig verborgen ruht, solange die Liebe es nicht erregt und aus sich hinausstrahlen läßt. Dieses heilige Licht ist sonach aber auch die eigentliche Herrlichkeit des Sohnes vom Vater, zu der jeder Wiedergeborene gelangt und allda selbst gleich wird dieser Herrlichkeit, die da ist ewig voll Gnade (Gottes- Lichtes) und voll Wahrheit, die da ist die wahre Wirklichkeit oder das Fleisch gewordene Wort. – –
GEJ|1|3|2|1|Ev.Joh.1,15. Johannes zeuget von Ihm, ruft und spricht: „Dieser war es, von Dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, Der vor mir gewesen ist, denn Er war eher denn ich.“
GEJ|1|3|2|0|Davon gibt wieder Johannes ein rechtes Zeugnis und macht die Menschen gleich nach der Taufe im Flusse Jordan darauf aufmerksam, daß eben der Mensch, den er nun getauft hatte, Derjenige ist, von Dem er schon die ganze Zeit seiner Predigt zur Buße, um Ihn würdig aufzunehmen, zu dem Volke geredet hatte, daß Er, Der nach ihm (Johannes) kommen werde, vor ihm gewesen, also eher war denn er. Was im tieferen Sinne wieder soviel heißt als: Dies ist das Urgrundlicht und Urgrundsein alles Lichtes und Seins, Das allem Sein voran war, und alles Sein aus diesem Sein hervorging.
GEJ|1|3|3|1|Ev.Joh.1,16. Von Seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
GEJ|1|3|3|0|Dieses Urlicht aber ist auch die ewig große Herrlichkeit in Gott, und Gott Selbst ist diese Herrlichkeit; diese Herrlichkeit war von Ewigkeit Gott Selbst in Gott, und von der Fülle dieser Herrlichkeit haben alle Wesen ihr Sein und ihr Licht und freies Leben genommen.
GEJ|1|3|4|0|Alles Leben ist daher eine Gnade aus Gott und erfüllt die lebentragende Form durch und durch. Das Urleben in jedem Menschen ist daher, weil es in sich die gleiche Herrlichkeit Gottes ist, eine erste Gnade Gottes; diese aber hatte Schaden gelitten durch die bekannte Schwächung des Hoheitsgefühles mit dem niederen Gefühle des Werdens und der dadurch erfolgten notwendigen Abhängigkeit von dem Urlichte und Urgrunde alles Seins.
GEJ|1|3|5|0|Da sonach diese erste Gnade im Menschen nahe völlig untergehen wollte, so kam das Urlicht Selbst in die Welt und lehrte die Menschen dahin, daß sie diese erste Gnade dem Urlichte wieder anheimstellen oder eigentlich in dies Ursein völlig zurücktreten sollen und allda nehmen für das alte Licht ein neues Leben; und dieser Umtausch ist das Nehmen der Gnade um Gnade, oder gleichsam das Hingeben des alten, geschwächten, für nichts mehr tauglichen Lebens um ein neues, unvertilgbares Leben in und aus Gott in der Fülle.
GEJ|1|3|6|0|Die erste Gnade ist eine Notwendigkeit gewesen, in der keine Freiheit, daher auch keine Beständigkeit waltet; die zweite Gnade aber ist eine volle Freiheit, jeder Nötigung ledig, und daher – weil durch nichts gedrängt und gezwängt – auch für ewig unverwüstbar. Denn wo es keinen Feind gibt, da gibt es auch keine Zerstörung; unter Feind aber wird alles verstanden, was auf ein freies Sein, wie immer gestaltig, hemmend einwirkt.
GEJ|1|4|1|1|4. - Von Gesetz und Gnade. Erlöser und Gesetz. Vater und Sohn sind eins wie Flamme und Licht
GEJ|1|4|1|1|Ev.Joh.1,17. Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Christum geworden.
GEJ|1|4|1|0|So ist das Gesetz, das dem ersten Leben gegeben werden mußte, und zwar im Anfange schon dem ersten Menschen und im Verfolge der Dinge durch Moses, der hier in diesem Verse auch als ein Repräsentant des Gesetzes angeführt wird. Aus dem Gesetze aber konnte wohl niemand je die wahre Lebensfreiheit erlangen, da das Gesetz eine Hemmung, nicht aber eine Förderung des Lebens ist.
GEJ|1|4|2|0|Durch ein positives Muß aus der Urmacht unwandelbarem Wollen wurden die ersten Schöpfungsideen in ein isoliertes, wie selbständiges Sein hinausgestellt; was sonach die Trennung und das Formen des durch Raum und Zeit beschränkten Seins betrifft, so war dieses durch ein unwandelbares Muß bewerkstelligt.
GEJ|1|4|3|0|Nun war das Wesen, der Mensch, da, in sich gewisserart die Gottheit Selbst, oder was eines und dasselbe ist: das Ursein Gottes Selbst, nur getrennt von seinem Urgrunde, sich aber dennoch Dessen bewußt, nebst dem aber dennoch gebunden in begrenzter Form und gehalten durch ein unwandelbares Muß. Dieser Zustand wollte dem also gestellten Wesen nicht munden, und sein Hoheitsgefühl kam in einen gewaltigen Kampf mit seiner notwendigen Beschränkung und Hinausstellung.
GEJ|1|4|4|0|Da in der urersten Wesenreihe der Kampf immer heftiger ward, so mußte das große Grundgesetz verschärft werden und die Wesen in ein zeitweiliges, festes Gericht fassen; darin bestand die Darstellung der materiellen, festen Weltkörper und die dadurch bewirkte größere Teilung der Urwesen.
GEJ|1|4|5|0|In der zweiten Reihe der Wesen erscheint dann der Mensch ins Fleisch gehüllt, stehend auf dem Boden seines ersten Gerichtes. Trotz der nun dreifachen Trennung von seinem Urgrunde erkannte er in sich doch bald Denselben wieder und ward trotzig, hochmütig und ungehorsam einem leichten und nicht mehr mit „Muß“, sondern nur mit „Du sollst“ gegebenen Gesetze.
GEJ|1|4|6|0|Weil er aber dies leichte Sollst sich nicht wollte gefallen lassen, so ward ihm dafür ein schwereres und gewaltig sanktioniertes gegeben und die Sanktion bei Nichtachtung dieses zweiten Sollst pünktlich ausgeführt (siehe die Sündflut und Weiteres der Art!).
GEJ|1|4|7|0|Nach dieser Zucht begab sich das Gottwesen in Melchisedek zur Erde und führte die Menschen; aber die fingen bald wieder zu kämpfen an und mußten durch neue Gesetze gebunden und zur Ordnung geführt werden, so, daß ihnen nur eine maschinenartige Bewegung, nahe gegen alle ihre Neigungen stehend, übrigblieb.
GEJ|1|4|8|0|Durch das Gesetz war demnach eine weite Kluft gestellt, über die kein Geist und kein Wesen mehr einen Sprung machen konnte, wodurch denn auch die Aussicht und das innere Bewußtsein von einer ewigen Fortdauer des inneren, sogestaltig sehr eingeschränkten Lebens in eine sehr zweifelhafte Frage gestellt wurde.
GEJ|1|4|9|0|Auf solch eine Einschränkung erscheint dann das göttliche Ursein in Seiner eigenen Urfülle, und zwar in der Person Christi.
GEJ|1|4|10|0|Hier kommt also die Urgnade wieder, nimmt auf Sich alle Schwächen des Lebens der Menschen und gibt ihnen dafür eine neue Gnade, ein neues Leben, voll des wahren Lichtes und zeigt ihnen in diesem und durch Sich Selbst den rechten Weg und den rechten Zweck ihres Seins.
GEJ|1|4|11|1|Ev.Joh.1,18. Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, Der in des Vaters Schoß ist, Der hat es uns verkündiget.
GEJ|1|4|11|0|Jetzt erst bekamen, die Ihn erkannten, eine wahre Kenntnis von Gott und konnten nun zum ersten Male Gott, Den vorher nie ein Wesen in Seiner Fülle schauen konnte, neben sich und außer sich beschauen und erkennen und durch Ihn auch sich selbst und die eigene allerfreieste Lebensbestimmung.
GEJ|1|4|12|0|Und nun ist auch die unübersteigbare Kluft, die durch das Gesetz gestellt wurde, wieder aufgehoben worden, und jeder Mensch konnte und kann nun immer aus dem Joche des Gesetzes treten, so er seinen alten Menschen gegen den neuen aus Christo umtauscht, darum es denn auch heißt, daß man den alten Menschen ausziehen und den neuen anlegen solle, oder: wer das alte Leben lieb hat, der wird es verlieren; wer es aber fliehet, der wird es, als nämlich ein neues, erhalten. Das ist denn die Verkündigung aus dem Schoße des Vaters und das lebendige Evangelium Gottes.
GEJ|1|4|13|0|Der Ausdruck aber, wo es heißt: „Der in des Vaters Schoße ist“, besagt soviel als: Die Urweisheit Gottes oder das eigentliche innerste Gottwesen ist in der Liebe, gleichwie das Licht in der Wärme zu Hause ist, ursprünglich aus der Liebe mächtigen Wärme entsteht und entspringt und endlich durch sein Dasein abermals Wärme erzeugt, und diese allzeit wieder Licht. Ebenalso entsteht aus der Liebe, die gleich ist dem Vater und im Grunde des Grundes der Vater Selbst, das Licht der göttlichen Weisheit, das da gleich ist dem Sohne oder der eigentliche Sohn Selbst, der aber nicht Zwei, sondern völlig Eins ist mit Dem, das da „Vater“ heißt, gleichwie da Licht und Wärme oder Wärme und Licht eines sind, indem die Wärme fortwährend das Licht und das Licht fortwährend die Wärme erzeugt.
GEJ|1|5|1|1|5. - Das Zeugnis des Täufers von sich. Grund der Verleugnung seines Eliasgeistes. Demut des Wegbereiters. Die falschen Vorstellungen des Tempels vom Kommen Christi
GEJ|1|5|1|1|Ev.Joh.1,19. Und dies ist das Zeugnis Johannis an die Juden, als diese von Jerusalem an ihn sandten Priester und Leviten, daß sie Ihn fragten: „Wer bist du?“
GEJ|1|5|1|0|Dieser Vers stellt eine pure äußere Tatsache dar und hat daher keinen inneren Sinn; nur das läßt sich aus dieser Mission leicht entnehmen, daß das Hoheitsgefühl der Juden in dieser Zeit schon zu ahnen begann, daß das Urlicht oder das Urleben Gottes sich den Erdenmenschen zu nahen beginne und schon auf der Erde sein müsse, und es mutmaßte, daß dieses Urleben alles Lebens sich in dem Johannes befinde und er etwa der verheißene Messias sei.
GEJ|1|5|2|0|Darum sandten sie denn auch, aus obbesprochener Ahnung mehr als durch den Predigerruf Johannis genötigt, Auskundschafter zu ihm, auf daß sie ihn fragten, wer er sei, ob Christus, ob Elias, oder ob ein anderer Prophet.
GEJ|1|5|3|1|Ev.Joh.1,20. Und er bekannte und leugnete es nicht, sagend: „Ich bin nicht Christus, der verheißene Messias.“
GEJ|1|5|3|1|Ev.Joh.1,21. Sie aber fragten ihn weiter: „Was bist du denn? Bist du Elias?“ – Und er sprach: „Ich bin es nicht!“ – Und weiter fragten sie: „Bist du ein Prophet?“ – Er antwortete: „Nein!“
GEJ|1|5|3|0|Der Grund aber, warum sie den Johannes auch fragten, ob er entweder Elias oder ein anderer neuer Prophet sei, lag darin, weil es in ihren prophetischen Schriften hieß, Elias werde vor dem verheißenen Messias kommen und ganz Israel auf die große Ankunft des Messias vorbereiten! – Also sollten in solcher Zeit auch noch andere Propheten erstehen, die gleichfalls auch als Herolde dem Messias vorangehen werden. Solches also wußten die der Schrift kundigen Abgesandten aus Jerusalem und fragten den Johannes also; dieser aber bekannte, daß er das alles nicht sei.
GEJ|1|5|4|1|Ev.Joh.1,22. Und sie sprachen weiter zu ihm: „Was bist du denn, daß wir eine Antwort bringen denen, die uns gesandt haben?!“ – „Was sagst du denn von dir selbst?“
GEJ|1|5|4|0|Und so mußten sie ihn denn natürlich weiter fragen, wer er alsonach denn wäre.
GEJ|1|5|5|1|Ev.Joh.1,23. Johannes aber sprach: „Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste und bereite dem Herrn den Weg, wie es der Prophet Jesajas geweissagt hat.“
GEJ|1|5|5|0|Worauf Johannes dann erst bekannte, daß er bloß nur ein Rufer in der Wüste sei und bereite – nach Jesajas' Vorhersage – dem Herrn den Weg!
GEJ|1|5|6|0|Man kann hier ganz füglich fragen, warum Johannes solches tue in der Wüste, von der man doch voraussetzen kann, daß in ihr sicher sehr wenig Menschen wohnen werden; daß es demnach wohl angezeigter wäre, an solchen Orten einen derartigen Vorläufer zu machen, die reichlich von Menschen bewohnt sind. Was kann in der toten Wüste ein solches, wenn auch noch so kräftiges Rufen nützen, wo des Rufes Schall lange eher verhallt, als bis er an irgend ein Ohr gelangt? Und gelangt er auch zufälligerweise an irgend ein Menschenohr, so genügt das ja doch lange nicht bei einer Sache, die für alle Menschen doch von der allerwichtigsten Art ist!
GEJ|1|5|7|0|Auf diese vorleitende Frage sei das gesagt, daß da unter dem Ausdruck „Wüste“ nicht so sehr die kleine Wüste von Bethabara, jenseits des Jordans gelegen, zu verstehen sei, als vielmehr die geistige Wüste in den Herzen der Menschen. Die Wüste von Bethabara, allwo Johannes wirklich lebte, predigte und taufte, war daher nur darum gewählt worden, auf daß sie ein Vorbild dem Menschen wäre, wie es aussähe in seinem Herzen, nämlich ebenso öde, leer, ohne edle Früchte, nur voll Dornen und Disteln, allerlei Unkrautes und voll Nattern und anderen schmeißlichen Gewürms; und in solch einer Wüste der Menschen tritt Johannes wie ein erwachtes Gewissen, das er in rein geistiger Beziehung auch vorstellt, auf und predigt Buße zur Vergebung der Sünden und bereitet also dem Herrn den Weg zu den Herzen ganz wüste gewordener Menschen.
GEJ|1|5|8|0|Es bleibt hier nur noch die Frage übrig, warum sich Johannes nicht als Elias oder als ein Prophet bekannte, da er sowohl das eine wie sicher auch das andere nach Meinem höchst eigenen Zeugnisse war, denn Ich Selbst habe es ja bei einer wohl schicklichen Gelegenheit den Aposteln wie auch anderen Anhörern Meiner Lehre geradeheraus gesagt: Johannes war der Elias, der vor Mir kommen sollte, so ihr es annehmen wollt.
GEJ|1|5|9|0|Der Grund solch einer Negation liegt darin, daß Johannes sich hier nur nach der tätigen neuen Bestimmung und nicht nach der alten, so seinem Geiste im Elias gegeben ward zu seiner Erdzeit, benennet. Elias mußte strafen und zerstören den Moloch; Johannes aber rufen zur rechten Buße, erteilen der Sünde Vergebung durch die Wassertaufe und also Mir den Weg bereiten. Und nach solcher Tätigkeit gab er sich denn auch nur als das aus, was er nun der Tat nach war.
GEJ|1|5|10|1|Ev.Joh.1,24. Und die gesandt waren, waren von den Pharisäern.
GEJ|1|5|10|1|Ev.Joh.1,25. Und diese fragten ihn weiter noch und sprachen zu ihm: „Warum taufest du denn, so du nicht Christus, auch nicht Elias und sonst auch kein Prophet bist?“
GEJ|1|5|10|0|Da er aber dennoch taufte, was sonst nur den Priestern und den erwiesen dazu berufenen Propheten gestattet war, so fragten ihn die von den eifersüchtigen Pharisäern abgesandten Priester und Leviten, warum er denn hernach die Menschen taufe, da er weder das eine noch das andere sei.
GEJ|1|5|11|1|Ev.Joh.1,26. Johannes aber antwortete ihnen und sprach: „Ich taufe nur mit Wasser; Er (der Christus, nach Dem ihr fraget) ist mitten unter euch getreten; aber ihr kennet Ihn nicht.“
GEJ|1|5|11|0|Johannes aber sagt: „Ich taufe nur mit Wasser, das heißt, ich wasche nur und bin ein Wäscher unrein gewordener Herzen zum würdigen Empfange des Einen, Der gewisserart schon lange in eurer Mitte sich aufhält, Den ihr aber eurer Blindheit wegen nicht erkennet!“
GEJ|1|5|12|0|Hier werden auch alle jene Mich, den Herrn, äußerlich wo Suchenden durch diese Forscher dargestellt, die Länder und Meere durchziehen und da alle Weisen fragen: „Wo ist Christus, wann und wo kommt Er?“ – Den wahren, Der inmitten ihrer Herzen eine Wohnstätte für Sich erbaute, und Der nur da zu finden ist, (O – solcher Irrsucher!) Den suchen sie nicht, wenigstens dort nicht, wo Er einzig und allein zu suchen und zu finden ist!
GEJ|1|5|13|1|Ev.Joh.1,27. „Der ist es, Der nach mir kommen wird, Der vor mir war, Des ich nicht wert bin, daß ich Seine Schuhriemen auflösete.“
GEJ|1|5|13|1|Ev.Joh.1,28. Dies geschah zu Bethabara, jenseits des Jordans, allwo Johannes taufte.
GEJ|1|5|13|0|Wie sehr doch gibt Johannes ein allerdemutsvollstes Zeugnis vor den Priestern und Leviten, da er es wohl weiß, Wer in Christo die Erde betreten hat; aber was kümmert dies das hochweltweise Priestertum! Das allerwahrste Zeugnis des Johannes ließ sie unangefochten; denn sie wollten keinen demutsvollen, armen und glanzlosen Messias, sondern einen solchen, vor dem sogleich alles vor Furcht und Schreck hätte zusammenfahren sollen!
GEJ|1|5|14|0|Der Messias hätte gleich beim ersten Erscheinen – natürlich nirgends anders als in Jerusalem – und linea recta sichtbarlich mit mehr denn Sonnenglanz feurig strahlend, von Myriaden Engeln begleitet vom Himmel herabkommend und nur im Tempel Wohnung nehmend, alle damaligen Potentaten aufheben und vernichten sollen, – und hätte darauf die Juden auch sogleich völlig unsterblich machen, ihnen alles Geld der Erde verschaffen, wenigstens etliche Hunderte von überflüssig scheinenden Bergen mit starkem Gekrache ins Meer schleudern und dabei aber auch das arme schmutzige Gesindel sogleich hinrichten sollen! Dann hätten sie an Ihn geglaubt und auch gesagt: „Herr, Du bist gar entsetzlich stark und mächtig, alles muß sich vor Dir tiefst beugen und in den Staub werfen, und der Hohepriester ist nicht würdig, Dir die Schuhriemen zu lösen.“
GEJ|1|5|15|0|Aber Christus kam ganz arm und klein und anscheinend schwach zur Erde, gab nahe volle dreißig Jahre (außer bis zu seinem zwölften) kein Zeichen vor den Augen der Großen von Sich, sondern arbeitete schwere Arbeiten, war samt Josef ein Zimmermann und gab Sich nachher auch noch mit dem gemeinen Proletariat ab; wie konnte in den Augen der stolzen und hochweisen Juden das der so lange erwartete Messias sein? „Weg mit solch einem Gotteslästerer, mit solch einem Magier, der seine Taten nur mit der Hilfe des Obersten der Teufel ausführt! Solch ein allergemeinster, übers Eichenholz grober und roher Zimmermannsgeselle, der irgendwo mit der Satanshilfe zaubern gelernt hat, barfuß einhergeht und des allerhundsgemeinsten Gesindels Freund ist, mit ihm herumgeht, Huren annimmt und mit öffentlich zu bekannten Sündern ißt und trinkt und somit durch sein Tun und Lassen dem Gesetze offenbarlichst widerstrebt, der soll Christus, der verheißene Messias sein?! – Nein, nimmermehr sei eine solch gotteslästerliche Idee in uns!“
GEJ|1|5|16|0|Das war das Urteil der hohen und weisen Juden über Mich bei Meiner fleischlichen Vollgegenwart auf der Erde; und das haargleiche Urteil besteht noch zur Stunde über Mich unter Millionen, die durchaus von einem sanftmütigen, herablassenden und Sein Wort haltenden Gott nichts hören wollen!
GEJ|1|5|17|0|Ihr Gott muß erstens sehr hoch über allen Sternen wohnen und vor lauter endlosester Erhabenheit nahe gar nicht existieren; geringere Dinge als Sonnen darf Er gar nicht erschaffen, so Er ein würdiger Gott sein will! Zweitens darf Er Sich nicht unterstehen, irgend eine und schon am allerwenigsten die menschliche Gestalt zu haben, sondern muß bloß so irgend ein unbegreifliches Unding sein!
GEJ|1|5|18|0|Drittens darf, so doch Christus Gott sein könnte, Er Sich nur Menschen vom Fache, nur gewissen Sozietäten, Konzilien, außerordentlichen Pietisten, mit einem sogenannten Heiligenschein umgebenen Zeloten und vollendeten Tugendhelden durchs innere lebendige Wort mitteilen, und einem also Beglückten aber auch alsogleich die Macht, Berge zu versetzen, erteilen; sonst ist es rein nichts mit der göttlichen Mitteilung und Offenbarung Christi!
GEJ|1|5|19|0|Einem Laien oder etwa gar einem Sünder darf Sich der Herr Jesus nimmer mitteilen; denn in solchem Falle ist dann die Offenbarung schon verdächtig und wird nicht angenommen gleicherweise, wie auch Ich Selbst von den hohen Juden nicht angenommen ward, weil Ich vor ihren stolzen und ruhmsüchtigen Augen viel zu wenig göttlich nobel aufgetreten bin; aber – das tut nichts! Nur das Zeugnis Johannis ist gültig!
GEJ|1|5|20|0|Die Welt bleibt sich stets gleich und ist fort und fort die Wüste zu Bethabara, allwo Johannes sein Zeugnis gab. – Aber auch Ich bleibe Mir stets gleich und erscheine allzeit bei den Menschen zur Unterdrückung ihres Hochmuts und zur Belebung der wahren Demut und Liebe stets so, wie Ich den Juden erschienen bin. Wohl allen, die Mich also erkennen und aufnehmen, wie Mich der Johannes erkannt und aufgenommen hat laut seines Zeugnisses, das er Mir vor den Augen und Ohren der stolzen Priester und Leviten aus Jerusalem gab zu ihrem großen Ärger!
GEJ|1|5|21|1|Ev.Joh.1,29. Des anderen Tages sieht Johannes Jesum zu sich kommen und spricht: „Siehe, Das ist Gottes Lamm, Das der Welt Sünden trägt!“
GEJ|1|5|21|0|Er zeuget ihnen des nächsten Tages darauf, als diese Forscher noch zu Bethabara sich aufhielten und allda Erkundigungen machten, was alles dieser Johannes tue und worin hauptsächlich seine Predigten beständen, noch einmal von Mir, und zwar gerade bei der bekannten Gelegenheit, als Ich aus der Wüste zu ihm komme und von ihm verlange, daß er Mich taufe mit dem Wasser des Stromes.
GEJ|1|5|22|0|Schon als Ich Mich ihm nähere, macht er den Führer dieser Forscher, der über die Nacht das, was er von Johannes tags vorher vernommen hatte, in eine beachtenswerte Erwägung zog, auf Mich aufmerksam und sagt: „Sieh', Der dorther Kommende ist das Gottes-Lamm, Das alle Schwäche der Menschen auf Seine Schultern gelegt hat, auf daß die Menschen, die Ihn aufnehmen werden, ein neues Leben aus Ihm nehmen und in sich die Macht haben werden, aus solchem neuen Leben Gottes Kinder zu heißen; denn weder im Sturme noch im Feuer kommt Jehova, sondern im sanftesten Wehen nur kommt er.“
GEJ|1|5|23|1|Ev.Joh.1,30. „Dieser ist es, von Dem ich (gestern) gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, Der vor mir gewesen ist; denn Er war eher denn ich.“
GEJ|1|5|23|0|Johannes wiederholt hier noch einmal das, was er schon tags vorher zu den Forschern über Mich ausgesagt hatte, und zeugt einerseits von Mir, daß Ich gleichsam als ein Spiegel wahrer und notwendiger Demut des Menschen zu den Menschen komme und in solcher Demut zeuge, daß Ich den Menschen in ihrer Schwäche zu Hilfe komme, nicht aber in ihrer vermeintlichen Stärke, die sie freilich wohl nimmer besitzen; andererseits aber zeuget Johannes auch, daß das von ihm also benannte Gotteslamm dennoch Der ist, Der vor allem Sein war; denn der Ausdruck „Er war eher denn ich“ besagt soviel als: Johannes – seinen hohen Geist auf einen Moment in sich selbst erkennend – gibt dies den Forschern also zu verstehen, daß, obschon auch in ihm der gleiche Urgeist wohne einer und derselben Art und Beschaffenheit, er aber dennoch nur aus dem Grundurgeiste, Der allein in diesem Lamme wohne, nicht aus eigener Macht, sondern aus der alleinigen Macht dieses Urgrundgeistes in ein freies und völlig selbständiges Dasein hinausgestellt wurde; mit solcher Hinausstellung, da sie eine wirkliche Werktat des Urgrundgeistes ist, beginne dann auch eine erste Zeitperiode, vor welcher nichts war in der ganzen Unendlichkeit denn allein der Urgrundgeist Jehova, und zwar ganz also und Derselbe, als Der Er nun in diesem Gotteslamme vor ihnen sichtbar Sich befinde und von ihm (Johannes) getauft zu werden wünsche.
GEJ|1|6|1|1|6. – Johannes tauft den Herrn mit Wasser, dieser den Johannes mit dem Heiligen Geist. Des Vaters Zeugnis über Seinen Sohn. Winke über die damalige Schreibweise.
GEJ|1|6|1|1|Ev.Joh.1,31. „Ich aber kannte Ihn auch früher nicht; sondern um Ihn zu offenbaren in Israel bin ich gekommen, mit Wasser zu taufen (die Seiner Harrenden).“
GEJ|1|6|1|0|Natürlich fragten die Forscher darauf Johannes: „Seit wann kennst denn du diesen merkwürdigen Mann schon, und wie überkamst du das, was du nun von Ihm aussagst?“ – Hier antwortete Johannes ganz naturgemäß, daß auch er als Mensch Ihn früher nicht gekannt habe, sondern Sein Geist habe ihm solches geoffenbart und ihn auch getrieben, die Menschen auf Diesen vorzubereiten und sie zu waschen von ihren groben Sündenflecken mit dem Wasser des Jordans.
GEJ|1|6|2|1|Ev.Joh.1,32. Und Johannes zeugete und sprach (nach der Taufe) weiter: „(Als ich Ihn nun taufte,) sah ich, daß der Geist Gottes (zum Zeugnisse für mich) herabfuhr vom Himmel, gleichwie eine Taube sanft sich herabläßt, und dieser Geist blieb über Ihm.“
GEJ|1|6|2|0|Johannes gibt hier kund, daß auch er Mich zum ersten Male sieht leibhaftig vor ihm, und daß Mein Geist in ihm – ihm solches geoffenbart hat. Die Forscher sahen sich natürlich diesen Mann wohl an und beobachteten Ihn während der kurz dauernden Handlung der Wassertaufe, die an Mir zu begehen sich Johannes anfangs weigerte, und zwar mit dem wichtigen Bemerken: Ich solle wohl füglicher ihn taufen, denn er Mich; – aber auf Mein ausdrückliches Begehren, daß es also geschehen müsse, gab er nach und taufte Mich dennoch, sah aber, was Ich Selbst ihm durch Meinen Geist in seinem Geiste geoffenbart hatte, da Ich ihn nach Bethabara trieb, wie Gottes, das heißt Mein ewig ureigenster Geist Sich in der Erscheinlichkeit eines lichten Wölkchens, und zwar in der Art, wie eine Taube sich herabläßt, aus den lichtvollen Himmeln über Mich herabließ und also blieb über Meinem Haupte. Und dazu vernahm er zugleich die bekannten Worte:
GEJ|1|6|3|0|„Dies ist Mein geliebter Sohn, oder dies ist Mein Licht, Mein eigenes Urgrundsein, an Dem Ich als die urewige wesenhafte Liebe Mein Wohlgefallen habe, Diesen sollet ihr hören!“
GEJ|1|6|4|1|Ev.Joh.1,33. „Ich hätte Ihn sonst auch nicht erkannt; aber – Der mich sandte, zu taufen mit dem Wasser, sprach zu mir: Über Den du sehen wirst den Geist Gottes herabfahren und auf Ihm bleiben, Der ist er , Der mit dem heiligen Geist taufen wird.“
GEJ|1|6|4|0|Darum sagt Johannes: „Ich hätte Ihn sonst auch nicht erkannt!“
GEJ|1|6|5|1|Ev.Joh.1,34. „Ich sah es und zeuge nun, daß dieser ist wahrhaft Gottes Sohn.“
GEJ|1|6|5|0|Nach dieser Taufhandlung erzählte erst Johannes den Forschern, was er gesehen und gehört hatte, und behauptete auf Tod und Leben, daß der Getaufte, Den er schon bei Dessen Annäherung als das ihm geoffenbarte Gottes-Lamm angekündigt hatte, wahrhaftigst der von ganz Israel erwartete Messias ist; Dieser ist wahrhaft Gottes Sohn, das heißt, das urewige eigentliche Grundsein Gottes in Gott!
GEJ|1|6|6|0|Er, Johannes, habe selbst mit eigenen Augen Dessen Geist über Ihn Sich herablassen und über Ihm bleiben sehen, nicht als ob dieser Mann dadurch solchen Geist erst empfangen hätte, sondern die Erscheinung geschah nur ihm selbst zu einem Zeugnisse, da auch er Ihn eher nicht gekannt hatte.
GEJ|1|6|7|0|Es wirft sich hier aber von selbst die Frage auf, ob denn diese Boten aus Jerusalem von all dem mit ihren Augen und Ohren nichts bemerkt haben. Darauf diene zur stets und ewig gleichen Antwort: Nur den Unmündigen und Einfältigen wird es geoffenbart; den Weisen der Welt aber bleibt es verborgen und verhüllt.
GEJ|1|6|8|0|Also sahen hier die Boten aus Jerusalem auch nichts als nur die Wassertaufe allein und ärgerten sich nicht wenig, als ihnen Johannes kundgab, was er gesehen und vernommen hatte, sie aber von all dem nichts wahrnehmen konnten und daher den Johannes auch schmähten, daß er sie anlüge; aber da traten mehrere anwesende Jünger des Johannes hinzu und bezeugten, daß Johannes völlig die Wahrheit geredet hatte.
GEJ|1|6|9|0|Aber die Boten schüttelten die Köpfe und sprachen: „Johannes ist euer Meister, und ihr seid seine Jünger; darum bezeuget auch ihr seine Aussage. Wir aber sind gelehrt und weise in allen Dingen aus der Schrift, die von Gott ist durch Moses und durch die Propheten, und erkennen aus eurem Reden und Handeln, daß ihr samt eurem Meister Narren seid, nichts sehet und nichts wisset und mit eurer Narrheit viele Menschen verrückt machet, also, daß die Sache höchst mißfällig schon eine Zeitlang in den Ohren der Höchsten des Tempels liegt. Das Beste wird sein, euch mit Gewalt das Handwerk zu legen.“
GEJ|1|6|10|0|Johannes aber erregte sich und sprach: „Ihr Otterngezüchte, ihr Natternbrut! Meinet ihr dadurch dem Gerichte zu entgehen!? – Sehet, die Axt, mit der ihr uns vernichten möchtet, ist bereits an eure Wurzel gelegt; sehet zu, wie ihr dem Verderben entrinnen werdet! So ihr nicht in Sack und Asche Buße tut und euch nicht werdet taufen lassen, so werdet ihr zugrunde gerichtet werden!
GEJ|1|6|11|0|Denn wahrlich! Dieser war es, von Dem ich zu euch geredet habe: Nach mir wird kommen, Der vor mir gewesen; denn Er war eher denn ich. – Von Seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.“ (Dieses wird zum voraus schon im 15. und 16. Verse dieses Kapitels angeführt, aber noch nicht näher historisch beleuchtet.)
GEJ|1|6|12|0|Auf diese energischen Worte Johannis verbleiben einige und lassen sich von ihm taufen; der größte Teil aber zieht ganz ergrimmt von dannen.
GEJ|1|6|13|0|Diese Verse berichten ganz rein nur etwas Historisches und haben wenig inneren Sinn, der sich aber schon aus den vorhergehenden Erläuterungen gar leicht erkennen läßt. Nur muß hier erwähnt werden, daß solche Verse um so leichter gefaßt werden, wenn sie mit den damals von selbst sich verstehenden Umständen gegeben werden; denn in der Zeit, als der Evangelist das Evangelium niederschrieb, war es die Art und Weise, daß man alle möglichen Umstände, die sich irgend von selbst verstehen und annehmen ließen, als unnötige Sätze ausließ und bloß nur die Hauptsätze aufzeichnete und alle Nebenumstände, wie man heutzutage sagt, „zwischen den Zeilen lesen“ ließ. Um diese für diese Zeit sehr zu beachtende Sache näher zu beleuchten, wollen wir eben die hiernach angesetzten drei Verse in dieser Art etwas näher betrachten, und es wird sich die damalige Schreibart (Syntax) ganz genau ersehen und wohl erkennen lassen.
GEJ|1|7|1|1|Taufe. In der Wüste. Erste Jüngeraufnahme
GEJ|1|7|1|1|7. - Drei Verse als Beispiele der damaligen Schreibart
GEJ|1|7|1|1|Ev.Joh.1,35. Des folgenden Tages stand abermals Johannes (am Flusse des Jordan) und zwei seiner Jünger mit ihm.
GEJ|1|7|1|0|Ganz urtextlich lautet zum Beispiel der 35. Vers also: „Des andern Tages stand abermals Johannes und zween seiner Jünger.“ Hier fragt es sich: Wo stand er, und waren die zwei Jünger bei ihm, oder standen sie irgendwo auf einem andern Platze, nur zu gleicher Zeit? – Es muß hier jedem sogleich in die Augen fallen, daß hier weder der Standpunkt und noch weniger die Handlung der beiden Jünger bezeichnet ist.
GEJ|1|7|2|0|Ja warum hat denn der Evangelist solches Umstandes nicht erwähnt?
GEJ|1|7|3|0|Der Grund ist schon oben angedeutet worden; denn es versteht sich ja von selbst und hat sich besonders für jene Zeit, in der also zu schreiben Regel war, ganz bestimmt von selbst verstehen lassen müssen, daß Johannes am Flusse Jordan und daselbst unter einer Weide stand und allda harrete, ob jemand käme und sich von ihm taufen ließe. Und da er mehrere Jünger hatte, die seine Lehre hörten und sie auch aufzeichneten, so waren gewöhnlich zwei, manchmal, so es viel zu tun gab, auch mehrere ihm zur Seite und waren ihm bei seinen vielen Taufhandlungen behilflich und tauften wohl auch in seinem Namen und in seiner Art.
GEJ|1|7|4|0|Da also für die damalige Zeit alle solche Umstände bei denen, die um Johannes waren, zu bekannt waren, so wurden sie auch nicht aufgezeichnet; es war in dieser Zeit Regel, also zu schreiben, und einesteils auch Notwendigkeit ob Mangels des Schreibmaterials, und man zeichnete daher nur die Hauptsache auf und gab durch das einem Satze vorgesetzte Bindewort „und“ zu verstehen, ob die wie vereinzelt dastehenden Sätze zueinander in einer Beziehung stehen oder nicht. Aus dem Grunde hat man solche Bindewörter auch selten in Buchstaben, sondern in gewissen bekannten Zeichen den aufeinander Bezug habenden Hauptsätzen vorgesetzt.
GEJ|1|7|5|0|Diese hier gegebene Erklärung ist zwar keine an sich evangelische Erklärung; aber sie ist dennoch sehr notwendig, indem ohne sie sowohl die Evangelien in ihrem äußeren historischen Sinne in dieser Zeit kaum zu verstehen sind und somit noch weniger in ihrem inneren geistigen Sinne, am allerwenigsten aber die prophetischen Bücher des alten Testamentes, in denen statt ausgeführter Sätze bloß nur entsprechende Bilder vorkommen und natürlich von wie immer gearteten Umständeangaben keine Rede sein kann. Da wir nun aber solche Regeln des Altertums kennen, so wird es uns für die Folge auch nicht schwerfallen können, alle nachfolgenden Verse und Texte leichter zu verbinden, richtiger zu lesen und wenigstens den natürlichen, historischen Teil in ein helleres Licht zu stellen. Wir wollen solch eine kurze Analyse noch mit dem 36. und 37. Verse vornehmen und die gegebene Regel wird dadurch klarwerden.
GEJ|1|7|6|1|Ev.Joh.1,36. Und da er wieder Jesum (am Ufer des Jordan) wandeln sah, sprach er: „Siehe, Das ist Gottes Lamm!“
GEJ|1|7|6|0|Der 36. Vers heißt urtextlich: „Und als er sah Jesum wandeln, sprach er: Siehe, Das ist Gottes Lamm!“ Das „Und“ zeigt hier an, daß dieser Text mit dem vorhergehenden in irgendeiner Beziehung steht und historisch angibt, daß Jesus nach der erlangten Wassertaufe Sich noch einige Zeit in der Nähe des Johannes aufgehalten hat und daher sowohl von seinen zwei Jüngern wie von ihm selbst am Ufer des Jordans wandelnd gesehen ward.
GEJ|1|7|7|0|Als Johannes Seiner ansichtig wird, so faßt er sogleich alle seine Gedanken in eins zusammen und spricht in einer Art hoher Begeisterung wie für sich hin: „Siehe, Das ist Gottes Lamm!“ In dieser Zeit würde er ungefähr sich also ausgedrückt haben: „Da sehet hin! Am Ufer des Flusses wandelt noch heute der allerhöchste Gottmensch so anspruchslos und so demütig wie ein Lamm.“ Johannes aber übergeht alle diese näheren Bezeichnungen und sagt bloß, wie es im Verse steht.
GEJ|1|7|8|1|Ev.Joh.1,37. Und als die zwei Jünger Johannes also reden hörten, (verließen sie alsbald Johannes) und folgten Jesu nach.
GEJ|1|7|8|0|Der 37. Vers, der eigentlich die Folge der beiden vorhergehenden darstellt, fängt aus oben gezeigter Ursache wieder mit „Und“ an und zeigt nur ganz einfach das Geschehene an, nur höchst kurz den Grund berührend.
GEJ|1|7|9|0|Der Urtext heißt allereinfachst also: „Und zween seiner Jünger höreten ihn reden und folgten Jesu nach.“ In dieser Zeit könnte der Vers unbeschadet seines Verständnisses und Sinnes also lauten: Als aber die beiden Jünger, die bei ihm (Johannes) waren, ihren Meister also reden hörten, verließen sie ihn sogleich und begaben sich zu Jesu hin, und da Jesus sich nun von diesem Ort zu entfernen begann, so folgten sie Ihm nach.
GEJ|1|7|10|0|Alles das in dieser Texterweiterung Angeführte muß bei dieser Begebenheit mitgeschehen sein, da sonst das Faktum nicht ausführbar wäre. Aber, wie gesagt, nach der damaligen Schreibart werden bloß die zwei Begriffe „Hören“ und darauf das sogleiche „Nachfolgen“ berührt, alle Übergangs- und Bindesätze aber als von selbst sich verstehend ausgelassen. Wer diese gegebene Regel wohl auffaßt, der wird wenigstens den historischen Teil der Urschrift in einen verständlicheren Sinn zusammenfassen und dadurch auch den inneren Sinn sich leichter vorstellen können.
GEJ|1|8|1|1|8. - Die ersten Jünger des Herrn. Der Herr in der Wüste bei Bethabara. Berufung des Andreas und Petrus
GEJ|1|8|1|1|Ev.Joh.1,38. Jesus aber wandte Sich um, sah die beiden nachfolgen und sprach zu ihnen: „Was suchet ihr?“ Sie aber sprachen zu Ihm: „Rabbi (d. i. verdolmetscht: Meister), wo bist Du zur Herberge?“
GEJ|1|8|1|0|Auch dieser Text erscheint als eine Folge der vorhergehenden und ist mehr historisch als geistig; denn damit beginnt vorderhand die bekannte, in ihrer Art noch ganz materielle Aufnahme der Apostel, und zwar in derselben Gegend, wo Johannes sein Wesen hatte, und zwar zu Bethabara, einem allerarmseligsten Flecken, den arme Fischer bewohnten, aus welchem Grunde sich die beiden Jünger auch alsobald nach der Herberge erkundigen und gewisserart fragen, welche Hütte Ich bewohne.
GEJ|1|8|2|0|Denn da Ich Mich Selbst vor der Taufe bei vierzig Tage in dieser Gegend aufgehalten hatte und Mein menschliches Wesen durch Fasten und sonstige Übungen für das beginnende Lehramt vorbereitete, so ist es historisch auch klar und gewiß, daß Ich zu dem Behufe in diesem Flecken irgend eine Herberge haben mußte, die in ebenderselben wüsten und höchst unwirtlichen Gegend lag, die Ich für Mein Vorhaben als die tauglichste erkannte.
GEJ|1|8|3|0|Die beiden Jünger wußten das wohl, daß Ich schon einige Zeit in dieser Gegend zu Hause war; denn sie mochten Mich wohl schon etliche Male allda gesehen haben, ohne jedoch eine Ahnung zu haben, wer Ich sei; daher erkundigten sie sich auch alsbald nicht nach Meiner eigentlichen Geburtsheimat, sondern nur nach der Herberge im Orte zu Bethabara, der zumeist aus den allerdürftigsten Fischerhütten bestand, die aus Lehm und Schilf erbaut waren und oft kaum die Höhe hatten, daß ein Mann darin aufrecht stehen konnte.
GEJ|1|8|4|0|Und eine ähnliche Hütte, ziemlich tief in der Wüste, bewohnte denn auch Ich, die ein Werk Meiner Hände war. Von daher datieren sich noch heutzutage die fast in allen christlichen Landen vorkommenden Eremitagen.
GEJ|1|8|5|1|Ev.Joh.1,39. Er sprach zu ihnen: „Kommet und sehet es!“ Sie gingen mit Ihm und sahen es und blieben denselben Tag bei Ihm. Es war um die zehnte Stunde.
GEJ|1|8|5|0|Es war solche Herberge sonach nicht ferne von dem Orte, wo Johannes sein Wesen trieb; daher sagte Ich denn auch zu den beiden Jüngern: „Kommet und sehet!“, worauf die beiden Mir auch unbedingt folgten, mit Mir bald Meine Herberge erreichten und sich allda nicht wenig wunderten, daß der Gesalbte Gottes beinahe die allerunansehnlichste Hütte bewohne, die dazu noch in einer allerunwirtlichsten Gegend dieser Wüste sich befinde!
GEJ|1|8|6|0|Es geschah aber dies nicht etwa in der Zeit, innerhalb der in der Gegenwart die christlichen Gemeinden gewöhnlich die 40tägigen Fasten halten, sondern um zwei Monde später, und nach des Tages Zeit, als wir die Herberge erreichten, war es um die zehnte Stunde, also nach gegenwärtiger Zeitrechnung ungefähr um die dritte Stunde nachmittags; denn damals bestimmte der Aufgang der Sonne die erste Stunde des Tages. Da aber dieser nicht stets um die gleiche Zeit erfolgt, so können die damals angegebenen Tagzeiten, Stunden genannt, mit der gegenwärtigen Tageszeiteneinteilung in keine genaue, sondern nur in eine ungefähre Übereinstimmung gebracht werden; darum Ich denn auch oben sagte: Es war ungefähr um die dritte Stunde nachmittags, als Ich mit den beiden Jüngern die Herberge erreichte. – Da diese beiden Jünger diesen Tag bis zum Sonnenuntergang bei Mir zubrachten, so wird gewiß in eines jeden forschenden Lesers Gemüte die Frage entstehen, was wir drei in und bei Meiner Herberge in der Zeit von drei bis gegen acht Uhr gemacht haben. Denn geschrieben steht davon nirgends etwas. Diese Sache läßt sich ganz einfach sozusagen schon von selbst verstehen: daß Ich diese beiden von ihrer künftigen Bestimmung unterwies und ihnen auch zeigte, wie und wo Ich Mein Lehramt zuerst beginnen und wie Ich in dieser Gegend noch mehrere ihres Geistes und Willens zu Meinen Jüngern auf- und annehmen werde. Zugleich erteilte Ich ihnen auch den Auftrag, daß sie sich unter ihren Kollegen, die zumeist auch Fischer waren, erkundigen und beraten sollten, ob nicht welche geneigt wären, sich Mir anzuschließen. Das war diese Zeit hindurch unsere Unterhaltung. Als aber der Abend kam, entließ Ich die beiden, und sie begaben sich, zum Teil sehr heiter, zum Teil aber auch sehr nachdenkend, zu den Ihrigen zurück; denn sie hatten Weiber und Kinder und wußten nicht, was sie mit denselben machen sollten.
GEJ|1|8|7|1|Ev.Joh.1,40. Einer aus den zweien, die von Johannes (über Jesum) also reden hörten und darauf Jesus nachfolgten, war Andreas, ein Bruder Simon Petri.
GEJ|1|8|7|0|Einer aus den zweien mit Namen Andreas ist mit seinem Entschlusse bald fertig und will Mir um jeden Preis folgen; er sucht daher auch sogleich seinen Bruder Simon, der irgendwo noch mit seinen Fischnetzen zu tun hatte.
GEJ|1|8|8|1|Ev.Joh.1,41. Derselbe findet am ersten eben diesen Bruder Simon und sagt zu ihm: „Wir haben den Messias gefunden!“ (Messias heißt soviel als: der Gesalbte.)
GEJ|1|8|8|0|Als er ihn nach einigem Suchen findet, so hat er nichts Wichtigeres zu tun, als dem Simon über Hals und Kopf zu erzählen anzufangen, daß er den verheißenen Messias gefunden habe mit noch einem Jünger, dessen Entschluß kein so fester war, Mir zu folgen.
GEJ|1|8|9|1|Ev.Joh.1,42. (Simon wünscht Jesum zu sehen,) und Andreas führt in zu Jesus. Da ihn Jesus sah, sprach Er: „Du bist Simon, des Jonas Sohn; von nun an aber sollst du Kephas heißen (d.h. verdolmetscht: ein Fels)!“
GEJ|1|8|9|0|Als Simon von Mir also reden hört, äußert er lebhaft den Wunsch, Mich sobald als möglich zu sehen; denn er war bei der Taufe nicht zugegen gewesen. Andreas spricht: „Heute kann es nicht füglich mehr geschehen, aber morgen sollst du bei Tagesanbruch bei Ihm sein!“
GEJ|1|8|10|0|Spricht darauf Simon, der stets bei allem Tun vom Messias phantasierte und der Meinung war, daß der Messias der Armut helfen und die hartherzigen Reichen völlig vertilgen werde: „Bruder, da ist kein Augenblick zu verlieren; ich verlasse augenblicklich alles und folge Ihm bis ans Ende der Welt, so Er es verlangt. Führe mich daher nur sogleich zu Ihm hin; denn mich drängt es gewaltig, und ich muß Ihn heute noch sehen und sprechen. Die Nacht ist hell, und weit ist es bis zu Dessen Hütte nicht; daher machen wir uns nur sogleich auf den Weg zu Ihm hin! – Wer weiß es denn, ob wir Ihn morgen noch träfen?!“
GEJ|1|8|11|0|Auf solches Drängen führt ihn Andreas zu Mir hin. Als sich aber beide schon ziemlich spät in der Nacht Meiner Herberge nahen, bleibt Petrus vor süßer Entzückung bei dreißig Schritt vor derselben stehen und sagt zum Andreas: „Es wird mir sonderbar zumute! Mich ergreift ein erhaben süßes Bangen; kaum getraue ich mir noch einen Schritt fürbaß zu tun, und doch ist in mir, Ihn zu sehen, ein so heißes Verlangen!“
GEJ|1|8|12|0|Hier komme Ich aus Meiner Hütte den beiden Brüdern entgegen, was damit gesagt und gezeigt ist, daß Ich ihn sah; – es versteht sich von selbst, daß unter dem Von-Mir-Gesehen-Werden Mein Entgegenkommen bezeichnet ist, so jemand wie Simon vorzüglich im Herzen zu Mir kommt. Er wird deshalb von Mir auch sogleich erkannt, das heißt, angenommen, und ein neuer Name ist der erste Anteil für ihn an Meinem Reiche. Simon bekommt hier auch sogleich den Namen Kephas oder ein Fels im Glauben an Mich; denn Ich sah es schon lange, von welch einem Geiste Petrus belebt ist und war.
GEJ|1|8|13|0|Dem Petrus oder Simon war diese Meine Anrede ein hinreichender Beweis, daß Ich unfehlbar der verheißene Messias sei; er gab hinfort auch keinem Zweifel über Mich in seinem Herzen mehr Raum und fragte Mich auch mit keiner Silbe je, ob Ich wohl der Rechte wäre, denn sein Herz war ihm der allein sichere und gültige Bürge. – Beide blieben nun bis zum Morgen bei Mir und verließen Mich nachher nicht mehr.
GEJ|1|9|1|1|9. - Die Heimat des Petrus. Berufung des Philippus und des Nathanael
GEJ|1|9|1|1|Ev.Joh.1,43. Des anderen Tages wollte Jesus wieder nach Galiläa ziehen, und findet Philippus und sagt zu ihm: „Folge Mir nach!“
GEJ|1|9|1|0|Am Morgen sage Ich zu den beiden: „Meine Zeit in dieser Wüste ist zu Ende; Ich werde nach Galiläa ziehen, von wo Ich hierher kam. Wollet ihr mitziehen? Ich stelle es euch frei; denn Ich weiß es, daß ihr Weib und Kind habt und diese nicht leicht verlasset. Doch niemand, der Meinetwegen etwas verläßt, wird das Verlassene verlieren, sondern es nur vielfach wieder gewinnen.“
GEJ|1|9|2|0|Spricht darauf Petrus: „Herr! Dir zuliebe verlasse ich mein Leben, geschweige denn mein Weib und Kind! – Die werden leben auch ohne mich; denn ich bin ein Bettler und kann ihnen wenig Brotes schaffen; unsere Fischerei trägt kaum für den halben Mund eines Menschen, geschweige für eine Familie eine ersprießliche Nahrung! Mein Bruder Andreas ist mir ein guter Zeuge. Zu Bethsaida sind wir wohl geboren; aber die Nahrung mußten wir hier an diesen wüsten, aber dennoch ziemlich fischreichen Ufern des Jordans suchen, allwo wir nun auch vom Johannes getauft wurden. Unser Vater Jonas aber ist wohl bei Kräften und unsere Weiber und Schwestern auch; dazu den Segen von oben, und sie werden sich schon durchbringen!“ – Ich belobe darum beide, und wir machen uns auf den Weg.
GEJ|1|9|3|1|Ev.Joh.1,44. Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt des Andreas und Petrus.
GEJ|1|9|3|0|Auf dem Wege, der sich eine Zeitlang noch an den Ufern des Jordans hinzog, treffen wir Philippus, der, ebenfalls aus Bethsaida gebürtig, sich mit einem schlechten Netze schon in aller Frühe in den Wellen des Jordans ein Frühstück suchte. – Petrus machte Mich auf ihn aufmerksam und sprach: „O Herr! Dieser Mann leidet viel und ist sehr arm, aber dabei der ehrlichste und redlichste Mensch, voll wahrer Gottesfurcht in seinem Herzen! Wie wäre es denn, so Du ihn auch mitziehen ließest?“
GEJ|1|9|4|0|Auf solch lieblichen Antrag Petri aber sage Ich nichts als: „Philippus, folge Mir nach!“ Dieser läßt sich die Sache nicht zweimal sagen, wirft sein Netzwerk vor sich hin und folgt Mir, ohne zu fragen wohin. Am Wege erst sagt zu ihm Petrus: „Dem wir folgen, ist – der Messias!“ Philippus aber sagt: „Das hat mir schon mein Herz gesagt in dem Augenblick, als Er mich allerliebreichst berufen hat.“
GEJ|1|9|5|0|Philippus aber war ledig und bei den armen Fischern ein Lehrer, da er sich auf die Schrift so ziemlich verstand, und war mit Joseph von Nazareth persönlich bekannt, kannte somit auch Mich und wußte so manches, das sich bei Meiner Geburt und in Meiner Jugend zugetragen hatte. Er war auch einer von den wenigen, die in Meiner Person heimlich den Messias erhofften; aber da Ich von Meinem zwölften Jahre an nichts Wunderbares mehr verrichtete, sondern also lebte und arbeitete wie ein jeder andere ganz gewöhnliche Mensch, so verlor sich auch bei gar vielen Menschen der erste wunderbare Eindruck, den Meine Geburt bewirkte, ganz und gar; selbst die damals am meisten Erregten sagten, Meine Geburt sei bloß durch ein an sich selbst merkwürdiges Zusammentreffen aller möglichen Umstände und Erscheinungen also wunderlich berühmt geworden, mit denen aber Meine Geburt sicher in keinem Verbande stehe; auch habe sich das geniale Wesen Meiner Jugend derart gänzlich verloren, daß von selbem in Meinen männlicheren Jahren keine Spur irgend mehr anzutreffen sei! – Aber Philippus und noch einige wenige hielten bei sich eine gewisse Hoffnung auf Mich fest; denn sie wußten um die Weissagung Simeons und der Anna, die bei Meiner Beschneidung im Tempel geschah, und hielten darauf große Stücke.
GEJ|1|9|6|1|Ev.Joh.1,45. Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: „Wir haben Den gefunden, von Welchem Moses im Gesetze und die Propheten geschrieben haben; es ist Jesus, Josephs Sohn von Nazareth.“
GEJ|1|9|6|0|Als nun Philippus, der Mir folgte, auf dem Wege eigens suchend den Nathanael antrifft, als dieser unter einem Feigenbaume sitzend sein Fischergerät ausbessert, sagt er voll Inbrunst zu ihm: „Bruder, ich habe dich mit meinen Augen längs des schon ziemlich gestreckten Weges gesucht und bin nun von ganzem Herzen froh, dich gefunden zu haben; denn sieh', wir haben Den gefunden, von welchem Moses im Gesetze und die Propheten geschrieben haben; es ist dennoch Jesus, Josephs Sohn von Nazareth!“
GEJ|1|9|7|1|Ev.Joh.1,46. Und Nathanael sprach zu ihm: „Was kann von Nazareth Gutes kommen?!“ Spricht darauf Philippus: „Komm und schau es selbst!“
GEJ|1|9|7|0|Nathanael wird darauf fast ein wenig unwillig und sagt: „Wer kennt das schlechte Nest Nazareth nicht?! – Was Gutes kann wohl von diesem Neste kommen?! – Und (gewisserart von selbst verständlich) der Messias schon am allerwenigsten!“ Philippus aber sagt: „Ich weiß wohl, daß du in dieser Hinsicht stets mein Gegner warst, obschon ich dir meine Gründe dafür hundertmal vorgestellt habe. Aber komme nun und überzeuge dich selbst, und du wirst es selbst sagen, daß ich vollends recht gehabt habe!“
GEJ|1|9|8|0|Nathanael erhebt sich nachdenkend und sagt: „Bruder, das wäre ein Wunder der Wunder! Denn das Gesindel von Nazareth ist doch sicher das schlechteste von der ganzen Welt! Kann man mit einem Stücke römischen Blechs aus einem Nazaräer nicht alles machen, was man nur will?! In diesem Neste ist ja lange schon kein Glaube mehr, weder an Moses noch an die Propheten! Kurz, aus einem Nazaräer kannst du machen, was du willst, und es ist ja schon zu einem alten Sprichwort geworden, daß man sagt: Dieser oder jener ist noch schlechter als ein Nazaräer! Und du sagst, von dort ist der Messias, zu Dem du mich führen willst, daß ich Ihn sähe?! – Nun, nun, bei Gott ist wohl kein Ding unmöglich! Wir wollen es sehen!“
GEJ|1|9|9|1|Ev.Joh.1,47. Als Jesus den Nathanael zu Ihm kommen sieht, spricht Er laut zu ihm: „Sieh', ein rechter Israelite, in welchem kein Falsch ist!“
GEJ|1|9|9|0|Mit diesen Worten begibt sich Nathanael mit Philippus zu Jesus hin, Der unterdessen bei hundert Schritte dem Orte entlang ein wenig Ruhe genommen hatte. Als aber beide sich schon in der Nähe Jesu befinden, sagt Dieser laut: „Sehet, ein rechter Israelite, in welchem kein Falsch ist!“
GEJ|1|9|10|1|Ev.Joh.1,48. Nathanael spricht zu Ihm: „Woher kennst du mich denn?“ – Jesus antwortet und spricht zu ihm: „Ehe dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaume warst sah Ich dich.“
GEJ|1|9|10|0|Nathanael verwundert sich höchlichst über diese höchst wahre Zumutung, die ihm aus Meinem Munde laut entgegenkommt, und fragt sogleich: „Woher kennst du mich denn, daß du solches von mir aussagen kannst? Denn mein Inneres kann nur Gott und ich allein kennen; ich aber war niemals ein Prahler und ein offener Lobredner meiner Tugenden. Woher alsonach weißt du denn, wie ich beschaffen bin?“ – Ich aber sehe ihn an und sage: „Eher, als dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaume warst, sah Ich dich!“
GEJ|1|9|11|1|Ev.Joh.1,49. Nathanael antwortet und spricht zu Jesus: „Rabbi! – Du bist wahrhaft Gottes Sohn! Du bist der König von Israel!“
GEJ|1|9|11|0|Diese Meine Aussage über ihn setzt den Nathanael ins höchste Erstaunen, und alsogleich sagt er, durch und durch erregt in seinem Herzen: „Meister! Ganz abgesehen von dem, daß Du ein Nazaräer bist, bist Du dennoch wahrhaftig Gottes Sohn! Ja, Du bist unfehlbar der lange sehnsüchtigst erwartete König Israels, Der Sein Volk aus den Klauen der Feinde befreien wird! O Nazareth, o Nazareth, wie klein warst du, und wie groß wirst du nun! Die Letzte wird zur Ersten erhoben werden! O Herr! Wie schnell gabst Du mir den Glauben! – Wie ist das nun, daß aus mir jeder Zweifel wich und ich nun glaube in der Fülle, daß Du der verheißene Messias bist!“
GEJ|1|9|12|1|Ev.Joh.1,50. Jesus antwortet und spricht zu Nathanael: „Du glaubst, weil Ich dir gesagt habe: unter dem Feigenbaume (eher als dich Philippus rief) sah Ich dich. (Ich aber sage dir), du wirst noch Größeres denn das sehen!“
GEJ|1|9|12|0|Auf diese Frage Nathanaels antworte Ich erst also, wie es der vorliegende 50. Vers angibt, und zeige dadurch dem Nathanael, daß er zwar nun wohl glaubt, daß Ich der verheißene Messias bin; aber zu solchem Glauben ist er nun genötigt durch die in Mir entdeckte Allwissenheit, die nur in Gott sein kann, bemerke aber zu dem noch hinzu, wie er in der Folge noch Größeres sehen werde, womit Ich ihm aber soviel sagen will als: Du glaubst nun durch ein Wunder, in der Folge aber wirst du frei glauben!
GEJ|1|9|13|1|Ev.Joh.1,51. Und Jesus spricht weiter zu ihm: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage es euch, – von nun an werdet ihr die Himmel offen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren sehen auf des Menschen Sohn!“
GEJ|1|9|13|0|Und wahrlich, wahrlich, Ich sage es euch: Von nun an werdet ihr alle die Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren auf des Menschen Sohn, – was alles soviel sagen will als: In der Folge, so ihr aus Mir die Wiedergeburt eures Geistes werdet erlangen, dann werden die Pforten des Lebens aufgetan werden, und ihr werdet dann, als selbst Engel, eben die durch Mich in der Wiedergeburt zu Engeln und somit auch in diesen Engeln zu „Kindern Gottes“ gemachten Menschen vom Tode zum ewigen Leben (hinauf-)wandeln sehen, im Gegensatze auch viele urgeschaffene Engelsgeister aus allen Himmeln herab zu Mir, dem Herrn alles Lebens, fahren sehen und allda treten in Meine, in des Menschensohnes Fußstapfen, – folgend Meinem Beispiel und Zeugnis.
GEJ|1|9|14|0|Das ist demnach nun ein rechtes Verständnis des ersten Kapitels; aber darnach glaube ja niemand, als sei das Verständnis, das hier gegeben ist, ein schon alles erschöpfendes! Oh, das ist es nicht; wohl aber ist diese Gabe ein praktischer Wegweiser, nach dem ein jeder, der eines guten Willens ist, in allerlei Tiefen der göttlichen Weisheit eingeführt werden und allda ersehen und erkennen kann allerlei Lebenssinn in jedem einzelnen Verse. Zu allem dem aber ist, wie gesagt, diese Gabe eine wahre Hauptrichtschnur, nach der alles bemessen und gerichtet werden kann.
GEJ|1|10|1|1|Im Elternhaus zu Nazareth. Die Hochzeit zu Kana. Reise nach Jerusalem zum Osterfest.
GEJ|1|10|1|1|10. - Der Herr mit den ersten vier Jüngern im Elternhaus zu Nazareth. Marias irrtümliche Ansichten über das Wirken des Messias. Berufung des Jakobus, Johannes und des Thomas. Die Hochzeit zu Kana, ihre Entsprechung. Die drei Stufen der Wiedergeburt
GEJ|1|10|1|1|Ev.Joh.2,1. Und am dritten Tage ward eine Hochzeit zu Kana in Galiläa gehalten, und die Mutter Jesu war dabei.
GEJ|1|10|1|0|Durch das hier gleich im Anfange des ersten Verses vom zweiten Kapitel vorkommende „Und“ wird beurkundet, daß die beiden Kapitel ganz untereinander verbunden sind; denn es erhellt dies schon aus dem Umstand, daß diese Hochzeit in einer dem Hause Josephs sehr befreundeten Familie schon am erwähnten dritten Tage stattfindet, und zwar vom Tage an gerechnet, als Ich mit Meinen – bis zu dieser Begebenheit nur vier Jüngern Bethabara verließ und darauf einen vollen Tag in Gesellschaft dieser Meiner vier Jünger im Hause Josephs, der aber nicht mehr lebte, bei der Mutter Meines Leibes zubrachte, die sich mit Meinen andern Brüdern natürlich die größte Mühe und Sorgfalt nahm, uns nach Möglichkeit bestens zu bewirten.
GEJ|1|10|2|0|Denn Maria wußte es wohl in ihrem Herzen, daß nun Meine Zeit gekommen sei, als der verheißene Messias aufzutreten und zu wirken anzufangen; aber sie wußte die Art und Weise auch nicht, worin Mein Wirken bestehen werde. Auch sie glaubte vorderhand noch immer an die volle Vertreibung der Römer und an die Herstellung des mächtigen Thrones Davids und dessen darauf ruhenden, unverrückbaren und unbesiegbaren, göttlich herrlichen Ansehens, das von da an nimmer ein Ende nehmen werde.
GEJ|1|10|3|0|Die gute Maria und Meine ganze irdische Verwandtschaft stellte sich unter dem Messias auch noch gleichfort einen Besieger der Römer und anderer Feinde des gelobten Landes vor; ja, die Besten hatten von dem verheißenen Messias nahe dieselbe Vorstellung, wie in dieser Zeit viele aus der Zahl sonst ehrenhafter Menschen sich eine ganz verkehrte Vorstellung vom Tausendjährigen Reiche machen. Aber es war noch nicht an der Zeit, ihnen eine andere Vorstellung zu geben.
GEJ|1|10|4|0|Da alsonach Mein eigenes Haus, von der Maria angefangen, von solch einer Vorstellung vom künftigen Messias beseelt war, so ist es auch vollrechtlich anzunehmen, daß dann andere befreundete Familien keine bessere haben konnten.
GEJ|1|10|5|0|Aus eben dem Grunde aber ward Mir denn auch in vielen Familien die größte Aufmerksamkeit geschenkt, wie natürlich auch allen denen, die Ich als Meine Jünger bezeichnete, und es entschlossen sich daher auch Jakobus und Johannes, Meine Jünger zu werden, um dann mit Mir die Völker der Erde zu beherrschen! Denn sie hatten auch schon so manches vergessen, was Ich ihnen in Meiner Kindheit oft und so ziemlich deutlich vorausgesagt hatte.
GEJ|1|10|6|1|Ev.Joh.2,2. Jesus aber und seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen.
GEJ|1|10|6|0|Da Ich alsonach als ein bald auftretender Befreier vom römischen Joche in nahe allen besseren Häusern der ganzen Umgebung von Nazareth, ja in nahe ganz Galiläa, in solchem Rufe stand – obschon erst seit etlichen Monden, in denen Ich wieder einige dahin deutende Vorkehrungen zu treffen angefangen hatte, wodurch, wie so manches seit achtzehn Jahren Eingeschlafene und Vergessene, auch an Meiner Person hängende Verheißungen in den befreundeten Häusern wieder ein Leben zu gewinnen begannen, – so wurde Ich auch mit Meinen Jüngern, Meiner Mutter Maria und einer Menge von andern Verwandten und Bekannten sogar nach Kana, einem alten Städtchen in Galiläa, das eben nicht sehr ferne von Nazareth lag, zu einer sehr ansehnlichen Hochzeit geladen, bei der es recht heiter und fröhlich zuging, so daß die vier Jünger aus Bethabara zu Mir die Bemerkung machten:
GEJ|1|10|7|0|„Herr! Hier lebt es sich bedeutend besser als in Bethabara! Der arme Johannes wäre vielleicht auch sehr froh, wenn er an Stelle seiner ganz verzweifelt schlechten Kost, die zumeist in etwas überbrühten Heuschrecken und dem Honig wilder Bienen besteht, so ein Mahl einmal in seinem Leben einnehmen könnte?!“ (Es besteht in dieser Gegend wie auch in Arabien eine taubengroße Gattung von Heuschrecken, die so wie hierzulande die Krebse zubereitet und gegessen werden.)
GEJ|1|10|8|0|Worauf Ich ihnen antwortete: „Warum Johannes also leben muß, könnet ihr jetzt noch nicht fassen; denn er muß also leben, sonst würde die Schrift nicht erfüllt. Er wird aber bald in ein besseres Leben kommen. Jerusalem wird ihn nicht mehr lange in der Wüste sein Wesen treiben lassen; er wird von nun an abnehmen, damit dafür ein Anderer wachse!
GEJ|1|10|9|0|Was aber ist mit dem Jünger, der mit dir, Andreas, zuerst bei Mir war? Wird er nachkommen, oder wird er bleiben zu Bethabara?“ Spricht Andreas: „Siehe, er kommt schon, er hatte noch manches zu ordnen.“ – Sage Ich: „Also ist es gut! Denn wo es einen Kephas gibt, da muß es auch einen Thomas geben.“ Spricht Andreas: „Ja, das ist sein Name! Eine ehrliche Seele, aber dabei stets voll Skrupel und Zweifel; was er aber einmal erfaßt, das läßt er auch nimmer fahren, obschon er von einem allerfreigebigsten Herzen ist. Wegen solcher seiner Freigebigkeit hat er auch diesen Beinamen bekommen. – Er kommt, Herr, soll ich ihn hereinrufen, diesen Zwieling?“ Sage Ich: „Ja, tue das! – Denn wer in Meinem Namen kommt, soll bei der Hochzeit zu Gaste geladen sein!“
GEJ|1|10|10|1|Ev.Joh.2,3. Und da es am Weine gebrach, spricht die Maria zu Jesus: „Sie haben keinen Wein!“
GEJ|1|10|10|0|Nach der damaligen Sitte sollte ein ankommender neuer Gast mit einem Becher Weines bewillkommnet werden. Maria aber hatte schon einige Zeit bemerkt, daß der Weinvorrat bereits aufgezehrt war, und also auch sah sie, daß man den neuangekommenen Gast nach ordentlicher Sitte gar nicht werde bewillkommnen können; deshalb sagt sie insgeheim zu Mir: „Aber mein lieber Sohn, das wird gewisserart eine schöne Geschichte werden! Sie haben keinen Wein mehr! Du könntest wohl einen schaffen (wenigstens für diesen Neuangekommenen)?“
GEJ|1|10|11|1|Ev.Joh.2,4. Jesus spricht zu ihr: „Weib, was hast du mit Mir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“
GEJ|1|10|11|0|Worauf Ich der Maria eine sehr doppelsinnige Antwort vor allen Gästen, aber freilich in einer sehr sanften Sprache, gebe und ihr der damaligen, besonders um Nazareth üblichen Sitte wegen sage: „Weib (Mutter), was kümmert Mich und dich das?! – Ich als geladener Gast bin noch nicht an der Reihe, für den Wein Sorge zu tragen, Meine Zeit ist noch nicht gekommen!“ – (In dieser Zeit und Gegend mußte nämlich ein jeder geladene männliche Gast der Hochzeit eine freiwillige Gabe von Wein zur Steuer bringen. Es war aber eine gewisse Ordnung darin zu beachten, dernach der ersten Anverwandten Gaben zuerst verzehrt wurden, und waren diese zu Ende, so wurden nach dem Range erst die Gaben der nicht blutsverwandten Geladenen hergenommen.) Maria aber wußte, daß bereits aller Weinvorrat aufgezehrt war; so wandte sie sich denn an Mich, besonders, da nun ein neuer Gast ankäme und zu dessen Bewillkommnung nun kein Tropfen Weines mehr vorrätig sei, und forderte Mich gleichsam auf, diesmal die übliche Ordnung zu überspringen! Denn die Mutter hielt bei solchen Gelegenheiten viel auf die alte übliche gute Sitte. Obschon Ich Mich aber dazu nicht besonders geneigt zeigte, so kannte sie Mich aber dennoch, daß Ich ihr nie etwas unerfüllt gelassen habe, was sie einmal gewünscht hatte.
GEJ|1|10|12|1|Ev.Joh.2,5. Seine Mutter spricht zu den Dienern: „Was Er euch sagen wird, das tuet!“
GEJ|1|10|12|0|Und so wandte sie sich denn auch an die Tafeldiener in gutem Vertrauen auf Mich und sagte zu ihnen: „Was mein Sohn euch sagen wird, das tuet!“ –
GEJ|1|10|13|0|Soweit geht das eigentlich Historische dieser Verse des zweiten Kapitels; innerhalb dieser historischen Begebenheit oder – wie man sagt – über solche Historie hinaus aber erwahrt sich schon ein geistiger und deshalb prophetischer Sinn, der aber bei innerem Denkvermögen sich überaus leicht finden läßt.
GEJ|1|10|14|0|Wem kann es entgehen, daß zwischen dieser Hochzeit, die am dritten Tage nach Meiner Rückkunft aus der Wüste Bethabara geschah, und zwischen Meiner Auferstehung, die eben auch am dritten Tage nach Meiner Kreuzigung geschah, eine der auffallendsten Entsprechungen obwaltet?
GEJ|1|10|15|0|Es ward alsonach durch diese Hochzeit im prophetischen Geiste angezeigt, was nach drei Jahren sich mit Mir ereignen werde, und eben also auch, im etwas weiteren Sinne, daß Ich nach drei Jahren mit allen Meinen Bekennern und wahren Liebhabern als ein ewiger Bräutigam eine wahre Hochzeit in ihrer Wiedergeburt zum ewigen Leben gewiß und sicher halten werde!
GEJ|1|10|16|0|Im allgemeinen praktischen Sinn aber bezeugt diese Hochzeitsgeschichte, die – wohlverstanden – drei Tage nach Meiner Rückkunft aus der Wüste erfolgte, auch die drei Stadien, die ein jeder Mensch durchzumachen hat, um zur Wiedergeburt des Geistes oder zu der ewigen Lebenshochzeit im großen Kana des himmlischen Galiläa zu gelangen.
GEJ|1|10|17|0|Die drei Stadien aber sind: zuerst die Bezähmung des Fleisches, dann die Reinigung der Seele durch den lebendigen Glauben, der sich natürlich durch die Werke der Liebe als lebendig erweisen muß, ansonst er tot ist, und endlich die Erweckung des Geistes aus dem Grabe des Gerichtes, wozu in der Erweckung des Lazarus sicher das vollsinnigst entsprechende Bild gegeben ist. Wer über diese Beleuchtung ein wenig nachdenkt, der wird sich in allem folgenden leicht zurechtfinden.
GEJ|1|10|18|0|Da wir hier sonach den geistigen Sinn entwickelt haben, und zwar in dem, was diese Hochzeitsgeschichte im allgemeinen besagt, so wollen wir wieder zum weiteren Verlaufe dieser Hochzeit zurückkehren und am Ende dieser Geschichte die sonderheitlichen Entsprechungen durchgehen.
GEJ|1|11|1|1|11. - Das Weinwunder bei der Hochzeit zu Kana. Des Petrus Bekenntnis. Des Herrn Zeugnis über Seine Mission
GEJ|1|11|1|1|Ev.Joh.2,6. Es waren allda sechs steinerne Wasserkrüge, gesetzt nach der Weise der jüdischen Reinigung; es faßte aber ein jeder dieser Krüge 2 bis 3 Maß.
GEJ|1|11|1|0|Nachdem die Maria zu den Dienern gesagt hatte: „Was Er euch sagen wird, das tuet!“, so sagte Ich denn auch zu den Dienern, daß sie die sechs steinernen Wasserkrüge, die da zur Reinigung der Juden bestimmt waren, auf die aber eben die Nazaräer und Kanaiter nicht mehr viel hielten, darum diese Krüge hier auch mehr zur Parade als zum bestimmten Gebrauch aufgestellt waren und je 2 bis 3 Maß hielten, mit Wasser voll anfüllen sollten.
GEJ|1|11|2|1|Ev.Joh.2,7. Jesus spricht: „Füllet die Krüge mit Wasser!“ – Und sie fülleten sie bis oben an.
GEJ|1|11|2|0|Die Diener taten das sogleich, aber mehr in der Meinung, daß sich der neuangekommene Gast nach altem Brauche waschen und reinigen könnte. – Der Gast trat ein und ward zur Tafel gesetzt, ohne sich vorher die Hände gereinigt zu haben. Solches fällt nun den Dienern auf, daß sie sich untereinander fragten: „Warum haben wir denn diese schweren Krüge mit Wasser füllen müssen? Dieser Gast macht keinen Gebrauch davon, und uns hat es eine unnötige Arbeit gemacht!“ – Sage darauf Ich zu ihnen: „Warum fragtet ihr denn früher nicht, daß ihr nun murret ob solcher Arbeit?! Habt ihr denn nicht zuvor gehört, was Maria zu Mir geredet hatte, nämlich, daß die Gäste keinen Wein mehr haben? Obschon aber Meine Zeit, weder nach der Gebrauchsordnung noch geistig völlig da ist, so habe Ich aber doch, um die Herrlichkeit Dessen, von Dem sie sagen, daß Er ihr Gott sei, Ihn aber noch nie erkannt haben, zu offenbaren, das Wasser in den Krügen, nicht etwa durch eine Art Zauberei, sondern lediglich durch die Kraft Gottes, die in Mir ist, in Wein umgestaltet.“
GEJ|1|11|3|1|Ev.Joh.2,8. Und Jesus spricht weiter zu den Dienern: „Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister!“ Und die Diener taten dies sogleich.
GEJ|1|11|3|0|„Nehmet nun einen Becher voll und traget ihn zuvor zum Speisemeister (Koch) zum Verkosten; er solle darüber sein Urteil abgeben!“ – Die Diener, ganz verblüfft über solche Umwandlung des Wassers, bringen diesen Wein sogleich dem Koche zum Verkosten.
GEJ|1|11|4|1|Ev.Joh.2,9. Als der Speisemeister kostete den Wein, der Wasser gewesen war, und also nicht, wie die Diener, es wußte, von wannen er kam, rufet er den Bräutigam.
GEJ|1|11|4|0|Der Koch macht große Augen und läßt sogleich den Bräutigam zu sich kommen und sagt zu ihm: „Aber du weißt von der Ordnung wohl noch nichts!?“
GEJ|1|11|5|1|Ev.Joh.,10. Und sagt zu ihm: „Jedermann gibt zuerst den guten Wein, und so die Gäste trunken geworden sind, alsdann erst den geringeren; du aber hast den guten bisher behalten!“
GEJ|1|11|5|0|„Setzet denn nicht jedermann zuerst den guten Wein den Gästen vor und erst, wann sie etwas trunken geworden sind und ihr Gaumen schon mehr abgestumpft ist, einen geringen? – Du aber machst es gerade umgekehrt!“
GEJ|1|11|6|0|Der Bräutigam aber erwiderte: „Du redest hier wie ein Blinder von der Farbe! Sieh, dieser Wein ist nie irgendwo auf der Erde gekeltert worden, sondern kam, wie einst das Manna, aus den Himmeln auf unsern Tisch; und deshalb muß er freilich wohl besser sein als jeder irgendwo auf der Erde vorkommende Wein!“
GEJ|1|11|7|0|Sagt der Koch: „Hältst du mich für einen Narren, oder bist du selber einer?! Wie kann denn ein Wein aus den Himmeln auf deinen Tisch kommen?! Es müßte Jehova Selbst oder doch Sein Knecht Moses zu Tische sitzen!“
GEJ|1|11|8|0|Der Bräutigam aber sprach: „Komm und überzeuge dich von allem selbst!“
GEJ|1|11|9|0|Der Koch geht sogleich mit dem Bräutigam in den Speisesaal und beschaut die sechs Krüge, daß sie voll Weines bester Art waren. Als er sich also von dem Wunder überzeugt, spricht er: „Herr, vergib mir meine Sünden! So etwas kann nur Gott tun, und Gott muß hier unter uns sein! Denn so etwas ist keinem Menschen möglich.“
GEJ|1|11|10|0|Es wurde aber nun der Wein den Gästen vorgesetzt, und als diese ihn verkosteten, sprachen sie alle: „Solcher Wein wird in unseren Landen nicht gekeltert! – Das ist wahrhaft ein Himmelswein! Ehre dem, welchem Gott solche Macht gegeben hat!“
GEJ|1|11|11|0|Darauf tranken sie Mir und dem neuangekommenen Gaste Thomas Glück und Willkommen zu.
GEJ|1|11|12|0|Alle aber, die da waren bei dieser Hochzeit, glaubten nun vollends, daß Ich unfehlbar der verheißene Messias bin.
GEJ|1|11|13|0|Petrus aber sagte zu Mir insgeheim: „Herr, laß mich wieder von dannen ziehen! – Denn Du bist Jehova Selbst, wie Dein Knecht David von Dir geweissagt hat in seinen Psalmen; ich aber bin ein armer Sünder und Deiner durch und durch unwert!“
GEJ|1|11|14|0|Sage Ich zu ihm: „So du dich für unwürdig hältst, an Meiner Seite zu wandeln, wen hältst du dann für würdig? Sieh, Ich bin nicht gekommen zu den Starken, so sie irgendwo seien, sondern nur zu den Schwachen und Kranken kam Ich. So jemand gesund ist, bedarf er des Arztes wohl nicht; nur der Kranke und Schwache bedarf des Arztes. Bleibe du daher nur ganz guten Mutes bei Mir, denn Ich habe dir deine Sünden schon lange vergeben, und so du auch an Meiner Seite sündigen wirst, werde Ich dir es auch vergeben; denn nicht in deiner Stärke, sondern in deiner Schwäche, darum du Mich erkannt hast und nun schon ein Fels im Glauben bist, sollst du vollendet werden durch die alleinige Gnade von oben!“
GEJ|1|11|15|0|Auf solche Meine Belehrung kommen Petrus die Tränen, und er sagt mit großer Begeisterung: „Herr, – so Dich alle verlassen sollten, da werde ich Dich dennoch nicht verlassen; denn Deine heiligen Worte sind Wahrheit und Leben!“
GEJ|1|11|16|0|Nach diesen Worten erhebt sich Petrus, nimmt den Becher und spricht: „Heil dir, Israel, und dreimal Heil uns! Denn wir sind Zeugen der erfüllten Verheißung. Gott hat Sein Volk heimgesucht. Was schwer zu glauben war, ist nun vor unseren Sinnen erfüllt! Nun dürfen wir nicht mehr schreien aus der Tiefe zur Höhe; denn die Höhe der Höhe ist zu uns in die Tiefe der Tiefe unseres Elends gekommen! – Darum alle Ehre Dem, Der unter uns ist und uns aus Seiner Macht und Gnade diesen Wein gegeben hat, auf daß wir an Ihn glauben und von nun an in Ihm Gott die Ehre geben sollen!“ – Darauf trinkt Petrus, und alle trinken ihm zu und sagen: „Dies ist ein rechter Mann!“
GEJ|1|11|17|0|Ich aber sage mehr insgeheim zu Petrus: „Dein Fleisch hat dir das nicht gegeben; sondern der Vater, Der in Mir ist, hat es deinem Geiste geoffenbart. Aber von nun an halte mit deiner Stimme noch zurück; es wird aber eine Zeit kommen, in der du also schreien sollst, daß dich alle Welt vernehmen möge!“ – Darauf trat wieder Ruhe unter die Gäste, und durch diese Tat glaubten nun alle an Mich und sahen in Mir den wahren Messias, Der gekommen sei, um sie von allen Feinden loszumachen.
GEJ|1|11|18|1|Ev.Joh.2,11. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, und es also geschehen ist zu Kana in Galiläa, und Er Seine Herrlichkeit offenbarte. Und Seine Jünger glaubten nun fest an Ihn.
GEJ|1|11|18|0|Es war dies auch das erste außerordentliche Zeichen, das Ich beim Antritt des großen Erlösungswerkes vor den Augen vieler verrichtet hatte und zeigte in diesem Zeichen, wenn auch verhüllt, das folgende große Werk; aber das begriff von der ganzen Gesellschaft auch nicht einer. – Denn wie Mein Fasten in der Wüste die Verfolgung, die Mir in Jerusalem vom Tempel aus zuteil ward, und die Taufe Johannis Meinen Kreuzestod vorandeutete, also deutete diese Hochzeit Meine Auferstehung an, und das Zeichen ward ein Vorbild der Wiedergeburt des Geistes zum ewigen Leben.
GEJ|1|11|19|0|Denn also wie Ich das Wasser in den Wein verkehrte, wird auch des Menschen naturmäßig Sinnliches in den Geist verwandelt werden durch das Wort aus Meinem Munde, so er danach lebet!
GEJ|1|11|20|0|Aber es solle auch ein jeder den Rat in seinem Herzen genau befolgen, den Maria den Dienern gab, indem sie sagte: „Was Er sagen wird zu euch, das tuet!“, dann werde Ich auch an einem jeden das tun, was Ich zu Kana in Galiläa getan habe, nämlich ein rechtes Zeichen, an und aus dem nun ein jeder, der nach Meinem Worte lebt, die Wiedergeburt des Geistes in sich selbst leichter erkennen wird.
GEJ|1|12|1|1|12. - Der Herr mit den Seinen in und bei Kapernaum. Verheißung des Jesajas. Beginn der Lehrtätigkeit des Herrn. Der Herr auf dem Osterfest in Jerusalem. Winke über die damalige Osterzeit.
GEJ|1|12|1|1|Ev.Joh.2,12. Danach zog Er hinab gen Kapernaum, und Seine Mutter, Seine Brüder und Seine Jünger zogen mit Ihm, blieben aber nicht lange daselbst.
GEJ|1|12|1|0|In sieben Tagen nach dieser Hochzeit verließ Ich Nazareth und zog mit Maria, Meinen fünf Brüdern, von denen zwei zu Meinen Jüngern gehörten, und mit den bis dahin aufgenommenen Jüngern hinab gen Kapernaum, einer damals ziemlich bedeutenden Handelsstadt, die an der Grenze von Zebulon und Naphthalim und also inmitten dieser zwei Provinzen am Galiläischen Meere liegt, und das nicht ferne von dem Orte, wo Johannes am jenseitigen Ufer des Jordans in der Gegend Bethabara taufte, solange dieser oft ganz wasserleere Fluß eine rechte Menge Wassers hatte.
GEJ|1|12|2|0|Man würde hier fragen, was Ich denn so ganz eigentlich in dieser schon nahe ganz heidnisch gewordenen Stadt suchte. – Man lese nur den Propheten Jesajas 9,1 usw.; allda wird man finden, wie es also geschrieben stehet: „Das Land Zebulon und das Land Naphthalim am Wege des Meeres, jenseits des Jordans, und das heidnische Galiläa, dies Volk, das in der Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und allen, die da saßen am Orte und im Schatten des Todes, ist ein mächtig Licht aufgegangen.“
GEJ|1|12|3|0|Und so man das im Jesajas gefunden hat und weiß, daß Ich die Schrift von A bis Z erfüllen mußte, so wird man auch ganz leicht einsehen, warum Ich Mich von Nazareth gen Kapernaum begeben habe. Zudem waren in dieser Gegend auch noch zwei Jünger, ein Jakobus und ein Johannes, Söhne Zebedäi, aufzunehmen; diese waren auch Fischer und fischten im Galiläischen Meer, nicht ferne von der Mündung des Jordans und auch nicht ferne vom Fischerplatze Petri und Andreä, welche beide auch im Meere zu fischen berechtigt waren.
GEJ|1|12|4|0|Als diese Jünger auch aufgenommen waren und Mich erkannt hatten aus Meinen Worten und aus dem gewaltigen Zeugnisse derer, die mit Mir waren, so begann Ich denn auch alsobald ordentlich die Menschen zu lehren und ermahnte sie zur Buße, dieweil das Gottesreich nahe herbeigekommen sei. Ich ging in ihre Synagogen und lehrte darinnen. Mehrere glaubten, aber viele ärgerten sich und wollten ihre Hände an Mich legen und Mich von einem Berge ins Meer stürzen. Ich aber entging ihnen mit allen, die mit Mir waren, und besuchte einige kleine Orte am Galiläischen Meer, verkündigte das Gottesreich und machte viele Kranke gesund, und die Armen und Gemeinen glaubten und nahmen Mich wohlgefällig auf; und mehrere aus ihnen schlossen sich an Mich an und folgten Mir, wie die Lämmer ihrem Hirten, allerorts nach.
GEJ|1|12|5|0|In Kapernaum hielt Ich Mich daher nur kurze Zeit auf, indem allda nahe kein Glaube und noch weniger Liebe daheim war; denn diese Stadt war ein Ort des Handels und des Krämertums. Wo aber Handel und Krämerei getrieben wird, da haben Glaube und Liebe den Abschied im Vollmaße erhalten. Wo aber diese beiden verabschiedet sind, da gibt es für Mich wenig oder nichts zu tun.
GEJ|1|12|6|1|Ev.Joh.2,13. Und der Juden Ostern war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
GEJ|1|12|6|0|Es war aber ohnehin das Osterfest der Juden herangekommen, und Ich zog dann mit allen, die bei Mir waren, hinauf nach Jerusalem. Aber man stelle sich das Osterfest der eigentlichen Juden nicht in der Zeit vor, wie sie nun in dieser Zeit in den verschiedenen christlichen Gemeinden für dies ähnliche Fest bestimmt wird, manchmal schon sogar im Monat März, sondern um nahe ein ganzes Vierteljahr später hinaus! Denn bei dem Osterfeste ward für des Jahres erste Fechsung (Ernte), die in Gerste, Korn und Weizen bestand, dem Jehova gedankt, und man aß da schon das neue Brot, das aber nach dem Gesetze ungesäuert war, und niemand in dem Lande durfte in dieser Zeit ein gesäuertes Brot essen.
GEJ|1|12|7|0|Es konnte daher dieses Fest der ungesäuerten Brote erst dann stattfinden, wenn das neugeerntete Getreide schon zu Mehl gemacht werden konnte, nicht aber in einer Zeit, in der das Getreide sozusagen erst gesät wird. Es wird zwar das Getreide in Judäa wohl, wenn das Jahr gut dienet, um 14-20 Tage eher reif als hier; aber vor Ende des Monats Mai wird das Korn und der Weizen sogar in Ägypten selten ganz hereingebracht, geschweige in Judäa, allda es schon bedeutend kühler ist als in Ägypten.
GEJ|1|12|8|0|Es war aber die Zeit der ungesäuerten Brote alsonach da, und wie oben gezeigt, zog Ich denn mit allen, die bei Mir waren, hinauf nach der Hauptstadt der Juden, die auch „die Stadt Gottes“ hieß; denn Jerusalem heißt eben verdolmetscht soviel als „die Stadt Gottes“.
GEJ|1|12|9|0|Da aber in der Zeit stets viel Volkes nach Jerusalem kam, auch viele Heiden, die da kauften und verkauften allerlei Waren, als Gerätschaften, Webereien, Vieh und Früchte aller Art, so hatte dieses Fest in der Zeit das geheiligte Ansehen ganz verloren, und die Gewinnsucht nötigte sogar das Priestertum, die Höfe und Vorhallen des Tempels für diese Zeit an die Kaufleute, ob Juden oder Heiden, um einen ganz bedeutenden Betrag zu vermieten, so daß solch eine Tempelmiete für die Festdauer über tausend Silberlinge ausmachte, was in der Zeit eine ungeheuer große und gewichtige Summe war und gegenüber den Sachen mehr galt, als in der gegenwärtigen Zeit hunderttausend Gulden.
GEJ|1|12|10|0|In der letzteren Zeit, unter dem Hohenpriester Kaiphas, zog Ich hinauf nach Jerusalem. – Der verstand es, diese Würde, die natürlich sehr einträglich war, auf mehr als ein Jahr an sich zu bringen; denn die Beachtung des Mosaischen Gesetzes war in der Zeit zu einer allerleersten Zeremonie herabgesunken, und kein Priester hielt in der Wahrheit mehr darauf als auf einen vor hundert Jahren gefallenen Schnee; aber was dafür die eitel leerste Zeremonie betrifft, so war diese, um das arme Volk so recht bergdick breitzuschlagen, auf den höchsten Punkt gediehen.
GEJ|1|12|11|0|Er vermietete sogar im innern Teile des Tempels gewisse Plätze an die Taubenkrämer und einige kleine Wechsler. Denn diese kleinen Wechsler hatten kleine Münzen, als Groschen und Stater, und gaben denen, die kleinerer Münzen bedurften, gegen ein gewisses Agio diese für die Silberlinge, für römische Goldstücke und fürs römische Viehgeld (pecunia); denn die Römer hatten, um das Vieh zu kaufen, ein eigenes Geld. Je nachdem ein oder das andere Tier auf einer solchen Münze geprägt war, mußte man dasselbe Tier auch um eine solche Münze zum Kaufe bekommen, vorausgesetzt, daß dem Inhaber das Vieh verkäuflich war. Für solches Viehgeld konnte man bei den großen und kleinen Wechslern aber auch ein anderes Kursgeld bekommen; nur war das Agio stärker als bei anderen Geldsorten.
GEJ|1|13|1|1|Die Tempelreinigung
GEJ|1|13|1|1|13. - Marktgreuel im Tempel am Osterfest. Die Reinigung des Tempels durch den Herrn
GEJ|1|13|1|1|Ev.Joh.2,14. Und er fand im Tempel sitzen, die da Ochsen Schafe und Tauben feil hatten, und die Wechsler.
GEJ|1|13|1|0|Als Ich sonach bei dieser Meiner Ankunft in Jerusalem die Sache also fand, daß die Menschen sich vor lauter Vieh und deren Verkäufern kaum mehr in den Tempel getrauten, da manchmal ein oder der andere Ochs wild wurde und dabei Menschen und gottgeweihte Sachen beschädigte, und weil fast jeder Mensch, der den Tempel besuchte, oft vor Gestank und Lärm es nicht aushalten konnte, dabei nicht selten um alle seine nötige Habe kam, so mußte solche Schändlichkeit Mich endlich denn doch nahe ordentlich zu verzehren beginnen, und Petrus und Nathanael sagten zu Mir: „Herr, hast Du denn keine Blitze und keine Donner mehr?! Da sieh hin! Die armen Menschen weinen vor dem Tempel; sie kommen weither, um Gott die Ehre zu geben, und können vor lauter Ochsen und Schafen, mit denen der Tempel angestopft ist, gar nicht hineinkommen, und viele klagen, die mit Mühe und Gefahr in den Tempel und wieder aus demselben kamen, daß sie darin völlig ausgeraubt worden und vor Gestank nahe erstickt wären! – Ah, das ist denn doch zu stark arg und schlecht! – Solch einem gar zu argen Unfuge muß um jeden Preis Einhalt gemacht werden; denn das ist ja bei weitem über Sodom und Gomorrha!“
GEJ|1|13|2|0|Solche Rede behorcht ein fremder alter Jude, tritt hinzu und spricht: „Liebe Freunde, ihr wißt nicht alles; ich aber war vor drei Jahren selbst ein gemeiner Knecht im Tempel und habe da Dinge erfahren, vor denen mir Haut und Bein erschauderte!“
GEJ|1|13|3|0|Sage Ich: „Freund, behalte es bei dir, denn Ich weiß um alles, was da vorgegangen ist. Aber sei versichert, das Maß ist voll geworden, und heute noch sollet ihr Gottes Macht und Zorn durch den Tempel walten sehen. Entfernet euch aber auf eine Weile von den Toren des Tempels, auf daß ihr nicht beschädigt werdet, wenn nun bald Gottes Macht die Frevler aus dem Tempel treiben wird; sie werden nachher solchen Frevel nicht mehr wagen.“
GEJ|1|13|4|0|Hierauf entfernte sich dieser Jude und lobte Gott; denn er hielt Mich nach solcher Rede für einen Propheten, ging zu seiner Schar und erzählte ihr das, was er von Mir vernommen hatte; und die Schar, aus etlichen hundert Menschen, jung und alt, bestehend, frohlockte und fing an, laut Gott zu preisen, daß Er wieder einen mächtigen Propheten erweckt habe.
GEJ|1|13|5|1|Ev.Joh.2,15. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, samt den Schafen und Ochsen und verschüttete den Wechslern ihr Geld und stieß ihre Tische um.
GEJ|1|13|5|0|Ich aber sagte zum Petrus: „Gehe hin dort zu dem Seiler, kaufe ihm drei starke Stricke ab und bringe sie hierher!“ – Petrus tat das sogleich und brachte Mir drei starke Stricke, die Ich schnell zusammenflocht und Mir sonach eine starke Geißel anfertigte. Mit dieser Geißel in Meiner Rechten sagte Ich zu allen, die mit Mir waren, und zu Meinen Jüngern: „Kommt nun mit Mir in den Tempel und seid Zeugen; denn es soll sich nun Gottes Macht und Herrlichkeit an Mir abermals vor euren Augen bewähren!“
GEJ|1|13|6|0|Nach diesen Worten ging Ich natürlich voran in den Tempel, und wie Ich ging, wich alles zurück, und die Mir folgten, hatten nach Mir einen guten Weg; freilich war der Boden voll Geflades und Unrats.
GEJ|1|13|7|0|In der letzten Vorhalle des Tempels angelangt, in der die vorzüglichsten Ochsen- und Schafhändler ihr Vieh zum Verkauf aufgestellt hatten, und zwar auf der linken Seite, während die rechte Seite durch alle drei Hallen die Wechsler im Beschlage hatten, stellte Ich Mich auf die Torstufen und sagte mit einer donnerähnlich starken Stimme: „Es stehet geschrieben: Mein Haus ist ein Bethaus; ihr aber machet es zu einer Mördergrube! – Wer hat euch dazu ein Recht erteilt, den Gottestempel also zu entheiligen!?“
GEJ|1|13|8|0|Sie aber schrieen: „Wir haben unser Recht vom Hohenpriester teuer erkauft und stehen unter seinem Schutze und unter dem Schutze Roms.“
GEJ|1|13|9|0|Sage Ich: „Unter solchem Schutze stehet ihr wohl; aber Gottes Arm ist wider euch und eure Schutzmeister. Wer wird euch vor Diesem in Schutz nehmen, so Er über euch und eure Schutzmeister ausgestreckt wird?!“
GEJ|1|13|10|0|Sagen die Verkäufer und Wechsler: „Im Tempel wohnet Gott, und die Priester sind Gottes; können diese wider Seinen Rat etwas tun? – Wen sie schützen, den schützt auch Gott!“
GEJ|1|13|11|0|Sage Ich mit einer sehr lauten Stimme: „Was redet ihr unsinnigen Frevler? Die Priester sitzen wohl noch auf den Stühlen Mosis und Aarons; aber sie dienen nicht mehr Gott, sondern dem Mammon, dem Teufel dienen sie, und ihr Recht und euer Recht ist ein Recht der Teufel und ewig nie ein Gottesrecht! Darum erhebet euch nun augenblicklich und räumet die Hallen, sonst soll es euch übel ergehen!“
GEJ|1|13|12|0|Da fingen sie an zu lachen und sagten: „Da seht einmal die Keckheit dieses gemeinsten Nazaräers an! – Werfet ihn doch geschwinde zum Tempel hinaus!“ Darauf erhoben sie sich und wollten Hand an Mich legen.
GEJ|1|13|13|0|Hier erhob Ich Meine Rechte mit der Strickgeißel und fing an, sie über ihre Köpfe mit göttlicher Gewalt zu schwingen; wen die Geißel traf, der wurde augenblicklich von heftigsten, nahe unaushaltbaren Schmerzen befallen, und eben also auch das Vieh. Es entstand im Augenblick ein fürchterliches Menschen- und Viehgeheul, und das Vieh floh gewaltig und stieß, was ihm in den Weg trat, nieder, und ebenalso flohen auch die Verkäufer und Käufer unter furchtbarem Schmerzgeschrei; Ich aber stieß alle Wechselbuden um und verschüttete alles Geld, das auf denselben lag, bei welcher Arbeit Mir auch die Jünger behilflich waren.
GEJ|1|13|14|1|Ev.Joh.2,16. Und sprach zu denen, die Tauben feil hatten: „Traget das von dannen und machet nicht Meines Vaters Haus zu einem Kaufhaus!“
GEJ|1|13|14|0|Ich trat darauf in den Tempel, allwo noch eine Menge Taubenkrämer mit ihren Taubenkäfigen voll Tauben aller Art und Gattung auf die Käufer harrten. Weil diese Krämer gewöhnlich Arme waren und gerade auf keinen Gewinn ausgingen und der Taubenverkauf im Tempel schon eine alte Sache war, freilich in alter Zeit nur im ersten Vorhofe des Tempels üblich, so ermahnte Ich diese Armen bloß und sagte: „Traget das hinaus und machet Meines Vaters Haus nicht zu einem Kaufhause; im äußersten Vorhofe ist der Ort für dergleichen!“ – Diese Armen entfernten sich darauf auch ohne Widerrede und nahmen im äußersten Vorhofe ihren alten Platz ein. – Auf diese Weise war nun der Tempel gereinigt.
GEJ|1|13|15|1|Ev.Joh.2,17. Seine Jünger aber gedachten danach daran, daß es geschrieben stehet: „Der Eifer um Dein Haus hat Mich gefressen.“
GEJ|1|13|15|0|Aber die Reinigung machte ein großes Aufsehen, und die Jünger befürchteten heimlich, daß nun bald die Priesterschaft uns als Aufwiegler werde durch die römische Wache gefangennehmen lassen und wir der schmählichsten Verantwortung und Züchtigung kaum entgehen dürften; denn es stehe geschrieben: „Der Eifer um Dein Haus hat Mich gefressen.“
GEJ|1|13|16|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Sorget euch nicht! Sehet hinaus in die Vorhallen, und ihr werdet es erschauen, wie die Diener und Priester allertätigst bemüht sind, das verschüttete viele Geld der Wechsler aufzulesen und in ihre Säckel zu schieben! Sie werden uns der Beschädigten wegen wohl befragen, aus welcher Macht wir das getan haben, aber heimlich wird es ihnen ganz recht sein; denn die Tat trägt ihnen bei 1000 Säckel Goldes und Silbers und eine große Menge anderen Geldes, das sie nimmer den Eigentümern zurückerstatten werden. Sie sind nun auch zu beschäftigt und haben keine Zeit, uns zur Verantwortung zu ziehen; auch werden sie in dieser Sache nicht leichtlich eine Klage anhören, so wie die Beschädigten, durch diese Lektion zu mächtig gewitzigt, auch nicht leichtlich so bald eine Klage wider Mich erheben werden. Seid daher nun nur ganz ruhig.
GEJ|1|13|17|0|Der Eifer um Mein Haus wird Mich vor diesen wohl fressen, aber jetzt noch lange nicht! Es werden Mich höchstens einige hier anwesende Juden befragen, wer Ich sei und aus welcher Macht Ich so etwas tat, und werden sich von Mir ein Beglaubigungszeichen erbitten. Ich aber weiß schon, daß es also geschehen muß, und das wird von keiner Gefahr für uns sein. Da sehet nur hin gegen den Vorhang, dort stehen schon einige, die sich den Anwand nehmen, in ihrem höchsteigenen Interesse Mich darüber zu befragen; es soll ihnen aber auch sogleich eine rechte Antwort zuteil werden!“
GEJ|1|14|1|1|14. - Des Herrn prophetisches Wort vom Abbrechen und Aufbauen des Tempels in drei Tagen. Des Herrn großes Zeugnislicht an die Juden; diese verlangen Zeichen
GEJ|1|14|1|1|Ev.Joh.2,18. Da sprachen die Juden: „Was zeigest du uns für ein Zeichen, daß du solches tun mögest?“
GEJ|1|14|1|0|Als Ich noch also mit den furchtsamen Jüngern solches redete, da traten schon etliche Juden zu Mir hin und sprachen: „Du hast nun eine mächtige Tat verübt, Menschen und Vieh flohen vor deiner Hand wie Spreu im Sturme, und es kam keiner zurück, um sein verstreutes Geld zu holen! Wer bist du, und welch ein Zeichen (vom Kaiser meinten sie) kannst du uns vorzeigen, weshalb du solches tun magst?! – Kennst du denn nicht die eiserne Strenge der Gesetze, die dich darum verderben können?!“
GEJ|1|14|2|1|Ev.Joh.2,19. Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Brechet diesen Tempel ab, und am dritten Tage will Ich ihn aufrichten!“
GEJ|1|14|2|0|Sage Ich: „So Ich sie nicht kennete und Mich vor ihnen fürchtete, würde Ich das nicht getan haben. – Ihr aber verlanget von Mir ein amtliches Zeichen, und Ich sage es euch, daß Ich ein solches nicht habe; aber brechet ab diesen Tempel, und am dritten Tage soll er wieder vollendet dastehen!“
GEJ|1|14|3|1|Ev.Joh.2,20. Da sprachen die Juden: „Zur Erbauung dieses Tempels waren 46 Jahre vonnöten, und du willst das allein in drei Tagen tun!?“
GEJ|1|14|3|1|Ev.Joh.2,21. Denn sie wußten nicht, daß Er vom Tempel Seines Leibes redete.
GEJ|1|14|3|0|Bei dieser Meiner entschiedenen Aussage machten die Juden ganz sonderbar große Augen und wußten sich nicht gleich zu fassen. Nach einer Weile erst fiel es einem von ihnen ein, daß zum Bau des Tempels volle 46 Jahre nötig waren und er vielen tausend Händen eine unausgesetzte Arbeit gab; daher wendet sich dieser historisch erfahrene Jude zu Mir und sagt: „Junger Mann! Bedachtest du wohl auch, was Dummes du nun geredet hast? Siehe, 46 volle Jahre waren zum Aufbau dieses Tempels erforderlich und gaben vielen tausend Händen vollste Arbeit, und du willst das ganz allein tun ohne Beihilfe anderer Hände in drei Tagen!? Oh, oh, oh, was hast du, und das dazu noch im Tempel, da man doch am meisten vernünftig reden sollte, von dir für ein Zeugnis ausgesprochen?!
GEJ|1|14|4|0|Deine frühere Tat hatte uns sehr überrascht, und schon fingen wir an, unter uns als Älteste von Jerusalem zu beraten, aus welcher Macht du diese an sich wirklich sehr lobenswerte Tat verübt hast, ob aus einer weltlichen oder ob aus einer prophetischen. Und wir befragten dich denn auch deshalb. Und hättest du zu uns gesagt in weiser Rede, die wir wohl verstehen, daß du ein von Gott erweckter Prophet seiest und solches durch die Macht Gottes verübest, wir hätten es dir geglaubt; aber so gabst du uns statt einer weisen Rede wider alles Erwarten eine kaum beschreiblich frevelhaft prahlerische dumme Antwort, in der nicht eine wahre Silbe steckt, und wir sehen in dir nun einen Menschen, der allenfalls in irgend einer heidnischen Schule ein wenig das Zaubern erlernt hat und sich damit nun hier in der Stadt Davids ein wenig batzig machen will, entweder im Solde Roms oder geheim im Solde der Pharisäer, Priester und Leviten stehend; denn diese möchten heute die beste Tempelernte zufolge deiner Zaubertat gemacht haben! Es tut uns allen wahrhaft leid, daß wir uns an dir nun gar so verkannt haben.“
GEJ|1|14|5|0|Sagte Ich darauf: „Es tut auch Mir von ganzem Herzen leid, daß Ich euch gar so entsetzlich blind und taub antreffen mußte! Denn wer blind ist, der sieht nichts, und wer taub und stumm ist, der vernimmt nichts! Ich tue vor euren Augen ein Zeichen, das vor Mir keiner getan hat, und rede die vollste Wahrheit, und ihr saget, Ich sei entweder ein dummer, in der heidnischen Zauberei bewanderter Prahler und wolle Mich hier vor euch batzig machen, oder Ich sei als Zauberer im Solde Roms oder im schnöden Solde der Tempelpfaffen. O welch ein schmählich Ansinnen! – Da sehet hin, dort steht eine ganz bedeutende Schar, die Mir aus Galiläa hierher gefolgt ist! Sie hat Mich erkannt, obschon ihr saget, daß die Galiläer das glaubensloseste und schlechteste Judenvolk seien. Diese aber erkannten Mich dennoch und folgen Mir; wie ist es denn, daß ihr Mich nicht erkennen möget?“
GEJ|1|14|6|0|Sagen die Juden: „Wir wollten dich ja auch erkennen und forschten dich darum aus; denn wir sind weder blind noch taub, wie du meinst. Du aber gabst uns eine Antwort, aus der man natürlichen Verstandes denn doch nichts anderes machen kann, als was wir offen dir ins Gesicht bekannt haben! Wir haben einen guten Willen; warum, so du allenfalls ein Prophet bist, verkennst du diesen? Wir sind Ehrenmänner von Jerusalem und haben viele Güter. So du ein rechter Prophet wärest, da hättest du gut sein in unserer Mitte; du aber erkennst solches nicht und bist daher auch kein Prophet, sondern ein purer Magier, der den Tempel mehr entheiligt als jene, die von dir früher hinausgetrieben worden sind!“
GEJ|1|14|7|0|Sage Ich: „Gehet hin und beratet euch mit denen, die mit Mir gekommen sind; diese werden es euch sagen, Wer Ich bin!“
GEJ|1|14|8|0|Die Juden gehen nun zu den Jüngern und befragen sie; diese aber sagen, was sie von Mir am Jordan gehört, das Zeugnis Johannis, und was sie an Meiner Seite gesehen und erlebt haben, gestehen aber dabei auch, daß sie das nicht fassen, was Ich zu den Juden gesagt habe.
GEJ|1|14|9|1|Ev.Joh.2,22. Da Er auferstanden war von den Toten, gedachten Seine Jünger daran, daß Er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und der Rede, die Er gesprochen hatte.
GEJ|1|14|9|0|Denn sie selbst begriffen das erst nach Meiner, nach drei Jahren, erfolgten allerwunderbarsten Auferstehung und also auch die Schrift, die solches von Mir geweissagt hatte.
GEJ|1|14|10|0|Als die Juden alles das erfuhren von den Jüngern, kamen sie abermals zu Mir und sagten: „Nach allem dem, was wir nun von Deiner sehr treuherzigen Schar über Dich in Erfahrung gebracht haben, so wärest Du offenbar der Verheißene! – Das Zeugnis Johannis, den wir kennen, spricht gewaltig für Dich, und Deine Taten nicht minder; aber Deine Rede ist gerade das Gegenteil von all dem andern. – Wie kann der Messias in den Taten ein Gott und in der Rede ein Narr sein! – Erkläre uns das, und wir alle nehmen Dich an und wollen Dich mit allem Möglichen unterstützen!“
GEJ|1|14|11|0|Sage Ich: „Was möget ihr Mir geben, das ihr nicht zuvor empfangen hättet von Meinem Vater, Der im Himmel ist? So ihr es aber empfangen habt, wie möget ihr nun also reden, als ob ihr es nicht empfangen hättet?! Was wollt ihr Mir geben, das da nicht Mein wäre?! Denn was des Vaters ist, das ist auch Mein; denn Ich und der Vater sind nicht Zwei, sondern Eins! Ich sage euch: Nichts als der Wille allein ist euer, alles andere aber ist Mein. Gebet ihr Mir euren Willen in der rechten Liebe eures Herzens und glaubet ihr, daß Ich und der Vater vollkommen Eins sind, dann habt ihr Mir alles gegeben, was Ich von euch verlangen kann!“
GEJ|1|14|12|0|Sagen die Juden: „So verrichte ein Zeichen, und wir glauben, daß Du der Verheißene bist!“
GEJ|1|14|13|0|Sage Ich: „Warum wollt ihr denn Zeichen? O du verkehrte Art! Wisset ihr denn nicht, daß die Zeichen niemanden erwecken, sondern nur richten?! Ich aber kam nicht euch zum Gerichte, sondern auf daß ihr das ewige Leben empfangen sollet, so ihr an Mich glaubet in euren Herzen! Es werden zwar noch viele Zeichen geschehen, und ihr werdet deren etliche sehen; aber diese werden euch nicht beleben, sondern töten auf eine lange Zeit.“
GEJ|1|15|1|1|15. - Weitere Unterredung des Herrn mit den Juden. Der Herr enthüllt ihnen ihre unlauteren Gedanken und Absichten und verläßt den Tempel
GEJ|1|15|1|1|Ev.Joh.2,23. Als er aber zu Jerusalem war in den Ostern auf dem Feste, glaubten viele an Seinen Namen, da sie die Zeichen sahen, die Er tat.
GEJ|1|15|1|0|Ich sage es euch: „Es ist nun Ostern, und Ich werde Mich diese Zeit durch hier in Jerusalem aufhalten; gehet dahin, wo Ich sein werde, und ihr werdet der rechten Zeichen sehen in großer Menge! Aber sehet selbst zu, ob euch die Zeichen nicht töten werden!“
GEJ|1|15|2|0|Auf diese Rede machten die Juden große Augen; Ich aber verließ sie und ging mit Meinen Jüngern aus dem Tempel ins Freie. Die Juden aber folgten Mir ganz heimlich nach, denn gar zu offenbar getrauten sie sich nicht, Mir nachzufolgen, da Ich vom Töten durch Meine Zeichen geredet hatte. Sie aber verstanden darunter nicht das Töten des geistigen Elements, sondern das Töten des Leibes, und sie waren, wie alle Reichen der Erde, große Freunde des irdischen Lebens.
GEJ|1|15|3|0|Einer jedoch ging außerhalb des Tempels zu Mir hin und sagte: „Meister, ich habe Dich erkannt und möchte um Dich sein; wo bist Du zur Herberge?“
GEJ|1|15|4|1|Ev.Joh.2,24. Aber Jesus vertraute sich ihnen nicht; denn Er kannte sie alle.
GEJ|1|15|4|1|Ev.Joh.2,25. Und bedurfte nicht, daß da jemand Zeugnis gäbe von einem Menschen; denn Er wußte es wohl, was im Menschen war.
GEJ|1|15|4|0|Ich aber sah, daß in ihm kein Ernst und seine Absicht, Meine Herberge auszukundschaften, keine redliche war, darum sagte Ich zu ihm, wie hernach noch zu manchen ähnlichen unlauteren Forschern den bekannten Aphorismus: „Die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher; aber des Menschen Sohn hat nicht einen Stein, daß er darauf hinlege Sein Haupt, und hier in dieser Stadt schon am allerwenigsten. Gehe aber hin und mache zuvor rein dein Herz; dann komme mit einer redlichen, aber mit keiner verräterischen Absicht und magst dann zusehen, wie du an Meiner Seite bestehen wirst!“
GEJ|1|15|5|0|Dieser aber sagte: „Meister, Du irrest Dich an mir und Meinen Freunden; so Du keine Herberge hast, da komme zu uns, und wir wollen Dir und Deinen Jüngern und sonstigen Freunden Herberge schaffen und euch verpflegen, so lange ihr wollt!“
GEJ|1|15|6|0|Ich aber sah am besten, daß dieser keines redlichen Sinnes war, und sagte: „Euch können wir uns wohl nicht anvertrauen; denn ihr seid Herodis Freunde und seid samt ihm spektakelsüchtige Menschen, besonders so ihr Spektakel umsonst schauen könnt. Deshalb aber bin Ich nicht nach dieser Stadt gekommen, um die Herodianer durch Komödien zu unterhalten, sondern hier zu verkünden, daß das Gottesreich nahe herbeigekommen ist, und daß ihr deshalb eine wahre Buße tun sollet, auf daß ihr dieses Reiches teilhaftig werden möget! Sieh, das ist der Zweck Meines Hierseins in dieser Zeit, und dazu bedarf es eurer Herberge nicht! Denn wer in einem Hause wohnt, kann nicht aus demselben kommen denn durch die Türe, die mit Schloß und Riegel versehen ist, durch die man einen Gast auch zu einem Gefangenen machen kann. Wer aber in der Freie seine Herberge nimmt, der ist auch frei und kann ziehen, wohin er will!“
GEJ|1|15|7|0|Spricht der Jude: „Wie kannst Du uns also beschimpfen! Meinst denn Du, daß wir von der Heiligkeit des Gastrechtes keine Kenntnis mehr haben? So wir Dich zu Gaste laden und Du als Gast in unser Haus einziehest, so bist Du das Heiligste im Hause, und wehe dem, der sich vergriffe an Dir! Und also wird bei uns vor allem das Gastrecht gehalten und geehrt. Wie magst Du dann solche Einrichtung in unseren Häusern verdächtigen?!“
GEJ|1|15|8|0|Sage Ich: „Diese Einrichtung eures Hauswesens kenne Ich wohl; aber darum ist Mir die andere nicht fremd: Solange ein Gast in eurem Hause ist, genießt er wohl das Gastrecht; so er aber dann aus dem Hause ziehen will, da harren vor der Türe bestellte Schergen und Lanzenknechte, nehmen den Gast in Empfang und legen ihm Ketten und Fesseln an! Sage, gehört das auch in den Bereich der alten Gastfreundschaft?!“
GEJ|1|15|9|0|Spricht der Jude etwas verlegen: „Wer kann das unseren Häusern mit gutem Gewissen nachsagen?“
GEJ|1|15|10|0|Sage Ich: „Der, Der es weiß! Ist nicht vor etlichen Tagen also ein Mensch in die Hände des Gerichtes überliefert worden?“
GEJ|1|15|11|0|Spricht der Jude noch verlegener: „Meister, wer sagte Dir das? So es geschehen, sage, hat es jener Verbrecher nicht also verdient?“
GEJ|1|15|12|0|Sage Ich: „Bei euch aber ist vieles ein Verbrechen, was bei Gott und Mir kein Verbrechen ist; denn vor der Härte eurer Herzen gibt es viele Verbrechen, gegen die Moses kein Gesetz gegeben hat. Das sind eure Satzungen, und die machen vor Mir keinen Menschen zu einem Verbrecher! Denn eure Satzungen sind eine Sünde gegen die Gesetze Mosis; wie ist demnach der ein Verbrecher, so er sich an euren Satzungen versündigt, wenn er Mosis Gesetze hält?! O Ich sage es euch: Ihr alle seid voll Tücke und voll schmählicher Arglist!“
GEJ|1|15|13|0|Spricht der Jude: „Wie kann das sein? Moses hat uns ein Recht gegeben, für besondere Fälle Gesetze zu schaffen, und sonach sind unsere wohlberatenen Satzungen so gut wie Mosis Gesetze selbst! Wer sie sonach nicht beachtet, ist der nicht so gut ein Verbrecher als einer, der sich am unmittelbaren Gesetze Mosis versündigt?“
GEJ|1|15|14|0|Sage Ich: „Bei euch ja, aber bei Mir nicht! – Moses befahl, daß ihr eure Eltern lieben und ehren sollet; ihr aber saget, und die Priester gebieten es sogar: Wer dafür opfert im Tempel, dem ist es besser, da er sich dafür von diesem Gesetze loskauft. So aber nun ein Mensch zu euch tritt und sagt: Ihr seid Gottesleugner und elende Betrüger, da ihr das Gesetz Mosis infolge eurer Habsucht aufhebt und dafür ein anderes Gesetz gebt und damit die arme Menschheit quälet! – sieh', darin hatte sich auch jener Mensch gegen euch verbrochen, und ihr habt ihn an der Türschwelle dem Gericht überliefert –, sage, hat es dieser würdige Mensch also verdient, oder seid ihr gegen Moses nicht die bei weitem größeren Verbrecher?“
GEJ|1|15|15|0|Hier ward der Jude unwillig und ging von dannen zu seinen anderen Genossen, denen er alles erzählte, was er von Mir vernommen hatte. Diese aber schüttelten die Köpfe und sagten: „Sonderbar! Wie kann dieser Mensch das wissen?“ – Ich aber verließ diese Stelle und begab Mich mit den Meinen in eine kleine Herberge außerhalb der Stadt und blieb daselbst etliche Tage.
GEJ|1|16|1|1|16. - Der geistige Sinn der Tempelreinigung.
GEJ|1|16|1|0|Wie es hier erzählt ist, ist dies der freilich nicht sehr umständlich dargestellte historisch natürliche Verlauf der beiden im zweiten Kapitel vorkommenden Begebenheiten; denn es hatte sich noch hie und da so manches zugetragen und ereignet, was hier der Geringfügigkeit wegen nicht erzählt zu werden braucht, da es fürs erste eine ganz unnötige Verlängerung der Arbeit verursachen und fürs zweite der Wichtigkeit der Sache keinen höheren Wert und keine tiefere Erkenntnis geben würde. Es bleibt nur noch übrig, von der zweiten Begebenheit den geistigen Sinn ganz kurz darzutun, und dies zweite Kapitel ist insoweit als beendet anzusehen, als inwieweit es in sich abgeschlossen nur zwei Hauptbegebenheiten vor die Augen des Lesers und Hörers stellt.
GEJ|1|16|2|0|Von der ersten Begebenheit zu Kana in Galiläa ist der geistige Sinn bereits gegeben worden; somit haben wir nur noch den geistigen Sinn der zweiten Begebenheit darzutun, und dieser ist folgend also gestaltig:
GEJ|1|16|3|0|Der Tempel stellt den Menschen dar in seiner naturmäßig-weltlichen Sphäre. In dem Tempel aber wie im Menschen befindet sich ein Allerheiligstes; deshalb soll aber auch das Äußere des Tempels geheiligt und lauter gehalten werden, auf daß das Innerste als Allerheiligstes des Tempels wie des Menschen nicht entheiligt werde!
GEJ|1|16|4|0|Es ist das Allerheiligste des Tempels zwar wohl durch einen starken Vorhang bedeckt, und es darf nur zu gewissen Zeiten der oberste Priester allein in das Allerheiligste treten. Aber der Vorhang und ebensowenig der nur selten gestattete Besuch des Allerheiligsten ist ein Schutz vor der Entheiligung des Allerheiligsten; denn so da jemand mit seinem Leibe sündigt, da verunreinigt er nicht nur den Leib, sondern auch seine Seele und durch sie auch seinen Geist, der in jedem Menschen das Innerste und Allerheiligste darstellt und es auch wirklich ist. Es ist im Menschen dieses Allerheiligste, so wie ebendasselbe entsprechend im Tempel, tiefst hinter einen starken Vorhang gestellt, und nur der alleinigen Liebe zu Gott, die ein echtester Oberpriester Gottes in jeglichem Menschen ist, ist es gestattet, straflos in dies Allerheiligste zu dringen und zu lüften den Vorhang; so aber dieser einzige Oberpriester im Menschen selbst unrein wird, indem er sich an unreine weltliche Dinge hängt und mit ihnen eine gemeine Sache macht, wie soll da das Allerheiligste unentheiligt bleiben, so es von einem unreinen Oberpriester besucht wird?!
GEJ|1|16|5|0|Wenn sonach im Tempel wie im Menschen alles unrein geworden ist, dann kann es vom Menschen aus auch nicht mehr gereinigt werden; denn so der Besen voll Kot und Unflates ist, wie soll es taugen zur Reinigung eines Gemachs?! Da muß dann leider Ich Selbst die Hand ans Werk legen und mit Gewalt den Tempel reinigen, und zwar durch allerlei schmerzliche Dinge, als da sind Krankheiten aller Art und andere scheinbare Unglücksfälle, auf daß der Tempel rein werde.
GEJ|1|16|6|0|„Verkäufer“ und „Käufer“ sind die niederen, unreinen Leidenschaften im Menschen; das zum Verkauf gebotene Vieh stellt die unterste Stufe tierischer Sinnlichkeit dar und zugleich auch die dadurch erzeugte große Dummheit und Blindheit der Seele, deren Liebe gleich der eines Ochsen ist, dem sogar die sinnliche Zeugungs- und Geschlechtsliebe mangelt, und den allein noch die allergröbste polypenartige Freßliebe belebt, und dessen Erkenntnis gleich ist dem bekannten Erkenntnisvermögen der Schafe!
GEJ|1|16|7|0|Was besagen denn hernach die Wechsler und ihre Geldgeschäfte? – Diese besagen und bezeigen im Menschen alles das, was da hervorgeht aus der schon ganz tierisch gewordenen Eigenliebe des Menschen; denn das Tier liebt nur sich, und ein Wolf frißt den andern auf, so er Hunger hat. Diese „Wechsler“ oder solche tierische Eigenliebe muß sonach auch mit aller schmerzlichen Gewalt hinausgeschafft werden aus dem Menschen, und alles das, was diese Liebe belebt, muß umgeworfen und verschüttet werden!
GEJ|1|16|8|0|Ja, warum denn nicht ganz vernichtet? – Weil auch solcher Liebe nicht die Freiheit benommen werden darf; denn der edle Same oder das Weizenkorn wird in einem mit tierischem Unrat wohlgedüngten Acker am besten fortkommen und eine reiche Ernte geben. Würde man aber dem Acker den Dünger ganz nehmen, um ihn gleichsam von allem Unrat vollends rein zu machen, so würde dadurch das edle Weizenkorn nur schlecht fortkommen und sicher eine sehr mißliche Ernte abgeben.
GEJ|1|16|9|0|Der Unrat, der anfangs haufenweise auf den Acker gebracht wird, muß auseinandergeworfen und verschüttet werden, so wird er dann dem Acker dienen; würde man ihn aber im großen Haufen beisammen lassen, da würde er, wo er liegt, alles ersticken und den anderen Ackerteilen nichts nützen.
GEJ|1|16|10|0|Darinnen liegt daher der entsprechende Grund in der evangelischen Tempelreinigungsgeschichte, dem zufolge Ich der Wechsler Geld nur verschüttet und nicht völlig vernichtet habe, was Mir wohl auch sehr leicht möglich gewesen wäre.
GEJ|1|16|11|0|Was stellen aber dann die im Innern des Tempels befindlichen Taubenkrämer vor, die auch hinaus und auf ihre alten angewiesenen Plätze weichen müssen?
GEJ|1|16|12|0|Darunter wird begriffen die äußere Tugend, die da besteht in allerlei Zeremonie, Anstand, Höflichkeit, Artigkeit u. a. m. in rein weltlicher Beziehung, die aber die Blindheit der Menschen zu einem innern Lebenswert erheben und darin das wahre Leben des Menschen wurzeln machen will.
GEJ|1|16|13|0|Die Taube ist ein Lufttier, und da sie im Orient häufig als Briefbote, besonders in Sachen der Liebe, benutzt ward und daher auch entsprechend schon bei den alten Ägyptern als Hieroglyphe die zärtliche und zierliche Konversation bedeutete, so diente sie als Zeichen solcher Konversation im Tempel und war auch ein gewöhnliches und entsprechend sinnbildliches Opfertier, das gewöhnlich junge Eheleute bei der Erstgeburt im Tempel als ein Zeichen zum Opfer brachten, daß sie nun solcher äußerer Botschaften, Artigkeiten und zeremoniellen Zierereien ledig geworden und nun in die wahre, innere, lebengebende Liebe eingegangen sind.
GEJ|1|16|14|0|Nun aber gehört – der Ordnung aller Dinge nach – das Äußerste ins Äußerste; die Rinde darf nie im Mark des Baumes sich befinden, da sie an und für sich etwas ganz Totes ist, sondern alles, was zur Rinde gehört, muß sich auch in der Rinde lagern. Die Rinde aber ist dem Baume von großem Nutzen, so sie auf ihrem Platze in gerechtem Maße vorkommt. So aber jemand wollte die Rinde ins Mark des Baumes schieben, indem er zuvor dem Baume das Mark nähme, da müßte dann der Baum ja auch sobald verdorren und sterben.
GEJ|1|16|15|0|Und also werden zum Zeichen, daß die Menschen alle die äußerlichen Tugenden nicht zur Sache des inneren Lebens machen sollen, wodurch der edle Mensch bloß zu einer Konversationspuppe (Kaufhaus) wird, diese Taubenkrämer als im weiten Sinne alle Äußerlichkeiten, und im engeren Sinne alle die Meister dieser Äußerlichkeiten, die ihre Ware zur inneren Lebensware zu erheben bemüht sind, von Mir ebenfalls, nur etwas artiger, aus dem Tempel geschafft und auf ihren ordentlichen Platz verwiesen.
GEJ|1|16|16|0|Das ist demnach der geistige Sinn der vorliegenden Tempelreinigung; und aus der richtigen und unwandelbaren Entsprechung zwischen dem Menschen und Tempel läßt sich auch erkennen, daß derart nie ein Mensch, sondern nur Gott allein als die ewige Weisheit, die alles sieht und kennt, also handeln und reden kann.
GEJ|1|16|17|0|Warum aber bleibt nach solcher Fegung der Herr noch nicht im Tempel?
GEJ|1|16|18|0|Weil Er allein weiß, wie das Innere des Menschen bestellt sein muß, damit Er im Menschen eine bleibende Wohnstätte nehmen kann. Zugleich darf dem Menschen nach einer solchen Fegung die Freiheit nicht genommen werden, da er sonst zu einer Puppe würde.
GEJ|1|16|19|0|Der Herr darf Sich sonach dem gewaltsam gefegten inneren Menschen noch nicht anvertrauen; denn Er allein weiß es, was zur vollen Herstellung des inneren Menschen nötig ist. Daher geht der Feger wieder aus dem Tempel und fließt wie zufällig von außen herein in das Innere des Menschen ein und fügt sich nicht den Anforderungen des Menschen, daß Er bei und in ihm bliebe und ihn unterstützete in der Trägheit, sondern da muß der Mensch wieder zur vollen Selbsttätigkeit erwachen und durch sie erst ein vollkommener Mensch werden, wie solches im nächsten Kapitel auch näher dargestellt wird.
GEJ|1|17|1|1|Das Nachtgespräch mit Nikodemus
GEJ|1|17|1|1|17. - Der Herr in der Herberge vor der Stadt. Gespräche mit den bei Nacht kommenden Reichen
GEJ|1|17|1|1|Ev.Joh.3,1. Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, der war ein Oberster unter den Juden.
GEJ|1|17|1|0|Daß Ich Mich nach der Tempelreinigung mit allen denen, die Mir gefolgt sind, außerhalb der Stadt in einer kleinen Herberge aufhielt, ist schon im vorigen Kapitel gezeigt worden; aber jeder dürfte denn doch sicher mit der Frage kommen und sagen:
GEJ|1|17|2|0|„Was hast Du, Herr, denn allda getan? Denn Du hast diese Zeit von doch wenigstens acht Tagen sicher nicht müßig zugebracht?“
GEJ|1|17|3|0|Da sage Ich: Ganz gewiß nicht! Denn es kamen sozusagen bei Tag und Nacht in Masse Menschen aller Klassen aus der Stadt zu Mir. Die Armen kamen gewöhnlich am Tage, die Großen, Vornehmen und Reichen aber gewöhnlich in der Nacht, denn sie wollten sich vor ihresgleichen nicht schwach und verfänglich zeigen.
GEJ|1|17|4|0|Da sie aber doch zum Teil ihre Neugierde und zum Teil eine Art gläubiger Ahnung für die Möglichkeit, daß Ich etwa doch der Messias sein könnte, antrieb, mit Mir eine nähere Bekanntschaft zu machen, so gingen sie in der Nacht hinaus und machten Mir Besuche, die gewöhnlich mit starkem Schmollen endigten; denn es rauchte diesen Vornehmen, Großen und Reichen ganz gewaltig in die Nase, daß Ich mit ihnen nicht wenigstens nur so gut und artig umging wie mit den vielen Armen, die Meine Güte und Freundlichkeit nicht genug rühmen konnten.
GEJ|1|17|5|0|Auch wirkte Ich als Arzt bei den Armen viele Wunder, befreite die Besessenen von ihren Plagegeistern, machte die Lahmen gehend, die Gichtbrüchigen gerade, die Aussätzigen rein, die Stummen hörend und redend, die Blinden sehend, und das alles zumeist durchs Wort.
GEJ|1|17|6|0|Das wußten die wohl, so in der Nacht zu Mir kamen, und verlangten von Mir auch ähnliche Zeichen, wogegen Ich ihnen stets bemerkte: „Der Tag hat zwölf Stunden und die Nacht ebenfalls zwölf. Der Tag ist bestimmt zur Arbeit, die Nacht aber zur Ruhe. Wer am Tage arbeitet, der stößt sich nirgends an, wer aber in der Nacht arbeitet, der stößt sich leicht an; denn er sieht es nicht, wohin er seinen Fuß setzt.“
GEJ|1|17|7|0|Es fragten Mich etliche, aus welcher Macht und Kraft Ich solche Wunder verrichte. Die Antwort war ganz kurz diese: „Aus Meiner höchst eigenen, und Ich benötige hierzu keines Menschen Hilfe!“
GEJ|1|17|8|0|Wieder fragten sie Mich, warum Ich nicht lieber in der Stadt eine Herberge nähme; denn zu so großen Taten gehöre ein großer Ort, nicht aber ein letztes Dörflein, das wohl in der Nähe der großen Weltstadt läge, aber von dieser ganz unbeachtet sei.
GEJ|1|17|9|0|Ich sagte darauf wieder: „In einem Orte, wo vor den Toren der sich großdünkenden Bewohner Lanzenknechte Wache halten und nur den Glänzenden Einlaß geben, die Armen aber ohne Gnade abweisen, und wo man in jeder Gasse, so man ein fremdes Gesicht hat und nicht genug prächtig gekleidet ist, wenigstens siebenmal angehalten und befragt wird, wer und woher man sei, und was man hier tue, bleibe Ich nicht. Zudem liebe Ich nur, was vor der Welt klein und von ihr verachtet ist, denn es steht geschrieben: Was vor der Welt groß ist, ist vor Gott ein Greuel!“
GEJ|1|17|10|0|Und sie fragten und sagten: „Ist der Tempel nicht groß und herrlich, in dem Jehova wohnt?“ – Sage Ich: „Er sollte drinnen wohnen; aber da ihr den Tempel entheiligt habt, verließ Er diesen und wohnt nicht mehr darin, und die Lade Mosis ist leer und tot!“
GEJ|1|17|11|0|Sagen die Nachtwandler: „Was redest Du hier für frevelhaftes Zeug zusammen? Weißt Du denn nicht, was Gott zu David und Salomon geredet hat? Kann das, was Gott geredet, je unwahr werden? Wer bist Du denn, daß Du Dich getrauest, solches vor uns zu reden?!“
GEJ|1|17|12|0|Sage Ich: „So gut Ich in und aus Mir Selbst die Macht und Kraft habe, bloß durch Meinen Willen und durch Mein Wort alle Kranken zu heilen, die zu Mir kommen, ebenso habe Ich auch die Macht und die Kraft und das vollste Recht, solches vom Tempel vor euch zu reden, und sage euch nochmals, daß nun auch euer Tempel vor Gott ein Greuel ist!“
GEJ|1|17|13|0|Hier fingen einige an zu murren, andere aber sagten: „Das ist offenbar ein Prophet, und diese haben sich über den Tempel noch allezeit ungünstig geäußert! Lassen wir ihn gehen!“ Und so zogen diese Nachtwandler wieder ab.
GEJ|1|18|1|1|18. - Nikodemus besucht den Herrn bei Nacht. Seine Frage nach dem kommenden Gottesreich. Des Herrn verhüllte Antworten über die Wiedergeburt im Geiste. Des Nikodemus schwaches Verständnis
GEJ|1|18|1|0|Es kam aber in der vorletzten Nacht Meines Aufenthaltes in der Nähe von Jerusalem ein gewisser Nikodemus ebenfalls in der Nacht zu Mir, weil er auch ein Vornehmer Jerusalems war; denn er war fürs erste ein Pharisäer, also ungefähr in Amt, Würde und Ansehen das, was gegenwärtig in Rom ein Kardinal ist, und fürs zweite war er als ein reichster Großbürger Jerusalems auch der Oberste der Juden in dieser Stadt; er war der oberste Bürgermeister über die ganze Stadt, von Rom aus dazu bestimmt.
GEJ|1|18|2|1|Ev.Joh.3,2. Der kam zu Jesus in der Nacht und sagte zu Ihm: „Meister, wir wissen, daß Du als ein Lehrer (Prophet) von Gott gekommen bist, denn niemand kann die Zeichen tun, die Du tust, es sei denn Gott mit ihm.“
GEJ|1|18|2|0|Dieser, als der Chef Jerusalems in bürgerlicher Hinsicht, kam also selbst in der Nacht zu Mir hinaus und sprach sogleich zu Mir: „Meister! Vergib es mir, daß ich so spät in der Nacht zu Dir komme und Dich störe in Deiner Ruhe; da ich aber vernahm, daß Du diese Gegend verlassen wirst schon des morgigen Tages, so konnte ich nicht umhin, Dir meine gebührende Achtung zu bezeugen. Denn siehe, ich und mehrere meines Amtes wissen es nun, nachdem wir Deine Taten beobachtet haben, daß Du als ein ganz echter Prophet, von Gott gesandt, zu uns gekommen bist! Denn die Zeichen, die Du tust, kann niemand verrichten, außer es ist Jehova mit ihm! Da Du sonach ein offenbarer Prophet bist und sehen mußt, wie sehr wir im argen liegen, uns aber dennoch durch Deine Vorgänger das Gottesreich verheißen ist, so sage mir gefälligst, wann dieses kommen wird, und so es kommt, wie man beschaffen sein muß, um in dasselbe zu gelangen?“
GEJ|1|18|3|1|Ev.Joh.3,3. Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Wahrlich, wahrlich sage Ich dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes nicht sehen.“
GEJ|1|18|3|0|Auf diese Frage des Nikodemus antwortete Ich ebenso kurz, wie es der Vers angibt, nämlich: „Wahrlich, wahrlich sage Ich dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes weder sehen und noch weniger in dasselbe kommen!“, was soviel sagen will als: „So du deinen Geist nicht durch Wege, die Ich dir mit Meiner Lehre und Tat zeige, erweckest, kannst du das göttlich Lebendige Meines Wortes nicht einmal erkennen, geschweige in dessen lebengebende Tiefen eindringen!“
GEJ|1|18|4|0|Daß der sonst biedere Nikodemus solche Meine Rede, wie der Verfolg es zeigen wird, nicht begriffen hat und sich an ihm alsogleich bewahrheitete, daß man nämlich das göttlich Lebendige Meines Wortes nicht von ferne hin fassen kann, so man nicht geweckten Geistes ist, zeigt klar und deutlich der nächste Vers, laut dem Mich Nikodemus, ganz verblüfft ob solcher Meiner Rede, fragt und sagt:
GEJ|1|18|5|1|Ev.Joh.3,4. Nikodemus spricht zu Ihm: „Wie kann ein Mensch denn noch einmal geboren werden, so er alt geworden ist? Kann er wieder in seiner Mutter Leib gehen und daraus zum anderen Male geboren werden?“
GEJ|1|18|5|0|„Aber, lieber Meister, was Sonderbares doch sprachst Du vor meinen Ohren? Wie möglich wohl kann ein Mensch noch einmal geboren werden? Kann denn ein Mensch, der groß, alt und steif geworden ist, durch das enge Pförtchen in seiner Mutter Leib steigen und sodann daraus zum zweiten Male geboren werden?! Sieh, sieh, lieber Meister, das ist eine völlig unmögliche Sache! Entweder weißt Du vom kommenden Gottesreiche nichts oder wenigstens nicht das Rechte, oder Du weißt darum und willst es aber mir nicht sagen aus Furcht, daß ich Dich aufgreifen und ins Gefängnis werfen ließe. Oh, des sei du völlig unbesorgt; denn ich habe noch nie jemanden seiner Freiheit beraubt, außer er war ein Mörder oder ein großer Dieb. – Du aber bist ein großer Wohltäter der armen Menschheit und hast nahe alle Kranken von Jerusalem geheilt, wunderbar durch die Kraft Gottes in Dir; wie sollte ich dann mich an Dir vergreifen können?!
GEJ|1|18|6|0|Aber glaub es mir, lieber Meister, mir ist es ernst um das kommen sollende Gottesreich! Darum, so Du davon etwas Näheres kennst, sage es mir auf eine Weise, daß ich's fassen kann! Gib Himmlisches mit himmlischen und Irdisches mit irdischen Worten, aber in wohlverständlichen Bildern, sonst nützt mir Deine Belehrung noch weniger als die altägyptische Vögelschrift (Hieroglyphen), die ich weder lesen und sonach noch weniger verstehen kann. Ich weiß es nur zu bestimmt aus meinen Berechnungen, daß das Reich Gottes schon da sein muß, nur weiß ich noch nicht, wo und wie man in dasselbe kommt und in dasselbe aufgenommen wird. Diese Frage möchte ich von Dir ganz verständlich und klar beantwortet haben.“
GEJ|1|18|7|1|Ev.Joh.3,5. Jesus antwortet: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage es dir: Es sei denn, daß jemand geboren werde aus dem Wasser und aus dem Geiste, sonst kann er nicht in das Reich Gottes kommen!“
GEJ|1|18|7|0|Auf diese abermalige Frage gab Ich dem Nikodemus genau wieder die Antwort, wie sie in vorstehendem 5. Verse vorkommt; sie ist von der ersten nur dadurch unterschieden, daß es hier näher bestimmt wird, woraus man eigentlich wiedergeboren werden muß, um ins Gottesreich zu kommen, nämlich aus dem Wasser und aus dem Geiste, was soviel sagen will als:
GEJ|1|18|8|0|Die Seele muß mit dem Wasser der Demut und Selbstverleugnung gereinigt werden (denn das Wasser ist das urälteste Symbol der Demut; es läßt alles aus sich machen, ist zu allem dienstfertig und sucht sich stets die niedersten Stellen der Erde aus und fliehet die Höhen) und dann erst aus dem Geiste der Wahrheit, die eine unreine Seele nie fassen kann, da eine unreine Seele gleich ist der Nacht, während die Wahrheit eine Sonne voll Lichtes ist, die allenthalben Tag um sich verbreitet.
GEJ|1|18|9|0|Wer demnach in seine durch die Demut gereinigte Seele die Wahrheit aufnimmt und diese tatsächlich als solche erkennt, den macht dann ebensolche Wahrheit im Geiste frei, und diese Freiheit des Geistes oder das Eingehen des Geistes in solche Freiheit ist dann auch das eigentliche Eingehen in das Reich Gottes.
GEJ|1|18|10|0|Aber eine solche Erklärung gab Ich freilich dem Nikodemus nicht, und das darum nicht, weil er sie in seiner Erkenntnissphäre noch weniger begriffen hätte als den kurzen verhüllten Grundsatz selbst. Er fragte Mich daher auch wieder, wie solches zu verstehen wäre.
GEJ|1|19|1|1|19. - Fortsetzung des Gesprächs mit Nikodemus. Das Wesen des Menschen. Vom Geheimnis des Geistes. Gleichnis vom neuen Wein als Entsprechung einer fürs geistige Licht noch unreifen Seele
GEJ|1|19|1|1|Ev.Joh.3,6. „Was vom Fleische geboren wird, das ist Fleisch, und was vom Geiste geboren wird, das ist Geist.“
GEJ|1|19|1|0|Ich aber gab ihm zur Antwort, wie es im vorstehenden 6. Verse geschrieben steht, nämlich: „Es nehme dich nicht wunder, daß Ich also zu dir rede! Denn sieh, was aus dem Fleische kommt, das ist wieder Fleisch, also tote Materie oder äußerste Umhüllung des Lebens; was aber aus dem Geiste kommt, das ist auch Geist oder das ewige Leben und die Wahrheit in sich selbst!“
GEJ|1|19|2|0|Aber dem Nikodemus geht die Sache noch immer nicht ein. Er zuckt mit den Achseln und wundert sich immer mehr, weniger über die Sache, als vielmehr, daß er als ein weisester Pharisäer, der doch in aller Schrift bewandert ist, solcher Rede Sinn nicht zu fassen imstande sei; denn er hielt große Stücke auf seine Weisheit und war auch seiner großen Weisheit wegen zum Obersten der Juden erhoben worden.
GEJ|1|19|3|0|Darum wunderte es ihn um so gewaltiger, daß er nun in Mir ganz unerwartet einen Meister gefunden hatte, der ihm ganz sonderbare Weisheitsnüsse zum Aufknacken biete! Da er sich durchaus nicht zurechtfinden konnte, so fragte er Mich abermals: „Ja – wie ist das wieder zu nehmen? Kann denn auch ein Geist schwanger werden und dann gebären seinesgleichen?!“
GEJ|1|19|4|1|Ev.Joh.3,7. „Laß dich's nicht wundern, daß Ich dir gesagt habe: Ihr müsset von neuem geboren werden!“
GEJ|1|19|4|0|Sage Ich zu ihm: „Ich habe zu dir schon gesagt, daß du dich dessen nicht gar so wundern sollst, so Ich zu dir gesagt habe: Ihr müsset alle von neuem geboren werden!“
GEJ|1|19|5|1|Ev.Joh.3,8. „Der Wind wehet, wo er will, und du hörest sein Sausen wohl; aber du weißt es nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geiste geboren ist.“
GEJ|1|19|5|0|„Denn sieh, der Wind wehet, wo er will, du hörest sein Sausen, aber du weißt es dennoch nicht, von wo er ursprünglich herkommt; also steht es auch mit einem jeden, der aus dem Geiste kommt und spricht dir gegenüber. Du siehst und hörest ihn wohl; aber da er in seiner geistigen Weise zu dir spricht, so fassest und verstehest du solches nicht, woher er's hat und was er damit sagt und bezeichnet. Da du aber ein redlicher Weiser bist, so wird es dir zur rechten Zeit schon auch gegeben werden, daß du solche Dinge fassen und verstehen wirst.“
GEJ|1|19|6|1|Ev.Joh.3,09. Nikodemus antwortete und sprach zu Ihm: „Meister, wie mag solches zugehen?“
GEJ|1|19|6|0|Hier schüttelt Nikodemus bedenklich den Kopf und sagt nach einer Weile: „Da möchte ich es von Dir wohl erfahren, wie so etwas zugehen würde! Denn was ich weiß und verstehe, das weiß und verstehe ich in meinem Fleische; wird das Fleisch mir genommen, da werde ich wohl kaum mehr etwas fassen und verstehen! – – Wie, wie – werde ich als Fleisch zu einem Geist, und wie wird meinen Geist dann ein anderer Geist in sich aufnehmen und dann von neuem gebären?! – Wie, wie möglich wird das zugehen?!“
GEJ|1|19|7|1|Ev.Joh.3,10. Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Bist du doch ein Meister in Israel und weißt das nicht?!“
GEJ|1|19|7|0|Sage Ich zu ihm: „Aber – ein weisester Meister in Israel bist du und kannst solches nicht fassen und begreifen?! – Wenn aber du das nicht fassen kannst als ein Meister der Schrift, was soll dann erst mit vielen anderen werden, die von der Schrift kaum so viel wissen, daß es einst einen Abraham, Isaak und Jakob gegeben habe?“
GEJ|1|19|8|1|Ev.Joh.3,11. „Wahrlich, wahrlich, Ich sage es Dir: Wir (Geistigen) reden (ganz natürlich), das wir wissen, und zeugen (von dem), was wir gesehen haben, und ihr möget unser Zeugnis nicht (verstehen) und annehmen!“
GEJ|1|19|8|0|„Wahrlich, wahrlich glaube es Mir! Wir, d.i. Ich und Meine Jünger, die wir vom Geiste hergekommen sind, reden hier mit dir nicht etwa rein geistig, sondern ganz naturgemäß und geben dir in Naturbildern der Erde das kund, was wir wissen und gesehen haben im Geiste, und ihr könnet das nicht fassen und annehmen!
GEJ|1|19|9|1|Ev.Joh.3,12. „So ihr aber schon nicht glauben (annehmen) könnet, so Ich von irdischen Dingen mit euch rede, wie würdet ihr dann glauben, so Ich mit euch von rein himmlischen Dingen reden möchte?!“
GEJ|1|19|9|0|„So ihr aber schon so etwas Leichtes in faßlicher Rede nicht fassen und begreifen möget, da Ich doch in ganz irdischer Weise mit euch rede von geistigen Dingen, die dadurch ordentlich zu irdischen Dingen werden, nun so möchte Ich wissen, wie euer Glaube sich gebärden würde, so Ich von himmlischen Dingen rein himmlisch zu euch reden möchte!
GEJ|1|19|10|0|Ich sage dir: Der Geist, der in und aus sich selbst Geist ist, weiß es allein, was im Geiste ist und was sein Leben! Das Fleisch aber ist nur eine äußerste Rinde und weiß nichts vom Geiste, außer der Geist offenbart es der Hülle, der Rinde; dein Geist aber ist noch zu sehr von deinem Fleische beherrscht und verdeckt, und es weiß daher nichts von ihm. Es wird aber die Zeit kommen, in der dein Geist, wie Ich dir schon gesagt habe, frei wird; dann wirst du unser Zeugnis begreifen und annehmen!“
GEJ|1|19|11|0|Spricht Nikodemus: „Lieber Meister, Du Weiser der Weisesten! O sage es mir verständlich, wann, wann diese so sehnlichst erwünschte Zeit kommen wird!“
GEJ|1|19|12|0|Darauf antwortete Ich und sprach: „Mein Freund, daß Ich dir Zeit, Tag und Stunde geben soll, dazu bist du noch zu wenig reif! Sieh, solange der neue Wein nicht gehörig ausgegoren hat, bleibt er trübe, und so du ihn tust in einen kristallenen Becher und hältst dann den Becher auch gegen die Sonne, so wird ihr mächtigstes Licht aber dennoch nicht durch die Trübe des Neuweines zu dringen vermögen, und gerade also geht es auch mit dem Menschen. Bevor er nicht gehörig durchgegoren ist und durch den Gärungsprozeß alles Unreine aus sich geschafft hat, kann das Licht der Himmel sein Wesen nicht durchdringen. Ich werde dir aber nun etwas sagen; wirst du es verstehen, so wirst du über die Zeit im klaren sein! Und so höre Mich.“
GEJ|1|20|1|1|20. - Drei weitere bedeutsame Verse, die dem Nikodemus unverständlich sind. Der Herr über die Erhöhung des Menschensohnes
GEJ|1|20|1|1|Ev.Joh.3,13. „Und niemand fährt gen Himmel, außer Der vom Himmel herniedergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, Der gleichfort im Himmel ist.
GEJ|1|20|1|1|Ev.Joh.3,14. Und wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöht hatte, also muß auch des Menschen Sohn erhöht werden,
GEJ|1|20|1|1|Ev.Joh.3,15. auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben!“
GEJ|1|20|1|0|(Der Herr:) „Sieh, niemand fährt gen Himmel als allein Der, Der vom Himmel herniedergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, Der gleichfort im Himmel ist. Und wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also muß auch des Menschen Sohn erhöhet werden, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben! Sage Mir, fassest du das?“
GEJ|1|20|2|0|Sagt Nikodemus: „Lieber Meister! Wie sollte, wie könnte ich das?! In Dir ist eine eigene Art Weisheit; wie ich Dir schon einmal bemerkt habe, so könnte ich leichter die alte ägyptische Vögelschrift lesen als verstehen Deine Weisheit! Ich muß es Dir nun offen bekennen, daß ich, so mich nicht Deine gewaltigen Taten an Dich fesselten, Dich für einen Narren oder Streichmacher halten müßte; denn in Deiner Weise hat doch nie ein vernünftiger Mensch geredet! Aber Deine Taten zeigen, daß Du als ein Lehrer von Gott zu uns gekommen bist und in Dir eine Fülle göttlicher Macht und Weisheit vorhanden sein muß, ohne die es niemand möglich ist, solche Taten zu vollführen.
GEJ|1|20|3|0|Wo aber das Eins rein göttlich ist, da muß auch das Zwei göttlich sein. Deine Taten, lieber Meister, sind göttlich, und so muß auch Deine Lehre vom Gottesreich auf Erden göttlich sein, ob ich sie fasse oder nicht! Betrachte ich aber nur ein wenig weltlich die Thesis Niemand fährt gen Himmel, außer Der vom Himmel herniedergekommen ist! – das sei nämlich des Menschen Sohn, der gleichfort im Himmel ist –, so bin ich rein verloren! Lieber Meister, seit Henoch und Elias ist wohl noch keinem Menschen der Erde das Glück widerfahren, sichtbar aufzufahren in die Himmel; Du kannst vielleicht der dritte werden!? Und so Du vielleicht der dritte würdest, möchte das wohl etwas nützen allen anderen Menschen, die, weil sie nicht aus den Himmeln herabgekommen sind, somit auch nicht in die Himmel je gelangen können?!
GEJ|1|20|4|0|Zudem sagtest Du noch, daß Der, so vom Himmel herabgekommen, eigentlich nur zum Schein auf der Erde sich befindet, in der Wahrheit aber dennoch gleichfort in den Himmeln ist! Demnach hätten also an dem kommensollenden Gottesreiche vorderhand nur Henoch und Elias und nachderhand vielleicht auch Du teil, alle anderen millionenmal Millionen aber können sich ins feuchte finstere Grab für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten legen und aus Gottes Gnade und Barmherzigkeit wieder zu Erde und endlich zu nichts werden!?
GEJ|1|20|5|0|Lieber Meister, für solch ein Gottesreich auf Erden bedanken sich die armen Erdenwürmer, die in jeder Hinsicht lächerlich genug Menschen heißen! Wer weiß es nicht, daß es also ist und allzeit also war? Eine oder auch drei Schwalben machen den Sommer nicht aus! Was hatte Henoch und was Elias getan, daß sie von der Erde in den Himmel aufgenommen worden sind? Im Grunde nichts, als was ihrer himmlischen Natur eigen war! Sie hatten somit kein Verdienst und sind nach Deiner nunmaligen Erklärung rein nur deshalb in die Himmel von der Erde weg aufgenommen worden, weil sie gleich Dir von den Himmeln zur Erde herniedergekommen sind!
GEJ|1|20|6|0|Siehe, darin liegt ganz entsetzlich wenig Hoffnung und nahe gar kein Trost für die arme Menschheit dieser harten Erde! Aber wie ich Dir schon früher gesagt habe, es bleibt dabei, daß ich Deine Lehre dennoch für göttlich und überweise halte, obgleich sie, wie ich in einer Deiner Thesen bewies, mit dem natürlichen Verstande betrachtet, eine barste Narrheit ist und sein muß, was Du ebensogut als ich einsehen wirst.
GEJ|1|20|7|0|Was Du aber mit der Erhöhung des Menschensohnes, die gleich jener der ehernen Schlange Mosis in der Wüste sein soll, meinst, und wie und warum alle das ewige Leben haben sollen, die an diesen schlangenartig erhöhten Menschensohn glauben, das geht schon ins Parabolische über, das heißt, in ein Etwas, das in sich der barste Unsinn ist! Wer ist dieser Menschensohn? – Wo ist Er nun? – Was macht Er? – Kommt auch Er gleich Henoch und Elias aus den Himmeln? – Wird Er erst geboren werden? – Was sollen die Menschen, die Ihn sicher ebensowenig als ich je gesehen haben, von diesem Menschensohne glauben? – Wie kann Er auf diese Erde kommen, so Er gleichfort im Himmel ist? – Wo wird Er erhöht werden und wann? – Wird Er dadurch zu einem unüberwindlich mächtigsten Könige der Juden?
GEJ|1|20|8|0|Siehe, lieber Meister, das klingt doch sicher sehr seltsam aus dem Munde eines Mannes, Der es durch Seine Taten zeigt, daß Er voll göttlicher Kraft und Macht sein müsse! Aber, wie gesagt, ich will mich von all dem nicht irreleiten lassen und halte Dich gleichfort für einen von Gott erweckten großen Propheten.
GEJ|1|20|9|0|Du siehst aus dem, daß ich keiner von denen bin, die eine Lehre alsobald verwerfen, so sie dieselbe nicht fassen; aber darum möchte ich Dich dennoch bitten, daß Du mir nur ein wenig Erklärung hinzutätest; denn sogestaltig kann ich Dich unmöglich fassen und verstehen. – Siehe, an mir liegt im Judenlande sehr viel, und ganz besonders in der Stadt Salems, allda ich der Oberste bin aller Juden! Führe ich Dich und Deine Lehre ein, so wird sie angenommen und eingeführt sein; wo ich sie aber fallen lasse, dann wird sie auch fallen und wird keine Annahme finden. Sei daher so gut und gib mir nur ein wenig mehr Licht!“
GEJ|1|20|10|0|Sage Ich: „Du hast nun viele Worte gemacht und hast geredet wie ein Mensch, der von himmlischen Dingen keine Ahnung hat; aber es kann auch nicht anders sein, denn du bist in der Nacht der Welt und magst nicht erschauen das Licht, das aus den Himmeln gekommen ist, um zu erleuchten die Finsternis der Nacht dieser Welt. Einen Dämmerschein hast du wohl, aber dennoch erschauest du das nicht, was dir sozusagen auf der Nase sitzt!“
GEJ|1|21|1|1|21. - Der Herr über die Menschwerdung des Sohnes und über dessen Sendung als Gottes- und Menschensohn
GEJ|1|21|1|1|Ev.Joh.3,16. „Also hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben sollen!“
GEJ|1|21|1|0|(Der Herr:) „Ich sage es dir: Gott ist die Liebe und der Sohn ist Dessen Weisheit. Also aber liebte Gott die Welt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn, d.h. Seine aus Ihm Selbst von Ewigkeit hervorgehende Weisheit, in diese Welt gab, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben sollen! – Sage Mir, verstehst du auch dieses nicht?!“
GEJ|1|21|2|0|Sagt Nikodemus: „Es kommt mir wohl vor, als sollte ich es verstehen, aber im Grunde verstehe ich es doch nicht. Wenn ich nur wüßte, was ich aus dem Menschensohn machen sollte, da wäre ich dann schon so ziemlich in der Ordnung! Du sprachst nun auch vom eingeborenen Sohne Gottes, Den die Liebe Gottes in die Welt gab. Ist der Menschensohn und der eingeborene Gottessohn eine und dieselbe Individualität?“
GEJ|1|21|3|0|Sage Ich: „Sieh her! Ich habe einen Kopf, einen Leib und Hände und Füße. Der Kopf, der Leib, die Hände und Füße sind Fleisch, und dieses Fleisch ist ein Sohn des Menschen; denn was da ist Fleisch, das kommt vom Fleische. Aber in diesem Menschensohne, Der Fleisch ist, wohnet Gottes Weisheit, und das ist der eingeborene Sohn Gottes. Aber nicht der eingeborene Sohn Gottes, sondern nur des Menschen Sohn wird gleich der ehernen Mosis-Schlange in der Wüste erhöhet werden, daran sich viele stoßen werden; die sich aber nicht stoßen, sondern glauben und sich halten werden an Seinen Namen, denen wird Er die Macht geben, Kinder Gottes zu heißen, und ihres Lebens und Reiches wird kein Ende sein fürder ewig.“
GEJ|1|21|4|1|Ev.Joh.3,17. „Denn Gott hat Seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß Er diese richte, sondern daß sie durch Ihn selig werde.“
GEJ|1|21|4|0|„Du mußt aber nun nicht irgend ein Gericht dieser Welt erwarten, als etwa Kriege, Wasserflut oder gar ein alle Heiden verzehrendes Feuer aus den Himmeln; denn sieh, Gott hat Seinen eingeborenen Sohn (die göttliche Weisheit) nicht in die Welt (in dieses Menschenfleisch) gesandt, daß Er diese Welt richte (verderbe), sondern daß sie durch Ihn vollauf selig werde, das heißt, daß auch alles Fleisch nicht verderbe, sondern mit dem Geiste auferstehe zum ewigen Leben. (Unter Fleisch wird hier nicht so sehr das eigentliche Leibfleisch als vielmehr die fleischlichen Gelüste der Seele verstanden.) Aber um das zu erreichen, muß der Glaube in dem Fleische die materiellen Hoheitsgefühle zunichte machen, und zwar der Glaube an den Menschensohn, daß dieser aus Gott von Ewigkeit her geboren in diese Welt gekommen ist, auf daß alle das ewige Leben haben sollen, die an Seinen Namen glauben und halten werden!“
GEJ|1|21|5|1|Ev.Joh.3,18. „Wer an Ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet; denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“
GEJ|1|21|5|0|„Wer immer, ob Jude oder Heide, an Ihn glauben wird, der wird ewig nimmer gerichtet und dadurch verdorben werden; wer sich aber an dem Menschensohne stoßen wird und wird nicht glauben an Ihn, der ist dann aber auch schon gerichtet. Denn eben das, daß er nicht glauben will und glauben kann, weil er sich zufolge seines Hoheitsgefühls an dem Namen und Wesen des Menschensohnes stößt, ist schon das Gericht eines solchen Menschen. Verstehst du nun das? Ich habe es dir nun überklar vor die Augen gestellt!“
GEJ|1|21|6|0|Sagt Nikodemus: „Ja, ja, ich verstehe so halbwegs den Sinn Deiner höchst mystisch gehaltenen Rede; aber sie erscheint für so lange wie in die Luft gesprochen, solange der von Dir so hoch gestellte Menschensohn, in Dem die Fülle der göttlichen Weisheit wohnt, nicht da ist, und Du auch die Zeit und den Ort entweder nicht näher bestimmen kannst oder willst, wann Er kommen wird und wo des Ortes.
GEJ|1|21|7|0|Also klingt auch Dein Gericht, das Du eigentlich lediglich in den Unglauben setzest, sehr rätselhaft! So das Gericht weder eine Flut, noch Krieg oder Pest und ebensowenig ein verzehrendes Feuer ist, sondern bloß nur der Unglaube an und in sich selbst, so muß ich Dir's, lieber Meister, offen gestehen, daß ich den Sinn Deiner Rede noch immer nicht fassen kann! Denn wer von einer Rede einen oder auch zwei Begriffe nicht faßt, der faßt im Grunde des Grundes die ganze Rede nicht. Was ist denn so ganz eigentlich Dein Gericht? Was für einen neuen Sinn verbindest Du mit diesem Begriff?“
GEJ|1|21|8|0|Sage Ich: „Mein Freund, bald könnte auch Ich zu dir sagen: Ich begreife es kaum mehr, worin es liegen mag, daß du den völlig klaren Sinn Meiner Rede nicht zu fassen imstande bist! Den Begriff Gericht magst du nicht verstehen, und Ich habe ihn dir doch überklar und vollauf erörtert.“
GEJ|1|21|9|1|Ev.Joh.3,19. „Das aber ist das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist; und die Menschen liebten die Finsternis mehr denn das Licht. Denn ihre Werke waren und sind böse.“
GEJ|1|21|9|0|„Siehe, das ist das Gericht, daß nun das Gottes-Licht aus den Himmeln in die Welt gekommen ist; die Menschen aber, da sie aus der Finsternis herausgenommen sind und gesetzt ins Licht, lieben aber dennoch die Finsternis bei weitem mehr als das nun volle Gotteslicht vor ihren Augen! Daß aber die Menschen das Licht nicht wollen, das beweisen ihre Werke, die durch und durch böse sind.
GEJ|1|21|10|0|Wo findest du den ersten Vollglauben, wo die gerechte Gottesfurcht? Wo liebt einer den andern, außer er weiß von ihm für sich etwas zu gewinnen? Wo sind die, die ihr Weib liebten der lebendigen Fruchtbarkeit wegen? Sie lieben die jungen Dirnen der Wollust wegen und treiben mit ihnen Unzucht und eine förmliche Hurerei! Denn wer mit dem andern Geschlecht eine förmliche Abgötterei der Wollust und Unzucht wegen treibt, der treibt eine wahre Hurerei, und diese ist ein Übel der Übel! – Wo ist ein Dieb, der sich ein Licht nähme und stehle offenbar?!“
GEJ|1|21|11|1|Ev.Joh.3,20. „Wer Arges tut, der hasset das Licht und kommt darum auch nicht an das Licht, auf daß seine argen Werke nicht gestraft werden möchten.“
GEJ|1|21|11|0|„Sieh, alle aber, die also gesinnt sind und also handeln, was da arg ist und böse, die sind es, deren Werke böse sind; wer immer solche Werke liebt und tut, der ist ein Feind des Lichtes und hasset dasselbe und wird darum sicher alles aufbieten, daß es mit ihm nicht ans Licht kommen möchte, damit seine argen Werke, von denen er es dennoch weiß, daß sie vom Lichte verpönt und gerichtet sind, nicht im Lichte in ihrer Häßlichkeit erkannt und bestraft werden möchten!
GEJ|1|21|12|0|Und sieh, darin besteht das eigentliche Gericht; was du aber unter dem Gerichte verstehst, ist nicht das Gericht, sondern nur eine Strafe, die dem Gerichte folgt.
GEJ|1|21|13|0|So du ein Liebhaber bist, in der Nacht zu wandeln, so ist schon das ein Gericht deiner Seele, daß du die Nacht mehr liebst als den Tag; so du darum aber leicht dich anstößt und dir gewaltig wehe tust oder gar in eine Grube oder in einen tiefen Graben fällst, so ist dann ein solcher Anstoß oder ein solcher Fall nicht das Gericht, sondern nur eine Folge des Gerichtes in dir, der du die Nacht liebst und den Tag hassest!“
GEJ|1|21|14|1|Ev.Joh.3,21. „Wer aber die Wahrheit tut, der kommt an das Licht, daß seine Werke offenbar werden; denn sie sind in Gott getan!“
GEJ|1|21|14|0|„Bist du aber ein Freund des Lichtes, des Tages, der Wahrheit aus Gott, so wirst du auch der göttlichen Wahrheit gemäß handeln und wirst sicher sehnlichst wünschen, daß deine Werke ans Licht vor aller Augen kommen möchten und offenbar werden vor jedermann; denn du weißt es, daß deine Werke, weil im Lichte der Wahrheit aus Gott getan, gut und gerecht sind und sonach Anerkennung und offenbare Belohnung verdienen!
GEJ|1|21|15|0|Wer aber sonach ein Freund des Lichtes ist, der wird nicht in der Nacht, sondern am Tage wandeln und wird das Licht sogleich erkennen, weil er aus dem Lichte ist, und dieses Licht heißt – der Glaube des Herzens.
GEJ|1|21|16|0|Wer demnach glaubet an den Menschensohn, daß Dieser ist ein Licht aus Gott, der hat schon das Leben in sich; wer aber nicht glaubt, der hat das Gericht schon in sich, und das Gericht ist eben der Unglaube selbst.
GEJ|1|21|17|0|Ich meine, daß du Mich nun wohl begriffen haben wirst.“
GEJ|1|22|1|1|22. - Nikodemus kann den Gottes- und Menschensohn immer noch nicht erkennen. Der Herr verweist ihn an Johannes. Endlich dämmert es dem Suchenden. Rat des Herrn: »Folge dem Zug deines Herzens!«
GEJ|1|22|1|0|Sagt Nikodemus: „Nun ist mir bis auf eines alles klar; aber das Eine fehlt noch immer, und dieses Eine ist eben der außerordentliche Menschensohn Selbst, ohne Den natürlich all Dein weisestes Gespräch mit allen den herrlichen Erörterungen ins bodenlose Nichts fällt! Was nützt mir der Glaube oder der beste und festeste Wille, an den Menschensohn zu glauben, so der Menschensohn Selbst nicht da ist? Aus der Luft oder aus einer puren Idee kann man sich keinen Menschensohn schaffen. Sage mir daher, wo ich diesen ewigen Gottessohn treffe, und sei versichert, daß ich Ihm mit dem vollsten Glauben entgegenkommen werde!“
GEJ|1|22|2|0|Sage Ich: „So Ich solches nicht gesehen hätte in dir, so hättest du von Mir nun eine solche Lehre nicht bekommen! Aber du kamst in der Nacht und nicht am Tage zu Mir, obschon du viel von Meinen Taten gehört und gesehen hast! Weil du aber in der natürlichen Zeitnacht wie auch in der dieser entsprechenden Nacht deiner Seele zu Mir kamst, so ist es auch sehr begreiflich, daß du über den Menschensohn noch nicht im klaren bist!
GEJ|1|22|3|0|Ich sage es dir: So jemand sucht den Menschensohn in der Zeitnacht, da er am Tage vor allen Menschen so etwas zu tun sich scheut, auf daß er bei ihnen nicht käme in einen Verruf, der wird das, was er sucht, nicht wohl finden. Denn das wirst du als Weisester der Juden wohl wissen, daß die Nacht, was immer für eine es auch sei, zum Suchen und Finden am wenigsten taugt. – Wer sonach den Menschensohn sucht, der muß Ihn am Tage und nicht in der Nacht suchen; dann wird sich Dieser schon finden lassen.
GEJ|1|22|4|0|Nur das sage Ich dir: Gehe hin zu Johannes, der nun doch des Wassers wegen zu Enon nahe bei Salim tauft, der wird es dir sagen, ob der eingeborene Sohn Gottes schon da ist oder nicht! Dort sollst du Ihn kennenlernen!“
GEJ|1|22|5|0|Sagt Nikodemus: „Ach, ach, lieber Meister, das wird schwerhalten! Denn ich habe tagtäglich Geschäfte über Hals und Kopf und kann davon nicht leichtlich abkommen! Bedenke, in der Stadt und in der nächsten Umgebung der Stadt leben samt den Fremden über achthunderttausend Menschen, für die ich als ihr Oberster viel und viel zu sorgen habe; dann harren nebst dem noch tägliche Tempelgeschäfte meiner, die ich nimmer zur Seite schieben kann. Wenn mir demnach die Gnade nicht zuteil wird hier in Jerusalem, so werde ich darauf schon leider Verzicht leisten müssen! Sieh, ich benötigte zu dieser Unternehmung allerwenigstens drei volle Tage, und das wäre für mein Geschäft soviel als für jemand anderen drei Jahre.
GEJ|1|22|6|0|Du mußt mich darum schon für entschuldigt halten, daß ich Deinem Rate nicht Folge leisten kann. Sooft Du aber mit Deinen Jüngern nach Jerusalem kommen solltest, da komme zu mir, und ich werde euch eine gute Herberge geben! An mir sollst Du samt allen, die mit Dir sind, stets einen aufrichtigen Freund und Gönner finden. Mein Haus, groß genug, um zehntausend Menschen zu beherbergen, steht am Davidsplatze, innerhalb des Salomon-Tores, auch das Goldene Tor genannt; wann immer Du kommen willst, da soll es ganz zu Deiner Schaltung und Waltung bereitstehen! Was nur immer in meiner Gewalt steht, das soll stets Dir zu dienen bereit sein! So Du was immer benötigst, begehre es, und ich werde es Dir stellen!
GEJ|1|22|7|0|Denn siehe, in mir ist eine große Veränderung vorgegangen! Ich liebe Dich, Du lieber Meister, mehr denn alles, was mir je teuer war, und diese Liebe sagt mir gewisserart: Du Selbst seiest eben Derselbe, dessentwegen Du mich ehedem nach Enon zu Johannes beschieden hast!? Es mag auch nicht also sein, wie ich's in mir fühle; aber es sei da, wie ihm wolle, ich liebe Dich einmal aus meinem ganzen Herzen, indem ich in Dir einen großen Meister der echt göttlichen Weisheit erkenne. Haben auch Deine Taten, die vor Dir wohl niemand verrichtet hat, mich mit der tiefsten Verwunderung erfüllt, so hat mich aber Deine große Weisheit in meinem Herzen noch mehr gefangengenommen für Dich, Du lieber Meister! Ich liebe Dich! Sage es mir doch, spricht mein Herz ein rechtes Zeugnis über Dich aus?!“
GEJ|1|22|8|0|Sage Ich: „Gedulde dich noch eine kleine Zeit, und es soll dir alles klar werden! In Kürze werde Ich wieder zu dir kommen und werde dein Gast sein; dann sollst du alles erfahren!
GEJ|1|22|9|0|Folge aber dem Zuge deines Herzens, das wird dir in einem Augenblick mehr sagen als alle fünf Bücher Mosis und alle Propheten! Denn siehe, nichts ist wahr im Menschen als allein die Liebe! Halte dich daher an sie, und du wirst am Tage wandeln! – Nun aber von etwas anderem!
GEJ|1|22|10|0|Ich werde nun ins jüdische Land Mich begeben und allda verkünden das Reich Gottes. Du aber bist gesetzt über dieses Land. Nicht Meinetwegen, sondern Meiner Jünger wegen gib Mir einen Sicherheitsschein, wie er nach dem Gesetze der Römer unter den Juden gang und gäbe ist, auf daß sie bei den Zöllen und Mauten keinen Anstand haben! Die Kinder sind zwar frei, aber sie müssen als solche beglaubigt sein. – Es wäre mir wohl ein leichtes, überall mit Legionen frei und unbeanstandet durchzukommen; aber Ich will niemandem ein Ärgernis geben und füge Mich daher dem Gesetze Roms. Sei deshalb so gefällig und verschaffe Mir einen Sicherheitsschein.“
GEJ|1|22|11|0|Sagt Nikodemus: „Sogleich, lieber Meister, sollst Du ihn haben! Ich selbst werde ihn schreiben und ihn Dir überbringen in einer Stunde; denn es ist von hier gar nicht ferne in mein Haus.“
GEJ|1|22|12|0|Nikodemus eilt nun nach Hause und überbringt schon in einer halben Stunde den verlangten Sicherheitsschein. Nachdem wir das Zeugnis auf einem Stück Pergament in unseren Händen hatten, segnete Ich im Herzen den biederen Nikodemus. Er empfahl sich mit Tränen in den Augen und bat Mich noch einmal, bei Meiner Wiederkunft nach Jerusalem Mich seines Hauses bedienen zu wollen, was Ich ihm auch zusagte. Ich aber empfahl ihm die Reinhaltung des Tempels, was er Mir denn auch gelobte. Und so schieden wir am Morgen.
GEJ|1|23|1|1|Im jüdischen Land rings um Jerusalem und unterwegs nach Samaria
GEJ|1|23|1|1|23. - Des Herrn Wirken in Judäa. Die Wasser- und Feuertaufe. Der Jünger Streitfrage über die gültige Taufe
GEJ|1|23|1|1|Ev.Joh.3,22. Danach kam Jesus und Seine Jünger in das jüdische Land, hatte daselbst Sein Wesen mit ihnen und taufte.
GEJ|1|23|1|0|Als es vollends Tag war, brachen wir auf und zogen in das Judenland, das, gewisserart zu Jerusalem gehörend, um Jerusalem ungefähr also lag, wie in dieser Zeit ein Kreis um seine Kreisstadt. In etlichen Tagen konnte man ganz leicht das ganze Land abgehen.
GEJ|1|23|2|0|Nun, was tat Ich denn in diesem Lande? Der Vers sagt, daß Ich mit ihnen Mein Wesen hatte und dann taufte; es fragt sich hier, wer so ganz eigentlich unter den „ihnen“ verstanden werden solle, und worin das Wesen bestehe, das Ich mit ihnen hatte. Unter „ihnen“ werden zuerst die Jünger, die zu Jerusalem abermals um einige Köpfe sich vermehrt hatten, verstanden, und dann aber auch alle jene, die an Meiner Lehre einen gläubigen Anteil nahmen.
GEJ|1|23|3|0|Alle aber, die vollgläubig Meine Lehre annahmen, wurden von Mir offen mit Wasser, insgeheim aber mit dem Geiste Meiner ewigen Liebe und Weisheit getauft und erlangten dadurch die Macht, „Gottes Kinder“ zu heißen. Darin bestand also das Wesen, das Ich mit ihnen hatte. Die Lehre und was Ich getan hatte, ist teilweise von den anderen drei Evangeliums- Schreibern aufgezeichnet worden und braucht hier nicht wieder angegeben zu werden; sie bestand auch in nichts anderem als hauptsächlich in der Darstellung aller der groben Gebrechen, mit denen die Juden und Pharisäer behaftet waren, und in der Anpreisung der Liebe zu Gott und dem Nächsten.
GEJ|1|23|4|0|Ich stellte einmal alle die Gebrechen dar, ermahnte die Sünder ernstlich zur Buße, warnte alle, die Meine Lehre annahmen, vor dem Rückfalle zum alten Sauerteige der Pharisäer, und wirkte zur für diese allermateriellste Zeit nötigen Bekräftigung Meiner sanftesten Lehre wunderbare Taten, heilte viele Kranke, reinigte die Besessenen von den unreinen Geistern und nahm stets mehr Jünger an.
GEJ|1|23|5|1|Ev.Joh.3,23. Johannes aber taufte auch noch zu Enon, nahe bei Salim; denn es war viel Wassers daselbst, und sie kamen dahin und ließen sich taufen.
GEJ|1|23|5|1|Ev.Joh.3,24. Denn Johannes war noch nicht ins Gefängnis gelegt.
GEJ|1|23|5|0|Auf diesem Meinem Zuge durch das jüdische Land kam Ich denn auch in die Nähe, allwo Johannes in der kleinen Wüste zu Enon in der Nähe von Salim taufte, weil er da Wasser hatte, während in der Gegend Bethabara der Jordan sehr wenig Wasser hatte, und was noch des Wassers da war, war trübe, unrein und voll übelriechenden Gewürms. Deshalb also hatte Johannes seinen Platz gewechselt, hielt zu Enon seine scharfen Bußpredigten und taufte auch daselbst die Menschen, die seine Lehre angenommen und eine rechte Buße getan hatten.
GEJ|1|23|6|0|Es waren aber auch unter denen viele, die schon Meine Lehre angenommen hatten, aber vom Johannes zuvor noch nicht getauft waren. Diese fragten Mich, ob es nötig sei, sich zuvor vom Johannes taufen zu lassen. Und Ich sagte zu ihnen: „Eines nur tut not, und das ist die tatsächliche Befolgung Meiner Lehre! Wer sich aber will vom Johannes zuvor reinigen lassen, solange dieser noch frei seine Werke verrichtet, dem wird solche Reinigung gut zustatten kommen.“ Auf solche Meine Rede gingen dann viele hin und ließen sich taufen vom Johannes.
GEJ|1|23|7|1|Ev.Joh.3,25. Da erhob sich eine Frage unter den Jüngern Johannis mit den Juden (die hingekommen waren) über die Reinigung (d.h. über Meine Wassertaufe im Vergleich zum Zeugnisse Johannis).
GEJ|1|23|7|0|Da entstand bald eine Streitfrage über die Reinigung Johannis und über Meine Taufe; denn die Jünger Johannis begriffen nicht, wie auch Ich mit Wasser taufte, da sie von ihm gehört hatten das Zeugnis, demnach Ich nicht mit Wasser, sondern mit dem heiligen Geiste taufen werde. Viele Juden, die nun schon Meine Jünger waren, behaupteten und sagten: Meine Taufe sei eine wahre Taufe; denn obschon Ich mit Wasser taufe wie Johannes, so sei aber Meine Taufe die allein gültige, indem Ich nicht nur mit dem Wasser der Natur, sondern auch zugleich mit dem Wasser des Geistes Gottes taufe und den Getauften die wohlersichtliche Macht gäbe, Gottes Kinder zu heißen!
GEJ|1|23|8|1|Ev.Joh.3,26. Und sie kamen zu Johannes und sprachen: „Meister! Der bei dir war jenseits des Jordans, von Dem du gezeugt hast (daß Er mit dem heiligen Geiste taufen werde), sieh, Der tauft nun auch (mit Wasser), und alles läuft Ihm zu!“
GEJ|1|23|8|0|Auf solche Erörterungen gingen dann des Johannes Jünger mit den Juden zu Johannes hin und sprachen: „Höre uns an, Meister! – Sieh, derselbe Mann, Der bei dir war jenseits des Jordans, von Dem du das Zeugnis gabst, daß Er mit dem heiligen Geiste taufen werde, tauft nun auch in der Nähe hier gleich wie du mit Wasser! Wie sollen wir das nehmen und verstehen? Ist dieser Täufer wohl Der, Dem du das große Zeugnis gabst?“
GEJ|1|23|9|0|Johannes aber sagte zu seinen Jüngern: „Gehet hin und fraget Ihn: Bist Du Der, Der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Was Er euch darauf sagen wird, das merket euch und saget es dann mir! Darauf erst werde ich euch vollen Bescheid erteilen.“
GEJ|1|23|10|0|Darauf begeben sich dann mehrere Jünger Johannis zu Mir hin und fragen Mich also, wie es ihnen Johannes geraten hatte. Ich aber gebe ihnen die bekannte Antwort, daß sie nämlich dem Johannes sagen sollen, was sie sahen, wie nämlich die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Tauben hören, und wie den Armen das Evangelium vom Reiche Gottes gepredigt werde! Und wohl dem, der sich nicht ärgert an Mir! – Mit dem kehren die Jünger wieder zu Johannes zurück und erzählen ihm sogleich, was sie gesehen und gehört haben.
GEJ|1|24|1|1|24. - Des Täufers größtes und letztes Zeugnis über den Herrn. Johannis Demut. Das Geheimnis Gottes als Vater und Sohn. Bedingung zum ewigen Leben: Der Glaube an den Sohn
GEJ|1|24|1|1|Ev.Joh.3,27. Johannes aber antwortete und sprach: „Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel.“
GEJ|1|24|1|0|Johannes aber fasset sich und spricht zu seinen Schülern: „Höret, mich bedünkt es also: Ein Mensch kann nichts nehmen, besonders in Dingen des Geistes, so es ihm zuvor nicht gegeben wird aus den Himmeln! Der seltene Mensch, Der Sich von mir taufen ließ jenseits am Jordan, über Den ich den Geist Gottes so sanft wie eine Taube, wann sie sich auf ihr Nest niederläßt, aus den Himmeln in der Gestalt eines Lichtwölkchens Sich niederlassen sah, und Dem ich das Zeugnis gab, hätte Sich als ein purer Mensch nicht nehmen können, was Er hat; aber Er ist mehr als ein purer Mensch und scheint wohl die Macht zu haben, Sich Selbst nehmen zu können aus den Himmeln und das Genommene zu behalten oder zu geben, wem Er es will! Und ich meine, daß wir alle, was wir haben, von Seiner Gnade empfangen haben, und es ist dann ja unmöglich, daß wir Ihm vorschreiben sollen, was und wie Er tun soll! Er gibt, – wir aber sind, die es von Ihm nehmen. Er hat Seine Wurfschaufel in Seiner Hand; Er wird fegen Seine Tenne, wie Er will, und wird sammeln den Weizen in Seine Scheune, die Spreu aber verbrennen mit dem ewigen Feuer und aus der Asche machen, was Er will!“
GEJ|1|24|2|1|Ev.Joh.3,28. „Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe, ich sei nicht Christus, sondern nur vor Ihm hergesandt.“
GEJ|1|24|2|0|„Ihr selbst seid mir Zeugen, daß ich vor den Priestern und Leviten, die aus Jerusalem zu mir gekommen sind, gesagt habe, ich sei nicht Christus, sondern vor Ihm hergesandt! Wie könnte ich mich dann über das aufhalten, was Der tut, Der die eigene Wurfschaufel in Seiner Hand hat? Feget Er Seine Tenne, wie Er will, wir mögen Ihm kein Gesetz geben! Denn der Acker (die Welt) ist Sein, also auch der Weizen (die Kinder Gottes) und die Spreu (Kinder der Welt oder des Teufels), und Sein ist die Scheune (der Himmel) und Sein das Feuer (die Hölle), das nimmer erlischt!“
GEJ|1|24|3|1|Ev.Joh.3,29. „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam (Herr); der Freund des Bräutigams aber steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme. Diese meine Freude ist nun erfüllt.“
GEJ|1|24|3|0|„Wer die Braut (Weisheit der Himmel) hat, der ist ein rechter Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme! Und sehet, diese Freude ist nun an mir erfüllt! Wenn aber der Herr Selbst kommt, dann ist des Boten Amt zu Ende! Denn der Bote hat nichts zu tun, als allein zu verkünden die Ankunft des Herrn; ist der Herr da, so ist der Bote nichts mehr nütze!“
GEJ|1|24|4|1|Ev.Joh.3,30. „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen.“
GEJ|1|24|4|0|„Deshalb muß ich nun abnehmen; Er als der Herr aber muß wachsen bei den Menschen dieser Erde! Ihr waret allzeitig meine Jünger, seit ich zu euch kam als ein gesandter Bote; wer aus euch hat je aus meinem Munde gehört, daß ich mich darum gerühmt hätte?! Allzeit behielt ich den gerechten Ruhm für Den, Dem er gebührt. So ich zeugte, daß ich nicht wert sei, Ihm die Riemen Seiner Schuhe zu lösen, so erhob ich mich doch sicher nicht, sondern gab Ihm allein alle Ehre, die der Menschen Blindheit mir erweisen wollte; und deshalb sage ich noch einmal: Nun ist mein Amt zu Ende! So der Herr Selbst kommt, da ist der Vorläufer nichts nütze mehr; darum muß der Bote (das Fleisch) nun abnehmen, und Er als der Herr (der Geist) muß wachsen über alles Fleisch hinaus! Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Boten und Dem, Der den Boten aus höchst eigener Macht sendet, wohin Er will.“
GEJ|1|24|5|1|Ev.Joh.3,31. „Der von ober her kommt, ist über alle. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde. Der aber vom Himmel kommt, Der ist über alle.“
GEJ|1|24|5|0|„Der, Der die Macht hat, Gesetze zu geben, ist oben; und der, welcher gehorchen muß, ist unten. – Es kann aber füglichermaßen wohl niemand oben sein, so er nicht von oben her gekommen ist. Wer aber wahrhaft von oben kommt, ist über alle. Wer von der Erde ist, der kann nie von oben sein, sondern stets nur von der Erde und mag von nichts reden denn von der Erde. Der aber vom Himmel kommt, ist über alle; denn Er ist der Herr und kann sonach tun, was Er will, und kann taufen mit Wasser, Feuer und Geist, denn Sein ist alles!
GEJ|1|24|6|0|Ich aber meine, daß Er Selbst dennoch nicht mit dem Wasser tauft, sondern mit dem Feuer des Geistes nur; Seine Jünger aber werden die Menschen zuvor nach meiner Art taufen, das heißt, alle jene, die von mir die Wassertaufe nicht genommen haben. – Die Wassertaufe aber ist nichts nütze dem Menschen, so er darauf nicht getauft würde mit dem Geiste Gottes.“
GEJ|1|24|7|1|Ev.Joh.3,32. „Und zeugt, was er gesehen und gehört hat; und dennoch will sein Zeugnis nahe niemand annehmen.“
GEJ|1|24|7|0|„Das Wasser zeugt von nichts als vom Wasser und macht rein die Haut vom Schmutz der Erde. Der Geist Gottes aber, mit dem der Herr allein nur taufen kann, da der Gottesgeist Sein Geist ist, zeugt von Gott und von dem, das Er allein allzeit in Gott schaut und vernimmt.
GEJ|1|24|8|0|Aber leider nimmt nun noch nahe niemand dies heilige Zeugnis an! Denn was Kot ist, das ist Kot und mag den Geist nicht annehmen, es müsse denn der Kot zuvor durchs Feuer gehen und allda selbst zum Geiste werden; denn ein rechtes Feuer verzehrt alles bis auf den Geist, der selbst ein gewaltiges Feuer ist. Darum wird die Geistestaufe des Herrn auch viele zerstören, und es werden sich darob viele scheuen, sie anzunehmen.“
GEJ|1|24|9|1|Ev.Joh.3,33. „Wer es aber auch annimmt, der versiegelt es (in sich), daß Gott wahrhaft sei (natürlich in Dem, Der Ihm das Zeugnis gab durch die Taufe mit dem Geiste Gottes).“
GEJ|1|24|9|0|„Wer aber diese Taufe und in ihr das heilige Zeugnis annehmen wird, der wird es in sich versiegeln vor der Welt, daß Derjenige, Der ihn getauft hat mit dem Geiste, Selbst allerwahrhaftigst Gott sei und allein geben kann das ewige Leben. Ihr sagt nun gleichwohl in euch: ,Warum denn in sich versiegeln das Zeugnis der Himmel von Gott durch Gott?!‘ Ich habe es euch gesagt: Der Kot ist und bleibt Kot, und der Geist ist und bleibt Geist; so aber der Erdmensch, der vom Grunde aus Kot ist, in seinen Kot den Geist überkommt, wird ihm der Geist bleiben, so er ihn in sich, das heißt in seinem Herzen, nicht wohl verwahren wird?
GEJ|1|24|10|0|Oder gibt es irgend ein bestimmtes Maß, nach dem der Geist verteilt würde, auf daß ein jeder wüßte, wieviel des Geistes er überkommen hat? So aber ein solches Maß nicht bestimmt ist, so muß der irdische Kotmensch dem empfangenen Geiste in seinem Herzen ein Maß eröffnen; und so der Geist in diesem Maße sich zur bleibenden Ruhe begeben und in solcher Ruhe erfüllt hat das neue Maß, dann auch erst wird der Kotmensch in ihm selbst gewahr, wieviel des Geistes er überkommen hat.
GEJ|1|24|11|0|Was würde es euch aber nützen, so ihr am Meere das Wasser schöpfet in ein durchlöchertes Faß? Könnt ihr je sagen und erkennen, soundso viel Wassers habt ihr aus dem für euch maßlosen Meere geschöpft? Wenn aber das Faß wohl gebunden ist, so werdet ihr es dann auch ermessen, wieviel des Meerwassers ihr im Fasse habt! Das Wasser des Meeres aber ist durch und durch gleich; ob viel oder wenig, das ist einerlei. Das Meer selbst ist also durchgehends Meer, und wer wo immer aus dem Meere schöpft, ob viel oder wenig, der schöpft ein vollrechtes Meerwasser und wird nachher erst des Maßes gewahr.“
GEJ|1|24|12|1|Ev.Joh.3,34. „Denn Welchen Gott gesandt hat, Der redet Gottes Wort. Gott gibt aber Seinen Geist (Dem, Der von Ihm gesandt ist) nicht nach dem Maße (wie einem Menschen, sondern in aller Seiner Fülle).“
GEJ|1|24|12|0|„Ebenalso aber ist es auch mit Dem, Der von Gott gekommen ist, zu zeugen von Gott und zu reden das reine Gotteswort. Er Selbst ist das maßlose Meer (Gottesgeist). So er jemandem sonach Seinen Geist gibt, so gibt Er ihn nicht nach dem endlosen Maße, das nur in Gott allein in aller endlosen Fülle dasein kann, sondern nach dem Maße, das im Menschen ist. So aber der Mensch den Geist erhalten will, darf sein eigen Maß nicht schadhaft sein und offen stehen bleiben; sondern es muß dies Maß wohl gebunden und gut versiegelt sein!
GEJ|1|24|13|0|Der aber, bei Dem ihr waret und gefragt habt, ob Er Christus sei, hat, als äußerlich wohl auch ein Menschensohn, den Geist Gottes nicht nach dem Maße eines Menschen, sondern nach dem endlosen Maße Gottes Selbst empfangen schon von Ewigkeit her; denn Er Selbst ist das maßlose Meer des Geistes Gottes in Sich! Seine Liebe ist Sein Vater von Ewigkeit, und diese ist nicht außer dem sichtbaren Menschensohne, sondern in Ihm Selbst, Der da ist das Feuer, die Flamme und das Licht von Ewigkeit in und aus dem Vater.“
GEJ|1|24|14|1|Ev.Joh.3,35. „Der Vater hat den Sohn lieb und hat Ihm alles in die Hand gegeben.“
GEJ|1|24|14|0|„Dieser liebe Vater aber hat überlieb Seinen ewigen Sohn, und alle Macht und Gewalt liegt in den Händen des Sohnes, und alles, das wir haben nach dem gerechten Maße, haben wir geschöpft aus Seiner maßlosen Fülle. Er Selbst ist aus Seinem eignen Worte nun ein Fleischmensch unter uns, und Sein Wort ist Gott, Geist und Fleisch, das wir den Sohn nennen. Der Sohn aber ist demnach auch in Sich das Leben alles Lebens ewig.“
GEJ|1|24|15|1|Ev.Joh.3,36. „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohne nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm!“
GEJ|1|24|15|0|„Wer sonach den Sohn annimmt und an Ihn glaubt, der hat das ewige Leben schon in sich; denn so wie Gott Selbst in jedem Worte Sein eigenes vollkommenstes ewiges Leben ist, also ist Er es auch in jedem Menschen, der Sein lebensvollstes Wort in sich aufnimmt und dasselbe behält. Wer aber dann im Gegenfalle das Gotteswort aus dem Munde des Sohnes nicht annimmt, also dem Sohne nicht glaubt, der wird und kann auch das Leben nicht überkommen, noch sehen und fühlen in sich, und der Zorn Gottes, welcher ist das Gericht der Dinge, die kein Leben haben außer das des ewig unwandelbaren Mußgesetzes, wird bleiben über ihm so lange, als er an den Sohn nicht glauben wird.
GEJ|1|24|16|0|Ich, Johannes, habe nun solches zu euch geredet und gab euch allen ein vollgültig Zeugnis. Ich habe euch gereinigt vom Schmutze der Erde durch meine eigenen Hände. Gehet nun hin, nehmet Sein Wort an, auf daß euch die Taufe Seines Geistes zuteil werde; denn ohne sie ist alle meine Mühe mit euch ohne Nutz und Wert! Ich möchte aber wohl auch selbst hinziehen zu Ihm! Aber Er will es nicht und offenbart es mir durch meinen Geist, daß ich bleiben soll, da ich das schon im Geiste empfangen habe, das euch noch mangelt.“
GEJ|1|24|17|0|Dies ist das letzte und größte Zeugnis des Johannes über Mich und bedarf keiner weiteren Erklärung, da es sich in und aus sich selbst erklärt.
GEJ|1|24|18|0|Der Grund aber, warum es im Evangelium nicht so vollständig gegeben ist, bleibt stets der gleiche: weil fürs erste damals also die notwendige Art zu schreiben war, dernach nur die Hauptpunkte aufgezeichnet wurden, alles andere aber, was ein geweckter Geist ohnehin von selbst leicht finden kann, weggelassen ward; fürs zweite aber, daß das lebendig Heilige im Worte nicht verunreinigt und entheiligt werden möchte. Und es ist demnach ein jeder solcher Vers ein tüchtig festbeschaltes Samenkorn, in dem der Keim zu einem endlosen Leben und seiner nie ermeßbaren Weisheitsfülle verborgen ruht.
GEJ|1|25|1|1|25. - Die Gnadenerweisungen an denen, die an den Herrn glaubten, wirken sehr für Vermehrung Seines Anhanges. Entstehung falscher Evangelien. Der Herr zieht über Samaria nach Galiläa. Gesinnung der Samariter. Sichar. Der Herr macht mit den Seinen am Jakobusbrunnen Rast.
GEJ|1|25|1|1|Ev.Joh.4,1. Da nun der Herr inneward, daß er vor die Pharisäer gekommen war, wie Jesus mehr Jünger machte und taufte denn Johannes –,
GEJ|1|25|1|1|Ev.Joh.4,2. Wiewohl Jesus Selber nicht taufte, sondern nur Seine Jünger –,
GEJ|1|25|1|1|Ev.Joh.4,3. Verließ Er das Land Judäa und zog wieder nach Galiläa.
GEJ|1|25|1|0|Nach solcher Rede Johannis gingen seine Jünger alsbald zu Mir, und es mehrte sich die Zahl Meiner Jünger von Tag zu Tag, ja, oft von Stunde zu Stunde. Denn ein jeder, der an Mich zu glauben begann, und dem Ich nach dem Maße seines Glaubens und nach der Taufe mit dem Wasser, die von Meinen ersteren Jüngern ausgeübt wurde, Meine Hände aufgelegt hatte, der ward voll Geistes der Kraft und des Mutes und aller Furcht vor dem Leibestode bar.
GEJ|1|25|2|0|Da das viele erfuhren, so machten sie es trotz Meines Verbotes dennoch allenthalben, wohin sie nur kamen, ruchbar; dazu wurden noch alle Meine Taten, nicht selten sogar mit manchen Zusätzen und Übertreibungen, in ganz Judäa herum verbreitet, was bei den wundersüchtigen Juden die ganz natürliche Folge hatte, daß sie sich von Tag zu Tag bei Mir mehr und immer mehr einfanden und vielfach auch sogleich bei Mir verblieben.
GEJ|1|25|3|0|Aber es hatte auch die unvermeidbar leidige Folge, daß alles das zu den weiten Ohren der Pharisäer kam, und, wie schon bemerkt, mit vielen Zusätzen und Übertreibungen, darunter einige so seltsam klangen, daß darob sogar einige Römer zu meinen begannen, Ich müßte entweder der Zeus selbst oder doch ein Sohn von ihm sein.
GEJ|1|25|4|0|Es wurden auch von römischer Seite Auskundschafter an Mich abgesandt, die jedoch das nicht fanden, weshalb sie zu Mir beschieden wurden. Ich tat da auch gewöhnlich keine Zeichen, damit dies abergläubische Volk nicht noch vernagelter würde, als es ohnehin schon war.
GEJ|1|25|5|0|Aus solchen Übertreibungen aber entstanden dann in der Folge eine Menge falscher Evangelien und entstellten dann das wahre.
GEJ|1|25|6|0|Die Pharisäer, diese argen und über alle Maßen eifersüchtigen Vorsteher des Tempels und der Schrift, fingen sogleich unter sich an, Beschlüsse zu fassen, Mir und dem Johannes das Handwerk zu legen und uns entweder auf eine ganz unschuldige Art aus der Welt zu befördern oder uns wenigstens in irgend einer lebenslänglichen Versorgungsanstalt – so hübsch unterirdisch gelegen – unterzubringen, wie sie es beim Herodes für den Johannes (den Täufer) später doch durchgesetzt haben.
GEJ|1|25|7|0|Daß Mir solche edlen Gesinnungen nicht fremd blieben, das bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung; aber es blieb Mir auch nichts übrig, um Raufereien und lästige arge Spektakel zu vermeiden, als das ultramontan- finstere Judäa zu verlassen, um Mich in das mehr freisinnige Galiläa zu begeben.
GEJ|1|25|8|1|Ev.Joh.4,4. Er mußte aber durch Samaria reisen.
GEJ|1|25|8|0|Es war sogar nicht ratsam, geraden Weges sich nach Galiläa zu begeben, sondern durch Samaria, das sich auch schon lange von den Pfaffen des Tempels mit Hilfe der Römer losgemacht hatte (eine leichte und wünschenswerte Arbeit für die Römer, deren Grundsatz es ohnehin war, alle Lande zu zerspalten, um sie dann leichter beherrschen zu können), den Weg nach Galiläa einzuschlagen.
GEJ|1|25|9|0|Die Samariter waren darum auch das verachtetste und allergotteslästerlichste Volk der Erde in den Augen der Pfaffen Jerusalems; dagegen die Pfaffen Jerusalems aber auch bei den Samaritern in einem solchen Ansehen standen, daß sie mit dem Namen eines Tempelpfaffen gewöhnlich das Allerschlechteste zu bezeichnen pflegten. Wenn zum Beispiel ein Samariter zu jemandem in irgend einer Aufregung, zu der er keinen hinreichenden Grund hatte, sagte: „Du Pharisäer!“, so ging der also Bescholtene vors Gericht, verklagte den Beleidiger, und dieser mußte dann seine Unbesonnenheit oft mit einer starken Geldbuße und einem jahrelangen Gefängnisse büßen. Daß es natürlich keinem Pharisäer oder sonstigen Pfaffen geraten war, nach Samaria den Fuß zu setzen, versteht sich von selbst. Mir und allen denen, die Mir folgten, kam diese Sache gut zu statten, denn in Samaria waren wir vor der bösen Verfolgung der Tempeljuden sicher.
GEJ|1|25|10|1|Ev.Joh.4,5. Da kam Er in eine Stadt in Samaria, die heißet Sichar, nahe bei dem Dörfchen, das Jakob seinem Sohne Joseph gab.
GEJ|1|25|10|0|Der Weg führte durch Sichar, eine Stadt nahe dem uralten Dörfchen, das Jakob seinem Sohne Joseph gab als ein Wiegengeschenk, samt den Bewohnern dieses Dörfchens, die gemeinhin aus lauter Hirten bestanden, die er mit der Rahel als Mitgift bekam. Es war aber die Stadt Sichar gerade keine Hauptstadt dieses Landes; aber dennoch hielten sich darin sehr viele und sehr wohlbemittelte Samariter auf und so manche reichen Römer, da diese Stadt eine sehr schöne Lage hatte und die Gegend sehr gesund war.
GEJ|1|25|11|1|Ev.Joh.4,6. Es war aber daselbst der Brunnen Jakobs. Da nun Jesus müde war von der Reise, so setzte Er Sich auf das steinerne Geländer des Brunnens; und es war gerade um die sechste Stunde.
GEJ|1|25|11|0|Wir sind in Judäa nach der jetzigen Zeitrechnung schon gegen 4 Uhr morgens aufgebrochen, gingen stark vorwärts ohne Rast und erreichten Punkt 12 Uhr mittags, was damals die sechste Stunde war, den alten Jakobsbrunnen, der gerade vor dem Dörfchen, kaum etliche vierzig Schritte von eben dem Dörfchen entfernt, gegen Sichar hin lag. Dieser Brunnen hatte eine sehr gute Quelle, war mit einem nach alter Art zierlich gemeißelten Steingeländer umfaßt und war nebst dem mit schattigen Bäumen umwachsen.
GEJ|1|25|12|0|Der Tag, weil im hohen Sommer, war heiß, und Ich Selbst war dem Leibe nach von der starken Reise schon sehr müde geworden, und alle, die Mir aus Judäa und früher schon aus Galiläa gefolgt waren, suchten teils im Dörfchen, teils unter den schattenreichen Bäumen Unterkunft und vor großer Müde eine höchst erwünschte Rast.
GEJ|1|25|13|0|Selbst die ersten Jünger, als Petrus, Mein Johannes d. Ev., Andreas und Thomas, Philippus und Nathanael fielen wie nahe halbtot aufs reiche Gras unter den Bäumen nieder; nur Ich allein, obschon auch sehr müde, setzte Mich auf das steinerne Geländer des Brunnens, denn Ich wußte es ja voraus, daß sich an dem Brunnen bald eine gute Gelegenheit darbieten werde, mit den zwar halsstarrigen, aber sonst mehr vorurteilsfreien Samaritern in ein sehr nützlichen Konflikt (Gespräch) zu geraten. Zugleich war Ich auch schon sehr durstig und harrte auf ein Gefäß zum Wasserschöpfen, das ein Jünger im Dörfchen holen ging, aber damit nicht zu einem erwünschten Vorschein kommen wollte.
GEJ|1|26|1|1|Bei Sichar am Jakobsbrunnen
GEJ|1|26|1|1|26. - Der Herr und das Weib am Jakobsbrunnen. Des Herrn Worte vom lebendigen Wasser
GEJ|1|26|1|1|Ev.Joh.4,7. Da kommt ein Weib aus Samaria (eigentlich aus der Stadt Sichar; sie war nur aus der Hauptstadt dieses Landes Samaria gebürtig), aus dem Brunnen Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: „Weib! Gib Mir zu trinken!“
GEJ|1|26|1|1|Ev.Joh.4,8. Denn Seine Jünger waren in die Stadt gegangen, daß sie Speise kauften.
GEJ|1|26|1|0|Als Ich noch immer vergeblich auf ein Gefäß aus dem Dörfchen harre, da kommt wie gerufen eine Samariterin aus Sichar mit einem Kruge, sich für den heißen Tag aus dem Jakobsbrunnen, dessen Wasser sehr frisch war, einen köstlichen Labetrunk zu holen. Als sie, auf Mich anfangs gar nicht achtend, ihren Krug voll Wassers aus dem Brunnen an einer Schnur gezogen hatte, da erst rede Ich sie an und sage: „Weib! Mich dürstet es sehr, gib Mir zu trinken aus deinem Kruge!“
GEJ|1|26|2|1|Ev.Joh.4,9. Spricht nun das samaritische Weib zu Jesus: „Wie verlangst du von mir Wasser zu trinken, so du doch augensichtlich ein Jude bist – und ich ein samaritisches Weib? Denn die (stolzen) Juden haben keine Gemeinschaft mit uns (armen) Samaritern!“
GEJ|1|26|2|0|Das Weib macht große Augen, da es an Mir einen Juden erschaut, und sagt nach einer Weile: „Du bist doch auch einer von denen, die mir zur Stadt hinein begegneten und fragten, wo man darinnen Speise zu kaufen bekäme? Das waren stolze Juden; du bist sicher auch ein Jude, wie dich deine Tracht verrät, und ich bin ein samaritisches Weib! Wie verlangst du von mir, daß ich dir Wasser zu trinken gebe?! Gelt, ihr stolzen Juden, in der Not wäre ein armes samaritisches Weib euch auch gut genug, aber sonst habt ihr keine Augen und Ohren mehr für uns! Ja, so ich es vermöchte, mit diesem Kruge Wassers ganz Judäa zu ersäufen, so gäbe ich dir mit großem Vergnügen aus diesem Kruge das verlangte Wasser zu trinken; sonst aber möchte ich dich lieber sterben sehen vor Durst, als dir darreichen auch nur einen Tropfen Wassers aus diesem Kruge!“
GEJ|1|26|3|1|Ev.Joh.4,10. Jesus antwortete und sprach zu ihr: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes, und Wer Der ist, Der zu dir sagt: ‚Gib Mir zu trinken!‘, – du würdest Ihn bitten, und Er gäbe dir lebendiges Wasser zu trinken!“
GEJ|1|26|3|0|Sage Ich: „Weil du blind bist in deiner Erkenntnis, darum redest du also; wärest du offensehender Erkenntnis und erkenntest die Gabe Gottes und Den, der zu dir spricht und gesagt hat: ,Weib, gib Mir zu trinken!‘, da würdest du niederfallen vor Ihm und Ihn bitten um ein rechtes Wasser, und Er gäbe dir zu trinken lebendiges Wasser! Ich sage es dir, wer Mir aber glaubt, das Ich zu ihm sage, aus dessen Leibe werden Ströme des gleichen lebendigen Wassers fließen, wie solches geschrieben steht im Jesajas 44,3 und im Joel 3,1.“
GEJ|1|26|4|1|Ev.Joh.4,11. Spricht das Weib: „Herr! Hast du doch nichts, womit du schöpfest, und der Brunnen ist tief! Woher sonst nähmest Du ein lebendiges Wasser?“
GEJ|1|26|4|0|Spricht das Weib: „Du scheinst in der Schrift wohl bewandert zu sein! Aber, wie ich es erkenne aus deiner Bitte um einen Trunk Wassers aus meinem Kruge, und wie du ganz sicher kein Gefäß hast, mit dem du dir ein Wasser aus diesem Brunnen schöpfen könntest, und mit der Hand das Wasser nicht erreichen kannst, da der Brunnen tief ist und niemand mit der Hand bis zum Wasser langen kann, so möchte ich wohl deine Kunst wissen, mit der du von irgendwoher es dir verschaffen könntest!? (Oder willst du etwa gar verdeckt mir zu verstehen geben, daß es dich gelüste, eine Sache mit mir zu haben? Jung wohl bin ich noch genug und reizend auch, denn ich zähle noch nicht dreißig Jahre! Solch ein Begehren aber würde von der Seite eines Juden an eine allerverachtetste Samariterin doch ein zu großes Wunder sein, indem euch die Tiere lieber sind als wir samaritische Menschen! Wahrlich, zu dem würdest du mich wohl nie bereden!)“
GEJ|1|26|5|1|Ev.Joh.4,12. „Bist du denn mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen köstlichen Brunnen gegeben hat, aus dem er, seine Kinder und sein Vieh getrunken haben?“
GEJ|1|26|5|0|„Wer und was bist du denn, daß du also mit mir zu reden dir getraust? – Bist du etwa gar mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat, aus dem er, seine Kinder und sein Vieh getrunken haben?! Was machst du aus dir? – Sieh, ich bin ein armes Weib; denn wäre ich reich, so käme ich in dieser Hitze nicht selbst, mir einen Labetrunk zu holen. Möchtest du als Jude mich wohl noch elender machen, als ich es ohnehin schon bin?! Siehe an meine Kleider, die kaum hinreichen, meine Scham zu bedecken, und dir wird es doch klar sein, daß ich sehr arm bin! Wie magst du von mir verlangen, daß ich als ein armes, elendes Weib dich sogar noch bitten solle, um dir, einem stolzen Juden, in der Lust dienen zu dürfen?! Pfui, wenn dahin dein Sinn gerichtet wäre! Aber du siehst mir dennoch nicht darnach aus; darum will ich das auch nicht im vollsten Ernste zu dir gesagt haben! Aber da du schon mit mir zu reden begannst, so erkläre dich deutlich, was du mit deinem lebendigen Wasser meinst!“
GEJ|1|26|6|1|Ev.Joh.4,13. Jesus antwortete und sprach zu ihr: „Wer immer dieses Brunnens Wasser trinkt, den dürstet es mit der Zeit wieder.“
GEJ|1|26|6|0|Sage Ich: „Ich sagte dir es ja, daß du in deiner Erkenntnis blind bist, und so ist es denn auch wohl begreiflich, daß du Mich nicht verstehen kannst und magst. Sieh, Ich sagte dir auch: Wer Meinem Worte glaubt, aus dessen Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen! Siehe, Ich bin schon dreißig Jahre in dieser Welt und habe noch nie ein Weib berührt; wie sollte Ich nun auf einmal dich begehren wollen?! O du blinde Törin! Und so Ich mit dir eine Sache machen würde, so würdest du doch sicher wieder durstig werden und trinken müssen, um dir zu löschen den Durst; so Ich dir aber ein lebendiges Wasser anbot, so ist es ja klar, daß Ich dir damit den Durst des Lebens für ewig stillen wollte! Denn sieh, Mein Wort, Meine Lehre ist solch ein Wasser!“
GEJ|1|26|7|1|Ev.Joh.4,14. „Wer aber das Wasser trinken wird, das Ich ihm gebe, den wird es ewig nimmer dürsten; denn das Wasser, das Ich ihm geben werde, wird in ihm ein Wasserbrunnen werden, dessen Wasser ins ewige Leben hinüberquellen wird!“
GEJ|1|26|7|0|„Denn wer das natürliche Wasser dieses, wie auch eines andern Brunnens trinkt, den dürstet es in kurzer Zeit wieder. Wer aber das geistige Wasser (Meine Lehre) trinkt (gläubig in sein Herz aufnimmt), das nur Ich allein geben kann, den dürstet es ewig nimmer wieder; denn das Wasser, das Ich jemandem gebe, wird in ihm zu einem Wasserbrunnen, dessen Wasser ins ewige Leben hinüberquillt.
GEJ|1|26|8|0|Sieh, du hältst Mich für einen stolzen, hochmütigen Juden, und sieh, Ich bin von ganzer Seele sanftmütig und durch und durch voll der tiefsten Demut. Mein lebendig Wasser aber ist eben diese Demut selbst; wer demnach nicht also demütig wird, wie Ich Selbst es bin, wird am Reiche Gottes, das nun zur Erde herabgekommen ist, keinen Teil haben.
GEJ|1|26|9|0|Zugleich aber ist das dir angebotene Lebenswasser auch die einzig wahre Erkenntnis Gottes und des ewigen Lebens aus Gott, quillt also aus Gott, dem Leben alles Lebens, in den Menschen als das ewige Leben, wird da zu einem unversiegbar ewig bleibenden Leben, das da in das Leben Gottes zurückquillt und in Gott ein und dasselbe freitätigste Leben bewirkt. Siehe, ein solches Wasser biete Ich dir; wie magst du Mich gar so falsch verstehen?!“
GEJ|1|26|10|1|Ev.Joh.4,15. Spricht das Weib zu Ihm: „Herr! So gib mir solch ein Wasser, auf daß mich nimmer dürste und ich nicht mehr nötig hätte, hierher Wasser schöpfen zu kommen (was mir beschwerlich ist)!“
GEJ|1|26|10|0|Spricht das Weib: „So gib mir denn ein solches Wasser, auf daß es mich nimmer dürsten solle und ich nicht mehr nötig hätte, hierher zu kommen den beschwerlichen Weg, um mir ein Wasser aus diesem Brunnen zu schöpfen! Denn sieh, ich wohne am andern Ende der Stadt und habe sonach einen recht weiten Weg bis hierher!“
GEJ|1|26|11|1|Ev.Joh.4,16. Jesus spricht zu ihr: „Gehe hin und rufe deinen Mann und komme (mit ihm) her!“
GEJ|1|26|11|0|Sage Ich: „O Weib, du bist überaus dumm, mit dir ist nichts zu reden, da du von geistigen Dingen keine Ahnung hast! – Gehe aber hin in die Stadt und rufe deinen Mann und komme mit ihm wieder hierher; mit ihm will Ich reden, der wird Mich sicher besser verstehen als du! Oder ist dein Mann auch also beschaffen wie du, daß er sich auch stillen möchte mit dem geistigen Wasser der Demut seines Leibes natürlichen Durst?“
GEJ|1|27|1|1|27. - Des Herrn Gespräch mit dem Weibe wegen ihres Mannes. Ihre Frage, wo und wie man Gott anbeten solle, um geheilt zu werden. Über die wahre Anbetung Gottes im Geiste und in der Wahrheit
GEJ|1|27|1|1|Ev.Joh.4,17. Das Weib antwortete und sprach zu Ihm: „Ich habe keinen Mann.“ Spricht Jesus zu ihr: „Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann.“
GEJ|1|27|1|0|Das Weib erwidert darauf ganz schnippisch: „Ich habe keinen Mann!“, worauf Ich dann mit einer etwas lächelnden Miene zu ihr sage: „Kurz, gut und richtig, also völlig recht hast du nun geredet.“
GEJ|1|27|2|1|Ev.Joh.4,18. „Fünf Männer hast du gehabt, und den du nun hast, der ist nicht dein Mann! Da hast du freilich recht ausgesagt (wie es mit dir steht)!“
GEJ|1|27|2|0|„Denn sieh, Meine Liebe, fünf Männer hast du bereits gehabt, und da deine Natur ihrer Natur nicht entsprach, so wurden sie bald krank und starben; denn über ein Jahr hielt es keiner aus mit dir. In deinem Leibe ist ein arges Gewürm, und wer mit dir zu tun bekommt, der wird von deinem Gewürm bald getötet. Der Mann aber, den du nun hast, ist nicht dein Mann, sondern nur dein Buhlknecht – zu seinem und deinem Verderben! Ja, ja, also hast du vor Mir nun freilich wohl recht geredet.“
GEJ|1|27|3|1|Ev.Joh.4,19. Das Weib spricht zu Ihm: „Herr, ich sehe nun, daß du ein Prophet bist!“
GEJ|1|27|3|0|Hier erschrickt das Weib in ihrem Gemüte, will sich jedoch nicht verraten, sagt aber nach einer Weile dennoch: „Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist! Da du so viel weißt, so weißt du vielleicht auch, was mir hülfe!?“
GEJ|1|27|4|1|Ev.Joh.4,20. „Unsere Väter haben auf diesem Berge (Garizim) Gott angebetet; und ihr sagt, zu Jerusalem sei die Stätte, da man Gott anbeten solle! (Was davon ist gültig vor Gott?)“
GEJ|1|27|4|0|„Wohl weiß ich's, daß in derlei nur Gott allein helfen kann; aber wie und wo soll man Ihn darum anbeten? Unsere Väter sagen, auf dem Berge Garizim, allwo schon die ersten Erzväter Gott angebetet haben, müsse man Gott anbeten. Ihr aber saget, zu Jerusalem sei die rechte Stätte, da man Gott anbeten solle! So aber du sichtlich ein Prophet Gottes bist, da sage mir, wo man eigentlich wirksam Gott anbeten soll! Denn sieh, ich bin noch jung, und die Menschen sagen, ich sei ein wunderschönes Weib; es wäre ja doch etwas Entsetzliches, so mich meine Würmer bei lebendigem Leibe auffressen sollten! O ich armes, elendes Weib!“
GEJ|1|27|5|1|Ev.Joh.4,21. Jesus spricht zu ihr: „Weib, glaube es Mir, es kommt die Zeit (und ist schon da), daß ihr weder auf dem Berge noch zu Jerusalem Gott den Vater anbeten werdet!“
GEJ|1|27|5|0|Sage Ich: „Weib, Ich kenne wohl deine Armut, deine Not und deinen schlechten Leib; aber Ich kenne auch dein Herz, das gerade nicht das beste, aber auch nicht schlecht zu nennen ist, und sieh, das ist der Grund, daß Ich nun mit dir rede. Wo aber das Herz nur einigermaßen gut ist, da ist auch noch jegliche Hilfe möglich! – Aber da bist du ganz irrig daran, so du zweifelst, wo man Gott würdig und wirksam anbeten solle!
GEJ|1|27|6|0|Sieh, Ich sage es dir, glaube es Mir: es kommt die Zeit, und sie ist schon da, daß ihr weder auf dem Berge noch zu Jerusalem den Vater anbeten werdet!“
GEJ|1|27|7|0|Hier erschrickt das Weib und sagt: „Weh mir, wehe dem ganzen Volke! Was wird dann aus uns werden?! Also müssen wir so wie die Juden gräßlich gesündigt haben?! Aber warum sandte uns denn Jehova diesmal keinen Propheten, der uns ermahnt hätte? Du bist nun freilich zu uns gekommen als ein wahrer Prophet; aber was nützt uns nun das, so du mir sagst: Gott werde man in der Zukunft weder auf dem Berge noch zu Jerusalem anbeten? Will das nicht soviel heißen – was ich aus deinem auf einmal sehr bedenklich ernst gewordenen Gesichte las – als: Gott werde Sein altes Volk ganz verlassen und Seine Wohnstätte bei einem andern Volke nehmen? Wo des Orts auf der Erde wird das doch sein? O sage es mir, auf daß ich dann hinziehe und dort als eine rechte Büßerin Gott den Vater anbete, daß Er helfe mir Elenden und nicht ganz verlasse mein Volk!“
GEJ|1|27|8|0|Sage darauf Ich: „Höre Mich recht und verstehe, was Ich dir sage! – Was zweifelst und bebst du denn? Meinst du denn, Gott ist auch so ungetreu in der Haltung Seiner Verheißungen wie die Menschen gegeneinander?!“
GEJ|1|27|9|1|Ev.Joh.4,22. „Ihr wisset es nicht, was ihr anbetet; wir wissen es aber, was wir anbeten, denn das Heil kommt dennoch von den Juden!“
GEJ|1|27|9|0|„Ihr besteiget wohl den Berg und betet daselbst, aber ihr wisset es nicht, was ihr da betet, und wen ihr anbetet. Desgleichen ist es auch bei denen, die zu Jerusalem anbeten; sie laufen wohl in den Tempel und machen da ein gräßliches Geplärre, aber sie wissen es auch nicht, was sie tun und was sie anbeten!
GEJ|1|27|10|0|Aber dennoch, wie Gott durch den Mund der Propheten geredet hat, kommt das Heil nicht von euch, sondern von den Juden! Lies nur den dritten Vers im zweiten Kapitel des Propheten Jesajas, und du wirst es finden!“
GEJ|1|27|11|0|Sagt das Weib: „Jawohl, ich weiß es wohl, daß es dort steht also, daß das Gesetz von Zion ausgeht, dieweil es auch dort verwahrt ist in der Lade; aber wie sagst du dann: ,Weder auf dem Berge noch zu Jerusalem‘?!“
GEJ|1|27|12|1|Ev.Joh.4,23. „Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt da (vor deinen Augen), in der die wahren Anbeter Gott den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden; denn der Vater Selbst will es, daß die Menschen Ihn also anbeten sollen.“
GEJ|1|27|12|0|Sage Ich: „Du hast Mich noch immer nicht verstanden. Sieh, Gott der Vater von Ewigkeit ist ja weder ein Berg, noch ein Tempel, noch die Lade, und ebenalso weder auf dem Berge, noch im Tempel und ebensowenig in der Lade zu Hause! Darum sagte Ich dir: Es kommt die Zeit und sie ist nun schon da vor deinen Augen, in der die rechten Anbeter (wie du sie hier unter den Bäumen in großer Anzahl ruhen siehst und dir schon einige in der Stadt begegneten, Speise zu kaufen) Gott den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden; denn also will es von nun an der Vater Selbst, daß Ihn die Menschen also anbeten sollen!“
GEJ|1|27|13|1|Ev.Joh.4,24. „Denn Gott ist ein Geist, und die Ihn anbeten, müssen Ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten!“
GEJ|1|27|13|0|„Denn siehe, Gott ist ein Geist, und die Ihn anbeten, müssen Ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten!
GEJ|1|27|14|0|Und sieh, dazu braucht es weder einen Berg noch irgend einen Tempel, sondern lediglich ein möglichst reines, liebevolles, demütiges Herz! Ist das Herz das, was es sein soll, nämlich ein Gefäß der Liebe zu Gott, ein Gefäß voll Sanftmut und Demut, dann ist volle Wahrheit in solch einem Herzen; wo aber Wahrheit ist, da ist Licht und Freiheit, denn das Licht der Wahrheit macht jegliches Herz frei. Ist aber das Herz frei, so ist auch frei der ganze Mensch.
GEJ|1|27|15|0|Wer demnach mit solch einem Herzen Gott liebt, der ist ein rechter Anbeter Gottes des Vaters, und der Vater wird sein Gebet stets erhören und wird nicht sehen auf den Ort, an dem nichts gelegen ist, ob Berg oder Jerusalem, da die Erde überall gleich Gottes ist, sondern allein auf das Herz jegliches Menschen! Ich meine, daß du Mich nun wohl verstanden hast.“
GEJ|1|28|1|1|28. - Das Weib ist nun bereit, den Herrn trinken zu lassen. Vom geistigen Durst des Herrn nach der Menschen Herzen. Des Geistes Heilkraft im gläubigen Menschen. Gespräch über den Messias. Der Herr offenbart sich dem Weibe als der Messias
GEJ|1|28|1|0|Sagt das Weib: „Ja, Herr, nun hast du klarer geredet! Aber sage mir: Hast du nun keinen Durst mehr und magst nicht trinken aus dem Kruge einer Sünderin?“ Sage Ich: „Liebes Weib, laß das nur gut sein, denn sieh, du bist mir lieber als dein Krug und dein Wasser! Als Ich ehedem von dir zu trinken begehrte, meinte Ich nicht deinen Krug, sondern dein Herz, darin ein viel köstlicheres Wasser ist als in diesem Brunnen und in deinem Kruge. Mit dem Wasser deines Herzens kannst du auch heilen deinen ganzen Leib; denn was an dir Mir wohltut, das wird dich heilen, so du glauben kannst!“
GEJ|1|28|2|0|Sagt das Weib: „O Herr, wie soll ich das anstellen, wie meines Herzens Wasser bringen in meine Scham? Herr, vergib es mir, daß ich so frei rede mit dir; aber ich bin ein elendes Weib, und siehe, das Elend kennt die Scham nicht als Scham, sondern allenthalben sich selbst nur und löst die Zunge nach der Größe der Not. Wäre ich nicht so elend als ich bin, fürwahr, mein Herz würde ich dir bieten! Aber – o Gott, Du heiliger Vater, Der mir helfen möge! – so bin ich elend krank und darf zu meinen vielen Sünden keine neuen mehr hinzufügen; denn einem Reinen, wie du einer sein mußt, ein so unreines Herz zu bieten, wäre doch sicher der Sünden größte!“
GEJ|1|28|3|0|Sage Ich: „Mein liebes Weib, nicht daß du mir dein Herz bötest, sondern Ich Selbst habe es genommen, als Ich dich bat ums Wasser! Darum magst du dein Herz Mir immerhin bieten, denn Ich nehme auch die Herzen der Samariter an! Wenn du Mich liebst, so tust du wohl daran; denn Ich habe dich schon lange eher geliebt, als du noch Meiner gedenken mochtest!“
GEJ|1|28|4|0|Hier errötet das schöne Weib und sagt etwas verlegen: „Seit wann kennst du mich denn? Warst denn du schon je in dieser Stadt oder in Samaria? Wahrlich, ich habe dich nie irgendwo mit einem Auge gesehen! O ich bitte dich, wo und wann hast du mich gesehen? Sage es mir doch!“
GEJ|1|28|5|0|Sage Ich: „Weder hier noch in Samaria oder an irgend einem andern Orte, und dennoch kenne Ich dich schon seit deiner Geburt, auch sogar noch von viel früher her, und habe dich allzeit geliebt wie Mein Leben! Wie gefällt dir das, bist du zufrieden mit Meiner Liebe? Sieh, als du in deinem zwölften Jahre zu Samaria in eine Zisterne fielst, da war Ich es, Der dich herauszog; aber du konntest nicht sehen die Hand, die dich aus der Zisterne hob! Erinnerst du dich noch dessen?“
GEJ|1|28|6|0|Hier wird das Weib ganz verwirrt und weiß nicht, was sie darauf sagen soll; denn ihr Herz hat nun schon viel Feuers in sich, und ihre Liebe wuchs sichtlich.
GEJ|1|28|7|0|Nach einer Weile ihrer Herzensarbeit fragte Ich sie, ob sie vom Messias, Der da kommen solle, nicht etwas wisse.
GEJ|1|28|8|1|Ev.Joh.4,25. Spricht das Weib: „Ich weiß, daß der Messias kommt, Der da Christus heißen soll! So Er kommen wird, da wird Er uns (doch auch) das alles verkündigen (was du nun zu mir geredet hast)?“
GEJ|1|28|8|0|Spricht das Weib darauf mit noch sehr geröteten Wangen und hoch wallender Brust: „Herr, du weisester Prophet Gottes, ich weiß es wohl, daß der verheißene Messias kommen soll und Christus Sein Name sein wird! Wenn Er aber kommen wird, da wird Er doch nur das uns verkündigen können, was du zu mir nun geredet hast?! Aber wer wird es uns sagen, wann und von woher der Messias kommen wird? Vielleicht weißt du, der du gar so grundweise bist, mir auch über des Messias Ankunft etwas Näheres kundzumachen? Denn sieh, wir warten schon lange, und es ist vom Messias nirgendwo eine Rede zu vernehmen! Du würdest mir daher einen überaus großen Wohlgefallen erweisen, so du mir kundtun möchtest, wann und wo der Messias bestimmt kommen wird, zu erlösen Sein Volk von allen seinen vielen Feinden! O sage es mir, so du es weißt! Vielleicht würde der Messias Sich auch meiner erbarmen und mir helfen, so ich Ihn darum anflehen würde?!“
GEJ|1|28|9|1|Ev.Joh.4,26. Spricht Jesus zu ihr: „Ich bin es, Der nun mit dir redet.“
GEJ|1|28|9|0|Sage Ich zum Weibe ganz kurz, aber sehr liebeernst: „Ich bin es, Der nun mit dir redet!“
GEJ|1|29|1|1|29. - Heilung des Weibes. Der Geheilten Freude und eifriges Werben für den gefundenen Messias. Der Sichariten Abordnung an den Messias
GEJ|1|29|1|1|Ev.Joh.4,27. Und überdem kamen Seine Jünger (aus der Stadt mit den eingekauften Speisen), und es nahm sie wunder, daß Er mit dem Weibe redete. Doch sprach niemand: „Was fragst Du (sie), oder was redest Du mit ihr?“
GEJ|1|29|1|0|Bei dieser Erklärung erschrak das Weib sehr, und zwar darum um so mehr, da gerade in diesem Moment die speisebringenden Jünger aus der Stadt zurückkamen und ganz verwundert große Augen machten, als sie Mich mit diesem Weibe redend trafen, sich aber dennoch nicht getrauten, weder Mich noch das Weib zu fragen, was wir gemacht oder miteinander geredet hätten. Die anderen Mitreisenden aber schliefen samt Meiner Mutter, die hier auch noch zugegen war, derart fest, daß sie kaum zu erwecken waren; denn der weite Marsch hatte sie alle sehr müde gemacht. Es kam endlich auch der eine Jünger aus dem Dörflein zurück, der ein Gefäß zum Wasserschöpfen suchen gegangen war, aber keines gefunden hatte. Er entschuldigte sich und sagte: „Herr, das Dörfchen zählt doch bei etliche zwanzig Häuser, und sieh, es ist Dir aber auch nicht ein Mensch daheim, und alle Türen sind fest verschlossen!“
GEJ|1|29|2|0|Worauf Ich ihm erwidere: „Mache dir nichts daraus! Denn sieh, das wird uns naturmäßig, und ganz besonders geistig, noch sehr oft und vielfach begegnen, daß wir vom Durste unserer Liebe getrieben an die Türen (Herzen) der Menschen pochen werden, zu suchen ein Gefäß zum Schöpfen des lebendigen Wassers; aber wir werden die Herzen verschlossen und leer finden! Verstehst du dies Bild?“
GEJ|1|29|3|0|Spricht der Jünger ganz gerührt und betroffen: „Herr, Du lieber Meister, leider habe ich Dich wohl verstanden! Aber wenn so, da werden wir keine großen Geschäfte machen!“
GEJ|1|29|4|0|Sage Ich: „Und doch, Mein Bruder! Sieh dies Weib an! – Ich sage dir: einen Verlorenen zu finden, ist mehr wert denn neunundneunzig Gerechte, die nach ihrem Gewissen der Buße nicht bedürfen, weil sie an jedem Sabbat auf Garizim Gott zu dienen wähnen, hier aber sogar am Vorsabbat alle Schöpfgefäße wegnehmen, auf daß sich am Sabbat ja niemand einen Trunk Wassers aus dem Brunnen schöpfe und lösche seinen Durst, wodurch nach der Meinung der Gerechten der Sabbat entheiligt würde. O der großen, blindesten Torheit solcher Gerechten! Hier aber steht eine Sünderin mit einem guten Kruge und dienet uns! Saget, was ist besser: diese oder die neunundneunzig Sabbatheiliger auf Garizim?!“
GEJ|1|29|5|0|Das Weib aber sagt ganz zerknirscht: „Herr! Du Sohn des Ewigen! Hier ist mein Krug, bedienet euch desselben; zu eurem Dienste lasse ich ihn hier stehen! Mich aber lasset schnell in die Stadt eilen, denn in einem eurer zu unwürdigen Kleide stehe ich vor euch!“ – Sage Ich: „Weib, sei gesund und tue, wie es dir gut dünkt!“
GEJ|1|29|6|1|Ev.Joh.4,28. Da ließ das Weib ihren Krug stehen und eilte in die Stadt und spricht zu den Leuten:
GEJ|1|29|6|0|Weinend vor Freude verläßt das Weib den Krug und Brunnen und eilt in die Stadt, sieht sich aber während des Gehens vielmals mich grüßend um, denn sie liebt Mich mächtig. Das Weib kommt nahe außer Atem in die Stadt, und es begegnen ihr mehrere Männer in einer Schar, wie sie sabbats gewöhnlich in einer schattigen Gasse auf und ab zu lustwandeln pflegten. Die Männer, die das Weib wohl kannten, fragten sie scherzweise: „Nun, nun, wohin denn doch gar so eilig? Wo brennt es denn?“ Das Weib sieht sie liebernst an und sagt: „O scherzet nicht, ihr lieben Herren, denn unsere Zeit ist ernster geworden als ihr es ahnen möget!“
GEJ|1|29|7|1|Ev.Joh.4,29. „Kommet und sehet einen Menschen, Der mir (draußen am Brunnen Jakobs sitzend) alles gesagt hat, was ich je getan habe, ob Er nicht Christus (der verheißene Messias) sei?!“
GEJ|1|29|7|0|Hier unterbrechen sie die Männer und fragen sie voll banger Neugierde: „Nun, nun, was ist es denn, ziehen Feinde in unser Land, oder naht sich ein Heuschreckenschwarm unserer Gegend?“
GEJ|1|29|8|0|Das Weib spricht ganz erschöpft: „Nichts von all dem! Die Sache ist viel größer und viel außerordentlicher! Höret mich ruhig an!
GEJ|1|29|9|0|Schon vor einer Stunde ging ich hinaus zum Jakobsbrunnen, mir ein Mittagswasser zu holen, und seht, da fand ich einen Menschen, den ich anfangs fest für einen Juden hielt, am Geländer des Brunnens sitzen! Als ich mir, seiner kaum achtend, mein Wasser aus dem Brunnen geschöpft hatte, redete mich der Mensch an und verlangte, daß ich ihn aus meinem Krug solle trinken lassen. Ich verweigerte ihm solches, da ich vermeinte, daß er ein Jude sei.
GEJ|1|29|10|0|Er aber redete wieder, wie ein Elias weise, und tat mir alles kund, was ich je getan hatte. Am Ende leitete er selbst das Gespräch auf den Messias, und als ich ihn weiter fragte, wo, wie und wann der Messias kommen werde, da sah er mich liebeernst an und sagte mit einer Stimme, die mir durch Mark und Bein ging: ,Ich bin es, Der Ich nun mit dir rede!‘
GEJ|1|29|11|0|Ich aber hatte Ihn schon früher gebeten, da Er mir sagte, wie krank ich sei, ob ich nicht wieder gesund werden könnte. Und nun zuletzt sagte Er zu mir ,Werde gesund!‘, und sehet, mein Übel fuhr aus mir wie ein Wind, und ich bin nun vollauf gesund!
GEJ|1|29|12|0|Gehet denn hinaus und sehet selbst, ob das nicht wahrhaft Christus, der verheißene Messias, sei. Ich halte Ihn fest dafür, denn größere Zeichen, als dieser Mensch tut, wird Christus, so Dieser es nicht wäre, nimmer zu tun vermögen! Gehet also hinaus und überzeuget euch selbst! Ich aber eile nun nach Hause, um bessere Kleider anzulegen, denn also könnte ich vor Seiner Herrlichkeit nimmer bestehen! Mehr ist Er sicher als ein Prophet oder ein König des Volkes, so Er nicht Christus sein sollte!“
GEJ|1|29|13|0|Sagen die Männer: „Ja, wenn das, da wäre freilich diese Zeit vom höchsten Ernste und von der höchsten Bedeutung! Da müssen wir aber schon in größerer Anzahl hinausgehen und müssen auch darunter sein etliche, die der Schrift wohl kundig sind; es ist nur schade, daß heute unsere Rabbiner sich alle auf dem Berge befinden! Aber vielleicht läßt Er Sich bereden, einige Tage in unserer Mitte zu verweilen, und da könnten Ihn schon auch diese prüfen.“
GEJ|1|29|14|1|Ev.Joh.4,30. Da gingen sie aus der Stadt und kamen zu Ihm.
GEJ|1|29|14|0|Sie laden darauf noch mehrere, mit ihnen hinauszuziehen zum Jakobsbrunnen, und es geht nun ein Zug von nahe hundert Menschen beiderlei Geschlechts hinaus, um zu sehen den Messias.
GEJ|1|30|1|1|30. - Des Herrn Rede über Seine lebendige Speise. Von der großen Erntemission
GEJ|1|30|1|1|Ev.Joh.4,31. Indes aber ermahnten Ihn die Jünger und sprachen: „Meister, iß nun!“
GEJ|1|30|1|0|Während sich aber die starke Schar aus der Stadt gegen den Brunnen hin bewegte, ermahnten Mich Meine Jünger, daß Ich nun zuvor essen solle! Denn sie wußten es schon, daß Ich, sobald irgend Menschen zu Mir kamen, keine Speise nahm; sie aber hatten mich lieb und fürchteten, daß Ich schwach und krank werden könnte. Denn ob sie schon wußten, daß Ich Christus bin, so hielten sie aber Meinen Leib dennoch für schwach und gebrechlich und ermahnten Mich deshalb, daß Ich essen solle!
GEJ|1|30|2|1|Ev.Joh.4,32. Er aber spricht zu ihnen: „Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nichts wisset.“
GEJ|1|30|2|0|Ich aber sehe sie liebernst an und sage: „Meine lieben Freunde, Ich habe nun eine Speise zu essen, von der ihr nichts wisset!“
GEJ|1|30|3|1|Ev.Joh.4,33. Da sprachen die Jünger untereinander (sich befragend): „Hat Ihm denn jemand schon etwas zu essen gebracht?“
GEJ|1|30|3|0|Da sahen die Jünger einander an, befragten sich untereinander und sagten: „Hat Ihm denn schon jemand von irgendwoher etwas zu essen gebracht? Was wohl muß Er für Speise haben? Hat Er sie denn schon verzehrt? Es ist nirgends etwas zu sehen – außer der Krug noch ganz voll mit Wasser. Am Ende hat Er das Wasser in Wein verwandelt?“
GEJ|1|30|4|1|Ev.Joh.4,34. Spricht Jesus zu ihnen: „(O ratet nicht so unsinnig!) Meine Speise ist, daß Ich den Willen Dessen tue, Der Mich gesandt hat, und vollende Sein Werk!“
GEJ|1|30|4|0|Sage Ich zu ihnen: „O ratet doch nicht gar so unsinnig, was Ich gegessen oder nicht gegessen habe! Ihr habt es ja schon zu öfteren Malen doch gesehen, daß Ich Mich an eurer Seite nie extra habe bedienen lassen. Ich rede zu euch aber nun von keiner Leibesspeise, sondern von einer viel höheren und würdigeren Speise des Geistes rede Ich zu euch, und diese besteht darin, daß Ich den Willen Dessen tue, Der Mich gesandt hat, und Sein großes Werk vollende! Der aber, so Mich gesandt hat, ist der Vater, von Dem ihr saget, daß Er euer Gott sei, ihr Ihn aber dennoch nie erkannt habt. Ich aber kenne Ihn und tue darum Sein Wort, und das ist Meine rechte Speise, die ihr nicht kennet. Ich sage es euch: Nicht nur das Brot, sondern jede gute Tat oder Arbeit ist auch eine Speise, wennschon nicht für den Leib, so aber desto mehr für den Geist!“
GEJ|1|30|5|1|Ev.Joh.4,35. „Saget ihr nicht selbst: ‚Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte‘? Siehe, Ich aber sage euch: Hebet eure Augen auf und sehet in das Feld; jetzt schon ist es weiß zur Ernte!“
GEJ|1|30|5|0|„Viele aus euch haben Äcker daheim, und ihr selbst saget es: Noch vier Monate, und die Zeit der Vollernte ist da, und wir werden müssen nach Hause ziehen und Ernte halten! Ich aber sage euch: Hebet eure Augen besser auf! Jetzt schon sind alle Felder weiß zur Ernte. Aber nicht diese Naturfelder meine Ich, sondern das große Feld, das da ist die ganze Welt, auf der die Menschen als reif gewordener Weizen stehen, die in die Scheuern Gottes sollen eingeerntet werden!“
GEJ|1|30|6|1|Ev.Joh.4,36. „Und wer da schneidet, der empfängt den Lohn und sammelt die Frucht zum ewigen Leben, auf daß dann eine gemeinschaftliche Freude werde dem, der da säet, und dem, der da schneidet!“
GEJ|1|30|6|0|„Und sehet, diese Ernte ist eine rechte Arbeit und diese Arbeit eine rechte Speise, die Ich, wie auch ihr, werde vollauf zu essen bekommen. Wer auf diesem Felde ein rechter Schnitter ist, der sammelt die wahre Frucht zum ewigen Leben, auf daß am Ende der Ernte eine gemeinschaftliche Freude werde Dem, Der da gesät hat, und gleich auch dem, der da geschnitten hat!“
GEJ|1|30|7|1|Ev.Joh.4,37. „Denn hier ist der Spruch wahr: Dieser säet, und ein anderer schneidet.“
GEJ|1|30|7|0|„Denn es wird nach der Ernte essen der Sämann wie der Schnitter von einer und derselben Frucht und ein und dasselbe Brot des Lebens; und es wird dann der alte Spruch zur vollen Wahrheit: Der eine säet und ein anderer erntet; aber beide werden leben von ihrer Arbeit gleich und essen eine und dieselbe Speise!
GEJ|1|30|8|0|Sehet euch an die große Menge derer, die aus der Stadt zu uns gekommen sind, um zu sehen an Mir den Verheißenen, und wie ihr sehet, daß noch immer mehrere nachkommen! Sehet, das sind lauter schon vollreife Weizenähren, die da schon lange geschnitten hätten werden sollen! Ich sage es euch mit viel Freude: Die Ernte ist groß, aber der Schnitter gibt es noch viel zu wenig; bittet darob den Herrn der Ernte, daß Er mehr Schnitter in Seine Ernte sende!“
GEJ|1|30|9|1|Ev.Joh.4,38. „Ich habe euch gesandt, zu schneiden, das ihr nicht gesäet habt; andere haben gesäet, und ihr seid nun in ihre Arbeit gekommen.“
GEJ|1|30|9|0|„Ich habe euch aufgenommen, und mit der Aufnahme habe Ich euch auch schon ausgesandt im Geiste, zu schneiden, das ihr nicht gesäet habt; denn andere haben gesäet, und ihr seid nun in ihre Arbeit gekommen, und darob möget ihr euch wohl über die Maßen glücklich preisen! – Denn der da säet, der ist noch fern von der Ernte; wer aber da schneidet, der erntet zugleich und hat schon vor ihm das neue Brot des Lebens! Darum seid nun eifrige Schnitter; denn eure Mühe ist seliger denn die des Sämanns!“
GEJ|1|30|10|0|Die meisten Jünger verstanden diese Lehre wohl und fingen sogleich an, Mein Wort von der Liebe zu Gott und von der Liebe zum Nächsten den Samaritern zu verkünden, und daß Ich wahrhaft Christus sei.
GEJ|1|30|11|0|Aber einige wenige noch so ziemlich Blöde im Verständnisse des Herzens traten zu Mir hin und fragten Mich so ganz geheim im Vertrauen: „Herr, woher werden wir Sicheln nehmen, und dazu ist heute Sabbat?!“
GEJ|1|30|12|0|Worauf Ich ihnen erwiderte: „Sagte Ich denn, daß ihr diese vor uns liegenden natürlichen Gerstenfelder schneiden sollet? O ihr Blöden, wie lange werde Ich euch denn noch also ertragen müssen?! – Verstehet ihr denn noch nichts?! – So höret denn und fasset es:
GEJ|1|30|13|0|Mein Wort vom Reiche Gottes, zuerst in euren eigenen Herzen, und von da heraus über eure Zungen zu den Ohren und in die Herzen eurer Mitmenschen und Brüder gehend, ist die geistige Schnittersichel, die Ich euch gebe, einzuernten die Menschen, eure Brüder, in das Reich Gottes, in das Reich der wahren Erkenntnis Gottes und des ewigen Lebens in Gott.
GEJ|1|30|14|0|Es ist heute freilich wohl Sabbat; aber der Sabbat ist dumm und unsinnig wie euer Herz, und ihr schauet darob auf den Sabbat, weil es in euren Herzen noch sehr stark sabbatmäßig aussieht. Ich aber sage es euch, da Ich ein Herr auch über den Sabbat bin:
GEJ|1|30|15|0|Verbannet den Sabbat ehestens aus euren Herzen, so ihr Meine wahrhaftigen Jünger sein und bleiben wollt! Wir sind an jeglichem Tage gleich da zur Arbeit; wo der Herr des Sabbats arbeitet, da sollen Seine Knechte die Hände nicht in die Taschen stecken!
GEJ|1|30|16|0|Muß nicht die Sonne am Sabbat so gut auf- und untergehen wie an einem Werktage? So aber der Herr der Sonne wie des Sabbats am Sabbate feierte, wäret ihr wohl zufrieden mit einem stockfinsteren Sabbat? Sehet, sehet, wie blöde ihr noch seid! Darum tuet euch auf und tuet, was Ich nun tue und was eure Brüder tun, so werdet ihr eine Mir wohlgefällige, wahrhaftig lebendige Sabbatfeier begehen!“
GEJ|1|30|17|0|Nach diesen Worten begaben sich auch die schwächeren Jünger zu den Samaritern, die da nun schon in einer großen Anzahl aus der Stadt zu Mir gekommen waren, und lehrten sie, was sie von Mir wußten.
GEJ|1|31|1|1|31. - Die Samariter erkennen den Herrn
GEJ|1|31|1|1|Ev.Joh.4,39. Es glaubten aber an Ihn viele der Samariter aus selbiger Stadt, (anfangs) um des Weibes willen, das da zeugte: „Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.“
GEJ|1|31|1|0|Und so ging es bis an den Abend, und sehr viele von denen, die aus der Stadt zu Mir gekommen waren, glaubten nun an Mich, anfangs um des Zeugnisses des Weibes willen, das da dem Stadtvolke mit glühenden Worten zu erzählen wußte, wie Ich ihr alles gesagt habe, was sie je getan hatte; dann aber glaubten viele aus dem, was die Jünger von Mir ausgesagt haben. Am festesten aber glaubten jene Samariter, die so nahe bei Mir waren, daß sie Meine eigenen Worte vernehmen konnten.
GEJ|1|31|2|0|Denn es waren einige darunter, die in der Schrift wohl bewandert waren; diese sagten: „Dieser redet wie David, der da sagt: ,Die Befehle des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz; die Gebote des Herrn sind pur und erleuchten die Augen! Die Furcht des Herrn ist rein und bleibet ewiglich, und die Rechte des Herrn sind wahrhaft und allesamt gerecht. Sie sind köstlicher denn Gold und viel feines Gold; sie sind süßer denn Honig und Honigseim. Deinen Willen, Herr, tue ich gerne, und Dein Gesetz habe ich in meinem Herzen; ich will predigen Deine Gerechtigkeit in der großen Gemeinde. Siehe, ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen, Herr, das weißt Du. Deine Gerechtigkeit verberge ich nicht in meinem Herzen; von Deiner Wahrheit und von Deinem Heile rede ich. Ich verhehle Deine Güte und Deine Treue nicht vor der großen Gemeinde.‘ – Wir aber wissen, und das ist unser Zeugnis voll Wahrheit und Kraft, daß Der, Der also spricht und handelt, wie David vor Ihm und zwar in Seinem Namen geredet und gehandelt hat, wahrhaft der verheißene Messias ist. Bis auf Diesen aber hat nach David keiner mehr geredet und gehandelt wie David; sonach ist Dieser unfehlbar Christus, der von Ewigkeit Gesalbte Gottes! Diesen wollen wir darum vollends annehmen!“
GEJ|1|31|3|1|Ev.Joh.4,40. Als nun die Samariter (vollends) zu Ihm hinkamen, baten sie Ihn, daß Er bei ihnen bleibe! Und Er blieb darauf zwei volle Tage allda.
GEJ|1|31|3|0|Nachdem diese Samariter also untereinander sich ein Zeugnis gaben über Mich, traten sie ganz zu Mir hin in aller Ehrfurcht und baten Mich, daß Ich bei ihnen bleiben möchte. Denn sie sagten: „Herr, Der Du wahrhaftig Christus bist, wie wir Dich nun wohl erkannt haben, bleibe bei uns; denn in Jerusalem wirst Du wenig Aufnahme, wohl aber dafür desto mehr Unglauben und Verfolgung aller Art finden! Denn etwas Schlechteres denn einen Pharisäer trägt die weite Erde nicht, weder zu Lande noch zu Wasser. Hier aber sollst Du gehalten werden, wie es Dir als Dem gebührt, Den uns Moses, David und die Propheten verheißen haben!“
GEJ|1|31|4|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Liebe Männer aus Sichar! Mir macht es eine rechte Freude, daß Ich auf eurem Acker eine so gute Ernte gemacht habe; aber es wäre nicht fein von Mir, so Ich da, wo Ich die Kranken geheilt habe und sie nun gesund sind, verbliebe und achtete nimmer der vielen anderwärtigen Kranken! Ich werde aber dennoch zwei Tage bei euch verbleiben, und am dritten Tage erst weiter nach Galiläa hinabziehen.“
GEJ|1|31|5|1|Ev.Joh.4,41. Und viel mehrere noch glaubten an Ihn Seines Wortes wegen.
GEJ|1|31|5|0|Es traten aber darauf noch viele hinzu, die ehedem noch nicht gar fest glaubten, und bekannten ihren nun unerschütterlich festen Glauben. Es war aber auch das Weib da in gutem Anzuge und sagte zu denen, die nun glaubten: „Liebe Freunde, ihr werdet mich doch nun in eure Ehre aufnehmen? Denn ich habe euch zuerst den Weg hierher gezeigt, als ihr mich scherzweise fragtet, wo es brenne!“
GEJ|1|31|6|1|Ev.Joh.4,42. Und sprachen zum Weibe: „Wir glauben fortan nicht mehr deiner Rede willen; wir haben Ihn selbst gehört und erkannt, daß Dieser ist wahrlich Christus, der Welt Heiland!“
GEJ|1|31|6|0|Da sprachen die Samariter: „So dich der Herr angenommen hat zuvor denn uns, da bist du auch bei uns aufgenommen in Ehren, wie es in Sichar der Brauch ist. Aber wir glauben von nun und fort an nicht mehr deiner Worte wegen; denn wir haben Ihn nun selbst gehört und erkannt, daß Dieser wahrlich ist Christus, der Welt Heiland! Und du wirst uns nun nimmer gläubiger machen als wir nun sind! Aber von nun an sollst du auch bei uns eine rechte Ehre haben, so du hinfort nicht mehr sündigen wirst!“
GEJ|1|31|7|0|Sagt das Weib: „Ich aber habe von jeher nicht alsoviel gesündigt, als ihr es leider noch immer meinet. Vor dem, als ich eines Mannes ordentliches Weib wurde, ist mein Leib nie von dem eines Mannes berührt worden; als ich aber nachher eines Mannes Weib ward, da lebte ich ganz ordnungsgemäß, wie es sich für ein Weib gebührt. Daß ich nicht fruchtbar werden konnte, und daß jeder meiner fünf rechten Männer, so er mit mir seine Sache verrichtet hatte, bald darauf sterben mußte, dafür konnte ja doch ich nicht, wohl aber höchstens die, von denen ich ein solches Fleisch erhielt, das da nicht geheuer war einem Manne. Nachdem mir fünf Männer starben und mir ein kaum erträgliches Herzleiden verursachten, da beschloß ich, mich nimmer mit einem Manne zu verbinden; aber nach einem Jahre, wie ihr es wißt, kam ein Arzt nach Sichar mit Kräutern, Ölen und Salben und machte viele Leute gesund; da ging auch ich hin zu ihm, getrieben von meiner sehr fühlbaren Not, ob er mir hülfe.
GEJ|1|31|8|0|Er aber besah mich und sprach: ,Weib, eine Welt gäbe ich darum, so ich dir helfen könnte; denn wohl nie noch sah mein Auge ein schöneres Weib denn du bist! Kann ich dir aber schon nicht helfen vollends, so kann ich dein Übel aber dennoch lindern!‘ Er aber zog sich dann in meine ärmliche Behausung, gab mir darauf alle Tage lindernde Mittel und sorgte für mich; aber er hat meinen kranken Leib noch nie in einer schlechten Absicht, wie ihr es fälschlich zu meinen scheinet, berührt!
GEJ|1|31|9|0|Und so bin ich wohl vor Gott, wie sicher auch ihr, allezeit eine Sünderin; aber vor euren Augen glaube ich eben keine so große und grobe Sünderin zu sein, als für wie groß ihr mich zu halten beliebet. Der aber hier sitzt am Brunnen Jakobs, Der mir zuvor alles gesagt hat, was ich getan habe, Den fraget, und Er wird es euch Selbst sagen, inwieweit ich den Namen einer öffentlichen Sünderin verdiene oder nicht.“
GEJ|1|31|10|0|Hier schauen sich die Samariter groß an und sagen zum Weibe: „Nun, nun, sei nur wieder gut, wir haben es geradewegs ja so arg nicht gemeint; dafür sollst du nun eine Ehrenbürgerin in Sichar werden. Sage, bist du nun zufrieden mit uns?“
GEJ|1|31|11|0|Spricht das Weib: „O sorget euch nicht um die Ehre eines armen Weibes! Ich habe mir bereits den größten Teil der Ehre genommen!“
GEJ|1|31|12|0|Sagen die Samariter: „Wie wohl hast du das angefangen? Wir wissen nichts von einem Ehrenzeichen, das dir die Stadt erteilt hätte! Woher nahmst du dann solches?“
GEJ|1|31|13|0|Sagt das Weib, mit Tränen wahrer Liebe und des rechten Dankes auf Mich hinweisend: „Hier ruht Er noch! Er allein ist nun meine höchste Ehre, eine Ehre, die weder ihr noch die ganze Welt mir also geben und ebensowenig nehmen könnet! Denn Er Selbst hat sie mir gegeben, und von Ihm habe ich sie genommen! Ich weiß es wohl, daß ich nicht im geringsten wie in all meinem Sein irgend wert bin, von Ihm, dem Herrn der Herrlichkeit, eine Ehre zu nehmen; aber Er gab sie mir vor euch, und ich habe sie genommen vor euch und gab euch Kunde von Ihm, da ihr nichts wußtet von Ihm ehedem. Sehet, das habe ich vor euch allen, das ihr mir nicht gegeben habt, und, da ich es einmal habe, mir es nicht nehmen könnet, und das ist ein Ehrenzeichen rechter Art und Weise und hat seine Geltung in Ewigkeit; euer Ehrenzeichen aber gilt nur zeitlich und das für Sichar allein, und dessen kann ich entraten, so man das ewige hat. Ich hoffe, daß ihr nun einsehen möchtet, wie und woher ich meinen größten Teil der rechten Ehre genommen habe.“
GEJ|1|31|14|0|Sagen die Samariter: „Ist denn das irgend ein Vorzug, daß du zufällig zuerst herauskamst und trafst hier Christum? Wir haben Ihn nun auch gefunden und loben und preisen Ihn nun in unseren Herzen gleich dir, und Er verhieß uns auch wie dir, zwei Tage zu verweilen in unserer Stadt. Wenn aber also, wie sprichst du denn von einer Vorehre, die dir zuteil ward vor uns?“
GEJ|1|31|15|0|Sagt das Weib: „Ihr lieben Männer von Sichar, so ich mit euch rechten wollte, da würden wir nie zu einem Ende kommen. Ich habe es euch aber nun gesagt, wie es ist der vollen Wahrheit gemäß; zum zweiten Male aber sage ich's euch nicht mehr! Mehrere aus euch aber haben das römische Gesetz studiert und sind nun Richter nach diesem Gesetze und sagen, das sei ein weises Gesetz! Nun steht aber in diesem Gesetze, das auch ich gelesen habe, da ich römisch verstehe: Primo occupanti jus! Ich aber war hier die Erste, und ihr könnt mir daher mein gutes Recht nicht nehmen.“
GEJ|1|31|16|0|Hier schwiegen die Samariter und wußten nichts dem Weibe zu entgegnen; denn sie hatte nun ihre schwache Seite getroffen, und sie konnten ihr darauf nichts erwidern. Denn sie waren wegen der Juden große Freunde der Römer und schätzten hoch die Weisheit und Ordnung des römischen Gesetzes; darum schwiegen sie nun, da das Weib sie aufs Gesetz der Römer verwies.
GEJ|1|31|17|0|Daß aber das Weib in der römischen Sprache wohl bewandert war, ist nicht zu verwundern; denn die Samariter redeten nahe durchgängig römisch und teilweise auch griechisch, um auch durch die Sprache jede Gemeinschaft mit den Juden zu vermeiden.
GEJ|1|32|1|1|32. - Liebliche Szene zwischen dem Herrn und dem Weibe, in dessen Haus Er Herberge nehmen will
GEJ|1|32|1|0|Es war aber nun Abend geworden, und alle, die aus Judäa mit Mir kamen und den ganzen Nachmittag hindurch geschlafen hatten, da sie sehr müde waren, wurden einer nach dem andern wach und erstaunten, wie da so geschwinde der Abend gekommen sei! Und sie fragten Mich, was nun geschehen solle, ob sie eine Herberge suchen sollten, oder ob Ich nun in der kühleren Zeit der Nacht weiterzöge.
GEJ|1|32|2|0|Ich aber sagte: „So die Menschen schlafen, da wachet dennoch der Herr, und der Herr sorget für alles, und die mit Ihm sind, haben nicht zu sorgen, außer daß sie bei Ihm verbleiben. Darum machet euch nun auf, auf daß wir ziehen in diese Stadt der Samariter! Dort wird sich für uns alle eine gute Herberge finden. Dies Weib hier, das Mir heute mittag das Wasser verweigerte, hat ein geräumiges Haus, und Ich meine, sie wird uns die Herberge auf zwei Tage nicht verweigern.“
GEJ|1|32|3|0|Da fällt das Weib schluchzend vor Mir nieder aus Liebe und Freude und spricht: „O Herr, Du mein Heiland, wie komme ich arme Sünderin zu dieser Gnade?“
GEJ|1|32|4|0|Sage Ich: „Du nahmst Mich auf in dein Herz, das viel köstlicher ist denn dein Haus; also wirst du Mich wohl auch aufnehmen in dein Haus, das Jakob gleichwie diesen Brunnen seinem Sohne Joseph erbaute. Aber wir sind unser viele. Du wirst sonach für zwei Tage viel zu tun und zu sorgen bekommen; aber es soll dir darob ein tüchtiger Gewinn werden!“
GEJ|1|32|5|0|Spricht das Weib: „Herr, und so ihr euer noch zehnmal so viel wäret, so sollet ihr bei mir, insoweit meine Mittel reichen, alle bestens beherberget werden! Denn mein freilich hier und da schon sehr baufälliges Haus hat viele und reine Gemächer und ist nach meiner Möglichkeit auch so ziemlich wohl eingerichtet und ist nur von mir, meinem Arzte und einiger Dienerschaft desselben bewohnt. Ich aber sage Dir, o Herr, das Haus ist Dein, Du allein bist der rechtmäßige Besitzer meines Hauses; denn Du hast das älteste Recht darauf. Daher komm, o Herr, und ziehe ein in Dein Haus! Denn von nun an ist es vollends Dein, und soll es Dein verbleiben fürder und alles, was darinnen ist!“
GEJ|1|32|6|0|Sage Ich: „O Weib, dein Glaube ist groß und lieblich dein Herz; darum sollst auch du Meine Jüngerin sein und bleiben. Und wo immer dies Evangelium verkündet wird, soll deiner erwähnt werden in Ewigkeit!“
GEJ|1|32|7|0|Das nahm die Samariter etwas ärgerlich wunder, und es traten mehrere hin zu Mir und sprachen: „Herr, wir haben ja auch Häuser, und es hätte sich besser geschickt, daß Du bei uns Herberge genommen! Denn siehe, dieses Weibes Haus ist bei uns sehr verrufen und ist mehr eine Ruine denn ein Haus!“
GEJ|1|32|8|0|Sage Ich: „Ihr seid bereits drei Stunden bei Mir, habt Mich wohl erkannt, und es ist bereits Abend geworden; aber keiner aus euch hat Mir und Meinen Jüngern eine Herberge angeboten, obschon Ich eurer Bitte Gehör gab und euch zwei Tage in eurer Stadt zu verbleiben verhieß!
GEJ|1|32|9|0|Ich aber besah das Herz dieses Weibes, und es dürstete gewaltig darnach, ob Ich gewillt wäre, bei ihm Herberge zu nehmen! Nicht Ich also verlangte Herberge in ihrem Hause, sondern ihr Herz verlangte es. Da es sich aber vor euch nicht laut zu äußern getraute, so kam Ich diesem Herzen entgegen und verlangte das von ihm, das es Mir so heißliebend voll lebendiger Sehnsucht und Bereitwilligkeit zu geben wünschte!
GEJ|1|32|10|0|Aus diesem höchst triftigen Grunde nehme Ich denn nun auch auf zwei volle Tage Herberge in dieses Weibes Hause. Wohl dem, der sich darob an Mir nicht ärgert!
GEJ|1|32|11|0|Ich aber sage es euch: Wie jemand säet, also wird er auch ernten; wer da sparsam säet, der wird auch also spärlich ernten, wer aber reichlich säet, der wird auch reichlich ernten. Von euch allen hat noch niemand weder Mir noch Meinen Jüngern etwas geboten; diese aber gibt Mir sogleich alle ihre Habe zu Meinem Eigentume! Wer aus euch hat Mir das getan? Ist es dann unbillig, daß Ich ihr vor euch allen eine gerechte Ehre gebe? Ich sage euch aber: Wer darob mit diesem Weibe rechten wird, dem soll es übel ergehen zeitlich!“
GEJ|1|32|12|0|Hier sehen sich die Samariter groß an, da ihnen die Sache sichtlich in die Nase raucht, ermannen sich aber dennoch und bitten Mich, daß Ich ihnen erlauben möchte, Mich des nächsten Tages besuchen zu dürfen.
GEJ|1|32|13|0|Ich aber antworte ihnen: „Ich lade euch nicht und lege euch keine Not an; wer aus euch aber frei zu Mir kommen will, soll keine Tür verschlossen finden, sondern einen ganz freien Eintritt zu Mir haben. Wer also kommen will, der komme, wer aber daheim verbleiben will, der verbleibe, denn Ich zwinge und richte niemanden!“
GEJ|1|32|14|0|Hierauf erhoben sich die Samariter und gingen in die Stadt. Ich aber verweilte noch eine kleine Weile an dem Brunnen, und das Weib tränkte mit ihrem Kruge alle die Durstigen, die mit Mir waren.
GEJ|1|33|1|1|33. - Wunderbare Vorgänge im Hause des Weibes während ihrer Abwesenheit
GEJ|1|33|1|0|Ihr Arzt aber, der auch vorher mit ihr herausgekommen war, eilte voraus, um mit seiner Dienerschaft für Mich eine beste Herberge und ein möglichst reichliches Abendmahl zu bereiten. Als er aber ins Haus trat, konnte er sich nicht genug verwundern, daß seine Leute schon nahe mit allem fertig waren, was er erst anordnen wollte. Er aber fragte sie ganz mit dem besten Mute, wer denn wohl sie das zu tun geheißen habe. Sie aber sagten: „Ein Jüngling herrlichster Gestalt kam und sprach mit sanfternster Stimme: ,Tuet das, denn der Herr, Der bald in dieses Haus kommen wird, bedarf alles dessen!‘ Da wir solches wunderbar vernommen hatten, ließen wir alles liegen und stehen, und taten und tun es noch, was uns der seltene Jüngling gebot.“
GEJ|1|33|2|0|Der Arzt erstaunte und fragte: „Wo ist denn dieser seltene Jüngling?“ Die Diener aber antworteten: „Wir wissen es nicht; denn als er uns solches zu tun hieß, verließ er schnell dies Haus, und wir wissen es nicht, wohin er gekommen ist.“ Der Arzt aber sprach: „Also seid denn unverdrossen; denn diesem Hause widerfährt ein großes Heil, und ihr alle werdet desselben teilhaft werden!“
GEJ|1|33|3|0|Darauf eilte der Arzt schnell wieder zur Stadt hinaus, um Mir zu berichten, wie nun alles schon vorbereitet sei.
GEJ|1|33|4|0|Da begegneten ihm aber einige Ultramosaisten, hielten ihn auf und sagten: „Freund, es geziemt sich nicht, an einem Sabbat also zu rennen; weißt du denn nicht, wodurch allerlei man den Tag Jehovas entheiligen kann?“
GEJ|1|33|5|0|Sagt der Arzt: „Ihr Buchstabenreiter Mosis! Hurtig gehen an einem Sabbat, der nunmehr, da die Sonne schon untergegangen ist, nur noch ein Nachsabbat ist, haltet ihr für Sünde; aber so ihr am Sabbat eure Weiber und Mägde schändet und mit ihnen die barste Unzucht, Hurerei und Ehebruch treibet, wofür haltet ihr denn das? Hat das Moses geboten zu tun an einem Feiertage Jehovas?“ Sagen die Samariter: „So es heute nicht Sabbat wäre, da würden wir dich solcher Rede wegen steinigen, aber für diesmal sei's dir nachgesehen!“ Sagt der Arzt: „Nun, nun, eure Rede und euer Sinn macht sich, besonders zu einer Zeit, in der der lange verheißene Messias gerade vor den Toren Sichars weilet und ich Ihm nun entgegeneile, Ihm zu sagen, daß in Seinem Hause schon alles zu Seinem Empfange bereitet sei! Habt ihr denn noch nicht vernommen, was sich heute vor dem Tore unserer Stadt ereignet hat?“
GEJ|1|33|6|0|Sagen die Samariter: „Wir haben es wohl vernommen, daß draußen am Brunnen eine Judenkarawane Lager gemacht hat, und daß ein Jude, wahrscheinlich der Anführer dieser Karawane, vorgäbe, er sei Christus. Du bist ein Arzt doch und begreifst nicht, daß uns die Juden einen Streich zu spielen in dieser Weise ausgesonnen haben und nun diesen Streich an uns vermeintlichen Trotteln soeben ausführen wollen?! Das wäre uns ein sauberer Messias! Meinest du, daß wir ihn nicht kennen?! Sind wir nicht auch aus Galiläa und sind nun eure Glaubensgenossen, strenge nach Mosis Satzungen?! Da wir aber aus Galiläa sind, so kennen wir diesen Nazaräer, der eines Zmmermanns Sohn ist. Dieser, da ihm das Arbeiten nicht mehr schmeckt, läßt sich nun als ein schnödes Werkzeug der Pharisäer gebrauchen, macht einige erlernte Zauberkünste und gibt sich auf deren Unkosten für den Messias aus! Und Esel und Ochsen deiner Art sitzen ihm auf und glauben seinen verlockenden Worten! Aufgreifen sollte man sie alle, dann mit Ruten tüchtig durchstäupen und sie also über die Grenze schmeißen wie Kot und Unflat!“
GEJ|1|33|7|0|„O ihr Blinden! In meinem Wohnhause harren Engel Gottes Seiner und brachten Speise, Trank und Lager aus den Himmeln für Ihn, und ihr führet eine solche Rede! Der Herr züchtige euch darum!“
GEJ|1|33|8|0|Als der Arzt solches ausspricht, werden zehn augenblicklich stumm, und keiner kann mehr ein Wort reden, und sie bleiben stumm durch die zwei Tage Meines Aufenthaltes in Sichar. Der Arzt aber verläßt sie und eilt zu Mir.
GEJ|1|33|9|0|Als er zu Mir kommt, sagt er: „Herr! Dein Haus ist wohlbestellt! Es geht daselbst wunderbar zu; aber am Wege heraus zu Dir, o Herr, geriet ich unter eine Anzahl Frevler, die Dir vor mir ein übles Zeugnis zu geben sich bemühten. Aber es währte ihr Geschrei nicht lange! Dein Engel schlug sie auf den Mund, und sie wurden bis auf zwei völlig stumm; die zwei aber erschraken gewaltig und flohen. Das, o Herr, ist alles nun in einer halben Stunde geschehen!“ – Sage Ich: „Sei ruhig, das mußte also kommen, auf daß nicht die, so schon glauben an Meinen Namen, abgewendet würden von uns! Nun aber gehen wir, und du, Mein liebes Weib aus Samaria, vergiß deinen Krug nicht!“ Sogleich schöpft das Weib ein frisches Wasser und nimmt es mit nach Hause. – Also ward ein Halbtag vor Sichar am Jakobsbrunnen zugebracht und in dieser Stadt eine ziemlich reichliche Ernte gehalten.
GEJ|1|34|1|1|Im Hause des Weibes zu Sichar
GEJ|1|34|1|1|34. - Der Herr mit den Seinen im Hause des Weibes zu Sichar. Engelswunder. Aufklärung über des Herrn Wundermacht. Die Aufzeichnungen der Lehren und Taten des Herrn durch den Evangelisten Johannes
GEJ|1|34|1|0|Mein Jünger Johannes aber fragte Mich und sagte: „Herr! Wie Du es willst, so möchte ich wohl alles aufzeichnen noch in dieser Nacht, was sich hier zutrug!“
GEJ|1|34|2|0|Sage Ich: „Nicht alles, Mein Bruder, sondern das nur, was Ich dir sagte, daß du es dir notieren sollst! Denn solltest du alles zeichnen, was da geschah und was hier die zwei Tage hindurch noch geschehen wird, so würdest du viele Häute voll zeichnen müssen; wer aber würde das Viele dann lesen und fassen? So du aber nur die Hauptmomente richtig in rechter Entsprechung, wie sie dir gegeben ist, zeichnest, so werden die rechtschaffenen Weisen in Meinem Namen schon ohnehin alles herausfinden, was hier alles geschah und weshalb, und du ersparst dir eine große und unnötige Mühe. So denn, Mein geliebtester Bruder, mache dir deine Arbeit bequem, und du wirst dennoch der erste Zeichner Meiner Lehren und Taten verbleiben immerdar.“
GEJ|1|34|3|0|Johannes küßt Mich auf die Brust, und wir begeben uns an der Seite des Weibes und des Arztes in die Stadt und da in das Haus Josephs, da es schon recht dunkel ist.
GEJ|1|34|4|0|Als wir in das wirklich große Haus kommen, findet das Weib in ihrem Hause eine Zubereitung für Meine Beherbergung, wie sie von einer ähnlichen noch nie eine Ahnung hatte! Denn es stehen eine rechte Menge wohlbesetzter Tische und um die Tische eine rechte Anzahl Stühle; auf jedem Tische stehen wohlleuchtende Lampen aus edlen Metallen; die Fußböden sind durchaus mit den schönsten Teppichen überzogen, die Wände selbst symmetrisch mit Blumenteppichen behangen, und aus den schönsten Kristallbechern blinket ein köstlicher Wein den Gästen entgegen!
GEJ|1|34|5|0|Das Weib kann sich gar nicht fassen und sagt erst nach einer Weile ihres nimmer enden wollenden Staunens: „Aber Herr, was hast Du getan?! Hast Du das durch Deine Jünger, die Du vielleicht heimlich hierher sandtest, herichten lassen? Woher nahmen sie denn das alles? Ich weiß ja, was ich habe, von Gold und Silber sicher nichts, und hier strotzt alles von diesen Metallen! Einen kristallenen Becher wie diesen hier habe ich noch nie gesehen, und hier stehen hunderte, von denen jeder 30 Silberlinge wert ist. Dieser Wein, diese Speisen und Früchte, das schöne Brot und die vielen teuersten Teppiche, von denen einer sicher 100 schwere Silbergroschen kostet! O Herr! sage es mir Armen doch, ob Du solches alles mitgebracht hast oder ob es hier in der Stadt irgendwo ausgeborgt wurde?“
GEJ|1|34|6|0|Sage Ich: „Siehe, liebes Weib! Du sagtest draußen am Brunnen ja, daß dies Haus Mir gehöre. Ich nahm solch eine Schenkung von dir an, und da nun dies Haus Mein ist, so wäre es ja doch von Mir nicht fein gewesen, so Ich dich als Schenkerin in ein unzierliches Gemach geführt hätte! Sieh, wie da eine Hand die andere wäscht, also ist es denn auch hier; eine Ehre erfordert die andere! Du schenktest es Mir vollends aus deinem ganzen Herzen, wie es ehedem war; Ich aber gebe es dir nun wieder also, wie es jetzt eingerichtet ist. Ich meine, daß du mit diesem Umtausche der Sache ganz zufrieden wirst sein können?! Denn sieh, Ich verstehe Mich auch so ein wenig auf rechte Zierde und feinen Geschmack!
GEJ|1|34|7|0|Und Ich sage es dir: Solches alles habe Ich, so wie alles, auch von Meinem Vater gelernt! Denn die endlos vielen Wohnungen im Hause Meines Vaters sind eben auch voll des höchstbesten Geschmacks und voll der höchsten Zierden, was du aus dem schon recht wohl entnehmen kannst, so du aufmerksam betrachtest die Blumen der Felder, deren einfachste herrlicher geschmückt ist als Salomo in aller seiner Königspracht!
GEJ|1|34|8|0|Wenn der Vater aber schon die Blumen, die nur kurz dauern, also zieret und schmückt, um wie viel mehr wird Er erst Sein Wohnhaus, das im Himmel ist, zieren und schmücken?! Was aber der Vater tut, das tue auch Ich; denn Ich und der Vater sind im Grunde des Grundes völlig Eins! Wer Mich annimmt, der nimmt auch den Vater an; denn der Vater ist in Mir, wie Ich im Vater! Wer Mir was tut, der tut es also auch dem Vater; und du kannst Mir darum nichts geben, das du nicht sobald hundertfältig wieder zurückbekämst! Jetzt weißt du alles Nötige.
GEJ|1|34|9|0|Jetzt aber setzen wir uns und nehmen das Abendmahl zu uns, denn es gibt viele Hungrige und Durstige unter uns. Haben wir unsere Glieder gestärkt, dann erst wollen wir weiter sprechen über diesen Punkt!“
GEJ|1|34|10|0|Alle setzen sich nun zu Tische, danken und stärken sich dann mit Speise und Trank.
GEJ|1|35|1|1|35. - Des Dieners Bericht über die wunderbare Bestellung des Hauses. Des Weibes staunende Ehrfurcht und Erkenntnis vor dem Herrn. Die Jünger schauen die Himmel. Nathanaels Bekenntnis. Des Herrn Wink zum Schweigen vom gottseligen Geheimnis
GEJ|1|35|1|0|Nach dem Mahle nähert sich Mir wieder das Weib, getrauet sich aber kaum zu reden; denn sie besprach sich während des Mahles mit der Dienerschaft des Arztes, wie solches alles herbeigeschafft worden sei. Und die Dienerschaft sagte: „Liebe Frau, das weiß Gott, wie das hergegangen ist! Wir haben dabei das wenigste getan; der Arzt tat gar nichts; denn als er kam, da war schon alles getan. Wir waren vordem, und lange bevor der Arzt kam, mit seinen Sachen beschäftigt, da kam auf einmal ein Jüngling von blendender Schönheit und sagte uns, daß wir dies und jenes tun sollen, da der Herr dessen bedürfe, und wir taten alles sogleich, was uns der seltene Jüngling geboten hatte. Aber siehe, es ging das sonderbar zu! Wie wir etwas tun wollten, da war es schon getan, und wir können dir daher nichts anderes sagen als: hier waltete offenbar Gottes Allkraft, und der weiße Jüngling muß ein Engel Gottes gewesen sein! Sonst läßt sich die Sache gar nicht erklären! Der Mensch, der ehedem an deiner Seite zuerst in den großen Speisesaal trat, muß ein großer Prophet sein, daß ihm die Mächte der Himmel dienen!“
GEJ|1|35|2|0|Da aber also das Weib solches von den Dienern vernahm, war sie um desto mutloser und getraute sich kaum zu reden. Nach einer ziemlich geraumen Weile erst sagte sie mit einer ganz schwachen Stimme: „Herr! Du bist mehr denn allein der verheißene Messias! Du warst es sicher, Der den Pharao züchtigte, die Israeliten aus Ägypten führte und ihnen vom hohen Sinai die Gesetze donnerte!“
GEJ|1|35|3|0|Ich aber sage zu ihr: „Weib! Die Stunde ist noch nicht da, daß solches des Menschen kundgetan würde; darum behalte es vorderhand in deinem Herzen! Mache aber nun, daß die große Schar, die aus Judäa mit Mir kam, in die Schlafgemächer verteilt werde; du, der Arzt und Meine Jünger, nun zehn an der Zahl, aber bleibet hier! Dem Weibe aber, das an Meiner Seite saß und Meines Leibes Mutter ist, weise das reinste Bett an, daß es wohl ruhe; denn sieh, die schon ältliche Mutter hat heute einen starken Weg gemacht und bedarf zu ihrer Stärkung einer guten Ruhe!“
GEJ|1|35|4|0|Das Weib erfreut sich über die Maßen, in diesem ganz unansehnlichen Weibe Meine Mutter zu erkennen, und versorgt sie bestens. Und die Maria belobt sie solcher Zärtlichkeit wegen, empfiehlt ihr aber zugleich, ja alles zu tun, was Ich sagen würde.
GEJ|1|35|5|0|Als nun alles zur Ruhe gebracht ist und das Weib und der Arzt nebst den zehn Jüngern allein bei Mir im Großen Speisesaale sich befinden, sage Ich zu den Jüngern: „Ihr wisset es, wie Ich zu Bethabara in Galiläa, da Ich euch aufnahm, zu euch sagte: Von nun an werdet ihr die Himmel offen sehen und die Engel Gottes herniedersteigen zur Erde; und sehet, das geht nun vor euren Augen buchstäblich in Erfüllung! Das alles, was ihr hier sehet und was ihr gegessen und getrunken habt, ist nicht von dieser Erde, sondern durch die Engel Gottes aus den Himmeln hierher geschafft. Nun aber machet auf eure Augen und sehet, wie viele Engel allda bereit stehen, um Mir zu dienen!“
GEJ|1|35|6|0|Da gingen allen die Augen auf, und sie sahen die Massen der Engel, zu Meinen Diensten bereit, aus den Himmeln niederschweben. – Denn als ihnen die Augen aufgetan wurden, verschwanden des Hauses Wände, und alle sahen die Himmel offenstehen!
GEJ|1|35|7|0|Spricht darauf Nathanael: „Ja, Herr, Du bist wahrhaft und getreu! Was Du geredet hast, das geht nun wunderbar in Erfüllung! Wahrlich, wahrlich, Du bist der Sohn des lebendigen Gottes! Mit Abraham sprach Gott durch Seine Engel; Jakob sah im Traume eine Leiter, über der die Engel auf- und niederstiegen, aber Jehova sah er nicht, außer einen Engel, der Jehovas Namen hatte gezeichnet in seine Rechte. Und da Jakob mit ihm stritt, ob er Jehova sei, ward er hinkend durch einen starken Rippenstoß. Moses sprach mit Jehova; aber er sah nichts denn Feuer und Rauch, und da er sich verbergen mußte in einer Höhle, weil daselbst Jehova vorüberzöge, durfte er nicht schauen, als bis Jehova vorübergezogen war. Und als er da nachsah, da ersah er nur noch den Rücken Jehovas; aber darauf mußte er sein Gesicht bedecken mit dreifacher Decke, da es leuchtete mehr denn die Sonne und es niemand ansehen konnte, ohne zu sterben! Dann war nur noch Elias, der Jehova gewahrte im sanften Säuseln! Und hier bist Du Selbst nun!“
GEJ|1|35|8|0|Hier falle Ich dem Nathanael in die Rede und sage: „Genug, Mein Bruder, die Stunde ist noch nicht da! Nur einer so reinen Seele, wie da ist die deine, ganz ohne Falsch und Hinterhalt, ist solches zu erschauen möglich. Denn siehe, nicht ein jeder, der Mir folgt, ist wie du.
GEJ|1|35|9|0|Dies Weib aber war nicht wie du, nun aber ist sie auch wie du, darum ahnte sie auch, was du nun sagen wolltest. Aber die Stunde ist noch nicht da. Erst, wann im Tempel der Vorhang wird entzweigerissen werden, dann erst ziehet dem Moses seine Decke vollends von seinem strahlenden Angesichte!“
GEJ|1|36|1|1|36. - Aufgabe des Johannes als Evangelist. Verheißung der jetzigen Offenbarung. Über den Messias und sein Reich. Joram erhält die Gabe des geistigen Heilens. Joram und Irhael vom Herrn ehelich verbunden. Der Herr schläft nicht
GEJ|1|36|1|0|Fragt mich darauf Johannes: „Herr, aber dieses muß ich mir doch aufzeichnen! Das ist mehr als das Zeichen zu Kana! Das ist einmal ein rechtes Zeichen, von wannen Du gekommen bist!“
GEJ|1|36|2|0|Sage Ich: „Auch das laß du; denn was du zeichnest, ist ein Zeugnis für die Welt; diese aber hat das Verständnis nicht, daß sie es fassete! Wozu wäre dann solche deine Mühe? Meinst du, die Welt werde so etwas glauben? Sieh, die hier sind, die glauben es, weil sie es schauen; die Welt aber, die im Finstern wandelt, würde es nimmer glauben, daß hier solches geschehen; denn die Nacht kann sich unmöglich vorstellen die Werke des Lichtes. Möchtest du ihr aber erzählen von den Werken des Lichtes, so wird sie dich belachen und dich am Ende zu verspotten anfangen. Also sei es also, daß du in der Zukunft nur das aufzeichnest, was Ich offen vor aller Welt tue; was Ich aber im geheimen tue, und sei es noch so groß, das zeichne du bloß in dein Herz, aber nicht auf die glatte Tierhaut!
GEJ|1|36|3|0|Es wird aber schon einmal eine Zeit kommen, in der alle diese geheimen Dinge sollen der Welt geoffenbart werden, aber es werden vorher noch gar viele Bäume ihr unreifes Obst von ihren Zweigen müssen fallen lassen! Denn siehe, die Bäume haben viel angesetzt, und es wird von dem wohl kaum ein Drittel zur Reife gelangen! Aber die zwei abgefallenen Drittel werden eher zertreten werden müssen und verfaulen und verdorren, daß ein Regen sie dann auflöse und in den Stamm treibe ein mächtiger Wind zur zweiten Geburt!“
GEJ|1|36|4|0|Sagt Johannes: „Herr, das ist zu tief, wer kann es fassen?“
GEJ|1|36|5|0|Sage Ich: „Es ist dies auch gar nicht nötig, es ist genug, daß du glaubst und Mich liebst, das tiefere Verständnis alles dessen wird schon kommen, so der Geist der Wahrheit über euch wird ausgegossen werden. Bevor aber das geschehen wird, werden aus euch trotz aller dieser Zeichen sich noch manche stoßen an Mir und an Meinem Namen!
GEJ|1|36|6|0|Denn ihr habt alle noch einen ganz unrichtigen Begriff vom Messias und Seinem Reiche, und es wird viel brauchen, bis ihr da ins klare kommen werdet.
GEJ|1|36|7|0|Denn des Messias Reich wird nicht sein ein Reich dieser Welt, sondern ein Reich des Geistes und der Wahrheit im Reiche Meines Vaters ewig, und es wird dessen nimmer ein Ende sein fürder und fürder! Wer in dieses Reich aufgenommen wird, der wird haben das ewige Leben und dieses Leben wird sein eine Seligkeit, von der noch nie jemand etwas gesehen, gehört und in seinem Herzen empfunden hat!“
GEJ|1|36|8|0|Sagt Petrus, der lange geschwiegen hatte: „Herr, wer wohl wird dann solch einer Seligkeit fähig werden?“
GEJ|1|36|9|0|Sage Ich: „Lieber Freund, siehe, heute ist es schon spät, und unsere Leiber bedürfen der Ruhe, auf daß sie morgen stark seien zur Arbeit! Deshalb wollen wir den heutigen Tag beschließen und morgen im guten Lichte wandeln. Suche sich daher ein jeder seinen Ruheplatz und ruhe sich darauf vollends aus; denn morgen werden wir viel zu tun bekommen!“
GEJ|1|36|10|0|Auf das kommt ein jeder wieder in seinen Naturzustand und sieht wieder des Saales Wände, neben denen sehr gute Ruhelager, eine Art Diwane, zierlich gestellt sind. Die Jünger, von denen einige sehr müde sind, danken und legen sich sogleich nieder.
GEJ|1|36|11|0|Nur Ich, der Arzt und das Weib bleiben noch wach. Als die Jünger bald fest schlafen, da fallen beide vor Mir auf ihre Knie nieder und danken Mir inbrünstigst für solche unaussprechlich große Gnaden, die Ich ihnen und ihrem ganzen Hause erwiesen habe. Zugleich aber bitten sie Mich, ob Ich es nicht gestattete, daß sie sich Mir anschlössen und Mir folgen dürften.
GEJ|1|36|12|0|Ich aber sage zu ihnen: „Es ist dies nicht nötig um eurer Seligkeit willen. So ihr Mir aber schon folgen wollt, da ist es genug, daß ihr Mir folget in euren Herzen! Ihr sollet aber hier in diesem Lande als Meine Zeugen verbleiben! Denn es werden da in kurzer Zeit gar viele Zweifler aufstehen und zu euch kommen; diesen sollet ihr dann ein gutes Zeugnis geben von Mir.
GEJ|1|36|13|0|Und du, Mein lieber Joram, sollst von nun an ein vollkommener Arzt sein! Dem du deine Hände auflegen wirst in Meinem Namen, mit dem soll es sogleich besser werden, wie krank er auch immer sei. Zugleich aber müßt ihr miteinander in eine vollkommene und unauflösliche Ehe treten; denn also wäre euer Beisammenleben ein Ärgernis den Blinden, die nur aufs Äußere sehen und vom Inneren keine Ahnung haben.
GEJ|1|36|14|0|Du, Joram, brauchst dich nun nicht mehr zu fürchten vor Irhael; denn sie ist nun vollkommen gesund an Leib und Seele. Und du, Irhael, hast an Joram einen Mann aus den Himmeln und sollst mit ihm vollends glücklich sein; denn er ist nicht ein Geist aus der Erde, sondern ein Geist von oben herab.“
GEJ|1|36|15|0|Sagt das Weib: „O Jehova, wie gut bist Du! Wann aber wäre es Dein Wille, daß wir uns öffentlich verbänden vor den Augen der Welt?“
GEJ|1|36|16|0|Sage Ich: „Ich habe euch schon verbunden, und dies Bündnis ist allein gültig im Himmel wie auf Erden, und Ich sage es euch: Seit Adam gab es auf dieser Erde kein vollkommeneres Ehebündnis denn da nun ist das eurige; denn Ich Selbst habe euer Bündnis gesegnet.
GEJ|1|36|17|0|Morgen früh aber werden hierher kommen eine Menge Priester und andere Leute und Bürger dieser Stadt; denen zeiget das an, auf daß sie es wissen, daß ihr nun vollends rechte Eheleute seid vor Gott und aller Welt! So euch aber Kinder werden, da erziehet sie in Meiner Lehre und taufet sie dann also in Meinem Namen, wie ihr morgen von Meinen Jüngern viele werdet taufen sehen in der Weise, wie da taufet ein Johannes im Jordan, von dem ihr werdet gehöret haben; also werde Ich dir, du Mein Joram, morgen die Macht geben, nachderhand jedermann zu taufen, der an Meinen Namen glauben wird.“
GEJ|1|36|18|0|Nun aber begebet ihr euch auch zur Ruhe! Doch solange Ich in diesem Hause verweilen werde, sollet ihr euch nicht berühren, der Zucht wegen! Sorget euch aber nicht diese Zeit hindurch für den Tisch und Keller; denn solange Ich in diesem Hause verweilen werde, wird Tisch und Keller so wie heute von oben versorgt werden. Saget es aber vor der Zeit niemand, daß solches also geschehe; denn die Menschen würden dies nicht fassen. So Ich aber fort sein werde, da könnet ihr es immerhin den Helleren kundgeben. Und so denn begebet euch zur Ruhe, Ich aber werde nun hier allein wachen! Denn der Herr darf nicht schlafen noch ruhen; denn der Schlaf und die volle Ruhe wäre der Wesen Tod und Verderben! Denn so auch alle Welt schliefe, da wachet dennoch der Herr und erhält alle Wesen.“
GEJ|1|36|19|0|Auf diese Worte danken die beiden und begeben sich, jedes in ein anderes Gemach, zur nötigen Ruhe. Ich aber bleibe auf Meinem Stuhle sitzen bis zum Morgen.
GEJ|1|37|1|1|Erster Tag in Sichar
GEJ|1|37|1|1|37. - Der Priester Gesang am Morgen in Sichar. Diese werden vom Herrn auf den Berg Garizim beschieden. Berufung des Matthäus zum Evangelisten und Apostel
GEJ|1|37|1|0|Am frühen Morgen, als die Sonne noch kaum eine halbe Spanne über dem Horizonte stand, kamen schon eine Menge Priester, die in Sichar wegen der Nähe des heiligen Berges (Garizim) wohnten, vor das Haus der Irhael und fingen sogleich ein großes Geplärr an und schrieen: „Hosianna über Hosianna und Heil Dem, der da kam im Namen der Herrlichkeit Gottes! Weile, Sonne, und stehe still, du Mond, bis der Herr aller Herrlichkeit mit Seiner gewaltigen Rechten schlage und vernichte alle Seine Feinde, die auch unsere Feinde sind! Nur die Römer verschone, o Herr, denn sie sind unsere Freunde, da sie uns schützten vor den Juden, die schon nicht mehr Kinder Gottes, sondern Kinder Beelzebubs sind und opfern diesem ihrem Vater im Tempel, den Salomo Dir, o Herr, erbaut hatte. Du hast wohlgetan, o Herr, daß Du kamst zu Deinen rechten Kindern, die Deinen Verheißungen glaubten und Dich bis zur Stunde sehnsüchtigst erwarteten. Wohl kommst Du von den Juden – denn es heißt ja, daß das Heil komme von den Juden –, aber wir haben es vernommen, wie Du nun warst zu Jerusalem und im Tempel und schlugst die Juden mit Stricken und warfst ihre Stühle um! O Herr, daran hast Du sehr wohlgetan, und alle Himmel sollen Dich darob loben mit Psalmen, Harfen und Posaunen! Wir sagten es ja immer, so Du kommst, da wirst Du nicht vorübergehen an der heiligen Stätte, auf der Daniel, Dein Prophet, den Greuel der Verwüstung Jerusalems verkündete! Und von dieser Stätte wirst Du, o Herr, verkünden das Heil Deinen Völkern! Gepriesen sei Dein Name, Hosianna Dir in der Höhe, und Heil allen Kindern, die eines guten Willens sind!“
GEJ|1|37|2|0|Dies zum Teil sinnige, zum Teil aber auch sehr unsinnige Geplärre zog natürlich eine Menge Menschen herbei und ganz sicher alle, die tags vorher am Brunnen bei Mir waren und Mich nun abermals sehen und hören wollten. Der Lärm und die Menge mehrte sich von Sekunde zu Sekunde, und alles im Hause mußte sich erheben und nachsehen, was es da gäbe. Die Jünger erhoben sich zuerst und fragten Mich, was denn das für ein Tumult wäre, und ob es ratsam sei, zu bleiben, oder vielleicht doch besser, dem zu entfliehen.
GEJ|1|37|3|0|Ich aber sagte: „O ihr Kleinmütigen! So höret es doch, wie sie Hosianna rufen! Wo man aber Hosianna ruft, da ist es gar so gefährlich nicht, zu verbleiben.“
GEJ|1|37|4|0|Mit dem waren die Jünger beruhigt, und Ich sagte weiter zu ihnen: „Gehet aber nun hinab und saget ihnen, sie sollen nun schweigen und sollen sich hinaus auf den Berg begeben; denn Ich werde nach der sechsten Stunde (d.i. nach zwölf Uhr mittags) mit euch allen hinauskommen und werde euch und ihnen das Heil verkünden vom Berge herab. Sie sollen aber auch Schreiber mitnehmen, damit diese aufzeichnen, was Ich allda vom Berge lehren werde.
GEJ|1|37|5|0|Du, Johannes, aber brauchst es nicht zu schreiben, da solche Meine Lehre ohnehin mehrfach wird gezeichnet werden. Es befindet sich aber hier ein Schreiber, auch ein Galiläer, mit Namen Matthäus; dieser hat sich schon so manches aus Meiner Jugend aufgezeichnet, und da er schnellen Griffels ist, so wird er sich sicher alles aufzeichnen, was er hören und sehen wird. Diesen bringet herauf, rufet ihn beim Namen, und er wird euch sogleich folgen! Saget aber auch den ersten Priestern, daß sie heraufkommen mögen, wie auch einigen ersteren, die ihr gestern am Brunnen werdet gesehen haben. Aber zuerst rufet Mir den Matthäus; denn von diesem will Ich, daß er uns auch folge!“
GEJ|1|37|6|0|Die Jünger begaben sich nun schnell herab und taten, wie Ich ihnen geboten hatte.
GEJ|1|37|7|0|Während aber die Jünger unten auf der Gasse ihr Wesen hatten, kamen alle andern Gäste samt der Maria zu Mir in den Speisesaal und begrüßten Mich allerfreundlichst, dankten und erzählten Mir ganz kurz wunderbare Träume, die sie in dieser Nacht gehabt hätten, und fragten Mich, ob man auf solche Träume etwas halten solle.
GEJ|1|37|8|0|Ich aber sagte: „Was die Seele im Traume schauet, das ist alles ihrer Art. Ist die Seele im Wahren und Guten aus dem, was Ich euch lehre zu glauben und zu tun, so sieht sie auch im Traume Wahres und kann sich daraus Gutes fürs Leben schaffen; ist aber die Seele im Falschen und daraus im Bösen, so wird sie im Traume Falsches sehen und daraus Böses bilden.
GEJ|1|37|9|0|Da ihr aber nun nach Meiner Lehre im Wahren seid, darob ihr Mir auch folgtet, so kann eure Seele auch im Traume nur Wahres geschaut haben, daraus sie viel Gutes zeugen kann.
GEJ|1|37|10|0|Ob aber die Seele das auch fasset, was sie schauet im Traume, das ist freilich eine ganz andere Sache. Denn gleich wie ihr das nicht fasset und begreifet, was alles ihr schauet in der Außenwelt, in der ihr am Tage lebet, also fasset die Seele auch nicht, was sie schauet in ihrer Welt.
GEJ|1|37|11|0|Wann aber in euch der Geist wiedergeboren wird, wie Ich solches zu Jerusalem dem Nikodemus verkündet habe, als er zu Mir kam in der Nacht, dann werdet ihr alles fassen und begreifen und vollends einsehen.“ Damit geben sich alle zufrieden und treten zurück.
GEJ|1|38|1|1|38. - Matthäus, der vormalige Zollschreiber, zur Aufzeichnung der Bergpredigt vom Herrn angewiesen
GEJ|1|38|1|0|Es kommt aber nun die Wirtin mit ihrem neuen Gemahl, grüßt Mich auf das allergefühlvollste und fragt Mich und auch alle die andern Gäste, ob wir geneigt wären, das Morgenmahl zu nehmen, da es schon vollends bereitet sei.
GEJ|1|38|2|0|Ich aber sage: „Liebe Irhael, warte noch ein wenig; die Jünger werden sogleich noch mehrere Gäste heraufbringen, diese sollen auch teil am Frühmahle nehmen und zugleich erfahren aus Meinem Munde, daß ihr beide, du und Joram, nun ein rechtes Ehepaar geworden seid; und sie sollen es auch sehen, daß euer Haus nicht ein letztes, sondern nun in allem, äußerlich und innerlich, ein vollends erstes Haus dieser Stadt sei, und Ich darum in diesem Hause eine Herberge nahm.“
GEJ|1|38|3|0|Als Ich solches sage dem Ehepaare, da öffnen auch schon Petrus und Mein Johannes die Tür, und zwischen ihnen tritt Matthäus herein, verneigt sich tief und sagt: „Herr, ich bin hier vollends bereit, Dir allein zu dienen! Ich habe hier wohl ein Schreiberamt und kann dabei leben und erhalten meine kleine Familie; aber so Du, o Herr, meiner bedarfst, da laß ich augenblicklich mein Amt fahren, und Du, o Herr, wirst meine kleine Familie nicht zugrunde gehen lassen!“
GEJ|1|38|4|0|Sage Ich: „Wer Mir nachfolget, der sorge sich um nichts, als daß er bei Mir bleibe zeitlich und ewig. Hier aber siehe dies Haus an; diese beiden Besitzer, diese werden deine Familie in Meinem Namen aufnehmen und bestens versorgen, so wie dich, wann du hierher kämest bei Tage oder bei der Nacht.“
GEJ|1|38|5|0|Matthäus, der dies Haus von früher schon kannte, wie es mehr eine Ruine denn ein Haus war, aber konnte sich nicht genug verwundern und sprach: „Herr, da muß ein großes Wunder vor sich gegangen sein! Denn das Haus war eine Ruine, und nun ist es ein Palast, wie es in Jerusalem wenige seinesgleichen geben dürfte! Und diese echt königliche Einrichtung! Das muß ja unendlich viel gekostet haben!“
GEJ|1|38|6|0|Sage Ich: „Denke du das nur so recht fest und klar, daß bei Gott gar viele Dinge möglich sind, die bei den Menschen unmöglich scheinen, dann wirst du leicht begreifen, wie diese frühere Ruine nun in einen Palast hat umgewandelt werden können! – Hast du aber ein hinreichendes Schreibmaterial?“
GEJ|1|38|7|0|Sagt Matthäus: „Für zwei Tage bin ich versehen; soll ich mehr haben, so will ich's mir sogleich beschaffen.“
GEJ|1|38|8|0|Sage Ich: „Es genügt für zehn Tage; danach werden wir des Materials schon anderwärtig habhaft werden. Bleibe nur hier und halte mit uns das Morgenmahl; nach 6 Uhr aber werden wir uns auf den Berg begeben. Dort werde Ich diesen Völkern das Heil verkünden; du aber schreibe Mir nach dem Munde all das Gesagte in drei Kapiteln und unterteile diese in kleine Verse nach der Art Davids. Sehe dich aber noch um ein paar andere Schreiber um, die es dir nachschreiben sollen, damit auch diesem Orte ein geschriebenes Zeugnis verbleibe!“
GEJ|1|38|9|0|Spricht Matthäus: „Herr, Dein Wille soll genauest befolgt werden!“
GEJ|1|38|10|0|Nach dieser nötigen Unterredung mit Matthäus treten die andern Jünger ein, und ihnen folgen die Priester und die andern Notabilitäten dieser Stadt und begrüßen Mich auf das zerknirschteste. Und der erste Priester tritt etwas hervor und sagt: „Herr, wohl zubereitet hast Du Dir dies Haus, auf daß es würdig sei, Dich zu beherbergen. Salomo baute den Tempel mit viel Pracht, auf daß er würdig wäre, dem Jehova zu einer Wohnstätte unter den Menschen zu dienen; aber die Menschen haben diese Wohnstätte durch ihre vielen himmelschreienden Laster entheiligt, und Jehova verließ den Tempel und die Lade und kam zu uns auf den Berg, wie auch Du, o Herr, zuerst in Jerusalem warst, wenig Aufnahme fandest und darob zu uns, Deinen altechten Verehrern, kamst. Und so wird es nun geschehen, wie es geschrieben steht:
GEJ|1|38|11|0|,Es wird in der letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, gewiß höher sein denn alle Berge und wird über alle Hügel erhaben werden, und es werden hinzulaufen alle Heiden. Und es werden auch hingehen viele Völker und sagen: Kommt, lasset uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß Er uns lehre Seine Wege und wir wandeln auf Seinen Steigen! Aber dennoch wird von Zion ausgehen Sein Gesetz und des Herrn Wort von Jerusalem.‘ (Jesajas 2,2 u. 3)
GEJ|1|38|12|0|Wir alle aber sind über die Maßen froh wie eine Braut, so ihr Bräutigam kommt und ihr zum ersten Male bietet sein Herz, seine Hand und seinen Gruß! Denn wahrlich, Herr, Jerusalem, die erwählte Stadt des großen Königs, ist schlecht geworden zum Anpissen und Anpfeifen und ist Deiner nicht wert! Wir halten uns wohl auch nicht gerade für wert – denn was gehört dazu, um vor Gott als wert befunden zu werden?! –, aber das ist dennoch gewiß, daß, so der Herr nunmehr nur zwischen zwei Übeln zu wählen hat, Er uns, als offenbar das kleinere, erwählen werde! Und das geht nun wunderbar in Erfüllung vor unsern Augen! Du bist es, den wir so lange schon erwarteten; darum Hosianna Dir, der Du zu uns kommst im Namen des Herrn!“
GEJ|1|38|13|0|Sage Ich zum Redner: „Ja, du hast nun vollends recht geredet; aber Ich sage euch auch: So ihr Meine Lehre vernehmen werdet, da nehmet sie auf und bleibet tätig in ihr, sodann erst werdet ihr des Heiles wahrhaft teilhaftig werden, das Ich euch heute verkünden werde von des Berges Höhe. Denn kommt auch die Gnade frei von oben her zu euch, so genügt das aber dennoch nicht; denn sie bleibt nicht, wenn sie nicht tätigst ergriffen wird, – gleich also, als so du stündest hungrig unter einem obstreichen Baume: so ihn der Wind schüttelt und reife Feigen herabfallen, du sie aber nicht aufklaubest und issest, werden sie dich wohl sättigen?!
GEJ|1|38|14|0|Also nicht das Hören allein, sondern das Tun nach Meiner Lehre wird euch erst des Heils, das aus Jerusalem zu euch gekommen ist, teilhaftig machen! Hast du das verstanden?“
GEJ|1|38|15|0|Spricht der Redner: „Ja, Herr, denn so wie Du kann nur Gott reden!“
GEJ|1|38|16|0|„Nun denn“, sage Ich darauf, „da du solches gefaßt hast, so lasset uns das Morgenmahl zu uns nehmen! Nach dem Mahle aber zeichne dir's auf, daß Ich gestern in der Nacht die Irhael mit dem Arzte Joram ehelich verbunden und gesegnet habe und soll hinfort niemand mehr an ihnen ein Ärgernis nehmen! Nun aber setzet euch zum Morgenmahle! Es sei!“
GEJ|1|38|17|0|Alle setzen sich nun, und ihrer sind viele, zu nehmen das Morgenmahl, das in bester Milch und Honigbrot bestand.
GEJ|1|39|1|1|39. - Das Morgenmahl bei Irhael. Tischreden. Des Herrn Rede über die Bestimmung des Menschen zur Vollkommenheit. Die Bergpredigt (Matth. 5, 6.7)
GEJ|1|39|1|0|Hierzulande wäre diese Art Frühstück eben nicht sehr köstlich zu nennen; aber in dem Lande, das da sprichwörtlich von Milch und Honig überfloß, war das wohl das köstlichste Frühmahl, besonders da der Honig des Gelobten Landes wohl in der Welt der beste war und noch jetzt ist, und ebenso auch die Milch von keiner auf der Erde übertroffen ward.
GEJ|1|39|2|0|Nach dem Mahle wurde köstliches Obst aufgestellt, und viele ergötzten sich daran und lobten Gott, Der den Früchten einen so köstlichen Geschmack und den Bienen die Fähigkeit verlieh, aus den Blumen der Felder den so überaus süßen Honig zu saugen und ihn zu tragen in ihre kunstvoll erbauten Zellen!
GEJ|1|39|3|0|Einer aus der Gesellschaft der Samariter, der ein Weiser war, sagte: „Gottes Weisheit, Allmacht und Güte kann nie genug gerühmt werden! Der Regen fällt zur Erde, tausendmal tausend Gattungen und Arten der Pflanzen, Bäume und Gesträuche saugen den gleichen Regen ein und stecken in gleicher Erde, und doch hat jede Art einen andern Geschmack, Geruch und eine andere Form! Jede Form ist schön und gefällig anzusehen, und ohne Nutzen wächst nichts, und ohne Zweck wächst sogar die dürrste Moospflanze auf einem Steine nicht!
GEJ|1|39|4|0|Und dann erst alle die Tiere des Erdbodens, des Wassers und der Luft! Welch eine Vielheit und welch eine Verschiedenheit von der Mücke bis zum Elefanten, von der Blattmilbe bis zum allerunbändigsten Leviathan, der Berge auf seinem Rücken tragen könnte und spielen mit den Zedern des Libanon! O Herr, welche Macht, welche Kraft, und welch eine endlose Tiefe der Weisheit muß in Gott sein, Der dort die Sonne, den Mond und die zahllos vielen Sterne führt und leitet, das Meer in seinen Tiefen hält, die Berge gebaut hat auf der Erde und die Erde selbst gegründet hat durch Sein allmächtiges Wort!“
GEJ|1|39|5|0|Sage Ich: „Ja, ja, du hast recht geredet nun, also ist es: Gott ist höchst gut, höchst weise, höchst gerecht und braucht niemands Rat und Lehre, so Er etwas tun will; aber Ich sage es euch: Der Mensch dieser Erde ist nicht minder berufen, vollkommen zu werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist!
GEJ|1|39|6|0|Bis auf diese Zeit war das zwar unmöglich, da auf dieser Erde der Tod das Zepter führte; aber von nun an soll es jedermann möglich sein, der es sich ernstlich angelegen wird sein lassen, zu leben nach Meiner Lehre!
GEJ|1|39|7|0|Ich meine aber, daß, so dies von Gott aus dem Menschen geboten wird für etwas Geringes, fürs leichte Handeln nämlich nach Meiner Lehre, so soll der Mensch aber dann wohl auch keine Mühe und Arbeit scheuen, sich dieses Höchste zu erringen!“
GEJ|1|39|8|0|Sagt der Oberpriester: „Ja, Herr, für das Höchste soll der Mensch auch das Höchste wagen! Wer die Aussicht von einem hohen Berge genießen will, der muß sich zuvor das mühevolle und beschwerliche Steigen gefallen lassen. Wer ernten will, muß pflügen und säen zuvor, und wer irgend weiß, daß er etwas gewinnen kann, der muß zuvor etwas daran wagen; wer aber nichts wagt, in der Furcht, daß der Gewinn nicht kommen möchte, der wird auch unmöglich je etwas gewinnen! Daher, so uns einmal die Wege von Dir, o Herr, bekannt gegeben werden, wird es für uns auch gar nicht schwer sein, das zu erreichen, was Du uns ehedem verkündet hast, nämlich – also vollkommen zu werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist!“
GEJ|1|39|9|0|Sage Ich: „Allerdings, und Ich setze noch hinzu: Mein Joch ist sanft und Meine Bürde ist leicht! Aber die Menschen haben bisher starke Lasten zu tragen gehabt und haben nichts damit erreichen können; es fragt sich nun, wie ihr Glaube sich gestalten wird, so sie das angewohnte schwerfällige Alte für ein ungewohntes leichtes Neues umtauschen sollen. Werden sie am Ende nicht sagen: Haben wir auf dem Wege schwerer Mühe und Arbeit nichts erreicht, was werden wir dann erreichen mit der Mühe der Kinder, die sie mit ihren Spielereien haben?
GEJ|1|39|10|0|Ich sage euch: Ihr werdet den alten Menschen wie einen alten Rock ausziehen müssen und dafür anziehen einen ganz neuen! Dieser wird anfangs freilich unbequem sein; aber wer sich von einer solchen Kleinigkeit nicht wird zum angewohnten Alten zurücktreiben lassen, sondern wird sich gefallen lassen eine kleine Unbehaglichkeit, der wird zu solcher Vollkommenheit gelangen, von der Ich ehedem geredet habe.
GEJ|1|39|11|0|Nun aber machet euch alle bereit, Ich werde nun sogleich die kleine Reise auf den Berg antreten. Wer mit Mir ziehen will, der mache sich auf die Beine; und du, Matthäus, gehe und hole dein Schreibzeug! Komme aber bald, denn du siehst, daß Ich schon zum Gehen bereit bin!“
GEJ|1|39|12|0|Sagt Matthäus: „Herr, Du weißt es, wie sehr bereit ich nun bin, Dir zu folgen! Gehe ich aber nun nach Hause, und zwar dahin, wo ich als ein Zöllner und Schreiber im römischen Sold und Amte stehe und mein Geschäft habe an den Hauptschranken vor der Stadt, so werde ich sicher wie allzeit viele Arbeit finden, und die römischen Wachen werden mich nicht eher fortlassen, als bis ich die Arbeit werde verrichtet haben. Darum wäre es mir lieber, so ich für heute hier ein genügend Schreibzeug bekäme und holte mir dann am Abende das meine, mit dem ich dann, wie schon ehedem bemerkt, volle zwei Tage auslangen könnte; denn für mehr als drei Tage bekomme ich von den Römern kein Schreibmaterial im voraus, das ich auch fast immer verbrauche.“
GEJ|1|39|13|0|Sage Ich: „Mein Freund, tue du nur stets, was Ich dir sage, und du wirst stets wohl daraus kommen! Gehe nun nur, wie Ich zu dir gesagt habe, und du wirst heute keine Arbeit finden und niemanden wartend an der Schranke! Nimm aber auch noch deine anderen Schreiber mit, auf daß hier Mein Wort mehrfach geschrieben werde!“ – Sagt Matthäus: „Ja wenn so, da mag ich wohl gehen!“
GEJ|1|39|14|0|Auf das geht Matthäus, der Zöllner, und findet es daheim aber auch also, wie Ich es ihm vorhergesagt habe. In aller Bälde kommt er mit noch drei Schreibern zurück, und wir machen uns mit allen, die im Hause sind, auf den Weg nach dem Berge Garizim. Und als wir nach einer Stunde Weges bei dem Berge anlangen, fragt Mich der Oberpriester, ob er hinaufgehen solle und öffnen das alte Gotteshaus.
GEJ|1|39|15|0|Ich aber zeige ihm die Gegend und die vielen Menschen, die uns gefolgt sind, und sage zu ihm: „Siehe Freund, das ist das älteste und allerrechteste Haus Gottes; aber es ist sehr verwahrlost, darum will Ich es nun wieder aufrichten, wie Ich das der Irhael aufgerichtet habe! Dazu aber bedarf es des alten Hauses nicht, und es genügt diese Gegend am Fuße des Berges. Zugleich sind hier mehrere Bänke und Tische, die den Schreibern gut dienen werden. Öffnet sonach eure Ohren, Augen und Herzen und bereitet euch; denn nun geschieht das vor euren Augen, wovon der Prophet Jesajas geweissagt hat!“
GEJ|1|39|16|0|Sagt Matthäus: „Herr, wir sind bereit, Dich zu vernehmen!“
GEJ|1|39|17|0|Nun beginnt die bekannte Bergpredigt, die im Matthäus Kap. 5,6 und 7 ganz wohl zu lesen ist. – Es dauerte aber diese Predigt bei drei Stunden; denn Ich redete diesmal langsam der Schreiber wegen.
GEJ|1|40|1|1|40. - Kritik der Bergpredigt durch die damaligen Priester. Des Herrn Wink, daß man nicht die Bilder, sondern den Geist Seiner Rede erfassen soll!
GEJ|1|40|1|0|Als aber die Predigt zu Ende war, da entsetzten sich viele, und vorzüglich die Priester, und einige aus ihnen sagten: „Wer kann da selig werden?! Wir Schriftgelehrten predigen doch auch recht und gerecht, so wie einst Moses vom Berge herab die Gesetze dem Volke verkündete! Aber alles das ist Tau und ein sanfter Abendhauch gegen diese strenge Lehre und allergewaltigste Predigt! Man kann da freilich wohl kaum etwas Haltbares erwidern auf solch eine Lehre; aber sie ist einmal zu scharf, und es wird sie schwer je ein Mensch bei sich in die Ausübung zu bringen imstande sein.
GEJ|1|40|2|0|Wer kann seinen Feind lieben, wer dem Gutes tun, der einem Böses tut, und wer kann jene segnen, die einen hassen und nichts als nur Übles über ihn reden?! Und so jemand von mir etwas borgen will, so soll ich mich nicht abwenden von ihm und mein Ohr und Herz nicht verschließen vor seiner Rede, wenn ich auch klar sehe, daß der Borger mir das Geborgte nie wieder wird erstatten können?! Ah, das ist ja eine alberne Sache! So das die Trägen und Arbeitsscheuen erfahren werden, werden sie nicht alsbald zu den Wohlhabenden kommen und von ihnen so lange borgen, als diese etwas haben werden?! Haben diese auf die Art, und zwar nichts leichter denn das, alles an die Armen, die das Geborgte nie wieder erstatten können, verborgt und haben am Ende selbst nichts mehr, so fragt sich's, wer in der Zukunft denn etwas arbeiten wird, und von wem dann die Armen etwas zur Leihe erhalten werden!
GEJ|1|40|3|0|Es ist nur zu klar, daß mit der Beachtung solch einer Lehre, die wider alle Natur der menschlichen Einrichtungen gestellt ist, die Welt in kurzer Zeit zu einer barsten Wüste werden müßte. Ist aber die Welt eine Wüste, woher werden dann die Menschen irgend eine Bildung nehmen, so alle Bildungsanstalten notwendig werden eingehen müssen, wenn niemand ein Vermögen hat, diese zu gründen und zu unterhalten?!
GEJ|1|40|4|0|Mit dieser Lehre tut es sich daher auf keinen Fall! Die schlechten Menschen und Feinde der guten Menschen und ihrer guten Sache müssen gezüchtigt werden, und wer mir eine Ohrfeige gibt, der muß wenigstens zwei wohlgemessen wieder zurückerhalten, auf daß ihm in der Folge die Lust vergehe, mich abermals mit einer Ohrfeige zu bedienen! Der liederliche Borger werde in einen Arbeitsturm gesperrt, auf daß er arbeiten lerne und fürder als ein arbeitsamer Mensch sich mit dem Fleiße seiner Hände sein Brot erwerbe, und der ganz Arme aber flehe um ein Almosen, und es wird ihm nicht vorenthalten werden! Das ist ein altes, aber gutes Gesetz, unter dem eine Menschengesellschaft bestehen kann. Aber diese Gesetze, die dieser sein sollende Christus nun gegeben hat, sind fürs menschliche Leben zu unpraktisch und können daher unmöglich angenommen werden.
GEJ|1|40|5|0|Ich wollte aber noch von allem andern nichts sagen, so unsinnig es auch klang, aber die gebotene Selbstverstümmelung bei möglichen Ärgernissen durch höchst eigene Glieder, und dazu aber auch der augenscheinlich anbefohlene Müßiggang, laut dem sich niemand um etwas sorgen, sondern allein fort und fort suchen solle das Gottesreich, alles andere werde gegeben von oben!? – Lassen wir die Sache nur auf eine kleine Probe von ein paar Monaten ankommen, die Menschen sollen solche Zeit hindurch nichts anrühren und arbeiten, und es soll sich zeigen, ob ihnen gebratene Fische in den Mund hineinschwimmen werden!
GEJ|1|40|6|0|Und wie blöde ist endlich die anbefohlene Selbstverstümmelung bei Ärgerungen der Glieder! Lassen wir jemanden mit einer scharfen Axt in seiner rechten Hand sich seine Linke abhauen und wegwerfen; was wird er aber tun, so ihn nachher seine Rechte ärgern würde, – wie wird er sich diese dann abhauen, und wie die Augen ausreißen und am Ende ohne Hände die ihn möglich noch ärgernden Füße abhauen?! – Ah, geht mir heim mit solch einer Lehre! Die wäre für ein Krokodil zu schlecht, geschweige für den Menschen! – Nur ein wenig die Folgen kombiniert, und ihr müßt es mit Händen greifen, daß solch eine Lehre nichts als eine Folge eines altjüdischen Fanatismus sein kann!
GEJ|1|40|7|0|Und kämen alle Engel aus den Himmeln und lehrten die Menschen solche Wege zur Erreichung des ewigen Lebens und den Gebrauch solcher Mittel zur Gewinnung des Himmels, so sollen solch dumme Lehrer aus der Welt hinausgeprügelt werden und ihren dummen Himmel selbst fressen! – Nur die Inkonsequenz! – ,Zahn um Zahn‘ und ,Aug' um Aug'‘ findet Er ungerecht und grausam, predigt die größte Sanftmut und Duldsamkeit, öffnet sogar allen Dieben das Tor, indem Er sagt: ,Wer von dir einen Rock verlangt, dem gib auch noch den Mantel hinzu!‘ Schöne Lehre! – Aber dafür sollen die Menschen sich selbst die Augen ausreißen und Hände und Füße abhauen! – Wer aus euch hat je schon einen größeren Unsinn vernommen?!“
GEJ|1|40|8|0|Hier tritt der Priester näher zu Mir hin und sagt: „Meister! Deine Taten bezeugen, daß Du mehr vermagst als ein gewöhnlicher Mensch. Aber wenn Du irgend richtig zu denken vermagst, woran ich nicht zweifle, da ich Dich im Hause der Irhael ganz weise reden gehört habe, so widerrufe gewisse höchst unpraktische Lehrsätze dieser Deiner Predigt! Sonst sind wir, trotz aller Deiner sonst ganz eines Messias würdigen Taten, genötigt, Dich offenbar für einen in irgend einer altägyptischen Schule fanatisch gebildeten Magier anzusehen und Dich als einen barsten Messiasfrevler von uns hinauszuweisen!
GEJ|1|40|9|0|Betrachte Deine gewaltige Lehre nur Selbst ein wenig genauer, und Du mußt es einsehen, daß Deine Lehre zur Gewinnung des ewigen Lebens völlig unbrauchbar ist und von niemandem je befolgt werden kann! Denn so jemand den Himmel sich also verdienen soll, da wird er wohl den Himmel stehen lassen! Denn da wäre es ja besser, nie geboren zu werden denn sich also zu verdienen einen Himmel, in den er nur als ein Verstümmelter eingehen kann! Sage mir aber vollends aufrichtig, ob Du das einsiehst, oder ob Deine Lehre Dir wirklich ernst ist!“
GEJ|1|40|10|0|Sage Ich: „Du bist doch ein Oberpriester und bist blinder denn ein Maulwurf unter der Erde; was läßt sich von den anderen denken und erwarten?! Ich gab euch hier Bilder, und ihr verschlinget bloß nur ihre Materie, die euch zu ersticken droht; aber von dem Geiste, den Ich in diese Bilder gelegt habe, scheinet ihr keine Ahnung zu haben.
GEJ|1|40|11|0|Glaube es Mir: So weise ihr euch dünkt, so weise sind auch wir und wissen es sehr wohl, ob sich ein Mensch verstümmeln könne und solle, um das ewige Leben zu erhalten! Aber wir wissen es auch, daß ihr den Geist dieser Lehre nicht fasset und noch lange nicht fassen werdet! Wir aber werden darum unsere Worte nicht zurücknehmen. Du hast wohl auch Ohren, aber diese hören das Rechte nicht; also hast du auch Augen, die aber gleichfort geistig blind sind, und du hörst und siehst dennoch mit offenen Ohren und Augen nichts!“
GEJ|1|41|1|1|41. - Des Oberpriesters weitere Kritik über die harte Lehre des Erster Tag in Sichar Herrn; sein Gleichnis vom verschlossenen Wasserkrug und dem Durstigen
GEJ|1|41|1|0|Sagt der Oberpriester: „Ja, ja, Du sollst auch darin recht haben, und ich will und kann es vorderhand auch nicht bekämpfen, ob, wie und was für Geistiges sich innerhalb Deiner aufgestellten Lehrbilder birgt; aber das mußt Du mir denn doch gelten lassen, daß, so zum Beispiel ich jemandem eine Lehre gebe, von der ich wünsche, daß sie von ihm als meinem Jünger verstanden und ausgeübt werden solle, ich die Lehre doch notwendig also stellen muß, daß sie von meinem Jünger ihrem wahren Geiste nach verstanden werde. Weiß ich nun, daß mein Jünger meine Lehre dem Geiste der inneren Wahrheit nach vollends aufgefaßt hat, so kann ich dann an meinen Jünger auch vollrechtlich die Forderung stellen, daß er ein Täter meiner Lehre werde.
GEJ|1|41|2|0|So ich aber jemandem eine Lehre gebe in solchen Bildern, die an und für sich unmöglich zu beachten sind, und so mich dann der Jünger fragte und sagte: ,Was soll das? Wie soll ich mir das Leben nehmen, um das Leben zu gewinnen? Wie soll ich mich töten und dann als ein Toter aus dem Tode ein neues, ja ein ewiges Leben nehmen?‘, – da werde ich zu ihm sagen: ,Sieh, Freund, dieses mußt du so und so verstehen und nehmen! Denn sieh, zwischen dem dir gegebenen Lehrbild und der in ihm enthaltenen Wahrheit besteht diese und diese geistige Entsprechung; und dieser Entsprechung, aber nicht dem äußern Bilde zufolge mußt du dein Leben einrichten!‘
GEJ|1|41|3|0|Siehe, Meister, dann wird es der Jünger verstehen, und ich kann, wie schon früher bemerkt, dann vollrechtlich von ihm verlangen, daß er nach dem Geiste der Wahrheit meiner Lehre tätig werde! Kann ich aber das auch verlangen, ohne ein Narr zu sein, daß er mein hartes Lehrbild zur Tat erhebe? Und forderte ich das im Ernste von meinem Jünger, da müßte ich doch vor allen denkenden Menschen mich also ausnehmen als wie einer, der in einem wohlverschlossenen Kruge Wasser trüge; ein Durstiger aber käme zu ihm und bäte ihn, daß er ihm gäbe zu trinken, der Wasserträger aber reichete ihm wohl sogleich den verschlossenen Krug und spräche: ,Da hast du den Krug, – trinke!‘; der versuchte aber nun zu trinken, fände aber keine Öffnung und fragte den Träger: Wie kann ich daraus trinken? Ist doch der Krug von allen Seiten verschlossen!; der Träger aber zu ihm sagte: ,So du blind bist und die Öffnung nicht finden magst, da verschlinge den ganzen Krug, und du wirst also schon auch das Wasser mitverschlingen!‘
GEJ|1|41|4|0|Sage mir, Du sonst lieber und weiser Meister, was wohl müßte der Durstige solch einem Wasserträger sagen?! Ich meine, daß der Durstige hier wohl das vollste Recht hätte, solch einen Wasserträger einen Narren zu schelten.
GEJ|1|41|5|0|Ich will Dich darob aber geradewegs keinen Narren schelten; aber so Du sagst, daß wir den Geist Deiner Lehre ob unserer geistigen Blind- und Taubheit nicht sehen und fassen können, so ist Deine Lehre dennoch gleich dem Wasser im verschlossenen Kruge, den der Durstige im Ernste samt dem Wasser verschlingen solle, ein Verlangen, das nur ein einem Tollhause entlaufener Prophet aufstellen könnte! – Nimm Du nun die Sache wie Du willst! Solange Du Deiner Lehre, die in manchen Einzelsätzen viel Gutes und Wahres enthält, keine genügende Erklärung beifügest, bleibe ich und viele heller Denkende bei diesem gemachten Ausspruche! Denn das wirst Du nie erleben, daß wir nun sogleich Deiner Lehre wegen werden anfangen, uns Hände und Füße abzuhauen und die Augen auszureißen! – Auch werden wir arbeiten wie zuvor und verdienen im Schweiße unseres Angesichtes unser Brot, und der sich arglistigerweise an uns vergreifen wird, der wird der gerechten Züchtigung nicht entgehen!
GEJ|1|41|6|0|Also werden wir auch dem Diebe, der uns einen Rock stiehlt, den Mantel nicht gratis hinzugeben, sondern den Dieb ergreifen und ins Gefängnis werfen, allwo ihm eine hinreichende Zeit belassen werden soll, seine schlechte Tat zu bereuen und sein Leben zu bessern! Wenn Du ein wahrhaft aus Gott hervorgegangener Weiser bist, so mußt Du auch von der heiligen Notwendigkeit der Aufrechterhaltung des Mosaischen Gesetzes, das Gott Selbst unter Blitz und Donner den Israeliten in der Wüste verkündet hat, durchdrungen sein! Willst Du aber mit Deiner Lehre das Gesetz brechen, dann magst Du zusehen, wie Du dabei mit Jehova auskommen wirst!“
GEJ|1|41|7|0|Sage Ich: „Ich aber bin der Meinung, daß es dem Gesetzgeber freistehe, das Gesetz zu belassen und es selbst dem Geiste und der Wahrheit nach zu erfüllen, oder es aber auch ganz aufzuheben unter gewissen Bedingungen!“
GEJ|1|41|8|0|Sagt der Oberpriester: „Das klingt sehr sonderbar aus Deinem Munde nun! Heute morgen hätte ich solch ein Wort aus Deinem Munde geehrt, denn da kam es mir wahrlich stark vor, daß Du im Ernste der Verheißene wärest! Aber nach dieser Deiner nun an uns ergangenen Lehre bist Du in meinen Augen zu einem Tollhäusler geworden, dem es beliebt, uns seine fixen Ideen als eine Weisheit des verheißenen Messias aufzutischen. Darum rede nun lieber erklärend über Deine harte Lehre, die ohne genügende Erklärung wohl kein Mensch je fassen und danach tätig werden kann!“
GEJ|1|41|9|0|Sage Ich: „So rede denn, was dich so sehr beirret in Meiner Lehre, und Ich will es dir lösen!“
GEJ|1|41|10|0|Spricht der Oberpriester: „Ich habe es Dir zwar wohl schon etliche Male gesagt; aber damit Du siehst, daß ich gewiß sehr billig und mäßig bin, so sage ich Dir nun, daß ich alle anderen Punkte Deiner Lehre als gute und weise Stücke zum Darnachhandeln annehme, aber das Augenausreißen und Hand- und Fußabhauen kann ich doch unmöglich annehmen! Bedenke doch nur Selbst, ob es wohl in der Möglichkeit liege, sich ein Auge auszureißen! Wird derjenige, der sich selbst eine Hand oder einen Fuß abhaut, nicht alsbald sich verbluten und sterben?! Und so er tot ist, welche Früchte der Besserung wird er dann bringen können?!
GEJ|1|41|11|0|Sieh, das ist der unpraktischste Punkt Deiner Lehre, der unmöglich je vernünftigerweise befolgt werden kann! Und sollten sich wirklich je irgend Narren vorfinden, die solche Lehre an sich ausübten, so werden sie darob sicher nicht besser werden; denn so dabei jemand mit dem Leben davonkommt, so wird er Gott nicht loben des Elends wegen, in das ihn solche Gottes sein sollende Lehre gestürzt hat. Stirbt er aber, was am sichersten anzunehmen ist, so frage ich mit David: ,Herr, wer wird Dich im Tode loben und wer Dich preisen im Grabe?!‘ Also diesen Punkt wenigstens erkläre uns deutlicher, alles andere wollen wir als eine – freilich wohl auch auf die höchste Spitze getriebene – Humanitätslehre annehmen!“
GEJ|1|41|12|0|Sage Ich: „Nun gut; dein Begehren ist billig, und Ich sage es dir: Unter allen Priestern nach Samuel bist du der weiseste, da du eines guten Herzens bist, Meine Lehre im Grunde nicht verwirfst, sondern sie nur beleuchtet haben willst; und Ich will dir darum auch ein Licht geben! Aber nicht aus Meinem Munde, sondern aus dem Munde eines Meiner Jünger soll dir Licht werden! Wende dich daher an einen Meiner Jünger, auf daß dir daraus klar wird, daß Meine Lehre schon jetzt ohne Meine Erklärung den Menschen klar geworden!“
GEJ|1|42|1|1|42. - Nathanaels Beleuchtung der Entsprechungsbilder der Bergpredigt. Entsprechung des Natürlichen mit dem Geistigen. Der Weg zum Verständnis des Geistigen. Unterschied des göttlichen Wortes vom menschlichen Wort
GEJ|1|42|1|0|Hier wendet sich der Oberpriester an den Nathanael und sagt zu ihm: „Nach der Weisung eures Meisters wende ich mich zufällig an dich; erkläre mir daher wenigstens nur den härtesten Punkt der Lehre eures Meisters! Aber ich bitte dich, nur klare, reine Worte! Denn mit Dunst über Dunst wird kein Gemach erleuchtet! Und so wolle denn reden!“
GEJ|1|42|2|0|Spricht Nathanael: „Seid ihr denn wohl gar so verschlagenen Gemütes, daß ihr eine so klar gegebene Lehre nicht in ihrem wahren Sinne fassen möget? Haben denn nicht die Propheten nahe samt und sämtlich von Christus vorhergesagt, daß Er nur in Gleichnissen Seinen Mund auftun und nicht ohne Gleichnisse reden werde mit den Menschen?“
GEJ|1|42|3|0|Sagt der Oberpriester: „Jawohl, da hast du recht; denn also steht es geschrieben.“
GEJ|1|42|4|0|Spricht weiter Nathanael: „Nun gut, so du das als ein Schriftkundiger weißt, warum schiltst du dann den Herrn einen Narren, so Er nach der Schrift Seinen Mund auftut in Gleichnissen, zu deren Verständnis du den Herrn wohl um ein Licht anflehen kannst, aber deshalb nicht den Herrn einen Narren schelten sollst, so dir Seine gleichnisweise Rede unverständlich ist, indem du selbst voll Unverstandes bist in solchen Dingen Gottes?!
GEJ|1|42|5|0|Siehe, die Dinge der Natur haben ihre Ordnung und können nur in dieser ihrer eigentümlichen Ordnung bestehen; und so haben auch die Dinge des Geistes ihre höchst eigentümliche Ordnung und können außer solcher Ordnung nicht bestehen, nicht gedacht und nicht ausgesprochen werden. Aber zwischen den Naturdingen und den geistigen Dingen, weil jene aus diesen hervorgegangen sind, ist und besteht eine genaue Entsprechung, die freilich wohl nur der Herr allein am allerbesten kennt.
GEJ|1|42|6|0|Wenn nun der Herr uns rein Geistiges verkündet, die wir noch sämtlich in der starren Ordnung der Naturmäßigkeit uns befinden, so kann Er solches ja nur auf dem Wege der gleichnisweisen Entsprechungsbilder geschehen lassen. Um diese aber recht zu verstehen, müssen wir trachten, unsern Geist durch die Beachtung der Gottesgebote zu wecken. Erst in solcher Gewecktheit werden wir darüber ins klare kommen, was der Herr unter einem solchen entsprechenden Gleichnisbilde alles gesagt und geoffenbart hat, und eben darin wird sich Sein göttlich Wort ewig von unserem menschlichen unterscheiden.
GEJ|1|42|7|0|Nun aber habe wohl acht! Was bei dem Naturmenschen das Auge ist, das ist beim Geiste das Schauvermögen in göttlichen und himmlischen Dingen, die allein dem Wesen des Geistes für seine glückseligste ewige Existenz zusagen.
GEJ|1|42|8|0|Da aber der Geist zufolge notwendigster göttlicher Ordnung eine bestimmte Zeit in die Materie des Fleisches dieser Welt versenkt werden muß, auf daß er fest werde in seiner Freiheit und nahe völligen Unabhängigkeit von Gott, ohne die er Gott nie schauen könnte und noch weniger bestehen in, neben und bei Gott – (So der Geist aber eben in der Materie reift und sich festet in der Freiheit und Unabhängigkeit von Gott, steht er aber in der unmöglich vermeidbaren Gefahr, von der Materie selbst verschlungen und mit getötet zu werden, aus welchem Tode eine Erweckung zum Leben in Gott eine höchst schwere und leidende ist und sein muß) –, so sagte der Herr, wohl verstanden nicht zum Fleischmenschen, sondern zum Geistmenschen: ,So dich das Auge ärgert, da reiße es aus und wirf es von dir; denn es ist besser, mit einem Auge in die Himmel zu gehen – als mit beiden in die Hölle!‘, was soviel sagen will als: Wenn dich das Licht der Welt zu sehr verlockt, so tue dir Gewalt an und kehre dich ab von solchem Lichte, das dich in den Tod der Materie zöge! Benimm also dir selbst als Geist den leeren Genuß der Weltanschauung und wende dich mit deiner Sehe den rein himmlischen Dingen zu! Denn es ist dir besser, ohne alle Weltkunde in das Reich des ewigen Lebens einzugehen, als wie zu weltkundig einerseits und zu wenig geistkundig anderseits von dem Tode der Materie verschlungen zu werden!
GEJ|1|42|9|0|So der Herr hier von zwei Augen, Händen und Füßen sprach, da bezeichnete Er damit ja nicht die zwei Augen und die zwei Hände und Füße des Leibes, sondern nur das offenbar doppelte Seh-, Tätigkeits- und Fortschrittsvermögen des Geistes und warnt nicht das Fleisch, das kein Leben hat, sondern den Geist, sich mit der Welt lieber nicht zu befassen, so er merke, daß ihn diese zu sehr anzöge, da es in dem Falle besser sei, ohne alle Weltkundigkeit in das ewige Leben einzugehen, als durch zu viel Weltkenntnis am Ende von dem notwendigen Gerichte der Welt verschlungen zu werden.
GEJ|1|42|10|0|Der Geist aber soll ja wohl die Welt auch schauen und weltkundig werden, aber er soll an ihr kein Wohlgefallen finden! Fängt er aber an, zu verspüren, daß ihn die Welt anreizet, so soll er sich sogleich von ihr abwenden, weil ihm da schon Gefahr droht! Und siehe, dieses nötige Abwenden drückt das entsprechende Bild des Augausreißens aus; und Der uns ein so treffend Bild geben kann, Der muß sicher wohlbewandert sein in allen geistigen und materiellen Verhältnissen des Menschen, was nach meiner Überzeugung nur Dem möglich sein kann, durch Dessen Kraft, Liebe und Weisheit alle Dinge geistig und materiell geschaffen worden sind! Ich meine nun, du wirst mich denn doch verstanden haben und nun einsehen, wie grob du dich an Dem versündigt hast, Der dein wie unser aller Leben in Seiner allmächtigen Hand trägt!?“
GEJ|1|43|1|1|43. - Weitere Erklärung der Bergpredigt. Nathanaels Begründung der Gleichnisrede des Herrn. Der Herr gibt Seine Lehre in Samenkapseln. Im Erdreich der Liebe müssen sie aufgehen und Früchte bringen
GEJ|1|43|1|0|Hier stutzt der Oberpriester und auch viele andere ganz gewaltig und sagt nach einer Weile: „Ja, ja, nun verstehe ich es freilich wohl! – Aber warum redete der Herr denn nicht sogleich also verständlich, wie du nun geredet hast, so hätte ich mich an Ihm sicher nicht versündigt!?“
GEJ|1|43|2|0|Sagt Nathanael: „So mich also ein siebenjähriger Knabe fragen würde, da nähme mich's nicht wunder, daß ein siebenjähriger Knabe also fragt; aber bei dir nimmt es mich hoch wunder, da du doch einer der ersten Weisen dieses Ortes bist!
GEJ|1|43|3|0|Möchtest du dem Herrn nicht auch die weise Preisfrage stellen, warum Er in die Samenkörner, die doch gar nichts gleichsehen, die Gestaltungs- und Entwicklungsfähigkeit des daraus hervorgehenden Baumes bis ins Endloseste hineingelegt hat? Hätte er nicht lieber sollen alsogleich alle Früchte reif aus der Luft in den Schoß der Menschen regnen lassen?! Wozu die langweilige Entwicklung eines Baumes aus dem Samenkorne und hernach noch ein langes Warten auf die reife Frucht?! Sieh, sieh, wie blöde du noch bist!
GEJ|1|43|4|0|Des Herrn Wort und Lehre ist gleich wie alle Seine Werke. Er gibt uns Seine Lehre in Samenkapseln; diese müssen wir erst säen ins Erdreich unseres Geistes, welches Erdreich da heißet Liebe, da wird der Same dann aufgehen und zu einem Baume der wahren Erkenntnis Gottes und unserer selbst werden, und wir werden von diesem Baume dann zur rechten Zeit vollreife Früchte zum ewigen Leben sammeln können.
GEJ|1|43|5|0|Liebe aber ist das Erste; ohne diese gedeiht keine Frucht des Geistes! Säe in die Luft den Weizen; siehe, ob er wachsen und dir eine Frucht bringen wird! So du aber das Weizenkorn legest in ein gutes Erdreich, da wird es wachsen und dir vielfache Frucht bringen. Die rechte Liebe aber ist ein rechtes Erdreich für das geistige Weizenkorn, das uns aus des Herrn Munde erteilt wird.
GEJ|1|43|6|0|Deshalb aber hob der Herr vor euch allen nunmehr das harte Mosaische Gesetz der Strafe auf, auf daß ihr in aller Bälde reicher werden sollet an gutem Erdreich in euren Herzen. Denn der da strafet nach dem Gesetz, hat wenig oder oft wohl auch gar keine Liebe; bei ihm wird der göttliche Wortsame sonach ganz schlecht gedeihen! Der aber gestraft wird, der befindet sich ohnehin im Gerichte, in dem keine Liebe ist, da das Gericht der Tod der Liebe ist.
GEJ|1|43|7|0|Daher sollet ihr lieber an euren Nächsten die Fehler gar nicht sogleich ersehen, sondern mit ihnen nachsichtig und geduldig sein! Und so sie in ihrer Schwäche etwas von euch verlangen, so sollet ihr ihnen nichts vorenthalten, auf daß sich die Liebe in euch selbst und gleicherweise in euren schwachen Brüdern mehre! Wird diese einmal reichlich in euch wie in euren Brüdern vorhanden sein, so wird der göttliche Same wohl gedeihen in euch, und der Schwache wird dann in seiner Stärke euch wohl ansehen und euch vielfach vergelten, was ihr ihm in seiner Schwäche erwiesen habt.
GEJ|1|43|8|0|So ihr aber karg seid und hart gegen eure schwachen Brüder, so werdet ihr selbst nie zu einer Gottesfrucht in euch gelangen, und das Gericht der Schwachen wird am Ende auch euch ins Verderben ziehen.
GEJ|1|43|9|0|So der Herr sagte: ,Wer von dir verlangt den Rock, dem gib auch den Mantel hinzu!‘, da wollte Er bloß andeuten, daß ihr, die ihr reich seid und viel besitzet, den Armen, so sie zu euch kommen, auch reichlich und viel geben sollet! Denn dadurch werdet ihr dann auch sobald zu vielem Erdreich in euren Herzen kommen und sonach selig sein im Besitze solch wahren Erdreiches, und die Armen werden euch wahrhaft segnen; denn aus euren Herzen werden sie die tatkräftigste Predigt des wahren Evangeliums Gottes vernehmen und aus ihr selbst stark werden euch zur ewigen Stütze! Wann ihr aber karg gebet und rechnet, wann und wieviel ihr gebet, da nützet ihr damit weder euch noch den armen Brüdern, und diese werden euch darum nie zur Stütze werden.“
GEJ|1|44|1|1|44. - Weitere Fragen des Priesters über die Entsprechung der Redebilder in der Bergpredigt. »Rechtes Auge« und »linke Hand«, erläutert durch Nathanael
GEJ|1|44|1|0|Sagt der Oberpriester, der diese Rede mit großer Aufmerksamkeit anhörte: „Es ist nun schon alles wohl und gut, und ich verstehe nun nach meinem Dafürhalten alles so ziemlich; nur eines muß ich dir noch bemerken, und das besteht darin, daß der Meister eigentlich nur vom Ausreißen des rechten Auges und vom Abhauen der rechten Hand geredet hat. Ich habe dann in meinem forschenden Eifer so per Bausch und Bogen gleich auch die Füße dazugenommen, und sieh, du aber hast mir das Abhauen der Füße nun ebenso erklärt wie von Auge und Hand, von denen allein meines Wissens der Herr geredet hat. Du aber sagtest, es bestehe Entsprechung nur im Worte des Herrn, der zum Geiste des Menschen spricht; wie kommt es denn, daß du auch in meinem Zusatz Entsprechung fandest?“
GEJ|1|44|2|0|Sagt Nathanael: „Du irrst dich! Der Herr sprach auch vom rechten Fuße; nur den Schreibern gab er einen Wink, das vom Fuße auszulassen, weil bei denen, die einmal ihre innere Sehe dem Himmel zugewandt haben und ihren Liebewillen, der entsprechend unter dem linken Arm als der Hand des Herzens verstanden wird, nach dem Willen Gottes tätig machten, nachdem sie den rechten Arm oder die rechte Hand, unter der der rein weltliche Handlungstrieb verstanden wird, von sich geschafft haben, es nicht mehr nötig ist, auch den rechten Fuß eigens von sich zu schaffen. Denn so einmal das Auge im rechten Lichte und die Hand, oder besser der Wille, im rechten Handeln sich befinden, so ist der Fortschritt in die Regionen des ewigen Lebens schon von selbst da, oder der rechte Fuß, der da bezeichnet den Fortschritt in der Welt, schon von selbst abgelöst, und es bedarf da keiner besonderen Mühe mehr.
GEJ|1|44|3|0|Ihr Samariter aber könntet füglich beim Fuße anfangen; denn obschon eure Sehe nun dem Göttlichen zugewandt ist und eure Hände eine rechte Tat verrichten, so ist aber dennoch euer Fuß, oder eure Fortschrittsgier, rein in die Welt hinausgerichtet! Denn ihr erwartet vom Messias ganz etwas anderes, als was ihr nach der Voraussage aller Propheten von Ihm erwarten sollt! Und das ist, geistig genommen, euer rechter Fuß, den ihr abhauen sollt, um den rechten Weg zum Reiche Gottes einschlagen zu können. Und darum hatte der Herr bloß nur euretwegen auch vom rechten Fuße gesprochen, aber solches nicht niederschreiben lassen, weil die späteren Anhänger der Lehre des Herrn wohl wissen werden, wo und worin das Reich des Messias besteht, und was man tun muß, um in dasselbe zu gelangen. Hast du nun noch irgend einen Anstand?“
GEJ|1|44|4|0|Sagt der Oberpriester: „Nun ist mir wohl alles klar bis insoweit, als es mir überhaupt klar sein kann. Nur muß ich trotz allem meinem nunmaligen Verständnis hinzufügen, daß eure Lehre in der Art, wie sie gegeben wird, eine harte und schwer verständliche Lehre ist, und ihr werdet es erleben, daß sich an ihr gar viele stoßen werden!
GEJ|1|44|5|0|Ich will euch zwar keinen schlechten Propheten machen; aber das sage ich euch dennoch, daß ihr damit bei den hochtrabenden Juden nicht das bewirken werdet, was ihr bei uns trotz unserer mannigfachen Dummheit bewirkt habt. Wir glauben nun, wenn auch noch wie in einem Traume; die großen Juden aber werden euch nicht also glauben! Sie werden Zeichen verlangen und werden euch am Ende noch der Zeichen wegen verfolgen; wir aber verlangten keine Zeichen von euch; ihr wirktet sie aber dennoch freiwillig.
GEJ|1|44|6|0|Wir aber glauben euch nun nicht der Zeichen wegen, die auch die Menschen teilweise verrichten können, sondern rein der Lehre wegen, da ihr sie uns erläutert habt! Ihr sollt daher auch bei uns verbleiben, denn bei den hohen Juden und Griechen werdet ihr schlechte Geschäfte machen!“
GEJ|1|45|1|1|45. - Nathanaels Bescheidenheit, ein vorbildliches Apostelbekenntnis. Des Oberpriesters Wunsch, dem Herrn nachzufolgen.
GEJ|1|45|1|0|Sagt Nathanael: „Bis hierher habe ich zu reden gehabt mit dir; von da weiter liegt alles in der Hand des Herrn. Was Er will, das werden auch wir wollen und tun. Denn wir alle sind geistig noch sehr arm; darum müssen wir bei Ihm verweilen, auf daß das Himmelreich unser werde. Wir wollen mit dem Herrn auch jedes Leid und jede Verfolgung tragen, auf daß wir an und in Ihm den rechten Trost haben. In Seinem Namen wollen wir sanftmütig sein in allen unseren Gedanken, Urteilen, Wünschen und Begierden und in allem unserm Tun und Lassen, auf daß wir rechte Besitzer des wahren Erdreichs werden, das da ist die reine Gottesliebe in unseren Herzen.
GEJ|1|45|2|0|Wir wollen auch das Land nicht scheuen, wo es hart und ungerecht zugeht, es soll uns hungern und dürsten nach der rechten Gerechtigkeit; haben wir ja Den bei uns, Der darin wahrhaft für ewig sättigen kann!
GEJ|1|45|3|0|Wir selbst aber wollen gegen jedermann, ob er gerecht oder ungerecht an uns handle, voll Barmherzigkeit sein, auf daß wir der großen Erbarmung Gottes vor den Augen des Herrn als würdiger erachtet werden mögen!
GEJ|1|45|4|0|Also auch wollen wir, soviel es nur möglich ist, allerorts, so wie hier vor euch, unsere Herzen vor jeglicher Unlauterkeit verwahren, auf daß der Herr nicht von uns ziehe, so wir Ihn anschauen; denn mit einem unreinen Herzen kann man sich Gott nicht nahen und anschauen im Geiste und in aller Wahrheit Sein Angesicht und die Fülle der Wunder Seiner Werke!
GEJ|1|45|5|0|Sind wir aber reinen Herzens, so müssen wir friedsam, geduldig und sanft gegen jedermann sein, da ein zornig Herz nie rein sein kann, weil der Zorn stets dem Boden des Hochmutes entstammt. Sind wir aber eines friedsamen Herzens, so können wir dann auch ganz getrost uns Dem als Kinder nahen, Der uns die Kindschaft Gottes brachte und uns zu Gott als unserem Vater Selbst beten lehrte.
GEJ|1|45|6|0|Wenn wir nach eurer Meinung auch in andern Landen und Orten verfolgt werden unserer sicher allergerechtesten Sache wegen, so macht das, mein Freund, nichts; denn wir haben dafür ja Ihn und durch Ihn den Himmel der Himmel! Und so sind wir schon hier selig, überselig, ob uns die Menschen lieben oder verachten und verfolgen Seinetwegen, denn Er ist ein Herr über alle und über alles! Denn Dem alle Himmel gehorchen und zu Seinem Dienste stets bereit sind, wie wir uns gestern und schon frühere Male überzeugt haben, Dem zuallernächst dienen auch wir, und dies allein schon ist uns der höchste Lohn und die höchste Ehre! Darum sorge du dich nicht um uns, denn wir wissen und erkennen es, woran wir sind!“
GEJ|1|45|7|0|Über diese Rede voll Entschlossenheit erstaunte der Oberpriester sehr und sagte: „Wahrlich, so ich nicht hier notwendig wäre und ich nicht hätte Weib und Kinder und manches andere, ich zöge selbst mit euch!“
GEJ|1|45|8|0|Sagt Nathanael: „Wir aber haben Weiber, Kinder und Sachen verlassen und sind Ihm gefolgt, und unsere Weiber und Kinder leben dennoch! Ich sage dir nach meinem Dafürhalten: Wer in dieser Welt aus Liebe zu Ihm nicht verlassen kann, sei es was es wolle, der ist Seiner Gnade nicht wert! Ob dich das beleidigt oder nicht, es ist einmal also! Denn mein Herz sagt es mir, und im Herzen ist alles Wahrheit, so in selbem einmal der Geist zum lebendigen Denken in Gott erwacht ist. Er bedarf unser nicht; aber wir bedürfen Seiner.
GEJ|1|45|9|0|Hast du Ihm schon je geholfen die große Sonne über den weiten Horizont emporheben und ausbreiten ihr Himmelslicht über die weite Erde? Oder hast du die Fesseln je gesehen, und noch weniger geschmiedet, die der Herr den Winden anlegt, wie Er die Blitze hält und den gewaltigen Donner und das Meer in seinen Tiefen?! Wer kann sagen, daß er dem Herrn je in irgend etwas geholfen habe?! Wenn aber also, wer, zu dem der Herr spricht, daß er Ihm folge, kann da noch gedenken seines Weibes, seiner Kinder, seiner Sachen und nicht ganz unbedingt folgen Ihm, dem Herrn alles Lebens, aller Himmel und aller Welten, auf Den wir so lange gehofft haben, daß Er kommen werde und nun gekommen ist, genau in der Art und Weise, wie da alle Propheten und Erzväter von Ihm geweissagt haben?!“
GEJ|1|45|10|0|Spricht nun der Oberpriester: „Wenn ich nur nicht Oberpriester wäre, wahrlich, ich täte, was ihr alle getan habt! Aber ich bin Oberpriester; und nachdem ihr nunmehr, wie ich es vernommen habe, nur noch einen Tag bei uns verweilen werdet, so bin ich hier diesen noch Schwachgläubigen so notwendig wie das Auge zum Sehen. Daher wirst du wohl einsehen, daß ich nicht so sehr meines Weibes, meiner Kinder und meiner Sachen wegen hier verbleiben muß, als vielmehr dieser Schwachgläubigen wegen, die sich von der alteingepflanzten Idee über die Beschaffenheit des Messias und über den Zweck Dessen Auftretens noch lange nicht völlig zu trennen werden imstande sein. Es wird mir die Mühe sauer werden; aber was kann ich tun?!
GEJ|1|45|11|0|Ich glaube nun einmal fest, daß euer Meister der verheißene Messias ist; aber meine Gemeinde?! Du hast es gesehen, wie sich schon während der Predigt eine Menge davonmachten! Diese sind voll ärgerlichen Unglaubens, und werden solchen nun fleißig ausbreiten, und viele, die noch hier geblieben und gestern voll Glaubens waren, sind nun auch voller Zweifel und wissen nicht, was sie glauben sollen!
GEJ|1|45|12|0|Denke dir aber nun mich, der ich allen diesen ein Orakel bin, – was ich nun für eine Arbeit haben werde! Bekehre ich sie aber nicht, so bleiben sie alles, was du willst, nur das nicht, was sie sein sollen, bis ans Ende der Welt! Und siehe, darin liegt der Hauptgrund, warum ich hauptsächlich hier verbleiben muß! Und ich glaube, der Herr wird mir darum nicht ungnädig sein! Denn bin ich auch nicht in Seiner Gesellschaft leiblich, so werde ich es doch geistig verbleiben immerdar und werde Ihm als ein getreuer Knecht und Hirte Seiner Herde allergetreuest zu dienen mich bemühen, vollkommen nach Seiner hier vernommenen Lehre, und ich meine, daß es Ihm also auch recht sein werde!“
GEJ|1|45|13|0|Sage Ich: „Ja, also ist es mir vollends recht und lieb! Denn du sollst Mir in dieser Gemeinde ein tüchtiges Rüstzeug sein, und dein Lohn im Himmel soll dereinst groß heißen! Nun aber ist es Abend geworden; daher lasset uns wieder nach Hause ziehen! Es sei!“
GEJ|1|45|14|0|Nach diesen Worten machten wir uns vom Berge herab auf den Weg nach Hause. Es war aber noch viel Volkes da, obgleich sich viele früher, als ich die Predigt beendigte, voll Unglaubens und Ärgers davonmachten.
GEJ|1|46|1|1|46. - Heilung eines Aussätzigen. Wirkung dieses Wunders auf den Oberpriester, dessen Tateifer und Begeisterung. Des Herrn Lebenswinke zum rechten Maßhalten in allem
GEJ|1|46|1|0|Wie schon früher einmal berührt ward, befanden wir uns gerade nicht auf des Berges höchster Höhe, sondern mehr unten auf den ersten Ansteigungen des größeren und bequemeren Raumes wegen, weil Mir aus der Stadt viel Volkes folgte, und auch darum, weil es darunter viele alte und schon sehr schwache Menschen gab, die bei der bedeutenden Hitze des Tages die Spitze des Berges kaum erreicht haben würden. Aber dennoch waren wir so ziemlich hoch oben, und es bewegte sich der Zug darob etwas langsam, indem die Dämmerung für manche schwachsehende Menschen den Pfad nicht sehr wohl erkennen ließ.
GEJ|1|46|2|0|Als wir aber also behutsamen Schrittes vom Berge vollends in die Ebene kamen, da lag am Wege ein Mensch voll bösen Aussatzes. Dieser Mensch richtete sich alsbald auf, ging zu Mir hin und sprach mit einer klagenden Stimme: „O Herr, so Du wolltest, könntest Du mich wohl rein machen!“ Ich aber streckte sogleich Meine Hand über ihn aus und sprach: „Also will Ich es, daß du rein seiest!“ Und der Kranke war im Augenblick rein von seinem Aussatz; alle Wülste, Rauden und Schuppen verschwanden plötzlich. Es war aber das ein gar böser Aussatz, den kein Arzt heilen konnte; daher nahm es denn auch alles Volk überhoch wunder, da es sah, wie dieser Mensch so plötzlich von seinem Aussatz rein ward.
GEJ|1|46|3|0|Der Gereinigte aber wollte Mich nun überlaut zu rühmen anfangen; Ich aber bedrohte ihn und sprach: „Ich sage es dir, daß du es vorderhand niemandem sagest, außer allein dem Oberpriester! Zu dem gehe hin; er geht hinter uns mit Meinen Jüngern einher! So er dich als gereinigt erkannt haben wird, dann geh in dein Haus, nimm daselbst und opfere auf dem Altar die Gabe, die Moses angeordnet hat!“
GEJ|1|46|4|0|Der Gereinigte tat sogleich, was Ich ihm anbefohlen hatte. Der Oberpriester verwunderte sich auch über die Maßen und sprach: „So mir ein Arzt gesagt hätte: ,Sieh, diesen Menschen werde ich gesund machen!‘, da hätte ich weidlichst gelacht und gesagt: ,Ei du Narr, gehe hin an den Euphrat und versuche, ihn auszuschöpfen! Wann du einen Eimer davon schöpfen wirst, da wird er dir hunderttausende an die Stelle schicken; aber es soll dir dennoch leichter sein, den Euphrat trockenzulegen, als gesundzumachen diesen Menschen, dessen Fleisch schon nahe ganz in Verwesung übergegangen ist!‘ Und diesem Menschen, Den wir nun als den Messias anerkannt haben, gelang es durch ein einziges Wort! – Wahrlich, das genügt uns! – Er ist vollauf Christus! – Wir bedürfen nun keiner weiteren Zeugnisse mehr.
GEJ|1|46|5|0|Wahrlich, wer mich heute um einen Rock anredet, dem gebe ich sogleich nicht nur den Mantel, sondern meinen ganzen Kleidervorrat hinzu! Wahrlich, um den Preis gebe ich nun bis aufs Hemd alles her und sehe nun ein, daß Seine Lehre eine rein göttliche ist! Ja, Er Selbst ist als Jehova nun leibhaftig bei uns! Was wollen wir nun noch mehr?! Die ganze Nacht will ich einen Herold machen und Seine Gegenwart verkünden in allen Straßen und Gassen!“
GEJ|1|46|6|0|Nach solchen Worten läuft er zu Mir hin, und zwar in der Nähe des Brunnens, fällt vor Mir nieder und sagt: „Herr, halte nur ein wenig still, daß ich Dich anbeten kann; denn Du bist nicht nur Christus, ein Sohn Gottes, sondern Du bist Gott Selbst, im Fleische verhüllt, bei uns!“
GEJ|1|46|7|0|Sage Ich: „Freund, laß all das gut sein! Ich habe euch ja gezeigt, wie ihr beten sollet; bete also im stillen, und es genügt! Tue heute nicht zu viel und morgen darob leicht zu wenig! Ein rechtes Maß in allem ist stets zu beachten! So du zum Rocke noch den Mantel hinzutust, so genügt das, dir den Armen zum vollen Freunde für immer zu machen; wo du ihm aber, da er nur einen Rock von dir verlangte, deinen ganzen Kleidervorrat hinzutätest, da wird er verlegen werden und wird bei sich meinen, du wollest ihn dadurch entweder beschämen, oder du seiest selbst von Sinnen. Und sieh, da geschähe damit dann nicht Gutes!
GEJ|1|46|8|0|Aber so dich jemand um einen Silberling bittet, du aber gibst ihm dann zwei, auch drei, so wirst du des Borgers Herz freudig machen und dein eigenes selig; so du aber dem, der zu dir kam, sich einen Silberling zu erborgen, gleich tausend gäbest, da wird er erschrecken und meinen bei sich: ,Was soll das bedeuten? Ich bat ihn um einen Silberling nur und er will mir geben all seine Habe!? Hält er mich denn für einen Nimmersatt, will er mich beschämen, oder ist er gar ein Narr geworden?‘ Und sieh, solch ein Mensch wird dadurch kein Gewinn für dein Herz und solch dein Gebahren auch ebensowenig ein Gewinn für sein Herz sein! Also nur ein rechtes volles Maß in allem, und es genügt vollauf!“
GEJ|1|46|9|0|Mit dieser Belehrung ist der Oberpriester auch vollauf zufrieden und sagt zu sich selbst: „Ja, ja, Er hat recht in allen Dingen! Gerade also tun, wie Er es gesagt hat, ist vollauf recht; was darunter oder darüber ist, ist entweder schlecht oder dumm. Denn so ich heute alles hergäbe und morgen ein vielleicht noch Dürftigerer käme vor meine Türe, was möchte ich dann diesem geben? Wie hart und schwer wäre es mir dann ums Herz; denn ich könnte ja also dem noch Ärmeren keine Hilfe mehr leisten.
GEJ|1|46|10|0|Der Herr hat vollauf recht in allen Dingen und weiß überall das beste Maß anzuordnen; Ihm allein daher alle Ehre, aller Preis und Ruhm und die vollste Anbetung aus allen Herzen!“
GEJ|1|47|1|1|47. - Das wunderbare Abendmahl bei der Irhael in Gesellschaft der Engel. Des Herrn Winke über diese Seine himmlischen Diener. Ärger und Unglauben seitens der galiläischen Landsleute des Heilandes
GEJ|1|47|1|0|Währenddem aber langen wir auch beim Hause der Irhael und des Joram an, allwo schon alles auf dieselbe Weise wie tags vorher, nur um sehr vieles reichlicher, fürs Abendmahl vorbereitet ist. An dem Flur des Hauses wollen sich nun die vielen Sicharier, die am Berge waren, empfehlen; aber es treten sogleich eine Menge weißgekleideter Jünglinge unter sie und nötigen sie alle zum Abendmahle.
GEJ|1|47|2|0|Der Oberpriester, ganz erstaunt über die große Menge der herrlichsten Jünglinge und ganz besonders über ihre große Leutseligkeit, Freundlichkeit und Humanität, tritt sogleich zu Mir hin und fragt nun voll Demut: „Herr, aber ich bitte Dich, wer sind diese herrlichen Jünglinge? Es kann keiner mehr als sechzehn Jahre haben, und doch verraten sie mit jedem Wort und mit jeder Bewegung, daß sie außerordentlich gebildet sind! O sage es mir, woher sie wohl gekommen sind, und welcher Schule sie angehören! Wie schön von Gestalt und wie gut genährt sie nur sind! Wie höchst angenehm und dem Herzen gar so überaus wohltuend nur ihre Stimme klingt! Also Herr, sage, sage es mir, wer und woher diese Jünglinge sind!“
GEJ|1|47|3|0|Sage Ich: „Hast du denn niemals gehört, da es doch schon von alters her heißt: ,Ein jeglicher, der ein Herr ist, hat seine Diener und Knechte!‘ Du heißest Mich nun Herr, und es ist also ja füglich, daß auch Ich habe Meine Diener und Knechte! Daß sie sehr gebildet sind, zeugt, daß ihr Herr ein sehr weiser und liebevoller Herr sein muß. Die Herren der Welt aber sind harte und lieblose Menschen, und also sind es auch ihre Diener; der Herr aber, Der ein Herr ist im Himmel und nun kam zur Erde in die harte Welt der Menschen, der hat denn auch Seine Diener von daher, von wannen Er gekommen ist, und die Diener gleichen Ihm, da sie nicht nur Seine Diener, sondern auch Kinder Seiner Weisheit und Liebe sind. Hast du Mich wohl verstanden?“
GEJ|1|47|4|0|Sagt der Oberpriester: „Ja, Herr, insoweit man überhaupt Deine denkwürdigste Bilderrede verstehen kann. Es gäbe da freilich noch eine Menge zu fragen, um in dieser Sache so recht ins klare zu kommen, aber ich lasse das für jetzt und hoffe, daß sich für heute darum noch viel Gelegenheit finden lassen wird.“
GEJ|1|47|5|0|Sage Ich: „O allerdings! Gehen wir aber nun zum Abendmahle; denn es ist alles in der Bereitschaft!“
GEJ|1|47|6|0|Alles Volk, das gläubig war, ging zum Mahle; nur ein noch ungläubiger Teil ging nach Hause, denn er hielt das alles für ein Fangnetz. Die Ursache dessen aber war, da das zumeist ausgewanderte Galiläer waren, darunter viele aus Nazareth, die Mich und auch Meine Jünger, die sie oft am Fischmarkte gesehen hatten, kannten. Diese sagten auch zu den eigentlichen Samaritern: „Wir kennen ihn und seine Jünger; er ist ein Zimmermann von Profession, und seine Jünger sind Fischer. Er war bei den Essäern in der Schule, die da wohlbewandert sind in allerlei Künsten, in der Heilkunde und in seltener Zauberei. Solches hat er allda gelernt und übt nun seine wohlerlernte Kunst aus, um den Essäern einen großen Anhang und viel Einkommen zu verschaffen. Diese Jünglinge aber sind verkleidete und von denselben Essäern vom Kaukasus her angekaufte und wohlerzogene Mädchen; diese dürften am meisten ziehen! Wir aber lassen uns nicht so leicht betören; denn wir wissen es, daß da mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs durchaus nicht zu scherzen ist. Den Essäern aber, die etwa der Meinung seien, daß ihre Vorfahren die Welt erschaffen haben, ist das ein leichtes, sich mit dem einen Scherz zu machen, was für sie nicht da ist. Solange wir an einen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben, bedürfen wir solcher essäischen Blendwerke nicht; und sollten wir solchen unsern Glauben je verlieren, so werden uns die Essäer und ihre pfiffigen Boten sicher keinen Ersatz zu bieten imstande sein, sondern uns am Ende zu lauter Sadduzäern machen, die an keine Auferstehung und an kein ewiges Leben glauben. Davor aber möge uns Jehova schützen!“ Mit solchen Äußerungen kehren sie heim.
GEJ|1|47|7|0|Ich und ein großer Teil, zu allermeist aus Samaritern bestehend, setzen uns zum Mahle und lassen uns nach getaner Arbeit wohl geschehen und lassen uns bedienen von den Engeln; denn auch da arbeitete Ich in einer Wüste, und es heißt: „Als der Satan zu weichen genötigt war, traten Engel zu Ihm und dienten Ihm.“
GEJ|1|48|1|1|48. - Die Gäste und die himmlischen Diener. Des Oberpriesters Be denken ob seiner Bekehrungsmission am ungläubigen Volk. Des Herrn Missionswinke an ihn und Voraussage über Sein Leiden, Sterben und Auferstehen. Über den Missionserfolg der Märtyrer nach ihrem Tode. Geistererscheinungen. Verheißung an die tatsächlichen Nachfolger
GEJ|1|48|1|0|Es wußten aber nur wenige, die da zu Tische saßen, daß sie von Engeln mit der Kost aus den Himmeln bedient wurden. Sie meinten, daß Ich im Ernste solche Dienerschaft in Meinem Gefolge habe und Mir solche aus Kleinasien ums Geld angekauft habe. Nur begriffen sie die große Munterkeit, Freundlichkeit und die feine Bildung nicht; denn derart Leibeigene machten gewöhnlich saure Gesichter und verrichteten ihre Dienste rein sklavisch wie Maschinen, und von irgend einer Bildung und Humanität war da keine Rede. Kurz, die Gäste vergnügten sich sehr und der Oberpriester, der nun stets mehr und mehr einzusehen begann, daß diese vielen Diener überirdische Wesen seien, fing immer mehr an, wie man sagt, auf Dornen zu sitzen, da es ihn genierte, daß das Volk, obschon sittsam, aber nach seiner Meinung dennoch zu ungebunden, sich mit diesen herrlichen Dienern unterhielt.
GEJ|1|48|2|0|Am meisten genierte ihn aber derjenige Teil, der trotz aller Zeichen aus den weit geöffneten Himmeln ungläubig nach Hause lief. Mit beklommenem Herzen sprach er: „Mein Herr und mein Gott! Was soll solche Menschen denn doch noch zum Glauben zu bewegen imstande sein, wenn solche Zeichen fruchtlos bleiben! Du Selbst, o Herr, und die vielen Engel aus den offenen Himmeln waren außerstande, diese Brut zu bekehren; was soll nun ich armer Tropf mit ihnen machen? Werden sie mir nicht ins Angesicht zu spucken beginnen, so ich es wagte, sie von Dir zu belehren anzufangen?“
GEJ|1|48|3|0|Sage Ich: „Hast du doch auch der Gläubigen in großer Menge um dich; mache sie zu deinen Helfern, und dir wird die Mühe leicht werden. Denn so irgend ein Mensch eine große Last heben soll, hat aber nicht hinreichende Kraft dazu, da nimmt er sich einen Gehilfen. Tut es sich mit dem einen noch nicht, so nimmt er noch einen zweiten und dritten hinzu und wird sodann Meister der Last. Wo einmal eine gleichgroße Anzahl Gläubiger sich vorfindet, ja hier leicht größer denn die der Ungläubigen, da ist die Arbeit leicht.
GEJ|1|48|4|0|Ganz anders verhält es sich mit solchen Ortschaften, wo gar keine Gläubigen zu Hause sind! Da mache man zwar einen Versuch, auf daß sich dereinst niemand entschuldigen und sagen könne: ,Ich habe davon nie ein Wort vernommen.‘
GEJ|1|48|5|0|Findet sich ein Gläubiger vor, so bleibe man bei ihm und offenbare ihm das Reich der Gnade Gottes! Nimmt aber auch nicht einer das Wort an, so gehe man weiter und schüttle auch den Staub von seinen Füßen über eine solche Ortschaft; denn solch eine Ortschaft ist dann fürder auch keiner Gnade wert, außer derjenigen, die den Tieren des Feldes und der Wälder erteilt wird. Da hast du nun die Instruktion, wie du dich fürder zu benehmen hast mit all den Ungläubigen!
GEJ|1|48|6|0|Ich sage dir aber, daß du selbst festbleibest in deinem Glauben, sonst wirst du wenig Ersprießliches zu wirken vermögen für Mein Reich! Laß dich nicht irreleiten durch verschiedene Kunden, die du über Mich aus Jerusalem bekommen wirst in ein paar Jahren! Denn Ich werde dort den Gerichten überliefert werden, und sie werden diesen Meinen Leib töten, aber am dritten Tage werde Ich ihn wieder beleben und sodann bleiben bei und unter euch allen bis ans Ende der Welt! Denn jene Brut zu Jerusalem wird erst glauben in der Überzeugung, daß Ich durchaus nicht zu töten sei!
GEJ|1|48|7|0|Und es wird dann auch in den verschiedenen Orten der Erde also sein, daß die halsstarrigen Menschen die Überbringer des Evangeliums dem Leibe nach töten werden. Aber eben solch ein Tod wird sie dann erst gläubig machen, da sie daraus ersehen werden, daß alle jene, die aus Meinen Worten leben ein geistiges Leben, nimmer zu töten sind! Denn die Getöteten werden zu ihren Schülern unterschiedlich wiederkommen und werden sie lehren Meine Wege!
GEJ|1|48|8|0|Aber zu den harten Weltmenschen, die entweder keinen Glauben haben oder, ob sie schon Glauben haben, dennoch nicht handeln darnach, wie sie der Glaube lehrt, werden weder Ich noch Meine Jünger kommen und ihnen nehmen völlig der Zweifel Nacht aus ihren Herzen. Wann aber über ihr Fleisch das Ende kommen wird, so sollen sie das Übel ihres Unglaubens und die Folgen der Nichtbeachtung Meiner Lehre in der Tat fühlen, während jene, die an Mich tatkräftig glauben werden, des Fleisches Tod weder fühlen noch schmecken sollen!
GEJ|1|48|9|0|Denn wann Ich diesen die Türe ihres Fleisches öffnen werde, werden sie aus ihrem Fleische wie die Gefangenen aus ihren Kerkern heraustreten, so sie ihnen die Milde ihres Herrn geöffnet hat.
GEJ|1|48|10|0|Laß dich also nimmer beirren, wenn du dies und jenes über Mich vernehmen wirst! Denn wer bis ans Ende treu und unerschüttert verharret im Glauben und in der Liebe, wie Ich es lehre und gelehrt habe und fort und fort lehren werde, der wird selig werden in Meinem ewigen Reiche in den Himmeln, die du nun offen siehst über dir, und Meine Engel steigen auf und ab!“
GEJ|1|49|1|1|49. - Wahre Gottesverehrung. Der Irhael Rede. »Nicht Bethäuser, sondern Herbergen und Krankenhäuser für Arme sollt ihr Mir bauen!« Hinweis auf den Tempel der Schöpfung
GEJ|1|49|1|0|Sagt der Oberpriester: „Ich bin nun ganz in der Ordnung und hoffe, daß es in kurzer Zeit auch diese ganze Ortschaft werden wird. Aber eine Frage noch erlaube mir, und diese eine Frage bestehe darin: Sollen wir nun noch den Berg und Dein altes Haus ehren und dort Deinen Sabbat heiligen, oder sollen wir von nun an uns hier ein Haus erbauen, in dem wir uns versammeln möchten in Deinem Namen? Wenn letzteres Dein Wille wäre, so möchtest Du uns etwa morgen wohl eine passende, Dir am meisten wohlgefällige Stätte anweisen, und wir würden dann alles aufbieten, Deinem Wunsche auch darin zu genügen!“
GEJ|1|49|2|0|Sage Ich: „Freund, was euch und allen Menschen not tut, das habe Ich euch heute am Berge kundgetan.
GEJ|1|49|3|0|Zur Beachtung dessen aber bedarf es weder des alten Hauses auf dem Berge und noch weniger eines neuen in der Stadt, sondern allein eures gläubigen Herzens und eures festen guten Willens.
GEJ|1|49|4|0|Als Ich gestern hierher kam und eine Rast nahm am Jakobsbrunnen, und zusammentraf mit der Irhael, da auch fragte sie Mich, als sie Mich näher erkannte, wo man Gott anbeten solle, ob auf Garizim oder zu Jerusalem im Tempel. Sie soll es dir sagen, was Ich darauf ihr zur Antwort gab!“
GEJ|1|49|5|0|Hier wendet sich der Oberpriester an die Irhael, und die sagt: „Also aber redete dann mit mir der Herr:
GEJ|1|49|6|0|,Es kommt die Stunde, und ist schon da, daß die wahren Anbeter Gott weder auf Garizim noch in dem Tempel zu Jerusalem anbeten werden! Denn Gott ist ein Geist, und die Ihn anbeten, müssen Ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten!‘ Das sprach der Herr; du bist ein Oberpriester und wirst nun wohl wissen, was nun zu tun sein dürfte!
GEJ|1|49|7|0|Ich bin der Meinung: So der Herr schon einmal uns allen die übergroße Gnade erwies und Herberge nahm in diesem Hause, das nicht mein, sondern Sein Haus ist und bleiben soll, so soll dieses Haus für immer ein denkwürdigstes bleiben, und wir wollen darin uns allzeit versammeln in Seinem Namen und Ihm zu Ehren heiligen den Sabbat!“
GEJ|1|49|8|0|Sagt der Oberpriester: „Ja, ja, du hast wohl recht, so wir schon lauter Gläubige wären; aber man muß dennoch auch für die Schwachen irgend eine Rücksicht nehmen! Diese würden sich daran noch mehr stoßen.“
GEJ|1|49|9|0|Sage Ich: „Irhael hat recht! Wer sich stößt, nun, der soll sich stoßen und soll seinen Berg besteigen! Wann er dort nichts mehr finden wird, da wird er sich dann schon von selbst eines Bessern zu bedenken anfangen.
GEJ|1|49|10|0|Nicht Bethäuser sollet ihr Mir fürder erbauen, sondern Gasthäuser und Herbergen für Arme, die euch nichts zu entgelten haben!
GEJ|1|49|11|0|In der Liebe zu den armen Brüdern und Schwestern werdet ihr Meine rechten Anbeter sein, und Ich werde in solchen Bethäusern häufig unter euch sein, ohne daß ihr es sogleich merken werdet; aber in eigens zu Meiner Anbetung mit den Lippen, wie es bis jetzt der Fall war, erbauten Tempeln werde Ich ebensowenig von nun an wohnen, als des Menschen Verstand in seiner kleinen Zehe.
GEJ|1|49|12|0|Wollt ihr aber schon in einem erhabenen Tempel eure Herzen zu Mir erwecken und vor Mir in eine rechte Demut eingehen, da gehet hinaus in den weiten Tempel Meiner Schöpfungen, und Sonne, Mond und die Sterne alle und das Meer, die Berge, die Bäume und die Vögel in der Luft, wie die Fische im Wasser und die zahllos vielen Blumen auf den Feldern werden euch Meine Ehre verkünden!
GEJ|1|49|13|0|Saget, ist der Baum nicht herrlicher denn alle Pracht des Tempels zu Jerusalem?! Der Baum ist ein reines Gotteswerk, hat sein Leben und bringt nährende Frucht. Was aber ist und bringet der Tempel? Ich sage es euch allen: nichts als Hochmut, Zorn, Neid, die bellendste Eifer- und Herrschsucht; denn er ist nicht Gottes, sondern nur ein eitles Menschenwerk!
GEJ|1|49|14|0|Wahrlich, wahrlich sage Ich es euch allen: Wer Mich ehren, lieben und dadurch anbeten wird, daß er in Meinem Namen Gutes tut seinen Brüdern und Schwestern, der soll seinen ewigen Lohn haben im Himmel; wer Mich aber fürder durch allerlei Zeremonie verehren wird in einem eigens dazu erbauten Tempel, der soll auch seinen Lohn zeitlich aus dem Tempel haben! So er aber nach des Fleisches Tode zu Mir kommen und sagen wird: ,Herr, Herr, sei mir, Deinem Diener, gnädig!‘, da werde Ich dann zu ihm sagen: ,Ich kenne dich nicht; daher weiche von Mir und suche dir den Lohn bei dem, bei welchem du gedient hast!‘ Aus diesem Grunde sollet denn auch ihr fürder mit keinem Tempel etwas mehr zu tun haben!
GEJ|1|49|15|0|Aber in diesem Hause möget ihr zu Meinem Gedächtnisse immer zusammenkommen, ob an einem Sabbate oder an einem andern Tage; denn ein jeder Tag ist des Herrn, nicht allein der Sabbat, an dem ihr in der Folge ebenso Gutes tun möget wie an einem andern Tage.“
GEJ|1|50|1|1|50. - Über Sabbatheiligung. Was Gott will, daß die Menschen tun sollen. Werktag und Sabbat. Gottes immerwährende Tätigkeit. Die Sabbatlehre Mosis
GEJ|1|50|1|0|(Der Herr:) „Das aber ist des Sabbats vorzüglichste Heiligung, daß ihr an selbem mehr in allem Guten tätig sein sollet denn an einem andern Tage!
GEJ|1|50|2|0|Nur der Knechte Arbeit, die da ist eine Arbeit um Sold und Lohn der Welt, sollet ihr fortan weder an einem gewöhnlichen Wochentage und ebensowenig an einem Sabbate verrichten! Denn von nun an soll euch ein jeder Tag ein Sabbat und ein jeder Sabbat ein voller Werktag sein! In dem habe du, Mein Freund, nun die vollständige Regel, wie ihr Gott in der Zukunft zu dienen haben sollet! – Und bei dem bleibe es!“
GEJ|1|50|3|0|Sagt der Oberpriester: „Ich erkenne nun klarst die heilige Wahrheit in dieser Regel, die ich gern für ein Gesetz annehme; aber es wird bei den begründeten Juden viel brauchen, bis ihnen diese Regel, aus dem rein göttlichen Willen hervorgehend, klar und der vollsten Wahrheit nach verständlich wird! Ich bin der Meinung, daß gar viele diese Regel bis ans Ende der Welt nicht annehmen werden. Denn die Menschen sind schon seit den Urzeiten an den Sabbat zu sehr gewöhnt und werden sich solchen nicht nehmen lassen. O das, das erst wird so eine recht große Mühe und Arbeit geben!“
GEJ|1|50|4|0|Sage Ich: „Es ist aber ja auch gar nicht nötig, daß der Sabbat gänzlich aufgehoben werden soll, sondern nur das Törichte des Sabbats! Gott der Herr bedarf eures Dienstes und eurer Ehre nicht; denn Er hat die Welt und den Menschen ohne alle fremde Hilfe erschaffen und verlangt von den Menschen nichts als das nur, daß sie Ihn erkennen und aus allen ihren Kräften lieben möchten, und das nicht nur am Sabbate allein, sondern an jedem Tage gleich ohne Unterlaß!
GEJ|1|50|5|0|Was aber ist das dann für ein Gottesdienst, so ihr nur des Sabbats Gottes gedenkt, unter der Woche aber nie?! Ist denn Gott nicht an jedem Tage der gleiche unveränderliche Gott? Läßt Er nicht an jedem Tage, ob er ein Sabbat oder Werktag sei, Seine Sonne aufgehen und ihr Licht spenden über Gerechte und Ungerechte, deren es stets bei weitem mehr gibt als der Gerechten?
GEJ|1|50|6|0|Arbeitet Gott nicht Selbst an jedem Tage gleich? Wenn aber der Herr Sich keinen Feiertag nimmt, warum sollen dann die Menschen sich Feiertage bloß des Müßigganges wegen stellen? Denn etwas anderes beachten sie auch nicht so pünktlich an einem Sabbate als den Müßiggang! Mit dem aber erweisen sie Gott gewiß den schlechtesten Dienst!
GEJ|1|50|7|0|Denn Gott will, daß sich die Menschen gleichfort und stets mehr und mehr die Liebetätigkeit angewöhnen sollen, um dereinst im andern Leben aller Arbeit und Mühe fähig zu sein und in solcher Tätigkeit auch allein die wahre und höchste Seligkeit zu suchen und zu finden! Sollten die Menschen aber in sich das zu bewirken wohl je durch den Müßiggang imstande sein?! Ich sage es dir: Nimmermehr!
GEJ|1|50|8|0|Am Werktage übt sich der Mensch, ob er gleich arbeitet, nur in der Selbstsucht; denn da arbeitet er für sein Fleisch und nennt das sein, was er sich erarbeitet hat. Wer das Erarbeitete von ihm haben will, muß es ihm entweder durch Arbeit oder Geld abkaufen, ansonst er von niemandem etwas von irgend einer Bedeutung bekommen dürfte. So nun die Menschen an den Werktagen nur ihre Selbstsucht pflegen und am Sabbat aber, als dem einzigen Tage, an dem sie sich in der Liebetätigkeit üben sollen, nur dem starrsten Müßiggang obliegen, so fragt es sich großernstlich, wann sich dann die Menschen in dem allein wahren Gottesdienste üben sollen oder üben mögen, welcher Dienst lediglich in der liebevollen Bedienung des Nächsten besteht!
GEJ|1|50|9|0|Gott Selbst aber feiert keinen Augenblick, sondern ist gleichfort tätig für die Menschen und nie für Sich; denn Er bedarf für Sich weder einer Erde, noch einer Sonne, des Mondes und all der Sterne und alles dessen, was darinnen ist und daraus hervorgeht. Gott bedarf alles dessen nicht; aber alle die erschaffenen Geister und Menschen bedürfen alles dessen, und der Herr ist also allein ihretwegen fort und fort unausgesetzt tätig.
GEJ|1|50|10|0|So aber der Herr, Dessen Werk ein Tag wie der andere ist, für die Menschen fort und fort tätig ist und will, daß die Menschen Ihm als Seine Kinder in allem gleichen sollen, wie möglich wohl kann Er je gewollt haben, daß die Menschen nach sechs Selbstsuchtstagen Gott an dem siebenten durch den starren Müßiggang etwa gar wohlgefällig dienen sollen und Ihn, Der ewig tätig ist, ehren durch die Trägheit?!
GEJ|1|50|11|0|Ich sage dir als dem Oberpriester solches in handgreiflicher Klarheit nun, auf daß du in der Folge – wohlwissend, wer Der ist, Der nun solches zu dir geredet hat – deiner Gemeinde den Sabbat in einem bessern Lichte zeigen sollst, als es seit Moses bis zu dieser Stunde der Fall war! Denn gerade also, wie Ich dir nun den Sabbat enthüllte, ist er auch dem Moses gegeben worden; aber das Volk hat ihn nur zu bald verkehrt in einen heidnischen Müßiggangstag und meinte, Gott einen angenehmen Dienst zu erweisen durchs Nichtstun und durch die Bestrafung derer, die es doch zuzeiten gewagt haben, auch am Sabbat eine kleine Arbeit zu verrichten oder einem Kranken eine heilsame Hilfe zu leisten. O der großen Blindheit, o der gröbsten Torheit!“
GEJ|1|50|12|0|Sagt der Oberpriester, ganz zerknirscht von dieser Wahrheit: „O der heiligen reinsten Wahrheit Deines Mundes! Ja, nun ist mir alles klar! Nun erst hast Du, o Herr, mir die dreifache Decke Mosis von meinen Augen vollkommen abgenommen! Nun, o Herr, bedarf es wohl keiner Zeichen mehr; denn hier genügt Dein heilig wahres Wort allein! Und ich behaupte es nun fest mit vollster Überzeugung, daß in der Folge wie jetzt alle jene, die an Dich, o Herr, der Zeichen und nicht des überwahren Wortes wegen glauben werden, keinen wahren, lebendigen Glauben haben und nur träge und maschinenartige Befolger Deiner Lehre und Deines heiligen Willens sein werden; bei uns aber soll es anders sein! Nicht die Zeichen, die Deine Gegenwart uns gab, sondern allein Dein heilig wahrstes Wort soll in unseren Herzen den wahren lebendigen Glauben bedingen und erwecken die vollste Liebe zu Dir, und aus Dir und allein Deinetwegen auch zu allen Menschen im rechten Maße. Und alsofort geschehe allein Dein heiliger Wille, den Du, o Herr, uns nun so überklar und für ewig wahr kundgetan hast!“
GEJ|1|50|13|0|Sage Ich: „Amen! Ja, lieber Freund und Bruder, also ist es recht und gut! Denn nur also möget ihr vollkommen werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist. Seid ihr aber also vollkommen, dann seid ihr auch wahrhaftige Kinder Gottes und könnt zu Ihm stets rufen: „Abba, lieber Vater!“ Und um was ihr Ihn bitten werdet als Seine wahren Kinder, das wird Er euch geben; denn der Vater ist übergut und gibt Seinen Kindern alles, was Er hat! Nun aber esset und trinket; denn die Kost hier ist nicht von dieser Erde, sondern der Vater sendet sie euch aus den Himmeln und ist Selbst unter euch nun!“
GEJ|1|51|1|1|51. - Das »Evangelium von Sichar«. Nathanaels Bekehrungsgeschichte. Des Herrn Gebot, über Sein Göttliches zu schweigen bis zu Seiner Erhöhung am Kreuz.
GEJ|1|51|1|0|Sagt der Oberpriester: „Herr, sollen wir denn nun abermals zu essen beginnen? Haben wir ja doch anfangs des Abendmahles uns sogleich gestärkt mit Speise und Trank, obschon wir während des Essens fort und fort uns über so manches besprochen haben! Ich bin ein für allemal vollauf gestärkt und kann nicht mehr essen noch trinken.“
GEJ|1|51|2|0|Sage Ich: „Du hast recht geantwortet, denn du bist voll Speise und köstlichen Weines aus den Himmeln. Aber es gibt noch viele hier, die sich weder zu essen noch zu trinken getraut haben; denn sie hielten noch nichts auf Meinen Namen und auf Mein Wort und hatten Furcht als vor einer Hexerei. Da sie aber nun unsere Reden angehört hatten und begriffen haben deren helle Wahrheit, verging ihnen die törichte Furcht, und Hunger und Durst traten an deren Stelle. Nun möchten sie essen und trinken, aber getrauen sich nun wieder vor lauter Ehrfurcht nicht. Meinst du, daß man sie nun also solle gehen lassen? O das sei ferne! Sie sollen nun recht nach Herzenslust essen und trinken! Denn fortan werden sie von dieser Küche nicht essen und trinken, außer dereinst in Meinem Reiche in den Himmeln!“
GEJ|1|51|3|0|Nach dieser Berichtigung behieß Ich abermals die Menge, daß sie essen und trinken solle, und sagte auch zu den Jünglingen: „Lasset ihnen nichts abgehen!“ – Und die Jünglinge brachten von neuem eine rechte Menge Brotes und Weines und allerlei köstliche Früchte.
GEJ|1|51|4|0|Es trugen aber einige Bedenken, ob sie die Früchte, die sie nicht kannten, essen sollten. Da sprachen die Jünglinge: „Liebe Brüder! Esset nur ganz ohne Furcht alle diese Früchte; denn sie sind rein und voll köstlichen Geschmacks! Auf dieser Erde wohl gibt es manche Früchte und manches Gras und manche Tiere, an deren Gestaltung unreine Geister arbeiten, weil es also in der Ordnung des Herrn geschrieben steht; denn auch die Teufel müssen da dem Herrn dienen, ob sie es auch frei nimmer wollen oder mögen! Denn gleichwie ein Sklave in Ketten seinem Herrn dienen muß, also müssen auch die Teufel dienen; aber in der Arbeit ruht der Segen nicht!
GEJ|1|51|5|0|Und so gibt es auf der Erde, auf welcher Menschen, Tiere und Teufel nicht selten unter einem Dache wohnen und nach ihrer Arbeit tätig sind, nicht selten allerlei Taten, Werke und Früchte schlechter und unreiner Art und Gattung, deren sich die Menschen, so sie von all den möglichen Übeln dieser Erde verschont bleiben wollen, nicht bedienen sollen; und der Herr hat darob durch Seinen Knecht Moses alle die Dinge bestimmen lassen, die da rein sind und gut, und hat den Gebrauch der unreinen Dinge, an denen auch böse Geister arbeiten, den Menschen widerraten, – und das ist eine herrliche Ordnung. Aber alles das, was euch hier zum Genusse geboten wird, ist höchst rein, weil es aus den Himmeln hierher gebracht wurde für euch wunderbar; daher möget ihr alles ohne Scheu genießen! Denn was der Vater gibt aus den Himmeln, das ist höchst rein und gut und fördert das Leben der Seele und des Geistes für ewig.“
GEJ|1|51|6|0|Diese Belehrung von seiten der weisen Jünglinge erfreute alle Gemüter, und alle lobten Gott ob solch freundlicher Weisheit in diesen Jünglingen. Diese Lehre war auch von einigen nachderhand aus dem Gedächtnisse aufgezeichnet worden und erhielt sich in dieser Stadt und Gegend viele Jahre.
GEJ|1|51|7|0|Als aber nachher allerlei Feinde auch diese Stadt und Gegend stark mitnahmen, ging vieles zugrunde und somit auch diese Belehrung, davon einmal mit etwas mystisch gestellten Worten Paulus in seinen Briefen eine Erwähnung macht und zwar, da er von allerlei Geistern redet.
GEJ|1|51|8|0|Die ganze große Gesellschaft war nun voll guter Dinge und besprach sich unter sich bald über Mich, über Meine Lehre und über dieses Mahl aus den Himmeln, und die Jünglinge besprachen sich auch über vieles mit den Gästen.
GEJ|1|51|9|0|Nathanael aber erhob sich und sagte zu den Gästen: „Liebe Freunde und Brüder! Vor wenig Monden noch war ich ein Fischer in der Gegend von Bethabara am Flusse Jordan, unweit von dessen Einmündung ins Meer; da kam ein ganz anspruchsloser Mann zum Johannes und ließ sich taufen von ihm, und Johannes zeugte sogleich von Ihm, ohne Ihn jemals auf der Erde gesehen zu haben körperlich, und sprach: ,Sehet das Gotteslamm, das da hinwegnimmt die Sünden der Welt!‘ Und weiter zeugte Johannes und sprach: Dieser ist es, von Dem ich gezeugt habe: ,Der vor mir war und nach mir kommt, Dem ich nicht wert bin aufzulösen die Schuhriemen.‘
GEJ|1|51|10|0|Ich vernahm solches Zeugnis von dem Prediger in der Wüste und ward tiefsinnig, begab mich von dannen und erzählte es daheim meinem Weibe und meinen Kindern, und diese verwunderten sich gar sehr ob dem, daß der strenge Prediger solches Zeugnis einem Menschen gab!
GEJ|1|51|11|0|Denn es war schwer, den Prediger zu sprechen, und wann er sprach, so waren rauh seine Worte, und er schonte niemanden, ob Pharisäer, Priester oder Levite; alles mußte bei ihm auf Leben oder Tod über das scharfe Schwert seiner Zunge springen!
GEJ|1|51|12|0|Als aber Der kam, Der nun ist ein Herr unter uns, da sank Johannes zu einem Lamm der Lämmer herab und redete also zart, wie da singt eine Lerche ihr Frühlingsliedchen! Kurz, meine Familie glaubte meiner Erzählung kaum; denn sie kannte nur zu gut die Art, wie Johannes sonst zu reden pflegte.
GEJ|1|51|13|0|Nach zwei Tagen aber, recht früh, ging ich an mein Tagewerk, saß unter einem Baume und besserte mein Fischergeräte aus. Da kam Derselbe, Dem Johannes das sanfte Zeugnis gab, zu mir in Gesellschaft schon einiger, die Ihm folgten, rief mich beim Namen und hieß mich Ihm folgen. Und als ich mich ob dem wunderte, wie Er mich also kenne, da ich Ihn vorher doch nie gesehen habe, da sprach Er: ,Wundere dich dessen nicht so sehr, denn du wirst noch Größeres sehen! Von nun an wirst du die Himmel offen und die Engel auf- und absteigen sehen über dem Sohne des Menschen!‘
GEJ|1|51|14|0|Und sehet, was der Herr damals zu mir geredet hat, geht nun hier in die herrlichste Erfüllung! Alle Himmel stehen offen, und die Engel steigen herab und dienen Ihm und uns allen. Welch eines größeren Beweises bedürfen wir noch über Ihn, daß Er allein Derjenige ist, Der da kommen soll nach der Verheißung, die von Adam angefangen bis zu uns herab allen Kindern Israels bekannt gemacht worden ist?! Ich halte Ihn aber darum auch für mehr noch als für den Messias allein! Er ist –“
GEJ|1|51|15|0|Hier falle Ich ihm in die Rede und sage: „Mein lieber Freund und Bruder, nur bis daher vorderhand, und nicht weiter! Erst wenn dies Fleisch wird von den Juden erhöhet werden, dann rede du alles ganz ohne Hinterhalt, was du von Mir weißt, aber eher ja nicht; denn die Menschen sind dazu noch nicht fähig!“
GEJ|1|51|16|0|Nathanael begnügte sich mit dem, verstand aber dennoch nicht klar, was Ich unter der Erhöhung Meines Fleisches verstand, und viele meinten, daß Ich in Jerusalem den Thron Davids besteigen werde. Aber der Oberpriester verstand es wohl, was Ich unter der Erhöhung Meines Fleisches sagen wollte; aber er schwieg und ward traurigen Antlitzes! Ich aber vertröstete ihn darob und machte ihn aufmerksam darauf, was Ich in dieser Hinsicht mit ihm schon früher geredet hatte, und er ward wieder heiter und lobte Mich in seinem Herzen.
GEJ|1|51|17|0|Es ward aber bei dieser Gelegenheit auch der Morgen des nächsten Tages ersichtlich. Aber niemand verspürte irgend eine Müdigkeit oder einen Schlaf; denn alle waren so gestärkt, als sie es irgend vorher nie, auch nach einem besten Schlafe, waren. Es baten Mich daher auch alle, ob sie diesen Tag nicht völlig bei Mir zubringen dürften. Und Ich gestattete ihnen solch ihren frommen Wunsch.
GEJ|1|51|0|0|Herr! ich armer Sünder danke Dir für diesen ersten Tag in Sichar, die da war eine Stadt gleichend meinem Innern. Jakob Lorber.
GEJ|1|52|1|1|Zweiter Tag in Sichar
GEJ|1|52|1|1|52. - Der Herr bespricht mit dem Oberpriester dessen häusliche Verhältnisse. Die Kleidung der Mutter Maria. Verleumdung der oberpriesterlichen Familie. Jonaels Betrübnis. Des Herrn Trostwort und Sein Zeugnis über die Welt
GEJ|1|52|1|0|der Oberpriester aber erhob sich und bat Mich, sagend: „Herr, da Du uns noch die hohe Gnade erweisest, bei uns zu bleiben auch diesen Tag hindurch, wie wäre es denn, so Du mit Deinen Jüngern, wie auch mit allen andern, die an Dich glauben, an meiner Seite die nahen Ortschaften, deren wir nur drei zählen, besuchen möchtest? Vielleicht fänden sich darinnen doch auch einige Leute, die an Dich glauben würden, so sie Dich sähen und hörten.“
GEJ|1|52|2|0|Sage Ich: „Dererwegen nicht, aber deinetwegen ja! Dir macht es eine Freude, und Ich will dir solche Freude gerne machen. Aber du hast auch Weib und Kinder; willst du Mir diese nicht auch vorstellen? Wo sind sie, und wieviel sind ihrer?“
GEJ|1|52|3|0|Sagt der Oberpriester etwas verlegen: „Herr, ich habe ein liebes Weib, das samt mir schon etwas bei Jahren ist, und habe auch sieben Kinder, aber leider lauter Mägdlein von 12-21 Jahren. Du weißt es aber, daß es einem Israeliten eben nicht zur Ehre gereicht, keine männlichen Nachkömmlinge zu haben, und so – habe, o Herr, Geduld mit meiner Schwäche! – habe ich mich nicht getraut, mit meiner puren Weiberschaft zum Vorscheine zu kommen!
GEJ|1|52|4|0|Wenn es Dir, o Herr, aber dennoch genehm wäre, so möchte ich Dich wohl bitten, bei der Gelegenheit auch an meinem Hause vorüberzuziehen, allwo ich Dir dann meine Weiberschaft vorführen würde. Hierher aber schickte es sich kaum; denn sieh, ich habe zwar wohl von allem etwas und kann mäßig hier leben mit meiner Familie, aber mit der Bekleidung sieht es etwas ärmlich aus. Fürs Haus und desselben Geschäfte sind sie hinlänglich bekleidet; aber um in einer Gesellschaft, wie diese hier, zu erscheinen, wären sie denn doch als Familie eines Oberpriesters viel zu ärmlich! Und also meine ich, ist es dennoch besser in jeder Hinsicht, daß sie fein zu Hause verbleiben, allwo sie der Welt nicht zum Bespötteln und der Nahrung ihrer angebornen Eitelkeit ausgesetzt sind. Und es ist für sie auch gut, mit der Welt so wenig als möglich in Berührung zu kommen; denn die Welt ist und bleibt allzeit schlecht!“
GEJ|1|52|5|0|Sage Ich: „Ich will es tun, wie du es wünschest; aber dann laß sie nur alle mit uns ziehen! Für eine etwas bessere Bekleidung ihres Leibes aber wird schon gesorgt sein also, daß sie sich in unserem Kreise gut genug ausnehmen werden! Daß du sie aber von der Welt soviel als möglich abziehest, ist sehr gut und weise von dir, aber für unsere doch sicher nicht weltliche Gesellschaft hätten sie also auch völlig getaugt.
GEJ|1|52|6|0|Sieh an die Maria, die Mutter Meines Fleisches! Sie ist rein mit weißer Wäsche angetan und trägt darüber eine ganz ordinäre blaue Schürze, und sie ist gut genug bekleidet! Am Haupte trägt sie gewöhnlich einen viereckigen Sonnenschirm, so wie alle andern Weiber, die Mir aus Galiläa und Judäa gefolgt sind, und sie taugen also gerade am besten für unsere Gesellschaft. Aber das macht nun nichts; dein Weib und deine sieben Töchter sollen heute auch in unserer Gesellschaft sich befinden!“
GEJ|1|52|7|0|Sagt einer aus den Samaritern: „Es wäre alles wohl und gut! Ich für mich wohl habe kein Zeugnis; aber was ich so von verschiedenen Menschen dieser Gegend gehört habe, das sage ich nun, – ihr aber könnt dennoch tun, was ihr wollt. Die Sage aber lautet, daß die älteren vier Töchter, sooft der Oberpriester nicht daheim wäre, nächtlicherweile auf der Gasse gesehen würden, und da sie sehr schön seien, so nähmen sie Geld von geilen Knechten und ließen sich beschlafen! Also geht im geheimen das Gerede. Ich für meinen Teil aber habe kein Zeugnis dafür! Aber nur so viel meine ich: Wenn diese neue Lehre hierorts einen allgemeinen Eingang finden solle bei den noch sehr vielen Ungläubigen, so würde es des unsinnigen Pöbels wegen geratener sein, wenigstens die vier älteren nicht in die Gesellschaft aufzunehmen! Denn du, Bruder Jonael, weißt es, wie spießredig und arg unsinnig und hartgläubig unser Volk ist. Kommt nun so etwas ihm zu Gesicht und zu Ohren, dann richtet Jehova Selbst nichts mehr aus mit solch einem Volke! Es sei das aber bloß nur mein unmaßgeblicher Rat der nur zu evidenten Bosheit unseres Volkes willen, damit die gute Sache zu keinem Schaden kommen solle!“
GEJ|1|52|8|0|Der Oberpriester wird darauf ganz traurig und sagt: „Herr! So ich in der Erziehung meiner Töchter nur ein wenig lauer und nachlässiger gewesen wäre, da würde es mich kaum traurig machen, so was anhören zu müssen; aber so weiß ich, daß bei meinen Töchtern nichts verabsäumt ward, was zur Bildung ihres Verstandes und Herzens nötig ist, und ich getraue es mir, den heiligsten Eid abzulegen, daß jede meiner Töchter noch sicher so rein ist wie eine Blume am Berge Jehovas! Woher dann solch eine schändlichste Verunglimpfung?!“
GEJ|1|52|9|0|Sage Ich: „Mein lieber Bruder Jonael, mache dir da gar nichts daraus! So deine Töchter vor Mir rein sind, so genüge dir das vollkommen! Denn die Welt ist einmal vollends des Teufels, und somit durch und durch schlecht! Hast du je gehört, daß man von Dornen Trauben und von den Disteln Feigen geerntet hat?! Ich wußte das schon seit lange her und habe darum solches auch am Berge bei dem Bilde vom Splitter im Auge des Nächsten sehr bemerkbar gemacht! Und siehe, es trieb dies Bild viele vom Berge; denn sie gewahrten es, daß Ich sie im Auge hatte.
GEJ|1|52|10|0|Ich aber sage dir: Nun erst gehen deine Töchter ganz bestimmt mit uns, und Ich werde gehen in ihrer Mitte! Denn was da einmal des Teufels ist, das soll auch des Teufels bleiben, so es sich nimmer bekehren lassen will! Nun aber machen wir uns alsogleich auf! Ich habe deinem Weibe und deinen Töchtern schon alles kundgemacht; sie werden uns schon erwarten.“
GEJ|1|53|1|1|53. - Des Petrus begeistertes Zeugnis vom Sohne Gottes und sein Urteil über die ungläubigen Galiläer. Des Galiläers Urteil über Jesus und Seine Jünger. Des Petrus Antwort. Der Engel und der Herr richten den Lügner und argen Verleumder. Des Bösen Sühne
GEJ|1|53|1|0|Auf dem Wege sagt einmal Simon Petrus: „Jetzt fängt's bei mir vor lauter Wunder über Wunder an ordentlich schwindlig zu werden! Nein, wer jetzt es noch nicht einsieht, daß dieser Jesus aus Nazareth der leibhaftige wahre Sohn Jehovas ist, der muß entweder mit einer zehnfachen pharaonischen Blindheit geschlagen sein, oder er ist völlig tot! Kranke werden bloß durchs Wort plötzlich geheilt, die Blinden sehend, die Taubstummen hörend und die Lahmen gehend gemacht, und die voll des unheilbarsten Aussatzes sind, werden also rein, als hätten sie nie gesündigt!
GEJ|1|53|2|0|Zu all dem öffnen sich noch die Himmel, und Scharen von den allerherrlichsten Engeln schweben eiligst hernieder, dienen uns und tun mit uns, als ob sie schon seit der Entstehung des ersten Menschen die Erde nie verlassen hätten; und schön sind sie, daß man bei ihrem Anblicke gerade vor lauter Wonne vergehen könnte! Und wenn Er spricht in früher nie gehörter Weisheit, wie sind diese schönsten Diener Jehovas dann voll der süßest zerknirschtesten Aufmerksamkeit und heiliger Andacht und dabei dennoch so munter als wie die Schwalben an den schönsten Sommertagen! Wahrlich, wer da noch sagen kann: Dieser Jesus ist ein purer Magier und sonst nichts!, der sollte gleich wie ein Ochse geschlachtet werden! Denn so ein Mensch kann kein Mensch sein, sondern nur ein des Redens fähiges Tier, und sollte darum auch nicht sterben wie ein Mensch, sondern wie ein Haustier!“
GEJ|1|53|3|0|Während Simon Petrus also vor sich hin phantasiert und nicht merkt, was um ihn vorgeht, klopft ihm ein ungläubiger Bürger dieser Stadt hübsch stark auf die Achsel und sagt: „Wenn so, da möchte ich dir pflichtgemäß als ein redlicher Mensch prophezeien, daß du als ein barster Ochse sterben wirst! Denn so du es in deinem Leben noch nicht so weit gebracht hast, einzusehen, was ein rechter Magier alles zu leisten imstande ist, da solltest du dein Maul auch gar nicht öffnen auf einem Platze, wo erfahrungs- und kenntnisreiche Menschen wohnen!“
GEJ|1|53|4|0|Sagt Petrus: „Sage mir, du grober, finsterer Geist! Können deine Magier auch alle Kranken durchs Wort plötzlich heilen und öffnen die hohen Himmel, dahin keines Magiers Hand und Verstand reicht?!“
GEJ|1|53|5|0|Sagt der Bürger: „O du dummer, blinder Galiläer! Weißt du denn nicht, daß ein rechter Magier aus jedem Holzstocke einen Fisch oder eine Schlange machen kann?! Erst unlängst war einer aus Ägypten da, warf Stöcke ins Wasser, und es wurden sogleich Fische daraus; warf er die Stöcke aber aufs Land hin, so wurden Schlangen und Nattern daraus; dann hauchte er in die Luft, und diese ward voll Heuschrecken und andern fliegenden Geschmeißes; darauf nahm er weiße Steine und warf sie in die Luft, und es wurden Tauben daraus, die davonflogen; sodann nahm er von der Straße eine Handvoll Staub und schleuderte ihn gegen den Wind, und siehe, im Augenblick war die Luft voll Mücken, so daß man kaum die Sonne hindurch sehen konnte; als er aber darauf in diese Mücken blies, entstand ein starker Wind und trieb die Mücken gleich einer Wolke von dannen! Er führte uns darauf zu einem Teiche nach dem Bache, wo er zuvor Fische aus Stöcken zog; da berührte er mit dem Stabe das Wasser, und sieh, es ward sogleich zu Blut, und er berührte es darauf abermals, und es ward wieder zu Wasser! Am Abend aber rief er zu den Sternen, und sie flohen wie zahme Tauben in seine Hände! Und er gebot ihnen, und sie flohen wieder an das hohe Firmament zurück! Du aber sagst: ,Wo ist ein Mensch, dessen Hände an die Himmel reicheten?‘ Daß dieses alles hier geschehen, kann ich dir mit hundert Zeugen bestätigen lassen. – Was sagst du aber nun zu deinem Gottes- Sohn aus Nazareth, den ich wohl kenne, wessen Sohn er ist, und wo er das alles erlernt hat?“
GEJ|1|53|6|0|Sagt Petrus: „So du nun nicht gelogen hast wie ein Krokodil mit seinem Kindergewimmer und hast dir für deine Lüge hundert Zeugen für etliche Groschen erkauft, so müssen diese vielen, die in Jesus von Nazareth Christum nun wohl erkannt haben, von diesem Magier, dessen Wundertaten du mir nun kundgemacht hast, auch etwas wissen! Ich werde sofort den Jonael fragen! Wehe aber dir, so du mich angelogen hast!“
GEJ|1|53|7|0|Sagt der Bürger: „Diese werden dir darüber keinen Aufschluß zu erteilen imstande sein, weil sie solchen Vorstellungen nicht beigewohnt haben aus eitler Furcht, daß der Magier solches alles mit der Hilfe des Teufels zuwege bringe und der Teufel ihnen Übles zufügen könnte! Nur wir wenigen Herzhaften gingen hinaus, die wir an keinen Teufel glauben, da wir die Kräfte der Natur etwas näher kennen, und überzeugten uns hochverwundert darüber, was alles einem Menschen möglich sei!“
GEJ|1|53|8|0|Sagt Petrus: „Du bist mir eine feine Kundschaft zwar; aber ich sage es dir: du wirst mir fürder nimmer auskommen und nicht entgehen deiner Züchtigung! Komme nun nur mit zum Oberpriester dieser Stadt; vor ihm werden wir unsere Sachen aus- und gleichmachen!“
GEJ|1|53|9|0|Sagt der Bürger: „Was geht mich dieser Oberpriester an? Ich bin ein Galiläer, und zwar mehr Grieche als Jude; dieser Oberpriester aber ist ein dummer Eiferer, während seine vier älteren Töchter nächtlicherweile mit Einverständnis der Mutter, wie man sagt, schändliche Geschäfte machen und sich der Unzucht ergeben. Was soll ich mit solch einem Dummkopfe machen? Kunst und Wissenschaft gehen bei mir über alles, und ich ehre alle echten Gelehrten und Künstler über alles; aber nur dürfen sie nicht mehr aus sich machen als sie sind!
GEJ|1|53|10|0|So euer wirklich sehr geschickter und gelehrter Meister in allerlei Kunst und Wissenschaft bei dem bliebe, was er ist, so wäre er einer der angesehensten Menschen unter den Juden, Griechen und Römern! Aber er macht einen Gott aus sich, und das ist sehr dumm und gehört in die alten finsteren Zeiten zurück!
GEJ|1|53|11|0|Ihr aber seid Leute, zwar in eurer Art ehrliche und biedere Seelen; aber übers Fischefangen hinaus scheint ihr keine großen Kenntnisse und Erfahrungen zu haben. Darum lassen wir unsern weitern Streit beiseite! Ihr möget glauben, was ihr wollt, aber uns werdet ihr schwerlich etwas weismachen; denn wir besitzen Kenntnisse und allerlei Wissenschaften, sind in der Magie nicht ganz unbewandert und wissen somit, was wir von eurem Meister zu halten haben!“
GEJ|1|53|12|0|Sagt Petrus: „Freund, du bemühst dich umsonst, deinen Mohren in dir weiß zu waschen! Es handelt sich hier durchaus nicht darum, ob du meinen Meister als dies oder jenes ansiehst und nun durch eine vernünftig scheinende Rede mich dessen vergessen machen willst, daß du mich vorhin weidlichst angelogen hast! Mag für dich der Oberpriester ein Eiferer sein, wie er will; aber das muß er als eine öffentliche Person dieser kleinen Stadt doch wissen, ob sich vor kurzem ein solcher Magier hier produziert hat, wie du ihn mir beschrieben hast! Denn daran liegt mir alles, da ich daraus entnehmen will, was ich demnach von meinem Meister zu halten habe!
GEJ|1|53|13|0|„Sieh, ich und wir viele haben alles, ja sogar Weib und Kinder verlassen und sind Ihm unbedingt gefolgt, weil wir von Ihm Taten verrichten sahen, die wohl keinem Menschen je möglich sein dürften, und Ihn dabei aber auch also weise reden hörten, wie vor Ihm noch nie ein Mensch geredet hat und nach Ihm auch schwerlich je einer reden wird!
GEJ|1|53|14|0|Du führtest mir aber meinem Meister gegenüber einen andern in deiner Rede vor, der, obwohl meinen Meister auch gerade nicht übertreffend, aber demselben doch gleichkommend, Taten verrichtete, vor denen jeder Mensch den tiefsten Respekt haben muß! Es handelt sich nun ganz einfach darum, ob es vor mir gültig und ersichtlich erwiesen werden kann, daß ein solcher Magier im vollen Ernste die von dir mir kundgemachten Taten verrichtet hat!
GEJ|1|53|15|0|Ist deine Aussage Wahrheit, so gebe ich dir mein heiliges Wort, daß ich meinen Meister, Dem ich vollends die rein göttliche Kraft beilege, augenblicklich verlasse und ziehe zu meiner Familie nach Hause! Denn einem vagen Magier folge ich keinen Schritt weiter, indem ich noch ein echter Jude bin und Moses mehr glaube als Hunderttausenden der allerbewährtesten Magier. Hast du aber – wie ich's ganz ungezweifelt vermute – gelogen, um mir meinen erhabensten Meister aus einem rein bösen Willen zu verdächtigen, dann – wie ich es dir schon früher angedroht habe – wehe dir! Du sollst es erfahren, daß auch ich, der Gnade meines göttlichen Meisters zufolge, schon so manches zu bewirken imstande bin, ohne mich deshalb je irgend einem Menschen als Wundertäter vorzuführen!
GEJ|1|53|16|0|Komme daher nur ganz gutwillig mit mir zum Oberpriester, der nun soeben mit eurem Zöllner Matthäus etwas verhandelt, der von deinem Magier wohl auch etwas wissen wird; denn auch er war beständig hier in der Stadt und muß etwas davon wissen. Komm also nur ganz gutwillig, sonst werde ich dir Gewalt antun!“
GEJ|1|53|17|0|Sagt der Bürger: „Warum denn, so ich's nicht will, Gewalt? Da sieh hin, hinter mir stehen etliche Hunderte! Wie du es wagst, Hand an mich zu legen, so soll es dir wahrlich übel bekommen!“
GEJ|1|53|18|0|Sagt Petrus: „Ich werde meine Hand an deinen Leib nicht legen, wie du die deine ehedem ziemlich unsanft an den meinigen legtest; aber du wirst dennoch hingezogen werden! Es gehen Scharen der Engel Gottes mit uns, die du nicht zu sehen scheinst! Es bedarf bloß eines Winkes, und sie werden dich gleich dort haben, wo ich dich haben will und muß!“
GEJ|1|53|19|0|Sagt der Bürger: „Sollen etwa gar diese euch begleitenden weißgekleideten Buben eure Engel sein? Ha, ha, ha! Nun, wenn diese eure Schutztruppe sind, da brauchen wir höchstens ein paar Dutzend Nasenstüber auszuteilen, und ihr liegt vor den Mauern der Stadt mitsamt euren weißen Schutzbuben!“
GEJ|1|53|20|0|Diese Äußerung bringt den Petrus ganz in Harnisch, und er beruft sogleich einen Jüngling, daß er den Bürger züchtige! Der Jüngling aber sagt: „Ich möchte es wohl, so es des Herrn Wille wäre; aber der Herr hat mir noch keinen Wink gegeben, und so kann ich deinem Begehren noch nicht nachkommen. Gehe aber zuvor zum Herrn hin und sage Ihm das! So Er es will, werde ich handeln.“
GEJ|1|53|21|0|Petrus ging sogleich etwas vorwärts zu Mir hin und erzählte Mir seine Not. Ich aber sagte, indem Ich gerade vor dem Hause des Jonael stehenblieb: „Gehe hin und bringe Mir den Menschen her!“
GEJ|1|53|22|0|Dem Petrus fiel sogleich ein Stein vom Herzen, und er eilte zurück und sagte zum Jünglinge: „Es ist Sein Wille!“
GEJ|1|53|23|0|Hier sah der Jüngling den Bürger an, und dieser fing an zu beben und folgte ohne Widerrede dem Petrus, vom Jünglinge getrieben, zu Mir hin. Ich aber sah ihn an, und der Bürger bekannte, daß er gelogen habe, und daß nie ein solcher Magier von ihm gesehen ward, sondern er hätte nur von einem solchen Magier reden gehört und habe diesen Jünger nur versuchen wollen, ob er wohl fest in seinem Glauben sei, habe aber übrigens durchaus keine böse Absicht gehabt.
GEJ|1|53|24|0|Sage Ich: „Du bist einer, der sich mit einer zweiten Lüge der ersten wegen helfen will, und bist somit des Teufels! Gehe hin, und er soll dir den Lohn geben, da du ihm ein so getreuer Knecht bist!“
GEJ|1|53|25|0|Sogleich trat ein arger Geist zum Bürger und fing an, ihn jämmerlich zu quälen. Der Bürger aber schrie überlaut: „Herr, hilf mir! Ich bekenne es ja laut, daß ich gesündigt habe!“
GEJ|1|53|26|0|Ich aber sage: „Von wem hast du gehört, daß des Jonaels vier älteste Töchter Huren wären? Bekenne es laut, sonst lasse Ich dich quälen bis ans Ende der Welt!“
GEJ|1|53|27|0|Sagt der Bürger: „O Herr, ich habe es von niemandem je vernommen, sondern ich selbst begegnete einmal in der Nacht den vier Töchtern, wie sie Wasser trugen vom Jakobsbrunnen, und redete sie an, um eine schlechte Sache mit ihnen zu haben. Die Töchter aber verwiesen mir mein Vorhaben auf eine Art, daß ich sie gerne stehen ließ; aber ich schwur ihnen darob meine Rache, dichtete solche Schändlichkeit ihnen aus meinem bösen Herzen an und streute selbst ein solches Gerücht allerorts über sie aus! Die Töchter sind ganz völlig Jungfrauen! O Herr, ich allein bin schlecht; alle andern sind gut und rein!“
GEJ|1|53|28|0|Hier gebiete Ich dem argen Geiste, daß er vom Bürger weiche; aber dafür muß dieser dem Jonael genugtun! Er aber ist ein Kaufmann, geht zurück und bringt den Töchtern zehnmal soviel, als Ich ihm vorschrieb, und bittet den Jonael und die Töchter um Vergebung.
GEJ|1|53|29|0|Ich aber sage ihm: „Die Gabe allein genügt nicht zur Sühne solcher Unbill! Gehe hin und widerrufe alles, was du irgendwo Arges über sie geredet hast, alsonach erst sollen dir deine Sünden vergeben sein! Also sei und geschehe es!“
GEJ|1|53|30|0|Der Bürger verspricht, das alles sogleich zu tun; nur meint er, so solches irgend ein Fremder erfahren hätte, den er nicht kennte, und von dem er auch nicht wüßte, wo er wohnte, da möchte ich es ihm nachsehen, so er an solch einen Menschen keinen Widerruf erlassen könnte!
GEJ|1|53|31|0|Ich aber sage: „Was dir möglich ist, das tue; alles andere werde Ich tun, und dir bleibt keine Sünde weiterhin!“
GEJ|1|53|32|0|Damit ist der Bürger zufrieden und geht gutzumachen alles, was er Übles angerichtet hatte.
GEJ|1|54|1|1|54. - Der Herr und Jonaels Familie. Der Jünger Arger und des Herrn Rüge
GEJ|1|54|1|0|Als der Bürger fort ist, berufe Ich Jonaels Weib und Töchter, die, als sie den Bürger bei Mir ersahen, aus Furcht wieder von des Hauses Flur ins Haus zurückgewichen sind.
GEJ|1|54|2|0|Auf Meinen Ruf kommen sie alle eiligst hervor, gehen behende auf Mich zu mit den freundlichst heiter-frommen Mienen und danken Mir mit Tränen in den Augen, daß Ich ihnen ihre durch den schlimmen Menschen verunglimpfte Unschuld wiedergegeben habe!
GEJ|1|54|3|0|Ich aber lege Meine Hände auf ihre Häupter, segne sie und sage, daß sie den ganzen Tag über an Meiner Seite wandeln sollen! Sie aber entschuldigen sich und sagen: „O Herr, solcher zu großen Gnade sind wir nimmer wert! Wir sind schon überselig, Dir als die letzten dieser großen Schar folgen zu dürfen!“
GEJ|1|54|4|0|Ich aber sage: „Ich kenne eure rechte Demut wohl und berufe euch eben deshalb, in Meiner nächsten Nähe zu wandeln den Weg, dahin an diesem Tage Ich in dieser Gegend wandeln werde!“
GEJ|1|54|5|0|Die Töchter danken Mir für solche für sie kaum begreiflich höchste Auszeichnung. Jonael aber fragt die Töchter, sagend: „Meine lieben Töchter! Wo habt ihr denn diese herrlichen Kleider, die euch wahrhaft himmlisch schön stehen, bekommen?“
GEJ|1|54|6|0|Nun erst bemerken die Töchter, daß sie Kleider vom feinsten, gediegensten Byssus anhaben, und daß ihre Häupter mit den kostbarsten Diademen geschmückt sind, daß sie aussehen, als wären sie die Töchter eines Königs.
GEJ|1|54|7|0|Als die sieben solcher Pracht an sich gewahr werden, da ist es vollends aus bei ihnen! Ihre Herzen fangen an, zu flammen vor Liebe und Bewunderung, und in süßester Verwirrung wissen sie gar nicht, was da mit ihnen vorgefallen ist. Nach einer Weile des Staunens erst fragen sie den Jonael, wie denn das zugegangen sei, denn sie wüßten nichts von dem, ob ihnen jemand solche königlich herrlichsten Kleider und Diademe überbracht hätte.
GEJ|1|54|8|0|Jonael aber sagt, selbst ganz entzückt über die große Anmut seiner Töchter: „Bei Dem, Der euch gesegnet hat, bedanket euch! Er hat es euch gegeben wunderbar!“
GEJ|1|54|9|0|Hier fallen die Kinder auf Mich hin, weinen vor Liebe und Freude und sind nicht imstande zu reden. Die Jünger aber sagen hinter Mir: „Wenn so was nur in einem Hause geschähe! Aber hier auf offener Straße im Angesichte von etlichen tausend Zuschauern macht die Sache denn doch zu viel Aufsehen!“
GEJ|1|54|10|0|Ich aber vernahm es wohl, daß sie also redeten, wendete Mich um und sagte zu ihnen: „Ich bin schon lange bei euch, aber ihr habt Meinem Herzen noch nie solch eine Freude bereitet als wie diese sieben Töchter hier! Ich sage euch, diese sind schon am rechten Wege und haben den besten Teil sich erkoren; so ihr nicht solchen Weges wandeln werdet, da werdet ihr kaum Eingang finden in Mein Reich! Denn die Kinder, die also zu Mir kommen, werden auch bei Mir bleiben; die aber nur kommen mit purem Lob und Preise, die werden nur Meinen Abglanz, aber nicht Mich Selbst haben in ihrer Mitte!
GEJ|1|54|11|0|Mein wahres Reich aber ist nur dort, wo Ich selbst bin in aller Wirklichkeit unmittelbar! Solches fasset auch! Der Herr aber ist auch ein Herr vollkommen über alle Welt und hat nicht zu bedenken, was sich vor der dummen Welt schicke oder nicht! Habt ihr das verstanden?“
GEJ|1|54|12|0|Sagt Petrus: „Herr, habe Geduld mit unserer großen Torheit! Du weißt es ja, daß wir nicht aus dem Himmel, sondern von dieser Welt unsere Bildung haben. Es wird schon alles wieder gut werden; denn wir lieben Dich ja auch über alles, ansonst wir Dir nicht gefolgt wären!“
GEJ|1|54|13|0|Sage Ich: „Also bleibet denn in der Liebe und nehmet nicht Kenntnis von dieser Welt, sondern von Mir aus den Himmeln!“ Damit sind die Jünger zufrieden und preisen Mich in ihren Herzen.
GEJ|1|55|1|1|55. - Beim Kaufmann Jairuth. Des Herrn Frage an den Kaufmann und dessen Verlegenheit
GEJ|1|55|1|0|Wir aber beginnen nun unsern Weg weiter fortzusetzen und kommen nach einer Stunde in einen reinen, schattigen Hain, der einem reichen Kaufmanne von Sichar gehörte. In diesem Haine sind allerlei Verzierungen angebracht, kleine Gärtchen, Bäche, Teiche mit allerlei Fischen und Vögeln; und am Ende des sehr gedehnten Hains befindet sich ein altes Schloß von großer Ausdehnung und hat starke Schutzmauern. Dieses Schloß hatte Esau erbaut, und er lebte daselbst, als Jakob in der Fremde war. In den Stürmen der Zeit hatte es natürlich viel gelitten; aber dieser Kaufmann hatte große Summen darauf verwendet und es wieder ganz bewohnbar hergestellt, und er wohnte mit all den Seinen auch häufig in diesem Schlosse und war auch diesmal allda wohnend. Er war zwar ein wohltätiger Mensch und hatte noch viele andere Güter, aber auf diese Besitzung hielt er viel und sah es ungern, so sein großer Hain von zu vielen Menschen betreten ward; denn er verwendete viel auf die Kultur desselben.
GEJ|1|55|2|0|Als er nun aus seinem Schlosse ersah, daß eine große Volksmenge durch den Hain gegen die Schloßmauern sich bewegte, sandte er schnell seine vielen Diener und Knechte, daß sie uns aus dem Haine schaffen sollten, und ließ uns auch fragen, was wir da wollten.
GEJ|1|55|3|0|Ich aber sagte zu den Knechten: „Gehet hin zu eurem Herrn und saget ihm: sein und euer Herr lasse ihm sagen, daß Er mit allen, die mit Ihm sind, bei ihm einkehren und Mittag halten werde!“
GEJ|1|55|4|0|Da kehren die Knechte und die Diener sogleich um und hinterbringen das ihrem Herrn. Dieser aber fragt sie, ob sie nicht wüßten, wer Ich, Der solches von ihm verlange, wäre. Die Knechte und Diener aber antworten und sagen: „Wir haben es dir ja ohnehin gesagt, wie er also zu uns geredet hat, daß er dein und unser Herr ist; was fragst du uns abermals?! Sieben königlich geschmückte Töchter begleiten ihn zunächst, und hinter diesen begleitet ihn eine unübersehbar große Schar! Am Ende ist er ein Fürst aus Rom, und es wird daher sehr geraten sein, ihm entgegenzueilen und ihn am großen Mauertore mit allen Ehren zu empfangen!“
GEJ|1|55|5|0|Als der Kaufmann solches vernimmt, sagt er: „So bringet sogleich meine teuersten Festkleider, und das ganze Haus schmücke sich auf das festlichste! Denn ein solcher Fürst muß auf das glänzendste empfangen werden!“
GEJ|1|55|6|0|Nun rennt alles sogleich durcheinander im ganzen Schloß, die Köche und Köchinnen rennen in die Speisekammern und bringen sogleich Massen von allerlei Speisen in die Küchen, und die Gärtner laufen in die großen Gärten, zu sammeln allerlei köstliches Obst.
GEJ|1|55|7|0|Nach einer Weile kommt des Schlosses Herr, umgeben von hundert seiner vorzüglichsten Diener im glänzendsten Anzuge, verneigt sich, als er zu Mir kommt, nahe bis zur Erde dreimal und heißt Mich mit allen, die Mich begleiten, willkommen und dankt für die ihm erwiesene allerhöchste Gnade; denn er ist der Meinung, daß Ich im Ernste ein Fürst aus Rom sei.
GEJ|1|55|8|0|Ich aber sehe ihn an und frage ihn: „Freund, was hältst du fürs Höchste, das ein Mensch auf der Erde bekleiden kann?“
GEJ|1|55|9|0|Sagt der reiche Kaufmann: „Herr, vergib mir, deinem gehorsamsten Sklaven, ich war so dumm, nicht zu verstehen deine allererhabenst weiseste Frage; darum steige herab von der unermeßlichen Weisheitshöhe und wolle die Frage allergnädigst also stellen, daß sie meiner unbegrenzten Dummheit verständlich werde!“ (Er hatte jedoch die Frage gar wohl verstanden; aber es war damals eine läppische Höflichkeitssitte, auch die leichteste Frage nicht sogleich zu verstehen, so man von einer hohen Person um etwas gefragt worden ist, um dadurch die Weisheit der hohen Person zu erhöhen.)
GEJ|1|55|10|0|Ich aber sage zu ihm: „Freund, du hast Mich recht wohl verstanden und tuest also, als hättest du Mich nicht verstanden, nur der alten, jetzt aber schon gänzlich aus dem Kurs gekommenen Höflichkeit wegen. Laß sonach diese alte Läpperei beiseite und gib Mir Antwort auf Meine Frage!“
GEJ|1|55|11|0|Sagt der Kaufmann: „Ja, so ich es wagen darf, auf deine hohe Frage, hoher Herr, sogleich zu antworten, so glaube ich mit deiner hohen Erlaubnis die hohe Frage wohl verstanden zu haben, und meine Antwort wäre demnach diese: daß ich als das Höchste ganz natürlich den Kaiser und dessen Amt als das allerhöchste ansehe und halte, das ein Mensch auf dieser Erde bekleidet.“
GEJ|1|55|12|0|Sage Ich: „Aber Freund, warum widersprichst du dir denn gar so sehr in deinem Herzen gegen deinen eigenen Wahlspruch, der da sagt: ,Die Wahrheit ist das Höchste und Heiligste auf dieser Erde, und ein Beamter, der getreu das Amt der Wahrheit und des Rechtes versieht, bekleidet das höchste und erhabenste Amt auf Erden!‘ Siehe, das ist dein Wahlspruch! Wie magst du das Amt eines Kaisers, der nur das Amt der rohen Gewalt als höchster Befehlshaber versieht, das sich sicher nicht allzeit auf Wahrheit und Recht stützt, deiner inneren Überzeugung widersprechend, als das Höchste bekennen?!“
GEJ|1|55|13|0|Hier macht der reiche Kaufmann große Augen und sagt nach einer Weile: „Herr, du Hoher! Wer verriet dir meinen Wahlspruch? Ich habe ihn noch nie ganz laut ausgesprochen, gedacht freilich tausend und abermals tausend Male! Denn wir wissen es nur zu gut, daß man mit der nackten Wahrheit nicht immer am besten darauskommt, und man muß mit derselben aus allerlei politischen Gründen schön fein zu Hause bleiben, so man unter Menschen mit heiler Haut herumgehen will!
GEJ|1|55|14|0|Aber wie ich's nun merke, so scheinst du, hoher Fürstensohn, selbst ein großer Wahrheits- und Rechtsfreund zu sein, und so dürfte es vor dir doch geheuer sein, dir mit der lieben Wahrheit entgegenzutreten; denn recht große Herren wollen die Wahrheit niemals hören, halten darum die Schmeichelei in Ehren, die allein sie nur begehren, und alles Menschenrecht ist bei ihnen schlecht. Was sie wollen, sie sich's holen – mit Gewalt nur zu bald. Ob die Armen übers Unrecht klagen, jetzt wie einst in alten Tagen, das ist eins den großen Herren, die da stehn in hohen Ehren. Darum muß man wohl politisch sein und muß mit ihnen reden fein, sonsten gibt es Kerker und Galeeren, die der Menschen Qual und Pein vermehren.“
GEJ|1|55|15|0|Sage Ich: „Hast gut und wahr geredet! Ich bin darin ganz deiner Ansicht; aber nun sage es Mir, für wen du Mich so ganz eigentlich hältst!“
GEJ|1|55|16|0|Sagt der Kaufmann: „Herr! Das ist eine sehr kitzlige Frage. Sage ich zuviel, so werde ich offenbar ausgelacht; sage ich aber zuwenig, dann komme ich ins Loch! Daher wird es besser sein, schön fein hier die Antwort schuldig zu bleiben, als sich für die Antwort nachher im Kerker mit Qual und Pein die Zeit zu vertreiben!“
GEJ|1|55|17|0|Sage Ich: „So Ich dir aber die Versicherung gebe, daß du weder das eine noch das andere zu befürchten haben sollst, so wirst du Mir wohl antworten können?! Sage es daher gerade heraus, für wen du Mich hältst!“
GEJ|1|55|18|0|Sagt der Kaufmann: „Für einen Fürsten aus Rom, – so ich schon reden muß!“
GEJ|1|55|19|0|Sagt hinter Mir der Jonael: „Das dürfte wohl viel zu wenig sein! Wirst schon einmal etwas höher raten müssen; mit dem Fürsten wird es sich nicht tun!“
GEJ|1|55|20|0|Der Kaufmann erschrickt und sagt: „Am Ende ist es der Kaiser selbst?!“
GEJ|1|55|21|0|Sagt Jonael: „Noch immer viel zu wenig; daher rate höher!“
GEJ|1|55|22|0|Sagt der Kaufmann: „Das werde ich wohl bleibenlassen; denn über einem Kaiser von Rom gibt es nichts Höheres mehr!“
GEJ|1|55|23|0|Sagt Jonael: „Und doch! Noch gar viel Höheres gibt es; denke nach und sage es nur rund heraus! Denn ich sehe dir ja ins Herz, das bei dir dem Kaiser von Rom den niedersten Platz anweist; warum sprichst du denn anders, als wie du denkst und fühlst in deinem Herzen? Rede also die Wahrheit!“
GEJ|1|56|1|1|56. - Des Kaufmanns vorsichtige Antwort auf die Frage, wer der Herr der Welt ist. Über die üblen Erfahrungen der Wahrheitszeugen auf Erden. Jonaels Beweisführung über die Lüge als Ursache des Übels auf Erden
GEJ|1|56|1|0|Sagt der reiche Kaufmann nach einer kleinen Weile: „Liebe hohe Gäste! Da ist nichts besser, als nur schön fleißig dem Munde die Sperre anzulegen und so wenig zu reden als nur immer möglich! Denn niemals darf man, und vor hohen Personen schon am allerwenigsten, das ganz offen kundgeben, was man im Herzen denkt und fühlt; denn die hohen Menschen haben eine sehr feine Haut, die den scharfen Hieb der Wahrheit nicht verträgt. Daher ist es also auch besonders in Gegenwart solcher höchsten Herrschaften gefährlich, mit der Wahrheit zum Vorschein zu kommen. Denn solche Herrschaften haben etwas, das Versuchung heißt, und vor solcher muß man sich mehr in acht nehmen, als vor Schlangen, Nattern und Basilisken; denn man hat Exempel, – ja, man hat ganz kuriose Exempel! Jeder denke, was er will; im Handeln aber sei er ein guter Patriot, so wird er mit allen Menschen gut auskommen! Aber nur so wenig als möglich reden; sonst könnte man sehr leicht mit den entsetzlichen Bütteln in eine höchst unangenehme Berührung kommen!
GEJ|1|56|2|0|Ich habe eigentlich so schon viel zu viel der Wahrheit geredet! Darum bleibe ich nun fest beim Kaiser stehen und sage noch einmal: Auf der Erde gibt es außer dem Kaiser Roms nichts Höheres mehr; Caesarem cum Jove unam esse personam. Was ein Cäsar will, übt die Gottheit still!
GEJ|1|56|3|0|Darum hinweg von der Erde mit der Wahrheit, so es irgend eine Wahrheit gibt; sie taugt nichts fürs Menschengeschlecht! Wie viel Unheil hat die Wahrheit schon angerichtet, und ihre Lehrer haben entweder am Kreuzpflocke oder unter dem Schwerte ihren Wahrheitsgeist ausgehaucht! Wer sich aber recht aufs Lügen verlegt hat, der ist noch stets mit der heilen Haut davongekommen, – höchstens, daß sie hie und da, wenn sie zu dumm gelogen haben, zu den Füßen haben ihre Augen richten müssen; aber geschehen ist ihnen weiter nicht viel, während aber, mit geringer Ausnahme, noch fast alle großen Freunde der Wahrheit eines gewaltsamen Todes von der Erde abgefahren sind.
GEJ|1|56|4|0|So aber der Wahrheit ein solcher ,Lohn‘ folgt, welcher Esel oder Ochse wird noch fürder wollen ihr Freund sein?! Man behalte sie wie einen Arrestanten lieber in der eigenen Brust verriegelt und wandle frei unter den Menschen, statt daß man durch ihre Freilassung selbst zum Arrestanten an Leib und Seele wird; denn so der Leib im Kerker schmachtet, kann die Seele für sich in keinen Lusthain wandeln gehen.
GEJ|1|56|5|0|Ich habe auch noch nie gehört, daß die Wahrheit irgend etwas Gutes gestiftet hätte. Einige Beispiele sollen euch die Sache ins hellere Licht stellen:
GEJ|1|56|6|0|Ein Dieb ist wegen starken Verdachtes verhaftet worden und steht vor den strengen Richtern. Versteht er sich aufs Lügen, so wird er entlassen aus Mangel an hinreichenden Beweisen; spricht der Esel aber die Wahrheit, so wird er mit aller Schärfe gezüchtigt. Da hole der Beelzebub die Wahrheit!
GEJ|1|56|7|0|So ist jemand, wie es nur zu oft geschieht, von einem Pfiffikus bei irgend einem Handel um ein bedeutendes hinters Licht geführt worden. Der Betrogene, der ohnehin viele Geschäfte und Vermögen besitzt, merkt diesen Betrug nicht und ist dabei ganz guter Dinge. Nun kommt aber ein Wahrheitsfreund, der den Betrug gemerkt hat, und entdeckt dem Betrogenen, wie er von seinem Geschäftsmanne um soundso viel ist betrogen worden! Von dem Augenblick an wird der Betrogene erst unglücklich, geht zum Richter und läßt sich's viel kosten, um den Betrüger zu züchtigen. Hat ihm diese Wahrheit etwas Gutes gebracht?! Nein, Zorn und Rache nur hat sie in ihm erweckt und ihn zu noch größeren Auslagen seines Vermögens verleitet! Dem Betrüger aber, der zu lügen verstand, schadete die Wahrheit des Verräters nicht nur nicht, da ihm die Lüge half, aber gerade den verräterischen Wahrheitsfreund brachte sie als einen böswilligen Verleumder ins Gefängnis! Frage: Welchen Lohn zollte hier abermals die Wahrheit ihrem Freunde?!
GEJ|1|56|8|0|Darum hinweg von der Erde mit der Wahrheit! Sie allein ist an allem Unglück der Menschen schuld, wie auch Moses spricht im ersten Buche: ,Sobald du vom Baume der Erkenntnis, als vom Baume der mannigfachen Wahrheit, essen wirst, da auch wirst du sterben!‘ Und also ist es und bleibt es noch bis zur Stunde! Mit der Lüge kommt man auf den Thron und mit der Wahrheit ins Gefängnis! Schöne Bescherung den Freunden der Wahrheit!
GEJ|1|56|9|0|Suchet daher die Wahrheit, wo ihr wollt; nur mich lasset ungeschoren! Was meine Speisekammern fassen, und was in meinen Gärten wächst, stehet euch zu Gebote; das Heiligtum meines Herzens aber gehört mir allein, als eine Gabe Jehovas! Euch und aller Welt aber gebe ich, was ich von der Welt habe, und das ist der Welt Heil! Gottes Heil aber behalte ich allein für mich!“
GEJ|1|56|10|0|Sagt der Oberpriester: „Ich bekenne es dir offen, daß du nun, wie es eigentlich weltlich in der Welt ist, ganz richtig geurteilt hast. Aber, weil du schon von Moses geredet hast, so wirst du es ja auch wissen, daß da Moses ein Gesetz von Gott erhielt für sein Volk, in welchem Gesetze die Lüge oder das falsche Zeugnis verboten ist und allen Menschen nur die Wahrheit zur Pflicht gemacht wird!? Wenn dieses Gesetz alle Menschen beachten würden, sage selbst, wäre es da nicht herrlich zu leben auf der Erde?!
GEJ|1|56|11|0|Ich sage es dir, und du mußt es einsehen: Nicht die Wahrheit, sondern allein die Lüge ist es, von der alles Unheil auf der Erde unter die Menschen kommt, und das darum, weil die Menschen mit seltener Ausnahme herrschsüchtig und hochmütig sich gegenseitig begegnen. Ein jeder will mehr sein als sein Nebenmensch, und so greift der blinde Mensch nach allen Mitteln, die ihn befähigen können, sich seinen Nebenmenschen in einem wie nur immer möglich größeren Vorrange zu zeigen und dem Schwächeren glauben zu machen, er sei bei weitem mehr und viel vorzüglicher als irgend ein anderer Mensch.
GEJ|1|56|12|0|Diese Ranggier verleitet dann mit der Weile die Menschen zu allerlei Lastern, zum Mord und Totschlag sogar, so es ihnen auf anderen Wegen der Lüge und des Betrugs nicht gelingen will, zu großem Rang und Ansehen vor anderen Menschen zu gelangen.
GEJ|1|56|13|0|Weil demnach die Menschen nahe allesamt besser und vorzüglicher sein wollen als sie sind, so bleibt ihnen freilich nichts anderes übrig, als sich kreuz und quer in einem fort so viel nur immer möglich anzulügen, und die Wahrheit hat in der Mitte solcher Menschen einen überaus schweren Stand.
GEJ|1|56|14|0|Möchten aber die Menschen den endlosen Vorzug der Wahrheit vor der Lüge erkennen, was sehr leicht möglich wäre, so sie Gott und dessen heilige Gesetze in der wahrhaftigen Tat respektierten, dann würden sie die Lüge fliehen ärger denn die Pest, und die wahre Gerechtigkeit Gottes würde dann einen Lügner strafen mit dem Tod. Aber weil die Menschen hochmütig und herrschsüchtig sind allzumal, so lieben sie die Lüge und reden ihr das Wort.
GEJ|1|56|15|0|Aber die Menschen, wie es die etlich tausendjährige Erfahrung zeigt, leben nicht ewig auf dieser Erde, sondern sie müssen alle in kurzer Zeit sterben dem Leibe nach, der am Ende den Würmern zur Speise gegeben wird; die Seele aber wird dann treten müssen vor Gottes Gericht! Da frage ich, wie sie mit ihrer hochgepriesenen Lüge vor Gott bestehen wird!
GEJ|1|56|16|0|Ich aber meine und halte es lebendig dafür, daß es in dieser Welt besser sei, um der Wahrheit willen ans Kreuz zu kommen, als dereinst vor Gott zuschanden zu werden und von Ihm den Ruf: Weiche von Mir! für ewig zu vernehmen!
GEJ|1|56|17|0|So du mich ordentlich verstanden und daraus entnommen hast, daß wir wahre Freunde der Wahrheit sind, da rede also die Wahrheit und fürchte dich nicht töricht, daß wir dich der Wahrheit wegen strafen werden, und sage uns offen und wahr, was du von uns und Dem hältst, Der nun mit meinen Töchtern spricht!“
GEJ|1|57|1|1|57. - Der Herr gibt Sich Jairuth als der Messias zu erkennen. Jairuths Freude. Er lädt den Herrn zum Mahl
GEJ|1|57|1|0|Sagt der Kaufmann: „Freund, du hast nun in voller und rechter Weisheit mit mir geredet und mir das gesagt, was ich in mir nur zu oft schon empfunden habe; aber ich begreife es nicht, warum du nun gar so darauf dringst, daß ich euch kundtun solle, für was ich euch und besonders ihn hielte. Für was ich ihn gleich anfangs hielt, da sagtest du, daß er das nicht sei, sondern viel mehr! Wie man aber, ohne ein Gott zu sein, mehr sein kann als ein Gott der Menschheit irdisch, das heißt, als ein Kaiser, das begreife ich nicht! Jehova allein nur ist irdisch und geistig mehr denn der irdische Gott Kaiser! Das wird er aber doch nicht sein?“
GEJ|1|57|2|0|Sagt der Jonael: „Ich sage es dir: Betrachte unsere Gesellschaft ein wenig schärfer; vielleicht wird dir doch an ihr etwas auffallen! Was hältst du von den vielen herrlichen Jünglingen, die du in unserer Gesellschaft ersiehst? Betrachte sie und rede dann!“
GEJ|1|57|3|0|Der Kaufmann sagt: „Ich habe sie bis jetzt für Edelknaben des Kaisers und für Söhne der Patrizier Roms gehalten, obschon sie ihrer feinen und weißen Haut und Farbe halber eher verkleidete Mädchen aus Hinterkleinasien sein könnten. Denn wahrlich, obwohl ich viel Schönes derart gesehen habe, da ich in früherer Zeit mit derlei Ware Handel trieb nach Ägypten und nach Europa, und zwar zumeist nach Sizilien für die großen und aller Lebensüppigkeit sehr ergebenen Römer; aber Gestalten von so unaussprechbar herrlicher Art sind mir noch niemals untergekommen! Sage mir doch, woher und wer sie sind! Es sind wohl deine Töchter auch sehr herrliche Gestalten; aber im Vergleiche mit diesen – man könnte füglich sagen – strahlenden Gestalten stehen sie dennoch bei weitem zurück. So du sie sicher näher kennst denn ich, da sage du es mir, wer und woher sie sind!“
GEJ|1|57|4|0|Sagt Jonael: „Das dir zu sagen kommt mir nicht zu, sondern allein Dem, Der hier steht in der Mitte meiner Töchter. Wende dich daher an Ihn! Er wird dir den rechten Aufschluß geben!“
GEJ|1|57|5|0|Hier wendet sich der Kaufmann vollends an mich und sagt: „Herr dieser Scharen, die dir nach meiner Ansicht wie die Lämmer ihrem Hirten folgen, sage mir doch, mit wem ich in deiner Person zu reden die hohe Ehre habe! Denn ich ward gefragt und riet auf den irdisch höchsten Stand; aber es ward mir bedeutet, daß ich mich geirrt habe. Nun weiß ich nichts mehr zu reden; daher halte du mich für würdig, etwas Näheres über deinen Stand mir kundzutun!“
GEJ|1|57|6|0|Sage Ich: „Du bist auch einer von denen, die nicht glauben, so sie keine Zeichen sehen. Sehen sie aber solche, dann sagen sie: Siehe, das ist entweder ein Jünger der Essäer, oder er ist ein Magier aus Ägypten oder gar aus dem Lande, das der Strom Ganges bewässert, oder er ist ein Knecht des Beelzebub! Was kann man aber dann tun? Sage Ich dir aber geradeheraus, Wer Ich bin, so wirst du es Mir nicht glauben!
GEJ|1|57|7|0|Du hast deine Meinung ausgesprochen, und sie war falsch. Als Jonael dir sagte, Ich sei aber mehr denn dein irdischer Gott, da sagtest du: Nur Jehova allein ist größer denn ein Kaiser! und verwahrest dich stillschweigend vor einer Annahme, daß Ich mehr sein könnte, als da ist ein Kaiser Roms, den du im Grunde bloß aus Furcht vor dessen irdischer Macht als das Höchste auf Erden bekennst, in deinem Herzen ihn aber verachtest mehr denn eine Pest und seine Macht mehr denn Heuschreckenzüge.
GEJ|1|57|8|0|Es ist aber heute bereits der dritte Tag, daß Ich Mich in Sichar aufhalte, und es ist von da in die Stadt nur ein Lustwandelweg von einigen Feldwegen; es sollte Mich sehr wundernehmen, daß du von deinen Kollegen in der Stadt keine Kunde von Mir solltest erhalten haben!“
GEJ|1|57|9|0|Sagt der Kaufmann: „Ah, du bist also derjenige, von dem man mir erzählt hat schon gestern und heute, daß er der Messias sei und solches bezeuge durch wundervolle Taten! Das alte Haus der schönen Irhael habest du neu umgestaltet und wunderbar königlich eingerichtet?! Und man erzählte mir auch von einer scharfen Predigt am Berge, die du gehalten habest, an der sich aber viele stießen, da sie ganz antimosaisch gewesen sein solle! – Nun, nun, also der bist du!?
GEJ|1|57|10|0|Nun, mich freut es, daß du mich besucht hast, und ich hoffe, dich noch näher kennenzulernen! Weißt du, ich bin dieser Idee nicht abhold und glaube fest, daß der Messias kommen werde und müsse! Die Zeit wäre so ungefähr, nach meiner Rechnung gerade zu reden, eine ganz geeignete, denn der Druck der Römer ist nahe nicht mehr zu ertragen! Und warum solltest du nicht der erwartete Messias sein können?! O das nehme ich bald und leicht an!
GEJ|1|57|11|0|Wenn du deiner Kraft dir bewußt bist und es gehörig verstehst, dich als solcher allenthalben zu präsentieren, so stehe ich dir sogleich mit meinem ganzen großen Vermögen zu Diensten. Es sollen diese Schweine aus den heidnischen Abendlanden bald das Land unserer Väter räumen! Denn sieh, ich habe alle meine Kräfte von meiner Jugend an lediglich darauf verwendet, mir möglichst große Reichtümer zu sammeln des zu erwartenden Messias wegen, auf daß sich damit eine Großmacht von den tapfersten und verwegensten schlauen Kriegern durch guten Sold erkaufen lassen solle! Ich habe schon mit so manchen tapfersten Völkern von Hinterasien mich in die Korrespondenz gesetzt, und es bedürfte da nur einiger Boten, und in einer Zeit von etlichen Monden steht in diesen Gauen eine furchtbare Macht! Aber nun nichts mehr weiter davon; in meinem sehr geräumigen Hause werden wir darüber das Weitere verhandeln!
GEJ|1|57|12|0|Nun aber wird das Mittagsmahl für euch alle auch schon bereitet sein; kommet daher alle und esset und trinket nach Herzenslust!“
GEJ|1|57|13|0|Sage Ich: „Nun denn, sei bis dahin auch alles ganz wohl und gut; alles andere werden wir dann vollends besprechen und ausmachen! Und so denn führe uns alle in den großen Saal. Aber jene Männer dort ganz rückwärts lasse hier; diese gehören nicht zu den Meinen, sondern rein nur der Welt an!“
GEJ|1|58|1|1|58. - Lebenswinke des Herrn. »Was die Liebe tut, bleibt ewig.« Jenseitiges Elend der Weltfreunde. Des Herrn Rat über gute Vermögensverwendung. Wie man den Segen Gottes erlangt.
GEJ|1|58|1|0|Sagt der Kaufmann: „Ich kenne sie, es sind harte Sichariten, die mit ihrem Glauben und Denken mehr Heiden denn Kinder Israels sind. Aber die Miserabelsten darunter sind dennoch die aus der Gegend des Galiläischen Meeres; das sind pure Materiediener und haben von etwas Höherem und Göttlichem gar keinen Wind mehr! Pure Spektakelhelden! Ein Magier aus Persien ist ihnen lieber als Moses und alle Propheten, und eine üppige Hure aus Oberasien lieber als Gold und Edelsteine! Ich kenne sie nur zu gut; aber um ihnen ihr loses Maul zu stopfen, will ich sie in meinem großen Gartensaale bewirten lassen. Denn so sie nichts bekämen, da wäre es aus!“
GEJ|1|58|2|0|Sage Ich: „Tue, was du magst und kannst; denn Geben ist seliger als Nehmen! Aber in der Folge gib du nur den Dürftigen und Armen, und so jemand von dir ein Geld würde borgen wollen, ist aber reich, und du es sehen kannst, daß er es dir reichlichst zurückzahlen wird, dem borge nicht! Denn so du ihm wirst geborgt haben, wird er dir alsbald im geheimen zum Feinde werden, und du wirst deine Not haben, dein Geld samt den Zinsen wieder zurückzuerhalten.
GEJ|1|58|3|0|Kommt aber einer zu dir, der arm ist, und du es sehen kannst, daß er nicht vermögen wird, dir je dein Geld zurückzuzahlen, so borge ihm, und der Vater im Himmel wird es dir ersetzen hundertfältig auf anderen Wegen schon auf Erden und wird dir dein dem Armen geborgtes Geld im Himmel selbst zu einem großen Schatze machen, der dich nach diesem Erdenleben jenseits hoch über dem Grabe erwarten wird.
GEJ|1|58|4|0|Ich sage es dir: Was die Liebe tut auf Erden, das ist auch im Himmel getan und bleibet ewig; was aber die pure Weltklugheit tut, das verschlingt der Boden der Erde, und für den ewigen Himmel bleibt nichts übrig. Was kann aber auch all das irdische Schatzwerk nützen dem Menschen, so dabei seine Seele Schaden leidet?!
GEJ|1|58|5|0|Wer für die Erde und fürs Fleisch sorget, ist ein Tor; denn so wie des Menschen Fleisch sein Ende hat, also wird es auch die Erde haben! Wann aber dereinst sicher das Ende der Erde herbeikommen wird, auf welchem Boden wird dann die arme Seele sich eine Wohnung nehmen?!
GEJ|1|58|6|0|Ich sage dir aber, daß da jeder Mensch, so ihm der Leib genommen wird, auch gleichzeitig die Erde für ewig verliert. Und hat er sich in seinem Herzen durch die Liebe nicht eine neue Erde geschaffen, so wird seine Seele sich selbst den Winden und Wolken und Nebeln preisgeben müssen und wird in der ewigen Unendlichkeit herumgetrieben und nimmer irgend eine Rast und Ruhe finden, außer im falschen und nichtigen Gebilde der eigenen Phantasie, die, je länger sie andauern wird, auch stets schwächer, finsterer und am Ende zur dicksten Nacht und Finsternis wird, aus der die Seele aus sich selbst schwerlich je einen Ausweg finden wird! Daher magst du auch in der Zukunft also tun, wie Ich dir es nun gezeigt habe; aber für jetzt tue du, wie du es magst und kannst!“
GEJ|1|58|7|0|Sagt der Kaufmann: „Du bist überaus weise und magst recht haben in allen Dingen, aber mit dem Geldborgen bin ich nicht so ganz einverstanden. Denn so man sich schon vieles Geld erworben und es doch nicht gerne tot liegen hat, so leiht man es doch besser auf mäßige Zinsen aus, als man vergrübe es, auf daß es einem die Diebe nicht nehmen könnten, so sie kämen zur Nacht und erbrächen Schränke und Kästen. Man kann ja daneben von dem Überflusse noch immer den Armen geben, was recht ist; denn gebe ich auf einmal alles her und wirtschafte nicht gut mit dem Vermögen, so werde ich bald nichts mehr haben und den vielen Armen werde ich nichts mehr zu geben imstande sein.“
GEJ|1|58|8|0|Sage Ich: „Laß du die rechte Wirtschaft Gott dem Herrn über und gib dem, den dir der Herr zuführen wird, und du wirst an deinem Vermögen keine Einbuße erleiden! Hast du denn nicht viele und große Äcker und Wiesen und Gärten voll Obst und Trauben, und sind deine gedehnten Stallungen nicht voll Ochsen, Kühen, Kälbern und Schafen? Siehe, ein Handel damit wird dir unter dem Segen Gottes stets das wieder ersetzen im Vollmaße, was du im Jahre hindurch an die wahrhaft Armen verteilt hast; aber was du in die Zinskassen der Reichen gibst, das wird dir von oben her nimmer ersetzt werden, und du wirst viele Sorgen haben und dich stets fragen, ob die Zinskassen dein Geld wohl ordentlich verwalten. Tue daher, wie Ich dir's ehedem gesagt habe, so wirst du ein gutes und sorgloses Leben haben, und alle Armen werden dich lieben und dir wo nur möglich, dich segnend, dienen und der Vater im Himmel wird stets segnen dein Tun und Lassen; und siehe, das wird besser sein denn die stets größeren Zinskassensorgen!“
GEJ|1|59|1|1|59. - Des Kaufmanns schwaches Vertrauen auf Gottes Fürsorge für die Armen. Seine Ehrfurcht vor Jehova und seine wohlwollen de Fürsorge für die Armen. Gott soll man mehr lieben als fürchten!
GEJ|1|59|1|0|Sagt der Kaufmann im Gehen in das Schloß: „Mein Herr und mein Freund, ich sehe es, daß aus dir eine rein göttlich-fromme Weisheit spricht, und zwar in einer so sanften Weise, wie ich sie noch nie aus einem menschlichen Munde vernommen habe; aber es gehört zur Beachtung solcher deiner Lehre ein starkes Vertrauen auf Jehova, was mir trotz meines sichern Glaubens mangelt. Ich weiß, daß Er es ist, Der alles erschaffen hat und nun alles leitet, regiert und erhält, aber ich kann es mir nicht lebendig genug vorstellen, daß Er als der allerhöchste Geist Sich in die Privatverhältnisse einlassen könnte, möchte und wollte! Denn Er ist für mich zu allerhöchstheilig, so, daß ich mir kaum getraue, auszusprechen Seinen allerheiligsten Namen, geschweige daß ich dann erst von Ihm erwarten sollte, Er werde mir in meinen schmutzigen Geldgeschäften Seine allmächtig heilige Hand zur Hilfe bieten!
GEJ|1|59|2|0|Ich aber gebe auch den Armen, die zu mir kommen, und halte keinen Hund, daß er anbelle einen Bettler, und dieser sich fürchte, meine Türschwellen zu betreten. Nur diesen Hain, der mein Liebling ist, sehe ich ungern betreten werden von Fremden und Armen, weil sie die Anlagen und neuen Pflanzungen oft mutwillig verderben und darin als Hungrige und Durstige auch nichts finden, womit sie sich sättigen und ihren Durst stillen könnten. Ich habe aber dafür bei zwanzig Feldweges von hier einen großen Feigen- und Pflaumenwald gezogen; der steht allen Fremden und Armen zu Diensten, nur dürfen sie die Bäume nicht beschädigen, weshalb ich auch mehrere Aufseher dahin aufgestellt habe.
GEJ|1|59|3|0|Du siehst aus dem, daß ich der Armen wohl gedenke; aber daß ich deshalb dem erhabensten Geiste mit einer Bitte kommen sollte, daß Er mir entweder irdisch oder nur pur himmlisch meine Geldsummen verwalten möchte, das sei ferne von mir! So Er etwas tun will und auch wirklich schon etwas getan hat, woran ich nicht zweifle, so steht das in Seinem freien heiligsten Willen! Ich aber habe vor Ihm eine also unbegrenzte Ehrfurcht, daß ich es mir kaum getraue, Ihm dafür zu danken; denn mir kommt es vor, daß ich durch solch einen rein materiellen Dank, durch den ich Ihm gewisserart zeigte, daß ich glaube, Er könnte mir als ein Handlanger gedient haben, Ihm eine übergroße Unehre antun würde. Ich lebe und handle daher als ein möglichst rechtlicher Mensch aus meinen mir von Gott verliehenen Kräften nach dem Gesetze und verbinde dem Ochsen und Esel das Maul nicht, so sie mein Getreide austreten; doch den großen Geist ehre ich nur an Seinem Tage! Denn es steht geschrieben: ,Den Namen deines Gottes sollst du nimmerdar eitel aussprechen!‘“
GEJ|1|59|4|0|Sage Ich: „Wüßte Ich nicht schon lange, daß du ein rechtlicher und über die Maßen gottesfürchtiger Mann bist, Ich wäre nicht zu dir gekommen. Aber siehe, daß du Den fürchtest, Den du eigentlich über alles lieben solltest, das ist nicht völlig recht von dir, und Ich kam darum zu dir, um dir zu zeigen, wie du Gott mehr lieben als fürchten sollst in der Zukunft. So wird Sich Gott dann schon herabwürdigen zu dir und wird dir in allem ein sicherster, kräftigster und verläßlichster Handlanger sein!“
GEJ|1|60|1|1|60. - Der Herr als Gast des Kaufmanns bewirtet diesen im alten Schloß Esaus mit himmlischer Kost durch himmlische Diener im neu erschaffenen Saal
GEJ|1|60|1|0|Nach dieser Meiner Anmerkung aber haben wir auch weilenden Schrittes den großen Hofraum des Schlosses erreicht, und es kommt alle Dienerschaft dem Kaufmann über alle Maßen erstaunt und verlegen entgegen, und der Oberdiener, der Vogt der Dienerschaft, führt das Wort und spricht: „Herr, Herr, das ist nun eine saubere Wirtschaft! Unsere Köche und Köchinnen bringen gar keine Speise zurecht; alles mißlingt! Wir wollten die Tische doch wenigstens mit Obst und Wein besetzen und mit einer rechten Menge Brotes; aber die Zimmer sind alle derart versperrt, daß wir aber auch nicht eine Tür mit aller Gewalt zu öffnen imstande waren! Was werden wir nun tun?“
GEJ|1|60|2|0|Der Kaufmann, zum Teil selbst über die Maßen erstaunt und zum Teil ganz ärgerlich, sagt: „So ist es, wenn ich nur den Fuß über die Schwelle setze; nichts als Unordnung über Unordnung! Was treiben denn die Köche und Köchinnen? Sind bei mir nicht schon oft zehntausend Gäste bewirtet worden, und es ging alles ordentlich vor sich; nun sind ihrer in allem kaum tausend, und allenthalben sieht die größte Unordnung heraus! Aber, was sehe ich?! Bei allen Fenstern schauen Jünglinge heraus; mein Schloß ist also voll Menschen, und du und deine dir untergebenen Knechte sagen, daß da alle Türen in meinem Schlosse verschlossen seien?! Wie geht das zu? Lüget ihr und wollt vor mir eure Trägheit beschönigen, oder, so die Zimmer verschlossen sind, wer hat sie verschlossen?“
GEJ|1|60|3|0|Der Vogt weiß nicht, was er seinem Herrn darauf erwidern soll, und die ganze große Dienerschaft des Herrn dieses Schlosses ist ob dessen sichtbaren Ärgers in großer Verlegenheit und Bestürzung; keiner weiß sich zu raten und zu helfen.
GEJ|1|60|4|0|Ich aber sage zu diesem Kaufmann: „Lieber Freund, laß es also gut sein, wie es nun ist und steht! Siehe, als deine Diener und Wächter ehedem zu Mir in den Hain kamen, von dir abgesandt, um Mich zu fragen, wer Ich sei, und was Ich mit solch großer Gesellschaft hier suche, da begehrte Ich als ein Herr von dir, daß du uns allen ein gutes Mittagsmahl geben solltest! Da warst du schnell dazu entschlossen, obschon du nicht wußtest, wer Derjenige ist, Der von dir ein Mittagsmahl für so viele Gäste zu verlangen sich ein Recht nimmt.
GEJ|1|60|5|0|Deine Diener wie auch du hielten Mich anfangs für einen Fürsten Roms und warst deshalb um so tätiger, Meinem Begehren nachzukommen; als du aber in der Folge unseres vielseitig belehrenden Gespräches dahin gebracht wurdest in deiner Erkenntnis, daß Ich der Messias sei, so warst du in deinem Herzen glücklich und dachtest bei dir um so mehr daran, Mich und die ganze Gesellschaft bestens zu bewirten, auf daß es Mir gefallen solle, bei dir zu verbleiben, bis du deine vermeinte Streitmacht gegen die Römer aus Ober- und Hinterasien zusammengebracht haben würdest, um unter Meiner Leitung aus dem Lande Gottes zu vertreiben alle Feinde, die da pur Heiden sind und nicht glauben an den lebendigen wahren Gott!
GEJ|1|60|6|0|Als du solches in deinem Gemüte beschlossen hattest, da habe auch Ich im geheimen etwas beschlossen, und zwar, daß du nun Mein Gast, wennschon in deinem Hause, und nicht Ich der deine sein solle! Ich gebot daher Meinen trefflichen Dienern, und siehe, es ist nun schon alles in bester Bereitschaft, und du sollst heute an Meiner Seite mit der echtesten Himmelskost gespeist werden!
GEJ|1|60|7|0|Deiner Gärten Frucht und was deine Küche geliefert hat aber setze du jenen schmählüsternen Weitmäulern aus Sichar vor, die sich noch dort im Haine herumtreiben und sich vor Ärger gar nicht zu helfen wissen, daß sie nicht auch zu den Geladenen gehören! Ich meine, es wird dir das keinen Kummer machen; denn sieh, so Ich bei jemandem einen rechten Willen sehe, so nehme Ich solch einen Willen auch schon sogleich fürs volle Werk an! Bei dir aber habe Ich einen rechten Willen gemerkt und befreite dich daher von dem für dich kostspieligen Werke. Denn Ich bin reicher denn du und will Mich daher nicht von dir sättigen, sondern Ich will, daß du von Mir sollst gesättigt werden!“
GEJ|1|60|8|0|Hier macht der Kaufmann große Augen und sagt nach einer Weile tiefen Nachdenkens: „Herr, das ist für einen armen sündigen Menschen zu viel auf einmal! Ich vermag das Wunder nicht zu fassen in all seiner Größe und Tiefe! So du nur ein Mensch wärest, gleich wie ich ein Mensch nur bin, wäre dir das unmöglich; denn ich sah keine Kostträger (Lastträger) in deiner Gesellschaft. Woher allersonderbarst aber solltest du dann nun Speisen genommen haben auf einem natürlichen Wege?! Ich habe ehedem wohl auch einige solche schönsten Diener – oder vielleicht auch Dienerinnen darunter? – in deiner Gesellschaft bemerkt und bemerke sie, und zwar dieselben, noch; woher aber sind dann diese gekommen? Meines Schlosses Gemächer sind viele, und die meistens überaus geräumig; zehntausend Menschen haben darin ganz leicht Raum genug. Ich sehe aber nun diese schönsten Diener aus allen Fenstern nach uns herabblicken! Ich frage sonach abermals: Woher und von wannen sind diese gekommen?“
GEJ|1|60|9|0|Sage Ich: „Freund, so du ausziehest aus deinem Hause in irgend ein anderes Land, um dort zu kaufen oder zu verkaufen, da nimmst auch du dir nach deinem Bedarfe Diener mit und lässest dir dienen; und siehe, also tue es auch Ich! Ich habe deren überaus viele; ihre Zahl könntest du schwerlich je fassen. Wenn Ich nun ausziehe, warum sollen Meine Diener und Knechte bei solcher Gelegenheit daheim verbleiben?!“
GEJ|1|60|10|0|Sagt der Kaufmann: „Herr, das ist alles ganz vollkommen in aller Ordnung; ich aber möchte nur wissen, von wannen du und alle diese deine herrlichsten Diener gekommen seid. Das, das drängt mich's zu erfahren.“
GEJ|1|60|11|0|Sage Ich: „Laß uns zuvor das Mittagsmahl nehmen, und es wird sich dann schon noch eine Zeit finden, in der du darüber nähere Belehrung erhalten wirst. Für jetzt aber haben wir schon zur Genüge geredet, und es ist nun vollends an der Zeit, Ruhe und Stärkung zu nehmen. Gehen wir alsonach in den großen Saal, der in diesem Schlosse gegen Morgen liegt und von uns jetzt nicht gesehen werden kann, indem wir uns gerade an der abendlichen Seite des Schlosses befinden, da man den großen Flügel dieses Schlosses nicht sehen kann!“
GEJ|1|60|12|0|Hier fällt der Kaufmann vor lauter Bewunderung nahe in eine Ohnmacht und sagt nach einer Weile voll des höchsten Staunens: „Herr, jetzt wird mir die Sache wahrlich nahe schon zu dick wunderbar! Es gab einst wohl einen Morgenflügel dieses Esau-Schlosses, aber es dürften bereits zwei Jahrhunderte in die unwiederbringliche Vergangenheit hinabgerollt sein, seit dieser Morgenflügel bestanden hatte; ich und meine Vorfahren wissen aber kaum mehr was davon. Wie sprichst du hernach vom großen Saale im Morgenflügel dieses Schlosses?“
GEJ|1|60|13|0|Sage Ich: „Erst wenn du in diesem deinem Schlosse keinen Morgenflügel finden wirst, magst du reden; wirst du aber einen finden, dann denke und fasse es in dir, daß bei Gott alle Dinge möglich sind! Sei aber darob stille und rede zu Meiner Gesellschaft nichts davon; denn für derlei Taten ist Meine Umgebung noch nicht reif!“
GEJ|1|60|14|0|Sagt der Kaufmann: „Wahrlich, nun brenne ich im Ernste vor Begierde, diesen Morgenflügel meines Schlosses zu sehen, von dem meine Urvorfahren kaum etwas reden gehört haben! Die Grundmauern sind wohl noch hie und da ersichtlich, das aber ist auch alles, was auf mich von dem einst so prachtvoll gewesen sein sollenden Flügel dieses Schlosses überkommen ist.“ – Nun erst geht der Kaufmann behende voran, und wir folgen ihm.
GEJ|1|61|1|1|61. - Der erstaunte Jairuth ahnt in Jesus den »Sohn Gottes«
GEJ|1|61|1|0|Als er in das erste Stockwerk gelangt, so ersieht er sogleich diesen vorbesagten Flügel, läuft voll Entzückung in die offene große Türe, beschaut den großen Saal und fällt vor Verwunderung zusammen. Es treten aber sogleich mehrere der weißen Jünglinge zu ihm, helfen ihm auf und stärken ihn. Als er sich ein wenig erholt, geht er wieder auf Mich zu und fragt Mich mit einer vor höchster Verwunderung bebenden Stimme: „O Herr, ich bitte dich, sage mir doch für ganz bestimmt, ob ich wohl wach bin, oder ob ich etwa schlafe und nun ganz festweg träume!“
GEJ|1|61|2|0|Sage Ich: „Also wie du nun fragtest, scheinst du zwar wohl mehr zu träumen denn wach zu sein; aber du bist dennoch wach, und was du da schauest, ist feste Wirklichkeit! Du selbst sagtest Mir draußen im Haine, wie du vernommen habest, daß Ich das alte Haus Josephs, das in dieser Zeit von der Irhael bewohnt und als eigentümlich besessen ist, in aller Kürze vollends neu wiederhergestellt habe. Nun, konnte Ich das Haus Josephs wieder aufrichten, so werde Ich doch auch die alte Feste Esaus zu erneuern imstande sein?!“
GEJ|1|61|3|0|Sagt der Kaufmann: „Ja, ja, das ist nun sichtbar und wahr; aber es ist dennoch unglaublich, daß ein Mensch solche Dinge verrichten kann! Höre, Herr! So du nicht ein Prophet wie ein Elias bist, so mußt du entweder ein Erzengel in menschlicher Gestalt oder am Ende etwa gar Jehova Selbst sein! Denn solche Dinge sind nur Gott allein möglich!“
GEJ|1|61|4|0|Sage Ich: „Ja, ja, wenn du kein Zeichen gesehen hättest, so hättest du Mir auch nicht geglaubt! Nun glaubst du freilich, aber in solchem Glauben bist du nicht freien Geistes! Auf daß du aber dennoch freier werdest in deinem Herzen, so sage Ich zu dir: Nicht Ich, sondern diese vielen Jünglinge haben das gemacht; sie haben solche Macht von Gott dem Vater. Diese magst du fragen, wie sie solches angestellt haben!“
GEJ|1|61|5|0|Sagt der Kaufmann: „Richtig! Ich habe schon draußen den Jonael gefragt, wer und woher diese wunderherrlich schönsten jungen Wesen seien, bekam aber keine Antwort, sondern ward ganz einfach an dich gewiesen. Als ich zu dir kam, vergaß ich es sonderbarerweise ganz; meine Frage beschäftigte sich da bloß mit dir, und unser Diskurs nahm eine ganz andere Wendung. Nun erst erinnere ich mich wieder dessen und möchte nun von dir eine rechte Auskunft überkommen, wer, was und woher so ganz eigentlich diese allerholdesten Jünglinge sind.“
GEJ|1|61|6|0|Sage Ich: „Um dich nicht lange hinzuhalten, so sind das Gottes Engel, so du es annehmen willst. Willst du aber das nicht annehmen, so halte sie für was du willst, nur für Teufel oder dessen Diener nicht!“
GEJ|1|61|7|0|Sagt der Kaufmann: „O Herr, o Herr, wohin, wohin ist es denn mit mir gekommen?! Ehedem fragte ich dich, ob ich wohl wach sei, oder ob ich schlafe und träume; nun aber frage ich dich, ob ich noch lebe. Denn solche Dinge können sich ja doch auf der wirklichen Erde nicht zutragen!“
GEJ|1|61|8|0|Sage Ich: „Oh, – und ob du auf der Erde lebest! Ich habe dir deine innere Sehe erschlossen, und so magst du nun auch die Geister der Himmel schauen! Aber nun frage nicht weiter, denn es ist Zeit zum Mittagsmahle! Bereitet ist alles, und somit begeben wir uns zu den Tischen!“
GEJ|1|61|9|0|Sagt der Kaufmann: „Ja, ja, recht also! Aber ich werde vor Staunen über Staunen nicht viel zu essen imstande sein, denn es ist hier alles Wunder über Wunder! Nein, heute morgen hätte ich so was gar nicht zu ahnen vermocht! Diese Sache kam mir viel zu schnell und viel zu unerwartet. Es sind noch kaum drei Stunden, seit ihr von Sichar her in meinen großen Hain eingedrungen seid, und was ist alles in diesen drei Stunden geschehen?! – Das Unglaublichste! – Und doch ist es da! Aber wer anders als die Zeugen des Geschehenen wird es glauben, und wenn tausend Zeugnisse dafür sprächen?! Herr, Herr, du großer Meister, von Gott Selbst gelehrt und geleitet, ich glaube es, weil ich's nun mit meinen Augen schaue. Aber so ihr es Tausenden erzählet, so werden sie es euch nicht nur nicht glauben, sondern sich ärgern und den Erzähler einen unverschämten Lügner schelten! Daher erzählet es ja nirgends weiter, denn diese Sache ist zu wunderbar groß! Wer hat so eine Herrlichkeit, wie die da ist dieses Saales, je geschaut?! Die Wände wie aus puren Edelsteinen, die Decke Gold, der Fußboden Silber, die vielen Tische aus Jaspis, Hyazinth und Smaragd, die Gestelle aus Gold und Silber, die Trinkgefäße wie aus reinstem Diamant und die Speiseschüsseln wie aus feinstem und feurigstem Rubin; die Bänke um die Tische abermals aus edlen Metallen und die Polsterung aus hochroter Seide, und der Geruch der Speisen und Getränke wie aus den Himmeln! Und das alles in – sage – drei Stunden! Nein, das ist unglaublich über unglaublich!
GEJ|1|61|10|0|Herr! Du mußt Gott entweder Selbst sein oder Du bist allerunfehlbarst doch wenigstens Gottes Sohn!“
GEJ|1|61|11|0|Sage Ich: „Ganz wohl, ganz wohl! Aber jetzt zum Mahle! Nach dem Mahle sollst du noch so manches erfahren; aber jetzt rede Ich vor dem Mahle nichts mehr. Sieh nur an die vielen, die es bereits hungert und dürstet, da es eben heute sehr warm ist! Daher sollen sie nun erst erquickt werden und vollauf gestärkt sein, dann wird sich schon alles andere geistig auch wieder geben!“
GEJ|1|62|1|1|62. - Des Herrn Rede über das Reich Gottes und die Mission des Messias. Vom Aufenthalt der verstorbenen Menschenseelen vor der Himmelfahrt des Herrn
GEJ|1|62|1|0|Nun redet der Kaufmann nichts mehr, dankt mit Mir dem Vater und setzt sich dann an einen großen Tisch, der in der Mitte des Saales steht. Ich und alle Meine Jünger, Jonael mit dessen Weibe und Töchtern, die Irhael mit ihrem Gemahle Joram und in deren Mitte Meines Leibes Mutter Maria aber setzen uns dann auch zum selben Tische.
GEJ|1|62|2|0|Den Kaufmann freut das über die Maßen, so daß er sagt: „Herr, weil Du mich gewürdigt hast, Dich an diesen Tisch zu setzen, an den ich mich gesetzt habe, so will ich von nun an einen zehnten Teil von allem, was meine Güter tragen, den Armen geben und alle die Steuern, die sie an die Römer zu entrichten haben, volle zehn Jahre hindurch im voraus entrichten! Nach dieser Zeit aber hoffe ich zu Gott, Deinem und unserem Vater, daß Er uns von dieser Plage durch Dich, o Herr, freimachen wird, zu welch tätigster Mithilfe ich mich durch und durch mit allem, was ich habe, schon draußen Dir treu und wahr angeboten habe.
GEJ|1|62|3|0|O Herr, nur von dieser Plage mache uns frei, und daß die Juden von Jerusalem mit uns wieder in eine Gemeinschaft treten möchten; denn sie haben sich von der alten Wahrheit himmelweit entfernt! Bei ihnen herrscht nichts als Selbstsucht, Herrschgier und Glanz; Gottes gedenken sie nimmer, und von der Nächstenliebe ist keine Spur mehr! Garizim verachten sie; aber den Tempel Jehovas zu Jerusalem haben sie in eine Wechsler- und Krämerbude verwandelt! Und sagt man zu ihnen, daß sie Frevler sind im Heiligtume Gottes, dann verfluchen und verwünschen sie den, der sie beim rechten Namen zu nennen wagt! Herr, das muß anders werden; also kann es nicht mehr verbleiben! Und verbleibt es, dann ist bald eine erneuerte Sündflut zu befürchten! Rings herum in der ganzen Welt Heiden über Heiden, und zu Jerusalem und in Judäa leben Juden, Priester, Leviten, Schriftgelehrte, Pharisäer und Wechsler und Krämer, die allesamt zehnmal ärger sind als alle Heiden! Kurz, die Welt ist nun ärger um vieles denn zu Zeiten Noahs! Wenn da nicht Abhilfe kommt und der Messias nicht zur Hand nimmt ein flammendes Schwert, so kommen wir offenbarst wieder zum Baue einer neuen Arche! Herr, tue also, was nur immer in Deiner Macht steht! Ich will Dir allzeit Hilfe leisten!“
GEJ|1|62|4|0|Sage darauf Ich: „Lieber Jairuth! Sieh an Meine Jünglinge! Ich sage dir: Ich habe deren so viele, daß sie auf tausendmal tausend Erden nicht Platz hätten, und einer genügte vollkommen, das ganze römische Reich in drei Augenblicken zu vernichten. Aber obschon ihr besser seid im Glauben als die Juden, so habt ihr aber dennoch mit den Juden gleich einen völlig falschen Begriff vom Messias und Seinem Reiche.
GEJ|1|62|5|0|Wohl wird der Messias ein neues Reich gründen auf dieser Erde, aber – merke es wohl! – kein materielles unter Krone und Zepter, sondern ein Reich des Geistes, der Wahrheit, der rechten Freiheit aus der Wahrheit, unter der alleinigen Herrschaft der Liebe!
GEJ|1|62|6|0|Die Welt aber wird berufen werden, in dies Reich einzugehen. Wird sie dem Rufe folgen, so wird das ewige Leben ihr Lohn sein; wo sie aber dem Rufe nicht folgen wird, so wird sie zwar bleiben, wie sie ist, aber am Ende wird sie überkommen den ewigen Tod!
GEJ|1|62|7|0|Der Messias als nun ein Menschensohn ist nicht gekommen zu richten diese Welt, sondern nur, um zu berufen alle, die nun wandeln in der Finsternis des Todes, zum Reiche der Liebe, des Lichtes und der Wahrheit!
GEJ|1|62|8|0|Er kam nicht in diese Welt, um euch das wiederzugewinnen, was eure Väter und Könige an die Heiden verloren haben, sondern nur, um euch das wiederzubringen, was Adam verloren hatte für alle Menschen, die je auf dieser Erde gelebt haben und noch je leben werden!
GEJ|1|62|9|0|Bis jetzt ist noch keine Seele, die den Leib verließ, der Erde entrückt worden; zahllos viele, von Adam angefangen bis zur Stunde, schmachten sie noch alle in der Nacht der Erde. Aber von nun an erst werden sie frei! Und wann Ich in die Höhe fahren werde, werde Ich allen den Weg von der Erde in die Himmel öffnen, und sie werden alle eingehen auf diesem Wege zum ewigen Leben!
GEJ|1|62|10|0|Siehe, das ist das zu vollbringende Werk des Messias, und nicht irgend etwas anderes! Und du brauchst deine Hinterasiaten-Streiter nicht zu rufen, indem Ich ihrer nie bedürfen werde. Aber geistige Arbeiter werde Ich viele brauchen für Mein Reich, und die werde Ich Mir Selbst zubereiten. Hier an diesem Tische sitzen schon einige; aber es werden ihrer schon noch mehrere dafür zubereitet werden in aller Liebe und Wahrheit.
GEJ|1|62|11|0|Siehe nun, das zu bewerkstelligen, ist Meine Aufgabe! Du aber urteile nun und sage es Mir dann, wie dir solch ein Messias behagt!“
GEJ|1|62|12|0|Sagt der Kaufmann Jairuth: „Herr, darüber muß ich wohl sehr nachdenken! Denn von der Art eines Messias hat noch nie ein Mensch etwas vernommen! Ich aber meine, also wird der Messias der Welt wenig nützen! Denn solange die Welt belassen wird, wie sie ist, wird sie stets ein ärgerlichster Feind alles dessen sein, was da ist des Geistes! Ich aber will nun weiterdenken.“
GEJ|1|63|1|1|63. - Jairuths Rede über den Unterschied von Gesetz und gutem Rat. Über die Wirkung des Weines
GEJ|1|63|1|0|Alles ißt und trinkt nun; selbst der Jairuth fängt ganz in Gedanken an, zu essen und daneben auch recht wacker zu zechen. Als er von dem glühendsten Liebeweine aus den Himmeln selbst ganz zu Liebe umgewandelt wird, sagt er zu Mir: „Herr, mir kam jetzt ein herrlicher Gedanke! So es möglich ist, da möchte ich Reben haben von der Art, daß ich aus ihren Trauben einen derartigen Wein keltern könnte! Denn so ich einen solchen Wein habe in meinen Kellern, da mache ich die ganze Welt voll von nichts anderem als von Liebe über Liebe! Ich habe es nun an mir erfahren. Ich bin zwar wohl sonst auch ein Mensch, der irgend eine Vorliebe zu allem, was gut, recht und schön ist, hat; aber daß ich je irgend eine besondere Liebe zu den Menschen in mir verspürt hätte, wüßte ich wahrlich nicht zu sagen.
GEJ|1|63|2|0|Ich tat bis jetzt alles, das ich tat, aus einem gewissen Rechtszwange, den ich mir nach der Kenntnis der Gesetze selbst vorschrieb. Mir lag wenig daran, ob ein Gesetz gut oder schlecht war; in solch ein Grübeln habe ich mich eigentlich nie eingelassen. Mein Wahlspruch war: Gesetz ist Gesetz, ob von Gott oder vom Cäsar! So es hinter dem Rücken Strafe nach sich zieht, so muß man es beachten aus Eigenliebe, auf daß man sich durch die Nichtbeachtung des Gesetzes keine bösen Folgen zuziehe! Hat ein Gesetz aber keine Sanktion, dann ist es auch kein Gesetz, sondern bloß ein guter Rat, den man tun kann, aber dazu dennoch keine sanktionierte Verpflichtung hat.
GEJ|1|63|3|0|Es kann zwar auch ein Schaden aus der Nichtbefolgung eines guten Rates hervorgehen, der nahe ganz das traurige Gesicht von einer gesetzlichen Strafe hat, aber die Nichtbefolgung eines guten Rates ist dennoch keine Sünde derart, daß dabei mehrere beteiligt werden könnten, als hauptsächlich derjenige nur, der den guten Rat nicht befolgte. Ist aber ein Rat schlecht, so begehe ich offenbar eine grobe Sünde, wenn ich ihn befolge.
GEJ|1|63|4|0|Beim Gesetze aber ist es anders. Ob dasselbe gut oder total schlecht ist, so muß ich es befolgen, weil es ein Gesetz ist. Befolge ich es nicht, etwa deshalb, weil ich es als schlecht erkenne, so sündige ich entweder gegen Gott oder gegen den Landesherrn, und ich werde darob von beiden gezüchtigt werden! Aus dem aber geht hell und klar hervor, daß ich das gewisse gesetzliche Gute nie aus Liebe, sondern nur aus dem mir innerlich stets widerwärtigen gesetzlichen Muß beachte. Nun aber, da ich diesen herrlichsten Rebensaft aus den Himmeln getrunken habe, sehe ich nichts als Liebe um Liebe, und ich möchte nun schon die ganze Erde umarmen und küssen!
GEJ|1|63|5|0|Zudem sehe ich auch den gleichen Effekt bei allen, die von diesem ganz echt himmlischen Weine getrunken haben. Daher möchte ich mir einen großen Garten voll solcher Reben ziehen und dann von dem Weine allen Menschen zu trinken geben, und sie würden dann, so wie ich nun, sicher in kürzester Zeit ganz zu Liebe werden! Wenn es also möglich wäre, mir solche Reben zu verschaffen, da wäre ich der glücklichste Mensch auf der lieben und schönen Erde Gottes!“
GEJ|1|63|6|0|Sage Ich: „Reben, die dir einen gleichen Saft geben werden, kann Ich dir wohl verschaffen; aber du wirst damit dennoch nicht die vermeinte Wirkung bei den Menschen zuwege bringen. Denn dieser Wein belebt wohl die Liebe, wenn sie ohnedies schon im Menschen ist; hat aber der Mensch die Liebe nicht, sondern nur Böses in seinem Herzen, so wird sein Böses ebenso belebt in ihm wie in dir nun die Liebe, und er wird dann erst zu einem vollendeten Teufel umgewandelt werden und wird mit einem großen Enthusiasmus das Böse ebenso ins Werk setzen, als wie du nun alles Gute ins Werk setzen möchtest.
GEJ|1|63|7|0|Daher ist es bei diesem Safte sehr wohl zu berücksichtigen, wem man ihn zum Genusse vorsetzt! Aber Ich will dir dennoch einen Weinberg voll solcher Reben zukommen lassen; aber habe dabei wohl acht, wem du solch einen Saft zu trinken geben wirst! Die belebte Liebe mag wohl viel Gutes stiften; aber besser ist es, so sie durch Gottes Wort belebt wird, weil sie dableibt, während sie beim Genusse dieses Saftes nur eine Zeitlang anhält, dann aber wieder verraucht wie dieser Saft selbst. Das beachte du demnach auch wohl, sonst wirst du Übles statt Gutes stiften!“
GEJ|1|63|8|0|Sagt darauf der Kaufmann Jairuth: „Herr, da wäre es sonach nicht gut, solch einen Wein zu bauen! Denn man kann es ja doch nicht wissen, ob ein Mensch, dem man so einen Saft zu trinken gäbe, Liebe oder Böses in seinem Herzen berge. Und wenn man dann mit dem besten Willen, nur dessen Liebe zu beleben, sein Böses belebte, da wäre man dadurch in eine schöne Verlegenheit und Gefahr obendrauf versetzt! Nein, nein, da ließe ich das Bauen solch eines Weines denn doch eher stehen!“
GEJ|1|63|9|0|Sage Ich: „Mir ist es ganz gleich; Ich tue dir, was du willst! Aber Ich sage dir: Mehr oder weniger liegt wohl in jeder Weingattung, die auf der Erde gebaut wird, die gleiche Eigenschaft. Laß du von deinen Eigenbauweinen verschiedene Menschen ungefähr nur soviel trinken, als wie du nun schon von Meinem rein himmlischen Weine getrunken hast, und du wirst sehen, wie einige ganz in die Liebe übergehen werden; andere dagegen werden zu wüten und zu toben anfangen, daß du sie wirst müssen mit Stricken binden lassen! So aber schon die irdischen Weine solche Wirkungen hervorbringen, um wieviel mehr himmlische!“
GEJ|1|64|1|1|64. - Jairuth entsagt dem Wein, tut dafür den Armen Gutes und erhält zwei Schutzengel. Der Engel Wesen und Aufgabe.
GEJ|1|64|1|0|Sagt Jairuth: „Herr, wenn so, wie ich mich schon einige Male in allem Ernste selbst überzeugt habe, da werde ich im Grunde des Grundes am Ende noch allen Weinbau aufgeben und dessen Genuß in meinem Hause ganz abschaffen. Denn die rechte Liebe kann auch durch rechte Worte nach Deiner Behauptung, die ich sehr wahr und gut finde, und zwar für bleibend, belebt werden, und das Böse muß daneben im tiefen Hintergrunde verbleiben. Wenn so, da laß ich sogleich allen Weinbau beiseite und verpflichte mich selbst, nach diesem Himmelsweine nie mehr einen irdischen zu trinken! Was sagst Du zu diesem meinem Vorsatze?“
GEJ|1|64|2|0|Sage Ich: „Ich kann ihn weder loben noch tadeln. Tue du, was dir bestens dünkt! Wenn es deiner Seele gut dient, so tue alles nach deiner bessern Ansicht! Im übrigen kannst du alles Gute von Mir haben, so es dir darum zu tun ist, weil du ein im Guten sehr strenger und rechtlicher Mann bist, und weil Ich es dir zugesagt habe.“
GEJ|1|64|3|0|Sagt Jairuth: „Herr, so bleibe Du bei mir samt Deinem Anhange, oder laß mir wenigstens einen oder zwei solcher Deiner Jünglinge, auf daß sie mich unterweisen möchten in der rechten Liebe und Weisheit!“
GEJ|1|64|4|0|Sage Ich: „Ich kann vorderhand mit Meinem Anhange wohl deinem guten Begehren nicht nachkommen, da Ich nun in dieser Welt noch sehr viel zu tun habe; aber zwei solcher Jünglinge, die du dir auswählen kannst, will Ich dir wohl belassen! Habe aber ja acht, daß du nicht in irgend eine Sünde verfällst, noch jemand deiner Familie; denn da würden sie dir zu fürchterlichen Zuchtmeistern werden und dein Haus verlassen in der Bälde! Denn wisse, diese Jünglinge sind Engel Gottes und können allzeit Dessen Antlitz schauen!“
GEJ|1|64|5|0|Sagt Jairuth: „O Herr, das ist schon wieder etwas Bitteres! Denn wer kann gutstehen dafür, daß er nicht sündige einmal im Jahre durch Gedanken, Worte und Taten?! Daneben so ein paar Zuchtmeister, vor denen nichts verborgen bleiben kann, das wäre eine eben nicht sehr erfreuliche Bescherung! Deshalb möchte ich auch wieder von dieser Bitte abstehen, und es soll bleiben wie es ist, und wie es war.“
GEJ|1|64|6|0|Sage Ich: „Alles gut; wie du es willst, also soll es dir werden! Du bist frei, und es soll dir nirgends ein Zwang angetan werden; dessen sei du versichert!“
GEJ|1|64|7|0|Sagt Jairuth: „Nein, die Jünglinge, also diese echten Gottesengel, sehen doch gar zu hold und lieb aus! In ihrer Gegenwart eine Sünde zu begehen deucht mich eine Unmöglichkeit zu sein. Darum gehe es nun schon, wie es wolle; zwei behalte ich in jedem Falle!“
GEJ|1|64|8|0|Sage Ich: „Nun – gut, – also sollen dir auch zwei verbleiben und in deinem Hause sichtbar verweilen, solange sie sich wohl befinden werden! Mein Freund Jonael wird dich Meine Wege nachderhand allergetreuest kennen lehren. Solange du auf diesen Wegen wandeln wirst mit deinem Hause, werden sie bei dir verbleiben und dir dienen in allem und schützen dein Haus vor jeglichem Übel; so du aber Meine Wege verlassen wirst, dann auch werden sie dich und dein Haus verlassen.“
GEJ|1|64|9|0|Sagt Jairuth: „Wohl denn, es bleibe dabei! Wein wird in meinem Hause keiner mehr genossen werden, und mit dem Vorrate will ich den Römern den ausgesprochenen zehnjährigen Zins für die Armen dieser Umgegend bezahlen; die Trauben aber, die in meinen Gärten wachsen, werde ich trocknen und sie als eine liebliche süße Frucht also verzehren und den Überfluß verkaufen! Ist es recht also?“
GEJ|1|64|10|0|Sage Ich: „Vollkommen! Was du immer aus Liebe zu Mir und deinen Nebenmenschen, die deine Brüder sind, tun wirst, das wird wohl und recht getan sein!“
GEJ|1|64|11|0|Nach dem berufe Ich sogleich zwei der Jünglinge, stelle sie dem Jairuth vor und sage: „Taugen dir diese beiden?“ Jairuth, über deren Anblick bis in alle Himmel entzückt, sagt: „Herr, wenn Du mich der Gnade wert hältst, so bin ich damit bis in die tiefste Tiefe meines Herzens über alle Maßen zufrieden; aber nur zu sehr fühle ich meinen Unwert für den Besitz solch einer Gnade aus den Himmeln. Aber ich werde mich von nun an schon über alle Maßen befleißen, solcher Gnade nach und nach würdiger zu werden; und so denn geschehe Dein mir stets heiliger werdender Wille!“
GEJ|1|64|12|0|Die beiden Jünglinge aber sagen: „Des Herrn Wille ist unser Sein und Leben. So dieser tätig in allem gehandhabt wird, da sind wir die tätigsten Mitarbeiter und haben dazu Kraft und Stärke in Überfülle; denn unsere Macht reicht über alle sichtbare Schöpfung hinaus, die Erde ist uns ein Sandkörnchen und die Sonne wie eine Erbse in der Hand eines Riesen, und all das Gewässer der Erde reicht nicht hin, um ein Haar unseres Hauptes feucht zu machen, und vor dem Hauche unseres Mundes bebet das Heer der Sterne! Aber wir haben die Kraft nicht, um uns damit zu brüsten vor der großen Schwäche der Menschen, sondern um ihnen zu dienen nach dem Willen des Herrn. Daher können und wollen wir dir auch dienen recht nach dem Willen des Herrn, solange du solchen erkennen, annehmen und respektieren wirst in aller Tat. Hast du aber solchen verlassen, dann hast du auch uns verlassen, indem wir nichts sind als der personifizierte Wille Gottes des Herrn. Der aber uns verläßt, den verlassen dann auch wir. Das sagen wir dir hier in der vollen Gegenwart des Herrn, Dessen Antlitz wir allzeit schauen und horchen auf Seine leisen Winke, die uns zu einer neuen Tat rufen und kräftigst ziehen.“
GEJ|1|64|13|0|Sagt darauf Jairuth: „Ihr holdesten Jünglinge! Daß euch eine für uns Sterbliche unberechenbare Kraft eigen ist, das begreife und fasse ich recht wohl und klar; aber ich vermag auch vieles, das vielleicht ihr selbst nicht vermöget, und das ist, daß ich mich vor euch rühme meiner Schwäche, in der weder Macht noch irgend eine Kraft zu Hause ist. Aber in dieser meiner großen Schwäche vor euch liegt dennoch auch eine Kraft, vermöge welcher ich des Herrn Willen erkennen, annehmen und erfüllen kann!
GEJ|1|64|14|0|Freilich nicht in dem Maße als ihr, aber der Herr wird mir auch sicher nicht mehr aufbürden, als was ich zu ertragen imstande bin! Und in dieser Hinsicht ist mir meine Schwäche sehr ehrenwert; denn es ist sicher einer vorzüglichen Berücksichtigung wert, daß die Schwäche des Menschen am Ende dennoch denselben Willen des Herrn tut als eure ungemessene Kraft und Macht.
GEJ|1|64|15|0|Und so ich nun bisher den Herrn recht verstanden habe, da dürfte es sich am Ende noch also dartun, daß dem Herrn die Tat der Schwäche der Kinder lieber sein wird, und die Kraft und Taten der großen und mächtigen Geister der Himmel sich am Ende selbst werden von der Schwäche der kleinen Kindlein dieser Erde müssen leiten lassen, um zum Tische der Kindlein zu gelangen! Denn so der Herr Selbst zu den Schwachen kommt, so scheint es wenigstens mir, daß Er da die Schwachen stark machen werde!“
GEJ|1|64|16|0|Sagen die Jünglinge: „Ja, ja, also ist es wohl sicher und richtig! Erkenne also des Herrn Willen und tue danach, so hast du schon unsere Kraft und Macht in dir, die nichts ist als der pure Wille Gottes des Herrn! Wir selbst haben weder eine Kraft noch irgend eine Macht, sondern alle unsere Kraft und Macht ist nichts als der erfüllte Wille Gottes in und durch uns!“
GEJ|1|64|17|0|Sage Ich: „Nun gut von jeder Seite! Gestärkt haben wir uns, und somit, ihr Lieben alle, wollen wir uns wieder erheben von den Tischen und uns auf einen weiterführenden Weg machen!“ Auf dies Wort erhebt sich alles, dankt und begibt sich mit Mir ins Freie.
GEJ|1|65|1|1|65. - Jairuth begleitet den Herrn. Dienst der Schutzengel
GEJ|1|65|1|0|Jairuth wünscht zwar, daß Ich den ganzen Tag über bei ihm zubringen möchte; Ich aber zeige ihm, wie es noch mehrere Kranke in dieser Gegend gibt, die Ich am Wege besuchen will. Dafür aber bittet Mich dann Jairuth, ob er Mich nicht wenigstens bis zur Stadt zurückgeleiten dürfe, und Ich gestatte ihm solches. Da macht er sich sogleich auf den Weg, bittet aber die beiden Jünglinge auch zugleich, daß sie ihn begleiten möchten!
GEJ|1|65|2|0|Die Jünglinge aber sagen: „Es ist dir besser, daß wir hier verbleiben; denn die Gäste im Gartensaale haben dich als einen Meuterer bei den Römern angezeigt, und es ginge deinem Hause ohne uns schlecht! Verstehst du solches?“
GEJ|1|65|3|0|Jairuth wird über solch eine Nachricht nahe unsinnig und fragt über alle Maßen aufgeregt: „Welcher Satan von einem Menschen hat solches den Römern hinterbracht, und was mag ihn dazu bewogen haben?“
GEJ|1|65|4|0|Spricht ein Jüngling: „Sieh, in Sichar leben Kaufleute, die nicht so glücklich sind als du; sie können sich keine Schlösser erbauen und noch weniger ein ganzes großes Land käuflich an sich bringen, wie du dir in Arabien es angekauft hast, ein tüchtig Land am Roten Meer. Solche Kaufleute werden dir alsonach neidisch um dein irdisch Glück und haben die größte Sehnsucht, dich zu verderben. Es würde ihnen diesmal auch gelingen, so wir nicht bei dir wären; aber da wir dich schützen im Namen des Herrn, so wird dir bei dieser Gelegenheit kein Haar gekrümmt werden. Sieh aber, daß du wenigstens drei Tage lang vom Hause abwesend bleibst!“
GEJ|1|65|5|0|Dies beruhigt den Jairuth, und er begibt sich schnell mit Mir weiter zu ziehen aus dem Schlosse.
GEJ|1|65|6|0|Als wir eben über den Hofraum des Schlosses ziehen, kommt uns eine gemessene Schar römischer Söldlinge und Schergen entgegen, macht halt vor uns und bedroht uns, nicht weiterzuziehen! Ich Selbst aber trete vor und zeige ihnen das Zeugnis des Nikodemus. Der Anführer aber sagt: „Das nützt nichts, wo ein begründeter Verdacht von Meuterei gegen Rom vorhanden ist!“
GEJ|1|65|7|0|Sage Ich: „Was willst du denn von uns? Dich hat eine freche und unverschämte Lüge eines Haufens von Neidern zu diesem Schritte genötigt; Ich aber sage es dir, daß daran kein wahres Wort haftet! Mochtest du aber der Lüge dein Ohr so willfährig leihen, so leihe es nun um so willfähriger der offensten Wahrheit auch, für die du hier mehr Zeugen findest als in der Stadt für die unverschämteste Lüge von etlichen argen Neidern!“
GEJ|1|65|8|0|Sagt der Anführer: „Das sind leere Ausflüchte und gelten bei mir nichts. Vor dem Gerichte konfrontaliter (dem Ankläger gegenübergestellt) erst läßt sich die Wahrheit ermitteln; daher begebet euch nun nur sogleich ganz willig mit uns vors Gericht, sonst gebrauchen wir Gewalt!“
GEJ|1|65|9|0|Sage Ich: „Dort ist das Schloß; der Herr allein ist euch als Meuterer angezeigt, dort gehet hin und untersuchet, ob ihr was von einer Meuterei entdecken möget! – Wollt ihr uns aber mit Gewalt zwingen, euch zu folgen vor euer ungerechtestes Gericht, so werden wir euch auch eine rechte Gewalt entgegenzusetzen imstande sein, und es wird sich zeigen, wer dabei den kürzeren ziehen wird! Tuet alsonach was ihr wollt! Meine Zeit ist noch nicht da; Ich habe es euch gesagt, daß hier keine Schuld waltet! Wer aber im Rechte ist, der soll das Recht auch schützen durch allerlei Kampf mit Wort und Tat!“
GEJ|1|65|10|0|Der Anführer überschaut Meine zahlreiche Gesellschaft und befiehlt, uns alle sogleich zu fangen und zu binden. Zuerst fallen seine Söldlinge und Schergen über die Jünglinge her und versuchen sie zu fangen; die Jünglinge aber entwischen ihnen stets so geschickt, daß sie auch nicht einen zu fangen vermögen. Als die Söldlinge und Schergen sich also mit dem Fangen der Jünglinge abmühen und sehr zerstreuen, weil die Jünglinge zum Scheine nach allen Seiten hin flüchtig werden, so sage Ich zum Anführer: „Mich deucht es, daß es dir schwer wird, uns zu fangen.“ Der Anführer will mit seinem Schwerte nach Mir hauen; aber in dem Augenblick entreißt ihm ein Jüngling das Schwert und schleudert es unsichtbar weit in die Höhe und vernichtet es also.
GEJ|1|65|11|0|Sage Ich zum Anführer: „Nun, womit wirst du nun nach Mir hauen oder stechen?“ Der Anführer, ganz wütend vor Zorn, spricht: „So also wird hier Roms Macht respektiert?! Gut, ich werde solches nach Rom zu berichten wissen, und nach kurzer Zeit seht euch diese Gegend wieder an und sagt dann, ob sie noch dieselbe sein wird! Kein Stein soll auf dem andern gelassen werden!“
GEJ|1|65|12|0|Ich aber zeige ihm, wie soeben die Jünglinge alle die Söldlinge und Schergen vor sich hertreiben, mit Stricken gebunden! Als der Anführer solches ersieht, fängt er an, den Zeus und Mars und sogar die Furien anzurufen, daß sie ihn vor solcher Schmach in den Schutz nehmen möchten!
GEJ|1|65|13|0|Ich aber sage den Jünglingen, daß sie die Söldlinge und Schergen wieder freigeben sollen; diese tun das sogleich. Darauf sage Ich zum Anführer: „Nun, hast du noch Lust, weiter deine Gewalt an uns zu versuchen?“ Sagt der Anführer, diese Jünglinge müßten Götter sein, ansonst es nicht möglich wäre, diese seine ausgezeichnetsten Krieger also gänzlich mit nackten Händen zu besiegen.
GEJ|1|65|14|0|Sage Ich: „Ja, ja, sie werden für dich und deinesgleichen wohl Götter sein; daher laß uns nun weiterziehen und führe deine Untersuchung im Schlosse, sonst wird dir Ärgeres widerfahren!“
GEJ|1|65|15|0|Sagt der Anführer: „Ich erkenne euch alsonach für unschuldig und gestatte euch, eures Weges weiterzuziehen. Ihr, meine Truppen, aber begebet euch ins Schloß, untersuchet alles und lasset niemand eher aus dem Schlosse entweichen, als bis ihr alles werdet untersucht haben; ich aber werde euch hier erwarten!“ Sagt ein Unteranführer: „Warum willst du denn nicht selbst im Schlosse die Untersuchung leiten?“ Sagt der Anführer: „Du siehst doch, daß ich um mein Schwert gekommen bin; ohne Schwert aber ist so eine Untersuchung ungültig!“ Sagt der Unteranführer: „Uns geht es um kein Haar besser; wie wird es hernach mit der Gültigkeit unserer schwertlosen Untersuchung aussehen?!“ Sagt der Oberanführer: „So, – also auch ihr waffenlos?! Das ist schlimm! – Ohne Waffen können wir nichts tun. – Hm, was tun wir aber jetzt?“
GEJ|1|65|16|0|Sage Ich: „Dort gen Mittag unter der hohen Zeder liegen eure Waffen; gehet hin und holet sie, denn wir fürchten euch mit Waffen ebensowenig als ohne dieselben!“ Nach diesen Worten ziehen sie hin, wo ihre Waffen ruhen.
GEJ|1|66|1|1|66. - Heilung des Gichtbrüchigen
GEJ|1|66|1|0|Wir aber ziehen auch weiter gen Morgen und kommen bald zu einem kleinen Dörfchen, ungefähr zwanzig Feldweges vom Schlosse entfernt. Die ganze Einwohnerschaft eilt uns freudig entgegen und befragt uns sanft, womit sie uns dienen könnte. Ich aber sage zu ihnen: „Habt ihr niemand, der krank wäre in eurer Mitte?“ Sie bejahen es und sagen: „Ja, wir haben einen, der völlig gichtbrüchig ist!“
GEJ|1|66|2|0|Sage Ich: „Also bringet ihn her, auf daß ihm die Gesundheit wieder werde!“ Sagt einer: „Herr, das wird schwer gehen! Dieser Gichtbrüchige ist derart kontrakt, daß er nun bei volle drei Jahre das Bett nicht mehr verlassen kann, und das Bett, darin er liegt, ist schwer zum Weitertragen, da es mit dem Boden befestigt ist. Möchtest du dich denn nicht zum Kranken bemühen?“ Sage Ich: „So das Bett schwer zu übertragen ist, so hüllet den Kranken denn in eine Matte ein und bringet ihn hierher!“ Auf diese Beheißung eilen etliche schnell in das Haus, in dem der Gichtbrüchige liegt, wickeln ihn in eine Matte ein und bringen ihn zu Mir hinaus auf die Straße und sagen: „Herr, hier ist der arme Kranke!“
GEJ|1|66|3|0|Ich aber frage den Kranken, ob er es glaube, daß Ich ihn heilen könne. Da besieht Mich der Kranke und sagt: „Lieber Freund, du siehst wohl danach aus; du scheinst schon ein rechter Heiland zu sein! Ja, ja, ich glaube es!“
GEJ|1|66|4|0|Sage darauf Ich: „Nun denn, – so stehe auf und wandle! Dein Glaube kam dir zu Hilfe; aber vor deinen gewissen Sünden hüte dich in der Folge, auf daß du nicht wieder in die Gicht verfällst, die ein zweites Mal ärger wäre denn nun!“
GEJ|1|66|5|0|Und alsbald erhebt sich der Kranke, hebt die Matte auf und fängt an zu gehen. Als er dadurch erst merkt, daß er vollkommen geheilt ist, so fällt er vor Mir nieder, dankt und sagt am Ende: „Herr, in Dir ist mehr denn Menschenkraft; gelobt sei die Kraft Gottes in Dir! O selig der Leib, der Dich getragen, und überselig die Brust, die Du gesogen!“
GEJ|1|66|6|0|Ich aber sage zu ihm: „Und selig alle, die Meine Worte hören, sie in ihrem Herzen behalten und darnach leben!“ Sagt der Kranke: „Herr, wo kann man Dich reden hören?“
GEJ|1|66|7|0|Sage Ich: „Kennst du doch den Oberpriester Jonael von Sichar, der auf Garizim opferte! Siehe, der hat Mein Wort; gehe hin und lerne es von ihm!“ Sagt der Geheilte: „Herr, wann ist er zu treffen daheim?“ Sage Ich: „Hier neben Mir steht er; frage ihn selbst, er wird es dir sagen!“
GEJ|1|66|8|0|Hier wendet sich der Geheilte an den Jonael und sagt: „Würdiger Oberpriester des Jehova auf Garizim, in welcher Zeit dürfte ich in dein Haus treten?“
GEJ|1|66|9|0|Sagt Jonael: „Bis jetzt bestand deine Arbeit im Liegen und im geduldigen Ertragen deines Leidens; du hast demnach daheim nicht viel zu versäumen. Gehe mit uns den heutigen Tag über und höre; es wird noch so manches vorkommen, und morgen sollst du alles andere erfahren!“
GEJ|1|66|10|0|Sagt der Geheilte: „So ich als würdig erachtet werden mag, zu wandeln in solch einer Gesellschaft, da folge ich euch mit allen Freuden! Denn, lieber Freund, wenn man durch drei volle Jahre unter oft unsäglichen Schmerzen im harten Bette hat dahinschmachten müssen und nun durch ein reines Gotteswunder auf einmal von dem bösen Übel geheilt wird, da fühlt man erst so recht den Wert der Gesundheit! Und welch eine Freude ist es, mit geraden Beinen wandeln zu können! Deshalb möchte ich nun, gleich einem David, tanzend und springend vor euch einhergehen und mit großem Jauchzen loben die große Güte des Herrn!“
GEJ|1|66|11|0|Sagt Jonael: „Gehe und tue desgleichen, auf daß vor unsern Augen erfüllet werde, wie es vom Herrn geschrieben steht: ,Und der Lahme wird springen wie ein Hirsch!‘“
GEJ|1|66|12|0|Da wirft der Geheilte die Matte von sich, begibt sich schnell vor die Gesellschaft, fängt an zu springen und zu jauchzen und läßt sich in seiner Freude nicht stören. Denn es kommen ihm nach zwei bis drei Feldweges die vom Schlosse des Jairuth durch die zwei Jünglinge auf einen Seitenweg versprengten römischen Söldlinge und Schergen samt ihren Führern entgegen und fragen, ihn in seiner Freude störend, was er da tue. Er aber läßt sich dadurch nicht beirren und sagt, während er noch hüpft und springt, als achtete er der Frage des Oberanführers nicht: „Wenn die Menschen lustig werden, da wird das Vieh traurig; denn der Menschen Freude bringt Tod dem Viehe! Darum nur Jurahel! Jurahel! – Die Menschen voll Freude, das Vieh traurig auf der Heide! – Jurahel, Jurahel!“ Der Geheilte fährt so fort. Das ärgert den Oberanführer, und er verbietet ihm solchen Lärm.
GEJ|1|66|13|0|Der Genesene aber sagt: „Was verbietest du mir meine Freude!? Ich lag drei volle Jahre als Gichtbrüchiger im Bett! Wärest du zu mir gekommen und hättest zu mir gesagt: ,Stehe auf und wandle!‘, und ich wäre auf solch eine Sentenz also gesund geworden, als wie ich's nun bin, da hätte ich dich und jeglich Wort aus deinem Munde göttlich hoch verehrt; aber da du kein solcher bist und deine Macht gegen die meines neuen Herrn ein barstes Nichts ist, da gehorche ich dem mächtigen Herrn, – und darum nur wieder Jurahel, Jurahel, Jurahel!“
GEJ|1|66|14|0|Der Oberanführer verbietet ihm nun ganz ernstlich das Spektakelmachen und bedroht ihn mit Strafe; aber in dem Augenblick kommen zwei der Jünglinge zum Lustigen und sagen ihm: „Laß dich nicht stören in deiner Freude!“
GEJ|1|66|15|0|Als der Anführer die ihm schon bekannten Jünglinge ersieht, so schreit er im Augenblick zu seiner gänzlich waffenlosen Truppe: „Zur Flucht! Seht, schon wieder zwei Diener Plutos!“
GEJ|1|66|16|0|Als der Oberanführer solchen Kommandoruf tut, so nimmt diese ganze römische Fanglegion aber ein derartiges Fersengeld, wie man zuvor noch nichts Ähnliches gesehen hatte. Der Genesene aber springt und jauchzt nun noch mehr und schreit den Flüchtigen nach: „Jurahel, Jurahel! Wenn die Menschen fröhlich sind, ist das Vieh traurig!“ – Darauf wird er ruhiger, kehrt zum Jonael zurück und sagt zu ihm: „Freund, so dir im Gehen das Reden nicht zuwider ist, da könntest du mir wohl etwas von dem kundtun, was du als ein neues Wort von diesem Herrn hast, der mir die Gesundheit gegeben hat!? Denn so ich solch ein Wort mir zum Gesetze machen soll, da muß ich's zuvor kennen!“
GEJ|1|66|17|0|Sagt Jonael: „Sieh, wir nähern uns abermals einem Dorfe, das nun nach der neuen römischen Verfassung ein Flecken ist; da wird der Herr sicher wieder etwas unternehmen! Du aber folgst uns ohnehin in die Stadt; in meinem Hause oder in dem der Irhael findest du Herberge auf so lange, als es dich freut. Daselbst sollst du mit allem bekannt gemacht werden! Wir haben nun auch gar nicht mehr weit in die Stadt. Diese Ortschaft, zu der wir nun kommen, gehört nach einer neuen Ordnung der Römer eigentlich schon zur Stadt; aber da sie vorzüglich den Römern als eine Feste dient, so haben sie sie von Sichar getrennt, sie mit einem Walle umfaßt und sie zu einem Flecken eigenen Namens erhoben. Diese Ortschaft ist nicht groß; mit tausend Schritten haben wir sie hinter dem Rücken. Darauf wenden wir uns links und haben dann kaum sieben Feldwegs bis zu den ersten Häusern von Sichar; daher gedulde dich nur ein wenig noch, und es wird dir dann schon sogleich dein Wunsch erfüllt werden!“
GEJ|1|66|18|0|Sagt der Genesene: „O bei Abraham, Isaak und Jakob! Wenn dieser Flecken ein römischer Besatzungsposten ist, da wird es uns bitter ergehen! Denn der römische Feldherr wird uns übel aufnehmen, indem er erst vor wenigen Augenblicken vor uns das allerschimpflichste Fersengeld genommen hat.“
GEJ|1|66|19|0|Sagt Jonael: „Das überlassen wir alles dem Herrn, Der nun mit uns ist; Er wird alles wohl und recht machen! Ich sehe aber nun schon eine Schar Krieger mit einer weißen Fahne aus dem Flecken uns entgegenziehen; das scheint mir ein gutes Vorzeichen zu sein!“
GEJ|1|66|20|0|Sagt der Genesene: „O ja, wenn es kein gewöhnlicher Kriegskniff der Römer ist!? Denn in derlei sind der Römer und Griechen Kriegsscharen überaus ausgezeichnet!“
GEJ|1|67|1|1|67. - Satan und die Gottesordnung. Der Herr als Verkünder des neuen Gesetzes der Liebe. Die Gegenwart Jehovas im sanften Säuseln
GEJ|1|67|1|0|Sagt Jonael: „Gegen die Macht der Menschen mögen derlei Kniffe von Erfolg sein; aber gegen die Macht Gottes nützt kein solcher Kniff etwas. Mit der Gottesmacht richtet nur die reine und wahre Liebe etwas aus; alles andere ist Spreu gegen des starken Windes Sturmmacht! Daher besorge du nichts; denn mit uns ist Gott! Wer sollte da wider uns sein können?!“
GEJ|1|67|2|0|Sagt der Genesene: „Jawohl, jawohl, du hast recht! Aber mit Adam war auch ohne allen Zweifel Gott, und dennoch hatte Satan durch die schlaueste List es verstanden, den Adam zu kapern! Und Michael hatte nach einem dreitägigen Kampfe Mosis Leib dennoch dem Satan überlassen müssen! Gott ist allmächtig wohl, daran ist kein Zweifel; aber der Satan ist voll der ärgsten List, und diese hat dem Volke Gottes schon manchen Schaden bereitet. Daher ist Vorsicht im Angesicht eines Tigers so lange gleichfort nötig, als dieser lebt; nur so er einmal tot ist, dann erst kann man ohne Vorsicht und Sorge ganz frei atmen!“
GEJ|1|67|3|0|Sagt Jonael: „Auch du hast recht in deiner Art, aber du mußt nun das wohl bedenken, daß der Herr in der früheren Zeit es dem Satan zuließ, so oder so zu wirken; denn dem erstgeschaffenen Geiste mußte eine große Zeit zur Probung seiner Freiheit belassen werden, da er nicht nur der erste, sondern auch der größte der geschaffenen Geister war.
GEJ|1|67|4|0|Aber diese Zeit ist nun zu Ende, und dem Fürsten der Nacht werden nun sehr enge Fesseln angelegt werden, in denen er sich nimmer so frei als wie bisher wird zu bewegen imstande sein.
GEJ|1|67|5|0|Aus dem Grunde denn, so in uns die rechte Liebe zu Gott waltet, wir wohl sorgenfreier auf der Erde wandeln können, als wie dies früher unter des Gesetzes hartem Joche der Fall war.
GEJ|1|67|6|0|Von Adam bis auf uns herrschte das Gesetz der Weisheit, und es gehörte viel Weisheit und der kräftigste und unbedingteste Wille dazu, um solch ein Gesetz in sich zu erfüllen.
GEJ|1|67|7|0|Gott aber sah, daß die Menschen das Gesetz der Weisheit nimmer erfüllen mochten, und kam nun Selbst in die Welt, um ihnen ein neues Gesetz der Liebe zu geben, das sie leicht werden erfüllen können. Denn in dem Gesetze der Weisheit ließ Jehova unter die Menschen nur Sein Licht strahlen; das Licht aber war nicht Er Selbst, sondern es ging nur aus Ihm unter die Menschen, gleichwie auch die Menschen aus Ihm hervorgegangen sind, aber dennoch nicht Jehova Selbst sind. Aber durch und in der Liebe kommt Jehova Selbst zum Menschen und nimmt geistig in aller Fülle der Wahrheit Wohnung im Menschen und macht dadurch den geschaffenen Menschen Sich völlig ähnlich in allem. Und da ist es dann dem Satan nicht mehr möglich, den also gewaffneten Menschen anzutasten mit seiner Schlauheit; denn Jehovas Geist im Menschen durchschaut allzeit des Satans noch so verborgen gehaltene Tücke und hat stets Macht in Übergenüge, des Satans völlige Ohnmacht zu zerstäuben.
GEJ|1|67|8|0|Der Prophet Elias bezeichnete diesen nunmaligen Zustand der Menschen, wo Jehova unmittelbar in der Liebe zu den Menschen kommt, mit dem sanften Gesäusel, das vor der Grotte vorüberzog; aber im großen Sturm und im Feuer war Jehova nicht!
GEJ|1|67|9|0|Das sanfte Gesäusel ist alsonach die Liebe der Menschen zu Gott und ihren Brüdern, in der Jehova Selbst ist, während Er im Sturme der Weisheit und im flammenden Schwerte des Gesetzes nicht ist!“
GEJ|1|67|10|0|Und da nun Jehova Selbst also bei uns, mit uns und unter uns ist, so haben wir des Satans Kniffe durchaus nicht mehr alsosehr zu fürchten, als wie dies in der Urzeit und Vorzeit leider traurig genug der Fall war, und du darfst darob dem blutdürstigen Tiger Roms nun schon mutiger und sorgloser in sein tückevolles Antlitz schauen! Sahst du vorhin nicht, wie die ganze Legion vor den zwei Jünglingen das allerschmählichste Fersengeld nahm?! Uns begleiten aber solche Jünglinge in einer großen Anzahl, und wir sollen Furcht vor den uns mit einer weißen Fahne entgegenkommenden Römern haben?! Ich sage dir: nicht einmal in einem Traume, geschweige in der Wirklichkeit!“
GEJ|1|67|11|0|Auf diese Rede macht der Genesene große Augen und sagt nach einer kurzen Weile: „Was sagst du? Jehova wäre nun unter uns? Ich meinte, daß dieser Mann, der mir half, bloß nur der erwartete Messias sei!? Wie, ist denn bei dir Jehova und der Messias Eins?
GEJ|1|67|12|0|Daß im Messias Jehovas Kraft in viel größerer Fülle walten wird, als sie in allen Propheten zusammengenommen gewaltet hat, das mag ich recht wohl begreifen; aber daß der Messias und Jehova vollends Eins sein würden, das hätte ich mir nicht einmal zu denken, geschweige auszusprechen getraut! Es steht dazu auch geschrieben, daß man sich Jehova unter gar keinem Bilde vorstellen solle, und nun soll dieser Mensch, der für den Messias wahrlich alle Eigenschaften besitzt, Je-ho-va Selbst sein?! Ja, mir ist es vollkommen recht, wenn es dir als unserm Oberpriester nichts macht!
GEJ|1|67|13|0|Daß der Messias ein besonderer Gott sein dürfte, das habe ich mir wohl gleich nach meiner Heilung gedacht; denn Götter sind wir nach der Schrift alle mehr oder weniger, je nach der Haltung des Gesetzes Jehovas. Aber daß Er Jehova Selbst wäre!? – Ja – wenn so, da heißt es nun anders sich verhalten! Ich bin von Ihm Selbst geheilt worden, – und da heißt es nun zu einem ganz andern Danke schreiten!“
GEJ|1|67|14|0|Hier will er sogleich zu Mir gehen. Aber Jonael hindert ihn daran und bescheidet ihn, das zu tun, so sie in Sichar sein werden, und der Genesene stellt sich damit vollkommen zufrieden.
GEJ|1|68|1|1|68. - Zwiegespräch über die Wahrheit zwischen dem Herrn und einem römischen Obersten
GEJ|1|68|1|0|Es kam aber nun auch die römisch-militärische Deputation bei uns an, und deren Anführer überreichte Mir ein Bittschreiben von seiten des Oberanführers und Kommandanten dieses Forts, worin dieser Mich um alles Menschenheiles willen bittet, von dem Vorgefallenen keine Notiz zu nehmen und die Gesellschaft dahin zu stimmen, daß sie es niemandem erzähle, was da vor sich gegangen sei, da ihm solches Schaden und daneben aber dennoch niemandem einen Nutzen brächte! Es werde aber allen mehr von Nutzen sein als zum Schaden, so sie sich ihn als den Oberbefehlshaber Roms lieber zum Freunde als zum Feinde machen! Auch Jairuth soll schweigen, und er soll die Versicherung haben, daß er künftighin Ruhe in seinem Hause haben wird. Im übrigen aber bitte er Mich, daß Ich ihn in seiner Residenz besuchen möchte; denn er hätte mit Mir gar heimliche und wichtige Dinge zu besprechen!
GEJ|1|68|2|0|Ich erwidere darauf dem Überbringer des Schreibens: „Sage du deinem Gebieter, daß es ihm werden solle, um was er gebeten hat. Aber in seine Residenz werde Ich dennoch nicht kommen; wolle er aber mit Mir reden über geheime wichtige Dinge, so solle er Mich am Eingangstore dieses Fleckens erwarten, und Ich werde es ihm kundtun, um was es sich handelt, darüber er mit Mir sprechen möchte.“
GEJ|1|68|3|0|Auf solche Worte entfernt sich der Deputierte mit dessen Begleitung und hinterbringt seinem Gebieter alles, was er von Mir vernommen hat, und dieser begibt sich sogleich mit seinen auserlesensten Unterbefehlshabern an das Tor des Fleckens und erwartet Mich.
GEJ|1|68|4|0|Jairuth aber fragt Mich, ob der Einladung wohl zu trauen wäre; denn er kenne die große Schlauheit dieses Oberbefehlshabers, der ein Oberster sei. Dieser habe schon viele auf diese Art und Weise in die andere Welt befördert!
GEJ|1|68|5|0|Sage Ich: „Lieber Freund, Ich kenne ihn auch, wie er war und wie er nun ist. Die Jünglinge haben ihm einen unvertilgbaren Respekt eingeflößt, er hält sie für Genien und Mich für einen Sohn seines Gottes Jupiter und möchte nun von Mir erfahren, was da an der Sache ist. Ich aber weiß es schon, was Ich ihm sagen werde!“
GEJ|1|68|6|0|Damit begnügt sich Jairuth, und wir kommen an das Tor, an dem uns der Oberste mit seinen Offizieren schon erwartet. Er tritt sogleich hervor, grüßt Mich freundlich und will Mich sogleich befragen über sein Anliegen.
GEJ|1|68|7|0|Ich aber komme ihm zuvor und sage zu ihm: „Freund! Meine Diener sind keine Genien und Ich durchaus kein Sohn deines Zeus! Und nun weißt du alles, was zu wissen und von Mir zu erfragen du dir vorgenommen hast.“
GEJ|1|68|8|0|Der Oberste erstaunt darüber gewaltigst, daß Ich ihm das sogleich offen zu erzählen wußte, was er in sich bloß gedacht, doch davon niemanden in Kenntnis gesetzt hatte.
GEJ|1|68|9|0|Als er also sich eine Weile wundert, da fragt er Mich noch einmal und sagt: „So du das nicht bist, so sage mir denn, wer und was du und deine Diener denn so ganz eigentlich sind! Denn mehr als bloß gewöhnliche Alltagsmenschen seid ihr in jedem Falle, und es wäre mir angenehm, euch die gebührende Ehre erweisen zu können.“
GEJ|1|68|10|0|Sage Ich: „Ein jeder Mensch, der redlich und ehrlich fragt, ist auch einer gleichen Antwort wert. Du hast Mich nun ehrlich und redlich gefragt und sollst darob auch eine gleiche Antwort erhalten, und so höre denn: Ich bin fürs erste das und der, Der Ich nun vor dir stehe, nämlich ein Mensch! Es gibt nun zwar viele auf der Erde, die also aussehen wie Ich; aber Menschen sind sie darum doch nicht, sondern bloß nur Menschenlarven. Je vollendeter aber ein wahrer Mensch ist, desto mehr Macht und Kraft liegt in seinem Erkennen und wirkungsreichen Wollen!“
GEJ|1|68|11|0|Sagt der Oberste: „Kann ein jeder Mensch also vollkommen werden wie du?“
GEJ|1|68|12|0|Sage Ich: „O ja, so er das tut zu seiner Vollendung, was Ich lehre!“
GEJ|1|68|13|0|Fragt der Oberste: „So laß hören deine Lehre, und ich will danach tun und leben!“
GEJ|1|68|14|0|Sage Ich: „Die Lehre wohl könnte Ich dir geben; aber sie würde dir wenig nützen, weil du nicht danach leben würdest. Denn solange du das bist, als was du hier von Rom aus bestellt bist, kann dir Meine Lehre nichts nützen, – du müßtest denn alles verlassen und Mir nachfolgen, ansonst es dir unmöglich wäre, Meiner Lehre nachzuleben!“
GEJ|1|68|15|0|Sagt der Oberste: „Ja, das ginge wohl sehr schwer! Aber dessenungeachtet könntest du mir ja doch einige Hauptgrundsätze deiner Lehre kundtun!? Denn ich besitze schon mancherlei Kenntnisse in verschiedenen Dingen und bin darin wohl verständig; warum sollte ich nicht auch von deiner Lehre irgend eine Kenntnis erhalten? Vielleicht kann ich sie doch in irgend eine Ausübung bringen!?“
GEJ|1|68|16|0|Sage Ich: „Mein Freund, wenn aber Meine Lehre eben darin besteht, daß Mir jemand folge, ansonst er in das Reich Meiner Vollendung nicht eingehen kann, wie wirst du sie dann bei dir in Anwendung bringen?!“
GEJ|1|68|17|0|Sagt der Oberste: „Das klingt zwar sehr seltsam; aber doch mag daran etwas gelegen sein! Laß mich darum ein wenig darüber nachdenken!“
GEJ|1|68|18|0|Der Oberste denkt eine Weile nach und sagt dann: „Meinst du da eine persönliche oder im Grunde des Grundes nur eine moralische Nachfolge?“
GEJ|1|68|19|0|Sage Ich: „Die persönliche Nachfolge, wo sie möglich ist, im steten Verbande mit der moralischen ist ganz natürlich die um vieles vorzüglichere; so aber die persönliche Nachfolge vermöge einer Amtsstellung, die auch sein muß, unmöglich ist, dann genügt auch eine gewissenhaft moralische. Aber das Gewissen muß Mich in der Liebe zu Mir und allen Menschen und daraus die reinste Wahrheit zum Grunde des Grundes haben, ansonst die allein moralische Nachfolge geistig tot wäre. – Verstehst du das?“
GEJ|1|68|20|0|Sagt der Oberste: „Das ist dunkel! Wenn aber also, was soll ich dann mit allen meinen schönen Göttern machen? Meine Urahnen haben an sie geglaubt; ist es recht, daß ich dem Glauben solch meiner Ahnen treu bleibe, oder soll ich an den Gott der Juden zu glauben anfangen?“
GEJ|1|69|1|1|69. - Von der Nichtigkeit der Götter. Vom Wesen und Wert der Wahrheit und der Weg zu ihr. Das Geheimnis der Liebe. Der Schlüssel und Sitz der Wahrheit
GEJ|1|69|1|0|Sage Ich: „Lieber Freund, es liegt an allen deinen Ahnen nichts und noch weniger an ihren Göttern, die sie verehrten; denn deine Ahnen sind lange schon tot, und ihre Götter haben außer in der Phantasie poetischer Menschen niemals eine Existenz gehabt. Hinter ihren Namen und Abbildern barg sich nie eine reelle Wirklichkeit. Wenn du demnach den leersten Glauben an deine Götter fahren läßt, so liegt wahrlich nichts daran; denn sie können deine Seele ebensowenig stärken, als gemalte Speisen deinen Leib sättigen! An all dem, wie gesagt, liegt sonach durchaus nichts; aber alles liegt an der einen reinen Wahrheit und an dem Leben in, aus und durch diese eine reine Wahrheit!
GEJ|1|69|2|0|Denn so du lebst aus der Lüge, dann ist dein Leben in sich selbst nichts als Lüge und kann ewig zu keiner Realität gelangen; ist aber dein Leben, aus der Wahrheit hervorgehend, in sich selbst Wahrheit, dann ist auch alles Realität und Wirklichkeit, was immer dein Leben aus sich ziehet! Niemand aber kann aus der Lüge die Wahrheit ersehen und erkennen, denn der Lüge ist alles eine Lüge. Nur wer aus dem Geiste der Wahrheit neu geboren wird und selbst in sich zur Wahrheit, ja zur vollen Wahrheit wird, für den wird sogar die Lüge zur Wahrheit!
GEJ|1|69|3|0|Denn wer die Lüge als Lüge erkennen kann, der ist in allem selbst Wahrheit, weil er die Lüge alsogleich als das erkennt, was sie ist; und das ist auch Wahrheit! Fassest du solches?“
GEJ|1|69|4|0|Sagt der Oberste: „Freund! Du redest recht und in dir ist eine tiefe Weisheit! Aber die große herrliche Wahrheit, wo ist sie, und was ist sie? Sind die Dinge also wahr, wie wir sie sehen, oder sieht sie etwa das Auge des Negers nicht anders als wir? Dem einen schmeckt eine Frucht süß und angenehm, einem andern dieselbe Frucht bitter und ekelerregend! Also sprechen verschiedene Menschenstämme verschiedene Sprachen; welche darunter ist wahr und gut?! Im speziellen, auf jedes einzelne Individuum für sich gerechnet, mag vieles wahr sein; aber eine allgemeine, alles umfassende Wahrheit kann es nach meiner Einsicht nimmer geben, – und gibt es eine, so zeige mir, wo und was diese ist, und worin sie besteht!“
GEJ|1|69|5|0|Sage Ich: „Mein Freund, siehe, darin liegt der alte, dir bekannte gordische Knoten, den bis auf den dir bekannten Helden von Mazedonien niemand lösen konnte!
GEJ|1|69|6|0|Was du mit den Mitteln des Fleisches schauest und empfindest, ist dem Fleische und dessen Mitteln gleich; es ist wie dieses unbeständig und vergänglich. Was aber unbeständig und vergänglich ist, wie möglich könnte es dir Stoff für die ewig gleichfort beständige und unvergängliche Wahrheit bieten?!
GEJ|1|69|7|0|Nur Eines ist im Menschen, und dieses große und heilige Eine ist die Liebe, die da ist ein rechtes Feuer aus Gott und im Herzen wohnet; und nirgends denn allein in dieser Liebe ist Wahrheit, weil die Liebe selbst der Urgrund aller Wahrheit in Gott und aus Gott in jedem Menschen ist!
GEJ|1|69|8|0|Willst du die Dinge wie dich selbst in der vollen Wahrheit erschauen und erkennen, so mußt du sie auch aus diesem allein wahren Urgrunde deines Seins erschauen und erkennen; alles andere ist Täuschung, und der Kopf jedes Menschen, und was im Kopfe ist, gehört in das Gebiet des dir bekannten gordischen Knotens, den mit Bedachtsamkeit niemand lösen kann.
GEJ|1|69|9|0|Mit schneidender Gewalt nur kann der Mensch mit dem Geiste der Liebe im eigenen Herzen diesen Knoten zerhauen und sodann im Herzen zu denken, zu schauen und zu erkennen beginnen, und wird auf solcher neuen Bahn dann erst zur Wahrheit seines, wie jedes andern Seins und Lebens gelangen!
GEJ|1|69|10|0|Dein Kopf kann dir zahllose Götter schaffen; aber was sind sie? Ich sage dir, nichts als eitle, leblose Gebilde, im Gehirne erzeugt durch dessen lockeren Mechanismus; im Herzen aber wirst du nur einen Gott finden, und dieser ist wahr, weil die Liebe, in der du einen allein wahren Gott gefunden hast, selbst Wahrheit ist.
GEJ|1|69|11|0|Die Wahrheit läßt sich alsonach nur in der Wahrheit suchen und finden; der Kopf aber hat genug getan, so er dir den Schlüssel zur Wahrheit geliefert hat. Alles aber kann ein Schlüssel zur Wahrheit sein, was dich zur Liebe mahnt und zieht; folge darnach solchem Zuge und solcher Mahnung und gehe ein in die Liebe deines Herzens, und du wirst die Wahrheit finden, die dich von jedem Truge frei machen wird!
GEJ|1|70|1|1|70. - Zorn ist Gericht. Wo die Liebe fehlt, ist die Wahrheit nicht. Die allgemeine Wahrheit der Unendlichkeit. Winke über das persönliche Sein jenseits.
GEJ|1|70|1|0|(Der Herr): „Ein Beispiel soll dir diese Sache noch heller machen.
GEJ|1|70|2|0|Siehe, du hast unter deinen Untergebenen einige, die sich gegen deine Gesetze versündigt haben, und sie sollen darum gezüchtigt werden. Du hältst wohl die vorgeschriebenen Untersuchungen mit ihnen und möchtest also durch allerlei pfiffige Fragen ihr eigenes Geständnis aus ihnen holen; aber sie leugnen aus ihrem Kopfe ebenso pfiffig dir alles vom Munde weg, als wie pfiffig und klug du sie aus deinem Kopfe befragst. Es macht auf diese Weise stets eine Lüge der andern Luft, und du kommst mit ihnen zu keinem andern Ziele, als daß du sie am Ende ohne ihr Geständnis, bloß nach der Aussage oft feindlich gesinnter Zeugen, in denen auch keine Wahrheit ist, zur Strafe verurteilen mußt und dabei stets annehmen kannst, daß aus zehn kaum einer ein rechtliches Urteil erhielt und der Schuldlose mit dem Schuldigen ein gleiches Los überkommt!
GEJ|1|70|3|0|Stelle dich aber einmal nicht als Richter, sondern als ein Mensch voll Liebe deinen armen Brüdern gegenüber, die sich an dir versündigt haben, und erwecke in ihren Herzen Gegenliebe, und diese Sünder werden dir mit Reue und vielen Tränen treu und wahr bekennen, wie, wann und was sie gegen dich gesündigt haben! Aber dann falle auch die Strafe hinweg! Denn jegliche Strafe selbst ist keine Wahrheit, sondern das Gegenteil, weil sie nicht aus der Liebe, sondern aus dem Zorne des Gesetzes und dessen Gebers kommt. Der Zorn aber ist selbst ein Gericht; im Gerichte aber ist die Liebe nicht. Wo aber die Liebe fehlt, da ist auch die Wahrheit nicht.
GEJ|1|70|4|0|Halte dich daher an die reine Liebe und handle in ihrer Wahrheit und Kraft, und du wirst dann auch allenthalben die Wahrheit finden und wirst gar sehr ersichtlich gewahr werden, daß es gar wohl eine allgemeine Wahrheit gibt, die nicht nur diese Erde, sondern die ganze Undendlichkeit durchdringt!
GEJ|1|70|5|0|Wenn du unter den Menschen also handeln möchtest, da würdest du Mir moralisch ganz gültig nachfolgen und dir durch solche Nachfolge das ewige Leben erkämpfen. So du aber bleibst, wie du nun bist, da wird dir über dem Grabe nichts als Nacht und ein leeres, lügenvolles Sein, das da ist des Geistes der Liebe und Wahrheit Tod, übrigbleiben!
GEJ|1|70|6|0|Denn sieh, nur sehr kurz dauert dieses Erdenleben; dann kommt die endlose Ewigkeit! Wie du fallen wirst, so wirst du auch liegenbleiben, so in dir die echte Wahrheit nicht lebendig geworden ist!
GEJ|1|70|7|0|Nun weißt du alles, was dir vorderhand zu wissen nötig ist. Willst du aber mehr, da gehe gelegentlich zum Oberpriester Jonael nach Sichar hin; der wird dir alles kundtun, was er von Mir gelernt, gesehen und erfahren hat! Handle darnach, so wirst du selig werden!“
GEJ|1|70|8|0|Sagt der Oberste, ganz durchdrungen von der Wahrheit Meiner Rede: „Freund, ich habe aus deiner Rede nun entnommen, daß du ein Weisester der Weisen dieser Erde bist, und ich werde daher auch alles tun, was du mir angeraten hast; aber nur möchte ich jetzt das von dir selbst erfahren, wer du so ganz eigentlich bist! Denn sieh, abgesehen von dem, daß mir von deinen dich begleitenden Jünglingen eine volle, allerschmählichste Niederlage bereitet worden ist, die ich mir nicht auf eine andere Art erklären kann, als daß ich notwendig annehme, daß diese Jünglinge Götter oder Genien aus den Himmeln sind und mich daher wunderbar in die Flucht zu schlagen vermocht haben, erkenne ich nun dennoch bloß aus deiner übergroßen Weisheit allein, daß du offenbar mehr sein mußt denn allein ein ganz einfacher Mensch! Du hast es sicher schon vielen deiner Jünger gesagt und gezeigt, wer du seiest; du aber siehst, daß es mir nun selbst ganz vollkommen ernst ist, wenigstens im Geiste ein Jünger von dir zu werden! Sage es also auch mir, was ich von dir selbst halten soll! Wer und was und von woher bist du im Grunde des Grundes?“
GEJ|1|70|9|0|Sage Ich: „Fürs erste habe Ich es dir im Grunde des Grundes schon gesagt und zwar also, daß du es leicht fassen könntest, so du darüber recht nachdächtest, und fürs zweite habe Ich dich soeben darum an den Jonael gewiesen. So du zu ihm kommen wirst, da wirst du dann schon alles erfahren, was dir nun noch abgeht. Nun aber halte uns nicht länger auf; denn der Tag fängt an, seinem Ende sich zu nahen, und Ich muß heute noch so manches verrichten!“
GEJ|1|70|10|0|Sagt der Oberste: „So erlaube mir denn, daß ich dich geleite bis zur Stadt!“
GEJ|1|70|11|0|Sage Ich: „Der Weg ist frei, und so du Mich in guter Absicht begleiten willst, da tue es! Ist aber in dir noch so geheim irgend ein höllischer Grund vorhanden, so bleibe daheim; denn es würde dir solch eine Begleitung durchaus zu keinem Segen gereichen! Meine Macht hast du bereits erprobt.“
GEJ|1|70|12|0|Sagt der Oberste: „Das sei ferne von mir, obschon ich in diesen kritischen Zeiten Grund dazu hätte, in denen die Mythenzeit stets näher und näher rückt, in der die Juden von ihrem Gotte aus einen gewaltigen Retter aus der Herrschaft Roms erwarten, und man nun hin und wieder sich von jüdischer Seite in die Ohren zu raunen vernimmt, daß solch ein Retter bereits auf der Erde sich befinden solle! Ich könnte es mir also wohl sehr leicht denken, daß eben du dieser Retter seiest, – ja, ich habe es mir heimlich auch schon also gedacht. Aber es sei ihm nun, wie ihm wolle, – ich erkenne dich als einen Weisesten der Weisen und liebe dich darum als einen wahren Freund der Menschen; und so sollen solche meine Gedanken mich auch durchaus nimmer hindern, dir der Wahrheit willen zu folgen, persönlich nun bis nach Sichar und geistig durch mein ganzes Leben, obschon ich wohl weiß, daß ich als Römer mir dadurch keinen Triumphbogen errichten werde! Nun habe ich mich dir ganz enthüllt und frage dich daher noch einmal, ob ich dich begleiten darf. Sagst du ja, so werde ich dich begleiten; sagst du aber nein, so werde ich hier verbleiben!“
GEJ|1|70|13|0|Sage Ich: „Nun denn, so begleite Mich mit all denen, die hier an deiner Seite stehen, auf daß dir gültige Zeugen zur Seite stehen!“
GEJ|1|71|1|1|71. - Der Herr heut des Obersten Weib. Der Herr zeugt vom Vater. Kennzeichen der Lehre
GEJ|1|71|1|0|Nach diesem Bescheide frage Ich den Obersten, ob in diesem Orte es keine Kranken gäbe. Und der Oberste spricht: „Freund, so du dich auch etwa auf die Heilkunde verstehst, so heile mein Weib! Denn sie leidet bereits ein volles Jahr an einem geheimen Leiden, das kein Arzt erkennt. Vielleicht wäre es der Tiefe deiner Weisheit möglich, das Übel zu erkennen und dem Weibe davon zu helfen!?“
GEJ|1|71|2|0|Sage Ich: „Ich sage es dir: Dein Weib ist gesund! Sende nach ihr!“
GEJ|1|71|3|0|Der Oberste sendet sogleich einen Diener dahin, und diesem kommt des Obersten Weib schon an der Schwelle ganz heiter und gesund entgegen und begibt sich mit ihm sogleich zum Obersten hin. Dieser aber erstaunt sich darob über alle Maßen und sagt zu Mir: „Freund! Du bist ein Gott!“
GEJ|1|71|4|0|Sage Ich: „So seid denn ihr Menschen doch alle gleich! Wenn ihr nicht Zeichen seht, da glaubt ihr nicht. Aber ihr seid nun dennoch selig, so ihr doch noch glaubt der Zeichen wegen; so aber jemand auch der Zeichen wegen, die Ich verrichte, nicht glauben sollte, der ist dem Tode verfallen.
GEJ|1|71|5|0|Aber in der Folge werden nur jene Menschen selig werden, die ohne Zeichen bloß der Wahrheit Meines Wortes glauben werden und werden leben danach! Diese werden dann in sich erst das wahre lebendige Zeichen finden, welches da heißt das ewige Leben, und das wird ihnen dann niemand mehr nehmen können.
GEJ|1|71|6|0|Du hast nun eine Freude, daß Ich dein Weib gesund gemacht habe bloß durch den Willen Meines Herzens, und fragst dich in einem fort: ,Wie ist das möglich?‘ Ich aber sage dir: So ein Mensch lebte nach der inneren reinen Wahrheit und käme dann selbst in solche Wahrheit und hätte keinen Zweifel mehr in seiner Wahrheit, so könnte er zu einem dieser die Gegend umlagernden Berge sagen: ,Hebe dich und falle ins Meer!‘ – und der Berg würde sich heben und fallen ins Meer!
GEJ|1|71|7|0|Aber da in dir wie in gar vielen solche Wahrheit nicht wohnt, so könnt ihr nicht nur keine solchen Taten verrichten, sondern ihr müßt euch obendrauf noch über Hals und Kopf verwundern, so Ich, Der Ich solche Wahrheit in aller Fülle in Mir habe, vor euren Augen Taten verrichte, die allein durch die Macht der innersten lebendigen Wahrheit verrichtet werden können!
GEJ|1|71|8|0|In solcher Wahrheit wird erst der Glaube, welcher da ist im Menschen des Geistes rechte Hand, lebendig und tatkräftig; und des Geistes Arm reicht weit und verrichtet große Dinge!
GEJ|1|71|9|0|Werdet ihr durch solche Wahrheit in euch eures Geistes Arme hinreichend gestärkt haben, so werdet ihr das tun, was Ich nun vor euch getan habe, und werdet nebst dem ganz klar einsehen, wie solches noch um vieles leichter möglich ist, als mit den Leibeshänden vom Boden heben einen Stein und ihn schleudern mehrere Schritte vor sich hin!
GEJ|1|71|10|0|Lebet daher nach solcher Meiner Lehre! Seid Täter und nicht bloß eitle Hörer und Bewunderer Meiner Worte, Lehren und Taten, so werdet auch ihr das in euch selbst überkommen, was ihr nun an Mir so hoch bewundert!
GEJ|1|71|11|0|Ich aber zeige euch das nicht von Mir Selbst, sondern aus Dem, Der solches Mich gelehrt hat vor der Welt. Und Dieser ist es, von Dem ihr saget, daß Er euer Vater sei, – ihr Ihn aber nicht kennet und noch nie erkannt habt! Der aber, von Dem ihr saget, daß Er euer Vater sei, ist es, von Dem alle Dinge sind, als: Engel, Sonne, Mond und Sterne und diese Erde mit allem, was in ihr und was auf ihr ist!
GEJ|1|71|12|0|Wie dieser Vater aber Mich gelehrt hat vor aller Welt, so lehre nun auch Ich euch, auf daß der Vater, Der nun in Mir lebet, auch in euch Wohnung nehmen und in euch, so wie in Mir, zeugen möchte die urewige reine Wahrheit aus dem ewigen Urfundamente, das da heißt und ist die Liebe in Gott, die aber da wieder ist das eigentliche Wesen Gottes Selbst!
GEJ|1|71|13|0|Lasset euch sonach nicht so sehr hinreißen von den Zeichen, die Ich vor euren Augen verrichte, auf daß ihr nicht in einen toten, gerichteten Glauben kommt, der nichts nütze ist, sondern lebet und handelt nach dem, was Ich euch lehre, so werdet ihr es in euch selbst überkommen, darob ihr euch nun über die Maßen verwundert über Mich; denn ihr seid alle berufen, ebenso vollkommen zu sein, wie der Vater im Himmel Selbst vollkommen ist! Nun wisset ihr alles; tut danach, und ihr werdet es in euch gewahr werden, ob Ich euch die Wahrheit gesagt habe oder nicht! Prüfet sonach durch die Tat Meine Lehre, aber mit allem Eifer, weit entfernt von jeglicher Lauheit, und ihr werdet erst dadurch erfahren, ob diese Lehre von einem Menschen oder ob sie von Gott ist!“
GEJ|1|71|14|0|Nach dieser wichtigen Belehrung sagt der Oberste: „Nun fängt es an zu dämmern in mir! Es liegt zwar in allem dem eine unberechenbar tiefe Weisheit, die für uns ganz gewöhnliche Menschen im ersten Moment schwer zu fassen ist; aber es liegt daran eben nicht gar viel. Denn so man erst durchs Handeln darnach zur rechten Einsicht gelangen kann, so lasse ich nun alles weitere Grübeln und werde, nachdem ich durch Jonael in die ganze Lehre werde eingeweiht sein, mich sogleich aufs volle, ganz ernste Tun verlegen. Und bei diesem Vorsatze verbleibe es!“
GEJ|1|71|15|0|Sage Ich: „Gut so, Mein Freund; so du aber auf diese Weise zum Lichte gelangen wirst, da laß dies dein Licht auch deinen Brüdern leuchten, so wirst du dir damit einen Lohn im Himmel bereiten! – Nun aber begeben wir uns nach Sichar; denn Ich habe dort auch noch einiges zu verrichten. Und so gehen wir weiter!“
GEJ|1|72|1|1|72. - Gang nach Sichar. Bedeutsame Voraussagen über die Zukunft. Über das Weltende und das allgemeine Gericht. Von der großen Trübsal. Verheißung der Engel mit den Posaunen vor der Wiederkunft Christi. Die Erde als Paradies. Des Satans letzte Probe. Vom Leiden und Auferstehen des Herrn
GEJ|1|72|1|0|Es wird nun der Weg angetreten, und der Oberste samt dessen geheiltem Weibe und zweien seiner ersten Unterkommandanten begleiten Mich. Der Oberste und dessen Weib aber nehmen den Jonael in ihre Mitte, besprechen sich mit ihm und befragen ihn über verschiedenes der jüdischen Religion, und was darin auf Mich Bezug hätte; und der im ersten Dörflein geheilte Gichtbrüchige nimmt einen alleraufmerksamsten Teil an solcher Unterredung. Ich aber gehe unter den sieben Töchtern Jonaels und dessen Weibe. Diese befragen Mich auch um so manches, was da etwa in Kürze über die Welt, über Jerusalem und über Rom kommen werde. Und ich gebe ihnen gütige Antworten und zeige ihnen, wie in Kürze der geheime Fürst der Welt gerichtet werde und kurz darauf alles, was seines Anhanges ist. Zugleich zeige Ich ihnen auch das Ende der Welt und ein allgemeines Gericht gleich dem zu den Zeiten Noahs, und sie fragen Mich voll tiefen Staunens, wann und wie solches geschehen werde.
GEJ|1|72|2|0|Ich aber sage zu ihnen: „Meine lieben Töchter! So wie es zu Noahs Zeiten war, so wird es auch dann sein; die Liebe wird abnehmen und völlig erkalten, der Glaube an eine aus den Himmeln an die Menschen geoffenbarte reine Lebenslehre und Gotteserkenntnis wird in einen finstersten toten Aberglauben voll Lug und Trug verwandelt werden, und die Machthaber werden sich der Menschen abermals wie der Tiere bedienen und werden sie ganz kaltblütig und gewissenlosest hinschlachten lassen, so sie sich nicht ohne alle Widerrede dem Willen der glänzenden Macht fügen werden! Die Mächtigen werden die Armen plagen mit allerlei Druck und werden jeden freieren Geist mit allen Mitteln verfolgen und unterdrücken, und dadurch wird eine Trübsal unter die Menschen kommen, wie auf der Erde noch nie eine war! Aber dann werden die Tage verkürzt werden der vielen Auserwählten wegen, die unter den Armen sich vorfinden werden; denn wo dies nicht geschähe, könnten sogar die Auserwählten zugrunde gehen!
GEJ|1|72|3|0|Es werden aber bis dahin von nun an noch tausend und nicht noch einmal wieder tausend Jahre vergehen! Alsdann aber werde Ich dieselben Engel, so wie ihr sie nun hier sehet, mit großen Aufrufsposaunen unter die armen Menschen senden! Diese werden die im Geiste totgemachten Menschen der Erde gleichsam aus den Gräbern ihrer Nacht erwecken; und wie eine Feuersäule sich wälzt von einem Ende der Welt zum andern hin, werden diese vielen Millionen Geweckten sich hinstürzen über alle die Weltmächte, und nicht wird ihnen jemand mehr einen Widerstand zu leisten vermögen!
GEJ|1|72|4|0|Von da an wird die Erde wieder zum Paradiese werden, und Ich werde leiten Meine Kinder rechten Weges immerdar.
GEJ|1|72|5|0|Aber von da an nach einem Verlaufe von tausend Jahren wird der Fürst der Nacht einmal auf eine nur sehr kurze Zeit von sieben Jahren und etlichen Monden und Tagen der Zeit nach frei seiner selbst willen, entweder zum gänzlichen Falle oder zur möglichen Wiederkehr.
GEJ|1|72|6|0|Im ersten Falle wird dann die Erde zu einem ewigen Kerker ihrem innersten Teile nach umgewandelt werden; aber die Außenerde wird ein Paradies verbleiben. Im zweiten Falle aber würde die Erde zum Himmel umgestaltet werden, und der Tod des Fleisches und der Seele würde für ewig verschwinden! – Wie aber das, und ob?! – Das darf voraushin auch nicht einmal der erste Engel der Himmel wissen; das weiß allein der Vater. Was Ich euch aber nun veroffenbart habe, das saget vorher niemandem, als bis ihr nach ein paar Erdjahren werdet vernommen haben, daß Ich von der Erde erhöhet worden sei!“
GEJ|1|72|7|0|Da fragten aber die Töchter, worin solche Erhöhung bestehen werde.
GEJ|1|72|8|0|Ich aber sage zu ihnen: „So ihr davon hören werdet, werden eure Herzen wohl sehr traurig werden! Aber dann tröstet euch mit dem, daß Ich darauf nach drei Tagen wieder in eurer Mitte Mich befinden und euch Selbst überbringen werde die große Bestätigung des neuen Testaments und die Schlüssel zu Meinem ewigen Reiche! Sehet aber zu, daß Ich euch dann so rein, wie ihr jetzt seid, antreffe, ansonst ihr nicht Meine Bräute für ewig werden könnet!“ – Auf das geloben Mir die Töchter samt ihrer Mutter, alles auf das genaueste zu beachten, was Ich ihnen geboten und geraten habe.
GEJ|1|73|1|1|73. - Der Herr mit den Seinen bei Irhael
GEJ|1|73|1|0|Bei dieser Gelegenheit aber erreichen wir auch die Stadt, und zwar gerade das Haus der Irhael und nun auch des Arztes Joram. Jairuth und der Oberste sowie dessen Weib und die beiden Unterkommandanten können sich nicht genug erstaunen über dessen neue Schönheit, und der genesene Gichtbrüchige verwundert sich auch über alle Maßen und sagt am Ende ganz laut: „So was ist nur Gott allein möglich! Ich habe als Knabe oft in dem zumeist verfallenen Gemäuer dieses Schlosses oder Hauses, das Jakob seinem Sohne Josef erbauen ließ, mutwilligerweise Eidechsen gefangen; und nun steht es also vollendet da, wie es sicher vom Jakob nicht vollendeter erbaut ward! Oh, das bringt keine menschliche Macht über die Nacht zuwege! Ich weiß es nun schon, wie ich daran bin, und weiß es auch, was ich tun werde! Mein Name ist Johannes; merket euch diesen Namen!“ –
GEJ|1|73|2|0|(Es ist dies derselbe Johannes, den später einmal Meine Apostel, als Ich sie im zweiten Jahre das Volk zu lehren aussandte, bedrohten, weil auch er, ohne ein ausdrückliches Gebot von Mir, in Meinem Namen die Menschen heilte und die bösen Geister austrieb.) (Mark.9,38-40)
GEJ|1|73|3|0|Sagt Jonael: „Freund, dein Wille, dein Sinn und deine Worte sind gut; aber es fehlt dir noch eins, und das ist eine reine Erkenntnis des göttlichen Willens! Daher komme nächster Tage zu mir, oder bleibe nun sogleich hier, und ich werde dich mit dem Willen Gottes des Herrn näher bekannt machen! Dann erst kannst du das alles in guter Ordnung ins Werk zu setzen beginnen, was du im guten Sinne hast.“
GEJ|1|73|4|0|Sagt der Geheilte: „Gott der Herr erleuchte dich darum! Ich werde tun, wie du es mir raten wirst; denn ich sehe, daß du ein rechter Freund dieses großen Propheten bist und wirst daher auch ein rechtes Licht von Ihm haben. Dieser Prophet aber ist über alle, und ich meine, daß gerade Er es ist, von Dem David also sang und weissagte:
GEJ|1|73|5|0|,Die Erde ist des Herrn und was darinnen, und der Erdboden und was darauf wohnt; denn Er hat ihn an die Meere gegründet und bereitet an den Wassern. Wer mag auf des Herrn Berg gehen, und wer wird stehen an Seiner heiligen Stätte? Der unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, und nicht Lust hat zu loser Lehre und nicht fälschlich schwört, der wird Segen vom Herrn empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils. Das aber ist das Geschlecht, das nach Ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Jakob!
GEJ|1|73|6|0|Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe! Wer ist der König der Ehren? Es ist der Herr stark und mächtig, der Herr mächtig im Streit. Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe! Wer ist der König der Ehren? Es ist der Herr Zebaoth; Er ist der König der Ehren!‘ (Psalm 24)
GEJ|1|73|7|0|Und ich, Johannes, der ich geheilt ward von Ihm, bezeuge hier offen, daß Dieser leibhaftig derselbe König der Ehren ist, von dem David also gesungen und geweissagt hat! Ihm daher alle Ehre in Ewigkeit!“
GEJ|1|73|8|0|Sagt Jonael: „Freund, du stehst nun schon auf rechtem Boden! Aber, vorderhand unter uns gesprochen, jetzt ist es noch nicht an der Zeit, unsern Mund also aufzutun. Aber wann Er, wie Er es Selbst bestimmt hat, von hier abgehen wird, etwa nach Galiläa, da erst wollen wir das Volk von Ihm zu lehren anfangen, und so Er dann in Kürze wieder zu uns kommen wird, da soll Er unsere Tore gehörig weit und die Türen der Welt gehörig hoch zu Seinem Einzuge finden, das heißt, unsere Herzen sollen zu Seiner Aufnahme so weit als möglich und unsere Liebe zu Ihm über die Sterne hinaus erhöht sein; denn unsere Herzen sind das Tor, das weit zu machen ist, und die reine Liebe zu Ihm ist die Tür, die über alles erhöht werden soll!“
GEJ|1|73|9|0|Hier trete Ich unter die beiden, lege ihnen Meine Hände auf ihre Schultern und sage: „So ist es recht, Meine lieben Freunde! Wo immer ihr also in Meinem Namen versammelt sein werdet, da werde Ich, wenn schon nicht sichtbar, aber dennoch allkräftig euch stärkend, unter euch sein! – Nun aber vernehme Ich einen Rumor in den Gassen der Stadt; daher verhaltet euch alle ruhig! Wir wollen sehen, von welch einem Geiste die Gemüter behaftet und geleitet sind!“
GEJ|1|73|10|0|Jairuth tritt sogleich zu Mir hin und sagt: „Herr, es ist dies ein böser Lärm und deutet auf nichts Gutes! So Du willst, lasse ich sogleich zwei Legionen hierher beordern, und die Ruhe wird sogleich hergestellt sein!“
GEJ|1|73|11|0|Sage Ich: „Laß das gut sein! Sollte es not tun, da habe Ich schon die rechte Wache hier bei der Hand; nur du selbst magst dich ein wenig verbergen ins Haus, auf daß dich niemand sehe und erkenne. Denn in dieser Stadt wohnt nun kein guter Geist unter den Weltmenschen, und sie könnten dir später in deinen Besitzungen großen Schaden anrichten!“
GEJ|1|73|12|0|Sagt Jairuth: „Ich habe ja noch die zwei Jünglinge; die werden meine Besitzungen schon schützen!“
GEJ|1|73|13|0|Sage Ich: „Wenn auch, so laß nun aber die Sache dennoch gut sein; denn so Ich der menschlichen Hilfe bedürfte, so erbäte Ich Mir solche vom Obersten, der auch hier ist! Aber Ich bedarf solcher Hilfe nicht, darum sei ruhig und laß die Sache gut sein!“ Mit dem gibt sich Jairuth zufrieden und begibt sich ins Haus der Irhael.
GEJ|1|74|1|1|74. - Die frechen Stummen und ihre lügnerischen Freunde in drohender Haltung. Jorams Ernst und der Jünger Eifer gegen die Lügner. Des Herrn Tadel und Verhaltenswinke gegenüber der Argheit der Menschen
GEJ|1|74|1|0|Gleich darauf kommt ein ziemlich großer Haufe mit Knitteln versehen zu uns hin und in seiner Mitte zehn Stumme, die durch den Arzt am ersten Abende wegen ihres Schmähens stumm gemacht worden sind; und der Haufe begehrt drohend, daß diesen Stummen die Zunge wieder gelöst werde!
GEJ|1|74|2|0|Joram, der Arzt, aber tritt sogleich vor und sagt mit einer festen männlichen Stimme: „O ihr Kinder des Bösen! Ist das die neue Art, zu Gott zu kommen und Ihn um eine Gnade anzuflehen?!“
GEJ|1|74|3|0|Da tritt der Haufe ein wenig zurück und schreit: „Wer ist hier Gott, und wo ist Er?! Hältst du am Ende etwa gar dich für Gott, oder jenen Zauberer aus Galiläa, du breitschultriger Gotteslästerer?!“
GEJ|1|74|4|0|Sagt Joram noch heftiger: „Wer ist euer ,Zauberer aus Galiläa‘, ihr elenden Wichte?!“ Schreit der Haufe: „Jener Zimmermann aus Nazareth namens Jesus ist es, den wir gar wohl kennen, sowie seine Mutter, die auch hier nun ist, und seine Brüder und Schwestern, die auch hier sind! Wir kannten auch seinen Vater, der vor einem Jahre gestorben sein soll, und wie wir hörten, aus Gram, weil ihm sein Weib und seine Kinder nicht folgen wollten und ihn betrogen haben sollen nach allen Seiten!“
GEJ|1|74|5|0|Hier wird Joram ganz toll vor Zorn über solch eine schmählichste Verunglimpfung. Er tritt sogleich hastig vor Mich hin, auch Jakobus und Johannes treten hinzu und sagen mit Joram: „Herr, Herr, Herr! So laß doch nun schnell Feuer vom Himmel unter diese Kerle fallen, daß sie verzehrt werden! Das ist ja doch himmelschreiend, was für allerfrechste Lügen sich diese getrauen vor uns auszusprechen!“
GEJ|1|74|6|0|Sage Ich: „Ei denn, ihr Kinder des Donners, lasset sie lügen! Gibt es ein Feuer, das ärger brennete denn das der Lüge?! Tut ihnen dafür noch Gutes hinzu, und sie werden mit glühenden Kohlen auf ihren Häuptern davonrennen! – Merkt euch das! Nie vergeltet Schlechtes mit Schlechtem und Böses mit Bösem!“ Darauf ermahnen sich die drei, und Joram fragt, was er diesen Frevlern denn nun tun solle.
GEJ|1|74|7|0|Ich sage: „Tue ihnen, was sie verlangen, in Meinem Namen und heiße sie dann abziehen!“ Und Joram spricht darauf zu dem Haufen: „Im Namen des Herrn! So rede denn nun ein jeder, der unter euch stumm ist und gehe dann seines Weges nach Hause und gebe Gott die Ehre!“
GEJ|1|74|8|0|Auf dies Wort Jorams wird allen die Zunge gelöst, die stumm waren; aber sie gaben Gott die Ehre nicht bis auf einen, der die andern wenigstens ermahnte. Als aber diese darauf sagten: „Du Tor, hat uns denn Jehova stumm gemacht?! Ein Zauberkundiger hat uns diesen Schaden zugefügt, und wir sollen darob etwa dem heidnischen Zaubergotte Ehre antun?! So wir das täten, was hätten wir dann von dem allmächtigen wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu gewärtigen?!“ Da ging auch der eine, etwas Bessere mit den andern neun davon und getraute sich nicht, Mir zu geben die gebührende Ehre.
GEJ|1|74|9|0|Joram und alle die Meinen ärgerten sich darob, und Simon Petrus trat zu Mir eben auch voll Ärgers und sprach: „Herr, es ist wohl gut also, wie es Dir wohlgefällig ist; aber so ich nur einen Funken Deiner geistigen Kraft und Macht hätte, da wüßte ich, was ich diesen dummen und bösen Lästerern Deines mir so überheiligen Namens zugefügt hätte!“
GEJ|1|74|10|0|Sage Ich: „Simon, hast du denn Meine Lehre, die Ich am Berge gab, schon vergessen? Was wohl kannst du damit Gutes bewirken, so du Böses mit Bösem vergeltest?! Wenn du eine Speise kochst, die in sich selbst unschmackhaft ist, wirst du wohl weise handeln, so du darob, weil die gekochte Speise an und für sich unschmackhaft ist, statt sie mit gutem Salze, Milch und Honig wohlschmeckend zu machen, dieselbe Speise mit Galle und Aloesaft begießen wirst?! Wenn du zu einer schon ohnehin guten Speise noch etwas Besseres hinzutust, so wird dich darob sicher niemand einer Torheit zeihen; aber so du die schlechte Speise durch noch schlechtere Zugaben schlechter machen willst, als sie ohnehin vom Grunde aus ist, sage, wo ist da ein Mensch von einiger Einsicht, der nicht alsbald zu dir sagen wird: ,Siehe da, was tut da dieser Tor?!‘
GEJ|1|74|11|0|Siehe, also ist es um so mehr unter den Menschen! So du ihr Böses mit noch mehr Bösem vergeltest, frage dich selbst, ob dadurch je ihr Böses besser wird! Vergiltst du aber das dir angetane Böse mit Gutem, so wirst du dadurch das Böse in deinem Bruder sänften und aus ihm am Ende einen guten Bruder ziehen!
GEJ|1|74|12|0|Wenn ein Herr einen Knecht hat, dem er vieles anvertraut, der Knecht aber, da er die Güte seines Herrn kennt, sich an seinem Herrn versündigt und sonach eine Züchtigung verdient, – so der Herr den Knecht ruft und ihm vorhält seine Untreue und der Knecht wird dagegen erbost und begegnet seinem Herrn mit schmählicher Gegenrede, wird dadurch der Herr besser und sanfter gegen seinen Knecht werden? Nein, sage Ich; da wird des Knechtes Herr erst recht zornig über den treulosen Knecht, wird ihn lassen binden und werfen ins Gefängnis!
GEJ|1|74|13|0|So aber der Knecht, da er sieht, daß ihm sein Herr für die Untreue Übles tun will, vor seinem Herrn niederfällt, demselben sein Vergehen reumütig bekennt und ihn voll Sanftmut und Liebe um Vergebung seiner Schuld bittet, wird darauf der Herr dem Knechte auch tun wie zuvor?! Nein, sage Ich! Durch die reuige Sanftmut des Knechtes wird der Herr selbst sanft und nachgiebig und wird dem Knechte nicht nur alles vergeben, sondern ihm noch obendrauf Gutes tun.
GEJ|1|74|14|0|Darum also vergeltet nie Böses mit Bösem, so ihr alle gut werden wollet! So ihr aber die richten und strafen werdet, die sich an euch versündigten, da werdet ihr am Ende alle böse, und wird in keinem mehr sein eine rechte Liebe und irgend etwas Gutes!
GEJ|1|74|15|0|Der Mächtige wird sich ein Recht nehmen, die zu strafen, die sich gegen seine Gesetze versündigen; die Sünder aber werden dagegen in Rache erglühen und werden suchen, den Mächtigen zu verderben. Frage: Was für Gutes wohl wird am Ende daraus hervorgehen?!
GEJ|1|74|16|0|Darum richtet und verdammet niemanden, auf daß ihr nicht wieder gerichtet und verdammt werdet! Habt ihr alle diese allerwichtigste Lehre begriffen, ohne die Mein Reich nie in euch Platz fassen kann?“
GEJ|1|75|1|1|75. - Von der Schattenseite des Gutseins. Beispiel vom Tiergarten. Der neue Weg zur Freiheit der Kinder Gottes. Über die Behandlung der Verbrecher. Gleichnis vom Löwen. Ein Missions und Apostelevangelium
GEJ|1|75|1|0|Sagt Simon Petrus: „Ja, Herr, wohl haben wir es verstanden aus dem Grunde; aber es hat diese Sache dennoch eine Schattenseite, und die besteht meines Dafürhaltens darin, daß, so wir nach Deiner Lehre die Strafen auf Übeltaten ganz aufheben, so werden sich in Kürze die Übeltäter mehren wie das Gras auf der Erde und der Sand im Meere. Wo irgend ein Gesetz gegeben ist, da muß es mit einer angemessenen Strafe sanktioniert sein, ansonst es so gut als gar kein Gesetz ist. – Oder kann ein Gesetz auch ohne eine Sanktion bestehen?“
GEJ|1|75|2|0|Sage Ich: „Mein Lieber, du urteilst hier wie ein Blinder von der Farbe des Lichtes! Gehe hin und beschaue dir die Tiergärten der Großen; allda wirst du sehen allerlei wildes Getier, als: Tiger, Löwen, Panther, Hyänen, Wölfe und Bären. Wenn solche Bestien nicht in starken Zwingern sich befänden, wer wäre in ihrer Nähe seines Leiblebens sicher?! Welch eine Torheit aber wäre es, auch die zarten Lämmer und Tauben in Zwingern zu halten!
GEJ|1|75|3|0|Die Hölle bedarf freilich wohl der strengsten Gesetze, versehen mit der peinlichsten Sanktion; aber Mein Reich, das der Himmel ist, bedarf weder eines Gesetzes und noch weniger irgend einer Sanktion!
GEJ|1|75|4|0|Ich aber bin nicht gekommen, euch durch die sanktionierte Schärfe der Gesetze für die Hölle, sondern durch Liebe, Sanftmut und Wahrheit für den Himmel nur zu erziehen. So Ich nun euch von dem Gesetz durch Meine neue Lehre aus dem Himmel frei mache und euch zeige den neuen Weg durchs Herz zum wahren, ewigen, freiesten Leben, warum wollt ihr dann stets gerichtet und verdammt unter dem Gesetze leben und bedenket nicht, daß es besser ist, in der freien Liebe dem Leibe nach tausend Male zu sterben als einen Tag im Tode des Gesetzes zu wandeln?!
GEJ|1|75|5|0|Es versteht sich von selbst, daß man die Diebe, Räuber und Mörder einfangen und in die Zwinger tun muß; denn diese sind gleich den wilden, reißenden Bestien, die als Ebenbilder der Hölle in Löchern der Erde hausen und Tag und Nacht auf den Raub lauern. Auf solche eine gerechte Jagd zu machen ist sogar eine Pflicht der Engel im Himmel; aber vernichten soll sie niemand, sondern sie in die Zwinger tun und sie allda sänften und zähmen! Nur bei einer gewaltsamen Gegenwehr sollen sie verstümmelt und beim hartnäckigen Widerstande auch getötet werden dem Leibe nach! Denn da ist eine tote Hölle besser als eine mit einem Leben versehene.
GEJ|1|75|6|0|Aber wer immer einen Dieb, Räuber und Mörder im Zwinger noch weiter richtet und tötet, der wird von Mir einst mit zornigen Augen angesehen werden. Denn je schärfer die Menschen ihre Übeltäter richten und strafen, desto grausamer, vorsichtiger, heimlicher und hartnäckiger werden die noch in der Freiheit befindlichen Übeltäter sich gestalten; und wenn sie dann in ein Haus bei der Nacht einbrechen, so werden sie nicht nur alles nehmen, was sie finden, sondern sie werden auch alles ermorden und alles vertilgen, was sie irgend verraten könnte.
GEJ|1|75|7|0|Nimm du aber hinweg das scharfe Gericht und gib allen Menschen den weisen Rat, daß sie dem, der von jemandem einen Rock verlangt, auch den Mantel hinzugeben sollen, so werden zwar die Diebe noch kommen und von euch verlangen dieses und jenes, aber rauben und morden werden sie nicht!
GEJ|1|75|8|0|So aber die Menschen aus wahrer Liebe zu ihren Brüdern und Schwestern aus der Liebe zu Mir nicht mehr die vergänglichen Güter dieser Erde zusammenhäufen werden und werden einhergehen wie Ich, dann wird es auch alsbald weder Diebe und noch weniger Räuber und Mörder geben!
GEJ|1|75|9|0|Wer da meint, durch strenge Gesetze und stets verschärfte Gerichte werden am Ende die Übeltäter ausgerottet werden, der irrt sich gewaltig! Die Hölle hat daran noch nie einen Mangel gehabt. Was nützt es dir, zu töten einen Teufel, so darauf die Hölle an die Stelle des getöteten einen zehn schickt, von denen einer ärger ist, als es zehn der ersten Art gewesen wären?! Wenn der Böse, so er kommt, sich gegenüber wieder Böses findet, so ergrimmt er und wird zum Satan im Vollmaße; so er aber kommt und findet nichts denn Liebe, Sanftmut und Geduld, da steht er von seiner Bosheit ab und zieht weiter.
GEJ|1|75|10|0|Ein Löwe, so er sieht einen Tiger sich ihm nahen oder einen andern Feind, da wird er bald voll Grimm, springt hin mit aller Gewalt und vernichtet seinen Gegner; aber ein schwaches Hündchen läßt er mit sich spielen und wird sanft. Kommt ihm aber gar eine Fliege entgegen und setzt sich sogar auf seine starken Pfoten, so würdigt er sie kaum eines Blickes und läßt sie ungehindert von dannen fliegen; denn der Löwe gibt sich mit dem Mücken- und Fliegenfange nicht ab. Also aber wird sich jeder mächtige Feind gegen euch benehmen, so ihr ihm nicht mit einer Gewalt entgegentretet.
GEJ|1|75|11|0|Segnet daher lieber eure Feinde, als daß ihr sie fanget, richtet und in die Zwinger sperret, so werdet ihr glühende Kohlen über ihren Häuptern sammeln und sie unschädlich machen für euch!
GEJ|1|75|12|0|Mit der Liebe, Sanftmut und Geduld kommet ihr überall fort; so ihr aber die Menschen, die trotz ihrer Blindheit am Ende dennoch eure Brüder sind, richtet und verurteilt, so werdet ihr statt des Segens des Evangeliums nur Fluch und Zwietracht streuen unter die Menschen auf dem Erdboden!
GEJ|1|75|13|0|Ihr müßt daher in allem ganz Meine Jünger sein in Wort, Lehre und Tat, so ihr Mir Diener zur Ausbreitung Meines Reiches auf Erden werden und sein wollt! Wollt ihr aber das nicht, oder kommt euch das zu beschwerlich und zu unrichtig vor, so tut ihr alle besser, heimzukehren; Ich aber kann Mir auch aus Steinen Jünger ziehen!“
GEJ|1|76|1|1|76. - Des Petrus gute Rede und Bitte (Vaterunser). Des Herrn Rat zur Erhaltung der Ordnung und Ruhe im Staat. »Mit Liebe erreicht ihr alles!» Mit Gewalt werden die Teufel geweckt — zum Übel
GEJ|1|76|1|0|Sagt Simon Petrus: „Herr! Wer wird Dich verlassen, wer Dir nicht dienen wollen?! Denn Du allein hast ja Worte des Lebens, wie sie vor Dir nie aus dem Munde eines Menschen gekommen sind! Verlange von uns alles, und wir werden es tun; aber nur verlange Du nimmer, daß wir Dich verlassen sollen! Habe aber Geduld mit unserer großen Schwäche und stärke uns mit der Gnade des Vaters im Himmel, die auch Dich also wundersam gestärkt hat, daß Du nun als vollends Eins mit Deinem Vater im Himmel dastehst, lehrst und wirkst!
GEJ|1|76|2|0|Also aber, wie Du uns gelehrt hast auf dem Berge, wollen wir in Deinem Namen den Vater auch allzeit bitten und sagen: Vater im Himmel! Dein Reich komme, und Dein allein heiliger Wille geschehe! Und wie wir vergeben denen, die Übles an uns getan haben, also vergib auch Du uns unsere Schwächen und Sünden!“
GEJ|1|76|3|0|Sage Ich: „Simon! Siehe, diese Sprache gefällt Mir besser denn deine frühere Verteidigung des Gesetzes und dessen Sanktion! Was nützt einem Lande oder Reiche eine Ruhe und Ordnung durch den schärfsten Zwang erzielt?! Eine Zeitlang wird es sich wohl tun; aber wenn es dann den zu sehr gedrückten Teufeln zu stark wird, so werden sie aufspringen und werden mit gräßlichem Hohne Gesetze und Gesetzgeber zertreten. Denn wer noch mit Gewalt gehalten und geleitet werden muß, ist noch ein Teufel; nur wer sich von der Liebe, Sanftmut und Geduld leiten läßt, ist gleich einem Engel Gottes und ist wert, ein Kind des Allerhöchsten zu sein!
GEJ|1|76|4|0|Mit Liebe erreichet ihr alles, mit Gewalt aber wird der Teufel nur aus seinem Schlafe geweckt! Was für Gutes kann dann wohl vom Wachsein der Teufel über die Erde kommen?!
GEJ|1|76|5|0|Es ist also besser um endlos vieles, daß da unter den Menschen wachse die Liebe und Sanftmut und wachbleibe zu aller Zeit und dadurch die Teufel zum Schlafe und zur Ruhe nötige, daß sie der Erde nicht schaden, als daß man mit dem dröhnenden Gepolter der Gewalt die Teufel wecke und sie dann verderben die Erde und alles, was darauf ist! Sage Mir, was du darüber einwenden kannst und magst!“
GEJ|1|76|6|0|Sagt Simon Petrus: „Herr, hier ist nichts mehr einzuwenden; denn das ist alles klar und wohl verständlich! Aber wie viele der Menschen, die auf Erden leben, wissen etwas von dieser heiligen Wahrheit?! Herr, siehe, da gibt es Legionen Engel aus den Himmeln; sende sie zu allen Menschen über die ganze Erde hin und laß allen verkünden solch eine Wahrheit! Wenn solches geschähe, da meine ich, wird es einmal lichter und besser werden auf dem sündigen Boden der Erde!“
GEJ|1|76|7|0|Sage Ich: „Du meinst da also, wie du es verstehst; aber Ich muß da einer andern Meinung sein! Sieh, tausendmal soviel der Engel, als du sie hier erschaust, sind stets bei den Menschen und wirken auf die inneren Gefühle und Sinne der Menschen ein, so, daß der Mensch dadurch in keine Nötigung wissentlich gerät und daher unbeschadet seiner Freiheit solche Gedanken, Wünsche und Triebe ganz als die seinigen annehmen und befolgen könnte! Was geschieht aber?!
GEJ|1|76|8|0|Die Menschen denken heimlich wohl gut, haben gute Wünsche und machen sich lobenswerte Vorsätze; aber so es zum Handeln danach kommen soll, da blicken sie auf die Welt, ihre Güter und auf die trügerischen Bedürfnisse ihres Fleisches und tun und handeln danach arg und voll Selbstsucht!
GEJ|1|76|9|0|Ich will dir viele Tausende herführen, die pur Übeltäter sind, und will sie fragen, ob sie nicht wüßten, daß sie Übles tun, – und sie werden es dir alle sagen, daß sie das wissen! Fragst du sie aber, warum sie denn Böses täten, da werden viele sagen: ,Weil es uns ein Vergnügen macht!‘, und andere werden sagen: ,Wir möchten wohl Gutes tun; aber da andere Böses tun, so tun auch wir desgleichen!‘ Und noch andere werden sagen: ,Wir kennen wohl das Gute, aber wir sind nicht vermögend, es auszuüben; denn unsere Natur sträubt sich dawider, und wir müssen den hassen, der uns beleidigt hat!‘
GEJ|1|76|10|0|Siehe, solche Antworten mehr noch werden dir entgegenkommen, und du wirst daraus sicher nur zu bald ersehen, daß selbst die allerärgst ausgezeichnetsten Übeltäter nicht ohne Kenntnis des Guten und Wahren sind, dabei aber dennoch das Böse tun!
GEJ|1|76|11|0|So aber die Menschen wider ihre innerste Erkenntnis Böses tun, was läßt sich von einer von außen her in sie gekommenen Erkenntnis erwarten?! Ja, es werden von nun an auch von außen her Erkenntnisse des Guten und Wahren aus den Himmeln den Menschen gegeben werden, und sie werden Mich und euch darum töten und viele, die sie lehren werden, das Gute zu tun und das Böse zu lassen und zu meiden!“
GEJ|1|76|12|0|Sagt Simon: „Herr, wenn das, da solle lieber die ganze Welt rein des Teufels werden! Was liegt auch an einer solchen Menschenwelt, die das Gute nimmer erkennen und annehmen will?!“
GEJ|1|76|13|0|Sage Ich: „Wer wie du in einem großen Affekte (Aufregung) redet, der ist noch ferne von Meinem Reiche! Wann Ich aber werde aufgefahren sein, dann wirst du anders reden! – Nun aber ist es Abend geworden, und so lasset uns ins Haus treten und allda eine Stärkung unseren ermüdeten Gliedern reichen!“
GEJ|1|77|1|1|77. - Der Herr und die frechen Schreier. Des Obersten finstere Ge danken über die Verworfenheit der Menschen. Jonaels weiser Hinweis auf das Vertrauen zum Herrn
GEJ|1|77|1|0|wach diesen Worten aber drängen sich viele, die während der Besprechung mit Simon Petrus sich auf diesen Platz begeben haben, zu Mir hin und verlangen Zeichen von Mir. Sie sagen: „Kannst du vor den Blinden, die keine Kenntnisse und keinen Verstand haben und darum nichts beurteilen können, Zeichen tun, so tue sie auch vor uns! Sind die Zeichen echt, so wollen auch wir an dich glauben; sind sie aber blind und schlecht, so werden wir auch wissen, was uns darum zu tun übrig bleiben wird! Denn wir sind in allen Dingen bewandert!“
GEJ|1|77|2|0|Sage Ich: „Gut, so ihr in allen Dingen bewandert seid, wozu bedürfet ihr dann der Zeichen? Wenn ihr also weise seid, daß ihr Gott gleich in allen Dingen bewandert zu sein vorgebt, da werdet ihr es ja ohnehin erkennen, ob Ich die Wahrheit lehre oder nicht! Wozu dann die Zeichen?! Es sind aber hier nun schon in einem Verlaufe von nahe dritthalb Tagen ohnehin eine Menge Zeichen der außerordentlichsten Art geschehen, für deren Echtheit hier Hunderte der vollgültigsten Zeugen stehen; genügen euch diese nicht, so werden euren boshaften Herzen auch die neuen nicht genügen! Daher entfernet euch von hier von selbst, wollt ihr nicht mit Gewalt entfernt werden!“
GEJ|1|77|3|0|Schreien die also Beschiedenen: „Wer wird, wer kann und darf uns hier mit Gewalt entfernen?! Sind nicht wir die Herren dieses Ortes, indem wir als Bürger Roms hier wohnen, handeln und schaffen und walten?! Wir können wohl dich hinausschaffen und -treiben im Augenblick; aber nicht, daß du einfältiger Galiläer uns von hier schafftest, wie es dir beliebig wäre! Und wir gebieten dir auch nun sogleich kraft unserer Machtvollkommenheit, daß du noch vor Mitternacht diese Stadt verlassest; denn wir sind deines Umgeilens (Herumtreiben) unter uns satt geworden!“
GEJ|1|77|4|0|Sage Ich: „O ihr blinden Toren! Wie lange wollt ihr noch leben in eurer Machtvollkommenheit? Es kostete Mich nur eines Gedankens, und ihr wäret samt eurer Machtvollkommenheit in einem Augenblicke Staub! Daher kehret euch nach euren Wohnungen, sonst wird euch der Platz, auf dem ihr stehet, verschlingen!“
GEJ|1|77|5|0|In diesem Augenblick spaltet sich die Erde knapp vor ihren Füßen, und Rauch und Feuer schlagen aus der Spalte empor. Als die Schmäher solches erblicken, heulen sie: „Weh uns! Wir sind verloren! Denn wir haben uns am Elias versündigt!“ Mit solchem Geheul eilen sie von dannen, und die Spalte schließt sich. Wir aber begeben uns ruhig in das Haus Jorams.
GEJ|1|77|6|0|Als wir alle nun in die Gemächer des Hauses der Irhael und des Joram kommen, so ist allda alles zum Abendmahle bereitet. Ich segne es, und alle setzen sich an die Tische, in allem nun bei tausend an der Zahl. Alle essen und trinken und loben den großen Wohlgeschmack der Speisen und des Weines und sind fröhlichen und heiteren Mutes. Nur der Oberste, der uns mit seinem genesenen Weibe und einigen Unterkommandanten aus dem vorerwähnten Orte hierher begleitet hatte, war düster und aß und trank wenig. Jonael setzte sich neben ihn und fragte ihn um den Grund seiner düsteren Stimmung.
GEJ|1|77|7|0|Der Oberste seufzte tief auf und sagte: „Edler, weiser Freund! Wie kann man da wohl heitern Mutes sein, wo man nahe alle Menschheit sogar für den untersten Tartarus, so es irgend einen gäbe, für tausendmal zu schlecht findet?! Wenn zwei heißhungrige Wölfe einen Knochen finden und dabei des hungerstillenden Besitzes wegen miteinander in einen wütenden Kampf geraten, so ist das begreiflich! Denn fürs erste sind das Wölfe, Tiere ohne Vernunft, naturbelebte Maschinen, die von dem sie drückenden Bedürfnisse ihrer Natur getrieben werden, sich zu sättigen, und fürs zweite darum an und für sich gänzlich unzurechnungsfähig sind gleichwie ein angeschwollener Bach, der durch seine große und schwere Wassermasse alles verheert, was sich in seiner Nähe befindet. Aber hier sind es Menschen, die von sich selbst aussagen, daß ihnen gewisserart jeder Grad von Bildung und Weisheit eigen sei, sind aber dabei ärger in ihrem Herzen als alle Wölfe, Tiger, Hyänen, Löwen und Bären! Sie verlangen für sich jede erdenkliche Rücksichtnahme, während sie gegen ihre Nebenmenschen nicht die kleinste beachten wollen! – Sage, Freund, sind das auch Menschen?! Verdienen sie nur irgend eine Erbarmung?! Nein, sage ich, und noch tausend Male nein! O warte, du ungeschlachtes Volk! Ich werde dir ein Licht anzünden, daß dir darob das Hören und Sehen für immer vergehen soll!“
GEJ|1|77|8|0|Sagt Jonael: „Was willst du aber tun? Lässest du sie samt und sämtlich über die Klinge springen, so wirst du dir anderorts Feinde sammeln; diese werden dich verraten in Rom, und du kannst dort in ein schlechtes Gerücht kommen, und das Ende davon wird sein, daß du darob irgendwohin nach der Skythen Lande verwiesen wirst! Überlaß du daher die Rache dem Herrn allein und sei versichert, daß Er für dieses Volk das haargenauest rechte Maß nehmen wird!
GEJ|1|77|9|0|Lies die Geschichte meines Volkes, und sie wird es dir haarklein zeigen, wie der Herr zu allen Zeiten dem Volke jede Sünde, die es beging, auf das strengste und oft nahe unerbittlichste geahndet hat, und ich sage dir: Der Herr Himmels und der Erde ist noch gleichfort und unverändert Derselbe, wie Er war von Ewigkeit her! Er ist langmütig, voll der größten Geduld und läßt das Volk nie ganz ohne Lehrer und Zeichen von oben; aber wehe dem Volke, so dem Herrn einmal die Geduld zu kurz wird! Wenn Er einmal die große Zuchtrute schwingt, dann gibt Er aber auch nicht eher nach, als bis alle Glieder des Volkes zerhauen sind und dessen Knochen so mürbe werden wie ein leichter und dünner Brei!
GEJ|1|77|10|0|Was du hier mit vieler und gefährlicher Mühe tun würdest, das vermag der Herr mit dem schwächsten Gedanken. Solange aber der Herr Selbst solche Menschen ertragen will, so lange wollen auch wir unsere Hände nicht an sie legen.
GEJ|1|77|11|0|Du hast doch gesehen, ein wie leichtes es dem Herrn war, die Erde vor den Frevlern bersten und dann Rauch und Feuer aus der gähnenden Kluft emporgehen zu machen?! Ihm wäre es ja ein ebenso leichtes gewesen, diese Schmäher in Staub und Asche zu verwandeln! Aber es genügte Ihm, sie bloß nur zu schrecken und in die Flucht zu treiben.
GEJ|1|77|12|0|Genügt so was dem Herrn, so genüge das auch uns; denn Er allein weiß allzeit ein rechtes Maß zu treffen! Ist aber der Herr unter uns sichtlich guter Dinge und zeigt, daß Er doch einige Freude über uns wenige hat, warum sollen wir da düster und traurig sein?! Sei fröhlich und heiter und freue dich der Gnade Gottes; alles andere überlasse ganz Ihm!“
GEJ|1|78|1|1|78. - Der römische Oberste und Jairuth über die Toleranz. Des Obersten Zeugnis über Jesus. Die Folgen der Sünde. Sanftmut und Geduld wirksamer als Zorn
GEJ|1|78|1|0|Sagt der Oberste: „Lieber weiser Freund! Du hast wohl richtig und gut gesprochen; aber was soll ich als ein Fremdling zu dieser Sache sagen?! Ich glaube nun und bin bis in mein Innerstes überzeugt, daß dieser Jesus aus Nazareth niemand anders ist als der allerwahrhaftigste Gott in menschlicher Gestalt. Und das sagen mir nicht so sehr die großen Zeichen, die Er verrichtete, sondern vielmehr Seine unbegrenzte Weisheit! Denn wer eine Welt erschaffen will, muß so weise sein, wie Er es ist in jedem Seiner Worte!
GEJ|1|78|2|0|Aber diese Schurken hier nennen sich frevelhaftigst Gottes Kinder, zu denen Gott in allen Zeiten entweder mittelbar oder unmittelbar geredet hat, und nun kommt Er Selbst leibhaftig zu ihnen, und sie verschmähen Ihn gleich einem Gassengauner und wollen Ihn dazu noch aus der Stadt schaffen! Freund, ich bin ein Römer, meiner Religion nach ein verkrüppelter Pantheist, also ein blinder Heide, und ich glaube und stehe für solchen meinen neuen Glauben mit meinem Leben ein!
GEJ|1|78|3|0|Wenn dahier Heiden wären, so hätte ich Nachsicht mit ihnen; weil sie sich aber Gottes Kinder nennen und Gott, Der ihr ewiger Vater sei, also schmähen, da kann ich als ein Fremdling keine Nachsicht mit ihnen haben!
GEJ|1|78|4|0|Sie wollten Gott den Herrn ausweisen; nun sollen sie ausgewiesen werden! Das Geschmeiß und Unkraut muß hinaus, auf daß hier auf diesem Acker, den nun der Herr Selbst bestellt hat, eine reine Frucht gedeihe! Denn bleibt das Unkraut hier, so verdirbt es in kurzer Frist alles, was der Herr Selbst hier so herrlich gesäet hat! Sage mir, aber vollends aufrichtig, – habe ich recht oder nicht? Was muß mir mehr sein, – der Herr oder dies elende Gassengesindel?!“
GEJ|1|78|5|0|Sagt Jonael: „Daß du unter solchen Ansichten völlig recht hast, kann und wird dir wohl niemand in Abrede stellen; aber ob so was nun alsogleich notwendig ist, das ist wieder eine ganz andere Frage. Es kann ja sein, daß diese Frevler nun, so ganz über alle Maßen erschreckt, in sich gehen werden und werden ihren Frevel bereuen und sich völlig bessern; und da wäre es denn doch nicht in der Ordnung, sie alle auszuweisen! Denn eine Sünde bleibt bei dem Menschen nur so lange strafbar, als derselbe in der Sünde verharrt; legt der Mensch aber die Sünde völlig ab und begibt sich in die von Gott gestellte Ordnung, so hat die Sünde und deren Strafe bei und mit dem Menschen nichts mehr zu tun!
GEJ|1|78|6|0|Einen völlig gebesserten Menschen aber darum zu strafen, weil er früher ein oder auch mehrere Male in seiner blinden Torheit und Schwäche gesündigt hat, wäre des Unsinns Krone, eines wahren Menschen völlig unwürdig, wider alle göttliche Ordnung, und es gliche solch eine Strafhandlung jener eines dummen Arztes auf ein Haar, der, nachdem seine Kranken gesund geworden sind, herginge und zu ihnen sagte: ,Ihr seid jetzt zwar vollkommen gesund geworden; aber ihr sehet auch ein, daß euer Fleisch und zwar dieses und jenes Glied an euch gesündigt hat und daher nach dem Verhältnisse, als es euch mehr oder weniger geplagt hat, nun auch gezüchtigt werden muß!‘ Wenn nun die Genesenen ihr Fleisch, das kaum wieder gesund geworden ist, mit allerlei Marter werden züchtigen lassen oder mit Gewalt gemartert werden, was wird dadurch aus ihrer Genesung werden?! Sieh, sie werden darauf noch zehnmal kränker werden, als sie ehedem waren! Frage: Wozu war demnach eine solche unzeitige Züchtigung des Fleisches gut? – Ist denn nicht die Kur selbst schon eine hinreichende Züchtigung des Fleisches? Wozu dann eine Nachzüchtigung, die das gesunde Fleisch wieder krank macht?! Ist aber eine solche Handlung schon in der Materie überdumm zu nennen, um wie vieles mehr, wenn sie am geistigen Menschen ohne alle Schonung ausgeübt wird?!
GEJ|1|78|7|0|Unsere Pflicht ist es wohl, die Menschen, die gesündigt und sich dann völlig gebessert haben, auf die großen Gefahren der Sünde brüderlich aufmerksam zu machen, sie aber dagegen auch in ihrem gebesserten Zustande mit allem, was uns nur immer zu Gebote steht, zu stärken und zu kräftigen, damit sie nimmer wieder einen Rückfall in die Knechtschaft der Sünde machen möchten; aber sie als Gebesserte zur Verantwortung und Strafe zu ziehen, hieße doch nichts anderes, als die gebesserten Sünder in zehnfach größere und schlimmere Sünden zurückziehen!
GEJ|1|78|8|0|Und da fragt es sich, ob eine solche Handlung von Gott aus nicht hundertfach strafbarer wäre als alle von dem Sträflinge früher begangenen Sünden! – Die Strafe, die jede Sünde schon mit sich führt, glaube es mir, ist eine Arznei gegen das Seelenübel, das da ,Sünde‘ heißt; ist das Übel aber durch die schon in dasselbe gelegte Arznei behoben, wozu dann noch eine weitere Arznei, wo kein Übel mehr vorhanden?!“ Sagt der Oberste: „Als Präservativ (Vorbeugungsmittel) gegen den möglichen Wiederausbruch des Übels!“
GEJ|1|78|9|0|Sagt Jonael: „Ja, ja, Präservative sind wohl gut und nötig; aber sie müssen, wie ich früher erwähnt habe, stärkender und kräftigender Art, nicht aber schwächender und gar tötender Art sein! Durch Zorn sänftet man Zorn nie, sondern nur durch die Liebe, Sanftmut und Geduld!
GEJ|1|78|10|0|Wer da brennt, über den muß man Wasser gießen, nicht aber siedendes Pech oder gar glühfließendes Erz! Wer sich ein Bein zerbrach, den trage man und richte ihm das gebrochene Bein ein, verbinde ihm dasselbe und lege ihn in ein rechtes Bett, auf daß sein Beinbruch wieder heil werde; aber man schlage ihn nicht mit Knitteln, darum er so ungeschickt war im Gehen, daß er fiel und sich das Bein brach!
GEJ|1|78|11|0|Ich habe mir erst vor nicht gar langer Zeit von einem aus Skythien zurückgekommenen Gesandten, der ausging, diesen Menschen den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu verkündigen, erzählen lassen, daß diese wilden, stets herumziehenden Völker einen Menschen, wenn er gestorben ist, darum strafen, weil er gestorben ist! Sie zögen ihn etwa ganz aus, bänden ihn dann nackt an einen Pfahl und geißelten ihn einen ganzen Tag hindurch; auch dann werde diese Handlung an dem Toten verübt, so er von einem andern sei getötet worden. Denn es trage bloß er die Schuld, indem er sich habe überwältigen und am Ende gar töten lassen! Der Totschläger hingegen werde belobt, daß er über den andern gesiegt und erhalten habe sein Leben!
GEJ|1|78|12|0|So dumm aber diese Sache auch immer klingt, so gleicht sie doch völlig uns, so wir durch eine Handlung den, der durch die Sünde, die da ist eine rechte Krankheit der Seele, schon ohnehin geistig tot ist, noch mehr tot machen wollen, als er es ohnehin schon ist!
GEJ|1|78|13|0|Ein Kranker bedarf wohl des Arztes und der rechten Arznei; aber ihn darum strafen, weil er das Unglück hatte, krank geworden zu sein, das, lieber Freund, gehörte ins tiefste Skythien! Ich meine, du wirst es nun einsehen, daß es stets besser ist, dem Herrn des Lebens nachzufolgen in allem, als Ihm mit groben, ungeschickten Händen in was immer vorzugreifen und dadurch die große göttliche Pflanzschule, entweder den Teufeln ähnlich mutwillig oder doch sicher aus purer Dummheit, zu verderben!“
GEJ|1|79|1|1|79. - Jonael über die Behandlung von Seelenkrankheiten. Folgen der Überstrenge — im großen und im kleinen. Über die Todesstrafe. Die Rache der Getöteten. Rat zur Versöhnung mit sterbenden Feinden. Segen von Frieden und Freundschaft. Jenseitiger Feinde Rache. Beispiel: David und Uria.
GEJ|1|79|1|0|Sagt der Oberste, ganz durchdrungen von der schlagenden Wahrheitsrede Jonaels: „Ja, nun bin ich ganz im klaren, und ich stehe von meinem Vorhaben ab! Ich werde so was erst dann ausführen, so du mich dazu auffordern wirst, und so sollst du als von Gott bestellter Vorsteher dieser Gemeinde bei mir in allem den Vortritt haben; ohne deinen Rat werde ich nichts tun fürder.“
GEJ|1|79|2|0|Sagt darauf Jonael: „Ganz gut also und des Wohlgefallens des Herrn würdig! So jemand krank ist am Leibe, dem soll leibliche Hilfe dargereicht werden; ist aber jemand krank an der Seele, dem soll auch eine seelische Hilfe erteilt werden in der Art, wie die Krankheit beschaffen ist!
GEJ|1|79|3|0|Die Seelenkrankheiten der Kinder können am besten durch eine gut geordnete Zucht, bei der die Rute nicht fehlen soll, geheilt werden, die Seelenkrankheiten der erwachsenen Menschen aber werden geheilt durch weisen und liebevollen Rat, durch gediegene Lehre und Unterricht und durch aus der reinen Liebe hervorgehende Ermahnungen und Aufmerksammachungen auf die notwendigen schlimmen Folgen, die aus der freien Beibehaltung der Seelenschwächen in der nächsten Zeitfolge entstehen müssen. Fruchtet das alles bei sehr verstockten, das heißt blinden und tauben Seelen nicht mehr, dann erst ist es an der Zeit, solche Wesen einer ernsteren und schärferen Behandlung zu unterziehen, hinter der aber dennoch die Nächstenliebe im Vollmaße vorhanden sein soll, aus der allein der Segen einer schärferen Behandlung hervorgehen kann!
GEJ|1|79|4|0|Handeln da die Leiter aber aus Zorn und höllischer Rachelust, dann ist alle ihre Mühe vergeblich! Anstatt die Seelenkranken zu wahren Menschen zu heilen, werden aus ihnen Teufel gezeugt, deren Rachedurst fürder keine Macht mehr zu stillen vermag.
GEJ|1|79|5|0|Eine Zeitlang kann der Satan wohl gehalten werden durch Macht und Gewalt von oben; aber so der Herr der hochmütigen Menschen wegen, die am Ende meinen, daß sie durch ihre Macht und Weisheit, die in einer unerbittlich tyrannischen Schärfe besteht, die ihnen beliebige Ordnung aufrecht zu halten imstande seien, Seine Macht zurückzieht und dem Satan die Fesseln abnimmt, da ist es dann mit der Macht der sich mächtig Dünkenden über die Nacht aus! Denn die durch solch verkehrte Behandlung zu puren Teufeln gemachten Menschen werden wie ein angeschwollener Strom über sie herfallen und sie vernichten, als wären sie nie dagewesen!
GEJ|1|79|6|0|Am schlechtesten aber wirkt die Todesstrafe! Denn was nützt es, jemandes Leib töten, so man seine Seele und Geist nicht gefangenhalten kann, in der die eigentliche Kraft zum Handeln und Wirken vorhanden ist?!
GEJ|1|79|7|0|Wer da glaubt, daß er sich seines Feindes entledigt hätte, so er dessen Leib tötete, der ist mit einer zehnfachen Blindheit geschlagen! Denn erst dadurch hat er sich aus einem schwachen Feinde, den er sehen konnte, tausend unsichtbare gemacht, die ihn dann verfolgen Tag und Nacht und ihm Schaden zufügen an Leib, Seele und Geist!
GEJ|1|79|8|0|Siehe an einen Krieg, durch den nicht selten viele Tausende dem Leibe nach getötet werden! Der Sieger meint nun, er habe sich seiner Feinde entledigt, so er sie seiner blinden Idee nach leiblich vernichtet hat. Aber wie ungeheuer groß irrt er sich da! Die Seelen und Geister der Getöteten verheeren dann mehrere Jahre hindurch zufolge ihres unmittelbaren Einflusses auf die Witterung der Erde die Fruchtsaaten jeder Art und Gattung, rufen dadurch die unvermeidliche Teuerung der Nährmittel hervor, diese verursacht Hungersnot und diese allerlei tödliche Seuchen und Pestilenz! Diese rafft dann in kurzer Zeit mehr Menschen hinweg, als er seinem Feinde Krieger getötet hat. Dadurch in seiner Macht geschwächt, die ihm sein Land geben soll, muß er, um zu bestehen, fremder Lande Krieger um einen teuern Sold anwerben. Dadurch verschuldet er sich und sein Land; und wenn er nach etlichen Jahren sein Land und Volk ganz ausgesogen hat und seine Schulden und Soldaten nicht mehr bezahlen kann, so wird er bald unter vielen Verwünschungen von allen Seiten her verfolgt werden. Sein Volk, das er eroberte, wird sich, von zu großer Not gedrückt, wider ihn erheben, und die äußeren Feinde werden diese Gelegenheit auch nicht ungenutzt vorübergehen lassen und werden sich aufmachen wider ihn, und er, der gefeierte Sieger, wird in einem solchen Kampfe nimmer als Sieger gekrönt werden, sondern die Verzweiflung wird ihn mit den Klauen eines Tigers erfassen und ihn geistig zerfleischen bis in seine innerste Lebensfiber!
GEJ|1|79|9|0|Und siehe, das alles ist eine Wirkung der dem Leibe nach getöteten Feinde!
GEJ|1|79|10|0|Darum ist es eine uralte Regel und Sitte, daß sich mit einem dem Leibe nach Sterbenden alle ihm Nächststehenden versöhnen und sich von ihm segnen lassen. Denn stirbt er als jemandes Feind, so ist der zu beklagen, der ihn als Gegenfeind überlebt. Denn fürs erste wird die freigewordene Seele des Überlebenden Gemüt ohne Unterbrechung in der Gestalt unausstehlich quälender Gewissensbisse martern, und fürs zweite wird sie alle auf den Überlebenden Bezug habenden irdischen Umstände so leiten, daß dieser nicht leichtlich wieder auf einen grünen Zweig kommen wird!
GEJ|1|79|11|0|Der Herr aber läßt solches alles darum zu, auf daß den beleidigten Seelen die verlangte Genugtuung geschehe, und dazu für den Überlebenden es aber auch ums unberechenbare besser ist, daß er auf dieser Materienwelt für seine Hochmutstaten gepeinigt wird, als so er nach seines Leibes Tode sogleich in hunderttausend Hände feindlicher Geister geriete, die mit ihm als einem in jener Welt noch gänzlich Unerfahrenen sicher nicht freundlich umgehen würden!
GEJ|1|79|12|0|Darum ist es aber auch eben so überaus nötig, auf dieser Welt Liebe und wahre Freundschaft zu üben und irgend einem Feinde lieber Gutes als Böses zuzufügen und den zu segnen, der mir fluchet; denn ich kann nicht wissen, wann der Herr ihn von dieser Welt abrufen wird! War er auf der Welt mir so ganz einfach in gewisserart kleinen Dingen ein Feind, so wird er es mir nachher als Geist hundertfach in großen Dingen werden.
GEJ|1|79|13|0|David war doch von seiner Kindheit an ein Mensch und Mann nach dem Herzen Jehovas, aber er hatte nur einen Menschen, den Urias nämlich, sich zum Feinde wider den Willen des Herrn gemacht, und wie schwer hat sich dann mit der Zulassung des Herrn des Urias Geist an David gerächt! Und das ist und bleibt stets die unausbleibliche Folge einer feindlichen Handlung an einem Menschen wider den Willen Gottes!
GEJ|1|79|14|0|Ja ganz was anderes ist es, so dich der Herr Selbst dazu beheißet, wie Er den David gegen die Philister beheißen hat, irgend schon des Satans gewordene Gottes- und Menschenfeinde mit kriegerischer Gewalt zu schlagen und irdisch zu vernichten! Diese fallen jenseits sogleich in ein hartes Gericht und können sich wider den Gottesarm nicht und nimmer erheben; denn sie werden von des Herrn Macht gedemütigt.
GEJ|1|79|15|0|Ganz anders aber ist es mit jenen Feinden, die du dir in der Welt ohne Gottes Geheiß durch deine Unfreundlichkeit, durch deinen allfälligen Hochmut oder durch die höchst mangelhafte von den Menschen ersonnene Gerechtigkeitspflege, von der es schon sprichwörtlich heißt, daß das höchste Recht zugleich das höchste Unrecht sei, zugezogen hast; diese werden nach der Ablegung ihrer Leiber erst deine unversöhnbarsten Feinde werden!
GEJ|1|79|16|0|Ich gäbe dir tausend Leben, so ich sie hätte, darum, wenn du mir einen auf der Welt Glücklichen aufweisen kannst, dem ein Feind in die andere Welt vorangegangen ist! Mir ist noch keiner vorgekommen! Wohl aber kenne ich Fälle, wo die Rache eines einem Hause feindlich gewordenen Geistes sich bis ins zehnte Glied erstreckt hat, wie auch, daß in einem Lande oder in irgend einer Gegend gröbst beleidigte Menschen dann als Geister ein solches Land oder eine solche Gegend auf viele Jahre, oder manchmal auch für immer, verwüstet haben, daß nimmer ein Mensch darinnen bestehen konnte! Freund, so unglaublich dir diese meine bestgemeinte Lehre auch immer vorkommen möchte, so unumstößlich wahr ist sie aber dennoch! Und so sie nicht wahr wäre, wie möglich hätte ich es je wagen können, nun vor dem Angesichte des Herrn und Dessen Engeln sie dir zu geben?! Solltest du aber daran dennoch irgend einen Zweifel haben, so wende dich an den Herrn, den ewigen Urheber aller Dinge, und Er wird dir ein vollgültiges Zeugnis geben darüber, ob ich dir nur mit einer Silbe eine Unwahrheit kundgetan habe!“
GEJ|1|80|1|1|80. - Über die Schutzgeister
GEJ|1|80|1|0|Hier macht der Oberste große Augen, wie auch viele andere hier anwesende Gäste, und sagt: „Ja, wenn so, da ist das irdische Leben eine überaus gefahrvolle Sache; wer kann da bestehen?“
GEJ|1|80|2|0|Sage Ich: „Ein jeder, der nach Meiner Lehre lebt! Wer aber lebt nach seinem eigenen, zumeist von der Eigenliebe und vom Hochmute gesättigten Eigendünkel und kann dem nicht von ganzem Herzen vergeben und ihn segnen zehnfach mehr, der ihn durch irgend etwas beleidigt hat, der soll aber dann auch früher oder später die unausbleiblichen Folgen der Feindschaft verkosten, gegen die er von Mir durchaus keinen Schutz zu erwarten hat, außer er hat seine Schuld an dem Feinde bis auf den letzten Heller bezahlt! Darum lebet mit jedermann im Frieden und in Einigkeit! Es ist euch besser, ein Unrecht zu erdulden als jemanden auch nur ein Scheinunrecht zuzufügen. Dadurch werdet ihr euch keine Rächer ziehen, und die Geister, die sonst eure Feinde geworden wären, werden dann eure Schutzgeister werden und abwenden vieles Unheil von euren Häuptern!
GEJ|1|80|3|0|Warum aber all das also ist und sein muß? Da sage Ich: Weil es also sein muß nach Meinem Willen und nach Meiner unwandelbaren Ordnung!“
GEJ|1|80|4|0|Sagt der Oberste: „Ja, Herr, ich erkenne nun nur zu klar Deine endloseste und durch nichts beschränkte Liebe und Weisheit und sage: So möglicherweise einmal alle Menschen von Deiner Lehre durchdrungen sein werden, da wird die Erde in ein vollstes Himmelreich umgewandelt sein! Aber – und das ist ein ungeheuer großes Aber! – wann wird das geschehen?!
GEJ|1|80|5|0|Wenn ich nun bedenke die große Erde, da noch kein Forscher entdeckt hat, wo sie anfängt und wo sie aufhört, und bedenke die Unzahl von allerlei Menschen, die den ungemessenen weiten Erdkreis bewohnen, da fängt's an, mich ganz schwindelnd zu erfassen in allen meinen Lebenszweigen! Die ungebildetste und roheste Bosheit scheint bei den vielen Bewohnern der großen Erde der durchgängige Hauptzug ihres Lebenscharakters zu sein!
GEJ|1|80|6|0|Von der tierischen Selbstsucht und von dem furienartigen Hochmute ist die allergrößte Überzahl der Menschen ganz durchsäuert!
GEJ|1|80|7|0|Wo sich nur immer ein friedliebendes Völklein auf der weiten Erde ansiedelte und durch gemeinsames Zusammenwirken sich zu irgendeinem Wohlstande erhob, da ward es von der feinen Nase der Wolfs- und Tigermenschen bald aufgespürt und feindlich überfallen; die Armen wurden besiegt und dadurch tausendmal unglücklicher gemacht, als sie ehedem in ihrem Naturzustande es waren!
GEJ|1|80|8|0|Wenn aber solche friedliche und gebildete Völklein dennoch durch Mut, Weisheitskraft und Energie ihres Geistes sich gegen die Feinde als Sieger behaupteten, die sie natürlich mit Waffen in der Hand zum größten Teile vernichten mußten, die Geister der getöteten Feinde aber dann erst ihre größten und schädlichsten Feinde werden, so frage ich nach meiner Meinung ganz unverhohlen: Wie, wann und unter welchen Umständen wird Deine heilsamste Lehre auf der Erde je volle Wurzeln schlagen und alle Menschen der Erde in ihrem Handel und Wandel bestimmen?
GEJ|1|80|9|0|Werden nur einzelne Völkerschaften sich in den milden Strahlen Deiner unübertrefflichen Lehre glücklichst sonnen, so werden sie von Tag zu Tag von stets mehr und mehr Feinden umlagert werden; werden sie sich ganz gutwillig den Feinden ergeben, so werden sie dann nichts als Sklaven ihrer Eroberer werden und werden sich jeden noch so unmenschlichen Druck, ja endlich sogar das Verbot der Befolgung und Ausübung dieser Deiner Lehre, müssen gefallen lassen.
GEJ|1|80|10|0|Werden sie aber durch was immer für ein Machtmittel Meister ihrer Feinde, so werden dann erst die Geister und Seelen der im Kampfe getöteten Feinde so recht in aller Fülle ihre allerunbesiegbarsten Feinde werden, und mit dem Himmelreiche auf Erden wird es da wohl nach meinem freilich unmaßgeblichen Dafürhalten seine guten Wege haben!
GEJ|1|80|11|0|Ob man gerade – ich sage, auch selbst der besten Sache wegen – jedem Feinde für sein Böses Gutes erweisen solle, lasse ich daher noch sehr dahingestellt sein! Daß man dadurch wohl aus manchem blinden Feinde einen sehenden Freund sich machen werde, ziehe ich in gar keinen Zweifel; ob aber solch eine Regel auch auf große Massen von Feinden der guten Sache wird in eine segensvolle Anwendung gebracht werden können, das, Herr, vergib es meinem schwachen Verstande, möchte ich denn doch aus früher angeführten Gründen ein wenig bezweifeln!
GEJ|1|80|12|0|Mir fällt da immer die unselige Szylla und Charybdis ein, wo, wenn man der ersten glücklich ausweicht, man dann desto sicherer von der zweiten verschlungen wird! – Herr, nur darüber noch ein kleines Lichtlein, und ich will alle meine Feinde brüderlich umarmen und alle die Gefangenen aus den Kerkern losgeben, – auch alle Diebe, Räuber und Mörder, wenn sie auch noch so böse sein sollten!“
GEJ|1|81|1|1|81. - Des Herrn Belehrung über die Behandlung von Verbrechern. Die Todesstrafe und ihre Wirkung. Ein Wink für Richter. Vom Hauptzweck der Menschwerdung des Herrn. Die Errichtung der Brücke zwischen Diesseits und Jenseits. Jenseitige Führer für Unwissende
GEJ|1|81|1|0|Sage Ich: „Freund, du bist noch sehr kurzsichtig, wenn du Meine Lehre also auslegst und verstehst! Es hatte aber dir ja auch Jonael schon gesagt, daß entweder ein Kampf mit einem bösen Feinde auf ein göttliches Geheiß, wie auch eine unausweichliche Notwehr von Mir aus also geordnet ist, daß in derlei Kämpfen getötete Menschen, respektive ihre Seelen, alsogleich in ein hartes Gericht gesetzt werden und weder auf ihre gerechten Sieger noch irgend auf den Boden der Erde eine böse Rückwirkung auszuüben vermögen. Wenn aber das eine unwandelbare Wahrheit ist, aus der du klar ersehen kannst, wie diese Sache im Grunde des Grundes beschaffen ist, wie kannst du da so zweifelhafte Sätze Meiner Lehre entgegenstellen?!
GEJ|1|81|2|0|Wer sagte denn dir, daß man wirkliche Verbrecher, die oft ärger denn alle wilden Waldbestien sind, nicht einfangen und in irgend ein festes Gewahrsam bringen solle?! Im Gegenteil gebietet dir das die wahre Nächstenliebe; denn wie du sicher, so du dazukämest, wo eine Hyäne einen Menschen anfällt, die Bestie mit scharfer Waffe erlegen würdest, also wirst du auch sicher einem ehrlichen Menschen zu Hilfe springen, so dieser auf offener Straße oder in einem Hause von einem Raubmörder angefallen würde.
GEJ|1|81|3|0|Da aber solche Menschenhyänen, so sie sich sehr anhäufen, nicht nur einzelnen Wanderern, sondern auch am Ende ganzen Ortschaften gefährlich werden können, so ist es sogar eine unerläßliche Pflicht der machthabenden Obrigkeit, auf solche gefährliche Menschen Jagd zu machen und sie in feste Zwinger zu setzen.
GEJ|1|81|4|0|Aber die Todesstrafe soll dann nur über jene verhängt werden, bei denen jedes Mittel durch einen Zeitraum von zehn Jahren fruchtlos bleibt, in irgend eine wahre Besserung des Lebens einzugehen. Verspricht der Verbrecher auf dem Blutgerüste Besserung, so soll ihm noch eine Jahresfrist hinzugefügt werden! Ist aber auch da noch keine Besserung erfolgt, so soll die Tötung vollzogen werden; denn da ist von der Besserung eines solchen Menschen auf der Erde nichts mehr zu erwarten, und es ist besser, ihn von dieser Erde zu schaffen!
GEJ|1|81|5|0|Will aber die rechtmäßig machthabende Obrigkeit mit Einstimmung der Gemeinde solch eines Verbrechens wohlverdiente Todesstrafe in einen lebenslänglichen Zwinger verwandeln und die Besserungsversuche fortsetzen, so steht ihr das frei, und Ich werde sie darum nicht zur einstigen Verantwortung ziehen.
GEJ|1|81|6|0|Solcherart Feinde derjenigen Menschen, die nach Meiner Lehre leben werden, haben nach ihrem Leibestode keine Rückwirkungsmacht. Diese ist nur solchen Geistern zuständig, die als nach dem Bessern strebende Menschen auf dieser Welt von tyrannischen, über alle Maßen hochmütigen, selbst- und herrschsüchtigen und somit auch völlig unrechtmäßigen Herrschern auf eine grausamste Weise getötet worden sind!
GEJ|1|81|7|0|Wenn die alles edleren Gefühls baren Richter sich durch solche ungerechtesten Gerichte Feinde zeugen, so werden diese Feinde dann als Geister sich an den ungerechten Richtern rächen; denn diesen ist von Mir aus die Rückwirkung gestattet, aber wirklich vom Grunde aus bösen Geistern nie! – Ich meine nun, daß du nun über deine Zweifel im klaren sein wirst!?“
GEJ|1|81|8|0|Sagt der Oberste: „Ja, nun ist die Szylla samt der Charybdis hinweggeräumt; in dieser Beziehung bin ich nun ganz in der Ordnung.
GEJ|1|81|9|0|Wie aber Deine wahrlich heilige Lehre sich auf einem möglichst hindernisreichen Wege die Bahn brechen wird in der Nacht, in der nun die Menschheit begraben liegt, das ist mir noch so unklar wie ehedem! Auf einem rein wunderbaren Wege würde sie nach Deiner eigenen Aussage den Menschen nicht viel nützen, weil sie auf diese Weise aus den frei werden und sein sollenden Menschen nur Maschinen machen würde; auf dem ganz natürlichen Wege aber wird sie viel Blut kosten und eine überlange Zeit brauchen! Ja, ich möchte nahe mit Gewißheit behaupten, wenn ich auch keine prophetische Gabe besitze, daß, wie ich die Menschheit so ziemlich weit und breit in Asien, Afrika und Europa herum kenne, von nun an gerechnet, in 2000 Jahren noch lange nicht die Hälfte der Erdenmenschen sich im Lichte dieser Deiner Lehre sonnen wird! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|1|81|10|0|Sage Ich: „Da hast du im Grunde durchaus nicht unrecht. Aber es liegt im allgemeinen auch nicht soviel daran als du meinst; denn es handelt sich hier nicht so sehr um die allgemeinste Annahme Meiner Lehre auf dieser Erde, als vielmehr um die durch Meine gegenwärtige Darniederkunft und durch Mein Wort und Meine Lehre endlich einmal errichtete Brücke zwischen dieser materiellen und jener geistigen Welt, deren ewige Gefilde jenseits des Grabes liegen!
GEJ|1|81|11|0|Wer Meine Lehre diesseits vollernstlich annehmen wird, der wird diese Brücke schon im Leibe überschreiten; wer aber auf der Erde Meine Lehre entweder lau, unvollständig oder auch gar nicht annehmen wird, der wird in großer Nacht in jener Welt anlangen, und es wird ihm sehr schwer werden, diese Brücke zu finden!
GEJ|1|81|12|0|Den Menschen aber, die nie in den Stand kommen sollten, noch diesseits von Meiner Lehre etwas zu erfahren, werden jenseits Führer gegeben werden, die sie zu dieser Brücke leiten werden. Werden die von Meiner Lehre noch nichts wissenden Geister den Leitern folgen, so werden sie auch über diese Brücke kommen zum wahren ewigen Leben; werden sie aber hartnäckig bei ihrer Lehre verbleiben, so werden sie aus ihrem Lebenswandel nach ihrer Lehre bloß geschöpflich gerichtet werden und werden zur Kindschaft Gottes nicht gelangen! – Siehe, also verhält sich die Sache! Denke darüber nach und sage es Mir, wie sie dir gefällt, – aber bald; denn siehe, Meine Zeit in diesem Orte naht sich ihrem Ende!“
GEJ|1|81|13|0|Sagt nach einer Weile der Oberste: „Herr, nun ist mir alles klar und einleuchtend, und sollte mir mit der Zeit irgendein Zweifel kommen, nun, so hast Du uns hier ja einen Mann erweckt, der uns alle über alles belehren kann! Darum werde von mir und uns allen Dein Name allzeit über alles hoch gelobt und über alle Maßen gepriesen! – Nur eine Bitte noch nimm von mir huldvoll auf, und diese besteht darin, daß, so Du nun von uns ziehest, Du bald wieder zu uns zurückkehren möchtest! Denn es soll hier meine Hauptsorge sein, daß Du, so Du wiederkommst, Deiner würdigere Herzen antreffen werdest, als es diesmal der Fall war!“
GEJ|1|82|1|1|82. - Matthäus begleitet den Herrn als Schreiber. Jonael wird als Lehrer bestellt; ihm wird Wundermacht verliehen und ein Engel als Lehrer beigegeben
GEJ|1|82|1|1|Ev.Joh.4,43. Aber nach zwei Tagen zog Er von dannen und zog nach Galiläa.
GEJ|1|82|1|0|Sage Ich: „Ich werde im geheimen schon noch einmal zu euch kommen; aber es soll dann nicht der ganze Ort in Kenntnis von Meiner Anwesenheit gesetzt werden, indem hier wegen der großen Steuerbedrückung in Judäa und Galiläa sich stets mehr Menschen ansiedeln werden, weil dies Land am wenigsten bedrückt ist und Mein Jairuth für die Armen nahe alle Steuern bezahlt.“
GEJ|1|82|2|1|Ev.Joh.4,44. Denn Er selbst, Jesus, zeugete, daß ein Prophet daheim nichts gilt.
GEJ|1|82|2|0|„Wo aber so viele heimische Menschen sich befinden, da hat ein Prophet einen kleinen Wert, er müßte denn ein Greis sein! Nur was ein Greis sagt, das halten die Narren für Gottes Wort und halten die Weisheit eines jungen Mannes für ein Spiel der hitzigen Phantasie, die zeitweilig mit etwas Vernunft gemengt sei. Was aber die Wunderzeichen betrifft, und mögen sie von noch so außerordentlicher Art sein, so werden sie dennoch samt und sämtlich in das Gebiet der Magie verwiesen, die leider in dieser Zeit sehr gang und gäbe ist. Die Menschen aber sind nun blind genug, können das Falsche vom Wahren nicht unterscheiden und verwerfen daher gleichweg alles.
GEJ|1|82|3|0|Es ist daher besser, daß ein Prophet wandelt in die Fremde; denn dort, wo man ihn nicht kennt, richtet er noch am meisten etwas aus bei den Menschen. Und darum werde Ich euch nun mit Meinen Jüngern verlassen, werde aber, wie Ich es dir verheißen habe, in Kürze euch wieder besuchen.
GEJ|1|82|4|0|Einen Mann aber, der hier als Zöllner angestellt war, namens Matthäus, nehme Ich von hier mit wegen seiner schnellen und guten Schrift, auf daß er aufzeichne Meine Lehren und Taten; gib du ihm der Welt wegen einen Reiseschein!“
GEJ|1|82|5|0|Der Oberste tut das sogleich und dankt Mir für alles aus aller Tiefe seines Herzens. Alle übrigen Gäste, durch das Beispiel des Obersten aufgeweckt, tun dasselbe; aber mehrere, von der Tagesreise etwas mehr ermüdet, sind bei den Tischen und Bänken eingeschlafen. Die Wachenden wollen sie aufwecken. Ich aber sage: „Lasset sie ruhen bis zum Tage! Mir aber ist es lieber nun, in der Mitternacht in aller Stille fortzukommen, damit der Abzug kein Aufsehen mache. Bleibet auch ihr alle hier bis zum Tage, und keiner gebe weder Mir noch denen, die mit Mir ziehen, ein Geleite, außer in euren Herzen.
GEJ|1|82|6|0|Du, Mein Jonael, aber sorge, daß Meine Lehre hier Wurzel fasse und dann als ein neuer Lebensbaum viele und gute Früchte trage! Ich gebe dir aber auch durch Meinen Namen eine übersinnliche Macht aus den Himmeln; laß dich jedoch in deinem Eifer nicht dahin reißen, von ihr einen unzeitigen und dadurch unweisen Gebrauch zu machen, denn dann würdest du damit mehr schaden als nützen! Einen Engel werde Ich dir auf eine Zeit in dein Haus geben; von dem sollst du den weisen Gebrauch der himmlischen Macht lernen! Saget es aber keinem Fremden, daß im Hause Jonaels ein Engel aus den Himmeln wohne!“
GEJ|1|82|7|0|Hier kommt auch die Irhael mit Joram weinend zu Mir, und beide können vor Liebe und Dankbarkeit nicht reden! Ich aber segne sie und sage: „Seid getröstet! Ich komme in Kürze wieder zu euch!“
GEJ|1|82|8|0|Beide aber umfassen Meine Füße, benetzen sie mit ihren Tränen, und Joram ruft: „O du heilige Zeit, eile und bringe den Herrn der Herrlichkeit für immer zu uns in Sein Haus! – O Herr, gedenke unser, die wir Dich lieben aus der Fülle unserer Herzen, und komme bald und bleibe dann gleichfort bei uns!“
GEJ|1|82|9|0|Sage Ich: „Ja, Ich werde wiederkommen, aber, wie gesagt, ganz im geheimen nur; denn es darf fürder durch Meine Gegenwart niemand genötigt werden zum Glauben an Meine Sendung von oben her und darum an Mein Wort.“
GEJ|1|83|1|1|83. - Wichtige Missionswinke. Der Wahrheit Macht. Vom Wesen des Wortes des Herrn. Die Gnade der Berufung des Menschen zur Gotteskindschaft
GEJ|1|83|1|0|(Der Herr:) „Die Lehre selbst muß die Wahrheit rechtfertigen. Wer in der Folge nicht leben wird aus dem Worte, der wird sterben im Gerichte desselben Wortes, das zu ihm gesprochen ward und er ihm nicht geglaubt und getraut hatte!
GEJ|1|83|2|0|Denn gleichwie Ich aus Mir vom Vater aus die Gewalt habe, jedermann, der zur Aufnahme fähig ist durch seinen Willen, das ewige Leben zu geben oder zu nehmen, ebendasselbe zu tun vermag auch Mein Wort; denn Mein Wort ist stets gleich der allmächtige und für alle Ewigkeit dauernde Ausdruck Meines Willens!
GEJ|1|83|3|0|Wer demnach Mein Wort vollends in sich aufnimmt und unabweichbar danach handelt und lebt, der nimmt dadurch Mich Selbst mit aller Meiner Liebe, Weisheit, Macht und Kraft auf und ist dadurch zu einem wahren Kinde Gottes geworden, dem der Vater im Himmel nicht Eines vorenthalten wird, was Er hat!
GEJ|1|83|4|0|Mehr kann der heilige Vater nicht tun, als daß Er Sich in Mir, Seinem Sohne, Selbst leibhaftig offenbart, aus euch gerichteten Geschöpfen freieste Götter zeugt und euch sonach Seine Freunde und Brüder nennt!
GEJ|1|83|5|0|Bedenket allzeit, Wer Der ist, Der euch nun das offenbart und was ihr mit dieser Offenbarung überkommet, so wird euch die materielle Welt nicht mehr anfechten, und ihr werdet über sie leicht Sieger werden, was um so notwendiger ist, als ihr, ohne die Welt in euch vollends besiegt zu haben, nicht Kinder des Vaters im Himmel werden könnt!
GEJ|1|83|6|0|Ich will damit aber aus euch keine Kopfhänger und Verflucher der Welt machen, sondern weise Benützer derselben nur!
GEJ|1|83|7|0|Wäre der nicht ein Tor zu nennen, der sich in irgendein gut brauchbares Werkzeug, das er zum Betriebe seiner Kunst benötigt, also verliebte, daß er es gar nicht zu dem bestimmten Zwecke gebrauchen möchte, sondern dasselbe nur wollüstig angaffte und verwahrte in einem Schreine, daß es nicht rostig und dadurch weniger schön würde und ihn somit an seinem eitel leeren Vergnügen beeinträchtigte?!
GEJ|1|83|8|0|Die Welt ist für euch auch ein Werkzeug, mit dem ihr, recht zwecklich angewendet, überaus viel Gutes und Herrliches schaffen könnet! Aber ihr müßt als nun Meine Jünger dies Werkzeug also gebrauchen, wie Ich als euer einziger wahrster Meister es euch nun durch dritthalb Tage gelehrt habe!
GEJ|1|83|9|0|Also gebraucht und angewendet wird euch dies Werkzeug das ewige Leben bereiten und festigen. Werdet ihr es aber anders gebrauchen, so wird dies Werkzeug gleich einem überscharfen Messer in den Händen der unmündigen Kinder, die sich damit nur zu leicht und bald eine tödliche Wunde versetzen werden, die schwerlich ein Arzt mehr zu heilen imstande sein wird!
GEJ|1|83|10|0|Nehmet mit diesen Worten auch Meinen vollen Segen hin und teilet diese Worte auch allen denen mit, die sie jetzt nicht haben vernehmen können, damit sich am Ende der Dinge niemand mit der Unwissenheit entschuldigen kann!“
GEJ|1|83|11|0|Und nun, ihr Meine wenigen Jünger und ihr alle, die ihr Mir von Galiläa und Jerusalem hierher gefolgt seid, machet euch fertig zur Reise und zwar nach Galiläa, allwo ihr wieder zur Bewirtschaftung eurer Felder eure Sorge verwenden möget!“
GEJ|1|83|12|0|Nach diesem Bescheide erhebe Ich Mich, gebe den noch harrenden Engeln einen Wink, den nur sie verstehen, worauf sie aber auch bis auf den des Jonael alle verschwinden. Auch die sichtbar offenen Pforten der Himmel schließen sich; aber das Haus der Irhael und Jorams bleibt mit all der Einrichtung aus den Himmeln, so wie das Schloß des Jairuth. Alle Anwesenden und Wachenden begleiten uns bis zum Haustore. Der Oberste aber läßt es sich nicht nehmen und geleitet Mich bis zur Grenze des Weichbildes der Stadt und kehrt von da nach Sichar zurück.
GEJ|1|83|0|0|Ende des zweiten Tages in Sichar.
GEJ|1|84|1|1|Die Reise nach Galiläa
GEJ|1|84|1|1|84. - Des Matthäus Vorwurf an den Herrn. Vom Wesen Gottes und dem Schöpfungsvorgang. Von der Schönheit, Entfernung und Größe der Sonne. Eine Sonnenfinsternis
GEJ|1|84|1|0|Wir aber ziehen unseres Weges weiter, gelangen bis zum Aufgange der Sonne an die Grenze vom Lande der Samariter und betreten das Galiläerland, allwo wir auf einer freien Anhöhe, und zwar auf einem schönen üppigen Rasen, eine nötige Ruhe nehmen.
GEJ|1|84|2|0|Alle können auf dieser Höhe die herrliche Aussicht nicht genug loben, und der Schreiber Matthäus sagt: „Herr, so die Menschen von Deiner Lehre durchdrungen wären in allem und jedem, so wäre solch ein Land wirklich schön genug, um den Menschen ein Himmel zu sein! Aber wenn ich bedenke, daß die Menschen zum größten Teile noch ärger als die reißendsten und blutdürstigsten Bestien sind, so möchte ich hier gerade Gott dem Herrn einen Vorwurf machen deshalb, daß Er diese Erde gar so herrlich gestaltet hat für solch ein schlechtes Gesinde!“
GEJ|1|84|3|0|Sage Ich: „Der Vorwurf trifft sonach Mich; denn der Vater und Ich sind Eins! Denn des ewigen Sohnes Weisheit, die eigentlichst die Weisheit des Vaters ist, machte den großen Schöpfungsplan, und des Vaters Liebe setzte das große ,Werde‘ hinzu, und also entstand diese Erde, Sonne, Mond und Sterne!
GEJ|1|84|4|0|Die Menschen aber, die diese Erde bewohnen, sind ebenfalls von Mir erschaffen und sollen und werden nun umgestaltet werden!
GEJ|1|84|5|0|Wenn diese Sachen sich aber also verhalten, wie magst du Mir einen Vorwurf machen? Und – zudem ist diese Erde eben auch nicht gar so schön, als sie dir vorkommt; alle die Gegenden, die du hier erschauest, geben nur in einer gewissen Ferne ein lieblich Bild. Gehe hin, und du wirst wenig oder auch gar nichts Schönes und Reizendes an und in diesen Gegenden finden, außer hie und da einen Baum oder gar einen von Menschenhänden angelegten Garten und im selben etwa einen Palast eines reichen Menschen! Wirst du solche Dinge wohl auch schön und herrlich nennen?
GEJ|1|84|6|0|Da siehe empor zur Sonne; dort gibt es andere Gegenden! Eine Wüste ist dort herrlicher als hier ein Paradies! Denn so das Licht der Sonne die Gegenden dieser Erde einzig und allein schön, herrlich und freundlich aussehend macht, da ohne das Licht der Sonne die Erde ein pures Jammer- und Schreckenstal wäre, um wieviel herrlicher müssen dann erst die Gegenden der großen Sonne selbst sein, von deren Glanz- und Prachtüberfülle diese Erde ihren matten Schimmer borgt!“
GEJ|1|84|7|0|Sagt Matthäus: „Herr, was sagst Du? Die Sonne sei eine ganze große Welt auch, und unaussprechlich herrlicher schon eine Wüste dort denn hier ein Paradies?! Besieh die große Erde doch und dagegen die winzige Glanzscheibe der Sonne! Wieviel Male hätte sie wohl auf der Fläche Platz, die wir nun überschauen, die sicher ein kleinster Teil der ganzen Erde ist, und wieviel Male dann erst auf der ganzen Erde?!“
GEJ|1|84|8|0|Sage Ich: „Siehe, das ist also: Wenn Ich von irdischen Dingen mit euch rede, so verstehet ihr sie nicht; wie möglich möchtet ihr Mich verstehen, so Ich mit euch rede von himmlischen Dingen?! – Sieh und fasse es!
GEJ|1|84|9|0|Siehe dort gen Mittag einen Zedernbaum am fernsten Rande der Bergreihe, vergleiche dessen kleine Scheinhöhe mit der Höhe einer Grasstaude hier, die kaum eine Spanne mißt, und du wirst sehen, daß diese Grasstaude, so du sie vor dein Gesicht hältst, scheinbar sehr viele Male höher in die Luft emporragen wird als jene ferne Zeder, die an und für sich mehrere hundert Male höher ist denn diese Grasstaude! Und sieh, das bewirkt die Ferne! Wenn du gut bei Füßen bist, so erreichst du jene Zeder in zehn Stunden. Was bewirken alsonach schon zehn Stunden fürs Maß des Auges!?
GEJ|1|84|10|0|Nun denke dir aber die Entfernung der Sonne von dieser Erde! Sieh, so ein Vogel im schnellsten Fluge in der Zeit der Schöpfung Adams von der Erde gegen die Sonne hin abgeflogen wäre, so wäre er jetzt noch nicht dort, sondern hätte noch etliche Jahre zu fliegen! Wenn du das fassen kannst, dann möchtest du wohl begreifen, wie die über tausend mal tausend Male größere Sonne denn diese Erde dir hier so klein vorkommt!“
GEJ|1|84|11|0|Matthäus, ganz außer sich über solche Ferne und solch eine Größe, sagt: „O Herr, wenn also, wie magst Du nun von dieser Erde aus solch eine Welt lenken und erhalten?!“
GEJ|1|84|12|0|Sage Ich: „Ja sieh, was dir auch noch so unmöglich dünkt, das ist – vorderhand bloß unter uns gesagt – Mir ganz überleicht möglich! Jetzt kannst du solches freilich nicht einsehen; aber es wird schon eine Zeit kommen, wo du solches alles einsehen wirst.
GEJ|1|84|13|0|Damit du aber ersehen kannst, daß Ich auch, durch die Macht des Vaters in Mir, im Augenblick bis zur Sonne hinreiche, so habe nun acht! Ich werde die Sonne nun auf ein paar Augenblicke lang verdecken, daß sie auf der ganzen Erde kein Auge sehen soll; und dir soll es daraus klar werden, daß Ich auch von dieser Erde aus nach der Sonne hinlangen kann!“
GEJ|1|84|14|0|Sagt Matthäus: „O Herr, tue das doch nicht; denn da werden die Menschen verschmachten vor Angst!“ – Sage Ich: „Sorge dich um was anderes! Die Menschen werden meinen, daß das eine gewöhnliche Sonnenfinsternis ist, die sich auf eine ganz natürliche Weise öfter ereignet, – und in wenig Augenblicken haben sie die Sonne wieder. Gib nun acht!“ – Sagt Matthäus etwas ängstlich: „Herr, sollen darauf nicht alle hier Anwesenden aufmerksam gemacht werden?“ Sage Ich: „Lassen wir sie schlafen und ruhen! Es ist genug, daß du allein solches erfährst; denn ein Schreiber muß mehr wissen als jene, die vorderhand nicht zum Schreiben bestimmt sind! – Und siehe, Ich sage nun: ,Sonne, verdecke nun dein Angesicht auf sieben Augenblicke vor der ganzen Erde!‘“ – In diesem Augenblick wird es stockfinster; nur einige erste Sterne sind schwach ersichtlich.
GEJ|1|84|15|0|Matthäus bebt vor Angst und sagt: „Herr, Du Allmächtiger! Wer kann neben Dir bestehen, wenn Dein Gottesarm im Augenblicke so endlos weit reicht?!“ – Als Matthäus diese wenigen Worte noch kaum ausgesprochen hatte, scheint die Sonne schon wieder in ihrem Vollglanze, und Mein Matthäus atmet wieder freier, – kann aber vor Staunen kein Wort von sich geben. Nach einer geraumen Weile erst bekommt er etwas Mut und sagt: „Nein, Herr, das geht mir nicht ein! Deine Macht muß unendlich sein! Aber mit derlei schrecklichen Beweisen von Deiner Allmacht verschone uns, o Herr, in der Zukunft; denn dabei müßte in Kürze alle Welt verschmachten und zugrunde gehen!“
GEJ|1|84|16|0|Sage Ich: „Sorge dich um was anderes! Ist denn nun schon jemand zugrunde gegangen?! Ein bißchen Angst aber schadet dem sinnlichen Menschen niemals. Nun aber wecke die Schlafenden! Denn wir werden uns nun sogleich weiterbegeben! Aber erzähle du ja niemandem auch nur von ferne hin etwas von diesem Gesichte und Zeichen!“ – Darauf weckte Matthäus die Schlafenden, und wir machten uns auf die Weiterreise, die von nun an bedeutend bergab und daher auch schneller denn eher bergauf vonstatten ging.
GEJ|1|85|1|1|85. - Ankunft in Galiläa. Verschiedene Ansichten über den Messias. Weiterreise nach Kana in Galiläa
GEJ|1|85|1|1|Ev.Joh.4,45. Da Er nun nach Galiläa kam, nahmen Ihn die Galiläer auf, die gesehen hatten alles, was Er zu Jerusalem auf dem Feste getan hatte. Denn sie waren auch zum Feste gekommen.
GEJ|1|85|1|0|Als wir im Tale ankamen, erreichten wir bald ein galiläisches Dorf, in welchem viele von jenen Galiläern wohnten, die in Jerusalem auf dem Feste waren, als Ich den Tempel reinigte. Es war auch eben nicht eine gar lange Zeit seit der Geschichte in Jerusalem, und so war ihnen noch alles ganz frisch im Gedächtnisse.
GEJ|1|85|2|0|Als Mich diese Galiläer sahen wandeln durch ihr Dorf, da kamen sie sogleich aus allen Häusern auf die Straße, begrüßten Mich überaus freundlich und konnten Mich nicht genug loben wegen Meiner nach ihrer Meinung überaus gewagten Tat im Tempel. Und ihre Freude, Mich wiederzusehen, war um so größer, als sie nahe alle der Meinung waren, daß Mich die Pharisäer in Jerusalem heimlich aus dieser Welt möchten befördert haben! Denn diese Galiläer wußten noch nicht viel anderes von Mir, als daß Ich des frommen Josephs Sohn sei und Gott mit Mir sei wie mit Joseph. Ich mußte mit Meiner Gesellschaft den Tag über und am Ende auch die ganze Nacht bei ihnen verbleiben. Sie bewirteten uns nach ihren Kräften, und es war da viel Fragens und Beratens, und es kam auch die Frage über den Messias; und viele sahen und erkannten in Mir Denselben.
GEJ|1|85|3|0|Denn sie sagten: „Wer einen solchen Mut im Tempel vor vielen tausend Menschen aus sich entwickelt, muß sich einer großen Macht bewußt sein, die ihm von oben gegeben ist! Denn würde das ein gewöhnlicher Mensch tun, so ginge es ihm schlecht bei solch einem Unternehmen; auch würde er gegen die verrosteten Mißbräuche, die schon lange im Tempel gang und gäbe sind, nichts ausgerichtet haben! Aber bei Dir war es anders! Als wenn ein gewaltigster Sturm unter sie gekommen wäre, rannten sie alle zum Tempel hinaus, – und seitdem ist im Tempel kein Markt mehr gehalten worden!“ Und Ich sagte: „Und wird fürder auch keiner mehr gehalten werden; denn sein Ende ist nahe gekommen!“
GEJ|1|85|4|0|Da erstaunten die Galiläer und antworteten: „Wenn so, da wird es schlimm aussehen mit uns! Was ist dann mit der ewigen Herrschaft der Nachkommen Davids, die verheißen ist durch die Propheten, und die der Messias wieder errichten werde?!“
GEJ|1|85|5|0|Sage Ich: „Der wird wohl den wahren Kindern und Nachkommen Davids und dadurch für alle Menschen der Erde ein neues und ewig dauerndes Reich gründen; aber nicht auf dieser Erde, sondern über der Erde im Himmel! Wer die Propheten anders deutet, der wird im Finstern wandeln.“
GEJ|1|85|6|0|Auf dies Wort entfernen sich mehrere, denn sie glaubten an einen irdischen Messias; aber viele bitten Mich um eine nähere Belehrung.
GEJ|1|85|7|0|Ich aber sage: „Ihr müßt auch Zeichen sehen, sonst glaubt ihr nicht! Folget Mir daher gen Kana, und von dort in der Gegend herum; allda sollt ihr Lehre und Zeichen bekommen!“
GEJ|1|85|8|0|Es waren aber in Meiner Gesellschaft viele aus Kana, die Mich von der Hochzeit weg auf dieser ganzen Lehrreise getreuest begleitet haben. Diese wollten von all den Lehren und Zeichen, die sie von Mir gehört und gesehen haben, zu reden anfangen.
GEJ|1|85|9|0|Ich aber sage: „Für diese ist es noch nicht an der Zeit. Lasset sie uns aber folgen nach Kana; dort wollen wir davon einiges erwähnen, und mehreres sollen sie selbst sehen und erfahren! Und so denn setzen wir unsere Reise wieder weiter fort! Unterwegs aber soll niemand was reden; denn es gibt hier pharisäische Wegelagerer!“
GEJ|1|85|10|0|Als Ich solches bemerkte, gaben Mir die Galiläer recht und erzählten selbst, wie nun allenthalben pharisäische Spione lauern und die Wanderer auf der Straße anhalten, sie um allerlei befragen und mitunter auch, ob der gewisse Jesus aus Nazareth sich nicht irgendwo aufhalte und lehre unter ihnen. Und Ich sagte: „Eben darum wollen wir bis gen Kana hin ganz still wandeln; an unsere zahlreiche Gesellschaft werden sie wohlweislich keine Fragen stellen!“
GEJ|1|86|1|1|86. - Der Herr in Kana. Über den Schaden der Unzucht im Diesseits und Jenseits.
GEJ|1|86|1|1|Ev.Joh.4,46. Und Jesus kam abermals gen Kana in Galiläa, da Er das Wasser hatte zu Wein gemacht.
GEJ|1|86|1|0|Auf diese Worte beginnt die Weiterreise, und wir erreichen ohne allen Anstand das Städtchen Kana. Allda angelangt, begeben wir uns schnell in das Haus, allwo Ich das erste öffentliche Wunder gewirkt habe. Es vergeht aber keine Stunde, so weiß es schon nahe der ganze Ort, daß Ich und alle, die mit Mir gezogen sind, nun ganz glücklich und wohlbehalten angekommen sind; und alles eilt hin, um die Angekommenen zu sehen, zu begrüßen und zu bewillkommnen. Und als sie Mich ersehen, finden sie nicht genug Worte des Lobes und des Rühmens darob, daß Ich zu Jerusalem den Tempel auf eine so entschiedene Weise gereinigt habe! Denn es waren von Kana aus auch viele auf das Fest gekommen und haben da gesehen, was Ich zu Jerusalem gewirkt habe, und haben es auch erfahren, wie Ich daselbst viele Kranke gesund gemacht habe, und lobten Mich ungemein.
GEJ|1|86|2|0|Ich fragte sie, ob es hier keine Kranken gäbe. Sie sagten aber, daß merkwürdigerweise in dieser Zeit im ganzen Orte nicht ein Mensch krank sei.
GEJ|1|86|3|0|Ich aber sagte: dem Leibe nach seien sie wohl gesund, aber nicht so der Seele nach. „Denn wer da treibt Unzucht und Hurerei, der ist sehr krank in seiner Seele! Denn durch diese Sünde wird das Herz des Menschen von Tag zu Tag härter, gefühlloser und unbarmherziger gegen die Nebenmenschen und liebt am Ende nichts als sich selbst und den Gegenstand, mit dem es geilen kann, – aber nicht des Gegenstandes selbst willen, sondern des Geilens willen. Ein solches Herz fliehet dann das Gotteswort, das ihn abmahnt von seiner bösen Begierde, und wird am Ende sogar ein Feind derer, die das Wort Gottes im Herzen bewahren und darnach leben. Viele von euch leiden an dieser Krankheit, und Ich bin darum wieder zu euch gekommen, um euch von dieser sehr bösen und tödlichen Krankheit zu heilen. Wer aus euch sich von dieser bösesten Krankheit befallen weiß, der vertraue sich Mir an, und Ich werde ihn heilen!“
GEJ|1|86|4|0|Als Ich solches ankündige, da verlassen sogleich eine Menge das Haus; denn es überfällt die Schuldigen eine Furcht, daß Ich sie öffentlich verraten werde, und so machen sie sich davon. Darunter aber waren auch einige Ehebrecher und Blutschänder und viele beiderlei Geschlechts, die sich selbst beflecken, und waren am Ende froh, sich weit von Meinen Augen zu befinden.
GEJ|1|86|5|0|Es war aber vielen nicht so sehr darum, daß sie etwa nicht möchten von solcher Leidenschaft geheilt werden, sondern es war ihnen vielmehr nur der Schande wegen! Denn sie galten sonst für ehrenhafte, angesehene Menschen, und es wäre ihnen sehr unangenehm gewesen, daß es also ihre Nachbarn erfahren hätten, daß sie ein schwaches Fleisch haben. Aber sie bedachten nicht, daß sie sich dadurch selbst verrieten, als sie auf Mein bestes Begehren sich aus dem Staube machten.
GEJ|1|86|6|0|Viele, die geblieben sind, sagten: „Nein, von dem und diesem hätte ich das nie geglaubt!“ Andere wieder konnten sich des Lachens nicht erwehren und sagten: „Aber wie pfiffig hast Du es doch angestellt! Diese hätte jemand zehn Jahre lang fragen dürfen, so hätten sie ihm in dieser Hinsicht sicher keine Antwort gegeben; Du aber hast sie bloß in aller Liebfreundlichkeit aufgefordert, daß sie sich in dieser Hinsicht von Dir sollen heilen lassen, – und siehe, sie nahmen alle den Läufersold! Sie waren sicher der Meinung: Dir, Dem es möglich war, das Wasser in Wein zu verwandeln, könnte es am Ende auch möglich sein, sie beim Namen zu rufen und zu sagen: ,Du hast also gesündigt und soundso oft Male, – und du aber also und soundso oft Male!‘, – und das hätten sie natürlich nicht ertragen und nahmen darum den Läufersold! Aber das haben sie im Augenblick doch nicht bedacht, daß sie sich durch solches Davonrennen am meisten verraten haben! Wir wollen sie darob zwar nicht richten – denn uns sind unsere eigenen Schwächen nicht unbekannt, und wir wissen auch, daß es allzeit am klügsten ist, so man vor der eigenen Haustür fegt und kehrt –, aber lächerlich bleibt die Sache immer, indem diese glaubten, daß sie durch ihr Sich-aus-dem-Staube-Machen etwa als solche Sünder, wie Du sie ehedem anführtest, nicht erkannt werden möchten! Nein, die sind etwa doch dümmer als ein Rhinozeros aus Persien!“
GEJ|1|86|7|0|Sage Ich: „Lassen wir sie gehen, die blinden Narren! Vor den Menschen schämen sie sich; aber vor Gott, Der das Herz und die Nieren der Menschen allzeit durchschaut und prüft, schämen sie sich nicht! – Ich sage euch allen: Dieses weltliche Schamgefühl ist eitel! Wie lange wird's denn noch dauern auf dieser Welt?! Bald wird ihnen der Leib genommen werden, dessen Fleisch ihnen so viele süße Stunden bereitet hatte! Dann werden sie in der andern Welt nackt anlangen, in der man ihnen haarklein alles von den Dächern herab verkünden wird, was sie auf dieser Welt noch so geheim verübt haben! Da erst wird eine rechte und bleibende Schande ihr Anteil werden, die sie dort nicht so leicht wie hier loswerden!
GEJ|1|86|8|0|Wahrlich, sage Ich euch allen: Geiler, Unzüchtler und Huren werden ins Reich Gottes nicht eingehen; es müßte denn geschehen, daß sie sich gewaltig bekehrten von ihrem schlechtesten Lebenswandel! Denn sehet, alle anderen Sünden begeht der Mensch außer dem Leibe und kann sie daher auch leichter ablegen – denn was da äußerlich geschieht, verdirbt den Menschen nicht so sehr, als was da in ihm geschieht! –; die Hurerei aber geschieht im Menschen, verdirbt die Seele und den Geist und ist daher auch das gefährlichste aller Übel! Darum meidet es vor allem und fliehet es wie die Pestilenz; denn der Wollustkitzel ist des Satans Kunstgriff! Wehe, wer sich vom Satan also hat ergreifen lassen! Jeder wird am Ende die große Not finden, sich aus den Krallen des Satans loszumachen! Unsägliche Leiden und Schmerzen werden sein Anteil sein! Beachtet dieses alles wohl; denn sonst kommt die Zeit und die Tage, die euch nimmer gefallen werden! Lasset uns aber nun zur Ruhe gehen!“
GEJ|1|86|9|0|Mehrere, die mit Mir gezogen sind, begaben sich in ihre Wohnhäuser; Meine Jünger aber und die Mutter Maria und Meine Brüder, das heißt die fünf Söhne Josephs, blieben bei Mir.
GEJ|1|87|1|1|87. - Die wahre Heimat ist beim Herrn. Die jüdischen Zweifler. Ihr Abzug und ihre Festnahme durch römische Krieger. Kornelius beim Herrn
GEJ|1|87|1|0|Als sich alle andern entfernt hatten, kam der junge Hauswirt, bei dessen Hochzeit Ich das Wasser in Wein verwandelt hatte, und sagte: „Herr! Die uns aus Judäa und Jerusalem gefolgt sind und sich nun draußen im großen Gastzimmer mit Speise und Trank gestärkt haben, möchten nun noch ein Wörtlein mit Dir reden. Denn, wie ich es merke, so sind mehrere willens, sich auf den Weg in ihre Heimat zu begeben und alldort ihre Wirtschaften zu bestellen. So Du es also erlauben möchtest, da würde ich ihnen solches hinterbringen!“
GEJ|1|87|2|0|Sage Ich: „Ich meine, daß solches unnötig sei! Wer bei Mir ist und bleibt, der ist wahrhaft in seiner wahren Heimat, und wer sich nicht diese allein wahre und ewig bleibende Heimat erwerben wird, der wird stets in wüster Fremde herumirren gleich einem verscheuchten Wild, das in der Wüste Fraß und Heimat sucht, aber nicht findet weder das eine noch das andere und endlich verschmachtet vor Hunger, Durst und Kälte und wird am Ende zur Beute der reißenden Tiere, deren Heimat die leere Wüste ist!
GEJ|1|87|3|0|Wem aber ist bei Mir etwas abgegangen?! Ist nicht jeder täglich gesättigt worden leiblich und geistig aus den Himmeln? Hat jemand Hunger und Durst gelitten, oder ist etwa jemandem sonst was Leids geschehen? Ist jemand von einem weltlichen Gerichte belangt worden darum, daß er mit Mir zog?! Ich sage dir: Wer gehen will, der gehe; wer aber bleiben will, der bleibe! Denn Ich bedarf der Menschen nicht; aber die Menschen bedürfen Meiner! Wer Mich verläßt, der wird auch von Mir verlassen sein, und wer Mich nicht sucht, den werde auch Ich nicht suchen mit großem Eifer! – Gehe nun hinaus und hinterbringe ihnen das!“
GEJ|1|87|4|0|Sagt der Wirt: „Herr, es geschieht mir schwer; demnach wirst Du auch über diese Bürger von Kana ungehalten sein, daß sie nun in ihre Häuser sich zur Ruhe begeben haben!?“
GEJ|1|87|5|0|Sage Ich: „Du hast Mich nicht verstanden! Sieh, diese Bürger haben Mich vollends schon aufgenommen in ihre Herzen, und Meine Lehre ist ihnen heilig geworden; diesen Juden aber ist Meine Lehre, die Ich in Sichar gab, nicht anständig in der Fülle, und sie sehnen sich wieder nach ihrem Sauerteige mehr denn nach ihrer Hauswirtschaft und wollen deshalb nun heimziehen! Sie möchten Mir aber ehrenhalber einen Dank abstatten, um von euch nicht als rohe ungeschlachte Klötze angesehen zu werden. Darum gehe du nur hinaus und hinterbringe ihnen unverhohlen alles, was Ich zu dir nun geredet habe!“
GEJ|1|87|6|0|Mit diesem Bescheid begibt sich der Wirt hinaus zu den Judäern und hinterbringt ihnen wörtlich, was Ich zu ihm geredet habe. Alle stutzen darauf gewaltig, da sie sich einer nach dem andern sehr getroffen fühlen. Einige verdrießt das; anderen aber geht die Sache zu Gemüte, und sie denken darüber nach in ihren Herzen und sagen: „Er hat uns getroffen, und es ist leider also; Er möge es uns vergeben, und wir wollen bleiben!“
GEJ|1|87|7|0|Die dadurch Beleidigten aber sagen: „Wir aber werden gehen! Es ist uns zwar bei Ihm wahrlich nichts abgegangen, aber uns ist nun dieses müßige Skythenleben überdrüssig geworden; und zudem muß man bei Ihm immer auf der Hut sein, sich mit irgend einem Wörtchen zu verstoßen! Denn da hat man das Urteil sogleich an den Rücken geklebt und kann sehen, wie man mit heiler Haut wieder auf einen guten Fuß kommt; denn von irgend einer Nachsicht ist bei Ihm gar keine Rede! Was Er einmal ausspricht, davon läßt Er aber auch nicht ein Jota mehr handeln! Darum wollen wir auch nicht länger mehr bei Ihm verharren!“
GEJ|1|87|8|0|Sagen die Reuigen: „Das ist zwar wohl wahr. Die Priester zu Jerusalem lassen wohl sehr mit sich handeln, besonders so die Opfer dafür ihnen zur Genüge entsprechen! Aber Er läßt mit Sich um kein Haar handeln, und könnte man Ihm dafür auch die ganze Erde zum Opfer bringen! Es ist darum mit Ihm freilich wohl etwas hart und schwer auszukommen; aber Er ist einmal unmöglich was anderes als zum allerwenigsten ein größter Prophet, und jedes Seiner Worte ist, genau betrachtet, voll Wahrheit, voll Kraft und Leben, und die noch so stumme Natur gehorcht Seinem Winke! Was wollen wir da anderes tun als bleiben, solange Er uns Selbst nicht von Sich schaffen wird?! Denn die Taten, die Er vor unseren Augen verrichtet hat, hat vor Ihm nie ein Mensch verrichtet, und wir bleiben darum um jeden Preis bei Ihm!“
GEJ|1|87|9|0|Die Beleidigten aber sagen: „Tut, was ihr wollt; wir aber gehen! So wir dem Wirte was schulden, so mache er uns die Rechnung!“
GEJ|1|87|10|0|Der Wirt aber sagt: „Ich habe keine Herberge für Fremde, sondern für die einheimischen Kinder Jakobs, und diese sind bei mir zechfrei wie überall in Kanaan, dem Lande, da Milch und Honig in den Bächen fließt.“
GEJ|1|87|11|0|Nach solchem Bescheide erheben sie sich, begeben sich auf den Weg und eilen von dannen. Als sie aber schon mehrere Stunden Weges von Kana entfernt sind und vor Müdigkeit ihre Füße nicht mehr heben können, fallen sie auf der Straße nieder und nehmen da bei etlich hundert an der Zahl die nächtliche Ruhe.
GEJ|1|87|12|0|Es kommt aber dieselbe Straße von Jerusalem herabgezogen eine starke römische Soldatenlegion und stößt auf diese Karawane. Da die Müden aber nicht zu erwecken sind, so werden sie bis zum Morgen des kommenden Tages bewacht. Und als sie am Morgen erwachen, sind sie an Händen gebunden, und da sie sich nicht mit legitimen Reisebewilligungen ausweisen können, so werden sie samt und sämtlich als Gefangene nach Jerusalem vors Gericht geführt und werden daselbst eine Woche lang verhört, bis sie als erwiesene Juden gegen Straftaxen in die Freiheit gelassen und gegeben werden.
GEJ|1|87|13|0|Ein Teil dieser römischen Soldaten aber kommt desselben Morgens auch nach Kana. Als sie unser Haus untersuchen und wir uns mit dem Reiseschein aus Jerusalem ausweisen, so machen sie weiter keinen Anstand mehr und ziehen nach Kapernaum weiter, nachdem sich zuvor der Oberste dieser Legion, da er Mich erkannte, noch über manches mit Mir besprach und Mir zugleich eröffnete, daß er nun für längere Zeit in Kapernaum residieren werde, wohin seine Familie schon ein paar Tage vorher sich begeben habe, und er sie daselbst treffen werde. Mit dem ladet er Mich auch ein, nach Kapernaum zu kommen und bei ihm einzusprechen, was Ich ihm nach etlichen Tagen zu tun auch zusage.
GEJ|1|87|14|0|Zugleich fragt er Mich, ob Ich wüßte, wer die starke Karawane sein mochte, die ihm in der Nacht unterkam, das heißt auf der Straße gen Jerusalem in tiefem Schlaf versunken liegend.
GEJ|1|87|15|0|Ich sage ihm, wer sie war, und er erwidert Mir freundlich lächelnd: „Habe ich mir's aber auch alsogleich gedacht, daß ich da mit derart Kerlen zusammengekommen bin, die im Grunde des Grundes nichts als pharisäische Spione sind, und es sollte mich sehr wundernehmen, wenn Du sie nicht auf den ersten Blick als solche erkannt haben solltest!“
GEJ|1|87|16|0|Worauf Ich ihm erwiderte: „Nicht ganz unrecht hast du, so du sie als das ansiehst. Aber als sie aus Jerusalem und Judäa Mir folgten, waren sie das noch nicht; nun aber können und werden einige aus ihnen es werden zu ihrem eigenen größten Nachteile. Denn die Tempelbrut liebt den Verrat wohl, fürchtet aber den Verräter mehr als den verratenen Feind und läßt daher keinem Verräter mehr die Freiheit. Nahe jeder bekommt das verfluchte Wasser zu trinken, und aus zehn kommt kaum einer mit dem Leben davon; die Zerplatzten aber werden dann gewöhnlich des falschen Verrats beschuldigt und werden in Josaphat, allwo eine Stelle verflucht ist, in die verfluchte Erde verscharrt. Und das wird auch das Los einiger sein, die an Mir zu der Tempelbrut einen Verräter machen werden! Denn noch ist Meine Zeit nicht da!“
GEJ|1|88|1|1|88. - Des Herrn Gespräch mit Kornelius über die Templer zu Jerusalem und über die Reinigung des Tempels durch den Herrn. Des Nikodemus guter Einfluß. Vorhersage des Gerichts über Jerusalem
GEJ|1|88|1|0|Sagt der Oberste, namens Kornelius, der auch ein Bruder des Kaisers Augustus ist: „Nun, wohl bekomme es ihnen! Denn ich kann Dir nicht genug sagen, wie sehr mir alle diese Tempelbrut im Magen liegt! Ich sage es Dir, liebster erhabenster Freund: Das Schlechteste des Schlechtesten auf dem ganzen Erdkreise ist ein jüdischer Tempelpfaffe! Unsere quasi ägyptischen Priester sind schlecht, aber es schaut doch hie und da ein bißchen etwas von einem Menschen heraus; man hört wenig von irgendeiner Grausamkeit, und ihre Sache ist, mit wenigen mystischen Ausnahmen, die Menschheit zur Humanität und zum kriegerischen Mute anzueifern.
GEJ|1|88|2|0|Aber diese Kerls sind Heuchler durch und durch! Äußerlich tun sie so streng und fromm, als wenn sie alle Säcke voll lebendiger Götter bei sich trügen; innerlich aber wären sie nach unserer Mythe für den alleruntersten Tartarus zu schlecht. Wahrlich, so unsere fabelhaften drei Hauptfurien, vor deren Gräßlichkeit alles vor Angst und Schreck zu Stein werden soll, eines solchen Jerusalemischen Tempelkerls ansichtig würden, so müßten auch sie selbst am Ende vor zu großer Angst und Furcht zum Diamantstein werden! Ich sage es Dir: Zur endlichen Lösung dieses allerbösartigst verworrensten Tempel- und dessen Priesterknäuels muß ehestens ein schärfstes Schwert des Königs von Mazedonien hinzukommen, sonst wird ehestens noch die ganze Erde in diesen unheilvollsten Knäuel hineinverwickelt werden! – O Freund! Ich könnte Dir von diesen Kerlen Dinge erzählen, daß darob schon die ganze Erde ein Fieber bekommen könnte! Aber genug, begnüge Dich einstweilen mit dem; wann Du zu mir kommst, wollen wir viel miteinander davon reden!“
GEJ|1|88|3|0|Sage Ich: „O lasse das, Ich kenne die Brut aus der untersten Wurzelfaser! Aber Ich habe auch schon aus deinem Stamme in Rom einen ,König von Mazedonien‘ dazu ausersehen; dem soll der Preis bestimmt werden, diesen dichtverwirrtesten aller Knäule mit glühendem Schwerte zu zerhauen! Jedoch will Ich vorher noch so manches tun zur möglichen Besserung so mancher aus ihnen!“
GEJ|1|88|4|0|Sagt der Oberste: „Tue es nicht! Denn wenn Du auch nach Menschenweise und – art sterben kannst, und so Du auch ein wahrer Gottessohn bist, so werden sie Dich zu töten wissen! Denn wie ich Dir's sage, so ist vor diesen Kerlen auch nicht einmal ein Gott Seines Lebens sicher! – Glaube es mir, liebster junger Freund!“
GEJ|1|88|5|0|Sage Ich: „Lassen wir das! Was der Vater will, das wird geschehen! Es genügte ein Hauch aus Meinem Munde, und sie wären nicht mehr! Aber es ist also nicht der Wille des Vaters, und so lassen wir sie noch eine Zeitlang!“
GEJ|1|88|6|0|Sagt der Oberste: „Wenn die Kerls es noch zehn Jahre also treiben wie jetzt, so werden in Judäa nicht viele Menschen am Leben bleiben. Wenn nicht ein Gemäßigter in ihrem hohen Rate säße, so hätte es bald nachdem, als Du kühnstermaßen den Tempel gereinigt hast von dem Geschmeiße, schon ganz ungeheuern Spektakel gegeben! Aber ein wahrer Biedermann, namens Nikodemus, hat es verstanden, diesen Kerlen, deren es nun schon nahe so viele gibt als des Grases auf der Erde, die Stange zu halten. Es war gerade zum Totlachen, wie er mit großer Schlauheit ihnen das begreiflich zu machen gewußt hat, daß diese Tempelreinigung eigens dazu von Gott aus zugelassen ward, daß dadurch Seine Diener zu sehr viel Geld haben kommen müssen, indem eben die Verkäufer, Wechsler und Taubenkrämer es wären, die außer ihrem kleinen Platzzins nie ein Opfer in den Gotteskasten legten, während sie doch das meiste Geld in ganz Jerusalem besäßen! Damit waren die meisten einverstanden, und einige sagten: ,Nun, der soll auf das nächste Fest nur wiederkommen mit seiner Zauberkraft; er ist zu brauchen!‘ Aber einige, die selbst im Tempel so nebenbei auch durch vertraute Agenten das Wechselgeschäft betrieben hatten, waren natürlich mit diesem Wunsche eben nicht gar zu sehr einverstanden. Aber dessenungeachtet stehe ich Dir dennoch dafür, daß Dir wegen einer allfälligen Tempelreinigung bei einem nächsten Fest von dem Geschmeiße kein Haar gekrümmt wird; denn Du hast ihnen bei der letzten zu einer ansehnlichen Summe verholfen. Wann Du daher wieder einmal in gleicher Angelegenheit nach Jerusalem gehen solltest, da schleiche Dich nur ganz geheim hinein, sonst wirst Du den Tempel schon von selbst gereinigt finden; denn diese Krämer, Wechsler und Viehhändler haben nach allen Richtungen Spione ausgesandt, die Dich beobachten sollen auf Deinen Wegen, gleichwie auch die gewissen gar ausgezeichnet schlechten Tempeldiener. Bei denen, die ich auf dem Wege verhaften ließ, waren lauter solche Kerls; ich glaube nicht, daß darunter zwei ehrliche staken!“
GEJ|1|88|7|0|Sage Ich: „Nun, den Gefallen kann Ich ihnen schon noch einmal erweisen; aber darauf, sei vollends versichert, wird kein Wechsler und kein Verkäufer mehr im Tempel seine Geschäfte unternehmen! So Ich Meinen letzten Einzug in Jerusalem halten werde, da werde Ich auch noch einmal den Tempel also zu reinigen bekommen, als wie Ich ihn jüngst gereinigt habe!“
GEJ|1|88|8|0|Nach dieser Vorversicherung kommt ein Rottenführer und meldet dem Obersten, daß die Truppen zum Abmarsch fertig seien. Der Oberste empfiehlt sich nun bei Mir und erinnert Mich nochmals, ihn ja gewiß in Kapernaum zu besuchen! Nachdem bringt der Hauswirt ein gutes Morgenmahl, und alle Gäste nehmen daran teil.
GEJ|1|89|1|1|89. - Jesus betet für alle die Seinen, entläßt Seine Brüder zur Bestellung ihres Hauswesens und gibt Winke über die Zinsordnung der Seinen. Thomas und Ischariot. Krankenheilung durch Handauflegen, Heilkräuter.
GEJ|1|89|1|0|Nach dem eingenommenen Morgenmahle sage Ich zu allen Anwesenden: „So jemand in seiner Behausung etwas zu ordnen und zu verrichten hat, der kann nun auf ein paar Tage sich von hier zu dem Zwecke entfernen; aber am dritten Tage muß er wieder hier sich einfinden! Denn Ich werde nun hier in Kana ein paar Tage weilen und Mir Selbst eine kleine Ruhe gönnen. Die aber zu weit nach Hause haben, können hier verbleiben wie auch jene, die Mich nicht verlassen wollen! Aber Ich werde hier die zwei Tage durch weder etwas lehren noch tun, sondern – wie gesagt – bloß ausruhen und zum Vater beten für euch alle.“
GEJ|1|89|2|0|Es treten denn auch die Maria und Meine fünf Brüder zu Mir und fragen Mich, ob auch sie dürften auf ein paar Tage sich nach Nazareth begeben und dort in Ordnung bringen das häusliche Wesen.
GEJ|1|89|3|0|Und Ich sage: „Ja, gehet und tuet das; denn Meine Jünger müssen auch in ihrem Haushalte auf der Welt in Ordnung sein! Bestellet aber das Hauswesen für euch auf ein paar Jahre und vermietet es an jemand Armen, aber, wohlgemerkt, ohne Zins! Denn ihr als Meine Brüder und Jünger sollet in aller Zukunft von niemandem einen Zins oder Lohn begehren, sondern bloß nur das nehmen, was man euch freiwillig geben wird!“ – Die Brüder samt der Maria geloben das und begeben sich nach Nazareth.
GEJ|1|89|4|0|Von den Jüngern aber, die Mir von Bethabara, da Johannes taufte, gefolgt sind, ging bloß der Thomas nach Hause mit der Vornahme, dort noch mehrere Jünger für Mich zu werben, was er denn auch tat. Aber es war darunter auch ein gewisser Jude, der kein eigentlicher Galiläer war, namens Ischariot, der Mich hernach verriet. Dieser war bis zur gewissen Zeit der eifrigste aller Meiner Jünger. Er machte den Zechmeister, bezahlte überall alles und machte gewisserart einen Vorläufer und Direktor allenthalben, wo Ich nachher hinzog. Aber er verstand es auch, sich von Meinen Handlungen und Lehren geheim Geld zu machen, und diese Geldgier machte aus ihm am Ende auch das, was er geworden ist, nämlich ein – Verräter an Mir! Petrus und die andern Jünger, die Mir eben auch von Bethabara gefolgt sind, aber blieben.
GEJ|1|89|5|0|Petrus sagte, als Ich ihn fragte, ob er nicht auch nach Hause ziehen wolle auf ein paar Tage: „Herr, nur der Tod kann mich von Dir trennen oder ein Gebot aus Deinem Munde! Für meinen Sohn Markus habe ich dem Thomas den Auftrag gegeben, daß er hierher kommen solle; denn er wäre zu brauchen, indem er des Schreibens nahe so gut wie der Matthäus kundig ist! Das ist aber auch alles, was ich nun bei meinem Hauswesen zu bestellen habe; für alles andere sorgest ohnehin Du, mein Herr und mein Gott!“ – Sage Ich: „Nicht so laut, Mein Simon Petrus; denn hier sind wir nicht in Sichar! Es sind aber nun etliche hier, die noch nicht so weit sind als du; diese könnten sich ärgern. Darum genügt es, daß du Mich in der Zukunft ,Herr‘ nennst; das andere behalte einstweilen allein nur in deinem Herzen, das Ich wohl kenne!“
GEJ|1|89|6|0|Petrus ist mit diesem Bescheide zufrieden und fragt Mich, ob wir durch die zwei Tage in Kana ganz und gar nichts tun sollen. Ich aber sage: „Das sei ferne von uns; aber also angestrengt wie in Sichar werden wir hier nicht arbeiten! Wir sind hier irdisch im eigentlichen Vaterlande, und du weißt es, wieviel ein Prophet im Vaterlande gilt! Daher werden wir hier auch in unserer eigentlichen Sphäre nicht viel tun und lehren; denn wo der Glaube mangelt, da gibt's für uns wenig Arbeit. Wir wollen uns daher hier, wie man sagt, so ein paar Tage hindurch recht gut geschehen lassen und uns für das Künftige ein wenig weiter hinaus vorbereiten!“
GEJ|1|89|7|0|Nach diesen Worten kommt Matthäus und fragt Mich, ob er durch die zwei Tage etwa hier so manches aufzeichnen solle, was er in Sichar mit gesehen und vernommen habe.
GEJ|1|89|8|0|Ich aber sage: „So du schon durchaus etwas tun willst, so schreibe die Bergpredigt noch ein paar Male ab, und es soll davon hier in Kana, und zwar hier beim Wirte, ein Stück verbleiben, und ein Stück wollen wir in Kapernaum lassen; denn auch dort werden wir sonst nicht viel zu tun bekommen!“
GEJ|1|89|9|0|Der Wirt aber kommt nun und fragt Mich, was Ich zu Mittag speisen möchte. Und Ich sage zu ihm: „Freund, wozu eine so eitle Frage?! Hast du Mich doch vor dem Morgenmahle nicht gefragt, und sieh, es hat Mir recht wohl gemundet! Also wird Mir auch das Mittagsmahl munden! Ich sage dir, jede Speise, die mit des Gebers edlem und liebevollem Herzen gewürzt ist, schmeckt am besten, besser denn die kostbarsten Dinge, die an den Tischen selbstsüchtiger Prasser prangen und mit ihren Ambradüften die Säle füllen!“ Mit diesem Bescheide war unser junger Wirt vollends zufrieden und bot dann mit dem fröhlichsten Herzen alles mögliche auf, um uns am Mittage so gut als nur immer möglich zu bewirten.
GEJ|1|89|10|0|Und so gingen die zwei Tage unter manchen guten Besprechungen und vielseitigen Besuchen von seiten der Bürger dieser kleinen Stadt vorüber.
GEJ|1|89|11|0|Auch einige Kranke wurden durch die bloße Auflegung der Hände geheilt; und Ich zeigte einem redlichen Arzte daselbst, der die Heilkraft durch das Auflegen der Hände nicht begreifen konnte, eine Menge heilsamer Kräuter und anderer Dinge, mit denen er dann die besten Kuren machte und sich dadurch einen rühmlichen Namen erwarb.
GEJ|1|89|12|0|Am dritten Tage aber kamen bis auf die Mutter Maria und die vier älteren Brüder alle, die durch die zwei Tage in ihre Heimat abgegangen waren, wieder zurück und brachten von allen Seiten neue Jünger mit. Namentlich hatte Thomas in dieser Hinsicht einen recht reichen Fischfang getan und brachte auch so eine Menge gebratener Fische mit; denn er wußte, daß Ich solche Fische gerne aß.
GEJ|1|89|13|0|Also brachte auch der junge Markus seinem Vater Simon viele Grüße und auch eine Menge bester gebratener Fische mit, und der Ischariot brachte viel Geld und recht viel Leben in die Gesellschaft; denn er war sehr lebhaft und regsam und ordnete alles, fand an Mir ein ungemeines Wohlgefallen und wußte viel zu erzählen von den mannigfachsten Begebnissen, die sich hie und da im weiten Reiche der Römer zugetragen hatten.
GEJ|1|89|14|0|Als wir nun so beisammen waren, wollte Ich aufbrechen zur Weiterreise. Aber der Wirt bat Mich, nur noch bis zum Abend zu verweilen, da es draußen sehr heiß sei. Und Ich blieb bis zum Abend. Als aber die Sonne sich dem Untergange sehr zu nahen begann, so erinnerte Ich die Gesellschaft, sich reisefertig zu halten, indem Ich willens sei, mit dem Untergange die Weiterreise anzutreten.
GEJ|1|90|1|1|90. - Die Heilung des Sohnes des Königlichen
GEJ|1|90|1|1|Ev.Joh.4,47. Und es war ein Königischer, dessen Sohn zu Kapernaum krank lag. Dieser (des kranken Sohnes Vater) vernahm, daß Jesus kam aus Judäa in Galiläa und ging hin zu Ihm (nach Kana) und bat Ihn, daß Er hinab (nach Kapernaum) käme und helfe seinem Sohne; denn dieser war todkrank.
GEJ|1|90|1|0|Als wir den Weg antreten wollten, da eilte nahe außer Atem ein Mann königlicher Abkunft und ein naher Verwandter des Obersten, der ein paar Tage vorher nach Kapernaum zog, auf Mich zu; denn er hatte durch den Obersten erfahren, daß Ich von Judäa wieder nach Galiläa zurückgekommen bin. Dieser königliche Mann hatte einen einzigen Sohn, der auf einmal von einem bösen Fieber befallen ward, und der Arzt in Kapernaum erkannte alsobald, als er den Kranken ersah, daß es um denselben unfehlbar geschehen sei. Des Sohnes Vater verzweifelte und wußte sich vor Schmerz nicht zu helfen. Da kam zu ihm Kornelius, der Oberste, und sagte: „Bruder, da ist Rat zu schaffen! Von hier bis Kana ist für einen guten Geher kaum eine volle Stunde Weges. Alldort weilt der berühmte Heiland Jesus aus Nazareth! Ich selbst habe Ihn bei meiner Herreise dort getroffen und gesprochen! Er wird sicher noch dort sein; denn Er hat mir's versprochen, von dort geraden Weges zu mir nach Kapernaum zu kommen und mich zu besuchen! Was Er verspricht, das hält Er auch unwandelbar! Da Er aber bisher noch nicht zu mir gekommen ist, so ist Er ganz unfehlbar noch in Kana! Eile daher persönlich hin und bitte Ihn, daß Er zu deinem Sohne kommen und ihm helfen möchte! Und ich stehe dir dafür, daß Er sogleich kommen und deinem Sohne helfen wird!“
GEJ|1|90|2|0|Als der Königische solches von seinem Bruder Kornelius erfährt, so rennt er eiligst nach Kana und kommt also auch, wie oben bemeldet, ganz außer Atem nach Kana, als Ich schon den ersten Schritt zur Weiterreise machte. Kaum bei Mir angelangt, fällt er vor Mir nieder und bittet Mich, daß Ich ja so eilig als möglich mit ihm hinab nach Kapernaum eilen möchte, indem sein einziger Sohn, der sein alles sei, schon mit dem Tode ringe und ihm in Kapernaum kein Arzt mehr helfen könne, und so Ich nicht eiligst mit ihm ginge, sein Sohn sicher eher sterben werde, als bis Ich nach Kapernaum kommen werde, wenn er, der Sohn nämlich, nicht schon in dieser Zeit gestorben sei!
GEJ|1|90|3|1|Ev.Joh.4,48. Und Jesus sprach zu ihm: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht!“
GEJ|1|90|3|0|Sage Ich: „Sieh, du Mein Freund, es ist eine schwere Sache bei euch! Denn so ihr nicht Zeichen und Wunder sehet schon im voraus, so glaubet ihr's nicht! Ich helfe nur denen vor allem, die da glauben, wenn sie auch keine Zeichen und Wunder vorher geschaut haben! Denn wo der unbedingte Glaube Mir entgegenkommt, da heile Ich auch sicher und gewiß!“
GEJ|1|90|4|1|Ev.Joh.4,49. Der Königische sprach zu Ihm: „Herr! Komme hinab, ehe denn mein Sohn stirbt!“
GEJ|1|90|4|0|Da schreit der königische Mann: „O Herr, rede hier nicht so lange mit mir Armem; Du siehst ja, daß ich glaube, ansonst ich nicht zu Dir gekommen wäre! Ich bitte Dich, o Herr, komme Du nur unter meines Hauses Dach, und mein Sohn wird leben! So Du aber verweilest, da wird er eher sterben, als Du hinkommen wirst! – Siehe, ich habe viele Knechte unter mir; und so ich zu einem oder dem andern sage: Tue das, oder tue jenes, so wird er es tun. Hätte ich den vollsten Glauben nicht an Dich, o Herr, so hätte ich einen oder den andern Knecht zu Dir gesandt! Aber da ich voll des stärksten Glaubens bin, so kam ich selbst; denn mein Herz sagte mir: „So ich Dich nur finde und erschaue, so wird gesund mein Sohn!“ Herr, ich bekenne es auch, daß ich gar nicht wert bin, daß Du eingingest unter meines Hauses Dach, – sondern, so Du nur wolltest sprechen ein Wort, so wird gesund und lebendig mein Sohn!“
GEJ|1|90|5|1|Ev.Joh.4,50. Jesus spricht zu ihm: „Gehe hin, dein Sohn lebt!“ Der Mensch glaubte dem Worte, das Jesus zu ihm sagte, und ging hin.
GEJ|1|90|5|0|Sage Ich: „Freund, solch einen Glauben habe Ich in ganz Israel nicht gefunden! Gehe getrost heim; dir geschehe nach deinem Glauben! Dein Sohn lebt!“ – Und der Königische ging unter einem Strom von Dank- und Freudentränen nach Hause; denn er glaubte ungezweifelt Meinem Worte. Ich aber blieb nun diesen Abend und den nächsten Tag noch in Kana, was dem Wirt eine große Freude machte.
GEJ|1|90|6|1|Ev.Joh.4,51. Und indem er hinabging (gen Kapernaum), begegneten ihm seine Knechte, verkündigten ihm und sprachen: „Dein Kind lebt!“
GEJ|1|90|6|0|Als der Königische, der in Kapernaum in großem Ansehen stand, da er fürs erste gleich dem Obersten Kornelius mit dem Herrscherhause Roms verwandt und fürs zweite als ein hoher Staatsbeamter allda von Rom aus angestellt war, sich der Stadt näherte, da kamen ihm schon seine vielen Knechte entgegen und verkündigten ihm laut: „Herr, dein Sohn lebt und ist vollkommen gesund!“
GEJ|1|90|7|1|Ev.Joh.4,52. Da forschte er von ihnen die Stunde, in welcher es besser mit ihm (dem Sohne) geworden war. Und sie sprachen zu ihm: „Gestern um die siebente Stunde verließ ihn das Fieber!“
GEJ|1|90|7|0|Da ward der Mann nahe ohnmächtig vor Freuden und erkundigte sich alsogleich, um welche Zeit es mit ihm besser geworden sei. Und die Knechte antworteten einstimmig: „Gestern um die siebente Tagesstunde verließ ihn das böse Fieber!“
GEJ|1|90|8|1|Ev.Joh.4,53. Da merkte der Vater, daß es um dieselbe Stunde wäre, in der Jesus zu ihm gesagt hatte: „Dein Sohn lebt!“ Und er glaubte mit seinem ganzen Hause.
GEJ|1|90|8|0|Als er solches von seinen Knechten erfuhr, da fing er an nachzurechnen und fand, daß es genau um dieselbe Zeit sein mochte, in der Ich zu ihm gesagt hatte: „Dein Sohn lebt!“ Er ging dann gemächlichen Schrittes nach Hause. Und als er da ankam, führte ihm schon der Oberste Kornelius den ganz gesunden und heitern Sohn entgegen und sagte zu ihm: „Nun, Bruder, habe ich dich an den rechten Heiland gesandt oder nicht?!“
GEJ|1|90|9|0|Der Königische aber sprach: „Bruder, ja, durch deinen Rat hast du mir mein Leben zehnfach wiedergegeben! Aber dieser Heiland Jesus aus Nazareth ist offenbarst mehr als ein gewöhnlicher Heiland, der noch so geschickt die Krankheiten mittels heilsamer Kräuter zu heilen versteht! – Denke dir's! Er sprach, ohne meinen Sohn je gesehen zu haben, bloß ganz einfach nur: ,Dein Sohn lebt!‘, und der Sohn ward zur selben Stunde gesund! – Höre, das will etwas ganz Kurioses gesagt haben! Ich sage dir: Das kann keinem Menschen, sondern allein nur einem Gott möglich sein! Und von nun an glaube ich und sicher mein ganzes Haus, daß dieser Jesus über alle Zweifel himmelhoch hinaus ein wahrer Gott ist und nun zum Heile aller Menschen in menschlicher Gestalt unter den Menschen wandelt und sie heilt und belehrt. – So Er hierher kommt, muß Ihm hier göttliche Verehrung erwiesen werden!“
GEJ|1|90|10|0|Sagt Kornelius: „Ich kenne Ihn schon als Das und lasse mir es auch nicht nehmen; aber Er duldet es nicht, daß man Ihm mit so etwas entgegenkäme!“
GEJ|1|90|11|0|Sagt der Vater des geheilten Sohnes: „Bruder, wo man einen solchen Beweis in seiner Hand hat, da – meine ich – läßt sich wohl nie ein Zuviel tun!“
GEJ|1|90|12|0|Sagt Kornelius: „Bin ganz einverstanden mit dir; aber wie ich dir's gesagt habe, so ist es und bleibt es auch dabei, daß Er ein abgesagter Feind von öffentlichen und äußerlichen Ehrenbezeigungen ist. Soviel ich aus Seiner sogar frühesten Jugendzeit weiß, so hält Er bloß auf die stille innerste Ehrenbezeigung, die sich in der Liebe des Herzens ausspricht. Aber alles Äußere ist Ihm sogar überaus lästig, und so Er hierher käme, wie Er mir's versprochen hat, so könntest du Ihn mit einer öffentlichen Vergötterung nur von diesem Orte für immer vertreiben! Daher tue du im Herzen alles, was du willst; aber nur vermeide dabei alle öffentliche Zeremonie! Denn ich kenne Ihn seit Seiner Geburt schon von Bethlehem aus und habe seit der Zeit vieles von Ihm gehört und vieles selbst gesehen!“
GEJ|1|90|13|0|Sagt der Königische: „Nun gut, ich habe dir gestern gefolgt am Tage und will dich darum auch heute in der Nacht hören und folgen deinem Rate.“
GEJ|1|90|14|0|(Es muß hier wegen des Wortes „gestern“, damit es zu keiner (Wort-)klauberei Anlaß geben soll, eine kleine Erläuterung dahin angefügt werden, daß, besonders in Galiläa, der Tag nur bis zum jeweiligen Sonnenuntergange währte; nach dem Sonnenuntergange fing dann schon so ganz eigentlich der nächste Tag an, und man sagte in einigen Minuten nach dem Untergange zum vergangenen Tage schon „gestern“. Mit dem Untergange fing dann schon die erste Nachtwache für den kommenden Tag an; eine Nachtwache aber war ein Zeitraum von drei heutigen Stunden, und eine Tagesstunde war im Sommer wohl nahe zwei heutige Stunden lang und im Winter kaum eine, denn die sonnenlichte Zeit mußte immer zwölf Stunden haben, ob der Sonnentag kurz oder lang war. So denn hier in der Erklärung es heißt, daß der Königische in einer Stunde von Kapernaum nach Kana ging, so würde das heutzutage soviel als nahe zwei volle Stunden ausmachen. – Diese kurze Zwischenerläuterung ist hier um so nötiger, als man sonst so manches in diesem Evangelium kaum richtig verstehen würde, weil die entsprechenden Zeitbilder nur aus der damaligen und nicht aus der jetzigen Zeitrechnung genommen sind.)
GEJ|1|91|1|1|91. - Zum richtigen Verständnis der Verschiedenheit der Evangelien
GEJ|1|91|1|1|Ev.Joh.4,54. Das war das andere Zeichen, das Jesus tat, da Er aus Judäa nach Galiläa kam.
GEJ|1|91|1|0|Ich aber sage zu Kana am nächsten Tage dem Johannes, der das erste Zeichen bei der Hochzeit aufzeichnete, daß er nun auch dieses zweite Zeichen am selben Orte aufzeichnen solle; und Johannes tat dies auch mit wenig Worten in acht Versen, wie es geschrieben steht.
GEJ|1|91|2|0|Es fragte Mich aber auch Matthäus, ob auch er diese Tat aufzeichnen solle. – Ich aber sage zu ihm: „Laß es! So wir morgen nach Kapernaum kommen werden und Ich alldort auch wieder lehren und Zeichen verrichten werde, – diese sollst dann du aufzeichnen! Setze aber zu Meiner Bergrede noch die Heilung des Aussätzigen zu Sichar, den Ich heilte, als Ich vom Berge herabkam!“
GEJ|1|91|3|0|Sagt Matthäus: „Herr, meines Wissens sind zu Sichar zwei Aussätzige von Dir geheilt worden; welchen soll ich aufzeichnen?“
GEJ|1|91|4|0|Sage Ich: „Es sind wohl mehr denn zwei geheilt worden; aber es genügt der eine, den Ich heilte am Fuße des Berges und dann beschied, daß er sich dem Priester Jonael, dessen Namen du nicht anzusetzen brauchst, zeigen solle und opfere die Gabe, die Moses geboten hat zu einem Zeugnisse über sie! Denn wer Mir nicht glaubt des einen Zeichens wegen, der wird Mir auch nicht glauben, so Ich vor ihm wirkete hundert Zeichen! Daher setze aus den vielen Zeichen nur das von Mir dir nun angezeigte!“
GEJ|1|91|5|0|Sagt Matthäus: „Ach ja, Herr, nun weiß ich schon, welches Zeichen Du meinst! Angemerkt habe ich mir's wohl, aber nicht vollends schriftmäßig aufgezeichnet, und das werde ich nun sogleich tun und werde damit sogleich ein neues Kapitel anfangen. Denn die Bergpredigt habe ich in drei Kapitel abgeteilt, und das wird nun das vierte Kapitel.“
GEJ|1|91|6|0|Sage Ich: „Es ist einstweilen solche deine Einteilung gut; aber du wirst, nachdem Ich aufgehoben sein werde von dieser Erde in Mein himmlisches ewiges Reich, noch vier Vorkapitel zu schreiben genötigt sein; deshalb kannst du nun schon die drei Bergpredigtkapitel statt mit I, II und III sogleich mit den Zahlen V, VI und VII, und das neue alsonach mit VIII bezeichnen und beordnen!“
GEJ|1|91|7|0|Und Matthäus traf mit seinen Aufzeichnungen sogleich eine solche Einrichtung, und es stehet heutzutage die Bergrede, obschon sie das erste war, was Matthäus geschrieben hatte, nicht im ersten, sondern erst im fünften, sechsten und siebenten Kapitel.
GEJ|1|91|8|0|– Dies zu wissen ist ebenfalls zum besseren Verständnisse der beiden Evangelien des Johannes und des Matthäus nötig; denn die beiden sind unter Meiner persönlichen Leitung geschrieben worden, und es handelt sich hier auch vorzüglich darum, daß durch solche Kenntnis die beiden sich äußerlich sehr unähnlich scheinenden Urkunden unter ein Dach und somit in eine rechte Harmonie gebracht werden, weil es sonst nahe immer also geschah, daß selbst gute Schriftkenner die Wundertaten, die sich im Matthäus und Johannes ähnlich sehen, als die gleichen betrachteten und sich aber dennoch fragten: „Wie möglich sagt Matthäus das und Johannes das, da das Faktum völlig ein und dasselbe zu sein scheint?!“
GEJ|1|91|9|0|Es gingen daraus denn auch viele Irrtümer und nicht selten ein völliger Abfall von Meiner Lehre, wie sie in den Evangelien geschrieben steht, hervor.
GEJ|1|91|10|0|Man könnte hier freilich wohl sagen: ,Ja, warum, o Herr, ließest Du denn das durch so viele Jahrhunderte geschehen und wolltest darüber niemandem ein Licht geben?‘ Da sage Ich:
GEJ|1|91|11|0|Es verrann kein Jahrhundert, in dem Ich nicht allenthalben, wo Meine Lehre nur einigermaßen bekennet wird, Männer erwählt und geweckt hätte, damit diese den Sachverhalt und die nötige Erklärung der Evangelien genügend den Menschen dartäten. Die Erwählten haben das wohl allzeit getan und haben auch historisch an den Urkunden das ergänzt, was teils durch die Fahrlässigkeit der Menschen, teils durch den starren Sinn und nicht selten bösen Willen der verschiedenen sektischen Aufseher und Priester des Evangeliums, respektive Meiner Lehre, verlorengegangen ist; aber nur sehr wenige nahmen das an.
GEJ|1|91|12|0|Die sich mit der Zeit systematisch ausgebildet habenden Kirchen verwarfen es ganz natürlich und erklärten es als „Ketzerei“ und „Teufelsspuk“, weil es nicht für ihren gewinn- und herrschsüchtigen Kram taugte!
GEJ|1|91|13|0|Die Gelehrten und Künstler erklärten dagegen solche Erscheinungen für „Hirngespinste“ und „träumerische Faseleien“ eines armen Tropfs, der auch etwas sein möchte, ohne sich dazu die erforderlichen Eigenschaften durch Mühe, Fleiß und gründliches Studium erworben zu haben!
GEJ|1|91|14|0|In dem Orte aber, wo der erwählte und erweckte Prophet lebte und bekannt war, galt er auch sicher am wenigsten und konnte daher auch wenig ausrichten. Denn nach den Begriffen der Menschen, wie sie allgemein also sind, sollte ein Prophet eigentlich gar nicht auf der Erde wohnen und auch gar keine Menschengestalt haben, auch nichts essen und trinken und keine Kleider tragen, sondern er sollte zum wenigsten wie ein Elias in einem feurigen Wagen in den Lüften herumfahren, vom feurigen Wagen aber für jeden Menschen bloß nur das verkünden, was einer oder der andere eigenliebig gerne hört und was ihm schmeichelt! Das wäre dann ein rechter Prophet, auf den sicher alle Augen und Ohren gerichtet wären, besonders so er dazu noch wunderbarerweise bei seinen Luftfahrten gleich metzenweise Gold- und Silbermünzen unter die Reichen, kleine Scheidemünzen aus Kupfer aber unter die Proletarier schleudern würde und möchte dabei beloben die Großen, Reichen und Mächtigen, aber dafür zu öfteren Malen scharf züchtigen die armen Teufel (Proletarier), besonders so sie es wagten, gegen die Reichen, Großen und Mächtigen zu murren! Freilich würde dann ein solcher Prophet für die Armen eben keine gar zu angenehme Erscheinung sein, und sie würden ihn nicht loben!
GEJ|1|91|15|0|Aber so der Prophet ein Mensch ist wie jeder andere, wenn er ißt und trinkt, am Ende sogar eine Wohnstube hat und dabei etwa gar irgend ein weltlich Handwerk betreibt, oh, da ist es schon aus mit seiner Propheterei! Er wird entweder als ein Halbnarr oder als ein Gleisner deklariert, und in seiner Heimat wird er sicher am wenigsten irgend etwas ausrichten!
GEJ|1|91|16|0|Ich habe alsonach durch die nahe 2000 Jahre stets das Fehlende ergänzt; aber wer nahm es an? Ich sage: Allzeit nur sehr wenig, und diese selten lebendig genug! Man nahm sich davon wohl Kenntnisse und Notabene (Merkzeichen); aber daß danach etwa jemand seinen Lebenswandel eingerichtet und dann im Geiste sich selbst überzeugt hätte, daß der sonst natürliche Mensch im Ernste von Mir erwählt war, den Menschen in der so nach und nach finster gewordenen Welt wieder ein frisches Licht aus den Himmeln zu überbringen, das hatte man noch allzeit aus allerlei nichtigen Gründen bleiben lassen!
GEJ|1|91|17|0|Der eine hat sich ein paar neue Ochsen gekauft und muß sie nun zum Pflügen abrichten, der hat natürlich keine Zeit; der andere hat einen neuen Acker zu bestellen und kann daher auch nicht kommen! Ein dritter hat sich ein Weib genommen und hat darum schon gar keine Zeit und Gelegenheit mehr! Ein vierter hat ein großes Haus zu bauen und kennt vor lauter Sorgen sich nicht aus; der kann schon gar unmöglich eine Zeit haben! Und so hat am Ende ein jeder eine Ausrede, und ein neues Licht aus den Himmeln brennt dann wieder in irgend einem verborgenen Winkel der Erde vergeblich durch ein ganzes Säkulum (Jahrhundert). Und gebe Ich im nächsten Säkulum wieder ein neues Licht zur Erleuchtung der alten Urkunden, so wird ihm dasselbe Los zuteil!
GEJ|1|91|18|0|Wenn man das aber nur zu sicher nach aller Zeiten Erfahrung zugeben muß, so fragt es sich, ob da wohl an Mir die Schuld ist, so an den alten Urkunden noch bis zur Stunde dieselben Lücken zu entdecken sind, wie sie von eitlen Verstandesforschern und Grüblern schon vor tausend Jahren entdeckt worden sind, woraus dann auch allzeit die vielen Zweifler und endlich Verwerfer Meiner Lehre, Meiner und ihrer (der Lehre) vollsten Göttlichkeit wie die Pilze aus der Erde hervorgegangen sind.
GEJ|1|91|19|0|Ich gebe aber darum nun ein vollstes Licht in dieser Sache, auf daß sich dann am Ende niemand damit wird entschuldigen können, als hätte Ich Mich seit der Zeit Meiner leiblichen Gegenwart auf der Erde weder um die Reinheit und Vollständigkeit Meiner Lehre, noch um die sie angenommen habenden Menschen mehr bekümmert!
GEJ|1|91|20|0|So Ich jüngst wieder zur Erde kommen werde, so werde Ich eine starke Sichtung vornehmen; und keinen werde Ich annehmen, der Mir mit was immer für Entschuldigungen kommen wird! Denn jeder, der da ernstlich sucht, kann und muß es finden! Die kranken Schafe und Esel an dem Futterbaren aber sollen eine Arznei bekommen, nach der sie sicher gefräßig werden nach dem Futter aus den Himmeln; aber dann werden sie als Rekonvaleszenten langehin sehr homöopathisch gespeist werden! Und nun wieder zu dem Evangelium!“
GEJ|1|92|1|1|92. - Der Herr und Matthäus. Über die Allwissenheit Gottes. Die Führung der Menschen. Gleichnis vom steinigen Acker
GEJ|1|92|1|0|Als Matthäus mit seinen etlichen Versen fertig ward am Tage darauf, als Ich am vorhergehenden Tage den Sohn des Königischen aus Kapernaum von Kana aus geheilt habe, da zeigte er Mir die Arbeit, die Ich belobte, da sie in aller Kürze ganz gut und alles bezeichnend war. Nachdem er aber sein Schreibmaterial eingepackt hatte, so kommt er wieder zu Mir und fragt Mich, wieviel Schreibmaterial er etwa in Kapernaum brauchen werde; denn er habe vorderhand nur vier Tafeln außer dem Packe frei zum Gebrauche in Kapernaum behalten. Solle er etwa mehrere Tafeln freihalten, so könnte er sie hier leichter als in Kapernaum aus dem Hauptpacke nehmen!
GEJ|1|92|2|0|Sage Ich: „Es genügen die vier; aber Ich muß dich dabei dennoch auf einen kleinen Fehler in der Ordnung deiner eigenen Sache aufmerksam machen! Es liegt zwar im Grunde nichts daran; aber da bei Mir schon einmal alles in einer sicheren Ordnung zu geschehen hat, so ist das unklug von dir, daß du deinen Schreiberpack eher zusammenbindest und Mich erst nachher fragst, wieviel Tafeln du brauchen wirst. Wenn Ich nun gesagt hätte: ,Du wirst in Kapernaum fünf Tafeln brauchen!‘, so hättest du nun deinen ganzen Pack auflösen müssen der einen Tafel wegen, was dir offenbar eine ganz unnötige Mühe gemacht hätte. Aber du hast, durch Mein geheimes Einfließen genötigt, gerade die rechte Zahl freibehalten und hast dir dadurch die Mühe des Wiederauflösens deines Packes erspart. Wie Ich dir aber schon früher bemerkte, so liegt im Grunde gar nichts daran; aber das Gute der rechten Ordnung ist in allen Dingen, wenn sie auch oft noch so kleinlich scheinen, nicht selten von großem Nutzen.
GEJ|1|92|3|0|Siehe, so sich jemand wäscht am Morgen, Mittag oder Abend und wäscht zuvor das Gesicht und dann am Ende erst die Hände, so wird er das Gesicht nicht so bald rein haben, da er mit beschmutzten Händen über dasselbe fährt; so er aber zuerst die Hände reinigt, da wird auch sein Gesicht, mit den reinen Händen berieben, bald und leicht rein werden.
GEJ|1|92|4|0|Ein Mensch hatte irgend einen steinigen Acker und reinigte diesen mit viel Mühe und Fleiß von den Steinen; aber er beachtete dabei folgende gute Ordnung: Zuerst sammelte er die größten Steine vom Acker und legte sie außerhalb des Ackers in einen regelmäßigen und winkelrechten Haufen. Darauf sammelte er die weniger großen und legte sie in einen zweiten ebenso winkelrechten Haufen. Und also verfuhr er mit den übrigen, natürlich stets kleineren Steingattungen und erzeugte sonach zehn Steinhaufen, von denen jeder ganz gleichgroße Steine enthielt.
GEJ|1|92|5|0|Nun sagten die nachbarlichen Leute, die das sahen und ihre Äcker nicht auf solche Weise von den Steinen reinigten, sondern die Steine groß und klein nur in ganz ungeschickte Haufen untereinander zusammenwarfen: ,Da sehet den Narren an, was er mit den Steinen für ein Spiel hat!‘
GEJ|1|92|6|0|Es zog aber in Kürze dieselbe Straße, die an diesem Acker vorbeiführte, ein Baumeister, der zu einem Gebäude Steine suchte. Als dieser hier die zehn geordneten Haufen sah, ging er hin und kaufte sie alle dem von seinen Nachbarn erklärten Narren um vierzig Silbergroschen ab; denn er konnte sie also geordnet sogleich recht gut brauchen. Als die Nachbarn das merkten, so kamen sie auch herbei und sprachen: ,Herr, warum kamst du denn nicht zu uns? Sieh, wir haben dieselben Steine und gäben sie dir um wenige Groschen, während du hier die gleichen Steine um vierzig Silbergroschen gekauft hast!‘ Der Baumeister aber sprach: ,Eure Steine müßte ich erst ordnen, was mir viel Arbeit, Zeit und Mühe machen würde; diese aber sind schon also geordnet, wie ich sie gerade jetzt brauche, und so überzahle ich diese lieber, als daß ich die eurigen umsonst annähme!‘ Nun fingen freilich die Nachbarn an, auch ihre Steinhaufen zu ordnen; aber es war zu spät! Denn der Baumeister hatte an denen genug, die er vom ersten gekauft hatte, und die Nachbarn hatten sich nichts als eine vergebliche Mühe gemacht!
GEJ|1|92|7|0|Darum seid allzeit und in allem in der besten Ordnung! Wenn dann ein Gewinnbringer kommt, so wird er sicher allda zuerst zugreifen, wo er die beste Ordnung antreffen wird! Eine spätere Mühe ist oft und vielmals vergeblich! Begreifst du dies Bild?“
GEJ|1|92|8|0|Sagt Matthäus: „O Herr, wie soll ich's nicht verstehen?! Ist es ja doch so hell und klar als wie die Sonne am Mittage!
GEJ|1|92|9|0|Aber nun möchte ich von Dir nur das einzige noch erfahren: wie es Dir möglich war zu wissen, daß ich gerade nur vier Tafeln in Kapernaum brauchen werde! Denn die göttliche Allwissenheit ist mir noch gleichfort ein größtes Rätsel! Manchmal weißt Du, ohne jemanden darum zu fragen, alles und ordnest danach Deine Wege; ein anderes Mal fragst Du wieder wie unsereins und tust, als wüßtest Du nicht, was dort oder da geschehen ist oder geschehen wird! Wie kommt das? Herr, ich bitte Dich, gib mir darüber irgend ein kleines Lichtlein!“
GEJ|1|92|10|0|Sage Ich: „Freund! Ich möchte dir diese Sache wohl recht gerne enthüllen, aber du würdest sie nicht fassen; darum lassen wir das nun! Es wird in der Kürze aber schon eine Zeit kommen, in der du solche Geheimnisse leicht fassen und klar begreifen wirst.
GEJ|1|92|11|0|Soviel aber kann Ich dir vorderhand sagen, daß Gott der Willensfreiheit der Menschen wegen wohl alles wissen kann, was Er will; was Er aber nicht wissen will, damit der Mensch frei handle, das weiß Er dann auch nicht! Verstehst du das?!“
GEJ|1|92|12|0|Sagt Matthäus: „Herr, wenn so, dann ist es wohl eine höchst gefährliche Sache um das Menschenleben auf dieser Erde! Welcher nur einigermaßen gebildete Mensch kennt nicht die zahllos vielen Feinde, die der armen Menschheit mit allen möglichen Übeln sich entgegenstellen und dadurch dem Menschen den Untergang bereiten?! Wenn Du das ohne Kenntnisnahme gleich so mir und dir nichts angehen lässest, da wird's mit dem Seelenheile einmal wohl ganz verzweifelt schlecht aussehen!“
GEJ|1|92|13|0|Sage Ich: „Nicht so schlecht, als du es nun meinst! Denn fürs erste wird jeder seines Glaubens und hauptsächlich seiner Liebe leben; und fürs zweite steht es einem jeden Menschen frei, sich in jedem Augenblick an Gott zu wenden und Ihn um Beistand anzuflehen, und Gott wird Sein Antlitz zu dem Flehenden wenden und wird ihm helfen aus jeglicher Not!
GEJ|1|92|14|0|Übrigens ist aber ohnehin einem jeden Menschen ein unsichtbarer Schutzgeist hinzugegeben, der den Menschen von seiner Geburt an bis zum Grabe hin zu geleiten hat! Solch ein Schutzgeist wirkt stets auf das Gewissen des Menschen ein und fängt erst dann an, sich ferner und ferner von dem ihm anvertrauten Menschen zu halten, so dieser, durch seine Eigenliebe geleitet, allen Glauben und alle Liebe zum Nächsten freiwillig verlassen hat.
GEJ|1|92|15|0|Der Mensch auf dieser Erde ist demnach durchaus nicht also verlassen, als du es meinst; denn es hängt alles von dessen freiestem Wollen und Handeln ab, ob er von Gott beaufsichtigt und geführt sein will oder nicht! Will es der Mensch, so wird es auch Gott wollen; will es aber der Mensch nicht, so ist er völlig frei von Gott aus, und Gott kümmert Sich weiter auch nicht um ihn, außer was aus der allgemeinsten Ordnung dem Naturmenschen zuzukommen bestimmt ist, als da ist das Naturleben und alles, was als Bedingung für dasselbe nötig ist. Aber weiter läßt Sich Gott mit dem Menschen nicht ein und darf Sich wegen desselben unantastbarer Freiheit nicht einlassen! Nur wenn ein Mensch Gott aus dem freien Willen des Herzens sucht und Ihn bittet, so wird Gott auch dem Bitten und Suchen des Menschen allzeit auf dem kürzesten Wege entgegenkommen, vorausgesetzt, daß es dem Menschen mit seinem Suchen und Bitten ein vollkommener Ernst ist.
GEJ|1|92|16|0|Sucht und bittet aber der Mensch nur versuchsweise, um sich zu überzeugen, ob an Gott und an dessen Verheißungen wohl etwas sei, so wird er von Gott auch nicht angesehen und erhört werden! Denn Gott in Sich Selbst ist die reinste Liebe und kehrt Sein Antlitz nur denen zu, die ebenfalls in der reinen Liebe ihres Herzens zu Ihm kommen und Gott Seiner Selbst willen suchen, Ihn als ihren Schöpfer dankbarst wollen kennenlernen und den heißen Wunsch haben, von Ihm selbst beschützt und geführt zu werden.
GEJ|1|92|17|0|Oh, die also kommen, für die weiß Gott in jedem Augenblick nur zu gut, wie es mit ihnen steht, und Er Selbst lehrt und leitet sie alle Wege: aber die von Ihm nichts wissen wollen, für die weiß dann auch Gott im vollsten Ernste nichts!
GEJ|1|92|18|0|Und wann sie dereinst jenseits vor Gott hingestellt und noch so sehr rufen und sagen werden: „Herr, Herr!“, so wird Gott ihnen antworten: „Weichet von Mir, ihr Fremden; denn Ich habe euch noch nie erkannt!“ Und solche Seelen werden dann viel zu dulden und zu kämpfen bekommen, bis sie sich als von Gott erkannt Ihm werden nähern können. Verstehst du nun solches?“
GEJ|1|92|19|0|Sagt Matthäus: „Ja, Herr, das verstehe ich nun alles ganz wohl, rein und klar. Aber soll ich diese herrliche Lehre, die die Menschen doch sehr anspornen sollte und müßte, Gott unablässig zu suchen und Ihn zu bitten, daß Er sie führe und leite auf den rechten Wegen, nicht alsogleich aufzeichnen?“
GEJ|1|92|20|0|Sage Ich: „Nein, Mein lieber Freund und Bruder; denn solche Lehre würde nahe kein Mensch fassen in der rechten und lebendigen Fülle! Darum brauchst du sie auch gar nicht aufzuzeichnen, außer so du das späterhin einmal tun willst – für dich nur und für wenige Brüder.
GEJ|1|92|21|0|Nun aber, so ihr zur Weiterreise nach Kapernaum bereitet seid, so wollen wir den Weg antreten! Wer da mit will, der folge uns; wer aber bleiben will, der bleibe! Ich muß dahin; denn es ist viel Elends daselbst und in den kleinen Städten, die um den See, der da ist ein Meer von Galiläa, liegen.“
GEJ|1|93|1|1|93. - Der Herr und der Wirt Koban zu Kana. Von der freien Selbstbestimmung als göttlicher Grundsatz der Lebensentfaltung
GEJ|1|93|1|0|Wir machen uns nun auf den Weg. Der junge Wirt aber kommt abermals, Mich zu bitten, daß Ich den Abend bei ihm zubringen möchte.
GEJ|1|93|2|0|Ich aber sage: „Ich komme bald wieder; denn bevor Ich aufs nächste Fest nach Jerusalem ziehe, muß Ich Nazareth besuchen, und werde wieder auf dem Hin- und Herwege bei dir einkehren.“
GEJ|1|93|3|0|Sagt der Wirt: „Herr, das wird meine größte Seligkeit sein! So Du schon aber heute durchaus nicht länger verweilen willst, so erlaube mir aber dennoch gütigst, daß auch ich Dich abermals begleiten darf!“
GEJ|1|93|4|0|Sage Ich: „Das steht dir ganz frei; denn von Mir aus soll nie jemand zu was immer gezwungen werden! Wer Mich annehmen will, der nehme Mich an, und wer Mir und Meiner Lehre folgen will, der folge! Denn Ich und Mein Reich sind frei und wollen daher auch in aller Freiheit errungen sein!
GEJ|1|93|5|0|Vor Mir gilt nur die freieste Selbstbestimmung. Alles, was darüber oder darunter ist, hat vor Mir und Meinem Vater, Der in Mir ist, wie Ich in Ihm, keinen Wert!
GEJ|1|93|6|0|Denn jeder Zwang von irgendwo anders her als aus dem höchst eigenen Herzen ist fremd und kann für jedes Menschen ebenfalls nicht fremdes, sondern allein nur höchst eigenes Leben unmöglich irgendeine Geltung haben in Meiner ewigen, also allerfreiest dastehenden Ordnung.
GEJ|1|93|7|0|Was nützte dir's im Grunde, so du von einem Kunstwerke, das eine fremde Hand gebildet hat, aussagtest, es sei deiner Hände Werk? So aber dann jemand käme und verlangte von dir gegen großen Lohn, ein gleiches Werk nachzubilden, da würdest du zuschanden stehen und dir's müssen gefallen lassen, so dich der Besteller vor aller Welt einen Lügner, Betrüger und Prahler mit fremder Berühmtheit schelten wird.
GEJ|1|93|8|0|Also ist auch die volle Ausbildung des eigenen Lebens jedem Menschen in die höchst eigenen Hände gelegt.
GEJ|1|93|9|0|Was als Fremdes bei der einstigen großen Lebensprüfung jedes einzelnen Menschen vor den Augen Gottes an dem Menschen erkannt wird, das wird für ihn auch keinen Wert haben und wird ihm genommen werden, und es wird da heißen: Wer da hat, dem wird's belassen und noch vieles hinzugegeben werden; der aber nicht hat das Eigene, dem wird's genommen werden, das er hat, dieweil es nicht sein Eigenes, sondern nur Fremdes ist!
GEJ|1|93|10|0|Ich sage dir, daß es nun sogar nicht nötig ist, daß du mitziehest; aber so du es rein aus dir selbst tun willst aus Liebe zu Mir, so wirst du dadurch nicht nur nichts verlieren, sondern zehnfach gewinnen in allem! Denn wer immer aus wahrer Liebe zu Mir etwas tut, dem wird es vergolten werden hier zehnfach und einst in Meinem Reiche hundertfältig, auch tausend- und endlosfältig!“
GEJ|1|93|11|0|Sagt der Wirt: „Herr, wenn so, da gehe ich schon ganz bestimmt mit Dir; denn mein eigenes Herz treibt mich dazu an, und ich will alsonach meinem Herzen die pünktlichste Folge leisten!“
GEJ|1|93|12|0|Sage Ich: „Gut, so tue das, da wirst du leben aus deinem Herzen, was allein das rechte Leben ist. Denn jedes andere Leben, das nicht aus dem Herzen kommt, ist kein Leben, sondern ein Tod des eigenen Lebens bei jedem Menschen! Denn Ich allein als ein Herr alles Lebens sage dir das!“
GEJ|1|93|13|0|Der Wirt ist darob ganz selig, nimmt sogleich sein Ränzchen und etwas Geld und macht sich reisefertig.
GEJ|1|93|14|0|Ich aber sage zu ihm: „Mache dich frei von allem, so wirst du um vieles leichter wandeln; denn die Diebe fallen nur jene an, von denen sie wissen, daß sie etwas bei sich tragen! Hast du aber nichts, so werden sie auch nichts wegnehmen können!“
GEJ|1|93|15|0|Der Wirt übergibt darauf sein Geld und Ränzchen seinem Weibe und folgt Mir also ohne Geld und Ränzchen.
GEJ|1|94|1|1|94. - Vom Geld. Gottvertrauen — der größte Schatz. Warum Moses nicht ins Gelobte Land kam. Des Judas freche Lobrede über das Geld. Eine ernste Antwort. »Was man liebt, weiß man auch zu loben!»
GEJ|1|94|1|0|Aber der nebenstehende Judas Ischariot sagt: „Ich meine aber, daß etwas Geld auf einer Reise dem Menschen niemals schaden könne!?“
GEJ|1|94|2|0|Ich aber sage: „Wer Mich kennt wie dieser Wirt, der auch in Sichar mit Mir war, der weiß auch, daß man bei Mir auch ohne Geld ganz gut auskommen kann! Siehe, Ich habe weder irgend einen Sack in Meinem Rocke und noch weniger irgend etwas von einem Gelde; und doch führte Ich viele Hunderte durch Judäa und Samaria bis hierher! Frage sie, wieviel jeden diese Reise gekostet hat!
GEJ|1|94|3|0|Ich sage dir aber noch obendrauf, daß es in jüngster Zeit geschehen wird, wo Ich viele Tausende speisen werde, ohne mehr Geldes bei Mir zu haben denn jetzt.
GEJ|1|94|4|0|Ich sage dir: Ein rechtes und volles Vertrauen auf Gott ist mehr wert denn alle Schätze der Erde, mit denen du wohl deinem Fleische auf eine kurze Zeit, aber deiner Seele nimmer helfen kannst! Hast du aber die Seele verdorben und somit verloren, was kannst du nachher geben zur Löse deiner Seele?!“
GEJ|1|94|5|0|Sagt Judas: „Ja, ja, Du hast wohl recht; aber zu gewissen Dingen muß der Mensch dennoch ein Geld haben!“
GEJ|1|94|6|0|Sage Ich: „Wieviel Geld hatte denn Moses, als er ausführte die Israeliten?“ – Sagt Judas: „Er hatte des Goldes, des Silbers und der Edelsteine in großer Menge!“
GEJ|1|94|7|0|Sage Ich: „Das hatte er zwar; aber das hielt ihn auch zurück, daß er nicht kommen mochte in das verheißene Gelobte Land! Magst du solches wohl fassen?!“
GEJ|1|94|8|0|Sagt Judas: „Da möchte ich denn doch meinen, daß beim Moses, dem Propheten aller Propheten Jehovas, darum nicht das Gold und Silber, das er aus Ägypten auf Gottes Geheiß mitnehmen mußte, schuld war, sondern vielmehr, daß er in einer schwachen Stunde in seinem Glauben auf die Treue Jehovas zu wenig baute!“
GEJ|1|94|9|0|Sage Ich: „Und was war der Grund, daß er einen Tag schwach ward? Der damals den Moses eben des Gedankens an das Gold und an das Silber wegen schwach werden ließ, Derselbe steht hier und sagt dir das! Geschrieben zwar steht es in einem Bilde; wie Ich dir's aber verkündet habe, also ist und war es in der Wirklichkeit!“
GEJ|1|94|10|0|Sagt Judas: „Gut, ich glaube Dir's, daß es damals also war! Aber nun ist von seiten des Königs Roms und der halben Erde das Geld einmal als ein gesetzliches Tauschmittel zur Erleichterung des nötigen Verkehrs unter den Menschen eingeführt worden, und wir sind verpflichtet, uns desselben zu bedienen; und dazu meine ich, daß, so es nicht Sünde ist, Geld in den Gotteskasten zu opfern, es auch keine Sünde sein wird, dasselbe Geld irgend einem Armen zu geben, daß er sich damit versorge auf etliche Tage, und so ist es schon der Armen wegen gut, ein Geld, da es einmal vom Staate gesetzlich eingeführt ist, auf einer Reise mitzunehmen, und so hätte der Wirt Koban wohl seine etlichen Silbergroschen bei sich behalten können!“
GEJ|1|94|11|0|Sage Ich: „Du führst zwar eine reichlich besetzte Börse mit dir und gabst gestern dennoch den drei Armen nichts, die dich um ein Almosen angefleht haben; und da meine Ich, daß du selbst von dem Gelde nicht jenen löblichen Gebrauch machst, als dessentwegen du Mir es angerühmt hast!
GEJ|1|94|12|0|Was aber das Geld in dem Gotteskasten betrifft, so sage Ich dir's ganz offen: Das ist ein Greuel der Verwüstung, wenn schon nicht so sehr für einige wenige Arme im Geiste, die der Meinung sind, sich dadurch den Himmel zu sichern, aber um desto mehr für die, die das Geld aus dem Kasten nehmen und es zur Nachtzeit mit feilen Dirnen vergeuden! Solange es kein Geld gab, gab es auch keine öffentlichen Buhldirnen also wie jetzt! Da man nun aber das Geld hat und allerlei Scheidemünze, so gibt es zu Jerusalem wie nahe in allen andern Städten feile Dirnen in die schwere Menge, und die Männer sündigen mit ihnen Tag und Nacht! Und so denen, die viel Geld besitzen, die Einheimischen nicht mehr schmecken, so lassen sie aus den Oberlanden Mägde kommen, kaufen diese in Griechenland und treiben hernach in Judäa mit ihnen die schmählichste Hurerei! Und sieh, solches alles und noch tausendfältig mehr ist der Segen deines so hoch gepriesenen Geldes!
GEJ|1|94|13|0|Aber das ist nur noch der Anfang des Fluches, der an dem Gelde liegt.
GEJ|1|94|14|0|Es werden aber Zeiten kommen, die schlechter sein werden als jene, da Noah die Arche baute, und sie werden dem Golde und Silber ihr Elend zu verdanken haben, – und nichts als ein Feuer aus den Himmeln, das da verzehren wird all den Unrat der Hölle, wird die Menschen erlösen von dem Elende des Elends!“
GEJ|1|94|15|0|Sagt Judas: „Ja, ja, Du bist ein Prophet ohnegleichen und kannst solches wissen; aber so man das Geld gut anwendet, da kann es ja doch nicht gefehlt sein!?“
GEJ|1|94|16|0|Sage Ich: „Ich sage es dir: Ja, so man es gut anwendete, da wäre es ebenso gut als alles andere auf der Erde, das man ebenfalls gut und schlecht benützen kann! Aber der große Unterschied besteht darin: So du in eine Stadt gehst, so mußt du auf deinen Schultern hineintragen allerlei, entweder Gerätschaften oder Eßwaren, und du bekommst dafür etwas anderes, das dir not tut, und bereitete Speise und Trank. Das ist freilich etwas unbequem, – aber auch unbequem, damit zur Sünde verleitet zu werden! Denn so du kommst mit Kram und Pack oder ziehest einen Karren voll Gerätschaften, kommst damit zu einer Dirne und willst mit ihr sündigen um einige Töpfe oder Schüsseln, so wird sie dich verspotten und auslachen, und du bist von der Sünde verschont! Kommst du zu ihr aber mit Gold- und Silberstücken, da wird sie dich nicht verspotten und auslachen, sondern dich führen in ihr Lottergemach und wird dich mit allerlei reizen zur Sünde, um dir dadurch desto mehr Goldes und Silbers zu entlocken! Also ist das Geld wohl eine bequeme Sache, aber auch überaus lockend und bequem zur Sünde!
GEJ|1|94|17|0|Und darum hat es der Satan in diese Welt gebracht, damit durch dasselbe leichter und mehr gesündigt werden solle in der Welt! – Kennst du dich noch nicht aus, wie die gute Gelegenheit das beste Mittel ist, Diebe zu ziehen?!“
GEJ|1|94|18|0|Sagt Judas: „Ja, ja, das ist richtig! Aber so man dadurch allerlei Diebe hintanhalten möchte, daß diese bei den Menschen nichts finden sollen, danach es sie gelüsten sollte, so müßte bei den Menschen ungeheuer vieles verändert werden! Fürs erste müßten die Menschen durchaus gleich arm an allen diesirdischen Gütern sein, fürs zweite müßten sie sich gleichschauen wie die Sperlingsmännchen und -weibchen, und fürs dritte dürfte keiner weiser sein als alle andern! Solange aber das nicht der Fall ist, ist alles Reden, Lehren und Zeichentun umsonst! Es werden sich wohl viele daran kehren; aber zehnmal so viele werden bei aller Lehre und bei allen Zeichen bleiben wie sie sind, wo sie nicht allenfalls – und zwar ebensoleicht, wo nicht leichter – noch zehnmal ärger werden, als sie früher waren. Denn etwas Eigenliebe hat doch jeder Mensch und will eine mäßige Versorgung haben; daher denkt jeder Mensch doch ganz natürlich zuerst für sich und dann erst für die andern! Und das kann man ihm doch unmöglich verargen! Haus und Grund kann nicht ein jeder haben; denn da müßte für jeden Neugeborenen sogleich von Gott aus auch ein Grund samt Haus mit ihm in die Welt geboren werden und aufwachsen mit ihm. Da aber solches nicht der Fall ist und sich die früher Geborenen schon lange jeden Fleck der Erde zugeeignet haben, daß darob nun die meisten Neugeborenen auch nicht einen Fußbreit Erdreichs besitzen können, so bleibt ihnen am Ende nichts übrig, als sich entweder durch allerlei Kenntnisse den trägen Besitzern unentbehrlich zu machen und also in einer oder der andern Art Dienste zu nehmen bei den reichen Besitzern der Erde, oder man muß sich auf die Dieberei verlegen, um nicht den schweren Bettelstab ergreifen zu müssen. Wenn dann der bessere Teil derer, die keinen Grund und kein Haus besitzen, für ihre Dienste nichts als Geld bekommen und das Geld möglichst zusammensparen, damit sie für ihre alten Tage etwas haben, so finde ich darin durchaus nichts Schlechtes, und ich finde im Gelde eine neue Schöpfung von Grund und Boden für alle jene, die auf diese armselige Erde ohne allen auch nur je zu erhoffenden Besitz gekommen sind durch Zeugung und Geburt. Und ich muß offen bekennen, daß Gott Selbst, Der nicht gleich für jeden Neugeborenen auch ein neues Stück Landes erschaffen mag oder will, den Herrschern die gute Idee eingegeben hat, Geld zu kreieren, wodurch auch Kinder der Nichtbesitzer zu einer nötigen Versorgung gelangen können, die oft besser ist als jene, die im Grunde und Boden besteht. Und das kann Gott doch nicht wollen, daß die Kinder der Nichtbesitzer zugrunde gehen sollen!? Denn sie können doch offenbar nicht dafür, daß sie zur Welt geboren worden sind, und zwar mit denselben Lebensbedürfnissen wie die Kinder der Besitzer!
GEJ|1|94|19|0|Wenn ich Dir, der Du vielleicht auch der größte Prophet bist, der je diese Erde betrat, auch alles gelten lasse, was Du schon gelehrt hast und noch lehren wirst, so lasse ich Dir doch die mir erklärte Schädlichkeit des Geldes nicht gelten! Denn so gut das Geld unter Deiner Ansicht schädlich werden kann, ebensogut kann auch alles andere schädlich werden! Hätte ich die Schafe, Ochsen, Kühe, Kälber, Esel, Hühner und Tauben und all die Früchte und all das Brot, was in unserem Lande nur seit David her gestohlen worden ist, so wäre ich in ganz Israel der reichste Mensch! Und die Hurerei ist ehedem, wo es kein Geld gab, wie zum Beispiel in Sodom und Gomorra und zu Babylon, ebenso und noch großartiger getrieben worden als wie heutzutage!
GEJ|1|94|20|0|Ich will gerade nicht behaupten, daß Du unrecht habest mit dem, was Du vom Gelde sagst; aber wo gibt es denn auf dieser armseligen Erde irgend etwas, womit nicht schon tausendfache Schlechtigkeiten wären verübt worden?! So Gott aber derlei Dinge der schlechten Verwendung wegen gerade nicht gar so über alle Maßen verflucht, wie sollte Er denn nun auf das Geld gerade also zornig und fluchwillig sein?!“
GEJ|1|94|21|0|Sage Ich: „Was jemand lieb hat, dazu hat er auch Verstand genug, es zu loben; du aber liebst das Geld übermäßig und verstehst dich daher sehr wohl auf das Lob des Geldes. Ich will dir darum auch weiterhin nichts mehr sagen; denn was man liebt, das weiß man auch zu loben! Du aber wirst in einer eben nicht zu fernen Zeit den Fluch des Geldes schon noch kennenlernen! – Nun aber nichts mehr davon! Der Weg nach Kapernaum ist zügig, und wir müssen doch vor dem Untergang dahin kommen und uns alldort eine Herberge suchen!“
GEJ|1|95|1|1|95. - Thomas und Judas. Des Judas Wesen und des Thomas Vorhersage
GEJ|1|95|1|0|Es trat nun Thomas zum Judas Ischariot hin und machte ihm Vorwürfe, wie er es wagen könne, Mir seine dummen Geldideen vorzutragen, indem Ich doch im Geiste Jehova Selbst wäre und Taten verrichte, die nur Gott allein möglich seien!
GEJ|1|95|2|0|Sagt zu ihm Judas: „Du bist noch so blöde, als wie du es allzeit warst! Denn entweder glaubst du jede Altweibermäre, oder du glaubst, so es dir gerade in den Sinn kommt, gar nichts! Du denkst nichts und rechnest nichts! So du Fische auf den Markt trugst, so verkauftest du nicht selten die kleinen wie die großen, daß dir die Käufer darob ins Gesicht lachten! Wie du aber noch allzeit warst, so bist du auch noch jetzt und denkst nichts und rechnest nichts, sondern lebst so hübsch dumm gleichfort in den Tag hinein nach deiner alten Gewohnheit.
GEJ|1|95|3|0|Ich bin nun erst einige Stunden hier in der Gesellschaft dieses großen Propheten, und es ist mir eine heilige Pflicht, Ihn zu erforschen und soviel als nur möglich kennenzulernen in Seiner Gesinnung wie in der Tendenz Seines Auftretens! Du bist beiläufig nun schon ein halbes Jahr um Ihn und mußt Ihn daher auch besser kennen als ich! Sollte ich aber deshalb, weil du Ihn schon kennst, mir gar keine Mühe nehmen, Ihn auch wenigstens insoweit zu erkennen, als du Ihn bis jetzt erkannt hast?!“
GEJ|1|95|4|0|Sagt Thomas: „Du wirst ja doch hoffentlich nicht schon morgen wieder nach Hause dich begeben, weil du heute schon alles erfahren willst!? Es ist gut, daß der Herr endlich einmal wieder zu gehen begonnen hat, sonst wäret ihr wohl bis morgen über dein dummes Geld noch lange nicht ins reine gekommen! Der Herr hat recht; das verfluchte Geld wird dir den Tod geben, weil du gar soviel Herrliches darin erschaust! Der Herr hat dir doch klar genug gesagt, was am Gelde für ein Wert liegt, und wie es dem Menschen zum größten Nachteil für das geistige Leben gereicht; aber du bist ja schon lange weiser als Gott Selbst und kannst darum ja auch vor Gott deiner Weisheit die Krone aufsetzen! Siehe aber zu, daß du einmal nicht erstickst vor lauter Weisheit!
GEJ|1|95|5|0|Was hast du mir aber hier meinen Fischhandel vorzurupfen?! Habe ich doch allzeit zuerst alle meine Fische verkauft, während du bei deinen guten Lehren die Hälfte von den deinen wieder nach Hause tragen mußtest! Ich verkaufte die großen wie die kleinen zehn Stück um zwei Pfennige und hätte allzeit noch fünfmal soviel verkaufen können, wenn ich soviel hätte auf den Markt gebracht! Und da meine ich, daß ich offenbar besser gerechnet habe als du, der du dich über Gott hinaus weise dünkst, dabei aber ein Geizhals bist und dein ganzes Heil im Gelde suchst! Wahrlich, für diese Weisheit gebe ich keinen Stater!“
GEJ|1|95|6|0|Sagt Judas etwas verdutzt: „Ein jeder redet, wie er's versteht!“ Sagt Thomas: „Das ist wahr; du verstehst die Sache aus deiner Dummheit dumm und redest daher auch also! Sieh aber lieber dorthin, wie am Wege ein Armer lagert! Gib ihm deine Börse, so wirst du das erste Mal in deinem Leben völlig weise handeln!“
GEJ|1|95|7|0|Sagt Judas: „Das werde ich ganz fein bleiben lassen; denn mir hat noch nie jemand im eigentlichsten Sinne des Wortes und der Bedeutung nach etwas geschenkt, und so schenke auch ich niemandem etwas!“
GEJ|1|95|8|0|Sagt Thomas: „Das ist ein sehr löblicher Grundsatz; der verdient schon von vornherein verflucht zu werden! Ich sage dir, mit solchen Grundsätzen wirst du bei diesem unserm Heiland und Meister nicht gar zu weit kommen; dafür stehe ich dir! Er ist die höchste Freigebigkeit selbst – und du ein Geizhals ohnegleichen! Das taugt so hübsch zusammen!“
GEJ|1|95|9|0|Sagt Judas: „Wenn ich Ihn erst so recht werde bearbeitet haben und Er es erkennen wird, wie man in der Welt leben muß, um ein angesehener Mensch zu sein, so wird Er dann von Seiner Freigebigkeit schon etwas nachlassen! Im übrigen ist es auch durchaus keine Kunst, auf Kosten derjenigen, die was haben, freigebig zu sein und seinen Jüngern gute Mahlzeiten zu bereiten! Höre, so ich irgend solche Narren finde, wie dieser junge Wirt da einer ist, da will ich auf seine Kosten auch so freigebig sein, als nur irgend jemand freigebig sein kann! – Es soll aber eben dieser Jesus, Der von Geburt aus ein blutarmer Mensch ist, nur aus Seinen Mitteln die Menge Seiner Jünger erhalten und ernähren; da wird es sich sogleich zeigen, wie freigebig Er sein wird, und ob Er nicht sobald als möglich alle diese Nachfolger verabschieden wird!“
GEJ|1|95|10|0|Sagt Thomas: „Ich sage dir nichts anderes, als daß du ganz vollkommen des Teufels bist; denn so wie du nun geredet hast, kann nur der Teufel reden! Es klingt wohl, als wäre darin irgendein Verstand; dem aber ist nicht also, sondern ganz anders, und deine Rede ist eine allerunverschämteste Lüge von aller Welt. Mich reut es, daß ich dir den Weg hierher gezeigt habe. So viele Hunderte von Menschen waren in Sichar, und alle wurden gespeist aus den Himmeln! Und der Irhael verfallenes Haus hat Er in wenigen Augenblicken also aufgebaut, daß es nun wohl bei weitem das allerkostbarste Haus in dieser Stadt ist! Und du über alle irdischen Grenzen hinaus anmaßend dümmster Mensch willst hier mir, der ich mit diesen meinen leiblichen Augen die Himmel offen und zahllose Scharen der Engel Gottes auf- und niederfahren sah, gewisserart wie ein Weiser der Weisen beweisen, daß Jesus ein armer Schlucker sei, der sich auf Kosten der anderen wohlgeschehen ließe!? O du armer Tropf du! Er, Dem Himmel und Erde allein nur zu eigen gehören, da Er sie gegründet hat durch Seine Allmacht, wird etwa meiner oder deiner Schätze bedürfen, um auf dieser Welt, auf der Er die Früchte wachsen und reif werden läßt, leben zu können?! O du blindester Tor du! Ziehe hin nach Sichar, überzeuge dich von allem und komme dann, und wir werden es sehen, ob du noch so dumm in den Tag hinein reden wirst als jetzt!“
GEJ|1|95|11|0|Hier schmutzt (schmutzige Reden führen) Judas und sagt ganz lakonisch: „Hast du das alles mit deinen Augen gesehen? Oder hast du vielleicht auch noch ein paar Ochsen- und ein paar Eselsaugen zur Leihe genommen, daß du so vieles und so Außerordentliches auf einmal hast übersehen können? – Im übrigen freut es mich, daß dieser Nazaräer-Weise auch die schöne Irhael hat kennengelernt, die bereits, wie ich's erst unlängst vernommen habe, schon mit dem sechsten Manne leben soll, weil ihr alle die fünf früheren sozusagen am Leibe gestorben seien! Da, bei solch einer schönen Holden, mag dann für euch alle der Himmel so hübsch weit offengestanden sein! Ja, ja, die Irhael hat schon so manchen in alle Himmel versetzt; warum sollte sie bei euch eine Ausnahme gemacht haben?! Aber ich werde ihretwegen dennoch nicht nach Sichar wandeln; denn ich halte das Gesetz Mosis und will mich darob mit derlei sündhaften Dingen nicht befassen!“
GEJ|1|96|1|1|96. - Der Herr beruhigt den ärgerlichen Thomas und weist ihn zum Vergeben, damit er frei sei in sich. Des Herrn Winke über den Judas. Ankunft in Kapernaum.
GEJ|1|96|1|0|Auf diese Spitzworte des Judas wird Thomas nahe außer sich vor Ärger und Zorn und will sich am Judas förmlich mit aller Energie vergreifen. Ich aber trete, schon nahe am halben Wege nach Kapernaum, zum Thomas hin und sage: „Bruder, solange du Mich ruhig und gelassen ersiehst, da bleibe auch du also, wie du Mich ersehen kannst, so du nur oft genug nach Mir hinschaust! Ja, wenn du einmal Mich wirst dreinschlagen sehen, dann spring schnell herbei und schlage, was du nur kannst, nach allen deinen Kräften drein! Aber jetzt ist es durchaus noch lange nicht nötig. Die Nacht bleibt Nacht, da kannst du tun, was du willst, und Judas wird Judas bleiben! Er ist zwar nicht dazu verdammt wie die Nacht, die der Erde natürlicher Schatten ist, aber so er Judas bleiben will, so bleibe er's; wir aber bleiben das, was wir sind! Die Folge aber wird es lehren, wieweit er es mit seinem Judas(geist) bringen wird!“
GEJ|1|96|2|0|Sagt Thomas: „Aber das könntest Du, Herr, wohl tun, daß Du ihn hinwegschafftest von Dir, sonst wird er uns noch allerlei Spektakel machen; denn er hat einen säuischen und bösen Mund!“
GEJ|1|96|3|0|Sage Ich: „Ich hieß ihn nicht kommen und werde ihn darum auch nicht gehen heißen; so er aber gehen will, wie er gekommen ist, da werden wir nicht weinen um ihn! Du aber halte dich ferne von ihm; denn ihr beide werdet nicht guttun miteinander. Vergib ihm aber alles, wie Ich ihm vergebe, so wirst du ein freies Herz haben!“
GEJ|1|96|4|0|Sagt Thomas: „Was das Vergeben von meiner Seite betrifft, so hat das sicher seine guten Wege; denn ich habe sicher keinen Groll je auf ihn gehabt, obschon ich ihn stets als einen Menschen gekannt habe, mit dem nicht leichtlich ein Mensch auszukommen imstande war, – nicht einmal der Prophet Johannes, mit dem er zu öfteren Malen gehadert hat! Aber daß es mir ums unvergleichliche lieber wäre, wenn er nicht zu unserer Gesellschaft gehörte, das muß ich ganz offen gestehen!
GEJ|1|96|5|0|Als ich vorgestern daheim war, da habe ich natürlich doch so manches von Deinen Taten meinen Bekannten erzählt, die sich darob nicht genug erstaunen konnten. Solches aber kam auch zu den Ohren des Judas; und wer entschloß sich eher als er, ein Jünger von Dir zu werden?! Denn des Johannes Lehre hatte ihn nicht befriedigt, weil dieser nichts als die strengste Buße predigte und verkündete allen ein allerstrengstes Gottesgericht, die nicht zur wahren Buße sich bekennen möchten, aus welchem Grunde es denn auch öfter zum Hader zwischen ihm und dem Johannes gekommen ist.
GEJ|1|96|6|0|Johannes war ganz Buße, und Judas das schnurgeradeste Gegenteil! Er erklärte dem Johannes ganz ernstlich ins Gesicht, daß eine sogenannte Buße in Sack und Asche die größte Dummheit des menschlichen Lebens sei; der Mensch solle sich in der Tat bessern, aber nicht in Sack und Asche!
GEJ|1|96|7|0|Johannes hat zwar auch nicht gerade Sack und Asche als zur wahren Buße unumgänglich notwendige Dinge anbefohlen, er hat es nur gewisserart gleichnisweise in seinen Reden dargestellt und wollte damit eine vollernstliche Besserung des Menschen, der ein Knecht der Sünden geworden, anzeigen; aber der alles besser wissen und verstehen wollende Judas wollte das nicht gelten lassen, daß man auch durch Bilder und Gleichnisse lehren könne, sondern man müsse sich bei so wichtigen Dingen, von denen das Heil der Menschen abhinge, allzeit mit klaren, verständlichen Worten ausdrücken!
GEJ|1|96|8|0|Die Propheten waren nach seiner Idee lauter Esel, weil sie in Bildern geredet hätten, die man auslegen könne, wie man wolle; sie allein hätten dadurch die Priester, die Könige und das ganze Volk verdorben! Kurz, bei ihm ist ein jeder Mensch, hoch oder nieder, ein Esel, der nicht so denkt und handelt wie er; und darum meine ich, daß es sich mit ihm für unsere Gesellschaft nicht tun werde.“
GEJ|1|96|9|0|Sage Ich: „Mein lieber Thomas! Was du Mir gesagt hast, habe Ich schon lange gewußt; aber dennoch sage Ich dir: So er gehen will, da gehe er; so er aber bleiben will, so bleibe er! Ich weiß noch viel mehr von ihm und weiß sogar, was er an Mir Selbst tun wird; aber dennoch soll er bleiben, so er bleiben will! Denn seine Seele ist ein Teufel und will von Gott die Weisheit erlernen; aber solcher Sinn wird dieser Seele einen schlechten Gewinn geben! Doch nun nichts mehr davon! Es wird sich schon ehestens eine Gelegenheit darbieten, wo wir ihm den Finger auf den Zahn legen werden! – Nun aber sind wir bei dieser Gelegenheit auch vor die Mauern Kapernaums gekommen, und Ich sehe aus dem Stadttor einen römischen Hauptmann uns in Gesellschaft des Obersten Kornelius und des Königischen entgegeneilen; da gibt es wieder einen Kranken zu heilen.“
GEJ|1|97|0|1|Am Galiläischen Meer.
GEJ|1|97|0|1|97. - Der Hauptmann von Kapernaum. Die Heilung seines kranken Knechtes
GEJ|1|97|0|0|Ev. Matth. Kapitel 8. Hier fängt Matthäus an, und zwar vom 5. Vers im 8. Kapitel, die Geschichte gedrängt aufzuschreiben; Matthäus schreibt jetzt bis dahin, als Ich wieder auf ein Fest nach Jerusalem ziehe. –
GEJ|1|97|1|0|Wir gehen nun ganz ruhig noch die etlichen hundert Schritte, und als Ich das Weichbild der Stadt betrete, da tritt sogleich der Hauptmann zu Mir hin, bittet Mich und spricht: „Herr! Mein Knecht liegt zu Hause, ist gichtbrüchig und hat also eine große Qual und kann nichts tun.“ (Matth.8,6)
GEJ|1|97|2|0|Sage Ich zum Hauptmann: „Ich will kommen und ihn gesund machen.“ (Matth.8,7)
GEJ|1|97|3|0|Der Hauptmann aber erwidert: „Herr! Ich bin gar nicht wert, daß Du unter mein Dach gehest, sondern sprich Du nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund! (Matth.8,8) Denn sieh, ich bin auch ein Mensch, dazu – wie viele – der höheren Obrigkeit untertan, habe aber dennoch unter mir viele Kriegsknechte, die mir gehorchen. Und so ich zu einem sage: tue das, so tut er es, oder ich heiße ihn gehen, so geht er. Und so ich zu einem andern Knechte sage: komme, so kommt er; und so ich sage zu meinem Knechte: tue mir dies oder jenes, so tut er es alsogleich! (Matth.8,9)
GEJ|1|97|4|0|Dir aber sind alle Geister untertan, und Du bist ein Herr in aller Fülle über alles, was im Himmel und was auf Erden und in der Erde ist; Du darfst also nur Deinen für uns Menschen unsichtbaren Mächten einen Wink geben, und sie werden sofort ausrichten Deinen Willen!“
GEJ|1|97|5|0|Daß dieser Hauptmann also vertrauend Mir sein Anliegen des Knechtes wegen vorträgt, liegt darin, weil er sich von der schnellen Genesung des Sohnes des königlichen Beamten, wie durch so manche Erzählung des Obersten überzeugt hatte, daß Ich wunderbar auch in die Ferne hin bloß allein durchs Wort heilen kann; und das machte denn auch, daß er gleich dem königlichen Beamten zu Mir kam, als er vernahm, daß Ich Mich der Stadt nahe.
GEJ|1|97|6|0|Als Ich sonach solch eine höchst vertrauensvolle Rede von dem Hauptmanne vernahm, so verwunderte Ich Mich – freilich nicht Meinet-, sondern der Jünger wegen – und sagte, nicht so eigentlich zum Hauptmann, sondern vielmehr zu denen, die mit Mir waren: „Wahrlich, solch einen Glauben habe Ich in ganz Israel nicht gefunden! (Matth.8,10) Aber Ich sage euch auch: Viele werden kommen vom Morgen und vom Abend und werden mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreiche sitzen (d.h., die Herrlichkeit des Vaters haben) (Matth.8,11); aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen werden in die äußerste Finsternis, allda sein wird ein großes Geheul und ein jämmerliches Zähneklappern!“ (Matth.8,12)
GEJ|1|97|7|0|Bei dieser Vorrede klopften sich viele auf die Brust und sprachen: „Herr, wirst Du denn die Kinder verwerfen und annehmen an ihrer Stelle die Heiden?“
GEJ|1|97|8|0|Und Ich sage: „Weder die Kinder, noch die Heiden! Wer da glaubet und die Liebe hat, ob Jude, Grieche oder Römer, der wird angenommen werden!“
GEJ|1|97|9|0|Darauf wende Ich Mich zum Hauptmanne und sage zu ihm: „Gehe hin; dir geschehe, wie du geglaubt hast!“
GEJ|1|97|10|0|Der Hauptmann dankte Mir aus aller Fülle seines Herzens, begab sich darauf in sein Haus und fand daselbst, daß alles erfüllt war, um das er gebeten hatte aus seinem Glauben, in dem kein Zweifel war, weder vor- noch nachher; denn der Knecht ward zur selben Stunde gesund, als Ich zum Hauptmanne gesagt habe: „Dir geschehe, wie du geglaubt hast!“ (Matth.8,13)
GEJ|1|97|11|0|Dieses Zeichen in Kapernaum selbst, sowie das frühere am Sohne des königlichen Beamten, der zu Kapernaum ein Statthalter war, machten in dieser Stadt ein ungemeines Aufsehen zumeist unter den Römern und Griechen, die sich in dieser Stadt aufhielten; aber unter den Juden und den in dieser Stadt von Jerusalem aus stationierten und gleichsam für bleibend angestellten Priestern und Schriftgelehrten erweckte das nur Ärger, Grimm und Wut!
GEJ|1|98|1|1|98. - Zurechtweisung der verärgerten Priester durch das Volk
GEJ|1|98|1|0|Denn das gemeine Volk, das die Zeichen gesehen hatte, sich aber vor den Priestern und Schriftgelehrten zu sehr fürchtete, um sich zu Meiner Lehre und Nachfolge zu bekennen, ersann sich eine gute List: Es brachte sogleich mehrere Kranke zu den Priestern und sagte: „Höret uns, ihr hohen Priester und Schriftgelehrten, die ihr nach eurer eigenen Aussage in alle Geheimnisse Gottes eingeweiht seid! Der Mensch Jesus aus Nazareth tut große Wunderdinge also, wie sie nie jemand vor ihm getan hat, und seine Rede und Lehre gleicht einem Feuerstrom, der alles, was sich ihm entgegenstellt, allgewaltigst verzehrt oder mit sich unaufhaltsam fortreißt! Ohne Arznei, bloß durchs Wort allein, einem Gott gleich, heilt er jede Krankheit und soll sogar Tote bloß durch das nackte Wort wieder lebendig machen!
GEJ|1|98|2|0|Als wir uns von der Wahrheit alles dessen überzeugt hatten, da kam uns der gute Sinn in unser Gemüt, und wir gedachten euer und sagten unter uns zu uns: ,Was wundern wir uns denn dessen gar so mächtig?! Haben wir ja doch auch in alle Gottesgeheimnisse eingeweihte Priester und Schriftgelehrte, die sicher so gut wie dieser Jesus bloß durchs Wort einen Kranken heilen können, wenn sie es nur wollen!‘ Wir waren schon auf dem Wege, unsere Kranken hinzuführen zu dem Nazaräer; aber wir gedachten der Beschneidung und des Bundes, dem wir nicht abhold werden wollen, solange er uns das in der Wahrheit geben kann, was uns leiblich und geistig not tut. Da aber nun dieser Jesus gar so ungeheure Zeichen tut, so droht uns Gefahr, wenn wir ihm nicht mit gleicher Zeichenkraft entgegentreten!
GEJ|1|98|3|0|Wir haben daher mehrere Kranke mit uns hierhergebracht und bitten euch um eures und unseres Heiles willen, daß ihr durch eure geistige Macht, die ihr nach eurer Aussage unmittelbar von Gott habt, diese Kranken, die eben nicht zu den Schwerkranken gehören, bloß durchs Wort heilen möchtet!
GEJ|1|98|4|0|Wir werden mit diesen von euch wunderbar geheilten Kranken die ganze Stadt durchziehen und werden vor jedem Hause Gottes Ehre und euren großen Ruhm mit starker Stimme verkünden. Der Nazaräer wird dann hier wenig Anklang finden und wird, wie man zu sagen pflegt, am Ende mit Schande, Spott und aller Schmach das Weite zu suchen genötigt sein!“
GEJ|1|98|5|0|Die Priester und Schriftgelehrten, ihrer totalsten Ohnmacht sich nur zu sehr bewußt, sagen gravitätisch, um ihre Ohnmacht zu verbergen: „Ihr Toren! Was verlangt ihr von uns, das Gott allein geziemt?! Wann hat noch je ein Priester oder ein Schriftgelehrter Wunder gewirkt?! Solches kann nur allein Gott und der eine Hohepriester im Tempel zu Jerusalem, wann er ins Allerheiligste tritt! Führet also eure Kranken nach Jerusalem; dort wird ihnen, so ihr euch auf ein rechtes Opfer verstehet (!), schon die Heilung werden, so es natürlich Gott will! Will es aber Gott nicht, so werdet ihr es euch dann schon auch müssen gefallen lassen, eure Kranken wieder als Kranke mit euch nach Hause zu nehmen!
GEJ|1|98|6|0|Wir sind wohl in die verschiedensten Geheimnisse Gottes eingeweiht, aber nicht in die Macht Gottes, die heilig ist, und die Er keinem Sterblichen zukommen läßt!
GEJ|1|98|7|0|Wer aber dennoch, wie dieser Jesus, von dem wir auch schon gehört haben, Taten verrichtet entweder durch die Zauberei oder mit Hilfe des Beelzebub, der ist ein Scheusal der Hölle, die da die ewig fluchwürdigste Wohnung des Feindes Gottes ist. Und wer sich kehrt an seine Lehre und an seine Zeichen, ist dann auch eben das Gott und Seinen Dienern gegenüber, als was solch ein Diener des Teufels selbst ist! Das ist die vollste Wahrheit; wehe euch, so ihr zu Jesus gehet und nehmet Lehre und Hilfe von ihm!“
GEJ|1|98|8|0|Sagen die, die die Kranken zu den Priestern und Schriftgelehrten gebracht haben: „Ihr seid Lügner allzumal, wenn ihr also redet! Wie kann der des Teufels sein und ein Diener des Beelzebub, der Übergutes den Menschen tut und den Jüngern, die mit ihm ziehen, nichts als die Liebe, Sanftmut und Geduld lehrt und alles, was er lehrt, im vollsten Maße selbst ausübet?!
GEJ|1|98|9|0|Ihr wohl seid des Teufels, so ihr solches Zeugnis ihm gebt; er aber ist Gottes, indem er den Willen Gottes tut, wie er solchen lehrt!
GEJ|1|98|10|0|Ihr habt uns zuvor ,Toren‘ gescholten, da wir von euch das begehrten zu eurem Wohle, was ihr doch tausend Male von euch selbst ausgesagt habt, daß ihr solches alles vermöget durchs Gebet und durch das göttliche Wort; nun aber, wo es sich, wie nie vorher, darum handelt, eure alte stets gleiche Lehre zu bewerktätigen, scheltet ihr uns ,Toren‘, so wir euch beim Worte nehmen! – O ihr argen Diener Beelzebubs! Euch wollen wir ein Licht anzünden, an dessen Glanze ihr alle sterben sollet!“
GEJ|1|99|1|1|99. - Der Templer Rachsucht gegen den Herrn. Der Herr in der Fischerhütte des Petrus. Jesu Lieblingsgegend: das Galiläische Meer. Heilung der Schwiegertochter des Petrus
GEJ|1|99|1|0|Als die Priester und Schriftgelehrten solche Sprache von ihren Glaubensgenossen vernehmen, da ziehen sie sich schnell zurück. Denn es waren derer, die zu ihnen kamen, bei hundert an der Zahl, und aus ihren Augen sprühte der vollste Ernst; denn diese merkten es schon lange, wer da hinter den jüdischen Priestern und Schriftgelehrten stäke und haßten sie schon lange mehr als alle Pestilenz!
GEJ|1|99|2|0|Aber da die Priester, Pharisäer und Schriftgelehrten eben das merkten, wie die Juden sie nur auf eine feine Probe stellten, um eine Sache wider sie zu überkommen, auf daß sie dann desto mehr Grund hätten, Mir nachzufolgen (denn es war damals noch schwerer, aus der jüdischen in eine andere Kirche zu treten als in dieser gegenwärtigen Zeit aus der römisch-katholischen in eine reformierte), so warfen sie nun ein scharfes Auge auf Mich und fingen unter sich schon so ganz heimlich an zu beraten, wie sie Mich verderben könnten.
GEJ|1|99|3|0|Der Oberste aber, in dessen Hause Ich nun zu Kapernaum ein paar Tage hindurch verweilte, steckte es Mir im geheimen, was da vorging, wie nun die jüdische Priesterschaft über Mich aufgebracht sei und Mir heimlich sogar nach dem Leben strebe!
GEJ|1|99|4|0|Da sagte Ich: „Sie werden an Mir ihr arges Ziel wohl noch erreichen, aber jetzt ist es noch nicht an der Zeit. Auf daß sie aber nun nicht gar zu viel Gelegenheit zur Ausübung ihrer Rache haben sollen, so werde Ich Mich auf eine kurze Zeit aus dieser Stadt in eine andere begeben und werde dann später, so diese Gottesleugner in ihrer Wut sich mehr werden abgekühlt haben, wieder hierher kommen.“
GEJ|1|99|5|0|Der Oberste, obwohl er Mich unendlich gerne bei sich behalten hätte, billigte Mein Vorhaben, da auch er selbst vor diesen Priestern, Schriftgelehrten und Pharisäern eine nicht unbedeutende Furcht hatte, indem er nur zu gut wußte, wie sich diese Natternbrut aufs geheime Denunzieren nach Rom verstand.
GEJ|1|99|6|0|Ich verließ dann am kommenden Morgen sehr früh mit der ganzen Mir folgenden Gesellschaft das überaus gastfreundliche Haus des Obersten und begab Mich in das Haus des Simon Petrus, das da in der Nähe von Bethabara gelegen war, wo früher Johannes sein Wesen hatte. Als Ich aber in das schlichte, aber eben nicht ungeräumige Haus Petri trat, da lag dessen Schwieger, ein gutes und sonst sehr arbeitsames und züchtiges Mädchen von etlichen zwanzig Jahren, an einem starken Fieber danieder im Bette und litt große Angst und Schmerzen. Da trat Petrus zu Mir und bat Mich, daß Ich ihr hülfe! (Matth.8,14)
GEJ|1|99|7|0|Ich aber trat sogleich an ihr Bett hin, nahm sie bei der Hand und sagte zu ihr: „Töchterchen, stehe auf und bereite uns lieber ein Mittagsmahl, anstatt daß du hier leiden sollst im Bette!“
GEJ|1|99|8|0|Augenblicklich verließ sie das Fieber, und das Mädchen stand sogleich auf und diente uns mit großem Fleiße und großer Aufmerksamkeit. (Matth.8,15)
GEJ|1|100|1|1|100. - Des Herrn Weisungen an den Schreiber Matthäus. Die Verschiedenheit der Sphären der Evangelien des Matthäus und Johannes. Das Evangelium des Matthäus berichtet Tatsachen; das Evangelium des Johannes gibt tiefe Entsprechungen. Der wunderbare Fischzug. Des Petrus demütiges Zeugnis von des Herrn Göttlichkeit
GEJ|1|100|1|0|Hier tritt Matthäus zu Mir hin und fragt Mich, ob er auch dieses Zeichen aufschreiben solle und so manche Lehren und Reden, die Ich die paar Tage hindurch im Hause des Obersten gegeben habe.
GEJ|1|100|2|0|Ich sage: „Das Zeichen mit dem Hauptmann vor Kapernaum, und was Ich allda geredet habe, und dieses Zeichen im Hause Petri auch, aber mit Weglassung der gesprochenen Worte, die da nicht zur öffentlichen Lehre gehören! Die Beredungen im Hause des Obersten aber, und daß Ich zwei Tage hindurch Mich bei ihm aufhielt, laß ganz hinweg!
GEJ|1|100|3|0|Wir werden aber schon noch in Kürze wieder in das Haus dieses Obersten kommen, und zwar zur Zeit, da ihm seine liebste Tochter sterben wird, die Ich dann erwecken und sie ihm wiedergeben werde. Dann magst du seiner sowie des Zeichens Meldung also niederschreiben, daß du weder ihn noch den Ort näher zu bestimmen brauchst, – sonst würden wir ihm weltlich schaden, da die Priesterschaft auch auf ihn ein obachtsames Auge geworfen hat, was wir aber durchaus nicht tun wollen und werden.
GEJ|1|100|4|0|Ich werde aber nun bis zum nächsten Fest in Jerusalem in dieser Seegegend herum, die Mir am besten gefällt, noch viele Zeichen tun und werde viele Lehren geben; diese wirst du aber alle vollständig aufzuschreiben haben!“
GEJ|1|100|5|0|Matthäus richtet sich nun zum Schreiben ein. Aber der Johannes wird bei der Gelegenheit ganz traurig und sagt: „Aber Herr, Du meine Liebe der Liebe! Werde ich denn gar nichts mehr zum Schreiben bekommen?“
GEJ|1|100|6|0|Sage Ich: „Mein liebster Bruder, sei darob nur du nicht traurig! Du wirst noch sehr vieles zu schreiben bekommen! Denn dich habe Ich nur für die wichtigsten und tiefsten Dinge bestimmt!“
GEJ|1|100|7|0|Sagt der Johannes: „Aber das Zeichen zu Kana, das Du tatest dem Sohne des königlichen Beamten, kommt mir doch um nichts größer und wichtiger vor als das, welches Du vor Kapernaum für den Hauptmann gewirkt hast!?“
GEJ|1|100|8|0|Sage Ich: „Da irrst du dich sehr, wenn du solcher Meinung bist! Denn unter dem Sohne des königlichen Beamten wird die ganze überarg verdorbene Welt verstanden, und wie ihr nun von fernehin Hilfe gereicht wird durch Meine Lehre und durch Mein geistiges Einfließen. Durch den Knecht des Hauptmanns aber wird vorderhand bloß nur der gichtische Knecht, den Ich geheilt habe, verstanden, nachderhand aber wohl auch eine Gemeinde oder irgend ein Verein in Meinem Namen, dem aber durch allerlei politische Besorgnisse die Tätigkeit nach Meiner Lehre in einem oder dem andern Punkte völlig mangelt, und der dadurch auch nach und nach in die Untätigkeit der anderen Punkte Meiner Lehre übergeht; und das ist dann auch eine Gichtbrüchigkeit der Seele, der dann nur durch den festen Glauben an Mein Wort wieder geholfen werden kann!
GEJ|1|100|9|0|Siehe nun, du Mein lieber Bruder Johannes, das ist darum ein gar großer Unterschied zwischen den beiden Zeichen! Das erste stellt das geistige Krankheitsverhältnis der ganzen Welt vor, und Ich sage dir, noch tiefer genommen, auch der ganzen Unendlichkeit! Das zweite Zeichen aber nur das, was Ich dir soeben erläutert habe. Mit dem aber weißt du denn nun auch, was du und was der Matthäus zu beschreiben hat.
GEJ|1|100|10|0|Nun aber hat das Mädchen samt der andern Dienerschaft Petri schon das Mittagsmahl fertig, und wir wollen darum uns nun sogleich über das Mittagsmahl machen und wollen dann nachmittags ein wenig dem Petrus einige gute Fische fangen helfen. Gegen den Abend hin aber werden wir genug zu tun bekommen.“
GEJ|1|100|11|0|Wir nahmen nun ein für die ganze große Gesellschaft hinreichend reichliches Mahl ein und begaben uns darauf zum See, der auch das „Meer von Galiläa“ genannt ward, und haben da in wenigen Stunden eine große Menge der besten Fische gefangen, so zwar, daß sie kaum mochten in den Fischbehältern untergebracht werden.
GEJ|1|100|12|0|Dem Petrus ward es bange, daß er darob in einer Art von frommer Betäubung ausrief: „Herr, ich bitte Dich, verlaß mich; denn ich fühle es nun zu sehr, daß ich ein sündiger Mensch bin! Schon einmal erschrecktest Du mich, als Du, mir vorher noch ganz unbekannt, von irgendwoher kamst und mich und meine Gehilfen hier fischend trafst! Schon damals erkannte ich sogleich Deine Göttlichkeit; nun aber wird es mir noch banger, weil ich es nun nur zu klar einsehe, was und wer Du im Grunde des Grundes bist! Damals wie jetzt wurde die ganze Nacht gefischt und sozusagen nichts gewonnen; auf Dein Wort aber und in Deiner Gegenwart rissen die Netze vor zu großer Menge der gefangenen Fische! Mir wird es nun darob ganz ernstlich bange vor Dir, denn Du bist –“
GEJ|1|100|13|0|Sage Ich: „Sei stille und verrate Mich nicht! Denn du kennst den einen unter uns! Dieser aber ist und bleibt ein Verräter.“
GEJ|1|100|14|0|Petrus ist nun stille und macht Anstalten zur Unterbringung der Fische. Da es aber Abend wird, begeben wir uns nach Hause, allwo durch den Fleiß der gesund gemachten Schwieger Petri ein gutes und reichliches Abendmahl uns erwartet. Alles ist nun voll Freude und Heiterkeit; und Petrus stimmt den Lobgesang an, und alle respondieren (im Wechselgesang antworten) ihm einstimmig.
GEJ|1|101|1|1|101. - Das Abendmahl bei Petrus. Petrus und der prahlerische Judas. Große Heilwunder
GEJ|1|101|1|0|Als Petrus den Gesang beendet hatte, sprach er in einem sehr feierlichen Ton: „Meine Freunde und Brüder! Welch ein Unterschied zwischen uns nun und dem David einst, da er dem Volke gab diesen herrlichen Lobgesang! Als er sang, erhob er seine Augen über die Sterne hinauf! Denn damals wohnte Jehova im unzugänglichen Lichte über allen Sternen nach den menschlichen Begriffen. Was möchte aber David nun hier tun, da Der, zu Dem er seine Augen erhob über alle Sterne hinauf, –“ Sage Ich: „Halt! Freund Petrus! Es ist schon wieder gut also; bedenke nur, wer alles sich unter uns befindet!“
GEJ|1|101|2|0|Petrus ermahnt sich sogleich und beruft die Gäste alle zur Einnahme des Abendmahles, das zumeist in Brot und wohlzubereiteten Fischen besteht.
GEJ|1|101|3|0|Judas aber fragt den Petrus, ob in der Nähe nirgends ein Wein zu haben wäre ums Geld. Und Petrus antwortet und sagt: „Ein paar Feldwege weit ist eine Herberge; alldort wird Wein ums Geld hergegeben.“ Als Judas solches vernimmt, fragt er Petrus abermals, ob er niemanden zu schicken hätte, um einen ganzen Schlauch voll zu holen.
GEJ|1|101|4|0|Sagt Petrus: „Du kennst und siehst doch mein ganzes Hauswesen; ich habe niemanden zu schicken! Willst du aber Wein, so gehe selbst hin und mache darum mit dem Wirte einen Handel, und du wirst also am besten daraus kommen!“ Sagt Judas: „Ah, ehe ich selbst hingehe, verzichte ich auf den Wein!“ – Sagt Petrus: „Tue, was du willst, ich kann dir keine Dienerschaft geben, denn meine Fischerknechte haben noch am See vollauf zu tun; mein Weib aber und meine Kinder und meine Schwieger haben, wie du es selbst sehen kannst, ohnehin alle Hände vollauf zu tun, und von mir selbst wirst du ja etwa doch nicht verlangen wollen, daß ich nun am Abende dir soll einen ganzen Schlauch voll Weines hierher schaffen gehen!?“ – Sagt Judas etwas ärgerlich: „Nun, nun, ich habe es mit dir ja nur gut gemeint, weil ich sehe, daß du keinen Wein hast; denn bezahlt hätte ja ohnehin nur ich, was auch der Schlauch gekostet hätte!“
GEJ|1|101|5|0|Sagt Petrus: „Es ist Einer unter uns, Der zu Kana auf der Hochzeit des Simon, der auch hier unter uns ist, Wasser in Wein verwandelt hat. Dieser Eine könnte auch nun, so es nötig wäre, das gleiche tun. Da es aber sicher nun nicht nötig ist, so können wir uns auch mit dem besonders guten Wasser behelfen, das uns mein reiner Hausbrunnen bietet.“
GEJ|1|101|6|0|Sagt Judas: „Ganz gut, ganz gut, – ich bin damit wohl auch zufrieden, da ich selbst auf ein gutes Wasser große Stücke halte; aber gerade bei solch einer Gelegenheit wäre der Wein auch nicht zu verachten! So aber der gewisse Eine, Den ich nun wohl auch zu kennen glaube, schon aus dem Wasser Wein machen kann, da könnte Er dir nun ja doch wohl auch einen solchen Gefallen erweisen!?“
GEJ|1|101|7|0|Sage Ich: „So gehe hinab zum Brunnen und trinke! Denn dir soll der Brunnen Wein geben, uns allen andern aber nur Wasser!“
GEJ|1|101|8|0|Da ging Judas sobald zum Brunnen und schöpfte. Wie er aber das geschöpfte Wasser trank, da war es Wein von bester Art, und er betrank sich, daß er am Brunnen liegenblieb und Gefahr lief, in den Brunnen zu fallen, der tief war, so ihn nicht einige Knechte Petri ersehen und ins Haus auf ein Lager geschafft hätten. Es war aber gut also; denn Ich habe an diesem Abend eine Menge mit allerlei Krankheiten und Seuchen Behaftete geheilt und bei vielen die bösen Geister ausgetrieben, – und bei diesen Zeichen hätte uns Judas übel mitgespielt.
GEJ|1|102|1|1|102. - Szene mit den gläubigen Juden aus Kapernaum. Ein großes Heilwunder
GEJ|1|102|1|0|Als das Abendmahl eingenommen war von allen, die nun mit Mir hier zugegen waren, und der Judas im festen Schlafe auf einem Strohlager im Vorhause lag, da brachten dieselben Juden aus Kapernaum, die am vorhergehenden Tage die Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer auf die Probe stellten, eine Menge Besessene und eine Menge anderer Kranker, die mit allerlei Übeln behaftet waren, und baten Mich inständigst, daß Ich sie alle heilen möchte!
GEJ|1|102|2|0|Ich aber fragte sie liebernstlich, ob sie wohl glaubten, daß des Zimmermanns Sohn aus Nazareth so was zu tun vermöchte. Denn diese Menschen kannten Mich sozusagen von Geburt auf.
GEJ|1|102|3|0|Sie aber antworteten und sprachen: „Was hat da des Zimmermanns Sohn mit uns zu tun!? Wenn des Zimmermanns Sohn von Gott ausersehen ward, ein Prophet dem Volke Israel zu werden, so ist er ein Prophet, und so er auch noch tausendmal ein Zimmermannssohn wäre; denn ein jeder Mensch ist das, was er von Gott aus ist, und aber nie, was seine Eltern waren! Und daher glauben wir alle ungezweifelt fest, daß du zum ersten ein rechter von Gott unterwiesener Prophet bist, und daß du darum fürs zweite uns allen helfen kannst, so wie du dem Sohne des Statthalters und dem Knechte des Hauptmanns geholfen hast!“
GEJ|1|102|4|0|Und Ich antwortete ihnen: „Nun denn, da ihr solchen Glaubens an Mich und solchen Urteils über Mich seid, so geschehe euch allen, wie ihr es geglaubt habt!“
GEJ|1|102|5|0|Auf dieses Wort fuhren alle Geister aus den Besessenen, und die mit allerlei Seuchen und Krankheiten Behafteten aber wurden auch gesund im selben Augenblick. (Matth.8,16)
GEJ|1|102|6|0|Daß es auf solch eine Tat an Verwunderungen und Danksagungen nicht gemangelt hat, braucht wohl kaum noch näher erwähnt zu werden!
GEJ|1|102|7|0|Es wurden auch höchst treffende, aber dabei beißend scharfe Bemerkungen über die gesamte jüdische Priesterschaft gemacht, aber Ich verwies den Rednern solches und zeigte ihnen, daß es sehr unklug sei, zu wecken eine schlafende Natternbrut: „Denn solange diese in ihrem starren Winterschlafe sich befindet, ist sie niemandem schädlich und gefährlich; wird sie aber geweckt, so ist sie gefährlicher als je sonst, wo sie nicht schläft!
GEJ|1|102|8|0|Die Tempelknechte voll Arglist und Tücke schliefen wohl auch nun wie eine Natternbrut im Winter; ihr aber habt sie nun aus ihrem Schlafe durch euer kühnes Begehren gewaltsam erweckt. Darum gebet acht, daß sie euch nun nicht schädlich werden! Denn diese ehebrecherische Art hat eine Wollust darin, so sie irgend schaden kann!“
GEJ|1|102|9|0|Alle sehen die Wahrheit dieser Lehre ein und bereuen, daß sie ein solches Übel durch ihre Unbesonnenheit angerichtet haben! Ich aber vertröste sie und sage ihnen, daß sie von diesem hier verrichteten Zeichen in Kapernaum ja nichts erzählen sollen, außer einigen wenigen bewährtesten Freunden der Wahrheit, die da auch zu schweigen wissen! Und sie gelobten Mir solches.
GEJ|1|102|10|0|Es war aber einer unter ihnen, der, obschon nicht dem Priesterstande angehörend, aber dennoch in der Schrift sehr bewandert war.
GEJ|1|102|11|0|Dieser trat hin vor die Menge und sprach in einem sehr ernsten Ton: „Höret, liebe Freunde und Brüder! Ich habe nun in dieser Tat etwas gefunden, was da mehr sagen will, als so ihr nur saget: ,Siehe da, dieser Mann ist ein rechter Prophet!‘ Ich meine, diese Tat ist nun geschehen, damit vor unseren Augen in die vollste Erfüllung gehen soll, was der Prophet Jesajas weissagte, da er sprach: ,Er hat unsere Schwachheit auf Sich genommen, und unsere Seuche hat Er getragen!‘ (Jes.53,4) Merket ihr nichts? Merket ihr wirklich nichts, wohinaus das geht?“
GEJ|1|102|12|0|Das Volk sieht den Sprecher groß an; denn es versteht ihn nicht. Er aber wiederholt seine Frage noch einmal, und da das Volk das, was er aus Jesajas angeführt hatte, noch nicht fasset, so spricht er: „Den Blinden ist schwer von den Farben des Regenbogens zu predigen!“
GEJ|1|102|13|0|Sage Ich zu ihm: „Sei ruhig; es ist besser, daß dies Volk vorderhand das nicht fasset! Denn möchte nun dieses Volk das fassen, so würde es zu den Priestern hinrennen und würde dort mit ihnen gar gewaltig zu rechten anfangen, und das wäre nicht gut weder für euch, noch für Mich unter dem Gesichtspunkte Meiner Lehre! Wann aber die rechte Zeit kommen wird, dann auch werden sie es fassen und mit Händen greifen, was der Prophet geredet hat!“
GEJ|1|102|14|0|Mit diesem Bescheide gibt sich der Redner zufrieden, und das Volk, dessen Besessene und Kranke Ich an diesem Abende geheilt habe, entfernt sich nun samt seinen völlig Genesenen.
GEJ|1|102|15|0|Als aber das Volk in Kapernaum nach Hause kommt, macht es dennoch einen großen Lärm unter seinen Bekannten; und als es am nächsten Morgen noch kaum graut, so ist das Haus Petri schon von einer unabsehbaren Volksmenge umlagert, um Mich zu sehen, Der Ich am Abende eine solche unbegreiflich große Wundertat verrichtet habe! Es fragt Mich aber Petrus, was da zu machen sein werde, da des Volkes immer mehr werde ums Haus.
GEJ|1|102|16|0|Sage Ich: „Richte das große Schiff her, und wir werden ganz auf die andere Seite des Meeres fahren; sonst erleben wir hier Spektakel! (Matth.8,18) Das Volk ist zwar in der besten Absicht da; aber hinter dem Volke wird auch die Priesterschaft ganz geschlichen kommen, und mit dieser wollen wir vorderhand nichts zu tun haben!“
GEJ|1|102|17|0|Petrus richtete sogleich das größte Schiff her, das wir auch alsbald bestiegen und bei gutem Winde schnell übers Meer zu rudern begannen.
GEJ|1|102|18|0|Bevor aber Ich mit den Jüngern das Schiff betrat, kam und trat hin zu Mir ein Schriftgelehrter aus Kapernaum und sprach: „Meister, erlaube mir, daß auch ich Dir folge, wo Du hingehest!“ (Matth.8,19) Da Ich aber alsbald ersah, daß sein geheimer Grund, aus dem heraus er Mir so ganz eigentlich folgen wollte, ein durchaus nicht löblicher war, und daß ihm an Meiner Lehre wie an allen Meinen Taten wenig, alles aber an einer Versorgung für seinen Bauch und, so es nebst dem etwas trüge, auch an geheimen Verrätereien gelegen war, so schüttelte Ich Mein Haupt und sagte zu ihm: „Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, auch nicht einen Stein in dieser Welt zum Eigentume, daß Er darauf lege Sein Haupt!“ (Matth.8,20)
GEJ|1|102|19|0|Und der Schriftgelehrte verstand Mich, wandte sich ab und zog nach Hause. Denn Ich habe ihm dadurch zu verstehen gegeben, daß auch er ein schlauer Fuchs sei und daher seine Grube (besoldete Anstellung) habe, und daß Vögel seiner Art, die unter dem Himmel, das heißt tief unter der rein göttlichen Wahrheit und Liebe wohnen, ihre Nester, d.i. Fraß- und Ruheplätze, haben, wo sie ihren Raub verzehren, aber beim Menschensohne von all den weltlichen Betrügereien nichts anzutreffen ist, nicht einmal ein sogenannter politischer Notkniff (Stein), auf dem man dann und wann das Haupt des Gemütes ausruhen lassen könnte! Der Schriftgelehrte verstand Mich also recht und kehrte, wie schon früher bemerkt, ohne ein Gegenwort mehr an Mich zu richten, schnell nach Kapernaum zurück.
GEJ|1|103|1|1|103. - »Lasset die Toten ihre Toten begraben!« Der Andrang des Volkes. Der Herr entzieht sich dem Volk und begibt sich mit den Seinen auf das Schiff des Petrus. Der Seesturm. Der Herr schläft und wird von den Seinen geweckt. Der Herr beruhigt den Sturm
GEJ|1|103|1|0|Es trat aber auch vor der Besteigung des Schiffes einer Meiner Jünger zu Mir und bat Mich, daß Ich ihm vor der Abfahrt gestatten möchte, daß er begrübe seinen Vater, der in der vorigen Nacht plötzlich gestorben sei. (Matth.8,21) Ich aber sagte zu ihm: „Folge du nur Mir nach, und laß die Toten ihre Toten begraben!“ (Matth.8,22) Und der Jünger stand sogleich von seiner Bitte ab und folgte Mir aufs Schiff; denn er begriff es, daß es besser sei, fürs Leben als für den Tod zu sorgen, – eine eitle Sorge, die sich wahrlich für die Toten am besten schickt! Denn alle, die aufs Begräbnisgepränge etwas halten, sind mehr oder weniger tot, indem sie dem Tode die Ehre bezeigen und selbst große Stücke auf die Ehre des Todes halten.
GEJ|1|103|2|0|Der wahre Tod des Menschen ist die Selbstsucht, und deren Geist ist der Hochmut, der vor allem nach der Ehre geizet; und so ist dann ein geprängevolles Begräbnis eines Verstorbenen nichts als der letzte Hochmutszug des geistig schon lange toten Menschen.
GEJ|1|103|3|0|Nachdem also der Jünger in sich die volle Tiefe der Wahrheit dessen, was Ich zu ihm gesagt hatte, ersah, folgte er ohne alles weitere Bedenken Mir aufs Schiff, wie schon früher bemerkt, und wir fahren bei einem guten Winde schnell ab und entgingen so dem stets größer werdenden Andrange des Volkes. (Matth.8,23)
GEJ|1|103|4|0|Einige bestiegen wohl die kleinen Fahrzeuge und fuhren uns eine kurze Strecke nach. Aber als der Wind stets mächtiger zu wehen begann, so kehrten sie schnell um und hatten zu tun, um wieder das sichere Ufer vor dem Ausbruche des Sturmes zu erreichen.
GEJ|1|103|5|0|Wir aber befanden uns bereits auf der hohen See, als der frühere günstige Wind sich in einen mächtigen Sturm umgewandelt hatte. Ich war aber schon bei der Besteigung des Schiffes etwas müde dem Leibe nach, indem Ich die ganze Nacht gewacht hatte, und sagte daher zum Petrus im Schiffe: „Schaffe Mir ein Lager; denn Ich werde Mich während der Fahrt ein wenig zur Ruhe begeben, indem, wie du es weißt, Ich die ganze Nacht keine Ruhe hatte!“
GEJ|1|103|6|0|Petrus brachte Mir sogleich mehrere Matten, machte daraus ein gutes Lager und legte Mir noch oben darauf ein Kissen unters Haupt, worauf Ich denn auch sobald ganz ernstlich dem Leibe nach einschlief, obschon Ich wohl wußte, daß der Wind bald in einen sehr heftigen Sturm umschlagen werde und die hochgehenden Wogen das Schiff bedrohen würden.
GEJ|1|103|7|0|Als wir ungefähr ein paar Stunden vom Ufer entfernt waren, da hatte auch der Sturm den Kulminationspunkt seiner Wut erreicht, und die Wogen fingen an, übers Verdeck des Schiffes zu schlagen. (Matth.8,24) Da ward es sogar Meinen bewährtesten Jüngern bange; denn sie sahen, daß das Schiff Wasser zu schöpfen begann durch das stets stärkere Überschlagen der Wogen, besonders über den mittleren und nach der damaligen Bauart der Schiffe auch am meisten niedern Teil des Schiffes. Als sonach der Sturm nicht enden wollte, sondern nur stets mächtiger das Meer in die hochwogende Bewegung setzte, da traten die Jünger zu Mir hin, das heißt, zu der im Schiffe am meisten erhabenen Stelle, auf der Mir zuvor Petrus ein Lager bereitet hatte, und wohin die Wogen noch nicht gedrungen waren, fingen an, Mich zu rütteln, daß Ich erwachte, und schrieen dann voll Angst: „Herr, hilf uns, sonst gehen wir alle zugrunde!“ (Matth.8,25)
GEJ|1|103|8|0|Da erhob Ich Mich vom Lager und sagte zu ihnen: „O ihr Kleingläubigen! Wie möget ihr euch fürchten, da Ich bei euch bin? – Was ist mehr: der Sturm oder Der, der auch ein Herr über alle Stürme ist?!“
GEJ|1|103|9|0|Da aber die Jünger, wie auch mehrere andere, die sich im Schiffe befanden, nahe ganz sprachlos vor Angst geworden waren und selbst ein Petrus nur noch zu stammeln vermochte, so bedrohte Ich schnell den Sturm und das Meer, und siehe, da ward alles auf einmal stille! Der Sturm war wie abgeschnitten, und das Meer ward auf einmal so glatt wie ein Spiegel; nur wo es die Ruderer aus dem Gleichgewichte brachten, merkte man die winzige Bewegung des Wassers. (Matth.8,26) Die ziemlich vielen Menschen aber, die Mich noch nicht näher kannten, da sie erst an diesem Morgen hingekommen waren und diese Fahrt mehr ihrer Geschäfte denn Meinetwegen mitmachten, fingen an, sich über alle Maßen zu verwundern, und sprachen zu den Jüngern und fragten sie: „Was – um Jehovas willen – ist denn das für ein Mensch, daß ihm Winde und das Meer gehorchen?!“ (Matth.8,27)
GEJ|1|103|10|0|Ich aber winkte den Jüngern, daß sie Mich nicht verrieten. Petrus aber sagte: „Fraget nun nicht viel, sondern macht euch schnell alle ans Ausschöpfen des in das Schiff reichlich eingedrungenen Wassers, sonst sind wir, so noch ein Nachsturm käme, was öfters zu geschehen pflegt, wenn er irgend schnell abbricht wie nun, verloren!“ – Da fragten die Fremden nicht mehr, sondern griffen zu den Wassereimern und schöpften behende das Wasser aus dem Schiff und hatten damit vollauf zu tun, bis wir das gedehnte jenseitige Ufer erreichten.
GEJ|1|104|1|1|104. - Landung am östlichen Ufer des Galiläischen Meeres in Gadara. Heilung von zwei Besessenen.
GEJ|1|104|1|0|Das Ländchen aber, dahin wir gekommen waren, oder vielmehr die Gegend war von einem Völkchen – Gergesener, auch Gadarener genannt – bewohnt und lag nach der ganzen Länge des Meeres Galiläa gerade gegenüber.
GEJ|1|104|2|0|Als wir da samt und sämtlich ans Land gelangt waren und uns in die kleine Stadt Gadara begeben wollten, die über dem Meere auf einer Anhöhe etwa sechstausend Schritte von unserm Landungsplatze entfernt lag, da liefen von einem kleinen Berge, der der Stadt gegenüber am See gelegen war und auf seiner Höhe die Begräbnisstätte der Bewohner dieser Gegend und Stadt hatte, uns zwei nackte Menschen gräßlich verzerrten Ansehens entgegen, die von einer ganzen Legion böser Geister besessen und derart grimmig waren, daß ihretwegen nahe niemand diese Straße passieren konnte. (Matth.8,28) Ihre Wohnung waren die Gräber des am Berge gelegenen Friedhofes. Niemand konnte sie fangen, noch binden mit Ketten. Denn so auch dann und wann eine Masse der stärksten Menschen sich ihrer bemächtigte, sie mit starken Ketten band und ihnen die stärksten Fesseln anlegte, so wurden die Ketten in einem Augenblick zerrissen und die Fesseln zu Pulver zerrieben! Sie waren Tag und Nacht auf dem Berge und allda in den Gräbern, schrieen furchtbar und schlugen sich mit den Steinen gewaltigst.
GEJ|1|104|3|0|Als diese beiden aber Mich in der Mitte der Jünger erblickten, da liefen sie schnurgerade auf Mich zu, fielen vor Mir nieder und schrieen: „Was haben wir mit Dir zu tun, Du Sohn des Allerhöchsten?! Bist Du gekommen, uns vor der Zeit zu quälen? Wir beschwören Dich bei Gott dem Allerhöchsten, daß Du uns nicht quälst!“ (Matth.8,29)
GEJ|1|104|4|0|Ich aber bedrohte sie und sprach: „Wie heißest du arger Geist, der du plagst diese beiden, als wären sie ein Mann?“
GEJ|1|104|5|0|Da schrie der Arge: „Mein Name ist Legion; denn wir sind unser viele!“
GEJ|1|104|6|0|Ich aber gebot dem Argen, auszufahren von diesen zweien! Im Augenblick fuhren eine große Menge arger Geister in sichtbarer Gestalt von großen schwarzen Fliegen aus den beiden, baten Mich aber inständigst, daß Ich sie nicht aus dieser Gegend treiben möchte!
GEJ|1|104|7|0|Es war aber längs den kleinen Bergen, die sich am Meere fortzogen, gen Abend hin eine große Herde Säue, die den Gadarenern gehörte; denn dieses Völklein, zumeist aus Griechen bestehend, aß das Fleisch dieser Tiere und trieb damit auch einen Handel zumeist nach Griechenland. (Matth.8,30)
GEJ|1|104|8|0|Als die argen Geister dieser Herde Säue ansichtig wurden, baten sie Mich abermals, daß Ich ihnen gestatten möchte, zu fahren in diese Herde. (Matth.8,31)
GEJ|1|104|9|0|Und als Ich ihnen solches gestattete aus freilich ganz geheimen, der Welt verborgenen Gründen, da fuhren die Teufel augenblicklich in die Säue, deren es bei zweitausend an der Zahl gab.
GEJ|1|104|10|0|Wie aber die Teufel in die Säue gefahren waren, da rannten diese Tiere auf einen Berg, der in das Meer einen stark und weit vorspringenden Felsen hatte, und von diesem Felsen, der eine Höhe von 300 Ellen hatte, stürzten all die zweitausend Säue sich in einem wahren Sturme ins Meer, wo es gerade sehr tief war. (Matth.8,32)
GEJ|1|104|11|0|Als aber die Hirten, welche die Säue beaufsichtigten, sahen, was da geschehen war mit den Besessenen, so entsetzen sie sich, flohen davon, eilten in die Stadt und erzählten es besonders ihren Dienstgebern, was sich unten am Meere zugetragen hatte. (Matth.8,33)
GEJ|1|104|12|0|Die Bewohner dieses Städtchens erschraken, und einer, der wie viele in dieser Stadt noch ein Heide war und auf Jupiter und all die anderen Götter des Heidentums große Stücke hielt, sprach und sagte: „Habe ich es heute morgen nicht gesagt: So einmal die zwei von den Furien Gequälten stille werden, das Meer aber bei heiterstem Himmel über die Maßen stürmend wird, dann kommt ein Gott von oben herab, und über uns wird ein Gericht ergehen; denn ohne Rute und Schwert kommen die Götter nie von den Sternen herab zur Erde! Und da haben wir's nun vor uns: Die Furien, die die beiden Sünder plagten, wühlten vorher das Meer auf, da sie sicher wußten, daß ein Gott von oben herab kommen und sie vertreiben werde von den beiden Sündern. Daß sie sich dann in Gestalt von schwarzen Bremsen auf unsere Säue warfen und diese Tiere in einem Sturme ins Meer trieben, das ist mir so klar nun als wie die Sonne am hellen Mittage! Uns bleibt nun nichts anderes zu tun übrig, als in aller Demut und Zerknirschtheit unseres Gemütes uns in einer bedeutenden Anzahl zu dem Gotte, wahrscheinlich zum Neptun oder Merkur, hinabzubegeben und ihn allerinständigst zu bitten, daß er diese Gegend sobald wieder verlassen möge; denn solange sich ein Gott sichtbar in einer Gegend der Erde aufhält, ist auf nichts denn Unglück über Unglück zu denken! Denn, wie schon gesagt, ein Gott kommt nie ohne Rute, Schwert und Gericht von den Sternen zur Erde herab!
GEJ|1|104|13|0|Mache ihm aber ja niemand ob des uns zugefügten Schadens auch nur mit einem geheimsten Gedanken irgendeinen Vorwurf; denn da wäre es dann rein aus mit uns! Wir haben nun den alten Göttern schon lange kein rechtes Opfer gebracht, woran uns freilich am meisten die dummen Juden gehindert haben, die da alles besser wissen wollen als wir, und darum nahm sich ein beleidigter Gott selbst sein Opfer! Also ist es! Darum dürfen wir darüber auch keinen unzufriedenen Gedanken in uns aufkommen lassen! Aber hinab müssen wir ziehen zu ihm und müssen ihn begrüßen und dann über alles inständigst bitten, daß er diese Gegend ja sogleich wieder verlassen möchte!“
GEJ|1|104|14|0|Es hörten aber dieser Belehrung auch mehrere Juden zu und sprachen: „Ihr haltet uns zwar für dumm; aber da kennen wir uns dennoch besser aus denn ihr. Seht, dieser euer vermeintlicher Gott ist niemand anderer als entweder ein Magier aus Persien, oder er ist der berühmte Jesus aus Nazareth, von dem wir schon große Dinge gehört haben. Im übrigen sind wir mit euch darin vollends einverstanden, daß wir ihn allerinständigst bitten sollen, daß er verlasse diese Gegend; denn dergleichen Menschen sind nie ein Glück für ein Land, – das wissen wir aus den Zeiten unserer Propheten. So unser Gott gewisse Menschen zu Propheten erweckt in einem Lande, so ist das Unglück solch eines Landes auch schon gemacht!“
GEJ|1|104|15|0|Darauf aber trat in dieser Stadt alles zusammen und begab sich hinaus und hinab zu Mir, so daß nur wenige Kranke daheim blieben. Als die aus der Stadt Gekommenen Meiner ansichtig wurden und sahen, daß Ich ein ganz natürlich menschliches Aussehen hatte, so bekamen sie etwas mehr Mut, sich Mir zu nahen, und traten darum, obschon noch immer mit vieler Furcht, zu Mir hin und baten Mich, daß Ich sobald von ihren Grenzen weichen möchte! (Matth.8,34)
GEJ|1|104|16|0|Einige aber besahen die beiden, die sie als ehedem Besessene gar wohl kannten. Die waren nun bekleidet und redeten ganz vernünftig mit ihnen und erzählten ihnen, wie Ich sie von ihrer Plage befreit habe, und wie sie darauf von denen, die mit Mir angekommen seien, sogleich bekleidet worden seien. Aber alles das vermochte die Furcht, besonders der Heiden, nicht zu vermindern, und sie baten um nichts als nur, daß Ich ihre Gegend verlassen und nie wiederkehren möchte!
GEJ|1|104|17|0|Und Ich gab ihren Bitten nach und sagte darauf zum Petrus: „Freund, bringe das Schiff nur sogleich wieder zurecht, auf daß wir sobald wieder von dieser Gegend uns entfernen mögen!“
GEJ|1|104|18|0|Und Petrus und seine Knechte brachten sogleich das Schiff zurecht. Als Ich aber in das Schiff trat, da eilten Mir die beiden Geheilten nach und baten Mich, daß auch sie Mir folgen dürften; denn sie würden in dieser Stadt nichts zu tun und nichts zu leben bekommen, und in ihrem Hause würden ihre Angehörigen sie sicher nimmer aufnehmen wollen, da sie vor ihnen eine zu große Furcht hätten! Ich aber wies sie liebernstlich zurück und sagte zu ihnen: „Kehret nur getrost in euer Haus zu den Eurigen wieder zurück; sie werden euch mit Freuden aufnehmen! Gehet und verkündet es den Eurigen aber, wie auch der ganzen Gegend, was für Großes der Herr an euch getan hat, und welche Barmherzigkeit Er euch erwies, so werdet ihr dadurch besser tun, als so ihr nun Mir folgen würdet! Denn ihr sollet nun in dieser Gegend, in der man euch allenthalben gar wohl kennt, Mir ein tüchtiges Zeugnis geben und dadurch den Menschen nützlich werden; und die Menschen werden euch also nach wie vor, da ihr ihnen ein Schrecken waret, nicht verhungern lassen.“
GEJ|1|104|19|0|Darauf entfernten sich die beiden Geheilten wie ein Mann und taten emsigst, was Ich ihnen anbefohlen hatte.
GEJ|1|104|20|0|In kurzer Zeit haben Mich die beiden nicht nur in ihrer Heimat, sondern auch in allen zehn Städten, die da am obern Teile des Meeres lagen, ruchbar gemacht und verkündeten mit großem Eifer allenthalben, was für Großes Ich an ihnen getan und welch eine große Barmherzigkeit Ich ihnen erwiesen habe. Und es glaubten dadurch viele an Meinen Namen und bekamen eine große Sehnsucht nach Mir, Juden und Griechen in gleicher Weise.
GEJ|1|105|1|1|Wieder in Nazareth
GEJ|1|105|1|1|105. Kapitel – Rückreise nach Nazareth. Des Herrn Mahl mit den Seinen im Hause der Maria.
GEJ|1|105|1|0|Wir aber fuhren nun gerade in der Richtung gen Nazareth zu; denn Ich hatte es Mir vorgenommen, nun wieder einmal Nazareth zu besuchen und daheim ein wenig auszuruhen und bei dieser Gelegenheit auch den sehr unsteten Nazaräern das Licht der Wahrheit anzuzünden!
GEJ|1|105|2|0|Die Rückfahrt aber dauerte etwas länger als die Hinfahrt, und es wurden viele hungrig. Ich aber stärkte sie, und sie verspürten in sich eine wundervolle Sättigung, und einige sagten: „Wahrlich, ein Atemzug gibt Brot, und ein zweiter schmeckt wie Wein!“ Und so erreichten wir am nächsten Morgen früh das Ufer. Vom Ufer des Sees bis vollends nach Nazareth waren noch bei zwanzig Feldwegs (ein Feldweg war nach gegenwärtigem Maße eine Strecke von 50 - 70 Klaftern), und wir setzten sonach unsere Reise ungehindert fort und erreichten in kurzer Zeit die Stadt Nazareth. Währenddem versorgten ganz natürlich die Knechte Petri das Schiff und fuhren nach Hause.
GEJ|1|105|3|0|Es war aber allda, wo wir gelandet hatten, ein allgemeiner Landungsplatz, und es waren daselbst viele Menschen versammelt, einige, die übers Meer nach allen Richtungen zu fahren hatten ihrer Geschäfte wegen, und viele, die von allen Gegenden, sogar von Jerusalem herab, auf den Markt nach Nazareth kamen; denn es war in dieser Zeit eben ein großer Markt in dieser Stadt.
GEJ|1|105|4|0|Als es aber auf dem Landungsplatze hieß, daß Ich mit dem Schiffe Petri angekommen sei, da blieben auch jene zurück, die da übers Meer ihre Reise machen wollten ihrer Geschäfte halber, und es zog somit eine große Volksmenge mit Mir nach Nazareth.
GEJ|1|105|5|0|Ich und Meine Jünger aber begaben uns in Mein, das heißt nun der Mutter Maria Haus, die daheim war mit den drei ältesten Söhnen und vier Mägden, die schon von früher her unter Josephs Zeiten, da Ich noch ein Kind war, an Kindes Statt ins Haus genommen und auferzogen wurden.
GEJ|1|105|6|0|Maria und die ganze Hausgenossenschaft legten nun die Hände ans Werk und bereiteten uns ein reichliches Morgenmahl, das uns schon recht not tat, besonders den Jüngern, die einen ganzen Tag und eine ganze Nacht fast nichts zu sich genommen hatten. Das Mahl war bald bereitet, und wir setzten uns und aßen und tranken. Nach dem Mahle aber dankten wir und erhoben uns und gingen in die Stadt, um da dem Tun und Treiben der Menschen ein wenig zuzusehen. Wir konnten aber kaum aus dem Hause vor der großen Menge des Volkes, das zum größten Teil aus Neugierde, zum Teil aus schmählicher Spioniererei und nur zu einem sehr geringen Teile aus Not und Bedürfnis sich ums Haus gelagert hatte.
GEJ|1|105|7|0|Als wir sonach vors Haus traten, da fragten einige aus Jerusalem anwesende Pharisäer und Schriftgelehrte, ob Ich hier keine Wunder und Zeichen tun werde. Ich aber sagte ihnen ganz ernst und entschieden: „Nein, eures Unglaubens willen keine!“ Auf dieses entschiedene Nein fingen sie an, sich zu zerstreuen, und einige murmelten und raunten sich ins Ohr: „Er hat Furcht vor den Herren aus Jerusalem und getrauet sich nicht.“ Andere wieder sagten: „Er hat wahrscheinlich seine Zaubermittel nicht bei sich.“ Wieder andere sagten: „Hier tut er seiner Landsleute wegen nichts; denn er wird es wohl wissen, daß er bei ihnen in keinem besonderen Rufe steht!“ Mit solchen und ähnlichen Äußerungen zerstreuten sie sich, und es war in wenigen Augenblicken kein Mensch mehr beim Hause der Maria, Meines Leibes Gebärerin, und wir hatten sogleich Platz genug, um unsern Weg in die Stadt anzutreten.
GEJ|1|105|8|0|Wir besuchten allda eine Synagoge, in der ein jeder Jude, der irgend etwas wußte, vor drei Schriftgelehrten, die obenan saßen, reden und auch eine und die andere Beschwerde anbringen durfte, die er oder mit ihm eine ganze Gemeinde als begründet gegen die von Jerusalem irgendwo angestellten Priester und Schriftgelehrten wußte.
GEJ|1|105|9|0|Als wir in die Synagoge kamen, sagte Simon von Kana insgeheim zu Mir: „Herr, da könnten ja auch wir etwas anbringen!? An allerlei Beschwerden würde es uns nicht fehlen!“
GEJ|1|105|10|0|Sage Ich: „Mein Freund! Reden zur rechten Zeit der Wahrheit gemäß ist recht und gut; aber zur rechten Zeit zu schweigen ist noch besser! Du kannst tun, was du willst, so wirst du aus Eisen dennoch nie ein Gold machen und aus Lehm kein Silber! Diese Art, die hier zu Rate und zu Gehör sitzt, ist inwendig bei weitem anders, als sie sich von außen zeigt; auswendig ist sie ein Lamm und inwendig ein reißender Wolf!
GEJ|1|105|11|0|Meinst du, diese sitzen hier darum zu Gehör, um nach den vernommenen Beschwerden dem Volke die angesuchten Linderungen zu verschaffen? Oh, da wärest du in großer Irre!
GEJ|1|105|12|0|Diese Art sitzt nur darum dem Volke mit freundlichen Gesichtern zu Gehör, um es auszukosten, wie es gegen die Priesterschaft gesinnt ist. Glaube es Mir! Heute wirst du freundlichst angehört, und morgen wird man dich ins Zuchtgefängnis stecken und dich ein volles Jahr hindurch mit Schlangen züchtigen! Denn diese Priester sind alle gleich den Raben und Krähen, wo eine der andern nie die Augen aushackt mit ihres Schnabels scharfer Spitze.
GEJ|1|105|13|0|Darum hören wir hier bloß zu und haben darauf acht, ob und inwiefern und wie gestaltig da unser erwähnt wird. Man bemerkt uns nicht, und so man uns auch bemerkte, so wird man uns doch nicht sobald erkennen, und so haben wir hier gut zuzuhören und uns nach dem Gehörten zu richten.“ – Simon von Kana war mit diesem Bescheide vollends zufrieden, und wir nahmen in einem etwas dunklen Winkel der Synagoge Platz und behorchten, was da alles vorkam.
GEJ|1|105|14|0|Einzelne Menschen für sich, wie auch Abgeordnete von ganzen Gemeinden, brachten eine Menge schreiender Beschwerden gegen die Priester vor und wurden ganz freundlichst angehört.
GEJ|1|105|15|0|Als aber das Volk mit seinen Beschwerden fertig war, und die drei Schriftgelehrten und Pharisäer, die von Jerusalem herabgekommen waren, ihm die treue Versicherung gaben, daß sie dagegen alles mögliche tun und die angeklagten Priester einer scharfen Untersuchung unterziehen und sie nach gerechtem Befunde zu züchtigen verstehen würden, da fragt ein Schriftgelehrter das Volk mit freundlichster Miene, ob und was es allenfalls von Mir, das heißt von dem berüchtigten Volksaufwiegler Jesus, wüßte. Denn sie hätten es nach Jerusalem hinauf vernommen, daß er in Galiläa herum sein Wesen triebe und täte große Zeichen, wie sie vor ihm noch nie jemand getrieben und getan hätte; ob solches wohl wahr sei, und was da sie und die andern Menschen davon hielten.
GEJ|1|106|1|1|106. - Ein Mann gibt über den Herrn ein wahres Zeugnis öffentlich in der Synagoge. Die verärgerten Pharisäer. Die Gläubigen wollen Jesus zum Lehrer und Oberpriester wählen
GEJ|1|106|1|0|Da tritt ein sehr angesehener Mann aus der Gegend von Kapernaum vor und spricht: „Hochgeehrtester Diener Jehovas im Tempel zu Jerusalem! Der von euch nun in eurer Frage vor uns angeführte Jesus ist aus dieser Gegend und Stadt sozusagen gebürtig, hat sich stets ordentlich und überaus gottesfürchtig zu jeder Zeit benommen! Man sah ihn sehr oft anhaltend beten; nie noch hat ihn jemand lachen gesehen, aber dafür oft weinen in geheimen stillen Orten, die er oft zu besuchen pflegte.
GEJ|1|106|2|0|Schon in der frühesten Zeit seines Lebens haben sich mit ihm seltsame Dinge zugetragen, und nun, da er eigentlich als ein rechter Arzt, der seinesgleichen auf der Erde nicht hat, eine Reise unternommen hat, bringt er Heilungen durchs bloße Wort derart zuwege, wie sie nur Jehova allein zuwege zu bringen imstande wäre!
GEJ|1|106|3|0|Alle Taten von Moses an bis zu uns herab sind nahe als nichts dagegen anzusehen! Er macht jahrelang gänzlich verdorrte Krüppel augenblicklich völlig gesund, jedes noch so böse Fieber muß sich vor seinem Worte beugen, die von Geburt aus Stummen, Tauben und Blinden reden, hören und sehen so vollkommen wie unsereins! Den bösesten Aussatz vertreibt er plötzlich, von den Besessenen treibt er bloß durch ein Wort die Legionen von Teufeln aus, und die Toten ruft er, und sie stehen auf, essen und trinken und wandeln dann herum, als hätte ihnen nie etwas gefehlt! Also gebietet er auch den Elementen, und sie gehorchen ihm, als wären sie seine getreuesten und willfährigsten Diener!
GEJ|1|106|4|0|Seine Lehre aber ist, im allgemeinen gesprochen, die: daß man Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben solle in der Tat!
GEJ|1|106|5|0|Da er aber solche Taten verrichtet und die reinste Lehre seinen Jüngern verkündet, so halten wir ihn für einen ganz außerordentlichen Propheten, den Jehova nun, wie einst den Elias, uns in unserer größten Drangsal wie aus den Himmeln gesandt hat! Das ist alles, was ich und noch viele von diesem herrlichen Jesus wissen, und wir können Gott nicht genug danken, daß Er einmal wieder Seines armen, über alle Maßen bedrängten Volkes gedacht hat.
GEJ|1|106|6|0|Viele halten ihn für den verheißenen großen Gesalbten des Herrn! Ich meinesteils aber bin weder dafür noch dawider, frage aber dennoch, ob einst Christus, Der da kommen soll, größere Taten verrichten wird?!“
GEJ|1|106|7|0|Sagt der Priester: „Du redest da, wie ein Blinder urteilt von den Farben! Wo steht es denn geschrieben, daß je ein Prophet aus Galiläa erweckt werde?! Wir sagen es dir, daß dieser euer Jesus nichts als ein arger Zauberer ist, der durchs Feuer vertilgt werden sollte! Seine Lehre aber ist eine Larve, hinter der er sein gotteslästerliches Unwesen verbirgt! Nicht mit Gott, sondern mit aller Teufel Oberstem verrichtet er seine Wundertaten, – und ihr Blinden haltet ihn sogar für den großen Verheißenen! Wahrlich, ihr alle seid darum samt ihm des Feuertodes schuldig!“
GEJ|1|106|8|0|Der Mann aber stellt sich fest auf und sagt: „Ja, von euch aus, so wir nicht Galiläer und ich namentlich nicht ein kompletter Römer wäre und noch ihr, und nicht die Römer, unsere Herren wären, da brennten wir schon lange! Aber glücklicherweise hat für uns Galiläer eure Herrlichkeit schon lange aufgehört! Wir sind vollkommen römische Untertanen und haben sonach mit euch nichts zu tun, als euch höchstens aus Galiläa vollends hinauszuweisen, so ihr es wagen solltet, euch nur an den Kleinsten aus uns Römern zu vergreifen!
GEJ|1|106|9|0|Ich sage euch aber nun bezüglich unseres großen Propheten Jesus auch noch das: Wehe euch, so es euch gelüsten sollte, in diesem Lande eure bösen Hände an Ihn zu legen!
GEJ|1|106|10|0|Denn für uns ist Er ein wahrhaftigster Gott; Er tat vor uns Dinge, die nur Gott allein möglich sein können!
GEJ|1|106|11|0|Ein Gott, der den armen leidenden Menschen Gutes tut, muß ein rechter und wahrer Gott sein! Ein Gott aber, wie der eurige ist, der nur mit Gold, Silber und allerlei andern fetten Opfern zu beschwichtigen ist und für lange und überteuer bezahlte Gebete beinahe soviel als nichts tut und gibt, ist gleich wie ihr, die ihr euch seine Diener nennt, durch und durch böse und verdient, gleich wie ihr, aus dem Lande hinausgeworfen zu werden!
GEJ|1|106|12|0|Ihr sagtet, Jesus sei ein reißender Wolf im Schafspelz! Was seid denn dann ihr?! Wahrlich, gerade ihr selbst seid das in vollstem Maße, was ihr von Jesus, diesem lammfrommen Manne, aussagtet!
GEJ|1|106|13|0|Ihr hört unsere Beschwerden mit freundlicher Miene an, in eurer Brust aber brütet ihr die unversöhnbarste Rache für uns Beschwerdeführer und möchtet nun schon, so es euch möglich wäre, uns mit Sodoms Feuer aus den Himmeln vertilgen! Aber nichts da, ihr arges Natterngeschmeiß und Skorpionengezüchte! Hier sind wir Römer die Herren und werden euch den Weg von hier bis Jerusalem zu weisen verstehen, so ihr euch nicht von selbst sogleich auf den Weg machen werdet!“
GEJ|1|106|14|0|Diese Rede hatte natürlich die drei Schriftgelehrten in eine allerglühendste Wut versetzt; aber sie getrauten sich nun vor dem zahlreichen Volke nicht mehr zu äußern und suchten daher durch ein Hinterpförtchen das Weite zu erlangen, nämlich den Weg gen Kapernaum, allwo die meisten Pharisäer und Schriftgelehrten aus Jerusalem sich aufhielten und ganz ungehindert allen erdenklichen Lastern der Hurerei und jedes möglichen Betruges huldigten.
GEJ|1|106|15|0|Als die drei sogestaltig die Synagoge geräumt hatten, da trat ein anderer hervor und brachte dem Redner den allgemeinen Dank aus dem Munde aller hier anwesenden Deputierten und Einzelbeschwerdeführer, setzte aber am Ende hinzu und sprach: „So wir es nicht den Samaritanern gleichmachen, werden wir vor diesen Bestien keine Ruhe haben! Ihre Namen müssen uns verächtlicher werden als die des Gog und Magog, und Jerusalem muß uns sein ein Ort zum Anpissen, sonst werden wir diese Plage, die ärger ist denn alle Pestilenz, nimmer los!“
GEJ|1|106|16|0|Sie geben ihm alle recht und sagen: „Wenn nun unser wundertätiger Jesus irgendwo anzutreffen wäre, sogleich müßte Er hierherkommen, und wir würden Ihn zu unserm allein gültigen Lehrer und Oberpriester machen!“
GEJ|1|106|17|0|Sagt der Redner: „Das wäre auch mein Sinn; aber darüber müßten wir uns zuvor dennoch beim römischen Landpfleger in Kapernaum erkundigen, ob er damit einverstanden wäre. Denn es haben die Römer hier an der Seite unserer Priesterschaft eben keinen leichten Stand; denn der Tempel soll mit dem Könige Roms stets in einer ganz geheimen Korrespondenz stehen!“
GEJ|1|106|18|0|Mit diesem Vorschlage waren alle einverstanden und verließen darauf einer nach dem andern den Saal, in welchem die Synagoge war.
GEJ|1|107|1|1|107. - Des Wirtes Simon Freude über die Niederlage der Templer. Über gerechte Freude und Schadenfreude
GEJ|1|107|1|0|Ich aber sage zu Simon von Kana: „Hast du's nun gesehen, wie gut es ist, zur rechten Zeit schweigen zu können?! Wo die andern für uns reden und handeln, da haben wir allzeit gut schweigen! – Verstehst du das?“
GEJ|1|107|2|0|Sagt Simon von Kana: „Ja, Herr, das verstehe ich und sehe nun klar ein, wie es sehr besser ist, zu schweigen als zu reden. Man wird zwar manchmal gerade bei den Haaren hingezogen, bei solchen Gelegenheiten die eigene Zunge in die stärkste Bewegung zu setzen, aber hier hat es sich als wahr und tatsächlich erwiesen, daß das Schweigen zur rechten Zeit um vieles besser ist als das gediegenste Reden. Aber wir haben übrigens hier auch gut zu schweigen gehabt, denn wir haben an dem einen, der sich als ein Römer den Priestern vorstellte, einen überaus mutigen, wort- und sachkundigen Vertreter gehabt.
GEJ|1|107|3|0|Mir wäre beinahe das Lachen gekommen, als sich die drei Templer zurückzuziehen begannen und dadurch in diesem Lande nun nahe um ihr ganzes Ansehen gekommen sind! Ihre Gesichter wurden immer länger und länger, und ihre Füße haben bei der stets kräftiger werdenden Rede des Römers aus Kapernaum angefangen, bedeutend unruhig zu werden, und trafen sogleich die zum Durchgehen ganz geeigneten Vorkehrungen. Als ich solche ganz eigentümliche Unruhe in den Füßen der drei Templer bemerkte, da sagte mir mein Geist: ,Jetzt werden sie sogleich unsichtbar werden!‘, – und richtig, sie wurden unsichtbar!
GEJ|1|107|4|0|Wahrlich, Herr, das kann keine Sünde sein, so manchmal, wie es jetzt der Fall war, gar so erzschlechten und gänzlich unverbesserlichen Lumpen so recht ein allerdickster Strich durch die Rechnung gemacht wird, daß man dann im Herzen ein nahe unvermeidliches Wohlbehagen empfindet! Ich für mich hätte dem Römer aber schon ein jedes Wort vom Munde wegküssen können!“
GEJ|1|107|5|0|Sage Ich: „Über eine jede zu rechter Zeit eingetretene Gegenwirkung, durch die das noch so verborgen gehaltene Böse entdeckt und vernichtet wird, kann eine ehrliche Brust mit vollstem Rechte sich erfreuen und eine das Gemüt stärkende Heiterkeit empfinden; aber wohl gemerkt, nur über die glückliche Vereitelung des an und für sich Bösen, Falschen und Schlechten, aber nie über den Menschen, der solcher Sünde zumeist in seiner Blindheit als ein Knecht gedient hat!
GEJ|1|107|6|0|Hast du doch die beiden Gadarener gesehen, und wie böse sie waren! Als Ich aber die Legion Teufel aus ihnen getrieben habe, wie gut und sanft wurden sie darauf und lobten und priesen Gott, daß Er einem Menschen solche Gewalt gegeben hatte! Wäre es da in der Ordnung gewesen, so man dort darum nur eine Freude empfunden hätte, weil den zwei Verruchten, die ein Schrecken der ganzen Gegend waren, ihr arges Handwerk gelegt wurde, und weil man obendrauf noch einigen Sauwucherern ihre Wuchermittel ins Meer gestürzt hat?! Oh, eine sogestaltige Freude wäre eines jeden echten Menschen wohl sehr unwürdig gewesen! Aber so man darob eine rechte Freude empfand, daß zweien hartgeplagten Menschen die Plage benommen ward, und daß darauf die argen Plageteufel endlich durch die Vernichtung ihres eigenen, bei den Gadarenern sorgfältig gepflegten argen Wuchergeistes der guten Sache des Himmels dienen mußten, da war eine sogestaltige Freude und Heiterkeit himmlischer Art und somit vollauf gut.
GEJ|1|107|7|0|Ich sage es euch allen ganz aus der vollebendigen Wahrheitstiefe: Wer über einen dummen Menschen lacht, der zeigt, daß er dazu selbst die beste Anlage hat; denn da handelt der eine dumm aus seiner Dummheit heraus, und der andere lacht aus seiner Dummheit heraus; und also findet eine Dummheit an der andern ihr Vergnügen also, daß es ihr am Ende gar nicht recht ist, wenn der erste von seiner Dummheit abbricht und vernünftig zu handeln beginnt.
GEJ|1|107|8|0|Doch ganz anders ist es, wenn ihr einen Dummhandelnden brüderlich zurechtweiset und sodann mit freudigem und heiterem Herzen lachet, so der Dumme weise zu handeln beginnt! Dann ist eure Freude und Heiterkeit in der Ordnung der Himmel und somit gut, recht und gerecht!
GEJ|1|107|9|0|Welche Freude und Heiterkeit aber kann das jemandem überhaupt, weisermaßen betrachtet, bereiten, so am Wege ein Blinder wandelt und zu einem Sehenden, der denselben Weg geht, spricht: ,Freund, ich bin am Wege irre geworden und weiß nicht, ob ich vor- oder rückwärts gehe; da vorne soll mein Haus sein. Nach meinen gezählten Schritten sollte ich schon in des Hauses voller Nähe sein; aber so ich in meiner leicht überkommenen Irre als Stockblinder statt vorwärts nach rückwärts mich gewendet habe, so wäre ich nun entfernter vom Hause als auf dem Punkte, von da ich nach Hause gehen wollte. Habe also die Güte und bringe mich doch rechten Weges zu meinem Hause hin!‘
GEJ|1|107|10|0|Wenn dann der Sehende den Blinden belacht und, während er sich mit ihm ganz in der vollen Nähe des Hauses befindet und nur noch zehn Schritte zur Hausflur hätte, zum Blinden sagt: ,Oh, da bist du sehr irre gegangen! Gib mir deine Hand; ich werde dich auf deine Bitte, wenn es auch etwas weit ist, dennoch in dein Haus führen!‘ Der Blinde, darüber voll Freude, dankt im voraus dem sehenden Führer. Dieser führt den Blinden stets lachend zwanzig Male um dessen Haus herum und sagt zu ihm, voll Lache in seiner Brust: ,Nun Freund, sind wir hier; da ist euer Haus!‘ Der Blinde dankt ihm noch über die Maßen; der Sehende aber ist voll Lache, weil ihm der Spaß gelungen ist!
GEJ|1|107|11|0|Ich frage hier, wer in dem Falle blinder sei, der Blinde selbst oder sein sehender Führer?! Ich sage es euch: der herzlose Führer; denn der ist blind im Herzen, und das ist ärger denn eine tausendfache Blindheit im Kopfe!
GEJ|1|107|12|0|Also lachen die Menschen auch über allerlei schneidige Reden, und besonders dann am meisten, wenn solche Reden recht viele derbe und unflätige Anspielungen enthalten und so manche Schwachheiten und Sünden ihrer Brüder vor die Augen und Ohren der Welt bringen!
GEJ|1|107|13|0|Ich sage es euch: Wer über derlei lachen kann oder auch als Zeuge, so irgend ein lustiger Kauz irgend jemand Schwachen so recht baumdick anlügt und ihm eine matt versilberte Bohne für eine echte Perle verkauft, überaus lustig wird, in dessen Herz hat der Teufel eine reiche Fülle von allerlei bösem Samen gestreut, aus dem nie eine Frucht des Lebens hervorgehen wird.
GEJ|1|107|14|0|Daher ist es also besser, sich von all dem abzuwenden und lieber dort zu trauern, wo die blinde Welt zur frechen Lache genötigt wird; denn die Komödie der Welt ist stets ein Trauerspiel für die echten Kinder Gottes, und nur zu oft weinen die Engel Gottes im Himmel, so die Weltmenschen in ihrem bösen Unsinne lachen.
GEJ|1|107|15|0|Lassen wir daher auch die drei Templer, die wohl voll Arges sind, aber dabei dennoch Menschen und nur durch die Einwirkung des Satans und aus purer Welt- und Selbstliebe, die ihr Eigentum ist, mißratene Kinder desselben Vaters sind, Der auch euer Vater ist! Nur ihr Böses ist daher zu verachten, sie als Menschen und Brüder aber nur zu beweinen!
GEJ|1|107|16|0|Es ist besser, den berauschten Noah zu verhüllen, als ihn zu enthüllen und ihn dem Gelächter der Welt preiszugeben!
GEJ|1|107|17|0|So ihr solches nun begriffen habt in euren Herzen, da lasset nun denn auch uns aus der leergewordenen Synagoge nach Hause ziehen; denn das Mittagsmahl wird bereitet sein! Und so gehen wir denn nun!“
GEJ|1|108|1|1|108. - Marias häusliche Sorgen behebt der Herr. Ihr Dank und Seine Mahnung. Der Jünger Lobpreis der Maria. Des Herrn Voraussage über die Verehrung der Maria
GEJ|1|108|1|0|Wir gehen nun, und viele, die uns begegnen, grüßen uns zwar, aber niemand fragt uns, wo wir waren, und wohin wir gingen.
GEJ|1|108|2|0|Am Wege aber kommt uns auch Judas Ischariot unter; dieser fragt uns, wo wir gewesen wären, und wohin wir nun gingen. Denn dieser war nicht in der Synagoge, weil er mit seinen Fischen und Töpferwaren Markt gehalten und viel Geld eingelöst hatte, was ihn sehr froh machte. Er ging aber dennoch mit uns in Mein Haus und ließ es sich allda wohlschmecken, weil es ihn nichts kostete. Aber nach dem Mahle ging er sobald wieder zu seiner Marktbude und machte daselbst seine Geldgeschäfte, denn der Markt dauerte drei Tage, und es machten da allerlei Kaufleute viel Geschäfte und ließen sich ihre Waren gut bezahlen.
GEJ|1|108|3|0|Am andern Tage fragte Mich die Mutter Maria, ob Ich hier nicht öffentlich wieder etwas tun würde, und wie lange Ich Mich hier im Hause diesmal aufhalten und ob noch jemand hinzukommen werde, auf daß sie sich um einen genügenden Mundvorrat umsehen könnte; denn der gegenwärtige sei nahe zu Ende.
GEJ|1|108|4|0|Sage Ich: „Weib, sorge dich nicht um Mich, noch um Meine Gesellschaft und um einen genügenden Mundvorrat! Denn sieh, Der die ganze, große Erde ernährt und die Sonne, den Mond und all die Sterne mit Seiner Liebe sättigt, Dem ist dies kleine Haus nicht fremd, und Er weiß es ganz genau, was diesem Hause not tut! Daher kümmere und sorge dich nicht; denn für das du dich nun sorgest, dafür ist von oben schon gesorgt!
GEJ|1|108|5|0|Der Vater im Himmel läßt Seine Kinder nicht hungern, außer – wann es nötig ist zu ihrem Heile.
GEJ|1|108|6|0|Hast du es ja zu Sichar in vollster Genüge gesehen, wie der Vater im Himmel gesorgt hatte für Seine Kindlein! Meinst du, daß Er seit etwelchen Tagen härter geworden ist?! Gehe hinaus in die Speisekammer, und du wirst sehen, daß du dich umsonst gesorgt hast!“
GEJ|1|108|7|0|Maria eilt nun in die Speisekammer und findet diese vollgesteckt mit Brot, Mehl, Früchten, geräucherten und frischen Fischen, mit Milch, Käse, Butter und Honig! Als die Mutter solch großen Vorrat in der Speisekammer erschaut, da wird es ihr völlig bange; sie eilt schnell zu Mir zurück, fällt vor Mir auf die Knie nieder und dankt Mir kniend für solch eine reiche Versorgung ihrer Speisekammer! Ich aber beuge Mich schnell zur Erde und hebe die Mutter empor, und sage zu ihr: „Was tust du Mir, das allein dem Vater gebührt? Stehe auf; denn wir beide kennen uns ja schon seit dreißig Jahren, und Ich bin ja doch stets Derselbe und der Gleiche!“
GEJ|1|108|8|0|Maria aber weint vor Freude, begrüßt alle Meine Jünger und geht dann schnell hinaus, um uns ein gutes Mittagsmahl zu bereiten.
GEJ|1|108|9|0|Die Jünger aber treten zu Mir und sagen: „Siehe, welch ein liebes Weib, und welch eine zärtlichste Mutter! Sie ist nun schon 45 Jahre alt und sieht aus, als hätte sie kaum das zwanzigste Jahr zurückgelegt. Und wie ungemein zärtlich besorgt sie ist, und wie hoch schwellt die reinste Mutterliebe ihre wahrhaft heilig reinste Brust! Wahrlich, ein Weib der Weiber der ganzen Erde!“
GEJ|1|108|10|0|Sage Ich: „Ja, ja, Sie ist die Erste, und es wird nimmer eine mehr sein wie Sie! Aber es wird auch kommen, daß man ihr mehr Tempel denn Mir erbauen wird, und wird sie ehren zehnfach mehr denn Mich, und wird des Glaubens sein, nur durch sie selig werden zu können!
GEJ|1|108|11|0|Darum will Ich denn nun auch, daß man sie nicht zu sehr erhebe, indem sie wohl weiß, daß sie Meines Leibes Mutter ist, und auch weiß, Wer hinter diesem Leibe, den sie gebar, steckt!
GEJ|1|108|12|0|Deshalb seid mit ihr überaus gut und artig, nur hütet euch davor, ihr irgend eine göttliche Verehrung zukommen zu lassen!
GEJ|1|108|13|0|Denn bei allen ihren über alle Maßen vortrefflichsten Eigenschaften ist sie dennoch ein Weib; und vom besten Weibe bis zur Eitelkeit ist und bleibt nur ein sehr kleiner Zwischenraum!
GEJ|1|108|14|0|Und jede Eitelkeit ist der Same des Hochmuts, aus dem alles Übel in die Welt gekommen ist, noch kommt und allzeit kommen wird! Deshalb beachtet auch gegen die Mutter, was Ich euch nun gesagt habe!“
GEJ|1|109|1|1|109. - Des Petrus und Simon Gespräch über die Zukunft der Lehre Jesu.
GEJ|1|109|1|0|Petrus schüttelt den Kopf und zuckt mit den Achseln! Simon von Kana aber fragt ihn darob und sagt: „Was dünket dich denn? So der Herr es also vor uns geweissagt hat, da wird es auch sicher also kommen, und wir aber wissen nun doch, wie wir diese Sache zu nehmen und uns dabei zu verhalten haben. Was sollen wir da mit unseren Köpfen zweiflige Bewegungen machen und zucken mit den Achseln?!“
GEJ|1|109|2|0|Sagt Petrus: „Lieber Bruder, mein Kopfschütteln und mein Achselzucken bedeutet ganz was anderes, als was du dadurch von mir zu verstehen scheinst!“
GEJ|1|109|3|0|Sagt Simon: „Was dann, lieber Bruder?“
GEJ|1|109|4|0|Sagt Petrus: „Sieh, des Herrn Wort und Tat ist heilig; wie glücklich könnten alle Menschen auf der Erde sein, so sie diese Lehre schon hätten und nach derselben lebten! Aber wenn so, das, dies und jenes, – oh, wann wird diese Lehre ein heiliges Gemeingut aller Menschen der Erde werden? Und so der Herr daneben noch dies und jenes wird geschehen lassen, wie wird dann in kurzer Zeit diese Lehre aussehen?! Wahrlich, also wird es geschehen, daß aus dieser allerköstlichsten Seelenspeise am Ende ein Hunde- und Schweinefutter wird! Und siehe, Bruder, das ist es, was mich den Kopf schütteln und die Achseln zucken macht!“
GEJ|1|109|5|0|Sage Ich: „Petrus, laß du das! Du wirst tun, was zu tun dir auferlegt wird; um die Wirkung hast du dich weiter nicht zu kümmern! Was da kommen wird und in aller Tiefe der Weisheit und Liebe kommen muß so oder so, darum weiß bloß der Vater und der auch, dem es der Vater offenbaren will, wie, wann und warum solches alles zugelassen wird, daß es geschehe!
GEJ|1|109|6|0|So du aber kommst in eine große Werkstätte eines Künstlers und siehst viele und verschiedenartige Werkzeuge, weißt du wohl, wie sie der Künstler zur Hervorbringung eines Werkes gebraucht? Du wirst da wohl auch deinen Kopf schütteln und zucken mit den Achseln; aber dadurch wirst du nicht ins klare kommen, wie etwa doch der Künstler seine vielen und mannigfachen Werkzeuge benutzt, und wie durch sie irgendein künstliches Werk zustande gebracht wird. So es dir aber der Künstler erklären will, so wirst du dann auch wissen, wie es dir der Künstler erklärt hat.
GEJ|1|109|7|0|Ich sage dir aber: Über alle Künstler hinaus ist Gott, und die größte Kunst ist, aus sich gestalten ein selbständiges freiestes Leben in zahllosen Einzelwesen! Dazu gehören denn wohl auch endlos mannigfache geistige Werkzeuge; und du wie die Maria und alle Menschen sind zu diesem einen Zwecke ebenfalls verschiedene Werke und Werkzeuge, die der Vater im Himmel allein allerweisest zu gebrauchen versteht!
GEJ|1|109|8|0|Darum kümmere dich nicht weiter, als bloß nur um das, wozu du berufen bist, so wirst du als ein rechtes Werkzeug in der Hand des Vaters die rechten Dienste leisten!
GEJ|1|109|9|0|Oder ist die Wurfschaufel über den, der sie als ein Reinigungswerkzeug gebraucht?! Wenn sie taugt, so wird mit ihr der Weizen, die Gerste und das Korn gereinigt; taugt sie aber nicht, so wird sie tauglich gemacht oder ins Feuer geworfen! So dich aber der Vater zur Wurfschaufel gemacht hat, da bleibe, was du bist, und wolle nicht, daß du auch ein Topf seiest! Verstehst du das?“
GEJ|1|109|10|0|Sagt Petrus: „Herr, das ist etwas dunkel. Es kommt mir wohl vor, als verstände ich's; aber so ich weiter denke und den Grund suche, so verstehe ich dann dies geheimnisvoll klingende Bild nicht. Wie kann man Werk und Werkzeug zugleich sein, und wie bin ich eine Wurfschaufel?“
GEJ|1|109|11|0|Sage Ich: „Ist denn nicht ein jegliches Werkzeug in sich zuvor, ehe es der Künstler gebraucht, ein vollendetes Werk in seiner Art, auf daß es der Künstler gebrauchen kann zur Hervorbringung eines andern Werkes oder zur zweckdienlichen Verrichtung irgend einer Arbeit?!
GEJ|1|109|12|0|Ich sagte aber, daß du in der Hand des himmlischen Vaters eine Wurfschaufel bist, weil du und die anderen Jünger nun von Mir unterwiesen werden, die Menschen zur wahren Erkenntnis Gottes zu erheben.
GEJ|1|109|13|0|Die Menschen der Welt sind gleich Weizen, Gerste und Korn. Aber dies lebendige Getreide wächst nicht ohne Spreu und unflätigen Staub. Auf daß aber dieses Getreide, das heißt diese Weltmenschen, von ihrer Spreu und ihrem Unflate gereinigt und sodann als ein völlig reines Getreide in die ewigen Scheuern des Vaters gebracht werden möchten, werdet ihr nun zu rechten und lebendigen Wurfschaufeln umgestaltet, durch die der Vater im Himmel Sein Getreide reinigen wird. Versteht ihr nun dieses?“
GEJ|1|109|14|0|Sagt Petrus: „Ja, Herr, nun ist uns die Sache vollends klar; nur möchten wir nun noch hinzuwissen, indem Du immer vom Vater im Himmel redest wie von einer zweiten Person, während wir seit Sichar her immer Dich so ganz heimlich auch für den Vater hielten, wer denn dann Du so ganz eigentlich bist! Bist etwa auch Du in der Hand des Vaters eine Wurfschaufel oder irgend ein anderes Werkzeug?“
GEJ|1|109|15|0|Sage Ich: „Ich bin zuerst Der, Der Ich bin; dann aber bin Ich auch Der, Der Ich das nicht zu sein scheine, was Ich bin! Ich säe und ernte, wie der Vater säet und erntet, und wer Mir als eine Wurfschaufel dient, der dient gleich auch dem Vater; denn wo der Vater ist, da ist auch der Sohn, und wo der Sohn ist, da ist auch der Vater. Der Vater aber ist dennoch über den Sohn, und der Sohn geht aus vom Vater; den Vater aber kennt niemand, außer allein der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. – Versteht ihr das?“
GEJ|1|109|16|0|Sagt Petrus: „Herr, das versteht kein Engel, geschweige wir! Aber so Du wolltest, da könntest Du uns ja einmal den Vater zeigen!“
GEJ|1|109|17|0|Sage Ich: „Jetzt seid ihr dazu noch nicht reif; aber es wird in Kürze die Zeit kommen, wo ihr reif sein werdet, und da werdet ihr alle auch den Vater sehen.“
GEJ|1|109|18|0|Bei diesen Worten kommt die Maria und ihre Helferinnen und kündet uns an, daß das Morgenmahl bereitet sei. Sogleich werden die Tische gedeckt und das Mahl hereingetragen.
GEJ|1|110|1|1|110. - Der beleidigte Judas. Der Herr und die drei Pharisäer, unter ihnen Jairus von Kapernaum
GEJ|1|110|1|0|Wir setzen uns zum Mahle und fangen an, dasselbe ganz wohlgemut und heiter zu verzehren, als der Judas zur Tür hereintritt und uns ordentlich vorzuwerfen beginnt, warum wir nicht zu ihm einen Boten geschickt hätten, indem wir doch wissen sollten, daß er viel zu tun habe und sich nicht immer erkundigen könne, wann wir zum Mahle gingen! Denn er meine, daß auch er zu unserer Gesellschaft gehöre! Thomas wird auf diese Rede ganz grimmig und sagt: „Herr, jetzt hat es mit meiner Mäßigung ein Ende! Er muß einmal wieder meine Fäuste verkosten!“
GEJ|1|110|2|0|Sage Ich: „Laß das gut sein! Hast denn du das nie gehört, daß, wo unter einem Dache zwölf Engel hausen, der zwölfte ein verkappter Teufel ist?! Laß ihm seine Freude; denn diesen änderst du nicht!“ Thomas setzt sich, und Judas geht ohne Mahl weiter.
GEJ|1|110|3|0|Als wir darauf weiter das gut bereitete Mahl verzehren, so kommt der Judas wieder, gibt uns gute Worte und bittet, daß er was zu essen bekäme; denn in der Stadt sei nirgends etwas zu bekommen, da die vielen Gäste bereits alles Vorbereitete aufgezehrt hätten!
GEJ|1|110|4|0|Sage Ich: „So gebt ihm was zu essen!“ Und der Bruder Jakob gab ihm Brot, Salz und einen ganzen, großen wohlzubereiteten Fisch. Und Judas verzehrte den ganzen, bei sieben Pfund schweren Fisch und darauf viel Wasser, daß es ihm darob etwas unwohl ward; da fing er an, sich zu beklagen, und meinte, daß der Fisch verlegen war, was ihm allzeit Schaden brächte im Magen.
GEJ|1|110|5|0|Thomas aber ward schon wieder ärgerlich und sagte zu Judas Ischariot: „Du bist doch immer derselbe alte ungeschlachte und grobe Mensch, der du allzeit warst; gehe hinaus in die Speisekammer und siehe, ob unsere Fische verlegen sind! Wenn du heißhungrig gleich einem Wolfe sogleich einen sieben Pfund schweren Fisch verschlingst, einen ganzen Krug, der für zwanzig Menschen genügt, voll Wasser dazu trinkst und dabei noch einen eben nicht zu kleinen Laib Brot verzehrst, so mußt du ja ein Drücken in deinem Magen verspüren! Wenn's dich aber schon gar so schmerzt, so haben wir ja den besten Arzt in unserer Mitte; bitte Ihn, so wird Er dir wohl helfen!“
GEJ|1|110|6|0|Sagt Judas Ischariot: „Ihr seid ja alle toll auf mich und sagt, daß ich ein Teufel sei; wie werdet ihr mir als einem Teufel glauben wollen, daß ich leide, und wie helfen?!“
GEJ|1|110|7|0|Sagt Thomas: „Warst du nicht bei uns bei den Gergesenern und hast es nicht gesehen, wie der Herr dort auch der Teufel Bitte erhörte und ihnen gestattete, um das sie gebeten haben?! So du im Ernste dich für einen Teufel nun hältst, so bitte denn wie ein Teufel, und es wird sich dann wohl irgend eine Sauherde vorfinden, in die du fahren kannst, so der Herr deine Bitte erhören wird!“
GEJ|1|110|8|0|Sagt Judas Ischariot: „Ah, du meinst es mit mir wahrlich gut; das hätte ich nie geglaubt, daß ich an dir einen so guten Freund hätte! Sieh, ich werde aber dennoch Jesus, dieses Hauses Sohn, bitten um eine rechte Hilfe und werde sehen, ob er mich wie du in eine Sauherde zu fahren nötigen wird!“ Hier wendet sich Judas an Mich und trägt Mir seine Not vor. Ich aber sage: „Gehe hin zu deinen Töpfen; dort wird es schon besser werden mit deinem Magen!“
GEJ|1|110|9|0|Judas geht und bemerkt im Vorbeigehen dem Thomas: „Also doch nicht in eine Sauherde!“ Sagt Thomas: „Aber eben nicht um vieles besser! Denn deine Töpfe sind so gut eine Wucherware für dich, als die Säue für die Gergesener!“ Judas sagt darauf nichts und entfernt sich schnell.
GEJ|1|110|10|0|Aber bald darauf kommen drei Pharisäer aus Kapernaum ins Haus und fragen, ob Ich daheim wäre. Als man ihnen sagt, daß Ich wohl zu Hause sei, treten sie sobald in den Speisesaal und fragen da wieder nach Mir; denn sie kannten Meine Person nicht.
GEJ|1|110|11|0|Ich aber sage mit voller Kraft: „Ich bin's! Was wollt ihr, daß Ich euch tun soll?“
GEJ|1|110|12|0|Sie entsetzten sich aber über solche Meine Anrede so sehr, daß sie nicht weiter mehr um etwas zu fragen sich getrauten; denn Mein kräftig Wort machte in ihren Herzen die Wirkung, als wären sie vom Blitze getroffen worden! – Und Ich fragte sie abermals, was sie wollten.
GEJ|1|110|13|0|Da tritt einer hervor und sagt mit sehr ängstlicher Stimme: „Guter Meister!“
GEJ|1|110|14|0|Ich aber sage: „Was heißest du Mich gut?! Weißt du denn nicht, daß außer Gott niemand gut ist?!“ Sagt der Pharisäer: „Ich bitte dich, sei doch nicht so hart gegen mich; denn ich bedarf deiner erprobten Hilfe!“ Sage Ich: „Geh und halte Mich nicht auf; denn Ich will heute nachmittag ans Meer hinabgehen und dort Fische fangen. Dort wirst du Mich treffen!“
GEJ|1|110|15|0|Mit dem Bescheid entfernten sich die drei. Der aber mit Mir redete, war ein Oberster der Schule und Synagoge zu Kapernaum und hieß Jairus.
GEJ|1|111|1|1|111. - Der Herr heut auf dem Weg zu des Jairus Haus ein blutflüssiges griechisches Weib.
GEJ|1|111|1|0|Als aber Petrus vernahm, daß Ich aufs Meer wolle, so fragte er Mich, ob er vorausgehen solle und bereiten das große Schiff. Ich aber sagte zu ihm: Sorge dich nicht darum! So wir hinkommen werden, da wird für uns auch schon alles bereitet sein!“
GEJ|1|111|2|0|Es fragte aber auch die Maria, ob sie für den Mittag oder für den Abend etwas richten solle. Und Ich sage zu ihr: „Weder für den Mittag noch für den Abend; denn wir werden erst spät in der Nacht wiederkommen!“
GEJ|1|111|3|0|Darauf sage Ich zu den Jüngern, daß sie sich, so sie Lust haben mitzugehen, auf den Weg machen sollen. Und alles erhebt sich schnell und begibt sich mit Mir an das Meer, das, wie bekannt, nicht ferne von Nazareth seinen Anfang nahm.
GEJ|1|111|4|0|Als wir an das Meer kamen, so war dort eine Menge Volkes versammelt; auch waren mehrere Schiffe da, und das des Petrus fehlte nicht. Wir bestiegen sogleich das Schiff des Petrus und stießen vom Ufer in die See.
GEJ|1|111|5|0|Da aber das Volk sah, daß Ich Mich auf die See begab, so bestieg es eine Menge Boote und ruderte Mir nach.
GEJ|1|111|6|0|Es trug aber ein Boot auch den einen der drei Pharisäer, der ein Schuloberster (Jairus) war, und der in der Nähe von Kapernaum einen schönen Landsitz hatte und an diesem Tage bei Mir im Hause zu Nazareth war. Als er mit seinem Boote Mein Schiff erreicht hatte, da fiel er alsbald auf seine Knie in seinem Boote und bat Mich, sagend: „Herr! Meine Tochter liegt in den letzten Zügen! Wenn du doch dahin kommen wolltest und möchtest ihr deine Hände auflegen, auf daß sie wieder gesund werde!“ Wir waren noch nicht sehr ferne vom Ufer, und Ich hieß Petrus, daß er zurücksteuern ließe.
GEJ|1|111|7|0|Als wir wieder das Uferland betraten, da war eine solche Volksmenge daselbst, daß wir kaum weiterzukommen vermochten, und hatten bei drei Stunden zu tun, um das Haus des Jairus zu erreichen, das sonst doch ein mittelmäßig guter Fußgeher in einer Stunde leicht erreicht haben würde.
GEJ|1|111|8|0|Als wir uns, vom Jairus geleitet, in dem starken Gedränge gewisserart mehr fortschoben als vorwärts gingen, da schob sich bei dieser Gelegenheit auch ein Weib, das zwölf Jahre am Blutgange litt und schon nahe all ihr Vermögen den Ärzten übermacht hatte, damit sie nur gesund würde, von rückwärts zu Mir hin und rührte Mein Gewand an im Glauben, daß sie dadurch gesund werde; denn das Weib hatte viel von Mir gehört.
GEJ|1|111|9|0|Da sie aber eine Griechin und keine Jüdin war, so getraute sie sich nicht offenbar zu Mir zu kommen, weil in der Zeit eine starke Spannung zwischen den Juden und Griechen war wegen des Handels und wegen des Vorranges in Rom ein Streit, indem da ein jedes Volk den Vorrang haben wollte.
GEJ|1|111|10|0|Die Griechen standen als ein sehr kultiviertes Heldenvolk bei den Römern in einem bei weitem größeren Ansehen und genossen auch viel größere Vorteile von Rom aus als die Juden, die in Rom sehr schlecht angeschrieben waren. Die Griechen waren auch gewissermaßen die geheime Polizei über die Juden und wurden darum von den Juden noch schlechter gelitten.
GEJ|1|111|11|0|Daher kam denn auch die Furcht, besonders der griechischen Weiber vor den Juden, weil unter den Griechen von seiten der pfiffigen Juden die Sage sehr verbreitet war, daß die mit aller Zauberei vertrauten Juden die Griechinnen unfruchtbar machen würden, so eine Griechin von einem Juden nur recht starr und fest ins Auge gefaßt werden würde. Und das war denn auch hier der Grund, warum dies Weib sich von rückwärts an Mich hingedrängt hatte.
GEJ|1|111|12|0|Als sie Mich aber angerührt hatte, da merkte sie, daß es mit ihr völlig besser ward. Der Brunnen ihres Blutes ward sogleich zugestopft, und ihres Gemütes bemächtigte sich in Hinsicht auf ihr Übel eine große Ruhe, und sie nahm in ihrem ganzen Wesen wahr, daß es mit ihr völlig besser ward.
GEJ|1|111|13|0|Ich sah mich aber alsbald um und fragte die Mir zunächst stehenden Jünger: „Wer hat Mich angerührt?“
GEJ|1|111|14|0|Die Jünger aber wurden nahe ärgerlich über diese Frage und sagten: „Du siehst es doch, wie Dich das Volk drängt, und magst fragen, wer Dich angerührt habe?!“
GEJ|1|111|15|0|Ich aber sagte zu den Jüngern: „Nicht also ist es! Denn der Mich hier anrührte, hatte einen Glauben und eine Absicht, darum er Mich anrührte; denn Ich habe es wohl gemerkt, daß von Mir eine Kraft ausgegangen ist.“
GEJ|1|111|16|0|Da erschrak das Weib, das Ich während der Frage fest ins Auge faßte, indem Ich es bei Mir wohl wußte, daß eben dieses Weib Mein Gewand angerührt hatte, und warum sie das tat! Sie fiel vor Mir nieder, gestand Mir alles frei und offen und bat Mich um Vergebung; denn ihre Furcht war so groß, daß sie am ganzen Leibe zitterte und bebte, was leicht zu begreifen ist, so man die früher kurz angeführten Gründe in eine rechte Erwägung zieht.
GEJ|1|111|17|0|Ich aber sah sie mild an und sagte zu ihr: „Stehe auf, Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen! Ziehe nun hin mit Frieden in deine Heimat, und sei gesund und frei von deiner Plage!“
GEJ|1|111|18|0|Und das Weib erhob sich nun ganz froh und heiter und zog in ihre Heimat, bis wohin sie eine halbe Tagereise hatte; denn sie war die Tochter eines Pächters hinter Zebulon und war ledig. Sie verging sich einmal in ihrem dreizehnten Jahre mit einem sinnlichen Manne, der ihr darum zwei Pfunde Gold gab; dafür aber mußte sie hernach zwölf Jahre leiden und verbrauchen die vollen zwei Pfunde Gold, was in jener Zeit mehr ausmachte, als in dieser Zeit 30000 fl. (Gulden) im Papiergelde; denn um einen Silbergroschen bekam man zu jener Zeit mehr als in dieser um volle zehn Gulden in klingender Münze. Sie war sonach durch solch eine Beschenkung sehr reich geworden, mußte aber dennoch zuvor allen ihren Reichtum hergeben, bis sie gesund werden konnte.
GEJ|1|112|1|1|112. Kapitel - Die Erweckung der Tochter des Jairus
GEJ|1|112|1|0|Als Ich aber noch redete zu den Jüngern von diesem Weibe, da kamen nahe außer Atem einige vom Gesinde des Obersten uns entgegengelaufen und brachten dem Obersten die Trauernachricht, daß die Tochter bereits gestorben sei!
GEJ|1|112|2|0|Der Oberste aber ward sehr traurig und sagte zu Mir: „Lieber Meister, da es sonach für mich wohl über alle Maßen traurig zu spät ist, meiner liebsten Tochter, die mein alles war, zu helfen, so bemühe dich nun nicht mehr weiter!“
GEJ|1|112|3|0|Auf diese Worte fing er laut zu weinen an; denn er hatte sehr lieb seine zwölfjährige Tochter, die sehr wohlgestaltet und -gebildet war, einen Wuchs gleich einem zwanzigjährigen Mädchen hatte und zugleich das einzige Kind dieses Obersten war.
GEJ|1|112|4|0|Als Ich solches von seinem Gesinde wie hernach von ihm selbst vernahm und Mich der über die Maßen traurig gewordene Oberste auch von ganzem Herzen dauerte, so sprach Ich zu ihm: „Freund, habe keine Furcht, sondern glaube! Deine Tochter ist nicht gestorben, sondern nur eingeschlafen, – und Ich werde sie erwecken!“
GEJ|1|112|5|0|Als der Oberste solches von Mir vernahm, fing er an, leichter zu atmen.
GEJ|1|112|6|0|Ich aber sagte, als wir noch bei tausend Schritt vom Hause des Obersten entfernt waren, zu dem Volke wie zu den Jüngern, die irgend noch eines schwächeren Glaubens waren, daß sie alle hier verweilen sollten, und nur allein Petrus, Jakobus und dessen Bruder und Johannes durften mitgehen; denn auf deren Glauben konnte man schon Häuser bauen.
GEJ|1|112|7|0|Als Ich mit dem Obersten der Schule darauf ins Haus kam, so war daselbst ein großes Getümmel, und es ward nach der jüdischen Sitte geweint und geheult und wurden Klagelieder gesungen.
GEJ|1|112|8|0|Als Ich aber in das Zimmer trat, wo die Verstorbene lag auf einem gezierten Bette, so redete Ich die vielen Tumultuanten an und sagte zu ihnen: „Was tummelt und weint ihr hier also gewaltig?! Das Töchterchen ist ja nicht gestorben, es schläft nur!“
GEJ|1|112|9|0|Da verlachten sie Mich und sprachen: „Ja, so sehen die Schlafenden aus! Wenn kein Atem und kein Puls mehr geht bei dritthalb Stunden und der ganze Leib kalt und farblos geworden und das Auge erloschen ist, da schläft man dann nach deiner Kenntnis!? Ja, ja, das ist wohl auch ein Schlaf; aber aus diesem Schlaf erwacht kein Mensch mehr, außer am Jüngsttage!“
GEJ|1|112|10|0|Ich aber sagte zum Obersten: „Schaffe sie alle hinaus; denn ihren Unglauben kann Ich hier nicht brauchen!“ Der Oberste tat das; aber das Tummelvolk gehorchte ihm nicht, und er bat Mich, daß Ich hülfe. Da trieb Ich sie alle hinaus gewaltsam, und sie liefen hinaus und zerstreuten sich.
GEJ|1|112|11|0|Ich aber ging dann mit dem Obersten, der traurigen Mutter und den vier Jüngern wieder in das Gemach, in dem das verstorbene Töchterchen lag, trat da sogleich an ihr Bett hin, ergriff sie bei der linken Hand und sprach zu ihr: ,Talitha kumi!‘ – das heißt verdolmetscht: „Mägdlein! Ich sage dir: Stehe auf!“
GEJ|1|112|12|0|Und sogleich stand das Mägdlein auf, sprang heiter und munter vom gezierten Bette und ging in ihrer früheren Lebhaftigkeit im Zimmer herum und liebkoste ihre verweinte Mutter und ihren Vater! Zugleich aber verspürte das heitere Mägdlein auch, daß ihr Magen leer und sie sonach hungrig sei und was essen möchte!
GEJ|1|112|13|0|Da wandten sich die über alle Maßen froh gewordenen Eltern zu Mir und fragten Mich unter vielen Freuden- und Dankestränen, ob und was sie der Tochter nun sollten zu essen geben. Ich aber sagte: „Gebt ihr immerhin zu essen, was sie mag, und was da schnell bei der Hand ist!“
GEJ|1|112|14|0|Und es waren da auf einer Schüssel Feigen und Datteln und das Töchterchen fragte, ob sie diese Früchte essen dürfte. Und Ich sagte: „Iß nur, was dir schmeckt; denn du bist nun ganz gesund und wirst fürder nicht mehr krank werden!“
GEJ|1|112|15|0|Da sprang das Mägdlein schnell an die Schüssel hin und leerte nahe die ganze Schüssel. Die Eltern aber waren besorgt, daß es ihr schade.
GEJ|1|112|16|0|Ich aber vertröstete sie und sagte zu ihnen: „Sorget euch nicht; so Ich es euch sage, daß es ihr nimmer schaden kann, so wird es ihr auch nimmer schaden!“ Und die Eltern glaubten fest.
GEJ|1|112|17|0|Nachdem aber das Mädchen sich gesättigt und ihren Lobgesang gesprochen hatte, ging sie hin zu den Eltern und fragte sie leise, wer Ich denn wäre. Denn als sie schlief auf dem Bette, sah sie die Himmel offen und eine große Menge lichter Engel. „Und in der Mitte der Engel stand ein gar freundlicher Mann, sah nach mir, ging dann auf mich zu, ergriff mich bei der Hand und sprach: ,Talitha kumi!‘ und ich erwachte nach diesem Rufe sogleich! Und seht, dieser Mann da sieht gerade also aus, als wie ich vorher im Traume unter so vielen Engeln einen gesehen habe! Ach, das muß ein gar lieber Mann sein!“
GEJ|1|112|18|0|Der Oberste verstand nur zu klar die Frage der Tochter; aber da Ich ihm gewinkt hatte, so sagte er der Tochter bloß, daß sie einen schönen und wahren Traum gehabt habe, den er ihr in Kürze ganz erklären werde. Und das Töchterchen stellte sich damit ganz zufrieden.
GEJ|1|112|19|0|Ich aber sagte zum Obersten, daß er nun mit der Tochter, Mutter und mit Mir ins Freie gehen solle, auf daß die draußen Harrenden ihres Unglaubens willen möchten beschämt werden! Und wir gingen hinaus. Und als die Ungläubigen die Tochter sahen, wie diese gut aussehend ganz munter zu ihnen hinging und sie zu fragen begann, warum sie gar so verblüfft und erschrocken daständen, so entsetzten sich diese noch mehr und sagten: „Das ist ein Wunder über alle Wunder! Denn das Mägdlein war wirklich tot und lebt nun!“ Und sie wollten das sogleich in der ganzen Gegend ruchbar machen.
GEJ|1|112|20|0|Ich aber bedrohte sie alle und gebot ihnen, daß bei ihrem leiblichen und geistigen Heile sie diese Sache ja bei sich behalten möchten! Und sie schwiegen und entfernten sich.
GEJ|1|113|1|1|113. - Wink des Herrn an Matthäus und Johannes über die verschiedenen Aufzeichnungen. Wichtige Hinweise auf das Wesen der Evangelien. Der Weg zur wahren Erkenntnis des göttlichen Wortes.
GEJ|1|113|1|0|Es trat aber auch der Schreiber Matthäus, der Mir von einiger Ferne folgte, um zu sehen, was da vorginge, daß er es dann aufzeichne, zu Mir hin und fragte Mich, ob er diese Begebenheiten aufzeichnen solle.
GEJ|1|113|2|0|Ich aber sagte: „Laß das, auf daß späterhin nicht eine Verwechslung statthaben möge! Denn wir werden übermorgen eben wieder ans Meer gehen, und da wird uns eine haargleiche Geschichte vorkommen, die du dann ganz zu beschreiben haben sollst! Überhaupt kannst du von morgen an alles Außergewöhnliche aufzeichnen, was da immer vorkommen wird!“
GEJ|1|113|3|0|Matthäus ist damit völlig zufrieden; aber es fragt Mich auch Johannes, dem diese Tat sehr wunderbar vorkam, ob nicht auch er diese Tat sich wenigstens mit wenigen Zeichen anmerken dürfe.
GEJ|1|113|4|0|Und Ich sage zu ihm: „Das kannst du wohl tun, aber nicht gleich auf das, was du bis jetzt geschrieben hast, sondern erst später einmal; denn wir werden in einem halben Jahre noch eine ganz gleiche Geschichte zu schlichten bekommen, und selbige kannst du dann für diese, oder diese für selbige aufzeichnen!
GEJ|1|113|5|0|Es liegt aber durchaus nicht so viel daran, ob ein oder das andere Zeichen, das mit einem früheren große Ähnlichkeit hat, aufgezeichnet wird oder nicht, weil dadurch für die späteren Nachfolger Meiner Lehre dann leicht Verwechslungen und aus solchen Verwechslungen endlich allerlei Grübeleien und Zweifel entstehen könnten, die dann der Hauptsache, die doch nur allein in Meiner Lehre besteht, bei weitem mehr schaden als nützen würden.
GEJ|1|113|6|0|Solange Ich und ihr und die, die von der vollen Wahrheit der vielen Zeichen unterschiedlich zeugen können, auf dieser Erde leben, da werden all die Zweifel leicht verhütet; aber in späteren Zeiten, wo das Geschriebene allein von Mir zeugen soll, der Freiheit des menschlichen Willens wegen, da muß die Schrift rein und wohlgeordnet sein, sonst schadet sie mehr als sie nützt.“
GEJ|1|113|7|0|Sagt Johannes: „Herr, Du meine Liebe! Das Du nun sagtest, ist sicher im höchsten Grade wahr; aber wäre es eben deshalb nicht sehr vorteilhaft, so ich dann ganz genau wie der Bruder Matthäus alles aufzeichnete, was Du tust und lehrst?
GEJ|1|113|8|0|Denn so dann die Menschen in der späteren Folge meine und des Matthäus Schrift miteinander vergleichen und in meiner Schrift nicht finden werden, was da steht in der des Matthäus, werden sie dann nicht zu grübeln und an der Echtheit des ganzen Evangeliums zu zweifeln anfangen und sagen: ,Ist denn nicht ein Jesus gewesen, der Gleiches gelehrt und auch sicher Gleiches getan hat? Warum schrieb Matthäus dies und Johannes jenes, das sich nicht gleicht, und doch sollen beide ständig um Ihn gewesen sein?!‘ Ich meine, dieses Urteil der Nachkommen wird bei so bewandtem Umstande, daß ich ganz etwas anderes schreibe als der Bruder Matthäus, nicht ausbleiben.“
GEJ|1|113|9|0|Sage Ich: „Du hast wohl ganz recht, liebster Bruder; aber siehe, warum Ich das also geschehen lasse, hat einen dir für jetzt noch unfaßbaren Grund, der dir aber in der Folge schon noch klar werden wird!
GEJ|1|113|10|0|Was Matthäus schreibt, das kommt nur dieser Erde besonders zugute; was aber du schreibst, das gilt für die ganze ewige Unendlichkeit! Denn in allem, was du schreibst, liegt verhüllt das rein göttliche Walten von Ewigkeit zu Ewigkeit durch alle schon bestehenden Schöpfungen und durch jene auch, die in künftigen Ewigkeiten an die Stelle der nun bestehenden treten werden! Und würdest du das auch in viele tausend Bücher schreiben, was Ich dir und euch allen darüber noch kundgeben werde, so würde solche Bücher die Welt nimmer begreifen können, und es würden solche Bücher der Welt daher auch nichts nützen. (Vgl. Joh.21,25)
GEJ|1|113|11|0|Wer aber nach der überkommenen Lehre lebt und glaubt an den Sohn, der wird ohnehin wiedergeboren im Geiste, und der Geist wird ihn leiten in alle Tiefen der ewigen Wahrheit.
GEJ|1|113|12|0|Nun weißt du den Grund, warum Ich dich nicht alles schreiben lasse; daher frage Mich künftig darum nicht weiter mehr! Denn zu klar darf es der Welt nie gemacht werden, auf daß sie nicht in ein noch größeres Gericht verfalle, als sie sich ohnehin schon befindet im alten notwendigen Gerichte.
GEJ|1|113|13|0|Ich will Meine Lehre aber also stellen, daß durchs bloße Lesen oder Hören des Evangeliums niemand auf den Grund der lebendigen Wahrheit gelangen soll, sondern allein nur durchs Handeln nach Meiner Lehre; die Handlung erst wird jedem zu einer Leuchte werden!“ (Vgl. Joh.7,17).
GEJ|1|114|1|1|114. - Des Herrn Worte an Jairus über das rechte Danken. Heimkehr nach Nazareth in das Haus der Maria.
GEJ|1|114|1|0|Nach dieser Belehrung trat abermals Jairus zu Mir und sagte: „Lieber Meister! Du hast mir nun dadurch, daß du meine Tochter mir wiedergegeben hast, mehr gegeben, als so du mir selbst möglicherweise ein hundertfaches Leben gegeben hättest! Welchen Dank soll ich dir nun dafür erweisen, wie soll ich dich dafür belohnen? Was soll ich nun dir tun?“
GEJ|1|114|2|0|Sage Ich: „Nichts, als daß du dich künftighin an Mir nimmer ärgern sollst, so du von Mir dies oder jenes hören wirst! Bis jetzt warst du wider Mich; so sei denn von nun an für Mich! Denn die ganze Welt kann dir das nicht geben und tun, was Ich dir gegeben und getan habe! Einmal aber wirst du es schon einsehen, wie und warum Ich dir das habe tun können. Gedenke Meiner in deinem Herzen!“
GEJ|1|114|3|0|Jairus weinte vor Freude, und dessen Weib und Tochter schluchzten, als Ich wieder mit Meinen Jüngern den Weg nach Nazareth zurück antrat. Sie begleiteten Mich bis zur Stelle hin, wo die andern Jünger und eine große Volksmenge Meiner harrten.
GEJ|1|114|4|0|Als wir da ankamen, da gab es neugierige Frager in großer Menge, die nichts emsiger zu tun hatten, als über Hals und Kopf zu fragen, wie es mit der verstorbenen Tochter des Obersten der Schule stehe.
GEJ|1|114|5|0|Petrus aber nahm das Wort und sagte: „Ihr Blinden! Da seht her, dieses Mägdlein ist es, das tot war und nun lebt! Wollt ihr etwa noch mehr?!“ Da wandten sich viele an den Obersten und fragten ihn, ob das wahr sei.
GEJ|1|114|6|0|Und der Oberste sprach mit ziemlich starker Stimme: „Ja, ihr blinden und ungläubigen Toren! Ich weinte vor einer Stunde um den Verlust dieser meiner liebsten, einzigen Tochter; und nun seht ihr mich fröhlich über die Maßen, dieweil ich meine Tochter wiederhabe! Ist euch dieser handgreiflichste Beweis noch nicht genug?“
GEJ|1|114|7|0|Auf diese Worte fing alles an, sich hoch zu verwundern. Und als Ich Mich mit den Jüngern weiterzubewegen begann, da folgte Mir die ganze, große Menge Volkes, bei dreitausend an der Zahl, nach und geleitete Mich bis nach Nazareth.
GEJ|1|114|8|0|Es war aber schon ziemlich spät in der Nacht, als wir zu Hause anlangten; aber die Maria und die Brüder und Schwestern waren noch auf. Es harrte unser ein recht wohlbereitetes Abendmahl, was mehreren aus uns recht wohl zustatten kam; denn da wir seit dem Morgen nichts genossen hatten, so war ein ziemlicher Hunger eine sehr begreifliche und zu entschuldigende Sache.
GEJ|1|114|9|0|Es war aber auch der Judas im Hause und schlief schon auf einem Strohlager. Als er aber durch unser Reden, Fragen und Antworten geweckt ward, da stand er sobald auf und fragte uns um nichts als bloß, wie der Fischfang ausgefallen sei.
GEJ|1|114|10|0|Da sagte zu ihm Petrus: „Gehe hinaus und siehe!“ Und Judas ging hinaus und sah nichts als die große Menge Menschen, die sich um Mein Haus gelagert hatten. Bald aber kommt er wieder ins Zimmer und fragt den Petrus wieder, wo denn die Fische wären. Denn er sei um das ganze Haus gegangen und habe nirgends einen Fisch wahrgenommen.
GEJ|1|114|11|0|Da sagt Petrus: „Hast du denn das nie gehört, daß die Blinden nichts sehen, die Tauben nichts hören und die Dummen nichts verstehen können außer das Bedürfnis ihres Magens?! Siehe, du blinder Wucherer, die Menschen, die sich draußen zu Tausenden gelagert haben, sind die herrlich guten Fische, die ich meine!“
GEJ|1|114|12|0|Sagt Judas: „Ja so! Das ist freilich auch kein schlechter Fang für einen gewissen Zweck; aber in unserem gewöhnlichen Leben ist mir ein hundert Pfund schwerer Waller lieber als alle die Menschen draußen! Denn für einen solchen Fisch bekomme ich überall 4 Groschen; um diese draußen aber gibt mir niemand einen Stater.“
GEJ|1|114|13|0|Sagt Petrus: „Du wirst es mit deiner Gewinnsucht wohl noch so weit bringen, daß du ganz vollkommen des Satans wirst! Bist du denn mehr als ein Mensch, wie da unsereiner ein Mensch ist?! Wir leben alle ohne Gewinnsucht, und du lebst mit uns und issest aus unserer Schüssel, das dich nichts kostet als die kleine Mühe des Essens selbst. So du aber hier ohne dein dummes Geld lebst, wozu ist dir dann das Geld?!“
GEJ|1|114|14|0|Sagt Judas: „Habe ich nicht Weib und Kinder? Wer erhält mir diese, so ich mir nichts erwerben würde?! Glaubst du wohl, daß diese von einer Art Luft werden leben können?!“
GEJ|1|114|15|0|Sagt Petrus: „Siehe, ich kann alles recht wohl vertragen; aber eine unverschämte Lüge kann ich nicht vertragen! Du magst wohl zu Jerusalem, wo man dich weiter nicht kennt, als daß du ein Galiläer bist, dich als einen für deine Familie besorgten Hausvater rühmen; aber hier vor mir tut es sich auf keinen Fall! Denn ich und wir alle, die wir deine Nachbarn waren und noch sind, kennen dich und deine häusliche Einrichtung nur zu gut, als daß wir dir aber auch nur ein Wort glauben könnten. Dein Weib und deine Kinder haben noch allzeit darben und sich durch schwere Leiharbeit noch allzeit ihr karges tägliches Brot verdienen müssen. Von den Fischen, die du gefangen hast, haben sie noch wenig genossen; die Kleidung haben sie von mir und wielange ist es denn, als du auf Märkten herumzogst, daß wir aus Erbarmung das ganz zusammengefallene Haus deiner Familie nahe ganz neu haben herrichten lassen?! Wieviel wohl gabst du uns dafür?! Und das heißest du – sorgen für dein Weib und Kinder?! Geh und schäme dich zehn Jahre lang, darum du es wagst, vor uns also keck zu lügen, der du uns nur zu bekannt bist!“
GEJ|1|114|16|0|Hier macht Judas ein ganz verblüfftes Gesicht und sagt darauf kein Wort weiter; denn Petrus hatte ihn nun zu sehr getroffen. Er ging hinaus und überdachte sich die Sache, kam nach einer Weile wieder und bat uns alle um Vergebung! Er versprach auch, daß er sich von nun an vollends ändern werde und wolle nun ganz ernstlich Mein Jünger sein; nur sollten wir ihn nicht gewaltsam von uns weisen! Da sagt Nathanael, der gewöhnlich wenig und das sehr selten sprach: „In dir wohnt der Geist Kains, verstehst du mich? Und dieser Geist bessert sich auf dieser Erde nicht; denn der Geist Kains ist die Welt, und von dieser ist keine Besserung zu erwarten!“
GEJ|1|114|17|0|Sagt Judas: „Ja, ja, ja, was du immer mit deinem alten Geiste Kains hast!? Wo ist Kain, und wo sind wir?! Das Geschlecht Kains ging unter; nur Noah allein blieb, und in dessen Nachkommen ist kein Tropfen des Blutes Kains mehr, sondern das reine Blut der Kinder Gottes rollt in unseren Adern. Wo aber das Blut rein ist, da ist auch der Geist rein; denn der Geist des Menschen entstammt allzeit seinem Blute, und so ist der Geist auch stets dem Blute gleich rein!“
GEJ|1|114|18|0|Sagt Nathanael: „Das ist dein alter, mir nur schon zu bekannter Unsinn und gilt bei mir nichts! Gehe zu den Sadduzäern; dort kannst du mit deinem Unsinne Aufsehen machen! Bei uns aber ist das Blut eine faule Materie, und der Geist ist und bleibt für ewig Geist! Was nützt dir aber dein Gotteskinderblut, so in selbem ein unreinster Geist wohnt, wie es in dir der Fall ist?! Verstehst du mich?“
GEJ|1|114|19|0|Sagt Judas: „Ja, ja, du magst wohl auch recht haben, und ich werde mir wohl alle Mühe geben, in den Grund eurer Lehre einzudringen; aber so eure Lehre schon auf den Grund der Humanität gebaut ist und jedermann mit aller Geduld und Sanftmut entgegenkommt, da glaube ich, daß es von eurer Seite gerade nicht nötig ist, mich in einem fort mit allerlei Gehader von euch weisen zu wollen! Denn was ist jede Lehre ohne Jünger? Ein leerer Schall in der Luft, den niemand beachtet! Eine jede Lehre bedarf daher ebensogut der Jünger, als die Jünger einer guten Lehre bedürfen; und so meine ich denn auch, daß ein jeder Jünger einer Lehre gegenüber einen ebenso entschiedenen Wert hat als die reinste und beste Lehre an und für sich selbst! Und so meine ich denn, daß es von eurer Seite eben nicht gefehlt sein dürfte, so ihr mit mir als eurem Mitjünger ein wenig mehr Geduld haben möchtet!
GEJ|1|114|20|0|Daß ich nun noch in meinen alten Grundsätzen stecke, das werdet ihr hoffentlich als nun schon Selbstweise einsehen; ich will aber eben deshalb eure Lehre erkennen, um in ihr meine alte, bei mir eben keinen großen Glauben mehr habende Lehre loszuwerden. Wenn ich denn manchmal etwas weniges dieser eurer neuen Lehre entgegen rede, indem ich noch kein Eingeweihter bin, so werdet ihr das ja wohl auch ganz natürlich finden?!
GEJ|1|114|21|0|Werde ich einmal gleich euch in die neue Lehre eures Meisters eingeweiht sein und ihre Grundsätze gleich euch als unwiderlegbar gut und wahr finden, so werde ich für diese eure neue Lehre auch sicher ein zehnfach größerer Eiferer sein, als ihr es alle zusammen seid; denn ich besitze Mut und kann jedermann Trotz bieten, indem ich mich vor gar keinem Menschen fürchte. Und hätte ich irgendeine Furcht, so käme ich sicher schon lange nicht mehr zu euch, indem ihr mir doch schon mehrere Male samt eurem Meister nur zu klar zu verstehen gegeben habt, daß ich eure Gesellschaft meiden möchte! Aber ich habe ein für alle Male keine Furcht, und so komme ich denn wieder. Ihr ärgert euch zwar allezeit ganz gehörig darüber; aber das macht mir nichts, und ich bleibe euch gleich ein Jünger dieser neuen Lehre. Was könnt ihr mir darauf entgegenstellen?!“
GEJ|1|114|22|0|Sagt Nathanael: „Viel und nichts, wie du's willst! Daß du keine Furcht in dir hast, darin liegt eben noch keine gar zu löbliche Tugend. Denn furchtlos muß auch der Satan sein, sonst würde er Gott dem Herrn nicht eine Ewigkeit um die andere ungehorsam verbleiben! Auch sehen wir das auf dieser Erde schon an den Tieren, von denen einige offenbar mehr Mut haben als andere. Siehe an einen Löwen, einen Tiger, einen Panther, einen Wolf, eine Hyäne oder einen Bären und stelle diesen gegenüber ein Lamm, eine Ziege, ein Reh, einen Hasen und derart furchtsame Tiere mehr! Sage, zu welcher der beiden Tierparteien wirst du dich stellen?“
GEJ|1|114|23|0|Sagt Judas: „Das ist doch klar, daß ich wie jedermann mich zu den sanften Tieren und nimmer zu den reißenden, wilden Bestien wenden werde; denn der Mut des Löwen ist jedermanns Tod!“
GEJ|1|114|24|0|Sagt Nathanael: „Und du rühmest doch den Mut und meinst, eben dadurch ein tüchtiger Jünger zu werden?! Ich sage dir, der Mut im eigentlichsten Sinne des Worts ist ein großes Laster; denn er ist die Frucht des Hochmutes, der eine Verachtung alles dessen ist, was bei einem Menschen nicht das höchst eigene Selbst ausmacht. Daher wird in unserer Lehre der furchtlose Mut eines Menschen nie als eine Tugend angepriesen werden, indem er nur gerade das Gegenteil von dem ist, was unsere Lehre vom Menschen verlangt!
GEJ|1|114|25|0|Wer führt Krieg? Sieh: lauter sogar den Tod nicht fürchtende sogenannte Helden! Lassen wir die ganze Erde voll Helden sein, und der ewige Krieg wird die weiten Gefilde der Erde unausgesetzt überziehen; denn ein jeder Held will nicht nur ein Mitheld der Helden, sondern ein Held für sich sein und wird nicht ruhen, bis er sich alle andern Helden wird untertan machen oder einen um den andern möglicherweise aus der Welt schaffen.
GEJ|1|114|26|0|Stelle dir aber dagegen lauter sanfte und lammfromme Menschen vor, und die Erde wird zu einem Paradiese!
GEJ|1|114|27|0|Wenn der Held einen Furchtsamen vor sich hat, so wird er ihn nicht verfolgen; denn der Furchtsame macht ihm nicht streitig seinen Ruhm. Wenn aber ein Held dem andern Helden gegenübersteht, so werden sich die beiden Helden sogleich zum Kampfe herausfordern, und es wird keiner eher ruhen, als bis der eine oder der andere seinen Gegner zu Boden gestreckt hat! Und sieh, das ist, klar und deutlich dargestellt, der Segen der Mutigen!
GEJ|1|114|28|0|Willst du daher unser Mitjünger sein, so lege deinen sehr überflüssigen Mut beiseite und sei dafür lieber voll Liebe, Geduld und Sanftmut, so wirst du also sein, wie es einem rechten Jünger des Herrn zu sein geziemt!“
GEJ|1|114|29|0|Sagt Judas: „Nun ja, du hast gerade nicht unrecht; ich werde diese Sache noch näher erwägen und werde es dann euch allen morgen kundtun, was ich tun werde, ob ich bei euch bleibe, oder ob ich von euch gehe!“
GEJ|1|114|30|0|Mit diesen Worten geht Judas hinaus, sucht sich mehrere Bekannte unter der großen Volksmenge und bespricht sich mit ihnen nahe die ganze Nacht über das vom Nathanael Vernommene; aber alle stimmen für den Nathanael und sagen: „Nathanael ist ein wahrer Weiser!“, und sie wüßten es wohl, daß in dessen Seele kein Falsch ruhe! – Wir im Hause aber begeben uns zur Ruhe.
GEJ|1|115|1|1|Im Fischerhaus bei Bethabara
GEJ|1|115|1|1|115. - Volksmenge vor Marias Haus in Nazareth. Das Volk will Jesus zum König ausrufen. Der Herr zieht sich zurück in ein Fischerhaus bei Bethabara
GEJ|1|115|1|0|Am nächsten Morgen aber wird es sehr lebendig vor dem Hause; denn es kommen schon mit Tagesanbruch von neuem eine große Menge Menschen von allen Seiten herzu, und an Brot- und Milchverkäufern mangelt es auch nicht. Und somit verursacht das einen großen Tumult vor dem Hause, so daß es allen im Hause anfängt bange zu werden.
GEJ|1|115|2|0|Ich aber sage: „Laßt uns das Morgenmahl nehmen, sodann aber uns sogleich ziehen in ein Mir wohlbekanntes Haus, einige Feldwege hinter Kapernaum hin, damit die Sache hier in Nazareth kein solches Aufsehen macht!“
GEJ|1|115|3|0|Während Ich das den Jüngern ankündige, kommt auch Judas herein und sagt: „Brüder, ich bleibe bei euch von nun fortan! Meine Geschäfte sind zu Ende; denn euretwegen habe ich sie schon heute statt morgen beendet. – Aber nun von etwas anderem ganz kurz: Das Volk, nun bei etlichen Tausend hier herum versammelt, will nichts mehr und nichts weniger, als den guten Meister Jesus zum Könige ausrufen! Und das, meine ich, dürfte denn in der so zahlreichen Gegenwart der römischen Soldaten wohl im höchsten Grade ungeraten sein! Denn bei solch einer Gelegenheit dürfte den sonst sehr humanen Römern denn doch durchaus nicht zu trauen sein – und ebensowenig den Hohenpriestern, Pharisäern und Schriftgelehrten unseres Volkes!“
GEJ|1|115|4|0|Sage Ich: „Nun denn, bringet schnell das Morgenmahl herbei! Heute ist zugleich auch Sabbat, und es könnte noch mehr Volks herkommen; darum werden wir uns denn auch geschwind von hier hinwegmachen!“
GEJ|1|115|5|0|Es war anliegend bei Meinem Hause, und zwar zu beiden Seiten desselben, ein gut eingezäunter Garten, in welchen man nur durch eine kleine Hintertür des Hauses gelangen konnte. Wir benutzten sonach diese Türe und entkamen sogestaltig den neugierigen Augen von mehreren Tausenden, unter denen mehr als drei Viertel nur die leidige Neugierde hintrieb, um daselbst wunderbare Begebnisse anzustaunen.
GEJ|1|115|6|0|Als wir aber, im ganzen auch bei hundert an der Zahl, von der großen Menge ungesehen entkamen und diese vor dem Hause noch immer wartete, bis Ich hinauskäme mit den Jüngern und allda allenfalls etwa wieder ein Wunder wirkte oder eine Rede hielte, und sie dann, was der Plan vieler unter der großen Menge war, Mich zum Könige der Juden ausriefen, da trat eine Magd Meines Hauses vor die Menge hinaus und fragte einen Mann, der ihr besonders gut aussah, was denn diese große Volksmenge hier wolle. Und der Mann sprach: „Wir sind hier, um Jesus, den Mächtigsten der Mächtigen und den Weisesten der Weisen zu unserem Könige zu machen! Denn wir waren Zeugen, wie Ihm Meer und Winde gehorchten und die ärgsten Teufel von Menschen und Geistern vor Ihm fliehen müssen! Er ist unfehlbar der verheißene Gesalbte Gottes, zu erlösen das Volk Gottes vom harten Joche der Tyrannei Roms! Es ist demnach an der Zeit, Ihn zum von allen Juden anerkannten und angebeteten Könige des Volkes Gottes zu erheben! Sieh, darum sind wir hier! – Was macht Er wohl so lange im Hause, daß Er nicht einmal kommt zu uns heraus?!“
GEJ|1|115|7|0|Sagt die Magd: „Da wartet ihr hier vergebens; denn Er ist schon früh in die Gegend von Kapernaum abgegangen, vielleicht zu einem Kranken, und alle Seine Jünger mit Ihm. Daher, wie gesagt, wartet ihr auf Ihn vergeblich.“
GEJ|1|115|8|0|Auf diese Nachricht fragt sie der Mann, ob sie nicht wüßte, in welches Haus Er ging. Die Magd aber beteuert, daß sie das nicht wisse und ebenso auch niemand im ganzen Hause. Denn Ich habe es niemandem anvertraut, in was für ein Haus Ich gegangen sei.
GEJ|1|115|9|0|Auf solche Antwort begibt sich der Mann, um sich von der Aussage der Magd zu überzeugen, ins Haus, und da er im Hause außer den wenigen Personen, die der Maria das Koch- und Tischgeschirr reinigen halfen, niemanden fand, so ging er wieder hinaus und verkündete es allen, daß Ich, unbestimmt wohin, nach Kapernaum in ein Haus gezogen bin, um daselbst einen Kranken zu heilen.
GEJ|1|115|10|0|Als die Menge solches erfährt, so brechen auf einmal alle auf und schreien: „Also nach Kapernaum hin! Dort werden wir Ihn schon erfragen und das Haus finden, in das Er gezogen ist!“
GEJ|1|115|11|0|Mit dem schlagen, bis auf einige wenige Nazaräer, alle den Weg nach Kapernaum ein, und Mein Haus ist frei von dem großen Volkslager.
GEJ|1|115|12|0|Aber dafür machen bald in kurzer Zeit die Kapernaumiter große Augen, als sie die Volksmenge in die Stadt einziehen sehen. Der römische Oberste schickt sogleich mehrere seiner Kriegsknechte unter sie und läßt sie fragen, was sie in solcher Menge wollten in Kapernaum, indem es Sabbat sei und in dieser Stadt weder ein Markt noch sonst etwas stattfinde, und schon am allerwenigsten an einem Sabbat, dessen Heiligung der Oberste aufrechtzuerhalten habe.
GEJ|1|115|13|0|Da sagen die Gefragten: „Wir suchen Jesus von Nazareth; denn wir haben vernommen, daß Er hier sei.“
GEJ|1|115|14|0|Und der Oberste läßt ihnen sagen, daß Sich Jesus nicht in Kapernaum, sondern in der Nähe von Bethabara befinde, wohin Er schon vor ein paar Stunden gezogen sei.
GEJ|1|115|15|0|Als der Haufe solches vernimmt, begibt er sich schnell gen Bethabara hin. Aber am Wege zwischen den beiden Orten am Galiläischen Meere entdecken die Führer der Menge um ein Haus eine ebenfalls große Volksmenge, gehen dahin und fragen, was es hier gäbe. Und man sagt ihnen, daß Ich in dem Hause sei.
GEJ|1|115|16|0|Auf diese Kunde wird das Haus gleich nach allen Seiten hin umlagert, und das Volk berät sich und macht Anstalten, wie es Mich zum Könige mache. Aber da tut Mir der Oberste einen guten Dienst und entsendet von Kapernaum eine ganze Legion Soldaten, die den großen Haufen bloß zu überwachen haben. Und der Haufe hält darauf inne mit seinem Vorhaben.
GEJ|1|115|17|0|Es kommen aber, durch diese Bewegung angelockt, auch mehrere Pharisäer und Schriftgelehrte teils von Jerusalem, aber damals in Kapernaum anwesend, mit den Priestern und Schriftgelehrten von Kapernaum und teils auch jene von Nazareth und von der Umgegend Meinetwegen in dies Haus; denn sie haben von Jairus vernommen, wie Ich dessen Töchterchen vom barsten Tode erweckt habe. Diesen macht das Volk Platz, daß sie zur Mir ins Haus kommen können.
GEJ|1|115|18|0|Und als sie Mich im Hause finden, so richten sie bald eine Menge Fragen an Mich. Ich aber weise sie alle an Meine Jünger und sage: „Diese hier sind Meine Zeugen; sie wissen um alles, fraget sie!“
GEJ|1|115|19|0|Und die Pharisäer und Schriftgelehrten bestürmten nun die Jünger, und die Jünger gaben ihnen sehr gut bemessene Antworten.
GEJ|1|116|1|1|116. - Heilung des Gichtbrüchigen
GEJ|1|116|1|0|Während aber die Pharisäer und Schriftgelehrten mit den Jüngern allerlei Worte wechseln, bringen bei acht Menschen einen Gichtbrüchigen auf einem Bette, daß Ich ihm hülfe! Es war aber das Haus derart umlagert von Menschen, daß es den acht Männern nicht möglich war, den Kranken ins Haus und da vor Mich hinzubringen. Sie befürchteten aber, Ich werde, weil das Haus knapp am Meere lag, durch die kleine Türe, die gegen das Meer aus dem Hause führte, sogleich ans Meer gehen und von dannen irgendwohin fahren. Es ging aber einer zu dem ihm bekannten Herrn des Hauses und sagte: „Freund, sieh, wir acht Brüder haben den Bruder unserer Mutter, der vor Gicht über Gicht schon acht volle Jahre das Bett nicht mehr verlassen mochte, samt dem Bette hierher gebracht, um ihn also dem berühmten Wunderheilande Jesus, der sich nun in deinem Hause befindet, zur für ihn sicher möglichen Heilung vorzustellen. Es ist aber wegen der ungeheuren Volksmenge gar nicht möglich, ihn ins Haus vor Jesus hinzubringen. Freund, rate mir doch, was ich da tun soll!“
GEJ|1|116|2|0|Sagt der Hausherr: „Das wird freilich etwas hart hergehen; denn das Zimmer, in dem Sich Jesus befindet, ist gedrängt voll Menschen! Es sind da über hundert Seiner Jünger, dazu eine große Menge Pharisäer, Priester und Schriftgelehrte von allen Orten und Gegenden und halten darin ihre Beratungen. Aber ich will euch wegen alter und guter Freundschaft bei dieser außerordentlichen Gelegenheit dennoch etwas tun!
GEJ|1|116|3|0|Seht, mein Haus ist wie die meisten Fischerhäuser mit Schilf gedeckt! Wir setzen von draußen zwei Leitern ans Dach, decken schnell dasselbe soweit ab, daß ihr durch das gemachte Loch den Kranken samt dem Bett durchbringen könnt! Ist er auf diese Weise am Dachboden, so bindet ihr an die vier Ecken des Bettes starke Stricke, deren ich am Boden in Menge habe. Ich mache dann die Falltüre auf, die sich inmitten des Bodens befindet, und wir lassen dann den Kranken an Stricken samt dem Bett hinab ins Zimmer, und er kann dann Jesus selbst bitten, daß Er ihn gesund mache. Die aber unter der Öffnung im Zimmer stehen, werden schon Platz machen, so sie das Krankenbett nicht auf ihren Köpfen werden ruhen lassen wollen!“
GEJ|1|116|4|0|Das gefällt dem einen von den achten, und es wird zum sogar belustigenden Erstaunen der großen Volksmenge sogleich Hand ans Werk gelegt, und die ganze Unternehmung geht gut und ohne alle Störung vonstatten. Nur ein Mensch, der so ein recht dummer, ultramontaner Templer war und des Gesetzes Buchstaben mit des Zirkels Schärfe abmaß, machte den das Dach Abtragenden die gewissenhafte Bemerkung, daß sie doch bedenken sollten, daß nun eine hohe Sabbatszeit sei!
GEJ|1|116|5|0|Die acht aber sagten: „Ei, was hast du alter Tempelochse hier zu reden?! Halte dein zahnloses Maul und krieche hinauf nach Jerusalem in den Salomonischen Ochsen-, Esel-, Kälber- und Schafstall und plärre dort mit diesen gewöhnlichen Anfüllern des Gotteshauses deine Jeremiaslieder! Wir sind über euren gegenwärtigen, rein viehischen Gottesdienst schon lange hinaus und wissen es, daß Gott mehr Wohlgefallen hat an guten Werken als am Gebrülle eurer Ochsen und Esel!“
GEJ|1|116|6|0|Diese sehr energische Bemerkung gegen den Templer von seiten des einen aus den acht brachte den strengen Sabbater um so eher und sicherer zum Schweigen, als die laute Gegenbemerkung von der ganzen großen Volksmenge einen ungeheuren Beifall erhielt. Denn bei den meisten Galiläern galten die Tempelumtriebe schon lange nichts mehr.
GEJ|1|116|7|0|Der noch junge Mensch hatte aber auch in wenigen Worten die vollste Wahrheit in einer nur ein wenig zu drolligen Weise dargetan und erhielt aber eben deshalb noch mehr Beifall. Denn man hatte bei großen Festen eine Masse Rindvieh eigens darum in den Tempel gebracht, wie auch Esel und Schafe, die sonst am meisten plärrten und blökten, und ließ diese Tiere dazu noch ein paar Tage fasten, damit sie dann im Tempel während der Opferung einen desto größeren Lärm machten und die Menschen zu zittern und zu beben nötigten.
GEJ|1|116|8|0|Wahrlich, der hohe Gottesdienst im Tempel, besonders an den großen Festtagen, war etwas so Dumm-Gräßliches und dabei zugleich Säuisches, wie man etwas Ähnliches sonst wohl auf der ganzen Erde nicht antreffen würde, auch bei den wildesten Völkern nicht; und so hatte der junge Mensch dem scharfen Templer eine ganz völlig wahre Gegenbemerkung gemacht, an der Ich Selbst ein großes Wohlgefallen hatte, da Ich in Mir wohl davon wußte, daß und wie sie geschah.
GEJ|1|116|9|0|Bald nach dieser Szene wird die Falltüre des Zimmer- oder vielmehr des Dachbodens geöffnet. Ein sich wichtig machender Pharisäer schreit fragend hinauf: „Was gibt's da oben, was geschieht da?!“
GEJ|1|116|10|0|Sagt der frühere, pfiffige Sprecher: „Nur eine kleine Geduld, ihr werdet es sogleich sehen! Sehet, heute ist Sabbat; an diesem Tage kommt gewöhnlich, wie ihr es lehret in den Synagogen und Schulen, das Heil von oben! Diesmal aber ist der Menschen Heil unten, und so kommt nun einer, der noch kein Heil hat, von oben zu euch hinab und wird da unten sein Heil suchen. Es geschieht demnach hier nichts Sabbatwidriges; denn das wird doch einerlei sein, ob an einem Sabbat das Heil von oben herabkommt, oder ob jemand das Heil unten sucht, so es schon vor ihm aus den Himmeln herabkam zu den blinden Menschen, die es nicht erschauen mögen, so sie auch schon mit ihren Nasen daranstoßen!“
GEJ|1|116|11|0|Diese Anrede verursacht wieder großen Beifall unter den Jüngern, aber dafür Ärger bei den Pharisäern, Priestern und Schriftgelehrten; aber die Jünger sagen laut: „Also herab mit dem Unheilvollen von oben, der nun hier unten das Heil sucht!“ Und sogleich wird der Kranke herabgelassen.
GEJ|1|116|12|0|Als er nun auf dem Bette vor Mir lag, bat er Mich weinend, daß Ich ihm helfen möchte! Ich aber, da Ich wohl sah, daß der Kranke, wie auch jene, die ihn also zu Mir gebracht hatten, einen rechten und wahren Glauben hatten, so sagte Ich zum Kranken: „Sei getrost, Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“ Das sagte Ich aber hier bloß deshalb zum voraus, um die Mir schon sehr gewogen gewordenen Schriftgelehrten für sie selbst zu prüfen; denn die Erweckung der Tochter des Jairus, der ihr Oberster war, hatte Mir diese Art zu Freunden gemacht.
GEJ|1|116|13|0|Als Ich aber zu dem Kranken sagte: „Deine Sünden sind dir vergeben!“ (Matth.9,2), so erwachte sogleich ein Ärger bei einigen scharfen Schriftgelehrten, und sie sagten bei sich im Herzen: „Was ist das, was hören wir? Wie ist er ein rechter Heiland (Arzt)? Gott lästert er!“ (Matth.9,3) Denn sie hielten Mich nur für einen besonderen Arzt; aber daß in Mir eine göttliche Kraft zu Hause sein möchte, das war für sie ein crimen sacri laesi (Gotteslästerung). Denn Gotteskraft war nur in den Priestern, Leviten, Pharisäern und Schriftgelehrten, und das ganz besonders nur im Tempel zu Jerusalem!
GEJ|1|116|14|0|Als Ich aber natürlich nur zu geschwinde ihre innersten Gedanken merkte, so redete Ich sie sogleich an und sagte zu ihnen: „Warum denket ihr so Arges in euren Herzen?! (Matth.9,4) Was ist wohl leichter zu sagen: ,Deine Sünden sind dir vergeben!‘ (was ihr doch allzeit und besonders zu den Menschen saget, die zu euch mit reichen Opfern kommen, und es ist damit aber im Grunde dennoch niemandem geholfen) oder zu sagen wirkungsvoll: ,Stehe auf und wandle!‘?“ (Matth.9,5)
GEJ|1|116|15|0|Sagt ein Schriftgelehrter: „Ich meine, diesem wirst du über das Sündenvergeben auch weiterhin nicht viel helfen mögen! Denn welchen die Gicht einmal so wie diesen da zugerichtet hat, dem hilft nur der Tod!“
GEJ|1|116|16|0|Sage Ich: „Meinet ihr es also?! Ich aber sage euch: Damit ihr sehen und wissen möget, daß des Menschen Sohn auf Erden auch Macht habe, zu vergeben die Sünden, so sage Ich nun vor euch wirkungsvoll zu diesem Kranken, der für euch, die ihr euch anmaßet, allein die sündenvergebende Gewalt von Gott zu besitzen, nur durch den Tod heilbar ist: ,Stehe auf, nimm dein Bett und gehe völlig gesund und getrost heim!‘“ (Matt.9,6)
GEJ|1|116|17|0|Bei diesen Worten streckte der Kranke auf einmal ganz gesund seine zuvor überelend verdrehten und zum Teil schon gänzlich verdorrten Glieder aus und bekam auch im Augenblick alles Fleisch wieder, dankte Mir vor übergroßer Freude weinend, stand aber auch sogleich auf von seinem Bett und war gleich so stark und kräftig, daß er sogleich die Stricke vom Bette löste, dann das Bett unter seinen linken Arm nahm, sich mit dem ziemlich schweren und umfangreichen Bette durch das große Gedränge mit Leichtigkeit den Weg bahnte und das Bett bis nach Kapernaum selbst nach Hause trug! (Matth.9,7)
GEJ|1|116|18|0|Alles Volk aber, das hier zugegen war und diese Tat gesehen, fing laut an, Gott zu loben und zu preisen, daß Er einem Menschen eine solche Macht gegeben hatte, die nur Gott Selbst haben kann, und durch die Ihm alle Dinge möglich sind! (Matth.9,8)
GEJ|1|116|19|0|Diese Tat bestärkte von neuem wieder die anwesenden Pharisäer und Schriftgelehrten so, daß sie ihre argen Gedanken wieder losgaben und sprachen: „Das ist wahrlich unerhört! Wie dir so was möglich ist, das kann wahrlich nur Gott allein wissen und sonst kein Mensch auf der ganzen Erde!“
GEJ|1|117|1|1|117. - Gespräch zwischen einem jungen Römer und einem Schriftgelehrten
GEJ|1|117|1|0|Und der junge Mensch, der früher so gut geredet hatte, sagte durch die Bodenöffnung: „Ob das wohl auch der Hohepriester zu Jerusalem zuwege brächte mit tausend Ochsen, zehntausend Eseln und hunderttausend Schafen?!“
GEJ|1|117|2|0|Diese drollige Frage erweckte eine große Lache selbst bei den Pharisäern. Aber dennoch meldete sich ein Schriftgelehrter und sagte zum launigen Sprecher hinauf durch die Bodenöffnung: „Mein Lieber, wage nicht zu viel! Denn die Arme des Hohenpriesters umspannen die ganze Erde, und wer unter die Arme des Hohenpriesters gerät, der wird erdrückt! Dazu braucht der Hohepriester auch nicht Tote zu erwecken und gichtbrüchige Menschen gesund zu machen; denn alles derlei geht das Fleisch und nicht den Geist des Menschen an und ist eine Sache der Ärzte und nicht der Priester. Verstehst du das?“
GEJ|1|117|3|0|Sagt der Redner: „Freund, es wäre das schon auch eine Sache der Priester, so sie solche Sache zuwege brächten; aber weil sie eben solch eine Sache um alle Schätze der Erde nicht zuwege zu bringen imstande sind, so müssen sie am Ende freilich mit stolzer Miene bekennen und sagen: ,Das ist keine Sache der Priester, die nur den Geist des Menschen zu versorgen haben!‘ Ich aber meine: So einem Arzte es möglich ist, einem vollkommen toten Mägdlein, das am bösen Fieber gestorben ist unter unseren Augen – also an einem Übel, an dem noch nie jemand halb gestorben ist! –, den Geist und die Seele wiederzugeben, so wird das doch etwa auch eine sehr gewaltig stark geistige Versorgung sein!?
GEJ|1|117|4|0|Als Gott den Adam schuf pur aus Lehm, so war diese Schöpfung eine bloß materielle, und es war dabei nichts Geistiges außer Gott Selbst.
GEJ|1|117|5|0|Als aber hernach Gott in die tote Form eine lebendige Seele und in diese einen denkenden Geist einhauchte, so war das dann keine materielle, sondern sicher eine höchst geistige Arbeit Gottes in und an der Gestalt des ersten Menschen der Erde! Und wenn hier vor unseren Augen dieser Wunderarzt Jesus aus Nazareth dasselbe verrichtete an dem Töchterchen des Obersten, so wird das doch auch eine sehr geistige Arbeit und Versorgung sein?!“
GEJ|1|117|6|0|Sagt der Schriftgelehrte: „Das ist eine Sache, die du nicht verstehst, darum sollst du schweigen!“
GEJ|1|117|7|0|Sagt der junge Mann: „So ich noch ein Jude wäre, da würde ich wohl schweigen; aber seit ich kein Jude, sondern ein ehrlicher Grieche und ein Bekenner der herrlichen Lehre des Sokrates bin, so sehe ich nicht ein, warum ich vor den Judenpriestern schweigen solle, deren gegenwärtige, über alle Maßen dumme Lehre ich leider nur zu gut kenne.“
GEJ|1|117|8|0|Sagt der Schriftgelehrte: „Und was findest du Heide denn an der alten, rein göttlichen Lehre der Juden dumm? Sind dir Moses und die Propheten alle etwa zu wenig erhaben und findest du ihre Lehre dumm?!“
GEJ|1|117|9|0|Sagt der junge Mann: „Nein, Moses und die Propheten alle, die über euch das sagten, was ich euch nun sage, halte ich für höchst und rein göttlich Weise! Aber eure Satzungen, von denen dem Moses wie allen anderen Propheten nie was geträumt hat, halte ich für ganz übermäßig dumm!
GEJ|1|117|10|0|Wie dienet ihr Gott?! Mist, Kot und Unflat verbrennet ihr am Gott geweihten Altare, und die fetten Ochsen, Kälber und Hammel verzehret ihr selbst und opfert sie eurem nimmer voll werden wollenden Bauche. Das göttlich Reine eurer Lehre habt ihr verworfen, und wer unter euch es nun wagt, das Reine zu lehren, dem tut ihr, was ihr noch allen euren Propheten getan habt!
GEJ|1|117|11|0|Wie lange ist es denn seit den Tagen, als ihr den Zacharias im Tempel ermordet habt?
GEJ|1|117|12|0|Zu Bethabara predigte dessen Sohn Johannes die Wahrheit und ermahnte euch gewissenlose Frevler im Heiligtume Gottes zur Buße und zur Rückkehr zum Moses und dessen reinster Lehre; was tatet ihr mit ihm?! Wo kam er hin?! Er verschwand; – soviel mir bekannt ist, so ist er in der Nacht von argen Schergen abgeholt worden!
GEJ|1|117|13|0|Nun ist hier in Nazareth Jesus als ein Prophet von Gott erweckt worden und verrichtet Taten, die nur den allmächtigen Göttern möglich sind, und ihr beobachtet ihn nun mit Argusaugen! Wehe ihm, so er es wagen sollte, gleich mir wider euch und eure von euch selbst und nicht vom Moses geschaffene allerunflätigste Lehre ein Wort ergehen zu lassen! Ihr würdet ihn sogleich des höchsten Verbrechens der Gotteslästerung beschuldigen und ihn aus Dankbarkeit, daß er eure Toten erweckte und eure Krüppel gerademachte, steinigen oder gar ans Kreuz binden!
GEJ|1|117|14|0|Denn eure Sache ist, zu herrschen und dabei im höchsten Wohlleben zu mästen euren Bauch! Wer euch darin schmälern und zurückwenden will zu Moses, der ist euer Feind, und ihr habt Mittel genug, ihn aus dem Wege zu räumen!
GEJ|1|117|15|0|Euch alle verachte ich wie ein faules, stinkendes Aas darum, weil ihr tatsächlich die größten Feinde Gottes und aller Seiner Menschen seid und fortan bleiben werdet! Ich bin ein Heide – und erkenne hier in dem Manne Jesus die reinste Gotteskraft, und das in einer solchen Fülle, wie sie die ganze Erde bisher noch nie erlebt hat!
GEJ|1|117|16|0|Nicht sein Fleisch wirkt solche nie erhörte Taten, sondern sein allmächtiger, reinster Gottesgeist, der in aller Fülle in ihm wohnen muß!
GEJ|1|117|17|0|Seht, das erkenne ich als ein von euch für blind deklarierter Heide! Was erkennet denn ihr an Jesus, der bloß durchs alleinige Wort ohne alle Medizin eure Toten erweckt und unsere Krüppel springen macht gleich jungen Hirschen?!
GEJ|1|117|18|0|Ich aber frage euch, ihr Blinden: Wer muß der sein, dem es nur ein williges Wort kostet, und Sturm und Wind verstummen, die Toten erstehen und die Lahmen beginnen zu springen, als wären sie in die Natur der Hirsche umgewandelt worden?!“
GEJ|1|117|19|0|Durch diese wirklich sehr wahre und kühne Rede hatte er die Pharisäer und Schriftgelehrten samt und sämtlich so gewaltig erzürnt, daß sie ihn zerrissen hätten vor Wut und Grimm, so sie seiner leicht hätten habhaft werden können. Aber es war das vor der großen Menge des Volkes nicht möglich und auch nicht ratsam; denn alles Volk jubelte über diesen jungen Mann, der endlich einmal den Mut hatte, den überhochtrabenden Pharisäern und Schriftgelehrten so recht derb die volle Wahrheit unter ihre Nasen zu streichen!
GEJ|1|118|1|1|118. - Die beleidigten Pharisäer wenden sich an den Herrn. Der Herr enthüllt ihr gottwidriges Verhalten.
GEJ|1|118|1|0|Es wandte sich aber ein Pharisäer an Mich und sagte: „Wie magst du als ein echter Jude schweigen, wenn ein solch elender Heide, dem du Gutes erwiesen hast, sich hier allerfrechst erkühnt, die heilige Lehre unserer Väter gar so schmählich zu beschimpfen?!“
GEJ|1|118|2|0|Sage Ich: „Er beschimpfte aber weder Moses noch die Propheten, sondern bloß nur euch und eure neuen Satzungen und ließ Mich ungeschoren; was sollte Ich ihm da Zurechtweisendes sagen?! Euch hatte er bezeichnet und hat sich sonach nur an euch versündigt; darum ist es also nun auch allein eure Sache, euch mit ihm zu vergleichen! Hat er nichts wider Mich, was soll Ich dann wider ihn haben?! Sehet ihr zu, wie ihr mit ihm gleichwerdet! Ich bin mit ihm bis jetzt noch ganz in der Ordnung.“
GEJ|1|118|3|0|Sagen die Pharisäer und Schriftgelehrten: „Ja, ja, dich hat er freilich wohl nicht beschimpft, aber uns; und wir meinen, daß du uns nun ein Freund geworden bist, und da wir nun nur zu gut wissen, welche Gewalt du in deinem Wort und Willen hast, so hättest du diesem Heiden uns zur Freundschaft wohl wenigstens des Volkes wegen ein paar Worte sagen können, daß er geschwiegen hätte! Aber du ließest ihn reden und uns zuschanden werden vor dem Volke; und sieh, das war durchaus nicht löblich von dir! Wir wollen dich darum zwar nicht hassen, aber geneigt können wir dir auch nicht sein!“
GEJ|1|118|4|0|Sage Ich: „Seid, wie ihr wollt, und Ich werde auch sein, wie es Mir zu sein für gut dünken wird! Übrigens ist es wahrlich sehr sonderbar von euch, daß ihr nun Mir eure Freundschaft absagt, da ihr Mir im Grunde doch noch nie eine erwiesen habt! Ich aber, der Ich eigentlich im Vollrechte wäre, euch Meine Freundschaft zu entziehen, da ihr ehedem wahrlich keine löblichen Gedanken in eurem Herzen über Mich hegtet, tue das dennoch nicht!
GEJ|1|118|5|0|Was kann Ich denn an eurer Freundschaft verlieren? Ich sage euch: Wahrlich, nichts! So ihr aber Meine Freundschaft nimmer habt, wer wird euch an Meiner Stelle eure toten Kinder zum Leben erwecken?!
GEJ|1|118|6|0|So ihr aber die Rede des jungen Mannes erwäget, so müßt ihr bei nur einigem wahren Verstande doch in euch selbst offen bekennen, daß der Mann im vollsten Grunde des Grundes die reine Wahrheit geredet hat! Ihr kennet die Schrift und kennet Moses und die Propheten! Fragt ihr euch aber selbst, ob im Tempel nun aber auch nur eine Spur von Moses und all den anderen Propheten noch anzutreffen ist!?
GEJ|1|118|7|0|War Ich in diesem Jahre doch Selbst zu Jerusalem und habe zu Meinem großen Ärger gesehen, wie aus dem Bethause Gottes eine allerbarste Mördergrube gemacht worden ist!
GEJ|1|118|8|0|Die Vorhallen sind voll verkäuflichen Schlachtviehes und auch anderen unreinen Getiers, so daß die Menschen ohne die größte Lebensgefahr gar nicht in den eigentlichen Tempel gelangen können. Im Vortempel wird auf der einen Seite geschlachtet wie in den Schlachtbänken und das Fleisch verkauft; auf der andern Seite aber stehen Mäklertische und Wechselbuden, und es ist da ein Lärmen und Schreien, daß nahe kein Mensch sein eigenes Wort zu hören imstande ist.
GEJ|1|118|9|0|Kommt man dann in den eigentlichen Haupttempel, so kann man sich vor Taubenkrämern und andern, allerlei Gevögel zum Verkauf ausbietenden Schreiern gar nicht rühren! Und in das Allerheiligste, in das nur der Oberste der Priester einmal im Jahre treten durfte nach der Anordnung Gottes, wird nun gegen Bezahlung, die man gleichwohl noch ein Opfer nennt, sogar ein jeder Heide eingeführt, freilich ganz geheim unter dem Siegel der Verschwiegenheit gegen die Juden! Aber in Rom kennt man das Allerheiligste ebensogut, als es der Hohepriester in Jerusalem kennt! Und so enthüllt man gegen Geld den Fremden alle Geheimnisse des Tempels; so aber ein armer Jude es wagte, hinter den Vorhang zu treten, so wird er sogleich als ein Gotteslästerer und Sakrilegus gesteinigt hinter der Tempelmauer auf der verfluchten Stelle, und es vergeht keine Woche, in der nicht wenigstens einer gesteinigt wird und ein paar das verfluchte Wasser trinken müssen!
GEJ|1|118|10|0|Welch eine Einrichtung ist aber das nun, daß man die Fremdlinge einweiht, die eigenen Kinder aber tötet?!
GEJ|1|118|11|0|Sagt es euch selbst, ob solches Moses und all die Propheten geboten haben, und ob Salomo in seiner großen Weisheit, da er den Tempel vollendet hatte, das große Bethaus zu dem Zwecke einweihte, dem es nun dient! Kurz, das Bethaus Gottes ist eine barste Mördergrube geworden, und Jehovas Geist weilt nimmer in der Gestalt der Feuersäule über der alten Lade des Bundes!“
GEJ|1|118|12|0|Hier werden die Pharisäer und Schriftgelehrten stutzig und sagen zu Mir: „Du bist doch immer in und um Nazareth gewesen; wie kannst du solches alles wissen? Wer hat dir den Tempel verraten?“
GEJ|1|118|13|0|Sage Ich: „O der großen Albernheit eurer Frage! So Ich wissen kann eure geheimsten Gedanken, wie sollte Ich nicht wissen, was im Tempel ist und geschieht?! Es weiß das aber nicht nur Ich allein, sondern das weiß nun schon ein jeder Mensch!
GEJ|1|118|14|0|Ihr selbst aber seid die eigentlichen Verräter alles dessen, und eure große Geldgier hat euch dazu verleitet! Ums Geld weihtet ihr die Fremden in des Tempels Geheimnisse ein, und diese haben es dann den Juden auf den Gassen laut verkündet; und ihr fragt Mich, wer Mir den Tempel verraten hätte?!
GEJ|1|118|15|0|So ihr aber so gut wie Ich und viele tausend Menschen es wisset, wie nun der Tempel bestellt ist, und wisset aber dagegen auch, was Moses und die Propheten alle gelehrt haben, die wahrhaftigst vom reinsten und wahrsten Geiste Gottes erfüllt waren – und solcher Geist allein redete durch ihren Mund! –, wie ist dann euer Glaube an Gott beschaffen, daß ihr so leichten Kaufes Gottes Wort verwerfet und im frechsten und hochmütigsten Eigendünkel eure eigenen bösen Satzungen als vom Geiste Gottes ausgehend dem armen, blinden Volke verkündet und dasselbe mit allen Schrecknissen des Todes dazu anhaltet, daß es beachte und anbete eure Satzungen?!“
GEJ|1|119|1|1|119. - Vom Tempeleid. Der Herr beschwichtigt das aufgebrachte Volk und entzieht sich der Volksmenge.
GEJ|1|119|1|0|Sagt ein Schriftgelehrter: „Freund, du wagst viel, daß du uns sagst solche Dinge, auf deren Verrat vom Tempel aus der Tod gesetzt ist! Dein Glück aber ist, daß du unserem Obersten eine so große Tat erwiesen hast, sonst möchte es dir nicht am besten ergehen; denn wir sind an den Tempel durch einen mächtigen Schwur gebunden!“
GEJ|1|119|2|0|Sage Ich: „Den ihr brechen könnt, wann ihr wollt; denn Gott habt ihr den Schwur nicht geleistet, sondern dem Tempel, der von Menschenhänden gemacht ist, und in dem Gott nicht mehr wohnt!
GEJ|1|119|3|0|Wo aber Gott nicht wohnt, da wohnt der alte Fürst der Lüge und alles Bösen, und diesem Fürsten und nunmaligen Herrn des Tempels könnt ihr ohne Scheu den Schwur brechen!
GEJ|1|119|4|0|So ihr dem Tempel euren nichtigsten Schwur brechen möchtet, so würdet ihr Gott dem Herrn wohlgefallen, und Er würde euch geben, was Er vom Anfange der Welt Mir gegeben hat, das ihr nun anstaunet und nicht begreifet, wie Ich Werke verrichte, die eurer eigenen Aussage zufolge nur Gott allein möglich sind! Fürchtet ihr aber den Tempel mehr denn Gott, den ihr nicht kennt, dann bleibet ihr gleichwohl am Tempel hängen und seid darum vor Gott ein Greuel!
GEJ|1|119|5|0|Glaubet ihr aber das nicht Meinen schlichten Worten, so glaubt Mir doch um der Werke willen, die Ich vor euch verrichte zu eurem Wohle, und von denen ihr selbst saget, daß sie nur Gott allein möglich seien!“
GEJ|1|119|6|0|Sagt der Schriftgelehrte: „Wie kannst du Gott besser kennen denn wir, da du doch die Schrift nicht gelernt hast?!“
GEJ|1|119|7|0|Sage Ich: „Den toten Buchstaben kennet ihr wohl; aber darin ist Gott nicht, und so könnet ihr aus der Schrift auch Gott nicht erkennen! Denn die Schrift zeigt euch nur den Weg zu Gott, und das nur dann, so ihr unabweichbar auf diesem Wege wandelt.
GEJ|1|119|8|0|Was nützt es euch, so ihr auch den Weg nach Rom kennet, denselben aber nie betretet, um nach Rom zu kommen und dort zu schauen des Königs große Stadt?! Welcher des Weges nach Rom Kundige aber kann sagen, daß er Rom kenne darob, weil ihm der Weg dahin bekannt ist, den er aber noch nie eine Spanne lang und weit betreten hat?! Was nützt euch in gleicher Weise die Kenntnis der Schrift, die da ist ein Weg zu Gott, so ihr noch nie einen Schritt darauf gemacht habt?!
GEJ|1|119|9|0|Ich aber kenne gleich wie ihr dennoch die ganze Schrift und habe allzeit nach den in ihr enthaltenen Gesetzen Gottes gehandelt, bin dadurch in der vollsten Bekanntschaft Gottes und kann euch darum auch aus der ersten Urquelle heraus sagen, daß aus euch und euresgleichen noch nie jemand Gott erkannt hat und auf euren bösen Wegen auch nie erkennen wird; denn ihr seid allzumal Gottesleugner!
GEJ|1|119|10|0|Ihr selbst wollet nicht Gott erkennen; denen aber, die noch den rechten Weg wandeln möchten, verrammet ihr den Weg mit Tod und Verderben! Darum aber werdet ihr dereinst im andern Leben auch desto mehr Verdammnis überkommen! Denn alle, die ihr verfolgt habt und nun noch in einem fort verfolget, werden eure ewigen Richter sein!“
GEJ|1|119|11|0|Als Ich solches den Pharisäern und Schriftgelehrten verkündet habe, entsteht im Volke ein mächtiger Beifallsruf, und es will Hand an die Pharisäer und Schriftgelehrten legen. Ich aber verhindere solches und begebe Mich durch das kleine Seetor mit den Jüngern und all den Pharisäern und Schriftgelehrten hinaus ans Meer. Und da hier mehrere Schiffe in Bereitschaft stehen, so werden sie sogleich bestiegen, und wir fahren bei einem mäßigen, brauchbaren Winde schnell vom Ufer, daß uns das große Volksgemenge nicht erreichen konnte.
GEJ|1|120|1|1|Beim Zöllner Matthäus
GEJ|1|120|1|1|120. - Einkehr beim Zöllner Matthäus. Sein Umgang mit den Sündern und Pharisäern. Über Kindererziehung
GEJ|1|120|1|0|Als wir aber so weit waren, daß uns das Volk nicht mehr erschauen konnte, hieß Ich wieder ans Land fahren; denn es war schon stark um die Mittagszeit, und wir hatten im Schiffe nichts zu essen. Als wir bei gut zwei Stunden Weges von dem früheren Hause ans Land traten, so mußten wir dann eine ziemliche Strecke zurückgehen zu einem kleinen Dorf, in dem wir Mittag halten wollten.
GEJ|1|120|2|0|Vor dem Dorfe aber war ein Hauptmauthaus. Und siehe da, bei der Schranke am Zolltische saß eben jener junge Mann (er war erst 35 Jahre alt, was bei den Juden noch für jung galt), der im früheren Hause als einer der acht Brüder, die den Gichtbrüchigen hingebracht hatten, so weise Reden hielt.
GEJ|1|120|3|0|Als die Pharisäer und Schriftgelehrten seiner ansichtig wurden, sagten sie: „Da sieht es nun übel aus! Jetzt ist dieser ein römischer Zöllner! Der wird nun einen ganz erschrecklichen Zoll von uns nehmen! Was tun wir nun?“
GEJ|1|120|4|0|Sage Ich: „Lasset eure Sorge; denn sie ist hier zu nichts nütze! Ich werde hier das Beste treffen.“
GEJ|1|120|5|0|Mit diesen Worten trete Ich hin zum Zöllner und sage zu ihm: „Matthäus (das war sein Name), übergib diesen Tisch jemand anderem, und du folge Mir!“ Und sogleich stand er auf, übergab den Tisch und folgte Mir ohne alle Einrede. (Matth.9,9) Und als die vor der Schranke stehenden Jünger und Pharisäer und Schriftgelehrten fragten, was sie zahlen müßten, –
GEJ|1|120|6|0|Sagte Matthäus: „Diesmal hat der Herr für euch alle den Zoll entrichtet; denn er hat meinen Oheim gesund gemacht. Wie sollte ich nun von Ihm, dem göttlichen Meister, einen Zoll nehmen?!“
GEJ|1|120|7|0|Da ward die Schranke aufgemacht, und sie alle gingen unentgeltlich durch.
GEJ|1|120|8|0|Als wir aber dann ins Dorf kamen, so führte uns Matthäus in sein Haus, in dem alle Zöllner, die bei dieser Hauptmaut angestellt waren, und eine Menge Aufseher und andere „Sünder“ – nach dem Maße und Gerichte der Juden, Pharisäer und Schriftgelehrten – das Mittagsmahl hielten. Denn das Haus Matthäi war groß und war zugleich ein Gasthaus, in dem die Juden nur ums Geld etwas zu essen und zu trinken bekommen konnten; die Zöllner, Aufseher und „Sünder“ aber waren frei, da sie ja sämtlich Diener des Hauses waren, das den Zoll von den Römern in Pacht hatte.
GEJ|1|120|9|0|Ich ward aber sogleich von all den Zöllnern zu Tische geladen, und Meinen Jüngern und auch den Pharisäern und Schriftgelehrten ward Brot und Wein hinausgestellt in gerechter Menge; die Jünger waren dabei voll guter Dinge. (Matth.9,10) Nicht also auch die mit ihnen seienden Pharisäer und Schriftgelehrten; denen rauchte es sehr in die Nase, daß sie nicht auch zu Tische geladen wurden.
GEJ|1|120|10|0|Es begab sich aber, daß da, während Ich schon ohnehin mit einer Menge von Zöllnern und Sündern zu Tische saß, noch eine Menge Zöllner und Sünder ins Haus kamen von andern Orten her; denn das Haus Matthäi war als ein sehr wohlhabendes und gastfreundliches weit und breit bekannt, und es gab da besonders an den Sabbaten große Zusammenkünfte. Sie grüßten Mich alle überaus freundlich und sagten, eine größere Ehre könnte diesem Hause wohl nimmer widerfahren, als daß sie Mich zu Gaste unter sich hätten. Und sie vergrößerten den Tisch und nahmen alle an Meinem Tische Platz.
GEJ|1|120|11|0|Die Pharisäer und Schriftgelehrten aber drängten sich an das offene große Tor des Hauses, um Mich da zu beobachten, was Ich täte und redete. Da sie sahen, daß Ich mit den Zöllnern und Sündern überaus freundlich umging, so gerieten sie heimlich in einen großen Ärger und fragten Meine Jünger, die draußen bei ihnen waren: „Warum ißt euer Meister denn mit Zöllnern und all den offenbarsten Sündern? Ist er denn heimlich etwa auch ihresgleichen einer?“ (Matth.9,11)
GEJ|1|120|12|0|Da Ich aber solche Frage vernahm, wandte Ich Mich am Tische zu ihnen hinaus und sagte ganz kurz und heitern Mutes: „Die Starken und Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken nur! (Matth.9,12) Gehet aber hin und lernet, was das heißt:
GEJ|1|120|13|0|,Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Opfer!‘
GEJ|1|120|14|0|Ich bin gekommen, die Sünder zur Buße zu rufen – und nicht die Frommen, die der Buße nicht bedürfen!“ (Matth.9,13)
GEJ|1|120|15|0|Diese Worte verstanden die Pharisäer und Schriftgelehrten zu ihren Gunsten und sagten darauf nichts Weiteres; denn sie fühlten sich dadurch geschmeichelt.
GEJ|1|120|16|0|Ich aber unterhielt dann die Gesellschaft mit allerlei Gleichnissen, durch die das menschliche Leben in seinen Schwächen und in der aus solchen Schwächen nur zu oft hervorgehenden Verworfenheit desselben so recht handgreiflich dargestellt ward. So gab Ich ihnen auch sehr kräftige Grundrisse von der wahren Zucht der Kinder und zeigte ihnen, wie eine schlechte Kinderzucht mit der Zeit alle erdenklichen Übel zur Folge haben muß, geistig und leiblich.
GEJ|1|120|17|0|Also lehrte Ich die Gesellschaft, warum der Mensch von Gott erschaffen ward, und wie er als ein freies Wesen aus sich selbst freitätig der Absicht Gottes Genüge leisten solle, um dadurch zu werden ein vollkommenes, unverwüstbares geistiges Wesen.
GEJ|1|121|1|1|121. - Der Pharisäer Gespräch über Joseph, Maria und Jesus. Johannes Wink an die Pharisäer
GEJ|1|121|1|0|Daß solche Belehrungen von der Gesellschaft, obschon nicht von allen verstanden, sehr gut und dankbar aufgenommen wurden, läßt sich sicher wohl begreifen. Selbst die Pharisäer und Schriftgelehrten erstaunten da sehr über Meine Weisheit und fragten sich untereinander, woher Mir solche Weisheit käme. Denn sie kannten Mich, den Joseph und die Maria und alle Kinder Josephs, und sagten auch zu den Jüngern: „Es ist wahrlich unbegreiflich! Sein Vater war wohl als Handwerksmann ein recht tüchtiger Mensch in seiner Sphäre, ein überaus treuer, billiger und ehrlicher Mann, dabei ein strenger Jude, der sich Moses und die Propheten, insoweit er sie kannte, ganz vollernstlich angelegen sein ließ, aber von irgend einer besonderen Weisheit war bei ihm nie etwas zu verspüren, und seine andern vier eigentlichen Söhne, die schon zu öfteren Malen bei uns in der Arbeit waren, sind von jeder Spur irgendeiner Weisheit so weit entfernt als Sonne, Mond und Sterne von der Erde.
GEJ|1|121|2|0|Die gute Mutter Maria selbst, ein noch immer sehr hübsches, fleißiges und sehr tugendsames Weibchen, dem sicher kein Mensch etwas Untugendhaftes nachreden kann, ist zwar als Mägdlein, so wir recht unterrichtet sind, im Tempel erzogen worden; aber diese Erziehung kennen wir und wissen nur zu gut, wieviel Weisheit da besonders für Mädchen herausschaut. Und so kann er von seiner Mutter auch sehr wenig von der Weisheit eingesogen haben! In irgend einer Schule war er unseres Wissens auch nicht!“
GEJ|1|121|3|0|„Im Gegenteil“, sagte ein mit Joseph wohlbekannter Schriftgelehrter, „Joseph hat mir mehr denn einmal die Not mit seinem Knaben Jesus geklagt und gesagt: ,Ich weiß nicht, was ich mit diesem Knaben machen soll! Seine sehr sonderbar gewesen sein sollende Geburt, die mit derselben wenigstens sehr verflochten zu sein scheinenden Erscheinungen, aus denen man hätte erwarten sollen, daß das göttliche Wesen Selbst durch so ein Kind auf der Erde Sich manifestieren sollte, für das sogar mehrere, sicher außergewöhnliche Erscheinungen aus dessen frühester Kindheit nur zu deutlich sprachen, sowie dessen manchmal an eine hohe Weisheit grenzenden Reden haben mich mit den wahrhaft höchsten Erwartungen erfüllt und das um so mehr, da ich in der geradesten Linie von David abstamme. Aber gerade wo nun die Zeit da ist, in der der Knabe was lernen sollte, ist mit ihm nichts mehr auszurichten; von etwas lernen ist gar keine Rede. Gebe ich ihn auch zu einem Lehrer, so richtet er nichts mit ihm aus; der Knabe weiß und versteht alles besser, und will ihn ein Lehrer mit Strenge behandeln, so ist es dann schon gar aus!
GEJ|1|121|4|0|Was ihm noch aus seiner frühesten Jugend geblieben, ist eine unbegreifliche allerunbeugsamste Willenskraft, mit der er, so es ihm nötig dünkt, offenbarste Wunder leistet; aber eben vermöge solcher seiner Eigenschaft ist mit ihm, was das Lernen betrifft, nichts zu machen. Er ist sonst fromm, willig, gehorsam und sehr gesittet, artig, sanft und bescheiden wie seine Mutter; aber nur mit dem Lernen darf man ihm nicht kommen!‘
GEJ|1|121|5|0|Sehet, das hat mir der alte Joseph nicht einmal, sondern öfter geklagt, und es ist daher um so sicherer, daß er außer dem Zimmermannshandwerk in seinem Leben nichts anderes, weder Lesen und noch weniger Schreiben gelernt hat; und somit ist die Frage, woher ihm eine solche Weisheit kommt, sehr zu entschuldigen.“ (Siehe „Jugend Jesu“)
GEJ|1|121|6|0|Sagt Johannes, der Evangelist: „Freunde, ich weiß es wohl und bin darin vollkommen zu Hause; aber es ist nun noch lange nicht an der Zeit, euch solches kundzutun. Es wird aber die Zeit schon kommen, wo ihr es aus Seinem Munde vernehmen werdet! Vordem aber genügen euch Seine Taten und Seine Weisheit.“ – Die Pharisäer und Schriftgelehrten drangen zwar in den Johannes, daß er ihnen davon nur einige Winke geben sollte, aber Johannes ließ sich dazu nicht bewegen. Es begaben sich aber nun mehrere Zollamtleute und die Aufseher, da sie ihr Mittagsmahl eingenommen hatten, zu ihrem Geschäfte, und es ward Platz am großen Tische.
GEJ|1|122|1|1|122. - Über die zwei Matthäusse, den Zollherrn und den Amtsschreiber. Die Jünger des Täufers Johannes und die Jünger Jesu
GEJ|1|122|1|0|Und der junge Hausherr Matthäus, der Zöllner (der nicht zu verwechseln ist mit dem Matthäus, der nur ein Amtsschreiber war, – daher denn in der Schrift auch der Beisatz „Zöllner“ vorkommt, so von ihm die Rede ist), berief Meine Jünger, die Pharisäer und Schriftgelehrten hinein, und sie gingen und setzten sich und aßen und tranken recht wacker darauf los. Nur Judas hielt sich diesmal sehr mäßig; denn er fürchtete eine starke Zeche, und vom Zahlen war er, wie nur zu bekannt, kein großer Freund.
GEJ|1|122|2|0|Als wir so recht guten Mutes beisammen waren und die Pharisäer und Schriftgelehrten sich auch mit den Zöllnern und sogenannten Sündern mehr und mehr zurechtgefunden hatten, da kommt eine Küchenmagd zum Hausherrn und sagt: „Was werden wir nun machen? Jetzt sind die Fischer erst gekommen, haben Fische gebracht und wollen was zu essen und zu trinken haben; da wir aber heute zufällig so viele fremde Gäste bekommen haben, die nahe unsern heutigen Vorrat aufgezehrt haben, so wissen wir nun in der Küche nicht, was wir machen sollen.“ Sagt Matthäus der Zöllner: „Wie viele sind ihrer?“ Sagt die Magd: „Es werden ihrer wohl bei zwanzig sein.“ Sagt Matthäus der Zöllner: „So laß sie hereinkommen, hier ist noch Vorrat in Menge!“
GEJ|1|122|3|0|Die Magd geht und sagt das den Fischern, und diese begeben sich in das große Gastzimmer und setzen sich sogleich an einen kleinen Tisch, von dem auch die Mittagsgäste schon aufgestanden sind.
GEJ|1|122|4|0|Als die Fischer aber den Petrus und mehrere ihrer früheren Geschäftsgenossen erkennen, so begrüßen sie sich gegenseitig, und die Fischer, etwas mürrisch, weil es auf ihrem Tische etwas magerer aussieht als auf unserem, sagen sogleich zu Petrus: „Für uns tut es sich ja; denn wir sind noch echte getreue Jünger Johannis, und unser Gesetz ist Fasten. Ihr aber, als neue Jünger Jesu, könnet essen nach Lust, wie wir sehen; denn vom Fasten scheint bei euch keine Rede mehr zu sein!“ (Matth.9,14)
GEJ|1|122|5|0|Sagt Petrus: „Johannes fastete um das, was wir haben, und wir fasteten mit ihm nach seiner Lehre und strengen Predigt. Johannes verkündete Den, bei Dem wir sind, und zeugte von Ihm. Als Dieser aber kam und von Johannes sogar die Wassertaufe nahm, da traute Johannes seinen Sinnen nicht völlig und also auch ihr nicht. Denn während Johannes vom Geiste getrieben über Jesus zeugte und, als Dieser Sich ihm nahte, zu uns sagte: ,Sehet, Der da kommt, Dieser ist es, von Dem ich zu euch geredet habe, daß Er nach mir kommen werde, Dem ich nicht würdig bin, aufzulösen die Riemen Seiner Schuhe!‘, zweifelte er aber dennoch heimlich bei sich, gleichwie ihr, und zweifelt zur Stunde noch. Darum fastet er noch immer, und ihr fastet auch; bei uns Gläubigen aber hat das Fasten ein Ende! Daß ihr noch fastet, da ist die Schuld nur an euch! Es ist auch recht also; denn gleichwie der Blinde seine Sehe nicht sättigen kann mit dem Lichte und dessen Farben, also wird auch der im Herzen Blinde nicht sättigen können weder sein Herz noch seinen Magen. Versteht ihr das?
GEJ|1|122|6|0|Hätte Johannes geglaubt, so wäre er dem Lamme gefolgt, Das nach seines Geistes Zeugnis die Sünden der Welt hinwegnimmt. Aber weil seine Seele selbst zweifelte an Dem, von Dem sein Geist in ihr und durch sie zeugte, so blieb er in der Wüste zurück, bis ihn Herodes festnahm, wie wir's vernommen haben.
GEJ|1|122|7|0|Warum folgte er Ihm denn nicht, da er doch zu uns durch den Geist sagte: ,Diesen sollet ihr hören!‘? Warum wollte denn er Ihn nicht hören?! Warum folgte er Ihm nicht sogleich, da er doch zuvor sein ganzes Leben Dieses wegen, Der gekommen ist, so strenge übte und führte?! Wir wissen nicht, daß Dieser, Dem wir folgten, ihm je verboten hat, Ihm zu folgen. Saget mir daher nur einen haltbaren Grund, warum Johannes Jesu nicht sogleich gefolgt ist!“
GEJ|1|122|8|0|Hier stutzen die Jünger des Johannes und wissen nicht, was sie dem Petrus entgegnen sollen. Nur einer aus ihnen sagte, daß die Nachricht falsch sei, daß Johannes vom Herodes festgenommen worden wäre; Herodes hätte ihn nur in seine Residenz nach Jerusalem berufen, um dort von ihm alles zu erfahren über den kommenden Gesalbten Jehovas. Herodes achte Johannes zu sehr, als daß er ihn gäbe in ein Gefängnis.
GEJ|1|122|9|0|Petrus aber sagte etwas drollig: „Wenn's noch nicht in der Fülle geschehen sein sollte, so wird es doch sicher sehr bald geschehen! Denn Herodes ist ein schlauer Fuchs, und ihm ist so wenig zu trauen wie einer Schlange.“
GEJ|1|123|1|1|123. - Johannes des Täufers Zeugnis vom Herrn. Gleichnis vom Bräutigam, den Brautleuten und der Braut
GEJ|1|123|1|0|Nach dem Gespräch essen die Jünger Johannis wieder fort, und wir essen auch. Nur etliche der hier mit anwesenden Pharisäer fasteten ganz und wollten nicht essen, als nach dem Untergange der Sonne; denn ein ungesäuertes Brot, das man hier bei den Griechen nicht hatte, bekamen sie nicht, und so fasteten sie, während ihre mehreren Kollegen und Schriftgelehrten sich's recht wohl schmecken ließen.
GEJ|1|123|2|0|Nach einer Weile, als der Wein die Jünger Johannis etwas gesprächiger und mutiger gemacht hatte, erhob sich einer aus ihrer Mitte und wollte von Mir Selbst den Grund erfahren, warum sie als Jünger Johannis so viel und strenge fasten müßten, und warum Ich und Meine Jünger nicht, und fragte Mich also: „Herr und Meister! Warum fasten denn wir wie auch die Pharisäer so viel, und Deine Jünger fasten nicht?“
GEJ|1|123|3|0|Und Ich sagte zu ihm: „Freund, du warst bei Johannes, als man ihm von Mir die Nachricht hinterbrachte, daß Ich die Menschen taufte, und daß Mir viele nachfolgten! Sage es laut vor allen hier: was antwortete Johannes?“ Sagt der Jünger Johannis: „Da sprach und antwortete Johannes: ,Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel. Ihr seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe, ich sei nicht Christus, sondern nur vor Ihm hergesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme! Solche meine Freude ist nun erfüllt! Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen! Der von oben herabkommt, ist über alle; wer aber von dieser Erde ist, der ist nur von dieser Erde und redet von nichts denn von dieser Erde. Nur Der vom Himmel kommt, ist über alle!‘
GEJ|1|123|4|0|Und Johannes hielt da inne und zählte auf, was er alles gesehen hatte, und wie er von Ihm gezeugt habe, bedauerte aber am Ende tief seufzend, wie sein Zeugnis, das doch so wahr sei, doch niemand annehmen wolle! Wer es aber dennoch annehme, der versiegle in sich die große Wahrhaftigkeit Gottes aus Furcht vor der Welt.
GEJ|1|123|5|0|So er es auch wisse, daß Der, Den ohne allen Zweifel nur Gott allein gesandt hatte, auch nur das reine Wort Gottes redet, so getraue er sich das doch nicht vor der Welt zu bekennen, weil er die Feindin Gottes, die arge Welt, mehr fürchte denn Gott, seines elenden Leibes wegen, der auch Welt ist und der Welt huldigt! Was nütze es aber, zu kennen in sich das rechte Maß Gottes, so man am Maße der Welt klebt?! Gott aber gebe niemandem Seinen Geist nach dem Maße der Welt, und so seien die verworfen, die den Geist Gottes wohl erkannt haben, aber dennoch am Maße der Welt kleben und haben das ewige Leben nicht in sich!
GEJ|1|123|6|0|,Nur‘, sagt Johannes weiter, ,wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben in sich; denn der Sohn Selbst ist das Leben des Vaters! Wer aber an den Sohn nicht glaubt, der hat auch das ewige Leben nicht, und der alte Zorn Gottes bleibt über ihm!‘
GEJ|1|123|7|0|Sieh, das hat Johannes damals geredet; aber bis zur Stunde hatte von uns keiner den Sinn solcher seiner Rede fassen können in der Fülle! Soviel faßten wir wohl, daß er Dich gemeint hat; aber wie solches alles zusammenhängt, wie hätten wir das fassen und in aller Fülle verstehen sollen?!“
GEJ|1|123|8|0|Sage Ich: „Nun, so ihr solches von Johannes vernommen habt über Mich, da müsset ihr doch wissen, daß Ich der Bräutigam bin, den Johannes gemeint hat! Bin Ich aber derselbige Bräutigam, so werden diese hier doch Meine Hochzeitsgäste sein!?“
GEJ|1|123|9|0|Sagt der Jünger Johannis: „Wo ist denn hernach die schöne himmlische Braut? Wie bist Du denn ein Bräutigam ohne Braut?!“
GEJ|1|123|10|0|Sage Ich: „Diese Meine Hochzeitsgäste sind in einem auch Meine Braut. Denn die Mein Wort hören, dasselbe in ihrem Herzen bewahren und danach tun, sind wahrhaft Meine Braut, wie sie auch Meine Hochzeitsgäste sind! Wie können und sollen aber die Hochzeitsgäste ein Leid tragen unter sich, solange der Bräutigam bei ihnen Ist?! Wann aber die Zeit kommen wird, daß der Bräutigam von ihnen genommen wird, alsdann werden sie auch fasten!“ (Matth.9,15)
GEJ|1|123|11|0|Darob verwundern sich die Jünger Johannis sehr und sind darob etwas ärgerlich; denn sie meinten, weil Ich diese Worte mit einer etwas lächelnden Miene zu ihnen geredet habe, daß Ich sie gestichelt hätte. Und der eine Jünger Johannis sagte dann auch, etwas stichlich sein wollend: „Merkwürdig! Aus Johannes redete Gottes Geist, und aus Dir sollte auch derselbe Geist um so mehr reden, weil Dir das Zeugnis Johannis gälte! Aber es ist sonderbar, daß derselbe göttliche Geist durch Moses, all die Propheten und endlich durch Johannes stets gleich ein strenges Büßerleben den armseligen Menschen dieser Erde verkündete und dessen strengste Haltung und Beachtung forderte; Du aber scheinst wenigstens tatsächlich ganz das Gegenteil von all dem zu sein und zu lehren! Wer nach Moses nur das Haus eines Sünders betrat, ward unrein und mußte sich reinigen; wer am Sabbat eine Magd berührte oder an einem andern Tage ein Weib, das ihre Zeit hatte, mußte sich reinigen lassen und dergleichen noch viel Strengeres mehr! Du aber scheinst samt Deinen Jüngern den Sabbat wie das Reinhalten der Person gar nicht mehr zu berücksichtigen! Wie ist dann Deine Lehre eine göttliche, wie sie war aus dem Munde der Propheten?!“
GEJ|1|124|1|1|124. - Das Gleichnis vom neuen und alten Gewand, vom neuen Most und alten Schläuchen
GEJ|1|124|1|0|Sage Ich: „Meine Lehre ist wie ein neues Gewand; eure aber ist das alte, voll Risse und Schäden, darum ihr denn auch heute als am Sabbat trotz Moses und Johannes recht wohl habet Fische fangen können! Meine Lehre ist sonach eine neue, und man kann von ihr nicht ein Stück nehmen und euer altes, rissevolles Gewand damit ausstopfen. Und täte man das, so würde man damit noch größere Risse zuwege bringen, als sie früher waren; denn der neue Lappen reißt doch wieder vom alten, morschen Kleide und macht den Schaden größer. (Matth.9,16)
GEJ|1|124|2|0|Also ist Meine Lehre auch wie ein neuer Most, den man nicht in alte Schläuche gibt, auf daß sie zerrissen werden und der Most verschüttet wird; sondern man gibt den Most in neue, feste Schläuche, und so werden erhalten beide, Most und Schlauch. Versteht ihr das?“ (Matth.9,17)
GEJ|1|124|3|0|Sagen die Jünger Johannis: „Es läßt sich das wohl hören, aber nicht so leicht völlig verstehen, was Du damit sagen wolltest; daher könntest Du Dich wohl etwas faßlicher ausdrücken!?“
GEJ|1|124|4|0|Sage Ich: „Ob Ich Mich noch faßlicher ausdrücken könnte oder wollte?! Ja, ja, Ich könnte es wohl, so Ich's wollte! Aber hier will Ich nicht faßlicher sein, und darum sage Ich euch auch darüber nichts Weiteres mehr, als das bloß, daß ihr alte, verrissene Kleider und alte, morsche Schläuche seid, die für Meine Lehre nicht mehr taugen! Diese brächte euch ja um euer süßes Erdenleben, was doch euer höchstes Gut ist, und auf dessen Verbesserung ihr alles aufbietet und sogar am Sabbate schwere Fischzüge machet, um nur eurem irdischen Leben eine bessere und sorglosere Existenz zu verschaffen und möglicherweise ein bißchen Herrlichkeit daneben! Die Armen aber sehet ihr nicht, die Kranken nicht, und die Bresthaften auch nicht, auch die Hungrigen nicht, und die Durstigen nicht!
GEJ|1|124|5|0|Es ist ja also, daß derjenige, der mit einem vollen Bauche herumgeht, nicht im geringsten verspürt, wie es den Armen vor Hunger schmerzt und brennt im Magen! So auch verspüret ihr, die ihr gut bekleidet seid, so da der Winter kommt, nichts von der Kälte; denn ihr habt ja Mittel in großer Menge, euch den Winter angenehmer als den heißen Sommer zu machen. Und so euch ein Halbnackter unterkommt, bebend vor Frost, und klagt euch seine Not und bittet euch um ein erwärmendes Gewand, so ärgert euch das, und ihr gebet ihm scheele Worte und sagte: ,Gehe hinweg, du fauler Mensch! Hättest du gearbeitet im Sommer, so dürftest du im Winter nicht Not leiden! Zudem ist es auch nicht so kalt, und man muß als Bettler nicht gar so weichlich und empfindlich sein!‘
GEJ|1|124|6|0|Aber der Bettler sagt: ,Herr, ich habe den ganzen Sommer und Herbst gearbeitet, aber meiner schweren Arbeit Lohn war nicht der tausendste Teil von dem, was mein Herr gewann aus meiner Arbeit; daher kann mein Arbeitsherr wohl im Winter warm bekleidet einhergehen, wir aber, seine schlecht bezahlten Arbeiter, die wir den geringen Lohn schon im Sommer gar leicht verzehren konnten, leiden nun im Winter, – nicht, als hätten wir im Sommer nicht gearbeitet, sondern nur, weil wir einen zu geringen Lohn hatten. Der Gewinn der Herren ist unsere Not!‘
GEJ|1|124|7|0|Sehet, das ist die Sprache des Bettlers, abgesehen von dem, daß es mitunter wohl auch hie und da unter den vielen Bettlern einige Sünder gibt, die ihre Armut verdient haben!“
GEJ|1|124|8|0|Sagen die Jünger Johannis: „Ah, da redest Du zu viel! Also ist es nicht! Ein treuer und rechtschaffener Arbeiter hat noch nie Not gehabt, über seine Dienstgeber zu klagen! Wer arbeiten will, bekommt Winter und Sommer Arbeit, Verdienst und Nahrung und Kleidung! Daß man aber dem Faulen die Tür weist, finden wir alle ganz in der Ordnung.“
GEJ|1|124|9|0|Sage Ich: „Ihr ja, das weiß Ich nur zu gut! Aber Ich nicht, das sage Ich euch! Das Warum sollet ihr sogleich vernehmen! – Saget Mir: Wer hat das Meer und die vielen guten Fische im selben erschaffen?“
GEJ|1|124|10|0|Sagen die Jünger Johannis: „Nun, ist das eine Frage! Wer sonst als Gott allein könnte das wohl?!“ – Sage Ich: „Nun gut, saget Mir, ob ihr von Gott aus Urkunden im Besitze habt, denen zufolge ihr allein das Recht habt, die guten und teuren Fische aus dem Meere zu fangen, sie ums teure Geld zu verkaufen, dann den ganzen Gewinn in eure Säcke zu stecken und kaum den tausendsten Teil euren fleißigen Knechten zukommen zu lassen, die doch allein die schwere Arbeit oft mit vieler Lebensgefahr verrichtet haben!“
GEJ|1|124|11|0|Sagen die Jünger Johannis: „Das ist schon wieder eine lächerlich dumme Frage! Wo ist denn auf der Erde jemand, der sich mit einer Besitzesurkunde von Gott ausweisen könnte?! Dafür hat Gott das Staatsoberhaupt gestellt, und dieses stellt an Gottes Statt die Besitzurkunden aus; wer vom Staate aus als Besitzer angesehen ist, der ist das auch Rechtens vor Gott. Zudem muß jeder rechtmäßige Besitzer für sein teuer erkauftes Recht dazu noch alljährlich allerlei Zehnt und andere Steuern dem Staate entrichten und ist daher doppelt berechtigt, von seinem Besitze den notwendigen Gewinn zu ziehen!“
GEJ|1|124|12|0|Sage Ich: „Ja, ja, also ist es wohl auf der Erde, aber nicht von Gott aus, sondern von den selbst- und herrschsüchtigen Menschen aus! Diese haben sich solche Gesetze und eine solche Ordnung geschaffen. Aber im Anfange der Welt war es nicht also; da war lange hin die ganze Erde ein Gemeingut der Menschen!
GEJ|1|124|13|0|Als aber aus den Menschen die Kinder Kains einen Teil der Erde in einen festen und erbbaren Besitz genommen hatten und dafür gemacht Gesetze und eine selbst- und herrschsüchtige Ordnung, da dauerte es dann aber auch keine tausend Jahre mehr!
GEJ|1|124|14|0|Gott ließ es geschehen, daß die Sündflut kam und ersäufte sie alle bis auf wenige, die erhalten wurden. Und so wird es auch wieder werden!
GEJ|1|124|15|0|Gott ist zwar sehr langmütig und von großer Geduld, aber Er wird eures Treibens bald müde werden; und dann habet acht, wer nach euch Besitzer der Erde wird!
GEJ|1|124|16|0|Daß ihr aber also redet, ist ein nur zu klarer Beweis, daß euer Glaube und eure Rechtslehre ein altes, zerrissenes Kleid ist, das keinen neuen Fleck vertragen kann, und ist auch wie ein alter Schlauch, in den man keinen Most mehr geben kann! Denn ihr seid alle und allzumal arge und selbstsüchtige Menschen! Versteht ihr Mich nun?!“ –
GEJ|1|125|1|1|125. Der Herr bespricht sich mit den Johannesjüngern über die Essäer. Das Haus des Zöllners Matthäus als Beispiel der Menschenfreundlichkeit. Des Herrn Zeugnis von Johannes dem Täufer
GEJ|1|125|1|0|Sagen die Jünger Johannis: „Tun wir denn unrecht, so wir nach der Lehre Johannis leben? Johannes war doch sicher ein strenger Prediger, aber solche Lehre hat er uns nicht gegeben!
GEJ|1|125|2|0|Siehe, der Orden der Essäer, den wir kennen, ist auch strenge, und Wahrhaftigkeit ist unter ihnen das erste Gesetz; aber was nützt ihnen alle ihre Wahrhaftigkeit und was ihre sonstigen strengen Regeln?! Wer achtet sie?! Sie gelten weder bei den Griechen noch bei uns Juden etwas, nur unter den Römern sollen sie einige wenige Anhänger haben. Möge ihre Lehre, nach der sie leben, an und für sich noch so gut und rein sein, so ist sie wohl für wenige Menschen, die sich von aller Welt zurückgezogen haben, sicher ganz vortrefflich, aber für die gesamte Menschheit völlig untauglich!
GEJ|1|125|3|0|Was nützen uns alle noch so schönen und kräftigen Worte für die Sache des allgemeinen Brudersinnes?!
GEJ|1|125|4|0|Sieh, dies Haus ist ein großes Haus, ist ein gastfreundliches Haus und ist ein Haus, das in der schönen Sache des Brudersinnes seinesgleichen sucht; kannst Du es ihm aber vernünftigermaßen zumuten, daß es stets bereit sein solle, alle Menschen, die doch sicher unsere Brüder sind, aufzunehmen und zu versorgen?! Wenn es dazu auch den besten Sinn und den besten Willen hätte, so fehlt es ihm doch sicher an den dazu erforderlichen Mitteln, wie am Raume, an Eßwaren und an dergleichen mehr.
GEJ|1|125|5|0|Wenn ferner ein paar arme Menschen sich zur größten Not irgendeine Hütte erbaut und für den Winter einen sehr spärlichen Mundvorrat gesammelt haben, mit dem sie selbst nur mit der genauesten Not auslangen können bis dahin, daß die Erde wieder Früchte zu tragen beginnt, und es kommen nun aber zehn Menschen zu ihnen, das heißt zu den zweien, die selbst kaum Raum zur Genüge haben in ihrer Hütte, und diese zehn verlangen Einlaß, Herberge und Verpflegung, sage: kann irgend eine Lehre diesen zweien gebieten oder auch nur raten und sagen, daß es gut und segenvoll sei, dem Begehren der zehn Angekommenen zu willfahren und sich selbst dadurch bis zum letzten Lebenstropfen zugrunde zu richten?!“
GEJ|1|125|6|0|Sage Ich: „Ein jeglicher Vogel singt und zwitschert, wie ihm der Schnabel gegeben ist, und ihr redet nach eurem Weltverstande und könnet nicht anders reden, weil ihr's nicht anders verstehet! Und das ist aber auch schon alles, was Ich euch darauf antworten kann. Denn würde Ich euch schon auch etwas Höheres und völlig Wahres aus den Himmeln sagen, so würdet ihr Mich dennoch nicht verstehen; denn euren harten Herzen fehlt dazu der Verstand!
GEJ|1|125|7|0|Ihr Toren! Wer läßt denn die Früchte wachsen und reif werden auf der Erde! Wer erhält sie selbst und gibt ihr fortwährend die Kraft dazu?! Glaubt ihr denn, Gott kann oder will nichts vergelten dem, der sich selbstverleugnend seinen dürftigen Brüdern opfert? Oder meinet ihr, daß Gott ungerecht ist und von den Menschen das Unmögliche verlangt?!
GEJ|1|125|8|0|Aber Ich meine, ein wahrhaft redlich guter Wille und der sehnsüchtige Wunsch, womöglich dem armen Bruder Gutes zu tun, ist jedermann gar wohl möglich!
GEJ|1|125|9|0|So ein jeder mit dem durch und durch beseelt wäre, da würde es auf der Erde auch keine so ärmliche Hütte mehr geben, die nur von zwei Menschen bewohnt werden kann.
GEJ|1|125|10|0|Sehet, dies Haus Meines Freundes Matthäus hat heute viele Menschen gesättigt und gab seinen ganzen Vorrat aus wahrem, guten Herzen her, und so ihr es nicht glaubet, da gehet hinaus in die Speisekammer und gehet auf den Kornboden, und ihr werdet keinen Vorrat finden! Hier aber steht der Hausherr; fraget ihn, ob Ich die Unwahrheit rede!“
GEJ|1|125|11|0|Matthäus bestätigt vollkommen Meine Aussage und spricht: „Herr, es ist heute leider also, und ich weiß nicht, woher ich für morgen die Gäste versorgen werde. Aber es ging mir schon oftmals so, und ich vertraute auf Gott, – und sieh, es kam doch wieder in Fülle, daß ich die Gäste gar wohl versorgen konnte!“
GEJ|1|125|12|0|„Sehet“, sage Ich darauf, „so denkt und handelt ein rechter Mensch auf dieser Welt und beklagt sich nicht, daß ihn je Gott verlassen hätte! Und also ist es auch allzeit gewesen und wird ewig also sein!
GEJ|1|125|13|0|Der auf Gott vertraut, dem traut auch Gott und verläßt ihn nicht und läßt ihn nicht zuschanden werden! Aber jene, die, wie ihr, wohl an Gott glauben, daß Er einer ist, aber sie trauen Ihm nicht völlig, weil ihnen ihr eigenes Herz sagt, daß sie einer Gotteshilfe unwert sind, diesen hilft Gott auch nicht; denn sie haben ja kein Vertrauen auf Gott, sondern allein auf ihre eigenen Kräfte und Mittel, die sie für förmlich heilig und unverletzlich halten und sagen: ,Mensch, willst du, daß dir geholfen sei, so hilf dir selbst; denn ein jeglicher Mensch ist sich selbst der Nächste und sorgt zuerst für sich!‘ Und bis er sich versorgt hat, geht der Hilfsbedürftige zugrunde!
GEJ|1|125|14|0|Aber Ich sage: So ihr zunächst für euch sorgt, so seid ihr von Gott verlassen und ledig Seines Segens und Seiner sonst so über alles sichern Hilfe! Denn Gott hat die Menschen nicht aus Selbstsucht, sondern aus purer Liebe erschaffen, und so sollen die Menschen der Liebe, die ihnen das Dasein gab, in allem völlig entsprechen!
GEJ|1|125|15|0|So ihr aber ohne Liebe und Vertrauen auf Gott lebt und handelt, da verkehrt ihr das Himmlische in euch freiwillig in Höllisches, wendet euch von Gott ab und werdet zu Dienern der Hölle, die euch dann am Ende auch den verdienten Lohn nicht vorenthalten wird, der da heißt der Tod im Zorne Gottes!
GEJ|1|125|16|0|Ihr sagtet auch, daß die Essäer, die nach des Pythagoras Schule leben, wegen ihrer reinen Philanthropie von niemandem wohl gelitten werden, außer von einigen wenigen Römern.
GEJ|1|125|17|0|Auch Ich achte sie nicht, da sie die Unsterblichkeit der Seele nicht anerkennen; aber dennoch ist der Schlechteste unter ihnen besser als der Beste unter euch!
GEJ|1|125|18|0|Ich sage euch nun offen: Unter allen, die seit dem Beginn der Welt aus Weibern sind geboren worden, ist nie ein Größerer hervorgegangen denn Johannes; aber wer von nun an der Kleinste sein wird unter Meinen Jüngern im wahren Gottesreiche, der wird größer sein um vieles denn Johannes, den ihr euren Meister nennt, ihn aber noch nie verstanden habt! Denn er zeigte euch den Weg zu Mir und ebnete den Weg vor und zu Mir, aber die Welt in euch hat eure Herzen verblendet; darum auch möget ihr Mich nicht erkennen, ob ihr euch auch schon bei Mir befindet!
GEJ|1|125|19|0|Gehet denn hin und sorget für eure Welt, für eure Weiber und Kinder, auf daß sie ja nicht nackt herumwandeln dürfen und kein Hunger und Durst je ihren Bauch beschleiche; es soll sich aber jedoch in Kürze zeigen, was für Gutes ihr ihnen dadurch verschafft habt! Das sage Ich euch, daß Gott für sie nicht sorgen wird! Und Ich kann euch das mit dem vollsten Rechte und in der tiefsten Wahrheit sagen:
GEJ|1|125|20|0|Wer immer da hat ein Vermögen und einen Besitz und hat ein Gewerbe, das ihm vielen Gewinn verschaffen kann, spart aber den Gewinn für sich und seine Kinder und schaut mit bittergesinnten Augen und Herzen herab auf die armen Brüder und scheut sich vor den armen Kindern, die aus Mangel an allen irdischen Besitztümern Hunger, Durst und Kälte leiden, und schafft sie von sich, so sie zu ihm kommen und ihn bitten um ein Almosen, und wer da sagt zu einem Bruder: ,Komme in einigen Tagen oder Wochen zu mir, und ich werde dir da tun dies und jenes!‘, so aber dann der hoffende und darauf rechnende Bruder kommt und erinnert den Verheißer, daß er nun da sei, darum er bestellt ward, und der Verheißer entschuldigt sich, daß er auch nun nichts zu tun imstande sei, hat aber geheim doch das Vermögen dazu, wahrlich, wahrlich, sage Ich euch: der ist ein Feind Gottes! Denn wie will er Gott lieben, Den er nicht sieht, da er doch seinen Bruder nicht liebt, den er sieht vor sich und kennt dessen Not!?
GEJ|1|125|21|0|Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Wer seinen Bruder in der Not verläßt, der verläßt in einem – Gott und Himmel! Und Gott wird ihn verlassen, ehe er sich's versehen wird!
GEJ|1|125|22|0|Wer aber seine armen Brüder nicht verläßt, auch dann nicht, so ihn Gott in eine Prüfung zöge, der soll aber denn auch gesegnet werden, ehe er sich's versehen wird, reichlicher zeitlich und ewig, als nun unseres Gastfreundes Speise- und Kornkammern gesegnet worden sind!“
GEJ|1|125|23|0|Sagen die Jünger Johannis: „Das glauben wir recht gerne! Denn diese sind völlig leer!“
GEJ|1|126|1|1|126. - Ein Wein- und Speisewunder. Von der Treue und Unveränderlichkeit Gottes und von Seinem Segen
GEJ|1|126|1|0|Da kommt die Küchenmagd ganz außer Atem und sagt zum Matthäus: „Herr, Herr, komme und schaue! Soeben kamen eine Menge junger Männer und brachten allerlei Mundvorräte in solcher Menge, daß wir es in einem Jahre kaum verzehren werden! Und alles sieht so frisch und gut aus! Auch die Kornkammern sind von oben bis unten angefüllt, und die Schläuche im Keller sind voll des besten Weines! Herr, Herr, woher kam denn nun heute am Sabbate der Juden das alles?“
GEJ|1|126|2|0|Matthäus und alle im Zimmer sind ganz wie von Sinnen über diese Kunde, und die Jünger Johannis, von denen sich ein paar früher völlig überzeugt hatten, daß die Speisekammern leer waren, fragten sogleich den Matthäus, ob er irgend dergleichen Alimente (Nahrungsmittel) bestellt habe.
GEJ|1|126|3|0|Sagt Matthäus: „Ich nicht; denn da müßte natürlich ich ja vor allem davon etwas wissen. Und mein Weib auch nicht; denn diese ließ mir früher eben durch diese Magd sagen, daß unser geringer Vorrat so gut wie vollends aufgezehrt sei. Denn ich habe außer einem Garten und einigen gepachteten Äckern keinen Grund zum Anbau von Früchten in großer Menge und hätte zu diesem Geschäfte auch wenig Zeit, da ich fürs erste mit dem Zoll viel zu tun habe und daneben fürs zweite hier in diesem meinem Gasthause für die Bewirtung der Gäste sorgen muß. Ich habe daher gewöhnlich von Woche zu Woche dies mein Gasthaus mit Mundvorrat versehen und ließ mir diesen zumeist ums Geld von Kapernaum bringen, und mit Fischen habt ihr mich zumeist versehen; Wein und Getreide aber kaufte ich zumeist von meinen bisherigen Glaubensgenossen, den Griechen. Das ist in Kürze die Art und Weise, wie ich bisher mein Haus versah mit dem Nötigen; aber von dieser Bestellung weiß ich und mein Haus keine Silbe!
GEJ|1|126|4|0|Es müßte denn sein, daß solches mir ein unbekannter großer Freund getan hätte, ansonst ist und bleibt es ein offenbares Wunder! Wo aber und wer dieser Freund ist, das natürlich weiß ich so wenig als ihr. Ich will aber nun alle meine Leute hereinrufen und sie vor euch fragen, ob sie von den Trägern wohl niemanden gekannt haben!“
GEJ|1|126|5|0|Nun werden Weib und alle Mägde und Knechte gerufen und befragt, aber alle legen einstimmig das Zeugnis ab, daß sie niemanden auch nur von ferne hin gekannt hätten: „Die Männer sahen aus wie zartgebaute Jünglinge; denn nicht bei einem einzigen war irgend ein Bart wahrzunehmen gewesen, wohl aber hatten alle ein schöngelocktes langes Haar, und ihre Tracht glich mehr der römischen als der jüdischen. Ihrer waren viele gewesen, gleich in den Speisekammern wie auf dem Schüttboden und im Keller. Sie legten das Gebrachte schnell nieder und sagten: ,Dies ist eine Gabe an den Zöllner Matthäus, den heute der große Meister berief!‘ Dann entfernten sie sich eiligst, und wir sahen nicht, wohin sie sich vom Haus gewendet haben.“
GEJ|1|126|6|0|Sagt dazu ein Pharisäer: „Die Sache klingt ganz ungewöhnlich seltsam und ist doch wahr!? Da wären wir wirklich sehr dafür, dieser Begebenheit auf den Grund zu kommen!“
GEJ|1|126|7|0|Zum Matthäus gewendet spricht derselbe Pharisäer weiter und sagt: „Wirt, laß uns von den Weinen eine Kost bringen, und wir werden dir sagen, woher sie sind; denn wir wissen es aus dem Geschmack und aus der Farbe, wo er gewachsen ist!“
GEJ|1|126|8|0|Man geht sogleich in den Keller und bringt alle Trinkgefäße voll. Und als die Pharisäer und Schriftgelehrten die Weine verkosten, sagen sie voll Staunens: „Nein, solch einen Wein, wie dieser ist, haben wir noch nie verkostet! Er ist von unbeschreiblicher Güte und Lieblichkeit! Wir haben doch alle Weine, die nur irgendwo auf der uns bekannten Erde wachsen, getrunken, die mitunter auch sehr gut und wohlschmeckend waren, aber gegen diesen Wein wären sie kaum ein laues Wasser zu nennen! Das ist sonach ein Rätsel und bleibt ein Rätsel!
GEJ|1|126|9|0|Da du aber nun einen großen Vorrat von diesen unübertrefflich herrlichen Weinen hast, möchtest du denn uns nicht gegen Geld und gute Worte einige Schläuche zukommen lassen? Da würde es sich wahrlich der Mühe lohnen, dem Hohenpriester nach Jerusalem eine Sendung zu machen!“
GEJ|1|126|10|0|Sagt Matthäus: „Umsonst habe ich's empfangen und gebe es auch wieder also; aber dem Hohenpriester nach Jerusalem nicht einen Tropfen! Außer er käme zufällig als ein Gast hierher, so soll er bedient werden wie jeder andere; aber wohlgemerkt, nur als Mensch jedem andern gleich, nie aber als jüdischer Oberpriester, der für mich ein Greuel aller Verwüstung ist und ein Mörder des Geistes der Menschen, die seines Glaubens sind!“
GEJ|1|126|11|0|Sagt ein Schriftgelehrter: „Freund, da beurteilst du den Oberpriester von Jerusalem wohl ganz falsch und hast keine Kenntnis von seinem Wesen und seinem Amte!“
GEJ|1|126|12|0|Sagt Matthäus: „Lassen wir diese Sache ruhen, weil sie mich am ersten in eine wahrste und gerechteste Zornhitze bringt! Ihr seid seine Augen und sehet daher das am wenigsten, was euch am nächsten steht, nämlich die eigene Nase, Stirn und das ganze Gesicht; wir, die wir euch gegenüberstehen, sehen das alles nur zu gut und genau! Aber nun nichts Mehreres und Weiteres davon, sonst käme ich in die Hitze und möchte euch als nun meine gleichrespektierten Gäste nicht beleidigen!“
GEJ|1|126|13|0|Sagt ein mehr gemütlicher Pharisäer: „Nun, nun, so lassen wir diese Sache ruhen und besprechen uns darum lieber mit dem Meister Jesus, der wird uns über diese Begebenheit vielleicht den besten Aufschluß zu geben imstande sein; denn er überragt uns alle hoch mit aller Wissenschaft und Weisheit!“ Zu Mir sich wendend: „Was sagst denn du zu dieser Geschichte? Denn du scheinst darüber wohl irgend einen Wind zu haben, weil dein vorheriges Gespräch mit den Jüngern Johannis nahe darauf hinzudeuten scheint. Denn nahe im selben Momente, als du den Jüngern Johannis sagtest, wie Gott für die sorge, die Ihn wahrhaft lieben und ganz lebendig auf Ihn vertrauen, und wie du die Häßlichkeit und Verwerflichkeit der Selbstsucht so recht durchstäuptest, geschah das, und so kommt es mir ganz heimlich vor, daß du darüber von irgendwoher Kunde eingezogen hast oder heimlich gar selbst der Urheber bist!“
GEJ|1|126|14|0|Sage Ich: „Gut! So ihr das von Mir vermutet, so wendet eure Vermutung auch dahin, was Ich den Jüngern Johannis gesagt habe, und bekennet es in euren Herzen, daß Ich die vollste Wahrheit geredet habe!
GEJ|1|126|15|0|Wer aus euch also handeln wird aus dem Grunde seines Herzens, der wird von Gott aus auch allzeit das erfahren, was nun unser Freund und Bruder Matthäus erfahren hat!
GEJ|1|126|16|0|Denn glaubet es Mir: Gott bleibt Sich stets gleich in Seinem Herzen! Wie Er war, als am Firmamente noch lange keine Sonne, kein Mond und keine Sterne leuchteten, so ist Er noch in diesem Augenblicke und wird ewig also verbleiben!
GEJ|1|126|17|0|Wer am rechten Wege Ihn sucht, der wird Ihn auch finden und wird gesegnet in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten!“
GEJ|1|126|18|0|Diese Worte gehen allen tief zu Herzen, und die Jünger Johannis fangen an, sehr in sich zu gehen und sagen: „Er muß denn doch ein bei weitem größerer Prophet sein, als da war unser Johannes! Denn wir waren zehn volle Jahre um ihn, aber so was haben wir an seiner Seite nicht erlebt! – Der Pharisäer hat recht, so er behauptet, dieser Nazaräer wisse davon! – Ich aber möchte nahe behaupten, daß das alles von und durch ihn auf einem uns unbekannten Wege herrühre, und das Ganze ist ein handgreiflicher Beweis gegen unsere nun ersichtliche Blindheit samt unserem großen Meister Johannes!“
GEJ|1|127|1|1|In Kapernaum und Nazareth
GEJ|1|127|1|1|127. - Der Tod der Tochter des Obersten Kornelius.
GEJ|1|127|1|0|Es will aber nun auch Judas, den der Wein etwas mehr, als es sein sollte, warm gemacht hat, seine Stimme erheben und seinen Nachbarn, den Jüngern Johannis nämlich, etwas sagen. Aber Thomas, sein noch gleichmäßiger Gegner, kommt ihm zuvor und sagt: „Freund, wenn die Meister reden, da müssen die Jünger schweigen und bloß hören, aber ja nichts reden! Denn hier wäre jedes Wort aus unserem Munde eine große und grobe Torheit! Wenn's dich aber drückt zum Reden, da gehe hinaus ins Freie und schreie, was du kannst und magst, und wenn sogestaltig dein Mund müde geworden ist, dann komme wieder!“
GEJ|1|127|2|0|Sagt Judas: „Was hast du denn mit mir? Habe ich dir doch nichts zuleide getan! Werde ich denn nie reden dürfen?“
GEJ|1|127|3|0|Sagt Thomas: „Deine Weisheit kennen wir seit Jahren durch und durch und sind neben der Weisheit unseres großen Meisters wahrlich nicht aufgelegt, sie hier vernehmen zu müssen zum tausendsten Male, und so weise wie du sind wir alle von Hause aus! Du kannst sonach keine weitere und bessere Lehre geben, als wir sie ohnehin haben, und so wirst du es hoffentlich wohl einsehen, daß es hier gar nicht nötig ist, daß auch du reden sollest! Wir Jünger haben nur dann zu reden, wann wir um etwas gefragt werden; wir können wohl auch selbst fragen, aber dann heißt es, sich wohl zusammennehmen, daß unsere Frage auf ein rechtes und wahres Bedürfnis sich stützt! Fragen wir aber pur aus Neugierde, um unserer redelustigen Zunge Luft zu verschaffen, dann sind wir des Stäupens wert; denn ein wahnwitziger Tor sollte allzeit mit Ruten gezüchtigt werden!“
GEJ|1|127|4|0|Sagt Judas: „Schon gut, schon gut! Ich bin ja schon stille; denn ich weiß es ja, daß ich in deiner Gegenwart nichts reden kann und darf. Denn du bist ja die Weisheit des Propheten Elias selbst! Es ist nur schade, daß du nicht vor Salomo gelebt hast! Wie weit hätte es Salomo in deiner Schule in der Weisheit noch bringen können! Aber nun nichts weiter, ich bin schon stille!“
GEJ|1|127|5|0|Thomas hätte dem Judas gern noch etwas erwidert, aber Ich deutete ihm, daß es genug sei, und Thomas schwieg.
GEJ|1|127|6|0|Einer der Jünger Johannis aber konnte noch immer nicht das ins Gleichgewicht mit seinem Gemüte bringen, weil Ich ihn und seine Gefährten mit einem alten, zerrissenen Kleide, das man mit neuen Lappen ausstopft, und mit alten, morschen Schläuchen derart verglich, daß sie zur Aufnahme des Mostes nicht taugen. Er wandte sich daher mit einer etwas plumpen Frage an Mich und sagte: „Ich sehe nun wohl auch, daß du ein Prophet sein magst; aber wie ich merke, so schmeckt dir der Wein aus alten Schläuchen besser als der junge Most aus den neuen Schläuchen, und kommt es mir auch vor, daß dein Rock eben auch kein neuer ist; sollte er etwa bald mehrerer Lappen bedürfen, so kann ich dir damit dienen, denn ich besitze eine Menge Hadern. Wenn ich dir dienen kann, so wende dich nur an mich!“
GEJ|1|127|7|0|Für diese plumpe Frage wollten ihn seine Gefährten hinauswerfen. Ich aber nahm Mich seiner an und erklärte ihm diesen Vergleich faßlicher, und er ward beruhigt.
GEJ|1|127|8|0|Zu den andern aber sagte Ich: „So ihr einen Blinden sehet, wie er über einen Graben stolpert und fällt und durch seinen Fall das am kleinen Wasserleitgraben hochstehende Gras niederdrückt und ein wenig beschädigt, werdet ihr weise sein, so ihr darob den Blinden zur Verantwortung und Strafe ziehen möchtet?! Sehet, dieser euer Bruder sieht wohl, wie ihr, mit seinen fleischlichen Augen, aber an den Augen der Seele ist er noch stark blind, und es wäre, so wir das wissen, doch gar zu überaus hart, einen blinden Bruder zu strafen deshalb, daß er vor uns ein wenig gestolpert ist!“
GEJ|1|127|9|0|Nach solchen Worten riefen Mir alle ein vollstes Lebehoch und „Heil dir!“ zu und sagten: „Das ist eine rechte Rede, und wer so handelt, wie er gut und weise redet, ist wert, ein Mensch der Menschen genannt und gekrönt zu werden! Heil dir und hoch lebe du Mensch der Menschen!“
GEJ|1|127|10|0|Als diese Worte noch kaum zu Ende sind und Ich ihnen noch einiges über die alten Kleider und über den Most und über die Schläuche sage, da kommt in hastiger Eile der Obersten einer aus Kapernaum (es war der römische Oberste Kornelius), stürmt förmlich auf Mich hin, fällt vor Mir nieder und sagt nahe außer Atem: „Herr! Freund! Du göttlicher Meister und Heiland! Meine liebste Tochter, die meinen Namen trägt, meine herrliche, gute und schönste Tochter ist mir gestorben!“ (Hier weinte der Oberste und konnte lange vor Weinen nicht reden. Nach einer Weile einiger Erholung erst sprach er weiter:)
GEJ|1|127|11|0|Herr, Dem nichts unmöglich ist, komme mit mir hin in mein Haus und lege Deine Wunderhand auf sie, und sie wird sicher wieder lebendig, gleichwie das Töchterlein des Schulobersten Jairus, das auch völlig tot war und lebendig geworden ist! Ich bitte Dich als meinen erhabensten Freund: Komme und erweise mir diese Gnade!“ (Matth.9,18)
GEJ|1|127|12|0|Sage Ich: „Sei getrost, Ich komme und werde dir tun, um was du Mich ersucht hast! Es ist aber die Tochter wohl völlig tot und auch schon kalt, aber Ich werde sie dennoch erwecken, auf daß sie dann die Herrlichkeit Gottes den armen Menschen verkünden möge! Und so gehen wir!“ (Matth.9,19)
GEJ|1|127|13|0|Es fragten aber Meine Jünger, ob sie Mich hier erwarten oder ob sie auch mitgehen sollten. Ich aber sagte: „Ihr alle, die ihr Meine Jünger seid, und du auch Matthäus, der du ein Zöllner warst, folge Mir! Für dein irdisches Haus habe Ich gesorgt und werde fortan sorgen; du aber sollst dafür auch, wie diese hier, Mein Jünger sein!“
GEJ|1|127|14|0|Matthäus wirft sogleich sein Wirtsgewand von sich, zieht seinen guten Rock an und folgt Mir, ohne zuvor daheim die gewöhnlichen hausherrlichen Verordnungen zu machen, was die Seinen in seiner Abwesenheit tun sollen.
GEJ|1|127|15|0|Nota bene: Also muß auch ein jeder es tun, der Mir folgen will! Er muß dem irdischen Sach- und Fachleben ganz absterben und seiner irdischen Lebensverhältnisse nicht gedenken, ansonst er nicht taugt für und in Mein Reich! Denn wer die Hand an den Pflug legt und seine Augen nach rückwärts richtet, ist nicht geschickt zum Reiche Gottes!
GEJ|1|128|1|1|128. - Heilung eines andern blutflüssigen Weibes. Die Evangelisten Markus und Lukas. Der Herr im Hause des Obersten Korne lius. Erweckung der Tochter des Kornelius
GEJ|1|128|1|0|Und nun in der Geschichte des Evangeliums wieder weiter!
GEJ|1|128|2|0|Als wir vom Hause des Matthäus zogen, schon ziemlich spät des Nachmittags, und auf halbem Wege nach Kapernaum uns befanden, da kam, ebenfalls von rückwärts Mich eiligst verfolgend, ein Weib, das, so wie schon früher ein anderes griechisches Weib, bei zwölf Jahre am Blutgange litt, und niemand konnte ihr helfen. Dies Weib, das von der früheren Griechin Kunde erhielt, rührte bloß den Saum Meines Obergewandes an (Matth.9,20) und ward im Augenblick gesund. Denn sie sagte zu sich selbst nach dem Drange ihres innersten Gefühls: „Wenn ich nur anrühren werde Seines Gewandes Saum, so werde ich genesen!“ (Matth.9,21) Und so geschah es ihr denn auch augenblicklich also, wie sie es geglaubt hatte. Und sie verspürte es auch sogleich, daß durch die gläubige Berührung Meines Gewandes die Quelle ihrer zwölfjährigen Leiden versiegt war.
GEJ|1|128|3|0|Ich aber wandte Mich um und sprach zu dem Weibe: „Sei getrost, Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen! Ziehe hin im Frieden!“ Und das Weib zog unter vielen Dankes- und Freudentränen nach Hause und blieb fortan gesund. (Matth.9,22)
GEJ|1|128|4|0|Es war dies Weib eine Jüdin und keine Griechin; aber sie hatte ihre Behausung unfern von einer griechischen Ansiedlung, kam oft zu den Griechen und erfuhr vieles von ihnen und sogestaltig auch die Heilung der früheren Griechin, von der Markus und der Maler und Dichter Lukas späterhin Erwähnung tun, wodurch die beiden sich höchst ähnlichen Begebenheiten für eine und dieselbe sogar von den gelehrtesten Theosophen gehalten werden, was aber durchaus nicht der vollen Wahrheit gemäß richtig ist und für die Zweifelsüchtigen ein gut Wasser auf ihre Mühlen gibt.
GEJ|1|128|5|0|Es fragte Mich aber auch sogleich Matthäus der Schreiber, ob er nun auch diese Tat anmerken solle und was von all den Taten dieses Tages.
GEJ|1|128|6|0|Und Ich sagte zu ihm: „Du sollst alles aufzeichnen, was heute geschah, bis auf die Versorgung des Hauses deines Namensgefährten sowie die vielen Reden auch nicht, die da sind gewechselt worden. Kurz, heute noch kehren wir wieder nach Hause, und morgen werden wir zur Genüge Zeit bekommen, alles genau zu bestimmen, was vom heutigen Tage soll aufgezeichnet werden.“
GEJ|1|128|7|0|Matthäus der Schreiber gab sich damit vollends zufrieden, und wir erreichten auch bald darauf das Haus des Obersten und begaben uns allda sogleich in den Saal, wo die verstorbene Tochter auf einem nach römischer Weise gezierten Bette lag.
GEJ|1|128|8|0|Es waren aber darin eine Menge Pfeifer und andere Lärmmacher; denn es war da Sitte, um die Verstorbenen einen großen Lärm zu schlagen, auf daß sie entweder wieder erwachen sollten, oder um, so das nicht mehr geschehen mochte, nach der Meinung des gemeinen blinden, zum größten Teile heidnischen Volkes, das eben hier sich am meisten zu schaffen machte, die Abgesandten ihres Höllenfürsten Pluto zu verscheuchen.
GEJ|1|128|9|0|Als Ich mit den Jüngern aber in das große Zimmer trat und ihr unsinniges Lärmen sah und vernahm (Matth.9,23), gebot Ich, daß sie vor allem mit Ihrem Lärmen verstummen und aus dem Zimmer und vollends aus dem ganzen Hause weichen sollten, indem die Tochter nicht gestorben sei, sondern nur schlafe.
GEJ|1|128|10|0|Da fingen die gedungenen Lärmmacher (natürlich ums Geld; denn ohne Geld ward niemandem ein Lärm gemacht!) an, Mich zu verlachen, und einer aus ihnen sagte im Vertrauen zu Mir: „Da wird's dir schwerlich wie beim Jairus gelingen! Sieh sie nur näher an, und du als Arzt mußt es sogleich erkennen, daß ihr der vollkommenste Tod nach der Lehre des berühmten alten griechischen Arztes Hippokrates auf der Nase sitzt, und du behauptest, daß sie schlafe!?“
GEJ|1|128|11|0|Der Oberste aber sah, daß die Tumultuanten nicht weichen wollten; da gebot er ihnen bei scharfer Ahndung, daß sie weichen sollten, und gebot den wachhabenden Kriegsknechten, das Volk hinauszutreiben. So ward darauf das Zimmer bald frei von all den Lärmmachern.
GEJ|1|128|12|0|Und als das Zimmer wie auch das ganze große Haus frei war von den lästigen Gästen, da ging Ich erst vollends in das Zimmer mit Meinen Jüngern und den Angehörigen des Oberst'schen Hauses, trat da sogleich an das Totenlager, faßte die Tochter, ohne dabei ein Wort zu reden, bloß nur bei der Hand, und die Tochter stand im Augenblick also völlig gestärkt und gesund auf, als ob ihr nie etwas gefehlt hätte. (Matth.9,25)
GEJ|1|128|13|0|Als die Tochter aber sah, daß sie auf dem ihr wohlbekannten Bett, darauf nur die Toten gelegt werden, lag, fragte sie sobald, was denn das bedeute, daß sie sich auf dem Totenbett befände.
GEJ|1|128|14|0|Der Oberste aber trat zu ihr und sagte zu ihr, übervoll von der höchsten Freude: „Meine übergeliebte Kornelia! Du bist sehr krank geworden und bist auch an solcher bösen Krankheit vollends gestorben, warst tot und wärest unrettbar tot geblieben, so dich nicht dieser wahrlich allmächtige Heiland aller Heilande erweckt hätte mit Seiner göttlichen Kraft, gleichwie Er vor etlichen Tagen auch das dir wohlbekannte Töchterchen des Schulobersten Jairus erweckt hat. Darum freue dich nun des schönsten Lebens wieder und sei fortan überdankbar diesem Freund der Freunde, der allein dir das verlorene höchste Gut, das teuerste Leben, wiedergegeben hat!“
GEJ|1|129|1|1|129. - Der Erweckten Erlebnisse im Jenseits.
GEJ|1|129|1|0|Sagt die Tochter: „Ja, ja, nun erinnere ich mich vollends klar wieder, daß ich sehr krank war; in der Krankheit aber kam ein süßester Schlaf über meine Augenlider, ich schlief ein und hatte einen wunderherrlichen Traum. Wohin ich immer mich wandte, war Licht und nichts als Licht, und im Lichte formte sich eine wunderherrliche Welt. Unbeschreiblich herrliche Gärten wurden, vom hellsten Lichte umflossen, sichtbar, und es tauchte eine Herrlichkeit um die andere auf. Aber kein lebendes Wesen schien diese Herrlichkeiten zu bewohnen, und als ich so staunend diese großen Herrlichkeiten betrachtete und immer und immer sich kein lebendes Wesen zeigen wollte, da fing es an, mir banger und banger zu werden mit all den unbeschreiblichen Herrlichkeiten. Ich fing an zu weinen und zu rufen; aber von keiner Seite wollte mir auch nur ein leisestes Echo irgendeine Scheinantwort geben. Da ward ich trauriger und trauriger inmitten der stets größer werdenden Herrlichkeiten.
GEJ|1|129|2|0|Als ich so in solcher meiner Traurigkeit niedersank und nach dir, meinem Vater, laut zu rufen begann, siehe, da kam dieser Freund auf einmal aus den Gärten, ergriff meine Hand und sprach: ,Stehe auf, Meine Tochter!‘ Da verschwanden auf einmal all die Herrlichkeiten, die mich traurig gemacht hatten, und ich erwachte, während mich dieser Freund noch bei der Hand hielt. Da konnte ich mich nicht gleich alles dessen entsinnen, was ich gesehen; aber als mir nun die volle Besinnung wie rein aus den Himmeln wiedergegeben ward, da erinnerte ich mich all des Geschauten und im Traume Erlebten wieder also, wie ich's dir nun erzählt habe.
GEJ|1|129|3|0|Überaus merkwürdig aber kommt es mir nun vor, daß ich also, nach diesem Bette zu schließen, im Ernste tot war für diese Welt und im Traume dennoch fortgelebt habe. Und noch merkwürdiger ist es, daß dieser herrlichste Freund, der im Traume zu mir kam, sich nun gerade also hier befindet, wie ich ihn im Traume gesehen habe.
GEJ|1|129|4|0|Aber nun frage ich dich, meinen lieben Vater, ob dies mein Leben, das er mir neu gegeben, nicht ihm gehöre. Mein Herz ist tiefst bewegt, und es kommt mir vor, daß ich außer ihm wohl keinem Manne je meine Liebe geben könnte. Darf ich ihn lieben über alles, – mehr als dich, mein Vater, und mehr als alles in der Welt?“
GEJ|1|129|5|0|Kornelius wird bei dieser Frage verlegen und weiß nicht, was er darauf sagen soll. – Ich aber sage zu ihm: „Laß die Tochter, wie sie es nun fühlt; denn das allein wird ihr erst alle Fülle des Lebens geben!“
GEJ|1|129|6|0|Sagt Kornelius: „Wenn also, da liebe du diesen Freund immerhin über alles, denn wer dir, die du tot warst, das Leben geben konnte aus seiner Kraft und Macht, der kann dir wohl nimmer einen Schaden zufügen; denn so du wieder stürbest, da würde er dir das Leben sicher wieder geben! Also magst du Ihn wohl lieben über alles, wie auch ich Ihn liebe aus allen meinen Kräften!“
GEJ|1|129|7|0|Sage Ich: „Wer Mich liebt, der liebt auch Den, der in Mir ist, und Dieser ist das ewige Leben. So er denn auch stürbe tausendmal in der Liebe zu Mir, so wird er dennoch leben in Ewigkeit.“ – Viele, die das hören, sagen bei sich selbst: „Wie, was ist das? Kann das auch ein Mensch sagen? Kann aber das auch ein Mensch tun, was er tut?!“
GEJ|1|129|8|0|Sagt ein Römer, der in dieser Zeit sich als Gast bei Kornelius aufhielt: „Freunde, ein Weiser sagte, es bestehe kein großer Mann, den die Götter nicht erfüllt hätten mit ihrem Hauche. So aber je ein Mann von den Göttern am stärksten angehaucht werden mochte, so ist es eben dieser Jesus, der irdisch wohl von einer ganz geringen Geburt zu sein scheint; aber die Götter lieben nicht den Prunk der Erde, sondern wann sie je die Erde betreten, so verbergen sie sich stets in die möglichst geringste Äußerlichkeit und lassen es allein durch ihre Taten den Sterblichen merken, wer und was sie sind. Und das wird auch bei diesem sonst höchst schlichten Manne der Fall sein. Ihr könnt zwar meinen und denken, was ihr wollt; ich aber halte Ihn für einen Gott ersten Ranges! Denn einen Toten weckt kein Sterblicher mehr auf!
GEJ|1|129|9|0|Wenn aber auch schon irgendein Sohn Äskulaps einen Scheintoten durch allerlei Balsame und Öle und Salben wieder erweckt, so ist ein sogestaltig Erweckter dennoch nicht so frisch und gesund als wie die Kornelia hier, die mir nun frischer vorkommt, als sie es je war. So denke ich und bin in mir vollkommen überzeugt, daß es also ist; ihr aber möget denken, wie ihr wollt!“
GEJ|1|129|10|0|Sage Ich: „Wer da recht hat, der glaubt es also auch, daß es also recht sei. Ich aber sage es euch und verlange von euch allein die Freundschaft, daß ihr alle, die ihr das gehört und gesehen habt, vorderhand davon schweiget und niemand etwas davon saget; denn ihr kennet es ja wohl, wie arg die Welt ist!“ – Sie versprachen Mir, daß sie dies alles streng bei sich behalten würden.
GEJ|1|129|11|0|Sie schwiegen wohl die paar Tage, die Ich mit Meinen Jüngern im Hause des Obersten verweilte. Als Ich aber von dannen ging, da ward diese Begebenheit bald ruchbar in ganz Galiläa. (Matth.9,26) Wohl hätte ich dies verhindern können, wenn Ich die Freiheit des Menschenwillens gefesselt hätte, was Mir ein höchst leichtes gewesen wäre; aber weil Ich den freien Willen des Menschen achten muß, ohne den der Mensch zum Tiere würde, so mußte Ich freilich wohl dulden, was nicht in der Ordnung war und der Sache eben keinen Nutzen brachte.
GEJ|1|130|1|1|130. - Heilung der zwei blinden Bettler
GEJ|1|130|1|0|Es waren aber zu Kapernaum zwei Bettler, die von Geburt an stockblind waren und nie des Tages Licht und der Nächte Sternenglanz gesehen hatten. Diese beiden vernahmen auch von Mir, und was Ich getan hatte. Als Ich von Kapernaum gen Nazareth wieder nach Hause zog und der Oberste mit Weib und allen seinen Kindern Mir das Geleite gab samt vielen seiner Freunde, so zogen wir ganz gemach an der Stelle vorüber, wo mehrere Wege sich kreuzten. An dieser Stelle saßen gewöhnlich die beiden Blinden und bettelten daselbst. Als die beiden vernahmen, daß da viel Volks und selbst die ersten Gebieter über Galiläa darunter wären, und daß inmitten der Gebieter der Heiland Jesus aus Nazareth sich befände, von dem wie von dessen Vater die Sage ging, daß sie von David in geradester Linie abstammen, da, als die beiden solches von den Vorüberziehenden vernommen hatten, erhoben sie sich schnell vom Boden, fingen an, Mir nachzulaufen, so gut, sie es konnten, und schrieen und sprachen: „Jesus, ach, du Sohn Davids, erbarme dich unser!“ (Matth.9,27) Sie gaben Mir aber solchen Titel, weil sie meinten, Ich hielte etwas darauf und werde, also geschmeichelt, Mich ihrer desto eher erbarmen.
GEJ|1|130|2|0|Ich aber ließ sie darum bis nach Nazareth Mir folgen, um ihnen zu zeigen, wie gar nichts Ich auf derlei weltliche Titulaturen und leerste Schmeicheleien halte.
GEJ|1|130|3|0|Als Ich aber nach ein paar Stunden nach Hause kam, was die beiden wohl sobald erfahren hatten, da baten sie die Nächsten an ihnen, die sie wahrnahmen, daß man sie zu Mir bringen möchte. Und Meine Jünger brachten sie auch sogleich zu Mir ins Haus.
GEJ|1|130|4|0|Als die beiden sich bei Mir befanden, das heißt in Meiner Nähe, da traten sie völlig zu Mir hin und wollten Mich zu bitten anfangen, daß Ich sie sehend machen möchte. Ich aber kam ihnen zuvor und sagte, wohl wissend, was sie wollten: „Glaubet ihr wohl, daß Ich euch solches tun kann?“ Da sprachen sie ganz kurz: „Ja, Herr!“ (Matth.9,28) Da berührte Ich ihre Augen mit Meinen Fingern und sagte darauf: „So geschehe euch denn nach eurem Glauben!“ (Matth.9,29)
GEJ|1|130|5|0|Und ihre Augen wurden geöffnet, (Matth.9,30) daß sie sahen alle Dinge so gut wie jeder Mensch, der völlig gesunde Augen hat. Als sie aber nun die Wohltat des Augenlichts empfanden und mit großem Staunen die Schöpfung zu betrachten anfingen, da gedachten sie aber auch in ihrem Herzen, wie sie Mir den höchsten und nimmer enden sollenden Dank schuldig wären, und wollten Mir alles geben, was sie sich je durchs Betteln erworben hatten. Denn in Zukunft würden sie nimmer betteln, sondern sich ihren Unterhalt durch ihrer gesunden Hände Kraft erwerben.
GEJ|1|130|6|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Daß ihr nun euren Brüdern dienen und mit der Kraft eurer Hände euch den Unterhalt verschaffen wollt, das ist recht und gut; denn wer da sieht und arbeiten kann, der soll nicht mit müßigen Händen umhergehen und zur Last fallen seinen Brüdern, sondern soll ihnen dienen und behilflich sein in einem und dem andern, auf daß die Liebe wachse unter den Menschen.
GEJ|1|130|7|0|Dieser euer Vorsatz ist also völlig recht und gut; aber daß ihr Mir euer Erspartes aus purer Dankbarkeit wollt zukommen lassen, ist zwar wohl sehr löblich und schön von euch, aber weder Ich noch Meine rechten Jünger bedürfen dessen, und somit möget ihr es wohl für euch behalten.
GEJ|1|130|8|0|Was Ich aber dafür verlange, daß Ich eure Augen fürs Licht geöffnet habe, bestehe in dem, daß ihr fürs erste die Gebote Gottes haltet, Gott liebet über alles und eure Nächsten wie euch selbst und ihnen in allen Dingen, in denen ihr dienen könnet, gern und unverdrossen Hilfe leistet. Fürs zweite aber gebiete Ich euch um Meiner Selbst willen, daß ihr das niemand saget, sondern dafür sorget, daß es weiter herum niemand erfahre!“
GEJ|1|130|9|0|Sie aber sagten: „Herr, das wird wohl schwer möglich sein; denn jeder Mensch in aller Umgegend weiß es ja nur zu gut, daß wir blind waren. Wenn uns denn jemand fragen wird, wie wir, die wir blind waren, sehend wurden, was für eine Antwort sollen wir solch einem Frager geben?“ Sage Ich: „Eine solche, die den Namen Schweigen zum Grunde hat!“ Sie versprachen, das wohl zu beachten; aber sie hielten ihr Versprechen nicht, sondern gingen bald darauf in alle nahe gelegenen Ortschaften aus und machten Mich allenthalben ruchbar. (Matth.9,31)
GEJ|1|131|1|1|131. - Heilung des besessenen Taubstummen.
GEJ|1|131|1|0|Als aber diese beiden kaum das Haus verlassen hatten, da brachten andere erst Angekommene einen Menschen, der stumm und zugleich auch besessen war. (Matth.9,32) Es waren aber auch mehrere Pharisäer und Schriftgelehrte, die wir vor zwei Tagen im Hause des Matthäus zurückgelassen hatten, nachgekommen, um zu sehen, was Ich zu Hause machen und wohin Ich Mich wenden werde. Sie begegneten vor dem Hause den beiden Blinden, die ihnen sogleich erzählten, daß nun ein Stummer und Besessener geheilt werden würde; aber von sich sagten sie nichts; denn sie hatten noch viel Furcht in ihren Herzen.
GEJ|1|131|2|0|Die Pharisäer aber beeilten sich auf diese Kunde, daß sie ja nicht zu spät kämen. Als sie ins Zimmer traten, erkannten sie den Besessenen, der stumm war, und sagten: „Oh, den kennen wir schon lange! Mit dem richtet keine Macht etwas aus! Wenn sein Teufel wild wird, da entwurzelt er Bäume, und keine Mauer und keine Kette ist ihm stark genug. Im Feuer verbrennt er nicht, und wehe den Fischen, so er ins Wasser geht. Das Beste an ihm ist, daß er stumm und taub ist; würde er hören und reden können, so wäre vor ihm kein Wesen auf der Erde sicher. Oh, das ist ein schrecklicher Mensch! Vor dem fliehet alles; selbst die reißendsten Tiere fliehen seine Nähe. Und den will er heilen? Den kann nur der Oberste aller Teufel heilen!“
GEJ|1|131|3|0|Sage Ich: „Und dennoch werde Ich ihn heilen, auf daß ihr es doch endlich einmal einsehen möget, daß Gottes Macht alle Wesen gehorchen müssen!“
GEJ|1|131|4|0|Hierauf streckte Ich eine Hand über den Besessenen aus und sprach: „Fahre aus diesem Menschen, du unsauberer, böser Geist!“ Da schrie der Geist: „Wohin soll ich?“ Sage Ich: „Dort, wo das Meer am tiefsten ist, harrt deiner ein Ungeheuer!“ Der böse Geist schrie abermals und fuhr alsbald aus dem Menschen.
GEJ|1|131|5|0|Der Mensch aber bekam darauf sogleich ein gar freundliches Aussehen, fing an, voll Dankbarkeit zu reden, und antwortete jedermann voll Art mit den sanftesten Worten, und sie überzeugten sich alle, daß er auch seine Taub- und Stummheit völlig verloren hatte.
GEJ|1|131|6|0|Die Jünger und alles Volk aber, das da war, fingen an, sich über alle Maßen zu verwundern und sprachen: „Wahrlich, dieses geht über alles! Das ist in Israel noch nie erhört worden! (Matth.9,33) Wind- und Sturmvertreiben ist schon dagewesen, wennschon in einem niederen Grade; Scheintote sind auch schon wieder lebend gemacht worden, Felsen mußten Wasser geben, und auf die Bitte Mosis kam Manna aus den Himmeln, freilich wohl alles nicht in dem hohen Grade der Vollendung.
GEJ|1|131|7|0|Als Salomo den Tempel baute und einen Monat hindurch kein Tagewerker zum Bau seine Hände leihen wollte, da flehte er zu Gott um Arbeiter, und es kamen alsbald eine große Menge Jünglinge und boten dem Könige ihre Hände zur Arbeit dar, und Salomo nahm sie auf und arbeitete mit ihnen einen Monat lang, wie uns solches die Tradition kündet.
GEJ|1|131|8|0|Kurz, es haben sich seit Abraham bis auf uns so manche Wunderdinge zugetragen; aber dieser Wundertat kommt, so wahr ein Gott lebet und regieret über Himmel und Erde, keine gleich!“
GEJ|1|131|9|0|Diese Verwunderung ärgerte die Pharisäer ganz gewaltig, und sie konnten nun ihren Grimm nicht mehr unterdrücken und sprachen deshalb zum Volke: „Wie ihr doch so blinde Toren sein möget! Haben wir's euch nicht gleich bei unserem Eintritt in dies Zimmer laut zu erkennen gegeben, wer solcher Besessenen Meister sein könnte? Wir sagten es euch, daß so was allein aller Teufel Oberster tun kann! Er heilte zwar den Besessenen, aber wie?! Durch den Obersten der Teufel hat er diesen Teufel aus diesem Menschen ausgetrieben!“ (Matth.9,34)
GEJ|1|131|10|0|Als die grimmigen Pharisäer Mir vor dem Volke und nun auch in der Gegenwart des römischen Obersten Kornelius solches Zeugnis gaben, da war es aus! Der Oberste, ganz empört über diese Äußerung, donnerte die Sentenz über die Pharisäer und Schriftgelehrten: „Heute noch soll das Kreuz euer Los sein! Ich werde euch den Unterschied zwischen Gott und Teufel schon erkennen machen!“
GEJ|1|131|11|0|Als die Pharisäer solchen Donner vernommen hatten, da fingen sie gar entsetzlich an zu heulen und zu verzagen. Das Volk aber jubelte und sprach: „Ah! Habt ihr einmal den Rechten gefunden, der euern alten Teufel austreiben wird? Vollkommen recht geschieht es euch! Denn ihr selbst seid ja dem Obersten aller Teufel völlig gleich; ihr kämpfet noch, gleichwie er einst mit dem Erzengel Michael, um den Leib Mosis, das ist um die tote Materie seiner Lehre, und verfolget mit Fluch, Feuer und Schwert alles, das nur nach etwas Geistigem einen Geruch hat! Deshalb auch seid ihr es, die da allzeit mit der Hilfe des Teufels wirken und dem alten Lügengeiste ins Handwerk greifen! Darum ist des Obersten Gericht über euch Satansknechte ein völlig gerechtes, und es regt sich kein Mitleid über euch in unseren Herzen!“
GEJ|1|131|12|0|Da tritt Matthäus der Zöllner zu den Pharisäern und sagt: „Es ist etwa der vierte Tag, als der Meister Jesus, gerade am vergangenen Sabbate; den alten Bruder meiner Mutter von der Gicht befreit hat; was ist euch da alles gesagt worden in der tiefsten Tiefe der vollendetsten Wahrheit?! Kinder begriffen es nahe mit den Händen und zeigten mit Fingern nach euch; der Meister Selbst sprach so wahr und weise zu euch, daß ihr euch darob hoch verwundern mußtet und zu fragen genötigt wurdet, woher Ihm solche Weisheit käme. Aber weder Seine höchst geist- und belehrungsvollen Antworten noch Seine unerhörten Taten vermochten es, daß euch die Augen helle geworden wären!
GEJ|1|131|13|0|Wenn solche Taten und Lehren euch die Augen zu öffnen nicht imstande sind und ihr dabei in euren bösesten Herzen nur immer erboster und rachedurstiger werdet, saget, was fehlt euch noch bis zum vollendeten Teufel? Ja, ich sage es euch, wie ich es euch schon gesagt habe, daß ihr ärger seid als alle Teufel zusammen, und es ist daher vor Gott und allen besseren Menschen recht und billig, daß man euch ausrottet wie reißende Bestien!
GEJ|1|131|14|0|Ich bin sicher ein tief fühlender und überaus gutmütiger Mensch und kann vor lauter Zartgefühl nicht einmal eine Fliege umbringen und keinen Wurm zertreten; aber euch könnte ich selbst die Köpfe abschlagen, ohne daß es mir dabei bange werden könnte. Ich lobe daher auch den Obersten Kornelius, daß er euch zum Galgen (gleichbedeutend mit Kreuz) verdammt hat.“
GEJ|1|131|15|0|Als die Pharisäer in ihrer großen Angst sahen, daß niemand sich ihrer erbarmen und für sie eine Fürsprache beim Obersten machen wollte, der das römische, gewöhnlich unerbittliche Jus gladii über ganz Galiläa führte, so fielen sie, in allem bei dreißig an der Zahl, vor dem Obersten nieder, beteuerten, daß sie es vorher Jesu gegenüber nicht so böse, als es aufgenommen ward, gemeint hätten und damit nur in einer kräftigeren Weise hätten ausdrücken wollen, wie die offenbare Gotteskraft in Jesu dem Meister der Meister, sich auch, wo es notwendig ist, sogar den Obersten aller Teufel dienstbar machen kann und machen muß; denn es wäre sehr traurig für die Menschen, so Gott über die Teufel keine Macht hätte. Wirke aber in Jesu, was nun wohl nimmer zu bezweifeln sei, doch offenbar des allerhöchsten Gottes Macht und Kraft, so müsse sie ja über alle Teufel so gut wie über alle Engel gebieten und sie zum strengsten Gehorsam unausweichbar zwingen können! „Wir wollten alsonach durch die Exklamation, er treibe solche Teufel durch deren Obersten aus, nur andeuten, daß seine Gotteskraft über alles geht, das im Himmel, auf Erden und unter der Erde ist. So wir aber nur das und unmöglich was anderes haben verstehen können unter der Exklamation, derentwegen du uns zum Tode verdammt hast, wie ist es möglich, daß du, hoher Gebieter Roms, über uns ein solches Gericht hast ergehen lassen können? Wir bitten dich daher im Namen des göttlichen Meisters Jesus, daß du dein ausgesprochenes Urteil allergnädigst wieder zurücknehmen möchtest!“
GEJ|1|131|16|0|Sagt der Oberste: „Wenn Jesus, der Meister, für euch ein Wort spricht, so will ich mein Wort zurücknehmen; schweigt Er, so sterbet ihr ohne weiteres heute noch! Denn euren Worten messe ich keinen Glauben bei, da eurer Herzen Sinn ein anderer ist, als den ihr aussprechet mit dem Munde!“
GEJ|1|131|17|0|Auf diese Worte des Obersten stürzen nun alle zu Mir hin und schreien: „O Jesus, du guter Meister, wir bitten dich, rette und erlöse uns! Verlange Geiseln von uns, so du uns nimmer trauen wolltest, daß wir dir fortan keine Hindernisse mehr in den Weg legen werden! Denn wir sind nun ja alle mehr als überzeugt, daß du ein reinster Bote Gottes an uns, Seine leider sehr vielfach schlecht gewordenen Kinder, bist! O Jesus, laß unsere Bitte nicht unerhört!“
GEJ|1|131|18|0|Sage Ich: „So gehet in Frieden nach Hause! Gebt aber acht, daß ihr nichts Ärgeres unternehmet; denn da würde Ich zu euch nimmer sagen: ,Gehet in Frieden nach Hause!‘“
GEJ|1|131|19|0|Sie gelobten Mir alles, und der Oberste sagte: „Weil Er euch den Frieden gab, so gebe auch ich ihn euch und nehme für jetzt das Urteil zurück; aber wehe euch, so ich das Geringste von euch erfahre!“
GEJ|1|131|20|0|Die Pharisäer bedankten sich überaus hoch und teuer bei Mir und dem Obersten, entfernten sich dann eiligst nach Hause und schwiegen sorglichst; denn sie alle fürchteten den Kornelius überaus. Aber in ihren Herzen brüteten sie desto unausgesetzter, wie sie Mich verderben und sich am Obersten rächen könnten, mußten jedoch, da sich ihnen durchaus keine Gelegenheit darbieten wollte, zum für sie bösen Spiele eine gute Miene machen; denn es hing nun ihr Sein oder Nichtsein davon ab. Für Meine Sache aber war das dennoch gut; denn Ich konnte nun eine geraume Zeit hindurch, nahe bis zum Spätherbste, in den Städten und Märkten in ganz Galiläa das Evangelium vom Reiche Gottes unbeirrt verkündigen und daneben heilen allerlei Seuchen und Krankheiten des Volkes. (Matth.9,35)
GEJ|1|132|1|1|Im galiläischen Hungerdörfchen
GEJ|1|132|1|1|132. - Das Dörflein des Jammers, ein Werk des Tyrannen Herodes. Des Herrn bedeutsame Rede über diese Zulassung
GEJ|1|132|1|0|Es war aber ein großes Elend der unter allerlei Druck verschmachteten Menschen besonders in den Märkten und Dörfern anzusehen. Physisch und psychisch waren sie zerstreut und verschmachtet gleich Schafen unter den Wölfen ohne auch nur einen Hirten. (Matth.9,36) Da Mich solch zerrütteter Zustand der armen Völker überaus dauerte, so sprach Ich wie zu Sichar am Brunnen: „Die Ernte ist groß; aber der Arbeiter sind wenige! (Matth.9,37) Bittet darum den Herrn, daß Er Arbeiter in Seine Ernte sende! Denn diese Armen sind reif zum Reiche Gottes, und der Acker, auf dem sie stehen, ist groß. Sie schmachten und lechzen nach Licht, Wahrheit und Erlösung! Aber Arbeiter, Arbeiter! Wo sind diese?!“ (Matth.9,38).
GEJ|1|132|2|0|Sagen die Jünger: „Herr, so Du uns für tüchtig hieltest, könnten wir uns denn nicht verteilen und nehmen ein jeglicher eine Stadt und einen Markt?“ Sage Ich: „Wir sind nun auf dem Wege nach einem ärmsten Dorfe. So wir das Dorf werden erreicht haben, werde Ich die Fähigsten und Kräftigsten aus euch erwählen und hinaussenden in die vielen Gegenden und Ortschaften, und ihr werdet sodann das alles tun, was Ich tue und getan habe vor euch. Aber nun eilen wir dem Dorfe zu!“
GEJ|1|132|3|0|In einer kleinen halben Stunde hatten wir das Dörfchen erreicht und fanden allda ein wahrhaft beispielloses Elend. Eltern und Kinder gingen buchstäblich nackt herum und behängten mit Laubwerk zur Not ihre Scham. Als das Völkchen uns ankommen sah, eilte alles, groß und klein und jung und alt, uns entgegen und bat uns um ein Almosen; denn es war eine große Not unter ihnen. Kinder weinten und hielten ihre Hände über ihre Bäuchlein; denn sie waren sehr hungrig, da sie schon zwei volle Tage hindurch nichts gegessen hatten, und die Eltern verzweifelten, teils aus eigenem Hungerschmerz und mehr aber noch ihrer um Brot und Milch bittenden Kindlein wegen.
GEJ|1|132|4|0|Petrus, den dieser Anblick durch und durch ergriff, fragte einen gar bieder aussehenden alten Mann, sagend: „Freund, wer hat euch denn gar so elend gemacht? Wie seid ihr in diesen Zustand gekommen? War ein Feind bei euch und hat euch alles geraubt und, wie ich's merke, sogar eure Häuser schmählichst verwüstet? Denn ich sehe nur Wände, über denen keine Dächer und Söller sich befinden, und eure mir bekannten Kornkammern liegen im Schutte. Wie, wie ging denn das zu?“
GEJ|1|132|5|0|Sagte der gefragte Mann mit weinender Stimme: „O ihr lieben und sicher guten Menschen! Das hat die unbegrenzte Härte und Habsucht des Pachtkönigs Herodes getan! Sein Vater war des Satans linker – und er ist dessen rechter Arm. Wir konnten die verlangten Steuern nicht aufbringen, die er vor zehn Tagen von uns verlangt hatte; seine Häscher gaben uns einen Termin von sechs Tagen. Was waren aber die sechs Tage? In dieser Zeit verzehrten die Häscher nahe allen unsern bessern Vorrat und nahmen am siebenten Tage, da wir die verlangte unerschwingliche Steuer unmöglich zahlen und entrichten konnten, alles, was wir hatten, und ließen uns mit der genauesten Not kaum noch dies nackte elende Leben! O Freunde, das ist hart, unendlich hart! Wenn uns Gott nicht hilft, so verhungern wir samt unsern Kindern heute noch! Helft uns doch, was ihr vermöget! Wenn uns die bösen Knechte Herodis nur nicht bis auf die Haut ausgezogen hätten, so könnten wir doch betteln gehen; aber wohin sollen wir in diesem Zustand gehen? Für unsere Kinder ist es nach allen Seiten hin zu weit; und wir sind, wie ihr es sehet, so nackt wie im Mutterleibe! O Gott, o Gott, warum mußten denn gerade wir gar so entsetzlich elend gemacht werden? Welche aller unserer Sünden hat uns denn vor Dir, o Jehova, solch eine Strafe zugezogen?“
GEJ|1|132|6|0|Da trete Ich zum alten Manne und sage: „Freund! Dies hat an euch nicht eure Sünde, die vor Gott als die kleinste in ganz Israel befunden ist, sondern die Liebe Gottes getan!
GEJ|1|132|7|0|Ihr waret zwar am meisten rein in ganz Israel; aber es klebte dennoch manch weltlich Gelüste an eurer Seele. Gott aber, der euch liebhat, sah das und wollte euch auf einmal frei machen von aller Welt, auf daß ihr nun vollends fähig sein sollet, aufzunehmen die Gnade eures Vaters im Himmel. Das ist nun geschehen, und ihr seid nun für alle Zeiten sicher vor Herodes. Bei denen nämlich seine Habsucht die volle Beraubung zuläßt, von denen hebt er dann auch nimmer Steuern ein; denn die zu Bettlern gemachten Untertanen werden aus dem Steuerbuche gelöscht.
GEJ|1|132|8|0|Und sehet, also seid ihr denn nun mit einem Hiebe von aller Welt frei gemacht! Das ist die größte Wohltat Gottes an euch, und ihr könnt nun einmal vollernstlich pur für eure Seelen zu sorgen anfangen.
GEJ|1|132|9|0|Ich sage euch aber: Bauet in der Zukunft keine reich aussehenden Häuser, sondern errichtet euch notdürftige Hütten, und es wird von euch niemand mehr Steuern verlangen, außer der alleinberechtigte König Roms; und der verlangt nur zwei bis drei vom Hundert. Habt ihr etwas, so könnt ihr's geben, und habt ihr nichts, so seid ihr frei. Wir wollen aber davon später mehreres reden.
GEJ|1|132|10|0|Nun aber geht in eure dachlosen Häuser; dort werdet ihr Speise und Kleidung finden! Stärket euch und bekleidet euch und kommet dann wieder, und Ich werde dann Weiteres mit euch verabreden!“
GEJ|1|133|1|1|133. - Ein Speise- und Kleiderwunder im Hungerdörfchen. Das er leuchtete Kind. Des Herrn Wort an die Himmel. Jesus und das Kind.
GEJ|1|133|1|0|Als die Armen alle das vernehmen, eilen sie dankbarst gläubig in ihre halbzerstörten Wohnhäuser und können nicht genug erstaunen, als sie die Tische mit guter und hinreichender Speise bedeckt finden und also auch Kleider aller Art, für alt und jung, groß und klein, und das für beiderlei Geschlecht unterschiedlich. Eines fragt das andere, wie solches herging. Und keines weiß dem andern einen Bescheid zu geben.
GEJ|1|133|2|0|Als sie aber auch ihre Speisekammern wohlbestellt finden, sagen Weiber und Kinder zu den Männern: „Das hat Gott getan! Er, der in der Wüste vierzig Jahre hindurch Manna regnen ließ und ernährte also wohl Seine Kinder über Steinen und Sand, darauf kein Gras wuchs, wie hätte Er uns nun sollen verschmachten lassen wollen, da wir nun wie allzeit zu Ihm gefleht haben!? Oh, das ist gewiß: Gott verläßt die, die zu Ihm flehen, nimmer!
GEJ|1|133|3|0|David, der große König, flehte zu Gott, als er elend ward, und Gott half ihm aus seiner großen Not, und es ist noch nie gehört worden, daß Gott die nicht erhört hätte, die bei Ihm Hilfe suchten; es wäre aber ein nie dagewesenes Wunder, so Gott uns nicht erhört hätte in solcher unserer größten Not. Denn Gott ist ja allzeit voll Liebe für die, die zu Ihm rufen: ,Abba, lieber Vater!‘ Darum wollen wir Ihn aber von nun an auch lieben über alles, alles, alles! Er ganz allein ist unser Retter! Aus den Himmeln hat unser heiligster Vater uns das alles geschickt durch Seine heiligen Engel!“
GEJ|1|133|4|0|Sagt der alte Mann, der gerade zu dieser Familie gehörte, und zu der immer das ganze Dorf zusammenkam, um zu vernehmen seine Weisheit; denn er war in der Schrift wohlbewandert: „Meine Kinder, Freunde und Brüder! Es heißt in der Schrift ja: ,Aus dem Munde der Kleinen und Unmündigen will Ich Mir ein Lob bereiten!‘ Und sehet, hier haben wir es vor unseren Augen und Ohren! Der liebe Vater hat uns angesehen in Seiner großen Erbarmung und hat solches an uns getan! Ihm darum alle unsere Liebe und alles Lob aus dem Munde unserer Säuglinge! Denn unseres Mundes Lob ist nicht rein genug, um dem Allerheiligsten wohlzugefallen; darum hat Er Selbst Sich den Mund unserer Säuglinge zubereitet. Aber nun gehen wir hinaus zu dem jungen Manne, der uns in unsere Häuser beschied und sicher wohl gewußt hat, was Gott an uns getan hat! Er muß ein großer Prophet sein, – vielleicht gar Elias, der noch einmal vor dem erhofften und schon seit lange her verheißenen Messias kommen soll!“
GEJ|1|133|5|0|Sagt ein kleines Kind, das kaum zu reden angefangen hatte: „Vater! Wie, wenn dieser Mann selbst der große Verheißene wäre?“
GEJ|1|133|6|0|Sagt der Alte: „O Kind, wer löste nun so klar deine Zunge? Denn du sprachst nun nicht wie ein Kind, sondern wie ein Weiser im Tempel zu Jerusalem!“
GEJ|1|133|7|0|Sagt das Kindlein: „Das weiß ich nicht, lieber Vater; aber daß mir vorher das Reden schwer fiel und nun überaus leicht, das weiß ich wohl. Wie aber mag dich das nun wundern? Stehen wir doch unter lauter Wundern Gottes!“
GEJ|1|133|8|0|Sagt der Alte, das Kindlein an sein Herz drückend: „Ja, ja, du hast recht! Es ist nun alles ein Wunder, und du hast dich sicher nicht geirrt, so du den jungen Mann gar für den Messias ansiehst. Denn für uns ist Er es sicher! Aber nun gehen wir hinaus zu Ihm und wollen auch Ihm im Namen Jehovas den pflichtschuldigsten Dank darbringen! Denn Er ist offenbar von Gott zu uns gesandt worden. Und so eilen wir nun zu Ihm hinaus!“
GEJ|1|133|9|0|Sie eilen nun alle hinaus zu Mir, und die Kindlein sind die ersten, die zu Meinen Füßen hinstürzen und sie mit ihren unschuldigen reinsten Dank- und Freudentränen benetzen!
GEJ|1|133|10|0|Ich aber sehe empor zum Firmamente und sage laut: „Ihr Himmel! Da schauet herab und lernet es von diesen Kindlein, wie euer Gott und Vater gelobt werden will! O du Schöpfung, wie endlos groß und alt bist du, und wie zahllos groß ist deiner weisen Bürger Menge, und doch mochtest du den Weg zum Herzen deines Schöpfers, deines Vaters, nicht finden wie diese Kindlein!“ Darum sage Ich euch: „Wer nicht wie diese Kleinen kommt zu Mir, der wird nicht finden den Vater!“
GEJ|1|133|11|0|Darauf setzte Ich Mich und segnete und herzte die Kindlein. Und das kleine Kindlein sagte zum Alten, der da, sich gar nicht zurechtfinden könnend, ausrief: „Wie das? Wie so? Wie sollen wir das fassen?“ –: „Vater, hier ist mehr als Elias, mehr als dein Messias! Hier ist der Vater Selbst, der gute Vater, der uns gebracht hat Brot, Milch und Kleidung!“
GEJ|1|133|12|0|Der Alte fängt an zu weinen; das Kindlein aber legt sein Köpfchen an Meine Brust, fängt an sie zu küssen und zu streicheln und sagt nach einer Weile: „Ja, ja, ich höre es; hier in dieser Brust schlägt das wahre gute Vaterherz! Oh, wenn ich es nur auch küssen könnte!“ Sagt der Alte: „Aber Kindchen, sei doch nicht unartig!“
GEJ|1|133|13|0|Sage Ich: „Werdet alle so unartig, sonst werdet ihr dem Vaterherzen nimmer so nahe kommen wie dies liebste Kindlein!“
GEJ|1|134|1|1|Erste Botenaussendung. Große Missionslehre
GEJ|1|134|1|1|134. - Berufung der zwölf Apostel und ihre erste Aussendung zur Missionsarbeit. Eine wichtige Erklärung über die jetzigen Evangelien vom Geiste Gottes. Grund des Verschwindens der Evangelienoriginale. Kern der asiatischen Religionen.
GEJ|1|134|1|0|Treten Matthäus der Evangelist und Johannes zu Mir und sagen zu Mir: „Herr, diese Tat aber sollte doch wohl aufgezeichnet werden; denn das ist zu außerordentlich und zu rein göttlich!“
GEJ|1|134|2|0|Sage Ich: „Habe Ich zu Sichar nicht das Gleiche geleistet, habe Ich nicht erst vor wenigen Tagen Mein Haus also versorgt, wie in gleicher Weise das Haus Meines Jüngers Matthäus? Ihr wolltet solches alles auch aufzeichnen, und Ich ließ es nicht geschehen, weil Ich dazu Meinen tüchtigsten Grund habe. Warum sollte die mit den früheren ganz gleiche Tat nun auf einmal aufgezeichnet werden? Lasset das nur gut sein! Was da not tut der Welt, weiß Ich allein am besten und werde euch deshalb schon sagen, was und wann ihr wieder irgend von einer neuen Tat aufzeichnen sollet! Und an dich, Mein Bruder Johannes, wird noch lange die Reihe nicht kommen.
GEJ|1|134|3|0|Ich werde aber nun aus euch, Meinen lieben Jüngern, etliche erwählen, die Ich zum Teil jetzt schon in die Städte Israels hinsenden werde, den Völkern zu predigen vom Gottesreiche. (Matth.10,1) Simon Petrus, du bist der erste; du Andreas, des Simon Bruder, bist der zweite; du Jakobus, Sohn des Zebedäus, bist der dritte und du, Johannes, dessen Bruder, (Matth.10,2) der vierte; Philippus, du bist der fünfte; du, Bartholomäus, der sechste; du, Thomas, der siebente, und du, Matthäus der Zöllner, bist der achte; du Jakobus, des Alphäus Sohn, bist der neunte und du, Lebbäus, der du auch Thaddäus heißest (Matth.10,3), bist der zehnte; du, Simon von Kana, bist der elfte und du, Judas Ischariot, bist der zwölfte. (Matth.10,4)
GEJ|1|134|4|0|Ich gebe euch zwölfen die Macht, auszutreiben aus den Menschen die unlauteren Geister und zu heilen allerlei Seuchen und andere Krankheiten. Allenthalben sollet ihr verkünden das Reich Gottes; aber von den gewissen besonderen Taten sollet ihr schweigen!“
GEJ|1|134|5|0|Nach dieser Erwählung fragten Mich die zwölf erwählten Jünger, wohin sie denn nun sogleich sich wenden sollen, welche Wege sie einschlagen und was sie vor allem und hauptsächlich reden sollten.
GEJ|1|134|6|0|Nach solcher Frage gab Ich ihnen folgende gedehnte Antwort, die den zwölf Erwählten zwar nicht sehr mundete, und sie machten auch von solcher Aufforderung erst nach Meiner Auffahrt vollen Gebrauch.
GEJ|1|134|7|0|Die Aufforderung ward aber auch also gegeben, daß sie hauptsächlich erst auf die Zeit nach Meiner Auffahrt sich bezog, da eben den Zwölfen, oder vielmehr in jener Zeit allen Meine Lehre Verbreitenden, erst das geschah, was Ich da den Zwölfen verlautbarte.
GEJ|1|134|8|0|Bevor Ich aber zu dem gedehnten Gebot an die Zwölfe übergehe, muß Ich zum genaueren Verständnisse des Ganzen das erwähnen, daß die Evangelien, auch das des Matthäus wie des Johannes, wie sie in der Jetztzeit vor euch in den verschiedenen Zungen aufliegen, nur Auszüge des Urevangeliums sind und daher auch bei weitem nicht einmal das alles enthalten, was Matthäus und Johannes niedergeschrieben haben. Hie und da aber kommt dennoch ein kleiner Beisatz des späteren Sammlers und Nachschreibers hinzu, der offenbar erst später konnte angefügt werden, wie zum Beispiel hier im 10. Kap., V. 4, des Matthäus ein Nachsatz beim zwölften Apostel, beim Judas Ischariot, steht, und zwar also lautend: „der Ihn hernach verriet.“ Davon aber wußte zur Zeit der Erwählung Matthäus, der sein Evangelium in Meiner Gegenwart schrieb, noch keine Silbe und hatte daher solchen Nachsatz auch nicht hinzufügen können; solches hat hernach in späterer Zeit ein Nachschreiber getan.
GEJ|1|134|9|0|Es steht daher sowohl bei den hebräischen als griechischen Bibeln allzeit voran die Bemerkung: „Evangelium nach Matthäus“, „nach Johannes“ usw.
GEJ|1|134|10|0|Es soll darum sich niemand daran stoßen, so er beim Lesen des Matthäus und Johannes hie und da auf ähnliche Stellen kommt, die der eigentliche Evangelist in der Zeit, als er das Evangelium schrieb, nicht aufzeichnen konnte, weil das durch sie bezeichnete Faktum erst viel später geschah. Hier aber wird alles in der strengsten Ordnung wiedergegeben, und daß da mit der Zeit keine schiefen Bemerkungen von den Verstandesgrüblern gemacht werden sollen, so habe Ich dieses Umstandes hier am geeignetsten Platze erwähnt.
GEJ|1|134|11|0|Es werden aber auch wie früher im Verlaufe dieser Mitteilung hie und da erläuternde Einschaltungen geschehen, was um so notwendiger ist, da durch die Nachschriften so manches Wichtige nicht völlig richtig aufgezeichnet und manches als dem Nachschreiber zu wenig authentisch Scheinende auch wohl ganz weggelassen wurde. Denn es sind in der damaligen Zeit eine Menge Aufzeichnungen geschehen, teils von Augenzeugen, teils bloß vom Sagenhören, und es war darob für die ganz redlichen Nachschreiber eine entschieden schwere Sache, der vollen Wahrheit allenthalben völlig treu zu bleiben.
GEJ|1|134|12|0|Und so sind die beiden Evangelien nach Matthäus und Johannes bis auf einzelne Kleinigkeiten am meisten rein.
GEJ|1|134|13|0|Man könnte von einer verstandeskritischen Seite hier wohl die Frage tun und sagen: „Wohin ist denn dann das eigentliche Original gekommen? Ist es auf der Erde nirgends mehr vorrätig, und sollte es bei der damaligen Menge der vom heiligen Geiste belebten und durchdrungenen Menschen denn Gott unmöglich gewesen sein, das Urevangelium ganz wortgetreu wieder ans Tageslicht zu fördern?“
GEJ|1|134|14|0|Darauf diene zur Antwort: Die Originale sind aus dem höchst einfachen Grunde, daß in Kürze der Zeit mit solchen Reliquien keine Abgötterei getrieben werden möchte, weisest aus dem Wege geräumt worden. Es geschieht solches nun zwar noch mit sogar falschen und fingierten Reliquien, obschon all derlei durch Meine wahre und reine Lehre streng untersagt ist unter der ernsten Warnung vor dem Sauerteige der Pharisäer. Nehmet nun erst dann eine historisch erwiesen wahre Reliquie her! Ich sage es euch, es würde mit ihr bei weitem mehr Abgötterei getrieben werden als mit dem sogenannten heiligen Grabe zu Jerusalem, an dem außer der Örtlichkeit auch kein wahres Sandkörnchen mehr klebt. Darin liegt sonach der handgreifliche Grund, warum alle die Originale aus dem Wege geräumt worden sind.
GEJ|1|134|15|0|Was aber die zweite Frage betrifft, so ist der Geist, der in den Originalen lag, auch in den Nachschriften völlig beibehalten worden; am Buchstaben aber liegt ja ohnehin nichts, sondern nur an einem und demselben Geiste. Oder ist wohl zwischen dem Gottesgeiste ein Unterschied (d.h. notwendig in Ihm Selbst, weil es nur einen Geist Gottes gibt), so Er als ein und derselbe Geist hier auf dieser Erde selbst schon wirket endlos mannigfach in den sich unähnlichsten Formen, und noch endlos mannigfaltiger auf einer Sonne? Sehet, es ist und bleibt dennoch stets ein und derselbe heilige Geist!
GEJ|1|134|16|0|Also ist es auch bei den Nachschriften Meines Wortes der Fall. Mögen sie sich äußerlich noch so unähnlich sehen, so sind sie aber im Innersten dennoch von ein und demselben Geiste erfüllt, und mehr braucht es nicht!
GEJ|1|134|17|0|Nehmt zum Überflusse noch hinzu die Religionen fremder Nationen, als zum Beispiel der Türken, der Parsen, Gebern, Hindus, Chinesen und Japaner! Wie sehr sind sie verschieden von der Religion, die Ich nur den Kindern aus dem Himmel aller Himmel gab, und doch waltet auch in ihnen, wennschon um vieles tiefer verborgen, derselbe Geist Gottes!
GEJ|1|134|18|0|Daß sich aber auf und in der oft sehr dicken und sehr verwitterten Rinde, die leider von vielen für den Baum selbst gehalten wird, allerlei Unrat und allerlei Würmer und Insekten vorfinden, die lediglich von der Rinde ihre schlechte Nahrung nehmen, das wird jeder leicht begreiflich finden, der in der Natur der Dinge nur einige Wissenschaft besitzt. Denn da die Rinde aus dem lebendigen Baume, nie aber der lebendige Baum aus der Rinde erwächst, so hat sie auch irgend etwas des Lebens aus dem Baume in sich, und es ist daher begreiflich, wie in ihr und aus ihr so viele Würmer und allerlei Insekten eine freilich nur höchst äußerliche und vergängliche Lebensnahrung finden.
GEJ|1|134|19|0|Kriege, Verfolgungen, Verheerungen werden nur auf der mageren und lebenskargen Rinde geführt, während dabei das Holz des lebendigen Baumes frisch und gesund verbleibt. Es kümmere sich daher kein lebendiges Holz um das, was in der eigentlich denn doch nur toten Rinde vor sich geht; denn die Rinde wird verworfen werden, so das Holz gesammelt wird.
GEJ|1|134|20|0|Diese Zwischenerklärung war notwendig, damit das Kommende leichter und gründlicher begriffen werden kann. Und da darüber vorderhand kein Zweifel obwalten kann, so können wir nun wieder ganz wohlgemut zu der Hauptsache übergehen.
GEJ|1|135|1|1|135. - Matthäus des Zöllners Rede an seine Mitapostel. Des Herrn Verhaltenswinke für Seine Missionsarbeiter.
GEJ|1|135|1|0|Wie Ich sonach die zwölf Jünger zu Meinen Boten und Vorläufern erwählte, ihnen durch die Auflegung Meiner Hände allerlei Macht erteilte und ihnen auch gedrängt die Weisung gab, was sie zu tun haben würden, so baten Mich aber dennoch alle die erwählten Zwölf inständigst, daß Ich ihnen eine vollständige Weisung geben sollte, was sie tun, was und wie sie reden und lehren, wie sie sich benehmen sollten, und was hie und da ihr Los sein werde. Denn sie alle hatten eine nicht unbedeutende Furcht vor den vielen Pharisäern und Schriftgelehrten.
GEJ|1|135|2|0|Der einzige, Matthäus der Zöllner, war etwas mutiger und sagte bei den von den Zwölfen dargestellten verschiedenen Bedenklichkeiten: „Ei was, ich bin ein Grieche; mir können sie nicht leichtlich etwas machen! Zugleich habe ich eine gesunde Zunge und zwei sehr kräftige Arme und bin obendrauf laut handgreiflichen Dokumenten ein römischer Bürger, an den kein frecher Jude seine Hand zu legen wagen darf, und so werde ich wenigstens öffentlich mit ihnen schon abkommen; vor geheimen und meuchlerischen Nachstellungen aber wird mich der allmächtige Geist unseres Herrn und Meisters schützen, und so habe ich der besten Waffen in großer Menge, selbst gegen die verschmitztesten Feinde, und fürchte somit die ganze Hölle nicht! Ihr alle aber seid zum größten Teile Galiläer, was soviel sagen will als Antitempler, und mehr Griechen als Juden und habt die Römer zu Freunden; was sollet ihr bei solchen Umständen auch fürchten? Überhaupt müssen wir voll Mutes sein, wenn es sich um die Ausführung so endlos großer und heiliger Dinge handelt! Laßt die Erde zu Trümmern zusammenrütteln; der rechte Mann muß, den Tod verachtend, auf den Trümmern stehenbleiben und nicht wanken wie ein Sumpfrohr! – Aber für eine erschöpfende und volle Weisung vor diesem großen und heiligen Geschäfte bin ich auch; denn wir müssen es wohl wissen, was wir zu tun und zu reden haben werden und sollen!“
GEJ|1|135|3|0|Nach dieser energischen Rede des Matthäus d. Z. bekamen alle mehr Mut, und es fing sie ordentlich an den Achseln an zu jucken, als ob sie schon lieber davonfliegen als zu Fuße wandeln möchten.
GEJ|1|135|4|0|Da stellte Ich Mich in ihre Mitte und sagte zu ihnen: „So seid denn versammelten Geistes; Ich will euch denn nun alles kundtun und euch nichts vorenthalten, was euch zu wissen not tut.
GEJ|1|135|5|0|Bei der ersten Versendung werdet ihr zwar nicht alles das erfahren, was Ich euch nun kundtun werde; aber nachdem Ich werde aufgefahren sein leibhaftig von dieser Erde in Meine Himmel, zu bereiten für euch ewige Wohnungen in des Vaters Hause, da werdet ihr das alles erfahren, was Ich euch nun in einem für jetzt wie für die volle Zukunft offenbaren werde. Habet darum wohl acht und fasset es, was für jetzt und was für nachher!
GEJ|1|135|6|0|Was Ich aber jetzt euch sagen werde, das werden auch alle mehr oder weniger erfahren, die vollends in eure Fußstapfen nach euch in Meinem Namen treten werden. Du, Schreiber Matthäus, aber sollst nun so wie auf Garizim Mir alles vom Munde nachschreiben, was Ich jetzt reden werde; denn solches darf für die Welt nicht untergehen, da es sein wird ein scharfes Zeugnis wider sie!“
GEJ|1|135|7|0|Matthäus der Schreiber macht sich nun zum Schreiben bereit, und Ich sage zu den Zwölfen:
GEJ|1|135|8|0|Vor allem gehet nun nicht auf den Straßen der Heiden! Das heißt:
GEJ|1|135|9|0|Gehet nicht, wie die Heiden, mit Gewalt einher und meidet auch euch als zu wüst bekannte Völker; denn Hunden und Schweinen sollet ihr nicht das Evangelium vom Reiche Gottes verkündigen. Denn ein Schwein bleibt Schwein, und der Hund kehrt stets zu dem wieder gierig zurück, was er gespieen hat. Das also will Ich damit gesagt haben, daß Ich euch rate, auf der Heiden Straße nicht einherzugehen.
GEJ|1|135|10|0|Also ziehet auch nicht in die Städte der Samariter! Warum? Diesen habe Ich bereits an eurer Seite und unter euren Augen einen Apostel gestellt, und sie bedürfen fürs erste euer nicht, und fürs zweite würdet ihr um so schlechter bei den Juden aufgenommen werden, so sie erführen, daß ihr mit ihren verhaßtesten Feinden eine gemeinsame Sache habt. (Matth.10,5) Aber zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel ziehet allerorts mutig hin! (Matth.10,6)
GEJ|1|135|11|0|So ihr zu ihnen kommet, da prediget ihnen und saget und zeiget es ihnen in verständlicher Weise, wie nun das Himmelreich nahe zu ihnen gekommen sei! (Matth.10,7) Und so sie euch hören werden und werden annehmen eure Predigt, da machet dann gesund ihre Kranken, reiniget die Aussätzigen, wecket auf ihre Toten, – wo es nötig ist, wie es euch der Geist zeigen wird, dem Leibe nach, allenthalben aber und vor allem geistig! – (NB. Dies hat Matthäus aus dem Grunde nicht niedergeschrieben, weil unter dem Gebote, die Toten zu erwecken, ohnehin hauptsächlich die geistige Erweckung zu verstehen ist.)
GEJ|1|135|12|0|Treibet die Teufel aus und verwahret sie vor deren möglicher Rückkehr! Aber vor allem wohl gemerkt, daß ihr dafür ja von niemandem euch etwas zahlen lasset! Denn umsonst habt ihr es von Mir empfangen, und eben also sollet ihr es auch wieder in Meinem Namen hergeben!“ (Matth.10,8) – Diesen Beisatz machte Ich damals hauptsächlich des Judas Ischariot wegen, der da heimlich bei sich gleich zu berechnen anfing, wieviel er sich für eine oder die andere einmal geleistete Hilfe werde zahlen lassen. Besonders für die Totenerweckung eines Menschen, an dem irgend sehr Reichen ungemein viel gelegen wäre, wollte er tausend Pfunde verlangen! Da Ich aber solches Rechnen im Herzen des Verräters nur zu geschwinde merkte, so machte Ich auch sogleich obigen Beisatz, zu welchem der Betreffende aber freilich ein etwas saures Gesicht machte, was dem ihm gegenüberstehenden Thomas nicht entging, der sich nicht enthalten konnte, inzwischen diese Bemerkung zu machen: „Nun, nun, du machst ja ein Gesicht, wie einer, der da wucherische Interessen zu fordern hat, dem aber das Gericht einen recht armdicken Strich durch seine Rechnung macht!“
GEJ|1|135|13|0|Sagt Judas: „Das geht dich wenig an, was ich für ein Gesicht mache! Am Ende werde ich dir noch über mein Gesicht müssen Rechnung tragen?! Bin ich doch so gut berufen und nun erwählt wie du; was korrigierst du mich denn hernach in einem fort?“
GEJ|1|135|14|0|Sagt Thomas: „Ich korrigiere dich nicht; aber eine Frage an dich bei gewissen Gelegenheiten wird doch hoffentlich erlaubt sein? Warum hast denn du früher kein so saures Gesicht gemacht, als uns der Herr allerlei wunderbare Macht erteilt und gezeigt hat, wie wir sie ausüben können und sollen? Wie aber der Herr sagte, daß wir das umsonst tun sollen, so ward dein Gesicht gleich essigsauer; ja, warum denn? Hast du denn einen Krampf bekommen, der deine Wangen und deine Stirne so sauerfaltig verzerrte? Rede offen, so du Mut besitzest!“
GEJ|1|135|15|0|Sagt Judas zu Mir: „Herr, so verweise es ihm doch einmal, – sonst bin ich stets seinen Bemerkungen ausgesetzt, die mich im Ernste mit der Zeit beleidigen müßten!“
GEJ|1|135|16|0|Sage Ich: „Freund! So jemand einem Unschuldigen eine Sünde andichtet, so lacht dieser darob in seinem Herzen; denn dieses spricht ihn ja alsogleich von aller Schuld los. So aber jemand einem Menschen, wenn auch wie zufällig, etwas vorwirft, dessen der Mensch aber im Ernste schuldig ist, – sage, wird der Mensch auch lachen in seinem Herzen? O nein! Ich sage es dir: Dieser Mensch wird erbost in seinem Herzen über den, der ihm wie zufällig seine Schuld vorwarf, und wird dessen Freund nimmer! Halte dich darob also nicht auf, sonst bekennst du am Ende selbst deine Schuld!“
GEJ|1|135|17|0|Als Judas diese Worte vernimmt, so macht er gleich ein möglichst freundliches Gesicht, um sich nicht in irgend etwas schuldig zu sein zu verraten! Thomas aber sagt bei sich: ,O Fuchs, dich kenne ich; du kommst mir nicht aus!‘
GEJ|1|135|18|0|Es fragte aber Simon von Kana und sagte: „Herr, was sollen wir aber tun, so uns jemand für eine Heilung antrüge Gold, Silber oder geprägtes Erz? Sollen wir es da auch nicht annehmen? Es gibt denn doch viele Arme, denen wir dann mit solchem Gelde gut zu Hilfe kommen könnten!“ Macht Judas ganz beifällig unaufgefordert die Bemerkung hinzu, sagend: „Ja, ja, das eben ist auch meine Meinung! So jemandem für eine geleistete Hilfe Gold, Silber oder auch Erz gleichsam aufgedrungen würde, so sollte man es für den vom Simon von Kana erwähnten Zweck doch wohl annehmen!?“
GEJ|1|135|19|0|Sage Ich: „Nicht also, Meine Brüder! Ich sage es euch: Ihr sollet weder Gold, noch Silber, noch Erz in euren Gürteln haben; denn ein rechter Arbeiter ist ohne all dem seiner Speise wert! (Matth.10,9) Wer aber nicht arbeiten will, so er Arbeitskräfte hat, der soll auch nicht gespeist werden! Denn es steht geschrieben: ,Im Schweiße deines Angesichts sollst du dir dein Brot erarbeiten!‘ Aber daß sich ein Arbeitsscheuer durch ein Almosen von Gold, Silber und Erz soll seine Kost bereiten, das steht nirgends geschrieben! Die Schwachen, Alten und Bresthaften aber müssen ohnehin nach dem Gesetze von der ganzen Gemeinde erhalten und wohl versorgt werden.
GEJ|1|135|20|0|Es wird aber ohnehin nur zu bald eine Zeit kommen, in der das Gold, das Silber und das Erz die Menschen regieren wird und wird bestimmen ihren Wert vor der Welt. Das aber wird eine böse Zeit sein; da wird das Licht des Glaubens erlöschen, und die Nächstenliebe wird hart und kalt werden wie das Erz!
GEJ|1|135|21|0|Darum sollet ihr nun zur Wegfahrt keine Reisetasche nehmen, auch nicht zwei Röcke und keine Reisestecken! Denn, wie Ich schon gesagt habe, so ist ein rechter Arbeiter auch ohne alldem seiner Speise wert!“ (Matth.10,10)
GEJ|1|136|1|1|136. - Des Judas Fragen und Einwurf wegen des Reisens ohne Geld
GEJ|1|136|1|0|Es fragte aber der Judas und sagte: „Herr, das wäre alles recht, und wir werden bei den Landleuten sicher ohne Geld versorgt werden; aber wir werden doch sicher auch müssen in die Städte und Märkte gehen, in denen es mit der einstigen Gastfreundschaft schon lange ein volles Ende genommen hat! Wie werden wir da durchkommen und was anfangen ohne Geld?“
GEJ|1|136|2|0|Sage Ich: „Wenn ihr in eine Stadt oder in einen Markt gehet, da erkundiget euch (denn ihr wisset es doch, was ihr vermöget!), ob jemand darinnen sei, der euer wert ist und dessen benötigt, das ihr geben könnt! Habt ihr einen solchen gefunden, so bleibet bei ihm, bis ihr wieder von dannen irgendwo andershin zieht! (Matth.10,11)
GEJ|1|136|3|0|Es versteht sich aber schon von selbst, daß ihr das Haus, da ihr einziehet, zuvor begrüßet (Matth.10,12); denn die wahre Liebe geht stets artigsten Schrittes in ein fremdes Haus. So ein Haus, d.h. dessen Bewohner, euer wert sind, da wird euer Friede über sie kommen; ist aber das Haus euer nicht wert, so wird sich der Friede wieder zu euch zurückwenden. (Matth.10,13)
GEJ|1|136|4|0|Und wo euch in einem Hause dessen Bewohner nicht annehmen wird noch hören eure Rede, so gehet sogleich aus solch einem Hause, wie am Ende auch aus solch einer Stadt und schüttelt sogar den an euren Füßen haftenden Staub zu einem für dereinst gar wichtigen Zeugnisse über sie! (Matth.10,14) Denn wahrheitsvoll sage Ich euch: Es wird dereinst dem Lande der Sodomer und Gomorrer erträglicher beim jüngsten Gerichte in der andern Welt ergehen als einer solchen Stadt! (Matth.10,15)
GEJ|1|136|5|0|Sehet! Ich sende euch wie Schafe unter die reißenden Wölfe; deshalb seid allenthalben klug wie die Schlangen, aber dabei ohne Falsch wie die Tauben, die ein Bild der Sanftmut sind!“ (Matth.10,16)
GEJ|1|136|6|0|Sagt darauf Judas: „Herr! Bei so bewandten Umständen werden wir im allgemeinen schlechte Geschäfte machen! Was nützt da das dereinstige Jüngste Gericht in der Geisterwelt, an die nahe kein Mensch mehr glaubt? Wenn wir aus Deiner uns nun erteilten göttlichen Machtvollkommenheit kein Jüngstes Gericht so scharf als möglich und nötig über die reißenden Wolfsmenschen verhängen können oder dürfen, da bleiben wir gleich so gut wie zu Hause! Denn wie wir vor solchen Wölfen, von denen besonders die Städte strotzen, nur ein wenig laut von Dir zeugen werden, so wird man uns ergreifen, binden und schleppen auf die Rathäuser und dort über uns ein scharfes Gericht halten; und man wird uns dann, wenn die Gerichte nicht zu scharf sind, doch zum wenigsten geißeln vor den Juden in den Schulen und uns endlich als vogelfrei vor die Stadt hinausstoßen. Wahrlich, für solch eine Bescherung möchte ich mich schon zum voraus bedanken! Was nützt da alle Klugheit, Wahrheit und die vollste Ehrlichkeit, wo als Gegensatz die willkürlichste Gewalt in ihrem blinden Eifer wütet?
GEJ|1|136|7|0|Wenn es eine volle Wahrheit und rechte Gerechtigkeit gibt, wofür die gegenwärtige Menschheit nicht den entferntesten Sinn hat, so muß auch bei uns der römische Grundsatz gelten: ,Zugrunde gehe alle Welt; aber die volle Gerechtigkeit werde geübt!‘ Die wahre Tugend finde stets ihren sichern Lohn; die Lüge, der Neid, der Geiz, die Falschheit und alle Ungerechtigkeit aber finde stets ihre unerbittlichste Strafe! Wollen wir mit der nun nahe allgemein verworfen schlechten Menschheit etwas ausrichten, so müssen wir wie Engel über Sodom und Gomorra auftreten. Der uns hört und annimmt in Deinem Namen, dem werde der Lohn Deiner Gnade; der uns aber nicht hören und annehmen will, über den komme eine Plage! Der uns aber verfolgen will und ziehen vor ein weltlich Gericht, über den falle ein verzehrend Feuer aus dem Himmel und tue mit ihm, wie es einst mit den Sodomitern getan hat!
GEJ|1|136|8|0|Wenn Du, Herr, uns also zu wirken zulässest, da werden wir auch ganz entschieden gute Folgen dieser nunmaligen Sendung zustande bringen; dürfen wir aber nicht also vorgehen mit der über alle Maßen verderbten und verdorbenen Menschheit, so ist alle unsere Mühe und Arbeit vergeblich. Wir werden am Ende gesteinigt, und Du Selbst wirst, so es irgend möglich ist, getötet werden, und unsere immens vielen Widersacher werden lachend über unsere Leichname siegestrunken einhergehen. Und das wird auch alles sein, was wir mit aller der unzeitigen Güte, Nachgiebigkeit und Sanftmut ausrichten werden. Kurz und gut, man muß, um mit dem Satan etwas auszurichten, ihm entweder einen vollkommenen Herrn zeigen oder ihm als Knecht dienen, sonst ist alles nichts!“
GEJ|1|137|1|1|137. - Des Herrn Antwort auf des Judas Missionsvorschläge
GEJ|1|137|1|0|Sage Ich: „Weil du ein Mensch von dieser Erde bist, so redest du auch wie ein Mensch von dieser Erde. Der aber von oben herab ist, Der redet anders, weil Er allein einsieht und gar wohl kennt, was zu jeder Zeit dem Menschen not tut, damit dessen Geist frei werde von der Allgewalt und vom Zorne Gottes und gelange zur wahren Selbständigkeit für ewig.
GEJ|1|137|2|0|Denn dieser Erde Leben gibt dem Geiste weder Leben noch Freiheit desselben, sondern den Tod; aber der Tod dieser Erde ist die Ausgeburt des Geistes zum ewigen Leben und dessen wahrer ewiger Freiheit.
GEJ|1|137|3|0|So Ich aber schon menschlich reden will, so sage Ich dir, daß alles das und noch weit mehr schon mit der Menschheit vorgenommen worden ist, und sage es dir selbst, wo da sind die goldenen Früchte nach deiner Meinung!
GEJ|1|137|4|0|Was geschah bei den Zeiten Noahs, und um wieviel sind dadurch die Menschen diesirdisch besser geworden, als sie es vor Noah waren? Was geschah bald darauf zu Sodom und Gomorra?
GEJ|1|137|5|0|Und sieh, alle nunmaligen Heiden bis auf die Mohren und Siniten im äußersten Morgenlande sind Lots Nachkommen, auch viele ganz tierisch wild gewordene Skythen, die der Erde mitternächtliche Länder bewohnen; wie findest du sie, trotz der Lektion, die ihr Vater Lot erfuhr?
GEJ|1|137|6|0|Gehe hin nach Ägypten und prüfe die Völker, um wieviel sie besser geworden sind durch die sieben Plagen! Was hat Moses alles getan, was so manche Propheten?!
GEJ|1|137|7|0|Vierzig Jahre ließ Jehova die zu arg gewordenen Juden in der babylonischen Gefangenschaft elendigst schmachten, wie die schlechtesten Lasttiere sind sie behandelt worden, mit der Kost der Schweine und Hunde sind sie gefüttert worden; die lieblichen Töchter der Juden sind unter Geißelung und allerlei Martern von den übermütigen Babyloniern bei Tag und Nacht geschändet worden bis zum Tode, ebenso die Knaben und Jünglinge, die zuvor verschnitten wurden! Gehe hin und frage die hohen und stolzen Juden alle, um wie vieles sie besser geworden sind auf solch eine Lektion!
GEJ|1|137|8|0|Zeige Mir eine Zeit, ein Jahr, einen Monat, eine Woche, einen Tag, wo der Herr die zu arge Menschheit nicht im einzelnen wie im allgemeinen gezüchtigt hätte! Da gibt es kein verschontes Haus im ganzen Judenlande; antworte dir selbst, um wievieles darum die Menschen im Grunde des Grundes besser sind?! –
GEJ|1|137|9|0|Darum kommst du Mir mit deinem Rate viel zu spät; denn das ist alles schon dagewesen und hat für den geistigen Weg auch das bewirkt, was es zu bewirken hatte; aber für das äußere diesirdische Lebensverhältnis der Menschen kann und darf im Grunde des Grundes kein merklicher Effekt hervorgehen, weil dessentwegen allein von oben auch nie etwas zugelassen wurde.
GEJ|1|137|10|0|So Ich aber nun abermals mit Donner und Blitz das Evangelium vom Reiche Gottes auf Erden den Menschen verkündigen wollte, so bedürfte Ich dazu euer nicht; denn da gäbe es im Himmel noch der mächtigsten Engel in übergroßer Menge, die sich auf solch eine Verbreitung des Gottesreiches auf Erden viel besser verständen als ihr.
GEJ|1|137|11|0|Aber es ist nun die Zeit gekommen, die dem Elias gezeigt wurde, als er in der Grotte auf dem Berge verborgen lag. Nicht im Sturme, auch nicht im Feuer, sondern im sanften Wehen zog Jehova einher! Und diese Zeit des sanften Wehens Jehovas vor der Grotte dieser Welt ist nun da! Darum wollen und dürfen wir nun auch weder mit Sturm noch mit Feuer ausziehen, sondern nach der ewigen Ordnung Gottes mit aller Liebe, Sanftmut und Geduld! Aber die Klugheit sollt ihr nicht außer acht lassen! Denn wohl sehe Ich, daß ihr nun als Lämmer unter die reißenden Wölfe ziehet; aber so ihr klug seid, so werdet ihr dennoch vieles ausrichten!
GEJ|1|137|12|0|Hütet euch darum vor den gewissen (Wolfs-)Menschen und habt keine Sache mit ihnen; denn solche sind es, die euch überantworten werden und ziehen vor ihre Rathäuser und werden euch auch geißeln in ihren Schulen, – und das ehestens, so ihr dumm und zu wenig klug seid! (Matth.10,17) So ein Lamm auf dem Söller des Hauses sich befindet, dahin der Wolf nicht gelangen kann, so wird ihm der Wolf nichts anhaben trotz aller seiner Blutgier. So aber das Lamm vorwitzig ist und geht vom sichern Söller hinab, um den Feind sich näher anzusehen, so muß es sich selbst zur Schuld schreiben, so es (Matth.10,18) vom Wolfe zerrissen und verzehrt wird.
GEJ|1|137|13|0|Man wird euch aber später, nachdem Ich werde in die Himmel wieder aufgefahren sein, um für euch ewige Wohnungen zu bereiten in des Vaters Hause, wohl vor Fürsten und Könige ziehen um Meines Namens willen zum Zeugnisse über sie und über die Heiden (Matth.10,18), auf daß da auch nun voll werde, was Jesajas, Mein Prophet, für alle Zeiten und für Mein nun zu gründendes Reich auf Erden über die dummen Könige geweissagt hat, indem er sprach (Jesajas 32,6-20):
GEJ|1|137|14|0|,Ein Narr redet von Narrheit, und sein Herz geht mit Unglück um, daß er Heuchelei anrichte und Irrsal vom Herrn predige, damit er die hungrigen Seelen noch mehr aushungere und den Durstigen das Trinken wehre. Des Geizigen Regieren ist eitel Schaden; denn er findet Tücke zur Genüge, zu verderben, die elend sind, mit falschen Worten, wenn er des Armen Recht reden soll. Aber die rechten Fürsten werden auch fürstliche Gedanken haben und darüber das Recht halten.
GEJ|1|137|15|0|Stehet aber auf, ihr stolzen Frauen, und höret meine Stimme! Ihr Töchter, die ihr so sicher seid, nehmet zu Ohren meine Rede! Es ist um ein Jahr und einen Tag zu tun, so werdet ihr Sicheren zittern; denn wenn es keine Weinernte gibt, so wird es auch kein Lesen geben. Erschrecket, ihr stolzen Frauen! Denn es ist hohe Zeit vorhanden, zu blößen und zu gürten die Lenden!
GEJ|1|137|16|0|Man wird klagen um die Äcker, ja, um die lieblichen Äcker, und um die fruchtbaren Weinstöcke; denn es werden auf dem Acker meines Volkes Dornen und Hecken wachsen, dazu über allen Freudenhäusern der fröhlichen Stadt. Die Paläste werden verlassen sein und die Menge in der Stadt einsam, daß darum die Türme und Festungen zu ewigen Höhlen werden, dem Wilde zur Freude, den Herden zur Weide. Und das so lange, bis über uns ausgegossen werde der Geist aus der Höhe.
GEJ|1|137|17|0|Sodann wird die Wüste zum Acker werden und der Acker zum Walde gerechnet werden. Und das Recht wird in der Wüste wohnen, und die Gerechtigkeit auf dem Acker hausen. Und der Gerechtigkeit Frucht wird der Friede sein, und der Gerechtigkeit Nutzen wird ewige Stille und Sicherheit sein.
GEJ|1|137|18|0|Da wird mein Volk in den Häusern des Friedens wohnen, also in sicheren Wohnungen und in stolzer Ruhe. Aber den Wald entlang wird dennoch der Hagel bleiben, und die Stadt hienieden wird eine niedrige sein.
GEJ|1|137|19|0|Wohl euch denn nun, so ihr emsig säet an den Wassern; da möget ihr wohl die Füße der Esel und Ochsen ruhig darauf gehen lassen!‘
GEJ|1|137|20|0|Wenn ihr sonach von den bösen Toren dieser Welt zu den von Jesajas bezeichneten Narrenkönigen geführt und überantwortet werdet, da sorget euch ja nicht, was ihr da reden sollet und wie euch verantworten; denn es soll euch zur Stunde gegeben werden, was ihr reden und wie ihr euch verantworten sollet! (Matth.10,19) Denn ihr seid es ja nicht, die da reden; sondern Mein Geist, des Vaters Geist ist es, der da redet durch euch! (Matth.10,20)
GEJ|1|137|21|0|Das aber gilt nur von der vorerwähnten zweiten Aussendung, die ihr nach Meiner Auffahrt zu besorgen haben werdet; für jetzt aber sollet ihr es eben nicht zu schwer haben.
GEJ|1|137|22|0|Denn wie der Prophet am Schlusse sagt, so sage Ich euch nun auch: Wohl euch nun, die ihr da auszusäen habt an den Ufern des Sees; denn auf diesem Boden möget ihr eure Esel und Ochsen, das heißt euren Fleiß fürs Gute und Wahre, wofür Ich euch berufen und erwählt habe, ganz sicher umgehen lassen! Da werdet ihr auf keinen Narrenkönig stoßen und auf keine Weiber voll Stolz und Hochmut, sondern auf Arme, Kranke, Besessene, Lahme, Taube und Blinde, natürlich und noch mehr im Geiste; zu diesen gehet und prediget ihnen das Evangelium vom Gottesreich und heilet jeden, der glaubt, und verschweiget ihm Meinen Namen nicht!“
GEJ|1|138|1|1|138. - Des Simon von Kana Frage. Wenn die neue Lehre Zwietracht schafft, was dann? Des Herrn Mahnung zum Vertrauen und furchtlosen Austragen des Evangeliums.
GEJ|1|138|1|0|Sagt Simon von Kana: „Herr, ich habe noch eine mir wenigstens äußerst wichtig vorkommende Frage, die Du uns noch eher, als wir hinausgehen, beantworten wollest zu unserer Belehrung und Ruhe unseres Gemütes. Ich bitte Dich, daß Du mich hören möchtest!“
GEJ|1|138|2|0|Sage Ich: „In deinem Herzen zwar lese Ich deine Frage genauer, als du sie wirst aufstellen können; aber das hindere dich nicht, deine Frage der Brüder wegen laut werden zu lassen! Denn die Frage ist wahrlich von großer Bedeutung und eines echten unverdorbenen Juden würdig. Darum stelle du nur ganz offen dar, was dich drückt im Herzen!“
GEJ|1|138|3|0|Sagt Simon von Kana: „Nun denn, so es auch Dein Wille ist, daß ich rede, da wollet mich denn alle wohl vernehmen! Das aber ist die Frage:
GEJ|1|138|4|0|Wir werden nun hingehen zu denen, die unser bedürfen. Wir werden predigen, was Du gelehrt hast auf dem Berge. Diese Deine Berglehre, die ist rein göttlich und also über alle Maßen wahr und himmlisch gut. Aber diese Lehre ist der alten, mosaischen zum größten Teil schnurstracks entgegen.
GEJ|1|138|5|0|Mir sind nahe alle Orte an dem gedehnten Meere Galiläas bekannt und ihre Einwohner vielfach nicht minder. Es gibt wohl viele unter ihnen, die für den Pythagoras schon lange Moses und all die Propheten über Bord geworfen haben; diese wären für Deine neue Lehre eben so gefährlich nicht. Aber es gibt darunter auch eine Menge Familien, die sozusagen für Moses und eigentlich mehr noch für den Tempel leben und sterben, – und das gewöhnlich im allgemeinen die Eltern mehr als ihre Kinder, obschon es eben auch nicht zu selten umgekehrt der Fall ist. Wenn nun irgend Kinder solcher Erzjuden Deine in vielen Stücken antitemplische Lehre annehmen, ihre Eltern aber höchstwahrscheinlich nicht, – was wird da herauskommen?
GEJ|1|138|6|0|Die Eltern werden die Kinder nach Moses des Ungehorsams zeihen und werden sie verfluchen, – eine Erscheinung, die bei solchen fanatischen Erzjuden durchaus zu den keineswegs seltenen gehört!
GEJ|1|138|7|0|Wenn solches sich zweifelsohne vor unsern Augen ereignen wird, was werden wir dann zu tun haben? Denn das ist ohne allen Zweifel vorauszusetzen, daß solche Eltern uns verfolgen und unbegrenzt verfluchen werden.
GEJ|1|138|8|0|Im entgegengesetzten Falle dürfte es freilich leichter sein, weil die Kinder schon von politischen Gesetzen wegen nie Herren ihrer Eltern sein können. Wir werden sogestaltig nun nebst dem Segen auch vielfach Zwietracht, Hader, Zorn, Haß und Rachgier ausstreuen und werden von Tausenden gehaßt, verfolgt und total verflucht werden! Wer wird solchen Schaden gutmachen und wer den tausendfachen Fluch von unseren Lenden nehmen?“
GEJ|1|138|9|0|Sage Ich: „Das kümmere euch wenig! Sehet, es kommt vom Himmel herab nicht nur der Frühlingssonne milder, alle Natur neubelebender Strahl, sondern auch Sturm, Hagel, Blitz und Donner.
GEJ|1|138|10|0|Den Sonnenstrahl lobt wohl jedermann; aber den Hagel, den Sturm, den Blitz und den Donner mag niemand loben, und der Winter kommt stets jedermann zu früh, – und doch ist jedermann der Winter heilsamer als der Frühling, und Sturm, Hagel, Blitz und Donner sind so notwendig als der milde Strahl der Abendröte!
GEJ|1|138|11|0|Ich sage euch: Also wird es kommen, und muß so kommen, daß um Meines Namens willen ein Bruder den andern zum Tode überantworten wird, und also der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören wider ihre Eltern und werden ihnen zum Tode helfen! (Matth.10,21) Ihr selbst aber müsset gehasset werden von jedermann der eigentlichen Welt, wie sie jetzt ist, um Meines Namens willen!
GEJ|1|138|12|0|Wer aus euch sich aber daran nicht stoßen, sondern beharren wird bis ans Ende, der wird selig werden (Matth.10,22); denn leichten Kaufs gibt der Satan seine Beute nicht aus seiner Tatze! Habt ihr Mich verstanden?“
GEJ|1|138|13|0|Sagt Judas: „Es kommt immer besser! Wenn uns diese Sendung jedermanns Haß zuziehen muß, dann Gott befohlen solch eine Unternehmung! Viel Glück bei einem martialischen Wetter! Die uns hassen werden, diese werden sich unser sicher so annehmen und uns behalten wie der heiße Sommer den Schnee! Herr, wenn das Dein voller Ernst ist, so sage ich Dir als ein ganz schlichter, aber doch mit einigen Erfahrungen begabter Mensch: Bleibe Du samt uns schön fein zu Hause; denn dieser Same wird nicht aufgehen und keine Frucht bringen! – Höre! So wir also in einer Stadt es dahin gebracht haben werden mit unserer Predigt und unseren Taten, daß wir daselbst von jedermann gehaßt werden wie der Tod, was werden wir dann zu tun haben? Sollen wir uns auch noch dazu ganz ruhig töten lassen? Wenn auch das, – wer wird dann Deine Lehre weiter ausbreiten? – Ha, bedenke doch, was Du verlangst! Siehst Du denn das um des hellsten Himmels willen nicht ein, daß Du Dich dadurch rein unmöglich machst und Dein höchst eigener größter Feind und Verfolger bist? Wo, wo in der ganzen Welt ist denn irgendeiner, der mich haßte über den Tod, daß er dabei hörte auf meine Predigt, die sein Haus erfüllt mit aller Zwietracht, Haß, Zorn und tödlicher Rache? Rede, – was ist zu tun in solchem unvermeidlichen Falle?“
GEJ|1|138|14|0|Sage Ich: „Du redest allzeit, wie du es verstehst; wir reden aber, wie wir es verstehen. Du verstehst alles grobweltlich, während hier aus den Himmeln geistig gesprochen wird.
GEJ|1|138|15|0|So du und jemand anders miteinander aber schon eine gar so große Furcht vor den Menschen habt, so fliehet denn aus einer Stadt, da man euch verfolgen wird, in eine andere! Denn wahrlich sage Ich euch: Ihr werdet lange nicht in allen Städten Israels gepredigt haben, bis Ich als des Menschen Sohn wieder zu euch kommen werde (Matth.10,23) als Einer, der jedermann das Gericht, ein verderbend Feuer in seinem Herzen, entzünden wird und erregen den bösen Wurm in der Frevler Brust, und das Feuer wird nimmer erlöschen und nicht sterben der Wurm; ihr aber werdet darinnen gerechtfertigt werden. Denn wehe einst allen denen, die euch verfolgt und ihre Hände an euch gelegt haben!“
GEJ|1|138|16|0|Sagt abermals Judas: „Ja, so wir schon totgeschlagen sein werden, dann wirst Du wohl nachkommen! So Du uns nun aber schon die Macht über die bösen Geister gegeben hast und die Kraft, zu heilen alle Krankheiten, warum erteilst Du uns nicht auch zugleich die Macht über die bösen Menschen, von denen nicht selten einer ärger ist als alle bösen Geister, die je in den Leibern der Menschen als Schmarotzer ihre Wohnung genommen haben? Gib uns die Macht, Feuer aus der Erde zu rufen unter den Füßen derer, die uns verfolgen, und wir bekehren Dir in kurzer Zeit die ganze Welt!“
GEJ|1|138|17|0|Sage Ich: „Willst du denn mehr sein, als da ist dein Meister und Herr? Ich sage es aber euch allen: Der Jünger ist nicht über seinen Meister und der Knecht nicht über seinen Herrn. (Matth.10,24) Es ist dem Jünger genug, so er ist wie sein Meister, und also dem Knechte, so er ist wie sein Herr.
GEJ|1|138|18|0|So Sich aber euer Meister und Herr nicht außerordentlicher Gewaltmittel bedient, um die Menschen in Seine Lehre hineinzuzwingen, warum sollen das Seine Jünger und Knechte wollen? Haben die Weltmenschen aber Mich als den Herrn und den Hausvater von Ewigkeit ,Beelzebub‘ geheißen, um wieviel mehr werden sie euch als Meine Hausgenossen also heißen! (Matth.10,25)
GEJ|1|138|19|0|Darum sollet ihr euch auch nicht fürchten vor ihnen, da ihr sie kennet. Meinet ihr denn, daß es Mir verborgen sein werde, was man euch tun wird? Ich sage es euch: Es ist nichts verborgen also, daß es nicht möchte offenbar werden vor Mir, und auch nichts so Geheimes, daß Ich nicht wüßte davon. (Matth.10,26)
GEJ|1|138|20|0|Da es Mir aber nicht verborgen bleiben kann, das man euch ansinnen und antun wird, so möget ihr auch zu jeder Zeit Meiner Hilfe gewärtig sein! Verläßt doch die Löwin ihre Jungen nicht und setzt zur Zeit der Gefahr ihr Leben für jedes Junge ein, das man ihr entreißen will; so werde doch etwa Ich euch zur Zeit der Gefahr auch zu schützen verstehen mit Meinem Leben!?
GEJ|1|138|21|0|Habt also keine Scheu vor den Weltmenschen! Was Ich euch lehrte in der Nacht, das redet vor ihnen am Tage; und was Ich einem oder dem andern aus euch sagte geheim ins Ohr eures Herzens, das verkündiget nun auf den Dächern (Matth.10,27) und fürchtet euch sonach gar nicht vor allen denen, die wohl den Leib des Menschen töten können, gleich einem reißenden Tiere, aber die Seele, die allein lebt und Leben hat, nicht töten können und ihr nicht irgendeinen Schaden zuzufügen imstande sind!
GEJ|1|138|22|0|So ihr aber schon eine Furcht habt, da fürchtet vielmehr Den, Der auch ein Herr über eure Seelen ist und diesen ein Gericht zur Hölle geben kann, wann Er will! (Matth.10,28) Und Diesen kennet ihr nun schon, da Er es ist, Der euch nun dieses sagt!
GEJ|1|138|23|0|Da sehet hin vor uns: eine noch bedachte Scheune! Sehet, wie sich darauf die Sperlinge lustig machen; sie fliegen bald hinauf, bald wieder fallen sie förmlich vom Dache herab! Auf dem Markte kauft man zwei um einen Pfennig; wie gering doch ist ihr Wert! Und doch fällt auch nicht einer vom Dache zur Erde ohne den Willen des Vaters im Himmel! (Matth.10,29)
GEJ|1|138|24|0|Ich sage euch aber: Eure Haare sind gezählt (Matth.10,30), und es kommt keines ohne Wissen und Willen des Vaters von eurem Haupte! Wenn aber der Vater für solche euch überaus geringschätzig dünkende Dinge also sorget, wird Er euch wohl unversorgt lassen, die ihr austraget Sein Wort und Seine Gnade?
GEJ|1|138|25|0|Darum ist eure Furcht eitel, und ihr sollet euch nimmer fürchten; denn ihr seid ja doch besser denn gar viele Sperlinge. (Matth.10,31)
GEJ|1|138|26|0|Darum gehet ohne weitere Furcht hinaus und bekennet Mich vor den Menschen! Wahrlich, wer Mich bekennen wird vor den Menschen, den werde auch Ich bekennen vor dem Vater im Himmel! (Matth.10,32) Wer aus euch Mich aber aus eitler Furcht verleugnen wird vor den Menschen, den werde Ich auch verleugnen dereinst vor dem Vater im Himmel.“ (Matth.10,33)
GEJ|1|138|27|0|Nimmt wieder Judas das Wort und sagt: „Das ist alles sehr weise und schön gesprochen, und es ist auch sicher alsogestaltig wahr; aber was nützt alles das? Die Lehre wohl ist wunderherrlich, rein und wahr – darüber brauchen wir auch kein Wort mehr zu verlieren –, auch Deine Taten zeugen wenigstens für uns, die wir hier beisammen sind, mehr als zur Übergenüge, Wer im Grunde des Grundes Der ist, Der sie vollführt. Aber unter den gegebenen Verhaltungsregeln wird die Lehre samt den Taten nicht nur schwerlich je eine allgemeine Auf- und Annahme finden, sondern, da sie eigentlich den Unfrieden in jedem Hause, dahin sie gebracht wird, bedingt, entweder auf das strengste verfolgt oder vom Staate aus gänzlich verboten werden, und wir werden zur Unmöglichkeit. Was dann? Wenn wir als die irdischen Austräger Deiner Lehre und Taten sicher nur zu bald werden entweder unter Steinen oder unter dem Schwerte, im Feuer, oder wohl gar am Kreuze oder in einer Löwengrube ausgerungen haben, wer wohl wird dann an unsere Stelle treten und unsere Dienste versehen?“
GEJ|1|139|1|1|139. - Wer etwas mehr liebt als den Herrn, der ist Seiner nicht wert! Kampf tut der Welt not. Eine Verheißung an die Getreuen in der Liebe
GEJ|1|139|1|0|Sage Ich: „Ich habe es dir schon gesagt, daß du allzeit redest nach deinem Weltverstande. Der Welt ihren Frieden geben, hieße ihr noch mehr Tod geben, als sie ihn nun ohnehin schon in aller Überfülle besitzt.
GEJ|1|139|2|0|So du einem Blinden sollst zum Augenlichte verhelfen, wird er sehend, so du ihm die Augen ausreißest, oder wird der Lahme je gerade gehen, so du ihm den bösen Fuß abhaust, oder wird der Stumme je dadurch zum Reden kommen, wenn du ihm die Zunge ausschneiden lässest, oder kann die Pest mit noch mehr Pest geheilt und ein brennendes Haus mit noch mehr Feuer gelöscht werden?
GEJ|1|139|3|0|Sieh, gerade also geht es mit den Weltmenschen nun in der Zeit! Sie sind geistig tot und haben außer dem tierischen Naturleben kein Leben in sich. Ihre Seelen sind pur Fleisch, und ihr Geist ist so gut wie tot und gleicht den Geistern, die in den Steinen rasten und durch ihre gerichtete Beharrlichkeit die sonst lockere Materie aneinanderketten, daß daraus dann Steine werden in aller Art und Form; weichere und härtere, manche durchsichtig, manche undurchsichtig, und von verschiedener Farbe nach der Beschaffenheit des innehaftenden Geistes.
GEJ|1|139|4|0|Willst du aber die Geister in den Steinen von ihrer Materie losmachen, wirst du solches wohl mit einem lauen Wasser zuwege zu bringen imstande sein? Sicher nicht! Ich sage dir: Der Stein wird bei solch einer sanften und friedsamen Behandlung das fest verbleiben, was er war und ist. Da muß ein mächtiges Feuer kommen, daß darob die Geister im Steine in einen großen Kampf geraten; dann erst zerreißen sie selbst die Bande ihrer Materie und werden frei. Und sieh, also muß es nun auch hier sein!
GEJ|1|139|5|0|Was die Geister im Steine losmacht, als Feuer, Kampf, mächtiger Druck und schwere, harte Schläge, das erweckt auch die Geister in den zu harten Steinen gewordenen Menschenherzen und macht sie frei, besonders die Herzen der Großen und Reichen, die diamantne Herzen haben, die kein irdisch Feuer zu erweichen imstande ist.
GEJ|1|139|6|0|Darum merket, was Ich euch sage: Lasset fahren den lächerlich dummen Wahn, daß Ich etwa gekommen bin, durch euch, Meine Jünger und Knechte, den Weltmenschen den Frieden der Erde zu senden, sondern (ergänzt: Ich bringe) das Schwert! (Matth.10,34)
GEJ|1|139|7|0|Verstehet es wohl! Ich bin gekommen, zu erregen den noch weicheren Sohn wider die oft nur zu unbeugsame Härte seines Vaters, die bescheidenere Tochter wider ihre herrschsüchtige Mutter und die sanftere Schnur gegen ihre geizige und neidische Schwieger! (Matth.10,35) Ja, des Menschen ärgste Feinde sollen seine eigenen Hausgenossen sein! (Matth.10,36)
GEJ|1|139|8|0|Wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Wer seinen Vater und seine Mutter mehr liebt denn Mich, ist Meiner nicht wert; und wer Söhne und Töchter hat und sie mehr liebt denn Mich, ist Meiner nicht wert! (Matth.10,37) Wer seine Last, ob sie ihn schon drücke wie das römische Todeskreuz, nicht willig auf seine Schultern nimmt und Mir nachfolgt, der ist Meiner schon durchaus nicht wert, und er soll keinen Teil am Reiche Gottes haben. (Matth.10,38)
GEJ|1|139|9|0|Wahrlich sage Ich euch: Wer immer das Leben dieser Welt sucht und es auch leicht findet, der wird das ewige Leben verlieren, und Ich werde ihn nicht erwecken am jüngsten Tage zum ewigen Leben alsbald nach dem Abfalle des Leibes, sondern ihn werfen in die Hölle zum ewigen Tode.
GEJ|1|139|10|0|Wer aber das Weltleben nicht nur nicht sucht, sondern dasselbe aus wahrer, reiner Liebe zu Mir flieht und verachtet, der wird das ewige Leben finden (Matth.10,39); denn Ich werde ihn sogleich auferwecken nach dem Tode seines Leibes als an dessen jüngstem Tage des neuen Lebens in der Geisterwelt und werde ihn einführen in Mein ewiges Reich und sein Haupt zieren mit der Krone der ewigen, unvergänglichen Weisheit und Liebe, und er wird dann herrschen mit Mir und allen den Engeln des ewig endlosen Himmels über alle Sinnen- und Geisterwelt ewig!“
GEJ|1|140|1|1|140. - Von der Größe der materiellen Welt und der Geisterwelt. Würde und Ziel der Kinder Gottes. Das göttliche Geheimnis im Menschen
GEJ|1|140|1|0|Fragt Simon von Kana: „Herr, möchtest Du uns denn nicht kundtun, wo denn der Himmel so ganz eigentlich ist, in welchem die Engel wohnen, und wie groß er ist, und wie groß die Sinnenwelt, von der Du Erwähnung machtest, wohl sein mag?“
GEJ|1|140|2|0|Sage Ich: „Freund, du bist blind, wenn du das nicht siehst und begreifst. So Ich sagte, daß der Himmel unendlich groß ist, wie magst du noch um seine Größe fragen? Allenthalben ewig fort ist das Himmelreich geistig eben also endlos ausgedehnt als dieser endlose Weltenraum, von dem du mit deinem Auge nur einen unnennbar kleinsten Teil überschaust.
GEJ|1|140|3|0|Diese Erde, die große Sonne, der Mond und alle die Sterne, die dort, wo sie sind, lauter übergroße Welten sind, etliche viele tausendmal tausend Millionen Male größer denn diese Erde, – das alles zusammen ist im Verhältnis zur endlos großen Schöpfung der Sinnenwelt bei weitem nicht das der Größe und Ausdehnung nach, was der kleinste Tautropfen ist gegen das gesamte große Weltmeer, welches doch so groß ist, daß ein guter Schiffer es allflächig mit dem doppelten Alter Methusalems nicht abschiffen würde. Aber die Sinnenwelt bis nun, was da schon erschaffen ist, hat dennoch eine Grenze, über die hinaus noch ein endloser, ewiger Raum sich befindet, gegen dessen allerendloseste Ausdehnung nach allen Seiten hin die ganze vorerwähnte Schöpfung der ganzen Sinnenwelt gerade wie ein Augenblick der Zeit nach zur Ewigkeit sich verhält.
GEJ|1|140|4|0|Die Geisterwelt aber ist dann in sich ebenso unendlich wie der ewig nirgendswo endende Raum!
GEJ|1|140|5|0|Obschon aber der Raum ewig nirgends ein Ende hat und also im vollwahrsten Sinne nach allen Seiten hin unendlich ist, so ist aber dennoch in des Raumes endlosesten Tiefen und Fernen kein Pünktchen des Raumes, wo nicht der Geist der Weisheit und Macht Gottes ebenso gegenwärtig wäre als hier auf dieser Stelle unter euch nun. Die wahren Kinder Gottes, die durch die rechte Liebe zu Gott, dem heiligen Vater von Ewigkeit, und ebenso in der reinen Liebe zu ihren Nächsten sich hervortun werden, werden jenseits im großen Vaterhause die Macht und Gewalt erhalten, den ewig nie auszufüllenden Raum mit neuen Schöpfungen stets mehr und mehr zu erfüllen.
GEJ|1|140|6|0|Aber ihr seid nun noch viel zu blöde und könnet es nicht fassen, was Ich nun zu euch geredet habe. Aber das sage Ich euch dennoch: Kein sterblich Auge kann es schauen, kein Ohr vernehmen, und kein irdischer Sinn kann es je erfassen, was die, so würdig werden, Kinder Gottes zu heißen, jenseits im Himmelreich erwartet!
GEJ|1|140|7|0|Denn vor den Augen der wahren Kinder Gottes werden die Erden, Sonnen und Monde wie schimmernder Staub schweben.
GEJ|1|140|8|0|Darum seid nicht nur Hörer, sondern vielmehr Täter Meines Wortes!
GEJ|1|140|9|0|Aus der Tat erst werdet ihr erkennen, ob die Worte, die Ich zu euch gesprochen habe und nun noch spreche, aus dem Munde eines Menschen oder aus dem Munde Gottes zu euch gekommen sind! (Joh.7,17)
GEJ|1|140|10|0|Gleichwie aber ihr selbst vor allem wahre Volltäter Meines Wortes sein sollet, so ihr es in euren Herzen lebendig erfahren wollt, wer Der ist, Der euch diese Lehre und das Gebot der Liebe gegeben hat, also sollet ihr auch alle, denen ihr Mein Wort verkünden werdet, zur Tat antreiben; denn solange das Wort bloß im Gehirn haften bleibt, hat es keinen höheren Wert als das leere Geplärr eines Esels, das auch von andern vernommen wird.
GEJ|1|140|11|0|Nur wenn das Wort ins Herz dringt, da wird es lebendig, bemächtigt sich bald des Willens, der der Schwerpunkt der Liebe ist, und treibt daraus den ganzen Menschen zur Tat an.
GEJ|1|140|12|0|Durch solches Tun wird dann im alten Menschen ein neuer Mensch, und Mein Wort wird dann ein wahrhaftigstes neues Fleisch und Blut.
GEJ|1|140|13|0|Und dieser Neumensch in euch erst wird es euch laut kundtun, daß Meine Worte wahrhaft Gottes Worte sind, die heute und alle Zeiten der Zeiten dieselbe Macht, Kraft und Wirkung haben wie vor Ewigkeiten der Ewigkeiten; denn alles, was ihr sehet, fühlet, riechet, schmecket und vernehmet, ist im Grunde des Grundes nichts als das Wort Gottes.
GEJ|1|140|14|0|Der vor Ewigkeiten den Welten, Sonnen und Monden aus Sich gebot, zu sein, und sie setzte in ihre weiten Bahnen, Der setzt nun euch in neue Bahnen des ewigen Lebens!
GEJ|1|140|15|0|Ich aber sage euch auch hinzu, daß, der euch aufnimmt, auch Mich aufnimmt; wer aber Mich aufnimmt, der nimmt auch Den auf, der Mich zu euch gesandt hat (Matth.10,40), – was ihr wohl verstehen sollet!“
GEJ|1|141|1|1|141. - Missions- und Verhaltenswinke an die Apostel. Vom fortwährenden Prophetentum. Echte und falsche Propheten. Erste Aussendung der Apostel in die Orte Israels
GEJ|1|141|1|0|(Der Herr:) „Ich sage euch noch mehr: Ihr wisset es, daß es nun ebenso wie zu allen Zeiten Propheten gibt, und es wird deren also auch allzeit geben bis ans Ende der Welt bei allen Völkern der Erde, welches Glaubens sie auch sein mögen. Denn durch die Propheten allein wird, wenn auch schon alle Stricke zwischen Himmel und Erde zerrissen sind, noch ein geheimes Band fest erhalten, das keine finstere Macht zu zerstören vermag.
GEJ|1|141|2|0|Wohl gab, gibt und wird es allzeit geben unter den echten auch falsche Propheten; allein das macht der wahren Sache der Echtheit eines vom Himmel erweckten Propheten entweder gar keinen oder einen nur höchst geringen Eintrag, da der echte Prophet den Lügner nur zu bald vor der Welt enthüllen wird, und derselbe der Züchtigung vom Himmel nimmer entgehen wird.
GEJ|1|141|3|0|So aber ein wahrer Prophet in ein Haus kommen wird und wird als solcher angenommen, so soll derjenige, der ihn als einen echten Propheten oder auch einen vom Propheten Abgesandten in des Propheten Namen aufnimmt, ihn anhört und auf desselben Wort achtet im Herzen, den Lohn eines Propheten erhalten jenseits im Reiche Gottes. Und wer einen Gerechten in eines Gerechten Namen aufnimmt, – das heißt, so ein solcher in dem Rufe als Gerechter steht, und ihm ein solcher Name zukommt, oder wenn er auch nicht in dem Rufe steht, aber der Aufnehmer erkennt ihn als einen Gerechten und nimmt ihn als solchen auf, ohne mit ihm eine Probe zu unternehmen, ob er wohl ein Gerechter ist –, der soll dereinst im Himmelreiche den Lohn eines Gerechten empfangen. (Matth.10,41)
GEJ|1|141|4|0|Und noch sage Ich euch zu all dem hinzu: Da sehet her, diese Kleinen, die Mich hier liebend umgeben! Wer einem auch Allergeringsten dieser Kleinen nur einen Becher Wassers reicht in eines Jüngers Namen, wahrlich, Ich sage es euch, es wird ihm solch eine geringste Tat nicht unbelohnt bleiben. (Matth.10,42)
GEJ|1|141|5|0|Nun habt ihr alles, was euch not tut zu dem, wozu Ich euch erwählt habe. Gehet nun in alle die Städte, die Ich euch angezeigt habe, und lehret sie, die darinnen wohnen, das Reich Gottes kennen, und tut, wie und was Ich euch nun anbefohlen habe: euer Lohn wird kein geringer sein.
GEJ|1|141|6|0|Wann ihr aber in den Städten Israels, deren es nicht viele gibt, das Anbefohlene werdet ausgerichtet haben, dann kehret wieder zu Mir zurück, auf daß Ich euch dann in die tieferen Geheimnisse des Reiches Gottes einweihen; denn euch soll es gegeben sein, zu verstehen solche Geheimnisse, die das Reich Gottes innehat.“
GEJ|1|141|7|0|Sagt Petrus: „Herr, sollen wir Zwölfe in Gesellschaft oder einzeln, jeder für sich, in eine und in die andere Stadt ziehen und also auch in die Märkte und Dörfer?“
GEJ|1|141|8|0|Sage Ich: „Das steht bei euch; aber besser ist es, so ihr mindestens zu zwei oder drei miteinander gehet, auf daß einer dem andern als Zeuge dienen kann; und Mein Geist wird kräftiger mit euch wirken, so ihr zwei oder drei irgendwo in Meinem Namen versammelt seid und also lehret und wirket.
GEJ|1|141|9|0|Aber daß ihr gerade in eurer Vollzahl beisammenbleiben sollet, das ist fürs erste gar nicht nötig, und fürs zweite würdet ihr desto schwerer in irgend einem Hause Aufnahme finden wegen des Raumes und wegen der Versorgung. Darum teilet euch entweder zu zwei und zwei, oder zu drei und drei! Erwählet euch aber zuvor die Städte, Märkte und Dörfer und machet es untereinander aus, welche einer oder der andere übernehmen will!
GEJ|1|141|10|0|Ihr könnet dadurch in mehreren Städten zugleich auftreten und werdet dadurch viel an der Zeit gewinnen und desto eher zu Mir wieder zurückkehren können. So ihr emsig seid, werdet ihr in sieben Wochen leicht fertig, auch eher noch. Aber nun gehet; denn da hat eine jede Stunde ihren Wert!“
GEJ|1|141|11|0|Sagt Judas Ischariot: „Herr, die Sonne ist bereits dem Untergange nahe gekommen, der Tag währt keine halbe Stunde mehr, und es ist von hier nach allen Orten hin weit; bis man auch nur ein nächstes Dorf erreicht, kann man zwei Stunden gut auftreten. Wäre es denn nicht ebensogut, so wir uns morgen recht früh auf den Weg machten?“
GEJ|1|141|12|0|Sage Ich: „Nein, Mein Freund, da ist Gefahr an jeder Minute Verzuges! Ihr werdet heute nach dem Untergange gerade einen Markt, der hinter dem Berge gen Morgen hin liegt, erreichen, da man eurer Hilfe benötigen wird, und ihr werdet dann dort eine gute Aufnahme finden; aber länger als drei Tage verweilet daselbst nicht, wie auch nicht leichtlich an einem andern Orte! Bis dahin aber bleibet beisammen; in dem besagten Markte aber teilet euch!“
GEJ|1|141|13|0|Nach diesen Worten machten sich die Zwölfe schnell auf den Weg, und die Bewohner dieses zerstörten, aber durch Meine Gnade wunderbar neuerbauten Dörfchens gaben ihnen ein paar Wegeskundige mit, die sie des nächsten Weges nach dem Markte führten.
GEJ|1|142|1|1|142. - Erste Missionsarbeit der ausgesandten Apostel. Bekehrte herodianische Steuererpresser als gute Zeugen der Apostel
GEJ|1|142|1|0|Als die Zwölfe nach ein paar kleinen Stunden in den obbesagten Markt gelangten, fanden sie die Bewohner gruppenweise vor den Toren des Marktes heulend, weinend und einige über alle Maßen klagend; denn die herodianischen Steuererpresser trieben ihr Unwesen im Markte, sie plünderten die Häuser und nahmen den zahlungsunfähigen Eltern die liebsten, besten und schönsten Kinder weg, banden solche Kinder mit Stricken wie die Kälber zusammen und warfen sie auf ihre mit Ochsen bespannten Steuerwagen. Als die Jünger solches Greuels innewurden, wandten sie sich in ihrem Herzen an Mich.
GEJ|1|142|2|0|Und als sie in ihrem Herzen deutlich die Worte vernahmen: „Was ihr da wollt, das soll auch sogleich geschehen!“, – als sie das vernahmen, sagten sie zu den über alle Maßen traurigen Bewohnern dieses Marktes: „Der Friede sei mit euch! Zu euch komme das Reich Gottes, dessen Ausbreiter wir sind im Namen des Herrn! Gehet mit uns in euren Markt, und wir werden für euch die Sache mit den ungerechten und herzlosesten Steuererpressern ab- und ausmachen!“
GEJ|1|142|3|0|Sagen die Einwohner: „Oh, da werdet ihr kein Ohr finden! Denn die da erpressen die ungerechtesten Steuern, sind keine Menschen, sondern reine wildeste reißende Tiere, die euch übel anfallen werden.“
GEJ|1|142|4|0|Sagt Petrus: „Liebe Brüder, nehmet an, was wir euch bringen; das andere wird durch uns der Herr ausrichten! Gold und Silber aber erhoffet von uns nicht; aber was wir haben, das sollet ihr von uns auch überkommen. Nun aber eilen wir hinein in den Markt, auf daß die Kinder nicht zu lange leiden!“
GEJ|1|142|5|0|Als die Jünger nun mit den Bewohnern in den Ort treten, sehen sie mehrere Wagen voll mit allerlei Effekten, einige Wagen mit Kindern und noch andere mit Schafen und Kälbern beladen, und die Steuererpresser geben schon das Zeichen zum Abfahren und achten nicht auf das Schreien und Jammern der gebundenen Kinder.
GEJ|1|142|6|0|Da tritt Petrus hin zu dem Obersten der Steuererpresser und sagt in einem hochernsten Tone: „Elender! Mit welchem Rechte verübst du solche Greuel? Weißt du denn nicht, daß über dir ein allmächtiger Gott lebt, Der dich samt deinen Helfershelfern im Augenblick verderben kann? Stehe ab von deinen Greueln, gib alles zurück, sonst sollst du auf dieser Stelle alle Schärfe des Gotteszornes über dich kommen sehen!“ Sagt der Oberste der Steuererpresser zum Petrus: „Wer bist du, daß du es wagst, in solch einem Ton mit mir zu reden? Weißt du es etwa nicht, mit was für Macht vom Herodes aus ich ausgerüstet bin, der sie vom Kaiser aus Rom im Pachte hat? Weißt du etwa auch das nicht, daß ich jeden, der mir in den Weg tritt, augenblicklich ohne alles vorhergehende Gericht kann töten lassen? Weiche nun zurück! Noch ein Wort, und des Schwertes Schärfe hat dich ereilt!“
GEJ|1|142|7|0|Sagt Petrus: „Nun denn, da du – obschon auch ein Sohn Jakobs – kein Mensch mehr bist, sondern ein wildes, reißendes Tier, so treffe dich und deine Helfershelfer das Gericht Gottes! Denn ich, der dir das verkündete, bin ein Gesandter Gottes, und die mit mir sind, sind es auch! Was du mir tun wolltest, darum ich dich im Namen Gottes abhielt von Greueltaten, hattest du Gott tun wollen; daher treffe dich denn auch das Gericht Gottes! Amen!“
GEJ|1|142|8|0|Als Petrus solches in großem Eifer aussprach, fuhr Feuer aus der Erde, ergriff den Obersten und verzehrte ihn in einem Augenblick. Als das dessen Helfershelfer sahen, erschraken sie so gewaltig, daß sie vor Petrus niederfielen und alles zu tun gelobten, was er nur immer geböte, wenn er sie doch nicht also erschrecklich strafte!
GEJ|1|142|9|0|Sagt Petrus: „So gebet alles los und ziehet dann in Frieden ab! Aber lasset euch's ja nicht mehr gelüsten, je wieder einen solchen Dienst einem Herodes zu erweisen; denn beim nächsten Schritt dazu wird euch das geschehen, was nun eurem Obersten vor euren Augen geschehen ist!“
GEJ|1|142|10|0|Auf diese Worte binden die Steuererpresser sogleich die Kinder los und geben sie frei, desgleichen auch alles Vieh, wie: Schafe, Kälber und also alles, was sie in diesem Orte erpreßt haben, wozu sie samt Herodes kein Recht hatten. Denn dieser Markt hatte sich schon vor einem Jahre bei den Römern vom Herodes losgekauft, wie solches in gleicher Weise wegen der unbegrenzten Bedrückungen des Herodes mehrere Orte getan hatten. Aber Herodes machte da heimliche Streifzüge, ließ die Ablösungsurkunde verleugnen und erteilte seinen Steuererpressern alle Vollmacht mit der neuen Urkunde, daß er beim Kaiser sich darum verantworten werde.
GEJ|1|142|11|0|Petrus erklärte das nun den Steuererpressern, welches Unrecht sie an ihren Brüdern begingen, und diese fingen an, dem Herodes zu fluchen und sich selbst zu verwünschen, daß sie so blind waren, solch einem Tyrannen ihre Hände zu leihen.
GEJ|1|142|12|0|Petrus aber fing an, zu lehren vom Gottesreich, und siehe, alle die Steuererpresser bekehrten sich und folgten nun, bei hundert an der Zahl, Petrus, und es war das ein guter Fang; denn eben diese Steuererpresser wurden dann für sich überaus tätig und trugen vieles bei zur schnelleren Ausbreitung Meiner Lehre.
GEJ|1|142|13|0|Die Bewohner dieses Marktes aber behielten die Apostel drei Tage bei sich und ließen sich sogar auf Meinen Namen taufen. Denn die Apostel tauften auch mit Wasser jeden, der die Taufe verlangte, auf Meinen Namen.
GEJ|1|142|14|0|Sie hatten dazu von Mir aus zwar noch kein Gebot erhalten; aber sie wußten es, daß solches nicht wider Meinen Willen gehe.
GEJ|1|142|15|0|Die Einwohner boten alles auf, um die Jünger bestmöglich zu bewirten, und trugen ihnen am Ende Geld an, weil sie, die Jünger, ihre Kranken gesund gemacht hatten. Die Jünger aber nahmen keines an, wie auch sonst nichts, worüber sich die früheren Steurer sehr verwunderten und sagten: „Mehr denn eure Wundertaten beweist eure nie erhörte Uneigennützigkeit, daß ihr wahrhaftigste Gesandte Gottes seid; denn Menschen dieser Welt sind voll des schwärzesten Eigennutzes.“
GEJ|1|142|16|0|Judas machte freilich ganz verdutzte Augen, als er viel Geld sah, das man ihm antrug; aber Thomas war ihm stets zur Seite, und so getraute sich der geldgierige Jünger diesmal nicht, es anzunehmen, was ihm heimlich recht leid tat.
GEJ|1|142|17|0|Nach drei Tagen aber teilten sich von hier aus die Jünger zu zwei und zwei, und mit je zweien gingen auch zehn bis fünfzehn der bekehrten Steurer mit und leisteten den Jüngern gute Dienste; denn sie hatten viel Mut und kannten keine Furcht vor Menschen.
GEJ|1|142|18|0|Die Zwölfe taten nun, wie Ich ihnen anbefohlen hatte, und machten allenthalben gute Geschäfte.
GEJ|1|142|19|0|Was tat aber nun Ich, nachdem Ich die zwölf Jünger mit den gegebenen Weisungen hinausgesandt hatte?
GEJ|1|143|1|1|Der Herr am Galiläischen Meer. Johannes des Täufers Gefangenschaft und Anfrage
GEJ|1|143|1|1|143. - Näheres über Johannes d. T. und sein Verhältnis zu Herodes. Johannes d. T. Zweifel an Jesus als dem Messias. Des Johannes Anfrage beim Herrn selbst. Des Herrn Antwort
GEJ|1|143|1|0|Als die Jünger, wie nun hinreichend bekanntgegeben, den Ort verließen, wo Ich ihnen die Weisungen gab, da verweilte Ich noch bis zum Untergange, segnete dies arme Völkchen und seine Kindlein, und dann zog auch Ich mit den noch vielen Jüngern, die Mich umgaben, fürbaß am Meere Galiläas in die Städte, aus denen ein und der andere der Jünger, die bei Mir geblieben waren, gebürtig und zu Hause waren, und lehrte und predigte daselbst, was zu lehren und zu predigen Ich den Zwölfen geboten hatte, und machte allenthalben gesund die Kranken. (Matth.11,1)
GEJ|1|143|2|0|Es war aber in dieser Zeit Johannes, der am Jordan getauft hatte, vom Herodes bereits ins Gefängnis geworfen worden, und zwar durch die Vermittlung der Priester von Jerusalem, die sich darum beim Herodes kräftigst verwendet hatten; denn sie konnten dem Johannes nimmer vergeben, daß er sie „Schlangenbrut“ und „Natterngezüchte“ gescholten hatte. Aber sie selbst getrauten sich nicht, den Prediger in der Wüste anzugreifen, da sie es wohl wußten, daß ihn das Volk für einen großen Propheten hielt; darum hatten sie sich hinter den Herodes gesteckt, natürlich durch Geld und allerlei Volksdruckbefugnisse, und Herodes nahm ihn gefangen, unter dem Vorwande eines Verrückten, der das Volk aufwiegle, dessen Köpfe mit allerlei staatsgefährlichen Ideen anfülle und die Menschen vielfach verrückt mache.
GEJ|1|143|3|0|Aber es war im Grunde dem Herodes wenig darum zu tun, was Johannes lehrte, sondern nur, daß er dadurch eine gute Beute machte. Herodes hielt darum den Johannes nicht in einer sehr strengen Haft und ließ gegen einen mäßigen Preis jedermann zum Johannes ins Gefängnis; erwiesene Jünger des Täufers zahlten für eine ganze Woche nur einen Stater, während andere für einen Tagesbesuch einen Silberling zahlen mußten.
GEJ|1|143|4|0|Es war vom Herodes aus dem Johannes gar nicht verboten, in einem großen Saale, aus dem nun ein großes Bürgergefängnis gemacht war, zu predigen und Spektakel zu machen, was er nur immer konnte und mochte; denn das trug dem Herodes ja desto mehr Geld.
GEJ|1|143|5|0|Herodes begab sich öfter selbst zu Johannes und munterte ihn sogar auf, daß er eben jetzt im Gefängnisse, wo er vor den Priestern und Pharisäern sicher sei, desto mehr Lärm machen sollte als zuvor in der Wüste zu Bethabara und nannte sich Freund und Beschützer des Johannes.
GEJ|1|143|6|0|Johannes wußte es wohl im Geiste, mit wem er es im Herodes zu tun hatte; aber er benutzte solche Gelegenheit dennoch und predigte in seinem Gefängnisse fort, und seine Jünger hatten zu ihm freien Eintritt, natürlich gegen den geringen Erlag von einem Stater für die Woche. Priester vom Tempel mußten ein Pfund bezahlen, so sie zum Johannes gelangen wollten, und so sie den Herodes fragten, warum er Johannes im Gefängnisse fortpredigen lasse, da antwortete der schlaue Fuchs von einem Herodes: „Das tue ich aus geheimer Staatsklugheit, um dadurch alle die Anhänger dieses über alle Maßen staatsgefährlichen Menschen kennenzulernen!“ Auf solch eine Antwort lobten die Priester über die Maßen den Herodes und beschenkten ihn mit viel Gold, Silber und Edelsteinen; denn sie gedachten bei sich: ,Dies ist der rechte Mann; den müssen wir nach allen Kräften unterstützen; er ist berufen, all das Prophetengesindel aus dem Wege zu räumen.‘
GEJ|1|143|7|0|Aber Herodes, von Geburt aus ein Grieche, ging nur aufs Geld aus und kümmerte sich um alles andere nicht im geringsten. Neben dem Gelde hatten ihm nur sehr schöne Kebsweiber irgend einen Wert. Denen zuliebe konnte er sogar grausam werden, so diese es wünschten; aber sonst richtete bei ihm ohne Geld nie jemand etwas aus, – ums Geld war er aber auch für gar alles zu haben.
GEJ|1|143|8|0|Aus dieser getreuen Schilderung des Herodes wird auch sicher jedermann leichtlich klar sein, wie Johannes in seinem Gefängnisse seine Jünger um sich haben konnte, und wie er dadurch von Meinem Wirken in Galiläa durch seine Jünger sowohl wie auch durch andere Menschen, die ihn häufig besuchten, in Kenntnis gesetzt werden konnte.
GEJ|1|143|9|0|Da sonach Johannes im Gefängnis vernahm, wie Ich lehrte und wirkte, da sandte er alsbald zwei seiner bewährtesten Jünger an Mich (Matth.11,2) und ließ Mich durch sie fragen: „Bist wohl Du es, Der da kommen soll, oder sollen wir noch auf einen anderen warten?“ (Matth.11,3)
GEJ|1|143|10|0|Man wird hier fragen und sagen: ,Aber wie möglich konnte Johannes, der Mir zuerst das größte und glänzendste Zeugnis gab, zu solcher Frage kommen?‘ Der Grund davon ist für den, der nur eine Spanne übers Materielle hinaus zu denken vermag, ein höchst einfacher und sogar höchst natürlicher.
GEJ|1|143|11|0|Johannes meinte nach der Zeit, als er Mich kennenlernte, und sah es damals auch vollends ein, daß Ich unfehlbar der verheißene Messias sei, und daß das ganze jüdische Volk bloß durch Mein Erscheinen schon so gut wie vollends erlöst sei und alle Macht der Weltgroßen für ewig aufgehört habe. Da er aber ins Gefängnis kam und sich von Tag zu Tag mehr und mehr überzeugte, daß mit Meinem Erscheinen die Macht der Weltgroßen nicht nur nicht aufgehört, sondern sich nur vermehrt hatte, da fing auch Johannes an Meiner Echtheit so ganz leicht und leise bei sich zu zweifeln an.
GEJ|1|143|12|0|Denn er gedachte bei sich: „Wenn dieser Jesus aus Nazareth wirklich der Verheißene ist, der Sohn des lebendigen Gottes, wie kann Er mich nun im Stiche lassen und mich nicht befreien von dem Gefängnisse, und wie konnte Er es zulassen, daß ich ins Gefängnis kam?“
GEJ|1|143|13|0|Doch aber hörte er wieder von denen, die ihn besuchten, welch unerhörte Taten Ich verrichtete, und so denn sandte er die zwei seiner bewährtesten Jünger an Mich ab, die an Mich obige Frage zu stellen hatten.
GEJ|1|143|14|0|Ich aber, da Ich den Grund wohl sah, aus welchem Johannes Mich also fragen ließ, antwortete den Jüngern darauf ganz kurz und sagte zu ihnen: „Gehet hin und saget es Johannes, was ihr sehet und höret (Matth.11,4): Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein, die Tauben hören, die Toten stehen auf, und den Armen wird das Evangelium gepredigt. (Matth.11,5) Und selig aber ist und wird derjenige, der sich nicht ärgert an Mir!“ (Matth.11,6) Da wußten die zwei Jünger nicht, was sie Mir entgegnen sollten.
GEJ|1|144|1|1|144. - Des Herrn Winke über des Johannes Wirken und Schicksal. Jesus und Johannes als Sonne und Mond. »Er muß wachsen und ich abnehmen!« Des Herrn Zeugnis über Johannes: »Er ist mehr denn ein Prophet, er ist Elias!«
GEJ|1|144|1|0|Nach einer Weile erst fragte Mich der ältere aus ihnen, warum denn nun Johannes im Gefängnisse schmachten müsse, indem er doch vor Gott und allen Menschen nie gesündigt hätte.
GEJ|1|144|2|0|Sage Ich: „So er es wollte, könnte auch er frei sein! Der Mond tut wohl gute Dienste in der Nacht; so er aber auch neben der Sonne um den Rang streiten will, als wäre sein Licht auch am Tage an der Seite der Sonne so wichtig als das der Sonne, da ist der Mond in einer großen Irre. Denn ist einmal die Sonne da, da ist des Mondes Schimmer der Erde gar wohl entbehrlich. Versteht ihr das?
GEJ|1|144|3|0|Wenn Johannes Mich klarer erkannte, als Ich am Jordan zu ihm kam, wer wohl gebot ihm, daß er Mir nicht folgen sollte? Er blieb in seiner Wüste und machte stets einen strengsten Büßer – und hatte doch nie gesündigt. Warum denn tat er das? – Er hat sich selbst dem Herodes ausgeliefert; nun sehe er, wie er mit dem Fuchse fertig wird!
GEJ|1|144|4|0|Saget ihm aber auch, daß Ich nicht gekommen sei, die irdische Macht den Großen zu nehmen, sondern sie zu bestätigen auf ihren Herrscherstühlen. Wer aber mit Mir rechten möchte, der wird einen harten Kampf zu bestehen haben!“
GEJ|1|144|5|0|Als die beiden Jünger aber solche Worte von Mir erhalten und vernommen hatten, erwiderten sie nichts mehr, sondern empfahlen sich, traten sogleich ihren Weg zurück zu Johannes in Jerusalem an und berichteten ihm solches auch sogleich.
GEJ|1|144|6|0|Johannes aber schlug an seine Brust und sprach: „Ja, ja, Er ist es, Er hat recht; Er muß wachsen und ich abnehmen und sterben von dieser Welt.“
GEJ|1|144|7|0|An dem Orte Seba, der da als ein Dorf der Fischer am Galiläischen Meere lag, aber machten die vielen Menschen daselbst und auch jene, die Mir aus anderen Orten dahin gefolgt waren, große Augen über Johannes den Täufer und sagten: „Wie möglich konnte der eine Sünde begehen? Denn daß er Dir, o Herr, nicht gefolgt ist, da er Dich doch erkannt hatte, das war denn doch eine Hauptsünde, für die er nun büßen muß!? Herr, tun wir unrecht, wenn wir also urteilen?“
GEJ|1|144|8|0|Ich aber entgegne ihnen und sage: „So der Mond leuchtet in der Nacht im Vollichte, so geht alles hinaus, bewundert dessen Licht und freut sich dessen; aber so da kommt die Sonne, wann der Mond noch leuchtet am Himmel überaus blassen und matten Scheines, so wenden sich alle ab vom Monde, weiden ihre Augen am mächtigen Sonnenlichte und preisen dasselbe in jedem strahlenspendenden Tautropfen; denn unter der Sonne leuchtet ein Tropfen Wasser mehr denn zehn Monde in der Nacht.
GEJ|1|144|9|0|Begeht darum aber der Mond eine Sünde, daß er am Tage von der Sonne verdunkelt wird, und daß sogar ein Tautropfen mehr Licht dem Auge des Beschauers spendet denn der ganze Mond?
GEJ|1|144|10|0|Ich sage es euch allen: Wer Ohren hat, der höre! Auch des Menschen Sohn ist eine Sonne, und Johannes ist dessen Mond. Wohl leuchtet der Mond in eures Geistes Nacht und zeugte im voraus vom Lichte, das nun zu euch gekommen ist, und ihr es noch immer nicht erkennet in eurer Finsternis; so aber nun dieses Mondes Schein matt wird, da des Tages Sonne unter euch leuchtet, wie möget ihr seiner mit einer Sünde gedenken?
GEJ|1|144|11|0|Wahrlich, sage Ich euch, solange Menschen auf dieser Erde bestehen, von Adam bis jetzt, hat nie eine reinere Seele einen Leib bewohnt und belebt!
GEJ|1|144|12|0|Ich frage aber nun euch alle, da keiner unter euch ist, der da nicht hinausgegangen wäre in die Wüste, allwo Johannes predigte und taufte, – ihr alle habt seine Predigt vernommen, und die meisten aus euch haben sich auch taufen lassen –: Was seid ihr denn hinausgegangen in die Wüste zu sehen?
GEJ|1|144|13|0|Wolltet ihr etwa ein Rohr sehen, das der Wind hin und her wehen mag? (Matth.11,7) Oder seid ihr darum hinausgegangen, um einen Menschen zu sehen in weichen Kleidern? Sehet, die weiche Kleider tragen, wohnen in der Könige Häuser, aber nicht in der harten Wüste zu Bethabara! (Matth.11,8) Oder seid ihr hinausgegangen, zu sehen einen Propheten?
GEJ|1|144|14|0|Ja, sage Ich euch: Johannes ist mehr denn ein Prophet! (Matth.11,9) Denn dieser ist es, von dem es geschrieben steht: ,Siehe, Ich sende Meinen Engel vor Dir her, der Deinen Weg vor Dir bereiten soll!‘ (Matth.11,10) Merket ihr's nun, wer er ist?
GEJ|1|144|15|0|Wahrlich sage Ich es noch deutlicher, als ich solches euch schon früher gesagt habe: Unter allen, die vom Anfange her von Weibern geboren worden sind, ist nicht aufgekommen einer, der größer wäre denn dieser Johannes der Täufer; doch aber sage Ich euch auch, daß von nun an, wer auch der Kleinste sei im Reiche Gottes, wird größer sein denn er. (Matth.11,11)
GEJ|1|144|16|0|Aber das merket euch auch wohl: Von den Tagen Johannes' des Täufers bis hierher und fortan leidet das Himmelreich Gewalt, und die ihm Gewalt tun, die reißen es an sich! (Matth.11,12)
GEJ|1|144|17|0|Alle Propheten wie auch das Gesetz Mosis haben geweissagt bis auf Johannes. (Matth.11,13) Er war vor Mir der letzte Prophet.
GEJ|1|144|18|0|So ihr es annehmen wollt, da ist eben dieser Johannes der Elias, der zukünftig, das heißt vor dem Messias, noch einmal kommen sollte! (Matth.11,14) Er ist denn auch gekommen und hat vor Mir geweissagt und hat vorbereitet Meine Wege, wie ihr es selbst erfahren habt. Saget nun, ob ihr es nun wohl wisset, wer Johannes ist!“
GEJ|1|145|1|1|145. - Geist und Seele Johannes des Täufers.
GEJ|1|145|1|0|Sagen die Menschen: „Herr! Wenn so, da ist es denn doch unrecht, daß Du ihn nun lässest im Kerker! Nach den von Dir gewirkten Taten zu urteilen, die außer Gott wohl kein Mensch wirken kann, wäre es Dir doch sicher ein leichtes, den Täufer frei zu machen, da er für Dich gearbeitet hat! Herr, das solltest Du wohl tun und solltest ihn nun nicht stecken lassen!“
GEJ|1|145|2|0|Sage Ich: „Wer selbst kommt, richtet mehr aus, als so er schickt einen Boten oder einen Brief. Johannis Geist ist groß und größer denn alle Geister, die je auf dieser Erde in einem Leibe gewirkt haben; aber sein Leib gehört dieser Erde an, und aus dessen Schwächen hat sich auch eine schwache Seele entwickelt, und es ist gut also!
GEJ|1|145|3|0|Denn ein so starker Geist ist wohl fähig, eine schwache Seele stark zu ziehen; aber das Fleisch und die Seele des Johannes sind schwach. Darum sandte er allzeit Boten an seiner Statt, und da wirken Bote und Brief nie das, was da wirkt die eigene Person, in der Seele und Geist wohnen.
GEJ|1|145|4|0|Denn Ich darf und kann niemandem Meine Kraft und Macht anbinden aus Meinem Willen, es sei denn, daß da jemand kommt und sie sich selber nimmt; denn es wird von Mir aus niemandem je vorenthalten, sich zu nehmen das Leben oder das Gericht, was er will, und so auch nicht Meine Macht und Kraft zu einem guten Zwecke.
GEJ|1|145|5|0|Aber wer da nicht selbst kommt, dem wird nichts zuteil – außer die Gnade des Lichtes, durch das er finde hier oder jenseits den Weg zu Mir und auf dem Wege einsehe, daß Ich Selbst der Weg zum Leben und das Leben selbst bin.
GEJ|1|145|6|0|Johannes tat wohl wie keiner, daß er vollends Meister würde seines Fleisches. Er sah das Heil vor sich und mochte es dennoch nicht an sich reißen. Warum denn das nicht? Mußte es etwa also sein?
GEJ|1|145|7|0|Hier steht Der vor euch, Der das ,Muß‘ ausspricht, wo es sein muß! Aber Dieser sagt es euch auch, daß Er für Johannes dahin kein ,Muß‘ ausgesprochen hat.
GEJ|1|145|8|0|Daß er berufen war, vor Mir der Menschen wegen den Weg zu bahnen, das war ein gewisses ,Muß‘, hinter dem aber auch noch eine ewige Freiheit verborgen liegt, die ihr aber nicht fassen könnet in eurem Fleische; aber daß er Mir nicht hätte folgen dürfen, als er Mich sah und erkannte, da war kein ,Sollst‘ und noch weniger ein ,Muß‘. Da hat sein Geist auf die Einsprache der Seele gehorcht, kam darum auch in einen Zweifel über Mich und hat darum schon zum zweiten Male Boten an Mich gesandt. Wer da fragt, der ist noch nicht im reinen; denn jegliche Frage setzt entweder ein bares Nichtwissen oder einen Zweifel an dem, was man weiß, voraus, ob das wahr sei, was man weiß. Wäre Johannes vollends im reinen, so sendete er keine Boten an Mich.
GEJ|1|145|9|0|Wohl hat vor ihm nie ein Mensch ein so strenges Leben geführt wie er – denn tagelang, so er ein Begehren in seinem Fleische verspürte, aß und trank er nichts und war so der Erde größter Büßer, ohne je gesündigt zu haben –; aber dennoch sage Ich es euch allen: Ein Sünder, so er sich bessert und voll Liebe in seinem Herzen zu Mir kommt, steht höher denn Johannes!
GEJ|1|145|10|0|Denn der zu Mir sagt: ,Herr, ich bin ein Sünder und bin nicht wert, daß Du eingehest unter meines Hauses Dach!‘, ist Mir lieber als neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen und in ihrem Herzen Gott darum preisen, daß sie keine Sünder und daher besser sind als ein noch so geringer Sünder. Ich sage es euch: derer Lohn wird kein besonderer sein einst in Meinem Reiche!“
GEJ|1|146|1|1|Der Herr beim Zöllner Kisjonah in Kis
GEJ|1|146|1|1|146. - Bekehrung Kisjonahs (Zöllner). Der Ärger der Pharisäer und Juden
GEJ|1|146|1|0|Als Ich solche Rede beendet hatte, trat aus der Volksmenge ein Zöllner zu Mir, dessen Herz schon lange für Mich glühte, obschon es sich mancher Sünden bewußt war. Dieser fiel vor Mir auf sein Angesicht und sprach:
GEJ|1|146|2|0|„O Herr! Hier im Staube liegt einer vor Dir, der wohl ein großer Sünder ist, Dich aber dennoch über alle Maßen zu lieben wagt. Siehe, Herr, es ist schon hohe Mittagszeit; gern möchte ich Dich und alle Deine Jünger zu Tische bitten, so ich wert wäre, daß Du eingehen möchtest unters Dach meines Hauses! Ich und mein Haus sind zu unrein und sündhaft für Dich; aber in meiner Speiseküche sind bereitet reine Speisen und Getränke. O erweise mir armem Sünder die Gnade, daß ich die Speisen durch reine Hände für Dich hierher schaffen darf!“
GEJ|1|146|3|0|Sage Ich: „Kisjonah! Stehe auf, Ich werde mit dir ziehen in dein Haus und werde bei dir Mittag halten! Deinem Hause widerfahre ein großes Heil, nicht deiner Sünden wegen, sondern deiner wahren Liebe und Demut wegen, darum dir auch alle Sünden also verziehen sind, als hättest du nie gesündigt!“
GEJ|1|146|4|0|Darauf erhob sich der Zöllner Kisjonah, und Ich ging mit ihm samt vielen Jüngern in sein Haus. Über hundert an der Zahl fanden daselbst eine reichliche Bewirtung, und es fehlte nicht am besten Weine.
GEJ|1|146|5|0|Es war aber außer Meinen Jüngern noch eine große Menge Volkes aus allen Orten Galiläas und auch Judäas daselbst versammelt, das Mich bis ans Haus des Kisjonah geleitete; und Kisjonah ließ ihm, weil es im Hause keinen Platz haben konnte, im Freien Brot und Wein reichen darum, daß es bei Mir war.
GEJ|1|146|6|0|Natürlich fehlte es bei solchen Gelegenheiten nie an Pharisäern, die von Kapernaum aus Mir überallhin folgten. Da Mich nun diese abermals recht heiter und fröhlich essen und trinken sahen, und wie Ich auch bei Tische den reuigen Zöllnern – was, von den Juden aus betrachtet, soviel ist als Stocksündern – Meine Hände in aller Freundlichkeit reichte und sie gar Meine lieben Freunde nannte, da war es schon wieder aus bei den Pharisäern und andern Erzjuden.
GEJ|1|146|7|0|Besonders aber ärgerte es die Pharisäer und die Erzjuden, als Ich nach Tische mit den Zöllnern Arm in Arm in einem schönen großen Garten, der am See lag, lustwandeln ging und Mich auch gegen die fünf sehr artigen Töchter des Kisjonah so recht herzlich gut und freundlich benahm, weil sie wirklich mit der innigsten Liebe zu Mir erfüllt waren. Ich nannte sie wohl auch gar liebfreundlich „Meine lieben Bräute“, was die Pharisäer gar entsetzlich sündhaft dünkte!
GEJ|1|146|8|0|Als Ich gar erst gen Abend die Einladung annahm, über die Nacht dort zu verbleiben, und Ich dem Kisjonah endlich freiwillig zusagte, daß Ich wenigstens drei Tage hindurch und vielleicht noch länger bei ihm verweilen werde, da war es ganz und gar aus bei den Pharisäern und Erzjuden. „So –“, sagten sie, „mit solchem Gesindel, mit solchen Erzsündern und Zöllnern gibt er sich ab, ißt und trinkt mit ihnen Freundschaft, berauscht sich förmlich und wandelt dann als ein feiner Mann mit den sündhaftesten Töchtern der Erzsünder, tut ihnen schön und predigt am Ende mit gar süßen und zarten Worten solchen Erzhuren das Evangelium Gottes, anstatt daß er uns geböte, diese Scheusale zu ergreifen und zu verbrennen! Das wäre uns ein schöner Messias! Jetzt, wo ihn die fünf üppigen Huren für sich eingenommen haben, will er gar, Gott weiß wie lange, da verbleiben.
GEJ|1|146|9|0|Gehen wir weiter! Was sollen wir ferner noch bei ihm? Wir wissen nun vollkommen, was an ihm ist. Eine geraume Zeit sind wir nun schon um ihn; hat ihn jemand von uns schon beten sehen? Wer sah ihn je fasten? Den Sabbat achtet er nicht, die größten Erzketzer und Heiden, Griechen und Römer, Zöllner, Erzsünder und üppige, geschmeidige Huren sind seine Freunde und Freude, und dann ein gutes Essen und viele Becher des besten Weines!
GEJ|1|146|10|0|Mit einem Wort, er ist nichts anderes als: erstens ein ausgepichter Magier aus der Schule des Pythagoras und versteht damit zu wirken! Dazu ist er ein Wohlredner, was ein jeder Magier sein muß, um seine Kunst leichter an den Mann zu bringen. Er nimmt zwar dafür kein Geld an; aber ist denn das gar so was Lobenswertes? O das tun alle Magier im ersten Jahre, damit sie desto eher zur Berühmtheit gelangen; haben sie diese, dann haben oft Könige nicht Schätze genug, um solche Künstler zu befriedigen!
GEJ|1|146|11|0|Wozu aber benötigte dieser auch des Geldes? Zu essen und zu trinken bekommt er umsonst, soviel er nur immer will, – und sonst braucht er nichts! Dazu ist er zweitens ein Fresser und Vollsäufer und ein Sündergeselle und hat sogestaltig ein Leben nach Wunsch. Und drittens braucht er auch keinen Gott und Dessen Gesetz; denn er dünkt sich, daß er gleich selbst ein Gott sei oder wenigstens ein Sohn Desselben, den unser Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs mit der uns nur zu bekannten Maria von Nazareth soll gezeugt haben. Wer von uns ist wohl so dumm, daß er solchen neugebackenen, echt heidnischen Magierschwank nicht merkte auf den ersten Augenblick?!
GEJ|1|146|12|0|Kurz, wir wissen nun genug, und so ist es hohe Zeit, daß wir uns entfernen von ihm; sonst tut er uns noch was an, und wir sind ohne Rettung des Teufels! – Da, sehet nur hin, wie er mit den fünf Töchtern dieses verhaßtesten Zöllners schöntut, und wie ihn diese förmlich anbeten! Ich wette tausend Pfund auf einen Stater, daß dieser Prophet und Heiland, so er heute nach Jerusalem kommt, nur zu bald mit der Königin aller Huren, mit der weltberühmten Maria von Magdalon, die intimste Bekanntschaft machen und die süßeste Freundschaft schließen wird, – vielleicht auch mit der Maria und Martha von Bethanien, die nach der Maria von Magdalon von den Großen Jerusalems die meisten Besuche haben sollen!“
GEJ|1|146|13|0|Sagt ein anderer, der etwas bessere Augen hat, zum ersten Redner, der ein Pharisäer ist: „Du hast zwar durchaus nicht ganz unrecht; aber so du gedenkst der nahe ähnlichen Szene im Hause des Zöllners Matthäus, so haben wir auch dort also geurteilt, sind aber dann von seiner Weisheit dennoch ungeheuer breitgeschlagen worden und konnten ihm auf tausend nicht eins erwidern! Wie, so er hier gegen uns wieder laut würde?! Würdest du wohl für uns alle die Verantwortung übernehmen?“
GEJ|1|146|14|0|Sagt der erste: „Was du weißt, das weiß ich auch; denn ich habe alles wie du erfahren. Er wird Ausflüchte in schwerster Menge finden; dazu ist er ein Redner und ein Hauptmagier. Aber unser Verstand muß uns da zurechtweisen; und der Verstand weist uns nun zurecht und sagt: ,Gehet eher, als bis ihr ganz des Teufels werdet!‘ Und wir wollen solchem Rate des Verstandes hoffentlich doch Folge leisten!? Oder sollen wir im Ernste des Teufels werden wollen? Nein, bei Gott! Das sei ewig ferne von uns allen; denn wir haben Abraham zum Vater, und dessen Vater ist Gott, und so wollen wir uns nicht gleich den Heiden von diesem Magier übertölpeln lassen!“
GEJ|1|146|15|0|Sagt wieder der zweite: „Aber seine Lehre ist rein und der Natur des Menschen völlig angemessen, und es schaut doch nirgends etwas Teuflisches heraus! Ganz bin ich da deiner Meinung nicht, indem uns Moses selbst im Grunde doch dasselbe lehrte als dieser Nazaräer.
GEJ|1|146|16|0|Gott lieben über alles und den nächsten Bruder wie sich selbst, das Böse nicht mit Bösem vergelten, sogar den Feinden Gutes tun und die segnen, die uns fluchen, dabei demütig und voll Sanftmut sein, – da schaut wahrlich durchaus keine Teufelei heraus!“
GEJ|1|146|17|0|Sagt der erste: „Für dich freilich nicht, weil du schon des Teufels bist! Weißt du denn nicht, daß der Teufel eben dann am gefährlichsten ist, wenn er im Lichtgewande eines Engels auftritt?!“
GEJ|1|146|18|0|Sagt der zweite: „Wenn du solche Altweibersagen zur Richtschnur deines Lebens nimmst, dann ist mit dir auch kein Wort mehr zu reden! Wo steht denn der Ochse oder Esel, der je einen Satan im Gewande eines Gottesengels gesehen und gesprochen hat? Wahrlich, hier tust du samt allen deinen Kopfhängern diesem Manne unrecht!
GEJ|1|146|19|0|Wir wissen nichts Arges von ihm, wohl aber viel Gutes und nie erhört Wunderbares. Warum sollen wir ihn dann sogleich richten, so wir es sehen, daß er auch mit Sündern wie mit Gerechten umgeht und mit ihnen viel Geduld und eine große liebevolle Nachsicht hat?“
GEJ|1|147|1|1|147. - Der Juden Weggang. Ihre Rückkehr. Ihr Nachtquartier bei Kisjonah. Ihre Drohung gegen den Herrn
GEJ|1|147|1|0|Nach dieser Rede des zweiten scheiden sich die Erzpharisäer und Erzjuden von dem zweiten und dessen gemäßigterem Anhange und machen sich schon ziemlich spät abends auf den Weg nach Kapernaum, und zwar zu Lande; denn das Meer war stark wogend, und sie trauten den Schiffern nicht, obschon diese ihnen versicherten, daß es geheuer zu fahren sei.
GEJ|1|147|2|0|Die ganze Karawane aber, bei hundertfünfzig Menschen stark und des rechten Weges unkundig, kam nicht gar zu weit, und zwar an den Ort, wo ein unübersteiglicher hoher Fels ins Meer hineinragte und eine überaus starke Brandung verursachte. Über dem Felsen erhob sich aber gleich ein hohes und steiles Gebirge, über das von dieser Stelle am Meere kein Weg führte, und so blieb der Karawane nichts übrig, als den ziemlich gedehnten Rückweg von ein paar guten Stunden anzutreten, und kam erst gegen Mitternacht bei stockfinsterer Nacht, in der es gewaltig stürmte und regnete, blitzte und donnerte, in das Gehöft des Zöllners Kisjonah zurück und suchte daselbst Schutz und Obdach; denn die ganze Karawane war bis auf die Haut durchnäßt und bis zum Niedersinken müde. Und der Zöllner und dessen Leute nahmen die Müden gut auf und verschafften ihnen ein trockenes Lager, was den Durchnäßten sehr wohl zustatten kam.
GEJ|1|147|3|0|Am Tage darauf, ziemlich spät schon, kamen die Durchnäßten und noch etwas Müden von ihren Lagern wieder zum Vorschein und trockneten ihre Kleider an den Strahlen der Sonne.
GEJ|1|147|4|0|Es war aber Sabbat, und Kisjonah und dessen Leute arbeiteten und versahen ihr Amt wie an einem andern Tage; und als es Mittag ward, wurden Tische gedeckt und mit allerlei wohlbereiteten Speisen bestellt.
GEJ|1|147|5|0|Kisjonah lud auch die Durchnäßten und Müden zum Mittagsmahle; aber sie nahmen die Einladung nicht nur nicht an, sondern fingen an, zu murren und grelle Verwünschungen gegen solche Sabbatschänder und Sabbatbrecher auszusprechen; denn ein rechter Jude soll vor dem Untergange weder etwas angreifen noch etwas essen, – bloß dreimal zu trinken war ihm gestattet.
GEJ|1|147|6|0|Da die Geladenen die Freundschaft des Zöllners also lohnten, so wandte sich dieser an Mich und fragte (Kisjonah:) „Herr! Was soll denn mit diesen Narren geschehen? Ich will ihnen Gutes erweisen, und sie verfluchen mich darum! Sage mir doch, ob Gott auf den Fluch solcher Narren hört, zum Nachteil der von ihnen Verfluchten!“
GEJ|1|147|7|0|Sage Ich: „O ja; aber nicht zum Nachteil der von ihnen Verfluchten, sondern zu der Flucher höchst eigenem. Wer Ohren hat zu hören, der höre! (Matth.11,15) Denn Ich will euch sagen, wie es in Wahrheit mit diesen steht: Meinet ihr, sie halten darum den Sabbat, weil solchen Moses geboten hat? Oder meinet ihr, sie fasten darum?
GEJ|1|147|8|0|Ich sage es euch: Moses und alle Propheten sind in ihren Herzen nicht drei Stater wert, sondern daß sie von den Leuten, die ihnen den Zehent und gutes Geld geben, gesehen werden als Aarons würdige Nachfolger!
GEJ|1|147|9|0|Wem soll aber Ich dies elende Geschlecht vergleichen? Ist es nicht den Kindlein gleich, die am Markte sitzen und ihren Gesellen zurufen (Matth.11,16) und schreien: ,Wir haben euch gepfiffen, und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben euch geklagt, und ihr wolltet nicht weinen!‘ (Matth.11,17) Ich meine aber hier nicht, als seien diese Pharisäer und Erzjuden, wie sie da vor uns stehen, solche Kindlein, sondern, die da sind an unserer Seite; denn diese haben diese Narren und perfekten Gottesleugner in ihrem Herzen gestern hierbehalten wollen, und die Narren haben ihrer und Meiner gespottet; und die Schiffer wollten sie, da ein guter Wind ging, übers Meer nach Kapernaum bringen, und diese Narren trauten den Schiffern nicht; sie gingen, und ein arger Sturm trieb sie wieder hierher. Nun habt ihr sie zum Mittagsmahle geladen, und sie verfluchen euch!
GEJ|1|147|10|0|Ihr lieben Kindlein, die ihr hier vor Mir am wahren Markte des Lebens sitzet, Ich sage es euch: Pfeifet diesen Narren nichts mehr vor; denn sie sind lahm am Geiste und mögen darum nicht tanzen. Also lasset auch stehen das Klagen; denn deren Gemüter sind Steine, die keine Feuchtigkeit haben!
GEJ|1|147|11|0|Johannes, über den gestern so viel gesprochen wurde, und dem Ich ein gerechtestes Zeugnis gab, ist gekommen und führte ein so strenges Leben, daß er außer Heuschrecken und wildem Honig, den er sich aus den Löchern der Erde mühsamst holte, nahe nichts aß und trank; und diese und andere ihres Gelichters sagten ihm ins Gesicht, daß er den Teufel habe (Matth.11,18), der ihn zur Nachtzeit füttere und erhalte!
GEJ|1|147|12|0|Johannes hat doch wie keiner vor ihm gepfiffen und geklagt zur Übergenüge, und sehet, – diese und viele ihresgleichen wollten weder tanzen noch weinen!
GEJ|1|147|13|0|Nun ist in Mir in die Welt gekommen der lange verheißene Menschensohn. Dieser ißt und trinkt. Was sagen sie nun? Ihr habt es gestern selbst vernommen, wie sie über Mich urteilten und schrieen: ,Sieh! Wie ist dieser Mensch ein Fresser und Weinsäufer, und dazu ein Geselle der Zöllner und Sünder!‘
GEJ|1|147|14|0|Aber Ich sage es euch: Solche Weisheit muß sich rechtfertigen lassen von ihren Kindern! (Matth.11,19) Das heißt, ihre eigenen Kinder erklären sie als Narren, und so ist in ihren Kindern solche Weisheit, die sie uns aufgetischt haben, gerechtfertigt; aber auch die Meine, da ihre Kinder sie erkennen und annehmen, und so ist dadurch jegliche Art der Weisheit, der falschen wie der echten, zur Genüge gerechtfertigt.“
GEJ|1|147|15|0|Da erhoben sich die Pharisäer und Erzjuden und sagten zu Mir: „Habe acht, – noch bist du ein Jude! Wir haben das Gesetz und das Recht, dich als einen Erzketzer zu verderben; denn du willst Moses verderben und die Propheten untergraben. Wehe dir, so du solche Gelüste nicht magst fahren lassen! Wir haben vom Kaiser die gewichtige Zusage, uns im Notfalle des römischen Gerichtes zu bedienen, und jeglicher Landpfleger muß unserem Begehren Folge leisten!“
GEJ|1|148|1|1|148. - Des Herrn Strafrede über Chorazin, Bethsaida und Kaper naum. Ein Gesicht des zukünftigen Gerichtes
GEJ|1|148|1|0|Bei solcher Drohung traten Meine Jünger zu Mir und sprachen: „Herr! Wie magst Du solches anhören? Hast Du nicht Macht genug, solches Geschmeiß zu verderben? Die Sichariten wurden vertrieben etliche Male, wo sie sich Dir widersetzen wollten, und doch hast Du zu Sichar nicht so viel getan als zu Kapernaum!“
GEJ|1|148|2|0|Sage Ich: „Ich hätte dazu freilich wohl Macht zur Übergenüge. Aber der Herr des Lebens hat nicht nötig, hier Gericht zu halten; denn nach diesem Leben kommt noch ein Leben, das nimmer ein Ende hat, ob gut oder schlecht, – die Dauer ist gleich. Und für jene ewige Zeit spreche Ich nun zum voraus ein gerechtes Urteil und verwünsche alle die Städte, in denen Ich doch so viel Gutes gewirkt habe und nun solch einen Lohn empfange, wie ihr ihn soeben vernommen habt!
GEJ|1|148|3|0|Und sie haben sich nicht gebessert (Matth.11,20) bei aller Meiner Predigt und sind über alle Meine Taten stumm geblieben in ihren Herzen. Darum wehe dir, Chorazin, wehe dir, Bethsaida! Wären zu Tyrus und Sidon solche Taten geschehen, wie sie bei euch geschehen sind, sie hätten in ihrer Zeit in Sack und Asche Buße getan! (Matth.11,21)
GEJ|1|148|4|0|Doch Ich sage es euch: Es wird Tyrus und Sidon erträglicher ergehen am jüngsten Tage des Gerichts in der andern Welt denn diesen! (Matth.11,22)
GEJ|1|148|5|0|Und du, stolzes Kapernaum, die du erhoben wurdest bis in den Himmel, du wirst in die Hölle hinuntergestoßen werden! Denn so zu Sodom solche Taten geschehen wären, wie sie bei dir geschehen sind, diese Stadt stände noch heutigen Tages! (Matth.11,23)
GEJ|1|148|6|0|Doch sage Ich euch wiederum: Es wird dereinst in der andern Welt am jüngsten Tag des Gerichts dem Lande der Sodomer erträglicher ergehen denn dir (Matth.11,24), du stolze, harte und über alle Maßen undankbare Stadt! Darum also habe Ich Tausende deiner Kranken geheilt und auferweckt deine Toten, daß du Mir nun fluchest?! Tausendfaches Wehe dir am Tage des Gerichtes jenseits! Dort sollst du es erfahren, Wer Der war, Den du verflucht hast!“
GEJ|1|148|7|0|Nach solcher Meiner Strafrede bekamen viele ein Gesicht und erschauten, wie es am jüngsten Tage solchen von Mir nun verwünschten Städten ergehen wird, und sahen Meine Gestalt in den Wolken und sahen aus Meinem Munde ausgehen einen Fluch, und wie er traf die verwünschten Städte! –
GEJ|1|148|8|0|Als solches Gesicht den am meisten unmündigen, das heißt schlichten, Mich liebenden Menschen, die Mich beiderlei Geschlechts umgaben, wieder verging, da fielen sie vor Mir nieder und lobten und priesen Mich.
GEJ|1|148|9|0|Ich aber erhob Meine Hände über sie, segnete sie und sprach: „Auch Ich als Mensch nun preise Dich, Vater und Herr des Himmels und der Erde, daß Du solches diesen Weisen und Klugen der Welt verborgen hast und hast es geoffenbart den Unmündigen! (Matth.11,25) Ja, heiliger Vater, also ist es wohlgefällig vor Dir und Mir! (Matth.11,26) Denn was Du tuest, das tue auch Ich; denn wir sind ja von Ewigkeit Eins gewesen! Ich war nie ein anderer denn Du, heiliger Vater, und was Dein ist, das ist auch Mein von Ewigkeit!“
GEJ|1|148|10|0|Über diese letzten Worte fängt alle eine große Furcht zu ergreifen an. Denn es waren nun doch schon viele unter den Mir stets folgenden Jüngern, die an Meiner Göttlichkeit keinen Zweifel mehr hatten; und eben diese wandelte die meiste Furcht an.
GEJ|1|149|1|1|149. - Nathanaels griechisches Evangelium. Vom jüngsten Tage. »Wehe den Widersachern Meiner Ordnung!« »Niemand kennt den Vater — denn der Sohn!« »Wer nicht vom Vater gezogen wird, der kommt nicht zum Sohne!« Der Vater ist des Sohnes Liebe.
GEJ|1|149|1|0|Nathanael, der unter den Zurückgebliebenen gleichsam den Leiter machte, da auch er für sich, ohne von Mir eigens dazu berufen zu sein, ein Evangelium in griechischer Sprache, der er wohl mächtig war, aufzeichnete, und zwar umfassender denn alle andern, die sich damit befaßt haben, kam ganz wie tiefst erschreckt zu Mir und sagte: „Herr! Du Allmächtiger! Auch ich hatte das Gesicht und sah die erschrecklichsten Dinge, so daß mir vor Angst mein Griffel den Dienst versagte! Ich bitte Dich in aller Fülle meiner Liebe zu Dir, Du ewig Heiliger, sage mir doch, ob das dereinst jenseits in aller Wirklichkeit also geschehen wird, wie ich und viele es nun geschaut haben.“
GEJ|1|149|2|0|Sage Ich: „Sei ohne Furcht; denn du hast nichts zu befürchten! Wer also lebt und handelt wie du, der wird erweckt werden jenseits, wie auch schon diesseits zum ewigen Leben; und das wird jedermanns jüngster Tag sein, wann er erweckt wird von Mir zum ewigen Leben, sei es schon hier oder jenseits.
GEJ|1|149|3|0|Bestrebe sich aber ein jeder, daß er schon hier erweckt werden möge; denn wer schon hier als noch im Fleische erweckt wird, der wird den Tod des Fleisches weder sehen noch fühlen und schmecken, und seine Seele wird nicht geängstigt werden.
GEJ|1|149|4|0|Aber wehe diesen und allen späteren Widersachern Meiner Ordnung! Wahrlich, diese sollen es dann tausendfach fühlen, Wer Der war, Dem sie widerstrebten und Ihn und Seine wahren Bekenner mit allem Fluche belasteten und belegten!
GEJ|1|149|5|0|Ich kann solches wohl sagen und tun; denn dir sage Ich's: Alle Dinge sind Mir übergeben vom Vater! Aber niemand kennt den Sohn, Der Ich es bin, als nur der Vater; und eben also kennt auch niemand den Vater als allein nur der Sohn und nach Ihm derjenige, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Matth.11,27)
GEJ|1|149|6|0|Sagt Nathanael: „Sonach kennen auch wir als Deine getreuesten Jünger Dich noch lange nicht, und doch hast Du uns schon vieles geoffenbart von Dir und gezeigt, Wer Du bist?!“
GEJ|1|149|7|0|Sage Ich: „Ihr kennet Mich zwar wohl insoweit, als Ich Mich euch geoffenbart und gezeigt habe. Aber es fehlt euch noch vieles. Wann ihr erst den Vater erkennen werdet, dann auch werdet ihr Mich vollends erkennen, und das wird sein, so Ich von dieser Erde wieder in Meine Himmel aufgefahren sein werde. Von da an wird euch der Vater ziehen zu Mir hinauf, wie Ich nun euch ziehe zum Vater hin. Und wen der Vater nicht ziehen wird, der wird nicht kommen zu Mir, dem Sohne. Wahrlich sage Ich dir: In jener Zeit wird es jeder von Gott Selbst lernen müssen, Wer da ist der Sohn. Und wer da nicht von Gott gelehrt sein wird, der wird nicht kommen zum Sohne und wird nicht haben das ewige Leben in Ihm.
GEJ|1|149|8|0|Aber es ist der Sohn nicht härter denn der Vater; denn was des Vaters Liebe tut, dasselbe tut auch des Sohnes Liebe, und gleichwie des Vaters Liebe der Sohn ist, also ist auch des Sohnes Liebe der Vater.
GEJ|1|149|9|0|Der Sohn aber spricht zu euch wie zu allen Menschen: Kommet zu Mir her alle, die ihr mühselig und beladen seid, Ich will euch erquicken! (Matth.11,28)
GEJ|1|149|10|0|Nehmet auf euch Mein Joch, lernet es tragen von Mir und verhaltet euch dabei Mir gleich – denn Ich bin sanftmütig und von Herzen demütig –, so werdet ihr Ruhe haben, und alle Furcht wird von euch weichen! (Matth.11,29)
GEJ|1|149|11|0|Mein Joch aber ist sanft und leicht die Bürde, die zu tragen Ich euch gebe; denn Ich weiß es, was ihr vermöget.“ (Matth.11,30)
GEJ|1|150|1|1|150. - Der Pharisäer arge Bosheit wird vom Herrn gehörig beleuchtet. Die Angst treibt sie aufs Meer, der Sturm wieder an Land, so daß sie dann in Kapernaum aus Furcht schweigen.
GEJ|1|150|1|0|Solche Worte beruhigten die Jünger, und die Pharisäer und alle die Erzjuden fingen an zu fragen, was es gewesen sei, das sie gesehen hätten, und wie solches sie in eine so sichtliche Furcht versetzen konnte.
GEJ|1|150|2|0|Die Gefragten aber erzählten ganz einstimmig, was sie gesehen hatten. Da fingen die Pharisäer an zu stutzen und sich gegenseitig zu befragen und sprachen: „Wie das, wie so, daß da alle im selben Augenblick dasselbe Gesicht gehabt haben? Wie kann ein Magier nur bei einigen eine Erscheinung bewerkstelligen und bei andern wieder nicht? Warum sahen nur diejenigen etwas, die ihm anhangen, und warum sahen wir nichts? So wir, obschon festeste Moseaner, von ihm, der doch auch ein Jude sein will, verdammt sind – und sogar, nach der erzählten Erscheinung zu sprechen, wie!? –, so wäre es von seiner Seite aus am geratensten gewesen, daß er uns die Erscheinung gezeigt hätte, daß wir darob in eine Furcht gekommen und seine Jünger geworden wären. Aber er ist klug und macht vor uns kein solches Spektakel; denn er fürchtet sich, daß wir es sogleich erkenneten und dann nenneten beim rechten Namen und dadurch vielleicht vielen seiner Anhänger die Augen öffneten und diese dann sähen, wer ihr gepriesener Meister sei! Gegen diesen stets gefährlicher werdenden Menschen müssen wir strengere Maßregeln ergreifen, sonst wächst er uns nur zu bald über den Kopf, und die Römer werden kommen und uns dafür samt und sämtlich übel umbringen!“
GEJ|1|150|3|0|Sage Ich ganz laut zu ihnen: „Dazu seid ihr schon lange reif, und es bedürfte von Mir aus nur eines Wortes an den Obersten, und ihr hinget von morgen bis übermorgen zu Tausenden an den Schandpfählen! Meint ihr, daß Mir eure noch so geheim gehaltenen Machinationen gegen den Kaiser Tiberius unbekannt seien? O mitnichten! Ich weiß um den Tag und um die Stunde und um das verabredete Zeichen, wie es beschaffen sein soll für ganz Judäa, für Galiläa und wie für Jerusalem innerhalb dessen Mauern! Aber Ich sage es euch, daß ihr damit wunderschlechte Geschäfte machen werdet, und der Landpfleger Pontius Pilatus, der ein scharfes Schwert führt, wird euch dann vor den Mauern der Stadt Jerusalem den Lohn für eure schöne Mühe geben, und Herodes wird zu tun haben, sich wieder in die Gunst des Landpflegers zu setzen!
GEJ|1|150|4|0|Ergreifet ihr in eurer übergroßen Blindheit und Bosheit nur immerhin schärfere Maßregeln gegen Mich und Meine Jünger, so werde dann auch Ich wissen, was Ich noch vor der Zeit gegen euch zu unternehmen habe!
GEJ|1|150|5|0|Johannes nannte euch ,Schlangenbrut‘ und ,Otterngezüchte‘! Ich habe euch noch nie einen solchen Namen gegeben; aber nun gebe auch Ich euch solchen Namen und rufe euch zu, daß ihr weichet von hier, sonst lasse Ich Bären kommen aus den Wäldern und euch das tun, was zu Elisas Zeiten geschehen ist an den losen Buben, die diesen Propheten verspottet hatten! Denn für euch ist jeder Funke Erbarmung aus Meinem Herzen entwichen.
GEJ|1|150|6|0|So ihr Mich wie immer gelästert hättet, so würde Ich es euch vergeben. Aber ihr habt euch erhoben und gewaffnet wider Meinen Geist, der da heißt Liebe und Mein Vater ist von Ewigkeit, und diese Sünde soll euch nicht vergeben werden, weder hier und noch weniger jenseits! Und so weichet denn von hier, auf daß Ich ohne weitere Störung die etlichen Tage hier bei Meinem Freunde Kisjonah verweilen kann!“
GEJ|1|150|7|0|Sagt ein Pharisäer: „Wir dürfen dich nicht aus den Augen lassen, da wir zu dem Behufe von unserem Obersten über dich aufgestellt sind!“
GEJ|1|150|8|0|Sage Ich: „Ja, ihr seid über Mich aufgestellt wie Wölfe über eine Schafherde. Ich aber werde, so ihr beharret bei eurem Vorsatze, sogleich Bären vom Gebirge kommen lassen und werde sie stellen über euch zu Aufsehern und Zuchtmeistern!“
GEJ|1|150|9|0|In diesem Augenblick läßt sich vom nahen Gebirge her ein starkes Gebrüll von vielen Bären vernehmen. Als die Pharisäer und Erzjuden solches vernehmen, da nehmen sie schnell ihre Zuflucht ans Meer, besteigen daselbst schnell die Fischerboote und stoßen sie vom Ufer. Aber ein starker Gegenwind treibt sie wieder ans Ufer, an dem sich hie und da ein paar Bären sehen lassen. Bei zwei Stunden kämpfen sie mit dem Winde, der sie hartnäckig wieder ans Ufer treibt, sooft sie sich bei einem Nachlassen des Windes einige Klafter von demselben entfernt haben. Nach zwei Stunden eines verzweifelten Kampfes mit dem Wind und mit dem Meer kommt endlich ein größeres Schiff, nimmt die nahe Verzweifelten und zum Hinfallen Müden auf und fährt mit ihnen ab, und zwar unter dem größten Sturme, der das Schiff jeden Augenblick zu verschlingen droht. Also werden sie den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch gepeinigt und erreichen erst gegen Mittag des nächsten Tages das Ufer in der Nähe Kapernaums.
GEJ|1|150|10|0|Sie werden dort von den Vorstehern auf das emsigste erforscht, was sie alles gesehen, gehört und erfahren haben. Aber sie sind stumm und getrauen sich nicht zu reden; denn sie hatten vor Mir einen bedeutenden Respekt bekommen und getrauten sich vorderhand gegen Mich nichts zu unternehmen.
GEJ|1|151|1|1|Auf dem Berg Morgenkopf bei Kis
GEJ|1|151|1|1|151. - Bergbesteigung. Erstes Nachtquartier auf der Alpe des Kisjonah
GEJ|1|151|1|0|Die Vorgesetzten zu Kapernaum aber beriefen andere und sandten sie Mir nach. Aber auch diese hatten viel mit Sturm zu kämpfen; denn es war schon die Zeit des Herbstes, eigentlich des Vorherbstes, was da die Hundstage sind, nahe, und in solcher Zeit waren stets Stürme in Galiläa und um so mehr am Meere dieses Landes. Und sie kamen erst am fünften Tage an dem Orte, da Ich Mich noch aufhielt, an und begehrten mit Mir zu reden. Ich aber ließ sie nicht vor, denn Ich wußte es, was sie wollten, sondern ließ ihnen bedeuten, daß Ich Mich hier noch länger aufhalten und von da aus die benachbarten Orte besuchen werde, – und sie möchten sich ruhig verhalten, ansonst es ihnen gar übel bekommen möchte!
GEJ|1|151|2|0|Es war aber gerade der Nachsabbat, was nun der Sonntag ist, und dazu ein äußerst reiner und schöner Tag, und Kisjonah kam zu Mir und machte Mir und allen Anwesenden den Antrag, den nächstliegenden, sehr hohen Berg zu besteigen.
GEJ|1|151|3|0|Es war dies ein Berg, der noch keinen Namen hatte. Denn es war damals die Erdkunde noch sehr in der Kindheit, und so hatten die meisten Berge, Täler, Ebenen, Seen, Bäche und kleineren Flüsse keine allgemeinen eigenen Namen, sondern bloß nur, wie sie dann und wann von ihren nachbarlich wohnenden Menschen benamset wurden; am schwersten ging es aber immer mit den Namen der Berge.
GEJ|1|151|4|0|Berge, die nicht einzeln wie ein Tabor, ein Libanon, ein Ararat und ein Sinai dastanden, sondern zu einer großen und weit ausgedehnten Gebirgskette gehörten, hatten gewöhnlich keine eigenen Namen, außer teilweise nur einen örtlichen und zeitweiligen, und nicht selten nach irgend einem reichen Gebirgsbesitzer, der da seine Herden unterhielt; kam mit der Zeit ein anderer Besitzer, so bekam so ein Berg auch einen andern Namen, und so war denn auch dieser Berg, weil er ein Eigentum des Zöllners war und eigentlich schon nach Griechenland (das heißt politisch als römische Provinz) gehörte, nach dessen Besitzer benamset.
GEJ|1|151|5|0|Es war darum auch dieser Ort, als an der Grenze zwischen Galiläa und Griechenland liegend, ein Hauptmautpunkt weil von da ein ziemlich wohlgebahnter Saumweg aus Galiläa übers Gebirge nach Griechenland führte, den viele Tausende von allerlei Kaufleuten durchzogen und auf Kamelen, Saumrossen und Eseln ihre mannigfachen Waren fortschafften.
GEJ|1|151|6|0|Als die neu angekommenen Pharisäer vernahmen, daß wir den hohen Berg besteigen wollten, so baten sie den Kisjonah, ob sie bei der Gesellschaft sein dürften. Kisjonah sagte: „So ihr guten Willens sein wollt oder könnt, so ist der Berg, der von hier gen Griechenland hin bei zwanzig Stunden Weges in der Länge und bei fünf Stunden Weges in der Breite völlig mein Eigentum ist, raumhältig zur Genüge, um auch euch aufzunehmen. Aber als böswillige Spione der Priesterschaft von Kapernaum und Jerusalem könnte ich, als ein Grieche und nun glühendster Anhänger der heiligen und nach meiner Überzeugung allein wahren Lehre dieses göttlichsten Meisters aller Meister, euch durchaus nicht brauchen und müßte durch jedes mir zu Gebote stehende Mittel mich vor eurer Gesellschaft verwahren! Fraget euer Herz! Ist das rein, so habt ihr freien Paß; ist es unrein, so möget ihr alsbald wieder dahin ziehen, von wannen ihr gekommen seid!“
GEJ|1|151|7|0|Sagen die Pharisäer: „Wir sind rein und haben kein Falsch in unseren Herzen. Wir sind Bekenner Mosis und sind Juden, so wie auch Jesus ein Jude ist und das Gesetz Mosis nimmer verderben kann. Es geht aber von allen Seiten her ein gewaltiger Ruf von seinen Taten und Lehren, und es muß uns darum sehr daran gelegen sein, ob seine Lehren und Taten den Moses nicht auflösen. Bestätigen sie Moses und die Propheten, so werden auch wir sie annehmen; tun sie das Gegenteil, so versteht es sich wohl von selbst, daß wir dagegen sein müssen!“
GEJ|1|151|8|0|Sagt der Zöllner: „Wie ihr nun hier geredet habt, so redeten eure Vorfahren alle auch zu den Propheten und haben sie nachher als Gottesleugner gesteinigt, und mir sind sehr wenige bekannt, die nicht gesteinigt worden wären. Und doch ziehet ihr bei jeder Gelegenheit die Propheten an und rühmet euch ihrer! Eure Vorfahren aber waren gerade das, was ihr seid, und ihr seid alle um kein Haar besser, als da waren eure Vorfahren, die die Propheten steinigten. Daher traue ich euch gegenüber diesem heiligen Propheten aller Propheten auch nicht.
GEJ|1|151|9|0|Wohl nennt ihr euch Bekenner Mosis; aber in eurem Tun seid ihr dem Moses ferner als diese Erde vom Himmel! Prüfet euch darum, ob ihr würdig seid, mit uns zu besteigen diesen meinen Berg!“
GEJ|1|151|10|0|Sage Ich zu Kisjonah: „Laß sie mitziehen! So es ihnen zuviel sein wird, werden sie wohl umkehren; denn von denen hat noch nie einer einen Berg bestiegen! Vielleicht reinigt dieses hohen Berges reinste Luft ihre Herzen in etwas.“
GEJ|1|151|11|0|Kisjonah stellte sich damit zufrieden, und wir traten mit allem möglichen versehen den Weg aufwärts an.
GEJ|1|151|12|0|Und die fünf Töchter fehlten nicht und waren wie die Küchlein um Mich, befragten Mich um gar verschiedene Dinge der Urschöpfung und übers Werden solcher Berge, und Ich erklärte ihnen alles nach dem Grade ihrer Fassungskraft. Auch die vielen Jünger und eine Menge Volks, das uns begleitete, horchten, wo sie nur konnten, Meinen Besprechungen zu und ergötzten sich höchlichst daran.
GEJ|1|151|13|0|Nathanael aber, der am meisten von Meiner Göttlichkeit durchdrungen war, redete von Zeit zu Zeit mit dem Berge und sagte: „O Berg! Fühlest du, wer Der ist, der nun Seine Füße auf dich setzet?“ Und sooft Nathanael solch eine große Frage an den Berg stellte, erbebte der Berg so, daß es alle wahrnahmen.
GEJ|1|151|14|0|Die Pharisäer aber gerieten in eine große Furcht darob und fingen an, das Volk zu bereden, daß es sich nicht weiter hinauf wagen solle. Es könnte das von alters her ein heiliger Berg sein, den kein Unwürdiger betreten dürfe, ansonst der Berg zu beben und zu toben anfinge und wegen des einen Unwürdigen alle verderbe!
GEJ|1|151|15|0|Das Volk aber sagte: „Da kehret nur ihr allein um; denn unsertwegen hat der Berg, den wir schon oft bestiegen haben, noch nie gebebt!“
GEJ|1|151|16|0|Da fingen die Pharisäer an übers Volk zu murren. Und der Berg erbebte wieder während des Murrens der Phärisäer, und diese kehrten darauf schnell um und liefen, was sie laufen konnten, vom Berge wieder in die Ebene hinab, und wir waren auf diese Weise auf einmal die lästigen Begleiter los.
GEJ|1|151|17|0|Wir setzten dann unsere Reise ganz ruhig weiter fort und erreichten bis gegen Abend die weit gedehnten Alpenwirtschaften des Kisjonah, allwo wir auch übernachteten. Erst am zweiten Tage machten wir wegen der Müdigkeit der Weiber uns an die Besteigung der höchsten Spitze dieses Berges, von der aus man eine ungemein schöne und weite Aussicht über ganz Judäa, Samaria, Galiläa und einen großen Teil Griechenlands hatte.
GEJ|1|152|1|1|152. - Ankunft auf des Berges Spitze am zweiten Tag. Wunderbare Erlebnisse. Verkehr mit den Geistern und Seelen Verstorbener. Jenseitige Gegenden. Des Satans Beschränkung im Jenseits. Über das Schauen der Geister. Kisjonahs Wunsch, auch die Engel zu sehen.
GEJ|1|152|1|0|Auf solcher Spitze brachten wir einen Tag und eine Nacht zu und genossen da viel Herrliches und Wunderbares.
GEJ|1|152|2|0|Für Mich natürlich gab es hier wohl nichts Wunderbares, da in Mir Selbst der Urgrund zu all den zahllosesten Erscheinungen und Vorkommnissen liegt und liegen muß; aber für alle, die da mit Mir waren, gab es da des Herrlichen und Wunderbaren in großer, überschwenglicher Fülle.
GEJ|1|152|3|0|Fürs erste die überaus reizende weite Aussicht, die den Tag hindurch allen Augen vollauf Beschäftigung gab. Fürs zweite aber ließ Ich nach dem Untergange der Sonne es zu, daß die Menschen die innere Sehe geöffnet bekamen und also in die große Geisterwelt schauen konnten.
GEJ|1|152|4|0|Wie sehr wunderten sich da alle, daß sie über der Erde eine große Welt voll Wesen, die da leben und handeln, ersahen, und dazu überweit gedehnte Gegenden und Fluren von teils überherrlicher, teils auch wieder gen Mitternacht hin sehr wüster und traurig aussehender Art.
GEJ|1|152|5|0|Ich aber gebot in der Stille allen Geistern, von Mir zu schweigen.
GEJ|1|152|6|0|Viele Jünger aber besprachen sich mit den Geistern über das Leben nach dem Tode des Leibes, und die Geister gaben ihnen einen handgreiflichen Beweis dafür, daß es nach des Leibes Tode noch ein weiteres und vollkommeneres Leben gibt, und wie solches geartet ist.
GEJ|1|152|7|0|Es sagte auch Kisjonah: „Nun sind alle meine Wünsche erfüllt. Bei allem, was ich habe, und bei diesem Berge, der in meinem irdischen Eigentume steht, ich gäbe meine halbe Besitzung in allem her, wenn ich nun so einige Hauptsadduzäer und die Essäer, die kein Leben nach des Leibes Tode zulassen, hier haben könnte! Wie schön würden diese Weisen hier mit ihrer Nase an der Geisterwelt ordentlich blutig anrennen! Ich selbst war einmal schon ganz von ihren Doktrinen ergriffen, ließ sie aber nach und nach wieder fahren, da mich glücklicherweise eine wennschon etwas stark unheimliche Erscheinung meines verstorbenen Vaters eines Besseren belehrte.
GEJ|1|152|8|0|Es ist ja außerordentlich! Man kann nun mit diesen Wesen umgehen und reden wie mit seinesgleichen! Was mich aber doch etwas wundernimmt, ist das, daß hier unter vielen und vielen Geistern, von denen ich einige sogar der Person nach ganz gut erkenne, kein Patriarch, kein Prophet und ebenso auch kein König zu erschauen ist!“
GEJ|1|152|9|0|Sage Ich: „Mein liebster Freund und Bruder, diese sind ebensogut wie diese lebend in der Geisterwelt; aber auf daß ihnen von allen den Millionen und Millionen Geistern nicht irgend eine göttliche Verehrung erwiesen werde, so werden sie an einem ganz besonderen Orte, der da die Vorhölle heißt, von allen andern Geistern ganz abgesondert gehalten und sind alldort in der vollen Erwartung, daß Ich sie nun in dieser Zeit frei machen und sie dann einführen werde in die Himmel der Urwohnung Meiner Engel, – was denn auch in der Bälde geschehen wird.
GEJ|1|152|10|0|Zugleich aber machen diese Geister der Patriarchen, Propheten und der rechten Könige eine Hut zwischen der eigentlichen Hölle und dieser Geisterwelt, damit die Hölle sie nicht verfinstern, verpesten und verführen kann.
GEJ|1|152|11|0|Es ist dem Satan zwar wohl zugelassen, in die Naturwelt zu gehen und da von Zeit zu Zeit sein Unwesen zu treiben; aber in diese Geisterwelt ist allen Teufeln für ewig der Eintritt verschlossen. Denn wo das eigentliche Leben einmal seinen Anfang genommen hat, da bleibt der Tod ewig ferne. Satan, Teufel und Hölle aber sind das Gericht und somit der barste Tod selbst und haben somit im Reiche des Lebens nichts mehr zu tun. Verstehst du solches wohl?“
GEJ|1|152|12|0|Sagt Kisjonah: „Herr, so gut es sein kann, und soweit es offenbar Deine Gnade zuläßt, verstehe ich das nun; aber freilich wird da noch ungeheuer vieles im Hintergrunde stecken, das ich wahrscheinlich erst dann vollends fassen und begreifen werde, wenn ich dereinst selbst ein Bewohner dieser immerhin mehr düsteren als freundlichen Welt sein werde. Gegen Morgen und Mittag sieht diese Geisterwelt wohl im Ernste überaus schön und freundlich aus; aber gegen Abend und Mitternacht sieht es noch viel elender und trauriger aus als auf der weitgedehnten Wüste, wo einst das große Babel gestanden ist. Solch ein Anblick verdirbt aber dann auch die Anmut des Morgens und des Mittags.“
GEJ|1|152|13|0|Sage Ich: „Du hast recht; es ist schon also, wie es dir dein Gefühl sagt. Aber die Geister, die du nun zu vielen Hunderttausenden vor uns erschaust, sehen den tiefen Abend und die Mitternacht nicht also wie du nun; denn ein Geist sieht auf einmal nur das, was da seinem Innersten entspricht.
GEJ|1|152|14|0|Da aber hier weder der Abend und noch weniger die Mitternacht ihrem Innersten entspricht, so sehen sie weder den Abend und noch weniger die Mitternacht. Nur wenn sie einst vollends Meinen Engeln gleich werden, so werden sie auch alles so, wie du selbst nun, schauen können.“
GEJ|1|152|15|0|Sagt Kisjonah: „Herr, das ist zwar etwas dunkel, und ich begreife es noch nicht, denke mir aber, daß solches vorderhand auch gar nicht nötig sei. Aber da Du, o Herr, nun hier mit so wunderbaren Enthüllungen gar so freigebig bist, wie wäre es denn, so Du uns neben diesen zahllos vielen Geistern auch nur ein paar Engel zeigen möchtest?! Ich habe schon so viel von den Erzengeln, von den Cherubim und Seraphim reden gehört, vieles in den Schriften selbst gelesen und mir darüber gar mancherlei Vorstellungen gedacht und gemacht, die wahrscheinlich höchst unrichtig und somit falsch waren. Du, o Herr, könntest mir darüber nun wohl eine rechte Anschauung verschaffen, so es Dein heiliger Wille wäre!“ – Auch die fünf Töchter, die immerwährend um Mich waren, baten Mich darum.
GEJ|1|152|16|0|Ich aber sagte: „Ich will es tun; aber nicht vor der Mitte der Nacht der Erde, sondern nach derselben. Jetzt aber unterhaltet euch mit den Geistern, nur müsset ihr Mich gegen sie nicht verraten, daß Ich hier sei; denn solches würde ihnen vor der Zeit von keinem Nutzen sein; denn ein jeglicher Geist muß seine Reife in seiner vollsten und ungebundensten Freiheit erhalten!“
GEJ|1|152|17|0|Mit solcher Verheißung gaben sich alle zufrieden und harrten sehnsüchtigst, bis die Mitte der Nacht vorüber wäre.
GEJ|1|153|1|1|153. - Über die damalige Zeitmessung nach dem Gang der Sterne. Die Belehrung der Töchter des Kisjonah über die Mondwelt durch drei Mondgeister
GEJ|1|153|1|0|Kisjonah aber war auch ein wenig sternkundig und fing an, nach dem Gange der Sterne zu rechnen, ob die Mitte der Nacht bald zu Ende gehen würde; denn zu der Zeit hatte man noch lange keine solchen Uhren wie in der Jetztzeit und behalf sich daher mit einer freilich sehr unverläßlichen Berechnung der Sterne.
GEJ|1|153|2|0|Nach einer Weile sagt Kisjonah: „Nach meiner Berechnung sollte nun die Mitternacht vorüber sein?!“
GEJ|1|153|3|0|Sage Ich: „Freund! Deine Berechnung taugt nichts; denn wir sind noch eine Stunde von der Mitte der Nacht entfernt. Daher rechne lieber nicht; denn es ist der Sterne Gang ein anderer, als du es meinst! Deine Rechnung ist an und für sich schon falsch, und so wird es wohl schwer möglich sein, daß du je die Mitte der Nacht nach dem Stande und Gange der Sterne herausbringen wirst. Menschen, die so was imstande sein werden, werden einst erst geboren werden; aber jetzt ist es noch lange nicht an der Zeit.“
GEJ|1|153|4|0|Es kam aber nun dennoch im Verlaufe mannigfacher Besprechungen die Mitte der Nacht herbei, und der Mond ging als natürlich nur halbleuchtend auf. Da fragten Mich ja schnell die Töchter des Kisjonah wieder, was etwa doch der Mond sei, und wie er also gleichfort sein Licht verändere.
GEJ|1|153|5|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Meine geliebtesten Töchterchen! Hinter euch stehen gerade drei Geister aus dem Monde; die fraget! Sie werden es euch genau sagen, was der Mond ist, und auf welche Art er beständig sein Licht wechselt und manchmal wohl auch ganz verliert!“
GEJ|1|153|6|0|Da fragte die älteste sogleich die drei Geister um den Mond, und diese sagten: „Holde! Deine Frage an uns um den Mond ist gleich der, so wir dich fragten um die Erde, die du bewohnst. Du weißt es nicht, warum es nun finster ist auf der Erde und fragst doch nicht darum; wie magst du um den Mond fragen, der dir um vieles ferner steht als deine dich tragende Erde?
GEJ|1|153|7|0|Siehe, wie deine Erde, also ist auch unser Mond eine Welt! Deine Erde ist rund gleich einer Kugel; also ist es auch unser Mond. Deine Erde wird auf einmal nur zur Hälfte von der großen Sonne beleuchtet; also auch unser Mond. Bei dir dauert die Nacht im Durchschnitte nur ungefähr bei dreizehn eurer kurzen Stunden, und ebensolange dann auch deiner Erde Tag; beim Monde aber dauert die Nacht sowohl als der Tag bei vierzehn Tag- und Nachtlängen deiner Erde, und daher kommt für dein Auge, von dieser deiner Erde aus betrachtet, der beständige Lichtwechsel des Mondes, – und das ist ein starker Unterschied zwischen dem Monde und deiner um vieles größeren Erde.
GEJ|1|153|8|0|Es kommt aber noch ein gar mächtiger Unterschied zwischen deiner Erde und dem Monde zum Vorschein, und der besteht darin, daß der Mond nur auf einer Seite, die du aber nicht sehen kannst, von Wesen meiner Art bewohnt ist, während deine Erde nach allen Seiten hin bewohnt wird oder zum größten Teile bewohnbar ist.
GEJ|1|153|9|0|Oh, auf dem Monde lebt sich's nicht so selig wie auf deiner Erde! O dort gibt es viel Kälte und viel unerträgliche Hitze, viel Hunger und nicht selten brennendsten Durst! Habe darum ja keine Sehnsucht nach jener kleinen, aber überaus harten Welt, auf deren Feldern kein Weizen und kein Korn und noch viel weniger ein Wein wächst!
GEJ|1|153|10|0|Auf der Seite aber, die du von dieser deiner Erde aus allein immer sehen kannst, wohnt kein fleischlich Wesen, weder Tier noch Mensch, sondern unglückliche Geister, die sich nicht leicht oder auch gar nicht helfen können. – Und jetzt weißt du alles, was dir zu wissen not tut.
GEJ|1|153|11|0|Habe aber auch keinen Wunsch, von dem Monde mehr zu erfahren; denn solche Kenntnis müßte dich am Ende höchst unglücklich machen!
GEJ|1|153|12|0|Halte dich nur an die Liebe und laß fahren alle Weisheit; denn es ist besser, am Tische der Liebe zu speisen – denn im Monde vom Steine der Weisen den spärlichen Tau zu lecken!“
GEJ|1|153|13|0|Nach dieser Beschreibung entfernen sich die drei Mondgeister, und die Tochter fragt Mich ganz vertraulich, ob es mit dem Monde wohl also aussähe, wie es ihr nun die drei Mondgeister kundgetan hätten.
GEJ|1|153|14|0|Und Ich sage: „Ja, Meine liebste Tochter, – gerade also ist es und manchmal noch um vieles ärger! – Nun aber lassen wir den Mond ziehen seinen Weg, und schauet nun alle gen Morgen hin!
GEJ|1|153|15|0|Ich werde nun etliche Engel des Himmels berufen, und ihr werdet sie von dorther kommen sehen; darum kehret eure Augen nun dahin!“
GEJ|1|154|1|1|154. - Drei Engel (Cherubim) bringen die zwölf Apostel auf den Berg zum Herrn. Das himmlische Mahl der 800 auf dem Berge. Kisjonahs Rede. Das Buch der »Kriege Jehovas«
GEJ|1|154|1|0|Alle richten nun ihre Augen gen Morgen, allwo es wie bei der aufgehenden Sonne anfängt, lichter und immer lichter zu werden, – natürlich nur für die innerste Sehe, obschon durch diese auch das Fleischauge affiziert wird.
GEJ|1|154|2|0|Endlich nach einer kleinen Weile des Immer-lichter-und-lichter-Werdens des Ostens erscheinen drei, viel heller denn die Sonne leuchtende Gestalten in vollkommenster Menschenform und schweben durch die Luft zu uns herüber. Aber im Lichte dieser drei Engel, die da des Lichtes und ihrer Festigkeit wegen den allgemeinen Namen „Cherubim“ haben, war die Geisterwelt kaum mehr zu sehen, und die Geister sahen unsteten Nebelchen gleich, die sich um die Spitzen der Berge herumlagern.
GEJ|1|154|3|0|Als die drei Cherubim vollends bei uns waren, milderten sie ein wenig ihr Licht, warfen sich vor Mir auf ihre Angesichter und sprachen: „Herr! Wer in allen ewig unendlichen Himmeln ist wohl würdig, zu schauen Dein heiligstes Angesicht? Dir allein gilt alle Ehre der Ewigkeit und Unendlichkeit!“
GEJ|1|154|4|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Verhüllet euch und eilet hinab, allwo Meine zwölf Boten weilen an einem Orte! Sie haben Meinen Willen erfüllt, und es ist genug damit; darum holet sie und bringet sie hierher!“
GEJ|1|154|5|0|In diesem Augenblick verhüllen sich die drei Engel, entfernen sich schnell und in kurzer Zeit von wenigen Augenblicken bringen sie durch die Luft die zwölf Ausgesandten zu Mir auf die Spitze des Berges.
GEJ|1|154|6|0|Die Zwölfe aber waren bis auf den Judas voll Freuden, daß sie nun auf eine so wunderbare Weise von weit her zu Mir gebracht worden sind.
GEJ|1|154|7|0|Nur der Judas sagte: „Für solch eine Reise bedanke ich mich für alle Zukunft! Sie hat freilich nur wenige Augenblicke gedauert; aber meine Angst, und der Luftzug!“
GEJ|1|154|8|0|Die Engel aber haben solches auch nur den Judas fühlen lassen; die elf andern verspürten nichts von alledem.
GEJ|1|154|9|0|Solche Begebenheit aber erhielt sich nachher lange im Munde des Volks, daß nämlich die Apostel nun durch die drei Engel von weiter Ferne durch die Luft auf den Berg zu Mir gebracht worden sind.
GEJ|1|154|10|0|Viele auf dem Berge aber fingen an sich zu fürchten und sprachen: „Beim Himmel, da geht es einmal zu wunderbar zu; da ist es kaum mehr auszuhalten!“
GEJ|1|154|11|0|Wieder andere sagten: „Das kann nur Jehova Selbst bewirken!“
GEJ|1|154|12|0|Die Zwölf aber erzählten viel von dem, was sie in der kurzen Zeit doch alles erlebt hatten.
GEJ|1|154|13|0|Ich aber befahl den drei Engeln, daß sie Brot und Wein in rechter Menge herbeischaffen sollten; denn die Zwölfe hatten Hunger und Durst, indem sie einen ganzen Tag hindurch nichts zu essen und zu trinken bekommen hatten. Und die Engel taten sogleich, was Ich ihnen geboten hatte, und brachten Brot und Wein in rechter Menge. Da nahmen die Zwölfe das Brot und den Wein, aßen und tranken nach ihrer Not und wurden gestärkt.
GEJ|1|154|14|0|Es wollten aber auch die fünf Töchter von solchem Brot und Weine ein weniges zum Verkosten bekommen und baten Mich darum. Kisjonah aber verwies den Töchtern solche Lüsternheit und sagte: „Lüstern sein ist auch eine Sünde; daher gehört zu allen Dingen Selbstverleugnung, ansonst kein Mensch zur wahren Tugend gelangen kann, ohne die es kein Leben geben kann.“
GEJ|1|154|15|0|Ich aber sagte: „Freund, diese Sünde sei deinen Töchtern für ewig vergeben; denn solche Sünden sind leicht zu vergeben, die im Grunde des Grundes keine Sünden sind. Deine Töchter haben im Grunde des Grundes vollernstlich Hunger und Durst, und des Brotes und Weines ist genug da für alle, die hier sind. Und so sollen auch alle davon genießen nach Bedarf, so die vorderhand bedürftigsten Zwölf sich werden gestärkt haben!“
GEJ|1|154|16|0|Damit stellte sich Kisjonah samt dessen fünf Töchtern völlig zufrieden. Ich aber sagte darauf zu den zwölf Aposteln, daß sie sofort Brot und Wein austeilen sollten, und sie taten das sogleich.
GEJ|1|154|17|0|Es waren diesmal in allem wohl bei achthundert Menschen auf dem Berge, der eine sehr geräumige Spitze hatte, über deren Fläche nur ein bei fünf Klaftern hoher Steinblock emporragte, der aber ebenfalls leicht zu besteigen war von der Mittagsseite. Alle aßen und tranken und wurden satt, und lobten und priesen Mich für diese wunderbare Stärkung. Und Kisjonah sagte vom vorbezeichneten Steinblocke herab, den er zu diesem Zwecke bestieg:
GEJ|1|154|18|0|„Höret mich an, Freunde und Brüder! Wir kennen die Schrift von Moses an bis nahe an unsere Zeit, und die Bücher der Kriege Jehovas, deren Moses und viele andere Propheten Meldung tun, haben wir aus Persien erhalten und sie verdolmetscht gelesen, da sie von vielen Weisen als echt anerkannt worden sind; aber von all den Wundern, die darin beschrieben sind, ist auch nicht eines, das da mit dem zu vergleichen wäre, das nun vor unsern Augen geschieht. Solches ist nicht nur in Israel, sondern auch in der ganzen Welt nimmer erhört worden! Wer muß sonach Der sein, der solche Taten ausübt, die außer Gott wohl niemandem möglich sind?!“
GEJ|1|155|1|1|155. - Mahnung zur Vorsicht bei Neulingen. Über die geistigen Entwicklungsstufen. Wie Gott ein Mensch und der Mensch ein Gott sein kann. Geistige Einweihung
GEJ|1|155|1|0|Bei diesen Worten berufe Ich den Kisjonah von seiner fünf Klafter hohen Kanzel herab und sage zu ihm insgeheim: „Schweige vorderhand und verrate Mich nicht vor der Zeit! Denn hier gibt es noch viele, die dazu nicht so reif sind als du und dürfen daher auch nicht vollends erfahren, Wer Ich so ganz eigentlich bin, ansonst es mit der lebendig werden sollenden Freiheit ihres Geistes ins Gericht käme, aus dem ein solcher Geist sich schwerlich je erheben könnte.
GEJ|1|155|2|0|Es ist genug, daß nun viele zu ahnen anfangen, Wer Ich bin, und die meisten Mich aber entweder für einen großen Propheten und einige für Gottes Sohn, – das Ich nun dem Äußeren nach bin, halten. Mehr als das wäre vorderhand von großem Schaden; darum lassen wir sie auch vorderhand bei solcher Meinung und bei solchem Glauben, und du darfst Mich darum nicht weiter verraten!“
GEJ|1|155|3|0|Sagt Kisjonah: „Ja, Herr, das ist ganz sicher also; aber ich bin auch ein Mensch. Wird es meiner Seele nicht zum Gerichte sein, da ich nun ohne allen Zweifel nicht nur glaube, sondern es durch und durch weiß, Wer Du bist?“
GEJ|1|155|4|0|Sage Ich: „Dich habe Ich vorbereitet durch Worte und Lehre. Du hieltest Mich, als Ich vor etlichen Tagen zu dir kam, wohl für einen sehr weisen und wohlverständigen Arzt, und als du Mich ungewöhnliche Taten verrichten sahst, so fingst du an, Mich für einen Propheten zu halten, durch den der Geist Gottes wirke. Du aber bist ein in allen Schulen bewanderter Mann, und es trieb dich der Drang, in deine volle Wissenschaft zu bringen, wie ein Mensch zu solcher Vollendung gelangen könne. Da enthüllte ich dir, was der Mensch und was in ihm ist, und dazu, was aus dem Menschen werden kann, so er sich vollends erkannt hat und dadurch zur vollsten Lebensfreiheit seines Geistes gelangt ist.
GEJ|1|155|5|0|Aber Ich zeigte dir dann auch, wie Gott Selbst ein Mensch ist, und wie aus diesem einzigen Grunde auch du und alle dir ähnlichen Wesen Menschen sind. Und Ich zeigte dir dann auch im geheimen, daß eben Ich Selbst der Mensch bin, und daß ein jeder Mensch berufen ist, das zu werden und für ewig zu sein, was Ich Selbst bin. Da erstauntest du, und du weißt von da an, Wer Ich bin.
GEJ|1|155|6|0|Und sieh, das war eine zweckmäßige Vorbereitung deiner Seele und deines Geistes, so daß du darob Mich nun eine ganze Erde und aus Steinen Menschen erschaffen sehen magst, und es wird dir dennoch nichts mehr machen. Denn du hast es frei und zwar auf einem wissenschaftlichen Wege angenommen, daß Gott ein Mensch und ein Mensch ganz gut und völlig wissenschaftlich wahr ein Gott sein kann! Und so kann es nun deine Seele und deinen Geist nimmer beirren, so du es vollkommen einsiehst, daß Ich der ganz allein und einig wahre Gott und Schöpfer aller Dinge von Ewigkeit her bin.
GEJ|1|155|7|0|Aber ganz anders verhält es sich mit all diesen anderen Menschen, die samt und sämtlich auf dem rein wissenschaftlichen Wege unzugänglich sind. Diese haben nur den Glauben und dabei äußerst wenig Verstand.
GEJ|1|155|8|0|Der Glaube aber ist dem Leben der Seele näher als der vollendetste Verstand. Ist der Glaube ein Zwang, so ist er dadurch sogleich auch eine Fessel der Seele; ist aber die Seele gefesselt, so kann von einer freien Entwicklung des Geistes in ihr keine Rede sein.
GEJ|1|155|9|0|So aber, wie bei dir, zuerst der Verstand zur richtigen Einsicht gebracht worden ist, so bleibt dabei die Seele frei und nimmt sich aus dem Lichte des Verstandes allzeit nur soviel, als sie ganz gut verdauen kann.
GEJ|1|155|10|0|Und so entwickelt sich dann aus einem recht gebildeten Verstande ein wahrer, voller, lebendiger Glaube, durch den der Geist in der Seele eine gerechte Nahrung überkommt und dadurch stets stärker und mächtiger wird, – was ein jeder Mensch sogleich wahrnehmen kann, so seine Liebe zu Mir und zum Nächsten stets stärker und mächtiger wird.
GEJ|1|155|11|0|Aber, wie schon erwähnt, wo bei dem Menschen der Verstand oft ganz unentwickelt ist und er, der Mensch, bloß den Glauben, der gewisserart in seiner Einzelstehung nur ein Gehorsam des Herzens und dessen Willens ist, allein hat, so muß dieser mit aller Vorsicht behandelt werden, auf daß er nicht zu einem barsten Wahne erstarre oder auf die gräßlichsten Abwege gerate, wie dies bei allen Heiden und auch in dieser Zeit bei sehr vielen nur zu augenscheinlich der traurige Fall ist.
GEJ|1|155|12|0|Und du wirst nun schon leicht einzusehen imstande sein, warum Ich dich ehedem von dem Felsen, von dem du Mich vor dem Volke enthüllen wolltest, herabrief. Es soll darum nie ein Blinder den andern führen, sondern ein in seinem rechten Verstande Scharfsehender, – ansonst sie beide in den Abgrund stürzen.
GEJ|1|155|13|0|Ich sage euch, seid emsig in allem und sammelt euch eine rechte Kenntnis in allen Dingen! Prüfet alles, das euch vorkommt, und behaltet davon, das gut und wahr ist, so werdet ihr dann ein leichtes haben, die Wahrheit zu erfassen und den früher toten Glauben zu beleben und ihn zu einer wahren Leuchte des Lebens zu machen.
GEJ|1|155|14|0|Ich sage dir und dadurch auch allen: Wollt ihr aus Meiner Lehre für euer Leben einen wahren Nutzen ziehen, so müßt ihr sie vorerst verstehen und dann erst der Wahrheit gemäß danach handeln!
GEJ|1|155|15|0|So vollkommen der Vater im Himmel ist in allem, ebenso vollkommen müßt auch ihr sein, – ansonst ihr nimmer Dessen Kinder werden könnt!
GEJ|1|155|16|0|Du hast gelesen die Schrift des Matthäus und darin Meine Bergpredigt; da lehrte Ich die Jünger beten und zwar mit dem Anrufe: Unser Vater!
GEJ|1|155|17|0|Wer solches Gebet betet im Herzen, versteht es aber nicht im rechten Verstande, der ist wie ein Blinder, der die Sonne lobt und preist, sie aber dennoch trotz ihres allermächtigsten Lichtes nicht sieht und sich von ihr auch keine Vorstellung machen kann. Er sündigt dadurch freilich nicht; aber es ist ihm auch nichts nütze in der Wahrheit; denn er bleibt dabei dennoch in der gleichen Finsternis.
GEJ|1|155|18|0|Darum, so ihr eines Menschen Herz wahrhaft fürs Leben bildet, so vergesset nicht zuvor recht zu bilden den Verstand, sonst machet ihr aus ihm einen blinden Verehrer der Sonne, das nichts nütze ist.“
GEJ|1|156|1|1|156. - Friedensgeister im kühlen Morgenlüftchen. Abstieg von des Berges Spitze und mehrtägiger Aufenthalt auf der Alpe. Des Herrn Wink über Mosis Schöpfungsgeschichte
GEJ|1|156|1|0|Nach dieser erklärenden Rede, von der Kisjonah sagte, daß sie ihm keine weitere Frage übriglasse, fing auch der kommende Tag im Osten an zu grauen, und unseres Berges Spitze, auf der wir uns noch immer ganz wohl befanden, fing ein sehr kühles Morgenlüftchen zu beschleichen an, und Kisjonah machte den Vorschlag, daß wir uns unterdessen etwa in die nächste Alpenhütte hinabbegeben sollten, bis die Sonne aufgegangen sein werde.
GEJ|1|156|2|0|Sage Ich: „Lassen wir das! Dies Morgenfröstchen auf dieser Höhe schadet wohl niemand, sondern stärkt jedermanns Glieder; zudem dauert es nicht lange, und es muß also sein, da sonst eine gewisse Art von Geistern, die hier nicht näher zu bezeichnen ist, dem Tage ein böses Wetter brächte, so sie nun beim Aufgange von starken Friedensgeistern nicht verhindert würde, aufzusteigen in die Luft.“
GEJ|1|156|3|0|Damit begnügte sich Kisjonah, und wir blieben noch bis zum Mittage des kommenden Tages auf der Spitze des Berges. Nach dem Mittage aber begaben wir uns wieder hinab in die Alpenwirtschaft und brachten allda noch ein paar Tage zu unter allerlei Besprechungen über die Lebenspflichten des Menschen und über die Natur der Erde, der Sterne und allerlei anderer Dinge.
GEJ|1|156|4|0|Vieles ging dem noch immer etwas mehr finstern Teile der Juden und bei Mir gebliebenen Pharisäer nicht ein, aber sie widersprachen dennoch nicht; denn diese Juden und Pharisäer, die schon vom ersten Tage an Meines Besuches in des Zöllners Kisjonah Hause sich zu Mir gewandt hatten, waren wirklich sonst gewecktere und bessere Geister, und nüchterne Denker hielten nun schon große Stücke auf Mich und nahmen Mein Wort als göttlich an. Sie sind darum nicht zu vergleichen mit jenen, die nach Kapernaum zurückgetrieben wurden, und auch nicht mit jenen, die das Beben des Berges um etwas über vier Tage früher wieder in die Tiefe hinabtrieb.
GEJ|1|156|5|0|Obschon aber die obbesagten besseren Juden und Pharisäer nun schon fest sich an Mich hielten, so zuckten sie doch bei manchen Meiner Erklärungen über die wirkliche Entstehung oder eigentlich gradative Schöpfung der Erde und aller Dinge in und auf ihr, sowie desgleichen aller zahllosen andern Weltkörper, mit den Achseln und sagten bei sich: „Das ist denn doch wohl schnurgerade antimosaisch! Wo sind da die sechs Schöpfungstage, wo der Sabbat, an dem Gott geruht hat? Was ist nachher das, was Moses berichtet über die Entstehung alles dessen, das nun in allen Teilen die Welt ausmacht? So uns dieser Wundertäter aus Nazareth nun darüber eine ganz andere Lehre gibt, die die mosaische gänzlich aufhebt, was sollen wir dazu sagen? Hebt er aber Moses auf, so hebt er dadurch auch alle Propheten und am Ende auch sich selbst auf; denn ist Moses nichts, so sind auch die Propheten nichts – und der zu erwartende Messias, der eigentlich er selbst sei, auch nichts!
GEJ|1|156|6|0|Aber im Grunde ist seine Lehre richtig, und es kann mit der Schöpfung wohl eher so zugegangen sein, wie er sie nun erklärt hat, als wie davon Moses Kunde gibt.“
GEJ|1|156|7|0|Da kam einer hin zu Mir und sprach: „Herr! Wenn so, was soll es dann mit Moses und all den Propheten?“
GEJ|1|156|8|0|Sage Ich: „Diese sollen von euch im rechten Sinne und Verstande verstanden und begriffen werden!
GEJ|1|156|9|0|Moses stellt in seiner Schöpfungsdarstellung nur Bilder auf, die die Gründung der ersten Erkenntnis Gottes bei den Menschen der Erde kundgeben, nicht aber die materielle Schöpfung der Erde und aller andern Welten.“
GEJ|1|157|1|1|157. - Erklärung der Schöpfungsgeschichte Mosis, Kapitel 1, Vers 1-5 (erster Tag)
GEJ|1|157|1|0|(Der Herr:) „Heißt es nicht: ,Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüste und leer und Finsternis auf der Tiefe; Gottes Geist aber schwebte über den Wassern.
GEJ|1|157|2|0|Und Gott sprach: ,Es werde Licht!‘, und es ward Licht. Gott sah, daß das Licht gut war; da schied Er das Licht von der Finsternis. Er nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.‘
GEJ|1|157|3|0|Seht, das sind die Worte Mosis! Wollt ihr sie im naturmäßigen Sinne nehmen, so müßt ihr ja doch auf den ersten Blick den dicksten Unsinn sogleich ersehen, der da notwendig zum Vorschein kommen muß!
GEJ|1|157|4|0|Was wohl ist der ,Himmel‘ und was die ,Erde‘, davon Moses spricht, daß dies alles im Anfang erschaffen worden sei? Der ,Himmel‘ ist das Geistige, und die ,Erde‘ das Naturmäßige im Menschen; dieses war und ist noch wüste und leer – wie bei euch. Die ,Wasser‘ sind eure schlechten Erkenntnisse in allen Dingen, über denen wohl auch der Gottesgeist schwebt, aber noch nicht in ihnen ist.
GEJ|1|157|5|0|Da aber der Geist Gottes allzeit sieht, daß es in eurer materiellen Welttiefe ganz entsetzlich finster ist, so spricht Er zu euch, wie nun augenscheinlich: ,Es werde Licht!‘
GEJ|1|157|6|0|Da fängt es in eurer Natur zu dämmern an, und Gott sieht es wohl, wie gut für eure Finsternis das Licht ist; aber nur ihr selbst könnt und wollt es nicht einsehen. Deshalb aber geschieht denn auch eine Teilung in euch, nämlich Tag und Nacht werden geschieden, und ihr erkennet dann aus dem Tage in euch die frühere Nacht eures Herzens.
GEJ|1|157|7|0|Bei dem Menschen ist sein erstes Natursein tiefer Abend, also Nacht. Da aber Gott ihm gibt ein Licht, so ist solch ein Licht dem Menschen ein rechtes Morgenrot, und es wird also aus des Menschen Abend und Morgenrot wahrlich sein erster Lebenstag.
GEJ|1|157|8|0|Denn sehet, wenn Moses, der doch in alle Wissenschaften der Ägypter eingeweiht war, die Entstehung des ersten Naturtages der Erde in seiner Schrift hätte anzeigen wollen, so dürfte er bei aller seiner Wissenschaft und Weisheit doch gemerkt haben, daß aus dem Abend und Morgen nie ein Tag hervorgehen kann; denn dem Abend folgt natürlich doch allzeit die feste Nacht, und dem Morgen erst der Tag.
GEJ|1|157|9|0|Was sonach zwischen Abend und Morgen liegt, ist Nacht; nur was zwischen Morgen und Abend liegt, ist Tag!
GEJ|1|157|10|0|Hätte Moses gesagt: ,Und also ward aus Morgen und Abend der erste Tag!‘, so könntet ihr darunter wohl den natürlichen Tag verstehen; aber so sagte er aus gutem Entsprechungsgrunde gerade umgekehrt, und das bedeutet den Abend und zugleich die Nacht des Menschen, was doch leicht zu begreifen ist, indem noch nie jemand ein in aller Weisheit sich befindendes Kind gesehen hat.
GEJ|1|157|11|0|So ein Kind zur Welt geboren wird, da ist es in dessen Seele vollkommen finster und somit Nacht. Das Kind aber wächst auf, bekommt dann allerlei Unterricht und wird dadurch stets mehr und mehr einsichtig in allerlei Dingen, und seht, das ist der Abend, das heißt, es fängt dann in der Seele an, so dämmerig zu werden, wie im Vergleiche es am Abende ist.
GEJ|1|157|12|0|Ihr saget wohl, daß es auch am Morgen dämmere, und Moses hätte da ja sagen können: ,Und also wurde aus der Morgendämmerung und aus dem eigentlich schon hellen Morgen der erste Tag!‘
GEJ|1|157|13|0|Ich sage dazu: Allerdings, so er den Menschen in geistiger Entsprechung einen barsten Unsinn hätte vorsagen wollen! Aber Moses wußte, daß nur der Abend dem irdischen Zustande des Menschen entspricht; er wußte es, daß es bei den Menschen mit der rein irdischen Verstandesbildung gerade also zugeht, wie mit dem stets schwächer werdenden Scheine des natürlichen Abends.
GEJ|1|157|14|0|Je mehr die Menschen mit ihrem Verstande nach irdischen Dingen zu ringen anfangen, desto schwächer wird in ihrem Herzen das rein göttliche Licht der Liebe und des geistigen Lebens. Daher nannte denn Moses ein solches irdisches Licht des Menschen auch den Abend.
GEJ|1|157|15|0|Nur wenn Gott durch Seine Barmherzigkeit dem Menschen ein Lebenslichtlein im Herzen anzündet, dann fängt der Mensch erst an, einzusehen die Nichtigkeit alles dessen, was er zuvor mit seinem Verstande, dem geistigen Abend, sich angeeignet hatte, und er sieht es dann auch nach und nach stets mehr ein, daß alle die Schätze des Abendlichtes ebenso vergänglich sind wie dies Licht.
GEJ|1|157|16|0|Das rechte Licht von Gott aber, im Herzen des Menschen angezündet, ist eben der Morgen, der mit und aus dem vorhergegangenen Abend den ersten wahren Tag im Menschen bedingt.
GEJ|1|157|17|0|Aus dieser Meiner nunmaligen Erklärung aber müsset ihr nun auch einsehen, daß es einen sehr gewaltigen Unterschied zwischen den beiden Lichtern, oder besser Erkenntnissen, geben muß; denn alles Erkennen im Abendlichte der Welt ist trügerisch und daher auch vergänglich. Nur die Wahrheit dauert ewig; aber der Trug muß endlich zunichte werden.“
GEJ|1|158|1|1|158. - Der zweite Schöpfungstag (1. Mos. 6-10)
GEJ|1|158|1|0|(Der Herr:) „Es könnte aber sehr leicht geschehen, daß das Gotteslicht im Menschenherzen sich ergösse ins Abendlicht und alsdann verzehrt oder zum wenigsten also vermengt würde, daß man am Ende nicht mehr wüßte, was da Naturlicht und was da Gotteslicht sei im Menschen.
GEJ|1|158|2|0|Da machte Gott eine Feste zwischen den beiden Wassern, die da besagen die beiderlei Erkenntnisse, von denen Ich nun einen genügenden Aufschluß gegeben habe, und teilte also die beiden Wasser.
GEJ|1|158|3|0|Die Feste aber ist der eigentliche Himmel im Menschenherzen und spricht sich aus im wahren lebendigen Glauben, aber ewig nie in einer leeren und nichtigen Verstandesgrübelei.
GEJ|1|158|4|0|Aus solchem Grunde nenne Ich auch nun den, der da hat den mächtigsten und ungezweifeltsten Glauben, einen Fels und stelle ihn als eine neue Feste zwischen Himmel und Hölle, und diese Feste wird keine finstere Macht der Hölle ewig nimmer überwältigen können.
GEJ|1|158|5|0|Wenn im Menschen solche Feste gestellt und der Glaube mächtiger und mächtiger wird, so wird dann aus solchem Glauben das Nichtige der Sache des Naturverstandes stets klarer und klarer ersichtlich. Der Naturverstand begibt sich dann unter die Herrschaft des Glaubens, und es entsteht also im Menschen aus seinem Abend und seinem stets helleren Morgen der andere und schon bei weitem hellere Tag.
GEJ|1|158|6|0|In solchem zweiten Tages-Zustande sieht nun der Mensch schon das, was allein als vollends Wahres sich für ewig bewähren muß; aber es ist in ihm noch immer keine rechte Ordnung. Da vermengt der Mensch noch gleichfort das Naturmäßige mit dem rein Geistigen, vergeistigt oft die Natur zu sehr und erschaut dadurch auch im Geiste Materielles und ist darum auch noch für keine rechte Tat entschieden da.
GEJ|1|158|7|0|Er gleicht einer puren Wasserwelt, die wohl von allen Seiten mit lichtdurchflossener Luft umgeben ist, wobei er aber am Ende doch nicht darüber ins klare kommen kann, ob seine Wasserwelt aus der sie umgebenden Lichtluft, oder ob diese aus der Wasserwelt hervorgegangen ist, – das heißt, er weiß es in sich noch nicht klar genug, ob sich seine geistige Erkenntnis aus seinem Naturverstande, oder ob dieser aus der geheim im Menschen schon etwa daseienden und also auch im Anfange ganz geheim wirkenden geistigen Erkenntnis sich entwickelt hat, oder, um noch handgreiflicher zu reden, er weiß es nicht, geht der Glaube aus dem Wissen oder das Wissen aus dem Glauben hervor, und welch ein Unterschied da ist zwischen beiden.
GEJ|1|158|8|0|Kurz, er weiß es da noch nicht, was eher da war, die Henne oder das Ei, oder ob der Same oder der Baum.
GEJ|1|158|9|0|Da kommt dann wieder Gott und hilft dem Menschen weiter, so der Mensch für solchen zweiten Tag seiner geistigen Bildung aus der ihm verliehenen und somit eigenen Kraft genug getan hat. Und diese weitere Hilfe besteht darin, daß im Menschen das Licht vermehrt wird und es dadurch, gleich der Sonne im Frühling, nicht allein durchs erhöhte Leuchten, sondern durch die eben durchs erhöhte Leuchten bewirkte Wärme alle die ins Herz des Menschen gelegten Samen zu befruchten anfängt.
GEJ|1|158|10|0|Solche Wärme aber heißt die Liebe und ist geistig zugleich das Erdreich, in welchem die Samen ihre Keime und Wurzeln zu treiben beginnen.
GEJ|1|158|11|0|Und sehet, das ist es, was im Moses geschrieben steht, daß Gott befohlen hat den Wassern, daß sie sich sammeln sollen in gewisse, abgesonderte Örter und man dadurch das trockene und feste Erdreich ersehe, aus dem allein die Samen zur lebendigen und belebenden Frucht erwachsen können!
GEJ|1|158|12|0|Und es heißt: ,Und Gott nannte das Trockene ,Erde‘ und das nun an bestimmte Örter versammelte Wasser ,Meer‘.‘
GEJ|1|158|13|0|Frage: ,Für wen hat Gott das also benamset?‘ – Für Sich hätte Er es wahrlich nicht nötig gehabt; denn es wäre denn doch etwas zu lächerlich, der höchsten göttlichen Weisheit zumuten zu wollen, daß sie daran ein ganz besonderes Wohlgefallen hätte haben sollen, weil es ihr etwa wie einem Menschen gelungen sei, das Trockene ,Erde‘ und das in den bestimmten Örtern abgesonderte Wasser ,Meer‘ zu nennen.
GEJ|1|158|14|0|Für jemand anders aber konnte Gott ja doch dem Trockenen und dem abgesonderten Wasser diese Namen sicher nicht geben, da außer Ihm zu solcher Schöpfungszeit doch noch kein Wesen da sein konnte, das Ihn verstanden hätte!
GEJ|1|158|15|0|Solche Sage Mosis hat sonach unmöglich einen materiellen Sinn, sondern nur einen rein geistigen, und hat mit der einstigen Schöpfung der Welten nur in einem aus dem Geistigen nach rückwärts wirkenden Entsprechungssinne, das heißt vom Geistigen ins Materielle, eine Beziehung, – was wohl nur eines Engels Weisheit zu ergründen vermag. Aber geradeaus, wie es da steht, hat es nur einen rein geistigen Sinn und zeigt an, wie vorerst ein Mensch für sich, und also auch die ganze Menschheit, von Zeit zu Zeit und von Periode zu Periode gebildet wird, von ihrer ursprünglich notwendigen Naturmäßigkeit ins stets reinere Geistige hinüber.
GEJ|1|158|16|0|Der Mensch wird demnach gesondert sogar in seinem naturmäßigen Teile. Die Erkenntnisse haben ihren Ort, das ist das Meer des Menschen, und die aus den Erkenntnissen hervorgegangene Liebe als ein Früchte zu tragen fähiges Erdreich wird stets von dem Meere als der Gesamtheit der Erkenntnisse rechten Lichtes umspült und zur stets reichlicheren Hervorbringung allerlei edelster Früchte neu gekräftigt.“
GEJ|1|159|1|1|159. - Der dritte Schöpfungstag (1. Mos. 11-13)
GEJ|1|159|1|0|(Der Herr:) „Wenn sonach die Erkenntnisse des Menschen die Liebe von allen Seiten umgeben und von der Liebesfeuerflamme, der sie stets mehr und mehr Nahrung geben, heller und heller erleuchtet und erwärmt werden, so wird der Mensch in allem auch in gleichem Maße tatkräftiger und tatfähiger.
GEJ|1|159|2|0|In solchem Zustande kommt dann wieder Gott zum Menschen, natürlich – wie sich von selbst versteht – im Geiste, und spricht als die ewige Liebe zur Liebe des Menschen im Herzen: ,Es lasse die Erde nun aufgehen allerlei Gras und Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume und Gesträuch aller Art, davon ein jegliches Frucht trage nach seiner Art und seinen eigenen Samen habe bei sich auf Erden!‘
GEJ|1|159|3|0|Nach solchem Gebote von Gott im Herzen bekommt dann der Mensch einen festen Willen, Kraft und Mut und legt nun Hand ans Werk.
GEJ|1|159|4|0|Und sehet! Seine rechten Erkenntnisse erheben sich als regenschwangere Wolken über das geordnete Meer, und ziehen über die trockene Erde, befeuchten und befruchten sie. Und die Erde fängt dann an zu grünen, bringt allerlei Gras und Kraut mit Samen und allerlei Fruchtbäume und Gesträuch mit Samen zum Vorschein, das heißt, was nun der rechte, mit himmlischer Weisheit durchleuchtete Verstand als vollends gut und wahr erkennt, das will und begehrt dann sogleich auch die Liebe im Herzen des Menschen.
GEJ|1|159|5|0|Denn gleichwie der Same, so er in die Erde gelegt wird, bald aufgeht und eine vielfältige Frucht bringt, ebenso wirken die rechten Erkenntnisse, so sie ins lebensvolle Erdreich des Herzens gelegt werden.
GEJ|1|159|6|0|Der Same wirket aber also, daß er die Lebenskraft, die sonst in der Erde schlummert, erweckt, und diese sammelt sich dann gleich mehr und mehr um das Samenkorn und bewirkt, daß sich dieses entfalte und zu einem fruchtreichen Gewächs werde. Kurz, die rechte Erkenntnis wird erst im Herzen zur Tat, und aus der Tat gehen dann allerlei Werke hervor; und diese sind das, was Moses in tiefer Weisheit sagt in seiner Genesis, und zwar im schon vorher wörtlich besprochenen 1. Kapitel, Vers 11 und 12.
GEJ|1|159|7|0|Der frühere ursprüngliche Abend des Menschen, durch das Licht aus den Himmeln zur rechten Erkenntnis erhoben, wird so zur Tat, der die Werke folgen müssen; und das ist der dritte Tag in der Bildung des Herzens und des ganzen Menschen im Menschen, welcher da ist der geistige Mensch, um den allein sich alles handelt, dessentwegen Moses und alle andern Propheten von Gott in diese Welt gekommen sind, so wie nun Ich Selbst! Ich meine, diese Sache dürfte euch nun denn doch einleuchtend genug sein!?“
GEJ|1|159|8|0|Sagt einer der Pharisäer: „Erhabener, weisester Freund und Meister! Ich für meine Person unterschreibe jedes Deiner uns allen gegebenen Worte, da sie völlig wahr sind und wahr sein müssen. Aber ziehe hin nach Jerusalem und erkläre die Genesis also im Tempel, und Du wirst gesteinigt samt Deinem ganzen Anhange, so Du Dich nicht schützest durch Deine evidenteste göttliche Macht! Kommst Du aber den Templern mit dieser Macht entgegen, dann sind sie aber auch gerichtet, und es dürfte da wenig Unterschied sein, so Du sie sogleich mit Blitz und Feuer vom Himmel vollkommenst zugrunde richten läßt!
GEJ|1|159|9|0|Wie gesagt, so ist das sowieso eine höchst gewagte Sache. Und dazu geht es wohl mit solcher Deiner wahrlich allerweisesten und scharfsinnigsten Erklärung der drei ersten in der Genesis beschriebenen Schöpfungstage ganz gut an, und man kann da durchaus nicht ein Wörtlein des Widerspruches finden. Aber nun kommt der vierte Tag, an dem beschriebenermaßen Gott alleroffenbarst Sonne, Mond und all die Sterne erschuf! Wie magst Du das anders erklären? Sonne, Mond und Sterne sind einmal da, und kein Mensch weiß einen sonstigen Ursprung, wie all diese großen und kleinen Lichter am Firmamente entstanden sind, als wie man es in der Genesis liest.
GEJ|1|159|10|0|Frage nun: Wo ist da der Schlüssel, wo die Entsprechung, durch die sich der vierte Tag allein auf den Menschen beziehen möchte?“
GEJ|1|159|11|0|Sage Ich: „Mein Freund, hast du doch schon öfter vernommen und sogar selbst erfahren, daß es da gibt weitsichtige und kurzsichtige und endlich halb-, ganz- und stockblinde Menschen, der fleischlichen Sehe nach! Die Weitsichtigen sehen in der Ferne alles gut, aber in der Nähe sehen sie schlecht; die Kurzsichtigen sehen wieder in der Nähe gut, dafür aber in die Ferne schlecht; bei den Halbblinden ist es zur Hälfte Nacht und zur Hälfte Tag, das heißt, sie sehen die Gegenstände mit einem Auge wohl noch recht gut, weil aber das andere Auge blind ist, so versteht es sich von selbst, daß solche Seher alles nur im halben Lichte sehen können; die ganz Blinden sehen keinen Gegenstand mehr, weder bei Tag und ebensowenig bei der Nacht, nur haben sie bei Tag noch einen schwachen Schimmer, so daß sie den Tag von der Nacht sondern können; die Stockblinden aber haben keinen Schimmer und können den Tag von der Nacht nimmer unterscheiden.
GEJ|1|159|12|0|Und sieh, wie aber die Menschen mit ihrer fleischlichen Sehe gar so unterschiedlich beschaffen sind, eben also und oft noch um vieles unterschiedlicher sind sie beschaffen in ihrer geistigen Sehe. Und du hast eben auch einen starken Gesichtsfehler, und zwar in deiner Seele bei weitem stärker denn in deiner fleischlichen Sehe. Ich sage es dir: du bist außerordentlich kurzsichtig in deiner Seele!“
GEJ|1|160|1|1|160. - Der vierte Schöpfungstag (1. Mos, 14-19)
GEJ|1|160|1|0|(Der Herr:) „Wie liest du denn in der Genesis? Steht es nicht also geschrieben:
GEJ|1|160|2|0|,Und Gott sprach: ,Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre, und seien zwei Lichter an der Feste des Himmels, daß sie scheinen auf Erden!‘ Und es geschah also. Und Gott machte zwei große Lichter, ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, und dazu auch Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, daß sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, daß es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.‘
GEJ|1|160|3|0|Sieh, also lautet wörtlich die Schöpfungsgeschichte des vierten Tages, durch die eigentlich nach der Genesis der vierte Tag bedingt wird.
GEJ|1|160|4|0|Wenn du diese Sache nur ein wenig näher beleuchtest mit – sage – deinen bloß natürlichen Verstandeskräften, so muß dir ja auf den ersten Blick der dickste Unsinn in die Augen fallen, so du den Wortlaut der Genesis für deren Sinn hältst!
GEJ|1|160|5|0|Schuf Gott laut der Genesis doch schon am ersten Tage das Licht, und es ward also aus dem Abend und Morgen der erste Tag. Sage, was war denn das für ein Licht dann, das für drei Tage wohl genügte, den Tag und die Nacht zu bewirken? Am vierten Tage aber spricht Gott wieder: ,Es werden Lichter am Himmel!‘ Frage: Was denn für Lichter, die den Tag und die Nacht scheiden sollen? Hat ja doch schon das am ersten Tage geschaffene Licht vorher drei Tage zuwege gebracht; warum nun am vierten Tage noch mehr Lichter für eine und dieselbe Verrichtung? Dazu ist nur von ,Lichtern‘ die Rede; aber von einem Monde und einer Sonne geschieht nicht die leiseste Erwähnung! Diese Lichter bewirken dazu auch noch Zeichen – was für Zeichen denn? –, endlich Zeiten – welche denn? –, und Tage und Jahre – was für Tage und Jahre denn? – Ist denn die Nacht nichts? Wird die Nacht nicht so gut wie der Tag gezählt?
GEJ|1|160|6|0|Und dazu ist die Erde kugelrund und hat auf einer Seite stets gleich Tag und auf der andern Seite stets gleich Nacht. Je nachdem sich die Erde vom Abend bis gen Morgen hin dreht um ihre Achse, wird dort stets Tag sein, wo die Länder sich der Sonne gegenüber befinden oder vielmehr durch die beständige und immer gleichmäßige Drehbewegung der Erde gewisserart unter die Sonne geschoben werden.
GEJ|1|160|7|0|Wenn aber unstreitig also der natürliche Tag auf der Erde durch ihre eigentümliche Bewegung zustande gebracht wird, wobei die Sonne nichts tut, als daß sie auf einem Flecke gleichfort leuchtet und durch ihr Licht alldort den Tag bewirkt, wo ihre Strahlen hindringen, und sogestaltig nicht und nimmer den Tag regieren kann und mag, – frage: Wie sollte da Moses unter seinen Lichtern die Sonne und den Mond gemeint haben? Und hätte Moses da die natürliche Sonne und den natürlichen Mond gemeint, so hätte er zur größeren Verdeutlichung seiner offenbarlichen Kundgabe an die Menschheit diese beiden Lichter am Himmel sicher benannt; denn zu Mosis Zeiten wußten schon alle Menschen diese beiden Gestirne zu benennen!
GEJ|1|160|8|0|Dazu spricht Moses von einer Feste am Himmel, die eigentlich im natürlichen Raume nirgends besteht, indem Sonne, Mond und alle Sterne sowie diese Erde selbst im völlig freiesten, mit nichts und nirgends eingeschränkten Äther schweben und durch das in sie gelegte Gesetz in ihrem zweckdienlichen Stande erhalten werden, eine freie Bewegung haben und nirgends an irgend eine himmlische Feste angeheftet sind!
GEJ|1|160|9|0|Denn es gibt nur eine Feste im endlosen und freiesten Raum, und diese ist der Wille Gottes, aus dem ein ewig unwandelbares Gesetz solchen Raum und alle Dinge in ihm erfüllt.
GEJ|1|160|10|0|Wäre das, was sich eurem Auge als ein überweit gespanntes blaues Gewölbe zeigt, eine Feste, und Sonne, Mond und all die Sterne wären an dieselbe gleichsam angeheftet, wie könnten sie sich bewegen und besonders die euch bekannten Planeten in einem fort ihre Plätze verändern?
GEJ|1|160|11|0|Die andern Sterne, die ihr die festen (d.h. Fixsterne) nennet, scheinen freilich also, als wären sie an irgendeine Feste angeheftet; aber es ist dem nicht also. Sie sind von der Erde nur so überweit entfernt und ihre Bahnen sind so weit gedehnt, daß sie solche oft kaum in mehreren Hunderttausenden von Erdjahren zurücklegen und aus solchem Grunde ihre Bewegungen auch selbst von hundert Menschenaltern gar nicht wahrgenommen werden können. Und das ist der Grund, darum sie euch als förmlich feststehend erscheinen; aber in der Wirklichkeit ist es anders, und es gibt nirgends eine sogenannte Feste im ganzen unendlichen Raume.
GEJ|1|160|12|0|Die Feste, die Moses meint, ist der aus dem rechten Verständnisse und aus der Liebe, welche ist das gesegnete Erdreich des Lebens, hervorgehende feste Wille nach der göttlichen Ordnung. Weil solcher Wille aber nur aus der fruchtbringenden Fülle der wahren Gottesliebe im Menschenherzen, so wie diese selbst aus dem himmlischen Lichte, das Gott in den Menschen ausgoß, als Er dessen innere Finsternis teilte in Abend und Morgen, hervorgehen kann, so ist diese rechte Liebe und die rechte Einsicht und ein rechter Verstand, das alles sich im Menschen als ein lebendiger Glaube bekundet, der Himmel im Menschen, und der daraus hervorgegangene feste Wille in der Ordnung Gottes ist die Feste des Himmels im Menschen, und an solche Feste gibt Gott, so solche Feste vollends nach dem Liebewillen Gottes in der rechten Ordnung ist, neue Lichter aus dem Himmel der Himmel, welcher da ist die reine Vaterliebe im Herzen Gottes; und die Lichter beleuchten dann den Willen und erheben ihn zur Einsicht der Engel des Himmels der Himmel und erheben dadurch den geschaffenen Menschen zum ungeschaffenen, nun durch den eigenen freien Willen sich selbst in der göttlichen Ordnung neu umgestaltet habenden Kinde Gottes!“
GEJ|1|161|1|1|161. - Fortsetzung der Erklärung der Schöpfungsgeschichte
GEJ|1|161|1|0|(Der Herr:) „Solange der Mensch Geschöpf ist, ist er zeitlich, vergänglich und kann nicht bestehen; denn ein jeder Mensch, wie er naturmäßig geschaffen ist, ist nichts als nur ein taugliches Gefäß, in dem sich erst ein rechter Mensch durch beständige göttliche Mitwirkung entwickeln kann.
GEJ|1|161|2|0|Wenn das äußere Gefäß den hinreichenden Grad der Ausbildung gewonnen hat, wozu Gott das Gefäß mit allen nötigen Bestandteilen und Eigenschaften zur Übergenüge wohl eingerichtet hat, dann erweckt oder vielmehr entwickelt Er Seinen ungeschaffenen ewigen Geist im Menschenherzen, und dieser Geist ist nach dem Maße seiner Auswirkung das, was Moses unter den zwei großen Lichtern, die an die Feste des Himmels gestellt werden, versteht und verstanden haben will, wie es auch alle Patriarchen und Propheten also und nie anders verstanden haben.
GEJ|1|161|3|0|Dieses ewige, ungeschaffene, vollauf für ewig lebendige Licht an der Himmelsfeste im Menschen ist dann erst der vollwahre Dirigent des wahren Tages im Menschen und lehrt das frühere Gefäß, sich völlig in sein ewig ungeschaffenes Gottwesen umzugestalten und also den ganzen Menschen zu einem wahren Gotteskinde zu machen.
GEJ|1|161|4|0|Ein jeder geschaffene Mensch aber hat eine lebendige Seele, die da auch wohl ein Geist ist und die notwendige Fähigkeit hat, Gutes und Wahres und Böses und Falsches zu erkennen, das Gute und Wahre sich anzueignen und das Böse und Falsche aus sich zu verbannen; aber sie ist dessenungeachtet kein ungeschaffener, sondern ein geschaffener Geist und kann als solcher für sich nie die Kindschaft Gottes erreichen.
GEJ|1|161|5|0|Wenn sie aber nach dem ihr gegebenen Gesetze das Gute und Wahre angenommen hat in aller Demut und Bescheidenheit ihres Herzens und ihres ihr von Gott eingepflanzten freien Willens, dann ist solcher demütige, bescheidene und gehorsame Wille, um so recht handgreiflich zu reden, zu einer rechten Himmelsfeste geworden, weil er sich eben nach dem in die Seele des Menschen gelegten Himmlischen gebildet hat, und ist also ganz geeignet, das rein ungeschaffene Göttliche in sich aufzunehmen.
GEJ|1|161|6|0|Das rein Göttliche, oder der ungeschaffene Geist Gottes, der nun für ewig an solche Himmelsfeste gestellt wird, ist das große Licht; die Seele des Menschen aber, die durch das große Licht denn auch zu einem nahezu gleich großen Lichte umgestaltet wird, ist das zweite, kleinere Licht, das aber nun gleich dem ungeschaffenen großen Lichte an dieselbe Himmelsfeste gestellt und vom ungeschaffenen Lichte zum mitungeschaffenen Licht umgestaltet wird, ohne an seiner naturmäßigen Beschaffenheit etwas zu verlieren, sondern in einem vollends geistig geläuterten Sinne unendlich vieles zu gewinnen. Denn die Seele des Menschen für sich könnte ewig nie Gott in Seinem reinsten Geistwesen erschauen, und umgekehrt könnte der reinste ungeschaffene Gottesgeist nie das Naturmäßige erschauen, da es für ihn keine materielle Naturmäßigkeit gibt. Aber in obbesagter voller Verbindung des reinsten Geistes mit der Seele kann nun die Seele durch den ihr zugekommenen neuen Geist Gott erschauen in Seinem urgeistigen reinsten Wesen, und der Geist durch die Seele das Naturmäßige.
GEJ|1|161|7|0|Das ist es, was Moses sagt, daß das eine große Licht regiere den Tag und das kleine Licht die Nacht und bestimme die Zeichen, das ist: in aller Weisheit den Grund aller Erscheinlichkeit und aller geschaffenen Dinge, also auch bestimme die Zeiten, Tage und Jahre, was soviel sagen will als: in allen Erscheinungen erkennen die göttliche Weisheit, Liebe und Gnade.
GEJ|1|161|8|0|Die Sterne aber, von denen Moses auch erwähnt, sind die zahllosen nützlichen Erkenntnisse in allen einzelnen Dingen, welche einzelnen Erkenntnisse natürlich aus der einen Haupterkenntnis kommen und daher an dieselbe Himmelsfeste wie die zwei Hauptlichter gestellt sind.
GEJ|1|161|9|0|Und sehet, das ist endlich der vierte Schöpfungstag, von dem Moses in seiner Genesis Erwähnung macht, der aber leicht begreiflich, so wie die früheren drei, aus demselben Abend und Morgen des Menschen hervorgegangen ist.“
GEJ|1|162|1|1|162. - Der fünfte und sechste Schöpfungstag
GEJ|1|162|1|0|(Der Herr:) „Auf daß ihr Mich dann aber in dieser Hinsicht nicht weiter fraget, welche Bewandtnis es dann sogestaltig mit dem fünften und sechsten Schöpfungstage habe, so sage Ich es euch in aller Kürze, daß die nachträgliche Erschaffung der gesamten Tierwelt und endlich des Menschen selbst nichts anderes bezeichnet als die volle Lebendigwerdung und sichere Realisierung alles dessen, was der Mensch in seinem naturmäßigen Teile in sich faßt.
GEJ|1|162|2|0|Sein Meer und all sein Gewässer wird voll Lebens, und der Mensch erkennt und erschaut in seinem nun rein göttlichen, ungeschaffenen Lichte die zahllose und endlos mannigfache Fülle der schöpferischen Ideen und Formen und wird auf diese Art seiner rein göttlichen Abkunft inne. Und durch die erzählte Erschaffung des ersten Menschen wird dargestellt die vollendete Menschwerdung oder die Überkommung der vollkommenen Kindschaft Gottes.
GEJ|1|162|3|0|Freilich fragst du nun ganz geheim bei dir im Herzen und sagst: ,Ja, ja, das ist wohl alles ganz gut, weise und herrlich, und niemand kann die vollste Wahrheit alles dessen in den geringsten Zweifel ziehen; aber wie ist dann diese Erde, die doch unmöglich von Ewigkeit also dasein kann, wie sie nun ist, entstanden? Wie ist sie mit Gräsern, Kräutern, Gesträuchen und Bäumen aller Art bewachsen worden? Wie entstanden all die Tiere, und wann?
GEJ|1|162|4|0|Und wie wurde der Mensch ein Bürger dieser Erde? Wurde wirklich nur ein Menschenpaar, wie die Genesis anzeigt, geschaffen, oder wurde auf die Erde sogleich eine Menge Menschen von verschiedener Farbe, Gestalt und Charakter gesetzt?‘
GEJ|1|162|5|0|Auf solche eben nicht zu tadelnde Fragen kann Ich dir nichts anderes sagen, als was Ich dir schon gesagt habe, nämlich: So dir die Weisheit der Engel eigen ist, dann wirst du aus dem rein Geistigen in rückgängiger Entsprechung ins Naturmäßige hinaus auch die ganze natürliche Schöpfung auf ein Haar aus dem finden, was Moses in seiner Genesis sagt, und wirst finden, daß die naturmäßige Schöpfung, freilich in sehr gedehnten Perioden, fast in derselben Ordnung aufeinanderfolgt, wie sie in der Genesis erzählt wird, und die Entstehung des ersten Menschenpaares nahe in dieselbe Zeit fällt und seine Probung und seine Fortpflanzung am Ende bis auf Weniges, in entsprechende Bilder Eingehülltes, gerade in der Ordnung also folgt, wie es im weiteren Verlaufe der Genesis erzählt und dargetan wird.
GEJ|1|162|6|0|Aber wie gesagt, ohne die Weisheit der Engel magst du solches wohl nimmer finden, und besäßest du auch alle Weisheit der Weisen der ganzen Erde, die da auch über diesen Punkt schon die verschiedensten Ansichten und Meinungen gewechselt haben.
GEJ|1|162|7|0|Es ist aber solche Wissenschaft auf dieser Welt auch für keinen Menschen von irgendeinem besonderen Nutzen, weil der Mensch durchs viele Wissen eigentlich in seinem Herzen selten oder gar nie um ein bedeutendes besser wird, wohl aber gar oft schlimmer. Denn der Vielwissende wird nicht selten stolz und hochmütig, schaut dann hochtrabend auf seine Brüder von seiner vermeinten unerreichbaren Höhe herab wie ein Geier auf die Sperlinge und anderes kleines Gevögel, als seien diese bloß da, damit er sie fange und ihr zartes Fleisch verzehre.
GEJ|1|162|8|0|Suche du vor allem das Gottesreich in deinem Herzen und dessen Gerechtigkeit, um alles andere kümmere dich wenig; denn solches alles samt der Weisheit der Engel kann dir über Nacht gegeben werden. Ich meine nun, daß du Mich vollends verstanden hast!?“
GEJ|1|163|1|1|163. - Der Pharisäer Antwort an den Herrn auf Seine Erklärung der Schöpfungsgeschichte Mosis. Des Herrn Vorhersage vom Gericht über Jerusalem
GEJ|1|163|1|0|Als der Pharisäer und dessen Genossen solche gedehnte Erklärung über die Genesis von Mir erhalten hatten, standen sie alle wie gelähmt vor Mir, und der Hauptpharisäer sagte nach einer Weile sichtlich starken Nachdenkens: „Herr! Meister aller Meister in allen Dingen! Ich und wir alle sehen nun, obschon nicht ohne großes Leidwesen, ein, daß Du in allen Dingen vollkommen recht hast, und daß alles, was Du redest, volle reine Wahrheit ist. Aber ich sagte nicht umsonst: Nicht ohne großes Leidwesen sehen wir das nun ein! Denn mit solcher für diese arge selbstsüchtigste Welt zu heilig hoher Weisheit wirst Du ohne ganz besondere Wunder völlig tauben Ohren predigen, und so Du Wunder wirken wirst, da wirst du blinde Zuseher haben und somit wenig ausrichten.
GEJ|1|163|2|0|So der Mensch, um sich selbst erst zu einem rechten Menschen zu gestalten, vollkommen frei sein muß in seinem Wollen und Handeln, da magst Du predigen und Wunder wirken, wie Du willst, so wird sich doch aus hundert kaum einer wahrhaft daran kehren. Denn ist jemand vom Grunde aus schon zu dumm und hat keine wie immer geartete Bildung in irgendeinem den Menschen nötigen und ersprießlichen Fache, so kann er Deine Lehre unmöglich fassen. Hat er aber nur um einen Grad zu viel und daher gar leicht begründeten Verstandes, sei es in der Schrift oder in einer andern Wissenschaft und Kunst, und verbindet damit irgendeinen irdischen Vorteil, an dem etwa gar noch ein bedeutendes Ansehen der Person haftet, so magst Du den Vater Jehova unter Blitz und Donner für Dich reden lassen, und solche Menschen werden das tun, was unsere Vorfahren in der Wüste unter Moses getan haben, wo sie, während Moses auf Sinai unter Donner und Blitz mit Jehova redete und von Ihm die heiligen Gebote überkam, sich aus Gold ein Kalb gossen, dann um dasselbe in heidnischer Weise tanzten und es dadurch anbeteten!
GEJ|1|163|3|0|Wüßte ich nicht, wie die Pharisäer, Schriftgelehrten und all die Priester und Leviten, besonders in Jerusalem, beschaffen sind, so würde ich mich kaum getrauen, solches zu Dir zu reden; aber ich kenne dieses Volk nur zu gut, habe mich aus dem Grunde vom Tempel auch so hübsch weit entfernt und besuche ihn auch nicht mehr.
GEJ|1|163|4|0|Kehrst Du Dich etwa wieder einmal nach Jerusalem, so nimm ja eine große Portion Allmacht mit, sonst wirst Du gesteinigt als ein Gotteslästerer! Denn wer da nur um ein Haar klüger sein will als sogar ein gemeinster Feger der Tempelhallen, der wird sogleich als ein Ketzer und Gotteslästerer gescholten, und so er sich nicht mit einem tüchtigen Opfer bekehrt, steht ihm außerhalb der Stadtmauer auf der Fluchstätte ohne alle Gnade die Steinigung bevor!
GEJ|1|163|5|0|Für Jerusalem, sage ich Dir, Du mein göttlichster Freund, gibt es nur eine Kur, und diese ist jene von Sodom und Gomorra! Sonst gibt es kein Heil mehr für diese Stadt und deren Bewohner!“
GEJ|1|163|6|0|Sage Ich: „Freund! Was du Mir hier sagtest, wußte Ich schon lange! Ja, Ich sage es dir, das wird auch das Ende von Jerusalem sein! Aber zuvor muß in solcher Stadt noch alles das geschehen, was über sie von all den Propheten geweissagt worden ist, auf daß alle Schrift erfüllt und ihr Maß voll wird. Und ihr werdet von heute an nicht Siebzig zählen, und nicht ein Stein wird auf dem andern gelassen werden! Und so da jemand fragen wird und sagen: ,Wo stand denn der Tempel?‘, da wird sich niemand vorfinden, der dem Forscher Bescheid gibt!
GEJ|1|163|7|0|In den Mauern dieser Stadt sind viele Propheten ermordet worden. Ich weiß von allen, ihr Blut schrie in die höchsten Himmel um Rache wider solche schändlichsten Frevler; aber das Maß, was dieser Stadt die Hölle gab, ist noch nicht völlig voll geworden, und sie wurde darum noch geschont. Nun aber ist ihr Maß in Kürze voll, und sie wird nimmer verschont werden!
GEJ|1|163|8|0|Bevor wir aber nun diesen Berg verlassen, gebe ich euch allen ein streng zu beachtendes Gebot, und solches bestehe darin, daß da niemand aus euch allen von dem, was ihr auf diesem Berge gesehen habt, jemandem unten in der Tiefe eher davon etwas erzählet, als bis Ich euch dazu im Geiste ermächtigen werde. Wer solch Mein Gebot nicht beachten wird, soll mit augenblicklicher Stummheit gezüchtigt werden; denn das Volk in der Tiefe ist dazu noch lange nicht reif, und ihr selbst auch noch nicht zur Genüge.
GEJ|1|163|9|0|Was Ich aber hier gelehrt habe, darüber besprechet euch mit euresgleichen also, als hättet ihr es nicht von Mir vernommen, sondern als wäre solches auf eurem höchst eigenen Grund und Boden gewachsen! Nur wenn eure Freunde gleichsam in solche eure Lehre lebendig eingegangen sein werden, sodann erst möget ihr es ihnen unter vier Augen sagen, von wem ihr solche Lehre empfangen habt, und welche Zeichen ihr vorangegangen sind!
GEJ|1|163|10|0|Aber vergesset es dann nicht, den also Unterrichteten in Meinem Namen dasselbe Gebot und mit derselben Sanktion zu geben, die Ich euch allen nun hier gegeben habe!
GEJ|1|163|11|0|Ihr werdet aber die kurze Zeit hindurch, die wir uns noch auf dieser Höhe aufhalten werden, noch manches Wunderbare erleben; denn Mich dürstet es darnach, euch in eurem Glauben so stark als möglich zu machen. Aber bei allem, was ihr noch sehen und hören dürfet, beachtet das soeben gegebene Gebot; denn bei Nichtbeachtung solches Gebotes würde jeden von euch auf ein Jahr die angedrohte Züchtigung treffen!“
GEJ|1|164|1|1|164. - Judas Ischariots Bericht von seiner Luftreise und seine unnützen Fragen. Des Herrn Antwort und des Thomas Rüge.
GEJ|1|164|1|0|Sagte Judas Ischariot: „Herr! Das ist ein hartes Gebot! Wer wohl wird es ganz und streng beachten können?“
GEJ|1|164|2|0|Sage Ich: „Gott hat auch das Sterben des Leibes zu einem unerläßlichen und unwandelbaren Gesetz gemacht und nimmt Sein heiliges Wort doch trotz all des Jammers der Menschen nicht zurück! Du magst nun reden und hadern, wie du willst; aber sterben mußt du am Ende dennoch! Erst jenseits wirst du es einsehen, daß dir solches Sterben höchst notwendig war.
GEJ|1|164|3|0|Und sieh, gerade also steht es mit jedem Gebot, das da kommt aus dem Munde Gottes! Mache es dir selbst zum Gesetz, dann wirst du es ganz leicht zu beachten imstande sein; schreibst du dir selbst aber ein anderes Gesetz vor, als das Ich dir gebe, so wirst du Mein Gesetz schwer zu beachten imstande sein. Denn wo ein Gesetz wider das andere ist, da wird die Beachtung eines wie des andern Gesetzes schwer oder am Ende ganz und gar unmöglich. Verstehst du solches?
GEJ|1|164|4|0|Ich sage es dir! Habe wohl acht auf dich und sieh sehr genau zu, daß nicht etwa mit der Zeit irgend ein Widergesetz in dir dein Tod werde!“
GEJ|1|164|5|0|Sagt Judas: „Aber was soll wieder das heißen? Du sprichst denn doch immer gleich der Vogelschrift der Ägypter, die nun kaum irgend ein Weiser mehr lesen und noch weniger verstehen kann! Was ist denn ein Widergesetz im Grunde des Grundes? Wie kann ich mir selbst ein Gesetz geben, das mir ein anderer gab? Ich kann es nur beachten oder aber auch nicht beachten, und das steht in meinem freien Willen und in keinem Widergesetze!“
GEJ|1|164|6|0|Sage Ich: „Ich sage dir, wenn du gleichfort so dumm bleibst, als wie du nun bist, so ist es dir besser, wieder nach Bethabara zurückzukehren; denn also bist du Mir ärgerlich und widrig!
GEJ|1|164|7|0|Wo kommen denn die Gesetze her? Etwa von irgendwo anders als allein nur vom Willen dessen, der die Macht und Gewalt hat, Gesetze zu geben und sie zu sanktionieren?! Hat aber nicht ein jeder Mensch die vollkommene Macht über sich und kann tun, was er will? Will er die äußeren Gesetze zu den seinigen machen, so wird er sie sicher leicht beachten; will er aber das nicht, so hat er seinen Willen zum Widergesetze und muß sich am Ende die Sanktion des äußeren Gesetzes gefallen lassen.“
GEJ|1|164|8|0|Judas macht zu dieser Erklärung zwar ein saures Gesicht, sagt aber doch: „Ja, jetzt verstehe ich die Sache, und so ist es gut. Aber so Du oft gar verdeckt sprichst, so wird es mir angst und bange, und da muß ich denn stets wieder fragen, bis mir die Sache klar wird, besonders wo es sich um ein Gesetz handelt, das durchaus etwas schwer zu halten sein dürfte für so manchen aus uns, auch für mich, was zu gestehen ich mich gar nicht scheue. Aber sieh, Herr, so Dich jemand anders um etwas fragt, so gibst Du ihm sogleich in aller Freundlichkeit einen besten Bescheid; frage ich Dich aber um etwas, so wirst Du stets unfreundlich, und ich getraue mich dann kaum mehr, Dich um etwas, wenn es auch noch so wichtig wäre, zu fragen.
GEJ|1|164|9|0|Sieh, meine vorgestrige sonderbarste Reise durch die Luft, und das in einer unglaublichen Geschwindigkeit, so daß ich am Boden der Erde nichts ausnehmen konnte außer einen breiten, überschnell vorüberschießenden Streif, geht mir noch immer nicht ein; da möchte ich denn doch von Dir erfahren, wie solches möglich war! Denn ich war von hier vielleicht am weitesten, und zwar weit hinter dem jenseitigen Ufer des Meeres, und hätte zu Fuß einen Weg von vier bis fünf Tagen zu machen gehabt.
GEJ|1|164|10|0|Ich hatte gerade in einem griechischen Dorfe ausgepredigt, fand aber leider keine besonders geneigten Ohren und Herzen, obgleich daß ich mehrere ihrer Kranken geheilt habe; ich ward darob ärgerlich und verließ das dumme Nest. Wie ich aber etwa gegen tausend Schritte außer dem Dorf ganz mutterseelenallein mich befand – denn Bruder Thomas hat mich nach Griechenland nicht begleiten wollen –, so kam ein Wirbelwind mir entgegen, und ehe ich mich's versah, war ich schon hoch in der Luft. Da stieß ein unbeschreiblich heftiger Windstoß mich in der Richtung hierher, und zwar in der vorbezeichneten Schnelligkeit – so, daß ich, wie schon gesagt, in solchem Fluge von dem, was sich am Boden der Erde befand, nicht im geringsten etwas auszunehmen imstande war, selbst das Meer nicht anders als wie einen vorüberziehenden Blitz. Ich hatte gar nicht Zeit zu denken gehabt, wie es mir ergehen werde, so mir unterwegs etwa ein Fels den freien Luftweg vertreten sollte, an dem ich sicher in viele Hunderttausende von Tropfen zerschellt wäre! Wie mußte ich aber hier staunen, als ich nach solch heftigstem Zuge durch die Luft hier vor Dir, o Herr, ganz sanft auf den Boden gesetzt wurde!
GEJ|1|164|11|0|Darum aber möchte ich denn nun von Dir nur durch ein paar Wörtlein in die Erfahrung bringen, wie denn solches möglich war.“
GEJ|1|164|12|0|Sage Ich: „Freund! So du weißt, Wer Ich bin, wie magst du fragen, wie solches Mir möglich sei, oder durch welch ein Mittel dir solches geschah? Sind denn bei Gott nicht alle Dinge möglich? Siehe an die Wolken! Wer trägt sie? Du hast früher gehört, wie Ich allen die Beschaffenheit der Erde, des Mondes, der Sonne und vieler anderer Sterne, die zumeist für deine Begriffe endlos große Sonnen sind, erklärte.
GEJ|1|164|13|0|Siehe, die großen und somit auch überschweren Weltkörper schweben frei in der endlos weit nach allen Seiten und Richtungen gedehnten Ätherluft und haben für deine Begriffe eine nahe fabelhaft schnelle Bewegung!
GEJ|1|164|14|0|Frage: Wer trägt all die Zahllosen in einer unwandelbaren Ordnung durch die freien, endlosen Räume? Denke darüber ein wenig nach, und du wirst das höchst Alberne deiner Frage nur zu leicht und zu geschwind einsehen! Und somit ist dir deine Frage mehr denn zur Übergenüge klar beantwortet!“
GEJ|1|164|15|0|Tritt Thomas hinzu und sagt: „Aber wenn du nur ein einziges Mal mit einer des Herrn würdigen Frage hervorkämest! Haben denn nicht wir alle, die wir ausgesandt worden sind, die gleiche Luftreise hierher gemacht? Wir wissen aber, daß Er es also gewollt hat, und uns ist dadurch die ganze, wennschon höchst ungewöhnliche Hierherreise durch die Luft mehr als zur Übergenüge erklärt! Glaubtest du fester und lebendiger, Was und Wer unser Herr und Meister ist, so könnte dir solch eine Frage wohl nicht einmal im schlechtesten und dümmsten Traume einfallen!“
GEJ|1|164|16|0|Sagt Judas: „Hast mich schon wieder? Nun, wenn's dich freut, so habe mich denn! Diesmal ärgert es mich wenigstens nicht, weil ich es selbst einsehe, daß ich den Herrn mit einer sehr dummen Frage belästigt habe, – was ich aber in der Folge sicher nimmer tun werde.“
GEJ|1|164|17|0|Sagt Thomas: „Dann werden wir auch ganz gute Freunde und Brüder sein, und ich werde dich nicht mehr hofmeistern!“
GEJ|1|164|18|0|Sage Ich: „Seid nun einmal ruhig; denn Kisjonah hat sein Mahl bereitet, und wir wollen für unsern Leib eine nötige Stärkung nehmen! Nach dem Mahle wird sich dann schon zeigen, was da alles noch zu tun sein wird. Und also sei es, und bei dem verbleibe es!“
GEJ|1|165|1|1|165. - Der himmlischen Gesellschaft fröhliches Beisammensein auf der Alpe. Kisjonahs Frage an die drei Engel: »Warum müssen die Menschen geboren werden?« Die reinen Engel, die gefallenen Geister und die Menschen. Das Fleisch nicht Zweck, sondern Mittel zur geistigen Entwicklung der Seele
GEJ|1|165|1|0|Alles begibt sich nun in die Hütten und verzehrt das Mahl, und es ist nun wohl keiner, daß er da nicht guter Dinge, also heiter und fröhlich, wäre.
GEJ|1|165|2|0|Nach dem Mahle sagt Kisjonah, daß er nun, so Ich damit einverstanden wäre, vor dem Abende noch einige besondere Punkte seiner Alpe besuchen, seinen Hirten den Lohn geben und bei solcher Gelegenheit auch sehen möchte, wie es mit seinen Schafherden stehe, und wieviel Wolle die Hirten schon gesammelt hätten.
GEJ|1|165|3|0|Sage Ich: „Weißt du, morgen ist der Vorsabbat, den Ich noch auf diesen Bergen zubringen möchte; heute aber, da wir uns beim Mahle lange aufgehalten haben und der Tag nur noch ein paar Stunden dauern wird, wollen wir bloß so recht fröhlich hier beisammen verbleiben und uns über so manche recht wichtigen Dinge besprechen, und ihr sollt an diesem Abend noch so manches erleben; darum möchte Ich, daß wir heute hier beisammen verblieben!“
GEJ|1|165|4|0|Sagt Kisjonah: „Herr, jeder Wunsch Deines Herzens ist mir ein heiligstes Gebot! Aber jetzt komme ich gleich zuerst mit einer Frage, und diese betrifft eben jene drei Männer, die vor ein paar Tagen von Morgen her in großem Glanze zu uns gekommen sind, mehr in der Luft schwebend als mit ihren Füßen die Triften der Berge berührend. Diese drei Männer sind nun gleichfort in unserer Gesellschaft, reden mit uns, essen und trinken mit uns, sind äußerst gefällig und dienstfertig und sehen nun, bis auf eine viel edlere Gestalt als die unsrige, gerade also aus wie wir.
GEJ|1|165|5|0|Mir kommt es nun schon so vor, daß sie gleichfort bei uns verbleiben werden, – was mir endlos lieb wäre. Ich habe sie ehedem umarmt und geküßt, und siehe, sie hatten Knochen und einen durchgehends festen, kräftigen Leib, so, daß ich mich darob hoch verwundern mußte!
GEJ|1|165|6|0|Meine Frage geht also dahin, daß ich von Dir erfahren möchte, wie solches möglich ist. Früher waren sie pure Geister, und nun sind sie so gut körperliche Menschen, wie wir es sind; woher haben sie den Leib genommen? Und so diese sogleich den Leib bekommen haben und, wie sich's zeigt, einen viel vollkommeneren als wir, könnten denn nicht alle Menschen ebenso in diese Welt gesetzt werden, anstatt durch höchst mühsame Geburt?“
GEJ|1|165|7|0|Sage Ich: „Fürs erste könntest du diese drei Engel nicht sehen und nicht als körperlich fühlen, so Ich dich nicht dazu für diese Zeit also eingerichtet hätte, daß nun deine Seele ganz offen mit ihrem Geiste vereint durch den Leib hindurch alles Geistige schauen kann und dasselbe so gut sieht und wahrnimmt, als wäre es Naturmäßiges und somit fest Körperliches; aber es ist und bleibt dennoch ganz Geistiges und hat nichts Körperliches in sich.
GEJ|1|165|8|0|Jeder Mensch und jeder Geist aber sind dadurch groß verschieden, daß ein Geist, wie nun die drei Engel hier sind, von Uranbeginn seine Freiheit aus freiem Willen weise in Meiner Ordnung gebraucht und sich fortan ewig nie wider dieselbe versündigt hat. Ein großer Teil von für deine Begriffe zahllos vielen Geistern aber haben die Freiheit ihres Willens mißbraucht und sind dadurch ins angedrohte Gericht versunken; und aus solchen Geistern, aus denen eigentlich diese ganze Erde und alle zahllos vielen andern Welten, als Sonne, Mond und Sterne, bestehen, kommen nach einem in alle Natur unwandelbar gelegten Gesetze die Naturmenschen dieser Erde wie auch die Menschen aller andern Welten hervor, und zwar auf dem dir bekannten Wege der vorhergehenden Zeugung und nachherigen Geburt, und müssen also erst durch Erziehung und Unterricht zu Menschen und nach der Ablegung ihres Leibes zu reinen und vollends freien Geistern herangebildet werden.
GEJ|1|165|9|0|Da also das Fleisch des Menschen hauptsächlich nur darum einem aus dem Gerichte gehobenen Geiste gegeben wird, daß er in selbem eine neue Freiheitsprobe wie in einer ganz eigenen Welt durchmache, so siehst du ja nun ganz leicht ein, daß den schon vollendeten Geistern der Leib aus Fleisch ganz unnötig wäre, indem das Fleisch nur ein Mittel, aber ewig kein Zweck ist und sein kann, da am Ende doch alles wieder rein geistig und nie mehr materiell zu werden hat.
GEJ|1|165|10|0|Ich sage es dir: Diese Erde und dieser ganze eigentlich körperliche Himmel, als Sonnen, Monde und alle Welten, werden einst vergehen, so alle die in ihnen gerichtet gehaltenen Geister durch den Weg des Fleisches zu reinen Geistern geworden sind; aber die reinen Geister bleiben ewig und werden und können ewig nicht vergehen, so wie Ich und Mein Wort nicht. – Sage Mir, ob du solches wohl begriffen und verstanden hast!“
GEJ|1|166|1|1|166. - Kisjonahs Verständnis des vom Herrn gegebenen Lichtes. Von der Erschaffung Adams. Vom Wesen des Mannes und des Weibes. Der Verfall der Menschheit. Von der Menschwerdung des Herrn und der Erlösung
GEJ|1|166|1|0|Sagt Kisjonah: „O Gott, o Gott, ist das eine Weisheitstiefe! Wer hat je etwas Ähnliches gehört? Ja, solche Aufschlüsse kann wahrlich nur Gott geben; da ist die Weisheit aller Weisen der Erde eine vollste Nichtigkeit aller Nichtigkeiten! Nein, das ist denn doch zu viel auf einmal für einen sterblichen armen Sünder, wie da ich einer bin im vollsten Maße!
GEJ|1|166|2|0|Durch diese Enthüllung wird mir wie durch einen sogenannten Zauberschlag die ganze Genesis klar und ganz wohl verständlich!
GEJ|1|166|3|0|Nun verstehe ich, was es heißt: Gott schuf den Adam als den ersten Menschen dieser Erde aus Lehm! Gott hat aus Seiner ewigen Ordnung also gewollt, daß die in der Erde gerichtet gefangenen Geister sich aus der Erde, die sie gefangen hielt, und zwar aus deren leichter fügbarem Lehm, einen Leib ganz nach der entsprechend geistigen Form bauen sollen, in dem sie sich mit vieler Freiheit bewegen könnten, ihr Ich und aus dem (Ich) Gott wieder erkennen und sich sogestaltig frei der göttlichen Ordnung unterordnen sollen, um dadurch zu ihrer urgeistigen Natur zu gelangen, nämlich ganz vollendet reine Geister zu werden, also – wie da sind die Urerzengel!
GEJ|1|166|4|0|Ja, ja, jetzt wird mir auf einmal alles klar! – ,Das Weib‘, heißt es, ,ward geschaffen aus der Rippe Adams‘; wie klar ist wieder das! – So wie entsprechend die Berge doch sicher der festere und somit auch hartnäckigere Teil der Erde sind und sogestaltig auch die hartnäckigeren Geister in sich fassen, also hatte sich auch im ersten wie in allen nachfolgenden Männern gewisserart der hartnäckigere Teil in die Knochen des Mannes gelagert, die mit den Bergen der Erde in der vollsten Entsprechung stehen.
GEJ|1|166|5|0|Das hartnäckigere Geistige, das mehr Sinnliche, Stolze und Hochmütige des Mannes ward durch Gottes Weisheit und Macht aus dem Manne geschieden und in einer dem Manne ähnlichen weiblichen Form dargestellt, die, als aus dem Manne stammend, mit ihm in einer lebendigen Entsprechung steht und dadurch und durch den Akt der Zeugung zur Erweckung einer lebendigen Frucht in ihr nach dem allmächtigen Willen Gottes fähig ist und, da ihr als dem harnäckigeren geistigen Teile des Mannes ein größeres Leiden auferlegt ist, ihren Geist ebenso vollenden kann als der Mann seinen sanfteren, – wodurch es dann nach der Schrift auch geschehen kann und geschieht, daß am Ende Mann und Weib eins werden.
GEJ|1|166|6|0|Denn der Ausdruck, daß Mann und Weib dann einen Leib haben, heißt doch sicher nichts anderes als: Obschon des Weibes Wesen der hartnäckigere Teil des Mannes ist, so wird es aber durch die im Verhältnisse stärkere Probung am Ende dem ohnehin sanfteren Geistteile des Mannes vollends gleich, und das ist es, was das besagt, daß Mann und Weib haben einen Leib. – Was sagst Du, o Herr, dazu? Habe ich diese Sache wenigstens annäherungsweise richtig erfaßt oder nicht?“
GEJ|1|166|7|0|Sage Ich: „Ganz vollkommen gut und wahr! Also ist es, und also auch sollte die Schrift im wahren Geiste gelesen werden und verstanden sein, so wäre es mit allen Menschen gut reden und zu ihrem ganz alleinigen Besten aus den Himmeln handeln! Aber so sind die Menschen, und zwar zuerst die Weiber, durch den zweiten Mißbrauch ihres freien Willens in alle Sinnlichkeit versunken, haben ihren von der Satana angeerbten schöneren Leib in Hülle und Fülle aufzuputzen angefangen und sind spröde, stolz und unwillig aus ihrer Selbstsucht geworden und zwangen dadurch den sanfteren Mann, in ihr Garn zu rennen, und er mußte, um von den Weibern erhört zu werden, ganz bereitwilligst und wie untertänig nach ihrer herrschsüchtigsten Pfeife zu tanzen anfangen und fand am Ende sogar ein besonderes Wohlgefallen daran, so er von der echten Satanslist der Weiber so recht armdick umstrickt war.
GEJ|1|166|8|0|Dadurch aber fiel er denn auch aus allen in ihm aufkeimenden Himmeln, ward dadurch finster, geil, selbstsüchtig, eitel und herrschgierig und ward somit samt dem Weibe rein des Teufels!
GEJ|1|166|9|0|Wohl mahnte den Mann von Zeit zu Zeit leise sein Geist durch die Erweckung der Liebe zum Leben, daß er lese die Schrift und betrachte die großen Werke Gottes! Es taten solches auch viele, indem sie sich zuvor aus dem Garne der Weiber frei gemacht hatten, mehr oder weniger. Aber es half das eben nicht viel; denn sie verstanden die Schrift nicht mehr, und weil sie selbst weibisch materiell geworden sind, so nahmen sie sogleich den materiellen Sinn des Buchstabens für eine vollgültige Goldmünze an und machten also das Wort Gottes zu einem Scheusale und den Tempel Gottes zu einer barsten Mördergrube!
GEJ|1|166|10|0|Ich sage dir und euch allen: So weit ist es bis jetzt gekommen, daß alle Menschen vollends verloren wären, so nicht Ich, der Herr Selbst, in diese Welt gekommen wäre, um euch zu erlösen aus dem Joche des Satans und dessen ewigem Verderben; und Ich Selbst werde das Äußerste tun müssen, um nur anfangs den kleinsten Teil der Menschen ins rechte Licht der Himmel zu erheben.“
GEJ|1|167|1|1|167. - Über die Ehe. Verfall der Menschheit durch das Weib. »Wehe der Welt, wenn die Weiber sich wieder zu putzen und zu schmücken anfangen und auf den Thronen sitzen werden; dann wird die Erde durchs Feuer gelassen werden!«
GEJ|1|167|1|0|(Der Herr:) „Wehe aber der Welt, wenn die Weiber sich wieder zu putzen und zu schmücken anfangen und auf den Thronen sitzen werden; dann wird die Erde durchs Feuer gelassen werden!
GEJ|1|167|2|0|Haltet daher alles auf eine gute Zucht der Weiber, lasset sie vor allem sich üben in der rechten Demut! Sie sollen rein, aber nie geputzt und geschmückt sein; denn der Weiber Putz und Schmuck ist des Menschen Grab und Untergang in allem!
GEJ|1|167|3|0|Wie aber da ist ein reines, wohlgesittetes, demütiges Weib ein rechter Segen eines Hauses, so ist ein geputztes und dadurch stolzes Weib ein Fluch über die ganze Erde und ist also ein Satan in kleinster Gestalt unter den Menschen und gleicht völlig einer Schlange, die durch ihre geilen Blicke des Himmels Vögel in ihren giftigen und tötenden Rachen lockt!
GEJ|1|167|4|0|Ich rate daher, ohne zu wollen, daß dieser Rat ein Gebot sein solle:
GEJ|1|167|5|0|So da jemand wählt und freien will um ein Weib, so sehe er, daß die Maid, um die er freit, nicht putzt ihren Leib – außer mit Wasser, was der Gesundheit des Leibes not tut – und auf der Gasse nicht trägt ein offenes Gesicht, was sich nicht geziemt für ein Weib, und auch nicht prunkt mit ihren sonstigen Reizen, sondern in allem züchtig ist, ihren Leib wohl bedeckt mit Linnengewand und zur Winterszeit mit ungefärbten Tüchern aus Schafwolle, auch keine Vielzünglerin ist und nicht prahlt, als hätte sie etwas; denn es ist dem Weibe sehr heilsam, so sie nichts hat, als was ihr im höchsten Grade not tut. Eine solche Maid ist dann auch eines Mannes wert, und ihr sollet um sie freien. Aber um eine Reiche, Geputzte, Geschmückte, die in weichen und buntgefärbten Kleidern einhergeht, ein offenes Gesicht auf der Gasse zur Schau trägt, sich gerne begrüßen läßt von den Reichen und Angesehenen und zu den Armen sagt: ,Da sehet das stinkende Bettelvolk!‘ – Ich sage euch, – vor einer solchen Maid fliehet wie vor einem Aase!
GEJ|1|167|6|0|Denn eine solche Maid ist ein getreuestes Abbild der verlockenden Hölle in kleinster Gestalt, und wer eine solche freit, begeht eine gröbste Sünde wider die göttliche Ordnung und darf darauf rechnen, daß solch ein Weib, das auf der Erde schwerlich je besser wird, so sie eher stirbt denn der Mann, den ihr ins andere Leben folgenden Mann, wenn er selbst der Tugend ergeben war, aber sein Weib der irdischen Vorzüge wegen sehr geliebt hatte, sicher wenigstens auf eine bedeutend lange Dauer in die Hölle ziehen wird.
GEJ|1|167|7|0|Denn gerade also, wie solch ein Weib auf dieser Erde Trugmittel anwandte, um sich einen Mann zu fangen, den sich ihre Lüsternheit auserlesen hatte, ebenso, aber ums tausendfache verführerischer, wird sie jenseits ihrem ihr nachfolgenden Manne in aller erdenklichen Reizendheit entgegenkommen und ihn in ihr höllisches Nest ziehen. Und es wird sogestaltig dem Manne schwer werden, sich seinem Weibe zu entwinden.
GEJ|1|167|8|0|Darum beachtet das wohl, und wer da freit, der erkenne seine Braut zuvor genau und prüfe wohl alles, auf daß er sich nicht statt eines Engels einen Teufel an den Hals bindet, den er dann nicht leicht los wird!
GEJ|1|167|9|0|Die Kennzeichen habe Ich euch zur Genüge gezeigt; beachtet das, so werdet ihr Glück haben dies- und jenseits! Ich gebe es euch zwar nicht als ein Gebot, das euch binden solle, sondern nur, wie schon früher bemerkt, als einen guten Rat, der euch und allen eitlen Weibern besonders von großem Nutzen sein kann, so er befolgt wird.
GEJ|1|167|10|0|Denn wer aus euch also ein eitles und listig verführerisches Weib zurechtweist, daß es erkennt seine böse Torheit, dem soll einst im Himmel ein großer Preis zuteil werden.
GEJ|1|167|11|0|Wendet daher eure Augen ab von einem verführerischen Weibe; denn ein solches Weib ist geheim, ohne es zu wissen, mit dem Satan im Bunde und dient ihm unbewußt zu dessen verlockenden Zwecken.
GEJ|1|167|12|0|Will jemand aus euch den Satan in seiner ärgsten Gestalt sehen, so schaue er sich nur eine recht geputzte Dirne oder ein geziertes Weib an, und er hat den Satan in seiner für den Menschen gefährlichsten Gestalt gesehen!
GEJ|1|167|13|0|Wirkt der Satan als Drache und speit über die Erde Krieg, Hunger und allerlei Pestilenz, dann ist er den Menschen am wenigsten gefährlich; denn in solcher Not wenden sich die Menschen zu Gott, fangen an Buße zu tun und entgehen also der Hölle und ihrem Gerichte.
GEJ|1|167|14|0|Aber wann der Satan seine Drachen bekleidet mit dem Lichtgewande eines Engels, da ist er dem zur Sinnlichkeit von Natur aus geneigten Menschen am gefährlichsten, also, als wenn ein reißender Wolf im Schafskleide käme unter die Schafe! Kommt der Wolf als Wolf zu den Schafen, so fliehen diese nach allen Richtungen und verwirren den Todbringer, daß er stehenbleibt und nachsinnt, welchem Schafe er nachstellen soll, und am Ende ohne Beute abziehen muß; kommt er aber im Schafspelze, da fliehen die Schafe nicht, sondern haben noch obendrauf eine Freude an dem neuen zu ihnen gekommenen Schafe, das ein Wolf ist, der die ganze Herde zerreißt, ohne daß auch nur ein Schaf vor ihm flieht.
GEJ|1|167|15|0|Sehet, diese Lehre und diesen Rat sollet ihr darum als ein Heiligtum in euren Herzen bewahren und euch streng darnach also halten, als hätte Ich ein Gebot gegeben; dann werden eure Ehen mit dem Segen aus dem Himmel bekleidet sein, im Gegenteil – mit dem Fluche der Hölle!
GEJ|1|167|16|0|Laßt euch darum nicht verlocken von den blinden und trügerischen Reizen der Welt, sondern seid allzeit nüchtern und schätzet den Wert der Welt richtig; gebet nicht Gold und Perlen, die ihr nun aus den Himmeln empfangen habt, für die Torheiten der Welt, so werdet ihr untereinander stets Frieden haben und den Himmel vor euch offen sehen! Werdet ihr euch aber wieder von den Reizen der Welt gefangennehmen lassen, so werdet ihr es euch aber auch selbst zuzuschreiben haben, wenn der Himmel sich vor euch fester und fester verschließen wird; und so ihr in große Not gelangen und zum Himmel rufen werdet um Hilfe, da wird euch keine Hilfe werden! Denn es ist nicht möglich, daß jemand, der mit Wohlgefallen in was immer an der Welt hängt, zu gleicher Zeit stehen könnte in der segnenden Verbindung mit dem Himmel.
GEJ|1|167|17|0|Denn ein jeder Mensch ist also erschaffen und eingerichtet, daß er Böses und Gutes, Falsches und Wahres nicht in einem Herzen nebeneinander ertragen könnte, entweder das eine oder das andere, aber ewig nie beides zugleich!
GEJ|1|167|18|0|Ja, er kann und muß beides erkennen in seinem Verstande; aber im Herzen kann nur entweder das eine oder das andere als Lebensgrund weilen.
GEJ|1|167|19|0|Habt ihr solchen Meinen Rat wohl begriffen und erfaßt?“
GEJ|1|167|20|0|Sagen alle: „Ja, Herr und Meister in aller göttlichen Weisheit!“
GEJ|1|168|1|1|168. - Von der Kultur und unseren Schulen. Das Eine, was nottut.
GEJ|1|168|1|0|Hier tritt ein Pharisäer näher zu Mir und sagt: „Herr und Meister! Das ist alles sehr schön, gut und wahr, und es läßt sich dagegen nichts einwenden. Aber so die Menschen all die Stoffe, die die Erde ihnen so reichlich bietet, nicht sammeln und nach rechter Kunst verarbeiten, so wird die Erde bald als eine Wüste dastehen, und es wird auf ihr weder eine noch irgendeine andere Kultur erschaulich sein. Müssen nicht Häuser sein und Schulen aller Art? Nehmen wir das weg, dann wird die Menschheit in kürzester Zeit in einem vollends tierischen Zustande sich befinden. Man kann also die Welt denn doch nicht völlig auf die Seite setzen, solange man ein Bürger der Materie ist!?“
GEJ|1|168|2|0|Sage Ich: „Eure Schulen sind gerade dazu tauglich, um schon in den zarten Gemütern der Kinder allen Geist zu töten, und es wäre deshalb wenig schade um sie, so sie gänzlich eingingen; denn wahrlich sage Ich euch: So die Welt euer Lehrer ist, was Geistiges wollt ihr dann von ihr erlernen?
GEJ|1|168|3|0|Wer immer nicht im Herzen gelehrt wird von Gott, der bleibt in der Nacht der Welt, und das Licht des Lebens wird ihm ewig ferne bleiben!
GEJ|1|168|4|0|Wem aber nicht leuchtet das wahre Licht des Lebens von Gott ausgehend, der ist tot, und hätte er von der Welt auch alle Weisheit der Engel erlernt! Wie lange wohl wird sie ihm dienen?
GEJ|1|168|5|0|Bleibet daher in Mir, so werde Ich in euch verbleiben, und die Weisheit der Himmel wird eure Herzen lebendig erfüllen für ewig! Fasset und begreifet ihr solches?“
GEJ|1|168|6|0|Als der Pharisäer solche Belehrung aus Meinem Munde vernommen hatte, sprach er ganz düsteren und ernsten Angesichts: „O große, heilige, mit den Händen zu greifende Wahrheit! Wie herrlich, wie groß bist du! Wie glücklich könnten alle Menschen auf dieser Erde sein, so sie in solcher heiligen Wahrheit wären und ihren Lebenswandel danach einrichten! Aber, o Herr, ein übergroßes Aber! Solange noch ein Tropfen von der Erde bestehen wird, oder solange Menschen diese Erde bewohnen werden, wird unter ihnen Habsucht, Neid, Geiz, Hochmut und die alles verderbende Herrschsucht sein, lauter Dinge aus dem Fundamente der Hölle; und auf solchem Boden wird solche Wahrheit, die wohl ungezweifelt aus den Himmeln ist, dennoch nie Wurzel fassen und wird von all den tausendmal tausend Jüngern der Hölle bis zum letzten Buchstaben verfolgt werden! Was nützt dann all solche himmlische Wahrheit?!
GEJ|1|168|7|0|Die Menschheit zum allergrößten Teile muß vertilgt, eine neue auf die Erde gesetzt und diese von der Wiege an in solcher Wahrheit erzogen werden, dann lassen sich Früchte erwarten, die für die Himmel taugen; aber wie die Menschheit jetzt bestellt ist, ist sie für die Hölle zu schlecht, geschweige für solche Wahrheiten aus den obersten Himmeln!
GEJ|1|168|8|0|Wenn Du auch die Absicht hast, eine kleine Gemeinde zu stiften, die in all dieser rein himmlischen Weisheit und Wahrheit bestehen und großwachsen soll, so wird sie sich doch allenthalben unter reißenden Wölfen befinden, die, wenn sie ihr schon geistig nichts werden anhaben können, sie irdisch unausgesetzt beunruhigen und ängstigen werden, und sie wird sich in ihrer Reinheit nie zu erheben imstande sein; und wer weiß es, außer Gott, wie nach längeren Zeitläufen die Nachkommen der reinen Gemeinde aussehen werden?!
GEJ|1|168|9|0|Menschen sind und bleiben Menschen, heute Engel, morgen Teufel, und es ist also auch den Besten nicht zu trauen!
GEJ|1|168|10|0|Jehova führte doch sichtbar die Kinder Israels aus Ägypten; sie sahen Ihn Tag und Nacht; in der Wüste, wo Er ihnen die Gesetze gab, ernährte Er sie wunderbar durch volle vierzig Jahre. Da regnete es von Wundern über Wunder! – Und man schlage nach in der Geschichte, mache einen Blick auf unsere gegenwärtigen Lebens-, Religions- und anderen Freundschaftsverhältnisse und schaue sich so die einstigen Gotteskinder an, und man wird keine Spur von dem mehr finden, was sie einst waren!
GEJ|1|168|11|0|Darum sage ich und behaupte fest, ohne darum Deiner Liebe und Weisheit nur im geringsten vorgreifen zu wollen: Es ist ewig schade um solche Deine Weisheit und solche Taten; denn die Menschen sind ihrer ewig nicht wert! Feuer und Schwefel vom Himmel, ja, dessen sind sie wert, aber ewig nimmer solch einer unermeßlichen Gnade! Ich rede nur hier also; denn da glaube ich, daß unser kein Verräter lauert. Kommen wir aber wieder hinab, so will ich schweigen wie ein Grab! Sage mir, o Herr und Meister, habe ich recht? Ist es so oder nicht?“
GEJ|1|168|12|0|Sage Ich: „Du hast irdisch genommen ganz recht; es ist also und wird auch also werden. Aber das alles kann und darf Mich nicht abhalten, der Welt die Wahrheit aus den Himmeln zu verkünden!
GEJ|1|168|13|0|Denn soll die Welt gerichtet werden, so muß ihr das zuvor gegeben werden, was sie in sich selbst richten wird und richten muß, nämlich: die Wahrheit aus den Himmeln, die nun durch Mich in diese Welt kommt und in dieser Welt, wenn auch allzeit verfolgt, bleiben wird.
GEJ|1|168|14|0|Deine Meinung ist gut und voll Rechtes der argen Welt gegenüber; aber zwischen Gott und den Menschen dieser Erde bestehen ganz außerordentliche Verhältnisse, von denen niemand weiß denn der Vater allein und der, dem es der Vater offenbart.
GEJ|1|168|15|0|Doch nun nichts weiter mehr von dem! Es wird nun schon Abend, – und es wird kalt auf dieser Höhe, darum wollen wir uns in das Innere der Hütten begeben! Es sei also!“
GEJ|1|169|1|1|169. - Der Neid um Feuer und Wärme in der Alphütte. Der alte Blinde, ein Nachkomme des Tobias. Ein Evangelium über das Lachen
GEJ|1|169|1|0|Nach solchen Unterredungen begeben wir uns alle in das Innere der großen Wohnhütte, und viele, besonders die Weiber und Mägde, machen sich ganz nahe ans Feuer und wärmen sich. Einige Juden aber, denen auch die Flammenwärme ganz gut zustatten gekommen wäre, ärgerten sich heimlich über die Weiber, daß diese ihnen nahe gänzlich die Flammen vertraten. Und es kamen einige Jünger zu Mir, sagten Mir das, beschwerten sich bei Mir darüber und murrten. Ich aber verwies ihnen solche Unart mit sanfter Rede.
GEJ|1|169|2|0|Bis auf einen waren alle beruhigt; aber einer, ein starrer Jude aus Kapernaum, murrte gleichfort und sagte: „Ei, was nützt da das Reden? Mich hat es schon draußen gefroren, daß ich es kaum mehr auszuhalten vermochte; jetzt, wo ich als ein alter Mann mich ein wenig erwärmen möchte, vertreten die Weiber mir das Feuer, und ich bin nahe ganz starr vor Kälte! Unten ist es ja inmitten des Winters nicht so kalt, als es gerade heute abend auf dieser Höhe geworden ist; und ich bin aber schon über siebzig Jahre und habe dazu noch von Natur aus ein kaltes Temperament! Ich will nicht unartig sein; sage Du daher den Weibern, daß sie mich zum Feuer lassen!“
GEJ|1|169|3|0|Sage Ich zum Alten: „Weißt du denn nicht, daß Ich dich auch ohne Feuer erwärmen könnte, so du Glauben hättest?“
GEJ|1|169|4|0|Sagt der Alte: „Ja, Herr, ich glaube! Denn ich habe von Dir viele Wunder gesehen, und so glaube ich denn auch alles, daß es geschieht, was Du sagst und willst.“
GEJ|1|169|5|0|Sage Ich: „So stelle dich zu jenen drei Männern, die aus der Höhe zu uns gekommen sind vor ein paar Tagen, und es wird dir sogleich warm werden!“
GEJ|1|169|6|0|Und der Alte tat das, und es ward ihm gleich so warm, daß er es am Ende vor lauter Wärme nicht mehr aushalten konnte und Mir dafür gar gewaltig zu danken anfing für solch eine Wohltat; aber da es ihm nun zu warm wäre, so möchte er nun sich etwas abkühlen; denn es sei ihm ein wenig zu warm.
GEJ|1|169|7|0|Ich aber sagte: „Tue, was du willst; Ich habe dich an die drei Männer ja nicht gebunden! Gehe hinaus, dort wird dir gleich kühl genug werden!“
GEJ|1|169|8|0|Und der Alte ging hinaus, stürzte aber bald mit einem großen Angstgeschrei in die Hütte und schrie: „Rette sich, wer sich retten kann! Der ganze Berg steht in Flammen, die sich dieser Hütte stets näher und näher ziehen! Um Jehovas willen, wir sind alle des Todes!“
GEJ|1|169|9|0|Als der Alte also jammert, kommt Kisjonah, der sich draußen schon auf eine Weile in Geschäften von uns entfernt hatte, und sagte zu Mir: „Herr, Du wirst es mir schon vergeben, daß ich Dir nach der Sitte meiner Alpenhirten eine kleine Feierlichkeit bereitet habe, indem Du nach Deiner Bestimmung heute den letzten Abend auf dieser Höhe verweilst. Meine Hirten haben Reisigbündel, die sie im Walde gesammelt haben, angezündet; und nun haben sie diese angezündet Dir zur Ehre und singen dabei frohe Lieder und Psalmen. Möchtest Du denn nicht einen Blick hinaus tun?“
GEJ|1|169|10|0|Sage Ich: „Oh, recht gerne; denn Ich habe dich überaus lieb!“ Und Ich erhob Mich und ging hinaus, und alle Jünger folgten Mir.
GEJ|1|169|11|0|Aber die Weiber belachten den alten Juden, daß er den ganzen Berg vorher in Flammen gesehen habe und darob einen solchen Lärm schlug, als ginge schon die ganze Welt zugrunde! Der Alte aber schämte sich ein wenig und ertrug nun ganz geduldig das Gelächter der Weiber.
GEJ|1|169|12|0|Ich aber verwies solche Unart den lustigen Weibern und bedrohte sie. Da baten die Weiber, unter denen die fünf Töchter des Kisjonah nicht waren – denn sie waren mit der Bereitung eines Abendmahles in der großen Herrnhütte beschäftigt –, Mich und den Alten um Vergebung und sagten, daß sie es durchaus nicht schlecht gemeint hätten.
GEJ|1|169|13|0|Der Alte vergab es ihnen auch sogleich von ganzem Herzen. Aber die drei Engel traten zu den Weibern und sagten: „Höret uns, ihr Weiber! Dieser Alte ist ein Abkömmling vom Tobias, der blind war, und den wir mit der Galle eines Fisches wieder sehend gemacht haben, und alle Abkömmlinge von diesem alten Tobias, der ein Totengräber war, haben im höheren Alter aus einem gewissen geheimen Grunde, den nur Gott und wir durch Ihn kennen, schwache Augen. Wir aber sagen euch, daß es eine grobe Sünde ist und ein leichtfertiges Herz zum Grunde hat, so jemand einen Blinden belacht, anstatt ihm die Hand zu reichen und ihn zu führen über Stege und holprige Wege. So ihr es nicht gewußt hättet, daß der Alte, der auch ,Tobias‘ heißt, blind mehr denn zur Hälfte ist, da hättet ihr nicht gesündigt; da ihr aber wohl gewußt habt, daß der Alte nur zur Hälfte sehend ist, und habt dennoch gelacht, so habt ihr gesündigt und verdient eine große Strafe; aber da er's euch auf eure Abbitte vergeben hat, so wollen auch wir euch vergeben.
GEJ|1|169|14|0|Aber wehe euch, so ihr je wieder irgend einen Bresthaften belachen möchtet! Sein Übel soll dann das eure werden!
GEJ|1|169|15|0|Überhaupt sollen die Menschen gar nicht oder nur höchst selten lachen; denn das Lachen rührt von der Erweckung schadenfroher Geister her, die im menschlichen Leibe stecken.
GEJ|1|169|16|0|Ein freundliches Verziehen der Gesichtsmuskeln, aus dem man den Ausdruck eines besonderen Wohlwollens erkennen kann, ist himmlisch; alles andere Lachen aber entstammt zuallermeist der Hölle. Denn die Teufel lachen allzeit, wenn ihnen ein böser Streich gelingt; in den Himmeln aber lacht nie jemand, sondern man ist nur stets voll des herzlichsten und freundlichsten Wohlwollens gegen alle noch so armselige Kreatur und voll Mitleidens mit jedem leidenden Bruder, der noch auf der Erde seine Zeit durchzumachen hat. Merket euch für alle Zukunft dieses!
GEJ|1|169|17|0|Wann die Menschen viel über die Schwächen ihrer Brüder werden zu lachen anfangen, dann wird der Glaube verschwinden gleich der Sonne nach dem Untergange, und es wird kalt werden die Liebe in der Menschen Herzen, wie nun diese Nacht kalt geworden ist, und da wird unter den Menschen eine Not sein, wie auf der Erde nie eine ähnliche bestanden hat!
GEJ|1|169|18|0|Merket euch diese Lehre aus den Himmeln! Strafet eure Kinder, so sie lachen; lieber höret sie weinen denn lachen! Denn das Lachen entsteht aus der Hölle, die allzeit voll des höhnischsten Lachens ist.
GEJ|1|169|19|0|Es gibt wohl Zustände, wo es aber nur den Männern zusteht, eine dumme Sache und eine eigensinnige Blödheit zu belachen, dann aber ist das Lachen eine wohlverdiente Strafe für den, der des Auslachens wert ist.
GEJ|1|169|20|0|So aber jemand nur zum Vergnügen lacht und Dinge, Begebnisse und lächerliche Reden aufsucht, damit er zum Lachen gereizt wird, der ist ein Narr! Denn nur eines Narren Herz kann zur Lache gereizt werden; ein jeder nur einigermaßen weise Mensch aber begreift gar leicht und bald des Lebens heiligen Ernst, und es wird ihm schwer in den Sinn kommen, daß er über etwas lache.
GEJ|1|169|21|0|Darum lachet in Zukunft nicht mehr und wendet ab euer Gesicht von Possenreißern und Komödianten, die sich zahlen lassen dafür, daß sie euch für die Hölle zurichten. Seid allzeit nüchternen Herzens, damit ihr das Wohlgefallen Gottes habt und damit die wahre Ehre!“
GEJ|1|169|22|0|Diese Rede machte einen großen Eindruck auf die Weiber, und sie machten ein Gelübde, in ihrem ganzen Leben nie wieder zu lachen.
GEJ|1|170|1|1|170. - Heilung des Tobias. Entsprechung dieser Heilung mit unserer Zeit. Das Abendmahl auf der Höhe
GEJ|1|170|1|0|Es hatte aber der Alte vernommen, was die drei Engel zu den Weibern geredet haben; da ging er hin und sagte: „Also habe ich vernommen, daß ihr genannt habt meines Urvaters Namen und habet an den Tag gelegt, daß euch nicht unbekannt ist mein Name; durch Gottes Gnade und Kraft, die in euch ist, gabt ihr dem toten Auge des alten Tobias Leben und Licht wieder.
GEJ|1|170|2|0|Sehet, ihr lieben und ewigen Freunde Gottes, ich stehe auf dem Punkte, völlig zu erblinden; auf dem einen Auge sehe ich bereits nichts mehr, und das andere fängt auch an, bedeutend schwachen Lichtes zu werden. Wie wäre es denn, so ihr mir das volle Licht meiner Augen wiedergäbet? Euch wäre so was ja doch leicht möglich! Erbarmet euch meiner!“
GEJ|1|170|3|0|Sagen die Engel: „Siehst du denn Den nicht, der vor dir mit dem Kisjonah die hochauflodernden Feuer betrachtet und die Gesänge und Psalmen der Hirten vernimmt? Nicht wir, sondern Der ist es, der dem alten Tobias das Licht seiner Augen wiedergab! Zu Ihm gehe; Er ist der Herr und kann tun, was Er will; Er allein kann dir das Licht deiner Augen wiedergeben! Wir aus uns selbst können und vermögen ebensowenig, als du vermagst aus dir selbst. Wir sind bloß Seine Diener und harren Seiner Winke.“
GEJ|1|170|4|0|Nach solchen Worten von seiten der drei Engel begibt sich der Alte zu Mir hin und bittet Mich um das Licht seiner Augen. – Sage Ich: „Du warst doch lange ein starrer Pharisäer und ein Lobpreiser des Tempels zu Jerusalem und hieltest Mich für einen Essäer, Magier und dergleichen mehr; wie kommt dir nun der Glaube?“
GEJ|1|170|5|0|Sagt der Alte: „Herr! Auch ich war zugegen in Kapernaum, wo Du des Obersten Jairus Tochter vom Tode zum Leben erweckt hast; schon damals kam mir der Glaube. Aber ich mußte noch mehr sehen und hören, damit da fester würde mein Glaube; und ich habe gesehen und gehört und glaube nun, daß Du, o Herr, alles vermagst, was Du willst. Wenn Du, o Herr, also mich nur heilen willst, so kannst Du es auch in aller Fülle!“
GEJ|1|170|6|0|Darauf sagte Ich denn zum Alten: „Es ist zwar etwas Ungereimtes, jemanden sehend zu machen zur Nachtzeit; aber wenn dein Glaube so stark ist, wie du sagst, so magst du ja wohl auch zur Nachtzeit sehend werden! Ich sage dir aber, daß nun geistig für alle Menschen Nacht ist und sie alle völlig blind sind, und es werden die Menschen nimmer am Tage, sondern in der Nacht sehend werden, und es wird da auch für viele aus ihrem Abend und Morgen ein erster Tag für bleibend hervorgehen. Und so denn werde du sehend in der Nacht!“
GEJ|1|170|7|0|Auf diese Worte ward der Alte sehend und bewunderte nun die einzelnen Feuer, wo er früher alles ineinander verschwommen und somit ein Feuer sah.
GEJ|1|170|8|0|Als er solch reines Sehlicht in seinen Augen gewahrte, da fiel er vor Mir nieder auf die Knie, konnte Mich nicht genug loben und preisen und war also glücklich über die Maßen.
GEJ|1|170|9|0|Ich aber sagte zu ihm: „Auch du hast Mein Gebot vernommen; darum schweige auch du von allem, was du hier gesehen und gehört hast, sonst begegnet dir, was Ich jedem angedroht habe!“ Darauf erhob sich der Alte und beteuerte, daß er schweigen werde wie ein Grab.
GEJ|1|170|10|0|Und es ward also alles gut und vollendet auf dieser Höhe. Und als die Feuer zu Ende brannten, kamen des Kisjonah Töchter und luden Mich und alle Anwesenden zum Abendmahle. Und wir gingen alle, verzehrten ein gutes Mahl und begaben uns darauf zur Ruhe.
GEJ|1|171|1|1|171. - Die Pharisäer unter sich. Des Pharisäers Rhiba Vorschlag, Jesus bloß um des Friedens Willen zu töten
GEJ|1|171|1|0|Die Pharisäer, die da besserer Art und nun auch gläubig geworden waren, aber natürlich so und so, einige mehr und einige weniger, bei dreißig an der Zahl, gingen in eine eigene Hütte und besprachen sich da nahe die ganze Nacht hindurch, was sie nunmehr tun sollten.
GEJ|1|171|2|0|Da war einer unter ihnen, der hieß Rhiba; der war ein – wie man sagt – Feiner. Dieser nahm, als alle zusammen lange nichts Entschiedenes herausbrachten, das Wort und sprach: „Meine Brüder, ihr habt jetzt sicher bei zwei Stunden Worte gewechselt und seid dadurch nicht um ein Haarbreit weiter gekommen in euren Beschlüssen. Ihr kennet mich und wisset es schon lange, daß eben ich in solchen kritischen Fällen den Nagel auf den Kopf getroffen habe, und ich meine nun, nachdem ich alles scharf prüfend angehört und angesehen habe, was da geredet und verrichtet wurde, daß ich auch hier nicht neben den Nagel einen leeren Hieb tun werde. Und so höret mich!
GEJ|1|171|3|0|Es ist durchaus wahr und nicht zu leugnen, daß dieser Mensch, der aus Nazareth eines Zimmermanns Sohn ist, Dinge und Werke verrichtet, die außer Gott nahe niemandem möglich sein dürften; kurz, wer da nur einigermaßen schwach ist und keinen Scharfblick hat, muß ohne weiteres breitgeschlagen werden und diesen Nazaräer für wenigstens einen Halbgott nach griechischer Weise halten. Es hat sogar bei mir durchaus nicht viel gefehlt, in solchen Glauben überzugehen; denn die Erscheinungen auf der Vollhöhe dieses Gebirges waren im vollsten Ernste von so außerordentlicher Art, daß sie zu Mosis und Elias' Zeiten nicht außerordentlicher sein konnten.
GEJ|1|171|4|0|Aber für meinen ganz geheimen Scharfblick sind denn doch Dinge mit untergelaufen, die mir die Decke von den Augen nahmen, und ich nun recht gut und genau weiß, wie ich daran bin. Habt ihr nicht bemerkt die Männer, die auf der Vollhöhe als Engel zu uns gekommen sind?“ – Wird allseitig bejaht. – „Wißt ihr aber auch, wer und woher sie sind?“ – Wird verneint. – „Ich will euch hier die Augen öffnen! Sehet und höret:
GEJ|1|171|5|0|Es wird euch nicht unbekannt sein, daß der Nazaräische Zimmermann namens Joseph, der allzeit im Rufe stand, daß er Kenntnisse in der ägyptischen und persischen Magie besitze, zugleich ein Nachkomme Davids in gerader Linie ist und sich dann und wann auch den Beinamen ,Davids Sohn‘ gab. Der Vater Josephs, der Eli hieß, auch ein Zimmermann von sonst gänzlich unbescholtenem Charakter, hatte im geheimen dennoch dahin sein Hauptaugenmerk gerichtet, seinen Stamm wieder auf den Thron von Judäa und dem ganzen Gelobten Lande zu bringen. Er ließ seinen Sohn Joseph unter dem Deckmantel, daß dieser sich in der Baukunst recht ausbilde, nach Persien und vielleicht gar nach Indien reisen unter guter Gesellschaft, aber nicht der Baukunst, sondern der außerordentlichen Magie wegen, damit Joseph dann im Besitze solcher Wissenschaft und Kunst alle Menschen blende und sich als ein von Gott gesandtes Wesen dann auf den Thron von Juden und Römern zugleich heben ließe. Denn da wäre es mit den sehr vergötterungssüchtigen Römern leichter zu handeln als mit den Juden. Nur müßte Joseph nebst seiner geheimen Kunst äußerlich ein strenger Jude sein und ohne Makel vor dem Gesetze, auf daß dann auch selbst die Hohenpriester nichts wider ihn haben könnten! Joseph kam nach mehreren Jahren von seinen Reisen zurück, besaß nun wohl die Kunst, aber keine Mittel und Gelegenheiten, sie ins Werk setzen zu können. Es fehlte ihm, wie mir alte Leute erzählt haben, auch der Mut dazu, hauptsächlich aber die Rednergabe; denn da war er sehr schwach und darum sehr einsilbig. Eli sah, daß er sich in seiner Rechnung geirrt hatte, und ließ dann seinen Sohn Joseph, der für den Thron gar kein Geschick zeigte, nur sein bekanntes Handwerk treiben. Als Eli starb, so hatte er den Sohn Joseph wohl gesegnet, sagte aber ganz weise, daß Joseph für seine Kinder zu dem bewußten Zwecke nichts mehr tun solle, denn es schaue da nichts mehr heraus. Und so hatte Joseph für die Kinder, die er mit dem ersten Weibe hatte, auch gar nichts getan.
GEJ|1|171|6|0|Als aber das erste Weib ihm gestorben ist und er durch ein glückliches Los, das er sich höchstwahrscheinlich durch seine in Persien erlernte Magie verschaffte, die schöne junge Maria aus dem Tempel zur Obhut überkam, die auch aus dem Stamme Davids war, so fing die Königsidee in Joseph wieder an wach zu werden; er schwängerte Mariam, damals ein kaum vierzehnjähriges Mädchen, das erst später sein Weib ward, was ihm freilich in Jerusalem große Unannehmlichkeiten bereitet hatte, aus denen er sich jedoch durch Geld und Magie rettete und zugleich Mariam nach dem Rate eines guten Freundes in Jerusalem zum Weibe nahm.
GEJ|1|171|7|0|Es sollen zwar die noch lebenden und sehr wohlhabenden Eltern der Maria in Jerusalem, ein gewisser Joachim und Anna, mit solcher Ehe nicht sehr einverstanden gewesen sein; aber der Joseph hatte einen mächtigen Freund im Tempel, den alten Simeon und besonders den Zacharias, und so ging die Sache dennoch ohne weiteren Anstand vor sich, und Maria ward Josephs rechtmäßiges Weib, womit auch ihre Eltern einverstanden sein mußten.
GEJ|1|171|8|0|Joseph, ganz besonders durch Maria, die er sehr liebte, aufgemuntert, wendete nun alles an, um mit dem Kinde, das noch nicht geboren war, so es ein Knabe werde, – was Joseph als ein in derlei Dingen wohlbewanderter Mann mit vieler Bestimmtheit im voraus wußte, – alles mögliche für den bestimmten Zweck aufzubieten, wozu ihm nun auch die nicht unbedeutenden Mittel seiner Schwiegereltern gute Dienste leisten mochten.
GEJ|1|171|9|0|Etliche Wochen vor der Entbindung sandte er geheim Boten nach Persien und ließ die drei Weisen zu sich bitten, mit denen er in seiner Jugend Bekanntschaft gemacht hatte. Diese kamen auch nach Nazareth; und da zu derselben Zeit Kaiser Augustus für ganz Judäa die Volksbeschreibung in Bethlehem angeordnet hatte, so waren zu der Zeit Joseph und Maria samt den Kindern Josephs eben auch nach Bethlehem hinaufgezogen, um sich dort beschreiben zu lassen.
GEJ|1|171|10|0|Die in Nazareth angekommenen drei Weisen samt ihrer großen und glänzenden Dienerschaft wußten nun nicht, wohin sie sich wenden sollten, zogen hinauf nach Jerusalem und erkundigten sich unglücklicherweise beim alten Herodes nach dem neugeborenen König von Israel und gossen da Öl ins Feuer! Natürlich konnte ihnen da Herodes keinen andern Bescheid geben, als erstens, daß ihm so was ganz fremd sei, und zweitens, daß, so da etwas an der Sache sei, diese Familie so wie viele tausend andere nun der vom Kaiser angeordneten Beschreibung wegen sicher in Bethlehem sich befinden dürfte. Auf solche Nachricht eilten die drei Weisen sogleich nach Bethlehem und fanden dort, was sie suchten.
GEJ|1|171|11|0|Daß es da an magischen Erscheinungen, durch die selbst die Römer breitgeschlagen wurden, nicht gemangelt hat, läßt sich leicht denken, ansonst der alte Herodes nicht den Kindermord befohlen hätte. Diese Magier haben dem Kinde für eine rechte Ausbildung auch große Schätze, wennschon nicht ganz geschenkt, so doch in Rücksicht dessen geborgt, bis das Kind König werde und dann das Entliehene nach Persien abstatte.
GEJ|1|171|12|0|Darum haben dann eben jene drei Magier das neugeborene Kind nicht mehr aus den Augen gelassen, sorgten für dessen vollendete magische Ausbildung bis zur Stunde und kamen jetzt auch wieder unter dem Scheine dreier Engel aus den Himmeln und helfen dem Jesus seine Wunderwerke ausführen und das Volk, das da blind ist und nichts weiß von alledem, was im geheimen geschieht, zu blenden durch allerlei weise Predigten und wunderbare Taten.
GEJ|1|171|13|0|Aber uns, die wir in alle derlei Mysterien eingeweiht sind, können die Augen nimmer geblendet werden, und es ist daher unsere heiligste Pflicht, diesen Menschen auf allen Wegen und Stegen zu beobachten und da, wo er zu weit will, ihm geschwinde einen Riegel vorzuschieben.
GEJ|1|171|14|0|Das Schlimmste wäre, wenn er die Römer auf seine Seite bekäme; da wäre es dann mit aller unserer Mühe rein aus! Daher müssen wir denn auch das sorgfältigst zu verhindern suchen, sonst wächst er uns im vollsten Ernste über die Köpfe himmelhoch hinaus! Ist er einmal oben, dann werden wir ihn nicht mehr herabzuziehen imstande sein! – Was sagt ihr dazu?“
GEJ|1|171|15|0|Die anderen sagen: „Du kannst ganz recht haben; aber so sich die Sache am Ende doch anders verhielte, was sicher auch sein kann, was dann mit uns?“
GEJ|1|171|16|0|Spricht Rhiba: „Das ist eine Frage, die man in dieser Sache gar nicht stellen kann! Ist er mehr, oder kann er mehr sein als ein Mensch? Wer ist denn unter uns gleich den Heiden, die da nicht wissen, was und wer Gott ist, und daher sowohl ausgezeichnete Menschen, wie auch sogar manche besonderen Tiere für Götter halten, verehren und anbeten?
GEJ|1|171|17|0|Ist dieser Nazaräer denn mehr als ein überaus ausgezeichneter Mensch, ein Genie, unübertrefflich in seiner Art und Weise?
GEJ|1|171|18|0|Würde er das verbleiben wollen, was er ist, und ausüben seine Kunst zum Wohle der Menschen und sie auch belehren in manchen Stücken, in denen die Menschen blind sind und wenig oder gar keine Einsicht haben, so hätte er einen unersetzlichen Wert, und das Land wäre zu beneiden, das ihn zu seinen Bewohnern zählte. Aber so juckt ihn Davids Thron, Krone und Zepter, und das macht ihn verächtlich bei allen echten und reinen Juden, die noch den alten Geist haben, alle Erscheinungen im Menschenleben beim rechten Lichte und Verstande zu nehmen und zu erfassen und nicht so leicht wie halbheidnische Zöllner und Sünder hinters Licht geführt werden können!
GEJ|1|171|19|0|Was nützt es denn auch der Menschheit, durch derlei blendende Lehren in verschiedene Sekten getrennt zu werden, die einander dann bloß des verschiedenen Glaubens wegen hassen – mehr denn der Wälder wilde reißende Tiere?! Die beim alten Glauben sind, hassen die Ungläubigen, und diese die Altgläubigen, und so bewirkt solch eine Religion allzeit gerade das Gegenteil von dem, was sie predigt; statt Freundschaft, Liebe und Frieden bewirkt sie die oft unversöhnlichste Feindschaft, Haß und den wütendsten Krieg! Und das sind die stets gleichen Früchte von allen Religionserneuerungen auf der Erde gewesen! Wenn aber die Früchte, wie es die Erfahrung aller Zeiten lehrt, nach solchen Begebnissen stets dieselben sind, so ist es ja für uns aufgeklärte Menschen und Leiter der Völker eine unerläßliche Hauptpflicht, solchen Erneuerern frühzeitig den Weg abzustechen, auf dem Tausenden Untergang und Verderben droht. Ist es denn nicht besser, daß da ein solcher herrschieriger Magier aus der Welt geschafft wird, als daß dann in kurzer Zeit viele Tausende, durch einen solchen Sonderling verleitet, über die scharfe Klinge zugrunde gehen müssen?!“
GEJ|1|172|1|1|172. - Gegenrede des geheilten Tobias (Pharisäer). Sein Zeugnis von Jesus, Seiner heiligen Lehre und Seinen göttlichen Taten
GEJ|1|172|1|0|Sagt ein anderer: „Du hast nicht unrecht, so wir diese Sache vom rein diesweltlichen Standpunkte aus betrachten; aber so es nach dem Tode für die Seele des Menschen noch ein Leben gibt, das ich noch nie bezweifelt habe, da haben alle diese weltlichen Rücksichten und Beziehungen durchaus keinen Wert, und da ist dieser Jesus eine Sonne für die Nacht des menschlichen Geistes und zeigt uns den rechten Weg, auf dem wir schon in unseren Leibern in das große Jenseits schauen können und nehmen aus dem Vaterhause die herrliche Kost zum ewigen Leben!
GEJ|1|172|2|0|Und solches lehrt er und will es den blinden Menschen zeigen, wie die Luft ohne weiteres Zutun Brot und Wein, also eine wahre Kost, aus den Himmeln bieten und geben kann und muß, wie wir solches vor ein paar Tagen auf der Höhe alle gesehen und davon gegessen und getrunken haben!
GEJ|1|172|3|0|Daß die alte Nacht stets mit dem werdenden Tage in einen Kampf kommt und kommen muß, das lehrt uns nicht nur die Geschichte der Menschen, sondern auch die ganze Natur der Dinge, wie sie täglich vor unseren Augen geschehen und vor sich gehen; aber das ist eben also Gottes Ordnung, Zulassung und Wille, gegen den noch nie irgend eine Weltmacht etwas ausgerichtet hat.
GEJ|1|172|4|0|Was willst du denn machen, so dieser von Gott sicher allerdurchgeistigste Jesus dich mit seinen Gedanken ergriffe und dich völlig zunichte machen würde? Welche Opposition würdest du ihm dann bieten?
GEJ|1|172|5|0|Höre Du! Ein Mensch, dem Winde und Meere, alle bösen und guten Geister auf einen Wink gehorchen, – ein Mensch, der die Toten wieder ins Leben ruft und jede noch so veraltete und böse Krankheit ohne Arznei, bloß durch seinen Willen heilt, dürfte wohl etwas mehr sein als nur ein Genie im Fache der Magie! Hast du doch samt mir oft Magier gesehen und beobachtet, wie diese mit lauter Zauberzeichen, Zaubersprüchen, Amuletten und Zauberstäben umlagert sind und machen allzeit ein ungeheures Wesen aus jeder Kleinigkeit, die sie bewirken.
GEJ|1|172|6|0|Dieser Jesus aber hat weder ein Amulett, noch was anderes zur Zauberei Gehöriges, auch keine Wundersalben, keine gewissen Kräuter und Wurzeln und ist durchaus kein verschlossener, mystischer und von seiner Eigenschaft großrednerischer, sondern ein ganz offener, gutmütigster und überaus zuvorkommend artiger Menschenfreund und selbst Mensch im vollendetst vollkommenen Sinne.
GEJ|1|172|7|0|Er ist kein Kopfhänger, sondern stets voll guter Laune, und seine Worte fließen wie Honig und Milch; und doch geschieht bei all seiner Schlichtheit alles auf die allerwunderbarste Weise, was er nur immer will! Ich bin überfest überzeugt, daß er eine neue Erde ganz leicht bloß durch seinen Willen erschaffen könnte? Ich kenne ihn schon nahe von seiner Geburt an und kann dir sagen, daß er schon als Knäblein von wenigen Jahren dasselbe verrichtete, was er nun als Mann vor uns verrichtet!
GEJ|1|172|8|0|So vor uns aber ein Mensch Taten verrichtet, die nur Gott allein möglich sind, was soll mich da denn hernach noch hindern, solch einen Menschen für Gott zu halten?
GEJ|1|172|9|0|Ich bin von Geburt aus ein Galiläer und nun schon über siebzig Jahre alt, übe das Priesteramt über vierzig Jahre und habe seit dreißig Jahren ein höchst schwaches Gesicht gehabt, war bereits auf einem Auge ganz blind und sah mit dem andern Auge alles verschwommen und unrein. Von wie vielen Ärzten, die aus allen Weltgegenden nach Kapernaum kamen und sich in ihrer Kunst nahe als überirdische Wesen ausgaben, Schlangen und wilde Tiere bändigten, den Vögeln die Köpfe abschnitten und solche in einem Augenblick an den Hals heilten, kurz, wahre Mirakel wirkten, habe ich für meine Augen um teures Geld Mittel genommen und sie genau nach Vorschrift gebraucht; aber es half nichts!
GEJ|1|172|10|0|Vor ein paar Stunden, gleich nach dem Abendmahle, half er mir durch ein Wort ohne alle Mittel so, daß ich nun auf beiden Augen so gut und rein sehe, wie vielleicht keiner aus euch!
GEJ|1|172|11|0|Schlaget nach in der Geschichte, ob je ein Mensch, mit solcher Wunderkraft und Macht ausgerüstet, die Erde betreten hat! Moses hat wohl vieles getan durch die Macht Gottes, die ihm verliehen war durch die Macht seines Glaubens, wie einst dem Abraham die große Verheißung! Aber wie klein sind die Wundertaten Mosis gegen diese, die nun vor unseren Augen dieser Jesus wirket!
GEJ|1|172|12|0|Und ihr haltet förmlich Rat, wie ihr ihn aus dem Wege räumen könntet! Pfui! Das ist schmählich von euch, und ihr verdienet, mit der schwersten Zuchtrute Gottes für ewig aufs schärfste gezüchtigt zu werden!
GEJ|1|172|13|0|Wahrlich, an diesem Jesus scheint das in die vollste Erfüllung zu gehen, was der große Prophet Jesajas von dem erhabensten Knechte Gottes geweissagt hat, indem er sprach:
GEJ|1|172|14|0|,Siehe, das ist Mein Knecht, den Ich erwählt habe, und der Mein Liebster ist, an dem Meine Seele ein rechtes Wohlgefallen hat; Ich will Meinen Geist auf Ihn legen, und Er soll den Heiden das Gericht verkünden! Er wird nicht schreien und zanken, und man wird Sein Geschrei nicht hören auf den Gassen. Das zerstoßene Rohr wird Er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen, bis daß Er ausführe das Gericht zum Siege und die Heiden hoffen werden auf Seinen Namen!‘ (Jes.42,12)
GEJ|1|172|15|0|Wenn Er Krone und Zepter wollte, beim Himmel, Er hätte Macht zur Übergenüge dazu! Denn so Er Seine Jünger von allen Weltgegenden her im Augenblick durch die Luft, durch Seine unsichtbaren Diener kann zusammentragen lassen, das wir mit höchst eigenen Augen gesehen haben, so könnte Er auch ebensogut alle Herrscher auf dieser Erde zusammentragen lassen und ihnen ganz einfach erklärend sagen: ,Ich bin der Herr, und ihr alle habt für ewig zu herrschen aufgehört! Wollt ihr Meine Knechte sein, so möget ihr bei Mir verbleiben; wollt ihr aber das nicht, so weichet von Mir und verderbet!‘
GEJ|1|172|16|0|Aber Er, der im vollsten Sinne allmächtig ist, hat uns alle sogar bedroht, so wir von all dem, was sich hier zutrug, eine Silbe erzählten in der Tiefe unten! Er sucht also der Welt Ruhm und Ansehen durchaus nicht, sondern allein nur die geistige Veredlung und Vollendung der Menschen. Er will also nur einen geistigen Staat unter den Menschen gründen und sie, die nicht mehr wissen, von wannen sie sind, wieder ins verlorene Paradies zurückführen! Und darum sollten wir Ihn, so es möglich wäre, aus dieser schlechten Welt schaffen wollen? Nie und nimmermehr! Verflucht sei, der in seiner Brust solchen Gedanken Raum schafft!
GEJ|1|172|17|0|Nie hat die Erde einen größern Menschenfreund getragen, nie einen, der uneigennütziger wäre, als Er es ist, – und ihr wollt eure Hände an Ihn legen? Fraget euch selbst, wessen Geistes Kinder ihr seid, und der Satan, in eurer Brust wohnhaft, wird es euch sagen und wird euch antworten: ,Ich bin euer Vater!‘
GEJ|1|172|18|0|Wie soll denn euer Messias aussehen? Etwa so wie ihr? Oder soll Er als ein tausendfacher Simson auftreten und mit des Simsons Waffe sogleich mit einem Hiebe die Menschen zu Millionen erschlagen und dann nicht Sich, sondern euch auf den Herrscherstuhl setzen, Sich dann von euch strengst beherrschen lassen und euch abgeben einen Lastesel, ein Kamel, einen Wachhund, einen kämpfenden Löwen in der Wüste gegen eure Feinde, einen Adler, der mit seinen scharfen Augen von der Höhe herab verkünde, von wannen ein Feind sich euch nahe, auf daß ihr in vollster Ruhe den Raub von der ganzen Erde verzehren könntet und geilen mit den zartesten und schönsten Jungfrauen der ganzen Erde?! Das wäre ein rechter Messias für euch!
GEJ|1|172|19|0|Ihr wollt Herren sein, und der Messias soll euer Knecht sein! So möchtet ihr wohl einen Messias haben! Aber daß ihr zum Messias sagen müsset ,Herr!‘, das schmeckt euch nicht, und darum möchtet ihr Ihn aus dem Wege räumen!
GEJ|1|172|20|0|Sehet und fraget eure Herzen, ob es nicht buchstäblich mit euch also aussieht, und eure Herzen werden euch mit einem lauten ,Ja‘ antworten!
GEJ|1|172|21|0|Sollte ich aber unrecht geredet haben, dann saget es mir, wie denn euer Messias aussehen und welche Eigenschaften er haben soll!
GEJ|1|172|22|0|Eine Schande ist es für uns, die wir uns Kinder des Allerhöchsten nennen, und die Heiden, Zöllner und Sünder kommen uns zuvor in allen Dingen! Die Griechen, Römer, Ägypter, Perser, Assyrer und beinahe alle uns als Heiden bekannte Völker haben aus Dankbarkeit gegen ihre Götzen die großen weisen Männer vergöttert, da sie meinten, solche Männer seien ihnen von ihren Göttern aus Gnaden gegeben worden, und sie erwiesen ihnen eine göttliche Verehrung, erbauten ihnen Tempel und heiligten den Ort, wo ein solcher Weiser gewohnt hatte. Man hat sehr wenig Beispiele, daß sich die gottlosen Heiden gegen solche ihre Weisen grausam erwiesen hätten.
GEJ|1|172|23|0|Wir Juden aber, die wir den Namen ,Volk Gottes‘ führen, haben eine große Zahl unserer von Gott an uns gesandten Propheten gesteinigt und über sie geflucht und wagen es noch immer, uns ,Kinder Gottes‘ zu nennen!
GEJ|1|172|24|0|Elias, einer der größten und mächtigsten Propheten, hat nahe bis ans Ende der Welt fliehen müssen, um sich vor der Wut der ,Kinder Gottes‘ und der Wut ihrer Nachbarn zu retten. Das sind schöne ,Kinder Gottes‘!
GEJ|1|172|25|0|Wir sind es, die wir die Boten Gottes gesteinigt haben und möchten nun auch diesen guten Jesus aus der Welt schaffen, so es möglich wäre! Aber dafür wird etwa aus den Himmeln wohl gesorgt sein! Sollte jedoch so was möglich werden – denn Gott läßt den argen Menschen auch die böseste Tat begehen, auf daß sein Maß für die Hölle voll werde –, dann prophezeie ich euch den ewigen Fluch über alle die Juden, daß sie auf Erden nimmer eine Heimat haben sollen, und ihr Name, vor dem sich sogar die Heiden gebeugt haben, wird den Menschen zum Ekel werden!
GEJ|1|172|26|0|So wahr Gott lebt, so wahr auch wird das geschehen! Und solcher unser Frevel wird eine nimmer endende Vergeltung finden in der Hölle! Merket euch's wohl, daß ich als ein Pharisäer euch solches gesagt habe!“
GEJ|1|173|1|1|173. - Die Pharisäer wollen den alten Tobias steinigen. Die Engel schützen Tobias
GEJ|1|173|1|0|Einige nahmen das an, was nun dieser alte Mann, der, wie schon bekanntgegeben, Tobias hieß, geredet hatte; aber der größere Teil war darüber also erbost, daß er seine Kleider zerreißen wollte und hernach steinigen den alten Tobias und alle, die mit ihm hielten.
GEJ|1|173|2|0|Aber der alte Tobias sprach: „O führet euer Vorhaben nur aus an uns, die wir euch ein stechender Dorn in euren Augen geworden sind! Die drei Engel, die noch hier sind, werden euch für solche eure löbliche Mühe auch einen löblichen Lohn in der Hölle anweisen, und die Teufel werden den begonnenen Riß in euren Röcken vollenden!“
GEJ|1|173|3|0|Als Tobias solche energischen Worte zu seinen wütenden Kollegen ausgesprochen hatte und diese Steine zu suchen begannen, traten die drei Engel in die Hütte, und ihre Gesichter leuchteten wie die Sonne.
GEJ|1|173|4|0|Als die Widerspenstigen solches ersahen, ergriff sie eine große Furcht, und sie fielen auf ihre Angesichter und baten heulend vor Angst die drei um Vergebung.
GEJ|1|173|5|0|Diese aber sprachen: „So ihr derer Feinde seid, die von Gottes Geist getrieben und gezogen werden, – wer sind dann eure Freunde? Wir sagen es euch ins Angesicht: Das sind die Teufel! Darum bekehret euch, sonst sollet ihr die Macht des Allerhöchsten verkosten!“
GEJ|1|173|6|0|Schreien die vor Todesangst Bebenden: „Was sollen wir tun?“ Sagen die drei: „Demütig sein und glauben dem wahren, einigen Sohne Gottes, dessen Seele Eines ist mit dem Vater! Denn der Vater ist in Ihm, und nicht außer Ihm!“ – Nach solchen Worten verschwinden die drei Engel, und die Pharisäer fangen an, sich wieder aufzurichten und stehen völlig ab von ihrem überaus argen Vorhaben.
GEJ|1|173|7|0|Der Tobias aber fragt sie nun und sagt: „Nun, wie ist es, was wollt ihr tun? Wo sind die verfluchten Steine? Warum vergriffet ihr euch denn nun nicht an den dreien, die ihr früher noch für die verkappten drei Magier aus Persien hieltet?“
GEJ|1|173|8|0|Sagen die gewaltigst Betroffenen: „Du weißt ja doch, daß wir die Satzungen Mosis halten müssen, auf die wir beim Himmel und beim Tempel geschworen haben! So aber dieser Jesus nun überall das Gegenteil lehrt und tut, wie soll es uns denn so leicht möglich sein, unsern Eid für diese nahe ganz antimosaische Lehre zu vertauschen? Aber wir wollen nachdenken und sehen, was da zu machen sein wird! Wir sagen nun weder ja noch nein; denn es steht geschrieben, daß aus Galiläa nie ein Prophet erstehen soll! Und somit ist diese Sache, so wunderbar in ihrer einzigen Art sie auch ist, dennoch immer mit sehr vielen Bedenklichkeiten verbunden!“
GEJ|1|173|9|0|Sagt Tobias: „Das ist zwar richtig, daß aus Galiläa kein Prophet erstehen soll; aber ich frage, ob es auch geschrieben steht, daß aus Galiläa der Messias nicht erstehen soll! Von dem steht meines Wissens nirgends etwas! Und es ist in bezug auf den kommenden Messias auch nirgends ein Ort besonders angezeigt, wo der Messias erstehen soll! Wenn nach der Schrift immerhin Galiläa keinen Propheten geben soll, so kann es doch ganz gut den Messias geben! Denn zwischen einem Propheten und dem Messias wird etwa doch wohl ein unendlicher Unterschied sein?!“ Sagen die Betroffenen: „Da hast du recht; darum wollen wir darüber viel nachdenken.“
GEJ|1|173|10|0|Sagt ein anderer Pharisäer im Hintergrunde, der der ganzen, lang andauernden Verhandlung ganz ruhig zugehört hatte, ohne sich inzwischen irgendeiner Meinung entäußert zu haben: „Freunde und Brüder! Um dieser höchst wunderbaren Sache auf den Grund zu kommen, dazu gehört ein völlig nüchterner und unschläfriger Gemütszustand; wir aber sind alle mehr oder weniger betrunken vom Abendmahle her und sind dazu noch voll Schlafes! Wie möglich können und wollen wir da sonach über eine so wunderbare und dabei doch keineswegs unwichtige und ernstlose Sache ein gültiges Urteil aussprechen?
GEJ|1|173|11|0|Deshalb denke ich nun, daß wir ein wenig schlafen und morgen die weitere und sicher weisere Verhandlung fortsetzen sollten! Denn wie es mir vorkommt, so fängt es ohnehin schon an zu dämmern, und der Morgen wird nicht lange mehr auf sich warten lassen; daher sollten wir dem Sabbat doch wenigstens in der geziemenden Ruhe entgegengehen, nicht aber im Streite unserer Meinungen und Ansichten!
GEJ|1|173|12|0|Die große Schar der Jesusanhänger fängt schon an sich zu rühren, wie es mir vorkommt! Wir wollen oder sollen sie beobachten, – wie aber, wenn wir voll Schlafes sind und sie uns etwa früher abgehen, als wir erwachen werden, wenn wir nun nötigerweise nur ein wenig einschlafen?!“
GEJ|1|173|13|0|Fällt ihm ein anderer in die Rede und sagt: „Da ist leicht geholfen; wir stellen eine Wache auf!“ Sagt der früher Redende: „Wen? Etwa dich oder jemand andern, der so gut wie du und ich voll Schlafs ist und als Wache so gut einschlafen wird als wir beide?!“
GEJ|1|173|14|0|Sagt ein dritter: „Mit dem Schlafen wird es sich durchaus nicht mehr tun; denn die andern fangen schon an, sich zur Abreise anzuschicken; daher wird uns wohl auch nichts übrigbleiben, als solchem ihrem Beispiele zu folgen. Denn der Weg hinab in die Ebene ist gedehnt, und wir werden bis zum Aufgange noch lange nicht im Dorfe sein!“
GEJ|1|173|15|0|Sagt ein vierter: „Na, nun ist auch der Meister Jesus vor der Hütte und macht Anstalt zur Abreise; es wird uns daher wohl nichts übrigbleiben, als ebenfalls schleunigst aufzubrechen?“
GEJ|1|173|16|0|Sagt der erste: „Na, da haben wir's! Wie ich's ehedem mir gedacht habe, gerade also ist es nun. Das wird eine schöne Reise werden – ohne Schlaf und dazu noch ganz weinberauscht vom gestrigen Abendmahle!“
GEJ|1|173|17|0|Sagen mehrere: „Je nun, es ist nun einmal nicht mehr anders möglich! Sie, die ausgeruht haben, werden auf uns sicher nicht warten! Daher auf! Schlafen wollen wir hernach unten im Dorfe.“ Nun erheben sich alle und begeben sich schnell ins Freie hinaus.
GEJ|1|173|18|0|Als die Pharisäer bereits alle reisefertig sind, Ich aber die Reise ins Tal hinab noch nicht sogleich beginne, werden sie unwillig bis auf wenige und fragen Mich, ob Ich denn noch nicht abziehen wolle.
GEJ|1|173|19|0|Ich aber sage ihnen: „Ich bin ein Herr und tue, was Ich will, und es hat Mich niemand zu fragen: ,Warum also?‘ So aber das jemandem unangenehm fällt also, wie Ich es will für Mich und für die Meinen, der tue, was er will; denn Ich binde niemanden! Will jemand gehen, – nun, so gehe er! Will aber jemand warten, – nun, so warte er in aller Geduld! Vor dem Aufgange werde Ich nicht weiterziehen und werde zuvor noch ein Morgenmahl zu Mir nehmen; denn der Weg ist weit und beschwerlich.“
GEJ|1|173|20|0|Sagen die Pharisäer: „So können wir noch eine kurze Weile uns zur Ruhe begeben?“ Sage Ich: „Ganz sicher! Denn des Lichtes eurer Augen bedarf die Erde nicht bei dem Aufgange, wohl aber des Lichtes Meiner Augen, auf daß es Licht werde in der Tiefe!“
GEJ|1|173|21|0|Sagen die Pharisäer unter sich: „Das verstehe, wer es kann und mag; wir verstehen es nicht!“
GEJ|1|173|22|0|Sagt der alte Tobias: „Ich verstehe es schon und bleibe darum auch hier in der Freie; vielleicht wird auch in meiner Tiefe eine Helle erstehen.“
GEJ|1|173|23|0|Sagen die andern: „Tue du alter Kauz, was du willst; wir aber gehen wieder in die Hütte und werden noch ein wenig schlafen.“ Mit diesen Worten begeben sich alle schnell in die Hütte und werfen sich daselbst auf ihre Lager.
GEJ|1|173|24|0|Tobias aber geht ganz ehrfurchtsvoll zu Mir her und will Mir alles kundtun, was sich in seiner Hütte die Nacht hindurch zugetragen hat. Ich aber vertröste ihn und sage: „Ich weiß um alles! Und wüßte Ich's nicht, wie möglich hätte Ich dir zur rechten Zeit eine Hilfe zu senden vermocht?! Laß daher nun alles gut sein! Denn wer sich vor der Zeit erhebt wider Mich, der soll hart wider den Stachel zu löcken haben! Darum sei ohne Furcht! Denn fürderhin soll dir nichts Widerwärtiges mehr begegnen!
GEJ|1|173|25|0|Gehen wir aber nun ein wenig höher hinauf, und zwar auf jenen Hügel gen Morgen hin; von dort aus werden wir die Herrlichkeit eines schönsten Aufganges zu sehen bekommen; und so was stärkt die Seele wie auch des Leibes Glieder und erheitert das Herz und die Nieren.“
GEJ|1|173|26|0|Auf solch Wörtlein begibt sich nun alles mit Mir hinauf auf den Alpenhügel und erwartet sehnsuchtsvoll den Aufgang der Sonne, der auch nicht mehr gar zu lange auf sich warten ließ.
GEJ|1|174|1|1|174. - Der herrliche Sonnenaufgang. Die gute und schöne Rede des Tobias. Des Herrn Lebenswinke an denselben. Verhaltensregeln für Richter und Gesetzgeber
GEJ|1|174|1|0|Als nach etwa einer Stunde solcher Sonnenaufgang in einer kaum beschreiblichen Pracht und Majestät erfolgte, da wurden alle vollauf erbaut und bis zu Tränen gerührt und sangen Psalmen zur Ehre Dessen, der solches alles so wundervoll, gut und herrlich erschaffen hat.
GEJ|1|174|2|0|Nach solch einer feierlichen Morgenstunde sagte der alte Tobias: „O Herr! Das ist ein anderer Tempel als der zu Jerusalem, der stets ist voll Unrates und Unflates! Wie oft habe ich in meinem Leben Psalter auf Psalter gesungen, und mein Herz war dabei trocken wie ein zehnjähriges Stroh und kalt wie eine Eisscholle! Und wie warm schlägt es jetzt meinem allmächtigen Schöpfer entgegen! Wie oft war ich im Tempel und wie froh, wenn ich dessen allzeit stinkende Hallen verlassen durfte; und hier hätte ich Lust, eine Ewigkeit zuzubringen und aus der allerliebewärmsten Tiefe meines Herzens zu preisen den großen Gott, der alle die zahllosen herrlichsten Dinge erschaffen hat! Du lieber Meister, wie soll ich Dir danken für solch einen nie gefühlten, heilig-hohen Lebensgenuß?!“
GEJ|1|174|3|0|Sage Ich: „Wer so in die Schöpfung Gottes hinaustritt und so warm fühlt und empfindet, was er darum seinem Gott und Schöpfer schuldet, wie bei dir nun das der Fall ist, der hat Mir damit auch schon den besten und angenehmsten Dank dargebracht.
GEJ|1|174|4|0|Bleibe du aber fortan voll solcher Gefühle und Empfindungen und verschließe nie dein Herz vor dem ärmeren Bruder, und wenn er auch einmal dein Feind gewesen wäre, so sollst du mit der Weile einer großen Gnade aus den Himmeln gewürdigt werden! So du siehst allerlei Sünder, so richte und verdamme sie nicht; denn – verstehe Mich wohl – sie sind es ja zumeist nicht, die da sündigen, sondern der Geist, der sie treibt. Du kannst nicht wissen, von welch einem Geiste sie getrieben werden. Es gibt viele, die in ihrer Frömmigkeit gar leicht hochmütig werden könnten und möchten dann bald mit vieler Verachtung und Abscheu auf die Sünder von ihrer vermeinten Tugendhöhe herabblicken, wodurch sie dann unbewußt zu größeren Sündern würden, als da sind jene, die sie verabscheuen; da kommt dann ein Geist und treibt solche Menschen zu irgendeiner Sünde an, und der schon stolz gewordene Tugendheld erfährt es also an sich, daß er noch lange kein Gott, sondern nur ein ganz gewöhnlich schwacher Mensch ist!
GEJ|1|174|5|0|Ein solcher Mensch wird dann wieder demütig und wird Buße tun, über die er sich früher als vermeinter Tugendheld schon viel zu erhaben dünkte!
GEJ|1|174|6|0|Und also soll ja niemand einen Sünder hassen darob, daß er ein Sünder ist; ein jeder aber tut wohl und genug, so er allein die Sünde haßt und tatsächlich verabscheut! Nur einem hartnäckigen Bösewicht, der mit der Sünde eins geworden ist, sollst du die Hand nicht reichen! So er aber darum in ein gerechtes Elend gekommen ist zu seiner Besserung, dann sollst du seiner gedenken, und so von ihm eine Bitte an dich kommt, so sollst du davor dein Ohr nicht verschließen; und so du siehst einen Missetäter zum Tode ausführen, sollst du nicht Freude fühlen ob dessen traurigstem Lose, und hätte er selbst an deinem Hause die Missetat begangen, derentwegen er nun zum Tode geführt wird; denn siehe, es ist nicht unmöglich, daß auch ein solcher Missetäter selig werden kann in der andern Welt!
GEJ|1|174|7|0|Liebe sei in allen Dingen das vorherrschendste Element des Lebens eines jeden Menschen! Eine Gerechtigkeit, die nicht in der Liebe ihre Wurzeln hat, ist keine Gerechtigkeit vor Gott; und der sie als ein Richter ausübt, ist darum ein zehnfach größerer Sünder vor Gott als jener, den er verurteilt, und Gott wird ihn einst ebenso unbarmherzig richten, wie er seinen Nächsten gerichtet hat.
GEJ|1|174|8|0|Darum richte du niemanden und verdamme auch niemanden, und hätte er auch an dir noch so grob gesündigt, so wirst dereinst auch du nicht gerichtet und nicht verdammt werden; denn mit welchem Maß da jemand mißt, mit dem gleichen Maße wird ihm dereinst in der andern Welt wieder vergolten werden. Der strenge, nach was immer für einem Gesetze noch so gerechte, aber dabei kalte, lieblose Richter wird dereinst über sich ein ebenso streng gerechtes und unerbittliches Gericht finden; die Häscher und Scharfrichter aber sollen nie das Angesicht Gottes erschauen!
GEJ|1|174|9|0|Wer einen Dieb und Mörder fängt, hat wohlgetan, so er ihn einem gerechten Gerichte überliefert; aber der Richter soll nie vergessen, daß der Missetäter, solange er in dieser Welt lebt, noch kein völliger Teufel ist, sondern ein mißbildeter, verführter Mensch, an dem zu seiner möglichen Besserung noch alle Versuche zu machen sind, bevor er als ein unverbesserlicher Teufel zum Tode verurteilt werden kann!
GEJ|1|174|10|0|Beim Scharfgerichte aber soll es also zugehen, daß solch ein Verurteilter nicht alsogleich getötet werden soll, sondern er werde den ganzen Tag über vor dem Volke an den Pfahl fünf Spannen hoch über der Erde fest angebunden an Händen und Füßen.
GEJ|1|174|11|0|Zeigt er am Pfahle treuherzig und flehend an, daß er sich bessern werde, so soll er vom Pfahle genommen und in eine passende und liebegerechte Besserungsanstalt gebracht, jedoch nicht eher in die Freiheit gesetzt werden, als bis seine Besserung sich als ungezweifelt wahr erweist. Gibt aber der am Pfahle hängende Missetäter kein Zeichen zur Besserung den ganzen Tag über, dann ist er ein vollendeter Teufel und soll darum auch, so er noch lebt am Pfahle, nach dem Untergange getötet und danach samt dem Pfahl auf der Richtstätte verbrannt werden.
GEJ|1|174|12|0|Solches sage Ich dir darum, weil du auch ein Richter warst und noch bist unter den Pharisäern und hattest zu besorgen die Grabstätten für die Verstorbenen und die Richtstätte für die Missetäter, auf daß du dich in der Zukunft danach richten sollst.
GEJ|1|174|13|0|Wohl aber jedem, der sich danach richten wird; sein Name soll glänzen im ewigen Buche des Lebens!
GEJ|1|174|14|0|Nun aber begeben wir uns hinab zu den Hütten; unser Kisjonah hat schon ein mäßiges Morgenmahl bereitet und erwartet uns mit seinem Weibe und seinen Töchtern.“
GEJ|1|175|1|1|175. - Des Herrn Güte gegen Seine Feinde; Er und die Seinen fasten. Abstieg vom Berge
GEJ|1|175|1|0|Wir begeben uns nun schnell hinab, und Kisjonah eilt Mir entgegen, um Mich und alle die Jünger zum Morgemahle zu bitten, bittet aber auch zugleich um Vergebung, wenn die Tische heute etwas mäßiger besetzt seien als sonst; denn die Vorräte seien bereits bis aufs heutige Morgenmahl erschöpft und er habe darum nichts nachholen lassen, indem er wußte, daß Ich heute – als am Sabbate – vom Berge Mich wieder hinab in die Tiefe begeben werde. Wenn daher das Morgenmahl etwas geringer ausfallen dürfte, als es sonst der Fall war, so möchte Ich so was ja nicht seinem Willen, sondern diesmal nur seiner diesmaligen, von seiner Seite ganz unverschuldeten Unvermögenheit zur Last legen!
GEJ|1|175|2|0|Ich vertröstete ihn und sagte: „Sei darob nur du ganz ruhig und ohne alle Sorge! Es ist also ganz gut und recht, und es geht alles nach Meinem Willen; – übrigens muß Ich dir als Meinem liebsten Bruder und Freunde bemerken, daß du dich diese etlichen Tage hindurch ohnehin etwas zu viel angegriffen hast.
GEJ|1|175|3|0|Was die ungeladenen Gäste, die Legion von Pharisäern betrifft, so hättest du durchaus keine Sünde begangen, so du ihnen keinen Tisch gedeckt hättest; denn die haben Gold und Silber in großer Menge und hätten sich, so sie hier sein wollten, schon auch selbst erhalten können! Aber freilich hast du darum eben auch nicht gesündigt, weil du sie unentgeltlich verpflegt hast. Solltest du aber ihnen eine Rechnung machen wollen, so werde Ich dich darob nicht tadeln. Den alten Tobias aber nehme Ich über Mich.“
GEJ|1|175|4|0|Sagt Kisjonah: „Das werde ich auch tun; es gibt aber viele, die da arm sind, – denen soll die Zeche zugute kommen! Aber nun wolle, o Herr, das etwas spärliche Mahl mit Deinen Jüngern verzehren; die Pharisäer schlafen noch in der großen Schlafhütte, und ich möchte, daß sie nicht mit uns essen möchten!“
GEJ|1|175|5|0|Sage Ich: „Laß es! Wecke sie und lade sie zum Mahle! Ich werde heute bis Mittag mit all den Meinen fasten; in der Tiefe werden wir dann erst ein rechtes Mahl halten.“
GEJ|1|175|6|0|Kisjonah tut sogleich, was Ich ihm sagte, obschon es ihm etwas hart ums Gemüt geschieht. Die Pharisäer und ihre Genossen erheben sich behende vom Lager und eilen zum Morgemahle, das sie auch trotz des Sabbats mit großer Hast verzehren; denn sie fürchten, daß die Sonne, die zwar schon lange aufgegangen ist, aber noch nicht die Hütte bescheint, weil diese gegen Abend knapp an einer hohen Felswand erbauet ist, denn doch eher die Hütte bescheinen könnte, und da dürften sie nicht mehr essen als nach dem Untergange erst oder im Tempel zu Jerusalem während der Handlung des Sabbatbrechens.
GEJ|1|175|7|0|Kisjonah bemerkt das vor Mir und sagt: „Es ist wirklich sogar recht lustig diese Geschichte; bei denen fängt der Sabbat erst dann an, wenn der Sonnenstrahl den Punkt bescheint, an dem sie sich befinden! Wie Du, o Herr, es nun schon mehrere Male gesehen hast, so kommt die Sonne erst gen Mittag zu dieser Hütte, und diese Augendiener würden sonach erst am halben Tage den Sabbat antreten und ihn zu feiern beginnen. Sind das aber doch Kerls, wie sie sonstwo die liebe Erde kaum tragen dürfte!“
GEJ|1|175|8|0|Sage Ich: „Lassen wir sie nun; es wird sich gar bald, und zwar noch ehe wir die völlige Tiefe erreicht haben werden, mehrfache Gelegenheit darbieten, ihnen ihren Sabbat unter die Nüstern zu reiben. Das ist aber alles noch nichts, wie sie den Sabbat pfiffig umgehen können, so sie wollen und der Sabbat in ihren Synagogen ihnen keine reiche Ernte verspricht: – sie verschließen dann Fenster und Türen, so daß die Sonne ihr Licht in die Gemächer solcher Augendiener nicht spenden kann, und da und dann ist kein Sabbat im Hause! Also gilt ein trüber Tag auch nicht für einen vollen Sabbat, außer sie zünden in ihren Synagogen ihre siebenarmigen Leuchter an, natürlich um ein allzeit bei solcher Gelegenheit reichliches Opfer! Aus welchem Grunde ihnen denn auch ein trüber Sabbat stets lieber ist als ein so heiterer wie der heutige.
GEJ|1|175|9|0|Aber es wird sich heute schon noch eine Gelegenheit darbieten, wie Ich schon eher bemerkt habe, wo wir solches ans Tageslicht stellen werden. Aber nun machen wir uns auf den Weg; denn es wird heute sehr warm werden, und in der großen Hitze ist es nicht angenehm zu reisen.“
GEJ|1|175|10|0|Darauf brechen wir auch sogleich auf und gehen schnellen Fußes vom Berge ins Tal hinab, und die Pharisäer keuchen hinter uns her und ärgern sich über unsere schnellen Tritte; einer ruft uns sogar nach und sagt: „Warum laufet ihr denn gar so unsinnig? Habt ihr denn in der Höhe etwas gestohlen?!“
GEJ|1|175|11|0|Der jüngere Matthäus, der Apostel, aber kann es ihnen nicht schenken und entgegnet ihm: „Wir gehen mit unseren höchst eigenen Füßen, so wie ihr mit den eurigen, und gehen daher so gut und so schnell, als wir wollen, wofür wir euch hoffentlich doch keine Rechnung zu legen schuldig sind; auch haben wir mit euch zuvor auch nicht bedingend und verbindlich abgemacht, wie schnell wir vor euch gehen sollen! Darum haltet euren Mund und gehet euren Weg, wie ihr könnt und mögt! Wir kümmern uns um euch nicht; was kümmert ihr euch denn um uns?!“
GEJ|1|175|12|0|Sagt ein schon dadurch ganz ärgerlich gewordener Pharisäer: „Was schwätzest du dummer Zöllner; weißt du denn nicht, daß heute Sabbat ist, an dem niemand hadern soll?!“
GEJ|1|175|13|0|Sagt Matthäus: „Soll der Sabbat bloß mir gelten und euch nicht?! Wer wohl hat zuerst gehadert?! Steht es doch nirgends geschrieben, daß man am Sabbat nicht schnell gehen solle; im Gegenteil verlangt ihr sogar, daß man am Sabbat nicht säumenden Fußes auf dem Wege zur Synagoge sein solle, und sonach übertreten wir ja sogar euer Gesetz nicht, so wir heute als an einem Sabbat etwas schneller gehen denn an einem andern Tage. Im Dorfe unten besteht ja auch eine kleine Synagoge, in die wir, so wir recht schnell gehen, sicher noch zur rechten Zeit kommen können; was wollt ihr von uns dann noch mehr?!“
GEJ|1|175|14|0|Sagen die Pharisäer: „Ja, so wie du sehen die aus, die in die Synagogen und Schulen eilen! Es ist nur zum Lachen, wenn ein Zöllner von einer Synagoge spricht! Wir kennen dich etwa nicht?! Du bist mehr ein Heide denn ein geborener Grieche und willst von einem Eifer für die Synagogen reden, du schwarzer Frevler?!“
GEJ|1|175|15|0|Sagt Matthäus: „Jetzt habt ihr aber bald Zeit, eurem Munde einen Zaum anzulegen, sonst werden wir uns die sonderliche Freiheit nehmen, mit Knitteln an eurem Rücken den Sabbat zu brechen! Da sehe ein Mensch einmal diese ewigen Tagediebe an, was sie sich für Rechte über uns einräumen wollen! Noch ein beleidigendes Wort, und ich werde des Sabbats und meiner Menschheit vergessen und mit euch wie ein Bär zu verfahren anfangen!“ Auf diese Drohung sagen die Pharisäer zwar nichts mehr, aber in ihrem Innern sind sie voll Grimms.
GEJ|1|176|1|1|176. - Szene mit den Pharisäern wegen des Ährenausraufens am Sabbat. Barmherzigkeit ist besser als Opfer. »Des Menschen Sohn ist ein Herr des Sabbats.« Heilung des Menschen mit der verdorrten Hand. Die Pharisäer wollen Jesus steinigen. Kisjonahs Dazwischentreten. Der Herr entweicht unter Heilung vieler.
GEJ|1|176|1|0|Nach einer Weile aber, schon dem Tale so ziemlich nahe, kamen wir zu einem Acker, der voll von schon nahe völlig reifer Saat vor uns lag. Der Weg aber führte durch diesen Acker, und wir traten diesen Weg durch den Acker an, weil er etwas näher zum Dorfe führte. Wir gingen also durch die Saat, natürlich am Sabbat. Die Jünger aber, da sie samt Mir kein Morgenmahl bekamen, waren hungrig und fingen darum an, die reiferen Ähren auszuraufen, die Körner in der Hand auszureiben und sie zu essen. (Matth.12,1)
GEJ|1|176|2|0|Als aber solches die ohnehin schon grimmigen Pharisäer sahen, traten sie eilig zu Mir hin und sprachen mit wichtiger Miene: „Siehst du denn nicht, daß da deine Jünger tun an einem Sabbat, das sich nicht schickt?!“ (Matth.12,2)
GEJ|1|176|3|0|Sage Ich zu ihnen: „Habt ihr denn nie gelesen, was David tat, als es ihn und die, so mit ihm waren, hungerte? (Matth.12,3) Wie er in das Gotteshaus ging und die Schaubrote aß, die ihm doch auch nicht ziemten zu essen, noch denen, die mit ihm waren, sondern allein den Priestern?! (Matth.12,4) Oder habt ihr nie gelesen im Gesetz, wie die Priester am Sabbat im Tempel den Sabbat brechen und sind darob doch ohne Schuld?! (Matth.12,5)
GEJ|1|176|4|0|Ihr habt Meine Werke in der Höhe gesehen und habt Meine Lehre vernommen, und es ist euch vielfach gesagt worden, Wer Ich bin! Sollte euch alles das noch nicht genügen, so sage Ich euch nun noch einmal ganz trocken ins Gesicht, daß hier in Mir Der ist, der größer ist denn der Tempel! (Matth.12,6)
GEJ|1|176|5|0|Wenn ihr aber wüßtet, was das sei: ,Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit, und nicht am Opfer!‘, so hättet ihr nun in eurem Herzen diese Unschuldigen nicht verdammt! (Matth.12,7) Ihr blinden und tauben Pharisäer, wisset es denn: Des Menschen Sohn, der Ich es bin, ist ein Herr auch über den Sabbat!“ (Matth.12,8) Dies Wort erschreckte die Pharisäer also, daß sie sofort zurückwichen und den Jüngern nicht mehr verwehrten, die Ähren auszuraufen.
GEJ|1|176|6|0|Kisjonah aber, der immer an Meiner Seite ging, und dessen dieser Acker war, sagte zu Mir: „Herr, ich werde nun vorauseilen und sogleich ein reichliches Mahl richten lassen; denn mich dauern die guten Jünger ihres sichtlichen Hungers wegen!“
GEJ|1|176|7|0|Sage Ich: „Daran wirst du wahrlich sehr wohltun. Aber Ich werde nun mit den Jüngern dennoch zuvor eine Schule besuchen dieser Pharisäer wegen, damit ihr Ärger nicht noch größer werde. Den Matthäus haben sie ohnehin schon im Magen, da er ihnen zuvor bewiesen hat, daß wir wegen der Synagoge so schnell gehen. Gingen wir nun bei der Schule im Dorfe vorüber, da wäre es aus bei ihnen, und sie fingen an, uns Spektakel zu machen; gehen wir nun aber zuvor dennoch in eine Schule, so haben wir ihnen dadurch den Mund gestopft, und du kannst ihnen dann auch ganz ungeniert deine Rechnung vorlegen, das heißt nach beendetem Sabbat.“ Auf diese Worte ging dann Kisjonah geraden Weges mit den Seinen nach Hause, wo er alles in der schönsten Ordnung antraf.
GEJ|1|176|8|0|Wir aber bogen den Weg etwas mehr links zur Schule hin, die zu oberst des Dorfes gelegen war. Dort angelangt, gingen wir sogleich in die sehr wenig besuchte Schule (Matth.12,9), und die Pharisäer folgten uns am Fuß und waren heimlich schon voll Grimmes, weil sie auf dem Acker ihrer blinden Dummheit wegen sind belacht worden von den Jüngern, als Ich ihnen ihre Beschwerde wegen des Ährenausraufens verwies.
GEJ|1|176|9|0|Als wir in die Schule kamen, da machten sich die Pharisäer gleich breit her und führten Mir einen Menschen vor, der schon seit lange her eine verdorrte Hand hatte und daher nahe jeder Arbeit unfähig war. Da fragten sie Mich, weil Ich ehedem gesagt habe, daß Ich ein Herr auch über den Sabbat bin, ob es erlaubt wäre, auch am Sabbat zu heilen. Diese Frage stellten sie aber nur, um eine Sache wider Mich zeugend zu bekommen (Matth.12,10); denn ihre argen Herzen brannten schon vor Zorn und Grimm.
GEJ|1|176|10|0|Ich aber sprach zu ihnen: „Was fraget ihr Mich denn, als könntet ihr diesem Kranken helfen und beleben dessen lang erstorbene Hand?! So Ich ihn aber heilen will, werde Ich euch doch nicht fragen um eure Erlaubnis?!
GEJ|1|176|11|0|Welcher unter euch ist denn wohl so töricht, daß er ein Schaf, das ihm in eine Grube fällt, nicht herauszöge am Sabbat?! (Matth.12,11) Wieviel besser aber ist doch ein Mensch denn ein Schaf! Darum wird man wohl dürfen an einem Sabbat einem Menschen Gutes tun?!“ (Matth.12,12)
GEJ|1|176|12|0|Die Pharisäer schwiegen; Ich aber rief den Menschen zu Mir und sprach zu ihm: „Strecke deine Hand aus!“ Und er streckte sie aus, und sie ward ihm wieder gesund gleich wie die andere, die nie krank war. (Matth.12,13)
GEJ|1|176|13|0|Nun war es aus bei den Pharisäern; sie verließen die Schule und gingen hinaus, um zu beraten, wie sie Mich töten könnten. (Matth.12,14)
GEJ|1|176|14|0|Matthäus aber, der ein feiner Spion war, schlich ihnen nach und behorchte sie unbemerkt, kam bald nahe außer Atem zurück und gab laut kund, was er vernommen hatte. Da sandte Ich schnell einen Jünger zum Kisjonah und ließ ihm sagen, daß Ich für heute nicht bei ihm das Mahl halten könne der Klugheit wegen, indem die Pharisäer Mir nach dem Leben stellen, Ich sie aber nicht zu noch größeren Verbrechern machen will, als sie es ohnehin schon sind, daher Ich Mich denn auch aus dieser Gegend auf eine Zeitlang verlieren werde. Der Jünger eilte mit Pfeilesschnelle fort, wissend, wohin er Mir nachzukommen habe.
GEJ|1|176|15|0|Als er solches kaum dem Kisjonah meldete, so brach dieser mit seinem ganzen Hause plötzlich auf, ließ alles stehen, sammelte in aller Geschwindigkeit noch eine große Menge Volkes und eilte zur Schule hin und kam gerade noch im rechten Momente, als die Pharisäer schon mit Steinen versehen in die Schule dringen wollten.
GEJ|1|176|16|0|Daß die Pharaisäer hier vom Kisjonah ganz gehörig bedient wurden, braucht kaum erwähnt zu werden, worauf Ich dann mit vielem Volk von dannen zog, dessen Kranke Ich am Wege alle heilte; denn um die Zeit der Weizenernte war diese Gegend, weil nahe am Galiläischen Meere gelegen, etwas fiebrig, und so gab es da auch stets eine Menge kranker Menschen, besonders im Geschlechte der Weiber, und diese, von Mir hörend, liefen alle der Volksmenge nach und kamen zu Mir am Wege, daß Ich sie heilete. Und sie wurden alle geheilt, die da nachgekommen sind. (Matth.12,15)
GEJ|1|176|17|0|Nachdem sie aber geheilt waren, bedrohte Ich sie, daß sie davon zu Hause ja niemandem etwas melden sollten (Matth.12,16), auch nicht erwähnen zu jemandem, wer er auch sein möge, an welcher Stelle Ich sie geheilt habe, und nach welcher Richtung Ich fürbaß gezogen sei. Sie versprachen solches auf das genaueste zu beachten, und Ich entließ sie darauf im Frieden.
GEJ|1|177|1|1|177. - Der Apostel Frage an den Herrn, warum Er als der Allmächtige Sich manchmal vor den Menschen zu fürchten scheine. Des Herrn Antwort
GEJ|1|177|1|0|Nachdem diese abgefertigt waren, da traten die Apostel zu Mir und sagten: „Herr, manchmal bist Du denn doch etwas rätselhaft! Siehe, wir haben von Dir schon so viele Wunderdinge gesehen und an uns selbst erlebt, daß wir auch keinen Augenblick mehr zweifeln könnten, so wir solches auch wollten, daß Du im vollsten und wahrsten Sinne der Sohn des lebendigen Gottes bist und sein mußt; denn die Taten, die Du verrichtest, sind bis jetzt keinem Menschen möglich gewesen. Aber Du hast dabei dennoch so gewisse Momente, in denen Du Dich im Ernste vor den Menschen zu fürchten scheinst, während Dir doch, wie wir uns mehrfach in aller Tat überzeugt haben, alle mächtigsten Engelscharen aus den Himmeln zu Gebote stehen!
GEJ|1|177|2|0|Die Pharisäer mit ihren unbewaffneten etwa fünfzig Anhängern, von denen einer feiger ist als der andere, hätten wir ganz gehörig zugerichtet; und so ein allmächtig Wörtlein von Dir, – und den Pharisäern wäre die Gier, Dich zu verfolgen, sicher für alle Zeiten vergangen! Wie Du vor jenen Kerlen im Besitze aller göttlichen Macht hast die Flucht ergreifen können, siehe, das ist uns ein Rätsel, das wir im vollsten Ernste bei unserem sicher besten Willen nicht begreifen können! – Erkläre uns doch solch Dein sonderbares Benehmen!“
GEJ|1|177|3|0|Sagte Ich: „Ihr seid noch bedeutend schwach und blind, daß ihr so was nicht auf den ersten Blick merken könnet! Sehet, das geschah deshalb, auf daß ihr es merken sollet, daß da in die Erfüllung ging, was der Prophet Jesaias von Mir geweissagt hat, indem er (Matth.12,17) also sprach: ,Siehe, das ist Mein Knecht, den Ich erwählt habe, und Mein Liebster, an dem Meine Seele ein Wohlgefallen hat; Ich will Meinen Geist auf Ihn legen, und Er soll den Heiden das Gericht verkünden (Matth.12,18). (Gericht bedeutet hier soviel als Wahrheit, Licht und Leben; denn die Wahrheit ist es auch, die ein rechtes und gerechtes Gericht schafft.) Er wird nicht zanken und schreien, und man wird Sein Geschrei nicht hören auf den Gassen. (Matth.12,19) Das zerstoßene Rohr wird Er nicht zerbrechen und einer Lampe glimmenden Docht nicht auslöschen, bis daß Er ausführe das Gericht (die volle Wahrheit). (Matth.12,20) Und die Heiden werden auf Seinen Namen hoffen.‘ (Matth.12,21)
GEJ|1|177|4|0|Sehet, darin also liegt der Grund, warum Ich mit den Pharisäern in keinen Streit und noch weniger in irgend ein Handgemenge Mich einlassen wollte und konnte.
GEJ|1|177|5|0|Übrigens wußte Ich es im voraus recht wohl, daß der Kisjonah sie nicht ungezüchtigt werde davonziehen lassen! Sie sind nun zehnmal ärger gestraft, als so wir uns etwa mit ihnen gebalgt hätten; denn fürs erste sind sie von Kisjonahs Leuten ganz entsetzlich durchgeprügelt worden, und fürs zweite dürfen sie von all dem, was sie gesehen, gehört und erlebt haben, in Kapernaum keine Silbe erzählen, was sie am meisten ärgert und geniert.
GEJ|1|177|6|0|Denn da einer nur mit einer Silbe davon laut wird, so wird er, wie ihm auf dem Berge angedroht wurde, aber auch augenblicklich stumm, taub und, wo nötig, auch blind. Darum aber wollten sie auch einen Versuch machen, ob sie Mich töten könnten; denn dadurch vermeinten sie auch die von ihnen geglaubte sichere Wirkung Meiner ihnen am Berg gemachten Androhung zu vernichten.
GEJ|1|177|7|0|Denn sie halten Mich noch gleichfort für einen bösen Magier, der wohl lebend, aber als ein Toter nichts mehr zu wirken vermag. Das Schlimmste für sie aber ist, daß sie nun nicht wissen, wohin Ich gezogen bin. Sie haben zwar schon Boten in der Richtung nach Morgen hin gesendet, um Mich auszukundschaften – denn sie haben uns von der Schule weg nach Osten hin fliehen sehen –; daß wir uns aber im Walde nach einer Stunde Weges plötzlich gen Abend hingewendet haben und nun auch sogleich übers Meer auf die andere Seite fahren werden, wissen sie nicht, und es wird daher ihr Suchen ein sehr vergebliches sein. Nun, ist euch euer Rätsel jetzt gelöst?“
GEJ|1|177|8|0|Sagen die Zwölfe und auch viele andere, die mit Mir ziehen: „Ja, jetzt ist uns schon alles klar! Es ist also im Ernste um vieles besser, als so wir selbst Hand an die Bösen gelegt hätten; es ist nun schon alles wieder in der schönsten Ordnung.“
GEJ|1|177|9|0|Sagt Judas etwas lakonisch: „Bis auf unsere Mägen! Außer den etlichen rohen Weizenkörnern ist heute, da es doch Abend geworden ist, nichts hineingekommen. Daher wäre es wohl gut, wenn auch für unsere Mägen, bevor wir übers Meer fahren, nur ein wenig gesorgt werden könnte!“
GEJ|1|177|10|0|Sage Ich: „Heute heißt es einmal fasten, wenigstens bis ans jenseitige Ufer; drüben wird sich wohl etwas finden lassen.“
GEJ|1|177|11|0|Thomas aber verweist dem Judas solche Gemeinheit und sagt: „Aber wie ist es dir doch möglich, inmitten der erhabensten Belehrung von seiten des Herrn mit einer so echt tierisch gemeinen Bemerkung zu kommen?! Hast denn du gar keine Ehre oder Schande in deinem Leibe?! Wenn du denn schon einen gar so schreienden Wolfshunger hast, so nehme dir in der Zukunft irgendeinen Mundvorrat mit; aber solche Bemerkungen dem Herrn gegenüber zu machen, ist zu entsetzlich gemein, als daß man darüber noch ein Wort verlieren könnte!“
GEJ|1|177|12|0|Sagt Judas: „Ja, ja, ich habe wieder vergessen, daß du auch noch in unserer Gesellschaft bist! Du bist und bleibst gleichweg mein Hofmeister und scheinst eine ordentliche Freude daran zu haben, mir bei jeder Gelegenheit irgendeinen Hieb zu versetzen. Ist ja auch recht; wenn es dich freut, so tue es immerhin, aber ärgern werde ich mich über dich nimmer!“
GEJ|1|177|13|0|Sagt Petrus: „Ist auch besser; aber im übrigen hat Thomas dennoch recht, obschon er manchmal auch ein wenig hart ist. So meine aber ich, daß wir stets auf den Herrn schauen sollen; sagt Er etwas, so ist es gut und recht, daß es also gesagt ist, und jeder soll ich dann danach richten! Sagt aber der Herr nichts, dann kommt es uns noch weniger zu, etwas zu sagen! Ich meine, daß wir solches an uns wohl, zumal in des Herrn Gegenwart, allzeit beachten sollen, damit Friede und Einigkeit unter uns sei!
GEJ|1|177|14|0|Mein lieber Bruder Thomas, sieh, wenn der hungrige Judas schon vor dem Herrn nicht schweigt, so wird er vor dir schon noch weniger eine Furcht haben! Ermahnen wir uns aber schon gegenseitig, da lassen wir alle Schärfe und alles Herbe beiseite, auf daß jener Spruch Jesajas, den zuvor der Herr über Sich uns kundgab, auch an uns, Seinen Jüngern, ersichtlich werde!“
GEJ|1|177|15|0|Sage Ich: „Also ist es recht, Mein lieber Simon Jona! Also soll es sein unter euch und am Ende unter allen Menschen! Denn wer da hat eine Wunde und legt etwas Scharfes darauf, der wird die Wunde nicht zum Heilen bringen, sondern sie nur vergrößern und ärger machen. Wer aber die Wunde bestreicht mit Balsam und reinem Öl, der wird sie auch bald heilen und wird also den Schaden im Fleische gutmachen.
GEJ|1|177|16|0|Aber nun steuern auch schon Meines Freundes, des Kisjonah, Schiffer daher ans Ufer, und er selbst ist dabei; darum gehen wir ans Ufer, auf daß wir bei der Hand sind, wann die Schiffer das Tau auswerfen werden; wir werden dann das Schiff voll ans Ufer ziehen und sodann schnell ins Schiff steigen; denn sie haben für dies Ufer einen Gegenwind und können daher schwer voll ans Ufer stoßen. Der Wind aber wird uns sehr gute Dienste leisten bei der Hinüberfahrt und wird uns in kurzer Zeit ans jenseitige Ufer befördern. Aber nun eilen wir hinab ans Ufer, auf daß sie sich nun nicht umsonst abmühen!“
GEJ|1|178|1|1|In Jesaira
GEJ|1|178|1|1|178. - Mit Kisjonah zu Schiff nach Jesaira. Das Mahl am Ufer. Heilung des Besessenen, Stummen und Blinden. Baram lädt den Herrn mit den Seinen zum Mittagsmahl
GEJ|1|178|1|0|Wir eilen nun ans Ufer und kommen gerade zur rechten Zeit hin, als eben die Schiffer das Ufertau auswerfen. Petrus als selbst ein sehr gewandter Schiffer ergreift sogleich das ausgeworfene Tau; wir ziehen das Schiff nun leicht ans Ufer, steigen dann sogleich in das Schiff, das uns dann auch binnen anderthalb Stunden ans entgegengesetzte Ufer bringt, und zwar in der Nähe des Fleckens, der zur Hälfte von Griechen und zur Hälfte von Juden bewohnt war.
GEJ|1|178|2|0|Wir erreichten das Ufer, als die Abenddämmerung noch recht gut die Gegend erleuchtet hielt und wir noch alles gut ausnehmen konnten. Kisjonah sandte zwei Boten in den Flecken, ob eine Wohnung für wenigstens hundert Menschen zu haben sei. Aber die Boten kamen bald unverrichteterdinge zurück, und wir blieben daher die Nacht über im Schiffe, da sich der Wind gelegt hatte und die See ganz ruhig ging in kleinen Wellen.
GEJ|1|178|3|0|Und Kisjonah ließ dann bald aus dem Schiffe eine Menge Brotes, Weines und wohlgebratenen Fleisches holen, und sein Weib und seine Töchter fehlten nicht und bedienten uns. Daß dieses Begebnis dem Judas, der schon am vorigen Ufer eine bedeutende Magenbeschwerde zu fühlen begann, höchst erwünscht kam, braucht wohl kaum erwähnt zu werden.
GEJ|1|178|4|0|Kisjonah fragt Mich auch, ob er im Schiffe ein Feuer anmachen solle, da die Nächte am See doch gewöhnlich bedeutend kühl werden trotz der noch so großen Tageshitze. Ich gestatte ihm solches, und es ward in der großen Leuchtpfanne, in der sich eine Menge reinen Harzes, Öles und anderer leicht brennbarer Stoffe befanden, sogleich Feuer angemacht; es brannte diese große Schiffsfackel bald lichterloh und verbreitete über die ganze Gegend einen starken Schein. Das lockte aber auch nur zu bald eine Menge Schaulustiger aus dem Flecken ans Ufer, und es waren darunter welche, die Mich vom freilich sehr nahen Ufer bis ins Schiff erkannt hatten, und sie fingen an zu jubeln, daß Ich, als der bekannte Wunderheiland, Mich in ihrem Orte befände; denn es waren daselbst viele Kranke.
GEJ|1|178|5|0|Viele eilten vom Ufer wieder nach Hause und erzählten im ganzen Orte, daß Ich Mich auf dem Schiffe befinde.
GEJ|1|178|6|0|Es dauerte aber gar nicht lange, da wurde ein Stummer und zugleich Blinder, der also besessen war, ans Ufer gebracht, und das Volk bat Mich, ob Ich diesen wohl heilen könnte und möchte.
GEJ|1|178|7|0|Es waren aber auch etliche Pharisäer dieses Ortes hinzugeeilt, um zu sehen, was da geschehen werde, und sprachen zum Volke: „Diesen zu heilen wird er etwa wohl bleiben lassen!“
GEJ|1|178|8|0|Ich aber heilte diesen Besessenen im Augenblick vom Schiffe aus also, daß er beides konnte, sehen und reden. (Matth.12,22) Da entsetzte sich alles Volk dieses Ortes, und die Juden, die nicht pharisäisch gesinnt waren, schrieen: „Dies ist wahrhaftig Davids Sohn, auf den alle Juden hoffen!“ (Matth.12,23)
GEJ|1|178|9|0|Es war aber ein Mann in diesem Orte, recht und gerecht; dieser trat nahe ans Schiff und sagte: „Göttlich großer, wundersamer Meister! Was sollst Du die Nacht hindurch auf dem schwankenden Schiffe Dir Deine sicher nötige Ruhe nehmen lassen von dem Winde und von der empfindlichen Kühle der Nacht!? Die besondere Eigenschaft dieser Seegegend, die jedermann wohlbekannt ist, ist die, daß stets einem je heißeren Tage eine im gleichen Verhältnisse kühlere Nacht folgt, aus der allerlei Krankheiten unter den Menschen, die hier herum hausen, entstehen; ich aber habe ein großes, geräumiges und wohleingerichtetes Haus, so daß Du samt Deinen Jüngern darinnen mehr als hinreichend Platz haben könntest, und ihr könnet darin verweilen, solange ihr nur immer wollt; auch an einem mäßigen Mundvorrat soll es euch nicht gebrechen!“
GEJ|1|178|10|0|Sage Ich zu ihm: „Ja, deine Einladung nehme Ich an; denn Ich weiß, daß deine Seele ohne Falsch ist. Aber es ist auch Kisjonah mit seinem Weibe und seinen Töchtern hier; er ist es, dem dies Schiff gehört, und ist ein getreuer Jünger und ein Mann nach Meinem Herzen; hast du auch Raum für ihn?“ Sagt der alte Mann: „Und so da noch mehr solche Familien wären! Wer mit Dir ist, wird meinem Hause willkommen sein!“
GEJ|1|178|11|0|Sage Ich: „So soll deinem Hause denn auch ein großes Heil widerfahren!“ (Zum Kisjonah:) „Laß darum das Schiff vollends ans Ufer stoßen, auf daß wir gemach ans Land steigen können!“ Dies geschah sogleich, und wir kamen darauf bald ins Haus unseres alten Mannes, der durch seine Leute sogleich Anstalten machte für unsere möglichst bequeme Unterkunft.
GEJ|1|179|1|1|179. - Demut und Edelmut des alten Gastwirtes. Die Gnade von oben. Des Herrn Wink über Seine Herrlichkeit. Das Volk preist den Heiland
GEJ|1|179|1|0|Als für die Stätten der Nachtruhe alles besorgt war, kam der Alte mit seinen Söhnen, die zumeist Fischer, Schiffer und Zimmerleute waren, zu Mir und sagte: „Herr, so schnell und so gut, als es nur immer in der Zeit Kürze möglich war, ist nun alles zu eurer Beherbergung hergerichtet, und ihr möget nun, wie es euch gefällt, davon Gebrauch machen. Du bist nun der Herr, wie allzeit, so auch in diesem Hause, das ich mit meinen sieben Söhnen erbaut habe. Gebiete, wie Du etwas willst, und ich werde Dein Knecht sein und Dir dienen mit meinem ganzen Hause!“
GEJ|1|179|2|0|Sage Ich: „Du bist, was du bist, und Ich auch, was Ich bin; weil du aber also demütig bist und dich erniedrigst, so sollst du denn darob auch erhöhet werden dereinst in Meinem Reiche! Für heute aber bedürfen wir nichts als einige Ruhe; morgen aber lasse die Kranken dieses Ortes hierher kommen, auf daß Ich sie heile.“
GEJ|1|179|3|0|Sagt der Alte: „Da wirst Du viel zu tun bekommen; der Ort ist nicht unbedeutend, und es dürfte da kaum ein Haus zu treffen sein, in dem es keinen Kranken gäbe! Diese Gegend ist zwar eine der fruchtbarsten längs des weitgedehnten Meeresufers, aber merkwürdigerweise für Menschen auch die am wenigsten gesunde; nichts als Fieber und Beulen aller Art!“
GEJ|1|179|4|0|Sage Ich: „Laß das gut sein! Morgen soll alles anders werden; sieh dich aber für morgen mit Fischen vor, damit Meine Jünger, die heute zumeist gefastet haben, sich wieder einmal sättigen! Es soll dir alles vergolten werden!“
GEJ|1|179|5|0|Sagt der Alte: „Herr! Vergib mir, daß ich Dir hier eine Gegenrede stelle! In meinem Hause haben schon Tausende Herberge und Sättigung gefunden, und noch nie habe ich von jemandem etwas angenommen, um so weniger von Dir! Meine Rechnungen übergebe ich allzeit den Winden, und diese tragen sie zu den Sternen hinauf, wo der allmächtige Vater wohnt; Der ist noch allzeit mein sicherster Zahler und Vergelter gewesen und wird es auch diesmal sein! Wie viele Kranke und Bresthafte sind Monde lang bei mir verpflegt worden, und noch nie ist trotz der ungesunden Gegend je ein meinem Hause angehöriger Mensch krank geworden! Herr! Das ist eine Gnade von oben, und deshalb rede Du ja nichts von irgend einer Vergeltung oder gar Bezahlung; denn ich würde weder das eine noch das andere annehmen!“
GEJ|1|179|6|0|Sage Ich: „Ja, aber da hat es eigentlich einen Haken! So Ich dir's nicht vergelte, so wird es auch von den Sternen herab mit der Vergeltung etwas mager aussehen! Denn Ich habe auch in und über allen Sternen sehr viel und am Ende sogar alles zu reden und anzuordnen!“
GEJ|1|179|7|0|Hier stutzt der Alte gewaltig und weiß nun nicht, was er sagen soll. Nach einer Weile sagt er erst, etwas kleinlaut: „Um Jehovas willen! Bist Du etwa gar ein Engel aus den Himmeln, oder hilft Dir ein solcher und ist Dir zu dienen gegeben vom Vater aus den Himmeln?“
GEJ|1|179|8|0|Sage Ich: „Gehe du nun ganz sorglos zur dir nötigen Ruhe; morgen aber soll dir vieles geoffenbart werden! Gehe aber nun hinaus und sage dem Volke, das da noch draußen lärmt, daß es sich eben auch zur Ruhe begeben solle und solle morgen die Kranken alle herschaffen; Ich werde sie alle heilen.“ Da ging der Alte hinaus, und tat, was Ich ihm anbefohlen hatte.
GEJ|1|179|9|0|Da fing das Volk an laut zu jubeln und schrie: „Heil dem erhabenen Sohne Davids! Er kam zu uns, um uns zu befreien von jeglicher Plage! Wir wissen zwar nicht, von wannen Er zu uns gekommen ist; aber das ist vorderhand gewiß, daß Gottes Geist mit Ihm ist, wie Er war mit Seinem Erzvater David! Denn wäre Gottes Geist nicht mit Ihm, so hätte Er den Besessenen nicht geheilt!“
GEJ|1|179|10|0|Es sind aber auch einige Pharisäer mit dem Volke gezogen, daß sie als jerusalemische Tempelpolizei alles beobachteten, was Ich, von dem sie schon viel gehört haben, etwa noch ferneres hier tun würde. Die Heilung des Besessenen, der taub, stumm und blind zugleich war, hat ihnen schon einen bedeutenden Stoß versetzt, und sie berieten in einem fort, was da zu tun wäre, um Mich beim Volke als einen Landstreicher, Lumpen, Betrüger oder gar als einen mit dem Teufel im Bunde stehenden Zauberer zu verdächtigen. Daher sagten sie auch zu dem Volke: „Es wird sich morgen wohl zeigen, welches Geistes Kind er ist! Wir werden ja sehen, wie er die vielen Krüppel, Lahmen und Aussätzigen heilen wird!“ Sagt das Volk: „Hat Er den Ärgsten so plötzlich geheilt, wird Er sicher auch die andern um so leichter heilen! Ihr aber sollet in derlei Dingen überhaupt nichts reden; denn von euch aus ist noch nie ein Mensch geheilt worden, weder durch eure teuren Gebete und noch weniger durch eure Amulette, die ihr den Kranken anpreiset und ums teure Geld verkaufet!
GEJ|1|179|11|0|Der hat den Geist Gottes im Leibe; denn Er hat uns solches schon durch die alleinige Tat mehr als zur Genüge bewiesen; ihr aber habt gar keinen Geist in euch, außer den des Hochmuts, der Hab- und Herrschsucht!
GEJ|1|179|12|0|Ihr wollt nach Gott wohl die ersten sein und verlangt eine göttliche Verehrung von uns Menschen; aber wir sagen euch, daß ihr für uns die letzten seid und hundertfach ärger denn alle Heiden! Denn ihr tut nichts zu unserem Besten; ihr arbeitet nichts, und die zu euch in eure Schule kommen, werden nach Verlauf von ein paar Jahren so dumm und finster, daß sie sicher kein Engel ohne besondere Gottesmacht und -kraft zurechtbringen könnte! Und das ist immer noch das Beste von allen euren Sorgen und Mühen für unser sein sollendes Wohl!
GEJ|1|179|13|0|Der Juden, eurer Glaubensgenossen, Weiber verleitet ihr zum Ehebruche hundertfach, und mit ihren Töchtern treibet ihr Unzucht; aber das ist nichts! Wann aber ein anderer armer Teufel sich also weit verginge, so wird er gesteinigt, wenn er arm ist; ist er aber reich und angesehen, so kann er sich loskaufen und bleibt noch obendrauf euer Freund!
GEJ|1|179|14|0|Die Juden, eure Genossen, kennen euch freilich nicht so gut wie wir Griechen, und wenn sie euch schon kennen, so dürfen sie doch nichts reden. Aber wir kennen euch und dürfen reden; daher sagen wir's euch denn auch besonders bei dieser schicklichen Gelegenheit, was wir so als völlig grundwahr von euch halten!
GEJ|1|179|15|0|Gehet aber nun nur bald heim, sonst kommt ein Sturm von griechischen Fäusten über euch! Wir aber werden hier Wache halten; waget es ja nicht, irgendwie diesen Menschen anzutasten, sonst sollet ihr mit uns etwas zu tun bekommen!
GEJ|1|179|16|0|Wir waren wohl auch Juden und sind nun froh, Griechen zu sein; sind wir aber auch Griechen dem Namen und der Polizei nach, so sind wir im Herzen aber dennoch wahre Juden, – aber freilich nicht wie ihr, die ihr eure gottverehrlichen Gebete ums Geld verkauft und solchen die lügenhaftesten Wirkungen zuschreibet!
GEJ|1|179|17|0|Wir beten selbst Gott deshalb an, weil er Gott ist und wir als Seine Geschöpfe schuldig sind, Ihn anzubeten. Ziehet euch daher weiter, denn eure Nähe ist uns widriger denn die eines stinkenden Aases!“
GEJ|1|179|18|0|Auf diese unzweideutige Äußerung des Volkes, das wohl gut zur Hälfte aus Griechen bestand, die hier ansäßig waren, machen sich die Pharisäer so schnell wie möglich aus dem Staube, und das Volk jubelt über solchen Sieg, und daß es diesen Tagedieben, wie es die Pharisäer gewöhnlich nannte, einmal die nackte Wahrheit hatte unter ihre Schnüffelnasen reiben können.
GEJ|1|180|1|1|180. - Der Pharisäer Rat. Des jungen Pharisäers Plan zum Schutze des Heilandes und seine Rede an die Volksmenge
GEJ|1|180|1|0|Dieser Ort war sonst berühmt wegen seiner durchgehends scharfsinnigen Bewohner. Da mußte jemand schon von einer gesunden Geburt herrühren, so er es mit ihnen, besonders mit den Griechen, aufnehmen konnte; und so wußten die hier hausenden Pharisäer recht gut, daß da mit dem Volke schlecht zu hadern ist. Darum sagten sie auch diesmal nicht viel entgegen und gingen ihren Weg nach Hause. Aber daheim brüteten sie hernach desto mehr darüber nach, wie sie Mich entweder verdächtigen oder gar von Grund aus verderben könnten.
GEJ|1|180|2|0|Einer unter ihnen, etwas besseren Geistes, sagte am Ende, als ihm die Beratung schon zu lange angedauert hatte: „Brüder, unmaßgeblich gebe ich meine Meinung dahin ab, daß wir jetzt schlafen gehen sollten, auf daß wir morgen beisammen sind im Kopfe und im Herzen! Was nützt uns heute all unser Brüten und Sinnen?! Morgen ist auch ein Tag. Warten wir ab, was dieser bringen wird, und wir werden dann doch mit Jehovas Hilfe mehr ins klare kommen, was es da mit diesem sonderbaren Menschen für eine Bewandtnis hat. Daß an ihm etwas Außerordentliches ist, unterliegt aber auch nicht dem geringsten Zweifel; denn die Heilung des Besessenen am Ufer vom Schiffe heraus sogar, ohne ihn aber auch nur im geringsten anzurühren, ist eine Erscheinung, die meines Wissens noch nie da war!
GEJ|1|180|3|0|Und so wollen wir abwarten, was da morgen alles noch nachfolgen wird, und wir werden dadurch leichter imstande sein, darüber ein vollkommeneres Urteil zu schöpfen! Denn ihn nun schon ganz blindlings zu verurteilen, wäre eine etwas zu gewagte Sache, besonders bei der großen Aufgeregtheit unseres Volkes, das sich da schon lange mehr an die Griechen hält als an uns, die wir ihm schon lange ein Dorn in seinen Augen sind. Laßt euch daher geraten sein nach meiner guten Einsicht. Morgen ist auch ein Tag, der uns vielleicht günstiger werden könnte, denn der heutige es war!“
GEJ|1|180|4|0|Sagt ein anderer: „Was sollen wir denn aus der Beschimpfung, die uns früher zuteil ward vom Volke, machen? Sollen wir etwa auch darüber so ganz ruhig einschlafen und uns etwa darüber gar kein graues Haar wachsen lassen und sie, als wäre sie nie geschehen, vergessen und nie zur gerechten Ahndung bringen?“
GEJ|1|180|5|0|Sagt der Bessere: „Beutle sie dir herab (d.h. „Verlange eine Geldbuße!“), so du's kannst! Oder ziehe die Frevler zur Rechtfertigung heute noch oder morgen, wenn dir solches möglich ist! Was kann ein einzelner gegen viele ausrichten!? Darüber zu schweigen kommt wenigstens mir noch am geratensten vor, wenigstens vorderhand. Willst du aber eben vorderhand schon etwas dagegen tun, so bindet dich kein Gesetz; ich für mich aber werde die ganze Geschichte erst abwarten und dann die geeigneten Schritte tun. Laß den Apfel am Baume erst reif werden, so dir daran liegt, nie in einen sauern zu beißen! Verstehst du mich?!“
GEJ|1|180|6|0|Auf diese Worte des etwas bessern Pharisäers, der noch ein junger, lebensfroher Mensch war und es daher mit den alten Geldbeutelhelden nicht gar zu fest hielt, begaben sich sämtliche Pharisäer und Schriftgelehrten zur Ruhe, bestellten aber dennoch aus ihren Dienern einen, der Wache halten mußte, daß sie am Morgen nicht verschlafen möchten die ersten Geschichten, die sich von seiten des Zauberers ergeben möchten.
GEJ|1|180|7|0|Der etwas bessere Pharisäer aber ging, nachdem alle andern samt der Wache, die sie aufgestellt hatten, schon fest schliefen, hinaus ins Freie und überlegte bei sich, was er machen solle, um den Alten ihre bösen Pläne zu vereiteln. Er gedachte: „Wenn ich nur zu diesem Wundermanne kommen könnte, da könnte ich ihm dann schon eine rechte Weisung geben, wie er es machen solle, um von meinen Kollegen unbeanstandet seine Heilungen vorzunehmen! Aber wie zu ihm kommen? Das aufgeregte Volk umlagert das Haus, und schon werden, wie ich's wahrnehme, Kranke hingeführt und hingetragen; es wird morgen ein großes Gedränge werden, und man wird nicht hinzukommen können. Ich weiß aber, was ich tue! Ich gehe nun hin zum Volke und sage ihm gerade heraus, wie ich es meine, und zeige ihm, daß ich selbst ein Feind der alten Geldzeloten bin und dem Wundermanne etwas entdecken muß, ansonst er seine Heilungen wohl kaum wird vornehmen dürfen! Will das Volk es mir gestatten, so ist es gut, und will es mir solches nicht gestatten, nun, – so habe ich doch dem Drange meines Herzens Genüge geleistet.“
GEJ|1|180|8|0|Mit solchen Gedanken begibt er sich wieder zum Volke, das in der mondhellen Nacht in ihm nur zu bald den ihm bekannten jungen Rabbiner erkennt.
GEJ|1|180|9|0|Es gehen ihm sogleich die Griechen, die vormals auch Juden waren, entgegen und fragen ihn ganz barsch, was er in dieser Zeit da suche, und ob er etwa ein Spion sei. Er aber sagt in einem guten, vertraulichen Tone: „Liebe Männer und Freunde! Wohl bedeckt meine Haut auch der Pharisäer Kleid und, wie ihr es wißt, so bin ich in der Tat auch ein wirklicher Pharisäer; denn ich mußte ja das werden als ein Erstgeborner eines reichen Hauses in Jerusalem, was meine gewissensschwachen Eltern wollten. Und so bin ich dem Äußeren nach wohl ein Pharisäer, aber in meinem Herzen noch weniger denn ihr alle, obschon ihr nun Griechen seid.
GEJ|1|180|10|0|Meine Absicht und der Grund ist ganz einfach dieser: Ihr kennt so gut wie ich meine Kollegen und wisset, welche Rechte sie sich alle anmaßen. Sie sind Theologen, und es darf niemand von der Schrift etwas verstehen als nur sie ganz allein, obschon sie, unter uns gesagt, vielleicht alles andere besser verstehen als eben die Schrift; aber sie sind dazu vom Tempel ausersehen und üben daher ihr vermeintliches Recht aus, und ihr könnt dagegen nichts ausrichten.
GEJ|1|180|11|0|Also sind sie auch Ärzte und dulden daher nicht, daß da käme ein Fremder und ihnen durch seine Kunst schmälere ihr Einkommen; auch dafür sind sie vom Tempel aus privilegiert und verstehen, für ihr Recht zu kämpfen, und ihr möget nichts machen und ausrichten dagegen.
GEJ|1|180|12|0|Also sind sie in besonderen, von Moses bestimmten Fällen auch Richter und Herren über Leben und Tod ihrer Untergebenen und können solches Recht ausüben, wie, wann und an wem sie's nur wollen, und sind dabei unverantwortlich; sie haben nur alle Jahre eine Liste nach Jerusalem einzusenden und werden dafür gewöhnlich belobt, so sie eine recht zahlreiche Liste einsenden derer, die sie gerichtet haben, nebst dem jährlichen Pachtbetrage, den sie für die Synagoge und Schule an den Tempel zu entrichten haben.
GEJ|1|180|13|0|Denn alle diese Ämter werden ja schon seit lange her vom Tempel aus entweder auf die Lebensdauer verkauft oder verpachtet; wir sind hier nur Pächter und ich gar ein Afterpächter.
GEJ|1|180|14|0|Ich sage euch, so eine Synagoge und Schule kostet im Tempel viel Geld! Und damit sie um ein desto teureres Geld an den Mann gebracht werden kann, so wird sie vom Tempel mit allerlei verbuchten Rechten privilegiert, die sich dann ein solcher Pächter, der die Gesetze für sich hat, nicht gar zu leichten Kaufes schmälern läßt.
GEJ|1|180|15|0|Man kann freilich erst dann ein Käufer oder Pächter einer Synagoge und Schule werden, wenn man zuvor im Tempel zu einem Pharisäer unter allerlei schwersten Eiden geweiht wurde; wenn man aber einmal ein Pharisäer ist, dann ist es nicht mehr leicht möglich, kein Pharisäer zu sein!
GEJ|1|180|16|0|Und sehet, obschon ein echter Jude vor solchen Prellereien von seiten des Tempels ausspucken sollte, so sind sie einmal sogar vom Staate aus anerkannt und sanktioniert, und ihr möget dagegen nichts ausrichten. Ich könnte euch noch mehreres sagen, aber es genügt, um euch wenigstens insoweit aufzuklären, daß ihr sehet, in welchen Rechten sich die Pharisäer befinden, gegen die sich mit Gewalt vorderhand leider nichts unternehmen läßt.
GEJ|1|180|17|0|Wenn ich die alten, rachsüchtigen Kollegen der guten Sache wegen nicht beschwichtigt hätte, so hättet ihr nun schon sehr fatale Anstände; denn sie wollten schon um eine Legion Soldaten nach Kapernaum schicken und das ganze Haus dem Gerichte übergeben! Ich bin sonach euer Freund und kein Feind und noch weniger ein verschmitzter feindlicher Spion! Nur wollet ihr darum an mir keine Verräter machen! Wenn aber ein guter Rat von mir aus euch nicht zu schlecht dünkt, so wollet mich in aller Geduld anhören!“
GEJ|1|180|18|0|Sagen die drei: „Du scheinst uns redlichen Herzens zu sein; so rede und sage, was wir tun sollen! Aber wage es ja nicht, uns zu hintergehen und zu täuschen; denn so was würdest du mit deinem Leben bezahlen!“
GEJ|1|180|19|0|Sagt der junge Pharisäer: „Ich habe keine Furcht davor, und so ich hundert Leben hätte, gäbe ich sie euch alle für die Wahrheit dessen, daß ich es ganz vollkommenst redlich meine! Und so höret mich: Ihr wißt also nun, daß den Pharisäern eigentlich an nichts anderem etwas liegt als an ihrem gepachteten Einkommen. Gehet also morgens hin und findet euch mit ihnen um einen bestimmten Betrag darum ab, daß am Morgen der hier weilende Wunderarzt die Kranken dieses Ortes ohne allen Anstand heilen darf, und die alten Geldmäkler werden euch dazu ohne allen Anstand die Bewilligung erteilen; und wollt oder könnt ihr ihnen das Geld nicht sogleich erlegen, so versprechet ihnen so was doch, und es wird sich auch machen!
GEJ|1|180|20|0|Nur möchte ich dem Wundermanne noch das hinzu bemerken, daß er fürs erste nach der Heilung der Kranken diesen Ort alsbald verlassen möchte, ansonst die geldhungrigen Pharisäer sich von euch sogleich ein weiteres Zugeständnis möchten wollen zahlen lassen; fürs zweite aber, da solche Wunderärzte gewöhnlich ins Prophetentum greifen und das Volk für ihre Zwecke auch geistig zu bearbeiten anfangen, so sollte er aber so was hier nicht beginnen, nicht etwa meinetwegen, sondern der Alten wegen, die in dieser Hinsicht gerade hier wegen euch Griechen unausstehlich sind!
GEJ|1|180|21|0|Und endlich sollte das Volk ihn nicht vor den alten Füchsen als einen Sohn Davids ausrufen; denn das ist noch das Schrecklichste der Schrecken für meine alten Kollegen! So das beachtet wird, so dürfte – was ich von ganzem Herzen wünsche – alles in aller Stille und Ruhe ablaufen; sonst aber könnte es im Ernste zu schreienden Spektakeln kommen!“
GEJ|1|181|1|1|181. - Der junge, bessere Pharisäer wird vom Volk gut aufgenommen. Seine List gegenüber seinen Kollegen
GEJ|1|181|1|0|Sagen die drei Griechen: „Dein Rat ist so übel nicht gemeint; aber er gefällt uns dennoch nicht ganz! Wie lange soll denn die grausame Herrschaft dieser Volksbetrüger noch dauern?! Wir sind ihrer satt geworden, obschon wir mit ihnen in keiner Gemeinschaft mehr stehen; aber sie necken uns dennoch beständig, halten in ihren Schulen Schmähreden über uns und verfluchen und verdammen uns bei jeder Gelegenheit. Wie lange sollen wir uns solche Dinge noch gefallen lassen? Dazu sind sie in bürgerlichen Sachen auch unsere Richter, und so wir ein Recht haben wollen, da müssen wir es uns allzeit teuer erkaufen. Siehe, das ist eine sehr arge Sache, und daher meinen wir, daß morgen für hier solcher Herrschaft ein Ende für immer gemacht wird; denn alle hier seßhaften Juden treten morgen zu uns über, und die Pharisäer werden als für uns durchaus unbrauchbar hinausgeworfen werden bis auf dich, so du bei uns bleiben willst! – Siehe, das ist unser Plan, den wir eigentlich schon dahin ausgeführt haben, daß sich nun kein eigentlicher Jude unter den Bürgern dieses Fleckens befindet! Was sagst du zu solch einem Plan?“
GEJ|1|181|2|0|Sagt der junge Rabbiner: „Wenn dessen volle Ausführung euch gelingt, so wird dagegen sicher nicht leichtlich jemand weniger einzuwenden haben als ich! Aber seid dabei ja vorsichtig wie die Raben, sonst würde es euch und mir auch eben durchaus nicht wünschenswert ergehen! Denn der alten Füchse weitausgreifende Pfoten kennt niemand besser denn ich, und ihre Luchsaugen sehen durch Wände, und ihre Ohren hören viele Stunden weit, was irgendwo geredet wird. Lasset mich aber jetzt heimgehen, auf daß sie über mich keinen Verdacht schöpfen; denn es fängt schon an zu tagen, und die Füchse werden bald wach werden, und so sie mich vermisseten, da wäre es aus!“
GEJ|1|181|3|0|Sagen die drei: „So gehe denn; aber habe ja acht, daß du uns gegen die alten Füchse nicht verrätst! Denn da würde es mit dir ein übles Aussehen bekommen!“
GEJ|1|181|4|0|Der junge Pharisäer geht seinen Weg heim und findet noch alles im festen Schlafe, auch die Wache. Die aber weckt er und macht einen Lärm mit ihr, da sie schliefe. Das weckt denn auch die alten Füchse, und es kommen einige heraus, zu sehen, was es da gäbe.
GEJ|1|181|5|0|Der junge Pharisäer aber sagte, als wäre er voll Zorn, daß er, keinen Schlaf habend, nachsehen ging, ob die bestellte und bezahlte Wache ihrer Pflicht nachkomme: „Und sehet und ärgert euch mit mir, – sie schlief fester denn wir alle! Und der wichtigste Tag bricht an, von dem vielleicht die spätesten Nachkommen reden werden, und die bestellte und teuer bezahlte Wache schläft! Ah, das ist denn doch ein wenig zu stark! So uns heute nacht nicht Jehova besonders beschützt hätte, so hätten wir ja alle von dem aufgeregten Volkshaufen können ermordet werden!“
GEJ|1|181|6|0|Bei dem Worte schaudern die Alten zusammen und fangen erst an einzusehen, in welch einer großen Gefahr sie sich alle befunden haben, und beloben über alle Maßen ihren jungen Kollegen, daß er über sie alle wie ein Engel Gottes gewacht habe.
GEJ|1|181|7|0|Den Jungen wäre freilich bald das Lachen angekommen; aber er faßte sich und unterdrückte mit Gewalt, was er nun aus vollem Halse gerne getan hätte. Er gab der Wache mit dem Fuße einen eben nicht zu heftigen Stoß und gebot ihr, sich als nutzlos augenblicklich zu entfernen. Die Wache ging auch sogleich; denn sie schien den Jungen zu verstehen.
GEJ|1|181|8|0|Als die Wache weg war und der Morgen schon stark den kommenden Tag zu verkünden begann, da sagt der Junge: „Brüder, ich meine, wir werden nicht viel Zeit mehr zu verlieren haben, darum sollten wir uns meines Erachtens doch wohl bald auf den Weg machen, auf daß uns nichts entgehen möge, was da vor sich gehen wird!“
GEJ|1|181|9|0|Sagen die Alten: „Ja, du hast recht, da dürfen wir nichts versäumen! Hast du aber nach Kapernaum um Soldaten für möglich vorkommende Renitenzfälle (d.h. Fälle von Widerspenstigkeit) einen Herold gesendet?“
GEJ|1|181|10|0|Sagt der Junge: „So ich da auf eure Befehle gewartet hätte, so wären wir schon lange verlesen! Ist schon alles geschehen! Ob die Soldaten aber bald kommen werden, das ist eine andere Frage; denn nach Kapernaum ist es ziemlich weit und nach irgend anderswohin noch weiter. Daher heißt es, mit Geduld abwarten, was da kommen wird, ob Sein oder Nichtsein! (Sprichwort des Jungen.)
GEJ|1|181|11|0|Es versteht sich ganz natürlich von selbst, daß der Junge an einen Boten um Soldaten nach Kapernaum gar nie gedacht hatte; denn er war ja selbst im geheimen ein Feind der alten Pharisäer, da er eben auch ganz geheim ein Anhänger der Lehre der Essäer war und daher nichts sehnlicher wünschte, als den alten Tempelhelden einen Garaus zu bereiten.
GEJ|1|181|12|0|Die Alten aber hatten noch kein Morgenmahl genommen und sagten zum Jungen: „Ei, ei, wenn nur die Soldaten bald kämen! Es ist freilich schon hohe Zeit hinzugehen, aber bis die Soldaten kommen, können wir ja doch noch vorher ein Morgenmahl nehmen; denn der Zauberer wird etwa seine Geschichten doch nicht vor dem Aufgange zu treiben beginnen?!“
GEJ|1|181|13|0|Sagt der Junge: „Oh, sicher nicht! Wenn es euch genehm wäre, so ginge ich bloß auf einen Augenblick nachsehen, ob sich beim Hause Barams schon was regt, und ihr könnt unterdessen das Morgenmahl einnehmen.“ (Baram ist der Name des Zimmermanns, bei dem der Herr die Nachtruhe nahm; der Ort aber hieß Jesaira, gegenwärtig eine Steppe.)
GEJ|1|181|14|0|Sagen die Alten: „Wirst du heute fasten?“ – Der Junge: „Das nicht; aber wie ihr es wohl wißt, so kann ich nie vor dem Aufgange etwas zu mir nehmen; daher hebet mir etwas Weniges auf!“ Sagen die Alten: „Ganz wohl, gehe daher nur schnell und bringe uns sobald als möglich eine gute Kunde und besonders – von wegen der Soldaten; denn ohne die sind wir – wie du immer sagst – verlesen!“
GEJ|1|181|15|0|Der Junge geht sogleich fort, und die Alten rufen ihm noch einmal nach: „Nur nicht vergessen von wegen der Soldaten!“ Schreit der Junge zurück: „Verlasset euch nur auf mich!“; bei sich aber sagte er noch hinzu: „Dann seid ihr schon verlesen!“
GEJ|1|182|1|1|182. - Jesu Morgengebet. Ahab, der junge Pharisäer, vom Herrn berufen. Welche Sünde nicht angerechnet wird. Großes Heilwunder
GEJ|1|182|1|0|Als der Junge zum Hause Barams kommt, so findet er dieses schon dicht umlagert von Kranken und Gesunden; er fragte aber jemanden, ob Ich schon auf wäre. Sagt zu ihm ein alter, biederer Grieche: „Ja, Er ist schon auf und war schon einmal vor dem Hause; aber da bat Ihn der alte Baram zum Morgenmahle, und Er ging dann wieder ins Haus.“
GEJ|1|182|2|0|Fragt der Junge: „Was tat er denn vor dem Hause?“
GEJ|1|182|3|0|Sagt der Grieche: „Sonst nichts – als daß Er gegen das Firmament Seine Augen erhob und gewisserart aus demselben eine Kraft zu nehmen schien; aber Sein Blick war wie der eines großen Feldherrn, dessen Winke Millionen Menschen und Tiere gehorchen müssen! Es war zwar etwas höchst Freundliches in Seinem Angesichte, aber zugleich ein Ernst, wie meine Augen noch nie etwas Ähnliches geschaut haben. Ich war nur froh, daß Er mich nicht so recht angeschaut hat; wahrlich, ich gestehe es offen, ich hätte Seinen Blick nicht ertragen! Und doch hat es mich wieder mit einer unbegreiflichen Gewalt zu Ihm hingezogen, der ich nicht zu widerstehen vermocht hätte, wenn Ihn nicht Baram eher zum Morgenmahle gerufen hätte!“
GEJ|1|182|4|0|Sagt der Junge: „Was hältst du nach all dem von ihm? Was dürfte es nach höchsten Wahrscheinlichkeitsgründen für eine Bewandtnis mit ihm haben, und wer und was könnte er nach deinem sonst allzeit scharfen Urteile sein?“
GEJ|1|182|5|0|Sagt der Alte: „Ich bin zwar ein Grieche, also nach eurem Ausspruche ein an viele Götter glaubender Heide; ich bin aber im Grunde ebensowenig ein Heide als du und glaube nur an ein allerhöchstes Gottwesen! Aber dieser Wundermann könnte mich ganz leicht zu dem Glauben an all die vielen Götter bewegen; denn wenn der nicht wenigstens ein leibhaftiger Halbgott ist, so leiste ich Verzicht auf meine Menschheit!“
GEJ|1|182|6|0|Sagt der Junge: „Ich wäre wirklich sehr begierig, ihn zu sehen! Wenn man nur ins Haus kommen könnte, so würde ich wohl bald bekannt mit ihm werden! Mit solch einem Manne nur Worte zu wechseln, muß doch von einem höchsten Interesse sein!“
GEJ|1|182|7|0|Während der junge Pharisäer noch so spricht, so komme Ich heraus und rufe ihn, sagend: „Ahab, Sohn Thomae von Toreh, komme; so es dich hungert und dürstet nach Wahrheit, da sollest du gesättigt werden!“
GEJ|1|182|8|0|Sagt der Junge: „Herr! Nie sahen wir uns, und noch nie warst Du meines Wissens hier in Jesaira! Wie möglich kennst Du mich und meinen Vater?!“
GEJ|1|182|9|0|Sage Ich: „Gar vieles noch weiß Ich von dir und deinem ganzen Hause, es taugt aber für hier nicht viel; aber daß du diese Nacht für Mich gewacht und manches gewagt hast, das hat einen großen Wert vor Mir, und es soll dir solch eine Aufopferung nicht ohne Lohn verbleiben! Komme!“
GEJ|1|182|10|0|Ahab geht nun schnell zu Mir durchs Volk hin und kann sich nicht darein finden, wie Ich solches alles wissen könne.
GEJ|1|182|11|0|Sage Ich: „Wundere dich nicht so sehr; denn du wirst noch Zeuge von ganz anderen Dingen sein! Es ist recht gut, daß du die Alten daheim versetzt hast; sie würden diese Menschen stören im Glauben, ohne den all diesen vielen Kranken schwer zu helfen wäre. Sind diese einmal geheilt, dann mögen sie immerhin kommen und ihrem Tempel- und Geldbeutelgewissen Genüge leisten. Darum bleibe du einstweilen hier und lasse sie auf dich warten, bis Ich fertig werde! Ich weiß um alles. Du hast sie zwar fest angelogen; aber für solch einen Zweck vergibt Gott allzeit solch eine Sünde! Verstehst du das?“
GEJ|1|182|12|0|Sagt der Junge: „Wohl bin ich gesetzeskundig und weiß, daß Moses gesagt hat: ,Du sollst kein falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten!‘ Ein überaus achtbares Gesetz, – das aber nun leider von niemandem weniger beachtet wird als gerade von meinen Kollegen; denn sie sagen, ein falsches Zeugnis zum Nutzen des Tempels und dessen Diener sei Gott wohlgefällig, ein gerechtes Zeugnis aber wider den Tempel und dessen Diener sei von Gott verflucht, und der gerechte Zeuge wider den Tempel und dessen Diener solle gesteinigt werden!
GEJ|1|182|13|0|Im Moses steht so was zwar nicht geschrieben, aber die Templer sagen und lehren, das geschriebene Wort im Buche sei tot, sie aber seien das lebendige Buch, in das Gott täglich durch einen Engel Seinen Willen schreiben läßt; und so haben wir nun schon völlig eine ganz neue Bibel, die von all dem, was Moses und die Propheten gelehrt haben, gerade das Gegenteil ist!
GEJ|1|182|14|0|Nach dieser neuen Tempelschrift ist daher die Lüge zur rechten Zeit und zu einem guten Zwecke nicht nur erlaubt, sondern in gewissen Fällen sogar geboten, besonders bezüglich der Tempelvorteile! Denn wer da zum Vorteile des Tempels erwiesen am besten und hartnäckigsten lügen kann, der gilt viel im Tempel.
GEJ|1|182|15|0|Es dürfte Dir nicht unbekannt sein, daß da allzeit vor den Festen der Tempel gereinigt wird und eine Menge Mist und allerlei unflätiges Zeug zusammenkommt. Der ganze Mist – weil zu trocken, erdig und sandig – ist kaum des Wegbringens wert; aber da gibt es gewisse wahrhaftige Mistpropheten. Diese gehen ins ganze Land und verkaufen den Mist in den kleinsten Gewichtssorten; fürs Gewicht eines Eies verlangen sie gewöhnlich einen Silberling! Der Tempelmist ist dann die Seele der anderen Mistgattungen, mit denen die Leichtgläubigen ihre Äcker düngen, und sie sind dann im Ernste der Meinung und des Glaubens, daß ihre Äcker und Felder ohne den Tempelmist gar keine Früchte tragen könnten, und selbst wenn sie welche trügen, solche doch des Segens Gottes entbehrten und daher niemandem ein Gedeihen bringen könnten.
GEJ|1|182|16|0|Es geschieht oft, daß solche Mistpropheten mit der Butte Mist, den sie im Tempel fassen und dann zum Verkauf in alle Gegenden austragen, zu früh fertig werden; sodann laden sie ihre Butten unterwegs mit dem nächsten besten Straßenkote voll und verkaufen dann solchen als gleichfort für den echten Tempelmist, so daß am Ende ein jeder der hundert Mistpropheten zehnmal soviel Mist verkauft, als er im Tempel gefaßt hatte. Siehe, da ist eigentlich schon der erste Verkauf ein allerdickster Betrug, weil der Tempelmist sicher bei weitem schlechter ist als jeder andere Stallmist; aber das ist nicht genug, – die blinden und betörten Menschen müssen am Ende auch noch den Straßenmist als echten Tempelmist kaufen!
GEJ|1|182|17|0|Aber das macht nichts! Weil solcher Betrug zum Besten des Tempels verübt wird, so ist das nicht nur keine Sünde, sondern sogar eine Tugend – und, weil dem Tempel, so auch natürlich Gott wohlgefällig! – O Moses!
GEJ|1|182|18|0|Nun sollte es aber jemand wagen, in Bezug auf die Wirkung des Tempelmistes, die so gut wie keine ist, dem Volke die Wahrheit kundzutun, wenigstens in Hinsicht des zweiten Betruges, wo der Straßenmist auch als Tempelmist verkauft wird, so wird er als ein Sünder wider den Tempel verflucht und kann schauen, wie er da mit heiler Haut davonkommt!
GEJ|1|182|19|0|Und so, wie der Mist, gibt es noch hundert andere Dinge, die nichts als Lüge und der barste Betrug sind; enthülle sie irgendwer dem Volke, Herr, dem sei Jehova gnädig und barmherzig!
GEJ|1|182|20|0|Daß ich meine alten Kollegen angelogen habe nach der Klafter, halte ich selbst für keine Sünde, besonders wo ich wie hier einen Mann, wie Du einer bist, vor den Nachstellungen beschützen kann, denen ein jeder vor meinen Kollegen ausgesetzt ist, bei dem sie nur einen Funken besserer Einsicht und helleren Verstandes wittern. Jetzt aber mache Du Deine Sache an diesen Kranken, sonst könnten die alten Wichte doch eher hierherkommen, als bis ich sie hole!“
GEJ|1|182|21|0|Sage Ich zum Ahab: „Siehe, sie sind schon alle geheilt! Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Tauben hören, die Stummen reden, und alle, die mit irgendeinem Übel behaftet hierher gebracht wurden, sind nun frisch und völlig gesund! Ich werde ihnen nun nur sagen, daß sie heimziehen sollen, und du kannst dann deine Kollegen hierherbringen und sie zuvor benachrichtigen, was du gesehen hast.“
GEJ|1|182|22|0|Darauf heiße Ich alle die Geheilten heimziehen und bedrohe sie alle, daß sie solches nicht ruchbar machen sollen im Lande und noch weniger in Jerusalem, so sie irgendwann dahin kämen. Sie aber geloben Mir alle, daß sie fest schweigen werden, und danken Mir darauf mit Tränen in den Augen.
GEJ|1|182|23|0|Ich aber sage abermals: „Gehet nun, – euer Glaube half euch; aber sehet, daß ihr hinfort nicht mehr sündiget, sonst wird ein zweites Übel ärger sein als da war dies erste!“ Darauf ziehen alle, die da geheilt worden sind, von dannen und loben und preisen Gott, der dem Menschen solche Macht gegeben hat.
GEJ|1|182|24|0|Sagt Ahab ganz erstaunt: „Nein, so was hat doch noch nie eines Menschen Auge geschaut! Ohne alle Zeremonie, ohne Wort und Griff! Nein, das ist stark, das ist zu viel für einen Menschen meiner beschränkten Art auf einmal! Sie wurden richtig vollkommen alle gesund, ohne Arznei, ohne Gebet, ohne Wort und Griff! – Herr! Sage mir nur ein Wort, wie Dir solches möglich ist!“
GEJ|1|182|25|0|Sage Ich: „Das kannst du jetzt nicht fassen; aber so du Mein Jünger werden willst, dann wirst du das schon einsehen und begreifen. Jetzt aber gehe und benachrichtige deine Kollegen, wenn du willst!“
GEJ|1|182|26|0|Sagt Ahab: „Ja, ich gehe und werde gerade, wie sie es am liebsten hören, mit ihnen reden! Ich will ihnen den schönsten Flugsand in die Augen streuen, damit sie vollends blind werden; denn dazu besitze ich ein eigenes glückliches Talent. Sie sollen von all dem nichts erfahren! Die gestrige Heilung des Besessenen ist genug; von der heutigen, wie gesagt, sollen sie nichts hören und sehen!“
GEJ|1|182|27|0|Sage Ich: „Gut, gut; mache es, wie es dir bestens dünkt! Wir sind Freunde; mache dich los und folge dann Mir, so wirst du Wahrheit und Leben finden und wirst frei werden durch die Wahrheit!“
GEJ|1|183|1|1|183. - Ahab bringt seine Kollegen zum Herrn
GEJ|1|183|1|0|Ahab entfernt sich nun und eilt zu seinen Kollegen. Als er zu ihnen kommt, so dringen sie alle in ihn und sagen: „Aber um des Tempels willen, was machtest du denn so lange?! Welche Ängste haben wir deinetwegen schon ausgestanden! Wie sieht es denn aus? Was macht der Zauberer? Wie ist es dir ergangen? Kommen die Soldaten schon? Wir sind in einer verzweifelten Lage! Du wirst davon noch nichts wissen!?“
GEJ|1|183|2|0|Sagt Ahab: „Wieso denn? Was ist es denn, daß ich davon nichts wüßte?!“
GEJ|1|183|3|0|Sagen die Alten: „Stelle dir's vor! Vor kaum einer halben Stunde kommen drei Bürger, Juden, dieses Orts; diese meldeten uns, daß der ganze Markt Jesaira samt und sämtlich zu den Griechen übergegangen sei und wir nun hier nichts mehr zu tun hätten! Was sagst du dazu?! – Und höre, das alles dürfen wir diesem verwünschten Zauberer verdanken, der nichts als ein Apostel der Hölle ist und des Beelzebubs Geist in seiner Brust birgt! Ja, was sagst du dazu?!“
GEJ|1|183|4|0|Sagt Ahab: „Wenn so, dann ist es schlimm für uns, und wir dürfen uns dann so hübsch zeitlich ums Weiterkommen umsehen! Ich habe davon wohl schon gestern etwas murmeln hören, konnte aber doch nicht recht innewerden, was die ganze Geschichte zu bedeuten haben sollte. Geschieht uns aber übrigens auch ganz vollkommen recht! Ich habe es euch oft gesagt, daß wir mit unserer Dummheit und Finsternis, in die wir alle im Tempel eingeweiht worden sind, bei den sehr geweckten Griechen nicht auslangen werden, und daß es diesen ein nur zu leichtes Spiel wird, uns über den Daumen zu drehen; aber da goß ich allzeit Öl ins Feuer! Nun ist das in die notwendige Erfüllung gegangen, was ich euch schon lange vorher an den Fingern ausgerechnet habe, und ich begreife nun wahrlich nicht, wie ihr euch darüber noch wundern könnet! Ich habe es euch oft gesagt: Hören wir doch einmal auf mit dem Dummachen und Verfinstern des Volkes; denn auf der Welt hat alles seine Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen! Was wird es uns denn nützen, so wir systemmäßig das Volk ganz zu einem allerfinstersten Narren machen?! Die Narrheit wird endlich in Bosheit ausarten, und wir werden dann das Weite suchen dürfen. Und da haben wir es nun!
GEJ|1|183|5|0|Das Volk hielt auf Moses und die Propheten; wir aber sagten: Diese sind tot und ihre Schrift mit ihnen! Gott offenbart Seinen Willen im Tempel und zeigt an, was von Moses und den Propheten zu halten ist. Die Hohenpriester, die Leviten und all die Pharisäer und Schriftgelehrten sind nun der lebendige Moses und die lebendigen Propheten! – Das ist unsere Lehre!
GEJ|1|183|6|0|Hundert Male habe ich euch nur zu klar gesagt, solche unsere Anmaßung wird jüngst notwendig einen schlimmen Ausweg nehmen. Aber da lachtet ihr mich aus und behauptetet, daß solches platterdings unmöglich sei! Nun ist es da! Behauptet ihr nun auch noch, daß so etwas unmöglich sei?!
GEJ|1|183|7|0|Ich sage euch aber noch einmal, daß uns allen vollkommen recht geschieht; denn wer sich in einer ernsten Sache nicht raten läßt, dem ist auch nicht zu helfen!
GEJ|1|183|8|0|Ich habe mir jetzt dort beim Hause Barams alle Mühe gegeben, um die aufgeregten Gemüter des Volkes zu besänftigen; ich sagte den Hitzköpfen, daß sogleich Soldaten von Kapernaum hier eintreffen werden zu ihrer Züchtigung! Und sie lachten und sagten: ,Ihr werdet gut warten auf sie; denn euer Bote befindet sich in unserer Gewalt – so wie ihr alle! Seht, daß ihr gutwillig weiterkommt, sonst werdet ihr auf eine andere Art weiterkommen!‘ Das war die löbliche Entgegnung auf meine ans Volk gerichtete Warnung und Drohung, die ich auch viel besser hätte können bleiben lassen!
GEJ|1|183|9|0|Was den Zauberer aber betrifft, so ist er an dieser Sache ganz unschuldig; denn er samt seinen Jüngern und Baram dürften nun die einzigen Juden in diesem Orte sein! Daß er allerdings ein Magier zu sein scheint, will ich nicht bezweifeln; aber daß er durch Beelzebub wirke, das getrauete ich mich nicht zu behaupten, obschon ich euch damit in eurer Meinung nicht stören will. Gehet nun selbst hin und redet mit ihm und überzeuget euch selbst von allem!“
GEJ|1|183|10|0|Fragen die Alten: „Hat er die vielen Kranken schon geheilt?“
GEJ|1|183|11|0|Sagt Ahab: „Kann wohl sein, obschon ich nichts davon zu Gesichte bekam. Es stehen wohl noch eine Menge Menschen beiderlei Geschlechts vor dem Hause Barams, zumeist mir wohlbekannte Griechen, und besprechen sich mit dem höchst schlichten Magier, oder was er sonst sein mag; aber von irgend kranken Menschen habe ich nichts mehr gesehen. Vielleicht hat er sie in der Zeit geheilt, als ich vorher hier euch bewachte. Aber, wie gesagt, gehen wir nun hin, und ihr werdet euch selbst von allem überzeugen können, wie dort die Sachen stehen!“
GEJ|1|183|12|0|Sagen die Alten: „Ist keine Lebensgefahr zu befürchten?“ Sagt Ahab: „Seht, was das schon wieder für eine höchst dumme Frage ist! Seid ihr denn hier nun mehr sicher?! Es ist ja für uns alle jetzt, da sich hier die Dinge so ungünstig gewendet haben, besser, das Freie zu suchen, wo uns noch die Füße was nützen können, als sich hier leichtermaßen zwischen den vier Wänden umbringen zu lassen!“
GEJ|1|183|13|0|Sagen die Alten: „Ja, ja, du hast recht; darum gehen wir hinaus und versperren alle unsere Schätze, die einen großen Wert haben!“ Sagt Ahab: „Ganz gut, – gehen wir nur; wer wird denn nun sogleich unsere Schätze rauben gehen?! Die Menschen dieses Ortes haben nun auf ganz andere Dinge ihre Augen zu richten als auf unsere Schätze!“
GEJ|1|183|14|0|Auf diese Worte erheben sich die Alten, versperren alles und sagen nicht einmal ihren Dienern, was sie nun vorhaben.
GEJ|1|184|1|1|184. - Das Volk und die Pharisäer. Die Pharisäer in der Enge
GEJ|1|184|1|0|Als sie nun hinkommen zum Hause Barams, sehen sie sogleich eine große Menge Volks, das sich ob der großen Heilung förmlich entsetzt vor Verwunderung. Da aber die alten Pharisäer diese große Heilung nicht gesehen haben, so meinen sie, das Volk verwundere sich noch immer über die gestrige Heilung des Besessenen, indem es noch in einem fort rufe wie gestern: „Heil dem Sohne Davids! Dieser ist wahrhaftig Davids Sohn!“
GEJ|1|184|2|0|Da sonach die alten Pharisäer solches hörten, wurden sie ärgerlich und sagten zum Volke: „Was wundert ihr euch denn gar so mächtig?! Wir wissen es besser denn ihr, wie das zuging! Er, dieser Zauberer, treibt die Teufel nicht anders aus als durch Beelzebub, der Teufel Obersten (Matth.12,24), – und ihr möget ihn als den Sohn Davids preisen?!“ – Da fingen denn einige Schwächere doch an zu stutzen und fragten die Pharisäer, daß sie ihnen diese Sache näher beschreiben sollten, und wie solches möglich wäre, – und ob der Teufel Oberster denn auch göttliche Taten verrichten könnte dann und wann.
GEJ|1|184|3|0|Auf diese Frage waren die alten Füchse nicht gefaßt und wußten daher auch nicht, was sie den Fragenden antworten sollten. Da aber die Fragenden merkten, daß es den Pharisäern an irgendeinem haltbaren Grunde fehlen müsse, weil sie so lange auf eine Antwort warten ließen, so sagten die Frager: „Warum gebet ihr auf unsere gute Frage keinen Bescheid, auf daß wir den Grund einsähen, wie dieser vermeintliche Zauberer die Teufel durch den Beelzebub austreibe, und ob Beelzebub auch göttliche Taten verrichten könne? Es ist ganz leicht, einen Menschen, der wie immer imstande ist, außerordentliche Taten zu verrichten, als einen Knecht des Satans auszuschreien und ihn also zu verdächtigen; aber ganz etwas anderes ist es, davon einen handgreiflich sicheren Beweis zu liefern! Warum schweiget ihr vor uns, wenn ihr eurer Sache sicher seid?“
GEJ|1|184|4|0|Sagen die Pharisäer: „Wir schweigen, weil wir als vom Geiste Gottes Erleuchtete allzeit wissen und einsehen, was dem Menschen zu wissen not tut, und was wir daher zu reden haben. Nicht, weil wir so was nicht wüßten, sondern – weil wir es nicht dürfen und daher auch nicht wollen, euch über eure Frage irgendeinen haltbaren Beweis zu geben. Eure Sache ist allein, alles zu glauben, was wir euch lehren, und nicht selbst zu forschen; denn darum sind wir von Gott gestellt, alle Dinge bis auf den innersten Grund zu erforschen, die Geheimnisse für uns zu behalten und dem Volke davon nur so viel zu sagen, als es demselben not tut. Habt ihr uns nun verstanden?!“
GEJ|1|184|5|0|Sagt das Volk: „O ja, wir haben euch recht gut verstanden, und weil wir euch schon seit lange her also verstanden haben, so sind wir eben zufolge solchen nur zu klaren Verständnisses zu den Griechen übergegangen, bei denen es keine solche Geheimniskrämerei gibt! Da gibt es einen Aristoteles, einen Pythagoras, einen Plato, einen Sokrates, und dieser Werke und Schriften sind klar und wahr. Bei euch aber ist alles stets mehr und mehr in die tiefste Nebelnacht gehüllt, so, daß man aber auch nicht eine Spanne weit weder vor sich noch hinter sich her sehen kann.
GEJ|1|184|6|0|Was wollt ihr diesen von Gott zu uns gesandten Heiland verdächtigen?! Er hat uns Gutes getan und hat geheilt alle unsere Kranken, und ihr heißet Ihn darum einen Satansknecht?!
GEJ|1|184|7|0|Was seid denn ihr hernach, die ihr uns aber auch noch nie eine noch so kleine Wohltat erwiesen habt?! Wann habt ihr durch eure nichtigen Mittel und durch eure vorgeschützten Gebete jemanden geheilt?“
GEJ|1|184|8|0|Sagen die Pharisäer: „Haben wir etwa keine Zeugnisse?!“
GEJ|1|184|9|0|Sagt das Volk: „Zeugnisse habt ihr freilich und sehr großsprechende – vom Tempel aus; aber wo sind denn die Taten, die den Zeugnissen zufolge ihr allzeit sollet auszuüben imstande sein?! Von denen ist uns noch nichts zu Gesichte gekommen!
GEJ|1|184|10|0|Dieser aber kam ohne Zeugnisse zu uns und verrichtet nun Taten, von denen man ganz füglich sagen kann, daß, solange die Welt steht, solche noch nie von einem Menschen ausgeübt worden sind! Wir sehen wohl recht gut ein, warum ihr diesen göttlichen Menschen bei uns verdächtigen wollt, obschon ihr uns den wahren Grund zu sagen verweigert. Höret! Wir sind so frei, ihn euch unter die Nase zu reiben! Das aber ist der Grund:
GEJ|1|184|11|0|Dieser göttliche Mensch verübt Taten in allerwunderbarster Wirklichkeit, die zu verrichten ihr – laut eurer Tempelzeugnisse – imstande sein sollet; aber bis jetzt seid ihr mit keiner Tat zum Vorschein gekommen seit dreißig Jahren her, als wielange ihr bei uns seid.
GEJ|1|184|12|0|Wie viel des schönsten Geldes und anderer kostbarsten Dinge habt ihr von uns dafür bekommen, daß ihr was wirken möchtet zu unserem Besten; wo aber ist die Wirkung?! Unser Gold und Silber habt ihr wohl genommen; aber wir bekamen dafür nichts als leere Verheißungen, die nie erfüllt wurden. So wir euch fragten, wann die Erfüllung käme, da zeigtet ihr uns die üppigen Saaten und unsere gottlob gesunden Herden. Wir aber zeigten euch die noch üppigeren Saaten und ebenso gesunden Herden der Griechen, die von euch an jedem Sabbat sieben Male verflucht werden vor dem Aufgange. Da sagtet ihr: Solche Üppigkeit bewirke der Satan, und das Brot von solchen Feldern und das Fleisch von solchen Herden diene nicht zum Leben, sondern zur Verdammnis! Aber ihr verschmähtet dennoch nicht den pflichtigen und durchaus nicht kleinen Tribut, den euch die Griechen als Duldungsgebühr alljährlich an allen möglichen Getreidesorten zu entrichten hatten! Saget, was habt ihr dann mit dem nach eurer Sage vom Satan gesegneten Getreide gemacht?“
GEJ|1|184|13|0|Sagen die Pharisäer, schon voll des bittersten Grimmes: „Wir verkauften es den Heiden, als den Römern und Griechen, auf daß sie desto mehr Verdammnis überkommen sollen am Jüngsten Tage!“
GEJ|1|184|14|0|Sagt das Volk: „So, schön! Man sagt, der Teufel sei dumm, und seine Lüge könne man mit Händen greifen; aber ihr seid noch zehnmal dümmer, – denn eure Lügen greift man schon mit sogar dickbeschuhten Füßen! Waren nicht wir es, die da euer sämtliches Getreide mit unseren Ochsen und Eseln nach Jerusalem geschafft haben auf den Markt, und wir werden es wohl wissen, an wen wir euer Getreide verkauft haben!? Und ihr seid frech genug, uns ins Angesicht zu sagen, daß ihr das griechische Getreide an die Heiden der größeren Verdammnis wegen verkaufet! Wenn ihr euch schon mit Lügen weiß waschen wollt, so lüget doch etwas pfiffiger, auf daß es nicht herauskomme, als wären wir noch dümmer, denn ihr es seid, und könnten gleichweg schwarz für weiß und weiß für schwarz ohne Anstand kaufen! – Nein, aber so grausig lügen! Das ist ja noch gar nie erhört worden!“
GEJ|1|184|15|0|Sagen die Pharisäer: „Ihr wisset und verstehet nichts! Wisset ihr denn nicht, daß ein Pharisäer gar nicht lügen kann?! Denn es steht im Gesetze des Tempels geschrieben für alle, die sich dem Dienste Gottes weihen, daß sie gar nicht lügen können, so sie es auch wollten; denn auch die dickste Lüge wird in ihrem Munde zur leuchtendsten – Wahrheit!“
GEJ|1|184|16|0|Hier fängt das Volk an zu lachen und sagt scherzweise: „Ja, ja, wir kennen ja auch die von euch nun angezogenen Tempelgesetze; es soll darin ja auch geschrieben sein: So ein Pharisäer Unflat in seinen Mund nehme, so werde daraus alsbald Gold!“
GEJ|1|185|1|1|185. - Der Herr beschwichtigt das Volk wegen der argen Pharisäer und lädt diese zu Sich ins Haus und belehrt sie
GEJ|1|185|1|0|Als die Pharisäer sahen, daß sie vom Volke durchschaut sind, und daß sie nun verhöhnt werden, da fingen Rachegedanken in ihrer Brust auf eine brennendste Weise an aufzusteigen; da sagte Ich zum Volke: „Lasset ab von ihnen; denn sie selbst sind blinde Leiter der Blinden. Und kommen sie mit denen, die sie leiten, an eine Grube, so fallen sie samt den Leitlingen in die Grube. Sie können euch in einem Lande, das sie beherrschen als Obenanstehende, allzeit eher schaden, als ihr ihnen; aber nun sind sie mit euch dennoch so weit in die Falle gegangen, daß auch sie in die Grube fallen können, und zwar sie jetzt leichter denn ihr! Denn sie gaben an, daß sie an die Römer und Griechen verfluchtes Getreide verkauft haben zu deren Verderben; zeiget ihr solches dem römischen Obersten an, so läßt er sie alle übers Schwert springen! Aber es soll so was ja nimmermehr geschehen! Wir wollen uns nun aber ins Haus zurückziehen, und Ich werde darinnen sehen, ob Ich auch diese im Geiste Stockblinden sehend machen kann.“
GEJ|1|185|2|0|Darauf gehe Ich ins Haus, und die Pharisäer gehen sogleich Mir nach und werden darinnen von Meinen Jüngern begrüßt. Es ging aber auch eine große Masse Volks nach, so daß es im Zimmer zu einem großen Gedränge kam. Aber das machte gerade nichts; denn Ich und Meine Jünger hatten dennoch Platz genug.
GEJ|1|185|3|0|Als sich nun im Hause alles in der Ruhe befand, da öffnete Ich Meinen Mund und sagte, hauptsächlich zu den Pharisäern, da Ich ihre argen Gedanken nur zu gut und rein sah: „Daß es mit euch so weit gekommen, daran ist niemand schuld – als allein ihr selbst. Seid ihr doch über die dreißig Jahre bei diesem Volke hier in Jesaira und habt nicht merken können, wie da der Geist dieses Volkes beschaffen ist! Nun ist es für diese gegenwärtige Zeit zu spät, den einmal geweckten Geist dieses Volkes zu einem abermaligen Schlafe zu zwingen! Euer Ärger ist daher ein völlig vergeblicher; denn ihr selbst tragt die Schuld daran, und sonst niemand.
GEJ|1|185|4|0|Ich kam her als ein echter Jude und als solcher wahrhaft im Vollbesitze des Geistes Gottes und aller dessen Kraft!
GEJ|1|185|5|0|Als Ich ans Ufer kam und ihr, durch Feuer am Schiffe gelockt, mit dem Volke ans Ufer eiltet, so heilte Ich vor euren Augen den Blinden, Stummen und zugleich Besessenen. Das Volk erkannte augenblicklich die göttliche Kraft in Mir und begrüßte Mich als den Sohn Davids; ihr selbst erkanntet es in euch eben auch also. Da euch aber solche Erkenntnis also dünkte, daß es euch beeinträchtigen möchte in allem, so sagtet ihr wider eure innerste Überzeugung: Ich verrichte solche Taten mit Hilfe des Obersten aller Teufel! Wem aber habt ihr dadurch geschadet?! Sehet, niemandem – als nur euch ganz allein!
GEJ|1|185|6|0|Hättet ihr nur ein wenig offener über diese Sache nachgedacht und sie näher geprüft, so hättet ihr ja doch den allerungereimtesten Unsinn eurer Behauptung augenblicklich einsehen und danebst erkennen müssen, daß ihr durch eure höchst unzeitige und unkluge Behauptung bei diesem geweckten Volke ja notwendig auch den letzten Funken Ansehens und Glaubens verlieren müsset!“
GEJ|1|185|7|0|Sagen die Pharisäer: „Was hätten wir denn tun sollen? Wenn du schon so weise bist, so sage es uns!“
GEJ|1|185|8|0|Sage Ich in einem etwas ernsteren Tone: „Also hättet ihr denken, urteilen und reden sollen: Ein jedes Reich, das in sich selbst uneins wird, wird wüste, und eine jegliche Stadt oder ein jegliches Haus, das da mit sich selbst uneins wird, mag nicht bestehen! (Matth.12,25) Wenn ein Satan den andern austreibt, so ist es doch klar, daß er zuvor mit sich selbst uneins sein muß! Und Ich frage: Wiegestaltig mag denn sein arges Reich bestehen?! (Matth.12,26) Ich meine, das sollte doch mit Händen zu greifen sein!
GEJ|1|185|9|0|So Ich aber, der Ich doch auch ein vollkommener Jude bin, nach eurer blinden Behauptung die Teufel durch den Beelzebub austreibe, saget, durch wen dann treiben sie denn eure Kinder aus, die doch auch nun in alle Lande als Heilande ziehen, die Kranken heilen und die Teufel austreiben?! Ich aber sage euch: Auch eure Kinder, und nicht dies Volk allein, werden eure Richter sein! (Matth.12,27)
GEJ|1|185|10|0|So Ich aber, wie es dies ganze Volk klar einsieht, die Teufel durch den Geist Gottes austreibe, so ist ja ohnehin das Reich Gottes zu euch gekommen (Matth.12,28), darob ihr als Juden vor den Griechen, die Heiden sind, um so mehr euch freuen solltet, da solche Zeichen ein Jude wirket zur schon lange verlorengegangenen Gunst der Juden! Denn nur so kann der echte Jude aller Welt zeigen, daß er der einzige Mensch auf der weiten Erde ist, der mit Gott im sichtlichsten Verbande steht und durch die allmächtige Kraft des Geistes Gottes Taten verrichten kann, die also keinem andern Menschen möglich sind.
GEJ|1|185|11|0|Wenn die Außenmenschen solches an dem Juden merken, so werden sie sich bald zu vielen tausendmal Tausenden um den mächtigen Juden scharen und werden sagen: ,Der Jude allein ist Gottes. Gottes Allmacht wirkt wunderbarst durch ihn; er ist stark und weise und soll unser Herr sein in Ewigkeit!‘
GEJ|1|185|12|0|Wenn aber der echte Jude je durch den Gottesgeist sich also stark zeigt, so soll also stark sein ja sein ganzes Haus und Land! Wie aber kann dann oder wie sollte dann jemand in eines so Mächtigen und Starken Haus gehen und ihm rauben seinen Hausrat? Es sei denn, was aber unmöglich ist, daß er den Starken zuvor binde und ihm erst dann raube seinen Hausrat (Matth.12,29), wie es die Römer mit uns auch wirklich gemacht haben, da sie uns in unserem Hause berauscht und schlafend fanden und haben uns gebunden, beraubt und uns gemacht zu ihren Sklaven, was den Juden vollkommen recht geschieht, da sie völlig von Gott abgefallen sind.
GEJ|1|185|13|0|Aber Gott hat Erbarmen mit Seinem Volke und möchte ihm nun wieder helfen, darum Ich denn auch von Gott zu euch gesendet bin. So aber doch, wie ihr es selbst sehet, das nun augenscheinlichst der Fall ist, warum zerstreuet ihr denn da alles wieder, wo Ich sammle?!
GEJ|1|185|14|0|Denn wer nicht mit Mir ist, der ist wider Mich, und wer nicht mit Mir sammelt, der zerstreuet (Matth.12,30) und ist offenbar wider den Geist Gottes, der euch frei machen will!
GEJ|1|185|15|0|Darum aber sage Ich euch auch zu allem dem, was euch nun schon begegnet ist, noch hinzu: Alle Sünde und Lästerung wird dem Menschen vergeben; aber die Lästerung wider den Geist Gottes nie! (Matth.12,31) Denn ihr habt recht wohl gewußt in euch, daß Ich den Besessenen durch Gottes Kraft geheilt habe, habt aber des schnöden irdischen Gewinnes und Ansehens wegen dennoch in Mir verlästert den Geist Gottes, der euch retten wollte, und so habt ihr auch den verdienten Lohn sogar von den Heiden überkommen!“
GEJ|1|185|16|0|Sagen die Pharisäer: „Wir haben nicht den Geist Gottes, sondern nur dich verlästert, und du selbst wirst mit Fleisch und Blut doch nicht der Geist Gottes sein? Denn du bist so gut als wir nur eines Menschen Sohn!“
GEJ|1|185|17|0|Sage Ich: „Ja wohl, das bin Ich auch dem Anscheine nach, aber der Wirklichkeit nach vielleicht etwas mehr. Aber bin Ich also wie ihr eines Menschen Sohn, so entschuldigt das eure Lästerung nicht im geringsten! Denn Ich als Menschensohn wirke solche Taten sicher nicht, – so wenig als ihr! Aber in diesem nun vor euch stehenden Menschensohne wirket allein der Geist Gottes, und Dieser ist es, den ihr verlästert habt; denn nicht Ich, sondern der Geist Gottes hat hier vor euren Augen solches gewirkt, und ihr habt Ihn verlästert.
GEJ|1|185|18|0|Ja, wer da etwas redet wider Mich als puren Menschen, dem soll es vergeben sein; aber wer da redet wider den heiligen Geist, dem wird nicht vergeben, weder hier noch jenseits! (Matth.12,32)
GEJ|1|185|19|0|Denn wo einmal ein Baum schon seiner ganzen Natur nach schlecht ist, da ist auch die Frucht schlecht; ist aber der Baum von Natur aus schon gut, so wird auch die Frucht gut sein. An der Frucht also erkennt man den Baum! Ihr seid der Baum, und hier die durch euch zu Heiden gewordenen Juden sind eure Frucht! Urteilet selbst, ob sie gut oder schlecht sei!“ (Matth.12,33)
GEJ|1|186|1|1|186. - Der Pharisäer arger Starrsinn. Des Herrn scharfe Worte an sie. Winke über verschiedene Besessenheitszustände und über den Einfluß böser Geister. Die Pharisäer in Wut
GEJ|1|186|1|0|Sagen die Pharisäer: „Das ist nicht unsere Frucht; das ist die Frucht solcher Landstreicher, wie du einer bist, die von Zeit zu Zeit kommen von aller Welt her in der Gestalt von allerlei Künstlern und Zauberern. In unserem Angesichte üben sie wohl ihre elende Kunst aus; zur Nachtzeit aber machen sie Proselyten für die heidnische Philosophie und haben eine mächtige Beredsamkeit, um uns und den Tempel samt dessen von Gott gegebenen Verordnungen bis auf das grauenhafteste zu verdächtigen! Siehe, solcher Individuen Frucht sind dann solche Heidenjuden, wie sie hier zu Jesaira zu Hause sind! Wir redeten allzeit Wahres und Gutes zum Volke und lehrten es nach Moses recht und gerecht. Aber wenn Beelzebub durch Individuen deiner Art das Volk von uns abwendig macht, können wir da etwas dafür?! Wir sind also kein schlechter Baum deshalb, wenn Satan auf unseren Ästen die Früchte verdirbt und faul macht. Unsere Lehre und Rede ist gut; aber deine Rede und Taten rühren vom Obersten der Teufel her und verführen das leichtgläubige Volk! Daher sollte man dich samt deinem Anhange steinigen und töten!“
GEJ|1|186|2|0|Als die ergrimmten Pharisäer solche Worte redeten, da fing das Volk zu murren an und machte Miene, sich an den Pharisäern zu vergreifen.
GEJ|1|186|3|0|Ich aber sagte zum Volke: „Lasset das! Es ist genug, daß diese Argen für die Ewigkeit geschlagen sind; darum sollen sie jetzt verschont sein! Aber sie sollen nun von Mir ihr wohlverdientes Zeugnis vernehmen!“
GEJ|1|186|4|0|Sagt das Volk: „Ja, Herr, wir bitten Dich darum, sage Du diesen Wichten, wer und was sie ganz eigentlich sind!“
GEJ|1|186|5|0|Ich wende Mich nun wieder zu den Pharisäern und sage in einem ganz vollernsten Ton: „O ihr Otterngezüchte! Wie könnt ihr Gutes reden, da ihr doch durchaus böse seid in eurem Herzen?! Wessen aber das Herz voll ist, davon geht der Mund über. (Matth.12,34) Ein guter Mensch bringt allzeit Gutes hervor aus dem guten Schatze seines Herzens; und ein böser Mensch aber bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatze! (Matth.12,35) Ich sage euch aber, daß die Menschen einst werden Rechenschaft geben müssen von jedem bösen und unnützen Worte, das sie geredet, am Tage des jüngsten Gerichts! (Matth.12,36) Es wird also sein, wie es im Buche Hiob geschrieben steht: ,Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt und aus deinen Worten wirst du verdammt werden!‘ (Matth.12,37)
GEJ|1|186|6|0|Ich habe euch vorhin gezeigt, warum Ich hierher also wie auch andernorts hinkam; aber der böse Sinn eures Herzens mag das nicht annehmen und noch weniger fassen, auf daß ihr frei und selig werden möget!
GEJ|1|186|7|0|Für all das Gute, das Ich euch tue unentgeltlich, wollet ihr Mich steinigen und töten! O ihr Otterngezüchte, ihr Natternbrut! Wohl ist jedes arge Zeugnis wahr, das euch die Propheten zum voraus gaben, ja nur zu wahr! Mit toter Zeremonie und mit den puren Lippen ehret ihr Gott; aber euer Herz ist ferne von Ihm!“
GEJ|1|186|8|0|Es waren aber einige unter den Pharisäern und Schriftgelehrten, denen Meine Rede ein wenig zu Herzen ging. Diese machten ein etwas menschliches Gesicht und sprachen: „Meister, wir können deine Lehre nicht völlig verachten; wir aber waren gestern wie auch heute verhindert, das mit eigenen Augen zu schauen, was und wie du deine Wundertaten gewirkt hast. Wirke noch ein solches Zeichen; wir möchten gerne eines sehen! (Matth.12,38) Vielleicht genügt es unserem Verstande, und wir können uns dann am Ende selbst an deine Lehre binden!“
GEJ|1|186|9|0|Ich aber wandte mich ans Volk und redete also: „Diese böse und ehebrecherische Art sucht ein Zeichen! Aber es soll ihr kein anderes Zeichen gegeben werden, denn dereinst das Zeichen des Propheten Jonas! (Matth.12,39) Denn gleichwie Jonas drei Tage und drei Nächte im Bauche eines Walfisches war, also wird auch des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte in der Mitte der Erde sein.“ (Matth.12,40). (Die Mitte der Erde bezeichnet hier vorerst das Grab; geistig aber zeigt es an, daß die Seele des Menschensohnes hinabgehen wird zu den gefangenen Seelen der Verstorbenen und wird sie daselbst frei machen.)
GEJ|1|186|10|0|Da sahen die Pharisäer einander an und sprachen: „Was ist das, was will er tun? Wie wird er in der Erde Mitte kommen? Wo ist die? Ist sie nicht überall und eigentlich doch nirgends! Wer weiß es denn, wie groß die Erde und wo ihre Mitte ist? Der Mensch ist irrsinnig, oder es will ein böser Geist sich seiner bemächtigen! Denn man sagt, daß jeder Mensch, bevor er irre wird, verschiedene Wunder verrichten kann. Was will er mit Jonas sich vergleichen, der zu Ninive gepredigt hat?!“
GEJ|1|186|11|0|Sage Ich abermals wie zum Volke: „Ja, ja, die Leute von Ninive werden auch aufstehen mit diesem Geschlechte am Tage des jüngsten Gerichtes und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jonas. Und sehet, hier ist mehr denn Jonas! (Matth.12,41) Also wird auch die Königin vom Mittage einst am jüngsten Tage jenseits auftreten mit diesem Geschlechte und wird es verdammen! Denn sie (Semiramis) kam vom Ende der Erde, um Salomos Weisheit zu hören, und sehet, hier ist mehr denn Salomo!“ (Matth.12,42)
GEJ|1|186|12|0|Sagen die Pharisäer: „Nun, so du schon glaubst, daß wir alle rein des Teufels sind, und daß uns alles verdammen wird am jüngsten Tage, so treibe von uns die Teufel aus, also wie du es gestern mit dem Blinden und Stummen gemacht hast, und wir werden dich dann ja auch ebensogut loben können wie der von dir Geheilte!“
GEJ|1|186|13|0|Sie redeten aber also nicht darum, als hätten sie einen Ernst, von ihren vielen bösen Geistern los zu werden, mit denen sie schon völlig eins waren, sondern nur um irgendeine Sache wider Mich zu erhaschen. Denn so ein arger Geist im Menschen einmal alles sich zinsbar und dienlich gemacht hat, dann äußert er sich nicht auf eine bemerkbare Art, sondern er tut dann ganz klug nach weltlicher Weise, daß ein jeder glauben muß, solch ein Mensch sei nicht besessen, während er doch ärger besessen ist denn ein anderer, der von irgendeinem argen Geiste noch so gequält wird, weil er im Hause nicht Herr werden kann.
GEJ|1|186|14|0|Darum sage Ich denn auch zu den Pharisäern und Schriftgelehrten: „Das kann bei euch aus mehrfachem Grunde nicht mehr bewirkt werden; denn die bösen Geister in euch sind schon lange mit eurer Seele vollkommen eins geworden und machen nun in aller Fülle euer höchst eigenes böses, ehebrecherisches Leben aus. Würde Ich sie euch nehmen, so würde Ich damit euch auch euer Leben nehmen; würde Ich euch aber möglicherweise das eigentliche erste Leben erhalten, so würde euch solches doch nichts mehr nützen, indem nun eure ganze Natur durch und durch verteufelt ist! Denn wenn der unreine Geist durch Meine Macht von solchen Menschen auch ausfährt, so durchwandelt er für ihn dürre Stätten, suchet Ruhe und findet sie nicht (Matth.12,43). (Das heißt, der Teufel versucht tugendhafte Menschen und pochet an; aber es wird ihm nicht aufgetan, und das sind für ihn und seine Zwecke dürre Stätten und Wüsten, in denen für ihn kein Kräutel wächst.) Da spricht er dann bei sich selbst: ,Ich will wieder umkehren in mein altes Haus; denn auf den Steppen und Wüsten gibt es für mich keine Ruhestätte, und in die Häuser, die ohnehin schon Bewohner meiner Art in Menge haben, werde ich nicht hineingelassen.‘ Wenn auf solch eine Vornahme dann der Teufel zu seinem früheren Hause kommt, so findet er es natürlich müßig, gekehrt und geschmückt. (Matth.12,44) Da tritt er zurück und beruft noch sieben andere Geister, die ärger sind denn er selbst. Mit deren Hilfe dringt er dann leicht wieder in sein altes Haus, und es wohnen alle in solchem Hause, und es wird dann mit solch einem Menschen um vieles ärger, als es früher war!
GEJ|1|186|15|0|Und also würde es gerade dem argen Geschlechte ergehen. (Matth.12,45) Darum soll es durch Mich nicht noch verdammlicher gemacht werden, als es ohnehin schon ist.“
GEJ|1|186|16|0|Als die Pharisäer solches vernehmen, werden sie nahe ganz glühend vor Zorn und hätten Mich wohl zerreißen mögen, so sie das Volk nicht gefürchtet hätten.
GEJ|1|187|1|1|187. - Ahabs Belehrung und Warnung durch den Herrn. Das Heil kommt von den Juden (in Jesus). Vergleich zwischen dem Tempel zu Jerusalem und dem zu Delphi. Der Griechen Zeugnis vom Herrn.
GEJ|1|187|1|0|Es machte sich aber Ahab, der junge Pharisäer, von den Alten weg und war recht froh darob, daß Ich den Alten solche Wahrheiten gesagt hatte. Er fragte Mich aber heimlich, ob denn auch er ein so arg Besessener sei.
GEJ|1|187|2|0|Ich aber sagte freundlichen Antlitzes zu ihm: „Wärest du es, so würdest du Mich nicht also fragen. Du warst bis jetzt für den Satan auch noch eine dürre Stätte; siehe aber zu, daß du für ihn nicht zu einem fruchtbaren Felde werdest! Nimm dich darum sehr in acht vor deinen argen Kollegen!“
GEJ|1|187|3|0|Sagt Ahab: „Herr und Meister! Verlaß nur Du mich nicht, so wird mir der Hölle Macht sicher nie etwas anhaben können! An meinem Eifer für Dich soll es keinen Mangel haben!“
GEJ|1|187|4|0|Sage Ich: „Gehe hin! Du sollst stark sein durch deinen Glauben und Eifer für Mich! Aber sieh dich wohl vor, daß dich deine Kollegen nicht in irgendein Garn treiben; denn ihre Teufel haben eine feine Nase und ein scharfes Gehör für ihre bösen Zwecke!“
GEJ|1|187|5|0|Sagt Ahab: „Herr, Du kennst mich nun sicher besser, denn ich mich selbst! Meine List ist fein und schlau; der Teufel aber ist, wie man sagt, blind, und daher werden sie sich alle ansehen, wenn ich sie am Eise haben werde. Es soll heute noch ein Pröbchen mit ihnen abgeführt werden. Ich werde nun laut mit Dir ein paar scharfe Worte wechseln, auf daß sie es nicht merken sollen, was ich mit Dir geredet habe; aber Du darfst mir darum ja nicht gram werden!“
GEJ|1|187|6|0|Sage Ich: „Tue, was du willst; aber sei in allen Dingen vor allem gut, klug und wahrhaftig; denn eine Lüge, so guter Art sie auch sein möge, hilft nur zeitweilig und bringt einen Menschen kurz darauf in Nachteil und Schaden!“
GEJ|1|187|7|0|Sagt Ahab: „Auch gut, so sage ich vorderhand gar nichts!“
GEJ|1|187|8|0|Sage Ich: „Das wird besser sein! Denn schweigen zur rechten Zeit ist besser, als noch so gut zweckdienlich lügen!“
GEJ|1|187|9|0|Mit dieser Belehrung zieht sich Ahab zwischen der Volksmenge wieder zurück zu seinen Kollegen, von denen ihn aber dennoch einer bemerkt hatte, wie er sich mit Mir besprach. Dieser fing mit ihm auch sogleich ein scharfes Examen an. Aber Ahab half sich gut durch, und der strenge Examinator mußte ihn am Ende sogar noch beloben.
GEJ|1|187|10|0|Ich aber wandte Mein Gesicht ab von den Pharisäern und fing an, Mich mit dem Volke zu besprechen. Ich zeigte ihm, wie es nicht billig sei vor Gott, das Judentum zu verlassen, weil das Heil aller Menschen nur von den Juden komme, und daß sie wieder, so wie es zuvor einige im Herzen getan haben, zum Judentume zurückkehren sollen der vollen Wahrheit nach, ansonst es nicht möglich sei, die Kindschaft Gottes zu erlangen.
GEJ|1|187|11|0|Fragt und sagt ein Grieche: „Sollen wir sonach wieder unsere Knie vor den aufgeblasenen Pharisäern beugen und ihren alten unverdaulichen Sauerteig fressen? Freund, du bist zwar ein großer Meister voll Kraft und Macht der Gottheit und bist gut und weise und gerecht, aber da verlangst du etwas sehr Ungereimtes von uns. Zum Moses brauchen wir nicht zurückzukehren – aus dem ganz einfachen Grunde, weil wir ihn der Tat nach noch nie verlassen haben, und der Gott der Juden ist auch der unsrige im Herzen; der äußere Name, ob Jude oder Grieche, wird doch hoffentlich der Weisheit Gottes keinen Eintrag tun?! Uns aber ist er dennoch eine gute Schutzmauer gegen die unausgesetzten Verfolgungen und Neckereien der Pharisäer! Warum sollen wir da wieder Juden und nicht Griechen heißen?!
GEJ|1|187|12|0|Siehe, das ist keine kluge Forderung von dir an uns! Was liegt denn daran, so wir nebst Moses auch die Weisen der Griechen nebst ihrem poesiereichen Göttertume kennenlernen, deren weise entsprechende Dichtung doch ganz was anderes ist als der teure Tempelmist?! Zumal wir ohnehin nichts darauf halten, indem wir nur zu gut wissen, wie die griechischen und später römischen Götter entstanden sind, und daß Jehova einzig und allein Gott ist über alles, der alles erschaffen hat und gleichfort alles erhält und regiert!“
GEJ|1|187|13|0|Sage Ich: „Freund, du redest und hast Mich doch nicht verstanden, während jene, die Mich verstanden haben, nicht reden, da sie doch ebensogut Griechen sind als du. An dem Namen liegt wohl freilich nichts, sondern am Glauben des Herzens! Aber das ist dennoch auch wahr und wohl zu berücksichtigen, daß es besser ist, eine Wallfahrt nach Jerusalem zu machen und den Festen mit gebührender und vernünftiger Andacht beizuwohnen, als eine Reise nach Delphi zu machen und die unsinnige Pythia zu fragen um einen rechten Rat!
GEJ|1|187|14|0|Die ungeheuren Mißbräuche des Tempels sind Mir sicher besser bekannt denn euch, und ihr habt von Mir gehört, wie sehr Ich dawider bin. Aber bei aller Schlechtigkeit ist der Tempel dennoch unvergleichlich besser denn der zu Delphi, dessen Priester und Priesterinnen nichts als recht feine Dialektiker sind und auf jegliche Frage eine sogestaltige Antwort zu geben wissen, daß sie am Ende recht haben müssen!
GEJ|1|187|15|0|Als du dir ein Weib zu nehmen vornahmst, da machtest du zuvor nach Delphi eine Reise und fragtest daselbst ums viele Geld die Pythia, ob du glücklich sein werdest mit dem Weibe, das du zu nehmen gesonnen seist. Sage Mir, wie lautete die Antwort?“
GEJ|1|187|16|0|Sagt der Grieche: „Ganz gut, also: ,Mit dem Weibe wirst du glücklich sein, nicht wohl unglücklich!‘ Und sieh, das Orakel hat mir wahrgesagt; denn ich bin mit meinem Weibe wirklich glücklich!“
GEJ|1|187|17|0|Sage Ich: „Siehe, das Orakel aber hätte auch recht gehabt, wenn du unglücklich wärest mit deinem Weibe!“
GEJ|1|187|18|0|Sagt der Grieche: „Das sehe ich nicht ein, wie das möglich wäre!“ Sage Ich: „Weil du im Geiste blind bist! Sieh, der Satz lautet also: ,Mit deinem Weibe wirst du glücklich sein nicht wohl unglücklich.‘ Sobald du den Satz teilest nach der Verneinung, so hat das Orakel recht, wenn du unglücklich wärest; denn dann würde der Satz, ohne im Wortgefüge nur im geringsten verändert zu sein, also lauten: ,Mit deinem Weibe wirst du glücklich sein nicht, wohl unglücklich!‘
GEJ|1|187|19|0|Willst du's aber Mir nicht glauben, so frage deinen Nachbar, der ein Jahr darauf in einer ähnlichen Angelegenheit nach Delphi gereist ist, ob seine Antwort der deinigen nicht auf ein Haar gleicht! Und er ist mit seinem Weibe unglücklich, da sie eine Hauptmetze ist; aber das Orakel hat bei ihm ebenso recht wie bei dir, und du hältst dennoch große Stücke auf dasselbe! Urteile nun selbst, was da besser ist, der Tempel zu Jerusalem oder das Orakel zu Delphi?!“
GEJ|1|187|20|0|Hier macht der Grieche große Augen und sagt: „Meister, nun ist mir alles klar! Solches kann nur ein Gott und nie ein Mensch wissen. Du bist entweder Selbst Gott oder bist wenigstens ein von Gott gezeugter Sohn und kein Sohn irgendeines Menschen wie wir! Wir wollen uns daher wieder an den Tempel wenden, aber nicht unter der Zuchtrute der Pharisäer, sondern völlig frei! Diese Pharisäer aber müssen gehen; denn sie haben mit uns zu große Betrügereien getrieben und uns nahe von aller unserer Habe entblößt, geistig und naturmäßig! Wir bleiben demnach dem Namen nach Griechen, aber der Wahrheit nach im Herzen vollkommene Bekenner Mosis und der Propheten! Wir werden auch jährlich nach Jerusalem ziehen und den Tempel besuchen; und soll dieser versperrt werden, so bleibt uns die Halle der Fremden offen, die doch auch ein Teil des Tempels ist.“
GEJ|1|187|21|0|Sage Ich: „Tut da, was ihr wollt; nur bewahret eure Herzen vor Falschheit, Zorn, Rache und Verfolgungslust! Seid dabei keuschen und reinen Sinnes; liebet Gott wahrhaft über alles und eure Nächsten wie euch selbst, segnet, die euch verfluchen, tut nichts Böses denen, die euch hassen und verfolgen, so werdet ihr Gott wohlgefällig sein, werdet Ruhe haben und über die Häupter eurer Feinde glühende Kohlen sammeln!“
GEJ|1|188|1|1|188. - Ankunft der Mutter Maria mit den Söhnen Josephs in Jesaira. Barams Einladung an den Herrn zum Mahle
GEJ|1|188|1|0|Während Ich aber noch also redete zum Volke, da kam die Mutter Maria mit den Brüdern von Mir; denn sie erfuhr es im Hause Kisjonahs, daß Ich nach Jesaira gefahren sei und Mich dort aufhalten dürfte. Sie hatte eine halbe Tagereise zu Fuß dahin, und so konnte sie am Montage mittags wohl in Jesaira sein, da sie sehr früh morgens vom Haus abgereist war.
GEJ|1|188|2|0|Ihre Angelegenheit war einerseits eine häusliche, darum sie mit Mir reden wollte, andererseits aber wohl auch eine ins Geistige gehende, da sie so manches von Kapernaum aus über Mich erfahren hatte, darum sie besonders mit Mir reden wollte. (Matth.12,46) Sie konnte aber vor lauter Gedränge nicht ins Haus, darum sie denn auch notwendig draußen wartete, bis Ich hinauskäme.
GEJ|1|188|3|0|Da sie aber schon lange vergebens wartete, so bat sie einen vom Hause Barams, daß er Mir sagen möchte, daß sie draußen schon eine geraume Zeit warte und notwendig mit Mir zu reden habe. Da drängte sich der Bote durchs Volk, kam in Meine Nähe und sprach: „Meister! Siehe, Deine Mutter und Deine Brüder stehen draußen und möchten mit Dir reden!“ (Matth.12,47)
GEJ|1|188|4|0|Da sagte Ich in einem ernsten Tone zum Boten: „Was sagst du? Wer ist Meine Mutter, und wer sind Meine Brüder?!“ (Matth.12,48) Da fuhr der Bote etwas erschrocken zurück.
GEJ|1|188|5|0|Ich aber erhob Meine Rechte über Meine Jünger und sprach: „Da siehe hin, das sind Meine Mutter und Meine Brüder! (Matth.12,49) Denn wer den Willen Meines Vaters, der im Himmel ist, tut, der ist wahrhaft Mein Bruder, Meine Schwester, Meine Mutter! (Matth.12,50) Gehe aber hinaus und sage den Harrenden, daß Ich kommen werde!“
GEJ|1|188|6|0|Diese Rede fanden einige hart und machten Mir Vorwürfe und sagten, ob Ich nicht wüßte, wie da lautet das Gebot Mosis in Hinsicht der Eltern.
GEJ|1|188|7|0|Ich aber verwies ihnen solch eine Frage und sagte: „Ich weiß es, wer Ich bin, und Meine Jünger und Meine irdische Mutter wissen es auch, und Ich darf darum reden, wie es ist der Wahrheit gemäß; kehret ihr daher nur recht fleißig vor eurer Tür, – um Mich braucht sich niemand zu sorgen und zu kümmern; denn Ich weiß es am besten, was Ich zu tun habe.“ Darauf schwiegen alle, und keiner getraute sich, Mir darauf noch etwas zu erwidern, weder pro noch kontra.
GEJ|1|188|8|0|Nach einer Weile Schweigens trat der Hausherr Baram zu Mir und sagte: „Herr und Meister! Es ist der Mittag gekommen, und das Mahl ist bereitet für Dich, Deine Jünger und auch für Deine irdisch Anverwandten, die draußen Deiner harren. Wolltest Du mir armem Sünder wohl die Ehr' und Gnad' erweisen, das gut bereitete Mahl zu nehmen?“
GEJ|1|188|9|0|Sage Ich: „Ich habe zwar für heute noch eine andere Speise vor, die Ich am Meere verzehren werde; aber da du Mich auf eine so geziemende Weise eingeladen hast, so will Ich dir die Ehr' und Gnad' am Tische wohl erweisen. Aber das sage Ich dir auch, daß Mir keiner von den Pharisäern in das Zimmer kommt, da Ich speisen werde, außer der junge Ahab, den Ich aufnehme in die Zahl Meiner Jünger! Denn mit seinen Kollegen, die einen argen Verdacht auf ihn gefaßt haben, weil sie ihn ehedem geheim mit Mir reden sahen, wird er wohl nimmer bestehen können. Nun aber sage dem Volke, daß Ich hier im Hause nichts mehr reden und tun werde, auf daß es hinaus ins Freie gehe und uns Platz mache; denn bei diesem Gedränge wäre es auf eine natürliche Weise schwer, hinauszukommen.“
GEJ|1|188|10|0|Auf diese Meine Worte wendet sich Baram zum Volke und sagt: „Liebe Nachbarn! Der göttliche Meister hat nun ausgeredet und wird hier im Hause nichts mehr reden und noch weniger etwas tun, darum wollet euch denn nun ganz ruhig hinausbegeben bis auf Ahab; denn der Meister will mit ihm reden.“ Auf diese Worte geht nun das Volk hinaus ins Freie bis auf die Pharisäer.
GEJ|1|188|11|0|Als das Volk draußen ist, treten die alten Pharisäer voll Grimms im Herzen zu Mir hin und fragen Mich ganz keck, was Ich mit Ahab vorhätte, ob Ich ihn auch für die Hölle zurichten wolle?! Als Baram solche Frage vernimmt, wird er voll gerechten Ärgers und sagt zu ihnen: „Meine Steuern habe ich alljährlich bis auf einen Stater (kleinste Münze) entrichtet und bin sonach gesetzlich Herr dieses von mir erbauten Hauses und dulde es daher von niemandem, daß jemandem, den ich in diesem vollkommen meinem Hause als Gast verehre und bewirte, von jemand Fremdem, wie ihr es seid, eine Unannehmlichkeit zugefügt werde! Ich gebiete euch daher vollernstlich, dies mein Haus augenblicklich zu verlassen und euch auch über die Berainung meines Grundes zu begeben, ansonst ich von meinem teuer bezahlten Hausrechte ohne Verzug Gebrauch machen würde!“
GEJ|1|188|12|0|Sagen die Pharisäer: „Bist du denn auch schon ein Grieche geworden, daß du dir vor uns ein Hausrecht anmaßen magst?! Solltest du denn nicht wissen, daß es bei den Juden gegenüber einem Pharisäer kein Hausrecht gibt?! Ist nicht ein jeder Pharisäer vollkommen Herr in einem jeden jüdischen Hause, das er betritt, und so er das Haus wieder verläßt, dann der eigentliche Hausherr aus Gnaden wieder Hausherr wird? Weißt du als ein Jude auch das nicht, daß du nur ein Pächter und kein Herr weder deines Hauses noch deines Grundes bist, und daß wir dir Grund und Haus nehmen können, wann wir wollen, und können es auf fünfzig Jahre lang jemand anderem verpachten?“
GEJ|1|188|13|0|Sagt Baram: „Das habe ich als ein Jude zu meinem großen Ärger wohl gewußt; darum bin ich aber auch heute ein Grieche, respektiv ein Römer geworden und habe gegen Entrichtung einer Taxe mir beim kaiserlichen Richteramte das volle, unverrückbare Eigentumsrecht verschafft, das ich euch sogleich zum Verkosten geben werde, so ihr nicht sogleich meiner gestellten Anforderung Folge leistet!“
GEJ|1|188|14|0|Sagen die Pharisäer: „Zeige uns den Gewährsbrief vom römischen Gerichte!“ Baram zieht solchen als noch frisch geschrieben auf gutem Pergament, versehen mit dem kaiserlichen Siegel, hervor, hält solchen Brief den Alten vors Gesicht und sagt: „Kennt ihr das?!“ Schreien sie: „Also auch du ein Verräter an Gott, Tempel und uns?! Solches haben wir diesem Sohne Davids wohl zu verdanken?! Darum sei auch du verflucht samt deinem Hause!“
GEJ|1|188|15|0|Als die Pharisäer solchen Fluch ausgesprochen haben, da griff Baram schnell nach einem tüchtigen Stock und fing sogleich an, mit aller Kraft auf die Pharisäer einzuhauen, dabei sagend: „Wartet, ihr Satansknechte, ich werde euch für euren Fluch einmal den gerechten Lohn zukommen lassen!“ Schreit ein Pharisäer, den der Stock noch nicht erreicht hatte: „Es steht geschrieben: ,Wehe dem, der seine Hand an einen Gesalbten legt!‘“ Sagt Baram: „Das kenne ich wohl und bediene mich darum des Stockes!“ Und Baram gibt nun auch diesem Gesalbten den Stock zum Verkosten. Da fliehen bis auf Ahab alle die argen Pharisäer und Schriftgelehrten hinaus, wo sie noch vom Volke bedient werden.
GEJ|1|189|1|1|189. - Baram erinnert sich an Joseph, seinen einstigen Lehrmeister. Marias Wiedersehensfreude am Herrn. Ahab erzählt von den Machenschaften der Templer gegen Jesus wegen der Auferweckung der Tochter des Jairus
GEJ|1|189|1|0|Als diese über die Grenze sind, kommt Baram zurück, etwas erschöpft, und sagt: „Herr, vergib es mir! Ich habe es wahrlich nicht gerne getan, was ich nun getan habe; aber es war mit dieser bösen, ehebrecherischen Art wahrlich nicht mehr auszuhalten! Man kann sich wahrlich den Satan nicht ärger vorstellen, als wie da sind diese Kerle, die schon im Ernste meinen, daß die ganze Erde vollkommen ihr Eigentum ist! Mich hätte aber alles noch nicht so sehr aufgebracht; als aber die Kerle Dich, o Herr und Meister, förmlich anzufallen begonnen haben, da konnte ich meinen gerechten Grimm nicht mehr unterdrücken und mußte von meinem Hausrechte Gebrauch machen! Mache Dir aber ja nichts daraus; denn sollten die Kerle eine Klage erheben, so werde ich sie schon verfechten und werde Dich ganz weise und klug zu entschuldigen verstehen!“
GEJ|1|189|2|0|Sagt Ahab: „Freund, vorsehen kannst du dich in jedem Fall; denn diese alten Wichte werden nun nichts emsiger zu tun haben, als den ganzen Vorfall mit den schlechtesten Farben von der Welt nach Jerusalem doppelt zu berichten! Fürs erste das für sie höchst ungünstige Wirken dieses göttlichen Meisters, den totalen Abfall ganz Jesairas vom Judentum, mein Benehmen und endlich an den Herodes, wie er hier alle seine Untertanen verlor, da diese sich als Roms Bürger eingekauft haben! Das wird in Jerusalem alle bösen Geister auf einmal wecken, und darauf möchte es hier wohl manche böse Geschichten absetzen! Daher sieh dich nur vor und versichere dich zuvor des kaiserlichen Beistandes, sonst werden dir diese bösen Geister arge Geschichten machen.“
GEJ|1|189|3|0|Sage Ich: „Ahab, lasse das gut sein; daß dem Hause Baram nichts geschehen wird, dafür stehe Ich dir; – daß aber die alten Unmenschen das tun werden, was du gesagt hast, ist Wahrheit, aber weder Baram noch du haben davon etwas zu befürchten. Nun aber gehen wir zum Mahle, allda Ich auch die Maria und die Söhne Josephs hören will!“
GEJ|1|189|4|0|Sagt Baram, erstaunt über den Namen Josephs: „Was meines Meisters in Nazareth, dem ich gar so viel zu verdanken habe?! Er war damals noch ein junger Mann und war schon Meister seiner Kunst, als ich bei ihm in der Lehre stand. Wie geduldig und liebevoll er mir alle die Vorteile seiner Kunst zeigte, und wie er mir dann bald die besten Arbeiten zubrachte und mich ohne Entgelt mit Rat und Tat unterstützte, das wahrlich werde ich ihm ewig nie vergessen!“
GEJ|1|189|5|0|Sage Ich: „Nun, die Maria ist sein zweites Weib, die ihm vom Tempel zum Weibe ward; aber die beiden Männer, die mit ihr sind, sind des Josephs Söhne vom ersten Weibe und führen nun seine Kunst fort. Ich aber bin dem Leibe nach Marias Sohn, und Mein Name ist Jesus!“
GEJ|1|189|6|0|Sagt Baram: „O wie glücklich bin ich nun, daß meinem Hause solch eine Ehre und Gnade widerfährt! Gehen wir nun aber nur schnell zu Tische, daß die herrliche Mutter mit den beiden Söhnen Josephs nicht gar zu lange auf uns warten dürfe!“ Wir begeben uns nun schnell in das Speisezimmer, in dem uns auch Maria mit den beiden Söhnen Josephs erwartet.
GEJ|1|189|7|0|Als Mich Maria ersieht, fängt sie vor Freude zu weinen an; denn sie hatte Mich nun schon bei zwei Monden lang nicht mehr gesehen, desgleichen auch die beiden Brüder, die Mich überaus liebten. Als wir uns also gegenseitig überaus herzlich begrüßt haben, begeben wir uns alle zu Tische, verrichten das Dankgebet und verzehren dann das gute und reichliche Mahl, an dem Kisjonah, der Mich samt Weib und Töchtern bis jetzt nicht verließ, recht fröhlichen Anteil nahm und sich viel mit Maria und den zwei Brüdern besprach.
GEJ|1|189|8|0|Nach dem Mahle, als wir am Tische saßen und Wein mit etwas Wasser der starken Hitze wegen tranken, bat Ahab, ob er reden dürfe; denn er hätte uns nun eine wichtige Entdeckung zu machen, und zwar besonders zu Meiner persönlichen Sicherung, weil er nun erst im Verlaufe des Gesprächs in die Erfahrung gebracht hätte, daß Ich der beim Volke berühmte und bei den Pharisäern sehr berüchtigte Jesus von Nazareth sei, von dem im ganzen Lande ein unerhört großer Ruf gehe. Ich sagte zu ihm: „Rede, was dir bekannt ist!“
GEJ|1|189|9|0|Spricht Ahab: „Herr und Meister! Du hast unseres Obersten Jairus Tochter vom Tode erweckt – das weiß wohl die ganze Gegend –, desgleichen auch die Tochter eines Obersten der Soldaten Roms. Wer sollte daran nur im geringsten zweifeln, daß sogar ein allerscheußlichst grausamer Tyrann für solch eine Wundertat ewig dankbar sein würde und dem Wundertäter zu seiner Rechten am Throne Platz gäbe, so wie es einst Pharao dem Joseph tat ob der ihm gemachten Weissagung!
GEJ|1|189|10|0|Was aber tut diese Tempelbrut, diese echten Satansknechte?! Sie sandten einen Bericht, den leider auch ich habe unterschreiben müssen, obschon ich von Jesus bis jetzt selbst noch nie etwas weder von Seinen Lehren gehört noch von Seinen Taten gesehen habe. Laut solches scheußlichen Berichtes sind nun allerorten gedungene Spione und Meuchelmörder vom Tempel aus wie auch vom Herodes und dem römischen Landpfleger aus für Dich bestellt, um Dich aus der Welt zu schaffen!
GEJ|1|189|11|0|Du bist in dem Bericht nach Jerusalem als ein Volksbetrüger, Verführer und Aufwiegler auf eine Art verschrieen, wie bis jetzt, was ich weiß, noch kein Mensch verschrieen worden ist. Des Jairus Tochter wäre gar nicht tot gewesen, als man Dich berief, sie zu heilen oder zu erwecken vom Tode, sondern sie sei ganz gesund gewesen und habe sich, um Dich zu prüfen, verstellen müssen! Als Du kamst und zu ihr ,talitha kumi‘ sagtest, da erkannte der Oberste vollends, daß Du ein Betrüger seiest und von der wahren Heilkunde keinen Begriff habest; denn könntest Du als Heiland einen Menschen und dessen Übel beurteilen, so hättest Du ja auf den ersten Blick beurteilen sollen, daß das Mägdlein nicht nur nicht tot, sondern dazu noch ganz kerngesund war!
GEJ|1|189|12|0|Der römische Oberste, ich glaube Kornelius mit Namen, dessen Knecht oder Tochter Du auch vom Tode erweckt habest, ist zwar dagegen; aber was kann er allein gegen die Masse falscher Zeugnisse!
GEJ|1|189|13|0|Liebster, teuerster Freund, Meister und Herr! Ich könnte Dir noch vieles kundgeben; aber ich sehe, daß Dich meine vollwahre Erzählung betrübt gemacht hat. Da die Verleumdung über Dich zu teuflisch arg ist, so will ich über alles andere schweigen; es ist genug, daß ich Dir das Allerwichtigste kundgetan habe. Das beste an der ganzen Sache ist, daß der Satan dumm ist und vom wahrhaft Weisen und Klugen leicht überholt wird, was von Deiner Seite um so leichter der Fall sein dürfte, indem Du überaus weise bist! Laß es nun gut sein!
GEJ|1|189|14|0|Ich bin Dir zwar ein sonst ganz einfacher Mensch; aber diese argen Wichte drehe ich Dir alle ganz bequem um jeden Finger! Und ich halte es durchaus für keine Sünde, den Satan so stark als nur immer möglich anrennen zu lassen. Denn so was zwingt ihn, sich vom bösen Kampfplatze wieder auf einige Zeit ganz bescheiden zurückzuziehen, und der weise und kluge Mensch gewinnt also wieder Zeit, seinem Geiste eine edlere Beschäftigung zu unterbreiten, statt in einem fort sich mit dem Satan zu balgen.“
GEJ|1|190|1|1|190. - Marias Bericht über ihre und des Josephs Söhne Vertreibung von Haus und Hof durch die Templer. Barams und Kisjonahs tröstlicher Antrag an Maria und die Söhne Josephs. Der Herr besteigt des Kisjonah Schiff und gibt da dem versammelten Volk die Lehre vom Himmelreich
GEJ|1|190|1|0|Sagt nun Maria: „Mein Herr und Sohn! Was dieser junge Mann Dir nun kundgab, ist völlig wahr, und ich, als von meinem Hause Deinetwegen förmlich Vertriebene bin eben darum zu Dir gekommen, um Dir solches alles kundzugeben. Was aber soll ich nun tun mit Deinen Brüdern und Schwestern, freilich nur irdisch genommen? Denn ich weiß wohl, daß Du auf der Erde keinen Verwandten hast, außer Deine Jünger im Herzen.
GEJ|1|190|2|0|Unsere kleine Habe ist dahin; die bösen Pharisäer haben sich ihrer bemächtigt und haben unsere Hütte samt dem gut bebauten Garten an einen Fremden verkauft! Siehe, ich und Deine Brüder und Schwestern sind nicht mehr so jung, um uns mit dem schweren Tagewerk befassen zu können; und wollten wir auch das, so haben diese bösen Tempelmachthaber allen Juden bei großer Strafe verboten, uns je irgendeine Arbeit zu geben und ebensowenig ein Almosen! Was sollen wir nun machen und von was leben?!“
GEJ|1|190|3|0|Sagen Baram und Kisjonah zugleich: „Hochgeehrteste Mutter, die Gott solcher endlosen Gnade gewürdigt hat, durch sie den allerhöchsten Sohn aller Himmel in diese arge Welt geboren werden zu lassen, kümmere dich dessen nur du nicht! Siehe, wir sind fürs erste keine Juden mehr, in staatlicher Hinsicht betrachtet, sondern nach außen hin Griechen, obschon im Herzen vollkommen Juden nach Moses! Wir beide sind – dem Herrn alles Lob! – reich; daher ziehe du mit allen deinen Angehörigen zu uns, und es soll dir nichts abgehen!“
GEJ|1|190|4|0|Sage Ich: „Freunde! Euer Antrag ist ein Balsam, in Mein Herz gegossen! Mein Segen und Meine Gnade soll ewig euer Anteil sein. Aber vorderhand werde Ich nach Hause ziehen und sehen, mit welchem Rechte die argen Wichte der Mutter, dem rechtmäßigen Weibe Josephs, die kleine und schwer erworbene Besitzung geraubt haben.
GEJ|1|190|5|0|Dann werde Ich auch mit dem Jairus ein paar Wörtlein zu reden bekommen; denn seine Tochter soll abermals krank werden, und er wird Mir kommen. Und da werde Ich mit ihm reden. Nun aber, da es wirklich so arg ist und die arge Höllenbrut uns allenthalben Fallen gelegt hat, so wollen wir sogleich aufbrechen und uns aufs Meer begeben; das hat für uns keine Falle aufgerichtet!
GEJ|1|190|6|0|Zuvor, und zwar am Meere, will Ich aber dem Volke so manche Dinge über das Reich der Himmel enthüllen durch Bilder, auf daß sich dereinst niemand entschuldigen kann und sagen: ,Wie hätte ich's glauben und halten sollen, so ich davon doch nie etwas vernahm?!‘ Wie die alten Wichte kommen, so soll ihnen das Volk den Zutritt nicht verwehren, auf daß sie sich dereinst desto weniger sollen entschuldigen können.
GEJ|1|190|7|0|Du, Freund Kisjonah, aber gehe und bereite dein großes Schiff; denn wir werden dessen wohl vonnöten haben!“ Kisjonah erhebt sich mit den Seinigen und geht, Meinem Wunsche zu willfahren.
GEJ|1|190|8|0|Baram aber bittet Mich, da Ich schon nicht mehr in seinem Hause verbleiben kann und mag, daß er Mir das Geleite geben dürfe.
GEJ|1|190|9|0|Und Ich sage: „Wie weit und auf wie lange du willst! Denn von Mir ist noch nie jemandes ehrliches und wahres Verlangen zurückgewiesen worden und unerhört geblieben!“ Der Baram bestellt sonach sein Haus, erteilt seinem Weibe und Kindern den Auftrag, was sie unterdessen zu tun haben, und wie sie sich gegen böse Verfolger benehmen sollen. Dann aber nimmt er etwas Gold mit sich und geht mit uns allen hinaus ans Meer, und eine übergroße Menge Volkes folgt uns am Fuße nach. (Matth.13,1)
GEJ|1|190|10|0|Auch die alten argen Pharisäer fehlen nicht, nur sind sie verkleidet, damit sie das Volk nicht erkennen solle. Als wir ans Meer kommen, drängt sich das Volk unter beständigen Rufen „Heil dem Sohne Davids!“ so dicht ans Ufer, daß Ich mit Meinen Verwandten nicht mehr zu stehen Platz habe, gleichwie auch all Meine Jünger für sich sicher um so weniger, weil sie schon sehr zahlreich waren.
GEJ|1|190|11|0|Daher sagte Ich zum Kisjonah: „Laß die Treppe herab ans Ufer; wir müssen ins Schiff; denn das Land wird uns zu enge!“ Kisjonah ließ schnell die Treppe herab, und wir bestiegen sogleich das Schiff. (Matth.13,2) Da Mich aber das Volk ins Schiff steigen sah, so meinte es, daß Ich sogleich abfahren werde. Darum fing es an, Mich laut zu bitten, daß Ich die versprochene Lehre vom Himmelreiche geben möchte!
GEJ|1|191|1|1|191. - Die Schiffspredigt. Die Gleichnisse vom Himmelreich, vom Sämann und vom Samen. Ihre Erklärung durch den Herrn
GEJ|1|191|1|0|Als wir alle im Schiffe waren und die Treppe aufgezogen war, so sagte Ich zum Volke, daß es sich ruhig verhalten und um das Ufer herum lagern solle. Und das Volk ward ruhig und stille und lagerte sich am Ufer; nur die alten Pharisäer lagerten sich nicht, sondern standen unfern vom Ufer in der Nähe ihres Schiffes; denn sie faßten den Plan, Mich nicht mehr aus den Augen zu lassen, und waren daher auch ganz bereit, uns auch auf dem Meere zu verfolgen.
GEJ|1|191|2|0|Ich aber setzte Mich auf dem sehr geräumigen Verdecke des Schiffes und fing an, mancherlei in Bildern zum Volke zu reden, und zwar darum in Bildern, daß es die dummen Pharisäer nicht verstehen möchten. Das Volk aber, das hier einen geweckteren Geist besaß, verstand Mich schon, was Ich zu ihm redete.
GEJ|1|191|3|0|Vor allem, und zwar zuerst, verglich Ich Mich mit einem Sämanne und sprach: „Höret und vernehmet es wohl!
GEJ|1|191|4|0|Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen (Matth.13,3) ein gutes, gesundes Getreide. Und indem er säte, fiel etliches auf den Weg; da kamen die Vögel, die fraßen es auf. (Matth.13,4) Etliches fiel in das Steinige, da es nicht viel Erde hatte, und es ging darum wohl bald auf, weil es nicht viel und nicht schwer Erde über sich hatte; (Matth.13,5) als aber die Sonne aufging mit vieler Glut ihrer Strahlen, da verwelkte alsbald der in der kühlen und feuchten Nacht aufgegangene Keim, da er keine Wurzeln hatte, und ward dürr. (Matth.13,6) Etliches fiel unter die Dornen, und diese wuchsen mächtiger denn das Getreide auf und erstickten es. (Matth.13,7) Und etliches fiel endlich auf gutes Land und trug Frucht, etliches hundertfältig, etliches sechzigfach und etliches dreißigfach. (Matth.13,8) Wer Ohren hat zu hören, der höre!“ (Matth.13,9)
GEJ|1|191|5|0|Hier wollte Ich die Rede ohne Unterbrechung weiterführen; aber da die Jünger mehrere dieser Bilder selbst nicht begriffen, so traten sie zu Mir hin und sagten: „Warum redest Du denn nun auf einmal in Gleichnissen zu ihnen? (Matth.13,10) Wir, die wir schon so lange um Dich sind, verstehen sie kaum; wie werden die am Ufer Horchenden sie verstehen?! Siehst Du denn nicht, wie sie mit den Achseln zucken und einige sogar meinen, Du hättest sie entweder zum besten, oder Du redetest der Pharisäer wegen von ganz gleichgültigen Dingen, und das wüßte wohl ein jeder, daß man das Getreide nicht auf den Wegen noch auf Steine und ebensowenig unter die Dornen säen solle! Wir fassen es schon, was Du damit sagen willst; aber die am Ufer meinen im Ernste, Du habest sie zum besten! Oder willst Du sie denn im Ernste in einer Art und Weise lehren, die sie nicht verstehen sollen?“
GEJ|1|191|6|0|Sage Ich zu den Jüngern: „Was redet ihr da und störet Mich?! Ich weiß, warum Ich zu diesem Volke in Gleichnissen rede, die es nicht verstehen soll! Euch ist es gegeben, daß ihr verstehet das Geheimnis des Reiches Gottes; diesen aber ist es nicht gegeben (Matth.13,11); denn es steht die Sache also: Wer da hat, wie ihr, dem wird es gegeben, daß er dann in aller Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch genommen, das er hat! (Matth.13,12) Darum rede Ich als Herr mit ihnen durch Gleichnisse; denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; denn sie verstehen es nicht! (Matth.13,13)
GEJ|1|191|7|0|Was tat Ich hier, und für was halten sie Mich? Sie sind alle blind und taub. Ihr Gleichnis habt ihr gestern gesehen an dem Blinden und zugleich Stummen, den Ich geheilt habe. Wie dieser war am Leibe, so sind jene an ihrer Seele, und Ich rede darum in Gleichnissen mit ihnen, auf daß an ihnen die Weissagung Jesajas in Erfüllung gehen soll, die also lautet: ,Mit den Ohren werdet ihr es hören und dennoch nicht verstehen, und mit sehenden Augen werdet ihr es schauen und dabei nichts vernehmen! (Matth.13,14)
GEJ|1|191|8|0|Denn dieses Volkes Herz ist verstockt und ihre Ohren hören übel, und ihre Augen schlummern, auf daß sie nicht dermaleinst mit den Augen sehen, mit den Ohren hören, mit dem Herzen verstehen und sich bekehren möchten und Ich ihnen dann wahrhaft hülfe!‘ (Matth.13,15)
GEJ|1|191|9|0|Aber selig sind eure Augen, die das sehen, und eure Ohren, die das hören! (Matth.13,16) Denn wahrlich, Ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt, das zu sehen und zu hören, was ihr sehet und höret, und haben es dennoch nicht gesehen und gehört! (Matth.13,17)
GEJ|1|191|10|0|Ich habe aber euch zuvor gesagt, daß es euch gegeben ist, das Geheimnis des Reiches Gottes zu verstehen; Ich merke aber dennoch, daß im Grunde euer Verständnis nicht viel voraus hat vor jenen am Ufer. So höret denn und vernehmet es, was da besagt das Gleichnis vom Sämann, das also zu verstehen ist (Matth.13,18):
GEJ|1|191|11|0|So jemand das Wort vom Reiche Gottes, das Ich rede, wohl hört, aber nicht versteht im Herzen, das vor lauter Welttum ebenso glatt getreten ist wie ein Weg, so ersieht der Arge nur zu bald das nicht ins Erdreich gefallene, sondern auf der abgetretenen, weltglatten Außenfläche des Herzens freiligende Wort, reißt es leicht weg, was da gesät ist eigentlich ins Herz, aber dennoch auf der weltglatten Außenfläche haftete; und sehet, ein solcher Mensch gleicht dem Wege, auf den der Same, das heißt Mein Wort, fiel. (Matth.13,19) Und dort am Ufer stehen viele dieser Art!
GEJ|1|191|12|0|Das aber ist es, wo da fiel der Same auf das Steinige: so ein Mensch das Wort hört und es mit vielen Freuden aufnimmt. (Matth.13,20) Da aber ein solcher gleich einem Steine zu wenig Lebensfeuchtigkeit, die da ein rechter Mut des Herzens ist, und auch zu wenig Erdreich, das gleich ist einem festen Willen, in und über sich hat und daher auch gleich einem Steine vom Wetter abhängt, ob es feucht oder trocken sei, also wetterwendisch ist, so wird er, wenn alsdann bei solch einem Menschen um Meines Wortes willen sich erhebt allerlei Trübsal und Verfolgung, voll Ärgers und Zornes (Matth.13,21) und gleicht dann eben darum einem von der Sonne heißgemachten Steine, auf dem natürlich Mein Wort keine Wurzeln fassen kann und am Ende gänzlich verdorren muß.
GEJ|1|191|13|0|Und da sehet hin, dort am Ufer stehen viele solche Steine, die nun zwar um Meinetwillen voll Ärgers sind der argen Pharisäer wegen; da sie aber sehen, daß bei Meinen an sie gerichteten Worten von oben sogleich allerlei Trübsal und Verfolgung sich zu zeigen anfangen, so machen sie dadurch, daß sie sich einerseits zu viel ärgern und anderseits zu viel fürchten, Mein Wort in ihrem Herzen tot; denn sie glauben ob all der Zeichen, die sie gesehen, und trotz all Meiner lebendigsten Versicherungen dennoch nicht, daß Ich hinreichend mächtig sei, sie zu schützen vor allen Übeln, und gleichen sonach dem Steine, auf den der Same fiel.
GEJ|1|191|14|0|Wo aber der Same fiel unter die Dornen, besagt das: So ein Mensch das Wort hört und es auch annimmt; aber er steckt in allerlei Weltgeschäften und deren Sorgen ob des betrügerischen Gewinnes und des noch mehr betrügerischen Reichtums. Solche nichtigen Sorgen häufen sich von Tag zu Tag, wuchern wie alles Unkraut im Herzen üppig empor und ersticken nur zu leicht und zu bald Mein gesätes Wort. (Matth.13,22)
GEJ|1|191|15|0|Und sehet, wieder stehen dort am Ufer viele, die den Dornen gleichen, unter die der Same fiel!
GEJ|1|191|16|0|Der aber ins gute Erdreich gesäte Same besagt: So ein Mensch Mein Wort hört, es aufnimmt in die Tiefe seines Herzens, allda es allzeit und allein gültig, recht und lebendig verstanden wird; ein solcher Mensch ist dann gleich einem guten Lande, in das der Same fällt und bringt je nach dem Willen und der Kraft des Menschen bald hundertfache, bald sechzigfache und bald dreißigfache Frucht an guten Werken. (Matth.13,23) Und da ist hundertfach, der alles für Mich tut, und sechzigfach, der vieles für Mich tut, und dreißigfach, der einen guten Teil für Mich tut.
GEJ|1|191|17|0|Also aber sind der Himmel in Meinem Reiche drei: der oberste für die hundertfache Frucht, der untere für die sechzigfache und der unterste für die dreißigfache Frucht. Unter die 30 aber wird nicht angesehen, und wer da hat unter die 30, dem wird es weggenommen und dem hinzugelegt werden, der da hat 30, 60 oder 100. Und also wird's dem genommen werden, der da nicht hat, und wird hinzugegeben dem, der da schon hat, auf daß er dann in aller Fülle habe!
GEJ|1|191|18|0|Und sehet, dort am Ufer stehen viele, denen es schon jetzt genommen ist, und euch gegeben, die ihr ohnehin schon viel habt, und jene zu wenig oder nichts!
GEJ|1|191|19|0|So da jemand einen Acker hat, der ihm viel Frucht bringt, weil er gutes Erdreich hat, hat aber auch einen Acker, der trotz alles Düngens mager bleibt und kaum etwas mehr Frucht bringt, als da in ihn gesät ward, – Frage: Was wird der Besitzer tun? Sehet, er wird dem mageren Acker die Frucht, die er spärlich getragen, abnehmen, sie zur guten und reichlichen Frucht des guten Ackers tun und wird im nächsten Jahre in den mageren Acker keine Frucht mehr säen, sondern wird legen allen Samen in den guten Acker! Dieser wird dann alle Frucht tragen, der magere aber wird preisgegeben dem Unkraute, den Disteln und Dornen.
GEJ|1|191|20|0|Sehet, das tut ein kluger Hauswirt; soll der Vater im Himmel etwa unklüger handeln als ein kluger Mensch auf dieser vergänglichen Erde?
GEJ|1|191|21|0|Darum weiche aus euren Herzen der Gedanke, als könnte der Vater im Himmel ungerecht sein!
GEJ|1|191|22|0|So ihr wisset, daß man nur jenen um einen Rat angeht, der irgendeine Weisheit hat, und sich bald von einem Maulreißer abwendet, bei dem man nur zu bald einsieht, daß er ein purer Maulreißer ist, – Frage: Tut man unrecht, wenn man vom Maulreißer den Glauben abzieht und ihn dem recht Weisen gibt, der ohnehin des Vertrauens von allen Seiten her in Überfülle hat?
GEJ|1|191|23|0|Oder tut ihr etwa unrecht, so ihr Meine Jünger seid, Mir nachfolget und Tempel und Pharisäer und alle die Schriftgelehrten verlasset, und ihnen dadurch den letzten Funken Vertrauens wegnehmet und es Mir gebet, der Ich durch Meine Taten und Worte ohnehin schon des Vertrauens in schwerer Menge besitze?! Ich meine, daß es euch nun wohl allen klar sein dürfte, daß darin durchaus keine Ungerechtigkeit besteht, wenn Ich zu euch geredet habe, wie einst dem, der nicht hat, wie Ich es euch mit der Zahl angedeutet habe, auch genommen wird, das er hat.
GEJ|1|191|24|0|Was Ich aber rede, gilt dem Geiste und nicht der Materie, da es wohl eine Ungerechtigkeit wäre, so man dem wenig Habenden die kleine Habe wegnähme und sie gäbe einem Reichen, dessen Speicher und Kammern ohnehin überfüllt sind. Darum gilt alles, das Ich zu euch rede, nur dem Geiste und nie der Materie, der man kein weiteres Gesetz geben kann und darf, als das härteste Muß bis zur Zeit ihrer einstigen Auflösung. Begreifet ihr solches nun?“
GEJ|1|191|25|0|Sagen alle: „Ja, Herr und Meister; denn Deine Weisheit übersteigt alle unsere noch so großen und vermeintlich weisesten Gedanken! Darum bitten wir Dich, daß Du in solcher Weise weiterreden möchtest!“
GEJ|1|192|1|1|192. - Die Gleichnisse vom Unkraut unter dem Weizen, vom Senfkorn und vom Sauerteig
GEJ|1|192|1|0|Und Ich sage nun laut, so daß es auch die am Ufer Stehenden vernehmen können: „Nun denn, wer da Ohren hat, der höre, und wer Augen hat – im Herzen, wohl verstanden –, der vernehme es! Ich will euch ein anderes Bild vom Reiche Gottes geben; höret!
GEJ|1|192|2|0|Das Himmelreich ist auch gleich einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte. (Matth.13,24) Als aber dessen Knechte schliefen, kam des Ackermanns Feind und säte arges Unkraut zwischen den Weizen, das dann mit dem Weizen zugleich aufging. (Matth.13,25) Da aber der Weizen mit seiner Frucht, die er bringt, emporwuchs, da fand sich auch das arge Unkraut. (Matth.13,26)
GEJ|1|192|3|0|Als die Knechte das bemerkten, traten sie zum Hausvater und sprachen: ,Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er denn das Unkraut?!‘ (Matth.13,27)
GEJ|1|192|4|0|Der Hausherr aber sprach und sagte: ,Das hat mir der Feind getan!‘ Da sprachen die Knechte: ,Herr, so du willst, wollen wir hingehen und es ausjäten!?‘ (Matth.13,28) Und der Herr sprach: ,Lasset das, damit ihr nicht, so ihrs Unkraut ausjätet, auch den guten Weizen zertretet und mit ausraufet! (Matth.13,29) Lasset beides miteinander wachsen bis zur Ernte! Um die Erntezeit will ich den Schnittern sagen: Sammelt zuvor das Unkraut in Bündeln und schaffet es vom Acker auf eine Stelle, wo man es verbrennen wird; aber den reinen Weizen sammelt mir hernach in meine Scheuern!‘ (Matth.13,30) Sehet, das ist ein gutes Bild vom Himmelreiche! Aber höret Mich weiter an! Ich will euch noch mehrere ähnliche Bilder geben, die alle das Gottesreich genauest in sich enthalten. Und so höret Mich weiter an!
GEJ|1|192|5|0|Das Himmelreich ist gleich einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und es auf seinen Acker säte. (Matth.13,31) Dies Korn ist wohlbekannt eines der kleinsten unter allen Samen; wenn es aber wächst, ist es das größte unter dem Kohl und am Ende eine förmlicher Baum, so daß sogar die Vögel unter dem Himmel kommen und Wohnung nehmen unter seinen Zweigen.“ (Matth.13,32)
GEJ|1|192|6|0|Hier sahen die Jünger sich gegenseitig groß an und sprachen: „Was soll das? Wer kann das fassen? Jetzt ist das Himmelreich gar schon einem Senfkohl gleich!“
GEJ|1|192|7|0|Sage Ich: „Wundert euch deshalb nicht, sondern höret Mich weiter an! Ein anderes Bild will Ich euch geben vom Gottesreiche:
GEJ|1|192|8|0|Das Himmelreich ist auch gleich einem Sauerteige, den ein Weib nahm und ihn vermengte unter drei Scheffel Weizenmehl, also bis das gesamte Mehl durchsäuert war.“ (Matth.13,33)
GEJ|1|192|9|0|Wieder sahen sich alle Jünger samt den geweckten zwölf Aposteln groß an und sagten bei sich: „Wer kann solches fassen und verstehen? Oder will Er das Volk der Pharisäer wegen zum besten haben? Es ist gerade unbegreiflich, warum Er jetzt auf einmal also in den verworrensten Bildern zu reden beginnt!“
GEJ|1|192|10|0|Es hörte aber der in der Schrift überaus bewanderte Ahab das Gespräch der Jünger und sagte zu ihnen: „So Der das ist, was ich nun fest glaube, daß Er es sicher sein soll, da dürfte, da Er nun stets gleich in und nicht ohne Gleichnisse redet (Matth.13,34), wohl etwa das auf Ihn zu beziehen sein, was einst Jesajas vom kommenden Messias geweissagt hat, indem er sprach: ,Ich will Meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen, was vom Anfange der Welt allen Menschen ein Gleichnis war!‘ (Matth.13,35)
GEJ|1|192|11|0|Sehet, also redete einst der große Prophet, und ebenalso sang einst David in seinem 78. Psalm im 2. Verse, und das paßt nebst vielem andern gerade auf Ihn, und ihr möget auch noch fragen: ,Wie so, wie das?‘ und seid doch schon eine recht gemessen lange Zeit bei und um Ihn?! So es not ist, wird Er uns diese Gleichnisse wohl enthüllen, und ist es nicht not, – nun, so können wir uns alle wohl höchlichst rühmen, daß wir nun das selbst sehen und hören, was alle Erzväter und Propheten gerne gesehen und gehört hätten!“
GEJ|1|192|12|0|Alle Jünger geben sich auf diese Zwischenrede Ahabs zufrieden; das Volk aber fragt Mich, da Ich nun während der Rede Ahabs schwieg, ob Ich noch mehr derlei unverständiges Zeug reden werde, oder ob sie gehen sollen zu ihren Geschäften, sie, die am Ufer weileten einer guten Lehre halber, die aber nicht gekommen sei!
GEJ|1|192|13|0|Ich aber sagte: „Ziehet heim; denn euretwegen habe Ich Meinen Mund nicht geöffnet, wohl wissend, welch unverständigen Herzens ihr seid! Darum werden dereinst auch eure Kinder eure Meister und Richter sein!“ Mit dem entfernte sich bald alles Volk vom Ufer weg und jegliches zog in sein Wohnhaus.
GEJ|1|192|14|0|Nur die Pharisäer, als sie merkten, daß Kisjonah anfing, sein Schiff flottzumachen, da bestiegen auch sie alsbald ihr in Bereitschaft stehendes Schiff und stachen vor uns in die See. Ich wollte aber im geheimen, daß sie von einem starken Winde ergriffen würden. Und sieh, es fing sogleich ein mächtiger Wind ihr Schiff gewaltig zu treiben an und bedeckte es von Zeit zu Zeit ganz mit Wogen und Wellen.
GEJ|1|193|1|1|193. - Der Herr mit den Seinen im Seesturm, er gebietet dem Sturm. Ahabs demütiges Zeugnis vom Messias
GEJ|1|193|1|0|Wir aber fuhren in einer ganz anderen Richtung von Jesaira ab, und es mußte abermals sein, daß auch wir von einem Sturme inmitten des Meeres überfallen werden mußten, bei welcher Gelegenheit abermals alle Jünger samt allen, die im Schiffe waren, in eine große Furcht gerieten, wie es schon früher einmal der Fall war, und vor Angst und Furcht zu schreien begannen, daß Ich ihnen hülfe, ansonst alles zugrunde gehen müßte!
GEJ|1|193|2|0|Und Ich gebot, wie einst zuvor, dem Winde und dem Meere, worauf augenblicklich eine große Wind- und Meeresstille eintrat und alles Volk im Schiffe laut sprach: „Wer ist er, daß ihm Wind und Meer gehorchen?!“
GEJ|1|193|3|0|Ahab aber, der nicht in diese Frage eingestimmt hatte, sagt zu den Jüngern und mehreren andern: „Freunde, das war schon wieder eine recht unzeitige und dumme Frage und Verwunderung! Ihr seid doch schon so lange bei und um Ihn und möget euch noch gerade also verwundern, als ob das das erste Zeichen wäre, das ihr habt verrichten sehen! Ich bin noch nicht einen vollen Tag unter euch, und mir ist alles das so begreiflich, als einem Menschen nur immer irgend etwas begreiflich sein kann! Wenn Er das ist, nämlich der große verheißene Messias, Der nach David nichts mehr und nichts weniger ist als Jehova Selbst, wirkend durch Fleisch und Blut, so wird es Ihm doch etwa ein leichtes sein, einen Seesturm abzustellen, weil es Ihm sicher nichts besonders Schweres war, die ganze Welt zu erschaffen! Wenn aber das unbestreitbar der Fall ist und ihr Ihn kennet, wie kommt dann solch eine Frage und solch eine Verwunderung aus eurem Herzen?!“
GEJ|1|193|4|0|Sagt Judas, etwas ungehalten durch diese Bemerkung Ahabs: „Freund, soll uns denn nun darum gar nichts wundernehmen, was der Herr tut vor unsern Augen, weil wir solches und vieles andere von Ihm gesehen?“
GEJ|1|193|5|0|Sagt Ahab: „Bruder, das sei ferne! Aber ich meine es nur also: Wir sollen uns wohl verwundern in aller Demut unseres Herzens, daß Er solches wirket vor unsern Augen und uns, als eben nicht gar zu besonders viel werte Geschöpfe, Seiner Liebe, Weisheit und Macht für so würdig achtet, eben solche Taten vor unseren Augen und unseren Sinnen zu verrichten! Ich wenigstens für mich halte mich für die allergeringste nicht würdig! Aber so wir wissen, wer Er ist, und wundern uns dann, so Er, der Himmel und Erde gemacht hat, eine außerordentliche Tat verrichtet, gerade, als ob solche von einem Menschen wäre zustande gebracht worden, dann halten wir Ihn als den Herrn ja am Ende für nichts mehr als einen sonstigen, bloß etwas außergewöhnlichen Menschen! Und da meine ich, daß eine Verwunderung, wie sie nun nach der plötzlichen Stillung des Sturmes von euch dem Herrn bezeugt worden ist, wohl nicht am Platze ist!
GEJ|1|193|6|0|Wäre es denn nicht lächerlich, sich nun ebenalso zu verwundern anzufangen über die Sonne, über den Mond, über alle die Sterne, über die Erde und über alle wunderbarst eingerichteten und gestalteten Geschöpfe, die doch ebenso Seine Werke sind als wie die außerordentliche Stillung dieses starken Seesturmes?! Wenn wir uns aber nach meiner Meinung schon wundern wollen, so wundern wir uns ganz allein dessen, daß Sich der allmächtige Gott Jehova, der Unaussprechliche, so unendlich tief herablassen mochte, zu uns sterblichen, überaus schwachen Menschen zu kommen, von Seiner ewig unermeßlichen Höhe herab, das beinahe unglaublich wäre, wenn solches nicht schon seit Adam, Henoch und durch alle Propheten bis auf den armen Zacharias und dessen Sohn Johannes also, wie es nun da ist und vollauf wahr geschieht, wäre geweissagt worden.
GEJ|1|193|7|0|Daß solches alles also, wie es Hunderte von Propheten vorhergesagt haben mit einer Stimme, da ist, kommt mir allein als das größte Wunder vor! Das, was nun geschieht, ist nichts anderes als eine ganz natürliche Folge der ersten, allerwunderbarsten Erscheinung auf dieser Erde, nämlich: der vorhergesagten Erscheinung Jehovas im Fleische und Blute!“
GEJ|1|193|8|0|Sagen sogar die zwölf Apostel zu Mir: „Herr, woher kommt denn diesem solche Rede und solch eine klare Weisheit?“
GEJ|1|193|9|0|Sage Ich: „Sein Fleisch und Blut gibt ihm solches nicht ein, sondern der Geist, der in ihm sehr geweckt ist, so daß ihm bis zur vollen Wiedergeburt des Geistes nur ganz wenig mehr abgeht! Aber es ist euch wahrlich keine besondere Ehre, daß er euch ein Lehrer ist, anstatt daß ihr es ihm sein sollet; aber er hat viel vor euch darum, daß er in der Schrift sehr bewandert ist, und Ich habe ihn lieb, so wie Ich euch liebhabe; denn es ist viel Demut in seinem Herzen!“
GEJ|1|194|1|1|194. - Des Menschen geistige Heimat: sein Inneres als Sammelplatz des Lebens. Reise nach Kis zu Kisjonah. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Der Herr segnet Kisjonah.
GEJ|1|194|1|0|Fragen Mich die Jünger, die am Meere sind: „Wohin, o Herr, werden wir nun uns wenden?“ Sage Ich: „Ganz geraden Weges heimwärts!“ Sagen die Jünger: „Herr, da wird es uns eben nicht am besten ergehen! Denn die Pharisäer haben Deiner irdischen Leibesmutter ja alles genommen, und so sieht es mit der Heimat nach unserer Meinung etwas bedenklich aus, obwohl wir recht genau wissen, daß Du eigentlich überall zu Hause, folglich daheim bist.“
GEJ|1|194|2|0|Sage Ich: „Ihr solltet denn doch schon nun etwas in der Rede des Geistes bewandert sein! Will Ich denn nach Nazareth, so Ich sage, daß wir nun geraden Weges heimziehen werden?! So begreifet es denn einmal! So Ich vom Heimkehren rede, da meine und verstehe Ich das Innere des Menschen, welches ist der wahrhaft geistige Sammelplatz des Lebens, der Kraft, der Macht und aller Weisheit. Also dahin ziehen wir nun! Wir bedürfen der inneren geistigen Ruhe, und diese ist eine rechte Heimat; in ihr – nicht Meinet-, sondern euretwegen – werden wir das finden, was uns als äußeren Fleisch- und Blutmenschen vor allem not tut! Versteht ihr das?“
GEJ|1|194|3|0|Sagen die Jünger: „Ja, Herr, nun verstehen wir es!“
GEJ|1|194|4|0|Sage Ich: „Wir ziehen aber irdisch nun wieder zum Kisjonah hin! In seinem Hause sind wir sicher; denn das ist ein freies Haus und zahlt darum dem Kaiser einen großen Tribut, und die Pharisäer werden ferngehalten werden. Aber nach einigen Tagen werden wir von da wohl nach dem irdischen Vaterlande ziehen und werden dort versuchen, geradezumachen, was nun überaus krumm geworden ist.“
GEJ|1|194|5|0|Sagt Kisjonah: „Herr, nicht etliche Tage, sondern lieber etliche Monde, oder wenigstens Wochen wollest Du mit all den Deinen in meinem, der Wahrheit nach aber eigentlich vollkommen allein Deinem Hause zubringen. Denn in Nazareth wirst Du, so Du nicht Feuer und Schwefel vom Himmel regnen lässest, wenig oder gar keine Aufnahme finden, besonders bei den Pharisäern und Schriftgelehrten, die Dir eigentlich stets mehr und mehr nach Deinem Leben zu stellen beginnen!“
GEJ|1|194|6|0|Sage Ich: „Freund, entschlage dich dieser Sorge; denn man kann an Mich nur insoweit heran und Mir irgend etwas anhaben, als Mein Vater, der in Mir ist – so wie Ich in Ihm, es zuläßt; was da aber alles zugelassen wird zum Heile aller Menschen und zur Erfüllung der Schrift, das weiß Ich schon eine Ewigkeit zum voraus! Und all die Propheten hätten nimmer also zu weissagen vermocht, wenn Ich es nicht zum voraus gewußt hätte; denn derselbe Geist, der in aller Fülle in Mir wohnt und nun zu dir also spricht, hat auch zu den Propheten also geredet, wie du es geschrieben liesest! Da nun aber derselbe Geist Selbst da ist, so muß Er auch das erfüllen, was Er von Sich Selbst durch die Propheten geweissagt hat! Und du habe darob keine Sorge! Denn dieser allmächtige Geist wird Sich schon zu helfen wissen!“
GEJ|1|194|7|0|Kisjonah versteht Mich, schweigt, schlägt sich darauf dreimal an die Brust und sagt nach einer Weile: „Ich bin wohl nicht wert, daß Du eingehest unter mein Dach, sei aber mir armem Sünder dennoch gnädig und barmherzig und bleibe mehrere Tage zum Troste bei mir!“
GEJ|1|194|8|0|Sage Ich: „Sei deshalb ganz ruhig! Denn Ich werde bei dir, solange Ich auf dieser Erde zu tun habe, für Mich und alle, die mit Mir sind, Wohnung nehmen; dein Haus soll Mir eine Ruhestätte sein. Aber Ich werde es oft zu verlassen haben um Meiner Arbeiten willen; aber geistig werde Ich es nimmer verlassen!“ (Meine Hand dabei auf Kisjonahs Herz legend.)
GEJ|1|195|1|1|Wieder in Kis.
GEJ|1|195|1|1|195. - Überraschung beim Landen in Kis. Wiedersehensfreude des Jairuth und Jonael. Eines Engels wunderbarer Hilfsdienst im Auftrag des Herrn
GEJ|1|195|1|0|Als wir solches miteinander besprochen haben, waren wir auch am Ufer, und zwar gerade an Kisjonahs Landungsplatze, von wo aus man sogleich durch seinen großen und schönen Garten zu den weiträumigen Gebäuden und Wohnhäusern des Kisjonah kam, in denen zu unserem Empfange schon alles vorbereitet war. Denn Kisjonah hatte schon im Hause Barams geheim von Mir erfahren, daß Ich wieder zu ihm heimkehren werde, und so sandte er mittels eines kleineren Fahrzeuges sogleich Boten nach Hause, die ihre bestimmten Aufträge hatten.
GEJ|1|195|2|0|Wen trafen wir aber noch dort? – Jairuth, den reichen Kaufmann von Sichar, der das alte Schloß Esaus bewohnte und innehatte, und den Jonael, den schon bekannten Oberpriester von derselben Stadt; beide wurden durch den Engel, der bei Jairuth war, dahin geführt; denn sie hatten gar wichtige Dinge mit Mir zu besprechen. Und so war das wahrhaft eine sehr angenehme Überraschung echt himmlischer Art.
GEJ|1|195|3|0|Diese beiden, als sie Meiner ansichtig wurden, von innerster Freude durch und durch ergriffen, vermochten kein Wort über ihre Lippen zu bringen; sie legten ihre vor tiefster Rührung und Freude bebenden Hände auf ihre Brust und begrüßten Mich also mit aller Liebe ihres Herzens.
GEJ|1|195|4|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Meine lieben Freunde und Brüder! Ersparet die Mühe eurer Zunge; denn die Sprache eurer Herzen gilt bei Mir in einem Worte mehr als tausend noch so schöne Worte von der Zunge gesprochen, von denen das Herz gar oft nicht viel weiß!
GEJ|1|195|5|0|Erholet euch erst von eurer weiten und beschwerlichen Reise; dann erst will Ich euch kundtun, was ihr daheim alles zu tun haben sollet gegen den von den Erzsamaritern neben dir, du Mein Jonael, aufgestellten Oberpriester und Besorger des nichtigen, blinden Dienstes auf Garizim. Aber, wie gesagt, vor allem tut euch Ruhe und Erholung not, und so pfleget vorderhand dieser!
GEJ|1|195|6|0|Du, Mein Bruder Kisjonah, aber bringe ihnen Erfrischung und bediene dich des Dieners dieser zwei aus Sichar hierhergekommenen Freunde; denn der ist nicht müde, und er wird dir schnelle und gute Dienste leisten und ist in deinem Hause schon so eingeweiht, als wäre er schon viele Jahre als ein erster Knecht bei dir im Dienste gestanden. Daher bediene dich nun nur ganz unbesorgt seiner und laß deine müden Leute auch eine Weile ruhen; es geht der Tag wohl schon zu Ende, aber es soll das deinem Haushalte keinen Eintrag machen, so die Müden heute früher zur Ruhe kommen als sonst; denn dieser Diener wird sie alle wohl vertreten.“
GEJ|1|195|7|0|Sagt Kisjonah: „Herr, daß Dir alle Dinge möglich sind, davon bin ich allerlebendigst überzeugt und bin da ganz der Ansicht und des Glaubens unseres jungen Pharisäers Ahab; aber wie dieser allerzarteste mehr Knabe als Jüngling alle die noch vielen Arbeiten verrichten und uns alle, die wir nun doch mehrere Hunderte an der Zahl da sind, bedienen wird, das, Herr, – ich zweifle zwar nicht im geringsten daran – ist mir aber etwas zu rätselhaft!“
GEJ|1|195|8|0|Sage Ich: „Freund, du hast zu wenig Milch, Käse und Butter daheim; aber auf deinen Alpen gibt es einen großen Vorrat. Laß vorerst durch diesen Knaben allen deinen Vorrat von der Alpe holen; es ist besser, du hast den Vorrat hier als oben auf den Bergen, die heute in der Nacht von einer Horde wilder Skythen bestreift werden, ob da ein Raub zu machen wäre.“
GEJ|1|195|9|0|Sagt Kisjonah: „Ah, nun geht mir schon ein Licht auf! Dieser Knabe wird sicher auch einer von denen sein, wie uns auf den Alpen drei gedient haben?“ Sage Ich: „Nun ja, frage und rate nicht lange, sonst wird es zu spät!“
GEJ|1|195|10|0|Kisjonah begibt sich nun schnell zum Jünglinge hin und gibt ihm allerliebfreundlichst seinen Wunsch kund. Sagt der Jüngling: „Sei du, lieber Freund Meines Herrn und Gottes, ganz ruhig; in wenig Augenblicken wird alles in der besten Ordnung sein, denn bei mir ist hier und dort und überall eins, und unter meiner Füße Gewalt, wenn ich auch einer der Schwächsten bin, muß dennoch die ganze Erde erbeben!“
GEJ|1|195|11|0|Über solche Rede erstaunte Kisjonah übergewaltig und konnte sich von der Möglichkeit durchaus keinen Begriff machen und merkte vor lauter Staunen kaum, daß der Jüngling bei den letzten Worten das Zimmer verließ, um seinem Auftrage nachzukommen.
GEJ|1|195|12|0|Kisjonah aber war noch lange mit seinem Staunen nicht fertig und wollte Mich gerade fragen, wie solches denn doch möglich wäre, da stand schon der Jüngling ganz geschmeidig vor ihm und sagte lächelnd: „Nun, du sinnest noch nach, wie solches möglich wäre, und siehe, ich bin schon mit allem in der Ordnung! Sogar was deine Schreiber, da heute ein starker Mauttag war, nicht vermochten bei all ihrem redlichsten Fleiße in die Tages- und Rechenbücher einzutragen, darin habe nun ich ihnen in aller Schnelligkeit überholfen – so, daß sie nun vollends frei und arbeitslos sind!“
GEJ|1|195|13|0|Kisjonah, ganz verblüfft, weiß gar nicht, wie es ihm bei dieser Geschichte zumute ist, und sagt ganz voll Staunens: „Aber Liebster, wie ist das möglich?! Du hast ja noch kaum das Zimmer verlassen und solltest nun schon mehr getan haben, als solches alle meine Leute in einer Woche bei all ihrem Fleiße vermöchten? Das ist mir denn doch ein wenig zu unglaublich! Du müßtest nur tausend Hände und des Blitzes Schnelligkeit besitzen?!“
GEJ|1|195|14|0|Sagt der Jüngling: „Nun, so gehe denn hinaus und überzeuge dich von allem!“
GEJ|1|196|1|1|196. - Weitere Wunder des Engels in Kisjonahs Haus. Ein Engel hat sämtliche Pflanzenwelt der Erde zu besorgen. Des Engels Wink über seine Kraft, die nur die des Herrn ist.
GEJ|1|196|1|0|Kisjonah geht nun in die Speisekammern und findet in bester Ordnung alle die großen Vorräte von Milch, Käse und Butter in den bestimmten Stellen untergebracht und geht in die Scheunen und findet sie voll; denn auch das auf den Feldern stehende reife Getreide war eingebracht. Er geht darauf in die großen Stallungen der Rinder sowohl als der Schafe und Esel und findet alles bestens bestellt! Also geht er auch in sein großes Amtshaus, sieht in den Büchern nach und findet überall die größte Ordnung und besieht die Kassen und findet sie alle voll; darauf eilt er ins große Kochhaus und findet dort alles bestens und in rechter Menge und Auswahl fertig gekocht und fragt die Köche und Köchinnen, wie etwa solches doch zugegangen sein möchte. Diese aber wissen ihm nichts anderes zu sagen als: „Es kam ein schöner Jüngling in die Küche und sagte: ,Richtet die Speisen an in die Schüsseln; denn sie sind schon alle bestens zubereitet!‘ Wir untersuchten darauf die Speisen, und es war also, wie uns der uns sogleich wieder verlassende Jüngling benachrichtigte. Verkoste die Speisen selbst, und du wirst finden, daß es also ist!“
GEJ|1|196|2|0|Kisjonah verkostet die Speisen und findet, daß seine Köche und Köchinnen die vollste Wahrheit geredet haben. Er begibt sich darauf wieder schnell ins große Zimmer, darinnen Ich war, und der Jüngling fragt ihn: „Nun, Kisjonah, bist du mit mir zufrieden?“
GEJ|1|196|3|0|Sagt Kisjonah: „Viel schon ist des Wunderbaren in meinem Hause geschehen; ich konnte es nicht anders begreifen, als daß ich mir im Herzen laut sagen mußte: Bei Gott sind alle Dinge möglich! Aber das ist dennoch das Allerunbegreiflichste! Eine Arbeit in einem Augenblick verrichten, die sonst einen vollen Tag der festesten Arbeit bedurft hätte, aber durch die mächtige Hand eines vom göttlichen Geiste erfüllten Menschen wohl, wie gesagt, in einem Augenblick verrichtet werden kann, das ist begreiflich; aber wie da hundert Arbeiten auf weit voneinander entfernten Punkten von einem Menschenwesen in einem und demselben Augenblick verrichtet werden können, das ist eine ganz andere Sache und ist von seiten eines noch sterblichen Menschen bei aller seiner Einsichts- und Verstandesschärfe durchaus nicht zu begreifen, und ich kann dazu abermals nichts anderes sagen als: Herr, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig; denn nimmer bin ich wert, daß Du unter meinem Dache Wohnung nimmst!“
GEJ|1|196|4|0|Sage Ich zum Kisjonah: „So höre endlich einmal auf, dich gar so sehr zu verwundern, und laß nun durch deine Leute die Speisen hereinbringen; denn wir alle sind nun deren schon recht sehr bedürftig.
GEJ|1|196|5|0|„Wenn dich das aber schon gar so wundernimmt, was möchtest du denn hernach dazu sagen, wenn Ich dir treu kundgebe, daß auf der ganzen Erde nur ein dazu bestellter Engel für alles Gras, alle Gesträuche und Bäume, für jegliches nach seiner Art, für das Wachstum und für die allerverschiedenartigste Hervorbringung der Früchte zu sorgen und zu wirken hat, desgleichen für alle Tiere im Wasser, in der Luft und auf der Erde?! Solches wird dir also wohl auch unbegreiflich sein, und siehe, doch ist und geschieht es also! Darum wundere dich nicht so sehr, sondern geh und laß uns durch deine Diener die Speisen bringen!“
GEJ|1|196|6|0|Sagt Kisjonah: „Herr, Du meine alleinige Liebe und mein Leben, wie wäre es denn, so Du gestatten möchtest, daß mir bei der Hereinschaffung der Speisen, deren es eine große Menge gibt, auch dieser wunderbare Jüngling behilflich sein möchte; denn meine Diener haben damit sicher eine volle Stunde zu tun!“
GEJ|1|196|7|0|Sage Ich: „Gut, so bediene dich seiner; aber nur mit dem zu vielen Verwundern mußt du wegbleiben; denn du weißt ja, daß bei Gott alle Dinge gar leicht möglich sind!“
GEJ|1|196|8|0|Mit solchem Bescheid ist Kisjonah ganz vollauf zufrieden und ersucht den ihn stets sehr liebfreundlich anblickenden Jüngling, daß er ihm die Speisen auf die schon bereiten Tische möchte von der Küche hereinschaffen helfen.
GEJ|1|196|9|0|Sagt der Jüngling: „Aber nur nicht so viel Verwunderung, mein liebster Freund! Sieh dich nur nach den Tischen um! Es ist schon geschehen, als du noch im Begriffe warst, den Herrn aller Herrlichkeit um meine Hilfe anzuflehen. Aber wo hast du den Wein?“
GEJ|1|196|10|0|Sagt Kisjonah, die Tische flüchtig übersehend und bei sich insgeheim hochstaunend: „Wahrlich, den Wein hätten wir bald vergessen! Willst du so gut sein, mir auch diesen aus dem großen Keller zu besorgen?“
GEJ|1|196|11|0|Sagt der Jüngling: „Siehe hin! Es ist schon alles wieder in der besten Ordnung, der Wein ist in rechter Menge auf den Tischen neben den Speisen.“
GEJ|1|196|12|0|Kisjonah besieht die vierzig großen Tische, die im großen Speisesaale aufgerichtet und bestens bestellt sind, und es fehlt nichts; Stühle und Bänke sind in schönster Ordnung gestellt und die Lampen zur Erleuchtung der Abenddämmerung in gerechter Zahl auf allen Tischen vorhanden und schon mit reinen Flammen brennend und leuchtend!
GEJ|1|196|13|0|Als Kisjonah das alles beschaut, ist er ganz verblüfft vor innerer Verwunderung und sagt nach einer Weile: „O Gott, o Gott, Du mein Jesus, Du meine ewige Liebe! Wenn das so fortgeht, so gehen heute noch alle meine Häuser auseinander und es wird darinnen alles Holz und Gestein lebendig werden!“ – Sich zum Jünglinge wendend: „Du mein holdester junger Mensch oder Engel, was du auch immer bist oder sein magst, erkläre mir doch ein wenig nur, wie dir solches möglich ist!“
GEJ|1|196|14|0|Sagt der Jüngling: „Du bist wohl sehr neugierig; ich sage dir: Mir ist gar nichts möglich ohne Den, der bei dir wohnt nun in dieser Welt; Er allein verrichtet alle solche Dinge! Wie aber Ihm solches alles möglich ist, darüber mußt du dich schon bei Ihm Rates erholen; denn die Kraft in mir, also zu handeln, ist nicht mein Eigentum, sondern ein Eigentum des Herrn, der in deinem Hause Wohnung nimmt. Gehe also hin und frage Ihn!“
GEJ|1|196|15|0|Sagt Kisjonah: „Das, liebster Freund, weiß ich wohl; aber nur die Art und Weise, wie solches möglich ist, das ist es, wovon ich einen Wink haben möchte. Du mußt doch eine Bewegung machen!? Wie schnell und sicher aber muß diese sein! Denn da ist der Blitz doch offenbarst eine Schneckenpost dagegen! Ah, ah, ich darf gar nicht mehr daran denken! Wenn du zu all dem nur wenigstes hundert Augenblicke Zeit verwendet hättest, so wäre die Sache doch noch eher begreiflich; aber so – ohne einen merklichen Zeitraum alles das, und noch dazu in größter Ordnung, zu verrichten, das ist es, was mich nun aus aller meiner sonstigen Denkverfassung hebt, so daß ich mich nun kaum mehr vor lauter Ehrfurcht und Bewunderung zu atmen getraue!“
GEJ|1|196|16|0|Sage Ich zum Kisjonah: „Nun, Freund, bist du mit deiner Verwunderung noch nicht am Ende? Ich meine, wir sollen nun an die Tische uns setzen, zuvor das Abendmahl einnehmen und hernach uns besprechen über die weiteren Punkte der Allmacht Gottes und dessen entschiedenster Liebe und Weisheit!“
GEJ|1|196|17|0|Sagt Kisjonah: „Herr, vergib mir! Ich hätte beinahe aus lauter Verwunderung über Verwunderung vergessen, warum die Speisen und Getränke auf den Tischen stehen; darum bitte ich Dich und all die Deinen, daß ihr euch an die Tische machet! Aber wo ist denn Deine Leibesmutter Maria mit den auch mitgenommenen, Dein sein sollenden Schwestern hingegangen, daß ich sie hole zum Abendmahle?“
GEJ|1|196|18|0|Sage Ich: „Frage erst nach deinem Weibe und deinen Töchtern! Wo diese sind, da ist auch die gute Maria mit den Töchtern Josephs, der Mein irdischer Nährvater war. Die haben nun miteinander ja vollauf zu tun, damit sie heute noch alles besehen, wozu sie freilich auch morgen, übermorgen und noch längerhin Zeit hätten! Unser junger und behender Diener wird sie alle schon holen und hierherbringen, und du sei deshalb ganz unbekümmert!“
GEJ|1|197|1|1|197. - Die hl. Gesellschaft beim Abendmahl und dann bei sternheller Nacht im Freien auf dem Schlangenhügel, wo Kisjonah eine Schule errichten will. Jesus als Herr der Schlangen. Erläuterung des Gleichnisses vom Unkraut
GEJ|1|197|1|0|Während Ich noch solches kaum ausgesprochen hatte, war der Jüngling auch schon da mit den Weibern, und wir setzten uns alsogleich an die Tische und verzehrten gar bald und ganz fröhlichen Mutes das Abendmahl. Nach dem Mahle aber sagte Ich zu allen: „Höret, da heute eine schöne, sternenhelle Nacht ist, so wollen wir nicht alsogleich uns in die Ruhe begeben, sondern draußen unter freiem Himmel uns auf den Rasen lagern; denn Ich habe heute noch so manches euch zu sagen und zu zeigen vor!“
GEJ|1|197|2|0|Dieser Antrag war allen recht, und wir erhoben uns alle bald von den Tischen und gingen hinaus ins Freie, und zwar auf einen etwa im ganzen bei zwanzig Klafter hohen Hügel, der am Ende des großen Gartens etwa bei dreißig Schritt vom Meere einwärts sich ganz sanft erhob. Kisjonah bemerkte freilich, daß dieser Hügel zwar eine sehr schöne Aussicht über den ganzen See gewähre, aber dabei dennoch das stets Unangenehme habe, daß er von einer Masse Schlangen, Nattern und Vipern, wahrscheinlich seiner Nähe am Meere wegen, bewohnt werde. Er habe zwar schon alles mögliche angewendet zur Vertreibung dieses Geschmeißes, aber es hätte noch nie was gefruchtet!
GEJ|1|197|3|0|Sage Ich: „Laß das nur gut sein! Nun soll er nimmer diesem Geschmeiße zur Wohnstätte dienen; dessen kannst du völlig versichert sein!“
GEJ|1|197|4|0|Sagt Kisjonah: „Wenn so, wie ich aber auch nicht den kleinsten Zweifel habe, da danke ich Dir fürs erste vom tiefsten Grunde meines Herzens für die wunderbare Befreiung von diesem Übel, und fürs zweite soll auf diesem Hügel zu Deinem Gedächtnisse eine rechte Schule erbaut werden, bestimmt zum Unterricht für groß und klein und jung und alt nach Deiner reinsten Lehre!“
GEJ|1|197|5|0|Sage Ich: „Eine solche Schule wird sich, wenn sie beim Grunde des Grundes verbleibt, auch allzeit Meines Segens zu erfreuen haben. Aber leider, wie die Welt alles verdirbt, so wird sie mit der Zeit dieser Schule, sowie Meiner reinsten Lehre nicht schonen, und so gibt es auf dieser Welt nichts, das da hätte eines Bleibens! Denn alle Welt liegt nun im argen und ist beschnitten vom Satan! Aber nun lasset uns auf den Hügel gehen!“ Ich und Kisjonah gehen voran, und alle Jünger und alle Dienerschaft des Kisjonah folgen uns auf dem Fuße nach.
GEJ|1|197|6|0|Als wir aber an den Hügel kommen, bemerkt Kisjonah, wie vor ihm eine starke Natter gerade den Hügel hinankriecht, und er wird bald darauf mehrerer ansichtig und sagt zu Mir: „Herr, habe ich denn zu wenig geglaubt, daß dies Geschmeiß noch nicht abgezogen ist?“
GEJ|1|197|7|0|Sage Ich: „Das ist darum also, daß du des Gottessohnes Herrlichkeit in großer Fülle ersehen und erkennen sollst! Und so habe denn nun acht! Ich werde nun diesen Tieren gebieten, diesen Ort auf alle Zeiten der Zeiten zu verlassen und, solange ein Sprosse von dir diesen Garten und Hügel bewohnen wird, nicht in diese Wohnstätten zu ziehen; und du wirst sehen, wie auch diese äußerst stumpfsinnigen Bestien Meiner Stimme gehorchen müssen!“
GEJ|1|197|8|0|Hier wandte Ich Mich an den Berg und bedrohte die Bestien. Und diese schossen wie Pfeile zu vielen Tausenden aus ihren Löchern und flohen ins Meer; und also ward der Berg gereinigt von diesem Geschmeiß für immerdar, und es ward fürder auch nicht mehr ein noch so kleiner Wurm gesehen auf diesem Hügel.
GEJ|1|197|9|0|Wir aber gingen darauf ganz wohlgemut auf den Hügel, und da dessen Gras schon etwas tauig war, so ließ Kisjonah schnell eine große Menge Teppiche holen und beinahe den ganzen Hügel bedecken, wobei ihm auch wieder der Jüngling ersprießlich schnelle Dienste leistete. Auf dem nun ganz mit feinen Teppichen bedeckten Hügel lagerten wir alle uns ganz wohlgemut.
GEJ|1|197|10|0|Meine Jünger aber, die trotz alles ihres Denkens, Grübelns und Sinnens mit dem Gleichnisse vom Unkraut auf dem Acker nicht fertigwerden konnten, traten auf dem Hügel zu Mir und baten Mich, daß Ich ihnen das Gleichnis vom Sämann, der guten Samen ausgesät hatte und hernach Unkraut in seinem reinen Acker mitten unter dem Weizen fand, deuten und näher erklären möchte.
GEJ|1|197|11|0|Ich aber sprach zu ihnen: „Habt ihr nicht gehört, was Kisjonah auf diesem Hügel für Mich zu Meinem Gedächtnisse zu errichten willens ist, und was Ich ihm sagte, wie es leider solcher Anstalt von seiten der Welt ergehen werde? Sehet, das hat Bezug auf den guten Acker, der mit reinstem Weizen besät ward und hernach dennoch eine große Menge Unkrautes mitten unter dem Weizen aufschießen ließ! Sehet, das aber besagt das Gleichnis:
GEJ|1|197|12|0|Ich, oder wie da sagen die Juden, der Menschensohn, ist es, der da nun ausstreut den guten Samen. (Matth.13,37) Der Acker ist die Welt; der gute Same sind die Kinder des Reiches; das Unkraut aber sind die Kinder der Bosheit. (Matth.13,38) Der Feind, der sie sät, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt, und die Schnitter sind die Engel! (Matth.13,39) Gleichwie man aber das Unkraut auf dem Acker ausjätet, es in Bündeln zusammenbindet und es dann verbrennt, also wird es auch am Ende der Welt gehen! (Matth.13,40)
GEJ|1|197|13|0|Des Menschen Sohn wird Seine Engel aussenden, und sie werden sammeln aus Seinem Reiche alle Ärgernisse und alle Menschen, die da unrecht tun (Matth.13,41) und für die Not ihrer Brüder weder Augen noch Ohren und noch weniger ein Herz haben, und werden sie werfen in den Feuerofen, allwo Heulen und Zähneklappern sein wird. (Matth.13,42) Der Feuerofen aber wird sein der Kinder der Bosheit – darunter zu begreifen ist Hochmut, Selbstsucht, Herrschlust, Hartherzigkeit, Gleichgültigkeit gegen Gottes Wort, Geiz, Neid, Scheelsucht, Lüge, Betrug, Wortbrüchigkeit, Unzucht und Hurerei, Ehebruch, falsches Zeugnis, böser Leumund und alles, was da ist wider das Gebot der Nächstenliebe – ihr eigenes Herz!
GEJ|1|197|14|0|Denn wie den Gerechten aus ihrem Herzen ihr Himmel erblühen wird in aller Herrlichkeit, so wird den Ungerechten aus ihrem Herzen das erwachsen, was sie darinnen haben; ein böser Same wird ewig keine gute Frucht zum Vorschein bringen!
GEJ|1|197|15|0|Ein hartes Herz wird keine weiche Frucht geben, und ein wortbrüchiges wird sich nimmer sammeln, und der Zorn wird das Feuer sein, das nimmer erlöschen wird! Darum hütet euch vor all dem und werdet in allem Gerechte nach dem Gesetze der Liebe!“
GEJ|1|198|1|1|198. - Fortsetzung der Erläuterung des Gleichnisses vom Unkraut. Das Ärgste ist ein Versprechen, das nicht gehalten wird. Das Gleichnis vom Schatz im Acker. Der Jünger Verständnis.
GEJ|1|198|1|0|(Der Herr:) „Versprechet nie jemandem etwas, das ihr dann nicht halten könntet oder – noch schlechter – aus was immer für Gründen nicht halten wollet, so ihr wahrhaft Gotteskinder werden wollt; wahrlich, sage Ich euch, das Ärgste ist ein Versprechen und eine Verheißung, die nicht gehalten wird!
GEJ|1|198|2|0|Denn wer da zürnt, der sündigt in sich und schadet sich zunächst selbst; wer Unzucht treibt, der vergräbt seine Seele im Gerichte des Fleisches und schadet sich wieder selbst; aber das Übel der Übel ist die Lüge!
GEJ|1|198|3|0|Hast du jemandem etwas zu tun versprochen, und es kommen bald Umstände, die dir das Versprechen zu halten unmöglich machen, so gehe alsogleich ohne Säumnis zu dem hin, dem du etwas versprochen hast, und zeige ihm mit dem besten Herzen an, was dir begegnet ist, auf daß der Erwartende in dem Falle andere Wege und Mittel ergreifen kann zur rechten Zeit, um sich aus irgendeiner Not zu befreien!
GEJ|1|198|4|0|Wehe aber jedem, der Versprechungen macht und sie nicht hält, auch so er sie halten könnte; denn er stiftet dadurch ein umfassendes Übel; denn der Erwartende kann dann seiner Pflicht nicht nachkommen, und die auf ihn hofften, bekommen auch gebundene Hände, und so kann solch eine treulose Verheißung Tausenden die größte Verlegenheit und Trübsal bereiten, und also ist eine nicht gehaltene Verheißung das der Nächstenliebe Allerentgegengesetzteste und somit der Übel größtes!
GEJ|1|198|5|0|Es ist besser, ein hartes Herz haben, weil ein solches niemanden mit irgendeiner Hoffnung trügt, und weiß man, daß man vom Hartherzigen nichts zu erwarten hat, so ergreift man andere Mittel zur Aufrechthaltung jeglicher Ordnung. Wenn aber jemand etwas erwartet, das ihm verheißen ward, so unterläßt er es, andere Wege und Mittel zu gebrauchen, und wenn dann die Zeit kommt, wo der Erwartende seine Geschäfte in die Ordnung zu bringen bestimmt hatte, und der Versprecher läßt ihn dann im Stiche und sagt ihm nicht zuvor, daß er sein Versprechen aus einem Grunde, der natürlich vollwahr sein muß, nicht werde halten können, da ist solch ein Verheißer gleich dem Satan, der den Menschen auch von Anbeginn durch seine Propheten die glänzendsten Verheißungen gemacht, aber nie eine erfüllt hat und hat dadurch Zahllose ins größte Elend gestürzt!
GEJ|1|198|6|0|Darum hütet euch vor allem vor derartigen Verheißungen und Versprechungen, die ihr nicht halten könnet und, was noch schlechter wäre, aus was immer für Gründen nicht halten wolltet; denn das ist des Obersten der Teufel Sinn.“
GEJ|1|198|7|0|Seid liebevoll und gerecht in allen Dingen; denn die Gerechten werden einst in ihres Vaters Reiche leuchten wie die Sonne am hellsten Mittage! –
GEJ|1|198|8|0|Wer aber Ohren zu hören hat, der höre (Matth.13,43) Denn noch ein paar Gleichnisse will Ich euch geben vom Himmelreiche:
GEJ|1|198|9|0|Das Himmelreich ist noch gleich einem verborgenen Schatz in einem Acker, welchen Schatz ein Mensch fand, und da der Schatz groß und schwer war und er ihn nicht nach Hause tragen konnte, da er noch weit nach Hause hatte, so verscharrte er ihn im nächsten Acker zur Nachtzeit, ging darauf voll Freuden nach Hause, verkaufte daheim alles und kaufte den Acker um jeden Preis (Matth.13,44); denn der Schatz im Acker war viele tausend Male mehr wert, als er für den Acker gab, und er konnte nun, da der Acker sein war, den Schatz sicher aus dem Acker holen, und es konnte ihm niemand mehr dessen Besitz streitig machen. Er konnte nun seinen Schatz ruhig in sein neues Haus schaffen, das er mit dem Acker erkauft hatte, und brauchte nun nicht mehr im Schweiße seines Angesichtes sich seinen Unterhalt zu erarbeiten; denn er hatte nun wohl im größten Überflusse zu leben von seinem Schatze. – Verstehet ihr dieses Gleichnis?“
GEJ|1|198|10|0|Sagen die Jünger: „Ja Herr, dies Gleichnis ist klar; denn die Schatzfinder sind die, die Dein Wort vernehmen, und der Acker ist der Menschen noch weltliches Herz, den sie durch die Befolgung Deines Wortes sich erst geistig zu eigen kaufen müssen, auf daß Dein Wort im Herzen zu ihrem vollen Eigentum werde und sie damit dann alles Gute für sich und ihre Brüder schaffen können!“
GEJ|1|198|11|0|Sage Ich: „Ihr habt das Gleichnis wohl begriffen; denn also steht es mit dem wahren Himmelreiche. – Aber höret nun ein anderes Bild!“
GEJ|1|199|1|1|199. - Gleichnis von der Perle und vom Netz
GEJ|1|199|1|0|(Der Herr:) „Abermals ist das Himmelreich gleich einem Kaufmanne, der gute Perlen suchte in allen Landen. (Matth.13,45) Und er fand eine große Perle von unschätzbarem Wert, erkundigte sich um ihren Preis, und als ihm dieser bekannt gegeben ward, ging er auch alsbald heim in seine Stadt, verkaufte alles, was er hatte, und ging dann hin und kaufte die große Perle (Matth.13,46), die ebenfalls viele tausend Male mehr wert war, als um was er sie erkaufte. – Verstehet ihr dies Bild?“
GEJ|1|199|2|0|Sagen die Jünger: „Ja, Herr, auch das verstehen wir; denn ein solcher Kaufmann sind ja wir alle, da wir Deinetwegen alles verließen; Du aber bist die große, unschätzbare Perle für uns!“
GEJ|1|199|3|0|Sage Ich: „Auch dieses Gleichnis habt ihr vollwahr begriffen; denn also auch stehet es wieder mit dem Himmelreich! – Aber vernehmet noch ein Bild!
GEJ|1|199|4|0|Abermals ist das Himmelreich gleich einem Netze, das ins Meer geworfen wird, damit man allerlei Gattungen Fische fängt. (Matth.13,47) Wenn das Netz aber voll ist, so wird es von den Fischern ans Ufer gezogen; da setzen sich dann die Fischer und heben die guten Fische heraus in ein Gefäß, aber die kranken und faulen werfen sie weg! (Matth.13,48)
GEJ|1|199|5|0|Also wird es auch am Ende der Welt sein: die Engel werden ausgehen und werden die Bösen von den Gerechten scheiden (Matth.13,49) und werden sie werfen in den Feuerofen ihres eigenen bösen Herzens, und es wird da sein ein großes Geheul und Geklapper mit den Zähnen (Matth.13,50), welches ist eine wahre Finsternis der argen Seele, die fortan suchen wird mit ihrem verbrannten Weltverstande, was ihre böse Liebe befriedigen möchte, aber nimmerdar etwas finden wird!“ – Und Ich fragte die über dies Bild etwas nachsinnenden Jünger nach einer Weile: „Habt ihr auch dies Bild ganz verstanden?“
GEJ|1|199|6|0|Sagen diese: „Ja, Herr, auch dies Bild haben wir vollends begriffen (Matth.13,51); es gleicht dem, wie Du am Ufer zu Jesaira sagtest: Wer da hat, dem wird gegeben werden, daß er in der Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch genommen, das er hat!“
GEJ|1|199|7|0|Und der Ahab setzt hinzu: „Ich verstehe unter den faulen und kranken Fischen auch hauptsächlich die Pharisäer und alle die tatlosen Schriftgelehrten, die immerwährend ihren alten Kram zum Verkaufe bieten und alle Natur und deren Fruchtbarkeit loben, alles aber verachten und verfolgen, was die noch so glanzvolle Gegenwart bietet! Das werden etwa doch auch faule und kranke Fische sein? Was heißt das, ein Schriftgelehrter und Pharisäer im Gehirne sein und sich dafür um ein Unmerkbares besser halten, als da sind andere Menschen, und dafür noch Opfer und Steuer nehmen von den zumeist sicher besseren Brüdern und Schwestern, aber dabei ein hohles oder steinhartes, gefühlloses Herz haben?!
GEJ|1|199|8|0|Daher glaube ich, daß in der Zukunft der nach Deinem Worte, o Herr, zum Himmelreiche Gelehrte im Herzen, wohl wird müssen den alten, verdorbenen, faulen und kranken Schriftkram der Pharisäer ganz wegwerfen und für Deine Lehre einen ganz neuen Grund legen; denn Deine Lehre ist weise und gerecht und somit streng wider die der Pharisäer!
GEJ|1|199|9|0|Wohl weiß ich, daß Moses und all die andern Propheten aus Deinem Geiste geweissagt haben; aber wie entstaltet sind sie nun! Und da Du nun Selbst da bist, uns Deinen heiligen Willen zu offenbaren, wozu dann noch den faulen und kranken Moses, wie desgleichen auch alle die Propheten?!
GEJ|1|199|10|0|Wer im Herzen nach Dir, o Herr, in der Tat gelehrt ist zum Himmelreiche, braucht keinen Moses und keine Propheten mehr!“
GEJ|1|199|11|0|Sage Ich: „Da hast du wohl ganz richtig und recht gesprochen bis auf etwas Kleines, und dieses besteht darin, daß darum dennoch ein wahrer Schriftgelehrter, das heißt zum Himmelreiche gelehrt, gleich sein muß einem weisen Hausvater, der Altes und Neues aus seinem Hausschatze und Vorrate seinen Gästen vorträgt (Matth.13,52) und zum Genusse bietet. Oder soll man, wenn der neue Wein in die Schläuche gefüllt ist, darum den guten alten Wein wegschütten, oder soll man das alte Korn wegwerfen, wenn man ein neues in die Scheunen gebracht hat?! Darum muß ein wahrer, zum Himmelreiche Schriftgelehrter die alte Schrift ebenso wie dies Mein neues Wort nun kennen und danach tun!“
GEJ|1|199|12|0|Sagt Ahab: „Aber doch nur Moses und die Propheten, bis auf die mitunter sicher einesteils sehr entstellten Staatsgesetze, des Gottesdienstes leerste Anordnungen, die nun für nichts mehr gut sein können, indem wir alle staatlicherseits uns ohnehin die römischen Gesetze müssen gefallen lassen!?“
GEJ|1|199|13|0|Sage Ich: „Das versteht sich von selbst. Was vom alten Gesetze auszulassen ist der wahren Nächstenliebe wegen, das findest du schon geschrieben; hier aber sind Meine beiden Freunde aus Sichar, diese sind Zeugen von Meiner gedehnten Berglehre, in der alle diese Dinge vorkommen.“ Mit dem stellt sich Ahab ganz zufrieden.
GEJ|1|200|1|1|200. - Leidensbericht des von den Samaritern vertriebenen Oberpriesters Jonael. »Des Herrn Wege sind unerforschlich.« Zulassungen des Herrn
GEJ|1|200|1|0|Ich aber berufe die beiden Sichariten, daß sie mir nun kundtun sollen, welches Anliegens wegen sie hierhergekommen sind. Und Jonael, der den Sprecher macht, öffnet den Mund und spricht: „Herr, Du hast zwar schon früher den rechten Grund berührt, und ist es denn auch also! Es ist zwar kaum glaublich, daß Menschen, die doch alle samt uns die bleibenden großen Zeichen Deiner rein göttlichen Macht vor Augen haben, gar böse sein könnten! Sie erkennen die Wahrheit an und verfolgen sie eben darum, weil sie solche als Wahrheit anerkennen müssen! Mich haben sie vertrieben; wenn der Bruder Jairuth mich samt meiner Familie nicht in sein Haus genommen hätte, so wäre ich obdachlos!
GEJ|1|200|2|0|Herr, wie sehr und wie oft habe ich im Geiste Dich gebeten, daß Du kämest und mir beistündest gegen die Feinde; aber es war vergebens, Du kamst dennoch nicht, uns zu helfen aus unserer größten Not!
GEJ|1|200|3|0|Wohl ist es wahr, daß Du uns an Deiner Stelle sichtbare Engel zu unserem Dienste hinterlassen hast. Aber sie wollen auch nicht allezeit wirken und auch nicht also, wie ich es für nötig finde; denn sie sagen, daß sie ohne Deinen Willen nichts tun können; denn nur Dein Wille ist ihre ganze Kraft und Macht! Das ist wohl alles völlig wahr; aber wenn die beleidigten alten Erzsamariter Hunderte von Deinen Anhängern aus dem Lande treiben, so daß diese bei den Heiden Schutz suchen müssen – was nicht anders geschehen kann, als daß die Vertriebenen selbst Heiden werden –, dann sollte es denn doch wohl in der Ordnung sein, daß Deine Engel dazwischenträten und solch argem Treiben ein Ende machten, statt daß sie mit uns der ganzen Geschichte ganz traurigen Gemütes zusehen und am Ende eben mit uns unter Seufzen ausrufen und sagen: ,So sind des Herrn Ratschlüsse doch allezeit unerforschlich und unergründlich Seine Wege!‘
GEJ|1|200|4|0|Was ist aber damit geholfen?! Hunderte werden Heiden, Hunderte werden geschlagen mit Stöcken und Ruten und werden verspottet an öffentlichen Orten um Deines Namens willen!
GEJ|1|200|5|0|Joram mußte aus Sichar auf eine Zeit, und das Haus, das Jakob erbaut hatte, ist unterdessen verschlossen und leer! Und Joram befindet sich nun auch mit seinem Weibe im Hause des Bruders Jairuth, sowie viele andere angesehene Familien, die in Sichar Deinetwegen nicht mehr geduldet wurden!
GEJ|1|200|6|0|Und wider alles das haben Deine Engel, die bei uns sind, aber auch nicht einen Schritt getan! Herr, Herr, um Deines heiligsten Namens willen! Für was soll das denn doch gut sein?!
GEJ|1|200|7|0|Muß denn hier auf dieser Erde dem Satan alle Macht und Gewalt über Dich eingeräumt sein?! Oder ist seine Hölle denn im Ernste mächtiger denn alle Deine Himmel? Herr, wenn es also fortgeht, so werden am Ende die Menschen genötigt sein, dem Satan Tempel und Opferaltäre zu erbauen und die Deinen abzubrechen! Eine höchst traurige Sache schon in dieser Zeit!
GEJ|1|200|8|0|Was ist nun der Gottesdienst auf Garizim, ja selbst im Tempel zu Jerusalem anderes als ein barster Satansdienst?! Ich weiß es aus Deinem Munde, der Du der Herr Selbst bist, wie Gott, der in Dir wohnt in aller Fülle körperlich, verehrt und gelobt sein will. Siehe dagegen aber nun den Dienst auf Garizim an, und Du hast den allerwahrsten und echtesten Satansdienst; denn da wird im vollsten Ernste, was selbst Deine heiligen Engel nicht im geringsten in Abrede stellen, im vollsten Maße dem Satan Weihrauch gestreut!
GEJ|1|200|9|0|Also ist und geschieht es treu und wahr, und Dir, o Herr, kann es nicht unbekannt sein, daß es also ist und geschieht, und doch lässest Du es zu, daß es also ist und geschieht! Herr, wie sollen wir das nehmen und wie verstehen Dein heilig Wort?
GEJ|1|200|10|0|Auch der ehrliche, Dir mit seinem ganzen Hause tiefst ergebene Bruder Jairuth bekommt nun schon Tag für Tag eine Drohung, wonach er aufgefordert wird, sich binnen kurzer Zeit als Erzsamariter zu erklären, widrigenfalls er aller seiner Güter verlustig erklärt wird!
GEJ|1|200|11|0|Viele, die schon steinfest an Deiner Lehre, o Herr, gehangen sind, sind von den tagtäglichen Drohungen eingeschüchtert, unter vorgeschriebenen Verwünschungen und Verfluchungen Deines Namens zum reinsten Satansdienst zurückgekehrt!
GEJ|1|200|12|0|Siehe, Herr, solche Dinge geschehen, vor denen Deine Engel wohl allzeit ihr Angesicht verhüllen; aber wozu solche leeren Beileidsbezeigungen?
GEJ|1|200|13|0|Herr, Du siehst in mein Herz, das ganz Dir ergeben ist, und so rede ich auch ohne Vorbehalt mit Dir und sage: Da ist ein leeres, wehmutsvollstes Zuschauen so unzeitig als eine Feige im dritten Tage nach dem Abfalle der Blüte! Da heißt es dreinschlagen, und das mit aller Gewalt und Macht, sonst bekommt der Satan Grund und Wurzeln.
GEJ|1|200|14|0|Und vermögen Deine Jünger schon jetzt nichts mehr wider ihn, was werden sie nachher vermögen, wenn er zu vollster Kraft gelangen wird, was ihm eben nicht zu schwer werden dürfte, so ihm gleichfort so wenig entgegengestellt wird, als das bis jetzt der traurige Fall ist, wo sich sogar Deine Engel gegen ihn nichts zu unternehmen getrauen?!
GEJ|1|200|15|0|Ich bitte Dich darum um Deines heiligsten Namens willen und um aller derer willen, die noch immer an Deinem Namen gleich uns beiden unverrückt hangen, stehe uns bei und befreie uns von den Schlingen des Satans!
GEJ|1|200|16|0|Hast Du uns doch Selbst am Berge beten gelehrt; und siehe, wir beten stets also, und es wird von Tag zu Tag ärger statt besser!
GEJ|1|200|17|0|Wir wollen Dir ja alles zum Opfer bringen und wollen Dir zuliebe so armselig leben wie nur immer möglich; aber irgendeinen Fleck auf der Erde, solange wir auf der Erde zu leben haben, mußt Du uns denn doch gönnen; denn unter lauter Wölfen, Hyänen und Bären läßt sich's, wenn man nicht selbst eine gleiche Bestie ist, weder leben und noch weniger Dir, o Herr, nachfolgen!
GEJ|1|200|18|0|Wir verlangen nicht ein friedliches Paradies auf dieser Welt, aber doch zum wenigsten, daß wir nicht gerade unter Teufeln in der vollkommensten Hölle leben müssen; dafür wolle Du, o Herr, uns in den Schutz nehmen!“
GEJ|1|201|1|1|201. - Des Herrn Winke über den Doppelzweck der Zulassungen — dem Satan und den Gläubigen zur Prüfung. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt.« Wie man recht kämpft
GEJ|1|201|1|0|Sage Ich: „Freunde, Ich wußte wohl darum, daß es in aller Kürze also kommen werde, auf daß der Satan sein Werk voll mache; aber die zu den Heiden geflohen sind, hätten auch hier in Galiläa ihre Unterkunft gefunden, und die Meinem Namen geflucht haben, um ihre irdische Habe nicht zu verlieren, hätten besser getan, sich von aller ihrer Welt loszumachen, als sich unter dem Fluche Meines Namens ihrer Habe zu versichern, an der der ewige Tod haftet. Denn jeder Mensch muß einmal denn doch alles verlassen.
GEJ|1|201|2|0|Wie schwer wird es dem sein, der viel hat, sich einst davon zu trennen, und wie leicht wird sich der trennen von der Welt, der aus ihrem giftigen Schoße keine Güter besaß und zudem noch allenthalben um Meines Namens willen Verfolgung erlitt! Der verachtet die Welt, und es wird ihm um sie sicher nicht leid sein, wenn er mit klarster Sehe ins Himmelreich diese finstere Pestilenzwelt verlassen wird.
GEJ|1|201|3|0|Siehe, wie das Gold sich im Feuer bewährt und erst darin zu seinem hohen Werte gelangt, also muß es auch der Fall sein bei euch allen, die ihr wahrhaft Meine Jünger und Nachfolger sein wollet; denn Mein Reich, für das wir alle nun arbeiten, ist ja nicht von dieser Welt, sondern von jener großen, die auf dieses irdische, materielle, kurze Probeleben als ewig unvergänglich folgt!
GEJ|1|201|4|0|Und deshalb gebe Ich euch für diese Welt auch keinen Frieden, sondern das Schwert; denn durch den Kampf mit der Welt und mit allem, was sie euch bietet, müßt ihr euch des ewigen Lebens Freiheit erringen!
GEJ|1|201|5|0|Denn Mein Reich leidet Gewalt, und die es nicht mit Gewalt an sich reißen, die werden es nicht einnehmen.
GEJ|1|201|6|0|Es ist freilich recht leicht, in einem eingefriedeten Orte und für sein irdisch Leben bestens versorgt, Mir einen Jünger abzugeben, die Lämmer Tugend zu lehren und sie mit reinem Wasser zu tränken; wahrlich, dazu gehört nicht viel! Aber ein ganz anderes ist es, Löwen, Tiger und Panther zu zähmen und sie zu nützlichen Tieren umzugestalten! Dazu aber gehört auch mehr Klugheit, Mut, Kraft und Ausharrung als zur Zähmung der Lämmer!
GEJ|1|201|7|0|Daher müßt ihr diese Erscheinung in Sichar auch also betrachten und nehmen, wie sie ist, und müßt mit ihr einen natürlichen Kampf eingehen, bei dem Ich euch schon unterstützen werde; aber so ihr alsbald über die Blindheit und Bosheit der Menschen bis über die Ohren in Ärger und Zorn geratet und über solche Frevler nichts als ein verzehrendes Feuer vom Himmel rufet, dann kann es euch unmöglich anders ergehen, als wie es euch ergangen ist!
GEJ|1|201|8|0|Auch können und dürfen euch Meine Engel in solchen Fällen nicht dienstlich sein, weil solch ein Dienst schnurgerade gegen Meine ewige Ordnung wäre.
GEJ|1|201|9|0|Wollt ihr aber siegende Kämpfer für Mein Reich sein, so machet aus der reinen Wahrheit ein scharfes Schwert; aber dasselbe sei aus der reinsten, uneigennützigsten Liebe angefertigt! Mit solchem Schwerte kämpfet dann mutig und habt keine Furcht vor denen, die im äußersten Falle wohl euren Leib töten, weiter aber dann nichts mehr tun können!
GEJ|1|201|10|0|So ihr aber schon eine Furcht habt, so fürchtet Den, der ein wahrer Herr über Leben und Tod ist und die Seele des Menschen verwerfen oder annehmen kann.
GEJ|1|201|11|0|Wer immer im rechten Kampfe für Mich sein irdisch Leben verliert, der wird es wiederbekommen in Meinem Reiche im Vollmaße; wer aber sein irdisch Leben zu erhalten strebt im Kampfe für Mich, der ist ein Feiger, und des ewigen Lebens Siegerkrone wird nicht sein Anteil sein! Welches Verdienst hat er, so er mit Mücken kämpft und Fliegen totschlägt? Ich sage euch: So ein Held ist nicht des Anpissens wert!
GEJ|1|201|12|0|Ah, ganz was anderes ist es, wohlgepanzert und mit einem scharfen Schwert in der Hand in eine Herde von Löwen und Tigern sich begeben! So er die Herde erlegt hat und als Sieger heimkehrt, so werden ihm Ehrenbogen errichtet, und ein großer Lohn für seine Heldentat wird ihm nicht vorenthalten werden!
GEJ|1|201|13|0|Gehet sonach wieder heim und streitet nach der Weise, wie Ich es euch nun gezeigt habe, und es wird euch am rechten Siege nicht fehlen!
GEJ|1|201|14|0|Wie arg der Satan diese Erde zurichtet, weiß Ich wohl schier am besten, und Ich hätte Macht genug, ihn vollends zu vernichten; aber Meine große Liebe und Geduld läßt solches niemals zu.
GEJ|1|201|15|0|Denn wer seinen Feind nur dadurch zu besiegen wähnt, daß er ihn vernichtet, der ist ein feiger Kämpfer! Denn nicht der Mut, sondern seine große Furcht nur hat sich durch die Tötung den gefürchteten Feind vom Halse geschafft.
GEJ|1|201|16|0|Wer ein rechter Held sein will, der darf den Feind nicht verderben, sondern er muß sich alle Mühe nehmen, den Feind mit aller Klugheit, Geduld, Liebe und Weisheit im Herzen zu gewinnen; dann erst kann er sich rühmen, einen wahren Sieg über seinen Feind erkämpft zu haben, und der erkämpfte Feind wird selbst sein größter Lohn sein.“
GEJ|1|202|1|1|202. - Missions- und Verhaltenswinke an die Sichariten. Die wahre freie Kirche. Der rechte Sabbat. Das rechte Gotteshaus und der wahre Gottesdienst
GEJ|1|202|1|0|(Der Herr:) „So ihr beide das begriffen habt, da kehret mit euren Engeln bald wieder nach Sichar zurück und tuet daselbst nach Meinem Worte, so werden dort all die mißlichen Dinge bald ganz anders stehen.
GEJ|1|202|2|0|Aber ihr müßt dort nicht als erzürnte Richter, sondern als wahrhaft weise Lehrer und Freunde der Blinden, Tauben und Stummen auftreten, so werden sie sich dann von euch schon lenken lassen!
GEJ|1|202|3|0|Wer kann denn wohl weisermaßen in einen Ärger geraten, so ihm ein Blinder auf den Fuß tritt? Wenn du Augen hast zu sehen, ist es nicht deine Schuld, wenn du vom Blinden getreten wirst?! Ziehe ab deinen Fuß von der Stelle, dahin der Blinde tritt, so wirst du nicht getreten werden!
GEJ|1|202|4|0|Ersiehst du aber, daß der Blinde am Rande eines Abgrundes steht, so eile hin, ergreife ihn und bringe ihn in Sicherheit und führe ihn dann zum Lichte hin, das jede Blindheit der Seele heilt, und er wird dir ein bester, dankbarster Freund und Bruder werden.
GEJ|1|202|5|0|So ihr aber die Menschen lehret in Meinem Namen, da tuet allzeit, wie Ich tue, zuerst durch gute Taten und dann erst mit schlichten, einfachen und wahren Worten, und ihr werdet dadurch bald viele wahrhaftige Jünger zählen können.
GEJ|1|202|6|0|Aber so ihr selbst euch bis nahe über die Sterne hinaus in lauter tiefste Geheimnisse einkleidet und den Menschen begreiflich machen wollet, daß ihr von Gott berufen seid, sie zu richten, zu segnen oder zu verfluchen, und ärgert euch dann noch obendarauf, so euch Meine Engel bei solchen Dingen nicht unterstützen wollen, so muß es euch ja klar sein, daß also zu handeln durchaus nicht Mein Wille ist, der euch geoffenbart ist, sondern ihr euch selbst eine Ordnung geschaffen habt und aus dieser eine neue, wohleingefriedete Kirche an der Stelle der alten mosaischen habt aufbauen wollen, vor der eure Lämmer ihre Knie schon von weitem hätten beugen sollen!
GEJ|1|202|7|0|Sehet, also war es mit der mosaischen Kirche, und sie brachte, wie sie eingefriedet war, keine oder nur wenige und das meist verkümmerte Früchte!
GEJ|1|202|8|0|Ich gebe euch nun eine vollkommen freieste Kirche, die keiner andern Einfriedung benötigt als bei jedem Menschen für sich das höchst eigene Herz, in dem der Geist und die Wahrheit wohnt, allwo Gott von den wahren Verehrern allein erkannt und angebetet sein will!
GEJ|1|202|9|0|Ihr sollet als diejenigen, denen Ich zuerst Meinen Geist mitteilte, euch darum nicht um ein Haar besser dünken, als da ist ein jeder andere Mensch, und sollet aus der Gabe nicht irgendein festes Amt machen, gleichwie solches tun die Heiden und die doppelt finsteren Juden und Pharisäer, sondern da ist nur Einer euer aller Herr; ihr alle aber seid ganz gleich als Brüder und Schwestern, und soll nie darinnen ein Unterschied sein unter euch!
GEJ|1|202|10|0|Also soll auch keine Regel sein unter euch, und sollet auch nicht halten auf gewisse Tage und Zeiten, als wären sie irgend besser oder schlechter, oder daß Gott nur gewisse Tage gesetzt hätte, an denen Er eure Gebete anhören und eure Opfer annehmen möchte. Ich sage euch: Bei Gott sind alle Tage gleich, und der beste ist unter vielen der, an dem ihr wahrhaft Gutes eurem Nächsten erwiesen habt! Und so soll in Zukunft den wahren und Gott allein wohlgefälligen Sabbattag nur eure gute Tat bestimmen!
GEJ|1|202|11|0|An welchem Tage ihr Gutes tun werdet, an demselben Tage wird auch der rechte Sabbat sein, der bei Gott gerechnet wird; der gewöhnliche Judensabbat aber soll sein ein Greuel in den Augen Gottes!
GEJ|1|202|12|0|Wollt ihr aber schon ein sogenanntes Gotteshaus bauen, da erbauet Kranken- und Versorgungshäuser für eure armen Brüder und Schwestern; darin dienet ihr ihnen mit allem, was sie benötigen, so werdet ihr sogestaltig den wahrsten Gottesdienst verrichten, an dem der Vater im Himmel ein großes Wohlgefallen haben wird.
GEJ|1|202|13|0|An solchem echten und allein wahren Gottesdienste wird man erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid.
GEJ|1|202|14|0|Gehet also nun heim und handelt also, so wird eure Arbeit gesegnet sein.“
GEJ|1|203|1|1|203. - Ein Fehlerbekenntnis. Der wahre Geist der reinen Lehre Jesu. Jonaels Lobgesang an den Herrn
GEJ|1|203|1|0|Nach dieser gedehnten Belehrung sagen beide: „Herr! Vergib uns also unsere Sünde! Denn nun sehen wir klarst ein, daß eigentlich nur wir gefehlt haben und nicht so sehr das Volk gefehlt hat, und wir werden nun mit Deiner Gnade und Hilfe nach Möglichkeit alles wieder zurechtbringen!
GEJ|1|203|2|0|Nun erst erfahren wir den wahren Geist Deiner heiligsten Lehre und werden solchen auch unter das Volk zu verbreiten auf das eifrigste bemüht sein! Nur sind nun viele zu den Heiden gegangen; diese wissen wir kaum zurückzubekommen! Was sollen wir da tun?“
GEJ|1|203|3|0|Sage Ich: „Mit denen tuet also, wie da ich tue mit den Heiden, und sie werden samt den Heiden eure Jünger sein.
GEJ|1|203|4|0|Seht, dies Haus ist auch nun heidnisch und hatte sich schon eine geraume Zeit zur Doktrin der griechischen Weltweisen bekannt, und nun ist es mehr auf Meiner Seite denn je ein Haus im Judentume! Machet ihr es denn auch also, und es werden sich bald mehr Heiden um euch scharen denn Juden!
GEJ|1|203|5|0|Denn wer einen leeren Magen hat, wird ein Mahl gieriger verzehren, als ein Mensch mit einem vollen Magen, besonders wenn der Magen noch dazu schon ganz verdorben ist, wie der Magen der Pharisäer und Schriftgelehrten!“
GEJ|1|203|6|0|Sagen die beiden: „Was soll denn mit denen geschehen, die Deinen Namen verflucht haben ihrer Habe wegen, daß sie ihnen nicht genommen werde?“
GEJ|1|203|7|0|Sage Ich: „Wer gefallen ist, den hebet auf und bringet ihn auf einen guten Weg und führet ihn, auf daß er zur Einsicht seiner Sünde kommen möge und solche getan zu haben bereue! Das soll euch obliegen!
GEJ|1|203|8|0|Ich aber bin nicht gekommen, zu richten und zu verderben diese Welt, sondern zu suchen das Verlorene und aufzurichten, was darniederliegt! So ihr das nun wisset, da gehet hin und handelt also!“
GEJ|1|203|9|0|Nach diesen Worten verneigten sich die beiden tiefst vor Mir und baten Mich, ob sie noch einige Tage an Meiner Seite verbleiben dürften.
GEJ|1|203|10|0|Und Ich gestattete ihnen solches und sagte: „So Ich euch zuvor sagte, daß ihr alsobald wieder heimziehen sollet, so wollte ich damit in allem mehr die Willigkeit eures Herzens und dessen Verstandes bezeichnet haben, als euch zeitlich bescheiden, alsobald von hier nach Sichar zu ziehen; und so möget ihr wohl die etlichen Tage hier verweilen, die Ich noch hier zubringen werde bei Meinem Freunde.“
GEJ|1|203|11|0|Die beiden, ganz zufrieden mit Meinem Bescheide, geben Mir Dank und Ehre, und Jonael sagt in tiefer Erregtheit seines Gemütes: „O Erde! Du altgewordener Acker des Unkrautes, der Dornen und Disteln! Du finsteres Grab des Lebens, du alte Gebärerin der Sünde und des Todes! Bist du wohl wert, daß der Herr, dein Gott und Schöpfer, dich mit Seinen allerheiligsten Füßen betritt, deine pestvolle Luft einatmet und deine argen Früchte zu Sich nimmt?!
GEJ|1|203|12|0|Wir Menschen samt den Tieren und Pflanzen haben nicht so viel Wert, daß wir von Ihm nur angeschaut werden möchten! Alles ist pure endlose Gnade und Erbarmung!
GEJ|1|203|13|0|Darum erhebe sich alles und lobe und preise Ihn immerdar!
GEJ|1|203|14|0|Und ihr Sterne da oben am hohen Himmel, verhüllet euer unheiliges Angesicht; denn Gott, euer Schöpfer, ist es, auf Den ihr von eurer Höhe stolz herabschaut!
GEJ|1|203|15|0|O Erde, was ist aus dir geworden?! Welchen Namen sollst du überkommen – nicht deiner selbst willen, sondern um Dessen willen, den du Unwürdigste nun trägst?!
GEJ|1|203|16|0|Oh, je mehr ich nun nachdenke, wer Der ist, der hier weilt unter Seinen Erwählten, desto enger und enger wird meine Brust! Wie soll die Beschränkte auch Den in sich zu fassen imstande sein, den alle Himmel und Engel nicht zu fassen vermögen!?
GEJ|1|203|17|0|O du heiligste Zeit der Zeiten auf dieser Erde, allwo nun Der wohnt, der der Sonne und dem Monde das Licht gab und hat ihnen vorgeschrieben, zu wandeln den großen Weg Seiner Liebe und Weisheit und zu geben der Erde die Zeit und Nacht und Tag!
GEJ|1|203|18|0|Darum lobe alles den Herrn der Herrlichkeit aus allen Himmeln; denn Ihm ganz allein gebühret aller Preis, alle Ehre, alles Lob und alle Liebe der ewigen Unendlichkeit!“
GEJ|1|203|19|0|Die Jünger aber, die solche Ausrufungen anhören, sagen: „Herr, vernimmst Du nicht, wie Jonael Dich lobt und preist, als wäre Davids Geist in ihn gefahren?!“
GEJ|1|203|20|0|Sage Ich: „Sein Lob vernehme Ich und habe daran ein rechtes Wohlgefallen; aber von euch habe Ich noch kein solches empfangen. Es wäre euch aber auch durchaus nicht zum Schaden, so ihr einmal so recht in euch überdächtet, wer Der ist, der nun mit euch spricht! – Aber laßt uns nun ein wenig der Ruhe pflegen, da der Nacht Mitte schon lange vorüber ist!“
GEJ|1|203|21|0|Nach solchen Worten wird bald alles lautlos um den Hügel, und die meisten ergeben sich dem Schlafe; nur Jonael und Jairuth vertiefen sich in allerlei Betrachtungen und loben Mich im stillen.
GEJ|1|204|1|1|204. - Edler Liebestatenstreit zwischen Kisjonah und Baram. Wer Gutes tun will, hat guten Wind. Gleichnis von der Mutter mit den zwei ungleichen Söhnen. Die wahre, reine und die interessierte Liebe.
GEJ|1|204|1|0|Als am Morgen die Sonne dem Aufgange schon nahe ist, weckt der Engel Jonaels und Jairuths alle die noch Schlafenden, und Kisjonah, der mit seiner Familie zunächst bei Mir sein Lager hatte, beauftragte schnell sein Weib und seine Töchter wie die sämtliche andere Dienerschaft, daß sie ja für ein gutes Morgenmahl besorgt sein sollen!
GEJ|1|204|2|0|Ich aber sage zu dem besorgten Kisjonah: „Laß du das für heute; denn sieh, wir müssen ja auch einmal dem Bruder Baram aus Jesaira die Freude lassen! Siehe hin aufs Meer! Dort in geringer Ferne vom Ufer steht Barams Schiff voll beladen, und seine Söhne und Diener sind samt ihm beschäftigt, das Morgenmahl hierherzuschaffen. Darum sei du, lieber Bruder, für heute ganz unbesorgt; denn das große Schiff birgt noch ein starkes Mittags- und Abendmahl nebst vierzig Schläuchen des besten Weines aus Griechenland.“
GEJ|1|204|3|0|Sagt Kisjonah: „Ah, da sehe man einmal den wortkargen Baram an! Er sagte von seinem Vorhaben aber auch nicht eine Silbe; am Abend verlor er sich ganz heimlich; ich glaube, bald nach unserer Ankunft ist er unsichtbar geworden, und jetzt ist er mit einem vollbepackten Schiffe da! Er muß einen guten Wind gehabt haben, sonst könnte er nebst der Arbeit noch lange nicht hier sein; denn man hat von hier bis Jesaira bei schlechtem Winde einen vollen Tag zu rudern.“
GEJ|1|204|4|0|Sage Ich: „Bruder, glaube es, wer Gutes im Sinne hat, wird stets von einem guten Winde geleitet sein; wer aber Schlechtes im Sinne hat, wird von einem schlechten Winde geleitet sein.
GEJ|1|204|5|0|Es waren einmal zwei Brüder; die hatten eine Mutter, die viele Schätze hatte. Beide liebten ihre Mutter überaus, sogestaltig, daß die Mutter nicht wissen konnte, welcher von beiden sie mehr liebte, daß sie ihm darum gäbe das größere Erbe. Es liebte sie aber nur der eine wahrhaft; der andere hatte aber nur das große Erbe im Auge und bezeigte der Mutter darum stets die größte Aufmerksamkeit und kam nicht selten dem Bruder, der die Mutter wahrhaft liebte, zuvor.
GEJ|1|204|6|0|Der gute Sohn, weil er die Mutter wahrhaft liebte, hatte auf seinen Bruder auch nicht den geringsten Verdacht und hatte nur eine große Freude daran, so sein Bruder der geliebten Mutter recht viel Freude machte. Die Sache ging einige Jahre also gut vor sich.
GEJ|1|204|7|0|Es ward aber die Mutter älter und schwächer und berief zu sich die beiden Söhne und sprach: ,Ich kann nicht erfahren, wer von euch beiden mich mehr liebt, daß ich ihm darum gäbe das größere Erbe; ich will darum also, daß ihr nach meinem Ableben das Erbe zu gleichen Teilen haben sollet!‘
GEJ|1|204|8|0|Da sprach der gute Sohn: ,Mutter, durch deine Sorge habe ich arbeiten gelernt und kann mir das Brot verdienen, soviel ich dessen bedarf; ich will aber Gott mit aller Glut meines Herzens bitten, daß Er dich solange als mich leben lassen möchte und du deinen Schatz verwalten sollst zum Besten des ganzen Hauses! Denn so ich das Erbe haben müßte ohne dich, da wäre es mir zur Qual und würde mich allzeit traurig machen, sooft ich es ansähe. Darum behalte du, liebste Mutter, das Erbe und gib es, wem du willst! Mir ist dein Herz das beste Erbe; wolle es Gott lange am Leben erhalten!‘
GEJ|1|204|9|0|Als die Mutter solche Rede ihres guten Sohnes mit dem gerührtesten Herzen vernommen hatte, sprach sie, ihren innern Sinn verhüllend: ,Liebster Sohn, wohl macht mir dein Bekenntnis eine unbeschreibliche Freude; aber darum kann ich das dir bestimmte Erbe nicht Fremden vermachen. So du durchaus keinen Teil haben willst, so soll der Bruder das ganze Erbe nehmen nach meinem Ableben, und du sollst ihm dienen und dir dein Brot im Schweiße deines Angesichts verdienen!‘
GEJ|1|204|10|0|Sagt der gute Sohn: ,Liebste Mutter, so ich dienen und arbeiten werde, da wird mein Herz sich stets deiner dankbarst erinnern und sagen: ,Siehe, also hat dich deine liebe, zarte Mutter arbeiten gelehrt!‘ Hätte ich aber das Erbe, da würde ich am Ende arbeitsscheu, begäbe mich ins müßige Wohlleben und vergäße am Ende wohl gar noch deiner selbst dabei! Darum will ich deinen erworbenen Geldschatz nicht, der nicht deines Herzens Gepräge, sondern nur das der Macht des Kaisers auf seinen Flächen vorweist; aber das, was ich von deinem Herzen genommen habe, das führt auch dessen Gepräge und hat seinen festbleibenden Sitz in meinem Herzen. Und darum ist mir diese Erbschaft, die du, liebe Mutter, mir schon von der Wiege her reichlich gegeben hast, und durch die ich mir schon viel Gutes und Kostbares erworben habe, ums unbeschreibliche lieber als die, welche du dir durch deiner Hände Arbeit und Mühe erworben hast! Ihr Anblick könnte mich nur trübe machen, da ich mir dabei stets denken müßte: ,Siehe, das hat deiner geliebten Mutter große Mühe und Arbeit gekostet; vielleicht hat sie wohl oft vor Schmerz geweint dabei, da sie darum besorgt war, dir ein Erbe zu bereiten!‘ Und sieh, liebste Mutter, da könnte ich doch unmöglich heiter sein, weil ich dich so überaus liebhabe!‘
GEJ|1|204|11|0|Die Mutter, zu Tränen gerührt, beruft den andern Sohn und sagt ihm, wie sein Bruder denkt, und was er will.
GEJ|1|204|12|0|Da antwortet dieser: ,Ich habe es mir ja immer gedacht, daß der Bruder zwar ein edler Mensch, aber in gewissen Punkten ein Sonderling ist! Da bin ich wieder ein ganz anderer Mensch! Ebensosehr ich dich, liebe Mutter, ehre und achte, ebensosehr achte ich auch alles, was du mir geben willst und wirst, und nehme daher das ganze Erbe mit dem dankerfülltesten Herzen an, und die Dienste, die mir mein Bruder tun will, sollen ihm nicht unbelohnt bleiben. So du, liebe Mutter, aber wolltest, da könntest du mir wohl das halbe Erbe zum voraus herausgeben, auf daß ich mir einen Grund kaufen und ein Weib nehmen könnte?!‘
GEJ|1|204|13|0|Sagt die Mutter etwas wehmütig auf die Antwort des zweiten Sohnes: ,Was ich ausgesprochen habe, bei dem bleibt es! Erst nach meinem Ableben überkommst du das Erbe!‘
GEJ|1|204|14|0|Da ward der zweite Sohn trübe und ging hinaus.
GEJ|1|204|15|0|Nach einem Jahre aber ward die Mutter sehr krank, und als die beiden Söhne auf dem Felde arbeiteten, kam eine Magd und berief beide zur Mutter, auf daß der Würdigste von ihr den Segen nehme nach der Mutter Willen.
GEJ|1|204|16|0|Da ward der gute Sohn sehr traurig und betete laut am Wege zu Gott, daß Er der Mutter Leben erhalten möchte.
GEJ|1|204|17|0|Der schlechte Sohn aber ward darob ärgerlich und sagte zum betenden Bruder: ,Willst du denn im Ernste durch dein Gebet der Natur Gesetze vorschreiben?! Wer einmal reif ist, ob Vater, Mutter, Bruder oder Schwester, muß sterben; da nützt kein Bitten und Beten mehr! Darum ist mein Wahlspruch: Was Gott will, das ist auch mir recht!‘
GEJ|1|204|18|0|Der gute Bruder aber ward darob noch trauriger und betete noch glühender ums Leben der teuren Mutter.
GEJ|1|204|19|0|Als sie ins Zimmer kamen, da die Mutter krank lag, da sagte der schlechte Sohn: ,Ich wußte ja, daß du so schnell nicht stirbst!‘ – Darauf fing er an ihr vorzureden, wie sie den Tod nicht fürchten solle!
GEJ|1|204|20|0|Aber der gute Sohn weinte und betete laut. Gott aber erhörte des guten Sohnes Seufzen, sandte einen Engel an das Lager der kranken Mutter, und dieser hat sie völlig gesund gemacht.
GEJ|1|204|21|0|Da erhob sich die Mutter bald vom Lager, da sie wohl vernahm, daß eine höhere Macht ihr die Gesundheit gegeben hatte. Und als sie zu gehen begann und merkte, wie ihre Füße voll Kraft waren, da sagte sie: ,Das habe ich dem heißen Flehen jenes meines Sohnes zu verdanken, der das angebotene Erbe aus wahrer Liebe zu mir nicht annahm! Wahrlich, sage ich dir, du mein geliebtester Sohn: Weil du aus wahrer Liebe zu mir nichts haben wolltest, so sollst du nun alles haben; was mein ist, das ist auch dein! Du aber, der du mich nur des Erbes wegen geliebt hast und mein Ende mit Sehnsucht erwartetest, da ich so gut war, dir alles zu vermachen, sollst nun nichts bekommen und sollst immerdar ein Knecht der Menschen sein!‘ –
GEJ|1|204|22|0|Sehet nun dieses Gleichnis! Was meinet ihr nun, derwelche von den beiden Söhnen den guten, und welcher den schlechten Wind hatte?“
GEJ|1|204|23|0|Sagen die Jünger: „Offenbar der, welcher seine Mutter wahrhaft liebte!“
GEJ|1|204|24|0|Sage Ich: „Ganz richtig geantwortet! Aber Ich sage euch: Gerade also wie diese Mutter da gehandelt hat, also wird auch der Vater im Himmel dereinst tun!
GEJ|1|204|25|0|Wer Mich nicht liebt Meiner Selbst willen, der wird nicht dahin kommen, wo Ich sein werde!
GEJ|1|204|26|0|Der Mensch muß Gott lieben ohne Gewinnsucht, wie Gott ihn liebt, ansonst er Gottes völlig unwürdig ist!“
GEJ|1|205|1|1|205. - Vom Wesen der Liebe. Die Liebe begehrt und will haben. Unterschied zwischen der himmlischen und der höllischen Liebe. Baram bringt dem Herrn aus Liebe ein Ehrenmorgen mahl. Wink über den Lohn von Liebestaten
GEJ|1|205|1|0|Sagt Ahab: „Das ist eine hohe und tiefe Wahrheit; aber dennoch möchte ich dazu das bemerken, daß es eine völlig uninteressierte Liebe, wenigstens bei den Menschen, nicht geben kann; denn soviel ich besonders über die Liebe allzeit nachgedacht habe, so geht die Liebe, wenn sie auch noch so rein ist, doch immer mehr oder weniger auf einen Raub aus.
GEJ|1|205|2|0|Siehe, ich liebe Dich doch sicher so innig, als Dich nur je ein Mensch lieben kann; ja, so es möglich wäre, da möchte ich Dich aus purer Liebe ganz in meinen Leib – und da in mein Herz hineinschieben!
GEJ|1|205|3|0|Aber nun frage ich, ob ich das auch für irgendeinen anderen, mir ganz gleichgültigen Menschen fühlen kann!? – Warum nicht? Warum fühle ich das denn bei Dir?! – Die Antwort gibt die Sache selbst!
GEJ|1|205|4|0|Ich weiß, wer Du bist, und weiß, was Du vermagst, und weiß nun auch, was ich durch Dich und durch die Beachtung Deiner Lehre erreichen kann, – und das ist denn auch der unbestreitbare Grund meiner heißesten Liebe zu Dir. Denn wärest Du nicht Das, was Du bist, so wäre meine Liebe zu Dir auch sicher sehr bedeutend schwächer. Ich habe also an Dir und für Dich ein übergroßes Interesse, und darum will und liebe ich Dich!
GEJ|1|205|5|0|Ich will nicht behaupten, daß ich Dich nun eines besonderen Gewinnes wegen liebe – denn ich verlasse ja alles auf der Welt um der Liebe willen zu Dir –; aber dennoch geht hier meine Liebe auf einen ganz besonderen Raub aus; denn sie haschet nach Dir, weil Du ihr mehr bist als die ganze Welt!
GEJ|1|205|6|0|Es bestimmt stets der größere, entweder materielle oder geistige Wert den Zug der Liebe. Der Kaufmann, der Perlen suchte, verkaufte alles und kaufte die große Perle, die er fand! Warum denn? Weil sie viel mehr wert war denn alles, was er ehedem besaß! Es ist das freilich wohl ein edles Interesse; aber es ist und bleibt dennoch ein Interesse, und ohne das gibt es wenigstens beim Menschen keine Liebe! Und wer mir von einer uninteressierten Liebe, die vielleicht höchstens in Gott Platz haben mag, etwas weismachen will, dem sage ich: ,Freund, du magst viel Weisheit haben; aber über den Punkt der Liebe hast du doch nie tiefer nachgedacht!‘
GEJ|1|205|7|0|Ja, die göttliche wahre Liebe unterscheidet sich von der höllischen freilich ganz gewaltigst darin, daß die göttliche Liebe zwar auch raubet gleich der höllischen; aber sie gibt alles wieder her! Sie sammelt bloß des Wiedergebens willen, während die höllische Liebe bloß für den eigenen Rachen raubet und nichts wiederhergeben will.
GEJ|1|205|8|0|Wenn wir uns aber die Liebe der Himmel aneignen, so wissen wir, daß wir dabei nie zu einem Verlust und Schaden gelangen können, sondern nur in jeder Hinsicht mehr und mehr zu gewinnen haben, je mehr wir hergeben.
GEJ|1|205|9|0|Wir gleichen da einer Grube, die ins Erdreich gegraben wird; je mehr Erdreich sie verliert, desto größer wird ihr innerer Raum zur Aufnahme des Lichtes und der himmlischen Luft. Herr, Ich meine, daß ich darin nicht unrecht habe; was sagt da Deine unendlich höhere Weisheit dazu?“
GEJ|1|205|10|0|Sage Ich: „Nichts, als daß du darin vollkommen recht hast; denn wäre die Liebe nicht ein Räuber, so oder so, da wäre sie keine Liebe; denn alle Liebe begehrt und will haben.
GEJ|1|205|11|0|Aber im Zwecke des Habens liegt eben eine unendliche Kluft, und das scheidet Himmel und Hölle für ewig auseinander!
GEJ|1|205|12|0|Aber nun bringen Barams Leute schon das Morgenmahl; daher wollen wir, nachdem wir stundenlang für den Geist sorgten, auch auf einige Augenblicke des hungrigen Leibes gedenken.“
GEJ|1|205|13|0|Baram bringt Mir auf einer goldenen Schüssel einen allerfeinsten und bestbereiteten Fisch und einen vollen Becher Wein und bittet Mich, ihn der Gnade wert zu halten, von ihm und aus seiner Hand das Morgenmahl zu nehmen.
GEJ|1|205|14|0|Und Ich sage zu ihm: „Diese Tat soll dir nicht unbelohnt bleiben; denn du hast dir die Mühe genommen aus großer Liebe zu Mir und aus einer gleich großen Liebe zum Bruder Kisjonah, der dich dauerte, und du bei dir dachtest, es müsse das dem Bruder Kisjonah im Verlaufe von mehreren Tagen doch etwas zu schwer fallen, die mehreren hundert Gäste nach Bedarf zu versorgen.
GEJ|1|205|15|0|Ich sage dir: Die Not ist bei Kisjonah wohl nicht da; denn wir alle zehren seine Vorräte wohl in zehn Jahren nicht auf. Aber weil du also dachtest in deinem Herzen, also könnte es dem Kisjonah am Ende dennoch am nötigen Vorrate gebrechen, und du ihm daher von großer Ferne her zu Hilfe eiltest, so soll dein Lohn dafür ebenso groß sein, als wenn du solches einem völlig Armen getan hättest. Denn bei Gott wird nur auf das Herz des Gebers gesehen.
GEJ|1|205|16|0|Jetzt aber setze dich auch her zu Mir und iß aus einer Schüssel mit Mir und mit dem Bruder Kisjonah; denn der Fisch ist so groß, daß da drei Menschen zur Übergenüge an ihm zu essen haben!“ – Baram tut das und ebenso der Kisjonah.
GEJ|1|205|17|0|Und so beginnt das Morgenmahl mit dem vollen Aufgange der Sonne und dauert bei zwei Stunden; denn es war mit dem Fische das Mahl noch lange nicht beendet, da folgten dem Fische noch eine Menge Erfrischungen nach.
GEJ|1|206|1|1|206. - Die Heiterkeit der Gäste beim Morgenmahl, des Engels Betrübnis. Große Heiterkeit ist der Sünde nahe. Über den Ernährungsprozeß beim Menschen. Leib, Seele und Geist.
GEJ|1|206|1|0|Daß bei solch einem Morgenmahle alles über die Maßen heiter geworden ist und sehr gesprächig, braucht wohl kaum erwähnt zu werden; denn der Wein hatte alle Zungen in die volle Bewegung gesetzt. Selbst Jonael und Jairuth sind ganz heiter geworden und baten Mich sogar, daß Ich sie in solch froher Stimmung auch nach Sichar möchte heimkehren lassen! Und Ich gestattete ihnen, so sie abreisen werden, also heiter zu sein.
GEJ|1|206|2|0|Da sagten sie: „Herr, daß Du uns solches gestattest, ist wohl gut, da wir dann keine Sünde haben, so wir heiter sind; aber es ist noch eine große Frage, ob wir werden heiter sein können!“
GEJ|1|206|3|0|Sage Ich: „Nun ja, ihr sollet – und ihr werdet heiter sein!“
GEJ|1|206|4|0|Aber der Engel der beiden machte ob solcher Verheißung ein etwas trübes Gesicht. Jonael aber bemerkte solches und fragte Mich um den Grund.
GEJ|1|206|5|0|Und Ich sagte: „Weil der Engel nur zu gut einsieht, daß zwischen einer großen Heiterkeit und zwischen der Sünde nur ein sehr kleiner und schmaler Raum vorhanden ist! Er sieht seine Mühe schon zum voraus, die er mit euch im Nachhausegehen haben wird, um euch vor der Sünde zu bewahren, und deshalb sieht er etwas trübe aus. Gebet ihm auch etwas Wein zu trinken; vielleicht wird er darauf etwas heller!“
GEJ|1|206|6|0|Jonael reicht darauf sogleich dem Engel einen vollen Becher Wein; dieser nimmt den Becher und trinkt ihn ganz aus, worüber sich die beiden wunderten; denn sie haben solches an ihm noch nicht gesehen.
GEJ|1|206|7|0|Aber der Engel sagte: „Ich bin nun schon eine geraume Zeit bei euch; warum reichtet ihr mir daheim denn nie einen Becher?“
GEJ|1|206|8|0|Sagt Jonael: „Wie hätte uns aber auch nur im Traume einfallen können, daß ein Engel auf der Welt irgendeine materielle Kost zu sich nähme?!“
GEJ|1|206|9|0|Sagt der Engel: „Sonderbar! Ihr habt doch gesehen, daß der Herr aller Himmel auch aß und trank, und Er ist doch der höchste und allervollkommenste Geist; wie sollen dann wir Engel, so auch wir einen Leib annehmen müssen, um euch in der Materie zu dienen, nicht essen und trinken?!
GEJ|1|206|10|0|Gib mir auch ein wenig von einem Fische und etwas Brot, und du wirst sogleich sehen, daß ich nicht nur trinken, sondern auch recht gut essen kann; denn wo der Herr irdische Speise nimmt, da nehmen sie auch die Engel.“
GEJ|1|206|11|0|Und der Jonael reicht dem Engel einen ganzen Fisch und einen guten Brocken Brotes, und der Engel nimmt beides und verzehrt es.
GEJ|1|206|12|0|Nachdem der Engel den beiden gezeigt hatte, daß auch ein Geist eine materielle Kost recht wohl verzehren kann, so fragte ihn Jonael, wie solches wohl möglich wäre, da er im Grunde doch nur ein Geist sei.
GEJ|1|206|13|0|Sagt der Engel: „Hast du schon einmal einen toten Menschen essen und trinken sehen?“ Sagt Jonael: „Solches hat noch nie jemand gesehen.“
GEJ|1|206|14|0|Sagt der Engel: „Wenn aber ein entseelter und noch mehr geistloser Leib, der in sich nahe pur Materie ist, keine Kost zu sich nimmt und nehmen kann, so ist es ja eben die Seele und der Lebensgeist in ihr, die da zu sich nimmt die Kost. Da aber der Leib nichts ist als ein Handlanger der Seele und selbst keiner Kost für sich benötigt, so ist es ja eben die Seele und ihr Geist, die von der Erde so lange die Kost nimmt, als sie ihren Leib bewohnt und ihn erhält, indem sie ihn ihren Unrat essen läßt! Denn der Leib wird von dem Unrate der Seele ernährt.
GEJ|1|206|15|0|Ist es also aber im noch materiellen Menschen nur die Seele, die, solange sie im Leibe weilt, von der Erde die Kost nimmt, so werde wohl auch ich als Seele und Geist, solange ich diese Erde betrete mit meinen Füßen und zum Behufe, für eure Zwecke euch dienen zu können, auch einen gewissen, aus der Materie der Luft mir geschaffenen Leib habe, eine irdische Kost zu mir zu nehmen berechtigt sein?! – Was meinet ihr?“
GEJ|1|207|1|1|207. - Das Schwelgen, schlechter Einfluß auf die Seele. Der geistige Tod als Folge der Unmäßigkeit. Vom rechten Fasten. Die Schädlichkeit des Kasteiens als Mittel zum Geisterverkehr. Des Herrn Leben und Lehre — unser Vorbild
GEJ|1|207|1|0|Beide, und noch viele andere, die die Erklärung des Engels mit angehört haben, machen große Augen, und Petrus fragt Mich, sagend: „Herr, was ist an dem, was nun der Diener Jonaels geredet hat? Das klingt doch etwas zu sonderbar! Wie kann der Leib vom Unrate der Seele genährt werden!? Hat denn auch die Seele einen Magen und am Ende sogar einen After?“
GEJ|1|207|2|0|Sage Ich: „Der Engel hat völlig die Wahrheit geredet; also ist es. Daher macht das Schwelgen und Prassen die Seele selbst sinnlich und materiell; sie wird überladen, und der Leib kann nicht allen Unflat der Seele aufnehmen, und die Folge ist, daß der Unflat in der Seele bleibt, sie drückt und ängstigt, daß sie dann alle Mittel und Wege in Anspruch nimmt, den zu sehr angehäuften Unflat aus sich zu schaffen. Die Wege sind dann allerlei Unzucht, Hurerei, Ehebruch und der Art mehr.
GEJ|1|207|3|0|Weil aber derlei der Seele einen gewissen Lustreiz gewährt, so wird sie darauf stets lüsterner und lüsterner und verlegt sich endlich noch mehr aufs Schwelgen und Prassen, wird endlich ganz sinnlich und in geistigen Lebensdingen vollends finster, daher hart, gefühllos und am Ende böse, stolz und hochmütig.
GEJ|1|207|4|0|Denn so eine Seele ihren geistigen Wert auf Grund der nun gezeigten Lebensweise verloren hat und notwendig verlieren mußte und sonach geistig tot geworden ist, so fängt sie an, sich buchstäblich aus ihrem Unflat einen Thron zu errichten, und findet am Ende sogar eine Ehre und ein Ansehen darinnen, daß sie so unflatreich ist.
GEJ|1|207|5|0|Ich sage euch: Alle Menschen, die auf der Welt ein Wohlgefallen haben an dem, was ihrer Sinnlichkeit behagt, sitzen als Seele bis über die Ohren und Augen in ihrem dicken Unflate und sind darum geistig vollends taub und blind und mögen nicht mehr sehen und hören und verstehen, was ihnen frommen möchte.
GEJ|1|207|6|0|Daher seid allzeit mäßig im Essen und Trinken, auf daß ihr nicht krank werdet in eurer Seele und diese zugrunde ginge in ihrem Unflate!“
GEJ|1|207|7|0|Petrus macht eine sehr bedenkliche Miene und sagt: „Herr, wenn so, was nicht zu bezweifeln ist, dann soll man wohl mehr fasten als essen?“
GEJ|1|207|8|0|Sage Ich: „Wer fastet zur rechten Zeit, tut besser als der, welcher allzeit schwelgt und praßt; aber es ist dennoch ein Unterschied zwischen Fasten und Fasten! Ein völlig rechtes Fasten besteht darin, daß man sich enthalte von aller Sünde und sich in allen Dingen der Welt aus allen Kräften selbst verleugne, sein Kreuz (in der damaligen Zeit figürlich: Elend, Not und Drangsal) auf seine Schultern nehme und also Mir nachfolge, ohne darum gar zu ängstlich im Essen und Trinken zu sein, aber auch nicht über die Notdurft hinaus ins Schwelgen überzugehen; alles andere Fasten hat entweder wenig oder gar keinen Wert.
GEJ|1|207|9|0|Denn es gibt da Menschen, die durch eine gewisse Kasteiung ihres Leibes in die Welt der Geister dringen wollen und dann mit deren Hilfe bezwingen die Kräfte der Natur; das ist dann nicht nur zu nichts nütze der Seele, sondern über die Maßen schädlich. Da fällt die Seele dann als eine notreife Frucht vom Baume des Lebens, deren Lebenskern allzeit faul, hohl, taub und somit tot ist.
GEJ|1|207|10|0|Ein derartiges Kasteien und Fasten ist darum nicht nur keine Tugend, sondern eine überaus grobe Sünde!
GEJ|1|207|11|0|Wer daher recht der wahren Ordnung gemäß leben will, der lebe gerade also, wie Ich Selbst lebe und ihn zu leben lehre, so wird er auch die Frucht des Lebens lebendig in sich erblühen und vollreif werden sehen, in der kein toter, sondern ein völlig lebendiger Kern für das einstige ewige Leben im Geiste sich gestalten und zum lebendigsten Selbstbewußtsein in bester Ordnung und im ersprießlichsten Fortgange ausbilden wird. Nun wisset ihr auch darin, was da zu tun Rechtens ist nach der vollen göttlichen Ordnung; tut darnach, so werdet ihr das Leben in euch haben!
GEJ|1|207|12|0|Nun aber fangen der Sonne Strahlen an, mehr und mehr an Kraft zu gewinnen; wir werden uns deshalb von diesem Hügel in den schattenreichen Garten zurückziehen, und du, Mein Schreiber Matthäus, kannst nun deine Tafeln in eine Ordnung bringen und die Anmerkungen in eine etwas vollere Darstellung des Geschehenen und Gelehrten ausschreiben. Wir aber wollen nun ein wenig ruhen!“
GEJ|1|208|1|1|208. - Der Herr mit den Seinen im Garten des Kisjonah. Matthäus ordnet seine Schrift. Erdbeben, Seesturm, Gewitter
GEJ|1|208|1|0|Wir verlassen nun den Hügel und begeben uns unter die schattenreichen Bäume. Da war eine schöne Rasenbank unter einem weitästigen Feigenbaume; auf die setzte Ich Mich und schlief ein; und alle anderen, selbst die Maria in Meiner Nähe, nahmen ebenfalls die Plätze ein und kamen zum Schlafe. Nur Jonael, Jairuth und Matthäus saßen an einem Gartentische, allwo Matthäus seine Tafeln zu ordnen begann und der Engel Jonaels und Jairuths ihn auf manche Mängel aufmerksam machte.
GEJ|1|208|2|0|Gegen Mittag hin bemerkte Baram, der einstweilen mit Kisjonah auf dem Schiffe sich befand, daß in der Richtung vom Abend her ganz überaus schwere Wetterwolken über den Horizont sich zu erheben angefangen haben und der Wasserspiegel allmählich ruhiger und ruhiger ward, was da ein sicheres Zeichen war, daß in aller Kürze ein verheerend Ungewitter mit Erdbeben vereint kommen werde.
GEJ|1|208|3|0|Baram ließ darauf schnell alles Eßbare aus dem Schiffe bringen und das Schiff so fest als möglich ans Ufer befestigen; und Baram war mit der Arbeit kaum fertig, als man von weitem die See schon in einer fabelhaften Höhe zu gehen anfangend ersah!
GEJ|1|208|4|0|Da sprach Kisjonah: „Wir werden den Herrn und Dessen Jünger wecken müssen; denn bei solcher, von mir noch nie gesehenen Höhe der Wasserflut dürfte das Meer wohl den ganzen Garten überfluten, und die Schlafenden könnten dabei mehr oder weniger doch zu irgendeinem Schaden kommen! Es steht auch dahin, daß das Schiff ganz ans Uferland geschleudert wird.“
GEJ|1|208|5|0|Sagt Baram: „Ja, Freund, wenn der Herr diesmal dem Sturme keine Schranken setzt, so dürfte der Schaden namenlos werden, den der Sturm anrichten würde! Aber ich verlasse mich auf den Herrn; Der wird uns sicher nicht zugrunde gehen lassen! Und ich meine, solange Er ganz ruhig schläft, dürften wir vom kommenden Sturme, der in wenigen Augenblicken da sein wird, wenig oder nichts zu fürchten haben; gehen wir aber dennoch schnell zu Ihm hin und machen Ihn aufmerksam auf den kommenden Sturm!“
GEJ|1|208|6|0|Darauf eilen die beiden samt den Schiffsleuten zu Mir hin und versuchen Mich zu wecken; aber Ich erwache diesmal aus gutem Grunde nicht, und der Engel tritt zu ihnen und sagt: „Lasset Ihn ruhen und wecket Ihn nicht; denn eben dieses notwendigen Sturmes wegen schläft Er! Die baldige Folge aber wird zeigen, wozu dieser Sturm gut war!“
GEJ|1|208|7|0|Sagt Kisjonah: „Was aber dann, wenn des Meeres berghohe Wogen sogar über meine Gärten in der wildesten Flut hinwegspülen werden?!“
GEJ|1|208|8|0|Sagt der Engel: „Sorge dich um was anderes! Meinst denn du, der Herr, so Er auch für dein Gesicht schläft, wisse um diesen Sturm nicht?! Sieh! Er will es also, und darum geschieht es auch also! Darum sei ruhig!“
GEJ|1|208|9|0|Fragt Kisjonah: „Weißt du den Grund?“ Antwortet der Engel: „So ich's auch wüßte, dürfte ich dir's dennoch nicht anzeigen, bevor es des Herrn Wille ist; darum frage um nichts mehr und sei ohne Furcht und Angst ruhig; die Folge wird euch allen die Augen öffnen!“
GEJ|1|208|10|0|Nach diesen Worten des Engels, der darauf ganz ruhig dem Matthäus seine Tafeln in eine gute Ordnung bringen half, ward Kisjonah ruhig, und Baram sagte: „Ich muß offen bekennen, solange ich lebe, habe ich noch nie was Drohenderes von einem Sturme, wie dieser nun vor uns jeden Augenblick auszubrechen drohend ist, gesehen; aber ich habe auch noch nie einem Sturme, wie dieser ist, gleichgültiger und furchtloser entgegengeschaut! Da siehe hin! Kaum mehr eine Viertelstunde Fahrzeit bei mäßigem Winde außer dieser auch leicht in gleicher Zeit zu durchrudernden Bucht! In ein paar Augenblicken müßte der Sturm hier sein!
GEJ|1|208|11|0|Aber sieh, die ungeheuren Wogen ziehen nach der Länge des Meeres noch, wie gesagt, eine Viertelstunde außer der Bucht gerade in der Richtung gen Sibarah hin und gleichen schwimmenden Bergen, die in jedem Augenblick von tausend Blitzen zerschmettert werden! Und dennoch ist die Bucht so ruhig noch, daß man ganz leicht den Sturm in seiner Außenerscheinlichkeit wie das Uferland ganz rein erschauen kann; das ist eine gewiß überaus seltene Erscheinung! Man muß gestehen: So man so was mit ganz ruhigem Gemüte anschauen kann, so ist das im vollsten Ernste ein seltener, fürchterlich erhaben schöner Anblick! Aber denen, die sich möglicherweise draußen auf der hohen See befinden, wird's nun wohl anders zumute sein – als uns hier vor der spiegelruhigen Bucht!
GEJ|1|208|12|0|Es ist im ganzen doch noch eine halbe Stunde hin zu der gräßlichst aussehenden Sturmlinie, und wie stark dröhnt des Donners mächtiger Hall an unsere Ohren herüber! Es muß drüben an der Sturmlinie rein zum völlig Taubwerden sein! Nun verspüre ich auch ein bedeutendes Beben des Erdbodens! Merkst du nichts davon?“
GEJ|1|208|13|0|Sagt Kisjonah: „O ja, ich habe soeben dich darauf aufmerksam machen wollen; aber daß bei all dem meine Bucht noch so ruhig wie selten sonst verbleibt, das ist ein Wunder der Wunder! Denn nur zu gut weiß ich, was diese Bucht, so sie einmal zu wüten beginnt, für ein heillosestes Spektakel zu machen imstande ist! Aber noch ist das Wasser in und noch eine bedeutende Strecke außer der Bucht vollauf ruhig. Aber höre du, das Beben der Erde wird heftiger! Wenn es nur den Häusern keinen Schaden bringen wird! Nun bemerke ich auch schon ganz eigentümliche Kreisschwingungen in der Bucht, und außer der Bucht beginnt bereits die Springflut zu gehen; es wird nicht lange auf sich warten lassen! Nun, in des Herrn Namen! Mehr, als um dies irdische Leben kommen, kann uns nicht geschehen, und so mag da nun geschehen, was da will; der Herr und Sein Engel sind ja bei uns! Aber es ist ein schreckenerregendes Bild! Der Herr sei allen Sündern gnädig und barmherzig!“
GEJ|1|208|14|0|Nun fängt auch die Bucht unruhig zu werden an. Starke Windstöße sausen durch die Bäume, und zahllose Blitze durchzucken das finsterschwarze Gewölk! Unter unerhört furchtbar starkem Gekrache schlagen mehrere in die Bucht und verursachen einen weithin heftig brausenden Gischt; aber noch fällt kein Regentropfen aus der glühenden Wolke. Es schlägt ein Blitz in den Hügel, auf dem wir die Nacht zugebracht haben; das überstarke Gekrache dieses Blitzes weckt nun bis auf Mich alle von ihrem guten Schlafe.
GEJ|1|208|15|0|Als die vielen nun Erwachten solch ein unerhörtes Getöse und solch einen Sturm aller Stürme über sich erblicken und von zehn zu gleicher Zeit ans Ufer schlagenden Blitzen vollends wach werden, da erheben sie sich alle schnell vom Boden, und die Jünger eilen zu Mir hin und wecken Mich mit einem großen Angstgeschrei!
GEJ|1|208|16|0|Und Judas sagt ganz erregt: „Aber Herr! Wie kannst Du wohl schlafen bei solch einem Elementensturme?! Es regnet nur gleich Blitze vom Himmel! Wer ist da aber auch nur einen Augenblick sicher vor dem Tode? Hilf, Herr, sonst geht die ganze Erde in Trümmer!“
GEJ|1|208|17|0|Sage Ich: „Hat dich denn schon ein Blitz getroffen?“ Sagt Judas: „Bis jetzt freilich wohl noch nicht; aber was bis jetzt noch nicht geschah, das mag bei diesem Sturme etwa doch wohl noch ganz leicht geschehen! Ich rede demnach nur solange noch, als ich lebe; der nächste Blitz wird mir wohl etwa für alle Zeiten der Zeiten das Reden untersagen!“
GEJ|1|208|18|0|Als Judas noch also redet, siehe, da beginnt die Hochflut auch gegen die Bucht mit großem Gedröhne und Getöse sich zu wälzen; und weil die Flut scheinbar mehrere Klafter höher, als unser Standpunkt im Garten ist, sich erhebt, so fangen nun alle Jünger zu schreien an, und einige ergreifen sogar die Flucht auf die nächste Anhöhe, von der sie aber bald die vielen tausend Blitze zurücktreiben. „Herr, hilf uns, wenn Du kannst und magst, – sonst gehen wir alle zugrunde!“, schreien nun Hunderte. Nur Matthäus, Jairuth, Jonael und ihr Engel lassen sich nicht irremachen und sind mit ihrer Arbeit dem Ende nahe.
GEJ|1|208|19|0|Ich aber tue diesmal dem Sturme, was sein blindes Toben und Wüten betrifft, keinerlei Einhalt, sondern lasse ihm seinen Gang; nur darf er keinen noch so geringen Schaden anrichten!
GEJ|1|209|1|1|209. - Der Zweck dieses Sturmes: Untergang der Feinde des Herrn. Der Missionare Gefahren. Gute Wirkung des Gerichtssturmes. Der gute Fischfang
GEJ|1|209|1|0|Es tritt aber Petrus hin zu Mir und sagt zu Mir ganz geheim: „Herr, hat sich des Vaters Geist denn in Dir also zurückgezogen, daß Du nun nimmer vermagst, diesem Sturme ein Meister zu werden? Siehe doch, so es Dir möglich ist, diesen Sturm verstummen zu machen!“ Sage Ich: „Es ist ein weiser Grund da, warum dieser Sturm, der nicht lange mehr währen wird, austoben muß! Wenn du aber irgendeinen Zweifel hast, da wisse, daß zehn feindliche Fahrzeuge auf dem Meere sind, uns nachzusetzen und uns samt und sämtlich aufzuheben und zu verderben! Dieser Sturm aber tut ihnen das, was sie uns zu tun willens waren; wenn so, was bittest du denn Mich hernach und verlangst, daß Ich diesen für unser einstweiliges notwendiges Heil nötigsten Sturm aufheben soll? Laß ihn völlig austoben, bis er dem Zwecke, demzugrunde er da ist, völlig entsprechen wird, dann wird er schon ein ganz heiteres Ende nehmen! Da siehe hin und sage Mir dann, was des Meeres berghohe Wogen auf ihren wütenden Rücken, wie boshafte und mutwillige Kinder ihr loses Spielzeug, hin und her und auf und ab schleudern!“
GEJ|1|209|2|0|Petrus beschaut die über alle Maßen stürmisch hochwogende, weite Fläche des Meeres und ersieht nur zu bald mehrere Schiffstrümmer und ein noch weniger beschädigtes ganzes Schiff, das alles, Schiff und Trümmer, von den mächtigen Wogen wie Spreu durcheinandergeworfen wird; also ersieht er auch einige Menschen, die, an einzelnen Trümmern klebend, sich die letzte Mühe geben, das Ufer zu erreichen, und dabei von einer Woge zur andern hin in einem fort begraben werden und von Zeit zu Zeit wieder auf die Höhe geschleudert werden.
GEJ|1|209|3|0|Als Petrus eine Weile solche Szenen betrachtet, sagt er zu Mir: „Herr, vergib mir; denn Du weißt ja, daß ich noch immer ein sündiger Mensch bin und Dir daher auch mit einer recht grunddummen Frage zur Last fallen konnte; aber nun ist mir alles klar! Die bösen Pharisäer aus Jesaira haben aus Jerusalem sich Hilfe genommen; zehn Schiffe mit römischen Soldaten wurden ausgerüstet, um uns hier zu ergreifen. Sie mußten übers Wasser hierher, weil sie auf trockenen Wegen hierher nach Kis (Name des Ortes, der ganz dem Kisjonah gehörte) nicht leicht kommen könnten, und da haben sie den wohlverdienten Lohn ihrer Mühe überkommen! Diese werden uns wohl nichts mehr tun, und wie ich am Zuge der Wogen bemerke, so werden die gescheiterten und zertrümmerten Schiffe gen Sibarah hin getrieben, wo es eine Masse Klippen gibt, über die bei dieser nie erhörten und nie gesehenen Sturmeswut wohl schwerlich jemand mit dem Leben davonkommen wird! Oh, das ist überaus gut, daß diese böse, ehebrecherische Art einmal ein solches Gericht überkommen hat! Diese Begebenheit dürfte wohl sehr geeignet sein, den Pharisäern allen weiteren Mut zu benehmen, sich wider Dich zu erheben!“
GEJ|1|209|4|0|Sage Ich: „Der Satan läßt sich tausendmal tausend Male auf den Mund schlagen, bleibt aber nach tausendmal tausend Schlägen dennoch stets der gleiche, allerärgste Feind Gottes und alles Guten und Wahren, das dem Geiste Gottes entstammt. Die jetzt auf dem See tot herumschwimmen, werden uns wohl nichts mehr tun; aber für diese werden andere aufstehen und werden uns sehr nötigen, daß wir in der Griechen Städte uns werden flüchten müssen, und es werden bis dahin eben nicht viele Wochen verrinnen!“
GEJ|1|209|5|0|Sagt Petrus: „Herr, solange wir hier verweilen, werden wir wohl Ruhe haben?“
GEJ|1|209|6|0|Sage Ich: „Ja, ja, das sicher, aber auf der Erde wohnen noch mehrere Menschen und Völker, denen das Evangelium ebenso not tut als euch, und sie sind erschaffen von dem Vater, der auch euch erschaffen hat! Zu diesen müssen wir trotz aller Verfolgungen, die uns noch erwarten, gehen und ihnen geben die gute Nachricht aus den Himmeln! Sie werden uns zwar auch verfolgen; aber mit der Zeit sich dennoch bekehren und als Lämmer in unseren Schafstall einkehren!
GEJ|1|209|7|0|Wir sind gut, und die Welt ist böse; also können wir von ihr auch nichts Gutes erwarten – außer hie und da eine süße Erdbeere zwischen dem übervielen Unkraute! Nun aber siehe, der Sturm legt sich allgemach, und alle Gefahr ist für diesmal vorüber!
GEJ|1|209|8|0|(Zum Baram:) Freund, der Sturm legt sich; der Mittag ist vorüber mit dem Sturme, und so wollen wir das Mittagsmahl nehmen, auf daß wir zur Nachmittagsarbeit zur Genüge kräftig sind.“
GEJ|1|209|9|0|Es ist wohl nicht nötig, das Mittagsmahl näher darzustellen sowie die Wirkung des vorangegangenen großen Sturmes, die er besonders den zehn Schiffen beibrachte, in ein noch helleres Licht zu stellen; es genügt, zu wissen, daß von den tausend Menschen, die auf den Schiffen waren, nur fünf mit dem Leben davonkamen; alle andern wurden eine Beute des Meeres, und auf den Klippen von Sibarah fand man noch nach Jahr und Tag verweste und von den Fischen abgenagte Knochenleichname nebst einer Masse von allerlei römischen Waffen und Ketten, die für Mich und Meine Jünger bestimmt waren.
GEJ|1|209|10|0|Daß solch ein Sturm bei den Pharisäern sowohl wie auch bei den Römern, besonders zu Kapernaum und Nazareth, eine sehr demütigende Wirkung hervorgebracht hatte, braucht wohl kaum näher erwähnt zu werden; und Ich hatte auf wenige Wochen Ruhe samt denen, die bei Mir waren.
GEJ|1|209|11|0|Nach dem Mittagsmahle aber ward an diesem Tage wenig Erhebliches mehr vorgenommen, und die Jünger gingen darum mit Kisjonahs Fischern aufs Meer und machten bis gen Abend hin fünf reiche Züge von den vorzüglichsten Fischen, die dieses Meer in sich hatte, und brachten sie in die Kalter des Kisjonah, der daran eine recht große Freude hatte, und es mußten für den Abend sogleich bei hundert Stück aufs beste zubereitet werden mit allerlei Gewürz und allerlei guten Kräutern. Und also ward der Tag beendet und nach dem Abendmahle eine gute Ruhe genommen, die bereits allen schon not tat.
GEJ|1|210|1|1|In Kana im Tale
GEJ|1|210|1|1|210. - In Kana im Tale. Die armen jüdischen Landwirte und die gewinnsüchtigen griechischen Händler. Kurze Lebenslehre an das Volk. Des Herrn Zeugnis von Sich und Seiner Mission. Gute Wirkung dieser frohen Botschaft
GEJ|1|210|1|0|Am nächsten Tag machten wir einen sogenannten Ausflug in ein Tal, das sich gerade zwischen den beiden Alpenzügen in der Richtung gegen Samaria hinzog, und durch welches Tal zugleich eine Hauptstraße nach Damaskus führte und von da weiter in alle kleinen und großen Orte von Mittelasien, aus welchem Grunde auch die Maut des Kisjonah im Orte Kis eine der einträglichsten von ganz Galiläa war.
GEJ|1|210|2|0|In diesem Tale gab es natürlich eine Menge kleiner Ortschaften, die von Juden und Griechen zumeist des Handels wegen sehr zahlreich bewohnt waren. Zunächst von Kis bei zwei Stunden Weges taleinwärts lag ein Flecken, der auch den Namen Kana führte, daher man zum Unterschiede beim Kana in der Nähe von Nazareth den Beisatz „in Galiläa“ machte, so man das Kana bei Nazareth bezeichnete; sagte man aber bloß „Kana“, so verstand man das obbesagte zweite Kana im Tale, das sich schon auf dem Gebiete von Samaria befand, darum auch in Kis, als dem Grenzorte zwischen Galiläa und Samaria, die große Grenzmaut bestand.
GEJ|1|210|3|0|Dieses Kana war zumeist von Griechen bewohnt, so daß auf eine Judenfamilie sicher fünf griechische kamen; die Juden ernährten sich zumeist vom Ackerbau und von der Viehzucht, während die Griechen sich bloß mit dem Handel abgaben.
GEJ|1|210|4|0|Wir machten sonach diesem Kana einen Besuch, und namentlich den daselbst hausenden Juden, die zum Teil von den pfiffigen und listigen Griechen nicht selten schreiend übervorteilt wurden und als die Besitzer des Grundes und Bodens nahe ganz allein alle Steuern und andere Lasten tragen mußten und deshalb auch nicht selten aus Gram und Traurigkeit in allerlei Krankheit und Siechtum gerieten.
GEJ|1|210|5|0|Als wir nach Kana kamen, und die Juden wie die Griechen des Kisjonah, den sie alle wohl kannten, ansichtig wurden, so eilten sie zu ihm hin, begrüßten ihn und baten ihn um Nachsicht; denn sowohl Juden als Griechen waren ihm bedeutende Summen Geldes schuldig.
GEJ|1|210|6|0|Kisjonah aber sagte: „So ich von euch etwas fordern wollte, da hätte ich nicht nötig, selbst diesen Weg zu machen, sondern ich hätte meine Diener zu euch gesandt; ich aber kam, um euch einen großen Trost zu bringen in dem, daß ich euch allen hiermit hier offen kundtue: Eure Schuld an mich ist bezahlt zur Übergenüge; denn mein und euer aller Herr hat sie bezahlt und mich völlig zufriedengestellt, und ihr mögt deshalb nun fröhlich sein ohne alle weitere Sorge.“
GEJ|1|210|7|0|Als die Bewohner Kanas solches vernehmen, so fangen sie in übergroßer Freude an, in den Kisjonah zu dringen, daß er ihnen doch sagen möchte, wer und wo solch ein Herr sei, der ihnen eine solche große Wohltat und Gnade erwiesen habe, auf daß sie dann hingingen und ihm Dank und Ehre gäben!
GEJ|1|210|8|0|Kisjonah sagt, indem er seine Hand auf Meine Schulter legt: „Dieser ist es, vor Dem beugt eure Knie!“
GEJ|1|210|9|0|Als die Bewohner Kanas solches vernehmen, da fallen sie alle vor Mir nieder auf ihre Knie und Angesichter und rufen: „Heil dir, du uns noch völlig unbekannter Wohltäter! Was für Gutes und Freundliches wohl haben wir dir je getan, daß du dich unseres großen Elendes erbarmen mochtest?! Und da du uns als ein völlig unbekannter Herr und Wohltäter eine noch nie erhört große Gnade erwiesen hast, so wolle doch nun uns allen kundgeben, was wir dir für solch eine Gnade tun sollen, um uns dir gegenüber als deiner Güte nur ein wenig würdiger zu zeigen, als wir so als dir vollkommene Fremdlinge von Natur aus sind und sein können!“
GEJ|1|210|10|0|Sage Ich: „Seid von nun an gerecht in allen Dingen; liebet Gott über alles und eure Nebenmenschen, die alle eure Nächsten sind, ob Freunde oder Feinde, wie euch selbst; tut denen Gutes, die euch Böses zufügen; segnet, die euch fluchen, und betet für die, so euch verfolgen, so werdet ihr zu Kindern des Allerhöchsten aufgenommen, und darin wird auch der einzig wahre Dank an Mich für alles, was Ich euch getan habe, bestehen. Das ist alles, was Ich von euch verlange!“
GEJ|1|210|11|0|Sagen die Griechen: „Herr und Freund! Wir haben der Götter viele! Welchen Gott aus den vielen sollen wir wohl über alles lieben? Den Zeus, den Apoll, den Merkur oder irgendeinen andern der zwölf Hauptgötter? Oder sollen wir den Gott der Juden also lieben? Der Gott der Juden aber scheint dennoch nichts anderes zu sein als unser Kronos; wie können wir diesen fabelhaften Gott lieben über alles?!“
GEJ|1|210|12|0|Sage Ich: „Die Götter, die ihr Griechen verehrt, sind nichts als ein eitles Machwerk, aus der Materie von Menschenhänden angefertigt; und ihr mögt sie Tausende von Jahren bitten, anbeten, verehren und lieben mehr denn euer Leben, so werden sie euch dennoch nie erhören und euch was Gutes tun können aus dem ganz einfachen Grunde, weil sie in der lebendigen Wirklichkeit nichts und nirgends sind und bestehen.
GEJ|1|210|13|0|Der Gott der Juden, den aber die meisten nun auch nicht mehr in der Fülle der Wahrheit erkennen mögen und wollen und Ihn anstatt im Geiste und in der Wahrheit des Herzens, was im Grunde des Grundes eigentlichst die wahre Liebe ist, nur mit der allerunflätigsten und leersten toten Zeremonie anbeten und verehren, ist aber dennoch der allein wahre, ewige Gott, der einst den Himmel und diese Erde mit allem, was auf ihr, in ihr und unter ihr ist, lebet und webet, erschaffen hat aus Sich heraus!
GEJ|1|210|14|0|Ich aber bin Dessen Gesandter von Ewigkeit und kam nun zu euch, zu verkünden euch und euren Kindern dieses Evangelium!
GEJ|1|210|15|0|Diesen Gott sollt ihr alsonach lieben über alles und halten Seine Gebote, die in aller Kürze darin bestehen, daß ihr, wie Ich früher zu euch gesagt habe, Ihn lieben sollt über alles und eure Nächsten wie euch selbst!
GEJ|1|210|16|0|Zudem aber sollt ihr auch glauben, daß eben dieser Gott, der Mein Vater, also Meine Liebe ist von Ewigkeit, Mich in diese Welt gesandt hat, damit ein jeder, der an Mich glaubt, in sich habe das ewige Leben und also werde ein Kind des Allerhöchsten!
GEJ|1|210|17|0|Auf daß ihr alle aber leichter glauben mögt, so bringt alle eure Kranken, und Ich werde sie alle gesund machen, welche Krankheit sie auch immer haben mögen! Darum gehet und bringet sie alle hierher!“
GEJ|1|210|18|0|Auf diese Meine Rede erstaunten sie und riefen wie mit einer Stimme: „Diesem Orte ist ein großes Heil widerfahren! Wie mächtig und wunderbar klingen doch die heilig-wahren Worte dieses unseres größten Wohltäters! Wahrlich, in solcher Freundlichkeit und Güte wohnt keine Tücke, kein Falsch und keine Hinterlist; darum wollen wir auch alles ohne alles Bedenken tun, was immer er von uns verlangen wolle! Denn der uns ein Freund ward, ehe er uns gesehen hatte, der wird es uns nun um so mehr sein, nachdem er uns gesprochen und gesehen hat in unserer großen Not! Gelobt sei der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, daß Er sich unser erinnert und erbarmt hat!“ –
GEJ|1|210|19|0|Auf diese guten Worte begeben sich alle schnell in ihre Häuser und bringen in aller Eile bei zweihundert Kranke zu Mir hin.
GEJ|1|211|1|1|211. - Großes Heilwunder zu Kana im Tale. Bittrede der Ältesten an den Herrn. Ein Glaubensexamen. Des Herrn Rede an die leiblich Gesunden, aber seelisch Kranken. Evangelische Lebensregeln und soziale Winke. Der Herr gegen den Wuchergeist.
GEJ|1|211|1|0|Als die Kranken, teils geführt, teils auf Maultieren mühsam sitzend und teils von Menschen getragen auf Krankenlagern liegend, um Mich herum in einem Halbkreise aufgestellt waren, da traten die Ältesten dieses Ortes zu Mir und baten Mich, sagend:
GEJ|1|211|2|0|„Herr! Der du uns vor dem mächtigen und überreichen Kisjonah schuldenfrei gemacht hast, – eine Tat, wofür wir dir nie genug danken können, – mache, so du es vermagst, denn auch diese Armen gesund, auf daß sie sich im Vollmaße der großen Wohltat mit uns erfreuen können, die du uns erwiesen hast.“
GEJ|1|211|3|0|Sage Ich: „Ja, Ich habe euch dazu aufgefordert und kann und werde Mein Versprechen auch erfüllen; aber zum voraus frage Ich euch, ob ihr das glauben könnet oder möget?! Euer Glaube würde euch viel helfen!“
GEJ|1|211|4|0|Sagen die Ältesten: „Herr, uns kommt vor, daß du solches vermagst, und darum glauben wir sozusagen blind, daß du unsere Kranken heilen wirst durch deine uns noch unbekannten, wundersamen Heilmittel!“
GEJ|1|211|5|0|Sage Ich: „Aber wie dann, so Ich keine speziellen Heilmittel bei Mir habe, weder ein heilsam Öl noch einen heilsamen Saft oder sonstige, zur Heilung verschiedener Krankheiten übliche Mittel? Wie meint ihr denn, daß Ich dann diese Kranken heilen werde?“
GEJ|1|211|6|0|Sagen die Ältesten: „Herr! Wie möglich könnten wir das verstehen?! Denn wir haben wohl sicher von allen Dingen in der Welt mehr Wissenschaft als eben von der Heilkunst! Wir haben im Orte wohl einen Arzt; aber der ist so gut als gar keiner; denn der hat noch keinem anders geholfen außer unter die Erde! So wir alsonach auch soviel wüßten als etwa unser Arzt, da könnten wir dir über deine Art, alle Kranken ohne Heilmittel zu heilen, eben auch nichts sagen; daher wissen wir unmöglich, wie dir auf einem natürlichen Wege möglich sein solle, die Kranken ohne Heilmittel gesund zu machen!
GEJ|1|211|7|0|Vielleicht stehen dir übernatürliche Mittel zu Gebote, was wir nicht wissen können; oder du kannst vielleicht ein Jünger des berühmten Wunderarztes von Nazareth, namens Jesus, sein? Dann natürlich dürften dir solche Heilungen wohl möglich sein!
GEJ|1|211|8|0|Es ist nur ewig schade, daß, wie wir vernommen haben, die Pharisäer zu Jerusalem solange in den Herodes gedrungen seien, bis er sich endlich entschloß, diesen berühmtesten Heiland gefangenzunehmen und Ihn in den Kerker zu werfen! Oh, das ist ein großes Unglück für die arme, leidende Menschheit!
GEJ|1|211|9|0|Ein Glück ist es aber dennoch, daß Er mehrere Schüler in Seiner Kunst soll unterwiesen haben! Es ist wohl sehr selten, daß ein Jünger so vollkommen wird, wie da war sein Meister; aber etwas kann er dem Meister bei rechtem Fleiße immer abgelernt haben. Und das ist denn doch schon immer ein ganz bedeutendes Etwas, das wir bei dir in einem hohen Grade als zu Hause seiend vermuten und daher den Glauben haben, daß du – – – ja was ist denn das?! Während wir dir unsern Glauben auf Grund, daß du ein Jünger Jesu seist, darzutun uns alle Mühe geben, stehen auf einmal alle Kranken auf! Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Stummen reden, die Aussätzigen sind rein! Und es waren darunter etliche, die mit der Cholera und etliche, die mit dem Todeshusten behaftet waren, und sie sind gesund! Ah, so was ist doch wohl, solange die Welt steht, nicht erhört worden! Um des großen, allmächtigen Gottes willen, wie ist denn das zugegangen? Hast wohl du sie alle geheilt?! Oder ist etwa ein Engel in dieses Tal von oben herabgekommen und hat die Kranken alle unsichtbar angerührt und also gesund gemacht? Wie – wie ging denn das zu?
GEJ|1|211|10|0|Du hast dich nicht einmal nach den Kranken umgesehen und hast dein Wesen pur mit uns gehabt, und alle Kranken sind nun gesund! O sage uns doch, wie das zuging!“
GEJ|1|211|11|0|Sage Ich: „Was liegt da an dem Wie, wenn nur die Kranken durch Meinen Willen und durch Mein inneres Wort, dem alle Dinge untertan sind, völlig gesund geworden sind, daran ihr etwa doch wohl nicht mehr zweifeln könnt!? Es geschah aber diese Tat hier nicht so sehr der Kranken wegen, sondern vielmehr euretwillen, die ihr zwar am Leibe völlig gesund seid, aber dafür an eurer Seele kränker – denn die es da waren an ihrem Leibe!
GEJ|1|211|12|0|Ich wäre aber sehr froh, wenn Ich auch vermöchte eure Seelen also zu heilen, wie Ich geheilt habe die Leibkranken! Aber das geht nicht so leicht, indem jede Seele ihr eigener Arzt sein muß.
GEJ|1|211|13|0|Ich habe aber euch die geistige Arznei schon ehedem gegeben; gebraucht sie tatsächlich, so werdet ihr gesund werden in euren Seelen und werdet euch dadurch zu wahren Kindern Gottes umgestalten.
GEJ|1|211|14|0|Aber das Wort, das Ich zu euch gesprochen habe, muß ohne die geringste Zusetzung und ohne irgendeine geringste Weglassung tatsächlich beachtet werden. Und es sollt ihr wenigen Juden dieses Ortes vollkommene Juden im Herzen sein; und ihr Griechen sollt zu wahren Juden werden, auf daß Friede und Einigkeit unter euch sei!
GEJ|1|211|15|0|Also sollt ihr Griechen durch euren schlauen Wuchergeist ja nicht mehr die ohnehin armen Juden nötigen, Geld von irgend jemandem auf Verschreibung von Zinsen zu borgen, um eure ungerechten Forderungen entfertigen zu können.
GEJ|1|211|16|0|Habt denn ihr die Erde erschaffen mit ihren mannigfachen Schätzen, daß ihr nun damit tut, als ob sie euer Eigentum wären?!
GEJ|1|211|17|0|Warum fordert ihr von den Juden einen Pachtzins, da doch das Land den Juden gegeben ward von Gott und also nur diese das Recht haben sollen, von euch den Pachtzins zu begehren?! Ihr seid Fremdlinge im Lande der Juden, die mehr denn ihr Jehovas Kinder sind, und verlangt den Pachtzins von den Äckern, Wiesen und Waldungen, die ein Eigentum der Juden sind seit Abraham! Fragt euch selbst, ob solches wohl recht sein kann vor Gott und vor allen rechtlichen Menschen!
GEJ|1|211|18|0|Ich warne euch darum ganz ernstlich für die Zukunft vor derlei zu schreienden Ungerechtigkeiten, ansonst es euch im vollsten Ernste schlecht ergehen dürfte!
GEJ|1|211|19|0|Stellet das allerunrechtmäßigst an euch gerissene Gut und Eigentum den Juden ohne Entgelt zurück und betrachtet euch im Lande der Juden als das, was ihr seid, nämlich als Fremdlinge, so sollt ihr einen gesegneten Anteil an all dem haben, was nun den Juden nach der Verheißung wortgetreu zuteil wird; ansonst aber wird euch der Fluch von Tausenden und dessen Folgen zuteil!
GEJ|1|211|20|0|Betrachtet die Sache doch einmal bei einigem Lichte, und ihr werdet sehen, daß die Juden in euren Augen nichts als eitel Lasttiere sind!
GEJ|1|211|21|0|Ihr laßt den Juden das politische Eigentumsrecht wohl, und der Jude kann wohl noch immer sagen: ,Dieser Grund gehört mir!‘; aber ihr seid da mit euren verlockenden Waren, habt die schönen Töchter und Weiber der Juden zu eitlen Putzkrämerinnen gemacht und zu Narren die blinden Juden, denen ihre griechisch geputzten Weiber und Töchter besser gefielen als in der jüdisch züchtigen, einfachen Kleidung! Da verschrieben sie euch den Fruchtgenuß ihrer Äcker, Gärten, Wiesen und Waldungen; und da sie doch auch für den eigenen Lebensbedarf auf ihren Äckern eine Frucht ernten wollten, so mußten sie die Nutzung in einen teuren Afterpacht nehmen und euch von der Fechsung noch dazu den Zehent geben! Zudem laßt ihr sie aber, als die eigentlichen Besitzer, alle Steuern und andere Lasten tragen!
GEJ|1|211|22|0|Ich sage euch: Solches Unrecht schreit in die Himmel hinein und verlangt Züchtigung von oben! Laßt euch darum wohl zurechtweisen von Mir, sonst werdet ihr der schärfsten Zuchtrute von oben nicht entgehen!“
GEJ|1|212|1|1|212. - Des Herrn scharfe Rede an den hartherzigen Griechen Philopold. Auch Gottes Geduld hat ihre Grenzen. Matthäus und der Grieche. Dessen stoisch-blinde Rede gegen die Lebensordnung Gottes
GEJ|1|212|1|0|Die Rede macht die Griechen stutzen, und einige sagen: „Das haben die sonst sehr dummen Juden dennoch sehr fein ausgedacht; diesen wundertätigen Jesus haben sie hierher verschrieben, daß Er uns ins Bockshorn treiben soll! Aber wir haben einen Boden und stehen fest.“
GEJ|1|212|2|0|Ich Selbst aber wurde diesmal erregt über die Härte der Griechen und sagte zu dem harten Redner, der die andern, mitunter doch um etwas besseren Griechen von einer guten Tat ablenken wollte: „Höre, du hartherziger Mensch! Gib acht, ob der Boden wanke, und wie fest du stehst! Es hat schon gar viele gegeben, die auch mit einer überheldenmäßigen Stimme ihrer Umgebung zugerufen haben: ,Laßt zertrümmern die Erde, und die zerschellten Reste werden mich in vollster Unerschrockenheit im endlosen Raume herumtragen!‘; als aber darauf die Erde nur in ein kleines Beben versetzt ward, so war der großsprechende Held der erste, der das Weite mit überraschender Fertigkeit seiner Füße suchte! Vielleicht tat er aber das etwa dennoch nicht so sehr aus Furcht, in seinem Hause unter dessen Trümmern begraben zu werden, als etwa vielmehr nur, um draußen ein Trumm (Stück) Erde, so diese im Ernste zertrümmert würde, zu erhaschen und auf demselben dann einen unerschrockenen Ritt durch die Unendlichkeit anzufangen!
GEJ|1|212|3|0|Ich sage dir, du großsprechender Grieche, der du Philopold dich nennst, die Fliege, die sich nicht selten die kecke Freiheit nimmt, über deine Nase einen kleinen Geschäftsgang zu machen, steht an der Spitze deiner Nase fester als du auf deinem Erdboden! Denn so auch deine Nase einen Schiffbruch erlitte, so hat die Fliege eine zweite Unterlage, an der sie sich gar wohl erhalten kann, und das ist die Luft; wo aber ist deine zweite Unterlage, so der Boden unter deinen Füßen schwach würde?!“
GEJ|1|212|4|0|Auf diese Meine geflissentlich ein wenig witzstechenden Worte wird der Grieche Philopold, der vom Hause aus auch ein Witzler war, etwas ärgerlich und sagt: „Siehe da, eine seltene Erscheinung! Auch ein Jude witzig?! Wohl der erste und wahrscheinlich auch zugleich der letzte in ganz Israel! Freund! Wenn ein Grieche vom Mute spricht, so ist es also, wie er spricht! Denn ein Grieche weiß das Leben zu fliehen und den Tod zu suchen; die Geschichte kennt nur einen griechischen Heldenmut, und die unbegreifliche Feigheit der Juden ist ihr nicht unbekannt! Laß erbeben die Erde, oder laß alle Drachen der Erde los, und du sollst sehen, ob ein Philopold darob nur im geringsten seine Miene verändern wird!“
GEJ|1|212|5|0|Sage Ich: „Laß ab von deiner leersten Großsprecherei und tue, was Ich euch allen geboten habe, ansonst du Mich im Ernste zwingen würdest, deinen Mut auf eine harte Probe zu stellen! Denn ein Gott von einem Juden läßt in so ernsten Dingen mit Sich keinen Scherz treiben; denn auch die große Geduld Gottes hat in gewissen Dingen ihre bestimmten Grenzen!
GEJ|1|212|6|0|Willst du es aber mit deinen Anhängern darauf ankommen lassen, so sollst du dich darauf vollkommen überzeugen, daß ein zürnender Gott nicht so leicht mehr zu besänftigen ist und dem groben Sünder eine verdiente Strafe von heute bis morgen nicht nachsieht!“
GEJ|1|212|7|0|Sagt Philopold: „Das wird etwa doch echt jüdisch sein!? Die Juden haben gewisse Weissager gehabt; diese taten ihren Mund nicht auf, außer in puren Drohungen, von denen manche in zumeist unbestimmter Zeit eingetroffen sind; die meisten aber waren allein nur in die Luft hinaus geredet; denn die Natur der Erde ist hoffentlich doch allzeit stärker gewesen als der Mund eines jüdischen Weissagers! Die Griechen sind zumeist Stoiker, und ein rechter Stoiker fürchtet nichts – und somit auch ich nichts! Denn auch ich bin ein steinfester Stoiker!“
GEJ|1|212|8|0|Sagt zu Mir insgeheim der junge Matthäus, der Apostel, der ehedem Zöllner zu Sibarah war: „Herr, den kenne ich, ein überaus fataler und ärgerlicher Mensch! Der hat allzeit bei meinem Zollamte unausstehliche Anstände gemacht, sooft er mit allerlei Verkaufswaren nach Kapernaum oder nach Nazareth zog. Auf den habe ich noch gleichfort einen kleinen Ärger und hätte eine gute Lust, ihn ein wenig in die Arbeit zu nehmen.“
GEJ|1|212|9|0|Sage Ich: „Laß das gut sein! Ich habe nun schon ein Pröbchen für ihn, und das wird für ihn bald in die Erscheinlichkeit treten.“
GEJ|1|212|10|0|Matthäus tritt sobald zurück; aber Philopold erkannte seinen Zöllner von Sibarah und sagte zu ihm: „Na, na, du geiziger Mautschrankenreiter, wie kommt es denn, daß auch du hier bist?! Was wird jetzt deine Schranke machen, so du mit deinen Luchsaugen in alle Weltgegenden hin sie nicht überwachen kannst?! Hast eben auch nicht nötig, diesen Wunderheiland gegen mich aufzuhetzen; er wird wohl selbst wissen, was er zu tun hat, wenn ich ihm zu steif werde. Aber mit mir dürftet ihr beide auf einem ganz natürlichen Wege einen harten Kampf haben; denn ein Stoiker ist kein Strick und kein Bindfaden, den man nach Belieben beugen kann, wie man will!
GEJ|1|212|11|0|Sehet, die wunderbare Heilung der zweihundert Kranken hat nahe alle Bewohner Kanas breitgeschlagen; warum denn mich nicht?! Weil ich ein echter Stoiker bin, für den die ganze Schöpfung kaum einen Nasenstüber wert ist und mein Ich samt dem elenden Leben noch weniger! Womit wollt ihr mich denn strafen? Etwa mit dem Tode? Ich sage euch: Ich wünsche ihn samt der ewigen Vernichtung; denn für dies Schandeleben bin ich wohl keinem Gott einen Dank schuldig! Oder soll man wohl jemandem für die verhaßteste aller Gaben zu einem Danke verpflichtet sein?! Ich meine, einem allmächtigen Gotte solle es eben nichts Schweres sein, einen Menschen ins lebendige Dasein zu rufen! Wer soll Gott wohl daran hindern können?! Der erst zu erschaffende Mensch wird sicher nicht gefragt, ob er erschaffen sein will, auf daß er als allein Berechtigter sein Ja oder Nein ausspräche; einen schon Erschaffenen aber geht eine Nacherschaffung eines nachkommen sollenden Menschen ebensowenig an – als einen noch gar nicht Erschaffenen! Erschaffen ist für einen Gott sonach gar nichts besonderes; aber für den Erschaffenen wohl, weil er etwas sein muß, was zu sein er nie irgendeinen Wunsch äußern konnte. Was kann denn wohl Elenderes sein, als sein müssen, ohne je sein gewollt zu haben?!
GEJ|1|212|12|0|Gebt mir zu essen und zu trinken ohne meine Arbeit und Mühe, dann will ich mich wenigstens für die Zeit meiner irdischen Lebensdauer in etwas zufriedenstellen; aber für die Erhaltung dieses Seins noch unsinnig schwer arbeiten müssen, also leiden wie ein verfolgter Wolf, und dazu einem Gotte dafür noch zu Dank verpflichtet sein und gewisse, nur für den Schöpfer selbstsüchtige Gebote halten, dafür bedanke ich mich vor allen jüdischen und griechischen Ganz- oder Halbgöttern!“
GEJ|1|212|13|0|Sagt Matthäus: „Solcher Menschen mehr auf der Erde, und Satan hat eine Schule, in der er selbst noch hundert Jahre lang in die Schule gehen kann! Herr, was ist mit dem zu machen? Wenn er wirklich also ist, wie er spricht, so richten alle Engel nichts mit ihm aus auf einem natürlichen Wege!“
GEJ|1|213|1|1|213. - Die Erde als alleinige Gotteskinderschule. Über Reinkarnation (Wiederverkörperung). Die Sonnenwelt Procyon. Von der Menschwerdung des Herrn. Des Engels Botenwunder. Murahel (Philopold) und Archiel (Erzengel). Der Kontrakt aus der Sonnenwelt
GEJ|1|213|1|0|Sage Ich: „Laß du das nur gut sein; du wirst dich bald überzeugen, ob aus diesem was zu machen ist!“ Mich an den Stoiker Philopold wendend: „Meinst du wohl, daß du mit Gott, deinem Schöpfer, zuvor keinen Kontrakt gemacht hast und nicht eingegangen bist in alle dir oft vorgehaltenen Bedingungen, die fürs Leben auf diesem Planeten überaus nötig sind? Siehe, Tor, das ist bereits der zwanzigste Weltkörper, auf dem du leiblich lebst; dein gesamtes fleischliches Alter beträgt schon an Jahren dieser Erde eine solch große Zahl, die die Zahl des feinsten Sandes in allen Meeren der Erde bei weitem übertrifft! Welch eine, für keinen im Leibe wandelnden Menschen möglich denkbare, nahe endlose Zeitendauer aber bestandest du als ein reiner Geist im vollsten Sein und klarsten Selbstbewußtsein im endlosen Raume mit zahllosen anderen Geistern freiest lebend und das freieste Leben in aller Kraft hoch und wohl genießend!
GEJ|1|213|2|0|Als du aber in der von dir im Fleische zuletzt bewohnten Sonnenwelt, der die Weisen dieser Erde den Namen Procyon geben, die auf ihrem weiten Boden aber von ihren Bewohnern den Namen Akka hat – und zwar überall mit einem und demselben Akzente, weil die Bewohner derselben nur eine Sprache reden –, den lebendigsten Wunsch an den Tag legtest, als du von einem Engel vernommen hast, daß der große, allmächtige, ewige Geist als der alleinige Schöpfer und Erhalter der Unendlichkeit und alles des in ihr Seienden auf einem der allergeringsten Planeten, die im endlosen Raume kreisen in zahllosesten Massen, Selbst Fleisch und volle Menschengestalt annehmen werde, womöglich auf denselben Planeten gesetzt zu werden, um dort zu sehen und zu hören Den, der dich erschaffen hat, da kam derselbe Engel, den du hier zu Meiner Rechten als den siebenten Menschen erschaust, der aber dennoch ein völlig freiester Geist ist, stellte dir haarklein und genau die schweren Bedingungen vor, die du zu erdulden bekommen werdest, so du ein Bewohner dieses Planeten, auf dem du nun stehst, werden wollest und auf demselben gewinnen die Kindschaft Gottes!
GEJ|1|213|3|0|Du nahmst alle Bedingungen an, auch diese, daß du als ein Bewohner des erwählten Planeten aller Erinnerung an dein Vorleben in anderen Weltkörpern völlig bar sein werdest bis zur Zeit, da derselbe Engel dich dreimal bei dem Namen, den du in der Akka geführt hast, rufen werde.
GEJ|1|213|4|0|Wenn die Sache sich aber also der dir freilich bis jetzt unbegreiflichen Wahrheit nach befindet, wie ungerecht sprichst du, so du behauptest, daß für dein Sein auf dieser Erde zwischen dir und deinem Schöpfer durchaus kein Kontrakt gemacht worden sei?!“
GEJ|1|213|5|0|Sagt Philopold: „Was ist denn das für eine verbrannte Hirngespinsterei?! Ich soll schon in irgendeiner andern, schönern und offenbar bessern Welt als ein Mensch im Fleische gewohnt und gelebt haben?! Nein, das ist denn doch etwas zu stark! Höre, du Siebenter rechts, den der Nazaräer einen Engel nennt, wie heißest du denn, und wie heiße ich?“
GEJ|1|213|6|0|Sagt der Engel: „Warte ein wenig; ich werde in aller Schnelle Kennzeichen aus deiner Vorwelt holen und werde sie dir zur Einsicht und Erkennung geben!“
GEJ|1|213|7|0|Mit diesen Worten verschwindet der Engel, kommt aber in wenig Augenblicken wieder und überreicht dem Philopold eine Rolle, auf der der Name des Engels und sein Name mit vollkommen alter hebräischer Schrift deutlich gezeichnet stehen, und eine zweite Rolle, auf der alle Bedingungen geschrieben stehen, die er vor dem Übergange dem Engel angelobt hatte.
GEJ|1|213|8|0|Als der Engel dem Philopold solches überreicht, sagt er: „Hier lies und erkenne es, du alter Murahel, Murahel, Murahel! Denn ich, der ich Archiel heiße, habe es für dich geholt vom selben Altare, an dem du mir das große Gelöbnis gabst! Frage aber ja nicht, wie solches nun in so wenig Augenblicken möglich war; denn bei Gott sind gar wundervollste Dinge möglich! Lies zuvor alles, und dann erst rede!“
GEJ|1|214|1|1|214. - Philopolds geistiges Gesicht. Eine Familienszene auf der Sonnenwelt Akka. Des bekehrten Philopold Hymne auf die Liebe Gottes. Grund des Verdecktseins der Rückerinnerung an unser Vorleben. Geistiger Seinsunterschied auf Erden gegenüber den anderen Welten
GEJ|1|214|1|0|Philopold liest die Rollen mit großer Aufmerksamkeit durch, und da dadurch die innere Sehe geöffnet wird, so sagt er nach einer ziemlichen Weile des tiefsten Staunens: „Ja, also ist es; ich sehe nun in alle endlosen Tiefen meines Lebens zurück, sehe die Welten alle, auf denen ich schon gelebt habe, und die Orte und Plätze alle in den Welten, wo ich von der Geburt bis zum Abschiede gelebt habe; ich sehe, was ich war, und was ich auf einem und dem andern Weltkörper getan habe, und sehe auch noch allenthalben meiner nächsten Verwandten Abkömmlinge, und siehe, auf der Akka (Procyon) sehe ich sogar noch meine Eltern, meine vielen Brüder und recht teuren Schwestern! Ja, ich höre sie sogar um mich besorgt untereinander reden und sprechen: ,Was ist mit Murahel? Wird sein Geist im endlosen Raume wohl schon den großen Geist in Menschengestalt gefunden haben? Er wird unser nicht gedenken, weil Archiel, der Gesandte des großen Geistes, ihm die Rückerinnerung verdeckte bis dahin, wann er ihn dreimal beim rechten Namen rufen werde!‘
GEJ|1|214|2|0|Sehet! Also höre ich sie nun reden und sehe sie zugleich leibhaftig! Sie gehen nun in den Tempel, um in den Dokumenten nachzusehen die harten Lebensbedingnisse; aber sie finden dieselben nicht. Der Oberpriester des Tempels aber sagt ihnen, daß Archiel die Dokumente vor etlichen Augenblicken des Murahels wegen geholt habe, dieselben aber dennoch in aller Kürze der Zeit zurückstellen werde. Und sie harren nun im Tempel und geben ein Opfer für mich!
GEJ|1|214|3|0|O Liebe, Liebe, du göttliche Kraft! Wie endlos weit streckest du deine heiligen Arme aus! Überall dieselbe Liebe! O Gott, wie groß und heilig bist Du, und welcher verborgenen Geheimnisse voll ist doch das freie Leben! Welcher Mensch auf der ganzen Erde kann die Tiefen ergründen, die ich nun schaue?! Wie gar nichtssagend geht der armselige Mensch auf dieser magersten Erde herum, streitet nicht selten um eine Spanne Erde auf Leben und Tod, während er in sich trägt, was Milliarden Erden nimmer zu fassen vermögen!“
GEJ|1|214|4|0|Auf diese Worte wird Philopold stille, geht zum Engel hin und gibt ihm die beiden Rollen wieder zurück mit dem Bemerken: „Stelle sie wieder dahin, allwo sie erwartet werden!“
GEJ|1|214|5|0|Der Engel aber sagt: „Siehe, ich habe auch ein Schreibzeug mitgenommen; es ist dasselbe, womit du eigenhändig im Tempel auf der Akka die Dokumente gezeichnet hast. Unterschreibe dich auf jedes Dokument doppelt, das heißt mit deinem Namen in der Akka und mit deinem Namen hier, und das Schreibzeug behalte zum Gedächtnisse!“
GEJ|1|214|6|0|Philopold tut das, und der Engel nimmt dann die Dokumente und verschwindet.
GEJ|1|214|7|0|Nach etlichen Augenblicken, die er zur Besprechung mit dem Oberpriester auf der Akka benötigte, ist er wieder unter uns und fragt den Philopold, wie er nun denke.
GEJ|1|214|8|0|Sagt Philopold: „Als ich dir die beiden Rollen zurückgab, schwand das Gesicht, und von der Erinnerung bleibt mir kaum mehr übrig als von einem Traume, da man im wachen Leben wohl weiß, daß einem etwas geträumt hat, aber was, das bringt man mit keinem Kopfzerbrechen heraus! Ich bemerke auch, daß ich ein ganz fremdartiges Schreibzeug in meiner Linken halte; aber wie ich dazu gekommen bin, weiß ich kaum; und ich möchte darum wissen, warum man denn von so manchen Erscheinungen aus dem Bereiche des innern Lebens entweder nur eine sehr schwache, zumeist aber auch gar keine Rückerinnerung behält. Warum also denn?“
GEJ|1|214|9|0|Sagt der Engel: „Weil es sich hier darum handelt, ein völlig neues Geschöpf zu werden, und das aus und in Gott. Bist du einmal geworden ein völlig neues Geschöpf aus Gott und hast erreicht die Kindschaft Gottes, so wird dir alles wiedergegeben werden!
GEJ|1|214|10|0|In allen zahllos anderen Welten wirst du zu dem aus- und inwendig gestaltet, was du sein mußt; hier aber überträgt Gott die äußere Gestaltung schon der Seele, die sich ihren Leib selbst erbaut nach der Ordnung, in der sie geschaffen ist; ganz besonders aber muß jeder Geist, der in die Seele gestellt ist, vorerst die Seele bilden durch die Haltung der ihm äußerlich gegebenen Gesetze. Hat die Seele dadurch den rechten Grad der Reife und Ausbildung erreicht, so tritt dann der Geist völlig in die ganze Seele über, und der ganze Mensch ist dadurch vollendet, ein neues Geschöpf, zwar im Grunde des Grundes immer aus Gott, weil der Geist im Menschen eigentlich nichts als ein Gott im kleinsten Maße ist, weil völlig aus dem Herzen Gottes. Aber der Mensch ist das nicht durch die Tat Gottes, sondern aus seiner höchst eigenen, und ist eben darum ein vollwahres Gotteskind! Und ich sage dir das noch einmal in aller Kürze:
GEJ|1|214|11|0|In allen anderen Weltkörpern müssen sich die Menschen nicht selbst gestalten, sondern sie werden von Gott, oder was eines ist, von Seinen Kindern gestaltet. Hier aber müssen sich die Menschen vollends selbst gestalten nach der geoffenbarten Ordnung, ansonst sie unmöglich Kinder Gottes werden können! Und so ist ein vollendeter Mensch auf dieser Erde als Gotteskind in allem Gott gleich; aber ein unvollendeter Mensch ist dagegen auch tief unter dem Reiche der Tiere!“
GEJ|1|215|1|1|215. - Archiels Rede über die Menschwerdung des Herrn. Philo polds Kleinmut und seine Berufung an die Seite des Herrn. Von der wahren Nachfolge.
GEJ|1|215|1|0|Fragt nun abermals Philopold den Engel: „Wer aber zeigt uns solche geheimnisvollste Ordnung?“
GEJ|1|215|2|0|Sagt der Engel: „Gerade Der, der dich ehedem an mich gewiesen hat! Zu Dem gehe hin; Der wird dir sagen, was Er dir schon gesagt hat; denn also leben, wie Er zu leben lehrt, ist schon eben jene göttliche Lebensordnung, in der allein man die Kindschaft Gottes erreichen kann!
GEJ|1|215|3|0|Und Er ist auch Ebenderselbe, dessentwegen du und noch viele andere die Akka verlassen haben geistig und sind auf dieser Erde des Herrn wegen eingeboren worden ins Fleisch dieser Erde.
GEJ|1|215|4|0|Es ist aber in der ganzen Schöpfung – und das auf allen Weltkörpern, die irgend von vernünftigen Wesen unter menschlicher Gestalt bewohnt werden – die volle Menschwerdung des Herrn im Fleische durch uns bekanntgemacht worden; aber nur von sehr wenigen Welten ist es den wenigen Geistern gestattet worden, ins Fleisch dieser Erde zu treten. Denn der Herr kennt alle Natur aller Welten im endlosen Raume, so auch die Natur und Fähigkeit der Bewohner und deren Geister, von denen eine oder die andere Welt bewohnt wird, und weiß daher am besten, ob ein Geist in dieser Erde Fleisch taugt oder nicht.
GEJ|1|215|5|0|Wo irgend etwas Taugliches war, das ist auch hierher versetzt worden; aber die Zahl der hierher Versetzten ist nur klein und übersteigt zehntausend nicht um irgendeine namhafte Zahl.
GEJ|1|215|6|0|Aber unter diesen bist du einer der Glücklichen; denn so du es willst, kannst du vom Herrn als Jünger gleich allen denen, die mit Ihm hierhergekommen sind, angenommen werden.“
GEJ|1|215|7|0|Sagt darauf Philopold: „Mein Archiel! Da du mir schon so viel wunderbar Gutes erwiesen hast, so tue mir nun noch das, daß du mich zum Herrn hinführst; denn nun, da ich Ihn erkannt habe, mangelt mir aller Mut, von neuem zu Ihm hinzugehen! Wenn's auf mich selbst nun ankäme, so möchte ich nun am liebsten so schnell als nur immer möglich davonlaufen und mich irgendwo also verbergen, daß mich nie ein Mensch finden sollte! Aber weil ich schon einmal da bin und mich alle nur zu gut kennen, so kann ich so was nicht tun; denn da würde die Lache über mich wohl das ganze Tal erfüllen. Darum sei denn so gut und führe mich hin zum Herrn und mache dort einen Fürsprecher für mich!“
GEJ|1|215|8|0|Sagt der Engel: „Es ist nicht nötig, solches zu tun; denn der Herr weiß, was uns beiden not tut; daher gehe du nur allein hin, und Er wird dir den Kopf sicher nicht vom Rumpfe reißen!“
GEJ|1|215|9|0|Nach diesen Worten des Engels faßt Philopold endlich doch den Mut und geht ganz bedächtigen Schrittes zu Mir hin und sagt noch in einer Ferne von dreißig Schritten: „Herr, gestattest Du mir, daß ich mich Dir nahe? Wo nicht, so weiche ich wieder zurück!“
GEJ|1|215|10|0|Ich aber sage: „Wer kommen will, der komme; denn durchs Zaudern ist noch nie ein Mensch weitergekommen!“
GEJ|1|215|11|0|Philopold, solches vernehmend, beschleunigt seine Schritte und ist sonach auch bald bei Mir und hat also schnell erreicht, was zu erreichen viele zaudern und daher auch oft gar nicht erreichen, weil sie trotz alles Zurufens nicht vom Flecke, da sie stehen, zu bringen sind.
GEJ|1|215|12|0|Denn solange jemand bei all seinem Tun und Lassen seine Schritte nicht in gerader Linie zu Mir hin richtet, ist all sein Tun und Gehen und Stehen ein vergebliches für sein Leben. Und gewönne er die ganze Welt, hätte aber Mich nicht, so nützte ihm die ganze Welt nichts; denn er ist tot! So Ich aber nun in dieser Zeit der Enthüllung des Evangeliums jemanden rufe und zu ihm sage: „Komme!“ – und er aber kommt nicht, der wird dem Tode des Geistes verfallen! Und es ist darob dieser Philopold ein rechtes Muster, nach dem sich jedweder richten soll! Wer gerufen wird, so er nach Mir fragt, der komme und zaudere nicht! Denn Ich bleibe nicht gleichfort in Kana (entsprechend: voll Gnade in dieser Welt), sondern ziehe bald weiter und wende ab Auge und Ohr von all denen, die da zaudern auf Mein „Kommet!“.
GEJ|1|216|1|1|216. - Philopolds bescheidene und gute Rede. Des Herrn gnadenreiche Antwort. Zweierlei Menschen — von unten und von oben — auf der Erde. Grund der Menschwerdung des Herrn auf Erden. Die Letzten sollen die Ersten werden. Über die jetzige Neuoffenbarung
GEJ|1|216|1|0|Als Philopold zu Mir kam, sprach er: „Herr, ich habe mich endlos grob versündigt gegen Dich; aber daran schuldete nichts als meine große Blindheit! Allein jetzt, da Du, o Herr, mich auf eine wahrlich überwunderbare Art sehend gemacht hast und ich nun erkenne, wer Du bist, so bitte ich Dich um Deiner ewigen Liebe und Weisheit willen, daß Du mir armem, blindem Sünder vergeben möchtest alle meine Fehler, die ich nun gegen Dich und ehedem gegen meine Nächsten begangen habe in der Art, wie Du sie mir ehedem genau gezeigt hast. Hätte ich Dein heilig Wort geschrieben, – bei allen Himmeln, kein Häkchen sollte unerfüllt bleiben! Aber ich glaube, Dein Verlangen wohl gemerkt zu haben, und werde demselben wortgetreu nachkommen! Du hast für uns alle an den Kisjonah die Schuld bezahlt und hast alle unsere Kranken wunderbarst geheilt ohne Entgelt, und alles das hast Du getan ohne eine gebührend vorangehende Bitte, und ich hoffe deshalb nun, daß Du einen bittenden Sünder nicht von Dir weisen werdest!“
GEJ|1|216|2|0|Sage Ich: „Ich sage dir: Du bist angenommen! Denn wer da kommt, wird angenommen. Gehe aber zuvor hin und bringe deine Sachen in die von Mir verlangte Ordnung; dann komme und folge Mir; denn du sollst nicht hängen an dieser Welt, da du nicht von dieser Welt, als von unten her, sondern von einer andern Welt, als von oben her, bist!
GEJ|1|216|3|0|Denn von all denen, die du um Mich her zählst bis auf wenige sind eben auch einige von deiner Welt, aber andere von einer andern Lichtwelt und wenige von dieser Welt; und diese wenigen heißen nicht viel; denn die Welt gilt ihnen noch immer mehr denn Ich. Darum vermögen sie auch nur wenig oder nichts.
GEJ|1|216|4|0|Ich aber habe eben darum diese Erde erwählt, weil deren Kinder die letzten und niedrigsten sind in der ganzen Unendlichkeit, und habe darum das Kleid der tiefsten Niedrigkeit angezogen, um es allen Geschöpfen in aller Meiner endlosesten Schöpfung möglich zu machen, sich Mir zu nahen; von den alleruntersten Planetenbewohnern bis zu den allerhöchsten Urzentralsonnenbewohnern sollen alle auf einem und demselben Wege sich Mir nahen können.
GEJ|1|216|5|0|Es wundere dich daher ja nicht, daß du Mich auf diesem eigens unvollkommensten letzten Planeten der ganzen Schöpfung antriffst! Denn Ich Selbst will es ja also; und wer kann Mir vorschreiben, wie Ich es etwa anders tun solle?!“
GEJ|1|216|6|0|Sagt Philopold: „Herr, wer soll Dir wohl einen Rat erteilen wollen oder können, so er glaubt, weiß und erkennt, daß Du der Herr von Ewigkeit bist?! Aber nun gehe ich, um Deinem heiligsten Willen alsogleich nachzukommen.“
GEJ|1|216|7|0|Nach diesen Worten eilt Philopold mit dem ganzen Gemeindevorstande davon; während aber auch mehrere Juden sich mitbegeben, um zu sehen, was die Griechen für sie ausmachen werden, gebe Ich den Geheilten Lehren, wie sie sich in der Zukunft verhalten sollen, um nicht mehr in ihre alten Übel zurückzufallen!
GEJ|1|216|8|0|Alle nehmen diese Belehrung dankbarst an und danken Mir auch mit aller Inbrunst ihrer Herzen für die ihnen erwiesene übergroße Wohltat.
GEJ|1|216|9|0|Ich aber verbiete ihnen darauf unter einem, daß sie von all dem, was sie hier gesehen und gehört haben, ja niemand Fremdem etwas erzählen und Mich sogestaltig vor der Zeit verraten sollen, wo dann, so sie solches Gebot nicht hielten, es ihnen schlimm ergehen würde! Sie aber geloben Mir alle, daß es außer dem Orte niemand erfahren solle!
GEJ|1|216|10|0|Ich aber entlasse sie darauf und sage es auch den Jüngern, außer dem Orte Kis diese Tat nirgends ruchbar zu machen; und auf die Frage des Matthäus eben in dieser Sache, ob er sie notieren dürfe, antwortete Ich mit: „Nein! Denn das ertraget ihr als Meine nächsten Zeugen wohl und möget es auch fassen; aber so da alles beschrieben würde in vielen Büchern, was Ich vor euch alles tue und rede, so würde solche Bücher die Welt nicht nur nicht fassen, sondern sich dazu noch ärgern über alle Maßen und würde euch verschreien über alle Aase der Erde! Darum soll von dir, Matthäus, nichts aufgezeichnet werden als das nur, was Ich ausdrücklich dir aufzuzeichnen gebiete!“ (vgl. Joh.21,25)
GEJ|1|216|11|0|Sagt einmal auch Johannes: „Aber Herr, Du meine reinste Liebe! Es wäre schon wohl alles recht; aber so mit der Zeit einst die Welt gar lückenhafte Urdokumente von Deinem Hiersein und Wirken auf dieser Welt überkommt, so wird sie am Ende ja notwendig in alle Zweifel über Dich, Dein Sein und Wirken übergehen und solche Bruchstücke für Werke priesterlichen Eigennutzes ansehen!“
GEJ|1|216|12|0|Sage Ich: „Das ist aber eben das, was Ich für die eigentliche Welt, die ein Haus des Satans ist, haben will; denn ob ihr einer Sau Maiskörner oder die edelsten Perlen vorwerfet, so wird sie den Perlen dennoch gerade das tun, was sie tut den Maiskörnern.
GEJ|1|216|13|0|Es ist daher besser, die Sache wird der Welt in aller Verhülltheit gegeben, und sie kann sich dann bloß mit der Hülle zerbalgen, innerhalb deren aber dennoch der Lebenskern unversehrt bleibt.
GEJ|1|216|14|0|Wann es aber einst vonnöten sein wird, so werde Ich schon von neuem Menschen erwecken und werde ihnen kundgeben alles, was hier geschehen ist, und was die Welt zu erwarten hat um ihrer unverbesserlichen Bosheit willen.
GEJ|1|216|15|0|Wie aber das alles geschehen wird, das werde Ich dir, du Mein Bruder Johannes, nachdem Ich wieder in Meinen Himmeln wohnen werde, noch in dieser Welt für alle Welt in verhüllten Bildern offenbaren!
GEJ|1|216|16|0|Nun aber kommen schon die Gemeindevorstände griechischer- und jüdischerseits wieder aus dem Orte zu uns zurück; wir wollen sehen, wie sie Meinem Verlangen nachgekommen sind!“
GEJ|1|217|1|1|217. - Warnung vor den Fallstricken des Satan. Der böse Geist kann nur auf die Sinne, nicht auf den Willen der Seele einwirken
GEJ|1|217|1|0|Philopold tritt mit mehreren Griechen zu Mir hin und sagt: „Herr, soviel es sich nur immer in dieser Zeitkürze hat tun lassen, haben wir Deinem Verlangen zur willigsten Folge getan; was aber in kleinen Einzelheiten noch zu geschehen hat, wird nicht unterlassen werden. Mit meinem Hause und mit meiner Familie bin ich soweit in der Ordnung, daß ich Dich nun ungehindert auf ein, zwei bis drei Jahre begleiten kann, so ich nur dann und wann meiner Familie zu wissen mache, wo ich mich aufhalte, und was Du machst. Denn sieh, mein ganzes Haus glaubt und hofft nun auch auf Deinen Namen. Bist Du, o Herr, damit zufrieden, so wolle mir solches gnädigst kundtun; solltest Du aber noch etwas wünschen, so wolle uns auch solches eröffnen!“
GEJ|1|217|2|0|Sage Ich: „Vorderhand habt ihr alles getan, was da Rechtens ist vor Gott und vor allen rechtlich fühlenden und denkenden Menschen; aber seid auf eurer Hut, daß euch der Satan nicht durch allerlei Fallstricke berücke und ihr dadurch nachderhand in allerlei Zank und Hader verfallet, wo dann ein solcher leicht möglich künftiger Zustand ärger würde um vieles, als da war dieser gegenwärtige, aus dem Ich euch nun freigemacht habe!
GEJ|1|217|3|0|Denn der böse Geist ruhet nie, weder bei Tag noch bei der Nacht; er läuft herum wie ein hungriger Löwe und fällt in seinem großen Hunger alles an, was ihm nur im geringsten irgendwo unterkommt.
GEJ|1|217|4|0|Wäre er sichtbar, da würden manche Mutige mit ihm einen Kampf wagen, – aber auch noch mehrere, als so bei seiner Unsichtbarkeit, im Kampfe unterliegen; denn er kann seine Gestalt bis zur Schönheit eines Lichtengels erheben und sich auch wieder mit der grauenhaftesten Hülle eines feuerspeienden Drachen umgeben. Wer aber würde es wagen, ihn unter solcher Gestaltung anzugreifen?! Denn entweder würde er durch seine Schönheit oder durch seine alles erstarrenmachende Gräßlichkeit Sieger von je tausendmal Tausenden werden; so er sich aber niemandem zeigen kann und darf, und jeder Mensch seine bösen Einflüsterungen mit leichter Mühe erkennt, da diese die Seele allzeit hartherzig, unkeusch, ehebrecherisch, selbstsüchtig, herrschgierig, meineidig, geizig, unbarmherzig, gegen alles Wahre und Göttliche gleichgültig, gegen Arme und Leidende gefühllos und für allen Wohlgenuß auf der Welt gierig stimmen, so kann er solchen argen Bestrebungen des Satans auch allzeit eine offene Stirne bieten, indem der Satan nur in die Sinne der Seele, nie aber in ihren Willen einwirken kann.
GEJ|1|217|5|0|Ich habe euch denn nun auch die Merkmale angezeigt, aus denen, so sie eure Seelen beschleichen, ihr leicht erkennen möget, welch ein Geist sich in eurer Nähe befindet, und was er mit euch vorhat.
GEJ|1|217|6|0|Wenn ihr so was an euch merket, da gedenket dieser Meiner Lehre und Worte; richtet eure Seelen auf und tut gerade das Gegenteil davon, als wonach es euch zu gelüsten anfängt, so werdet ihr Meister des bösen Geistes! Und so ihr ihn in allen den angezeigten Stücken werdet besiegt haben, dann wird er euch fürderhin in aller Ruhe lassen, und ihr werdet mit ihm keinen Kampf mehr zu bestehen haben. Aber so ihr nur in einem oder dem andern Stücke euch fangen lasset oder zum wenigsten in irgend etwas leichten Sinnes nachgebet, so werdet ihr seiner bis an euer irdisch Lebensende nicht leichtlich wieder völlig los.
GEJ|1|217|7|0|Daher habt ja wohl acht auf alle die Stücke, auf die Ich euch nun aufmerksam gemacht habe! Denn wo der Arge es in irgendeiner Seele nur einmal dahin gebracht hat – was eben keine so große Mühe für ihn ist –, daß sie in einem oder dem andern Stücke ihren Willen hinzugab, woraus dann natürlich eine Sünde erzeugt wurde, dann kostet es schon einen schweren Kampf, um diesen Schaden an der Seele wieder völlig gutzumachen.
GEJ|1|217|8|0|Aber wer da ist eines ernsten Willens und selbst soviel tut, als er kann, und seine Schwäche Mir überträgt im Geiste, dem wird dann der volle Sieg über den Satan auch ein leichter sein; aber, wohl gemerkt, nur unter lebendig gläubiger Anrufung Meines Namens.
GEJ|1|217|9|0|Nun wisset ihr alles, was zu wissen euch not tut; ihr kennet den rechten allein wahren, lebendigen Gott und kennet nun Seinen Willen.
GEJ|1|217|10|0|Ich sage euch: Der Vater im Himmel hat euch mit allem wohl versorgt, dessen ihr bedürfet; nun kommt es auf euch an, wie gewissenhaft ihr das zu eurem wahren und ewigen Lebenswohle benützen wollt.
GEJ|1|217|11|0|Von eurem eigenen Tun und Lassen wird alle Wirkung ausgehen, und eure Worte und Handlungen werden eure Richter sein!
GEJ|1|217|12|0|Du, Philopold, aber verweile noch drei Tage hier und suche alles in die Ordnung zu bringen; dann komme hinaus nach Kis, allwo du Mich treffen wirst.“
GEJ|1|217|13|0|Philopold versprach, solches zu tun; Ich segnete darauf den Ort, und wir begaben uns wieder nach Kis zurück.
GEJ|1|218|1|1|218. - Die Vorkommnisse im Hause Kisjonahs in Abwesenheit des Herrn. Pharisäer bitten um Heilung ihrer Kranken. Ein großes Heilwunder
GEJ|1|218|1|0|Als wir nach Hause kommen, so kommen uns mehrere Diener entgegen und erzählen, daß bald nach unserem Abgange ins Tal eine Menge Fremder angekommen sind und sich nach Mir angelegentlichst erkundigt haben, was Ich hier täte, und wohin Ich nun gezogen wäre. Aber sie, die Diener, die in den Fremden verkleidete Pharisäer erkannt hätten, haben ihnen gesagt, Ich sei schon lange aus dieser Gegend gezogen, ihrer Vermutung nach etwa gar nach Damaskus oder möglicherweise auch wohl gar nach Persien zu den Heiden; denn Ich solle bei Meinem Hiersein Mich öfter also geäußert haben: „Das Heil wird den Juden genommen und den Heiden gegeben werden!“
GEJ|1|218|2|0|Da hätten sich diese Kundschafter sichtlich geärgert, und einer aus ihnen habe darauf gesagt: „Von jungen Bäumen vermögen wohl Buben die Früchte herabzuschütteln, aber nicht also von einem alten Baume, der erst mit aller Vorsicht erstiegen werden muß, so man zu den mit Frucht beladenen Ästen kommen will! Dieser Gaukler wird dem alten Judentume wohl ganz verzweifelt wenig anhaben!“
GEJ|1|218|3|0|Darauf hätten sie, die Diener, gelacht und gesagt: „Na, gebt acht, daß der Baum nicht seiner Fäulnis wegen windfällig wird! Uns kommt es vor, daß euer Baum eigentlich schon lange hin ist und von einer Frucht – außer sie behängen die dürren Äste mit trockenen Feigen und erklären solche Lumperei für ein Wunder – schon lange keine Spur mehr anzutreffen ist!“
GEJ|1|218|4|0|Auf solche Äußerung seien diese sichtlichen Pharisäer äußerst unwillig geworden und hätten der Dienerschaft zu drohen angefangen.
GEJ|1|218|5|0|Die Diener aber haben gesagt: „Fürs erste sind wir Griechen und haben die Religion unseres Kaisers und können daher eure Dummheit, die ihr Gotteslehre nennt, allerweidlichst verlachen, und ihr könnt uns nichts anhaben, so wir solches nicht in euren Tempeln und Schulen tun. Und fürs zweite sind wir unser viele, die im Hause des großen und mächtigen Kisjonah dienen; und so ihr nicht bald diesen Ort räumt, so werden wir euch mit Knitteln den Weg zu weisen anfangen!“ Da bissen sie sich vor Galle in die Lippen und gingen ihres Weges längs dem Meere aufwärts, und zwar den Weg, der von hier zu Lande nach Jerusalem führt.
GEJ|1|218|6|0|Nun aber fragen wir Dich, Herr Jesus, ob wir also recht gehandelt haben!?“
GEJ|1|218|7|0|Sage Ich: „Bis auf eines ganz recht; aber das war nicht recht, daß ihr ihnen eine wissentliche Unwahrheit gesagt habt! Es wäre besser gewesen, so ihr ihnen die Wahrheit gesagt hättet. In dem Falle hätten sie uns erwartet, und wir hätten an ihnen Umwandlungen bewirkt; denn das waren zumeist Kranke, darunter wohl etliche Pharisäer, aber dennoch etwas besserer Art. Sie lagern nun am Hügel, der am obern Ende der Bucht sich erhebt; gehet daher eilends hin mit Eseln und Maultieren und schafft sie alle hierher. Saget ihnen: ,Der Herr ist angekommen und harret euer!‘ Die Kranken leget auf die Maultiere und Esel, und die Gesunden sollen zu Fuße wandeln!“
GEJ|1|218|8|0|Auf dies Mein Verlangen, obschon es schon ziemlich spät dämmerig ist, begeben sich die Diener also auf den Weg und bringen nach einer Stunde alle, die sie ehedem blindeifrig vertrieben haben.
GEJ|1|218|9|0|Es treten sogleich fünf Pharisäer zu Mir ganz geziemend ehrerbietig und beklagen sich darob, daß sie von der Dienerschaft sehr roh behandelt worden wären, und daß diese sie beschimpft und belogen habe.
GEJ|1|218|10|0|Ich aber vertröste sie und sage ihnen, daß bei der Dienerschaft kein böser Wille gewaltet habe. „Denn sie taten solches nur aus blinder Liebe zu Mir, da sie in euch Meine Feinde zu erkennen glaubten. Ich beschied sie aber darum auch nach Meiner Ankunft, alsogleich euch zu holen und so gut als möglich hierherzubringen; und so mußten sie an euch allen sogleich wieder gutmachen, was sie ehedem verbrochen haben; und Ich meine, daß diese Sache sogestaltig ausgeglichen ist.“
GEJ|1|218|11|0|Sagen die Pharisäer: „Ganz vollkommen; es ist nun alles wieder in der schönsten Ordnung. Aber nun von was anderem!
GEJ|1|218|12|0|Wir sind gar aus Bethlehem hierhergekommen, indem wir von deiner außerordentlichen Heilkunst Wunderdinge vernommen haben. Wir haben darum auch unsere Kranken mitgebracht; die noch soviel Kraft hatten, ihre Füße zu gebrauchen, mußten natürlich gehen, – die Schwächeren aber haben wir auf Lasttieren hierher befördert. Wir bitten dich darum, daß du dich der Leidenden erbarmen möchtest und sie heilest von ihren Leiden!“
GEJ|1|218|13|0|Sage Ich: „Wo sind denn jene, die ihr von Bethlehem auf Lasttieren hierhergeschafft habt? Von denen wußte Mir die Dienerschaft nichts zu sagen.“
GEJ|1|218|14|0|Sagen die fünf Pharisäer: „Wir haben sie jenseits der Bucht in die Herberge gegeben, da wir nicht wissen konnten, ob du anzutreffen sein werdest. Denn wir haben ohnehin sehr schwer erfahren, daß du dich in der Zeit für gewöhnlich hier aufhieltest, und es sei unsicher, dich anzutreffen; und so haben wir denn den Versuch gewagt, ob du hier wärest und, so du nicht hier wärest, man es eben hier doch vielleicht am ehesten erführe, wo du dich etwa befinden möchtest, oder wann du etwa zurückkehren könntest. Solcher Ungewißheit halber haben wir denn auch unsere gar gebrechlichen Kranken in die vorbesagte Herberge gegeben, auf daß sie dort eine Pflege haben sollen, während wir uns bemühten, irgendwo zu dir zu kommen, um dich zu bitten, daß du dich der Schwerleidenden erbarmen möchtest! Wir haben darum auch auf dem Berge oberhalb der Herberge unser Lager gemacht, auf daß wir unseren Kranken, die in der Herberge mit genauer Not untergebracht sind, in möglichst nächster Nähe wären.
GEJ|1|218|15|0|Nun, Herr und Meister, haben wir dir alles gesagt, und weiter hinaus können wir dir nichts sagen. So du alsonach willst, so erbarme dich der Armen und Leidenden!“
GEJ|1|218|16|0|Sage Ich: „Es ist dem also: Wenn ihr nicht sehet Wunder und Zeichen, so ist schwach euer Glaube; ohne die Kraft des Glaubens aber läßt sich wenig tun zum Heile der Menschen! Aber so ihr glaubet, da sollet ihr die Herrlichkeit der Macht Gottes im Menschen sehen!“
GEJ|1|218|17|0|Sagen alle: „Ja, ja, Herr. Wir glauben alle. Wer wie du eine tote Tochter des Obersten Jairus ins Leben zurückrufen kann, der kann auch alle anderen Krankheiten heilen, die noch lange kein Tod sind! Denn solche Tat haben wir bis nach Bethlehem, der Stadt Davids, vernommen!“
GEJ|1|218|18|0|Sage Ich mit aufgehobenen Händen: „Nun denn, so geschehe euch nach eurem Glauben!“
GEJ|1|218|19|0|Alle die Kranken, die im Hofraum der Heilung harrten, wurden plötzlich kerngesund, fingen an zu jubeln und zu schreien vor Freude und sprachen laut: „Wir haben ein Licht in unsere Leiber fahren sehen – und wir waren gesund; und es ist uns nun so wohl, als ob uns nie etwas gefehlt hätte. Heil Dem, der uns also plötzlich geheilt hat!“
GEJ|1|218|20|0|Die Pharisäer können vor lauter Staunen beinahe kein Wort herausbringen. Nach einer kleinen Weile aber hören sie ebenfalls laut schreien und jubeln durch den Ort Kis; und sie, die Pharisäer, und mit ihnen die grundgeheilten Kranken gehen eiligst hinaus zu schauen, was es da für einen Lärm gäbe. Aber sie ersehen nur zu bald ihre Herbergekranken, die alle wie muntere Hirsche einherspringen und beständig „Heil dem Manne“ rufen, der sie geheilt hatte also wunderbar.
GEJ|1|218|21|0|Als die Genesenen an die fünf Pharisäer stoßen, fragen diese die Jubelnden, wann und wie sie geheilt wurden. Alle Geheilten, bei dreißig an der Zahl, aber erzählen ihnen einstimmig, wie solches um die und die Zeit war, und daß sie ein Licht in ihren Leib haben fahren sehen.
GEJ|1|218|22|0|Da merkten die fünf, daß das genau um die Zeit war, als Ich gesagt habe: „So geschehe euch nach eurem Glauben!“, und daß die in der Herberge durch ein Licht geheilt worden sind.
GEJ|1|218|23|0|Alles ist voll Staunens, und die Geheilten rufen: „Führet uns zu dem Heilande, daß wir ihm persönlich unser Lob und unsern Lohn darbringen!“
GEJ|1|218|24|0|Da führen die Pharisäer sie zu Mir hin, und sie fallen vor Mir nieder und geben Gott die Ehre, daß Er einem Menschen solche Kraft verlieh!
GEJ|1|218|25|0|Ich aber heiße sie sich erheben vom Boden und bedrohe sie alle zugleich, während Ich ihnen den für sie bestellten Speisesaal zeige, daß sie von all dem nirgends was ruchbar machen sollen, weder zu Jerusalem, noch in der Stadt Davids.
GEJ|1|218|26|0|Und sie geloben Mir alle einstimmig, daß sie solches soviel als nur immer möglich beachten werden; nur werde es ihnen in ihrer Stadt schlecht gehen, wenn sie als kerngesund wieder in dieselbe einziehen werden; aber sie würden dennoch das möglichste tun, um nur Mich nicht zu verraten.
GEJ|1|218|27|0|Ich heiße solchen Vorsatz gut und führe sie alle Selbst in den Speisesaal, allwo Erfrischungen und Stärkungen aller Art auf sie warten. Ich segne ihnen Speisen und Getränke und beheiße sie dann, nach Bedürfnis zu essen und zu trinken und versichere ihnen, daß es ihnen nicht schaden werde. Und sie fangen an zu essen und zu trinken; Ich aber ziehe Mich darauf in ein anderes Gemach zurück, allwo für Mich und die Meinen noch der ehrliche Baram aus Jesaira ein überaus reichliches Abendmahl vorbereitet hatte, an dem an Meiner Seite Kisjonah mit seiner Familie fröhlichsten Teil nahm.
GEJ|1|219|1|1|219. - Die Notwendigkeit einer Gärung im Gemüte. Gleichnis vom Mastochsen. Segen der Heimsuchung
GEJ|1|219|1|0|Nach dem Abendmahle sagte Ahab: „Herr, daß ich über Dich schon von Jesaira her in der klarsten Ordnung bin über Deine Wesenheit, das versteht sich mehr als von selbst, und es hätte meinetwegen solch ungeheurer Zeichen nicht bedurft, um mich und alle meinesgleichen zur Übergenüge zu überzeugen, daß Du Jehova Selbst bist, durch einen von dieser Erde gleichsam zur Leihe genommenen Menschenleib wirkend. Aber neugierig bin ich, ob die fünf Pharisäer aus Bethlehem, die sonst rechte Ehrenleute zu sein scheinen, davon im Ernste nichts merken sollen, wer Der sein dürfte, der ihre Kranken so überaus wunderbar geheilt hat. Wenn sie nur irgendeinen Dunst haben, so müssen sie ja doch schon nahe mit den Händen greifen, daß ein gewöhnlicher Mensch so was ewig nicht zu leisten imstande ist. Ich bin der Meinung, man solle sie so ein wenig auskosten gehen, und es würde sich da bald zeigen, was sie bei sich von Dir halten.“
GEJ|1|219|2|0|Sage Ich: „Freund, daß Ich es ganz sicher weiß, was sie von Mir halten, daran wirst du hoffentlich auch keinen Zweifel haben; und da meine aber Ich, es sei nun gar nicht nötig, daß wir sie störten in ihren höchst eigenen Betrachtungen. Dazu ist denn ja morgen auch noch ein Tag, an dem sich noch so manches recht trefflich wird abmachen lassen. Lassen wir sie heute nacht nur recht durchgären! Denn wie beim neuen Most die Gärung nötig ist, auf daß aus dem Moste ein geistiger Wein werde, ebenalso ist jedem Menschen eine ähnliche Gärung in seinem Gemüte höchst notwendig, so er ins volle und wahre Geistige übergehen soll.
GEJ|1|219|3|0|Sieh, so ein Mensch alles hat, was er benötigt, so fühlt er sich ganz behaglich; er sorgt sich um nichts, er arbeitet nichts, läßt sich bloß gut und bequem geschehen und fragt wenig danach, ob es einen Gott gibt, ob ein Leben nach dem Tode des Leibes, ob der Mensch mehr ist als ein Tier oder das Tier mehr als ein Mensch. Berge und Täler sind ihm einerlei, Winter und Sommer gehen ihn nichts an; denn im Sommer hat er Schatten und kühlende Bäder und für den Winter wohlerwärmende Kamine und warme Kleider.
GEJ|1|219|4|0|Also ist ihm auch gleich, ob das Jahr fruchtbar war oder nicht; denn fürs erste ist er auf zehn Jahre mit Vorräten aller Art versehen und hat fürs zweite Geld in Menge, um sich irgend etwas Abgängiges beizuschaffen.
GEJ|1|219|5|0|Sieh, ein solcher Mensch lebt dann gerade so gemächlich fort wie ein Mastochse im Stall und denkt auch nicht um vieles mehr als ein Ochse und ist sonach auch nichts als ein Genußtier in menschlicher Gestalt.
GEJ|1|219|6|0|Wenn du zu einem solchen kämest, um ihm zu predigen das Evangelium vom Gottesreiche, so wird er dir gerade das tun, was der Ochs im Stalle einer Stechfliege tut, die ihn in seiner Freßbehaglichkeit stört: der Ochs schwingt seinen Schweif über den ihn störenden Gast, und dieser muß schnell Reißaus nehmen, um nicht erschlagen oder doch wenigstens stark beschädigt zu werden.
GEJ|1|219|7|0|Und sieh, ein solcher mit keiner Sorge bedrängter Wohlfresser wird seiner Dienerschaft, die im Grunde auch nichts als des sorglosen Wohllebers Fliegen abtreibender und abwehrender Schweif ist, den Wink geben, dich fortzutreiben; du wirst offenbar so schnell als möglich das Weite suchen und wirst erst in einer bedeutenden Ferne darüber nachdenken können, welch eine Wirkung deine Evangeliumspredigt bei dem Wohlfresser gemacht hat.
GEJ|1|219|8|0|Ich aber verstehe es, solchen Ochsen eine ganz andere Vorpredigt zu machen: Ich lasse ein irdisch Unglück ums andere über sie kommen; dadurch kommen sie in allerlei Sorgen und Angst und Furcht, fangen an zu denken, zu suchen und zu fragen, wie doch solches möglich sei, daß sie nun so von allen Seiten bedrängt werden, indem sie doch nie jemandem ein Unrecht zugefügt hätten und allzeit als ordentliche, wohlanständige Menschen gelebt haben!
GEJ|1|219|9|0|Das geschieht ihnen aber nur der nötigen Gärung wegen.
GEJ|1|219|10|0|Wenn solche Menschen dann so in eine rechte Gärung kommen, so sehnen sie sich nach Freunden, durch die sie wieder zu einer Ruhe gebracht werden könnten; dann gehe zu ihnen hin und predige ihnen das Evangelium, und sie werden dich hören und nimmer ihren stolzen und wütend um sich herumschwingenden Schweif wider dich erheben!
GEJ|1|219|11|0|Und sieh, aus ebendem Grunde ist es gut, daß diese unsere Gäste durch diese Nacht hindurch so in irgendeine rechte Gärung kommen; durch diese werden sie in sich selbst geistiger, und wir werden morgen eine leichte Arbeit mit ihnen haben. Siehst du das nun ein?“
GEJ|1|220|1|1|220. - Ahabs Verwunderung über die göttliche Weisheit. Selbsterkenntnis tut vor allem not. Die Ruhe in Gott. Warnung vor langem Schlafen und vor dem Müßiggang
GEJ|1|220|1|0|Sagt Ahab: „O Weisheit, o Weisheit! Was für Hohes und Wahres fassest du in dir, und wie ungeheuer dumm ist unsereins dagegen! Es ist eine ewige Wahrheit, daß nirgends etwas entstehen kann, wenn zuvor nicht eine kämpfende Tätigkeit vorausgeht; und ich wollte doch nun sogleich zu den Bethlehemiten gehen und sie zu beleuchten anfangen! O ich Mittelpunkt aller Dummheit! Sagen doch die Weisen der Griechen: ,Jede Tätigkeit wird durch einen Kampf bedingt, und jeder Effekt ist die Folge dessen!‘, – und ich sah das nicht ein! Wie kommt es, daß ich's nun einsehe?!
GEJ|1|220|2|0|Ja, so beim Menschen in seinem Innern nicht ein rechter Kampf mit sich selbst und seinen verschiedenen Lebenselementen vorangeht, ist alles eitel, was man mit ihm von außen her vornimmt!
GEJ|1|220|3|0|Ich bin nun völlig im klaren über die instruktiven Lebensverhältnisse des Menschen, und ich möchte hier beinahe einen Hauptlebensgrundsatz aufstellen und glaube, daß ich das Ziel eben nicht zu weit verfehlen dürfte!“ Sage Ich: „Laß ihn hören! Ich will ihn in Mir nicht eher beschauen, als bis du ihn ausgesprochen hast.“
GEJ|1|220|4|0|Sagt Ahab: „Was sich der Mensch von seinen ihm vom Anbeginne verliehenen Eigenschaften nicht zuvor selbst gegeben hat, das kann, ohne ihn zu verderben, ihm kein Gott geben! Gott sind wohl alle Dinge möglich; aber der Mensch gewinnt dabei nichts!
GEJ|1|220|5|0|Wer sich zuvor nicht selbst erkennt, wie soll er jemand andern und endlich gar Gott erkennen?! – Das wäre mein Grundsatz. Herr, bin ich weit vom Ziele?“
GEJ|1|220|6|0|Sage Ich: „Nein, Freund Ahab, wahrlich, du hast nun den Nagel fest auf den Kopf getroffen; also ist es! Was sich der Mensch mit seinen ihm verliehenen Kräften nicht als selbsttätig verschafft, das kann und darf ihm auch Gott nicht verschaffen, ohne ihn zu richten!
GEJ|1|220|7|0|Darum seid denn auch alle nicht eitel pure Hörer Meines Wortes, sondern eifrige Täter desselben, so werdet ihr erst dessen Segnungen in euch wahrzunehmen anfangen!
GEJ|1|220|8|0|Denn das Leben ist ein Tun und kein Müßigstehen der Kräfte, durch die das Leben bedingt ist, und so muß das Leben auch durch die gleichfort währende Tätigkeit der sämtlichen Kräfte desselben sogar für ewig erhalten werden; denn in dem Sich-zur-Ruhe-Legen waltet kein bleibend Leben.
GEJ|1|220|9|0|Das gewisse Wohlgefühl, das euch die Ruhe beut, ist nichts als ein teilweiser Tod der zum Leben erforderlichen Kräfte; wer dann stets mehr und mehr an der tatlosen Ruhe, besonders der geistigen Lebenskräfte, ein behagliches Wohlgefallen findet, der schiebt sich dadurch eben auch stets mehr dem wirklichen Tode in die Arme, aus denen ihn auch kein Gott gar zu leicht mehr befreien wird!
GEJ|1|220|10|0|Ja, es gibt auch eine rechte Ruhe voll Lebens; aber die ist in Gott und ist für jeden Menschen ein unnennbar beseligendes Gefühl der Zufriedenheit, nach dem Willen Gottes tätig zu sein.
GEJ|1|220|11|0|Dieses beseligendste Zufriedenheitsgefühl und die klarste Erkenntnis, wahrhaft nach der Ordnung Gottes gleichfort gehandelt zu haben, ist die bewußte rechte Ruhe in Gott, die allein voll Lebens ist, weil voll Tatkraft und Handlung darnach. Jede andere Ruhe, die in einem Aufhören der Lebenskräfte besteht, aber ist, wie schon gesagt, ein wahrer Tod insoweit, als inwieweit die verschiedenen Lebenskräfte sich der Tätigkeit entzogen haben und dieselbe nicht wieder ergreifen. – Verstehet ihr solches?“
GEJ|1|220|12|0|Sagt Judas Ischariot: „Herr, wenn so, da sollte der Mensch den Schlaf fliehen wie eine Pestilenz; denn der Schlaf ist doch auch eine Ruhe von einer Anzahl, wennschon äußerer Lebenskräfte!“
GEJ|1|220|13|0|Sage Ich: „Allerdings! Darum werden Langschläfer auch nie ein besonders hohes Alter erreichen. Wer seinem Leibe in der Jugend fünf Stunden und im Alter sechs Stunden Schlafruhe gönnt, der wird auch zumeist ein hohes Alter erreichen und wird lange ein jugendliches Aussehen behalten, während ein Langschläfer bald altert, ein faltiges Gesicht und graue Haare bekommt und im etwas vorgerückten Alter wie ein Schatten einhergeht.
GEJ|1|220|14|0|Wie aber der Leib durch zu vielen Schlaf stets mehr und mehr tot wird, ebenso und noch bei weitem mehr wird es die Seele, wenn sie mehr und mehr nachläßt in ihrer Tätigkeit nach Meinem Worte und Willen.
GEJ|1|220|15|0|Wo aber der Müßiggang sich einmal in eine Seele eingenistet hat, da nistet sich auch bald das Laster ein; denn der Müßiggang ist nichts als eine sich selbst wohltuende Liebe, die jede Tätigkeit für jemand anderen um so mehr flieht, weil sie im Grunde des Grundes nur das will, daß alle anderen zu ihren Gunsten und Nutzen arbeiten sollen!
GEJ|1|220|16|0|Darum hütet euch auch insbesondere vor dem Müßiggang; denn dieser ist ein wahres Samenkorn für alle möglichen Laster!
GEJ|1|220|17|0|Als Beispiel mögen euch die verschiedenen Raubtiere dienen. Sehet, diese Tiere setzen sich nur dann in eine verderbenbringende Tätigkeit, wenn sie ein brennender Hunger antreibt; haben sie einen Fraß erbeutet und ihren Hunger gestillt, so begeben sie sich alsbald wieder in ihre Höhlen und ruhen da oft tagelang, besonders die Schlangen.
GEJ|1|220|18|0|Betrachtet nun einen Räuber und Mörder dagegen! Dieser sonst aller Arbeit scheue Mensch, eigentlich Teufel im Fleische, liegt tagelang in irgendeinem seiner Raubnester; nur wenn die Laurer ihm vermelden, daß eine reiche Karawane bei seinem Raubneste vorüberziehen werde, da erst setzt er sich mit seinen Gesellen auf die Mitlauer und fällt dann die kommende Karawane rücksichtslos an und raubt sie aus und ermordet die Kaufleute, auf daß er nicht verraten werden möchte! Und das ist eine Frucht des Müßiggangs.
GEJ|1|220|19|0|Darum noch einmal gesagt: Hütet euch vor allem vor dem Müßiggang; denn er ist der Weg und die breite Tür zu allen erdenklichen Lastern!
GEJ|1|220|20|0|Nach getaner Arbeit ist eine mäßige Ruhe gut den Gliedern des Leibes, aber dafür eine übermäßige schlechter als gar keine.“
GEJ|1|221|1|1|221. - Vom Übel der Trägheit und vom Segen der Tätigkeit. Laue und scharfe Regenten. Maria und Thomas. Aufzeichnung dieser Lehre von der Tätigkeit, genannt »die Nachtpredigt«, durch Matthäus. Warum diese Aufzeichnung verlorenging.
GEJ|1|221|1|0|(Der Herr:) „So jemand einen weiten Weg zurückgelegt hat zu Fuß und erreicht endlich eine Herberge, so wird er, wenn er in der Herberge sich nicht alsobald zur Ruhe begeben wird, sondern kleine Bewegungen machen und am nächsten Tage schon vor dem Aufgange auf den Füßen sein wird, den ganzen Tag über von keiner Müdigkeit etwas verspüren, und je länger er also seine Reise fortsetzen wird, desto weniger müde wird sie ihn machen.
GEJ|1|221|2|0|So aber jemand ebenso stark ermüdet vom Tagesmarsche auf eine Herberge kommt, sich sogleich auf ein Lager hinwirft und dasselbe gar erst am Mittag des nächsten Tages verläßt, so wird er mit völlig steifen Füßen und mit einem völlig betrunkenen Kopfe seine Weiterreise fortzusetzen anfangen und wird nach einer Strecke zurückgelegten Weges sich vor lauter Müdigkeit nach einer Ruhe sehnen, und es kann am Ende sogar geschehen, daß er am Wege liegenbleibt und allda verkümmert, so ihm niemand – was leicht möglich – zu Hilfe kommt.
GEJ|1|221|3|0|Was aber schuldet daran? Seine eigene zu große Ruhelust und der mit derselben verbundene Wahn, daß die Ruhe den Menschen stärke.
GEJ|1|221|4|0|So jemand in einer oder der andern Kunst, dazu Hand- und Fingergeschicklichkeit in hohem Grade erfordert werden, eine große, staunenerregende Fertigkeit erreichen will, Frage: Wird er diese erreichen, so er an der Stelle des unausgesetzten fleißigen Übens an jedem Tage seine Hände und Finger in die Taschen steckt und Tag für Tag fein müßig herumwandelt aus einer Art vorsichtiger Furcht, seine Hände und Finger nicht zu ermüden und sie für die anzustrebende Künstlerschaft ja etwa nicht zu steif und unfähig zu machen?
GEJ|1|221|5|0|Wahrlich, da könnte Ich Selbst bei aller Meiner unbegrenzten Weisheit nicht einen Propheten machen und die Zeit festsetzen, in der solch ein Kunstjünger ein Virtuose wird! Daher, Meine lieben Freunde und Brüder, sage Ich euch wiederholt:
GEJ|1|221|6|0|Nur Tätigkeit über Tätigkeit zum allgemeinen Wohle der Menschen! Denn alles Leben ist eine Frucht der beständigen und nie zu ermüdenden Tätigkeit Gottes und kann daher nur durch die wahre Tätigkeit erhalten und für eine ewige Dauer bewahrt werden, während aus der Untätigkeit nichts als der Tod zum Vorschein kommt und kommen muß.
GEJ|1|221|7|0|Leget eure Hände auf euer Herz und merket es, wie es in einem fort Tag und Nacht tätig ist! Von solcher Tätigkeit aber hängt ja das Leben des Leibes alleinig ab; so das Herz aber einmal stillzustehen anfängt, da – meine Ich – dürfte es etwa mit dem natürlichen Leben des Leibes wohl gar sein!
GEJ|1|221|8|0|Wie aber die Ruhe des leiblichen Herzens offenbar der volle Tod des Leibes ist, also ist auch die gleiche Ruhe des Seelenherzens der Tod der Seele!
GEJ|1|221|9|0|Das Herz der Seele aber heißt Liebe, und das Pulsen desselben spricht sich in wahrer und voller Liebtätigkeit aus.
GEJ|1|221|10|0|Die unausgesetzte Liebtätigkeit ist demnach der nie zu ermüdende Pulsschlag des Seelenherzens. Je emsiger aber das Herz der Seele pulst, desto mehr Leben erzeugt sich in der Seele, und so dadurch ein hinreichend hoher Lebensgrad in der Seele sich erzeugt hat, so daß er dem göttlichen, allerhöchsten Lebensgrade gleichkommt, so weckt solch ein Lebensgrad der Seele das Leben des göttlichen Geistes in ihr.
GEJ|1|221|11|0|Dieser – als pur Leben, weil die unermüdete höchste Tätigkeit selbst – ergießt sich dann in die ihm durch die Liebtätigkeit gleichgewordene Seele, und das ewig unverwüstbare Leben hat in der Seele seinen vollen Anfang genommen!
GEJ|1|221|12|0|Und sehet, das kommt alles von der Tätigkeit, nie aber von einer faulen Ruhe her!
GEJ|1|221|13|0|Daher fliehet die Ruhe und suchet die volle Tätigkeit, und euer Lohn wird sein das ewige Leben!
GEJ|1|221|14|0|Glaubt ja nicht, daß Ich etwa gekommen sei, den Menschen auf dieser Erde den Frieden und die Ruhe zu bringen; o nein, sondern das Schwert und den Krieg!
GEJ|1|221|15|0|Denn die Menschen müssen durch Not und Drangsale aller Art zur Tätigkeit angetrieben werden, ansonst sie zu trägen Mastochsen würden, die sich selbst mästeten zum Fraße für den ewigen Tod!
GEJ|1|221|16|0|Not und Drangsal bewirken im Menschen ebenfalls eine Gärung um die andere, aus welcher sich am Ende doch etwas Geistiges entwickeln kann.
GEJ|1|221|17|0|Man könnte freilich wohl sagen: ,Durch Not und Drangsal aber werden auch Zorn, Rache, Mord und Totschlag erzeugt und Neid, Hartherzigkeit und Verfolgung!‘ Das ist allerdings wahr; aber so arg alle diese Dinge sind, so sind sie dennoch ob des Erfolges besser als die faule Ruhe, die tot ist und weder etwas Gutes noch etwas Böses bewirkt.
GEJ|1|221|18|0|Darum sage Ich euch: Entweder sei jemand gegen Mich vollends warm oder vollends kalt; denn einen Lauen will Ich aus Meinem Munde speien!
GEJ|1|221|19|0|Ein energischer Feind ist Mir lieber als ein lauer Freund; denn der energische Feind wird Mich nötigen zu aller Tätigkeit, auf daß Ich ihn entweder gewinne oder die rechten Wege einschlage, um ihn für Mich durch alle Zeiten unschädlich zu machen; neben einem lauen Freunde aber werde Ich Selbst lau, und wenn Mich eine Not träfe, wird Mir der laue Freund zu etwas nütze sein?!
GEJ|1|221|20|0|Darum ist auch ein lauer Regent eine Pest für sein Volk; denn da vermodert des Volkes Geist, und aus den Menschen werden lauter Freßochsen und Lastesel! Aber ein scharfer und sogar tyrannischer Regent macht das Volk lebendig, und es ist alles voll Tätigkeit, um nur in keine Strafe zu verfallen; und treibt es ein Tyrann zu toll, so wird das Volk sich endlich in Massen erheben und wird sich von seinem Peiniger befreien.
GEJ|1|221|21|0|Ich meine nun, über den Wert der Tätigkeit hinreichend gesprochen zu haben, und bin überzeugt, daß ihr alle diese Lehre verstanden habt. Darum, so jemand will und in sich ein Bedürfnis zur Schlafruhe seines Leibes fühlt, der suche sich ein Lager; der aber mit Mir die Nacht über wachen will, der bleibe hier!“ Da sagten alle: „Herr, so Du wachest, wie könnten wir da schlafen?! – Nur die Mutter Maria scheint der Leibesruhe zu bedürfen, und so könntest Du sie wohl schlafen heißen.“
GEJ|1|221|22|0|Aber die Maria, obschon sie hinter Mir auf einem Lehnstuhle ein wenig schlummerte, vernahm dennoch diese Rede, richtete sich auf und sagte zu dem Redner in aller Freundlichkeit: „Freund, der du gewöhnlich deinen Mund für alle deine Mitjünger auftust, ich sage dir, daß deine Sorge um mich ein wenig eitel ist; denn sieh, ich habe meinem Herrn zuliebe wohl schon mehrere Hunderte von schlaflosen Nächten durchwacht, und ich lebe noch – und werde noch so viele durchwachen und darob das Leben nicht verlieren, so es Sein Wille ist! Daher kümmert ihr euch alle um mich nicht; es ist genug, daß Einer meiner gedenkt!“
GEJ|1|221|23|0|Es war aber dies der Thomas, an den diese Worte gerichtet waren. Dieser aber kam zur Maria und bat sie, daß sie ihm seine gute Meinung nicht ungütig aufnähme. Maria aber tröstete ihn und war sehr freundlich ob seiner Sorge um sie, und dem Thomas ward es wieder leichter ums Herz, daß er alsbald wieder ganz beruhigt seinen Platz einnahm.
GEJ|1|221|24|0|Es trat nun auf eine Zeit eine Stille ein. Niemand redete ein Wort; denn sie alle dachten nun viel darüber nach und fanden die Wahrheit des Gesagten stets heller und heller leuchtend.
GEJ|1|221|25|0|Nur Matthäus sagte nach einer Weile für sich selbst: „Morgen beim ersten Tagesanbruch wird diese Lehre von der Tätigkeit und von der Ruhe, so gut es geht, niedergeschrieben auf eine eigens bloß für diese Lehre bestimmte Platte; denn diese über alles wichtige Lehre darf um keinen Preis der Welt verlorengehen!“ Und als es dann bald darauf zu tagen begann, so hielt Matthäus auch sein Wort; und es hat sich diese Lehre für sich dann lange erhalten und ist durch Jonael und Jairuth auch nach Samaria überbracht worden, ward aber mit der Zeit sehr entstellt und ging darum auch verloren. Solange sie aber noch gang und gäbe war, kursierte sie unter dem Namen „die Nachtpredigt“ im Volke.
GEJ|1|222|1|1|222. - Die fünf Pharisäer aus Bethlehem waschen dem Herrn die Füße. Ein kurzes Lebensevangelium
GEJ|1|222|1|0|Am Morgen kamen die fünf Pharisäer zu Mir, grüßten Mich und Meine Jünger nach ihrer Sitte auf das höflichste und bezeigten Mir noch eine besonders große Ehre dadurch, daß sie Mich fragten, ob Ich sie für würdig hielte, daß sie Mir die Füße wascheten.
GEJ|1|222|2|0|Denn das war zu Bethlehem noch eine im Gebrauche stehende alte Ehrungssitte, daß entweder der Gastgeber seinen Gästen oder als Gegenehrenbezeigung ein Erster aus der Zahl der Gäste am nächsten Morgen dem Gastgeber die Füße wusch. Darum ließ ich Mir denn auch von den fünf Pharisäern aus Bethlehem die Füße waschen und abtrocknen.
GEJ|1|222|3|0|Nach solcher Handlung erst fragten Mich die fünf Pharisäer, sagend: „Wahrlich, unbegreiflich großer Meister! Sage uns doch nur ein bißchen von der Art und Weise, wie diese allenfalls beschaffen ist, mittels der du solche nie erhörte Heilungen bewirkst! Daß du solches – im allgemeinen gesprochen – offenbar durch die Kraft Gottes wirkst, unterliegt wohl keinem Zweifel; aber wie und auf was für eine Art in solch unerhörter Vollendung, das ist eine andere Frage. Nur davon – so du uns nur einigermaßen für würdig hältst – gib uns einige Winke, und wir wollen dann hochvergnügt und dir ewig dankbar bleibend von hier den Rückzug nach Bethlehem antreten.“
GEJ|1|222|4|0|Sage Ich: „So Ich es euch auch sagen möchte, da würdet ihr es dennoch nicht glauben; denn die dreifache Decke Mosis hängt auch über eure Augen herab, auf daß ihr ja nicht merken mögt, wer Der ist, der nun mit euch redet! Kenntet ihr Den, ihr würdet solche Frage nimmer stellen; aber weil ihr Ihn nicht kennet, so fraget ihr also, wie ihr fraget!
GEJ|1|222|5|0|Und so Ich euch auch eine rechte Antwort gäbe, so würdet ihr sie dennoch nicht annehmen. Denn ihr sehet wohl das, was in der Welt der Materie nach ist und geschieht; aber was da betrifft den Geist, dessen Reich und Wirken, das ist euch fremd, und ihr könnet darum auch nicht begreifen und fühlen, was da ist des Gottesreiches Sein und Wirken im Menschen.
GEJ|1|222|6|0|Gehet aber hin und tut Buße um eurer vielen Sünden willen, so werdet ihr gewahr werden, daß das Reich Gottes nahe zu euch gekommen ist.
GEJ|1|222|7|0|Liebet Gott aus allen Kräften und betet Ihn an im Geiste und in der Wahrheit; liebet aber auch eure nächsten armen Brüder und Schwestern; verfolget eure Feinde nicht; fluchet denen nicht wieder, die euch fluchen und tut euren Übeltätern Gutes, so werdet ihr glühende Kohlen über ihren Häuptern sammeln, und Gott wird solche eure Werke ansehen und wird sie euch vergelten hundertfältig.
GEJ|1|222|8|0|Leihet euer Geld nicht denen, die es euch mit reichen Prozenten wieder erstatten können, sondern wahrhaft Armen und Dürftigen, so wird euer Geld im Himmel zu hohen Interessen angelegt sein, und der Vater im Himmel wird euch allzeit ausbezahlen Interessen und Kapital für ewig!
GEJ|1|222|9|0|Nehmet auch nicht zu gierig von der Welt Lob, Dank und Preis eurer guten Taten wegen; denn so ihr solches tut der Welt wegen, was für ein Lohn soll euch dann werden im Himmel?! Ich sage euch: Wer auf der Welt einer guten, den armen Brüdern erwiesenen Tat wegen verlangt und nimmt irgendeinen wie immer gearteten Lohn, dessen Lohn im Himmel ist dahin!
GEJ|1|222|10|0|Wer des Himmels wegen arbeitet, der wird vom Himmel aus belohnt werden zeitlich und dereinst ewig; wer aber der Welt wegen arbeitet, der wird wohl von der Welt einen schnöden und vergänglichen Lohn ernten; aber im Himmel wird er sein Verdienstbuch leer finden, und sein Lohn wird dahin sein, und seiner geistigen Armut wird schwer ein Ende werden!
GEJ|1|222|11|0|So ihr das wohl beherziget und darnach tut, da wird euch's auch bald klar werden, auf welche Art und Weise Ich eure Kranken geheilt habe. – Nun wisset ihr alles, was euch zu wissen not tut. Fraget nicht um Weiteres, das euch nichts nützen würde, so man euch's auch sagen möchte.
GEJ|1|222|12|0|Habt aber auch acht, daß ihr Mich, Mein Wirken und diese Meine Jünger weder in Jerusalem und ebensowenig in der Stadt Davids bekanntmachet; denn solches würde euch keinen Segen bringen!
GEJ|1|222|13|0|Nun aber, so ihr das Morgenmahl werdet eingenommen haben, könnet ihr ganz getrost wieder euren Heimweg antreten!“
GEJ|1|222|14|0|Auf diese Meine Rede machen die fünf wohl etwas verdutzte Gesichter; aber sie getrauen sich dennoch nicht, eine weitere Frage zu stellen, verbeugen sich vor Mir und begeben sich dann in ihren Speisesaal und nach dem Morgenmahle auf den Weg in ihr Heimatland.
GEJ|1|223|1|1|223. - Die Ansichten der fünf Pharisäer über den Herrn. Des einen Pharisäers Vermutung: »Er ist ein Gott oder ein Teufel!« Lehrwinke
GEJ|1|223|1|0|Darauf aber treten die Jünger zu Mir hin und fragen Mich, warum Ich mit den Bethlehemitern gar so verhüllt geredet hätte.
GEJ|1|223|2|0|Sage Ich: „Seid ihr denn noch gleichfort also unverständig, als hättet ihr noch nie ein weises Wort von Mir vernommen?! Diese halten Mich für nichts als einen mit außerordentlichen geheimen Fähigkeiten begabten Arzt, der mit Hilfe geheimer Kräfte in der Natur solch wunderbare Kuren macht.
GEJ|1|223|3|0|Es ist denen nicht unbekannt die Sekte der Essäer, die einige ganz beachtenswerte Kenntnisse in der geheimen Apothekerkunst besitzen, mittels der sie so manche Übel zu heilen imstande sind und auch so manche Erscheinungen bewerkstelligen können, die für einen Laien als offenbare Wunder erscheinen müssen. So ihr nun das voraussetzet, kann da am Ende was anderes zum Vorschein kommen, als daß diese Bethlehemiter Mich für durchaus nichts anderes ansehen als für einen Essäer vierten, also höchsten Grades, dessen Wissenschaft so hoch gehe, daß er die verschiedenartigsten Kräfte der Natur am Leitseile hat und sie lenken kann nach seiner Willkür?!
GEJ|1|223|4|0|Wenn Ich ihnen aber so geradeaus enthüllt hätte, daß Ich als Sohn des Allerhöchsten der verheißene Messias sei, wie hätten diese erzfesten Juden sich über alle Maßen zu ärgern angefangen und hätten Mich für einen sich das Höchste anmaßenden Magier, der mit dem Satan im Bunde steht, gehalten und als solchen auch über alle Maßen verlästert, und die Heilung ihrer hierher gebrachten Kranken wäre ihnen ein Stein des ärgsten Anstoßes geworden! Nun aber, da sie Mich bloß für einen Erzessäer halten, gehen sie ganz gemütlich nach Hause und loben und preisen Gott, der dem Menschen solche geheimen Kenntnisse und Kräfte verleiht, durch die er den leidenden Menschen die sicherste, wennschon wunderbarste Hilfe leisten kann!
GEJ|1|223|5|0|Auf daß sie aber daheim bei ruhigerem und reiferem Nachdenken dennoch mit leichter Mühe dahinterkommen können, daß Ich etwa doch kein Essäer sei, weil Meine ihnen kundgegebenen Grundsätze über das sittliche und gesellschaftliche Lebensverhältnis der Menschen jenen der Essäer schnurgerade entgegenstehen, so habe Ich ihnen gerade soviel Belehrung erteilt, als es für den ausgesprochenen Zweck notwendig war. Sie werden daheim schön und sauber Meine Belehrung mit der Lehre der Essäer, die sie wohl besitzen, vergleichen und werden nach den aufgefundenen grellsten Kontrasten erst so recht zu stutzen anfangen, wie die fünf vor euren Augen schon zu stutzen angefangen haben, als sie Meine Worte vernahmen, weil Meine an sie gerichtete Lehre, wie gesagt, jener der Essäer überhaupt und mehr als schnurgerade entgegen ist.
GEJ|1|223|6|0|Sie hätten sich mit Mir gern in eine weitere Befragung eingelassen; aber Ich habe sie ganz kurz abgefertigt, und sie gingen und getrauten sich keine weitere Frage mehr zu stellen; denn sie sahen, daß Ich der Tat nach wohl ganz gut Essäer höchsten Ranges sein könnte, aber nach Meinen an sie gerichteten Worten wieder nicht. Aber sie denken nun auch, als am Wege über nichts denn allein über diese Erscheinung nachdenkend: ,Sollen denn etwa die Essäer zwei Lehren haben, eine äußere bloß fürs blinde Weltvolk, und eine innere für sich allein?‘ Aber Ich sei mit ihnen so aufrichtig gewesen und hätte ihnen als ein in der Schrift Wohlbewanderter einige Sätze der innern Lehre so hingeworfen und hätte alles weitere Suchen ihnen selbst anheimgestellt!
GEJ|1|223|7|0|Einer von den fünfen aber meint, es müsse hinter Mir ganz was anderes als ein Essäer höchsten Ranges stecken. Er sagt nun zu den andern vieren: ,Ich meinesteils kann ihn geradewegs für keinen Essäer halten; denn ich habe doch erst unlängst mit einem Essäer über alle ihre Lehren und Gebräuche geredet, und dieser war von großer Aufrichtigkeit; aber er wußte nichts von einer zweiten, geheimen Lehre. Ich halte den sonderbaren Heiland von Nazareth daher für eine ganz eigene und meines Wissens noch nie dagewesene Erscheinung. Er ist entweder ein Gott – oder ein Teufel, was ich aber dennoch sehr bezweifeln möchte, da seine Lehre das sozialste Prinzip ist, das mir je vorgekommen ist; ein Teufel aber ist ein höchster Tyrann und daher ein abgesagtester Feind aller Sozialistik!‘
GEJ|1|223|8|0|Seht, solche Gespräche führen die fünfe schon jetzt auf der Reise und sind so vertieft darinnen, daß sie kaum merken, ob ihre Füße sich bewegen und sie weitertragen.
GEJ|1|223|9|0|Meine Lieben, so man lehrt, muß man sehr behutsam zu Werke gehen; man muß nicht sogleich mit der ganzen Tür ins Haus fallen und wie bei einer Mahlzeit nicht alle Speisen auf einmal auftragen, sondern man tritt leise ins Haus und pocht fein an eine Tür, die in ein oder das andere Gemach führt; und so man eine Mahlzeit gibt, da trägt man erst dann eine zweite Speise auf den Tisch, wenn die Gäste die erste bereits verzehrt haben; sonst wird man als Besucher eines Hauses als unartig und keck verschrieen und wird im besuchten Hause als ein frecher Eindringling wenig oder nichts ausrichten, und der Gastgeber wird seinen Gästen alle Eßlust benehmen, so er ihnen auf einmal einen ganzen Haufen von allerlei Speisen auf den Tisch setzen würde; aber so in rechter guter Ordnung werden die Gäste bei frischer Eßlust erhalten, und diese werden am Ende den Gastgeber loben, daß er sie also vortrefflich bewirtet hat!
GEJ|1|223|10|0|Und sehet, eben also muß man im Lehren zu Werke gehen, wenn man damit irgend etwas ausrichten will. – Verstehet ihr nun dieses?“
GEJ|1|223|11|0|Sagen die Jünger: „Ja Herr, wir verstehen nun alles genau, was Du nun wie allzeit überweise zu uns geredet hast!“
GEJ|1|223|12|0|Sage Ich: „Nun gut, so gehen denn auch wir zum Morgenmahle!“
GEJ|1|224|1|1|224. - Liebeswettstreit zwischen Kisjonah und Baram. Wichtigkeit und Wesen der inneren Selbstbeschauung
GEJ|1|224|1|0|Wir erheben uns denn sogleich von unseren Rastbänken und gehen hinaus in den Garten, allwo schon ein reichliches Morgenmahl unser harret, das noch gleichfort der Baram für uns bereitet hatte.
GEJ|1|224|2|0|Kisjonah sagt zwar zum Baram: „Aber Bruder, was tust du denn?! Meinst du etwa, daß meine Speicher, Speisekammern und Weinkeller leer stehen?!“
GEJ|1|224|3|0|Sagte Baram: „Bruder, ich weiß nur zu gut, daß tägliche tausend Gäste deine Vorräte in tausend Jahren nicht aufzehren würden; aber ich gehöre gottlob doch auch nicht zu den Armen dieses Landes, und so laß mir heute noch die Freude, alle diese Gäste durch mich zu bewirten! Denn mir macht das eine große Freude, mit meiner Wenigkeit dem Herrn dienen zu können! Morgen soll es wieder auf deinen Kochherden so lebhaft als nur immer möglich hergehen!“
GEJ|1|224|4|0|Kisjonah und Baram umarmen und küssen sich und setzen sich darauf ebenfalls zu Tische und verzehren einen köstlichen Fisch mit Brot und Wein.
GEJ|1|224|5|0|Nach dem Mahle aber fragt Kisjonah, womit man sich den Tag hindurch beschäftigen werde, oder ob Ich etwa wieder irgendeinen Ausflug vorhätte, auf daß er Anstalten zu einer bequemen Reise machen könnte.
GEJ|1|224|6|0|Sage Ich: „Mein Freund und Bruder! Sorge nur du dich um nichts! Was die Zeit bringen wird, das soll ergriffen werden! Aber es wird die heutige und morgige nichts oder wenig bringen außer uns selbst, und daher werden wir auch keiner besonderen Vorbereitungen bedürfen. Morgen gen Abend wird Philopold aus Kana kommen; der wird auch manches zu erzählen wissen.
GEJ|1|224|7|0|„Jetzt aber wollen wir bis gen Mittag hin einige Übungen in der Sichselbstbeschauung unter dem kühlenden Schatten der Bäume halten!
GEJ|1|224|8|0|Denn wahrlich sage Ich euch: Nichts ist dem ganzen Menschen heilsamer als eine zeitweilige innere Sichselbstbeschauung! Wer sich und seine Kräfte erforschen will, der muß sich zu öfteren Malen selbst erforschen und innerlich beschauen.
GEJ|1|224|9|0|Weil aber solches eben so notwendig ist, darum wollen wir denn für heute vormittag auch eine solche Übung vornehmen, und nach dem Mittagsmahle aber werden wir ein bißchen aufs Meer uns begeben und sehen, was allenfalls da zu machen sein wird.“
GEJ|1|224|10|0|Es wissen aber einige nicht, wie sie es mit der inneren Selbstbeschauung anfangen sollen, und fragen Mich darum. Ich aber sage: „Ruhet und denket im stillen lebendig nach über euer Tun und Lassen, über den euch wohlbekannten Willen Gottes, und ob ihr demselben nachgekommen seid zu den verschiedenen Zeiten eures Lebens, so habt ihr euch innerlich selbst beschaut und dadurch stets mehr und mehr dem Eindringen des Satans in euch den Weg erschwert. Denn dieser sucht nichts emsiger, als durch allerlei äußere, nichtssagende Gaukeleien den Menschen an seiner inneren Sichselbstbeschauung zu verhindern.
GEJ|1|224|11|0|Denn hat der Mensch einmal durch Übung irgendeine Fertigkeit in der Beschauung seines Innern erreicht, so findet er in sich auch nur zu leicht und zu bald, welche Fallen ihm der Satan gelegt hat, und kann dann diese weidlichst zerstören und zunichte machen und aller künftigen Arglist desselben Feindes auf das energischste vorbauen. Das weiß der Satan nur zu gut und ist daher alleremsigst beschäftigt, durch allerlei die Seele nach außen ziehende Gaukeleien eben die Seele selbst zu beschäftigen, und er hat dann hinter der Wand ein ganz leichtes, unvermerkt der Seele allerlei Fallen aufzurichten, in die sie sich am Ende derart verstricken muß, daß sie dann fürder zu einer Sichselbstanschauung gar nicht mehr gelangen kann, was sehr schlimm ist.
GEJ|1|224|12|0|Denn dadurch wird die Seele dann stets mehr von ihrem Geiste getrennt und kann denselben nicht mehr erwecken, und das ist dann schon der Beginn des zweiten Todes im Menschen.
GEJ|1|224|13|0|Nun wisset ihr, worin die innere Sichselbstanschauung besteht. Machet darum von nun an bis gen Mittag eine solche Übung im stillen und lasset euch bis dahin durch keine äußere Erscheinung stören! Denn der Satan wird sicher nicht unterlassen, euch durch irgend ein oder das andere äußere Spektakel davon abzuziehen. Aber dann erinnert euch, daß Ich euch solches vorausgesagt habe, und kehret ja wieder schnell in euch selbst zurück!“
GEJ|1|224|14|0|Darauf begibt sich alles in die volle Ruhe, und jeder fängt an, recht kräftig sich selbst zu beschauen, und das Geschäft geht eine volle Stunde ganz ungestört fort.
GEJ|1|225|1|1|225. - Störung der inneren Selbstbeschauung. Erscheinung eines Ungeheuers, eines richtigen Leviathans. Lohnverheißung für mutiges Ausharren. Der Engel Archiel verscheucht das Tier. Das drohende Ungewitter. Stärkung der Schwachen
GEJ|1|225|1|0|Nach einer Stunde aber geschieht plötzlich auf einmal ein dröhnender Knall, als wenn ein starker Blitz ganz in der Nähe in ein Haus eingeschlagen hätte. Alle erschrecken gewaltig und fahren auf; aber sie gedenken Meiner Worte und begeben sich schnell wieder zur Ruhe.
GEJ|1|225|2|0|Aber Satan läßt nicht lange auf sich warten; bald nach dem Knalle vernehmen die Ruhenden, aber im Geiste Tätigen, ein unheimliches Zischen und Pfeifen, und es dauert nicht lange, so erhebt sich am Ufer des Meeres ein Ungeheuer seltener Art. Der Kopf gleicht dem eines Wolfes, nur wenigstens hundertmal so groß; die weit über den Rachen herausstehende Zunge gleicht einer sich gleichfort wild krümmenden Riesenschlange; die beiden Ohren gleichen denen eines Ochsen in riesenhafter Größe; die Augen sehen aus wie zwei große Platten aus glühendem Erze; die Vorderfüße gleichen denen eines Riesenbären, die Hinterbeine denen eines Löwen von riesenhafter Größe; der Leib ist gleich dem eines Krokodils mit dem Schwanze eines Basilisken (afrikanischer Vampir). Sein Geschrei ist ein dröhnender Knall und sein Atem ein unheimliches Zischen und Pfeifen. Alsogestaltig entsteigt es dem Meere.
GEJ|1|225|3|0|Am Ufer weiden aber Schafe, Ochsen, Kühe, Kälber und viele Esel. Das Ungeheuer macht sogleich Jagd auf die Haustiere und verschlingt sogleich ein Stück ums andere. Die Haustiere fliehen dann; aber das Ungeheuer fängt an, sich gegen uns zu bewegen.
GEJ|1|225|4|0|Als mehrere solcher Bewegungen des Ungeheuers ansichtig werden, machen sie sich auf und sagen: „Herr, diese Probe ist etwas zu stark! Etliche Kälber, bei zehn Lämmer und zwei junge Eselsfüllen hat das gräßliche Ungeheuer bereits verzehrt; jetzt möchte es sich hier einen Leckerbissen holen und hat, von seinem Geruche geleitet, sich sicher unter uns etwas ausersehen, weil es nun gerade auf uns zu seinen etwas zögernden Weg eingeschlagen hat. Da dürfte es denn doch ratsam sein, sich diesem Todbringer ein wenig aus dem Wege zu stellen! Denn mit dieser Bestie ist wahrlich auf einem natürlichen Wege kein Kampf zu beginnen, und von einem Siege möchte da wohl schon lange keine Rede sein!“
GEJ|1|225|5|0|Sage Ich: „Lasset euch nicht im geringsten stören! Äußerlich sind wir dieses Ungeheuers alle zusammen nicht Herr, denn es ist dies ein vollkommen ausgebildeter Leviathan: aber vor unserer inneren Kraft muß er fliehen bis ans Ende der Welt; darum seid völlig unbesorgt! Eine kleine Stunde noch, und ihr habt des Todes Schranken und Grenzfesten durchbrochen, und die Herrschaft über alle Hölle und deren Heer soll euer Lohn sein!“
GEJ|1|225|6|0|Gleich nach solchen Meinen Worten läßt das Ungeheuer wieder ein paarmal nacheinander seine Knallstimme hören und bewegt sich darauf wieder ganz ruhigen, aber dabei dennoch ziemlich raschen Ganges zu uns hin, seine Freßgier durch das heftige Bewegen seiner Schlangenzunge und durch das beständige Ringeschlagen mit seinem langen und baumkräftigen Schweife nur zu handgreiflich zu erkennen gebend. Aber die Jünger sind nun in bester Verfassung und lassen ohne alle Furcht und Zaghaftigkeit das Ungeheuer auf sich losgehen.
GEJ|1|225|7|0|Als es uns in die Nähe von zehn Schritten kommt, gebe Ich bloß innerlich dem Engel Archiel einen Wink, und dieser tritt plötzlich vor das Tier hin und fragt es, sagend: „Was suchst du hier, Satan? Weiche – oder ich verderbe dich!“ Da öffnet das Ungeheuer den Rachen und gebärdet sich, als ob es reden wollte; aber der Engel gebietet ihm noch einmal zu weichen! Da stößt das Tier mehrere Knallaute von sich und eilt darauf ins Meer unter gellendem Gezische und Gepfeife.
GEJ|1|225|8|0|Als es sich aber wieder ins Meer versenkt hatte, da bewegte es eine Zeitlang das Wasser in der großen Bucht so stark, als wenn es vom stärksten Sturme aufgeregt wäre; aber alles das macht nun keinen Jünger mehr irre, und es wird Ruhe in Gott in dieser letzten Stunde mit dem größten inneren Eifer gepflegt.
GEJ|1|225|9|0|Gegen das Ende der Ruhestunde aber kommt auf einmal ein mächtiges Ungewitter. Heftige Blitze durchzucken die Luft; starke Windstöße beugen die Bäume nahe zur Erde, und starke und schwere Regentropfen, mit Hagel vermengt, entfallen schon dem finstern Gewölk.
GEJ|1|225|10|0|Einige schwächere Jünger wollten sich schon ins Haus flüchten; aber der Engel sagt: „Bleibet und erkennet des Satans leerstes Gaukelspiel!“ Da bleiben sie und halten den leeren Regen leicht aus. Es regnet zwar immer heftiger, und die Hagelkörner hüpfen ganz munter am Boden herum; aber es wird kein Mensch von einem getroffen, und der Regen macht kaum jemands Haut naß.
GEJ|1|225|11|0|Da bedräut der Engel das Gewölk, und dieses teilt sich alsobald, und es entsteht sofort der reinste Tag. Nach einigen Augenblicken aber ist die Zeit der Sichselbstbeschauung zu Ende und Baram sagt: „Herr, wie es Dir genehm ist, hier oder im Hause! Das Essen ist bereitet!“
GEJ|1|225|12|0|Sage Ich: „Laß noch eine halbe Stunde verstreichen, und es wird dann alles in der Ordnung sein! Ich muß noch einige Worte an Meine Jünger richten.“
GEJ|1|225|13|0|Baram geht wieder auf sein Schiff, allwo in einer großen Kiste mehrere Schläuche besten Weines aufbewahrt sind, und läßt sie von seinen Leuten in die Küche stellen und allda füllen alle Krüge und sagt den Köchen und Köchinnen, daß sie mit dem Anrichten noch eine halbe Stunde warten sollen und erst dann die Speisen anrichten sollen, wenn er ihnen ein Zeichen geben werde. Darauf aber begibt er sich wieder zu Mir und hört mit an, was Ich zu den Jüngern allen über diese Sichselbstbeschauung und über deren Nutzen gesagt habe.
GEJ|1|226|1|1|226. - Vom großen Segen der regelmäßigen inneren Selbstbeschau. Von der Wiedergeburt. Zauberischer Geisterverkehr — ein Weg zur Hölle. Wozu muß ein Satan sein? Des Judas Vorwitz und Zurechtweisung
GEJ|1|226|1|0|Das Gesagte aber lautete: „Ihr habt nun eine neue Art und Weise gesehen, wie der Mensch von der Materie ins stets reiner und reiner Geistige übergehen, und wie er auf diesem Wege ein Herr über sich selbst und dadurch am Ende auch über die ganze äußere Weltnatur werden kann. Darum pfleget von Zeit zu Zeit diesen Weg in Meinem Namen, und ihr werdet zu einer großen Macht über eure Leidenschaften und daraus über die ganze Naturwelt und jenseits über alle Kreatur gelangen.
GEJ|1|226|2|0|Ihr habt die argen Erscheinungen gesehen, die der Satan euch beschert hat. Sie haben euch in Furcht und Schrecken versetzt; aber ihr habt euch, auf Mein Wort vertrauend, ermannt und habt euch wieder in die Ruhe begeben und seid in solcher Ruhe volle Meister aller der bösen Vorkommnisse geworden.
GEJ|1|226|3|0|Glaubet aber ja nicht, daß ihr nun schon dem Satan seinen bösen Mut völlig abgekauft habt! Sooft ihr wieder solche Übung mit euch vornehmen werdet, da werdet ihr auch von ihm beunruhigt werden, solange ihr im Geiste nicht völlig neu geboren werdet.
GEJ|1|226|4|0|Seid ihr aber einmal wiedergeboren aus dem Geiste, dann hat der Satan alle Macht über euch für ewig verloren, und ihr werdet seine Richter sein wie auch aller jener, die er an sich gerissen hat, und die ihr ihm wieder entreißen werdet für ewig!“
GEJ|1|226|5|0|Fragt Petrus: „Wie wird man denn wiedergeboren? Muß am Ende Seele und Geist wieder in eines neuen Weibes Leib und aus demselben wieder neu geboren werden? Oder wie ist das zu verstehen?“
GEJ|1|226|6|0|Sage Ich: „Das kannst du nun noch lange nicht völlig fassen. Wenn Ich aber einmal werde aufgefahren sein dahin, von wo Ich gekommen bin, und Mein Geist deinen Geist frei machen wird, dann wirst du des Geistes Wiedergeburt schon fassen und in aller Tiefe und Fülle begreifen. Aber jetzt wäre dir solches noch nicht möglich und keinem aus euch. Aber durch die Befolgung Meiner Lehre und durch solche Lebensübungen wirst du am Ende aus und in dir selbst zu solchem Lichte gelangen.
GEJ|1|226|7|0|Das begreift man durch keine Lehre und durch keinen Unterricht von außen her, sondern es muß in sich selbst gewonnen werden auf dem Wege, der euch nun für alle Zeiten der Zeiten von Mir gezeigt wird.“
GEJ|1|226|8|0|Sagt Judas: „Herr, ich habe gewaltige Zauberer und Geisterbeschwörer und Geisterbanner gesehen; die haben geredet mit den Seelen der Verstorbenen, und diese sprachen ordentlich und gaben verborgene Dinge kund. Wie sind denn diese ins Geisterreich gedrungen? Das wird doch auch eine Art geistiger Wiedergeburt sein!?“
GEJ|1|226|9|0|Sage Ich: „O ja, aber nicht für den Himmel, welcher ist Gottes Thron, sondern für die Hölle, allwo der Satan und seine Engel hausen!“
GEJ|1|226|10|0|Sagt Judas: „Wenn so, da ist der Satan dann ja auch ein Herr mit vieler, wennschon böser Macht ausgerüstet! Ich meine aber, es wäre denn, so es möglich, doch besser, einen Satan zu vernichten, als tausendmal Tausende durch ihn vernichten zu lassen! Wozu muß in einer göttlichen Ordnung auch ein Satan sein?“
GEJ|1|226|11|0|Sage Ich: „Dazu, daß er jüngst auch dich fangen wird, weil du dich seiner also annimmst! Du hast noch lange hin, dich nur höchst schwachweg zu erkennen, geschweige die große Ordnung Gottes, die aus sehr weisen Gründen auf der Erde neben dem Tage auch eine Nacht hervorgerufen hat. Begreifst du aus dem Grunde des Grundes die irdische Nacht der Erde, und begreifst du den ewigen Tag jeder Sonne, deren jede auch eine Erde ist gleich der, die dich trägt und ernährt? – Begreifst du solches aber nicht, so frage Ich dich, wie du hier eine Frage stellen kannst, die sich nicht geziemt für einen Menschen vor seinem Herrn, Gott und Schöpfer! Möchtest du nicht auch fragen, warum ein Stein hart und warum das Wasser gar so weich ist, oder warum dir das Feuer einen Schmerz macht und das kühle Wasser keinen?
GEJ|1|226|12|0|Ich sage dir aber: So du nichts verstehst, so lerne zuvor etwas, und sei dabei stille und eines aufmerksamen Geistes; und verstehst du was aus dem Grunde, dann erst magst du reden und deinen Brüdern verfängliche Fragen vorlegen!
GEJ|1|226|13|0|Aber sieh, es ist mit dir wie mit aller Dummheit der Menschen: sie schämen sich heimlich wohl derselben, aber sie wollen diese bemänteln durch allerlei weise schimmernden Fragenprunk, bedenken aber nicht, daß sie eigentlich dadurch erst so recht ihre Dummheit auf den Markt tragen! Laß dir darum diese Meine sanften Worte zu einer Witzigung sein, sonst dürftest du einmal so recht tüchtig anrennen, und Ich werde dich so bald nicht aus dem Kote heben!“
GEJ|1|226|14|0|Diese Worte haben dem Judas seinen Fragemut bedeutend abgekühlt, und er machte darauf auch bedeutende Blicke auf den Thomas hin; aber dieser tat weise, als ob er von dieser Zurechtweisung nichts vernommen hätte, und desgleichen taten auch alle andern Jünger, und Judas war dadurch beruhigt und zog sich weislich zurück.
GEJ|1|226|15|0|Ich aber sagte zum Baram: „Nun, Bruder, magst du das Mahl fein anrichten lassen, aber diesmal in den Zimmern!“ Baram begibt sich schnell in die Küche und läßt alles schnell herrichten; wir folgen ihm, und in einer Stunde ist das Mahl ganz gemächlich eingenommen.
GEJ|1|227|1|1|227. - Die Meerfahrt nach dem Mahl. Eilbotschaft von der Erkrankung der Tochter des Jairus. Ernste Erklärung des Herrn an die Boten des Jairus. Rückkehr nach Kis
GEJ|1|227|1|0|Nach dem Mahle wird, da der Tag schön und rein ist, eine Fahrt aufs Meer unternommen. Baram richtet sein Schiff schnell zusammen, und Kisjonah macht eben auch sein großes Schiff flott, und es faßt ganz bequem die Hälfte der Jünger.
GEJ|1|227|2|0|Ich, die Hauptjünger und Baram und Kisjonah aber besteigen das vortrefflich gebaute Schiff Barams, das zwei Segel und zu beiden Seiten sechs starke Ruder hatte und daher sowohl mit Wind als auch mit Rudern getrieben werden konnte. Wir fuhren in der Richtung gen Kapernaum von dem Orte Kis, ohne aber die Absicht zu haben, nach Kapernaum zu kommen.
GEJ|1|227|3|0|Aber als wir schon etwa ein paar Stunden weit im Meere in der Richtung gen Kapernaum waren, da ersahen wir von ferne ein Schiff schnell auf unsere beiden lossteuern. Es führte Kapernaums Farbe, und als wir von seiner Richtung abbogen, um zu sehen, ob es im Ernste auf unsere beiden Schiffe angelegt hatte, da bog das Kapernaumsche Schiff auch von seiner früheren Richtung ab und verfolgte mit aller Hast unsere Richtung. Da das nun klar ward den Schiffern Barams, so fragten sie den Baram, was da zu tun sein werde; denn das Schiff Kapernaums scheine keine guten Absichten an den Tag zu legen. Baram aber fragt Mich, was wohl Ich zu dieser Erscheinung sage.
GEJ|1|227|4|0|Und Ich antwortete: „Lasset das Schiff nur auf uns zukommen, und wir werden dann schon sehen, was es für einen Willen trägt!“ Auf diese Meine Worte läßt Baram die Segel einziehen und das Rudern einstellen, und die Schiffer am Schiffe Kisjonahs tun dasselbe.
GEJ|1|227|5|0|In einer Viertelstunde sind die Schiffer vom Kapernaumschen Schiffe bei uns und fragen den Baram, ob Ich Mich auf dem Schiffe befinde; denn sie hätten zu Kapernaum in Erfahrung gebracht, daß Ich Mich in Kis aufhielte. Sie aber seien vom Obersten Jairus abgesandt, daß sie Mich bäten, nach Kapernaum zu kommen; denn es sei des Jairus Töchterlein, das Ich erst vor etlichen Wochen vom Tode erweckt hatte, abermals so sehr krank geworden, daß ihr kein Arzt mehr zu helfen vermöge. „Der Oberste befürchtet ihren Tod. Es soll euch ein großer Lohn werden, so ihr uns zu Jesu von Nazareth bringen könntet!“, sagten am Ende die Schiffer zum Baram und dessen Schiffleuten.
GEJ|1|227|6|0|Baram aber sagte: „Aus eurer Rede zu urteilen, so hat euch also eine gute Absicht zu uns geführt, und ich sage euch: Der, den ihr suchet, ist auf meinem Schiffe; aber ob Er euch wird anhören wollen und nachkommen eurer Bitte, weiß ich euch nicht zu sagen. Ich aber werde zu Ihm hinab in die Zelle gehen und werde mit Ihm reden.“
GEJ|1|227|7|0|Die Kapernaumer stellen sich damit zufrieden, und Baram kommt zu Mir hinab in die offene Zelle und will Mir das Anliegen der Kapernaumer kundtun.
GEJ|1|227|8|0|Ich aber sage zu ihm: „Bruder, erspare dir die Worte; denn Ich weiß schon lange alles und habe es dir schon in Jesaira gesagt, daß es dieser verleumderischen Art also ergehen werde. Um Mich zu verfolgen und Meine Lehre zu verdächtigen, leugneten sie, daß des Jairus Tochter krank und tot war; sie habe nur einen ganz gesunden Schlaf gehabt, aus dem Ich sie erweckt habe auf eine ganz natürliche Art und habe dann betrügerisch vorgegeben, daß Ich sie vom vollen Tode erweckte.
GEJ|1|227|9|0|Nun aber, weil solche Meine Tat ein purer Betrug war, so sollen sie das Töchterchen nur wieder also natürlich einschlafen lassen, und es wird dann wohl auch wieder natürlich erweckt werden können durch was immer für einen Naturmenschen.
GEJ|1|227|10|0|Wahrlich, diese soll von Mir nicht angerührt werden, als bis sie drei Tage im Grabe gelegen ist! Gehe hinauf aufs Verdeck und verkünde ihnen das; darauf aber spanne die Segel, und ein guter Wind soll uns in aller Schnelle seeaufwärts über die große Bucht bei Kis treiben, und es sollen diese nicht merken, wohin wir gefahren sind.“
GEJ|1|227|11|0|Baram eilt nun schnell hinauf aufs Verdeck und sagt: „Meine geehrten Abgesandten des Obersten! Mir tut es von Herzen leid, daß ich euch von Jesus, dem Herrn, keine günstige Antwort bringen kann! Aber es sind die Kapernaumer selbst schuld daran; denn damals, als Er des Obersten Töchterchen wirklich vom sichtbarsten und fühlbarsten Tode zum vollsten Leben wieder erweckt hatte, da dauerte es gar nicht lange, daß sie, die Pharisäer dieser von Ihm verwünschten Stadt, Ihn geradeheraus für einen Betrüger erklärten und haben allem Volke bewiesen und gesagt, Jairus habe Jesum nur auf eine Probe stellen wollen und habe deshalb sein kerngesundes Töchterchen auf ein eigens aufgerichtetes Totenbett gelegt, und der Betrüger Jesus, der keine Ahnung von der Falle, die ihm gelegt war, hatte, habe sie dann freilich wohl leicht vom Tode zum Leben erweckt, was er dadurch bewirkt hätte – wie ich es von einigen vernommen habe –, daß er sie, weil er am Ende doch gewahr wurde, daß sie lebe, recht stark drückend bei der Hand faßte und sie am Ende lieber aufstand, als daß sie noch länger den Schmerz des starken Druckes ertrüge.
GEJ|1|227|12|0|Es wäre des Obersten Absicht eigentlich diese gewesen – wie ich's vernommen habe –, daß sich das Töchterlein nicht hätte sollen erwecken lassen, auf daß man dann Jesum als einen vollendeten Gauner schnell hätte ergreifen und verderben können. Aber durch das Wachwerden der Tochter sei dieser schöne Plan vor dem Volke vereitelt worden; denn das Volk sei fest der Meinung gewesen, daß die Tochter, die ein paar Tage vorher zu dem Zwecke künstlich krank gehalten ward, wirklich vom Tode erweckt worden war.
GEJ|1|227|13|0|Darum wird sie nun von Ihm nimmer angesehen werden, außer vielleicht einmal als schon halbverwest im Grabe!
GEJ|1|227|14|0|Mit diesem Bescheide kehret nun wieder heim und saget es eurem Obersten, damit er an sich selbst gewahr werde, welch schwärzesten Undankes sein Herz voll ist! Er geht in keinem Falle nach Kapernaum; denn diesen Ort hat Er gesegnet von unten her für ewig!“
GEJ|1|227|15|0|Nach diesen Worten läßt Baram schnell die Segel spannen; und als die Segel aufgespannt sind, ist auch der Wind da und treibt die beiden Schiffe derart schnell weiter, daß das Kapernaumer Schiff, das keine Segel hatte und auch sonst ein sehr unansehnliches, niederes Fahrzeug war, in wenig Augenblicken so weit zurückbleibt, daß wir es ganz aus dem Gesichte verloren; und als wir oberhalb der großen Bucht bei Kis landeten und ans Land gestiegen sind und die Schiffe leer in die große Bucht einlaufen ließen, da schlug auch der Wind um und blies heftig gen Kapernaum hin.
GEJ|1|228|1|1|228. - Jairus mit den Ärzten am Sterbebett seiner Tochter Sarah. Borus von Nazareth sagt ihm die Wahrheit. Drohung der Pharisäer. Des Borus Antwort und Frage an Jairus
GEJ|1|228|1|0|Als wir den ziemlich bedeutenden Hügel erstiegen, der sich oberhalb der großen Bucht erhebt, an dessen Fuße die bekannte Herberge erbaut ist, und über den die Hauptstraße nach Jerusalem führt, so ersahen wir in weiter Ferne das Kapernaumer Schiff mit den Wogen kämpfen, und da der Wind es stets mehr und mehr zu beunruhigen begann, so hob es die Ruder in die Luft und ließ sich also in gerader Linie dem Kapernaumer Hafen zutreiben.
GEJ|1|228|2|0|Es läßt sich von selbst denken, welches Gesicht ein Jairus wird gemacht haben, als ihm die von ihm an Mich gesandten Boten die Nachricht brachten, die Ich ihnen durch Baram habe zukommen lassen.
GEJ|1|228|3|0|Jairus berief schnell alle Ärzte von weiter Umgegend zusammen, – auch der von Nazareth ward geholt; denn dieser stand als gleichsam ein Jünger von Mir im besten Rufe als ein Wunderarzt, indem er sonst auch wirklich durch bloße Händeauflegung sehr schwer Kranke augenblicklich geheilt hatte.
GEJ|1|228|4|0|Als aber der nach Kapernaum kam und die kranke Tochter besah, da fing er ganz gewaltig an, mit den Achseln zu zucken, und sprach nach einer Weile zu allen am Krankenbette stehenden Ärzten: „Der kann nur Der Hilfe bringen, der sie erschaffen hat! Seht, das Mädchen hat in großer Erhitzung bei irgendeinem Feste einen kalten Trunk gemacht und bekam dadurch die laufende Lungenfäule; in längstens sieben Tagen ist und muß es mit ihr gar sein! Wir können ihr keine neue Lunge erschaffen und somit ihr auch um die ganze Welt nicht helfen!“
GEJ|1|228|5|0|Sagt Jairus: „Was meinst du, könnte das Übel der als göttlich berühmte Jesus, der diese meine Tochter schon einmal vom wirklichen Tode erweckt hat, gleichwie Er auch die Tochter des Obersten Kornelius erweckte, bei dem vor etlichen Tagen meine Tochter dieses Übel bekam, auch nicht mehr heilen?“
GEJ|1|228|6|0|Sagt der Arzt von Nazareth: „O ja, Der wohl, so Er es wollte! Aber da habt ihr ja schon Boten hingesandt, glaube nach Kis, wo Er Sich nun zumeist bei Jonah aufhält; aber Er hat euch mit allem Grunde und Rechte eine abschlägige Antwort zukommen lassen, derwegen wir dann erst hierher berufen worden sind und können nichts mehr wirken!“
GEJ|1|228|7|0|Sagt Jairus: „Ich habe Ihn doch auf das allerhöflichste bitten lassen; und Er, der nichts als Liebe predigt, und wie man sogar seinen Feinden Gutes tun soll, gibt meinen an Ihn gesandten Boten eine solche Antwort!“
GEJ|1|228|8|0|Sagt der Arzt von Nazareth: „Keine andere, als die ihr alle, die ihr euch Diener des Allerhöchsten nennt, vom Grunde aus verdient habt! Sage mir, wie soll ein Mensch denn beschaffen sein, um bei einer solchen Benehmungsweise von eurer Seite euch noch ein Freund bleiben zu können?! Wahrlich, Gott Selbst könnte euch nicht mehr Wohltaten erweisen, als der rein göttliche Jesus euch im höchsten Vollmaße erwiesen hat! Was aber tatet ihr Ihm dafür?! Ihr verfolgtet Ihn wie einen gräßlichsten Verbrecher, und hättet ihr Seiner habhaft werden können, so hättet ihr Ihn auch schon lange getötet; weil Ihn aber offenbar Gottes Hand schützt, so tatet ihr doch das, was ihr nur immer gegen Ihn Arges tun konntet.
GEJ|1|228|9|0|Was hat euch Seine arme und überaus fromme und gottesfürchtige Mutter Maria getan, daß ihr derselben ihr ohnehin sehr kleines Häuschen mit den paar kleinen Gärten wegnehmen mußtet und sie dann noch unter öffentlicher Verspottung wegtriebet mit den Kindern Josephs, als ob sie eine gemeinste Verbrecherin wäre?!
GEJ|1|228|10|0|Warum, frage ich nun, habt ihr das getan?“
GEJ|1|228|11|0|Sagt Jairus: „Weil Er uns allenthalben verdächtigt hatte und geschimpft hatte über die Priester und über den Tempel Gottes, und da wird etwa doch Grund genug vorhanden sein?!“
GEJ|1|228|12|0|Sagt der Arzt von Nazareth namens Borus, der von Geburt ein Grieche war: „Ah – hinc ergo illae lacrimae?! Höret! Ich bin, wie ihr alle wißt, ein Grieche und habe also mit eurer Theologie nichts zu tun, obwohl sie mir durchaus nicht fremd ist. Weit entfernt bin ich, euren Moses und all die andern von euren Ahnen samt und sämtlich mißhandelten Propheten zu tadeln; denn ihre Lehren und Ermahnungen sind durchaus keine andern, als die mein innigster Freund Jesus euch vorgerupft hat, und sind daher auch voll Wahrheit und voll göttlichen Geistes.
GEJ|1|228|13|0|Betrachtet aber dagegen eure gegenwärtige Theologie und eure unter aller Kritik elendesten Tempelsatzungen und die löbliche Einrichtung des Tempels selbst, und ihr müßt selbst laut ausrufen: Quam mutatus ab illo!
GEJ|1|228|14|0|Leset neben euren gegenwärtigen Satzungen nur den alleinigen Propheten Jesajas und fahret aber danebst in einen lebendigen Glauben, laut dessen euch Jehova, Moses und die Propheten denn doch als ein bißchen mehr erscheinen müssen denn bloß als eine für eure habsüchtigen und wohllebenliebigen Zwecke gut dienliche Fabel, so müßt ihr ja doch selbst zurückschaudern vor dem schreiendsten Frevel, den ihr an der heiligen Stätte treibt!
GEJ|1|228|15|0|Wenn euch aber der göttliche Jesus, mit dem Gott doch mit Händen zu greifen wirkt, nun gleich einem Jesajas eure ungeheuren Gebrechen vorhält und euch als ein wahrer Freund wieder zu dem Gott zurückführen will, von dem ihr euch zu schmeißlich weit entfernt habt, – Frage: Verdient Er darum solch eine Behandlung von euch?!
GEJ|1|228|16|0|Wahrlich! Wäre mir Seine unbegreiflich wahrhaft göttliche, ich möchte sagen – Allmacht eigen, wir wären miteinander schon lange fertig und im reinen, so wie die zehn Schiffe nun an den Klippen zu Sibarah im reinen sind, die ihr menschenfreundlichsterweise gegen Ihn und Seine allerharmlosesten Jünger habt auslaufen lassen! Wahrscheinlich ist Ihm doch endlich einmal auch sogar Seine göttliche Geduld zu kurz geworden!
GEJ|1|228|17|0|Noch einmal gesagt: Wäre mir Seine vollwahre Allmacht eigen, ich hätte das ganze Meer Galiläas lange schon über euch alle getrieben und hätte euch gleich Mäusen und Ratten ersäuft!“
GEJ|1|228|18|0|Über diese sehr gerade Rede des Borus ergrimmen mehrere der hier anwesenden Pharisäer und sagen zu ihm: „Lege deiner losen griechischen Zunge einen Zaum an! Darum bist du nicht von Nazareth hierher berufen worden! Fürchte uns; denn wir haben Macht genug, dich zu verderben!“
GEJ|1|228|19|0|Sagt Borus: „Oh, das glaube ich euch ja von ganzem Herzen gerne; denn eure weltberühmte Menschenfreundlichkeit – scilicet – ist mir ein zu hinlänglicher Bürge! Aber freilich ist bei mir zufälligerweise ein großes Aber! Und diesem sehr bedeutungsvollen Aber zufolge hat Borus von Nazareth aber auch nicht die geringste Furcht vor euch!
GEJ|1|228|20|0|Borus ist zwar nicht also allmächtig wie ein göttlicher Jesus; aber er besitzt dennoch der geheimen Macht zur Genüge, euch alle in einem Augenblick zu verderben, und braucht dann dafür als Arzt niemandem eine Rechnung zu legen! Habt ihr mich verstanden?! Jesus aber ist ein Gott, und ich nur ein Mensch, und darum hat Er denn auch mehr Geduld als ich! Viel dürft ihr mir aber nicht machen, sonst ist es mit meiner Geduld zu Ende!“
GEJ|1|228|21|0|Hier zieht Borus ein Fläschchen aus der Tasche und zeigt es den giftigen Pharisäern mit den bedeutungsvollsten Worten: „Seht, diese Waffe ist mächtiger als zehn Legionen. Ich weiß mich zu schützen; aber wie ich es öffne, so seid ihr alle im Augenblick tot! Und sehet, auch über dies Fläschchen da steht das große, bedeutungsvolle Aber geschrieben! Wollt ihr mit mir nun was anfangen, so werden wir sogleich im reinen sein!“
GEJ|1|228|22|0|Die Pharisäer erschrecken ganz entsetzlich über den Anblick dieses todbringenden Fläschchens, in welchem ein höchst scharfes und schnell tötendes Gift aufbewahrt war, das bei seinem höchst scharfen und sich überaus schnell verbreitenden Geruch alles betäubt und tötet, dessen Nüstern es erreicht.
GEJ|1|228|23|0|Es war aber dies Gift ein Arkanum, das später ganz verlorenging; es ward aber dies Gift aus einem Strauche genommen, der hier und da im äußersten Indien wächst und daselbst, wo er vorkommt, eine weite Strecke um sich alles Leben vernichtet. Solches wissen die Pharisäer und sind darum nun ganz stumm vor Angst, und Jairus bittet den Borus, daß er dies Fläschchen wieder einstecken möchte.
GEJ|1|228|24|0|Borus tut es auch, sagt aber zum Jairus: „Freund, wie kann man aber einen Jesus, der dir eine nie erhörte Wohltat erwies, gar so schmählich verfolgen lassen!? Sage mir aufrichtig, ob du es denn wirklich nicht einsiehst, daß Er mit jedem Seiner heiligen Worte recht hat, oder willst du es im Ernste nicht einsehen?!“
GEJ|1|229|1|1|229. - Des Jairus feige und weltängstliche Antwort. Des Borus offene und scharfe Rüge. Über die Vergeltung im Jenseits. Borus versagt dem furchtsamen Jairus seine Hilfe
GEJ|1|229|1|0|Sagt Jairus: „Freund, ich verstehe dich besser, als du es meinst; aber es gibt nun Dinge, die, wenn man sie auch noch so wohl verstände, in bezug auf des Menschen weltliche Stellung gar nicht verstanden werden dürfen!
GEJ|1|229|2|0|Du mußt als ein in der Welt hochstehender Mensch gar oft lachen, wo du im Grunde weinen möchtest, und mußt oft trauern, wo du dich im Grunde bis zum Hüpfen und Tanzen freuen möchtest. Was kannst du aber machen als ein einzelner, für dich allein dastehender Mensch?! Kannst du wider den reißenden Strom schwimmen, so du einmal in seiner Gewalt bist?!
GEJ|1|229|3|0|Wir Menschen aber haben eine empfindliche Haut und einen noch empfindlicheren Magen; diese beiden wollen befriedigt sein, und es bleibt uns daher nichts übrig, als entweder Verstand und Vernunft rein auf einen Nagel zu hängen und mit dem Schwalle mitzurennen oder als irgendein verachteter Bettler irgendwo in einem Winkel der Erde zu verenden wie ein durch ein Wurfgeschoß verwundetes Wild.
GEJ|1|229|4|0|Glaube mir, daß ich, unter uns gesprochen, Christum besser kenne als du; aber was nützt alles das gegenüber Rom und Jerusalem?! Rührst du dich, so hast du den letzten Tag gelebt!
GEJ|1|229|5|0|Jesus mag im Ernste ein Sohn des allerhöchsten Gottes sein, woran ich bei mir selbst nicht den geringsten Zweifel habe; darf ich aber meiner irdischen Stellung wegen meinen innern Glauben, ja meine innere Überzeugung öffentlich aussprechen?! Und täte ich es, was dann mit unsereinem?!“
GEJ|1|229|6|0|Sagt Borus: „Was dann, was dann? – So hat allzeit die Welt ihres Wohllebenhanges wegen elende Fragen gestellt an irgendeinen Freund, dem die reine Wahrheit allzeit mehr galt als alle Reiche der mit allem Fluche beladenen Welt; und darum hat auch die heilige Wahrheit allzeit ihr bestimmtes Grab in der Haut und im Bauche des wohllebensgierigen Menschen gefunden!
GEJ|1|229|7|0|Wem um das Wohlleben und einen glänzenden Ruf der Welt mehr zu tun ist als um die göttliche Wahrheit, der kommt selbst beim angeborenen besten Gemüte in solche Fragen und Bedenklichkeiten, zieht sich vom göttlichen Lichte in die Finsternis der Welt zurück und verleugnet also Gott und alles Licht aus Ihm, – und frage: Warum? – Was legt ihm das als eine Notwendigkeit an sein Herz? Sieh, nichts als sein Hang zum Wohlleben aller Art! Gierig hascht er darum nach allem, womit er sich das verschaffen kann, was ihm das Wohlleben als fixiert sichern kann; und hat er mit oft vieler Mühe und Beschwerde das erreicht, danach er rein seiner weltlichen Sinnlichkeit wegen getrachtet, so wirft er alle Wahrheit sogleich über Bord; und so er irgend nur im geringsten merkt, daß er durch sie etwa in seiner glänzend gestellten Wohllebensstufe irgendeinen Eintrag erleiden könnte, so wird er lieber selbst zu einem Tyrannen wider alles, das nur ein Fünklein echter Wahrheit in sich trägt.
GEJ|1|229|8|0|So er aber dann elend wird und krank und kommt zum Arzte, so will er nichts als möglich wahre Hilfe! Warum denn da Wahrheit, und warum sonsten nirgends?!
GEJ|1|229|9|0|Da sieh hin! Deine Tochter liegt in einer unheilbaren Krankheit; was gäbst du nun für eine wahre Medizin, die Hilfe brächte dem Leibe deiner Tochter?! Ich sage dir als ein wohlerfahrener Arzt, daß es wohl eine einzige wahre Medizin gäbe, die der Tochter plötzliche Hilfe brächte, und solch eine Medizin wäre dann doch sicher volle Wahrheit im Verhältnis zur Leibeskrankheit deiner Tochter! Ja, für diese Wahrheit gäbst du nun alles her; aber für eine Wahrheit, durch die gesund würde deine Seele, gibst du nicht nur nichts, sondern verfolgst sie noch deines Wohllebens wegen, wo sie sich nur immer blicken läßt! Sage: Wohin gehört ein solches Benehmen?
GEJ|1|229|10|0|Du weißt so gut als ich, daß im Tempelmiste keine Wirkung ist; du weißt, daß alle derlei Dinge ein gräßlicher Aberglaube sind, ganz geeignet, jeden Funken besseren Lichtes beim schwachen Volke zu ersticken, und dennoch würdest du den als einen Heiligtumsschänder mit Feuer und Schwert verfolgen, der aus deinen Glaubensgenossen es wagen würde, darüber offen sein Wort zu erheben.
GEJ|1|229|11|0|Denke dir aber nun einen ewigen gerechten Gott, der das Licht und die unwandelbarste ewige Wahrheit Selbst ist und mit Sich nicht handeln läßt; was wird Dieser dereinst zu solchen Dienern sagen, wie du einer bist?!
GEJ|1|229|12|0|Wahrlich, keiner aus euch wird Ihm auskommen! Ob ihr nun glaubet oder auch nicht glaubet, so gibt es dennoch ein großes Jenseits über der Pforte des Grabes, wo einem jeden genau vergolten wird nach seinem Tun und Handeln!
GEJ|1|229|13|0|Mir ist es nicht unbekannt; denn ich habe es gesucht und habe es auch gefunden. Ich habe mein ewiges Leben in meiner Hand, und ich gäbe tausend Leibesleben darum, so es möglich wäre, so ich's nicht anders haben könnte, als um diesen Preis.
GEJ|1|229|14|0|Aber ich habe es, und das ewige Leben hat mich gelehrt, das Leben des Fleisches zu verachten und nur soviel Wert daraufzulegen, als es mir dienlich ist und sein soll, damit das ewige Leben der Seele mir in aller Fülle eigen zu machen; und daß ich solches in aller Klarheit und Wahrheit erreicht habe, verdanke ich niemandem denn allein Jesus, der mir dahin den verborgenen Weg gezeigt hat.
GEJ|1|229|15|0|Und diesen Jesus, diesen Gott unter allen Menschen, verfolget ihr mit Feuer und Schwert und werdet schwerlich eher ruhen, als bis ihr Ihm das getan haben werdet, was eure Väter allen Propheten getan haben!
GEJ|1|229|16|0|Aber dann wehe euch! Gott hat euch, die ihr euch allerschändlichsterweise Sein Volk, Seine Kinder nennet, einen Gott aus den Himmeln gesandt; jedes Seiner Worte ist eine ewige Wahrheit aus Gott, für jeden ehrlichen Menschen mit Händen zu greifen, und ihr wollt Ihn töten, weil Er euren alten Tempelmist verwirft!
GEJ|1|229|17|0|Wehe euch! Gottes Zorn wird jüngst schrecklich über euch kommen!
GEJ|1|229|18|0|Ja, ich könnte deiner Tochter wohl noch helfen; ich fühle nun die Kraft in mir. Aber ich will ihr nicht helfen, denn ihr alle seid Teufel und keine Menschen mehr! Den Teufeln aber werde ich nie eine hilfreiche Hand bieten!“
GEJ|1|229|19|0|Diese Rede drang gleich glühenden Pfeilen in das Herz des Obersten; er sah zwar die Tiefe der Wahrheit ein und wollte schon seine Stelle niederlegen; aber er fürchtete das Aufsehen und sagte zum Borus:
GEJ|1|229|20|0|„Fein bist du durchaus nicht; aber deine Worte sind wahr. Könnte ich, ohne viel und gewisserart verderbliches Aufsehen zu erregen, meine hohe Stelle nun über meinen Rücken werfen, wahrlich, ich wäre um der Genesung meiner geliebtesten Tochter willen völlig bereit dazu! Aber bedenke das furchtbare Aufsehen, welches durch diesen Schritt bewirkt würde! Darum muß ich es vorderhand auf eine bessere Zeit verschieben.“
GEJ|1|229|21|0|Sagt Borus: „Ich habe ausgeredet und gehe nun wieder meines bessern Weges, als der war zu dir her. Denn hier ist offenbar die Hölle auf der Erde, und in der kann kein Engel was Gutes wirken, geschweige ich als immerhin noch ein schwacher, dem Leibe nach sterblicher Mensch!“
GEJ|1|229|22|0|Mit diesen Worten verläßt Borus unaufhaltsam das Haus des Obersten und eilt sehr aufgeregt davon. Das ging am zweiten Tage, als wir am Meere den abgesandten Boten begegneten, in Kapernaum vor sich.
GEJ|1|229|23|0|Ich aber nahm am Hügel Rast und gab diese ganze Begebenheit einen ganzen Tag vorher kund, als sie sich am Tage darauf in der Wahrheit zugetragen hat.
GEJ|1|230|1|1|230. - Der Jünger Freude über das Verhalten des Borus. Marias Dank. Kisjonahs Geschenk an Maria und die Söhne Josephs, eine schöne Besitzung. Des Joses, Josephs Sohn, Gottergebenheit. Des Herrn tröstliche Voraussage. Neue Geschehnisse in Kis.
GEJ|1|230|1|0|Nach solcher Erzählung, bei der alle Jünger den ihnen wohlbekannten Arzt Borus hätten umarmen und küssen mögen, aber begaben wir uns wieder nach Kis und trafen daselbst gerade bei untergehender Sonne ein.
GEJ|1|230|2|0|Baram aber war auch schon mit dem Abendmahle in vollster Bereitschaft, und wir ließen es uns nach getaner wichtiger Arbeit recht wohl schmecken. Das Mahl brachte auch den Judas in eine etwas bessere Stimmung, und er lobte den Mut des Borus, den er auch recht wohl kannte.
GEJ|1|230|3|0|Nach dem Mahle ward noch lange davon gesprochen; selbst die Mutter Maria konnte den Borus nicht genug segnen, daß er sich auch ihrer beim Obersten annahm, der eigentlich ihr den kleinen Haushalt wegnehmen ließ.
GEJ|1|230|4|0|Ein ältester Sohn Josephs sagte: „Am Ende wird uns unsere treu erworbene Besitzung dennoch wieder zurückgestellt?!“
GEJ|1|230|5|0|Sagt Kisjonah: „Freund, wünsche es nicht! Sieh, hier habt ihr alle ein besseres Sein und seid dabei vor allen Verfolgungen sicher, und ich gebe euch vollkommen zu eigen die Herberge dort an dem obern Ende der großen Bucht und bei hundert Acker (Joch) Gründe dazu, und bei solchem Tausche mögt ihr die kleine Besitzung wohl verschmerzen, und von hier habt ihr auch mehr denn eine halbe Tagereise näher nach Jerusalem denn von Nazareth aus.“ Und Joses ist damit völlig einverstanden; doch fragt er auch Mich um Meinen Rat.
GEJ|1|230|6|0|Und Ich sage: „Was besser ist, das ist allzeit besser; darum nimm es, aber halte es nie dir als zu eigen, sondern nur als eine von Gott für diese kurze Zeit geliehene Sache!“
GEJ|1|230|7|0|Sagt darauf Joses: „Herr und Bruder! Solches hat uns schon der Vater Joseph gelehrt, und so haben wir denn auch die kleine Besitzung in Nazareth nie als irgendein Eigentum, sondern rein nur als eine für diese kurze irdische Lebenszeit von Gott dargeliehene Sache angesehen, für die wir Ihm auch täglich mit Dir Selbst gedankt haben und haben Ihn auch daneben allzeit gebeten, daß Er uns solches Kleinod zu unserer irdischen notdürftigen Erhaltung bewahren möchte. Er hat es auch bewahrt, solange es Sein heiliger Wille war; nun aber sage ich mit Hiob: Der Herr hat es uns gegeben, und da es Ihm wohlgefiel, hat Er es uns wieder genommen. Sein allein heiliger Wille geschehe, und Ihm allein sei alle Ehre, alles Lob und aller Preis! Was Gott nimmt, das kann Er reichlich wiedergeben. Nun, darüber sind wir als Deine irdischen Brüder und Schwestern ganz in der Ordnung; aber man hat uns auch all unser Werkzeug und alles Hausgerät genommen. Da glauben wir denn doch, daß uns solches zurückgestellt oder wenigstens ein anderes brauchbares dafür verschafft werden solle!“
GEJ|1|230|8|0|Sage Ich: „Sei darob ruhig; in drei Tagen ziehen wir nach Nazareth, und es wird uns alles zurückgestellt werden müssen! Haben wir ja doch einen Engel mächtigsten Ranges bei uns! Einen Wink, und es ist alles in der Ordnung; und sollte uns einer nicht genügen, da stehen jeden Augenblick Legionen zu unseren Diensten bereit!
GEJ|1|230|9|0|Ich sage es: Was Ich dem Vater vortrage in Meinem Herzen, das tut Er; und was da will der Sohn, das will auch der Vater in Ewigkeit gleichfort, und es ist da nie ein Unterschied zwischen dem Willen des Vaters und dem Willen des Sohnes! Denn glaubet es Mir: Vater und Sohn sind nicht zwei, sondern in allem vollkommen eins! Darum seid nun ruhig und glaubet, daß es also ist!“
GEJ|1|230|10|0|Sagt Joses: „Herr und Bruder, wir glauben ja alle, und wie sollen wir es nicht glauben, da wir von Deiner Geburt an ja immer um Dich waren und haben Zeichen in einer Unzahl gesehen, die uns nur zu laut verkündet haben, wer Du seiest. Der Bruder Jakob hat ja ein ganzes großes Buch voll geschrieben von Deiner Geburt an bis zu Deinem zwanzigsten Lebensjahre, von welcher Zeit an bis zu Deinem jetzigen Lebensalter Du kein Zeichen mehr gegeben hast und hast mit uns wie ein ganz gewöhnlicher Mensch gearbeitet und gelebt, so daß wir schon beinahe vergessen hätten, wer Du seist, wenn der vor ein paar Jahren erfolgte Leibestod unseres geliebten Vaters Joseph uns nicht einen gewaltigen Stoß gegeben hätte.
GEJ|1|230|11|0|Als nämlich Joseph in Deinen Armen verschied, da waren seine letzten Worte von einem seligst verklärten Lächeln begleitet, und diese letzten Worte lauteten:
GEJ|1|230|12|0|,O mein Gott und mein Herr! Wie bist Du doch mir gar so gnädig und barmherzig! Oh, ich sehe nun, daß es keinen Tod gibt; ich werde ewig leben! Ach, wie herrlich, Gott, sind Deine Himmel! Kinder, sehet Den, der nun mein sterbend Haupt mit Seinem Arme unterstützt! Es ist Der mein Gott, mein Schöpfer! O wie selig ist es, in den allmächtigen Armen seines Schöpfers zu sterben für diese armselige Welt!‘
GEJ|1|230|13|0|Nach diesen Worten verschied er, und wir haben alle laut geweint; nur Du allein hast nicht geweint. Wir aber begriffen es, warum Du nicht geweint hast!
GEJ|1|230|14|0|Und siehe, von diesem Augenblick an konnten wir nimmer vergessen, wer Du bist; denn das hatte Joseph in der letzten Stunde seines diesirdischen Lebens nur zu klar ausgesprochen! Wie sollen wir nun nicht glauben alles, was Du sagst, da wir wohl wissen, wer Du im Grunde des Grundes bist?!“
GEJ|1|230|15|0|Sage Ich: „Ganz gut, Meine lieben Brüder! Daß ihr hier also geredet habt, ist völlig recht; denn wir sind hier als schon völlig eingeweiht beisammen, und solch eine Wissenschaft kann niemandem mehr zum Gerichte gereichen, außer einem, so er daran geheimen Anstoß nimmt! (Es war damit Judas gemeint.)
GEJ|1|230|16|0|Aber so wir unter fremden Weltkindern uns befinden, da müsset ihr sorgsamst davon schweigen! Nun aber begeben wir uns zur Ruhe, auf daß wir morgen früh bei irgendeiner Arbeit sein können!“ Darauf begibt sich alles ganz selig zur Ruhe.
GEJ|1|231|1|1|231. - Eine templerische Räuber- und Schmugglerbande, von Kisjonahs Leuten gefangengenommen. Kisjonahs und des römischen Richters Anordnungen in dieser Sache
GEJ|1|231|1|0|Nur Kisjonah, Baram, Jonael und Jairuth mit dem Diener Archiel gehen ins Freie, und Kisjonah sieht nach, ob alles in der Ordnung in seinem großen Haushalte ist. Überall ist alles in der besten Ordnung, und die Schrankenzieher und Wächter sind munter und zeigen ihrem Herrn an, daß es in dieser Nacht noch einen wichtigen Fang geben werde, der ihnen bereits angezeigt ist.
GEJ|1|231|2|0|Kisjonah fragt emsig nach, worin dieser bestände, und ob es nicht irgend Arme beträfe, die ihre spärlichen Vorräte auf irgendeinen Markt bringen, um daraus ihre Steuerpfennige zu lösen.
GEJ|1|231|3|0|Da sagt der Oberschränkner: „Herr und Gebieter! Du weißt, wie sehr wir alle deine höchst gerechten und für die arme Menschheit wahrlich übermilden Anordnungen ehren und respektieren; aber bei diesem Fange gibt es keine Armut, sondern eine vielfache Schändlichkeit von seiten der jüdischen Pharisäer und Priester und Leviten.
GEJ|1|231|4|0|Diese haben von Kapernaum aus eine Menge der allerschmählichsten Pfändungen und Bedrückungen im weiten Umkreise vorgenommen, und heute nacht um die Mitternachtsstunde werden sie allerlei Vieh, Getreide, Wein und Gerätschaften aller Art nach Jerusalem zum Verkaufe führen, aber nicht auf dem Gesetzeswege, sondern auf einem von ihnen eigens zugerichteten Schleichwege durchs Gebirge.
GEJ|1|231|5|0|Du weißt, daß von hier wegen des starken Felsens, der mit seiner hohen und steilen Wand ins Meer hineinragt, zu Lande nach Sibarah, wo deine Vormaut sich befindet, die du immer in Pacht gibst, kein Weg möglich ist; man muß also rechten Weges von Sibarah bis hierher auf den bestimmten Landungsplatz Menschen, Vieh und alle andern Effekten zu Wasser bringen lassen, oder man fährt bei ruhigem Meere, was selten der Fall ist, geraden Zuges nach Pirah, allwo wieder deine Maut ist, die nun auf zehn Jahre verpachtet ist.
GEJ|1|231|6|0|Um aber allen deinen Mauten auszuweichen, haben die reichen Pharisäer durch Roboter (Fronarbeiter) einen Schleichweg durchs Gebirge machen lassen, und zwar schon auf samaritanischem Landesgebiet, und auf diesem Wege machen sie heute den ersten Versuch.
GEJ|1|231|7|0|Ungefähr bei zweitausend Schritte von hier taleinwärts gegen Kana hin werden sie übers Tal brechen an der Stelle, wo über den Bach eine von uns erbaute Brücke führt, die Straße, die noch lange auf deinem Grunde sich fortzieht, über den Bach geht und an des Tales linker Seite sich nach Kana hinaufzieht; wir haben aber schon frühzeitig bei zweihundert wohlbewaffnete Aufseher, Wächter und Häscher auf den besten Punkten aufgestellt. Ich sage dir, Vater und Herr, nicht eine Maus kann durchkommen! Diesen schlechtesten Bösewichtern wollen wir den Jehova kennenlehren, daß sie ihr Leben lang an Ihn denken sollen!“
GEJ|1|231|8|0|Sagt Kisjonah: „Das habt ihr wohl und gut angestellt; euer Lohn wird euch nicht entgehen! Das Geld, das die Verkäufer mit sich führen, wird als Beute genommen, und alles Vieh, Getreide, Mehl und Gerätschaften aber bleiben hier so lange, bis die Frevler alle jene, denen sie es gewaltsam abgetrieben haben, genau angeben und wir es ihnen dann gewissenhaft wieder anheimstellen.
GEJ|1|231|9|0|Für das aber, daß sie sich durch meine Berge und Waldungen ohne meine Erlaubnis einen Weg gebahnt haben, werden sie zu tausend Pfund Silber als Strafe vom römischen Richter, der hier in meinen Häusern sein Amt aufgerichtet hat, verurteilt; davon fallen zwei Drittel dem Kaiser und ein Drittel meiner Kasse anheim nach dem hier eigens bestehenden Gesetze.“
GEJ|1|231|10|0|Es kommt aber nun eben der römische Richter herbei und fragt, was es da an der Schranke gäbe, ob etwa verdächtige Menschen erwartet werden, und ob man einer militärischen Assistenz bedürfe. Der Oberschränkner aber macht den Richter auf das aufmerksam, wovon er ihm schon am Tage die Anzeige gemacht hatte.
GEJ|1|231|11|0|Sagt der Richter: „Ah, das ist es! Na, seht, daß ihr die schwarzen Wichte fangt! Wir werden ihnen dann hier von Roms Sitten und Gesetzen einige handgreifliche Lektionen geben! Denen soll in alle Zukunft die Begierde vergehen, Roms Untertanen zu Bettlern zu machen, daß sie dann unfähig sind, dem Kaiser die erforderliche Steuer zu entrichten, während von den schwarzen Wichten nie ein Stater herauszubringen ist! Die Kerle schützen ihre ewige Armut vor und vergraben Gold, Silber, Perlen und Edelsteine in großen Massen. Und die Kapernaumer sind so ganz die rechten, gleichwie auch die von Chorazin! Na, freut euch, ihr Hauptspitzbuben, euch soll das Handwerk auf eine Art gelegt werden, daß ihr daran denken sollt euer Leben lang!“
GEJ|1|231|12|0|Als der Richter solches noch kaum ausgeredet hatte, so vernimmt man auch schon ein großes Geschrei von der Ferne aus dem Tale her, und der Schränkner fängt an sich die Hände vor Freude zu reiben und sagt ganz lakonisch: „Aha, aha, sie sind schon zusammengewachsen; in einer Viertelstunde werden sie schon hier sein. Jetzt nur geschwind alle Pechpfannen anzünden, damit es im Tale helle werde wie am Tage und keiner der Spitzbuben entwischen kann!“
GEJ|1|231|13|0|Nun werden schnell bei vierzig große Pechpfannen angezündet, die ganze Gegend weit und breit hell erleuchtet, und die Anzünder sind kaum mit ihrer Arbeit fertig, so kommt schon der erste Trieb, bestehend aus zwölf Pharisäern, die als Abgeordnete den Raub nach Jerusalem zu führen und dort zu verkaufen hatten.
GEJ|1|231|14|0|Die rüstigen Begleiter stellen die zwölf gebundenen Pharisäer vor der Schranke auf und sagen zum Kisjonah: „Herr, da sind einmal die Hauptvögel, fünf aus Kapernaum, drei aus Nazareth und vier aus Chorazin! Lauter Mordkerle, die ihr Geld wert sind! Hintenher folgt aber nun allerlei, eine Masse Ochsen, Kühe, Kälber, Ziegen, Schafe, bei vierhundert mit Getreide beladene Esel samt Füllen, ebensoviele Maultiere mit Weinschläuchen belastet und abermals bei fünfhundert Esel und Saumrosse mit gebundenen Mägdlein und Knaben schönster Bildung im Alter zwischen zwölf und achtzehn Jahren, die alle für den großen Markt nach Sidon bestimmt waren. Danebst natürlich eine Menge Diener dieser zwölf Hauptvögel! Alles das wird sogleich da sein; macht daher nur Platz, daß wir alles das gehörig unterbringen können!“
GEJ|1|231|15|0|Sagt Kisjonah: „Nur sogleich die großen Pfandstallungen am Meere öffnen; dort kann alles untergebracht werden, und für die Kinder die große Herberge hier oben am Berge, und sogleich sorgen, daß sie was zu essen und zu trinken bekommen; denn diese zwölf Unmenschen werden ihnen am Wege sicher ein spärliches Futter gereicht haben. O Gott, o Gott, warum läßt Du denn solche Teufel auf der Erde Gewalt haben über die arme friedsame Menschheit?!“
GEJ|1|232|1|1|232. - Befreiung und Versorgung der geraubten Kinder. Des Herrn Rat bei der gerichtlichen Belangung der pharisäischen Übeltäter
GEJ|1|232|1|0|Man hört nun schon das Gejammer der Kinder, die mit Gewalt aus den Armen ihrer Eltern gerissen wurden. Kisjonah und Baram, Jonael und Jairuth mit dem Engel eilen den Kindern entgegen; der Richter aber läßt die zwölfe sogleich eng schließen und in ein festes Gefängnis treiben.
GEJ|1|232|2|0|Bald darauf kommt der Kinderzug an; der Engel löst in einem Augenblick alle von den sie tragenden Eseln und Saumrossen los, und es sind deren mehr, als die ersten Treiber, die die zwölf Hauptvögel gebracht haben, angegeben haben, da auf manchem Saumrosse bei drei zusammengebunden waren. Alle Kinder beben vor Furcht und Angst, weil sie meinen, daß ihnen hier was Übles begegnen werde; aber der Engel redet sie allerliebfreundlichst an und sagt ihnen, daß ihnen hier nicht nur nichts Schlimmes, sondern nur was sehr Gutes begegnen werde, und daß sie schon am nächsten Tage sich wieder in den Armen ihrer um sie über die Maßen trauernden Eltern befinden werden. Da wurden die Kinder ruhiger.
GEJ|1|232|3|0|Einige klagen jedoch über Schmerzen, die ihnen die Bandriemen verursacht haben; einige hatten blutige Stellen an ihrem zarten Leibe; denn sie sind geschlagen worden, so sie weinten, weil sie durch ihr Weinen die ganze große Karawane verraten könnten. Die meisten waren nackt; denn als bekleidet hätten sie am Wege von Kapernaum bis gen Sibarah, das auch umgangen wurde, ja vielleicht von irgendwem erkannt werden können, der dann den Zug irgendwo hätte verraten können. Es mußte also auch für die notdürftigste Bekleidung gesorgt werden.
GEJ|1|232|4|0|Kisjonah gab sogleich eine Masse seiner Leinwand her, und alles mußte sogleich Leibschürzchen machen, so daß am Morgen alle Kindlein, und zwar jegliches eine Schürze bekam; viele Hände sind bald mit einer großen Arbeit fertig. Die Kinder wurden aber sogleich in die große Herberge gebracht, die der Kisjonah etwas oberhalb der Schranke eigens hatte erbauen lassen.
GEJ|1|232|5|0|Als die Kinder in der Herberge untergebracht waren, da kam aber auch schon der Haupttransport mit Vieh und all den andern Sachen an. Alles wurde in Empfang genommen und wohl untergebracht; die Knechte der zwölf aber wurden auch in einem großen Gefängnisse gebunden versorgt.
GEJ|1|232|6|0|Als dieser Rummel vorüber war und die Wächter allenthalben verteilt, so begab sich endlich auch Kisjonah mit seinen vier Begleitern zur Ruhe, welche aber eben nicht gar zu lange dauerte, da sie spät begann und der kommende Tag viele und große Geschäfte bot.
GEJ|1|232|7|0|Bis zum Aufgange blieb alles in der Ruhe; aber mit dem Aufgange war auch schon alles auf den Beinen, und des Kisjonah erster Gang war zu Mir, um Mir alles kundzugeben, was sich in der Nacht zugetragen hatte, und um natürlich auch Meinen Rat, was nun vor Gott Rechtens zu tun wäre, einzuholen.
GEJ|1|232|8|0|Ich aber kam ihm zuvor und erzählte ihm, was sich in dieser Nacht ereignet hatte, und gab ihm aber auch den Rat, was er nun schleunigst zu tun habe. Der Rat aber bestand darin und lautete also:
GEJ|1|232|9|0|„Bruder, vor allem entsende schnell einen vom hiesigen kaiserlichen Gerichte beglaubigten Boten nach Kapernaum zum Obersten Kornelius, auf daß er einen Kommissär hierher sende, damit dieser die zwölf Sünder examiniere und über sie ein Urteil schöpfe, und daß allen Beteiligten, die die zwölf angeben werden müssen, ihr geraubtes Vieh und hauptsächlich aber ihre Kinder zurückgestellt werden in kürzester Zeit! Denn für diesen großartigsten Spitzbubenfall ist das hiesige Spezialgericht zu klein und in solchen Fällen auch nicht kompetent. Aber von Mir soll dabei keine Erwähnung geschehen!
GEJ|1|232|10|0|Die zwölf Pharisäer aber werden noch dem Obergerichte zu schaffen machen! Es wird ihnen des Raubes wegen nicht an den Leib kommen können. Auch die Umgehung der Maut wird sie nicht genieren; denn sie haben im ganzen Lande den Freipaß; und weil sie des Landes Kinder sind, so kann von ihnen nach dem Gesetze ohnehin kein Zoll genommen werden, und sie haben auch deshalb nicht die Maut umgangen, sondern allein aus Furcht vor dem Volke. Denn sie haben bei ähnlichen Gelegenheiten schon Lehrgeld bezahlt und haben sich darum einen geheimen Weg nach Jerusalem gemacht.
GEJ|1|232|11|0|Es liegt daher nur eine Causa vor, für die sie vom Gerichte zu einem starken Schadenersatz verurteilt werden können, und das ist der Waldfrevel, den sie in deinen Waldungen verübt haben, und da wird all das Pfandzeug, das sich nun in deinen Händen befindet, lange nicht hinreichen, auch samt dem Gelde nicht, das sie bei sich führen.
GEJ|1|232|12|0|Laßt daher als zweite Notwendigkeit auch schnell fachkundige Schätzleute in Begleitung einer Gerichtsperson in den Wald gehen und den Schaden erheben, auf daß, so das Obergericht hierher kommt, schon alles da ist, was zur gültigen Fällung eines rechtskräftigen Urteiles vonnöten ist; denn sonst zieht das Gericht die Untersuchungen ins lange und breite, und die hart Benachteiligten kämen zu ihrer Sache vielleicht erst in einem Jahre. Ist aber alles da, was dem Gerichte als nötig erscheint, so kann dasselbe auch schnell ein Urteil schöpfen und nach dem Urteile zur Exekution übergehen.“
GEJ|1|232|13|0|Nach dieser Information begibt sich Kisjonah sogleich zu seinen Amtleuten und bestellt alles alsogleich, was Ich ihm geraten habe.
GEJ|1|232|14|0|Ein kleines Segelschiff fährt bei einem sehr günstigen Winde eiligst nach Kapernaum ab, und der römische Richter selbst mit acht unter Eid genommenen Schätzleuten begibt sich schnell auf das Gebirge, das von Kis aus die linke Seite des Tales begrenzt, und sendet einen Kommissär mit acht andern, ebenfalls beeideten Schätzleuten auf das Gebirge zur Rechten des Tales.
GEJ|1|232|15|0|Bis um die vierte Stunde nachmittags treffen ein Obergerichtskommissär mit zwei Schreibern und die Schätzleute von beiden Bergen mit dem genau erhobenen Schaden ein.
GEJ|1|233|1|1|233. - Scharfes Verhör der zwölf Pharisäer. Das den Templern günstige Zeugnis des Cäsar Augustus
GEJ|1|233|1|0|Es werden nun schnell Voruntersuchungen angestellt, und als die bald beendet sind, so werden die zwölfe vorgeführt. Als der Oberrichter sie befragt, so sagen sie: „Wir sind Herren für uns und haben unser Gericht im Tempel zu Jerusalem; außer Gott und diesem Gerichte aber sind wir für all unser Tun und Lassen niemandem irgendeine Antwort zu geben schuldig und so magst du uns fragen, wie du willst, so wirst du dennoch keine Antwort mehr von uns erhalten; denn wir stehen auf gesetzlichem Boden, der sehr fest ist, und ihr werdet uns nichts anhaben können.“
GEJ|1|233|2|0|Sagt der Richter: „Für derlei Renitenzen  habe ich ein Mittel bei mir; es besteht in Rute und Peitsche! Diese werden euch schon zum Reden bewegen! Denn das Gericht kennt keinen Standesunterschied; vor dem Gesetz ist jeder gleich!“
GEJ|1|233|3|0|Sagt der erste der zwölf Pharisäer: „Oh, dies Mittel kennen wir und seine Kraft und Wirkung; aber wir kennen noch ein anderes Mittel! So wir uns dessen bedienen wollen und wahrscheinlich werden, da dürften wir schier die letzten sein, über die du ein Gericht zu halten wagst! Kennst du das berühmte Zeugnis vom Cäsar Augustus, das er eigenhändig geschrieben den Priestern Jerusalems zukommen ließ, wo er sagt:
GEJ|1|233|4|0|,Diese Priesterkaste ist dem Kaiserthrone Roms günstiger denn jede andere; darum sollen aber auch alle ihre Gesetze und Privilegien als heilig beschützt sein! Weh dem, der sie angreift! Der Frevler soll als ein Hochverräter zur schärfsten Strafe gezogen werden!‘ Dieses Gesetz gilt gleichfort, heute so wie vor dreißig Jahren. So es dir unbekannt sein sollte, haben wir es dir nun ins Gedächtnis gerufen. Tue nun, was und wie es dir beliebt; wir aber werden dann tun, wie es uns belieben wird!
GEJ|1|233|5|0|Wir haben unsere Pfänder mit allem gesetzlichen Recht in unseren Händen, und niemand kann und darf sie uns nehmen. Momentane Gewalt kann solches wohl tun, da unsere Gegengewalt zu geringe ist; aber so wir uns hier auslösen, müssen wir in die Freiheit gesetzt werden, und dann werden wir eine weitere Verhandlung zu veranlassen verstehen!“
GEJ|1|233|6|0|Sagt der Oberrichter: „Wegen des Pfandes, das ihr vor Gott und allen ehrlichen Menschen zwar auch vielmehr als einen schmählichsten Raub denn als irgendein wahrhaft rechtliches Gut an euch gerissen habt, sitze ich hier auch gar nicht zu Gerichte über euch, da ich leider nur zu gut weiß, welche Privilegien ihr durch eure Heuchelkünste dem Kaiser abgenötigt habt.
GEJ|1|233|7|0|Hätte euch ein Augustus gekannt, wie ich euch kenne, wahrlich, ihr hättet von ihm ein ganz anderes Zeugnis überkommen! Aber leider hat er sich durch einen falschen Schimmer täuschen lassen und hat euer Lampengeflimmer für ein Sonnenlicht angesehen und hat euch darum ein Privilegium erteilt.
GEJ|1|233|8|0|Aber es liegt nun an mir und dem Obersten Kornelius, euch dem Kaiser in eurer wahren Gestalt zu zeigen, und ihr werdet eures Privilegiums bald ledig werden! Übrigens mögt ihr mir Gegendrohungen machen, wie ihr wollt; denn auch ich bewege mich auf gesetzlichem Boden, und wir Oberrichter dieses Landes haben erst vor kurzem eine neue Verordnung in bezug auf eure dem Kaiser nicht mehr unbekannten Umtriebe erhalten, und zwar mit der schärfsten Aufforderung, auf euch ein schärfstes Augenmerk zu richten, und ich versichere euch, daß wir Oberrichter dieser neuesten Verordnung aus Rom überaus treu und gewissenhaft nachkommen und haben euch schon auf eine euch sicher nicht sehr liebsame Weise gezeichnet! Verstanden?!
GEJ|1|233|9|0|Ihr saugt gleich den afrikanischen Basilisken den Untertanen des Kaisers den letzten Tropfen Blutes aus, macht sie zu Bettlern, und was ihr noch überlaßt, das nimmt der Landespächter Herodes, damit er alle seine tausend Buhldirnen fett und üppig füttern kann. Das arme Volk aber muß verschmachten im größten Elende! Ist das recht?!
GEJ|1|233|10|0|Wenn es irgendeinen Gott gibt, der nur soviel Rechtsgefühl besitzt als ich und soviel Liebe hat zu den Menschen als mein Rock, so ist es unmöglich, solche Teufel, wie ihr und euer Herodes es seid, über die arme Menschheit noch länger herrschen zu lassen!
GEJ|1|233|11|0|,Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‘ lautet ein moralisches Gesetz in eurem Buche, das euer Gott euch soll gegeben haben; wie aber befolgt ihr es?!
GEJ|1|233|12|0|Wahrlich, euer Gesetz, das ihr allzeit fleißig ausübet, heißt Haß gegen jedermann, der euch in eurem geilsten und wollüstigsten Leben nicht allergewaltigst unterstützen will! Aber leider habt ihr euch zu dem Zwecke ein Gesetz erschlichen, auf das gestützt ihr nun allerlei nie erhörte Erpressungen vornehmt.
GEJ|1|233|13|0|Glücklicherweise aber habt ihr bei dem vorliegenden Falle über eure rechtlich sein sollende Pfändung eine Tat begangen, für deren nur scheinbare Rechtlichkeit aber auch kein mir bekanntes Gesetz spricht, und diese Tat, der allein wegen ihr hier vor mir zu Gerichte steht, heißt Waldfrevel, den ihr in einer großen Ausdehnung in den schönen Waldungen des Kisjonah begangen habt, der ein Grieche und ein fester, allein kaiserlicher Untertan ist, dessen Rechte jeder Kaiser Roms mit einer vollen Legion beschützen würde, so sie nur im geringsten angetastet würden, da er dafür dem Kaiser jährlich tausend Pfund bezahlt, was wahrlich keine Kleinigkeit ist.
GEJ|1|233|14|0|In der ganzen Wegesstrecke in der Länge von nahe fünf Stunden Weges habt ihr bei der Anlegung eures geheimen Schmuggelweges nahe tausend schöne junge Zedern und mehrere tausend andere geringere alte und junge Baumstämme verwüstet und habt dem Kisjonah einen Schaden von mehr als zehntausend Pfunden verursacht laut Ausweises beeideter Schätzleute. Nun, wie werdet ihr solchen Schaden vergüten?!“
GEJ|1|233|15|0|Sagt der erste Pharisäer: „Weißt du denn nicht, daß die Erde Gottes ist und wir Seine Kinder sind, denen allein Er diese Erde gegeben hat? Wie aber Gott Selbst das Recht hat, mit der Erde zu machen, was Er will, desgleichen haben auch wir als Seine Kinder das Recht und können mit der Erde machen, was wir wollen. Hat uns auch irgendeine heidnische Gewalt auf eine Zeit dies Recht entrissen, so wird sie es dennoch nicht lange besitzen; Gott wird es ihr nehmen und wieder uns, Seinen Kindern, geben.
GEJ|1|233|16|0|Vom Gottesrechte aus betrachtet haben wir keinen Waldfrevel zu vergüten, da die Erde unser ist und wir mit ihr machen können, was wir wollen. Aber der größeren irdischen, freilich nur scheinbaren Gewalt zufolge, die ihr Römer nun über uns widerrechtlich ausübt, werden wir uns zur Vergütung wohl herbeilassen; aber von zehntausend Pfunden dürften etwa wohl neun Zehntel wegfallen; denn soviel Kenntnisse haben wir auch, daß wir wohl einsehen können, wieviel die Bäume wert sind, die wir gefällt und natürlich nur den wenigsten Teil davon benützt haben zum allfälligen Brückenbau; und was ist denn im Grunde so viel Schadens?! Es besteht nun ein neuer Weg, den der Zöllner Kisjonah gar wohl benutzen kann! Hätte er ihn selbst angelegt, so wäre er ihm auf wenigstens tausend Pfunde zu stehen gekommen; nun kann er dort eine neue Maut errichten, und in einem Jahre hat er dreimal soviel eingenommen, als was uns der ganze Weg gekostet hat.“
GEJ|1|233|17|0|Sagt der Oberrichter: „Im Namen des Kaisers und dessen weisen Gesetzes verurteile ich euch, da der Schaden durch beeidete Schätzleute erhoben ist, und weil ihr als vorgeschützte Kinder Gottes euch alle Gewalt über die ganze Erde anmaßt und somit auch schlußfolgerichtig der Kaiser unter eurer Gewalt steht, wovon ihm bisher wahrscheinlich noch nichts geträumt hat, ihr aber durch solch eine schändlichste Anmaßung zu baren Majestätsbeleidigern gegen die heilige Person des Kaisers geworden seid, zu 20000 Pfund Geldstrafe, wovon ein Drittel dem Kisjonah zugute kommt, zwei Drittel aber dem Kaiser; zudem seid ihr aller eurer Pfänder als verlustig erklärt!
GEJ|1|233|18|0|Weil aber auf die Majestätsbeleidigung entweder der Tod oder ewige Verbannung als unwiderrufliche Strafe gesetzt ist, so habt ihr nun zu wählen, was euch lieber ist, entweder die Enthauptung durch das Beil oder ewige Verbannung nach Europas Eislande! Ich habe geredet im Namen des Kaisers und dessen weisen Gesetzes! Es geschehe dies alles sogleich! Es mag darob alle Welt zugrunde gehen, aber das Recht werde geübt!
GEJ|1|233|19|0|Sehet, so handelt ein Oberrichter aus Rom und fürchtet niemand, außer die Götter und den Kaiser!“
GEJ|1|233|20|0|Darauf läßt er sich nach römischer Sitte Wasser geben und wäscht sich die Hände; ein Büttel aber bricht einen Stab entzwei und wirft ihn den zwölfen unter die Füße.
GEJ|1|234|1|1|234. - Die Pharisäer in der Klemme. Zahlung der hohen Strafsumme. Ein neuer Verdacht: Raub von kaiserlichen Steuergeldern durch die Pharisäer
GEJ|1|234|1|0|Da fangen die Pharisäer an zu zagen, und einer, der etwas mutiger ist, sagt zum Richter: „Herr, kassiere das zweite Urteil! Wir wollen darum das erste vierfach leisten und das binnen 48 Stunden!“
GEJ|1|234|2|0|Sagt der Richter: „Ich nehme den Antrag an; bleibe aber dennoch bei der Verbannung auf zehn nachfolgende volle Jahre! Seid ihr damit zufrieden?“
GEJ|1|234|3|0|Sagen die Pharisäer: „Herr, wir zahlen das Fünffache in reinem Silber, so du uns die Verbannung ganz erlässest!“
GEJ|1|234|4|0|Sagt der Oberrichter: „Es sei, aber mit dem obergerichtlichen Vorbehalte, daß ihr dennoch durch zehn Jahre unter römisch-polizeilicher Aufsicht stehen werdet, und jeder widerrechtliche Versuch, den Staat und dessen Oberhaupt hinters Licht führen zu wollen, oder jede üble Anspielung gegen Rom, sowie jede eigenmächtige, dem Gerichte nicht vorher angezeigte und vom Gerichte nicht konzedierte Pfändung, worin sie auch immer bestehen und welchen Namen sie haben möge, wird alsogleich die zehnjährige Verbannung nach Europa zur Folge haben, für die dann keine Auslösung mehr angenommen wird! Das Geld aber muß binnen 48 Stunden hier in diesem Gerichtssaale erlegt werden; in einer Stunde darüber würde es nicht mehr angenommen werden unter den jetzt gestellten, gemilderten Umständen, sondern unter und mit der Restitution des ersten Urteils.
GEJ|1|234|5|0|Nun aber noch was! Bevor euch hier die Freiheit wiedergegeben wird, müsset ihr die Namen und die Wohnorte aller von euch schmählich gepfändeten Parteien angeben, auf daß ich sie hierher berufen und ihnen zurückstellen kann all das von euch ihnen geraubte Zeug, als Kinder, Vieh, Getreide und Wein!“
GEJ|1|234|6|0|Auf diese Aufforderung bequemen sich die Pharisäer dazu und geben genau alle Namen und Orte an. Und der Richter entsendet sogleich Boten in alle die angezeigten Orte, und es dauert keine zehn Stunden, so langen auch schon alle Parteien an, die da in Kis was zu holen hatten.
GEJ|1|234|7|0|Die zwölf Pharisäer aber deckten sogleich ihre mit Maultieren bespannten Geldkarren ab, und alles staunte über die ungeheure Gold- und Silbermasse über die Maßen. Sie hatten so viel Silber und Gold bei sich, daß sie ihre Strafe ganz leicht noch fünf Male hätten erlegen können! Es war dem Oberrichter auch von ganzem Herzen leid, daß er die Strafe nicht höher angesetzt hatte.
GEJ|1|234|8|0|Aber es kam ihm ein weiser Gedanke, demzufolge er die zwölfe noch einmal ins Verhör nahm und sie also zu fragen begann: „Höret, ihr habt zwar das Verlangte richtig bezahlt und habt dafür die Quittung in euren Händen! Aber da ich nun bei euch eine solche Masse Geldes entdecke, daß es mir geradezu unmöglich scheinen muß, wie ihr auf einem rechtlichen Wege zu dieser Masse Goldes und Silbers gekommen seid – wahrlich, wenn heute der Kaiser mit all seinem Bargelde hierherkäme, so wäre es eine starke Frage, ob seine Barschaft der euren gleichkäme –, so erklärt mir daher nun ganz kurz und einfach, wie ihr zu soviel Gold und Silber gekommen seid; denn diese Sache kommt mir im höchsten Grade verdächtig vor!“
GEJ|1|234|9|0|Sagt der erste Pharisäer: „Was verdächtig, was verdächtig?! Das ist von allen in diesem Lande ausgestellten Pharisäern, Priestern und Leviten von fünfzig Jahren her für den Tempel erspartes Geld; und da nun die Zeit aus ist, so müssen wir es an den Tempel abliefern. Es ist dies aber ohnedem noch die kleinste Summe, die je von Kapernaum aus in den Tempel abgeführt worden ist. Es sind dies nichts als Opfer-, Vermächtnis- und für den Tempel besondere Stiftungsgelder und daher vollends rechtlich erworbene und zusammengebrachte Gelder.“
GEJ|1|234|10|0|Sagt der Oberrichter: „Das Wort ,rechtlich‘ lassen wir beiseite! Wenn auch so, so sind das Erpressungen und niedrige Erbschleichereien, und da ist die Rechtlichkeit etwa wohl höchst ferne von diesem Reichtume!
GEJ|1|234|11|0|Aber mir ist erst vor einem Monate unmittelbar aus Rom angezeigt worden, sowie allen Obergerichten: Es werden schon seit einem Halbjahre Steuergelder aus Kleinasien und einem Teile der am Pontus liegenden Ortschaften erwartet; sie sollen schon lange eingehoben und abgesendet worden sein, bestehend in Gold und Silber und Edelsteinen und Perlen, – Gold und Silber zumeist im ungeprägten Zustande. Die angezeigte Summe betrüge, bloß im Golde 20000 Pfunde, in Silber 600000 Pfunde und ungefähr soviel Wertes in Edelsteinen und Perlen.
GEJ|1|234|12|0|Ich sehe noch fünf unabgedeckte Karren; decket sie ab, auf daß ich auch ihren Inhalt in den Augenschein nehmen kann!“
GEJ|1|234|13|0|Mit sichtlicher Verlegenheit decken sie noch die fünf Karren ab, und siehe, sie waren voll von allerlei Edelsteinen, zumeist im noch rohen, ungeschliffenen Zustande, und ein Karren, über eine Tonne Maß haltend, war voll kleiner und großer noch ungebohrter Perlen.
GEJ|1|234|14|0|Als der Oberrichter solches alles genau besichtigt, so sagt er: „Mir scheint, die Sache liegt klar am Tage, wohin die vom Pontus und Kleinasien nach Rom abgesandten Steuern und Schätze gelangt sind! Es wird bei eurer Verschmitztheit schwer sein, mit allen rechten Beweisen aufzukommen; aber ich getraue mir, bei allen Göttern und ihren Himmeln zu schwören, daß hier die vor mir offenliegenden und in Rom schon so lange erwarteten Steuergelder und sonstigen Schätze sich nun schon so gut wie in meinen Händen befinden! Bleibt ihr daher nur fein da; so die Parteien kommen, werde ich ein großes Examen anstellen!“
GEJ|1|234|15|0|Als die Pharisäer solche Worte vom Oberrichter vernehmen, so werden sie ganz blaß, und es fängt sich ihrer ein ganz bedeutendes Fieber zu bemächtigen an, was dem scharfsehenden Oberrichter nicht entgeht; und er sagt auch zu dem Richter von Kis: „Bruder, ich glaube, wir haben die großen Raubvögel schon in unserem Garne.“
GEJ|1|235|1|1|235. - Der Oberrichter Faustus und der Herr- Große Freude und rührende Begrüßung
GEJ|1|235|1|0|Sagt der Richter von Kis: „Du, Freund, es hält sich hier der berühmte Jesus von Nazareth auf, abwechselnd schon bei drei Wochen, und wird wahrscheinlich noch einige Tage hier zubringen. Ich sage dir, Er ist ein Gott, dem alle noch so verborgenen Dinge sonnenklar sind, wovon Er uns bereits Hunderte der handgreiflichsten Beispiele gegeben hat; nun, wie wäre es denn, so wir uns in dieser Sache an Ihn wendeten? Er könnte uns ein großes Licht geben, und das um so eher, da Er durchaus kein Freund der schwarzen Diebe und Räuber aus des Tempels schnödesten Verfügungen ist. Denn ich selbst habe es mit meinen Ohren gehört, wie Er Chorazin und Kapernaum, respektive deren Priester und Pharisäer, bis in den tiefsten Tartarus hinab verwünscht hat. Und so bin ich überzeugt, daß wir durch Ihn ins klare kommen werden.“
GEJ|1|235|2|0|Sagt ganz erstaunt der Oberrichter: „Was?! Dieser Gottmensch ist hier?! Ei, warum habt ihr mir das nicht sogleich gesagt?! Wahrlich, ich hätte Ihn sogleich an meiner Stelle Gericht halten lassen und mir dabei drei Viertel Arbeit erspart! Führet mich doch schnell zu Ihm! Denn es hat mir auch der Oberste Kornelius dringlichst aufgetragen, mich angelegentlich nach diesem göttlichsten aller Menschen zu erkundigen und ihn davon sogleich zu benachrichtigen.
GEJ|1|235|3|0|So der Oberste es bestimmt erfährt, daß Jesus hier weilt, so ist er in der kürzesten Zeit mit seiner ganzen Familie hier; denn er und sein ganzes Haus beten diesen Jesus ja ganz förmlich an, und ich selbst halte es mit ihnen. Alles Lob irgendeiner wahren Gottheit darum, daß mir noch einmal das unschätzbarste Glück zuteil ward, meinen rein allerhimmlischsten Freund Jesus zu sehen und zu sprechen! Führt mich nur schnell, schnell zu Ihm! Jetzt ist schon alles gewonnen!“
GEJ|1|235|4|0|Wie der Oberrichter gegen das große Haus geht mit der heißesten Sehnsucht, Mich zu sehen und zu sprechen, komme Ich ihm entgegen; und als er Mich ersieht, schreit er vor Freuden: „Da, da bist Du ja, Du mein göttlichster Freund und Bruder, wenn ich Dich noch so nennen darf!
GEJ|1|235|5|0|O laß Dich umarmen und Dein heiliges Antlitz bedecken mit tausend Freundes- und Bruderküssen! O Du mein heiliger Freund Du! Wie unaussprechlich glücklich bin ich nun, daß ich Dich endlich einmal wieder habe! Wahrlich, wo nur irgend Menschen in der größten Not stecken, da auch bist Du gegenwärtig, ihnen zu helfen! Ach, ich weiß mir nun ja vor Freuden nicht zu helfen, daß ich Dich hier gefunden habe!“
GEJ|1|235|6|0|Sage Ich, ihn auch fest an Mein Herz drückend: „Sei auch du Mir endlose Male gegrüßt! Denn dein Herz hat bei deinem schweren Richteramte wahrlich keinen Schiffbruch erlitten, und Ich liebe dich darum auch gleichfort über die Maßen und segne vollauf deine Arbeiten.
GEJ|1|235|7|0|Wahrlich, daß du hier hinter den argen Steuerraub gekommen bist, das hast du Mir und Dem, der in Mir wohnt, zu verdanken!
GEJ|1|235|8|0|Doch gehen wir nun ins Haus, allwo ein reichliches Abendmahl unser harret! Nach dem Mahle wollen wir mehr darüber reden!“
GEJ|1|236|1|1|236. - Das gemeinsame Mahl. Des Faustus Lob über die Lehre Jesu. Des Faustus Liebe zu Lydia. Des Herrn Vermittlung. Des Faustus denkwürdiger Traum von der Herrlichkeit des Vaters in der Gestalt Jesu. Ehewinke. »Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen!«
GEJ|1|236|1|0|Der Oberrichter und der Unterrichter samt Kisjonah, Baram, Jonael, Jairuth und Archiel gehen nun mit Mir ins Zimmer und halten etwa eine halbe Stunde nach dem Untergange mit Mir und all den Meinen ein recht wohlbereitetes und reichliches Mahl, und der noch ledige Oberrichter findet ein großes Wohlgefallen an der ältesten Tochter Kisjonahs und sagt zu Mir: „Mein edelster Freund, Du weißt, wie sehr ich Dich trotz des Unterschiedes unserer Religion, respektive Gottheitslehre, allzeit liebte, weil ich in Dir keinen verschlagenen und einseitigen Juden, sondern einen höchst offenen und freisinnigen und zugleich höchst vielseitig gebildeten und in allen Wissenschaften tiefst bewanderten Menschen gefunden habe.
GEJ|1|236|2|0|Ich vertraue Dir daher denn nun auch an, daß mir Kisjonahs Tochter überaus wohl gefällt. Nun aber, wie Du wohl weißt, bin ich ein Römer, und sie wird doch zweifelsohne eine Jüdin sein, die keinem Heiden, wie wir von den Juden genannt werden, ihre schöne Hand reichen darf. Sage, Freund, was wäre da zu machen? Könnte sie unter gar keiner Bedingung mein Weib werden? Geh und gib mir ein Mittel an die Hand!“
GEJ|1|236|3|0|Sage Ich: „Du bist ein Römer, und sie ist eine Griechin und keine Jüdin, und somit hindert dich schon von Natur aus nichts, sie vom Kisjonah zum Weibe zu begehren, der sie dir auch sicher geben wird. Daß sie aber geistig, wie nun das ganze Haus, nach Meiner dir nicht unbekannten Lehre dennoch eine Jüdin ist, das wird dir wohl kein Stein des Anstoßes sein?!“
GEJ|1|236|4|0|Sagt der Oberrichter namens Faustus, Caji Filius: „Warum nicht gar! Bin ich ja im Herzen selbst einer der glühendsten Anhänger Deiner rein göttlichen Lehre! Denn ich meine, daß ein Gott, der eine Welt zu bauen verstand und darauf allerlei lebendige Wesen und am Ende sogar den Menschen ins Dasein zu rufen vermochte, überaus weise sein muß! Wenn solch ein weisester Gott den Menschen eine Lehre geben möchte, so könnte Er ja doch unmöglich eine andere Lehre – sage – Seinen Menschen geben, als eben eine weisest solche, die mit der Natur und mit dem besten Erhaltungsprinzip des Menschen unter den Menschen im genauesten Einklange steht.
GEJ|1|236|5|0|Nun, Deine Lehre aber hat diesen Geist und solchen Charakter und ist somit rein göttlich, und ich habe sie darum als vollauf wahr für mein ganzes Leben angenommen und mache darnach auch einen Prediger meinem ganzen Hause und allen meinen vielen untergeordneten Amtleuten. Wenn so, da wären wir bis auf die Einwilligung des Vaters ja ganz in der Ordnung!“
GEJ|1|236|6|0|Sage Ich: „Nun, die hast du schon, sowie die Liebe der schönen Lydia. Sieh hinter dir den durch und durch seligen Kisjonah, der sich vor Freuden gar nicht zu helfen weiß, daß seinem Hause solche Ehre begegnet!“
GEJ|1|236|7|0|Faustus sieht sich um und Kisjonah sagt: „Herr und Gebieter über unser ganzes Galiläa und Samaria! Ist das möglich, daß du meine Lydia zum Weibe begehrst?!“
GEJ|1|236|8|0|Sagt Faustus: „O ja, als aus Tausenden die einzige, so du sie mir geben willst!“
GEJ|1|236|9|0|Kisjonah ruft die Lydia. Diese kommt sichtlich verlegen vor Liebe und großer Freude, und Kisjonah sagt zu ihr: „Nun, meine liebe Tochter, möchtest du wohl gesegnet sein mit diesem herrlichen Manne?“
GEJ|1|236|10|0|Und die Lydia, die Augen zu Boden schlagend, sagt nach einer Weile: „Wie magst du mich noch fragen? Wie dieser herrliche Faustus heute ankam und ich ihn zum ersten Male sah, so hörte ich im Herzen reden: ,Wie glücklich doch muß das Weib dieses herrlichen Mannes sein!‘ Und sollte ich nun, da er mich begehrt, ihm mit einem Nein entgegenkommen?“
GEJ|1|236|11|0|Sagt Kisjonah: „Aber was wird da dein geliebtester Jesus dazu sagen?!“ Sagt die Lydia: „Dessen sind wir alle! Er ist der Schöpfer, und wir sind Seine Geschöpfe, aus denen Er nun wirkliche Kinder zieht! Er bleibt dessenungeachtet meines Herzens tiefste Tiefe!“
GEJ|1|236|12|0|Hier macht Faustus große Augen und sagt, ganz erstaunt über dies unerwartete Zeugnis der Lydia über Mich: „Was, was – was muß ich hören?! Sollte denn ein letzhiniger schöner Traum, den ich geträumt habe, irgendeine wahre Bedeutung haben? Den ganzen Himmel sah ich offen; alles war Licht, alle zahllosen Wesen Licht, und in der tiefsten Tiefe der Himmel sah ich offenbar Dich, Du mein Freund Jesus, und alle Wesen harrten wie mit ungeduldiger Freude Deines Winkes, um Deine Befehle in einem Augenblick der ganzen Unendlichkeit zu verkünden!
GEJ|1|236|13|0|Damals glaubte ich, in Deinem Ebenbilde, dessen Glanz die Sonne bei weitem überbot, den Zeus gesehen zu haben, und es nahm mich hoch wunder, daß Du mit Zeus eine so außerordentliche Ähnlichkeit habest, und ich hielt seither Dich im geheimen für einen Erdensohn des ersten Gottes, den ich aber mit dem Jehova der Juden und mit dem Brahma der Indier identifizierte und dabei alle andern Götter nur Dir gleich für Seine Erdenkinder hielt, die Er zuzeiten mit den Töchtern der Erde zeugte, um den Menschen in solchen Söhnen der Erde Führer, Lehrer und Beleber zu geben!
GEJ|1|236|14|0|Aber jetzt bekommt dieser Traum auf einmal ein ganz anderes Gesicht; Du bist Selbst der lebendige Zeus, Brahma oder Jehova leibhaftig unter uns und lehrst uns Selbst Deine göttliche Weisheit, da wahrscheinlich Deine früheren Kinder dieselbe auf dieser Erde schlecht gelehrt und nicht in die rechte Werktätigkeit gesetzt haben!
GEJ|1|236|15|0|Wenn unfehlbar also, da bekomme ich ja dies schönste Weib unmittelbar aus der Hand meines Gottes, meines Schöpfers, und brauche daher nicht mehr zu fragen, ob ich mit ihr glücklich sein werde!
GEJ|1|236|16|0|Aber es hat denn nun auch mein Begehren ein ganz anderes Gesicht überkommen! – Schönste Lydia! Sieh nun an den Herrn! Nun kommt es nicht mehr auf unser gegenseitiges Verlangen und Begehren an, sondern lediglich auf den heiligsten Willen dieses Einzigen der Einzigen, dieses Herrn aller Herrlichkeit, dieses Gottes aller Götter, aus dem alle Himmel, Sonne, Mond und diese Erde und wir alle hervorgegangen sind!
GEJ|1|236|17|0|Du mein in aller Fülle der Wahrheit göttlichster Jesus! Ist es Dir genehm, daß Lydia mein Weib werde, so ist sie mein Weib; sollte es Dir aber nur im geringsten unangenehm sein, so sage es, und mein Leben soll nichts sein als der tätige Ausdruck Deines Willens!“
GEJ|1|236|18|0|Sage Ich: „Mein edelster Bruder! Ich habe euch schon gesegnet, und somit seid ihr vollkommen schon ein Leib; aber das merket euch:
GEJ|1|236|19|0|Was Gott verbunden hat, das soll kein Mensch mehr trennen, und es bleibt sonach eine wahre Ehe für ewig unauflöslich! Eine falsche Weltehe ist aber ohnehin kein Bund vor Gott und ist somit auflöslich wie die Weltmenschen und alle ihre Bündnisse, die schon von vornherein nichts als eine barste Hurerei sind, durch die die Kinder des Satans ins elende Dasein gesetzt werden. Ihr also seid nun vollends Mann und Weib und vor Gott ein Fleisch, Amen!“
GEJ|1|236|20|0|Auf diese Meine Worte umarmen sie sich und begrüßen sich mit einem Kusse.
GEJ|1|236|21|0|Daß diese schnelle Verbindung in ganz Kis eine große Sensation gemacht hat und Kisjonah nun auf eine reiche Mitgabe bedacht war, läßt sich wohl von selbst denken.
GEJ|1|237|1|1|237. - Philopolds Ankunft. Des Herrn Verheißung. Fortsetzung der Gerichtsszene mit der templerischen Räuberbande. Des Faustus Urteilsspruch
GEJ|1|237|1|0|Als der erste Sturm auf diese Begebenheit sich ein wenig gelegt hatte, kam der schon bekannte Philopold aus Kana an, ging sogleich zu Mir hin und wollte mir alles kundtun, wie er in Kana bereits alles in die schönste Ordnung gebracht habe.
GEJ|1|237|2|0|Ich aber begrüßte ihn freundlichst und sagte zu ihm: „Mir ist schon alles bekannt; du bist Mein Jünger, gehe nun hin zu Meinen anderen Jüngern, diese werden dir gar vieles zu erzählen wissen. Ich aber habe in dieser Nacht vieles zu schlichten. Morgen aber werden schon auch wir miteinander recht viel zu besprechen bekommen; denn du sollst Mir ein tüchtiges Rüstzeug werden.“
GEJ|1|237|3|0|Philopold begibt sich nun zu den Jüngern, und fast gleichzeitig vermelden die Aufseher, daß bereits alle Vorgeladenen von Kapernaum und Chorazin angelangt sind, und fragen, was nun zu geschehen habe.
GEJ|1|237|4|0|Ich aber sage: „Führt sie zuerst zu ihren Kindern und gebt ihnen zu essen und zu trinken! Wir aber werden indessen mit den zwölf Pharisäern eine ganz außerordentliche Verhandlung vornehmen.“
GEJ|1|237|5|0|Die Aufseher entfernten sich, und Faustus fragte Mich, ob es nicht besser wäre, daß Ich die zwölfe verhöre und er bloß einen Aktuarius mache.
GEJ|1|237|6|0|Ich aber sage: „Nein, Mein Bruder, das würde nicht gehen; denn vor ihnen hast nur du die Amtswürde und trägst darum des Kaisers Machtring an deiner Rechten und das Schwert und den Stab; du mußt sie darum selbst verhören. Aber Ich werde dir schon auf die Zunge legen, was du und wie du zu fragen hast, und sie werden dir nicht auskommen! Gehen wir darum nur schnell ans Werk; denn es ist nicht früh in der Nacht.“
GEJ|1|237|7|0|Wir gingen darum nun sogleich hinaus in das Gerichtshaus, allwo die zwölfe mit ihren dreißig Haupthelfershelfern unter starker Wache wohlverwahrt des Oberrichters harrten mit großer Furcht und Angst; denn sie hatten nun keine Zeit und keine Gelegenheit mehr, irgendein Dutzend falscher Zeugen aufzutreiben, die für sie gelogen und auf die Lüge geschworen hätten; denn es war ja vom Tempel aus für jeden eine besondere Gnade verheißen, der zugunsten des Tempels und aller dessen Diener, wenn es die Umstände als notwendig erfordern, einen falschen Eid ablegt! Er mußte aber zuvor freilich ganz tüchtig informiert sein, was im vorliegenden Falle aber durchaus unmöglich war.
GEJ|1|237|8|0|Wir traten nun unter Begleitung des Kisjonah, Baram, Jonael, Jairuth und des Engels Archiel nebst dem Unterrichter und mehreren Schreibern in den Gerichtssaal.
GEJ|1|237|9|0|Gleich beim Eintritt fragt der erste Pharisäer ganz erbost den Faustus: „Was ist denn das für eine Art, uns Priester Gottes, nachdem wir uns ohnehin schon zu allem, was gefordert ward, als leistungswillig erklärt haben, nun noch wie gemeine Verbrecher nicht in die Freiheit zu setzen?! So wahr wir Gottes Diener sind: – wenn man uns nicht sogleich die volle Freiheit geben wird, so wird man von Gott übel bedient werden!“
GEJ|1|237|10|0|Sagt Faustus: „Seid nur ruhig, sonst könnte ich genötigt sein, euch zur Ruhe zu zwingen; denn wir haben nun ganz außerordentlich wichtige Dinge miteinander zu schlichten! Höret mich nun aufmerksamst an!
GEJ|1|237|11|0|Ich habe schon früher zu euch die Bemerkung gemacht, der zufolge mir eure ungeheuren Schätze als auf ein Haar dieselben zu sein vorkommen, von denen ich euch schon früher die fragliche Erwähnung gemacht habe. Ich bin bis auf eines nun schon in aller Richtigkeit über dieses Attentat auf die vom Pontus und Kleinasien nach Rom an den Kaiser abgegangenen Steuergelder und anderen Schätze; dies eine aber besteht darin:
GEJ|1|237|12|0|Die Steuergelder und die anderen Schätze waren nach der Beschreibung nahe von einer Viertel-Legion römischer Soldaten begleitet; es mußte sonach nichts Leichtes gewesen sein, solch eine mächtige Begleitung zu überwältigen, sie entweder ganz aufzureiben oder wenigstens in die Flucht zu schlagen.
GEJ|1|237|13|0|Daß diese Gelder und Schätze entweder unmittelbar von euch selbst durch List oder Gewalt oder von euren irgend noch verschmitzteren Kollegen den römischen Führern abgetrieben worden sind, bin ich völlig im klaren; dafür bedürfen wir auch keines Beweises mehr, da wir bereits mehr denn hundert Zeugen dafür besitzen; aber, wie gesagt, es fehlt mir bloß noch die Art und Weise und am Ende noch die richtige Summe, wie groß sie war, auf daß ich imstande bin, mit den Geldern und sonstigen Schätzen den genauen Bericht nach Rom an den Kaiser zu übersenden.“
GEJ|1|237|14|0|Sagt der erste der Pharisäer: „Herr, das ist eine zu grobe Verleumdung, die wir nimmer auf uns können beruhen lassen! Und wenn du tausend falsche Zeugen wider uns hast, so wird dir das wenig oder nichts nützen; denn wir sind unserer Sache zu sicher, und du wirst uns mit aller deiner Macht dennoch kein Haar zu krümmen imstande sein! Erspare dir daher jede weitere Mühe; denn von nun an sollst du keiner Antwort mehr gewürdigt werden außer einer zu deinem Verderben!
GEJ|1|237|15|0|Wenn du die Pharisäer bis jetzt noch nicht gekannt hast, so sollst du sie nun oder wenigstens in der Bälde kennenlernen! Denn solch einen ungeheuren Anwurf können wir nimmer auf uns beruhen lassen. Wir haben des Waldfrevels wegen nachgegeben, obschon wir nach unseren Gesetzen nicht nachzugeben gehabt hätten; aber des Friedens wegen nahmen wir dein höchst ungerechtes Urteil an. Aber nun heben wir es auf, und wenn du es frevelhaft wagen solltest, nur einen Stater, sei es Gold, Pfand oder Schatz anzurühren, so wirst du es nicht nur hundertfach zu ersetzen haben, sondern es wird auch mit aller deiner Herrlichkeit vollkommen zu Ende sein! Denn nun wird man im Tempel schon wissen, was man allerfrechst hier mit uns treibt.“
GEJ|1|237|16|0|Sagt Faustus: „So, also auf diese Art wollt ihr da euch aus der Klemme ziehen? Schon gut, ich weiß nun denn auch ganz klar, was ich mit euch zu tun habe! Mit dem Verhöre mit euch hat es ein Ende; die Sache ist durch hundert Zeugen konstatiert, und eure Schuld ist am Tage! Ich sage euch nun nichts anderes und setze ein Ultimatum – die Büttel stehen draußen –:
GEJ|1|237|17|0|Wollen eure dreißig Helfershelfer reden, so soll ihnen das Leben gelassen werden; wollen aber auch diese nichts reden, da soll ihnen wie euch noch in dieser Nacht das Beil zuteil werden! Da werdet ihr euch dann wohl überzeugen, welch eine Furcht ich vor euch habe!“
GEJ|1|237|18|0|Auf diese sehr kaltblütig kräftigen Worte des Faustus treten alle die dreißig Helfershelfer hervor und schreien: „Herr, schone unseres Lebens; wir wollen dir ja alles haarklein beschreiben, wie diese Sache hergegangen ist!“
GEJ|1|238|1|1|238. - Fortsetzung der Gerichtsszene. Offenes Bekenntnis der dreißig Helfershelfer. Milderung des Urteilsspruchs durch Faustus
GEJ|1|238|1|0|Sagt Faustus: „Nun denn, so redet! Bei aller meiner Ehre, es soll euch kein Haar gekrümmt werden!“
GEJ|1|238|2|0|Sagt ein Pharisäer, ungeheuer bebend vor Todesangst: „Herr, schenkst du auch mir das Leben, so ich rede?“
GEJ|1|238|3|0|Sagt Faustus: „Auch dir; denn du bist einer der Geringsten unter ihnen.“
GEJ|1|238|4|0|Schreien die andern elf Pharisäer: „Weißt du denn nicht, daß man eher sterben soll – denn an Gott einen Verräter machen?!“
GEJ|1|238|5|0|Sagt der eine Pharisäer: „Das weiß ich wohl; aber da ist von Gott wohl keine Rede, sondern lediglich von eurem allerschändlichsten Betruge an den Römern. Ihr wußtet durch einen schmachvollsten Listzug den Römern die große Beute so geschmackvoll abzutreiben, daß sich darüber wirklich die ganze Welt erstaunen muß.
GEJ|1|238|6|0|Du erster Hauptspitzbube warst in der Tracht des Ober-Länderpflegers, der nun zu Sidon, manchmal auch zu Tyrus residiert, hattest des Kaisers großen Machtring und hattest ein goldenes Schwert, den Herrscherstab von ganz Palästina, Coelesyrien, Kleinasien und über den ganzen Pontus.
GEJ|1|238|7|0|Zudem bist du auch wenigstens dem Anscheine nach so alt wie der höchst ehrwürdige Greis Cyrenius, nahmst seinen Namen an und hattest dir ein Gefolge und einen Hofstaat geschaffen gleich dem des Cyrenius, saßest auf einem stattlichen Pferde, und als dich der Überbringer als den Oberstatthalter begrüßte und dir in einer Entfernung von einer halben Tagereise vor Tyrus als dem vermeinten Statthalter die von ihm gezeichneten Befehlsrollen übergab und nebst diesen dann auch die Gelder und die Schätze, die deine maskierten römischen Soldaten in den Empfang nahmen, so gabst du ihm Befehle, sich so schnell als möglich nach dem Pontus zurückzuziehen, indem du definitiv vernommen habest, daß dort wegen der Steuererpressungen Unruhen ausgebrochen seien und die Bewohner des Hinterpontus sich mit mächtigen Skythenhorden gegen die Herrschaft Roms verbündet hätten. Da sei Gefahr im Verzuge; darum sei er als der (falsche) Oberstatthalter im gemessenen Auftrage Roms ihm als dem tapfersten Obersten vom Pontus und Kleinasien so weit entgegengezogen, um ihm in diesem dringenden Falle den schleunigsten Rückweg in etwas abzukürzen!
GEJ|1|238|8|0|Es versteht sich nun von selbst, daß der Oberste vom Pontus und Kleinasien mit seinen dreitausend Reitern eiligst umgekehrt ist und in etlichen Stunden schon so weit von uns entfernt war, daß wir von ihm unmöglich mehr was zu befürchten hatten. Uns allen war das Stillschweigen auf Leben und Tod aufgetragen und jedem 200 Pfunde Silbers versprochen, die wir aber bis jetzt noch nicht erhielten, sondern sie erst in Jerusalem erhalten sollten. Das Schicksal aber wollte es anders, und es wird nun um die 200 Pfunde etwas schlecht aussehen.
GEJ|1|238|9|0|Das Geld und die Schätze wurden dann zur Nachtzeit nach Kapernaum geschafft, ruhten nun schon bei zwei Monden daselbst, und der geheime Weg ist bloß des großen Schatzes wegen gemacht worden und führt meines Erachtens nicht nach Jerusalem, sondern in eine große verborgene Höhle in diesen Bergen, in der – und nicht im Tempel – schon gar viele tausend Pfunde Goldes und Silbers auf die Erlösung warten.
GEJ|1|238|10|0|In dieses Geheimnis aber waren nur wir zwölfe eingeweiht, und es weiß davon außer uns kein Pharisäer etwas, außer unsere dreißig Helfershelfer. Nur wissen diese nicht, zu welch einem Zwecke. Ihnen ist gesagt, daß solches verwahrt werde für den künftigen Messias, der die Juden vom Joche der Römer befreien werde in jüngster Zeit. Aber natürlich, ich weiß einen andern Grund, und dieser heißt fürs erste: Wohlleben über Wohlleben, – und fürs zweite: mächtige Bestechungsfähigkeit in wichtigen Fällen, wo man die mächtigen Römer will nach der eigenen Pfeife tanzen machen, oder um sich im Tempel eine Oberstenstelle zu erkaufen, die natürlich allzeit ungeheuer viel Goldes kostet. Jetzt weißt du alles; magst auch alle die dreißig verhören, und sie werden dir dasselbe sagen.
GEJ|1|238|11|0|Nur die Pfänder allein waren für Jerusalem bestimmt, um sich den Tempel günstig zu machen; die Gelder und Schätze aber wären zu ihresgleichen in die Höhle gewandert, wenn sie hier nicht einen so gewaltigen Schiffbruch erlitten hätten. Nun weißt du alles, wie die Sachen stehen, und tue nun, was dir Rechtens dünkt; nur sei gegen mich und die dreißig Verblendeten nicht zu hart und zu unerbittlich gerecht!“
GEJ|1|238|12|0|Sagt Faustus: „Gegen dich und die dreißig werde ich nicht als Richter, sondern als Beschützer handeln; was aber mit den elfen zu geschehen hat, darüber soll Cyrenius urteilen! Nur das einzige sage mir, ob von den Geldern und Schätzen nichts entwendet worden ist, ob hier alles beisammen ist, was von Kleinasien gebracht wurde, und ob du um die berühmte Höhle weißt.“
GEJ|1|238|13|0|Sagt der Pharisäer: „Wie alles, was da ist, samt den Karren in den Empfang genommen worden ist, also ist es noch unversehrt und unverkümmert da. Was aber die berühmte Höhle betrifft, so weiß ich als ein Mitgeschworener natürlich um alles, was sie enthält, und es kann ohne einen aus uns zwölfen kein Mensch den Zu- und Eingang finden.“
GEJ|1|238|14|0|Hier belobt Faustus den ärmeren Pharisäer, der Pilah hieß, und sagte zum Kisjonah: „Na, Freund und nun mein wertester Tochtervater, die Höhle in offenbar deinem Gebirge wird das, was dir nach dem ersten Urteile gebührt, geben; die Gelder und Schätze des Kaisers aber nimm vorderhand in deine Verwahrung; denn bei dir sind sie bis zur Beendigung dieses großartigsten Prozesses am besten aufbewahrt.
GEJ|1|238|15|0|Den Pilah versorge auf meine Rechnung, den dreißig aber gib für diese Nacht ein wohl zu verwahrendes Nachtlager; solange die Höhle nicht geräumt ist, kann ich ihnen die Freiheit nicht geben; nach der Räumung aber können sie dann gehen, wohin sie wollen. Ich will sie auch nicht stäupen lassen, da ihre Bereitwilligkeit uns zu großen Entdeckungen geführt hat.“
GEJ|1|239|1|1|239. - Fortsetzung der Gerichtsszene. Die elf Templer in der Klemme. Ihre Bitte um Gnade. Angebot weiterer Höhlenschätze als Lösegeld
GEJ|1|239|1|0|Darauf wendet sich Faustus zu den elfen und sagt: „Nun, wie steht es mit dem Verderben, damit ihr ehedem mir gar herrschtrotzig gedroht habt? Was sagt ihr gesalbten Diener Gottes zu dieser Geschichte? Wahrlich, es muß ganz scheußlich bitter sein für einen sein sollenden gesalbten Gottesdiener, als ein größter Staatsspitzbube dazustehen! Aber wartet nur, es wird schon noch ärger über euch kommen; das ist ein leichtes Vorspiel gewesen!
GEJ|1|239|2|0|Wahrlich, ihr habt es nur Einem hier zu verdanken, daß ich euch nicht schnell entkleiden lasse, euch mit des Kaisers Fluch belege und so den richtgierigen Bütteln übergebe! Und dieser Eine ist an meiner Seite, der göttliche Jesus aus Nazareth, den ihr schon lange verflucht habt und Ihn nun verfolgt von einem Orte zum andern, und das darum, weil Er Sich die ehrlichste Freiheit nahm, euch zu beleuchten vor dem armen, durch euch verblendeten Volke.
GEJ|1|239|3|0|Kehret in euer Inneres zurück und saget, ob es nebst eurem Satan noch was Ärgeres geben kann, als ihr es seid!?
GEJ|1|239|4|0|Ihr lehret das Volk einen Gott erkennen, an den ihr selbst nie geglaubt habt; denn glaubtet ihr an einen Gott, an den Jehova, den euch Moses klar verkündet hat, und auf den eure Urväter lebendig geglaubt und gehofft haben, so würdet ihr mit dem allmächtigen Gott nicht den höhnendsten Spott und die frechste Schande treiben!
GEJ|1|239|5|0|Ihr laßt euch von dem geistig totgeschlagenen Volke göttliche Ehre als sein wollende gesalbte Knechte des Allerhöchsten erweisen und begehrt dazu noch unerschwingliche Opfer vom armen Volke für das, daß ihr ihm die Pforte in Gottes Licht- und Lebensreich mit ehernen Türen und Riegeln verrammt!
GEJ|1|239|6|0|Saget es euch selbst, ob es noch irgendwo größere Verbrecher gegen Gott, Kaiser und gegen die arme Menschheit geben kann, als ihr es seid!
GEJ|1|239|7|0|O der unbegreiflichen Geduld und Langmut des großen Gottes! Hätte ich nur einen Funken göttlicher Macht über die Elemente, die Himmel hätten wahrlich nicht des Feuers in genügender Fülle, das ich über euch regnen ließe Tag und Nacht!
GEJ|1|239|8|0|Herr, warum hast Du zu Abrahams Zeiten die zehn Städte mit Sodom und Gomorra so hart hergenommen, – und ihre Bewohner waren bis auf ihre verkehrte Fleischlust doch offenbare Engel gegen diese Wichte, deren Zahl nun im ganzen Judenlande größer ist, als die der gesamten Einwohner der zehn Städte war!?
GEJ|1|239|9|0|Ihr nennt euch Gottes Kinder und sagt, daß Gott euer Vater sei! Wahrlich, von dem Gott, der solche Kinder in die Welt setzt, schaffe ich ewig nichts; denn der heißt bei uns Römern nach der Mythe Pluto, – und Satan oder Beelzebub, das ist euer Vater!
GEJ|1|239|10|0|Ihr seid der lebendige böse Same, den euer Vater allzeit streut unter den göttlichen Weizen, damit er ersticke die göttliche Saat, und ihr nennt euch gesalbte Diener Gottes?! Ja, Diener des Satans seid ihr; der hat euch gesalbt fürs Verderben alles Göttlichen auf der Erde!
GEJ|1|239|11|0|Wäret ihr nur um etwas weniger teuflisch als ihr seid, so hätte ich des Einen wegen, der hier ist, ein möglichst erträgliches Urteil über euch gefällt. Aber da ihr zu überteuflisch schlecht seid, so will ich meinen Namen nicht mit euch beflecken, sondern werde euch dem Judicio criminis atri übergeben nach Sidon; denn da wäscht ein jeder Judex honoris sich sieben Male die Hände.“
GEJ|1|239|12|0|Als die elf solche Worte vom Faustus vernehmen, fangen sie an zu zagen und bitten um Gnade und versprechen vollste Umkehr und Besserung und wollen jeden Schaden, den sie je jemandem zugefügt haben, hundertfach ersetzen.
GEJ|1|239|13|0|Sagt Faustus: „Womit denn? Die reiche Höhle ist nun in unseren Händen; woher wollt ihr denn noch Gold und Schätze nehmen? Habt ihr denn noch mehrere Höhlen, die vom Golde, Silber und Perlen strotzen?“
GEJ|1|239|14|0|Sagen die elf: „Herr, wir haben noch eine hinter Chorazin, darin alte Schätze ruhen, die zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft aus dem Tempel und aus anderen Gotteshäusern dahin geschafft worden sind. Niemand wußte was davon bis auf unsere Zeit; wir aber machten vor etwa sieben Jahren eine Jagd auf Waldhühner und auf Waldbienen und Honig. Da fanden wir bei dreißig Feldweges nahe schon ganz auf griechischem Gebietsanteile, wo sich ein mäßiges Felsengebirge erhebt, eine Stelle, wo buchstäblich Honig und Wachs über eine bei vier Mannslängen hohe und senkrecht steile Wand herabfloß. Zuoberst der Wand zeigte sich eine Öffnung etwa von der Größe, daß ein Knabe von zwölf Jahren darin hätte aufrecht stehen können.
GEJ|1|239|15|0|Über dieser Öffnung erhob sich eine weitere, sicher bei siebzig Mannslängen hohe Wand, so, daß es ohne eine Leiter unmöglich gewesen wäre, die sicher honig- und wachsreiche Öffnung zu erreichen, aus der wir gleichfort eine große Masse Bienen aus- und einfliegen sahen. Es ward bald eine Leiter und eine gehörige Menge Stroh und allerlei Grasich zum Ausbrennen der Bienen herbeigeschafft und die Operation bis auf einige Bienenstiche glücklich vollendet. Wir gewannen da mehrere hundert Pfunde reinsten Honigs und ebensoviel Wachs; denn es waren schon viele Fladen von gut tausend Zellen zu beiden Seiten leer.
GEJ|1|239|16|0|Als wir aber mit der Ausräumung des Grundwachses uns beschäftigten, da stießen wir alsbald auf metallene Tempelgerätschaften, und als wir das Metall näher untersuchten, zeigte es sich nur zu bald, daß es pur Gold und Silber war. Wir drangen tiefer und tiefer in die sich stets weiter und weiter ausbreitende Höhle und fanden in den Tiefen derselben stets mehr und mehr aufbewahrte Schätze von unschätzbarem Werte. Wir ließen all die gefundenen Schätze unversehrt in der Höhle; nur verrammten wir die äußere Öffnung mit Steinen und Moos und ließen sie von geschworenen Wächtern überwachen von der Stunde der Entdeckung an bis zum gegenwärtigen Augenblick. Und siehe, alle diese Schätze überantworten wir dir, so du uns gnädig bist und uns im Namen des Kaisers erläßt die schreckliche von dir ausgesprochene Strafe!“
GEJ|1|239|17|0|Sagt Faustus: „Ich will es beraten! Aber nun gebt mir noch gewissenhaft an, was es denn mit der Höhle im Gebirge Kisjonahs für eine Bewandtnis hat! Habt ihr diese auch bei einer Honigjagd als schon angefüllt entdeckt, oder habt ihr sie angefüllt; und wenn letzteres, – woher habt ihr die Schätze genommen, und seit wann ist diese Höhle schon gefüllt?“
GEJ|1|239|18|0|Sagen die elf: „Wir haben es uns seit fünfzehn Jahren auf dem Wege erlaubten Handels erworben; da wir aber nach einem neueren Tempelgesetze nur eine bestimmte Summe zu unserem notwendigen Unterhalte haben dürfen und jeden Überschuß an den Tempel abliefern sollen, so wird, wenn bei jemandem aus uns, die wir im Lande ausgesetzt sind, bei der jährlichen strengsten Untersuchung von seiten des Tempels ein Überschuß von irgendeiner Bedeutung gefunden wird, er ohne Gnade als Gottesbetrüger auf das schärfste bestraft. Um uns aber der Strafe zu entziehen und doch für besondere Fälle etwas zu besitzen, haben wir die höchst verborgene Höhle im Gebirge Kisjonahs erwählt und haben in selbiger unsere bedeutenden Überschüsse aufbewahrt. Das ist nun alles, was als ein Geheimnis an besagter Höhle haftet.“
GEJ|1|239|19|0|Sagt Faustus: „Führt der von euch angelegte Weg ganz bis zur Höhle hin?“
GEJ|1|239|20|0|Sagen die elf: „Nein, Herr, nur bis zum dichtesten Gestrüppe, durch das man nur auf einem nur uns bekannten Pfade bis zur sonst niemandem sichtbaren Höhle gelangen kann.“
GEJ|1|239|21|0|Sagt Faustus: „Gut, also werdet ihr morgen unsere Führer sein! Für heute aber, respektive für diese Nacht, sei die Verhandlung geschlossen; denn für jetzt wissen wir alle genug!“
GEJ|1|239|22|0|Die elf bitten, sich vor dem Faustus auf die Kniee werfend, um Gnade. Faustus aber sagt: „Das hängt nun nicht mehr von mir, sondern von Wem ganz andern ab; vergibt euch Der es, so soll es euch auch von mir vergeben sein, Amen!“ – Mit dem gehen wir aus dem Gerichtssaale und begeben uns zur für den Leib nötigen Ruhe.
GEJ|1|239|23|0|Lydia erwartet Mich und Faustus, nun ihren Gemahl, an der Flur des Wohnhauses und begrüßt uns und spricht ihr Bedauern aus, daß es uns sicher ein paar Stunden heißen Kampfes gekostet habe.
GEJ|1|239|24|0|Faustus begrüßt seine junge Gemahlin gleichfalls und sagt zu ihr: „Ja, holde Lydia, das war wahrlich ein heißer Kampf, hat aber mit der rein göttlichen Hilfe des ebenso rein göttlichen Freundes Jesus, dem darin allein alle Ehre und alles Lob gebührt, glänzend seine erwünschteste Lösung erreicht. Doch lassen wir nun das; morgen wird noch vieles effektuiert werden.“
GEJ|1|239|25|0|Außer den nötigen Wachen begab sich nun alles zur Ruhe.
GEJ|1|240|1|1|240. - Von der wahren Sabbatfeier. Freilassung der elf Rädelsführer. Aufteilung der Höhlenschätze. Rückgabe der geraubten Kinder an ihre Eltern. Entschädigung der Beraubten
GEJ|1|240|1|0|Am nächsten Tage aber, der ein Sabbat war, fragte Mich dennoch Faustus, obschon er ein Römer war, ob hier der Sabbat der Juden gefeiert werden solle oder nicht, und was da mit den elf Pharisäern geschehen solle.
GEJ|1|240|2|0|Sage Ich: „Liebster Freund und Bruder! Jeder Tag mit guten Taten erfüllt ist ein wahrer Sabbat, und an jedem Tage, an dem man etwas entschieden Gutes verübt hat, hat man eben dadurch auch eine wahre Sabbatfeier begangen. Darum sollst du am heutigen Sabbate Gutes tun, soviel du nur immer kannst und magst, und dir wird es wahrlich zu keiner Sünde gerechnet werden, außer von den argen Weltnarren, die sogar den Wind verfluchen, so er an einem Sabbate weht, sowie den Regen und die Scharen durch die Lüfte dahinfliegender Vögel. Solche Narren aber sollen uns nie zu einem nachahmungswürdigen, sondern nur zu einem über alles zu verabscheuenden Beispiele dienen; denn sie verfluchen das Gute und wollen ihr Böses von aller Welt hochgerühmt wissen! Das also zu deiner Danachachtung für jeglichen Sabbat!
GEJ|1|240|3|0|Was aber die elfe betrifft, so laß auch sie, nachdem du dich aller ihrer Schätze wirst bemächtigt haben, frei! Übersende dem Kaiser das Seine und gib ihm den Grund der Verspätung an, welchen du willst; aber gib auch dem Tempel das Seine aus der Höhle zu Chorazin, gib aber auch dem Oberpriester an, wie diese Schätze von den betreffenden elf Pharisäern seit mehreren Jahren entdeckt, dem Tempel vorenthalten worden sind, dem sie im Grunde zu eigen gehören, und der Tempel wird mit den elfen schon eine ganz gehörige Verhandlung abhalten.
GEJ|1|240|4|0|Was aber die Schätze in Kisjonahs Gebirge betrifft, so entfalle davon ein Drittel ihm, ein Drittel dir im Namen des Kaisers, und ein Drittel soll unter alle die Armen, die ihrer Kinder und ihrer geraubten Sachen halber hergekommen sind, verteilt werden, und die ganze Verhandlung hat nachher ein Ende für alle Zeiten der Zeiten. Benutzt den heutigen Tag!
GEJ|1|240|5|0|Baram und Kisjonah haben gute Schiffe, und bei einem guten Wind werdet ihr in wenigen Stunden mit der Räumung bei Chorazin in der vollsten Ordnung sein; ein Teil aber mache sich an die Räumung der Kisjonah- Höhle, und so ihr nur ein wenig tätig seid, könnt ihr bis zum Abend beider Höhlen Schätze hier haben und sie morgen an die Orte ihrer Bestimmung abgehen lassen!
GEJ|1|240|6|0|Ich könnte zwar die Schätze alle in einem Augenblick durch den Archiel hierherschaffen lassen, aber es ist nun zu viel Volkes hier, und es würde solch ein Wunder zu viel Aufsehen erregen; darum unterlasse Ich es. Aber Ich werde euch dennoch im geheimen dahin behilflich sein, daß ihr diese Arbeit – dazu ihr in einem gewöhnlichen Gange wohl gut bei drei Tage benötigen würdet und genug zu tun hättet – in einem Tage, als dem heutigen, völlig beenden werdet. Jetzt aber säumet nicht, sondern geht nach links und rechts!
GEJ|1|240|7|0|Nehmt aber überall nur einen Pharisäer mit; die andern sollen unterdessen hier verwahrt bleiben!
GEJ|1|240|8|0|Pilah aber soll hier verbleiben; denn er ist schon zu gut für solche Dinge, mit denen sich Gotteskinder so wenig als nur immer möglich befassen sollen. Also brauchst du selbst mit deiner Person dich auch nicht an die bezeichneten zwei Orte hinzubegeben, sondern es genügt ein Kommissär, von dir mit der erforderlichen Vollmacht versehen. Wir aber werden hier unterdessen die Verteilung der Pfänder und der Kinder an ihre betreffenden Eltern vornehmen.“
GEJ|1|240|9|0|Wer ist mit dieser Anordnung zufriedener als Faustus!? Denn er hat einen dreifachen Vorteil davon: Fürs erste bleibt er bei Mir, fürs zweite bei seiner jungen Gattin, die er nun überaus liebt, und fürs dritte hat er Muße, nebstbei an den Kaiser ein instruktives Schreiben und ein Begleitungs- und Bestimmungsschreiben auf gutem Pergamente abzufassen und all die Gelder und Schätze schon am nächsten Tage an den Ort der Bestimmung abgehen zu lassen.
GEJ|1|240|10|0|Als die beiden Kommissäre abgehen, die bewußten Schätze abzuholen, machen wir uns sogleich an die Verteilung der Pfänder und der Kinder, die wohl schon in der Nacht zumeist ihre Eltern gefunden haben; aber es gab dennoch einige darunter, deren Eltern daheim krank lagen aus Gram und Traurigkeit und daher nicht vermochten, nach Kis zu kommen und allda abzuholen ihre Kinder und andere Sachen.
GEJ|1|240|11|0|Solche kranke Eltern gaben dann ihren Nachbarn den Auftrag, ihre Kinder und Sachen, so diese nach der Bekanntmachung noch irgendwo bestehen sollten, in den Empfang zu nehmen; und so wurde denn bei der Verteilung auch solches berücksichtigt, und es kam jedem bis auf ein Haar all das Seinige zu, und ward jeder Partei vom Kisjonah als Drittelgebühr aus dem Schatze der Höhle auf seinem Grunde auf die nachträgliche Abrechnung, und zwar nach Meiner Bestimmung, eine Summe von 100 Pfunden verabreicht, – nach welcher Arbeit und Dotation alle die Parteien, deren es natürlich mehrere Hunderte gab, von Kis entlassen wurden, nachdem ihnen allen zuvor noch vom Faustus eine gute Belehrung und Ermahnung gegeben ward.
GEJ|1|240|12|0|Kisjonah ließ alle Warenschiffe herrichten, und die ganze große Karawane, sämtlich von Chorazin, Kapernaum und Nazareth zu Hause, ward auf diese Weise wieder nach ihren Häusern geschafft, und es dauerte die Verteilung samt der Nachhauseschaffung kaum ein wenig etwas über siebeneinhalb Stunden.
GEJ|1|241|1|1|241. - Ein Wort für unsere Zeit. Krankheiten und Heimsuchungen der Kinder. Grund der Heimsuchungen. Schlechter Geistereinfluß auf Kinder. Die materielle Schöpfung als Sammelort gerichteter Geister
GEJ|1|241|1|0|Es könnte hier wohl jemand in dieser Zeit, als dies lange Geschehene neu den Menschen von Mir, demselben Christus, der vor nahe zweitausend Jahren als Gott und Mensch auf dieser Erde lehrte und handelte, wiedergegeben wird durch einen eigens erwählten Knecht, fragen und sagen:
GEJ|1|241|2|0|Wie? Vielleicht mehr denn die Hälfte dieser Kinder, die als Pfänder von den Pharisäern, so sie nicht hier aufgefangen worden wären in längstens zehn bis zwölf Tagen zum Teil in Sidon, Tyrus, Cäsarea, Antiochia oder gar nach Alexandria durch die privilegierten Sklavenhändler verkauft worden wären, möchte denn doch wohl gut erzogen gewesen sein, und es sei nirgends ersichtlich, daß Ich als ein erster Freund der Kleinen sie besucht oder nur ein Wörtlein zu ihnen geredet hätte, während Ich doch sonst sogleich die Kleinen zu Mir kommen ließ, sie herzte und segnete vor allen Menschen!
GEJ|1|241|3|0|Auf solch eine Frage diene zur Antwort: Fürs erste waren diese Kinder natürlich schon zumeist über neun Jahre hinaus, und es gab darunter auch Mädchen von vierzehn bis sechzehn Jahren und ebenalso auch Jünglinge, und man konnte, ohne ein sicheres Ärgernis zu erregen, wohl füglichermaßen nicht in die Stube solcher jungen, halbnackten Menschen treten; und fürs zweite waren das wahrlich keine gar so unschuldigen Kindlein mehr, wie Ich sie noch hie und da antraf, sondern zumeist fleischlich und sittlich im Grunde und Boden verdorben; denn die Päderastie und Violation (Knabenliebe und Schändung) war nirgends so schändlich mächtig zu Hause als in den Grenzgebieten zwischen Juden und Griechen. Und so war selbst für die verdorbenen Kinder diese von Mir zugelassene Lektion keine ganz umsonstige; denn fürs erste mußte sie der Verderbung als eine tüchtige Strafe erscheinen, und fürs zweite wurden sie dadurch gewarnt, fürderhin der Sinnlichkeit geiler Griechen zu dienen, sondern ein gottesfürchtiges Leben vollernstlich zu führen, so sie von Gott nicht nach einer nächsten Sünde auf das allerempfindlichste wollen gestraft werden, was in seiner Ermahnungsrede den Eltern und Kindern Faustus auch auf das eindringlichste eingeschärft hatte.
GEJ|1|241|4|0|Wenn man nun solches weiß, so wird man hoffentlich einsehen, daß Ich, obschon von aller göttlichen Liebe zu jeglichem Menschen erfüllt, Mich aber der gleichen göttlichen Heiligkeit wegen dem sündhaften, höchst verunreinigten Fleische nicht persönlich nahen kann und darf, seines Bestandes halber, und es tritt dann in allen solchen Fällen das bekannte ,Rühr' Mich nicht an!‘ ein.
GEJ|1|241|5|0|Denn es ist ein großer Unterschied zwischen einem reinen und zwischen einem höchst unreinen Kinde. Das erste kann von Mir unmittelbar, das zweite aber nur mittelbar geleitet werden auf notwendig nach Bedarf sehr dornigen Pfaden, wie es hier der treu erzählte Fall im klarsten Lichte gezeigt hat.
GEJ|1|241|6|0|Man sei daher auch nicht gar zu voreilig, zu fragen, warum nicht selten Kinder, die doch sicher entweder gar nichts verbrochen haben oder doch wenigstens unzurechnungsfähig sind, von Mir aus leiblich nicht selten härter hergenommen werden als alte Sünder, die ihre Sünden ebenso schwer zählen würden als den Sand des Meeres.
GEJ|1|241|7|0|Da sage Ich: Wer einem Baume eine beliebige Beugung geben will, der muß, solange der Baum noch jung und zart ist, demselben die Richtung und Beugung zu geben beginnen. Ist der Baum einmal alt geworden, dann müssen schon außerordentliche Mittel angewendet werden, um ihm immer schwermöglicherweise eine andere Richtung zu geben; ein gar alter Baum aber nimmt keine andere Richtung mehr an – außer die letzte, da er umgehauen wird.
GEJ|1|241|8|0|Und darum geschieht es denn auch, daß Ich, spricht der Herr, „die Kinder und sogar Kindlein nicht selten mächtiger bearbeite als einen großjährigen Menschen; denn die argen Geister sind nirgends emsiger als eben bei den Kindern und sind sehr dienstfertig, der Seele ihren Leib also erbauen zu helfen, daß der Leib auch für sie eine große Anzahl freier und bequemer Wohnungen haben solle!“
GEJ|1|241|9|0|Was tut aber dann der Herr, dem nichts unbekannt bleiben kann, was da geschieht?
GEJ|1|241|10|0|Seht, Der sendet Seinen Engel, läßt das elende und hinterlistige Werk der argen Helfer zusammenreißen und als fremde Teile durch allerlei äußerlich erscheinliche Krankheiten hinausschaffen.
GEJ|1|241|11|0|Betrachtet die mannigfachen Krankheiten der Kindlein und Kinder, und Ich sage euch, sie sind nichts als Hinausschaffungen des fremden bösen Materials, mit dem sich der Seele baulich helfende, noch arge und unlautere Geister für sich selbst in einem und demselben Leibe freie Wohnungen haben errichten wollen.
GEJ|1|241|12|0|Wenn bei Kindern solchem Unfuge nicht gleichfort auf das kräftigste gesteuert würde, so gäbe es Besessene, Taubstumme, Kretins und Krüppel aller Art in solcher Menge, daß auf der ganzen Erde nicht leichtlich irgendwo ein gesunder Mensch anzutreffen wäre.
GEJ|1|241|13|0|Man fragt freilich wieder und sagt: Aber wie kann der höchst weise Gott solches uranfänglich zulassen, daß sich arge und unreine Geister in den jungen Leib der Seele einschmuggeln können?!
GEJ|1|241|14|0|Und Ich sage: So fragt der blinde Mensch, der es nicht weiß, daß die ganze Erde, ja die ganze Schöpfung, ihrem äußerlich erscheinlichen, materiellen Leibe nach in allen sogenannten Elementen sozusagen und zu bezeichnen ein Konglomerat von auf eine bestimmte Zeit hin gerichteten oder festgehaltenen Geistern ist.
GEJ|1|242|1|1|242. - Vom Geheimnis der Lebenskraft. Die reinigende Wirkung von Krankheit und Diät. Wichtigkeit einer richtigen Kost für Kinder. Die mosaischen Diätvorschriften. Warnung vor dem Genuß von wurmigem und unreifem Obst, von Kartoffeln und Kaffee
GEJ|1|242|1|0|Sooft die Seele für ihren Leib materielle Nahrung verlangt und ihr solche gereicht wird, so bekommt sie mit solcher auch allzeit schon eine Legion freier gewordener, noch arger und unreiner Geister in ihren Leib, die ihr dann zum Weiterausbau ihres Leibes behilflich sein müssen.
GEJ|1|242|2|0|Die Geister aber ergreifen sich nach und nach und bilden bald ganz eigene, in ihrer Art intelligente Seelen; wenn sie sich auf eine solche Stufe erhoben haben, dann lassen sie auch bald die eigentliche Seele als befugte Besitzerin des Leibes im Stiche und fangen solche Einrichtungen im Leibe zu bewerkstelligen an, die für ihr vermeintes Wohl tauglich wären.
GEJ|1|242|3|0|Haben sie, was besonders bei für ihren jungen Leib sehr hungrigen und fraßgierigen Seelen nur zu leicht der Fall ist, einmal einen ziemlich hohen Grad zu ihrem vermeinten Wohle erreicht, so kann da und muß auch eine oder die andere Erscheinung bei den Kindern eintreten.
GEJ|1|242|4|0|Das Fremdartige muß entweder durch was immer für eine taugliche Krankheit hinausgeschafft werden, so man das Kind nicht in ein förmliches Besessensein will übergehen lassen, oder man läßt, um eine schwächere Kindseele nicht zu sehr zu quälen, die Seele wohl kümmerlich in dem zur Hälfte fremdartigen Leibe fortleben bis zu einer gewissen Zeit und sucht sie dann wieder entweder durch Belehrung von der Außen- und der innern Geisterwelt zugleich auf eine solche Einsichtsstufe zu erheben, daß sie am Ende selbstwillig ihre Schmarotzer hinauszutreiben beginnt durch Fasten und allerlei andere Entbehrungen, oder man nimmt ihr, so die Schmarotzer zu hartnäckig sind, wohl auch den ganzen Leib und bildet dann solch eine Seele in einer andern Welt als zum ewigen Leben tauglich aus.
GEJ|1|242|5|0|Auch der für die Eltern oft bittere frühe Leibestod ihrer Kinder hat solch einen Grund; darum sollen besonders irdisch reiche Eltern wohl besorgt sein, daß ihre Kinder eine zweckdienliche äußere Kost bekommen.
GEJ|1|242|6|0|Ißt die Mutter durch Moses bekanntgegebene unreine Speisen, so soll sie das Kind nicht säugen, sondern es von einer andern säugen lassen, die reine Speise genießt, sonst wird sie mit dem Kinde eine große Not haben.
GEJ|1|242|7|0|Aus diesem Grunde sind schon vom Abraham, hauptsächlich durch Moses, den Juden die reinen Tiere und die reinen Früchte gesetzlich angezeigt worden, und alle, die solche Gesetze gewissenhaft hielten, hatten nie kranke Kinder und erreichten selbst ein hohes Alter und starben gewöhnlich an der Altersschwäche.
GEJ|1|242|8|0|In dieser Zeit aber, wo man sogar nach den fremdartigsten Leckerbissen hascht und gar nie mehr daran denkt, ob so ein Bissen rein oder unrein ist, und in manchen Landen gleichweg schon alles in den Leib schiebt, was nicht Stein und Lehm heißt, da ist es von seiten der blinden Menschen ja doch ohnehin ein Wunder, daß sie sogar leiblich noch nicht in die entsprechenden Tiergestalten zurückgesunken sind, was sie seelisch doch schon bewirkt haben.
GEJ|1|242|9|0|Wenn nun Kinder schon in ihrer ersten Lebenszeit mit allerlei Übeln behaftet werden, so liegt hauptsächlich der mit Händen zu greifende Grund in der vor allem höchst unpassenden Nahrung, mittels welcher eine zu große Menge arger und unreiner Geister in den Leib geführt werden, die oft des Heiles der Seele halber selbst mit nicht selten gänzlicher Entfernung des jungen Leibes von ihr geschafft werden müssen, und es ist darum niemand als die nur zu oft unverzeihliche Blindheit der Eltern schuld an dem frühen Leibestode ihrer Kinder, weil solche Eltern alles eher befolgen als den Gottesrat im heiligen Buche!
GEJ|1|242|10|0|Seht, Ich lasse durch Meine Engel sogar in jedem Jahre bei allen Fruchtbäumen, von deren Früchten die Menschen Nahrung nehmen, allersorgfältigst eine Ausmusterung vornehmen, derzufolge kein Apfel, keine Birne und keine was immer für Namen habende Frucht, die in der Blüte angesetzt wurde, zur Reife gelangen darf, in der sich irgendein für die Fruchtstufe noch zu unreiner Geist eingeschwärzt hat; jede solche Frucht wird als noch völlig unreif vom Baume oder Strauche geworfen.
GEJ|1|242|11|0|Dieselbe Fürsorge geschieht bei allen für die menschliche Nahrung bestimmten Getreidearten und Pflanzen.
GEJ|1|242|12|0|Aber der blinde Mensch erkennt solches nicht nur nicht, sondern frißt noch über alles das gleich einem Polypen alles, was ihm nur irgend leckerisch vorkommt; was Wunder, wenn er darauf in Kürze krank, träge, mühselig, krüppelhaft und also über und über elend wird!?
GEJ|1|242|13|0|Also sind die sogenannten Kartoffeln jeglicher Art besonders für Kinder und Säugeweiber wie auch für schwangere Weiber mehr wie schlecht, und noch schlechter der Kaffee! Aber die Blindheit sieht nichts und genießt beides des Wohlgeschmacks wegen mit großer Gier; die Kinder aber werden dadurch elend dem Leibe nach, und am Ende Weiber und Männer. Aber das macht dem Blinden nichts; er ißt ja auch viel ärgere Gifte, – warum soll er diese zwei leichteren Giftsorten nicht essen?!
GEJ|1|242|14|0|Ich werde aber noch einmal dem Menschen die ihm dienlichen Speisen bestimmen; wird er sich darnach halten, so wird er gesund werden, sein und bleiben; wird er sich aber nicht darnach richten, so soll er aber auch verderben wie ein böses Wild in der Wüste.
GEJ|1|242|15|0|Aber nun genug von dieser höchst nötigen Erklärung, und darum wieder zur Hauptsache zurück!“
GEJ|2|1|1|1|Aufenthalt Jesu und der Seinen in Kis und Nazareth
GEJ|2|1|1|1|1. – Über die Bestrafung der Verbrecher
GEJ|2|1|1|0|Spät am Abend kommen die Schätze aus der Höhle des Kisjonah an, bestehend in Gold, Silber und in einer schweren Masse geschliffener und ungeschliffener Edelsteine von großem Werte; denn es sind bei drei Pfund geschliffener und bei sieben Pfunde ungeschliffener Diamanten, ebensoviel gleich zuständige Rubinen, noch einmal soviel Smaragde, Hyazinthe, Saphire, Topase und Amethyste, und bei vier Pfunde wie starke Erbsen große Perlen. Des Goldes aber waren über zwanzigtausend Pfunde und des Silbers fünfmal soviel.
GEJ|2|1|2|0|Als Faustus diesen horriblen Reichtum in Augenschein nimmt, schlägt er die Hände über dem Haupte zusammen und spricht: „O Herr! Ich habe als der Sohn eines der reichsten Patrizier von ganz Rom doch auch Gelegenheit gehabt, große Schätze dieser Erde zu Gesichte zu bekommen; aber so was hat mein Auge noch nicht geschaut! Das geht über alle Pharaonen und über die Fabel vom Krösus, der sich am Ende vor lauter Reichtum nimmer zu helfen wußte und sich im Ernste einen Palast aus Gold erbaut hätte, wenn sein Sieger ihm das zu viele Gold nicht abgenommen hätte.
GEJ|2|1|3|0|Jetzt sage Du, o Herr, dem alle Dinge bekannt sind, mir armem Sünder, wie möglich diese zwölf Knechte des Satans zu solchen Schätzen gekommen sind! Auf eine nur einigermaßen ehrliche Weise kann das doch nimmer möglich sein, und in einer kurzen Zeit auch nicht! – Wie sonach war solches möglich?“
GEJ|2|1|4|0|Sage Ich: „Freund, kümmere dich nun nicht mehr darum! Es lohnt sich auch wahrlich nicht weiter mehr der Mühe, dieses Satansdrecks wegen noch mehrere Worte zu verlieren. Daß dabei aber kein ehrlicher Stater weilt, des kannst du vollends versichert sein. Durch was für tausenderlei schändlichste Lumpereien diese Natternbrut, dieses Schlangengezüchte, aber das alles zusammengerafft und -geraubt hat, wäre eine zu weitläufige Sache, so man das Punkt für Punkt dartun sollte.
GEJ|2|1|5|0|Daß sie Spitzbuben von der allerdurchtriebensten Art sind, darüber wirst du hoffentlich keinen weiteren Zweifel haben; wie sie aber gewisserart noch mehr als Spitzbuben sind, das braucht kein Mensch mehr zu wissen. Sie haben nach den Gesetzen Roms schon lange den zehnfachen Tod verdient, bloß wegen des Verbrechens der Beraubung der kaiserlichen Steuerkarawane; und dieser Raub, den wir jetzt in den unermeßlichen Schätzen vor uns haben, ist um kein Haar besser, wennschon gerade nicht so offen die kaiserlichen Steuergelder betreffend.
GEJ|2|1|6|0|Wenn du sonach auch alles wüßtest, so kannst du sie dafür doch unmöglich öfter denn einmal töten. Du kannst wohl die Marter verschärfen, aber wozu? Ist die Marter schärfster Art – um in eurer Gerichtsweise zu sprechen –, so ist sie auch alsbald tödlich, und ist sie gelinderer Art, aber dafür andauernder, nun, so verspürt der Sträfling eben nicht viel mehr davon als du von einer dich belästigenden Fliege; denn die vor dem sicheren Tode ihres Leibes sich über alle Maßen fürchtende, wenn auch noch so materielle Seele zieht sich alsbald zurück in ihre innersten Gemächer und fängt freiwillig an, sich von ihrem Leibe, in dem kein Bleiben mehr ist, loszulösen, und der Leib wird bei solchen Gelegenheiten völlig unempfindlich. Du kannst dann solch einen Leib quälen wie du willst, so empfindet er wenig oder auch gar nichts mehr davon. Versetzest du den Leib der Seele aber augenblicklich in einen großen Schmerz, so wird solches die Seele nicht lange aushalten, sondern sogleich einen gewaltigen Riß tun, und du kannst dann einen völlig toten Leib sieden und braten, und er wird nichts mehr fühlen von der Strafe.
GEJ|2|1|7|0|Ich bin deshalb nicht für die Strafe mit dem Tode, weil diese weder für den Getöteten von irgendeinem Belange ist, und noch weniger irgendeiner Gerechtigkeit zum Schild und Nutzen dient; denn einen hast du getötet, – und Tausende haben dir darum Rache geschworen! Aber einen Verbrecher unter eine allerschärfste Zuchtrute stellen und diese nicht ruhen lassen, bevor nicht eine gänzliche Besserung eingetreten ist, für das bin Ich aus der notwendigen göttlichen Ordnung ganz und gar sehr! Eine rechte Zuchtrute zu rechter Zeit völlig gerecht angewendet, ist besser als Geld und reinstes Gold; denn durch die Zuchtrute wird die Seele von ihrer Materie mehr und mehr losgestäupt und wendet sich endlich zu ihrem Geiste. Und hat solches die Zuchtrute bewirkt, so hat sie eine Seele vor dem Untergange und sonach den ganzen Menschen vor dem ewigen Tode gerettet.
GEJ|2|1|8|0|Darum soll ein jeglicher Richter nach der Ordnung Gottes auch den größten Verbrecher nicht mit dem Tode des Leibes, der zu nichts taugt, sondern allzeit mit der Rute strafen nach dem Maße des Verbrechens. Tut er das, so ist er ein Richter der Menschen zum Himmel, tut er aber das nicht, – ein Richter zur Hölle, wofür er von Gott wahrlich ewig nie einen Lohn haben wird; sondern: für das Reich er gerichtet hat die Menschen, von demselbigen Reiche soll er auch den Lohn empfangen! – Nun weißt du genug, und laß nun die Schätze verwahren! Morgen werden auch die von Chorazin anlangen, und es soll dann sogleich die Verteilung und die Absendung all dieses Teufelsdrecks geschehen. – Nun aber begeben wir uns in den Speisesaal; denn das Abendmahl harret schon unser! Wahrlich, diese ganze Geschichte ist Mir schon überlästig, und Meine Zeit drängt Mich schon nach Nazareth!“
GEJ|2|1|9|0|Sagt Faustus: „Herr, daß Dir diese scheußliche Geschichte über alle Maßen zuwider sein muß, sehe ich nur zu gut ein; aber was kann man tun, wenn die Sache sich einmal so gestaltet hat? Übrigens bitte ich Dich, mein Herr und mein größter und bester Freund, daß Du nicht eher von hier ziehest denn ich; denn ohne Dich vermag ich fürs erste nichts, und fürs zweite würde mich ohne Dich die schrecklichste Langeweile trotz meines liebsten Weibchens hier töten! Darum bitte ich Dich, daß Du nicht eher diesen Ort verlassen wollest, als bis ich mit dieser allerlästigsten Geschichte zu Ende sein werde! Mit Deiner Hilfe hoffe ich, morgen bis Mittag mit allem in der Ordnung zu sein!“
GEJ|2|1|10|0|Sage Ich: „Ganz gut! Aber Ich will von all den Schätzen und den elf Pharisäern nichts mehr sehen; denn es ekelt Mich davor mehr denn vor einem Aase.“
GEJ|2|1|11|0|Sagt Faustus: „Dafür soll gesorgt sein!“
GEJ|2|2|1|1|2. — Judas Ischariot als Golddieb
GEJ|2|2|1|0|Wir treten nun ins Zimmer, respektive in den Speisesaal, allwo ein reichliches Abendmahl unser harret. Wir aber verzehren noch kaum das Mahl, als zwei Knechte den Judas Ischariot in den Saal hereinbringen und dem Oberrichter melden, daß dieser Jünger, oder was er sonst sei, ein paar Pfunde Goldes habe entwenden wollen, sie ihn aber bei der Tat ergriffen, das Gold ihm wieder abgenommen und ihn hierher zur Verantwortung gebracht haben.
GEJ|2|2|2|0|Judas steht hier ganz entsetzlich beschämt da und sagt: „Ich habe nicht im entferntesten im Sinne gehabt, das Gold mir zueignen zu wollen, sondern habe ein paar Stänglein bloß versucht, ob sie wohl wirklich so schwer sind, als man sie angibt; diese Narren aber ergriffen mich sogleich und schleppten mich als einen gemeinen Dieb herein! – Ich bitte dich, Faustus, darum, daß mir dieser Fleck abgenommen werde!“
GEJ|2|2|3|0|Sagt Faustus (zu den Knechten): „Laßt ihn gehen! Er ist ein Jünger des Herrn, und ich will seiner darum schonen; (zu Judas:) du aber greife in Zukunft, besonders zur Nachtzeit – außer du werdest ein kaiserlicher Taxator (Abschätzer) – ja keine Goldbarren mehr an, sonst wirst du wegen versuchten Diebstahls zur unvermeidlichen gesetzlichen Strafe gezogen werden! Hast du den Oberrichter Faustus wohl verstanden?“
GEJ|2|2|4|0|Sagt Judas ganz entsetzlich beschämt: „Herr, es war im vollsten Ernste auch nicht die leiseste Spur von einem versuchten Diebstahl, sondern wirklich nur eine – freilich etwas unzeitige – Probe über die Pfundschwere eines Goldbarrens.“
GEJ|2|2|5|0|Sage Ich: „Gehe, und suche dir ein Lager! Denn an diesem Übel, an dem alle Diebe sterben durch die Hand des Satans, wirst auch du in jüngster Zeit sterben; denn du warst, bist und bleibst ein Dieb! Solange dich des Gesetzes Schärfe schreckt, bleibst du wohl, der offenen Tat nach, kein Dieb noch; aber in deinem Herzen bist du es lange schon! Nehme Ich heute alle Gesetze weg, so wirst du als erster deine Hände an die Schätze draußen legen; denn deinem Herzen sind alle Rechts- und Billigkeitsgesetze fremd. Schade für deinen Kopf, daß unter ihm kein besseres Herz schlägt! – Gehe nun schlafen, und werde morgen nüchterner denn heute!“
GEJ|2|2|6|0|Mit diesem Verweise geht Judas groß beschämt aus dem Speisesaale in sein Schlafgemach und legt sich nieder, denkt aber bei zwei Stunden nach, wie er dem entgehen könnte, was Ich ihm geweissagt habe; aber er findet in seinem Herzen keinen Ausweg, da dieses gleichfort seine golddurstige Stimme von neuem erhebt, und schläft also ein. – Wir aber begeben uns auch zur Ruhe, da uns zwei vorhergehende Nächte sehr in Anspruch genommen haben. Der Morgen aber ließ nicht lange auf sich warten.
GEJ|2|2|7|0|Als sich Faustus noch einmal umwenden wollte, um noch ein Morgenschläfchen zu machen, da kommen auch die Schätzeführer von Chorazin an, wecken ihn, und er muß von Amts wegen hinaus, die Schätze besichtigen, sie taxieren und in Empfang nehmen. Als er mit dieser Arbeit fertig ist, sind auch wir alle auf den Füßen, und das Morgenmahl, bestehend in frischen, wohlzubereiteten Fischen, ist auch schon auf den vielen Tischen im großen Speisesaale. Faustus kommt schon nahe ganz arbeitsmüde in den Speisesaal am Arme seiner jungen Gattin und setzt sich zu Mir hin.
GEJ|2|2|8|0|Nach dem genossenen Morgenmahle erst, bei dem ein guter Wein nicht gemangelt hatte, erzählt Mir Faustus, daß sein Morgengeschäft, das ihm sonst bei allem Fleiße eine Arbeit von ein paar Wochen gemacht hätte, nun bereits beendet und alles an den Ort seiner Bestimmung abgegangen sei. Es seien alle Dokumente in aller Ordnung schon fertig auf dem Tische in der großen Amtsstube und die gerichtlichen Geleitbriefe in der besten Ordnung. Der Schatz aus Kisjonahs Höhle sei richtig verteilt und mit Bestimmungsdokumenten bestens versehen, desgleichen auch die Steuergelder nebst dem großen Tempelschatz aus Chorazin, und so sei nun alles expediert; nur finde sich in der großen Amtsstube noch ein bedeutendes Zimmermannszeug vorrätig, zu dem sich noch kein Eigentümer vorgefunden habe.
GEJ|2|2|9|0|Sage Ich: „Dort unten am Ende des Tisches, neben der Mutter Maria sitzend, sind zwei Söhne des Josef, namens Joses und Joel; diesen beiden gehört es! Es ist ihnen als Pfand genommen worden mit der kleinen Behausung in Nazareth, und soll ihnen auch wieder zurückgestellt werden!“
GEJ|2|2|10|0|Sagt Faustus: „Herr, samt der Behausung! Dafür stehe ich! O Herr und Freund! Was haben diese Schwarzen mir schon alles für Verdrießlichkeiten bereitet; das dumme Gesetz aber hielt ihnen die Stange, und man konnte ihnen mit dem besten Willen nirgends hinters Genick kommen. Vor meinen Augen begingen sie die gräßlichsten Ungerechtigkeiten, und man konnte ihnen bei aller Macht, die einem zu Gebote steht, nichts machen; aber hier hat sie denn der Satan doch einmal sitzen lassen, und ich habe nun ein Heft in meinen Händen, vor dem diese Kerle beben sollen wie ein lockeres Laubblättchen im die Wälder durchsausenden Sturm! Der Bericht an den Oberstatthalter Cyrenius ist ein Meisterstück, den er vidimiert (beglaubigt) samt den Steuern augenblicklich nach Rom wird abgehen lassen. Von Tyrus, Sidon und Cäsarea ist das Kaiserschiff mit vierundzwanzig Rudern und bei gutem Wind sogar mit einem starken Segel und Steuerruder versehen in zwölf Tagen an der römischen Küste und so gut als in des Kaisers Händen! Freuet euch in noch einmal zwölf Tagen darauf, ihr Schwarzen! Eurem Hochmute sollen ganz sonderbare Schranken gesetzt werden!“
GEJ|2|2|11|0|Sage Ich: „Freund! – Ich sage dir: Juble nur nicht zu früh! Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus! Es wird den elfen innerhalb der Mauern durchaus nicht wünschenswert ergehen! Sie werden zwar nicht getötet, aber dafür lebenslang in die ewige Bußkammer gesperrt werden! Aber in der öffentlichen Entschuldigung gen Rom werden sie wie Wolle weiß gewaschen werden, und man wird dann erst von dir die weiteren Berichte verlangen, und du wirst eine große Not haben, allen Fragen aus Rom zu genügen. Es wird dir zwar wohl kein Haar gekrümmt werden; aber einer gewissen Not wirst du kaum entgehen, wenn du nicht mit den gehörigen Zeugen und andern Wahrzeichen zurechtkommst. Ich überlasse dir darum den Pilah; der wird dir in allem gute Dienste leisten. Stecke ihn aber nur geschwinde in die Tracht der Römer, daß er von den in Kapernaum stationierten Kollegen nicht erkannt wird! Denn Ich kann dir sagen: Satan hat sein Regiment bei weitem nicht so verschmitzt eingerichtet wie diese Schlangenbrut. Darum sei denn auch du nebst deiner taubenartigen Sanftmut schlau wie eine Schlange, sonst kommst du mit diesem Geschlechte nicht zurecht!“
GEJ|2|2|12|0|Sagt Faustus: „Ewig Dank Dir für diesen Rat! Doch jetzt sollten wir, da dies Geschäft so gut als möglich abgelaufen ist, denn doch etwas mehr Erheiterndes unternehmen!“
GEJ|2|2|13|0|Sage Ich: „Ganz wohl! Ich bin schon dabei; nur warten wir noch auf den Kisjonah, der mit seinen Kassen bald in der Ordnung sein wird!“
GEJ|2|3|1|1|3. — Die rechte Anwendung der Wunder- und Heilkraft
GEJ|2|3|1|0|Nach einer kurzen Weile kommt Kisjonah, grüßt uns alle auf das zarteste und liebfreundlichste und sagt darauf: „Mein endlos geliebtester Freund Jesus! – Also nenne ich Dich aber nur äußerlich; denn Du weißt, was und wer Du mir im Herzen bist. – Dir allein habe ich alles das zu danken! Nur eine kleine Summe von fünftausend Pfunden im ganzen habe ich bereitwilligst gestrichen aus dem Schuldbuche der armen Bürger Kanas, und Du hast mir dafür fünfzigtausend Pfunde ohne den unschätzbaren Wert der andern Schätze, die vielleicht noch einmal soviel wert sind, zukommen lassen! Ich gelobe Dir aber auch bei all meiner unermeßlichen Liebe zu Dir, daß ich all dieses zum Besten der Armen und Bedrückten verwenden werde, und es soll also aus dem Teufelsunflate am Ende doch noch Gold für die Himmel Gottes werden!
GEJ|2|3|2|0|Ich werde zwar das Gold und Silber den Menschen nicht in die Hand geben, denn da ist es wahrlich ein Gift für die schwachen irdischen Herzen der Menschen; aber ich werde den Dach- und Besitzlosen Dach und Besitz verschaffen mit steuerfreien Gründen und werde ihnen geben Vieh und Brot und Kleidung. Jedem aber, den ich beglücken werde, wird Dein Wort gepredigt und ihm Dein Name kundgemacht, auf daß er lebendig wisse, wem er alles zu danken habe, und daß ich nichts als nur ein schlechter und träger Diener bin! – Du, o Herr, aber stärke mich allzeit, so ich dienen werde in Deinem Namen! Sollte es mich aber je gelüsten, nur einen Sinn der Welt zuzuwenden, dann laß schwach werden alle meine Kräfte, auf daß ich gewahr werde, daß ich ein schwacher Mensch bin und aus meiner Kraft nichts zu vollbringen imstande bin!“
GEJ|2|3|3|0|Ich aber lege darauf Meine Hand auf sein Herz und sage zu ihm: „Freund und Bruder! Da innen behalte Mich, und es wird dir nie an Kraft zur Ausführung edler Werke mangeln! Ja, im lebendigen Glauben und in voller und reiner Liebe zu Mir und im Sinne, Gutes zu erweisen den Menschen in Meinem Namen, wirst du den Elementen gebieten, und sie werden dir gehorchen! Den Winden wird nicht unverständlich sein dein Ruf, und das Meer wird erkennen deinen Sinn. Und zu dem einen oder dem andern Berge wirst du sagen können: ,Hebe dich und stürze dich ins Meer!‘, und es wird geschehen, wie du es geboten hast.
GEJ|2|3|4|0|So aber jemand des Glaubens wegen Zeichen verlangt von dir, so laß es nicht geschehen, daß dem Verlanger ein Zeichen werde; denn wer die Wahrheit der Wahrheit wegen nicht erkennen will, und diese ihm nicht ein hinreichendes Zeichen ist, für den ist es besser, daß er bleibt in seiner Blindheit; denn wird er durch ein Zeichen zur Annahme der Wahrheit gezwungen und tut aber dann doch nicht nach der Lehre, so ist das Zeichen ein doppeltes Gericht für ihn. Fürs erste ist er durch das Zeichen gezwungen, die Wahrheit als Wahrheit anzunehmen – ob er sie in seiner Blindheit als solche erkennt oder nicht erkennt –, und fürs zweite muß er offenbar in ein tieferes Strafgericht in sich selbst zufolge der göttlichen Ordnung verfallen, wenn er nach der durch das Zeichen ihm aufgedrungenen Wahrheit nicht handelt, gleichviel ob er die Wahrheit als Wahrheit völlig erkennt oder nicht; denn das Gelingen des Zeichens hat ihm den bindenden Beweis geliefert. Und das ist schon genug; die Einsicht oder Nichteinsicht rechtfertigt da niemanden.
GEJ|2|3|5|0|Denn so jemand zur Bestätigung der vernommenen Wahrheit ein Zeichen begehrt und sagt: ,Ich sehe zwar den Grund der Wahrheit aus deiner Rede nicht ein, wenn mir aber nach der Diktion, durch die mir solche und solche Lehre unterbreitet ist, ein Zeichen als tatsächlicher Beweis geliefert wird, so will ich solche Lehre als volle Wahrheit annehmen!‘ Nun, es wird dann dem Verlanger das Zeichen gegeben, und er kann nun nicht umhin, die Wahrheit der Lehre anzunehmen, ob er sie als solche bis auf den Grund erkennt oder nicht; denn nun steht das Zeichen als ein unbestreitbarer Bürge da.
GEJ|2|3|6|0|Weil es aber seiner Blindheit nicht möglich ist, auf den Grund der Wahrheit zu kommen, und er nach seinen Begriffen durch die Befolgung der Wahrheitslehre in zu bedeutende, nie gewohnte Lebensunbequemlichkeiten gelangen könnte, so denkt er dann bei sich: ,Es mag wohl was daran sein, denn sonst wäre das Zeichen nicht möglich gewesen; aber ich sehe den Grund dennoch nicht ein, und tue ich danach, so kostet mich das eine entsetzliche Selbstverleugnung. Darum tue ich es lieber nicht und bleibe bei meiner angewohnten Lebensweise, die zwar ohne außerordentliche Zeichen dasteht, aber dessenungeachtet ganz wohl schmeckt!‘
GEJ|2|3|7|0|Sieh, eben darin aber liegt dann auch schon das Strafgericht, das der Zeichenverlanger sich selbst bereitet hat durch das auf sein Verlangen geleistete Zeichen, das ihm den unumstößlichen Beweis geliefert hat, gegen den er keinen Gegenbeweis aufstellen kann; er aber in seiner verkehrten Lebensweise dann doch als ein Bekämpfer der ewigen Wahrheit auftritt und sie tatsächlich weidlichst verwirft, obschon er das unvertilgbare Zeichen, das ihm zur Steuer der Wahrheit geleistet ward, ewig nie als den Erfolg auf die ihm geoffenbarte Wahrheit als nie bestanden seiend aus dem Wege schaffen kann. Darum ist es sonach ums unvergleichbare besser, nie ein Zeichen zur Steuer der Wahrheit zu leisten!
GEJ|2|3|8|0|Aber zum Nutzen und sonstigen Frommen der Menschen ohne irgendeine Aufforderung magst du im stillen Zeichen wirken, soviel du willst, und es wird das niemandem zur Sünde und noch weniger zu einem Gerichte gereichen. Hast du aber Zeichen zum Frommen der Menschen zum voraus geleistet, so magst du hintendrein den betreffenden Menschen wohl auch eine Lehre geben, so sie ein Verlangen danach tragen; tragen sie aber kein Verlangen, so gib ihnen bloß eine ernste Vermahnung vor der Sünde. Aber in eine weitere Belehrung laß dich nicht ein; denn da sehen dich die, denen geholfen ward, als einen magischen Arzt an, und das Zeichen hat für sie kein weiteres Zwangsgericht.
GEJ|2|3|9|0|Alle aber, denen die Macht gegeben ward, im Notfalle Zeichen zu wirken, sollen diesen Meinen Rat treu befolgen, so sie wahrhaft Gutes wirken wollen.
GEJ|2|3|10|0|Vor allem aber hüte sich ein jeder, in einer Art Aufwallung und Ärger ein Zeichen zu wirken! Denn ein jedes Zeichen kann und soll nur auf Grund der reinsten und wahrsten Liebe und Sanftmut gewirkt werden; wird es aber im Zorn und Ärger gewirkt, was wohl auch möglich ist, dann hat schon die Hölle ihren Anteil dabei, und ein solches Zeichen bringt dann nicht nur keinen Segen, sondern einen Fluch.
GEJ|2|3|11|0|So Ich euch allen aber schon zu mehreren Malen die Lehre gegeben habe, daß ihr sogar die noch segnen sollet, die euch fluchen würden, um wieviel weniger soll von euch den Blinden im Geiste ein Fluch bereitet werden, die euch mit keinem Fluche entgegenkommen, sondern mit eitler Blindheit ihres Herzens nur!
GEJ|2|3|12|0|Bedenket also solches wohl und handelt auch also, so werdet ihr allenthalben Segen verbreiten, wennschon nicht durchgängig geistig, so doch leiblich, wie auch Ich Selbst es getan habe und noch allzeit tue; denn oft wirket eine pur leibliche Wohltat bei einem Elenden mehr auf sein Herz und seinen Geist als hundert der besten Tugendlehren, und es ist daher auch ordnungsgemäß, bei der Ausbreitung des Evangeliums durch leibliche Wohltaten den Weg ins Herz der Elenden zu bahnen und dann erst den gesunden Gemütern das Evangelium zu predigen, als die Predigt vorangehen zu lassen und hinterher die elenden Anhörer durch ein Zeichen in ein offenbarstes Gericht, also – in ein noch größeres Elend zu stürzen, als da war ihr erstes, pur den Leib betreffend.
GEJ|2|3|13|0|Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so lege ihm vor der Predigt die Hände auf, daß es mit ihm besser werde; so er dich dann fragt und sagt: „Freund, wie war dir solches möglich?“, so erst sage: „Durch den lebendigen Glauben an den Namen Dessen, der von Gott gesandt ward vom Himmel zur wahrhaften Beseligung aller Menschen!“ – Wird er dich dann weiter um den Namen fragen, so gib ihm dann auf Grund der Fähigkeit seiner Fassungskraft so viel einleitender Belehrung, daß er die Möglichkeit solch einer Erscheinung einzusehen beginnt.
GEJ|2|3|14|0|Ist er soweit gekommen, dann gib ihm im gerechten Maße stets mehr und mehr kund. Findest du nach solchen Gesprächen, daß das Herz des Hörers stets reger und reger wird, so sage ihm endlich alles, und er wird es sicher annehmen und wird glauben jedem deiner Worte. Wenn du ihm aber auf einmal zu viel gibst, so wird es ihn erdrücken und verwirren seine Sinne, und du wirst dann mit ihm ein schweres Stück Arbeit haben.
GEJ|2|3|15|0|Wie man aber den neugeborenen Kindern nicht sogleich gibt eines reifen Mannes Kost, die sie töten würde, also darf man um so weniger gleich anfänglich dem Geistkinde eine geistig männliche, sondern nur eine solchen Kindlein höchst angemessene geistige Kost geben, sonst werden sie getötet, und es ist dann überaus schwer, sie wieder zu beleben im Geiste. – Habt ihr alle solches nun wohl begriffen und verstanden?“
GEJ|2|3|16|0|Sagen alle mit gerührtem Herzen: „Ja, Herr, solches ist uns nun so klar wie die Sonne am hellsten Mittage, und wir werden es getreuest beachten!“
GEJ|2|3|17|0|Sage Ich: „Gut, so gehen wir nun zu der Höhle hin, in der die Pharisäer ihre Schätze verborgen hatten; denn es ist in der Höhle noch eine Höhle, und wir wollen sie durchsuchen. Nehmt aber Fackeln mit in rechter Menge und desgleichen Wein und Brot; wir werden dort Wesen antreffen, die sehr hungrig sein werden.“
GEJ|2|4|1|1|4. — Besuch und Beschreibung einer Tropfsteinhöhle
GEJ|2|4|1|0|Nun läßt Kisjonah alles hervorholen. Baram, der sich von uns noch immer nicht trennen konnte, läßt auch seine noch erübrigten Wein- und Brotvorräte holen von seinen Leuten. Jairuth und Jonael, die sich von Mir auch nicht trennen können, bitten Mich auch, ob sie diese Expedition mitmachen dürfen.
GEJ|2|4|2|0|Und Ich sage: „Allerdings; denn ihr seid sogar notwendig dabei, und Archiel wird uns gute Dienste leisten eigener Art! – Ich sage euch aber noch etwas, und das ist: Es verläßt soeben eine Deputation von euren Erzfeinden Sichar und begibt sich hierher, um euch zur baldigsten Rückkehr zu bewegen; denn das Volk hat sich wider sie erhoben und hat vorgestern schon den neu eingesetzten Priester vertrieben. Dieser wird auch bei der Deputation sein. Sie werden noch heute abend hier eintreffen, allwann wir sie ein wenig bearbeiten werden. Jetzt aber machen wir uns auf den Weg!“ – Es wollten aber auch die Weiber und Mägde bei dieser Expedition zugegen sein und fragten Mich darum.
GEJ|2|4|3|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Meine lieben Töchter! Das ist kein Gang für euch; darum bleibet ihr nur fein zu Hause und sorget, daß wir am Abend ein Mahl im gerechten Maße antreffen!“ – Die Weiber gaben sich zufrieden, auch die Maria, und sorgten fürs Haus. Die Lydia aber wäre zwar sehr gerne mit uns gewandelt; aber da sie sah, daß es Mein Wille nicht war, so blieb auch sie daheim und tat, was die andern taten.
GEJ|2|4|4|0|Wir aber begaben uns auf den Weg, erreichten in ein paar Stunden die Grotte oder Höhle und betraten sie mit angezündeten Fackeln sogleich. Da staunte Kisjonah über die große Räumlichkeit und über die äußerst interessante Tropfsteinformation, die in dieser Höhle wohl die sehenswürdigste von ganz Vorderasien ist, das eine große Menge solcher Höhlen zählt. Gigantische Gestalten aller Art traten da den schüchternen Beschauern entgegen.
GEJ|2|4|5|0|Faustus selbst, dem es sonst am römischen Heldenmute nicht gebrach, ward hier ganz kleinlaut und sagte: „Man könnte hier unwillkürlich zu der Meinung geführt werden, daß unterirdisch dennoch eine Art Götter hausen müssen, die durch ihre ungeheure Kraft solche Riesenwerke zustande bringen. Es sind da Abbilder von Menschen, Tieren und Bäumen; aber in welcher Größe! Was wären da die Riesentempel und Statuen Roms dagegen?! – Da, – dieser ganz gut geformte Araber! Wahrlich, so man ihn bis auf sein Haupt besteigen möchte und könnte, eine volle Stunde hätte man auf Stufen aufwärts zu steigen. Er hat dazu noch eine sitzende Stellung, und es schwindelt mir hinaufzuschauen zu seinem Haupte! Ah, das ist wirklich im vollsten Ernste über alle Maßen sehens- und denkwürdig! Der Zufall kann das doch unmöglich bewirkt haben!? – Da ist wieder eine Gruppe von Kriegern mit Schwert und Lanze! Dort aus dem tieferen Hintergrunde grinst uns ein allerriesigster Elefant an; die Zeichnung läßt nichts zu wünschen übrig! – Herr, Herr! Wie, wie ist doch dies alles so wunderbar entstanden?!“
GEJ|2|4|6|0|Sage Ich: „Freund, betrachte nun alles, was sich deinen Blicken vorstellen wird, und frage nicht viel; die ganz natürliche Erklärung wird nachfolgen. Es wird hier noch so manches vorkommen, das dich noch in ein bei weitem größeres Staunen versetzen wird; aber auch da frage nicht! Wenn wir aus der Grotte wieder im Freien sein werden, werde Ich euch allen alle diese Dinge klarmachen.“
GEJ|2|4|7|0|Wir gehen nun weiter und gelangen in eine übergroße und hohe Halle, die aber nicht finster, sondern ganz erträglich beleuchtet ist; denn in dieser Halle gibt es mehrere Erdölquellen, die schon vor gar vielen Jahren von Menschen, denen diese Grotte zur Wohnung diente, angezündet worden waren und seit der Zeit in einem fort lichterloh mit unterschiedlich mächtigen Flammen brannten und diese große Halle teilweise erleuchteten, während in diese Halle auch von einem Punkte der hohen Kuppe durch eine ziemlich weite Ausmündung ins Freie ein ziemlich starkes Tageslicht fiel, – und es war somit diese Grotte, wie gesagt, ganz erträglich beleuchtet.
GEJ|2|4|8|0|Der Boden dieser Grotte oder Grottenhalle aber ließ allerlei Gestalten sehen. Da lagen Schlangen, riesige Kröten und allerlei andere zum Teil gut und zum Teil schlecht und nur halb gebildete Tierbildungen aller Art, sowie auch eine große Masse von kleinen und riesig großen Kristallbildungen in allen Farben, was einen ungemein überraschend schönen Anblick gewährte.
GEJ|2|4|9|0|Da sagte Faustus: „Herr, da gäbe es des kaiserlichen Schmuckes in einer Fülle, wie von einer ähnlichen wahrlich nie einem Kaiser etwas geträumt hat! Das aber wird etwa doch wohl eine Art Tartarus sein, wie ihn der Griechen Mythe beschreibt!? Es geht nur noch der Styx, der alte Charon, die drei bekannten unerbittlichen Seelenrichter Minos, Äakus und Rhadamanthys, endlich der dreiköpfige Hund Zerberus, darauf einige Furien und am Ende gar noch Pluto mit der schönen Proserpina ab, und der Qualentartarus wäre fertig! Diese vielen Brände aus dem Boden und aus den Wänden, die tausenderlei scheußlichsten Tiergestalten am Boden – wennschon tot und versteinert – und noch eine Menge tartarusartiges Zeug mehr bekunden nur zu laut, daß wir nun entweder schon im Tartarus selbst oder doch wenigstens auf dem besten Wege dazu sind; oder, was mich nun am wahrscheinlichsten dünkt: diese oder irgendeine andere dieser ähnlichen Grotte ist der sichere Grund zur griechischen Tartarusmythe!“
GEJ|2|4|10|0|Sage Ich: „Das letzte hat viel Wahres an sich, wennschon nicht durchgängig alles; denn die stets am meisten pfiffige Priesterschaft aller Völker hat es zu allen Zeiten und allenthalben stets am besten verstanden, derlei Naturbestände zu ihrem eigenen Vorteile auszubeuten und bestens zu benutzen. Dergleichen benutzte sie auch in Griechenland und in Rom und gab dazu dann noch ihrer argen Phantasie den freiesten Spielraum, wodurch dann natürlich Völker und Völker breit- und blindgeschlagen worden sind bis auf diese Zeit und noch fortan bis ans Ende der Welt breit- und blindgeschlagen werden – bald mehr, bald weniger.
GEJ|2|4|11|0|Solange die Erde in ihrem notwendigen, sehr verschiedenartigen Gefüge irgend beschauliche Gestaltungen aufzuweisen haben wird, so lange werden auch ihre Menschen, die aus verschiedenen Ursachen blind und lichtscheu sind im Geiste, in ihrer Verstandesphantasie allerlei Zerrbilder formen und ihnen außerordentliche, göttliche Kräfte und Wirkungen beilegen, weil sie als Blinde den wahren Grund nicht ersehen mögen.
GEJ|2|4|12|0|Da siehe aber nun auch deinen Styx, den Schiffer Charon und über dem bei zwölf Klafter breiten und allenfalls eine Elle tiefen Flusse drüben, der eigentlich nur eine Art Teich ist und an der seichten Stelle sehr leicht durchwatet werden kann, erblickst du im matten Scheine auch deine drei Richter, einige Furien, den Zerberus und den Pluto mit der Proserpina, – Figuren, die sich nur in einer gewissen Entfernung also ausnehmen, in der Nähe und in stärkerem Lichte aber allem andern eher gleichsehen als dem, was die menschliche Phantasie aus ihnen gemacht hat. – Aber nun gehen wir, ohne dem Charon das Naulum (Fährgeld) zu bieten, zu Fuß über den Styx, und wir werden jenseits ein wenig den Tartarus in Augenschein nehmen.“
GEJ|2|4|13|0|Wir waten an einer sehr seichten Stelle über den sogenannten Styx und dringen durch eine ziemlich enge Spalte in den Tartarus, der durch unsere Fackeln beleuchtet nur zu bald einen, noch von allen Pharisäern nicht verratenen, großen Schatz vorzuweisen beginnt, und es kommt also durch Mich alles, was noch so verborgen war, ans Tageslicht.
GEJ|2|5|1|1|5. — Geschichte der gefundenen Schätze
GEJ|2|5|1|0|Faustus schlägt die Hände über dem Haupte zusammen und ruft sogleich den Pilah zu sich, zu ihm sagend: „Hast du keine Kenntnis gehabt, weil du mir davon nichts verraten hast? – Rede, – sonst sieht es übel mit dir aus!“
GEJ|2|5|2|0|Sagt Pilah: „Herr! Davon hatte ich keine Kenntnis und bin in diese Höhle noch nie so weit gedrungen wie jetzt! Die Alten werden wohl davon gewußt haben; aber sie verschwiegen solches alles, damit ihnen am Ende aus was immer für einem Gefängnisse ein Lösegeld übrigbleibe. Nimm aber alles in Empfang; es ist gottlob von nun an dein!“
GEJ|2|5|3|0|Faustus fragt auch Mich, ob Pilah die Wahrheit gesprochen habe, und Ich bestätige solche Aussage des Pilah und sage zum Faustus: „Freund, so jemand die Tochter eines angesehenen Hauses zum Weibe nahm, so hat er mit Fug und Recht eine Mitgift zu erwarten. Du hast nun viel zu tun gehabt, und es ist dafür bei der Verteilung der früheren Güter kein Teil auf dich gefallen, – und so nimm du diesen ganzen Schatz in deinen rechtmäßigen Besitz; er ist irdischer Schätzung zufolge tausend mal tausend Pfunde wert.
GEJ|2|5|4|0|Den größten Wert aber machen die großen Perlen aus, von denen jede die Größe eines Hühnereies hat. Eine ganze eherne Kiste, bei tausend Drachmen maßhältig, ist voll von den großen Perlen, von denen jede eigentlich einen unschätzbaren Wert hat. Solche Perlen kommen jetzt auf der ganzen Erde als neugebildet nicht mehr vor, da derlei Schaltiere nebst vielen anderen Urwelttieren nicht mehr bestehen. Diese Perlen aber wurden auch nicht aus dem Meere gefischt, sondern der König Ninias, auch Ninus genannt, fand sie in der Erde, als er die Stadt Ninive bauen ließ, bei Grabungen des Grundes. Durch die mannigfachen Schicksale kamen sie zum Teil schon zu Davids, zum größten Teile aber zu Salomos Zeiten nach Jerusalem; in diese Höhle aber kamen sie, als die Römer als Eroberer Palästina, eigentlich aber nahezu das halbe Asien, in Besitz nahmen.
GEJ|2|5|5|0|Die Hohenpriester, denen die Höhle schon gar lange her bekannt war, haben, als sie von dem Einfalle der Römer Nachricht erhielten, sogleich alle die größten und beweglichen Schätze des Tempels zusammengerafft und sie glücklich in die Höhle gebracht. Die goldenen Löwen, die den Thron Salomos trugen und zum Teil dessen Stufen bewachten, sind zur Zeit der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier in den Schutt gekommen, aber bei der nachherigen Wiedererbauung wiedergefunden und von den Priestern für den Tempel in Empfang genommen worden. Diese befinden sich auch zum größeren Teile hier; denn man brachte alles Wertvollste, das man in der Eile zusammenraffen konnte, zur Einfallszeit der Römer hierher, so wie zur Einfallszeit der damals mächtigen Babylonier auch eine bedeutende Masse Tempelschätze in die bekannte Höhle bei Chorazin gebracht worden ist, obgleich hernach die Babylonier im Tempel dennoch genug noch, namentlich die dem Tempeldienste für immer geweihten Gefäße und Schätze, zum Mitnehmen fanden und sie nach Babylon brachten. Beordere nun deine Leute, daß sie alles das aus der Höhle schaffen; nachher soll Archiel dieser Grotte Eingang so verrammen, daß fürder nimmer ein Mensch sie betreten solle.“
GEJ|2|5|6|0|Faustus gebietet nun sogleich den Dienern, all diese Schätze hinauszuschaffen; als sie diese aber zu heben anfangen, so haben sie nicht Kraft genug, die vielen und schweren ehernen Kisten zu heben. Sie bitten Mich aber, daß Ich ihnen die erforderliche Kraft verleihen möchte!
GEJ|2|5|7|0|Ich aber berufe den Archiel und sage: „So schaffe du all diesen Unflat hinaus, und zwar sogleich nach Kis ins große Magazin!“ – Im Augenblick verschwanden all die vielen schweren Kisten, und Archiel war aber auch im Augenblick wieder da, so daß niemand merken konnte, wann denn Archiel abwesend war.
GEJ|2|5|8|0|Sagt darauf Faustus: „Das geht noch in das Allerfabelhafteste! Meine Diener hätten damit wohl drei Tage zu tun gehabt – das aber war ein unmerklicher Augenblick, und es ist von all den vielen Kisten aber auch nicht eine mehr zu entdecken! Da frage ich auch gar nicht mehr um die Möglichkeit solch einer Tat; denn dazu gehört ein göttlicher Sinn, um solche Erscheinungen zu begreifen und nach Recht zu schätzen!“
GEJ|2|5|9|0|Sage Ich: „Ja, ja, du hast recht! Es wäre auch für den Menschen vorderhand gar nicht gut, so er alles so bald verstände, was sich ihm als Erscheinung beschaulich darstellt. Denn es steht geschrieben: ,Wenn du vom Baume der Erkenntnis essen wirst, wirst du auch sterben!‘ Es ist daher auch besser, jede Wundertat als das zu nehmen, was sie der Erscheinlichkeit nach ist, und sich dabei lebendig zu denken, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist, als sie aus dem Wirkungsgrunde erklären zu wollen, wo man nach der Erklärung ebensowenig begreift als vor derselben.
GEJ|2|5|10|0|Genug, daß du siehst, daß die Erde da ist, tauglich zu tragen und zu ernähren die Menschen! Würdest du den Grund wissen, wie sie gemacht wurde, so verlöre sie für dich den Reiz, und du würdest an ihr kein Wohlgefallen haben, wohl aber eine Gier, irgendeine andere Erde auf den Grund zu erforschen. Und würdest du bei derselben den gleichen Entstehungs- und Bestandesgrund ersehen und desgleichen auch bei einer dritten, vierten und fünften, so würde dich dann weiter auch gar nicht mehr gelüsten, noch eine sechste und siebente zu erforschen; und also würdest du dann träge, lustlos, lebensverächtlich und ärgerlich das Leben zu verwünschen anfangen und verfluchen die Stunde, die dich mit solcher Erkenntnis zu bereichern begann, – und ein solcher Zustand wäre dann ein barster Tod für deine Seele!
GEJ|2|5|11|0|Da aber nach der göttlichen Ordnung alles so eingerichtet ist, daß sowohl der Mensch wie auch jeder Engelsgeist alles nur nach und nach, und selbst da nur bis zu einem gewissen Grade, von der göttlichen Natur in sich wie in all den geschaffenen Dingen, einsehen kann, so bleibt ihm die stets wachsende Lebenslust und die Liebe zu Gott und zum Nächsten, durch die allein er ewig selig werden kann und wird. – Fassest du solche Wahrheit?“
GEJ|2|5|12|0|Sagt Faustus: „Ja, Herr und Freund, ich fasse es genau! Und so will ich Dich nicht mehr fragen um den Entstehungsgrund der Gebilde in dieser Grotte.“
GEJ|2|6|1|1|6. — Entstehung und Einsturz der Tropfsteinhöhle
GEJ|2|6|1|0|Sage Ich: „Daran liegt auch wirklich nicht viel. Ob du es weißt oder auch nicht weißt, wird dich nicht lebensärmer oder lebensreicher machen. Aber das kannst du dennoch wissen, daß daran nie eine Menschenhand etwas zu tun gehabt hat, sondern die Natur der Elemente allein bildete solches wie zufällig. Die Berge saugen stets eine auflösende Feuchtigkeit aus der Luft; dazu kommt der öftere Regen, der Schnee und die Nebel, die gar oft die obersten Kuppen der Berge einhüllen. Alle die auf den Bergen abgelagerten Feuchtigkeiten sickern zum großen Teile durch Erd und Stein der Berge, und wo sie über einen inneren hohlen Raum gelangen, sammeln sie sich in Tropfen, die nahe zur Hälfte aus aufgelöstem Kalk bestehen. Solche Tropfen fallen herab. Ihr reines Wasser sickert dann entweder noch tiefer, oder es verdunstet in solch einem Raume. Aber die schleimige Kalkmasse wird fester und fester, und es bilden sich durch die stete Vermehrung endlich allerlei Formen, die bald dem einen, bald dem andern Gebilde auf der Erde – bald mehr, bald weniger – ähnlich sehen. Und auf dieselbe Weise entstand denn auch all das Gebilde in dieser Höhle auf einem ganz natürlichen Wege, obschon auch nebenbei anzunehmen ist, daß zur Verblendung der schwachen Menschen Satans Diener zur besseren Ausbildung von allerlei menschenähnlichen Gestalten ein bedeutendes beigetragen haben.
GEJ|2|6|2|0|Es ist daher besser, daß solch eine den finstern Aberglauben sehr begünstigende Grotte für alle künftigen Zeiten unzugänglich gemacht werde. Und so begeben wir uns nun wieder hinaus ins Freie, auf daß der Archiel seinen Auftrag erfülle mit dieser Höhle!“
GEJ|2|6|3|0|Faustus dankt Mir innigst für diese Erklärung und sagt: „Mir ist diese Erklärung um so klarer begreiflich, weil ich solches – wenn auch mehr als eine Hypothese – schon von den römischen Naturkundigen aussprechen gehört habe. Aber auch der Beisatz von der Mitwirkung Satans ist viel wert; denn der Feind des Lebens wird dergleichen Dinge sicher nicht unbenutzt lassen, und die bösen Folgen liegen in drei Weltteilen vor unseren Augen! Das ist mir nun alles sonnenklar; aber nur ein Ding kann ich nicht so recht unters Dach bringen, – und das ist die Seligkeit Gottes!
GEJ|2|6|4|0|Sage mir, welche Lust kann denn Gott, dem der innerste Grund alles Seins ewig fort gleich und durchdringendst bekannt sein muß, an Seinem eigenen unverwüstbaren Leben haben?! Kann denn Ihm solch eine notwendig allergleichste Klarheit, ohne Sich je irgend aus Sich Selbst verändern zu können, zu einer Lust gereichen, die doch jeden Menschen vor Langweile töten müßte?“
GEJ|2|6|5|0|Sage Ich: „Siehe hier die Menschen! Diese sind die Lust Gottes, wenn sie in Seiner Ordnung das werden, was zu werden sie bestimmt sind. In ihnen findet Gott Seinesgleichen wieder, und ihr stetes Wachsen an Erkenntnissen aller Art und dadurch in aller Liebe, Weisheit und Schönheit, ist Gottes unverwüstbare Lust und Seligkeit! Denn alles, was die Unendlichkeit fasset, ist allein des kleinen Menschen wegen da, und es gibt ewig nichts, das nicht da wäre allein des kleinen Menschen wegen. – Nun weißt du auch das! Aber nun gehen wir aus dieser Höhle, auf daß Archiel seinem Auftrage ehest möglich nachkommen kann!“
GEJ|2|6|6|0|Wir eilen nun aus der Grotte und erreichen bald das Ende derselben. Als wir alle außerhalb der Grotte uns befinden, gebe Ich dem Archiel einen Wink, und in dem Augenblick geschieht ein heftiger Knall, und der äußerst geräumige Eingang zeigt sich nun als eine hohe Granitwand, durch die mit leichter Mühe wohl kein Sterblicher durchbrechen würde, so er es sich noch so ernstlich vornähme. Um aber den Eingang sozusagen gänzlich unmöglich zu machen, wurde, nachdem wir uns von der Stelle des Eingangs bei dreitausend Schritte entfernt hatten, eine Absitzung des Erdreichs bewerkstelligt, so, daß die ehemalige Eingangsstelle über hundert Manneshöhen dem zugänglichen Erdboden, der in die Tiefe geschoben ward, entrückt wurde, und man hätte nun eine über hundert Manneshöhen hohe Leiter haben müssen, um über die senkrecht steile Wand hinauf zur gewesenen Eingangsstelle zu gelangen, – was aber dann dennoch fruchtlos gewesen wäre, weil der Eingang selbst zur festesten und steilsten Felswand geworden war.
GEJ|2|6|7|0|Als Faustus und auch alle die Anwesenden solche Veränderung mit dieser Bergesstelle ersehen, sagt Faustus zu Mir: „Herr und Freund! Wahrlich, ich kann mich jetzt nimmer fassen! Die Erscheinungen werden zu schöpferisch groß; sie liegen bereits eine Ewigkeit von meinem Erkenntnishorizonte entfernt! Ich weiß nun wahrlich nicht, ob ich noch lebe, oder ob ich träume! Es geschehen da so seltsam rätselhaft wunderbarste Dinge, daß man selbst bei der größten Nüchternheit als ein total Betrunkener dasteht und kaum mehr im eigenen Bewußtsein zu unterscheiden imstande ist, ob man dem männlichen oder dem weiblichen Geschlechte angehört. – Da sehe man nun diese furchtbare Felsenwand an! Wo war diese vorher, als wir ganz bequem in die Grotte auf einem recht gut zu besteigenden Fußsteige den Weg machten?
GEJ|2|6|8|0|Und was aber eigentlich noch das Sonderbarste bei der ganzen Sache ist, besteht in dem, daß bei der ganzen Veränderung von mehreren tausend Morgen Grundes keine Spur von irgendeiner gewaltsamen Zerstörung zu entdecken ist. Das Ding sieht doch gerade so aus, als ob hier seit dem Urbestande der Erde nie etwas verändert worden wäre!? Wahrlich, wenn hier tausend Menschen hundert Jahre lang gearbeitet hätten, so steht es dahin, ob sie solche Masse nur von der Stelle geschafft hätten also, daß eine solche Felswand, die im ganzen gut hundertfünfzig Manneslängen Höhe und eine Breite von mehr denn einer Stunde hat, also frei gestellt worden wäre, wie sie nun, von der noch vor wenig Augenblicken keine Spur zu entdecken war, frei dasteht, geschweige in solcher von keiner Zerstörung nur eine leiseste Spur tragenden Weise! Das ist im vollsten Ernste unerhört! Ich bin nun nur neugierig, was dazu die vielen Seefahrer für ein Gesicht machen werden, so sie an der Stelle der früheren üppigen Waldgegend nun diese Riesenwand entdecken werden! – Viele werden sich gar nicht auskennen, wo sie sich befinden; und viele werden dareinschauen, wie das Rind in ein neues Tor, dessen es noch ungewohnt ist!“
GEJ|2|6|9|0|Sage Ich: „Darum sage Ich euch allen, daß ihr davon schweigt und nicht einmal den Weibern etwas davon meldet; denn Ich habe sie darum diesmal auch nicht mitgehen lassen, weil sie bei gar außerordentlichen Begebnissen trotz alles Verbotes ihren Zungen nie den schweigsamen Gehorsam abgewinnen können. Deshalb wollet auch ihr euren Weibern nichts von den außerordentlichen Begebnissen erzählen, die hier vor sich gegangen sind! Ihr könnet ihnen wohl die Gestaltung der Grotte beschreiben und auch Meldung tun von den neu aufgefundenen Schätzen; aber weiter ja keine Silbe mehr!“ – Alle geloben solches aufs feierlichste, und wir setzen darauf unsern Weg nach Kis ganz ruhig fort und kommen da gerade mit dem Untergange der Sonne an. Da kommen uns freilich die daheimgelassenen Weiber und Mägde haufenweise entgegen und können nicht schnell genug fragen, was wir alles natürlich Wunderbares erlebt hätten. Aber sie bekommen den Bescheid, daß es noch zu früh sei, zu fragen, und an der ganzen Sache nichts anderes gelegen sei als die Hebung eines noch von seiten der Pharisäer verschwiegenen Schatzes. Mit dem Bescheide geben sich die neugierigen Weiber zufrieden und fragen um nicht vieles mehr weiter.
GEJ|2|6|10|0|Wir aber begeben uns darauf sogleich zum Abendmahle, da alle, die mit waren, kein Mittagsmahl hatten und schon bedeutend hungrig geworden waren und sich daher nach einem gut bestellten Abendmahle schon sehr sehnten.
GEJ|2|7|1|1|7. — Faustus findet die Schätze im Lagerhaus wohlgeordnet und bewacht
GEJ|2|7|1|0|Nach dem bald eingenommenen Abendmahle erst ging Faustus auf Mein Geheiß ins große Magazin, um nachzusehen, ob die durch Archiel aus der Grotte nach Kis geschafften Schätze in der Ordnung da wären. Alles war da in bester Ordnung nebst einem großen Verzeichnisse aller der verschiedenen Schätze samt der Angabe des Wertes, wie sie in der Grotte vorgefunden worden sind. Faustus fragt die Wächter, wer da dieses Verzeichnis gemacht habe.
GEJ|2|7|2|0|Die Wächter aber antworten: „Herr, dies haben wir schon angetroffen, als wir zur Wache hierhergestellt worden sind. Wer es gemacht hat, wissen wir dir darum nicht anzugeben.“
GEJ|2|7|3|0|Fragt Faustus weiter: „Sagt mir, wie denn diese Schätze hierhergekommen sind, und wer sie gebracht hat!“
GEJ|2|7|4|0|Sagen die Wächter: „Auch das wissen wir nicht; es kam bloß ein junger Mensch, den wir schon etliche Tage hier in der Gesellschaft des Wunderarztes aus Nazareth sahen, und befahl, daß die Schätze bewacht werden. Wir wurden darauf vom römischen Unterrichter daherbeordert und halten nun schon bei zwei vollen Stunden die Wache. Das ist alles, was wir von dem Schatze und dessen Hierherstellung wissen, und keine Silbe darunter und darüber!“
GEJ|2|7|5|0|Faustus begibt sich darauf mit dem zu sich genommenen Verzeichnisse zum Unterrichter und fragt ihn so wie die Wache; aber der Unterrichter weiß von der ganzen Sache ebensowenig wie die vorher befragte Wache. Faustus aber, da er sieht, daß da niemand in Kis etwas von der Herschaffung der Schätze weiß, sagt bei sich: ,Weil sie alle nichts wissen, so will ich sie auch auf nichts weiteres mehr aufmerksam machen, damit die Sache dadurch nicht unnötigerweise im Volke ruchbar werde!‘
GEJ|2|7|6|0|Mit solcher Selbstbesprechung begibt sich Faustus wieder in seine Wohnung, allwo ihn sein junges Weibchen schon mit offenen Armen erwartet. Aber bevor er noch zur Nachtruhe sich begibt, kommt er noch zu Mir, um wichtige Dinge zu besprechen. Aber Ich bescheide ihn auf morgen zu Mir und beheiße ihn nun zur Ruhe für Körper und Seele, die ihm nun not tue vor allem. Und Faustus begibt sich dann auch sogleich zur Ruhe, die ihm so wie allen andern not tat.
GEJ|2|7|7|0|Im guten Schlafe hat es mit der Nacht ein baldiges Ende, und so war es denn auch hier der Fall; man glaubte, erst vor ein paar Minuten eingeschlafen zu sein, und schon rief alle der helle Morgen, die süßschmeckenden Lager zu verlassen und wieder des Tages Geschäft zu beginnen. Das schon früh bereitete Morgenmahl rief alle von den verschiedenen Schlafgemächern in den großen Speisesaal, in dem alle wie an den vergangenen Tagen das Morgenmahl einnahmen und nach dem Mahle samt und sämtlich Mir zum ersten Male im Namen Jehovas den Dank und das Lob darbrachten nach der Weise Davids, der da sprach (Psalm 33):
GEJ|2|7|8|0|„Freuet euch des Herrn, ihr Gerechten; die Frommen sollen Ihn schön preisen. Danket dem Herrn mit Harfen, und singet Ihm auf dem Psalter von zehn Saiten. Singet Ihm ein neues Lied, und machet es gut auf dem Saitenspiele mit reinem Schalle; denn des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was Er zusagt, das hält Er gewiß. Er liebt Gerechtigkeit und ein rechtes Gericht; die Erde ist voll der Güte des Herrn. – Die Himmel sind durch das Wort des Herrn gemacht und all Sein Heer durch den Geist Seines Mundes. Er hält das Wasser im Meere zusammen wie in einem Schlauche und legt die Tiefe in das Verborgene. Alle Welt fürchte den Herrn, und vor Ihm scheue sich alles, was auf dem Erdboden wohnet; denn so Er spricht, so geschieht es, und so Er gebietet, so steht es da. Der Herr vernichtet der Ungläubigen und Bösen Rat und wendet die Gedanken der Völker von ihnen ab. Aber Sein Rat bleibt ewig und Seines Herzens Gedanken für und für. Wohl dem Volke, des der Herr sein Gott ist; denn es ist das Volk, das Er zu Seinem Erbe erwählet hat! – Der Herr schauet vom Himmel und sieht aller Menschen Kinder. Von Seinem festen Throne sieht Er auf alle, die auf Erden wohnen. Er lenket ihr Herz und merket auf ihre Werke. Einem Könige hilft nicht seine große Macht, und ein Riese wird nicht gerettet durch seine große Kraft! Rosse helfen auch nicht, und ihre große Stärke errettet nicht! Denn des Herrn Auge siehet nur auf die, so Ihn fürchten und auf Seine Güte hoffen, daß Er ihre Seele errette vom Tode und sie ernähre in der Teuerung. Unser Herz freue sich des Herrn, und wir alle vertrauen auf Seinen heiligen Namen! – Deine Güte, o Herr, sei über uns, wie wir auf Dich hoffen!“
GEJ|2|8|1|1|8. — Vom Himmelreich
GEJ|2|8|1|0|Nachdem nun alle Mir dieses Morgenlob dargebracht haben, fragt Mich schnell Faustus, der natürlich auch beim Mahle wie beim Lobe zugegen war: „Aber woher nahmen denn Deine Jünger alle diese Deiner würdige, gar so herrliche und völlig wahre Exklamation? So etwas Erhabenes habe ich noch nie vernommen!“
GEJ|2|8|2|0|Sage Ich: „Verschaffe dir von den Pharisäern die Schrift Gottes, und lies darin die Psalmen des Königs David; darin wirst du alles das finden! Der Oberste Jairus, mit dem wir noch heute zu tun bekommen werden, wird dir solche Schrift schon verschaffen. Denn vor zwei Tagen haben sie seine Tochter ins Grab gelegt; sie ist ihm gestorben! Er hat seine Sünde gegen Mich tiefst bereut; darum soll ihm denn auch geholfen werden, und er soll nicht verloren sein für das Himmelreich Gottes!“
GEJ|2|8|3|0|Fragt Faustus: „Herr, was ist das für ein Reich, und wo ist es?“
GEJ|2|8|4|0|Sage Ich: „Ja, mein lieber Freund, das eigentliche wahre Himmelreich Gottes ist für die wahren Freunde Gottes überall, für die Feinde Gottes aber nirgends; denn für die ist wieder alles Hölle, wohin du nur immer deine Augen und andern Sinne wenden kannst und magst. Unten und oben ist da gleich. Blicke weder zu den Sternen empor – denn sie sind Erden wie diese, die du betrittst – noch senke deine Augen zur Erde hinab, denn sie ist gerichtet wie dein Fleisch, das einmal sterben und verwesen muß! Forsche und suche aber dafür fleißig in deinem Herzen; dort wirst du finden, was du suchst. Denn in eines jeden Menschen Herz ist der lebendige Same gelegt, aus dem dir des ewigen Lebens ewiges Morgenrot erblühen wird.
GEJ|2|8|5|0|Siehe, der Raum, in dem diese Erde schwebt so wie die große Sonne, der Mond und all die zahllosen Sterne, die für sich nichts als wieder Sonnen und Erden sind, ist unendlich! Mit der Gedanken Schnelligkeit könntest du diese Erde verlassen und in der geradesten Linie in solcher Schnelligkeit forteilen, – und so du Ewigkeiten auf Ewigkeiten also forteiltest, so würdest du nach vielen Ewigkeiten des gedankenschnellen Fortfluges dennoch nimmer irgendeinem Ende nahekommen! Überall jedoch würdest du Schöpfungen von der seltensten und wunderbarsten Art und Weise treffen, die allenthalben den endlosen Raum erfüllen und beleben.
GEJ|2|8|6|0|Durch dein Herz wirst du nach dem Tode deines Leibes hinaustreten in den endlosen Gottesraum, und nach der Art deines Herzens wirst du ihn entweder als Himmel oder als Hölle antreffen!
GEJ|2|8|7|0|Denn es gibt nirgends einen eigens geschaffenen Himmel, noch irgendeine eigens geschaffene Hölle, sondern alles das kommt aus dem Herzen des Menschen; und so bereitet sich ein jeder Mensch im Herzen, je nachdem er Gutes tut oder Böses, entweder den Himmel oder die Hölle, und wie er glaubt, will und handelt, also wird er auch seines Glaubens leben, aus dem heraus sein Wille genährt ward und ins Handeln überging.
GEJ|2|8|8|0|Jeder aber prüfe die Neigungen seines Herzens, und er wird leicht erfahren, wessen Geistes sein Herz voll ist. Ziehen seine Neigungen das Herz und dessen Liebe zur Welt hinaus, und fühlt er in sich eine Sehnsucht, in der Welt etwas Großes und Angesehenes zu werden, – hat das hochmütig werden wollende Herz ein Mißbehagen an der armen Menschheit, und fühlt es den Trieb in sich, daß es herrschen möchte über die andern, ohne zum Herrschen von Gott erwählt und gesalbt zu sein, so liegt im Herzen schon der Same der Hölle, der, so er nicht bekämpft und erstickt wird, dem Menschen nach dem Tode des Leibes offenbarst nichts denn die Hölle bereitet.
GEJ|2|8|9|0|Ist aber das Herz des Menschen voll Demut, und fühlt er sich glücklich, der Geringste unter den Menschen zu sein, allen zu dienen, seiner selbst der Liebe zu den Brüdern und Schwestern wegen gar nicht zu achten, dem Vorgesetzten willig zu gehorchen in allen guten, den Brüdern so wie so nützenden Dingen, und liebt er also Gott über alles, dann erwächst im Herzen der himmlische Same zu einem wahren, ewig lebendigen Himmel, und der Mensch, der also schon den gesamten Himmel in der Fülle in seinem Herzen birgt voll des wahren Glaubens, der reinsten Hoffnung und Liebe, der kann nach dem Tode des Leibes denn auch unmöglich irgendwo anders hinkommen als ins Himmelreich Gottes, das er in aller Fülle schon lange im Herzen trug! – Wenn du solches recht erwägst, so wirst du leicht begreifen, was es so ganz eigentlich mit dem Himmelreich sowie mit der Hölle für eine Bewandtnis hat.“
GEJ|2|8|10|0|Sagt Faustus: „Liebster, höchst weiser Herr, Meister und Freund! Wahrlich, Deine Worte klangen höchst weise wohl; aber ich konnte sie diesmal nicht in aller Tiefe erfassen! Wie da gewisserart Himmel und Hölle auf einem Flecke beisammensein können, so daß eins das andere offenbarst durchdringen müßte, das ist für mich noch sehr materiell denkenden Menschen eine Sache der Unmöglichkeit! Wie aber am Ende aus meinem Herzen eine unendliche glückliche oder unglückliche Unendlichkeit erblühen solle, ist mir noch unbegreiflicher als alles andere! Daher muß ich Dich schon bitten, daß Du mir darüber noch eine faßlichere Erläuterung geben wollest; denn sonst gehe ich bei allem Lichte am hellsten Mittage des Geistes blind von hier nach Hause!“
GEJ|2|9|1|1|9. — Der Herr zeigt das Wesen von Himmel und Hölle in Beispielen
GEJ|2|9|1|0|Sage Ich: „So habe denn wohl acht; denn es liegt Mir daran, daß du sehend nach Hause ziehest!
GEJ|2|9|2|0|Siehe, in einem Hause wohnen zwei Menschen. Der eine ist mit allem zufrieden, was er im Schweiße seines Angesichtes unter dem Segen Gottes dem Erdboden entlockt. Zufrieden und heiter genießt er den spärlichen Ertrag seines Fleißes, und seine größte Freude ist es, mit den noch ärmeren Brüdern seinen mühsam erworbenen Vorrat zu teilen. So ein Hungriger zu ihm kommt, da hat er eine Freude, ihn sättigen zu können, und fragt ihn nie mit ärgerlichem Gemüte um den Grund seiner Armut und verbietet ihm nicht, daß er wiederkommen dürfe, so es ihn etwa wieder hungern sollte.
GEJ|2|9|3|0|Er murret nicht über irdische Staatseinrichtungen und sagt, so ihm irgendeine Steuer abgenommen wird, allzeit mit Hiob: ,Herr! Du hast es mir gegeben; Dein ist alles! Was Du gabst, kannst Du allzeit wieder nehmen; Dein allzeit allein heiliger Wille geschehe!‘
GEJ|2|9|4|0|Kurz, diesen Menschen kann nichts in seiner Heiterkeit sowohl als auch in seiner Liebe und in seinem Vertrauen zu Gott, sowie daraus in der Liebe zu seinen irdischen Brüdern, stören; Zorn, Neid, Hader, Haß und Hochmut sind für ihn fremde Begriffe.
GEJ|2|9|5|0|Aber sein Bruder ist dafür der unzufriedenste Mensch. Er glaubt an keinen Gott und sagt: ,Gott ist ein leerer Begriff, durch den die Menschen den höchsten Grad der diesirdischen Helden bezeichnen. In der Dürftigkeit kann nur ein dümmster Mensch glücklich sein, gleichwie auch die vernunft- und verstandlosen Tiere glücklich sind, wenn sie nur das spärlich erhalten, was ihr stummer und stumpfer Naturtrieb verlangt. Ein Mensch aber, der sich mit seinem Verstande weit übers Tierische emporgehoben hat, der muß sich nicht mehr mit der gemeinen Schweinskost begnügen, muß nicht mit den eigenen, zu etwas Besserem bestimmten Händen in der Erde herumwühlen – was sich nur für Tiere und Sklaven geziemt –, sondern man muß das Schwert ergreifen, sich zum mächtigen Feldherrn emporschwingen und durch Triumphpforten in die großen Weltstädte einziehen, die man erobert hat. Die Erde muß erbeben unter den Huftritten des Rosses, das von Gold und Edelsteinen strotzend stolz den Herrn der mächtigen Heerscharen trägt.‘
GEJ|2|9|6|0|Mit solchen Gesinnungen verwünscht dann ein solcher Mensch sein ärmliches Sein, verflucht die Armut in seinem Herzen und sinnt auf Mittel, wie er sich große Schätze und Reichtümer verschafft, um mit ihrer Hilfe seine herrschsüchtigen Ideen zu realisieren.
GEJ|2|9|7|0|Seinen zufriedenen Bruder verachtet er, und jeder noch Ärmere ist ihm ein Greuel. Von der Barmherzigkeit ist bei ihm gar keine Spur; bei ihm gilt sie als lächerliche Eigenschaft feiger Sklaven und der Gesellschaftsaffen. Dem Menschen gezieme nur Großmut, – aber diese so selten wie möglich! Kommt ein Armer zu ihm, so fährt er ihn an mit allerlei Scheltworten und sagt: ,Weiche von mir, du faule Bestie, du gefräßiges Ungeheuer mit der zerlumpten Larve eines Menschen! Arbeite, Tier, so du einen Fraß haben willst! Gehe zum ungeratenen Bruder meines Leibes, aber nimmer meines erhabenen Geistes; dieser, als selbst ein gemeines Lasttier, arbeitet für seinesgleichen und ist barmherzig wie ein Gesellschaftsaffe! Ich bin nur großmütig – und schenke dir diesmal noch dein gemeinstes Erdwurmleben.‘
GEJ|2|9|8|0|Siehe nun, diese beiden Brüder, Kinder eines Vaters und einer Mutter, leben in einem Hause beisammen. Der erste ist ein Engel, der zweite nahe ein vollendeter Teufel. Dem ersten ist die ärmliche Hütte ein Himmel, dem zweiten dieselbe Hütte ohne irgendeine Veränderung eine allerbarste Hölle voll der bittersten Qual. Siehst du nun, wie Himmel und Hölle auf einem Flecke beisammen sein können?!
GEJ|2|9|9|0|Freilich wirst du dir denken: ,Nun, was ist es denn? Man lasse den Herrschsüchtigen einen Thron erreichen, und er wird ganz tauglich sein, Völker zu schützen und zu schlagen die Feinde!‘ O ja, das könnte wohl möglich sein! Aber wo liegt der Maßstab, der ihm vorschriebe, wieweit er seine herrschsüchtigen Pläne verfolgen solle? Was wird er mit den Menschen machen, die sich nicht in aller Tiefe werden beugen wollen vor ihm? – Siehe, die wird er martern lassen auf die möglichst qualvollste Weise, und es wird ihm an einem Menschenleben ebensowenig gelegen sein wie an einem zertretenen Grashalm! – Was ist aber dann ein solcher Mensch? – Siehe, das ist ein Satan!
GEJ|2|9|10|0|Es müssen wohl Herrscher und auch Feldherren sein; aber verstehe, diese müssen von Gott dazu erwählt und berufen sein und für die Folge Abstämmlinge von altgesalbten Königen sein. Diese sind dann berufen; aber wehe jedem andern, der seine arme Hütte verläßt und hineilet, sich durch allerlei Mittel den Herrscherstab zu erringen! Wahrlich, es wäre für ihn besser, nie geboren worden zu sein!
GEJ|2|9|11|0|Ich will dir aber noch ein Bild vom Himmelreiche Gottes geben: Es gleichet völlig einem guten Erdreich, auf dem ebensogut die edelsten Trauben fest neben den Dorngesträuchen und Disteln wachsen und reif werden, – und doch haben sie ein und dasselbe gute Erdreich! Der Unterschied liegt nur in der Verwendung desselben: die Rebe verkehrt es in Gutes, der Dornstrauch und die Distelstaude aber in Arges, Nutzloses und für keinen Menschen Genießbares.
GEJ|2|9|12|0|Also fließet auch der Himmel ein in den Teufel wie in die Engel Gottes; aber jeder von den beiden verwendet ihn anders! –
GEJ|2|9|13|0|Also ist der Himmel auch noch gleich einem Fruchtbaume, der ein gutes, süßes Obst trägt. Als aber unter seine reichgesegneten Äste Leute kommen, die solche Frucht genießen wollen, da sind etliche nüchtern; diese genießen mit Dank nur soviel, als es ihr Bedürfnis verlangt. Andere aber, da ihnen die Frucht wohlschmeckt, wollen nichts am Baume zurücklassen, sondern verzehren es aus Neid, daß nicht die Genügsamen noch einmal etwas fänden, und essen so lange, bis der letzte Apfel verzehrt ist. Diese aber werden darauf krank und müssen sterben, während sich die Genügsamen vom mäßigen Genusse der Früchte des Baumes sehr wohl und gestärkt fühlen! Und doch haben beide Parteien vom selben Baume gegessen!
GEJ|2|9|14|0|Also ist der Himmel auch gleich einem guten Weine, der den Mäßigen stärkt, den Unmäßigen aber zugrunde richtet und tötet; und so wird ein und derselbe Wein für den einen ein Himmel und für den andern die barste Hölle, – und doch wird er von einem und demselben Schlauche genommen! –
GEJ|2|9|15|0|Sage Mir, Freund, ob du nun verstehest, was da ist der Himmel und was die Hölle!“
GEJ|2|10|1|1|10. — Das Gesetz der Ordnung
GEJ|2|10|1|0|Sagt Faustus: „Herr, nun fängt es bei mir an hell zu werden! – Es ist in aller Unendlichkeit nur ein Gott, eine Kraft und ein Gesetz der ewigen Ordnung. Wer aus den Menschen sich dieses Gesetz zum eigenen macht, für den ist alles und überall Himmel; wer aber aus seiner eigenen Freiheit heraus diesem Gesetze widerstreben will, für den ist überall Hölle, Qual und Marter!“
GEJ|2|10|2|0|Sage Ich: „Ja, also ist es! – Das Feuer ist ein überaus nützliches Element; wer es ordentlich, weise und zweckmäßig benutzt, dem verschafft es einen unberechenbaren Nutzen. Es wäre zu weitläufig, alle die Vorteile herzuzählen, die den Menschen durch die rechte, weise und zweckmäßige Benutzung des Feuers entstehen. Wenn aber jemand das Feuer höchst unweise und allenfalls zum bloßen Vergnügen so leichtsinnig gebrauchen möchte, daß er es anzündete auf den Dächern der Häuser oder in dichten Waldungen, da wird ein und dasselbe Feuer alles zerstören und verderben!
GEJ|2|10|3|0|Wenn es im Winter frostig ist, so geht jedermann gerne an den Kamin und wärmt sich mit großer Lust beim heiter knisternden Feuer, das den festen Kamin mit wärmenden Flammen füllt; aber wer ins Feuer fiele, den würde es töten und verzehren.
GEJ|2|10|4|0|Aber Ich sage dir noch etwas: Die Menschen dieser Welt müssen, um wahrhaft Gottes Kinder zu werden, durch Wasser und Feuer geführt werden. Der Himmel im Urwesen ist Wasser und Feuer; was nicht dem Wasser verwandt ist, wird vom Wasser getötet, und was nicht selbst Feuer ist, kann im Feuer nicht bestehen.“
GEJ|2|10|5|0|Sagt Faustus: „Herr, das verstehe ich schon wieder nicht! Wie ist das zu nehmen? Wie kann man zugleich zu Wasser und zu Feuer werden? Denn bekanntlich sind Wasser und Feuer die gegenseitig feindlichsten Elemente; eines zerstört und vernichtet das andere. Ist das Feuer mächtig, und man gießt Wasser hinein, so wird das Wasser schnell in Dampf und Luft verwandelt; ist aber das Wasser mächtiger als das Feuer, so erlischt dieses im Wasser, sobald es vom selben überflutet wird. Wenn man nun aber, um dem Himmel zu gleichen, zugleich Wasser und Feuer sein soll, da müßte man sich am Ende ja sowieso auflösen!? Wie sähe es dann mit dem ewigen Lebensbestande aus?“
GEJ|2|10|6|0|Sage Ich: „Oh, recht gut! Beides im rechten Verhältnisse, – und es erzeugt und erhält dann fortwährend eines das andere! Denn siehe, gäbe es in und um die Erde kein Feuer, so gäbe es auch kein Wasser; gäbe es aber in und um die Erde kein Wasser, so gäbe es auch kein Feuer, – denn da erzeugt fortwährend eines das andere.“
GEJ|2|10|7|0|Fragt Faustus: „Wieso? Wie das?“
GEJ|2|10|8|0|Sage Ich: „Nimm alles Feuer, aus dem alle Wärme stammt, von der Erde, und die ganze Erde wird zu einem diamantstarren Eisklumpen, auf dem kein Leben fortkommen könnte; nimm aber darauf alles Wasser von der Erde, und sie wird nur zu bald zu nichtigem Staube werden! Denn ohne Wasser wird sich auch kein Feuer halten, das zu Neubildungen auf der Erde so überaus notwendig ist; wo aber keine Nach- oder Neubildung mehr stattfindet, da ist der Tod und die Verwesung eingekehrt.
GEJ|2|10|9|0|Siehe an einen Baum, der seine Säfte verlor, und du wirst gewahr werden, daß der Baum in kurzer Zeit verfaulen und dadurch zunichte wird. Verstehst du nun solches?“
GEJ|2|10|10|0|Sagt Faustus: „Ja, Herr, nun verstehen wir alle auch dieses und erkennen, daß Du voll des göttlichen Geistes und der Schöpfer aller Dinge Selbst bist. Denn welcher Mensch kann das aus sich ergründen, wie die ganze Schöpfung bestellt ist, und unter was für Gesetzen sie besteht? Solches kann nur dem klar und in allen Tiefen bekannt sein, der den Geist in sich trägt, durch den alle Dinge gemacht worden sind und nun gleichfort als dieselben bestehen. – Ich kann Dir für alle die mir hier erwiesenen großen Wohltaten geistiger und auch materieller Art nur aus dem für Dich mit höchster Liebe erfüllten Herzen danken! Denn was anderes sollte ich armer, schwacher, sündiger Mensch Dir, dem Herrn der Unendlichkeit, tun können?“
GEJ|2|10|11|0|Sage Ich: „Du hast recht; aber behalte vorderhand alles, was du weißt und hier gesehen und erfahren hast, bei dir, mache Mich nicht ruchbar vor der Zeit, und vergiß nun in deinem irdischen Glücke der Armen nicht! Denn was du immer den Armen in Meinem Namen tun wirst, das hast du Mir getan, und es wird dir im Himmel vergolten werden. – Jetzt aber, da wir hier in Kis alles beendet haben, was da zu machen und zu schlichten war, wollen wir uns zur Reise nach Nazareth anschicken.“
GEJ|2|11|1|1|11. — Des Herrn und Seiner Jünger Abreise nach Nazareth. (Matth. 13)
GEJ|2|11|1|0|Sagt Faustus: „Da muß ich gebieten, meine Sachen auf die Schiffe zu bringen?!“
GEJ|2|11|2|0|Sage Ich: „Ist schon alles geschehen! Weil deine Schiffe nicht ausgereicht hätten, so haben Baram und Kisjonah ihre zwei großen Schiffe dazu hergeliehen, und es ist also bis auf die Abfahrt alles in der besten Ordnung.“
GEJ|2|11|3|0|Sagt Faustus: „Daß es sicherst also ist, nimmt mich nun gar nicht mehr wunder; denn was sollte dem Allmächtigen noch unmöglich sein?!“
GEJ|2|11|4|0|Es treten aber nun Jonael und Jairuth mit Archiel zu Mir und danken für alles, und als sie sich von Mir unter vielen Danksagungen trennen und den Weg nach Sichar antreten, so kommt ihnen auch die von Mir ihnen vorausverkündete Deputation entgegen, nimmt sie in allen Ehren auf und legt dem Jonael die besondere Bitte zu Füßen, daß er das Oberpriesteramt wieder annehmen möchte; und beide, Jonael und Jairuth, erinnern sich dessen, was Ich ihnen vorher verkündigt hatte.
GEJ|2|11|5|0|Wir aber – als Ich die abermaligen Bilder vom Himmelreiche vollendet hatte (Matth.13,53) und die Sichariten entließ und auch beim Kisjonah, der diesmal auf Meinen Rat daheim verblieb und auch nicht den Faustus begleitete, Mich empfahl mit dem Versprechen, bald wieder bei ihm einzusprechen – begaben uns dann auch bei zwei Stunden vor dem Mittage auf ein großes Schiff und fuhren mit Faustus, der in Meinem Schiffe mit seinem jungen Weibe Platz nahm, in die Nähe von Kapernaum hin, wo der gewöhnliche Landungsplatz für diese Stadt sowohl, wie auch für Nazareth war, das bekanntlich gar nicht weit von Kapernaum gelegen war.
GEJ|2|11|6|0|Als wir gelandet und aus den Schiffen ans Land gestiegen waren, da sprach Faustus: „Herr, ich werde mit Dir nach Nazareth ziehen und werde Deiner Mutter und Deiner irdischen Brüder und Schwestern Behausung ihnen wieder zu eigen stellen!“
GEJ|2|11|7|0|Sage Ich: „Auch dieses ist schon geschehen, und du wirst auch zu Hause und draußen in deinem großen Gerichtsbezirke alles in der schönsten und besten Ordnung antreffen; denn bisher hat Mein Archiel alle Geschäfte für dich geschlichtet. Gehe du aber nach Kapernaum, und wenn dir der Oberste Jairus unterkommt – was sich sicher ereignen wird – und wird dir klagen seinen Schmerz, so sage ihm, daß Ich nun in Nazareth auf eine Zeitlang Mich aufhalten werde! Wenn er etwas will, so möge er zu Mir kommen, – aber auch nur er ganz allein!“
GEJ|2|11|8|0|Sagt Faustus: „Dürfte auch ich ihn nicht begleiten?“
GEJ|2|11|9|0|Sage Ich: „O ja, aber auch nur du allein!“ – Mit diesen Worten schieden wir.
GEJ|2|11|10|0|Ich begebe Mich mit Meinen vielen Jüngern nun gen Nazareth in Mein irdisches Vaterland, und Faustus läßt sogleich eine Menge Träger, Packer und Lastwagen kommen, mittels derer er die mitgenommenen Schätze in sein Haus nach Kapernaum schafft. Daß es in Kapernaum ein großes Aufsehen machte, als man den Oberrichter so reich beladen an der Seite einer wunderschönen Gemahlin einziehen sah, braucht kaum erwähnt zu werden; aber daß dem Oberrichter in vieler Hinsicht auch der Oberste der dortigen Pharisäer, namens Jairus, entgegenkam, läßt sich noch leichter denken, – denn er wußte ja auch einiges von dem Zuge der zwölf Pharisäer nach Jerusalem und auch, daß Faustus ihretwegen nach Kis berufen worden war.
GEJ|2|11|11|0|Faustus empfing ihn mit aller Achtung und sagte zu ihm: „Ein Ehrlicher ward gerettet, und die Pfänder, die ungerecht von diesen Pharisäern im geheimen von den armen Juden erpreßt worden sind, sind ihnen bis auf einen Stater zurückgestellt worden, und elf genießen nun für ihre allseitigen unerhörten Betrügereien und Räubereien zu Jerusalem im Tempel die wohlverdiente Strafe. Es wäre zu weitläufig, dir alles zu erzählen, was die elf alles verübt haben; wenn du aber einmal Muße hast, da komme und lies selbst in den vielen Akten, und dir werden die Haare zu Berge steigen! – Nun aber von etwas anderem! Wie sieht es denn mit deiner lieben Tochter aus? Lebt sie noch, oder ist sie gestorben?“
GEJ|2|11|12|0|Sagt Jairus übertraurig und sogleich zu weinen beginnend: „O Freund, warum erinnertest du mich daran? – Sie ist mir leider, leider gestorben; denn kein Arzt konnte ihr helfen! Der einzige Arzt Borus aus Nazareth sagte, daß er ihr wohl helfen könnte, aber darum nicht helfen wollte, weil ich mich an seinem Freunde Jesus, der sein Meister war, zu sehr und zu hart versündigt habe. Und so starb meine über alles geliebteste Tochter. Es war zu herzzerreißend, wie die Sterbende Jesum rief, daß Er ihr hülfe, und wie sie mir noch sterbend ein hartes Wort gab darüber, daß ich mich an Jesu, dem größten Wohltäter der armen leidenden Menschheit, dermaßen hart versündigt habe, daß sie nun darum unwiderruflich sterben müsse. Ich wandte ohnehin alles auf, um Jesus zu finden, daß Er ihr hülfe! Aber Jesus wollte meinen Boten kein Gehör mehr geben, obschon ich tausend Male nun bitter bereuet habe, daß ich mich an Ihm versündigte! Jetzt aber ist alles vorbei! Bei vier Tage schon liegt sie im Grabe und riecht wie die Pest! Jehova sei nun nur ihrer schönen Seele gnädig und barmherzig!“
GEJ|2|11|13|0|Sagt Faustus: „Freund! Ich bedaure dich zwar wohl von ganzem Herzen; aber ich sage dir auch, daß der allmächtige Herr Jesus Sich nun in Nazareth befindet. Ihm ist meiner nun vielfachen Erfahrung nach kein Ding unmöglich! Wie wäre es denn, so du zu Ihm selbst hingingest? Ich sage dir, Er hat Macht genug, deine Tochter aus dem Grabe ins Leben zu rufen und sie dir wieder zu geben!“
GEJ|2|11|14|0|Sagt Jairus: „Wenn auch letztes nicht mehr möglich sein sollte, so will ich aber dennoch hingehen und Ihn tausend Male um Vergebung bitten, darum, daß ich Ihn, freilich nur genötigt und nicht freiwillig, beleidigt und betrübt habe!“
GEJ|2|11|15|0|Sagt Faustus: „Gut, so gehe mit mir hin; wir werden Ihn in Nazareth und zwar im Hause Seiner Mutter treffen. Aber es darf uns nach Seinem Ausspruche niemand begleiten!“ – Jairus willigt, von einer beseligenden Hoffnung ergriffen, sogleich in den Vorschlag des Faustus ein. Beide lassen sogleich gut laufende Maultiere satteln und reiten so schnell als möglich nach Nazareth hin. Noch ein paar Stunden vor dem Untergange treffen sie in Nazareth ein, lassen die Maultiere in einer Herberge und begeben sich dann zu Fuß ins Haus Meiner Mutter und treffen Mich da mit Borus, der einer der ersten aus Nazareth war, der Mir mit offenen Armen entgegenkam; denn er bekam Nachricht, daß Ich an diesem Tage in Nazareth anlangen werde.
GEJ|2|11|16|0|Als nun Faustus mit dem Jairus ins Zimmer trat, da fing letzterer an zu weinen, fiel vor Mir nieder und bat Mich laut, daß Ich ihm vergäbe seine große Sünde des Undanks, die er an Mir begangen habe.
GEJ|2|11|17|0|Ich aber sage zu ihm: „Stehe auf! Dein Vergehen ist dir verziehen, aber sündige zum zweiten Male nicht wieder! – Wo liegt deine Tochter begraben?“
GEJ|2|11|18|0|Spricht Jairus: „Herr, Du weißt, daß ich unfern von hier eine Schule für die Kinder des Landes habe errichten lassen, versehen mit einem kleinen Bethause. In diesem Bethause habe ich eine Gruft erbauen lassen für mich; da aber die Tochter vor mir starb, so ließ ich sie dahin bringen und legen in die neue Gruft, darin früher noch nie jemand als Toter gelegen. Diese Gruft ist von hier nur kaum zweitausend Schritte entfernt. So Du, o Herr, sie besehen möchtest, würde mich das über die Maßen selig stimmen; denn ich bin sonst betrübt bis in den Tod!“
GEJ|2|11|19|0|Sage Ich: „Nun, da führe Mich hin, – aber es darf Mir außer dir und dem Faustus niemand folgen!“
GEJ|2|11|20|0|Es fragten aber die Apostel, ob denn auch sie nicht dabei sein dürften.
GEJ|2|11|21|0|Sage Ich: „Diesmal niemand außer den zwei Betreffenden!“
GEJ|2|11|22|0|Sagt Borus: „Herr, Du kennest mich, daß ich stumm sein kann wie ein Fisch; was täte es denn, so ich als ein Arzt euch geleitete?“
GEJ|2|11|23|0|Sage Ich: „Es bleibt bei Meinem ersten Ausspruche; wir drei allein, und sonst niemand!“
GEJ|2|12|1|1|12. — Die zweite Erweckung der Sarah vom Tode
GEJ|2|12|1|0|Darauf getraute sich keiner mehr zu fragen und zu bitten, und wir gingen zur Gruft hin, und Ich besah die schon sehr stark stinkende Leiche und fragte den Jairus, ob er nun wohl meine oder gar glaube, daß seine Tochter scheintot sei?
GEJ|2|12|2|0|Sagt Jairus: „Herr, ich habe auch in meinem Herzen so etwas das erste Mal nicht geglaubt und wußte nur zu bestimmt, daß meine liebste Tochter Sarah vollkommen tot war. Ich war zu dem falschen Zeugnisse wider Dich bei den Haaren gezogen worden, und hätte ich nicht das arge Zeugnis unterzeichnet, so wärest Du noch um vieles ärger verfolgt worden, was ich im vollsten Ernste nie wollte! Da ich aber das falsche Zeugnis unterzeichnet hatte, so sah man in Dir nur mehr einen arbeitsscheuen Landstreicher, der hie und da wohl Leute gesund mache und sich einen Namen in Israel machen wolle als irgendein von Gott erweckter Prophet – oder gar den verheißenen Messias Selbst, den alle nunmalige, über alle Maßen gut und reich stehende Priesterschaft am meisten fürchtet, weil es geschrieben steht, daß, wenn der Hohepriester in der Ordnung Melchisedeks von Ewigkeit auf die Erde kommen werde, es dann mit allen andern Priestern ein volles Ende nehmen werde und der neue Melchisedek dann herrschen wird mit seinen Engeln über alle Geschlechter der Erde in Ewigkeit.
GEJ|2|12|3|0|Ich sage es Dir: Die sämtlichen Oberpriester und alle Unterpriester fürchten weder das Feuer noch den großen Sturm, der vor der Höhle, darin der große Prophet Elias verborgen war, vorüberzog; aber das sanfte Wehen über der Höhle des großen Propheten fürchten sie, weil sie stets sagen, der Messias in der Ordnung Melchisedeks werde ganz stille kommen in der Nacht wie ein Dieb und werde ihnen nehmen alles, was sie sich bis jetzt erworben haben! – Darum will kein Priester die Ankunft des Gesalbten Gottes von Ewigkeit erleben, sondern so weit als möglich in die fernste Zukunft verschoben haben.
GEJ|2|12|4|0|Weil aber die sämtliche, besonders alte Priesterschaft an Dir wegen Deiner außerordentlichen Taten und Lehren ungezweifelt so etwas erschaut, so bietet sie auch alles auf, Dich – so möglich – zu verderben! Sollte es nicht möglich sein, so Du vollwahr das wärest, für was sie Dich hält, so wird sie denn hernach für ihre böse Mühe in Sack und Asche Buße tun und mit großem Beben den allmächtigen Schlag erwarten, durch den sie von jeher alles zu verlieren fürchtet und allzeit gefürchtet hat, ansonst sie nicht beinahe alle Propheten gesteinigt hätte. Siehe, das ist der Grund, aus dem ich Dich lieber für einen Landstreicher erklärte als für Den, der Du sicher bist! Denn Menschen können ihre Toten nimmer ins Leben rufen; solches vermag nur der Geist Gottes, der nach meiner Ansicht in aller Fülle leibhaftig in Dir wohnet und wirket.“
GEJ|2|12|5|0|Sage Ich: „Weil Ich geheim von dir das wohl wußte, aus welchem Grunde du so ganz eigentlich Mich verleugnet hast, so kam Ich denn auch in deiner großen Not wieder zu dir, um dir für eine lange Dauer zu helfen. Das ist aber auch der eigentliche Grund, warum Ich außer euch beiden niemand sonst mitnahm. Wann es aber an der Zeit sein wird, dann auch sollen sie den Grund erfahren. – Nun aber sollst du Gottes Macht und Herrlichkeit sehen!“
GEJ|2|12|6|0|Hier neigte Ich Mich in die Gruft, in der die junge Sarah in Leinen gewickelt lag, und sprach zu Jairus: „Siehe, es ist Nacht geworden, und das Lämpchen in der Gruft gibt einen höchst matten Schein! Gehe zum Wächter dieses Schul- und Bethauses und laß dir ein stärkeres Licht geben; denn wenn ihr das Leben wiedergegeben wird, muß sie natürlich sehen, um der Gruft zu entsteigen.“
GEJ|2|12|7|0|Sagt Jairus: „O Herr, sollte das wohl möglich sein? Die Verwesung ist bei ihr schon stark eingetreten! Aber ich glaube, daß bei Gott alles möglich ist, und so werde ich sogleich mit einem stärkeren Lichte da sein!“
GEJ|2|12|8|0|Jairus eilt nun um ein stärkeres Licht, das er aber nicht so bald bekommen kann, da dem Hauswächter das Feuer ausgegangen ist und er durch das starke Reiben der zum Feuermachen geeigneten zwei Hölzer eine geraume Zeit zu tun hatte, bis solche zu brennen begannen.
GEJ|2|12|9|0|Ich aber erwecke sogleich, als Jairus zur Tür hinaus war, die Sarah und hebe sie aus der Gruft.
GEJ|2|12|10|0|Die Erweckte fragt Mich, noch wie ein wenig schlaftrunken: „Um Jehovas willen! Wo bin ich denn nun? Was geschah mit mir? Ich befand mich erst in einem schönen Garten mit vielen Gespielinnen, und nun bin ich plötzlich in dieser finstern Kammer engen Raum versetzt worden!“
GEJ|2|12|11|0|Sage Ich: „Sei heiter und ruhig, Sarah! Denn siehe, Ich, dein Jesus, der Ich dich noch vor etlichen Wochen kaum das erste Mal vom Tode zum Leben erweckte, habe dich nun auch wieder vom Tode erweckt und gab dir nun ein festes Leben! Es soll dich von nun an keine Krankheit mehr plagen, und wenn nach vielen Jahren deine Zeit kommen wird, werde Ich Selbst dich, aus den Himmeln kommend, abholen und Selbst dich führen in Mein Reich, das ewig kein Ende nehmen wird.“
GEJ|2|12|12|0|Als Sarah Meine Stimme vernimmt, da erst lebt sie vollends auf und sagt mit der liebevollst freundlichsten Stimme von der Welt: „O Du einziger Geliebter meines jungen Lebens und Herzens! Ich wußte es ja, daß der den Tod nicht zu fürchten hat, der Dich allein über alles liebt! Aus übermächtiger Liebe zu Dir, meinem ersten Lebensbringer, ward ich krank, weil ich von Dir nichts mehr erfahren konnte, wohin Du gekommen seiest; und so ich fragte mit dem heißest liebenden Herzen, wo Du seiest, da sagte man mir, um mich zu beruhigen durch die offenbarste Tötung meines Gemütes, Du seiest gefangengenommen und als ein Staatsverbrecher den scharfen Gerichten überantwortet worden! Das machte mein Herz in meiner Brust brechen; ich ward bald sehr krank und starb zum zweiten Male! – O wie endlos glücklich aber bin ich nun wieder, daß ich Dich, Du meine einzige und höchste Liebe, wieder habe!
GEJ|2|12|13|0|Ich sagte ja auf dem Sterbebette: ,So mein einziger Jesus noch lebt, so wird Er mich nicht verwesen lassen in der kalten Gruft!‘ – Und siehe da, es ist geschehen, was mein Herz mir gesagt hat. Ich lebe vollauf wieder, und das in den Armen meines geliebtesten Jesus! Aber von nun an soll auch nichts mehr mich von Deiner göttlichen Seite zu trennen imstande sein! Als die geringste Deiner Mägde will ich Dir folgen, wohin Du ziehen magst.“
GEJ|2|12|14|0|Während die Sarah noch also Mir ihr Herz entdecket, nähert sich endlich Jairus mit einem Harzlichte der Gruftkammer. Ich aber sage zu ihr: „Siehe, dein Vater Jairus kommt! Verbirg dich daher hinter dem Rücken des Faustus, damit er deiner nicht sogleich ansichtig wird, was seiner Gesundheit schaden würde! Wann Ich dich aber rufen werde, dann tritt schnell hervor mit heiterem und fröhlichem Antlitze, und es wird ihm dann solcher Anblick nicht schaden!“ – Sarah befolgt solchen Rat sogleich, und Jairus tritt im Momente in die Kammer, als Sarah sich hinter dem Rücken des Faustus recht wohl versteckt hatte.
GEJ|2|12|15|0|Jairus entschuldigte sich, mit dem verlangten Lichte so lange ausgeblieben zu sein.
GEJ|2|12|16|0|Ich aber sage: „Hat nichts zur Sache! Denn übers Mögliche hinaus kann niemand sündigen, und wer einmal tot ist, wird in einer schwachen Viertelstunde nicht toter, sondern eher lebendiger, wenn die Bedingungen zum Leben noch irgend vorhanden sind!“
GEJ|2|12|17|0|Sagt Jairus: „Nun, Herr, wenn ein armer Sünder es auch wagen darf, Dich zu bitten, so wolle nun Deine Gnade nicht mir Unwürdigem, sondern der Dich sicher über alles liebenden Sarah erweisen!“
GEJ|2|12|18|0|Sage Ich: „Aber eine Bedingung und einen Grund sage Ich dir darin, daß Ich sie nimmer erweckte für dich, sondern rein nur für Mich! Sie wird von nun an Mir – und nicht dir folgen; willst aber auch du Mir folgen von Zeit zu Zeit, da sollst du in der Nähe deiner Tochter sein!“
GEJ|2|12|19|0|Sagt Jairus: „Es geschehe alles, was Du willst, wenn mein einziges Kind nur wieder ins Leben zurückgerufen werden könnte!“
GEJ|2|12|20|0|Sage Ich: „Nun denn, so leuchte hinein in die offene Gruft!“
GEJ|2|12|21|0|Jairus tritt seufzend hin zum Rande der Gruft und schauet und schauet – und sieht sonst nichts als die Leinen und die Kopftücher und Bindebänder auf einen Haufen zusammengedrückt. Als er die tote Tochter nimmer erschaut, wird er traurig und fragt Mich, sagend: „Herr, was ist denn da vor sich gegangen? Der Geruch ist wohl noch da, aber sonst nichts! Hat denn jemand die Leiche gestohlen? Warum nahm er denn nicht auch die Tücher und Bänder?“
GEJ|2|12|22|0|Sage Ich: „Weil die nunmehr Lebendige dergleichen nicht mehr bedarf!“
GEJ|2|12|23|0|Jairus schreit vor Entzückung, die plötzlich seinen Schmerz besiegt hatte: „Wie?! – Was?! – Wo ist denn die wieder lebende Sarah?“
GEJ|2|12|24|0|Rufe Ich: „Sarah! – Tritt hervor!“
GEJ|2|12|25|0|Plötzlich trat nun die wunderschöne Sarah hinter dem Rücken des Faustus hervor und sagte mit ganz gesunder und lauter Stimme: „Hier bin ich, vollauf lebendig und gesund! Aber nun nicht mehr dir, sondern allein Jesu, dem Herrn, angehörend! Denn die Liebe meines Herzens zu Jesu, dem Herrn über Leben und Tod, die man mir zur gröbsten Sünde zu machen sich alle Mühe gab, hat meinen schwachen Leib zum zweiten Male getötet! Aber eben diese mächtige Liebe hat ihm nun wieder das Leben gegeben! Und siehe, Vater Jairus, du heißest mich deine Tochter, da du mir doch nur einmal das Leben gegeben hast! Was ist nun Der zu mir, und ich zu Ihm, der mir volle zwei Male das Leben gegeben hat? Wer von euch beiden ist nun mehr mein rechter Vater?“
GEJ|2|12|26|0|Sagt Jairus: „Du hast recht! Offenbar Der, der dir zwei Male das volle Leben wiedergegeben hat, und ich kann da nimmer deiner Liebe entgegentreten! Folge du von nun an vollkommen deinem Herzen, und ich werde dir samt deiner Liebe auch folgen von Zeit zu Zeit! Bist du damit zufrieden, die du mir alles warst auf dieser Erde und nun wieder nächst Jesu, dem Herrn, alles bist?“
GEJ|2|12|27|0|Sagt Sarah: „Ja, Vater Jairus, damit bin ich vollauf zufrieden!“
GEJ|2|12|28|0|Sage Ich: „Und Ich auch! Aber nun begeben wir uns in Mein Haus! Allda wartet ein gutes Abendmahl unser, und Meine Tochter Sarah muß nun vor allem eine gute Stärkung zu sich nehmen; denn ihr neubelebter Leib braucht nun recht wohl eine recht gute Nahrung. Daher gehen wir nun behende von hier!“
GEJ|2|13|1|1|13. — Szene zwischen Jairus und seinem Weibe
GEJ|2|13|1|0|Jairus deckt nun die Gruft zu und verschließt hinter uns wohl die Tür, durch die man zur Gruftkammer und endlich in die Gruft selbst gelangen konnte, und geht dann mit uns. Aber etwa bei siebzig Schritte außerhalb dieses Schul- und Bethauses befindet sich die kleine Wohnung des Aufsehers und Wächters, bei dem Jairus ehedem das Licht geholt hatte.
GEJ|2|13|2|0|Da der zunehmende Mond den Abend etwas erleuchtete, so bemerkte der Wächter nur zu bald das Töchterchen des Jairus, das im weißen Schleppgewande an Meiner Seite ganz munter einherging. Voll Entsetzen fragte er den Jairus: „Was ist denn das?! Was seh' ich?! Ist das nicht Sarah, euer verstorbenes Töchterchen?! – War sie denn auch diesmal scheintot?“
GEJ|2|13|3|0|Sagt Jairus: „Sei es nun wie es wolle! Du hast hier nicht zu fragen, sondern über alles, was du hier siehst, völlig zu schweigen, ansonst du des Dienstes verlustig würdest! Das aber präge dir tief ein in dein Gemüt und denke, fasse und begreife, daß bei Gott alle Dinge gar leicht möglich sind! Aber es gehört dazu ein voller Glaube und ein lebendiges Vertrauen! – Hast du es verstanden?“
GEJ|2|13|4|0|Sagt der Wächter: „Ja, höchstwürdiger Herr!“
GEJ|2|13|5|0|Sagt darauf Jairus: „In Zukunft bleibe mir vor allem mit derlei ehrbezeigenden Ausdrücken vom Halse und rede mit mir wie mit deinem Bruder! Jetzt aber, da du keine Leiche mehr zu bewachen hast, eile nach Kapernaum und erzähle, was du nun gesehen, dort niemandem, auch meinem Weibe nicht! Sage aber, daß sie sich mit dir, so es möglich ist, alsogleich nach Nazareth und daselbst ins Haus Josephs begeben möchte; denn ich hätte gar wichtige Dinge mit ihr zu besprechen! Nehmet ein paar gute Maultiere, auf daß ihr schneller nach Nazareth ins Haus des Zimmermanns kommet!“
GEJ|2|13|6|0|Der Wächter, der selbst im Besitze eines schnelltrabenden Esels ist, zäumt und sattelt eiligst das Tier, eilt damit nach Kapernaum und entrichtet dort dem Weibe des Jairus die aufgegebene Botschaft. Das traurige Weib erhebt sich schnell und folgt dem Boten. Die Esel laufen gut, und in knapp einer Stunde sind beide in Nazareth im Hause Meiner Leibesmutter Maria, die nun wieder ganz heiter ist, daß sie das alte Häuschen Josephs ihr eigen nennen darf. Als des Jairus Weib ins Zimmer tritt, in dem wir uns soeben bei einem recht guten Abendmahle befinden, das diesmal der Freund Borus bestellt hatte, ersieht sie alsbald ihre Sarah, die gar fröhlich und munter und dabei besten Aussehens an Meiner Seite einen guten, grätenlosen Fisch mit Salz, Öl und etwas Weinessig mit größtem Appetit verzehrt.
GEJ|2|13|7|0|Das Weib traut seinen Augen kaum und sagt nach einer Weile, dem Jairus auf die Achsel klopfend: „Jairus, mein Gemahl, hier steht dein trauriges Weib, um das du gesandt hast deinen Boten mit dem Auftrage, als hättest du wichtige Dinge mit mir zu besprechen! Aber ich erschaue bereits die Wichtigkeit aller Wichtigkeiten! Sage mir, Mann! Träume ich nun, oder ist es Wirklichkeit? Ist das Mädchen, das bei Jesus sitzt und gar so gut aussieht, nicht das lebendigste Ebenbild unserer verstorbenen, allerliebsten Sarah? – O Jehova, warum denn hast du mir die Sarah genommen!?“
GEJ|2|13|8|0|Sagt Jairus, selbst ganz ergriffen, zu seinem Weibe: „Sei getrost, du mein stets gleich geliebtes Weib! Dies Mädchen sieht nicht nur unserer allerliebsten Sarah auf ein Haar gleich, sondern sie ist es vollernstlich selbst! Der göttlichen Geistes vollste Herr Jesus hat sie nun zum zweiten Male erweckt, wie Er sie erst vor wenigen Wochen vom Tode erwecket hatte. Daß sie nun gar so gut aussieht, das macht Seine unbegreifliche, offenbarste Gotteskraft. Störe sie aber nun in ihrer Eßlust nicht; denn sie hat nun wohl schon lange gefastet!“
GEJ|2|13|9|0|Sagt das Weib, sich vor Verwunderung und Freude kaum fassen könnend: „Sage mir nun, du weiser Meister in Israel, was du nun von diesem Jesus hältst! Mir kommt es immer mehr und mehr vor, daß Er denn doch, trotz Seiner niederen Geburt, dennoch der verheißene Messias ist!? Denn solche Taten hat noch nie irgendein Prophet, geschweige irgendein anderer Mensch, verrichtet!“
GEJ|2|13|10|0|Sagt Jairus: „Ja, ja, es ist also! Aber es heißt die tiefste Verschwiegenheit beachten, indem Er es Selbst also haben will; denn wenn das zu sehr ruchbar würde, hätten wir alsbald ganz Jerusalem und Rom am Halse, und so Er nicht mit Seiner göttlichen Macht sich entgegensetzte, so sähe es für uns alle übel aus! Darum, Weib, sei verschwiegen wie eine Festungsmauer! Sarah wird aus dem Grunde, um den göttlichen Meister mit ihrer Erscheinung nicht zu verraten und in ihrer Gesundheit für bleibend fest zu werden, wenigstens ein volles Jahr unter der Aufsicht und Leitung entweder Seiner Selbst oder zum wenigsten Seiner lieben, überaus weisen Mutter Maria verbleiben, und wir werden sie nur abwechselnd von Zeit zu Zeit besuchen. Im Grunde des Grundes haben wir beide auch eben kein zu besonderes Recht mehr auf sie; denn nur ein miserables, krankheitsvolles Leben haben wir ihr durch unsere stumme Lust gegeben und wußten, als wir uns beschliefen, nicht, was aus unserem Akte wird. Es ward uns diese himmlische Sarah gegeben, die von Gott aus wohl mit der gesundesten Seele begabt ward, von uns aus aber mit einem schwachen, kranken Leibe! Zwei Male ist sie uns gestorben und wäre für uns auf dieser Erde für ewig verloren gewesen! Er aber gab ihr beide Male ein neues, gesundes Leben! – Es fragt sich hernach, wer nun mehr ihr Vater und ihre Mutter ist, – Er, oder wir beiden armen Sünder!“
GEJ|2|13|11|0|Sagt Sarahs Mutter: „Ja, du bist weise, kennst das Gesetz und alle die Propheten; daher hast du in allen Dingen allzeit recht, mir aber ist es schon eine überhimmlische Seligkeit, daß sie wieder lebt und wir das Glück haben, sie nur dann und wann zu sehen und zu sprechen.“
GEJ|2|13|12|0|Sagt Jairus: „Nun seien wir ruhig; denn das Mahl ist zu Ende, und vielleicht wird Er etwas sprechen!“
GEJ|2|13|13|0|Ich aber berufe den Faustus und sage zu ihm: „Freund und Bruder, sehr leid ist es Mir, daß du heute nicht bei Mir übernachten kannst; aber dich erwarten große Geschäfte zu Hause, und so muß Ich dich für ein paar Tage entlassen. Aber nach ein paar Tagen komme wieder hierher! Sollte von Mir irgend die Rede sein, da weißt du, was du zu reden haben wirst!“
GEJ|2|13|14|0|Sagt Faustus: „Herr, Du kennst mich besser denn ich mich selbst! Darum magst Du Dich wohl auf mich verlassen; denn ein schwaches Rohr ist ein geborener Römer nicht, daß die Winde mit ihm ihr loses Spiel trieben! Wenn ich Ja sage, da bringt auch der Tod kein Nein aus mir heraus! Nun aber gehe ich; mein Maultier ist noch gesattelt und gezäumt, und in einer kleinen Stunde bin ich schon an Ort und Stelle. In Deinem Namen, o mein größter Freund Jesus, wird mein mich erwartendes Geschäft wohl sein gutes Ende finden. Deiner alleinigen Liebe, Weisheit und göttlichen Macht empfehle ich mich ganz!“ Mit diesen Worten empfiehlt sich Faustus, schnell zur Türe hinausstürzend.
GEJ|2|13|15|0|Darauf tritt Sarahs Mutter zu Mir und dankt Mir, mit tief zerknirschtem Herzen bekennend, wie sehr sie solch einer unerhörten Gnade unwürdig sei.
GEJ|2|13|16|0|Ich aber vertröste sie und sage zur Sarah: „Mein Töchterchen, siehe hier deine Mutter!“
GEJ|2|13|17|0|Hier erst erhebt sich Sarah behende und begrüßt die Mutter überaus freundlich, bemerkt aber sogleich hinzu, daß sie nun bei Mir bleiben werde; denn sie liebe Mich zu sehr, um sich von Mir trennen zu können! Die Mutter wie auch der Oberste Jairus beloben darum das liebe Töchterchen sehr und ersuchen sie aber doch auch zugleich, daß sie ihrer nicht ganz und gar vergessen möchte! Und Sarah gibt beiden die treuherzigste Versicherung, daß sie sie nun mehr liebe als je früher. Damit waren denn auch beide über die Maßen zufrieden, wurden ruhig und liebkosten ihre Tochter.
GEJ|2|14|1|1|14. — Vom Unterschied der menschlichen und göttlichen Macht
GEJ|2|14|1|0|Es trat aber nun der Grieche Philopold aus Kana in Samaria zu Mir und sagte: „Herr, über drei Tage bin ich nun schon bei Dir und konnte noch keinen Augenblick gewinnen, um mit Dir über das zu sprechen, wie ich auf Dein Geheiß alles nach Deinem Willen in die Ordnung gebracht habe, und wie nun durch meine Predigt, die ich ihnen nach Deinem Abgange von Kana gehalten habe, alle zum Glauben an Dich übergegangen sind. Jetzt scheinst Du Muße zu haben; so wolle denn doch auch mich ein wenig anhören!“
GEJ|2|14|2|0|Sage Ich: „Mein sehr schätzbarer Freund Philopold! Kannst du wohl annehmen, daß Ich dich nicht schon lange um dies oder jenes, Kana betreffend, gefragt hätte, so Ich nicht genau wüßte, wie die Sachen stehen? – Da siehe an Meine Brüder alle! Wieviel rede Ich denn mit ihnen? Viele Tage kein Wort äußerlich, aber desto öfter innerlich geistig durch ihr Herz; und sieh, es steht keiner auf, daß er Mich fragte: ,Herr, warum redest Du mit mir denn nicht?‘ Ich sage dir, wie Ich schon lange zu allen gesagt habe: Ich nehme nicht Jünger an deshalb, daß Ich mit ihnen plaudern solle für nichts und wieder nichts, sondern daß sie hören Meine Lehre und Zeugen seien von Meinen Taten! Denn was sie wissen, das alles weiß Ich schon lange vorher, und was sie besonders wissen wollen, verkündige Ich ihnen im Augenblicke der Notwendigkeit durch ihr Herz. Und wenn so, da frage dich selbst, wozu es da für Meine eingeweihten Jünger noch einer täglichen äußeren Beredung bedürfen sollte! Du aber bist nun auch Mein Jünger und mußt dir darum solche Einrichtung in Meiner Schule schon gefallen lassen.
GEJ|2|14|3|0|Mit andern Menschen aber, die nicht Meine nächsten Jünger sind, muß Ich freilich äußerlich Worte wechseln; denn diese würden Mich in ihrem sehr weltlichen Herzen nicht vernehmen und noch weniger verstehen. Ich rede aber dennoch auch mit Meinen Jüngern, wenn es Zeit und Umstände verlangen, äußerlich; aber da geschieht solches nicht der Jünger wegen, sondern derer wegen, die keine Jünger sind! – Sage Mir, ob du solches begriffen hast!“
GEJ|2|14|4|0|Sagt Philopold: „Ja, Herr, nun ist mir Deine Gnade so klar wie die Sonne eines hellsten Mittags, und ich danke Dir für solche Deine allerliebfreundlichste Aufklärung! Aber, Herr, wenn ich nun diese überherrliche, schönste Sarah betrachte, die sich mit ihrer außerordentlichen Schönheit mit jedem Engel im Himmel messen könnte, so kommt es mir beinahe unmöglich vor, daß sie im Grabe je eine Sekunde soll gelegen sein! Denn solch eine Lebensfrische ist mir noch nie untergekommen! Und doch ist es wahr, daß Du sie zweimal vom Tode erweckt hast! Nun drängt es mich gar gewaltig im Herzen, von Dir zu erfahren, wie Dir solches zu bewirken möglich sein kann!“
GEJ|2|14|5|0|Sage Ich halblaut zu ihm: „Ich meine, du hast es doch zu Kana hinreichend erfahren, wer Ich bin!? Weißt du aber das, da fragt es sich doch sehr gewaltig, wie du darum fragen kannst, wie Ich einen toten Menschen wieder beleben könnte! Sind denn nicht Sonne, Mond und alle Sterne, so wie diese Erde, aus Mir hervorgegangen, und habe nicht Ich diese Erde bevölkert mit zahllosen lebendigen Geschöpfen? So Ich ihnen aber im Anfange Dasein und ein selbständiges Leben geben konnte, wie sollte Mir das nun mit einem Mägdlein unmöglich sein, was Mir mit zahllosen Wesen von Ewigkeit zu Ewigkeit möglich ist? Wenn du aber solches weißt und bist darüber sogar von einem Engel belehret worden, wie magst du dann noch fragen?
GEJ|2|14|6|0|Siehe, ein jeder Stein sogar, an dem du dich mit deinem Fuße gar gewaltig stoßen kannst, wird nur durch Meinen Willen erhalten; ließe Ich ihn einen Augenblick aus Meinem alles schaffenden und erhaltenden Willen, so träte er auch im selben Augenblick völlig aus dem Dasein.
GEJ|2|14|7|0|Du kannst zwar den Stein zerstoßen, kannst ihn mit starkem Feuer sogar gänzlich in eine Luftart auflösen, wie solches lehrt die geheime Apothekerkunst; aber das alles kann mit dem Steine und mit jeder andern Materie nur geschehen, weil Ich solches zum Nutzen und Frommen der Menschen zulasse. Ließe Ich es nicht zu, so könntest du auch den kleinsten Stein ebensowenig von der Stelle heben wie einen Berg. Du kannst einen Stein auch in die Höhe werfen, und er wird je nach dem Maße deiner Kraft und Wurfgeschicklichkeit eine ganz ansehnliche Höhe hinauffliegen; aber wenn er eine gewisse, der Wurfkraft angemessene Höhe erreicht hat, so wird er dann alsbald wieder zur Erde herabfallen. Und siehe, das ist alles Mein Wille und Meine Zulassung bis auf einen gewissen Grad, wo es heißt: ,Bis hierher nur und nicht weiter!‘
GEJ|2|14|8|0|Ein Steinwurf zeigt dir ganz handgreiflich, wie weit des Menschen Kraft und Wille reicht. Einige Augenblicke Zeit, – und der schwache Wille des Menschen wird von dem Meinen ergriffen und zurückgetrieben zu der von Mir von Ewigkeit her bestimmten Ordnung, die bis auf ein Sonnenstäubchen Gewicht abgewogen ist durch die ganze ewige Unendlichkeit! Wenn aber solches alles rein nur von Meinem Willen und von Meiner Zulassung abhängt, wie sollte es Mir dann etwa nicht möglich sein, ein verstorbenes Mägdlein wieder beleben zu können?
GEJ|2|14|9|0|Gehe aber hinaus und bringe Mir ein Stück Holz und einen Stein, und Ich will dir zeigen, wie Mir alle Dinge möglich sind durch die Kraft des Vaters in Mir!“
GEJ|2|14|10|0|Philopold bringt sogleich einen Stein und ein ganz morsches Stück Holz. Und Ich sage zu ihm, immer halblaut redend: „Siehe, Ich hebe den Stein und stelle ihn in die freie Luft, und sieh, er fällt nicht! Versuche du ihn aber aus dieser Lage zu schieben!“ – Philopold versucht es; aber der Stein läßt sich nicht um ein Haar verrücken.
GEJ|2|14|11|0|Ich aber sage: „Nun aber werde Ich es zulassen, daß du den Stein nach Belieben wirst verrücken können; aber so du ihn freilassen wirst, da wird er alsbald wieder diese Stelle einnehmen und wird sich nach einigen Schwingungen oder plötzlich an dieser gegebenen Stelle festhalten!“
GEJ|2|14|12|0|Sagt Philopold: „Herr, diese Probe unterlasse; denn mir genügt Dein heilig Wort!“
GEJ|2|14|13|0|Sage Ich: „Nun gut; Ich will aber nun, daß dieser Stein zunichte werde und dies Holz grüne und zum Vorscheine bringe Blätter, Blüte und Frucht nach seiner Art!“ – Der Stein wird darauf unsichtbar, und das alte Holz wird frisch, grünt, treibt alsbald Blätter, Blüte und am Ende die reife Frucht, und zwar etliche Feigen, da das Holz einst einem Feigenbaume angehört hatte.
GEJ|2|14|14|0|Alles wird nun auf Mich und den Philopold aufmerksam; denn die meisten Jünger haben schon geschlummert. Jairus und dessen Weib aber konnten sich an ihrer Tochter nicht satt kosen. Ich und Philopold aber haben unsere Experimente auf einem abseitigen kleinen Tische unter einer schon etwas schwachen Lampenbeleuchtung vorgenommen und wurden daher von Hunderten nicht bemerkt; aber als sich Philopold etwas stark zu verwundern begann, da wurde freilich bald eine Menge darauf aufmerksam. Aber Ich empfahl ihnen Ruhe, und alles ward wieder ruhig.
GEJ|2|14|15|0|Ich aber befahl wieder dem Steine, daß er sei, und er lag wieder auf dem Tische und ließ aber den Feigenast mit den Früchten, die am Morgen Meine Sarah mit großer Lust verzehrte.“
GEJ|2|14|16|0|Ich fragte aber dann den Philopold, ob er nun im klaren sei. Und er verneigte sich tiefst und sagte: „Herr, nun bin ich ganz zu Hause!“
GEJ|2|14|17|0|Und Ich sagte: „Gut, und so begeben wir uns zur Ruhe!“
GEJ|2|15|1|1|15. — Philopolds Zeugnis von der Gottheit Jesu
GEJ|2|15|1|0|Es begab sich denn auch Philopold zu der von Mir gebotenen Ruhe. Aber natürlich hatte er eben nicht einen besonderen Schlaf, da die Ereignisse des Tages sein Gemüt zu sehr in Anspruch nahmen; zudem waren die Lager auch eben nicht bestens bestellt, da die Pfandnehmer bis auf etwas weniges Stroh nahezu alles in Empfang genommen hatten und wir daher nur das buchstäblich leere Haus antrafen. Es waren während der Zeit der Wiedererweckung der Sarah Borus, Meine Brüder und viele andere Jünger wohl sehr beschäftigt, Lager, Tische, Bänke, Küchen- und Tischgeräte in entsprechender Anzahl ins Haus zu schaffen; aber für etliche hundert Menschen, von denen freilich viele teils im Freien und teils in andern Häusern Herberge nahmen, war es dennoch für die Kürze auf natürlichen Wegen nicht möglich, auch nur das Nötigste zu besorgen.
GEJ|2|15|2|0|Und so brachte Ich Selbst diese Nacht auf einer Bank mit ein wenig Stroh unter dem Haupte zu – und Philopold gar am Fußboden ohne Stroh. Er war darum morgens auch einer der ersten auf den Füßen; und als ihn Jairus, der mit seinem Weibe und der Tochter Sarah ein ziemlich gutes Strohlager hatte, fragte, wie er am harten Boden doch geruht habe, so sagte
GEJ|2|15|3|0|Philopold: „Wie des Bodens Eigenschaft es zuläßt! Aber es kommt alles auf die Angewöhnung an; in einem Jahre würde sich der Leib sicher mehr damit befreunden als in einer Nacht!“
GEJ|2|15|4|0|Sagt Jairus: „Hättest du mir doch etwas gesagt! Wir hatten Stroh in Menge!“
GEJ|2|15|5|0|Sagt Philopold: „Da sieh den Herrn an! Dem alle Himmel und alle Welten gehorchen, und alle Engel auf Seinen Willen sehen! Sein Lager ist nicht um ein Haar besser, als da war das meinige!“
GEJ|2|15|6|0|Sagt Jairus, in dem noch eine starke Portion Pharisäismus steckt: „Freund, sagst du da denn doch nicht vielleicht ein bißchen zu viel? Es ist wohl nicht zu leugnen, daß dieser Jesus voll des göttlichen Geistes ist, mehr als je ein Prophet vom selben Geiste erfüllt war – denn Seine Taten überrragen himmelhoch all die Taten Mosis, des Elias und aller andern großen und kleinen Propheten; aber daß in Ihm gerade alle Fülle der Gottheit vorhanden sein soll, scheint mir dennoch eine zu gewagte Annahme! Die Propheten haben auch Tote erweckt durch den göttlichen Geist, dessen sie voll waren; nur haben sie es nie gewagt, sich selbst, sondern allzeit nur Gott das Gelingen zuzuschreiben. Denn hätten sie das Gelingen sich zugeschrieben, da wären sie zu groben Sündern wider Gott geworden, und Gott hätte ihnen den Geist genommen. Aber Jesus tut alles wie aus Sich und wie ein Herr, – und das ist wohl, was für deine gewagte Annahme spricht, und ich bin in gewisser Hinsicht vollends deiner Meinung; aber wie gesagt: mit aller Vorsicht! Denn es könnte solches auch eine uns prüfende Zulassung von oben sein, in der wir uns bewähren müßten, ob wir wohl allein an einen Gott glauben! Aber wenn in Jesus im Ernste alle Fülle der Gottheit wohnte, da freilich müßten wir unter jeder Bedingung Sein Zeugnis als für ewig wahr annehmen! – Welcher Meinung bist du nun?“
GEJ|2|15|7|0|Sagt Philopold: „Ich bin vollkommen der letzteren Meinung und glaube, daß Sein Zeugnis über die Fülle der Gottheit in Ihm völlig wahr ist! Er ist es – und kein anderer außer Ihm!
GEJ|2|15|8|0|Es läßt sich die Sache besonders in dieser unserer wundertätigen Zeit schwer erklären, da man immer sagen kann: ,Ich habe dort und dort Magier gesehen, die wahrlich außerordentliche Taten verübten, und die alten Propheten haben auch Tote erweckt, – ja einer hatte sogar einen Haufen Totengebeine mit Fleisch umgeben und belebt, und so sind Wundertaten noch lange kein Beweis, laut dessen man einen Wundertäter für einen Gott anpreisen soll!‘
GEJ|2|15|9|0|Aber hier mit Jesus, dem Herrn, ist es ein ganz anderes! Bei allen Propheten mußten anhaltende Gebete und Fasten einer Wundertat vorangehen, bis Gott sie für würdig hielt, eine Wundertat durch sie verrichten zu lassen; die Magier müssen einen Zauberstab haben und eine Menge anderer Zeichen und Formeln, und dazu haben sie noch eine Menge Salben, Öle, Wässer, Metalle, Steine, Kräuter und Wurzeln bei sich, deren verborgene Kräfte sie wohl kennen und solche bei ihren Produktionen in Anwendung bringen; – aber wo hat je jemand bei Jesus, dem Herrn, so etwas gesehen!? Vom Beten und Fasten keine Spur, wenigstens die kurze Zeit hindurch, da ich die Gnade habe, Ihn zu kennen; von einem Zauberstab und all den andern magischen Mitteln ist noch weniger etwas anzutreffen!
GEJ|2|15|10|0|Dabei haben alle Propheten, einer wie der andere, in einer stets gleichen geheimen Bildersprache geredet und geschrieben, und wer nicht aus ihrer Schule war, konnte sie unmöglich verstehen! Ich bin zwar ein Grieche; aber mir ist deshalb eure Schrift nicht unbekannt, und ich kenne Moses und alle eure Propheten! Wer die durchgehends versteht, der muß wahrlich von besonderen Eltern herstammen!
GEJ|2|15|11|0|Jesus aber spricht die verborgensten Dinge in einer solchen Klarheit aus, daß sie nicht selten ein Kind fassen muß! Er erklärte die Schöpfung, und ich glaubte beinahe schon, selbst eine Welt erschaffen zu können! Wo ist denn der Prophet und wo der Meister aller Zauberer, daß er führe eine Sprache wie Jesus?!
GEJ|2|15|12|0|Wer hat noch je eine Silbe von dem verstanden, was der Magier bei seinen Produktionen spricht? In ihren Reden herrscht die dickste Nacht, und in den Reden der Propheten dämmert es wohl hie und da; aber es kennt bei ihrem schwachen Dämmerlichte sich noch niemand aus, was es sei, das er dreißig Schritte vor sich stehen sieht. Hier aber ist alles Sonnenlicht am hellsten Mittage! Was Er spricht, ist alles tiefste göttliche Weisheit, – aber hell und klar vor nahe jedes Menschen Verstand; und was Er will, das geschieht in einem Augenblick!
GEJ|2|15|13|0|Wenn es denn aber sich mit Jesus wahr auf ein Haar so verhält, da weiß ich dann wahrlich nicht, aus was für einem Grunde ich noch irgendein Bedenken tragen sollte, Ihn als den unleugbarsten Herrn Himmels und der Erde anzuerkennen, Ihn zu lieben über alle Maßen und Ihm allein zu geben alle Ehre!?
GEJ|2|15|14|0|Da sieh her auf den Tisch! Dieser sehr frische Feigenast mit einer Menge vollreifer Früchte ist eine lebendige Erklärung, die Er mir gestern gab, als ich Ihn, während ihr schon schliefet, fragte, wie es Ihm denn doch möglich sei, völlig Tote zu erwecken. Er verlangte einen schon ganz morschen, also vollends toten Zweig. Ich brachte, was mir in der Nacht zunächst in die Hände fiel. Er rührte das morsche Holz gar nicht an, sondern gebot es bloß, und das morsche Holz fing an zu grünen, zu blühen – und hier hast du die reifen Früchte! Nimm und gib sie der allerliebsten Sarah; sie wird sich wohl erlaben daran!“
GEJ|2|16|1|1|16. — Der Herr begibt Sich in die Synagoge. (Matth. 13)
GEJ|2|16|1|0|Jairus weckt die Sarah, die ohnehin schon wach zu werden begann, und überreicht ihr den reichen Zweig, die daran eine große Freude hat und aber auch sogleich in die vollreifen und honigsüßen Früchte beißt und sie verzehrt. Als sie alle verzehrt hat, werde Ich wach auf Meiner Bank.
GEJ|2|16|2|0|Sarah ist wohl die erste, die Mir einen allerherzlichsten Morgengruß bietet, und Ich frage sie, wie ihr die Feigen geschmeckt haben. Und sie sagte voll Freude: „Herr, die waren himmlisch gut und süß wie Honig! Philopold, Dein Freund, gab sie mir in Deinem Namen, und ich verzehrte sie alle; denn sie waren gar zu gut! Du hast sie sicher für mich hergeschafft!?“
GEJ|2|16|3|0|Sage Ich: „Meine allerliebste Sarah! Jawohl, für dich; denn du warst die Ursache, der zufolge Ich gestern in der Nacht, um dem Freunde Philopold zu zeigen, wie Ich die Toten erwecke, einen ganz faulen Feigenast belebte, auf daß er für dich, Meine geliebte Sarah, noch einmal trüge süße Früchte, und du hast darum sehr wohl getan, daß du sie verzehrtest; denn sie werden dir eine dauernde Gesundheit vermehren! – Jetzt aber begeben wir uns sogleich ins Freie, bis die Zimmer geräumt und gereinigt sind, dann werden wir ein Morgenmahl nehmen und uns dann zum Geschäfte des Tages wenden!“
GEJ|2|16|4|0|Auf diese Worte begibt sich alles mit Mir ins Freie und genießt da den heiteren und kristallklaren Morgen; und alle waren erbaut von dem schönsten Morgen.
GEJ|2|16|5|0|Es trat aber Jairus zu Mir und sagte: „Herr, meines Dankes soll nimmerdar ein Ende sein! Ehe ich mich je wider Dich sollte verleiten lassen, werde ich meine Stelle niederlegen und ein eifrigster Nachfolger Deiner heiligen Lehre sein; und Philopold soll mein Freund bleiben mein Leben lang; denn erst ihm habe ich das wahre Licht über Dich zu verdanken. Ein Grieche zwar ist er; aber er ist in unserer Schrift tüchtiger denn ich und all die Schriftgelehrten von ganz Judäa, Galiläa, Samaria und Palästina! Kurz, ich bin nun über Dich ganz im klaren, und es ist in der Tat also, wie ich es mir oft schon ganz heimlich gedacht habe. Ich aber muß nun von hier nach Kapernaum, allwo Geschäfte meiner harren. Dir aber empfehle ich denn auf eine Dir genehme Zeit Mein Weib und die Tochter Sarah! Denn besser als bei Dir wären sie auch im Himmel nicht aufgehoben! Wenn ich aber abends abkommen kann, so werde ich wohl mit Faustus und Kornelius, vielleicht auch mit dem alten Cyrenius, der etwa heute nach Kapernaum kommen soll, hierher kommen! Und so denn empfehle ich mich Deiner Liebe, Geduld und Gnade.“ – Darauf empfiehlt er sich bei seinem Weibe und der lieben Sarah, läßt sich darauf seine scharftrabenden Maulesel vorführen, besteigt das stärkste Tier und eilt mit großer Schnelligkeit davon.
GEJ|2|16|6|0|Ich aber berufe nun alle wieder zum Morgenmahle, und wir begeben uns in die geräumten und gereinigten Zimmer, allwo ein von Borus bereitetes gutes Mahl unser wartete.
GEJ|2|16|7|0|Nach dem Mahle ruft Mich Borus auf die Seite und sagt: „Mein allerinnigst geliebter Freund! Ich weiß, daß Du schon lange wissen kannst, was ich mit Dir insgeheim besprechen möchte; aber es gibt unter Deinen Jüngern einige, die es nicht zu wissen brauchen meiner Ansicht nach, was wir da miteinander zu reden haben, und ich habe Dich bloß darum auf die Seite gebeten!“
GEJ|2|16|8|0|Sage Ich: „Wäre eigentlich gar nicht nötig; denn das, was du Mir hier erzählen willst, habe Ich in Kis den Jüngern umständlich erzählt und darüber Mein Lob offen ausgesprochen. Sie wissen alles, und wir brauchen daher vor ihnen kein Geheimnis zu machen.“
GEJ|2|16|9|0|Sagt Borus: „Ah, wenn so, da rede ich ganz offen!“
GEJ|2|16|10|0|Wir kehren darum wieder zu der Gesellschaft zurück, und Ich sage zum Borus: „Mein allerliebster Freund! Was du Mir sagen willst, weiß Ich, und alle die Jünger wissen es auch, und wir betrachten daher die Sache als abgetan. – Du hast aber als ein Grieche, der du das Judentum nur frei bekennst, aber nicht unterm Gesetze der Juden stehst, auch mit all den Pharisäern leicht reden; wärest du aber ein wirklicher Jude durch die Beschneidung und das Gesetz, da hättest du deiner Zunge einen starken Zaum anlegen müssen. Aber es war also recht, wie du geredet hast, und so lassen wir die Sache nun in den Sand geschrieben sein. – Nun aber führe Mich in die Schule von Nazareth! Ich werde das Volk lehren, auf daß es erkenne, um welche Zeit es nun sei!“ (Matth.13,54).
GEJ|2|16|11|0|Fragt die Mutter Maria, ob Ich mittags nach Hause kommen werde.
GEJ|2|16|12|0|Sage Ich: „Sorge dich nicht, ob ich komme; es ist genug, daß Ich alle Sorge auf Mich nehme! Am Abend aber werde Ich kommen.“
GEJ|2|16|13|0|Fragt die Sarah, ob sie mit Mir gehen dürfe in die Schule.
GEJ|2|16|14|0|Sage Ich: „Allerdings, gehe du nur, obschon nach dem Gesetze das Weib die Schule nicht betreten soll in männlicher Gesellschaft. Es soll aber nun alles anders werden; denn es hat das Weib gleichwie ein Mann das volle Recht auf Meine Liebe und Gnade, die von Gott dem Vater ausgeht durch Mich. Und so gehe du nur ganz heiter, fröhlich und voll Zuversicht mit, und lerne in der Schule mit erkennen, um welche Zeit es nun sei, – und so gehen wir! Du, Sarah, aber bleibst an Meiner Seite und wirst Mir dienen als ein kräftiger Zeuge! Darum behalte auch dies Grabkleid an deinem Leibe; denn auch das Kleid wird Mir ein Zeuge sein! – Nun aber gehen wir!“
GEJ|2|16|15|0|Auf diese Meine Worte begeben wir uns sogleich in die Schule.
GEJ|2|17|1|1|17. — Der Herr erklärt einen Jesaja-Text
GEJ|2|17|1|0|Als Ich in die Schule trete, saßen bei zehn Älteste von Nazareth mit mehreren Pharisäern und Schriftgelehrten an einem großen Tische und berieten gerade aus Jesajas die Verse, die also lauteten: ,Waschet und reiniget euch; tut hinweg euer böses Wesen von Meinen Augen, und lasset ab von der Sünde! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht; helfet den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht und helfet der Witwen Sache! – So kommt dann und laßt uns miteinander rechten, spricht der Herr. Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und so sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden. Wollt ihr Mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genießen. Weigert ihr euch aber und seid Mir ungehorsam, so soll euch das Schwert fressen; denn also spricht der Mund des Herrn! – Wie aber geht das zu, daß die fromme Stadt zur Hure geworden ist? Sie war voll Rechts und Gerechtigkeit wohnte darinnen, und nun wohnen da Mörder! Dein Silber ist zu Schaum geworden und dein Getränk mit Wasser vermischt. Deine Fürsten sind Abtrünnige und Diebsgesellen; sie nehmen gerne Geschenke und trachten nach Gaben; den Waisen aber schaffen sie nicht Recht, und der Witwen Sache kommt nicht vor sie! Darum spricht Jehova, der Herr Zebaoth, der Mächtige in Israel: O wehe, Ich werde Mich trösten durch Meine Feinde, und rächen durch Meine Feinde!‘ (Jes.1,16-24). Solcher Verse Sinn berieten sie und kamen nicht ins klare.
GEJ|2|17|2|0|Da trat Ich vor und sagte zu ihnen: „Was sinnet ihr darüber, was doch so klar als die Sonne des Mittags vor euch in aller Tat enthüllt steht? Beschauet eure Waisen, eure Witwen! Wie sind sie bestellt? Statt für sie zu sorgen, nehmt ihr ihnen noch das weg, was sie haben; und die armen Waisen verkauft ihr als Sklaven an die Heiden, wie ihr solches erst vor etlichen Tagen auf einem geheimen Wege ins Werk setzen wolltet und auch ins Werk gesetzt hättet, wenn euch nicht der Zöllner Kisjonah daran ganz gewaltig gehindert hätte.
GEJ|2|17|3|0|Wohl spricht der Herr: ,Kommt und lasset uns miteinander rechten! Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und so sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie wie weiße Wolle werden!‘ – aber Ich frage: wann und unter welcher Bedingung? Wie sieht es aus mit euch und mit der frommen Stadt, die auch ,die Stadt Gottes‘ heißt? Wie viele Sünden der allergröbsten und himmelschreiendsten Art sind darin schon begangen worden, und wie viele werden jetzt begangen!?
GEJ|2|17|4|0|,Waschet und reiniget euch und tuet weg von Meinen Augen euer böses Wesen!‘, sprach Jehova durch des Propheten Mund. Wohl waschet ihr euren Leib des Tages siebenmal und reiniget eure Kleider und übertünchet jährlich zwei- bis dreimal eurer Verstorbenen Gräber; aber eure Herzen bleiben verstockt und sind voll Unflates, und daher kommt es, daß ihr euren übertünchten Gräbern gleichet, die von außen geziert und gereinigt aussehen, inwendig aber voll Ekelgeruchs, voll Totengebeine und voll stinkenden Moders sind!
GEJ|2|17|5|0|Der Prophet sprach von der Reinigung eurer Herzen und ermahnte euch, hinwegzutun eure Sünde vor dem allsehenden Auge Gottes; aber ihr habt diesen Sinn noch nie in euer Herz aufgenommen und reinigtet daher bloß eure Haut und ließet euer Herz versinken in allen Unflat der Hölle! O du Unart der Hölle, wer hat dich je solches gelehrt?!
GEJ|2|17|6|0|Wohl saget ihr: ,Der Bock, den Moses und Aaron anbefohlen haben, wird bis zur Stunde alljährlich mit den Sünden von ganz Israel belegt, dann geschlachtet und in den Jordan geworfen!‘ (3. Mose 16). O ihr Blinden! Was kann denn der Bock dafür, daß ihr sündiget fort und fort und euch nicht bessert in euren Herzen?
GEJ|2|17|7|0|Diese Handlung war nur ein Bild, aus dem ihr schon lange hättet lernen sollen, daß der Bock nur eure argen, weltlichen Gelüste anzeigt, dergleichen da sind euer Hochmut, der gleich dem Bocke stößig und über die Maßen stinkend ist, eure Hurerei und eure Unflätigkeit in allen Dingen, euer Geiz und Neid und eure Scheelsucht! Mit der Vernichtung des Sündenbocks hättet ihr für immer euren Herzensbock vernichten sollen, so hättet ihr Mosis und Aarons Gebot lebendig erfüllt und dadurch dessen Segen unfehlbar geerntet! So aber habt ihr wohl die Böcke getötet, das euch nichts nützen konnte, aber eure sündevollsten Herzen sind euch geblieben; darum hat Jehova Seine Drohung ausgeführt und wird sie fürder noch mehr ausführen, wann euer böses Maß voll sein wird.
GEJ|2|17|8|0|Schön ist es ja, daß nun die Heiden dem Volke Recht schaffen müssen und sorgen für dessen Witwen und Waisen! Aber es ist darum auch wahr, wie der Prophet spricht: ,Ich werde Mich trösten durch die Feinde, das die Heiden sind, und werde Mich rächen durch sie!‘ Wohin ist eure Macht gekommen und verlaufen eure Stärke? Ein kleiner Haufe Heiden beherrscht das einst so mächtige Gottesvolk! Pfui der ewigen Schmach und Schande! Die Kinder der Schlange sind weiser und biederer denn ihr Kinder des Lichtes.
GEJ|2|17|9|0|Darum aber wird es auch in Kürze kommen, daß dieser heilige Boden den Heiden wird überantwortet werden, und ihr sollt fürder nimmer haben weder ein Land und noch weniger einen König; sondern fremden Tyrannen sollet ihr als Sklaven dienen, und eure edlen Töchter sollen von den Heiden und Knechten der Heiden beschlafen werden, und ihre Frucht soll gehasset sein wie das Gezüchte der Schlangen und Ottern!
GEJ|2|17|10|0|Da beratet ihr aus dem Propheten, der für euer Herz geschrieben hat, wie ihr die Zeremonie glänzender machen möchtet bei der Handlung der nichtigen Waschung und Reinigung eurer Leiber, Kleider und Gräber, auf daß euch die Zeremonie desto reichere Opfer abwerfe; aber des möget ihr nicht innewerden, was Gott allein wohlgefällig wäre! O ihr argen Knechte des Teufels! Dem dienet ihr mit eurer Zeremonie – und werdet darum von ihm einst auch den Lohn im Pfuhle ernten, wie ihr ihn auch allzeit verdient habt.
GEJ|2|17|11|0|Man reinigt den Leib, wann es nötig ist, ein-, zwei-, auch dreimal des Tages und reinigt die Kleider, so sie schmutzig sind; denn solches hat Moses verordnet zur Gesundheit des Leibes. Also überdeckt man auch die Gräber gut eine Handspanne dick mit Ziegellehm und übertüncht solche Lehmdecke, wann sie trocken geworden ist, etliche Male mit gutem Kalk, auf daß die Decke nicht Sprünge bekomme, durch die besonders in den ersten Jahren der Verwesung die schädlichen Dünste leicht durchkommen könnten und anrichten allerlei schädliche Krankheiten bei Menschen, Tieren und Pflanzen.
GEJ|2|17|12|0|Seht, darum ist das Übertünchen der Gräber anbefohlen, was doch mit Händen zu greifen ist! Wie mochtet ihr denn daraus eine gottesdienstliche Handlung machen?! O ihr Unsinnigen, ihr Narren! Was sollte denn das der Seele des Verstorbenen nützen?!“
GEJ|2|18|1|1|18. — Vom Wesen Gottes und Seiner wahren Anbetung
GEJ|2|18|1|0|(Der Herr:) „So der Mensch stirbt, wird die Seele aus dem Leibe genommen und, allein als ein Geistmensch für sich dastehend, an einen Ort hinkommen, der ihrem ganzen Lebenswesen vollkommen entspricht; und es wird ihr da nichts helfen als ihr freier Wille und ihre Liebe. Ist der Wille und die Liebe gut, so wird auch der Ort gut sein, den sich die Seele selbst also zurichten wird durch die von Gott ihr eingepflanzte Kraft und Macht; ist aber Wille und Liebe schlecht, so wird auch deren Werk schlecht sein – also, wie auf der Erde ein schlechter Baum keine guten und ein guter Baum keine schlechten Früchte trägt. Gehet hin und schmücket mit Gold und Edelgestein einen Dornstrauch, und sehet, ob er euch darum Trauben bringen wird! Ob ihr aber die Rebe mit Gold zieret oder nicht, so wird sie dennoch süße Trauben voll Wohlgeschmack als Frucht bringen.
GEJ|2|18|2|0|Wenn aber also und unmöglich anders, da fraget euch selbst, was das Übertünchen der Gräber, darin nichts als Modergebein und ekeliger Unflat rastet, den Seelen der Verstorbenen nützen solle oder könne!
GEJ|2|18|3|0|Glaubt ihr denn im Ernste, Gott sei so schwachsinnig und eitel töricht, daß Er Sich dienen lasse durch eitelstes und nichtigstes Gepränge der Materie durch Materie?!
GEJ|2|18|4|0|Ich sage euch: Gott ist ein Geist, und die Ihm dienen wollen, müssen Ihm im Geiste und in vollster, lebendiger Wahrheit ihres Herzens dienen, nicht aber in der Materie mit der Materie, die nichts ist als ein auf eine gewisse Zeit gefesteter Wille des allmächtigen Vaters!
GEJ|2|18|5|0|Was würdet ihr aber zu einem Menschen sagen, der zu euch käme und verlangte noch einen Lohn darum, daß er euch die Saat verwüstet hat, aber dazu noch behauptete, daß er euch einen guten Dienst geleistet habe?! – Sehet, was ihr zu solch einem kecken Narren sagen würdet, das wird euch auch dereinst der Vater im Jenseits sagen, und ihr werdet von Ihm weichen müssen und dazu noch in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden, allwo Heulen und Zähneknirschen euer Lohn sein wird!
GEJ|2|18|6|0|Wie ihr aber für der Witwen Sache sorget, dafür dient als Beweis vorerst Meine Mutter Maria, der ihr alles genommen habt, und danach tausend andere, mit denen ihr es nicht besser getrieben habt und noch treibt!
GEJ|2|18|7|0|Ist es denn nicht himmelschreiend, daß Jüdinnen bei den Heiden ihr Recht suchen müssen und es auch erhalten? Muß es nicht recht lustig für den Satan sein, daß seine Kinder nun die Kinder Gottes an Recht und Gerechtigkeit himmelweit übertreffen? Ja, es sollen denn fürder auch die Weltkinder zu Gotteskindern werden; ihr aber sollet darum Kinder dessen sein, dem ihr noch allzeit treu gedient habt!
GEJ|2|18|8|0|Habt ihr denn, da ihr schon den Jesajas leset, nicht gefunden, allwo er spricht:
GEJ|2|18|9|0|,Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Brandopfer!‘ und wieder: ,Dies Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber ihr Herz ist ferne von Mir!‘
GEJ|2|18|10|0|So ihr saget: ,Dies hat Gott geredet durch den Mund der Propheten!‘, welche Achtung müßt ihr wohl vor Ihm haben, daß ihr allzeit eure schnödesten Satzungen den Geboten Gottes vorziehet, nur die eurigen zu eurem Weltnutzen beachtet, die göttlichen aber mit Füßen tretet?! – O ihr Argen, ihr allzeitigen Knechte des Teufels! Wie wollt ihr einst vor dem Gerichte Gottes bestehen?! Wahrlich, den Sodomitern wird es besser ergehen denn euch! Denn wären dort und damals solche Zeichen geschehen, wie sie bei euch schon geschehen sind, sie hätten in Sack und Asche Buße getan, und Gott hätte sie nicht mit Feuer und Schwefel vom Himmel gerichtet! – Wehe euch, die Zeit ist nahe gekommen, und es wird mit euch werden, wie Ich es euch vorhergesagt habe!“
GEJ|2|19|1|1|19. — Die Frechheit und Verwirrung der geistig blinden Pharisäer .
GEJ|2|19|1|0|Hier erheben sich ärgerlichst die Ältesten, die Pharisäer und Schriftgelehrten und sagen: „Was unterfängst du Milchbart dich, mit uns zu rechten? – Welche Zeichen sind denn hier geschehen?“
GEJ|2|19|2|0|Sage Ich, ihnen die all diesen Schul- und Schriftrittern überaus wohlbekannte Sarah vors Angesicht stellend: „Kennet ihr dies Mägdlein, und wisset ihr, was zum zweiten Male vor sich gegangen ist mit ihr?“
GEJ|2|19|3|0|Hier machen sie alle große und sehr verdutzte Augen und sagen still unter sich: „Beim Himmel, das ist des Obersten Tochter, wie sie geleibt und gelebt hat! Hat er sie denn wieder erweckt? Wie ist das zugegangen? Wenn er sie aber erweckt hat, diesmal als wirklich tot zum zweiten Male, – was tun wir da? Jairus scheint mit ihm zu sein, sonst hätte er ihm seine allergeliebteste Tochter sicher nicht anvertraut! Oder weiß er etwa nichts davon?! Hat sie etwa der Sohn Josephs heimlich erweckt und will sie dem Jairus bei irgendeiner Gelegenheit wieder zuführen? Sollten wir etwa davon dem Jairus eine Nachricht geben? Diese Sache ist zu auffallend! – Sie ist es, ohne allen Zweifel ist sie es! Und doch waren wir alle bei ihrem Begräbnisse zugegen, sowie auch zuvor in Kapernaum, als sie gestorben ist! Was ist da zu tun? Was wird daraus werden, wenn dieser Mensch- Gott durch was immer für eine Kunst oder Macht solch unerhörte Dinge vollbringt?“ – Hier verstummen sie.
GEJ|2|19|4|0|Ich aber sage, sie alle scharf ansehend: „Nun, was sagt euer böses Herz dazu? Ist dies Zeichen genügend oder nicht, euch die Wahrheit dessen zu bestätigen, was Ich zu euch geredet habe?“
GEJ|2|19|5|0|Sagen die Ältesten: „Wir sind weder Ärzte noch Apotheker, die die Kräfte der Natur erforschen und sie in ihrer Kunst zu benutzen verstehen; ebensowenig sind wir mit der Zauberei, die man vom Teufel erlernen kann, vertraut, weil so etwas die größte Sünde vor Gott wäre, und können daher nicht wissen, durch was für Kunst oder Macht du sie erweckt hast! Es ist daher ausgemacht, daß wir uns durch derlei Zeichen nicht können irremachen lassen in unserem Glauben an Moses und die Propheten, sowie in der Auslegung der Schrift, die vom Tempel aus als beim Himmel geschworen autorisiert ist! Zeichen wirken jetzt verschiedene Magier, die teils von den Morgenlanden zu uns kommen, und viele aus Ägypten; alle leisten Wunderdinge, die kein Jude begreift, auch nicht begreifen will und darf, weil alle derlei zauberische Dinge vom Teufel herrühren! Und somit ist hier unter einem soviel gesagt als: Deine Zeichen, weil sie auch der Zauberei angehören können, haben für uns keinen Wert und beweisen uns nur so viel, daß du sie glücklich auszuführen verstehst und daher darin ein vollkommener Meister bist; aber daß wir deiner Zeichen wegen deine Lehre, vor der es uns ekelt, annehmen sollen, das sei ferne von uns! Denn ein Arzt ist uns noch lange kein Priester, und noch weniger ein Prophet – und du schon am wenigsten, da wir dich schon seit nahe dreißig Jahren kennen, so wie wir deinen Vater gekannt haben! Siehe daher, daß du mit deinen Müßiggängern bald aus der Schule kommst, ansonst wir Gewalt brauchen müßten!“
GEJ|2|19|6|0|Spricht die Sarah: „Herr, ich bitte Dich, verlaß diese Elenden! Denn sie sind verstockter als Steine, finsterer als jede Nacht und liebloser als ein Abgrund! Zweimal hast Du mir das Leben wiedergegeben, und für diese Elenden ist das nichts! Sie halten das noch dazu für eine gotteslästerliche Zauberei und wagen es in ihrer allergröbsten Blindheit, Dich sogar aus der Schule zu weisen! Herr, das ist zu arg! Gehen wir, gehen wir! Es ist mir in dieser Elenden Nähe, als stünde der Satan vor uns!“
GEJ|2|19|7|0|Sage Ich: „Meine allerliebste Sarah! Sei du nur ruhig! Solange Ich es will, werden wir hier verweilen; denn Ich bin ein Herr! Nennen sich doch die Mächtigen der Erde ,Herren‘ – und haben oft sehr wenig Macht; Ich aber habe alle Macht über Himmel, Hölle und über die ganze Erde! Ich bin darum auch ganz gut ein Herr und lasse Mir ewig nichts gebieten! Was Ich tue, das tue Ich frei; denn Ich bin vollkommen ein Herr!“
GEJ|2|19|8|0|Als die Ältesten das hören, reißen sie ihre Gewänder auseinander und schreien: „Hinweg mit dir! Denn nun haben wir es klarst vernommen, daß du ein Gotteslästerer bist! Deine Werke verrichtest du durch Beelzebubs Hilfe und willst dadurch und dafür mit deiner Lehre die Völker von Moses und von Gott abwendig machen; es bleibt uns daher nichts übrig, als dich mit Steinen aus der Welt zu schaffen!“
GEJ|2|20|1|1|20. — Der Templer Angst vor dem römischen Gericht
GEJ|2|20|1|0|Es waren aber in allen Schulen wie auch im Tempel für den Zweck der Steinigung Steine vorhanden, und so denn auch in dieser Schule in Nazareth. Da die Ältesten, Pharisäer und Schriftgelehrten dieser Stadt zu blind erbittert waren, so griffen sie nach den Steinen, um sie nach Mir zu werfen. Aber da erhoben sich die Jünger alle und bedrohten die Tollen; diese aber fingen an zu schreien und machten noch ärgere Mienen, die aufgehobenen Steine nach Mir zu werfen. In diesem Augenblick traten Faustus, Kornelius, Jairus und der alte Cyrenius in den großen Schulsaal.
GEJ|2|20|2|0|Als die Wütenden diese für sie ganz erschrecklich großen Herren bemerkten, die ihnen wohlbekannt waren, so legten sie sogleich ihre Mordwerkzeuge nieder und fingen an, sich ganz entsetzlich tief zu verneigen.
GEJ|2|20|3|0|Jairus eilt sogleich zu Mir und zur Sarah hin, umarmt Mich und sagt sogleich laut zum Cyrenius: „Hier steht Er, der große Mensch der Menschen, und hier meine geliebte Tochter Sarah, die Er zweimal vom vollkommensten Tode erweckte!“
GEJ|2|20|4|0|Da tritt der alte Cyrenius zu Mir hin, bekommt Tränen in die Augen und spricht: „O mein Gott und mein Herr! Mit welchen Worten soll ich als ein armer, schwacher Mensch Dir danken für alle die endlos großen Gnaden, die Du mir hast angedeihen lassen?! O wie glücklich bin ich, daß meine Augen noch einmal das unschätzbare Glück haben, Dich, Du mein heiliger Freund, zu sehen! Seit mehr als zwanzig Jahren hörte ich nichts mehr von Dir, trotzdem daß ich an jedem Tage viele Male an Dich dachte und mich auch zu öfteren Malen nach Dir angelegentlichst erkundigte!
GEJ|2|20|5|0|Ach, wie sehr doch war ich vor wenigen Tagen noch betrübt, als der Kaiser vollernstlichst von mir die unglückseligsten Steuergelder aus Pontus und Kleinasien zu fordern begann und ich nicht wußte, wohin sie gekommen sind! Aber wie glücklich, ja wie unaussprechlich glücklich war ich, als vor etwa drei Tagen nicht nur die in Verlust geratenen Steuern, sondern noch eine bei weitem größere Menge von unschätzbaren Schätzen in Gold, Silber, Perlen und Edelsteinen mir durch meine biederen Freunde Faustus und Kornelius eingesandt worden sind, und das alles durch Deine heilige Vermittlung!
GEJ|2|20|6|0|Mein Herr, mein heilig größter Freund Jesus! O sage mir doch, was ich denn nun tun soll, um Dir die zu ungeheuer große Schuld nur ein wenig abtragen zu können! Möchtest Du meine Oberlandpflegerkrone auf Dein Haupt setzen, o mit welch unnennbarer Freude und Würde möchte ich sie Dir zu Deinen heiligen Füßen legen!
GEJ|2|20|7|0|Wahrlich wahr, Herr, Du mein Leben, es liegt mir, wie es Dir sicher nur zu bekannt ist, ganz entsetzlich wenig an den eitlen Schätzen dieser Erde; wäre das mein, was ich schon nach Rom abgesandt habe, so wäre damit schon lange vielen Tausenden armer Leute geholfen worden! Aber es war des Kaisers, und es mußte mir alles daran gelegen sein, ihm das Verlangte aufzubringen! Wie aber wäre solches je möglich gewesen ohne Dich und hernach ohne meinen lieben Faustus und Bruder Kornelius!? – Oh, eine Weltlast habt ihr von meiner Brust abgewälzt! Nun heißt es lohnen und vergelten, was da nur immer in meiner Macht steht! – O rede, rede, Du heiligst großer Freund der Menschen, was ich nun tun soll!“
GEJ|2|20|8|0|Bei dieser glänzenden Ansprache des Cyrenius an Mich werden die, die Mich ehedem steinigen wollten, leichenblaß und fangen an zu beben, als ob sie ein überaus starkes Fieber ergriffen hätte, da sie meinten, Ich werde nun vollste Rache nehmen an ihnen und sie verklagen beim Cyrenius, den sie alle mehr fürchteten als den Tod; denn er verstand allzeit keinen Scherz! Bekanntlich waren die römischen Richter über alle Maßen streng in der Ausführung ihrer gefällten richterlichen Aussprüche und Urteile; darum hatten die Juden denn auch eine unbeschreibliche Furcht vor ihnen, – besonders aber diese nazaräischen Ältesten, Pharisäer und Schriftgelehrten, von denen einige Mitwisser waren von dem römischen Steuerraube.
GEJ|2|20|9|0|Ich aber sagte in großer Freundlichkeit zum Cyrenius: „Meinst du denn, der Mann hätte vergessen, was du dem Kinde getan hast, als es vor Herodes fliehen mußte aus Bethlehem nach Ägypten? Oh, der Mann erinnert sich gar wohl alles dessen! Du hast Mir alles ohne Interesse getan, weil du Mich liebtest, – und Ich sollte von dir nun irgendeinen Lohn begehren? Nein, das sei ewig ferne von Mir! Aber da du schon als ein Stellvertreter des Kaisers über Asien zu gebieten hast, so gebiete diesen widerspenstigen, nicht Gottes-, sondern Satansdienern, daß sie von allem, was Ich hier gewirkt habe, schweigen sollen wie eine Mauer, widrigenfalls sie aufs schärfste gezüchtiget werden sollen! Denn ein jeder, der wider seinen Nächsten einen Stein aufhebt, soll gezüchtigt werden auf das schärfste!“
GEJ|2|20|10|0|Sagt Cyrenius: „Haben diese Elenden etwa gar gewagt, wider Dich Steine aufzuheben?“
GEJ|2|20|11|0|Sagt die Sarah: „Ja, ja, hoher Cyrenius! Den Herrn haben die Elenden steinigen wollen, weil Er ihnen die Wahrheit gesagt hat! Sie nennen sich ,Gottesdiener‘ und sind dabei die größten Gottesleugner; denn nur ihre höchst selbst- und herrschsüchtigen Satzungen halten sie und geben ihnen durch schändlichste Gewalttaten den göttlichen Schein!
GEJ|2|20|12|0|Wer sich von ihnen nicht durch den Trugschein blenden läßt, der wird mit schändlichster Gewalt blind gehalten und hat keine Freiheit mehr auf der lieben Gotteserde! Man lese nur Moses und die Propheten und lese dagegen ihre Satzungen, und man wird mit gar leichter Mühe finden, was ich als ein Mädchen von noch nicht sechzehn Jahren schon lange gefunden habe! Wahrlich, wer an Moses und die Propheten hält, der ist ihr größter Feind! Er wird gleich den Samaritern, die noch reine Mosaisten und Jünger der Propheten sind, täglich von neuem für verflucht angesehen und von den Templern also gehaßt werden, daß sein wie ihr Name im Munde eines Juden den größten Fluch zu bedeuten hat!
GEJ|2|20|13|0|Ich aber frage nun als ein junges Mädchen: Ist das Gottes Wort, ist das ein Gottesdienst? Jesus hat es ihnen klar bewiesen, daß das nur ein Wort der Hölle sein kann und ein Dienst, wie ihn nur der Satan wünschen kann; und darum wollten sie Ihn denn auch steinigen, weil Er ihnen zu sehr die Wahrheit gesagt hat vor dem Volke, das ihnen am Ende denn doch ihr reiches Einkommen schmälern könnte!
GEJ|2|20|14|0|Hoher Herr! Ich war schon zwei Male völlig jenseits, und ich weiß es, was meine Seele gesehen hat. Ich sah Moses und all die guten Propheten! Diese hatten Frieden, und ihre Freude ist diese Zeit, die sie den ,großen Tag des Herrn‘ nennen. Aber auch nicht einen Pharisäer und Schriftgelehrten sah ich unter den Heiligen Israels! Ich fragte daher, wo diese wären.
GEJ|2|20|15|0|Da kam ein lichter Engel und hieß mich, ihm zu folgen. Und ich folgte ihm. Bald standen wir an einem höchst düsteren Ort; es war kaum so hell wie in einer umwölkten Nacht. In tiefer Ferne sah es sehr glühend aus, und der Engel sprach zu mir: ,Dort siehe hin! Das ist der Pfuhl, allwo die wohnen, nach denen du fragtest!‘ Und ich sah hin, erblickte nichts als Teufel und sagte zum Engel: ,Bote des Herrn! Ich sehe pur Teufel und sonst niemand! Wo sind denn hernach die, um die ich gefragt habe?‘ Da antwortete der Engel: ,Die du siehst, die sind es!‘
GEJ|2|20|16|0|Da erschrak ich gewaltig und gedachte meines Vaters, der gar ein Oberster der Pharisäer ist; aber der Engel merkte, was mich beben machte, und sprach: ,Sei unbesorgt! Dein Vater kommt auf den rechten Weg, und du wirst ihm noch einmal zu einem Führer werden auf Erden!‘
GEJ|2|20|17|0|Solches habe ich gesehen und gehört und weiß darum, was ich weiß, nicht vom Hörensagen, sondern aus der Erfahrung! Ich brauche daher von diesen Dummköpfen und argen Knechten des Satans nichts zu lernen; denn ich habe es gesehen und gelernt die Wahrheit lebendig und kann daher als eine, die von drüben zurückgekommen ist, zur Steuer der ewigen Wahrheit dessen, was Jesus, der Herr von Ewigkeit, lehrt, bezeugen, daß alles, was diese schwarzen Lehrer sagen und lehren, die vollkommenste Lüge ist, und ist nicht ein wahres Häkchen daran! – Ich habe geredet.“
GEJ|2|21|1|1|21. — Cyrenius und die Templer
GEJ|2|21|1|0|Sagt Cyrenius: „Habt ihr von einer vom Tode Wiedererstandenen vernommen ein Zeugnis wider euch, was euch schwerer inkriminiert (beschuldigt) denn aller Raub und Mord? Was soll ich denn auf diese höchst wahre Anschuldigung mit euch machen? Ans Kreuz hängen wäre viel zu wenig! Euch bis zu den Knochen einen vollen Tag hindurch geißeln und euch dann erst die Köpfe abschlagen lassen, wäre auch noch viel zu gelinde! Aber ich weiß schon, was ich tun werde, und ihr werdet mit mir ganz zufrieden sein können!“ – Auf diese Anrede des Cyrenius werden alle leichenblaß und fangen ganz entsetzlich an zu heulen und zu bitten.
GEJ|2|21|2|0|Cyrenius aber fragt Mich heimlich, ob er über die Argen im Ernste eine Strafe verhängen solle, nebst dem Verdikte (Wahrspruch), laut dessen ihnen über all das Vorgefallene ein ewiges Stillschweigen aufgetragen werde.
GEJ|2|21|3|0|Sage Ich: „Erlaß bloß das Verdikt mit einer ernsten Bedrohung, die sie bei der ersten Übertretung ohne alle weitere Gnade zu gewärtigen bekommen sollen! Darauf entlasse sie!“
GEJ|2|21|4|0|Cyrenius tritt vor, gebietet zu schweigen und sagt hernach: „Höret mich nun an, ihr argen Wichte! Diesem hier, den ihr steinigen wolltet der heiligen Wahrheit wegen, die aus Seinem Munde an euch erging, habt ihr es allein zu danken, daß ich euch nicht samt und sämtlich in die Wüste treiben und daselbst auf Felsen, die ringsum mit Abgründen umgeben sind, setzen und die Augen ausstechen ließ! Aber so es einer wagen sollte, von all dem, was sich zugetragen hat, auch nur eine Silbe aus der Schule zu schwätzen, entweder mündlich oder schriftlich oder durch Gebärden, Mienen oder Handzeichen, an dem wird unerbittlichst die schärfste Strafe in Vollzug gesetzt werden!
GEJ|2|21|5|0|So werde ich es auch nicht ungeahndet lassen, so ich erfahre, daß ihr durch ungesetzliche Erpressungen das Volk quälen solltet und verfolgen möchtet die göttliche Wahrheit eurer schändlichen, selbstsüchtigen Satzungen halber! Lehret das Volk Gott und dessen Gesetze kennen und danach handeln, so werdet ihr ebenso angesehen sein, wie dieser göttliche Mann Jesus es ist, der durchaus keine neue, sondern nur die uralte Lehre von Gott den von euch in die tiefste Nacht versenkten Völkern verkündet, was Er um so leichter und wahrer tun kann, da Er – was ihr nicht begreifet, aber ich als ein von euch deklarierter Heide ganz wohl begreife – im Geiste Selbst Der ist, der nach eurer Lehre auf Sinai vor etwa tausend Jahren dem Moses für euch die Gesetze gab! Hütet euch daher, diesen Heiligen zu verfolgen; denn solch eine Verfolgung würde euch das doppelte Leben kosten, hier leiblich und jenseits geistig! – Habt ihr mich verstanden?“
GEJ|2|21|6|0|Sagen alle die Betreffenden: „Ja, hoher Herr, und wir wollen alles tun, was du von uns verlangst! Aber du weißt es ja, daß wir Menschen keine Götter sind und allerlei Schwachheit an uns haben; wenn sich jemand denn doch möglicherweise in irgendwas und -wo ein wenig verginge, so wolle du, als selbst Mensch, uns auch nur menschlich zur Rechenschaft ziehen und strafen!“
GEJ|2|21|7|0|Sagt Cyrenius: „Griechische Kaufleute und Krämer pflegen wohl mit sich handeln zu lassen, – aber die Römer nie! Dies bedenket wohl und handelt danach, so werdet ihr keiner Nachsicht benötigen; denn nur durch scharfe und unerbittliche Gesetze werden die Menschen stark und werden Helden der Ordnung und werden eines Sinnes und voll Eifer in allen gesetzlichen Bestrebungen!
GEJ|2|21|8|0|Hätte der Soldat nicht die unerbittlich schärfsten Gesetze, so wäre er ein Feigling, und so es hieße, den Feind verfolgen, bekämpfen und besiegen, da hätte der Feind eine gute Zeit – und mit dem notwendigen Schutze des Vaterlandes hätte es seine geweisten Wege! Aber so das eherne Gesetz dem Soldaten auf Tod und Leben jeden Schritt und Tritt vorschreibt, was er vor dem Feinde zu tun hat, so tut er es sicher! Denn täte er es nicht, so wäre der Tod sein Los; tut er aber, was ihm geboten ist, so ist ihm der Tod durch den Feind ungewiß, und er kann als Sieger und gekrönter Held aus der Schlacht hervorgehen!
GEJ|2|21|9|0|Das ist denn in Rom strengste Regel: ,Ein strenges Gesetz macht auch strenge und ordentliche Menschen.‘ Daher lassen wir denn auch kein Häkchen groß mit uns handeln, und jeder Mensch steht ohne Rangesrücksicht vor dem Gesetze! Ihr wißt nun meine gesetzliche Gesinnung. Tut danach, so seid ihr frei im Gesetze; tut ihr es aber nicht, so wird das Gesetz euch richten ohne alle Gnade darum, weil es ein Gesetz ist.
GEJ|2|21|10|0|Die ganze Erde und alles, was in und auf ihr ist, besteht nur durch die ewige Unbeugsamkeit des göttlichen Willens. Ließe Gott nur im geringsten mit Sich handeln, wie sähe es im nächsten Augenblick mit der Erde und mit uns allen aus? Da ginge alles aus den Fugen!
GEJ|2|21|11|0|Ebenso erginge es einer staatlichen Völkergesellschaft; würde da nur ein Gesetz gelockert, so würden auch die andern ihre Kraft und Festigkeit verlieren, und das große Staatsgebäude würde nur zu bald zu einer Ruine! Also bleibt es unabänderlich bei meiner euch gemachten Androhung!“
GEJ|2|21|12|0|Auf solch entschiedene Erwiderung des Oberstatthalters machten die Ältesten und die Pharisäer ganz entsetzlich bittere Gesichter, und einer aus ihnen sprach in einer Art schmerzlicher Begeisterung: „O Rom, o Rom! Du bist ganz entsetzlich hart und schwer! – Jehova! Aus der babylonischen Gefangenschaft hast Du Deine Kinder befreit, als sie Buße taten und darum baten; wirst Du uns aus dieser tausendmal härteren Gefangenschaft nimmer erlösen?“ –
GEJ|2|21|13|0|Sage Ich: „So ihr bleibet wie ihr seid und euch nicht vom Grunde aus bessert, so sollt ihr nicht nur ewige Untertanen Roms verbleiben, sondern vom selben ganz gefressen werden wie ein Aas von den Adlern! Nur noch eine kurze Zeit wird Gott gedulden, dann aber wird über euch das scharfe Los ausgeworfen werden, und es wird dann mit euch werden, was Ich euch zuvor geweissagt habe, und man wird euch verfolgen bis ans Ende der Welt. – Jetzt aber gehet, und ärgert euch nicht mehr!“
GEJ|2|21|14|0|Auf dieses Mein Wort entfernten sich alle in ihre Nebengemächer; wir aber verblieben in der Schule, in die bald eine Menge Nazaräer kamen, um die hohen römischen Herrschaften zu sehen. Wir mußten uns am Ende auf Tische und Bänke stellen, um nicht erdrückt und um vom gafflustigen Volke gesehen zu werden.
GEJ|2|22|1|1|22. — Heilung eines Gichtbrüchigen. Zeugnis der Nazarener über Jesus. (Matth. 13)
GEJ|2|22|1|0|Es brachte aber Borus selbst einen gichtbrüchigen Menschen, dessen Hände und Füße schon ganz verdorrt und derart verdreht und zusammengezogen waren, daß es wohl keinem sterblichen Arzte mit allen Mitteln in der Welt möglich gewesen wäre, ihn zu heilen.
GEJ|2|22|2|0|Borus aber, als er durch zwei Träger den Gichtbrüchigen in einem Korbe durch das starke Gedränge zu Mir hatte hinbringen lassen, sagte laut vor dem Volke: „Diesem Kranken kann nur Gott allein helfen! Ich bin doch einer der ersten Ärzte in ganz Galiläa, und es kommen Kranke von Jerusalem und Bethlehem zum Arzte Borus, und er hilft ihnen; aber diesem kann er nicht helfen! Ich bitte Dich aber, Du mein heiliger Freund Jesus, da Dir meines Wissens und Glaubens kein Ding unmöglich ist, daß Du diesem Menschen die geraden Glieder wiedergeben möchtest, so es Dein Wille ist!“
GEJ|2|22|3|0|Sage Ich: „Freund, hier gibt es viel zuviel Ungläubige, und da ist so eine Heilung immer eine schwere Sache! Ich aber werde ihn schon bei dir unter vier Augen heilen.“
GEJ|2|22|4|0|Darauf fingen einige im Volke an zu murmeln und sagten: „Oh, des Zimmermanns Sohn ist pfiffig! Dieser Kranke ist ihm zu stark, darum möchte er ihn lieber im geheimen heilen, auf daß wir ja nicht merken sollen, ob es mit ihm besser geworden ist oder nicht.“
GEJ|2|22|5|0|Ich aber vernahm solche Reden und sagte zu den Schimpfern: „O ihr Tollen und Irrsinnigen! Kennet ihr dies Mädchen an der Seite des Jairus? Ist sie nicht dessen Tochter, und war sie nicht tot zwei Male? Wer gab ihr das Leben wieder? – Ihr Toren! So des Menschen Sohn Macht hat, die Toten wieder ins Leben zu rufen, wird Er nicht auch Macht haben, zu diesem Kranken zu sagen: ,Stehe auf und wandle!‘? Auf daß ihr aber sehet, daß Ich gar wohl diese Macht habe, so gebiete Ich dir, du gichtbrüchiger Mensch, daß du aufstehest und wandelst mit vollkommen gesunden Gliedern!“
GEJ|2|22|6|0|In diesem Augenblick fuhr ein Feuer in die Glieder dieses Kranken, und er fühlte sich völlig kräftig, stand auf und wandelte, und seine Glieder waren völlig frisch; er hatte Fleisch und volle Muskeln und wandelte heiter und voll dankbaren Herzens und sagte nach einer Weile seines höchst eigenen Staunens: „So etwas kann nur Gott möglich sein! Ohne Arzneien, ohne Händeauflegung, sondern allein durchs Wort eine solche Heilung in einem Augenblick hervorzurufen, das ist noch nie gehört worden! Herr Jesus, ich bekenne und glaube nun vollauf, daß Du entweder Gottes Sohn oder gar der menschliche Form angenommen habende Gott Selbst bist! Es kommt mir gerade vor, als ob ich Dich anbeten sollte!“
GEJ|2|22|7|0|Sage Ich: „Laß das und mache darob keinen Lärm! Was du aber im Herzen fühlst, das bewahre getreu; es wird eine Zeit kommen, in der du dessen benötigen wirst, und dann magst du beten zum Vater im Himmel, der allein Seinem Sohne gegeben hat solche Macht!“ Mit diesen Worten verstummt der Geheilte.
GEJ|2|22|8|0|Aber das Volk entsetzte sich und sprach: „Woher kommt dem denn solch eine Weisheit und solche Taten und solche Macht dazu? Ist er nicht des Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder: Jakob und Joses und Simon und Judas? (Matth.13,55) Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher um des Himmels willen kommt ihm denn das alles?“ (Matth.13,56)
GEJ|2|22|9|0|Und da sie also miteinander redeten und einander fragten, ärgerten sich viele und sagten: „Das ist gerade zum Wahnsinnigwerden! Unsere Söhne haben studiert zu Jerusalem und sich Kenntnisse in allerlei Künsten und Wissenschaften gesammelt; auch haben sie die noch bestehende Schule der Propheten durchgemacht und die ägyptische Weisheit in der Deutung der Zeichen vollkommen erlernt! Und dieser Zimmermann, der erweislich nie eine Schule besucht hat, den wir nur stets mit Hacke und Säge arbeiten sahen, beschämt nun uns und unsere Kinder auf eine Art, vor der sogar die allerhöchsten Regierungspersonen erstaunen und den sonst mehr tölpelhaften Zimmermann schon nahe für einen Gott halten! Das ist wahrlich ärgerlich! Er ist alles in allem, spricht alle Zungen, als wäre er darin geboren, er ist ein Prophet ersten Ranges und wirket Zeichen und Dinge, die gewirkt zu haben sich kein Gott schämen dürfte; unsere Söhne aber stehen samt uns, die wir doch unserer Zeit auch etwas gelernt haben, da, als könnten sie nicht einmal ihrer Hände Finger abzählen! Weiß denn niemand von uns irgend etwas, wie dieser Zimmermann das alles sich zu eigen gemacht hat?“
GEJ|2|22|10|0|Sagen andere: „Wo sollte er sich etwas zu eigen gemacht haben? Er war ja bis auf nunmalige etliche Monde immer zu Hause und baute Häuser bei uns und auch anderswo mit seinem Vater und seinen Brüdern; wir merkten nie eine Spur von etwas Besonderem bei ihm! Er war dazu noch sehr wortkarg, und so man ihn um etwas fragte, da gab er entweder gar keine oder eine allzeit nur sehr einsilbige Antwort, so daß man ihn für eine Art Tölpel hielt, – und jetzt steht er auf einmal als ein Mann da, auf den alle Welt die Augen richten muß! Das ist ja doch allerärgerlichst mehr, als was nur irgendein gesunder Menschensinn fassen kann!
GEJ|2|22|11|0|Was ist denn mit diesem Menschen vor sich gegangen? Wir wissen es wohl aus seiner frühesten Jugendzeit her, daß er damals als ein noch nahezu unzüngiger Knabe einige zauberische Fähigkeiten gezeigt haben soll! Vater und Mutter glaubten, daß aus diesem Knaben einst etwas Großes werden würde; aber es hätten sich alle die vielversprechenden Fähigkeiten mit den Jahren so ganz und gar verloren, daß davon aber auch nicht eine leiseste Spur bei irgendeiner Gelegenheit zu entdecken war! Eine Schule hat er schon als Knabe nie besuchen wollen und war somit ohne alle wissenschaftliche Bildung ein höchst einfacher Zimmermann. Ich fragte oft den alten Joseph, wie es mit dem Jesus stehe, ob er denn auch zu Hause so einsilbig wäre. Und die Antwort war: ,Noch einsilbiger als irgendwo außer dem Hause!‘ Und seine Brüder sagten dasselbe! – Wenn aber also, woher denn nun solche Fähigkeiten?“
GEJ|2|23|1|1|23. — Zurechtweisung der Nazarener. (Matth. 13)
GEJ|2|23|1|0|Da Ich ihnen aber dennoch vermöge dessen, was sie gesehen hatten, als ein Prophet vorkam, so sagte ein alter Nazaräer: „Ich habe einmal von einem durchreisenden Babylonier, wie solche Menschen gewöhnlich als außerordentliche Bettler öfter unsere Gegenden und Orte zu besuchen pflegen und sich um einige Stater in allerlei Zaubereien und Wahrsagereien produzieren, gehört, wie er bei meinem Nachbar eine Weissagung machte, und zwar mit diesen Worten:
GEJ|2|23|2|0|,Nazareth, in deinen Mauern lebt ein Mensch, den du nicht kennst! Er ist still und ist karg an Worten; wann aber Seine Zeit kommen wird, da werden sich vor Ihm und Seiner Rede beugen die Berge; die Winde und das Meer werden Ihm gehorchen, und der Tod wird vor Ihm beben und keine Macht über Ihn haben! Da wird alles Volk dieser Stadt in ein ärgerliches Staunen versetzt werden; aber es wird niemand Seiner Macht trotzen können, und der Tod wird fliehen vor Ihm wie eine furchtsame Gazelle vor einem sie verfolgenden Löwen! Wann Er aber von dieser Welt in die Himmel wird übergehen wollen, so wird Er auf drei Tage Sich töten lassen von Seinen Feinden; aber am dritten Tage wird Er aus höchst eigener Macht den Tod von Sich weisen und wird auferstehen in aller Kraft und Herrlichkeit und wird auffahren mit Fleisch und Blut in die Himmel! Aber darauf wehe allen, die Ihn verfolgt haben; ihr Los wird sein ein allerschrecklichstes Feuergericht, desgleichen noch nie eines auf dem Erdboden stattgefunden hat! Wehe allen hochmütigen Juden! Sie werden fürder bis ans Ende der Welt kein eigenes Land mehr haben, sondern auf dem ganzen Erdboden zerstreut umherirren wie ein verfluchtes Wild in der Wüste, und von Stoppeln, Dornen und Disteln werden sie ein ungenießbares Brot bereiten, um zu stillen ihren Hunger, und werden sterben an solcher Kost!‘ –
GEJ|2|23|3|0|Solches hat besagter Babylonier geredet vor etwa drei Jahren; und es ist im Ernste ungeheuer merkwürdig, daß in diesem Jesus ein solcher Mann in unsern Mauern nun aufgetreten ist, dessen Reden und Taten alles das vom besagten Babylonier prophezeite nahe auf ein Haar bestätigen! Was aber ist da zu machen? Ist das eine eingetroffen, so dürfte auch das andere, nämlich das Gericht eintreffen! Darum bin ich der maßgeblichen Meinung, daß wir Ihn wirken lassen sollten, wie Er will, mag und kann; denn es dürfte schwer werden, uns mit Ihm in einen Kampf einzulassen! Denn wer einmal Tote erweckt, der muß auch noch mehr vermögen! Vor dem sich die Berge neigen und Winde und Meere lautlos verstummen, mit dem werden wir einen schlechten Kampf bestehen! Darum lassen wir Ihn gehen, zumal da bereits, wie ihr selbst sehet, mehrere Hunderte Seiner Lehre mit Leib und Seele anhängen und Ihn für den verheißenen Messias halten!“
GEJ|2|23|4|0|Auf diese Rede des alten Nazaräers ärgern sich viele noch mehr; aber es getraut sich niemand mehr ein Wort zu reden.
GEJ|2|23|5|0|Ich aber sah wohl, daß mit diesem Volke nichts zu machen war, da es keinen Glauben und kein Vertrauen hatte, und sagte daher auch ganz kurz, aber so laut, daß es alle wohl vernehmen konnten: „Warum ärgert ihr euch denn? Habt ihr nie gehört, daß man schon von alters her gesagt hat: ,Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande und in seinem Hause!‘? (Matth.13,57) Wenn aber also, wie es noch allzeit die alte Erfahrung gelehrt hat, was ärgert ihr euch denn? Ihr wollt klug sein, und Ich sage es euch, daß ihr blind, taub und voll Blödsinnes seid! So Ich Der bin, Der Ich bin, und Meine Worte und Meine Taten dafür zeugen, warum glaubet ihr denn nicht? Muß denn ein Prophet allzeit weither sein, damit er Glauben finde? Muß denn sein Geburtsort unbekannt und seine Zunge eine fremde sein?
GEJ|2|23|6|0|Wenn Ich aus Persien oder gar aus Indien gekommen wäre und täte die Zeichen, die Ich nun tue, und wie sie vor Mir keiner je getan hat, so würdet ihr auf euren Angesichtern vor Mir liegen und schreien: ,Gott hat uns heimgesucht, und wir sind voll Sünden und Gebrechen! Wer wird uns verbergen und schützen vor Seinem Zorn?‘ Weil Ich aber der euch bekannte Josephssohn bin, so fraget ihr: ,Woher kommt ihm solches?‘ O ihr blinden Toren! Ist hier dieser Boden nicht ebensogut Gottes Erde wie in Persien und Indien? Scheint hier nicht dieselbe Sonne, und werden hier nicht, so gut wie in Persien und Indien, durch Gottes gleichfort waltende Kraft und Macht allerart Früchte zum Wachstum und zur Reife fördert? Ist der Mond und sind die Sterne samt der Sonne und dieser Erde hier denn weniger göttlich als in den besagten Ländern?
GEJ|2|23|7|0|So aber ohne allen Zweifel hier doch alles ebensogut göttlich und Gottes ist wie in andern fernen Landen, warum sollte es dann der Mensch nicht sein? Wenn Ich aber vor euren Augen nun Taten verrichte, die keinem Perser und Indier je möglich waren, wie sollte Ich dann nicht wenigstens ebensogut wie ein dummer Perser oder Indier Mir eure Achtung und euren Glauben erwerben können? Wahrlich, ginge Ich heute zu den Griechen und Römern hin, sie würden Mir Tempel und Altäre errichten!
GEJ|2|23|8|0|Ihr aber hingegen, da Ich in eurer Mitte aufgewachsen bin und ihr Mich von Kind auf kennet, fragt ganz ärgerlich erstaunt: ,Woher kommt denn auf einmal diesem Zimmermanne das alles, den wir stets als einen wahrhaftigen Tölpel gekannt haben?‘ O wartet nur, der Tölpel hat aufgehört, ein Tölpel zu sein und hat euch viel Gutes getan – früher als Tölpel und nun als Meister und Heiland noch mehr; aber fürderhin wird Er es bleiben lassen!“
GEJ|2|23|9|0|Auf diese Worte ärgerten sich die Nazaräer noch mehr und verließen die Schule.
GEJ|2|24|1|1|24. — Des Cyrenius Rede über die Nazarener
GEJ|2|24|1|0|Da sagte Cyrenius: „Herr und Meister, wie es mir vorkommt, so ist hier wirklich mehr Dummheit als Bosheit vorhanden! Denn die Nazaräer bis auf wenige sind als Dümmlinge bekannt, und ein Dümmling ist allzeit am schwersten hell zu machen! Wenig Schule, keine Erfahrung, meistens arm, wenig Handel und Wandel! Sie leben meistens vom mäßigen Ackerbau und von einiger Viehzucht und kommen bekanntlich nie – außer im Jahre etwa einmal – nach Jerusalem, wo sie nicht nur nichts in der geistigen Bildung gewinnen, sondern allzeit nur verlieren. Woher sollen sie dann einen bessern Verstand nehmen, um Deine göttliche Lehre und Deine göttlichen Taten zu beurteilen? Dazu sind die dummen Menschen auch gewöhnlich neidisch, und wie ich's gemerkt habe, so ärgerte sie auch das am meisten, daß ihre Söhne, die sie in alle möglichen Schulen haben gehen lassen, Dir in aller Weisheit, Kenntnis und vollendetster Tatkraft gar so endlos weit nachstehen! Ich will ihnen gerade keine Bosheit, sondern die barste Dummheit beimessen, die wohl auch manchmal in Bosheit ausarten kann, aber natürlich in eine sicher nicht gar zu schädliche, da der dumme Mensch es auch notwendig dumm angreift, um jemand wahrhaft zu schaden. Lassen wir sie darum gehen!
GEJ|2|24|2|0|Sollte Dir aber jemand an den Leib gehen wollen, nun, so ist es mir um Dich am wenigsten bange! Fürs erste besitzest Du in einem hinreichendsten Maße soviel der unleugbarst göttlichen Kraft, um ein ganzes wohlausgerüstetes Kriegsheer weidlichst in die Flucht zu schlagen – und um so leichter diese barsten Dümmlinge; und fürs zweite hast Du uns als höchste römische Gewaltträger über ganz Asien vollauf für Dich, und es kann Dir darum an gerechtem Schutze nie fehlen! Solltest Du hier verfolgt werden, nun, Du weißt doch, wo Sidon und Tyrus liegt! Komme dahin, und Du bist sicher vor jeder wie immer gearteten Verfolgung!
GEJ|2|24|3|0|Daß aber diese Nazaräer-Bürger Leute nahe ohne alle Bildung sind, hat sich auch aus dem erwiesen, daß sie nahe alle mehr als Maulaffen denn als Menschen in die Schule bloß aus rein tierischer Neugierde gelaufen sind, zum Beweise dessen sie weder mich noch irgend jemand andern hochgestellten Herrn und Gebieter nur im geringsten mit irgendeiner Gebärde begrüßt haben! Gleich Eseln, Ochsen und dummen Schafen fielen sie herein und taten, als wenn sie allein die Herren der Welt wären! Ich kann es diesen Menschen gar nicht zu einer Sünde rechnen, weil sie zu roh, dumm und ungebildet sind, und ich meine, Du, o Herr und Meister, der Du sie noch um tausendmal besser kennst, wirst ihnen das auch zu keiner Sünde anrechnen!“
GEJ|2|24|4|0|Sage Ich: „Das kannst du wohl sicher annehmen, Ich sicher am wenigsten! Aber es liegt alles daran, daß sie Mich in ihrem Herzen als das erkennen, was Ich bin; denn ihr ewiges Leben hängt ja allein von dem ab! Erkennen sie Mich nicht, so können sie auch unmöglich Den erkennen, der Mich in die Welt gesandt hat – und noch weniger, daß Ich und Der, der Mich gesandt hat, ein und dasselbe Wesen sind! Solange aber ihre Herzen das nicht erkennen, haben sie Mich nicht in sich und somit auch das ewige Leben nicht und sind im Geiste tot! Denn Ich Selbst bin ja eben das ewige Leben Selbst und durch Meine Lehre der Weg zum selben.
GEJ|2|24|5|0|Wer demnach Mich und Meine Lehre nicht annimmt, der nimmt auch das ewige Leben nicht an, und der ewige Tod muß darum notwendig sein Anteil sein.
GEJ|2|24|6|0|Ich darf aber dennoch niemanden zum Glauben zwingen, weil jeder Zwang ein Gericht des Geistes wäre, das ihm so gut den Tod gäbe wie der Unglaube, – und es ist darum hier selbst für Gott schwer also zu wirken, daß der Mensch keinen Schaden leide an seiner Seele! Wird er gezwungen durch irgendeine noch so verborgene Macht, so bewegt er sich im Gerichte; wird er aber durch gar nichts gezwungen, so bleibt er ungläubig und zweifelt an allem und beweist eben dadurch, daß er völlig toten Geistes ist. Wer oder was soll dann lebendig machen seinen Geist?
GEJ|2|24|7|0|Mein lebendig machendes Wort nimmt er nicht an – und somit auch Mich nicht als die in der ganzen Unendlichkeit alleinige Quelle alles Lebens; nun frage dich selbst, woher er dann sonst noch das Leben, das Ich allen Menschen brachte und geben will, nehmen solle!“
GEJ|2|24|8|0|Sagt Cyrenius: „Ja, ja, das sehe ich nun ganz klar ein und muß es einsehen, weil ich Dich schon seit dreißig Jahren kenne, wer Du bist; aber lassen wir das nun, ich werde diese Menschen schon noch gläubig machen! Jetzt aber gehen wir weiter und sehen, wo wir ein Mittagsmahl bekommen werden! Es ist schon ziemlich spät nachmittags.“ – Wir verließen darauf die Schule und die Stadt und begaben uns in Mein Haus, allwo schon ein gutes Mahl unser harrte. Wir aßen und tranken ganz wohlgemut und waren diesen ganzen Tag über guter Dinge.
GEJ|2|25|1|1|25. — Über die Unwürdigkeit des Volkes. (Matth. 13)
GEJ|2|25|1|0|Es ward viel geredet von den Begebnissen zu Ostrazine in Ägypten, allwo Ich Meine Kindheit zugebracht hatte, und die Mutter war dabei auch sehr gesprächig und hatte eine große Freude an den Gesprächen des Vizekönigs von Asien, wie man also auch den Cyrenius begrüßte.
GEJ|2|25|2|0|Jakobus, Josephs Sohn, der des Schreibens wohl kundig war, holte eine ziemlich dicke Rolle aus seinem Schrank und überreichte sie dem Cyrenius mit den Worten: „Hoher Herr, hier habe ich von Seiner Geburt an alles aufgezeichnet bis zu Seinem fünfzehnten Jahre, tatenreich aber eigentlich nur bis in Sein zwölftes Jahr; denn nach dem zwölften Jahre verlor sich Seine göttliche Gabe so ganz und gar, daß davon aber auch nicht die leiseste Spur mehr zu entdecken war. Darum stehen die drei Jahre 13, 14 und 15 auch völlig leer; denn bis auf einige ziemlich weise Worte hat sich da nichts Erhebliches mehr ereignet, und so habe ich es denn auch über Sein fünfzehntes Jahr hinaus nicht mehr für nötig gefunden, die ganz gewöhnlichen menschlichen Begebnisse, die ich an Ihm bemerkte, aufzuzeichnen, und so ist diese Beschreibung über Seine Jugendzeit als vollkommen für abgeschlossen zu betrachten. (Vgl. „Jugend Jesu“.)
GEJ|2|25|3|0|Es bestehen aber neben dieser meiner Aufzeichnung noch eine Menge falscher Sagen, die wahrscheinlich ein Werk alter, müßiger Fischerweiber sind; ich bitte daher jedermann, nur diese meine Beschreibung als die allein richtige, durchaus wahre und alles umfassende anzusehen. Wenn ich dir, hoher Herr, damit ein Vergnügen verschaffen kann, so bitte ich dich, diese meine kleine Mühe als eine kleine Erkenntlichkeit von meiner Seite für die vielen Wohltaten, die du uns erwiesen, gnädigst anzunehmen!“
GEJ|2|25|4|0|Cyrenius nimmt die Rolle mit vieler Freude in die Hände, blättert eine Weile darin und liest manches laut vor, und alles hat eine große Freude daran. Eine ganz besonders große Freude aber hatte daran die lieblichste Sarah, wie auch ihre Mutter.
GEJ|2|25|5|0|Die Sarah wurde alle Augenblicke zu Tränen gerührt und sagte am Ende in einer Art Erregtheit: „Was braucht man da denn noch, um das mit Händen zu greifen, was ich schon seit meiner ersten Heilung eingesehen habe?! Gott! Solche Taten, solche Zeichen – und noch kein Glaube, keine Einsicht, keine Erkenntnis des nur zu wahrhaft Göttlichen?! Herr, ich als eine arme, schwache Sünderin vor Dir, bitte Dich: tue hier keine Zeichen mehr! Denn dieses Volk von Nazareth mit höchst geringer Ausnahme ist nicht des Anspuckens wert, geschweige Deiner zu heiligen Worte und Taten! Ich bekenne es offen, dieses Volk, so mir eine Macht gegeben wäre, ließe ich so lange fasten, hungern und stäupen, bis es zur Einsicht käme und erkennete, wie sehr es dadurch gesündiget hat, daß es diese heilige Zeit seiner Heimsuchung und der großen Gnade nicht erkannt hat!“
GEJ|2|25|6|0|Sagte Ich zur Sarah: „Ärgere dich, du Mein einziges Herz, der Dummen und Blinden wegen nicht! Ich kenne sie und ihren Unglauben, und wie du es wünschest, also werde Ich auch des Unglaubens willen wenig oder gar keine Zeichen mehr tun (Matth.13,58). Und du, Mein Schreiber Matthäus, merke das an, daß Ich des Unglaubens wegen hier in Meiner leiblichen Heimat wenig Zeichen mehr wirkte, auf daß es sogar in den spätesten Zeiten alle Welt wissen solle, was für harte und ungläubige Knöpfe diese Bürger Nazareths zu Meiner Zeit waren! Wir aber werden uns dennoch einige Tage hier aufhalten und uns als von den Bürgern deklarierte Müßiggänger recht wohl geschehen lassen! Denn weil sie sich ärgern, so sollen sie sich also recht ärgern, auf daß sie desto eher reif werden für den Satan und sein verfluchtes Reich!“
GEJ|2|25|7|0|Sagt Cyrenius: „Mir ist es endlos leid, daß ich mich vermöge meiner starken Regierungsgeschäfte nicht länger als höchstens einen Tag hier aufhalten kann; aber wenn ich Dir, o Herr, in dem einen oder andern etwas tun kann bei diesem schmählichst ungläubigen Volke, so äußere Dich nur und begehre es, und ich lege sogleich die Hand ans Werk! So Du es willst, lasse ich sogleich die ganze Stadt mit Ruten durchstäupen!“
GEJ|2|25|8|0|Sage Ich: „Lassen wir das alles! Diese sind schon mit dem durchgestäupt zur Übergenüge und voll gestraft dadurch, daß sie an Mich nicht glauben; denn ihr Unglaube wird dereinst ihr unerbittlichster Richter sein, dem sie auf tausend nicht eins zu erwidern imstande sein werden! Wahrlich, sage Ich dir, eher und leichter werden alle Hurer, Ehebrecher und Diebe ins Gottesreich eingehen denn diese ungläubigen Böcke und Klötze! Oh, Ich sage dir, wie Ich es nur zu gut weiß: Diese Böcke und Klötze sind nicht so ungläubig, wie sie sich zeigen; sie wollen nur nicht glauben, auf daß sie desto freier sündigen können! Denn nähmen sie, durch die Zeichen genötigt, Meine Lehre an, da bekämen sie ja notwendig ein Gewissen, das sie hindern würde in ihrem argen Tun und Treiben; darum glauben sie denn lieber nichts und disputieren sich gegenseitig jede noch so handgreifliche Wahrheit aus ihrem Gemüte, damit sie nur frei tun können, was ihnen ihre argen Gelüste vorschreiben. Freund, da wäre sehr viel zu reden; aber es ist hier besser, zu schweigen! Darum lassen wir sie, wie sie sind; denn was einmal des Teufels ist, das ist auf ordentlichem Wege schwer göttlich zu machen!“
GEJ|2|26|1|1|26. — Winke für Gesetzgeber
GEJ|2|26|1|0|Sagt Cyrenius: „Es ist gut, daß ich das weiß; das andere wird sich schon finden lassen! Weil sie Deine Lehre nicht annehmen, da werde ich für eine andere sorgen. Ich werde ihnen kaiserliche Verordnungen, die mir schon vor einem halben Jahre zur Begutachtung von Rom als schon sanktioniert eingesandt worden sind, durch Faustus und seine Knechte bekanntmachen lassen! Vielleicht wird ihnen das Evangelium aus Rom mehr Respekt einflößen als das Deine aus den Himmeln! Die Verordnung enthält hundert Punkte als Gesetze, hinter deren jedem das Kreuz und die Geißel aufgerichtet sind: Die Mehrweiberei wird aufgehoben, Unzucht und Hurerei mit der Geißel auf das schärfste bestraft, der Ehebruch mit dem Kreuze, Dieberei und Betrug mit dem Kreuze, der Schmuggel mit der Geißel und mit hundert Pfund Silbers, und dazu eine Menge Mein- und Dein-Gesetze, deren Übertretung die Geißel und hundert Pfund Silbers zur Folge haben wird! So wird ihnen auch das Reisen ohne einen Reiseschein auf das strengste untersagt sein; der Reiseschein aber wird gegen Erlegung von hundert Pfund zu bekommen sein! – Ja, das werde ich tun und werde diese neuen Gesetze besonders für diese Städte in Galiläa allerstrengstens handhaben und sehen, ob bei diesem Volke kein Gewissen mehr zu entdecken und zu erwecken ist!“
GEJ|2|26|2|0|Sage Ich: „Das gehört in Deinen Regierungsbereich, und Ich kann dir dagegen weder mit Nein noch mit Ja antworten. Tue da, was du willst; aber erschwere damit Mir und den Meinen das notwendige Umherreisen nicht!“
GEJ|2|26|3|0|Sagt Cyrenius: „Durchaus nicht; denn Künstler, Ärzte, Weise und Propheten sind ausgenommen! Ihre Zeugnisse, ihre Taten und Reden dienen ihnen als vollgültigster Reiseschein, und es darf sie bei Todesstrafe niemand daran hindern. Dir aber stelle ich sogleich ein Zeugnis aus, und es wird Dich niemand anhalten, so Du ihm das Zeugnis vorweisest!“
GEJ|2|26|4|0|Sage Ich: „Mich freuet dein allzeit guter Wille; aber erspare dir dessenungeachtet diese Mühe! Denn solange Ich werde umherreisen wollen, wird es Mir keine Macht in der Welt verwehren können! Werde Ich Mich aber einmal für die gesamte Menschheit opfern wollen, so wird Mir auch keine Macht in der Welt einen Schutz bieten können; und böte sie Mir solchen auch, so würde Ich ihn dennoch nicht annehmen! Denn, Freund: Der, dem Himmel und Erde gehorchen, wird doch mächtiger sein als alle Menschen auf dieser Erde, die Mir kaum zu einem Fußschemel dienen kann!? Darum tue du zwar, was du willst; aber es wird da wenig fruchten! Denn du magst ein Gesetz noch so vollständig geben, so wirst du nur zu bald gewahr werden, mit welcher Geschicklichkeit die Menschen das Gesetz umgehen werden, und du wirst dagegen nichts tun können.
GEJ|2|26|5|0|Gottes Gebote, die durch Moses dem Volke sind gegeben worden, sind gewiß so erschöpfend als nur etwas Vollendetes erschöpfend sein kann; aber Menschen, wie diese Zeiten zeigen, haben Gottes Gebote ganz geschickt in ihre höchst eigenen bösen Satzungen also umzugestalten verstanden, daß die jetzigen Menschen nun gar kein Gewissen mehr haben, die Gebote Gottes zu übertreten, so sie nur ihre Weltsatzungen erfüllen!
GEJ|2|26|6|0|Wenn aber die Menschen solches am grünen Holze tun, was alles werden sie tun mit einem dürren Klotze aus Rom!? – Daher tue du zwar, was du willst, und Mir wird es recht sein; aber Ich sage dir auch:
GEJ|2|26|7|0|Je mehr Gesetze, desto mehr Verbrecher, für die mit der Zeit eure Kreuze und Geißeln lange nicht ausreichen dürften!“
GEJ|2|26|8|0|Sagt Cyrenius: „Das alles, was Du mir nun sagtest, ist unwidersprechlich wahr, aber ich frage Dich doch noch weiter zu meiner höchst eigenen Belehrung: Was kann man aber anwenden gegen die Widerspenstigkeit der Menschen, die vor allem gleich diesen Nazaräern an keinen Gott und an keine höhere Offenbarung mehr glauben und den Geboten Gottes mit jeder ihrer Handlungen den offenbarsten Hohn sprechen?! Soll man sie denn dann auch noch ohne schärfst sanktionierte weltliche Gesetze lassen, damit sie ohne alle Furcht ihren losen Gelüsten frönen könnten, wie es ihnen beliebig wäre, wenn sie schon seit lange her jedes göttlichen Gesetzes bar sind und es unter sich, wie mit ihren Nachbarn, weit ärger zu treiben anfangen als das reißende Wild der Wüste und Wälder?! Da, meine ich, sind scharfe, weltliche Gesetze ganz an ihrem Platze, um solche ganz wildgewordene Menschen wieder zu einer Ordnung und aus dieser zur Erkenntnis Gottes zurückzuführen!“
GEJ|2|26|9|0|Sage Ich: „Allerdings; denn da ist kein anderer Weg möglich und denkbar als der durch den Zwang der weltlichen Gesetze! Aber es kommt nun wohl überaus sehr darauf an, was für Gesetze den Menschen zu geben sind!
GEJ|2|26|10|0|Dazu gehört eine überaus tiefe Kenntnis der menschlichen Natur; und den wahren Grund, durch den die Menschheit zur Entartung geführt ward, darf der Gesetzgeber nie aus den Augen fallen lassen, – sonst gleicht er einem Arzte, der mit ein und derselben Medizin alle bei den Menschen vorkommenden Krankheiten heilen will, aber gar nicht bedenkt, daß die höchst verschiedenen Krankheiten, die den menschlichen Leib befallen können, auch höchst verschiedener Natur sind und jede einen andern Grund hat. Ein solcher Arzt wird dann und wann wohl hie und da einen Kranken finden, für dessen Übel seine Arznei gerade taugt, und der Kranke wird darauf gesund; aber hundert andere Kranke, deren Übel einer anderen Art und Beschaffenheit sind, werden auf solch eine Arznei nicht nur nicht besser, sondern um vieles schlechter und sterben wohl gar darauf!
GEJ|2|26|11|0|Wenn es aber schon für den kranken Leib, den doch jeder Arzt sehen und greifen kann, schwer ist, eine rechte Arznei zu bestimmen, um wieviel schwerer ist es dann, für eine kranke Menschenseele eine rechte Arznei zu finden und zu bestimmen!
GEJ|2|26|12|0|Das Gesetz ist wohl die Arznei, so mit dem Gesetze die rechte Lehre, wie und warum das Gesetz zu halten ist, im Verbande ist; aber denke nun selbst nach:
GEJ|2|26|13|0|Da hast du eine zornmütige Seele, da eine furchtsame, da wieder eine ränkesüchtige, dort eine neidische, geizige und betrugslustige Seele; wieder wirst du eine forschende Seele antreffen, und der gegenüber eine träge und schläfrige; in einem Hause sitzen vier gehorsame, demütige Seelen, in einem andern fünf widerspenstige – und so fort unter zahllos vielen Eigentümlichkeiten, Schwächen und Leidenschaften.
GEJ|2|26|14|0|Nun gibst du für all diese zahllos vielen Charaktere der Seelen ein gleiches Gesetz; wie aber wird es ihnen frommen? Der Furchtsame wird verzweifeln, der Zornige auf Rache und Umsturz zu sinnen beginnen, der Laue wird lau bleiben, und der Forscher wird allen Mut verlieren und innehalten mit seiner guten Arbeit; der Geizige wird noch geiziger werden, und der Hochmütige wird mit dem Zornigen eine Sache machen, und der Schlaue wird beiden seine Hände bieten!
GEJ|2|26|15|0|Bedenke nun diese und tausend andere der traurigsten Folgen, die aus einem unweisen, plumpen Gesetze hervorgehen müssen, so wirst du neben der Notwendigkeit eines Gesetzes auch die andere Notwendigkeit einsehen, der zufolge ein Gesetz überaus scharf und genau dahin geprüft werden muß, ob es allen möglichen Charakteren heilsam entsprechen könne oder nicht!
GEJ|2|26|16|0|Ist ein zu gebendes Gesetz nicht zuvor also geprüft, so soll es nicht den Menschen zur Beachtung vorgestellt werden, weil im allgemeinen es offenbar mehr Schaden als Nutzen verursachen müßte.“
GEJ|2|26|17|0|Siehe, Gott, der allweiseste Schöpfer, hat aus Seiner endlosesten Weisheitstiefe nur zehn Gesetze gewisserart gefunden, die für alle Seelencharaktere wohltauglich sind, und jeder Mensch kann sie auch überaus leicht beachten, wenn er nur will; wenn aber Gott Selbst nur zehn Gesetze findet, die mit der Natur und Eigenschaft jeder Menschenseele in voller nutzwirkender Entsprechung stehen, wie möglich kann ein heidnischer Kaiser in Rom gleich hundert Gesetze finden, aus deren Beachtung die Menschenseelen ihr Heil schöpfen sollen?“
GEJ|2|27|1|1|27. — Mißhandlung der seelischen Natur durch menschliche Gesetze
GEJ|2|27|1|0|(Der Herr:) „Ich sage dir: Solange das jüdische Volk unter den Richtern stand, die allein die Gesetze Gottes aufrechterhielten, da war es auch eine lange Zeit im Leben, Handel und Wandel bis auf wenige Eigenheiten völlig der Ordnung Gottes gemäß; als es aber späterhin Gelegenheit bekam, den Glanz der Könige der Heiden zu erschauen, wie diese in großen, prunkvollen Palästen wohnten, und wie sich ihre Völker vor ihnen bis in den Staub beugten, so gefiel das den blinden Narren aus dem jüdischen Volke wohl, und sie verlangten, da sie sich für das mächtigste Volk der Erde hielten, von Gott auch einen König. Gott wollte dem dummen Verlangen des Volkes aber nicht sogleich nachkommen, sondern warnte es und zeigte ihm all die bösen Folgen, die sie unter dem Könige würden zu gewärtigen haben! Aber Gott ließ da durch die Propheten tauben Ohren predigen; es half nichts, das Volk wollte um jeden Preis einen König!
GEJ|2|27|2|0|Und Gott gab dem Volke in Saul den ersten König und ließ ihn salben durch den alten, treuen Knecht Samuel. Als das Volk nun einen König hatte, der ihm sofort schwer zu erfüllende Gesetze gab, da erst fing es an zu sinken immer mehr und mehr – bis auf den gegenwärtigen Punkt der äußersten Verworfenheit.
GEJ|2|27|3|0|Wer aber schuldet hauptsächlich daran? – Siehe, – die ungeschickten Gesetze, die von Menschen herrühren, die weder ihre eigenen und sicher noch weniger ihrer Nebenmenschen Naturen gekannt haben und mit ihren plumpen und nur auf den speziellen Eigennutz berechneten Gesetzen alles innere Seelenleben gänzlich zugrunde richteten!
GEJ|2|27|4|0|Sage dir es selber und denke wohl darüber nach: Wenn da irgendwo bestünde ein mechanisches Kunstwerk, das lange Zeit gut ging und dem Willen des Meisters entsprach, aber endlich doch stehenblieb, weil daran irgendein Teil schadhaft geworden war, und es käme dann ein Mensch voll Aufgeblasenheit und Eigendünkel und spräche zum Besitzer der Maschine: ,Übergib mir das Werk, ich werde es herstellen!‘, und der Besitzer täte dies in der Meinung, daß der Großsprecher ein Verständiger sei, – was wird, wenn der Maulreißer seine höchst ungeschickten Hände ans Werk legt, nur zu bald und zu sicher aus der Maschine werden? Wird dieser, aller mechanischen Kenntnis im Grunde des Grundes völlig bare Maulreißer, der vom ebenfalls blinden Maschinenbesitzer nur einige Goldstücke herauspressen will, der Maschine nicht mehr schaden als nützen? Oder wird er sie am Ende nicht also gänzlich verderben, daß darauf sogar der wirkliche Meister, der die Maschine gebaut hatte, sie kaum mehr wird zurechtbringen können?
GEJ|2|27|5|0|Wenn aber das schon bei einer höchst einfachen, plumpen Maschine, deren Teile offen liegen, leicht zu zählen, zu übersehen und allenthalben mit Händen zu greifen sind, notwendig der Fall ist und sein muß, so ein unverständiger Maulreißer sie herstellen will, um wie viel mehr muß der Mensch, der in allen seinen Teilen die allerweisest kunstvollste Lebensmaschine ist, von deren totaler Zusammenfügung nur Gott allein die vollste Kenntnis und Einsicht hat, notwendig verdorben werden, so ein unwissender und höchst unweiser, selbstsüchtiger Gesetzgeber ihn durch allerplumpste und zweckwidrigste Gesetze bessern will, wo er doch nicht die leiseste Spur von einer Kenntnis besitzt, durch die er wenigstens nur zum tausendsten Teile einsähe, was alles dazu gehört, um nur ein Haar auf dem Haupte eines Menschen wachsen zu machen!
GEJ|2|27|6|0|Darum, Mein liebster Freund Cyrenius, laß du deine vermeinten hundert Gesetze fein zu Hause; denn du würdest damit niemanden wahrhaft bessern! Laß aber dafür die Gesetze Gottes walten und sanktioniere sie; durch die Beachtung derselben wirst du aus den Menschenmaschinen wirkliche Menschen machen.
GEJ|2|27|7|0|Sind sie erst Menschen geworden, dann kannst du ihnen des Staates Bedürfnisse vortragen, und sie werden dann als wahre Menschen freiwillig mehr tun, als sie je als geknebelte Sklaven harter, plumper Gesetze tun könnten.
GEJ|2|27|8|0|Ich sage dir: Nur das, was ein Mensch aus freiem Willen nach seiner frei und somit wohlgebildeten Einsicht tut, ist wahrhaft getan und bringt Nutzen auf eine oder die andere Art; jede erzwungene Arbeit und Tat aber ist nicht eines Staters wert. Denn bei jeder gezwungenen Arbeit und Tat arbeitet allzeit Zorn und Rache gegen den Zwinger (Zwingherrn) mit, und das kann ewig kein Segen für was immer für ein Werk sein.
GEJ|2|27|9|0|Wenn du, liebster Cyrenius, diese Meine Worte recht durchdenken wirst, so wird es dir vollends klar sein, daß Ich dir nun die vollste Wahrheit gesagt habe!“
GEJ|2|27|10|0|Sagt Cyrenius: „Edelster, göttlichster Freund, da brauche ich wahrlich nicht viel nachzudenken; denn Deine Worte sind ja so klar und wahr wie die Sonne am hellsten Mittage, und ich werde das tun, was Du mir geraten hast. Das Mosaische Gesetz werde ich neu sanktionieren und das Volk zu nötigen verstehen, danach zu handeln! Edelster Freund, so es Dir genehm wäre, würde ich mit Deiner geheimen geistigen Hilfe auch den Griechen das mir wohlbekannte Mosaische Gesetz zu strenger Beachtung verkündigen lassen! Mir kann es dazu sogar an einem politischen Grunde nicht fehlen; denn bekanntlich gibt es zwischen den Juden und Griechen gleichfort Reibungen, die stets und zumeist auf Grund des verschiedenen Glaubens an Gott und der ebenso verschiedenen Erkenntnis desselben entstehen. Die Juden behaupten auf Mord und Brand das ihrige, und die Griechen dagegen, die den Juden in der Dialektik bei weitem vor sind, verhauen mit ihren geläufigen Zungen die schwerfälligen Juden auf eine solche Weise, daß sie den Griechen nicht eins auf tausend zu erwidern imstande sind, und es kommt daher nicht selten zwischen beiden Parteien zu blutigen Tätlichkeiten, was doch sicher keine wünschenswerte Folge von den bestehenden Glaubens- und Gottesgesetzesdifferenzen ist.
GEJ|2|27|11|0|So ich aber auch den Griechen das jüdische Gottesgesetz zur strengen Beachtung gebe und es, wie gesagt, auch aus politischen Gründen vom Staate sanktioniere, so werden derlei mir stets äußerst unangenehmen Reibungen sicher unterbleiben. Herr und Meister, habe ich recht, wenn ich das tue? Und so ich es tue, da sage es mir aus Deiner unergründlichen Weisheitstiefe, wie ich das anstellen soll, um den vorgestellten guten Zweck zu erreichen!“
GEJ|2|28|1|1|28. — Von der Freiheit des Geistes
GEJ|2|28|1|0|Sage Ich: „Freund, dein Wille ist gut, aber das Fleisch ist schwach! Dein gutes Vorhaben wird wohl im Verlaufe eines Säkulums (Jahrhunderts) zur vollen Wirkung kommen, und du wirst dazu noch manches Gute als Vorbereitung zustande bringen, – aber hüte dich in geistigen Lebensdingen vor nichts mehr als vor dem römischen ,Muß‘; denn solches schadet dem Menschen allzeit mehr, als es ihm je nützen kann! Denn jedes Muß ist ein Gericht und läßt keine Freiheit zu, die in den rein göttlichen Lebensdingen doch das einzige wohlgedüngte Feld ist, auf dem der Same des Lebens keimen, treiben und endlich zur segensreichen und reifen Lebensfrucht gedeihen kann!
GEJ|2|28|2|0|So du einen jungen Vogel, der erst dem Ei entkrochen ist, nimmst und fütterst, auf daß er eher flugstark werde, ihm aber neben der sonst guten Fütterung gleichfort die Flügel stutzest, sage, wird da dem Vogel selbst die beste Fütterung zu etwas nütze sein? Der Vogel wird wohl vegetieren, aber mit dem freien Fliegen wird es so lange einen ganz mächtigen Haken haben, als wie lange du ihm die Flügel stutzen wirst!
GEJ|2|28|3|0|Wie aber der Vogel ohne Flügelfedern nicht fliegen kann, so kann auch der Geist des Menschen nie zur freien Lebenstätigkeit gelangen, wenn ihm durch das sanktionierte Muß die Flügel der freien Erkenntnis gestutzt werden. Ein Geist ohne freie Tätigkeit aber ist schon darum tot, weil er das nicht hat, was im Grunde des Grundes sein Leben bedingt und ausmacht.
GEJ|2|28|4|0|Du kannst dem Menschen tausend Gesetze geben für seine bloß irdische Lebenssphäre und sie alle unter Muß sanktionieren, so wirst du damit dem Geiste des Menschen viel weniger schaden, als so du ihm ein einziges Gottesgebot weltlich sanktionierest.
GEJ|2|28|5|0|Das Geistige muß frei bleiben und muß die Sanktion in sich selbst frei bestimmen, sowie das damit verbundene Gericht; und so erst kann es in und aus sich des Lebens Vollendung erreichen.
GEJ|2|28|6|0|Die freien Erkenntnisse des Guten und Wahren sind des Geistes Lebenslicht; aus diesen bestimmt er für sich dann selbst die ihm zusagenden Gesetze. Diese Gesetze sind dann freie Gesetze und sind allein mit des Lebens Freiheit für ewig verträglich. Des Geistes Wille nach den Erkenntnissen ist das freie Gesetz im Geiste, und die ewige Notwendigkeit, nach dem freien Willen zu handeln, ist die ewige Sanktion, nach der auch sicher kein Geist anders handeln kann, als er eben frei handeln will.
GEJ|2|28|7|0|Und siehe, das ist denn auch die sich ewig selbst bestimmende Ordnung in Gott, der doch sicher keinen Gesetzgeber über Sich hat.
GEJ|2|28|8|0|Gottes freiester Wille bestimmt nach den ewig vollkommensten Erkenntnissen und weisesten Einsichten in Ihm Selbst das Gesetz und sanktioniert dieses durch die höchst eigene, obschon noch immerhin freie Notwendigkeit; und diese ist dann der Grund aller geschaffenen, irdischen Dinge und ihres Bestandes insoweit, als dieser zur inneren Ausbildung, Konsistierung (Festigung) und endlichen freien Isolierung (Verselbständigung) des Geistes notwendig ist.
GEJ|2|28|9|0|Der menschliche Geist aber soll ebenso vollkommen werden in sich und durch sich, wie der Urgeist Gottes in Sich und durch Sich vollkommen ist, ansonst der Geist kein Geist, sondern ein gerichteter Tod ist.
GEJ|2|28|10|0|Damit aber der Menschengeist das werden kann, muß ihm die Gelegenheit geboten werden, sich ebenso entwickeln zu können in der Zeit, wie sich der göttliche Geist in Gott Selbst von Ewigkeit her in, aus und durch Sich Selbst gebildet hat!
GEJ|2|28|11|0|Siehe, Ich hätte doch sicher von Ewigkeit her Macht genug, alle Menschen mit unwiderstehlicher innerer Gewalt zu zwingen, nach irgendeinem gegebenen Gesetz also genau zu handeln, daß sie davon nicht um ein Haarbreit abweichen könnten; aber dann würde der Mensch aufhören ein Mensch zu sein, und er wäre ebensogut ein Tier wie irgendeines aus dem großen Reiche desselben. Er würde dann seine Arbeit freilich höchst genau verrichten, aber an der Arbeit selbst würdest du ebensowenig irgendeinen Unterschied entdecken wie bei der zellenbauenden Arbeit der Bienen und zahllos vieler andern großen und kleinen Tiere.
GEJ|2|28|12|0|Wolltest du aber dann mit deiner freien Erkenntnis solche Tiermenschen zu etwas Höherem bilden, so würdest du dann mit ihnen ebensowenig auszurichten imstande sein, als wenn es dir einfiele, die Bienen in eine Schule zu geben, in der sie endlich einmal ihre Zellen auf eine bessere und zweckmäßigere Weise zu bauen anfangen sollten.
GEJ|2|28|13|0|Deshalb mußt du die Fähigkeit der Menschen, daß sie sündigen können, nicht so niedrig und nicht als zu sehr verbrecherisch anschlagen; denn ohne die Fähigkeit, den gegebenen Gesetzen zuwiderzuhandeln, wäre der Mensch ein Tier und kein Mensch!
GEJ|2|28|14|0|Und Ich sage es dir: Die Sünde gibt dem Menschen erst das Zeugnis, daß er ein Mensch ist; ohne diese wäre er ein Tier!“
GEJ|2|29|1|1|29. — Der Segen der freien Entwicklung
GEJ|2|29|1|0|(Der Herr:) „Es ist daher zwar wohl gut und recht, die Sünder zu strafen, wenn sie zu sehr von der Ordnung abweichen, die Gott Selbst zur sicheren und in kürzester Zeit möglichen Vollendung gesetzt hat; aber mit einem eisernen Muß soll niemand von der Möglichkeit zu sündigen abgehalten werden. Denn wahrlich sage Ich dir: Mir ist ein Sünder, der frei aus sich Buße tut, lieber als neunundneunzig Gerechte nach dem Maße des Gesetzes, die der Buße nie bedurft haben; der ist ganz Mensch, die andern nur zur Hälfte!
GEJ|2|29|2|0|Ich will aber damit freilich nicht sagen, daß Mir darum ein Sünder lieber wäre denn ein Gerechter, weil er etwa allzeit ein Sünder ist – denn in der Sünde verharren heißt: ebenfalls ein Tier werden, das nur mehr aus der falschen instinktartigen Begründung ein schmutziges Leben fristet –; sondern es ist hier nur von einem Sünder die Rede, der das Unrecht, dem Gesetze zuwidergehandelt zu haben, in sich frei erkennt, sich nach der erkannten Ordnung Gottes neu zu bestimmen anfängt und zu einem Menschen wird, dem keine Schule des Lebens fremd geblieben ist.
GEJ|2|29|3|0|Solch ein Geist wird in Meinem Reiche dereinst endlos Größeres zu leisten imstande sein als einer, der stets aus einer sklavischen Furcht nie um ein Haar vom Gesetze abgewichen ist und sich in solcher, durch die Furcht gezwungenen Beachtung des Gesetzes zu einer keinen eigenen Willen habenden Maschine herab begründet und sich leiblich und geistig in dieselbe hineingelebt hat.
GEJ|2|29|4|0|Nimm einen Stein und wirf ihn in die Höhe! Es wird nicht lange währen, so wird er, nach dem in ihn wie in die ganze Erde gelegten Mußgesetz, nur zu bald in sicher kürzester Zeit zur Erde herabfallen. Ist der Stein darum zu loben, daß er das Gesetz gar so genau beachtet? Du kannst zwar mit dem Steine da, wo es sich um eine feste Unterlage handelt, alles mögliche tun; schaffe aber dem Steine irgendeine freie Tätigkeit, und er wird seine tote Ruhe nie verlassen!
GEJ|2|29|5|0|Darum sollst du aus Menschen nicht Steine machen durch Mußgesetze, sondern sie nur bilden in ihrer Freiheit, – dann hast du völlig der Gottesordnung gemäß gehandelt.
GEJ|2|29|6|0|Siehe, wären die Menschen, die hoch obenan stehen auf der Erde, nicht so träge, wie sie mit seltener Ausnahme sind, so würden sie bei nur einigem Beobachtungsgeiste gar leicht wahrgenommen haben, daß der Mensch, wenn er nur einen gewissen Grad von irgendeiner Bildung erreicht hat, sich ewig nimmer mit der tierischen Einförmigkeit begnügt. Er baut sich zu seiner Wohnung keine Hütte mehr aus Reisern, Stroh und geknetetem Lehm, sondern er behaut Steine und macht aus Lehm Backsteine, baut sich daraus ein stattliches Haus mit Ringmauern und baut dazu feste Türme, von deren Zinnen er weit umhersehen kann, ob sich seinem Hause kein Feind nahe!
GEJ|2|29|7|0|Und so bauen tausend gebildete Menschen sich sicher auch tausend Häuser, von denen keines dem andern gleicht – weder in der Form, noch in der inneren Einrichtung; betrachte aber dagegen die Nester der Vögel und die Lager der Tiere, und du wirst nie irgendeine Veränderung daran entdecken! Betrachte das Nest der Schwalbe, des Sperlings, siehe an das Gewebe der Spinne, die Zelle der Biene und tausend andere von den Tieren herrührende Produkte und Machwerke, und du wirst nie eine Verbesserung und auch so nie eine Verschlechterung daran entdecken; betrachte aber dagegen das Machwerk des Menschen: welch eine nahe ans Unendliche streifende Mannigfaltigkeit wirst du daran entdecken! Und doch sind es immer die einen und dieselben Menschen, die das alles mit oft großen Mühen zustande bringen!
GEJ|2|29|8|0|Daraus aber läßt sich ja schon mit den Händen greifen, daß Gott, der dem Menschen einen Ihm ähnlichen Geist gab, eben den Menschen nicht zum Tierwerden, sondern zum völlig freiesten Gottähnlichwerden erschaffen hat.“
GEJ|2|30|1|1|30. — Entwicklung und Gesetz
GEJ|2|30|1|0|Der Herr: „Wenn aber der Mensch, ohne Unterschied des Geschlechtes, der Hautfarbe und des irdischen Standes, für solch allerhöchsten Beruf von Gott erschaffen worden ist – was du nun sicher mit den Händen greifen kannst –, so kann seinem geistigen Teile ewig kein Mußgesetz gegeben werden, so aus ihm endlich das werden solle, wozu ihn Gott bestimmt hat; sondern da solle ein jedes Gesetz mit ,Soll‘ gegeben sein, und nur für offenbar böswillige Gegner des freien Gesetzes solle eine taugliche, stets auf die freie Besserung des Menschen berechnete Züchtigung gesetzt sein, die aber allzeit so gestellt sein solle, daß sie nicht als eine willkürliche, sondern nur als eine notwendige Folge des unterlassenen Ordnungsgesetzes erscheint. So wird der menschliche Geist dadurch zuerst zum selbständigen Denken gelangen und wird das gegebene Gesetz ehest zu dem seinigen machen und danach handeln, während eine ganz willkürlich bemessene Strafe auf ein Vergehen das menschliche Gemüt allzeit verhärtet und erbittert und aus dem Menschen einen Teufel zieht, dessen Rachgier nicht eher erlöschen wird, als bis er sich, entweder noch in dieser, ganz sicher aber in der andern Welt, auf das unerhörteste rächen wird, – was ihm zugelassen werden muß, weil er sonst in der Hölle seines eigenen Herzens ewig nie zu bessern wäre!
GEJ|2|30|2|0|Der Gesetzgeber und Züchtiger soll nie vergessen, daß der Geist des Menschen, ob gut oder böse, nicht getötet werden kann, sondern fortlebt! Solange er noch sichtbar auf der Erde umherwandelt, kannst du dich ihm zur Wehr stellen und ihn vertreiben, wenn er dich verfolgt; ist er aber einmal aus dem Leibe und kann sich dir nahen auf tausendfache Art, um dir zu schaden bei jedem Schritte und Tritte, ohne von dir gesehen und wahrgenommen zu werden, – sage, mit welchen Waffen kannst du ihm dann entgegentreten?
GEJ|2|30|3|0|Siehe, nun sage Ich dir: Dein großes Unglück, das dich ohne Mich gänzlich zermalmt hätte, hast du rein jenen Geistern zu verdanken, die du dir durch deine oft zu straffe Handhabung der römischen Staatsgesetze zu unversöhnlichen Feinden gemacht hast! Laß dir daher diese Meine umfassende Belehrung fruchtbringend zu Gemüte führen, so wirst du dadurch selbst ein guter Arbeiter im Weinberge Gottes werden, denn dir fehlt es weder an Macht, noch an Mitteln und an einem stets gleich guten Willen; was dir aber gefehlt hat, das hast du nun von Mir empfangen. Wende es treulich an, und der segensreichsten Früchte Krone wird für dich sicher nicht unterm Wege verbleiben!“
GEJ|2|30|4|0|Sagt Cyrenius ganz gerührt von der praktischen Weisheit dieser Meiner an ihn ergangenen Lehre: „O Du mein heiligster, erster und größter Freund, Meister und Gott meines Herzens! Nun erst bin ich vollends klar, und tausend und aber tausend Begebnisse aus meinem Leben tauchen nun auf, und ich sehe nun erst, daß eben ich selbst bei meinem sonst ehrlichen und guten Willen an jenen gegen die Ordnung Gottes bei weitem mehr und stärker gesündigt habe als alle, die ich deshalb, leider nach der ganzen Strenge der Gesetze, habe richten lassen. Wer aber wird nun solche meine gröbsten Sünden vor Dir, o Herr, je gutmachen können?“
GEJ|2|30|5|0|Sage Ich: „Freund, sei darum ruhig! Bei Gott ist kein Ding unmöglich, und Ich habe für dich schon lange alles gutgemacht, – ansonst du nicht bei Mir wärest!“
GEJ|2|31|1|1|31. — Des Jairus Rede über die Wunderwirkungen
GEJ|2|31|1|0|Sagt darauf auch Jairus: „Ja, ja, du mächtiger Cyrenius, du hast völlig recht, daß du von dir selbst aussagst, daß du nun vollends im reinen bist in deinen nunmaligen Einsichten; denn auch ich und sicher ein jeder aus uns ist es und kann die ewige Notwendigkeit auf Grund der allerunbestreitbarsten Wahrheit einsehen, wie da alles beschaffen ist, und wie der Mensch beschaffen sein soll. Aber was kann man da tun? Die Menschheit ist zu tief herabgekommen; sie versteht eine sanfte freie Lehre nicht, und es wäre – gerade herausgeredet – schade um die Zeit, die man dazu verwenden möchte, weil man sich damit nichts als eine fruchtlose Mühe gäbe, aus der kaum Disteln und Dornen als Frucht zum leersten Vorscheine kämen! Also auf die sanfte Art ist keine Wirkung möglich, wenigstens nicht bei den mir nur zu bekannten Juden!
GEJ|2|31|2|0|Das Volk aber durch Wunder lehren, ist zwiefältig schlecht: einmal schlecht, weil der Mensch, durch ein Wunder zur Wahrheitsannahme bewogen, ein gerichteter, unfreier Mensch ist und dem durch ein Wunder bekräftigten Worte nicht der kaum erkannten Wahrheit, sondern nur des mächtigen Wunders wegen glaubt und nicht aus innerer Überzeugung und daraus hervorgehender Selbstbestimmung, sondern aus purer knechtischer Furcht vor irgendeiner plötzlichen Strafe nach dem vernommenen Worte tätig wird. Versteht aber einer, ihm das Wunder recht geschickt auszureden, so wird er auch sicher der erste sein, der dem Worte und dem Glauben darauf ein ganz fröhliches Lebewohl nachrufen wird! Und zum andern Male ist die durch ein Wunder bekräftigte Lehre schlecht, weil das Wunder, das als solches kein Bleibens haben kann, nicht auf die späteren Generationen übergeht, ein erzähltes und nicht erlebtes Wunder aber ohnehin keinen andern Wert als ein erzähltes Kindermärchen hat und haben kann.
GEJ|2|31|3|0|Könnte man aber ein Wunder auch bleibend machen, oder würde man allen Lehrern dieser hier vernommenen Wahrheiten die Fähigkeit geben, allzeit Wunder zu wirken, so würde fürs erste ein bleibendes Wunder von dem Menschenverstande nur zu bald in die Reihe der täglich natürlichen Erscheinungen gestellt werden und den kräftigen Beweisgrund verlieren. Ein Wunder aber, das von allen Wahrheitslehrern zu allen Zeiten gewirkt werden würde, würde fürs zweite eben auch alltäglich werden wie sonst irgendeine alltägliche Zauberei der Gassengaukler, die ich zwar auch nicht nachzuahmen imstande bin, und bei der ich nicht einsehe, wie und mit welchen Mitteln sie zustande gebracht wird; aber weil man derlei nur zu oft sieht, so verliert es den Wert des eigentlich Wunderbaren und sinkt zum Alltäglichen und ganz Gewöhnlichen herab.
GEJ|2|31|4|0|Ist nicht alles Wunder über Wunder, was uns täglich umgibt? Was wir hören, sehen, fühlen, riechen, schmecken – ist nichts als Wunder über Wunder! Aber weil alles das bleibend ist und in einer stets gleichen Ordnung fortschreitend geschieht, so verliert es den Charakter des Wunderbaren und nimmt auch keines Menschen Gemüt mehr wie ein Gericht für den Glauben gefangen; nur einige Naturkundige beschäftigt es wissenschaftlich. Diese legen ihr Ohr auf die Erde und geben sich alle Mühe, um etwa doch das Gras wachsen zu hören; aber da sie mit aller ihrer Mühe dabei wenig oder nichts herausbringen und nicht erfahren können, wie da das Gras wächst, so tun sie am Ende doch mit weise tuender Miene, als verstünden sie es. Weil sie aber das Gras nicht wachsen machen können, so lernen andere alte, schon sehr abgenutzte Zauberstücklein, schlagen damit die Blinden breit und machen dabei aber die Sehenden darüber lachen, wie die Blinden sich von ihnen auf die harmloseste Weise breitschlagen lassen.
GEJ|2|31|5|0|Es ist demnach gewiß, daß die Wunder im Grunde des Grundes entweder wenig oder, was meistens der Fall ist, zur Besserung der Menschen gar keinen Wert haben, weil das, was ich von den Wundern nun gesagt habe, leider nur zu wahr ist; sie erwecken wohl zumeist die neugierdevolle Gafflust der Zuseher, aber die finsteren Bande des Herzens lösen sie bei aller Ängstigung der Seele dennoch nicht, und die Wundergaffer bleiben unverändert dieselben, die sie ehedem waren, und fragen sich höchstens untereinander, zumeist so dumm als möglich: ,Aber wie er, der Wundermann, doch das zustande gebracht hat!?‘ Der noch dümmere Teil aber sieht um den Wundermann ohnehin lauter Teufel und deren Spukwerk.
GEJ|2|31|6|0|Wenn aber sogestaltig auf dem Felde der Wundertäterei so wenig erwünschte Früchte zum Vorschein kommen und nach Deiner klarsten Darstellung, o Herr und Meister, durch die äußere Zwangsgewalt der Gesetze noch wenigere und schlechtere, für die freie Belehrung aber nun unter tausend Menschen kaum fünf aufnahmefähig sind, so glaube ich nun nicht mit Unrecht noch einmal die wichtige Frage zu stellen: Was soll man als Lehrer endlich tun? Das Wunder verdirbt, das strenge Gesetz verdirbt auch, – und für die freie Belehrung aus der göttlichen Weisheitstiefe ist nur überaus selten ein Mensch völlig aufnahmefähig! Wie kann man sich aus diesem Dilemma (Zwangslage) wirkend frei machen? Wie kann man denn mit einem Schiffe durch die weltbekannte Szylla und Charybdis also kommen, daß man weder von der einen noch von der andern verschlungen wird?“
GEJ|2|32|1|1|32. — Grundzüge vom Wesen Gottes
GEJ|2|32|1|0|Sage Ich: „Mein Freund, du hast ganz richtig geurteilt; aber eines hast du dennoch vergessen, und das besteht darin, daß bei Gott gar viele Dinge möglich sind, die die Menschen als unmöglich erachten. Siehe und zähle Meine Jünger! Es sind wenig Schulgebildete darunter; Ich aber habe sie zuerst durchs Wort geweckt und an Mich gezogen und habe sie darauf erst die vorgesagte Macht des göttlichen Wortes tatsächlich erfahren lassen. Eine Wundertat aber nach dem vorangegangenen reinen Worte ist kein Gericht mehr, sondern nur eine Bekräftigung des Wortes.
GEJ|2|32|2|0|Aber Ich setze die Beweise dennoch nicht in die Wundertaten, die Ich verrichte, sondern in das Licht des Wortes selbst und sage: Wer völlig nach Meinem Worte leben wird, der wird es erst in sich zur lebendigen Überzeugung bringen, daß Meine Worte keine leeren Menschen-, sondern Gottesworte sind!
GEJ|2|32|3|0|Wahrlich, wer in seinem Herzen nicht diesen nun ausgesprochenen Beweis überkommen wird, dem werden alle andern Beweise wenig oder nichts nützen! Denn Meine Worte sind selbst Licht, Wahrheit und Leben.
GEJ|2|32|4|0|Wer daher Mein Wort hört, es annimmt und danach lebt, der hat Mich Selbst in sich aufgenommen; wer aber Mich aufnimmt, der nimmt auch Den auf, der Mich in die Welt gesandt hat, aber dennoch vollkommen eins ist mit Mir. Denn was Ich will, das will auch Er! Und Er ist kein anderer denn Ich und Ich kein anderer denn Er bis auf die Haut, die uns beide umgibt. In wem aber, wie in Mir, Liebe und Weisheit in einem Herzen wohnen, der ist wie Ich und Der, der Mich in diese Welt gesandt hat zur Heilung und Beseligung aller, die an den Sohn des Menschen glauben werden! – Verstehet ihr das?“
GEJ|2|32|5|0|Sagen viele: „Ja, Herr!“; aber einige sagen: „Herr, dies ist zum ersten Male eine etwas harte Lehre, und wir fassen ihren Sinn kaum. Wie kannst Du und Dein Wort ein und dasselbe sein?“
GEJ|2|32|6|0|Sage Ich: „Wenn ihr das nicht zu fassen vermöget, was so klar wie die Sonne des Mittags vor euch leuchtet, wie werdet ihr dann Größeres fassen? Wenn ihr das Irdische nicht begreift, wie werdet ihr dann Himmlisches fassen? – Was und wer ist denn der Vater? Sehet und vernehmet: Die ewige Liebe in Gott ist der Vater! – Was und wer ist denn der Sohn? Was aus dem Feuer der Liebe hervorgeht, das Licht, welches da ist die Weisheit in Gott! Wie aber Liebe und Weisheit eines ist, so sind auch Vater und Sohn eins!
GEJ|2|32|7|0|Wo ist denn jemand unter euch, der in sich nicht hätte irgendeine Liebe und nicht irgendeinen entsprechenden Grad Verstandes? Ist er aber darum zweifach in seinem Wesen? Oder so da brennt eine Lampe mit einer hellen Flamme, die doch sicher Feuer ist, muß er denn überall eine Flamme anzünden, wo er in der Nacht in einem und demselben Zimmer etwas sehen will? Oder beleuchtet nicht eine helle Flamme dasselbe eine Zimmer so gut, daß man im ganzen Zimmer hell genug hat? Geht denn nicht das Licht von der Flamme, die ein Feuer ist, aus? Und weil es von der Flamme ausgeht, ist es darum etwas anderes als die leuchtende Flamme selbst? – O ihr Blinden! So ganz natürliche Dinge vermöget ihr nicht zusammenzubringen, – wie wollt ihr hernach Himmlisches begreifen?
GEJ|2|32|8|0|Darum, wer aus euch an Mir sich irgend ärgert, der ziehe heim und tue und glaube, was ihn gut und recht dünkt! Denn dereinst wird jeder seines Glaubens leben, und die Taten, die er nach dem Glauben aus seiner Liebe verrichtet hat, werden seine Richter sein!
GEJ|2|32|9|0|Denn Ich werde niemanden richten, sondern jedes Menschen Richter wird seine eigene Liebe sein – nach diesem Meinem Worte, das Ich nun zu euch geredet habe!“
GEJ|2|32|10|0|Nach dieser Erklärung treten die, welche früher Meine Rede nicht verstanden haben, zu Mir und bitten Mich, daß sie bleiben dürfen; denn es finge nun bei ihnen an, schon heller zu werden, und sie würden sich alle Mühe geben, Mein Wort klarer zu verstehen, als es bisher der Fall gewesen sei!
GEJ|2|32|11|0|Und Ich sage: „Habe Ich euch doch nie fortgeschafft, sondern nur den Rat erteilt allen, die sich an Mir ärgern möchten, daß sie um ihres Heiles willen lieber gehen sollten, als sich etwa noch fürderhin zu ärgern! Da Ich euch sonach nicht fortgeschafft habe, warum solltet ihr nicht bleiben dürfen? Bleibet, so ihr ärgerlosen Herzens seid!“ – Nach solchem Bescheide treten sie zurück und sind damit ganz zufrieden.
GEJ|2|33|1|1|33. — Heilung der kranken Angehörigen eines alten Juden
GEJ|2|33|1|0|Aber da kommt auf einmal ein alter Jude aus der Gegend von Nazareth ins Zimmer und fragt gar ängstlich nach Mir. Die Jünger zeigen Mich ihm, und er tritt zu Mir hin, fällt auf seine Knie nieder und spricht mit einer weinerlichen Stimme:
GEJ|2|33|2|0|„Lieber Meister, Sohn meines alten Freundes Joseph! Ich habe von deiner wunderbaren Art, die Kranken zu heilen, vernommen und begab mich daher in meiner größten Not zu dir, da ich gehört habe, daß du dich nun wieder in Nazareth aufhieltest.
GEJ|2|33|3|0|Siehe, ich zähle bereits neunzig Jahre und bin schon sehr mühselig; ich habe aber Kinder und Kindeskinder, die mich allzeit mit aller Liebe und Aufmerksamkeit gepflegt haben. Nun aber kam eine unbekannte, böse Krankheit unter sie, so daß sie nun alle daniederliegen, und ich als ein kraftloser, alter Greis bin der einzige Verschonte im Hause und weiß mir nicht zu helfen. Kein Nachbar getraut sich zu mir ins Haus aus Furcht, von der bösen Krankheit selbst ergriffen zu werden, und so stehe ich hilflos allein und weiß mir nicht mehr zu raten und zu helfen! Ich habe zu Gott dem Herrn gebetet, daß Er mir helfe – auch durch den Tod, so es Sein Wille sei!
GEJ|2|33|4|0|Als ich aber also betete, siehe, da kam ein Mensch ans Fenster meines Gemaches und sagte: ,Was zweifelst du denn, da die Hilfe dir so nahe ist?! Gehe hin ins Haus Josephs! Der Heiland Jesus ist daselbst; Der allein kann und wird dir helfen!‘ – Darauf raffte ich alle meine Kräfte zusammen, übergab alle meine Kranken, denen ich ohnehin nicht helfen kann, Gott dem Herrn und machte mich auf den eben nicht weiten Weg hierher zu dir. Und da ich denn so glücklich war, dich, du guter, lieber Heiland, anzutreffen, so bitte ich dich denn nun auch aus allen meinen Lebenskräften, daß du hingingest und Hilfe gäbest meinen siebzehn Kranken, die gar entsetzlich von der unbekannten Krankheit geplagt werden!“
GEJ|2|33|5|0|Sage Ich: „Ich habe es Mir für diese Gegend zwar vorgenommen, wegen des zu großen Glaubensmangels kein Zeichen mehr zu wirken; aber wenn du glauben kannst, daß Ich dir zu helfen vermag, so ziehe getrost heim, und dir geschehe, wie du geglaubt hast!“
GEJ|2|33|6|0|Auf diese Worte dankte der Greis voll tiefster Rührung und begab sich nach Hause. Und als er, selbst ganz gestärkt, sich dem Hause nahte, da kamen ihm alle siebzehn so gesund, als wären sie nie krank gewesen, entgegen, begrüßten ihn wie stets aufs freundlichste und gaben ihm die vollste Versicherung, daß sie vor einer halben Stunde urplötzlich gesund geworden wären, versucht hätten aufzustehen und sich beim Aufstehen viel stärker fühlten denn je früher im gesunden Zustande. Sie hätten ihn schon überall gesucht und sich schon sehr gesorgt um ihn.
GEJ|2|33|7|0|Als der Alte solches vernahm, da merkte er, daß die böse Krankheit die Seinen um dieselbe Zeit verließ, als Ich in Meinem Hause zu ihm gesagt hatte: ,Dir geschehe, wie du geglaubt hast!‘
GEJ|2|33|8|0|Im Hause erst, als ihn die Seinen baten, daß er ihnen kundgeben möchte, wo er war, sagte er: „Ich hatte vernommen, daß der nun weltberühmte Heiland Jesus sich wieder in Nazareth aufhalte, und ich machte mich auf und ging hin, – und seht, er erhörte mich und sagte bloß: ,Dir geschehe, wie du geglaubt hast!‘ Und ihr seid auf dieses sein Wort im Augenblick gesund geworden! Saget nun selbst, ob so etwas je in ganz Israel ist erlebt worden!“
GEJ|2|33|9|0|Sagen die Gesundgewordenen: „Höre du, Vater, wenn so, da muß er mehr sein denn ein Wunderheiland allein! Vater, dies ist am Ende gar einmal wieder ein großer Prophet, größer denn Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel, ja vielleicht so groß wie Moses, Aaron und Elias! Nur denen war es möglich, mit der Hilfe Jehovas solche Wunder zu tun, da ihnen alle Geister sowohl unter der Erde als auf der Erde, im Wasser und in der Luft völlig untertänig sein mußten! Wenn sie aber einem so übergroßen Propheten untertänig sind, dann muß er freilich wohl alles im Augenblick zu bewirken imstande sein, was er nur will!
GEJ|2|33|10|0|Aber wie kam der Zimmermannssohn zu solch einer unermeßlichen Gnade von Gott? Wir kennen ihn ja alle recht wohl; es werden kaum drei Jahre her sein, daß er mit seinen Brüdern bei uns gezimmert hat! Da war nichts Ähnliches an ihm zu entdecken! Er müßte solch eine Gabe erst vor kurzem erhalten haben!? Ein sehr frommer Mensch war er wohl immer; sein Benehmen war immer höchst anständig; er war ein stiller Arbeiter und redete nur das Nötigste; lachen sah man ihn nahezu nie, aber auch nie trauern; und so kann Jehova seine Tugenden wohl angesehen haben und hat ihm nun gegeben solche Gnade! Denn Jehova sieht ja auf das weltliche Ansehen der Person eines Menschen nie, sondern bloß auf dessen reines, unbescholtenes Herz!“
GEJ|2|33|11|0|Spricht der Alte: „Ja, ja, da möget ihr wohl recht haben, – es wird schon also sein; aber wenn es unfehlbar also ist, da müssen wir morgen in aller Frühe hingehen und ihm unser Lob und unsern Dank darbringen! Denn vor einem von Gott sichtbar berufenen und mit Seinem Geiste gesalbten Propheten soll jeder Mensch seine Knie beugen! Denn nicht der Prophet, sondern Gott Selbst ist es, der da redet und wirket durch das Herz und durch den Mund desselben!“
GEJ|2|33|12|0|Sagen alle: „Amen, dies sei unsre erste und höchste Pflicht!“ – Diese Menschen begaben sich nun ins Haus, und die Jungen bereiteten ein Abendmahl; denn sie waren alle hungrig.
GEJ|2|34|1|1|34. — Szene zwischen den erbgierigen Pharisäern und dem Schwiegersohn des Alten
GEJ|2|34|1|0|Es hatten aber die Pharisäer von Nazareth erfahren, daß dieses Hauses Bewohner also gefährlich krank seien, daß sie nimmer gesund zu werden vermöchten. Sie gingen hin, um über das Erbzehntel und über die Begräbnisse zum voraus alles abzumachen; denn nach dem Tode hatten sie kein Recht mehr auf die Hinterlassenschaft, weil der Kranke ohne ihren Beistand verstorben ist, – in welchem Falle dann der Staat als Erbe eintrat. Als also aus diesem Grunde die Pharisäer hinkamen schon spät in der Nacht, als dieses Hauses Leute sich nach dem Abendessen schon zur Ruhe zu begeben anfingen, da machten die schon sehr habgierigen Beförderer der Seelen ins andere Leben ganz verzweifelt große Gesichter, als sie dieses Hauses, wenigstens zur Hälfte tot vermeinten Leute bei der besten Gesundheit antrafen.
GEJ|2|34|2|0|Der erste, ganz behutsam mit verhaltenem Atem eintretende Pharisäer sagte: „Ja, was ist denn das? Lebet ihr denn noch? Wir vermeinten, daß ihr schon wenigstens zur Hälfte dahingeschieden wäret, und sind daher gekommen, eure Seelen einzusegnen und eure Leiber zu beerdigen nach der Sitte unserer Väter! Wer hat euch denn gesund gemacht? Borus sicher nicht! Wir wissen, daß er nicht zu euch ging, als er gerufen ward; denn er hatte sicher gleich uns eine starke Furcht vor eurer äußerst bösen Krankheit. Wer also war euer Arzt?“
GEJ|2|34|3|0|Sagt der Schwiegersohn des Alten, der ein kräftiger Mann war im Arbeiten und Reden: „Was fraget ihr darum? Ihr habt uns nicht geholfen, und somit sind wir einander gegenseitig nichts schuldig! Ihr seid nicht unseres Heils willen zu uns gekommen, sondern des Erbzehntes wegen; und ich sage es euch: da könnet ihr euch ewig von unserem Hause fernhalten! Denn könnet, wollet und getrauet ihr euch einem in aller Gefahr stehenden Hause keine Hilfe zu schaffen, dann brauche euch, wer euch will! Dieses Haus wenigstens wird nimmer ein Begehren nach euch haben! Wahrlich, ihr seid mit all eurem Tun schlechter denn das böse Gewürm der Erde, das allein da ist zu fressen, nichts Gutes zu tun, wohl aber allerlei gute Frucht der Erde elend zu machen und zu verderben! Gehet uns daher bald aus den Augen, sonst vergreifen wir uns an euch!“
GEJ|2|34|4|0|Sagt ein Ältester: „Nun ja, wir werden schon gehen; aber den Gefallen könnt ihr uns ja tun, daß ihr uns saget, wer euch geholfen hat! Wir haben täglich sieben Stunden lang für euch gebetet und möchten daher erfahren, ob ihr doch etwa wunderbar durch unser Gebet geheilt worden seid! Denn mit natürlichen Mitteln wäre euch wohl in keinem Falle mehr zu helfen gewesen! Saget es uns daher; es kostet euch so etwas ja ohnehin nichts!“
GEJ|2|34|5|0|Sagt der Schwiegersohn: „Hebet euch von hinnen, ihr Lügner! Ihr möget des Erbzehntes wegen wohl täglich sieben Stunden um unsern Tod gefleht haben, aber für unser Leben sicher nicht; denn ihr seid nun nicht darum hergekommen, um uns als Wiedergenesene zu begrüßen, sondern um von uns, den vermeintlich Verstorbenen, den Erbzehnt zu beschreiben und nach aller Tode in den gierigen Besitz zu nehmen! O ihr losen Wichte, ich kenne euch nur zu gut und eure Gebete auch! Darum hebet euch von hinnen, sonst werde ich genötigt sein, von meinem Hausrechte Gebrauch zu machen! Ihr seid ja ewig nicht wert, den Namen dessen auszusprechen, der uns geholfen hat!“
GEJ|2|34|6|0|Sagt der Älteste noch einmal: „Nun, es sei denn, daß wir also sind, wie du meinst; wir aber können ja doch noch anders sein oder werden! Denn da ist ein Wunder geschehen, und das kann uns ja sehr leicht anders gestalten in allem unserem Denken und Handeln! Darum saget es uns!“
GEJ|2|34|7|0|Sagt der Schwiegersohn ganz erregt: „Euch ändert auf dieser Welt nichts mehr, auch Gott nicht! Wäret ihr zu ändern, so hättet ihr euch schon lange geändert; denn ihr habt Moses und alle die Propheten, die wider euch zeugen! Aber euer Gott ist der Mammon und besteht im Golde und Silber! Diesem Gotte dienet ihr in eurem Herzen und umhüllet euch bloß äußerlich zum Scheine mit dem Kleide Mosis und Aarons, auf daß ihr als reißende Wölfe im Schafspelze desto leichter mit euren todbringenden Zähnen in die Herden der Lämmer einfallen und sie zerreißen und verschlingen könnet!
GEJ|2|34|8|0|Jehova aber kennt euch und wird euch auch sicher ehestens den schon seit gar lange her wohlverdienten Lohn geben! Gott hat nun Jesus, den Sohn des Zimmermanns Joseph, erweckt wie dereinst Moses, und dieser Jesus, der uns alle bloß durch sein mächtiges Wort aus der Ferne her augenblicklich gesund gemacht hat, wird euch sicher auch sagen, wieviel eure Verdienste vor Gott wert sind; denn er ist vom Geiste Gottes erfüllt, ihr hingegen aber vom Geiste Beelzebubs! Daher lasset euch's nun zum letzten Male gesagt sein, daß ihr gehet und nimmer betretet dies Haus, – sonst soll euch Arges widerfahren!“
GEJ|2|34|9|0|Nach diesen Worten verlassen die Pharisäer das Haus und denken ganz sonderbare Dinge über Jesus, der ihnen hier schon wieder in die Quere gekommen ist, und beraten, wie sie seiner loswerden könnten, ansonst es weidlichst zu befürchten wäre, daß er in kurzer Zeit alle Juden also wie dies Haus wider sie aufwiegeln werde.
GEJ|2|34|10|0|Als sie aber solche argen Gedanken in sich recht lebhaft aufkommen lassen, geschieht hinter ihnen ein donnerartiger, mächtig starker Knall, daß sie darob alle über die Maßen erschrecken und darauf gar stille und sehr behende in die Stadt zu laufen beginnen.
GEJ|2|35|1|1|35. — Die Pharisäer lesen den 37. Psalm. Robans weiser Rat
GEJ|2|35|1|0|Als sie in ihre Wohnung kommen, da greifen sie sogleich nach Davids Psalter und schlagen gerade auf den ersten Wurf den 37. Psalm auf, und der Älteste fängt an, ihn zu lesen also:
GEJ|2|35|2|0|„,Erzürne dich nicht über die Bösen, sei nicht neidisch über die Übeltäter; denn wie das Gras werden sie bald abgehauen, und wie das grüne Kraut werden sie verwelken. Hoffe auf den Herrn und tue Gutes; bleibe im Lande und nähre dich redlich! Habe deine Lust am Herrn; Er wird dir geben, was dein Herz wünschet: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf Ihn! Er wird alles wohl machen und wird deine Gerechtigkeit hervorbringen wie ein Licht, und dein Recht wie den Mittag.
GEJ|2|35|3|0|Sei stille vor dem Herrn und warte auf Ihn; erzürne nicht über den, dem sein Mutwille glücklich vor sich geht! Stehe ab vom Zorn, und laß den Grimm; ja erzürne dich nicht, daß du dann auch übel tuest! Denn die Bösen werden ausgerottet; die aber des Herrn harren, werden das Land erben.
GEJ|2|35|4|0|Es ist noch um ein kleines, so ist der Gottlose nimmer; und wenn du nach seiner Stätte sehen wirst, wird er weg sein. Aber die Elenden werden das Land erben und Lust haben in großem Frieden. Der Gottlose droht dem Gerechten und beißt seine Zähne zusammen über ihn. Aber der Herr lacht über den Gottlosen; denn Er sieht es, daß sein Tag kommt. Die Gottlosen ziehen das Schwert aus und spannen ihren Bogen, daß sie fällen den Elenden und Armen und schlachten die Frommen; aber ihr Schwert wird in ihr eigenes Herz dringen, und ihr Bogen wird zerbrechen.
GEJ|2|35|5|0|Das wenige, das ein Gerechter hat, ist besser denn das große Gut vieler Gottlosen. Denn der Gottlosen Arm wird zerbrechen; aber der Herr wird erhalten den Gerechten. Der Herr kennt die Tage der Gerechten und Frommen, und ihr Gut wird ewiglich bleiben; sie werden nicht zuschanden in der bösen Zeit, und in der Teuerung werden sie genug haben. Denn die Gottlosen werden umkommen, und die Feinde des Herrn, wenn sie gleich sind wie eine köstlich grünende Aue, werden sie doch vergehen, wie da vergehet der Rauch. Der Gottlose borgt und bezahlt nicht; der Gerechte aber ist barmherzig und milde.‘“
GEJ|2|35|6|0|Nach diesem Verse erhebt sich ein Pharisäer und sagt zum lesenden Ältesten: „Was liesest du da für ein dummes Zeug?! Merkst du es denn nicht, daß dies alles auf der schlechten Seite uns angeht und auf der guten Seite niemand andern als den Sohn des Zimmermanns? Das ist ein ganz verdammtes Zeugnis wider uns, und du liesest die Sache so leicht und heiter fort wie irgendeine Lobschrift des Hohenpriesters aus Jerusalem an uns!“
GEJ|2|35|7|0|Sagt der Älteste: „Freund, es schadet uns gar nicht, wenn wir dadurch vor uns selbst ein wenig heller beleuchtet werden, als wir beleuchtet sind! Es ist besser, wir erkennen uns vorher unter uns, als daß wir um eine kurze Zeit später vor der ganzen Welt als Volksbetrüger nackt dastehen sollen, verachtet und verlassen von jedermann! Denn es hängt denn doch am Ende nur allein von Gott ab, wie lange wir in unserer gegenwärtigen Art und Weise als unentdeckt bestehen sollen, und ich lese darum den sehr merkwürdigen Psalm weiter!“
GEJ|2|35|8|0|Sagen mehrere: „Hast recht, tue das!“
GEJ|2|35|9|0|Und der Älteste liest also weiter:
GEJ|2|35|10|0|„,Denn Seine Gesegneten erben das Land; aber Seine Verfluchten werden ausgerottet werden!‘“
GEJ|2|35|11|0|Hier fragt der Pharisäer ganz hastig wieder: „Wer sind die Gesegneten und wer die Verfluchten?“
GEJ|2|35|12|0|Sagt der Älteste: „Daß wir die Gesegneten nicht sind, das ist nun bei der stets zunehmenden Verfolgung der Römer wider uns wohl schon mit den Händen zu greifen! Denn wären wir die Gesegneten, so würde uns Gott nicht solch eine nie erhörte Plage in unser gesegnetstes Land gesetzt haben! Alles andere kannst du dir leicht selbst enträtseln. – Ich aber lese nun weiter:
GEJ|2|35|13|0|,Von dem Herrn wird solches Mannes Gang gefördert, und Er hat Lust an seinem Wege. Fällt er, so wird er nicht weggeworfen; denn der Herr hält ihn bei der Hand. Ich bin jung gewesen und bin alt geworden; aber ich habe noch nie den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen gesehen. Denn der Gerechte ist allzeit barmherzig und leihet gern dem Armen; darum wird sein Same gesegnet sein.
GEJ|2|35|14|0|Laß ab vom Bösen und tue Gutes! Bleibe gerecht immerdar; denn der Herr hat das Recht lieb und verläßt Seine Heiligen nie. Ewiglich werden sie bewahrt; aber der Gottlosen Same wird ausgerottet werden. Allein die Gerechten erben das Land und bleiben ewiglich darinnen.
GEJ|2|35|15|0|Der Mund des Gerechten redet die Weisheit, und seine Zunge lehret das Recht; das Gesetz Gottes ist in seinem Herzen, und seine Füße gleiten nicht. Der Gottlose aber lauert stets auf den Gerechten und sucht ihn zu töten. Aber der Herr läßt ihn nicht in des Gottlosen Händen, und verdammt ihn nicht, wenn er vom Gottlosen verurteilt wird.
GEJ|2|35|16|0|Harre auf den Herrn und halte Seinen Weg, so wird Er dich erhöhen, daß du das Land erbest; und du wirst es dann sehen, daß die Gottlosen ausgerottet werden!
GEJ|2|35|17|0|Ich habe einen Gottlosen gesehen, der war sehr trotzig, breitete sich aus und grünte wie ein Lorbeerbaum. Als man aber vorüberging, siehe, da war er schon dahin; und als ich nach ihm fragte, war er nirgends zu finden!
GEJ|2|35|18|0|Darum bleibe fromm und halte dich recht; denn solch einem wird es zuletzt gut gehen! Die Übertreter des Gesetzes Gottes aber werden vertilgt werden miteinander, und die Gottlosen werden zuletzt ausgerottet! Der Herr allein aber hilft den Gerechten in jeglicher Not und ist ihre alleinige Kraft und Stärke. Der Herr wird ihnen beistehen und wird sie erretten. Er Selbst wird sie von den Gottlosen erretten und wird ihnen helfen; denn sie trauen auf Ihn.‘“
GEJ|2|35|19|0|Als der Älteste nun mit dem Psalm zu Ende war, fällt ihn der Pharisäer ganz zornig an und schreit: „Du alter Esel, merkst du es denn nicht, daß wir durch diesen Psalm als die Gottlosen bezeichnet werden, und die, die es mit Jesus halten, als die Gerechten? Merkst du nicht, daß wir ausgerottet werden, und sie bleiben im Lande? Trachten nicht eben wir, ihn als den Gerechten zu töten, während Gott ihn erhält? Das ist ein schöner Psalter für uns!“
GEJ|2|35|20|0|Sagt der Älteste: „Ich habe ihn nicht geschrieben! Er steht im Buche; und so wir bleiben, wie wir sind, so werden wir ihn uns auch tatsächlich gefallen lassen müssen! Verstehst du solches und die Macht Gottes?!“
GEJ|2|35|21|0|Sagt ein anderer: „Diese Sache verstehe ich besser als ihr alle! Unser Freund Roban hat müssen diesen Psalm lesen; das hat des Zimmermanns Sohn mit seiner, uns allen freilich höchst unbegreiflichen Zaubermacht bewirkt! Denn so er die ganze Familie, bei der wir soeben vergebens unser goldenes und silbernes Heil suchten, mit einem Worte zu heilen imstande ist, so ist er ebensogut auch imstande, uns zu nötigen, nur solche Psalmen zu lesen, die alleroffenbarst ebensogut wider uns, als dereinst wider die Feinde Davids, Zeugnis geben.
GEJ|2|35|22|0|Zudem soll der alte Joseph wirklich von David in guter Linie ein Abkömmling sein, und man nennt nun Jesus, weil auch Josephs zweites Weib, Maria, aus demselben Stamme sei, einen ,Sohn Davids‘, aus welchem Grunde der alte Joseph, der stets ein schlauer Fuchs war, auch höchstwahrscheinlich ganz geheim alle möglichen Künste mag seinen Sohn haben lernen lassen, auf daß dieser mit seinen Zaubereien die abergläubischen Römer und Griechen breitschlüge, sich dann als ein Sohn Jupiters oder Apollos vorstelle und die Römer ihn sonach unfehlbar zu ihrem Kaiser ausrufen und erheben müßten! Und wenn die in Rom residierenden Herren so blind sind wie diese, die hier über Asien zu befehlen haben, die Jesus schon sozusagen in seinem Sacke hat, so kann es ihm auch gar nicht fehlen, daß er in jüngster Zeit den Römern Gesetze vorschreiben wird, – und wir sind dann alle versorgt!“
GEJ|2|35|23|0|Sagt ein anderer: „Solch einem Unternehmen wird sich etwa durch ein Geheimschreiben an den Kaiser wohl ein Riegel vorschieben lassen!“
GEJ|2|35|24|0|Sagt der erste: „Du wirst dem schwer einen Riegel vorschieben, der mit seinem zauberischen Sehvermögen alles erschaut, was du noch so verborgen denkst! Wer sonst als er hat uns auf dem Heimwege mit dem Donnerknall erschreckt, weil er sicher vernommen hatte, was wir untereinander geredet haben wider ihn?! Und wer sonst als er hat uns den scharf wider uns zeugenden Psalm lesen lassen? Und warum? Weil er sicher gewußt hat, was wir wider ihn beschließen wollten! Gehe hin, setze dich an den Schreibtisch und versuche es mit einem Geheimschreiben an den Kaiser – und ich stehe dir dafür, daß du entweder nicht imstande sein wirst, auch nur ein Wort niederzuschreiben, oder du wirst wider dich ein gräßliches Zeugnis zu zeichnen genötigt werden durch seine unbegreifliche, geheime Zaubermacht!
GEJ|2|35|25|0|Zudem ist selbst unser Oberster Jairus für ihn nun mit Leib und Seele eingenommen, da er ihm zwei Male die Tochter erweckt hat vom Tode, und unterstützt ihn mit allem, was dieser nur wünscht – und wir vermögen darum auch nichts in Jerusalem wider ihn auszurichten. Kurz und gut, wir sind nun von allen Seiten vernagelt und gebunden und können uns gegen ihn nicht rühren. Am besten dünkt es mich noch, zum bösen Spiele eine gute Miene zu machen oder uns vollends zu seinen Jüngern zu bekennen – sonst können wir nichts für uns Ersprießliches wider ihn tun, da wir nicht einmal also etwas zu denken vermögen, daß er es nicht auf der Stelle in die durchdringendste Erfahrung brächte.“
GEJ|2|35|26|0|Sagt der alte Roban: „Der Meinung bin ich auch! Es steht uns wirklich nur der einzige Weg offen: daß wir uns entweder ganz indifferent verhalten, oder wir alle schlagen uns zu seiner Lehre und tun, was er uns ratet oder gebietet; denn wider diesen Stachel läßt sich vorderhand gar nicht löcken!“
GEJ|2|35|27|0|Sagen alle: „Wir wollen uns ganz indifferent halten, das wird das beste sein; denn da verfeinden wir uns weder mit Rom noch mit Jerusalem, und darin besteht nun alle Klugheit, nach der wir unser Leben einzurichten haben.“
GEJ|2|35|28|0|Nachdem begeben sich alle zur Ruhe, und ein jeder denkt sich seinen Teil heimlich, was er für sich tun solle.
GEJ|2|36|1|1|36. — Der Pharisäerälteste Roban bei Jesus
GEJ|2|36|1|0|Am Morgen aber kommt der Roban dennoch zu Mir ins Haus und bittet, ob er mit Mir reden dürfe.
GEJ|2|36|2|0|Ich aber sage zu ihm: „Was du Mir sagen willst, das weiß Ich; aber was Ich dir zu sagen habe, das weißt du nicht, und so magst du Mich hören.“
GEJ|2|36|3|0|Sagt Roban: „So du reden willst, so rede, und ich will dich hören!“
GEJ|2|36|4|0|Sage Ich: „Du hast gestern den Psalm vorgelesen; es war gerade der 37. Dieser Psalm hat dich, wie deine Kollegen, stark getroffen, und ihr seid dadurch ein wenig in euch gegangen und habet dann beraten, ob ihr euch Mir gegenüber ganz indifferent verhalten, oder ob ihr Meine Jünger werden sollet. Ihr habt euch fürs Indifferentsein erklärt! Du aber dachtest in der Nacht nach, ob du nicht Mein Jünger würdest, und bist nun gekommen, Mich darum zu fragen.
GEJ|2|36|5|0|Ich aber sage zu dir weder ja noch nein, sondern: willst du bleiben, so bleibe; willst du gehen, so gehe! Denn sieh, Ich habe der Jünger zur Genüge! Es sind hier in Meinem Hause etliche Gemächer, und sie sind alle voll von Jüngern. Draußen im Freien siehst du Zelte aufgerichtet; sie werden von Meinen Jüngern bewohnt. Da, neben diesem Meinem kleinsten Gemache, ist das große Arbeits- und zugleich Speisezimmer; darin ruhen nun noch, da es frühe ist, die großen Weltherren Roms, und die sind ebenfalls Meine Jünger. In einem kleinen Gemache daneben wohnt der Oberste Jairus mit Weib und Tochter, die Ich erweckt habe zweimal vom Tode; und sieh, auch er ist Mein Jünger. Wenn Ich aber solche Menschen zu Meinen Jüngern habe, so kannst du ja auch ebensogut Mein Jünger werden; aber wie du auch siehst, so stehe Ich nicht an auf dich! Willst du, so bleibe; und willst du nicht, so gehe! Denn es stehen dir die beiden Wege offen.“
GEJ|2|36|6|0|Sagt Roban: „Herr, ich bleibe, – und es ist sehr leicht möglich, daß von meinen Kollegen noch mehrere kommen und bleiben werden gleich mir! Denn ich fange nun an zu begreifen, daß hinter dir mehr sein muß als bloß die geheime Zauberkunst eines morgenländischen Zauberers! Du bist ein von Gott gesalbter Prophet eigener Art, wie vor dir nie einer da war, und ich bleibe darum!
GEJ|2|36|7|0|Es steht zwar wohl geschrieben, daß aus Galiläa nie ein Prophet aufstehen solle; aber ich halte mich nun nicht mehr daran, – denn bei mir gilt die offene Tat mehr als das rätselhafte Wort der Schrift, das niemand in der rechten Wahrheitstiefe verstehen kann. Zudem bist du meines Wissens nicht einmal ein Gebürtiger Galiläas, sondern Bethlehems, und da kannst du vermöge der Geburt auch ganz gut ein Prophet sein! Ich fühle mich von dir sehr angezogen, und es tut mir wohl deine Nähe, und so bleibe ich. Ich habe zwar kein großes Vermögen; aber was ich habe, reicht für uns alle hin, davon volle dreißig Jahre zu leben! So du ein Lehrgeld verlangst, steht dir mein halbes Vermögen zu Gebote!“
GEJ|2|36|8|0|Sage Ich: „Gehe hin und frage Meine Jünger, wieviel sie Mir zahlen für Lehre und Kost; das zahle dann auch du!“
GEJ|2|36|9|0|Roban fragte sogleich mehrere der anwesenden Jünger darüber. Diese aber sprachen: „Unser heiliger Meister hat noch nie auch nur einen Stater von uns verlangt, obschon wir alle stets mit allem von Ihm versorgt werden. Sicher wird Er von dir nicht mehr verlangen, als Er von uns verlangt! Glaube und Liebe ist alles, was Er von uns verlangt.“
GEJ|2|36|10|0|Fragt Roban weiter: „Könnet ihr denn auch schon einige besondere, für den menschlichen Verstand unbegreifliche Taten ausüben? Und so ihr das könnet, verstehet ihr es auch, wie so etwas möglich sein kann?“
GEJ|2|36|11|0|Sagt Petrus: „So es not tut, da können auch wir durch des Meisters Kraft in uns solche Taten verrichten und verstehen auch ganz durchgreifend gut, wie sie gar wohl und überaus leicht möglich sind. So du Sein wahrhaftiger Jünger sein willst, da wirst auch du solche Taten ausüben können und dann wohl verstehen, was du tust! Denn hier gibt die Liebe das Gesetz, und die Weisheit übt es aus!“
GEJ|2|36|12|0|Fragt Roban noch weiter, sagend: „Aber davon hast du doch nie etwas bemerkt, daß etwa bei solch außerordentlichen Taten manchmal, so ganz unvermerkt, der Satan einen Anteil hätte!?“
GEJ|2|36|13|0|Sagt Petrus: „Was Arges fragst du armer, blinder Mensch doch! Wie kann da Satan einen Anteil nehmen, wo alle Himmel den allerhöchsten und allmächtigsten Einfluß haben!? Ich und wir alle haben die Himmel offen gesehen und die Engel Gottes in zahllosen Scharen danieder zur Erde kommen; und wir sahen, wie sie Ihm und uns allen dienten – wenn aber also, wie möglich dann ein Anteil des Satans!?
GEJ|2|36|14|0|Kannst du mir aber solches nicht glauben, so ziehe hin nach Sichar und erkundige dich dort beim Oberpriester Jonael und bei dem Großkaufmanne Jairuth, der nun außerhalb Sichar das bekannte Schloß Esaus bewohnt! Diese unsere Freunde werden es dir treu kundgeben, wer Der ist, dessen Jünger zu sein wir die nie verdiente, allerhöchste Gnade haben! Beim Jonael sowohl als beim Jairuth wirst du noch dienende Engel in scheinbar leiblicher Gestalt antreffen.“
GEJ|2|36|15|0|Als Roban solches vernimmt, da tritt er voll Ehrfurcht zu Mir hin und fragt Mich, ob Ich nichts dawider hätte, so er eine Reise nach Sichar unternähme.
GEJ|2|36|16|0|Sage Ich: „Nicht im geringsten irgendwas! Gehe hin und erkundige dich um alles; und so du wieder hierhergekommen sein wirst, da unterrichte deine Brüder und Kollegen von allem, was du gehört und gesehen hast! Wenn du solchen Auftrag mit guter Wirkung wirst vollzogen haben, da komme wieder und folge Mir nach! Denn du wirst es schon erfahren, wohin Ich Mich in der Zeit werde gewendet haben! So du aber durch Sibarah, den ersten Mautort von hier, dann durch Kis und Kana in Samaria ziehest und man dich fragen wird, wohin und in wessen Namen du diese Reise machest, so nenne Meinen Namen, und man wird dich allenthalben frei ziehen lassen. Aber mit dem Kleide eines Ältesten der Pharisäer ziehe nicht! Denn damit möchtest du nicht weit kommen; sondern ziehe du eine ganz einfache Bürgerkleidung an, und man wird dich dann auch in Samaria nirgends beanstanden.“
GEJ|2|36|17|0|Als Roban solches vernommen hatte, machte er sich sogleich auf den Weg und ging in die Fremde, das zu suchen und zu erkennen, was er nun daheim gar so nahe hatte.
GEJ|2|36|18|0|Aber es gibt immer Menschen und Geister, die stets der Meinung sind, daß man in der Fremde mehr sehen, erfahren und lernen kann als daheim; und doch scheint überall ein und dieselbe Sonne. Ja, man kann in der Fremde wohl andere Gegenden, andere Menschen und andere Sitten und Sprachen kennenlernen; ob aber dabei das Herz etwas gewonnen hat, das ist eine andere Sache!
GEJ|2|36|19|0|Wer nur aus purer Neugierde in die Fremde zieht, um sich dort besser zu vergnügen und zu zerstreuen, der wird für seines Herzens Bildung wenig gewinnen; wer aber in die Fremde zieht, um den dortigen Menschen zu nützen und ihnen zu bringen ein neues Licht, der wandere und wirke, und die Reise wird ihm viel Gewinnes abwerfen!
GEJ|2|36|20|0|Jeder Prophet macht in der Fremde mehr Geschäfte denn daheim in seinem Hause.
GEJ|2|37|1|1|37. — Josa, der Alte, dankt dem Herrn
GEJ|2|37|1|0|Als der Roban fort war, da kam der Alte, der Josa hieß, mit seinen in dieser Nacht geheilten Kindern und Kindeskindern und brachte Mir Dank, Lob und Ehre und bat Mich, ob er mit den Seinen nicht den Tag über in Meiner Gesellschaft sich aufhalten dürfe.
GEJ|2|37|2|0|Und Ich sprach zu ihm: „Was du willst, das tue! Du hast gestern in der Nacht Meinetwegen noch einen Kampf mit den Pharisäern zu bestehen gehabt, und ihr alle habt euch in Meinem Namen gut benommen. Darum aber sollet ihr in Zukunft von aller solcher Plage befreit sein, und es soll fürder kein habgieriger Zelot (Glaubenseiferer) mehr die Schwelle eures Hauses betreten! Gehet aber nun zu Meinen Jüngern hin; diese werden euch unterweisen, was ihr alle für künftighin zu glauben und zu tun haben sollet!“
GEJ|2|37|3|0|Bei diesen Worten tritt Petrus vor und führt die ganze Gesellschaft zum Matthäus dem Schreiber hin, und dieser gibt ihnen zu lesen, was alles sich bei Meinen Jüngern zugetragen hat, und was Ich gelehrt habe.
GEJ|2|37|4|0|Als diese also für ihren Geist versorgt sind, da erst treten Cyrenius, Kornelius, Faustus und der Oberste Jairus mit Weib und Tochter aus ihren Schlafkammern, begrüßen Mich auf das allerfreundlichste und bedanken sich bei Mir für den guten und überaus stärkenden Schlaf und für die überaus schönen Träume, die sie diese Nacht hindurch gehabt haben; Ich aber begrüße sie auch und zeige ihnen die soeben Angekommenen, die geheilt worden waren.
GEJ|2|37|5|0|Und Cyrenius tritt zu ihnen hin und fragt sie um alles klein aus. Als er aber von den nächtlichen Umtrieben der Pharisäer gehört hatte, da ward er völlig zornig und sprach: „Nein, Herr, bei Deinem mir nun über alles heiligen Namen, das kann ich diesen Satansjüngern nimmer nachsehen! Ich muß sie züchtigen lassen, und sollte ich darob auch mein Leben verlieren! Sind aber das doch Wölfe, Hyänen und Füchse, wie es keine zweiten in ganz Palästina, ja in ganz Asien gibt! Welcher Unterschied ist denn zwischen ihnen und den ärgsten Dieben und Straßenräubern? O ihr Argen, ihr Bestien erster und reißendster Klasse! Gottesdiener nennen sie sich und lassen sich dafür auch allenthalben überhoch ehren und preisen am Tage; bei der Nacht aber ziehen sie dann auf offenbarsten Raub aus! Nun, wartet, wartet, ich werde euch das nächtliche Auf-den-Raub- Ausgehen schon auf eine Art vertreiben, daß euch darob das Hören und Sehen vergehen soll!“
GEJ|2|37|6|0|Sage Ich zum ganz erbosten Oberstatthalter: „Freund, laß du das; denn was du nun tun möchtest, habe Ich geistig schon in dieser Nacht auf eine viel empfindlichere Art getan, und die Folge davon wird sein, daß sie alle bald Meine Lehre annehmen werden. Ihr Ältester, namens Roban, war heute schon hier und hat Meine Lehre angenommen; und Ich habe ihn darum denn auch schon als bereits Meinen Jünger nach Sichar gesandt, allwo er vieles sehen und lernen wird. In zwei Tagen kommt er wieder zurück und wird seine Kollegen ganz sicher unter Mein Dach bringen! Und siehe, das ist besser denn Rute, Kreuz und Beil!“
GEJ|2|37|7|0|Sagt Cyrenius etwas weniger erregt: „Wenn so, da nehme ich mein Wort zwar wohl zurück und werde über sie kein scharfes und peinliches Gericht ergehen lassen; aber Rede stehen müssen sie mir!“
GEJ|2|37|8|0|Sage Ich: „Aber nur nicht vormittags, sondern nachmittags! Denn diese schöne Zeit wollen wir mit etwas Besserem zubringen. Nun aber gehen wir vor allem zum Morgenmahl!“
GEJ|2|37|9|0|Es hatte nämlich Borus im Freien eine Menge Tische aufrichten lassen, bei welcher Arbeit ihm Meine Brüder als Zimmerleute natürlich Hilfe leisteten, und so war heute als an einem Vorsabbat, respektive an einem Freitage, das Morgenmahl im Freien einzunehmen. Es waren bei fünfzig große Tische mit Bänken versehen, voll mit Speisen und Wein besetzt, und es war wahrlich recht ergötzlich, zu sehen, wie da Hunderte von Gästen aller Art schon an den Tischen saßen, Lobpsalmen sangen und das reichliche Morgenmahl verzehrten. In der Mitte der vielen Tische war eine Art Tribüne errichtet, auf der ein großer, zierlich geschmückter Tisch mit Speisen unser harrete und wir – Ich, Cyrenius, Kornelius, Faustus, Jairus mit Weib und Tochter, Meine Mutter und die zwölf Apostel – Platz nahmen und daselbst unter allerlei erbaulich heiteren Gesprächen das Morgenmahl einnahmen, welches Faustus und Borus also bestellt hatten.
GEJ|2|37|10|0|Es fehlte aber die Lydia, des Faustus junges Weib, das er in Kapernaum daheim ließ wegen seiner vielen häuslichen Geschäfte, obschon es überaus gerne auch mit nach Nazareth gezogen wäre. Meine Mutter machte ihm darum, natürlich ganz sanfte, Vorwürfe; und er bereute es, sein liebstes Weib daheim gelassen zu haben und beschloß, es sogleich selbst zu holen.
GEJ|2|37|11|0|Ich aber sagte zu ihm: „Laß das; so Ich will, wird sie bis gen Mittag ganz wohlbehalten hier sein!“ Faustus bat Mich darum, und Ich versprach ihm, solches zu tun.
GEJ|2|37|12|0|Es waren aber an Meiner Seite sogleich zwei überaus holde Jünglinge in lichtblauen Faltenkleidern zu sehen. Diese verneigten sich vor Mir bis zur Erde und sprachen: „Herr, Deine Diener harren in tiefster Ehrfurcht Deiner heiligsten Befehle!“
GEJ|2|37|13|0|Und Ich sage zu ihnen: „Gehet, holet die Lydia, auf daß sie bei uns sei!“
GEJ|2|37|14|0|Die beiden verschwinden, und Cyrenius fragt Mich ganz erstaunt: „Freund, wer waren diese beiden gar so ungemein schönen und holdesten Jünglinge? Beim Himmel, solch herrliche Gestalten hat mein Auge noch nie gesehen!“
GEJ|2|37|15|0|Sage Ich: „Sieh, ein jeder Herr hat seine Diener, und so er sie ruft, müssen sie da sein und ihm dienen. Da Ich auch ein Herr bin, so habe auch Ich Meine Diener, die Meine Befehle der ganzen Unendlichkeit zu verkünden haben. Sie sind dir freilich nicht sichtbar, aber wohl Mir; und wo du nichts ahnest, da harren dennoch gleichfort zahllose Legionen Meiner Winke! Und solche Meine Diener sind dazu – ob sie auch noch so zart aussehen – dennoch stark genug, diese Erde, so Ich es ihnen gebieten würde, in einem Augenblick zunichte zu machen! – Nun aber sehet, dort kommen die beiden schon zurück mit der Lydia!“
GEJ|2|37|16|0|Nun ergreift fast alle bei Meinem Tische ein Entsetzen, und Cyrenius sagt: „Wie ist das möglich? Die beiden können kaum noch fünfhundert Schritte von hier entfernt gewesen sein – nach Kapernaum sind von hier nahe zwei Stunden Weges –, und nun sind die beiden schon wieder da! Ach, das ist doch über alles, was ein armer Mensch auf dieser Erde je erleben kann!“
GEJ|2|37|17|0|Als die Lydia, vom erstaunten Faustus überzart empfangen, an unsern Tisch gebracht ward, so fragte Cyrenius sie sogleich: „Aber holdeste Lydia, wie kamst denn du so schnell von Kapernaum hierher?! Bist du etwa schon auf dem Wege gewesen?“
GEJ|2|37|18|0|Sagt Lydia: „Siehst du denn nicht die beiden Engel Gottes? Diese trugen mich mehr denn in Pfeiles Schnelle hierher. Ich sah am Wege weder Erde noch Luft, sondern dort und hier war nur ein Moment, und ich bin nun hier. Frage aber die beiden Engel; diese werden davon mehr denn ich kundzugeben verstehen.“
GEJ|2|38|1|1|38. — Vom Menschlichen und Göttlichen des Herrn
GEJ|2|38|1|0|Cyrenius wendet sich nun sogleich an die beiden Engel und fragt sie, wie da doch solches möglich wäre. Diese aber weisen allerehrfurchtsvollst mit ihren himmlisch schönsten Händen auf Mich hin und sagen mit einer höchst reinen und wohlklingenden Stimme: „Sein Wille ist unser Sein, unsere Kraft und unsere Schnelligkeit! Aus uns selbst vermögen wir nichts; so Er aber will, da nehmen wir Seinen Willen in uns auf und vermögen dann alles durch denselben. Unsere Schönheit aber, die nun dein Auge blendet, ist unsere Liebe zu Ihm, und diese Liebe ist wieder nichts als Sein Wille in uns! Wollt ihr uns aber gleich werden, so nehmet Sein lebendiges Wort auf in euer Herz und tut freiwillig danach, so werdet ihr dadurch auch gleich uns solches Seines Wortes allmächtige Kraft und Stärke in euch haben; und so Er euch dann berufen wird, zu handeln in Seinem Willen, da werden euch alle Dinge möglich sein, und ihr werdet mehr tun können denn wir, da ihr pur aus Seiner Liebe seid, während wir nur mehr Seiner Weisheit entstammen. – Nun weißt du, wie uns das, was dich in Erstaunen setzte, gar leicht möglich ist. Handle in der Zukunft vollends nach Seinem Worte, so werden dir auch gar wunderbare Dinge möglich sein!“
GEJ|2|38|2|0|Cyrenius macht hier große Augen und sagt: „Also habe ich denn doch recht, so ich Jesus für den alleinigen Gott und Schöpfer der ganzen Welt halte!?“
GEJ|2|38|3|0|Sagen die Engel: „Da hast du wohl recht; aber nur rede davon nicht zu laut! Und so du an Ihm Menschliches erschauest, da ärgere dich nicht; denn alles Menschliche wäre kein Menschliches, wenn es nicht von Ewigkeit zuvor Göttliches gewesen wäre. So Er Sich daher zuweilen in dir bekannten und angewöhnten Formen bewegt, so bewegt Er Sich aber dennoch in keinen Seiner unwürdigen Formen; denn jede Form, jeder Gedanke war zuvor in Ihm, ehe sie durch Seinen Willen einen außer Ihm bestehenden, freien Willen auszumachen und zu bestimmen anfingen. In der Unendlichkeit gibt es kein Ding und kein Wesen, das nicht aus Ihm hervorgegangen wäre. Diese Erde und alles, was in ihr und auf ihr lebt, ist nichts als Sein ewig gleich festgehaltener Gedanke, der durch Sein Wort zur Wahrheit ward. So Er nun, was Ihm ganz überleicht möglich wäre, diesen wesenhaften Gedanken in Seinem Gemüte und Willen fallen ließe, so wäre auch in demselben Augenblick keine Erde mehr, und alles, was sie enthält und trägt, würde ihr vernichtendes Los teilen.
GEJ|2|38|4|0|Aber des Herrn Wille ist nicht wie der eines Menschen, der schlecht genug heute so und morgen anders will. Des Herrn Wille ist ewig ein und derselbe, und nichts kann diesen beugen in der von Ewigkeit her festgestellten Ordnung; aber innerhalb dieser Ordnung herrscht dennoch die größte Freiheit, und der Herr kann tun, was Er will, gleichwie auch jeder Engel und Mensch. Daß aber das also ist, kannst du an deinem höchst eigenen Wesen und an tausend andern Erscheinungen ersehen.
GEJ|2|38|5|0|Du kannst in deiner persönlich wesenhaften Form tun, was du willst; daran kann dich nichts als allein dein Wille hindern. Aber die persönlich wesenhafte Form läßt durchaus keine Veränderung zu, weil sie sich unter der festen göttlichen Ordnung befindet.
GEJ|2|38|6|0|Also kannst du das Äußere der Erde wohl sehr bedeutend verändern; du kannst Berge abgraben lassen, kannst den Strömen einen neuen Weg vorzeichnen; du kannst Seen austrocknen und für neue Seen Bette graben lassen; kannst über Meere Brücken bauen und die Wüste in ein gesegnetes und fruchtbares Land durch Fleiß und Mühe umgestalten, kurz, du kannst auf der Erde eine Unzahl Veränderungen zuwege bringen; – aber du kannst den Tag nicht um ein Haar länger und die Nacht nicht um ein Haar kürzer machen und kannst den Winden und Stürmen nicht gebieten.
GEJ|2|38|7|0|Den Winter mußt du ertragen und dulden des Sommers Hitze, und aller Kreatur kannst du bei all deinem Wollen keine andere Gestalt und Beschaffenheit geben. Aus dem Lamme wirst du ewig keinen Löwen und aus dem Löwen ewig kein Lamm ziehen; und siehe, das ist wieder Gottes feste Ordnung, innerhalb welcher dir zwar eine große Freiheit zu handeln gegeben ist, während du die eigentliche Gottesordnung nicht um ein Haarbreit zu verrücken imstande bist.
GEJ|2|38|8|0|Hier vor dir aber ist Der, der solche Ordnung von Ewigkeit her gegründet hat und sie allein wieder auflösen kann, wenn Er will. Wie aber du in solcher gefesteten Gottesordnung, die zuerst dein Sein und das Sein alles dessen, was dich umgibt, bedingt, dennoch frei bist im Denken, Wollen und Handeln, also ist der Herr um so mehr frei und kann tun, was Er will.
GEJ|2|38|9|0|Wir aber sagen dir darum noch einmal: Ärgere dich deshalb nicht, so der Herr vor euch Sich in menschlicher Form bewegt; denn es ist ja jegliche Form Sein höchst eigenes Werk.“
GEJ|2|39|1|1|39. — Vom Einfluß der Engel auf die Menschen
GEJ|2|39|1|0|Als Cyrenius solche Lehre von den beiden Engeln vernahm, ward ihm das nun zur vollen Gewißheit, und er riet nun bei sich nicht mehr, daß Ich sicher ein höheres Wesen sei, sondern er sprach nun bei sich: „Ja, Er ist es!“ Er ging darauf ganz ehrfurchtsvoll zu Mir hin und sagte zu Mir: „Herr, nun ist mir alles klar! Du bist es!
GEJ|2|39|2|0|Mein Herz hatte mir das wohl schon lange gesagt; aber da traten immer wieder Deine menschlichen Formen und Bewegungen auf und machten mich bald hier, bald dort in meinem Glauben zweifeln. Aber nun sind alle meine geheimen Bedenklichkeiten aus meinem Gemüt verschwunden, und es kann nun geschehen, was da will, so werde ich in meinem Glauben wie ein Fels fest verbleiben. O wie endlos glücklich bin ich nun, daß sogar mein fleischlich Auge Den schauet, der mich erschaffen hat, und der mich nun erhält und ewig erhalten kann und wird!“
GEJ|2|39|3|0|Sage Ich: „Mein liebster Freund, was du nun hast, das soll dir auch bleiben für ewig! Aber nur behalte es vorderhand für dich und für nur sehr wenige deiner eingeweihtesten Freunde; denn sprächest du nun zu offen davon, so würdest du Meiner Sache und dadurch den Menschen mehr schaden denn nützen! Zudem aber behalte auch das, daß du dich nicht ärgerst, so du hie und da Menschliches an Mir gewahrst; denn bevor alle Engel und Menschen waren, war Ich von Ewigkeit her wohl der erste Mensch und habe daher auch sicher das Recht, unter Meinen geschaffenen Menschen auch noch fortan Mensch zu sein!“
GEJ|2|39|4|0|Sagt Cyrenius: „Tue, was Du willst, und Du bleibst mir dennoch ewig gleichfort Das, was Du mir nun ohne allen Zweifel bist! Aber diese beiden Engel möchte ich bis an mein irdisches Lebensende bei mir haben! Sie sind gar so schön, lieb und weise!“
GEJ|2|39|5|0|Sage Ich: „Das kann nicht sein; denn du würdest ihre persönlich sichtbare Gegenwart nicht ertragen, und sie würde deiner Seele zu nichts nütze sein. Aber unsichtbar für deine irdischen Sinne sollen sie fortan deine Beschützer bleiben, wie sie es schon von deiner Geburt an waren. Für jetzt aber, da sie den heutigen Tag über hier sichtbar zu verweilen haben, kannst du noch viel mit ihnen verkehren.
GEJ|2|39|6|0|Du kannst aber, wenn du sie auch nicht siehst, mit ihnen reden und kannst sie fragen um allerlei, und sie werden dir die Antwort in dein Herz legen, die du allzeit als einen klar ausgeprägten Gedanken im Herzen vernehmen wirst. Und das ist besser denn die äußere Rede! Ich sage es dir: Ein Wort, das dir ein Engel in dein eigenes Herz gelegt hat, ist für deine Seele heilsamer als tausende Worte, durch das Ohr von außen her vernommen! Denn was du im Herzen vernimmst, das ist schon dein Eigentum; was du aber von außen her vernimmst, das mußt du dir erst zu eigen machen durch die Tat nach dem vernommenen Worte.
GEJ|2|39|7|0|Denn hast du das Wort im Herzen und sündigest deinem Außenwesen nach dennoch von Zeit zu Zeit, so ist dein Herz dabei nicht einstimmig und zwingt dich sobald zur Erkenntnis der Sünde und der Reue über dieselbe, und du bist schon dadurch kein Sünder mehr; hast du aber das Wort im Herzen nicht, sondern nur im Gehirne, durchs Ohr dahin gebracht, und sündigest, so sündiget das leere Herz mit und zwingt dich weder zur Erkenntnis noch zur Reue der Sünde, und die Sünde bleibt in dir, und du machst dich schuldig vor Gott und den Menschen!
GEJ|2|39|8|0|Und so, Freund, ist es dir heilsamer, deine geistigen Beschützer nicht zu sehen, solange du im Leibe zu verweilen hast; wenn du aber dereinst den Leib zu verlassen haben wirst, dann wirst du sie, als selbst Geist, ohnehin für ewig zu sehen und zu greifen haben – nicht nur diese zwei, sondern zahllos viele andere.“
GEJ|2|39|9|0|Sagt Cyrenius: „Ich bin schon wieder zufrieden, aber heute will ich mich vollauf mit ihnen allergeistigst unterhalten!“
GEJ|2|39|10|0|Sage Ich: „Aber wie wird es denn sein? Du hast ja den harten und diebischen Pharisäern verheißen bei Meinem Namen, daß du ihnen einen starken Verweis geben wirst; da wird der Nachmittag dir ja die Gesellschaft der beiden Engel entziehen!?“
GEJ|2|39|11|0|Sagt Cyrenius: „Ja fürwahr, das hätte ich nahezu ganz vergessen! Ei, ei, das ist mir nun wohl sehr ungelegen! Was soll ich da tun?“
GEJ|2|39|12|0|Sage Ich: „Wie wäre es denn, so Ich dich des Eides entbinde, wenn du den Pharisäern den beabsichtigten Verweis ganz erließest, da sie ohnehin an deiner gestrigen Androhung genug zu kauen haben?“
GEJ|2|39|13|0|Sagt Cyrenius: „Herr, wenn es Dir genehm ist, so erlasse ich ihnen nun überaus gerne den beabsichtigten Verweis und überlasse alles Dir und dem alten Roban, der sie nach ein paar Tagen schon zurechtbringen wird.“
GEJ|2|39|14|0|Sage Ich: „Oh, da habe Ich sicher am allerwenigsten etwas dawider! Denn Ich habe darum schon dein Vorhaben mit den Pharisäern auf den Nachmittag verschoben, weil Ich nur zu gut wußte, daß du bald anderen Sinnes werden würdest. – Jetzt aber, da der heutige Tag sich so schön gemacht hat, wollen wir alle ans Meer hinausgehen und uns für den Mittag und Abend einige Fische holen. Wer mit will, der mache sich auf die Füße!“
GEJ|2|40|1|1|40. — Die Liebe zum Herrn
GEJ|2|40|1|0|Fragen Petrus und Nathanael: „Aber Herr, wir haben kein Fischzeug bei uns; wie wird das gehen? Sollen wir etwa vorauseilen und bei den Fischern am Meere ein Fischerzeug ausborgen?“
GEJ|2|40|2|0|Sage Ich: „Daran hat es keine Not; aber eine andere Not hat es, und das ist euer Gedächtnis, das alle Augenblicke zu vergessen scheint, daß Ich der Herr bin, dem kein Ding unmöglich ist! Bleibet daher in der Gesellschaft, und erkläret beim Fischen dem alten Josa und dessen Familie die Kraft und Macht Gottes auch im Menschen!“ – Auf diese Meine Worte ziehen sich beide zurück und denken darüber nach, wie sie so blind sein mochten, Mir mit solch einer höchst weltlichen Frage zu kommen. Selbst Josa bemerkt ihnen, daß er kaum begreife, wie sie Mich darum haben fragen können!
GEJ|2|40|3|0|Sagt Nathanael: „Freund, wir beide sind gleich dir noch Menschen und als solche zu sehr an die weltlichen Verhältnisse gewöhnt, als daß aus uns nicht noch dann und wann etwas so recht Dummes zum Vorschein käme; aber für die Zukunft werden wir uns schon ganz besonders zusammennehmen! Wir waren ja von unserer Jugend auf Fischer, und so wir vom Fischen etwas vernehmen, so fallen wir leicht wieder ein wenig, des Geistigen vergessend, in unsere alten Besorgnisse zurück. Aber jetzt ist es schon wieder gut.“
GEJ|2|40|4|0|Es kommt aber auch die Sarah zu Mir und bittet Mich, ob sie mitgehen dürfe.
GEJ|2|40|5|0|Sage Ich: „Ganz natürlich; dir zuliebe veranstalte Ich ja diese Arbeit! Du bist ja gleichfort Meine Geliebte! Warum setztest du dich denn heute beim Morgenmahle nicht an Meine Seite?“
GEJ|2|40|6|0|Sagt Sarah, vor Liebe ordentlich zitternd: „Herr, ich habe mich ja nicht getraut; denke, – die drei höchsten Gebieter Roms an Deiner Seite, und ich eine arme Magd! Wo hätte ich den Mut hernehmen sollen?“
GEJ|2|40|7|0|Sage Ich: „Nun, nun, Mein Liebchen, Ich habe es dir nur zu gut angemerkt, daß du viel lieber bei Mir als überall anders gewesen wärest! Oh, Mir entgeht nichts, was da vorgehet in jemandes Herzen, und Ich habe dich darum aber auch gar so überaus lieb!
GEJ|2|40|8|0|Aber sage Mir nun, du Meine allerliebste Sarah, wie dir die beiden Jünglinge gefallen? Möchtest du etwa den einen oder den andern nicht lieber haben denn Mich? Denn sieh, Ich bin denn der Gestalt nach doch nicht so schön wie die beiden!“
GEJ|2|40|9|0|Sagt die Sarah: „Aber Herr, Du meine ewig alleinige Liebe, wie kannst denn Du mir so etwas ansinnen? Einen ganzen Himmel voll noch tausendmal schönerer Engel nähme ich nicht um ein Haar Deines Hauptes, geschweige einen der beiden für Dich als Ganzen, voll Liebe in meinem Herzen. Wenn sie auch schön sind, so frage ich: Wer gab ihnen denn solch ihre Schönheit? Das warst ja Du! Wie aber hättest Du ihnen solch eine Schönheit geben können, wenn sie zuvor nicht in Dir gewesen wäre!?
GEJ|2|40|10|0|Ich sage es Dir: Du bist für mich alles in allem, und ich lasse nimmer von Dir, und wenn Du mir darum auch alle Himmel voll der herrlichsten Engel gäbest!“
GEJ|2|40|11|0|Sage Ich: „So ist es recht, so habe Ich es am liebsten! Wer Mich liebt, der muß Mich ganz und über alles lieben, so er von Mir auch über alles geliebt werden will. Siehe, die beiden Engel sind sicher überaus schön; aber du bist Mir nun auch lieber als zahllose Scharen der reinsten Engel, und darum bleibe nun nur fest bei Mir! Ich sage es dir: Du bist aus vielen eine rechte Braut von Mir! – Verstehst du das?“
GEJ|2|40|12|0|Sagt die Sarah: „Herr, das verstehe ich wohl nicht! Wie sollte ich Deine Braut sein? Kann ich Dir denn das werden, was meine Mutter meinem Vater ist? Du bist der Herr Himmels und der Erde, und ich bin nur ein Geschöpf von Dir; wie sollte das zugehen, daß das Niederste sich mit dem Allerhöchsten verbinden könnte?“
GEJ|2|40|13|0|Sage Ich: „Siehe, das geht ganz leicht, und zwar aus dem ganz einfachen Grunde, weil das von dir vermeinte Niederste auch aus dem Allerhöchsten hervorgegangen ist – und sonach mit Allerhöchstes ist.
GEJ|2|40|14|0|Ich bin ein Baum des Lebens, und du bist seine Frucht. Die Frucht ist dem Anscheine nach freilich kleiner und unbeständiger als der Baum; aber in ihrer Mitte ruht ein aus der Frucht genährter und gereifter Same, in dem Samen aber liegen wieder Bäume derselben Art, fähig, selbst dieselben Früchte zu tragen mit wieder lebendigem Samen, aus welch einem einzelnen sie hervorgegangen sind.
GEJ|2|40|15|0|Aus dem aber kannst du denn auch ganz leicht entnehmen, daß der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf in einer gewissen Hinsicht kein gar so großer ist, als du es dir vorstellst; denn das Geschöpf selbst ist in und für sich der Wille des Schöpfers, der sicher durchaus gut und würdevoll ist. Erkennt dieser vom Schöpfer ausgegangene und unter der Form des Schöpfers Selbst frei gestellte Wille sich in seinem frei gestellten Alleinsein als das, was er im Grunde des Grundes ist, und handelt danach, so ist er seinem Schöpfer gleich und ist in seinem kleinen Maße vollkommen das, was der Schöpfer in Seinem unendlichen Maße ist; erkennt aber der vom Schöpfer frei gestellte Teilwille sich nicht als das, was er ist, so hört er darum zwar dennoch nicht auf, das zu sein, was er ist, aber er kann so lange die höchste Bestimmung nicht erreichen, bis er sich nicht als das erkannt hat, was er im Grunde des Grundes ist.
GEJ|2|40|16|0|Um aber solchen frei gestellten Willensteilen, die da Menschen heißen, die Mühe der Sichselbsterkennung leichter zu machen, hat der Schöpfer zu allen Zeiten Offenbarungen, Gesetze und Lehren aus den Himmeln herab den Menschen gegeben und ist nun sogar im Fleische Selbst zur Erde gekommen, um den Menschen bei der Arbeit der Sichselbsterkennung zu helfen und ihnen für die Folge mehr Licht zu geben, auf daß ihre Mühe eine leichtere würde, als sie bis jetzt war.
GEJ|2|40|17|0|Nun wirst du wohl verstehen, wie sich Schöpfer und Geschöpf zueinander verhalten, und somit auch leicht einsehen, wie du, als Mir völlig ebenbürtig, gar leicht Meine Braut und Mein Weib sein kannst, für ewig gebunden durch deine große Liebe zu Mir! – Verstehst du nun das, was Ich dir nun enthüllt habe?“
GEJ|2|41|1|1|41. — Vom Wesen der wahren Liebe
GEJ|2|41|1|0|Sagt die überaus schöne und liebenswerteste Sarah: „Ja, jetzt bin ich schon mehr im klaren; aber da haben dann ja alle Töchter Evas dasselbe Recht auf Dich wie ich!?“
GEJ|2|41|2|0|Sage Ich: „Allerdings, wenn sie sind, wie du nun bist; sind sie aber nicht so, da können sie wohl Meine Mägde, auch Bräute, aber dennoch nicht völlig Meine Weiber werden. Hatte aber Meines Leibes Urvater David doch auch viele Weiber gehabt und war ein Mann nach dem Herzen Gottes; warum sollte Mir das nicht freistehen, viele Weiber zu haben, da Ich doch mehr bin denn David? Und Ich sage dir noch dazu, daß Ich das Vermögen habe, so viele Weiber allerseligst zu erhalten, als es da gibt des Sandes im Meer und des Grases auf der Erde, und daß eine jede also versorgt sein wird, daß sie ewig nie einen Wunsch wird haben können, der ihr nicht aufs zuvorkommendste befriedigt würde. Wenn aber so, kann dich das dann etwa genieren, wenn Ich vielen das Glück geben will, das Ich dir in Überfülle gebe?“
GEJ|2|41|3|0|Sagt die Sarah: „Du bist ja allein der Herr und bist die unbegrenzteste Liebe und Weisheit Selbst, und was Du tust, ist weise getan; aber ich kann dennoch nicht dafür, daß ich Dich gar so sterbensmächtig liebe und Dich darum wie allein besitzen möchte! Du mußt aber das meinem kindlichen Herzen schon nachsehen, das in der Liebe noch so blöde ist!“
GEJ|2|41|4|0|Sage Ich: „Das ist gerade recht, sage Ich dir. Wer Mich nicht wie du völlig eifersüchtig liebt und Mich in seinem Herzen wie nahe ausschließend allein besitzen will, der hat noch keine wahre, lebendige Liebe zu Mir! Hat er aber diese nicht, so hat er auch die Fülle des Lebens nicht in sich; denn Ich bin ja das eigentlichste Leben im Menschen durch die Liebe in seiner Seele zu Mir, und diese Liebe ist Mein Geist in jedem Menschen.
GEJ|2|41|5|0|Wer also die Liebe zu Mir erweckt, der erweckt seinen von Mir ihm gegebenen Geist, und da dieser Geist Ich Selbst bin und sein muß, weil es außer Mir ewig keinen andern Lebensgeist gibt, so erweckt er dadurch eben Mich Selbst in sich und ist dadurch ins ewige Leben vollauf eingeboren und kann dann hinfort ewig nimmer sterben und ewig nimmer vernichtet werden – auch durch Meine Allmacht nicht, weil er mit Mir eins ist. Ich aber kann Mich Selbst auch nicht vernichten, weil Mein unendliches Sein sich ewig nie ins Nichtsein umgestalten kann. Darum denke ja nicht, daß deine Liebe zu Mir blöde ist, sondern sie ist gerade so, wie sie sein muß! Beharre darin, so wirst du ewig keinen Tod weder sehen, noch fühlen oder schmecken!“
GEJ|2|41|6|0|Diese Meine Erklärung an die Sarah machte sie so ganz glücklich, daß sie Mich mit aller Kraft umarmte und gar überaus zärtlich zu kosen begann.
GEJ|2|41|7|0|Die Mutter Sarahs verwies ihr das und sagte: „Aber liebe Sarah, das schickt sich ja nicht! Geh, du bist wohl recht unartig!“
GEJ|2|41|8|0|Sagt die Sarah: „Ei was, schicken oder nicht schicken! Es schickt sich auch nicht zu sterben und dann fein tot zu sein; aber wenn dann der Herr kommt und den Toten erweckt und aus dem Grabe zieht, was auch gewiß ganz höchst ungewöhnlich ist, wie schickt sich dann so etwas vor der Welt? O Mutter, den Herrn lieben vor aller Welt über alles, das schickt sich für jeden Menschen sicher am allerbesten! – Nicht wahr, Herr Jesus, ich habe recht geurteilt?!“
GEJ|2|41|9|0|Sage Ich: „Ganz rechtens und vollauf wahr! Wer in der Welt sich geniert, Mich offen über alles zu lieben, da geniere dann auch Ich Mich, ihn vor allen Himmeln zu lieben und ihn zu erwecken zum ewigen Leben am jüngsten Tage!“
GEJ|2|42|1|1|42. — Vom jüngsten Tage
GEJ|2|42|1|0|Es fragten aber nun auch mehrere, wann der „jüngste Tag“ kommen werde.
GEJ|2|42|2|0|Ich aber sagte: „Wann der ältere vergangen ist, so kommt auf den älteren Tag dann stets ein jüngster; und da Ich niemanden an einem schon vergangenen Tage erwecken kann, so muß das ganz natürlich an einem jüngsten Tage geschehen, weil dazu ein vergangener, älterer Tag unmöglich mehr zu gebrauchen ist. Ist denn nicht jeder neue Tag, den ihr erlebt, ein jüngster Tag? Oder kann etwa jemand noch einen jüngeren erleben, als da eben der ist, in dem er lebt? Seht, wir alle leben heute doch sicher in einem möglichst jüngsten Tage! Denn der gestrige kann kein jüngster mehr sein, und der morgige ist noch lange nicht da. Aus dem aber läßt sich hoffentlich doch mit Händen greifen, daß es am Ende ebenso viele jüngste Tage gibt und geben muß für jeden Menschen, als so viele er deren durchlebt hat! Ich sage es euch, daß ihr alle am jüngsten Tage sterben werdet und werdet auch unmöglich anderswann als an einem jüngsten Tage vom Tode zum Leben erweckt werden; und so ein Mensch oder alle Menschen ihm zu bestehen bekommen, so wird solches auch unmöglich an einem alten, vergangenen Tage, sondern an irgendeinem künftigen, also offenbar jüngsten Tage geschehen! Welcher dazu bestimmt wird, das ist weder von Mir noch von irgendeinem Engelsgeist zum voraus bestimmt; denn es ist dazu jeder kommende Tag ganz überaus gut und sehr brauchbar. – Versteht ihr nun das?“
GEJ|2|42|3|0|Die Fragenden ziehen sich etwas verdutzt zurück und sagen: „Wahrlich, die Sache ist so klar wie die reinste Luft, und doch mochte unsere Dummheit fragen!? Es ist wahrlich mit Händen zu kneipen und zu greifen! So wir gar oft von den alten Tagen reden, so muß es ja auch junge und jüngste geben! Es ist, ist, ist, ist – das doch sehr dumm von uns gewesen! Es gehört von Seiner unendlich weisen Seite wahrlich unendlich viel Geduld dazu, um uns zu ertragen!“
GEJ|2|42|4|0|Sagt die Sarah, ein wenig lächelnd: „Ja, der Herr hat wohl die größte Geduld mit uns allen! Aber was ein jüngster Tag ist, und wann er kommen werde, das habe ich schon in der Wiege gewußt; und hatte mich jemand darum gefragt, so sagte ich allzeit: ,Morgen wird der jüngste Tag kommen!‘ Habt ihr denn das im Ernste nicht gewußt?“
GEJ|2|42|5|0|Sagen die, die gefragt haben: „Ja, ja, wir waren richtig so dumm, es nicht zu wissen, und hatten immer eine schreckliche Furcht vor solch einem einst kommen sollenden Tage! Nun sind wir freilich darüber im klaren; aber nun schämen wir uns auch ganz ordentlich, daß uns so etwas hat entgehen können, was doch so klar vor jedermanns Augen und Ohren liegt!“
GEJ|2|42|6|0|Sage Ich: „Machet euch nichts daraus; denn es ist dies dennoch ein Stein, über den in der Zukunft noch viele tausendmal Tausende fallen werden und werden darüber viel weissagen und schreiben und predigen dem blinden Volke.
GEJ|2|42|7|0|Nun aber sehen wir, wie wir mit den Fischen zurechtkommen werden; denn wie ihr sehet, so stehen wir bereits am Meeresstrande, und Fischerboote sind in Menge zu unserem Gebrauch hier vorrätig. An Netzen und andern zum Fischfange nötigen Geräten fehlt es auch nicht; und so können wir sogleich an die Sache gehen. Die beiden Jünglinge, mit denen sich Cyrenius noch sehr eifrig bespricht, sollen uns auch gute Dienste leisten! Legen wir sonach gleich unsere Hände ans Werk!“
GEJ|2|43|1|1|43. — Der Herr Jesus und die Seinen beim Fischfang
GEJ|2|43|1|0|Es fingen aber nun alle an, sich zu wundern, da sie nicht wußten, wie sie von Meinem Hause hierher ans Meer gekommen sind.
GEJ|2|43|2|0|Ich aber sagte: „Wie möget ihr euch noch wundern?! Habt ihr denn nicht schon einige Male Ähnliches bei Mir erlebt? Daß sich der alte Josa mit seinen Kindern und Kindeskindern wundert, ist begreiflich; aber bei euch, Meinen nun schon vielerfahrenen Jüngern, ist es eigentlich unbegreiflich, wie ihr euch noch verwundern könnet, da ihr doch schon nur zu klar einsehen solltet, daß Mir kein Ding unmöglich ist und sein kann!
GEJ|2|43|3|0|Seht, Ich sagte nicht umsonst ,unbegreiflich‘; denn jede Verwunderung über irgendeine von Mir vollführte außerordentliche Tat setzt auch irgendeinen kleinen, noch immer irgendwo in der Seele versteckten Unglauben voraus. Der Mensch bezweifelt im voraus die Möglichkeit irgendeiner besonderen Tat oder Erscheinung; so aber die Tat trotz seines Zweifels dennoch vollführt wird, so steht dann der am Gelingen derselben zweifelnde Zeuge verblüfft da, staunt und fragt: ,Wie war denn das möglich?‘ Was sagt er aber mit solcher Frage? Ich sage es euch, nichts als: ,Ich zweifelte an der Möglichkeit des Gelingens, und doch ist es gelungen! Das ist merkwürdig und sonderbar!‘
GEJ|2|43|4|0|So ein Laie sich also verwundert, so ist das wohl begreiflich; aber wenn Tiefeingeweihte sich noch wundern, so zeigen sie dadurch an, daß sie selbst auch noch sehr zu denen gehören, die mit Recht ,Laien‘ genannt werden! Wundert euch daher in der Folge besonders vor den Fremden nicht mehr, wenn Ich irgendeine außerordentliche Tat vollführe, auf daß euch die Fremden nicht auch für Mitfremde ansehen!“
GEJ|2|43|5|0|Sagen die Jünger: „Herr, Du weißt es ja, daß wir Dich über alles liebhaben und gar wohl wissen, wer und was Du bist; aber trotz alledem können wir denn doch oft nicht umhin, uns über ein neues Wunder auch wieder von neuem zu verwundern, weil Deine offenbarsten Wundertaten zumeist so ganz unerwartet und unvorbereitet kommen, daß man bei aller Fassung und allem Glauben denn doch ein wenig verblüfft dastehen muß. – Siehe, man hat ja auch oft genug die Sonne auf- und untergehen sehen; aber wo ist oder wo lebt wohl der Mensch von einem nur einigermaßen besseren Gefühle, dem nicht ein jeder neue, herrliche Sonnenaufgang irgendeine Verwunderung abnötigen möchte?! Und siehe, Herr, so ist es auch mit uns! Du bist aber endlos mehr denn zahllos viele Sonnenaufgänge und wollest uns daher schon ein wenig solche Fehler nachsehen, die stets von neuem mit Dich über alles liebenden Herzen zu begehen wir im Grunde des Grundes von Dir genötigt werden.“
GEJ|2|43|6|0|Sage Ich: „Nun, nun, es ist schon alles wieder gut; aber in Zukunft beachtet solchen Meinen Rat der Fremden wegen, damit diese in euch Meine wahren Jünger erkennen! – Nun aber gehen wir ans Fischen! Es werden dabei auch wieder kleine Wunder geschehen; aber ihr tut dabei, als wären das keine Wunder! Die Fremden sollen sie selbst finden und beurteilen, ob das ganz gewöhnliche, oder ob es außerordentliche Taten sind!“
GEJ|2|43|7|0|Nach dieser nötigen Belehrung bestiegen die Jünger eilends die Boote, spannten die Netze aus und warfen sie ins Wasser nach der Kunst der Fischer, und machten einen Zug um den andern; aber der Fang war sehr wenig ergiebig.
GEJ|2|43|8|0|Petrus bemerkte, daß da der ziemlich heftige Westwind ungünstig wirke und die Fische zu Boden treibe.
GEJ|2|43|9|0|Ein anderer bemerkte wieder, daß man vor dem Abende nicht viel ausrichten werde; die Sonne scheine, durch kein Wölklein getrübt, zu heftig, und die Fische eilten darum der Tiefe zu, weil sie das heftige Licht nicht ertrügen.
GEJ|2|43|10|0|Nun bestiegen aber auch die zwei Jünglinge zwei Boote, spannten ein großes Netz und stießen mächtig weit in die See hinaus.
GEJ|2|43|11|0|Da sprach Andreas, der auch ein Meister im Fischen war: „Wenn die nicht wunderbarerweise durch ihre geistige Macht Fische in ihr Netz treiben, so können sie draußen auf der hohen See wohl zehn Jahre lang fischen, und sie werden nicht ein Stück ans Ufer bringen!“
GEJ|2|43|12|0|Aber die beiden Jünglinge machen einen heftigen Zug, sind bald am Ufer und bringen bei dreißig gute Stücke ans Land.
GEJ|2|43|13|0|Da sagt Andreas: „Das ist zwar kein Wunder, aber sonst dennoch recht viel, von der hohen See her dreißig Stück Waller (Welse) zu fangen.“
GEJ|2|43|14|0|Endlich bestieg auch Ich ein Boot, die mutige Sarah aber auch eines. Wir spannten ein ziemlich großes Netz und ließen es ins Wasser. Als wir einen kleinen Zug unfern des Ufers taten, hatte sich das Netz schon mit fünfhundert Stück Lachsen, Salmen und Wallern gefüllt, so daß die beiden Jünglinge der Sarah zu Hilfe eilen mußten, weil sie das Netz sonst nicht hätte halten können. Die Fische wurden alsbald ans Land und da in die vielen Lägel gebracht, die hier auch in hinreichender Menge vorhanden waren.
GEJ|2|43|15|0|Die Jünger aber machten noch einen Zug, und als sie das Netz ans Land zogen, fanden sie wieder nur wenige und das nur kleine Fischlein im Netze.
GEJ|2|43|16|0|Petrus sagte: „Nun habe ich für heute wohl den letzten Zug getan! Es zahlt das ja bei weitem die Mühe nicht, die ein solcher Zug verursacht, daß man als ein alter, erfahrener Fischer nur ein Boot besteigt!“ – Darauf wollte er diese kleinen Fische wieder ins Meer zurückwerfen lassen.
GEJ|2|43|17|0|Aber Ich sagte zu ihm: „Behalte, was du gefangen hast; denn die kleinen Fische sind oft recht gute Fische und sind Mir lieber denn die großen, die nicht selten ein zähes und schwer verdauliches Fleisch haben. Merke dir aber diese entsprechende Erscheinung!
GEJ|2|43|18|0|Wenn du als Menschenfischer hinausgehen wirst, so laß es dich nicht verdrießen, so in das Netz des Evangeliums sich kleine Fischlein einfangen lassen werden; denn wahrlich, Mir sind sie lieber denn die großen! Alles aber, was da groß und wertvoll ist vor der Welt, ist in einer gewissen Hinsicht vor Mir ein Greuel! – Lassen wir aber nun die Fischerei, und begeben wir uns wieder nach Hause! Für heute und morgen sind wir versorgt; der Nachsabbat wird sich dann, so es not täte, schon wieder versorgen.“
GEJ|2|43|19|0|Man zog nun alle Netze ein und brachte noch eine Menge von allerlei Fischen ans Land, gab sie in die Lägel und schaffte sie auf Karren und Tragen in den ziemlich großen Fischbehälter bei Meinem Hause, den seinerzeit Joseph selbst angelegt hatte.
GEJ|2|44|1|1|44. — Persönliches über Borus
GEJ|2|44|1|0|Als wir von der Fischerei etwa eine Stunde nach dem Mittage nach Hause kamen, wartete abermals ein gutes Mittagsmahl unser, das nun wieder Borus, der darum nicht mit uns fischen ging, hatte zubereiten lassen; denn es war dies seine größte Freude, für recht viele Menschen Gastmähler zu bereiten, und besonders gern kochte er mit seinen Köchen und Köchinnen im Freien. Er war auch dazu wie ein Kisjonah reich genug, um täglich wenigstens sechs- bis siebentausend Menschen zu speisen und zu tränken mit bestem Weine. Denn fürs erste war er der Sohn eines überaus reichen Griechen aus Athen, der aber auch in Asien große Besitzungen und auch mehrere kleine Inseln in seinem Besitze hatte; fürs zweite war er der einzige Erbe solcher großen und weitausgedehnten Besitzungen; und fürs dritte war er der bei weitem geschickteste Arzt vom ganzen Judenlande und verdiente sich durch seine Kunst, besonders von den großen und reichen Häuptern, große Summen Goldes und Silbers, wogegen er wieder den armen Kranken ganz umsonst alle mögliche Pflege zukommen ließ und daher von diesen als des Landes größter Wohltäter gepriesen war.
GEJ|2|44|2|0|Zu alledem war er ledig, hatte weder Weib noch Kinder und hatte aber dennoch eine große Freude, arme junge Männer mit eben wieder jungen und gesunden Mädchen zu verbinden und zu segnen mit Wort und einer genügenden Aussteuer. Und so war er denn auch jetzt in seinem allerglänzendst besten Humor, weil er heimlich der Meinung war, Ich würde die überschöne und überzarte Sarah im Ernste ehelichen.
GEJ|2|44|3|0|Als wir alle voll guten Mutes bei Tische saßen, aßen und tranken, da kam er und fragte Mich so ganz heimlich, ob da etwa doch etwas daraus würde!?
GEJ|2|44|4|0|Erwiderte Ich ihm: „Liebster Freund und Bruder! Dein übergutes und edelstes Herz ist Mir nun zu bekannt. Ich weiß nur zu gut, daß du nur dann über Hals und Kopf glücklich bist in deiner Seele, so du andere glücklich gemacht hast. An dich hast du noch kaum je gedacht, und weil du zwischen Mir und der schönsten Sarah eine wirklich beachtenswerte große Liebe bemerkt und auch vernommen hast, wie wir heute vormittag von Braut und Weib geredet haben, so bist du bei dir heimlich der fröhlichen Meinung einer zwischen Mir und der schönsten Sarah sehr nahe bevorstehenden ehelichen Verbindung geworden. Aber Ich sage dir: da bist du in einer kleinen Irre! Denn siehe, so viele Weiber da auf der Erde leben, gelebt haben und noch leben werden, sie alle sind, so sie einen reinen Lebenswandel führen, mehr oder weniger Meine Bräute, und auch ebensogut Meine Weiber; aber solch eine noch so innigste Verbindung mit Mir hindert sie niemals, eines ordentlichen Mannes Weib zu werden, – und ein ganz notwendig gleiches Verhältnis findet soeben zwischen Mir und der allerliebsten Sarah statt. Aber sie kann darob ganz gut dein Weib werden, und doch im Geiste jetzt wie für ewig Mein wahrhaftigstes Weib sein!
GEJ|2|44|5|0|Ich meine aber nun also: Da du schon so vielen biederen Männern, wenn sie auch noch so arm waren, zu lieben und braven Weibern verholfen hast, was die jungen, noch wie immer bei der Jugend, brennenden Männer wohl für ein größtes Glück hielten, so will denn auch Ich dir zu einem solchen Glück verhelfen! Siehe, gerade diese wahrhaft himmlisch schöne Sarah soll dein Weib werden! Du hast Mich verteidigt nach ihrer ersten Erweckung, als sie zum zweiten Mal auf dem Sterbebette lag, und Ich habe sie für dich erweckt zum andern Male und habe sie schon damals dir zum gebührenden Lohn bestimmt. Wie sie nun aussieht, so wird sie aussehen in ihrem siebzigsten Lebensjahre; dieses Kind wird nicht altern auf dieser Erde! Siehe an die beiden Engel, mit denen Cyrenius nun spricht, ob sie so schön sind wie dieses Mädchen! Sage Mir aufrichtig, ob du diese allerliebste Sarah denn doch nicht schon einige Male sehr bedeutungsvoll angeschaut hast, und ob dabei dein Herz gar nichts empfunden hat!“
GEJ|2|44|6|0|Sagt Borus etwas verlegen: „Herr, vor Dir das zu verbergen, wäre eine allerreinste Unmöglichkeit! Daher sage ich es lieber ganz frei heraus: Sarah ist das einzige Wesen auf der Erde, das ich denn doch lieber selbst besäße, als daß ich jemand anderm zu ihrem Besitze verhülfe! Ich bin zwar auch schon stark über die dreißig Jahre hinaus, und sie kann erst sechzehn Frühlinge zählen; aber mein Herz scheint da noch kaum ihr schönstes Alter erreicht zu haben. So sie möglicherweise doch mein Weib würde, so liebte ich sie tausendfach mehr denn mein eigenes Leben!“
GEJ|2|44|7|0|Sarah hatte diesem Gespräch heimlich sehr aufmerksam zugehört, und als Ich sie darauf ansah und fragte, wie ihr diese Unterredung zwischen Mir und dem stattlich aussehenden Borus gefallen habe, schlug sie, etwas schamrot, die Augen nieder und sagte nach einer Weile: „Aber so mußt Du denn doch alles bemerken! Ich habe den lieben Borus ja nur ein einziges Mal so ganz flüchtig angeschaut, weil er ein gar so lieber und überaus dienstfertiger Mann ist!“
GEJ|2|44|8|0|Sage Ich, so mehr im scherzhaften Tone: „Aber in deinem Herzen hast du ihn, wenn Ich Mich nicht irre, schon etliche Male angeschaut!?“
GEJ|2|44|9|0|Sagt Sarah, noch mehr ihr Gesicht verdeckend: „Aber Herr, Du fängst ja ganz ordentlich an, ein wenig schlimm zu werden! Daß aber Du doch um alles wissen mußt!?“
GEJ|2|44|10|0|Sage Ich: „Sarah, wenn es also darauf und darum ankäme und er dich darum so recht herzlich um deine schönste Hand bäte, würdest du sie ihm verweigern?“
GEJ|2|44|11|0|Sagt Sarah, ganz angenehm verblüfft über solch eine Frage: „Wenn ich das nicht täte, wie könnte ich dann Dein Weib werden? Lieben kann ich ja doch nur Dich, obschon ich vor Dir auch offen bekennen muß, daß ich den guten Borus überaus hochachte und schätze; denn er scheint mir nach Dir wohl der beste Mensch im ganzen Judenlande zu sein, obwohl er von Geburt aus ein Grieche ist und erst bloß der Wissenschaft, aber nicht der Beschneidung nach ein Jude geworden ist, seit kurzem erst.“
GEJ|2|44|12|0|Sage Ich: „Nun ja, die Sache wird sich schon machen! Denke nur ein wenig nach, und sieh da uns gegenüber die Lydia an, die auch gleichfort Mein Weib ist geistig, aber dem Leibe nach dennoch als Weib dem biederen Faustus angehört! Unser Verhältnis aber stört das nicht im geringsten; denn du bleibst nach wie vor Meine Braut und Mein himmlisches Weib.“
GEJ|2|44|13|0|Sagt nach einer Weile die Sarah: „Wenn es denn auch mir genehm wäre, dem guten Borus meine Hand zu reichen, so weiß ich ja doch nicht, was meine irdischen Eltern dazu sagen! Diese müßte ich denn doch auch fragen! Ich möchte zwar wohl schon darum den guten Borus, weil Du es gerne sähest; aber den Vater und die Mutter sollte man denn doch auch fragen!“
GEJ|2|44|14|0|Sage Ich: „Nun ja, siehe hin, die sind schon gefragt worden und stimmen ganz mit Mir überein; aber Ich nötige dich durchaus nicht dazu. Dir bleibt dein völlig freier Wille!“
GEJ|2|44|15|0|Sagt die Sarah, stets mehr verlegen: „Herr, – ja, daß ich es wohl weiß, – aber – ich, – ja, ja, ich – möchte aber – aber – doch nicht!“
GEJ|2|44|16|0|Sage Ich: „Was möchtest du nicht?“
GEJ|2|44|17|0|Sagt Sarah: „Ei, ei, Du bringst mich aber nun schon in eine ungeheure Verlegenheit! Ach, wenn ich doch den sonst gar so lieben Borus nur nicht angeschaut hätte!“
GEJ|2|44|18|0|Frage Ich: „Ja, jetzt hast du Mir aber noch nicht gesagt, was es eigentlich ist, das du nicht möchtest! Also, geh, liebste Sarah, sage es mutig heraus, was das ist, was du so ganz eigentlich nicht möchtest!“
GEJ|2|44|19|0|Sagt Sarah: „Aber Herr, wie magst Du mich noch fragen!? Weißt es ja ohnehin, was es ist, das ich nicht möchte! Laß Du mich raten, und ich werde durch ein leises Kopfnicken Dir schon zu erkennen geben, was das sei, was ich nicht möchte!“
GEJ|2|44|20|0|Sage Ich: „Nun denn, weil du es willst, so will Ich dich erraten lassen, was Ich meine, was das sei, das du nicht möchtest. Und so höre denn: Du möchtest gewiß nicht, daß etwa der gute Borus darum aus Gram krank würde, so du ihm deine schöne Hand nicht reichtest!?“
GEJ|2|44|21|0|Steht die Sarah auf und klopft Mir mit ihrer Hand auf Meine Schulter und sagt, zum Schein sanft ärgerlich: „Ehhh – heißt denn das raten lassen, wenn man gleich mit – hätte mich bald versprochen!“
GEJ|2|44|22|0|Sage Ich: „Nun, – nur heraus mit der Wahrheit!“
GEJ|2|44|23|0|Sagt Sarah: „Nun ja, hast so schon gesagt ,Mit der Wahrheit‘; ist aber auch wahr, daß das nicht ,raten‘ heißt, wenn man gleich mit der Wahrheit herauskommt!“
GEJ|2|44|24|0|Sage Ich: „Nun sieh, Ich wußte es ja, daß du für Meinen liebsten Freund Borus mehr Sinn hast, als du es uns äußerlich wolltest merken lassen! Aber es ist das schon alles recht also! Das Mädchen soll bis auf den letzten Augenblick nur höchst wenig merken lassen, daß sie zu einem Manne eine besondere Neigung in ihrem Herzen trägt; erst wenn es sich um einen vollen Ernst handelt, soll sie dem Mann, der sie zum Weibe nehmen will, ihr Herz eröffnen, – sonst verlockt sie ihn vor der Zeit, und so dann möglicherweise sich Hindernisse erheben, da macht sie dann traurig sein Herz und unruhig sein Gemüt! Und das alles ist dann von großem Übel.“
GEJ|2|44|25|0|Sagt die Sarah: „Aber Herr, das alles habe aber ich doch nicht getan!?“
GEJ|2|44|26|0|Sage Ich: „Nein, nein liebste Sarah; darum habe Ich dich ja als ein Muster belobt! – Jetzt kannst du dem lieben Borus aber schon nach und nach sagen, wie es dir so ganz eigentlich ums Herz ist!“
GEJ|2|44|27|0|Sagt die Sarah: „Ach, – jetzt sage ich's ihm noch nicht; wenn er erst mein Gemahl ist, dann ist es schon noch Zeit!“
GEJ|2|44|28|0|Sage Ich: „Wenn er aber von Mir aus zum Beispiel schon dein Gemahl wäre, wie dann?“
GEJ|2|44|29|0|Sagt die Sarah, heimlich fröhlich überrascht: „Nun ja, wie dann? – Nun ja, dann – – dann – nun ja, – dann – müßte ich ihm freilich mein Herz vollends enthüllen!“
GEJ|2|44|30|0|Sage Ich zum Borus: „Sieh, wie unbeschreiblich lieb sie ist! Nimm sie, liebe recht und pflege sie wie eine zarteste Pflanze; denn Ich gebe sie dir aus den Himmeln als einen wohlverdienten Lohn. Gehet hin zu den Eltern, auf daß sie euch segnen, und kommet dann zu Mir, daß auch Ich euch nochmals segne!“
GEJ|2|44|31|0|Borus dankt Mir, vor lauter Freude kaum reden könnend, und die Sarah erhebt sich gar züchtig von ihrem Sitze und sagt mit fröhlich erregter Stimme: „Herr, nur weil Du es also willst, tue ich es gerne; wäre es Dein Wille, so hätte ich dennoch gegen mein Herz gekämpft, – aber so danke auch ich Dir für den besten Mann vom ganzen Judenlande!“
GEJ|2|44|32|0|Nach diesen Worten begeben sich beide zu dem Elternpaare hin und bitten es um den Segen, und als dieser ihnen mit allen Freuden zuteil wird, so kehren sie sogleich wieder zu Mir zurück; und Ich segne sie auch sogleich zu einer wahren, auch für alle Himmel gültigen Ehe, wofür Mir dann beide mit dem gerührtesten Herzen vollauf danken.
GEJ|2|44|33|0|Es ist also hier eine ganz unvermutete Ehe geschlossen, die als eine der glücklichsten auf der ganzen Erde zu finden sein möchte. Und es geht daraus hervor, daß jemand das, was er Mir völlig zum Opfer bringt, nie verliert, sondern voll des höchsten Segens wiedererhält, und das allemal zu einer Zeit, in der er es sicher am wenigsten vermutet. Borus war in die Sarah überaus verliebt und hätte alle Schätze der Welt um sie gegeben, so man sie von ihm gefordert hätte; denn ihre wunderbare Schönheit, besonders nach der zweiten Erweckung, war für den Borus etwas, das er nicht beschreiben konnte, – und doch opferte er sie Mir ganz und wollte mit allem, was ihm zu Gebote stünde, Meinen vermeinten Hochzeitstag feiern. Ebenso fühlte auch Sarah überaus viel für den Borus, opferte ihn aber auch ganz Mir und wollte entschieden nur Mir allein angehören. Aber da wandte Ich das Blättchen auf einmal um und gab beiden, was sie Mir wahrlich von ganzem Herzen gegeben hatten. – Wer so handelt wie diese beiden, dem werde Ich auch tun wie diesen beiden!
GEJ|2|44|34|0|Dies zur Belehrung für jedermann, der dies hören oder selbst lesen wird; denn auf diesem Wege kann man von Mir alles erlangen. Wer Mir alles opfert, dem opfere dann auch Ich alles; wer aber reichlich opfert, aber dabei dennoch vieles für sich zurückbehält, dem wird nur das wiedergegeben, was er geopfert hat. – Und nun wieder zur Sache!
GEJ|2|45|1|1|45. — Das innere Wesen der Engel
GEJ|2|45|1|0|Nach dieser recht herrlichen Begebenheit trat abermals Cyrenius zu Mir und sagte: „Herr, ich habe mich über manche Dinge mit beiden Engeln besprochen; aber ich habe aus allem, was sie mir sagten, nichts anderes gelernt, als was ich durch Deine Güte und Gnade schon ohnehin gewußt habe. Da hat also nichts Neues herausgeschaut! Aber was mich wenigstens sehr gewundert hat, ist, daß die beiden unbeschreiblich schönen Jünglinge gewisserart so ganz kalt sind für alles, was da vor sich geht! Sie sprechen voll tiefster Weisheit, und der Klang ihrer Stimme übertrifft die reizendste Harmonie der Äolslyra; aus ihren Mienen lächelt gleichfort ein reinstes Morgenrot; ihr Hauch duftet wie Rosen, Jasmin und Ambra; ihre Haare sind wie reinstes Gold, und ihre alabasterweißen Hände sind so rund und im vollüppigsten Ebenmaße so zart, daß ich auf der Erde dafür wahrlich keinen Vergleich finden kann; ihre Brust ist im vollendetsten Maße gleich der einer aufblühenden Jungfrau, wie ich nur eine einzige einmal in einer Gegend am Pontus gesehen habe; und ebenso schön und strotzend üppig im herrlichsten Ebenmaße sind ihre Füße; kurz, – man könnte vor lauter Liebe zu diesen beiden Wesen ganz rasend werden! Aber bei all diesen glorieartigen, unbeschreiblichen Vorzügen, aus denen nichts als Liebe und wieder tausendfache Liebe duftet, womit sie sogar den härtesten Stein zu Wachs erweichen müßten, sind sie dennoch so kalt und teilnahmslos wie eine marmorne Statue im höchsten Winter! Und das macht mich nahezu auch so kalt, als wie kalt da die beiden sind.
GEJ|2|45|2|0|Sie haben zwar durchaus nichts von sich Abstoßendes, weder in der Rede noch in der Gebärde; aber es rührt sie nichts und bringt sie auch nichts aus ihrer überstoischen Gleichgültigkeit gegen alles, was ist und geschieht. Sie äußern sich über Dich Selbst zwar in großer Weisheitstiefe, aber mir kommt ihre Rede vor wie das Herablesen eines Briefes in einer Sprache, die man nicht versteht.
GEJ|2|45|3|0|Sage mir doch, wie denn das bei den zwei reinst himmlischen Wesen möglich ist! Ist denn das der reinen Geister Sitte in Deinen Himmeln?“
GEJ|2|45|4|0|Sage Ich: „Das wohl mitnichten! Aber diese beiden verhalten sich hier nur darum also, weil sie sich also verhalten müssen; sie aber haben für sich dennoch den vollkommenst freien Willen und ein Herz voll der heftigsten Liebesglut, die dich im Augenblick verzehren würde, so sich die beiden dir gegenüber ihrer Liebe entäußern würden!
GEJ|2|45|5|0|Der irdische Mensch kann wohl die höchste Weisheitstiefe der Engel ertragen, aber ihre Liebe nur dann, wenn er in seinem Herzen ihrer Liebe gleichgekommen ist.
GEJ|2|45|6|0|Daß die Sache sich aber also verhält, kannst du schon aus den ganz natürlichen Verhältnissen des irdischen Feuers und Lichtes ganz leicht ersehen. Das Licht kannst du ertragen wohl, das der Flamme entströmt; kannst du darum aber auch die Flamme selbst, die das Licht gibt, ertragen?
GEJ|2|45|7|0|Die Sonne hat für die Welt doch sicher das stärkste Licht, und du kannst es noch ganz behaglich ertragen! Und wenn sich mit der Zunahme des Lichtes auch die Wärme mehrt, so wirst du das Licht freilich wohl schwerer ertragen; aber könntest du mit deinem Leibe auch gleich einem Engel in der über alle deine Begriffe lichtglühenden Sonnenluft bestehen? Ich sage es dir: Diese Sonnenluft würde die ganze Erde samt allem, was sie trägt, in einem Augenblick also zerstören, als wie da zerstört wird ein Tropfen Wassers, so er auf ein weißglühendes Erz fällt!
GEJ|2|45|8|0|Wer in solchem Licht und Feuer bestehen will, der muß zuvor selbst das gleiche Licht und Feuer sein! Und sieh, aus eben diesem Grunde können die beiden Engel sich ihrer Liebe dir gegenüber nicht entäußern, weil dich ihre zu mächtige Liebe verzehren würde! – Verstehst du das?“
GEJ|2|45|9|0|Sagt Cyrenius: „Beinahe verstehe ich es, aber so ganz klar dennoch nicht – wie so manches andere! Denn wie mich eine zu große Liebe töten könnte, will mir noch nicht recht einleuchten!“
GEJ|2|45|10|0|Sage Ich: „Nun denn, so soll dir auch das soviel nur immer möglich einleuchtend gemacht werden, und so höre denn: Du hast eben auch einen Sohn und eine überaus liebenswürdige Tochter. Diese beiden Kinder liebst du nahe fabelhaft stark; ja, dein Herz kann vor lauter Liebe kaum beurteilen, wie mächtig es die beiden Kinder liebt, weil es von den Kindern wieder überaus mächtig geliebt wird. Aber nun stelle dir so recht lebendig vor, als wären dir die beiden Kinder gestorben, und frage dein Herz, ob es den Schmerz über solch einen Verlust wohl ertragen würde! Siehe, dich ergreift schon jetzt ein förmliches Fieber, wo Ich den möglichen Fall bloß als ein Beispiel aufgestellt habe! Wie würde es dir ergehen im Falle der Wirklichkeit? Ich sage es dir, wie Ich dein Herz kenne, daß du den Schmerz nicht drei Stunden lang ertrügest; er würde dich unfehlbar töten!
GEJ|2|45|11|0|Nun, was aber ist die Liebe und die Liebenswürdigkeit deiner Kinder gegen die Liebe und allerfreundlichste Liebenswürdigkeit dieser zwei Himmelsboten!? Wenn diese beiden dich nur ein wenig mit einem liebenden Auge ansähen und gäben dir nur einen Finger zum Kosen, so würde die Liebe in deinem eigenen Herzen sich zu einer solchen Mächtigkeit steigern, daß du solche nicht viele Augenblicke ertragen könntest; und verließen dich dann die Engel auch nur scheinbar, so würde sich dann deines Herzens eine solche Trauer bemächtigen, daß du darob sterben müßtest!
GEJ|2|45|12|0|Denn siehe, so schön nun auch diese Meine beiden Lieblingsengel sind, so ist solch ihre Schönheit doch nichts gegen jene von ihnen, wenn ihr Wesen von Meiner Liebe in ihrem Herzen so ganz durchdrungen wird! Ich sage es dir: da verschwindet endlos weit zurück alles, was die Welt Schönes und Liebes aufzuweisen hat! – Nun meine Ich, daß du Mich wohl wirst verstanden haben!?“
GEJ|2|46|1|1|46. — Von der dienenden Nächstenliebe der Ärzte
GEJ|2|46|1|0|Sagt Cyrenius: „Ja, Du mein Herr und offenbarst mein Gott, nun verstehe ich auch das wieder; ihre scheinbare Kälte ist dennoch pur Liebe!
GEJ|2|46|2|0|Ich entsinne mich da der Mythe von einer Jungfrau, die durch sonderbare Fügungen der Kräfte der Natur wohl unbegreiflich schön und reizend war. Das merkten die Jünglinge, Männer und Greise und gerieten bald in einen großen Kampf, damit es sich entscheide, wessen Weib sie würde. Aber der Kämpfer Schar mehrte sich von Tag zu Tag zum Verderben der vielen Kämpfenden. Da man endlich sah, daß man da mit dem Kampfe auf Leben und Tod nimmer zum Ziele gelangen konnte, so trafen die Kämpfer endlich unter sich dahin das Übereinkommen und sprachen: ,Dies Wesen gehört nicht dieser Erde an, sondern den hohen Himmeln, und ist eine Göttin! Daher müssen hier hohe Opfer entscheiden! Wem aus den vielen Opfernden sie ihre schönste Hand reichen wird, der soll sie dann fürderhin ungestört besitzen!‘ Und man brachte auf diesen Beschluß von allen Seiten her unermeßliche Schätze zum Opfer und gab ihr göttliche Verehrung. Die Adoration (Anbetung) dieser Schönheit ging am Ende so weit, daß man die Verehrung und Anbetung der Götter gänzlich beiseite setzte. Darob erzürnten sich die Götter und gaben der schönen Jungfrau einen noch größeren Reiz, machten aber dafür ihren Odem giftig, daß davon ein jeder, der von ihr nur in die Ferne hin angehaucht wurde, besinnungslos zu Boden fiel und stundenlang in solcher Betäubung liegenblieb; dazu gaben sie in der Jungfrau Zunge einen überaus tödlich giftigen Stachel, mit dem sie nach Willkür jeden töten konnte, der sich, als ihr mißliebig, ihrem Munde nahte.
GEJ|2|46|3|0|Als aber einer kam, ein Jüngling von blühend schönster Gestalt, da ward es auf einmal lebendig im Herzen der Jungfrau; aber was sollte sie tun, um ihn zu lieben, da sie darin sicher ist, von dem Jüngling glühend geliebt zu werden? Kehrt sie ihm ihr Antlitz zu, so wird ihr Liebling betäubt zu Boden sinken; küßt sie ihn, so wird er sterben. Sie wandte darum aus Liebe ihr Antlitz vom Jünglinge ab und stellte sich kalt gegen ihn, auf daß er sich ja nicht ihrem Munde nähern möchte. Auf daß ihr sonach ihr Liebling nicht stürbe, mußte sie ihn mit der scheinbar möglichsten Kälte lieben.
GEJ|2|46|4|0|Und so, dieser Mythe völlig ähnlich, lieben diese beiden Jünglinge denn auch die Menschen dieser armseligen Erde mit der scheinbar größten Kälte, weil sie nur zu gut wissen, daß die Menschen die Liebesglut ihrer himmlischen Herzen nicht ertrügen!“
GEJ|2|46|5|0|Sage Ich: „Ja, ja, also ist es; nur ist natürlich ihr Odem nicht giftig, und ihre Zunge führt keinen tödlichen Stachel; sondern ihr Odem belebt, und ihre Zunge segnet die Erde.“
GEJ|2|46|6|0|Hier trat wieder Borus mit der Sarah zu Mir und fragte Mich, was er denn doch tun müßte, um sich für diese überschwenglich große Gnade dankbarer zeigen zu können, als solches bis auf diesen, für ihn überglücklichen Augenblick der Fall war!
GEJ|2|46|7|0|Sage Ich: „Sage Mir, du Mein Freund und Bruder, wo ist denn der Mensch, der von seiner Kindheit an Mir mehr zugetan gewesen wäre als du!? Du warst als Knabe Mein täglicher Gefährte und tatest Mir, was du nur Meinen Augen ansahest, daß es Mir eine Freude wäre. Wann du alle Jahre mit deinen Eltern auf deren Besitzungen in Griechenland zogst und nach etlichen Wochen wieder heimkehrtest, so war stets Ich der erste, den du besuchtest, und dem du allerlei gute und oft recht kostbar schöne Sachen als Geschenk mitbrachtest, und du bist nicht ärgerlich geworden, als Ich einmal einen Mir geschenkten silbernen Dianatempel mit einem Hammer zerschlug und verbot, Mir je so etwas wieder zum Geschenke zu bringen!
GEJ|2|46|8|0|Als Ich ein Jüngling ward und fast niemand auf Mich achtete, warst du der einzige, der sich gleichblieb; und wie du allzeit warst, so bist du noch und wirst auch also bleiben. Darum habe Ich dir hiermit nichts als einen schon seit vielen Jahren schuldigen Gegenfreundschaftsdienst erwiesen. Mache darum nicht viel Aufhebens davon! Du hast das sicher liebenswerteste junge und schöne, wie auch geistig geweckteste Weib bekommen – und die Sarah an dir den besten, treuesten und in jeder Hinsicht den reichsten und angesehensten Mann. An Meinem Segen in jeder guten Hinsicht sollt ihr von Mir aus auch ewig nie einen Mangel haben, und du bleibst zudem der beste Arzt nicht nur in diesem Lande, sondern in der ganzen Welt! Und so meine Ich, werdet ihr wohl recht gut leben können!?
GEJ|2|46|9|0|Aber nur vergesset der wahrhaft Armen nie, und laß dir deine, von keinem Menschen der Welt erreichbare Kunst in der Heilung aller Krankheiten von keinem armen Bürger und noch weniger von einem Diener zahlen, sei's mit Geld, mit Abdienen, mit Getreide oder mit Vieh!
GEJ|2|46|10|0|Aber den großen Geldbesitzern, Maklern und Wechslern, Kaufleuten und den großen Grundbesitzern rechne deine Kunst nach Recht und Gebühr; denn wer da hat und leben will, der soll dann und wann für sein Leben nur ein Opfer bringen! Es gibt dann schon Arme genug, denen du das zubringen kannst, um was sich ein begüterter Reicher sein Leben erkauft.
GEJ|2|46|11|0|Ein Arzt wie du verkauft den Menschen das Leben, das besonders für die Weltmenschen das größte Gut ist. Darum sollen sie sich's auch nur ums teure Geld und Gut allzeit erkaufen und dabei noch überfroh sein, daß es auf der Erde irgendeinen Menschen gibt, bei dem sich das Leben erkaufen läßt.
GEJ|2|46|12|0|Denn Ich sage es dir: Das ist wahrhaft eine übergroße und allererste Kunst in der Welt, die kein Weltmensch je erlernen kann: durchs Wort, durch den Willen und nur zuweilen durch die Auflegung der Hände alle Krankheiten, vom ärgsten Besessensein – alle Pestarten mit inbegriffen – bis zum leichten Schnupfen herab, in einem Augenblick zu heilen und alle Aussätzigen zu reinigen, die Blinden sehend, die Tauben hörend, die Lahmen gehend und die Krüppel gerade zu machen – und dazu noch den Armen Kunde zu geben vom Reiche Gottes! Freund, gehe hin in die ganze Welt und suche, ob du einen findest, der dir vollends gliche! Ich sage dir, da gibt es außer dir und Mir keinen!
GEJ|2|46|13|0|In Sichar habe Ich wohl auch einen Arzt geweckt, daß er sehr namhafte Heilungen bewerkstelligen kann; aber er kann sich von seinen Kräutersäften nicht völlig trennen und steht daher dir bei weitem nach.
GEJ|2|46|14|0|Meine Jünger werden dir in etlichen Jährchen auch nachkommen, aber nicht alle, die du hier siehst.
GEJ|2|46|15|0|Meine allerliebste Sarah aber soll auch eine Kunst sich aneignen, und zwar die einer Wehemutter (Hebamme); denn es ist vor Gott ein sehr wertvoller Dienst, den stets mit vielen Schmerzen gebärenden Weibern beizustehen. Und so seid ihr beide sicher also versorgt, wie noch nie ein königlich Paar versorgt war!
GEJ|2|46|16|0|Aber diesen Rat gebe Ich dir auch: Wenn ein Kranker zu dir kommt oder du zu einem gerufen wirst, so frage ihn stets ganz ernstlich: ,Glaubst du, daß ich dir im Namen Jesu, des Heilandes aus den Himmeln, helfen kann?‘ Sagt der Kranke darauf vollernstlich: ,Ja, ich glaube!‘, so heile ihn; zweifelt er aber, da heile ihn nicht, bis er glaubt, daß du ihn in Meinem Namen heilen kannst! – Nun aber noch ein Wort zu dir, Jairus!“
GEJ|2|47|1|1|47. — Vorschlag an Jairus. Über äußere Zeremonien
GEJ|2|47|1|0|Sagt Jairus: „Herr, rede, ich will dich hören und danach auch tun nach Deinem Worte!“
GEJ|2|47|2|0|Sage Ich: „Ganz gut also; wirst du danach tun, so wirst du zeitlich und ewig glücklich sein. Und so höre denn:
GEJ|2|47|3|0|Du bist nun ein Oberster der Pharisäer und ihrer Schulen in dieser ganzen Gegend von Nazareth, Kapernaum und Chorazin, von Kana in Galiläa und vielen andern Flecken, Dörfern und Weilern. Du stehst darum in Galiläa in einem großen Ansehen, das nicht viel geringer ist denn das des Hohenpriesters zu Jerusalem. Aber siehe, all dies dein großes Ansehen konnte deine Tochter nicht vor dem zweimal erfolgten Tode erretten und noch weniger sie vom Tode erwecken, als sie vollwahr gestorben war!
GEJ|2|47|4|0|Du siehst, daß solch ein großansehnliches Amt zu gar nicht viel anderem nütze ist, als vor allem den Hochmut des Hochbeamteten noch mehr zu erhöhen, ihm das immer steigende Wohlleben zum Bedürfnisse zu machen, aber in der Nützung und wahren Hilfe den Menschen gegenüber stets schwächer und hilfloser zu werden und sich sonach den Hilfebedürftigen als selbst hilflos oder zu helfen ohnmächtig gegenüberzustellen; denn wer jemandem, der irgendeiner Hilfe bedürftig ist, nicht helfen kann oder will, der ist ebenso hilflos wie der Hilfsbedürftige selbst.
GEJ|2|47|5|0|Es ist demnach ein hohes Amt, besonders das deine, von einem höchst geringen Belange. Wie wäre es denn, so du es in die Hände des Hohenpriesters nach Jerusalem zurücklegtest und darauf zu deinem nunmaligen Schwiegersohne zögest, bei dem du sicher besser und ansehnlicher versorgt wärest, als wie du es jetzt vom stockblinden Jerusalem aus bist? Du könntest dem Borus die Schrift, in der du wohlbewandert bist, nach und nach stets heller und heller machen, was für ihn von großem Nutzen wäre; er aber würde dich dafür so manches in der Heilkunde lehren. Ich aber lege dir damit kein Gebot auf, sondern stelle es dir ganz frei! Willst du diesen Meinen Rat befolgen, so wirst du wohl tun; willst du aber das nicht, so wirst du deshalb keine Sünde begehen.“
GEJ|2|47|6|0|Sagt Jairus: „Herr, da bist du meinem höchst eigenen Wunsche wahrlich zuvorgekommen! Das ist nicht jetzt, sondern schon lange mein Wunsch gewesen, mein lästiges Amt niederzulegen; jetzt aber, da sich alles gar so überaus wundervoll günstig für mein Sein gestaltet hat, werde ich morgen schon einen Boten mit einem Dienstentlassungsgesuche nach Jerusalem senden mit der Bitte, dieses Amt einem andern zu verleihen! Aspiranten um solche Ämter gibt es in Jerusalem stets eine Menge, die für die Verleihung solch eines Amtes dem Tempel zehnfache Taxen bezahlen können, und so wird den Herren im Tempel ein solches Gesuch sicher sehr erwünscht sein, weil sie sogar Anträge denen machen, die irgendein hohes Amt besitzen, daß sie davon abstünden, weil dadurch ein neuer Aspirant in die Gelegenheit versetzt werden könnte, den Tempel um einige hundert Pfunde Silbers und Goldes reicher zu machen, als er vorher war! Mit den Ämtern wird nun in Jerusalem ja ein ganz ergiebiger Handel getrieben!“
GEJ|2|47|7|0|Sage Ich: „Oh, das weiß Ich am allerbesten, wie es nun in Jerusalem zugeht! Da wird nur aufs Gewicht des Silbers und Goldes und der Perlen und Edelsteine gesehen, nie aber auf den Geist des Menschen. Wenn du als ein Prophet über Moses und Elias hinaus in den Tempel kämest und fingest an, als solcher zu predigen, so würde man dir nur zu bald die verfluchten Steine zeigen, mit denen die meisten der Propheten gesteinigt worden sind; aber so du kämest mit zehntausend Pfunden Goldes, so würde man dir die größten Ehren erweisen! Laß du nur zwei fette Ochsen in den Tempel treiben, und du kannst versichert sein, daß sie ihnen um vieles lieber sein werden denn Moses und Elias. – Aber lassen wir nun das! Die Zeit ist nicht mehr ferne, die den Templern und ganz Jerusalem den wohlverdienten Lohn geben wird; denn gar lange wird man diesem Greuel nicht mehr zusehen. – Nun von etwas anderem!
GEJ|2|47|8|0|Was hört man denn nun vom Johannes? Ist er noch in der Haft des Herodes?“
GEJ|2|47|9|0|Sagt Jairus: „Ich habe nichts vernommen, daß er irgend wieder in Freiheit gesetzt worden wäre! Aber ich werde mich durch den morgigen Boten, den ich in der bewußten Sache nach Jerusalem absenden werde, darüber ganz angelegentlich erkundigen, so es Dir, o Herr, genehm ist!“
GEJ|2|47|10|0|Sage Ich: „Laß das; denn Herodes ist ein schlauer Fuchs, und dein Bote könnte als Galiläer Anstände bekommen. Ich aber sehe es im Geiste ohnehin, wie es mit Johannes steht. Wir werden übermorgen traurige Nachrichten erhalten, an denen samt Mir niemand eine Freude haben wird.“
GEJ|2|47|11|0|Nach diesen Worten fragen Mich Cyrenius und Kornelius, ob Ich denn haben möchte, daß auch sie ihre hohen Ämter niederlegen sollen.
GEJ|2|47|12|0|Sage Ich: „Oh, mitnichten! Eure Ämter sind ganz anderer Art und überaus nötig und von großer Wichtigkeit! Aber nur verwaltet eure wichtigen und hohen Ämter stets nach Recht und Billigkeit und stellet vor dem Gesetz jedermann gleich! Nur – wie ihr es schon wisset aus Meinem Munde – lasset die Liebe stets vor dem Gesetz einhergehen, und denket, daß der Sünder, der gegen die sehr weitläufigen Staatsgesetze als ein dieser vielen Gesetze völlig Unkundiger nur zu leicht zu handeln imstande ist, auch ein Mensch ist, bestimmt, so wie ihr, fürs ewige Leben im Reiche Gottes! Werdet ihr stets also euer Gesetz handhaben, so werdet ihr gleich den Engeln handeln, die eben auch also Gottes Diener sind, wie ihr Diener des Kaisers seid.“
GEJ|2|47|13|0|Sagt Cyrenius: „Das wollen und werden wir! Aber nun haben wir noch eine äußerst wichtige Frage, und diese besteht darin: Wir sind, wie Dir nur zu wohl bekannt ist, Römer und sonach, wie ihr sagt, Heiden (Irrgläubige). Sollen wir dem Äußeren nach bleiben was wir sind, nämlich Heiden, oder sollen wir öffentlich dem Heidentume abschwören und uns beschneiden lassen?“
GEJ|2|47|14|0|Sage Ich: „Weder das eine noch das andere! Sondern wer, wie ihr, im Herzen beschnitten ist durch den Glauben an und durch die Liebe zu Gott, braucht weiter nichts mehr; denn das genügt vollkommen zur Erreichung des ewigen Lebens. Nach etlichen Jahren aber werden schon ohnehin Meine vom Gottesgeiste erfüllten Jünger zu euch kommen und euch taufen mit dem Geiste Gottes, und ihr werdet dadurch alles erhalten, was euch not tut. – Nun wisset ihr alles. Der Abend ist nicht mehr fern, und wir wollen uns der Juden wegen heute, als am Vorsabbate, etwas früher zur Ruhe begeben als an einem andern Tage. Nach dem Abendmahle werden wir denn für heute nichts weiteres mehr verhandeln.“
GEJ|2|47|15|0|Hier treten die zwei Engel zu Mir in der tiefsten Ehrfurcht und bitten Mich, ob sie denn nicht noch die paar Tage sichtbar hier in Meiner leiblichen Nähe verweilen dürften; es sei für sie das die höchste Seligkeit, die sie je empfunden haben.
GEJ|2|47|16|0|Und Ich sage es laut: „Ihr habt von jeher die vollste Freiheit, und so tut, was euch frommt; aber vergesset darob nicht, welchen Dienst ihr zu leisten habt! Die Mittelsonnen bedürfen einer großen Pflege, und ihr wisset es, wie viele es deren im unendlichen Gottesraume gibt!“
GEJ|2|47|17|0|Sagen die beiden Engel: „Herr, dies alles ist besorgt und wird fortan gleich besorgt!“
GEJ|2|47|18|0|Sage Ich: „Ja, ja, das weiß Ich, darum auch möget ihr nach eurem Wunsche hier verweilen; denn der Geringste hier aus diesen Menschen, die um Mich sind, ist mehr denn zahllose Mittel-, Neben- und Planetarsonnen! Die Sonnen aber sind der Menschen wegen gemacht und müssen dieser wegen denn auch stets allersorgfältigst besorgt werden!“ – Die Engel verneigen sich überseligst und gehen wieder zu Meinen Jüngern, mit denen sie sich gleichfort besprechen und ihnen über gar viele Dinge in der Welt überwichtige Aufschlüsse geben.
GEJ|2|47|19|0|Borus aber eilt nun ins Haus und sorgt für ein gutes Abendmahl, das er reichlich bereiten läßt.
GEJ|2|48|1|1|48. — Die erbschaftlichen Angelegenheiten des Jairus
GEJ|2|48|1|0|Nach dem Abendessen, das über eine gute Stunde angedauert hatte, fragte Kornelius den Cyrenius sagend: „Hoher Bruder, was meinst du denn?! Sollen wir heute noch hier verweilen, oder sollen wir uns vielleicht – irgend wichtiger, auf uns wartender Geschäfte halber – von dannen begeben? Ich bin dir tief untergeben und füge mich deinem Worte.“
GEJ|2|48|2|0|Sagt Cyrenius: „Ich hätte eigentlich schon heute in der Frühe abreisen sollen, da meiner sicher schon irgend dringende Geschäfte harren. Aber sage: Wer, wenn er weiß, was hier ist, kann sich von da trennen? Man könnte schwer einen freundlichen Kaiser verlassen, so er sagete: ,So du bleiben willst, so bleibe!‘ Was ist aber ein Kaiser gegen hier, wo unleugbar der Schöpfer Himmels und der Erde weilt als Mensch unter Seinen Menschen und unter Seinen Engeln?! Zudem haben Seine Engel auch eine längere Frist zum Hierbleiben erhalten, von denen wir noch sehr viel lernen und erfahren können. Ah, jetzt gehe ich schon gar nicht fort! Nicht ums ganze römische Kaiserreich brächte mich jetzt jemand von der Stelle, und sollte da schon kommen, was da wollte! – Bleibe nur du auch! Von mir aus hast du die volle Erlaubnis dazu; und käme da auch etwas aus, so wird wegen ein paar Tagen die Erde noch lange nicht zugrunde gehen! Dazu meine ich, daß wir bei diesem Herrn viel besser versorgt sind denn von Rom aus!? Und sollte auch etwas noch Dringendes ausfallen, so gibt es in der Hand des Allmächtigen Mittel genug, auch das Dringendste im Augenblick zu schlichten.“
GEJ|2|48|3|0|Sagt Kornelius: „Hoher Bruder! Mit diesem Bescheide bin ich ja ohnehin über alle Maßen zufrieden, und es verlangt mich noch lange nicht, diesen Ort zu verlassen! Ich habe ohnehin nur der politisch-staatlichen Ordnung wegen diese Frage getan. Aber es wäre in einer gewissen Hinsicht denn vielleicht doch gut, eine geheime Spioniererei durch unsere Wachleute, die wir bei uns haben, die heutige Nacht hindurch in der Stadt anzuordnen, um zu erfahren, was denn etwa doch die Leute von unserm Hiersein halten und untereinander reden!?“
GEJ|2|48|4|0|Sagt Cyrenius: „Wenn es dem Herrn genehm ist, können wir die Sache anordnen; aber ich bin da dieser Meinung, daß wir am Herrn vor allem, und dann auch an den zwei Engeln, die allerverläßlichste geheime Polizei haben und es nicht nötig sein dürfte, uns, solange als wir hier sind, einer andern zu bedienen. Sind wir fürderhin wieder von dieser heiligen Gesellschaft aus den Himmeln entfernt, dann werden wir uns leider wohl wieder der geheimen Auskundschafter bedienen müssen, um die Gesinnungen der Menschen in der nötigen Evidenz (augenscheinliche Gewißheit) zu erhalten und dort sogleich Vorsichtsmaßregeln zu treffen, wo sich für den Staat ungünstige Konspirationen zu zeigen beginnen. Aber wie gesagt, wenn es dem Herrn genehm ist und Er es wünscht, da bin ich gleich bereit, das Allertriftigste anzuordnen.“
GEJ|2|48|5|0|Sage Ich zum Cyrenius: „Laß das; denn fürs erste weiß Ich ohnehin vom Alpha bis zum Omega, was in der Stadt nun alles für und wider uns geredet wird. Im ganzen aber liegt durchaus keine Gefahr darin; denn dies Volk ist auch für gewisse Bosheiten viel zu blind und zu dumm. Darum lasset das alles gehen! Von Nazareth aus wird nie eine Emeute ausgehen, des könnt ihr versichert sein. Übrigens ist Mein Freund Borus stets die allerverläßlichste geheime Polizei; ihm entgeht gar zu leicht nichts, – was in der eben nicht gar großen Stadt sicher nicht schwer ist. Zudem könnte Ich Meinen Engeln sagen, daß sie die Spionage vornehmen, und ihr könntet durch sie in einem Augenblick mehr erfahren, als so ihr zehn Jahre hindurch die allerklügsten Spione hieltet. Aber wie gesagt, hier tut weder das eine noch das andere not, – und wir begeben uns daher ganz ohne Sorge zur Ruhe. Nur Jairus wird noch einen Boten nach Jerusalem bestellen und ihn mit der Amtszurücklegungsanzeige versehen müssen. Denn morgen werden wir ganz andere Dinge zum Verhandeln bekommen.“
GEJ|2|48|6|0|Sagt Jairus, ganz traurig, daß er jetzt die Gesellschaft verlassen solle: „Herr, wäre es denn nicht möglich, hier die Urkunde auszufertigen und sie nach Jerusalem, mittels eines Boten, von hier aus zu befördern? Das Haus in Kapernaum ist ohnehin mein volles Eigentum und alles, was darin ist, Gründe, wie Äcker und Wiesen, durften wir Priester ja ohnehin nicht besitzen, und so ist mein alles in meinem Hause, das Dir wohlbekannt ist. Ich habe somit vorderhand in Kapernaum nichts zu tun und werde wahrscheinlich auch nachderhand dort nichts mehr zu tun bekommen; mein Haus samt allem, was darin ist, gebe ich nun sogleich meinem lieben Schwiegersohne. Mit einer Schrift von mir in seiner Hand wird er hingehen und alles unter staatsgerichtlicher Assistenz (Hilfe) in den vollen Besitz nehmen – gleich einem rechtmäßigen Erben nach meinem Tode, und ich und mein Weib sind dabei ganz überflüssig. Was aber die Freunde in Kapernaum betrifft, so sind diese hier; die aber noch in Kapernaum sich befinden und sich zu meinen Freunden zählen, sind wahrlich keines Abschiedsbesuches wert; denn es sind das lauter Freunde ins Gesicht, aber im Herzen doch sind s' ohn' Gewicht!“
GEJ|2|48|7|0|Sage Ich: „Nun, so bleibe denn auch du, und Ich werde an deiner Stelle einen Meiner zwei hier anwesenden Boten nach Jerusalem senden; der wird mit solcher Botschaft eher fertig werden, als so du einen Boten nach Jerusalem absenden würdest. Aber nicht mehr heute, sondern morgen als an einem Sabbat!“
GEJ|2|48|8|0|Sagt Jairus: „Am Sabbat wird sich's wohl im Tempel am wenigsten schicken; denn die Hohenpriester und Oberpriester im Tempel halten auf nichts strenger als auf die Sabbatsfeier!“
GEJ|2|48|9|0|Sage Ich: „Laß du das gut sein! Sie halten auf die Feier des Sabbats nur darum so große Stücke, weil notwendigerweise zum öftesten dawidergehandelt wird und werden muß, da ein jeder Mensch denn doch oft an einem Sabbat irgend etwas zu tun genötigt wird, die Pharisäer aber dabei auch am öftesten die Gelegenheit bekommen, den Übertretern der Sabbatfeier recht derbe Strafbußen zu diktieren.
GEJ|2|48|10|0|Bringe du ihnen aber an einem Sabbat nur Gold und Silber soviel du willst, so werden sie sogleich im Tempel den Sabbat brechen und sodann ganz vergnügt dein Gold und Silber annehmen. Sei du darum des Sabbats im Tempel wegen ganz unbesorgt; Mein Bote wird das ihm anvertraute Geschäft ganz überaus wohl zustande bringen!
GEJ|2|48|11|0|Meinest du denn, daß da es den Pharisäern angenehm wäre, so es niemanden gäbe, der durch irgendein dringendes Geschäft dann und wann schändete den vermeinten Tag des Herrn? Oh, da seien wir ganz ruhig! Je mehr Sabbatschändungen, besonders bei Reichen, vorkommen, desto mehr jubeln im geheimen die Tempelherren!
GEJ|2|48|12|0|Darum noch einmal gesagt: Sei du darob ganz ohne Besorgnis! Mein Bote wird morgen, sogar während der Opferung, die an jedem Sabbat geschieht, ganz vortrefflich aufgenommen werden! Denn er wird mit einer schweren goldenen Beilage in den Tempel eintreten und sogestaltig von den Pharisäern mit den freundlichsten Mienen und offensten Armen aufgenommen werden; zudem warten ohnehin schon zehn Aspiranten auf eine Oberstenstelle, für die sie große Summen bieten. Und so wird ihnen, und besonders aber den Templern, deine Abdankung überaus erwünscht kommen.
GEJ|2|48|13|0|Es wird darauf sogleich der Sabbat im Tempel unter der bekannten Zeremonie gebrochen und darauf sogleich die Versteigerung der Oberstenstelle von Kapernaum vorgenommen werden; und du wirst durch den zurückkehrenden Boten sogar den Namen deines Nachfolgers erfahren.
GEJ|2|48|14|0|Siehe, so stehen die Dinge nun im Gotteshause zu Jerusalem, das da auch heißet ,die Stadt Gottes‘, aber nun ganz eigentlich eine Stadt des Satans ist. Da nun aber alle Dinge gut geordnet sind, so begeben wir uns zur Ruhe; denn morgen soll es für uns früh Tag werden!“
GEJ|2|49|1|1|49. — Des Jairus Abdankung. Der Herr in der Synagoge
GEJ|2|49|1|0|Auf diese Meine Worte begibt sich nun alles zur Ruhe; nur Meine Brüder, die Mutter Maria und der Borus sind noch in der Küche beschäftigt, um für den kommenden Sabbat alles Nötige vorzubereiten. Auch die Sarah und die Lydia sind der Maria behilflich und tummeln sich recht emsig in der Küche herum. Als sie alles in der Ordnung haben, begeben auch sie sich zur Ruhe, und wie gewöhnlich ist auch am Morgen die Maria zuerst auf den Beinen und weckt die, die sie braucht, noch lange vor dem Aufgange, auf daß sie alles, was wir den Tag hindurch vonnöten haben, nach jüdischer Sitte noch vor Beginn des Sabbats in der Ordnung und Bereitschaft hat. Borus ist auch sehr geschäftig, und so sind zum Morgenmahle schon alle Tische bestellt, als wir alle uns von den Lagern erheben.
GEJ|2|49|2|0|Im Freien werden Morgenpsalmen gesungen, und auf den vielen Tischen im Freien harren schon wohlzugerichtete Fische und Brot und Wein derer, die sie verzehren werden.
GEJ|2|49|3|0|Wir begeben uns dann auch zum Morgenmahle, und Ich entsende nach dem Mahle den Boten in der bewußten Angelegenheit nach Jerusalem. Jairus harret mit großer Sorge auf die Rückkunft des abgesandten Boten, der natürlich nur so lange ausbleibt, als er auf rein menschliche Weise mit den Templern zu verhandeln hat. Da aber die Verhandlung dennoch bei zwei Stunden angedauert hatte, so kam der Bote auch nur erst in zwei Stunden, zur großen Freude des Jairus, zurück und hinterbrachte dem Jairus nebst der Nachricht von der freudigen Annahme seiner Abdankungsurkunde auch eine Lob- und Dankadresse für dessen treu verwaltetes Amt, und es wird ihm zugleich auch der Name seines Nachfolgers kundgegeben mit der Bitte, selbem im Falle der Not mit Rat und Tat an die Hand zu gehen, falls er dessen bedürfe.
GEJ|2|49|4|0|Jairus ist nun ganz heiter und sagt zu Mir: „Herr, aus aller Tiefe meines Herzens danke ich Dir für diese wunderbare Errettung von einem Amte, in dem ich nach solchen gotteswiderlichen Dienstverhältnissen alleroffenbarst eine Beute des Satans werden müßte!“
GEJ|2|49|5|0|Sage Ich: „Nun, habe Ich es dir nicht gesagt: Wenn es sich um glänzende Geschäfte der Templer handelt, da kann nun der Sabbat inmitten der Opferung zu jeder Stunde des Tages gebrochen werden! Aus dem aber kannst du leicht ersehen, wie viel die Templer auf Gott und Seine heiligen Gesetze halten!
GEJ|2|49|6|0|Nun aber wollen wir des Volkes wegen dennoch wieder die Synagoge besuchen und dort sehen, was die Pharisäer alles machen und lehren werden; aber wir nehmen ganz rückwärts Platz, auf daß wir von den aufgeblähten Pharisäern und Volksältesten nicht so bald bemerkt werden!“
GEJ|2|49|7|0|Sagt Jairus: „Aber ich werde nicht hineingehen, denn mich kennt ein jeder Knabe; wäre ich in der Synagoge, so müßte ich vorne im Presbyterium des Obersten Platz einnehmen, und ihr wäret dadurch verraten!“
GEJ|2|49|8|0|Sage Ich: „Laß nur du dir kein Kummerhaar wachsen! Denn so Ich etwas anrate, was da zu geschehen hat, so kannst du ohne alle weiteren Besorgnisse danach handeln, und es wird dir dennoch kein Haar gekrümmt werden! Und so machen wir uns sämtlich auf den Weg!“ – Wir setzen uns darauf in Bewegung und erreichen bald die Synagoge.
GEJ|2|49|9|0|Als wir in dieselbe treten, so zeigt es sich, daß sie sehr leer ist, und nur allein die diensttuenden Pharisäer erfüllen das Presbyterium. Nach und nach kommen einige alte Juden und nehmen in ihren Bänken Platz, um darin so recht con amore (mit Liebe) ihr Vormittagsschläfchen zu machen.
GEJ|2|49|10|0|Nach vollbrachter Opferung und stumpfer Herabmurmelung der Gesetze, einiger professionsmäßiger Psalmen und des Hohenliedes Salomonis besteigt ein Redner den Rednerstuhl und fängt mit einer sehr heiseren Stimme folgendes zu predigen an: „Meine Geliebten in unseren Vätern Abraham, Isaak und Jakob! Wir leben nun in einer sehr bedrängten Zeit – nahe gleich derjenigen, als Noah die Arche baute und endlich, auf Jehovas Geheiß, sich samt seiner Familie in dieselbe einschloß! Wir stehen nun an der heiligen Stätte, von der Daniel geweissagt hat, sehen den von ihm vorhergesagten Greuel der Verwüstung an – wie die gebannten Sklaven der heidnischen Hexe Megära die Qualen ihrer Brüder ansehen und schmerzlich erwarten mußten, bis man auch sie in kochendes Erz legen werde – und können uns weder links noch rechts hin irgend bewegen! Wir stehen so verlassen da wie irgendein schon lange abgestorbener Baumrumpf auf einer Bergspitze zum klaffenden Beweise, daß einst auch in solcher Höhenregion üppige Wälder mögen gestanden haben! Was ist aber da zu machen? Das ist eine große Frage! Eine diamantene Krone dem, der darauf eine taugliche Antwort zu finden imstande ist! Aber er bedenke wohl unsere höchst gebannte und mit allen Ketten der Welt gefesselte Stellung!
GEJ|2|49|11|0|Auf der einen Seite sitzen uns die Römer wie der ganze Berg Sinai knapp auf dem Genicke, auf der andern Seite des Zimmermanns Sohn, der auf einmal, wie aus den Wolken gefallen, aus einem barsten Haustölpel zu einem Propheten erstanden ist, wie seit Abraham noch nie einer unter den Juden gelebt hat. Alles läuft ihm nach, groß und klein und jung und alt! Wenn heute Jehova Selbst zur Erde herabkäme, so fragt es sich sehr, ob Er größere Taten vollbringen würde oder könnte! Jede Krankheit heilt er bloß durchs Wort in die Ferne hin, die Toten ruft er aus den Gräbern und gibt ihnen ein vollkommen gesundes Leben wieder! Also gebietet er den Winden und den Meereswogen, und sie gehorchen ihm wie ein Sklave seinem Gebieter! Wenn er redet, so leuchtet allenthalben die allertiefste göttliche Weisheit heraus, und alles ist von der Macht seines Wortes hingerissen und folgt ihm von einer Stadt zur andern. Dazu hat er noch die Großen Roms fest auf seiner Seite, die ihm mit Legionen zu Dienste stehen, wann er deren benötigen würde. Wir aber stehen gerade am Rande des scheußlichsten Abgrundes, um in jedem Augenblick verschlungen zu werden, und haben aber auch nicht ein sterbliches Wesen auf unserer Seite – außer diese alten Schläfer in der Synagoge! Da frage ich noch einmal: Was sollen wir tun?
GEJ|2|49|12|0|Was nützen uns nun Moses und alle die Propheten, was selbst Jehova, der mit Moses und den Propheten geredet hat, uns aber nun schon seit mehr denn einem ganzen Säkulum im tiefsten Moraste stecken läßt!? Und ob wir schon schreien, daß man uns bis zu den Sternen vernehmen solle, so meldet sich dennoch kein Jehova mehr und läßt uns ärger in der schmählichsten Patsche, als ein vollendet windbeutliger Bräutigam seine arme, von ihm zehnmal verführte und unglücklich gemachte Braut! Wir aber haben dafür noch den Ehrentitel, ,Gottes Volk‘ zu heißen, während die gottlos sein sollenden Heiden in allem Ansehen und im Besitz aller Macht und aller Reichtümer der Erde stehen also, wie solches Jehova Seinem David nach der Schrift verheißen hat, – was aber nie in Erfüllung ging!
GEJ|2|49|13|0|Da heißt es, ganz göttlich groß gesprochen: ,Und deines Reiches wird fürder ewig kein Ende sein!‘ Sehen wir nun das ewige Reich Davids an! O du schöne Lüge eines dem David schmeichelnden Propheten! Wie oft schon ist des Reiches Davids ein Ende gewesen! Er selbst hat schon das Vergnügen gehabt, es an der Seite seines Sohnes zu erleben, und hätte den Sohn nicht eine Eiche gefangengenommen, so hätte der gute David seinem süßen Jehova noch zehntausend Psalmen vorsingen können, und Absalom wäre dennoch auf dem Throne gesessen! – Lassen wir aber das Vergangene beiseite und besehen uns jetzt das verheißene ewige Reich Davids! O du schönes Reich! Vielleicht hat sich die Seele Davids in die Cäsaren Roms begeben, deren Reich wenigstens jetzt ein bei weitem besseres Gesicht hat für einen ewigen Bestand als das Schneckenreich des großen Mannes nach dem Herzen Gottes! Brüder, greifet ihr es noch nicht mit den Händen, daß unsere ganze alte Lehre eine pure Fabel ist, an der sonst nichts ist als erdichtete Namen aus der Vorzeit?! Und wir sind noch die Narren und hängen daran, als wenn da wirklich irgendein Heil zu gewinnen wäre! Welch ein Esel oder Ochse von einem Menschen wird denn noch einen alten, klein zerlumpten Rock am Leibe dulden, so er für den alten zehn neue vom besten Stoffe haben kann?!
GEJ|2|49|14|0|Die Geschichte und die höchst eigene Erfahrung zeigen uns sonnenhell, daß an der ganzen Mosaischen Lehre und an allen Propheten nicht mehr von irgendeinem reellen Belange ist, als an einer hohlen, tauben Nuß, – und doch hängen wir schier verhungert daran wie an irgendeiner sicheren Berechnung und weichen vor lauter alteingewurzelter Dummheit dennoch nicht von der Stelle, wenn uns auch schon das Wasser bei allen unsern Leibesöffnungen hineinrinnt wie der Jordan in das Tote Meer!
GEJ|2|49|15|0|Auf darum, Brüder, schließen wir uns auch an den Sohn des Zimmermanns an, und wir sind geborgen! Denn er tut vor unsern Augen das, was die Alten nie von Jehova, den sie so wenig als wir je gesehen, gefabelt haben! Ich meine, mit diesem meinem Vortrage nun die von mir aufgestellte schwere Frage unter einem beantwortet zu haben; tut danach, und es soll uns allen sogleich physisch und moralisch besser ergehen!
GEJ|2|49|16|0|Roban, unser Ältester, ist uns zuerst mit einem guten Beispiele vorangegangen; folgen wir ihm nach, und es soll für keinen aus uns gefehlt sein! Vielleicht ist gerade dieser vorher wenig beachtete Zimmermann Jesus dazu ganz vollkommen geeignet, das wahrlich unglückliche, ewig sein sollende Reich Davids wenigstens auf eine Zeitlang wieder herzustellen! Denn bei seiner unbegreiflichen magischen Macht, mit der sich keine Macht der Welt messen kann, ist es am ersten möglich, den sehr abergläubischen Römern einen derartigen Respekt einzutreiben, daß davon ihre mächtigen Legionen nur zu bald tausend Füße zum Davonlaufen bekommen könnten.“
GEJ|2|49|17|0|Hier erheben sich die Ältesten, die Schriftgelehrten, Pharisäer und Leviten und sagen: „Du verstehst die Schrift schlecht, wenn du solch eine ketzerische Rede führen kannst, an der zwar wohl in einer gewissen irdischen Hinsicht was zu sein scheint, die aber in geistiger Hinsicht ein schwarzes Verbrechen gegen die unleugbare Majestät Gottes ist, und wir darum genötigt sind, dich unseres Heiles willen aus unserer Gesellschaft unter die Heiden zu stoßen!“
GEJ|2|49|18|0|Sagt der Redner: „Meinet ihr etwa, mich dadurch zu strafen? Oh, da irret ihr gewaltig! Wollt ihr Narren bleiben und als solche verhungern, so tut ihr das immerhin, damit ihr verbleibet in eurer alten Nacht und Finsternis! Ihr alten Dummköpfe, gebet mir ein Beispiel an, wo irgendein Gottesredner einen Toten aus dem Grabe ins Leben zurückgerufen hätte, wie dieser unser Zimmermann!“
GEJ|2|49|19|0|Sagen die Ältesten: „Das wird Gott tun am Jüngsten Tage!“
GEJ|2|49|20|0|Sagt der Redner: „Euer Gott wird euch am Jüngsten Tage was vorpfeifen! Kein Mensch weiß irgendeine Silbe davon, daß Jehova, wie wir Ihn kennen aus der Schrift, je irgendeinen Menschen vom Tode ins Leben zurückgerufen hätte! Weil solches nie ein Mensch erlebt und am Rande seines kurzen irdischen Lebens nichts als den sichern ewigen Tod vor Augen hatte, so ward es ihm sehr bange, und er fing sehr traurigen Gemütes ängstlich zu fragen an: ,Was bin ich, und wohin komme ich, wenn dieses Leben zu Ende ist?‘ Und da es an sogenannten Gottesknechten, wie wir zu sein die spottschlechte Ehre haben, nie gemangelt hat, so mußten sie zum Troste der vielen Fragenden und zum besten ihrer eigenen möglichst besten Zwecke denn doch etwas erfinden, das die vielen sehr scharf Fragenden in etwas beruhigte, und es kam dadurch die Erweckung am jüngsten Tage, den die weiten Himmel wahrscheinlich nie werden erstehen lassen, zum Vorscheine; und wir denkenden Narren lassen uns damit aber auch noch breitschlagen und sind darob blind für die unerhörtesten wahren Taten und Begebenheiten, die vor unseren Augen, Nasen und Ohren zustande gebracht werden! Ist es denn im Ernste gar so etwas Erhabenes für einen Mann, so er sich als Greis noch immer nicht von dem schon ganz verschimmelten sogenannten Kinderzuzel zu trennen vermag?
GEJ|2|49|21|0|Was wollt ihr denn noch fernerhin mit dem alten Kram der Juden, der sich bei der gegenwärtigen Aufhellung der Völker kein halbes Säkulum mehr halten kann? Ich werde der Narr sicher nicht sein und abwarten das Ende dieser blinden Lehre, an der sonst nichts ist als leere geschichtliche Namen oder aber auch Namen und märchenhafte Fabeln, die zuerst die Ammen ihren Säuglingen aus dem Stegreife erzählt haben mögen, und aus denen dann die erwachsenen Säuglinge eine fabelhafte Gotteslehre zusammengestoppelt haben, in der kein System und kein Funke von irgendeiner nach griechischer Art logischen Ordnung zu entdecken ist!
GEJ|2|49|22|0|Sollte denn Jehova nicht einmal so logisch zu reden und zu lehren imstande sein wie ein armseliger griechischer Philosoph, da mag Er erst zu den Griechen in die Schule gehen, bevor Er Seine durchaus nicht allgemein auf den Kopf gefallenen Völker Wahrheit, Ordnung und Weisheit lehren will!
GEJ|2|49|23|0|Aber das sei von mir ewig ferne, daß ich mir den Jehova nicht weiser vorstellen sollte als einen durch seine Kindsmagd gebildeten Propheten, der bei aller seiner sonstigen Dummheit gerade noch so viel Mutterwitz besitzt, eine so dunkle Lehre von sich zu geben, daß er sie zuerst und als der erste durchaus nicht versteht und verstehen kann, was eigentlich schon in seinem Plane darum gelegen ist, auf daß solch eine Lehre desto weniger von irgendeinem andern Menschen verstanden werden solle! – Höret mir auf mit eurem Jehova! Wahrlich, als ein ehrlicher Mensch muß ich mich nun erst so recht zu schämen anfangen, daß ich je solch einer unmenschlich dummen Lehre habe anhangen können!
GEJ|2|49|24|0|Wenn an der Lehre Mosis aber im Beginne etwas gewesen war, so ist dieses ,Was‘ nun sicher so entstellt durch die niedrigsten menschlichen Lumpereien, daß wir davon aber auch nichts mehr als den vielleicht auch schon ganz falsch ausgesprochenen Namen besitzen!
GEJ|2|49|25|0|Ich bin daher heute noch ein Jünger des Zimmermanns Jesus! Er ist gut und wird einen ehrlichen Kerl sicher nicht, wie ihr, von sich weisen!“
GEJ|2|50|1|1|50. — Reden der Ältesten über die Zustände im Judentum
GEJ|2|50|1|0|Sagen die Ältesten, ganz grimmig erstaunt über den Redner: „Gottesleugner! Gotteslästerer! Weißt du, daß du genau nach Mosis nun durch diese deine übergotteslästerliche Rede verdient hast, gleich in der Synagoge gesteinigt zu werden? Wie kannst du es wagen, andere Menschen in ihrem festesten Glauben zu erschüttern, an Gott und Moses zweifeln zu machen, weil du keinen Glauben hast?
GEJ|2|50|2|0|Hast denn du wirklich so blutwenig Verstand, daß du darob nicht einsehen kannst, daß da keines Menschen Alter hinreicht, daß man in sich, selbst durch mehrtausendjährige Erfahrung, klug würde und nur das glaubte, was man selbst erlebt hat? Gott hat darum aus Seinem Geiste die Menschen Schriftzeichen kennen gelehrt, durch die sie das, was sie erlebt haben, und was ihre Nachkommen kaum je wieder erleben dürften, für eben diese Nachkommen aufzeichnen sollen, auf daß auch diese eine heilsame Kenntnis davon bekämen, was sie selbst in ihrer Zeit kaum erleben können, weil eine jede Zeit etwas anderes hervorbringt. Dies lehrt uns handgreiflich schon die Erfahrung unserer wenigen Tage, die wir auf der Erde zu durchleben haben, da kein Jahr, kein Monat, keine Woche und sogar kein Tag dem andern völlig gleicht in dem, was da geschieht! Forsche nach der Chronik zurück, und wir geben dir alles, was wir haben, so du uns eine Zeit nachzuweisen imstande bist, in der sich gerade das ereignet hätte, was sich vor unsern Augen und Ohren zuträgt!
GEJ|2|50|3|0|Wenn aber unleugbar die Sachen auf der Erde sich also und nicht anders verhalten, was willst du sonach mit deinen losen und groben Verdächtigungen der Schrift, die ein heiliges Vermächtnis unserer Urväter an uns, ihre Nachkommen, ist und uns in klaren Zügen lehrt, was sie als fromme, gottergebene Menschen alles erlebt haben, und welche Anstalten getroffen wurden, durch die ihre Nachkommen leichter und geordneter ein Gott wohlgefälliges Leben führen könnten, als es wahrscheinlich bei ihnen der Fall war?!
GEJ|2|50|4|0|Glaubst du denn, daß wir gar so dumm sind, daß es uns unmöglich wäre, das zu beurteilen, was nun vor unsern Augen geschieht? Oh, da irrest du dich groß! Aber wir benützen die Weisheit unserer Väter, die alles früher viele Jahre einer gewaltigen Prüfung unterzogen haben, bis sie es als das, als was es sich gezeigt hat, angenommen haben!
GEJ|2|50|5|0|Wären unsere Ahnen so leichtgläubig gewesen wie du, so hätten sie die Propheten nicht gesteinigt! Wenn sie aber sahen, daß ein echter Prophet auch unter dem tötenden Steinregen von dem, was er aussagte, auch nicht um ein Haarbreit wich, dann bekam seine Aussage freilich ein anderes Gesicht, und die Väter nahmen sie als von Gott ausgehend an!
GEJ|2|50|6|0|Wenn aber unsere Väter also kritisch bei der Annahme einer von einem Propheten aufgestellten neuen Verkündigung des Willens Gottes an die Menschen verfuhren, ist es dann nur einigermaßen vernünftig, anzunehmen, als sei unsere Gotteslehre nichts als ein Pamphlet (Schmähschrift) irgend vorzeitlicher, gutmütig leichtsinniger junger Burschen, denen es ein Vergnügen machte, alle späteren Generationen für einen Narren zu halten?!
GEJ|2|50|7|0|Du hast uns als Narren und Dummköpfe deklariert; aber es ist da eine große Frage, ob du unter uns nicht der allergrößte bist!? Denn so lieblos gegen seine Brüder zu urteilen wie du, ziemt einem Manne aus dem Stamme Levi nicht!
GEJ|2|50|8|0|Hast du uns aber durch deine schlechte Rede bloß prüfen wollen, ob wir bei den außerordentlichen Begebnissen dieser Zeit wohl noch das seien, was wir als echte Juden sein sollen, so hast du dazu eine schlechte Art gewählt und hast dich vor uns nur so ganz eigentlich selbst enthüllt, wie du in deinem Herzen beschaffen bist.
GEJ|2|50|9|0|Denn ein jeder Mensch verrät sich in seinem blinden Eifer am meisten und zeugt über sich, wie er in seinem Gemüte beschaffen ist; denn da läßt er seinen Lieblingsideen, Gesinnungen und Leidenschaften den vollen, freien Lauf.
GEJ|2|50|10|0|Aber der nüchterne Zuhörer denkt sich sein Teil und hat dabei den Vorteil, seinen Freund aus dem Fundamente kennenzulernen.
GEJ|2|50|11|0|Glaubst du denn, daß wir es nicht wissen, wie sich in unsere Gotteslehre, besonders in ihrem auszuübenden Teil, gar große Mißbräuche eingenistet haben, die leider den Moses und die Propheten nicht selten noch ärger bedecken als die dicksten Gewitterwolken die Sonne? Aber die reine, unverfälschte Schrift kann nicht mit derlei Wolken bedeckt werden, und ein echter Schriftgelehrter wird dennoch stets wissen, wie er mit der reinen Wahrheit daran ist.
GEJ|2|50|12|0|Wir alle sehen es so gut wie du, daß diese Mißbräuche am Ende die reine Gotteslehre, wie die bösen Holzwürmer einen frischen Baum, bei den Menschen töten werden, aber auch nur bei dir ähnlichen Menschen; aber die Lehre in sich selbst wird darum dennoch rein verbleiben und wird zu allen Zeiten ihre reinen und festen Bekenner haben.
GEJ|2|50|13|0|Hast denn du noch nie einen Baum gesehen, auf dessen Ästen zum Verderben des Baumes für die Menschen eine Menge böser Afterpflanzen sich eingewurzelt haben und ihre Nahrung aus demselben Baume nehmen? Höret aber darum der eigentliche Grundbaum auf, das zu sein, was er im Grunde des Grundes ist?
GEJ|2|50|14|0|Wir Menschen mit unsern blöden Sinnen können den Grund von dergleichen Ausartungen freilich wohl nicht einsehen; aber das sehen wir doch ein, daß sie unmöglich entstehen könnten, wenn es der allmächtige und allweiseste Gott nicht wollte. Warum muß es denn Wölfe geben, die bloß da sind, die friedlichen und unschädlichsten Lämmerherden zu zerstören und sich zu sättigen an ihrem Blute und Fleische? Warum müssen der Löwe, der Bär, der Tiger, die Hyäne und andere reißende Raubtiere dasein, warum neben der sanften Taube der mächtige, gefräßige Aar? Siehe, das sind unergründliche Geheimnisse für uns kurzsichtige Menschen, und wir können sie nicht aufhellen!
GEJ|2|50|15|0|Ein Landmann bebaut sein Feld; es steht alles im vollsten Segen da; er erweitert schon seine Vorratskammern, auf daß sie aufnähmen den neuen Segen. Aber da kommt an einem Tage auf einmal ganz unerwartet eine Sturmstunde, – und der ganze Segen ist vernichtet! Könnte man da nicht füglich die Frage stellen und sagen: ,Gott, so Du gewollt hast, daß dies Feld dem Landmanne keine Früchte tragen solle, weil er vielleicht ein Sünder ist, so hättest Du ja Macht genug gehabt, des Feldes Segen im Keime zu zerstören, wodurch dem Landmanne Kosten und Mühe erspart worden wären!‘ Aber siehe, solches geschieht gar oft vor unsern Augen, und niemand ist imstande, davon nur irgendeinen vernünftigen Grund anzugeben.
GEJ|2|50|16|0|Ebenso sehen wir praktische Abweichungen sowohl in der reinen Lehre Mosis im Tempel als wie bei allen Bekennern desselben, hie und da mehr oder weniger; wir sehen die Wandler auf Irrwegen; wir sehen auf dem alten Baume des Lebens eine große Masse Schmarzotzerpflanzen. Was aber können wir darum und dafür? Wir haben das alles nicht gemacht und gewollt, daß es also ist, sondern wir haben es schon also gefunden und müssen es erdulden, wenn es uns auch noch so bitter im Munde vorkommt!
GEJ|2|50|17|0|Aber deshalb ist unserem Geiste dennoch keine Schranke gezogen, daß wir darum die Schmarotzerpflanzen an dem Lebensbaume als ein und dasselbe mit in den Kauf nehmen sollten. Uns bleibt dennoch der Baum in seiner ursprünglichen Echtheit, und seine Aftergewächse werden als das betrachtet, was sie sind; und gegen diese Lebensweisheit kann kein Gott irgendeine Einwendung machen. Da wohl wäre Gott ein alberner Gott, so Er zu jedem einzelnen von uns sagen möchte: ,Gehe hin und breche den Tempel, der voll Unflates geworden ist, ab; denn Ich, Gott, habe ein großes Mißfallen an dessen Greueln!‘ Könnte da der einzelne schwache Mensch seinem Gott nicht erwidern und sagen: ,Herr, siehe, was Unsinniges verlangst Du von mir, Deinem armseligen, schwachen Geschöpf? So Dich mein Dasein geniert, so kostet es Dich bloß einen Gedanken, und ich bin nicht mehr; aber von mir Unmögliches verlangen, heißt einer Mücke gebieten, daß sie mit ihrer unvermehrten natürlichen Kraft einen Elefanten auf ihren Rücken nähme und davontrüge!‘
GEJ|2|50|18|0|Wir meinen aber, daß Gott viel zu weise ist, als daß Er nicht einsähe, daß kein Mensch gegen einen reißenden Strom schwimmen kann!
GEJ|2|50|19|0|Sage uns nun, ob du die volle Wahrheit unserer Rede eingesehen hast, und wir wollen dir alles nachsehen, was du blinder- und törichterweise uns angeworfen hast!“
GEJ|2|51|1|1|51. — Eines Redners Zeugnis von der Bundeslade
GEJ|2|51|1|0|Sagt der Redner, der unter dieser im Ernste ganz triftigen Belehrung seine wahrhaft stoische Fassung nicht einen Augenblick verloren hatte: „Liebe Freunde und Brüder! Das, was ihr mir nun vorgepredigt habt, weiß ich so gut wie ihr; aber dennoch freut es mich nun zum ersten Male in meinem Leben unter euch, daß mir bei dieser Gelegenheit das große Glück zuteil ward, zu erfahren, daß ihr ebenso wie ich nicht auf den Kopf gefallen seid! Was ihr geredet habt, ist wahr; aber meine Frage ist darum dennoch nicht beantwortet.
GEJ|2|51|2|0|Es ist so, wie ihr geredet habt, was ich bei mir recht klar einsehe, obschon ich euch mit scheinbaren Widergründen nur einen Rippenstoß habe versetzen wollen, durch den euer stets verschlossener Mund geöffnet werden sollte. Und seht, es ist mir gelungen, daß ihr das erste Mal während unseres zwanzigjährigen Beisammenseins und Wirkens ganz offen mit mir geredet habt!
GEJ|2|51|3|0|Aber weder meine noch eure klare Einsicht vermindert das Übel, in dem wir uns augenscheinlichst befinden. Es ist und bleibt die große, wichtige Frage, was wir nun beginnen sollen.
GEJ|2|51|4|0|Ich, der Sohn eines Oberpriesters aus Jerusalem, im Tempel aufgewachsen und erzogen, weiß nur zu genau, wie es mit der Arche des Bundes steht. Holz, Silber und Gold ist noch das alte; aber der immergrüne Aaronsstab ist zum Pulverisieren trocken, die Gesetzestafeln sind zerbrochen, das Manna besteht bloß noch in der Idee! Und die Feuersäule, wo etwa die ist?! Man weiß es aus den Annalen (Jahrbüchern) der Schrift, daß jeder Unberufene das Leben verlor, so er mit ungeweihten Händen die Lade anrührte; nun kann man auf der Lade herumsteigen und sie anrühren, wie man will, und es fährt kein tötend Feuer aus ihr.
GEJ|2|51|5|0|Wenn fremde Reisende um vieles Geld und heiligst beschworener Verschwiegenheit das alte Wunder besichtigen wollen, so wird ihnen das ohne allen Anstand bewilligt, aber erst am nächsten Tage nach der erteilten Bewilligung. Da wird dann die Feuersäule wieder künstlich dargestellt, aber wohlgemerkt, nicht über der wirklichen, alten, sondern über einer aus Metall künstlich nachgemachten Lade! Diese Lade hat zuoberst, in der Mitte eingerichtet, einen schwarzen Becher, aber so, daß man dieses Bechers, der im Oberdeckel befestigt und bis auf dessen Fläche in ihn eingesenkt ist, in der für sich ganz dunklen heiligsten Kammer der hervorquellenden hellen und sehr dichten Flamme wegen nicht leichtlich ansichtig werden kann. In diesen Becher wird feinstes, ätherisches Naphthaöl, mit andern wohlriechenden feinsten Ölen vermengt, gegeben und etwa eine Stunde vorher angezündet; also brennt es dann bei sechs Spannen hoch empor und stellt also die Feuersäule vor.
GEJ|2|51|6|0|Wenn die Schaulustigen diese recht schöne Feuersäule mit großem Behagen angegafft haben und das Innere der Lade zu sehen wünschen, so wird mit stets formeller Zeremonie und leeren Gebeten der Oberdeckel samt gleichfort hoch auflodernder Feuersäule ganz behutsam auf ein vergoldetes Gestell herabgehoben, und den Beschauern werden natürlich die neuen Mosaischen Tafeln als echte gezeigt, so das Manna, das aber auch ganz frisch, ein grünender Aaronsstab und dergleichen mehr, was die Lade enthält.
GEJ|2|51|7|0|Manche Beschauer werden dadurch ganz ergriffen; manche, besonders Griechen, aber gehen wieder heimlich schmunzelnd aus dem Allerheiligsten und sagen am Ende: ,Das ist wirklich eine ganz artige Komposition!‘ Nur bedauern die meisten, daß der übrige Tempel gar so schmutzig gehalten werde. Ich sage euch, ich möchte sogar eine große Wette machen, daß in der Zeit die alte Bundeslade für alle Zeiten aus dem Wege geräumt ist, und daß nunmehr für beständig die neue aus Erz ihre Stelle und ihr Amt vertritt.
GEJ|2|51|8|0|Wollt ihr mir aber darin keinen Glauben schenken, so verkleiden wir uns zum Beispiel als Römer, ziehen hin nach Jerusalem, betreten den Tempel und tun wie Fremde darin; sogleich wird sich ein dienstbarer Geist einfinden, der uns haarklein ausfragen wird, woher wir sind, was wir in Jerusalem suchen, wie lange wir in der ,Stadt Gottes‘ verweilen werden, wohin wir uns dann begeben, und ob wir mit großem Gelde reisen, ob wir kein Gold oder Silber zu verkaufen hätten, und ob wir nicht etwa gegen Entrichtung einer ganz unbedeutenden Taxe das Allerheiligste sehen wollten. Dann fragen wir bloß um den Preis, und man wird uns von einhundert Pfunden Silbers was sagen. Wir aber sagen dann, das ist zuviel, und wir stehen überhaupt nicht darauf an, solche Dinge zu sehen; wenn's um zehn Pfunde möglich ist, dann lassen wir uns herbei. Und wir kommen alle um zehn schlechte Pfunde ins Allerheiligste, so wir dem betreffenden Oberhüter zuvor ein feierliches Gelöbnis geben, davon um alles in der Welt ja nie, weder im Judenlande noch in einem weit entlegenen fremden Lande, etwas davon zu verraten, wie auch niemandem zu sagen, im Allerheiligsten gewesen zu sein. Solches geloben wir ganz leicht, und wir kommen so als Pseudo- Römer ins Allerheiligste, und ihr könnt euch dann selbst überzeugen, ob eine Silbe von all dem erlogen ist, was ich euch ehedem über die Lade des Bundes mitgeteilt habe!
GEJ|2|51|9|0|Und, liebe Freunde und Brüder, wenn man als Mensch von einem etwas helleren Verstande solche Sachen im Allerheiligsten, wo man selbst bei solchen Gelegenheiten als ein pfiffig brauchbarer Handlanger gedient hat, mit höchst eigenen Augen gesehen hat, da wird es einem ehrlichen Menschen dann wohl für immer eine bittere Sache, einen schmählich bezahlten Betrüger und Lügner des Volkes zu machen! Wie oft dachte ich dann bei mir selbst nach und sagte zu mir: ,Wenn das lebendigst sein sollende Allerheiligste, auf das die ganze Gotteslehre und alle die Gesetze basiert sind, eine pure, geheim gehaltene Lumperei ist, was soll man dann von der ganzen Lehre und von den Gesetzen halten?‘ – Ich habe nun geredet, jetzt redet wieder ihr; ich bin geneigt, euch zu hören.“
GEJ|2|51|10|0|Sagt ein Ältester: „Ward es dir denn erlaubt, solches Geheimnis zu verraten? Hast du nicht einen Eid der ewigen Verschwiegenheit leisten müssen, bevor man dich als Eingeweihten aus dem Tempel entließ?“
GEJ|2|51|11|0|Sagt der Redner: „Allerdings; aber ich bin nun so frei, diesen dummen Eid, der für mich gar keinen Wert hat und haben kann, nicht mehr zu halten, sondern der ganzen Welt laut zu verkünden, wie sie betrogen ist! Und hier in Nazareth nehmen wir es mit derlei Sachen ja ohnehin nicht gar zu genau, und so kann man es ja wagen, einen solchen Betrugseid zu brechen, ohne sich daraus ein Gewissen zu machen.“
GEJ|2|52|1|1|52. — Die Verteidigungsrede des Ältesten
GEJ|2|52|1|0|Sagen die Ältesten: „Wir sehen nun wohl ein, daß du in einer gewissen Hinsicht recht hast, – aber durchgehends dennoch nicht; dazu bist du wenigstens um zwanzig Jahre an Erfahrung zu jung. Es sieht nun im Tempel wohl so aus, wie du gesagt hast; aber es war nicht allezeit also. Denn siehe, so du recht gründlich und folgerecht zu denken vermagst, so mußt du ja notwendig den Satz als unumstößlich wahr aufstellen: ,Wenn nie ein Wahres und Wirkliches dagewesen wäre, so würde es auch nie einem Menschen einfallen können, ein Falsches und Unwahres nachzubilden.‘ Warum bekommt man nur zu oft in unserer in allerlei Künsten übergeweckten Zeit falsche Diamanten, falsche Perlen, so auch falsches Gold und Silber?
GEJ|2|52|2|0|Wir wissen, daß die Perser die besten und feinsten Schals und andere Kleiderstoffe bereiten und ihnen auch die haltbarste Farbe geben nach ihrer geheimen Kunst, darum ihre Erzeugnisse auch in einem hohen Werte stehen. So du aber heute nach Jerusalem, nach Sichar oder gar nach Damaskus auf den Markt ziehst, so mußt du ein feiner Warenkenner sein, um nicht schier in unseren Landen nachgemachte, also falsche und schlechte Stoffe für echt persische um den hohen Wert zu kaufen, um den man gewöhnlich persische Stoffe kauft! – Was geht aber daraus hervor?
GEJ|2|52|3|0|Siehe, so es nie einen echten Diamanten, nie eine echte Perle, nie ein echtes Gold und Silber und nie echte kunstvolle persische Stoffe gegeben hätte, so würde es auch nie einem Menschen einfallen, derlei falsch nachzumachen! Und hätte das Echte nicht einen so hohen Wert, dann würde auch die falsche Nachahmung sicher unterbleiben; denn es wird sicher keinem Menschen einfallen, einen falschen Kalkstein nachzumachen, weil des echten Kalksteins eine unsägliche Menge vorhanden ist. Nun kannst du dir wohl sehr leicht denken, daß man eben sogestaltig nie eine falsche Lade mit der Feuersäule nachgemacht hätte, wenn früher nicht in der Tat eine echte und wundervoll wahre bestanden hätte.“
GEJ|2|52|4|0|Sagt der Redner, der Chiwar hieß: „Ganz gut! Das ist klar; aber es fragt sich, was denn da vor sich gegangen ist, daß die alte Bundeslade gewisserart gestorben ist! Sie existiert richtig noch und befindet sich noch dann und wann an der Stelle der falschen in der allerheiligsten Halle, – was aber in dieser Zeit fast gar nicht mehr geschieht wegen der häufigen Besuche, die jetzt der allerheiligsten Halle zuteil werden, da man es doch ganz genau weiß, daß noch vor kaum dreißig Jahren außer dem Hohenpriester, der das Recht hatte, auf dem Stuhle Aarons zu sitzen, kein Mensch ins Allerheiligste treten durfte und der Hohepriester selbst nur zweimal im Jahre nach der gewöhnlichen Vorschrift; nur bei außerordentlichen Fällen durfte er auch drei- oder viermal ins Allerheiligste treten.
GEJ|2|52|5|0|Wie ging also das zu, daß das Allerheiligste nun bloß nur dem Namen nach ein Allerheiligstes geblieben ist, im Grunde des Grundes aber nun ein ebensowenig Allerheiligstes ist wie diese unsere Synagoge hier?“
GEJ|2|52|6|0|Sagt ein erfahrener Ältester: „Was dazu die Veranlassung und die Ursache gewesen sein mochte, weiß weder ich noch irgendein Eingeweihter in ganz Israel; nur das ist faktisch gewiß, daß die Feuersäule nach der argen Ermordung des Priesters Zacharias zwischen dem Opferaltar und dem Allerheiligsten auf einmal erlosch und hinfort mit allem Bitten und Beten nicht mehr zum Vorschein kam.
GEJ|2|52|7|0|Daß man aber solchen Vorgang dem Volke nicht offenbaren konnte, wirst du hoffentlich doch einsehen! Denn das hätte eben bei dem Volke eine zu große Bewegung verursacht; dazu die Römer im Lande! Welch ein Blutbad und welch eine Verwüstung hätte das nach sich ziehen müssen!
GEJ|2|52|8|0|So aber weiß außer uns Eingeweihten kein Mensch in ganz Israel etwas davon, und diese Galiläer, die hier schlafen und unser leises Geflüster schwer vernehmen dürften, wenn sie auch nicht schliefen, würden auch nichts machen, so sie es auch wüßten, weil sie samt und sämtlich wenig glauben und mehr Griechen als Juden sind und fürs praktische Leben schon lange von dem Grundsatze ausgehen: eine Religion müsse es geben zur Darniederhaltung des gemeinen Volkes, dessen sich der kleine gebildete Teil desto leichter zu seinem Vorteile bedienen kann, und es sei da ganz gleichgültig, was für ein Mysterium einer Religion zugrunde liege.
GEJ|2|52|9|0|Was kümmert es da einen echten besseren Galiläer, ob die Lade echt oder unecht ist, wenn sie nur fürs gemeine Volk, das abergläubisch und überleicht zu blenden ist, die nötige Wirkung macht!? Man kann darum hier in Nazareth, in Kapernaum und Chorazin unter guten Bekannten und Freunden schon ziemlich offen sein, ohne dadurch einen Schaden anzurichten; was aber die Griechen und Römer betrifft, nun, da wissen wir, mit wem wir es zu tun haben!
GEJ|2|52|10|0|Darum zumeist hat man ja auch den Prediger Johannes, der mehrere Jahre lang zu Bethabara sein Unwesen trieb, ins Gefängnis gebracht, weil man befürchtete, daß er als ein Sohn des Zacharias, der den Priestern zu Jerusalem durchaus kein gutes Zeugnis gab, leicht von der falschen Lade etwas wissen und solches dem Volke offenbaren könnte!
GEJ|2|52|11|0|Es wird darum auch der Zimmermann so verfolgt, weil man Ihn bei seiner offenbarst prophetischen Eigenschaft fürchten muß, da er davon dem Volke etwas kundgeben könnte! Darum bleibe das unter uns noch gleichfort ein Geheimnis, und wir dürfen uns gar so leichten Kaufs noch lange nicht wegwerfen!“
GEJ|2|52|12|0|Sagt Chiwar: „Das ist freilich wohl eine ganz verzweifelte Geschichte; wenn nur die dort unten beim Haupteingange von unserem Diskurse nichts vernommen haben!“
GEJ|2|52|13|0|Sagt der Älteste: „Nun, wir haben eigentlich nur mehr gemurmelt als gesprochen, und die dort unten werden wenig oder nichts davon vernommen haben! Und hätten sie auch etwas vernommen, so sind sie zumeist Griechen und Römer und verstehen nicht, was wir da unter uns verhandelt haben.“
GEJ|2|52|14|0|Sagt Chiwar: „Aber ich habe des Zimmermanns Sohn Jesus, den Oberstatthalter Cyrenius, den Obersten Jairus, den Obersten Kornelius, den Faustus und andere bekannte Leute unter ihnen bemerkt!“
GEJ|2|52|15|0|Sagt der Älteste: „Das sind Menschen, gegen die wir uns ohnehin nicht schützen können; ob die es gehört haben oder nicht, das ist einerlei! Wollen sie das dem Volke kundtun, so bedürfen sie unserer Besprechung lange nicht, da sie sicher auch ohne uns schon lange nur zu klar wissen werden, wie es mit der Lade im Tempel steht; und wollen sie es nicht, so wird diese unsere Besprechung sicher kein Motiv dazu sein – und so können wir schon ganz ohne Sorge sein! Nun aber seien wir darauf bedacht, daß wir als Eingeweihte die fragliche Sache nicht irgendwo ruchbar machen; und wird solches dereinst geschehen müssen, so wird dazu wohl die höchste Vorsicht notwendig sein!“
GEJ|2|53|1|1|53. — Chiwar gibt Zeugnis von den Werken und dem Leben Jesu
GEJ|2|53|1|0|Sagt Chiwar: „Wahrlich, ich muß eure Weisheit loben! Wie lange wir auch schon beisammen leben und wirken, so hat sich dennoch nie eine Gelegenheit ergeben, bei der ich euch, meine Gefährten, so wie heute hätte kennenlernen können, und es freut mich nun ganz besonders, an euch auch Menschen statt dummer Tempelknechte an meiner Seite zu haben; aber alles dessen ungeachtet bleibt die Erscheinung des Zimmermanns das Außerordentlichste, was je, solange die Erde von Menschen bewohnt ist, von Menschensinnen wahrgenommen worden ist. Da geht Adam mit allen seinen tausendjährigen Erlebnissen und Gesichten unter! Ein Henoch gehört zum geistigen Bettelvolke; Abraham, Isaak und Jakob, Moses, Aaron und Elias sind arme Schlucker gegen uns! Ein Tag bringt nun mehr des Wunderbarsten und nie Erhörten zustande, als alle die Ur- und Erzväter je erlebt haben!
GEJ|2|53|2|0|Ich selbst habe gestern und auch heute schon so von weitem hin einen geheimen Beobachter alles dessen gemacht, was in und außer dem Hause des alten Joseph vor sich gegangen ist. Ich sage es: nichts als Wunder über Wunder! Zwei sichtbare, vollkommen lebendige Engel dienen ihm! Des Faustus Weib war in Kapernaum, und der Zimmermann wollte sie an der Morgentafel haben; aber es wären dazu nahe vier Stunden Zeitdauer erforderlich gewesen, um sie von Kapernaum nach Nazareth zu bringen. Was geschieht aber? Der Zimmermann winkt den zwei offenbarsten Engeln. Diese verschwinden nur auf ein paar Augenblicke und bringen ganz heiteren Mutes die schöne Lydia, des Faustus Weib, nach Nazareth! – Was sagt ihr dazu? Das wird doch offenbar mehr sein, als was wir zu fassen vermögen?!“
GEJ|2|53|3|0|Fragen die Ältesten: „Was hast du denn noch gesehen?“
GEJ|2|53|4|0|Sagt Chiwar: „Ihr kennet doch des Jairus Tochter und wisset auch, daß sie zweimal gestorben ist, und daß sie das zweite Mal schon etliche Tage im Grabe gelegen ist, wißt ihr auch; aber ihr wißt es nicht, daß diese Sarah, des Jairus himmlisch schöne Tochter, des Borus Weib geworden ist! Ist das nicht unerhört, daß ein zweimal vollkommen gestorbenes weibliches Wesen eines Mannes Weib wird, und das in einer Art und Weise, wie die Erde noch nie eine Vermählung erlebt hat?! Als des Zimmermanns Sohn sie gesegnet, sah sie den Himmel offen, und zahllose Scharen erfüllten die Luft und lobten Gott, daß Er den Menschen der Erde solche Ehren und Gnaden erweise. Als das Paar aber von Jesus gesegnet war, da verschlossen sich die Himmel auf einen sichtbaren Wink des Zimmermanns, und nur die zwei Engel blieben, wie sie früher waren, und wie ihr sie sehen könnt hier in der Synagoge, dort, nahe an der Türe stehend in der Gestalt zweier himmlisch schöner Jünglinge. Betrachtet sie und saget, ob sie von wo anders her sein können als rein aus den Himmeln nur!
GEJ|2|53|5|0|Wenn aber nun das alles sich also wunderbar verhält, was niemand von uns leugnen kann, warum sollen wir den Sohn des Zimmermanns denn nicht für etwas Höheres halten als bloß für einen Schüler der Essäer, die er nie gesehen haben kann, weil er meines Wissens sich nie aus dieser Gegend entfernt hat, außer ein paar Male mit seinem Vater und seinen Brüdern nach Jerusalem und, glaube ich, einmal nach Sidon, um dort ein Haus aufzubauen; sonst aber war er stets zu Hause.
GEJ|2|53|6|0|Obschon man weiß, daß er gleichfort ein stiller, eingezogener Arbeiter war, und daß man ihn sogar für ein wenig blöde hielt, so weiß man aber doch auch, daß sich von seiner Geburt an bis in sein etwa zwölftes Jahr ganz sonderbare Dinge mit ihm zugetragen haben; sogar seine Geburt soll eine ganz wunderbare gewesen sein – nach der Erzählung des nun römischen Obersten Kornelius, der mir solches erst unlängst in Kapernaum bei einer festlichen Gelegenheit erzählt hat!
GEJ|2|53|7|0|Wenn sich aber die Sachen so verhalten, da frage ich aber doch vollernstlich, ob man noch Bedenken tragen soll, diesen Jesus wenigstens als einen Gottessohn anzusehen; denn dergleichen Dinge, die er verrichtet, und wie er den Engeln gebietet und sie ihm auf einen Wink gehorchen, dies alles läßt doch offenbarst den Schluß zu, daß da hinter diesem Jesus eine Fülle des urgöttlichen Geistes stecken muß!
GEJ|2|53|8|0|Wenn aber das – was seine Taten und Lehren zeigen –, so weiß ich wahrlich nicht, aus welchem Grunde wir noch fortan an der toten Lade hängen, während hier die lebendige vor unsern Augen wandelt und handelt! Wir können pro forma (zum Schein) vor dem Volke das sogar bleiben, was wir nun sind, um die Sache nicht zu auffallend zu machen; aber im Herzen sollten wir uns alle fest zu ihm bekennen!“
GEJ|2|53|9|0|Sagt der weise Älteste: „Entweder ganz oder gar nicht! Denn, ist Göttliches in ihm, so wird dieses jede Halbheit verabscheuen; ist aber das nicht der Fall, dann ist es dennoch besser, bei der toten Lade mit wenigstens einer lebendigen Erinnerung an ihren früheren Bestand zu verbleiben, als etwas anzunehmen, davon man den Grund nicht kennt!“
GEJ|2|53|10|0|Sagt Chiwar: „Darum wollen wir die Sache prüfen euretwegen; denn meinetwegen braucht sie gar nicht geprüft zu werden. Ich bin im klaren und weiß ganz genau, was ich tue, wenn ich ihm nachfolge.“
GEJ|2|53|11|0|Sagt der Älteste: „Meinst du aber, daß der Tempel keine Schritte mehr tun werde, wenn eine Gemeinde und eine Ortschaft um die andere von ihm abfällt wie eine vollreife Frucht vom Baume? Ich glaube, daß der Tempel gar nicht lange auf sich warten lassen und seine Strafpriester in alle Orte hinaussenden wird! Und dann wehe allen abgefallenen Menschen; die werden mit allerlei bitter geplagt werden! Besser dürfte es dann noch denen ergehen, die der weisen Griechen Lehre angenommen haben, als eben den Jüngern Jesu, die weder völlig Juden und noch weniger Griechen sind und wohlbewußtermaßen wissen, daß diese oder wenigstens einige aus ihnen mit den schlechten und nun vollends leeren Tempelverhältnissen und dessen heiligen Mysterien ganz wohl vertraut sein dürften!
GEJ|2|53|12|0|Ich sage es euch: nichts wird die Templer nun in eine größere, natürlich ganz geheimgehaltene, aber für uns desto gefährlichere Unruhe versetzen – als das offenbarste prophetische Wesen Jesu und dessen Jünger! Und solch eine Unruhe wird alle Satanskniffe ergreifen lassen, um eine Lehre zu verderben, durch die dem Tempel der offenbarste Untergang bereitet werden muß.
GEJ|2|53|13|0|Oder habt ihr nicht im vorigen Jahre gesehen, was die Templer sogar mit einem Griechen gemacht haben, der es unters Volk brachte, daß diese nun auch römisches Silber- und Goldgeld als Opfer im Tempel annähmen, während dazu allein nur Aarons Münze bestimmt ist und außer diesem kein anderes Geld je angenommen werden dürfte? Seht, man lockte ihn in den Tempel mit Gewinnversprechungen; und als man auf diese feine Weise seiner im Tempel habhaft ward, wurde er sobald auf eine Weise ums Leben gebracht, von der die Chronik kein Beispiel aufzuweisen hat! – Es ist demnach eine große Vorsicht anzuwenden! Wir müssen entweder ganz Griechen werden und als solche dann erst zu den Jüngern Jesu uns gesellen mit Leib und Seele, oder wir müssen ganz das bleiben, was wir sind; denn mit der Halbheit ist uns nirgends etwas geholfen!“
GEJ|2|53|14|0|Sagt Chiwar: „Da hast du wieder recht, insoweit es die weltliche Vorsicht erheischt; aber unter uns geradeheraus gesagt: Wenn dieser scheinbare Zimmermann eben der verheißene Messias, also – wie David Ihn nennt in tiefster Ehrfurcht – Jehova Selbst wäre, sollen wir auch dann noch auf schlauen Umwegen Seine Jünger werden, oder sollen wir nicht vielmehr sogleich zu Seiner himmlischen Fahne stoßen und uns von all den Kniffen des Satans schon darum nicht abschrecken lassen, weil wir durch Ihn des ewigen Lebens vollauf versichert sein können, so es uns auch dieses wenigsagende, armselige Erdenleben, das ohnehin nur sehr kurz dauert, kosten sollte?!“
GEJ|2|53|15|0|Bei diesem Antrage Chiwars stutzen alle und wissen nun nicht mehr, was sie entschieden tun sollen.
GEJ|2|54|1|1|54. — Der Engel Rat an die bekehrten Templer
GEJ|2|54|1|0|Da treten die zwei Engel zu ihnen hin und sagen: „Chiwar hat recht geredet einesteils, und du Ältester hast auch recht in dem, daß man Gottes ganz sein müsse, da Gott jede Halbheit verabscheue! Wir aber sagen euch als Seine Zeugen aus den Himmeln: Fürchtet die nicht, die eurer Seele nichts anhaben können, sondern fürchtet vielmehr Den, der ein Herr ist über alles Leben im Himmel und auf Erden! Ohne Ihn gibt es kein Leben, weder im Himmel noch auf Erden! Darum sei euch von uns, als Seinen wahrhaftigsten Zeugen aus den Himmeln, geraten, das zu tun, was euch der Freund Chiwar geraten hat.“
GEJ|2|54|2|0|Sagt der Älteste: „Wer seid ihr holdesten Jünglinge denn, daß ihr euch vor uns Zeugen aus den Himmeln nennet?“
GEJ|2|54|3|0|Sagen die beiden: „Fraget den Chiwar, der uns gesehen hat aus Kapernaum des Faustus Weib holen, und er wird es euch sagen, wer wir sind!“
GEJ|2|54|4|0|Sagt der Älteste: „Wenn so, da gibt es wohl nichts weiteres mehr zu bedenken, und dem Tempel werde der Rücken zugewendet!“
GEJ|2|54|5|0|Sagen die beiden: „Nicht so, liebe Freunde; denn der Herr ist billig in allen Dingen! So ihr im Herzen Ihm anhanget, lebendig an Ihn glaubet, und daß durch Ihn allein die Schrift erfüllt wird und zum großen Teile schon erfüllt ist, so tut ihr genug; sonst aber bleibet, wie ihr seid, auf daß die Diener der Welt und des Teufels, von denen der Tempel vollgestopft ist, nicht vor der Zeit geweckt werden! Lehret das Volk Moses und die Propheten und haltet auf die Beachtung der wahren Gebote Gottes; aber auf die Beachtung der weltlichen Satzungen des Tempels haltet wie auf laues Wasser, so werdet ihr dadurch ebensogut Seine Jünger sein wie jene, die Er aus den Fischern berufen und erwählt hat.“
GEJ|2|54|6|0|Nach zwei Tagen aber werdet ihr aus Jerusalem einen neuen Obersten bekommen, der anfangs sehr templerisch gesinnt sein wird, später aber mit sich wird ganz bedeutend handeln lassen und ums Geld Dispense über Dispense (Ausnahmegenehmigungen) geben wird; denn er selbst glaubt an den Tempel auch nicht ein Sonnenstäubchen groß, und ihr werdet dabei ein leichtes Spiel haben. Jairus aber hat sich in den Ruhestand gesetzt und wird leben im Hause seines Schwiegersohnes. Saget aber dem neuen Obersten nichts von all dem Wunderbaren, das sich hier zugetragen hat!“
GEJ|2|54|7|0|Sagt Chiwar in tiefster Ehrfurcht: „Diener Gottes aus dem Reiche des Lichtes und des ewigen Lebens! Es ist so ganz gut zu tun, wie ihr nach der Gnade des Herrn uns geraten habt; aber ich für mich möchte es dennoch ein wenig besser haben! Wie wäre es denn, so ich für meine Person ganz zu den Jüngern, als selbst Jünger, überginge?“
GEJ|2|54|8|0|Sagen die beiden: „Ein jeder der Menschen dieser Erde ist frei und kann tun, was er will, und glauben und reden, was er will; aber so jemandem, wie nun euch, aus den Himmeln die Gnade zuteil wird, einen Rat bekommen zu haben, so tut er wohl, so er dessen achtet; denn es werden über die Jünger, die nun stets beim Herrn sind, noch Zeiten starker Versuchung kommen, wo sie sich, im Geiste, auch im Feuer werden bewähren müssen, und da werden viele schwach werden und abfallen! Ihr aber werdet es leichter haben und werdet in aller Ruhe das erreichen können, was die Jünger unter großer Angst und Verfolgung erreichen werden! Du, Chiwar, kannst nun tun, was du willst; aber für dich ist es besser, wenn du bleibst in deiner Stellung.“
GEJ|2|54|9|0|Sagt Chiwar: „Ja, ich werde bleiben; aber solange Sich der Herr noch hier aufhalten wird, möchte ich denn doch in Seiner Nähe zubringen und so manches von Ihm hören und sehen! Soll ich auch das nicht?“
GEJ|2|54|10|0|Sagen die beiden: „Ach, das kannst du schon, obwohl der Herr hier weder viel reden und noch weniger etwas Besonderes tun wird, weil die Menschen hier fast glaubenslos sind und den Herrn für einen Zauberer halten. Ihr aber werdet hinreichend Gelegenheit haben, diese Menschen nach und nach eines Besseren zu belehren, wofür euch der Herr den Lohn nicht vorenthalten wird. Heute gen Abend wird auch Roban wieder zu euch kommen und euch wichtige Zeugnisse für Jesus den Herrn mitbringen, und ihr werdet an ihm einen sehr klugen und weisen Leiter haben; denn Roban ist einer der stärksten Geister unter euch.“ – Nach diesen Worten entfernen sich die beiden Engel und begeben sich wieder zu unserer Gesellschaft.
GEJ|2|55|1|1|55. — Verhältnis der Völker zu ihren Regenten
GEJ|2|55|1|0|Nun fragt Cyrenius Mich, ob es wohl rätlich wäre, diese seiner Ansicht nach total bekehrten Pharisäer, Ältesten, Leviten und Schriftgelehrten von seinem über sie verhängten harten Gesetze freizusprechen.
GEJ|2|55|2|0|Sage Ich: „Man soll, wenn man das Gesetzgebungsrecht hat, nie zu voreilig ein neues Gesetz geben! Ist aber ein Gesetz gegeben, so soll man noch weniger voreilig sein, das gegebene Gesetz aufzuheben; denn da muß der Rat der Verständigen das Rechte zeigen. Siehe, wenn du ein neues Gesetz gibst, so wirst du dir alle jene zu Feinden machen, denen das Gesetz auferlegt ward; hebst du dann aber das Gesetz auf, so wird dir darum niemand dankbar sein, sondern man wird dich der Schwäche zeihen, wird triumphieren und sagen: ,Da sieht man den Tyrannen! Weil er sieht die Überzahl seiner Feinde, so möchte er sich durch die plötzliche Aufhebung des harten Gesetzes beim Volke wieder in Gunst setzen! Aber er wird der Freunde im Volke wenige finden; denn wer einmal ein Tyrann ist, der ist es zum zweiten Male, so er wieder zur Macht kommt, ein zweifacher!‘
GEJ|2|55|3|0|Und es ist daher besser, ein gegebenes Gesetz zu belassen, als dasselbe sobald wieder aufzuheben; aber man kann dafür das Gesetz ganz geheim fallen lassen, und wenn Übertretungen desselben vorkommen, so übe man Nachsicht und sei im Urteil nicht zu streng. Kommt dann ein anderer Regent, so steht es ihm frei, die Gesetze, die sein Vorgänger erlassen hat, ganz aufzuheben und dafür dem Geiste des Volkes gemäß mildere zu geben. Es müßte denn sein, daß sie kämen und dich darum bäten, da wohl kannst du den strengsten Teil des einmal erlassenen Gesetzes wegtun, aber stets mit dem Vorbehalt, das Gesetz sobald wieder mit aller Strenge zu erneuern, wenn sich Spuren zur böswilligen Verfolgung der durch das Gesetz zu bewerkstelligenden guten Sache zeigen sollten!
GEJ|2|55|4|0|Siehe, das ist die Klugheit, nach der jeder Regent seine ihm untergebenen Völker leiten sollte, so er glücklich regieren will! Ein lauer und nachlässiger Regent aber wird bald zu der stets traurigen Überzeugung gelangen, daß er sich durch zu große Nachgiebigkeit die Völker nicht hätte über den Kopf wachsen lassen sollen!
GEJ|2|55|5|0|Denn die Völker verhalten sich zu ihren Regenten wie die Kinder zu ihren Eltern. Strenge und dabei weise Eltern werden auch gute, gehorsame und dienstfertige Kinder haben, die ihre Eltern lieben und ehren werden, wogegen den zu nachgiebigen Eltern die Kinder nur zu bald über den Kopf wachsen und sie am Ende aus dem Hause treiben und stoßen werden.
GEJ|2|55|6|0|Liebe mit Ernst und Weisheit ist ein ewiges Gesetz; wer danach handelt, macht keinen Fehltritt, und die Früchte davon werden gut und köstlich schmecken. Hast du Mich wohl völlig verstanden?“
GEJ|2|55|7|0|Sagt Cyrenius: „Ja Herr, ganz vollkommen, und es ist das in der Welt immer der gleiche Fall gewesen. Ein zu guter, nachgiebiger Regent ist mit seiner Regierung bald fertig; aber auch ein zu tyrannisch strenger hat selten eine lange Dauer. Ich meine, so in der Mitte zwischen beiden ruhet die Weisheit, das Glück und dessen dauerhafte Festigkeit!?“
GEJ|2|55|8|0|Sage Ich: „Ja, ja, also ist es: in der Mitte, wie Ich es dir gezeigt habe! Nun aber gehen wir wieder nach Hause; denn es ist schon stark Nachmittag geworden!“
GEJ|2|55|9|0|Fragt Kornelius: „Aber Herr, bleiben die alten Bürger, nun schon hier schlafend? Diese Menschen könnten ja auch daheim diese löbliche Sabbatfeier verrichten, auf daß sie nicht durch ihr gewaltig starkes Geschnarche die Anwesenden störten! Denn es ist ja zum Davonlaufen, wie diese Leute schnarchen, – eine Erscheinung, die mir im höchsten Grade unangenehm ist! Ich kann viel Ungemach ertragen, aber das Schnarchen eines Schlafenden kann mich zu einer Art Verzweiflung treiben!“
GEJ|2|55|10|0|Sage Ich: „Nun, nun, laß das nur gut sein! Solange sie schnarchen, begehen sie keine Sünde! Es ist gut, daß sie nun schnarchen; denn wären sie wach gewesen, so hätten sie manches gehört, was sie sehr geärgert hätte, und das wäre nicht gut! Weil sie aber fest geschlafen haben, so haben sie von all dem Vorgefallenen nichts gehört und gesehen und haben sich darum auch nicht geärgert; und siehe, das ist gut! Aber jetzt gehen wir und lassen diese Leute schlafen!“
GEJ|2|55|11|0|Darauf fingen wir an, uns zur Türe zu bewegen; aber die Pharisäer und Ältesten eilten hin zur Türe, die zur Hälfte geöffnet war, und machten schnell die ganze, große Türe auf und sagten: „Herr, es stehet geschrieben: ,Machet die Türen hoch und die Tore weit, auf daß der König der Ehren einziehe! Wer aber ist dieser König? Es ist Jehova Zebaoth! Dem von uns allen sei alles Lob, alle Ehre und aller Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit!‘“
GEJ|2|55|12|0|Und der Cyrenius sagt mit freundlicher Miene: „Ja, also ist es und soll es bleiben ewig! Der Herr sei allzeit mit euch!“
GEJ|2|55|13|0|Und sie rufen: „Und mit deinem Geiste, auf daß du uns, wie Er, gnädig sein möchtest! Denn deine Gesetze haben uns hart gedrückt bis jetzt, ärger denn der Tod; aber da wir nun selbst vollends Seine Jünger geworden sind und uns deine Gesetze selbst lebendig auferlegen, so sind deine harten Gesetze für uns so gut wie gar nicht mehr da. Aber wir danken dir dennoch für eben diese Gesetze; denn ohne sie hätten wir leicht zu Verrätern dieser allerheiligsten Sache werden können! Wir bitten dich darum nun auch gar nicht mehr um die Aufhebung der gegebenen strengen Gesetze; denn wir selbst, als mit dir gleich Denkende, Glaubende und Handelnde, heben sie eben durch unser höchst eigenes Tun und Lassen bis aufs letzte Häkchen auf, für alle Zeiten der Zeiten!“
GEJ|2|55|14|0|Sagt Cyrenius: „In der Hinsicht ist das Gesetz euch auch von mir erlassen, und ich bin der sicheren Hoffnung, euch dies harte Gesetz nie mehr erneuern zu brauchen. Lasset euch daher nimmer irreleiten und befolget strenge, was euch die beiden Engel Gottes geraten haben, so werden wir die besten Freunde in Gott dem Herrn verbleiben, und meine Regierung wird euch nicht drücken! Und sollte es sich unter dem neuen Obersten eurer Schulen zeigen, daß er euch wie immer verfolgen möchte darum, daß ihr Freunde Jesu, des Herrn von Ewigkeit, und zugleich Freunde der euch wohlwollenden Römer seid, so werdet ihr den Weg bis zu mir wohl finden, – und dann werden schon jene Vorkehrungen getroffen werden, durch die eure physischen und ganz besonders geistigen Rechte aufs beste geschützt werden! Und nun abermals sage ich: Der Herr sei mit euch!“
GEJ|2|55|15|0|Und sie alle rufen wieder: „Und mit deinem Geiste ewig!“
GEJ|2|55|16|0|Darauf machen sie eine tiefste Verbeugung vor uns, und wir gehen durch die weitgeöffnete Tür und begeben uns nach Hause, allda ein gutes Mahl unser harret, bestehend aus Brot, Wein und allerlei süßen und vollreifen Früchten. Wir setzen uns an die Tische, danken und verzehren nach und nach, was die Tische tragen, – bleiben aber zugleich an den Tischen sitzen bis zum Untergang unter allerlei erbaulichen Reden und Gesprächen.
GEJ|2|56|1|1|56. — Roban und Kisjonah berichten ihre Erlebnisse
GEJ|2|56|1|0|Nahe dem Untergange kommt Roban, von Kisjonah aus Kis begleitet, bei Meinem Hause an, grüßt schon von weitem alles, was ihm unterkommt, und Kisjonah eilt eben auch mit offenen Armen zu Mir hin, grüßt vor allem Mich auf das wahrhaft freundlichste mit Tränen in den Augen und grüßt darauf nach einer Weile erst seine Tochter, die ihn schon lange bei der Hand hielt und viele Küsse darauf heftete; also grüßt er auch seinen Schwiegersohn, den Kornelius, und als er es erst erfährt, daß der neben Mir sitzende glänzende Römer der Oberstatthalter Cyrenius ist, so bittet er ihn um Vergebung, ihn übersehen zu haben!
GEJ|2|56|2|0|Aber Cyrenius ergreift ganz gerührt des Kisjonah Hand, drückt sie an seine Brust und sagt ganz laut: „Nicht du mich, sondern ich muß dich um Vergebung bitten, daß ich dich nicht zuvor gegrüßt habe; aber als Entschuldigung diene, daß ich dich persönlich nicht gekannt habe! Denn nebst dem Herrn Jesu, dem natürlich allein alles Lob und alle Ehre gebührt, bin ich auch dir, du treuer, biederer Mann, einen nie zu erschöpfenden Dank schuldig; denn unter allen Menschen jener Gegend hast du entschieden das meiste dazu beigetragen, daß ich aus einer Verlegenheit gerettet wurde, die mich sonst wohl sicher das Leben gekostet haben würde! Das ist mir wirklich eine große Freude, dich, du mein überaus schätzenswerter Freund, nun persönlich kennenzulernen.“
GEJ|2|56|3|0|Kisjonah ist nun wieder einmal ganz glücklich und erzählt uns vieles, was er alles unterdessen erlebt hat, und erzählt uns am Ende auch, daß er mit dem recht biederen alten Roban Sichar besucht und dort mit Jonael, Jairuth und sehr viel mit dem Archiel gesprochen habe, der nun ganz natürlich wie ein Mensch lebe und handle, so daß es einem Fremden aber auch nicht im Traume einfallen könne, als stäke hinter ihm ein rein geistiges Wesen.
GEJ|2|56|4|0|Also habe er auch den Arzt Joram und dessen wundervoll herrlichstes Haus, sowie dessen liebes, herrlichstes Weib besucht und von beiden überaus wundervollste Dinge vernommen; und Roban sei allenthalben bloß Ohr und Auge gewesen und hätte sich über alles nicht genug verwundern können; und wenn er so recht mächtig ergriffen gewesen, da habe er immer vor sich hingesagt: Ja, ja, Blut und Leben für den göttlichen Meister aus Nazareth! Denn Er kann kein Mensch, sondern Er muß Gott Selbst sein, ansonst Ihm dergleichen Dinge nicht möglich sein würden!
GEJ|2|56|5|0|Als Kisjonah also noch erzählt, tritt Roban zu Mir hin und sagt nichts als: „Herr, ich bin Dein, und keine Macht, außer allein Dein Wille, kann mich von Dir trennen!“
GEJ|2|56|6|0|Sage Ich: „Ich habe es wohl zum voraus gewußt, daß du einer der Meinigen werdest; aber du weißt es noch nicht, daß nun auch alle deine Brüder und Amtsgefährten zu den Meinigen gehören, ohne deshalb aufzuhören, das zu sein vor der Welt, was sie ehedem waren, – desgleichen auch du vorderhand das bleiben wirst, was du warst, so lange, bis der neue Schuloberste, der die Stelle des Jairus übermorgen beziehen wird, sich ein wenig abgestoßen haben wird.
GEJ|2|56|7|0|Deine Brüder aber werden dich schon in allem unterweisen, was du zu tun, zu reden und wie du dich zu benehmen haben wirst gegen den neuen Obersten, der im Anfange zwar mit einem sehr buschigen Besen zu kehren beginnen wird; aber es wird kein halbes Jahr währen, und ihr werdet mit ihm um einiges Geld alles ausrichten können, da er keinen Glauben hat an den Tempel, sondern vorderhand allein ans Geld; nachderhand aber wird er schon auch an etwas Besseres zu glauben imstande sein. – Nun aber gehe zu deinen Brüdern und benachrichtige sie von allem, was du gesehen und gehört hast!“
GEJ|2|56|8|0|Auf diese Meine Worte empfiehlt sich Roban beim Kisjonah, ihm für alles dankend, was er ihm Gutes erwiesen hatte, und sagt am Ende: „Kisjonahs dürften auf der Erde wohl wenige mehr anzutreffen sein! Darum bist du der einzige, der mein Herz getroffen und gefunden hat! Der Herr segne dich für alles, was Gutes du mir und tausend andern erwiesen hast!“ – Nach diesen Worten verneigt er sich tief vor uns und eilt zu seinen Brüdern, die heute noch in der Synagoge versammelt sind – jedoch ohne die Schlafenden, die bald nach unserem Abgange aus der Synagoge entfernt wurden. Er wird überraschend freundlich aufgenommen, und sie teilen sich nun gegenseitig fröhlichen und heiteren Geistes unter Staunen und Staunen alles mit, was sie erlebt, gehört und gesehen haben.
GEJ|2|56|9|0|Wir aber sind ebenfalls guter Dinge; denn Kisjonah kam nicht allein, sondern mit mehreren vollbeladenen Lasttieren und ihren Führern und brachte Wein, Mehl, Käse, Brot, Honig und eine Menge der edelsten Fische in geräuchertem Zustande, so daß die Mutter Maria kaum Platz hatte, all das Mitgebrachte unterzubringen.
GEJ|2|56|10|0|Es ward daher ein Nachbar ersucht, den Überschuß sorgsam in seiner großen Speisekammer aufzubewahren, was er denn auch tat, obschon eben nicht gar zu gerne aus purer Gefälligkeit, da er stets ein habsüchtiger Filz war. Aber da ihm nun Kisjonah ein Paar Goldstücke für seine Mühe und Gefälligkeit anbot und gab, so war er gleich gut gesinnt und über die Maßen dienstfertig und stieß im Tragen der Säcke, da es schon stark dämmerlich geworden war, einmal stark an den Jünger Johannes. Dieser aber sagte zu ihm: „Freund, sei vorsichtiger in deinem bezahlten Eifer, sonst wirst du für dich und die andern einen Schaden anrichten! Glücklich aber wärest du, so du fürs Gottesreich, das gar so nahe zu dir gekommen ist, so eifrig wärest wie für die zwei elenden Goldstücke, und du würdest dabei dich an niemanden stoßen! O der großen Blindheit, die das Allerhöchste nimmer erkennen kann und mag!“
GEJ|2|56|11|0|Der Nachbar aber ließ sich nicht irremachen, verrichtete seine bedungene Arbeit und kümmerte sich um nichts weiteres mehr.
GEJ|2|56|12|0|Da fragte Johannes: „Herr, ist es denn doch möglich, daß ein Mensch soviel Stumpfsinn in seinem Leibe und in dessen Seele haben kann?“
GEJ|2|56|13|0|Sage Ich: „Laß ihn gehen! Es gibt dergleichen nun zu vielen Tausenden im Judenlande, die da stumpfer und eigensinniger sind als ein Esel! Darum gebührt ihnen aber auch nur der Lohn eines Esels!“
GEJ|2|56|14|0|Darüber entstand eine kleine Lache durch die Gesellschaft, die Philopold mit seinen sehr treffenden Bemerkungen noch mehr erhöhte und bewies, wie ein Mensch gewöhnlich alles besser zu sehen imstande ist als gerade das, was ihm auf der Nase sitzt! Und alles bewunderte seine ausgezeichnete Dialektik.
GEJ|2|56|15|0|Nach dieser Szene aber erhoben wir uns vom Tische und begaben uns bald zur Ruhe.
GEJ|2|57|1|1|57. — Der Engel Weltendienst. Eine Hülsenglobe
GEJ|2|57|1|0|Alles nahm nun sein Lager ein und schlief bis zum hellen Morgen; auch Ich ruhte und schlief ein paar Stunden. Die beiden Engel aber verrichteten ihr Weltenleitungsgeschäft in der Nacht und waren mit dem Aufgange der Sonne auch schon wieder bei uns, traten zu Mir hin, dankten und sprachen: „Herr, es ist alles in der größten Ordnung im ganzen großen Weltenmenschen. Die Hauptmittelsonnen stehen unverrückt in ihren Stellen, und ihre Umdrehungen sind gleich; die Bahnen der zweiten Mittelsonnen sind unverrückt, die Bahnen der dritten Klasse Mittelsonnen um die zweiten sind eben auch in der größten Ordnung, ebenso die Mittelsonnen der vierten Klasse mit ihren zehnmal hunderttausend Planetarsonnen, hie und da mehr und hie und da weniger, – wie Du, o Herr, vom Urbeginn an das Maß gelegt hast! Die zahllos vielen Planetarsonnen aber mit ihren kleinen, zumeist lichtlosen Planeten und Monden hängen ohnehin von der Ordnung der großen Leitsonnen ab, und somit ist in dieser uns beiden zum Überwachen gegebenen Hülsenglobe alles in der größten und besten Ordnung, und wir dürfen darum wieder hier bei Dir, heiliger Vater, und bei Deinen uns gar so teuren Kindern einen hellen Tag zubringen!“
GEJ|2|57|2|0|Sage Ich: „Ganz gut, bringet aber jede Minute wohl zu durch allerlei nützliche Belehrungen; denn Meine Kindlein bedürfen derer noch sehr!“
GEJ|2|57|3|0|Die beiden Engel treten nun ganz heiter und überselig zurück und begrüßen Maria und darauf die Jünger, den Cyrenius, Kornelius, Faustus, Jairus, den Kisjonah und den Borus. Cyrenius aber, der von den vielen Sonnen etwas gehört hatte, fragt die beiden gleich, von was für Sonnen sie da mit Mir geredet hätten, da er nur eine Sonne kenne.
GEJ|2|57|4|0|Die beiden aber sagen überaus liebreich: „Liebster Freund und Bruder im Herrn, wolle nicht wissen das, was du nun unmöglich fassen kannst, und wovon das Heil deiner Seele auch gar nicht abhängt; denn das, was wir mit dem Herrn geredet haben, würde dich töten, so du es in dem Maße verstündest und einsähest, wie wir es verstehen und allzeit einsehen müssen. Denn so viele Sterne du in einer schönen Nacht erschauest und noch viele andere, die dein Auge ob ihrer zu großen Entfernung von hier aus nicht erschauen kann, sind lauter Sonnenwelten von einer für deinen Verstand unmeßbaren Größe. Die eine Sonne, die du siehst, ist eine der kleinsten Planetarsonnen; sie ist aber dennoch schon über tausendmal tausend Male größer denn diese Erde. Nun denke dir dann erst eine Mittelsonne nur der vierten Abstufungsklasse, um die wenigstens zehnmal hunderttausend solcher Planetarsonnen in weitgedehnten Kreisen samt ihren Planeten oder lichtlosen kleinen Erden, wie die von dir bewohnte eine ist, bahnen! Deren Umfang ist für sich allein so groß wie die Summe aller Umfänge aller der Planetarsonnen und ihrer um sie kreisenden Erden und Monde um tausend vervielfacht. – Sage uns, Freund, kannst du dir nun wohl einen Begriff von solch einer Größe machen?“
GEJ|2|57|5|0|Sagt Cyrenius: „Lieblichste Diener Gottes, ich bitte euch, mir davon nichts Weiteres mehr kundzutun; denn es fängt an, mich ganz schwindlig zu ergreifen! Wer hätte je sich so etwas im Traume einfallen lassen mögen? Und ihr könnet das alles so gewisserart mit einem Blick übersehen? Welche Macht und welch eine Tiefe der göttlichen Weisheit muß in euch sein! Aber weil ich schon so voll Wißbegierde bin, so saget mir so im höchst allgemeinen noch dazu, was denn eigentlich in den so endlos vielen und endlos großen Sonnen ist!?“
GEJ|2|57|6|0|Sagen die beiden: „Was du auf dieser Erde ersiehst, das und ähnliches in freilich viel edlerer und oft auch riesenhaft größerer Art kannst du auch auf einer großen Sonnenwelt antreffen. Menschen, Tiere und Pflanzen aller Art gibt es dort wie hier, dazu übergroße und unbeschreiblich herrliche Wohngebäude, gegen die der Tempel von Jerusalem und der Palast des Kaisers in Rom die allerelendesten Schneckenhäuschen sind, und allenthalben ist dieser Eine ewig allein der Herr und gleichfortige Schöpfer von Ewigkeit!“
GEJ|2|58|1|1|58. — Der Verkehr der Erdenmenschen mit dem himmlischen Vater
GEJ|2|58|1|0|Als Cyrenius solches vernimmt, da sagt er von einer übergroßen Ehrfurcht ergriffen: „Freunde und Diener des Herrn, jetzt weiß ich erst, wer der Herr ist, und wer ich bin! Ich bin total nichts, und Er ist endlos alles! Nur begreife ich unsere menschliche Keckheit nicht, die da mit Ihm so mir und dir nichts reden kann, als hätte sie ihresgleichen vor sich!“
GEJ|2|58|2|0|Sagen die beiden Engel: „Er Selbst will es also; denn die Kinder haben von Ewigkeit her das Recht, mit dem Vater zu reden nach ihrer Herzenslust! Frage daher nicht um alberne Dinge und Verhältnisse; denn an dir liegt es nicht, daß du ein Mensch bist, sondern an Dem allein, der dich also, wie du bist, erschaffen hat aus Sich Selbst heraus und hat Sich dabei an niemandes Rat gebunden denn an Seinen höchst eigenen. Wie aber hätte Er auch jemand anders fragen können als nur Sich Selbst allein, da vor Ihm in der ganzen Unendlichkeit kein Wesen da war?!
GEJ|2|58|3|0|Wenn du demnach mit Ihm sprichst wie mit deinesgleichen, so tust du ganz wohl daran; denn Gott hat niemanden außer Sich, mit dem Er reden könnte. Aber Seine Geschöpfe, die aus Ihm sind, sind also frei gestellt, daß sie nun mit Gott und Gott mit ihnen wie ein Mensch mit dem andern reden können, und es ist sonach ganz in der Ordnung, daß du mit Ihm sprichst wie mit deinesgleichen; denn das Geschöpf ist seines Schöpfers wert und der Schöpfer Seines Geschöpfes.
GEJ|2|58|4|0|Jedes Geschöpf ist ja ein Zeuge von der Allmacht, Weisheit und Liebe Gottes, und es ist ohne Seine Macht kein noch so mächtiger Geist fähig, aus sich selbst etwas zu erschaffen, sondern das kann nur Gott allein! Da aber jedes Geschöpf ein Zeuge ist der göttlichen Allmacht, Weisheit und Liebe, wie sollte es dann nicht seines Schöpfers wert sein? – Verstehst du dieses?“
GEJ|2|58|5|0|Sagt Cyrenius: „O ihr überweisen Diener des allmächtigen Gottes, wie höchst klar und verständig ist doch eure überaus weise Lehre! Ja, also ist es! Der Mensch hat sich wahrlich nicht zu schämen dessen, was er ist; denn er ist ja das wahrste Meisterwerk des Schöpfers, so er lebt nach dem frei erkannten Willen Gottes. Aber wenn ein Mensch dem Willen Gottes zuwiderhandelt, so meine ich, verpfuscht er sich selbst und kann dem nicht mehr entsprechen, was er uranfänglich war und ewig sein und bleiben soll.
GEJ|2|58|6|0|Und so denn muß die Sünde eine Handlung wider die ursprüngliche Ordnung Gottes sein, durch welche Handlung sich der Mensch als im sich ausbildenden Teile selbst Schöpfer seiner Gott ähnlich werden sollenden Natur verpfuscht und dadurch sich selbst unwürdig macht, ein Geschöpf des ewigen, allmächtigen Meisters zu sein!“
GEJ|2|58|7|0|Sagen die Engel: „Da hast du ganz recht! Insoweit bleibt wohl ein jeder Mensch ein Gottes würdiges Meisterwerk, als er seiner Form, Tauglichkeit, Fähigkeit und lebendigen Freiheit nach gewisserart eine pure Maschine ist, in der sich der Geist frei und lebendig äußern kann.
GEJ|2|58|8|0|Aber was die ihm selbst notwendig anheimgestellte moralische Ausbildung seines Herzens und seiner Seele betrifft, so kann er sich selbst zu einem Scheusale der Hölle herabwürdigen und begeht eben dadurch die größte Sünde, weil er in sich selbst durch sich selbst das höchste Meisterwerk Gottes zu einem erbärmlichen, Gottes unwürdigsten Pfuschwerke umgestaltet, worauf es dann Gott Selbst eine große Mühe kostet und eine nie berechenbare Geduld, bis aus dem verpfuschten Werke wieder ein Meisterwerk wird.
GEJ|2|58|9|0|Wegen gar unnennbar vieler durch sich selbst verpfuschter Werke ist eben diesmal der Meister Selbst in diese Welt gekommen, um diese vielen Werke, die sich selbst verdorben haben, für alle Zeiten der Zeiten zurechtzubringen! Aber es werden sich auch fortan die Werke verderben; darum aber wird Er auf dieser Welt eine neue Anstalt gründen, in der sich alle verdorbenen Werke von sich selbst aus werden zurechtbringen können. Aber wer von dieser Anstalt frei aus sich selbst keinen Gebrauch wird machen wollen, der wird verdorben bleiben ewig, so sein Wille sich nimmer ändern wird! Verstehst du solches?“
GEJ|2|58|10|0|Sagt Cyrenius: „Auch das verstehe ich ganz und bin eben darum der Meinung, daß man die Menschen durch gewählte, aber strenge Gesetze wird anhalten müssen, von der Anstalt vollsten Gebrauch zu machen!“
GEJ|2|58|11|0|Sagen die Engel: „Es wird zwar solches wohl geschehen, aber der Menschheit wenig nützen; denn nur allein das nützet dem Menschen, was er frei aus sich selbst tut. Alles andere ist ihm zum größten Schaden.
GEJ|2|58|12|0|Denn könnte der Mensch durch irgendeinen Zwang entweder von außen oder von innen vollendet werden, so hätten wir Macht zur Übergenüge, alle Menschen so zu binden und zu zwingen, daß sie unmöglich je wider irgendein Gesetz zu handeln imstande wären! Aber dadurch würden wir aus dem in aller Freiheit Gott völlig ähnlich werden sollenden Menschen nur eine stummbelebte Maschine erzeugen, die sich selbst ebensowenig je zur zweckdienlichen, freien Tätigkeit bestimmen könnte – wie das noch so scharfe Schwert der Gerechtigkeit, ohne von einer geübten Hand geführt zu sein!
GEJ|2|58|13|0|Aus dem aber kannst du schon ganz klar ersehen, daß es sich mit was immer für einem Zwange für ewig nicht tut, sondern allein mit der wahren Belehrung und dann darauf mit der freien Selbstbestimmung nach der vernommenen Lehre, durch die jedem der wohlerleuchtete Weg der göttlichen Ordnung nach allen Seiten hin kundgemacht wird, zu handeln und zu wandeln. Verstehst du auch dieses?“
GEJ|2|59|1|1|59. — Über den großen Kampf im Menschen
GEJ|2|59|1|0|Sagt Cyrenius: „Ja, auch das verstehe ich leider; denn ich sehe daraus wenig gute Erfolge! Wo sind die Menschen, und wie viele gibt es von denen, die nur eine Belehrung aufzunehmen und zu begreifen fähig wären? Und wie viele gibt es dann selbst aus der Zahl der Belehrten, die den überwiegend starken Willen in dem Grade besitzen, die an sie ergangene und auch wohl begriffene Belehrung in die volle Tat umzugestalten? Ich stelle tausend Wohlbelehrte her und setzte alles darauf, wenn darunter zehn zu finden sind, die den vollen Willen und auch den erforderlichen Mut besitzen – besonders unter fanatisch abergläubischen Volksmassen –, die vernommene und wohlbegriffene Lehre ins Werk zu setzen! Denn was würde es ihnen nützen, die Lehre der ewigen, klarsten Wahrheit ins Werk zu setzen, wenn sie darob schon am nächsten Tage von den selbstsüchtigen und grausamen Fanatikern auf das qualvollste erwürgt werden?!
GEJ|2|59|2|0|Ihr seid zwar endlos weise und mächtige Diener des Allerhöchsten, aber da sage ich als ein alterfahrener Staatsmann: Ganz ohne irgendeinen Zwang wird diese noch so wahrhaft göttliche Lebenslehre nie einen besonderen offenen Eingang finden! Wenigstens muß der gar zu krasse fanatische Aberglaube mit aller Zwangsgewalt verdrängt werden, ansonst es ewig schade wäre, sie auch nur eine Tagereise von hier weiterzutragen!
GEJ|2|59|3|0|Wir glauben hier freilich ungezweifelt fest an die reinste ewige Wahrheit, die uns hier gar reichlich geoffenbart wird, aber dennoch nicht so ganz ohne Zwang; denn ihr beide, der Herr und Seine Taten sind denn doch eben auch kein gar zu geringfügiges Zwangsmittel, ohne welches auf diesem Platze nicht nahe über tausend Zuhörer und Lehrbefolger beisammen wären. So aber dieses überaus beachtenswerte Zwangsmittel uns noch immer zu keinen schon ganz toten Maschinen umgestaltet hat, wie euch solches diese meine vielleicht nicht jeden Grundes entbehrende Einrede hinreichend kundtut, so dürfte ein bloß äußeres Zwangsmittel den Menschen, die sich künftig nach dieser neuen Lehre aus den Himmeln zu wahren Kindern Gottes umgestalten sollen, von keinem gar zu großen Schaden sein!“
GEJ|2|59|4|0|Sagen die beiden Engel: „Du hast in einer Hinsicht allerdings recht, und es werden auch äußere Zwangsmittel nicht unterm Wege verbleiben; aber du wirst auch daneben zu der Überzeugung kommen, daß ein äußerer Zwang im Grunde noch schlechter ist als ein unsichtbarer innerer! Denn der äußeren Zwangsmittel bedient sich auch der Satan, um den bösen Aberglauben aufrechtzuerhalten; wenn wir aber bei der Ausbreitung der Lehre aus den Himmeln uns am Ende auch der schnöden Mittel des Satans bedienen und sogestaltig in seine Fußstapfen treten, – Frage: Was können wir dabei zum ewig Besten des Menschen gewinnen?
GEJ|2|59|5|0|Mit Feuer, Schwert und großem Blutvergießen hat sich noch allzeit der böse Aberglaube den Weg und Eingang in die Welt verschafft; so aber nun das reinste Wort Gottes sich auch auf demselben Wege Eingang verschaffen sollte, könnte es da je ein Mensch von nur einigem Geiste wohl als ein Friedenswort Gottes aus den Himmeln anerkennen? Würde er nicht sagen müssen: ,Gott, genügt es Dir denn nicht, daß die Menschheit vom Satan geplagt wird zum Haarsträuben, daß auch Du, Allmächtiger, auf den Wegen des Satans zu uns armen und schwachen Menschen kommen mußtest?‘
GEJ|2|59|6|0|Siehe, du liebster Freund und Bruder, wie gar sehr ungereimt das herauskäme, so Sich Gott der Herr je solcher Mittel zur Ausbreitung Seiner Lehre unter den Menschen zu ihrer ewigen Beseligung bedienen möchte, deren sich die Hölle noch allzeit bedient hat, um ihren harten Früchten und Speisen in der Welt bei den Menschen Eingang zu verschaffen!
GEJ|2|59|7|0|Ja, es werden dereinst leider Zeiten kommen, in denen man die verunreinigte Lehre Jesu des Herrn mit Feuer und Schwert den Völkern predigen wird; aber das wird für die Menschen von großem Übel sein! – Verstehst du das?“
GEJ|2|59|8|0|Sagt Cyrenius: „Leider verstehe ich auch das und frage immer noch, ob denn solche ganz äußeren Kalamitäten von den allmächtigen Himmeln nicht wollen verhütet werden, und warum überhaupt je einmal dem Bösen vollster Eingang in diese Welt mußte oder wollte gestattet werden!“
GEJ|2|59|9|0|Sagen die beiden: „Liebster Freund und Bruder, wenn du irgendeine Weisheit besitzest, so urteile selbst, ob es ohne ein Kontra je ein Pro geben kann! Wo ist noch je ein Mensch ohne Kampf ein Held geworden? Wäre es aber je unter den Menschen zu einem Kampfe gekommen, wenn es unter ihnen lauter fromme Lämmlein gegeben hätte? Oder könntest du je deine Kraft erproben, so es keine Gegenstände gäbe, die deiner Kraft zu widerstreben vermöchten? Könnte es je ein Hinauf geben, so es kein Hinab gäbe? Oder könntest du jemandem etwas Gutes tun, so da nie jemand in die Lage käme, deine Hilfe zu benötigen? Was wäre dann eine gute Tat, so deren niemand bedürfte? Oder könntest du einen Allwissenden je etwas lehren, das er zuvor nicht wüßte?
GEJ|2|59|10|0|Siehe, in einer Welt, wo der Mensch aus sich selbst sich zu einem wahren Kinde Gottes gestalten soll, muß ihm auch alle mögliche gute und schlechte Gelegenheit geboten sein, die Lehre Gottes im Vollmaße ausüben zu können!
GEJ|2|59|11|0|Es muß kalt und warm sein, damit der Reiche Gelegenheit bekommt, seine armen und nackten Brüder mit Kleidung zu versehen. Also muß es Arme geben, auf daß wieder die Reichen sich in der Barmherzigkeit und die Armen in der Dankbarkeit üben können. Ebenso muß es Starke und Schwache geben, auf daß die Starken Gelegenheit bekommen, den Schwachen unter die Arme zu greifen, die Schwachen aber in der Demut ihres Herzens erkennen, daß sie schwach sind. Also muß es auch gewisserart Dumme und Weise geben, ansonst denn ja den Weisen ihr Licht ein vergebliches wäre!
GEJ|2|59|12|0|So es keine Bösen gäbe, an wem würde denn der Gute ein Maß haben, ob und inwieweit er wirklich gut sei?!
GEJ|2|59|13|0|Kurz, in dieser Sichselbstbildungsanstalt der Menschen zu den freiesten Kindern Gottes muß es auch möglichst viele Pro- und Kontra-Gelegenheiten geben, durch die sich die Kinder vom Grunde aus in allem üben und völlig ausbilden können, ansonst sie unmöglich zu wahren, allmächtigen Kindern des Allerhöchsten werden könnten!
GEJ|2|59|14|0|Wir sagen es dir: Solange ein Mensch nicht in allen möglichen Dingen und Verhältnissen den Satan mit höchst eigener Macht aus dem Kampffelde treiben kann, hat er die volle Kindschaft Gottes noch lange nicht! Wie sollte er aber je dieses Feindes Sieger werden, wenn man ihm alle Gelegenheit nähme, auch nur mit einem Haare des Feindes in Berührung zu kommen? Ja, das wahre Reich Gottes kostet einen großen Kampf der vollsten Freiheit des ewigen Lebens wegen, und so muß euch ja Gelegenheit zum Kampfe gegeben sein zwischen Himmel und Hölle!“
GEJ|2|60|1|1|60. — Vom Nutzen der Leidenschaften
GEJ|2|60|1|0|(Die Engel:) „Also wirst du finden, daß da verschiedene Leidenschaften die Menschen beherrschen. Der eine fühlt in sich das Bedürfnis, alles zu besitzen, was nur irgendeinen Wert hat; das ist offenbar Geiz, der ein Laster ist. Und siehe, diesem Laster hast du die Schiffahrt zu verdanken; denn nur überaus hab- und gewinnsüchtige Menschen konnte die lebensgefährliche Begierde anwandeln, Mittel zu finden, über das überweit gedehnte Meer zu schwimmen, um zu suchen, ob es über dem Meere auch noch Länder gäbe, die vielleicht von unerhörten Schätzen strotzen. Sie kommen nach vielen ausgestandenen Mühseligkeiten und Lebensgefahren wirklich in ein über dem Meere gelegenes, noch gänzlich unbevölkertes Land. Die ausgestandenen großen Gefahren haben ihre Habsuchtsleidenschaft sehr abgekühlt und haben sie mutlos gemacht für eine Rückfahrt; sie siedelten sich gleich dort an, wohin sie der Wind gebracht hatte, bauten sich Hütten und Häuser und bevölkerten auf diese Weise ein noch ganz menschenleeres Land. – Nun urteile selbst, ob die Menschen ohne die Leidenschaft der Hab- und Gewinnsucht je das fremde Land entdeckt hätten!?
GEJ|2|60|2|0|Nehmen wir die Leidenschaft des fleischlichen Sinnlichkeitsgenusses. Denke du dir diese Leidenschaft ganz weg und stelle dir die Menschheit so himmlisch keusch als möglich vor, und du wirst an dem reinsten Jungfern- und keuschesten Junggesellenleben bis ins graue Alter ein lobenswertes Wohlgefallen haben. Denke dir aber nun alle Menschen in solch einem höchst keuschen Zustande und sage dir es selbst: Wie wird es dabei mit der in der Gottesordnung bedungenen Fortpflanzung des Menschengeschlechtes aussehen? Du siehst also hieraus, daß dem Menschen auch diese Leidenschaft innewohnen muß, ansonst die Erde nur zu bald menschenleer werden müßte! Daß ein und der andere Mensch in dieser Leidenschaft nur leider zu oft ausartet, wie es die tägliche Erfahrung lehrt, ist sicher wahr, und es ist solch eine Ausartung allzeit wider die Ordnung Gottes, und somit eine Sünde. Aber es ist die oftmalige Ausartung dieser Leidenschaft wider die göttliche Ordnung dennoch gleichfort um vieles besser als die allergänzlichste Ausrottung derselben.
GEJ|2|60|3|0|Alle Kräfte aber, die dem Menschen gegeben sind und sich im Anfange als schwer zu zügelnde Leidenschaften kundgeben, müssen nach oben oder nach unten der höchsten Ausbildung fähig sein, ansonst der Mensch sowieso gleich einem lauen Wasser bleiben und in die stinkendste Trägheit versinken würde.
GEJ|2|60|4|0|Wir sagen es dir: Nichts kann dir ein vollwahreres Zeugnis von der göttlichen Bestimmung des Menschen geben als die größten Laster gegenüber den höchsten Tugenden der Menschen; denn daraus erst ist ersichtlich, welch endlose Fähigkeiten den Menschen dieser Erde gegeben sind! Vom allerhöchsten Himmel Gottes, der sogar uns Engeln unzugänglich ist, bis zur tiefsten Hölle ist des Menschen Bahn; und wäre sie nicht, nie könnte er die Kindschaft Gottes erreichen!
GEJ|2|60|5|0|Wir haben mit Menschen zahlloser anderer Welten zu tun; aber welch ein Unterschied zwischen hier und dort! Dort sind den Menschen in geistiger wie auch in naturmäßiger Hinsicht Schranken gestellt, über die sie höchst schwer einen Schritt tun können. Ihr Menschen dieser Erde aber habt im Geiste ebensowenig eine Beschränkung als der Herr Selbst und könnet tun, was ihr nur immer wollt. Ihr könnet euch erheben bis in die innerste Wohnung Gottes, aber eben darum auch so tief fallen als der Satan selbst, der einst auch der höchst freieste Geist aus Gott war; und da er fiel, mußte er auch in die tiefste Tiefe alles Verderbens notwendig fallen, aus der er kaum je einen Rückgang finden wird, weil dem Laster von Gott aus eine ebenso endlose Vervollkommnungsfähigkeit gegeben ist wie der Tugend.“
GEJ|2|61|1|1|61. — Vom Wert des freien Willens
GEJ|2|61|1|0|(Die zwei Engel:) „Es kommt demnach auf dieser Erde bei den Menschen alles allein nur auf den freien Willen an und auf die möglichst zwanglose Belehrung, die schon vom Herrn aus so gestellt ist, daß sie für den ausübenden Teil jedem Verstande der Menschen schon auf einmaliges Sagen hinreichend verständlich ist; es kann sich daher niemand entschuldigen, er habe die Lehre nicht verstanden. Denn das ,Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst!‘ ist so allgemein verständlich wie nur etwas, das jeder Blinde sogar mit Händen greifen kann! Und befolgt jemand tatsächlich diese kurze, leicht faßliche, aber dennoch alles in sich enthaltende Lehre, so wird er dadurch aus seinem Herzen schon ohnehin in alle erdenkliche Weisheit geleitet werden vom Herrn Selbst aus und kann darauf wieder zum Lehrer der Nebenmenschen werden. Und so kann denn einer den andern ziehen so weit, bis ihn der Herr Selbst ergreift und großzieht zu einem wahren Gotteskinde.
GEJ|2|61|2|0|Das aber ist dann die rechte Verbreitung der heiligen Lehre in der Ordnung der Himmel; alles, was darunter oder darüber, ist vom Übel und ziehet wenig oder gar keinen Segen bei den Pflanzen der Himmel Gottes. – Hast du das wohl alles verstanden?“
GEJ|2|61|3|0|Sagt Cyrenius: „Ja, ich habe alles verstanden! Ich sehe nun vollkommen, zu was Großem diese Erde und ihre Menschen von Gott aus bestimmt sind; nur das einzige Fatale dabei ist, daß neben den Kindern Gottes auch die Kinder der Hölle gewisserart in ein und derselben Schule großgezogen werden, und zwar jegliches für seine Sphäre! Aber ich sehe nun auch wirklich ein, daß es, vom Standpunkte der tiefsten himmlischen Weisheit aus betrachtet, nicht anders sein kann. Der Herr jedoch ist weise, gut und allmächtig zur Übergenüge, einst auch der Hölle eine andere Richtung zu geben! Die Ewigkeit ist ja lang genug dazu, um in ihrer endlosen Dauer allerlei Modalitäten (Arten von Verhältnissen) zu treffen, unter denen sich ihre Kinder am Ende samt ihrem Verlocker und Erzieher ergeben werden!“
GEJ|2|61|4|0|Sagen die beiden Engel: „Da geht deine Vermutung wohl schon weit über unsern Weisheitshorizont! Aber du, als ein Kind des Herrn, stehst deinem Vater offenbar näher, als wir Ihm als pure Geschöpfe nahestehen, und kannst daher auch ein rein göttliches Bedürfnis in dem Herzen eher wahrnehmen denn wir; aber soviel wissen wir auch, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist. Weiteres darüber aber vermögen wir dir auch nicht eine Silbe mehr zu sagen.
GEJ|2|61|5|0|Willst du in dieser Sache tiefere Aufschlüsse haben, so wende dich an den Herrn Selbst; Ihm ist alles übersonnenklar, was die künftigen Ewigkeiten allerdickst verhüllt enthalten. Aber wir meinen, daß Er so etwas wohl kaum einem Sterblichen, wegen der feinen Ohren des Satans, offenbaren wird. Denn der Feind hat tausendmal tausend Ohren, und man muß in der Rede von ihm auf der größten Hut sein, so man ihn nicht noch ärger machen will, als er ohnehin schon ist!“
GEJ|2|61|6|0|Sagt Cyrenius: „Ich verstehe! Ich werde darum davon dem Herrn auch nichts vermelden!“
GEJ|2|61|7|0|Sage Ich: „Brauchst ja nicht laut zu reden; denn Ich verstehe es ja auch, was du in deinem Herzen ganz geheim redest und fragest.“
GEJ|2|62|1|1|62. — Das Denken im Herzen
GEJ|2|62|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, es geht bei mir mit dem Denken im Herzen durchaus nicht, weil ich schon von meiner Jugend an gewöhnt wurde, im Kopfe zu denken; mir scheint es nahe unmöglich, im Herzen denken zu können! Wie soll man es denn anfangen, um im Herzen denken zu können?“
GEJ|2|62|2|0|Sage Ich: „Das ist ja ganz leicht und ganz natürlich! Alles, was du dir nur immer denken kannst und magst nach deinem Gefühle im großen Gehirne, kommt zuvor aus dem Herzen; denn jeder noch so geringe Gedanke muß ja doch zuvor irgendeine Anregung haben, durch die er als notwendig hervorgerufen wird. Wenn der Gedanke erst im Herzen irgendeines Bedürfnisses halber angeregt und erzeugt ward, so steigt er dann erst auf in das Gehirn des Kopfes zur Beschauung der Seele, auf daß diese darauf die Glieder des Körpers in die geeignete Bewegung setze, damit der innere Gedanke sogestaltig zum Worte oder zur Tat werde; aber daß je ein Mensch pur im Kopfe denken könnte, wäre die platteste Unmöglichkeit! Denn ein Gedanke ist eine rein geistige Schöpfung und kann darum nirgends entstehen denn allein im Geiste des Menschen, der im Herzen der Seele wohnt und von da aus den ganzen Menschen belebt. Wie möglich aber könnte sich je eine Schöpfung aus irgendeiner noch so subtilen (feinen) Materie entwickeln, da alle Materie, somit auch das Gehirn des Menschen, nichts als eine purste Materie ist und somit nie Schöpfer, sondern nur Geschaffenes sein kann?! – Verstehst du nun wohl solches und fühlst es vielleicht gar schon, daß kein Mensch etwas im Kopfe zu denken vermag?“
GEJ|2|62|3|0|Sagt Cyrenius: „Herr, ja ich fühle das nun ganz lebendig! Aber wie geht das denn zu? Es kommt mir jetzt wahrlich so vor, daß ich von jeher bloß nur im Herzen gedacht habe! Merkwürdig! Wie ist denn das? Ja, ich fühle förmliche Worte im Herzen, und das als ausgesprochene Worte, und es kommt mir nun gar nicht mehr vor, daß es möglich wäre, im Kopfe einen Gedanken zu fassen!“
GEJ|2|62|4|0|Sage Ich: „Das ist die ganz natürliche Folge deines stets mehr und mehr geweckt werdenden Geistes im Herzen, der da ist die Liebe zu Mir und durch Mich zu allen Menschen.
GEJ|2|62|5|0|Bei Menschen aber, bei denen solche Liebe noch nicht erwacht ist, bilden sich die Gedanken zwar auch im Herzen, werden aber im selben, weil es zu materiell ist, nicht wahrgenommen, sondern erst im Gehirne, wo die Gedanken des Herzens, als schon mehr materiell wegen des Antriebes zur Handlung, sich bildlich gestalten und sich mit den Bildern, die von der Außenwelt durch die äußersten Leibessinne sich in die Gehirntäfelchen eingeprägt haben, amalgamieren (vermischen) und sogestaltig vor den Augen der Seele selbst materiell und schlecht werden und sodann auch als notwendiger Grund der schlechten Handlungen der Menschen angesehen werden müssen.
GEJ|2|62|6|0|Darum muß ein jeder Mensch zuvor im Herzen und daselbst im Geiste wiedergeboren werden, ansonst er ins Gottesreich nicht eingehen kann!“
GEJ|2|62|7|0|Sagt Cyrenius zum nebenstehenden Petrus: „Verstehst du das wohl von der Wiedergeburt des Geistes im Herzen, und was und wo so ganz eigentlich das Reich Gottes ist, von dem Er und die beiden Engel in einem fort reden und solches als Künftiges für unsern Glauben verheißen?“
GEJ|2|62|8|0|Sagt Petrus: „Allerdings verstehe ich solches, und so ich's nicht verstünde, bliebe ich nicht hier, sondern würde daheim für mein Haus sorgen. Forsche du, hoher Herr, aber nur in deinem Eigenherzen, da wirst du in Kürze mehr finden, als was ich dir in hundert Jahren erörtern könnte!
GEJ|2|62|9|0|Siehe uns an, die wir Seine ersten Jünger und Zeugen waren, ob wir viel mit Ihm äußerlich reden! Und siehe, dennoch reden wir mehr mit Ihm denn du und viele andere durchs äußere Mundwort; denn wir reden mit Ihm rein nur im Herzen und fragen Ihn um tausenderlei, und Er antwortet uns in klaren, wohlausgeprägten Gedanken, und so gewinnen wir doppelt. Denn eine Antwort des Herrn in des Menschen Herzen ist gewisserart schon sein Lebensanteil, während das äußere Wort erst durch die fortgesetzte Tat wegen der Übung der Seele zum Lebensanteil werden muß.
GEJ|2|62|10|0|Und so kannst du, hoher Herr, denn in der bewußten Satanssache ja auch in deinem Herzen fragen, und der Herr wird dir dann schon die rechte Antwort in dein eigenes Herz so ganz still und geheim legen, daß sie der vielohrige Satan unmöglich wird zu vernehmen imstande sein! Und auf die gleiche Weise kannst du den Herrn auch wegen der Wiedergeburt des Geistes im Herzen und wegen des Reiches Gottes fragen, und es wird dir alsbald die klarste Antwort zuteil werden!“
GEJ|2|62|11|0|Sagt Cyrenius: „Ja, nun ist es mir klar, warum ihr – was mich schon einige Male sehr gewundert hat – mit dem Herrn fast nie ein Wort redet! Nun, ich werde es versuchen. Wenn der Herr euch also geheim gnädig ist, da wird Er es wohl auch mir sein können! Denn daß ich Ihn über alle Maßen liebe, beweist, daß ich mein großes und schweres Regierungsgeschäft unterdessen gewisserart an den Nagel hänge und mich bei Ihm aufhalte und meine Seele stärke mit jeglichem Worte aus Seinem heiligsten Munde!
GEJ|2|62|12|0|Ich glaube auch, daß ich aus purer Liebe zu Ihm mehr tue und mehr getan habe denn ihr alle; denn ich kannte Ihn schon als zartes Kind und habe im fremden Heidenlande gesorgt für Ihn, für Seine Eltern und Brüder! Und während ihr nur eure Fischernetze Ihm geopfert habt, bin ich, so Er es annehmen möchte, sogleich bereit, alle meine Weltwürden niederzulegen und Ihm dann als Geringster unter euch allen getreuest zu folgen und jeden Augenblick mein Leben für Ihn und euch alle in die Schanze zu schlagen, wie ich es schon ein paar Male getan habe, abgesehen von dem, was deshalb gar leicht von Rom aus über mich hätte kommen können!
GEJ|2|62|13|0|Wenn ich aber solches alles tue aus purer Liebe zu Ihm, so wird Er mich ja doch wohl auch einer Gnade für wert halten, die Er euch in so reichem Maße zukommen läßt!?“
GEJ|2|62|14|0|Sage Ich: „Hast sie ja schon, Mein teuerster Freund und Bruder! Was du aber hast, das brauchst du ja nicht mehr zu suchen und dich nicht mehr zu ereifern, als ob du es noch nicht hättest! Sei daher nun nur ruhig und versuche es einmal in deinem Herzen, Mich um was immer zu fragen, und Ich werde dir die Antwort klar, deutlich, verständig und wohlvernehmlich in dein Mich wahrlich über alles liebendes Herz legen!“
GEJ|2|63|1|1|63. — Über die Wiederbringung des Verlorenen
GEJ|2|63|1|0|Auf dieses Mein Anraten fragt Cyrenius in Hinsicht des Satans, was einst aus ihm wird, und ob von dessen Seite je an eine Umkehr zu denken ist.
GEJ|2|63|2|0|Und Ich lege ihm folgende Antwort in sein Herz: „Was da geschieht, geschieht dessentwegen: Der verloren ist, wird gesucht, und dem Überkranken wird Arznei geboten, aber dessen Wille bleibt frei und muß frei bleiben; denn seinen Willen hemmen, hieße die ganze, nahe endlose materielle Schöpfung und alle ihre Elemente in den härtesten Stein verwandeln, darin sich kein Leben regen kann. Die ganze materielle Schöpfung ist der so weit als möglich gerichtete große Geist, und dieser wird getrennt in zahllose Welten, die aber in ihrer endlosen Zahl dennoch sein komplettes Wesen bedingen. Aber aus diesem einen Wesen werden zahllose Myriaden der Myriaden Wesen, wie da sind die meisten Menschen dieser Erde, genommen und werden durch Gottes Kraft, Macht, Liebe und Weisheit zu ganzen, gottähnlichen Wesen umgestaltet, und das ist eine sichere Umkehr des einen großen Geistes!
GEJ|2|63|3|0|Wenn aber alle Erden und alle Sonnen in lauter Menschen aufgelöst sein werden, dann wird auch von dem einen nichts mehr übrig sein als sein pures ,Ich‘, das im völligsten Alleinsein sich nach Zeiten der Zeiten zur Umkehr anschicken müssen wird, ehe es sich einem ewigen Verschmachten preisgeben wird. Dann wird keine materielle Sonne und keine materielle Erde mehr kreisen im endlosen ewigen Raume, sondern all und überall wird eine überherrliche neue geistige Schöpfung mit seligen freien Wesen den endlosen ewigen Raum erfüllen, und Ich werde ewig gleichfort aller Wesen Gott und Vater sein von Ewigkeit zu Ewigkeit, und dieses allerseligsten Zustandes wird fürder nimmer ein Ende sein; es wird da sein eine Herde, ein Schafstall und ein Hirte!
GEJ|2|63|4|0|Wann aber dieses alles also wird, nach der Anzahl der Erdjahre, kann nimmer bestimmt werden! Und würde Ich dir die Zahl auch kundtun, so würdest du sie unmöglich fassen; und sagete Ich dir auch die Zahl damit, daß tausendmal tausend so viele Zeitläufe von tausend zu tausend Jahren vergehen werden, als wieviel es da gibt des Sandes im Meere und auf der ganzen Erde, und wieviel es da gibt des Grases in allen Landen und auf allen Bergen der Erde, und wieviel es da gibt der Tropfen im Meere, in allen Seen und Strömen, Flüssen, Bächen und Quellen, so könntest du dies alles dennoch nicht zählen, um dadurch die endliche Hauptlösezeit zu bestimmen!
GEJ|2|63|5|0|Darum gedulde dich mit dem: Trachte du nur vor allem nach dem Reiche Gottes und nach dessen wahrer Gerechtigkeit, so wirst du nach deines Leibes Tode von Mir sogleich zum ewigen Leben erweckt werden, und im Reiche der reinen Geister werden tausend Erdjahre vergehen wie ein Tag!
GEJ|2|63|6|0|Und, Freund, in Meinem geistigen Reiche voll all der höchsten Seligkeiten wird sich das, was dich hier unendlich dünkt, ganz seligst leicht und kurz erwarten lassen! Jetzt kannst du nicht und keiner Meiner Jünger in alle Weisheit der Himmel eingeführt werden –, dann aber, wenn du nach wenig Jahren getauft wirst mit dem heiligen Geiste aus Gott! Dieser Geist wird dich und alle andern leiten in alle Weisheit der Himmel. Dann erst wirst du das alles im hellsten Lichte schauen, was dir nun noch dunkel und verworren sein muß! – Dies dir nun Geoffenbarte aber behalte fest bei dir und laß davon niemanden etwas merken; denn das muß noch lange geheimgehalten werden!“
GEJ|2|63|7|0|Als Cyrenius solches in sich vernommen hatte, stutzte er ganz gewaltig und sagte nach einer Weile besonderen Nachdenkens: „Es war ohne weiteres Dein Wort, das ich nun wie einen guten Redefluß in meinem Herzen treu und klar vernommen habe; aber soll die Schlußermahnung wohl so strenge gehalten sein und werden? Gar vertrauten, redlich und ehrlich denkenden und glaubenden Menschen dürfte so etwas ja doch – etwa nur so einiges davon wie teilweise hingeworfen – kundgemacht werden!? Denn so etwas könnte ja doch keinem Menschen schaden!“
GEJ|2|63|8|0|Sage Ich laut: „Ja Freund, einem Menschen, wenn er es wie du auf innerem Wege erhält, schadet es freilich nicht, ansonst Ich es dir nicht kundgetan hätte; aber wenn so etwas viele Menschen von außen her empfingen, so würde es ihnen ganz gewaltig schaden. Wie und warum, – das haben dir Meine Engel ganz genügend enthüllt, und so lassen wir diesen Gegenstand ruhen; denn wir haben noch viele andere Sachen von großer Wichtigkeit zu schlichten, die vorderhand um vieles notwendiger sind als diese deine Frage, deren volle Antwort erst in der Ewigkeit zur Reife gelangen muß.“
GEJ|2|64|1|1|64. — Über Wesen, Leben und Arbeit der Naturgeister
GEJ|2|64|1|0|Cyrenius gibt sich nun mit diesem Bescheide zufrieden, dafür aber erhebt sich Kisjonah und bittet Mich, ob er auch eine Frage über eine von Mir getroffene Anordnung, die nicht wurde, stellen dürfe.
GEJ|2|64|2|0|Sage Ich: „Rede, Freund der Freunde und Feinde!“
GEJ|2|64|3|0|Spricht Kisjonah: „Siehe, als wir den letzten Rest aus der Grotte in meinen Bergen holten, da ordnetest Du an, Brot und Wein in rechter Menge mitzunehmen, da wir dort viel Hungrige und Durstige antreffen würden! Ich ließ darauf gleich Brot und Wein in großem Maße mitnehmen und wartete hernach bei und in der Grotte, ob da jemand käme, der des Brotes und Weines bedürfe! Aber siehe, Herr, es fand sich niemand vor, dem man das Mitgenommene hätte verabfolgen können!
GEJ|2|64|4|0|Als wir aber aus der Grotte gekommen waren und Du diese durch Deine Macht im Archiel hast für ewige Zeiten verrammen lassen, so waren wir ohne Brot und Wein, und keiner von den Trägern wußte mir zu sagen, wer ihnen das Brot und den Wein abgenommen hätte. Ich habe solches in der Grotte, wie auch außer derselben, im wundervollsten Momente wahrlich nicht bemerkt; aber einen Tag darauf, als Du Kis verließest, sprach natürlich mein ganzes Haus von nichts als von Dir, und – wie die Menschen schon sind, besonders bei so wunderbarsten Begebnissen – es wurden da wenigstens noch einmal soviel Taten erzählt, als Du meines Wissens gewirkt hast! Viele dergleichen erzählte Taten, die die Erzähler wollen von Dir verrichten gesehen haben, verwies ich den Erzählern und erklärte sie als Erfindungen ihrer erhitzten Phantasie, das denn doch am Ende nichts als eine fromme Lüge sei; aber die Erzählung vom Verschwinden des mitgenommenen Brotes und Weines hatte selbst mich im Vollernste stutzen gemacht. Denn ich konnte mich wahrlich nicht entsinnen, was da mit dem mitgenommenen vielen Brot und Wein geschehen war, da wir davon nichts genossen hatten.“
GEJ|2|64|5|0|Sage Ich: „Ich wußte es wohl, daß dich so etwas Mir nachsenden würde; aber es liegt daran wahrlich nicht gar so besonders viel, als du es dir vorstellst. Da du jedoch schon gekommen bist, auch darüber ins klare zu kommen, so muß Ich dir die Sache gleichwohl aufhellen; und so höre denn:
GEJ|2|64|6|0|„Siehe, in den Bergen, so wie in der Luft, wie auch in der Erde, im Wasser und im Feuer, gibt es gewisse Naturgeister, die noch nicht den Weg des Fleisches durchgemacht haben, weil sich dazu noch nicht die Gelegenheit geboten hat, in der sie bei einem menschlichen Zeugungsakte den Eingang ins Fleisch hätten finden können, um durch den Leib eines Weibes im Fleische zur Welt geboren zu werden. Massen solcher noch ungeborener Seelen sind in allen Elementen vorhanden.
GEJ|2|64|7|0|Nun, die in den Bergen waltenden Naturgeister aber haben aus der Luft irgend mehr Konsistenz (größere Dichtigkeit) angenommen. Diese haben kein besonderes Bedürfnis, ins Fleisch eingezeugt und darauf im Fleische aus einem Weibe geboren zu werden; ihnen ist es bei einiger, manchmal ziemlich scharfen Intelligenz lieber, solange als möglich im freien, ungebundenen Zustande zu verbleiben. Sie haben sogar ein Rechtsgefühl und fürchten den Geist Gottes, von dem sie manchmal eine ziemlich helle Kenntnis haben, das heißt nur immer einige aus ihnen, die schon alt geworden sind; die jungen in diese Gesellschaft aufgenommenen Geister sind gewöhnlich noch sehr finster und mitunter auch böse und könnten viel Übles anrichten, wenn sie nicht von den älteren im Zaume gehalten würden. Ihr Hauptgeschäft ist, allerlei Metalle in den Bergen zu gestalten, zu ordnen und sie gedeihen zu lassen in den Spalten und Gängen der Berge.
GEJ|2|64|8|0|Solche Geister nehmen zuweilen auch Nahrung aus der Natur, und zwar nur aus dem Reiche der Pflanzen. Solches tun sie bei starker Arbeit im Reiche der Berge bei der Umgestaltung der Felsen, bei der Abtreibung großer Bergteile, bei der Ausschöpfung innerer, mit Wasser zu voll gewordener Höhlen und bei dergleichen Arbeiten mehr, mit denen diese Geister oft auf das vollgemessenste beteiligt werden, damit sie, als oft zu mächtig geplagt, die Liebe zu ihren Bergen verlieren sollen und sucheten ins Fleisch eingezeugt zu werden, weil besonders von nun an kein Geist zur voll lebendig freien Seligkeit gelangen kann, der nicht den Weg des Fleisches durchgemacht hat.
GEJ|2|64|9|0|Diese Geister, Mein lieber Kisjonah, und namentlich die, die deine Berge bestellen, hatten in der Verrammung der schnöden Grotte eine überstarke Arbeit vor sich und mußten dazu mit Brot und Wein gestärkt werden! Und siehe, diese sind es, die Ich gemeint habe, da Ich sagte: ,Wir werden der Hungrigen und Durstigen in großer Menge antreffen, die solcher Stärkung bedürftig sein werden!‘ Sie ist auch ohne irgendein Überbleibsel verzehrt und darauf auf das Geheiß Meines Engels auch die überschwere Arbeit auf das vollendetste verrichtet worden. Darin besteht nun die voll erhellte Antwort auf deine Frage. – Hast du sie wohl verstanden?“
GEJ|2|65|1|1|65. — Sagen von Berggeistern. Über Zauberei
GEJ|2|65|1|0|Sagt Kisjonah: „Ja, Herr, ich habe sie ganz verstanden, und das um so mehr, weil mir von meinen Bergleuten, die in meinen Bergschächten allerlei Erz graben, solche Dinge schon gar oft erzählt worden sind, wie ihnen manchmal Brot und Wein weggekommen sei und sie nicht wußten, wer unter ihnen sich etwa solch einen Diebesscherz mochte gemacht haben! Wenn die hungrigen Bergleute dann recht ärgerlich wurden, so vernahmen sie nicht selten ein schallendes Gelächter, und einige von ihnen wollen auch kinderkleine Menschengestalten vor ihnen herhüpfen gesehen haben, und zwar der Farbe nach blaue, rote, grüne, gelbe und auch ganz schwarze.
GEJ|2|65|2|0|Also erzählte mir auch erst unlängst mein ältester Bergmann, daß ihm ein blaues Männchen geraten haben soll, künftighin Brot und Wein bei sich in einer umgehängten Ledertasche zu tragen, so würden sich die hungrigen Berggesellen desselben nicht bemächtigen können. Und also solle auch niemand in den Schächten der Berge zu laut reden, durchaus nicht pfeifen oder gar fluchen; denn alles das möchten die Berggesellen nicht vertragen und täten darum allen jenen, die solches Gebot nicht halten möchten, Übles! Auch solle niemand lachen in der Berge Tiefe; denn das Lachen könnten die Gesellen auch nicht vertragen. So meine Bergleute manchmal Brot und Wein den Berggesellen überlassen wollten, so würden ihnen dafür die Berggesellen in reicher Auffindung edler Metalle behilflich sein.
GEJ|2|65|3|0|Ich hielt solche Sagen gewöhnlich für Fabeln, da ich selbst nie etwas Ähnliches erfahren konnte, obschon ich recht oft die Schächte meiner Berge betreten habe; aber jetzt, nach dieser Deiner gütigen Erklärung, ist mir alles auf ein Haar klar! Nur dies einzige kann ich wenigstens für den Augenblick noch nicht fassen: wie denn die Berggesellen, die doch eigentlich Geister sind, eine naturmäßige Kost verzehren können! Wie essen und trinken denn diese etwas unheimlichen Wesen?“
GEJ|2|65|4|0|Sage Ich: „Ungefähr auf diese Weise, wie das Feuer die Dinge verzehrt, die es ergreift! Gib in selbes einen Tropfen Wein oder vom Brote ein Bröckchen, und du wirst beides schnell verschwinden sehen! Und siehe, auf diese Weise ungefähr verzehren die Geister oder Berggesellen die naturmäßige Kost. Sie lösen das Materielle schnell auf und verkehren das in der Materie vorhandene Geistig- Substantielle in ihr seelisches Wesen, es aufnehmend in ihr Selbstiges, – und das in einem Augenblick! – Nun weißt du auch das und brauchst dich darüber um nichts weiteres mehr zu bekümmern.“
GEJ|2|65|5|0|Sagt Kisjonah: „Herr, ich danke Dir für diese Mitteilung; denn sie erheitert nun mein ganzes Gemüt, und ich erkenne nun noch klarer, daß da alles nichts als pur Leben ist, was mich von allen Seiten umgibt.“
GEJ|2|65|6|0|Sage Ich: „Ganz gut, Mein geliebtester Freund! Aber nur um das bitte Ich dich, daß du wie jeder, der davon nun Kenntnis erhielt, die Sache bei sich behalten möchte, denn so etwas ist nicht für jedermann heilsam, wenn er es wüßte; denn all die ägyptischen und persischen Zauberer stehen nicht selten im Verbande mit den Geistern und Kobolden und führen mit ihrer Hilfe allerlei Zaubereien aus. Aber alle solche Zauberei ist ein Greuel vor Gott, und der sie übt, fürwahr, der wird schwerlich je ins Reich Gottes kommen! Denn solche Zauberer versperren obbenannten Geistern den Eintritt ins Fleisch; und wenn sie sterben, werden sie zu Gefangenen solch unreifer Seelen und sind überaus schwer davon zu befreien, weil sie gleichfort Naturmäßiges von den unreifen, nackten Naturseelen in sich aufnehmen. Ich sage es euch: Verflucht sei ein Zauberer! Denn noch nie ist erlebt worden, daß ein wahrer Zauberer mit seiner Zauberei irgendeinen nur halb guten Zweck verbunden hätte! Überall sieht bergedick die bellendste Hab- und Gewinnsucht, daneben aber auch die frechste Herrschgier heraus, und solche Geister sollen in der tiefsten Hölle ihren demütigenden Lohn erhalten!“
GEJ|2|65|7|0|Sagt einmal Faustus: „Herr, Herr, da wird es mit den vielen Zauberern und Wahrsagern im weiten römischen Reiche schlecht aussehen! Denn diese Art Menschen stehen eben in Rom in einem götterähnlichen Ansehen und vermögen mit einem Worte den Willen des Kaisers sowie jedes noch so großen und tapferen Helden zu erlahmen, – im Gegenteile freilich auch wieder so zu beleben, daß vor seinem Mute die Berge erbeben müssen!“
GEJ|2|65|8|0|Sage Ich: „Ja, Freund, diesen halbgöttisch tuenden Menschen wird es dereinst wohl nicht am besten ergehen; denn sie wissen es, daß sie die in ihre Kunst nicht Eingeweihten auf das schmählichste betrügen und sie durch solche Betrügereien nicht selten zu allerlei Greuel verleiten. Darum aber kann es solchen Wichten auch nimmer gut ergehen; denn das sind die wahren Nichtsverkäufer um vieles Geld und die echten Erzeuger von zahllosen Greueln und Sünden zum Verderben der Menschen!“
GEJ|2|65|9|0|Sagen mehrere: „Aber wenn sie sich besserten, könnten sie auch dann nicht selig werden?“
GEJ|2|65|10|0|Sage Ich: „Ja, ja, wenn sie sich besserten, dann könnten auch sie selig werden; aber das ist eben das Traurige, daß eben derart Menschen am wenigsten zur Besserung geeignet sind! Mörder, Räuber, Diebe, Hurer und Ehebrecher möget ihr bekehren, und ein Kaiser, ein König kann leicht seine Krone niederlegen; aber ein Zauberer trennt sich nicht von seinem Zauberstabe! Denn seine unsichtbaren Gesellen lassen solches nicht zu und sind allzeit seine Meister, wenn er sich von ihnen trennen wollte.
GEJ|2|65|11|0|Darum sage Ich noch einmal: Verflucht sei die böse Zauberei; denn durch sie kamen alle Sünden in die arge Welt!
GEJ|2|65|12|0|Wer Wunder wirken will, der muß dazu die innere Kraft von Gott aus haben; und dann wirke er nur dort ein Wunder, wo es die äußerste Notwendigkeit erheischt!
GEJ|2|65|13|0|Wer aber falsche Wunder wirkt und durch allerlei Sprüche und Zeichen einen Wahrsager macht, der braucht nicht mehr verdammt zu werden, denn er ist schon vollauf verdammt durch seinen eigenen Willen. Darum hütet euch alle vor der argen Zauberei, sowie vor der Wahrsagerei; denn solches alles ist vom größten Übel für den Geist des Menschen!“
GEJ|2|65|14|0|Nach diesen Worten waren alle, die sie vernommen hatten, nahe durch und durch erschreckt und fragten, ob man denn auch nicht auf die aus uralten Erfahrungen verläßlichen Witterungsvorzeichen halten solle.
GEJ|2|65|15|0|Sage Ich: „O ja, dann, wenn sie auf einer rein wissenschaftlichen berechenbaren Basis ruhen; ist aber das nicht der Fall, so ist auch solches eine Sünde, weil der Mensch dabei einen zweiten Glauben, der den reinen Glauben an die alleinige göttliche Vorsehung schwächt, annimmt und am Ende mehr an die Zeichen als an den allein wahren, allmächtigen Gott glaubt.
GEJ|2|65|16|0|Wer beim reinen Glauben bleibt, der darf bitten, und es wird ihm gegeben werden, um was er gebeten hat, und möchten auch die durch Erfahrung erwahrten (bestätigten) bösesten Zeichen der Erde und der Luft das schroffste Gegenteil anzeigen; wer sich aber auf die Zeichen verläßt, dem solle auch nach den Zeichen werden. Die Pharisäer halten auf die Zeichen und lassen sich ums teure Geld von den Menschen befragen darum; sie werden aber dereinst auch desto mehr Verdammnis überkommen!
GEJ|2|65|17|0|Hat denn nicht Gott alles, was da den Menschen zum Zeichen dient, erschaffen? Wenn aber das alles Gott erschaffen hat, so wird Er wohl bleibend Herr darüber sein und wird alles leiten und lenken! So aber Gott allein der Herr und der Lenker aller geschaffenen Dinge und Erscheinungen ist, wie sollen dann diese ohne Ihn etwas anzuzeigen haben? Können sie aber solches unmöglich je, so bitte der Mensch Gott, der allein alles vermag, ob nun die Zeichen so oder so stehen! Ist das nicht tröstlicher denn tausend der allerverläßlichsten Zeichendeutereien?“
GEJ|2|65|18|0|Sagen alle Anwesenden an Meinem Tische: „Herr, das ist gewiß und wahr! Wolltest Du doch auch machen, daß die ganze Welt also dächte und täte, dann sähe es in der Welt anders aus, als es nun aussieht! Wir hier um Dich Versammelten aber haben es nun freilich leicht, da wir Dich als den Grund alles Seins und Erscheinens bei der Hand haben; aber nicht also wie uns geht es gar vielen hunderttausendmal Tausenden, die das unschätzbar große Glück nicht haben, in Deiner allerheiligsten Gesellschaft zu sein und aus Deinem Munde zu vernehmen die Worte des Lebens! Diese sehnen sich sicher auch gleich uns nach Dem, von dem die ganze Schöpfung ein nur zu lautes Zeugnis gibt; aber ihre Blicke zu den Sternen entdecken Dich nimmer, und ihre große Sehnsucht wird nicht befriedigt. Was Wunder, daß bei solchen Menschen dann die wundertätigen Zauberer und Zeichen und deren Deuter nur zu leicht Anklang finden, weil sie den nach göttlichen Dingen sehnsüchtigen Menschen etwas bieten, das, wenn auch falsch, aber dennoch immerhin einen gottähnlichen Anstrich hat!?“
GEJ|2|66|1|1|66. — Von Zauberern und Wahrsagern
GEJ|2|66|1|0|Von hier an fängt Cyrenius wieder allein zu reden an und sagt mit ziemlich ernster Miene: „Herr, es ist vollkommen wahr, daß Du ganz sicher Der bist, als den wir Dich schon seit lange her erkannt haben, und niemand aus uns kann das in Abrede stellen; aber ich muß Dir dennoch nun ganz offen gestehen, daß ich bei Deiner gegenwärtigen Erklärung über die Zauberer, Zeichendeuter und Wahrsager von Deiner mir sonst nur zu gut bekannten Barmherzigkeit und Liebe nahe gar nichts verspürt habe! Bei solchen Umständen und Verhältnissen ist es dann denn doch allein von Dir abhängig, – denn Du Selbst versetzest dem Menschen gewaltige Hiebe, die sehr schmerzen; aber wehe dem geschlagenen Menschen dann, wenn er bei den mächtigen Hieben wehezuschreien anfängt! Ob das aber auch recht ist, weiß ich kaum!
GEJ|2|66|2|0|Sieh, die Menschen der Erde sind sicher zuallermeist blind und dumm, und dadurch auch böse. Aber ich frage, worin da die Schuld liegt, und woher das Übel veranlaßt wird! Und so, wie ich nun, fragen viele Hunderttausende der sicher durchaus nicht unreifen Römer!
GEJ|2|66|3|0|Es ist durchaus nicht anzunehmen, daß der Mensch uranfänglich schlecht aus Deiner Hand hervorging, sowenig als ein Kind je einmal schon als ein Teufel zur Welt geboren wird; wenn aber der erste Mensch gut war, wie ist hernach der zweite oder der dritte schlecht geworden? War es Dein Wille also, oder der dessen, der ihn nachderhand gezeuget hat? Es muß also das alles, wie es da ist, doch nach Deinem Willen gekommen sein! Wenn das alles aber Dein Wille also gewollt hatte, warum dann die schwerste Verdammnis über dergleichen Menschen, die im Grunde die arme Menschheit nur vor der sicheren Verzweiflung gerettet haben, weil Du auf ihr Rufen Dich ihnen nicht hattest zeigen wollen?! Ich bitte Dich, darum wohl gerecht, aber nicht hart zu sein; denn das Geschöpf hat gegen seinen Schöpfer keine Waffe, – es kann nur bitten, dulden, leiden und verzweifeln!“
GEJ|2|66|4|0|Sage Ich: „Aber Freund Cyrenius! Hast du denn schon alles wieder vergessen, was du sowohl von Mir als auch von den beiden Engeln vernommen hast? Sagte Ich denn, daß Ich Selbst solche Leute richten oder verdammen werde? Hast du doch vor wenigen Tagen noch die Pharisäer gleich züchtigen lassen wollen, weil sie Mich steinigen wollten, und Ich ließ es dich nicht! Und nun scheint es, daß du nahe ihre schlechte Partei nehmen möchtest! Oder verstehst du's etwa besser, den Menschen so zu stellen, daß er in solcher Stellung ein Kind Gottes werden muß, wenn er es will? Sieh, wie schwach du noch bist!
GEJ|2|66|5|0|Bist du denn in der allerallgemeinsten Geschichte aller Menschen wohl so meisterlich bewandert, daß du auf deren Grund Mir vorhalten kannst, daß Ich Mich um die Rufenden und Suchenden erst jetzt bekümmere und früher nie?
GEJ|2|66|6|0|Haben nicht die ersten Menschen steten Umgang mit Mir gehabt? Wer war seit Noah bis Moses der Hohepriester zu Salem, der Melchisedek hieß, und auch zugleich als ein rechter König der Könige zu Salem wohnte? Wer war hernach der Geist in der Arche des Bundes? Und da der Geist aus der Arche in Mich trat, – Frage: Wer bin nun Ich?
GEJ|2|66|7|0|Die Rufenden wollten Mich freilich von den Sternen herab haben, weil Ich ihnen, als Ich unter ihnen war, zu gemein und zu wenig göttlich war, da Ich nicht also glänzen wollte wie die Sterne!“
GEJ|2|66|8|0|Siehe, was dich also nun bewegt hat, war grundfalsch, und der Satan, der es ein wenig gemerkt hatte, daß du sein Geheimnis in dir trägst, hat dir nur ein wenig auf den Zahn gefühlt, und schon wolltest du mit Mir zu hadern anfangen! So bedenke doch, ob du ein Recht in deiner Rede haben kannst!?
GEJ|2|66|9|0|Kann Ich je hart oder ungerecht sein gegen jemanden? Oder bin Ich ungerecht, so Ich dir fürs falsche, gemachte Gold das echte, allerreinste biete? Oder soll Ich euch denn bei dem alten, bösen und auch nutzlosen Aberglauben lassen? Hätte Ich als der Herr nicht mehr Recht gehabt, die bösen, widerspenstigen Pharisäer zu verderben, denn du?! Habe Ich sie aber gerichtet? Ja, sie wären auch ihrem eigenen inneren Richter als Beute verfallen, wenn Ich sie nicht wunderbar gerettet hätte!
GEJ|2|66|10|0|Sieh, sieh, wie kurzsichtig du noch bist! Ich meine, Freund, das alles, was du schon gehört und gesehen hast, hätte dich denn doch schon ein wenig weitsichtiger machen sollen!“
GEJ|2|66|11|0|Cyrenius bittet Mich um Vergebung, sowie auch alle andern, und sie sehen ihre falsche Meinung ein; Ich aber vertröste sie alle und sage: „Oh, ihr werdet noch öfter in noch stärkere Proben kommen; aber dann vergesset dieses Begebnis und diese Meine nun an euch erflossene Lehre nicht, sonst könntet ihr trotz dem, daß ihr alle Mich gesehen und gesprochen habt, in noch größere Versuchungen geraten und von Mir ebensogut abfallen und wieder in alle Welt, in ihre Lügen und Betrügereien übergehen und denen ganz gleich werden, von denen ihr meinet, daß sie Mich gesucht und gerufen haben und Ich ihnen dann, um sie desto leichter verdammen zu können, an Meiner Statt Zauberer und Zeichendeuter gegeben habe!“ – Alle bitten noch einmal um Vergebung, – und Ich segne sie alle.
GEJ|2|67|1|1|67. — Der Herr heilt einen Tobsüchtigen
GEJ|2|67|1|0|Gleich darauf aber kommen aus der Stadt eine Menge Bürger und geben kund, daß ein Mensch tobend geworden sei.
GEJ|2|67|2|0|Ich aber frage sie, was Ich mit dem Tobenden machen solle.
GEJ|2|67|3|0|Und die Bürger sprechen: „Wir wissen, daß du ein Wunderarzt bist, da uns heute die Pharisäer das verkündet haben und erzählten, wie du bloß durch den Willen das Haus des alten Josa völlig gesund gemacht hast, und daß du mehr seist als allein der uns allen wohlbekannte Zimmermann Jesus! Und so bitten wir dich als unsern wohlbekannten Landsmann, daß du diesen tobenden Menschen wieder gesund machen wollest!“
GEJ|2|67|4|0|Frage Ich: „Wie ist er denn zu dieser Tobsucht gekommen?“
GEJ|2|67|5|0|Sagen die Bürger: „Ja, lieber Meister, das hat er von einem tollen Hunde, der ihn gebissen hatte, geerbt, und das ist ein schrecklich gefährliches Übel, das bis jetzt noch nie von einem Arzt hat geheilt werden können! Wenn er stirbt, muß das ganze Haus mit ihm verbrannt werden; denn wer ihn nur anrührete, würde kurz darauf auch von solcher schrecklichen Tobsucht befallen werden! Darum haben wir ihn in seinem Hause wohl verwahrt, damit er nicht ins Freie kann, allwo er einen großen Schaden anrichten würde. Lieber Meister, befreie uns doch von dieser Plage!“
GEJ|2|67|6|0|Sage Ich: „So gehet und bringet ihn heraus, auf daß er gesund werde, und alle, die er schon angesteckt hat, als sie ihn einfingen und ins Haus sperrten!“
GEJ|2|67|7|0|Sagen die Bürger: „O Meister, wer wird den herausführen? Wer ihn anrührt, ist ja so gut als schon des schrecklichen Todes!“
GEJ|2|67|8|0|Sage Ich: „So ihr nicht glaubet und kein Vertrauen habt, da kann Ich weder ihm noch euch helfen!“
GEJ|2|67|9|0|Sagen die Bürger: „Meister, konntest du doch dem Hause Josa helfen, das von einem nahezu ähnlichen Übel behaftet war, und die Kranken wurden nicht zu dir geführt, also könntest du ja auch diesem Tobenden helfen, ohne daß es nötig wäre, ihn zu dir herauszubringen!?“
GEJ|2|67|10|0|Sage Ich: „Josa glaubte, ihr aber glaubet nicht und seid vielmehr gekommen, Mich aus eurem Halbglauben heraus zu prüfen, was Ich mit dem unheilbar Tobenden tun würde. Darum sage Ich euch noch einmal: Bringet ihn heraus, so soll ihm und euch geholfen werden! Denn ihr habt schon alle, wie ihr da seid, dasselbe in euch, das in kurzer Zeit ausbrechen kann; so ihr aber glaubet und ihn herausbringet, so soll eben dadurch das Satansgift in euch vertilgt werden!“
GEJ|2|67|11|0|Auf diese Meine Worte begeben sie sich von dannen und bringen in kurzer Zeit gebunden den Tobenden heraus, der ganz schrecklich wild aussah und also geifernd brüllte wie ein hungriger Löwe. Als Meine vielen Gäste dieses Tobenden ansichtig wurden, überfiel sie eine große Angst, und die Weiber flüchteten sich samt und sämtlich ins Haus; denn sie hatten nicht Mut, dieses schrecklich verzerrte und gräßlich brüllende Bild anzusehen. Selbst Meine Mutter verbarg sich ins Haus, und Meine Jünger erweiterten ebenfalls ihren Weilkreis, Judas verbarg sich hinter einem Baume; nur Cyrenius, Faustus, Kornelius, Kisjonah und Borus blieben fest bei mir.
GEJ|2|67|12|0|Da sprach Ich zu den Bürgern: „Löset ihn los und lasset ihn frei!“
GEJ|2|67|13|0|Da entsetzte sich alles und schrie: „Herr, da sind wir verloren!“ – Und die Bürger getrauten sich solches auch nicht zu tun, weil das andere Volk samt den Jüngern zu viel schrie!
GEJ|2|67|14|0|Da sagte Ich zum Borus: „Gehe hin und löse du ihn los; denn er ist schon geheilt und kann niemandem mehr schaden!“
GEJ|2|67|15|0|Da ging Borus ganz beherzt auf den noch Tobenden zu und sprach: „Der Herr Jesus sei mit dir, und du sei geheilt in Seinem Namen!“
GEJ|2|67|16|0|In dem Augenblick ward der Tobende ruhig; seine schon nahe ganz mohrenschwarze Gesichtsfarbe ward wieder wie früher natürlich, und er bat den Borus mit dankbarer Miene, daß er ihm die harten Bande abnähme; und Borus löste ihm sogleich die Bande, die ganz rein und unbegeifert waren. Und der Genesene ging zu Mir hin und dankte Mir allerinbrünstigst für diese ihm erwiesene, nie erhörte Wohltat, bat Mich aber auch, daß er künftighin vor solch einem Übel möchte verschont bleiben.
GEJ|2|67|17|0|Und Ich sagte zu ihm: „Du und alle, die durch dich unfehlbar in dein Übel verfallen wären, ihr seid nun vollkommen geheilt; aber seid in Zukunft Menschenfreunde und keine Hundefreunde mehr! Wozu müsset ihr Hunde halten im Übermaß? Hunde sollen diejenigen halten, die ihrer nötig haben bei Jagden der wilden, reißenden Tiere, und die Schafhirten großer Herden als Schutz gegen die Wölfe, Bären und Hyänen; außer diesen bedarf niemand eines Hundes. Wer aber schon einen hält, der halte ihn an einer Kette wohl angehängt, auf daß sich die Armen nicht der bösen Hunde wegen fürchten, in eure Häuser zu treten und euch um ein Almosen zu bitten. Wer aus euch künftighin solchen Rat nicht befolgen wird, der soll von seinen Hunden denselben Lohn erhalten, der dir zuteil ward.
GEJ|2|67|18|0|Nehmet lieber Kinder armer Eltern in eure reichen Häuser denn nutzlose und leicht große Gefahr bringende Hunde, so werdet ihr nie von der bösesten Tobsucht, die vom Gifte des Satans, den die Hunde in sich tragen, herstammt, befallen werden!“
GEJ|2|67|19|0|Nach diesen Worten versprechen Mir alle, daß sie an diesem Tage noch ihre Hunde vertilgen und fürder nimmer derlei Tiere halten werden. Es fragen Mich aber dennoch einige Schwachgläubige, ob sie nun wohl vollkommen von diesem Übel befreit seien und solches sie wohl nimmer befallen werde.
GEJ|2|67|20|0|Sage Ich: „O ihr Kleingläubigen! Sehet ihr denn nicht, daß der, den ihr gebracht habt, vollkommen genesen ist? Wenn aber ihm geholfen ward, so wird wohl auch euch geholfen sein, die ihr noch lange nicht von solcher Toberei befallen worden waret! Wenn Ich Tote aus dem Grabe rufen kann, so werden wohl solche Übel nicht größer sein als der wirkliche Tod selbst! Die Zeit aber soll euch den Beweis liefern, daß ihr alle völlig wieder geheilt seid! Nun aber möget ihr wieder ganz ruhig nach Hause ziehen. Gehet aber nun auch zu den Ältesten und Pharisäern hin, zeiget euch, daß ihr völlig geheilt seid, und gebet dann auf dem Altar euer Opfer, das Moses anbefohlen hat den Aussätzigen, wann sie rein geworden sind!“
GEJ|2|67|21|0|Nach diesen Worten danken Mir alle auf das inbrünstigste und fragen Mich, was sie denn Mir für diese übergroße Wohltat entgegentun sollen.
GEJ|2|67|22|0|Und Ich sage: „Das glauben und tun, was euch die Pharisäer und Schriftgelehrten lehren werden!“
GEJ|2|67|23|0|Nach diesen Worten treten sie ihren Rückweg ganz getrost an, begeben sich gleich in die Synagoge und erzählen den Pharisäern alles, was sich hier zugetragen hat, und geben dafür eine reiche Opfergabe.
GEJ|2|67|24|0|Die Pharisäer aber, die vorher von diesem Tobenden noch nichts vernommen hatten, fangen an, sich überaus zu verwundern und sagen: „Wahrlich, das ist eine Heilung, die nur Gott allein möglich sein kann! Solches ist in ganz Israel noch nie erhört worden! Wahrlich, dieser Mensch tut Dinge, die noch nie einer der allergrößten Propheten getan hat! Es gibt keine Krankheit, die er nicht zu heilen imstande wäre, und keinen Toten im Grabe, den er nicht wieder ins Leben zurückzurufen vermöchte! Ist das doch ein Mensch, wie die Erde noch nie einen ähnlichen getragen hat! Gehet nun nach Hause und kommet morgen wieder, und wir wollen dann mehreres über ihn mit euch verhandeln!“
GEJ|2|68|1|1|68. — Ein Evangelium an die Wohlhabenden
GEJ|2|68|1|0|Die Bürger begeben sich nun nach Hause und geben in dem Geheilten dessen Kindern den Vater und dessen über die Maßen traurigem Weibe den ganz gesunden Mann wieder, das anfangs ihren Sinnen kaum traut, aber darauf bald in einen Strom von Dankes- und Freudentränen ausbricht und mit den Kindern, deren sie zehn hatte, sogleich hinaus zu Mir eilt und samt den Kindern Mir auf den Knien für solch eine ihr und ihren Kindern erwiesene nie erhörte Wohltat dankt. Sie bittet Mich aber auch zugleich, Meinem Hause mit allem möglichen, was nur immer in ihren Kräften stünde, dienen zu dürfen, wie auch jedem andern, den Ich ihr nur immer anempfehlen möchte!
GEJ|2|68|2|0|Sage Ich: „Alles, was du den Armen um Meines Namens willen tun wirst, wird also angesehen werden, als ob du es Mir tätest! Mein Haus aber ist nun versorgt zur Genüge für die kurze Zeit, die Ich noch hier zubringen werde; wenn Ich aber wiederkommen werde, dann wirst du es schon erfahren.“
GEJ|2|68|3|0|Das Weib weint vor Freude und Dankbarkeit und sagt: „Herr, du wahrhaftigster Meister, aus den Himmeln uns gegeben! Ich habe ein großes Vermögen; die Hälfte will ich sogleich den wirklich Armen zukommen lassen, und die andere Hälfte will ich für sie verwalten, auf daß sie bei mir immer etwas finden sollen. Denn ich meine, daß solches gut sei, da mir bekannt ist, daß die Armen mit einem größeren Vermögen nicht haushälterisch umgehen können, gewöhnlich auf einmal zuviel ausgeben und zur Zeit der Not dann wieder nichts haben!“
GEJ|2|68|4|0|Sage Ich: „Tue das, liebes Weib! Also sollten es alle Reichen tun, dann würden die Armen nie Not zu leiden haben; denn die Not ist ein übles Ding und verleitet den Menschen oft zu größeren Lastern als der Reichtum. Der Reiche bleibt wenigstens in seiner Ehre öffentlich vor der Welt und gibt selten so viel Ärgernis der Welt wie ein Armer, den die Not nur zu leicht für die schlechtesten Taten fähig macht; aber der unbarmherzige Reiche, der die Armen zur Ausführung seiner Laster benützt, ist dennoch bei aller seiner Weltehre um tausend Male schlechter denn der lasterhafte Arme. Denn der Arme wird lasterhaft durch die Not, und der Reiche ist des Lasters Schöpfer in seinem unverzehrbaren Überflusse.
GEJ|2|68|5|0|Aber wie du, Mein liebes Weib, nun deinen Reichtum verwenden willst und auch wirst, da ist der Reichtum ein Segen aus den Himmeln und wird zeitlich und ewig dessen Verwaltern den größten Gewinn abwerfen! Darum, wer da recht tugendhaft sein will, der sei allzeit sparsam und haushälterisch, auf daß er zur Zeit der Not fähig sei, den Armen und Schwachen unter die Arme zu greifen.
GEJ|2|68|6|0|Ich sage es euch allen: Eure Liebe zu euren Kindern brenne wie ein Licht; aber die Liebe zu den fremden Kindern armer Eltern sei ein großer Feuerbrand! Denn niemand in der Welt ist ärmer denn ein armes verlassenes Kind, ob ein Knabe oder ein Mägdlein, das ist einerlei. Wer ein solch armes Kind aufnimmt in Meinem Namen und versorget es leiblich und geistig also wie sein eigenes Blut, der nimmt Mich auf, und wer Mich aufnimmt, der nimmt auch Den auf, der Mich in diese Welt gesandt hat und vollkommen Eines ist mit Mir!
GEJ|2|68|7|0|Wollt ihr Segen von Gott in euren Häusern ziehen und ihn wie ein wohlbestelltes Feld zur reichen Ernte erheben, so leget in euren Häusern Pflanzschulen für arme Kinder an, und ihr sollet mit allem Segen überschüttet werden also, wie ein hoch angeschwollener Strom die niederen Ebenen, die er überschwemmt, mit Sand und Steingerölle überschüttet; aber so ihr arme, hungrige Kindlein von euch weiset und sie obendrein noch angrollet, als wenn sie euch schon einen Schaden zugefügt hätten, der kaum ersetzlich wäre, da wird der Segen von euren Häusern also weichen wie der sterbende Tag vor der ihn raschen Schrittes verfolgenden Nacht. Wehe dann solchen Häusern, die von solcher Nacht ereilt worden sind! Wahrlich, darin wird es nimmer wieder zu tagen beginnen! Und nun gehe du, Mein liebes Weib, nach Hause und tue, was du dir vorgenommen hast, und gedenke vorzüglich der armen Witwen und Waisen!“
GEJ|2|68|8|0|Nach dieser Lehre erhebt sich das Weib mit seinen Kindern, dankt Mir noch einmal samt seinen Kindern und ruft endlich laut aus: „O Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, wie groß, gut und heilig bist Du und wie endlos mächtig und weise, der Du uns armen Sündern einen Menschen aus Deinem Herzen gegeben hast, der wohl imstande ist, zu heilen alle unsere Gebrechen, leiblich und geistig! Dir, heiliger Vater, sei allein alles Lob, alle Liebe, alle Ehre und aller Preis ewig! O Du lieber Vater Du, wie gut doch bist Du denen, die auf Dich allein vertrauen! Du züchtigest wohl scharf alle, die Deine Gebote nicht achten; aber wenn Dich dann der reumütige Sünder wieder rufet: ,Lieber heiliger Vater, vergib mir Schwachem!‘, o dann erhört ihn der heilige gute Vater gleich wieder und hilft ihm mit Seinem allmächtigen Arm aus jeglicher Not!
GEJ|2|68|9|0|O Menschen, nehmt euch alle an mir ein Beispiel! Auch ich war eine Sünderin, und Gott hat mich gewaltig unter Seine allzeit heilige Zuchtrute getan; aber ich wankte in meinem Vertrauen nicht, bereuete meine Sünden und betete inbrünstig zum Vater im Himmel; und seht, Er, Er allein hat mein Flehen erhört und half mir wunderbarst aus der größten und schrecklichsten Not!
GEJ|2|68|10|0|Darum vertrauet und bauet alle allein auf Ihn! Denn wo kein Mensch mehr helfen kann, da kommt Er und hilft dem Bedrängten! Darum lobe Ihn alles unaufhörlich! Denn Er allein nur kann jedermann wahrhaft helfen! Dir, du lieber Gesandter aus den Himmeln, aber danke ich auch noch einmal; denn du selbst mußt ein heiliges Werkzeug in der Hand des allmächtigen Gottes sein!“
GEJ|2|68|11|0|Diese Exklamation, die Mich, dem Weibe unbewußt, allein anging, kostete Mich etliche Tränen der innigsten Rührung, daß Ich Mich von ihr abwenden mußte.
GEJ|2|68|12|0|Es bemerkte aber solches der Cyrenius und sprach: „Herr, was ist Dir, daß Du weinest?“
GEJ|2|68|13|0|Und Ich antwortete: „Freund, solcher Kindlein wie dieses gibt es wohl wenige auf der Erde! Sollte Ich als der Vater, den es so herzlich lobte, denn nicht auch vor Freude zu Tränen gerührt werden können? Oh, Ich sage es dir: Mehr als jeder andere Vater! Siehe, das ist eine, die da ist, wie jede sein sollte, und Ich habe eine unbeschreibliche Freude an ihr! Aber sie soll es auch gewahr werden, was das ist, wenn Ich über sie vor großer Freude geweint habe!“
GEJ|2|68|14|0|Nach diesen Worten trocknete Ich Mir die Tränen an Meinen Augen und sagte zum noch ganz durch und durch für Gott allein liebeglühenden Weibe und deren Kindern: „Du Mein liebes Weib! Weil deine Liebe und dein Glaube zu Gott so mächtig ist, wie dergleichen noch selten vorkam, so kann Ich dich so, wie du nun bist, denn doch nicht entlassen. Sende den ältesten Sohn nach deinem Manne, daß er herauskommen solle; denn Ich habe mit ihm noch so manches sehr Wichtige zu besprechen!“
GEJ|2|68|15|0|Nach diesen Worten läuft der Knabe sogleich in die Stadt und kommt in kurzer Zeit mit dem geheilten Vater wieder.
GEJ|2|68|16|0|Als die beiden ankamen, sagte Ich zu ihm: „Freund, auf daß du nicht nur dem Leibe nach, sondern vorzugsweise auch der Seele nach, die ewig leben wird, völlig gesund werdest und wissen sollst, wie du daran bist mit all dem, was sich hier alles ereignet hat, so habe Ich dich nun herausrufen lassen. Fürs erste wirst du diesen Abend hindurch Mein Gast sein samt deinem lieben Weibe und deinen Kindern, und fürs zweite wirst du hier so manches sehen und hören und daraus leicht entnehmen, wer Der ist, der dich geheilt hat. Nachdem du und dein Weib dessen innesein werdet, wird es euch noch ums tausendfache leichter ums Gemüt werden, und du wirst es einsehen, daß du wahrhaft vollkommen geheilt bist.
GEJ|2|68|17|0|Bevor aber noch die Zeit des Abendmahles kommt, wollen wir einen kleinen Weg nach der neuen, vom Jairus erbauten Synagoge machen, und Jairus, sein Weib, seine Tochter, ihr Gemahl Borus, der Cyrenius, Kornelius, Faustus, Kisjonah, dein Weib und deine Kinder sollen uns begleiten. Dort soll dir etwas gezeigt werden, was dich in deinem Glauben sehr stärken soll!“
GEJ|2|68|18|0|Sagt der Geheilte, der Bab hieß: „Meister, es geschehe, was und wie du es willst! Ich bin bereit, dir bis ans Ende der Welt zu folgen.“
GEJ|2|68|19|0|Auf dies Wort Babs begaben wir uns sogleich nach der Synagoge, die man bei mäßigem Schritte in einer Viertelstunde, ganz bequem aber in einer halben Stunde, erreichen konnte.
GEJ|2|69|1|1|69. — In der Gruft des Jairus
GEJ|2|69|1|0|Wir kamen also auch bald daselbst an, betraten die Synagoge und begaben uns in die Gruft, in der die Sarah schon über vier Tage gelegen hatte, in der noch die Leichenbänder und Tücher lagen, mit denen Sarah als Leiche umhüllt war, und in welcher Gruft aber auch noch ein Leichnam aus der Freundschaft des Jairus lag. Das war ein Knabe von zwölf Jahren, der an einer bösen Krankheit schon vor ein und einem halben Jahre verstorben ist; dieser lag in einem aus Zedernholz angefertigten Sarge und war schon völlig in die Verwesung übergegangen bis auf die Knochen.
GEJ|2|69|2|0|Beim Anblick dieses Sarges kamen dem Jairus die Tränen in die Augen, und er sagte halb weinend: „Was ist doch die Welt für ein arges Ding! Die zartesten Blumen läßt sie auf ihrem Boden entstehen, und was ist ihr Los? Daß sie sterben und vergehen! Der Rose balsamischer Duft wird nur zu bald zum Ekelgeruch, und die zarte, unschuldige Lilie verbreitet widrigen Gestank in ihrer Verwesung; der Hyazinthen Himmelblau wird totengelblich grau, und die Nelke stirbt – gleich Tausenden ihrer lieblich duftenden Schwestern.
GEJ|2|69|3|0|Dieser Knabe war, man könnte sagen, ein Engel! Gottesfurcht hatte ihn schon von der Wiege an beseelt, und in seinem zehnten Jahre verstand er schon die Schrift und hielt die Gebote wie ein frommer erwachsener Jude; kurz, sein wahrhaft kindlich frommer Lebenswandel und seine zum Verwundern geweckten Geistesfähigkeiten berechtigten uns zu den schönsten Hoffnungen. Aber da kam eine böse Krankheit über ihn, und kein Arzt konnte derselben Meister werden, und so starb in diesem Knaben alles, was man in Kürze von ihm mit Recht hätte erwarten können.
GEJ|2|69|4|0|Da läßt sich denn doch fragen, warum Gott der Herr, der voll Liebe und Barmherzigkeit ist, solches den Menschen tut, die auf Ihn hoffen und vertrauen! Tausend arme Kinder irren ohne Obdach und jegliche Bildung herum, und Gott ruft sie nicht von dieser Erde; aber Kinder solcher Eltern, die jegliches Vermögen besitzen, ihren Kindern jene Erziehung zu geben, die Gott allein nur wohlgefällig sein kann, müssen gewöhnlich ins Gras beißen! Warum denn also?
GEJ|2|69|5|0|Wenn es Gott wohlgefällig ist, lauter Wildlinge auf diese Erde zu setzen, die kaum fünf Worte zu reden imstande sind, dann tut Gott wohl daran, jedes Kind, das nur irgendeinen besseren Geist zu verraten beginnt, sogleich von der Erde zu nehmen und allein die Trottel leben zu lassen neben den Affen! Aber wenn es Gott darum zu tun ist, im Geiste geweckte, fromme, Gott erkennende und liebende Menschen auf dieser Erde zu haben, so glaube ich, daß Gott das Leben solcher Kinder mehr beachten sollte, als es bisher der stets traurige Fall war!“
GEJ|2|69|6|0|Sage Ich: „Mein lieber Freund Jairus, du redest, wie du es in menschlicher Weise verstehst; aber Gott tut, wie Er es in Seiner göttlichen Weise von Ewigkeit her einsieht und versteht und einsehen und verstehen muß, ansonst du und alles, was da ist, kein Dasein hätte! Danebst aber tust du in deinem Hader Gott dennoch unrecht.
GEJ|2|69|7|0|Denn so Gott alle Kinder, die schon in ihrer Kindheit Geist und Talente verraten, von der Welt nähme, so wäret ihr alle, die ihr nun hier bei Mir seid, schon in der Erde verwest! Aber da ihr nun noch hier seid in einem bedeutenden Alter, so ist dein Vorwurf gegen Gott ein ungerechter! Denn gleich also habt auch ihr in eurer Kindheit besonders viel Geist verraten, waret auch Kinder in jeder Hinsicht überaus vermögender Eltern, und Gott hat euch dennoch leben lassen, während Er draußen den Heiden viele Tausende armer Kinder durch Ruhr und durch manche andere böse Krankheiten von dieser Erde genommen hat, wofür die armen Eltern ebensoviel Leid getragen haben wie die Eltern dieses Knaben, die noch leben und für diesen Knaben drei arme Kinder an Kindes Statt aufgenommen haben. Diese drei Kinder sind nun ganz würdige Nachfolger dieses einen Kindes, das mit der Zeit ob seiner bedeutenden Talente von seinen es mehr denn Gott liebenden Eltern zu sehr verzärtelt und verweichlicht worden wäre und am Ende den hochgestellten Hoffnungen seiner Eltern nicht im geringsten entsprochen hätte; denn es wäre am Ende aus ihm nichts als ein eingebildeter, stolzer und eigensinniger Tropf geworden, mit dem kein Hoherpriester etwas ausgerichtet hätte!
GEJ|2|69|8|0|Gott aber sah das im voraus, nahm ihn zur rechten Zeit von dieser Welt und gab ihn jenseits den Engeln zur besseren Erziehung, auf daß er desto eher jene Bestimmung erreichen möge, die ihm, wie jedem Menschen, von Gott aus besonders gestellt ist.
GEJ|2|69|9|0|Zu all dem aber hatte Gott auch vorgesehen, daß nun eine Zeit kommen werde, in der für euch wenige Gottes Name verherrlicht werden soll. Und siehe, darum auch ließ Gott eben diesen Knaben schon vor anderthalb Jahren sterben, auf daß dieser sich in der rechten Verwesung dann befinden solle, wenn ihn Gott der Herr wieder erwecken werde. Hebet darum den Sarg heraus und öffnet ihn!“
GEJ|2|70|1|1|70. — Auferweckung des Josoe
GEJ|2|70|1|0|Auf diese Worte stiegen sogleich Borus und Kisjonah in die Gruft und versuchten den Sarg zu heben; aber sie vermochten ihn nicht von der Stelle zu rühren, denn er war sehr schwer, indem er aus massivem Zedernholz angefertigt war und obendrauf noch eine Menge schwerer Verzierungen von Erz, Gold und Silber hatte. Nach mehreren Versuchen sprach Borus: „Herr, der Sarg ist zu schwer, wir können seiner durchaus nicht Meister werden! Dieser Sarg ward meines Wissens mit Maschinen hineingelegt und wird auf natürlichem Wege nur wieder durch Maschinen herausgehoben werden können!“
GEJ|2|70|2|0|Sage Ich: „So steiget heraus aus der Gruft; die beiden Jünglinge, die hier sind, sollen ihn herausheben!“ – Borus und Kisjonah steigen nun schnell aus der Gruft, und die zwei Jünglinge heben den Sarg schnell und mit einer solchen Leichtigkeit heraus, als hätten sie es mit einer Federflaume zu tun.
GEJ|2|70|3|0|Bab machte große Augen samt seinem Weibe und seinen Kindern und sagte, ganz erstaunt ob solcher Kraft in den beiden Jünglingen: „Aber heißt das doch eine unglaubliche Kraft und Stärke besitzen! Diese zwei zarten Knaben, von denen keiner über fünfzehn Jahre zählen kann, spielten – wie der Sturmwind mit einer Flaume – mit dieser Last, der doch die Kraft von zwei starken Männern nichts anhaben konnte! Ah, so etwas ist denn doch auch noch nie erhört worden!“
GEJ|2|70|4|0|Sage Ich: „Laß es nur gut sein; denn du wirst nun Zeuge von noch größeren Dingen sein! Aber das sei euch allen ganz ernstlich ins Herz geredet: daß ihr davon ja keinem Menschen, nicht einmal Meinen Jüngern, etwas meldet! Denn es ist die Zeit für sie noch lange nicht da; wenn es aber an der Zeit sein wird, dann werden sie schon ohnehin alles in die Erfahrung bekommen. – Nun aber öffnet den Sarg, auf daß wir sehen, inwieweit der Knabe schon verweset ist!“
GEJ|2|70|5|0|Der Sarg ward sogleich geöffnet, und der bis auf die stärkeren Knochen gänzlich verweste Knabe war von den Tüchern und Bändern durch des Borus geschickte Hände für alle Anwesenden zur Besichtigung enthüllt. Alle besahen das jämmerlich aussehende Skelett mit sichtlichem Schaudern.
GEJ|2|70|6|0|Und Faustus sagte: „Ecce homo! Sieh, das auch ein Mensch! Ein schönes Los des üppigen Fleisches der Menschheit! Ein gräßlich aussehender Knochenschädel, mit einigen zusammenklebenden Haaren noch sparsam versehen; eine zusammengefallene, grünlichbraune Brusthaut, hie und da von halbabgefaulten Rippen durchbrochen, das schwarze Rückgratgebein, über dem doch noch einige Spuren von verwesten Gedärmen hängen, die mit Schimmel bedeckt sind. Endlich die Füße, – wie sehen diese doch gar schrecklich entstellt aus; voll Verwesung und Schimmel! Und unsere Nasen aber verspüren es auch, daß wir uns nun nicht im Verkaufsgewölbe eines Balsamhändlers befinden; denn der Gestank ist stärker, als ich ihn erwartet hätte! Nein, das ist eine Gestalt, die ganz geeignet ist, dem Menschen sein Sein so verächtlich wie möglich zu machen, weil solch ein Los am Ende denn doch ein jeder von uns zu erwarten hat! Aus diesem Grunde ziehe ich das Verbrennen der Leichen den Begräbnissen bei weitem vor.“
GEJ|2|70|7|0|Sage Ich: „Aber so des Menschen Sohn die Macht hat, auch solche Leiber wie auch alle, die seit Adam in der Erde als völlig verwest ruhen, zu erwecken und ins Leben zurückzurufen, ist auch dann ein solches Bild des Schreckens Gestaltung für die Menschen der Erde? Kann der Tod noch etwas Fürchterliches an sich haben, wenn sich ein Meister über ihn erhoben hat? Auf daß ihr aber alle, die ihr hier seid, sehet, daß Ich, als auf dieser Erde ein Menschensohn, vollkommen die Macht habe, auch solche Leiber ins Leben zurückzurufen und sie neu und unsterblich zu beleben, so soll eben dieser Knabe euch davon ein Zeuge werden!“
GEJ|2|70|8|0|Hierauf sage Ich zum Knaben: „Josoe, Ich sage es dir, richte dich auf und lebe, und zeuge, daß Ich Macht habe, auch solche Tote zu erwecken, wie du einer bist!“
GEJ|2|70|9|0|In diesem Augenblick entstand ein starker Luftzug; der Verwesung Schimmel verschwand, über den Knochen ergänzte sich schnell die Haut, und innerhalb derselben fing der Leib also zur Vollgestaltung zu schwellen an, wie ein mit Sauerteig vermengter Brotteig in den Brotkörben, und in wenig Augenblicken erhob sich der Knabe als vollkommen lebendig aus dem offenen Sarge, erkannte gleich den Jairus, den Faustus und Kornelius, die er von Nazareth aus gar wohl kannte, und fragte besonders den Jairus, sagend: „Aber lieber Oheim, wie kam denn ich hierher in diesen Sarg? Was ist denn mit mir vorgegangen? Ich war ja erst in einer gar lieben Gesellschaft und weiß wahrlich nicht, wie ich nun auf einmal daher komme!“
GEJ|2|70|10|0|Sagt Jairus: „Mein lieber Josoe, Den siehe an, der neben dir steht, das ist ein Herr über Leben und Tod! Du warst dem Leibe nach tot und bist schon anderthalb Jahre hier in diesem Sarge gelegen, und keine Macht, von den Menschen ausgehend, wäre vermögend gewesen, dir für diese Erde das Leben wiederzugeben; aber Dieser, der zwar auch so aussieht wie ein Mensch, aber viel mehr denn ein Mensch ist, hat dich vom Tode wieder ins Leben zurückgerufen! Daher sollst du auch Ihm allein danken für dieses dir nun wieder geschenkte Leben!“
GEJ|2|70|11|0|Der Knabe sah Mich groß an und betrachtete Mich vom Kopfe bis zum Fuße und sagte nach einer Weile reiferen und helleren Entsinnens: „Das ist ja eben Der, der mich von der schönen Gesellschaft abrief und zu mir sagte: ,Josoe, komme, denn du mußt Mir auf der Erde ein Zeuge werden, daß Mir alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden!‘
GEJ|2|70|12|0|Und ich folgte Ihm willig; denn ich habe es gleich gemerkt, daß Er von Gott ausgegangen ist und in Sich trägt die Fülle der göttlichen Kraft und Macht über alles, im Himmel und auf Erden. Denn also, wie Er hier ist, sah ich Ihn ehedem in der Geistwelt, in der ich sicher war, da ich von Ihm gerufen ward, zurückzukehren in diese Welt.
GEJ|2|70|13|0|Es wird mir nun erst alles klar, und ich erkenne nun auch, daß ich schon gelebt habe auf dieser Erde und bin dann gestorben; aber wie das Sterben war, weiß ich nicht! Denn kaum mochte ich diese Welt verlassen haben – was ich nicht weiß, wie und auf welche Weise –, so war ich auch schon in einem schönen Hause unter einer gar lieben Gesellschaft, in der es mir gar wohl erging. Ich sah auch dann und wann meine Eltern und Geschwister und besprach mich mit ihnen über göttliche Dinge, die mir von meinen vielerfahrenen Gesellen gezeigt und gelehrt wurden. Aber diesen Heiligen der Heiligen habe ich eher nie gesehen denn um einige Augenblicke früher, als ich in diese Welt zurückgekehrt war!“
GEJ|2|70|14|0|Hier sage Ich zu den zwei Jünglingen: „Schaffet ihm ein Gewand und etwas Brot und Wein, auf daß sein Fleisch stark werde und er mit uns nach Nazareth ziehen kann!“ – Als Ich solches den zweien gebot, waren sie auch schon mit dem Verlangten da.
GEJ|2|71|1|1|71. — Bab und sein Weib Staunen über das Wunder. Verheißung der Unsterblichkeit an Josoe
GEJ|2|71|1|0|Das war für unsern Bab und sein Weib nun zuviel, und sie sagte zu ihrem Manne: „Lieber Bab, merkst du nicht, daß wir beide große Sünder sind, und daß hier in dem Menschen Jesus die Fülle Gottes ist? Ist Er nicht Der, von dem alle Propheten bis auf Zacharias und dessen Sohn Johannes weissagten? Ist Er nicht Der, den David seinen Herrn nannte, indem er sprach: ,Der Herr sprach zu meinem Herrn‘? Ist Er nicht Der, von dem eben der große David spricht, indem er sagt: ,Machet die Tore der Stadt hoch und die Pforten weit, auf daß der König der Ehren einziehe! Wer aber ist der König der Ehren? Es ist der Herr Jehova Zebaoth!‘? Mein Gemahl, hier ist Jehova und niemand anders! Wir aber sind Sünder und sind unwürdig, vor Ihm zu weilen! Komme, daß wir uns reinigen nach dem Gesetze Mosis, dann erst können wir wiederkommen und uns Ihm nahen!“
GEJ|2|71|2|0|Sage Ich zu den beiden tiefst Ergriffenen: „Der die Toten erwecken kann, der kann euch auch ohne Moses reinigen! Darum bleibet; denn Moses ist nicht mehr denn Ich und Der, der ihn dazu, was er war, erweckt hatte! Eure Sünden sind euch vergeben, und so seid ihr rein und braucht den Moses nimmermehr; denn Moses ist nichts ohne Mich!“
GEJ|2|71|3|0|Sagt Bab: „Wenn also, woran ich nun nicht den allergeringsten Zweifel habe, da bleiben wir; denn reiner als der Allmächtige Selbst wird uns Moses nimmer waschen!“
GEJ|2|71|4|0|Sagt das Weib: „Ich bin nur gleichfort eine Magd meines Herrn, und so geschehe, was du willst und einsiehst, daß es also recht sei! Aber mich erdrückt nahezu diese zu überheilige Gegenwart Gottes!“
GEJ|2|71|5|0|Sage Ich: „Weib, Ich habe deine Gottesverehrung in Nazareth vernommen und tat nun, was du sahst, vor allem deinetwegen! Darum magst du es bei Mir wohl aushalten! Aber nun sage Ich es euch allen, daß ihr davon ja niemandem eine Silbe meldet, und das zwar nicht Meinetwegen und auch nicht euretwegen, sondern allein der vielen ungläubigen Menschen wegen, auf daß diese nicht gerichtet glauben an den Sohn des Menschen, sondern frei, wenn zu ihnen das Evangelium gepredigt wird!
GEJ|2|71|6|0|Denn die gegenwärtigen Menschen würden durch solch ein Zeugnis wie mit ehernen Ketten gezwungen sein, an Mich zu glauben, wodurch ihr freies Leben einen großen Schaden erlitte, die späteren Nachkommen aber würden solche erzählten Zeugnisse als übertrieben ohnehin nicht annehmen, sie als pure Erfindungen der menschlichen Phantasie betrachten und sich dadurch an der reinen Lehre und ewigen Wahrheit stoßen; und also ist es besser, daß dergleichen Taten, als von Mir verübt, gänzlich verschwiegen bleiben, weil sie niemandem etwas nützen würden – besonders in dieser Meiner ersten Lehrzeit.
GEJ|2|71|7|0|Du Jairus aber, der du den Knaben Josoe wieder seinen Eltern zuführen sollst nach einer Zeit, die sich dazu günstig gestalten wird, sollst demselben ganz gewissenhaft treu beibringen, wie er die Sache für sich zu nehmen habe. Er soll glauben, aber er soll dabei vor den Menschen kein Aufsehen bewirken wollen! Dieser nun erweckte Knabe aber, da er die Verwesung durchgemacht hat, wird fürder nicht mehr sterben dem Leibe nach; sondern wenn seine Zeit kommen wird, wird er von einem Engel gerufen werden und wird dem Rufe frei folgen, – und darauf wird ihn kein sterbliches Auge mehr wandelnd auf dieser Erde je mehr irgendwo erschauen.
GEJ|2|71|8|0|Nun, da der Knabe sein Brot und den Wein vollauf verzehrt hat und die Dämmerung schon sehr bemerkbar wird, wollen wir uns nach Hause begeben!“
GEJ|2|71|9|0|Wir begeben uns nun sogleich aus der Synagoge, deren Gruft Jairus und Borus wieder hinter sich zusperren, nachdem sie zuvor die beiden Jünglinge gebeten hatten, den Sarg in die Gruft zu schaffen, was diese auch in einem Augenblick ins Werk setzten.
GEJ|2|72|1|1|72. — Der wahre Gottesdienst
GEJ|2|72|1|0|Im Freien sagt zu Mir Cyrenius: „Herr, wenn so etwas zu Rom geschähe, da würden sogar die Steine vor Dir niederfallen und Dich laut anbeten; und wir tun hier, als wenn da so etwas ganz Gewöhnliches vorgefallen wäre! Herr, habe doch Geduld mit – entweder unserer Schwäche oder Dummheit!“
GEJ|2|72|2|0|Sage Ich: „So Ich das wollte, da wäre Ich ja wohl in Rom statt in Nazareth zur Welt gekommen! Tut nur das, was Ich von euch verlange! Alles, was darüber ist, gehört dem Heidentum an und ist Sünde. Weißt du denn das noch nicht, daß ,Gott lieben über alles und seinen Nächsten wie sich selbst‘ unaussprechlich mehr ist, denn dem Herrn Himmels und der Erden elende Tempel aus Steinen und Holz zu erbauen?
GEJ|2|72|3|0|Wenn, wie Salomo sprach, schon Himmel und Erden zu klein sind, die Majestät Gottes zu fassen, was soll dann ein elendes Steingehäuse aus behauenen oder gebackenen Steinen, da die ganze Erde doch so gut wie die ganze Unendlichkeit von Gott erschaffen ist?!
GEJ|2|72|4|0|Sage Mir: Was würde denn ein Vater zu seinen Kindern sagen, so diese dumm genug wären, aus den Exkrementen des Vaters ein fliegengroßes Häuschen zu erbauen, oder auch größer, und möchten dann eben aus des Vaters Kot ein Bild machen, das den Vater vorstellte, und wenn das alles fertig wäre, sich dann vor dem Kottempel auf die Knie niederwerfen und ihren Vater also verehren und anbeten? Was würdest du tun, wenn deine Kinder dir so etwas täten und, so du ihnen so etwas auch als dumm und säuisch und deiner völlig unwürdig verwiesest, sie aber dennoch desto eifriger um den Drecktempel kröchen und dein Bild aus gleichem Stoff verehrten, ja sogar wider deinen Willen ihre mitunter vielleicht doch etwas heller denkenden Brüder mit Strafen auf Leben und Tod dazu zwängen und von ihnen noch eine fromme Steuer verlangten? Sage, was würdest du da tun? Könnte dich solch eine über alle Maßen schweinisch dumme Verehrung von seiten deiner Kinder erfreuen?
GEJ|2|72|5|0|Siehe, du verneinest solches ganz gewaltig in deinem Herzen, und Ich sage es dir, daß solch eine Verehrung der dummen Kinder ihrem irdischen Vater gegenüber noch viel besser wäre denn die der Menschen in den Tempeln Gott gegenüber! Denn die Kinder benützten zu ihrem Tempelbau doch noch das, woraus der Vater seine Nahrung erhielt; aber die Menschen bauen aus dem Kote des Satans – Tempel und beten darin ihren Gott und Vater an! Sage, wie gefällt dir denn hernach solch eine Gottesverehrung – und Anbetung?“
GEJ|2|72|6|0|Sagt Cyrenius: „Herr, so wollte ich jetzt doch mit tausend Blitzen alle Tempel auf der Erde zerstören lassen! Oder Deine beiden Engel kostete es ja doch nur einen Augenblick, und alle Tempel lägen im Staube!?“
GEJ|2|72|7|0|Sage Ich: „Freund, solches geschah, geschieht noch und wird in der Zukunft gar oft noch geschehen, und die Menschen werden dennoch nicht aufhören, Tempel zu bauen! Der zu Jerusalem wird verwüstet sein, und von den Götzentempeln wird man nichts mehr sehen. Aber an Stelle der auch wenigen werden viele Tausende kommen, und solange auf der Erde Menschen wohnen werden, werden sie auch Tempel bauen, große und kleine, und werden in denselben ihr Heil suchen; aber einen lebendigen Tempel im Herzen für Gott zu erbauen, darin Er allein würdig erkannt, verehrt und angebetet werden kann und soll, weil das allein das ewige Leben der Seele bedingt, werden nur wenige unternehmen!
GEJ|2|72|8|0|Solange die Menschen in Palästen wohnen werden und sich durch die Paläste und wegen der Paläste werden ehren und hochpreisen lassen von denen, die keine Paläste haben können, wird man auch neben den Palästen einen Tempel für irgendeinen Gott erbauen und wird ihn darin verehren, wenn nicht in der Wahrheit, so doch zur Erhöhung der Ehre des Palast- und Tempelerbauers.
GEJ|2|72|9|0|Und also wird es kommen, daß die Menschen die Ehre für sich nehmen werden, die sie Gott geben sollen; ihr Lohn für ihre Werke soll aber dann auch in dem erschöpft bestehen, was sie sich selbst genommen haben! Jenseits aber wird man sie nicht erkennen, und sie werden in die äußerste Finsternis gestoßen werden, allda Heulen und Zähneknirschen ihr Los sein soll, das da ist ein ewiger Hader und Krieg der großen Finsternis wegen! Darum lassen wir vorderhand alles also, wie es ist; denn alle Knoten werden erst jenseits die vollste Lösung finden!“
GEJ|2|73|1|1|73. — Das Abendmahl bei Maria
GEJ|2|73|1|0|Als Ich solches dem Cyrenius mitgeteilt hatte, hatten wir auch die Heimat erreicht, allwo schon ein ganz tüchtiges Abendmahl unser harrte, bestehend wie gewöhnlich aus Brot, Wein und einer Menge wohlzubereiteter Fische. Der Knabe Josoe war besonders lüstern auf die Fische und zeigte eine große Freude über die wohlbesetzten Tische.
GEJ|2|73|2|0|Jairus aber sagte zu ihm: „Mein lieber Neffe, du mußt nun nicht gar so heißhungrig das Abendmahl verzehren, weil dein gewisserart neu erschaffener Magen doch noch nicht fähig sein dürfte, eine zu starke Masse dieser irdischen Speisen zu vertragen!“
GEJ|2|73|3|0|Sagte der Knabe: „Sei du, lieber Oheim, deshalb nur ganz unbesorgt! Der mich vom Tode erweckt hat, würde meinem Magen sicher keine so große Eßlust eingepflanzt haben, so es dem Magen im Ernste schädlich sein sollte, nun etwas mehr Nahrung zu sich zu nehmen als sonst in einem schon immer gesättigten Zustande; denn es ist kein Scherz für den Menschen, anderthalb Jahre tot und ohne Nahrung gewesen zu sein! So du das einmal an dir erführest und nun meinen neugeschaffenen Magen in dir hättest, dann würdest du meine Eßlust ganz leicht begreifen. Aber es kann nicht ein jeder Mensch in meine Lage kommen, und darum läßt sich in dieser Sache nun mit mir denn auch kein Streit anfangen. Ich weiß es nun am besten nächst Dem, der mich erweckt hat, wie es mir geht, und du sorge dich darum ja nicht, daß mir nun ein paar Fische, ein Stück Brot und ein Becher Wein nur im geringsten schaden werden!“
GEJ|2|73|4|0|Sagt Jairus: „Von mir aus ist dir alles von Herzen vergönnt; ich habe es mit dir nur gut gemeint.“
GEJ|2|73|5|0|Nach diesem kleinen Gespräche zwischen dem Jairus und dessen Neffen Josoe begaben wir uns zu Tische und verzehrten das Abendmahl recht fröhlich und heiter; und es ward dabei viel geredet über manches, was da geschehen ist, und was etwa zu Jerusalem darüber geredet wird.
GEJ|2|73|6|0|Die Jünger aber erkundigten sich um den Knaben und wußten nicht, was sie aus ihm machen sollten. Bald fragten sie den Knaben, bald den Jairus, bald die beiden Jünglinge, die auch mit uns an der Haupttafel saßen, was es denn da mit diesem Knaben für eine Bewandtnis hätte. Es müßte dahinter gar etwas Außerordentliches stecken; denn es sei ihnen nur zu bekannt, daß Sich der Herr mit gar zu gewöhnlichen Knaben nie über die Gebühr abzugeben pflege. Aber der Jünger Fragen war hier ein vergebliches, da ihnen darüber niemand eine befriedigende Antwort erteilte.
GEJ|2|73|7|0|Als aber die Maria merkte der Jünger Ungeduld, da sagte sie zu ihnen: „Was euch not tut, wird euch nicht vorenthalten; das euch aber offenbar nicht not tut, warum forschet ihr danach? Tut, was Er euch sagt, und wollet nie mehr wissen, als was Er euch als für euch notwendig zu wissen offenbart, so werdet ihr Seinem Willen gemäß leben und handeln und eures ewigen Lohnes versichert sein; alles aber, was ihr wollt wider Seinen Willen, ist Sünde wider den Meister, der euer Heiland ist – leiblich und geistig! Merket euch diese Lehre!“
GEJ|2|73|8|0|Auf diese recht weise Ermahnung der Mutter Maria stellten die Jünger ihre Forschungen über den Knaben ein und besprachen sich über ihn bloß unter sich, und Petrus wandte sich an Meinen Liebling Johannes und fragte ihn, was er von diesem Knaben halte.
GEJ|2|73|9|0|Aber Johannes sagte zu ihm: „Hast denn du nun die lieben Worte der herrlichen Mutter überhört, daß es dich noch gleichfort jucken kann zu erfahren, was vorderhand der Herr sicher aus höchst weisen Gründen nicht gewillt ist uns kundzugeben? Sieh, mich juckt es aber wieder gar nicht; wir wissen, was wir wissen, und das ist genug! So wir aber auch wissen wollten, was der Herr über unser Wissen endlos weit hinaus weiß, so wäre solch ein Verlangen von unserer Seite doch sicher die größte Torheit, und wir alle verdienten eher alles – denn Seine Jünger zu sein!“
GEJ|2|73|10|0|Sagt Petrus: „Ja, ja, du hast auch recht; aber es ist die Wißbegierde auch ein großes Gut, vom Herrn Selbst in des Menschen Herz gelegt, und hätte der Mensch diesen höchst edlen Drang nicht, so wäre er gleich wie ein Tier, das meines Dafürhaltens von einem wissensgierigen Drange sicher keine Spur in seiner stumpfen Seele besitzt. Das rein Göttliche des Wissensdranges scheint mir wenigstens schon darin zu liegen, daß dieser einem Durste im Traume gleicht, zu dessen Stillung die träumende Seele nicht selten ungeheure Gefäße voll Wasser oder Wein verzehrt und dabei aber dennoch gleichfort durstig bleibt und nach stets größeren Quantitäten von durstlöschenden Getränken den unversiegbaren Reiz bekommt. Unsere unersättliche Wißbegierde sagt uns auch klar und deutlich, daß in Gott eine unendliche Fülle von Weisheit liegen muß, die kein forschender Geist ewig je ergründen wird! Und so meine ich denn, lieber Bruder, daß auch mein gegenwärtiger Wissensdrang keine Sünde sein wird.
GEJ|2|73|11|0|Sieh, mir und mehreren unserer Brüder geht es nun wie so manchen genäschigen Kindern, die nach allerlei Leckerbissen keine Eßgier haben, solange sie von dergleichen Süßigkeiten nichts wissen und nichts zu sehen bekommen; setze sie aber an einen mit allerlei süßen Speisen besetzten Tisch und verbiete ihnen, etwas davon zu genießen, und du wirst bald Tränen in ihren Augen und noch mehr Eßlustwasser in ihrem Munde entdecken. Aber dessenungeachtet hast du dennoch recht; denn wie ein weiser Vater seinen Kindern, um sie in der höchst wichtigen Tugend der Selbstverleugnung zu üben, auch dann und wann Leckerspeisen vorsetzen wird, die zu essen ihnen untersagt sein werden, ebenso scheint unser himmlischer Vater uns auch von Zeit zu Zeit geistige Speisen aufzutischen, die zu genießen uns so lange vorenthalten sein sollen, bis wir in einem gewissen Grade der Selbstverleugnung fest geworden sind. Haben wir nach Seiner Ordnung diesen Grad erreicht, den Er unserer Seele für nötig vorgesteckt hat, so wird Er uns die Speise zum Genusse geben, nach der es uns nun gieret. Und somit wollen wir uns für heute, und für so lange Er es will, vollkommen mit dem zufriedenstellen, was wir wissen und haben, und allzeit geschehe Sein allein heiliger Wille!“
GEJ|2|73|12|0|Sage Ich: „Mein lieber Bruder Simon Juda, so ist es recht und wahr! Nicht jedes Wissen und Erfahren taugt zur Erweckung des Geistes und zur Belebung der Seele. Denn siehe, es stehet geschrieben: ,Und Gott sprach zu Adam: Wenn du vom Baume der Erkenntnis essen wirst, wirst du sterben!‘ Und so ist es!
GEJ|2|73|13|0|In der Erkenntnis liegt das Gesetz und das Gericht; denn solange dir ein Gesetz nicht gegeben oder dir nicht verkündet ist, so lange auch gibt es kein Gericht, das hinter dem Gesetze einherschreitet. Daher wolle du nur das wissen, was Ich dir zu wissen offenbare, und du weißt dadurch für deinen Teil für ewig genug. Wenn es an der Zeit sein wird, wird dir alles offenbar werden.“
GEJ|2|74|1|1|74. — Streit zwischen Judas und Thomas
GEJ|2|74|1|0|Mit diesem Bescheide begnügen sich bis auf den Judas alle Jünger und loben Meine Güte und Weisheit und die Macht Gottes, die durch Mich waltet; Judas aber schmollte und sagte ziemlich laut vor sich hin: „Über Pharisäer, die den Fremden das Allerheiligste geheim ums teure Geld sehen lassen, eifert Er bis auf den Schwefelregen vom Himmel; aber so Er den Fremden Sein Heiligtum zeigt und uns einheimische Kinder ausschließt, das ist dann ganz recht und der göttlichen Ordnung völlig gemäß! Hat jemand aus uns schon so etwas erlebt? Wenn es die zu Jerusalem tun, so ist es gefehlt beim Himmel und bei der Erde; aber wenn Er für sich nahe dasselbe tut, so ist das recht und vollkommen nach der Ordnung Melchisedeks! Man kann dagegen freilich nichts tun und unternehmen; aber ärgern muß man sich denn doch!“
GEJ|2|74|2|0|Sagt Thomas, als der noch immer auf Judas Ischariot scharf absehende Jünger: „Nun, ist dir endlich einmal schon wieder etwas nicht recht? Mich wundert es schon sehr, daß du mit dem Herrn darum nicht schon lange einen Hader begonnen hast, daß Er die Sonne so weit von der Erde gestellt hat und du deine Töpfe in ihrer sicher überheißen Nähe nicht billiger hartbrennen kannst als durch das gewöhnliche Holzfeuer!
GEJ|2|74|3|0|Schau, wie gut wäre es, gleich Vögeln fliegen zu können! Ja, es hat sogar mich schon mehrere Male an den Achseln gejuckt, und es kam mir vor, als müßte ich mit einer Schar lustig dahinschwebender Kraniche ziehen; ich versuchte zu hüpfen und zu springen, aber der schwere Leib wollte durchaus nicht sich auch nur eine Elle über die Erde erheben!
GEJ|2|74|4|0|Ich stellte mich aber damit bald wieder zufrieden und dachte mir: Wenn es Gott gewollt hätte, daß die Menschen gleich den Vögeln sollten fliegen können, so hätte Er ihnen ebensogut wie den Vögeln taugliche Flügel gegeben; aber Gott sah es, daß solch eine Eigenschaft dem Menschen mehr schaden als nützen würde und gab ihm daher lieber ein Paar gute und starke Füße, mit denen er sich ganz gut von einem Orte zum andern tragen kann. Auch gab Er ihm nebst den zwei starken Füßen ein Paar sehr brauchbare Hände und den über alle Sterne hinausreichenden Verstand, mittels dessen er an der Stelle eines tauglichen Flügelpaares tausend andere Bequemlichkeiten sich verschaffen kann, die ihm offenbar mehr Vergnügen bereiten können, als den Vögeln ihre Flügel; denn es steht sehr dahin, ob die Vögel ihre Flügel so zu schätzen verstehen wie der Mensch seine Füße, seine Hände und seinen Verstand!
GEJ|2|74|5|0|Sieh, der Mensch kann auch im Wasser nur sehr schlecht fortkommen, – denn er hat keine Flossen und keine Schwimmhaut zwischen seinen Zehen und Fingern; aber sein von Gott ihm verliehener Verstand lehrte ihn Schiffe bauen, mittels welchen er nun weitere Reisen im Wasser machen kann als ein Fisch, dem ein Wassertümpel ein Wohnhaus ist, von dem er sich nie gar zu weit entfernt. Und wir können mit vollster Gewißheit annehmen, daß unsere späten Nachkommen in der Schiffsbaukunst noch äußerst große Fortschritte machen werden. Wer weiß es, ob es nicht noch irgendeinem Weisen abermal gelingen wird, vermittels eines künstlichen Flügelpaares sich, den alten Indiern gleich, in die freie Luft zu erheben!“
GEJ|2|74|6|0|Hier unterbricht Judas den Thomas und sagt etwas ärgerlich: „Habe ich dich denn je als meinen Hofmeister gedungen, daß du bei jeder Gelegenheit mir Predigten machst? Behalte du deine Weisheit für dich und deine Kinder und laß mich in der Ruhe, sonst wirst du mich nötigen, dir einmal ganz scharf über deinen Mund zu fahren! Denn darauf verstehe ich mich ganz gut, wenn ich's will. Ich habe dir bei allen deinen, den meinen ganz gleichen freien Reden und Handlungen noch nie ein ungeschaffenes (ungeschliffenes) Wort gegeben und weiß es daher wahrlich nicht, was du an mir immer zu schnitzen und zu hobeln hast! Kehre du nur fleißig vor deiner Hausflur, für die meinige werde schon ich sorgen! Ist mir etwas nicht recht, so ist es für mich allein und braucht's für dich ja nicht auch nicht recht zu sein; ich gehe dich nichts an, und das von jetzt an für immer! – Verstehst du solches?
GEJ|2|74|7|0|Denke nur nach Kis zurück, wie der Herr die strittige Sache zwischen mir und dir abgemacht hat; das genüge dir und mir, und Weiteres haben wir beide mit und unter uns nicht mehr zu tun! Wenn ich dich um etwas fragen werde, so kannst du mir auf die Frage eine gute Antwort geben, – vorausgesetzt, daß du einer solchen fähig bist! Aber du wirst es am spätesten erleben, daß ich dir solch eine Ehre antun werde!“
GEJ|2|74|8|0|Sagt Thomas: „Aber sage mir, Bruder Judas, was Arges und Beleidigendes habe ich zu dir denn nun gesagt, darum du über mich gar so aufgebracht bist? Ist es denn etwa unwahr, daß du nur zu oft, meines guten Wissens, mit Gott dem Herrn gehadert hast, daß Er die Sonne so weit von der Erde gestellt, und daß Er dir keine Flügel zum Fliegen gemacht hat gleich all den stummen Vögeln unter dem Himmel?“
GEJ|2|74|9|0|Sagt Thomas nach einer Weile weiter, weil ihm Judas Ischariot keine Widerrede geben wollte: „Wenn du mir gram sein willst, so sei mir gram ohne Grund und Ursache! Im Angesichte des Herrn zeigt ein solches höchst unbrüderliches Benehmen sich nicht am löblichsten! Ein Gemüt wie das deine gehört auch durchaus nicht unter die Zahl der Jünger des Herrn, und du tätest tausendmal besser, so du heimzögest zu deiner Töpfemacherei, als daß du hier für nichts und wider nichts die Gesellschaft Gottes belästigst und verunreinigst mit deinem höchst gottesordnungswiderlichen Gemüte. Hast du denn schon ganz der Bergrede des Herrn bei Sichar in Samaria vergessen, wo der Herr gebietet, sogar die Feinde zu lieben, die uns Fluchenden zu segnen und Gutes zu erweisen denen, die uns Böses tun?
GEJ|2|74|10|0|Willst du aber das Wort Gottes nicht befolgen und dich nicht bei jeder Gelegenheit üben in der Selbstverleugnung, so frage dich in Gottesnamen selbst, wozu du unsere Gesellschaft mit deiner Gegenwart belästigest!
GEJ|2|74|11|0|Du redest mit keinem von uns auch nur ein Wort tagelang; und fragt dich jemand um etwas, so gibst du ihm entweder gar keine Antwort, oder du fährst ihn so roh und grob als nur immer möglich an, so daß er dir zum zweiten Male sicher nimmer mit einer Frage kommt. Ist denn das ein Benehmen für einen Jünger des Herrn? Pfui, schäme dich, und werde ein anderer Mensch, – ansonst packe dich zum Plunder!
GEJ|2|74|12|0|Wahrlich, es reut mich schon mehr, als wenn ich einen Raubmord begangen hätte, daß eben ich dich zu dieser Gesellschaft brachte! Ich will den Herrn auf den Knien bitten, daß Er dich mit Seiner allmächtigen Gewalt von uns entfernt, wenn du mit Güte nicht flottzumachen sein solltest!“
GEJ|2|74|13|0|Sagt endlich Judas mit sichtlich verbissenem Zorn, aber lächelnder Miene: „Weder du noch der Herr könnet mir schaffen (mich heißen), ob ich gehen oder bleiben soll! Denn ich bin so gut wie jeder andere aus euch ein ganz freier Mensch und kann tun, was ich will! Sieh, wüßte ich, daß ich dir weniger ein Dorn im Auge wäre, als ich es dir sicher bin, so hätte ich eure Gesellschaft schon lange verlassen und mir eine andere gesucht; aber um dich so recht nach Herzenslust zu ärgern, bleibe ich und will dir zu einem Probiersteine dienen, an dem du deine Geduld, Langmut und Feindesliebe auf die gleichfort schönste Probe stellen kannst, und will von dir die angewandte Bergpredigt Jesu erlernen und sie dann selbst ausüben! – Hast mich verstanden, du weiser Thomas?“
GEJ|2|74|14|0|Sagt Thomas, zu Mir sich wendend: „Herr, ich und wir alle bitten Dich um Entfernung dieses räudigen Schafes! Denn neben ihm ist keine brüderliche Existenz denkbar, und wir können Deine heilige Lehre unmöglich ins Werk setzen; denn er ist und bleibt gleichfortig ein Aufhetzer und Verräter! Warum soll er denn hier unter uns sein, so er von Deiner heiligen Lehre nicht nur nichts ins Werk setzen will, sondern uns nur allzeit belächelt, so wir nach Deinen Worten zu leben und zu handeln uns die Mühe geben?“
GEJ|2|75|1|1|75. — Des Herrn Mahnung an Judas
GEJ|2|75|1|0|Sage Ich zu Judas Ischariot: „Der Bruder Thomas führt eine gerechte Klage wider dich! Ich sage es dir: Ermahne dich im Herzen und werde ein Mensch! Als Teufel bist du Mir widerlich und kannst gehen! Denn Meine Gesellschaft ist eine heilige Gesellschaft, weil sie vom Geiste Gottes durchwehet wird, und in solcher Gesellschaft kann und darf kein Teufel bestehen!“
GEJ|2|75|2|0|Diese Worte bewirken, daß Judas sogleich vor dem Thomas auf die Knie niederfällt und ihn um Vergebung bittet.
GEJ|2|75|3|0|Thomas aber sagt: „Freund, nicht mir gebührt die Abbitte, sondern Dem, wider dessen heilige Lehre du an mir schlecht genug gehandelt hast!“
GEJ|2|75|4|0|Da erhebt sich Judas und begibt sich schnell zu Mir hin, fällt vor Mir auf die Knie und fängt an, Mich um Vergebung zu bitten.
GEJ|2|75|5|0|Ich aber sage zu ihm: „Ermahne dich selbst im Herzen; denn deine Mundbitte hat ohne die innere, wahrhafte Besserung nicht den allergeringsten Wert vor Mir, da Ich dein Herz durchschaue und finde, daß es durchaus schlecht ist. Die bloß äußerlich freundliche Form gleicht einer Schlange, die durch ihre zierlichen Windungen die Vöglein des Himmels betört, daß sie ihr dann zum Fraße in den Rachen fliegen. Ich sage es dir: Nimm dich in acht, auf daß du dem Satan nicht in Kürze zur Beute wirst! Denn der läßt das, was er einmal sein nennt, nicht gerne fahren.“
GEJ|2|75|6|0|Auf diese Worte erhob sich Judas wieder und sagte zu Mir: „Herr! Tote rufst Du aus den Gräbern, und sie leben; warum läßt denn Du mein Herz im Grabe des Verderbens zugrunde gehen? Ich will ja ein besserer Mensch werden und kann es dennoch nicht, weil ich mein Herz nicht umändern kann; daher gestalte Du mein Herz um, und ich bin ein anderer Mensch!“
GEJ|2|75|7|0|Sage Ich: „Darin eben liegt das große Geheimnis der Selbstgestaltung des Menschen! Alles kann Ich dem Menschen tun, und er bleibt Mensch; aber das Herz ist sein eigen, das er vollkommen selbst bearbeiten muß, so er das ewige Leben sich selbst bereiten will. Denn würde Ich Selbst zuerst die Feile an des Menschen Herz legen, so würde der Mensch zur Maschine und gelangte nie zur freien Selbständigkeit; wenn aber der Mensch die Lehre bekommt, was er zu tun hat, um sein Herz für Gott zu bilden, so muß er diese auch frei befolgen und sein Herz nach ihr bilden!
GEJ|2|75|8|0|Hat er sein Herz danach gebildet und es gereinigt und gefegt, sodann erst ziehe Ich im Geiste in dasselbe und nehme Wohnung darin, und der ganze Mensch ist dann im Geiste wiedergeboren und kann fürder ewig nimmer verlorengehen, da er dadurch eins mit Mir geworden ist, wie Ich Selbst eins bin mit dem Vater, von dem Ich ausgegangen bin und gekommen in diese Welt, um allen Menschenkindern den Weg zu zeigen und zu bahnen, den sie zu gehen haben im Geiste, um zu Gott in der Fülle der Wahrheit zu gelangen!
GEJ|2|75|9|0|Du mußt daher, so wie jeder von euch, zuerst die Hand an die Bearbeitung deines Herzens legen, sonst bist du verloren, – und hätte Ich dich tausendmal aus den Gräbern ins Leben des Fleisches gerufen!“
GEJ|2|75|10|0|Sagt Judas Ischariot: „Herr, da bin ich verloren! Denn ich habe ein unbändiges Herz und kann mir selbst nicht helfen!“
GEJ|2|75|11|0|Sage Ich: „So höre die Brüder und zürne ihnen nicht, so sie dich liebfreundlich ermahnen; denn sie helfen dir ja bearbeiten dein Herz!
GEJ|2|75|12|0|Siehe an den Thomas, der sich von aller deiner Grobheit nicht abschrecken läßt, dich zu ermahnen, wenn du deinem bösen Herzen einen zu freien Spielraum zu gewähren anfängst; horche darum auf seine um dich besorgten Mahnworte, so wird es nach und nach schon besser werden in deinem Herzen! So du dir aber gleichfort, wie es bis jetzt der Fall war, von niemandem etwas sagen läßt, so wirst du in Kürze zugrunde gehen und, wie gesagt, dem Satan zur Beute werden; denn da werde nicht Ich, sondern der Satan in deinem Herzen Wohnung nehmen.
GEJ|2|75|13|0|Hüte dich also vor allem vor dem Zorne und vor der Habsucht, ansonst du ein Kind des ewigen Todes werden wirst! Denn die Reue und Buße über dem Grabe haben einen geringen Wert und können einer unreinen, schwarzen Seele wenig nützen. Gehe nun und überdenke diese Meine Worte wohl!“
GEJ|2|75|14|0|Judas tritt nun zurück, nachdenkend, faßt wohl so einen halben Entschluß, sich nach Meinen Worten zu bessern, und sagt zum Thomas: „Nun, Bruder, sollst es sehen, wie Ischariot ein ganz anderer Mensch wird, und am Ende noch euch allen zu einem Vorbilde! Denn Ischariot kann viel, wenn er will; er will es aber nun und wird daher auch vielvermögend werden!“
GEJ|2|75|15|0|Sagt Thomas: „Bruder, wenn du dich schon im voraus rühmest, da wird die Tat wahrscheinlich im Hintergrunde verbleiben, und du wirst oder kannst dadurch auch zu einem Vorbilde werden, aber zu keinem aneifernden, sondern zu einem abschreckenden, – und es wird auf dieser Welt schwerlich je besser werden mit dir!
GEJ|2|75|16|0|Denn siehe, so du besser werden willst, als da wir alle sind, die wir unsere großen Schwächen auch ohne deine Vorbildschaft kennen und nur zu klar einsehen, wie elend und gar nichts wert wir vor dem Herrn sind, so mußt du dich geringer dünken für alle Zeiten der Zeiten, als da sind deine Brüder vor dem Herrn, und sogar nie daran denken, uns ein nachahmungswürdiges Vorbild werden zu wollen, sondern dich stets als der Letzte und Geringste dünken; dann wirst du, ohne es sein zu wollen, das in der Tat uns sein, was du nun noch stark hochmütigerweise zu werden dir vornimmst. – Lebe also nach dieser Regel, die nicht auf meinem Grund und Boden, sondern auf dem heiligen des Herrn für dich gewachsen ist, dessen Grundlage die wahre Demut und Selbstverleugnung ist, so wirst du nach der Gottesordnung das erreichen, was du erreichen willst! – Gehe aber hin zum Herrn und erkundige dich, ob ich dich unrecht und unwahr belehrt habe!“
GEJ|2|76|1|1|76. — Über Demut und Selbstverleugnung
GEJ|2|76|1|0|Ruft Judas nach Mir und fragt: „Herr, ist es also, wie nun Thomas zu Mir geredet hat in einem stark herrschenden Ton?“
GEJ|2|76|2|0|Sage Ich: „Ja, also ist es! Wer aus euch sich erniedrigt am meisten vor seinen Brüdern, der ist der Erste im Gottesreiche; jedes Sichbesserdünken setzt ihn aber im Gottesreiche auf eine letzte Stufe zurück.
GEJ|2|76|3|0|So jemand von euch noch irgendein Hoheits- und somit Besserseinsgefühl in sich verspürt, da ist er von der alles verzehrenden, gierigsten Hölle noch nicht frei und noch lange nicht geschickt zum Reiche Gottes; denn solch ein Mensch ist nicht freien Geistes.
GEJ|2|76|4|0|So aber jemand sich unter alle seine Brüder herabgesetzt hat und also bereit ist, allen zu dienen nach seiner Fähigkeit, so ist er der Erste im Reiche Gottes, und alle andern können sich ganz füglich nach ihm bilden. Wahrhaft göttlich großen Geistes ist nur derjenige, der sich unter alle menschliche Kreatur herabzuwürdigen vermag!“
GEJ|2|76|5|0|Sagt Judas: „Da kann dann nur ein Mensch, der sich am meisten zu erniedrigen versteht, der Erste im Reiche Gottes sein!? Denn so er beflissen ist, allen zu dienen nach seinen Fähigkeiten, so müssen die andern ihm doch offenbar erst den Gefallen erweisen, sich von ihm bedienen zu lassen, um ihm dadurch zur himmlischen Priorität (Vorrang) zu verhelfen! – Was aber dann, wenn die andern seine Dienste entweder gar nicht annehmen wollten oder dem Himmelreichsprioritätsbestreben selbst ihre Dienste anbieten? Wer wird dann der Erste im Reiche Gottes werden?“
GEJ|2|76|6|0|Sage Ich: „Alle, die aus redlichem Herzen solches zu tun sich bemühen! Aber Menschen, die gewisserart aus Selbstsucht ihres Bruders Dienste darum nicht annähmen, um ihm jede Gelegenheit zu entziehen, ein Erster im Reiche Gottes werden zu können, ohne je nach solcher Priorität (Vorrecht) zu streben, die werden dennoch die Letzten sein, und er der Erste, weil er wahrhaft aus Liebe und wahrer Demut allen Brüdern dienen wollte!
GEJ|2|76|7|0|Ah, ganz etwas anderes wäre es, so jemand auf dieser Welt bloß der einstigen himmlischen Priorität (Erstrecht) wegen der Geringste und ein Diener aller werden wollte! Oh, der wird auch einer der Letzten im Reiche Gottes sein! Jenseits wird alles mit der feinsten Waage abgewogen und nach dem genauesten Maße bemessen werden. Wo immer etwas Selbstsüchtiges zum Vorschein kommen wird, wird die Waage den Ausschlag nicht geben und das Maß der Himmel nicht decken! Daher mußt du die volle Wahrheit ohne allen Hinterhalt in dir haben, sonst kannst du ins Reich Gottes nicht eingehen. Nur die reinste Wahrheit ohne Falsch und hinterhältigen Trug kann und wird euch frei machen vor Gott und aller Seiner Kreatur! – Verstehest du das?“
GEJ|2|76|8|0|Sagt Judas Ischariot: „Ja, das verstehe ich wohl, sehe aber auch zugleich ein, daß solches unmöglich zu bewerkstelligen ist; denn es ist dem Menschen unmöglich, alle Selbstliebe fahren zu lassen! Er muß doch essen und trinken und sich um eine Wohnung und Kleidung umsehen, – und das geschieht denn auch aus einer geringen Art von Selbstliebe! Man nimmt sich ein liebes Weib und will dieses allein für sich haben, und wehe dem, der es wagte, seines Nächsten Weib zu begehren! Das wird aber etwa doch auch eine Art Selbstliebe sein!?
GEJ|2|76|9|0|Wenn ich einen wohlbearbeiteten Grund habe, und es kommt die Zeit der Ernte, werde ich wohl nun aus lauter Selbstverachtung und gänzlichem Mangel an Selbstliebe zu meinen Nachbarn hingehen und sagen: ,Meine Freunde, gehet hin und erntet, was auf meinen Feldern gewachsen ist; denn ich habe als der Geringste unter euch, als euer aller Knecht ohne allen Wert vor euch, nur für euch gearbeitet!‘ Ich meine, da sollte die so hochgestellte Selbstverleugnung und Selbstverachtung doch irgend einige bestimmte Grenzen haben, ohne welche es sogar unmöglich wäre, Deine Lehre den Menschen zu verkünden, weil man dadurch offenbarst anzeigete, daß man seine Brüder für dümmer und blinder hielte als sich selbst! Denn sich im Geiste für vorzüglicher halten als seine Brüder, da wird doch etwa auch ein wenig von einem Hochmut dabei sein! Wenn aber so, da sehen wir uns die Menschheit in hundert Jahren an, und wir werden sie gleich dem Ochsen auf der Weide Gras fressen sehen, und von einer Sprache wird keine Spur mehr zu finden sein und ebensowenig von irgendeinem Wohnhause oder gar von einer Stadt! – Wie weit darf also des Menschen Eigenliebe gehen?“
GEJ|2|77|1|1|77. — Ein Maßstab der drei Liebearten
GEJ|2|77|1|0|Sage Ich: „Ganz gut, Ich will dir denn ein Maß geben, nach welchem du und ein jeder wissen soll, wie er mit der Eigenliebe stehen soll, wie mit der Liebe zum Nächsten und wie mit der Liebe zu Gott.
GEJ|2|77|2|0|Nimm die Zahl 666, die in guten und schlechten Verhältnissen entweder einen vollendeten Menschen oder einen vollendeten Teufel bezeichnet!
GEJ|2|77|3|0|Teile du die Liebe im Menschen gerade in 666 Teile; davon gib Gott 600, dem Nächsten 60 und dir selbst 6! Willst du aber ein vollendeter Teufel sein, dann gib Gott sechs, dem Nächsten sechzig und dir selbst sechshundert!
GEJ|2|77|4|0|Siehe, die rechtschaffenen Dienstleute und Knechte und Mägde sind es, die die Felder ihrer Herrschaft bearbeiten. Nach deiner Ansicht sollen sie denn nun auch die Ernte nehmen, weil sie durch ihren Fleiß und ihre Mühe geworden ist; aber sie tun diese in die Scheuern und Scheunen ihrer Herrschaft und haben eine große Freude daran, so sie zu ihrer Herrschaft sagen können: ,Herr, alle deine Scheuern und Scheunen sind bereits voll, und noch ist die Hälfte auf dem Felde! Was sollen wir da tun?‘ Und ihre Freude wird größer, so der Herr zu ihnen sagt: ,Ich lobe euren großen und uneigennützigen Fleiß und Eifer; gehet und bringet Bauleute her, auf daß sie mir Vorratskammern in kürzester Zeit erbauen und ich des Feldes Segen aufbewahre für Jahre, die vielleicht weniger gesegnet sein möchten, denn dieses da war, an allen Früchten!‘ Sieh, nichts gehört den Dienstleuten, sie haben keine Scheuer, keine Scheunen und keine Vorratskammern, und doch arbeiten sie um einen geringen Lohn, als gelte es für ihre Scheuer, Scheunen und Vorratskammern; denn sie wissen es, daß sie nicht Not zu leiden brauchen, wenn der Herr alle Vorratskammern voll hat.
GEJ|2|77|5|0|Und siehe, im Tun eines rechtschaffenen Dienstboten liegt das ganze Verhältnis jedes wahren Menschen zu sich, zum Nächsten und zu Gott. Der wahre Dienstbote sorgt für sich 6fach, für seine Dienstgefährten, damit sie ihm wohlwollen, 60fach und für seinen Dienstherrn 600fach und sorgt dadurch, ohne es zu wollen, dennoch 666fach für sich; denn die Nebendiener werden ihrem Gefährten, bei dem sie die wenigste Selbstliebe merken, am meisten wohlwollen, und der Dienstherr wird ihn bald über alle setzen. Aber einen Diener, der nur für seinen Sack sorgt, bei der Arbeit gern der letzte ist und da seine Hände nur an die leichteste Arbeit legt, den werden seine Gefährten mit scheelen Augen ansehen, und sein Dienstherr wird es wohl merken, daß der selbstsüchtige Diener ein fauler Knecht ist. Er wird ihn daher nie über seine Dienerschaft setzen, sondern ihm vermindern den Lohn und ihn setzen zuunterst am Speisetische. Und wird sich dieser selbstsüchtige, faule Knecht nicht bessern, so wird er mit schlechten Zeugnissen aus dem Dienste getan werden und also schwerlich je wieder einen Dienst erhalten. So er aber einen einzigen Freund noch hat, dem gegenüber er sich uneigennützig bewiesen hatte, so kann dieser ihn in seine Wohnung aufnehmen, wofür ihn der Herr nicht schmähen wird. – Verstehst du das?
GEJ|2|77|6|0|Ein jeder Mensch hat und muß einen gewissen Grad von Eigenliebe haben, ansonst er nicht leben könnte, – aber, wie gezeigt, nur den möglich geringsten Grad; ein Grad darüber hebt schon das rein menschliche Verhältnis auf, und es ist die Sache in der göttlichen Ordnungswaage also auf ein Haar abgewogen! – Nun sind dir die Grenzlinien gezeigt, und wir wollen sehen, wie du diese tatsächlich befolgen wirst!“
GEJ|2|77|7|0|Sagt Judas: „Dazu gehört viel tiefste Weisheit, um beurteilen zu können, ob man das genaue Maß mit der Eigenliebe getroffen hat! Wie kann der kurzsichtige Mensch das beurteilen?“
GEJ|2|77|8|0|Sage Ich: „Er tue mit redlichem Willen das, was er tun kann; das Abgängige wird schon von Gott aus hinzugetan werden. Für weniger aber als sechs Teile für sich darf man wohl bei keinem Menschen irgendeine Sorge tragen! Am allerwenigsten für Menschen deiner Art!“
GEJ|2|77|9|0|Hier verstummt Judas und geht nachdenkend vom Tische, um sich eine Lagerstätte für die schon stark hereingebrochene Nacht zu bereiten.
GEJ|2|77|10|0|Nun aber tritt erst der Knabe Josoe auf und sagt: „Aber hat mich dieses Menschen Dummheit doch schon über all die Maßen geärgert! Ein Jünger ist er und noch so dumm wie eine Nachteule am hellen Tage. Ich habe alles gleich verstanden, was Du, o Herr, zu ihm geredet hast; er aber verstand nichts, indem er immer fragte und allerlei Einwürfe machte, und nun am Ende des Endes noch so dumm davonging, als wenn Du, o Herr, ihm kein Silbenswörtlein gesagt hättest! Wenn ein Kind fragt, so ist das verzeihlich; aber wenn so ein alter Mensch, der auf der andern Seite doch wieder weiser sein will denn seine Nebenmenschen, auch noch fragt – und das ersichtlich nicht gut-, sondern böswillig –, so muß man sich ja doch ärgern! Ich will noch dreimal sterben, wenn dieser Mensch sich auf dieser Welt je bessern wird! Er ist allem Anscheine nach ein Geizhals und rechnet, wie er, wenn er das vermöchte, was Du, o Herr, vermagst, sich in kürzester Zeit zu ganzen Bergen von Gold und Silber aufschwingen könnte! Und ich, so wahr ich Josoe heiße, will alles darum geben, was ich habe, und alles erleiden, was nur je ein Mensch erleiden kann, wenn dieser Mensch je eine Besserung ergreifen wird!“
GEJ|2|77|11|0|Sage Ich: „Mein lieber Josoe, laß das nur gut sein; denn wir brauchen allerlei Handlanger bei der Erbauung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, und da ist eben Judas auch einer, den wir brauchen können! – Aber nun sage du Mir, was du deinen irdischen Eltern sagen wirst, wenn du wieder mit ihnen zusammenkommen wirst! Wie wirst du reden?“
GEJ|2|78|1|1|78. — Josoes schlauer Plan
GEJ|2|78|1|0|Sagt Josoe, freudig lächelnd: „Herr, ich meine, diese Geschichte wird sich ganz einfach machen lassen! Ich komme vom Oheim Jairus geleitet ins Haus meiner sicher noch immer um mich trauernden Eltern. Diese werden ganz verwundert große Augen machen, daß sie in mir einen Knaben erblicken, der ihrem Josoe so ähnlich sieht wie ein Auge dem andern; dann mag Jairus sagen, daß ich ein Findling sei und sogar den Namen des Verstorbenen führe, und meine Eltern werden mich ohne weiteres an Kindes Statt aufnehmen und mich lieben mehr denn ihren Josoe. Nach und nach können sie dann durch allerlei rare Wendungen in die volle Wahrheit eingeleitet werden, und sie werden am Ende denn doch glauben müssen, daß ich ihr wirklicher Sohn Josoe bin. In einer Zeit aber, die Du, o Herr, bestimmen kannst, können sie dann denn auch in die vollste Wahrheit geführt werden. – Ist es also recht, o Herr?“
GEJ|2|78|2|0|Sage Ich: „Die Sache ist gar nicht übel ausgedacht, Mein lieber Josoe; aber nur ein Umstand kommt dabei vor, und zwar der, daß da eine offenbare Lüge vorkommt, und eine jede Lüge ist vom Übel und erzeugt wieder Übel. Siehe, ein Findling bist du denn doch offenbar nicht; wie wirst du den ,Findling‘ hernach vor deinen Eltern und Gott rechtfertigen?“
GEJ|2|78|3|0|Sagt der Knabe: „Herr, wenn Du lächelst, so ist das sicher ein gutes Zeichen, und ich bin schon gerechtfertigt vor Dir, so wie einst der Jakob mit seinen in Lammfelle gewickelten Händen vor seinem blinden Vater Isaak! Siehe Herr, das war denn doch mehr Lüge denn bei mir, so ich als ein Findling meinen Eltern vorgeführt werde, und doch war vor Gott Jakobs Erstgeburtssegen als gerecht angenommen! Wenn aber Gott damals einen doch offenbarsten Betrug, der eine tatsächliche Lüge ist, mit gnädigen und segnenden Augen ansehen konnte, so wird Ihn ja doch der nunmalige Findling Josoe nicht anwidern, zudem er doch ein allerwahrster Findling ist wie kein zweiter auf der ganzen weiten Gotteserde! Ich meine, Du mein Gott und mein Herr, es dürfte für diese Erde wohl nichts so sehr verloren sein als einer, der gestorben ist; und so dürfte es auch nichts im vollwahrsten Sinne Gefundeneres geben als einen – –, Herr, Du verstehst mich, wen ich hier meine!“
GEJ|2|78|4|0|Sage Ich: „Gut hast du es gemacht! Ich wußte es ja, daß du einen rechten Grund finden wirst; aber nun möchte Ich denn von dir auch noch hören, wie du dich deinen Eltern durch allerlei rare Wendungen am Ende als der wirkliche Sohn Josoe aufführen wirst.“
GEJ|2|78|5|0|Sagt Josoe: „O Herr, das ist doch eine überaus leichte Sache! Wenn ich einmal im Hause bin, so werde ich, was mir ein leichtes ist, mich gerade so benehmen, wie ich mich früher benommen habe; ich werde nach und nach um dies und jenes fragen, wie ich es früher getan habe, werde auch meine Spielereien hervorsuchen und damit die bekannten Verfügungen treffen, was meinen Eltern offenbar auffallen wird und sie am Ende werden sagen müssen: ,Das ist unser Josoe, der vielleicht vom Borus im Grabe durch seine geheimen Mittel erweckt und mit der Zeit bis her vollends geheilt worden ist!‘ Und ich lasse sie einstweilen bei der Meinung. Kommt dann die rechte Zeit, so sollen sie die Wahrheit schon erfahren, und ich meine, daß die Sache sich also ganz gut machen wird.“
GEJ|2|78|6|0|Sage Ich: „Aber da kommt schon wieder eine Lüge vor! Siehe, jemanden geflissentlich im Irrtum belassen, heißt ebensoviel wie jemand anlügen! Wie wirst du dich denn da reinwaschen?“
GEJ|2|78|7|0|Sagt Josoe: „Herr, solange Du lächelst, wenn Du prüfest, ist es immer und ewig ein gutes Zeichen; ich meine aber so, daß die Lüge auch von einer sehr unterschiedlich zweifachen Art ist. Jemandem geflissentlich aus bösem Willen eine Lüge als eine verbürgte Wahrheit auftischen, ist und bleibt eine satanische Bosheit! Aber eine Scheinlüge, durch die man die nackte Wahrheit nur so lange umhüllt, als eben die nackte Wahrheit für den Menschen, den sie betrifft, noch unerträglich wäre, ja ihm offenbar mehr schaden als nützen würde, kann nicht vom Übel sein, weil sie dem edlen, guten und wohlwollendsten Herzen und Willen entstammt!
GEJ|2|78|8|0|Es müßte in dieser Hinsicht dann ja auch jedes Gleichnis, hinter dem doch die erhabenste Wahrheit verborgen sein kann, eine barste Lüge sein. Und doch haben die weisesten Väter und Propheten zumeist in lauter Gleichnissen gesprochen! Und daß hier Borus als der allgemein bekannte, berühmte Arzt eben als Arzt eigenschaftlich Deine Stelle vertritt, ist im Grunde denn doch auch nichts anderes, als wie zu den Zeiten Abrahams die drei zum Erzvater gekommenen Engel die Stelle Jehovas vertreten haben, und gar nichts anderes als die mir immer recht hart vorkommende Lüge des Joseph in Ägypten vor seinen Getreide suchenden Brüdern! Aber Gott hatte es Selbst also gewollt und rechnete dem Joseph solch sein Benehmen gegen seine Brüder sicher nicht zur Sünde. Und so meine ich, daß solch eine Scheinlüge bloß nur eine Klugheit aus den Himmeln ist, während die wirkliche Lüge in die Reiche der ärgsten höllischen Verschmitztheit gehört!“
GEJ|2|78|9|0|Sage Ich: „So komme her, du Mein liebster Josoe, und laß dich küssen; denn du bist ja schon als ein noch zarter Knabe weiser denn ein alter Schriftgelehrter!“
GEJ|2|78|10|0|Mit diesen Worten eilt Josoe sogleich um den ganzen Tisch, umarmt Mich und küsset Mich klein ab und sagt darauf in völlig ausgelassener, aber dabei dennoch sehr weiser Heiterkeit: „Da sehet her alle ihr alten himmlischen Geister, Mächte und Kräfte, und verhüllet euer Angesicht! Denn das, was hier geschah, habet ihr noch nie erlebt! Der ewige heilige Vater hier vor uns, im Sohne Jesus völlig gegenwärtig, läßt Sich fleischlich liebkosen von einem Seiner Geschöpfe!
GEJ|2|78|11|0|So zieht, Der ewig war, das zeitlich Seiende an Sich, koset es und macht es dadurch Ihm gleich ewig! O Du wahrer, alleiniger Vater aller Menschen, wie süß doch schmecket Deine Liebe!“
GEJ|2|79|1|1|79. — Zwei Engel bieten dem Josoe ihre Dienste an
GEJ|2|79|1|0|Hier treten die zwei Engel hervor und sagen: „Ja, holdester Knabe, du hast wahr gesprochen! Das war unseren Augen, die schon lange den endlosen Raum Gottes durchstierten, ehe noch eine Sonne ihr Dasein weithin durch den ewigen Raum Gottes mittels ihrer Strahlen verkündete, noch nie ersichtlich geworden! Bleibe du daher aber auch gleichfort in dem Geiste, der dich jetzt so rein göttlich hehr belebt, und wir bleiben ewig Brüder!“
GEJ|2|79|2|0|Sagt Josoe: „Wer seid ihr denn, daß ihr gar so erhaben weise Worte auszusprechen vermöget? Seid ihr denn nicht auch Menschen, so gut wie ich einer bin?“
GEJ|2|79|3|0|Sagen die beiden: „Liebster Bruder, im Geiste wohl sind wir völlig das, was du bist und noch mehr und mehr werden wirst; aber Fleisch und Blut haben wir nie getragen! Wir sind Engel des Herrn und sind hier, Ihm allein allzeit zu dienen. So uns aber Der einst auch gnädigst will durchs Fleisch, Ihm gleich, gehen lassen, so werden wir dir dann auch in dieser Hinsicht vollends gleichen. Für jetzt aber bist du uns bedeutend voraus; doch die Ewigkeit ist lang und endlos, und in ihr werden sich dereinst alle Unterschiede ausgleichen. Wir aber tragen nun auch dir unsere Dienste an; willst du etwas, so schaffe (befiehl) und wir werden dir dienen!“
GEJ|2|79|4|0|Sagt Josoe: „Was sollte ich euch mir zu dienen schaffen? Wir alle haben einen Gott und einen Herrn und Vater von Ewigkeit. Dem allein kommt das Recht zu, zu schaffen mit mir wie mit euch; wir aber, die wir samt und sämtlich von Ihm erschaffen worden sind, sollen einander nicht schaffen, sondern aus Liebe zuvorkommend uns allzeit gegenseitig dienen, so aus uns einer oder der andere Engel oder Mensch, gleichviel irgendeines Dienstes bedarf!
GEJ|2|79|5|0|Ich halte aber schon den nicht für vollkommen, der, wenn auch noch so willfährig, seinem hilfsbedürftigen, um irgendeinen Beistand flehenden Bruder beispringt; denn da wird nur dem geholfen, der Gelegenheit, Mut und Kraft besitzt, seinem in was immer für einer Hinsicht vermögensreichen Bruder seine Not darzustellen und ihn um die entsprechende Hilfe anzuflehen. Wer aber hilft dann dem, der die Gelegenheit, den Mut nicht besitzt, seinen vermögensreichen Bruder um Hilfe anzuflehen? Wenn ich aber schon eine erbetene Hilfe durchaus nicht gutheißen kann, um wieviel weniger dann erst eine befohlene!
GEJ|2|79|6|0|Darum sage ich euch hier in der Gegenwart Dessen, der ein Herr ist über Leben und Tod: So ihr sehen werdet, daß mir eine Hilfe not tut, so helfet mir, ohne daß ich euch darum bitte oder gar schaffe, als ob ich ein Herr wäre! Und ich werde dasselbe tun, so ich es wüßte, daß auch ich euch wo dienen könnte; sonst brauche ich keine Hilfe und keinen Dienst von euch, am allerwenigsten aber einen befohlenen, der schlechter ist denn gar keiner!
GEJ|2|79|7|0|Es solle sich aber ein in was immer für einer Hinsicht Vermögensreicher mit Fleiß umsehen unter seinen hilfsbedürftigen Brüdern, ob nicht einer bald in dieser und bald in einer andern Hinsicht irgendeiner Hilfe bedarf. Und hat er einen gefunden, so solle er ihm die Hilfe antragen! So wird er meines Erachtens dem Herrn und Vater, der ewig gleichfort also handelt, sicher angenehm sein und wird das heilige Ebenmaß Gottes, nach dem er erschaffen ist, rechtfertigen; wer aber seinem Nächsten erst dann hilft, wenn dieser ihn um die Hilfe angefleht hat, – oh, wie weit ist ein solcher Helfer noch vom vollen Ebenmaße entfernt, und wie weit dann erst der, der sich eine Hilfeleistung befehlen läßt!
GEJ|2|79|8|0|Seht ihr, meine lieben Freunde, wenn eure Weisheit nicht weiter reichen sollte als dahin nur, den Menschen Anträge zu machen, daß sie euch gebieten sollen, wenn sie eurer Hilfe bedürfen, da gehe ich als ein Knabe mit euch nicht tauschen; habt ihr mich aber bloß nur prüfen wollen, so glaube ich, meine Prüfung vor euch wenigstens nicht schlecht bestanden zu haben. Und solltet ihr vielleicht aus meinem Munde etwas vernommen haben, was euch vielleicht ein wenig hart berührt hätte, so müßt ihr das mir schon zugute halten; denn um euch zu belehren, habe ich meinen Mund nicht aufgetan, sondern der Wahrheit willen, weil ihr euren Antrag mir nicht der Wahrheit gemäß gemacht habt. Als vollkommene Himmelsgeister aber hättet ihr doch mein Inneres insoweit zum voraus durchblicken und erkennen sollen, daß ich euch auf euren Antrag mit solch einer Antwort sicher entgegenkommen werde, und ihr hättet dann eurem Antrage, für den ich euch durchaus nicht danken kann, sicher ein anderes Gesicht gegeben!“
GEJ|2|79|9|0|Die beiden Jünglinge treten nun etwas gedemütigt zurück und sagen: „Wahrlich, diese hohe, rein göttliche Weisheit hätte kein Engel in diesem Knaben gesucht!“
GEJ|2|79|10|0|Sage Ich: „Ja, Meine Lieben, Gottes Auge sieht gar scharf und entdeckt auch in den vollkommensten Engeln Flecken, – also auch eines Menschen reinstes Herz, das da ist wie ein Augapfel Gottes. Ich ließ aber das nicht euretwegen, sondern der Gäste wegen geschehen, auf daß sie aus dem reinen Munde eines erweckten Knaben erfahren sollten, wieviel es ihnen an der Gottähnlichkeit noch mangelt. Im übrigen aber hat der Knabe schon von Geburt an einen außerordentlich scharfen Geist, und es meine ja niemand, Ich hätte nun bei dieser Gelegenheit ihm die Worte ins Herz und endlich in den Mund gelegt. Sie sind auf seinem höchst eigenen Grund und Boden gewachsen; darum wird er Mir zu einer Zeit ein tüchtiges Rüstzeug sein.“
GEJ|2|80|1|1|80. — Cyrenius nimmt Josoe auf
GEJ|2|80|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, diesen Knaben möchte ich zu mir nehmen, und so er zu mir wollte, möchte ich ihn nicht nur meinen Kindern gleich, sondern in allem über dieselben stellen. Wahrlich, ich würde es mir zum größten Glücke rechnen, so ich diesen lieben Knaben, der ohnehin mehr Engel als Mensch ist, mein nennen könnte! Er wird ohnehin einen etwas schweren Stand bei seinen einstigen Eltern haben, und es ist die Frage, ob diese ihn noch annehmen werden. Ich weiß aber um alles und kann mit der Zeit Einleitungen treffen, daß seine, mir als sehr templerisch gesinnt bekannte Eltern ganz gut ihren Josoe erkennen werden. Wollen sie ihn annehmen, so wird es ihnen auch freigestellt sein, jedoch mit der Bedingung, daß er in meinem Hause zu verbleiben und um mich zu sein hat, wo ich bin, – bald in Asien, bald in Europa und bald in Afrika; denn seine Weisheit geht mir über alles!“
GEJ|2|80|2|0|Sage Ich: „Mache du das mit dem Jairus und dem Knaben ab! Mir ist alles recht; denn der Knabe, Mein lieber Josoe, wird Mir ja überall getreu verbleiben!“
GEJ|2|80|3|0|Sagt der Knabe: „Vater, daran wirst doch Du nicht zweifeln? Du müßtest mir nur Selbst eine andere Gesinnung ins Herz legen! Das aber wirst Du ewig nicht tun, und so werde ich Dir auch ewig getreu verbleiben. So ich aber über mein künftiges Sein auf dieser Erde zu wählen hätte, da bliebe ich am liebsten geradewegs bei Dir! Denn was Höheres, was Besseres und was Seligeres kann es denn in der ganzen Unendlichkeit und in allen alten und neuen Himmeln noch geben, als bei Dir, dem Urquell der Liebe, der Weisheit und alles Lebens, zu sein? Aber das ist auch nur der eigentliche, innerste Wunsch meines Herzens; im übrigen aber verstehe ich schon auch zu gehorchen und begebe mich überall willig hin, wohin mich Dein heiliger Wille nur immer bestimmen mag! Ich gehe zum Cyrenius, den ich überaus achte und schätze, also gehe ich auch zu meinen irdischen Eltern zurück, die mir auch sehr lieb und wert sind; aber ohne Deinen Willen werde ich nicht leichtlich etwas tun.“
GEJ|2|80|4|0|Sage Ich: „Daß du bei Mir bleiben möchtest und mit der Zeit auch bei Mir bleiben wirst, davon zeugt dein ganzes Wesen; aber für jetzt bedarfst du noch einiger Ruhe, die dir in der äußeren Abgeschiedenheit von Mir notwendig ist, auf daß zwischen deiner Seele und dem neuen Leibe eine festere Konsistenz gebildet werde. Wenn solches etwa im Verlaufe von einem Jahre geschehen wird, dann kannst du schon wieder zu Mir kommen und wirst dich alsdann in Meiner Nähe ganz gut erhalten können, ohne daß Ich, wie nun, nötig haben sollte, mit der Macht Meines Willens deine Seele in deinem Leibe festzuhalten. Siehe, das ist der Grund, warum Ich zu deinem Wohle nun dich auf eine kurze Zeit von Mir gehen lasse! Frage aber nun deinen Sinn, ob du lieber mit dem römischen Oberstatthalter Cyrenius von hier ziehest, oder ob du lieber zu deinen irdischen Eltern heimkehrst! Mir ist es da ganz einerlei, – nur das ist wahr, daß du beim Cyrenius immer mehr gewinnen kannst denn als ein scheinbarer Fremdling in deiner Eltern Hause; denn diese werden lange nicht wissen, was sie aus dir machen sollen.“
GEJ|2|80|5|0|Sagt Josoe: „Ganz gut, weil ich nun so viel weiß, so ziehe ich mit dem hohen Statthalter Cyrenius. Sehen aber möchte ich die Eltern doch und erfahren, was sie bei meinem Anblick für fragende Gesichter machen werden.“
GEJ|2|80|6|0|Sagt Cyrenius: „Das können wir morgen, so wir von hier über Kapernaum nach Sidon und Tyrus ziehen werden, ganz leicht zustande bringen! So wir in Kapernaum bei diesem meinem Bruder, den du hier neben mir siehst und dessen Name Kornelius ist, zu Mittag speisen werden, da sollen nebst einigen Hauptständen der Stadt auch deine Eltern zu Tische gezogen werden, und du wirst dann eine hinreichende Gelegenheit haben, deine Eltern zu sehen, zu hören und sie zu beobachten, was sie alles für Bemerkungen über dich machen werden. Aber du mußt dabei wohl dich sehr in acht nehmen, daß du dich nicht etwa durch ein hingeworfenes Wörtlein zu sehr verrätst! An der Kleidung werden sie dich nicht erkennen, da ich dir morgen sogleich aus meinem Vorrate eine Toga, wie sie die Römer tragen, werde anziehen lassen. Aber, wie gesagt, auf deinen Mund mußt du allein recht wohl achthaben, daß du dich nicht verrätst vor der Zeit!“
GEJ|2|80|7|0|Sagt der Knabe: „Darüber sei du ganz ohne Sorge! Der römischen Zunge bin ich ziemlich mächtig, sowie der griechischen, und werde darum in diesen Zungen reden, so ich um etwas gefragt werde. Freilich sind auch meine Eltern dieser Zungen mächtig; aber das macht nichts! Kurz, mit der Hilfe des Herrn, der mich erweckt hat, werde ich alles in der sicher besten Ordnung darzustellen verstehen.“
GEJ|2|80|8|0|Cyrenius drückt den Knaben an seine Brust, küßt ihn und sagt: „Kurz und gut, ich liebe dich überaus und betrachte dich von nun an als einen Sohn, den ich mehr liebe als alle meine Leibeskinder und eine Menge anderer Kinder, denen ich freiwillig, wie nun dir, ein Vater geworden bin. Denn allen wirst du mit deinem Geiste vieles nützen können.“
GEJ|2|80|9|0|Sagt der Knabe: „Ich freue mich auch darauf; denn das ist meine größte Freude von jeher gewesen, so ich jemand habe in was immer nützlich sein können.“
GEJ|2|80|10|0|Sage Ich: „Gut, Mein Josoe! Wenn Ich sehen werde, daß du deinem Vorsatze getreu verbleiben wirst, so werde Ich dir dann auch eine Kraft aus den Himmeln zukommen lassen, mit deren Hilfe du dann noch mehr Gutes zu wirken imstande sein sollst. Worin aber die Kraft bestehen wird, wirst du erst dann innewerden, wann du sie überkommen wirst. Nun aber wollen wir uns zur Ruhe begeben; denn es ist bereits die Mitternacht herbeigekommen. Morgen ist auch wieder ein Tag, und Ich will ihn nicht zum voraus erforschen, was er bringen wird, sondern, was er bringen wird, das werden wir alle annehmen. Das Gute soll unser Anteil sein, und das Schlechte werden wir auszuscheiden verstehen. Und also begeben wir uns zur Ruhe!“ – Nach diesen Meinen Worten begibt sich alles zur Ruhe.
GEJ|2|81|1|1|81. — Robans Bericht über den neuen Obersten
GEJ|2|81|1|0|Der Morgen des kommenden Tages war wieder einer der heitersten, und viele der anwesenden Gäste, die auch früher als wir sich zur Ruhe begeben hatten, tummelten sich schon im Freien herum, als Ich, die Jünger, die Römer und der Kisjonah uns aus dem Hause ins Freie begaben.
GEJ|2|81|2|0|Als wir uns aber eine kurze Zeit im Freien aufhielten, kam auch Bab mit seiner Familie aus der Stadt; denn er ging am späten Abend nach Hause in die Stadt, um nicht Ungelegenheiten in Meinem Hause zu machen. Als er aber ankam – so erzählte er uns in entschiedener Eile –, habe in der Stadt, und namentlich in der Synagoge, eine große Aufregung geherrscht, so zwar, daß er sich gar nicht getraute, jemanden zu fragen, was es da gäbe. Es müßte aber etwas sehr Bedeutendes vor sich gegangen sein, da er sonst noch nie eine solche Aufregung unter den Dienern und Herren der Synagoge bemerkt habe.
GEJ|2|81|3|0|Sage Ich: „Das wird eine Folge des neuen Besens sein, der nach dem Austritte des Jairus aus Jerusalem angekommen sein wird und wahrscheinlich heute hier in Nazareth eine Visitation halten will! Da liegt gar wenig daran, und wir wollen uns darum unser bereits fertiges Morgenmahl ganz gut schmecken lassen.“
GEJ|2|81|4|0|Darauf wandte Ich Mich zu den beiden noch anwesenden Jünglingen: „Eilet hinein in die Synagoge und bringet Mir Roban, den Ältesten, heraus; Ich habe mit ihm zu reden! Gehet aber gemächlichen Schrittes, auf daß ihr euch durch euer plötzliches Auftreten nicht verratet!“ – Die beiden Engel tun sogleich, was Ich ihnen geboten habe; wir aber begeben uns zum Morgenmahle und verzehren es mit frohem Mute.
GEJ|2|81|5|0|Als wir die Tische wieder verlassen, kommt auch schon Roban mit den beiden Engeln daher, verneigt sich tief vor Mir und vor den noch anwesenden hohen Römern und sagt ganz erschöpften Gemütes: „Ach, Herr, hier der Himmel, und dort in der Synagoge die Hölle im vollsten Toben! Herr, ich brauche es Dir zwar nicht zu sagen, da ich nur zu gut weiß, daß Dir nichts in der ganzen Welt unbekannt sein kann; aber es ist nun schon wahrlich zum Verzweifeln, was unser neuer Oberster treibt!
GEJ|2|81|6|0|Wenn der Mensch nicht ein leiblicher Bruder des Satans ist, so leiste ich auf meine Menschheit den vollsten Verzicht! Fürs erste plündert er uns nicht nur was das Geld betrifft, sondern auch in allen andern Habseligkeiten rein aus, so daß wir nicht einmal wissen, wovon wir nun in der Folge mit unseren Familien leben sollen; nimmt alles Mehl, alle Hülsenfrüchte, alles Getreide, alle geräucherten Fische; bezeichnet unsere Ochsen und Kühe und Kälber, Schafe und Esel als ein Eigentum des Tempels und wird sie uns auf diese Weise ohne alle Gnade nehmen! Dazu erklärte er uns alle als Abtrünnige des Tempels und will uns noch obendrauf mit allen möglichen Strafen belegen; denn man wisse in Jerusalem haarklein alles, was hier geschehe, und er habe zugleich den gemessensten Auftrag, Dich als Volksverführer und Volksaufwiegler ergreifen und den Gerichten ausliefern zu lassen! – Was sagst Du zu solcher Bestialität?
GEJ|2|81|7|0|Herodes wisse jeden Tritt und Schritt von Dir; er hätte schon lange ganz ernste Schritte gegen Dich getan, so er etwa nicht von der irrigen Meinung befangen wäre, die ihm sein Wahrsager, der geheim ein Jünger Johannis war, beibrachte, daß Du der vom Tode wieder auferstandene Johannes seiest; denn er hatte ihn auf Verlangen der Metze Herodias im Kerker enthaupten und ihr dessen Haupt auf einer Schüssel präsentieren lassen, zum Beweise, daß er den ihr gemachten Eid erfüllt habe!
GEJ|2|81|8|0|Aus dem wenigen kannst Du, o Herr, nun schon entnehmen, wie die Sachen stehen! Ich sage es Dir: wenn Du nicht mit aller Deiner Macht Dich entgegenstellst, so bist Du samt allen, die hier bei Dir sind, dem Fleische nach verloren! Denn mehr kann ich Dir nicht sagen, als daß nun buchstäblich die ganze Hölle los ist; auf Deinen Kopf sind bloß zehntausend Pfunde Goldes gesetzt!“
GEJ|2|81|9|0|Ich berufe hier den Matthäus und sage zu ihm: „Was du nun hören wirst, das zeichne auf!“
GEJ|2|81|10|0|Matthäus bringt sogleich seine Schreibgeräte her und richtet sich zum Schreiben.
GEJ|2|81|11|0|Ich aber sage noch einmal zum Roban: „Freund, du hast nun die traurige Geschichte vom Johannes nur flüchtig hingeworfen; sei so gut und erzähle sie also, wie sie euch der neue Oberste kundgegeben hat! Denn es liegt Mir daran, daß die Sache also aufgezeichnet werde!“
GEJ|2|81|12|0|Sagt Roban: „Mit der größten Bereitwilligkeit von der Welt tue ich das; nur fürchte ich, daß ich vermißt werde, und wir stehen in der Gefahr, daß der Satansbruder von einem Obersten herauskommt und uns hier einen gräßlichen Spektakel macht!“
GEJ|2|81|13|0|Sage Ich: „Fürchte nichts; denn so viel Macht haben wir noch hier, ihm einen Mentor (Führer) zu stellen!“
GEJ|2|81|14|0|Sagt Roban: „Wenn so, dann will ich die Johannesgeschichte sogleich wörtlich also wiedergeben, wie sie uns der neue Oberste kundgegeben hat. Also lauteten aber seine Worte:
GEJ|2|82|1|1|82. — Geschichte und Ende Johannes des Täufers
GEJ|2|82|1|0|(Roban:) „Vor kurzem berichteten die Steuereinhebungsknechte des Vierfürsten Herodes eben diesem Herodes die Gerüchte von Dir und Deinen Taten (Matth.14,1), erzählten ihm, wie Du sie beim Steuererpressen in die Flucht geschlagen habest, und wie sie Deiner Macht durchaus nichts anhaben konnten. Darauf berief Herodes sogleich seinen Wahrsager. Dieser aber, als erstens eine feine Kundschaft, und zweitens insgeheim ein Jünger des Johannes, der die Ermordung dieses Propheten dem Herodes nicht verzeihen konnte, fand hier Gelegenheit, eine erste Rache an Herodes zu nehmen, und erklärte ihm mit fester Miene und Rede: ,Das ist Johannes, der von den Toten auferstanden ist und wirket nun gegen Dich solche Taten!‘
GEJ|2|82|2|0|Darüber erschrak Herodes und kam bebend zu seinen Knechten zurück und sagte zu ihnen: Das ist nicht der Zimmermann Jesus, den ich kenne, da er vor noch kaum fünf Jahren mit seinem Vater Joseph bei mir einen neuen Thron angefertigt hat und bei dieser Arbeit als Kunstzimmermann, obschon er sonst als ein ganz einfältiger Mensch dastand, eine bedeutende Geschicklichkeit an den Tag legte, sondern das ist der von mir enthauptete Johannes, der von den Toten wieder auferstanden ist und nun als unverwüstlicher Geist gegen mich solche Taten verrichtet, die sonst kein Mensch verrichten kann. (Matth.14,2) Daher sollet ihr wider ihn nichts mehr unternehmen; denn solches könnte euch und mir das größte Unheil bereiten!
GEJ|2|82|3|0|Auf diese Erklärung sollen die Knechte ganz große Augen gemacht haben und ganz verdutzt von dannen gegangen sein; denn sie wußten es bei sich, daß Du nicht Johannes seiest, – aber sie getrauten dem erregten Herodes keine Widerrede zu machen.
GEJ|2|82|4|0|Wir fragten aber auf diese Erzählung des Obersten, was es denn mit der Ermordung des Johannes für eine Bewandtnis habe. Denn wir wußten wohl, daß ihn Herodes ins Gefängnis geworfen hatte; aber daß er ihn auch ermorden ließ, davon wußten wir noch keine Silbe. Darauf erzählte uns der Oberste ganz kurz: Herodes war anfangs selbst – freilich ganz schwachweg nur – ein Anhänger Johannis und achtete ihn als einen besonderen Weisen; er nahm ihn daher an seinen Hof und wollte von ihm erlernen die geheime Weisheit. Da er aber daneben die schlechte Liebe zur Herodias, die seines Bruders Philipp Weib war, nicht aufgeben wollte (Matth.14,3), so erregte sich Johannes und sprach in dem ernstesten Ton zum Herodes: ,Es ist nicht recht vor Gott und deinem Bruder, daß du sie hast! (Matth.14,4) Denn es steht geschrieben: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib!‘ Da ergrimmte der stolze Herodes, ließ Johannes in ein Gefängnis werfen und hätte ihn auch gleich mögen töten lassen, so er das Volk nicht gefürchtet hätte, das den Johannes für einen Propheten hielt. (Matth.14,5)
GEJ|2|82|5|0|Es begab sich aber wenige Tage darauf, daß Herodes seinen Jahrestag hielt. An diesem Tage tanzte die schöne Tochter der Herodias vor ihm und seinen hohen Gästen, was Herodes überaus wohl gefiel. (Matth.14,6) Er verhieß daher der schönen Tänzerin mit einem Eide, daß er ihr geben werde, was sie von ihm fordern möchte. (Matth.14,7) Die Tochter aber ging zuvor zu ihrer Mutter, die dem Johannes Rache geschworen hatte, weil er ihr den Herodes abwendig machen wollte; und die Mutter richtete daher ihre Tochter also zu, daß sie das Haupt Johannis verlangen solle.
GEJ|2|82|6|0|Da ging die Tochter hin und sprach zu Herodes: ,Gib mir das Haupt Johannis auf einer goldenen Schüssel!‘ (Matth.14,8) Da ward der König denn doch traurig, zwar nicht so sehr des Johannes, als vielmehr des Volkes wegen, das er fürchtete, daß es an ihm Rache nähme. Doch des Eides willen und derer, die mit ihm zu Tische saßen, befahl er seinen Knechten, das Verlangte der Tochter zu geben. (Matth.14,9) Und die Knechte gingen hin, enthaupteten Johannes im Gefängnisse (Matth.14,10), nachdem sie zuvor unter einem Vorwande etliche seiner Jünger von ihm entfernten, und trugen dann sein Haupt auf einer Schüssel in den Speisesaal, um es der Tochter zu übergeben; und diese übergab es darauf ihrer argen Mutter. (Matth.14,11)
GEJ|2|82|7|0|Darauf kamen wieder seine Jünger und trafen zu ihrem größten Schrecken und Leidwesen den Leichnam Johannis. Sie aber nahmen den Leichnam, trugen ihn hinaus und begruben ihn (Matth.14,12) im Angesichte von vielen Tausenden, die da weinten und den Herodes und dessen ganzes Haus mit zahllosen Flüchen belasteten. Die Herodias aber soll beim Anblick des Hauptes Johannis augenblicklich unter gräßlichen Verzerrungen ihres Gesichtes tot zu Boden gesunken sein und ihre Tochter ein paar Augenblicke darauf; und Herodes und alle seine Gäste flohen voll Entsetzen aus dem Saale.
GEJ|2|82|8|0|Herr, das ist wörtlich die überaus traurige Geschichte Johannes des Täufers am Flusse Jordan unweit der Wüste zu Bethabara, allwo dieser Fluß in den See fällt, denselben durchströmt und sich endlich dem Toten Meere zuwendet. – Was sagst Du nun dazu? Ist es denn wohl möglich, daß Menschen gar so zu Teufeln werden können, und zwar zu einer Zeit, wo Du, dem Himmel und Erde gehorchen, Selbst als Mensch auf der Erde wandelst? Hast Du denn keine Blitze und keine Donner mehr?“
GEJ|2|82|9|0|Treten darauf Cyrenius und Kornelius zu Mir und sagen ganz ergrimmt: „Herr, da ist Gefahr im Verzuge! Hier können wir nicht mehr auf Deine zu große Geduld und Langmut harren; da heißt es: augenblicklich Hand ans Werk legen! In längstens zehn Tagen muß die ganze Höllenbrut samt Jerusalem und Tempel von der Erde vertilgt sein!“
GEJ|2|82|10|0|Sage Ich: „Siehe her, diese beiden Jünglinge genügen, in einem Augenblick auszuführen, was aller römischen Macht in hundert Jahren nicht gelänge! Wenn solches alles nicht geschehen müßte der Ordnung Gottes wegen, glaubet es, Mir wäre es ein leichtes, alles dieses zu vernichten im schnellsten Augenblick! Aber es muß solch Äußerstes geschehen der Gestaltung eines neuen Himmels und einer neuen Erde halber.
GEJ|2|82|11|0|Sehet aber nun, daß ihr von hier kommet, denn dieser neue Oberste ist ein böser Mensch, und der Satan zeigt ihm tausend Wege, auf denen er euch allerweidlichst schaden könnte; darum sehet, weiterzukommen!
GEJ|2|82|12|0|Auch Ich werde heute Mich von hier begeben und nicht so bald wieder in diese Gegend kommen; denn einem wütigen Hunde muß man ausweichen! Das ist einer, der viel Gold und Silber hat, ansonst er sich diese Amtsstelle nicht hätte erkaufen können; und mit viel Gold und Silber kann man in der Welt bei den Weltmenschen viel ausrichten, und wer sich dazu noch eine solche Stelle aus purer Gewinn- und Herrschsucht kauft – wie dieser da es getan hat –, dem ist durchaus nicht zu trauen. Darum machet euch nun alle auf und begebet euch von hier, und du, Roban, kehre auch wieder heim; denn bis jetzt bist du noch nicht vermißt worden!“
GEJ|2|82|13|0|Sagt Roban: „Wenn ich aber Deinetwegen befragt werde, was soll ich antworten?“
GEJ|2|82|14|0|Sage Ich: „Das wird dir ins Herz und in den Mund gelegt werden!“
GEJ|2|83|1|1|83. — Szene mit dem neuen Tempelobersten zu Nazareth
GEJ|2|83|1|0|Mit diesen Worten begibt sich Roban schnell nach Hause, und als er kaum einige Augenblicke in seinem Hause weilt, da kommt schon ein Bote und nötigt ihn, in die Synagoge zu kommen, wo der neue Oberste mit ihm eben über Mich reden will; denn er hatte es erfahren, daß Roban Meinetwegen in Sichar gewesen war. Roban begibt sich auch schnell hin, und der Oberste geht ihn gleich scharf an.
GEJ|2|83|2|0|Aber Roban sagt: „Ich bin ein Ältester von Nazareth, stehe zwischen siebzig und achtzig Jahren Alters, und du hast die dreißig noch lange nicht erlebt! Darum aber, daß du durch dein Geld dich zum Obersten über uns gemacht hast, bist du noch lange kein Moses und kein Aaron und wirst mich nichts lehren, das ich nicht schon gewußt hätte, ehe du noch gezeugt warst! Wir alle haben unser Amt allzeit zur Zufriedenheit deines würdevollen Vorgängers und des gesamten Tempels verwaltet, alle Erscheinungen mit den rechten Augen gottergebener Juden betrachtet und haben dort Dämme gesetzt, wo sie nötig waren; verstehst du aber die Sache besser und willst nun mit einem Hiebe etwa gar alle Griechen und Römer zu Juden machen, so fahre nur so fort, und ich stehe dir dafür, daß du nächst uns der einzige Jude in ganz Galiläa bist!
GEJ|2|83|3|0|Sieh, der bedeutende Flecken Jesaira ist in dieser Hinsicht aus einem gleichen Grunde ganz griechisch geworden, und alle Pharisäer, Schriftgelehrten und Priester haben den Ort verlassen müssen! Gehe hin und fange dort solch scharfe Untersuchungen an, und die Jesairer werden dir dafür etwas zu erzählen anfangen, daß du sicher nicht Füße genug haben wirst, um dich so schnell als möglich auf die Flucht zu begeben! Warum aber sind die Jesairer abgefallen? Infolge der zu habsüchtigen Strenge der dortigen Priesterschaft, und sie bekennen nun den Pythagoras an der Stelle Mosis!
GEJ|2|83|4|0|Und auf ein Haar dasselbe wird hier der Fall sein in aller Kürze, und du und wir alle können dann das Weite suchen! Sei also nicht blind, und erkenne die Wahrheit!
GEJ|2|83|5|0|Die höchsten Staatsgewaltträger sind die Römer und Griechen und sehen es gerne, wenn die Juden zu ihrer Lehre übertreten. Wie willst du solche Übertritte verhindern, zumal es nun in ganz Galiläa eine nur zu bekannte Sache ist, daß das ganze Tempelwesen nur zu sehr einer hohlen Nuß gleich geworden ist? Und wer anders schuldet daran als die habsüchtigen Templer selbst, die den reichen Fremden ums Geld das Allerheiligste öffnen und diese, trotz aller Eide, hernach lachend und unter großem Gespött die ganze Sache unters Volk bringen?! Gehe hin und frage sie, die Bürger dieser Stadt, und sie werden dir das erzählen, was sie uns erzählt haben!“
GEJ|2|83|6|0|Sagt der Oberste: „Was sagst du? Solches alles wüßte das Volk?“
GEJ|2|83|7|0|Sagt Roban: „Ja, solches alles weiß das Volk! Gehe aber hin und nimm ihm die Wissenschaft (das Wissen)!“
GEJ|2|83|8|0|Der Oberste geht ganz ernst in der Synagoge auf und ab und sagt nach einer Weile: „Da wird wohl dieser Nazaräer Prophet seinen gehörigen Teil daran haben! Darum soll mit ihm geschehen, was da mit dem Johannes geschehen ist durch den König Herodes!“
GEJ|2|83|9|0|Sagt Roban: „Ja, ja, es kommt da nur auf einen Versuch an, sich an dem Wunderarzte zu vergreifen, und das Volk, Römer, Griechen und Juden, die ihn wie einen Gott verehren, werden dir dann ebenfalls etwas zu erzählen wissen! Ich, als Ältester von Nazareth, sage es dir und gebe dir den treumaßgeblichen Rat: Tritt du in die bescheidenen Fußstapfen deines würdigen Vorgängers Jairus, so wirst du noch eine Zeitlang gut fahren; aber wenn du so, wie nun, alles Oberste zuunterst und alles Unterste zuoberst zu verkehren dich bemühest, so kannst du dich bald um eine Gelegenheit nach Jerusalem zurück umsehen! Jairus selbst ist in den Händen der Griechen. Borus ist sein Schwiegersohn; Borus, der zweite Wunderarzt, mächtig an Schätzen aller Art, wird dir nur zu bald etwas zu erzählen anfangen! Kurz, versuche es nur und sage es mir hernach, ob ich dir einen falschen Rat erteilt habe!“
GEJ|2|83|10|0|Der Oberste stampft mit dem Fuße vor Zorn in den Boden und sagt: „Ihr seid ja schon alle des Teufels und scheinet es mehr mit unsern Widersachern zu halten als mit uns und seid Anhänger der Lehre des Volksbetrügers! Darum werde ich euch alle aus der Synagoge stoßen, sie von Jerusalem aus mit neuen Leuten besetzen und euch den Gerichten überantworten! Ich frage dich darum noch einmal: Was hast du in Sichar bei den Samaritern zu tun gehabt?“
GEJ|2|83|11|0|Sagt Roban: „Ich bin neunundsiebzig Jahre alt und weiß, was ich tue und zu tun habe! Deine Drohung erschreckt weder mich, noch irgend jemand anders; willst du uns aber den Gerichten überantworten, so kannst du es ja versuchen, und wir werden es sehen, wer von den Gerichten am Ende eher ergriffen wird, – wir oder du!
GEJ|2|83|12|0|Glücklicherweise stehen wir beim Oberstatthalter, der ein Bruder des Kaisers Augustus ist und in Rom den größten Einfluß hat, sehr gut angeschrieben, darum er uns nicht gar so leicht, wie du es meinst, ins Gefängnis legen wird! Dem Jesus aber, den der Tempel haßt aus purem allerselbst- und herrschsüchtigen Grunde, hat eben der Tempel es zu verdanken, daß er von den Römern nicht schon jetzt der Erde gleichgemacht ist!
GEJ|2|83|13|0|Von dem berühmten Steuerraube, der von den Agenten des Tempels unter der Maske des Oberstatthalters erst vor kaum fünf Wochen verübt worden ist, und dessen schnöder Transport – sowie viele andere rein geraubte und mit schändlicher Gewalt erpreßten Objekte – in Kis durch die Aufseher des endlos reichen Kisjonah aufgefangen worden war, wirst du sicher etwas vernommen haben! Siehe, da war eben der vom Tempel ohne allen Grund verhaßte Jesus, den selbst die höchsten Römer mehr denn ihren Jupiter verehren, derjenige, der durch sein Wort und durch seine nie erhörten Wundertaten den allerverderblichsten Sturm von Jerusalem abgewendet hat! Er ist aber darum noch lange nicht aufgehoben; nur irgendeine Hartnäckigkeit von eurer Seite, – und der Sturm bricht los!
GEJ|2|83|14|0|Auch bedarf es nur einer Anzeige vom Borus, Jairus und respektive auch von mir, und ich erlaube dir dann, dich, dein Jerusalem und deinen Tempel in dreimal sieben Tagen anzusehen, und du wirst schwer den Platz finden, an dem einst der Tempel gestanden ist! – Hast du mich wohl verstanden?“
GEJ|2|83|15|0|Hier stampft der neue Oberste wieder in den Boden voll Zorn und Ärger und sagt: „Wer kann solches mit einem Eide bekräftigen? Denn die solches verübt haben sollen, sitzen im Tempel!“
GEJ|2|83|16|0|Sagt Roban: „Nach den römischen Gesetzen wird der Täter auch nie zu einem Eide zugelassen, sondern nur die anderwärtigen Zeugen, und deren bringen sie im nötigen Falle zehntausend zusammen, und ich meine, daß diese gegen etliche zehn Verbrecher genügen dürften!“
GEJ|2|83|17|0|Sagt völlig niedergeschlagen der Oberste: „Also ist auf Jehova, Moses und die Propheten nichts mehr zu halten, und ihre Gebote darf – der Römer wegen – kein Mensch mehr beachten?!“
GEJ|2|83|18|0|Sagt Roban: „Rede nur du mir nicht von Moses und Jehova und von all den Propheten! Von all dem ist weder bei dir und noch viel weniger bei den Oberen und Allerobersten des Tempels mehr eine Spur anzutreffen; denn der ganze Tempel ist schon seit dreißig Jahren in ein Wechsel- und Verkaufshaus umgewandelt worden, und da ist von dem wahren Jehova und vom Moses schon lange keine Spur mehr anzutreffen! Das, was noch da ist, ist pur Larve und Maske, und die reißenden Wölfe gehen in Schafspelzen einher, um der armen Schafe desto leichter habhaft zu werden. Gingest du nach den Gesetzen Mosis, da hätte dich nie gelüstet, dir diese Stelle um viel Gold und Silber zu erkaufen! Ich aber setze dir darum mein Leben ein, wenn Moses je irgend befohlen hat, sich die Oberpriesterstellen durch Gold und Silber zu erkaufen!“
GEJ|2|83|19|0|Bei dieser Erwiderung des Roban zerbarst der neue Oberste nahezu vor Zorn und sagte: „Macht aber alles nichts! Ich werde darum euch allen dennoch einen Herrn finden, daß ihr euch bis zur Hölle hinab verwundern sollet; denn ich weiß auch noch um so manches, das ihr nicht wisset, und kenne so manche Wege, die euch unbekannt sein dürften!“
GEJ|2|83|20|0|Sagt Roban: „Wohl möglich; aber es ist sehr möglich, daß uns alle deine Wege und Stege vielleicht noch besser bekannt sind denn dir, und es steht sehr in der Frage, ob wir dir nicht schon alle Wege verrammt haben, auf denen du dir heimlich gedacht hast, uns hinter den Rücken zu kommen! Wie gesagt, mache du nur einen einzigen Versuch, dann sollst du gleich erfahren, was alles wir dir erzählen werden!“
GEJ|2|83|21|0|Sagen die andern zum Roban: „Aber Bruder, warum wahrest du denn diesen Unmenschen vor seinem sicheren Verderben? Er ist ja in unseren Händen und soll sich eine Hilfe vom Himmel rufen, so wir uns die außerordentliche Freiheit nehmen, ihm die Steine von Nazareth zum Verkosten zu geben!“ – Hierauf zu dem Obersten: „Wir sind Pharisäer und Schriftgelehrte so gut wie du, und eigentlich mehr; denn wir stammen von Levi ab, während wir es wohl wissen, daß du die Abstammung dir erkauft hast, wie in dieser Zeit nun schon alles samt dem Himmel verkäuflich ist! Du bist sonach ein Eindringling ins Allerheiligste und ein Gottesbetrüger und solltest für solchen Frevel füglichst gesteiniget werden; du darfst darum ja nicht gar zuviel mehr machen, und wir greifen nach den Steinen!“
GEJ|2|83|22|0|Diese sehr energisch ausgesprochene Drohung machte den Obersten wenigstens zum Scheine erträglicher, aber dafür desto erbitterter, und er sprach nach einer Weile: „Ihr müßt mich aber auch nicht verkennen; denn mir sind die großen Mängel des Tempels so bekannt wie euch, und es handelt sich nur darum, wie dieselben zu verdecken sind, und wie der Tempel wieder zu seiner früheren Geltung gebracht werden könnte.“
GEJ|2|84|1|1|84. — Chiwars Zeugnis über Johannes und Jesus
GEJ|2|84|1|0|Sagt darauf der Redner Chiwar: „Wozu bedarf es denn für uns Eingeweihte solch unsinnigster Plackerei? War ich nicht von meinem elften Jahre an bis in mein fünfundzwanzigstes ein Diener im Tempel und weiß es nur zu gut, wie dort die Dinge stehen? Hätte ich schlecht sein wollen, was alles hätte ich schon seit lange her verraten können! Aber ich dachte mir: Das blinde Volk hängt dennoch am Tempel – wie zuvor!
GEJ|2|84|2|0|Warum sollte ich dem Volke den Glauben nehmen, auf den meines Dafürhaltens es noch immer seine unbegrenzten Hoffnungen setzt, und bei dem wir Priester wenigstens ein weltliches gutes Sein haben? Spannen wir aber nun, wo wir keinen reellen Hintergrund mehr haben, unsere Saiten zu hoch, so werden sie reißen, und mit unserem Gesange wird es dann auf einmal aus sein, und wir können uns nachher um Fischernetze umsehen und dort zu fischen anfangen, wo das Meer am bodenlosesten sich zeigt.
GEJ|2|84|3|0|Was vermögen wir dann gegen die Macht unserer von Tag zu Tag zahlreicher werdenden Feinde? Glaubst du, daß uns dann der Tempel schützen werde? Dessen sei du ja nicht gewärtig; denn in Rom leben nun schon gar viele Juden, die dort von den im Tempel widerrechtlich zusammengerafften großen Schätzen glänzende Häuser führen! Diese werden unsere Vertreter sowenig sein wie die gegenwärtigen Templer, die ihre Flügel gleich den Schwalben schon jetzt in der Spannung halten, bei der ersten besten Gelegenheit eine Reise übers große Meer nach Italien in Europa zu machen, um nimmer wieder nach Asien heimzukehren.
GEJ|2|84|4|0|Darum sollte es uns allen nun ein gepriesener Rat sein, fürs erste unserem Fache als Priester so würdig als möglich in aller Gelassenheit vorzustehen, und fürs zweite das römische ,In medio beati‘ (,In der Mitte liegt das Richtige!‘) ja recht wohl zu beachten, sonst könnten wir schon in wenig Jahren uns aufs Fischen verlegen!
GEJ|2|84|5|0|Zu allem dem treten gerade in dieser Zeit zwei Männer auf, deren ewig unbegreifliche Macht imstande wäre, mit ihrer neuen Lehre die ganze Erde in wenigen Jahren rein für sich zu gewinnen! Johannes, der zwar dem Leibe nach nicht mehr unter den Sterblichen, ist der erste, zu dessen Lehre sich halb Judäa und Galiläa bekannt haben und sich jetzt noch hartnäckiger bekennen, als das zu seinen Lebzeiten der Fall war! Herodes konnte also wohl in seiner Geilheit dem Leibe des offenbarsten Propheten das Haupt nehmen; wird er aber solches auch seinem Geiste und dem Geiste seiner göttlichen Lehre zu tun imstande sein? Ich glaube es ewig nicht; denn erst durch die Verfolgung wird jede gute Lehre groß und unüberwindlich stark!
GEJ|2|84|6|0|Johannes ist zwar dem Leibe nach aus dem Wege geräumt, aber an seine Stelle trat der bekannte Jesus, gegen den sich Johannes kaum so verhält, wie ein Maulwurfshügel gegen den mächtigen Berg Ararat! Sein übermenschlich sanftes und über alle Maßen menschenfreundliches, allerfreisinnigstes Auftreten und Benehmen, die tiefste Weisheit in jedem Satze Seiner Reden, deren rein göttlich salbungsvolle und leichtfaßliche Wahrheit keinen Menschen, der nur einen erbsengroßen Verstand in seinem Herzen besitzt, auch nur einen Augenblick zweifeln läßt, daß sie aus den Himmeln herabkommt – und endlich Seine Taten, von denen jeder Mensch sagen muß: So etwas kann nur Gott allein möglich sein!
GEJ|2|84|7|0|Was wollen oder können wir nun mehr wohl gegen Ihn ausrichten? Verhaßt und unerträglich können wir uns solchen zu außerordentlichen Erscheinungen gegenüber wohl machen, aber sicher nicht zu unserem Nutzen, sondern nur zu unserem größten Schaden.
GEJ|2|84|8|0|Darum heißt es hier, sich so klug als möglich zu benehmen und nie auf das Gegenwärtige, sondern vielmehr auf das Künftige all unser Augenmerk zu richten, sonst ist es mit unserem Bestande über Nacht aus!“
GEJ|2|84|9|0|Sagt der Oberste: „Du meinst sonach, daß man diesen Jesus nicht solle aufgreifen lassen, sondern fein abwarten, bis er uns total zugrunde gerichtet haben wird?“
GEJ|2|84|10|0|Sagt darauf Chiwar: „Greife Ihn auf, wenn dir solches möglich ist! Was haben wir nicht alles gegen Ihn unternommen, und was hat es genützt? Ich sage es dir: Sonst nichts, als daß Er um ein paar tausend Jünger reicher geworden ist und wir um dieselbe Zahl ärmer, – und daß wir bald alle das große Glück gehabt hätten, über die scharfen Klingen der Römer zu springen, die Ihn für einen barsten Gott halten!
GEJ|2|84|11|0|Zudem hat Er, was auf der Erde nie erlebt wurde, stets ein paar Engel in Seinem Gefolge, die bei all ihrer scheinbaren Zartheit und Knabenschwäche aber dennoch eine Macht und Kraft besitzen, von der sich unsere überaus kurze Weisheit noch nie etwas hat träumen lassen. Und an Den möchtest du deine Hände legen und Ihn aufgreifen? Ich bitte dich: sei alles, aber nur nicht wahnsinnig! Ehe du einen Tritt in böser Absicht gegen Ihn machst, bist du schon gelähmt! Oder glaubst du, Er weiß es etwa nicht, was wir hier verhandeln? Ich sage es dir: da irrst du dich himmelhoch! Diese alle stehen als Zeugen hier, wie Er vor ein paar Tagen um jede Kleinigkeit gewußt hat, was wir um Mitternacht über Ihn geredet und so leise weg beschlossen haben!
GEJ|2|84|12|0|Es ist ganz angenehm, sich von einem großen Sturm auf dem Meere etwas vorerzählen zu lassen; aber eine ganz andere Sache ist es, ihn selbst bestanden zu haben! Ich sage es dir: Verwalte du ganz ruhig und ohne Aufsehen dein Amt, und es werden dich von keiner Seite her Unannehmlichkeiten treffen; wie du aber tyrannisch zu Werke gehen wirst, so stehen wir alle dir dafür, daß nicht nur du und dein Kapernaum, sondern ganz Jerusalem über den Haufen geworfen wird! Wir können durch große Klugheit das Jerusalem wohl allfällig noch fünfzig Jahre erhalten, – aber auch dessen Sturz in wenigen Wochen herbeiführen durch unsere höchst unzeitige Torheit!
GEJ|2|84|13|0|Dir steht nun die Wahl frei, zu tun, was dir beliebt; wir haben nur einen Katzensprung zu den Römern! Sie sind, gottlob, unsere Freunde; aber für dich dürfte der Weg ein sehr weitgedehnter werden! Es erheischt ja doch die menschliche Klugheit, eine hohle Nuß allzeit für eine volle hintanzugeben! Was willst du denn vom habgierigen Tempel aus, der schon lange eine total hohle Nuß ist, noch fischen? Ist es denn nicht bei weitem klüger, sich an das Werdende zu halten, wo etwas darin ist? Ich sage es dir ganz unverhohlen, daß nun all die großen und mächtigsten Herren aus Rom sich von Jesus wie die Lämmer leiten lassen! Hat Er diese für Sich und Seine wahrhaft göttlich reine Lehre, was sollen wir dann gegen Ihn anfangen? Wirst du nur eine Miene machen, Ihn aufzugreifen, so wirst du schon so gut wie aufgegriffen sein, und es wird kein Mensch für deine Freilassung auch nur einen Schritt tun; benimmst du dich aber klug, so werden die Römer auch deine Freunde werden, und du wirst also gleich dem Jairus ein gutes Sein haben! Tue aber nun, was du willst; die Folgen werden es dir sagen, ob wir dir einen freundschaftlichen oder einen feindlichen Rat erteilt haben!“
GEJ|2|84|14|0|Diese Rede des Chiwar hatte ihre Wirkung nicht verfehlt; der Oberste ward sanfter und fing an einzusehen, daß sowohl Roban wie Chiwar vollkommen recht hatten und versprach ihnen, daß er ihren Rat getreu befolgen werde. – Und es war so der erste Sturm in der Synagoge gut abgelaufen.
GEJ|2|85|1|1|85. — Der Herr lobt Roban und Chiwar
GEJ|2|85|1|0|Nach einer Stunde kam Chiwar zu Mir hinaus und wollte Mir erzählen, was in der Synagoge mit dem neuen Obersten alles verhandelt ward.
GEJ|2|85|2|0|Ich aber sagte: „Freund, erspare dir die Mühe; denn du weißt es, daß Mir nichts unbekannt sein kann. Übrigens sage Ich dir, daß du und der Roban eure Sachen vollkommen gut gemacht habt; denn der Oberste hätte sonst noch gar manche tolle Sachen unternommen. Aber so ist er nun überzeugt, daß es ein Unsinn wäre, gegen die Römer irgend etwas zu unternehmen, und so wird er wenigstens eine Zeitlang ruhen; aber ganz trauen dürft ihr noch lange nicht, sondern ihr müßt auf der beständigen Hut sein und ihn sozusagen nie aus dem Bereiche eurer Augen lassen. Dir aber will ich, weil du Mein eifrigster Verteidiger warst und noch bist, die Fähigkeit verleihen, die Kranken durch ein rechtes Gebet und durch die Auflegung der Hände zu heilen, in deinem Herzen die Pläne des neuen Obersten zu erfahren und dagegen die rechten Mittel zu ergreifen, – was aber jedesmal gleich geschehen muß, ansonst es keine Wirkung hätte! Die rechten Mittel aber werden dir ebenfalls angezeigt werden. Und so empfange von Mir nun dafür den Segen!“
GEJ|2|85|3|0|Hier warf sich Chiwar vor Mir auf die Knie und bat Mich inbrünstig darum. Ich aber legte Meine rechte Hand auf sein Herz und Meine linke Hand auf sein Haupt, und es ward in dem Augenblicke helle in ihm. Und er sprach: „Herr, nun sind alle Finsternisse aus mir verschwunden; alles ist helle in mir, und es kommt mir vor, als wäre nun mein ganzer Leib aus einer diamantenartig durchsichtigen Materie, durch die das Licht des Tages ungehindert dringt. O Herr, belaß mir für immerdar diesen Segen; ich werde ihn sicher zu wahren und allzeit dankbarst zu würdigen verstehen!“
GEJ|2|85|4|0|Sage Ich: „Bleibe zu allzeit tätig in Meiner Lehre, und du sollst nie über den Verlust dieses Lichtes zu trauern Ursache haben!“
GEJ|2|85|5|0|Hier erhebt sich Chiwar und bemerkt, daß außer dem Borus und Jairus und außer der Maria und Meinen Hausbrüdern kein fremder Gast mehr gegenwärtig ist, auch sogar die zwölf Hauptjünger nirgends zu ersehen sind, und fragt Mich, was denn da vor sich gegangen sei.
GEJ|2|85|6|0|Sage Ich: „Dies alles mußte also gehen! Siehe, es kommt bald der Herbst und dann der Winter. Die Zeit der Vollernte ist nahe, und Ich muß hinaus, muß Arbeiter dingen für Feld und Weinberg. Ist für dieses Jahr alles gut eingebracht, so wird sich im Winter gut ruhen lassen; und kommt dann das Frühjahr, so werden wir dann wieder mit erneuten Kräften vollauf zu tun bekommen.
GEJ|2|85|7|0|Ich werde Mich heute noch aus dieser Gegend machen; denn Herodes ist ein schlauer Fuchs, und der neue Oberste ist in seinem Solde; und es soll darum Mein Haus kein Kampfplatz des Satans werden. Meine Jünger aber habe Ich schon vor ein paar Stunden ausgesandt. Sie zogen mit Meinem Bruder Kisjonah und werden dort in Kis die Jünger des Johannes erwarten und ihnen verkünden, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist; sie werden aber noch heute mit den Jüngern des Johannes hierher kommen und dann mit Mir am Abende diesen Ort verlassen. Wohin wir aber ziehen werden, das wirst du schon, wie vieles andere, in dir selbst erfahren.
GEJ|2|85|8|0|Wirke du aber häufig mit dem Borus und Jairus; denn das sind nun die zwei würdigsten Männer in ganz Nazareth und besitzen Meine vollste Liebe und durch Mich auch die vollste Gnade Gottes! Denn so, wie Mich diese beiden lieben und kennen, liebt und kennt Mich bis jetzt auch nicht einer aus der Zahl Meiner Jünger!
GEJ|2|85|9|0|Alle Meine Jünger werden sich in einer gewissen Zeit, die nicht gar lange auf sich wird warten lassen, an Mir noch ärgern genug. Aber die beiden wird keine Erscheinung an Mir mehr irremachen; denn sie kennen Mich durchaus ganz. – Halte dich daher an diese, so wirst auch du das erreichen, was sie selbst erreicht haben!“
GEJ|2|85|10|0|Mit diesem Bescheide ist Chiwar auch ganz zufrieden und fragt nur noch, was da mit den beiden Engeln geschehen sei, weil auch diese nirgends mehr sichtbar wären.
GEJ|2|85|11|0|Ich aber sage zu ihm: „Erhebe deine Augen, und du wirst nicht nur die zwei, sondern noch zahllose Scharen um sie herum erschauen!“
GEJ|2|85|12|0|Hier erhebt Chiwar seine Augen. Er sieht im großen Lichte die zwei Erzengel, und um sie herum zahllose Myriaden von Engeln, die jeden Augenblick bereit sind, Mir zu dienen.
GEJ|2|85|13|0|Chiwar aber senkt seine Augen bald wieder zur Erde und sagt: „Herr, ich bin ein Sünder, und meine Augen können darum den zu heiligen Anblick nicht ertragen; aber es soll mein eifrigstes Bestreben sein, mich solch eines Anblickes würdig zu machen!“
GEJ|2|85|14|0|Sage Ich: „Tue alles recht, und dein Lohn in den Himmeln, deren Saum du nun gesehen hast, soll groß werden! Jetzt aber begib dich wieder in die Synagoge; denn dich darf der Oberste, der sich noch etliche Tage hier in Nazareth aufhalten wird, nicht vermissen, denn er hält nun auf deinen Rat große Stücke.“
GEJ|2|86|1|1|86. — Der neue Oberste Korah und Chiwar in der Synagoge zu Nazareth
GEJ|2|86|1|0|Mit diesen Worten entfernt sich der ehrliche Chiwar und gelangt bald in die Synagoge und überzeugt sich aber auch gleich, daß er dem Obersten schon sehr abgegangen ist. Der Oberste fragt ihn auch gleich, wo und was er nun so lange gearbeitet habe.
GEJ|2|86|2|0|Und Chiwar sagte: „Herr, ich hatte einen gefährlichen Kranken, und dem mußte ich Hilfe schaffen. Und siehe, er ist geheilt und kann nun, da er ein Reisender ist, seinen Weg getrost fortsetzen!“
GEJ|2|86|3|0|Fragt der Oberste: „Wohin reist er, wann reist er ab, und von wo ist er hierher gekommen? Kann ich ihn noch sehen und sprechen?“
GEJ|2|86|4|0|Sagt Chiwar: „Er ist ein Jude, kam von oben her und ist jetzt schon nach unten hin abgereist; du kannst ihn nicht mehr sehen und sprechen – außer, wenn er wieder zurückkommt! Wann aber das? Da dürften viele Tage verrinnen!“
GEJ|2|86|5|0|Sagt der Oberste: „Mit dieser fuchsschwänzigen Auskunft kann ich mich nimmer begnügen! Wo ist die Herberge, daß ich selbst hingehe und mich fest erkundige nach dem von dir geheilten Reisenden nach unten hin, denn solch eine wunderbare Heilung von seiten eines Pharisäers ist eine wichtige Sache und muß von möglichst vielen Zeugen bestätigt werden, ansonst sie keinen Glauben und somit auch keinen Wert finden kann!“
GEJ|2|86|6|0|Sagt Chiwar: „Wenn du mehr wissen willst, als ich weiß, so wende dich an die, die mehr wissen als ich; soviel ich wußte, habe ich dir auch allertreulichst kundgemacht. Wie möglich aber sollte ich dir mehr kundtun, als ich selbst weiß? Die Herberge aber war draußen im Hause des Zimmermanns Joseph. Willst du dich aber weiter darum erkundigen, so gehe hinaus! Vergiß aber ja nicht, deinen Rücken mit etwas zu verwahren; denn dort wird es an Schlägen durchaus keinen Mangel haben! Glaubst du denn, daß etwa die Leute einen gar so außerordentlichen Respekt vor dergleichen Menschen haben, wie wir da sind? Ich sage es dir: Keine Spur von so etwas! Bei der kleinsten Unbesonnenheit kann man seine Schläge nach dem Alphabet haben, und kein Gott nimmt sie dir dann mehr von deinem Leibe! Wie gesagt, es kommt nur auf einen Versuch an, und man kann dann schon aus der Erfahrung sprechen!“
GEJ|2|86|7|0|Sagt der Oberste: „Aus solch einer zuversichtlichen Rede kann ich nur zu gut entnehmen, daß ihr euch samt der ganzen Bürgerschaft von Nazareth gegen mich verschworen habet. Aber das tut nichts, wir werden für diese Hacke schon auch noch einen Stiel finden! Jetzt weiß ich schon so ziemlich, wie ich hier daran bin! Ich hoffe aber, daß es mir in Kürze gelingen wird, dieses Komplott ganz zu entlarven; dann aber wehe euch und der ganzen Stadt! – Wo führt der Weg hinaus zum Hause des Zimmermanns?“
GEJ|2|86|8|0|Sagt Chiwar: „Da sieh zu diesem Fenster hinaus! Dort in der Entfernung von etwa zweitausend Schritten siehst du ganz bequem des Zimmermanns Behausung samt dem dorthin führenden Wege. Gehe hin und überzeuge dich von allem – nota bene auch von den sicheren Schlägen!“
GEJ|2|86|9|0|Sagt der Oberste: „Aber ihr begleitet mich und dienet mir als Sicherheitswache!“
GEJ|2|86|10|0|Sagen alle: „Daß wir Narren wären! Das werden wir bleibenlassen! Wen es juckt, der trage seinen Rücken hinaus!“
GEJ|2|86|11|0|Sagt der Oberste: „Nun denn in Jehovas Namen gehe ich selbst hinaus, und wir wollen es dann doch sehen, ob jemand mich, als einen Gesalbten Gottes, anrühren wird; denn es stehet geschrieben: ,An dem Gesalbten aber soll sich niemand vergreifen; wehe dem, der seine Hand an das Haupt eines Gesalbten legt!‘“
GEJ|2|86|12|0|Sagt Chiwar: „Ja, ja, was du weißt, das wissen wir schon lange! Aber Gesalbte wie wir, deren Salbung nichts als ein elendes Blendwerk ist, gelten nichts mehr vor Gott, und Er wird unsere pseudo-gesalbten Häupter nicht beschützen, wenn sie den Fäusten unserer Feinde nach aller Gerechtigkeit ausgesetzt sein werden! Denn wie ich schon lange vorher erwähnt habe, so weiß das Volk nur zu gut, was da hinter uns und hinter dem Tempel steckt.“
GEJ|2|86|13|0|Sagt der Oberste: „Gleichviel, ich gehe einmal hinaus! Aber dann wehe euch allen, so ich die Sache anders finde, als du, Chiwar, es mir mitgeteilt hast, als ich dich gefragt habe, wo du gewesen seiest!“
GEJ|2|86|14|0|Sagt Chiwar: „Das, was du erfahren willst, wirst du wohl schwerlich erfahren, sondern etwas ganz anderes – und wird dir höchstens ein bedeutendes Weh verursachen, während wir gar kein Weh verspüren werden!“
GEJ|2|86|15|0|Auf diese Worte begibt sich der Oberste schnell hinaus.
GEJ|2|86|16|0|Als er aber in der Gasse geht, schreien die Jungen und die Mädchen: „Das ist der neue böse Oberste, der uns alle verderben will! Hinweg mit ihm!“ – Von allen Seiten läuft ihm jung und alt mit Knitteln und Steinen zu, und einige Steine treffen auch schon seinen Leib und versehen ihn mit blauen Flecken.
GEJ|2|86|17|0|Der Oberste merkt es nur zu bald, daß die Nazaräer keinen Spaß verstehen, kehrt sehr schnellfüßig wieder in die Synagoge zurück und schließt hinter sich die Türe hastig zu, in die noch eine ganze Ladung nachgeworfener Steine einige Merkmale eindrücken, die nur zu klar besagen, wie die Nazaräer gegen den neuen Obersten gesinnt sind.
GEJ|2|86|18|0|Als der Oberste zu den Pharisäern kommt, sagt er voll Zorn: „Das ist euer Werk, und ich werde mich dafür an euch zu rächen wissen!“
GEJ|2|86|19|0|Sagt Chiwar nun sehr erregt: „Was sprichst du, elender Narr! Wie kann das unser Werk sein, so wir alle dich gewarnt haben, hinauszugehen? Erst wenn du von uns dem Volke angepriesen wirst, kannst du mit dem Volke reden und mit ihm verhandeln; solange wir dich aber nicht anpreisen, wirst du allzeit mißhandelt werden, sooft du es wagst, allein die Straßen der Stadt zu betreten! Denn du bist schon darum beim Volke schwarz, weil du dir die Stelle erkauft hast! Nun du aber bei deiner ersten Ankunft uns wie das gesamte Volk auch tyrannisieren willst, um alles durch den Terrorismus ins Gleichgewicht zu bringen, so haßt dich alles wie die Hölle, und ich sage es dir, du wirst nun am besten tun, deine Stelle an einen Würdigeren zu verkaufen. Denn für deine Zukunft gebe ich keinen Stater!
GEJ|2|86|20|0|Ein wie himmelhoch anderer Mensch müßtest du werden, wenn du dich unter uns günstig erhalten wolltest! Das aber scheint dir platterdings unmöglich zu sein. Denn bloß äußerlich eine freundliche Miene zeigen, innerlich im Herzen aber dennoch ein reißender Wolf sein, geht bei uns durchaus nicht, da wir alle merkwürdigerweise soviel prophetischen Geistes besitzen, dir auf ein Haar zu sagen, was du dir in deinem durch und durch bösen Herzen denkst!
GEJ|2|86|21|0|Ja, wenn du dein Herz gänzlich umgestaltest und dasselbe von der reinen, göttlichen Weisheit und Wahrheit durchglühen lässest, dann werden wir dich auch anpreisen vor dem Volke, und du wirst dann hier ein gutes Sein haben; aber dein Hoherpriester, dein Pilatus, und noch weniger dein Herodes, werden dir hier zu nichts nütze sein!“
GEJ|2|86|22|0|Sagt der Oberste: „Wie kannst du wissen, daß ich nun im Ernste an diese drei Helfer gedacht habe?“
GEJ|2|86|23|0|Sagt Chiwar: „Weil auch ich etwas prophetischen Geist besitze, der dich haarklein durchschaut, und du dich vor uns unmöglich verbergen kannst, – auch in Kapernaum so wenig wie hier; und wärest du tausend Tagreisen von hier, so würden wir dich auch in solcher Entfernung durchschauen! Du wirst sonach gegen uns schwer etwas zu unternehmen imstande sein, wo wir nicht schon im voraus die tauglichsten und wirkungsvollsten Gegenmittel ergreifen könnten! Bist du so mit uns zufrieden?
GEJ|2|86|24|0|Denn siehe, wir sind noch Priester vom alten Schrot und Korn! Der Geist Jehovas ist noch in uns, wenn er auch schon lange den Tempel zu Jerusalem total verlassen hat. Willst du sonach aber unter uns bestehen, so mußt auch du ein echter Priester sein; denn als Scheinpriester wirst du dich unter uns nie halten können und wirst besser tun, deine Stelle an irgendeinen Würdigen zu veräußern, wie ich es dir schon früher bemerkt habe!“
GEJ|2|86|25|0|Sagt der Oberste: „O ihr verfluchten Hurenknechte im Tempel zu Jerusalem! Mein schönes Gold und Silber hat euch geschmeckt, – aber das habt ihr nicht bedacht, daß mir dafür statt einer ansehnlichen und einträglichen Stelle ein wahres Wespennest zuteil ward! Nun wartet, es soll euch bald klar werden, daß Korah sein Gold und Silber nicht umsonst in euren Rachen gesteckt hat!“ – Nach einer Weile wendet er sich abermals an den Chiwar und fragt ihn: „Was soll ich denn tun, um mich eurer Freundschaft und der Freundschaft des Volkes teilhaftig zu machen?“
GEJ|2|86|26|0|Sagt Chiwar: „Ich, wie der Roban, haben dir die Weisung schon gegeben, und hier auf dem Tische liegt die Schrift; diese zeigt dir den Willen Jehovas genau an. Handle danach und nicht nach den verdammlichen Menschensatzungen des Tempels, so wirst du unter uns ein wahrhaft gutes Sein haben! Du mußt dir das Wohlgefallen Gottes erringen, so wird dir auch alles andere von selbst hinzufallen!“
GEJ|2|86|27|0|Sagt Korah: „Ja, das werde ich tun von nun an, soweit es nur immer in meinen Kräften steht. Aber es wird euch doch nicht unangenehm sein, wenn ich wenigstens auf ein Jahr meinen Sitz hierher nach Nazareth verlege? Denn hier bei euch kann ich wahrlich etwas lernen, während in Kapernaum – und sicher auch in Chorazin, wie in den andern kleineren Städten am Galiläischen Meere – lauter elende Kriecher anzutreffen sind!“
GEJ|2|86|28|0|Sagen alle: „Da wirst du sehr wohl daran tun, und uns allen wird es eine große Freude sein, dir als unserem Obersten wahrhaft dienen zu können! Denn hier wird kein Betrug mehr geübt, kein Tempelmist verkauft und um keine Ochsen, Kühe, Kälber und Schafe im Bethause gefeilscht; sondern unser kleines Bethaus ist noch das, was es sein soll, und in der Synagoge werden keine Wechseleien getrieben!
GEJ|2|86|29|0|In unserem kleinen Bethaus lodert zwar keine Flamme über irgendeiner Bundeslade, dafür aber desto mehr und wahrhaftiger lebendig in unseren Herzen, und das ist Gott wohlgefälliger als aller Tempeldienst in Jerusalem, hinter dem kein Wahrheitsfunke mehr glüht; und es bewahrheitet sich am Tempel, was Gott durch den Mund des Propheten Jesaja geredet hat, da er sprach: ,Siehe, dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen, aber sein Herz ist ferne von Mir!‘ Ist die Falschheit Jerusalems ja doch mit den Händen zu greifen! Schmücken die Priester nicht alljährlich die oft falschen Gräber der Propheten, während diese von ihren Vätern gesteinigt worden sind? Und handeln die jetzt Lebenden etwa anders? O nein, sie treten ihren bösen Vorfahren genau in die Fußstapfen! Den Zacharias haben sie getötet zwischen dem Opferaltar und dem Allerheiligsten, und dem Johannes hat Herodes den Kopf vom Leibe schlagen lassen! Sage, was für Gottesdiener sind das wohl? Wir sagen es dir ganz unverhohlen: Das sind Diener des Satans, aber ewig nie Diener Gottes! Glücklicherweise stehen sie in unseren Händen, was sie wohl wissen; darum lassen sie uns auch fein ungeschoren!
GEJ|2|86|30|0|Sollten sie jedoch einen oder den andern von uns noch so freundlich nach Jerusalem zu irgendeinem Feste laden, so sind wir allzeit so keck, die Einladung um keinen Preis der Welt anzunehmen, und erwarten lieber hier den natürlichen Tod, als daß wir etwa in allen Ehren auch nach einem künstlichen in den geheimen Gemächern um den Tempel herum suchen sollten! Glaube uns, so klug wie die Herren im Tempel sind auch wir und schmecken den Braten schon lange eher, als diese ihn ans Feuer setzen! Darum halte du dich nur schön fest an uns, und es wird dir durchaus nichts abgehen!“
GEJ|2|86|31|0|Sagt Korah: „Jetzt bin ich mit euch schon ganz im klaren, was mir sehr lieb ist; aber der Tempel soll sich freuen über die mannigfachen Freundschaften, die wir ihm bei guten Gelegenheiten erweisen werden!“
GEJ|2|86|32|0|Sagt Chiwar: „Weißt du, absichtlich Böses werden wir ihm nicht zufügen; aber wenn er uns angreifen sollte, dann auch wehe ihm! Denn am Material dazu fehlt es uns doch wahrhaftig nicht!“
GEJ|2|86|33|0|Nach diesen Worten Chiwars kommt der Koch und ladet sie alle zum Mittagstische.
GEJ|2|87|1|1|87. — Chiwar und Korah über die Erweckung der Sarah vom Tode
GEJ|2|87|1|0|Als alle beim Mittagstische es sich unter allerlei geistigen Besprechungen recht wohl schmecken lassen, tritt Borus in den Speisesaal, grüßt alle und führt ihnen sein Weib Sarah auf, mit dem Ersuchen, sie, weil der jüdischen Lehre angehörig, als sein rechtmäßiges Weib in ihren Büchern zu vermerken!
GEJ|2|87|2|0|Und Chiwar holt gleich das große Ehebuch und schreibt beide sogleich als vor Gott und aller Welt vollkommen rechtmäßige Eheleute ein!
GEJ|2|87|3|0|Aber der Oberste fragt den Chiwar, ob solches hier wohl ginge, da doch erwiesenermaßen Borus ein Grieche sei.
GEJ|2|87|4|0|Sagt Chiwar: „Freund, hier bei uns geht alles, und es wäre eine Torheit, ein Ehepaar nicht verbinden zu wollen, das Gott schon lange zuvor verbunden hatte!“
GEJ|2|87|5|0|Sagt der Oberste: „Woher weißt du denn das?“
GEJ|2|87|6|0|Sagt Chiwar: „Wie ich um gar manches weiß, um was du jetzt noch lange nicht weißt, so weiß ich auch das, wenn du es jetzt auch noch nicht weißt! Darum sei du nun nur ganz ruhig; denn hier wird alles anders gehandhabt als im Tempel!“
GEJ|2|87|7|0|Der Oberste lächelt und stellt sich zufrieden.
GEJ|2|87|8|0|Borus aber zieht gleich einen schweren Beutel Goldes aus seiner Tasche hervor und entrichtet damit nach der Vorschrift seine Taxe, die freilich bei weitem nicht so groß war wie das, was er in den Beutel hineingelegt hatte, und empfiehlt sich darauf sogleich.
GEJ|2|87|9|0|Als Borus den Speisesaal verläßt, hebt der Oberste den Beutel und sagt: „Da sind ja über fünf Pfunde Goldes in den reinst geprägten Augustus- Stücken, – auch sind einige Tiberiusse darunter! Ist denn hier das so üblich? Im Tempel wäre ein Pfund Goldes schon eine Ehrengabe!“
GEJ|2|87|10|0|Sagt Chiwar: „Solche Gaben sind hier nichts Seltenes; aber Borus, nach Jesus wohl der erste Arzt in der Welt, ist ein zu großer Ehrenmann und dabei zu reich, als daß er sich nur bei irgendeiner Gelegenheit schmutzig zeigen möchte!“
GEJ|2|87|11|0|Fragt der Oberste weiter: „Wer war denn sein gar überaus schönes und liebenswürdigstes Weibchen?“
GEJ|2|87|12|0|Sagt Chiwar: „Das ist des Obersten Jairus Tochter, von der ich dir schon gemeldet habe, daß sie der Wunderheiland Jesus zweimal nacheinander vom Tode erweckt hat.“
GEJ|2|87|13|0|Sagt der Oberste: „Sie war vielleicht nur in einer starken Ohnmacht, was bei so zarten, reizenden Wesen eben nichts Neues ist!“
GEJ|2|87|14|0|Sagt Chiwar: „Oho, wenn man über vier Tage im Grabe modert und den Leichengeruch jede noch so stumpfsinnige Nase nur zu gut empfindet – wie wir alle solchen trotz aller Salben nur zu martialisch empfunden haben, als wir sie zur Gruft begleiteten und dort die Klagelieder absangen –, da ist von einer Ohnmacht keine Spur mehr vorhanden! Aber Jesus, dem guten Heilande, war das wunderbarst möglich, was nur Gott allein möglich sein kann, sie dennoch, bloß mit einem Worte, ohne alle sonstigen Mittel, in das schönste Leben augenblicklich wieder zurückzurufen; und sie ist jetzt lebhafter und gesünder, als sie es je in ihrem ganzen Leben war, – denn sie ist noch sehr jung und zählt kaum sechzehn Jahre!“
GEJ|2|87|15|0|Fragt der Oberste: „Wie lange ist es denn schon her, daß sie vom Tode erweckt wurde?“
GEJ|2|87|16|0|Sagt Chiwar: „Höchstens sechs bis sieben Tage! Ganz genau wüßte ich die Zeit nicht anzugeben; aber soviel ist gewiß, daß sie zu Anfang der vergangenen Woche vom Tode wieder zum Leben erweckt worden ist.“
GEJ|2|87|17|0|Sagt der Oberste, ganz außer sich vor Verwunderung: „Das ist wirklich etwas, das auf der Erde noch nicht erlebt worden ist! Nun die heitere Frische dieses liebsten Weibchens und doch schon als Leiche vier Tage im Grabe!? Wahrlich, das ist unerhört, vorausgesetzt, daß ihr mir wohl die volle Wahrheit kundgebet, was ich nun nicht mehr bezweifeln will; denn dieser Ort scheint aus lauter Wundern zusammengesetzt zu sein!“
GEJ|2|87|18|0|Sagt Chiwar: „Jawohl, es ist wahrlich also! Besonders aber zieht vor allem eben der besagte Heiland Jesus alle erdenkliche Aufmerksamkeit auf Sich; denn Seine Leistungen überbieten in einem unbeschreibbar höchsten Grade alles und jedes, was je von den Erzvätern durch Moses geschrieben worden ist, und was alles wir von den großen Propheten wissen! Denn das ist noch nie dagewesen! Es gibt dir keine noch so böse Krankheit, die Er nicht augenblicklich durchs pure Wort heilt, ohne den Kranken zu sehen oder zu berühren! Will Er etwas anderes, so geschieht es im Augenblick!
GEJ|2|87|19|0|So ist zum Beispiel die vor etwa vier Tagen erfolgte Abdankung des Jairus und die im selben Augenblick im Tempel zu Jerusalem dem Hohenpriester präsentierte Abdankungsurkunde ja doch mehr als ein Wunder! Auf dem natürlichen Wege wäre diese Urkunde vielleicht kaum heute erst in die Hände des Hohenpriesters gelangt; so aber hast du schon vor zwei Tagen in Kapernaum und heute in aller Frühe von dort hier eintreffen können, – und es ist dabei durchaus kein Versehen in der Regel und alten Herkömmlichkeit geschehen! Du bist nun auf diesem wunderbarsten Wege vollkommen oberster Priester von ganz Galiläa, und die Abdankung des Jairus liegt vollkommen mit allen erforderlichen Beigaben und Erklärungen in den Händen des Oberpriesters im Tempel, und alles das kostete einen und denselben Augenblick! Also ist es uns von getreuen Zeugen erzählt worden, daß eben dieser Jesus erst vor wenigen Wochen einen allergewaltigsten Meeressturm bedrohte, – und das Meer und die Winde gehorchten augenblicklich dem Worte des Heilandes! Dergleichen Histörchen könnte ich dir noch in Menge kundtun; aber es ist für den Augenblick die Zeit nicht dazu. Man könnte nun meinen, dieser Mensch sei ein Söldling des Satans, wenn einen Seine Worte, Lehren und lieblich ernsten Ermahnungen nicht eines Bessern belehrten!
GEJ|2|87|20|0|Ich sage es dir offen, treu und wahr: Unbegreiflich wunderbar sind Seine Taten; aber sie verschwinden als leere Nebensachen gegen die wunderbarste Macht Seiner Reden und Lehren! Da vernimmst du Wahrheiten, von denen es nie einem Propheten geträumt hat! Er stellt dir das Leben eines Menschen auf eine Art dar, nach der kein Mensch nur einen allergeringsten Zweifel haben kann, ob seine Seele sterblich oder unsterblich ist. Die Unsterblichkeit wird dir auf eine so handgreifliche Weise dargestellt, daß du aber auch keinen Augenblick zweifeln kannst, daß es nach des Leibes Tode ein ewiges Fortleben der Seele durch den in ihr wohnenden göttlichen Geist gibt.
GEJ|2|87|21|0|Kurz, es ist dieser Jesus dir ein Mensch von so ungewöhnlichen Fähigkeiten, daß man mit dem besten Gewissen sagen muß: Solch einen Menschen hat die Erde seit Adam nie zu ihrem Bewohner gehabt! Alle Elemente gehorchen Ihm, Myriaden Geister sind zu Seinen Diensten stets bereit, und so habe ich auch von mehreren Seiner Jünger erfahren, daß Er auf Seiner Reise von Sichar nach Kana in Galiläa am hellsten Mittage die Sonne augenblicklich total finster gemacht hat, aber sie dann in einigen Augenblicken darauf wieder so hell wie zuvor hat leuchten lassen!
GEJ|2|87|22|0|So erzählten uns Roban und mehrere hundert Zeugen, die wir ausgeforscht haben, daß Er in Sichar zwei alte, verfallene Burgen, das alte Haus Josephs und Benjamins und das alte Schloß Esaus, das nun dem reichen Kaufmanne Jairuth gehört, auf Sein Wort in einem Augenblick derart hergestellt hat, daß darüber alle dortigen Baumeister ganz offen bekennen, daß sie mit einer solchen Herstellung der beiden alten Burgen bei allem Fleiße zum wenigsten zehn volle Jahre zu tun gehabt hätten, so sie solchen Wiederaufbau auf natürlichem Wege hätten zur Bewerkstelligung überkommen! Dazu aber ist das überaus weitläufige Gebäude in einem Augenblick aus dem festesten Baumaterial nicht für sich allein fertig dagestanden, sondern mit allen möglichen Erfordernissen eingerichtet, und das in einer so zweckmäßigen und zugleich überaus schönen Art, wie man so etwas, aus den Händen der Bauleute hervorgehend, auf dieser Erde wohl nirgends mehr zu sehen bekommen kann!
GEJ|2|87|23|0|Ebenso erzählte mir ein gewisser Grieche aus Kana in Samaria – sein Name war Philopold – nahezu unglaubliche Dinge, die ich dennoch glauben mußte, weil er mir dafür tausend Zeugen vorführte.
GEJ|2|87|24|0|Wenn aber meiner, nur für mich geltenden Ansicht nach ein Mensch solche Dinge vollbringt, so halte ich ihn für mehr als einen Menschen und für mehr als den größten Propheten! Er sagte freilich vor etlichen Tagen – ich glaube am See bei einer Fischerei, die auch eine vollkommen wunderbare zu nennen war –, daß solches jeder Mensch bewirken könnte, so er einen festen, vollkommen zweifellosen Glauben hätte. Aber da meine ich, daß ein solcher Glaube ebenso wunderbar wäre als das größte Wunder selbst; denn ein solcher Glaube kann nur eine helle Folge der in sich klar bewußten Fähigkeit sein, die jedes erdenkliche Gelingen in sich schließt.
GEJ|2|87|25|0|Wer seine Kräfte kennt, der muß ihnen auch soweit trauen, als er sie für die Effektuierung einer Sache oder überhaupt eines Werkes als hinreichend aus vieler Erfahrung schon lange im klaren Bewußtsein hat. Wenn der Mensch aber seinen Glauben aufs Gelingen über seine ihm bewußten Kräfte hinaus spannen sollte, so wird solch einen Glauben meiner Ansicht nach sobald der Zweifel zu begleiten anfangen, als er eine zu hebende Last vor sich erschauet, für deren Bemeisterung er, sich nur zu klar bewußt, bei weitem nicht die hinreichenden Kräfte in sich fühlt.
GEJ|2|87|26|0|Wenn ich einen Stein von etlichen Pfunden vor mir auf der Straße liegen sehe, der mir im Wege ist, so werde ich wohl keinen Augenblick zweifeln, daß ich den Stein mir, wenn ich es nur will, aus dem Wege räumen kann; liegt aber auf dem Wege ein Felsblock von vielleicht hunderttausend Pfunden, da glaube ich, daß es mit dem ungezweifelten Glauben ganz verzweifelt schwer halten wird. Wenn ich meinen Willen noch so anstrengte, so wird das wahrscheinlich nichts nützen, weil mir die subjektive Überzeugung total fehlen muß, daß man mit einer Hebekraft für höchstens zweihundert Pfunde auch einer Last von hunderttausend Pfunden Meister werden kann.
GEJ|2|87|27|0|Nun aber ist diesem Jesus wie einem Gott alles möglich! Seinem Willen ist ein Berg ebensowenig wie ein Sonnenstäubchen! Erde, Luft, Wind, Wasser und Feuer gehorchen Ihm wie die Lämmer ihrem Hirten, und den Blitz leitet Er tausend Male sicherer als der beste Schütze den Pfeil von seinem Bogen! – Was folgt aber hieraus? Ich bitte nun dich, darüber als unser Oberster uns deine Meinung kundzutun!“
GEJ|2|88|1|1|88. — Chiwars Ansicht vom Tempel
GEJ|2|88|1|0|Sagt der Oberste: „Wenn das alles sich also verhält, was ich geradewegs nicht bezweifle, so muß er auf eine unbegreifliche Weise ohne weiteres mit dem allmächtigen Geiste Jehovas in einem engsten Bunde stehen, etwa gleich einem Moses oder Elias, welch letzterer auch das Feuer vom Himmel rufen konnte, das ihm gehorchte. Er mag vielleicht auch noch so manches Wunderbare gewirkt haben, das da nicht aufgezeichnet worden ist, wovon aber wohl noch Volkssagen vorhanden sind, denen man freilich nur wenig Glauben schenken kann; aber im ganzen könnte doch viel Wahres daran kleben!
GEJ|2|88|2|0|So soll eben der Elias, so mich mein Gedächtnis nicht trügt, einmal bei einer Gelegenheit einen ganzen Haufen Totengerippe auf einem Schlachtfelde belebt und mit Fleisch, Haut und Haaren versehen haben! Also habe er auch bei einer andern Gelegenheit alle Grundquellen des großen Euphrat versiegen lassen auf drei Jahre und gebot dazu auch den Wolken, drei Jahre lang den Himmel zu meiden. Erst als die Menschen eine rechte Buße taten, öffnete er wieder die Quellen der Ströme und gebot den Wolken, daß sie aufzögen am Firmamente und Wasser gäben dem dürre gewordenen Erdboden! Und so erzählt man noch eine Menge von diesem merkwürdigsten aller Propheten, das aber mit der Zeit doch sehr entstellt werden mochte, und man sagt, daß eben dieser Elias vor dem Ende der Welt noch einmal wiederkommen werde, daß er durch große Zeichen die Menschen bekehre zur Buße, indem bekanntlich dieser rätselhafte Prophet nie gestorben, sondern in einem feurigen Wagen in die Himmel aufgefahren ist. Es kann sonach ja sehr leicht sein, daß dieser Jesus ein Träger des Geistes des großen Propheten ist und deshalb, als mit der Macht Jehovas im engsten Verbande stehend, nun solche Taten, die nur Gott möglich sein können, verrichtet!“
GEJ|2|88|3|0|Sagt Chiwar: „Deine Ansicht ist durchaus nicht schlecht, und ich möchte dir fast beistimmen, wenn ich nicht eben bei diesem Jesus so manche Dinge mit meinen höchst eigenen Augen gesehen hätte, die den ganzen Elias eine ganze Unendlichkeit weit hinter sich zurücklassen. Du möchtest hier freilich fragen und sagen: ,Welche denn? Wie heißen sie?‘ Aber ich müßte dir offenbar gestehen, daß mir, um das zu beschreiben, die Worte vollkommen mangeln würden; denn das muß man selbst gehört, gesehen und gefühlt haben, sonst kann man sich davon durchaus keinen Begriff machen. Und ich bin darum der Ansicht von nun mehreren Tausenden, daß dieser Jesus platterdings der verheißene Messias ist! Denn ich frage jeden, ob dieser, so er noch zu einer andern Zeit kommen sollte, größere Zeichen tun werde!? Zudem stammt Er nach der Chronik, die bis zum Großvater Josephs reicht, in der geradesten Linie von David ab. (Matth.1,1-17). Achim war ein Vater Eliuds, Eliud ein Vater Eleasars, dieser ein Vater Matthans, dieser ein Vater Jakobs, und Jakob war der Vater Josephs, und dieser ein Vater unseres Jesus. Gehe nach dieser Chronik weiter zurück, und du kannst in der geradesten Linie auf David zurückkommen; nun aber steht es geschrieben, daß der Messias von David abstammen werde, und daß Ihn jedermann an Seinen Taten erkennen werde.
GEJ|2|88|4|0|Diesem Jesus fehlt dafür meiner Ansicht nach nun gar nichts; die Abstammung ist authentisch gewiß, und Taten, wie solche, die die Erde auf ihrem Boden nie erlebt hat, sind auch in der überschwenglichsten Fülle vorhanden. Ich weiß demnach wahrlich nicht, was uns daran hindern sollte, Ihn als Denjenigen anzunehmen, der Er offenbarst ist!?
GEJ|2|88|5|0|Daß sich der herrschsüchtige Tempel nicht leichtlich dazu bequemen wird, läßt sich wohl mit den Händen greifen; aber wir sollten uns da durchaus nicht mehr nach dem Tempel richten, der meiner Ansicht nach vollkommen tot ist und uns fürderhin weder einen Schutz, noch eine Weisheit und noch weniger irgendeinen bleibenden Unterhalt verschaffen kann, – außer wir geben ihm zuvor für eine Stelle so viel, daß davon zehn Menschen hundert Jahre lang ganz gut leben könnten.
GEJ|2|88|6|0|Berechne du nur die Summe, die du für die Oberstenstelle im Tempel mit Gold und Silber bezahlt hast, und du wirst es leicht finden, daß du mit dem Gelde gar leicht, und das fürstlich, hundert Jahre lang ausgereicht hättest! Laß dich aber hier von den Römern bedrängen und suche dagegen im Tempel um Schutz an, und man wird dir nicht nur keinen gewähren können, sondern auch nicht wollen, und man wird dich höchstens, um einige Hände voll Silberlinge, mit doppelsinnigen Tröstungen ungefähr auf die Art abfertigen, wie das berühmte Orakel zu Delphi – natürlich um viel Gold und Silber – die Fragesteller abfertigt, daß hernach das Orakel allzeit recht hat, ob nun dem Fragesteller etwas Gutes oder etwas Böses widerfährt!
GEJ|2|88|7|0|Ich kenne gottlob die ganze gegenwärtige Lumperei des Tempels und mache mir darum auch durchaus kein Gewissen daraus, denselben so dick als nur immer möglich hinters Licht zu führen, welcher Art es auch sei! Denn, Freund, wer in dieser Zeit vom Tempel nicht auf das allerdickste hintergangen sein will, der muß sich die kluge Mühe geben, den Tempel selbst so dick als nur immer möglich zu hintergehen! Oder meinst du, daß du mit einem ehrlichen und rechtlichen Gemüte und Gesichte im Tempel etwas ausrichten wirst? Oh, dessen rühme sich ja keiner! Gehe aber mit einem so recht verschmitzten Gemüte und Gesichte hin, und ich stehe dir dafür, daß du die Templer nach deinem Belieben wie eine Schnur um den Daumen winden kannst!
GEJ|2|88|8|0|Ich kann mich noch sehr gut eines gewissen Bars entsinnen, der da ein beschnittener Grieche war. Er mußte schon ein großes Vermögen besessen haben, weil er voll Perlen und Diamanten war. Dieser Mensch hatte dir so ein verschmitztes Gesicht, sprach wenig, und was er sprach, war doch so gewiß eine allerabgefeimteste Lüge, wie ich Chiwar heiße. Er verlangte aber bloß tausend Pfunde Goldes und gab dafür eine Pergamentrolle, die höchstens einen halben Stater wert war. Der Hohepriester zuckte zwar sehr mit den Achseln; aber Bar schnitt dazu eine Miene, wie ich sie in meinem Leben kaum je wieder zum zweiten Male sehen dürfte, und sprach dazu ganz höhnisch: ,Hm, aut Caesar – aut nihil!‘, worauf der Hohepriester – Gott weiß, aus welchem Grunde – ganz blaß wurde und dem Bar sogleich die tausend Pfunde Goldes verabfolgen ließ, von denen der Tempel nie mehr auch nur um ein Haar schwer zurückbekam; denn es hatte sich erst nach einem Jahre aufgeklärt, daß dieser Bar nichts als ein allerabgefeimtester Betrüger war, der mit allen Satanszaubersalben gesalbt war, um auch dem Hohenpriester tausend Pfunde Goldes herauszuschrecken.
GEJ|2|88|9|0|Es kamen aber daneben auch oft ganz ehrliche Juden, die im Tempel ein Geld ausborgen wollten gegen gute Pfänder; nichts bekamen sie, denn sie taten viel zu ehrlich und hatten auch viel zu rechtliche Gesichter! – Und so ist mein Grundsatz bei mir festgestellt: Man muß den Tempel hinters Licht führen, so man von ihm nicht hinters Licht geführt werden will! Und so werde ich auch ewig den Tempel nicht fragen, ob Jesus der verheißene Messias sei, sondern Er ist es für mich auch ohne Tempel! – Was sagst du zu dieser meiner Meinung?“
GEJ|2|89|1|1|89. — Unterredung zwischen Korah und Chiwar über den Messias. Satan fordert Chiwar zum Kampf heraus
GEJ|2|89|1|0|Sagt der Oberste: „Freund, ich liebe dich; denn eine so ehrliche Seele wie du ist mir noch nicht untergekommen! Wahrlich, du hast ganz recht! Ich kenne diesen Jesus noch viel zu wenig, als daß ich gleich vollauf deiner Ansicht mich anschließen könnte! Aber soviel meine auch ich: wenn die Verheißung nicht eine ganz hohle Nuß ist, die sich geschichtlich gewiß seit David her wenigstens irdisch noch nie bestätigt hat – denn vom ewigen Reiche Davids sind nun die Römer ein noch handgreiflicherer Gegenbeweis als die vierzig Jahre andauernde babylonische Gefangenschaft –, so bin ich gar nicht abgeneigt, mit dir den Glauben zu teilen. Aber es fragt sich nun nur darum, was zu all dem ihr alle saget, und was die Priester und Pharisäer der anderen Städte!?“
GEJ|2|89|2|0|Sagt Chiwar: „Was ich dir hier sage, ist unser aller Stimme in dieser Stadt; die zu Kapernaum sollen zufolge einiger derber Lektionen, die ihnen bei verschiedenen Gelegenheiten zuteil geworden sind, nicht ferne davon sein, und was die noch andern Städte betrifft, das lassen wir einstweilen auf sich beruhen und lassen sie bis auf ein günstiges Weitere bei ihrem alten Wahne!
GEJ|2|89|3|0|Wenn hier dein Sitz für die Zukunft ist, da laß nur mich Sorge tragen, und Galiläa steht in wenigen Jahren, als für sich abgeschlossen, vom Tempel vollkommen unabhängig da! Galiläa steht ohnehin im Tempel auf dem letzten Pergamentblatte angeschrieben! Was liegt nun daran, so wir auch dies letzte Blatt ausreißen? Die Römer und Griechen haben wir für uns, und das fest, und so ein bißchen von der allmächtigen, lebendigen Gnade Gottes auch, und es soll dem Tempel ganz verzweifelt sauer werden, unsere Ysopstauden zu belecken!“
GEJ|2|89|4|0|Sagt Korah, der Oberste: „Ich gebe dir in allem ganz recht und bin nun auch auf einmal mehr noch denn früher überzeugt, daß du recht hast; aber bedenken müssen wir immer, daß der Erzengel Michael, als der mächtigste aller Himmelsgeister nach Gott, mit all seiner Kraft und Macht drei Tage und Nächte einen harten Kampf mit dem Satan um den Leib Mosis zu bestehen hatte! Nun, wenn es der Satan mit uns aufnähme, wie würden da wir den Kampf mit ihm bestehen?“
GEJ|2|89|5|0|Sagt Chiwar: „Nicht mit einem, sondern mit zehntausend Satanen nehme ich's allein auf, obschon ich noch gar lange kein Michael bin! Man muß nur Mut haben und dem bösen Luder alle Wege verlegen, so richtet er auch mit seiner ganzen Hölle voll Teufel nichts aus; aber wenn man ihm einmal Blößen zeigt, wo er leicht einen Anhangspunkt finden kann, dann dürfte der Kampf freilich ums hundertfache schwerer werden!
GEJ|2|89|6|0|Aber so wahr ein Gott mich erschaffen hat: einen Tempel werde ich darum dem Satan nie erbauen und ihm Weihrauch streuen, daß er mich darum in der Ruhe belassen möchte! Er komme, so es ihn gelüsten sollte, mit Chiwar einen Kampf zu beginnen, und ihr sollet Zeugen sein, daß ich mit ihm eher denn in drei Tagen fertig werde!“
GEJ|2|89|7|0|Sagt der Oberste: „Freund, du wagst viel, als Mücke es mit einem Löwen aufzunehmen und ihn sogar zum Kampfe ordentlich herauszufordern, während du nur Gott bitten solltest, daß Er dich für ewig vor den Nachstellungen des Satans verschonen möchte!“
GEJ|2|89|8|0|Sagt Chiwar: „Freund, ich kenne aber einen Namen, und dieser genügt für Legionen von Satanen und Teufeln! Wo ist er denn, so er Mut besitzt, sich mit mir in einen Kampf einzulassen?
GEJ|2|89|9|0|Die Mücke ist zwar hinsichtlich der Stärke ein purstes Nichts gegen einen Löwen; aber so die Mücke es will, treibt sie den stärksten Löwen dennoch in eine tagereisenweite Flucht! Sie stößt fliegend in sein Ohr und summt ihm im Ohre also, daß der Löwe am Ende der Meinung wird, es brause der höchste Sturm, und der Tiere König ergreift bald die schmählichste Flucht!
GEJ|2|89|10|0|Und so ist es gerade nicht notwendig, dem Mächtigen gegenüber übermächtig zu sein, sondern da geht die rechte Klugheit über alles! Siehe, du selbst bist mit einer starken Portion des echten Satanismus zu uns gekommen; und siehe meine etwaige Klugheit hat ihn zuschanden gemacht, und du stehst nun als ein freier Mann und als ein von uns erwählter Oberster vor uns allen, und es hat uns darum der Satan noch keinen Schaden zuzufügen vermocht – und wird uns auch fürder keinen zuzufügen vermögen!
GEJ|2|89|11|0|Ich weiß, was ich weiß, und kann, was ich kann; aber dafür stehe ich, daß der Satan in Ewigkeit mein Meister und Herr nicht wird!“
GEJ|2|89|12|0|Sagt Korah: „Freund, rede nicht zu laut; denn der Böse soll seine Augen und Ohren überall haben! Mit der Hilfe Jehovas und deines mir noch zu wenig bekannten Messias wird er uns wohl freilich nichts anhaben können; aber herausfordern wollen wir ihn durchaus nicht! Gott behüte uns vor seinem wie immer gearteten Besuche!“
GEJ|2|89|13|0|Sagt Chiwar: „Allerdings werde auch ich den Kampf nicht wünschen, – aber auch nicht die allerleiseste Furcht davor haben!“
GEJ|2|89|14|0|Als Chiwar solche Worte ausgeredet hatte, siehe, da trat auf einmal ein unbändig großer Riese in den Speisesaal und mit hohnzorniger Miene vor den Chiwar hin und sagte mit einer donnerähnlichen Stimme, daß darob die Pfeiler des Saales erbebten: „Bist du die lose Mücke, die in des Löwen Ohr ein Sturmgetobe erheben will? Versuche es, du elender Wurm des Erdstaubes, wie du kämpfend mit mir zurechtkommen wirst! Ich vermag auch etwas, das dir noch sehr unbekannt sein dürfte! Siehe, dein Messias hängt nur von meiner Großmut ab, weil es für mich denn doch nicht gar zu ehrenvoll ist, mit Mücken mich in einen Kampf einzulassen; aber wenn er mir viel Flausen macht, so laß ich ihn ohne weiteres ans Querholz spannen, und du kannst dann deinen Messias am Querholze anbeten! – Was aber willst du nun machen, so ich dich augenblicklich in sonnenstaubgroße Stückchen zerreiße?“
GEJ|2|89|15|0|Hier erhebt sich Chiwar ganz sachte von seinem Platze und herrscht den Riesen, respektive Satan, mit folgenden Worten an: „Wie du Elender hereingekommen bist, so siehe wieder – und zwar mit dem ernsten Vorsatze, ewig nie mehr diese heilige Stätte zu betreten – ebenalso hinauszukommen, sonst richte dich Jesus der Herr!“
GEJ|2|89|16|0|Bei der Nennung des Namens Jesus wich der Riese gleich mehrere Schritte zurück und drohte höchst zornglühend, ihm diesen verhaßtesten Namen ewig nie wieder zu nennen!
GEJ|2|89|17|0|Chiwar aber sagt: „Ich muß in deinem Ohr ja ein Gesäuse machen, auf daß du erfahrest, wie der Löwe vor einer summenden Mücke flieht!“ – Hierauf beginnt er wieder: „Jesus, der Sohn des Allerhöchsten, richte und züchtige dich! Jesus, der Sohn des Allerhöchsten, treibe dich ewig von hier aus! Jesus, der Sohn des Allerhöchsten, züchtige dich für deine zahllosen Frevel!“
GEJ|2|89|18|0|Der Satan wartete aber die letzte Strophe nimmer ab, sondern entfernte sich mit einem Donnergeheule.
GEJ|2|89|19|0|Hierauf sagt Chiwar zu dem vor Angst noch wie das Espenlaub bebenden Korah: „Hast du nun gesehen, wie man den Löwen in die Flucht treiben kann? Warum hat er mich denn nicht sogleich zu Staub zerrissen? Siehe, das ist seine Ohnmacht! Er komme nur wieder, wenn es ihn jucken sollte, und ich stehe dir bei dem Namen meines Jesus dafür, daß er ein zweites Mal noch geschwinder hinauskommen wird, als er diesmal hinausgekommen ist!“
GEJ|2|89|20|0|Sagt der Oberste: „Höre Freund, deinen unbegreiflichen Mut bewundere ich über alle Maßen, und – bei allen Erzvätern! – ich fühle mich nun ganz in deren wundervolle Zeiten zurückversetzt! Aber laß es dir dennoch gesagt sein, den Satan ja nie wieder zu einem neuen Kampfe aufzufordern; denn er ist endlos erfinderisch und soll alle Gestalten, selbst die eines Lichtengels, annehmen können, und ich glaube, daß er in einem sanften himmlischen Anzuge bei weitem gefährlicher ist als in dem, in welchem wir ihn jetzt zu erschauen die wahrhaft höllische Ehre hatten!“
GEJ|2|89|21|0|Sagt Chiwar: „Den Probierstein haben wir ja, und an dem läßt sich gleich erkennen, wessen Geistes Kind irgendeine wie immer gestaltete Erscheinung ist! Aber wir können nun völlig ruhig sein; denn für diesmal dürfte er auf lange Zeit genug haben!“
GEJ|2|90|1|1|90. — Korah erinnert sich des Herrn von der Tempelreinigung in Jerusalem her
GEJ|2|90|1|0|Darauf fragte Korah den Chiwar, ob Ich Mich noch in dem Orte aufhielte, und ob er mit Mir nicht eine nähere Bekanntschaft machen könnte. Und er redete weiter und sprach: „Ich bin nun vollkommen innegeworden, daß in deinem Messias etwas außerordentlich Göttliches liegen muß; denn in der Gunst des Satans steht er in keinem Falle, und sein Name scheint dem Satan die größte Qual zu sein! – Das sind zwei, freilich auf dem wunderbarst außerordentlichen Wege erfahrene Tatsachen, die ich mir ewig nie werde hinwegleugnen können, und ich entnehme nun ruhigeren Gemütes daraus, daß du mit dem Ausrufe ,Sohn des Allerhöchsten‘ auch im allerhöchsten Grade recht haben dürftest, und so möchte ich, wenn es tunlich wäre, dennoch eine Bekanntschaft mit ihm machen. Führe du mich hinaus!“
GEJ|2|90|2|0|Sagt Chiwar: „Es wäre alles recht, und ich wäre wohl am ersten geneigt, dich hinaus zu Ihm zu führen; aber das Volk ist nun gegen dich noch ein wenig schwierig, und wir liefen durch den Mutwillen des gemeinen Pöbels in die Gefahr, mit einem Steinwurfe verwundet zu werden; und zugleich bereitet Er Sich zur Abreise vor, so daß es Ihm darum etwa doch nicht angenehm wäre, so wir Ihm zur Last fielen! Er kommt aber gegen den Winter entweder wieder hierher oder nach Kis und wird an einem dieser benannten Orte den Winter zubringen, und wir werden da Gelegenheit genug bekommen, Ihn näher kennenzulernen; darum meine ich, daß wir für diesmal das Vorhaben, Ihn näher kennenzulernen, bis zum Winter hin aufgeben sollten.“
GEJ|2|90|3|0|Sagt Korah: „Es ist alles wahr, was du nun gesagt hast; aber dessenungeachtet kann ich mich der Sehnsucht nicht erwehren, diesen gar zu außerordentlichen Menschen, durch den alle Fülle der göttlichen Macht, Kraft und Herrlichkeit tätig ist, persönlich kennenzulernen! Oder warte, mir fällt nun eine Geschichte vom Osterfeste zu Jerusalem im Tempel ein! Am Ende war es eben dieser Jesus, der an einem Nachsabbat, wenn ich mich nicht irre, alle Käufer und Verkäufer aus dem Tempel trieb und allen Wechslern ihre Buden wie ein Sturm umstieß!? Alle verkäuflichen Tiere fingen gräßlich zu heulen an und rannten in wildester Hast aus den Verkaufshallen des Tempels!
GEJ|2|90|4|0|Denn jener Mann, den ich selbst gesprochen habe – freilich in keinem freundlichen Sinne –, war auch ein Galiläer und hieß ebenfalls Jesus, und mit ihm waren eine Menge anderer, höchst ordinär aussehender Männer und Weiber, und es sah die ganze Gesellschaft einer ganz gewöhnlichen galiläischen Landstreichergesellschaft gleich; aber ihr Anführer Jesus sah ganz einem Menschen gleich, hinter dem etwas Ungewöhnliches verborgen ist.
GEJ|2|90|5|0|Er sprach im Grunde nicht viel; aber was er sprach, war tief, wahr und gehaltvoll! Er hat damals auch in Jerusalem eine Menge Kranker geheilt; als aber die Sache, ich glaube – vor den Herodes kam, den dieser Jesus bedeutend fürchten soll, da verschwand der Wundermann bei Nacht und Nebel plötzlich aus Jerusalem, und wir konnten es nicht erfahren, wohin er sich gewendet hatte. Nach Galiläa muß er nicht gekommen sein – gleich von Jerusalem weg; denn da hätten wir von ihm sicher sobald eine Nachricht erhalten, da wir viel Kundschafter nach ihm ausgesandt haben.
GEJ|2|90|6|0|Es kamen uns wohl nach ein paar Wochen Gerüchte vom Zimmermannssohne Jesus zu; aber wir konnten es denn doch nicht annehmen, daß jener bekannte, einfache, stille und wissenschaftlich durchaus ungebildete, sogar des Lesens und Schreibens unkundige Mensch eben derselbe gewaltige Jesus sein könnte, vor dem im Tempel zu Jerusalem Tausende wie vor einem Gottesgerichte gebebt haben. Aber wenn hier der bekannte Zimmermann Jesus es ist, der solche Gottestaten übt, so wird er sicher auch der gleiche Jesus sein, der zu Ostern ganz Jerusalem erschreckt hat! Nun, wenn der es ist, so kenne ich ihn schon von Jerusalem aus und brauche ihm daher nun gar nicht lästig zu fallen!“
GEJ|2|90|7|0|Sagt Chiwar: „Ja, es ist ein und derselbe! Ich kenne Ihn schon mehrere Jahre, wie auch den alten Joseph, der erst vor etwa einem Jahr gestorben ist; ich habe an Ihm fürwahr nicht die leiseste Spur von etwas Außergewöhnlichem entdeckt, obschon – wie man mir hie und da erzählt hat – sich bei Seiner Geburt, die zu Bethlehem in einem Schafstalle erfolgt ist, ganz außerordentliche Dinge sollen zugetragen haben, sowie nachher bis in Sein zwölftes Jahr. Aber vom zwölften Jahre an habe sich all das Außerordentliche verloren, die großen Hoffnungen Seiner Eltern gingen unter, und Er blieb bis nun, respektive in Sein dreißigstes Jahr, das eben das gegenwärtige ist, ein höchst unbeachteter, allereinfachster Zimmermann!
GEJ|2|90|8|0|Er war überaus wortkarg; man bekam auf zehn Fragen kaum eine, höchst einsilbige Antwort; dagegen war Er aber dennoch stets wohltätig gegen Kinder und Arme. Man habe Ihn öfter beten und auch weinen – aber stets im stillen –, doch nie lachen sehen; lustige, lärmende Gesellschaften floh Er und liebte vor allem die Einsamkeit; das Merkwürdigste von allem aber war, daß man Ihn nur höchst selten in einer Synagoge sah, ebensowenig in einer Schule, die Er nur auf vieles Zureden Seiner Eltern ein paarmal im Jahre besuchte, dieselbe auch allzeit sichtbar ärgerlich bald verließ; in einem Bethause aber habe Ihn nie jemand gesehen. Wegen solcher Seiner Sonderbarkeit kam es denn auch, daß Er von vielen als etwas blödsinnig angesehen wurde.
GEJ|2|90|9|0|Aber mit Seinem dreißigsten Jahre verschwand Er auf einmal aus Seinem elterlichen Hause und soll Sich eine Zeitlang in der Wüste bei Bethabara, wo am kleinen Jordan der berühmte Johannes sein Wesen trieb, aufgehalten haben und Sich von selbem haben taufen lassen. Von da zog Er dann also, wie Er jetzt ist, voll göttlicher Kraft aus, lehrte das Volk vom Gottesreiche, machte alle die Kranken gesund und trieb von den Besessenen die bösen Geister aus. Das ist so ungefähr, ganz kurz gefaßt, Seine diesirdische Lebensgeschichte, die ich zum Teil selbst von Ihm erfahren, jedoch zum Großteile durchs Hörensagen in meine Wissenschaft gebracht habe.“
GEJ|2|90|10|0|Sagt Korah: „Ja, ja, du wirst recht haben! Diese Geschichte in Bethlehem hat vor ungefähr dreißig Jahren viel Aufsehen gemacht; und so ich mich nicht irre, so hat der alte Herodes eben seinetwegen den grausamen Knäbleinmord anbefohlen. Er aber sei nach Ägypten entflohen. – Nun siehe, da bin ich nun ja schon ganz im klaren! Nun, nun, das also ist derselbe Jesus!? Ja, an dem kann allerdings etwas Außerordentliches sein, und du wirst mit deiner Annahme sicher nicht weit vom Ziele sein! Aber sprechen möchte ich ihn denn doch noch, bevor er diesen Ort zu verlassen gedenkt!“
GEJ|2|90|11|0|Sagt Chiwar: „Wie du es willst, – mir ist das gleich! Aber da muß denn doch von uns zuvor ein Herold in die offene Stadt gehen und dich dem Volke als nun vollends günstig anpreisen, ansonst es denn doch nicht ganz geheuer sein dürfte, sich in die offenen Straßen zu begeben; denn meine Nazaräer kenne ich!“
GEJ|2|90|12|0|Sagt Korah: „Nun, entsende schnell mehrere Herolde und laß durch sie meinen Namen als einen dem Volke günstigen anpreisen, sonst reist er uns früher ab!“
GEJ|2|90|13|0|Chiwar sendet sogleich zwölf Herolde aus, und diese preisen den neuen Obersten dem Volke so günstig an, daß es eine Weile dauernd darob in einen lauten Jubel ausbricht und allerlei kostbare Geschenke vorzubereiten anfängt, mit denen es am nächsten Vorsabbat den neuen Obersten begrüßen will.
GEJ|2|90|14|0|Als die Herolde wieder mit der guten Nachricht in die Synagoge zurückkommen, sagt der Oberste zum Chiwar: „Nun gehen wir aber nur schnell hinaus, sonst weiset er uns am Ende ab, – und ich möchte ihn denn doch sprechen!“
GEJ|2|90|15|0|Chiwar sagt: „Ich bin schon bereit, und es schickte sich, daß wir alle Ihm einen Abschiedsbesuch machten; aber gehen dennoch wir beide allein!“ –
GEJ|2|90|16|0|Chiwar und der neue Oberste begeben sich nun sogleich hinaus. Als sie aber einige Schritte außer dem Stadttore sich befinden, kommen ihnen Borus, Jairus, dessen Weib, die Sarah und die Mutter Maria entgegen und bringen dem Chiwar und dem Obersten die für sie betrübende Nachricht, daß der Herr vor einer halben Stunde Zeit mit Seinen zwölf Jüngern und mit den sieben angekommenen Jüngern Johannis abgereist sei.
GEJ|2|91|1|1|91. — Die Freunde Jesu bei Borus
GEJ|2|91|1|0|Diese Nachricht betrübt den Obersten, und er kehrt, von Borus geladen, mit Chiwar in dessen großes, palastartiges Haus, wo Borus natürlich auch sogleich alles aufbieten läßt, um den neuen Obersten so glänzend als möglich zu bewirten.
GEJ|2|91|2|0|Es kommen auch Bab und Roban dazu, und es wird den ganzen Abend hindurch natürlich von nichts gesprochen als von Jesus dem Herrn.
GEJ|2|91|3|0|Aber endlich fragt der Oberste und sagt: „Aber saget mir denn doch, was denn ganz eigentlich der Grund gewesen sein mag, daß er sich nach alledem, was ich bis jetzt alles von ihm und über ihn vernommen habe, nicht mehr getraut hat, hier zu verweilen? Denn ganz etwas anderes wäre es, so er vorgeblich seines allerhöchsten Berufes wegen sich irgendwohin von hier auf eine Zeitlang hätte begeben müssen; aber so scheint die Furcht vor Herodes allein ihn von hier entfernt zu haben! Ein Mann aber wie er, insoweit mir nun Sein Wesen bekanntgegeben worden ist, dem Himmel und Erde gehorchen, der dazu noch den römischen Oberstatthalter zu seinem intimsten Freunde hat, sollte doch offenbarst ewig keinen Grund haben, vor dem schwachen Pachtkönige Jerusalems die Flucht zu ergreifen!
GEJ|2|91|4|0|Wahrlich, man nehme die Sache, wie man will; aber so viel ist gewiß, daß es für die Bewohner der Erde dann durchaus nicht gut aussieht, so ein Gott einmal vor den Teufeln Sich zu fürchten anfängt und vor ihnen die Flucht ergreift! – Hm, hm, je mehr ich darüber nachdenke, desto rätselhafter erscheint mir die ganze Sache!
GEJ|2|91|5|0|Gebet mir darüber bessere Aufschlüsse, sonst muß ich euch allen, so lieb ihr mir seid, ganz offen erklären, daß ihr samt mir euch an diesem Manne doch gewaltig möget geirrt haben; denn der Allmächtige hat wahrlich nicht nötig, Sich vor einem Herodes, der vielleicht gar noch nie daran gedacht hat, Ihn verfolgen zu wollen, zu fürchten! Denn ich, als ein Günstling dieses Pachtkönigs, kenne ihn besser als jeder von euch und weiß, daß er schon tausendmal in dieser kurzen Zeit bereut hat, den Johannes getötet zu haben. Denn der plötzliche Tod der Herodias und deren Tochter haben den Pachtkönig in eine solche Angst versetzt, daß er sein Leben lang sicher nie wieder einen Propheten wird töten lassen!
GEJ|2|91|6|0|Jesus muß daher aus einem ganz andern Grunde von hier so schnell abgereist sein! Und hätten ihm auch die erregten sieben Jünger Johannis noch so gräßliche Dinge von Herodes erzählt, da frage ich, ob ein allwissender Mann, der, von Gott ausgehend, sicher weiß, was wir hier nun über ihn verhandeln, denen Glauben schenken kann, die offenbare Lügen hervorgebracht haben werden!? Weiß von euch denn niemand mir zu meiner Beruhigung einen besseren Grund seiner so plötzlichen Abreise anzugeben?“
GEJ|2|91|7|0|Sagt Borus: „Lieber Freund, da wird es allerdings einen kleinen Haken haben, da uns alle Seine Flucht so gut wie dich befremdet hat, obschon wir vollkommen überzeugt sind, daß Er dennoch das und Der ist, als den wir Ihn anerkannt und angenommen haben. Er hat Sich auch – so ganz offen gesprochen – vor dir gefürchtet und darum schon heute früh alle die vielen Jünger entlassen samt den hohen Römern, die bei Ihm waren nun etliche Tage hindurch. Aber wie ich es nun sehe, so hätte Er wenig Grund haben sollen, Sich vor dir zu fürchten, da du nun für Ihn und durchaus nicht wider Ihn bist; es muß daher in Ihm doch ein ganz anderer Grund sein, der Ihn zu dieser plötzlichen Abreise bestimmt hat, als der, den wir aus der Erscheinung füglich annehmen müssen.“
GEJ|2|91|8|0|Spricht der Oberste: „Saget mir aber doch, wie die Sache herging und sich verhielt, bevor er sich zur Abreise anschickte! Vielleicht gelingt es dann mir, oder noch eher dem Freunde Chiwar, einen vernünftigeren Grund herauszufinden!“
GEJ|2|91|9|0|Sagt Borus: „Die Sache ging also her: Schon vormittags sandte Er Seine zwölf Jünger, die Er ,Apostel‘ nennt, gegen das Meer hinaus, daß sie irgendein Schiff für Ihn herrichten sollten, und wahrscheinlich um zugleich Erkundigungen einzuholen, ob nicht irgend von Jerusalem ausgesandte Laurer und bedungene Meuchelmörder sich vorfänden. In Sibarah, dem Mautorte, der einem gewissen Matthäus, der auch ein Jünger Jesu ist, gehört, kamen die Jünger Jesu mit den sieben Jüngern des Johannes zusammen, mit denen sie schon früher einmal zusammengekommen waren – ich glaube bei der Gelegenheit, als Johannes schon im Gefängnisse war und die Worte Jesu vernommen hatte. Diese sieben Jünger erzählten den Aposteln alles, was sich in Jerusalem mit ihrem Meister zugetragen hatte. Und zugleich erzählten sie, wie denn doch ganz geheim Herodes – obschon er denen, die ihm von Jesus die Nachricht hinterbrachten, offen gestand, daß dieser der vom Tode auferstandene Johannes sei – Laurer und Mörder ausgesandt habe, sie dahin bescheidend: Würden sie finden, daß der vermeintliche Jesus im Ernste der auferstandene Johannes ist, so sollen sie ihm nichts tun, sondern ganz friedlich heimkehren; sei es aber im Ernste Jesus, so sollen sie Ihn ohne weiteres zu töten versuchen! Gelänge ihnen der Mord, so hätten sie von Herodes eine große Belohnung zu gewärtigen; gelänge ihnen aber der Mord nicht, und zwar darum, daß Jesus gleichsam ein nicht zu tötender wirklicher Gottmensch sei, so hätten sie von Herodes den gleichen Lohn zu gewärtigen, und er werde dann mit seinem ganzen großen Hofstaate ein Anhänger Jesu werden! – Solche Nachricht brachten die Jünger Johannis, mit den Jüngern Jesu hierher nach Nazareth kommend, Jesu dem Herrn.“
GEJ|2|91|10|0|Als Er solches vernommen hatte, da sagte Er: ,Durch diese schnöde Probe soll Herodes ewig nie Mein Jünger werden! Die Erde ist groß, und Ich werde schon noch ein Plätzchen finden, allwo Mich die schnöden Apostel des Herodes nicht finden sollen! Ist denn des Menschen Sohn gekommen, durch bedungene Mörder das zu werden, was Er ist? Nein, und ewig nein! Wer Mich mit Mordwerkzeugen in der Hand fragt, wer Ich sei, dem soll ewig nie eine Antwort werden! Es ist aber ohnehin Zeit, daß wir von hier aufbrechen, und so gehen wir und sehen, auf fremdem Boden uns Menschen zu gewinnen, die uns auch ohne Mordwerkzeuge gegen unser Leibesleben glauben werden, daß wir das sind, was wir sind!‘
GEJ|2|91|11|0|Auf diese Worte Jesu aber geschah denn auch sogleich die Abreise; denn Er sagte: ,Gehen wir, denn nun will Ich es und sehe es darum auch, daß und wo sich bereits sechshundert solche Herodianische Mordapostel gegen Mich, und zwar schon sehr nahe, befinden; darum begeben wir uns aber auch sogleich von hier!‘ – Mit dem begaben sich dann alle Seine und des Johannes Jünger auf den Weg gegen Sibarah hin und werden sich nun schon auf der hohen See befinden!“
GEJ|2|92|1|1|92. — Des Herrn Gnade mit der Menschheit
GEJ|2|92|1|0|Sagt darauf der Oberste: „Ah, nun hat die Sache ein ganz anderes Gesicht! Da reiste er ja lange nicht aus Furcht, sondern aus reiner Klugheit ab, um dem Herodes aus wohlverdienter Strafe jede Gelegenheit abzuschneiden, daß er darum nun weder noch schlechter, aber auch nicht leichtlich besser werden kann! Ah, da hat er sehr wohl getan, und ich kann ihn darum nur loben.
GEJ|2|92|2|0|Es ist aber dieser Herodes auch im eigentlichsten Worte ein Mensch, bei dem sich so ganz eigentlich kein Mensch recht auskennt, wie er mit ihm daran ist. Er ist zur Hälfte ein guter, hie und da über die Maßen wohltätiger Mensch, zur Hälfte aber auch wieder gleich darauf ein Teufel ersten Ranges! Er macht dir heute in einer Art Anwandlung von Herzensgüte und Großmut die allerlobenswertesten Verheißungen und erfüllt sie auch an dem, der bald nach der Verheißung zu ihm kommt. Aber wehe dem, der ihn am nächsten Tage dessen erinnern würde; der bekommt nicht nur nichts von all dem Verheißenen, sondern er wird noch auf eine so empfindliche und bösbeleidigende Weise abgewiesen, daß ihm für ein zweites Mal sicher aller Mut vergeht, sich ihm je wieder zu nahen und ihn an die gemachte Verheißung zu erinnern!
GEJ|2|92|3|0|Es ist mit ihm darum auch nie irgendein besonderer Freundschaftsbund zu schließen; denn der ihn sicher nicht hält, – das ist Herodes! Und unser erhabener Heiland Jesus wird das so gut wie unsereiner wissen und ist ihm darum mit allem Fug und Recht ausgewichen; denn so sich auch Herodes hundertmal überzeugt hätte, daß Jesus unverletzbar sei, so würde das für den Herodes dennoch soviel wie gar nichts beweisen. Für ihn liefert das, was heute geschah, für morgen durchaus keinen Beweis; denn dieser Mensch hat entweder kein Gedächtnis oder er lebt in solchen Grundsätzen, mit denen bloß er, aber neben ihm kein anderer Mensch mehr bestehen kann!
GEJ|2|92|4|0|Daß er aber übrigens ein schlauer Fuchs ist, bedarf wohl keines weiteren Beweises. Denn die Steuern zu erpressen, versteht er aus der Kunst, sowie den Römern den Pachtzins schuldig zu bleiben. Ich aber weiß es, wie er es macht; jedoch davon ein anderes Mal!
GEJ|2|92|5|0|Ich möchte aber nun dennoch erfahren von euch, ob unser Heiland Jesus nicht noch einmal wieder nach Nazareth kommen wird. Hat er euch allen nichts davon gesagt?“
GEJ|2|92|6|0|Sagt Borus: „Bestimmtes wohl nicht; aber ich hoffe, daß Er den Winter über bei uns zubringen wird! Es ist freilich auch möglich, daß Er den Winter gar in Sidon oder Tyrus zubringen wird; aber dann werden wir von Ihm schon Nachricht erhalten und uns zeitweilig dahin begeben.“
GEJ|2|92|7|0|Sagt die ganz traurig aussehende Mutter Maria: „Er wird wohl hierher kommen; aber sicher nur wieder auf ein paar Tage!“
GEJ|2|92|8|0|Sagt der Oberste: „O liebe Mutter, mache nur du dir nichts daraus; denn er wird weder uns und sicher noch weniger dich vergessen!“
GEJ|2|92|9|0|Sagt die Mutter: „Das wird Er nicht; aber für mich ist es dennoch traurig, wenn ich sehen und erfahren muß, wie die bösen, blinden Menschen ihren ewig größten Wohltäter mutwillig verkennen, Ihn verfolgen und Ihm fast allenthalben mit dem größten Undank begegnen!“
GEJ|2|92|10|0|Sagt der Oberste: „Siehe, liebe Mutter, die Menschen sind einmal so wie sie sind, und David hat in seiner Not nicht umsonst ausgerufen: ,O wie zu gar nichts nütze ist aller Menschen Hilfe; denn sie können dem Bedrängten alle nicht helfen!‘ Übrigens war das ja noch allzeit das traurige Los aller von Gott mit höheren, geheimnisvollen Fähigkeiten begabten, großen Menschen, daß sie von den Erdwürmern von Menschen gleich also verfolgt worden sind, wie da die kleinen Schwalben mutwillig verfolgen den großen mächtigen Aar. Denn die kleinen Menschen wollen bei all ihrem Nichtssein dennoch groß sein und können es daher nicht ertragen, wenn ein wahrhaft großer Mann auftritt, an dem sie nur zu augenscheinlich das Maß ihrer vollsten Nichtigkeit nehmen müssen!
GEJ|2|92|11|0|Siehe an die großen Propheten! Was war ihr Erdenlos? Allzeit Armut von Geburt an, allerlei Mangel und Entbehrung, Mißgunst, Verfolgung und endlich gar ein gewaltsamer Tod durch die Hände der selbstsüchtigen Erdwürmer! Warum Gott das stets so haben will, ist mir seit meiner Kindheit her ein Rätsel gewesen; aber die allzeitige Erfahrung lehrt uns, daß es leider allzeit so war, und wir können dagegen ebensowenig etwas unternehmen, wie gegen den lästig kurzen Tag des Winters. Gott hat einmal die Sache also eingerichtet, und wir können sie nicht ändern, hoffen aber, daß es dereinst im andern Leben besser gehen werde!
GEJ|2|92|12|0|Dein göttlicher Sohn hätte wohl nach dem, was ich von ihm vernommen habe, Macht in mehr als hinreichender Fülle, dem ganzen Weltmenschenunfug mit einem Schlage ein Ende zu machen; daß er es aber nicht tut, können wir ja leicht aus dem entnehmen, daß er gewisserart vor dem Erdwurme Herodes lieber flieht, als daß er ihn vernichtete mit einem Hauche! Er, der es leicht könnte, tut es nicht, und wir können es nicht tun, – und so bleibt immer die alte bekannte schlechte Sache! Wenn er einmal hierher kommt, so will ich mit ihm in dieser Hinsicht eine ganz ernste Zwiesprache führen.“
GEJ|2|92|13|0|Sagt Borus: „Wird aber wenig fruchten! Denn ich war Zeuge, was alles in dieser weltverbessernden Hinsicht der Oberstatthalter, der dazu noch ein Oheim des Kaisers ist, Ihm alles für Vorschläge und Angebote gemacht hat; aber da war alles umsonst! Er zeigte mit Händen zu greifen klar, was die Menschheit ist, und wie sie möglichst ohne besondere Gerichte und Strafen zu führen und zu lenken ist, wenn sie lediglich durch reinen Unterricht und durch ihre höchst eigene freie Bestimmung danach ihre einstige, von Gott gestellte ewige Bestimmung erreichen will! Der Statthalter mußte Ihm, so gut wie wir alle, das vollste, ungezweifeltste Recht zuerkennen, und das mehrmals fest angetragene Dareinhauen unterblieb völlig und vollkommen; und so kann ich dir schon zum voraus versichern, daß es mit deiner dir vorgenommenen Zwiesprache ebenfalls seine geweisten, abschlägigen Wege haben wird!“
GEJ|2|93|1|1|93. — Borus spricht über des Menschen Wesen
GEJ|2|93|1|0|Sagt der Oberste: „Das werden wir erst sehen; denn vom Standpunkte der irdischen Verhältnisse betrachtet ist die Menschheit noch immer schlechter statt besser geworden! Was sind nun Moses und alle die großen Propheten? Ich sage es euch: In den sogenannten besseren Kreisen lacht man darüber und hält sie zwar für fromme, aber für den Geist der Menschen ganz zwecklose Fabeln und stellt die Lehre eines Pythagoras und eines Aristoteles himmelhoch über alle die Propheten! Ein lebendiger Beweis, daß die Einrichtung Jehovas, so erhaben und wahr sie im Grunde des Grundes auch ist, dennoch den Zweck bei den Menschen durchaus nicht erreicht, den sie nach Seinem Wortlaute erreichen will!
GEJ|2|93|2|0|Was nützt alle Offenbarung, wenn ihr die handgreiflichen Mittel nicht für immer belassen werden, durch die es allein möglich ist, die Menschen im stets gleichen Respekte vor der göttlichen Offenbarung zu erhalten? Es sollte nur ein Elternpaar versuchen, seine Kinder ohne Rute zu erziehen, und wir würden es nur zu bald erfahren, welchen Respekt die unmündigen Kinder vor ihrer Eltern noch so weisen und guten Lehren haben werden!
GEJ|2|93|3|0|Darum halte ich auf alle Lehren und selbst Gesetze nichts, wenn sie ohne Rute und Schwert den Menschen überantwortet werden; denn der Mensch ist vom Grunde aus schlecht und muß zum Guten erst mit Ruten gepeitscht werden!“
GEJ|2|93|4|0|Sagt Borus: „Bin mit dir in dieser Hinsicht ganz einverstanden; aber es gibt dennoch ein großes Aber, das du erst dann wirst kennenlernen, wenn du einmal darüber von Seinem höchsteigenen Munde wirst belehrt werden!
GEJ|2|93|5|0|Siehe, so wir ein mechanisches Werk vor uns haben, mit dem irgendeine Arbeit verrichtet wird, so werden wir im Anfange staunen; werden wir aber mit dem Werke näher bekannt gemacht, so werden wir gleich eine Menge Mängel entdecken, und es wird uns sofort die förmliche Gier anwandeln, dieses Werk von den sichtlichen Mängeln frei zu machen. Wir verfügen uns darum zum Werkmeister und sagen ihm dies und jenes.
GEJ|2|93|6|0|Aber der Werkmeister wird zu lächeln und unfehlbar also mit uns zu verkehren anfangen und wird sagen: ,Liebe Freunde, das ginge wohl, – aber es geht dennoch nicht; denn die Maschine richtet sich hier nach vielen sehr beachtenswerten Punkten! Der sie erbauen ließ, hat sie nach seinem Bedarfe bestellt; für diesen Bedarf kann sie nur die beobachtete, bestimmte Einrichtung haben, und da wäre jede Zutat ein offenbares Gebrechen der Maschine selbst! Die Maschine hat nur eine gewisse Kraft zu besiegen nötig und darf darum keine höhere Kraft besitzen, als die ihr für den bestimmten Zweck nötig ist. Würde man ihr eine höhere Kraft zu wirken geben, so würde der Weber mit ihr sein Gefäde mit jedem Schlage zerreißen und auf diese Art nie auch nur eine Elle Zeug zutage fördern. Darum muß die Maschine für den Zweck, dem sie zu entsprechen hat, gerade diese Einrichtung haben, die sie hat, und jedes Mehr oder Weniger ist ein Fehler der Maschine! Ah, wenn die Maschine einmal durch langen Gebrauch abgenutzt sein wird, dann erst ist es an der Zeit, sie wieder in den Stand zu setzen, wie sie anfangs war, damit sie ihrem Zwecke wieder entsprechen kann.‘
GEJ|2|93|7|0|Siehe, so wird der kluge Werkmeister uns bescheiden, und wir beide werden es uns am Ende denn doch selbst sagen müssen: Der Werkmeister hat recht; denn ein jeder Meister muß seine Sache doch offenbar besser verstehen als so ein paar Pseudomeister, wie wir da sind! Und ungefähr eine fast ähnliche Antwort könnten wir in dieser Hinsicht von Jesus dem Herrn bekommen, so wir Ihn fragten, wie es möglich ist, daß die Menschen an der Seite der göttlichen Weisheit dennoch gar so teufelsschlecht werden können!
GEJ|2|93|8|0|Was wissen wir wohl von des Menschen innerer Einrichtung und Beschaffenheit? Wir mögen oft fluchen, wo der Herr noch vollauf segnet! Denn wir sehen weder das Gute noch das Schlechte vollkommen ein.
GEJ|2|93|9|0|Jeder noch so gute Mensch hat mehr oder weniger etwas von Selbstsucht in seinem Gemüte. Nach dieser seiner Eigenschaft ist er dann auch stets ein Richter seiner Nebenmenschen und rechnet es ihnen schon allzeit am ersten und liebsten zu einem Fehler an, wenn sie Handlungen begehen, die mit seiner Selbstnutzungsidee nicht im Einklange stehen. Da aber ein jeder Mensch für sich ebenso ein wenig selbstsüchtig denkt, so kommen auf der Erde nichts als lauter schiefe Urteile der Nebenmenschheit gegenüber heraus. Diese Schiefurteile bewirken gegenseitig Unzufriedenheiten, nach und nach Ärger, Neid, Zorn und dergleichen moralische Löblichkeiten mehr.
GEJ|2|93|10|0|Wer anders ist hernach schuld an der Verschlimmerung der Menschen als eben die Menschen selbst? Die Lebensmaschine nützt sich denn mit der Zeit auch ab, muß darum von ihrem erhabenen Werkmeister auch von Zeit zu Zeit wieder neu ausgebessert oder dann und wann gar von Grund aus neu gestaltet werden.
GEJ|2|93|11|0|Und solch eine totale Ausbesserungszeit scheint nun wieder, nach mehr als fast einem Jahrtausend, dazusein. Darauf werden die Menschen zum besseren Teile wieder auf eine Zeitlang halten; aber für länger als höchstens zweitausend Jahre werden die ausgebesserten Menschen abermals nicht halten, und wir werden jenseits scharfsehende Zeugen sein, daß es also gehen wird, wie ich dir's nun gesagt habe!“
GEJ|2|93|12|0|Sagt der Oberste: „Nun, ich gratuliere dir! Du bist ein würdiger Jünger deines Meisters! Ich sehe es nun schon, daß ich es vorderhand in der wahren Weisheit mit dir nicht aufnehmen kann. Aber ich werde mir alle Mühe geben, es an der Seite meines lieben Freundes Chiwar in Kürze so weit zu bringen, daß ich über dergleichen Dinge mit dir werde Rücksprache führen können; denn mit gegenwärtiger Tempelweisheit in Jerusalem reicht man hier nicht aus, – was eben kein Wunder ist, da die gegenwärtige Tempelweisheit auch nicht weit her ist!“
GEJ|2|94|1|1|94. — Das Zusammenleben der Freunde des Herrn in Nazareth.
GEJ|2|94|1|0|Als der Oberste lächelnd diese Bemerkung ausgesprochen hatte, brachten ein paar Bürger der Stadt einen Kranken, der viele Jahre schon an der Raserei litt. Da er aber arm war, so getrauten sich die Seinen nicht, sich bei einem Arzte für ihn um Hilfe zu verwenden, und ihn zu Mir zu bringen, getrauten sie sich auch nicht, da bei mehreren Bürgern die böse Sage war: wer sich von Mir heilen ließe, der verschriebe seine Seele dem Beelzebub! In einem fast gleichen Geruche stand auch Borus, von dem man sagte, daß er von Mir solche Stücke des Teufels erlernt habe!
GEJ|2|94|2|0|Als darum Borus des ihm schon bekannten Rasenden ansichtig ward und seiner ihn hertragenden schwachsinnigen Freunde, so sprach er zu ihnen: „Nun, was ist euch denn nun eingefallen, diesen Kranken zu mir zu bringen? Was tat er euch denn, daß ihr ihn nun dem Teufel ausliefern wollt?“
GEJ|2|94|3|0|Sagen die beiden: „Herr, wir sind aber eines Bessern belehrt worden und haben ihn darum nun zu dir gebracht!“
GEJ|2|94|4|0|Sagt Borus: „Wer hat euch denn eines Bessern belehrt?“
GEJ|2|94|5|0|Sagen die beiden: „Herr, gerade diejenigen, die uns lange zuvor in solcher Dummheit, wie mit Ketten geknebelt, belehrt und erhalten haben!“
GEJ|2|94|6|0|Sagt Borus, etwas lächelnd: „Verstehe, verstehe! Aber, was soll ich denn nun mit diesem Rasenden anfangen? Denn sein Übel ist in ihm verhärtet infolge eurer großen Dummheit, und es wird nun bei eurem schwachen Glauben schwerhalten, diesem Menschen zu helfen!“
GEJ|2|94|7|0|Sagen die beiden: „Herr, so wir schwachgläubig wären, hätten wir den Kranken nicht zu dir gebracht!“
GEJ|2|94|8|0|Sagt Borus: „Nun gut, so wollen wir sehen, was Gottes Kraft im Menschen vermag!“ – Hier trat Borus mit entblößtem Haupte hin zum Kranken und sagte laut: „Ich will es im Namen Jesu, des Herrn von Ewigkeit, daß du gesund seiest, und so sei gesund und wandle fortan frei!“
GEJ|2|94|9|0|In diesem Augenblick ward der Rasende völlig gesund und gab Gott die Ehre, daß Er dem Menschen solch eine Kraft verliehen hatte.
GEJ|2|94|10|0|Borus aber lobte Gott selbst laut mit, beschenkte den Geheilten sowie seine beiden Freunde reichlich und ließ sogleich beiden und dem Geheilten zu essen und zu trinken geben, was da vorrätig war auf den Tischen der Gäste.
GEJ|2|94|11|0|Da trat der Oberste zu Borus hin und sagte: „Wahrlich, das hätte ich in dir nicht gesucht! Daß im Namen Jesus eine besondere Kraft liegt, vor der, von mir wohlerfahrenermaßen, sogar die Mächte der Unterwelt einen ganz verzweifelten Respekt haben, habe ich heute in der Synagoge gesehen; aber daß vor diesem Namen sich auch die Leibeskrankheiten, welcher Art sie auch sind, beugen müssen, das haben meine Augen erst hier gesehen. Wahrlich, hinter diesem Jesus muß noch viel mehr stecken als ein bloß eliasartiger Prophet; denn durch dessen Namen ist meines Wissens noch nie ein Kranker geheilt worden! Über diesen Namen, meine lieben Freunde, werden wir miteinander noch vieles zu reden haben!“
GEJ|2|94|12|0|Nach diesen Worten begab sich der Oberste zu dem Geheilten und fragte ihn, ob er sich nun wohl als völlig geheilt fühle!?
GEJ|2|94|13|0|Antwortet der Geheilte: „So gesund wie ich nun bin, war ich nie zuvor in meinem ganzen Leben, – und ich zähle bereits fünfzig Jahre, und das wird etwa doch geheilt sein!?“
GEJ|2|94|14|0|Der Oberste belobt ihn und gibt ihm ein schönes Goldstück.
GEJ|2|94|15|0|Der Geheilte aber schiebt es mit den Worten zurück: „Herr, es gibt noch viel Ärmere hier in Nazareth, – denen gib es! Ich kann nun arbeiten, und das ist für mich Reichtum zur Genüge!“
GEJ|2|94|16|0|Sagt der Oberste: „Das heißt wahrhaft uneigennützig sein! Wahrlich, das hätte ich in dir nicht gesucht! Nun, ich bin der Oberste der Synagoge hier in Nazareth und von ganz Galiläa und werde hier und nicht in Kapernaum residieren; daher wirst du mich wohl finden, wenn über dich je eine Not kommen sollte!“
GEJ|2|94|17|0|Sagt der Geheilte: „Der guten Menschen gibt es wenige, und so muß jeder Arme sich die wenigen merken und zu ihnen gehen, so es ihm not tut! Ich danke dir für diesen Antrag; wenn ich in der Not sein werde, werde ich schon zu dir kommen.“
GEJ|2|94|18|0|Nach diesen Worten erheben sich die drei, der Geheilte und seine zwei Führer, danken dem Borus und dem Obersten und entfernen sich dann ganz wohlgemut nach Hause. Ihre gemietete Wohnung hatten sie einige hundert Schritte außerhalb der Stadt, gleich Meinem Hause, das auch bekanntlich außerhalb von Nazareth stand, gerade am entgegengesetzten Ausgange.
GEJ|2|94|19|0|Nach dieser Begebenheit im Hause des Borus wird noch viel davon geredet, und die Gesellschaft geht erst nach Mitternacht auseinander; die Mutter Maria aber bleibt eine Zeitlang im Hause des Borus, wo sie wohlversorgt ist und vielen Trost hat. Das ganze Hauswesen aber besorgen Meine zwei ältesten Brüder, die daheim geblieben sind, und Borus verschafft ihnen alles, was sie nur immer nötig haben. Und so leben Meine Freunde in Nazareth im besten Einvernehmen in Meiner persönlichen Abwesenheit und beschäftigen sich tagtäglich mit Mir, Meinen Lehren und Meinen Taten, die sie selbst erlebten.
GEJ|2|94|20|0|Der neue Oberste aber prüft alles mit stets erhöhter Schärfe, aber er wird allzeit vom Gegenteile überzeugt; denn er gehörte auch zu den Menschen, die das am nächsten Tage ganz leicht nehmen, was sie am vorhergehenden Tage erlebt haben, und dessen vergessen, was sie versprochen haben. Und so hatten Chiwar und Roban an jedem Tage eine neue Not mit dem sonst guten Menschen, der immer die Absicht hatte, streng gerecht zu sein und zu handeln, aber dabei stets zwischen allerlei Grundsätzen von Recht und Unrecht hin- und herschwankte; denn er fragte stets, was eigentlich ,Recht‘ ist.
GEJ|2|94|21|0|Und wenn man ihm auch tausendmal an den Fingern bewies, daß das eigentliche Recht in nichts anderem bestehen kann als allein in dem, daß der Mensch nach den Geboten Gottes lebe, so begriff er das heute ganz gründlich gut; aber am nächsten Tage fand er dafür schon eine derartige Menge von Vernunftgründen dawider, daß es dem Chiwar nicht selten sehr schwer ward, dem Obersten alle seine Gründe zu widerlegen. Und Chiwar begriff nun, warum Ich zu ihm gesagt hatte, daß er auf den Obersten stets ein scharfes Auge haben solle, da diesem noch lange nicht völlig zu trauen sein werde.
GEJ|2|94|22|0|Am meisten aber beschäftigte den Obersten doch die Kraft Meines Namens. War er auch zu öfteren Malen unerträglich, so brachte ihn Chiwar am leichtesten mit Meinem Namen zurecht. Borus aber übte dennoch stets am meisten eine Bevormundung über ihn aus und brachte ihn allzeit auf wenigstens einige Tage zurecht, daß er fest an Meinen Namen glaubte.
GEJ|2|94|23|0|Hiermit ist im allgemeinen gezeigt, was die Nazaräer nach Meiner Wegreise gemacht haben, und so gehen wir nun wieder zu Mir Selbst über und zu dem, was Ich nach Meiner Abreise am Abend von Nazareth weiter getan und gelehrt habe, und wohin und wie dahin Ich Mich begeben habe.
GEJ|2|95|1|1|95. — Heil- und Speisewunder an den fünftausend Menschen in der Wüste. (Matth. 14)
GEJ|2|95|1|1|Nazareth – Höhle bei Bethabara (Erste Volksspeisung) – Berg des Gebets – Wandel auf dem Galiläischen Meer (des Petrus Glaubensprobe) – Zu Schiff nach Genezareth an der gleichnamigen Meeresbucht.  (Kap.95-167)
GEJ|2|95|1|0|Als ich – wie schon bekanntgegeben – von den angekommenen Jüngern des Johannes vernommen hatte, was Ich ganz sicher schon früher wußte – ansonst Ich nicht schon des Morgens die ganze, große Gesellschaft zur rechtesten Zeit von Mir hinweg beschieden hätte –, da verließ Ich alsbald Nazareth und ging mit den zwölf Jüngern gen Sibarah an das Meer und da sogleich in ein Schiff und fuhr in die Gegend oberhalb von Bethabara. Im Schiffe selbst erzählten Mir die Jünger, was sie den Tag über auch sonst noch gelehrt und getan hatten, darum Ich sie denn auch belobte.
GEJ|2|95|2|0|Als wir aber an den Ort der vorgenommenen Bestimmung gelangten, da hieß Ich die Jünger, allein im Schiffe zu verweilen, und stieg allein ans Land und ging, bloß von ein paar Jüngern begleitet, in die Wüste, um ein Plätzchen zu suchen und zu bestimmen, wo Ich Mich einige Tage lang aufhalten könnte und sicher wäre vor den bekannten Nachstellungen des Herodes.
GEJ|2|95|3|0|Aber unserem Schiffe folgten in einiger Entfernung auch eine Menge anderer, kleiner Fahrzeuge und erfuhren dadurch leicht Meinen Aufenthalt, und das um so leichter, weil Ich durchaus nicht die Absicht hatte, Mich vor der hilfsbedürftigen Menschheit völlig zu verbergen.
GEJ|2|95|4|0|Es dauerte darum Mein Aufenthalt in dieser Wüste auch keinen Tag, als schon von allen Städten, Märkten und Dörfern eine große Menge Volkes herbeiströmte nebst den schon alten, über achthundert zählenden Jüngern, die in den früheren Städten und Märkten zu Mir gestoßen und am Morgen des vorhergehenden Tages von Mir in ihre Heimat beschieden worden waren. (Matth.14,13)
GEJ|2|95|5|0|Von diesen waren etliche von Kana in Galiläa und Kana in Samaria, etliche von Jesaira, etliche von Kis und Sibarah, von Kapernaum, Chorazin, Caesarea, Genezareth und Bethabara und machten Mich ruchbar noch in vielen anderen Orten, so daß aus allen diesen Märkten und Städten eine große Masse Volkes teils über den See und teils zu Fuß in die Wüste zu Mir kam, natürlich mit einer großen Menge von allerlei kranken und bresthaften Menschen. Wie schon früher erwähnt, so war kaum der Tag angebrochen, als schon bei tausend Pilger, Mir nach, Meine Lagerstätte auffanden und umlagerten.
GEJ|2|95|6|0|Es war aber Meine Lagerstätte, die Ich in der Wüste Mir gewählt hatte, eine geraume Höhle ohne eine hinterhaltige Öffnung. Diese Höhle lag ziemlich hoch und war mit Bäumen dicht umwachsen. Es war vor der Höhle auch ein sehr geräumiger freier Platz, auf dem etliche tausend Menschen mehr denn einen hinreichenden Lagerplatz finden konnten; und auf diesem Platze hatten sich denn auch die Menschen mit ihren Kranken gelagert.
GEJ|2|95|7|0|Da die Jünger, die um Meinen Aufenthalt wohl wußten, aber sahen, daß von allen Seiten her sich Massen von Menschen hinaufzogen und Meine Lagerstätte stets mehr und mehr umlagerten, so wurde ihnen bange um Mich. Sie überließen das Schiff ihren acht Schiffsknechten und begaben sich zu Mir hinauf, um Mir Nachricht zu geben, welche Massen von Menschen da zusammenkämen, und daß sie im Ernste nicht mehr dafür gutstehen könnten, ob nicht etwa Herodianer darunter sich befänden.
GEJ|2|95|8|0|Als die gutmütigen und besorgten Jünger Mir solche Nachricht brachten von dem, das Mir auch also bekannt sein mußte, da ging Ich aus der Grotte hervor und besah Mir das wahrlich große Volk, und es jammerte Mich wahrhaft desselben, als es Mich da mit tränenden Augen bat, daß Ich ihre mitgebrachten Kranken heile.
GEJ|2|95|9|0|Und Ich heilte denn auch in einem Augenblick alle die anwesenden Kranken (Matth.14,14), wie auch alle, die noch auf dem mühevollen Wege zu Mir hin waren. Darauf gab es natürlich des Lobens und Preisens kein Ende. Bis gen Abend noch strömten Menschen herbei, obschon ihre Kranken auf dem Wege heil geworden waren, damit sie ihren Dank und ihren Preis darbrächten. Der Platz vor der Grotte war schon nahe gedrängt voll, so daß es den Jüngern förmlich bange zu werden begann; junge Leute stiegen sogar auf Bäume, daß sie Mich besser beschauen konnten.
GEJ|2|95|10|0|Als aber der Abend hereinzubrechen begann, da traten die Jünger zu Mir und sprachen: „Herr, hier ist eine Wüste; die Nacht fällt schon herein und, wie wir allgemein bemerkten, so hat niemand etwas Eßbares bei sich! Laß daher das Volk von Dir, daß es in die näherliegenden Märkte ziehe und sich Brot und Speise kaufe!“ (Matth.14,15)
GEJ|2|95|11|0|Sagte Ich zu den Jüngern: „Es ist nicht nötig, daß die Menschen darum in die Märkte gehen, sondern gebet ihr ihnen zu essen! (Matth.14,16) Zu trinken brauchen sie nichts denn Wasser, das hier in reichen Quellen vorhanden ist.“
GEJ|2|95|12|0|Sagen die Jünger, etwas verwundert über Mein Begehren: „Herr, wir haben hier mit uns nichts denn fünf Brote aus Gerstenmehl und zwei gebratene Fische. (Matth.14,17) Was ist das für so viele Menschen?“
GEJ|2|95|13|0|Sage Ich zu den Jüngern: „Bringet sie Mir hierher!“ (Matth.14,18)
GEJ|2|95|14|0|Als die Jünger das taten, hieß Ich das Volk samt und sämtlich sich lagern aufs Gras, nahm darauf die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf gen Himmel und dankte dem Vater, brach darauf die Brote und gab sie den Jüngern, und diese gaben sie dem Volke. (Matth.14,19) Die beiden Fische aber und ein wenig Brot blieben diesmal für die Jünger.
GEJ|2|95|15|0|Und alle, die da waren, aßen genüglich davon und wurden alle genüglich satt. Da sie aber nicht alles aufessen konnten, so sammelten sie die übriggebliebenen Brocken in Körbe, die das Volk auf einer Reise gewöhnlich mitnahm; und die Körbe waren gewöhnlich ziemlich groß, da sie mittels der Achselbänder auf dem Rücken getragen wurden; und von den übriggebliebenen Brocken wurden zwölf solcher großen Körbe voll. (Matth.14,20) Derer aber, die da gegessen hatten, waren – ohne Weiber und Kinder gerechnet – bei fünftausend Mann. (Matth.14,21)
GEJ|2|95|16|0|Daß diese Speisung, die eine gute Stunde angedauert hatte, bei diesem Volke ein großes Staunen erregte, wird hoffentlich leicht zu begreifen sein, wie auch, daß dies Volk darauf gleich unter sich beschloß, Mich zu seinem Könige auszurufen.
GEJ|2|95|17|0|Da Ich aber solchen Plan des Volkes merkte, so gebot Ich den Jüngern, sogleich das Schiff zu besteigen und vor Mir hinüberzufahren ans jenseitige Ufer, bis Ich das Volk entließe. (Matth.14,22) Das tat Ich aber, um das Volk durch diese Bewegung an seinem Plane zu hindern, selben in die Ausführung zu bringen. Denn es begannen einige Männer eben mit den Jüngern darob Zwiesprache zu führen, an Mir das zu begehen aus übergroßer Dankbarkeit. Mir aber getraute sich niemand zu nahen!
GEJ|2|95|18|0|Mit der alsbaldigen Hinwegsendung der Jünger räumte Ich sonach dem Volke das Mittel aus den Händen, und als die Jünger sich auf Mein Wort hin schnell auf das Schiff begaben zur mondhellen Nachtzeit, da stand auch alsbald das Volk mehr und mehr von seinem Plane ab. Nach dem Abzuge der Jünger aber, die bereits schon einige Ruten (1 Rute 3,8 m) weit in die See getrieben hatten, entließ Ich sogleich das gesamte Volk, das sich auch sogleich willig von dannen begab.
GEJ|2|95|19|0|Darauf bestieg Ich ganz allein einen nahen kahlen Berg und betete da, um Mein Fleischlich-Menschliches noch inniger mit dem Vater zu einen. Auf dieses Berges Kuppe weilte Ich denn ganz allein (Matth.14,23) und konnte recht gut sogar mit den fleischlichen Augen beim hellen Mondscheine ausnehmen, wie das Schiff der Jünger, schon auf der Mitte des Meeres, da es eben nicht sehr breit war, große Not litt von den Wellen, die ein widriger, ziemlich heftiger Wind dem Schiffe entgegentrieb. (Matth.14,24)
GEJ|2|96|1|1|96. — Die Jünger auf dem stürmischen Meer
GEJ|2|96|1|0|Daß die Jünger darob gerade nicht bei der besten Laune waren, läßt sich leicht denken; sie machten über Mich mannigfache Bemerkungen und Glossen, und selbst ein Petrus sagte: „Hat Er denn für diese Nacht nichts Besseres für uns gewußt, als uns dem sicheren Tode in den Wellen preiszugeben? Ist wahrhaft ein wenig sonderbar von Ihm! Ich getraue mir kaum weiter rudern zu lassen; denn ein paar Ruten weiter kommen wir auf Untiefen, Klippen und Sandbänke, und ich, als ein grau gewordener Schiffer, stehe dann weiter für nichts gut! Daher ist es besser, daß wir uns sogar bis gen Morgen hier auf der Höhe halten!“
GEJ|2|96|2|0|Sagt Thomas: „Möchte aber auch wissen, was Er damit gewollt hat, daß Er uns so plötzlich von Sich wies und förmlich gebot, daß wir vor Ihm herüberfahren sollten!“
GEJ|2|96|3|0|Sagt Andreas: „Meines Wissens weilt nun längs der wüsten Küste kein Schiff; ich frage: Wie wird Er uns nachkommen? Will Er etwa den Weg zu Land machen, so braucht Er gut vierzehn Stunden, um auf der unteren Seite des Meeres über Sibarah und Kis dahin zu gelangen, wo wir zu landen beabsichtigen; will Er aber über den Oberteil des Meeres dahin gelangen, so braucht Er zwei gute Tagereisen; denn dort ist unser Meer am breitesten und hat starke Einbuchtungen und weitgedehnte Versumpfungen.“
GEJ|2|96|4|0|Sagt Judas Ischariot: „Ihr wißt alle zusammen nichts! Ich habe es schon lange gemerkt, daß wir ihm lästig geworden sind; aber es hat sich nur keine günstige Gelegenheit dargeboten, uns auf eine gute Art loszuwerden. Und seht, die Gelegenheit hat sich gemacht, und er ist uns und wir ihn los! Nun können wir ihn mit allen Fackeln suchen gehen, und wir werden ihn schwerlich je wieder zu Gesicht bekommen! Ob das von ihm aber – unter uns gesagt – gerade löblich ist, das ist eine andere Frage!“
GEJ|2|96|5|0|Sagt Johannes der Liebling: „Nein, das tut Er ewig nie! Da kenne ich Ihn zu lange und zu gut! Das würde er nicht einmal als Mensch tun, geschweige als Gottes Sohn, der Er nun wohl ohne allen weiteren Zweifel ist in aller Fülle der Innehabung des göttlichen Geistes! Daß Er das getan, hat sicher – wie alles, was bisher geschehen ist – seinen höchst weisen Grund, und so wird das auch seinen sicher höchst weisen Grund haben! Und ich ahne es lebendig in mir, daß wir uns davon jüngst überzeugen werden!
GEJ|2|96|6|0|Mein Gott, wenn Er, dem Himmel und Erde gehorchen, uns weghaben wollte, so bedürfte es nur eines leisesten Hauches aus Seinem Munde, und wir alle ständen am andern Ende der Welt, gleichwie es erst etwa vor drei Wochen oder höchstens einem Monate auf dem Hochgebirge von Kis, das wir von hier aus noch sehr gut sehen, auch nur eines Hauches aus Seinem Munde bedurfte, und wir machten eine blitzschnelle Reise durch die Luft und waren in einem Augenblick auch schon bei Ihm auf der Höhe! – Mein lieber Bruder Judas, nur mit solchen gar lächerlich dummen Meinungen von Ihm mußt du mir nicht kommen; denn damit legst du allzeit ein Zeugnis deines Unglaubens ab!“
GEJ|2|96|7|0|Sagt Nathanael, der auch im Schiffe war: „Ich bin sonst ganz der Meinung des lieben Bruders Johannes; aber nur das meine ich, daß es denn doch bei aller unserer Gewissenssorgfalt etwa doch möglich wäre, daß wir uns irgendwo und irgendwodurch gegen Ihn versündigt haben und Er es uns nicht hat sagen wollen, sondern uns dafür uns selbst überlassen hat, daß wir uns inniger und tiefer beschauen sollten. Er wird dann schon wieder zu uns kommen, wenn wir uns völlig werden gereinigt haben.
GEJ|2|96|8|0|Freilich habe ich nun mein Gewissen schon ganz entsetzlich durchforscht, kann aber leider nichts finden, was mir als ein Unrecht dünkte. Wahrlich, für mich wäre nun eine bewußte Sünde eine ordentliche Wohltat; denn sie wäre mir ein Licht, an dem ich erkennen würde, daß ich diese Verweisung vom Herrn aus verdient habe, und eine aufrichtige Reue wäre ein Balsam für mein Herz! Aber so suche ich mit allem Eifer eine Sünde an mir und kann keine finden, um derentwillen es sich der Mühe lohnte, in Sack und Asche Buße zu tun! Wahrlich, jetzt beneide ich einen Sünder! Es sei ferne, daß ich darum ein Sünder werden möchte; aber so ich nun einer wäre, wäre es mir leichter ums Herz! Oh, wie süß muß es sein, vor Gott und den Menschen ein rechter Büßer zu sein! Aber wie kann ein stets gerechter Mensch, ohne sich vor Gott lächerlich zu machen, das Gewand der strengsten Buße anziehen?“
GEJ|2|96|9|0|Sagt Bartholomäus: „Aber was du doch für sonderbare Ideen oftmals hast! Wem könnte es denn je einfallen, einen Sünder als glücklicher anzupreisen denn einen Gerechten?“
GEJ|2|96|10|0|Sagt Johannes: „Hat nicht ganz unrecht! Freilich wird hier nur ein Sünder aus Schwäche und manchmal unüberlegter Leidenschaft, nicht aber ein abgefeimter Knecht der Hölle verstanden; und da möchte unser Bruder Nathanael eben nicht ganz unrecht haben!“
GEJ|2|96|11|0|Sagt Jakobus: „Ja, ja Brüder! Unser Nathanael ist ein Mann, dem wir, was die tiefe und feine Weisheit betrifft, alle zusammen nicht das Wasser reichen können; denn er versteht es so recht aus der Tiefe herauszuholen! Er ist immer der Stille und Wortkarge; aber wenn er spricht, da muß man ihn hören! Denn seine Worte sind stets inhaltschwer!“
GEJ|2|96|12|0|Sagt Nathanael: „Aber Bruder Jakobus, lobe mich doch nicht immer, wenn ich dann und wann etwas sage! Der Herr weiß es ja am besten, was an mir und meiner schwachen Weisheit ist; denn wäre etwas daran, da wäre ich auch schon lange dir gleich ein Bote geworden, so aber bin ich noch immer nur ein Schüler, weil es der Herr wohl wissen wird, was mir noch abgeht. Ich habe wohl einen poetischen, aber darum noch lange keinen prophetischen Geist! Da siehe dir den jungen Bruder Johannes an, der ist ein Prophet schon von der Wiege an; das weiß der Herr und hat ihn darum zu Seinem Geheimschreiber gemacht!“
GEJ|2|96|13|0|Sagt Johannes: „Ah, warum nicht gar! Was wäre denn hernach der Bruder Matthäus?“
GEJ|2|96|14|0|Sagt Nathanael: „Der ist des Herrn Offenschreiber – und nur du Sein Geheimschreiber!“
GEJ|2|96|15|0|Sagt Johannes: „Mag wohl sein! Und wenn es so ist, so will es der Herr also, und wir müssen es nehmen, wie es uns der Herr gibt!“
GEJ|2|96|16|0|Brummt Judas Ischariot darein: „Wird euch fortan wahrscheinlich nichts mehr geben! Der Stundensand ist bereits viermal abgelaufen, während wir hier noch immer zwischen Luft und Wasser schweben, was soviel sagen will: als zwischen Leben und Tod; und ich entdecke noch immer kein Fahrzeug, das uns nachführe!“
GEJ|2|96|17|0|Sagt Johannes: „Das macht ja auch nichts; denn Er hat es uns ja nicht zeitbestimmlich gesagt, wann Er nachkommen werde!“
GEJ|2|96|18|0|Sagt Judas: „Dafür wird er wahrlich seinen wohlweisen Grund haben! Das verstehen wir!“
GEJ|2|96|19|0|Sagt Johannes: „Freund, sage du mir einmal denn doch ganz aufrichtig, ob du denn nach allem dem, was du doch mit deinen höchst eigenen Augen gesehen und mit deinen höchst eigenen Ohren gehört und sicher mit allen deinen Sinnen gefühlt und empfunden hast, noch nicht glaubst, daß unser Herr Jesus, so gewiß ich Johannes heiße, wahrhaft Gott ist und Ihm alle Gewalt, in den endlosen Himmeln und auf dieser Erde zu schaffen, zu schalten und zu walten, vollkommen eigen ist! Ich bitte dich, daß du mir ein aufrichtiges Wort redest!“
GEJ|2|97|1|1|97. — Judas preist die Wunder der Essäer
GEJ|2|97|1|0|Sagt Judas: „So ich das gleich so ohne alles Bedenken glaubte, da müßte ich so schwach sein wie du und mehrere von euch! Es ist im ganzen noch kaum ein halbes Jahr, daß wir bei ihm sind und so manches gehört und gesehen haben, was unleugbar außerordentlich und wunderbar ist, und ihr, die ihr ganz einfache Leute seid und noch nie etwas anderes gesehen und gehört habt als diesen, uns alle freilich himmelhoch überragenden Jesus, ihm allerdings die volle Göttlichkeit beimessen müsset. Für euch genügen diese seine Werke und Reden ganz sicher; aber bei mir steht die Sache ganz anders, da ich weit herumgekommen bin und viel anderes Wunderbare gesehen und gehört habe hie und da! Gehet zu den Essäern und sehet, welche Werke sie verrichten, und ich wette, ihr haltet sie alle für lauter Götter, gleich den Römern und Griechen, die ihnen sogar reiche Opfer spenden, weil sie meinen, daß sie Götter seien.
GEJ|2|97|2|0|Sehet, alles das, und hie und da noch Außerordentlicheres, was unser Jesus tut, könnt ihr ebensogut bei den Essäern sehen. So es aber auf der Erde noch eine Menge Menschen gibt, die das leisten, was unser Meister Jesus leistet, da sehe ich denn doch unmöglich ein, wie und warum wir ihm so ganz eigentlich die ausschließlichen Prärogative (Vorrechte) der totalen Göttlichkeit als ungezweifelt wahr beilegen sollten.
GEJ|2|97|3|0|Ja, wenn er der einzige auf der Erde wäre, dem die Elemente gehorchen, dann wäre es mit dem Glauben an seine Göttlichkeit ein leichtes; aber da es, meiner nur zu lebendigen Erfahrung zufolge, mehrere solcher Menschen auf der lieben Erde gibt, die einen Rock ohne Naht am Leibe tragen, so muß unser Jesus noch viel mehr leisten, auf daß wir ihm die ausschließlichen göttlichen Prärogative beilegen und dann sagen und ungezweifelt glauben können: Das ist Jehova, wie Er von Ewigkeit her war!
GEJ|2|97|4|0|Ihr haltet die Erweckungen vom Tode, die plötzliche Vermehrung von Speisen und Getränken, die Herstellung von Gebäuden und das Zeichentun in den Mond und in die Sonne für Gotteswunder! Das ist aber noch lange nicht genügend, die Göttlichkeit eines, solches zu wirken imstande seienden Menschen zu erweisen; denn solches und ähnliches habe ich zu öfteren Malen bei den Essäern gesehen. Die Heilung der Kranken wird dort nur so nebenbei betrieben; aber ich selbst war Zeuge, wie der Oberste der Essäer in den Mond hineingeschrieben hat in drei Sprachen! So war ich Zeuge, wie er die Sonne einmal am hellen Mittage total verfinstert hat! Er hatte seine Zeichen und eine Rechnung gemacht und sagte zu uns darauf: ,In einer Stunde will ich eine Plage den Menschen geben; ich werde die Sonne auf mehrere Augenblicke lang vollkommen finster machen, und es soll finster sein auf der ganzen Erde!‘
GEJ|2|97|5|0|Wir andern machten auf diese, eben nicht gar zu angenehme Verheißung ganz große Augen und warteten mit ängstlicher Spannung auf die verheißene Plage, welche mit jedem Augenblick an der Wahrscheinlichkeit gewann, da es nach und nach auf diese Verheißung stets dunkler und dunkler zu werden begann! Als der Sand nahezu abgeronnen war, streckte der Oberste seine Hände aus und sprach in langsamem Pathos: ,Ich will es! Sonne, werde finster!‘ Da ward die Sonne finster, und auf der ganzen Erde war es finster wie zur Nachtzeit. Nach einigen Augenblicken, und zumeist durch unsere glühende Bitte bewogen, streckte er wieder seine Hände aus, deren Finger wie glühend aussahen, und sprach zur Sonne: ,Es genügt die Plage den Menschen; darum entzünde dich nach und nach wieder und erleuchte und erwärme den Erdkreis!‘ Und sehet, auf solch sein Geheiß ward die Sonne gleich wieder leuchtend und nach einer halben Stunde mit all ihrer Wärmekraft wieder beisammen!
GEJ|2|97|6|0|Also stand unweit des großen Wohnschlosses der Essäer in ihrem großen, mit hohen Mauern eingefriedeten Garten ein bedeutender Berg, der gut die zweifache Höhe eines Schlosses hatte. Ich kam alle Jahre viermal mit allerlei Kochgeschirren zu den Essäern; einmal sagte einer der Essäer zu mir: ,Wenn du wieder ein großes Wunderwerk von der Kraft des Willens unseres Obersten sehen willst, wie sich auch Berge seinem Rufe fügen müssen, so bleibe heute hier! Siehe, jener Berg dort ist uns im Wege; heute siehst du ihn noch als Berg, und morgen wirst du an seiner Stelle einen prachtvollsten Palast ersehen!‘
GEJ|2|97|7|0|Ich besah mir den Berg, der kaum vierhundert Schritte vom Wohnschlosse abstand, genau, und meine Augen trügen nicht, es war ein nackter, hie und da nur mit spärlichem Moose und Kleingestrüppe bewachsener Felsblock. Da sagte ich lächelnd zum Essäer: ,Wenn das im Ernste ein Felsberg ist, woran ich nicht zweifle, so muß eurem Obersten eine rein göttliche Kraft innewohnen, so er aus diesem Marmorberge über die Nacht einen Palast zu schaffen imstande wäre!‘
GEJ|2|97|8|0|Darauf sagte der Essäer: ,Zweifelst du etwa, daß der Berg ein ungeheurer Steinklotz ist? Wenn du zweifelst, so gehe mit mir und überzeuge dich!‘ Ich aber sagte: ,Freund, was meine scharfen Augen sehen, das brauche ich nimmer mit den Händen anzutasten; denn auf vierhundert Schritte unterscheide ich noch die kleinsten Gegenstände!‘ Sagte der Essäer: ,Nun gut denn, so bleibe hier, und ich werde eine Menge wunderbarer Erscheinungen produzieren!‘ – Ich kann noch nicht staunen genug, was ich da alles gesehen habe!
GEJ|2|97|9|0|Der Essäer führte mich in eine große, dunkle Kammer, in der wenigstens hundert Leichen auf eigenen Leichenbetten umherlagen, und der nur zu bekannte starke Leichengeruch sagte mir nur zu deutlich, daß die da in einer weiten Reihe umherliegenden Leichname keine lebenden Menschen mehr waren. Während wir beide unter den vielen Leichen umhergingen und sie auch hie und da befühlten, brachten vier Träger noch zwei hinzu, legten die Entseelten auf noch leere Betten und verließen darauf die Kammer.
GEJ|2|97|10|0|Ich fragte meinen Führer, ob er denn keine Scheu habe vor so vielen Toten! Und er entgegnete: ,Warum denn? Solange sie tot sind, können sie uns nichts tun, und wenn ich sie wieder ins Leben rufe, werden sie mir darum nur danken, daß ich sie vom sichern und gewissen Tode wieder zum Leben erweckt habe! Siehe, es sind darunter Männer, Weiber und Mägde! Es ist nur schade, daß diesmal keine Kindlein darunter sind. Aber sei standhaft und erschrick nicht, wenn sich auf mein Wort alle von den Lagern erheben werden!‘
GEJ|2|97|11|0|Ich stellte mich so hübsch nahe an die Ausgangstüre, um im Falle der Not bald das Freie zu gewinnen.
GEJ|2|97|12|0|Der Essäer aber erhob seine Hände und rief mit mächtiger Stimme: ,Erwachet ihr Toten alle, lebet danach fort und erwerbet euch mit euren lebendigen Händen redlich euer Brot! Gebet aber auch vor allem dem höchsten Gottgeiste die Ehre darum, daß er uns Menschen solche Weisheit und Kraft gelehrt hat!‘
GEJ|2|97|13|0|Auf diese Worte des Essäers erhoben sich alle Toten und dankten mit großer Inbrunst dem Essäer für die Erweckung und waren völlig gesund und voll Freundlichkeit. Er begrüßte sie ebenfalls sehr freundlich und entließ sie hernach.
GEJ|2|97|14|0|Das wird etwa doch auch eine Totenerweckung sein, wenn einhundertundzwei Leichname auf einmal wieder ins Leben gerufen werden!? – Ich fragte darauf den Wundermann, ob so etwas im Jahre mehrere Male geschehe. Und er sagte: ,Das geschieht in jeder Woche einmal. Der Oberste aber kann auch ganz entfleischte Gerippe wieder vollkommen also beleben, daß sie darauf ebenso vollkommen wieder leben wie diese, die ich hier erweckt habe! Aber diese Kraft besitze ich noch lange nicht!‘
GEJ|2|97|15|0|Er führte mich darauf in eine andere, noch dunklere Kammer und zeigte mir eine große Menge von puren Gerippen, die ebenfalls auf reihenweise gestellten Bänken lagen. Ein Mattlicht nur erhellte diese schreckliche Kammer ein wenig; aber man konnte die Gerippe ganz leidlich ausnehmen.
GEJ|2|97|16|0|Wir besahen uns eine Weile diese höchst leblosen Gebeine. Da kam der Oberste furchtbar ernsten Aussehens und fragte meinen Führer, ob ihm die Wiedererweckung der Leichen völlig gelungen sei. Und er antwortete darauf mit einem allerehrfurchtsvollsten ,Ja, hoher, weisester Meister!‘. Darauf sprach der Oberste: ,Nun, so habe denn auf alles acht; dich will ich nun auch in Gegenwart dieses Fremden einweihen, daß du in Zukunft auch die entfleischten Totengebeine sollst zum Leben erwecken können! Gehe hin und betaste mit dem Daumen und dem Mittelfinger beider Hände bloß die Brust und den Schädel der Gerippe, darauf zähle langsam bis sieben und rufe darauf laut: ,Umhüllet euch mit Fleisch und Haut, und das Lebensfeuer dringe aus den Wänden hervor und belebe euch zu ordentlichen Menschen!‘
GEJ|2|97|17|0|Solches tat nun augenblicklich mein Führer, und auf dessen letzten Ruf schossen auch im vollsten Ernste starke und reine Flammen hervor, und die ehemaligen Gerippe, von denen nun keine Spur mehr zu entdecken war, standen als vollkommene Menschen voll Leben und voll Regsamkeit, auch bei hundert an der Zahl, vor uns, begrüßten uns und dankten dem Obersten für diese erwiesene Gnade. Dieser beschied sie hinaus in die frische Luft, die ihnen nun not täte vor allem. –
GEJ|2|97|18|0|Was saget ihr zu allem dem? Wie weit hinten steht da noch unser Meister! –
GEJ|2|97|19|0|Darauf ward ich zum Speisen geladen, und wir setzten uns an einen langen, speisenleeren Tisch. Der Oberste verrichtete in einer fremden Zunge ein Gebet, sah gen Himmel, und wir alle folgten seinem Beispiele. Da krachte es auf einmal, als ob des Zimmers Decke eingestürzt wäre; und sehet da, weder ich noch sicher jemand anders konnte sich's versehen, wie die Sache vor sich gegangen war, – und wir saßen an demselben Tische zwar noch, aber er war nun nicht mehr leer, sondern vollbesetzt mit den besten Speisen und Getränken, wie sie sich für ein königliches Abendmahl schicken! Nach dem Abendmahle besah ich mir noch einmal den Berg, der während der Nacht in einen Palast umgestaltet werden sollte, und begab mich darauf nach der Ordnung der Essäer in ein abgesondertes Gemach zur Ruhe.
GEJ|2|97|20|0|Früh am Morgen schon kam mein Führer zu mir und sprach: ,Komm und schaue!‘ Und ich ging voll Neugierde mit ihm, – und von dem Felsen war keine entfernteste Spur mehr vorhanden! An dessen Stelle stand ein großer königlicher Palast, in dessen weiten Gemächern ich herumgeführt wurde, wobei ich mich fest überzeugt habe, daß das ganze Wunder kein Blendwerk war. –
GEJ|2|97|21|0|Ich aber frage euch nun, ob uns unser Meister Jesus etwas Höheres und Wunderbareres vorgeführt hat! Und ihr erkläret ihn schon für den Jehova Selbst!
GEJ|2|97|22|0|Es sollte euch darum in der Folge, wenn wir noch einmal das Glück haben sollten, ihn zu sehen, nicht allzeit ärgerlich erfassen, so ich von Zeit zu Zeit irgend Fragen stelle, die euch, wie ihm, sicher nicht munden; denn ich habe viel Wunderbares vor Jesu gesehen und gehört, und so ihr das recht wohl bedenket, so kann es euch alle, wenn ihr einige männliche Kraft in euch verspüret, nimmer ärgerlich wundernehmen, so ich mich manchmal ein wenig absonderlich gebärde!“
GEJ|2|98|1|1|98. — Johannes und Bartholomäus erklären dem Judas die Trugwunder der Essäer
GEJ|2|98|1|0|Sagt Johannes: „Das, was du uns jetzt von den Essäern erzählt hast, habe ich, und so mancher von uns, schon lange gewußt! Aber wir wissen noch mehr als du, und das besteht darin, daß wir wissen, daß eben deine uns angerühmten Essäer noch viel großartigere Betrüger und Halunken sind als die bekannten, jetzt schon nahezu allen Glauben verloren habenden Seher von dem Orakel zu Delphi!
GEJ|2|98|2|0|Denn diese Menschen – noch ein Überbleibsel aus der alten ägyptischen Priesterkaste, versehen mit großen Schätzen, bestehend in Gold und Silber und den kostbarsten Edelsteinen und Perlen – haben sich an der Grenze zwischen unserem gelobten Lande und Ägypten eine wahre Wundermühle errichtet und besitzen eine zweite nun schon in der Nähe von Jerusalem, mit der sie auch schon die besten Geschäfte machen! Siehe, das wissen wir, und es wundert uns sehr, daß du, der du doch sonst nicht auf den Kopf gefallen bist, das nicht wissen solltest!“
GEJ|2|98|3|0|Sagt Judas: „Ich habe doch allzeit meine gesunden fünf Sinne bei mir gehabt!“
GEJ|2|98|4|0|Sagt Johannes: „Und hast dennoch nichts gesehen und gehört und nichts gefühlt und begriffen! Meinst du denn, daß die Toten, die du hast erwecken sehen, wirkliche Tote waren?“
GEJ|2|98|5|0|Sagt Judas: „Was sonst?“
GEJ|2|98|6|0|Sagt Johannes: „Siehst, wie du da in der eigens dafür dunklen Kammer nichts gesehen hast!? Die dir gezeigten Toten waren als dir gezeigte Tote ebenso lebendig wie du, und der Erweckungsruf war nichts als ein Zeichen, wann sich diese von ihren scheinbaren Totenbetten zu erheben hatten. Da frage unsern guten Bruder Bartholomäus, der zwei Jahre lang als Toter bei den Essäern in gutem Dienste war, aber nach zwei Jahren endlich dennoch eine gute Gelegenheit fand, ganz geheim aus dem furchtbaren Kloster dieser Betrüger zu entkommen; der wird es dir schon erzählen, auf welche Art und Weise die Essäer ihre Toten erwecken!
GEJ|2|98|7|0|Er war, wie er mir oft erzählt hat, alle Wochen hindurch viermal tot! Zuerst in der Kammer der jüngst Verstorbenen und darauf gleich noch einmal in der Kammer der Totengerippe, wo die schwarzen Gestelle, auf deren Deckeln die Gerippe zumeist nur gemalt und nur auf den ersten, wegen des Anfühlens seitens der eingeführten Fremden, aus Holz geschnitzt angeheftet sind, in Reihen angebracht sind. Diese Gestelle sind Bänke mit halbrunden Überdeckeln, die mit der Unterbank mit Bändern zum Auf- und Zumachen versehen sind. Die lebendigen Menschen müssen sich auf die Unterbank legen; dann werden über sie die beiden Seitenflügel, die auf der Außenseite mit der Totengerippgestalt zumeist nur bemalt sind, geschlagen. Kommen dann ein oder mehrere Fremde, und zwar in die sehr dunkel gehaltene Kammer, so wird die Erweckung bewerkstelligt. Der Erweckungsruf ist dann wieder nichts anderes als ein Zeichen zuerst für die zwölf außerhalb der Wände der Gruft vor den bestimmten Öffnungen harrenden Knechte, die auf solchen Ruf fein gepulvertes Harz, das in eine Röhre gestreut ist, über kleine, flammende Pechpfannen in die Öffnungen hinein- und hindurchzublasen haben, was allzeit einen großen Flammenqualm verursacht.
GEJ|2|98|8|0|Wenn nun auf den Ruf diese Flammen aus den Wänden hervorschlagen, so erschrecken die Fremden, und in diesem wohlberechneten Verwirrungsaugenblick müssen die auf den Bänken Liegenden schnell die Deckel auseinanderreißen und sich dann langsam von ihren Bänken erheben und darauf des Scheines halber in aller Zerknirschtheit ihrem Erwecker den Dank und den Preis darbringen. – Siehe, darin besteht die Totenerweckung in der Gerippekammer! Da aber steht der Bruder Bartholomäus als Zeuge!“
GEJ|2|98|9|0|Sagt Judas, die Posserei einsehend, ganz verdutzt: „Nicht übel! Der Betrug ist fein ausgedacht und muß diesen Lumpen sehr viel Geld eintragen. Aber, wie machten sie denn hernach aus dem Felsberge den Palast?“
GEJ|2|98|10|0|Sagt nun Bartholomäus: „Der Palast ist schon lange erbaut! Hast du aber über dem Palaste auf einem starken und hohen Pfeiler nicht eine große Kuppel gesehen?“
GEJ|2|98|11|0|Sagt Judas: „O ja, die habe ich wohl gesehen und bewundert!“
GEJ|2|98|12|0|Sagt darauf Bartholomäus: „Siehe, in der Kuppel liegt das leinwandene Geheimnis, wie die Essäer diesen Palast in einer halben Stunde in einen scheinbaren Berg und in einer gleichen Zeit den Scheinberg wieder in den wirklichen Palast verwandeln können! – Verstehst du mich, oder muß ich mich deutlicher ausdrücken?“
GEJ|2|98|13|0|Sagt Judas: „Oh, ich verstehe dich nur zu gut! Aber wer sollte das meinen, daß diese so fromm und weise tuenden Kerle mit gar so lumpigen Salben gesalbt sein sollen? – Ja, wie ist es denn dann mit der Schrift im Vollmonde und mit der totalen Verfinsterung der Sonne?“
GEJ|2|98|14|0|Sagt Bartholomäus: „Das geht gar ins Lächerliche, und ich habe diesen künstlichen Mond mit fünfzig andern starken Männern gar oft auf einer ungeheuer langen Stange vom Erker des Schlosses in die freie Luft in einer schiefen Richtung hinaushalten müssen! Der Mond selbst aber besteht aus einem bei zwei Spannen breiten Siebreife, der zu beiden Seiten mit weißem Pergamente überzogen ist. Der Reif hat einen Durchmesser von zehn starken Handspannen und ist inwendig, das heißt innerhalb der beiden Pergamentdeckel – und zwar in der Mitte des Kreises – mit vier Öllampen versehen, die, angezündet, innerhalb der beiden weißen Pergamentdeckel einen starken Schein verbreiten. Die dem Schlosse zugekehrte Seite ist mit ziemlich großen, sehr schwarzen Lettern in drei Zungen beschrieben. Wenn nun ein Fremder schnell an ein bestimmtes Fenster geführt wird, so ersieht er scheinbar am Firmamente den beschriebenen Vollmond, den, wie gesagt, fünfzig starke Menschen auf einer gut bei zwölf Klafter langen Stange, die vom Fremden aus dem bestimmten Fenster nicht bemerkt werden kann, schief quer über hoch in der Luft emporhalten. – Nun, wie gefällt dir der Vollmond?“
GEJ|2|98|15|0|Sagt Judas: „Ach, höre auf, das geht ja ins rein Scheußliche alles Betruges! – Ja, wie ist dann die Verfinsterungsgeschichte mit der doch wirklichen Sonne?“
GEJ|2|98|16|0|Sagt Bartholomäus: „Das geht durch eine gewisse kunstvolle Berechnung, aus der sich die Zeit einer künftigen natürlichen Sonnenfinsternis, die, wie mir einer einmal erklärte, durch den Mond, wenn dieser am Tage über die Sonne hinweggeht, bewirkt wird, genau soll ermitteln lassen. An dieser Berechnung ist aber auch allein etwas daran, weil sie wirklich ins Gebiet des menschlichen reinen Wissens und Kennens gehört, und die Essäer haben sie von Ägyptern erlernt. Was aber den anfangs leeren und darauf gedeckten Tisch voll Speisen betrifft, so ist auch das auf einer höchst einfachen Maschine beruhend, die ungefähr auf die Weise wie die Gerippebänke in der dunklen Kammer bestellt ist!
GEJ|2|98|17|0|Sieh, sogestalt sehen die Wunder der Essäer aus, von denen du aber nicht den hundertsten Teil gesehen hast, und die ganz geeignet sind, jeden Nichteingeweihten, wenn auch sonst noch so vernünftigen und erfahrenen Menschen, auf das allerweidlichste breitzuschlagen.
GEJ|2|98|18|0|So ist in einem entferntesten Winkel des großen, mit sehr hohen Mauern eingefriedeten Gartens ein Wald, in dem der Fremde die Bäume reden hört; in einem andern Teile des Gartens reden die Felsen, und an einem dritten Ort kannst du sogar eine aus der Erde sprudelnde Quelle reden hören! In einem Bassin aus Quadern, über eine Klafter tief gemauert, befindet sich eine Menge zahmer Schlangen, die täglich mit Milch gefüttert werden. Diese reden auch dann und wann! An einem andern Punkte des Gartens spricht sogar das Gras! – Es wäre da viel zu reden, wenn man das alles beschreiben möchte; es genügt, so ich dir sage, daß da nahezu Tag für Tag bei 30 bis 40 Fremde breitgeschlagen werden um viel Gold und Silber!“
GEJ|2|99|1|1|99. — Die Philosophie der Essäer
GEJ|2|99|1|0|(Bartholomäus): „Das Schönste aber ist noch das, daß dann und wann auch wirklich verstorbene Kinder reicher Eltern zur Wiedererweckung angenommen werden, wo aber der wiedererweckte Sohn oder die wiedererweckte Tochter den Eltern nicht vor einem, manchmal auch zwei Jahren wiedergegeben werden. Wenn durch vieles Bitten und um vieles Gold und Silber eine verstorbene Tochter oder ein verstorbener Sohn in der Erweckungsanstalt der Essäer angenommen wird, so geht so eine Art Heiland von einem Essäer zu den traurigen Eltern und erkundigt sich haarklein um alles, was das verstorbene Kind nur immer betreffen mag. Es muß da genau das Alter angeführt werden, so auch alles, was das verstorbene Kind je gehört, gesehen und gelernt hatte, ob und was es gerne gegessen und getrunken, wie sein Bett und Wohnzimmer aussah, wer und wie beschaffen des Kindes Gespielen und Freunde waren, was sich alles unter ihnen zugetragen, und bei welchen Gelegenheiten und an welchen Orten; kurz, da darf nicht die geringste Kleinigkeit verschwiegen werden, – denn sonst, sagt der Essäer, kann die Wiedererweckung nicht bewerkstelligt werden!
GEJ|2|99|2|0|Die guten Eltern erzählen das auch gerne haarklein und meinen ungezweifelt, daß der forschende Essäerheiland solches vollwahr zur Erweckung ihres verstorbenen und vielgeliebten Kindes benötige. – Allein der Essäer braucht solches zu etwas ganz anderem!
GEJ|2|99|3|0|An der Grenze von Ägypten haben die Essäer eine große Menschenzuchtanstalt von allen möglichen Arten und Gestalten, nehmen ganz geschickt ein Abbild von dem Verstorbenen, den sie darauf bald und recht tief in die Erde begraben. Mit dem Abbilde gehen sie dann in ihre große Zuchtanstalt und suchen sich unter den mehreren Tausenden von Kindern jeden Alters das dem Abbilde des Verstorbenen ähnlichste heraus, nehmen es mit und erziehen es dann auf das sorgfältigste in allem dem, was sie vom Verstorbenen wissen, und führen es oftmals ganz geheim an die Orte hin, an denen der Verstorbene oft war, laden nach und nach auch dessen Freunde ins Kloster und machen den Neuerweckten mit ihnen vorteilhaft bekannt. Sie machen ihn mit der Einrichtung des zukünftigen Elternhauses auf das möglichst genaueste bekannt, beschreiben alle Zimmer, damit der seine Eltern dann um alles fragen kann und die Eltern dadurch eine wahrhaftige Freude haben an ihrem Sohne oder an ihrer Tochter. Kurz, es wird die Sache so klug bestellt, daß die Eltern darüber auch nicht den allergeringsten Zweifel haben, daß der von der Erweckungsanstalt ihnen als wieder lebendig zurückgegebene Sohn oder die Tochter echt sei. Natürlich wird dann bei der Rückgabe ungeheuer gezahlt, und das mit vielen Freuden.
GEJ|2|99|4|0|Den armen Eltern kommt so ein Wunder freilich fast nie zugute; aber sie werden dafür recht herzlich getröstet und durch allerlei kleine, wenig kostende Wunder im Glauben bestärkt, daß ihr verstorbenes Kind in geradester Linie ins Elysium aufgefahren sei, und das macht die armen Eltern dann auch wieder frohgestimmt.
GEJ|2|99|5|0|Im Grunde aber haben diese Essäer gar keine schlechten Lebensgrundsätze; denn sie sagen: ,Es muß eine Gesellschaft von tiefgebildeten Menschen unter den Menschen sein, die dann für die Beglückung ihrer Nebenmenschen alles aufzubieten hat, was auch immer für Mittel sie zum Zwecke für vollends tauglich findet. Solch eine gebildete Gesellschaft hat durch ihr jahrelanges Lernen, Denken und Forschen gefunden, daß der Tod die letzte Linie aller Dinge ist, und daß es nach dem Tode kein Bewußtsein und kein Leben unter irgendeiner Form mehr gibt. Die Glieder der Gesellschaft aber haben Philosophie genug, um das Leben zu verachten und lange nicht als der Güter Höchstes zu betrachten; aber um die Außenmenschen glücklich zu machen, muß ihnen noch ein vollkommeneres Leben der Seele nach dem Tode gepredigt werden. Um den Außenmenschen aber solches fest begreiflich zu machen, muß man Scheinwunder zu Hilfe nehmen. Je außerordentlicher dieselben zustande gebracht werden können, desto wirksamer sind sie!
GEJ|2|99|6|0|Dazu aber gehört von seiten der eingeweihten Mitglieder stets die tiefste Verschwiegenheit, und ein jeder hat die strengste Pflicht, vor den Außenmenschen die Wahrheit zu fliehen, mehr denn die Pest; denn jede Wahrheit macht den Menschen zum Sklaven des Todes. Darum auch schon Moses in seiner Genesis auf diesen Umstand in einem einzigen, kurzen Verse mit der reinen Wahrheit zum Vorscheine kam, da er sagte: ,Wenn du vom Baume der Erkenntnis – was soviel heiße als vom Baume der Wahrheit – essen wirst, da auch wirst du sterben!‘ Und so geht es mit jedem Menschen, der allenthalben nach der Wahrheit trachtet und sich ihr, und somit dem Tode, in die Arme wirft. Darum hat auch Moses, als ein in alle Weisheit und Wahrheit der ägyptischen Priesterkaste Eingeweihter, für die Juden sogleich einen Priesterstand gebildet, der sich – freilich schon ganz entartet – bis auf diese Zeit erhalten hat.
GEJ|2|99|7|0|Der Hauptgrundsatz muß aber Liebe sein, mit der im unwandelbaren Verbande zu leben die Außenmenschen wie von Gott aus verpflichtet sein sollen, und es müssen darum die Menschen sogar durch Gesetze, die Gott geoffenbart habe, streng zur Ausübung dieser Tugend angehalten werden. Damit sie sich solcher Tugend stets mehr und mehr befleißen und sich die gepredigte Gottheit als daseiend mehr versinnlichen, so muß ihnen die Liebe zu Gott vor allem so stark als möglich ans Herz gelegt und Gott Selbst ihnen einerseits als ein guter Vater voll der höchsten Liebe, anderseits den Widerspenstigen gegenüber auch als allergerechtester Richter dargestellt werden, der alles Gute der gepredigten Liebe gemäß ewig belohnt, alles Böse aber auch als der gepredigten Liebe zuwider zeitlich und ewig bestraft; dadurch wird die Menschheit am leichtesten im Zaume gehalten und zu allerlei guten und nützlichen Dingen zu verwenden sein.
GEJ|2|99|8|0|Sollte sich jedoch ein Mensch vorfinden, der anfinge, seinen Nebenmenschen die Wahrheit zu predigen und dergleichen Anstalten wie die ihrige zu verdächtigen, so solle von der Anstalt aus alles aufgeboten werden, solch ein Ungeheuer, das den Millionen durch seine Wahrheitslehren den Tod bringt, so schnell wie möglich aus dem Wege zu räumen, oder noch besser, womöglich für die Anstalt zu gewinnen! Denn nichts sei den Außenmenschen gefährlicher als was immer für eine Aufklärung im Bereiche des Glaubens an einen Gott und an ein ewiges Leben.‘ –
GEJ|2|99|9|0|Siehe, das sind die Lebensgrundsätze der von dir, Bruder Judas, so berühmt uns vorgeführten Essäer! Weltlich genommen kann man sie nicht zu sehr tadeln, aber geistig, wie wir nun ein ganz anderes Licht haben, sind sie über alle Maßen verwerflich! Denn aus ihrem Munde hört nie ein Uneingeweihter auch nur eine wahre Silbe; und will er vor ihnen die Wahrheit reden, so schreibt er sich dadurch sein sicheres Todesurteil!“
GEJ|2|99|10|0|Sagt Judas, ganz zornig aussehend: „Oh, sind das doch Bestien! Nein, daß diese Kerle mit solchen Salben gesalbt sind, davon hätte ich ohne dich auch nie eine Silbe geglaubt; aber da du, als selbst ein einstmaliger Essäer, uns nun solches kundgibst, glaube ich es! – Aber wie kamst du denn mit heiler Haut aus dem Kloster?“
GEJ|2|99|11|0|Sagt Bartholomäus: „Ich ließ mich vollends einweihen, legte meine Proben ab und kam dann zur Besorgung des Außendienstes hierher. Und weil ich das Vertrauen genoß im Vollmaße, so ward ich auch draußen belassen; denn diesen Vorteil gewährt das Kloster recht gerne, weil es davon nur Vorteile ziehen kann und nie irgendeinen Schaden.
GEJ|2|99|12|0|Nun aber, da ich statt der Lüge die vollste Wahrheit habe kennengelernt, bleibe ich schon desto sicherer für immer draußen! Von mir aus sollen die im Kloster nie erfahren, was ich weiß; aber mit der Zeit sollen es die, die draußen sind, erfahren, was die Essäer im Kloster tun!“
GEJ|2|100|1|1|100. — Die bedrängten Jünger auf dem Meer
GEJ|2|100|1|0|Sagt Petrus: „Aber es wird nun schon die dritte Nachtwache sein (etwa ein Uhr nach Mitternacht), und noch ist von keiner Seite her ein Fahrzeug auf dem Meere zu entdecken!“
GEJ|2|100|2|0|Sagt Andreas, der sehr scharfe Augen hatte: „Ich entdecke auch nichts, – kann schauen, wie ich will!“
GEJ|2|100|3|0|Sagt der Zöllner Matthäus: „Wenn sich nur einmal der uns gar widrige Wind legte! Die Schiffsknechte sind schon vom starken Rudern ganz erschöpft, trotzdem wir sie nun schon einige Male recht tüchtig unterstützt haben. Nur mit aller Anstrengung können wir uns auf der hohen See erhalten. Wenn es nur einmal zu grauen anfinge! Der Morgen bringt uns sicher einen andern Wind!“
GEJ|2|100|4|0|Sagt Nathanael: „Ich fragte um alles andere wenig, wenn nur der Herr nachkäme, – sonst es vielleicht denn doch rätlich wäre, daß wir wieder zurückführen und Ihn suchen gingen! Am Ende ist Er möglicherweise etwa doch in die Hände der Herodesknechte geraten!?“
GEJ|2|100|5|0|Sagt Simon: „Ah, was nicht noch alles! Er, dem alle Himmel und alle Elemente zu Gebote stehen – und die elenden Knechte Herodes! Er hat es einmal gesagt, daß Er nachkommen werde, so Er alles Volk entlassen haben wird, und daß wir vor ihm hinüberfahren sollen! Was Er sagt – ist heilig und somit überwahr! Wir werden das andere Ufer noch lange nicht erreicht haben bei diesem widrigen Winde, und Er wird bei uns sein! Denn wer den Winden gebieten kann, der kommt leicht und geschwind übers Meer!“
GEJ|2|100|6|0|Sagt Johannes: „Bin ganz deiner Meinung! Darum vertrauen wir nur alle fest auf Ihn, Er verläßt uns in Ewigkeit nicht! Sehet, bei dem starken Winde, der uns nun schon bei fünf Stunden lang plagt, würden unsere Ruder eine ganz schlechte Wirkung gegen den Sturm zustande gebracht haben, wenn uns Seine Macht über die Elemente nicht auf der Höhe des Meeres erhalten hätte! Ohne Seine Einwirkung wären wir schon lange wieder dort, von wo wir ausgefahren sind! Denn, wie ich's recht gut merke, so steht unser Schiff wie angemauert auf einem Punkte, und ich meine, daß wir, recht festen Glaubens auf Ihn, das Rudern, das die Schiffsknechte schon ganz erschöpft gemacht hat, ganz füglich einstellen könnten; das Schiff wird sich dennoch nicht von dieser Stelle bewegen, und der Herr wird uns wahrscheinlich auf dieser Stelle einholen wollen, sonst wären wir schon lange Gott weiß wo bei diesem Sturme!“
GEJ|2|100|7|0|Sagt Petrus: „Ja, ja, du hast aber auch ganz recht! Ich merke es auch, daß uns der sehr heftige Wind nichts anhaben kann, und unsere Ruder würden diesem Winde nicht Meister zu sein vermögen, wenn uns Seine göttliche Macht nicht handgreiflich klar Hilfe leistete. Ich werde nun auch den Knechten sagen, daß sie mit dem Rudern sich keine so große Mühe geben sollen.“
GEJ|2|100|8|0|Petrus ging nun zu den Knechten und sagte zu ihnen, daß sie mit dem Rudern sich nicht zu sehr abmühen sollten.
GEJ|2|100|9|0|Aber die Knechte sagten: „Wir sehen die Küste längs der Wüste, wie sie weiß ist vor Schaum; die Küstenbrandung muß mächtig sein! Erhalten wir uns nicht bis zum Morgen auf der Höhe, so gehen wir allesamt zugrunde!“
GEJ|2|100|10|0|Sagt Petrus zu den Knechten: „Da müßten wir nicht Jünger des allmächtigen Herrn Jesus sein! Da wir aber Seine Jünger sind, so wird uns der Sturm auch ohne das beständige fruchtlose Rudern nichts oder sehr wenig anhaben können. – Wir haben nicht mehr weit bis zum Morgen, und am Tage wird es uns allen besser ergehen!“
GEJ|2|100|11|0|Auf diese Worte des Petrus stellen die Knechte das Rudern mehr und mehr ein und merken, daß das Schiff sich auch ohne ihr Rudern auf der Höhe erhält. Und so fangen auch die acht Knechte an zu glauben, daß das Schiff im vollsten Ernste durch Meine Kraft auf Höhe des Meeres erhalten werde.
GEJ|2|101|1|1|101. — Des Petrus Glaubensprobe. (Matth. 14)
GEJ|2|101|1|0|Es ist aber bei solcher Gelegenheit um die Zeit der vierten Nachtwache geworden. Da legte sich der Wind ein wenig, und der scharfäugige Andreas sah nach allen Richtungen hin über die noch stark bewegte Meeresfläche und erblickte einen Menschen auf den Meereswogen ganz wie auf dem trockenen Lande einherwandeln. (Matth.14,25)
GEJ|2|101|2|0|Da berief Andreas die Brüder, machte sie auf die über den Meereswogen wandelnde Gestalt aufmerksam und sagte: „Brüder, das ist kein gutes Zeichen, es ist ein Seegespenst! Wenn solche Wesen sich sehen lassen, da haben die Schiffer nichts Gutes zu erwarten!“ (Matth.14,26)
GEJ|2|101|3|0|In die Meinung des Andreas stimmten bald alle ein, gerieten darauf in große Furcht und fingen an zu schreien: „O Jesus, warum hast Du uns verlassen, daß wir nun alle unrettbar werden zugrunde gehen müssen!? Oh, wenn Du noch irgendwo bist, so gedenke unser und errette uns vor dem sicheren Untergange!“
GEJ|2|101|4|0|Während die Jünger noch so schrien und um Hilfe riefen, kam Ich auf zehn Schritte dem Schiffe nahe und redete die vor Furcht Bebenden also an: „Seid getröstet, Ich bin es ja! Fürchtet euch darum nicht!“ (Matth.14,27) – Da wurden die Jünger still.
GEJ|2|101|5|0|Andreas sagte: „Beim Himmel, es ist Jesus, unser Herr und Meister!“
GEJ|2|101|6|0|Petrus aber zweifelte noch ein wenig und sagte: „Wenn Er es ist, so muß Er mich aufs Meer steigen lassen, auf daß auch ich wie Er auf dem Wasser für meine Füße eine feste Unterlage erprobe!“
GEJ|2|101|7|0|Sagt Andreas: „Wirst du wohl auch den Mut haben, so Er dich beriefe, zu Ihm aufs bewegte Meer hinauszutreten?“
GEJ|2|101|8|0|Sagt Petrus: „Allerdings! Ich weiß es wohl, daß das Meer hier am tiefsten ist; ist Er es, so wird mir nichts zuleide geschehen, – ist Er es aber nicht, sondern ein uns äffendes Gespenst, so sind wir ohnehin verloren. Ich gehe da nur einige Augenblicke vor euch hinab in den tiefen Grund und werde für euch alle eine Wohnung bestellen!“
GEJ|2|101|9|0|Darauf ging Petrus in die niederste Mitte des Schiffes und schrie hinaus zu Mir: „Herr, so Du es bist, da heiße mich auf dem Wasser zu Dir hinauskommen!“ (Matth.14,28)
GEJ|2|101|10|0|Da sagte Ich zu ihm: „Komm heraus und überzeuge dich!“
GEJ|2|101|11|0|Da trat Petrus unter dem Angstgeschrei der Brüder aus dem Schiff aufs Wasser. Als die Brüder aber sahen, daß Petrus nicht unterging, sondern ganz so wie Ich auf dem Wasser dahinging, da wich aller Zweifel von ihnen, und ein jeder glaubte, daß Ich es war.
GEJ|2|101|12|0|Petrus aber eilte, daß er zu Mir käme. (Matth.14,29) Als er aber kaum noch sieben kleine Schritte von Mir entfernt war, da sah er starken Wind kommen, der hohe Wellen vor sich hertrieb. Er erschrak darum heftig, fing an, daran zu denken, wie ihn die hohen Wellen etwa doch mit sich reißen möchten, verlor dabei ein wenig nur den starken Glauben und bemerkte, daß er mit den Füßen schon über die Knie zu sinken begann. Da fing er an, gar jämmerlich zu schreien: „Herr, hilf mir!“ (Matth.14,30)
GEJ|2|101|13|0|Ich aber trat schnell zu ihm hin, streckte Meine Hand nach ihm aus, zog ihn heraus und setzte ihn wieder auf des Wassers Oberfläche, die ihn nun wieder trug wie zuvor, – sagte aber darauf zu ihm: „O du Kleingläubiger! Warum zweifelst du? (Matth.14,31) Weißt du denn noch nicht, daß der ungezweifelte Glaube allein ein Meister aller Elemente ist?“
GEJ|2|101|14|0|Petrus aber sprach: „Herr, vergib es mir! Denn Du siehst es ja, daß ich noch immer nur ein schwacher Mensch bin. Der Wind und die gegen uns ziehenden Wogen haben mich also erschreckt!“
GEJ|2|101|15|0|Sagte Ich: „Nun ist schon wieder alles gut! Wir stehen nun am Schiffe, und so steigen wir in dasselbe!“
GEJ|2|101|16|0|Darauf stiegen wir denn auch ins Schiff, und der Sturm hatte sich im selben Augenblick gelegt. (Matth.14,32)
GEJ|2|101|17|0|Alle aber, die Jünger und die Schiffsknechte, eilten zu Mir, priesen Mich und sagten einstimmig: „Nun erst erkennen wir, daß Du wahrhaftig Gottes Sohn bist!“ (Matth.14,33)
GEJ|2|101|18|0|Und Mein Johannes umfaßte und herzte Mich aus allen seinen Kräften und sprach: „O Du mein Jesus Du, daß wir nur Dich wieder haben! Jetzt ist alle unsere Furcht dahin! Aber nur Du verlaß uns nimmer; denn es ist gar zu entsetzlich schrecklich, ohne Dich zu sein! Wahrlich, an diese nächtliche Meeresfahrt werde ich denken mein Leben lang! Denn so viel Angst und Schrecken habe ich noch nie ausgestanden! Jetzt kann der Sturm sich um uns her lustig machen, wie er will; denn nun haben wir seinen Meister in unserer Mitte, der ihm zu schweigen gebieten kann, und das Ungetüm muß gehorchen der Stimme des Allmächtigen!“
GEJ|2|102|1|1|102. — Ankunft in der Freistadt Genezareth. (Matth. 14)
GEJ|2|102|1|0|Sage Ich: „Ob ihr Mich sehet oder nicht, so bin Ich dennoch bei euch; denn so ihr Mir glaubet, auf Meinen Namen bauet, vertrauet und hoffet und Mich wahrhaft liebet, dann bin Ich allzeit bei euch und unter euch; aber der an Mir zweifelt, bei dem bin Ich dennoch nicht – und sähe er Mich auch fest an seiner Seite stehen!
GEJ|2|102|2|0|Im übrigen aber hat der Bruder Bartholomäus sehr wohl daran getan, daß er über das Wesen der Essäer besonders dem Judas die Augen geöffnet hat. Es wird zwar für ihn wenig Heil daraus erwachsen; aber desto mehr für euch andere! Denn Judas gefällt sich heimlich in solchen Trugstücken und meint: ,So ich von Jesus die Wirklichkeit (das Wunderwirken) nicht erlerne, gehe ich zu den Essäern!‘ – Denn er ist und bleibt ein Geizhals, und zehn Pfunde Goldes sind ihm lieber als die allerhimmlischste Wahrheit und das ewige Leben dazu! Wenn ihm Herodes heute ein bedeutendes Angebot macht, da verrät und verkauft er uns alle! Diese Erde wird ihn schwerlich je bessern!
GEJ|2|102|3|0|Darum ist für den Menschen nichts gefährlicher zum ewigen Leben als die großen Schätze dieser Welt! Was aber nützet es dennoch dem Menschen, so er auch besäße die Schätze der ganzen Welt, aber dafür an seiner Seele Schaden litte? Ehe er sich's versehen wird, wird man seine Seele von ihm nehmen und sie werfen in große Finsternis, da ewiges Heulen und Zähneknirschen waltet! Wieviel werden ihm dann alle seine Schätze nützen!?
GEJ|2|102|4|0|Darum sammle sich ein jeder von euch Schätze des Geistes, die vom Roste und von den Motten nicht zerstört werden können, dann werdet ihr von allem in großer Genüge haben ewig!
GEJ|2|102|5|0|Sehet, da unten am Boden des Meeres liegt schon manches beladene Schiff mit seinen Herren und Schiffern begraben! Welchen Gewinn haben die nun, die da wollten auf den Märkten große Summen erbeuten? Ein Sturm machte all ihrem losen Tun und Treiben ein Ende, und ihre Seelen sind mit begraben worden in den Abgrund!
GEJ|2|102|6|0|Ihr aber hattet auf eurem Schiffe, das diese Nacht hindurch mit einem sehr heftigen Sturme zu kämpfen hatte, nichts als die unverwüstlichen Schätze für Geist und Leben aus Gott geladen, – und sehet, der Orkan vermochte es auch mit all seiner ungestümen Gewalt nicht, euch hinabzuschleudern in den Abgrund! Und Ich kam deshalb zu Fuß über den brausenden Wogen zu euch, um euch in der Tat zu zeigen, daß der, der allein des Himmels ewige Schätze in sich trägt, sich über alle die tollen Stürme und Wogen des Weltgetriebes leicht erhebt und über denselben fein schadlos einherwandeln kann und am Ende dennoch der Herr über all das Ungemach der Welt ist und verbleibt.
GEJ|2|102|7|0|Wenn er aber sein Lebensschiff beschwert mit den Schätzen der Welt und der Sturm ereilt ihn über den Wogen seiner Weltsorgen, so werden dann Schiff und Schiffer beide untergehen! – Habt ihr alle dies Gesagte wohl begriffen?“
GEJ|2|102|8|0|Sagen alle: „Ja, Herr, das war klar und sehr verständlich und über alle Maßen vollwahr.“
GEJ|2|102|9|0|Sage Ich: „Nun wohl denn, so lasset uns hinüberschiffen nach dem Städtchen Genezareth und in das kleine freie Ländchen, welches da führt den Namen seiner kleinen Stadt!“
GEJ|2|102|10|0|Und die Knechte fingen an zu rudern, und wir kamen eine kleine halbe Stunde Weges unterhalb der Stadt Genezareth ans Land (Matth.14,34). Das Meer machte aber gegen Genezareth eine große Einbuchtung und war mit derselben nur durch eine kaum zehn Klafter breite Meerenge verbunden, darum denn auch diese Bucht eigens den Namen ,See Genezareth‘ führte. An der linken Erdzunge stiegen wir denn auch ans Land, weil die Schiffe, welche die Meerenge passierten und in den See Genezareth fuhren, einen Zoll entrichten mußten. Wir ließen dann an der Erdzunge unser Schiff anbinden und ließen nur zwei Knechte im selben als Wache zurück, die andern sechs aber zogen mit uns in die Stadt und kauften darin für ihren Bedarf Brot, Salz und etwas Wein; die Nacht hatte sie sehr stärkungsbedürftig gemacht.
GEJ|2|102|11|0|Ich aber habe ihnen das wenige, was sie sich kauften, gesegnet, daß sie alle mehrere Tage lang zu essen und zu trinken hatten.
GEJ|2|102|12|0|Ich habe Mich in Genezareth mehrere Tage lang aufgehalten; denn das war eine Freistadt, und man konnte dort weder von Jerusalem, noch vom Tempel und ebensowenig von Herodes angegriffen werden, weil diese Stadt unter strengem Schutze der Römer stand, die dort ein beständiges Lager hielten, das von Kapernaum aus befehligt ward. Es steht solches zwar in keiner Schrift gezeichnet, weil es zu geringfügig war, aber dessenungeachtet verhielt sich alles genau also.
GEJ|2|103|1|1|103. — Der Herr mit den Seinen beim Wirte Ebahl
GEJ|2|103|1|0|Als wir in der Stadt ankamen, kehrten wir in die Herberge eines biederen Mannes ein, der Ebahl hieß.
GEJ|2|103|2|0|Ebahl nahm uns sehr gastfreundlich auf und sagte: „Allem Anscheine und der Kleidung nach seid ihr Galiläer aus der Gegend von Nazareth!?“ Wir bejahten es ihm, und er ließ uns sogleich Brot, Wein und Fische bringen und sagte: „Drei Tage und Nächte hindurch seid ihr völlig zahlungsfrei! Könnet ihr als Nazaräer mir aber einen Aufschluß über den berühmten Heiland namens Jesus geben, der auf die wunderbarste Weise alle möglichen Krankheiten heilen soll, so halte ich euch euer Leben lang zechfrei, und ihr könnet essen und trinken, was ihr wollet und möget!
GEJ|2|103|3|0|Wenn sich die Sache mit dem berühmten Jesus so verhält, so biete ich alles auf, um ihn zu finden und dann, neben ihm auf Knien gehend, ihn hierherzubringen! Denn unser sonst gutes und freies Ländchen hat aber doch gleichfort das Üble, daß es in einem fort von allerlei argen Krankheiten heimgesucht ist. Es sind die Krankheiten zwar nicht eben so sehr tödlicher Art; aber dafür desto lästiger, und man wird sie nicht los!
GEJ|2|103|4|0|Wenn es nun denn möglich wäre, diesen Heiland zu uns zu bringen, – beim Jehova, ich wüßte nicht, was ich darum gäbe! Ich selbst habe eine ganz große Herberge voll Kranker, die vor Schmerzen gar keinen Schritt weiterreisen können, und es sind manche weither; sogar Ägypter, Perser und Indier sind darunter und können nicht fort. So liegen bei mir auch Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem und zwei Essäerbrüder schwer krank, und kein Arzt und Heiland, soviel auch ihrer von allen Orten hier waren, kann ihrer Krankheit Meister werden!
GEJ|2|103|5|0|Wenn ihr mir also diesen Jesus aus Nazareth verschaffen oder mir nur wenigstens sagen könnt, wo ich ihn halbwegs sicher treffe, so seid ihr alle, wie gesagt, meine Gäste euer Leben lang!“
GEJ|2|103|6|0|Sage Ich: „Warum hast du denn nicht schon lange nach Ihm Boten gesandt, da du wußtest, daß Er Sich in Nazareth aufhält?“
GEJ|2|103|7|0|Sagt Ebahl: „Das habe ich nicht einmal, sondern schon oftmals getan, habe aber noch nie das Glück gehabt, von den zurückgekehrten Boten zu hören: ,Wir haben ihn gefunden!‘ Wohl erzählten sie mir tausend Wunderdinge von ihm, die ihnen von andern erzählt worden sind; aber sie selbst haben noch nie das Glück gehabt, mit ihm persönliche Bekanntschaft zu machen.“
GEJ|2|103|8|0|Sage Ich: „Nun denn, weil Ich sehe, daß dich in bezug auf den Heiland Jesus kein Eigennutz beseelt, sondern daß du vollwahr nur einzig und allein den Wunsch hast, den Leidenden, welchen Nationen sie auch angehören mögen, Hilfe zu bringen – was Mich denn auch hierher geführt hat –, so wisse denn zu deiner Freude und zu deinem Troste, daß Ich eben derselbe Jesus bin, den du so oft vergeblich gesucht hast, und den Kranken in deiner Herberge soll in diesem Augenblick geholfen sein! Sende nun deine Knechte nach der Herberge und frage sie, ob noch ein Kranker darin zu finden ist!“
GEJ|2|103|9|0|Da war Ebahl nahe außer sich vor Freude und sprach: „Meister, so du es bist, dann glaube ich deinem Wort und will gar nicht weiter mich erkundigen; du wirst es schon ganz sicher sein, und ich kann schon im voraus Gott nicht genug loben und preisen, daß Er meinem Hause ein so unerwartet großes Heil hat widerfahren lassen! Meister, großer, göttlicher Meister, schaffe (verlange) nun für dich und die Deinen; denn nun bist du ganz Herr in meinem Hause! Alles, was du darin findest, muß sich deinem Willen fügen!“
GEJ|2|103|10|0|Als er noch also weiterredete, kam schon die Nachricht von seiner großen Herberge, daß die bei zweitausend Kranken auf einmal vollkommen gesund geworden sind. Es müsse da ein Wunder geschehen sein, ansonst so etwas rein unmöglich wäre! Die Geheilten würden bald selbst kommen und dem Herbergsherrn ihren heißesten Dank mit Wort und Tat abstatten!
GEJ|2|103|11|0|Sagt Ebahl: „Gehet hin und saget es ihnen, daß ich fürs erste alles dessen nicht bedarf, und daß mir darum auch nicht der geringste Dank gebühre, sondern Gott allein, der den Wunderheiland in unsern Ort gnädiglich geführt hat! Verlanget von den Reichen, die fremd sind, einen mäßigen Herbergslohn für euch, aber tuet mir ja niemandem zu hart! Die Heimischen aber seien frei!“
GEJ|2|103|12|0|Auf diese Worte entfernen sich die Nachrichtbringer und tun, was ihnen ihr Herr geboten hat.
GEJ|2|103|13|0|Darauf aber wendet sich Ebahl wieder zu Mir, fällt vor Mir auf seine Knie und dankt Mir mit vielen Tränen großer Freude für die seinem Hause erwiesene wunderbare Wohltat.
GEJ|2|103|14|0|Ich aber heiße ihn aufstehen und Mir vorführen seine Weiber und Kinder.
GEJ|2|103|15|0|Und er geht und tut, was Ich von ihm verlangte.
GEJ|2|103|16|0|Als er seine zwei Weiber und sechzehn Kinder zu Mir brachte, darunter zehn männliche und sechs weibliche, sagte er (Ebahl): „Siehe an mir noch einen echten Israeliten! Wie dereinst Jakob, unser Stammvater, eine Lea und eine Rahel zu Weibern hatte und mit beiden Kinder zeugte, also habe auch ich mir zwei Weiber genommen, die jedoch nicht Schwestern sind, und habe mit dem älteren Weibe die zehn Knaben und mit dem jüngeren sechs Mägdlein gezeugt; allein, wie du siehst, die zehn Knäblein sind nun schon rüstige Männer und Jünglinge, und die sechs Mägdlein sind auch schon, jegliches über zehn Jahre, zu Jungfrauen herangereift, und ich zähle siebzig Jahre.
GEJ|2|103|17|0|Alle diese Kinder sind nach der Schrift erzogen, und mein ältester Sohn ist ein Schriftgelehrter, aber nicht im Solde des Tempels stehend, sondern bloß für sich und dereinst für seine Nachkommen! Aber auch meine andern Kinder sind in der Schrift tüchtig bewandert, kennen den reinen Willen Gottes und sind allzeit streng gehalten, danach zu handeln. Sie lieben Gott, aber sie fürchten Ihn auch; denn Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit. In meinem Hause werden die wahren Weisheitssprüche des Jesus von Sirach strenge gehandhabt. – Bist du, großer Meister, wohl zufrieden mit meiner Hausordnung?“
GEJ|2|103|18|0|Sage Ich: „Wie es bis jetzt üblich war, ist deiner Hausordnung nichts auszustellen, und Ich verbiete es auch niemandem, zwei, drei und auch noch mehr Weiber zu haben; denn das Weib ist der Zucht (Fortpflanzung) der Menschen wegen erschaffen worden. Ein unzüchtiges (unfruchtbares) Weib ist Gott nicht wohlgefällig, es müßte denn sein, daß sie von Natur aus unzüchtig ist, – was eine Sache ist, für die kein Mensch kann.
GEJ|2|103|19|0|Aber in der Folge soll ein jeglicher Mann nicht mehr denn nur eine Jungfrau oder eine Witwe, die noch zuchtfähig ist, sich zum Weibe nehmen; denn wäre es Gottes Wille gewesen, daß ein Mann mehr denn ein Weib habe, so hätte Er dem Adam auch sicher mehr als nur ein Weib erschaffen. Aber Gott wollte, daß ein jeglicher Mann nur ein Weib haben solle und gab daher dem Adam auch nur ein Weib.
GEJ|2|103|20|0|Daß die Menschen hernach von diesem ersten Gesetze abgegangen sind – was besonders bei den Heiden oft ins lasterhafte Böse ging, da besonders ein Fürst sich gleich alle die schönsten Jungfrauen seines Landes zu seinen Weibern nahm und dazu noch von fremden Fürsten sich auch mehrere dazukaufte –, war nicht Gottes, sondern der sinnlichen Menschen Wille; denn viele der Weiber eines Fürsten oder eines sonstigen Reichen waren nicht Weiber für die Zucht, sondern pure Lustdirnen zur Erweckung der zugrunde gegangenen Mannheit und deren Wollust. Jeder Mann aber lebt dann nicht mehr vollkommen in der göttlichen Ordnung, so er das erste Urgesetz Gottes nicht hält!
GEJ|2|103|21|0|Ah, was ganz anderes ist es, so das eine Weib unzüchtig (fortpflanzungsunfähig) wäre, wie es bei der Rahel der Fall war; da kann der Mann sich auch ein zweites Weib nehmen und in ihr sich Nachkommen erwecken. Jedoch bei dir ist dennoch alles in der Ordnung; du hattest stets einen gerechten Sinn, der Gott wohlgefällig ist, und so bist du ein Gerechter vor Gott und den Menschen, ansonst Ich in dein Haus nicht gekommen wäre!“
GEJ|2|104|1|1|104. — Der Herr segnet die Familie des Ebahl und tadelt die Essäer
GEJ|2|104|1|0|Hierauf segnete Ich die Kinder und die beiden Weiber wie ein Weib, da beide eines Sinnes und eines Herzens waren und sich nie mit Zank und Hader begegnet sind. Nach der Segnung entließ Ich wieder die zwei Weiber und die sechzehn Kinder und sagte zu Ebahl: „Du kannst eine rechte Freude an deinen Kindern haben; denn darunter ist nicht eines verdorben, weder geistig noch naturmäßig. Alle strotzen vor Gesundheit und haben noch ganz kristallreine Herzen, voll Frömmigkeit und Gehorsam, und deine beiden Weiber sehen noch ganz jugendlich gut aus! Auf dein Haus scheint die krankhafte Luft dieser Gegend keinen Einfluß zu haben!“
GEJ|2|104|2|0|Sagt Ebahl: „Ja, für die hier Eingeborenen ist die Luft und das Wasser ganz unschädlich, – aber nicht also für die Fremden; denn da darf sich jemand oft nur ein paar Tage lang aufhalten, und er wird so schwer krank, daß er nicht selten ein ganzes Jahr das Krankenbett nicht verlassen kann! Hat er einmal die Krankheit überstanden, so kann er darauf hier verweilen, solange er will, – und er bleibt gesund.
GEJ|2|104|3|0|Aber es ist das dennoch ein Jammer für dieses Land! Denn wir bekommen nur schwer Arbeiter, und die fremden Reisenden, wenn sie nicht absonderliche Geschäfte haben, meiden diese Gegend wie ein Aas, und die, welche in dringlichen Geschäften kommen, bleiben sicher über die Hälfte krank bei uns. So liegen auch gut zwei Drittel der römischen Soldaten krank, und kein Arzt kann ihrem Übel ein Meister werden! Nach einem, oft auch erst zwei Jahren werden sie von selbst wieder gesund und bleiben gesund.
GEJ|2|104|4|0|Das Merkwürdigste aber ist, daß da nie zwei eine und dieselbe Krankheit bekommen! Der eine bekommt ein Fieber, der zweite einen Aussatz, ein dritter einen Durchfall, ein vierter einen stechenden Husten, und so ein jeder etwas anderes, und kein Arzt weiß dann, was er mit den Kranken beginnen soll. Und so gibt es in unserem kleinen Lande eine große Menge mit allerlei Krankheiten behafteter Menschen; und es ist da keinem zu helfen. Die Sterblichkeit ist zwar bei allem dem gering, aber desto größer die Zahl der gleichfort Leidenden.
GEJ|2|104|5|0|Vielleicht wäre dir auch das möglich, daß du alle die Kranken heiltest und dann mir fürs ganze Land ein Heilmittel angäbest, durch dessen rechtzeitigen Gebrauch die Menschen sich vor dem Anfalle der Übel dieser Gegend schützen könnten?“
GEJ|2|104|6|0|Sage Ich: „Da Ich Mich ohnehin hier einige Tage aufhalten werde, werden die Landeskranken durch die Geheilten wohl erfahren, daß Ich hier bin. Die da kommen werden, denen soll auch geholfen sein, – die aber nicht kommen werden, die sollen auch nicht geheilt werden; denn so schwer krank ist keiner im ganzen Lande, daß er nicht den Weg hierher machen könnte!“
GEJ|2|104|7|0|Sagt Ebahl: „Wenn es dir, du mein göttlicher Meister, genehm wäre, so würde auch ich Boten ins ganze Land aussenden!“
GEJ|2|104|8|0|Sage Ich: „Laß das gut sein, sie werden es überall früh genug erfahren!“
GEJ|2|104|9|0|Bald darauf kommen mehrere Geheilte, darunter Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem und zwei Essäerbrüder, um Mir den Dank für die Heilung zu überbringen und womöglich von Mir die Wissenschaft zu erlernen, wie Ich die Kranken also bloß durchs Wort augenblicklich zu heilen vermöge.
GEJ|2|104|10|0|Ich aber machte nicht viel Wesens mit ihnen, sondern sagte bloß: „Was forschet ihr? Eure Sache ist diese Welt und ihre für euch allein kostbare Materie; hier aber handelt es sich um rein Geistiges! Ihr aber habt noch nie begriffen, was Materie ist, wie wollt ihr begreifen, was da rein geistig ist? Und ihr Essäer schon ganz besonders, die ihr euren Bekennern einen Gott und eine Auferstehung predigt und mit vielen Kosten Wunderdinge bewerkstelligt, um dadurch für eure Blindlehre Anhänger zu gewinnen! Euer Grundsatz ist: ,Man muß mit gutem Willen die Menschen betrügen und anlügen, wenn man sie glücklich machen will; denn die Wahrheit tötet die Wohlfahrt der Menschen dieser Erde!‘
GEJ|2|104|11|0|So aber euer Menschenbeglückungsgrund die Lüge ist, wie sollet ihr von Mir nun die Wahrheit hören wollen? Euch geht für die Erkenntnis des Reiches Gottes auf Erden alles ab, und ihr seid die Allerletzten, obschon ihr die Allerersten sein wollet! Wahrlich, wenn ihr bleibet, wie ihr seid, werdet ihr ewig keinen Teil am Reiche Gottes haben!
GEJ|2|104|12|0|Was nützt euch euer guter Wille, die Menschen durch Betrug und Lüge irdisch glücklich zu machen, so ihr aber dadurch tötet die Seelen der Blinden?
GEJ|2|104|13|0|Mein Grund aber ist: um alle Kosten des Leibes und alles dessen Glückes die Seele zu retten und ihr zu bereiten ein wahres, ewiges Leben!
GEJ|2|104|14|0|Wie aber wird und muß es euch zumute werden jenseits, wo euch die von euch Betrogenen zu Richtern werden!? Ihr glaubet es wohl freilich nicht, daß es also sein wird; aber es wird dennoch also sein, wie Ich es euch nun gesagt habe.
GEJ|2|104|15|0|Glaubet ihr aber schon Meinen Worten nicht, so glaubet es doch Meinen Werken, die Ich verrichte, und die vor Mir nie ein Mensch verrichtet hat!
GEJ|2|104|16|0|Wenn aber Meine Werke echt und wahr sind und Meinen Worten Zeugnis geben, so werden doch Meine Worte auch wahr sein!?
GEJ|2|104|17|0|Niemand kann es euch sagen, wie es in Indien aussieht, als der nur, der dort war und von dort zu euch herübergekommen ist; also kann euch auch niemand einen Bescheid übers Jenseits geben als der nur, der von dort zu euch herübergekommen ist, – und der bin Ich!
GEJ|2|104|18|0|Wer Meinen Worten glaubt, der wird das ewige Leben haben; wer aber nicht glaubt, der wird übergehen in den ewigen Tod! Denn Meine Worte sind nicht wie die eines Menschen dieser Welt; sie sind Leben und geben Leben dem, der sie aufnimmt in sein Herz und hernach handelt nach dem Laute der Worte und nach ihrem alles belebenden Geiste!
GEJ|2|104|19|0|Eure Worte aber, die ihr Essäer dem Volke predigt, sind pur Lug und Trug, weil ihr selbst nicht glaubet, was ihr lehret! Denn ihr habt eine Doppellehre: eine fürs Volk und eine ganz andere für euch, von der ihr unter euch saget, daß sie wahr sei, daß aber das Volk von solcher nichts vernehmen dürfe, um in der vermeinten Lüge ruhig und glücklich zu sein.
GEJ|2|104|20|0|Aber Ich sage es euch, daß ihr dem Volke in eurer vermeintlichen Lüge dennoch mehr Wahrheit gegeben habt denn euch selbst! Denn was ihr für Wahrheit haltet, ist ganz Lüge, was ihr aber das Volk lehret, ist nur zur Hälfte Lüge; darum man euch von Gott aus auch geduldet hat.
GEJ|2|104|21|0|Lehret aber in der Zukunft die Wahrheit und glaubet selbst an sie, dann werdet ihr der Belohnung werte Knechte im Weinberge Gottes sein; aber mit der Lüge und mit dem Truge müsset ihr für alle Zeiten weichen und nie mehr einen Gebrauch davon machen, sonst wird in jüngster Zeit ein übles Gericht über euch ergehen!“
GEJ|2|104|22|0|Sagen die beiden Essäer: „Meister, wir erkennen es wohl, daß du recht geredet hast, – und was da uns beide betrifft, so werden wir alles Erdenkliche aufbieten, um deinen Worten in unserer großen Gesellschaft Eingang zu verschaffen; aber gutstehen können wir dennoch für nichts! Grausam sind unsere Brüder durchaus nicht, man kann bei verschlossenen Türen schon auch ganz frei reden und wird gerne angehört, – aber ob das also Besprochene von irgendeiner Wirkung sei, das ist eine andere Frage! Aber reden werden wir beide und sind zum voraus versichert, daß wir ohne weiteres mit der größten Aufmerksamkeit angehört werden!“
GEJ|2|104|23|0|Sage Ich: „Tuet ihr das eurige, so wird Gott das Seinige zu tun nicht unterlassen! Nehmet an die volle Wahrheit, und diese wird euch frei machen für ewig!“
GEJ|2|104|24|0|Sagen die beiden Essäer: „Herr und Meister, gestatte uns, so lange hier zu verweilen, als wie lange du dich hier aufhalten wirst!“
GEJ|2|104|25|0|Sage Ich: „Ihr seid frei und könnet hier verweilen, solange ihr wollt!“
GEJ|2|105|1|1|105. — Der Herr und der römische Hauptmann
GEJ|2|105|1|0|Mit diesem Bescheide waren die beiden zufrieden, und Ebahl kam und lud Mich und Meine Jünger zum Mittagsmahle, das er in reichlichem Maße für uns hatte bereiten lassen; außer seiner Familie durfte kein fremder Gast an selbem teilnehmen. Solches aber rauchte den etlichen Pharisäern sehr in die Nase; denn ihr Sinn war, allenthalben die Ersten zu sein und sich grüßen und ehren zu lassen von jedermann. Sie wurden wohl in einem andern Speisezimmer sehr gut bewirtet, waren aber dennoch nicht zufrieden, weil sie wahrnahmen, daß Ebahl Mir viel mehr Aufmerksamkeit schenkte denn ihnen. Sie fragten nach der Mahlzeit auch einen Wärter, ob der Hausherr ihre Gesellschaft denn für zu gering gehalten habe, daß er sie nicht an seinem Tische habe speisen lassen.
GEJ|2|105|2|0|Aber der Wärter war klug und sprach: „Der Herr hat wegen der vielen Kranken mit dem Wunderarzte so manches zu besprechen und wollte darum mit ihm allein sein!“
GEJ|2|105|3|0|Sagen die Pharisäer und Schriftgelehrten: „Weißt du und dein Herr denn nicht, daß in einem Hause, da wir eingekehrt sind, uns alle Geheimnisse aufgedeckt werden müssen? Denn wir sind es, die euch reinigen, so ihr euch verunreinigt habt, und euch auch heilen, so ihr von argen Krankheiten geplagt werdet!“
GEJ|2|105|4|0|Sagt der Wärter: „Wenn ihr aber solche Heilbringer seid, warum konntet denn ihr euch nicht helfen? Wenn der Wunderheiland von Nazareth nicht vielleicht durch einen Wind zufälligerweise hierhergetrieben worden wäre, so hätte euch euer heftiges Gliederreißen durchaus nicht verlassen; nur seiner Wunderkraft habt ihr es zu verdanken, daß ihr nun vollkommen gesund hier in diesem Speisesaale sitzet! Wer aber so etwas vermag, dem gebührt doch vor euch alle und jede Auszeichnung!“
GEJ|2|105|5|0|Auf diese ganz triftige Antwort des Wärters sagen die Pharisäer und Schriftgelehrten kein Wort mehr und geben sich zufrieden, aber nicht von Herzen, sondern aus einer Art gezwungener Notwendigkeit.
GEJ|2|105|6|0|Gegen den Abend hin aber kommen aus den Häusern der Stadt und aus deren nächster Umgebung schon über hundert, mit allerlei Krankheiten behaftete Menschen und bitten Mich, daß Ich sie gesund mache; und Ich gehe hinaus unter sie und mache sie allein durchs Wort alle gesund.
GEJ|2|105|7|0|Die Gesundgemachten aber loben und preisen alle Gott, der dem Menschen eine solche Macht gegeben hat, und gehen froh und gesund nach Hause.
GEJ|2|105|8|0|Am Abende kommt aber auch ein Hauptmann, der in diesem Orte die Soldaten befehligte, und bat Mich, ob Ich nicht auch den vielen kranken Soldaten helfen möchte.
GEJ|2|105|9|0|Und Ich sagte zu ihm: „Gehe hin, es geschehe dir nach deinem Glauben!“
GEJ|2|105|10|0|Und der obbenannte Hauptmann ging ins Lager und fand, daß keiner der Soldaten irgend mehr krank war. Da kehrte er froh wieder zu Mir zurück und wollte Mich belohnen mit Gold und Silber.
GEJ|2|105|11|0|Aber Ich wies solches alles zurück und sagte zum Hauptmann: „Freund, um Schätze dieser Welt heile Ich niemanden, sondern nur um die Schätze aus den Himmeln; und diese sind fürs erste ein lebendiger Glaube und fürs zweite eine wahre uneigennützige Liebe zu Gott und dem Nächsten, welches Standes er auch sei!
GEJ|2|105|12|0|Habe lieb deine Untergeordneten, als wären sie deine leiblichen Brüder, und halte sie nicht zu hart, so wirst du Mich damit am wertvollsten belohnen! Das Gold und das Silber aber, das du Mir geben wolltest, gib dem Ebahl; denn seine Herberge kostet ihn viel, und es ist gut, daß sie unterhalten wird.
GEJ|2|105|13|0|Es wäre aber überhaupt gut, so ihr Römer in der Folge statt der vielen Götzentempel Herbergen für Arme errichten möchtet; denn eure Götter aus Holz, Erz und Stein sind tote Gebilde, von Menschenhänden gemacht; und ihr könnet jahrelang vor ihnen auf den Knien liegen, so werden sie euch dennoch nicht helfen können, weil sie tot sind. Aber so ihr die vielen Armen, Kranken, Bresthaften, Krüppel, Lahmen, Blinden und Tauben in gut eingerichteten Herbergen versorget und suchet den Kranken Heilung zu verschaffen, so wird der eine, wahre, lebendige Gott eure guten Werke ansehen und wird euch darum segnen vielfach; aber eure toten Götter werden euch fürs Gute, das ihr tut, nicht segnen und fürs Böse nicht strafen.
GEJ|2|105|14|0|Und so ihr in eurem Reiche Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten euch bestrebet, müsset ihr zu Schwert und Lanze greifen! Da machet ihr dann nur mit den Waffen in der Hand, was Gott für euch tun würde, so ihr Ihn erkenntet und Seine Gebote hieltet!“
GEJ|2|106|1|1|106. — Des römischen Hauptmanns Welterfahrung
GEJ|2|106|1|0|Sagt der Hauptmann: „Lieber Freund, ich erkenne es wohl, daß du die Wahrheit redest und es also sein sollte, wie du nun gar weise und menschenfreundlich zu mir geredet hast; aber die Welt der Menschen ist ein gar mächtiger Strom, gegen den sich sehr schwer schwimmen läßt. Wer es noch irgendwo versucht hatte, ist von den mächtigen Stromwirbeln verschlungen worden. So etwas kann nur an kleinen, ruhigen Orten geschehen, dahin der Strom nicht reicht mit seiner verheerenden Macht; wer sich würfe in des Stromes Mitte, der ist verloren!
GEJ|2|106|2|0|Also hast du, lieber Freund, gut die Wahrheit zu reden in einem ruhigen Orte, dessen Menschen weich und fügsam sind und noch nicht den luxuriösen Pesthauch der großen Welt eingeatmet haben; aber gehe hin nach Rom, nach Athen, nach Jerusalem, und so du nicht völlig ein Gott bist, so wirst du nur zu bald alle Schärfe des Schwertes der Mächtigen der Erde zum Verkosten bekommen gleich dem Johannes von Bethabara, den der mächtige Herodes im Gefängnisse hat enthaupten lassen.
GEJ|2|106|3|0|Siehe, dieser Johannes war doch sicher ein Mann, der, himmelweit abgesehen von jedem weltlichen Erwerbe, in der tiefst möglichen Selbstverleugnung den Menschen mit hinreißender Redekraft die allernackteste Wahrheit ins Gesicht sagte, und Tausende nahmen seine wirklich von einem göttlichen Geiste durchglühte Lehre an, taten Buße aus freiem Willen und bekehrten sich zum Guten. Aber als er vor etwa ein paar Monaten Bethabara verließ, wie man es mir erzählte, und am großen Jordan in der Nähe von Jerusalem zu predigen und zu taufen begann, da dauerte es nur wenige Tage, – und die Häscher des Herodes bemächtigten sich schon seiner und warfen ihn ins Gefängnis, in das nur seine etlichen wohlhabenden Jünger gegen Entrichtung einer gewissen Taxe einige Male vor seiner Enthauptung kommen durften, von der ich vor ein paar Tagen Kunde erhielt. Nun können freilich wohl seine Jünger die von ihm empfangene Lehre ganz geheim ihren Bekannten und Verwandten mitteilen, und diese ihren Kindern; aber es ist eine große Frage, ob nach ein paar hundert Jahren sich seine Lehre so erhalten wird, wie sie aus seinem Munde kam!
GEJ|2|106|4|0|Unsere römische Gotteslehre hat sicher den haargleichen Ursprung wie die der Juden; sie basiert ja auch auf nur einem Urgrundwesen, dem sogar alle Götter ohne Unterschied untertan sind! Die Mythe hat diesem Wesen verschiedene Namen beigelegt; die Griechen nennen es noch den unbekannten Gott der Götter, die Römer heißen es das Fatum, dem jede andere Macht untertan ist.
GEJ|2|106|5|0|Schau die gegenwärtige Gottheitslehre der Griechen und der Römer an, und du findest nichts als für einen denkenden Menschen höchst läppische, nichtssagende Fabeln und Märchen, aus allen Winkeln der menschlichen Tugenden mitunter, aber zumeist dennoch aus den menschlichen Leidenschaften, Schwächen und Lastern zusammengetragen; und das wird als Gotteslehre den Menschen mit Feuer und Schwert aufgedrungen! Mach es aber anders, wenn es dir möglich ist! Von meiner Seite wenigstens wird dir nichts in den Weg gelegt werden!
GEJ|2|106|6|0|Das schönste Beispiel aber gibt dir deine Mosaische Gotteslehre selbst! Lies den Moses und schaue dir hernach den Tempel an, und sage es mir, ob wohl noch ein Häkchen der alten Weisheitslehre vorhanden ist! Gott Selbst habe in der Wüste am Roten Meer vom Sinai herab unter Blitz und Donner dem bebenden Volke die wahrlich heilsamen Gesetze auf steinernen Tafeln gegeben und befestigte den alten Bund zwischen Sich und Seinem Volke; die es wagten, abtrünnig zu werden, wurden augenblicklich gezüchtigt durch allerlei Übel, ja selbst durch den Tod! Aber wozu war alles das gut? Frage die nun ins Scheußliche gehenden Mysterien des Tempels, und sie werden dir die handgreiflichsten Nichtigkeitsbeweise liefern!
GEJ|2|106|7|0|Wo ist die wunderbare Bundeslade, über der Gott in der Gestalt einer Flammensäule ruhte? Ja, eine Naphthaflamme kannst du zu sehen bekommen, wenn du ein Römer bist und dafür etwas Gold und Silber dem Tempel opferst; aber von der wunderbaren Bundeslade ist keine Spur mehr anzutreffen!
GEJ|2|106|8|0|Daher ist es nach meiner unmaßgeblichen Ansicht mit jeder Gotteslehre und mit jeder Offenbarung nichts; sie mag in ihrem Entstehen noch so rein sein, so wird sie in den Händen der Menschen nur zu bald also umgestaltet werden, daß sie der ursprünglichen ebensowenig ähnlich sieht, als ein hundertjähriger Greis mit dem eine Ähnlichkeit hat, wie er als ein neugeborenes Kind ausgesehen hat! Die Zeit und die mannigfachen Leidenschaften und Bedürfnisse der Menschen verwandeln das Reinste in das Unreinste; und als großer, nie besiegbarer Zeuge zur Steuer dieser Wahrheit steht die Geschichte aller Zeiten und aller Völker vor uns, die von niemandem geleugnet werden kann!
GEJ|2|106|9|0|Siehe weiter, Freund: obschon ich mich nie so weit überschätzen möchte, daß ich mir einbildete, dir einen Lehrer abzugeben imstande zu sein, so glaube ich aber hie und da – abgesehen von deiner sicher allertiefsten Kenntnis der geheimen Kräfte der Natur – in der besseren menschlichen Hinsicht denn doch auch etwas weniges zu verstehen und rate es dir, als sicher ein dir ähnlicher Menschenfreund, die großen Orte, in denen die Menschheit schon zu sehr bis in den tiefsten Lebensgrund verdorben ist, ja mehr noch als die ärgste Pestilenz zu fliehen, sonst wird der Erdboden nicht lange mehr von deinen heilbringenden Füßen betreten werden!
GEJ|2|106|10|0|Traue den Pharisäern, Schriftgelehrten, deiner eigenen Gotteslehre nicht und betritt jene Gegenden selten, über die Herodes seine Lehensherrschaft ausübt, so wirst du der armen Menschheit noch lange Gutes tun können; setzest du dich aber über alles das hinaus, so wirst du leider nur zu bald das herbe Los mit dem Johannes teilen! Denn ich bin in der Lage, zu wissen aus dem Fundamente, wie unbeschreiblich schlecht nun die Menschen der eigentlichen Welt sind! Nimm der Regierung Roms heute das Schwert aus der Hand und hebe die drückenden Gesetze auf, und du wirst am nächsten Tage die Menschen untereinander noch ärger wirtschaften sehen als eine große Herde von Tigern, Bären, Wölfen und Hyänen! Die Männer werden zu Teufeln und die Weiber zu Furien!“
GEJ|2|107|1|1|107. — Der Herr gibt dem Hauptmann Winke über Sein Wesen und Seine Mission
GEJ|2|107|1|0|Sage Ich: „Du bist Mir wohl ein recht lieber Mann und Freund, und was du geredet hast, ist leider nur zu wahr; wäre Ich ein Mensch der Art, wie die Menschen der Erde sind, so würde Ich deinen Rat auch ohne weiteres befolgen, denn in deiner Brust pulst ein redliches Männerherz; aber Ich bin ein ganz anderer Mensch und ein ganz anderes Wesen, als für was du Mich hältst! Siehe, Mir müssen gehorchen alle Mächte der Himmel und dieser Erde; und Ich habe sonach nichts zu befürchten. Es wird wohl an Mir die Schrift bitter und schmerzlich erfüllet werden, aber nicht nach dem Willen dieser Welt, sondern nach dem Willen des Vaters im Himmel, der aber nun in Mir ist, wie Ich in Ihm bin von Ewigkeit her! Aber darum wird Meine Macht über Himmel und Erde nicht den allergeringsten Verlust erleiden. Denn wollte Ich es, so wäre diese Erde im schnellsten Augenblick in den nichtigsten Staub umgestaltet samt allem, was in und auf ihr ist, atmet, lebt und webt; aber da Mein Grund ,Erhaltung‘ heißt, so geschieht solches nicht!
GEJ|2|107|2|0|Es kann geschehen, daß Ich als ein Aufwiegler des Volkes und Gotteslästerer angeklagt werde aus Ärger und neidigster Scheelsucht des Tempels und darob ans Querholz geheftet werde; aber alles das wird Meine Macht nicht brechen und Meiner Lehre bis zum Ende dieser Welt nicht den geringsten Eintrag tun.
GEJ|2|107|3|0|Es werden zwar die eigentlichen Weltmenschen mit der Zeit aus Meiner Lehre zum größten Teile dasselbe machen, was die Ägypter, Griechen und Römer aus der Urlehre gemacht haben, die Adam und seine ersten Nachkommen erhielten; aber neben solcher Abgötterei werden dennoch viele sein, die Meine Lehre und Meine Macht geradeso rein erhalten und besitzen werden, wie sie nun kommt aus Meinem Munde, und damit werden sie auch gleichfort haben und besitzen die Macht, die ihnen durch den lebendigen Glauben an Mein Wort verliehen wird für zeitlich und jenseits für ewig! Ich bin also auch ein Herr und fürchte darum keinen Herrn und keine Gesetze desselben!“
GEJ|2|107|4|0|Sagt der Hauptmann: „Freund, da ist mit wenig Worten viel gesprochen! Nach dem, was du hier geleistet hast, könnte ich es fast glauben, daß dir so etwas möglich sein dürfte, obschon mir ähnliche Heilungen – nur nicht in diesem überweit gedehnten Maße – nicht ganz fremd sind; denn es ist eine bekannte Sache, daß außerordentliche Erscheinungen auf die leibliche wie auch seelische Gesundheit eines Menschen, je nachdem sein Temperament beschaffen ist, einen oft wunderbar entschiedenen Einfluß haben. So zum Beispiel hat ein großer Schreck schon einem Taubstummen das Gehör und die Sprache wiedergegeben! Ich wüßte dir eine Menge ähnlicher Fälle zu erzählen, – aber es ist die Zeit zu kurz.
GEJ|2|107|5|0|Ich will aber in aller Kürze dir damit nur das sagen, daß deine Heilart, so außergewöhnlich sie auch ist und zu wieviel Dank sie uns auch verpflichtet, mir aber dennoch die volle Überzeugung nicht verschaffen kann, daß dir darum jede andere Macht der Himmel und der Welt nichts anhaben könnte! Ich will dir die Möglichkeit nicht streitig machen, – bei Gott sollen ja alle Dinge möglich sein; aber Freund, es ist eine große Kluft zwischen der Möglichkeit und Wirklichkeit! So ich dich näher werde kennenlernen, werde ich vielleicht auch glaubensfester werden.
GEJ|2|107|6|0|Aber nun, liebster, teuerster Freund, bitte ich dich, meine vielleicht ein bißchen zu anmaßende Rede ja nicht für ungut aufzunehmen; denn ich habe nur geredet, wie ich es verstehe, nicht etwa aus bösem Herzen, sondern aus einem sicher guten Herzen! Mich aber rufen nun die Amtsgeschäfte, denen ich Folge leisten muß; morgen aber stehe ich dir den ganzen Tag zu Diensten!“
GEJ|2|107|7|0|Sage Ich: „So du bleiben willst, kannst du auch bleiben; denn dein Dienst ist in deinem Namen verrichtet!“
GEJ|2|107|8|0|Sagt der Hauptmann: „Es ist zwar schon ziemlich dämmerig geworden; ohne den Mond wäre es schon Nacht; ich werde aber gleich wieder hier sein, – nur muß ich zuvor noch einen Sprung ins Lager tun und sehen, ob die Nachtwachen wohl ordentlich ausgeteilt und aufgestellt sind.“
GEJ|2|107|9|0|Mit diesen Worten verläßt der Hauptmann eilig das Zimmer, und Ebahl lobt ihn als einen Kommandanten, der wenige seinesgleichen haben dürfte, und daß Genezareth sich es für ein großes Glück rechnen könne, solch einen guten, in allen Dingen erfahrenen, gerechten und in seiner Sphäre äußerst klugen Militärchef zu haben!
GEJ|2|107|10|0|Sage Ich: „Das ist er allerdings zur großen Beschämung vieler Juden, die Gottes Wort und Gottes Gebote haben, und deren ganzes Herz dennoch voll Lüge und voll Betrug, voll Zank, Zorn, Ehebruch und aller Hurerei ist. Darum auch wird es geschehen, daß den Juden das dem David verheißene Reich nach der Aussage Daniels hinweggenommen und den Heiden gegeben werden wird, und die Nachkommen des Sohnes der Hagar werden herrschen über die Nachkommen Isaaks, obschon alles Heil zu dieser Zeit über die ganze Erde ausgeht vom Stamme Juda.“
GEJ|2|107|11|0|Sagt Ebahl: „Meister, du bist als Heiland besser denn als Prophet! Ich kann überhaupt noch immer nicht begreifen, warum die Propheten ohne Ausnahme gleichweg allzeit nur Schlechtes, nie aber etwas Gutes aussagten! Muß das also sein, oder glauben die Propheten, lediglich dadurch ihr mysteriöses Ansehen aufrechtzuerhalten, so sie den Menschen nichts als eine Gottesstrafe um die andere verkünden?
GEJ|2|107|12|0|Lieber, herrlicher Meister, ich habe aus deinen Reden gemerkt, daß du neben dem Wunderheilande noch etwas anderes bist, nämlich ein Prophet gleich einem der vier großen Propheten, und so könntest du mir wohl über das sonderbare Wesen der Propheten irgendeine Aufklärung geben! Wie gesagt, mir sind die Propheten stets ein Rätsel gewesen, und so möchte ich etwas Näheres über sie von dir vernehmen!“
GEJ|2|108|1|1|108. — Verhältnis eines Propheten zu Gott und den Menschen
GEJ|2|108|1|0|Sage Ich: „Ein Prophet ist gerade solch ein ganz einfacher, natürlicher Mensch mit allerlei Schwächen behaftet wie du; aber da er ein verständiges Herz hat, in dem weder Zorn noch Rache, noch Mißgunst, noch Stolz, noch Ehebruch und allerartige Hurerei feste Wurzeln schlagen können, so reinigt der göttliche Geist dessen Herz von den mannigfachen Schlacken der Welt; und wenn das alleinige Herz also gereinigt ist, so gießt der göttliche Geist ein Licht aus den Himmeln in solch ein Herz.
GEJ|2|108|2|0|Da der Prophet es leicht erkennt, daß dies ein Licht aus den Himmeln ist, das sich allzeit in klar vernehmbaren Worten ausspricht, so darf der sohin fertige Prophet dann nur mit der Stimme seines Mundes laut nachsprechen, was er in seinem Herzen klar und deutlich vernimmt, und er prophezeit dann schon im vollendet prophetischen Maße!
GEJ|2|108|3|0|Wenn es nun notwendig ist, so wird des Propheten Wille von Gott aus angetrieben, das zu reden zu dem Volke, und desgleichen zu tun vor demselben, was er in seinem Herzen vernimmt, – und solches heißt dann eine vollwahre Prophezeiung oder Weissagung und ist ebensogut reines Gotteswort, als hätte Gott Selbst unmittelbar aus Seinem Munde zu den Menschen geredet.
GEJ|2|108|4|0|Aber darum gilt ein solcher Prophet um kein Haar mehr vor Gott als jeder andere Mensch, dem diese Gabe ganz mangelt; denn der Prophet muß dann aus seinem höchst eigenen Willen ebenfalls das tun, was der Geist Gottes durch sein Herz und durch seinen Mund zu den Menschen geredet hat, sonst kommt über ihn so gut ein Gericht wie über jeden, der den Willen Gottes vernimmt, aber nicht danach tut, – und es ist da ein Prophet schlimmer daran denn ein anderer Mensch. So ein anderer in der Schwäche und Nacht seiner Seele es schwer glaubt, was der Prophet zu ihm spricht, so wird er ein minderes Gericht zu bestehen haben, dieweil er nicht glauben mochte, was der Prophet zu ihm geredet hat; aber für den Propheten selbst gibt es keine Entschuldigung, sowie auch für den nicht, der da geglaubt hat und dennoch aus Liebe zur Welt und deren Schätzen nicht tat, was ihm vom Propheten zu tun geboten ward.
GEJ|2|108|5|0|Jedoch aber wird der Lohn eines Propheten dereinst größer sein denn der eines andern Menschen; denn ein Prophet muß allzeit siebenfach soviel tragen als ein jeder andere Mensch für sich. Alle, zu denen ein Prophet geredet hat, werden jenseits, die Guten wie die Schlechten, ihm übergeben, und er wird sie in Meinem Namen richten über jegliches Wort, das er vergeblich zu ihnen geredet hat!
GEJ|2|108|6|0|Wer aber einen rechten Propheten aufnimmt in Meinem Namen und im Namen des Propheten selbst und verpflegt ihn und ist dessen Freund, der wird dereinst auch eines Propheten Lohn überkommen. Und wer einen Propheten unterstützt, daß es dem Propheten leichter geschieht in seiner schweren Arbeit, der wird auch eines Propheten Lohn überkommen; denn jenseits wird der Knecht des Propheten auf gleicher Stufe stehen neben dem Propheten und wird mithin richten die dem Propheten untergebenen Geister und herrschen über sie immerdar, und seines Reiches wird für ewig nimmer ein Ende sein!
GEJ|2|108|7|0|Wehe aber denen, die einen Propheten verlassen der Welt wegen oder ihn gar verdächtigen hie und da und in einem und dem andern! Und noch mehr Wehe den Verfolgern eines Propheten; denn diese werden schwerlich ewig je zur Anschauung Gottes gelangen! Wer aber an einen Propheten die Hand legt, soll mit dem ewigen Feuer in der untersten Hölle bestraft werden! Denn eines Propheten Herz ist Gottes, und sein Mund ist Gottes, und so seine Hände, Füße, Augen und Ohren! Wo ein Prophet ist, da ist auch Gott; darum sollt ihr seine Wohnstätte mit tiefer Ehrfurcht betreten, denn der Ort, da er steht, ist heilig. Das soll beachtet sein im Herzen, zwar nicht des Propheten willen, der ein Mensch ist, sondern um Gottes willen, der im Herzen des Propheten redet und zeugt.
GEJ|2|108|8|0|Daß aber ein rechter Prophet für die Welt nur ein Gericht ums andere verkündet, hat seinen Grund ganz einfach darin, weil Gott nur dann einen Propheten erweckt, wenn diese (d.i.: die Welt) Gottes vergessen und sich in alle Laster eben der Welt hineingestürzt hat!
GEJ|2|108|9|0|Sage Mir nun, Ebahl, ob du nun über das Wesen eines rechten Propheten im reinen bist!“
GEJ|2|108|10|0|Sagt Ebahl: „Vollkommen, du mein überaus hochgeachteter Meister! Du bist demnach aber doch sicher auch ein Prophet!?“
GEJ|2|108|11|0|Sage Ich: „Ich bin kein Prophet; denn es steht geschrieben: ,Aus Galiläa steht kein Prophet auf!‘ Aber Ich bin mehr denn ein Prophet! Denn in Meiner Brust wohnt ebenderselbe Geist, der durch den Mund der Propheten geredet hat und hinfort noch viel mehr reden wird. Denn die in der Folge Meinen Namen vollgläubig in ihrem Herzen tragen werden, denen wird auch der Geist der Weissagung innewohnen! Verstehst du solches?“
GEJ|2|108|12|0|Sagt Ebahl: „Herr und Meister! Mir kommt es vor, daß so wie du kein gewöhnlicher Mensch reden kann! Hinter dir steckt ein anderer, den dein Rock und deine Haut vor unsern Augen verbirgt!“
GEJ|2|109|1|1|109. — Die Propheten als Gesandte Gottes und deren Unterschied vom Wesen des Herrn
GEJ|2|109|1|0|Während Ebahl, dem schon ein anderes Licht aufzugehen beginnt, noch so fort ratschlagt, kommt auch schon der Hauptmann wieder zurück und erzählt voll Freude und Verwunderung, wie er alles in der besten Ordnung angetroffen habe, und wie sich seine Unterkommandanten gewundert hätten, als er nach ihrer Aussage zum zweiten Male gekommen sei und gefragt habe, ob wohl alles in Ordnung sei, indem er doch um eine halbe Stunde zuvor selbst alles aufs beste bestellt und geordnet hätte! Er aber habe sich damit wieder herausgeputzt, daß er vorgab, hiermit nur eine kluge Nachrevision angestellt zu haben, womit denn auch alle ohne weitere Fragen vollkommen befriedigt waren.
GEJ|2|109|2|0|Mich aber fragte er darauf höchst wißbegierig, wer denn sonach sein zweites Ich gewesen wäre, das seine Arbeit gar so lobenswert an seiner Statt verrichtet habe.
GEJ|2|109|3|0|Sage Ich: „Habe Ich dir ja doch zuvor gesagt, daß Mir alle Mächte der Himmel und die Kräfte dieser Erde in jedem Augenblick zu Gebote stehen; du aber mochtest es nicht glauben! Nun aber wirst du es hoffentlich wohl glauben, daß Ich ewig keinen Tod zu fürchten habe, und daß auch Ich ein Herr bin, der etwas zu reden und zu gebieten hat!“
GEJ|2|109|4|0|Sagt der Hauptmann: „Ja, Herr und Meister, du mußt ein Gott sein! Und es erscheint mir unsere römische Gotteslehre eben nicht mehr so fabelhaft wie ehedem; denn ich habe nun an dir ja die vollkommen lebendigste Überzeugung, daß dann und wann denn doch ein Gott seine Himmel verlassen hat und eine Zeitlang bald in der und bald in einer andern Art sich den sterblichen Kindern gezeigt und sie mit allerlei geistigen und irdischen Schätzen bereichert hat, auf daß die Sterblichen die sonst wüste Erde also kultivierten, daß sie dereinst auch ein Wohnsitz für unsterbliche Götter würde! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|2|109|5|0|Sage Ich: „Das ist nichts als eine eitel leere Dichtung, die recht heidnisch zart klingt, aber kein Fünklein von einer Wahrheit in sich enthält in der Art, wie du sie verstehst.
GEJ|2|109|6|0|Ah, wenn du aber unter der ,Erde‘ die Erkenntnisse und den Willen der Menschen verstehst, dann könntest du wenigstens in einer der Wahrheit gut entsprechenden Art und Weise recht haben; aber Götter, die nicht und nirgends sind, haben wohl nie irgendwo der Erde Boden betreten. Jene Menschen, durch deren Mund der Geist Gottes zu den Menschen der Erde geredet hat, und durch deren Willen gar oft und gar viele Wunder geschehen sind, waren keine Götter, sondern Propheten, an und für sich gleichsogut Menschen wie du, und sind auch gestorben dem Fleische nach, – aber freilich der Seele und dem Geiste nach nicht.
GEJ|2|109|7|0|In Mir aber betritt der Geist Gottes nun zum ersten Male diese Erde! Das ist derselbe Geist, von dem alle die Urväter und alle die alten Weisen und alle die Propheten oft und oft in ihren reinen Gesichten geweissagt haben.“
GEJ|2|109|8|0|Während Ich aber solches zum erstaunten Hauptmanne redete, kam ein Diener ins Zimmer und sagte, daß draußen im Freien schon wieder eine Menge Kranker auf die Hilfe harreten, und ob Ich ihnen helfen möchte.
GEJ|2|109|9|0|Sage Ich zum Diener: „So geh hinaus und sage ihnen, daß sie getrost in ihre Heimat ziehen sollen!“
GEJ|2|109|10|0|Und der Diener begab sich eiligst hinaus und erstaunte nicht wenig, als er alle, die ehedem vor dem Hausflur jammerten und wehklagten, heiter, munter und fröhlich, Gott lobend, untereinander hin- und herwandelnd erblickte. Nach einer Weile erst sagte er zu den Geheilten das, was Ich ihm zu sagen gebot – und die Geheilten zogen in ihre Heimat.
GEJ|2|109|11|0|Es ward aber darauf und darüber noch bei zwei Stunden lang geredet, das mit dem, was man schon bei der früheren Heilung geredet hatte, von ein und demselben Geiste war und darum hier füglich übergangen werden kann. Wir nahmen während des Geredes Brot und Wein und begaben uns darauf zur Ruhe.
GEJ|2|110|1|1|110. — Die gesegnete Wiese. Der Spaziergang auf dem Meer
GEJ|2|110|1|0|Am nächsten Tage schon früh morgens war der ganze Platz schon wieder vollgefüllt von allerlei Kranken.
GEJ|2|110|2|0|Ebahl kam zu Mir und bat Mich, daß Ich ihm helfe; denn sie verstellten den Platz vor seinem Hause schon derart, daß da kein Mensch mehr aus- und eingehen könne. Er habe auch schon den Hauptmann draußen gesehen, der ins Haus möchte, aber durch die Menge der dicht aneinandergereihten Kranken nicht durchzudringen vermöge!
GEJ|2|110|3|0|Da begab Ich Mich an die Hausflur, hob Meine Hände über die Kranken, – und sie wurden alle auf einmal gesund, schrien vor Freude und lobten und priesen Gott in der Höhe, der dem Menschen solche Macht gäbe!
GEJ|2|110|4|0|Ich aber gebot ihnen zu schweigen und sich nach Hause zu begeben und fortan zu meiden die Sünde! Und sie gehorchten alle und zogen heim.
GEJ|2|110|5|0|Darauf aber sagte Ich zu Ebahl: So noch den Tag hindurch mehrere hier Hilfe suchen kämen, so sollen sie sich nicht auf der Straße, sondern auf der über der Straße liegenden großen Wiese lagern, dort werde ihnen geholfen sein; die sich aber auf der offenen Straße lagern würden, denen soll nicht geholfen werden! – Darauf segnete Ich die Wiese, worauf dann ein jeder, der als Kranker die Wiese betrat, sogleich gesund ward.
GEJ|2|110|6|0|Es kamen aber an diesem Tage aus allen Städten, Märkten und Dörfern mehrere hundert Kranke, und darunter war nicht einer, der nicht geheilt worden wäre.
GEJ|2|110|7|0|Die beiden Essäer machten von Stunde zu Stunde größere Augen, und die etlichen Pharisäer und Schriftgelehrten ärgerten sich auch von Stunde zu Stunde mehr, da ihr Ansehen eben auch von Stunde zu Stunde sich bis auf nichts verringerte; denn sie wurden gar nicht mehr angesehen und um nichts befragt, und des Ebahls Leute gaben ihnen hin und wieder sogar zu verstehen, daß sie im Hause nun vollends überflüssig seien und, da die Zeit schön sei, sie wohl nach Jerusalem ziehen könnten. – Aber sie nahmen solchen Rat nicht an, sondern blieben allhier.
GEJ|2|110|8|0|Nach einer Weile trat einer der Pharisäer zu Mir und fragte Mich, ob diese Wiese fortan diesen Charakter behalten werde.
GEJ|2|110|9|0|Sagte Ich: „Nur den heutigen Tag über, bis zum Untergange!“
GEJ|2|110|10|0|Spricht der Pharisäer: „Warum denn nicht für immer?“
GEJ|2|110|11|0|Sage Ich: „Weil es gewisse Menschen gibt, die eine solche Wiese nur zu bald und zu hoch einfrieden würden und dann von denen, die gesund werden möchten, viel Gold und Silber verlangen würden; und da Ich solches nicht will, so bleibt diese Wiese nur bis heute abend heilbringend, dieweil der Zudrang der Menschen zu groß ist. – Morgen, wo wenige der Heilung wegen hierherkommen werden, sollen sie durch ihren Glauben und durch ihr Vertrauen geheilt werden!“
GEJ|2|110|12|0|Auf diese Erklärung kehrten Mir die Frager voll Ärger den Rücken und fragten Mich den ganzen Tag über um nichts mehr; dafür aber gaben sich die beiden Essäer desto emsiger mit Mir ab.
GEJ|2|110|13|0|Der Hauptmann ward darob über die Essäer schon ärgerlich und hätte ihnen gerne gesagt, daß sie sich mit Mir wohl schon zur Genüge werden besprochen haben; aber er hielt sich Mir zuliebe dennoch mit aller Gewalt zurück.
GEJ|2|110|14|0|Nachmittags verwies Ich die beiden aber an den Matthäus und an Meine andern Jünger, unter denen sie bald den Bartholomäus fanden und an ihm eine große Freude hatten, da er bekanntlich auch ein Essäer war. Mit den Jüngern besprachen sich die beiden dann bis Mitternacht über Meine Lehren, Meine Taten und über Meine göttliche Wesenheit.
GEJ|2|110|15|0|Ich aber machte nachmittags mit dem Hauptmann und mit Ebahl und seiner Familie einen Ausgang an das Meer, wo die acht Schiffsknechte das Schiff bedienten und dasselbe, weil es hie und da schon etwas schadhaft war, recht gut und mit allem Fleiße ausbesserten. Als wir zu ihnen kamen, hatten sie eine große Freude und erzählten dem Hauptmanne, wie Ich auf dem Wasser gegangen sei. Denn diese Erscheinung ging den achten gar nicht aus dem Kopfe und aus dem Gemüt.
GEJ|2|110|16|0|Als der Hauptmann solches vernahm, fragte er Mich, wie denn das möglich sei.
GEJ|2|110|17|0|Sagte Ich zu ihm: „Ich habe dir's ja gestern erzählt, welche Mächte Mir untertan sind und Mir dienen müssen! Wie magst du hernach fragen? Übrigens, so du dich getrauest, deine Füße aufs Wasser zu setzen, und Ich es will, so wirst auch du darauf umherwandeln können, solange Ich es will! Wenn es euch allen beliebt, so wollen wir gleich einen Versuch machen! Aber ihr müßt keinen Zweifel haben, sondern ihr müßt Mir ganz beherzt und mutig folgen!“
GEJ|2|110|18|0|Sagt der Hauptmann: „Es wäre alles recht, wenn nur das Meer hier beim Ufer nicht gleich so tief wäre! Die längste Strecke von hier nach oben und unten geht es gleich senkrecht in die beinahe unergründliche Tiefe hinab! Es dürfte einem der erste Tritt möglicherweise denn doch mißlingen, – und man wäre da unten, wo die großen Molche und Salamander hausen!“
GEJ|2|110|19|0|„Kleingläubiger“, sagte Ich, „meinst du denn, daß Ich es wagen möchte, tollkühn zu sein, wenn Ich nicht wüßte, wer Ich bin, und wer alles Meinem Willen untertan sein muß? – Wer von euch Mut und Glauben hat, der folge Mir!“
GEJ|2|110|20|0|Hierauf trat Ich auf des Meeres Fläche, – und sie trug Mich wie festes Land. Also schritt Ich zehn Schritte vom Ufer, wandte Mich um und lud die Gesellschaft ein, zu Mir zu kommen; aber sie getrauten sich nicht.
GEJ|2|110|21|0|Da berief Ich das jüngste, zwölf Jahre alte Töchterchen des Ebahl, und das Mägdlein bekam Mut und setzte am Anfange den ersten Fuß ganz behutsam aufs Wasser. Als sie sich aber überzeugt hatte, daß das Wasser nicht wich, sondern dem Fuße so gut Widerstand leistete wie ein Steinboden, da fing sie gleich an, ganz munter zu Mir hinzuhüpfen, und hatte eine große Freude daran, daß das Wasser sie trug!
GEJ|2|110|22|0|Nach dem Mädchen versuchten es denn auch die andern, bis auf den Hauptmann, und alle befanden sich recht wohl und munter auf dem nun freilich sehr ruhigen Wasserspiegel.
GEJ|2|110|23|0|Der Hauptmann fragte Mich, voll Staunen und nun doch schon halb mutig: „Wie würde es denn dann gehen, wenn ein Sturm käme?“
GEJ|2|110|24|0|Sage Ich: „Komm und überzeuge dich!“
GEJ|2|110|25|0|Endlich versuchte auch der Hauptmann, einen Fuß auf das Wasser zu setzen, und da er sich überzeugte, daß das Wasser nicht wich, so setzte er endlich ganz behutsam auch den zweiten nach, ging, sich sehr leicht machend mit zurückgehaltenem Atem, die zehn Schritte zu Mir hin und war ganz glücklich, bei Mir auf einem, nie auf diese Weise betretenen Boden zu stehen.
GEJ|2|110|26|0|Ich aber sagte: „Nun, da ihr überzeugt seid, daß den Festgläubigen auch das Wasser ein fester Boden ist, so wollen wir nun unsere Lustwandelschaft weiter fortsetzen!“
GEJ|2|110|27|0|Der Hauptmann wäre zwar lieber auf den festen Boden des Ufers zurückgegangen; aber die überaus munteren sechs Töchter des Ebahl flößten ihm durch ihr munteres Hin- und Herlaufen Mut ein, so daß er dann auch mit uns bei fünftausend Schritte weit hinaus auf die schon ziemlich hohe See wandelte.
GEJ|2|110|28|0|Da erhob sich aber ein ziemlich heftiger Wind und fing an, starke Wellen zu treiben. Es fing an, allen bange zu werden, und der Hauptmann bat Mich, daß Ich umkehren möchte.
GEJ|2|110|29|0|Aber Ich sagte: „Fürchte dich nicht! Die Wellen kommen ja nur, um dich zu überzeugen, daß auch sie, samt dem Winde, der sie treibt, Mir gehorchen müssen.“
GEJ|2|110|30|0|Aber nach einer Weile, als die Wellen stets mächtiger kamen, kehrte der Hauptmann um und lief, was er nur laufen konnte, erreichte bald ganz wohlbehalten das Ufer und war nach mehreren fieberhaften Leibesschüttlern überaus froh, wieder einen undurchsichtigen, festen Boden unter seinen Füßen zu haben. – Wir aber gingen bald darauf auch zurück und kamen zum erstaunten Hauptmann.
GEJ|2|111|1|1|111. — Vom wahren Gebet
GEJ|2|111|1|0|Als wir uns alle wieder am Ufer befanden, da sprach der Hauptmann: „Herr, nun habe ich des Beweises in größter Menge, daß du entweder der allerhöchste Gott Selbst, oder ein Sohn desselben bist; denn das vermag kein Sterblicher!“
GEJ|2|111|2|0|Darauf fielen alle vor Mir auf ihre Knie und wollten anfangen, Mich anzubeten.
GEJ|2|111|3|0|Aber Ich behieß sie, sich vom Boden zu erheben, und sagte zu ihnen: „Höret, alles dessen bedarf Gott und Ich nicht, sondern das allein wahre Gebet besteht in der aufrichtigen Liebe zu Gott, dem Vater im Himmel, und gleichermaßen zu den Nebenmenschen, die eure Nächsten sind. Alles andere Gebet hat vor Gott keinen Wert, und vor Mir auch nicht.
GEJ|2|111|4|0|Gott hat die Menschen auch nie gelehrt, Ihn mit den Lippen zu verehren und die Herzen kalt zu halten. Aber weil ein Samuel vor dem Volke laut gebetet hat, desgleichen mehrere Propheten, und weil David Gott dem Herrn seine Psalmen und Salomo sein Hoheslied sang, so kam das Volk zum leeren Lippengebet und zu den kalten Opfern.
GEJ|2|111|5|0|Aber vor Gott ist solch ein Beten und Opfern ein Greuel! Wer nicht im Herzen beten kann, der bete lieber gar nicht, auf daß er sich vor Gott nicht unanständig gebärde! Füße, Hände, Augen, Ohren und Lippen hat Gott dem Menschen nicht gegeben, daß er damit eitel und leer beten solle, sondern allein das Herz!
GEJ|2|111|6|0|Aber dennoch kann ein jeder Mensch auch mit den Füßen, Händen, Augen, Ohren und Lippen beten; und zwar mit den Füßen: wenn er hingeht zu den Armen und ihnen Hilfe und Trost bringt; mit den Händen: wenn er den Notleidenden unter die Arme greift; mit den Augen: wenn er gerne die Armen ansieht; mit den Ohren: wenn er gern und tatwillig Gottes Wort anhört und dieselben vor den Bitten der Armen nicht verschließt; und am Ende mit den Lippen: wenn er sich gerne tröstend mit den armen, verlassenen Witwen und Waisen bespricht und für die Gefangenen nach seiner Macht und Kraft gern ein gutes Wörtlein einlegt bei denen, die die Armen oft schuldlos gefangenhalten, auf daß sie dieselben freiließen.
GEJ|2|111|7|0|Also betet der Mensch mit den Lippen auch, wenn er die Unwissenden belehrt und sie zum wahren Glauben, zur rechten Erkenntnis Gottes und zu allerlei nützlicher Tugend beredet. Das alles ist dann auch ein Gott höchst wohlgefälliges Gebet.
GEJ|2|111|8|0|So ihr aber nun das wißt, da tuet auch danach, – und ihr werdet an den Segnungen Gottes nie einen Mangel haben! Denn das heißt dann: Gott im Geiste und in aller Wahrheit anbeten.
GEJ|2|111|9|0|Es steht zwar wohl geschrieben, daß der Mensch ohne Unterlaß beten soll, so er nicht in eine Versuchung fallen will; wie läppisch und vollkommen närrisch aber wäre es, so Gott von den Menschen ein unablässiges Lippengebet verlangen würde! Da müßten denn die Menschen, um Gott wohlgefällig zu werden, Tag und Nacht in einem fort auf den Knien liegen und unaufhörlich leere, herz- und sinnlose Lippengebete, gleich den Vögeln in der Luft, herschnattern! Wann aber würden sie dann sonst eine nötige Arbeit bestellen können? Aber so ihr mit Händen, Füßen, Augen, Ohren und Lippen in einem fort also tätig seid und liebet in euren Herzen allzeit Gott und eure armen Nächsten, so betet ihr wahr und in der Tat ohne Unterlaß zu Gott, der euch darum auch allzeit segnen und euch darum auch dereinst jenseits geben wird das allerglückseligste ewige Leben! – Habt ihr das wohl alles verstanden?“
GEJ|2|111|10|0|Sagen alle: „Ja, Herr und Meister, das ist so klar und wahr, wie klar und wahr da ist das Licht der Sonne, und wir werden alle danach tun!“
GEJ|2|111|11|0|Sage Ich: „Gut denn, Meine lieben Freunde, so lasset uns nun wieder in die Stadt heimziehen!“
GEJ|2|111|12|0|Die acht Knechte aber behieß Ebahl, daß einige von ihnen mitgehen sollten; und er werde ihnen Brot, Wein, Fische und Früchte geben für ihren Unterhalt. – Da machen sich gleich sechs mit auf den Weg, und Ebahl versieht sie mit allem reichlich.
GEJ|2|112|1|1|112. — Hauszucht und Liebe
GEJ|2|112|1|0|Als wir ins Haus kamen, da wollten die Kinder auch in Meiner Gesellschaft verbleiben.
GEJ|2|112|2|0|Da aber Ebahl eine strenge Hauszucht hielt, so verwies er, besonders den Mädchen und den beiden Weibern, solches und sagte: „Ihr habt nun gesehen, erfahren und gehört genug; behaltet das und tut danach, so werdet ihr nicht ohne Segen verbleiben, wie es euch der Herr Selbst draußen am Meere verkündet hat. – Nun aber gehet wieder an eure Arbeit!“
GEJ|2|112|3|0|Die Mädchen und die beiden Mütter beurlauben sich mit wehmütigem Herzen und begeben sich in ihre Gemächer, deren das Haus Ebahls viele hatte; denn es war wohl das größte Haus in ganz Genezareth.
GEJ|2|112|4|0|Ich aber sage darauf zu Ebahl: „Freund, warum schafftest du sie denn fort? Siehe, es ist wohl recht, eine strenge und gute Hauszucht bei den Kindern zu halten, und sehr lobenswert ist es, die Mädchen vor der Welt zu verwahren; aber siehe, hier, wo Ich bin, ist keine gefahrdrohende Welt, sondern ein segenvollster Himmel nur, und den sollst du deinen Kindlein nicht mißgönnen!“
GEJ|2|112|5|0|Als Ebahl solches von Mir vernahm, sagte er: „Oh, wenn sie nur Dir nicht lästig sind, so will ich sie gleich wieder hierherbringen lassen! Aber meine Kinder gaffen und plaudern gern, und so schaffte ich sie fort, auf daß sie Dir nicht lästig seien.“
GEJ|2|112|6|0|Sage Ich: „Was auf der Welt gäbe es, außer der großen Bosheit der Menschen, das Mir lästig werden könnte? – Gehe und bringe sie alle wieder hierher!“
GEJ|2|112|7|0|Ebahl ging und brachte sie alle wieder zu Mir, und das jüngste Mägdlein setzte sich flugs zu Mir hin und fing an, Mich zu kosen und zu herzen.
GEJ|2|112|8|0|Ebahl aber verwies es ihr und sagte, daß solches eine Unart wäre.
GEJ|2|112|9|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, laß ihr das; denn sie hat sich schon den allerbesten Teil erwählt! Ich sage es dir und euch allen: Wer nicht zu Mir kommt wie dies Mägdlein, wird den Weg ins Reich Gottes nicht finden! Dieses aber hat ihn bereits gefunden! Mit Liebe, und das mit heißester Liebe, müßt ihr zu Mir kommen, so ihr das ewige Leben ernten wollet!
GEJ|2|112|10|0|Dies Mägdlein beweist es in der Tat, was es im Herzen fühlt; ihr aber machet kluge Reden und haltet kühl euer Herz! Fällt es euch denn noch nicht bei, wer Ich sein könnte und auch wirklich bin?“
GEJ|2|112|11|0|Hier fallen alle nieder, und Ebahl ergreift Meine Füße und küßet sie klein ab und sagt nach einer ganz von Ehrfurcht verwirrten Weile: „Herr! Gefühlt habe ich es schon lange, nur fehlte mir der Mut dazu!“
GEJ|2|112|12|0|Sage Ich: „Nun, so strafe das Mägdlein nicht, das euch allen den Mut machte, zu Mir aufs Wasser zu kommen! Hier aber hat sie euch wieder den Mut gemacht, Mich zu lieben! Oh, dies Mägdlein ist denn aber auch Mir überaus lieb! Es hat schon, was ihr noch zu suchen habt und noch nicht sobald finden werdet! Bestrebet euch aber der wahren, lebendigen Liebe zu Gott und dem Nächsten, so werdet ihr der Gnade und des Segens in Fülle haben!“
GEJ|2|112|13|0|Sagt der Hauptmann: „Herr, ich habe außer zu meinem Weibe und meinen etlichen Kindern, die sich in Rom befinden, nie eine Liebe zu jemandem gefühlt, handelte aber stets redlich nach Recht und Billigkeit. Ich handhabte das Gesetz nie nach dessen Schärfe, sondern stets mehr nach dessen Milde und bin dabei stets gut ausgekommen. Aber jetzt fühle ich es, daß man die Menschen lieben und ihnen aus Liebe Gutes erweisen kann, das heißt: Man kann selbst wollen, den Menschen nach Kraft und Möglichkeit das angedeihen zu lassen, was man gegen sich selbst als recht und notwendig erkennt, – und das ist Liebe zum Nächsten.
GEJ|2|112|14|0|Nun, wenn man den Nächsten also liebt, so liebt man dadurch ja auch schon Gott; bedenkt man aber bei der Liebe zu Gott, daß Gott Selbst die erste und vollkommenste Liebe sein muß, der zufolge allein Er die Sinnen- und Geisterwelt erschaffen hat, so muß dieser klare Gedanke ja notwendig die höchste Liebe zu Gott dem Schöpfer im geschaffenen Menschen erwecken, und der Mensch kann dann ja nicht mehr umhin, Gott, als den liebevollsten Schöpfer aller Dinge, über alles aus allen Kräften, die ihn beleben, zu lieben.
GEJ|2|112|15|0|Da ich nun aber nach allem dem, was ich von Dir die paar Tage hindurch gesehen und gehört habe, ohne allen Zweifel annehme, daß Du entweder der Urschöpfer Selbst oder doch sicher Sein Sohn von Ewigkeit her bist und Dich uns hier auf der Erde in unserer Form zeigst und uns lehrst, Gott und Dich zu erkennen, so ist es ja eine notwendige Folge, daß auch ich Dich über alles lieben muß. Habe ich auch den Mut nicht, Dich so zu herzen wie dies wahrlich überzarte Mägdlein, so umarme ich Dich aber dennoch im Herzen und preise Dich über alles! Und ich meine, daß es also auch recht ist.“
GEJ|2|112|16|0|Sage Ich: „Es ist ganz recht also; aber besser ist es, wenn die Liebe also wächst wie bei diesem Mägdlein! – Sehet sie nur an, ob sie nicht förmlich glüht vor Liebe zu Mir!“
GEJ|2|113|1|1|113. — Das rechte Lob und die Gefahr beim Loben
GEJ|2|113|1|0|Sagt die älteste Schwester, die ein wenig die Eifersucht zu plagen begann: „Die Jarah war schon von jeher sehr verliebter Natur und verliebte sich bald in alles, was ihr unterkam; was Wunder, daß sie sich in einen so schönen Mann, wie du einer bist, bis zum Sterben verliebt?! Das ist wahrlich keine gar so große Lebenskunst! Das könnte ich auch; aber was würde es mir nützen, wenn dich die klein verliebte Jarah nun ganz in Beschlag genommen hat?“
GEJ|2|113|2|0|Sage Ich: „Siehe, du eifersüchtige Schwester, hättest du je eine rechte Liebe in deinem Herzen gehabt, so würdest du nun auch nicht also geredet haben! Weil du aber nie eine rechte Liebe ob der Verzärtelung in dein Herz bekamst, so kannst du auch nicht umhin, daß du eben also redest, wie du nun redest!
GEJ|2|113|3|0|Siehe, die Jarah liebt – und fragt nicht, ob sie wiedergeliebt wird! Freund und Feind sind ihr gleich; sie ist ganz glückselig, daß sie nur alles mit Liebe umfassen kann. Daran zu denken nur, ob auch sie geliebt werde, ist noch nie in ihren Sinn gekommen; sie liebt dich und alle ihre Geschwister so wie ihre Eltern mehr, als sie von allen geliebt wird! Sie steht in eurer Liebe aber als die letzte, was sie noch nie in ihrer großen Liebe zu euch beirrt hat! Siehe, das heißt wahrhaft lieben!
GEJ|2|113|4|0|Wenn du liebst, so willst du dafür noch zehnmal mehr geliebt sein! Und wird dir die Liebe nicht also erwidert, so wirst du voll Unmutes und voll allerlei Verdachtes in deinem von Eigenliebe vollen Herzen!
GEJ|2|113|5|0|Siehe dagegen die liebe Jarah an, ob sie je noch auf Gegenliebe einen wie immer gearteten Anspruch gemacht hat! Aus dem Grunde aber darf sie Mich denn nun auch lieben, was nur immer ihr Herz vermag! Denn allein dieser zuliebe kam Ich hierher, und ihr zuliebe werde Ich noch etliche Tage hier verweilen; und so habt ihr es alle diesem Mägdelein zu verdanken, daß Ich hierher kam und eure Kranken, sowie den ganzen Ort geheilt habe und hinfort noch mehrere Kranke heilen werde.
GEJ|2|113|6|0|Denn wohin Ich komme, suche Ich das Niederste und das Gedrückteste! Alles aber, was vor den Augen der Welt groß und hochgeachtet ist, ist vor Gott ein Greuel! Bestrebet euch darum, so zu sein, wie da ist die liebe Jarah, so werdet ihr Mir auch ebenso nahestehen wie sie nun, geistig und leiblich, für zeitlich und dereinst für ewig!
GEJ|2|113|7|0|So ihr aber jemand lobet, da lobet den, der wahrhaftig ein Lob verdient! Wird der Belobte aber auf das Lob eitel, dann lobet ihn nicht mehr; denn die Eitelkeit ist der Same zum Hochmut, und dieser ist des Satans Geist!“
GEJ|2|113|8|0|Sagt Ebahl: „Aber Herr, wenn Du meine Jarah gar so auszeichnest vor ihren übrigen Geschwistern, ist es nicht zu besorgen, daß sie eitel wird?“
GEJ|2|113|9|0|Sage Ich: „Habe du nur darum keine Sorge! Wer einmal Mich umfaßt hat, von dem ist jede Eitelkeit für ewig gewichen! Jarah, sage es Mir, ob du darum dich nun für besser hältst als alle deine Geschwister, dieweil Ich dich nun so ausschließlich liebhabe!?“
GEJ|2|113|10|0|Sagt ganz schüchtern die Jarah: „O Herr, Du mein einzig Geliebter, dafür kann ich nicht und meine Schwester auch nicht! Ich möchte aber, daß Du meine fünf Schwestern noch lieber hättest denn mich; denn sie sind ja viel schöner und viel gescheiter denn ich. Mich haben sie ja immer die Häßliche und die Dumme genannt, was ich aber auch recht wohl verdient habe; denn so schön bin ich sicher nicht wie sie, und – nun ja – dumm bin ich wirklich auch. Aber ich bin ja noch jung und werde schon noch gescheiter werden, wenn ich so alt werde, wie sie sind!
GEJ|2|113|11|0|Oh, über meine lieben Schwestern lasse ich nichts aufkommen; denn sie lehren mich ja allerlei nützliche Dinge und haben mich alle recht lieb, aber ich liebe sie auch aus allen meinen Seelen-Leibeskräften. Herr, mußt ihnen auch gut sein! Denn siehe, ich fühle gleich ein starkes Herzeleid, so ich meine Geschwister in etwas bekümmert ersehe; da möchte ich gleich wieder alles hergeben, daß nur meine lieben Geschwister recht heiter und froh sein möchten!
GEJ|2|113|12|0|Ich kann keinen Traurigen und keinen Unglücklichen sehen; lieber möchte ich alle Traurigkeit und alles Unglück auf mich nehmen, wenn dadurch nur alle Unglücklichen und Trauernden glücklich, froh und heiter sein möchten! Darum sei Du, mein allerallerliebster Herr Jesus, auch meinen Schwestern gleich so gut wie mir; denn sie verdienen es ja auch!“
GEJ|2|113|13|0|Sage Ich: „Ja – dir, Meine allerallerliebste Jarah, kann Ich freilich nichts abschlagen! Deine Schwestern sehen nun aber auch schon ein, warum Ich dich gar so liebhabe, und so sie dir in ihren Herzen vollends gleichen werden, werde Ich sie auch so liebhaben wie dich; sei du darum ganz unbesorgt!
GEJ|2|113|14|0|Denn sieh, geradeso, wie du keinen Unglücklichen und Trauernden sehen kannst, ohne den Wunsch, ihm zu helfen, ist es auch bei Mir – nur in einem viel größeren Maße – der Wunsch und mit ihm der allmächtige, feste Wille, jedem Menschen für Zeit und Ewigkeit zu helfen!
GEJ|2|113|15|0|Das Verlorene zu suchen, das Kranke zu heilen, und alles, was da gefangen ist, zu erlösen, ist Mein Sinn, Meine Absicht und Mein Wille; aber dennoch soll auch einem jeden Menschen sein freiester Wille unverrückt belassen werden. – Sage Mir, du Meine allerliebste Jarah, ob dir Meine Absicht nicht recht gut gefällt.“
GEJ|2|114|1|1|114. — Jarah über ihre Gebetserfahrungen
GEJ|2|114|1|0|Sagt Jarah: „Oh, wie sollte sie mir nicht gefallen? Ich möchte es ja auch so machen, wenn ich es nur könnte! Aber was nützt mir mein menschenfreundlicher Wille, wenn ich nicht helfen kann? Ich kann dann nur, wenn es kleine Sachen sind, meine Eltern bitten, daß sie den Armen und Notleidenden Hilfe schaffen möchten, und da bin ich beinahe noch immer erhört worden, – freilich manchmal wohl auch dafür ein wenig ausgezankt, weil ich gar so ein dumm-weiches Herz habe; aber darüber habe ich mich nie gekränkt, – wenn dem Armen nur geholfen war.
GEJ|2|114|2|0|Mit der Bitte zu Gott, dem allmächtigen Herrn, aber ist es mir nicht immer so gut ergangen! Denn da habe ich auch oft gebetet; und wenn ich schon glaubte, daß Gott meine Bitte sicher erhören werde und ich dann hinging, um nachzusehen, ob mein kindliches Gebet etwas gefruchtet habe, – da war nichts da! Es war alles noch beim alten Übel.
GEJ|2|114|3|0|Ich ging dann freilich wieder zu meinem Vater und fragte ihn, warum denn Gott der Allmächtige manchmal gar so harthörig sei!
GEJ|2|114|4|0|Da sagte mir der Vater, Gott wisse, warum Er diesem oder jenem zu seinem Seelenheile ein längeres Leiden sende, und bemesse sehr wohl die Zeit, wie lange dieser oder jener zu büßen habe; und da nütze dann kein Gebet besonders, außer ein solcher Sünder hätte sich schnell vollends bekehrt! Und sieh, ich war damit beruhigter; aber ich gab darum das Bitten für den Armen nicht auf.
GEJ|2|114|5|0|Aber manchmal erhörte mich auch der liebe, große Gott schnell, und da hatte ich aber wohl auch die größte Freude! Denn es gibt in dieser Welt für ein mitleidiges Herz wohl keine größere Seligkeit, als zu erfahren, daß der große Gott sogar das Gebet eines fast noch unmündigen Mägdleins erhört!
GEJ|2|114|6|0|Und daß Du, o Herr, zu uns gekommen bist, kommt mir auch fast so vor, als ob der große Gott mein Gebet erhört hätte! Denn wir alle haben es von vielen, die hierhergekommen sind, vernommen, daß in Nazareth und dessen Umgegend ein gewisser Zimmermann Jesus gar so außerordentlich große, ja unerhörte Heilungen an den Kranken bewirke, ja sogar die Toten wieder lebendig mache; die Blinden sähen, die Stocktauben bekämen vollkommen ihr Gehör und die Stummen die Sprache wieder, die Lahmen und Krüppel würden wieder gerade und ganz, – kurz, es gäbe gar keine Krankheit, die er nicht augenblicklich heilete!
GEJ|2|114|7|0|Anfangs hielten wir das für eine Fabel; aber als immer wieder Leute zu uns kamen, sogar solche, die von Jesus wunderbar geheilt worden waren, da fingen wir an zu glauben, daß es sich wirklich also verhalten werde.
GEJ|2|114|8|0|Da ergriff mich eine überstarke Liebe zu diesem Manne, dem solches möglich, und ich bat dann den lieben Gott tagtäglich so andächtig und vertrauensvoll, als es mir nur immer möglich war, daß Er Dich zu uns führen möchte durch Seine Allmacht! Und siehe, Gott hat mich richtig erhört und hat Dich zu uns gebracht!
GEJ|2|114|9|0|Als es hieß, daß Du gekommen seiest, ach, das ist unbeschreiblich, was ich da für eine Seligkeit empfunden habe! O wie gerne, wenn ich nur den Mut gehabt hätte, wäre ich Dir um den Hals gefallen! Aber ich mußte meinem Herzen, der Eltern und der Geschwister wegen, einen großen Zwang antun. Heute aber ist die für mich gar zu unbeschreiblich glückliche Zeit gekommen, bei Dir, dem Meister und Herrn, zu sitzen, den ich schon, seit ich von Ihm das erste Wort gehört habe, über alle Maßen liebe.
GEJ|2|114|10|0|Oh, jetzt bist Du da und ich habe Dich und – o welch eine unbeschreibliche Seligkeit! – darf Dich lieben und werde auch von Dir geliebt. Oh, nun dürften wohl selbst die vollkommensten Engel im Himmel nicht seliger sein, als ich's nun bin! – Aber Du darfst uns nun auch nimmer verlassen; denn da müßte ich wohl sterben vor zu großer Traurigkeit!“
GEJ|2|114|11|0|Sage Ich: „Nein, nein, du Mein Herz! Dich verlasse Ich ewig nimmer und sage dir auch, daß du den Tod weder sehen noch fühlen wirst; Meine Engel werden dich von dieser Welt dereinst holen und werden dich bringen zu Mir, deinem Vater von Ewigkeit! Denn sieh, du Meine allerallerliebste Jarah, zu Dem du um Meine Hierherkunft gar so herzlich gebetet hast, Der sitzet nun in Meiner Person bei dir und liebt dich mit all der rein göttlichsten Flamme aller Himmel, und du hattest recht zu sagen, daß du seliger bist denn die vollkommensten Engel aller Himmel! – Hebe deine Augen auf, und du wirst es sehen, daß es also ist, wie Ich es dir nun gesagt habe!“
GEJ|2|115|1|1|115. — Jarah schaut den Himmel offen
GEJ|2|115|1|0|Hier hebt die lieblichste Jarah ihre schönen himmelblauen Augen auf zu den Himmeln und schauet wie eine Verklärte, voll der höchsten Entzückung, in die Tiefen der ihren Augen geöffneten Himmel. Nach einer ziemlich geraumen Weile erst fängt sie an, mit einer himmlisch reinen und sanften Stimme mehr zu stammeln als zu reden folgendermaßen: „Ah, ah, ah, o Du großer, überheiliger Gott! Welch endlos unbeschreiblich Entzückendes sehe ich nun! Die endlos großen Himmel sind angefüllt von den seligsten Engeln! O wie endlos selig müssen sie sein! Aber die arme Jarah ist dennoch seliger! Denn der ewige Thron in der großen Mitte der endlos weiten Himmel, um den zahllose Scharen der Engel auf sonnenlichten Wolken knien und in einem fort rufen: ,Heilig ist Der, dessen Thron hier stehet! O freuet euch ihr Ewigkeiten, bald wird Er auf der Erde das nie zu beschreibende große Werk vollendet haben und wird kommen und einnehmen diesen Thron der Herrlichkeit Gottes!‘, ist leer; Der aber darauf zu sitzen allein das ewige Recht hat, sitzet nun als Mensch hier bei der armen Jarah! Oh, so lobet und preiset Ihn; denn Sein ist der ewige Thron aller göttlichen Macht und Herrlichkeit!“
GEJ|2|115|2|0|Nach diesen Worten sinkt sie an Meine Brust, nachdem ihr das Gesicht wieder benommen ward, und sagt: „O Du großer Alleinheiliger! Verstoße mich arme, schwache Jarah, darum ich Dich über alles das, was ich nun gesehen habe, gleichfort zu lieben wage! Aber ich kann ja nicht dafür, daß mein Herz Dich stets mehr liebt!“
GEJ|2|115|3|0|Sage Ich: „Ja, du Mein Herzchen, siehe, darum habe Ich dir ja Meine Herrlichkeit und Mein Reich gezeigt, weil Ich will, daß du Mich noch immer mehr und mehr lieben sollst! Liebe du Mich darum fest darauf los; denn solche Liebe wird dir keinen Schaden bringen!“
GEJ|2|115|4|0|Die Jarah umklammert Mich darauf mit beiden Händen und drückt Mich so fest als möglich an ihr Herz, und Ich sage darauf zu den, ganz stumm vor Erstaunen, Umstehenden: „Da sehet und nehmt euch alle ein Exempel daran! Dies Mägdlein, erst zwölf Jahre alt, bezeigt Mir eine Liebe, wie Mir so etwas in ganz Israel noch nicht vorgekommen ist; aber der Mich so liebt wie diese, dem werde auch Ich geben, daß er dann in Fülle haben wird, was die Welt noch nicht gehabt und Israel nie gefühlet und geschmecket hat!“
GEJ|2|115|5|0|Nach dieser über die Maßen erbaulichen Szene, die bei einer guten Stunde angedauert hatte, kamen die Diener Ebahls und fragten, ob es an der Zeit wäre, das Nachtmahl hereinzubringen.
GEJ|2|115|6|0|Sagt Ebahl: „Wenn es unserem Herrn Jesus genehm ist, dann bringet es!“
GEJ|2|115|7|0|Sage Ich: „Bringet, was ihr habt! Denn die Liebe gibt und genießt, und Ich will auch genießen, was Ich gegeben habe! Aber Meine liebste Speise ist hier dies Mägdlein; denn sie gibt Mir, was Mir die Ewigkeit noch nicht gegeben hat und auch nicht geben konnte!“
GEJ|2|115|8|0|Da entfernen sich die Diener, um die bereiteten Speisen hereinzubringen. Aber sie machen ganz entsetzlich große Augen, als von ihren bereiteten Speisen nichts mehr vorhanden ist, aber dafür die Speisekammer voll von den besten und seltensten Speisen und von den edelsten Früchten und voll des allerbesten Weines gefüllt ist. Sie kommen bald wieder und erzählen mit verwunderungsvollem Eifer, was sich, während sie hier fragten, in der Küche alles zugetragen hatte; und sie fragen weiter, ob sie die neuen Speisen hereinbringen oder ob sie frisch zu kochen anfangen sollen.
GEJ|2|115|9|0|Ich sage: „Was in der Speisekammer ist, das bringet herein; denn heute seid ihr alle Meine Gäste! Meinen Jüngern, den zwei Essäern und den Pharisäern aber sind schon die von euch bereiteten Speisen überbracht worden. Störet sie nicht; denn sie haben heute in Meinem Namen noch ein großes Geschäft, das ihre Kräfte bis nach Mitternacht sehr in Anspruch nehmen wird.“ – Darauf gingen die Diener zu holen die himmlische Kost.
GEJ|2|115|10|0|Ebahl und der Hauptmann aber sagten überfrohen Mutes: „Herr, nun nehmen uns dergleichen Erscheinungen gar nicht mehr wunder, da wir nun schon nur zu klar einsehen, daß Du der Herr bist, dem kein Ding unmöglich ist! Uns bleibt nichts als die große Frage übrig: ,Wodurch, Herr, haben wir uns solcher Gnade würdig gemacht?‘ Aber nun kommen schon die Speisen aus den Himmeln! Nach dem Mahle wollen wir darüber weiterreden!“
GEJ|2|115|11|0|Die Speisen werden auf den Tisch gesetzt, die Danksagung wird dargebracht, und alles greift auf Mein Geheiß mutig zu und ißt und trinkt. Und der Hauptmann sagt, daß er noch nie solch wahrhaft himmlisch wohlschmeckende Gerichte gegessen und noch nie einen so köstlichen Wein getrunken habe. Auch Meine Jarah läßt sich's gut schmecken und sagt auch, daß so etwas Wohlschmeckendes noch nie ihren Gaumen berührt und ihren Magen nie etwas so befriedigt habe. Kurz, alle können den Wohlgeschmack der Speisen nicht genug rühmen und fangen an, laut Mich und den guten Vater im Himmel zu loben.
GEJ|2|116|1|1|116. — Die Lehren Jesu sollen Gemeingut werden
GEJ|2|116|1|0|Ich aber sage zu ihnen: „Wohl euch allen, daß ihr glaubet, daß des Menschen Sohn vom Vater im Himmel ausgegangen und gekommen ist in diese Welt, aufzurichten das Gefallene und zu erlösen das Gefangene! Aber nehmet euch alle wohl in acht, daß ihr von allem dem, was ihr nun als besondere Zeichen von Mir gesehen habt, niemandem etwas kundtuet; denn solches wäre von doppeltem Übel!
GEJ|2|116|2|0|Die Hälfte, die solches vernähme, würde sich ärgern und das Vernommene nicht nur nicht glauben, sondern euch dazu noch als Narren erklären und euch allenthalben Übles nachreden; denn ein Blinder ist in seiner Wut gefährlicher als hundert Sehende! Die andere Hälfte dagegen würde eure Aussagen zu leichtgläubig annehmen und sich im Handeln endlich selbst solche Fesseln anlegen, daß sie darauf gar keiner freien Handlung mehr fähig wäre. Und dies hieße, den freien Geist des Menschen töten!
GEJ|2|116|3|0|Die Lehren aber, die ihr vernommen habt, teilet euren Freunden und Bekannten mit; denn Meine Worte sind ewige Wahrheit, die allein jeden Menschen frei machen kann, der sie in sich aufnimmt, sie zu seiner Lebensrichtschnur macht und dadurch erkennt, daß sie eine ewige Wahrheit aus Gott ist, die da ist und war und allzeit sein wird das Sein und das ewige Leben jedes Menschen, der solche lebendig in sich hat.
GEJ|2|116|4|0|Aber leider wird es viele geben, die solche Wahrheit nicht werden hören und annehmen wollen und sie verfolgen werden, als wäre sie ein Feind. Und andere wieder werden aus Furcht vor den Mächtigen der Erde sie fliehen, als wäre sie eine tödliche Pest. Aber die das tun werden, die werden das ewige Leben in sich nicht überkommen, sondern ihr Anteil wird sein der ewige Tod!
GEJ|2|116|5|0|Wer das Leben des Leibes liebhat und es um jeden Preis zu erhalten strebt, der wird mit dem bald endenden Leben des Leibes auch das ewige Leben der Seele verlieren! Wer aber das Leibesleben flieht, der wird das ewige Leben der Seele gewinnen! – Dieses merkt euch wohl! Wer da aber noch etwas zu fragen hat, der frage! Ich werde ihm antworten.“
GEJ|2|116|6|0|Sagt der Hauptmann: „Herr und Meister, was sollen wir Dich um weiteres fragen!? Wer Du bist, das wissen und fühlen wir! Was wir zu tun haben, wissen wir auch und sehen davon auch die Notwendigkeit ein! Wir wissen es auch und empfinden es tief in uns, daß Du das ewige Leben hast und dasselbe jedem Menschen geben kannst und geben wirst, so er nach Deinem Worte lebt und handelt! Mehr zu wissen aber wäre für uns Menschen unnötig, und um so mehr, da wir in Deinem Namen – wie mir einer Deiner Jünger auf das lebendigste versichert hat – ohnehin im lebendigen Glauben sogar die Kranken heilen können!
GEJ|2|116|7|0|Wir sind Dir für solche unerwartete und ewig unverdiente Gnade und Erbarmung ewigen Dank schuldig, und wir geben dir die treueste Versicherung, daß Du Dir in unseren dankerfüllten Herzen ein ewiges Gedächtnismal errichtet hast, das der Hölle Macht und aller Zeiten Stürme nimmer verwischen werden! – Und so meine ich, daß wir uns nun, da es schon ziemlich spät in der Nacht geworden ist, zur Ruhe begeben sollen. Aber ich dringe nicht darauf, obschon ich für meine Person noch einmal werde nachsehen müssen, wie es mit meiner Mannschaft steht.“
GEJ|2|116|8|0|Sage Ich: „Laß das gut sein! Denn da ist, so wie gestern, alles in der besten Ordnung! Ich aber will heute noch bis über die Mitte der Nacht wachen; denn ihr werdet euch überzeugen, daß unser Wachbleiben kein vergebliches sein wird. Es werden heute noch Reisende aus Jerusalem und darunter Pharisäer und Schriftgelehrte ankommen und uns so manches zu tun machen.“
GEJ|2|116|9|0|Sagt Ebahl: „Oh, das ist sehr fatal; die könnten wohl füglich ausbleiben! Dergleichen Gäste sind mir stets die unangenehmsten; denn von denen verlangt einer soviel Aufmerksamkeit wie von sonst woher hundert Fremde, die ihre Pflege bezahlen, während diese alles umsonst haben wollen und am Ende noch mit nichts zufrieden sind, besonders, wenn sie vom Tempel aus beweislich von Amts wegen reisen! Ach, Herr, da hast Du mir wahrlich nichts Erfreuliches gesagt! – Ei, ei! Was soll denn da nun vorbereitlich geschehen?“
GEJ|2|116|10|0|Sage Ich: „Sorge dich nicht! Die Speisekammer und der Keller sind voll; für Nachtlager für Hunderte ist in diesem Hause auch schon lange gesorgt, und mehr braucht es nicht. Sie sind von Jerusalem Meinetwegen abgesandt nach Nazareth; da sie Mich aber hier finden werden, so werden sie nach Nazareth nicht kommen. Ihr werdet euch morgen alle ärgern über sie; aber es soll ihnen von Mir reiner Wein eingeschenkt werden, daß sie darob vor Galle und Ärger noch morgen diesen Ort verlassen werden!“
GEJ|2|116|11|0|Sagt Ebahl: „Dann aber haben wir den Teufel am Halse! Denn diese werden uns dann im Tempel ein Zeugnis geben, daß es ein Jammer und eine Schande sein wird!“
GEJ|2|116|12|0|Sage Ich: „Dafür wird gesorgt sein, daß sie daheim nicht viel reden werden!“ – Auf diese Meine Erklärung tritt eine Pause ein, in der alles, was sich in dem Gemache befand, sich ganz still und ruhig verhielt und allein im Herzen beschäftigt war.
GEJ|2|117|1|1|117. — Kranke kommen zu Ebahl. Die Gäste von Jerusalem, ihre Mission. (Matth. 14)
GEJ|2|117|1|0|Aber nach einigen Augenblicken Zeit ward es vor dem Hause lebendig. Man vernahm Stimmen von allerlei Zungen, zugleich fingen die Hunde des Nachbars, der ein Grieche war, an, stark anzuschlagen, und Ebahl sagte: „O weh, nun werden die Angesagten wohl schon da sein!“
GEJ|2|117|2|0|Sage Ich: „Noch nicht! Das sind Kranke (Matth.14,35); aber es wird nicht mehr lange dauern, so werden auch die Angesagten hier eintreffen! Die Kranken jedoch sollen bis morgen harren; denn für heute sind ihrer genug geheilt worden. Gehe aber dennoch hinaus und laß sie alle, die hier angekommen sind, in eine Herberge bringen, und gib denen, die es hungert und dürstet, etwas zu essen und zu trinken!“
GEJ|2|117|3|0|Auf diese Meine Worte begibt sich Ebahl sogleich mit seinen herbeigerufenen Hausdienern in seines Hauses großen Hofraum und findet denselben nahezu voll von allerlei Kranken, darunter viele Griechen, Römer und Ägypter. Alle diese verlangten zu Mir zu kommen, auf daß Ich sie heilte und gesund machte.
GEJ|2|117|4|0|Ebahl aber wies ihnen eine Herberge an und ließ sie verpflegen, jegliches nach seiner Notdurft. Nach diesem Geschäfte kam er wieder in unseren Saal und sagte: „Dem Herrn alles Lob! Diese wären für heute versorgt und haben mir sehr wenig Mühe und Arbeit verursacht; wenn nur die angesagten Wichte aus Jerusalem auch schon in gleichem Maße versorgt wären! Aber da wird's nicht so leicht herabzukommen sein!“
GEJ|2|117|5|0|Während Ebahl, der der ankommenden Pharisäer und Schriftgelehrten wegen Wachen auf- und ausgestellt hatte, aber noch so halbkläglich vor sich hin phantasierte, trat schon ein Diener in den Saal und verkündete zum Schrecken Ebahls die volle Ankunft der Angesagten. Ebahl eilt hinaus, um sie zu empfangen, und dessen zwei Weiber und die älteren Töchter folgen dem Ebahl, um ihn zu unterstützen, und Ebahls Söhne tun desgleichen; nur die liebe Jarah bleibt bei Mir.
GEJ|2|117|6|0|Der Hauptmann aber, der auch neben Mir saß, sprach: „Wenn ich an Ebahls Stelle wäre, wüßte ich recht gut, was nun zu machen wäre! Ich geböte meinen Knechten, daß sie diese Kerle weidlichst durchstäupten! Was könnten sie ihm machen? Und es wäre solcher Empfang sicher nicht der erste, der ihnen schon hie und da zuteil geworden ist! Ich wollte mit ihnen einen ganz kurzen Prozeß machen! Und wenn sie hier hereinkommen sollten, so werde ich ihnen in jedem Falle dennoch einen Schabernack spielen, daß sie darob an Leib und Seele beben sollen, als hätte sie das Pestfieber ergriffen! Ich werde sie fragen, auf wessen Geheiß sie sich zur tiefen Nachtzeit einem Orte haben nahen dürfen, in dem sich eine römische Besatzung befindet; ich werde es ihnen zeigen, wie da ein jeder Ortskommandant das Recht hat, jeden, welchen Standes und welchen Bekenntnisses er auch sei, gefangenzunehmen und, so er sich nicht gültig zu rechtfertigen vermag, auch sogleich dem scharfen Gerichte zu übergeben! Ich werde das an ihnen zwar nicht in der Tat ausüben, aber einen panischen Schrecken will ich dennoch über ihre argen Häupter treiben, daß ihnen der Angstschweiß bis zur Ferse hinabfließen soll!“
GEJ|2|117|7|0|Sage Ich: „Freund, tue, was du willst, von Mir aus werden dir hier keine Schranken gesetzt; aber so du hier ein gewisses Amt handeln willst, so mußt du nun hinausgehen und solches mit ihnen draußen abmachen unter Beiziehung einiger deiner unteren Führer!“
GEJ|2|117|8|0|Sagt der Hauptmann: „Da laß, o Herr, nur mich sorgen; denn meine Gesetze und meine Rechte verstehe ich allenthalben zu handhaben!“
GEJ|2|117|9|0|Nach diesen Worten ruft er sogleich seinen Diener, der im Vorhofe Wache hält. Dieser tritt eilig in den Saal und bittet den Hauptmann um den Befehl.
GEJ|2|117|10|0|Der Hauptmann aber sagte zu ihm: „Laß du den Läufer sogleich ins Lager, und der Unterführer soll mir ungesäumt dreißig Mann hierhersenden! Gehe!“ – Mit diesen Worten verläßt der Wachmann augenblicklich den Saal, und in zehn Minuten treten schon die dreißig Mann samt dem Unterführer in den Saal und werden von den noch auf der Straße rastenden und sich loben und preisen lassenden Pharisäern nicht bemerkt. Der Unterführer fragt den Hauptmann, was da nun zu geschehen haben werde.
GEJ|2|117|11|0|Sagt der Hauptmann: „Vorderhand nichts von Bedeutung! Es gilt hier bloß, den Respekt aufrechtzuerhalten, den die Fremden zu beachten haben; und sollte ihnen das römische Lagergesetz fremd sein, so werden wir es ihnen einschärfen. Verhaltet euch daher hier ruhig und ernst, und habet acht auf jeglichen meiner Winke! Es geschehe!“
GEJ|2|117|12|0|Bald darauf öffnet Ebahl weit des Saales Tür und bei zwanzig Pharisäer und Schriftgelehrte treten ein. Es versteht sich schon von selbst, daß die zwanzig noch eine Menge Begleiter mit sich hatten und Lastesel und Maultiere, die sie und ihr vieles Reisegepäck fortzuschaffen hatten; die Begleiter und die Tiere und alles Gepäck mußten versorgt werden. Als die Pharisäer und die Schriftgelehrten vollends im Saale waren, musterten sie sogleich die Saalgesellschaft und fragten den Wirt, was das römische Militär hier zu tun habe.
GEJ|2|117|13|0|Sagt Ebahl: „Es wird vernommen haben, daß ihr hier ankommen werdet, und es kam, um euch die gebührende Achtung zu bezeigen.“
GEJ|2|117|14|0|Sagt der Pharisäer einer: „Das sieht den Römern durchaus nicht gleich! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, – wir sind hungrig und durstig, darum laß Speisen und Trank bringen!“
GEJ|2|117|15|0|Ebahl setzt sogleich alle Hände und Füße in Bewegung, die außer Meiner Jarah nur im Hause existieren, und in wenigen Augenblicken ist ein großer Tisch bestens bestellt.
GEJ|2|117|16|0|Die Pharisäer waschen sich die Hände und greifen hernach zu. In kurzer Zeit ist alles aufgezehrt und bei sechzig Becher Wein ausgetrunken. Der Wein aber macht sie gesprächig, und sie fangen darauf an, sich nach allerlei zu erkundigen, geben bald den Grund ihrer Hierherreise an und erkundigen sich um Mich, sagend: „Wisset ihr hier nichts von einem Vagabunden, der aus Nazareth gebürtig sein soll? Dieser Mensch, etwa ein Zimmermann von Profession, treibe unerhörte Zauberei, verbreite eine neue Gotteslehre, mache Kranke gesund, beschwöre die Geister und wiegle das Volk gegen den Tempel und gegen den Kaiser auf. Wir sind seinetwegen auf dem Wege nach Nazareth, um dort diese Sache zu untersuchen. Da er aber in ganz Galiläa sein Wesen treiben soll, so dürftet ihr hier von ihm wohl vielleicht etwas Näheres wissen!“
GEJ|2|118|1|1|118. — Szene zwischen dem Hauptmann und den Templern
GEJ|2|118|1|0|Hier tritt der Hauptmann auf und sagt: „Den Mann, um den ihr euch erkundiget, kenne ich sehr genau und weiß um alle Seine Taten, auch um jene, die erst kaum vor etlichen Wochen von Ihm im Orte Kis vollbracht ward, wo eben Er durch Seinen göttlich prophetischen Geist dem Gerichtsvorsteher Faustus eröffnet hat, daß die kaiserlichen Steuergelder und sonstigen Schätze aus dem Pontus und aus Kleinasien kommend, von euresgleichen der römischen Überbringungskarawane auf eine allerschmählichst pfiffige Art abgenommen worden sind, was den Oberstatthalter Cyrenius in die größte Verlegenheit und ganz Galiläa, ja sogar das ganze jüdische Reich, in die größte Gefahr gesetzt hat.
GEJ|2|118|2|0|Nur eben dem Jesus hat der Oberstatthalter, das ganze Judenreich und ihr selbst es zu verdanken, daß ihr jetzt noch lebet! Denn wären jene von euresgleichen geraubten kaiserlichen Gelder durch Jesus nicht zum Vorscheine gekommen, so wäre das ganze Land gebrandschatzt worden, und alle Schätze von ganz Judäa hätten nicht hingereicht, den verübten Frevel zu sühnen! Daß es aber also gut und stille für euch und euresgleichen zu Jerusalem, wie im ganzen Judenreiche, abgelaufen ist, das habt ihr allein Jesus, dem größten und weisesten und mächtigsten Propheten zu verdanken; und es ist darum im höchsten Grade schlecht und unbillig von euch, so ihr ausgehet, einen Mann zu verfolgen, dem ihr nun alles, euer Leben und Sein, zu verdanken habt!
GEJ|2|118|3|0|Das aber, was ihr soeben aussagtet, daß ihr deshalb nach Nazareth ziehet, um den Jesus gleich wie einen größten Verbrecher zu fangen und zu untersuchen, ist Er am allerwenigsten! Er wiegelt keinen Menschen weder gegen euch und noch weniger gegen den Kaiser auf, ansonst mir geheim wohlbekanntermaßen Cyrenius nicht Sein Freund wäre! –
GEJ|2|118|4|0|Aber nun von etwas anderem, meine Tempelherren! Ihr werdet etwa doch wissen, daß hier in Genezareth sich schon seit einigen Jahren gleichfort ein römisches Militärlager befindet; und es muß daher ein jeder Mensch, ohne Ausnahme, wes Standes und Landes er auch sei, eine verläßliche, von römischer Obrigkeit wohl signierte Reiseurkunde bei sich haben, so er den Lagerort mit heiler Haut unbeanstandet passieren will. Ich ersuche euch daher um so mehr, da ihr zur Nachtzeit hierhergekommen seid, um eine solche Urkunde, ohne die ich als Haupt- und Befehlshaber über diesen Ort, wie über diese ganze Gegend, euch gefangennehmen müßte, morgen öffentlich stäupen und endlich euch geschlossen nach Jerusalem zurück verschicken würde! Habet also die Güte und weiset mir eure erforderlichen Reisezeugnisse vor!“
GEJ|2|118|5|0|Sagt der Oberste der Pharisäer: „Herr, ich selbst bin als ein Oberster aus Jerusalem das lebendige Reisezeugnis für alle, und wir bedürfen keines andern! Denn so gut du ein Herr bist, bin ich es auch und kann mit kaiserlichem Privilegium reisen bei Tag und bei Nacht in ganz Israel! Wir sind von Gott gesalbt – und wehe dem, der seine Hände an uns legte!“
GEJ|2|118|6|0|Sagt der Hauptmann: „Das kaiserliche Privilegium gilt nur für lagerfreie Orte; aber an Orten, da ein offenes Militärlager sich befindet, gilt das kaiserliche Privilegium nichts!“
GEJ|2|118|7|0|Sagt der Oberste: „Uns ist solch ein Gesetz noch nie bekanntgegeben worden, und somit konnten wir es auch nicht beachten; denn so dumm sind wir nicht, daß wir uns bei einer Reise nicht mit allen Dingen versehen möchten, die zu unserer Sicherheit notwendig sind. Wenn aber hier solches vonnöten ist, da entsenden wir auch sogleich Boten nach Jerusalem, und morgen bis um diese Zeit kannst du die erforderlichen Reisedokumente in deinen Händen haben.“
GEJ|2|118|8|0|Sagt der Hauptmann: „Es hat dessen nicht vonnöten; denn es steht bei mir, eurer Aussage Glauben zu schenken oder nicht. Ich aber werde euch streng beobachten; sowie ich nur im geringsten etwas merke, das mir verdächtig wäre, da seid ihr aber auch augenblicklich meine Gefangenen! Für jetzt und für solange ihr euch hier aufhalten werdet, bekommt ihr eine starke Wache, von der ihr dann auch gegen Bezahlung von hundert Silbergroschen bis zur Grenze dieses Gebietes begleitet werdet; hättet ihr aber die erforderliche Reiseurkunde bei euch, so wäret ihr von aller Zahlung frei!“
GEJ|2|118|9|0|Sagt der Oberste: „Solches wird der Herbergsherr für uns entrichten, da wir auf einer Reise nie Geld mitnehmen dürfen; denn die Erde ist Gottes, und wir sind Dessen Knechte und haben von Gott aus das Recht, die ganze Erde unser zu nennen und überall zu ernten, wo wir auch nicht gesäet haben! Denn jeder Jude weiß es, daß alles, was er hat, nur ihm von uns aus geliehene Sache ist, die wir allzeit von ihm zurücknehmen können. Aus diesem ganz einfachen Grunde können wir auch in ganz Israel nirgendswohin als Fremde kommen, sondern nur als Herren und alleinige von Gott aus berechtigte Eigentümer jedes Hauses, jedes Grundes und Bodens und jedes Geldes und sonstigen Schatzes; und wir können daher ganz gut dem Ebahl gebieten, daß er für uns die hundert Groschen bezahle, denn er hat sie ja auf unserem Grund und Boden genommen! Und täte er es nicht, so geben wir alle diese seine Besitztümer einem andern, dem es auf die hundert Groschen nicht ankommen wird!“
GEJ|2|118|10|0|Weil das den Ebahl sehr nahe angeht, so macht er endlich denn doch auch seinen Mund auf und sagt: „Meine Herren, da seid ihr ein wenig in einer Irre! Denn fürs erste ist von alters her dieser Ort ein Freigebiet, von dem außer Gott und Kaiser kein Mensch etwas zu fordern hat, und fürs zweite habe ich diesen Ort mit meinem zweiten Weibe, das von Geburt auf eine Griechin und erst durch mich eine Jüdin geworden ist, erheiratet, da sie des Hauses einzige Tochter war, und somit gehört all dieser große Besitz nicht mir, sondern meinem zweiten Weibe und nach ihr ihren Töchtern. Ich besitze sonach nichts, und es kann mir daher auch nichts genommen werden; und die hundert Groschen werdet dann ihr selbst zahlen müssen! So ihr das mir nicht glauben wollet, da fraget hier den Hauptmann, der meine alleinige Obrigkeit ist, der wird es euch sagen!“
GEJ|2|118|11|0|Sagt gleich der Hauptmann: „Ja, ja, also ist es! Ihr selbst werdet die hundert Silbergroschen bezahlen! Dagegen hilft kein Bitten und keine weitere Einsprache; denn hier bin ich allein derjenige, der da zu gebieten und zu verlangen hat!“
GEJ|2|118|12|0|Sagt der Oberste: „Wenn wir aber nun sogleich nach Jerusalem einen Boten, der ein guter Reiter ist, senden, so ist er morgen bis gen Mittag mit dem erforderlichen Dokumente hier!“
GEJ|2|118|13|0|Sagt der Hauptmann: „Das ist gleich! Denn die hundert Groschen müßt ihr schon darum bezahlen, weil ihr ohne ein solches erforderliches Dokument hierhergekommen seid; darum nun keine weitere Rede über diese Sache!“
GEJ|2|118|14|0|Sagt der Oberste: „Wir haben aber kein Geld bei uns; denn so wir reisen, führen wir nie Geld mit uns, weil solches Verhalten bei uns Gesetz ist! Woher sollen wir nun Geld nehmen?“
GEJ|2|118|15|0|Sagt der Hauptmann: „Das wird schon meine Sorge sein! Wo das Geld mangelt, da tritt das Pfandrecht ein. Eure Effekten, die ihr, wie ich vernommen habe, massenhaft mit euch führet, werden wohl die hundert Groschen wert sein!“
GEJ|2|118|16|0|Sagt der Oberste: „Wert sind sie wohl tausendmal soviel; aber das sind lauter gottgeweihte Dinge, und Gott würde den jählings tot werden lassen, der sich an ihnen vergriffe! Daher wirst du solche Dinge nicht anrühren und noch weniger nehmen dürfen!“
GEJ|2|118|17|0|Sagt der Hauptmann: „Wird nicht so arg sein! Wir werden es versuchen, ob es sich mit euren gottgeweihten Effekten wirklich so gefährlich verhält!“
GEJ|2|118|18|0|Schreien alle die Pharisäer: „Nein, nein, nein! Wir werden die hundert Groschen schon noch zusammenbringen; denn unsere Leute führen schon Geld mit sich!“
GEJ|2|118|19|0|Hier geht ein Pharisäer hinaus und bringt in einem Beutel die hundert Groschen und überreicht sie dem Hauptmanne, und der Hauptmann übergibt den Beutel dem Unterführer; dieser muß das Geld zählen. Nachdem die Zahl richtig ist, befiehlt der Hauptmann dem Unterführer, das Geld in die Kasse der armen Sünder zu legen, was der Unterführer auch sogleich ausführt.
GEJ|2|118|20|0|Der Oberste aber sagt: „Das ist hier ein sonderbarer Gebrauch, das geweihte Geld in die Kasse der armen Sünder zu legen, indem wir doch Diener Gottes sind! Weißt du denn nicht, daß derjenige, der einen Diener Gottes beleidigt, auch Gott beleidigt?“
GEJ|2|118|21|0|Sagt der Hauptmann: „Was geht mich euer Gott an!? Ich bin ein Römer und weiß, was ich weiß, und was ich glaube! Euer Gott aber, dem ihr nun dienet, ist und wird mein Gott nie sein! Für mich seid ihr sonach die allergrößten Sünder, und euer eurem Gotte geweihtes Geld gehört demnach in die Kasse der armen Sünder! – Verstehet ihr solches?“
GEJ|2|118|22|0|Sagt der Oberste: „Ja, Herr, wir verstehen es und begreifen es, daß wir es mit einem festen Heiden zu tun haben, der so wie alle festen Römer uns samt unserer Gotteslehre so tief als möglich verachtet!“
GEJ|2|118|23|0|Sagt der Hauptmann: „Nicht so tief, als ihr es meinet; denn das wahre alte Judentum erkennen auch wir an; nur eure neuen Satzungen, euren eigenen Unglauben und eure himmelschreienden Betrügereien aller Art verachten wir dreimal ärger als den Tod selbst. Denn bei euch ist wohl keine Spur mehr vom alten Judentume; euch sind bloß die Namen geblieben. Aber wo sind die auserlesenen Werke derer, von denen ihr abstammet, und die Lehre und weise Gesetze gegeben haben? Ich weiß es recht gut, wie es dereinst mit eurer Bundeslade ausgesehen hat. Wie sieht es aber nun aus? Wo ist der über ihr schwebende Geist Gottes?“
GEJ|2|118|24|0|Sagt der Oberste: „Das ist alles noch also, wie es war zu Aarons Zeiten!“
GEJ|2|118|25|0|Sagt der Hauptmann: „Oder wie anders! Hört! Ich war noch vor kaum drei Jahren selbst in eurem sogenannten Allerheiligsten, und zwar gegen Erlag von siebenhundert Silbergroschen. Was aber habe ich da gesehen und gerochen? Einen ehernen Kasten auf einem Traggestelle, aus dessen Mitte eine recht lebhafte Naphthaflamme loderte, deren etwas widriger Geruch meine Nase eben nicht auf das angenehmste affizierte! Die bewußten Ingredienzien in der sogenannten Bundeslade waren sicher viel jünger als Moses und Aaron, und meine Börse ward darauf sehr traurig, daß ich sie eurer Torheit und Betrugs halber gar so mächtig gelüftet hatte! Mit mir redet darüber keine Silbe mehr; denn ich bin einer, der euren Betrug himmelweit durchschaut! Wisset, so ich Kaiser wäre mit meiner jetzigen Wissenschaft, so ließe ich morgen den ganzen Tempel über die Klinge springen! Euer Glück, daß ich eben nicht Kaiser bin; aber was euch der Kaiser nicht tut, das wird euch sein nächster Nachfolger tun!“
GEJ|2|118|26|0|Sagt der Oberste: „Herr, so du das weißt, da bitte ich dich zu schweigen des Volkes wegen; denn käme so etwas ins Volk, so hätten wir den allerunbändigsten Aufstand zu befürchten!“
GEJ|2|118|27|0|Sagt der Hauptmann: „Nichts zu befürchten deshalb! Denn so etwas weiß nun schon beinahe ein jeder Galiläer, und von einem Volksaufstande ist dennoch nicht im entferntesten die Rede! Denn dazu sind schon wir Römer da, die mächtig genug sind, jeden Aufstand in der Wurzel zu ersticken!“
GEJ|2|118|28|0|Sagt der Oberste: „Nun, Herr, wir haben gezahlt und sind demnach gleich; lassen wir darum diese Sache! Wenn du aber von dem berüchtigten Magier Jesus etwas Näheres weißt, so wolle es uns gütigst mitteilen, wie es mit ihm und seiner fraglichen Lehre und seinen Taten sich verhält, auf daß wir dem Tempel darüber etwas zu berichten haben!“
GEJ|2|118|29|0|Sagt der Hauptmann: „Ich habe es euch schon gesagt, daß ich Ihn ganz genau kenne und ich Ihn auch schon lange hätte ergreifen lassen, wenn sich nur im geringsten etwas gezeigt hätte, was einer Meuterei gleichsähe; aber so bin ich zu sehr vom schnurgeradesten Gegenteile überzeugt, und so kann ich Ihm nur das beste Zeugnis geben. Wäret ihr wie Er, Jerusalem wäre die ewige und erste Stadt Gottes durch alle Zeiten der Zeiten, und der Geist Gottes schwebte noch wie zu Aarons Zeiten über der Lade! Aber ihr seid das schnurgerade Gegenteil von Ihm, und darum wird sich eure Stadt und euer Tempel nicht lange mehr halten! Das berichtet euren Kollegen, auf daß sie es erfahren, auf welchem Sandboden ihre Stadt und ihr Tempel erbaut ist! – Morgen jedoch sollet ihr mit euren Augen und Ohren mehr erfahren, und so möget ihr euch für heute zur Ruhe begeben!“
GEJ|2|118|30|0|Sagt der Oberste: „Wir bleiben hier am Tische sitzen; denn deine bedeutungsvollen Worte haben uns den Schlaf auf Tage lang benommen! Wer da schlummern kann, der schlummere; ich aber werde sicher überwach verbleiben! – Dort im Winkel des Tisches sitzt ja ein Gast mit einer Maid!? Wer ist er denn? Haben wir seiner zu achten, oder ist er ein Gefangener von dir samt der Maid? Hat er vielleicht auch keine Reisedokumente in den Händen?“
GEJ|2|118|31|0|Sagt der Hauptmann: „Um diesen habt ihr euch nicht zu erkundigen; der steht unter meinem Schutze! Morgen jedoch hoffe ich, daß ihr Ihn werdet näher kennenlernen.“
GEJ|2|119|1|1|119. — Die Macht der Liebe
GEJ|2|119|1|0|Nach diesen Worten fragt keiner der Pharisäer um mehreres.
GEJ|2|119|2|0|Ich aber erhebe Mich darauf, grüße den Hauptmann, der Mir mit großer Wärme und Innigkeit den Gruß erwidert und Mich mit der Jarah im Beisein des Ebahl und dessen Weibern und den andern Kindern in ein anderes Gemach begleitet, allwo für Mich ein gutes Nachtlager bereitet ist.
GEJ|2|119|3|0|Ich aber sage zum Hauptmanne: „Wollt ihr alle die Nacht hindurch bei Mir verbleiben, so bleibet; wollt ihr aber euch zur Ruhe begeben, so könnet ihr auch das tun! So ihr aber bleibet, da wird es niemandem darum des Morgens am Schlafe gebrechen. – Übrigens hast du als Mein wahrer Freund sehr gut mit den Pharisäern verhandelt; sie sind nun in einer großen Furcht und Spannung und werden die Sandkörner ihrer Uhr zählen und mit großer Ungeduld den kommenden Tag erwarten!
GEJ|2|119|4|0|Es war nur gut, daß Meine Jünger, die sich noch mit den zwei Essäern und mit den etlichen Pharisäern abmühen und sie schon nahe ganz auf ihrer Seite haben, nicht auf den bedeutenden Lärm zu uns in den Speisesaal gekommen sind! Denn das hätte ein unzeitiges Aufsehen erregt! Doch – also wollte Ich es ja, und so konnte es auch nicht anders geschehen! – Aber was werde Ich denn mit Meiner allerliebsten Jarah beginnen? Dies Mägdlein verläßt Mich nimmer!“
GEJ|2|119|5|0|Sagt die Kleine: „Herr, solange Du in unserem Hause verweilest, wird Jarah nicht von Deiner Seite weichen; und wäre es möglich, daß Du stürbest, so stürbe Jarah mit Dir! Wenn Du aber unser Haus wieder verlassen wirst und die Jarah nicht mit Dir wird ziehen können, dann wird sie daheim seufzen und den Vater in Deinem Herzen bitten, daß Er Dich wieder zu ihr führen möchte; denn ohne Dich kann nun die Jarah nicht mehr leben!“
GEJ|2|119|6|0|Sage Ich: „Sehet, das ist ein rechtes Beispiel, wie man Gott lieben muß, um von Ihm in gleichem Maße wiedergeliebt zu werden! Gottes Liebe erfaßt zwar alles, und es ist in ihr ewig kein Zorn und keine Rache; aber es ist dennoch ein großer Unterschied zwischen dem, wie ein Mensch von Gott geliebt wird. Solange ein Mensch atmet und lebt, ist es ein Beweis, daß Gott durch Seine Liebe ihm das Leben gibt, ansonst er schon lange völlig tot wäre.
GEJ|2|119|7|0|Aber wer Gott also liebt wie diese Kleine hier, der nötigt Gott, daß Er komme zu ihm und Wohnung nehme in des liebenden Menschen Herzen! Und Gott kommt und nimmt dann durch Seinen Geist Wohnung im Gott über alles liebenden Herzen; und ein solcher Mensch hat dadurch das ewige, unvergängliche Leben in sich und ist völlig eins mit Gott!
GEJ|2|119|8|0|Es ist zwar nicht jedem gegeben, Gott also mächtig zu lieben, wie das der Fall ist bei dieser Meiner allerliebsten Jarah; aber dennoch kann jeglicher Mensch Gott lieben aus allen seinen Kräften, und Gott wird darum auch des Herz erfüllen mit Seinem Geiste und Seiner Gnade und wird ihn ewig nimmer fallen lassen in den Abgrund. Wenn er schon strauchelt, so wird ihm allzeit wieder aufgeholfen werden, und das ewige Leben wird in ihm sein und bleiben immerdar.
GEJ|2|119|9|0|Und nun, Meine allerliebste Jarah, weil du Mich denn gar so lieb hast, so mußt du uns nun denn auch so eine kleine Geschichte erzählen; denn Ich weiß es, daß du mit den Geschichten aller guten Art reichlich ausgestattet bist!“
GEJ|2|119|10|0|Sagt die Jarah, lieblich kindlich lächelnd: „O Herr, nur damit verschone mich! Denn so etwas würde sich an Deiner endlos weisesten Seite ja denn doch viel zu dumm ausnehmen!“
GEJ|2|119|11|0|Sage Ich: „Nein, nein, du Meine allerliebste Jarah, das darf dich nicht beirren; denn die größte Nachsicht kannst du allzeit und ewig nur von Mir erwarten! Denn siehe, Ich verstehe das Weinen der Kindlein schon, geschweige erst ihre Sprache! Du hast ja manchmal so recht seltsame Träume, – gehe und erzähle Mir so einen Traum!“
GEJ|2|120|1|1|120. — Jarahs Träume von der Kreuzigung und Auferstehung des Herrn
GEJ|2|120|1|0|Sagt die Jarah: „Nun, damit könnte ich schon aufwarten; aber meine Träume sind gewöhnlich recht fürchterlich und zeigen mir die Weltmenschen in ihrer ganzen scheußlichen Gestalt, und ich sehe dann an ihrer Statt lauter Teufel! Und so hatte ich erst unlängst einen Traum! Da sah ich einen herrlichen Menschen, der Dir, o Herr, sehr ähnlich sah. Diesen Menschen sah ich gebunden mit Stricken, wie einen Verbrecher.
GEJ|2|120|2|0|Ich fragte die ihm folgenden Weinenden, was denn dieser herrliche Mensch möge angestellt haben, daß die Weltmenschen so übel mit ihm verfahren. Und die Weinenden sagten mir, einer wie der andere gleich: ,Er war ein mächtiger Wohltäter der Menschheit. Nie beging er eine Ungerechtigkeit, und hellste Wahrheit war der Honigseim seines Mundes. Den welt- und herrschsüchtigen Pharisäern hatte er zu viel Wahrheit gesagt, und sie haben ihn darum zum Tode am Kreuze durch den schwachen römischen Landpfleger verdammen lassen. Sie führen ihn jetzt zur Richtstätte; komm mit uns und schaue mit, mit welchem Lohne der größte Menschenfreund von den schlechten, allerselbstsüchtigsten Menschen belohnet wird!‘
GEJ|2|120|3|0|Und ich ging mit den Weinenden auf einen niederen Berg und sah den ehrlichen Menschen, der von Schlägen und Hieben voll Blut war und am Haupte noch zur Erhöhung der Qual einen Dornenkranz trug, ein schweres Kreuz schleppen. Auf der Richtstätte aber entblößte man ihn, warf ihn darauf unbarmherzigst wie ein wildes Tier aufs Kreuz hin, nahm viele spitzige Nägel und schlug sie ihm mit schweren Hämmern durch Hände und Füße und heftete ihn also auf die allergrausamste Weise auf das harte und schwere Kreuz! – O Herr, das war Dir ein fürchterlicher Anblick! Wenn ich an diesen Traum nur denke, so vergeht mir Hören und Sehen! – Endlich erhob man das Kreuz und setzte es in ein schon fertiges Loch und verkeilte es, daß es feststünde.
GEJ|2|120|4|0|Das Wunderbarste war dabei aber doch, daß dieser über alle Maßen ehrliche Mensch auch bei aller solcher qualvollster Marter nicht einen Schmerzenslaut von sich stieß, während doch noch zwei andere, die bei weitem nicht so grausam gemartert wurden, ungeheuer schrien und wehklagten!
GEJ|2|120|5|0|Hier wurde ich wach und zitterte am ganzen Leibe. Herr, so ein Traum ist aber auch kein Scherz für ein so zartfühlendes Mädchenherz, wie das meinige ist! Ich bat darauf gleich den lieben Vater im Himmel, daß Er mir ja keinen gar so schweren und qualvollen Traum mehr zukommen lassen möchte; und siehe, bis zur Stunde hatte ich wirklich keinen so schweren Traum mehr zu bestehen! Mein Vater sagte mir zwar immer, daß die Träume leere Schäume seien und vom schweren Geblüte herrührten. Mag sein! Wenn ich schon ein so schweres Geblüt hätte, so müßte ich sonst ja auch schwerfälliger sein, als ich bin; aber ich bin sonst ja ein flinkes und munteres Mädchen, – wie kann ich da ein schweres und faules Geblüt haben?“
GEJ|2|120|6|0|Sage Ich, der Ich bei dieser Erzählung etwas düsterer geworden bin: „Nein, nein, du Meine allerliebste Jarah, du hast nur ein ätherleichtes Geblüt; aber es ist dein Traum von großer Bedeutung! – Doch nun nichts weiter mehr davon, die Zeit wird dir darin eine Lehrerin sein; aber selig bist du, die du solches im Traume geschaut hast! Nur wenigen Propheten war es gegönnt, solches in ihren Gesichten wahrzunehmen.
GEJ|2|120|7|0|Vieles aber ist den Menschen auf dieser Erde verborgen. Das große ,Warum‘ werden sie erst jenseits erfahren! – Aber nun erzähle Mir noch einen Traum, den du in drei Tagen darauf von demselben Menschen geträumt hast!“
GEJ|2|120|8|0|Sagt die Jarah: „Oh, den erzähle ich auch viel lieber; denn er ist um viele tausend Male heiterer! Da befand ich mich auf einmal noch sehr früh morgens dem Anscheine nach in einem recht artigen Garten, von wo aus ich freilich leider recht wohl erkennend die im früheren Traume besagte Richtstätte sehen konnte. Solcher Anblick erfüllte mich gleich mit großer Angst, daß ich darob im Traume zu beten begann, der liebe Vater im Himmel möchte mich doch mit einer ähnlichen Erscheinung verschonen; denn noch sah ich leider die drei bekannten Kreuze auf der Richtstätte aufrecht stehen.
GEJ|2|120|9|0|Aber da kam alsbald ein wunderschöner Jüngling zu mir, tröstete und stärkte mich mit den Worten, die ich mir gar wohl gemerkt habe: ,Fürchte dich nicht, du zarte, reine Seele! Das, was du vor drei Tagen gesehen, mußte also geschehen nach dem Ratschlusse Gottes, ansonst nie ein Mensch hätte selig werden und zur Anschauung Gottes gelangen können. Das, was gekreuziget ward, war Gottes Sohn, und Gott war in Ihm. Nun aber nach drei Tagen wird dieser Gottessohn aus höchst eigener Macht wieder vom Tode Seines göttlichen Fleisches auferstehen und wird herrschen fortan über die ganze Unendlichkeit, und Seines Reiches und Seiner Herrschaft wird ewig nimmer ein Ende sein; und vor Seinem Namen werden sich beugen alle Mächte und Kräfte, und die sich nicht werden beugen wollen, die wird Er verderben lassen. Aber der letzte, seligste Augenblick naht, darum habe acht auf den schweren versiegelten Grabstein!‘
GEJ|2|120|10|0|Als der Jüngling solches zu mir geredet hatte, siehe, da hob sich der schwere Grabstein aus freien Stücken selbst vom Grabe, und aus demselben stieg heiteren, aber dabei dennoch überaus würdevollen Antlitzes auf ein Haar derselbe Mann, den ich vor drei Tagen habe so schrecklich kreuzigen sehen. Ich sah sogar die Wundmale an Händen und Füßen, und ich zweifelte nicht einen Augenblick, daß er es war.
GEJ|2|120|11|0|Und der Mann trat zu mir hin und sagte mit einer unendlich wohlklingenden Stimme: ,Das, was du hier im Traume gesehen, war nur ein scheinend Vorbild von dem, was jüngst in der Wirklichkeit geschehen wird; Mich aber wirst du zuvor noch in der Wirklichkeit sehen, und nach Meiner Auferstehung zu öfteren Malen!‘ – Nach diesen Worten ward ich wieder wach und habe viel darüber nachgedacht. Aber bis auf Dich so ungefähr wollte mir in der Wirklichkeit noch kein Mann (jenem ähnlich) vorkommen!“
GEJ|2|120|12|0|Sage Ich: „Nun, vielleicht bin Ich es? – Aber nun nichts Weiteres mehr davon, und darum nun von etwas anderem für den morgigen Tag!“
GEJ|2|121|1|1|121. — Unterredung zwischen dem Hauptmann Julius und dem Herrn über die Bosheit der Templer
GEJ|2|121|1|0|(Der Herr:) „Die Pharisäer, die Meinetwegen von Jerusalem hierhergereist sind, und die unser Freund auf eine wahrhaft weise Art ins Bockshorn getrieben hat, werden Mir morgen hart zusetzen, so sie Mich werden erkannt haben. Ich aber werde ihnen zum ersten Male reinen Wein zum Verkosten geben, das heißt, Ich werde ihnen die volle Wahrheit unumwunden ins Gesicht sagen.
GEJ|2|121|2|0|Die Kranken, die hier sind, und die noch kommen werden, diese sollen nichts als nur den Saum Meines Oberrockes anrühren – und sie werden gesund werden. Meine Jünger sollen darauf das Morgenbrot mit ungewaschenen Händen essen, und das wird genug sein, um diese wahren Erzphilister von Pharisäern und Schriftgelehrten in allen Harnisch zu bringen. Darauf werden sie gleich mit ihren bekannten Fangfragen beginnen, und Ich werde ihnen Antworten geben, die ihnen noch um vieles saurer und bitterer vorkommen werden als Essig und Galle, ein bekanntes Getränk, mit dem sie den armen Sündern den Durst zu löschen pflegen. – Nun aber werden wir die paar Stunden bis zum Tage schweigend zubringen.
GEJ|2|121|3|0|Meine Jünger haben sich nun auch mit ihren zwei Essäern und etlichen Pharisäern und Schriftgelehrten zur Ruhe begeben und haben ein gutes Werk vollbracht; denn sie haben sie alle für Mich gewonnen. Zwei junge Pharisäer aber, Pilah und Ahab, ersterer aus Kis und letzterer aus Jesaira, beide Hauptredner und dabei nüchterne, kluge Menschen, sind schon längere Zeit unter Meinen Jüngern. Diese, erst gestern morgen hier angelangt, haben sich gleich wieder zu Meinen Jüngern gesellt und bei dem Bekehrungswerke Meine Jünger ganz vorteilhaft unterstützt; denn Meine Jünger, durchgängig Fischer bis auf drei, haben noch zu wenig gewandte Zungen, und daher leisten ihnen die beiden jungen Pharisäer gute Dienste.
GEJ|2|121|4|0|Gehe du, Ebahl, aber zu ihnen und sage es den Jüngern, daß sie morgen mit ungewaschenen Händen das Brot des Morgens essen sollen, und die andern hier bekehrten Pharisäer und Schriftgelehrten samt den zwei Essäern sollen sich unterdessen verborgen halten, bis die Jerusalemer abgereist sein werden; dann erst sollen sie hervorgehen, und Ich werde sie segnen. Wollen sie sich dann umkleiden und bei Mir bleiben, oder wollen sie vor den Menschen ins Gesicht das fortan sein, was sie bis jetzt waren, so steht ihnen beides frei und offen. Gehe und berichte das den Jüngern und den andern, – du weißt schon wem!“ – Ebahl entfernt sich sogleich und richtet alles genau aus, wie Ich es ihm angegeben habe. Und alle sind froh über diese Nachricht und versprechen, alles pünktlich und genau zu halten, was zu beachten Ich ihnen verkünden ließ.
GEJ|2|121|5|0|Ebahl kommt zurück und erzählt uns gleich die gute Aufnahme, die seinem ausgerichteten Auftrage zuteil ward. Alle freuen sich dessen, und der Hauptmann sagt: „Ich freue mich ganz ungemein auf den morgigen Tag; aber das sage ich auch, und ganz besonders nun durch den merkwürdigen Traum der liebsten Jarah angeregt dazu, daß ich mit den Kerlen durchaus keinen Scherz treiben werde. Sobald sie mir Flausen machen, lasse ich sie stäupen, daß ihnen das böse Blut stromweise von den Rücken fließen soll! Denn Wortschläge sind für diese Unmenschen viel zuwenig und spornen sie nur noch mehr zur Rache an; aber eine Stäupung auf Leben und Tod wird sie in ihrem bösen Eifer sehr abkühlen. Es ist noch nicht gewiß, daß ich's tue; aber ungewiß eben auch nicht!
GEJ|2|121|6|0|Es könnte sehr leicht möglich sein, daß diese Kerle und ihre Helfershelfer in Jerusalem an Dir, o Herr und Freund, im Ernste, so nur irgendein Haar von einer Möglichkeit vorhanden ist, das auf ein Haar verübten, was im ersten Traume das Mägdlein gesehen hat! Ich sage, ein Fünklein Möglichkeit und der höchst weibisch schwache Landpfleger Pontius Pilatus dazu – und Dich nageln sie mir und dir nichts ans Querholz!
GEJ|2|121|7|0|Ja, wenn ich in Jerusalem Landpfleger wäre, da sollte einer versuchen, an Dich seine Hand zu legen! Den hängte ich zehnmal ans Querholz und ließe ihm erst beim zehnten Male die Beine brechen! Aber ich bin leider hierher postiert und könnte Dir nicht zu Hilfe kommen, und Deine Freunde Cyrenius und Kornelius auch nicht; darum muß man diesen Kerlen vorher ihren verderblichen Mut abzukühlen anfangen, auf daß sie ganz gehörig eingeschüchtert sind und fürder nicht so leicht wo immer es wagen sollen, an Gottesmänner, wie Du einer zuallerhöchst bist, ihre scheußlichen Tatzen zu legen!
GEJ|2|121|8|0|O wartet, ihr Lumpen, der morgige Tag soll für euch ein so heißer werden, daß ihr mir vor lauter Hitze Blut schwitzen sollt! Wenn die Kerle so einige recht derbe Lektionen bekommen werden, da möchte ich beinahe ums halbe Römische Reich wetten, daß sie in ihren schlechten Handlungen – wenigstens in deren grausamsten Teilen – nachgeben werden; aber ihr altes böses Leder muß zuvor ordentlich durchgegerbt werden! Dixi (ich habe gesprochen)!“
GEJ|2|121|9|0|Sage Ich: „Du kannst zwar tun, was du willst, und Ich werde dir nicht sagen: Tue es nicht! Denn du bist einer Meiner weisesten Freunde, die Mir irgend vorgekommen sind. Du hast wirklich in allen deinen Worten und Handlungen einen richtigen Takt; aber Ich sage es dir, es wird das alles dieser bösen Art nichts helfen, sondern sie nur noch böser und dabei verschmitzter machen. Denn die einmal des Satans sind, die sind es ganz, und man kann sie dann und wann mit Wortschlägen noch am ehesten zu etwas Besserem wenden, so wie dies nun Meine Jünger gemacht haben und wie solches geschehen ist in Nazareth, wo der Oberste samt den Pharisäern und Schriftgelehrten zu Meiner Lehre sich bekannt haben. Aber vielfach ist auch nichts zu machen und mit deiner Art ebensowenig! Denn einen Teufel treibst du mit der Rute hinaus, dafür aber wandern an des einen Stelle zehn andere hinein, von denen jeder ärger ist als der frühere eine.“
GEJ|2|121|10|0|Sagt der Hauptmann: „So wahr ich Julius heiße, werde ich auch an keinen eher die Rute und die Geißel legen lassen, bevor ich nicht durch die äußerste Not dazu gezwungen werde; werde ich aber das, dann wehe den Kerlen!“
GEJ|2|121|11|0|Sage Ich: „Da hast du wieder ganz recht! Man muß die Geduld so lang und weit als möglich hinausdehnen; sind aber einmal die äußersten Grenzen erreicht, dann heißt es aber auch, ohne allen weiteren Aufschub und ohne alle Schonung mit allen Blitzen und Donnern dareinhauen, sonst kämen die Sünder gleich auf die Idee, man scherze und spiele mit ihnen wie mit den kleinen Kindern!“
GEJ|2|121|12|0|Sagt der Hauptmann Julius: „Ganz meine Maxime! Bis ich jemanden strafe, da braucht es viel; aber nötigt mich ein Unverbesserlicher dazu, so wird er sich's aber auch merken, wenn er von mir gestraft worden ist! – Aber jetzt glaube ich, wollen wir die paar Stündchen noch ein wenig ruhen; denn es fängt schon zu grauen an!“
GEJ|2|121|13|0|Sage Ich: „Ja, tun wir das hier, ein jedes auf seinem Plätzchen!“
GEJ|2|121|14|0|Darauf ist alles stille, und über jedes Auge senkt sich zwar ein kurzes, aber dabei dennoch honigsüßes Schläfchen. Und als man darauf allgemein erwacht, ist jeder so gestärkt, als ob er eine ganze Nacht auf weichem Lager ganz gut geschlafen und geträumt hätte.
GEJ|2|122|1|1|122. — Große Krankenheilung durch Berührung des Mantels des Herrn. (Matth. 14)
GEJ|2|122|1|0|Alles verwundert sich über solch stärkenden Schlaf, während die Sonne schon anfängt, die Kuppen der Berge zu bescheinen. Ebahl beordert sogleich seine Weiber, daß sie sorgten für ein frisch und wohlbereitetes Morgenmahl; und die Weiber mit den älteren Töchtern eilen und besorgen gleich ein reichliches und gutes Morgenmahl, was sie gar leicht tun können, da ihre Speisekammern von unten bis oben vollgestopft sind.
GEJ|2|122|2|0|Die Pharisäer haben im Speisesaale schon ihren Tisch vollkommen okkupiert, so daß an ihrem Tische niemand sonst Platz haben könnte; und Ebahl ließ ihnen auch gleich das Morgenmahl aufsetzen, bestehend aus Brot, Wein, einigen gebratenen Fischen und aus Honigseim. Als diese erst fertig waren, ließ Ebahl einen anderen großen Tisch decken, der für Mich, Meine Jünger, für den Hauptmann und für Ebahl und dessen Weiber und Kinder bestimmt war.
GEJ|2|122|3|0|Bevor Ich aber in den Saal trat, ließ Ich durch Ebahl alle die auf Mich harrenden Kranken ins große Gastzimmer bringen und ihnen sagen, daß sie nichts denn Meinen Mantel anrühren sollen, und sie würden alsogleich gesund. – Ebahl ging und vollführte Meinen Auftrag.
GEJ|2|122|4|0|Und Ich trat darauf mit dem Hauptmann, Meinen Jüngern und der kleinen Jarah, die keinen Schritt von Mir wich, in den Speisesaal und setzte Mich zu Tische, ohne bei Meinem Eintritte einen Pharisäer anzusehen oder gar zu grüßen, auf was sie große Stücke hielten.
GEJ|2|122|5|0|Als Ich, der Hauptmann und die Jünger schon am Tische saßen, da traten auch schon bei zweihundert Kranke in den Speisesaal und baten Mich, daß sie Meines Mantels Saum anrühren dürften. Und Ich gestattete ihnen, solches zu tun, während Ich mit Meinen Jüngern und den andern das Morgenmahl zu Mir nahm. Da drängte sich bald alles, was krank war, zu Mir hin und berührte Meines Mantels Auswendiges; und alle, die da anrührten, wurden gesund. (Matth.14,36)
GEJ|2|122|6|0|Aber hinter einige der Kranken steckten sich die über alle Maßen eifersüchtigen Pharisäer und Schriftgelehrten und sagten geheim zu ihnen: „Rühret das Kleid dieses Nazaräers, den wir nun schon kennen, nicht an, und ihr werdet dennoch gesund werden!“ – Und die da sich von den Pharisäern haben bereden lassen und haben nicht angerührt Mein Kleid, die blieben krank.
GEJ|2|122|7|0|Da sie aber solches merkten, kamen sie wieder zu Mir und baten Mich, ob sie anrühren dürften Mein Kleid. Ich aber verwies es ihnen und sagte: „Seid ihr Meinetwegen oder seid ihr jener Pharisäer wegen hierhergekommen, die euch abgeredet haben, anzurühren Meinen Mantel? Denen ihr geglaubt habt, die sollen euch auch helfen; gehet hin zu ihnen!“
GEJ|2|122|8|0|Das vernahmen die Pharisäer natürlich gar leicht und wurden darob schon ganz brennrot vor Zorn. Sie gingen darauf bald zu Mir hin, und ihr Oberster sagte zu Mir: „Du bist also derjenige, um dessentwillen wir von Jerusalem nach Nazareth haben gehen müssen?“
GEJ|2|122|9|0|Ich gebe dem Obersten keine Antwort auf solche seine Frage, nur der Hauptmann, der in Meiner Nähe – das heißt an Meiner Rechten – am Tische saß, sagt mit einer Donnerstimme: „Ja, Dieser ist es, dessen Angesicht anzusehen ihr Elenden ewig nimmer wert seid! Warum habt ihr diesen Armen abgeredet, anzurühren Sein Gewand, daß sie auch, wie ihre Gefährten, gesund geworden wären? Ihr elenden Hunde, wißt ihr auf der Welt denn im Ernste nichts anderes zu tun, als Menschen unglücklich zu machen, wo sich nur immer eine Gelegenheit darbietet?!“
GEJ|2|122|10|0|Hier winke Ich dem Hauptmann, daß er sich etwas mäßigen möchte, ansonst es unangenehme Auftritte gäbe.
GEJ|2|122|11|0|Und der Hauptmann mäßigt sich zwar, verhält aber den Obersten dennoch streng darauf, ihm den Grund gewissenhaft anzugeben, warum er die einigen Kranken abgehalten habe, des göttlichen Meisters Kleid anzurühren, auf daß sie, wie die andern, auch gesund geworden wären.
GEJ|2|122|12|0|Da sagt der Oberste etwas verlegen: „Wir haben uns dadurch nur die sichere Überzeugung verschaffen wollen, ob wirklich nur die gesund würden, die das Kleid anrührten. Wir haben uns aber nun überzeugt, daß wirklich nur jene gesund geworden sind, die des Meisters Kleid angerührt haben, und wir stellen ihnen nun weiterhin nichts mehr in den Weg, das zu tun, was sie gesund machen kann.“
GEJ|2|122|13|0|Da erheben sich die noch Kranken und sagen: „Oh, wären wir nicht so krank, elend und schwach, so würden wir euch nun einen Lohn für euren Versuch an uns, ob wir auch ohne Anrührung des Kleides des göttlichen Heilandes gesund würden, geben, an den ihr eine Ewigkeit lang hättet denken mögen; aber: ,Aufgeschoben ist nicht aufgehoben!‘ Wir werden wohl mit der Hilfe Gottes auch noch einmal gesund werden und werden uns schon irgendwo begegnen; dann möget ihr acht haben, was wir mit euch alles unternehmen werden!“
GEJ|2|122|14|0|Ich aber sage zu den Kranken: „Rache sei eurem Herzen ferne! Wollt ihr, daß Ich auch euch heile, so verbannet allen Zorn und alle Rache aus eurem Herzen!“
GEJ|2|122|15|0|Da sagen die noch Kranken: „Meister, Dir zuliebe tun wir alles, was Du nur immer von uns verlangen magst; aber nur befreie auch uns Schwachsinnige von unseren Leiden!“
GEJ|2|122|16|0|Sage Ich: „So kommet und rühret an Mein Kleid!“
GEJ|2|122|17|0|Hier gingen die noch Kranken hin, rührten den Saum Meines Überkleides an und wurden alle plötzlich vollkommen gesund.
GEJ|2|122|18|0|Und der Hauptmann sagte, im hohen Grade aufgeregt: „Nun, ihr blinden Seher aus der sogenannten heiligen Stadt Gottes, seid ihr nun überzeugt, daß der Mann, von dem ihr gar so scheußlich schlecht berichtet seid, und den zu untersuchen und zu fangen ihr ausgezogen seid, jener schlechte Mensch ist, als den ihr mir ihn gestern beschrieben habt?“
GEJ|2|122|19|0|Sagt der Oberste und auch die andern Pharisäer: „Daß von ihm eine außergewöhnliche Heilkraft ausgeht, von dem haben wir uns nun mehr als hinreichend überzeugt; aber daraus folgt noch lange nicht, daß er das aus einer Art göttlicher Kraft verrichtete; denn wir bemerken an ihm und an denen, die mit ihm zu Tische sind, daß sie nicht halten die Aufsätze der Ältesten, – und wo das, da kann von einer Göttlichkeit noch lange keine Rede sein!“
GEJ|2|122|20|0|Sagt der Hauptmann: „Das verstehe ich nicht; redet mit Ihm Selbst darüber!“
GEJ|2|123|1|1|123. — Der Herr und der Oberste. (Matth. 15)
GEJ|2|123|1|0|Darauf erst tritt der Oberste vor Mich hin und fragt Mich (Matth.15,1): „Meister, wer sind die, so mit dir zu Tische sind?“
GEJ|2|123|2|0|Sage Ich: „Es sind Meine Jünger!“
GEJ|2|123|3|0|Fragt weiter der Oberste: „Warum übertreten diese deine Jünger der Ältesten Aufsätze? Sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen!“ (Matth.15,2)
GEJ|2|123|4|0|Hier erst stand Ich auf, stellte Mich dem Obersten schroff gegenüber und fragte ihn mit einer ernsten Stimme: „Warum übertretet denn ihr Gottes Gebote eurer Aufsätze willen? (Matth.15,3) Gott hat geboten: ,Du sollst Vater und Mutter ehren! Wer aber Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben!‘ (Matth.15,4) Ihr aber lehret den Sohn und die Tochter, daß sie zu ihren Alten sagen sollen: ,So ich für dich, du Vater oder du Mutter, im Tempel opfere, so ist es dir nützlicher, als so ich dich ehre in einem fort nach altem Gebrauche.‘ Und ihr saget zu solch einem Sohne und zu solch einer Tochter: ,Also hast du wohlgetan!‘ (Matth.15,5) – Was aber ist die Folge davon? Sehet! Dadurch geschieht es, daß nun fast niemand mehr seinen Vater und seine Mutter ehrt! Ihr habt also Gottes Gebot aufgehoben um eurer Aufsätze willen! (Matth.15,6) Wer gab euch dazu das Recht? Weil ihr an Gott noch nie geglaubt habt, so möget ihr solches wohl tun; denn der geistig tot ist, hat kein Gewissen mehr!“
GEJ|2|123|5|0|Hier tritt wieder der Hauptmann auf und sagt: „Ah, um die Zeit also ist es? Oh, das muß ich mir ganz besonders notieren! Solche Gottesdiener seid ihr? Darum also könnet ihr das sicher rein Göttliche unseres Meisters und Heilandes nicht anerkennen?! Euer Gott ist also bloß zuerst euer Bauch, und dessentwegen eure Gold- und Silbersäcke! Nun, nun, ich kenne euch nun ganz genau. Verhandelt nun nur weiter miteinander!“
GEJ|2|123|6|0|Sagt der Oberste: „Wir sind Gottes Diener nach der Ordnung Aarons!“
GEJ|2|123|7|0|Sage Ich: „Oh, ihr elenden Heuchler! Es hat wohl Jesajas von euch geschrieben und geweissagt (Matth.15,7): ,Dies Volk naht sich zu Mir mit seinem Munde und ehrt Mich mit seinen Lippen, aber sein Herz ist ferne von Mir! (Matth.15,8) Aber vergeblich dienen sie Mir, dieweil sie dem Volke geben solche Lehren, die nichts denn Menschengebote sind!‘“ (Matth.15,9)
GEJ|2|123|8|0|Sagt der Oberste: „Wegen unserer Satzungen, die den Menschen auch heilsam sind, heben wir die Gebote Gottes nicht auf!“
GEJ|2|123|9|0|Sage Ich: „Ich habe es euch schon gezeigt bei dem einen Gebote Gottes; wollt ihr auch hören, wie ihr all die andern Gebote Gottes in den Staub tretet und über sie eure Satzungen bis in den Himmel hineinragend stellet?“
GEJ|2|123|10|0|Sagt der Oberste: „Solches laß des Volkes wegen; denn es ist viel Volk hier!“
GEJ|2|123|11|0|Sagt der Hauptmann: „So gebet ihr dem Meister vor dem Volke das Zeugnis, daß Er als vollkommen recht nach dem Gesetze Gottes lebt und handelt!“
GEJ|2|123|12|0|Sagt der Oberste: „Das können wir nun nicht tun; das kann erst vom Tempel aus geschehen durch den gesalbten Hohenpriester!“
GEJ|2|123|13|0|Sagt darauf der Hauptmann: „Das heißt bei uns Römern: Ars longa, vita brevis! (Die Kunst ist lang, das Leben kurz!), oder man will die Sache aus gewissen Gründen auf die sogenannte lange Bank hinausschieben, um ja nichts zu tun; aber ich sage es euch vor dem Volke ganz geradeheraus, denn als Zeugnis für einen Meister, wie Jesus von Nazareth einer ist, wäre auch euer bestes Zeugnis noch viel zu elend und schlecht! So ihr es daheim im Tempel wagen solltet, nur irgendeinen schiefen Bericht über Jesus abzustatten euren heuchlerischen Kollegen, so werde ich im selben Augenblick einen Bericht an den Kaiser nach Rom abgehen lassen und ihm haarklein und mit hundert Zeugen versehen dartun, wie ihr und eure Kollegen auf euer Geheiß den berühmten Steuerraub verübt habt! Darauf rechnet denn ja auch kein Jahr, und euer Höllennest wird zerstört sein also, daß man es darauf schwer finden wird, wo es dereinst gestanden hat! Merket euch dieses wohl! Denn was ein Römer gesprochen, das hält er, und wenn darob auch Himmel und Erde zugrunde gingen ,Fiat iustitia, pereat mundus!“ (Es geschehe Recht und ginge die Welt zugrunde!) – Habt ihr mich verstanden?“
GEJ|2|124|1|1|124. — Des Julius scharfe Rede über den Segen des Herrn
GEJ|2|124|1|0|Auf diese Rede des Hauptmanns Julius ziehen sich die Pharisäer ganz verdutzt zurück und beraten unter sich, was da rätlich wäre. Der eine meint, man solle Mir das vom Hauptmann verlangte Zeugnis doch geben.
GEJ|2|124|2|0|Der Oberste aber sagt: „Wie können wir das, so er die Gesetze des Tempels verachtet und mit Füßen tritt?! Tun wir's aber nur zum Scheine, so nützt das uns nichts; zu seiner Zeit würde man das Zeugnis, von uns ausgestellt, vorzeigen, und alle Schuld und Strafe käme dann über uns! Halten wir lieber, was der Hauptmann von uns will; denn käme es dann auch zu etwas, so haben wir dann einen guten Grund, uns zu entschuldigen vor unseren Allerobersten!“ – Mit diesem Bescheide begnügen sich bald alle die Pharisäer und Schriftgelehrten, verstummen am Ende ganz und reden kein Wort mehr.
GEJ|2|124|3|0|Da erhob Ich Mich vollernstlich, wandte Mich an den Obersten und sagte zu ihm: „Also wegen der Nichthaltung eurer gottvergessenen Menschensatzungen kannst und willst du Mir kein Zeugnis geben, und das aus Furcht um deinen elenden Leib? Oh, hättest du Mir ein Zeugnis gegeben, wie glücklich wärest du geworden zeitlich und ewig; aber nun ist es vorbei! Es wird des Menschen Sohn von dir nimmerdar eines Zeugnisses benötigen; denn Seine Werke und Seine Worte geben Ihm das rechte Zeugnis! Auf daß du und deine Gefährten aber sehen, daß des Menschen Sohn keine Furcht vor den Menschen hat, so werde Ich nun all dem Volke vor dir sagen, daß an der Haltung eurer Satzungen gar nichts ist, und daß jener, der sie nach eurem Sinne beachtet, eine grobe Sünde begeht vor Gott!“
GEJ|2|124|4|0|Sagt der Oberste: „Das tue du nicht, sonst dürfte es dir übel ergehen!“
GEJ|2|124|5|0|Sagt der Hauptmann: „Ja, das wird Er tun, und es wird Ihm nichts Übles begegnen! Merket euch das, ihr elenden Geldschufte! Hier seid ihr in meiner Gewalt; nur eine mir verdächtige Bewegung von euch, und ich lasse euch in Stücke zerhauen und ins Meer werfen, den Drachen zur Speise, so wahr ich Julius genannt werde! Da sehet einmal diese Wichte an! Die Geschichte weiset, daß die Templer seit schon mehr denn dreihundert Jahren keinem Menschen etwas Gutes getan haben. Und war noch dann und wann eine edle Seele unter ihnen, so haben sie mit ihr getan, wie mir bekanntermaßen vor noch kaum dreißig Jahren mit dem frommen, biederen Zacharias; und wie sich unter ihren Glaubensgenossen irgendein Mensch erhebt voll Wahrheit, Ehrlichkeit und Gotteskraft und die armen Menschen mit Wohltaten aller Art überhäuft, da sind diese Wichte auch schon da, um ihn zu verderben! Oh, dies elende Handwerk soll euch bald gelegt werden!
GEJ|2|124|6|0|Seht, dieser wahrhaftige Gottesmann kam hierher in diese Gegend, die wegen ihrer ungesunden Lage weltbekannt ist. Es befanden sich hier in der ganzen Gegend mehrere tausend Kranke – Einheimische und Fremde –, selbst meine Soldaten lagen über die Hälfte an lästigen und bösen Fiebern danieder, manche schon über ein Jahr; da kam dieser reine Gottmensch hierher und heilte alle, die da Hilfe gesucht haben. Sollte man solch einem Manne nicht füglich einen Altar erbauen, ihm wie einem Gott opfern und alle erdenkliche Ehre und Salbung darbringen? Was Gutes aber habt ihr den Menschen erwiesen, als ihr hierher kamet? Des Ebahl Keller und Speisekammer werden bald um hundert Groschen Wertes geringer werden!
GEJ|2|124|7|0|Und aus Dank, daß ihr überall gleich den Wölfen umsonst fresset, wollet ihr uns hier noch unsern größten Wohltäter verderben! Einen Menschen, dem allein ihr es zu verdanken habt, daß Cyrenius nicht gleich alle Macht in Asien zusammenrufen und bis auf den Grund zerstören ließ euer scheußliches Raub- und Hurennest! Nein, es ist zu arg, so man über eure Schändlichkeit nachdenkt! Auf daß eure Betrügereien, die ihr dem Volke als göttliche Dinge ums teure Geld verkaufet, nicht verraten würden, suchet ihr mit aller Satanslist sogar eure größten Freunde und Wohltäter, so ihr bei ihnen irgendein höheres Licht wittert, aus dem Wege zu räumen! Saget es selbst, ob ihr nicht schlechter seid um vieles als der Satan selbst!?“
GEJ|2|124|8|0|Hier wandte sich der Hauptmann an Mich und sagte: „Herr und Meister aus der Schule Gottes, lehre uns ungescheut die Wahrheit und was das Volk in bezug auf die Menschensatzungen zu tun hat in der Folge! Ich weiß es, daß Dir Himmel und Erde und alle Elemente gehorchen und Du mit dem leisesten Hauche Deines Mundes diese Wichte so gewiß wie Spreu in die Lüfte hinaus zerstreuen kannst, als wie gewiß Du imstande warst, dem Meere zu gebieten, daß es uns getragen hat, als wäre es ein festes Land; aber dennoch stehe ich Dir – nur als ein schwacher Mensch gegen Dich mit aller meiner Macht, die durchaus nicht unbedeutend ist – bis auf den letzten Mann und bis auf den letzten Tropfen Blut zu Diensten! Diese elendesten Wichte sollen den Ort Genezareth kennenlernen!“
GEJ|2|124|9|0|Sagt der Oberste mit einer stark bebenden Stimme: „Herr Hauptmann! Wo aber hast du einen Beweis gegen uns dahin, daß wir nur darum gekommen seien, diesen Menschen zu verderben? Wir sind wohl gekommen, ihn zu untersuchen und zu prüfen, was man uns doch unmöglich verargen kann; aber vom Verderben kann da doch bei Gott keine Rede sein! Du hast nun leicht reden; denn du hast schon eine hinreichende Gelegenheit gehabt, ihn durch seine Taten und Reden kennenzulernen; wir aber haben außer der heutigen wunderbaren Heilung noch wenig gehört und gesehen, außer deinen durchaus nicht sehr humanen Drohungen, und es sollte uns denn, als gewisserart noch völlig Fremden in dieser Sache, ja doch auch freistehen, diesen Wundermann ein wenig durchzukosten!
GEJ|2|124|10|0|Daß wir Templer auf einem bereits sehr hohlen Grunde stehen, ist uns sicher nicht fremd; aber dessenungeachtet ist er dennoch besser als gar keiner, und der Staat muß ihn so lange schützen, als es irgend Gott gefällig sein wird, einen gediegeneren zu schaffen! Daher bitte ich dich, uns nicht gleich mit dem Schwerte zu drohen, so wir irgend mit dem Wundermanne Jesus ein paar Worte wechseln! Er soll nun tun, was er will, und soll lehren und predigen, auf daß auch wir davon etwas Besseres erfahren, als was wir bloß vom Hörensagen und von vielen, sicher falschen Berichten vernommen haben; werden wir sehen, daß an der Sache etwas ist, so werden auch wir andere Urteile in uns fassen, als wir sie bis jetzt fassen konnten! Denn gar so dumm sind wir nicht, und unser Herz ist noch immer eines gerechten Urteiles völlig fähig.“
GEJ|2|124|11|0|Sagt der Hauptmann: „Die Verweigerung des verlangten Zeugnisses spricht nicht zu Gunsten der Gerechtigkeit eures Herzens, im Gegenteil! Ex trunco non quidem Mercurius (Aus einem Klotz ist noch kein Gott geworden!) – aber wir wollen sehen!“
GEJ|2|125|1|1|125. — Drei Dokumente. (Matth. 15)
GEJ|2|125|1|0|Da rief Ich sogleich alles Volk zusammen, das zum Teil hier aus den Genesenen und zum Teil aus den ziemlich vielen Einwohnern der Stadt bestand, die an diesem Tage, als am Vorsabbat, einen Feiertag machten.
GEJ|2|125|2|0|Als das Volk beisammen und der Saal nahezu vollgefüllt war, sagte Ich zum Volke: „Höret zu, und vernehmet Mich wohl! (Matth.15,10) Was zum Munde eingeht, das verunreinigt den Menschen nicht; aber was zum Munde ausgeht, das verunreinigt den Menschen. (Matth.15,11) Mit ungewaschenen Händen das Brot essen, verunreinigt keinen Menschen. Das sage Ich euch allen und hebe somit für ewig solche Menschensatzung auf!“ – Da fing alles Volk an zu jubeln und lobte Mich.
GEJ|2|125|3|0|Da traten aber auch die Jünger zu Mir und fragten Mich und sprachen: „Hast Du wohl gemerkt, wie grimmig sich die Pharisäer geärgert haben, als sie Dich solches Wort aussprechen hörten?“ (Matth.15,12)
GEJ|2|125|4|0|Sage Ich laut zu den Jüngern: „Alle Pflanzen, die nicht Mein himmlischer Vater gepflanzt hat, werden ausgereutet. (Matth.15,13) Lasset sie fahren! Sie sind blinde Blindenleiter. Wo aber ein Blinder einen Blinden führt, da fallen doch sicher beide in den Graben! (Matth.15,14) Diese können sich ärgern wie sie wollen; denn ihr Vater ist ein anderer als der unsrige. Unser Vater ist oben – und der ihrige unten!“
GEJ|2|125|5|0|Als die Pharisäer solches vernahmen, da wurden sie gelb, grün und feuerrot vor Zorn und Wut; und der Oberste sagte, mit zwar bebender Stimme: „Wir haben nun genug gehört! Er hat Gott und uns gelästert! Nun wissen wir, mit wem wir es zu tun haben, und wer dieser Jesus aus Nazareth ist! Lasset uns daher von dannen ziehen und laut verkünden dem Hohenpriester, welch ein Mensch dieser Nazaräer ist!“
GEJ|2|125|6|0|Sagt der Hauptmann: „Man kann wohl in eine Stadt kommen, wie ihr, nach eigenem Willen; aber das Hinauskommen liegt im Willen des Machthabers über die Stadt! Es ist wohl bald gesagt: ,Lasset uns hinausziehen!‘; aber da tritt der Machthaber entgegen und spricht: ,Ihr bleibet!‘“ – Das letzte ward mit einer Donnerstimme hinausgedröhnt.
GEJ|2|125|7|0|Über die letzten Worte: „Ihr bleibet!“ erschraken die Pharisäer aber auch derart, daß sie alle erdenbleich wurden, zu beben begannen und kein Wort mehr über ihre Lippen zu bringen imstande waren.
GEJ|2|125|8|0|Als der Hauptmann sah, daß seine Anrede auf sie einen mörderischen Eindruck gemacht hatte, da sagte er weiter: „Bevor ich euch werde abziehen lassen, werden wir miteinander noch viel zu reden haben, und ihr werdet mir zuvor noch ein Paar Kontrakte und ein Zeugnis mit eurer Handschrift im Beisein des Volkes unterfertigen; aber sowohl die Kontrakte als wie das Zeugnis auf Leben und Tod! Wohl verstanden! Denn sowie ich durch meine scharfhörigen Spione erführe, daß ihr nur einen Punkt der Kontrakte nicht hieltet, so seid ihr noch am selben Tage des Todes, und möchtet ihr euch auch hinter tausend Tempeln verbergen!“
GEJ|2|125|9|0|Hier ließ sich der Hauptmann von seinen Dienern sogleich ein Schreibzeug bringen und schrieb folgendes: „Kontrakt Nr. 1: Wenn einer von euch es wagen sollte, über Jesus von Nazareth auch nur ein schmählich Wort zu reden, entweder untereinander oder zu jemand Fremdem, was augenblicklich aufkommen wird, der verfällt dem Gerichte und dem Tode! – Kontrakt Nr. 2: Wer von euch von alledem, was sich hier zugetragen hat und hier geredet ward, in Jerusalem und im Tempel nur eine Silbe fallen ließe und Jesus dem Herrn ein böses Zeugnis gäbe, ob im Tempel oder in einem andern Hause, der verfällt dem peinlichen Gerichte und darauf dem martervollsten Tode! Und niemand tröste sich mit dem: ,Es wird doch wohl sicher nicht aufkommen!‘ Wie schon gesagt, im selben Momente, als wo ihr immer nur eine Silbe von dem aussagen werdet, was in den zwei Kontrakten euch zu schweigen geboten ist, werden es meine Spione erfahren, und mit euch wird es geschehen, was euch in diesen Kontrakten verheißen ist!“
GEJ|2|125|10|0|Darauf schrieb der Hauptmann das Zeugnis, das also lautete: „Wir samt und sämtlich bekennen am Ende mit unserer Handschrift zur Steuer der Wahrheit pro memoria aeterna (zur ewigen Erinnerung), daß wir den bekannten Raub der kaiserlichen Steuern und Schätze aus dem Pontus und aus Kleinasien begangen und solche durch eine allerschmählichste List den Überbringern abgenommen haben, aber bei dem Transporte nach Jerusalem in Kis durch den Jesus von Nazareth verraten worden sind, wennschon nicht mündlich, so doch durch seinen Einfluß. Wir wären zwar vom Richter Faustus samt und sämtlich zum Tode verdammt worden – aber Jesus von Nazareth hat sich für uns verwendet, und wir kamen unverletzt davon! – Dies ist eine Wahrheit, für die wir unser Leben einsetzen!“
GEJ|2|125|11|0|Als der Hauptmann diese drei Stücke fertiggeschrieben hatte, las er sie ganz ruhig den Pharisäern und Schriftgelehrten vor. Bei jeder Zeile wurden ihre Gesichter länger und länger, und als sie das Zeugnis verlesen hörten, da erst schlugen sie die Hände über den Häuptern zusammen und schrien: „Was, das sollen wir unterschreiben?!“
GEJ|2|125|12|0|Sagt der Hauptmann: „Ja, es ist reine Wahrheit! Wollt ihr solche aber nicht, so stehen dort schon die Büttel mit Ruten, Geißeln und scharfen Beilen versehen!“ – Hier sahen sich die Pharisäer um und ersahen die Schreckensmänner. Da verlangten sie aber auch gleich ohne Widerrede Schreibzeug. Der Hauptmann aber erinnerte sie noch, ihre wahren Namen zu unterschreiben, da ein falscher Name jedem den Tod brächte. Da unterschrieben sie ihre wahren Namen, und wer aus dem Volke schreiben konnte, mußte sich als Zeuge unterschreiben.
GEJ|2|125|13|0|Als die drei Dokumente also in der Ordnung waren, sagte der Hauptmann: „Nun habe ich das, was ich von euch schon lange gern gehabt hätte, und ihr wißt es, was ich habe. Was ihr zu beachten habt, wißt ihr auch, und somit sind wir fertig. Nun möget ihr schon ziehen, wohin ihr wollt! Bis an die Grenze wird euch sicheres Geleit gegeben!“
GEJ|2|125|14|0|Hierauf packten diese Pharisäer und Schriftgelehrten auch sogleich zusammen, und es dauerte keine halbe Stunde, so hatten sie Genezareth auch schon hinter dem Rücken, ganz stille, ohne Wort und Laut.
GEJ|2|126|1|1|126. — Des Herrn Warnung vor der bösen List der Templer
GEJ|2|126|1|0|Als diese Prüfer und Untersucher schon über Berg und Tal waren, da sagte der Hauptmann: „Herr, diese werden hoffentlich schweigen; denn diese drei Schnüre dürften halten! Übrigens ist es volle Wahrheit, daß ich's binnen längstens acht Tagen erfahre, was einer von ihnen noch so geheim irgendwo möchte geredet haben; dazu ist ihr Glaube noch stärker denn meine weit ausgebreiteten Kundschafter, und ihre große Furcht ist ihr Zuchtmeister. Da stehe ich dafür, daß von ihnen keiner auch nur eine Silbe von alledem zu jemandem reden wird, was er hier erlebt hat!“
GEJ|2|126|2|0|Sage Ich: „Ja, sie werden schweigen, aber desto größer wird ihr geheimer Zorn sein; denn das, was ihnen hier in hinreichendstem Maße begegnet ist, wird keiner von ihnen je vergessen. Sehet aber euch alle wohl vor; denn ihre geheime Bosheit ist groß und hat keine Grenzen! In ihren Herzen hausen Teufel, und diesen ist kein Mittel zu schlecht, sich an dem zu rächen, der sie beleidigt hat! Darum sehet euch vor! Diese werden nun brüten und brüten! Das Zeugnis aber, das sie unterfertigen mußten, ist noch das beste Bindemittel! Daher werden sie wohl stille sein; aber sie werden euch mehr böswillige Kundschafter auf den Hals senden als ihr ihnen und werden gegen euch falsche Zeugen dingen. Darum sehet euch vor, Ich habe es euch deshalb zuvor gesagt!“
GEJ|2|126|3|0|Sagt der Hauptmann: „Herr, ich danke Dir aus dem vollsten Herzen für diese Warnung! Da ich aber nun das weiß, so soll es jedem Fremden in der Folge ganz absonderlich zu Mute werden, besonders aber einem Jerusalemer, der in dieses Gebiet kommen wird! Wahrlich, dem sollen glühende Kohlen über dem Kopfe angeblasen werden! Nur einen einmal ergreifen, und es soll einem zweiten für immer die Lust vergehen, einen Kundschafter der Teufel zu machen!“
GEJ|2|126|4|0|Sage Ich: „Ja, ja, darum seid auf eurer Hut; denn diese Art ist dem Äußern nach geschmeidig wie eine Taube, dem Innern nach aber ist sie giftiger denn eine ägyptische Ringelschlange! Sie werden kommen in allerlei Gestalt und werden reden diese und jene Sprache, bald als persische Kaufleute, bald als Griechen und bald als Ägypter, auch als Römer, und werden schwer zu unterscheiden sein von wahren Angehörigen der genannten Nationen. Aber so ihr sie streng untersuchen werdet, da werdet ihr schon finden, wes Geistes Kinder sie sind!“
GEJ|2|126|5|0|Sagt der Hauptmann: „Oh, noch viel mehr Dank Dir, o Herr! Nun weiß ich's ganz genau, was ich in der Zukunft werde zu tun haben; und sollte sich wo ein trüber Fall zeigen, da wirst Du mir's ja wohl gestatten, daß ich Deinen mir über alles heiligen und mächtigen Namen werde anrufen dürfen und sagen: ,O du großer allmächtiger Geist meines Herrn und Meisters Jesu! Erleuchte mein Herz, auf daß es licht werde in ihm!‘, und Du wirst solch mein Rufen sicher auch bis ans Ende der Welt vernehmen!“
GEJ|2|126|6|0|Sage Ich: „O Freund und Bruder, bleibe du also in Mir, und Mein Geist wird in dir sein, dir zur Hilfe zu jeder Zeit bei Tag und bei Nacht!“
GEJ|2|126|7|0|Sagt die neben Mir stehende Jarah: „Aber Herr, Du redest ja, als wenn Du uns schon bald verlassen möchtest!? O ich bitte Dich, bleibe doch noch einige Tage bei uns; denn Du bist ja mein Leben! Wie könnte ich ohne Dich leben? Du mußt hier bleiben, ich lasse Dich nicht von hier! Ohne Dich müßte ich ja sterben!“
GEJ|2|126|8|0|Sage Ich ganz freundlich: „O du Meine allergeliebteste Jarah, dich werde Ich ewig nicht verlassen! Und werde Ich Mich der Person nach nach etwelchen Tagen von hier Meines Amtes wegen entfernen auf einige Zeit, so werde Ich aber dennoch im Geiste gleichfort bei dir sein, und du wirst mit Mir reden, und Ich werde dir eine wohl vernehmbare Antwort geben auf jede deiner Fragen; dessen kannst du vollends versichert sein! – Verstehst du das?“
GEJ|2|126|9|0|Sagt die kleine Jarah: „Ja, Du mein allerliebster Herr Jesus, das verstehe ich recht gut und weiß, daß Dir nichts unmöglich ist; aber lieb ist es mir dennoch, so Du auch Deiner Person nach noch längere Zeit bei uns verweilest. Denn siehe, nun, da Du bei uns bist, sieht alles so verklärt und himmlisch aus; ich kann mir nun schon den Himmel nicht schöner und herrlicher vorstellen. Daher mußt Du mir zulieb wohl noch auch persönlich einige Tage hier verweilen!“
GEJ|2|126|10|0|Sage Ich: „Nun ja, es ist ja unmöglich, solch einer Liebe etwas ungewährt zu lassen, besonders wenn sie sich den allerbesten Teil erwählt hat! Sei du nur frohen Mutes; deine Liebe wird nimmer allein dastehen!“
GEJ|2|126|11|0|Das macht die Jarah ganz heiter, daß sie darob zu Ebahl springt und sagt: „Sieh, Vater Ebahl, der Herr bleibt noch bei uns, und das immer!“
GEJ|2|126|12|0|Sagt Ebahl: „Mein liebes Kind, das ist eine große Gnade für uns, der wir alle zusammen nicht wert sind; denn Er ist ein Herr Himmels und dieser Erde! Was Er tut und tun will, das liegt in Seinem ewigen, unergründlichen Ratschlusse verborgen, demnach jedes Haar auf unserem Haupte also gezählt ist wie der Sand des Meeres, und wir Menschen können darin nichts ändern. Aber dieser Meinung bin ich auch, daß es bei Ihm, vor dem tausend Jahre wie ein Tag sind, eben auf einen Tag nicht ankommen wird, kürzer oder länger bei uns zu verweilen. Daher halte du Ihn nur fest und laß Ihn nicht aus; denn dich hat Er unter uns am liebsten!“
GEJ|2|126|13|0|Sagt die Jarah: „Oh, ich werde Ihn schon recht festhalten und gar nimmer auslassen!“
GEJ|2|127|1|1|127. — Der Herr spricht über den Geist der Liebe
GEJ|2|127|1|0|Da komme Ich von rückwärts still zur Jarah, hebe sie vom Boden auf und sage: „Aber du Mein allerliebstes Kindchen, wie wirst du Mich wohl halten können? Siehe, Ich bin ja viel stärker denn du!“
GEJ|2|127|2|0|Sagt die Kleine, als Ich sie wieder auf den Boden stelle: „Das weiß ich wohl, daß Du endlos stärker bist als ich, kaum ein Mücklein vor Dir; denn Du trägst mit Deiner allmächtigen Willenskraft Himmel und Erde und hältst das Meer in seiner Tiefe; wie sollte ich mich in der Stärke mit Dir messen wollen?! Aber das meine ich, daß Du, weil ich Dich gar so unbeschreiblich liebhabe, meiner Liebe zu Dir zulieb Dich wirst ein wenig über die Zeit halten lassen!“
GEJ|2|127|3|0|Sage Ich: „Ja, da hast du wieder recht; denn mit der Liebe richtet man bei Mir alles aus! Die Liebe zu euch Menschen zog Mich ja auf diese Erde! Wer aber Liebe hat wie du, der kann mit Mir dann freilich schon machen, was er will! Denn solche Liebe ist ja eben Mein Geist in dem Herzen des Menschen. Und was solche Liebe verlangt und will, das geht aus aller Tiefe der göttlichen Ordnung, und du kannst Mich deshalb mit deinem Herzen schon so hübsch festhalten, und Ich werde Mich von deinem Herzen ewig nimmer trennen!
GEJ|2|127|4|0|Jedoch an Meiner erscheinlichen Person liegt nichts, sondern allein nur an Meinem Geiste! Was Ich tue, siehe, das tut nicht Meine Person, sondern allein nur Mein Geist; aber dir zuliebe werde Ich dennoch ein paar Tage hier verweilen, – denn morgen ist Sabbat und übermorgen ein Nachsabbat! Diese beiden Tage werde Ich noch hier verweilen, dann aber werde Ich weiterziehen, und zwar nach Sidon und Tyrus, – werde aber dann schon wieder kommen und vielleicht den halben Winter bei euch zubringen.“
GEJ|2|127|5|0|Sagt ganz entzückt die Kleine: „Oh, Gott dem heiligen Vater alles Lob darum! Nun bin ich schon zufrieden!“
GEJ|2|127|6|0|Alle bewunderten das zwölf Jahre alte Mägdlein und staunten über ihren Verstand. Und ein Alter sagte: „Oh, das ist eine besondere Gnade Gottes! In dieser zarten Haut steckt ein Gottesengel! Gestalt und Geist zeugen dafür.“
GEJ|2|127|7|0|Sagt ein anderer: „Jawohl! Das Mägdlein zählt erst zwölf Jahre und etwa ein halbes darüber; aber sie sieht aus wie eine Maid von sechzehn Jahren! Ihr Leib ist völlig ausgebildet, und ihre Seele läßt nichts zu wünschen übrig. Die hat wahrlich Kopf und Herz am rechten Flecke! Glücklich, wer einmal diese als Weib in sein Haus führen wird!“
GEJ|2|127|8|0|Solches vernimmt die Jarah und sagt: „Ein Herz, das Gott liebt, bedarf der Liebe eines selbstsüchtigen Bräutigams nicht; denn es ist schon als Braut eingeführt in das Haus Gottes! Ich weiß die Menschen zu lieben in ihrer Not und Gutes zu tun den Armen zu jeder Stunde bei Tag und Nacht; aber die gewisse Liebe eines jungen Mannes kenne ich nicht und werde sie auch nie kennenlernen, – außer sein Herz ist gleich dem meinen erfüllt allein von der reinsten Liebe zu Gott!“
GEJ|2|127|9|0|Sagt ein anderer alter Jude: „Ei, ei, Mägdlein! Deine Rede klingt zwar wohl, als käme sie aus dem Munde eines Engels; aber du bestehst dennoch auch aus Fleisch und Blut, und wenn einmal deine Jahre kommen werden, dann wirst du es schon sehen, ob Fleisch und Blut beim Menschen nichts zu reden haben!“
GEJ|2|127|10|0|Sagt die Jarah: „Daß der Mensch kein Gott ist, das weiß ich schon seit meinen frühesten Jahren; aber der Mensch kann durch seine rechte Liebe zu Gott ein Meister seines Fleisches und Blutes werden, der sicheren Hilfe Gottes zufolge. Wem aber Gott hilft, dem hilft Er ganz und nicht zur Hälfte, was ihr heute früh selbst an eurem kranken Fleisch und Blut erfahren habt! Denn das war nicht Menschenhilfe, sondern das war Gottes Hilfe!“ – Nach diesen Worten Jarahs verstummen die Alten, und es getraut sich keiner mehr, ihr ein Wort zu entgegnen.
GEJ|2|127|11|0|Ich aber sage zur Jarah, sie bei der Hand fassend: „Gut hast du es gemacht! Du sprichst ja schon wie ein ausgemachter Prophet!“
GEJ|2|127|12|0|Sagt lieblächelnd die Jarah halblaut zu Mir: „Ist leicht prophetisch reden, wenn man bei Dir ist und Du einem die Worte ins Herz und in den Mund legst! Hätte ich aus mir selbst geredet, da wären gewiß recht viele Dummheiten herausgekommen!“
GEJ|2|127|13|0|Sage Ich auch so halblaut: „Könnte wohl sein, Meine allerliebste Jarah! Aber von nun an wirst du stets so weise zu reden imstande sein, nur mußt du Mir nicht etwa einmal untreu werden, wenn du älter wirst!“
GEJ|2|127|14|0|Sagt die Jarah: „Herr, wenn das möglich wäre, da laß mich lieber sterben!“
GEJ|2|127|15|0|Sage Ich: „Nun, nun, es wird etwa wohl unmöglich bleiben!?“
GEJ|2|127|16|0|Sagt die Jarah, Mich fest um die Mitte fassend und an ihre Brust drückend: „Ja, so etwas muß ewig unmöglich bleiben! Denn man müßte nur wahnsinnig werden, so man gäbe ein Pfund reinsten Goldes um ein Pfund stinkenden Moders!“
GEJ|2|127|17|0|Sage Ich: „Also hältst du doch auch etwas aufs Gold?“
GEJ|2|127|18|0|Sagt die Jarah: „Ja, aufs Gold der Seele alles! Das irdische Gold aber habe ich nur des Beispieles wegen angeführt.“
GEJ|2|127|19|0|Sage Ich: „Nun, nun, Ich habe dich schon verstanden; aber weil Ich dich eben gar so liebhabe, so muß Ich dich ja auch ein wenig necken!“
GEJ|2|127|20|0|Sagt die Jarah: „O necke Du mich nur, ich werde Dich darum doch nicht weniger lieben! Denn das weiß ich ja schon seit lange her, daß Gott die Menschen, die Er besonders liebt, mit allerlei Leiden heimsucht! So Du, o Herr, mich so recht, recht zu necken anfangen wirst, dann wirst Du mich erst ganz liebhaben!“
GEJ|2|127|21|0|Sage Ich: „O du Mein liebstes Kindlein, solch reinste Herzen, wie das deine ist, neckt Gott nimmer, sondern nur solche, die Gott zwar sehr lieben, aber dabei dennoch auch mit der Welt dann und wann liebäugeln; solchen treibt dann Gott durch allerlei Neckereien die Weltliebe aus dem Herzen, auf daß sie vollends reinen Herzens werden. – Verstehest du solches?“
GEJ|2|127|22|0|Sagt die Jarah: „O Herr, Du Honigseim meines Herzens, das verstehe ich wohl recht gut!“
GEJ|2|128|1|1|128. — Gespräch zwischen den Templern und den Essäern. (Matth. 15)
GEJ|2|128|1|0|Sagt auf der Seite endlich einmal wieder Petrus, so mehr für sich: „Begreife nicht, wie dies Mägdlein mit dem Verstehen allzeit so geschwind fertig ist! Ich bin doch schon alt und habe doch schon so manches erfahren, aber mit dem gar so schnellen Verstehen geht es bei mir durchaus nicht. So verstehe ich jetzt noch nicht so ganz rein, was Er mit dem Bilde gemeint hat: ,Was zum Munde hineingehet, verunreinigt den Menschen nicht, sondern das vom Munde herauskommt!‘ So ein Mensch sich erbrechen muß, oder so er hustet und dann ausspuckt, wie soll ihn das verunreinigen? Hat doch Moses davon keine Erwähnung gemacht!?“
GEJ|2|128|2|0|Sagen auch die anderen Jünger: „Da geht es dir wie uns; denn das bringen auch wir nicht zusammen! Gehe und frage Ihn in unser aller Namen, wie dies Gleichnis zu verstehen ist!“
GEJ|2|128|3|0|Da erst trat Petrus zu Mir hin und fragte Mich, sagend: „Herr, deute uns das Gleichnis vom ,zum Munde Ein- und Ausgehen‘ (Matth.15,15); wir alle verstehen es nicht!“
GEJ|2|128|4|0|Sage Ich: „Seid denn ihr auch noch so unverständig? (Matth.15,16) Wie lange werde Ich euch denn noch also ertragen müssen? Merket ihr noch nicht, daß alles, was zum Munde eingeht, in den Bauch kommt und von da durch den natürlichen Gang ausgeworfen wird? (Matth.15,17) Was aber zum Munde herausgeht, das kommt aus dem Herzen und verunreinigt den Menschen! (Matth.15,18) Denn aus dem Herzen kommen arge Gedanken: Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse und Lästerungen. (Matth.15,19).
GEJ|2|128|5|0|Das sind Stücke, die den Menschen verunreinigen; aber mit ungewaschenen Händen Brot essen, das verunreinigt den Menschen nicht! (Matth.15,20) – Verstehet ihr nun das?“
GEJ|2|128|6|0|Sagen die Jünger: „Ja, Herr, wir danken Dir für dies heilige Licht!“
GEJ|2|128|7|0|Sage Ich zum Matthäus dem Schreiber: „Also zeichne du auf die Speisung in der Wüste, darauf die nächtliche Hierherfahrt, und was sich dabei Besonderes ereignete, und darauf aber gleich, was sich heute zutrug, mit wenig Worten, aber bündig! Alles andere, was sich hier zugetragen hat, laß einstweilen weg; in der Folge aber kann noch manches nachgetragen werden, – das aber ist ein wesentliches Stück des Evangeliums.“
GEJ|2|128|8|0|Hierauf begeben sich die Jünger wieder in ihr Zimmer, wo ihrer schon mit Ungeduld die etlichen bekehrten Pharisäer und Schriftgelehrten samt den zwei Essäern harren. Natürlich werden sie gleich klein durchgefragt, wie es mit den Pharisäern und Schriftgelehrten von Jerusalem gegangen sei. Und die Jünger erzählen ihnen alles haarklein. Da sagen die Pharisäer, Schriftgelehrten und die beiden Essäer: „Nein, da gehört wahrlich viel Nacht und Verschlagenheit dazu, bei solchen Zeichen und Zeugnissen noch in der bösartigsten Dummheit hartnäckig zu verharren! Und was nützt ihnen alle ihre Verschlagenheit? Nun sind sie durch die drei ausgestellten Dokumente auf eine solche Weise gebunden, daß sie sich nicht einmal untereinander ihre Gedanken mitteilen dürfen! Sind das aber doch Ochsen und Böcke!“
GEJ|2|128|9|0|Sagen die Essäer: „Die Sache mit Jesus ist so sonnenhell wie nur etwas sonnenhell sein kann, und doch solch eine unerhörte Verschlagenheit! Wir sind doch, was Weltverstand betrifft, so gebildet, als man nur immer gebildet sein kann, wenn man alle Schulen Persiens und Ägyptens durchgemacht hat und die Weisen Griechenlands und auch die der alten Juden im kleinen Finger hat; aber wir abstrahieren hier alle die unerhörten Wundertaten und sagen bloß: Was Seine Rede und die aus ihr hervorgehende tiefste Weisheit betrifft, von der man sonst auf der Erde noch nie eine Spur angetroffen hat, so ist uns diese mehr denn ein allerhinreichendster Beweis, daß dieser Jesus ein allervollendetster Gott ist. Nun kommen aber auch noch Seine Taten hinzu in einer Art, von der wohl nie einem Menschen etwas geträumt hat; Taten, die nur einem Gott möglich sein können, in dem sich alle Kräfte der Welt und aller Sterne, der Sonne und des Mondes vereinen, oder aus dessen wunderbarst allmächtigem Willen sie auf eine für uns freilich unerklärte Weise ihr Dasein erhielten!
GEJ|2|128|10|0|Wir sahen es, wie bei Ihm Wille, Wort und vollendete Tat gerade in eines zusammenfallen. Die Himmel öffnen sich auf Seinen Wink, und zahllose Scharen der anmutigsten Ätherwesen stehen zu Seinem Dienste bereit; Er gebietet es ihnen, und die leeren Speisekammern strotzen vor Fülle der köstlichsten Speisen, und alle leeren Schläuche und Krüge werden voll des köstlichsten Weines! Ja, ist das denn wohl im Ernste nichts?
GEJ|2|128|11|0|Er gebietet dem Meere, und es festigt seine Fläche, ohne darum Eis zu sein, und die Menschen wandeln auf dem sonst jedem Menschen todbringenden Boden wie auf einem Marmorboden! Und das ist den Finsterlingen alles gezeigt und treu erzählt worden, dazu haben sie heute morgen mit eigenen Augen die wunderbare Heilung von etlichen hundert Menschen mit angegafft, und dennoch sind sie dabei verschlagener geblieben als ein Fels, an dem seit Tausenden von Jahren wenigstens alle Jahre hunderttausend Blitze ihre zerstörende Kraft versucht haben! Brüder, da hört denn doch alles Menschliche im Menschen auf! Da ist er entweder ein böses Tier oder im Vollernste ein Teufel! – Saget Brüder, haben wir recht oder nicht?“
GEJ|2|128|12|0|Sagen die Pharisäer und Schriftgelehrten: „Mehr noch als vollkommen wahr und recht! Denn wenn man bei solchen Erscheinungen noch hart und unbeugsam bleiben kann, dann ist man eventuell ein Teufel!“
GEJ|2|128|13|0|Sagen die beiden Essäer: „Nachdem wir nun glauben, daß es im vollsten Ernste also arge Geister gibt in den Regionen dieser Welt, von denen nicht selten Menschen geplagt und zum größten Teil ohne eine fühlbare Plage zu argen Taten verleitet werden, so sind wir denn nun auch vollends eurer Meinung! Denn Menschen, die für ihre Nebenmenschen jedes bessern Mitgefühles bar sind, die nur gleich den Tigern für ihren Rachen und für ihren Bauch besorgt sind, sind nicht mehr Menschen, sondern Teufel! Denn sie haben für nichts anderes mehr einen Sinn, als nur dahin zu trachten, daß ihr Bauch auf das ansehnlichste befriedigt wird! Um diesen einzigen Zweck zu erreichen, ist ihnen auch kein Mittel zu schlecht! Was Gott, was Geist! Der Bauch muß versorgt sein! Alles andere gilt bei ihnen nichts. Kunst und Wissenschaft wird von ihnen nur dann als etwas angesehen, wenn durch sie für ihren Bauch die Einkünfte vergrößert werden können! – O Herr, sind das Menschen! Ja, ja, das sind die allereigentlichsten und allerechtesten Teufel!“
GEJ|2|128|14|0|Sagt darauf endlich einmal Judas Ischariot: „Wenn ich nicht zu sehr von Seiner wahrhaft göttlichen Allmacht überzeugt wäre, wahrlich, mir finge an, um Ihn angst und bange zu werden! Denn diese Leute würden, so es möglich wäre, Gott Selbst von Seinem ewigen Throne herabreißen und sich dann darauf setzen; denn die Templer, denen es nun nach der Vertreibung der Samariter, die ihnen oft stark und scharf auf die Finger hieben, unendlich gut geht, würden eher das Äußerste wagen, bevor sie sich in ihrem Wohlleben etwas schmälern ließen!“
GEJ|2|128|15|0|Sagt Petrus: „Glaubst du, daß unser Herr mit aller Seiner Wundermacht sicher ist vor der Arglist der Templer? So Er vor diesen Vater- und Muttermördern nicht als ein Richter mit Feuer und Blitz aus den Himmeln verheerend auftritt, so ist Er in kurzer Zeit trotz aller Seiner Macht und Weisheit ein Opfer ihrer nie zu sättigenden Rache! Ja, ein Jude ist zu großen Dingen berufen und kann ein Engel sein; aber über einen schlechten und verdorbenen Juden gibt es auch keinen Teufel, der noch schlechter sein könnte!
GEJ|2|128|16|0|Daher solle Er Sich ja vor Jerusalem hüten! Denn kommt Er als ein gefälliger Mensch dahin, so ist Er samt dem Prediger Johannes verloren! Solange dieser in unserer Nähe am Kleinjordan und in Klein-Bethabara (Wüste) lehrte und taufte, war er sicher; als er sich aber erst vor etwa drei Monaten nach dem großen Jordan und in die große Wüste Bethabara begab, da war er auch ehestens ein Opfer der Tempelmenschen, die sich gar schlau hinter dem Herodes zu verstecken verstanden. Herodes aber ließ ja auch schon fahnden nach Ihm, unserem Herrn und Meister; hätte er Seiner habhaft werden können, wer weiß, was da schon alles geschehen wäre! Aber der Herr sieht auch in der Ferne der Menschen Herzen und ihre Pläne und weiß ihnen auszuweichen! Denn wer ist wohl klüger und weiser denn Er?“
GEJ|2|128|17|0|Sagt ein Pharisäer: „Wenn Er ihnen einmal auszuweichen beginnt, so ist das schon kein gar gutes Zeichen für Seine volle Sicherheit! Er kann wohl alles Aufsehen vermeiden wollen, solange es nur immer möglich ist, und das allein entschuldigt dann Sein Ausweichen; ist aber nur eine allerleiseste Furcht vorhanden, dann gebe ich nicht viel für Seine Sicherheit! Denn nur zu gut weiß ich's, wo überall und wie der Tempel seine verderblichen Netze ausgespannt hält, daß es nahezu eine Unmöglichkeit ist, demselben zu entkommen mit heiler Haut! Aber Er wird nur kein Aufsehen von großer Bedeutung vorderhand erregen wollen, und darum wird Er solchen Gelegenheiten auch solange als möglich ausweichen und wird dadurch einen heftigsten, Himmel und Erde erschütternden Zusammenstoß vermeiden; Er wird der großen Bosheit der Menschen erst dann begegnen, wenn das Übermaß ganz voll sein wird! – Das glaube ich von Seinem Charakter zu verstehen!“
GEJ|2|128|18|0|Sagen die Essäer: „Das ist auch unsere Meinung! Denn bei solch einer rein göttlichen Weisheit und bei solch einer Fülle von einer verborgenen göttlichen Kraft wird man der argen Welt gegenüber doch etwa wohl wissen, was man zu tun hat! Wenn wir nur den hunderttausendsten Teil von Seiner Macht und Weisheit hätten, so wären wir in drei Jahren Herren der ganzen Welt! Darum ist uns um Ihn nicht bange! Er müßte Sich nur Selbst freiwillig der argen Welt hingeben und sagen: ,Da bin Ich, nun erfüllet an Mir, eurem Schöpfer Selbst, das Vollmaß eurer Bosheit, auf daß desto eher über euch komme das Gericht von oben!‘ – Und da würde Er dennoch nichts verlieren! Er könnte wohl zugeben, daß die argen Menschen, um ihr Maß voll zu machen, Seinem Leibe Schaden zufügten, ja denselben sogar töteten; aber wer wird Seinem ewig unverwüstlichen und allmächtigen Geiste etwas anhaben können? Wie gesagt, wir zweifeln gar nicht, daß Er so etwas auch zu tun imstande wäre, aber das wird Seinen Feinden wenig nützen; denn ehe man sich's versehen wird, wird Er als ein unverwüstlicher Richter auferstehen und sie richten mit Feuer und Schwert aus den Himmeln! Wehe dann allen Seinen Feinden und allen Teufeln! Diese werden dann erst qualvollst erfahren, wer Der war, den sie auf allen Wegen und Stegen verfolgt haben! – Was sagt ihr alle zu dieser unserer Meinung?“
GEJ|2|128|19|0|Sagen die Jünger: „Ei, das geschehe nur Ihm nicht, obschon wir unmaßgeblich eure Meinung nicht streitig machen wollen; denn bei Gott ist ja vieles möglich, was sich ein Mensch gar nie als möglich denken kann und mag!“
GEJ|2|129|1|1|129. — Der Herr und die beiden Essäer
GEJ|2|129|1|0|Während die Jünger, die Pharisäer und die beiden Essäer solches miteinander reden und der Matthäus seine Aufgabe aufzeichnet, wird vom Ebahl zu Tische gerufen, und die Jünger und nun ihre Jünger werden ebenfalls zu Tische gerufen und kommen so ziemlich heiteren Angesichts in den Speisesaal.
GEJ|2|129|2|0|Da frage Ich sie, was sie in ihrem Gemache so lebhaft miteinander besprochen hätten.
GEJ|2|129|3|0|Antworten die beiden Essäer: „Herr, Du hast gut fragen, denn was wir nun untereinander geredet haben, das war Deinem Geiste schon von Ewigkeit her so klar wie die Sonne am hellsten Mittage! Aber, daß wir sicher nichts Arges über Dich geredet haben, dessen kannst Du vollends versichert sein!“
GEJ|2|129|4|0|Sage Ich: „Ganz sicher und wahr, und namentlich, was ihr geredet habt; denn das hat euch nicht euer Fleisch und Blut, sondern der Geist Gottes eingegeben. Aber redet davon dennoch nicht wieder zu jemandem etwas Weiteres; denn die Menschen sind blind, dumm und arg! – Nun aber setzen wir uns zu Tische!“
GEJ|2|129|5|0|Der Tisch war gut bestellt; unsere acht Schiffsknechte hatten ihre Zeit mit Fischen zugebracht und dem Ebahl eine Menge der schönsten und besten Fische ins Haus gebracht, wofür er sie aber reichlichst mit Wein und Brot versehen hat. Diese Fische waren sehr wohl zubereitet, und wir alle verzehrten sie mit viel freudiger Eßlust. Die beiden Essäer, deren Gaumen eine bedeutende Bildung hatte, da diese Schüler des Aristoteles und Epikurs auf die Küche große Stücke hielten, konnten sich über den Wohlgeschmack dieses wahren Fischmahles nicht genug rühmlich aussprechen. Auch der Hauptmann, samt seinen drei Unterleitern, konnte den Wohlgeschmack der Fische nicht genug loben und aß nach Herzenslust ein paar recht große Stücke, so daß er sich am Ende schon zu fürchten begann, ob ihm das nicht schaden werde.
GEJ|2|129|6|0|Ich aber sagte zu ihm: „Fürchte dich nicht, Mein lieber Julius; denn in Gegenwart des Arztes schadet dir nichts!“
GEJ|2|129|7|0|Das machte den guten Julius wieder heiter; und dieser Mein Spruch ist dann zum Sprichwort geworden und hat sich bis auf diese Zeit, in der nun das geschrieben wird, unter den Ärzten erhalten.
GEJ|2|129|8|0|Als die Mahlzeit beendet war, fragte der Hauptmann, sagend: „Herr, heute ist ein wunderherrlicher Tag! Wie wäre es denn, so wir den Nachmittag über uns ein wenig ins Freie begäben?“
GEJ|2|129|9|0|Sage Ich: „Das ist auch Mein Sinn; aber diesmal wollen wir einen nächsten Berg besteigen!“
GEJ|2|129|10|0|Sagt der Hauptmann: „Ja, der uns zunächst liegende Berg, dem man den Namen ,Morgenkopf‘, glaube in dieser Zunge ,Juitergli‘, gibt, ist aber auch zugleich einer der höchsten und von allen Seiten ungeheuer steil, ein purer nahe ganz kahler Steinkoloß! So Du etwa diesen besteigen möchtest, da erreichen wir die Spitze vor der einbrechenden Nacht nicht; und vom Zurückkommen möchte wohl nicht die entfernteste Rede sein! Auf der Höhe aber die Nacht zuzubringen, das dürfte wohl keinem von uns behagen! Denn es soll auf der Höhe zwischen den Felsklüften zu allen Zeiten Schnee und Eis anzutreffen sein; aber die Aussicht soll etwas unbeschreiblich Lohnendes sein!“
GEJ|2|129|11|0|Sage Ich: „Freund, das alles soll uns nicht hindern, den Morgenkopf zu besteigen; wer den Steg weiß, der kommt viel eher hinauf, als der ihn erst mühsam suchen muß. Machen wir uns daher nur auf den Weg; ehe zwei kleine Stunden vergehen, sind wir alle oben, das heißt, die da Lust haben, den Berg mit uns zu besteigen!“
GEJ|2|129|12|0|Sagt der Hauptmann: „Herr, auf Dein Wort gehe ich ja gerne bis ans Weltende, geschweige auf diesen Berg; und wenn Du den Führer machst, da ist auch an keine Gefahr zu denken! Ich freue mich nun recht darauf! Aber etwas Brot und Wein dürften wir wohl etwa mitnehmen; denn das weiß ich schon, daß man beim Besteigen eines so bedeutenden Berges ganz außergewöhnlich hungrig und durstig wird!“
GEJ|2|129|13|0|Sage Ich: „O ja, das könnt ihr schon tun! Aber was werden wir mit Meiner allerliebsten Jarah anfangen? Für die wird der Berg denn doch etwa zu beschwerlich zu besteigen sein!“
GEJ|2|129|14|0|Sagt die Jarah: „Mit Dir, o Herr, kann mir nichts zu schwer sein; ohne Dich aber vermag man ja ohnehin nichts, und ich schon am allerwenigsten! Wenn es nur Dir genehm ist, so gehe ich nicht nur auf diesen Berg, sondern buchstäblich ins Feuer mit Dir, wie ich mit Dir auch als die erste aufs Wasser gegangen bin!“
GEJ|2|129|15|0|Sage Ich: „Du verstehst Mir immer aus deinem Herzen eine rechte Antwort zu geben, die von Liebe und Wahrheit glüht; darum mache dich nur mit uns auf die Reise, es wird dir dabei nicht zu schwer geschehen!“ – Wer war eher reisefertig als unsere Jarah, und sagte auch: „Herr, wenn es Dir also genehm ist, so bin ich schon zur Abreise bereit!“
GEJ|2|130|1|1|130. — Eine wunderbare Bergbesteigung
GEJ|2|130|1|0|Das Mägdlein war gehüllt in ein blaues Faltenkleid; die Füße mit leichten Schnürschuhen beschuht und das Haupt mit einem aus Stroh recht kunstvoll geflochtenen Hute bedeckt, ergriff sie Meine Hand und sagte, weil Ich ihr auf die erste Rede die Antwort nicht gar zu geschwinde gegeben hatte: „Aber Herr, Du mein Leben, ich bitte Dich, sage mir doch, ob ich Dir so genehm bin?“
GEJ|2|130|2|0|Sage Ich: „Das siehst du ja, Meine allerliebste Jarah! Du bist Mir ja über alles angenehm! O wären Mir alle Menschen so angenehm wie du, dann wäre es schon gut und recht; aber es gibt in der Welt gar viele Tausende und abermals so viele tausendmal Tausende, die Mir nicht so angenehm sind wie du! Aber das sind die puren Weltmenschen, und du bist ein Engel! Aber nun heißt es gehen; denn es ist bereits um des Tages dritten Teil!“
GEJ|2|130|3|0|Auf dieses Wort erhebt sich bis auf die Dienerschaft des Hauses alles und macht sich mit Mir auf den Weg. Es versteht sich von selbst, daß die kleine Jarah stets Mir zur Seite herging und der Hauptmann und Ebahl ebenfalls.
GEJ|2|130|4|0|Als wir an die Wände kamen, zwischen deren Hohlritzen sich nur ganz enge und äußerst steile Gräben hinaufzogen, da sagte der Hauptmann: „Herr, mit natürlichen Kräften ist da kein Hinaufklettern möglich; denn die Gräben sind ungeheuer steil, naß und hie und da mit allerlei Dorngestrüppe verwachsen! Wenn da keine andern Wege hinaufführen, so kommen wir da mit unsern natürlichen Kräften in zehn Tagen nicht hinauf!“
GEJ|2|130|5|0|Sage Ich: „Bist denn du schon so müde, und sieh, wir haben schon mehr als ein Drittel des Weges zurückgelegt!? Sieh dich einmal um, und du wirst es wohl merken, wie hoch oben wir schon sind!“ – Hier sah sich der Hauptmann um und erschrak, als er merkte, daß wir uns schon beinahe auf der halben und steilsten Höhe des Berges zwischen lauter Steinwänden von senkrechten Abhängen befanden.
GEJ|2|130|6|0|Nach einigen etwas furchtsamen Verwunderungen sagt der Hauptmann in einem etwas furchtfiebernden Tone: „Nein, das begreife, wer es will und kann! Wie wir alle durch diese Schlucht bis hierher gekommen sind, ist mir ein Rätsel! Wir sind wohl schon recht steil gestiegen, aber ich fühlte keine besondere Beschwerde dabei! Nun aber sind über uns hinan lauter senkrechte Wände! Frage: wie werden wir denn über diese hinaufkommen?“
GEJ|2|130|7|0|Sage Ich: „Merkst du denn nicht, daß wir nicht stehenbleiben, sondern in einem fort weiterschreiten?!“
GEJ|2|130|8|0|Sagt der Hauptmann: „Ja, das merke ich wohl! Aber wenn ich einen Blick voraus hinauftue, so verschwindet rein jede Möglichkeit zum Weitergehen!“
GEJ|2|130|9|0|Sage Ich: „Sieh, da muß man denn ein guter, erfahrener Führer sein, und man findet den geraden Weg durch alle scheinbaren Hindernisse durch! Sieh, die Kluft vor uns ist schon die Türe zur höchsten Bergkuppe.“
GEJ|2|130|10|0|Sagt der Hauptmann: „Ja, wie aber ist das möglich? Wie konnten denn wir über alle diese beinahe durchaus senkrecht steilen Wände so bald heraufkommen? Wir sind noch lange keine Stunde unterwegs und sind nun schon der höchsten Bergeskuppe so nahe, daß wir nur noch einiger Schritte bedürfen, und wir sind total oben!“
GEJ|2|130|11|0|Sagt die ganz heitere Jarah: „Aber Julius, wie magst du da fragen, wo Gott der Herr unser Führer ist?! Er hätte uns alle durch die ganz freie Luft ebensogut heraufheben können als über diese Wände, über die noch nie ein Mensch seine Füße gleiten ließ! So wir wissen, daß wir es hier mit dem Allmächtigen zu tun haben, so ist jede weitere Frage eitel. Wir können nur vor Liebe und vor der Höchstachtung vor Ihm zerfließen und Ihm für ewig aus der tiefsten Tiefe unseres Lebens danken, daß Er uns solch einer nie erhörten Gnade gewürdigt hat. Aber Ihn fragen, wie Seine Allmacht und Weisheit solches vermag, und wie ihr so etwas möglich sei, finde ich eitel! Und möchte Er uns es auch kundtun, so fragt es sich, wieviel wir davon verstünden, und ob wir dann auch allmächtig würden?! O ja, wenn und insoweit Er es will, können wir aus uns Wunderbares zustande bringen; aber über Seinen heiligen und allein allmächtigen Willen hinaus sicher ewig nie!“
GEJ|2|130|12|0|Sage Ich: „O du kleine Weise du! Wer würde in dir so viel des hellsten Lichtes suchen!? Ich sage dir, daß deinesgleichen auf der Erde wohl wenige sind; aber nur eines muß Ich nun bei aller Meiner übergroßen Liebe zu dir sagen, und das besteht darin, daß du in Zukunft mit deiner reinen Weisheit viel sparsamer umgehen und nur dann deinen Mund auftun mußt, wenn es im Ernste notwendig ist; hier aber ist es nicht notwendig, da, wie du siehst, Ich Selbst zugegen bin und es auch verstehe, jedermanns Frage ganz gehörig und gründlich zu beantworten!
GEJ|2|130|13|0|„Sieh, wenn unser Freund Julius nicht so ein recht weiser Mann wäre, so hättest du ihm nun in seinem Herzen wehe getan; aber er ist ein weiser Mann, der es mit allen gut und redlich meint, und hat darum eine Freude an deiner kindlich weisen Belehrung. Aber in der Folge mußt du allzeit so bescheiden als nur immer möglich gegen jedermann auftreten, und du wirst erst dadurch Meine vollwahre Braut sein! – Hast du diese Meine Worte wohl recht klar in deinem Herzen begriffen?“
GEJ|2|130|14|0|Sagt die Jarah, ein wenig betrübt: „O ja, Herr, aber ich fürchte nun, daß Du mich nicht mehr so liebhaben wirst wie früher, und das macht traurig mein Herz!“
GEJ|2|130|15|0|Sage Ich: „Sorge du dich um etwas anderes! Ich habe dich jetzt noch um sehr vieles lieber denn vorher!“
GEJ|2|130|16|0|Sagt die Jarah: „Aber der gute Hauptmann wird mir gram sein!?“
GEJ|2|130|17|0|Sagt der Hauptmann: „O nein, du meine wahrhaft himmlische Jarah! Ich bin dir nur sehr dankbar dafür, daß du mir aus deinem himmlisch reinen Herzen auch eine himmlisch reine Wahrheit gesagt hast! O Jarah, wir werden miteinander noch gar viel zu besprechen haben; denn ich merke es nur zu gut, daß dein reines Herzchen von himmlischer Weisheit voll ist, und wir bleiben darum schon die besten Freunde!“
GEJ|2|130|18|0|Sage Ich: „Nun, Meine geliebteste Jarah, bist du nun zufrieden mit solcher Bescheidung?“
GEJ|2|130|19|0|Sagt die Jarah: „O ja, jetzt wohl; aber ich werde mich von nun an wohl sehr zusammennehmen müssen! Denn das Vorlautsein ist manchmal wohl so eine kleine schwache Seite von mir gewesen; aber in der Folge soll es nicht mehr sein, – denn Deine Worte sind mir über alles heilig!“
GEJ|2|130|20|0|Sage Ich: „Nun wohl denn, so tun wir noch die etlichen Schritte und betreten sonach des Berges höchste Kuppe!“
GEJ|2|131|1|1|131. — Auf der Bergkuppe des Morgenkopfes
GEJ|2|131|1|0|In wenig Schritten darauf befanden wir uns schon auf der höchsten Kuppe, die aber sehr zerrissen, zerklüftet und zerbröckelt aussah und kaum für dreißig kopffeste (schwindelfreie) Menschen einen Standraum bot.
GEJ|2|131|2|0|Das gefiel unserm Hauptmann nicht, und er sagte: „Die Fernsicht ist wohl unbeschreibbar großartig herrlich; aber die schlechte, nach allen Seiten stark abhängige und auch sonst sehr unebene Bergplatte verleidet mir sehr den herrlichen Genuß!“
GEJ|2|131|3|0|Sage Ich: „Freund, setze dich, so dich der Schwindel befällt, und ihr andern tut dasselbe! Ich aber werde stehenbleiben.“
GEJ|2|131|4|0|Sagt der Hauptmann: „Wäre gut sich niedersetzen, aber wohin? Wahrlich, die Aussicht ist herrlich; man übersieht ganz Galiläa und von Judäa einen großen Teil, – auch in das Land der Samariter sieht man; aber die unwirtsame Höhe und die Furcht vor einem möglichen Hinabstürzen verleidet mir ganz abscheulich den Hochgenuß! Ich weiß es, daß mir nichts geschehen kann, und dennoch fürchte ich mich! Warum denn das?“
GEJ|2|131|5|0|Sage Ich: „Weil du das gegenwärtig Unmögliche eines Hinabstürzens nicht begreifst, darin liegt der Grund deiner Furcht. Da sieh Meine liebe Jarah an, die springt nun so munter wie eine Gemse herum, während ihre Geschwister und selbst Mein Ebahl vor Furcht bleich dastehen, und doch hat sie noch kein Abgrund verschlungen, weil sie voll des festesten Glaubens ist, daß ihr in Meiner Gegenwart nichts geschehen kann. Habt ihr alle den gleichen festen Glauben, und ihr werdet gleich ihr munter sein!“
GEJ|2|131|6|0|Sagt der Hauptmann, unter dessen rechtem Fuße ein Stein, auf den er eben den rechten Fuß stützte, etwas locker ward: „Da möchte der Adler wohl einen festen Glauben bekommen, den seine Flügel vor dem Sturze sichern; aber ein Mensch wie ich, unter dessen Füßen alle Augenblicke ein Felsstück um das andere locker wird, kann beim besten Willen zu keiner Jarahischen Glaubensfestigkeit gelangen! Ich dürfte auf diesem, kaum zwei Mannslängen breiten und höchstens bei fünfzig Mannslängen langen Hochriffe des Berges nur einen Jarahischen Gemsensprung versuchen, so läge ich auch bald irgendwo klein zerschmettert unten! Oh, wenn ich mich nur schon wieder unten befände!“
GEJ|2|131|7|0|Hier springt die Jarah auf den Hauptmann zu und sagt: „Aber ich bitte dich, lieber Julius, sei doch nicht gar so furchtsam! Es kann dir ja unmöglich etwas geschehen! Der Herr hat uns über die steilsten Wände heraufgeführt, wir schwebten eigentlich nur neben den Wänden in der Luft herauf; denn es hat solch einen Weg noch nie ein Mensch gemacht, und wem von uns ist etwas geschehen bei der nie erhörten Besteigung dieses nach allen Seiten hin nackten und senkrecht steilen Felsriesen? Sind wir aber über die gefährlichsten Stellen so gut heraufgekommen, wie sollen wir uns denn hier nun auf einmal zu fürchten anfangen, als ob es im Ernste möglich wäre, irgendwo hinabstürzen zu können? Geh, du mein lieber Julius, und sei mir zuliebe ein wenig heiterer! Sieh, ich kann kein so furchtsames und trauriges Gesicht sehen!“
GEJ|2|131|8|0|Hier will die Kleine den Hauptmann bei der Hand nehmen und ihn ein wenig herumführen; aber der Hauptmann schreit laut auf: „Zurück! Nur immer drei Schritte vom Leibe, du kleine Hexe! Es hätte vorhin nicht viel gefehlt, daß du mit deinem mutwilligen Sprunge mich über die Wände hinabgestoßen hättest! O ich kenne dich, du bist sonst wohl ein selten gutes, liebes und sogar weises Mädchen; aber manchmal kommt dir so ein faunischer Mutwille in den Sinn, und da sage ich: Nur drei Schritte vom Leibe! Ich habe dich sonst sehr lieb; aber hier auf dieser Höhe von wenigstens zweitausend Mannshöhen mußt du mir stets drei Schritte vom Leibe bleiben! Du hast alles richtig und weise gesprochen; aber ich kann für meinen Schwindel auf solchen Höhen nicht. Ich weiß und glaube, daß uns allen nichts geschehen wird; aber alles dessenungeachtet kann ich mich dennoch des lästigen Schwindels nicht erwehren, und du mußt darum mit mir keinen Scherz treiben!“
GEJ|2|131|9|0|Sagt die Jarah: „Ah, was fällt dir ein? Wie kannst du aber nur zu der leisesten Vermutung kommen, als könnte ich mit dir einen Scherz treiben!? Sieh, ich bin meiner Sache zu gewiß, daß weder mir noch dir hier etwas geschehen kann, und sprang bloß darum so mutig zu dir Furchtsamstem her, um dich möglichst aufzurichten! Wie kannst du mir darum völlig gram werden und mich eine Hexe schelten? Sieh, liebster Julius, das war auch nicht fein von dir!“
GEJ|2|131|10|0|Hier kommen der Kleinen Tränen in die Augen. – Als der Hauptmann solches bemerkt, da gereut es ihn, daß er die Jarah so hart angefahren hat, und sagt: „Nun, nun, sei nur wieder gut! Unten werden wir beide schon wieder miteinander lustwandeln über schöne Rasenplätze; aber hier ist dazu der Platz ein wenig zu enge, und ich kann, wie gesagt, für meinen lästigen Schwindel nicht!“
GEJ|2|131|11|0|Sagt die Jarah: „Der Schwindel ist auch eine Krankheit! Der Heiland aller Heilande ist hier; Ihm, dem es möglich war, so viele Hunderte von ihren Übeln zu heilen, wird es wohl auch möglich sein, dich von deinem Schwindel frei zu machen! Bitte Ihn darum, und Er wird dich heilen!“
GEJ|2|131|12|0|Sagt der Hauptmann: „Schaue du, meine liebe Jahra, das ist dir nun besser gelungen denn alles Frühere! Das war ein besserer Sprung als dein früherer, wo du mich fast über die Wände hinabgestoßen hättest! Und sieh, diesen deinen Rat werde ich auch sogleich befolgen!“
GEJ|2|131|13|0|Hier wandte sich der Hauptmann bittend an Mich und sagte: „Herr, befreie mich von meiner Furcht und meinem Kopfschwindel!“
GEJ|2|131|14|0|Sage Ich zu Ebahl: „Gib einen Becher Wein her!“
GEJ|2|131|15|0|Ebahl reichte Mir sogleich einen kleinen Schlauch voll und einen Becher.
GEJ|2|131|16|0|Ich füllte den Becher und gab ihn dem Hauptmann mit den Worten: „Da, nimm und trinke, und es wird besser mit deinem Schwindel!“
GEJ|2|131|17|0|Der Hauptmann nahm sogleich den Becher und trank daraus. Als er den Becher geleert hatte, verließ ihn sogleich alle Furcht und aller Schwindel, so daß er nun ganz heiter ward und sich von der Jarah auf alle Seiten des Berges herumführen ließ und ganz behaglich über die steilsten Wände hinabschauen konnte.
GEJ|2|131|18|0|Als all die andern solches am Hauptmann merkten, baten sie Mich auch um die Befreiung von ihrer lästigen Furcht. Und Ich ließ allen Wein reichen, und auf einmal ward die Höhe also belebt, als wäre sie ein Volksgarten.
GEJ|2|131|19|0|Ein Teil betrachtete die weitgedehnten Ländereien, ein zweiter Teil sang sogar Psalmen, ein dritter sah über die Wände hinab und suchte eine Stelle, von der ein Rückweg möglich wäre. Da man aber keine solche Stelle entdecken konnte und die Sonne sich schon sehr dem Untergange zu nahen begann, so kamen besonders die Jünger und sagten: „Herr, noch eine halbe Stunde, und die Sonne ist unter; was dann auf dieser Höhe?“
GEJ|2|131|20|0|Sage Ich: „Darum habt ihr euch nicht zu kümmern! Wer da glaubt, der soll heute nacht auf dieser Höhe Gottes Herrlichkeit leuchten sehen. Wir bleiben hier!“
GEJ|2|131|21|0|Als die Jünger solches vernahmen, wurden sie still und suchten sich sichere Ruheplätze aus.
GEJ|2|131|22|0|Aber der Hauptmann kam auch und fragte Mich, ob wir etwa bald den Rückweg anträten, da die Sonne sich dem Untergange nahe.
GEJ|2|131|23|0|Ich aber sagte zu ihm ebenfalls, was Ich zu den Jüngern gesagt hatte, und er ward damit auch zufrieden und setzte sich auf einen festen und ziemlich ebenen Fels nieder.
GEJ|2|131|24|0|Nur die Jarah sagte, als die Sonne eben anfing den Horizont zu berühren: „Herr, Du meine Liebe, wir werden ja etwa doch noch nicht heimkehren von dieser gar so anmutigen Höhe? Ich möchte da gar so gerne den Aufgang der Sonne sehen!“
GEJ|2|131|25|0|Sage Ich: „Wir bleiben hier die Nacht hindurch und werden uns erst des Morgens am Sabbat heimbegeben; die Nacht hindurch aber wirst du wie alle andern die Herrlichkeit Gottes leuchten sehen!“
GEJ|2|131|26|0|Darüber ward die Kleine so voll Entzücken, daß sie zu Meinen Füßen niedersank und in eine Art Ohnmacht verfiel, die sie jedoch bald verließ.
GEJ|2|132|1|1|132. — Vom Wesen der Furcht
GEJ|2|132|1|0|Es fing aber, als die Sonne untergegangen war, von der Mitternachtgegend ein sehr kühler und heftiger Wind zu wehen an, so daß alle sich von neuem zu fürchten begannen, und der Hauptmann sagte: „Nun, wenn dieser Wind an der Stärke gleichweg also zunimmt, dann wird er uns am Ende doch noch in die Abgründe hinabstoßen; auch ist seine bedeutende Kühle eben nicht angenehm.“
GEJ|2|132|2|0|Sage Ich: „Laß den Wind wehen, denn nun ist seine Zeit! Denke aber dabei, daß er nicht Dessen Meister ist, der ihn geschaffen hat durch Seinen Willen und ihn nun hält und wehen läßt, wann Er will!“
GEJ|2|132|3|0|Der Hauptmann war mit dieser Erklärung zufrieden, legte sich aber dennoch so fest als möglich auf den Boden, und die andern folgten seinem Beispiele.
GEJ|2|132|4|0|Nur die Jarah blieb standhaft an Meiner Seite stehen und sagte: „Aber Herr, woher kommt es denn, daß sich diese Menschen so fürchten, da sie doch schon sicher durch gar viele Zeichen werden belehrt worden sein, daß Du ein Herr auch aller Elemente bist!? Besonders wundert mich das von Deinen eigenen Jüngern! Ah, so Du nicht da wärest, dann wäre es etwas anderes; aber da Du nun hier bist, wundert mich das sehr! – Herr, so Du willst, da sage mir den Grund von dieser Erscheinung!“
GEJ|2|132|5|0|Sage Ich: „Sieh, das macht die noch nicht ganz hinausgeschaffte alte Welt in ihren Eingeweiden! Wäre diese wie bei dir schon ganz aus ihnen verbannt, so hätten sie gleich dir keine Furcht und könnten auch keine haben, da der Geist stark genug ist, sich alle Natur untertänig zu machen.
GEJ|2|132|6|0|Sieh, wir stehen nun auf eines Berges Spitze, die noch nie von einem Menschen betreten ward! Denn wie du siehst, so sind die Felswände nach allen Seiten so steil, daß über dieselben auf eine natürliche Weise weder herauf- und ebensowenig hinabzukommen ist; du hast es gesehen, wie, nachdem wir mit der natürlichen Kraft den halben Berg erstiegen hatten, sich jede Möglichkeit verlor, weiter über die senkrecht steilen Wände hinaufzuklimmen. Der Hauptmann und alle andern fragten: ,Was nun?‘ – Ich aber stieg mit dir über die Wände voran, und alle folgten uns, ohne im geringsten müde zu werden. – Wie war denn solches möglich?
GEJ|2|132|7|0|Sieh, das machte der Geist im Menschen möglich! Ich habe auf diese Zeit die Geister im Menschen erweckt, und diese trugen ihre Fleischhülle hierher auf diese Höhe. Da aber ihre Geister solcher Tätigkeit noch ungewohnt sind, so begaben sie sich, wie Ich sie nur ein wenig ausließ, wieder in ihren Leib zur Ruhe, und des Leibes Seele ward mit Furcht erfüllt. Wäre aber ihr Geist in ihren Herzen vollwach geblieben, so hätten sie keine Furcht; denn der Geist selbst hätte die Seele mit der leuchtendsten Zuversicht erfüllt und ihnen die lebendigste Überzeugung ins Herz gelegt, daß ihm alle Natur untertan sein muß! Da aber solches der alten Welt wegen, von der ihre Seelen noch einen Teil in sich bergen, nicht für die Dauer stattfinden konnte, so befällt ihre Seelen auch noch immer etwas von der Weltfurcht, die du hier bei ihnen erfährst.
GEJ|2|132|8|0|Die Seele des Menschen lebt sich entweder durch eine falsche Richtung in ihr Fleisch hinein oder durch eine rechte Richtung in ihren Geist, der allzeit eins ist mit Gott, wie das Licht der Sonne eins ist mit ihr. Lebt sich nun eine Seele in ihr Fleisch hinein, das in sich tot ist und nur für eine bestimmte Zeit, wenn dem Leibe kein Schaden zugefügt wird, aus der Seele ein Leben empfängt, so wird die Seele in allem eins mit ihrem Fleische.
GEJ|2|132|9|0|Wenn die Seele sich aber stets mehr und mehr in ihr Fleisch hineinlebt, so daß sie am Ende selbst völlig zu Fleisch wird, dann befällt sie auch das Gefühl der Vernichtung, was eine Eigenschaft des Fleisches ist; und dieses Gefühl ist dann die Furcht, die den Menschen zu allen Dingen am Ende völlig unfähig und kraftlos macht!
GEJ|2|132|10|0|Ganz anders aber verhält es sich mit einem Menschen, dessen Seele durch eine rechte Richtung sich schon von frühester Jugend an in ihren Geist hineingelebt hat! Da sieht die Seele ewig keine mögliche Vernichtung vor sich! Ihr Gefühl ist gleich der Beschaffenheit ihres ewig unvernichtbaren Geistes; sie kann keinen Tod mehr sehen und fühlen, da sie eins ist mit ihrem ewig lebenden Geiste, der ein Herr ist über alle die sichtbare Naturwelt. Und die leicht begreifliche Folge für den noch im Fleische lebenden Menschen ist, daß ihm jede Furcht ferne ist; denn wo es keinen Tod gibt, da gibt es keine Furcht!
GEJ|2|132|11|0|Darum sollen die Menschen auch stets so wenig als möglich um Dinge der Welt sich sorgen, sondern allein darum, daß ihre Seele eins werde mit dem Geiste und nicht mit dem Fleische! Denn was nützt es dem Menschen, so er für sein Fleisch auch die ganze Welt gewönne, aber dafür den größten Schaden erlitte an seiner Seele? Denn auch diese ganze Welt, die wir nun in einem ziemlich weiten Umkreise schauen mit allen ihren den Wasserblasen gleich flüchtigen Herrlichkeiten, wird vergehen, und dieser ganze Himmel mit seinen Sternen auch zu seiner Zeit; aber der Geist wird bleiben ewig, so wie jegliches Meiner Worte.
GEJ|2|132|12|0|Aber es ist den Menschen, die sich einmal so recht fest in die Welt hineingelebt haben, unaussprechlich schwer zu helfen; denn sie sehen und setzen ihr Leben in die eitlen Dinge der Welt, leben in einer beständigen Furcht und sind auf dem geistigen Wege am Ende gänzlich unzugänglich! Nähert man sich ihnen aber auf dem Natur- oder Weltwege, so nützt man ihnen dadurch nicht nur nichts, sondern man fördert nur ihr Gericht und dadurch den Tod ihrer Seele!
GEJ|2|132|13|0|Wer aus den Weltmenschen dann seine Seele retten will, der muß sich eine große Gewalt antun und muß sich in allen Weltdingen auf das möglichste zu verleugnen anfangen. Tut er solches mit großem Fleiß und Eifer, so wird er sich retten und zum Leben eingehen; tut er es aber nicht, so kann ihm auch auf keinem andern Wege geholfen werden, außer durch große Leiden von seiten der Welt her, auf daß er lerne verachten die Welt und ihre Herrlichkeiten, sich zu Gott kehre und so anfange, Seinen Geist in sich zu suchen und sich mehr und mehr zu einen mit Ihm. Ich sage es dir: Der Welt Glückseligkeit ist der Seele Tod! – Sage Mir, du Meine allerliebste Jarah, nun, ob du dieses alles wohl verstanden hast!“
GEJ|2|133|1|1|133. — Christus, der Mittler zwischen Himmel und Erde
GEJ|2|133|1|0|Sagt die Jarah: „O Herr, Du meine Liebe, Du mein Leben! Durch Deine Gnade in mir habe ich dieses alles wohl verstanden; aber traurig ist es, daß die Menschen das nicht einsehen und begreifen können oder wollen! Oh, da wird es dereinst leider viele tote Seelen geben! O Herr, mache Du, daß doch die Menschen solch heilige Wahrheit vernehmen möchten und sich dann danach kehren; denn mir wird es sonst bald sehr langweilig werden, unter so vielen Toten zu leben in dieser Welt!“
GEJ|2|133|2|0|Sage Ich: „Sei getrost; denn darum bin Ich ja Selbst in diese Welt gekommen! Bisher hat es an wohlgebahnten Wegen gemangelt, und die Himmel waren getrennt von der Erde; nun aber wird ein gerechter und fester Weg gebahnt werden, und die Himmel werden mit der Erde verbunden werden, daß es darum für jeden ein leichtes werden soll, auf dem gebahnten Wege zu wandeln und auf diesem die nahen Himmel zu erreichen. Doch soll kein Mensch in der Freiheit seines Willens nur im geringsten beirrt werden!
GEJ|2|133|3|0|Von nun an wird jeder, der es nur fest wollen wird, die Himmel erreichen können, was bis jetzt nicht möglich war, da zwischen der Erde und den Himmeln eine zu große Kluft gelegt war.
GEJ|2|133|4|0|Aber wehe auch nun allen, die davon gute Kunde erhalten und sich aber dennoch nicht daran kehren werden! Diese werden von nun an schlimmer daran sein denn die Alten, die oft wollten, aber nicht konnten! – Verstehst du das?“
GEJ|2|133|5|0|Sagt die Jarah: „Herr, ich habe alles verstanden! Die Möglichkeit ist gut, aber der freie Wille der Menschen! Die Welt sehen und schmecken sie, aber die Himmel sehen und schmecken sie dennoch nicht; und da wird es sein, daß viele den gebahnten Weg nicht werden gehen wollen, und es wird dann schlimmer sein mit ihnen denn bisher! Ich sage es Dir, o Herr, der gebahnte Weg zum Himmel wird von wenigen betreten werden; denn das Schwerste für den Menschen ist die Selbstverleugnung!“
GEJ|2|133|6|0|Sage Ich: „Sorge dich nicht, die Anstalten zur Besserung werden von großer Ausdehnung von hier bis nach jenseits ausgebreitet werden! – Unsere Gesellschaft aber ist während unseres Gesprächs samt unserem Hauptmann eingeschlafen; was werden wir nun tun?“
GEJ|2|133|7|0|„Herr“, sagt die Jarah, „das wirst Du schon am allerbesten wissen!“
GEJ|2|133|8|0|Sage Ich: „Jawohl, du hast recht! Ich ließ sie darum auch einschlafen, und sie sollen das im Traume schauen, was du in der Wirklichkeit sehen wirst. Sieh, bald wirst du die Himmel offen sehen, und alle Engel werden uns dienen! Morgen soll dieser Berg gen Osten hin eine leicht besteigbare Abdachung bekommen, und wir alle werden auf einem neuen natürlichen Wege von hier hinab nach Genezareth ziehen können. Darum gib nun wohl acht auf die Szene, die sich vor deinen Augen entfalten wird!“
GEJ|2|133|9|0|Nach diesen Meinen Worten erhob die Jarah ihre Augen nach aufwärts und sah eine Weile in den hell gestirnten Himmel hinein. Als sich nach längerem Schauen noch nichts zeigen wollte, so sagte sie zu Mir mit einer eigens lieblichen Stimme: „Herr, Du mein Leben, Du meine Liebe, es will sich noch immer nichts sehen lassen! Wie wird es denn aussehen, auf daß ich bei irgendeiner hie oder da vorkommenden Erscheinung wissen könne, ob sie zu der von Dir vorhergesagten gehört oder nicht?“
GEJ|2|133|10|0|Sage Ich: „Meine liebste Jarah, du mußt viel mehr mit deinem Herzen hinaufblicken als mit den Augen deines Kopfes, so werden sich dir bald Wunderdinge zu zeigen anfangen im herrlichsten Lichte! Versuche es nur einmal, und du wirst dich gleich überzeugen, daß Ich allzeit recht habe und die vollste Wahrheit rede!“
GEJ|2|133|11|0|Auf diese Meine belehrenden Worte erhebt nun die Jarah mehr ihr Gemüt denn ihre Augen aufwärts, und sieh, sogleich öffnen sich alle Himmel, und zahllose Scharen der Engel Gottes schweben im herrlichsten Glanze zur Erde hernieder und singen: „Tauet ihr Himmel alle Gnade den Gerechten auf dieser Erde! Denn heilig ist Der, der sie betrat zum Heile derer, die gefallen sind, bevor noch eine Sonne glühte im Gnadenlichte Gottes in der tiefen Unendlichkeit!
GEJ|2|133|12|0|Menschenkinder, die Satan gezeugt hat, nimmt Er auf und macht sie zu Kindern Seiner Liebe!
GEJ|2|133|13|0|Darum alle Ehre, allen Ruhm und allen Preis Ihm allein; denn alles, was Er tut, ist wohlgetan, und Seine Ordnung ist Liebe, mit der höchsten Weisheit gepaart. Darum ist Er allein heilig, überheilig, und vor Seinem Namen müssen sich beugen alle Knie im Himmel, auf Erden und unter der Erde. Amen.“
GEJ|2|134|1|1|134. — Die Hebung des Galiläischen Meeres
GEJ|2|134|1|0|Als die Jarah solchen Gesang vernimmt, sagt sie ganz entzückt: „Herr, hier ist wahrlich schwer zu unterscheiden, was hier schöner und herrlicher ist, ob der Gesang, die Worte, oder ob das herrlichste tausendfarbige Licht oder die wunderschönsten Gestalten dieser zahllosen ätherischen Sänger! Ah, jetzt habe ich erst einen Begriff, was so ganz eigentlich die Himmel Gottes sind! Oh, jetzt möchte ich gleich sterben, und dann zu diesen schönsten Sängern übergehen! Aber sage mir doch, so es Dir, o Herr, gefällig ist, wer und was denn diese herrlichen Sänger in sich etwa doch sind! Sind sie wirklich das, was sie zu sein scheinen, oder sind das bloß nur von Dir für diesen Augenblick neugeschaffene Wesen?“
GEJ|2|134|2|0|Sage Ich: „Das sind Engel und wurden endlos lange eher geschaffen, als irgendeine Spur von einer materiellen Schöpfung vorhanden war. Berufe nur einen, und du wirst dich überzeugen, daß er wie alle seinesgleichen höchst vollkommene wahre Wesen sind! Und Ich muß dir hinzu noch die Bemerkung machen, daß, so leicht und ätherisch sie auch aussehen, dennoch jedem von ihnen eine so große Stärke, Kraft und Macht innewohnt, daß aus ihnen der Kleinste und Schwächste in einem Augenblick die ganze Erde also zerstören könnte, daß von ihr aber auch nicht das kleinste Stäubchen übrigbliebe! Da du nun das weißt, so berufe einen von ihnen und stelle mit ihm einige Proben an!“
GEJ|2|134|3|0|Sagt die Jarah: „Herr, das getraue ich mir wohl nicht; denn so unbegreiflich schön sie auch sind, so habe ich doch vor ihnen so eine kleine Furcht.“
GEJ|2|134|4|0|Sage Ich: „Aber Kindchen, habe Ich dir nicht ehedem erklärt, was eine Furcht ist? Sieh, darum darfst du dich nun nicht fürchten, sonst müßte Ich meinen, daß in deinem Herzen auch noch etwas Weltliches haust. Bist ja bei dem Herrn, vor dessen Namen alle diese Wesen ihr Knie beugen; woher soll dann deine Furcht kommen?“
GEJ|2|134|5|0|Sagt die Jarah: „Das ist freilich nur zu wahr; aber der ungewohnte Anblick solch einer nie geahnten Szene muß ein armes, schwaches Mädchenherz ja vom Grunde aus erschüttern! Aber nun werde ich mich schon zusammennehmen, und Du wirst es sehen, daß Deine Jarah auch ohne Furcht sein kann.“
GEJ|2|134|6|0|Auf diese Worte winkte sie gleich einem nächsten Engel, und dieser kam im Augenblick schwebend zu ihr und fragte sie mit der sanftesten und zärtlichsten Stimme: „Jarah, du herrliche Tochter meines Gottes, meines Herrn von Ewigkeit, was wünscht dein liebstes, reines Herz von mir?“
GEJ|2|134|7|0|Sagt die Jarah, ein wenig verblüfft von dem Glanze und der Majestät des Himmelsboten: „Ja, ja, ja richtig, der Herr, den du hier siehst, sagt mir, daß jeder von euch gar so wundermächtig sei, und ich möchte mich davon durch eine Probe überzeugen; aber was sollte ich dir für eine Probe angeben, da ich nichts weiß, als was ich erst jetzt in den wenigen Tagen vom Herrn Jesus gehört habe?!“
GEJ|2|134|8|0|Sagt der Engel: „Höre, du schöne Blume der Himmel, da werde ich dir im Namen des Herrn gleich aus der Verlegenheit helfen! Siehe da unten das sehr gedehnte und tiefe Meer Galiläas! Wie wäre es denn, so ich es heraushöbe aus seinem weiten und tiefen Becken und hinge es dann in der Gestalt eines großen Wasserballes vor deinen Gliedern und Augen frei in die Luft, etwa auf eine ganze Stunde lang?“
GEJ|2|134|9|0|Sagt die Jarah: „Das wäre zwar ungeheuer wunderbar; aber wo kämen unter der Zeit die lieben Fische hin, und endlich die vielen Schiffe, die teils an den Ufern ruhen und vielfach auch auf dem Meere herumschwimmen?“
GEJ|2|134|10|0|Sagt der Engel: „Das wird meine Sorge sein, daß darob keinem Fische noch irgendeinem Schiffe ein Schaden zugefügt werde! So du die vorgeschlagene Probe wünschest, wird im Augenblick das beantragte Werk vor dir schweben!“
GEJ|2|134|11|0|Sagt die Jarah: „Ja, so dabei keinem Wesen ein Schaden zuteil werden kann, da magst du das wohl ausführen!“
GEJ|2|134|12|0|Spricht der Engel: „Sieh dich um! Der See ist leer, und all sein Wasser bis auf den letzten Tropfen schwebt nun frei in der Luft, deinen Augen wohl beschaulich!“
GEJ|2|134|13|0|Die Jarah wollte hinab in die Tiefe sehen, kam aber mit der Stirne gleich an die kalte, nasse Wand des frei und ganz knapp neben der Felswand schwebenden Wasserballs, dessen Gesamtdurchmesser nahezu viertausend Klafter betrug. Als sie solches ersah, da fragte sie ganz kleinlaut: „Aber wie, um des Herrn willen, war dir denn so etwas in einem kaum denkbar kürzesten Augenblick möglich? Und ist der See nun wohl wirklich ganz vom Wasser frei?“
GEJ|2|134|14|0|Sagt der Engel: „Jarah, komme mit mir und überzeuge dich!“
GEJ|2|134|15|0|Sagt die Jarah: „Wie wird das möglich sein?“
GEJ|2|134|16|0|Sagt der Engel: „So es mir möglich war, die schwere Masse Wasser in einem Augenblick heraufzuheben, so wird es mir ja wohl auch möglich sein, dich in der schnellsten Schnelle hinab bis auf den tiefsten Grund des Meeres zu bringen, und dann ebenso schnell wieder zurück! Aber es muß dein Wille sein, sonst kann ich nichts tun; denn ein Fünklein der Freiheit des menschlichen Willens respektieren wir alle mehr denn alle unsere, von Gott uns verliehene Kraft und Macht! Darum mußt du zuvor wollen, und ich werde danach handeln!“
GEJ|2|134|17|0|Sagt die Jarah: „Nun gut denn also, überzeuge mich!“
GEJ|2|134|18|0|In diesem Augenblick befand sie sich auf dem staubtrockenen tiefsten Grunde des Meeres, und der Engel hob vom Boden eine schönste Perlmuschel auf und gab sie der Jarah zum Gedächtnis und zur Belehrung an die andern, die dem Leibe nach zwar fest schliefen, aber das alles im Traume zu schauen bekamen.
GEJ|2|134|19|0|Als die Jarah die Muschel noch kaum in dem geräumigen Sack ihrer Schürze untergebracht hatte, fragt sie der Engel: „Glaubst du es nun, daß sich nun alles Wasser dieses Meeres im über uns schwebenden großen Balle befindet, und daß sein weites Bett ganz trocken ist?“
GEJ|2|134|20|0|Sagt die Jarah: „Ja, ja, ich hätte es dir auch sonst geglaubt! Aber nun bringe mich nur schnell wieder zum Herrn hinauf; denn ohne Ihn sterbe ich im nächsten Augenblick!“
GEJ|2|134|21|0|Kaum war das letzte Wort ausgesprochen, und die liebe Jarah stand schon wieder an Meiner Seite auf der Höhe des Berges; und Ich fragte sie, wie ihr das gefalle, und wie sie das so nach ihrer Beurteilung finde.
GEJ|2|134|22|0|Sagt die Jarah: „Herr, daß Dir alle Dinge möglich sind, weiß ich nur zu gut; wie aber in Deinem Willen und durch Deinen Willen auch im Willen des Engels solch eine Macht zu Hause sein kann, das wird dem Engel selbst fremd sein, geschweige, daß ich Dir davon irgendeinen Grund angeben könnte! Es ist im höchsten Grade wundervoll; aber begreifen kann ich's nicht!“
GEJ|2|134|23|0|Sage Ich: „Du hast da ganz gut und richtig geantwortet; aber in deinem eigenen Herzen wirst du mit der Zeit schon auch finden, wie Gott solche Dinge möglich sind. – Aber wie gefällt dir denn der Engel?“
GEJ|2|135|1|1|135. — Eine Liebesprobe der Jarah
GEJ|2|135|1|0|Sagt die Jarah: „Er ist wohl ein unbeschreiblich schöner Mensch, da er gerade also aussieht wie ein Mensch; aber neben Dir, o Herr, sind alle Engel und Himmel mit all ihrem Lichte und ihrer gestaltlichen Schönheit soviel als nichts! Denn all ihre Schönheit bist ja Du nur allein und Selbst! Ich könnte dennoch keinen lieben!“
GEJ|2|135|2|0|Sage Ich: „Aber bin denn Ich, wie du Mich hier siehst, wohl schöner noch als dieser Engel? Sieh, Meine rauhen, ausgearbeiteten Hände, Meine von der Sonnenhitze ziemlich stark gebräunte Haut und Mein Alter sind doch wahrlich nicht anziehend, wogegen dieser Engel mit allem ausgerüstet ist, was nur die Himmel schön nennen mögen und können!“
GEJ|2|135|3|0|Sagt die Jarah: „Herr, das Äußere ist für mich nichts, wenn das Innere nicht völlig Deinem Herzen gleicht; denn Du allein bist der Herr!“
GEJ|2|135|4|0|Sage Ich: „Aber aus den Engeln strahlt überall unverhüllt Meine Liebe und Meine Weisheit, die Mir in allem völlig gleicht; so du Mich aber nur Meiner Liebe wegen liebst und Ich dennoch der Herr bin, so sehe Ich nicht ein, warum du diesen überschönen Engel nicht also lieben kannst wie Mich, da er doch sicher pur von Meiner Liebe und Weisheit zusammengesetzt ist!?“
GEJ|2|135|5|0|Sagt die Jarah: „Herr, Du meine Liebe, Du mein Leben; aus diesen zwei Lebenselementen sind ja auch alle Menschen zusammengesetzt, und ich kann sie dennoch nicht also über alles lieben wie Dich! Ja, ich liebe gewiß alle Menschen und die Dürftigen am allermeisten und biete nach meinen geringen Kräften allzeit alles auf, um den Armen Hilfe zu verschaffen; aber so lieben wie Dich kann ich sie dennoch nicht, und so liebe ich auch diesen lieben Engel; aber mein Herz und mein Leben gehört dennoch nur Dir! Nur wenn Du, o Herr, meine gewiß reine Liebe zu Dir hart von Dir wiesest, dann würde ich wohl sehr traurig werden, aber ich würde mir denken: Er, der Reinste, der Heiligste, hat deine etwa noch viel zu unreine Liebe Seiner nicht für würdig halten können und hat sie darum von Sich gewiesen!“
GEJ|2|135|6|0|Nach diesen Worten fängt die Kleine an zu weinen und sagt, leise schluchzend: „Und es wird auch also sein! Ich habe mich mit meiner Liebe zu weit gewagt und bedachte in meiner Einfalt nicht, wer Derjenige ist, den mein Herz so heftig ergriffen hat; darum weist Deine zu heilige Liebe meine noch viel zu unheilige Liebe ganz sanft von sich und gibt mir einen Engel, der mein Herz zuvor reinigen und die Liebe heiliger ziehen soll. Mich schmerzt es wohl mächtig; aber ich weiß es ja, daß Du allein der Herr bist, und so will ich ja alles erdulden, was Du über mich verhängen magst.“
GEJ|2|135|7|0|Sage Ich: „O du Meine Liebe, was machst du deiner Liebe für leere Vorwürfe! Wer Mich nicht also liebhat wie du und irgend etwas in der Welt mehr liebt als Mich, der wohl ist Meiner Liebe nicht wert; aber du, deren Herz alle Engel des Himmels Mir nimmer abwendig zu machen vermögen, liebst Mich, deinen Gott und Herrn, ja ebenalso wie die Engel der Himmel und bist darum schon lange selbst ein allerschönster Engel, in den Ich Selbst über alle Maßen verliebt bin! Komm her an Mein Herz und hole dir daraus den vollsten Ersatz für diese kleine Prüfung!“
GEJ|2|135|8|0|Auf diese Worte ist die Kleine wieder ganz geheilt und schmiegt sich so fest als möglich an Mich.
GEJ|2|135|9|0|Da spricht der Engel: „O Seligkeit aller Seligkeiten! Was sind alle Himmel gegen den Anblick solch einer Liebe?! Wir vollkommenen Geister haben zwar der Seligkeiten schon so endlos viele genossen, daß deren Zahl keine Zunge mehr auszusprechen vermöchte; aber all die genossenen zahllosen Wonnen der Wonnen sind dennoch kein Tau gegen diese, wo Du, o heiligster Vater, Dein Kindlein auf Deine Arme nimmst und es mit sichtlicher höchster Liebe an Dein heiligstes Herz drückst! Oh, welch eine unnennbare Wonne muß nun dies Dein Kindlein empfinden!?“
GEJ|2|135|10|0|Sage Ich: „Ja, die Wonne ist übergroß für das Kindlein, aber auch für Mich; doch ihr werdet sie auch genießen, wenn es wird vollendet sein und ihr alle am Tische Meiner Kinder werdet gespeiset haben! Nun aber laß das Wasser wieder in sein Becken! Danach wird dir dies Mein Kindlein eine andere Arbeit ansagen.“
GEJ|2|135|11|0|Mich mit dem Munde an das wonnetrunkene Köpfchen der Jarah wendend: „Gelt, Meine Jarah, du wirst Mir wohl helfen, Meinen Engeln noch so manche Arbeiten zu schaffen?!“
GEJ|2|135|12|0|Sagt die Kleine mit einer überaus liebewilligen und kindlich unschuldigen, zarten Stimme: „O ja, Dir zuliebe tue ich ja alles über alle Maßen gerne! Du darfst ja nur sagen – und ich stürze mich Dir zuliebe in jegliches Feuer, auch über die Wände dieses Berges ins Meer hinab, so es schon wieder unten ist.“
GEJ|2|135|13|0|Sage Ich: „Und es würde dich dennoch kein Feuer der Erde mehr brennen und zerstören können, weil du schon selbst voll des stärksten und mächtigsten Feuers geworden bist! Auch Steine und Wasser würden dir nimmer schaden können; denn dein Charakter in Meiner Ordnung ist fester denn ein Diamant, und dein Gemüt sanfter denn alle Gewässer der Himmel! Kurz, du bist Mir schon einmal so ganz ins Herz hineingewachsen, und Ich gebe dir darum die Freiheit, daß du den Engeln etwas zu vollziehen kundtun kannst, und sie werden es also vollziehen, als ob Ich es ihnen Selbst geboten hätte. Denke dir sonach nun eine Arbeit aus und sage es dem Engel, der schon mit großer Sehnsucht harret, von deinem Herzen einen Auftrag zu empfangen, was du willst, und es wird augenblicklich alles in Vollzug gebracht werden!“
GEJ|2|135|14|0|Sagt die Jarah: „Mein lieber Bote aus den Himmeln, wenn es ohne Schaden geschehen kann, so mache im Namen des Herrn, daß dieser Berg, da er auf einem natürlichen Wege zu schwer zu ersteigen ist, einen leicht und gefahrlos besteigbaren Weg habe zum Auf- und Abgehen, auch gegen das Meer hin, wo er sonst nur für die Vögel besteigbar ist!“
GEJ|2|135|15|0|Der Engel macht bloß eine höchst zierliche Verbeugung vor der kleinen Jarah und sagt: „O du herrliche Gebieterin in des Herrn Namen! Sieh dich nun nur um nach allen Seiten des Berges, und du wirst mit mir sicher zufrieden sein! Sieh, wir sind manchmal auch langsam in unseren Handlungen; aber wenn es sein muß auch geschwinder als der Blitz!“
GEJ|2|136|1|1|136. — Die Macht der Engel. Besuch eines Sternes
GEJ|2|136|1|0|Darauf führt der Engel die Jarah nach allen Seiten des Berges hin, und sie überzeugt sich, daß der Berg an seiner Höhe zwar nichts verloren hat, aber nach allen Seiten hin dennoch ohne alle Gefahr bestiegen werden kann, und besonders an der vom See abgewandten Seite, wo er ganz sanft absteigt.
GEJ|2|136|2|0|Als sich die Jarah von allem dem überzeugt hatte, sagte sie: „Die Sache ist so wunderbar, daß ich anfange, auf meine Sinne mißtrauisch zu werden, und mir gerade denken muß, daß ich auch schlafe und träume! Sage mir doch ein bißchen etwas davon, wie dir solches möglich war! Früher hast du das ganze Meer heraufgehoben und hast es frei in der Luft wie einen schwebenden Tropfen erhalten, und nun hast du den steilen Berg nach allen Seiten hin zugänglich gemacht, und das alles in einem schnellsten Augenblick! Wie, wie ist dir solches möglich? Du hast deinen Platz nie verlassen und dennoch ist dies alles verrichtet worden! – Ach, das ist doch zu viel für mich armes Erdwürmchen!“
GEJ|2|136|3|0|Sagt der Engel: „Du kannst solches freilich nun wohl noch nicht fassen; aber es wird bald die Zeit kommen, in der dir alles das sonnenklar werden wird. Soviel aber kann ich dir dennoch vorderhand sagen, daß wir Engel nichts aus uns zu tun vermögen, sondern alles durch den alleinigen, allmächtigen Willen des Herrn, den du gar so liebhast.
GEJ|2|136|4|0|Siehe, die ganze Welt und alle Himmel sind nichts als durch den allmächtigen, allerunerschütterlichst festesten Willen festgehaltene Gedanken und Ideen Gottes; wenn Er nun Seine Idee zurücknimmt und Seine Gedanken auflöst, so vergeht im selben Augenblick das sichtbare Geschöpf; faßt der Herr aber einen neuen Gedanken und hält ihn mit Seinem allmächtigen Willen fest, so ist das Geschöpf schon für jedermann sichtbar da!“
GEJ|2|136|5|0|Fragt die Jarah: „Ja, was habt denn hernach ihr dabei noch zu tun?“
GEJ|2|136|6|0|Sagt der Engel: „Wir sind pure Aufnahmegefäße des göttlichen Willens und hernach die Austräger desselben! Sieh, wir sind gewissermaßen die Flügel des göttlichen Willens und sind sonach ganz eigentlich der göttliche Wille selbst, und es genügt ein noch so leiser Gedanke von uns – so wir ihn verbinden mit der Kraft des göttlichen Willens –, da ist dann ein Werk auch schon vollbracht, und daher solche Schnelligkeit in unserem Handeln!
GEJ|2|136|7|0|Siehst du jenen hellen Stern dort im Aufgange stehend? Sieh, wenn von hier bis zu ihm hin ein gebahnter Weg führte, wahrlich, die Erde hat nicht so viel des Sandes in den kleinsten Staubkörnchen, als ein Vogel Jahre brauchen würde, um ihn zu erreichen, geschweige ein Mensch in seiner schnell laufenden Bewegung; und sieh, mir aber ist es möglich, in einem Augenblick dahin zu gelangen und wieder hierher zurückzukommen! Du wirst meine Abwesenheit gar nicht merken, und ich werde dennoch dort und wieder hier sein! – Glaubst du mir das?“
GEJ|2|136|8|0|Sagt die Jarah: „Warum sollte ich dir so etwas nicht glauben? Aber natürlich kann da von einer Überzeugung von meiner Seite keine Rede sein; denn dahin kann und möchte ich auch mit dir nicht also eine Reise machen, wie ehedem hinab in den Meeresgrund!“
GEJ|2|136|9|0|Spricht der Engel: „Warum denn nicht? Sind denn bei Gott nicht alle Dinge möglich? Wenn es dem Herrn genehm ist, so ist mir das gleich! Daß dir nichts geschehen wird, dafür bürge ich und all die zahllosen Engel, die du helleuchtend nach allen Seiten hin erblickst!“
GEJ|2|136|10|0|Sagt die Jarah zu Mir: „Herr, ist das wohl möglich?“
GEJ|2|136|11|0|Sage Ich: „In der Hand dieses Engels, ja! So du willst, kannst du dich ihm übergeben, und in wenigen Augenblicken wirst du wieder ganz wohlbehalten hier bei Mir sein; nimm dir aber auch von dort ein Andenken mit!“
GEJ|2|136|12|0|Nach diesen Worten übergab sich Jarah dem Engel und sagte: „Siehe, ich habe Mut; so du es vermagst, so trage mich dorthin!“
GEJ|2|136|13|0|Da hob der Engel die Jarah von der Erde Boden, drückte sie recht innig an seine Brust und verschwand. – Nach zehn Sekunden war er wieder samt der Jarah hier, die in ihrer Schürze einen Stein hatte, der im Freien so hell leuchtete, als da leuchtet der Morgenstern in seinem schönsten Lichte.
GEJ|2|136|14|0|Als die Jarah sich von ihrem Erstaunen ein wenig erholt hatte, da fragte sie Mich: „O Herr, sind denn alle diese unzähligen Sterne das, was jener Stern ist, den ich nun wahrhaftig mit meinen leiblichen Augen selbst oder mit meinen Gemütsaugen beschaut habe? Denn das ist ja eine ungeheure Welt! Diese Welt scheint mir nun gegen jene so klein zu sein, wie ein Schneckenhaus gegen diesen Berg! Menschen, ganz vollkommene Menschen, die in unaussprechlich großen und dabei in überaus wunderherrlich erbauten Tempeln wohnen, gibt es auch in jener übergroßen herrlichen Welt; aber diese Menschen sind so groß, daß sie den Berg wenigstens dreimal überragen würden, so sie unten am See stünden. Und so ist in jener Wunderwelt alles um viel tausendmal tausend Male größer, aber auch wirklich alles um so viele Male größer denn hier!
GEJ|2|136|15|0|Wir standen auf einem überhohen Berge und sahen nach allen Seiten hin eine nimmer enden wollende Fläche. Diese war durchzogen nach allen Seiten hin von den herrlichsten Strömen, deren Wogen also spielten in den stets wechselnden, frischesten Farben eines Regenbogens; das Erdreich aber war bebaut mit den herrlichsten Gärten und Tempeln. Im nächsten Augenblick befanden wir uns schon unten bei den Tempeln und sahen da die großen Menschen und ihre noch viel größeren Wohntempel. In einiger Entfernung sind diese Menschen recht herrlich anzusehen; aber in der Nähe sehen sie wandelnden Bergen gleich! Ja, ich hätte schon eine recht hohe Leiter ansetzen müssen, wenn ich nur die kleine Zehe eines dortigen Menschen hätte ersteigen wollen!
GEJ|2|136|16|0|Kurz, ich könnte Dir mein Leben lang in einem fort erzählen, was ich dort nur in den wenigen Augenblicken gesehen habe; aber das hieße, die Zeit, die Du, o Herr, für etwas Besseres bestimmt hast, mit unnützen Dingen verplaudern! Aber nur das möchte ich von Dir erfahren, ob alle diese zahllos vielen Sterne eben auch solche Welten sind, wie der von mir gesehene eine ist!“
GEJ|2|136|17|0|Sage Ich: „Ja, Mein Kindchen, und das noch viel größere und viel herrlichere! Aber glaubst du wohl fest, daß du nun in diesen wenigen Augenblicken in jenem Sterne mit Leib und Seele gewesen bist? Sage Mir das!“
GEJ|2|136|18|0|Sagt die Jarah: „Herr, Du meine Liebe, Du mein Leben, wir machten auf dem Hinfluge vier kurze Abschnitte. Und da zeigte sich bis zum vierten Abschnitt der Stern, den ich jetzt noch gar gut sehe, immer unverändert als Stern; aber beim vierten Abschnitt ward er so groß wie unsere Sonne am Tage. Von da an dauerte es nur noch einen allerkürzesten Augenblick, und wir waren schon in jener herrlichen Welt. Von dem Berge, auf dessen Spitze wir zuerst uns befanden, löste ich auf Anraten des Engels ein Steinchen vom Boden – es ist dies leuchtende Klümpchen – und nahm es zum Beweise mit hierher, daß ich richtig auch dort war. Mehr kann ich Dir zum Beweise meines wirklichen Dortseins nicht kundgeben.“
GEJ|2|137|1|1|137. — Die innere Art, die Schöpfung zu beschauen
GEJ|2|137|1|0|Sage Ich: „Das genügt vollkommen! Aber Ich werde dir nun eine andere Art und Weise zeigen, wie ein in seinem Herzen vollendeter Mensch die Sterne bereisen kann, ohne auch nur eine Linie von dieser Erde entrückt zu werden; aber freilich ein leuchtend Steinchen kann man da nicht so leicht zum Zeugnisse mit herübernehmen! – Nun, du hast dir den Stern gemerkt, den du bereiset hast?“
GEJ|2|137|2|0|Sagt die Jarah: „Ja, Herr!“
GEJ|2|137|3|0|Sage Ich: „Nun, so stelle dir ihn so recht lebendig in deinem Herzen vor, sieh mit deinen Augen einige Zeit unverwandt nach ihm hin und sage Mir, wie er sich dir nach wenigen Augenblicken zeigen wird!“
GEJ|2|137|4|0|Die Jarah tut das sogleich, und nach wenigen Augenblicken sagt sie: „Herr, Herr, Du mein Gott, Du meine Liebe, nun sehe ich ihn, wie bei meinem Hinfluge im vierten Abschnitte. Er wird nun immer größer, und sein Licht ist kaum erträglich! Ah, das ist ein erschrecklich starkes Licht; aber zum Glück tut es den Augen kein Wehe! Oh, oh, nun ist das ganze Firmament nur ein erschrecklich starkes, ungeheuer mächtig wogendes Lichtmeer! O Gott, o Gott, wie groß und wundervoll sind Deine Werke, und Du wandelst im Fleische als ein schlichter, alles Anspruchs loser Mensch unter den Menschenwürmern dieser Erde!
GEJ|2|137|5|0|Oh, oh, oh! Nun bin ich wieder auf demselben Berge und sehe ringsum dieselbe Gegend voll Herrlichkeiten der Herrlichkeiten! Ich sehe dieselben Tempel wieder, dieselben Menschen und ihre schönen Gärten; auch sehr schöne Blumen sehe ich. Aber die kleinste von ihnen ist größer denn ein Haus auf dieser Erde; die könnte ich mir wohl nicht zum Andenken abpflücken! Ah, nun sehe ich aber auch allerlei Tiere, und die wunderschönsten Vögel sehe ich auch; aber sie sind auch ganz entsetzlich groß! Auf den ungeheuren Bäumen hängen Dir gar selten große Früchte, und dabei bemerke ich auch, wie ein paar Menschen in einem Garten danach mit ihren Händen greifen und sie richtig auch in den Mund stecken! Nun, nun, an solch einer Birne, oder was sie sonst für eine Frucht ist, hätten auf dieser Erde wohl tausend Menschen auf ein ganzes Jahr zur Übergenüge zu essen!“
GEJ|2|137|6|0|Sage Ich: „Nun gib acht, du wirst jetzt zu einer Art Stadt dieser Welt kommen; sage Mir, wie diese dir gefällt!“
GEJ|2|137|7|0|Die Jarah schlägt bald darauf die Hände über dem Kopfe zusammen und schreit förmlich vor Entzückung auf, sagend: „Aber um Deines allerheiligsten Namens Willen, das ist ja eine Herrlichkeit, von der sich noch nie ein Menschenherz hat etwas träumen lassen können! Oh, das ist unbeschreiblich! Welche Tempelreihen! Welche Säulengänge, welche Kuppeln! Nein, diese Pracht, Größe und Herrlichkeit! Herr, ich bitte Dich, führe mich zurück; denn diese zu unnennbar überschwengliche Herrlichkeit würde mich töten!“
GEJ|2|137|8|0|Sage Ich: „Nun, so mache deine Augen zu und denke an Mich und an die Erde, dann wird es gleich wieder gut sein!“ – Die Jarah tut das und schaut nun ihren Stern wieder als Stern vor sich.
GEJ|2|137|9|0|Als sie sich ein wenig wieder gesammelt hat, fragt sie (Jarah) Mich gleich: „Herr, hat etwa der Engel auch auf diese Weise, wie Du nun, mir jenen Stern gezeigt? Denn ich habe ihn nun um vieles besser gesehen denn ehedem und war nur gewisserart bloß geistig dort. Ich meine, der liebe, gute Engel hatte mich scheinhalber nur ein bißchen von hier entrückt und mir dann auch den Stern also gezeigt!?“
GEJ|2|137|10|0|Sage Ich: „Nein, der Engel hat deinen Wunsch vollkommen ausgeführt! Und solches war aber auch nur mit dir möglich, weil dein Herz von Liebe überfüllt ist; mit jedem andern Menschen aber wäre so etwas rein unmöglich zu bewerkstelligen gewesen. Und würde ein Engel, was er zwar wohl könnte, mit einem gewöhnlichen Weltmenschen das tun, so würde schon die Annäherung eines solchen Engels den Weltmenschen augenblicklich töten!
GEJ|2|137|11|0|Aber du hast Mich ehedem gefragt, ob alle die Sterne solche Welten seien; und Ich antwortete dir mit Ja. Nun, so du, Meine allerliebste Jarah, es wünschest, so überzeuge dich auf dieselbe Weise! Sieh, wenn ein weltlicher Jüngling um eine junge Braut freit und sie zu seiner Erwählten macht, so eröffnet er vor ihr auch alle seine Schätze, um sie, die sein Herz liebt, sich geneigter zu machen; denn, so sie ihn schon nicht möchte seiner Person wegen, so wird sie ihn doch annehmen seiner großen Schätze wegen. Und sieh, Ich tue nun vor dir desgleichen, auf daß du dereinst zur Zeit der Versuchung der Welt nicht abfallest von Meinem Herzen. Darum überzeuge dich nun von Meinen Schätzen, auf daß du einsehen kannst, daß Ich nun nicht so arm dastehe, wie es Mein Äußeres den Menschen zu verkünden scheint. Sieh, Ich bin nun einmal dein Geliebter und zeige dir darum auch ein wenig etwas von Meinen großen Besitztümern!“
GEJ|2|137|12|0|Sagt die Jarah: „Herr, Du mein Leben, wenn ich darum noch einen Stern weiter ansehen wollte, um mich dadurch vor einer Untreue in meiner Liebe zu Dir zu verwahren, so wäre es mir leid, den einen Stern angeschaut zu haben; denn Du allein bist mir ja endlos mehr denn alle die zahllosen Sterne mit allen ihren Herrlichkeiten! Wahrlich, um Dich über alles zu lieben, brauche ich nichts, ewig nichts, als Dich allein; aber nur Dir zuliebe, weil Du es wünschest, sehe ich auch recht gerne die Wunder Deiner Macht und Weisheit an!“
GEJ|2|137|13|0|Sage Ich: „Höre, du Meine allerliebste Jarah, Ich sehe wohl in dein Herz und lese es darin, wie sehr du Mich liebst, und kenne auch deine Treue; aber du bist nun noch mehr ein Kind als ein erwachsenes Mädchen. Bis jetzt warst du gleichfort unter dem Schutze Meiner Engel, und die bösen Geister der Welt konnten sich dir nicht nahen; wenn aber deine Jahre reifer werden, dann wirst du aus deiner eigenen Kraft der argen Welt und ihren Gelüsten widerstehen müssen, um dadurch nach Meiner für alle Wesen gestellten unwandelbaren Ordnung aus dir selbst den festen Boden zu gewinnen, auf dem du dich Mir erst wahrhaft im Geiste und in aller Wahrheit wirst nahen können. Und sieh, da hat die Welt eine starke Macht über den Menschen, weil die Welt von der Hölle aus zum größten Teile beherrscht wird, und es kostet da der Seele manch harten Kampf, um nicht von ihrem eigenen Fleisch und Blut und dadurch dann auch von der Welt verschlungen zu werden!
GEJ|2|137|14|0|Deine Gestalt ist eine sehr schöne. Bald werden die Weltjungen ihre Augen auf dich werfen und dir Herz und Hand bieten, und es wird dir schwer werden, ihnen zu begegnen. Wenn aber solche Zeit kommen wird, dann gedenke in deinem Herzen Meiner und alles dessen, was du auf dieser Höhe alles gehört und gesehen hast, und der Sieg über die Welt wird dir ein leichter werden!“
GEJ|2|137|15|0|Sagt die Jarah etwas traurig: „Aber das muß Dir ja doch schon von Ewigkeit her klar sein, ob ich Dir je ungetreu werden könnte!? Und siehst Du in mir eine künftige Untreue, wie magst Du mich lieben? Und kannst Du es einer künftigen Sünderin gestatten, daß sie sich Dir naht?“
GEJ|2|137|16|0|Sage Ich: „Das ist für dich, Meine allerliebste Jarah, noch viel zu hoch! Aber Ich werde dir aus besonders großer Liebe zu dir dennoch etwas sagen: Sieh, Ich kann zwar alles wissen schon von Ewigkeit her, was mit einem Menschen wird, wenn Ich es wissen will; aber auf daß der Mensch in der Reife seiner Jahre völlig frei und unbeirrt handeln kann, so ziehe Ich auf eine bestimmte Zeit Meine Augen von ihm ab und nehme keine Wissenschaft von seinem freien Handeln, außer er bittet Mich inständigst, ihm zu helfen beim freien Kampfe mit der Welt. Da sehe Ich Mich nach ihm um, helfe ihm auf den rechten Weg und verleihe ihm beim Kampfe mit der Welt die nötige Kraft.
GEJ|2|137|17|0|Und sieh, so will Ich für dich auch keinen Blick in die Zukunft tun, auf daß du frei bleibst in deinem Handeln; aber dafür belehre Ich dich nun, auf daß du zur Zeit der Versuchung dich alles dessen werktätigst erinnern magst. Auch der Schutzengel wird dich in solcher Zeit allein lassen; wenn du aber über die Welt vollends wirst aus deiner Kraft gesiegt haben, dann wird er wieder zu dir treten und wird dir dienen in allen Dingen. – Hast du, Meine allerliebste Jarah, das wohl so ein wenig verstanden?“
GEJ|2|138|1|1|138. — Eine jenseitige Selbstverleugnungs-Schulwelt
GEJ|2|138|1|0|Sagt die Jarah: „Verstanden hätte ich's wohl, – aber darum ist die Sache dennoch sehr traurig für mich und für alle anderen Menschen; denn aus Tausenden wird kaum einer die volle Kraft haben, aus sich selbst der Welt also zu begegnen, wie es Dir wohlgefällig wäre!“
GEJ|2|138|2|0|Sage Ich: „Darum bin Ich aber ja in die Welt gekommen, um durch Meine Lehre und durch Meine Taten jedermann das Mittel in die Hand zu geben, mit welchem er mit leichter Mühe die Welt besiegen kann!“
GEJ|2|138|3|0|Sagt die Jarah: „Wäre schon alles recht, – aber es gibt auf der Erde noch eine große Menge Menschen, die von Deinem Worte vielleicht kaum in tausend Jahren etwas vernehmen werden! Womit werden sich dann unter der langen Zeit diese schirmen vor dem Andrange der Welt? Sie sind doch ebensogut Menschen als wir Juden!“
GEJ|2|138|4|0|Sage Ich: „Es steht mit den Völkern der Erde also wie mit den einzelnen Kindern eines Vaters: einige, als früher zur Welt geboren, werden vom Vater anders gehalten als jene, die erst kaum vor zwei, drei, vier bis fünf Jahren das Licht der Welt erschauten. Der älteste Sohn ist schon ein Mann voll Kraft geworden, und eine Tochter ist mannbar; daneben aber gibt es noch ein paar Kinder in deinem Alter, und drei liegen noch in den Windeln. Sage Mir, ob es von dem Vater wohl klug wäre, so er die Kinder in der Wiege genau also behandeln würde wie den zum kräftigen Manne herangereiften Sohn!?“
GEJ|2|138|5|0|Sagt die Jarah: „Das wäre freilich wohl sehr dumm von einem solchen Vater!“
GEJ|2|138|6|0|Sage Ich: „Nun sieh, darin liegt es auch, warum einige Völker erst später zu Meiner Lehre gelangen! Sie sind jetzt noch nicht reif dazu; aber zur rechten Zeit werden sie schon reif werden, und da wird auch Meine Lehre an sie gelangen. – Verstehst du das?“
GEJ|2|138|7|0|Sagt die Jarah: „O ja, das versteh' ich recht wohl; aber welches Los haben dann die auf dieser Erde bis jetzt noch nicht reif gewordenen Völker im großen Jenseits zu erwarten?“
GEJ|2|138|8|0|Sage Ich: „Das sollst du sogleich zu sehen bekommen! Sieh hin, dort am mitternächtlichen Teile des Himmels steht ein Stern von etwas rötlichem Lichte; fasse ihn also wie den früheren ins Auge deines Gemütes und richte auch dein irdisch Auge darauf hin, und du wirst in jenem Sterne die schönste Antwort auf deine Frage bekommen!“
GEJ|2|138|9|0|Die Jarah tut das nun sogleich und sagt schon nach wenigen Augenblicken: „O Herr, Du allmächtigster Schöpfer Himmels und aller Welten, das ist ja noch eine viel größere Welt, denn da war die frühere, und von welch einem herrlichen Lichte ist sie umflossen! Aber das Licht ist von hellroter Farbe, ein wenig ins Goldgelbe übergehend, während das Licht der ersten Welt ganz rein weiß war. Aber nun wird auch das Licht dieser Welt unerträglich stark! Ah, nun habe ich schon den belebten Boden dieser Welt! Oh, da ist es auch unbeschreiblich herrlich! Welch eine Mannigfaltigkeit! Niedliche, sanft ansteigende Berge schließen die herrlichsten, fruchtreichsten Täler ein. In den Tälern sieht man auch eine Art von Hütten, die bloß aus einem Dache bestehen, das mit wie Rubin schimmernden Säulen unterstützt ist in guter Ordnung; aber auf den Rücken der Berge laufen ohne Unterbrechung solche Hütten fort in unabsehbaren Reihen, und so ungeheuer weit nun mein Blick reicht, so sehe ich dennoch nichts anderes, und da ist eine solche Hütte der andern so ähnlich wie beim Menschen ein Auge dem andern. Wie ich merke, ruhen die länglich runden Dächer alle auf etwa sieben Mann hohen Rubinsäulen; aber da ist auch eine Säule wie die andere! Von Menschen und anderen lebenden Wesen ist bis jetzt noch nichts zu entdecken gewesen; aber sie müssen hier dennoch auch vorhanden sein, – denn davon gibt schon die außerordentliche Kultur dieser überweitgedehnten Länder Kunde!
GEJ|2|138|10|0|Aber merkwürdig ist, daß hier in dieser sonst überherrlichen Welt sich alles ähnlich ist! Ein Fruchtbaum sieht dem andern auf ein Haar ähnlich, und eine Blume der andern; alles ist in Reihen gesetzt, und man kann um alles in der Welt nichts außerhalb dieser Ordnung finden.
GEJ|2|138|11|0|Es nimmt sich dies alles zwar gar wunderherrlich aus und gewährt einen freundlichen Anblick; aber mit der Zeit müßte dies ewige Einerlei einem Menschen unserer Art und Gattung denn doch etwas langweilig werden! Aber nun bin ich vor einer solchen Hütte angelangt, und sieh, da gibt es Menschen in ganz unserer Art darin! Einer steht auf einem erhöhten Orte und predigt, und die mehreren hundert anderen hören diesen Prediger mit der größten Andacht an!
GEJ|2|138|12|0|Da in der nächst anstoßenden Hütte sehe ich mehrere in faltenreiche Kleider gehüllte Menschen an einem wohlbesetzten Tische speisen; aber um die Speisenden herum stehen ebensoviele, die der Hunger zu plagen scheint, und diese bekommen nichts zu essen! Ah, da in der dritten Hütte aber sehe ich nun einige wunderschönste Dirnen! Diese stehen bar mutternackt und machen sich mit sehr wenig sagenden Männern recht lustig, wandeln hin und her; im Hintergrunde aber stehen eine Menge sehr lüstern scheinende Jünglinge und geben den schönen Dirnen Zeichen, auch zu ihnen zu kommen und sich mit ihnen auch ein wenig lustig zu machen. Aber die Jünglinge bekommen kein Gehör und scheinen sich darüber gerade nicht zu sehr zu freuen.
GEJ|2|138|13|0|Ah, das sind doch merkwürdige Hauseinrichtungen! So sehr auch äußerlich eine Hütte der andern auf ein Haar gleichsieht, so verschiedenartig scheinen darinnen doch die Beschäftigungen der Menschen zu sein, und das ist doch sicher auch sehr merkwürdig!? Aber wenn es auf dieser ungeheuer großen Welt allenthalben also aussieht wie in dieser von mir nun geschauten Gegend, dann ist mir unsere kleine Erde lieber – bis auf die bösen Menschen!“
GEJ|2|138|14|0|Sage Ich: „Alles das, was du nun siehst, ist nur ein kleines Schul- und Einübungshaus in der Selbstverleugnung und in der Sichselbstüberwindung. Wandle nun mit deinen Gemütsaugen weiter, und es wird sich dir gleich etwas anderes zeigen!“
GEJ|2|138|15|0|Jarah tut das und schreit bald so auf, daß die Festschlafenden beinahe aufgeweckt worden wären, so sie nicht Mein Wille wieder in den Schlaf versenkt hätte.
GEJ|2|138|16|0|Ich fragte auf den Schrei die Jarah, was es denn gäbe, darum sie gar aufgeschrien habe.
GEJ|2|138|17|0|Sagt Jarah: „O Herr, die Pracht, diese Majestät überbietet wieder alles, was je eines Menschen Sinn fassen kann! Da steht Dir ein Palast so groß und hoch wie auf der Erde der höchste und größte Berg! Die Mauern sind aus lauter köstlichsten Edelsteinen aufgeführt. Tausend und abermals tausend goldene Treppen und Galerien zieren von außen diesen ungeheuren Palast, der in seiner höchsten Höhe in eine förmliche Spitze ausläuft. Rings um diesen Palast prangen die herrlichsten Gärten, in denen aber die größte Mannigfaltigkeit das Auge zu stets neuer Bewunderung auffordert; in den Gärten aber gibt es auch sehr schöne Seen, auf denen für das Vergnügen wahrscheinlich eine große Menge wunderbarer Kunstwerke herumschwimmen, aber von niemandem geleitet und noch weniger beachtet werden.
GEJ|2|138|18|0|Herr, was bedeutet denn das alles? Wer sind die Bewohner dieses ungeheuren Palastes, und wozu dienen diese auf den schönen Seen frei herumschwimmenden Kunstwerke aller Art?“
GEJ|2|139|1|1|139. — Ein Blick in die Sternenweltordnung
GEJ|2|139|1|0|Sage Ich: „Sieh, dieser Palast ist die Wohnung eines Oberlehrers in dieser Gegend, die du bereits gesehen hast. Alle jene Schulhütten stehen unter seiner Aufsicht, und die auf den Seen herumschwimmenden Gegenstände werden zu gewissen Zeiten zum ferneren Unterricht in der hohen Weisheit benutzt. Wie aber diese Wohnung hier ist, so stehen noch viele hunderttausende bloß im Mittelgürtel dieser Lichtwelt, nebst noch einer Menge von Städten größter Art. Neben diesem Gürtel, von dem du einen kleinsten nun siehst, gibt es aber in dieser Welt noch sechsundsiebzig Nebengürtel, von denen ein jeder eine ganz eigene Einrichtung hat. Diese Welt, sowie die frühere sind eigentlich zwei Sonnen gleich der unseren, die bei Tage der Erde Licht gibt, aber mit dem Unterschiede, daß die von dir zuerst geschaute bei tausend Male größer ist als die Sonne unserer Erde und die, die du gerade jetzt noch schaust, bei viertausend Male größer ist denn die unsrige; aber unsere Sonne selbst ist bei tausendmal tausend Male größer denn diese ganze Erde.
GEJ|2|139|2|0|Die Menschen dieser Erde aber haben einen noch ganz irrigen Begriff von dieser Erde und von der Sonne, vom Monde und von all den Sternen; wenn sie aber später einmal besser zu rechnen verstehen werden, dann werden sie auch zu richtigeren Vorstellungen über die Weltkörper im endlosen Schöpfungsraume gelangen.
GEJ|2|139|3|0|Das aber kannst du wissen, daß um jede solche Sonne in verschiedenen Entfernungen eine rechte Menge solcher Erden, wie diese ist, auf der wir stehen, kreisen, und daß mehrere dieser Erden noch Nebenerden haben, die um sie als stete Begleiter kreisen, gleichwie der Mond um unsere Erde! So viele eigentliche Erden aber von einer Sonne versorgt werden, so viele eigene, jeder solch eine Sonne umkreisenden Erden entsprechende Gürtel hat dann eben eine jegliche Sonne, mit Ausnahme der Mittelsonnen, die zum Halten und Führen der Erdsonnen bestimmt sind und um tausendmal tausend Male größer sind denn zehnmal tausendmal tausend solcher Sonnen, von denen du nun zwei gesehen hast.
GEJ|2|139|4|0|Solch eine Mittelsonne ist nicht mehr in Gürtel, sondern in ebenso viele Gebiete auf ihrer Oberfläche eingeteilt, als wie viele einzelne Erdsonnen sie zu versorgen hat; und da ist dann jedes einer Erdsonne entsprechende Gebiet dem Flächenraume nach um tausend bis zehntausend Male größer als die Oberfläche jeder einzelnen Erdsonne samt allen sie umkreisenden Erden. Um eine Mittelsonne aber bahnen zum wenigsten tausendmal tausend Erdsonnen.
GEJ|2|139|5|0|Aber dann gibt es noch Mittelsonnen, um die sich abermals tausendmal tausend eben erwähnter Mittelsonnen mit all ihren Erdsonnen bewegen, und abermals Mittelsonnen, um die sich die Mittelsonnen der zweiten Gattung bewegen, und endlich einen gemeinsamen Mittelweltkörper, der in unermeßlicher Tiefe eines Mittelsonnengebietes weilt und keine andere Bewegung als die um seine eigene Achse hat. Dieser Mittelkörper ist auch eine Sonne; aber sie ist so groß, daß alle die zahllosen Erdsonnen, die Mittelsonnen erster, zweiter und dritter Ordnung und alle die Erden und Monde, die um die zahllos vielen Erdsonnen kreisen, nebst den vielen Tausenden von allerlei größeren und kleineren Schweifsternen, die als werdende Erden in unsteten Kreisen um die Erdsonnen bahnen, nicht den hunderttausendsten Teil von ihrem Körperinhalte ausmacheten, so diese besprochene Hauptmittelsonne eine hohle Kugel wäre und die obbenannten zahllos vielen Weltkörper sich in ihr befänden. – Jarah, kannst du dir von dem Gesagten nun einen Begriff machen?“
GEJ|2|139|6|0|Sagt die Jarah: „Herr, wer vermag solch eine Größe zu fassen?! Einen Begriff kann ich mir nun freilich machen; aber mir wird dabei ganz schwindelig zumute! Ich habe mich nun auch an dieser Sonne satt gesehen, weiß nun aber dennoch nicht, wie ich mir darauf die Frage über das Sein der auf der Erde unreifen Völker im großen Jenseits beantworten soll.“
GEJ|2|139|7|0|Sage Ich: „Nun, so ziehe vorerst deine Augen ab von der geschauten Sonne und höre Mich dann!“
GEJ|2|139|8|0|Sagt die Jarah: „Herr, es ist schon geschehen!“
GEJ|2|140|1|1|140. — Jenseitige Entwicklungsperioden
GEJ|2|140|1|0|Sage Ich: „So vernimm Mich! – Sieh, alle solche unreifen Menschen kommen zumeist in jene von dir nun geschaute Sonne und werden in den weitgedehnten Schulen in allen Dingen, die das Leben betreffen, unterwiesen. Also werden die frühverstorbenen Kindlein im Mittelgürtel unserer Sonne unterwiesen und großgezogen, – aber mehr im geistigen Teile der Sonne.
GEJ|2|140|2|0|Die unreifen Seelen erhalten in der von dir geschauten Sonne wieder einen Leib, jedoch ohne Geburt, und dieser wird dann mit der Seele selbst geistig und kann ins rein Geistige übergehen. Wie aber solche Seelen von hier nach dort überbracht werden und von wem, das hast du bei der Bereisung der ersten Sonne an dir selbst erfahren. Dieser Engel aber, der hier noch neben uns steht, ist der Leiter und Beherrscher von all den Welten und Sonnen, von denen Ich zu dir ehedem geredet habe. Du siehst daraus, welch eine Macht ihm verliehen ist und welch eine Weisheit.
GEJ|2|140|3|0|Aber alle die zahllos vielen Engel, die du nun in weiten Reihen um dich her erschaust, haben ein gleiches Geschäft; denn in den ewigen Tiefen gibt es für die menschlichen Begriffe noch zahllos viele solcher Sonnenweltengebiete mit je einer gleichen, früher beschriebenen Hauptmittelsonne, und jedes solches Sonnengebiet wird von einem dieser Engel beherrscht. Du siehst nun zwar der Engel viele, – aber das ist nicht der zehnmal hunderttausendste Teil bloß von den großen Herrscherengeln, geschweige von den kleineren Engeln, denen zur besonderen Aufsicht und Leitung einzelne Sonnen und Erden und kleinere Weltengebiete anvertraut sind! Und sieh, Ich muß dennoch für alle jeden Augenblick in Meinem ewigen Geiste sorgen; und ließe Ich all das dir nun Gezeigte einen Augenblick aus Meiner unwandelbaren Sorge, so würde alles in demselben Augenblick vergehen, das Größte wie das Kleinste! – Brächtest du das mit deinem Geiste wohl zuwege?“
GEJ|2|140|4|0|Sagt die Jarah: „O Herr, wie magst Du mir denn solch eine Frage geben!? Ich, ein Stäubchen dieser Erde, – und Du, in Deinem Geiste der alleinige, ewige, allmächtige Gott! Oh, wenn die blinden Pharisäer von Jerusalem doch das sehen könnten, da müßten sie doch anderen Sinnes werden! Aber, sie können es nicht sehen und werden es nicht sehen; darum werden sie auch in ihrer Verstocktheit und Bosheit zugrunde gehen! Ihre Seelen werden jenseits etwa wohl auch in jene Sonnenschule kommen?“
GEJ|2|140|5|0|Sage Ich: „Das etwa wohl nicht, Meine allerliebste Jarah; denn sie gehören nicht zu einem unreifen, sondern zu einem vollreifen Volke! Und die Seelen von einem reifen Volke, wenn sie einmal in alle Bosheit übergegangen sind, kommen in die Tiefen der Erde, durch sich selbst genötigt; denn da sie pur Materie geworden sind, so ist diese ihr Element, und sie wollen und können sich von ihr nicht trennen. Es wird zwar alles, ja das Äußerste, aufgeboten. Alle Qualen und Schmerzen werden über sie zugelassen, um sie von der Materie loszumachen. Und wird einer von der Materie los, so kommt er dann in die Schulen, die da bestehen auf dem geistigen Teile dieser Erde; von da erst wird er in den Mond überbracht. Hat er dort jeden Grad der Selbstverleugnung durchgemacht und ist darin stark geworden, so wird er dann in einen vollkommeneren Planeten erhoben und dort in der rechten Weisheit unterwiesen.
GEJ|2|140|6|0|Wenn dann eine solche Seele in ein rechtes Licht eingegangen ist, so wird erst durch solches Licht, so es stärker und stärker wird, die Wärme des geistigen Lebens erzeugt, und die Seele fängt an, sich mit ihrem Geiste zu einen, so, daß nach und nach ihr ganzes Leben zur Liebe wird. Ist die Liebe dann zur nötigen Kraft und Stärke gediehen und in die wahre, innere Lebensflamme übergegangen, so wird's dann in der Seele von innen aus licht und hell, und da erst befindet sich solch eine Seele in dem Zustande, in die eigentlich freie Welt der seligen Geister aufgenommen zu werden, wo sie dann wie von Kindheit an weitergeführt wird.
GEJ|2|140|7|0|Aber bis eine auf der Erde materiell gewordene Seele im günstigen Falle dahin gelangt, können immer mehrere Hunderte von Erdjahren vergehen. – Ich lese aber nun in deinem Herzen, daß du Mich wieder um etwas fragen möchtest, und Ich sage es dir: frage; denn deine Fragen haben einen guten Grund! Aber diesmal richte die Frage an den bei uns stehenden Engel, der wird dir auch eine rechte Antwort geben!“
GEJ|2|141|1|1|141. — Von der Größe des Menschengeistes
GEJ|2|141|1|0|Hier wendet sich die Jarah an den Engel und fragt ihn, sagend: „Dein Herr und mein Herr hat mich gnädigst an dich, du lieber, holdester Jüngling, gewiesen und hat zu mir gesagt, daß ich dich um etwas Bestimmtes fragen solle, und du werdest mir dann eine rechte Antwort geben. Und so sage mir, warum diese meine irdischen Verwandten, wie auch die Jünger des Herrn, schlafen müssen, während ich wache, und warum muß ich das mit meines Leibes Augen schauen, oder warum kann ich das, was sie nach der Kündung des Herrn nur im Traume sehen und hören können oder dürfen?“
GEJ|2|141|2|0|Sagt der Engel mit der liebfreundlichsten Stimme: „Du holdseligste Tochter des Herrn bist mit deiner Seele ganz in den Geist übergegangen und hast mit der Materie der Welt nahezu gar keine Gemeinschaft mehr; dein irdisch Auge ist zum Auge deiner Seele geworden, und dein Seelenauge zum Auge deines ewig unsterblichen Geistes. Und du bist darum ganz vollkommen in deiner Lebenssphäre so gestellt, wie eigentlich ein jeder Mensch gestellt sein sollte.
GEJ|2|141|3|0|Jedes Menschen Geist aber ist also beschaffen, daß er gleich dem Geiste Gottes die ganze Unendlichkeit in sich faßt. Wenn du nun einen noch so fernen Stern oder etwas anderes in dein reinstes Gemüt aufnimmst, das da ist ein Auge des Geistes, und daneben dein Seelenauge durch das fleischliche Auge dem mit den Augen des Geistes betrachteten Gegenstande zuwendest, so entsteht da ein Konflikt des innern, in deinem Geiste ruhenden Bildes mit der äußeren entsprechenden Form desselben Bildes. Aus diesem Konflikte wird es dann in deiner Seele vollends licht über den beschauten Gegenstand, und dieser stellt sich dir dann so vor, wie er in seiner Art wirklich ist.
GEJ|2|141|4|0|Und ich sage es dir treu und wahr, daß dies alle Menschen vermöchten, wenn sie in ihrem Gemüte also reif und ebenso beschaffen wären wie du; aber gar wenige gibt es nur, die dir glichen! Diese Schlafenden hier aber gleichen eben deiner Seele und deinem Gemüte nicht! Durch ihr irdisch Auge schaut noch lange ihre Seele nicht, und das Auge ihres Geistes ist noch fest geschlossen; darum muß ihre Seele für sich allein erst dadurch befähigt werden, daß ihr durch den Schlaf des äußern Auges alle Weltanschauung benommen wird und sie dadurch mit ihren feineren Sinnen zur Wahrnehmung und Anschauung des Übersinnlichen, ins Geistige Übergehenden gelangen kann.
GEJ|2|141|5|0|Es ist aber der Schlaf dieser hier Ruhenden darum auch ein Schlaf eigener Art, zu dem ein Mensch auf einem ganz natürlichen Wege nur selten gelangen kann.
GEJ|2|141|6|0|Gewisse seelen- und geistesstarke Menschen können bei den schwächeren Brüdern solchen Schlaf durch öftere Händeauflegung bewirken, aber die schwachen Menschen vermögen solches an ihren gleich schwachen Brüdern und Schwestern nimmer. Daß aber der Herr bloß durch Seinen Willen alles vermag, daran wirst du wohl ewighin keinen Zweifel mehr in dir aufkommen lassen können?!“
GEJ|2|141|7|0|Sagt die Jarah: „Der Herr segne dich für die mir gegebene Aufklärung, die ich recht wohl begriffen habe! – Aber nun noch eine andere Frage! Sage mir, du lieber, holdseligster Jüngling, wie soll ich mir denn deine unbegreifliche Schnelligkeit erklären?“
GEJ|2|141|8|0|Spricht der Engel: „Allerliebste Tochter Gottes! Das ist etwas, das nur ein reiner Geist fassen kann, da er mit der Zeit und mit dem Raume nichts zu tun hat. Wir sind an uns selbst nichts, sondern das du an uns erschaust mit den Augen deines Geistes, ist Gottes Gedanke, Gottes Idee, Gottes Wort. Wir sind daher ganz reine Geister; keine Materie kann uns irgendein Hindernis sein.
GEJ|2|141|9|0|So einen lebendigsten Geist gar nichts hindern kann, so ist sein Hier und Dort ja notwendig ein und dasselbe. Keine Materie kann daher eine uns Geistern gleich schnelle Bewegung annehmen, weil sie selbst im allerfeinsten Äther dennoch immer ein Hindernis findet, durch das ihre Bewegung gehemmt wird.
GEJ|2|141|10|0|Es gibt im endlos weiten Schöpfungsraume besonders die Mittelsonnen der dritten Ordnung, nach denen gleich die Hauptmittelsonne kommt. Diese Sonnen bewegen sich in verschieden großen Kreisen um die Hauptmittelsonne in einer für deine Begriffe undenklichen Schnelligkeit, damit sie dadurch von der Hauptmittelsonne in der vorgezeichneten Entfernung bleiben. Ihre Bahnen sind vermöge ihrer großen Entfernung von der Hauptmittelsonne für deine Begriffe überweit gedehnt.
GEJ|2|141|11|0|Denke dir zum Beispiel diese Erde als eine in der Wahrheit viele hunderttausend Male größere Kugel, als wieviel du nun von ihr überschaust. Diese große Kugel aber bestände aus lauter Sandkörnchen, wie du sie schon oft am Meeresufer wirst gesehen haben. Nun denke dir die Zahl aller der kleinsten Sandkörnchen, wie viele deren nötig wären, um eine solche ganze Erde auszumachen! Für jedes dieser Körnchen denke dir nun eine Entfernung wie von hier bis zu jenem Sterne, den wir zuerst besucht haben, und du wirst dadurch nahezu den Durchmesser einer solchen Bahn erreichen! Eine solche Bahn durchfliegt eine obenerwähnte Mittelsonne dritter Ordnung freilich erst kürzestens in zehnmal hunderttausend Jahren; aber weil die Bahn eine gar so ungeheuer weitgedehnte ist, so muß solch eine Sonne in einem Augenblick schon eine tausendmal so weite Strecke hinter sich haben wie von hier bis zu jenem Sterne, den wir zuerst besucht haben!
GEJ|2|141|12|0|Du wirst nun meinen und sagen: ,Ja, wenn das, da bewegt sich solch eine Sonne ja dennoch um tausend Male schneller denn du als ein reiner Geist! Denn wären wir mit der Geschwindigkeit jener Sonne von hier nach jenem Sterne geflogen, so müßten wir ja notwendig um tausend Male früher dort gewesen sein als mit deiner geistigen Schnelle!?‘
GEJ|2|141|13|0|Da sage ich dir, daß die große Schnelligkeit jener Sonne gegen meine geistige dennoch eine pure Schneckenbotschaft ist! Denn sieh, bei all der für deine Begriffe ungeheuren Schnelligkeit braucht jene Sonne denn doch noch zehnmal hunderttausend Jahre zum Durchfliegen ihrer weitesten Bahn um die Hauptmittelsonne, während ich oder ein anderer Geist meiner Art dieselbe Strecke in einem so schnellen Augenblick durchfliegen kann, daß du zwischen meiner Abreise und meiner Wiederankunft nicht den allerkleinst fühlbaren Zeitraum merken würdest; ja ich könnte in der gleich kurzen Zeit auch einen viele tausendmal hunderttausend Male größeren Kreis durchfliegen!
GEJ|2|141|14|0|Es ist daher zwischen der Schnelligkeit eines Geistes und zwischen der Schnelligkeit einer noch so schnell dahinfliegenden Materie – und möge diese gesteigert werden, wie sie will – ein unendlicher Unterschied; denn wenn eine noch so schnell bewegte Materie auch in einem Augenblick eine Strecke wie von hier bis zu jenem Sterne durchmacht, so braucht sie zu einer noch einmal so langen Strecke schon zwei Augenblicke, und macht die Materie in einem Augenblick hunderttausend solche Entfernungen durch, so wird sie für zehn solche Entfernungen auch zehn Augenblicke brauchen, während ich jede denkbare Entfernung in einem und demselben Augenblick durchmachen kann.
GEJ|2|141|15|0|Und sieh, das kann ich und jeder Geist meiner Art, weil für uns in der ganzen ewigen Unendlichkeit kein noch so allerleisestes Hindernis vorhanden ist; die Materie aber findet allerlei Hindernisse selbst im freiesten Ätherraume und kann daher eines Geistes Schnelle nie erreichen! – Sage mir nun, du holdseligste Tochter Gottes, ob du das wohl so ein wenig begriffen hast!“
GEJ|2|142|1|1|142. — Über die wahre geistige Größe
GEJ|2|142|1|0|Sagt die Jarah: „Begriffen hätte ich's mit der Hilfe dieses meines Herrn wohl; aber es hat mich dabei schon wieder stark zu schwindeln angefangen! Denn ich habe dabei die vollste Überzeugung gewonnen, daß ein geschaffener Geist eine Ewigkeit zu tun haben muß, nur eine jener nahe schon endlos großen Hauptmittelsonnen durch und durch kennenzulernen, von denen du gesagt hast, daß ihre Anzahl für Menschenbegriffe im endlosen, ewigen Raume eine unendliche sei, von denen jede die Trägerin oder vielmehr Regentin von um sie in endlos weiten Kreisen bahnenden Mittelsonnen von drei Ordnungen und Erdsonnen ist, deren Anzahl kein sterblicher Geist fassen könnte! Wenn aber schon eine solche ungeheuer große Hauptmittelsonne jedem geschaffenen Geiste eine Ewigkeit zu ihrer Besichtigung bietet, wie lange wird er dann mit all den andern zahllosen zu tun haben!?
GEJ|2|142|2|0|Oh, da wäre ich gar nicht gescheit, wenn ich mir so etwas wünschete! Ich bleibe fein bei meiner Liebe zu Hause und denke mir dabei: ,Solch eine Sonne ist wohl etwas ungeheuer Großes und ein gewaltigster Zeuge von des Herrn endloser Weisheit und ewiger Macht; aber sie kann den Herrn, ihren Gott und Schöpfer, dennoch nicht so wie ich sehen, begreifen und über alles lieben!‘ – Und siehe, das ist nach meiner Meinung bei weitem mehr, als eine so endlos große Sonne sein in irgendeiner für Menschen nie ermeßbaren Tiefe des endlosen Schöpfungsraumes! Und wer weiß, ob der Herr mich denn vielleicht nicht ebenso liebhat wie eine so große Sonne!?
GEJ|2|142|3|0|Und sieh, du holdester Junge, diese unsere Erde könnte auf jener übergroßen Sonne vielleicht kaum als ein bemerkbares Stäubchen angesehen werden, und doch betritt nun Der ihren Boden, von dessen leisestem Hauche das Dasein aller der zahllosen Hauptmittelsonnen abhängt! Und so meine ich, daß nicht immer gerade das das Größte in den Augen des Herrn ist, was im endlosen Schöpfungsraume einen kaum meßbaren Teil desselben einnimmt, sondern was innerlich groß ist!
GEJ|2|142|4|0|Was bin ich als Kind bezüglich der Körpergröße nur gegen unsere kleine Erde, und doch fühle ich in meiner Brust einen Raum, in dem alle deine Hauptmittelsonnen mit all ihren zahllosen Nebensonnen und Erden zur Übergenüge Platz haben! Mein kleines Auge übersieht mit einem Blick tausendmal tausend Sterne; es fragt sich, ob solch eine Fähigkeit all den großen Sonnen innewohnt!? – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|2|142|5|0|Sage nun wieder Ich: „Ganz vollkommen recht hast du, und es ist also, und du allein wiegst tausend Sonnenalle auf, die den endlosen Schöpfungsraum erfüllen; aber es ist immer gut für den Menschen, daß er Meine Werke kennt zur Vermehrung der Liebe zu Mir, seinem Vater!
GEJ|2|142|6|0|Nun aber fängt es an zu dämmern, und wir werden unsere Freunde zu wecken beginnen! Aber nur nach und nach müssen sie geweckt werden; du aber mußt von all dem Gesehenen niemandem früher etwas melden, als bis dir Mein und nun auch dein Engel, den Ich dir sichtbar bis zu deiner Reife belassen will, aber in anderer Tracht, einen Wink geben wird. Die andern Engel aber sollen nun wieder unsichtbar werden; es sei!“
GEJ|2|142|7|0|Im Augenblick verschwinden die Engel bis auf den einen, der Raphael hieß; und dieser ward bekleidet nach der Art, wie man in Genezareth bekleidet zu sein in der Gewohnheit hatte.
GEJ|2|142|8|0|Als die Jarah nun den Raphael also bekleidet ersieht, sagt sie: „So schon, – so gefällst du mir besser als früher in deiner himmlischen Glorie; denn also siehst du nun vollkommen einem Menschen gleich, und ich will dich recht liebhaben, – nur fragt es sich, wer unterdessen deine großen Weltenleitungsgeschäfte übernehmen wird!“
GEJ|2|142|9|0|Sagt der Engel: „Sorge dich, du holdeste Tochter Gottes, nicht darum; denn ich kann immer hier und dort überall sein, ohne daß du von meiner Abwesenheit etwas merken wirst, außer dann und wann einige Augenblicke. Das bleibt sich alles gleich. Übrigens werde ich mich zu dir zurück allzeit sehr beeilen, denn du bist mir nun schon auch lieber denn alle meine zahllosen Sonnen, von denen wir bei guter Gelegenheit noch mehrere miteinander besuchen werden. – Aber nun will der Herr die Brüder vom Schlafe wecken; darum müssen wir nun hübsch stille sein!“
GEJ|2|142|10|0|Sagt die Jarah: „Ja, ja, ich folge ja gerne und bin schon ganz mäuschenstille!“
GEJ|2|143|1|1|143. — Die Jünger werden vom Schlaf erweckt
GEJ|2|143|1|0|Sage Ich zu Raphael: „Gehe und wecke Mir zuerst Meinen Simon Juda (Petrus)!“
GEJ|2|143|2|0|Raphael erweckt Petrus, und dieser sieht sich voll Staunens um und um und sagt nach einer Weile: „Habe ich denn im Ernste geschlafen? War mir's doch, als ob ich die ganze Nacht hindurch hellwach gewesen wäre! Aber nun sehe ich denn doch, daß ich sehr gut geschlafen habe; aber im Schlafe habe ich so wunderbare Träume gehabt, daß ich mich ähnlicher gar nicht entsinnen kann, sie je gehabt zu haben! Wahrlich, Herr, diese Träume können nicht leere Schäume gewesen sein!“
GEJ|2|143|3|0|Sage Ich: „Sieh dich ein wenig um, – vielleicht entdeckst du mit dem Berge irgendeine Veränderung, von der es dir sicher auch geträumt hat!“
GEJ|2|143|4|0|Petrus sieht sich gleich nach allen Seiten um und sagt: „O Herr, wahrlich, wahrlich, das habe ich im Traume gesehen, und – sieh da – nach allen Seiten hin ist der helle Traum vollkommen verwirklicht!“
GEJ|2|143|5|0|Petrus wollte noch weiterreden, aber Ich sagte zu ihm: „Wecke zuvor die andern Jünger, ehe du weiterredest!“ – Und Petrus tat das.
GEJ|2|143|6|0|Die Jünger erhoben sich vom Boden und verwunderten sich auch über und über, daß sie nun erst gewahr wurden, daß sie geschlafen hatten, während es ihnen in ihrer Seele vorkam, als wären sie die ganze Nacht hindurch vollkommen wach gewesen und hätten unerhörte Wunderdinge geschaut.
GEJ|2|143|7|0|Judas aber sagte: „Ich glaube noch immer nicht, daß ich geschlafen habe! Habe ich doch mit dir, Simon Juda, das und jenes geredet, und du wolltest mir nichts gelten lassen und sagtest auch zu mir: ,Alle diese Wunder werden dich nicht schützen, an uns allen um wenige Silberstücke einen Verräter zu machen!‘, worüber ich ganz toll vor Zorn wurde und dich über eine Felswand hinab ins Meer stoßen wollte; aber da packte mich mein Thomas und riß mich auf den Boden zurück! – Sage mir, Bruder Simon, weißt du davon im Ernste nichts?!“
GEJ|2|143|8|0|Sagt Petrus: „Keine Silbe! Ich weiß gar nicht, ob mir von dir etwas geträumt hat!“
GEJ|2|143|9|0|Sage Ich: „Seht euch ein wenig um, ob nicht so manches in der Wirklichkeit sich gestaltet hat, was ihr im Traume gesehen habt!“
GEJ|2|143|10|0|Die Jünger begeben sich nun nach allen Seiten des Berges hin, und es erfolgt ein Staunen über Staunen, und Andreas sagt: „Wir haben nun bisher in der kurzen Zeit von einem halben Jahre des Wunderbaren so viel gesehen und vernommen, daß man nun kaum annehmen sollte, als könnte da noch irgend etwas möglich sein, sich noch als ein größeres Wunder darzustellen; und dennoch bleiben uns allen von neuem wieder alle Sinne starr, steif und stumm! Unsere Traumgesichte werden zur Wirklichkeit!
GEJ|2|143|11|0|Ich sah den von der Jarah erwählten Engel, der zuerst alles Wasser des Meeres in die Höhe hob und es in der freien Luft zu einem ungeheuer großen Tropfen machte; und ich sah mit meinen Augen den staubtrockenen Meeresgrund und die schöne Perlenmuschel, die die Jarah zum Gedächtnisse vom Boden hob und sie dann in ihrer Schürze verbarg, dann aber, wie der Engel, auf ein Verlangen der holdesten Gottestochter, diesen Berg nach allen Seiten hin leicht besteigbar formte, und das alles in einem schnellsten Augenblick! – Und seht, das alles ist nun auch wirklich da!
GEJ|2|143|12|0|Mit welchen Worten und reinen Taten sollen wir denn nun unsern Herrn und Meister zu preisen beginnen? Wo ist denn der Engel, der in unsere Herzen glühende Gedanken legte, die auszusprechen wir Seiner würdig fänden? Oh, zu wie gar nichts werden wir nun vor Ihm, dem allmächtigen, ewigen Gott!
GEJ|2|143|13|0|Unsere Väter bebten unter dem Sinai, als Er unter Blitz und Donner dem Moses auf dem flammenden Berge die heiligen Gesetze der Liebe gab! Und als Moses vom Berge kam, da leuchtete sein Angesicht vor der göttlichen Majestät stärker denn des Mittags Sonne; und er mußte sich eine dreifache Decke vor sein Angesicht hängen, damit das Volk sich ihm nahen konnte. Die geheiligten Seher des Herrn weissagten noch lange nachher, so sie nach vorangegangener Vorbereitung auf eine kurze Zeit mit der Decke Mosis nur am Haupte bedeckt wurden, und wir staunen noch heutzutage über ihre hohe Weisheit! Und hier ist Der Selbst, der auf Sinai donnerte! Sinai ward zur Glut unter dem Tritte Seiner Füße, – und wir können in Seiner allmächtigsten Gegenwart kalt bleiben wie eine schlechte Winternacht?! Darum auf und eilendsten Schrittes zu Ihm hin; denn Er ist allein heilig über heilig! Ihm allein gehört alle Ehre, aller Ruhm, alle Liebe und alle Anbetung!“
GEJ|2|143|14|0|Auf die Anrede des Andreas wurden alle Jünger bis auf Judas, der den Andreas einen überspannten Schwärmer nannte, voll liebeglühenden Eifers, traten zu Mir hin und brachten Mir ein glühendes „Hosianna“ zum Morgengruße.
GEJ|2|144|1|1|144. — Eine Lobrede der Jarah
GEJ|2|144|1|0|Auf dieses laute Singen erwachten auch alle die andern noch Schlafenden und stimmten gleich beim Erwachen mit den Jüngern ein; und Ich ließ allen Luft machen für ihre Herzen, und die Jarah umklammerte Meine Füße und weinte vor übergroßer Freude und Seligkeit! Als sie bei einer halben Stunde zu Meinen Füßen vor Seligkeit geweint und die Jünger ihren Morgengruß beendet hatten, da richtete sich die Kleine auf und sagte mit einer bedeutungsvollen Stimme: „O Erde, wann, wann wirst du wieder so glücklich sein, von diesen Füßen betreten zu werden? Fühlst du, stumme Mutter der Laster, wohl, wer Der ist, der dich nun betritt? Nein, nein, du fühlst es nicht, du kannst es nicht fühlen; denn du bist zu tot und zu klein! Wie solltest du das fassen, was für den unendlichen Raum und für alle die zahllosen Myriaden Wesen in ihm zu undenkbar groß und heilig ist!? Wo soll ich anfangen und wo enden, um Seine Herrlichkeit nur in einem Tautropfen zu besingen? Denn Er, Gott der Ewige, ist es ja, der den Tautropfen so gut wie jene endlos großen Lichtwelten schuf! O Herr, o mein Gott, vernichte mich doch; denn nimmer erträgt mein Herz die zu glühende Liebe zu Dir!
GEJ|2|144|2|0|Als ich Deine Herrlichkeit noch nicht kannte, da liebte ich Dich wie einen vollkommensten Menschen. Ich ahnte in Dir wohl den reingöttlichen Geist, und mein Herz liebte diesen heiligsten Geist in Dir unaussprechlich; aber dennoch dachte ich mir Dich als einen Sohn des Allerhöchsten! Aber nun hat alles eine andere Gestaltung angenommen! Du bist der Allerhöchste Selbst! Außer Dir gibt es keinen mehr! Vergib daher mir kleinstem Würmchen des Staubes, das da in seiner angestammten Blindheit gewagt hatte, Dich zu lieben wie einen Menschen!“
GEJ|2|144|3|0|Sage Ich: „Mein Kindchen, da gibt es nichts zu vergeben; bleibe du bei dieser Liebe! Denn Ich sage es nun euch allen: Wer Mich nicht liebt, wie du, Meine allerliebste Jarah, Mich geliebt hast und noch liebst, dessen Liebe wird von Mir als gar keine angesehen!
GEJ|2|144|4|0|Wer Gott nicht liebt als den vollkommensten Menschen, der kann um desto weniger seinen Nächsten lieben, der ein noch höchst unvollkommener Mensch ist! So es aber geschrieben steht, daß Gott den Menschen nach Seinem Ebenmaße geschaffen hat, was sollte dann Gott anderes sein – so der Mensch Sein Ebenmaß ist – als eben auch ein, aber ganz natürlich vollkommenster Mensch!? Oder sehe Ich nun anders aus denn ein Mensch, weil du, Mein Kindchen, von Meiner Herrlichkeit ein paar kleinste Tröpfchen gesehen hast?“
GEJ|2|144|5|0|Sagt die Jarah: „O nein, Du siehst noch immer gleich aus, und in meinem Herzen ist es auch nicht anders geworden! Ja, ich möchte Dich schon lieber ganz im Herzen haben vor lauter Liebesdrang! Ich möchte Dich so kräftig umarmen, daß mir die Adern zerreißen könnten, und Dich dann nimmer auslassen; ja, ich möchte Dein Angesicht mit zahllosen Küssen bedecken und gar nimmer aufhören, Dich zu küssen! Kurz, ich weiß gar nicht auszusprechen, was ich aus purer Liebe zu Dir alles tun möchte! Aber Du bist nun das allerheiligste, allerhöchste Gottwesen, und ich denke mir denn also in meinem Herzen, daß ich viel zu unwürdig bin, Dich also zu lieben, als wärest Du ein Mensch; aber ich kann mir nun schon denken, was ich kann und mag, so nimmt mein Herz darauf dennoch keine Rücksicht und liebt Dich nur noch heftiger denn zuvor!“
GEJ|2|144|6|0|Sage Ich: „Das ist schon recht also! Es folge deine Seele nur allzeit dem lautern Zuge des Herzens und fache darin eine rechte helle Flamme an, so wird es in der ganzen Seele bald helle werden und der Geist Gottes wird in ihr aufgehen wie eine Sonne, und in seinem Lichte und in seiner Lebenswärme wird erst die Saat Gottes aufgehen und die Seele versehen mit den Früchten des Lebens für die Ewigkeit!
GEJ|2|144|7|0|Aber es kann der Geist Gottes im Menschen nicht geweckt werden anders denn durch die Liebe zu Gott, und aus solcher Liebe heraus in der Liebe zum Nächsten.
GEJ|2|144|8|0|Darum bleibe du nur gleichfort in deiner Liebe; denn diese ist mehr wert für Mich und dich als alle Herrlichkeiten, die du mit deinen Augen geschaut hast!
GEJ|2|144|9|0|Aber nun wollen wir die andern auch vernehmen und uns erzählen lassen, was diese Nacht auf sie für einen Eindruck gemacht hat.“
GEJ|2|145|1|1|145. — Die Realität des gemeinsamen Traumes
GEJ|2|145|1|0|Der Hauptmann fängt an, sich ganz behutsam vom Boden aufzurichten und sagt: „Herr und Meister! Dir vor allem allen Dank, daß ich noch lebe auf dieser Höhe! Wie leicht hätte ich bei einem dreimaligen Umdrehen hinab in die Tiefe stürzen können, und mit meinem armseligen Leben hätte es für die Welt ein ewiges Ende genommen! Aber ich lebe noch und zwar auf derselben Stelle, an der ich gestern die Ruhe nahm, und das habe ich nur Dir allein zu danken und danke Dir darum auch aus aller Tiefe meines Herzens! Ich bitte Dich aber auch zugleich inbrünstigst, daß Du mich und alle andern von dieser schauderhaften Höhe wohlerhalten möchtest hinab nach Genezareth kommen lassen, und das sobald als möglich; denn solange ich mich noch mit dem Hinabsteigen in meinem Gemüte beschäftigen muß, kann bei mir von einem guten Mute keine Rede sein!“
GEJ|2|145|2|0|Sage Ich: „Hast du, lieber Freund, denn in dieser Nacht gar nichts geträumt?“
GEJ|2|145|3|0|Sagt der Hauptmann: „Ja, ja, richtig, ja, – hätte vor lauter Angst beinahe den herrlichen Traum vergessen! Ja, wenn dieser Berg so wäre, wie ich ihn gestern im Traume gesehen habe, so wäre es freilich eine Freude, ihn noch tausend Male zu besteigen; aber ein Traum bleibt ein Traum!“
GEJ|2|145|4|0|Sagt der neben ihm stehende Ebahl: „Mitnichten, Freund! Ich sage es dir, daß diesmal unser gleicher Traum die vollwahrste Realität angenommen hat. Stehe auf und gehe an der Spitze Ränder, und du wirst dich überzeugen, daß unser Berg sogar gegen die Meeresseite hin nun ganz sanft abfällt und allenthalben ohne die geringste Gefahr zu besteigen ist, hinab wie herauf! Ich habe mich schon von allem überzeugt und sage dir die vollste Wahrheit. Komm und überzeuge dich selbst!“
GEJ|2|145|5|0|Sagt der Hauptmann: „Eine Gesichtstäuschung wird es etwa doch nicht sein?“
GEJ|2|145|6|0|Antwortet Ebahl: „So ich und meine Weiber und Kinder schon auf dieser Gesichtstäuschung nach allen Richtungen hin herumgegangen sind, da wird deine Gesichtstäuschung doch etwa irgendeinen festen Grund haben!? Gehe, erhebe dich vom Boden und überzeuge dich von allem selbst!“
GEJ|2|145|7|0|Auf diese Worte erhebt sich der Hauptmann endlich, sieht sich nach allen Seiten um, findet zuerst die Platte des Berges sehr erweitert und sagt: „Ja, ja, ich sehe im Ernste, daß da in der Nacht große Veränderungen allerwunderbarst vor sich gegangen sind; aber gehe du doch zuerst auf den neuen Boden, damit ich mich überzeuge, daß er wirklich fest ist!“
GEJ|2|145|8|0|Sagt Ebahl: „Freund, ein so schätzbarer Mann du sonst auch bist, so wirst du mir aber infolge deiner beständigen Zweifelsucht schon zuwider! Gilt mein Wort bei dir denn gar nichts mehr? Wann doch habe ich zu dir je ein unwahres Wort geredet, daß du mir nichts aufs Wort glauben willst? Komm her und prüfe selbst, und zweifle dann fürder nicht mehr!“
GEJ|2|145|9|0|Sagt der Hauptmann: „Ja Freund, ja, du hast recht! Ich werde mich selbst von allem überzeugen.“
GEJ|2|145|10|0|Hier bewegt sich der Hauptmann ganz ruhigen Schrittes an den Rand gegen Genezareth, und als er der sanften Abdachung des Berges gewahr wird, so sagt er, sich dabei hoch wundernd: „Ja, da ist ja der ganze Berg auch übersetzt worden! Als ich gestern von diesem Rande nach Genezareth hinabschaute, da kam es mir so nahe vor, daß ich es mit einem Steinwurfe hätte erreichen müssen; und nun liegt es gut hundert Feldwege von hier, und wir werden bei sechs Stunden zu gehen haben, bis wir unser liebes Städtchen erreichen werden!
GEJ|2|145|11|0|Nein, wer da noch einen Zweifel hat darüber, daß unser Jesus Gott und Mensch zugleich ist, dem kann auch kein Gott mehr helfen! Ja, du Bruder Ebahl, du hattest vorhin ganz recht, als du mich einen dir widrigen Zweifler nanntest; denn ich war es wirklich! Aber nun ist alles Zweifelns bei mir ein Ende, und ich glaube und bekenne nun vor euch allen mit einem Eide, daß unser Meister und Heiland Jesus vollkommen ein Gott ist, und außer Ihm es ewig keinen zweiten und dritten geben kann; denn weil das mir Geträumte wahr ist, so wird auch alles andere vollends wahr sein! Und da ist Er der alleinige Gott und Herr über die ganze Unendlichkeit!
GEJ|2|145|12|0|Aber nun gehen wir zur Jarah hin, – die muß uns ihre zwei Gedächtniszeichen vorzeigen! Denn ich habe sie im Grunde des Meeres, als ein Himmelsgeist das Wasser bis auf den letzten Tropfen heraushob, eine herrliche Perlenmuschel auflesen und in ihre Schürze stecken sehen, und ich sah auch den leuchtenden Stein, den sie aus einer Sonnenwelt mitnahm, in die sie der Himmelsgeist gebracht hatte. Sind die zwei erwähnten Stücke auch also leibhaftig vorhanden wie dieser erneuerte Berg, dann haben wir der Beweise mehr, als wir deren vonnöten haben!“
GEJ|2|146|1|1|146. — Jarah zeigt ihre Gedenkstücke
GEJ|2|146|1|0|Nach diesen Worten begeben sich der Hauptmann und der Ebahl hin zur Jarah und ersuchen sie, daß sie ihnen die zwei bewußten Gedächtniszeichen vorweisen möchte.
GEJ|2|146|2|0|Und die allerliebste Jarah greift sogleich in den großen Sack ihrer Schürze, geht den beiden entgegen und sagt: „Da sieh her, du mein lieber Julius, hier sind die beiden Gedächtniszeichen leibhaftig! Glaubst du's nun, und wirst du einmal aus deiner ewigen Furcht heraustreten?“
GEJ|2|146|3|0|Sagt der Hauptmann: „Ja, du meine allerliebste und allerzarteste Jarah, mein Glaube steht nun fester denn dieser Berg, und meine lästige Furcht ist mit Hilfe des allmächtigen Herrn auch für immer dahin, – des kannst du nun vollends versichert sein! Aber deine Gedächtniszeichen sind auch von einem unschätzbaren irdischen Werte. Die Muschel samt ihrem Inhalte wiegt den Wert von ganz Jerusalem auf; denn sie enthält vierundzwanzig Perlen von der Größe eines kleinen Hühnereies, von denen eine hunderttausend Pfunde Goldes wert ist! Welchen Wert aber dieser höchst harte, durchsichtige und schöner denn der Morgenstern leuchtende Stein hat, dafür hat die Erde keinen Maßstab! Kurz, du bist nun nicht nur geistig, sondern auch irdisch das reichste Mädchen in der Welt! Wahrlich, du bist nun reicher denn alle Könige und Kaiser der ganzen Welt zusammen! Wie kommt dir das nun vor?“
GEJ|2|146|4|0|Sagt die Jarah ganz bescheiden: „Das kommt mir gerade so vor, als hätte ich nichts; und diese zwei Gedenkzeichen haben für mich keinen andern Wert als allein den, für den ich sie genommen habe, nämlich als Erinnerung an die unbeschreiblichen Wundertaten Gottes an uns armen, schwachen und sündigen Bewohnern der Stadt und Gegend Genezareth.
GEJ|2|146|5|0|Der Herr wird nicht immer leiblich in unserer Mitte verbleiben, wie Er es mir schon gestern recht klar gesagt hat; aber diese Zeichen werden uns allzeit lebendigst an Ihn in unseren Herzen erinnern und unsere Liebe zu Ihm von neuem anfachen! – Das ist meine Meinung.
GEJ|2|146|6|0|Aber der Herr hat mir noch ein Zeichen hinterlassen aus dieser Wundernacht, die für mich eigentlich der allerhellste Tag war! Dieses Zeichen bleibt auch bei mir sichtbar und späterhin unsichtbar, bis es nach einer gewissen Zeit, so ich mich dessen wert erhalten werde, mir wieder sichtbar werden wird.“
GEJ|2|146|7|0|Fragt der Vater Ebahl: „Nun, und wo hast du dieses Zeichen? Magst es uns nicht sehen lassen?“
GEJ|2|146|8|0|Sagt die Jarah, neben der sich der Engel Raphael befindet: „Da, bei mir da, steht es, wenn du nichts dagegen hast!“
GEJ|2|146|9|0|Sagt Ebahl, der den Engel vom Kopfe bis zum Fuße mit seinen Augen betrachtet: „Das ist freilich ein noch köstlicheres Angedenken! Aber ich fürchte, daß du in diesen gar zu schönen Jüngling viel zu früh bis über die Augen und Ohren verliebt wirst; und so er dir dann unsichtbar wird, da wirst du dann auch vor lauter Traurigkeit blind und taub werden!“
GEJ|2|146|10|0|Sagt die Jarah: „O sorge du dich um etwas anderes! Wer einmal Gott den Herrn also liebt wie ich, für den sind auch alle Schönheiten der Himmel so gut, als wären sie gar nicht vorhanden! Ich aber habe den Jüngling auch sehr lieb; denn er ist sehr weise und überaus stark, mächtig und geschwinde!“
GEJ|2|146|11|0|Fragt der Hauptmann, sagend: „Wo ist er denn hergekommen? Ich weiß mich nicht zu erinnern, ihn je in Genezareth gesehen zu haben, und doch ist er ganz nach der Weise dieses Ortes bekleidet! Ich bewundere seine überaus reinen, zarten und dabei überaus weichen Züge! In seinem Wesen liegt ein wahrer Zauber voll der höchsten Anmut! Wie zart, weich, rein und überaus wohlgestaltet nur seine Füße sind!
GEJ|2|146|12|0|Das reine Beinkleid, bis zu den Knien reichend, das blendend weiße Hemd und das über seine Schultern nachlässig hängende, faltenreiche Mäntelchen aus einem blauen Stoffe steht ihm aber auch so ausgezeichnet gut, daß man sich wahrlich nichts Geschmackvolleres denken kann, und das runde Hütchen auf seinem Haupte ziert seinen wunderschönsten Kopf schon auf eine Weise, die sich gar nicht beschreiben läßt! Wahrlich, diesem allerholdesten Jünglinge könnte ich keine Bitte verweigern! Der könnte mir ein Kaisertum ungestraft nehmen, wenn er mich dafür nur liebte!
GEJ|2|146|13|0|Nein, je länger ich diesen Menschen betrachte, desto schöner und anziehender kommt er mir vor! Seine Eltern sind wahrlich glücklich zu preisen, solch einen Sohn zu besitzen, und du, meine allerliebste Jarah, kannst dich für solch ein Geschenk wohl für überselig preisen! Wäre noch ein solcher Junge irgend in der Welt zu haben, wahrlich, ich gäbe alle meine Schätze und großen Güter darum!
GEJ|2|146|14|0|Aber was wirst du mit diesem schönsten Jünglinge nun machen? Du bist zwar auch ein gar wunderschönes, liebes Mädchen; aber der Jüngling übertrifft dich an Schönheit dennoch um vieles. Du gehst nun erst ins dreizehnte Jahr, und der Jüngling wird sechzehn haben. So er dein Gemahl wird, nun, so lasse ich mir's wohl gefallen; bleibt er aber nur als ein Gespiele von dir, dann wird dein leicht zündbares Herzchen sicher bald in große Verlegenheiten kommen! Aber sage du uns dennoch, wozu du ihn verwenden wirst!“
GEJ|2|146|15|0|Sagt die Jarah: „Ihr redet nach eurem Sinne, weil ihr den Geist nicht kennet! Dieser Jüngling wird bis in mein sechzehntes Jahr mein Beschützer und Führer sein und wird mich unterweisen in der Weisheit der Himmel Gottes – und euch auch, so ihr ihn werdet hören wollen!“
GEJ|2|146|16|0|Sagt der Hauptmann: „Nach deinem sechzehnten Jahre aber wird er dann wohl dein Gemahl werden?“
GEJ|2|146|17|0|Sagt die Jarah: „O du mein lieber Julius, das war einmal wieder eine Frage von dir, für die ich dir keine Verbeugung machen kann! Habe ich dir denn nicht schon gleich anfangs gesagt, daß dieser Jüngling nach meinem sechzehnten Jahre mich verlassen wird auf eine Zeitlang, wie es der Herr bestimmt hat, was mir auch nichts machen wird; denn mein Herz gehört vollkommen dem Herrn, der mir bleibet ewiglich! Ist aber mein Herz ein Eigentum Gottes, so kann es nicht auch dabei das Eigentum eines andern werden!“
GEJ|2|146|18|0|Sagt Ebahl: „Ja, ja, meine allerliebste Tochter, du hast wohl nun ganz recht! Aber deine Jahre sind noch nicht da; wenn sie aber kommen werden, dann wirst du mit deinem Fleische in starke Kämpfe geraten! Wohl dir, so du ihrer Meisterin wirst!“
GEJ|2|146|19|0|Sagt dazu auch der Hauptmann: „Ja, ja, der Vater hat recht! Du bist nun noch nur ein Kind, und es brennt schon in deinem Herzchen wie in einem Kalkofen! Jetzt hat es nach seinem Verlangen freilich das Höchste und kann sich nach nichts Geringerem mehr sehnen; aber wenn dieses Höchste sich, um dich auf eine nötige Selbstprobe zu stellen, von deinem Herzen zurückziehen wird, dann wird dein Herz liebehungrig werden! Und wird es lange der höchsten Speise entbehren, dann wird es bald nach anderen Gegenständen seine langen Arme auszustrecken beginnen, um sich zu sättigen! Denn wie da auch schmerzlich ist der Hunger des Magens, so ist aber der Liebehunger dennoch um tausendmal schmerzlicher.
GEJ|2|146|20|0|Nehmen wir nur einen Feldherrn, der ein liebloser Tyrann seiner Untergebenen ist! Alle werden sich in einem verzweifelten Zustande befinden, und wo sie für ihn in den Kampf gehen sollen, da werden sie sich dem Feinde ergeben, um sich dadurch ihres lieblosen Herrn zu entledigen. Zeigt aber ein weiser Feldherr, daß er seine Untergebenen liebt wie ein Vater seine Kinder, dann mag ein Feind kommen, und sie werden sich mit allem Mute und mit der größten Selbstverleugnung für ihren geliebten Feldherrn bis auf den letzten Blutstropfen schlagen und werden den Feind vernichten!
GEJ|2|146|21|0|Ja, du meine allerliebste Jarah, die Liebe ist ein gar mächtig Ding, und das bedarf stets einer weisen Leitung, so es sich am Ende nicht selbst aufzehren soll!“
GEJ|2|146|22|0|Sagt nach einer Weile die Jarah, nachdenkend: „Ja, ja, du magst da nicht ganz unrecht haben; aber das muß man aber ja beim Herrn doch annehmen, daß Er kein tyrannischer Feldherr über ein Ihn über alles liebendes Herz sein wird!?“
GEJ|2|146|23|0|Sagt Julius: „Das eben nicht! Aber – wie ich mich erinnere, was Er geredet hat die heutige Nacht mit dir – Er ist und bleibt Gott, dem sich der menschliche Geist erst dann vollkommen nähern kann, wenn er sich den ihm verliehenen Kräften zufolge selbst gestaltet, gebildet und gefestet hat, während welcher Selbstbildungsperiode er von Ihm ganz unbeachtet gelassen wird! Wenn aber also, dann ist Gott in solch einer Periode ein notwendiger Tyrann mit verbundenen Augen und fest verstopften Ohren! Und wird bei dir solche dir von Ihm Selbst angekündigte Periode kommen, dann, meine allerliebste Jarah, werden wir darüber weiterreden!“
GEJ|2|146|24|0|Sagt die Jarah: „Ich vertraue und glaube fest, daß Er mich auch dann nicht völlig verlassen wird!“
GEJ|2|146|25|0|Sagt der Hauptmann: „Das wird Er wohl kaum, weil du schon viel vor uns allen voraus hast; aber du wirst bei deiner großen Liebe zu Ihm auch eine kleine und kurz dauernde Verlassung weltengroß und schwer fühlen! – Aber nun gehen wir hin zu Ihm; denn Er scheint etwas vorzuhaben!“
GEJ|2|147|1|1|147. — Der Gläubigen Verkehr mit dem Herrn im Herzen
GEJ|2|147|1|0|Die drei begeben sich nun zu Mir, und der Hauptmann fragt Mich: „Herr, was soll nun geschehen? Wie es mir vorkommt, so hast Du etwas vor!?“
GEJ|2|147|2|0|Sage Ich: „Siehst du denn nicht die herrliche Morgenröte!? – Habet nun alle acht, denn da werdet ihr den schönsten Aufgang der Sonne sehen! Es ist zwar nur der Aufgang der Natursonne; aber er hat dennoch eine tiefe geistige Bedeutung, die euch klar werden soll! Denn da begegnet ein Aufgang dem andern!“
GEJ|2|147|3|0|Fragt Petrus: „Herr, wie sollen wir das deuten?“
GEJ|2|147|4|0|Sage Ich: „Oh, wie lange werde Ich euch noch zu ertragen haben! Wir sind nun schon eine geraume Zeit beisammen, und du merkst es noch nicht, daß durch Mich eurer Seele eine Sonne aus den Himmeln aufgegangen ist und noch immer von Tag zu Tag weiter aufgehet?!“
GEJ|2|147|5|0|Sagt Petrus: „Herr, sei darum nicht ungehalten; Du weißt es ja, daß wir ganz einfache Menschen sind, die es übers nötigste Lesen und ein wenig Schreiben hinaus nie gebracht haben! Hätten wir Dich verstanden, so wäre eine Frage wohl als ein Mutwille zu schelten; aber wir verstanden Deinen Spruch nicht und haben Dich darum gefragt.“
GEJ|2|147|6|0|Sage Ich: „Das ist ganz gut und recht, so man es nicht weiß, daß man mit Mir sich auch im Herzen still besprechen kann; weiß man aber das, so ist nicht die Frage selbst, sondern die unkluge Art zu fragen ein Fehler, und nur den will Ich an euch gerügt haben. Sehet dort die beiden Essäer und die etlichen Pharisäer, wie sie nun über euch große Augen machen, daß ihr Mich um etwas laut habet fragen mögen, indem ihr als ihre Meister doch wissen solltet, daß Ich jedem Fragenden auch im Herzen still die vollste Antwort zu geben vermag!
GEJ|2|147|7|0|Es ist bei euch zwar wohl auch nicht Unkunde oder Eigensinn schuld daran, sondern eure alte Gewohnheit; aber nehmet euch dennoch für die Folge mehr zusammen, auf daß die Menschen erkennen mögen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid, und ihr vor der Welt nicht die Achtung verlieret, die euch für euer neues Amt vor allem not tut.
GEJ|2|147|8|0|Gehet aber nun hin zu euren Jüngern und belehret sie darob, sonst werden sie euch zu fragen anfangen, um was und warum ihr Mich laut gefragt habt!“
GEJ|2|147|9|0|Sagt Petrus: „Herr, so dürfen wir nimmer ein lautes Wort mit Dir wechseln?“
GEJ|2|147|10|0|Sage Ich: „O ja, aber nur alles zur rechten Zeit und wann Ich es euch anzeige! – Aber nun geht und tut, was Ich euch geboten habe!“
GEJ|2|147|11|0|Darauf gehen die Jünger hin zu den zwei Essäern und den etlichen Pharisäern und sagen zu ihnen: „Es wundere euch nicht, daß auch wir noch manchmal laut den Herrn ums eine oder andere fragen; denn auch wir sind noch Menschen und hängen dann und wann an alten Gewohnheiten!“
GEJ|2|147|12|0|Und die beiden Essäer sagen: „Wir haben es uns auch also gedacht; denn wir haben nach eurer Lehre in unsern Herzen den Herrn über das gleiche befragt, und es ward uns im Augenblick die hellste Antwort ins Herz gelegt. Es kam uns darum eben etwas seltsam vor, daß ihr laut gefragt habt. Aber wie gesagt, wir haben es uns gleich gedacht, daß bei euch so etwas öfter noch aus purer alter Gewohnheit geschehen kann, und stellten uns aber auch gleich völlig zufrieden; denn wir haben in dieser Nacht doch so merkwürdige Traumgesichte gehabt, wie wir uns ähnlicher nie entsinnen können, sie je gehabt zu haben. Und was dabei das Wunderbarste ist: ein jeder von uns hat auf ein Haar dasselbe geträumt, und alles, was wir in dem merkwürdigsten Traume sahen, verwirklicht sich nun am schon hellen Tage! Nein, so etwas ist noch nie dagewesen!
GEJ|2|147|13|0|Nun glauben es auch wir fest, daß dieser Nazaräer mehr denn allein ein vollkommenster Mensch ist. Er ist dem Leibe nach wohl ein Mensch wie unsereiner, aber in Seinen Eingeweiden und in Seinem Herzen wohnt alle Fülle der göttlichen Kraft und Macht, der die ganze Unendlichkeit gehorcht! – Aber nun richten wir nach Seinem Worte unsere Augen nach dem Aufgange, um Wunder zu schauen!“
GEJ|2|147|14|0|Sagt Petrus: „Ob gerade da ein besonderes Wunder zu ersehen sein wird, wissen wir kaum; aber wie uns schon jetzt die mit rotem Lichte umsäumten Wölkchen am fernen Horizonte verkünden, werden wir von dieser Höhe das schönste Schauspiel der Schöpfung Gottes erleben und werden daraus die Lehre nehmen können, wie ein gleicher Aufgang unserer Seele zuteil geworden ist und bleiben wird ewig!“
GEJ|2|147|15|0|Sagt einer der Essäer: „Jawohl, ein Aufgang nicht nur uns, sondern der ganzen Erde, ja der ganzen Unendlichkeit! Denn es scheint uns, daß diese Menschwerdung des allerhöchsten Gottgeistes nicht bloß dieser Erde und ihrer Kreatur, sondern der ganzen Unendlichkeit gilt!
GEJ|2|147|16|0|Daß der göttliche Geist sich besonders diese Erde erwählt hat, ist freilich ein etwas unergründliches Ding für unsern Geist, da Er – wie wir nun wissen – zahllose Myriaden der großherrlichsten Lichtwelten hat, auf denen Er mit Sich Selbst die eigene Menschwerdung hätte vornehmen können; aber Er wird es am besten wissen, warum Er gerade die Erde gewählt hat!
GEJ|2|147|17|0|Früher, als wir noch der Meinung waren, daß diese Erde die einzige Welt im ganzen Universum sei, da wäre die Sache recht gut begreiflich gewesen; denn da wäre nach dem Naturgange der Dinge nichts anderes übriggeblieben. Diese Erde war die einzige, nach unsern Begriffen endlos große Welt, deren Wässer an die des Firmamentes reicheten, und wir glaubten, daß die Sonne, der Mond und die Sterne bloß darum da wären, um mit ihrem Lichte diese Welt zu erleuchten! Aber nun hat auf einmal alles ein ganz anderes Gesicht bekommen; wir wissen nun, was all die Sterne, der Mond und die Sonne sind, und wir wissen, wie klein unsere Erde gegen eine Sonnenerde ist.
GEJ|2|147|18|0|Nun läßt sich's denn wohl fragen und sagen: ,Wie kam dieses Sandkörnchen, Erde genannt, zu dieser Gnade?‘ Wahrlich, diese Frage wird dereinst noch eine sehr gewichtige werden und wird vielen zu einem gewaltigen Anstoße werden! Darum wäre es wohl nach unserer Meinung nicht ganz überflüssig, auch über diesen Punkt eine genügende Aufhellung zu bekommen! – Was meint ihr, dürften wir Ihn darüber befragen?“
GEJ|2|147|19|0|Sagt Petrus: „Versuchet es in eurem Herzen! Kommt eine Antwort, so wird es wohl und gut sein, und kommt darauf keine weitere Antwort zum Vorscheine, dann ist es ein Zeichen, daß wir für solch eine Belehrung noch nicht reif genug sind! – Aber nun sehet hin, die Sonne ist dem Aufgange schon sehr nahe; denn die Wölkchen des Morgens leuchten schon so stark, daß man sie kaum mehr anblicken kann!“
GEJ|2|147|20|0|Sagt der Essäer: „Ja wahrlich! Oh, das ist ein unbeschreiblich herrlicher Anblick! Aber merket ihr es nicht, wie dort über den Wolken sich etwas bewegt? Es sieht beinahe so aus, als ob eben über den Wölkchen sich Sterne von besonderem Glanze hin und her bewegten! Was mag das doch sein?“
GEJ|2|147|21|0|Sagt Petrus: „Was es eigentlich ist, das wird wohl nur der Herr allein wissen; aber wir Fischer nennen solche eben nicht selten vorkommenden Erscheinungen ,Morgenfischlein‘. Wenn diese zu sehen sind, dann läßt sich gut fischen im Wasser, und es kommt gen Abend hin sicher ein Wetter oder zum wenigsten ein starker Sturmwind. Obschon ich im Ernste gestehen muß, daß ich selbst dergleichen Fischlein in solcher Frische und Lebhaftigkeit noch nicht gesehen habe, so ist mir aber dennoch diese Erscheinung nicht fremd; nur läßt sich hier vielleicht, von dieser Höhe aus, diese Erscheinung besser ausnehmen als unten von der Tiefe!“
GEJ|2|147|22|0|Sagt der Essäer: „Wißt ihr was, – gehen wir näher zum Herrn hin! Ich sehe, daß Er mit Ebahl und dessen Kindern spricht. Dort wird wieder vieles enthüllt werden; das müssen wir hören!“
GEJ|2|148|1|1|148. — Naturbetrachtungen und ihre geistige Entsprechung
GEJ|2|148|1|0|Auf diesen Antrag des Essäers kommen alle mehr in Meine Nähe, und Ich berufe die beiden Essäer und sage, daß sie nun auf alles wohl acht haben sollen, was da beim Aufgange zu sehen sein werde; denn es werde daraus viel zu lernen sein!
GEJ|2|148|2|0|Die beiden Essäer treten nun näher zu Mir und sagen: „Herr, Herr, daß daraus endlos viel zu lernen wäre, das dürfte wohl eine ewige Wahrheit sein; aber wo ist unsere Seele einer so hohen Lehre fähig?! Wir sehen wohl mit lüsternen Augen in die lichtvollen Tiefen Deiner Wunderschöpfungen und erstaunen über die Maßen in unserem Gemüte; aber wir sind viel zu blind, nur die Wunder eines Tautröpfchens zu würdigen und zu begreifen, geschweige dann erst die, die in unmeßbaren Größen und Fernen leuchtend vor uns am Firmamente auf- und niedergehen! Auch über die über den Wölkchen hin- und herschwebenden Lichtpunkte haben wir schon mit dem Jünger Petrus geredet; aber er konnte uns darüber keinen genügenden Bescheid geben. – Wenn es Dir, o Herr, genehm wäre, so könntest Du uns darüber wohl ein paar Wörtlein kundtun!“
GEJ|2|148|3|0|Sage Ich: „Das hat sehr wenig zu bedeuten und ist eine ganz natürliche Erscheinung, gleich der eines mäßig wogenden Meeres. So das Meer wogt und du dich auf irgendeinem rechten Punkte befindest, nach dem die gebrochenen Sonnenstrahlen hinfallen, so wirst du dort ein ähnliches Lichtspiel sehen.
GEJ|2|148|4|0|Die Luft, die zum Einatmen für Menschen und Tiere tauglich ist, reicht nicht etwa bis zu den Sternen hin, sondern im äußersten Hochstande nur so weit über die Erde, als da ausmachete die vierfache Höhe dieses Berges, vom Meere an gerechnet; nach solcher Höhe ist dann die Erdluft scharf begrenzt, so wie das Wasser von der Luft, und hat gleich dem Wasser eine höchst glänzende, glatte Oberfläche, die gleich dem Meere sich in einem beständigen Wogen befindet.
GEJ|2|148|5|0|Wenn nun das Licht der Sonne auf diese erwähnten Luftwogen fällt, so strahlt es wie aus einem Wasserspiegel zurück; gehen die Luftwogen stark, so werfen sie das aufgenommene Licht dann und wann auch zur Erde herab, und am leichtesten, wenn scheinbar die Sonne sich noch unter dem Horizonte befindet, wo ihre Strahlen gewisserart von unten her auf die Fläche des Luftmeeres fallen. Und so sind diese munter hin und her schwebenden Lichter nichts als Widerscheine der Sonne, und ihre Beweglichkeit rührt von der Beweglichkeit der Wogen der Luft her.
GEJ|2|148|6|0|Daß sie aber jetzt, wo die Sonne kaum noch eine scheinbare Spanne unter dem Horizonte steht, besonders über den sehr lichten Wölkchen zu sehen sind, hat darin seinen Grund, daß die Luftwogen nun mehr das Licht von den von der Sonne schon stark beleuchteten Wölkchen aufnehmen und mit demselben gewisserart ein tändelndes Spiel treiben. – Seht, das ist die ganz natürliche Erklärung dieser Erscheinung!
GEJ|2|148|7|0|Aber über all das hat diese Erscheinung auch eine geistige Bedeutung, und diese ist für euren Verstand begreiflich folgende:
GEJ|2|148|8|0|Denkt und stellet euch also die geistige Sonne vor! Das von ihr ausgehende Licht wird von der stets wogenden Fläche des geschaffenen Lebensmeeres aufgenommen, und dieses spielt mit solchem Lichte, und es entstehen daraus allerlei Zerrbilder, die wohl noch den matten Glanz von sich strahlen lassen, aber dabei jede Spur der göttlichen Urform zerstören; also ist das ganze Heidentum und nun auch das Judentum ein solches Verzerren alles rein Göttlichen.
GEJ|2|148|9|0|Wenn ihr aber sehet einen ganz ruhigen Wasserspiegel, und es scheint die Sonne darein, so wird sie aus dem Wasserspiegel in derselben Majestät und Wahrheit widerstrahlen, als wie ihr sie sehet am Himmel. Und ebenso gehört ein ruhiges, leidenschaftsfreies Gemüt, das nur durch eine gänzliche Selbstverleugnung, Demut, Geduld und reinste Liebe erreicht werden kann, dazu, damit das Ebenmaß Gottes im Geiste des Menschen ebenso rein und wahr widerstrahle wie die Erdsonne aus einem ruhigsten Wasserspiegel.
GEJ|2|148|10|0|Ist das bei einem Menschen der Fall, so ist in ihm alles zur Wahrheit gediehen, und seine Seele ist dann fähig, ihren Blick in die Tiefen der Schöpfungen Gottes zu richten und alles schauen zu können in aller Fülle der reinsten Wahrheit. Aber sowie es in ihr zu wogen anfängt, so werden die Urbilder zerstört, und die Seele befindet sich dann schon notwendig auf dem Felde des Truges und der Täuschungen aller Art und Gattung und kann nicht zur reinen Anschauung gelangen, bis nicht in ihr die völlige Ruhe in Gott eingetreten ist.
GEJ|2|148|11|0|Und das ist die wahre Sabbatruhe in Gott, und die Feier des Sabbats ist darum von Gott verordnet worden. Der Mensch soll sich da von jeder schweren, anstrengenden Arbeit enthalten, weil jede schwere Arbeit die Seele nötigt, dem Fleische ihre Kräfte zu leihen, und dabei mit demselben erregt wird, was den Spiegel ihres Lebenswassers in eine starke Bewegung versetzt, daß sie darum die rein göttliche Wahrheit in sich nimmer klar erkennen kann.
GEJ|2|148|12|0|Die wahre Sabbatruhe besteht demnach in einer vernünftigen Feier von aller schweren Arbeit; ohne Not soll man nicht die Hand an sie legen, aber in der Not ist jeder Mensch verpflichtet, seinem Bruder zu helfen.
GEJ|2|148|13|0|Mehr aber noch, als sich von aller schweren Arbeit enthalten, soll eine jede Seele jede Leidenschaft zur Seite schaffen! Denn die Leidenschaften sind Stürme der Seele; sie wühlen ihr Lebenswasser auf, und Gottes Ebenmaß wird dann in der Seele also zerrissen, wie das Ebenmaß der Sonne auf den Wogen des Meeres zerrissen wird. Es blitzt wohl das Bild der Sonne aus den Wogen, aber in welcher Verzerrtheit! Und so der Sturm lange währt, so entsteigen dem bewegten Meere bald schwere Dünste und füllen die Himmelsluft der Seele mit schweren Wolken; diese hindern dann das Licht der Geistessonne völlig, an das Lebensgewässer der Seele zu gelangen, – und die Seele wird finster, kann nicht mehr unterscheiden Wahres vom Falschen und hält das Blendwerk der Hölle für ein Himmelslicht.
GEJ|2|148|14|0|Eine solche Seele ist dann aber auch schon soviel wie verloren! Es müßten denn starke Winde kommen, das heißt starke Prüfungen von oben, daß durch sie zerrissen würde das arge Gewölke der Seele, diese sich dann sogleich begäbe in die wahre Sabbatruhe und dadurch zur Ruhe brächte ihr Lebensmeer, – ansonst ist für sie keine Rettung!
GEJ|2|148|15|0|Seht, das ist der für jedermann brauchbare Sinn geistig, den uns dieser schöne Sonnenaufgang in seinen sonst ganz natürlichen Erscheinungen zeigt! Wer ihn an sich beachten wird, der wird in der Wahrheit und in allem Lichte verbleiben, und das ewige Leben wird sein Anteil sein; wer aber diese Lehre in den Wind schlagen und sie nicht beachten wird, der wird sterben für ewig!“
GEJ|2|149|1|1|149. — Betrachtung des Sonnenaufgangs und der Morgenerscheinungen
GEJ|2|149|1|0|(Der Herr:) „Nun aber gebet weiter acht! Die Sonne streckt gerade ihre Scheibe, besser ihre westlichste Kugelfläche, über den Horizont; was bemerket ihr nun?“
GEJ|2|149|2|0|Sagen die Essäer: „Sonst wohl nichts als die lichte Fläche, die bedeutend schnell aus der lichten Tiefe heraussteigt; das Lichtfischleinspiel hat sich nun plötzlich verloren, und die Wölkchen werden dünner und verlieren sich ebenfalls eins nach dem andern. Und nun steht schon die ganze Scheibe oder Kugel über dem Horizonte, und nun kommt auch ein ziemlich kühles Lüftchen vom Morgen her zu uns. Das ist aber auch alles, was wir entdecken.“
GEJ|2|149|3|0|Sage Ich: „Wendet eure Augen auch in die Ebenen und Täler der Erde hinab und saget, was ihr da sehet!“
GEJ|2|149|4|0|Die beiden Essäer beschauen die Tiefen der Erde und sagen darauf: „Wir sehen die Täler angefüllt mit graulichten Nebeln, auch des Meeres Fläche ist mit einem graulichten Dunste überzogen; aus den Tälern aber hebt sich der Nebel und bedeckt hie und da schon die niederen Hügel. – Soll etwa das alles auch irgendeine geistige Bedeutung haben?“
GEJ|2|149|5|0|Sage Ich: „Ganz sicher, umsonst und ohne geistige Anregung geschieht nichts auf der Erde! Wir aber wollen nun sehen, welch eine Bedeutung das hat!
GEJ|2|149|6|0|Die Sonne entspricht völlig dem Wesen Gottes; die Erde mit ihren Tälern, Flächen, Hügeln, Bergen, Flüssen, Strömen, Seen und Meeresflächen aber entspricht völlig dem Außenmenschen.
GEJ|2|149|7|0|Die Nebel, die sich zwischen die Sonne und die Erde stellen, entsprechen den mannigfachen leeren und kleinlichen Sorgen der Menschen, durch die das Licht der Sonne nur hie und da spärlich durchbrechen kann, und die Nebel steigen aufwärts und bedecken sogar die Berge; die Hügel und Berge aber entsprechen der besseren Einsicht der Menschen auf dieser Erde. Diese bessere Einsicht wird ebenfalls getrübt durch die kleinlichen und nichtigen Sorgen der halbblinden Menschen.
GEJ|2|149|8|0|Darum kommen aber nun Morgenwinde und treiben die Nebel von den Bergen und Feldern, auf daß sie zunichte werden und die Berge und Felder von der Sonne frei beleuchtet und erwärmt werden können, auf daß ihre Früchte des Lebens zur Reife gelangen mögen. – Ich meine, diese Entsprechung werdet ihr wohl verstehen!?“
GEJ|2|149|9|0|Sagen die beiden Essäer: „Ja Herr, die ist klar wie die Sonne dort! Oh, welch eine Herrlichkeit in dieser großen heiligsten Lehre! Oh, was alles wissen doch die Menschen nicht, das sie doch so wissen sollten, als sie wissen, daß sie leben! Herr, die uns nun gegebene Lehre von der wahren Sabbatruhe in Dir soll unsere Sache sein, sie einzuführen bei den Menschen. Diese übertrifft alles bisher Gesagte und von Dir Gelehrte; denn wir sehen in allen vorhergehenden Lehren nur eine Vorbereitung zur leichteren Beachtung dieser heiligsten Lehre! Wahrlich, dazu mußten sich auch alle Himmel auftun, auf daß den Menschen wiedergegeben werde diese heiligste Lehre der Lehren! – Aber nun kommt eine ganz andere Frage, und das an uns!
GEJ|2|149|10|0|Wie sollen wir Dir, o Herr, aber denn würdig danken für diese rein überhimmlische Lehre? Wir fühlen in der tiefsten Tiefe unseres Herzens, daß wir ihrer eigentlich gar nicht wert sind; Deine alleinige Gnade und Liebe nur konnte sie uns geben! O Herr, gib uns doch ein Gebot, wie wir Dich darum loben und preisen sollen!“
GEJ|2|149|11|0|Sage Ich, beiden Essäern Meine Hände auf die Achseln legend: „Meine lieben Freunde, tut danach, und ihr werdet Mir dadurch eine nicht mindere Freude machen, als Ich sie euch nun gemacht habe! Und euer Lohn wird kein geringer sein, so ihr auch die andern Menschen dazu bewegen werdet.“
GEJ|2|150|1|1|150. — Die Essäer werden vom Herrn beauftragt, Schulhäuser zu erbauen
GEJ|2|150|1|0|(Der Herr:) „Errichtet danach eine Schule und lehret die Jünger die Feier des Sabbats halten, und haltet sie selbst an jedem Tage ein paar Stunden hindurch, und ihr werdet alsbald die große Segnung dafür in euch wahrzunehmen beginnen!
GEJ|2|150|2|0|So ihr aber eine Schule errichtet und erbauet dafür ein großes Haus, so sollen dessen Mauern frei sein von jeglicher Sperre und von jeglichem Schlosse! Werdet wahre Freimaurer eurer Schulhäuser, und der Propheten Schulen wird euer neues Werk sein; aber es sei eure Hauptsorge dahin gerichtet, daß ihr alle Meine Lehre, die schon gegeben ward und noch gegeben wird, treu bewahret und nicht, gleich den Pharisäern und Ältesten, darunter menget eure Satzungen! Eure gegenwärtigen Satzungen müssen vom Grunde ausgereutet werden, und Mein Wort muß vollauf an deren Stelle kommen, und das in der freien Tat, ansonst Mein Geist nicht wirken könnte nach der Verheißung, die den Menschen gegeben ward durch den Mund der Propheten!“
GEJ|2|150|3|0|Die Essäer danken nun für diese Belehrung und versprechen es Mir mit allem Ernste, daß sie das alles buchstäblich beachten werden; nur möchte Ich ihnen dafür stets den gerechten Schutz und die hinreichende Kraft verleihen, alles dieses rein göttliche nicht nur für sich, sondern für viele andere Menschen, die es danach dürsten wird, ins ersprießliche, für alle Zeiten heilsame Werk zu setzen!
GEJ|2|150|4|0|Sage Ich: „An Mir wird es nie fehlen; aber sehet nur ihr darauf, daß unter euch in der Folge keine Rangstreitigkeiten entstehen! Der Erfahrenste von euch sei wohl der Leiter und Führer eurer Sache; aber er bilde sich darum nie ein, mehr zu sein, als da ist einer der Geringsten unter euch! Aber damit sei gar nicht gesagt und gemeint, daß die Schwächeren ihm darum die gebührende Achtung versagen sollen. Er werde geliebt und geachtet, und sein Rat werde von allen befolgt also, als wäre er ein Gesetz; wehe dem, der sich vergriffe an ihm! Wahrlich, der soll von Mir mit zornigen Augen angesehen werden!
GEJ|2|150|5|0|So ihr aber erwählet einen Vorsteher und Leiter eurer Sache, so betet und prüfet, daß nicht einem Unwürdigen das Amt verliehen werde; denn ein schlechter, unkluger Leiter ist einer Gesellschaft das, was ein schlechter Hirte ist seiner Herde. So er sieht den Wolf kommen, da ergreift er zuerst die Flucht, und die Schafe überläßt er dem Wolfe, oder er wird am Ende selbst zu einem Wolfe und also zum Würger seiner Lämmer geistig, wie es nun die Pharisäer und ihre Hohenpriester sind. Sie gehen in Schafskleidern einher, aber inwendig sind sie reißende Wölfe! Sie geben kaum den Mücken eine Nahrung; aber was sie für eine Mücke gaben, dafür verlangen sie ein ganzes Kamel!
GEJ|2|150|6|0|Darum werdet nicht denen gleich! Sie wohnen in Gemächern von Steinen gemauert, die stets also wohl verwahrt und versperrt sind, daß ja niemand zu ihnen kommen kann und auch nicht kommen darf, auf daß ja niemand käme hinter ihre Betrügereien; und würde auch ein Mutiger es wagen, in ein solches Templergemach einzudringen, so würde er als ein Schänder des Heiligtums erklärt und gleich darauf gesteinigt!
GEJ|2|150|7|0|Darum sagte Ich zu euch, daß ihr eure Schulhäuser frei und offen erbauen sollet, auf daß jedermann aus- und eingehen kann, so er will! Jedes Geheimnis schwinde aus eurer Schule! Wer da will, den weihet ein, insoweit er es fassen kann; denn Ich verkaufe euch in Meiner Lehre keine Katze im Sacke, – Ich sage euch alles offen und klar und tue mit nichts geheim, außer, wo es die Klugheit fordert zum Wohle jedes Menschen. Darum seid auch ihr offen gegen jedermann, bei dem ihr einen guten Willen sehen werdet! Aber dennoch seid dabei auch klug; denn so weit braucht die Offenheit nicht zu gehen, daß man den Schweinen zum Fraße vorwürfe die edlen und kostbaren Perlen!
GEJ|2|150|8|0|Ich Selbst hätte euch allen noch gar vieles zu sagen; allein ihr würdet es jetzt noch nicht fassen und ertragen. Aber wenn der Geist der vollen Wahrheit in euch wach werden wird, so wird er euch selbst in alle Weisheit leiten; und dieser Geist ist das göttliche Ebenmaß in euren Herzen, und ihr selbst werdet ihn in euch erwecken durch die rechte Sabbatfeier. – Saget, ob ihr das alles nun begriffen habt?!“
GEJ|2|150|9|0|Sagen die Essäer, ganz zerknirschten Herzens: „Ja, Herr! Wer sollte Deine heiligen Worte nicht verstehen? Das sind ja nicht Worte gleich denen eines Menschen! Deine Worte sind ja alle wesenhaft, sie sind durchaus Licht, Wärme und Leben! So Du, o Herr, sprichst, so fühlen wir in uns ein wesenhaftes Werden, so, daß es uns vorkommt: mit jedem Worte aus Deinem Munde entsteht irgendeine unermeßlich große, neue Schöpfung, – und wir fühlen in uns ein unendliches neues Werden!
GEJ|2|150|10|0|Wir verstehen aber dennoch den für uns nötigen Sinn Deiner heiligsten Worte, obschon zu deren endlicher Wirkung wir ewig nie gelangen werden; denn wir fühlen es und empfinden es lebendig in uns, daß Deine hier ausgesprochenen Worte nicht nur uns, sondern der ganzen ewigen Unendlichkeit gelten! – O, so jauchze denn, du Erde, die du aus den zahllosen Welten erkoren warst, daß der Herr der Ewigkeit mit Seinen Füßen deinen Boden betritt und Seine heiligste Stimme in deiner Luft ertönt! – O Herr, wie viele Wesen werden doch aus jedem Deiner Worte und aus jedem Hauche Deines Mundes!? Oh, laß Dich von uns loben, lieben, preisen und anbeten; denn Dir allein gebührt alles das!“
GEJ|2|151|1|1|151. — Das gesegnete Frühstück auf dem Berge
GEJ|2|151|1|0|Sage Ich: „Gut, gut, Meine lieben Freunde und Brüder! Wir wollen nun nach diesem Seelenmorgenmahle auch um eines für den Leib uns umsehen! – Ebahl, hast du noch etwas Vorrat?“
GEJ|2|151|2|0|Sagt Ebahl: „Herr, es ist wohl noch etwas da, aber nicht mehr viel, denn es ist gestern abend fast alles aufgezehrt worden; etwas Brot und Wein ist aber dennoch vorrätig!“
GEJ|2|151|3|0|Sage Ich: „Bringe alles her, auf daß Ich es segne, und wir werden alle in Genüge zu essen haben und eben also zu trinken!“ – Ebahl ließ nun sogleich einen halben Laib Brot und etwa noch für drei Becher Wein, der im Schlauche zurückgeblieben war, zu Mir hinbringen, und Ich segnete das Brot und den Wein und sagte: „Teile es nun aus, und so etwas übrigbleibt, da werden wir auch hier das Morgenmahl halten!“
GEJ|2|151|4|0|Ebahl teilt nun das Brot aus und bricht, um auszukommen, nur kleine Stücke von dem halben Laibe; aber es will der halbe Laib nicht kleiner werden. Da er aber sieht, daß der halbe Laib nicht kleiner wird, obschon er allen Berggästen für mehrere Mundvoll hintangegeben hatte, so fängt er an, größere Stücke hintanzugeben; aber auch da wird der halbe Laib nicht kleiner. Als er nun sieht, daß die Berggäste bei Appetit sind, so beginnt er die Austeilung noch einmal von vorne und bricht nun noch größere Brocken vom Laibe; und als er herumkommt bei den etlichen dreißig Menschen, die da mit uns den Berg bestiegen haben, so hat er noch ein tüchtiges Bröckchen in der Hand und sagt zu Mir: „Herr, das habe ich noch erübrigt. Wird es wohl genügen für Dich, für den Raphael, für die Jarah und für mich?“
GEJ|2|151|5|0|Sage Ich: „Gib es nur der Jarah, daß sie es austeile, dann wird es wohl genügen!“ – Ebahl tut das, und die Jarah gibt davon zuerst Mir ein Stück, dann ihrem Raphael, dann dem Ebahl und dann erst sich das Übriggebliebene, und wir hatten auch alle genug.
GEJ|2|151|6|0|Aber der Hauptmann bemerkte und sagte: „Warum hast du, Freund Ebahl, denn mich nicht auch zu dieser letzten Teilung genommen? Hast du mich denn dieser für zu wenig wert gehalten?“
GEJ|2|151|7|0|Sage Ich: „Freund, wolle darob nicht ärgerlich werden! Denn sieh, Ebahl rechnete auf Nichtsübrigbleiben, darum er mit der Austeilung anfangs auch so spärlich als möglich begann; er wollte dich nicht auch unter die Zahl derer bringen, auf die am Ende nichts gekommen wäre! Da aber nach Meinem Willen dennoch etwas übrigblieb, so ist damit erst die zweite Teilung unternommen worden. Liegt dir aber an der zweiten Austeilung viel, die durchaus um nichts besser ist denn die erste, so sage es, und Ich trete dir gerne Meinen Anteil ab.“
GEJ|2|151|8|0|Sagt der Hauptmann: „Nun, nun, es ist schon alles wieder gut; mir ist nun nur eine altrömische Rangesdummheit durchs Gehirn gefahren, – bin aber schon wieder ganz in der Ordnung! Aber was mich hier am meisten wundert, ist, daß der himmlische Raphael das Brot mit solcher Lust verzehrt, als wäre er der Hungrigste unter uns allen! Das ist wahrhaft sehr merkwürdig! Er ist denn doch mehr Geist denn ein Fleischmensch und ißt so, als wäre er jemals auf der Erde geboren worden! Das gefällt mir ungemein! – Aber ich fühle, daß das pure, zwar äußerst wohlschmeckende Brot dürsten macht, und so möchte ich bald etwas zum Trinken bekommen.“
GEJ|2|151|9|0|Sage Ich zu Ebahl: „Teile nun den Wein aus, und fange bei unserem Freunde Julius an!“
GEJ|2|151|10|0|Sagt der Hauptmann: „Herr, ich bitte Dich, trinke doch Du zuerst; denn irgendeine Rangordnung muß ja doch auch bei Tische sein!“
GEJ|2|151|11|0|Sage Ich: „O ja, Ich bin Selbst dafür; aber da wir hier keinen Tisch haben und auch nicht zu Gaste geladen sind, so nehmen wir den Wein nach dem natürlichen Bedürfnisse zu uns! Der am meisten durstig ist, der trinke zuerst, und die weniger Durstigen folgen ihm – jeder nach seinem Bedürfnisse!“
GEJ|2|151|12|0|Mit diesem Bescheide war der Hauptmann denn auch zufrieden, trank den ihm dargereichten Becher bis auf den letzten Tropfen aus und sagte: „Herr, ich danke Dir! Das war eine wahrhaft himmlische Stärkung, und noch nie hat mir der Wein an einem Morgen so gemundet wie jetzt hier; das ist aber auch ein Wein, wie es auf der Erde keinen zweiten gibt.“
GEJ|2|151|13|0|Sage Ich: „Uns alle freut es, daß es dir nun so wohl behagt auf dieser Höhe!“
GEJ|2|151|14|0|Sagt der Hauptmann: „Herr, vergib es mir, wenn ich vielleicht in meiner guten Laune etwas Ungeschicktes sage! Aber mir kommt es nun vor, daß hier sogar der Satan voll des besten Mutes werden sollte!“
GEJ|2|151|15|0|Sage Ich: „So du ihn sehen und sprechen willst, kann er hierher berufen werden, und du kannst dich dann gleich überzeugen, ob es ihm hier behaglich vorkommen wird!“
GEJ|2|151|16|0|Sagt der Hauptmann: „Wenn es im Ernste einen persönlichen Satan gibt, so mag er hier ja erscheinen!“
GEJ|2|152|1|1|152. — Satan erscheint auf dem Berge
GEJ|2|152|1|0|Als der Hauptmann solches ausspricht, so geschieht ein mächtiger Blitz, begleitet vom stärksten Donner, und der Satan steht in großer Riesengestalt ganz feurig vor dem Hauptmanne, stampft mit einem Fuße so heftig auf den Boden, daß der ganze Berg um und um erbebt, und spricht zum Hauptmann: „Was willst du, elendester Mutterschänder, von mir!? Warum beriefst du mich auf diese Höhe, die mir tausend Male peinlicher ist als alles Höllenfeuer!?“
GEJ|2|152|2|0|Sagt der Hauptmann, etwas sehr stark aufgeregt über den Anruf ,Mutterschänder‘: „He, Feind aller Menschen und Gottes Selbst, mäßige dich; denn dir steht es nicht zu, zu richten im Angesichte Gottes, deines Herrn! Habe ich gesündigt im Schlafe in großer Betäubung meiner Sinne, so habe ich nur mir, nie aber dir in etwas geschadet. Ich glaube aber, daß Gott mehr ist denn du, und Er hat mich noch nie also begrüßt wie du elender Lügner! Es ist wohl wahr, daß es einmal geschah, daß ich meine Mutter beschlafen habe in meinem vierzehnten Jahre; aber ich ward dazu verleitet durch meine Mutter. Denn sie verkleidete sich in eine üppigste Griechin und trug über ihr ohnehin noch äußerst schönes Gesicht eine feine griechische Larve, kam in der Nacht zu mir, entdeckte mir alle ihre mächtigen Reize und verlangte mich. Denn meine Mutter war damals kaum achtundzwanzig Jahre alt; als sie mich als Erstling gebar, zählte sie dreizehneinhalb Jahre. Ich war in Rom bekannt als einer der schönsten und reizendsten Jünglinge; was Wunder, daß meine eigene Mutter für mich entbrannte und sich maskierte, um mich zu genießen! Elender! So ich als ein feuriger Römer sonach in einer vermeinten üppigsten und reizendsten Griechin meine Mutter beschlief, bin ich darum ein Mutterschänder? Kannst du, blinder Höllenesel, den je einen Mörder oder Totschläger schelten, der vom Dache fiel und am Boden in seinem Falle einen Menschen traf und dadurch tötete?! – Rede nun, du alter Höllenesel!“
GEJ|2|152|3|0|Spricht der Satan, ganz ergrimmt über die Beschimpfung von seiten des Hauptmanns: „Ich sehe nur auf die Tat, und nicht, in welcher Art sie begangen ward; bei mir gibt es keine mildernden Umstände, und du bist von mir aus als gerichtet anzusehen, gehörst der Hölle an und wirst meiner Macht nicht entrinnen!“
GEJ|2|152|4|0|Sagt der Hauptmann: „Da sieh hin, du alter, blinder Höllenesel! Wer ist Der, der mir hier zur Rechten steht, kennst du Ihn, ist dir der Jesus von Nazareth nicht bekannt?“
GEJ|2|152|5|0|Als der Hauptmann Meinen Namen ausspricht, reißt es den Satan mit aller Gewalt zu Boden nieder, und er bedroht den Hauptmann, daß er diesen ihm allerwidrigsten Namen nimmer aussprechen möchte. Er kenne den Nazaräer und fluche demselben, weil er der Gottheit die Macht entreißen wolle und es gar nicht viel mehr fehle, daß er ein Herr Himmels und aller Welt werde!
GEJ|2|152|6|0|Sagt der Hauptmann: „Blinder Höllenesel! Was Er von Ewigkeit war, das ist Er noch und wird es ewig bleiben; und Er allein wird mich und dich richten, und ewig nicht du alter, böser, blinder und allerdümmster Höllenesel! Wenn du schon ein gar so mächtiges Wesen bist, warum reißt dich denn gar so leicht der pure Name des heiligen Nazaräers also zusammen, als wärest du nie gestanden? Sieh, wie schön und löblich es hier ist, und wie gut es wir alle haben! Wärst du kein so erzdümmstes Höllenvieh, wie leicht könntest du es ebenso gut haben wie wir! Kehre um und erkenne in deinem Herzen, wenn du noch eines hast, daß Jesus der Herr Himmels und der Erde ist, und du wirst uns sicher gleichgestellt werden!“
GEJ|2|152|7|0|Da grinst der Satan: „Hast du schon wieder den mir allerwidrigsten Namen aussprechen müssen?! Wenn du schon von nichts Besserem zu reden weißt, so umschreibe doch wenigstens den Namen; denn er peinigt mich mehr denn zehntausend Höllen in ihrer höchsten Feuerwut! Zudem bin ich ein Geist und muß das bleiben ewig eures Heiles willen und kann mich daher nie bekehren zu eurem Gott und eurem Herrn! Ich bin einmal und für alle Male für ewig verdammt, und für mich gibt es kein Heil mehr!“
GEJ|2|152|8|0|Sagt der Hauptmann: „Wenn mir das jemand anders als du gesagt hätte, würde ich's glauben; aber dir glaube ich nichts, außer, daß du wirklich der alte, dumme Höllenesel bist! So du dich bekehren wolltest, da weiß ich nur zu gut, daß du mit deinem ganzen Anhang vom Herrn angenommen würdest; aber bei dir ist es nur eine hartnäckigste Bosheit, aus der heraus du selbst dich ewig nie bekehren willst, weil es dir eine Art höllischer Freude macht, Gott dem Herrn trotzen zu können infolge deines freien Willens. Aber ich sage es dir, daß der Herr vor dir noch lange Sein Herz nicht völlig verschlossen hat, und hat dich noch lange nicht gerichtet! Kehre dich daher zu Ihm, und Er wird dich aufnehmen und dir vergeben alle deine Milliarden mal Milliarden Frevel und Sünden!
GEJ|2|152|9|0|Ich bin ein Heide und habe in meiner Jugend angebetet die Natur und die Schnitzwerke, gemacht von Menschenhänden und hervorgegangen aus ihrer Phantasie; aber ich, als ein schwacher, blinder Fleischmensch, habe es dennoch bald eingesehen, daß ich mich auf Irrwegen befunden habe, auf denen kein Ziel zu erreichen ist.
GEJ|2|152|10|0|Du aber bist seit deinem Urbeginne als ein reiner Geist geschaffen worden von Dem, der nun im Herzen dieses heiligen Nazaräers wohnt, und dem sichtbar Himmel und Erde vollkommenst untertan sind. Dir ist das reine Erkennen der ewigen Wahrheit ein leichtes, während ich lange in Nacht und Nebel herumtappen mußte; du darfst sonach nur wollen, und du sitzest wieder im alten Urlichte. Wende dich daher an den Herrn, der hier wunderbarstermaßen körperlich unter uns weilt, und ich stehe dir mit allem, was mir samt meinem Leben eigen und heilig ist, dafür, daß du angenommen wirst!“
GEJ|2|152|11|0|Sagt Satan: „Ich kann das nicht!“
GEJ|2|152|12|0|Sagt der Hauptmann: „Und warum nicht?“
GEJ|2|152|13|0|Schreit der Satan: „Weil ich es nicht will!“
GEJ|2|152|14|0|Sagt nun denn auch der Hauptmann mit einer sehr erregten Stimme: „So hebe dich im Namen Jesu von hinnen; denn nun fängt es mich an bis zum Erbrechen zu ekeln vor dir! Du bist sonach höchst eigenwillig eine unverbesserliche Höllenbestie, und in mir ist jedes Mitleid wegen deiner ewigen Pein und Qual für ewig entschwunden. Der Herr richte dich, du alter Höllenesel!“
GEJ|2|152|15|0|Auf diese Worte des Hauptmanns stürzte der Satan wie vom Blitze getroffen auf den Boden und brüllte also gewaltig wie ein hungriger Löwe; aber Ich winkte dem Engel Raphael, daß er ihn aufs Korn nehme.
GEJ|2|152|16|0|Da trat der Engel schnell hin zwischen den Hauptmann und Satan und sagte: „Satan! Ich, ein allergeringster Diener des Herrn Jesus Jehova Zebaoth, gebiete aufs unwandelbarste Muß, daß du dich augenblicklich hebest von diesem Orte und dieser Gegend, die du lange mit deinem bösen Hauche für Tiere und Menschen heillos gemacht hast!“
GEJ|2|152|17|0|Sagt der Satan, ganz vom Grimme entbrannt: „Wohin soll ich ziehen?“
GEJ|2|152|18|0|Sagt der Engel: „Wo deine Diener deiner harren und dich verfluchen! Gehe und weiche! Amen!“
GEJ|2|152|19|0|Mit diesen Worten des Engels erhob sich der Satan gleich einem nach allen Seiten hin flammenden Balle und floh unter großem Knallgetöse in Blitzesschnelle gen Mitternacht.
GEJ|2|152|20|0|Der Engel aber riß auf den Boden an der Stelle, da der Satan stand und lag (es war ein Steinblock von mehreren fünfzig Zentnern), und schleuderte ihn mit solcher Gewalt über den ganzen Berg weit ins Meer hinein, daß der Stein schon in der Luft durch ihren Widerstand in den nichtigsten Staub aufgelöst ward.
GEJ|2|152|21|0|Und alle verwunderten sich allerhöchlichst über solch eine Gewalt des Engels, und der Hauptmann sagt: „Ha, das wäre ein Steinschleuderer! Der gäbe allein mehr aus als zehn römische Legionen! Übrigens danke ich Dir, o Herr, auch für diese Offenbarung; denn nun habe ich denn auch den ewigen Feind aller Liebe, alles Lichtes und alles Guten und Wahren sozusagen persönlich kennengelernt und habe mich schnell überzeugt, was es mit ihm für eine Bewandtnis hat. Den bessert keine Ewigkeit und kein Feuer mehr!
GEJ|2|152|22|0|Es sind bei Gott wohl alle Dinge möglich; aber hier glaube ich, daß es auch der göttlichen Allmacht schwer gelingen wird, diesen Geist zur Reue und Buße zurückzubewegen. Denn wird ihm der freie Wille belassen, so ändert er sich ewig nimmer; wird er ihm aber nicht belassen, so hat er aufgehört, Er zu sein, und es gibt dann keinen Satan in der ganzen Unendlichkeit mehr. Ihn aber mit möglichst größten Qualen und Schmerzen zur Besserung bewegen wollen, hieße mit einem Siebe Wasser in ein durchlöchertes Gefäß schöpfen! Das Weiseste wäre nach meiner Ansicht noch, ihn für alle Zeiten der Zeiten in irgendein Gefängnis gefangenzunehmen und zwar schmerzlos; so würde er zum wenigsten auf die lebenden Menschen keinen Einfluß nehmen können!“
GEJ|2|152|23|0|Sage Ich: „Freund, das sind Dinge, die du jetzt nimmer fassen kannst; einst aber werden sie dir klar werden! Die irdische Zeit hat dafür freilich kein Maß, – wohl aber eine ganze Urgrundmittelsonne! Wann diese einmal zu Ende kommt, dann auch wird die noch immer mögliche Umkehr des Satans nicht mehr ferne sein; aber wo wird dann schon sein diese Erde und diese Sonne?! Denn ein Körper, wie da ist die Urgrundmittelsonne, braucht einen für dich undenklich langen Zeitraum, bis all das in ihr gerichtete Leben, das nun eine scheinbar tote Materie ist, bis aufs letzte Stäubchen sich auflöst ins freie, geistige Leben!
GEJ|2|152|24|0|Aber, wie gesagt, solches kannst du nun noch lange nicht fassen! Solches fassen jetzt auch die Engel nicht; aber es wird bald eine Zeit kommen, in der du im nun dir Gesagten keinen Zweifel finden und Dinge glauben wirst, von denen du jetzt noch keine Spur hast! Doch nun nichts Weiteres mehr davon! Machet euch aber nun auf, und wir werden uns ganz gemach auf die Rückreise begeben!“
GEJ|2|153|1|1|153. — Der Abstieg vom Berge
GEJ|2|153|1|0|Spricht die Jarah, die während der sichtbaren Anwesenheit des Satans ihr Angesicht mit einem Tuche bedeckte: „Herr, nun gehe ich gerne zurück in die Stadt; denn die Gegenwart des Einen hat mir für alle Zeiten diese Höhe verleidet, obschon sie mir anderseits unbeschreibbar denkwürdig verbleiben wird. Meine Füße werden sie nie wieder betreten!“
GEJ|2|153|2|0|Sage Ich: „Nun, nun, der ist von da nun ausgetrieben worden, und dein Raphael hat den Platz gleich wieder lauter gemacht; übrigens wird es dir weder zum Schaden noch zu irgendeinem besonderen Nutzen gereichen, ob du je wieder diese Höhe besteigst oder nicht. Die beste Höhe zu besteigen aber ist das eigene Herz; wer in dessen Innerstes gedrungen, hat der Lebensaussicht höchste Höhe errungen! – Aber nun gehen wir, denn es ist bereits die dritte Stunde des heutigen Sabbattages verronnen. Gehet aber nun nur alle Mir nach, und wir werden auf dem nächsten und besten Pfade nach Genezareth gelangen!“
GEJ|2|153|3|0|Sagte der Hauptmann: „Herr, es ist ehedem, so ich mich nicht täusche, die Rede gewesen, als wollten wir etwa noch den ganzen heutigen Tag hier zubringen!?“
GEJ|2|153|4|0|Sage Ich: „Du hast denn diesmal Mich ein wenig falsch verstanden; darunter ward ja nur die Höhe der Sabbatfeier im Herzen verstanden! Aber nun macht das nichts, gehen wir nur; denn unten harren mehrere Leidende unser! Denen muß geholfen werden, auf daß dann nach Meinem Abgange in dieser ganzen Gegend kein Kranker sich soll vorfinden lassen.“
GEJ|2|153|5|0|Auf diese Meine Worte machte sich denn nun alles auf den Weg, und Ich, die kleine Jarah und der Raphael machten uns auf den Weg und machten sogestaltig die Wegweiser, und es ging schnell und leicht von dem Berge ins Tal nach Genezareth hinab. Nach etwa zwei und einer halben Stunde Zeit waren wir auch schon ganz in der Nähe des Städtchens Genezareth.
GEJ|2|153|6|0|Da rief Ich alle Berggäste zusammen und sagte: „Höret ihr alle Mich nun an! Wie Ich es euch schon auf der Höhe angedeutet habe, so sage Ich es euch allen nun noch einmal: Alles das auf der Höhe Erlebte und Gesehene behaltet einstweilen bei euch! Wenn ihr es aber durch ein Großzeichen aus den Himmeln innewerdet, dann prediget solches von den Dächern den Menschen, die eines guten Willens sind; aber der argen Welt soll solches fortwährend also verborgen bleiben, gleichwie da verborgen ist die innerste Mitte der Erde! Denn solches wird ein äußerer Weltsinn nie fassen und würde euch als unsinnige Leute verdammen! Das aber wäre denn dann auch der ewige Tod seiner Seelen.
GEJ|2|153|7|0|Überhaupt merket euch das: Meine Worte und Lehren und Taten sind köstlicher denn die beispiellos großen Perlen der Jarah; und solche Perlen sind nicht, daß man sie vorwerfe den Schweinen! Darum seid allzeit auf eurer Hut; denn alles, was von oben kommt, ist auch nur für diejenigen, die auch von oben her sind! Für Hunde und Schweine aber gehört nur der Unflat der Welt; denn ein Hund kehrt zu dem wieder zurück, was er gespien, und das Schwein wälzt sich in derselben Lache wieder, in der es sich einige Augenblicke früher gewälzt, besudelt und gänzlich verunreinigt hatte. Lasset euch darum Meinen Rat von Herzen angelegen sein!“
GEJ|2|153|8|0|Sagt der Hauptmann: „Herr, so wir aber von den Neugierigen befragt werden, was sich auf der Höhe alles zugetragen hat, was sollen wir dann solchen Fragern für eine Antwort geben?“
GEJ|2|153|9|0|Sage Ich: „Redet die Wahrheit und saget es, daß Ich es euch allen untersagt habe, solches der Welt kundzutun; und die Frager werden dann nicht mehr weiter in euch dringen, sondern sich damit zufriedenstellen.“
GEJ|2|153|10|0|Mit diesem Bescheide war denn unser Hauptmann auch ganz vollkommen zufrieden, und wir begaben uns nun in die Stadt und in das Haus Ebahls.
GEJ|2|154|1|1|154. — Ein Heilwunder in der Herberge Ebahls zu Genezareth
GEJ|2|154|1|0|Als wir im Hause Ebahls ankamen, da kamen sogleich die Knechte und Diener des Hauses und sagten, daß in der Herberge etwa bei hundert Kranke angelangt seien und gefragt haben nach dem Herrn und Heilande Jesus von Nazareth.
GEJ|2|154|2|0|Sage Ich zu den Knechten: „Gehet hin und saget es ihnen, daß sie sich nun ohne Rücksicht auf den Sabbat nur ganz ruhig und wohlgemut nach Hause begeben sollen; denn ihr Glaube an die Kraft Meines Wortes hat ihnen geholfen!“
GEJ|2|154|3|0|Mit dem entfernten sich die Knechte, gingen zu den Kranken in der Herberge und staunten nicht wenig, als sie keinen Kranken mehr fanden; denn alle, die da krank waren, wurden in ein und demselben Augenblick gesund, ohne Rücksicht, ob sie Juden oder Heiden waren. Als die Knechte zu ihnen traten, hörten sie nichts als nur einen Lobgesang für die wiedererlangte Gesundheit ihres Leibes, und die Geheilten verlangten Mich zu sehen!
GEJ|2|154|4|0|Die Knechte aber sagten: „Es steht uns nicht zu, euch solches zu gestatten; aber wir wollen einen Boten hinsenden. So Er es gestattet, da möget ihr hinziehen und Ihn sehen und sprechen; gestattet Er es aber nicht, so möget ihr euch nach Seinem Worte ganz ruhig und wohlgemut von hier entfernen, – denn Er ist nicht immer in der Verfassung, Besuche anzunehmen und noch weniger mit Sich reden zu lassen.“ – Mit dem kommt ein Knecht zu Mir und fragt Mich darum.
GEJ|2|154|5|0|Ich aber sage: „Ich habe es euch ja gesagt, daß sie alle ruhig und wohlgemut nach Hause ziehen sollen, und so bleibe es dabei! Was sie suchten, haben sie erreicht, und für etwas Höheres haben sie weder Sinn noch einen zureichenden Verstand, und so lasset sie denn nach Hause ziehen!“
GEJ|2|154|6|0|Mit diesem Bescheide kehrt der Bote wieder zurück und sagt den Genesenen das. Diese aber sagen: „Dem man eine Ehre und Lob darbringen will, da ist es ungeschickt, voraus zu fragen! Man ziehe hin und bringe ihm aller Wahrheit und Schicklichkeit gemäß das ihm gebührende Lob und den gebührenden Dank, und man wird gut entlassen werden! Gehen wir darum nur ganz mutig hin, und er wird uns, da wir in der besten Absicht der Welt zu ihm kommen, den Zutritt nicht verwehren!“
GEJ|2|154|7|0|Mit diesen Worten begeben sich nun alle zu Mir ins Haus. Sie pochen an die Tür unseres großen Speisezimmers, aber niemand sagt: „Kommet herein!“ Aber sie pochen zu wiederholten Malen, und Ich sage zum Ebahl: „Laß sie herein ihres zudringlichen Glaubens wegen!“ – Und Ebahl ging und tat ihnen die Tür auf, und sie traten ins Zimmer, soviel ihrer Platz hatten, und fingen an, Mich allda laut zu preisen, und sprachen ihren Dank aus.
GEJ|2|154|8|0|Ich aber hieß sie schweigen und sagte zu ihnen: „Ein Lob des Mundes und ein Dank der Lippen hat keinen Wert bei Gott, also auch bei Mir nicht! Der sich Mir nahen will, der nahe sich Mir mit seinem Herzen, so werde Ich ihn ansehen; aber ein leeres Geplärr des Mundes, bei dem das Herz weder etwas denkt und noch weniger etwas fühlt, ist vor Meinen Augen das, was da ist ein faules Aas vor den Nüstern der Nase. Was ihr suchtet, das ward euch zuteil; etwas anderes kennet ihr nicht, und euer leeres Lob behagt Mir nicht! Darum begebet euch nach Hause, und machet diesem Hause keine Ungelegenheiten! Hütet euch aber vor der Unzucht, Hurerei, vor Fraß und Völlerei, – sonst fallet ihr ehest wieder in noch ärgere Krankheiten, als von welchen ihr bis jetzt behaftet und geplagt waret!“
GEJ|2|154|9|0|Diese Worte gingen den Genesenen zu Herzen, und sie fragten sich untereinander, wie Ich das habe wissen können, daß sie ihre Krankheit zumeist ihrer Geilheit zu verdanken hätten. Es überfiel sie eine Furcht vor Mir, da sie sich zu denken begannen: ,Er kann noch mehr von unseren eben nicht sehr löblichen Handlungen ans Tageslicht bringen! Wir gehen darum!‘ – Darauf verließen sie das Zimmer und begaben sich dahin, von wannen sie gekommen waren.
GEJ|2|154|10|0|Dies fiel dem Hauptmann auf, und er fragte Mich und sagte: „Wie ist das, daß diese nun sich so plötzlich verloren haben? Du hattest kaum ihrer Sünden gedacht, und es trieb sie solches wie mit einer großen Gewalt zur Tür hinaus!“
GEJ|2|154|11|0|Sage Ich: „Das sind so rechte Hurenhelden! Sie treiben Unzucht aller Art, und ein Ehebruch ist bei ihnen eine schon ganz gewöhnliche Sache geworden; bei ihnen sind die Weiber kommun (Gemeingut), und eine Jungfrau zu notzüchtigen, ist bei ihnen ein purer Lebensscherz! Aber unter ihnen gibt es auch Knabenschänder und solche, die mit Mägden auf eine unnatürliche, stumme sodomitische Art sich belustigen, weil sie sich dadurch vor bösen Ansteckungen verwahren wollen, aber deshalb in andere, noch schlimmere Krankheiten verfallen. Darum denn habe Ich diese Menschen so hart empfangen und entlassen; denn diese kann nur ein hartes Wort noch zu irgendeiner Besserung bringen.“
GEJ|2|154|12|0|Sagt der Hauptmann: „Von welcher Gegend sind sie denn her?“
GEJ|2|154|13|0|Sage Ich: „Aus der Gegend der Gadarener. Mehr gen Abend hin sind ein paar Flecken und vier Dörfer. Die Bewohner sind ein Gemisch von Juden, Ägyptern, Griechen und Römern. Sie haben wenig – und eigentlich gar keine Religion, und ihr Gewerbe besteht zumeist im Züchten der Schweine und dem Handel damit nach Griechenland und Europa, wo dieser Tiere Fleisch gegessen und ihr Fett als eine Würze der Speisen genossen wird. Es sind daher dies schon dem Gewerbe nach pur unlautere Menschen; aber ihre äußere Unlauterkeit wäre eben keine Sünde, so sie nicht in ihrem Tun und Lassen selbst um vieles ärger denn ihre Schweine wären. Ihr Tun und Lassen stellt sie tief unter die Schweine, und es wird mit ihnen schwer etwas auszurichten sein!“
GEJ|2|154|14|0|Sagt der Hauptmann: „Nun, es ist sehr gut, daß ich das weiß. Jene Gemeinden stehen noch unter mir, und ich werde es sicher nicht ermangeln lassen, diesen Menschen einen Sittenwächter hinzustellen, der sie selbst bei der geringsten Ungebührlichkeit ganz gehörig auf die Finger zu klopfen verstehen wird, nach der gegebenen Instruktion. Na, wartet, euer geiles Leben soll euch schon morgen auf eine Art verleidet werden, daß es euch nimmer gelüsten soll, unreinste Begierden in dem Herzen aufkommen zu lassen und darauf denselben gewissenlos zu frönen!
GEJ|2|154|15|0|Herr, ich bin zwar nur ein Mensch, habe es aber durch mein stets in Sachen der Regierung geschäftiges Leben dahin gebracht und habe es nur zu vielfach erfahren, um nun klar einzusehen, daß es für den gemeinen Menschen am allerbesten ist, so er mit einem ehernen Zepter regiert und dann und wann mit Ruten zum Guten gepeitscht wird. Wo das in einem großen Menschenvereine nicht der Fall ist, da geht ehestens alles aus den Fugen!“
GEJ|2|154|16|0|Sage Ich: „Ja, ja, hier hast du recht, – aber nur in der dir angezeigten Gemeinde; wirst du aber allenthalben das von dir Vorgestellte anwenden, so wirst du mehr Schaden als Nutzen anrichten! Die Arznei muß sich stets nach der Krankheit richten, und nicht umgekehrt. Aber, wie gesagt, bei der angezeigten Gemeinde wird sie, das ist deine Arznei, wenigstens das Gute bezwecken, daß diesen Menschen ihre Geilheit sehr verleidet wird. Aber die Zuchtrute muß nicht in der Hand des Zornes, sondern in der Hand der wahren Liebe geführt werden!“
GEJ|2|155|1|1|155. — Eifer der Liebe
GEJ|2|155|1|0|Sagt der Hauptmann: „Herr, das sehe ich nun recht gut ein, aber dennoch weiß ich aus meinem Leben um einen besonderen Fall, wo alle Liebe nichts auszurichten vermochte; und der Fall war folgender: Es diente unter den vielen Soldaten, die unter mir stehen, ein junger, riesenhaft kräftiger Illyrier. Sein Schwert wog fünfzig Pfunde, und er dirigierte es dennoch mit einer Leichtigkeit, als hätte er eine Feder in der Hand. Dieser bezahlte Krieger, einen Panzer und einen Schild tragend, leistete in einer Schlacht mehr denn hundert andere Krieger. Im Kriege war er demnach gut zu gebrauchen, – aber nicht also im Frieden; da war er ränkesüchtig, und es verging keine Woche, in der er nicht irgendeinen neuen ärgerlichen Spektakel zum Vorschein gebracht hätte. Ich behandelte ihn stets liebevoll, stellte ihm das Böse und Schändliche seiner begangenen Spektakel so anschaulich als möglich vor und verwies ihm solche seine mutwillige Spektakelmacherei. Da gelobte er mir allzeit völlige Besserung und hielt sich darauf auch einige Tage ganz nüchtern und bescheiden; aber es währte so etwas nie über zehn Tage, so kamen schon wieder Klagen von allen Seiten, und wir mußten darauf natürlich Schadenersätze leisten. Fragte man ihn, warum er denn doch um aller Welt willen so etwas tue, so gab er allzeit dieselbe Antwort und sprach: ,Ich übe mich in der Kriegskunst, und da verschone ich außer den Menschen nichts, und mein Schwert muß an verschiedenen Gegenständen versucht werden!‘
GEJ|2|155|2|0|Solche seine Kriegsübungen aber bestimmten ihn nicht selten, irgendeiner Herde Ochsen, Stiere, Kühe und Kälber einen Besuch zu machen und ihnen die Köpfe auf einen Hieb abzuhauen. Einmal hatte er einer Herde von komplett einhundert Ochsen die Köpfe abgeschlagen und brüstete sich hernach mit solcher seiner Heldentat, die uns eintausend schwere Silbergroschen Schadenersatz kostete! Da wurde ich denn auf den Menschen doch so voll Zorn, daß ich ihn gleich selbst vor Wut hätte in Stücke zerreißen mögen.
GEJ|2|155|3|0|Ich aber ließ ihn mit schweren Ketten an einen Baum knebeln, seine Hände und Füße noch extra mit starken Stricken binden und ihn dann stäupen eine ganze Stunde hindurch, daß er darob in eine große Schwäche verfiel. Da ließ ich ihn dann in eine Pflege bringen, in der er in zwanzig Tagen wieder völlig hergestellt ward. Und sieh, das hat diesen Menschen, mit dem früher alle Liebe nichts ausrichtete, total umgeändert; er ward darauf der gelassenste und bescheidenste Mensch, den ich nach einem Jahre zum Unterführer machte, und er dankt mir nun für jene exemplarische Züchtigung noch heute, ohne die er nie ein Unterführer geworden wäre. Aber zu solcher Züchtigung hätte mich nimmer die Liebe zu bewegen vermocht, sondern allein der gerechte Zorn über den Menschen; und so meine ich, daß ein gerechter Zorn oft den Menschen gegenüber heilsamer ist denn zu viel noch so reiner Liebe!“
GEJ|2|155|4|0|Sage Ich: „O ja, aber das ist dann nicht Zorn im eigentlichsten Sinne, sondern nur ein besonderer Eifer der Liebe im Herzen, der eine heilsame Kraft innehat. Mit dem wirke auch Ich, wenn es irgend not tut. Hätte die Liebe solchen Eifer nicht, so wäre die Unendlichkeit noch bis jetzt völlig wesenleer; nur dem großen Eifer der Liebe Gottes verdankt alle Kreatur ihr Dasein.
GEJ|2|155|5|0|Und so war das, was dein Herz zur gerechten Züchtigung jenes mutwilligen Söldlings bestimmte, nicht Zorn und aus ihm hervorgehender Rachedurst, sondern ein besonderer Eifer deiner Liebe zu jenem Söldling, der dir ob seiner Tauglichkeit sehr am Herzen lag. Denn hättest du einen rechten Zorn über jenen Menschen bekommen, so hättest du ihn töten lassen; aber der Liebe Eifer zählte die nötigen Rutenhiebe, und du ließest ihn nur so lange stäupen, als du es berechnen mochtest, daß er solche Stäupung ertragen werde.
GEJ|2|155|6|0|Also magst du mit jenen Gemeinden nötigenfalls wohl auch vorgehen; aber der erste Versuch geschehe dennoch durch die reine Liebe und durch eine rechte Belehrung. Denn so die Menschen die Einsicht überkommen, daß man ihnen nur ihres Heiles willen scharfe Gesetze gibt und ein unerbittliches Richteramt dazustellt, so werden sie sich solches alles gefallen lassen; erscheinen aber die scharfen Gesetze nur als eine tyrannische Willkür des Machthabers, so bessern sie niemanden und machen am Ende noch die Engel der Gemeinde zu Teufeln, die nichts suchen werden, als wie sie sich rächen könnten an dem, der sie allzeit für nichts und wieder nichts plagt ohne Ende und ohne irgendeinen ersichtlichen Grund. – Verstehest du solches?“
GEJ|2|155|7|0|Sagt der Hauptmann: „Ja, Herr, das ist mir nun schon wieder sonnenhelle, und ich werde noch heute einen Boten mit einer Order an den dortigen Unterführer abgehen lassen, und morgen haben es jene Gemeinden schon zur Darnachachtung vorgelegt. Ich werde mich darum denn nun auch auf einige Augenblicke zu meinen Leuten begeben und werde solches sogleich ausfertigen lassen.“
GEJ|2|156|1|1|156. — Über die geschlechtlichen Verhältnisse der urgeschaffenen Engel
GEJ|2|156|1|0|Nach diesen Worten begibt sich der Hauptmann nach Hause; aber der Ebahl bittet ihn, nicht lange auszubleiben, da das Mittagsmahl bald bereitet sein werde. Und der Hauptmann spricht im Gehen: „Ich werde, wenn nichts besonders Wichtiges vorgefallen ist, sogleich wieder hier sein; und ist etwas Wichtiges vorgefallen, so werde ich einen Boten hierhersenden.“
GEJ|2|156|2|0|Darauf eilt der Hauptmann flugs von dannen und verwundert sich nicht wenig, als er nach Hause kommt und sich von seinen Unterführern alles erzählen läßt, was unter der Zeit vorgefallen ist, wie er seine Order für die obbesagten Gemeinden auf Pergament und mit der Schrift seiner Hand geschrieben auf seinem Arbeitstische liegend findet. Er durchliest sie schnell und findet alles genau also, wie er sich's gedacht hatte. Er sendet nun gleich um einen schnellfüßigen Boten, und sieh, es kommt in römischer Soldatenkleidung eben unser Engel Raphael und bietet dem Hauptmanne seine Dienste an.
GEJ|2|156|3|0|Der Hauptmann erkennt anfangs den Engel nicht und meint, er sei ein junger Krieger, der etwa von Kapernaum her ihm von Kornelius zugeteilt worden sei. Er fragt ihn daher, ob er sich's wohl getraue, diese ziemlich entlegene Sendung an den Unterkommandanten von Gadarenum zu übernehmen.
GEJ|2|156|4|0|Sagt der Engel: „Herr deiner Macht, gib sie mir nur, und ich werde sie mit der Schnelligkeit eines abgeschossenen Pfeiles an Ort und Stelle bringen, und in wenigen Augenblicken sollst du die Antwort zurück in deinen Händen haben!“
GEJ|2|156|5|0|Da erst besah sich der Hauptmann seinen Mann, erkannte in ihm den Engel Raphael und sagte darauf: „Ja, ja, dir ist so etwas wohl möglich; denn nun erst habe ich dich erkannt!“
GEJ|2|156|6|0|Darauf übergab der Hauptmann dem Raphael die Order, und dieser war in einer kleinen Viertelstunde schon auch mit der Antwort zurück, in der der Kommandant von Gadarenum bestätigte, die Order von einem artigen jungen Krieger richtig erhalten zu haben, und er werde sie auch nach ihrem Geiste sogleich in Vollzug setzen.
GEJ|2|156|7|0|Der Hauptmann wunderte sich nun über die Schnelligkeit Raphaels nicht mehr, sondern darüber nur, wie Raphael nun dennoch eine Viertelstunde zu dieser Botschaft hatte verwenden können.
GEJ|2|156|8|0|Sagt Raphael: „Das war die Schreibzeit deines Unterkommandanten in Gadarenum. Es nehme dich darum nicht wunder; denn ich bedurfte keiner Zeit. – Aber nun gehen wir miteinander zu Ebahl; denn das Mittagsmahl ist bereitet, und die Gäste haben Hunger auf die tüchtige Reise vom Berge herab.“
GEJ|2|156|9|0|Der Hauptmann geht nun sogleich mit dem Engel, der aber vor dem Hause Ebahls wieder in seiner angenommenen Genezarether Kleidung erscheint; und der Hauptmann fragt ihn, wohin er nun so schnell die Kleidung des Soldaten gebracht habe.
GEJ|2|156|10|0|Der Engel aber lächelte und sagte: „Siehe, wir haben es leichter als ihr; denn wir tragen unsern überaus reichlichst bestellten Kleiderschrank in unserem Willen; was wir antun wollen, mit dem sind wir denn auch vollauf bekleidet. Würdest du mich aber sehen in meinem Lichtgewande, da würdest du erblinden, und dein Fleisch würde sich auflösen vor mir; denn gegen das Leuchten meines Kleides ist das Leuchten der irdischen Sonne die barste Finsternis.“
GEJ|2|156|11|0|Sagt der Hauptmann: „Freund der Menschen dieser Erde! Die erstere Eigenschaft, sich ohne Stoff, bloß aus seinem Willen heraus, bekleiden zu können, wie man will, gefällt mir sehr, und die armen Menschen könnten sie besonders in der Winterszeit sehr gut gebrauchen; aber das ebenso mögliche überstarke Leuchten deines Lichtgewandes, vor dem keines Menschen Leben bestehen könnte, gefällt mir nicht, wenigstens jetzt auf dieser Welt nicht. Darum wollen wir darüber auch keine weiteren Forschungen anstellen. Aber eines möchte ich von dir noch erfahren; weil wir gerade nun so allein beisammen sind und uns vor niemandem zu genieren brauchen, so könntest du mir solches wohl enthüllen, und dieses eine besteht darin: Gibt es unter euch auch einen geschlechtlichen Unterschied?“
GEJ|2|156|12|0|Sagt der Engel: „Das ist zwar eine etwas ungeschickte Frage; aber weil sie bei dir rein dem Wissenstriebe entstammt, so will ich dir darauf auch mit Nein antworten! Was wir urgeschaffene Geister sind, so ist bei uns zahllosen allein nur das männlich-positive Wesen als völlig ausnahmslos waltend; aber es ist dennoch in jedem von uns auch das weiblich-negative Prinzip vollkommen gegenwärtig, und so stellt ein jeder Engel in sich die vollkommenste Ehe der Himmel Gottes dar. Es hängt ganz von uns ab, ob wir uns in der männlichen oder in der weiblichen Form zeigen wollen, und das alles in einer und derselben geistigen Haut.
GEJ|2|156|13|0|Darin aber, daß wir in uns selbst ein Zweiwesen sind, liegt auch der Grund, daß wir nie altern können, weil sich in uns die beiden Pole ewig gleichfort unterstützen; aber bei euch Menschen sind die Pole getrennt in eine geschlechtlich getrennte Persönlichkeit und haben darob, als jeder für sich seiend, keine Unterstützung in sich.
GEJ|2|156|14|0|So aber die getrennten persönlichen Pole sich äußerlich berühren, da verlieren sie und gleichen einem Weinschlauche, der stets runzliger wird, je mehr man ihn seines geistigen Inhaltes beraubt hat. Könntest du dir aber einen Weinschlauch denken, der in sich gleichfort das erzeugen könnte, was man aus ihm nimmt, so würdest du an seiner Oberfläche nimmer dessen Form alt aussehen machende Falten und Runzeln entdecken. – Verstehst du solches wohl?“
GEJ|2|156|15|0|Sagt der Hauptmann: „Ganz klar ist mir die Sache noch nicht; aber so ein wenig einen Dunst habe ich nun wohl. Wir werden darüber schon noch mehreres miteinander bei günstiger Gelegenheit reden. Nun aber wollen wir ins Haus gehen; denn man wird uns schon erwarten!“
GEJ|2|156|16|0|Sagt der Engel: „Ja, ja, das wohl, und ich fühle auch schon in mir das, was ihr Hunger nennet.“
GEJ|2|156|17|0|Sagt der Hauptmann: „Oho, du bist doch ein reinster Geist!? Wie wirst du materielle Kost genießen können?“
GEJ|2|156|18|0|Sagt Raphael lächelnd: „Besser denn du! Bei mir wird alles, was ich in mich hineinnehme, völlig verzehrt und ins beschauliche Leben umgestaltet, – bei dir nur das, was deiner isolierten Lebenspolarität entspricht, das Unentsprechende aber wird dann durch den natürlichen Gang von dir hinausgeschafft; und so bin ich ja viel besser daran denn du in Hinsicht des Essens und Trinkens!“
GEJ|2|156|19|0|Sagt der Hauptmann: „Wird denn auch im Himmel gegessen und getrunken?“
GEJ|2|156|20|0|Spricht der Engel: „O ja, aber nicht auf die Weise, wie auf der Erde, sondern geistig! Wir haben das Wort Gottes von Ewigkeit auch in uns, wie aus eben dem Worte Himmel und alle Schöpfung bestehen und mit demselben überall erfüllet sind; und dieses Wort ist vorerst unser wesenhaftes Sein und für solches Sein auch das einzige, wahrhaftigste Lebensbrot und der wahrhaftige Lebenswein. In unsern Adern rollt er wie in euren das Blut, und unsere Eingeweide sind voll des Brotes Gottes.“
GEJ|2|156|21|0|Sagt der Hauptmann: „Oh, das ist ungeheuer weise gesprochen; das fasse ich wohl nicht, das muß mir der Herr Selbst näher enthüllen! – Aber nun haben wir etwa wohl die höchste Zeit, ins Haus zu treten und wollen uns darum in keine weiteren Besprechungen mehr einlassen.“
GEJ|2|157|1|1|157. — Über Almosengeben und Gedenktagefeiern
GEJ|2|157|1|0|Während der Hauptmann solches noch spricht, kommt ihm unsere fromme Jarah entgegen und sagt: „Aber ihr bleibet lange aus! Du mein lieber Raphael scheinst dich auch schon nach der faulen Weltzeit richten zu wollen! Wahrlich, das ging nicht so schnell wie unsere Reise nach jener entfernten Sonne! Kommet jetzt nur schnell herein; denn die Speisen sind schon auf dem Tische!“ – Beide gehen nun schnell hinein und begrüßen Mich auf das freundlichste.
GEJ|2|157|2|0|Der Hauptmann wollte Mir seinen Dank für Meine Fürsorge darbringen, aber Ich sagte zu ihm: „Freund, Mir genügt dein Herz! Die Speisen haben schon auf euch gewartet, darum heißt es jetzt vor allem dem Leibe die nötige Stärkung geben und darauf erst sich wieder an das Geistige wenden.“
GEJ|2|157|3|0|Alle danken nun und fangen an, ganz wacker zu essen und zu trinken, und der Hauptmann betrachtet immer den Engel, wie dieser so recht wacker in die Schüsseln greift und seinem Weinbecher auch recht fleißig zuspricht.
GEJ|2|157|4|0|Der Hauptmann kann sich am Ende nicht mehr halten und sagt so halb scherzweise: „Nun, nun, die reinen Geister haben wahrlich einen gesunden Appetit! Mein guter Raphael ißt hier für drei; nein, so etwas hat wohl die Erde noch nicht erlebt!“
GEJ|2|157|5|0|Sagt Ebahl: „Es wundert mich nun auch über die Maßen; aber ich sehe noch etwas, das mich mehr noch wundernimmt denn sein ziemlich starkes Essen. Sieh, in seiner Schüssel wird daran nichts weniger! Hier gilt wahrlich der Weisheit Spruch: ,Was der Himmel nimmt, das gibt er im nächsten Augenblick wieder!‘ Dieser Tisch soll von mir als ein bleibendes Heiligtum für alle Zeiten bei meinen Nachkommen in allen Ehren aufbewahrt werden, und alljährlich soll ein Fest dahin gestellt sein, daß an diesem Tische alle Armen des Ortes sollen gespeist und getränkt werden!“
GEJ|2|157|6|0|Sage Ich: „Laß du den Tisch Tisch sein und bleibe du, wie du warst! Und wenn ein Armer zu dir kommt und du etwas hast, so unterstütze ihn an jeglichem Tage; aber ein jährliches Festessen nützt weder dem Armen noch dir etwas, und Ich habe daran keine Freude. Der Meiner gedenkt, der tue das alle Stunden des Tages; ein jährliches Gedenken aber kann Ich nicht brauchen!
GEJ|2|157|7|0|Wenn du solch ein Fest bestimmtest, da glichest du ja den Templern zu Jerusalem, die auch dreimal im Jahre Gedächtnisfeste feiern und an denselben, wegen des Gebrauchs, den Armen Brot austeilen lassen, als könnte dann der Arme von solch einem Stückchen Brot von einem Feste bis zum andern ohne weitere Nahrung leben! O des Unsinns solcher lächerlichen Feste! Die Pharisäer wohl nehmen an solchen Festtagen so viel an reichen Opfern ein, daß sie von dem Ertrage nur eines Festes hundert weitere Jahre ganz gut leben könnten; aber der Arme soll sich begnügen, so er im Jahre dreimal ein kaum ein achtel Pfund schweres Stück Brot bekommt. O der großen Narrheit, Dummheit, Blindheit und selbstsüchtigen Bosheit! – Darum laß du diesen Tisch das sein, was er ist, und du wirst darauf das Mir angenehmste Fest feiern, so du täglich nach deinen Kräften einen oder den andern Armen an diesem oder auch an einem andern Tische sättigst!
GEJ|2|157|8|0|Und käme ein und derselbe Arme an jeglichem Tage zu dir, so frage ihn ja nicht, ob er anderswo nichts bekomme; denn solches würde dem Armen ein banges Herz machen, daß er sich dann lange nicht wieder getraute, zu dir zu kommen, und dein gutes Werk verlöre dadurch allen Wert vor Mir!
GEJ|2|157|9|0|Ich will es aber auch nicht, daß du den noch kräftigen Müßiggängern, die Arbeiten zu leisten fähig sind, das Brot der Armen teilen sollst; denen, so sie kommen, gib eine ihren Kräften angemessene Arbeit! Werden sie dir eine oder die andere Arbeit verrichten, da gib ihnen auch zu essen und zu trinken; werden sie aber die Arbeit nicht annehmen, so gib ihnen auch nichts zu essen! Denn wer da Kräfte hat, aber nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen!
GEJ|2|157|10|0|Siehe, wenn du danach deine Handlungen einrichten wirst, so wirst Mir du allzeit ein angenehmstes Gedenkfest bereiten; aber mit deinem beabsichtigten Jahresfeste bleibe du Mir allzeit vom Halse! Denn ein solches Jahresfest ist der größte Unsinn, den ein Mensch begehen kann, weil damit niemandem in irgend etwas gedient ist, – außer dem Festveranstalter, der an einem solchen Jahresfeste irgendeinen Opfernutzen sich verschaffen kann!
GEJ|2|157|11|0|Um was ist denn die Zeit eines Jahres besser denn die eines Tages? Wer zum Beispiel den Geburtstag seines Vaters ehrt einmal im Jahre, der sollte ja auch an jedem Tage die Geburtsstunde ehren, was sicher besser wäre denn der jährliche Geburtstag!
GEJ|2|157|12|0|Ich sage es dir, alle dergleichen Gedächtnisfeste der Menschen haben vor Mir keinen Wert, außer sie werden täglich, ja stündlich im Herzen lebendig begangen. So sind die Neumonde, die Jubeljahre, das Fest der Befreiung Jerusalems aus der Gewalt Babylons, das Fest der Wiedererbauung der Stadt und des Tempels, das Fest Mosis, Aarons, Samuels, Davids und Salomons leere Dinge, an denen der Wahrheit nach kaum soviel liegt als an dem Regen, der vor tausend Jahren ins Meer fiel.
GEJ|2|157|13|0|Anfangs werden diese Feste wohl in einer Art religiösen Aufschwungs begangen, und die Festanten erinnern sich dabei der Person oder irgendeiner bedeutenden Handlung, die sie selbst erlebt haben, noch sehr lebhaft. In der zweiten, dritten, vierten oder gar zehnten Generation wird es zu einer leeren Zeremonie, bei der Tausende kaum mehr wissen, warum sie begangen wird, – und späterhin geht die ganze Sache ins eitle Heidentum über.
GEJ|2|157|14|0|Übrigens will Ich damit wahrhafte Gedächtnisfeste nicht aufgehoben haben; aber sie müssen nebst der Alljährlichkeit auch die Täglichkeit im Herzen führen, ansonst sie als tot und somit wirkungslos anzusehen sind. Aber hier mit dem Tische bleibe es, wie Ich es dir gesagt und gezeigt habe!“
GEJ|2|157|15|0|Sagt Ebahl: „Soll alles genauest beachtet werden, was Du, o Herr, nun allergütigst und allerwahrst gezeigt hast; aber dafür wollen wir die Tagesfeste in unseren Herzen desto emsiger begehen und wollen uns dabei nach allen unsern Kräften in der Nächstenliebe üben und durch sie die herrlichsten Gedächtnisfeste begehen!“
GEJ|2|157|16|0|Sage Ich: „So ihr in dem verbleiben werdet, da werde auch Ich verbleiben in euch, und man wird daraus erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!
GEJ|2|157|17|0|Nun aber haben wir gegessen und getrunken zur Genüge; erheben wir uns darum vom Tische und begeben uns hinaus zu unsern Schiffern, und sie werden euch so manches Seltene zu erzählen wissen! Hier hätten wir wenig Ruhe, da in einer Stunde wieder eine Karawane aus Bethlehem hier anlangen wird, darunter einige junge Erzpharisäer, mit denen Ich durchaus in keine Berührung kommen will; sehet, daß sie heute noch bis nach Sibarah fortgeschafft werden!“
GEJ|2|157|18|0|Sagt der Hauptmann: „Dafür wird gesorgt sein! Denn nun ist mir auf der Erde kein Mensch widerwärtiger denn ein Erzpharisäer!“ – Auf diese Worte erheben wir uns alle und eilen hinaus zu unseren Schiffern ans Meer.
GEJ|2|158|1|1|158. —  Der 47. Psalm Davids
GEJ|2|158|1|0|Wir treffen die acht Schiffsleute gerade beim Lesen der Psalmen Davids. Als sie uns erschauen, da erheben sie sich vom Boden, begrüßen uns, und ihr Meister geht auf Mich zu und sagt: „Herr, Du allein könntest uns aus einer Verlegenheit retten! Gestern gen Abend hin kamen etliche Pharisäer und Schriftgelehrte zu uns und verlangten eine Überfahrt gen Zebulon und Chorazin, und wir verweigerten ihnen solche mit dem, daß wir nicht Herren, sondern nur Knechte des Schiffes seien und nun am Vorsabbat mit der Lesung der Psalmen zu tun hätten. Da verlangte ein junger Schriftgelehrter die Psalterrolle und schlug auf den 47. Psalm und las:
GEJ|2|158|2|0|,Frohlocket mit Händen, alle Völker, und jauchzet Gott mit fröhlichem Schalle; denn der Herr, der Allerhöchste, ist erschrecklich, ein großer König auf dem ganzen Erdboden. Er wird alle Völker unter uns zwingen und die Leute unter unsere Füße! Er erwählt uns zum Erbteil, die Herrlichkeit Jakobs, den Er liebt. Gott fährt auf mit Jauchzen, und der Herr mit heller Posaune. Lobsinget, lobsinget Gott, lobsinget, lobsinget unserem Könige! Denn Gott ist der König auf dem ganzen Erdboden; darum lobsinget Ihm klüglich! Gott ist auch der König über alle Heiden; Gott sitzt auf Seinem heiligen Stuhle. Die Fürsten unter den Völkern sind versammelt zu einem Volk vor dem Gott Abrahams; denn Gott ist sehr erhöht bei den Schilden auf Erden!‘
GEJ|2|158|3|0|Als er solchen Psalm schon gelesen hatte, fragte er ganz voll Ernstes: ,Verstehet ihr diesen Psalm?‘ Und wir mußten seine Frage leider mit Nein beantworten. Heute aber haben wir uns seit früh unsere Köpfe zerbrochen, wissen aber dennoch nicht mehr denn gestern. Tausend Male haben wir an Dich gedacht; wenn Du, o Herr, es wolltest, so könntest Du uns darüber wohl ein kleines Lichtlein geben!“
GEJ|2|158|4|0|Sage Ich: „Sehet an dies Mägdlein, das Ich an der Hand führe! Fraget sie darum, die wird euch darüber schon ein rechtes Licht geben!“
GEJ|2|158|5|0|Sagt der Schiffsknechtmeister: „Dies Mägdlein kann kaum vierzehn Sommer haben! Woher käme ihr die Weisheit des Salomon?“
GEJ|2|158|6|0|Sage Ich: „Ja, ja! Nicht nur die Weisheit des Salomon, sondern die Weisheit der Weisen der Erde und sehr vieles darüber wohnt in ihrem reinsten Herzen! Bis jetzt ist es noch keinem Menschen gelungen, hinter die Sterne zu schauen; fraget sie, und sie wird es euch verkünden! Den berühmten ,Stein der Weisen‘ trägt sie in ihrer Schürze; darum wird sie euch den kurzen, aber dennoch inhaltsreichen Psalm wohl zu enthüllen imstande sein. Versucht es nur, und ihr werdet euch überzeugen!“
GEJ|2|158|7|0|Sagt der Schiffsknechtmeister zu seinem Gefährten: „Sie sieht aber im Ernste schon ganz entsetzlich gescheit aus! Nur ist sie dabei von einer wahrhaft engelschönen Gestalt, was eben nicht zu Gunsten ihrer Weisheit spricht! Denn bis jetzt habe ich es noch immer erfahren, daß die schönsten Mädchen auch immer die dümmsten waren, was etwas ganz Natürliches ist. Die schönsten Kinder werden zu sehr verzärtelt und einbilderisch gemacht und lernen darum wenig oder nichts; mit einem minder schönen Kinde aber macht man gewöhnlich nicht viel Aufhebens. Man straft es leicht bei jeder Ungezogenheit, das Kind wird dadurch demütig und bescheiden, es gehorcht, duldet und lernt dabei recht viel. Aber wir wollen sehen, was dies im vollsten Ernste himmlisch schöne Mädchen uns über unsern Psalm zu geben imstande sein wird.“
GEJ|2|158|8|0|Hierauf wendet sich der Schiffsknechtmeister an die Jarah und befragt sie darum, und diese sagt mit der liebfreundlichsten Miene von der Welt: „Liebe Freunde, nicht, als hätte ich solches irgend erlernt und wüßte nun darum wie ein Schriftgelehrter, sondern ich fühle es lebendigst in mir, daß das, was Davids prophetischer Geist vor mehreren hundert Jahren geweissagt hat, nun vor unsern Augen in die vollendetste Erfüllung gekommen ist. Solches solltet ihr ja auch auf den ersten Wurf in euch wahrgenommen haben!
GEJ|2|158|9|0|Habt ihr nicht gesehen, wie Er, von dem David spricht, und der nun hier unter uns weilet körperlich, auf dem Meere gewandelt ist, als wäre es ein trockenes Land, und sahet ihr nicht, wie Er nun in wenigen Tagen bloß durch Sein Wort Tausende von allerlei Kranken geheilt hat? Die Blinden bekamen ihr Gesicht, die Tauben ihr Gehör, die Aussätzigen wurden rein, die Lahmen und Krummen gerade! Und da sehet diesen vor uns stehenden Berg; wie sehr machte eine Nacht ihn verändert! Wer kann die Berge versetzen und das Meer heben aus dem Grunde? Wer ist Der, dem alle Engel und alle die Elemente gehorchen?! Seht, da vor uns stehet Er körperlich; Diesen meinte David!
GEJ|2|158|10|0|Dem sollen wir mit Händen frohlocken durch Werke wahrer, echter Nächstenliebe, und Ihm sollen wir entgegenjauchzen mit der reinen Stimme der Wahrheit ohne Trug, ohne Falsch und ohne Hinterlist! Denn wehe jedem, der Ihm mit dem unreinen Schalle der Lüge entgegenjubeln möchte! Denn wie lieblich und sanft Er auch ist den Gerechten, ebenso erschrecklich ist Er denen, die Lüge, Falschheit und Trug in ihrem Herzen bergen, wie es auch geschrieben steht: ,Erschrecklich ist es, zu fallen in die Hände Gottes; denn Gott ist ein allmächtiger König über den ganzen Erdboden, vor Ihm kann sich niemand irgendwo verbergen!‘
GEJ|2|158|11|0|Er ist nun da, durch die Macht Seiner Lehre alle Völker zu nötigen, unter uns zu treten, um unseres Heiles teilhaftig zu werden, und die Leute, darunter zu verstehen sind die Kinder der Welt, zum Gericht unter unsere Füße zu legen! Denn nur uns hat Er zu Erben des ewigen Lebens gemacht; ja wir sind Sein Erbteil! Er ist es, von dem Jakob sagte: ,O Herr, Du allein bist meine Herrlichkeit!‘ Und dieweil Jakob solches im Herzen bekannte, so ward er ein Liebling Gottes, ein Liebling Dessen, der hier unter uns weilet!
GEJ|2|158|12|0|Aber Er wird nicht immer also unter uns verweilen, sondern bald wieder auffahren in Seine ewigen Himmel, und zwar mit der fröhlichen Stimme der ewigen Wahrheit, durch die Er eine neue Erde und einen neuen Himmel geschaffen hat, für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten; und Er ist und wird sein der Herr, und der helle Klang Seiner Posaune, die da ist das zu uns geredete Wort, wird solches verkünden aller Kreatur auf und in der Erde und auf und über allen Sternen, geistig und materiell.
GEJ|2|158|13|0|Diesem also sollen wir nach der Aufforderung Davids lobsingen; denn Dieser ist unser Gott und unser alleiniger König ewiglich!
GEJ|2|158|14|0|Da wir aber wissen, was Er ist, so sollen wir mit reinem und weisem Herzen Ihn ehren und lobpreisen, und nicht nach Art der heuchlerischen Pharisäer, die sich einem falschen Jehova mit ihren Lippen nahen, aber dabei ihr Herz vor diesem wahren und lebendigen Jehova verschließen und sich von Ihm entfernen.
GEJ|2|158|15|0|Er ist aber nicht nur unser Gott und König, sondern auch der der Heiden auf dem ganzen Erdboden; denn Er allein sitzet über allen Menschen und über die ganze endlose Schöpfung auf dem ewigen Stuhle Seiner unbegrenzten Macht und Herrlichkeit. Vor Ihm müssen sich alle Fürsten der Erde versammeln, wie ihre Völker vor ihnen; denn Er ist der alleinige Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Er allein ist erhöhet durch Sich über alles, auch über alle Schilde der Mächtigen dieser unserer weiten Erde!
GEJ|2|158|16|0|Daß Er zu uns kam, das ist eine selbst den Engeln unbegreifliche Gnade! Aber als Er kam, kam Er nicht unangekündigt; denn es haben davon alle Propheten geweissaget. Aber viele der Weissagungen konnten von den Menschen wegen der stets wachsenden Härte ihrer Herzen nicht verstanden werden. Nun aber ist Der Selbst gekommen, von dem die Propheten geweissagt haben, und Er Selbst offenbaret Sich allen Menschen, die da eines guten Willens sind.
GEJ|2|158|17|0|Denen aber, die ein böses und hochmutsvolles Herz haben, kann Er nicht anders denn erschrecklich sein! Denn die Bosheit hat gleichfort die allmächtige ewige Gerechtigkeit zum unerbittlichsten und unbestechlichsten Richter über sich! Gleichwie eine gute, fühlbare Waage schon einen merklichen Ausschlag gibt, so man nur ein Haar auf der einen Seite hinzulegt, ebenso kann vor Ihm, der hier ist, keine noch so geringe Falschheit, Verkehrtheit, Bosheit, Ungerechtigkeit und jede andere Ungeschlachtheit des Herzens bestehen! Darum muß Er erschrecklich sein jeglichem Sünder, in dessen Brust ein hartes, verstocktes und böses Herz hänget. – Verstehet ihr nun den 47. Psalm Davids?“
GEJ|2|159|1|1|159. — Von der Feindesliebe
GEJ|2|159|1|0|Sagt der Schiffsknechtmeister: „Herrlichstes Mädchen! Wer gab dir solch eine Weisheit? Wahrlich, du bist weiser denn Abraham, Isaak und Jakob!“
GEJ|2|159|2|0|Sagt die Jarah: „Habe ich euch doch soeben gezeigt, wer Der ist, der nun unter uns ist; wenn aber unbestreitbar also, wie möget ihr noch fragen und sagen, woher mir solche Weisheit ward, oder wer sie mir gegeben hat? Da vor uns allen steht der große, heilige Geber aller guten Gaben! Er allein ist weise, und Er allein ist vollkommen gut! Wer Ihn liebt und glaubt in seinem Herzen, daß Er aus Sich heraus ist der Herr Jehova Zebaoth von Ewigkeit, in dessen Herz wird Er Sein unerschaffenes ewiges Licht geben, und es wird dann helle werden im ganzen Menschen; und ein solcher Mensch wird dann sein voll der wahren göttlichen Weisheit durch und durch. – So ihr irgendein Verständnis habt, da muß es euch nun klar sein, wie es nun um uns alle steht!“
GEJ|2|159|3|0|Sagt der Schiffsknechtmeister: „Ja, ja, du allerliebstes Engelchen! Wir verstehen es nun wohl, und es wird wohl also sein, wie du es uns nun erklärt hast; aber die gestern abend von uns verlangten, nach Zebulon und Chorazin überbracht zu werden, die werden das nicht annehmen und daher noch weniger fassen. Wir sind ganz einfache Menschen, und bei uns braucht es kaum eines Wunders, daß wir es glauben; aber bei jenen wird ein Wunder noch schlechtere Früchte erzeugen denn kein Wunder.“
GEJ|2|159|4|0|Sagt die Jarah: „Deshalb wird Er ihnen aber auch erschrecklich werden; denn die Winde werden Sein Wort über alle Erde hinaustragen! Wehe dem, der es hören, fassen und am Ende dennoch verwerfen wird!“
GEJ|2|159|5|0|Sage Ich zu den Knechten: „Nun, wie gefällt euch der Verstand dieser Meiner Tochter?“
GEJ|2|159|6|0|Sagen die Knechte: „Herr und Meister! Wenn Du im Ernste Der bist, der Du nach der weisesten Rede dieses allerliebsten Engels von einem Mädchen sein sollst, so ist es ja kein Wunder mehr, daß dies Mägdlein also weise ist; denn Der zu Bileams Zeiten vermochte dem Esel zu lösen die Zunge also, daß sie dem Bileam weissagen konnte, Dem muß es ja ein noch leichteres sein, eine sprachgewandte Zunge eines vierzehnjährigen Mädchens für die Weissagung geschickt zu machen!
GEJ|2|159|7|0|Wir glauben es nun alle, daß Du das bist, als was Dich uns dies Mägdlein laut vor unsern Augen und Ohren bezeichnet hat, und es bedarf dazu keines neuen Wunders mehr! Aber, da Du, o Herr, das bist, so sieh an unsere große Schwachheit und wandle sie um in eine gerechte Stärke, daß wir dadurch uns schützen können vor den allzeitigen Feinden des Lichtes und der Wahrheit! Denn es ist wahrlich traurig, daß wir Juden nun bei den Heiden Licht und Wahrheit suchen müssen. Jerusalem ist, anstatt allen Menschen eine hellste Leuchte zu sein, ein Pfuhl der gröbsten Nacht und Finsternis und eine Mördergrube des alten reinen Geistes der Juden geworden; und so wir nun Licht und Wahrheit wollen, müssen wir in Sidon und Tyrus es suchen gehen bei den Griechen und Römern! Darum, Herr und Meister, da Dir alle Dinge möglich sind, so gib uns Licht und Kraft, daß wir die Wahrheit erschauen und sie dann beschützen können vor den Feinden!“
GEJ|2|159|8|0|Sage Ich: „Der Friede sei mit euch und unter euch! Keiner dünke sich zu sein über den andern! Ihr alle seid gleich Brüder; aber der sich am geringsten zu sein dünkt und will aller andern Knecht und Diener sein, der ist unter allen dennoch der Meiste und der Höchste! So Ich euch aber zu Knechten begehre, da seid ihr in aller Wahrheit auch Meine Macht. Und so ist jeglicher Knecht seines Herrn Stärke, – aber der Herr ist darob des Knechtes Gerechtigkeit! Liebet euch untereinander, tut Gutes euren Feinden, segnet jene, die euch fluchen, und bittet für jene, die euch verwünschen! Vergeltet Böses mit Gutem, und leihet euer Geld nicht denen, die es euch hoch verzinsen können, so werdet ihr des Segens und der Gnade Gottes in Fülle in euch haben! Daraus wird euch dann das Licht, die Wahrheit und alle Macht und Kraft in aller Kürze zuteil werden; denn wie ihr ausmesset, also wird es euch wieder rückgemessen werden!“
GEJ|2|159|9|0|Sagt ein unterer Knecht: „Herr, wir sehen und fühlen es, daß Deine Lehre wahr und echt ist; aber wir fühlen es auch, daß sie schwer zu halten sein wird! Es ist sicher sehr löblich und himmlisch schön, denen Gutes zu tun, die da bemüht sind, uns gleichfort einen Schaden zuzufügen; aber wer kann der oft nur zu schmählichen Bosheit der Menschen mit einer stets gleichen Geduld entgegentreten? Und es fragt sich sehr, ob man dadurch dem bösen Willen der Menschen nicht noch mehr Vorschub leistete, als so man sie für ihre böse Tat züchtigt. So man Diebe und Mörder für ihre Untaten noch belohnete, da würden bald wenig Menschen mehr der Erde Boden betreten! Darum muß man dem Feinde allzeit eine feste Stirne bieten und muß um sein Haus ein dorniges Bollwerk ziehen, auf daß dem Feinde für immer die Lust vergehe, einem zu schaden. So wird das des Feindes Sinn sicher eher zur Freundlichkeit stimmen, als so man ihm noch obendrauf für die einem erwiesene Untat eine Wohltat entgegen erweise!“
GEJ|2|159|10|0|Sage Ich: „Ja, ja, das ist wohl recht gut menschlich gedacht, aber von Göttlichem ist dennoch keine Spur dabei. Durch die Strafe wirst du den Menschen, der dir Übles tat, wohl abschrecken, daß er es nicht so leicht wieder versuchen wird, dir einen Schaden zuzufügen, – aber freund wird er dir darum nimmer! Hast du ihm aber für etwas Arges, das er an dir begangen hat, zur rechten Zeit, da er in eine Not kam, eine Wohltat erwiesen, so wird er seine Sünde, die er an dir beging, einsehen, wird sie tief bereuen und wird von der Stunde an dein glühendster Freund werden!
GEJ|2|159|11|0|Und so wird die für seine arge Tat ihm erwiesene Wohltat ihn bessern für immer; aber die dafür erlittene Strafe wird ihn für dich zu einem noch sechzigfach größeren Feind umgestalten!
GEJ|2|159|12|0|Entstand die erste an dir begangene Sünde etwa nur mehr durch eine Art Mutwillen und Schadenfreude, so wird die zweite Sünde dir aus Zorn und Rache zugedacht werden; darum sage Ich es euch noch einmal: Tut das, was Ich euch vorhin gesagt habe, so werdet ihr der Gnade Gottes und Seines Segens in aller Fülle teilhaftig werden!
GEJ|2|159|13|0|Denn wer von Mir tatsächlich gesegnet sein will, der muß Mein Wort, darin alle Gnade, alles Licht, alle Wahrheit und alle Macht wohnt, auch tatsächlich annehmen, ansonst es unmöglich wäre, ihm irgendeine Gnade zu erteilen.
GEJ|2|159|14|0|Nehmet euch aber alle ein Beispiel an Mir; denn Ich bin von ganzem Herzen sanftmütig und demütig und habe mit jedermann die größte Geduld! Scheint die Sonne nicht im gleichen Maße über Gute und Böse, über Gerechte und Ungerechte, und fällt der fruchtbare Regen nicht auf das Feld des Sünders so gut wie auf das Feld des Gerechten? Seid demnach in allem vollkommen, wie da vollkommen ist der Vater im Himmel, und ihr werdet der Gnade und alles Segens aus den Himmeln in Überfülle haben! – Verstehet ihr wohl solches?“
GEJ|2|159|15|0|Sagen nun alle: „Ja Herr, wir verstehen es nun alle recht wohl! Es ist schon also alles wahr, gut und somit in der vollsten Ordnung, und wir werden uns auch alle die möglich größte Mühe geben, das alles buchstäblich zu beachten; aber bei allem dem wird uns wenigstens der Anfang eine große Mühe kosten!“
GEJ|2|159|16|0|Sage Ich: „Ja, Meine lieben Freunde, in dieser Zeit braucht das Himmelreich Gewalt! Die es nicht mit Gewalt an sich reißen, werden es nicht einnehmen! Ein jeder aber, der sich einen Kampf antut des Himmelreichs wegen, ist ein Weiser und ein kluger Baumeister. Ein weiser und kluger Baumann aber baut sein Haus nicht auf den losen Sand, sondern auf einen festen Felsengrund; und so dann kommen Stürme und Wasserfluten, da können sie dem Hause nichts anhaben, denn es steht auf einem Felsen.
GEJ|2|159|17|0|Also ist es auch bei dem Kampfe in sich um das Himmelreich. Wer es einmal in sich erkämpft hat, der hat es unverwüstbar für ewig auf sich gezogen. Da mögen was immer für Weltstürme über ihn kommen, und sie werden ihm nichts anzuhaben imstande sein. Aber wer es da in sich nicht erkämpft hat mit allem Aufwande seiner Kraft und seines Mutes, der wird in den Stürmen der Welt mitgerissen werden und wird verlieren auch noch, was er schon hatte! – Dieses alles merket euch wohl; denn es werden Zeiten kommen, in denen ihr dieses alles gar sehr benötigen werdet!“
GEJ|2|159|18|0|Sagen nun die Schiffsknechte: „Wir können Dir, o Herr, für alles das nichts als nur einen schlichten Dank darbringen und sehen es nun nur zu klar ein, daß der Mensch aus sich Gott dem Herrn nichts geben kann, was er nicht zuvor von Ihm empfangen hätte; aber nimm Du, o Herr, diesen unsern Dank dennoch also, als wäre er vor Dir etwas, und gebiete, was wir Dir zur Ehre und zur Liebe tun sollen!“
GEJ|2|159|19|0|Sage Ich: „Ich habe es euch schon gesagt; tut das, – es bedarf da nichts Weiteres mehr! – Erzählet uns aber nun, was ihr in dieser Nacht alles gesehen und allenfalls auch gehört habt; denn Schiffsleute sehen in der Nacht oftmals recht seltene Dinge. Aber fasset euch in der Erzählung kurz und setzet nichts hinzu, noch lasset geflissentlich etwas weg, um das ihr wißt!“
GEJ|2|160|1|1|160. — Erzählung der Schiffer über ihre Erlebnisse in der vergangenen Nacht
GEJ|2|160|1|0|Wir alle setzen uns nun um die Schiffer auf den schönen Rasen. Nur Raphael bleibt stehen, und ein Schiffsknecht sagt zu ihm: „Bursche, setze dich auch, der Rasen ist ein Gemeindegut, und da braucht fürs Daraufsitzen kein Mensch etwas zahlen!“
GEJ|2|160|2|0|Der Engel aber sagte: „Erzählet ihr nur fort; ich werde mich schon setzen, wenn ich des Stehens müde werde! Zudem könnte es denn doch geschehen, daß von euch einer oder der andere das Gleichgewicht verlöre, und ich kann da schneller bei der Hand sein, jemandem wieder auf die Beine zu helfen.“
GEJ|2|160|3|0|Sagt der eine Schiffer: „Du wohl du, du fünfzehnjähriger Milchbursche! Dir hängen noch die Windeln an den Beinen, und du traust dir die Kraft zu, unsereinen aufzuheben, so er fiele? Das heißt, mein Lieber, sich ein bißchen zuviel zutrauen!“
GEJ|2|160|4|0|Sagt der Engel: „Fanget einmal zu erzählen an nach dem Wunsche des Herrn; das andere wird sich dann schon zeigen, wenn es allenfalls nötig werden sollte!“
GEJ|2|160|5|0|Darüber stellt sich der etwas rohe Schiffsknecht zufrieden, und der Schiffsknechtmeister beginnt folgende Erzählung: „Es war so um die erste Nachtwache, da ward es auf einmal sonderbarerweise helle wie am Tage; aber wir sahen nirgends etwas Leuchtendes und dachten uns, es müsse allenfalls etwa hinter den Bergen ein indisches Feuer brennen in großem Maße, und es werde von selbem die Luft also helle gemacht. Nur war die Helle offenbar zu stark, als daß wir sie als von einem indischen Feuer abstammend hätten erkennen sollen; aber sei ihm nun wie ihm wolle, die Helle war einmal beinahe die ganze Nacht vorhanden und ward manchmal so stark, daß wir uns im hellsten Tage zu befinden wähnten. Daß es uns dabei dennoch ein wenig unheimlich zumute war, läßt sich leicht denken. Es kamen auch mehrere aus der Stadt zu uns und meinten, das Meer leuchte so stark.
GEJ|2|160|6|0|Aber wir alle wurden nur zu bald einer andern Erscheinung gewahr, und diese war noch um vieles merkwürdiger! Wir wollten nun alle das Meer in einen größern Augenschein nehmen. Und sieh – aber ich bitte, uns da nicht auszulachen! –, es war kein Tropfen Wasser darin, und unser Schiff ruhte auf trockenem Boden; wir aber hatten da Gelegenheit, die ganze Tiefe des Meeres zu schauen. Es war schauderhaft! Unser Schiff lehnte auf einem vorspringenden Felsen; aber auf allen Seiten des Felsens war auch ein Abgrund von mehreren hundert Mannshöhen. Da in die Bucht gen Genezareth hinein aber ist durchgängig nur ein seichter Grund, und wir wandelten darin herum und klaubten eine Menge recht schöner und seltener Muscheln und Schnecken zusammen.
GEJ|2|160|7|0|Als wir aber ganz harmlos mit unserm Sammeln beschäftigt waren, seht, da geschah auf einmal ein heftigster Blitz, dem ein überaus starker Donner folgte. Wir flohen jählings ans Ufer, vergaßen darob unsere gesammelten schönen Muscheln und getrauten uns dann aber auch nicht mehr, dieselben holen zu gehen, und sie blieben darum bis auf ein paar, die ich in den Sack gesteckt hatte, dort, wo wir sie fanden. Aber erst nachdem etwa in der dritten Nachtwache das Meer wieder so wie zuvor die Ufer füllte und bespülte, fiel es uns stets mehr und mehr auf, was dies mit dem doch schön großen Meere für eine Bewandtnis hatte haben müssen, daß es auf einmal so gänzlich bis auf den letzten Tropfen sich irgendwohin hat verlaufen können!
GEJ|2|160|8|0|Aber da sagte zu uns ein alter Mann, der auch hier zu Hause sei, solches täten dann und wann die erzürnten Berg- und Luftgeister und strafeten dadurch die Wassergeister! Wir lachten zwar, aber in der Not ist schon eine schlechte Erklärung besser denn gar keine. Etwa in der vierten und letzten Nachtwache ward es dann erst etwas dunkler, und wir gingen in unser Schiff und legten uns ein wenig zur Ruhe. Als wir aber wach wurden, stand die liebe Sonne schon ziemlich hoch, und wir sahen uns um ein Morgenmahl um. – Das ist in Kürze alles, was wir in dieser Nacht erlebt und beobachtet haben.“
GEJ|2|161|1|1|161. — Der Schiffsknecht und Raphael
GEJ|2|161|1|0|Als der Schiffsknechtmeister diese seine Erzählung beendet hatte, da glitt der früher rauhe Schiffsknecht bei einem etwas ungeschickten Tritte aus beim Gehen ins Schiff, aus dem er seine Muscheln holen wollte, deren auch er einige in der Eile mitgenommen hatte – d.h. in der Nacht aus dem trockenen Meeresgrunde –, und fiel seiner ganzen Länge nach hin, als ob er nie gestanden wäre. Da fingen die andern Knechte an, ihn auszulachen und sagten: „Das ist doch gleichfort der alte ungeschickte Mensch!“ – Da ärgerte sich der noch am Boden Liegende.
GEJ|2|161|2|0|Aber Raphael sprang hinzu, half ihm schnell wieder auf die Füße und sprach: „Siehst du nun, was das ist, daß ich stehengeblieben bin? Denn mir ist es schon so im Geiste vorgegangen, daß du heute fallen wirst; und nun bist du richtig gefallen, und ich, als dein schwacher Milchbursche, konnte dich, hoffentlich doch schnell genug, vom Boden heben und dir dadurch wieder den ungehinderten Gebrauch deiner etwas ungeschickten Füße verschaffen!“
GEJ|2|161|3|0|Brummt der Schiffsknecht in seinen dicken Bart hinein: „Nun ja, das ist wohl gut; aber solche Burschen sind auch oft voll heimlichen Bummelwitzes und machen, daß unsereinem etwas begegnet! Oh, ich kenne schon solche Schliffel! Du scheinst sonst ein ganz ehrlicher Bursche zu sein, – aber ein Bursche bist du einmal, und das ist genug! Ein jeder Bursche aber hat immer etwas Schliffelhaftes im Leibe. Daher bleibe mir nur immer wenigstens drei Schritte vom Leibe!“
GEJ|2|161|4|0|Sagt Raphael: „Freund, du irrst dich an mir himmelgroß! Aber ich vergebe es dir; denn du weißt es ja nicht, wen du in mir vor dir hast.“
GEJ|2|161|5|0|Sagt der Schiffsknecht: „Nun, nun, was wird man in seinem fünfzehnten Jahre etwa auch schon sein? Höchstens so ein Prinz aus Rom oder von woanders her! Oder bist du etwa gar ein so ein bißchen allmächtiges Anhängsel von unserm lieben Herrgott?“
GEJ|2|161|6|0|Sagt Raphael: „Ja, ja, so etwas dergleichen! – Aber nun hole nur deine Muscheln aus dem Schiffe!“
GEJ|2|161|7|0|Der mürrische Schiffsknecht begibt sich darauf ins Schiff und kommt nach einigen Augenblicken mit ein paar Muscheln und einer Nautilusschnecke wieder zu uns zurück und zeigt sie uns.
GEJ|2|161|8|0|Die drei Stücke waren recht schön, aber natürlich von keinem absonderlichen Werte, und Raphael sagt zu ihm: „Als Angedenken sind sie gut genug, aber Wert ist keiner darin! Was wirst du nun damit machen?“
GEJ|2|161|9|0|Sagt der Schiffsknecht: „O Milchbube! Auf diese Weise kann man wohl Sperlinge, aber keine ergrauten Schiffer fangen! Du möchtest mir diese Stücke abtreiben, so ganz umsonst; aber der alte Dismas ist nicht so dumm, wie er vielleicht aussieht! Diese drei Stücke kosten drei Silbergroschen und werden um keinen Pfennig billiger hergegeben; wenn du die drei Groschen hast, so gib sie her, und ich gebe dir diese drei schönen Stücke darum!“
GEJ|2|161|10|0|Sagt Raphael: „Wegen der drei Groschen, das wäre mir wohl das wenigste; aber daß du eine Sache verkaufen willst, die streng genommen nicht einmal dein volles Eigentum ist, das ist mir nicht recht! Sieh, in dieser Bucht hat von alters her kein Mensch das Fischerrecht denn allein die Bürger von Genezareth, oder der, dem sie es verpachten. Du hast diese drei Muscheln sonach auf dem Grunde Ebahls, der dies Wasser im Pachte hat, aufgelesen, und sie sind somit streng genommen dessen Eigentum; wenn er dir sie erst ganz schenkt, dann sind sie dein, und du kannst sie dann auch als dein Eigentum behandeln.“
GEJ|2|161|11|0|Sagt Dismas: „Da sehe man einmal diesen Milchbuben an! Der spricht ja wie ein Richter aus Rom! Du wärest mir ein sauberer Rechtspatron! Du disputiertest mir noch meinen schlechten Rock vom Leibe! – Das Meer ist allenthalben des Schiffers Grund und Boden; was ihm das Wasser gibt, ob in einer Bucht oder draußen auf der offenen See, das gehört niemandem denn ihm allein, und damit sind alle deine einstudierten Rechtsgrundsätze zu Boden geschlagen! Denn ein bißchen kennt sich auch unsereiner beim Recht aus! Darum drei Silbergroschen, – und die drei Stücke gehören Dir!“
GEJ|2|161|12|0|Sagt Raphael: „Wird nichts daraus! Solange sie unser Ebahl nicht als dein Eigentum erklärt, kann ich sie dir nicht abkaufen!“
GEJ|2|161|13|0|Hier wendet sich Dismas dennoch an Ebahl und fragt ihn, was er zu der Behauptung des Buben sage.
GEJ|2|161|14|0|Sagt Ebahl: „Unser Raphael hat, streng genommen, recht, und ich könnte allerdings diese drei Stücke als mir gehörig in Besitz nehmen; aber der von solch einem Rechte nie Gebrauch macht und machen wird, das bin ich, und somit gehören die drei Stücke nun leiblich dir, – geistig aber gehört ohnehin die ganze Erde Gott dem Herrn, und somit auch diese drei Muscheln!“
GEJ|2|161|15|0|Mit diesem Bescheide ist unser Dismas auch vollkommen zufrieden und fragt nun den Raphael, sagend: „Nun, wie sieht es denn nun aus mit den drei Silbergroschen?“
GEJ|2|161|16|0|Sagt Raphael: „Da sind sie; gib aber die drei Stücke dem Ebahl, der sie aufbewahren wird zu einem Gedächtnisse an diese Zeit!“
GEJ|2|161|17|0|Dismas nimmt die drei Groschen und legt die drei Stücke vor Ebahl hin; dieser aber gibt sie der Jarah und sagt: „Da, bewahre sie auf neben deinen andern Gedenksachen; sie sollen für uns einen großen Wert haben!“
GEJ|2|161|18|0|Jarah übernimmt die drei Stücke mit vieler Freude und sagt: „Oh, das sind wundervoll schöne Dinge! Welch ein herrlicher Farbenglanz aus ihnen spielt! Wahrlich, da kann und muß man ja mit Hiob ausrufen: ,Wie herrlich sind, o Gott, Deine Werke! Wer ihrer achtet, hat keine eitle Lust daran!‘ Wer lehrte die Schnecke sich so ein schönes Haus zu erbauen?! Ohne Balken und Ziegel steht es herrlicher da, als Salomon war in seiner strahlendsten Königspracht!“
GEJ|2|161|19|0|Hierauf wendet sie sich an Raphael und dankt ihm für dieses schöne Geschenk, fragt ihn aber zugleich, da sowohl die Schnecke als die beiden Muscheln ihres lebenden Inhaltes bar waren, wohin die einst in diesen schönen Gehäusen lebenden Tiere gekommen seien.
GEJ|2|161|20|0|Und Raphael sagt: „Meine liebste Jarah, die Tiere sind schon vor mehreren tausend Jahren gestorben und somit auch schon lange verwest; aber die Gehäuse können noch mehrere Tausende von Jahren bestehen und werden dadurch weder an ihrer Form noch an ihrer Schönheit etwas Besonderes verlieren. Ihre Materie ist reinster Kalkstoff, und dieser verwest im freien Zustande, besonders unter dem Wasser, nimmer! Soviel darfst du vorderhand wohl wissen; was darüber hinausgeht, das wirst du dereinst erst jenseits in aller Tiefe kennenlernen!“ – Da erstaunt die Jarah sehr, als sie von solch einem Alter hört.
GEJ|2|162|1|1|162. — Empfang der Pharisäer in Genezareth
GEJ|2|162|1|0|Aber in dem Augenblick kommt die Nachricht aus der Stadt, daß die etlichen angesagten neugebackenen Pharisäer und Schriftgelehrten aus Bethlehem angekommen seien, und zwar mit der geschriebenen und vom Tempel signierten Order, daß die Bürger von Genezareth sie sogleich ohne Säumnis bei strengster Ahndung unentgeltlich nach Nazareth zu Wasser oder zu Lande zu befördern haben!
GEJ|2|162|2|0|Sagt Ebahl, ganz entrüstet über solche Forderungen von seiten des Tempels: „Herr, das geht jahraus und jahrein so; Du bist nun erst kaum fünf Tage hier und hast bereits den vierten Zug dieser Müßiggänger erlebt, die da im Lande in einem fort hin- und herziehen und jeden Ort, den sie auf ihrem Zuge überfallen, oft ärger zurichten als ein Heuschreckenheer! Wenn es im Jahre etwa zehn Male vorkäme, nun, so ließe ich mir die Sache noch gefallen; aber in jeder Woche zwei, drei bis vier solche Züge auszuhalten und ihnen noch dazu jeden möglichen Vorschub zu leisten, da muß sogar ein Engel ungeduldig werden und bettelarm auch noch obendrauf! Was soll ich nun tun? Wahrlich, ich tue allen Armen gerne nach meinen Kräften Tag für Tag alles mögliche Gute; aber diesen Lumpen, diesen wahren Martermeistern der armen Menschheit, möchte ich allen Tod und alle Teufel auf den Hals wünschen!“
GEJ|2|162|3|0|Sage Ich: „Freund, laß das gut sein; mit der Geduld wirst du dennoch stets am weitesten kommen! Übrigens überlaß du das nur unserem Freunde Julius; der wird sie sicher schnell weiterbefördern, und sie werden sich dann solche Vorschubleistungen wohl merken und sich nach und nach viel seltener nach dem Orte Genezareth begeben!“
GEJ|2|162|4|0|Sagt der Hauptmann zu seinem Unterführer: „Gehe eiligst hin, nimm zwanzig Mann und begib dich schnell in die Stadt! Erkläre den unverschämten Wichten, daß dieser Ort sich wegen der starken Militärbesatzung gleichfort im Belagerungszustande befindet, den niemand ohne eine ausdrückliche Order von seiten irgendeines römischen Oberkommandanten ungeahndet betreten darf! Und hat er ihn betreten, so werden ihm nach der empfangenen Züchtigung die Augen verbunden und die Ohren mit weichem Lehm verstopft; alsdann werden ihm Hände und Füße gebunden! Also zubereitet wird er in eine Barke gebracht, alldort auf Stroh gelegt und sodann an den angesagten Ort befördert, allwo er wieder von allen den Hand-, Fuß-, Aug- und Ohrfesseln frei zu machen und nach gegebener schärfster Strafandrohung beim Wiederbetreten eines solchen Militärortes ohne rechtsgültige Erlaubnis von seiten irgendeines römischen Militäroberkommandanten ans Land mit einem Handstoße zu setzen ist. Haben die Bethlehemiten keine solche Ausweisung, so behandelt sie ohne Ausnahme also! Haben sie Geld, so können sie sich mit zweihundert Pfunden Silbers von der Züchtigung loslösen, aber von den vierfachen Fesseln nicht! Haben sie aber kein Geld, oder wollen sie keines fahren lassen, so soll ein jeder vor der Vinkulierung (Fesselung) fünfzehn Rutenhiebe auf den bis an die Lenden entblößten Rücken erhalten! Dixi, fiat!“ (Ich habe gesprochen, es geschehe!)
GEJ|2|162|5|0|Auf diese Worte des Hauptmanns eilte der Unterführer zur Stadt mit zwanzig Mann, fand daselbst im Hause Ebahls vierzehn Mann Pharisäer und Schriftgelehrte, die des Hauses Dienerschaft mit allen Flüchen belegten, weil sie ihnen nicht völlig nach ihrem frechsten Sinne dienen wollte.
GEJ|2|162|6|0|Als der Unterführer sie nach der Erlaubniskarte fragte, da sagten die Frechen: „Wir sind Gottes Priester; hier ist des Tempels Zeichen, und mehr bedürfen wir in der ganzen Welt nicht!“
GEJ|2|162|7|0|Sagt der Unterführer: „Dieser Ort befindet sich einstweilen im beständigen Belagerungszustande; da besteht ein strengstes kaiserliches Gesetz, demzufolge ohne alle Ausnahme niemand Fremdes einen solchen Ort ohne die gewisse gesetzlich dokumentierte Karte betreten darf! Unwissenheit des Gesetzes entschuldigt da niemanden! Da ihr, wie ich sehe, die bewußte Karte nicht habet, so zahlet ihr entweder zweihundert Pfunde Silbers Strafe oder, so es euch lieber ist, ihr bekommet ein jeglicher fünfzehn Rutenhiebe auf den entblößten Rücken! Darauf werdet ihr mit den euch bekannten vierfachen römischen Fesseln belegt und an den von euch zu bestimmenden Ort gebracht. Solches hat nun alles ohne die geringste Widerrede zu geschehen; denn jede Zögerung und jedes trotzige Widerwort zieht eine doppelte Verschärfung nach sich!“
GEJ|2|162|8|0|Als die Pharisäer und Schriftgelehrten solche Anrede vernehmen, rufen sie Ebahls Hausmeister und fordern ihn auf, ihnen sogleich die zweihundert Pfunde Silbers zu borgen. Dieser aber sagt: „Hat euch mein Herr doch nie rufen lassen; wie soll er nun für euch zahlen? Denn euch etwas borgen, hieße sein Geld ins Meer werfen! Ihr habt draußen doch vierzehn belastete Esel! Machet nur dieser Tiere Last um zweihundert Pfunde leichter, und ihr werdet dadurch eure Rücken vor den scharfen Rutenhieben sicherstellen! Ich gebe euch keinen Stater!“
GEJ|2|162|9|0|Als die Pharisäer und Schriftgelehrten solche Äußerung von dem guten und getreuen Hausmeister Ebahls vernehmen, machen sie ein sehr saures Gesicht, begeben sich unter der ihnen sehr unliebsamen Begleitung des Unterführers hinaus zu ihren Lasttieren und entledigen diese mit leichter Mühe ihrer um zweihundert Pfunde Silbers zu schweren Last.
GEJ|2|162|10|0|Als der Unterführer das Geld versorgt hat, legt er ihnen sogleich die bekannten Fesseln an und läßt sie samt ihren Lasttieren auf eine geräumige Barke bringen, allwo sie wie die Kälber aufs Stroh gelegt und danach mit der ganzen scharfen Begleitung zu Wasser dahin befördert werden, wohin zu kommen sie angaben. Die jungen Leute von Pharisäern und Schriftgelehrten jammern freilich ganz entsetzlich; aber es nützt ihnen solches nun einmal nichts. – Der Unterführer aber kommt nach einer Stunde wieder zu uns heraus und erzählt uns, wie er alles genauest befolgt habe, was ihm der Hauptmann anbefohlen hatte.
GEJ|2|162|11|0|Und der Hauptmann belobt ihn und fragt ihn darauf, wohin er das abgenommene Geld gelegt habe.
GEJ|2|162|12|0|Und der Unterführer sagt: „Herr, ich habe es unterdessen dem biedern Hausmeister Ebahls zur Aufbewahrung gegeben; du aber kannst nachher mit den zweihundert baren Pfunden Silbers machen, was du willst.“
GEJ|2|162|13|0|Sagt der Hauptmann: „Alles ganz gut, und diese Kerle werden an unser Genezareth denken! Werden sie hier durchlaufen, oder nehmen sie die Richtung durch den oberen kleinen Arm, oder werden sie etwa gar durch die Bahn gehen, die zuoberst des kleinen Arms, resp. vom selben nur durch eine ganz schmale Erdzunge getrennt, ins Meer gehet, aber dennoch tief und breit genug ist, eine Barke von etlichen dreißig Menschen Ladung zu tragen, ohne des Bodens Schlamm zu berühren?“
GEJ|2|162|14|0|Sagt der Unterführer: „Um jedes lästige Aufsehen hintanzuhalten, des heutigen Sabbats der Juden wegen, habe ich sie auf die Bahn verwiesen.“
GEJ|2|162|15|0|Sagt der Hauptmann: „Wieder ganz gut und weise! Du sollst bald befördert werden, das sagt der Hauptmann Julius dir! – Die werden sich das Genezareth merken und so bald nicht wieder hierherkommen!“
GEJ|2|163|1|1|163. — Der Hauptmann Julius erzählt einige Erlebnisse mit den Templern
GEJ|2|163|1|0|(Der Hauptmann:) „Ich sage es euch: Mit diesen Menschen muß man geradewegs schonungslos verfahren, sonst ist mit ihnen nicht mehr auszukommen. Ich war der Mensch sicher nie, daß mich je darob eine Art Lust hätte anwandeln können, so ich, durch Umstände gedrungen, irgendeinen böswillig verstockten Sünder habe züchtigen lassen müssen; allzeit erwog ich genau alle Umstände, die den Menschen zu einem Verbrechen mochten verleitet haben. Aber diesen jüdischen Tempeldienern könnte ich sogar höchst eigenhändig mit Lust die Köpfe vom Rumpfe schlagen, und das darum, weil sie im Ernste die größten und hartnäckigsten Verbrecher an der armen Menschheit sind. Wahrlich, es geht ihre eigentliche, mit einer höchst miserablen Farbe von einer religiösen Moralität übertünchte Tendenz, wenn man sie so recht ins Auge faßt, ja mehr als ins Teuflisch-Scheußliche über!
GEJ|2|163|2|0|Ich selbst habe mich mit meinen Augen und Ohren überzeugt, als ich in Jerusalem stationiert war, wie sie einem Menschen, der noch ein paar Groschen in seiner Tasche hatte, auf Leben und Tod zusprachen, sein Geld in den Gotteskasten zu legen! Der gute, aber natürlich schwache Mensch legte wirklich einen Groschen in den Kasten und entschuldigte sich damit, den zweiten Groschen deshalb nicht in den Kasten legen zu können, weil er weit nach Hause habe und ohne diesen einen Groschen am Wege verschmachten müßte! Aber das half nichts! Die Pharisäer machten ihm die Sache begreiflich, daß es für seine Seele im höchsten Grade heilsam sei, Gott und Seinem Tempel zuliebe und zur Ehre am Heimwege zu verhungern! Behalte er aber den Groschen, den Gott durch ihren Mund von ihm verlangt, so könne seine Seele ewig nie zur überaus angepriesenen Anschauung Gottes gelangen, und ihr Los werde sein, ewig zu brennen in den Flammen des Zornes Gottes! Der Mensch ward darauf blaß, fing an zu zittern, griff mit bebender Hand nach seinem letzten Groschen und legte selben auch in den Gotteskasten. Darauf murmelten die Kerle etwas wie ein Gebet über den armen Teufel und hießen ihn dann gehen.
GEJ|2|163|3|0|Ich aber ging dem traurigen Menschen nach, und als wir uns ganz außerhalb des Tempels befanden, trat ich zu ihm und sagte zu ihm in einem freundlich-ernsten Tone: ,Guter Freund, wie könnt ihr denn gar so schwach sein, euch von diesen Räubern eure letzte Habe herausschwätzen zu lassen!? Was die im Tempel zu euch geredet haben, daran haben sie selbst noch nie geglaubt; aber sie wissen, daß schwache Menschen sie in ihrer Blindheit für allwissende Halbgötter halten, schrecken ihnen darum alle ihre Habe heraus und verprassen sie dann in großem Wohlleben, während der Arme am Wege des Hungers stirbt. – Da habt ihr zwei andere Groschen wieder und begebet euch nach Hause! Kommet aber ja nicht wieder hierher! Denn ich sage es euch: Dies sein sollende Gotteshaus ist eine Räuberhöhle und Mördergrube, an der ein wahrer Gott nimmer ein Wohlgefallen haben kann!‘
GEJ|2|163|4|0|Der Mensch sah mich eine Weile ganz verblüfft an, nahm das Geld aus meiner Hand und sagte endlich: ,Großer Herr! Du mußt mehr wissen denn ich; du wirst schier recht haben!‘ – Darauf verließ er mich und begab sich in seine Heimat.
GEJ|2|163|5|0|Ähnliche Begebnisse habe ich im Tempel tausendmal gesehen und gehört; ja ich war zugegen, als ein solcher Pfaffe eine Tochter bearbeitete, deren Mutter reich war, aber als eine vernünftige und heller denkende Frau den Gotteskasten im Tempel noch nie mit einem Groschen bereichert hatte. Der Pfaffe zeigte es der Tochter wie sonnenklar, daß sie ewig verloren sein werde, so sie sich nicht alle Mühe gäbe, die Mutter heimlich total zu bestehlen und das Geld in den Gotteskasten zu legen. Glücklicherweise war die Tochter, so wie ihre Mutter, stark samaritanischer Gesinnung, und es gelang dem Heuchler und Betrüger nicht, die Tochter zum Diebstahl zu verleiten, worüber ich eine große Freude hatte.
GEJ|2|163|6|0|Ich habe mir bei solchen Gelegenheiten mehr denn einmal gedacht: So ich Landpfleger in Jerusalem wäre, wäre der Tempel schon lange von all dem Geschmeiße gereinigt worden! Aber als ein einem römischen Landpfleger höchst untergeordneter Mensch kann ich nichts machen und tun, denn seine Befehle in Vollzug zu bringen.
GEJ|2|163|7|0|Mit dem Pontius Pilatus aber ist und bleibt nichts anzufangen; er ist ein Naturforscher, ein Busenfreund der Gelehrten von Pompeji und Herkulanum, und kümmert sich ums Regierungsgeschäft wenig, läßt Herodes und die Templer nach ihrer Willkür schalten und walten, wenn sie nur ihren Tribut nach Rom pünktlich und richtig bezahlen. Glücklicherweise stehe ich hier nicht unter dem Stabe des Pontius Pilatus, sondern unter dem des Kornelius, und dieser unter dem des weisen und höchst gerechten alten Vaters Cyrenius, der gleich mir ein abgesagter Feind Jerusalems ist, und so kann ich in solcher meiner freien und von Jerusalem gänzlich unabhängigen Stellung die Pharisäer und Gottesleugner von Schriftgelehrten ganz gehörig bedienen, so sie mir in den Wurf kommen; und Du nun, mein wahrer Gott und Herr, wirst mir das doch sicher zu keiner Sünde anrechnen!?“
GEJ|2|164|1|1|164. — Über die Nachfolge Jesu
GEJ|2|164|1|0|Sage Ich: „Von Mir aus bist du rein; nur das beachte du stets bei deinen die Menschen leitenden Handlungen, daß du dabei nie vergissest, daß da auch der Sünder dein Bruder ist!
GEJ|2|164|2|0|Fühlst du Zorn in deinem Herzen über den die gerechte Strafe verdient habenden Sünder, dann lege die Zuchtrute aus der Hand; denn durch deinen Zorn wird sie nicht zum heilsamen Wegweiser, sondern zur Schlange, die in die Wunde, die sie dem Wanderer durch ihren Biß verursachte, keinen heilsamen Balsam, sondern ein tödliches Gift haucht, das dem Verwundeten den Tod bringt.
GEJ|2|164|3|0|Glaube auch nicht, daß du dir dadurch einen Feind vom Halse geschafft habest, so du ihm den Tod geben ließest! Denn war er dir im Erdenleben nur ein einfacher Feind, so wird er nach dem Leibestode als ein freier Geist dir ein hundertfacher werden und dich quälen mit hunderterlei Übeln dein Leben lang, und du wirst kein Mittel finden können, das dich befreite von deinem unsichtbaren Feinde.
GEJ|2|164|4|0|Darum, wenn du jemanden züchtigest, da züchtige ihn mit Liebe und nie mit dem Zorne! Treibe es darum in der Folge auch mit den Pharisäern nicht zu bunt! Denke dir: ,Siehe, das sind blinde Leiter der Blinden!‘ Die Welt aber ist es, die sie blind macht; diese aber ist des Satans, den du hast kennengelernt.
GEJ|2|164|5|0|Sieh, in Mir ist alle Macht und Gewalt über Himmel und Erden. Ich könnte sie alle mit einem Gedanken vernichten, und dennoch ertrage Ich sie mit aller Geduld bis zur rechten Zeit, da ihr Maß voll geworden.
GEJ|2|164|6|0|Auch Mich erzürnen die Menschen und machen durch ihre Unverbesserlichkeit Mein Herz traurig; aber Ich ertrage sie dennoch und züchtige sie stets mit der Liebe, auf daß sie sich bessern und eingehen möchten ins Reich des ewigen Lebens, dafür allein sie erschaffen worden sind. Willst du demnach ein rechter Richter sein, so mußt du in allem Mir nachfolgen!
GEJ|2|164|7|0|Es ist wohl leichter, ein Urteil über jemanden auszusprechen, als ein Urteil über sich ergehen lassen; wer aber das Urteil eines Menschen, der verurteilt ward, auf sich nimmt und dann für das rechte Emporkommen des Verurteilten sorgt, der wird dereinst groß heißen in Gottes Reich. – Dies nun Gesagte merket ihr alle euch wohl! Denn so Ich es also anordne und also haben will, so könnet ihr es doch nicht anders haben und machen wollen!? Ich bin der Herr über Leben und Tod! Ich allein weiß es, was das Leben ist, und was dazu erforderlich ist, um es für ewig zu erhalten und dasselbe zu genießen in aller Glückseligkeit!
GEJ|2|164|8|0|Werdet ihr leben nach Meiner Lehre, so werdet ihr das Leben erhalten in aller Glückseligkeit; werdet ihr aber dawiderhandeln, so werdet ihr es verlieren und eingehen in den Tod, welcher ist alles Lebens unglückseligster Zustand, ein Feuer, das nie erlischt, und ein Wurm, der nie stirbt!“
GEJ|2|164|9|0|Sagt der Hauptmann: „Herr, ich sehe die Notwendigkeit alles dessen nur zu wohl ein, aber auch zugleich die ungeheure Schwierigkeit, streng danach zu leben. Kleine Hügelchen zu planieren, ist wohl keine große Kunst; aber wo sich uns ganze Berge von Schwierigkeiten und Hindernissen entgegenstellen, da ist es dann schon rein unmöglich, einen geraden Weg weiter fort zu machen. Da, Herr, mußt Du uns helfen!“
GEJ|2|164|10|0|Sage Ich: „Eben darum bin Ich aber ja auch in diese Welt gekommen, um euch allen da Hilfe zu geben, wo ihr aus euch selbst ewig keinen Ausweg mehr gefunden hättet! Darum vertrauet und bauet allzeit auf Meinen Namen, und es wird euch dadurch das unmöglich Scheinende möglich werden! – Nun aber wollen wir uns wieder ins Haus begeben; denn die Sonne ist dem Untergange nahe gekommen.“
GEJ|2|164|11|0|Es fragt aber der Oberschiffsknecht, bis wann sie das Schiff zu einer allfälligen Abreise in der Bereitschaft halten sollen.
GEJ|2|164|12|0|Sage Ich: „In jeder Stunde müsset ihr zur Abfahrt bereit sein, auf daß, so da kommt der Herr des Schiffes vor der Zeit, er euch nicht faul und untätig finde, euch dann entziehe den Lohn und euch tue aus dem Dienste! Doch – Gott dienen ist leicht, aber den Menschen dienen ist schwer!“
GEJ|2|164|13|0|Fragt weiter der Oberschiffsknecht: „Herr, wenn etwa morgen die Pharisäer, die gestern wahrscheinlich als Missionare und Bekehrer nach Jesaira gezogen sind, um die dortigen, zumeist zum Griechentum übergegangenen Juden wieder für den Tempel zu gewinnen, wieder hierherkämen und wollten sich mit uns über den 47. Psalm in eine Disputation einlassen, wie sie uns solches versprochen haben, was sollen wir zu ihnen sagen?“
GEJ|2|164|14|0|Sage Ich: „Da verheißet ihr ihnen sieben gute Groschen, so sie den Psalm euch gut erklären; erklären sie ihn euch schlecht, so sollen sie nichts bekommen, und können sie ihn euch gar nicht erklären, dann sei an euch das Recht, von ihnen sieben gute Groschen zu verlangen und sie dann unter Androhung von militärischer Hilfe, so sie die Zahlung verweigern würden, zu nehmen!“
GEJ|2|164|15|0|Sagt der Hauptmann: „Kommt dann nur zu mir, und sie sollen siebenmal sieben Groschen zahlen ohne alle Gnade und Schonung!“
GEJ|2|164|16|0|Damit geben sich die Schiffsknechte völlig zufrieden, und wir begeben uns in die Stadt und allda ins Haus Ebahls, allwo die Dienstleute, da die Sonne schon untergegangen ist, vollauf beschäftigt sind, uns ein gutes Abendmahl zu bereiten. Der Hauptmann aber übernimmt die zweihundert Pfunde Silbers und übergibt sie dem Ebahl mit den Worten: „Nimm sie in deinen Besitz als eine kleine Entschädigung für die vielen hundert und abermals hundert Armen und Kranken, die du verpflegt hast, und von denen du nie auch nur einen Stater verlangt hast! Du bist aber auch wahrlich der einzige Mensch in dieser Stadt, der es verdient, ein Mensch zu sein! Alles andere Volk von dieser Stadt verdient den ehrenhaften Namen nicht; denn es ist total tot, kümmert sich um nichts und macht und bricht auch nichts! Meinet ihr, die Wunder alle, die hier in diesen etlichen Tagen ausgeübt worden sind, haben auf dies Volk etwa irgendeinen Eindruck gemacht? Mitnichten! Diese Memmen schlendern umeinander, als ob nichts da wäre! Ja, sie haben sich wohl heilen lassen, die da krank waren, bedankten sich aber kaum dafür und denken heute auch kaum mehr daran, daß sie krank waren, und daß sie von ihrer Krankheit vollkommen wunderbarst geheilt worden sind! Darum ist mein Ebahl auch der einzige Mensch in dieser Stadt; alles andere ist wahrlich mehr Tier als Mensch!“
GEJ|2|164|17|0|Ebahl übernimmt das Geld mit dem Bemerken, daß er es nur für die besten und den Menschen dienlichsten Zwecke verwenden werde.
GEJ|2|165|1|1|165. — Szene zwischen Raphael und Jarah
GEJ|2|165|1|0|Auf diese Verhandlung bringen die Diener auch schon Wein und Brot und eine Menge bestens zubereiteter Fische, und alles begibt sich an den wohlbesetzten Tisch. Unsern Raphael zieht die Jarah an den Tisch und setzt ihm einen großen Fisch vor, daß er ihn äße. Aber Raphael sagt: „Liebste Schwester, das wäre wohl zuviel für ein Nachtmahl; darum lege mir einen kleineren Fisch vor!“
GEJ|2|165|2|0|Sagt die Jarah: „Oh, sah ich dich doch heute mittag mehrere solche Fische verzehren, und so wirst du für den Abend wohl auch mit dem zu Ende kommen! Iß nur! Siehe, mein Herr Jesus ist wohl ein endlos größerer und erhabenerer Geist denn du, und dennoch ißt Er nun schon den zweiten Fisch mit sichtbarer Lust, trinkt dazu Wein und ißt stets auch ein Stück Brot darunter; tue du desgleichen! Jetzt bist du einmal Mensch mit uns und mußt unser Menschliches darum nicht geringschätzen, weil du sonst ein erster Engel Gottes bist!“
GEJ|2|165|3|0|Sagt Raphael: „Nun, wenn du es schon durchaus also willst, so muß ich mich deinem Willen ja wohl fügen; denn du bist einmal schon ein zu liebenswürdiges Kind, und man kann dir aus Liebe zu dir nichts abbieten (abschlagen).“ – Darauf nahm Raphael den ganzen, wenigstens gut fünf Pfunde wiegenden Fisch in die Hand, führte ihn zum Munde und verzehrte ihn in einem kaum glaublich schnellsten Augenblick.
GEJ|2|165|4|0|Als solches die Jarah bemerkte, sagte sie ganz verblüfft: „Aber um des Herrn willen! Wo hast denn du den großen Fisch nun so schnell hingebracht? Freund, bei solch einer Eßfähigkeit könntest du wohl auch ein gebratenes Meerungeheuer mit großer Leichtigkeit verzehren! Der große Fisch, in dessen Bauche Jonas drei Tage schmachtete, wäre am Ende für dich nur ein Spaß, ihn mit einem Bissen in den Magen zu schieben!?“
GEJ|2|165|5|0|Sagt Raphael: „Auch viele Tausende von solchen Fischen wären mir sozusagen nur ein Scherz, sie unters Dach zu bringen. Aber hier genügt der mir von dir dargereichte; er hat mir wahrlich recht wohl geschmeckt. Ich hätte ihn auch langsam, dir gleich, verzehren können; aber da würdest du auf den Gedanken gekommen sein, daß ich schon völlig ein irdischer Mensch sei, – und das wäre nicht gut für dich, weil du sogestaltig in meine Person, resp. Form verliebt werden könntest! Nun ich dir aber bei Gelegenheit zeige, daß ich noch kein vollendeter Erdenmensch bin, so schreckt dich das zurück, und du bleibst dabei leicht in deinem und ich in meinem Geleise. Du wirst schon noch mehrere solcher mutwilligen Stückchen von mir erleben! So ich will, kann ich auch recht schlimm werden; aber da hat mein Schlimmsein stets einen weisen Grund.“
GEJ|2|165|6|0|Sagt die Jarah: „Das gefällt mir aber nicht von dir, wenn du etwa nur durch eine schlimme Handlung irgendeinen guten Zweck erreichen willst! Siehe hier den Herrn, der allein meine Liebe ist; der erreicht auch ohne eine schlimme Handlung lauter gute Zwecke! Warum du nicht? Ich bin der Meinung – und die laß ich mir nicht nehmen –, daß das Schlimme allzeit wieder Schlimmes hervorbringt, und nur das Gute wieder das Gute. Wer bei mir etwas Gutes durch etwas Schlimmes erreichen will, der irrt sich gewaltig, – und wäre er ein tausendfacher Engel! Das sage ich dir, daß du mir ja mit nichts Schlimmem kommst, sonst kannst du mir vom Halse bleiben! Ich bin nur ein schwaches Mädchen, ja ein Würmchen vor dir; aber dennoch wohnt in meinem Herzen Gottes Liebe, und diese verträgt nichts auch nur scheinbar Schlimmes. – Verstehst du, mein lieber Raphael, das?“
GEJ|2|165|7|0|Sagt Raphael: „O ja, das ist schon noch zu verstehen, und ich verstehe es darum auch wohl; aber daß du mich mit meiner zeitweiligen Schlimmheit nicht verstanden hast, geht klar aus dem hervor, weil du mich darob reprimandiert (zurechtgewiesen) hast; wenn du mich erst wirst verstanden haben, dann wirst du gegen mich nicht ärgerlich werden! Damit du aber siehst, daß das himmlische Schlimmsein auch eine glänzende Tugend ist, so will ich dir solches durch ein kurzes Beispiel recht handgreiflich klarmachen.
GEJ|2|165|8|0|Sieh, wir Himmelsgeister haben eine weite Sehe; dein Gedanke reicht nicht so weit, als wir mit einem Blicke in größter Klarheit durchschauen! Da fügt es sich denn wohl sehr oft, daß hie und da, besonders auf dieser Erde, die Menschen so recht mutwillig böse werden. Wir ziehen ihn, den Menschen, hundert Male von einer großen Gefahr zurück, aber es juckt und treibt ihn gleich wieder, sich von neuem in dieselbe Gefahr zu begeben. Wenn alles das dennoch nichts hilft, dann lassen wir endlich zu, daß der Mensch sich endlich wieder aus Mutwillen in die Gefahr begibt, und wir lassen ihn dann so recht fest anrennen, daß ihm darob nicht selten auf längere Zeit das Hören und Sehen vergeht. Und er, dadurch gewitzigt, wird dann aus der Erfahrung klug, läßt seinen Mutwillen und oft bösen Aberwitz fahren und wird dann ein wie aus sich gebesserter Mensch.
GEJ|2|165|9|0|So können oft die Eltern ihre Kinder nicht oft genug und hinreichend wirksam vor diesen und jenen Spielereien, die oft sehr gefährlich werden können, warnen; da kommen wir mit unserer himmlischen Schlimmheit und machen, daß sich solche Kinder bei ihren verbotenen Spielen recht empfindsam beschädigen, ja manchmal lassen wir es sogar darauf ankommen, daß dabei ein oder das andere Kind den Ungehorsam sogar mit dem Tode bezahlen muß, zum abschreckenden Beispiele für die andern. Die Kinder werden dadurch abgeschreckt, bekommen endlich eine große Furcht vor den verbotenen gefährlichen Spielen und kehren nicht mehr zu denselben zurück. Es tritt dann bei ihnen der Spruch als wirkend ein: ,Ein gebranntes Kind fürchtet das Feuer!‘
GEJ|2|165|10|0|Auch bei dir habe ich schon ein paar Male vor etlichen Erdjährchen eine ähnliche himmlische Schlimmheit ausgeführt, und sie hat dir sehr gute Dienste geleistet, darum du hernach bald ein wahrhaft frommes Kind geworden bist. – Nun, was sagst du jetzt zu meinem Schlimmsein?“
GEJ|2|166|1|1|166. — Von der Liebe, Sanftmut und Geduld
GEJ|2|166|1|0|Sagt die Jarah so halblaut, ein wenig betroffen: „Nun ja, wenn also, dann muß es wohl freilich recht sein; hättest du mir das früher gesagt, so hätte ich dir sicher nichts eingewendet! So man bei der bekannten Unantastbarkeit der Freiheit des menschlichen Willens durch alle möglichen sanften Mittel nichts auszurichten imstande ist, dann bleibt wohl freilich nichts mehr übrig, als ein schlimmes Mittel in Anwendung zu bringen. Nun, nun, wir werden uns schon noch verstehen, nur mußt du nicht gleich so heftig werden! In sanfter Redeweise gefällst du mir sehr; aber wenn du, mit deinen Worten dich förmlich überstürzend, heftig wirst, dann ist aus deinem Munde selbst die reinste Wahrheit nicht gut anzuhören.
GEJ|2|166|2|0|Ich meine denn also, daß in der Folge wenigstens auch alle noch so vollkommenen Geister der Himmel sich also zu reden bemühen sollten, wie da redet der Herr und Schöpfer aller Geister, Sonnen, Welten und Menschen! Des Herrn Rede in noch so ernsten Dingen klingt gleichfort so sanft, als wie sanft da ist die Wolle eines Lammes, und Seine Worte fließen wie Milch und Honigseim. Also aber sollte sich dann auch ein jeder Lehrer und Führer nach Ihm richten; denn in einem sanften Redeton liegt nach meiner Beurteilung dennoch stets die größte Kraft! Wer da schreit und heftig spricht, der beleidigt oft, wo er eigentlich heilen wollte. Sieh an das gleich freundliche Angesicht des Herrn gegen Freund und Feind; und wen kann es wundernehmen, wenn Kranke gesund werden, wenn Er sie nur ansieht?! Also, mein liebster Raphael, mußt auch du sein in Rede und Tat gegen mich und gegen jedermann, dann wird jeder deiner Tritte über diese Erde hin von Segen triefen!“
GEJ|2|166|3|0|Darauf ziehe Ich die Jarah an Meine Brust und sage zu allen, die hier gegenwärtig sind: „Das ist bis jetzt Meine vollendetste Jüngerin, zu der Ich wahrlich Meine Engel in die Schule senden kann; denn diese hat Mich am tiefsten ergriffen und lebendigst aufgefaßt. Aber sie besitzt darum Meine Liebe auch im vollsten Maße.
GEJ|2|166|4|0|Wahrlich, so ihr hinausgehen werdet und werdet lehren die Völker in Meinem Namen, da gedenket der Worte, die dies überliebe und zarte Mägdlein nun zu Meinem Engel geredet hat, und eure Schritte und Tritte werden von allem Segen begleitet sein! Seid geduldig und in allem voll Sanftmut, so werdet ihr den vollsten Segen streuen in die Herzen der Menschen! – Aber Mein Engel Raphael mußte also reden, damit er diese Meine allerliebste Jarah zu der gegebenen Lehre verlockte; im übrigen aber ist er ebenfalls so sanft wie eine sanftkühlende Abendluft und so weich wie die zarteste Wolle eines Lammes.“
GEJ|2|166|5|0|Diese Worte merkten sich alle wohl und waren vollkommen damit einverstanden. Nur der Hauptmann bemerkte und sagte: „Dies ist alles göttlich, rein und wahr; aber so ich eine zu sanfte Sprache redete mit meinen Soldaten, so würde ich damit wohl eine schlechte Figur machen, und die Soldaten würden mir kaum gehorchen! So ich aber so recht zu blitzen und zu donnern anfange, da geht dann alles gut und sicher!“
GEJ|2|166|6|0|Sage Ich: „Es ist hier aber auch nicht so sehr von einer äußeren als vielmehr von einer inneren, wahren Sanftmut die Rede. Wo es absolut nötig ist, von der himmlischen Schlimmheit einen weisen Gebrauch zu machen, da tue man das; denn die eigentliche Regel aller Weisheit ist: ,Klug sein gleich den Schlangen und dabei dennoch sanft gleich den Tauben!‘“
GEJ|2|166|7|0|Sagt der Hauptmann überfreundlichen Angesichtes: „Herr, nun habe ich alles; also ist durch alle Himmel hindurch gerechtfertigt die Handlung eines Gerechten! Aber man muß dabei sich auch aufs Rechnen verstehen, auf daß man sich in der vermeinten Klugheit nicht verrechne, und da meine ich nach der Kunst des Euklid, daß man zu einer bestimmten Größe von Klugheit eine gleiche Größe von Liebe, Geduld und Sanftmut hinzuaddiert, und man wird dadurch ein fehlerfreies Resultat herausbekommen!“
GEJ|2|166|8|0|Sage Ich: „Ja, ja, also wird die Rechnung am besten gestellt und des gesegnetsten Resultates vollkommen sicher sein, und alle Gerechtigkeit und jegliches Gericht wird darin seine volle Rechtfertigung haben! Das ist ein Grund, auf dem sich bauen läßt; wo aber kein Grund ist, da läßt sich auch kein Gebäude aufführen. Leget sonach allenthalben solchen Grund, bevor ihr bauen wollt, und eure Mühe wird keine vergebliche sein!
GEJ|2|166|9|0|Ihr seid aus Gott und sollet daher auch in allem Gott gleich sein; Gott aber läßt Sich Zeit im Schaffen. Zuerst wird der Same, daraus der Keim. Aus dem Keime erst erwächst der Baum; dieser aber treibt zuerst Knospen, dann Blätter, dann Blüten und endlich erst die wohlschmeckende Frucht, in die abermals der Ursame gelegt ist und zur weiteren Fortpflanzung in der Frucht ausgereift wird.
GEJ|2|166|10|0|Wie es aber zugeht mit einer Pflanze im kleinen, also geht es auch zu mit einer ganzen Welt. Die Sonne steigt nicht unangekündigt über den Horizont, und einem Sturme gehen allzeit warnende Boten voran, die allzeit wohl zu erkennen sind.
GEJ|2|166|11|0|Wenn denn Gott Selbst in allen Dingen solch eine Ordnung des Nacheinanderwerdens allerstrengst und mit der größten Geduld und Ausharrung beachtet, so werdet wohl auch ihr, als Meine wahrhaftigen Jünger, Mir in allem dem Nachfolge tun, was Ich euch gezeigt und wozu Ich euch den Weg gebahnt habe, auf daß ihr nicht irre werdet am selbstgemachten Wege! – Habt ihr alle das wohl verstanden?“
GEJ|2|166|12|0|Sagt der Hauptmann: „Herr, ich für meinen Teil habe alles wohl verstanden und glaube, daß sich unter uns wohl niemand mehr befindet, der diese übersonnenhellen Wahrheiten aus den Himmeln nicht verstanden hätte. Dir allein allen Dank und alle Ehre darum!“
GEJ|2|166|13|0|Sage Ich: „Du meinst es wohl, daß diese meine Worte alle hier Anwesenden verstanden haben?! Ja, sie haben das auch verstanden, auch der eine hat es verstanden – mit seinem Gehirne, aber nicht mit seinem Herzen!“
GEJ|2|166|14|0|Auf dies Wort wurden alle verlegen, und die Jünger fragten Mich, wer es sei, den Ich gemeint habe.
GEJ|2|166|15|0|Ich aber sagte: „Noch ist es nicht an der Zeit, solches vom Dache herab kundzutun; wenn aber die Zeit kommen wird, da werdet ihr euch dieser Meiner Worte wohl erinnern. Wer von euch aber nun irgendeine Vermutung hegt, der behalte sie in seinem Herzen; denn vor der Zeit soll kein Baum gefällt werden!“
GEJ|2|166|16|0|Nach solchen Meinen Worten begriffen die Jünger wohl, daß Ich den Judas Ischariot gemeint hatte; aber sie schwiegen und gaben durch kein Zeichen ihre begründeten Mutmaßungen kund.
GEJ|2|166|17|0|Es fragten Mich aber Matthäus und Johannes, ob sie solche herrlichste Lehre wohl aufzeichnen dürften zum Besten der Menschen.
GEJ|2|166|18|0|Sage Ich: „Ihr möget die Lehre der Liebe, Sanftmut und Geduld wohl auf ein eigenes Blatt vorderhand anmerken, – aber nicht zu dem im Hauptbuche bereits Geschriebenen; denn Ich werde davon noch mehrmals reden und werde es euch schon anzeigen, wann ihr es aufzuzeichnen habt. – Nun aber wollen wir ruhen und uns abermals in der inneren Selbstbeschauung üben, welche da ist eine wahre Sabbatfeier in Gott!“
GEJ|2|166|19|0|Auf diese Worte aus Meinem Munde ward alles stille im Hause, und wir saßen also bei drei Stunden.
GEJ|2|166|20|0|Nach dieser Zeit aber sagte Ich: „Nun ist der Sabbat vollbracht, und wir können nun auch unsern Gliedern eine nötige Ruhe spenden!“ – Darauf begab sich alles zur Ruhe des Fleisches, und es ward schon ziemlich spät am Morgen, als wir die Lager verließen.
GEJ|2|167|1|1|167. — Abschied des Herrn und Abfahrt nach Sidon und Tyrus. (Matth. 15)
GEJ|2|167|1|0|Nach eingenommenem Morgenmahle beschäftigten wir uns mit allerlei, und Ich gab dem Ebahl so manche Landwirtschaftsregel, wie er seine Felder bebauen und seine Obst- und Weingärten behandeln solle, auf daß sie ihm stets eine reiche Ernte gäben, die er sicher allzeit am besten verwenden werde. Ich zeigte dem Ebahl, wie er das Obst veredeln und vermehren könne, und lehrte ihn mehrere nützliche Kräuter kennen, die seither in die Küche aufgenommen worden sind. Also zeigte Ich ihm auch mehrere Wurzelfrüchte, die ebenfalls als gute Nährmittel allzeit verwendet werden können und zeigte ihm auch die Zubereitung alles dessen, sowohl der Kräuter wie der Wurzeln. Kurz, in den zwei noch darauffolgenden Tagen, die Ich noch in Genezareth zubrachte, lehrte Ich den Ebahl noch so manches in der Landwirtschaft kennen, was zuvor noch kein Jude kannte. Im gleichen lehrte Ich ihn auch, daß er auch das Fleisch der Hasen, Kaninchen, der Rehe und Hirsche, so und so zubereitet, allzeit als einen reinen und wohlschmeckenden Braten genießen könne, ohne dadurch unrein zu werden, zeigte ihm aber auch zugleich die Zeit an, in der solche Tiere zu fangen und zu töten sind. Und also zeigte Ich ihm noch so manches und manches, worüber der biedere Ebahl sehr erfreut war.
GEJ|2|167|2|0|Zugleich legte Ich mit Meinen Jüngern für die Jarah einen kleinen Küchengarten an, bepflanzte ihn mit allerlei nützlichen Pflanzen, Kräutern und Wurzelgewächsen und empfahl ihr, diesen Garten recht sorgsam zu pflegen. Sie versprach Mir das auch unter vielen Freudentränen, und wenn Ich jüngst wiederkäme, so solle Ich den Garten schon in dem blühendsten Zustande antreffen. Und so war nun im Hause Ebahls alles in der besten Ordnung.
GEJ|2|167|3|0|Also war unter allerlei nützlichen Beschäftigungen der Sonntag, der Montag und der Dienstag vergangen, und Ich machte Anstalten zur Weiterreise. Aber der Hauptmann, der Ebahl samt seinen Weibern und Kindern, und darunter besonders die Jarah, baten Mich allerinständigst, die Nacht hindurch noch in ihrem Hause zu verweilen; und Ich verweilte denn auch bis an den Mittwoch morgen.
GEJ|2|167|4|0|Am Morgen aber kamen einige von den Schiffsknechten und sagten, wie die Pharisäer von Jesaira wohl am vorhergehenden Tage zu ihnen gekommen wären, aber des 47. Psalms auch nicht mit einer Silbe mehr erwähnt, sich aber dafür desto emsiger nach Mir erkundigt hätten, um Mich zur Verantwortung zu ziehen, darum Ich ganz Jesaira von Jerusalem abwendig gemacht hätte. Aber sie (die Schiffsknechte) hätten ihnen auf derlei Fragen gar keine Rede und Antwort gegeben, wohl aber von ihnen die etlichen Silbergroschen genommen, die die Pharisäer mit viel Unwillen und Schimpfen an sie bezahlt hätten, – worauf sie dann wieder ihr Schiff bestiegen und ihre Reise, nach der Aussage der Schiffer, nach Kapernaum genommen hätten, wahrscheinlich um Mich dort näher auszukundschaften, für was sie eigentlich vom Tempel wie von Herodes bedungen wären.
GEJ|2|167|5|0|Als Ich solches von den Schiffsknechten treu erzählt vernahm, da gebot Ich den Schiffern, binnen einer Stunde das Schiff zur vollen Abfahrt in Bereitschaft zu halten, und die Schiffer gingen hin und richteten das Schiff wohl zu.
GEJ|2|167|6|0|Als aber die Jarah, die des Morgens in ihr Gärtchen gegangen war, ins Zimmer kam und auch sogleich vernahm, daß Ich alsogleich ausziehen werde, da fing sie an bitterlich zu weinen und bat Mich, ob Ich denn nicht noch eine Stunde länger verweilen könnte. Es drücke ihr förmlich das Herz ab, so sie sich vorstellen müsse, daß sie Mich nun, Gott weiß wie lange, nicht wiedersehen werde.
GEJ|2|167|7|0|Ich aber gab ihr Trost und die volle Versicherung, daß sie Mich sogar leiblich gar bald wieder sehen werde; geistig aber solle sie mit Mir reden, wann sie nur immer wolle, und Ich werde ihr die vollkommenste Antwort klar und deutlich in ihrem Herzen aussprechen. Zudem werde ihr an Meiner Stelle der Engel Raphael sichtbar belassen, der sie führen werde den rechten Weg. – Damit war die Weinende beruhigt.
GEJ|2|167|8|0|Darauf segnete Ich das ganze Haus Ebahls und zog dann hinaus ans Meer, allwo das Schiff unser harrte. Daß Mich das ganze Haus Ebahls, der Hauptmann und noch eine große Menge andern Volkes hinausbegleitete, versteht sich von selbst.
GEJ|2|167|9|0|Die beiden Essäer und die bekehrten etlichen Pharisäer und Schriftgelehrten aber baten Mich, Mich dahin begleiten zu dürfen, wohin Ich zöge.
GEJ|2|167|10|0|Ich aber sagte: „Bleibet ihr, auf daß es der Welt nicht vor der Zeit zu bunt wird! Denn die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher; aber des Menschen Sohn hat auch nicht einen Stein also, daß Er ihn als volles Eigentum lege unter Sein Haupt. Da Ich aber keinen irdischen Besitz habe und dennoch eine große Schar von Menschen mit Mir nehme, so würde man zu sagen anfangen: ,Woher ernährt er sie? Hat er doch keine Äcker, keine Wiesen und keine Herden! Er ist entweder ein Dieb oder sonst ein Betrüger!‘ Um solches zu vermeiden, bleibet ihr hier, und ihr Essäer gehet zu euren Brüdern und erzählet ihnen alles, was ihr gesehen und gehört habt; sie alle werden sich umändern und werden eines bessern Sinnes werden!
GEJ|2|167|11|0|So ihr Pharisäer und Schriftgelehrten aber etwa vom Tempel zurückberufen werdet, um über Mich Aufschlüsse zu geben denen, die Mir nach dem Leben streben, so redet nichts von all den Werken, aber desto mehr und offener von Meiner Lehre! Fürchtet euch nicht ihrer, die im äußersten Falle wohl euren Leib töten, aber der ewig fortlebenden Seele keinen weitern Schaden zufügen können! Sie werden euch jedoch nicht angreifen. Verstoßen sie euch aber, so ziehet zu den Essäern; diese werden euch mit offenen Armen aufnehmen!“
GEJ|2|167|12|0|Sagt der Hauptmann: „Oh, ihr möget auch bei mir verbleiben; ich mache euch zu Römern, gebe euch römische Kleidung und ein Schwert, und ihr werdet dann sicher volle Ruhe haben vor dem Tempel und dessen sehr argen Dienern.“
GEJ|2|167|13|0|Sage Ich hierzu: „Ja, ja, auch das könnet ihr tun! Seid stets klug gleich den Schlangen und sanft gleich den Tauben, so werdet ihr mit der Welt am besten auskommen!“
GEJ|2|167|14|0|Nach diesen Worten stieg Ich mit Meinen etlichen, in allem zwanzig Jüngern ins Schiff, und, da ein guter Wind kam, fuhr es mit großer Schnelligkeit ans jenseitige Meeresufer in der Richtung gen Sidon und Tyrus (Matth.15,21), welche Städte aber freilich noch hübsch ferne vom Galiläischen Meere am Mittlandsmeere (Mittelländisches Meer) lagen.
GEJ|2|168|1|1|168. — Szene mit dem kananäischen Weibe bei Tyrus. (Matth. 15)
GEJ|2|168|1|1|Genezareth – Zu Schiff über die Bucht und dann zu Fuß nordwärts in Richtung Tyrus – Rückkehr zum Galiläischen Meer – Berg am Ufer (Zweite Volksspeisung) – Zu Schiff nach der Herberge bei Magdala – Zurück zum Berg am Ufer – Zu Fuß nach der Hütte des Markus bei Cäsarea Philippi. (Kap.168-244)
GEJ|2|168|1|0|Als wir das Schiff am jenseitigen Ufer verließen, hatten wir auf griechischem Gebiete noch einen starken Marsch zu Fuß zu machen, um nur in das Gebiet von den beiden Städten zu gelangen. Als wir bis an die Grenze des Gebietes von Tyrus kamen und dasselbe schon stark gen Abend überschritten, lief ein Weib, das aus Kana in Galiläa gebürtig war, aber in diese Gegend hin einen Griechen schon vor fünfzehn Jahren geheiratet hatte und Mich am Wege erkannte, uns nach und schrie: „Herr, Du Sohn Davids, erbarme Dich meiner! Meine Tochter wird vom Teufel übel geplagt!“ (Matth.15,22) – Ich aber ließ sie schreien, sagte zu ihr kein Wort und zog den Weg vorwärts.
GEJ|2|168|2|0|Da aber das Weib zu gewaltig schrie, daß es den Jüngern schon lästig ward, traten diese zu Mir, hielten Mich auf und sagten: „Laß sie doch von Dir! Denn nun schreit sie uns schon bei einer halben Stunde die Ohren allerlästigsterweise voll! (Matth.15,23) Willst oder kannst Du ihr nicht helfen, so schaffe doch, daß sie uns verlasse, sonst werden die andern Menschen, die auch auf diesem Wege wandeln, noch auf den Glauben kommen, wir hätten dem Weibe etwas angetan, und werden uns aufhalten und mit allerlei Fragen belästigen!“
GEJ|2|168|3|0|Sage Ich darauf zu den Jüngern: „Ich bin nicht gesandt, denn nur zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel.“ (Matth.15,24)
GEJ|2|168|4|0|Die Jünger sahen auf diesen Meinen Bescheid einander groß an und wußten nicht, was sie daraus hätten machen sollen; und Judas Ischariot beschuldigte Mich einer Inkonsequenz im höchsten Grade, indem er zu Thomas sagte: „Man möchte aber manchmal schon aus der Haut fahren vor Ärger über so manche faustdicke Widersprüche in seinem Reden und Handeln! Bei diesem Weibe, das bei ihm Hilfe sucht, ist er ganz allein zu den Schafen vom Hause Israel gesandt; aber wo er den Römern, die doch noch mehr Heiden sind denn dieses arme, halb griechische und halb jüdische Weib, alle mögliche Hilfe hat angedeihen lassen, da dachte er nicht daran, daß er nur zu den Schafen vom Hause Israel gesandt ist!“
GEJ|2|168|5|0|Sagt zu ihm Thomas: „Ich kann dir diesmal freilich nicht ganz unrecht geben; aber dennoch bleibe ich bei dem, daß Er hier einen besonderen Grund haben wird, demzufolge Er diesem Weibe gar nicht helfen will!“
GEJ|2|168|6|0|Während aber die Jünger also untereinander ihre Meinungen tauschen, kommt das Weib Mir nahe, fällt vor Mir auf ihre Knie und spricht: „Herr, hilf mir!“ (Matth.15,25)
GEJ|2|168|7|0|Ich aber sah das Weib an und sagte: „Es ist nicht fein, daß man den Kindern das Brot nehme und werfe es vor die Hunde!“ (Matth.15,26)
GEJ|2|168|8|0|Darauf sagte das Weib: „Ja, Herr, – aber doch essen die Hündlein die Brosamen, die von ihrer Herren Tische fallen!“ (Matth.15,27)
GEJ|2|168|9|0|Diese Antwort setzte alle Jünger in Erstaunen, und Petrus bemerkte insgeheim: „Nein, das ist stark! Soviel Weisheit habe ich nur selten bei einer Jüdin gefunden; und das Weib ist von Geburt auf eine Griechin, obgleich zu Kana in Galiläa geboren! Ich kenne sie und habe ihr schon manchen Fisch verkauft, aber freilich schon vor fünfzehn bis sechzehn Jahren.“
GEJ|2|168|10|0|Ich aber sah an das Weib und sagte zu ihr: „O Weib, dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du es willst!“
GEJ|2|168|11|0|Da erhob sich das Weib, dankte und eilte von dannen nach ihrer Behausung und fand ihre Tochter gesund. (Matth.15,28) – Die Leute aber, die daheim bei dem Mägdlein waren, erzählten der Heimgekommenen, wie der Teufel sichtbar, unter gewaltigem Toben und Fluchen, vor einer halben Stunde ausgefahren sei. Da erkannte das Weib, daß dies um dieselbe Zeit geschah, als Ich an der Grenze des Gebietes von Tyrus zu ihr sagte: „O Weib, dein Glaube ist groß; dir geschehe, wie du es willst!“
GEJ|2|168|12|0|Es war aber Abend geworden, und die Jünger fragten Mich, ob Ich wohl ganz nach Tyrus ziehen werde, oder ob sie sich hier an der Grenze des Gebietes nach einer Herberge umsehen sollten, da die Stadt Tyrus von da noch bei drei Stunden Weges entlegen wäre.
GEJ|2|168|13|0|Ich aber sagte zu den Jüngern: „Wißt ihr was? Wenden wir uns von da statt gen Abend, allwo Tyrus liegt, gen Mittagmorgen (Südost)! Allda kommen wir abermals ans Galiläische Meer. Gleich vom Ufer aus erhebt sich ein schöner Berg, dessen ganz freie Kuppe wir von hier aus in zwei Stunden leicht erreichen; dort wollen wir übernachten.“
GEJ|2|168|14|0|Auf diese Meine Worte gingen wir von da fürbaß, kamen nach einer Stunde ans Galiläische Meer und zugleich an den Fuß des Berges, dessen Kuppe wir auch recht gemächlich in einer Stunde erreichten.
GEJ|2|168|15|0|Auf der Höhe angelangt, setzten wir uns aufs weiche Alpengras und ruhten daselbst, ohne gerade gleich einzuschlafen. (Matth.15,29)
GEJ|2|169|1|1|169. — Von der Besessenheit
GEJ|2|169|1|0|Nach einer Weile der genossenen Ruhe sagte Petrus: „Herr, ich begreife nun schon so manches, aber das Besessensein – besonders unschuldiger Kinder – vom Teufel, und daß sie von solch einem argen Bewohner ihres Leibes oft auf die erbärmlichste Weise geplagt werden, das begreife ich nicht! Wie solch einen Unfug Deine Weisheit und Deine Ordnung zulassen kann! Das Töchterchen des Weibes, das uns heute nachlief, dürfte kaum 13-14 Jahre alt sein, und nach der Aussage der Mutter ist es bereits sieben volle Jahre hindurch von einem Teufelsgeiste auf eine kaum glaublich böse und schmerzlichste Weise täglich bei sieben Stunden lang gepeinigt worden. Warum mußte denn so etwas zugelassen werden?“
GEJ|2|169|2|0|Sage Ich: „Das sind Dinge, die euer Verstand jetzt noch nicht vom Grunde aus fassen kann! Aber da wir hier ganz ungestört beisammen sind, so will Ich euch gleichwohl einige Winke davon geben; und so vernehmet Mich!
GEJ|2|169|3|0|Die Erde ist die Trägerin von zweierlei Arten von Menschen. Die eine und bessere Art stammt von oben, ursprünglich schon, darunter zu begreifen sind die Kinder Gottes. Die andere und eigentlich schlimme Art aber stammt pur von dieser Erde ab; ihre Seele ist gewisserart eine Zusammensetzung von einzelnen Lebensteilchen, die, vom Satan genommen, in der Masse des Erdkörpers als Materie gefangengehalten werden, von dieser dann durch die Pflanzenwelt in die Tierwelt übergehen, sich durch die vielen Stufen der Tierwelt endlich dann als eine Potenz, bestehend aus zahllosen Urseelenteilchen, zu einer Weltmenschenseele ausbilden und bei den besonders ungesegneten Zeugungen in den Leibern der Weiber Fleisch annehmen und weiter, gleich wie die Kinder des Lichtes aus der geistigen Sphäre der Himmel, in diese Welt geboren werden.
GEJ|2|169|4|0|Nun, solche Kinder, da ihr ganzes Wesen aus dem Satan genommen ist, sind dann auch stets mehr oder weniger der Gefahr ausgesetzt, von irgendeinem bösen Geiste, das heißt von der schwarzen Seele eines einst auf dieser Erde schon im Fleische gelebt habenden Teufels von einem Menschen, besessen zu werden, was aber besonders da am ehesten geschehen kann, wo eine solch junge, aus dem Satansteile der Erde genommene Seele eine gute und himmlische Richtung zu nehmen beginnt. Weil dadurch ein Lebensteil sich aus der Sphäre der Hölle entreißt, so verursacht solches der gesamten Hölle einen unerträglichen Schmerz, darum sie dann auch alles aufbietet, um solch eine Verwundung zu verhüten.
GEJ|2|169|5|0|Du fragst nun freilich, wie solches der Hölle denn doch einen Schmerz verursachen könne; denn eine solche Seele müsse der Hölle gegenüber ja doch noch ums Unnennbare kleiner und geringfügiger sein, als da ist ein Härchen am Menschen dem ganzen Menschen gegenüber. Und Ich sage dir, daß dies allerdings richtig geurteilt ist; aber ergreife du an deinem Leibe das kleinste Härchen und raufe es aus, und du wirst dabei gewahr werden, daß du beim Akte des Haarausraufens nicht bloß an der Stelle des Härchens, sondern wohl im ganzen Leibe einen unausstehlichen Stechschmerz verspüren wirst, der dich zur Verzweiflung brächte, so er nur eine Stunde gleichfort währte.
GEJ|2|169|6|0|Aus dieser dir nun gegebenen Erklärung kannst du nun schon ein wenig tiefer einsehen, warum auf der Erde das Besessensein vorkommt und bis ans Ende dieser Erde vorkommen wird.
GEJ|2|169|7|0|Dieses Besessensein aber hat für den Besessenen auch sein entschieden Gutes; denn eine solche Seele, deren Leib von irgendeinem Teufel in Besitz genommen wird, wird durch die Qualen ihres Fleisches offenbarst geläutert und vor dem bösen Eingehen in ihren Leib bewahrt. Zur rechten Zeit aber kommt dann schon die Hilfe von oben, und eine Weltseele ist dann total gewonnen für den Himmel. – Sage, ob du die Sache nun etwas begriffen hast!“
GEJ|2|169|8|0|Sagt Petrus: „Ja Herr, das ist mir nun ganz klar geworden; aber dann wäre es ja beinahe besser, einem noch so schwer Besessenen gar nicht zu helfen!?“
GEJ|2|169|9|0|Sage Ich: „Wenn jemand kommt und dich um Hilfe angeht, so sollst du sie ihm nicht vorenthalten; denn da sorgt schon Meine Vorsicht dafür, daß irgendein Beteiligter nicht eher in diesen Fällen zum Hilfesuchen gelangt, bis es beim Besessenen gerade an der Zeit ist, daß ihm eine rechte Hilfe werde. Darum ist sie denn auch keinem Suchenden vorzuenthalten! – Verstehest du denn nun auch diese gleich vollwichtige Erklärung?“
GEJ|2|169|10|0|Sagt Petrus: „Ja Herr, Dir allein allen Dank, alle Liebe und alle Ehre darum! So gibt es in der Welt denn doch nichts, woraus für den in göttlichen Dingen Verständigen nicht gleichweg die höchste Liebe und Weisheit Gottes vollauf ersichtlich wäre!“
GEJ|2|169|11|0|Sage Ich: „Ja, also ist es, darum sollt ihr denn auch bei allen noch so widerwärtigen Erscheinungen auf dieser Erde nicht verzagen; denn der Vater im Himmel weiß darum und weiß es am besten, aus welchem Grunde Er sie zuläßt!
GEJ|2|169|12|0|Also sind die meisten Krankheiten, die die Menschen zu durchleiden haben, nichts als Verhütungen, daß die Seele nicht eins werde mit dem Fleische, das sogar bei den Kindern des Lichtes aus dem gebannten Satan genommen ist; nur ist bei den Kindern des Lichtes ein Unterschied darin, daß ihre Leiden, wenn die Seele fleischlich werden will, vom Himmel aus verfügt werden. Aber auch die Schmerzen der Kinder der Welt werden dahin aus den Himmeln verordnet und zugelassen, sind aber im Grunde doch Schmerzen der Hölle, die der Leib des Weltkindes als ein voller Teil der Hölle gleichsam mitfühlt, wenn die Hölle dadurch in einen großen Stechschmerz versetzt wird, so ihr durch den gewaltigen Einfluß der Himmel ein Teil ihres Gesamtlebens vom Grunde aus abgerissen wird! – Verstehst du nun auch solche Meine Erklärung?“
GEJ|2|169|13|0|Sagt Petrus: „Ja Herr, auch diese Erklärung verstehe ich; Dir wie allzeit alle meine Liebe für ewig!“
GEJ|2|170|1|1|170. — Die Wunderquelle
GEJ|2|170|1|0|Sage Ich: „Habt ihr es wohl gemerkt, daß uns niemand sah besteigen diesen Berg, und daß wir uns hier gelagert haben?“
GEJ|2|170|2|0|Sagen die Jünger: „Herr, wir haben auf dem ganzen, gut zwei Stunden langen Wege keinen Menschen gesehen, wollen darum aber ja nicht behaupten, daß uns niemand gesehen habe!“
GEJ|2|170|3|0|Sage Ich: „Das Weib hat uns dennoch gesehen und entdeckt, daß wir hier Lager genommen haben, und das genügt, daß morgen dieser Hügel von Tausenden betreten werden wird!“
GEJ|2|170|4|0|Sagen die Jünger: „Herr, wir sind so müde nicht; verlassen wir darum etwa nach Mitternacht diesen Berg und begeben uns woandershin, allwo uns das allzeit lästige Volk nicht finden wird, und wir können also dann etliche Tage ausruhen!“
GEJ|2|170|5|0|Sage Ich: „Wir werden aber dennoch hier bleiben! Denn es ist also des Vaters Wille, daß Ich hier heile allerlei bresthafte Menschen von ihren leiblichen Übeln. Darum werde Ich Mich drei volle Tage auf diesem Berge aufhalten. Am Morgen könnt ihr irgendwohin gehen und für uns auf die drei anberaumten Tage mäßig viel Brot herschaffen!“
GEJ|2|170|6|0|Sagt Judas Ischariot: „Da werden wir weit zu gehen haben; denn das ist eine offenbare Wüste, und unter drei bis vier Stunden Weges finden wir nirgends einen Ort, wo wir Bäcker antreffen!“
GEJ|2|170|7|0|Sagt Petrus: „Dafür werde schon ich Sorge tragen; denn an dieses Meeres Ufern ist mir kein Ort fremd, und ich weiß es, wohin man zu gehen hat, um Brot zu bekommen. Zwei Stunden Weges höchstens hin und ebensoviel hierher zurück!“
GEJ|2|170|8|0|Sage Ich: „Nun gut, so sorge du, Simon Juda, darum! Den du berufst, der soll dein Begleiter sein!“
GEJ|2|170|9|0|Sagt Petrus: „Herr, wir sind unser etliche zwanzig; so aber zehn mit mir gehen, so bringen wir des Brotes und auch der schon gebratenen Fische für drei Tage zur Übergenüge.“
GEJ|2|170|10|0|Sage Ich: „Also ist es gut; nun aber lasset uns ruhen!“
GEJ|2|170|11|0|Darauf suchte sich jeder ein Plätzchen aus, das ihm zur Ruhe die meiste Bequemlichkeit bot, und so ward es bald stille auf dem Berge. Alle Jünger schliefen bald ein; nur Ich allein blieb wach und schlief erst gegen Morgen ein wenig ein. Als Ich mit dem Sonnenaufgange erwachte, war Petrus auch schon mit einer Menge Brotes an Ort und Stelle; denn er verließ schon bei drei Stunden vor dem Aufgange den Berg und fand unten am Ufer des Meeres ein mit Brot beladenes Schiff, das von Magdala herkam und damit nach Jesaira steuern wollte. Petrus aber nahm dem Schiffe nahezu die Viertelladung ab, und Matthäus, der junge Zöllner, bezahlte die ganze Abnahme. Zugleich führte dies Schiff auch gute, frisch gebackene Fische, von denen der gute Petrus auch eine ganze Kiste voll nahm, die ebenfalls der Matthäus bezahlte. Mit allem dem war nun dieses Berges Höhe versehen; aber eines mangelte, und das war eine gute Quelle. Wasser war auf dem ganzen, ziemlich gedehnten Berge aber auch nicht einmal tropfenweise anzutreffen, und der geringe Weinvorrat reichte kaum für einen halben Tag.
GEJ|2|170|12|0|Da traten zu Mir Petrus und Mein Johannes, und beide sprachen: „Herr, Du bist mehr denn Moses! So Du sprächest zu diesem schönen weißen Felsblock, daß er Wasser gäbe, so würde sicher sogleich das reinste Wasser hervorquellen!“
GEJ|2|170|13|0|Sage Ich: „So ihr beide hinreichend Glauben habt, so leget eure Hände auf den Stein und gebietet ihm in Meinem Namen, daß er Wasser gäbe, und es soll an der Stelle, die ihr mit euren Händen angerührt habt, sogleich eine Menge des besten, reinsten und wohlschmeckendsten Wassers geben!“
GEJ|2|170|14|0|Als die beiden solches vernahmen, da suchten sie sich gleich eine passende Stelle aus auf dem Steine und legten ihre Hände darauf. Aber der Stein wollte dennoch kein Wasser geben! Als sie bei einer Stunde lang ihre Hände auf dem Steine gehalten hatten, da fing derselbe an sich zu rühren und schob sich bald über zehn Schritte von der früheren Stelle; denn dieser Steinblock war vor mehreren tausend Jahren einmal da von der Höhe herab als ein Meteor aufgestürzt und hatte dadurch die einzige Wasserquelle dieses Berges derart verstopft, daß der Quelle aber auch nicht ein Tropfen Wasser mehr entrinnen konnte. Da aber nun der Stein auf diese Weise von der alten Stelle abgehoben ward, so war denn auch sogleich die beste und sehr reichliche Quelle am Tage, und zwar gleich einem bei fünf Schuh tiefen Bassin, das – wie schon gezeigt – der Stein vor mehreren tausend Jahren durch seinen Aufsturz verursacht hatte.
GEJ|2|170|15|0|Und so war denn nun dieser Berg auch mit dem besten Wasser für immer versehen (und ist es noch bis zur Stunde). Aber weder Petrus noch Johannes begriff, wie der Stein durch die pure Auflegung ihrer Hände zum gleichwie freien Fortbewegen gekommen ist. Es versuchten hernach auch alle andern Jünger, ihre Hände an den Stein zu legen, um zu erfahren, ob er noch weiterginge. Aber diese richteten mit dem Steine nichts aus.
GEJ|2|170|16|0|Als aber Petrus und Johannes ihre Hände wieder auf den Stein legten, so fing er sogleich wieder an, sich weiterzubewegen. Da fragten Mich die andern Jünger: „Herr, warum können denn wir das nicht zustande bringen?“
GEJ|2|170|17|0|Sage Ich: „Weil euer Glaube hie und da noch ein wenig wurmstichig ist und der gerechten Kraft ermangelt. Aber Ich sage es euch: So ihr einen rechten Glauben hättet und möchtet nicht zweifeln an dem, was ihr bewirken wollt, wahrlich, ihr könntet auf einen ganzen Berg eure Hände legen und ihm gebieten, und er würde seine Stelle gleich diesem ziemlich schweren Steine verlassen und sich woandershin bewegen. Aber dazu ist euer Glaube noch viel zu schwach! Ja, Ich sage euch noch mehr! So ihr einen wahren, festen Glauben besäßet, so könntet ihr zu jenem hohen Berge, den wir bei Genezareth bestiegen haben, von hier aus sagen: ,Hebe dich und falle ins Meer!‘, und der Berg würde sich heben und fallen ins Meer nach eurem Worte und Willen! Doch, was ihr nun noch nicht vermöget, das werdet ihr dennoch dereinst vermögen! – Nun aber lasset uns das Morgenbrot nehmen; denn es wird dann gar nicht lange mehr hergehen, und wir werden von Menschenmassen nahezu erdrückt werden! Den Vorrat des Brotes und der Fische aber leget auf jenen Stein, der durch euch von hier weitergerückt worden ist!“
GEJ|2|170|18|0|Wir nahmen darauf das Morgenbrot zu uns, und nachdem wir es mit etwas Fischen verzehrt hatten, legten die Jünger den noch bedeutenden Vorrat auf den großen, weißen Stein, und wir besahen uns die schöne Gegend, die weit ausgebreitet vor uns nach allen Seiten hin lag. Man konnte von diesem Berge ganz gut bei einem heiteren Wetter hie und da das Ufer des großen Mittelmeeres erschauen und die Türme von Sidon und Tyrus und noch eine große Menge anderer Ortschaften; kurz, die Fernsicht von diesem Berge war überaus reizend und wetteiferte mit mehreren viel höheren Bergen, zu deren Besteigung man oft einen vollen Tag vonnöten hatte. Die ganze Höhe maß über die Meeresfläche nach den Maßbestimmungen dieser Zeit etwas über viertausend Fuß. Das Plateau war so weit und geräumig, daß man darauf eine recht große Stadt hätte setzen können; nur die Zugänge waren von allen Seiten ziemlich steil, und man mußte sich bei manchen Stellen eine ziemliche Mühe gefallen lassen, um sie zu überwinden. An mehreren Stellen war dieser Berg sogar unersteiglich; aber von der Seite, von der wir ihn bestiegen hatten, war er ziemlich gut zu besteigen. Und von dieser Seite her vernahmen wir denn auch nach einer etwa stündigen Betrachtung der schönen Fernsicht eine Menge Menschenstimmen, darunter viele Schmerzenslaute von jung und alt und von männlich und weiblich.
GEJ|2|171|1|1|171. — Großes Heilwunder auf dem Berge (Matth. 15)
GEJ|2|171|1|0|Als Judas Ischariot solches vernahm, schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen und sprach: „Nein, da wird es mir denn doch endlich einmal zuviel! Da kommen ja gleich wieder nicht etwa Hunderte, sondern Tausende von Menschen, und das sicher mehr Kranke als Gesunde! Lebe wohl, du stiller Friede dieser Höhe! Das wird wieder ein Getummel und Getümmel werden, und von einer Ruhe wird keine Rede mehr sein können!“
GEJ|2|171|2|0|Sage Ich: „Was kümmert denn dich das? Zu dir kommt sicher keine Seele, und die Kranken wirst du nicht gesund zu machen brauchen; geht es dir bei Mir zu unruhig und zu bunt zu, so ziehe nach deiner Heimat und besuche mit deinen Töpfen wieder die Märkte! Solange du bei Mir sein willst, mußt du dich fügen in Meine Anordnungen, weil auf Meinen Wegen und Stegen Ich allein der Herr bin! Werde Ich aber jemals zu dir kommen und mit dir ziehen auf deinen Wegen und Stegen, dann werde Ich Mich in deine Anordnungen fügen und dich als Herrn deiner Sache anerkennen! Hier aber, meine Ich, ist es etwa doch wohl der umgekehrte Fall?!“
GEJ|2|171|3|0|Sagt Judas Ischariot, in sich hineinbrummend: „Nun ja, nun ja, – ich darf nur den Mund auftun, so ist schon alles gefehlt! Kann ja für alle Zukunft auch so stumm bleiben wie ein Stein!“
GEJ|2|171|4|0|Sagt endlich auch einmal wieder der weise Nathanael: „Das wäre von dir einmal ein weiser Zug, den ich bei dir aber noch immer vermißt habe. Ja, reden zu rechter Zeit, ist eine schöne Sache für den, der etwas zu reden hat und zu reden versteht; aber für einen Dummen ist das volle Schweigen noch um vieles schöner!“
GEJ|2|171|5|0|Während Nathanael also noch einige Weisheitssprüche Salomons dem Judas Ischariot ins Gedächtnis rief, kamen schon an verschiedenen Seiten des großen Bergplateaus eine übergroße Menge Menschen von allen Gegenden zum Vorschein und brachten mit sich Lahme, Blinde, Stumme, Krüppel aller Art und noch viele andere mit allerlei Krankheiten Behaftete und legten alle die vielen Leidenden, derer bei fünfhundert an der Zahl waren, in einem weiten Kreis um Mich herum, als wie zu Meinen Füßen, und baten Mich, daß Ich sie heilete. Und siehe, Ich heilte sie mit einem einzigen Wort und sagte dann zu den Geheilten: „Stehet nun auf und wandelt!“ (Matth.15,30)
GEJ|2|171|6|0|Da merkten es zuerst die Blinden, daß sie sahen so gut und rein, als wären sie frisch geboren worden. Gleich darauf merkten es auch die Stummen und gaben Antwort und Rede auf jegliche Frage. Darauf erst versuchten es die Lahmen und die Krüppel, ob ihre kontrakten (gelähmten) und zum Teil ganz verdorrten Glieder in der Ordnung seien. Es war aber darunter auch nicht einer, der da hätte sagen können: ,Mir ist dennoch nicht vollkommen geholfen worden!‘ In gleichem Maße wurden auch alle andern Kranken völlig gesund.
GEJ|2|171|7|0|Als das Volk ersah, daß die Stummen redeten, die Blinden sahen, die Lahmen wohlgemut gerade gingen und allerartige Krüppel und andere Kranke vollauf gesund waren, da verwunderte es sich über alle Maßen gewaltig und fing an, laut zu preisen den Gott Israels. (Matth.15,31) Und sie blieben darauf bis an den dritten Tag bei Mir auf dem Berge, obwohl sie schon am zweiten Tage ihren mitgenommenen Mundvorrat bis auf den letzten Brosamen aufgezehrt hatten.
GEJ|2|171|8|0|Man kann hier füglich fragen, was denn diese Volksmasse die zwei andern Tage hindurch auf dem Berge gemacht hat. – Darauf kann in Kürze geantwortet werden, daß sich alle die etlichen tausend Menschen beiderlei Geschlechts in Meiner Lehre von Mir und von den Jüngern haben unterweisen lassen. Merkwürdig aber war es, daß da unter den etlichen Tausenden auch nicht einer war, der da ergriffen hätte die Partei der Pharisäer und Schriftgelehrten. Im Gegenteile wußten sie dazu noch eine Menge löblicher Stücklein zu erzählen, die sie bei verschiedenen Gelegenheiten mit den Templern erlebt, dabei aber auch nur zu oft die bittersten Erfahrungen gemacht und darauf bitter beklagt hatten, mit diesen blinden Zeloten je in Berührung gekommen zu sein.
GEJ|2|172|1|1|172. — Des Herrn Voraussage über die Zukunft Seiner Lehre
GEJ|2|172|1|0|Es waren darunter auch eine Menge Griechen, die im höchsten Grade über die Lehre erstaunten, und einer von ihnen sagte: „Ja, das ist eine Lehre aus dem Fundamente der Natur! Da ist nichts Positiveres, nichts Willkürliches, das da sich ausgedacht hätte ein Mensch, damit er als Gesetzgeber aus Millionen von Menschen, die seine Gesetze zu beachten haben, sich am besten befände, so seine Gesetze beachtet werden, sondern diese Lehre enthält Gesetze, die vorerst das Leben des Menschen urgrundsächlich bedingen und somit auch höchst geeignet sind, dasselbe unter den besten, reinsten und wohltuendsten Verhältnissen für ewig zu erhalten. Da sieht nirgends ein Eigennutz und noch weniger irgendeine Herrschsucht heraus, sondern da ist gesorgt wie für jeden einzelnen an und für sich, also auch für eine zahllose Allgemeinheit! Wahrlich, durch diese Lehre, so sie erkannt und dann allgemein beachtet würde, müßte die Erde selbst ja schon zu einem Himmel werden!
GEJ|2|172|2|0|Aber, und das ist ein großes Aber, dazu wird eine total neue Generation vonnöten sein! Der unverbesserliche Mist von Menschen muß von der Erde vertilgt werden, sonst wird es ewig nimmer anders auf dieser Erde! Der Luxus und der Bequemlichkeitssinn hat eine zu hohe Stufe erreicht, der Mächtigere weiß sich die arme, schwache und ohnmächtige Menschheit zunutze zu machen; und darum leben nur wenige Menschen im Glücke, und die ungeheure Menge von Menschen muß darben! Und so kommt es dann, daß der arme Teufel am Ende an einer Vorsehung Gottes verzweifelt, der Reiche und Mächtige aber vor lauter Glück und Wohlergehen Gott vergißt, und die Folge ist, daß am Ende beide des Teufels werden müssen!
GEJ|2|172|3|0|Ja, Herr und Meister, Deine Lehre hat in sich die reinste göttliche Wahrheit, ja ich möchte sagen: Sie ist schon an und für sich pur Leben. Aber leider wird sie von der nichts glaubenden hohen Welt sicher nicht adoptiert werden, weil diese sich schon einmal auf der Erde eine solche Stellung gegeben hat auf dem Wege des Heidentums, daß sie dabei irdisch sehr gut bestehen kann. Adam wäre denn trotz seines gepriesenen Edens ein armer Schlucker gegen einen Cäsar Augustus oder gegen einen Lukullus und mehrere Hunderte dergleichen. ,Das kann man sich durch den Zeus, Apollo, Merkur usw. verschaffen; man kann an der Seite dieser Phantasiegötter endlos gut leben! Wozu dann Wahrheit, wozu Liebe, Sanftmut, Geduld und Weisheit?‘ Also werden die Großen und Mächtigen der Erde philosophieren und Deine wahrhaft heilige Freundschaftslehre gegen jedermann verfolgen, wie da verfolgt wird ein Lamm von den hungrigen Wölfen.
GEJ|2|172|4|0|Wie wird der sich je in Deine göttliche Freundschaftslehre finden, dem die Sklaverei seiner Nebenmenschen das höchste Bedürfnis zu seinem Wohlleben ist? Ja, Herr und Meister und allein wahrer Heiland der armen leidenden Menschheit, gehe hin, tue Wunder, predige die ewige Sklaverei und zeige es dem schmachtenden Volke, daß ein Cäsar allein das Recht hat, auf der Erde zu leben, alles Volk aber nur insoweit, als es dem Cäsar beliebt! Zeuge weiter laut, daß der Cäsar das unbestreitbare Recht habe, über jedermanns Leben und Tod zu verfügen nach seiner Willkür und einzuziehen alle Schätze und Güter der Erde, so werden Dir bald königliche Kleider angetan werden, und Du wirst einhergehen in großer Pracht und Majestät!
GEJ|2|172|5|0|Aber da Deine Lehre die allgemeine Brüderschaft predigt und in einem jeden Menschen ein Gotteskind darstellt, so wirst Du, lieber, für mich wahrhaft heiliger Meister, samt Deiner Lehre verfolgt werden über alle denkbaren Maßen.“
GEJ|2|172|6|0|Sage Ich: „Freund! Was du hier geredet hast, ist leider wahr; es wird bei den großen und mächtigen Heiden manchen harten Kampf kosten, bis bei ihnen Meine Lehre vollen Eingang finden wird! Aber wird sie bei ihnen einmal dennoch Eingang finden, so werden eben die Cäsaren und die Könige Meine wirkendsten und eifrigsten Apostel sein! Sie selbst werden die Götzentempel niederreißen und an deren Stellen erbauen Gotteshäuser, in denen sich die Brüder alle einfinden und allda geben werden dem einen, allein wahren Gott die Ehre, und ihre Kinder werden in den Gotteshäusern unterwiesen werden in der Lehre, die Ich nun gebe zum zeitlichen und ewigen Heile den Menschen.
GEJ|2|172|7|0|Aber das wird freilich nicht von heut auf morgen geschehen, sondern nach der rechten Zeit und den rechten Umständen; denn zuerst muß der Same ausgestreut werden, dann keimt er und bringt am Ende viele Frucht.
GEJ|2|172|8|0|Daß aber diese Meine Lehre nebenher von der eigentlichen Welt, die nicht sterben wird, allzeit Anfechtungen erleben wird, das weiß Ich um eine Ewigkeit schon zum voraus.
GEJ|2|172|9|0|Ja, diese Meine allersanfteste Lehre wird mit der Zeit sogar die blutigsten Kriege anfachen, aber es kann solches auch nicht vermieden werden; denn das Leben ging hervor aus einem gewaltigen Kampfe in Gott, ist und bleibt darum ein fortwährender Kampf und kann nur durch den geeigneten Kampf erhalten werden! – Verstehest du solches?“
GEJ|2|172|10|0|Sagt der Grieche: „Herr und Meister, das ist für unsereinen zu tief! Das magst Du und Deine Schüler wohl fassen; aber für mich ist das etwas zu Unbegreifliches und unergründlich Tiefes!“
GEJ|2|172|11|0|Sage Ich: „Ja, ja, das meine Ich auch; aber dennoch ist und bleibt es ewig also, wie Ich es dir nun geoffenbart habe!“
GEJ|2|172|12|0|Auch alles andere Volk ward voll Staunen über solche Meine Rede, und mehrere machten unter sich die Bemerkung und sagten: „Unser Altvater, der weise Grieche, aus Pathmos gebürtig, hat wahrlich recht klug gesprochen; aber man merkte es dennoch klar, daß aus dem Menschen nur ein Mensch sprach. Wenn aber dieser noch recht junge Mann und Meister spricht, so ist es, als ob nicht er, sondern Gott Selbst aus ihm spräche; und jedes Wort aus seinem Munde dringt also zum Herzen wie ein alter guter Wein und macht dasselbe fröhlich durch und durch.“ – Dergleichen Bemerkungen sind noch vielfach gemacht worden, besonders am dritten Tage, wo dies Volk schon mehr und mehr in Meine Lehre eingeweiht war.
GEJ|2|173|1|1|173. — Wunderbare Speisung der Viertausend (Matth. 15)
GEJ|2|173|1|0|Noch ist hier zu bemerken, daß das Volk vor lauter Freude und Verwundern über Meine Freundlichkeit und über Meine Lehre darauf vergaß, daß es nichts mehr zu essen und zu trinken hatte. Gegen Abend hin aber meldete sich dennoch der Hunger, und sie fingen an, sich gegenseitig zu fragen, ob unter ihnen niemand einen Mundvorrat hätte. Aber das Fragen war eine vergebliche Mühe; denn sie hatten schon an dem vorhergehenden Tage allen ihren mitgenommenen Vorrat bis auf den letzten Brosamen aufgezehrt.
GEJ|2|173|2|0|Als Ich solches nur zu gut merkte, rief Ich die Jünger zu Mir und sagte zu ihnen: „Höret! Es jammert Mich des Volkes; denn es verharrete nun schon drei Tage bei Mir und hat nun nichts mehr zu essen. Ich aber will es nicht hungrig von Mir entlassen, auf daß es nicht verschmachte auf dem Heimwege (Matth.15,32); denn einige aus diesem Volke sind von weit her gereist. Gebet ihr ihnen zu essen!“
GEJ|2|173|3|0|Sagen die Jünger: „Herr, Du weißt ja um unsern auch ziemlich zusammengeschmolzenen Vorrat! Hier ist eine Wüste, woher werden wir so viel Brot nehmen, um dieses Volk zu sättigen?“ (Matth.15,33)
GEJ|2|173|4|0|Darauf fragte Ich die Jünger, sagend: „Wie viele Laibe Brot habt ihr noch in eurem Vorrate?“
GEJ|2|173|5|0|Und die Jünger antworteten: „Sieben Laibe noch und etliche Fischlein, die noch gut sind.“ (Matth.15,34)
GEJ|2|173|6|0|Da sagte Ich zu den Jüngern: „Bringet die Brote und die Fische her!“
GEJ|2|173|7|0|Und die Jünger gingen und brachten die Brote und die Fische. Ich aber segnete beides, Brot und Fische. Darauf behieß Ich, daß sich das Volk lagere am Boden. (Matth.15,35) Als sich das Volk gelagert hatte, nahm Ich das Brot und die Fische, dankte dem Vater, der in Meinem Herzen wohnte in aller Fülle, für den Segen, brach darauf beides in Stücke und gab diese den Jüngern, und diese gaben sie dem Volke. (Matth.15,36) Und sieh, alle aßen nach Herzenslust und nach dem Bedürfnisse ihres Magens und wurden satt. Sie konnten aber über die volle Sättigung hinaus nicht mehr essen, und es blieben so viele Brocken übrig, daß man mit denselben sieben große Körbe voll klaubte. (Matth.15,37) Derer aber, die da gesättigt wurden, waren viertausend Mann und noch einmal soviel Weiber und Kinder, die nicht in die Rechnung zu nehmen sind. (Matth.15,38)
GEJ|2|173|8|0|Als aber das Volk also gesättigt worden war, da behieß Ich es nun wieder nach Hause zu ziehen. Und das Volk erhob sich bald, da es mit dem Tage schon ziemlich nahe dem Untergange stand; es dankte Mir groß und klein und jung und alt und begab sich dann auf den Heimweg.
GEJ|2|173|9|0|Als sich nach einer halben Stunde das Volk schon sehr verlaufen hatte und außer Mir und den Jüngern sich niemand mehr auf des Berges Höhe befand, da begab auch Ich Mich mit den Jüngern vom Berge hinab ans Meeresufer, an dem gerade ein Schiff feierte und auf eine Fracht wartete. Wir kamen diesem Schiffe darum sehr willkommen. Als aber die Schiffsleute Mich erkannten, da verbeugten sie sich tief vor Mir; denn sie kannten Mich von Kana in Galiläa aus. Sie forderten darum auch keinen Schiffslohn von Mir, sondern baten Mich um den Segen für ihr neu unternommenes Geschäft.
GEJ|2|173|10|0|Und Ich sagte zu den Schiffern: „So es euch nicht zu sehr aus dem Wege ist, so lenket das Schiff an die Grenze von Magdala, allwo Ich etwas zu tun habe!“ – Und die Schiffer lösten das Schiff von den Uferklötzen, und es kam bald ein günstiger Wind und trieb das Schiff in kurzer Zeit bis an die Grenze des Gebietes von Magdala. (Matth.15,39)
GEJ|2|174|1|1|174. — Pharisäer und Sadduzäer versuchen den Herrn (Matth. 16)
GEJ|2|174|1|0|An der Grenze aber war eine große Herberge, allwo sich stets eine Menge von Menschen aller Art und Gattung – als Juden, Griechen, Römer, Ägypter, Samariter, Sadduzäer, Essäer, auch mehrere Pharisäer und Schriftgelehrte – befanden, und als Ich mit Meinen Jüngern allda ankam, so erkundigten sich natürlich vor allem die Pharisäer und Schriftgelehrten, wer Ich sei und wer Meine Jünger. Aber an diesem Abende erfuhr niemand etwas, wer wir seien.
GEJ|2|174|2|0|Aber in dieser Herberge war eine Magd, die auch auf dem Berge mit vielen aus dieser Gegend zugegen war und von ihrem bösen Aussatze gereinigt ward. Diese Magd erkannte Mich, fiel vor Mir auf ihre Knie nieder und dankte Mir abermals für die ihr erteilte Heilung. Das sahen etliche Pharisäer und fingen an zu vermuten, daß Ich der für sie berüchtigte Jesus aus Nazareth sei.
GEJ|2|174|3|0|Am Abend Meiner Ankunft ließen sie Mich und Meine Jünger in aller Ruhe; aber unter sich beratschlagten sie sich mit den Sadduzäern die ganze Nacht hindurch, wie sie Mich etwa fangen könnten mit Wort und Tat am kommenden Tage, der gerade ein Nachsabbat war.
GEJ|2|174|4|0|Als Ich am Morgen mit Meinen Jüngern im Freien das Morgenbrot verzehrte und zugleich denselben kundgab, daß hier an diesem Orte nicht viel zu machen sein werde, da gingen die Pharisäer und Sadduzäer aus dem Hause, traten gleich ganz herrscherisch keck zu Mir und fingen an, Mich mit allerlei Fragen unter sehr freundlicher Larve zu versuchen, und lobten sogar viele Meiner Taten, die voll Ruhmes wären, um Mich dadurch etwa so recht geschwätzig zu machen, – worin sie sich aber ganz gewaltig irrten. Ein Sadduzäer sagte sogar: „Meister, siehe wir wären geneigt, dir zu folgen und deine Jünger zu werden, wenn du als ein Gotteskind und Gottessohn, wie dich nun schon viele Menschen also benamsen, uns darum ein Zeichen gäbest aus den Himmeln! (Matth.16,1) Wirke vor unsern Augen ein Wunder, und du kannst uns dein nennen!“
GEJ|2|174|5|0|Als Ich aber ihre Herzen durchschaute, da fand Ich nichts denn eitel Böses; jegliches Wort, das sie redeten, war eine allerabgefeimteste Lüge, und Ich sagte darum zu den verschmitzten Fragern und Forderern: „Des Abends saget ihr: ,Oh, es wird morgen schön werden; denn der Himmel ist rot!‘ (Matth.16,2) Und des Morgens saget ihr: ,Oh, es wird heute ein bös Wetter werden; denn der Himmel ist rot und trübe!‘ O ihr argen Heuchler! Des Himmels Gestaltung könnet ihr beurteilen; warum denn nicht auch die großen Zeichen dieser Zeit in der Sphäre des geistigen Lebens der Menschen? (Matth.16,3) So ihr von andern nach eurem Geständnisse so außerordentliche Dinge vernommen habt und sagt, daß ihr die Schrift verstehet, muß es euch nicht auffallen, daß durch Mich alles das gewirkt wird, wovon die Propheten geweissagt haben?! Eure Miene wohl wißt ihr also süß zu machen wie Milch und Honigseim, aber euer Herz ist voll Galle, voll Haß, voll Hurerei und voll Ehebruch!“
GEJ|2|174|6|0|Auf diesen Bescheid traten die Versucher als im höchsten Grade getroffen und verletzt ab und getrauten sich kein Wort mehr an Mich zu richten; denn alles Volk, das sich um Mich versammelt hatte, richtete sehr fragende Blicke auf sie, und sie fanden es für geraten, sich mit Mir in keine weitere Besprechung mehr einzulassen.
GEJ|2|174|7|0|Als aber diese Versucher sich weidlichst aus dem Staube gemacht hatten, belobte Mich das Volk, daß Ich diesen Zeloten so recht handfest die nackteste Wahrheit unter ihre Nüstern gerieben habe.
GEJ|2|174|8|0|Ich aber kehrte Mich nicht zum Volke, das im Grunde auch nicht zu dem besten zu zählen war, sondern sagte so wie im Vorbeigehen zu den Jüngern: „Diese böse und ehebrecherische Art sucht ein Zeichen von Mir; aber es soll ihr kein anderes gegeben werden denn das des Propheten Jonas!“ (Matth.16,4) Darauf ließ Ich das Volk und noch mehr die Versucher stehen und ging mit Meinen Jüngern eiligst davon, bestieg das noch harrende Schiff und behieß das Schiff wieder dahin zu lenken, von wo es am Abende ausgelaufen war.
GEJ|2|174|9|0|Als wir aber also am heitersten Tage hinübergefahren waren unter mancherlei Besprechungen über die Orte und über die Menschen, wo wir gut aufgenommen waren, und wieder am Fuße jenes Berges uns befanden, auf dessen Kuppe tags vorher mit sieben Broten und etlichen Fischlein so viele tausend Menschen gesättigt worden waren, da erst erinnerten sich die Jünger, daß sie an der Grenze von Magdala vergessen hatten, Brot zu kaufen und mitzunehmen (Matth.16,5); denn es war schon ziemlich spät am Nachmittage, und der Hunger hatte sie daran am meisten gemahnt. Sonach beschlossen einige aus ihnen, irgend in dieser Umgegend sich Brot zu verschaffen oder gar nach Magdala eine Rückfahrt zu machen, weil man von hier bei gutem Winde leicht in einer Stunde nach dem Orte Magdala gelangen konnte.
GEJ|2|174|10|0|Als Mich aber darum die Jünger um den nötigen Rat fragten, da sagte Ich zu ihnen: „Tut, was ihr wollt! Sehet aber wohl zu und hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer und Sadduzäer!“ (Matth.16,6) – Als die Jünger solches von Mir vernahmen, da dachten sie bei sich im geheimen: „Aha, da haben wir's! Das ist ein leichter Verweis, darum wir kein Brot mit uns genommen haben!“ (Matth.16,7)
GEJ|2|174|11|0|Da Ich aber solch ihre ängstlichen Gedanken nur zu bald merkte, so sagte Ich zu ihnen: „O ihr noch immer Kleingläubigen! Was bekümmert ihr euch doch, daß ihr nicht habt Brot mit euch genommen?! (Matth.16,8) Vernehmet (soviel als: verstehet) ihr denn noch nicht? Gedenket ihr nicht mehr an die fünf Brote unter die fünftausend vor der Genezareth-Fahrt, und wieviel Körbe davon übrigblieben?! (Matth.16,9) Auch etwa nicht mehr an die gestrigen sieben Brote unter die viertausend ungezählt der Weiber und Kinder, und wie viele Körbe ihr da aufhobet?! (Matth.16,10) Wie möget ihr das doch nicht verstehen, daß Ich nicht das Brot, das ihr nicht mitgenommen habt, meine, so Ich zu euch sage: ,Hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer und Sadduzäer!‘ (Matth.16,11), – worunter zu verstehen ist die falsche Lehre, die diese Menschen mit allerlei süßen, fromm scheinenden und freundlichen Gebärden, treuen Versicherungen und Verheißungen unters Volk streuen und sich dabei heimlich den Rücken voll lachen, so sie einen tüchtigen Fischfang von armen, dummen Seelen gemacht haben.
GEJ|2|174|12|0|Wer predigt schärfer als eben die Sadduzäer von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele, wer so wie sie von einem ewigen Eden und von einer ewigen Feuerqual in der Hölle, – und sie selbst für ihre Person glauben von all dem kein Jota und sind dabei die größten Gottesleugner! Verstehet ihr nun einmal, was Ich unter dem Sauerteige gemeint habe?“ – Darauf erst verstanden die Jünger, daß Ich nicht gesagt hatte, daß sie sich hüten sollten vor dem Brotsauerteige, sondern vor der argen Lehre der Pharisäer und Sadduzäer. (Matth.16,12) – Wir aber verblieben diese Nacht im Schiffe, das uns zur Not mit Brot und etwas Fischen versehen hatte.
GEJ|2|174|13|0|Am nächsten Tage aber sandte Ich etliche Jünger voraus gen Cäsarea Philippi, auch eine kleine, etwas befestigte Stadt im griechisch-galiläischen Gebietsteile, etwas landeinwärts vom Galiläischen Meere gelegen. Sie sollten sich nach Meiner Beheißung zum voraus in dieser Gegend herum erkundigen, was da die Menschen von Mir hielten, und ob sie von Mir schon überhaupt irgend etwas vernommen hätten.
GEJ|2|174|14|0|Und mehrere Jünger, die in dieser Gegend wohlbewandert waren, eilten nach eingenommenem Morgenbrote sogleich in die obbezeichnete Gegend und erkundigten sich fleißig über das, was die dortigen Menschen von Mir hielten, und ob und wieviel sie irgend von Mir vernommen hätten. Die vorausgesandten Jünger aber erstaunten nicht wenig, als sie gewahrten, daß die ganze von Mir früher noch nie betretene Gegend von Meinem Namen klein angefüllt war und jeder Mensch von Mir eine Menge zu erzählen wußte. Denn die Jünger taten, als ob sie von Mir auch nur durch Hörensagen etwas wüßten, und so hatten die Befragten einen desto größeren Spielraum, von allerlei Dingen zu erzählen.
GEJ|2|174|15|0|Daß darunter manche allerkolossalste Übertreibungen stattfanden, läßt sich leicht denken; so war darunter eine, deren Weitererzählung die Jünger dem Erzähler ganz allerernstlichst untersagt haben. Diese Erzählung bestand in nichts Geringerem, als daß Ich Mich bald zu einer riesenhaftesten Größe ausdehnen und dabei aber gleich wieder zu einem kaum fingergroßen Zwerge zusammenschrumpfen könnte; auch wäre Ich bald sehr alt, bald wieder ganz blutjung. So hätte man Mich auch schon als ein vollkommenes Weib gesehen. Ja einige darunter wußten noch mehr; denn sie hätten gehört, daß Ich auch ganz beliebig die Gestalt eines oder des anderen Tieres annehmen könnte. –
GEJ|2|174|16|0|Daß die Jünger solche Sagen den Erzählern verwiesen, wird ein jeder Mensch wohl gründlich von selbst einzusehen imstande sein; aber wie es möglich war, daß solche Absurditäten und andere von ähnlichem Kaliber sogar in den Orten, wo Ich gelehrt und geheilt hatte, haben zum Vorschein kommen können, das ist ein Etwas, das noch in dieser Stunde so manchem Engel des Himmels förmlich ein Rätsel ist. Daher datiert sich aber auch der Wust von etlichen fünfzig Evangelien, die bei der ersten großen morgenländischen Kirchenversammlung als apokryphisch verbrannt worden sind, was sehr gut war; denn im Grunde sind denn doch nur die beiden Evangelien Johannis und Matthäi völlig authentisch (echt), und die Apostelgeschichte, die Briefe und die Offenbarung Johannis. Die beiden Evangelien des Markus und Lukas aber haben auch ihren entschiedenen und heiligen Wert, obschon sie in manchen kleinen Begebenheiten von dem des Matthäus abweichen. – Da wir nun solches ebenfalls wissen, so wollen wir in der evangelischen Wanderung wieder weiterziehen.
GEJ|2|175|1|1|175. — Der Herr in einer armen Hütte bei Cäsarea Philippi. (Matth. 16)
GEJ|2|175|1|0|Während die etlichen vorangesandten Jünger sich mit der Auskundschaftung der Gegend und der Menschen um Cäsarea Philippi beschäftigten, blieb Ich noch bis nahe gen Abend in der Bucht am Berge; aber etwa ein paar Stunden vor dem Untergange verließ Ich mit den übrigen Jüngern die Bucht, kam auch gen Abend hin in die Gegend von Cäsarea Philippi (Matth.16,13) und fand die vorangesandten Jünger bei einer ärmlichen Hütte, deren höchst schlichte Einwohner gerade damit beschäftigt waren, den schon müde und hungrig gewordenen Jüngern ein Abendmahl zu bereiten.
GEJ|2|175|2|0|Die Hausleute aber fragten sogleich die schon dort seienden Jünger, wer wir wären, und diese entdeckten es ihnen auch ohne Anstand, daß Ich eben derselbe Jesus sei, von dem sie früher so manches gesprochen hätten.
GEJ|2|175|3|0|Als der Hausherr solches vernahm, da ließ er förmlich alles von sich fallen und fiel vor Mir nieder und sprach: „Was habe ich armer, sündiger Mensch denn je Gutes getan, darum du mir nun solch eine unschätzbarste Gnade erweisest? O du heilig großer Mann aus den Himmeln, zu uns armen Sündern auf diese Erde gesandt! Wie soll ich als ein armer und höchst einfacher Mensch dich darum würdigst ehren und preisen? Was soll ich dir tun, daß es dir wohlgefiele?“
GEJ|2|175|4|0|Sage Ich: „Lieber Freund, stehe auf und siehe, daß auch wir ein Abendmahl bekommen, bestehend aus Brot, Fischen und etwas Wein; dann sorge für ein leidliches Lager, und du hast alles getan, was Ich von dir wünsche!“
GEJ|2|175|5|0|Hier erhebt sich sogleich der arme Hausherr und sagt mit einer etwas traurigen Miene: „Guter Meister, was ich habe, gebe ich her, da meiner Hütte eine solch große Ehre und Gnade widerfahren ist; denn ich weiß es, daß du ein Sohn Davids und dazu noch ein großer Prophet bist. Brot und Fische habe ich wohl noch im Vorrate für heute und morgen, aber mit dem Weine sieht es etwas schlecht aus, nicht nur bei mir, sondern in dieser ganzen Gegend; auch in der nicht weit von hier liegenden Stadt Cäsarea Philippi sieht es mit dem Weine sehr erbärmlich aus. Etwas Himbeeren- und Brombeerensaft besitze ich wohl, aber er ist schon etwas alt und darum sauer; wir trinken ihn nur mit Wasser und etwas Honig gegen den Durst.
GEJ|2|175|6|0|Aber einige Töpfe voll gestockter Ziegenmilch habe ich; wenn dir vielleicht davon etwas genehm wäre, so brächte ich gleich einige hierher. Mit Brot ist das wahrlich eine gute Speise!“
GEJ|2|175|7|0|Sage Ich: „Nun, so bringe, was du hast! Aber Ich sehe, daß du mehrere Weinschläuche in deinem Hause birgst; so du keinen Wein je erntest, wozu sind dann die Schläuche?“
GEJ|2|175|8|0|Sagt der arme Hüttenbesitzer: „Ja, ja, Schläuche habe ich wohl, weil ich ein Schlauchmacher bin; aber es war noch in keinem je ein Tropfen Wein da drin! Ich habe deren nun bei fünfzig für den kommenden Markt in der Stadt fertig und verkaufe das Stück um einen guten Groschen.“
GEJ|2|175|9|0|Sage Ich: „So geh und nimm die Schläuche und mache sie alle voll mit Wasser!“
GEJ|2|175|10|0|Fragt der arme Hüttenmann: „Guter Meister, wofür wird denn das hernach gut sein?“
GEJ|2|175|11|0|Sage Ich: „Freund, frage nicht, sondern was Ich dir sage, das tue, dann wirst du glücklich sein zeitlich und ewig!“
GEJ|2|175|12|0|Auf diese Worte berief der arme Hüttenmann sogleich sein Weib und seine schon erwachsenen acht Kinder, darunter sechs Töchter und zwei Söhne, und ging und machte am Brunnen die fünfzig Schläuche bald voll. Als die Schläuche alle vollgefüllt waren, da fragte er Mich, was er damit nun anfangen solle.
GEJ|2|175|13|0|Da sagte Ich zu ihm: „Bringe sie alle in die kühle Steingrotte, an deren Eingang der Hinterteil deiner Hütte angebaut ist!“
GEJ|2|175|14|0|Der arme Hüttenmann, der in dieser Grotte sein Stroh hatte, breitete dasselbe am Boden aus und legte die mit Wasser gefüllten Schläuche in guter Ordnung nacheinander auf das Stroh, und als er mit der Arbeit fertig war, kam er wieder hervor und sagte: „Herr und Meister, es ist alles geschehen, wie du es anbefohlen hattest! Ist damit vielleicht noch etwas Weiteres zu besorgen?“
GEJ|2|175|15|0|Sage Ich: „Nun ist schon alles in der besten Ordnung. Gehe und nimm aber nun etliche deiner besseren Steinkrüge und fülle sie von einem der fünfzig Schläuche, von welchem du willst, verkoste aber auch von den gefüllten Krügen, wie sie dir schmecken; bringe sie dann hierher und sage es uns, wie dir das Wasser, also zubereitet, schmeckt!“
GEJ|2|175|16|0|Der Arme geht sogleich, nimmt zwölf Krüge und läßt sie voll an. Schon beim Anlassen kommt ihm ein ausgezeichneter Weingeruch in die Nüstern, und als er erst den flüssigen Inhalt verkostet, da weiß er sich vor lauter Verwunderung ordentlich gar nicht mehr zu helfen und sagt zu seinen ihm helfenden Kindern: „Höret, das faßt keines Menschen Verstand! Das Wasser, mit dem wir die Schläuche gefüllt haben, und von dem ich nun die Krüge vollgelassen habe, ist zum alleredelsten, besten Weine geworden! Kostet es und überzeuget euch selbst!“
GEJ|2|175|17|0|Die Kinder kosteten und konnten sich auch nicht genug verwundern über dieses Wunder; und der älteste Sohn sagte: „Vater, du weißt es, daß ich in der Schrift gut bewandert bin. Ich kenne alle die Propheten und ihre Taten; aber eine solche Tat hat von ihnen keiner verübt! Dieser sonderbare Mensch muß offenbar mehr denn ein Prophet sein!“
GEJ|2|175|18|0|Sagen auch die Töchter: „Ja, ja, Vater, es kommt uns auch also vor! Das ist am Ende gar der Elias, der noch einmal auf die Erde kommen soll, um die Menschen auf die Ankunft des großen Messias vorzubereiten! Oder am Ende ist das etwa gar schon der große Messias Selbst?“
GEJ|2|175|19|0|Sagt der Vater: „Da ist eins wie das andere möglich! Hm, hm, wie aber das doch so plötzlich und unerwartet gekommen ist!“
GEJ|2|175|20|0|Während der arme Hüttenmann noch so simulierend spricht, kommt sein Weib herbeigeeilt und sagt, fast ganz außer Atem vor Entzückung: „Kommet, kommet und sehet, was da geschehen ist in unserer Hütte! Unsere Speisekammer ist von allerlei guten Speisen und des besten Brotes ganz voll geworden! Das kann niemand anders getan haben als derselbe Meister, der vor einer Stunde zu unserer Hütte kam und von uns eine Unterkunft und ein Nachtmahl verlangte!“
GEJ|2|175|21|0|Sagt der Mann: „Das liegt wohl außer allem Zweifel! Aber wie? Wer gibt uns darüber einen Aufschluß? Was ist er? Wer ist er? Sagen wir: ,Er ist ein Prophet!‘, so sagen wir offenbar zu wenig. Sagen wir: ,Er ist ein Engel!‘, so haben wir damit nicht viel mehr gesagt. Sagen wir aber: ,Er ist ein Gott!‘, da dürften wir denn doch zuviel sagen; denn ein Gott ist ja nur ein Geist; der aber hat Fleisch, Blut und Knochen, und es ließe sich da erst fragen, ob er am Ende denn doch nicht so etwa ein griechischer Zeus oder Apollo sei. Aber nun heißt es, in aller Demut, Liebe und Dankbarkeit den Wein hinaustragen und Brot und Fische, und was wir nur immer Eßbares haben; denn diese Wohltat ist unbezahlbar groß!“
GEJ|2|175|22|0|Nun kam der arme Mann mit den gefüllten Krügen und sein Weib und seine Kinder mit Brot, Fischen und noch andern eßbaren Dingen. Und der Mann, sich tiefst vor Mir verbeugend, sagte mit einer höchst demütig klingenden Stimme: „O Herr und Meister! Wer bist du denn, daß du solche Dinge allein durch den Willen vermagst? Ich bebe vor höchster Ehrfurcht vor dir! Ein Mensch wie unsereiner kannst du nicht sein; wer und was aber bist du hernach denn, auf daß wir dich würdig ehren könnten?“
GEJ|2|175|23|0|Sage Ich: „Sieh, Mein Freund, Ich will dir etwas sagen, und daraus kannst du dir dann selbst ein Urteil schaffen! Wenn du am frühen Morgen merkst, daß es heller wird im Aufgange und sich nach und nach der Himmel zu röten beginnt, so sagst du: ,Die Sonne wird bald aufgehen!‘ Es wird aber auch heller am Aufgange, wenn der Mond sich dem Aufgange nahet; aber der matten Helle folgt keine Morgenröte, und so der volle Mond endlich aufgeht und die Erde matt beleuchtet mit seinem halben Lichte, so öffnet dennoch kein Blümchen den zarten Kelch, um einzusaugen den kalten, matten und nicht belebenden Strahl!
GEJ|2|175|24|0|Die schon mit starkem Lichte umflossenen Boten, der Sonne nahen Aufgang verkündenden lichten Wölkchen sind wohl schon um sehr vieles heller denn der Mond in seinem Vollichte; aber würde diesen Boten keine Sonne folgen, so sähe es bald auf der ganzen Erde also aus wie in der eigentlichen starren Mitternachtgegend dieser Erde, dahin neun volle Monde hindurch kein Sonnenstrahl gelangt. Und so, sieh, geht es entsprechend auch in der ewigen Welt des Geistes zu, durch die allein diese materielle entstand und nun fortbesteht.
GEJ|2|175|25|0|Es tauchen allerlei Lehrer und Propheten auf und lehren die Menschen so und so; es ist hie und da auch etwas Wahres daran, aber neben einem Funken Wahrheit wandeln stets Tausende von Lügen einher und geben sich neben dem einen Wahrheitsfunken das Ansehen, als wären sie selbst Wahrheit. Und sieh, alle solche Lehrer, Propheten und ihre Lehren gleichen dem Scheine des Mondes, der sein Licht stets wechselt, und oft dann, wenn zur Nachtzeit sein Licht am nötigsten wäre, gar nicht scheint.
GEJ|2|175|26|0|Aber es gibt neben den falschen Lehrern und Propheten auch echte und wahre, aus deren Augen, Herzen und Mund Gottes Licht strahlt. Diese gleichen den lichtumflossenen Wölkchen, die der Sonne nahen Aufgang verkünden; bliebe es aber nur bei den, wenn auch noch so strahlenden Wölkchen, den echten und wahren Propheten nämlich, so würde es in den Herzen der Menschen mit der Zeit dennoch also auszusehen anfangen, als es aussieht auf der eigentlichen Mitternachtgegend der Erde, nämlich eisstarr, kalt und tot. Aber den echten Lichtwölkchen, die der Sonne vorangehen, folgt die Sonne selbst, und bei ihrem ersten Lichtstrahle, den sie über die noch grauen Gebirge auf die Fluren der Erde fallen läßt, wird alles wach, voll Freude und voll Lebens: Die Vöglein singen der aufgehenden Mutter des Lichtes und der Wärme ihre reinen Psalmen entgegen, die Mücken und Käferchen erheben sich in die lichtdurchdrungene Luft und summen der herrlichen Tagesmutter ihre Begeisterung zu, und die Blumen der Felder heben ihre königlich geschmückten Häupter empor und öffnen ihren balsamreichen Mund, um der großen Welterwärmerin den herrlichsten Duft entgegenzuhauchen.
GEJ|2|175|27|0|Aus dieser höchst wahren Darstellung aber kannst du nun schon so viel herausfinden, um in dir zur Klarheit zu gelangen, auf daß du Mich auf den Standpunkt in deinem Herzen setzest, der Mir gebührt! Weder das Licht der Sterne, noch das des Mondes und für sich ebensowenig der goldne Glanz der Morgenwölkchen ist imstande, dem in der Materie dieser Erde gefangenen Leben die Fesseln zu lösen und es dann hervorzulocken in die selbständig tätige Freiheit; solches vermag allein das Licht der Sonne.
GEJ|2|175|28|0|Wer aber kann dann unter den Menschen Der sein, dessen Stimme und Willen alle die in der Materie gefangenen Geister gehorchen und sich fügen in alles, was Er will, – und wer Der sein, von dessen Ankunft alle echten Propheten geweissagt haben?“
GEJ|2|175|29|0|Hier stutzt der arme Mann gewaltig und geht sehr nachdenkend mit den Seinen in die Hütte, um uns ja nicht beim Abendessen zu genieren.
GEJ|2|176|1|1|176. — Das Zeugnis der Jünger über Christus. (Matth. 16)
GEJ|2|176|1|0|Wir verzehren nun das Abendbrot und des Hüttenmannes Familie errichtet für uns ein möglichst gutes Lager. Aber im Hause sagt er zu seinem Weibe und zu seinen Kindern: „Höret! Das wird ohne weiteres der verheißene Messias sein! Also Jehova Selbst allerleibhaftigst, die ewige Ursonne der Geisterwelt, der alle die vom Gotteslichte erfüllten Propheten als lichte Morgenwölkchen vorangegangen sind! Ja, ja, nun weiß ich wohl, woran ich bin; aber was nun tun?! Ich getraue mich beinahe kein Wörtchen mehr zu reden mit Ihm, dem ewig Allerheiligsten, dem nun für uns unsichtbar sicher zahllose Scharen der Engel dienen, die von Ihm in jedem Augenblicke neue Befehle erhalten und sie mit Gedankenschnelle hinübertragen zu den Sternen und an alle Enden der Welt! Und Dieser bleibt heute in unserer armen Hütte, dem alle ewigen Himmel und deren Eden zu Gebote stehen!
GEJ|2|176|2|0|O frohlocket, und bebet dabei aber auch vor Freude; denn Er bleibet bei uns in dieser Nacht! Dieser höchsten Gnade ist die ganze Erde nicht wert, geschweige diese unsere allerärmlichste Hütte, und dazu wir, die wir voll von allen Sünden sind!“
GEJ|2|176|3|0|Als sich aber der Hüttenmann mit seiner Familie während des Lagermachens über Mich also besprach, fragte Ich denn auch Meine Jünger, namentlich jene, die heute der Auskundschaftung halber vorangeschickt worden waren, sagend: „Wer, sagen denn so die Leute in der Umgegend, daß Ich sei?“ (Matth.16,13)
GEJ|2|176|4|0|Antworten darauf die gefragten Jünger: „Etliche sagen ganz im Ernste, Du seiest der wieder vom Tode erstandene Johannes der Täufer. Wieder andere meinen und sagen, Du seiest Elias, von dem es geschrieben stehe, daß er noch einmal zur Erde kommen werde vor dem großen Messias und werde rufen alle Menschen zur Buße und wahren Umkehr zu Gott. Noch andere meinen, Du seiest der Prophet Jeremias, von dem auch noch eine Sage im Volke bestehe, daß er vor dem Messias kommen werde aus den Himmeln. Auch, sagen sie, könntest Du von den andern Propheten einer oder der andere sein (Matth.16,14); denn bevor etwa der große Messias käme, werden Ihm alle Propheten vorangehen! – Das sind so die annehmbaren Hauptsagen von Dir; es gibt aber auch noch eine Menge anderer über Dich, die wir aber nach der Anhörung derselben den Menschen verwiesen und sie dafür auf eine bessere Meinung über Dich brachten. Aber viele meinen noch, Du seiest ein verkappter Zeus der Griechen.“
GEJ|2|176|5|0|Sage Ich: „Nun gut, ihr habt Mir nun kundgetan, was ihr vernommen habt; aber Ich möchte jetzt auch noch aus eurem Munde vernehmen, für wen so ganz eigentlich denn ihr Mich haltet. Ich frage euch nicht etwa eitel, sondern ganz ernstlich; denn Ich merke nach so manchen Gelegenheiten, die für eure Sinne Mein Tun und Lassen dann und wann scheinbar ans Irdische streifen lassen, daß ihr sodann über Mich auch gleich anders urteilet in euren Herzen und Mich nicht völlig für das ansehet, als für was ihr Mich ansehet, so von Mir irgendeine große Wundertat ausgeübt wird! Darum saget Mir endlich einmal ganz offen, für wen ihr Mich so nach einer völlig reifen und nüchternen Überlegung eures Verstandes so ganz im wahrsten Ernste haltet!“ (Matth.16,15)
GEJ|2|176|6|0|Da stutzten alle Jünger und wußten bis auf Simon Juda nicht, was sie Mir auf diese Frage antworten sollten. – Judas Ischariot sagte zu Thomas: „Jetzt rede! Du bist ja immer so klug und weise! Das sollte dir ja ein reiner Scherz sein, auf die sonderbare Frage des Meisters eine gültige Antwort zu finden!“
GEJ|2|176|7|0|Sagt Thomas: „Rede du, wenn du so weise bist! Ich halte ihn für das, für das er sich selbst schon lange ausgegeben hat! Er sagt von sich nie anders als: ,Ich bin ein Sohn des Menschen, und Gott ist Mein wie euer aller Vater!‘ Wenn er sich selbst ein solches Zeugnis gibt, welch anderes Zeugnis können denn dann wir ihm im eigentlichsten Wahrheitssinne geben aus uns selbst heraus? Er verrichtet freilich Taten, die seit Moses und den andern Propheten noch nie ein Mensch verrichtet hat. Allein wenn wir die Sache so recht beim Lichte betrachten, so werden wir finden, daß es dennoch der Geist Gottes ist, der durch einen erwählten reinen Menschen solches alles verrichtet! Dem Geiste Gottes aber wird es einerlei sein, ob er durch einen erwählten Menschen Berge versetzt oder vernichtet, oder ob er irgendein kleineres Wunder durchs Wort des Propheten gelingen läßt!“
GEJ|2|176|8|0|Sagt Judas Ischariot: „Du hältst ihn sonach nur für einen Propheten?“
GEJ|2|176|9|0|Spricht Thomas: „Allerdings, und für den größten, den je die Erde getragen, – was zwar nicht sein, sondern Gottes Verdienst ist! Denn Gott allein kann den Menschen erwecken zu einem Propheten, wie Er solches mit Samuel getan hat, da dieser noch ein Kind war, und wie Er, Gott allein nämlich, sogar den Esel des falschen Propheten Bileam zu einem wahren Propheten machte und durch den Esel dann auch Bileam selbst. So wir dieses recht auffassen und das Zeugnis, das Jesus sich selbst gibt, nämlich, daß er nur ein Menschensohn sei, obgleich er auch die wundertätige Gotteskraft, die in einer besonderen Fülle in ihm vorhanden ist, dann und wann als das göttliche Ich ausspricht, da können wir ihm meiner unmaßgeblichen Meinung nach doch unmöglich ein anderes Zeugnis geben, als das er sich allzeit selbst gibt! Er ist sonach ein vorzüglichster Gottessohn, wie auch wir es sind, wennschon nicht in dem höchst ausgezeichnetsten Grade wie er.“
GEJ|2|176|10|0|Sagt Judas Ischariot: „Wie ist es denn aber dann mit dem, daß ihn denn doch viele für den verheißenen Messias halten und die besseren Römer und Griechen sogar für den allein wahren allmächtigen Gott?!“
GEJ|2|176|11|0|Sagt Thomas: „Die haben auch recht; denn die Kraft Gottes, die in ihm ist, ist auch der allein wahre Messias, und ohne weiteres auch Jehova Selbst.“
GEJ|2|176|12|0|Darauf gibt sich Judas Ischariot zufrieden, und Ich, obschon Ich solches vernahm, schwieg dazu.
GEJ|2|176|13|0|Petrus aber merkte Mein Schweigen, erhob sich und sagte: „Herr, ich merke sogar unter den Brüdern verschiedene Meinungen über Dich! Erlaube es mir darum, daß ich der Brüder wegen auch mein Zeugnis über Dich laut und vernehmlich ausspreche!“
GEJ|2|176|14|0|Sage Ich: „Tue das! Wie lauten demnach deine Worte?“
GEJ|2|176|15|0|Sagt Petrus, resp. Simon Juda: „Aus dem tiefsten Lebensgrunde meines Herzens sage und bekenne ich's nun vor aller Welt laut: Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ (Matth.16,16)
GEJ|2|176|16|0|Und Ich sagte zu Petrus: „Selig bist du, Simon, des Jona Sohn; dein Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern Mein Vater, der im Himmel ist! (Matth.16,17)
GEJ|2|176|17|0|Ich sage dir nun aber auch unter einem: Du bist Petrus, ein Fels; auf diesen Felsen will Ich bauen Meine Gemeinde, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen! (Matth.16,18) Und Ich will dir des Himmelreiches Schlüssel geben! Alles, was du auf Erden binden wirst, das soll auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das soll auch im Himmel gelöset sein!“ (Matth.16,19)
GEJ|2|176|18|0|Da sagte Petrus: „Herr, ich danke Dir für diese hohe Gnade, deren ich mich für den völlig Unwürdigsten halte, weil ich stets ein grober Sünder war und leider noch bin; aber was da betrifft das Binden und Lösen, so gestehe ich es auch offen, daß ich's nicht verstehe und nicht weiß, was ich daraus machen soll. Du könntest mir die Sache wohl ein wenig klarer machen, so Du solches wolltest!“
GEJ|2|176|19|0|Sage Ich: „Es wird dir solches alles zur rechten Zeit völlig klar werden; vorderhand aber verbiete Ich euch allen solches strenge, daß ihr nun vor der Zeit ja niemand davon etwas meldet, daß Ich Jesus der wahre Christus sei!“ (Matth.16,20)
GEJ|2|176|20|0|Nach dieser wichtigen Besprechung fragt Matthäus der Schreiber, ob er solches alles aufzeichnen solle.
GEJ|2|176|21|0|Sage Ich: „Das hiesige Wunder nicht, und des Gespräches zwischen Thomas und Judas Ischariot brauchst du nicht zu erwähnen; aber wohl dessen in der Hauptsache, was Ich mit Petrus abmachte. Schreibe du nur allzeit also, wie Ich dir die Worte ins Herz legen werde, und es wird dann alles recht und richtig sein!“ – Mit dem war denn auch der Schreiber zufriedengestellt und begab sich darauf bald zur Ruhe; wir aber blieben bei dem Tische sitzen bis gen Mitternacht, und des Hauses Leute kamen dann auch und leisteten uns eine recht angenehme Gesellschaft.
GEJ|2|177|1|1|177. — Der Hüttenbesitzer Markus erzählt Templergreuel
GEJ|2|177|1|0|Der Hüttenmann, der Markus hieß, wußte uns eine Menge zu erzählen von den Pharisäern und sein wollenden Schriftgelehrten. Unter anderem erzählte er viel von den geheimen Grausamkeiten der Templer, und wie sie alsogleich jedermanns unversöhnliche Todfeinde sind, so sie bei diesem oder jenem irgendeine geistige und somit prophetische Ader nur ahnen! Es würden viele solcher geistigen Menschen ganz geheim ums Leben gebracht! Man lade sie ganz freundlichst ein, mache ihnen eine Ehrenbezeigung um die andere und drücke ihnen vor lauter Freundschaft die Hände. Seien sie aber einmal in des Tempels hintere Gemächer, die von den Hauptpharisäern bewohnt werden, gelangt, dann sei es um sie für diese Welt geschehen; denn da komme keiner mehr ans Tageslicht! Es sei, sagte weiter Markus, unbegreiflich, wie Gott solchen Greueln so lange zusehen könne. In Sodom und Gomorra sei es wohl schlecht zugegangen, aber gegen das, wie es nun in Jerusalem zuginge, wäre Sodom und Gomorra kaum das, was da ist ein Regentropfen gegen das Meer; und doch habe Gott damals trotz der vielfachen Vorbitte Abrahams diese Städte und alle andern zu ihnen gehörigen Ortschaften mit Feuer vom Himmel herab untergehen lassen! Nun aber bei dieser Masse von Greueln jeder erdenklichen Art, die in Jerusalem Tag für Tag begangen würden, tue Gott der Herr, als wüßte Er nicht darum und kümmerte Sich auch um die ganze Menschheit nicht mehr! Worin denn etwa doch solches einen Grund haben könne?!
GEJ|2|177|2|0|Auf solch seine ganz gute Frage sagte Ich zu ihm: „Freund, Gott weiß um alles, was da geschieht! Er kennt alle die zahl- und namenlosen Greuel der Pharisäer und Schriftgelehrten; darum aber kam Ich denn ja in die Welt, damit diese Schlangenbrut und dies Natterngezüchte an Mir Selbst ihr Greuelmaß vollmache; und wird dies vollgefüllt sein, dann erst wehe dieser argen Brut!“
GEJ|2|177|3|0|Sagt Markus: „Ja Herr, Meister und freundlichster Wohltäter der Menschen! Wenn Dir nicht auch die Macht eigen ist, mit einem Hauche Tausende von Menschen in die andere Welt hinüberzublasen, dann bist Du sehr zu bedauern, so es Dir je in den Sinn käme, Dich in Jerusalem sehen zu lassen und dort wundertätig zu zeigen! Ich bin Dir hier zwar ein höchst schlichter Mann, verstehe aber dennoch so manches, wovon sich freilich kein Pharisäer noch je etwas hatte träumen lassen; aber ich bin dabei so pfiffig und spiele im Angesichte der Pharisäer, mit denen ich sehr oft zusammenkomme, einen so blitzdummen Teufel, daß ihnen dabei jede Spur von einer Mutmaßung, als besäße ich irgend geheime Kenntnisse, benommen wird.
GEJ|2|177|4|0|Weil sie mich denn schon seit einer geraumen Zeit als einen unmäßig dummen Trottel kennen und der Meinung sind, man könne mir einen Steiß und ein Antlitz zeigen, und ich möchte beides kaum voneinander unterscheiden, so lassen sie mich denn auch oft ganz ungehalten hinter ihre schwärzesten Geheimnisse blicken! Und da bin ich Dir schon auf Dinge gekommen, von denen ich Dir offen gestehen muß, daß ich dabei schon einige Male total an Gottes Dasein zu zweifeln anfing! Denn ich dachte so bei mir: Wenn es einen allmächtigen, höchst weisen, gerechten und guten Gott gibt und Ihm an der Menschheit, wie uns die Schrift lehrt, etwas gelegen ist, so ist es Ihm ja unmöglich, solchen Greueln zuzusehen! Es gibt keinen Gott! Der Mensch ist nach Plato ein Abkömmling des Affen dem Leibe nach, und der Seele nach ein Abkömmling der reißenden Bestien. Darum muß an der Spitze einer starken Gemeinde ein starker und weiser Simson stehen, der dem zusammengesetzten Tiere, das sich Mensch nennt, mit der schärfsten Zuchtrute das Doppeltierische herunterfegt und ihn nach Jahren insoweit zahm macht, daß er nur wenigstens ein halber Mensch wird!
GEJ|2|177|5|0|Mit solchen und oft noch ärgeren Gedanken beschäftigte sich mein Gemüt, wenn ich mit oft denn doch zu entsetzlich greuelhaften Geheimtaten der von Dir ganz richtig bezeichneten Schlangenbrut zusammenkam! Darum, wie gesagt, Herr und Meister, liegt es Dir daran, bald aus dieser Welt auf die grausamste und schmerzvollste Art befördert zu werden, da ziehe Du immerhin nach Jerusalem, und Du wirst es erfahren, daß ich Dir die vollste Wahrheit gesagt habe, ohne irgendein besonderer Prophet zu sein!
GEJ|2|177|6|0|Um Dir nur so einen kleinen Geheimzug, der aber die Heiligkeit des Tempelmistes schon ums wenigstens Tausendfache übertrifft, kundzutun, erzähle ich Dir nur so ganz kurz, was ich erst vor kurzem selbst erlebt habe. Wer aber diese Schwarzbrut auf solchen übersatanischen Gedanken gebracht hat, ist mir nicht bekannt. Der Satan sicher nicht, – denn so weit kann sein Argsinn nicht reichen!“
GEJ|2|178|1|1|178. — Eine Templergeschichte
GEJ|2|178|1|0|(Markus:) „Es ist in der Hintergegend vom sogenannten Kleinasien eine von Menschen bewohnte Gegend, in der die Weiber zumeist unfruchtbar sind. Was daran die Schuld ist, weiß ich Dir nicht darzutun. Übrigens ist es eine ausgemachte Tatsache, daß, so jene Weiber von Juden oder Samariten beschlafen werden, sie ebensogut fruchtbar werden als die unsrigen. Nun, die Pharisäer, die ihre bösen Apostel in alle Welt aussenden, haben jene unfruchtbaren Weiber schon seit lange her kennengelernt und sind oft karawanenweise dahin gezogen, um die unfruchtbaren Weiber fruchtbar zu machen! Das war so gewisserart ein stets gutbezahlter Freundschaftsdienst. Aber es blieb nicht bei diesem Dienste, weil nach und nach die kleinasiatischen Männer jener bezeichneten Gemeinden einsehen gelernt haben, daß sie die sehr Betrogenen sind; denn ihre Weiber sind dennoch nicht so ganz eigentlich schwanger geworden in der Fruchtbarkeitsanstalt, welche die Missionare Jerusalems an der Grenze jener Gemeinden errichtet haben schon vor vielen Jahren, sondern die Missionare kauften hierzulande und auch in Judäa neugeborene Kinder zusammen, ließen solche in die besagte Anstalt bringen, in der die sonst zwar sehr schönen und üppigen, wenn schon unfruchtbaren Weiber zehn Monate verbleiben mußten. Nach Ablauf der zehn Monate aber, in welcher Zeit so ein Weib von den geilen Aposteln des Tempels nahezu zu Tode beschlafen ward, wurde dann solch einem Weibe ein solches angekauftes Kind unterbreitet, und zwar auf eine so pfiffige Art, daß sogar das Weib glaubte, daß das Kind von ihr sei! Aber wie gesagt, mit der Zeit kamen die Männer der schönen und üppigen Weiber denn doch hinter den Betrug, und zwar durch einen ehrlichen Samariten, der den Kleinasiaten zeigte, wie es die vermeinten frommen Apostel Jerusalems, der Stadt Gottes, trieben.
GEJ|2|178|2|0|Da kamen die betrogenen Männer der Gemeinde zu den ,Aposteln‘ in die Befruchtungsanstalt und hielten ihnen ganz ernstlich vor, was sie von einem Bürger Sichars vernommen hätten, und die befruchteten Weiber hätten ihnen auch dasselbe eingestanden!
GEJ|2|178|3|0|Die ,Apostel‘ aber, mit allen Betrugssalben gesalbt, fanden bald einen ganz gesunden Ausweg, beschrieben den sich beschwerenden Männern die Samariten von einer solchen Seite, daß die Beschwerdeführer im vollsten Ernste einzusehen anfingen, daß eben die Samariten, die von Gott schon seit vielen Jahren verfluchten Abtrünnlinge der Juden, die alleinige Schuld an der Unfruchtbarkeit ihrer Weiber trügen.
GEJ|2|178|4|0|Dadurch aber verfielen die guten Samariten in einen zwiefachen Racheschwur, und zwar zuerst in den der Pharisäer wegen der Denunziation (Anzeige) und Verdächtigung bei den Hinterkleinasiaten, und dann fürs zweite bei den Besitzern der unfruchtbaren Weiber selbst, die nach der Erklärung der Pharisäer fest zu glauben anfingen, daß die Samariten lauter arge Zauberer seien und solches schon vor vielen Jahren den Hinterkleinasiaten angetan hätten, weil einmal ein Samarite dort wegen Beschlafung eines Weibes erschlagen worden ist. Aber sie, die Pharisäer nämlich, wüßten ein Gegenmittel, das sie den mit unfruchtbaren Weibern vermählten Männern gegen eine gute Bezahlung anraten und noch leichter selbst verschaffen könnten! – Jetzt, lieber guter Meister, kommt erst das Wahre, resp. echt Übersatanische, zum Vorscheine!“
GEJ|2|178|5|0|Sage Ich: „Erzähle nur also fort! Wäre es auch nicht nötig für Mich, so ist es aber dennoch um so nötiger für diese Meine Jünger, daß sie solches erfahren.“
GEJ|2|178|6|0|Fährt Markus mit seiner Erzählung fort, sagend: „Worin besteht denn eigentlich das von den Aposteln Jerusalems um vieles Geld angeratene Mittel zur Fruchtbarmachung der Hinterkleinasiatinnen? Es besteht nach dem weisen Rate der ,Apostel‘ in nichts Geringerem als: Die Hinterkleinasiaten sollen sich das Blut von den Kindern der Samariten verschaffen und solches entweder in frischem Zustande oder aber auch getrocknet und als Pulver einnehmen, wenn sie mannbar geworden sind, und alsdann die Weiber, bevor sie sich beschlafen lassen; solches würde die Zauberkraft der Samariten zerstören und die Weiber wieder vollends fruchtbar machen! – Aber wie das Blut der samaritischen Kinder bekommen? – Dafür werden schon gegen guten Lohn und gegen gute Worte die Apostel des Tempels Sorge tragen!
GEJ|2|178|7|0|Der Vertrag ward gemacht und von den betreffenden Hinterkleinasiaten angenommen. Was aber geschah darauf und geschieht in einem sehr ausgebreiteten Maße noch heute? Die Pharisäer machten darauf eine förmliche Jagd, wie und wo sie nur konnten, auf die Kinder der Samariten und tun dasselbe noch heutzutage.
GEJ|2|178|8|0|Solche Kinder von ein bis zwölf Jahren werden in die bewußte Befruchtungsanstalt geschafft, dort eine Zeitlang gut genährt, besonders mit Nährstoffen, die zur Vermehrung des Blutes taugen. Zeigt es sich, daß so ein Kind voll Blutes ist, so wird es der Kleider entblößt, in die Schlachtkammer geführt und dort den eigens bedungenen und bediensteten Schlächtern übergeben. Diese unterbinden den unglücklichen Kinderchen mit starken Bändern knapp am Leibe Hände und Füße, dann knebeln sie die also unterbundenen Kinderchen an einen Pfahl, der in der Mitte einer Wanne angebracht ist, verbinden dazu den Armen die Augen und schneiden dann den also himmelschreiend Zubereiteten an Händen und Füßen die Adern auf. Während die Armen also verbluten und natürlich nach dem Verlaufe von wenigen Augenblicken zu Leichen werden, lassen es sich die ,Apostel Gottes‘ aus Jerusalem, der Stadt Gottes, so ganz mir und dir nichts wohl geschehen. Die entseelten Leichname der also gemordeten Kinder werden dann in einem eigens dazu erbauten großen Ofen verbrannt und ihr also gewonnenes Blut entweder frisch oder aber auch im beschriebenen getrockneten Zustande für den bewußten Zweck verkauft. Die Hölle muß dieses überhöllische Mittel gesegnet haben; denn die Weiber, die solches Blut genießen, sollen im Ernste nun fruchtbar sein!
GEJ|2|178|9|0|Für so etwas sollte denn der liebe Gott, so Er keine alte jüdische Fabel ist, denn doch ein Gegenmittel finden; aber es rührte sich von oben her bis zur Stunde noch nichts! Gott kann noch immer ganz geduldig und gemächlich solch namenlose Greuel ansehen, so wie Er vor etwa dreißig Jahren in Bethlehem hatte zusehen können, wie durch ein allertyrannischestes Machtgebot Kinder männlichen Geschlechts von ein bis zwölf Jahren bei fünftausend an der Zahl an einem Tage sind hingerichtet worden, und das auf die grausamste Art von der Welt!
GEJ|2|178|10|0|Gott ist höchst gut, weise und voll Barmherzigkeit, wie ich es gelernt habe aus der Schrift; aber so ich, als in alle die Greuel eingeweiht, die Sache so recht beim hellen Lichte betrachte, da kann ich mich des Gedankens wohl kaum erwehren, daß es entweder gar keinen Gott gibt, oder, gibt es einen, so kümmert Er Sich lange um die Menschen dieser Welt nicht! Kann mir aber das jemand verargen? Sicher kein reeller und gleich mir menschenfreundlicher Mensch, auch ein Gott nicht! Denn in meiner Brust schlägt noch ein Herz, das der armen Menschheit mit aller Liebe zugetan ist!
GEJ|2|178|11|0|So aber in Dir, Herr und Meister, irgend etwas Göttliches steckt, so wirke Du denn doch auch in dieser Sphäre ein Wunder und zerstöre und vernichte solche höllischen Scheusale! Ich zweifle nicht im geringsten, daß Dir solches gelingen sollte; denn was ich heute an Dir erlebte, ist mir mehr als eine allerhinreichendste Bürgschaft, daß Dir, so Du es nur willst, nichts unmöglich sein kann! Denn Du bist offenbar mehr denn alle Propheten zusammen!“
GEJ|2|179|1|1|179. — Der Jünger Aufregung über die Templergeschichte
GEJ|2|179|1|0|Sage Ich: „Freund! Das, was du Mir nun erzähltest, ist kaum ein Schattenriß von dem, was Ich sehe und weiß; aber dir fehlt es an der tieferen Kenntnis der göttlichen Ordnung, und so beschuldigst du sogar mit einigem Recht die dir scheinbare Saumseligkeit Gottes. Aber weil du ein beispiellos ehrlich und rechtlich gutes Herz besitzest, so will Ich volle sechs Tage hindurch bei dir und den Deinen verharren und will dir in solcher Zeit eine genügende Aufhellung über alles geben, wo es bei dir nun noch finster ist. – Da es aber nun gegen Mitternacht geworden ist, so laß uns auf die für uns bereiteten Lager kommen!“
GEJ|2|179|2|0|Sagen die Jünger: „Herr, heute ist's uns schon einerlei, ob wir auf den Lagern wachen oder hier im angenehmen Freien; denn die Erzählung des Freundes Markus hat uns so total den Schlaf benommen, daß wir nun um alles in der Welt nicht mehr einzuschlafen imstande wären! Wahrlich, jeder Tropfen Blutes in unsern Adern siedet nun vor Grimm und Wut gegen die allerreißendsten Bestien von den bewußten Menschen, die aus dem Tempel hervorgehen! Wahrlich, bei so bewandten Umständen wäre es ja doch um viele tausend Male besser, so man nie geboren worden wäre! Herr, so laß denn nun gleich Feuer vom Himmel über diese Bestien regnen! Denn das, was wir nun gehört haben, übertrifft ja bei weitem alles, was Schlechtestes wir auch immer von dieser bestialischen Menschheit vernommen haben!“
GEJ|2|179|3|0|Sage Ich: „Eben deswegen müsset ihr den doppelten Rausch ein wenig ausschlafen! Morgen, wenn ihr nüchterner sein werdet und ruhigeren Blutes, werden wir leichter darüber zu urteilen imstande sein!“ – Auf diese Meine Worte begaben sich denn alle ohne weitere Einsprache zur nötigen Ruhe.
GEJ|2|179|4|0|Der Morgen des nächsten Tages kam schnell, und Ich und die Jünger erhoben uns bald von unseren, nach Kräften gut bereiteten Lagern.
GEJ|2|179|5|0|Als wir ins Freie kamen, da sagte Simon Juda: „Herr, ich habe zwar eine recht gute Weile geschlafen; aber die Erzählung unseres Gastwirtes Markus geht mir nicht aus meinem Gemüte. Nein, das ist unerhört! So etwas ist noch nie dagewesen! Wahrlich, manchmal kann ich selbst Deine Geduld und Langmut nicht fassen! Wenn ich bedenke, wie Du so manchmal mit uns, die wir doch an Dir hängen wie die Haare an unserem Leibe, so ganz kurz gebunden bist, und ehe man sich's versehen hat, strafst Du unsereinen entweder mit einem Worte oder mit einem Blick, daß man es nachher nicht leicht wieder wagt, Dich um etwas laut zu fragen; aber solchen Greueln kannst Du ganz gemütlich etliche Jahrhunderte zusehen, und sie genieren Dich nicht! Wo unsereins rein aus der Haut springen könnte, da kannst Du ganz geduldig zusehen; wo aber unser Auge und Gemüt wenig oder nichts sieht oder findet, da bist Du wieder vollends da und tust, als ob das Heil der ganzen Schöpfung davon abhinge!
GEJ|2|179|6|0|Siehe, Herr, das sind denn doch Dinge, die wir unmöglich zu fassen imstande sind; und der Markus hat eben nicht ganz unrecht, wenn er also denkt von Gott, wie er sich gestern ganz treuherzig gut ausgedrückt hat. Es ist wohl sicher und wahr, daß Du, o Herr, alle solche Märtyrer in der Ewigkeit für die minutenlangen Leiden, die ihnen auf dieser Erde zuteil wurden, mehr als hinreichend entschädigen kannst und auch wirst – aber bei all dem ist es dennoch eine ganz verzweifelt schrecklich bittere Sache, von den mutwillig argen Menschen dieser Erde oft übernatürlich schmerzlich gemartert zu werden! Und, Herr, einige qualvollste Augenblicke werden dem Gequälten auch zu einer kleinen Ewigkeit!“
GEJ|2|179|7|0|Sage Ich: „Ich habe es euch schon gestern – dir, sowie dem Markus – gesagt, daß Ich solches in der Zeit Meines Hierverweilens schon näher erörtern werde; wartet demnach, bis es an der Zeit sein wird, und es soll euch dann schon hinreichend helle werden! Gehet nun aber lieber hin und helfet dem Markus seinen Fischfang ans Ufer bringen; denn er ging heute schon frühe an die Arbeit, und Ich habe sie ihm gesegnet. Darum gehet hin und helfet ihm die vielen und guten Fische ans Land schaffen und in seine Fischbehälter setzen!“
GEJ|2|180|1|1|180. — Der gesegnete Fischzug. Vom Tempelmist
GEJ|2|180|1|0|Auf diese Worte eilten alle Jünger hin und halfen nach Kräften dem Markus und seinen Kindern. Die zwei Söhne waren zwar junge und kräftige Leute, aber die vier älteren Töchter waren zusammen nicht so stark wie einer der zwei Söhne.
GEJ|2|180|2|0|Als mit der kräftigen Hilfe der Jünger die Fische alle untergebracht waren, kam Markus zu Mir, der Ich auf einer recht niedlichen und bequemen Rasenbank saß, und sagte, noch ganz vom Schweiße triefend: „Herr und Meister! Du magst nun sagen, was Du nur immer willst, so behaupte ich dennoch fest, daß Du von meinem heutigen, nie erlebt herrlichen und reichsten Fischfange ebensogut die Ursache bist, als Du gestern abend meine fünfzig Schläuche mit dem köstlichsten Weine angefüllt hast, wofür ich Dir denn auch vor allem meinen innigsten Dank abzustatten alsogleich hierhergeeilt bin. Und somit danke ich Dir, o Herr und Meister, mit dem gerührtesten und dankerfülltesten Herzen für alle die übergroßen und wunderbarsten Wohltaten, die Du mir und den Meinen in so überschwenglich reichlichstem Maße hast angedeihen lassen!
GEJ|2|180|3|0|Ich hatte heute das große Zugnetz ausgesetzt, das da eine Länge hat von einhundertfünfzig Ellen und eine rechte Tiefe von sieben Ellen, und siehe, alle Räume des Netzes waren voll von den herrlichsten und köstlichsten Fischen! Und nun strotzen meine ziemlich großen zehn Behälter von den Fischen, die wir heute mit dem einzigen und ersten Zuge ans Land gebracht haben! Wenn es Dir genehm ist, so lasse ich sogleich einige Stücke als Morgenmahl zubereiten; mein Weib versteht solches aus der Kunst!“
GEJ|2|180|4|0|Sage Ich: „Tue das; denn Mich gelüstet es danach! Hernach kannst du aber auch mehrere Lägel voll in die Stadt Cäsarea Philippi durch deine Kinder tragen lassen, und sie werden einen guten Erlös machen!“
GEJ|2|180|5|0|Markus machte eine tiefe Verbeugung, eilte darauf in die Küche zu seinem Weibe und ordnete das Morgenmahl an, dessen Bereitung das Weib und die sechs Töchter sogleich und alleremsigst vornahmen. Die zwei Söhne aber füllten zwei große Lägel voll der schönsten Fische und, da sie ihr Morgenbrot schon verzehrt hatten mit etwas Wein, fuhren sie damit in die kaum eine Stunde von da entlegene Stadt.
GEJ|2|180|6|0|Als sie ihr Fuhrwerk, das aus einem Karren, vor den zwei Esel gespannt waren, bestand, auf dem Marktplatze aufgestellt hatten, so waren auch schon eine Menge Käufer bei der Hand und kauften ihnen in wenigen Augenblicken alle die Fische ab um einen guten Preis; denn solch ausgezeichnete Fische kosteten schon damals pro Stück einen guten Groschen. Da die beiden bei zweihundert Stück mitgenommen hatten, so lösten sie auch bei zweihundert Groschen, was für jene Zeit mehr war denn jetzt (zur Zeit Lorbers) zweihundert Taler. Nach ein paar Stunden kamen die beiden, reich mit Geld beladen, wieder mit den leeren Lägeln und dem Karren nach Hause und übergaben dem Vater Markus das Geld, der darüber eine große Freude hatte und die beiden Söhne sehr belobte.
GEJ|2|180|7|0|Die Söhne aber fragten den Vater, ob sie noch einmal in die Stadt fahren sollten, da viele, die noch kaufen wollten, nichts mehr bekamen. Der Vater gestattete ihnen solches, und sie füllten abermals die Lägel und fuhren damit in die Stadt und verkauften die zweite Fuhre besser und schneller denn die erste.
GEJ|2|180|8|0|Markus aber wußte sich vor lauter Dank nicht zu helfen; denn ihm war nun auf einmal aus seiner vieljährigen Not geholfen.
GEJ|2|180|9|0|Während aber die beiden Söhne die erste Fuhre in die Stadt schafften, hatten wir bei zwanzig bestbereitete Fische zum Morgenmahle verzehrt, und am Brote und Weine hatte es dabei nicht gemangelt. Wir hatten uns dabei noch über manches besprochen, besonders aber blieben als Hauptgegenstand immer die Diener des Tempels, und des Markus älteste Tochter, ein Mädchen von neunzehn Jahren, zeigte uns einen alten Topf, der mit dem Tempelmiste zur Hälfte angefüllt war, und fragte, ob dieser Mist wohl, nach den Worten der zudringlichen Verkäufer, die Felder und Gärten auf die beschriebene, unerhörte Weise befruchte.
GEJ|2|180|10|0|Da erhob sich ein Gelächter unter den Jüngern, denen diese Tempelprellerei nicht unbekannt war, und Thomas sagte: „O der Schändlichkeit! Das treiben die Gottesdiener schon bei fünfzig Jahren. Es haben sich wohl schon würdige Hohepriester dagegen aufgelehnt, richteten aber wenig aus; denn dieser Mist trägt nun dem Tempel jährlich wenigstens zweitausend gute Groschen. Die Menschen aber sind blind genug und glauben am Ende sogar, daß durch solchen Unrat ihre Felder, Äcker und Gärten gesegnet werden!“
GEJ|2|180|11|0|Sagte darauf die älteste Tochter: „O lieber Freund, das ist nicht also! Die meisten Menschen glauben kaum mehr denn ich an diesen Betrug; aber was kann man da tun? Kauft man den Verkäufern diesen Mist nicht ab, so kann man es darauf bald mit der ganzen Hölle zu tun bekommen. Zugleich sind die Verkäufer dieses Unflates so zudringlich und grob und roh, daß man ihnen am Ende ganz gerne von ihrem Unflate etwas abkauft, um ihrer dadurch nur loszuwerden. Schüttet man dann den Mist vor ihren Augen ins Wasser, so machen sie sich daraus gar nichts mehr und gehen ihren Weg weiter; denn sie wissen es ja, daß man ihnen nach einem Jahre den Tempelmist dennoch wird wieder abzukaufen genötigt werden.“
GEJ|2|180|12|0|Sagt Petrus: „Ja, ja, Betrug, Lug und Trug allerart sind die Tugenden der Tempeldiener, die sich Gottesdiener nennen! Menschliche Gesichter tragen sie wohl, aber ihr Inneres ist aus der Hölle! Warum, o Herr, Du so etwas zulässest und duldest, das weißt wohl nur Du allein und sonst niemand in der ganzen Welt!“
GEJ|2|180|13|0|Ich aber sage zu allen: „Lassen wir nun das, es ist nahezu Mittag! Der Tag ist schön und eben nicht zu warm; darum wollen wir ein wenig in der freien Gegend uns umsehen, ob es da nirgends ein Plätzchen gäbe, von dem aus man eine gute Aussicht in die Ferne haben könnte. Ein solches Plätzchen wollen wir uns dann zurichten, um die Tage unseres Hierverweilens mit allerlei Besprechungen zuzubringen.“
GEJ|2|180|14|0|Darauf sagt Markus: „Herr, gerade ein paar hundert Schritte über meiner Wohnhütte, und eigentlich über der Grotte, an die meine Hütte angelehnt ist, befindet sich noch in meinem spärlichen Besitze ein solches Plätzchen, wie Du eines wünschest; die Kuppe des Hügels ist mit einem alten schattigen Kastanienbaume geziert, um den ich eine geräumige Rasenbank gemacht habe. Von dieser Bank aus genießt man die schönste Aussicht über diese ganze, weitgedehnte Gegend. Man sieht Cäsarea Philippi ganz und übers Meer, soweit das Auge reicht. Bei sehr heiteren Tagen sieht man leicht bis gen Genezareth und weiter bis Kis, und sogar Sibarah wollen einige schon gesehen haben; aber dazu sind meine Augen zu schwach, und ich kann diesen Ort nicht ausnehmen, – aber aufwärts bis nach Gadarena sehe ich leicht und andere Ortschaften in die schwere Menge.“
GEJ|2|180|15|0|Sage Ich: „Nun denn, so wollen wir uns diesen Punkt wählen und unsere Zeit alldort so nützlich als tunlich zubringen. Führe uns denn hinauf!“
GEJ|2|180|16|0|Markus, der Hüttenmann, führte uns auf einem zwar sehr schmalen, aber sonst eben nicht unbequemen Pfade auf das Plätzchen, das im Ernste nichts zu wünschen übrigließ; man sah gen Cäsarea Philippi, ebenso übersah man das ganze Galiläische Meer und eine Menge Ortschaften.
GEJ|2|181|1|1|181. — Markus und die pharisäischen Zehntjäger
GEJ|2|181|1|0|Zugleich aber bemerkten wir auch, wie etliche Pharisäer aus der Stadt Cäsarea Philippi gerade auf dem Wege zu der ärmlichen Wohnhütte des Markus sich recht emsig bewegten. Sagte Matthäus, der junge Mautner (Zolleinnehmer) aus Sibarah, der schon einmal bei Kapernaum, als ein Kranker geheilt ward, den man durch das angerissene Hausdach und durch die Zimmerdecke der Volksmenge wegen vor Mir herabließ, die Pharisäer mit seinem Munde sehr bedient hatte: „Diese Brut muß Kunde von Deinem Hiersein erhalten haben! Aber durch wen? Es müßten nur des Markus Söhne, die zweimal mit den Fischen zur Stadt gefahren sind, uns verraten haben!“
GEJ|2|181|2|0|Sagt der alte Markus: „Das ist schon möglich; denn so brav sonst meine Söhne sind, so haben sie aber doch das Übel, daß sie gerne plaudern, wodurch sie schon so manches Unheil angezettelt haben. Ich werde aber gleich hinabgehen und werde sie fragen.“
GEJ|2|181|3|0|Sage Ich: „Bleibe du deshalb nur ganz ruhig hier! Denn weder deine Söhne noch irgend jemand anders aus der Gegend hat Mich verraten, sondern sie kamen zu dir rein der Fische wegen hierher; sie wollen ein Geschenk von etwa hundert Fischen, von denen sie welche in der Stadt gesehen, aber nicht gekauft haben. Du weißt es ja, daß sie überall den Zehnt zu nehmen berechtigt sind, wo es irgendeine Ernte gibt; nun ist aber solch ein reicher Fischfang auch eine recht reiche Ernte, und sie meinen denn auch ein Recht zu haben, davon den Zehnt zu verlangen. Gehe darum hinab und gib hundert Fische, und sie werden dich beloben und werden die Fische nehmen und mit ihnen ganz ruhig alsogleich wieder nach Hause ziehen!“
GEJ|2|181|4|0|Sagt Markus: „Aber wie werden sie hundert Fische weiterschaffen?“
GEJ|2|181|5|0|Sage Ich: „Darum kümmere dich nicht, das wird schon ihre Sorge sein! Sieh nur hin, da sie uns schon ziemlich nahegerückt sind, und du wirst in ihrer Mitte ein Lasttier einhertraben sehen; dessen Rücken ist schon mit allem zum Weiterbringen der Fische Nötigen versehen.“
GEJ|2|181|6|0|Markus sieht schärfer auf die kleine, sich seiner Behausung nahende Karawane und entdeckt nun gar leicht das, worauf Ich ihn aufmerksam gemacht habe, und sagt: „Herr, es ist schon also, wie Du gesagt hast! Aber nun eile ich schnell hinab, und es sollen die hundert Fische in der großen Wanne schon für sie bereitet dasein, was sie sicher ein wenig stutzig machen wird!“
GEJ|2|181|7|0|Sage Ich: „Gehe und tue das! Aber wenn sie dich fragen, wie du solches wissen konntest, da sei auf eine kluge Antwort bedacht; doch mit einer Lüge darfst du sie nicht abfertigen!“
GEJ|2|181|8|0|Markus geht, läßt sogleich hundert Fische aus den Behältern herausheben und sie in die große Wanne tun. Als er kaum mit der Arbeit fertig war, da kamen auch schon die etlichen jungen Pharisäer und fragten nach dem Fischer Markus. Markus meldete sich bald und sagte, da er sich noch bei der Fischwanne befand: „Hier bin ich, und hier in der Wanne befindet sich, um das ihr wahrscheinlich gekommen seid! Es ist der für euch gewissenhaft bemessene Fischzehnt, bestehend aus hundert Stück der auserlesensten Fische, die in unserem Meere je gefangen wurden!“
GEJ|2|181|9|0|Die Pharisäer sind ganz verblüfft über solch eine Anrede, und einer von ihnen sagt: „Alter, bist du denn ein Prophet, daß du schon zum voraus weißt, warum wir aus der Stadt hierhergekommen sind?“
GEJ|2|181|10|0|Sagt Markus: „Dazu braucht man wahrlich kein Prophet zu sein, sondern man braucht bloß fünf gute Sinne zu haben und ein bißchen Verstand dazu, und man bringt es leicht auf ein Haar heraus, warum ihr herausgekommen seid! Da, da nehmet die Fische und ziehet in Frieden wieder weiter! Ich habe heute noch viel zu tun, und der Mittag ist nicht ferne; wir haben heute viel gearbeitet und müssen uns ein Mittagsmahl bereiten gehen!“
GEJ|2|181|11|0|Sagt einer der Pharisäer: „Du solltest aber uns zu den hundert Stücken noch dreißig hinzutun als Strafe; denn es war nicht fein, daß du uns, als den Dienern Gottes, die beständig für dein Heil zu Gott dem Allmächtigen flehen, nicht gleich nach dem Fange die Erstlinge durch deine Kinder in die Stadt gesandt hast!“
GEJ|2|181|12|0|Sagt Markus: „Da, da sind nicht dreißig, sondern vierzig Stück noch hinzu! Und nun bitte ich um eure Zufriedenheit, und – daß ihr mich bald wieder verlasset!“
GEJ|2|181|13|0|Sagen die Pharisäer: „Wir haben von Gott das Recht, zu kommen, wann wir wollen, und also auch zu gehen! Lade die Fische in unsere mitgebrachten Lägel, und wir wollen dann gleichwohl sogleich weiterziehen!“
GEJ|2|181|14|0|Markus befiehlt sogleich seinen Kindern, den Willen der Pharisäer zu erfüllen, und sie legen denn auch sogleich Hand ans Werk und füllen die Lägel der Pharisäer mit den nun einhundertvierzig Fischen.
GEJ|2|181|15|0|Als die Arbeit beendet ist, sagt Markus: „Nun ist alles erfüllt, was ihr verlangt habt. Seid ihr zufrieden?“
GEJ|2|181|16|0|Sagt ein sehr keck aussehender junger Pharisäer: „Nein, und noch hundert Male nein! Denn du redest mit uns als wie mit dir lästigen Weltleuten und vergissest, daß wir Diener des allmächtigen Gottes sind, die dich mit einem Hauche für ewig verderben können! Dein trotziges Benehmen gegen uns soll daher nicht nur mit einhundertvierzig Fischen, sondern mit der Wegnahme aller deiner Habe geahndet werden!“
GEJ|2|181|17|0|Hier wird es dem Markus zu bunt. Er läuft in die Hütte und kommt sogleich mit einer Pergamentrolle heraus zu den Pharisäern, auf der es mit großen Buchstaben geschrieben stand, daß er durch und durch ein Römer sei und als solcher von allen Rechten eines freien Bürgers Roms den vollen Gebrauch machen könne, so er nur wolle.
GEJ|2|181|18|0|Fragt der kecke Pharisäer, nun etwas verblüfft, und sagt: „Nun, wie lange ist man denn schon ein Heide? Denn man war unseres guten Wissens noch vor kurzem ein Jude!“
GEJ|2|181|19|0|Sagt Markus: „Markus war nie ein Jude, sondern ein geborener Römer, der bei dreißig Jahren dem Mars gedient hat mit Schwert, Helm und Schild. Aber dieser Markus ward auf eine Probezeit von drei Jahren ein unbeschnittener Jude; da er aber, abgesehen von der erhabeneren Gotteslehre der Juden, sich nur zu bald überzeugt hatte, was die Priester dieser erhabeneren Gotteslehre für ehrlose, heimlich ihren Gott und ihre Lehre mit Füßen tretende und die arme Menschheit bei jeder Gelegenheit hinters Licht führende, ärgste und gewissenloseste Heuchler sind, die ihrem Gott wohl aufs Gesicht vor dem blinden Volke dienen, ihre Herzen aber in aller Tiefe der Hölle begraben halten und darum auch auf das gewissenloseste mit dem Blute der unschuldigsten Kinder der Samaritaner einen allerschändlichsten Handel treiben, so bin ich wieder ein voller Römer geworden und werde als solcher auch sterben! Nehmt nun euren Raub und ziehet damit heim! Ich gebe ihn euch nur, weil ich vor kurzem ein unbeschnittener Jude war drei Jahre hindurch!“
GEJ|2|181|20|0|Sagen die Pharisäer: „Aber Markus, wie ist das möglich, daß du nun auf einmal ein gar so gescheiter Mensch geworden bist? Wir kennen dich ja schon lange als einen Menschen von großer Geistesbeschränktheit! Du wußtest vor uns oft ja kaum, ob du ein Mann oder ein Weib seiest; wie bist du denn nun auf einmal mit solchen Geistesfähigkeiten versehen worden?“
GEJ|2|181|21|0|Sagt Markus: „Das war eine sehr römisch pfiffige Maske, um als ein allerdümmster Kerl so ganz leicht hinter alle eure bösen Schliche, Streiche und Schändlichkeiten zu kommen! Ich stehe aber dennoch dafür, daß ich Moses und alle die Propheten besser denn ihr verstehe, – obschon ich in der Tat ein Römer, aber im Herzen schon lange ein echter Jude bin!“
GEJ|2|181|22|0|Sagen die Pharisäer: „Ohne die Beschneidung kann niemand ein Jude sein und sich Gott nahen!“
GEJ|2|181|23|0|Sagt Markus: „Eure Art, sich Gott zu nahen, habe ich auch nie angestrebt, sondern allein im Herzen nach der Lehre des Propheten Jesaja, und das genügt mir. Sollte ich aber darum von Gott verdammt werden, weil ich mich nicht habe beschneiden lassen, so wird euch das wenig kümmern. Ich aber denke: Gott ist weiser denn alle Menschen, und endlos weiser und besser und gerechter denn ihr, und sieht nur auf ein reines, beschnittenes Herz und nicht auf die Beschneidung der Vorhaut, die bloß einen irdischen Zweck haben mag, geistig aber im Grunde des Grundes eine Dummheit ist. Als Jude im Herzen gebe ich euch aber dennoch den Zehnt; aber ich gebe ihn freiwillig, und ihr habt keinen Funken Rechtes, einen von mir, als römischem Bürger, zu fordern. Gehet aber nun, sonst nehme ich die Fische zurück und lasse euch leer heimziehen! – Habt ihr mich wohl verstanden?“
GEJ|2|181|24|0|Auf diese energische Rede unseres Markus sagen die Pharisäer kein Wort mehr und ziehen mit den Fischen heim.
GEJ|2|182|1|1|182. — Des Herrn Voraussage über Sein Sterben und Auferstehen
GEJ|2|182|1|0|Markus aber ordnet schnell ein Mittagsmahl an, begibt sich auf das bewußte Plätzchen zu uns hinauf und erzählt uns alles haarklein, wie er mit den Pharisäern verfahren sei.
GEJ|2|182|2|0|Ich belobe ihn darum und sage: „Markus, Ich sage dir, diesem Volke ward es gegeben von Anbeginn her, und die große Verheißung, die ihm gegeben ward, hat nun ihre vollste Erfüllung erreicht. Da aber dieses Volk also verstockt ist und nicht erkennen will die große Zeit seiner Heimsuchung, sondern sein Heil sucht im Pfuhle dieser Welt, die vergehen wird gleich einem Traumbilde, so wird es zugelassen werden, daß es voll mache das Maß seiner Greuel, daß es töte seinen Gott und Herrn!
GEJ|2|182|3|0|Alsdann wird ihm genommen werden alle Gnade und alles Licht und alles Recht und wird euch Heiden gegeben werden; denn ihr habt einen guten Willen und habt als Blinde das erkannt, was die sehenden Juden verworfen haben.
GEJ|2|182|4|0|Darum kommt nun das Licht zu euch von oben und macht, daß ihr werdet sehenden Herzens; aber des Lichtes Kinder werden hinausgestoßen werden in die äußerste Finsternis. Unter fremden Völkern sollen sie die Brosamen suchen, und der Name ,Volk‘ wird ihnen genommen werden, und sie werden fürder kein Volk mehr sein!“
GEJ|2|182|5|0|Sagt Markus: „Also könnte es denn doch dahin kommen, daß sie in ihrer großen Wut Dich irgend ergriffen und Dich töteten dem Leibe nach, gleichwie sie solches nahe allen ihren Propheten getan haben?“
GEJ|2|182|6|0|Sage Ich: „O ja, das werden sie wohl an Mir tun! Aber da wird ihre Rechnung zum Ende gelangen!“
GEJ|2|182|7|0|Sagt Markus: „Ja, ja, wie ich es gestern nacht gesagt habe: Diese Brut ist jedes erdenklichen Verbrechens fähig! Darum hüte Du Dich solange als tunlich vor der sogenannten Stadt Gottes, denn diese wird Dich töten, außer Du wendest alle Deine Vorsicht und göttliche Allmacht dagegen an; denn die Diener des Tempels kenne ich aus- und inwendig! Wer es wagt, ihre Lehre, die schon lange eine Lehre des bösen Geistes ist, anzutasten, der bekommt einen Kampf mit der gesamten Hölle. Ihre Freundschaft ist Fluch, und ihr Fluch ist der Tod. Das Leben eines Menschen ist ihnen gleich dem Leben einer Mücke, deren kein Mensch achtet ihrer zu großen Geringfügigkeit wegen.“
GEJ|2|182|8|0|Sagen die Jünger: „Wie wir unsern Herrn und Meister kennen, so wird dennoch alle ihre noch so abgefeimte Bosheit an Seiner Weisheit zerschellen; denn Er, der dem Tode gebieten kann, Er, der die Toten wieder zum Leben erwecken kann, wird schwer zu töten sein!“
GEJ|2|182|9|0|Sage Ich: „Ja, Er wird wohl gar nicht zu töten sein in Ewigkeit, und doch wird Er getötet werden zu einem Zeugnisse wider sie, auf daß ihr ihnen gegebenes Maß voll werde! Haben sie sich an den Heiligen Gottes vergriffen, so werden sie sich auch an Mir vergreifen und werden dadurch zu Schöpfern ihres höchst eigenen Gerichtes werden! Wer aber selbst etwas also will, dem geschieht kein Unrecht, so er verworfen wird! Haben sie aber den vielen Boten das getan, was da war ein unaussprechlicher Greuel, so werden sie auch Dessen nicht schonen, der die Boten vor Sich herkommen ließ.
GEJ|2|182|10|0|Aber der für sie höchst fatale Umstand wird darin bestehen, daß der Getötete nach kaum drei Tagen als ein mächtigster Überwinder des Todes und aller Seiner Feinde zum ewigen Troste Seiner Freunde und Brüder unversehrt, vollkräftig und durch und durch vom Leben durchglüht aus dem Grabe hervorgehen wird! Dann werden sie unter großer Furcht und verzweiflungsvollem Zagen Rat halten, wie sie den vom Tode Erstandenen wieder töten könnten; aber sie werden dazu keinen Rat mehr zu fassen imstande sein, und ihr Fall wird bald darauf erfolgen.
GEJ|2|182|11|0|Also wird es geschehen, und die Weissagung von Mir wird darin ihre vollste Erfüllung finden.
GEJ|2|182|12|0|Zwar werdet ihr traurig sein und große Angst empfinden um Meinetwegen; aber eure Traurigkeit, Furcht und Angst wird bald in große Freude verwandelt werden, so ihr den Getöteten wieder mit aller Macht über alles Leben und über allen Tod unter euch wie jetzt erschauen werdet!“
GEJ|2|182|13|0|Sagt Markus: „Wenn also, dann ist es wahrlich nicht zu schwer, sich gewisserart nur pro forma töten zu lassen! Unter solchen Umständen kannst Du dann schon nach Jerusalem wandeln, wenn Du willst; denn Dir kann nichts geschehen! So Du ein Herr über Leben und Tod bist, wer kann Dich dann töten? Und tötet er Dich, oder ist er des Wahnes, Dich getötet zu haben, und Du gehst nach der Tötung lebendiger zum Kampfe mit den Feinden hervor, als Du vor der Tötung warst, da möchte ich nicht stecken in der Haut Deiner Feinde; die wird dann verzehren das Feuer aller Angst und Furcht. Und all ihr Raten, Sinnen und Trachten wird zuschanden werden für zeitlich und ewig! Denn dadurch erst werden alle ihre allerschändlichsten Greueltaten ans hellste Tageslicht vor aller Menschen Augen treten, und ihr effektives Dasein hat sein von der besseren Menschheit lange ersehntes Ende erreicht für ewig. O Herr und Meister! Führe das nur recht bald und ganz sicher und gewiß aus! Ich bin zwar schon alt geworden und werde die Erde nicht so lange mehr mit meinen Fußtritten belästigen, als ich sie schon belästiget habe; aber das möchte ich denn doch noch erleben, und mein Tod soll dann ein leichter sein!“
GEJ|2|182|14|0|Sage Ich: „Die Sache ist zwar noch nicht völlig bestimmt, daß es also geschehen müsse; aber eher ja denn nein! – Aber nun ist es schon stark über des Tages Mitte hinaus mit der Zeit, und unsere Leiber begehren auch irgendeine Stärkung; darum wollen wir uns wieder hinabbegeben und wollen eine Leibesstärkung zu uns nehmen!“
GEJ|2|182|15|0|Sagt Markus: „Ja, da hast Du wieder ganz vollkommen recht; das Mittagsmahl wird bereitet sein, und so gehen wir hinab! Nach dem Mahle können wir dann ja, so es Dir, o Herr, eine Freude macht, wieder auf dieses Plätzchen uns begeben.“
GEJ|2|182|16|0|Sage Ich: „Für den Nachmittag werden wir etwas anderes unternehmen. Morgen wieder soll dies Plätzchen uns willkommen sein. Jetzt gehen wir aber!“
GEJ|2|183|1|1|183. — Der Besuch des Cyrenius wird gemeldet
GEJ|2|183|1|0|Als wir nach wenigen Augenblicken unten ankamen, so war auch das Mittagsmahl bereitet, und wir setzten uns an den großen Tisch im Freien, der unter dem dichten Schatten einer Kastanie errichtet war. Wohlzubereitete Fische, Brot, Wein und gute, frische Feigen wurden im rechten Maße aufgetragen, so daß wir, in allem bei dreißig an der Zahl, zur Übergenüge zu zehren hatten. Sehr gemütlich ward das Mahl eingenommen, und Markus, der gesprächige, alte, biedere Kriegsmann, erzählte uns so manches aus den Erlebnissen, und das mit einer ihm angeborenen Redesalbung. Meine Jünger aber hatten dabei die Gelegenheit, die Welt so recht enthüllt vor sich zu sehen und sich davon so manches zum Besten der Menschheit herauszunehmen, die später ihrer Leitung anvertraut ward.
GEJ|2|183|2|0|Nach der über zwei Stunden andauernden Tischsitzung kam aus der Stadt ein Bote zu Markus und hinterbrachte ihm die Nachricht, daß der alte Oberstatthalter Cyrenius um die Mitte des Tages in Cäsarea Philippi angekommen sei; er möge sonach als ein dem Oberstatthalter wohlbekannter Krieger hinkommen und ihm seinen bekannt ärmlichen Zustand vortragen, und der Oberstatthalter werde für ihn nach Möglichkeit etwas tun.
GEJ|2|183|3|0|Sagt Markus zum Boten: „Sage du zu meinem alten Kriegsgefährten, daß ich mich ihm zu Füßen legen und ihm viele Male danken lasse für seine gnädigste Erinnerung an meinen stark ärmlichen Zustand! Ich werde aber diesmal von seiner Gnade keinen Gebrauch machen können, so ich darum in die Stadt gehen soll, weil ich Gäste habe, deren Oberster, Herr und Meister mich wunderbarst aus aller meiner früheren Ärmlichkeit riß. Dieser Herr und Meister versprach mir, sechs volle Tage hindurch bei mir zu verweilen, und so würde ich es für eine große Sünde halten, Ihn auch nur einen Augenblick zu verlassen. Sollte mein alter Kriegsgefährte es aber nicht zu tief unter seiner hohen, kaiserlichen Würde halten, zu mir heraus einen Lustgang zu tun, so solle hier alles aufgeboten werden, ihn seiner so würdig als möglich zu empfangen!“
GEJ|2|183|4|0|Sagt der Bote: „Ganz gut, ich werde dem hohen Gebieter wortgetreu alles so wiedergeben, wie du es mir gesagt hast!“ – Mit dem empfiehlt sich der Bote, besteigt sein Maultier und entfernt sich eiligst.
GEJ|2|183|5|0|Als der Bote aber über Stock und Stein war, sagte Markus: „Ich glaube es nicht, daß der hohe Statthalter mir solche meine Antwort übel deuten wird!“
GEJ|2|183|6|0|Sage Ich: „Sorge dich um etwas anderes! Ich sage es dir: Wie er es vernehmen wird, daß offenbar Ich hier Mich befinde, da wird er auch nicht zehn Augenblicke lang säumen, sich zu entschließen, hierherzukommen, und du wirst da erst die Gelegenheit bekommen, von der Herrlichkeit Gottes dir einen Begriff zu machen! Denn sei versichert, daß Mich Cyrenius kennt Mein Leben lang!“
GEJ|2|183|7|0|Sagt Markus: „Das wird schon alles so sein; aber er ist ein zu hochgestellter Mann in der Welt und muß darum so manches vermeiden der dummen Menschen wegen, was er sonst sicher tun würde, und so zweifle ich denn doch so hübsch stark, daß er mir die hohe Gnade des Besuchs erweisen können wird.“
GEJ|2|183|8|0|Sage Ich: „Ehe du dreimal aufs bekannte Plätzchen hinauf- und wieder zurückkommst, wird er dasein: Der Bote wird ihm kaum die Nachricht hinterbringen, und Cyrenius, der sein Mahl noch nicht eingenommen haben wird, wird ohne alles Säumen alles liegen- und stehenlassen und wird mit seiner ganzen Begleitung hierhereilen, um Mich zu sehen und zu sprechen.
GEJ|2|183|9|0|Sage es aber deinem Weibe und deinen Töchtern, daß sie sogleich noch ein Mahl für ihn und seine Leute richten sollen; denn da er in der Stadt kein Mahl nehmen wird samt seinen Leuten, so wird ihm auch ein solches Mahl sehr erwünscht und willkommen sein!“
GEJ|2|183|10|0|Markus ruft sogleich sein Weib und seine sechs Töchter aus der Hütte und sagt, daß sie für den ankommenden Oberstatthalter Cyrenius ein Mahl bereiten sollen, und zwar in Menge für ungefähr noch einmal dreißig Personen!
GEJ|2|183|11|0|Das Weib sieht den Markus ganz verblüfft an und weiß nicht, ob so etwas Ernst oder Scherz sei. Aber Markus schafft (weist) sie dennoch gleich in die Küche, und das Weib macht sich an die gebotene Arbeit.
GEJ|2|183|12|0|Zugleich aber gebot Markus seinen beiden Söhnen, daß sie über den Hügel hinausschauen sollten, und so sie irgendeine glänzende Schar aus der Stadt kommen sähen, so sollten sie ihn sogleich benachrichtigen. Die beiden Söhne eilten alsbald über den Bug (Wegbiegung) hinaus bis zur Stelle, von der man recht gut bis Cäsarea Philippi sehen konnte, und entdeckten die glänzende Schar schon am Ende der breiten Straße ihre Schritte in den schmalen Fußsteig einlenken, auf dem man in einer kleinen Viertelstunde ganz leicht die Behausung unseres Markus erreicht.
GEJ|2|183|13|0|Als die beiden Söhne solches ersahen, eilten sie nahe atemlos zurück und erzählten, was sie gesehen.
GEJ|2|183|14|0|Da fragte Mich Markus, sagend: „Herr und Meister, da werden wir ihm denn doch entgegengehen müssen in aller echt römischen Gebeugtheit!?“
GEJ|2|183|15|0|Sage Ich: „O mitnichten! Den sein Heil zu Mir drängt, der kommt schon, ob wir ihm auch nicht entgegengehen! Cyrenius aber ist ein Starker im Geiste und bedarf nicht, daß man ihm entgegengeht; nur wo ein Schwacher an Seele und Leib den Weg zu uns eingeschlagen hat, dem müssen wir wohl entgegengehen, auf daß er nicht ermüde am halben Wege, da liegenbleibe und verderbe!“
GEJ|2|184|1|1|184. — Markus empfängt und begrüßt Cyrenius
GEJ|2|184|1|1|Genezareth — Zu Schiff über die Bucht und dann zu Fuß nord wärts in Richtung Tyrus — Rückkehr zum Galiläischen Meer — Berg am Ufer (Zweite Volksspeisung) Zu Schiff nach der Herberge bei Magdala — Zurück zum Berg am Ufer — Zu Fuß, nach der Hütte des Markus bei Cäsarea Philippi.
GEJ|2|184|1|0|Als wir solche Worte kaum zu Ende geredet hatten, so vernahmen wir schon vom Buge herab eine Menge Menschenstimmen. Es war Cyrenius mit seinem ganzen Gefolge; und der von Mir in Nazareth in des Jairus neuer Gruft vom vollsten Tode erweckte Knabe Josoe ritt neben dem Cyrenius auf einem kleinen Saumrosse, mit schönen römischen Kleidern angetan.
GEJ|2|184|2|0|Als Cyrenius auf den ziemlich geräumigen Platz vor der Hütte kam, fragte er die beiden Söhne, ob dies die Behausung des alten Kriegers Markus wäre.
GEJ|2|184|3|0|Und die Söhne sagten in tiefster Verbeugung: „Ja, mächtiger Herr und Gebieter!“
GEJ|2|184|4|0|Bei dieser Gelegenheit tritt auch schon Markus in der echt römischen Gebeugtheit vor den Cyrenius hin und sagt: „Hoher Herr und Gebieter, nichts in der Welt hätte mich abhalten können, deinem allergnädigsten Rufe auf der Stelle des Augenblicks Folge zu leisten! Aber ich beherberge einen Gast nebst mehreren Seiner Jünger und Begleiter, der unfehlbar ein Gott sein muß, weil Er Dinge bloß durch Seinen Willen bewirkt, die noch nie ein Sterblicher auf dieser Erde gewirkt hat. Und siehe, diesen Gast aus den Himmeln konnte ich unmöglich verlassen, zumal Er mich mit Wohltaten überhäuft hat und meine Hütte nun keine ärmliche, sondern eine sehr reiche ist; denn ich besitze nun bei fünfzig Schläuche des allerbesten Weines und meine fünf großen Fischbehälter voll von den alleredelsten und besten Fischen! Ebenso strotzt meine Speisekammer von allerlei der besten Speisen, und Salz und Holz habe ich auch für mein Leben lang zur Übergenüge! Was sollte ich alter Mann nun noch mehreres suchen und verlangen wollen? Aber nicht nur ich, sondern auch meine acht Kinder sind bestens versorgt; denn ich habe heute schon bei vierhundert Groschen eingenommen, was bei mir schon sehr viel Geld haben heißt, und ich werde dabei sicher noch mehrere Hunderte von guten Groschen aus derselben Quelle lösen, wie ich die vierhundert heute ganz ehrlich und redlich gelöst habe.“
GEJ|2|184|5|0|Sagt Cyrenius: „Das ist schon alles ganz gut, und es freut mich sicher mehr denn dich, daß ich dich, als einen meiner ältesten Kriegsgefährten, so ganz glücklich treffe; aber nun führe mich zu deinem Wundergaste hin! Dessentwegen bin ich vorzüglich zu dir aus der Stadt gekommen; denn nach des Boten Aussage vermute ich, daß dein Wundergast der göttliche Jesus aus Nazareth ist, dem ich ewig nie genug werde zu danken imstande sein für die endlos großen Wohltaten, die Er mir geistig und leiblich erwiesen hat. Führe mich darum nur gleich zu Ihm hin!“
GEJ|2|184|6|0|Cyrenius hatte Mich darum nicht gleich entdeckt, weil Ich mit den Jüngern noch beim Tische saß, der unter der dichten Beschattung eines großen Kastanienbaumes stand, dessen dicht und dick belaubte Äste stellenweise bis zur Erde hinabhingen. Markus führte den Cyrenius samt dem Knaben Josoe sogleich unter den Kastanienbaum zu Mir.
GEJ|2|184|7|0|Als Cyrenius Meiner ansichtig ward, kamen ihm gleich die Tränen in die Augen vor Freude, Mich wiederzusehen, und er sprach: „Ja, ja, Du bist es, wie ich mir's gedacht habe! Oh, wie endlos glücklich und selig bin ich nun abermals, daß mir die unbeschreibliche Gnade der Himmel zuteil ward, Dich, der Du allein mein alles bist, nach vielen verstrichenen Tagen wieder einmal zu sehen, zu sprechen und durch den Hauch Deines Mundes neu gesegnet und für ewig belebt zu werden! O Herr, Du mein über alles treu und wahrhaft geliebtester Jesus, Du ewiger Herr der ganzen Welt und aller Himmel! Ein wie großer Schuldner bin ich Dir doch, und zwar fürs erste für jede Lebensminute und fürs zweite für die übergroße Wohltat, die durch Deine nie ergründbare Weisheit in Kis mir zuteil ward, daß ich zu den geraubten Steuergeldern wieder gelangt bin! O Herr, wie oft an einem jeglichen Tage denke ich doch daran, aus welch einer schrecklichen Verlegenheit Du mich durch Deine Weisheit in Kis errettet hast! Und wenn ich so bei mir daran denke, da kommen mir stets des Dankgefühls Tränen in die Augen, und ich muß Dich dann weinend anbeten!“
GEJ|2|184|8|0|Sage Ich: „Freund und Bruder, komm und setze dich an Meine Rechte, und dein Gefolge soll sich auch setzen zum andern Tische dort unter dem Feigenbaume! Es wird sogleich das Mittagsmahl aufgetragen werden, das Ich für dich und dein Gefolge schon zum voraus bestellt habe; denn Ich weiß es, daß ihr heute noch wenig zu eurer Stärkung zu euch genommen habt. – Was macht aber Mein Josoe, und wie verträgt er sich mit seinem zeitweilig zu ihm kommenden Engel?“
GEJ|2|185|1|1|185. — Die Lehrmethode des Engels
GEJ|2|185|1|0|Hier tritt der schon viel stärker aussehende Knabe Josoe zu Mir hin und spricht: „Herr und Leben alles Lebens, ich bin völlig gesund, und mir schmeckt das Essen und Trinken noch gleichweg sehr wohl; aber mit dem Engel, der aus Sichar mich alle drei Tage auf einige Augenblicke lang besucht, bin ich eben nicht sehr zufrieden, weil er bei allem, was ich ihm sage, stets etwas einzuwenden hat! Ich lasse mich gewiß recht gerne belehren über alles, was nur immer gut, wahr und nützlich ist; aber so mir jemand heute sagt: ,Eine Birne und dann noch eine Birne hinzu, macht zwei Birnen!‘, und läßt mir es dann bei der nächsten Gelegenheit nicht gelten, so ich ihn mit seinen Worten schlagen will, wenn er das nächste Mal Mir aufbinden will, daß eine Birne und noch eine Birne auch drei, vier, fünf, ja am Ende gar eine unendliche Anzahl Birnen wären und überhaupt eins und eins nicht nur zwei, sondern geistig jede denkbare Zahl darstellen könnten, – dann werde ich stets etwas ärgerlich und zerhadere mich nahe allzeit mit meinem geistigen Lehrer und Erzieher! Denn bei ihm gilt beim nächsten Besuche das nie mehr als eine allein dastehende festeste Wahrheit, was er mir beim vorhergehenden als eine feste Wahrheit dargestellt hatte. Kurz, er kommt manchmal mit Dingen, gegen deren Annahme sich gleich jedes Haar sträubt! Daher möchte ich Dich, o Herr über alle Himmel und Welten, wohl bitten, dem Geistlehrer aus Sichar zu sagen, daß er mit mir vernünftiger verfahren solle – oder aber mich in der Zukunft verschone mit seinen Besuchen!“
GEJ|2|185|2|0|Sage Ich: „Ah, Mein lieber Josoe, ertrage du ihn nur! Er führt dich in die rechte Weisheit der Himmel ein; denn die Rechnungen der Geister sehen ganz anders aus als die dieser Welt! Wollte Ich nach der Weise der Himmel mit dir reden, so würdest du wohl nichts verstehen; aber Ich rede, als nun Selbst Mensch mit Fleisch und Blut, nur menschlich nach der Weise dieser Erde mit den Menschen von den Dingen des Geistes, und siehe, die Menschen ärgern sich über Mich, weil sie Mich nicht verstehen – und viele auch nicht verstehen wollen! Dein dann- und wanniger Geistlehrer lehrt dich schon recht; aber du wirst seine Lehre auf dieser Erde erst in deinem Alter heller zu fassen anfangen; ganz fassen aber wirst du das erst dereinst drüben, wo sich keine Trübungen aus dem Fleische und Blute in deine reine Seele mengen werden: – Hast du Mich verstanden?“
GEJ|2|185|3|0|Sagt Josoe: „O ja, Herr der Unendlichkeit, Dich verstehe ich leichter als meinen Geistlehrer! Aber wenn der mir sagt, daß im Grunde des Grundes der Zorn und die Liebe eines seien, dann kehrt sich bei mir wohl das Oberste zum Untersten und das Unterste zum Obersten; also auch, wenn er sagt, daß ebenso im Grunde des Grundes Himmel und Hölle eines seien! Das begreife, wer es will; für meinen Verstand ist das ein allergrößter Widerspruch!“
GEJ|2|185|4|0|Sage Ich: „Auch da hat der Engel wieder recht, und es ist also! Ich werde dir dafür ein kleines Beispiel geben, und du wirst die Sache sicher ein wenig heller sehen. Und so höre Mich!
GEJ|2|185|5|0|Siehe an die Sonne! Wenn sie zur Winterszeit an manchen Tagen so recht angenehm und mild warm scheint, wie sehr erquickt dich ihr Lichtstrahl; aber wenn in den Sandwüsten Afrikas ihr glühendheißer Strahl sogar den weißen Sand zu schmelzen beginnt, und du würdest unter solchem Lichtstrahle der Sonne zu wandeln haben, da würde dir solcher Strahl zur Hölle! – Verstehst du das?“
GEJ|2|185|6|0|Sagt Josoe: „O ja!“
GEJ|2|185|7|0|Rede Ich weiter: „Gut, höre aber weiter! Die Nacht ist auf einen heißen Tag gewiß eine große Freundin und Wohltäterin der müden Menschheit; lassen wir aber die Wohltäterin etwa nur dreißig Tage lang währen, und alle Menschen werden sie zu verwünschen und zu verfluchen anfangen! Denn es würde eine so lange andauernde Nacht die Erde in eine solche alles erstarren machende Kälte versetzen, daß am Ende in ihr kein organisches Leben mehr bestehen könnte! Siehe, da würde die große Wohltäterin der Menschen ja schon wieder zur barsten Hölle!
GEJ|2|185|8|0|So du an einem heißen Tage eine Wanderung machst, und der Durst fängt an, dich zu quälen, und du kommst dann zu einer reinen und reichen Wasserquelle, wie himmlisch erquickt dich ein Labetrunk aus der reinen Quelle! Aber tiefer unten im Tale sammelt sich dasselbe Wasser in einem weiten und tiefen Becken zu einem See. Wenn du dort hineinfällst, so findest du darin den unvermeidlichen Tod! Da siehe wiederum: Dasselbe Wasser, das dich auf der hochliegenden Bergstraße so himmlisch erquickt hatte, wird dich unten im tiefen See töten und dir somit zur zeitweiligen Hölle werden:
GEJ|2|185|9|0|Also trinkst du auch gerne einen kleinen Becher guten Weines; trinke aber auf einmal einen ganzen vollen Schlauch aus, und der Wein wird dich töten und wird dir alsonach abermals zur Hölle werden:
GEJ|2|185|10|0|Du gehst gern auf einen hohen Berg, und die Aussicht in die weiten Fernen erquickt dein Herz. Aber laß einen Berg auf dich fallen, so wird er dich töten und wird dir also wieder zur Hölle werden!
GEJ|2|185|11|0|Der Wind, so er an einem heißen Tage sanft kühlend über deine Stirne streicht, wie sehr erquickt er dein ganzes Gemüt! Lassen wir ihn aber zu einem Sturme werden, der die Bäume zu entwurzeln beginnt, wird er dich dann auch noch erquicken? Sicher nicht! Denn da wirst du die Flucht ergreifen und wirst suchen eine Stelle, in die der Sturm nicht dringen kann. Und so wird derselbe Wind, der dich vorher erquickte, in seiner vollen Kraft dir abermals zur Hölle!
GEJ|2|185|12|0|Darum ist einem jeden Menschen in allen Dingen ein gewisses Maß gegeben, nach seiner Kraft, Wesenheit und Beschaffenheit. Wenn er darin verbleibt, so ist er in der rechten Ordnung, in die ihn Gott gesetzt hat, und alles, was ihn umgibt, ist für ihn ,Himmel‘; wenn er aber in was immer diese Ordnung überschreitet und eine Welt auf seine schwachen Schultern legt, so wird diese ihn zermalmen und ihm zur ,Hölle‘ werden!
GEJ|2|185|13|0|Und so ist ein rechtes Maß in allen Dingen den Menschen wie den Geistern ein ,Himmel‘; das Übermaß in denselben Dingen aber ist demnach den Menschen wie den Geistern eine barste ,Hölle‘! – Verstehst du solches nun?“
GEJ|2|185|14|0|Sagt Josoe: „Ja, jetzt verstehe ich's freilich wohl und habe darob eine große Freude! – Warum aber erläutert mir der Geistlehrer seine Lehrsätze nicht also, daß ich sie verstünde wie nun?!“
GEJ|2|185|15|0|Sage Ich: „Auch das hat wieder seinen weisen Grund! Würde dir dein Geistlehrer alles so sonnenklar machen, so würdest du nie zum Selbstdenken und endlich zum Selbstbestimmen kommen; so aber nötigt er dich zum Denken und Selbstbestimmen, und siehe, das ist dann schon die rechte himmlische Art und Weise, zu lehren! Wenn es nötig sein wird und du zur rechten Reife gelangt sein wirst, dann wird dir der Geistlehrer schon auch für jede Lehre die sonnenhellsten Bilder hinzufügen; aber vorerst mußt du selbst recht tätigen Geistes werden, sonst könntest du unmöglich tiefere Wahrheiten der Weisheit der Himmel fassen! – Bist du nun vollends im klaren?“
GEJ|2|185|16|0|Spricht Josoe: „Ja Herr, jetzt erst begreife ich ganz, wie ich mit meinem Geistlehrer aus Sichar daran bin; und mir kommt nun auch eine große Liebe zu ihm!“
GEJ|2|185|17|0|Sage Ich: „Und diese Liebe wird dir die Beispiele schaffen! – Jetzt aber kommt etwas für den Leib; das Weib, die Söhne und die Töchter des Markus kommen schon mit einer vollen Ladung von Speisen und Getränken! Esset nun nach Bedarf, und stärket euch, auf daß es euch weder hungere noch dürste; denn in Meiner Nähe soll nie jemand hungern und dürsten, sondern ein jeder vollends gesättigt werden, leiblich und geistig!“
GEJ|2|185|18|0|Cyrenius und der Knabe Josoe sind beide schon recht hungrig und durstig und greifen darum recht wacker zu; auch die Gefolgsleute lassen sich nicht bitten, sondern folgen ganz wacker dem Beispiele des Cyrenius.
GEJ|2|186|1|1|186. — Des Cyrenius Geschenk an Markus
GEJ|2|186|1|0|Als das Mahl nahe ganz aufgezehrt ist, ruft Cyrenius den Markus und dessen Weib, dankt ersterem für das gute Mahl und dessen sich noch immer gleichgebliebene Gastfreundschaft, das Weib aber belobt er seiner besten Kochkunde halber; denn so wohlschmeckend zubereitete Speisen habe er noch nie gegessen, namentlich aber die Fische, deren üppiger Wohlgeschmack alles andere bei weitem übertraf.
GEJ|2|186|2|0|Nach dieser Lobeserteilung aber sagt Cyrenius zum Markus: „Du, mein alter Kriegsgefährte, aber gehe hin dort zum weißen Maultiere! Auf seinem Rücken trägt es etwas für dich und deine Familie. Du hast entbehrt lange genug und hattest zu kämpfen gegen allerlei Not und Drangsal; solchem deinem eben nicht zu beneidenden Zustande soll denn nun auf einmal abgeholfen werden! Du wirst in den beiden Säcken so viel Gold und Silber finden, daß du dir gar leicht ein besseres Wohnhaus erbauen und zu dem neuen bessern Hause einen Acker und Wiesengrund kaufen können wirst, auf daß du so vom Ackerbaue ganz gut wirst leben können samt deiner Familie! Was die Säcke noch darüber enthalten dürften, das behalte als einen guten Notpfennig; denn solange wir auf dieser Erde nach dem Willen des Herrn zu leben haben, dürfen uns auch die Mittel nicht völlig mangeln, um leben zu können!
GEJ|2|186|3|0|Solange wir keine Götter sind, müssen wir arbeiten und im Schweiße des Angesichts uns unser Brot verdienen, – der eine auf diese und der andere auf eine andere Art; ein jeder aber hat zu tun genug und darf die Hände nicht in den Schoß legen. Aber wer wie du schon einmal gearbeitet hat zur Genüge, der kann sich's dann in seinen alten Tagen schon ein wenig bequemer geschehen lassen. Gehe demnach hin und nimm die kleine Gabe in Empfang, und der Herr segne sie dir!“
GEJ|2|186|4|0|Unter Tränen dankte Markus dem Cyrenius – und neben Cyrenius aber auch gewisserart hauptsächlich Mir; denn er sagte: obschon die Gabe vom Cyrenius komme, so sei er aber dennoch mehr denn völlig überzeugt, daß Ich der Grund von allem sei; darum danke er Mir vor allem!
GEJ|2|186|5|0|Ich aber sagte: „Nimm zwar, was man dir gibt, und gebrauche es; aber lege ja keinen Wert darauf! Denn wie gemessen da auch jede irdische Gabe ist, so ungemessen ist jedoch das irdische Leben der Menschen! Heute bist du noch der Herr deiner Schätze, und morgen fordert man deine Seele von dir! Was kannst du dann geben, um zu retten deine Seele vor dem ewigen Tode?
GEJ|2|186|6|0|Darum suche ein jeder vor allem das Gottesreich, und alles andere wird ihm nach Bedarf hinzugegeben werden!
GEJ|2|186|7|0|Was er aber empfängt, das empfängt er nicht, daß er es zusammenhäufe, sondern daß er es klug und weise benütze zum eigenen und der anderen Besten. Du wirst finden der wahrhaft Armen die Menge; deren Not solle erquicken dein Herz, weil dir nun die Mittel geistig und leiblich gegeben sind, solche Not zu lindern und fröhlich zu machen das traurige Herz des armen Bruders!
GEJ|2|186|8|0|Siehe, jedes fröhliche Herz, das du erquickt hast in Meinem Namen, wird dir dereinst zu einem neuen Himmel voll Seligkeiten ohne Maß und Zahl werden und wird dir schon auf dieser Erde eine Labung bereiten, die dir kein anderes Erdenglück geben kann, und wird in dir gebären den wahren Frieden, – einen Frieden, den die Welt nicht kennt! Und so denn gehe hin und nimm alles in Empfang!“
GEJ|2|186|9|0|Und der Alte ging mit seinen zwei Söhnen, nahm die großen und stark gefüllten Säcke in Empfang und brachte sie in gute Verwahrung. Nachdem er wieder zum Vorschein kam, dankte er noch einmal für alles und fragte Mich, was etwa für den Nachmittag geschehen solle.
GEJ|2|186|10|0|Sage Ich: „Richte deine Schiffe her, und wir werden ein wenig auf dem See herumfahren, da der heutige Tag so schön und windstill ist! Du kannst heute auch noch einmal das große Netz ins Meer werfen und sollst einen zweiten gesegneten Zug und Fang machen!“
GEJ|2|186|11|0|Markus befiehlt darauf sogleich seinen Söhnen und den vier älteren Töchtern, daß sie die Fahrzeuge in gute Ordnung bringen sollen, sowie auch das große Netz, und auch nachsehen sollen, ob der eingezäunte große Fischbehälter noch gut erhalten ist; und habe er irgendein Loch, da solle es sogleich nach Möglichkeit gut verstopft werden mit Gestrüpp und Steinen.
GEJ|2|186|12|0|Sagen die Söhne: „Vater, solches haben wir vor vier Tagen schon getan, und es dürfte darum wohl noch alles in der besten Ordnung sein, da seit der Zeit kein Sturm getobt hat; aber wir wollen dennoch nachsehen, damit wir auch für diesen Augenblick in der vollsten Gewißheit sein können.“ – Darauf entfernten sich die Söhne, besahen alles und kamen bald mit der Nachricht zurück, daß da noch alles im besten und brauchbarsten Zustande sich befinde.
GEJ|2|186|13|0|Sage Ich: „So gehen wir hinaus und besteigen die kleinen Schiffe, von denen jegliches dennoch ganz gut zwölf Personen gefahrlos tragen kann!“ – Darauf erhob sich alles und folgte Mir nach.
GEJ|2|187|1|1|187. — Die Gesellschaft auf dem Meere
GEJ|2|187|1|0|Als wir ans Ufer kamen, schoben die Söhne sogleich das größte und beste Schiff vor uns hin, das wir denn auch sogleich bestiegen und uns auf die dazu bereiteten Bänke niederließen. Die beiden Söhne aber ergriffen die Ruder und machten also unser Fahrzeug sich ziemlich schnell entfernen vom Ufer. In Meinem Schiffe aber befanden sich nebst Mir Cyrenius, der Knabe Josoe, der alte Markus und Petrus, Johannes und Jakobus. Alle andern Jünger fuhren auf den andern Schiffen uns nach, sowie das Hofgefolge des Cyrenius. In unserem Schiffe aber war auch das große Fischernetz in guter Fischerordnung zusammengelegt.
GEJ|2|187|2|0|Als wir etwa bei fünf Feldweges weit vom Ufer uns entfernt befanden, fragte Markus, sagend: „Herr, sage es uns, wo wir das Netz auswerfen sollen!“
GEJ|2|187|3|0|Sage Ich: „Dies werde Ich schon tun zur rechten Zeit; aber jetzt und hier noch nicht! Wir sind noch keine halbe Stunde auf dem Wasser und wollen darum nicht sogleich dessen Ruhe stören und dessen Geister wecken, die uns am Ende sehr necken könnten, aber mehr gen Abend hin und näher dem sichern Ufer werden wir dann schon das Netz auswerfen. Jetzt aber wollen wir nichts anderes tun, als ruhen mit der Ruhe des Meeres. Will aber von euch jemand etwas wissen, so steht es ihm frei, Mich zu fragen.“
GEJ|2|187|4|0|Sagt Cyrenius: „Was mir im Hause des Markus besonders auffällt, ist, daß dessen vier ältere Töchter ebenso kräftig beim Rudern sind, als dessen zwei, man kann sagen gigantisch starke Söhne! – Du, Markus, warst einst wohl auch ein wenig ein Athlet; aber deine Söhne haben dich jedoch bei weitem überholt!“
GEJ|2|187|5|0|Sagt Markus: „Jawohl, aber heute kommt mir ihre Kraft selbst etwas außergewöhnlich vor; denn ihre Ruder spielen so kräftig und emsig, daß darob das Schiff wie vom Winde genötigt über die Meeresfläche dahingleitet. Wahrlich, bei dieser Bewegung könnte man in einem halben Tage bis nach Kis oder gar bis gen Sibarah kommen, wo man doch sonst gut bei zwei Tage zu tun hätte! Bis nach Genezareth aber käme man also in ein paar Stunden und nach Jesaira in vier.
GEJ|2|187|6|0|Wenn mich meine alten Augen nicht trügen, so entdecke ich auch nun schon den hohen Berg, der von hier aus zur Linken die Stadt Genezareth deckt! Sieht zwar wohl sehr blau und somit ferne aus, – aber das tut nichts; der Geschwindigkeit dieser Bewegung weichet bald jede noch so blau aussehende Ferne! Aber nur die ausdauernde Kraft meiner beiden Söhne kann ich nicht genug bewundern! Da bist Du, o Herr, auch schon sicher mit Deinem allmächtigen heiligen Willen mit im Spiele!?“
GEJ|2|187|7|0|Sage Ich: „Ja, lieber Freund Markus, Ich muß mit Meinem Wollen und Willen wohl gar endlos vielfach mit im Spiele sein überall, wo es nur immer irgendein Werden, Sein und Bestehen gibt, vom Größten bis zum Kleinsten, ansonst der endlose Raum nur zu bald wesenleer wäre; und so mag denn ja nun auch Mein Wille mit deinen Söhnen gar wohl tätig sein.“
GEJ|2|187|8|0|Sagen darauf die auf diesem Schiffe anwesenden drei Jünger unter sich: „Es ist mit unserem Herrn und Meister oft doch sonderbar! Dann und wann spricht Er ganz als der alleinige Herr Himmels und der Erde und handelt dann auch danach; dann und wann ist Er aber wieder ganz Mensch und läßt von Seiner Göttlichkeit nichts merken! Es ist zwar alles unbegreiflich weise, was Er spricht und tut; aber daß Er Sich in jüngster Zeit sollte von Pharisäern zu Jerusalem bis zum Tode mißhandeln lassen, bei all Seiner göttlichen Macht und Weisheit, das wäre denn doch etwas, das man durchaus nicht weise nennen könnte! Denn was gewinnt am Ende die Menschheit von solch einer Mißhandlung? Sie wird am Ende irre und wird sagen: Da seht das Los des Gewaltigen, daß Er am Ende dennoch ein Opfer des noch Gewaltigeren wird! Er, der die Toten erweckt und Berge versetzt, sollte doch auch imstande sein, mit einem Worte das Tempelgesindel zunichte zu machen!?
GEJ|2|187|9|0|Zu Noahs Zeit mußte alle Menschheit untergehen bis auf Noah und dessen kleine Familie, und doch waren damals die Menschen bei weitem nicht so schlecht, wie sie im allgemeinen jetzt sind; und weil nun aber die Menschen im allgemeinen schon derart böse und arg sind, wie sie sicher nicht leicht noch böser und ärger sein könnten, so will Er Sich darum von ihnen nun Selbst dazu noch mißhandeln lassen, anstatt daß Er sie züchtige ärger denn zu Sodoms und Noahs Zeiten! Kurz, manche Handlung von Seiner Gottseite ist noch um vieles unbegreiflicher als etwas, das noch nie ein Dasein hatte!“
GEJ|2|188|1|1|188. — Des Johannes Rede über den Unterschied der natürlichen und geistigen Auffassung
GEJ|2|188|1|0|Sagt Johannes, der den redenden Simon Juda bloß ganz aufmerksam angehört hatte: „Mit bloß weltlichen Sinnen die Sache betrachtet, kann ich dir keinen Widerspruch tun; aber für die Sehe des Herzens hat all das denn doch ein ganz anderes Gesicht! Denn die göttliche Weisheit richtet sich ja nie und nimmer nach der selbst eines noch so weisen Menschen!
GEJ|2|188|2|0|Weißt du denn, warum auf dem Erdboden gar so zahllos viele Gattungen von Pflanzen und Gesträuchen vorkommen, die gar keine Früchte tragen? Und so sie schon welche tragen, da sind diese für unsern Verstand dennoch zwecklos, und niemand weiß es, wofür sie etwa gut sind! Eben eine gleiche Mannigfaltigkeit entdeckt man unter den Tieren. Von der kleinsten Blattmilbe bis zum die Meere beherrschenden Leviathan, sage, wozu sind sie alle bis auf unsere wenigen Haustiere? Welchen Zweck können wohl die wilden, reißenden Bestien haben? Was nützen der Menschheit die Bären, Löwen, Tiger, Hyänen und noch eine Menge der uns noch unbekannten reißenden Bestien? Wer, guter Freund, kann dir den Grund von so höchst verschiedenen Gestaltungen der Tiere geben? Wozu die vielen Sterne am Himmel? Warum leuchtet der Mond nicht stets zur Nachtzeit? Wozu sein Lichtwechsel? Wozu ist er so ganz eigentlich da? Sieh, das alles und noch viel tausendfältiges anderes begreifen wir nicht, und es kommt unserem Verstande wie eine Torheit vor, wenn wir so recht kritisch darüber nachdenken! Aber bei Gott dem Herrn hat alles das sicher einen höchst weisen Grund, und so darf es uns denn nun, da uns die außerordentliche Gelegenheit gegeben ist, den Herrn persönlich vor uns wirken zu sehen, gar nicht wundernehmen, so wir nicht alles fassen können, was Er tut und noch ferner tun wird; denn für alles wird Er offenbar in und für Sich den allerweisesten Grund haben! – Bist du da nicht meiner Ansicht?“
GEJ|2|188|3|0|Sagt Simon Juda: „Jawohl, jawohl, du hast ganz recht, und man kann dir füglichstermaßen wohl nichts dagegen einwenden! Aber das bleibt denn doch auch ewig wahr, daß dem denkenden Menschen so manche Anordnung Gottes gerade so vorkommt, als ob jemand im vollsten Ernste behaupten möchte, daß zwei Fische und abermals zwei Fische zusammen sieben Fische seien!“
GEJ|2|188|4|0|Sage Ich: „Ja, ja Simon, also sieht es wohl aus; aber was dem Menschenverstande als unmöglich erscheint, kann bei Gott noch gar wohl möglich sein! Nimm das kleine Netzlein, das zu deinen Füßen liegt und wirf es hinaus ins Meer! (Simon tut dies.) – Nun hebe es wieder zurück und sage, wie viele Fische sich darin befinden!“
GEJ|2|188|5|0|Sagt Simon: „Herr, genau vier Stück!“
GEJ|2|188|6|0|Sage Ich: „Siehe nach und zähle; denn es sind deren sieben!“
GEJ|2|188|7|0|Simon sieht nach und zählt und findet nun genau sieben Fische im Netze. Darüber verwundert er sich hoch und sagt: „Ja, ja, bei Gott sind alle Dinge möglich!“
GEJ|2|188|8|0|Und Ich sage zu ihm: „Darum schwätze künftighin nicht ein unnützes Zeug; denn es ist besser zu schweigen, denn leeres und unnützes Zeug zu schwätzen! Verstehe solches, – sonst bist du um nichts besser denn ein blinder Pharisäer!“
GEJ|2|188|9|0|Sagt Simon Juda: „Herr, Du weißt es doch, wie sehr ich Dich liebe, und doch verweisest Du mir nun, so ich etwas sage aus mir, das Gesagte stets auf eine ziemlich bittere Weise, daß ich darob nun kaum mehr irgend noch einen Mut habe, Dich je wieder laut um irgend etwas zu fragen! Ich nehme zwar von Dir alles mit der größten Liebe und Geduld an; aber einer inneren kleinen geheimen Trauer kann ich mich nicht erwehren, weil gerade ich das leidige Ziel Deiner Schärfe bin!“ – Hierauf wendet er sich gegen das Meer und beschaut dasselbe mit einem etwas wehmütigen Blick.
GEJ|2|188|10|0|Johannes aber geht zu ihm hin und sagt: „Sieh, Bruder, dir geschieht es jetzt nun etwas schwer ob der sanften Zurechtweisung von seiten des Herrn; aber sieh, des Herrn Liebe und Weisheit weiß es wohl überaus gut, warum sie solches an dir getan hat, und so du einen recht tiefen Blick in dein Herz tätest, da würdest du den Grund bald und leicht selbst finden!“
GEJ|2|188|11|0|Sagt Simon: „Nun, was soll es denn sein? – Sage du es mir!“
GEJ|2|188|12|0|Spricht Johannes: „Sieh, Bruder, was das Erkennen und den lebendigen, unerschütterlichsten Glauben betrifft, so bist du unter uns offenbar der Stärkste und nach dem Zeugnisse des Herrn ein wahrer Fels; aber dabei hast du dennoch Stunden, in denen dich so eine leise Art von Selbstgefühl übermannt, und siehe, ein solches Selbstgefühl ist so ein wenig mit dem, was man Hochmut nennt, ziemlich nahe verwandt! Und das wird es sein, was der Herr durch so manche dir zukommende Demütigung aus dir herausschaffen will! Ich habe das schon bei manchen anderen Gelegenheiten wahrgenommen und hätte es dir schon lange gern gesagt aus wahrster und aufrichtigster Bruderliebe; aber es hat sich dazu nie eine so recht schickliche Gelegenheit geboten. Da sich nun eben eine solche Gelegenheit ergeben hat, so dachte ich daran und habe es dir gesagt, wie ich es schon lange lebendigst in mir gefühlt habe. Du wirst es sicher in dem guten Liebesinne aufnehmen, in und aus welchem ich es dir gesagt habe, und wirst mir darob nicht gram sein!?“
GEJ|2|188|13|0|Sagt Simon Juda: „Ja, ja, du wirst auch darin ganz vollends recht haben; aber nur begreife ich es nicht, warum Er unsereinen auf so etwas nicht wenigstens einmal aufmerksam macht, indem Er doch sonst nicht wortkarg ist! Man würde sich dann ja um vieles leichter danach richten, was da nach Seinem rein göttlichen Sinne vollkommen Rechtem ist!“
GEJ|2|188|14|0|Sagt Johannes: „Das könnte Er zwar tun; aber Er tut es dennoch nicht, und siehe, das muß schon auch wieder seinen guten Grund haben!
GEJ|2|188|15|0|Mir kommt es also vor, als ob Er es haben wollte, daß ein jeder Mensch sich zuerst vollkommen selbst finden müßte, bevor der Herr am Ende Seine alles Leben vollendende Hand an ihn legt und mit Seinem Lichte Wohnung nimmt in des Menschen Herzen.
GEJ|2|188|16|0|Aus diesem mir als vollwahr dünkenden Grunde sagt der Herr denn auch niemandem direkt die Fehler des Lebens vor, sondern bloß indirekt durch gewisse Rüttler, durch die Er dann die Seele zwingt, sich selbst näher zu beschauen, ihre Fehler an Seinem Lichte zu erkennen, sie von sich zu bannen und sogestaltig dann völlig in die Ordnung des Herrn einzugehen. Das, Bruder, ist so meine unmaßgebliche Meinung, und ich bin nahe dafür, daß es also sein werde. – Was bedünket es dich darüber?“
GEJ|2|188|17|0|Sagt Simon, etwas nachdenkend: „Ja, du dürftest auch darin vollends recht haben; denn unter uns allen erkennst du wahrlich am tiefsten und am schärfsten des Herrn Sinn! Dein Wort soll in der Folge für mich sehr maßgebend werden!“
GEJ|2|188|18|0|Bei dieser Gelegenheit wendet sich Simon wieder nach Mir hin und macht eine dankbare Miene darob, daß Ich durch den Bruder Johannes solches habe offenbaren lassen seinem Herzen; Ich aber bedeute Simon, daß er nun, da die Söhne des Markus anfangen, das große Netz ins Meer zu breiten, diesen nach seiner guten Kenntnis in diesem Fache behilflich sei.
GEJ|2|188|19|0|Und Simon tut nun solches mit der größten Freude von der Welt; denn ein Liebeblick von Mir ist dem Simon mehr denn alle Schätze der Welt, und es sollte auch bei allen Menschen so sein, die wahrhaft Mir nachfolgen und dadurch das wahre ewige Leben erreichen wollen.
GEJ|2|189|1|1|189. — Ein Militärschiff naht. Der reiche Fischzug
GEJ|2|189|1|0|Während aber des Markus Söhne – ihnen Hilfe leistend Simon und noch etwelche in unserem Schiffe anwesenden Jünger – mit dem Auswerfen des großen Netzes beschäftigt waren, ruderte von der Gegend Genezareths ein großes Fahrzeug gerade auf uns zu. Es kam näher und näher; und als es kaum mehr einige Faden von uns entfernt war, so entdeckte ein Sohn des Markus, daß dies ein römisches Militärschiff sei, auf dem sich mehrere Soldaten befänden.
GEJ|2|189|2|0|Sagt Cyrenius: „Wäre meiner Weltstellung wegen doch ein wenig unangenehm, so mich meine Soldaten hier in diesem vor der Welt für einen Oberstatthalter doch etwas zu unansehnlichen Schiffe träfen! Wenn man ihnen doch ein wenig ausweichen könnte!“
GEJ|2|189|3|0|Sage Ich: „Fürchte du, was zu fürchten ist; aber vor dem brauchst du dich wahrlich nimmer zu fürchten! Denn siehe, wenn die Sonne hoch am Himmel steht, so erscheint sie um vieles kleiner, als wenn sie nahe an dem Horizonte schwebt, – auch mag auf ihrer Höhe niemand nach ihr sehen, weil sie allda jedes Auge beleidigt; wenn sie aber fein nieder steht, da blickt alles freudigsten Gemütes nach der entweder kommenden oder scheidenden Mutter des Tages.
GEJ|2|189|4|0|Möchte dies Schifflein noch so herrlich geziert sein, so wird es dadurch zur Erhöhung deiner Würde nichts beitragen, – denn was du bist, das bist du, ob du auf der Spitze des Ararat stehst oder auf einem Maulwurfshügel; aber die wahre Achtung, gepaart mit Liebe, wirst du nur dort am meisten zu genießen bekommen, wo die Menschen am leichtesten zu dir kommen können! Und Ich sage es dir noch obendrauf, daß dir eben diese Zusammenkunft von großem Nutzen sein wird, wovon du dich bald überzeugen wirst.“
GEJ|2|189|5|0|Cyrenius ist nun voll der gespanntesten Aufmerksamkeit über diese Meine Worte, was da etwa das römische Soldatenschiff bringen werde. Da es aber eines widrigen Windes wegen etwas aufgehalten ist, völlig zu uns zu stoßen, so meint Cyrenius, ob es nicht rätlich wäre, dem römischen Schiffe nachzusteuern.
GEJ|2|189|6|0|Ich aber sage: „Mitnichten; denn wir werden mit selbem noch früh zur Genüge zusammenkommen, und es wird dir da an Gelegenheit nimmer mangeln, alles mögliche, was dich angeht, zu erfahren nach allen Umständen. Für jetzt aber sehen wir nur ganz ruhig dem Fischfange zu!“
GEJ|2|189|7|0|Als Cyrenius solches vernahm, begnügte er sich und sah nun ganz gemütlich zu, wie die Fischer das große Netz im Meere auszuspannen begannen, das sich gar bald mit großen Fischen derart zu füllen begann, daß man genötigt war, ans Ufer zu steuern. Als wir etwa nach einer halben Stunde das Ufer erreichten, und zwar an der Stelle, allwo sich der im Meere eingefriedete große Fischteich befand, da ward von allen Seiten das große Netz an des Teiches Friedung gezogen, und es war eine solche Menge der größten und kostbarsten Fische im Netze, daß darauf alle Meine Jünger, Markus samt allen seinen Kindern und sogar die Dienerschaft des Cyrenius bei anderthalb Stunden zu tun hatten, um alle die gefangenen Fische aus dem Netze in den eingefriedeten Seeteich zu schaffen.
GEJ|2|189|8|0|Und als die Fische sich bereits im Teiche befanden, da wimmelte es darin vor der großen Menge der Fische; denn es waren deren über siebentausend an der Zahl, und der Teich war voll, daß er keine tausend Stück mehr hätte fassen können. Darob war der alte Markus aber auch fröhlich, daß er sich vor lauter Fröhlichkeit kaum zu helfen wußte. In einem fort ging sein Mund vor lauter Danksagung über Danksagung über.
GEJ|2|189|9|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, du bist nun sehr dankbar für diese von Mir dir erwiesene Wohltat; aber du wirst heute noch eine andere Gabe erhalten bei der Gelegenheit, wenn das Römerschiff hier landen wird! Die Gabe aber wird nicht bestehen weder in Fischen noch in Gold und Silber, sondern pur in Meinen Worten, die dir den Weg zum ewigen Leben bahnen werden. Darauf achte du dann mit deinem ganzen Hause, und es wird in deiner Seele licht und helle werden für diese Zeit und für die Ewigkeit! – Hast du Mich wohl verstanden?“
GEJ|2|189|10|0|Spricht Markus: „Ja Herr! Mein Herz sagt es mir: Markus, alter, verrosteter Krieger, heute soll dein Leben vom alten Roste befreit werden! Eine Stimme der Himmel Jehovas wird dein Ohr vernehmen, und deine Seele wird fühlen die große Nähe deines Heiles für ewig! – Und so hoffe ich denn auch, heute noch Wunderbarstes zu erleben.“
GEJ|2|190|1|1|190. — Die neuen Gäste
GEJ|2|190|1|0|Die Söhne des Markus hatten noch kaum das Netz zum Trocknen an die zu dem Zwecke am Ufer befestigten Pfähle gehängt, so war das große Römerschiff auch schon so nahe am Ufer, daß man mit den Schiffsleuten reden konnte; und diese forderten die Söhne des Markus auf, mit etwelchen Nachen an das große Schiff zu kommen und die Reisenden ans Ufer zu bringen, weil dieses vermöge seines Tiefganges sich nimmer völlig dem Ufer nahen könne. Die Söhne taten das sogleich, und Meine Jünger staunten nicht wenig, als sie unter den vielen römischen Soldaten und anderen Bürgerpersonen auch den Hauptmann Julius und am Ende gar den Ebahl mit der Jarah entdeckten.
GEJ|2|190|2|0|Aber zugleich trug das Schiff auch fünf eingefangene arge Straßenräuber, die an den Pässen zwischen Judäa und Samaria ihr Unwesen trieben und schon so manchen Mord verübt hatten. Diese waren als Rabbis gekleidet und sahen sonst recht freundlich aus; aber dennoch wohnte in eines jeglichen Herzen eine volle Legion der ärgsten Teufel, die diese fünf Räuber nötigten, auf die unbarmherzigste Weise von der Welt die Wanderer auszurauben und sie dann, um nicht verraten zu werden, ohne alle Schonung zu ermorden. Derlei Räuber wurden aber heimlich von den Pharisäern gebilligt, weil dadurch die Zusammenkünfte zwischen den ketzerischen Samariten und den Juden auf gar vielen Stellen nahe gänzlich unmöglich gemacht wurden. Davon wußten aber auch die Römer und waren darum solchen Räubern um so feindlicher. Und es ging solchen Verbrechern dann schon allzeit erschrecklich schlecht; denn auf sie wurden stets die peinlichsten Todesstrafen angewendet.
GEJ|2|190|3|0|Neben den erwähnten fünf Haupträubern aber befanden sich noch etliche politische Verbrecher, die heimlich, auch vom Tempel ausgehend, allenthalben Propaganda gegen die Römer anzettelten; der ganze Transport aber war nach Sidon bestimmt.
GEJ|2|190|4|0|Ich aber verbarg Mich ein wenig, auf daß Mich Ebahl, die Jarah und der Julius nicht sogleich fanden, und gebot es auch den Hausleuten und dem Cyrenius, Mich nicht sobald zu verraten; denn es befanden sich auf dem Schiffe auch etwelche Pharisäer, die Meinetwegen von Jerusalem geheim abgesandt waren, obschon sie laut vor der Welt einen andern Grund im Munde führten.
GEJ|2|190|5|0|Cyrenius empfing den Julius mit der größten Freundlichkeit, was den Hauptmann Julius höchst angenehm wundernahm; denn fürs erste hatte er das höchste asiatische Staatsoberhaupt hier nicht vermutet, und fürs zweite war des Cyrenius Art gegen seine untergeordneten Diener stets eine sehr ernste, obschon im Vollmaße gerechte.
GEJ|2|190|6|0|Cyrenius besprach sich sogleich mit Julius wegen der Verbrecher, und ob Julius über sie schon irgendein Urteil gefällt habe. Denn mit einem schon gefällten Urteile sah es bei den Römern unerbittlich schlimm aus; es konnte dasselbe nur allein vom Kaiser noch widerrufen werden. Aber Julius hatte eben noch kein Urteil gefällt und wollte solches erst in Sidon vom Oberstatthalter Cyrenius selbst fällen lassen; er bat darum den Cyrenius auch, nach der Kundgabe der bösen Taten von den fünf Raubmördern und von den etwelchen politischen Verbrechern, daß er die Verbrecher nach Recht sogleich verurteilen möchte.
GEJ|2|190|7|0|Spricht Cyrenius zu Julius: „Du hast sehr wohl und weise gehandelt, daß du diese Bösen noch nicht verurteilt hast! Ich werde sie aber auch nicht sogleich verurteilen; denn es befindet sich nun noch ein Größerer und Mächtigerer in unserer Nähe, und diesen werden wir hier in dieser Causa (Sache) urteilen lassen. Laß die Verbrecher darum gut bewachen, bis dieser Mächtigste und Weiseste kommt!“
GEJ|2|190|8|0|Spricht Julius: „Höchster Gebieter über Asien! Befindet sich etwa gar der Kaiser auf asiatischem Boden?“
GEJ|2|190|9|0|Sagt Cyrenius: „Nein, liebster Julius, aber Einer, der vollwahr über alle Reiche der Welt gebietet, und darum auch über den gekrönten Sohn des Augustus, meines Bruders! Es ist Zeus mit aller Seiner göttlichen Macht unter uns Sterbliche von den Himmeln gekommen; Seine Worte sind Werke, und Sein Wille ist eine vollbrachte Tat!“
GEJ|2|190|10|0|Cyrenius aber redete zu Julius darum also römisch von Mir, da er daran dachte, Mich nicht zu verraten, und auch nicht wußte, daß Julius Mich auch schon kannte.
GEJ|2|190|11|0|Und Julius sagte darum: „Höchster Gebieter, wir leben nun in einer Zeit der Wunder über Wunder, und die Götter müssen ein großes Wohlgefallen an den Sterblichen haben; denn auch ich hatte erst vor wenigen Tagen die sonderbarste Gelegenheit von der Welt, einen Menschen kennengelernt zu haben, dem vom Zeus nichts abging als etliche tausend Blitze in seiner Hand! Ein Jahr wäre viel zu kurz, um dir das alles zu erzählen, was dieser offenbarste Zeus bei mir in Genezareth und zumeist im Hause des biederen Wirtes Ebahl gewirkt hat!“
GEJ|2|190|12|0|Cyrenius machte dabei ganz große Augen und war etwas verlegen, was er darüber nun dem Julius sagen, oder worüber er ihn weiter fragen sollte. Denn er gewahrte es augenblicklich aus der Erzählung, daß Ich es war; aber er wollte den Julius nicht stören in seinem Glauben. Dasselbe war aber auch bei Julius der Fall; denn auch er hatte sich das sogleich gedacht, als Cyrenius den allmächtigen Zeus ihm beschrieb.
GEJ|2|190|13|0|Keiner hielt den andern für einen umgestalteten Römer, und so geschah es, daß sich die beiden so lange foppten, bis Ich Selbst am Ende zum Vorschein kam und dadurch die gegenseitigen Zweifel löste, – was Ich jedoch bei einer guten Stunde lang verschob.
GEJ|2|191|1|1|191. — Über die Lehrmethode der Engel und der Weltschulen
GEJ|2|191|1|0|Auch Ebahl und Jarah bekräftigten die Aussage des Julius und machten nun eben dieses seltensten Wundermenschen wegen eine Reise nach Sidon, um möglicherweise etwa doch noch einmal dort mit ihm zusammenzukommen, dieweil die Tochter eine zu große Sehnsucht nach ihm hätte. Cyrenius verwunderte sich zum Scheine sehr darüber, wie das junge, vielleicht noch kaum dreizehn bis vierzehn Frühlinge zählende Mägdlein schon so verliebt wäre, indem er (Cyrenius) zugleich bemerkte, daß da ohnehin ein gar überaus wunderlieber und schöner Junge stets an ihrer Seite wandle. Es sei das dann um so sonderbarer, wie das zartschönste Mägdlein neben einem gar so schönsten Jünglinge in einen doch schon ältlichen Mann, wie eben der gewisse Mensch- Zeus einer sei, auch noch so sterbensverliebt werden könnte.
GEJ|2|191|2|0|Wer die Jarah aus den früheren Begebnissen in Genezareth kennt, dem dürfte es noch sehr bekannt sein, daß eben die Jarah nicht leichtlich jemand eine gute Antwort schuldig blieb, und so sagte sie denn auch zu Cyrenius: „Hoher Herr und Gebieter! Wie magst du Den nun vor uns verleugnen und Ihn zählen unter die toten Götter Roms eines nichtigen politischen Grundes wegen, – und doch guckt Sein Gotteslicht und Seine Gnade allenthalben vielfach aus allen deinen Teilen mit einer großen Strahlenmasse hervor!?
GEJ|2|191|3|0|Sieh, ich fühle Seine Nähe, und du fühlst sie so gut wie ich, – und doch magst du Ihn gewisserart verleugnen; sieh, das ist nicht ganz löblich von dir, so wie es auch von Julius nicht sehr löblich ist, daß auch er den Allerheiligsten und Allergerechtesten in einer gewissen Hinsicht vor dir, o hoher Herr, verleugnet!
GEJ|2|191|4|0|Übrigens ist es aber auch mehr noch durchaus nicht löblich von dir, daß du mich des gewisserart gemeinen Verliebtseins beschuldigst; denn ich liebe Ihn ja nur, wie das wohl ein jeder Mensch tun sollte, als meinen Schöpfer, als meinen Gott und Herrn, und bete Ihn an in meinem Herzen so rein, wie es einem sterblichen Mädchen nur immer möglich ist. So aber das, – wie bin ich denn hernach gemein verliebt in Ihn? Da frage diesen meinen Begleiter und Lehrer, der wird es dir besser denn ich zu zergliedern imstande sein; denn er besitzt mehr Kraft in allen Dingen als alle Weisen der Welt und alle Helden aller Reiche der Erde, mit der alleinigen Ausnahme Dessen, den ich hier suche. Darum frage du nur diesen Jungen, und du wirst von ihm schon die völlig rechte Antwort erhalten!“
GEJ|2|191|5|0|Cyrenius wollte nun den Jüngling fragen, aber der Knabe Josoe hinderte ihn daran; denn er sagte zu Cyrenius heimlich: „Laß dich mit dem Jüngling ja nicht ein; denn das ist auch einer, wie es der ist, der dann und wann mich besucht! Denn diese Art Wesen können nichts Unreines vertragen, somit auch keine unziemende Frage; ihr Leben und ihr Sein ist ja nichts als Gottes Flammenlicht.“
GEJ|2|191|6|0|Spricht Cyrenius zu Ebahl: „Ist das deine Tochter doch, und du bist ein Jude; darum ist es zum Erstaunen, daß in ihr so viel von der tiefsten Weisheit steckt! Das kann sie doch nicht binnen etlichen Tagen von dem Meister der Meister und noch weniger von dem gewissen Jünglinge gelernt haben!? Denn diese Art Lehrer, obschon höchst selten auf dieser Erde, machen mit dem Unterrichte an uns sterblichen Menschen eben auch nicht zu übergroße Fortschritte! Solches weiß ich aus der Erfahrung bei meinem Sohne Josoe, den zwar ich nicht gezeugt, aber dennoch für alle Zeiten als Sohn angenommen habe. Zu ihm kommt auch zuweilen so ein Rabbi. So sie aber eine Zeit miteinander verkehren, da weiß man am Ende wahrhaftig nicht, wer da eigentlich recht hat; denn da haben bei oft sehr verschiedener Meinung am Ende nur zu oft beide recht. Der ganze Unterricht ist eigentlich nichts als ein Weisheitskampf, aus welchem am Ende beide Parteien als Sieger hervorgehen.
GEJ|2|191|7|0|Mein Josoe ist oft so hitzig gegen seinen mystischen Meister, daß er ihn geraden Weges fortschafft; aber der Meister läßt sich dadurch nicht im geringsten irremachen, behauptet seinen oft mit Händen zu greifenden Unsinn und läßt erst gegen Ende etwas Licht durchschimmern. Und so bin ich der Meinung, daß solches auch der schöne Rabbi bei deiner Tochter tun wird!“
GEJ|2|191|8|0|Sagt Ebahl: „Ja, ja, hoher Gebieter, es ist völlig also. Ich für mich wenigstens kann daraus nie so recht ganz klug werden, wer da am Ende vollends recht hat. Die Sache bleibt zumeist unentschieden. Von irgendeinem positiven Lehren ist da nie eine Rede. Der junge Geist sucht nur irgendeine Verwirrung in die Begriffe des Zöglings zu bringen, und dieser muß sie dann aus sich selbst ordnen, so gut es geht. Von irgendeinem Dareinhelfen ist da schon gar keine Rede, und es bleibt darum am Ende immer etwas Unentschiedenes. Will der Zögling seines Rabbi Einwürfe vollends zunichte machen, so muß der Zögling ihm aber schon mit so nagelfesten Gegeneinwürfen entgegenkommen, daß sich der Rabbi weder nach links noch nach rechts mehr wenden kann. Das ist dann ein Beweis, daß der Zögling vollends recht hat; aber ohne die erwähnten nagelfesten Gegenbeweise hat der Zögling stets unrecht – und stellte er auch die gerechteste Behauptung auf! Oh, meine Jarah hat ihren Rabbi schon ganz entsetzlich in der Schlinge gehabt; er hätte sich am Ende kaum mehr selbst zurechtgefunden, so ihn nicht das Mädchen wieder zurechtgebracht hätte, was er selbst eingestand.
GEJ|2|191|9|0|Wahrlich, die eigentlich himmlische Unterrichtsweise ist oft wirklich höchst sonderbar! Da unterrichtet gewöhnlich der Schüler den Lehrer, und der Lehrer begnügt sich immer sehr, so er von seinem Jünger irgend etwas gelernt hat. Aber die Sache geschieht dennoch stets auf eine wahrhaft himmlisch freundliche Weise, und ich wohne solcher Unterrichtsweise sehr gerne bei; denn man lernt daraus dennoch in einer Stunde mehr als von den Weltrabbis in einem Jahre.
GEJ|2|191|10|0|Bei den Weltrabbis ist und bleibt der Zögling leiblich und geistig stets ein Sklave seines Rabbi; denn er kann nur das lernen, was sein oft leiblich und noch ärger geistig verkrüppelter Rabbi selbst kann und weiß. Ob's nun falsch oder wahr ist, um das darf sich der Zögling bei schwerer Strafe nicht erkundigen! Was kümmert es so einen pausbackigen Weltrabbi, welche inneren geistigen Anlagen und Fähigkeiten sein Zögling besitzt?! Da heißt es allzeit: Vöglein, friß oder stirb! Kurz, die Unterrichtsweise dieser Zeit gleicht völlig einem Helme, der auf alle Köpfe paßt, und einem Bette, in dem alle Menschen eine bequeme Ruhe genießen sollen! Der Riese Goliath würde sicher ein merkwürdiges Gesicht dazu machen, so man ihm eine Wiege der Kinder zur Ruhestätte anwiese!
GEJ|2|191|11|0|Ich habe nicht selten Kinder gesehen, die schon in ihrer zartesten Jugend einen wahren Riesengeist bekundeten. Was hätte aus ihnen werden können, wenn sie ihrer Fähigkeit gemäß wären erzogen und unterrichtet worden! Man lehrte sie aber gleich den Schwächlingen nur Körbe flechten und ließ ihren Geist sogestaltig verkümmern! Und das halte ich für ein größtes Unrecht! Denn was hätte so ein in seiner Art ausgebildeter Geist der Menschheit alles für Dienste leisten können! Und – was nützt er in seiner Verkümmertheit? Er flicht Körbe und fängt am Ende Fische und Muscheln!
GEJ|2|191|12|0|Aber eben darin merke ich den ungeheuren Unterschied zwischen dem Unterrichte der eitlen und zumeist dummen Weltrabbis und der nun wunderbarst unter uns seienden Himmelsrabbis. Diese erziehen den Geist frei und helfen ihm gewisserart auf die Beine dadurch, daß sie ihn durch allerlei Fragen wecken in der Art, von welcher eben ein Menschengeist ist; die Weltrabbis aber suchen den Geist nur zu unterdrücken und zu töten – und erziehen dafür den Kot für und um den Kot! – Sage, hoher Gebieter über ganz Asien, habe ich recht oder nicht?!“
GEJ|2|191|13|0|Sagt Cyrenius: „Vollkommen, mein sehr schätzbarer Wirt Ebahl! Das war schon lange auch meine Ansicht; aber was hat sich da bis jetzt dagegen tun lassen? Ich sage es offen: Nichts, gar nichts! Denn uns selbst fehlte der rechte Grund, und woher sollten den hernach die Weltrabbis erhalten haben? Diese armen Teufel müssen am Ende denn doch nur alle Kinder das lehren, was sie gewissermaßen zuvor selbst von uns gelernt haben, – und so sind sie notwendig blinde Leiter der Blinden!
GEJ|2|191|14|0|Wir haben nun zwar von dem Einen kennengelernt die große, heilige Wahrheit und können nun gar wohl das Licht von der Finsternis unterscheiden; aber bis unser Licht allen Menschen dieser Erde zuteil wird, da wird noch so mancher Korb von irgendeinem Riesengeiste geflochten werden! Sage mir doch, was am Ende aus deinem gar so wunderlieben Töchterchen wird!? Sie ist wahrlich ein Riesengeist und wird nun dazu noch von einem Himmelsrabbi unterwiesen. Sage, wozu wird es sich am Ende bequemen!? Zu einer Hausfrau sicher kaum!“
GEJ|2|191|15|0|Sagt Ebahl: „Hoher Gebieter! Sehen wir unsere Mädchenschulen an! Wie sind sie vertreten? Wahrlich, hoher Gebieter, auf eine Art, daß es für die Menschheit eine barste Schande ist! Und ich meine darum: Eine gute Mädchenschule wäre ja auch nur überaus zu wünschen; denn eine Mutter, ein Etwas, das nur aus einem Mädchen werden kann, ist doch stets der Kinder erste und vorzüglichste Lehrerin. Hat sie Geist, Herz und Kopf am rechten Flecke, wie man zu sagen pflegt, da werden auch ihre Kinder gewiß ihre Gebäude nicht auf dem Sande des Meeres erbauen und kaum irgend weiterhin in einen Irrtum geleitet werden können. Wenn aber die Mütter, wie es bisher nur leider zu häufig der Fall war, dümmer oft denn ein Regenwurm sind, ja da ist auch von dem Mutterunterrichte wahrlich sehr wenig oder gar nichts zu erwarten! – Sage, hoher Gebieter, ob ich auch da recht habe oder nicht!“
GEJ|2|192|1|1|192. — Über die Zehnt- und Tributrechte des Tempels
GEJ|2|192|1|0|Sagt Cyrenius: „Auch da hast du vollkommen recht, und ich erkenne nun in dir einen höchst weisen Biedermann und muß dich zu irgendeinem Vorsteher mit vielen Vollmachten ernennen!“
GEJ|2|192|2|0|Sagt Ebahl: „Wird schwer halten, da ich noch stets ein Jude bin, dem es vom Tempel aus auf das strengste verboten ist, irgend Ämter und Würden von Rom aus anzunehmen!“
GEJ|2|192|3|0|Sagt Cyrenius: „Nun, was wird es wohl sein, so ich dich zu einem Bürger Roms mache? Und bist du das, so kannst du jede erdenkliche römische Amtswürde annehmen, und wir würden den Tempel ganz absonderlich zu züchtigen verstehen, so er sich dagegen stemmte! So du demnach willst, mache ich dich zu einem Bürger Roms!“
GEJ|2|192|4|0|Sagt Ebahl: „Hoher Gebieter, wahrlich nicht des Ansehens und der hohen Würde eines römischen Bürgers willen, sondern der puren Freiheit wegen, die jedem biederen Bürger Roms verliehen ist, nehme ich deinen Antrag an! Ich werde im Herzen wohl für ewig ein echter Jude verbleiben, – denn man kann ja der lebendigsten Überzeugung, daß das echte, alte und wahre Judentum vollwahr aus den Himmeln zu den Menschen kam, und daß darin allein das Heil zu suchen und zu finden ist, in sich nicht entgegen sein; aber der Außenwelt gegenüber will ich also ein Römer sein wie einer, der inmitten Roms von einer tadellosen Römerin geboren worden ist.“
GEJ|2|192|5|0|Sagt Cyrenius: „Gut, sogleich sollst du aus meinen Händen auf Pergament den zu allen Zeiten gültigen und mit allen Rechten eines Bürgers der Stadt Rom belehnten Brief erhalten! Wenn du dann solchen Brief den Templern vorweisen wirst, so werden sie dich ganz sicher in der vollsten Ruhe lassen, und du wirst dann der Menschheit mehr zu nützen imstande sein, als es bisher geschehen konnte; und darum: ich will es, und so geschehe es!“
GEJ|2|192|6|0|Hierauf winkte Cyrenius seinem Geheimschreiber, und dieser brachte alsbald den Brief. Cyrenius schrieb seinen Namen darunter und überreichte den Brief sogleich dem Ebahl.
GEJ|2|192|7|0|Ebahl, ganz gerührt von der Güte des Oberstatthalters, dankte dem Cyrenius aus vollstem Herzen und sprach am Ende seiner Dankrede: „Wahrlich, so eine Ehre habe ich hier in der Nähe der Stadt Cäsarea nie erhofft! Dieser Brief soll meinerseits aber auch von den besten Wirkungen für die Menschheit begleitet werden, und das um so mehr, als mir auch im Briefe das Recht und die kaiserliche Vollmacht zukommt, aus jedem biederen Juden einen römischen Bürger zu machen, dem dann so wie mir selbst alle Rechte und Vorteile eines römischen Bürgers zukommen. Wahrlich, unsere Gegend soll bald eine Menge römischer Bürger zählen, und die Abschiede der Pharisäer aus diesen Gauen sollen sich mehren wie das Gras im Frühjahre! Oh, das wird herrlich sein!“
GEJ|2|192|8|0|Sagt der nebenstehende alte Markus: „Bruder, du hast zwar recht, daß du dich darüber sehr freust; denn es ist eine große Sache, ein Bürger Roms zu sein! Ich bin es von Geburt aus; aber nichtsdestoweniger muß ich den Tempelpfaffen dennoch gleich den Juden jährlich einen gewissen Tribut bezahlen. Von den Juden nehmen sie nur den Zehnt, von uns Römern aber nach einem gewissen, beim römischen Hofe erschlichenen Rechte den Tribut, – und man muß sich mit ihnen abzufinden verstehen, wenn man aus dem harten Tribute in den alten Zehnt gelangen will. Nur diese Tributpflichtigkeit römischer Bürger an den Tempel sollte von Rom aus den Templern wieder ohne alles Bedenken genommen werden; fürs erste ist die Tributsteuer zu hart, und fürs zweite macht sie den Tempel zu mächtig, – und beides ist schlecht.
GEJ|2|192|9|0|Bei dem gegenwärtigen Verbrechertransporte nach Sidon befinden sich eben wieder etliche Aufwiegler, die ganz sicher vom Tempel aus für ihr Werk besoldet worden sind. Es ist zwar wahr, daß die Tributpflichtigkeit nur in einigen Fürstentümern Kanaans als eine außerordentliche Last besteht und der Tempel nur dort sein Recht zu vertreten hat, wo es noch als von Rom aufrechterhalten erscheint; aber die Templer begnügen sich damit nicht, machen Übergriffe mittels falscher Urkunden, die sie als neue von Rom ausgehend vorweisen, und zwingen die römischen Bürger, sich zum wenigsten mit ihnen auf den Zehnt abzufinden. Ich habe noch heute morgen ihnen den Fischzehnt entrichten müssen, ansonst sie mir sicher alle erdenklichen Anstände gemacht hätten.
GEJ|2|192|10|0|Meine Meinung wäre demnach diese: Man sollte dem Tempel so bald als möglich alle Zugeständnisse Roms ohne irgendeine Ausnahme nehmen; denn sonst läuft Rom Gefahr, in Asien bald Aufstände über Aufstände zu bekommen, und bevor vierzig Sommer um sind, wird Rom die sehr verdrießliche Ehre bekommen, Kanaan und das andere Asien zum zweiten Male vom Alpha bis Omega erobern zu müssen! – Das ist meine Meinung, auf die ich nun viel halte, weil ich die Verhältnisse des Tempels sehr genau kenne und sie aber auch tiefst verabscheue.“
GEJ|2|192|11|0|Sagt Cyrenius: „Auch für dieses verkrüppelte Beil wird sich ein Stiel finden lassen! Aber wenn die Templer sich unterfangen, auch in dieser Gegend den Tribut zu begehren und daraus ihren alten Zehnt zu kreieren, so werden wir wohl unversäumt ein wohlgenährtes Donnerwetter nach dem Tempel abgehen lassen; denn das ist wieder eine Eigenmächtigkeit von seiten der Templer, die mit der Zeit für Rom wahrlich die übelsten Folgen haben könnte.
GEJ|2|192|12|0|(Sich zum Hauptmann Julius wendend:) „Du, Julius, wirst noch heute einige Stücke weiße, von mir unterfertigte Rollen bekommen, auf denen du nach deinem guten Sinn für den Tempel einige kurze Sätze verfassen wirst! – Du verstehst mich!?“
GEJ|2|192|13|0|Sagt Julius: „Wäre alles wohl und recht, wenn das Vierfürstentum Judäa nur nicht dem gefräßigen Herodes verpachtet worden wäre, nahe mit allen Herrscherrechten! Dazu sitzt in Jerusalem noch ein saumseliger Landpfleger, Pontius Pilatus nämlich, der sehr froh ist, wenn ihm die Menschen Frieden und Ruhe gönnen; mit dem ist sonach nicht viel zu machen! Aber es kommt da noch ein fataler Umstand dazu, der sehr wohl zu erwägen ist: Gib du dem Tempel tausend noch so schwere Gesetze, und er wird durch alle gleich einem Proteus sich durchdrängen, – und ich frage, was sich da dann noch Weiteres unternehmen läßt.
GEJ|2|192|14|0|Mit irgendeiner zu sichtbaren äußeren Gewalt gegen den Tempel ziehen, wäre eine sehr gewagte Sache; denn das Volk hängt daran und hält namentlich in Judäa die Priester für Halbgötter und als Vermittler zwischen ihrem Gott und den Menschen. Täte man sonach dem Tempel irgendeine ersichtliche Gewalt an, so hätte man aber auch sogleich den brennendsten Aufstand in ganz Judäa am Halse; darum ist da sehr viel Vorsicht vonnöten, bevor man mit dem Tempel im vollen Ernste etwas unternehmen will!
GEJ|2|192|15|0|Ah, dahier in Galiläa und namentlich in Genezareth, das sich im ewigen Ausnahmezustande befindet, und wo das Volk schon sehr aufgeklärt ist, läßt es sich recht wirkungsreich gegen die Schwarzen zu Felde ziehen; aber in Judäa läßt sich das durchaus nicht tun! Daher heißt es: Wenn gegen den Tempel etwas zu unternehmen ist, so muß vorher Rat gehalten werden!
GEJ|2|192|16|0|Der Tempel wußte sich auf allerlei Schleichwegen von Rom aus allerlei Privilegien zu verschaffen, die wir respektieren müssen, solange wir das Glück und die Ehre haben, Römer zu sein. Wenn die Sache sich aber also verhält, so werden mir die Chartae albae (weiße, d.h. unbeschriebene Urkunden) wenig oder gar nichts nützen! In meiner Gegend aber bin ich selbst ohnehin Charta alba zur Genüge! – Übrigens kann ich immer welche gebrauchen.
GEJ|2|192|17|0|Für Genezareth und dessen ziemlich weite Umgegend habe ich den Templern das Tribut- und Zehnterpressen derart vertrieben, daß sie sich wohl für alle Zeiten ihre Habgier sicher haben vergehen lassen, und wenn ich recht unterrichtet bin, so hat auch schon unser biederer Oberste Kornelius in Kapernaum schon lange dasselbe getan, – und so ist Galiläa bis auf einige herodianische Bedrückungen so ziemlich frei von den Tempelplackereien; aber im mächtigen Judäa wird das zu erzwecken noch lange nicht möglich sein. Das ist so meine Meinung. – Du, hoher Gebieter, aber kannst dennoch anordnen, was du willst, und ich werde stets dein bereitwilligster Diener und Knecht sein!“
GEJ|2|193|1|1|193. — Die Behandlung der Übeltäter und Besessenen
GEJ|2|193|1|0|Cyrenius belobte hier den Julius, sagte aber auch ganz gut und weise: „Liebster Julius, du weißt, daß ich große Stücke auf dich halte, und daß mir dein klarer Verstand allzeit wohl gefiel; aber das, was du jetzt gesprochen hast, scheint denn doch nicht so ganz auf deinem Grunde und Boden gewachsen zu sein. Das hast du auch von dem gewissen Einen in dein Gemüt aufgenommen!“
GEJ|2|193|2|0|Sagt Julius: „O sicher; denn die Wahrheit liegt nicht im Feuer, sondern in dessen sanftem Lichte nur; und somit bin ich seit Seiner Bekanntschaft auch viel sanfter und nachgiebiger geworden. Oh, könnte ich doch nur einmal noch in meinem Leben mit Ihm irgendwo zusammenkommen!“
GEJ|2|193|3|0|Sagt auch die nebenstehende und auf alles achthabende Jarah: „Oh, das ist auch mein alleiniger und einzigster Wunsch!“
GEJ|2|193|4|0|Während dieses Gesprächs kam Ich unbemerkt hinter Julius daher. Nur Cyrenius bemerkte Mich und sagte auf Meinen Wink zu Julius: „Du, siehe dich ein wenig um! Hinter dir steht jemand, als wollte er mit dir reden!“
GEJ|2|193|5|0|Julius sieht sich schnell um und fällt nahezu in eine Ohnmacht vor Freude, Mich hier zu sehen, und Jarah macht einen Schrei der höchsten Entzückung und fällt Mir wie eine Tote an die Brust; und Ich mußte sie bei einer halben Stunde also ruhen lassen, bis sie aus ihrer seligen Betäubung wieder zu sich kam.
GEJ|2|193|6|0|Da es aber schon stark gegen den Abend zu gehen begann, so sagte Ich zum alten Markus: „Du wirst nun wieder dafür sorgen, daß wir ein reichliches Abendmahl bekommen; laß an Fischen, Brot und Wein keinen Mangel haben!“
GEJ|2|193|7|0|Sagt Markus: „Herr, was werden wir aber mit den Verbrechern machen, die dort am Meere an Pfählen angebunden, von Soldaten bewacht, wahrscheinlich ihr Urteil unter der größten Bangigkeit erwarten?“
GEJ|2|193|8|0|Sage Ich: „Die lassen wir heute siebenfach schmachten, der vielen argen Geister wegen, von denen sie besessen sind, und niemand darf ihnen weder etwas zu essen noch etwas zu trinken reichen, ansonst sie nicht zu heilen wären! Du, Mein Bruder Julius, aber stelle ihnen noch heute ein Urteil vor, demnach sie morgen den peinlichsten Tod durch langsames Verbrennen den ganzen Tag über erleiden sollen! Morgen erst sollen sie dann begnadigt werden, und Ich werde sehen, ob sie freizugeben sind. Die übergroße Angst wird ihre argen Einwohner mürbe machen, und sie werden sich nach und nach zu empfehlen beginnen. Bindet sie aber wohl fest an die Pfähle, sonst werden sie euch viel zu schaffen machen!
GEJ|2|193|9|0|Die sieben politischen Aufwiegler, weil sie sich in nichts Bedeutendem versündigt haben, lasset etwas leichter; denen verkündiget eine scharfe Züchtigung mit Ruten und lasset ihnen darauf etwas Brot und Wasser reichen! Am Morgen wird es sich zeigen, ob ihnen die Strafe nachzulassen sein wird oder nicht!“
GEJ|2|193|10|0|Auf diese Worte sagte Cyrenius zu Julius: „Also gehe denn hin, zerbrich den Stab und verkündige ihnen, was sie morgen zu erwarten haben sollen!“
GEJ|2|193|11|0|Julius erhebt sich sogleich, wandelt mit einigen Unterleitern hinüber an das Gestade, das von der Wohnung des Markus bei fünfhundert Schritte entfernt lag. Dort bei den an die Uferpfähle fest angebundenen Verbrechern angelangt, befiehlt er den Soldaten, die Verbrecher noch fester an die Pfähle zu knebeln. Als die Soldaten solches mit Stricken und Ketten bewerkstelligt haben, da erst verkündigt Julius den fünf Raubmördern, was sie am nächsten Tage, vom Morgen angefangen, werden zu gewärtigen haben! Ebenso verkündet er den sieben politischen Verbrechern die scharfe Züchtigung.
GEJ|2|193|12|0|Als die fünf Raubmörder solch ein Urteil vernehmen, da fangen sie zu heulen, zu zagen und zu verzweifeln an und schreien, man möge sie alsbald töten; denn solch einen peinlichsten Zustand könnten sie unmöglich ertragen! Ebenso schreien die sieben um Gnade und Erbarmung. Aber Julius entfernt sich alsogleich und hört weder das gräßliche Geschrei der fünf Raubmörder noch der sieben anderen Verbrecher an.
GEJ|2|193|13|0|Als er bei uns wieder ankommt, sagt er (Julius): „Das ist wahrlich keine Kleinigkeit! Dieses Geheul, die verzweifelten Gesichter, Gebärden, vor denen sich ein jedes Tier entsetzen müßte! Nun, ich bin froh, aus ihrer Nähe mich nun wieder zu befinden! Es ist kaum zu glauben, – aber das Haupt der Medusa dürfte kaum ein menschlicheres Aussehen haben! Bin nun im Ernste sehr begierig, was die Kerle morgen für Physiognomien (Gesichtsausdrücke) haben werden!“
GEJ|2|193|14|0|„Siehst du“, sage Ich zu Julius, „das ist die Wirkung der argen Geister in ihnen! Die werden die große Angst kaum bis zum Morgen ertragen und werden sich, wie Ich's gesagt habe, zum größten Teile empfehlen, und wir werden morgen eine leichte Arbeit haben, die Menschen ganz zu erlösen.“
GEJ|2|193|15|0|Fragt Cyrenius: „Was wird aber dann mit ihnen zu geschehen haben? Werden wir sie wohl ganz freigeben können, oder werden wir sie dennoch eine Zeit in Gewahrsam zu behalten haben?“
GEJ|2|193|16|0|Sage Ich: „Allerdings; denn ohne den hinreichendsten Unterricht können sie auf gar keinen Fall völlig freigelassen werden! Auch die sieben nicht; denn kein Mensch wird die Sünde so schnell los, als wie schnell er in irgendeine Sünde gefallen ist! Als Zeit für die fünfe wird kaum ein volles Jahr genügend sein, und für die sieben ein halbes Jahr. – Und so denn wollen wir nun in Ruhe das Nachtmahl froh erwarten!“
GEJ|2|194|1|1|194. — Der Jarah weise Reden
GEJ|2|194|1|0|Sagt darauf der alte Markus: „Herr und Meister aller Meister der Welt! Du hattest früher zu mir gesagt, daß ich heute noch gar vieles und Seltenstes über des Menschen Bestimmung vernehmen werde und werde auch kennenlernen das Reich Gottes. Ja wahrlich und überaus wunderbar! Ich habe nun den Tag über schon so vieles gehört, gesehen und erlebt, wie sonst früher mein ganzes Leben hindurch nie; und so finde ich nun Deine Weissagung als völlig bestätigt an mir, und ich werde darum nun alles tun, damit auch unsere müden Glieder nicht unbefriedigt sich zur Ruhe begeben sollen.“
GEJ|2|194|2|0|Sage Ich: „Ja, ja, siehe du nach, ob die Köchinnen mit ihrer Kunst schon bald zu Ende sind! Nach dem Mahle wird noch so manches vorkommen, was dich in das Gottesreich abermals näher einweihen wird.“
GEJ|2|194|3|0|Sagt Markus: „Aber Herr, was ist das denn mit diesem lieben Mädchen, das Dich noch immer festhält und Deine Brust mit Tränen benetzt; wird es Dich, wie es scheint, etwa wohl gar nicht mehr auslassen?!“
GEJ|2|194|4|0|Sage Ich: „Frage du darob das Mädchen, es wird dir keine Antwort schuldig bleiben!“
GEJ|2|194|5|0|Markus fragt nun die himmlisch schmachtende Jarah.
GEJ|2|194|6|0|Jarah aber richtet sich sogleich auf und sagt: „Höre, du lieber, alter Freund! Wer Den hier einmal ergriffen hat, der darf Ihn nimmer auslassen; denn läßt er Ihn aus, so hat er dadurch auch sein ewiges Leben ausgelassen und somit verloren für immerdar. Das, was ich körperlich tue, das sollet ihr alle im Herzen tun, wie auch ich es vor allem im Herzen tue!
GEJ|2|194|7|0|Wer sein Leben liebt, den Herrn des Lebens aber oft leichtsinnig genug der Welt wegen fahren läßt, der wird sein Leben auch verlieren, weil er den Herrn des Lebens verloren hat. Wer aber sein Leben nicht achtet und nur das ,Leben‘ heißt in seinem Herzen, dem Herrn alles Lebens allein zu leben, der wird das Leben erhalten für ewig, und stürbe er auch tausendmal dem Leibe nach!
GEJ|2|194|8|0|Siehe, ich habe den Herrn, als Er zu uns kam, zuerst erkannt in meinem Herzen und liebe Ihn allein über alles; ja, wenn Er es jetzt von mir verlangte, daß ich sterben solle für Ihn, so wäre der Tod mir ein Labsal! Denn ich weiß und fühle es ja lebendigst, daß die Liebe zu Ihm ewig nimmer sterben kann, weil es ihr unmöglich ist, eine Sünde zu begehen, die da allein ist ein wahrer Tod der Seele. Ist aber des Menschen Seele tot, dann ist auch der ganze Mensch tot. Das merke dir wohl, du alter Mann; denn ich bin aus der Schule des Himmels, welcher ist die Liebe und die Wahrheit und das Leben. Was ich dir nun gesagt habe, ist Lehre aus den Himmeln, und du magst sie darum wohl beachten!“
GEJ|2|194|9|0|Als der alte Markus solches von der Jarah vernommen hatte, sprach er, ganz von einem höheren Enthusiasmus durchdrungen: „O du Kind aus den Himmeln, viel zu gut und zu rein für diese schmutzige Erde! Wahrlich, wenn der Herr dies mein Haus leiblich wieder verlassen sollte, dann werde ich zu dir kommen, himmlische Weisheit zu erlernen! Oh, welch ein Unterschied zwischen dir und meinen Töchtern! Du bist schon eine Sonne, und meine Töchter sind kaum ein Abglanz der großen Himmelsleuchte in einem kleinsten Tautröpfchen! O Ebahl, wie glücklich bist du doch, ein Vater solch eines Engels zu sein!“
GEJ|2|194|10|0|Hier fielen dem alten Markus Tränen aus den wonnetrunkenen Augen, und er ging schnell in die Küche, nach dem Abendmahle zu sehen, und erzählte es seinen Töchtern, welche Lehre er von dem Mägdlein aus Genezareth erhalten habe, und die Töchter staunten und baten ihn, daß er nach dem Mahle ihnen Gelegenheit verschaffen möge, daß sie sich mit solch einem himmlischen Kinde ein wenig besprechen dürften.
GEJ|2|194|11|0|Markus war darüber sehr erfreut und versprach ihnen solches zu bewirken, nur sollten sie sich befleißen, mit dem Abendmahl bald fertig zu werden. Und die Töchter sprachen: „Vater, in einer kleinen Viertelstunde wird alles in der besten Bereitschaft sein!“
GEJ|2|194|12|0|Mit dem ging Markus wieder aus der Küche und beauftragte die Söhne, schnell Wein und Brot zum voraus auf die Tische vor dem Hause zu stellen und auch dafür zu sorgen, daß es am Lichte nicht mangeln werde; auf den Tischen sollen mehrere wohlgefüllte Lampen brennen, und der andere Hofraum solle mit den Fischerfackeln über und über die ganze Nacht hindurch erleuchtet werden! – Alles das ward schnell ins Werk gesetzt, und als es etwas dunkel geworden war, brannten schon auf allen Tischen eine Menge Lampen, und den ziemlich weiten Hofraum erhellten die bewußten Fischerfackeln. Bald darauf wurden gar köstlich bereitete Speisen auf die Tische gebracht, als wohlbereitete Fische, Brot, Wein und allerlei Obst.
GEJ|2|194|13|0|Vor dem Essen sprach die Jarah einen Psalm Davids vor und bat Mich darauf um die Segnung der Speisen und der Getränke; und Ich tat dies, und wir alle setzten uns darauf an die Tische, verzehrten ganz wohlgemut die vorgesetzten Speisen und wurden heiter beim mäßigen Genusse des Weines. Ich saß zwischen dem Cyrenius und der lieblichsten Jarah; Cyrenius saß Mir zur Linken und Jarah zur Rechten; neben der Jarah saß ihr Raphael und dem gegenüber der alte Markus. Diesem aber fiel es auf, wie der Raphael die Speisen verzehrte; denn so Raphael entweder einen Fisch oder ein Stück Brot, ein Obststück oder einen Becher Wein an den Mund brachte, so verschwand alles vor dem Munde, und Markus sah den Jüngling weder kauen, noch irgendeine Speise verschlingen.
GEJ|2|194|14|0|Josoe, der Ziehsohn des Cyrenius, der gleich neben Cyrenius saß, bemerkte die stille Verwunderung des alten Markus und sagte: „Alter Krieger Markus! Was gefällt dir an dem Rabbi Raphael so gut, daß du deine Augen gar nicht von ihm abwenden kannst?“
GEJ|2|194|15|0|Spricht der Alte: „Ja, du mein hoher Sohn meines Herrn und meines Gebieters, das ist eine ganz sonderbare Erscheinung! Dieser Junge führt Speise und Trank zum Munde, öffnet den Mund nie, kaut nicht und verschlingt nichts; aber die Speisen verschwinden vor seinem Munde! Wie das? Wie geht das zu? Das ist ja schon wieder ein Wunder! Was soll ich daraus lernen?“
GEJ|2|195|1|1|195. — Materie und Geist
GEJ|2|195|1|0|Sagt Josoe: „Du sollst daraus lernen, daß in den Himmel nichts Materielles eingehen kann, also, wie dieser Engel jede materielle Speise vordem ins Geistige auflöst und von ihr dann nur das Reingeistige aufnimmt. Der Jüngling ist ein reinster Geistmensch aus den Himmeln und stellt sonach auch den Himmel in kleinster Gestaltung vor; die Speisen aber stellen uns Weltmenschen dar, die wir jetzt noch begraben sind in unserer Materie. Diese ist zwar nun auch wie diese Speisen schon recht gut zubereitet worden am Feuerherde dieses großen Meisters, der uns solches gelehrt hat und Sich nun noch leiblich unter uns befindet, – aber dennoch können wir mit diesen unseren Leibern nicht in das Himmelreich eingehen.
GEJ|2|195|2|0|Wenn wir aber von Gott aus berufen werden, diese Welt zu verlassen, dann wird zuvor ein Engel Gottes mit uns ebenfalls machen, wie dieser nun tut mit der Speise, das heißt, er wird in einem Augenblick alles dem Geiste Angehörige aus der Materie frei machen, die Materie der vollen Auflösung übergeben, die Seele aber und ihren Lebensgeist, sowie alles, was in der Materie der Seele angehört, in vollkommenster Menschengestalt vereinigend in die reine Welt der Geister hinüberführen nach dem ewigen, unwandelbarsten Willen Gottes! – Siehe, das ist es, was du aus dem dir sonderbar vorkommenden Essen des mächtigen Himmelsjünglings lernen kannst und sollst!“
GEJ|2|195|3|0|Sagt Markus, ganz erstaunt über die Weisheit des Josoe: „Ich habe schon früher einmal bemerkt, daß du ein bei weitem über dein Alter hinaus weiser Junge bist; aber für so weise hätte ich dich nicht gehalten! Du hast mir eine überaus wichtige Lehre gegeben, für die ich dir allzeit überaus dankbar verbleiben werde; aber weißt du, des Menschen Wissensdurst wird immer stärker, je mehr er weiß, und so juckt es mich nun, auch noch über deine Lehre hinaus zu erfahren, wie denn solch eine Auflösung der Materie bewirkt wird!“
GEJ|2|195|4|0|Sagt Josoe: „Freund, es ist zwar nicht gut, wenn der Mensch gar zuviel weiß; aber das kannst du dir ja wohl merken! Sieh, die Materie ist eigentlich nichts anderes als durch den allmächtigen Willen Gottes fixiertes Geistiges. Ein solcher Engel aber ist nun nichts anderes als der personifizierte Ausdruck des allmächtigen Willens Gottes; er kann durchaus nichts wollen als allein das nur, was Gott will.
GEJ|2|195|5|0|Will also Gott irgend die Materie auflösen, so wird diese von solch einem allmächtigen Gotteswillen in der Gestalt eines Menschen ergriffen, das Fixum oder Bindegericht wird aufgehoben, und alle Materie verschwindet augenblicklich aus dem Dasein, geht in ihr urgeistiges Element über und bleibt dann entsprechend das, was sie ursprünglich war, nur veredelt und vervollkommnet.
GEJ|2|195|6|0|Zahllose früher vereinzelt gewesene Kräfte werden vereinigt zu einem großen, vollkommenen Individuum, und das wird sein ein vollendeter Menschgeist nach dem Willen Gottes ewig! – Hast du solches verstanden?“
GEJ|2|195|7|0|Sagt Markus: „Jawohl, verstanden habe ich es wohl, aber nun frage ich dich um nichts mehr; denn deine Weisheit ist zu schwindelnd hoch über meinem Naturverstande! Aber was ich hören möchte, das wäre: dich reden hören mit dem dir gleich weisen Mädchen Jarah; das müßte ein wahrer geistiger Hochgenuß sein, wie man in den Himmeln kaum einen bessern je wird haben können!“
GEJ|2|195|8|0|Sagt Josoe: „Siehe, das ist nun schon etwas eitel von dir! – Da siehst du zwei volle Becher Wein! Wäre es wohl klug, so man den einen vollen in den andern vollen überschütten möchte? Würde bei solch einer Arbeit nicht der edle Wein für nichts und wieder nichts auf den Boden verschüttet werden? Wozu wäre so etwas dann gut? Was ich weiß, das weiß sicher auch das Mägdlein, und es könnte somit weder ich von ihr, noch sie von mir irgend etwas lernen! Daher werden wir uns solche Mühe wohl ersparen. Rede lieber du mit dem herrlichen Kinde Gottes! Du und deine Töchter, dein Weib und deine Söhne werden recht vieles von ihr zu erlernen imstande sein; denn bis jetzt hat auf dieser Erde noch nie irgendeine Maid, von Gott aus bestimmt, solche Erfahrungen gemacht, wie eben dieses Mädchen. Es weiß unaussprechlich vieles, was außer dem Herrn kein Mensch auf der ganzen, großen Erde weiß und irgend kennt. – Verstehst du solches?“
GEJ|2|196|1|1|196. — Jarah löst dem Josoe den gordischen Knoten
GEJ|2|196|1|0|Sage Ich zu Josoe: „Aber Mein lieber Josoe, woher weißt du es denn, daß die Liebe Meiner Jarah sich in einer so großen Weisheit befindet und in Dingen Kenntnisse besitzt, die außer Mir niemandem bekannt sind?“
GEJ|2|196|2|0|Sagt Josoe: „Herr, wie sollte ich das denn nicht wissen, und wie fragst Du mich darum, wo doch Du es bist, der mir solches in mein Herz und aus diesem auf meine Zunge gelegt hat, was ich erkennen solle und was reden?!“
GEJ|2|196|3|0|Sage Ich: „Ganz gut, Mein lieber Josoe; weil du das weißt, so gib uns denn auch darüber einen genügenden Aufschluß, warum eigentlich – da Mir ja ohnehin die Gedanken deines Herzens selbst in ihrer tiefsten Tiefe schon lange eher bekannt sind und sein müssen, als du sie gedacht hast – Ich dich gefragt habe!“
GEJ|2|196|4|0|Hier stutzt Josoe und sucht in sich eine rechte Antwort; aber es will sich keine finden lassen. Nach einer Weile sagt er etwas kleinlaut: „Herr, dafür läßt sich in der noch übergroßen Beschränktheit meines Erkennens durchaus keine vernünftige Antwort finden, wenigstens von mir nicht; Du müßtest mich nur also pro forma (zum Schein) gefragt haben, als wie da fragt ein Rabbi seinen Jünger um etwas, was er als Rabbi sicher schon lange eher gewußt hat denn sein Jünger. Aber dabei ist dennoch ein endlos großer Unterschied zwischen Dir und einem seinen Jünger prüfenden Rabbi! Dieser weiß wohl, was er selbst weiß, aber das weiß er ohne Prüfung dennoch nicht, ob auch sein Jünger das weiß. Du weißt aber nur zu klar und hell nicht nur alles, was zunächst ich weiß, sondern Du weißt auch um die geheimsten Gedanken aller Menschen und Engel – und fragst mich!? Sieh, eben darin liegt der für mich unentwirrbare Knoten Gordius'! Da ich aber noch lange kein Alexander bin, so vermag ich ihn nicht zu lösen!“
GEJ|2|196|5|0|Sage Ich: „Sage Mir, warum fragt denn dich der dann und wann aus Sichar zu dir kommende Jüngling um etwas also, als wüßte er durchaus nicht darum, da er doch sicher darum nur zu gut weiß!? Ja, er läßt sich sogar von dir belehren und tut, als wäre er dein Jünger!“
GEJ|2|196|6|0|Sagt Josoe: „Herr, das ist ja eben meine stete Klage über ihn, daß er bei seiner sicher ungeheuren Weisheit stets nur von mir lernen will; und frage ich ihn um etwas, so sagt er stets: ,Ja sieh, darum habe ich dich eben fragen wollen!‘ Ich aber frage eben und habe Dich schon heute am Morgen gefragt, was das für eine Unterrichtsweise ist. Es hatte wohl früher der Vater der Jarah eine recht weise Ansicht von solch einer Unterrichtsmethode entwickelt, die ich wohl auch bei Deiner an mich gestellten Frage in Anwendung bringen könnte; aber ich bin mit seiner Ansicht dennoch nicht völlig einverstanden und kann sie darum zur erläuternden Antwort auf Deine ganz gordisch geformte Frage nicht in die vollgültige Anwendung bringen.
GEJ|2|196|7|0|Bei schon in allerlei Kenntnissen wohlbewanderten Jüngern ist solche Lehrweise wohl die beste von der Welt, weil dadurch der noch immerhin beschränkte Jünger überaus tätig zum Selbstdenken, -fühlen und -finden geleitet wird; aber wenden wir solch eine Lehrweise bei einem Jünger an, der noch aller Elemente zur Wissenschaft total bar ist, so möchte ich da doch sehen, wann und wie bei solch einer Unterrichtsweise der Jünger das Alphabet und endlich das Lesen einer Schrift sich zu eigen machen wird auf einem natürlichen Wege ohne Wundertat!
GEJ|2|196|8|0|Dafür taugt also die sonst gute Ansicht des Ebahl nicht, und so kann ich sie hier auch nicht benützen. Ich sage es Dir, o Herr, darum ganz glatt heraus, daß ich Dir auf Deine gordische Frage keine Antwort zu geben imstande bin. Du wirst darum schon uns allen die Gnade erweisen wollen, Deine Frage Selbst zu beantworten!“
GEJ|2|196|9|0|Sage Ich: „Wie wäre es denn, wenn uns solch eine Frage unsere liebste Jarah erläutern möchte?“
GEJ|2|196|10|0|Sagt Josoe etwas betroffen: „Das kann sie immerhin, wenn sie's vermag! Freilich, wenn Du, o Herr, ihr die Antwort ins Herz geben wirst, dann wird sie wohl leicht zu antworten haben!“
GEJ|2|196|11|0|Sage Ich: „Das werde Ich eben diesmal nicht tun, und sie wird die Antwort selbst bringen müssen!“
GEJ|2|196|12|0|Sagt Josoe: „Nun, da möchte es ihr vielleicht eben nicht um sehr vieles besser ergehen als mir!“
GEJ|2|196|13|0|Sage Ich mit freundlichster Miene: „Nun, wir wollen sehen! Sage uns demnach, du liebste Jarah, warum sogestaltig Ich den lieben Josoe um etwas gefragt habe, um das Ich sicher schon lange vorher gewußt habe!“
GEJ|2|196|14|0|Sagt die Jarah, ein wenig verlegen: „Herr, so ich reden darf und gewisserart muß, so scheinst Du dem lieben Josoe diese gordische Frage, wie er sie benannt hat, bloß aus einer, seine stark aufsprühende Seele ein wenig demütigenden Ursache gegeben zu haben. Denn er meinte zuvor, daß er mit mir darum nichts zu reden brauche, weil er alles das wisse, um was ich weiß, und wir beide könnten sonach miteinander nichts reden; ein solches Besprechen hieße einen vollen Becher in einen zweiten vollen Becher überschütten. Aber der liebe Josoe vergaß dabei, daß Du die Gaben des Geistes sogar unter Deine Engel verschieden ausgeteilt hast, und daß dadurch selbst ein vollkommenster Geist von einem andern vollkommensten Geiste noch gar vieles lernen kann!
GEJ|2|196|15|0|Ich aber meine: Wenn Du, o Herr, also fragst, so fragst Du aus keinem andern Grunde, als um irgendeinen ein wenig Aufbrausenden zu einer demütigenden Selbsterkenntnis zu führen! Und soviel ich mit meiner beschränkten Erkenntnis in meinem Herzen erschaue, so hast Du dem lieben Josoe aus eben diesem Grunde solch gordische Frage gegeben.
GEJ|2|196|16|0|Er hatte zwar ehedem, sich etwas widersprechend, dem Markus gegenüber wohl die Bemerkung gemacht, daß ich durch Deine Gnade Erfahrungen gemacht habe wie bisher kein Mensch auf der ganzen weiten Erde; und doch hält er sich für einen ebenso voll gefüllten Becher! Wenn er mir aber solch außerordentliche Erfahrungen zugesteht, so begreife ich im Ernste nicht, warum er mit mir sich in kein Gespräch einlassen wollte. Ich meinesteils aber bin dennoch der Meinung, daß ich trotz meiner sicher unerhörten Erfahrungen von ihm dennoch etwas lernen kann und halte meinen Becher für durchaus noch nicht so voll, daß in ihm von seinem vollen Becher nichts mehr Raum fände.
GEJ|2|196|17|0|Und, wie ich's nun bemerkt habe (hier schmunzelte die Jarah ein wenig), so scheint denn sein Becher auch noch nicht gar so enorm voll zu sein, daß dann von meinem Weine in seinem übervoll sein sollenden Becher kein Tropfen mehr Raum fände!
GEJ|2|196|18|0|Ich will aber übrigens damit durchaus keine irgend nur im geringsten gehässige Bemerkung über Josoes ein wenig zu hoch sprudelndes Selbstgefühl gemacht haben, sondern weil ich aufgefordert ward, so redete ich, wie es mir ums Herz war; ich glaube darum eben keine gar zu große Sünde begangen zu haben! Beging ich sie aber, so will ich sie auch nach Kräften wieder gutmachen!“
GEJ|2|196|19|0|Sage Ich: „Nein, nein, durchaus nein! Dein treuestes Herz liegt ja zu offen vor Mir, und du hast Meinem lieben Josoe sogar einen großen Dienst erwiesen; denn er war in dem von dir ganz kindlich weise berührten Punkte auch wirklich etwas schwach, und diese Schwäche hätte ihn mit der Zeit wirklich auf irgend kleine Abwege zu bringen vermocht. Jetzt aber ist er geheilt auch in dieser Sphäre, und er wird nun wohl sich mit dir sehr gerne in ein erheiterndes Gespräch einlassen; denn er hat eine gute Art sich auszudrücken.“
GEJ|2|197|1|1|197. — Über die Wissensbeschränktheit des irdischen Menschen
GEJ|2|197|1|0|(Ich, Mich zu Josoe wendend:) „Was sagst du nun zu der treffenden und gelungensten Antwort der lieblichsten Jarah?“
GEJ|2|197|2|0|Sagt Josoe: „O Herr alles Lebens, dies holdeste Mägdlein ist sicher schon lange kein irdisch Mädchen mehr; sie, die herrlichste Jarah, ist ein personifiziertes Himmelslicht erster Größe, dagegen ich kaum ein kleinstes Sternlein bin! Wohl habe auch ich durch Deine Gnade Erfahrungen gemacht wie bisher wenig Sterbliche, – denn es ist kein Scherz, nahezu zwei Jahre meinem Gefühle nach in der Welt der Geister und mit dem verwesten Leibe in der Gruft zugebracht zu haben und endlich mit vollstem Bewußtsein durch Deine Gnade und durch Dein wunderbarstes Erbarmen auf diese Erde zurückgekehrt zu sein; aber dennoch gestehe ich nun laut, daß ich mich kaum für würdig fühle, diesem Mädchen ein schwacher und talentloser Schüler zu sein. Wenn sie mir die Liebe erweisen will, mich in so manchem etwas wenig nur zu belehren, so werde ich solches alles mit dem größten Danke von der Welt allerbereitwilligst annehmen.“
GEJ|2|197|3|0|Sagt die Jarah: „Ja, mein liebster Josoe, du bist ein Königssohn und ich die Tochter eines Juden, der nur ein Gastwirt in Genezareth ist – also irgend irdisch genommen, wäre es wohl sehr anmaßend und keck, mich dir zu nahen; willst du dich aber von deiner Höhe zu mir Armen herablassen, so sollst du ein Paar ausgebreitete Arme und ein offenes Tor in meiner bescheidenen, ärmlichen Hütte finden!“ – Auf diese vielsagende Anrede macht Josoe große Augen und weiß kaum, was er dem Mädchen erwidern soll.
GEJ|2|197|4|0|Cyrenius aber sagt zu Josoe: „Siehe, mein Josoe, das will soviel gesagt haben als: du sollst dich zur Jarah hinübersetzen und mit ihr reden. Gehe und tue das; denn ich wäre selbst sehr begierig zu hören, was ihr alles miteinander verhandeln werdet!“
GEJ|2|197|5|0|Sagt Josoe: „Ah, von dem, daß ich mich zu ihr setzen soll, hat die gute und liebste Jarah in ihrer Sprache nichts merken lassen, wohl aber von dem, daß ich mit ihr reden soll, so ich mich so tief herablassen könnte als ein Königssohn! Freilich scheint es die Jarah mir denn doch nicht völlig anzukennen, daß ich fürs erste durchaus kein Königssohn bin, und fürs zweite, daß der gewisse Geburtshochmut meiner Natur noch bei weitem ferner steht als der Himmel von dieser Erde. Ich bin allein für die Wahrheit! Was unter ihr ist, verachte ich tiefst; was aber über ihr steht als Geheimnisse Gottes in sich, das bete ich an und verlange nicht nach der Klarheit dessen, was sich nicht ziemt für die Würmer und für den Staub dieser Erde!
GEJ|2|197|6|0|In Gott ist die Fülle der unendlichsten Weisheit; in uns aber wohnt davon kaum ein Sonnenstäubchen groß! Alles, was wir wissen, ist ein loses Stückwerk, und wir finden den Weg vom Alpha bis Beta nimmer, geschweige bis zum Omega. Am Himmel leuchten Myriaden von Lichtern; wer kennt sie? Wir kennen die zwei großen nicht, geschweige die zahllos vielen kleinen; Gottes Weisheit aber ist da allenthalben also zu Hause wie das Augenlicht im Auge!
GEJ|2|197|7|0|Was Gott uns offenbaren will, das wissen und kennen wir; darüber hinaus aber waltet für des Menschen Seele eine zwar heilige, doch immerhin unendliche Nacht. Und der Mensch soll es nie wagen, dieser endlosen Nacht heiliges Dunkel lichten zu wollen; denn diese Nacht würde ihn verschlingen wie das Meer ein Steinchen, das irgendein mutwilliger Junge in dasselbe schleuderte.
GEJ|2|197|8|0|Wir Menschen sind Gefäße, denen vorderhand nur ein bestimmtes Maß gegeben ist. Ist dieses voll, so kann man dasselbe nicht noch voller machen; wird dem Menschen aber dereinst ein größeres Maß gegeben, da wird er noch gar vieles in dasselbe hineintun können, und es wird dennoch nicht übergehen so leicht, wie es nun der Fall ist.
GEJ|2|197|9|0|Es haben zwar wohl die Menschen auf dieser Erde schon ein verschieden großes Maß; das meine gehört aber offenbar zu den kleinsten. Die lieblichste Jarah ist offenbar reichlicher damit versehen worden als ich, und ich kann darum mit ihr nicht als ebenmäßig auftreten; wenn sie mir aber von ihrem großen Überflusse will etwas zukommen lassen, so werde ich solches allzeit dankbarst annehmen. Aber hinab zu ihr kann ich mich dennoch nicht setzen; denn einmal ist sie weiser denn ich, und fürs andere Mal würde es sich für mich wohl gar nicht schicken!?“
GEJ|2|198|1|1|198. — Was ist Wahrheit
GEJ|2|198|1|0|Sage endlich einmal Ich wieder zum Josoe: „Höre du, Mein lieber Josoe! Du hast nun recht weise gesprochen, und es ist darin viel Gutes und Wahres; aber Ich muß dich dabei dennoch auf so manches aufmerksam machen! Darum gib du nun sehr wohl acht; denn sieh, mit einem Weisen, wie du einer bist, kann schon auch Ich etwas tiefer Mich fassen!
GEJ|2|198|2|0|Du sagtest: ,Ich bin allein für die Wahrheit; was unter ihr steht, verachte ich, was aber über ihr steht als Geheimnisse Gottes in sich, das bete ich an und verlange nicht nach der Klarheit dessen, was sich nicht ziemt für die Würmer und für den Staub dieser Erde! In Gott ist die Fülle aller Weisheit, in uns Menschen aber wohnt davon kaum ein Sonnenstäubchen groß!‘
GEJ|2|198|3|0|Ja, es ist ganz gut, rein, recht und billig, nur für die Wahrheit zu sein; aber diesem Grundsatze wirft sich eine mächtige Frage schnurgerade in die Quere und bildet sogestaltig mit deinem in sich ganz löblichsten Grundsatze ein vollkommenes Kreuz! Kannst du oder irgendein anderer für dich diese Frage, die Ich dir geben werde, lösen, dann ist Meine Schulter des Kreuzes ledig geworden.
GEJ|2|198|4|0|Sage du Mir daher: Was ist die Wahrheit, für die du allein bist? Ist es eine Wahrheit, was du siehst? Sieh, es ist alles ein Dunstgebilde von heute bis morgen, und es kann das, was für heute noch eine volle Wahrheit ist, für morgen schon lange keine Wahrheit mehr sein! Siehe hin, dort im letzten Dämmerlichte der lange untergegangenen Sonne schwebt ein Wölklein in Gestalt eines Fischleins! Sage Mir, für wie lange wird dieses Wölkleins gegenwärtige Gestalt eine Wahrheit bleiben? Siehe, der nächste Augenblick wird dieses Wölkchens gegenwärtige Gestaltung schon einer Lüge zeihen!
GEJ|2|198|5|0|Wenn Ich dir drei Birnen vorlege, so sagst du, das sei eine Wahrheit, daß da vor dir drei Birnen liegen; Ich aber sage es dir, daß eine jede der drei Birnen mehrere Samenkörner in sich hat, aus jeglich welchem in der Folge eine zahllose Menge von Bäumen entstehen können, die am Ende die ganz gleichen Birnen in höchster Zahllosigkeit zum Vorschein bringen werden! Sind demnach vor dir wirklich nur drei Birnen, die in sich schon eine abgeschlossene unveränderbare Größe bilden, oder sind sie bloß nur drei Scheingrößen, hinter denen, gleich den Kriegern im Bauche des hölzernen Trojaner Pferdes, sich noch eine Unzahl gleicher und auch noch ganz anderer Größen verborgen halten?
GEJ|2|198|6|0|Wo fängt die Wahrheit an, und wo hört sie auf? Ist der Mensch eine Wahrheit, also wie er ist? Sieh an ein Kind, und siehe endlich an einen Greis! Siehe an eine von Menschenhänden erbaute Stadt! Ist sie eine volle Wahrheit? Sieh, heute steht sie noch, und morgen kann sie schon zerstört werden!
GEJ|2|198|7|0|Siehe, für den allein, der in sich durch und durch selbst Wahrheit ist, ist auch alles Wahrheit; für den aber, der in sich das nicht ist, ist ja auch notwendig alles andere nur das, was er selbst vorderhand ist.
GEJ|2|198|8|0|Eine Wahrheit aber, die nur zeitlich wahr ist, ist schon darum keine volle Wahrheit, weil in ihr keine Beständigkeit zu Hause ist; die volle Wahrheit aber muß unwandelbar für ewig das sein im Vollmaße, was sie für jeden einzelnen Augenblick ist. – Was ist demnach die eigentliche, volle Wahrheit?“
GEJ|2|199|1|1|199. — Das Geheimnis des Urgrundes aller Weisheit
GEJ|2|199|1|0|Josoe macht hier große Augen, denkt hin und her und weiß nicht, was er Mir darauf für eine Antwort geben soll.
GEJ|2|199|2|0|Cyrenius aber sagt: „Herr, das ist aber auch eine Frage, an der sich alle Weisen und Philosophen die Zähne bis auf die letzte Wurzel ausgebissen hätten! Erlaube, Du mein göttlichster Freund, – nach Deinen für mich allzeit heiligsten Worten ist dann ja alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, keine volle Wahrheit, sondern gut zur Hälfte hin eine Lüge!? Wer kann da hernach ganz auf ein gegebenes Wort irgendein volles Vertrauen fassen? Diese Deine Frage hat mich selbst wahrlich ein wenig trübe gemacht. Du wirst diesmal wahrlich schon so gut sein müssen und Deine Frage Selbst beantworten; denn auf der ganzen Erde löst Dir kein Weiser aus sich dieses Rätsel!“
GEJ|2|199|3|0|Sage Ich: „Sei du darob ganz unbesorgt! Hier an diesem Tische sitzen etwelche, die dir darüber sicher ohne Mein besonderes Hinzutun eine ganz genügende Antwort als Löse (Lösung) Meiner Frage an Josoe zu geben imstande wären; denn sie wissen schon beiläufig, von wannen der Wind kommt. Aber Ich will, daß in der lösenden Beantwortung Meiner allerdings etwas höher gestellten Frage Meine Jarah dem Josoe zu Hilfe kommen soll! Und so (Mich zur Jarah wendend) versuche du, Meine liebste Jarah, ob du in deinem Herzen eine rechte Antwort auf Meine Frage findest!“
GEJ|2|199|4|0|Spricht das Mägdlein, ein wenig lächelnd: „Wahrlich, mich befremdet es recht sehr, daß der sonst so weise Josoe auf diese gar leichte Frage nicht sogleich in sich eine taugliche und vollösende Antwort gefunden hat! – Was kann sonst die volle, ewige Wahrheit sein als Gott Selbst, der, von Ewigkeit alle Vollendung in Sich fassend, im Geiste stets ein und derselbe ist, also für ewig in und für Sich unwandelbar, weil in Ihm als der endlosesten Vollendung in Sich Selbst keine weitere Wandelbarkeit denkbar ist. Gott ist der alleinige und ewige Urgrund alles Seins. Alles, was da ist, ist nichts anderes als nur Seine fixierten Ideen; ihr Sein ist sonach auch ein Gottessein, und ihr Leben ist Gottes Leben.
GEJ|2|199|5|0|In Gott ist darum alles vollste, ewige Wahrheit, weil außer Gott nichts irgendwo etwas sein kann, – in uns Menschen aber nur insoweit, als wir eins mit Seinem heiligsten Geiste sind durch die reine Liebe zu Ihm. Die reine Liebe zu Gott verbindet uns mit Gott und macht, daß wir eins mit Ihm werden; sind wir aber das, da wird alles reinstes Licht, wohin wir uns auch wenden mögen. Und dieses Urlicht in der höchsten Reinheit des Geistes ist dann eben die ewige, unwandelbare Wahrheit. – Dies, scheint mir, ist die allein richtig lösende Antwort auf die Frage des Herrn an den lieben Josoe.“
GEJ|2|199|6|0|Sage Ich zu Cyrenius: „Nun, was sagst du zu dieser Beantwortung Meiner dem Josoe gegebenen Frage? Glaube aber ja nicht, Ich hätte ihr solche wunderbar in ihr Herz gelegt; sondern sie hat solche gefunden auf ihrem ganz eigenen Grund und Boden. Und Ich sage es dir und auch allen, die ihr bei Mir sitzet an diesem Tische: da ist auch nicht ein Wort zuviel oder zuwenig, und ist für ewig vollwahr.
GEJ|2|199|7|0|Aber wie kommt sie dazu und Josoe nicht, der sich vorgenommen hatte, allein für die Wahrheit zu sein? Seht, das macht ihre unbegrenzte, reinste Liebe zu Mir; solche ihre Liebe verbindet ihr Herz mit dem Meinen, und sogestaltig kann sie sich stets auf dem kürzesten Wege alles Licht und somit auch alle Weisheit holen aus der von ihr selbst bezeichneten Urquelle alles Lichtes, alles Seins und aller Wahrheit, die für ewig unwandelbar ein und dieselbe ist in Mir.
GEJ|2|199|8|0|Und du, Mein lieber Josoe, der du allein für die Wahrheit bist, was sagst du nun zur Jarah, die gewisserart rein nur für die Liebe ist?“
GEJ|2|199|9|0|Sagt Josoe, ein wenig verlegen: „O Herr, ich sehe nun wohl den finstern Fleck in mir; aber ich finde es nicht, wie ich ihn aus mir brächte! Ich habe der Jarah sehr unrecht getan, und das muß gutgemacht werden, und so Du, o Herr, nichts dawider hast, so werde ich mich dennoch nun sogleich zu ihr hinaufsetzen!“
GEJ|2|199|10|0|Sage Ich: „O nicht im geringsten; denn sieh, die ganze Gesellschaft freut sich auf eure gegenseitige Unterredung! Ich sage es dir: An ihrer Seite wirst du erst das finden, für das du allein sein willst!“ – Auf diese Meine Worte erst erhebt sich Josoe schnell und setzt sich zwischen die Jarah und ihren Engel Raphael.
GEJ|2|200|1|1|200. —  Josoe und Jarah im Gespräch
GEJ|2|200|1|0|Als Josoe sich bei ihr befindet, reicht er ihr die Hand und sagt: „Sei mir nicht gram, du liebste Jarah! Denn sieh, ich konnte es ja doch unmöglich wissen, daß du als ein Kind von etwa kaum fünfzehn Jahren eine größere Weisheit besitzest als alle Weisen der Erde, die vor uns gelebt haben; aber zugleich bitte ich dich denn nun auch, daß du mir recht vieles von deiner verborgenen Weisheit enthüllen möchtest!“
GEJ|2|200|2|0|Sagt die Jarah: „Und du mir von der deinigen; denn du weißt auch vieles, was mir noch sehr fremd sein dürfte!“
GEJ|2|200|3|0|Sagt Josoe: „Das wird sehr mager sein; denn mein Weisheitsgefäß scheint fürs erste sehr klein und fürs zweite obendrauf noch, gleich einem Siebe, total durchlöchert zu sein! Kurz, viel wird bei mir nicht herauskommen, weil eben nicht viel darin ist; somit fange nur du an! Ich bin auch wahrlich derart verlegen, daß ich nun im Ernste nicht wüßte, irgendwo etwas zu ergreifen, das sich schickete, hier darüber etwas zu sagen. Im Angesicht der höchsten, göttlichen Weisheit hat der Mensch schwer zu reden, – aber dafür desto leichter zu hören und zu schweigen. Aber du, holdeste Jarah, hast eine gute Brücke zur göttlichen Weisheit; von der kannst du dir holen, wann und was du willst! Darum mache du nur den Anfang, und ich werde, wie gesagt, dich hören!“
GEJ|2|200|4|0|Sagt die Jarah: „Aber siehe, hoher Josoe, das würde sich ja gar nicht schicken! Denn ein Mädchen darf doch nicht vorlaut sein!? Fragen kannst du mich wohl, und ich werde dir antworten; und so ich dich frage, dann wirst auch du mir antworten!“
GEJ|2|200|5|0|Sagt Josoe: „Ja, ja, fragen wäre leicht, wenn man nur gleich wüßte, um was! Solange man noch ein ungebildetes Kind war, da freilich war das Herz voll von allerlei Fragen; aber seit man selbst beinahe alle die Fragen in sich mehrfach beantwortet hat, ist eine neue Frage um vieles schwerer denn eine Antwort auf was immer für eine Frage. Darum möchte ich dich wohl bitten, daß du eine Frage an mich tätest; denn du bist in vieles eingeweiht und kannst mich darum auch um vieles fragen.“
GEJ|2|200|6|0|Sagt die Jarah: „Nun, im Namen meines Herrn denn, weil du es durchaus nicht anders willst, so will ich dir gleich wohl eine Frage geben, und du sage es mir, warum Gott der Herr als die höchste Liebe und Weisheit es zuläßt, daß besonders in dieser unserer Zeit namentlich die sogenannten Diener Gottes und die privilegierten Ausspender des Wortes Gottes eben die gewissenlosest bösesten, hoffärtigsten und herrschsüchtigsten Menschen sind und ohne alles Gewissen die schändlichsten Taten, gewöhnlich im geheimen, ungestraft ausüben. Warum haben sie keine Furcht vor Gott, dessen Macht und Herrlichkeit sie doch vor allen Menschen unter dem glänzendsten Zeremonienpompe mit überlauter Stimme verkünden? – Siehe, das ist eine gar gewichtige Frage für diese unsere Zeit!“
GEJ|2|200|7|0|Sagt Josoe: „Ja, wichtig ist diese Frage sicher; aber auf meinem Grunde ist darauf wahrlich keine Antwort zu finden, und du wirst das darum wohl selbst beantworten müssen!“
GEJ|2|200|8|0|Sagt Cyrenius: „Aber mein allerliebster Sohn Josoe, etwas wirst du ja doch wohl zu sagen wissen!? Wahrlich, dein immerwährendes Entschuldigen wird mir nun schon etwas langweilig! Wohl weiß ich es und habe es nun erfahren, daß die lieblichste Jarah dir an Weisheit stark überlegen ist; aber gar so leer bist du meines Wissens ja dennoch auch nicht, daß du auf so eine Frage gar keine Antwort in dir finden solltest. Sage darum doch etwas! Fehlest du, – nun, so gibt es hier ja doch Weise zur Genüge um den Tisch, die dich auf den rechten Weg leiten können!“
GEJ|2|200|9|0|Sagt Josoe: „Lieber hoher Vater und Gebieter! Gebieten ist leicht; aber das Gehorchen hat endlos viel Bitteres in sich, – besonders wenn man, wie ich nun, gar nicht von ferne hin imstande ist, sich gehorsam erweisen zu können!
GEJ|2|200|10|0|Denke dir die höchste Güte, Liebe und unbegrenzte Weisheit Gottes einerseits, und denke dir anderseits die Greueltaten alle, die ungestraft zumeist von den sogenannten Gottesdienern sicher zu jeder Stunde des Tages und der Nacht ausgeübt werden an der armen Menschheit! Halte dir diese kontroversen Verhältnisse so recht nahe ans Gesicht der Seele, und du wirst es sicher samt mir nur zu klar empfinden, daß auf solch eine Frage eine gediegenste Antwort viel schwieriger ist, als zu bestimmen, was drei und abermals drei zusammen für eine Summe geben! Versuche es nur jemand anders, und er wird es hoffentlich nur zu bald innewerden, daß die von der Jarah gestellte Frage ganz sicher keine Kleinigkeit ist!“
GEJ|2|200|11|0|Sagt Cyrenius: „Nun, nun, ich sehe es wohl ein, daß man einen hohen Grad von Weisheit besitzen muß, um die Frage der Jarah nur zu einiger Genüge beantworten zu können; aber sehr lieb wäre es mir auf jeden Fall, darüber ein genügendes Licht zu bekommen. Denn über diesen Punkt habe ich eben schon am meisten nachgedacht, – aber auch noch nie irgendeinen nur halbwegs vernünftigen Grund gefunden. Ich glaube, wenn denn außer unserem allerliebsten Herrn und Meister und der holdesten Jarah im Ernste die gegebene Frage niemand sollte beantworten können, so werden wir denn alle uns an Dich, o Herr und Meister, wenden; Du wirst uns da sicher den rechten Grund aufdecken, wie Du – so mich mein Gedächtnis nicht täuscht – solches auch verheißen hattest.“
GEJ|2|200|12|0|Sage Ich: „Allerdings, so sich damit die Jarah nicht zurechtfinden sollte; aber Ich meine, sie wird, wenn sie so recht aufmerksam ist, den Nagel so ziemlich mit dem ersten Streich auf den Kopf treffen! Versuche es, liebste Jarah, und zeige, daß Ich dir in Genezareth nicht umsonst ein Gärtchen angelegt habe!“
GEJ|2|201|1|1|201. — Jarahs Beobachtungen in ihrem Gärtchen
GEJ|2|201|1|0|Als Jarah solches vernimmt, richtet sie sich ganz ordentlich wie ein Redner empor und sagt: „Gut denn! Das Gärtchen ist voller Segen von oben, und ich will ja gerne meinen kindlichen Fleiß, den ich freilich nur erst wenige Tage an demselben verwendet habe, hier allen zum besten geben! Materiellen Gewinn hat mir das Gärtchen zwar noch wenig abgeworfen – was aber für die sehr kurze Zeit seines Bestehens auch gar nicht zu verlangen wäre –; aber dessenungeachtet hat das Gärtchen mir schon einen desto größeren geistigen Gewinn abgeworfen!
GEJ|2|201|2|0|Ja, das Gärtchen ist für mich ein rechtes Buch der tiefsten Weisheit, und ich habe daraus in wenigen Tagen schon bei weitem mehr gelernt, als was mir Salomo in aller seiner Weisheit hätte eröffnen können; und so ist denn auch die Antwort auf meine ehedem dem Josoe gegebene Frage in eben dem Gärtchen schon vor ein paar Tagen glänzend zum Vorschein gekommen und ist nun mein volles, vom Herrn Selbst mir eingeräumtes Eigentum! Denn wäre die volle Antwort nicht in mir, – wahrlich, nie hätte ich solch eine Frage gegeben auf ein blindes Glück hin, daß sie vielleicht jemand anders beantworte auch für mein Verständnis!
GEJ|2|201|3|0|Oh, ich habe die sicher volle Antwort in mir, und diese gilt nicht nur für jetzt, sondern sie wird gelten für alle Zeiten, solange es irgend Gottes Wort und mit demselben sich am meisten beschäftigende Priesterschaften auf dieser lieben Mutter Erde geben wird! Das aber ist die volle Antwort auf die von mir dem lieben Josoe gegebene Frage:
GEJ|2|201|4|0|Ich legte zu Hause verschiedene edle und gute Fruchtsamen ins fette Erdreich meines Gärtchens. Einige davon keimten schon am nächsten Tage, und am zweiten Tage waren die Triebe schon bei vier Finger hoch über dem Erdboden.
GEJ|2|201|5|0|Ein Mädchen, und ganz besonders ich, ist immer sehr neugierig, und so trieb mich meine unersättliche Neugierde, bei wenigstens einigen stark aufkeimenden Samen zu sehen, was denn so ganz eigentlich am Ende aus den Samenkörnern wird, wenn aus denselben schon so recht starke Triebe über dem Erdboden zum Vorscheine kommen. Ich grub darum einige aus und besah mir die Sache so recht genau und aufmerksam. Und seht – wie man auf römisch zu sagen pflegt: Sapienti pauca sufficiunt! (Dem Weisen genügt wenig!) –, ich fand das Samenkorn verwest und das es umgebende Erdreich mit einem Moderschimmel gemengt! Aus diesem Grabe sproßte das zarte Pflänzchen, und vom Samenkorne war, wie gesagt, nichts mehr übrig als etwa ein bißchen von der äußeren, das Samenkorn von außen umgebenden und schützenden harten und somit schwerer unverweslichen Schote.
GEJ|2|201|6|0|Neben dieser sehr denkwürdigen Erscheinung aber fand ich auch, wie leider mehrere Samenkörner ohne Keim ganz von dem Moderschimmel aufgezehrt waren, und es fand sich da durchaus nichts vor, woraus irgendein Fruchtkeim hätte hervorwachsen sollen oder können; wohl aber entging es meinen scharfen Augen nicht, wie sich eben über solchen ganz verwesten Samenkörnern ganz kleine und zarte Pflänzchen aus dem Boden keimend zeigten, die mit den guten und edlen Keimen nicht die leiseste Ähnlichkeit hatten. Aha, dachte ich mir, da hast du es! Diese falschen Keime sind sicher auch ein Produkt aus den guten, ins fette Erdreich gelegten Samenkörnern; aber das hungrige Erdreich hat sich bloß damit gesättigt und ließ nicht zu, daß da emporkeimte der rechte, gute Keim. Aber was hilft es ihm an Ende? An der Stelle des einen edlen Keimes schießen dreißig unedle empor und entziehen dem Boden vielleicht am Ende bei hundertmal mehr des fetten Nährstoffes, als dies das eine gute Pflänzchen getan hätte; denn alles, was gut und edel ist, das ist auch vollgenügsam in jeder Hinsicht, sei es, was es wolle.
GEJ|2|201|7|0|Das Gold braucht nicht wie das Blei ewig geputzt zu werden, um zu glänzen; man putzt es einmal ordentlich, und es glänzt dann Jahrhunderte hindurch. Eine Rebe wächst fruchtbringend auf dem schlechtesten Boden; aber die Disteln und Dornen suchen gewöhnlich das beste Erdreich aus. Die guten und edlen Haustiere sind selten gefräßig, während ein Wolf, eine Hyäne und dergleichen Bestien mehr gleich Tag und Nacht in einem fort fressen möchten. Also ist auch der wahrhaft edle und gute Mensch genügsam, während der arge, finstere Weltmensch an nichts ein Genüge hat. Man gebe ihm hunderttausend Pfunde Goldes, und er wird darauf sicher sein sehnlichstes Verlangen haben, sobald als möglich noch einmal soviel zu bekommen, und es wird ihm sehr einerlei sein, ob die andern Menschen auch alle verhungern aus Armut! Es erzeugt aber stets ein Geiz den andern!
GEJ|2|201|8|0|Seht, das Erdreich meines Gärtchens war also teilweise unedel und geizig und wollte sich mästen mit meinen edlen Samenkörnern, die ich in dasselbe gelegt habe! Was aber ist die bittere Folge? Seht, es muß darauf statt des einen edlen, genügsamen Pflänzchens hundert gefräßige, unedle ernähren!
GEJ|2|201|9|0|Und seht, wie es dem dummen, geizigen und selbstsüchtigen Erdreiche ergeht, so ergeht es auch den Menschen auf der Erde, die sich hier schon einen Himmel voll der seligsten Genüsse haben schaffen wollen! Sie müssen am Ende allen ihren mühevoll gesammelten Vorrat dennoch fahrenlassen, und hundert andere vergeuden ihn dann auf eine oft sehr liederliche Weise. – Das ist nun ein Vorbild zu meiner kommenden vollen Antwort auf meine Frage. Fasset dieses Bild so recht tief in euer Gemüt, und ihr werdet die Antwort beinahe von selbst finden!“ – Hier denken alle darüber nach und können nicht genug staunen über des Mädchens große Weisheit.
GEJ|2|202|1|1|202. — Anwendung des Entsprechungsbildes der Jarah
GEJ|2|202|1|0|Das Mädchen aber wendet sich unterdessen an Josoe und fragt ihn überaus liebfreundlich, sagend: „Und dir, mein liebevoller, hoher Nachbar, fällt auch noch kein rechtes Licht in dein Herz?“
GEJ|2|202|2|0|Sagt Josoe: „Holdeste und wunderbar weiseste Jarah! Mir ist es wohl, als sähe ich etwas wie durch ein vors Gesicht gehaltenes Tuch; aber von irgendeiner Klarheit ist da noch lange keine Rede. Darum fahre du nur fort, die Sache aufzuhellen; denn an mir hast du sicher deinen alleraufmerksamsten Zuhörer! Die Sache ist zu wichtig, als daß man da auch nur ein Wort unbeachtet lassen könnte; und das scheinen auch alle am Tische und alle unsern Tisch Umstehenden tiefst zu fühlen, darum sie sichtlich nach der Fortsetzung ängstlich gieren. Fange du darum nur wieder an, deine Antwort bis ans Ende fortzusetzen!“
GEJ|2|202|3|0|Nach diesen Worten fängt die Jarah abermals an, ihre Antwortrede weiterzuführen und sagt: „So ihr das vorangeschickte Naturbild, das ich als erste geistige Ernte meines Gärtchens vor euch hingestellt habe, ein wenig nur überdacht habt, so dürfte euch das nun Nachfolgende gar leicht und ganz helle einleuchtend werden. Habet darum recht wohl acht, und höret und sehet!
GEJ|2|202|4|0|Die Menschen dieser Erde sind, geistig genommen, gleich dem Erdreich meines Gärtchens, und das Wort Gottes, das zuerst durch die Urväter, von Adam angefangen, und später durch die Patriarchen und durch die von Gott Selbst geweckten Propheten unter die Menschen aus den Himmeln kam, ist wieder gleich den edlen und guten Samenkörnern, die ich ins Erdreich meines Gärtchens legte. Wie aber kein Samenkorn alsogleich, wie es ins Erdreich gelegt wird, schon zur neuen, vervielfältigten, reifen Frucht wird, ebenalso ist dies auch mit dem Worte Gottes der Fall.
GEJ|2|202|5|0|So das Wort Gottes durch die Anhörung desselben in das Gemüt des Menschen kommt, so muß es durch die Taten, welche gleich sind der belebenden Nährkraft des Erdbodens, – und zwar, wie im Gottesworte angeordnet, gegen unsere Brüder und Schwestern hin – belebt und dadurch zum rechten Erkeimen, zum Zwecke der wahren und vollkräftigen Frucht des geistigen Lebens in Gott, zur segensreichen und dadurch vollreifen Frucht werden! Wenn aber Menschen – darunter zunächst diejenigen zu verstehen sind, die das Wort zuerst aufnehmen, als Propheten und Priester, um, so es in ihnen zur Reife käme, dasselbe dann in der vollsten Echtheit weiter auszusäen auf dem großen Acker aller Menschen dieser Erde für alle Zeiten der Zeiten – gleich dem Erdreiche, das das edle Samenkorn selbst verzehrt, um sich daran zu mästen, selbes nur für sich als ein Mittel verwenden, durch das sie allein fett zu werden hoffen, so ist es dann ja gar nicht etwas zu unnatürlich Wunderbares, wenn auf dem Acker der sogestaltig offenbar falschen Propheten und Priester für den großen Acker der Laienmenschheit am Ende nichts als böses Unkraut, Dornen und Disteln erkeimen und zur argen Reife gelangen!
GEJ|2|202|6|0|Obschon es aber also geschieht, so ist das im Allgemeinen wie im Sonderheitlichen dennoch nicht wider die göttliche Ordnung und wider die göttliche Weisheit; denn sehet, wenn die edle Frucht reif wird, so wird alles Stroh und alle Frucht gesammelt und in die Scheunen gebracht, das Unkraut aber bleibt auf dem Felde und düngt unwillkürlich das Erdreich, das dadurch für eine nächste Aussaat kräftig wird und voll Gier, bald eine neue edle Fruchtsaat in sich aufzunehmen und sie zu beleben.
GEJ|2|202|7|0|Also ist es denn auch in der Tat mit uns Menschen. Wären wir schon von jeher gesättigt mit der reinsten Wahrheit, wie sie kommt aus dem Munde Gottes, wahrlich, so würde uns wenig gelüsten nach einer ferneren, neuen Wahrheit!
GEJ|2|202|8|0|Gott der Herr aber sieht solches zum voraus und läßt es darum zu, daß die stumpfgewordene Menschheit eine Zeitlang mit Schweinefutter bedient wird, und daß ihr Erdreich durchs Unkraut recht nährkräftig wird; darauf erst schmeckt dann der in der Nacht nach Licht schmachtenden Menschheit die reine und edle Frucht des reinen Wortes Gottes, wie das nun soeben bei und unter uns der handgreifliche und der allerseligste Fall ist.“
GEJ|2|203|1|1|203. — Der Materialismus und seine Vertreter
GEJ|2|203|1|0|(Jarah:) „Wahrlich, es geschehen unerhörte Greuel auf sicher allzeitige Veranlassung der sogenannten Diener Gottes! Aber die Menschen, die davon sichere Kunde erhalten und doch selbst auch in der Gottesschrift nicht unkundig sind, fragen dann nach und nach untereinander sich denn doch, und das von Tag zu Tag mehr: ,Was soll das? Was ist Gottes Wort? Kann das Gottes Wille aus dem Sinne Seines Wortes sein, daß die Verkünder des Gotteswortes, Seines Liebewillens, Seiner Gnade, Seiner Sanftmut und Seines Friedens zu lauter allerhabgierigsten, herrschsüchtigsten, selbstsüchtigsten, lieblosesten und frechsten Teufeln an ihren Nebenmenschen werden?‘
GEJ|2|203|2|0|Und sehet, solche Fragen sind gut; denn sie sind die ersten Triebfedern, durch die die Menschheit zur wahren Selbsttätigkeit gelangt, ohne die sie je weder aus einer guten und noch weniger aus einer argen, gewisserart höllischen Nötigung in die wahre geistige Freiheit übergehen kann, ohne die es für die Seele und ihren Geist kein ewiges Leben gibt.
GEJ|2|203|3|0|Es ist wahr, man wird bei der Betrachtung über das Treiben der Priesterschaften oft von gerechtem Ärger zerrissen und nahezu ganz aufgelöst, und man möchte oft aus vollem Halse schreien: ,Herr! Hast Du denn keine Blitze, keinen Hagel, keinen Schwefel und kein Pech mehr, um diese Menschentiger zu züchtigen mit der äußersten Schärfe Deines göttlichen Zornes?‘ Aber da spricht eine sanfte Stimme aus dem Innersten des Herzens und sagt: ,Sei klug und weise, und siehe, wohin du trittst? Siehst du am Wege eine Natter lauern, so weiche ihr aus; denn der ganze Erdboden ist noch lange nicht mit lauter Nattern bedeckt!‘
GEJ|2|203|4|0|Es muß ja auch die Nacht sein, so gut wie der Tag, damit der Mensch den Wert des Lichts erkenne. Am Tage hat wohl kein Mensch irgendein Bedürfnis nach einem Lampenlichte; kommt aber die Nacht, dann fühlt ein jeder Mensch ganz schmerzlich den Mangel des Lichtes und zündet, so gut er es haben kann, sich irgendein Licht an, und ein schwacher Schimmer schon macht ihm freundlicher seine Kammer als der oft gänzliche Lichtmangel.
GEJ|2|203|5|0|Sehet, wenn der Herr die Menschen dieser Erde so recht mit allerlei irdischen Gütern versieht, da werden sie bald übermütig und fangen an, zu sehr für ihren Leib zu sorgen, und ihre Seele, in der der göttliche Geist wohnt, wird dann bald, gleich wie das edle Samenkorn von dem dasselbe umgebenden zu sättigungsgierigen Erdreich, aufgezehrt, statt daß sie zur Erkeimung des göttlichen Geistes in ihr zum ewigen Leben aus dem Leibe die Stärkung bekäme in gerechtem Maße, wie solche von Gott verordnet ist, und zu welchem Endzwecke Gott der Seele denn auch so ganz eigentlich den Leib gegeben hat. Wo aber die Seele dann von ihrem Leibe aufgezehrt ist, dort kommen dann aber natürlich statt der edlen Früchte auch nur Dornen, Disteln und allerlei anderes böses Unkraut zum Vorscheine, von denen man dann wahrlich keine Trauben und keine Feigen ernten kann!
GEJ|2|203|6|0|Ein solcher Mensch ist aber dann geistig auch so gut wie tot! Er weiß nichts mehr von dem, was irgend des Geistes ist. Er leugnet alles Geistige und vermaterialisiert alles. Außer der groben Materie gibt es für solch einen Menschen nichts mehr; sein Bauch und seine sinnlichste Haut sind seine zwei alleinigen Gottheiten, denen er Tag und Nacht bereit ist, jegliches Opfer zu bringen. Für solche Menschen gibt es dann keinen Gott mehr, und wenn endlich solche Menschen, wie es nun leider nur zu sehr der Fall ist, gar noch Priester und Gottesdiener werden, da wird man doch hoffentlich nicht lange zu fragen brauchen und sagen: ,Warum sind denn diese puren Knechte des Fleisches, für die im Grunde des Grundes Seele, Geist, Gott und Seine Himmel nichts als veraltete, poetisch phantastische Redebilder sind, Priester und Gottesdiener geworden?‘ Man sehe nur ihre überdicken Bäuche an, und man hat auch die vollste Antwort lebendig vor sich!
GEJ|2|203|7|0|Solchen Ausspendern des Wortes Gottes ist es dann wohl freilich einerlei, ob sie ihre ihnen anvertrauten Gemeinden mit Brot aus den Himmeln oder mit Unflat aus den ekelerregendsten Pfützen sättigen; wenn sie dafür nur ganz majestätisch gut bezahlt werden! Es darf uns aber eben darum auch gar nicht zu sehr wundernehmen, wenn wir von seiten des Tempels nicht selten Dinge vernehmen, vor denen wir nicht selten vor Entsetzen beinahe ganz starr und steif werden.
GEJ|2|203|8|0|Hat der pure Leibmensch es einmal dahin gebracht, daß er von der Würde, ein Mensch zu sein, kaum mehr fühlt als ein Pilz des Waldes, der irgendeinem Erdmoder entwuchs, – was edler Menschliches soll man da dann von solch einem Modermenschen erwarten? Man lasse ihn wie eine eklige Natter am Wege kauern und züngeln und suche sich irgendeine natterlose Stelle auf der weiten Mutter Erde. Denn der Herr ist mit jedem, der Ihn wahrhaft sucht, und verläßt den nimmer, der sich in seinem Elend an Ihn wendet!
GEJ|2|203|9|0|Wir alle, die wir an den Ufern unseres Binnenmeeres wohnen, waren schon lange ein Spielzeug des Tempels. Man verschonte Judäa soviel als möglich; aber dafür mußten wir Galiläer den Templern schon seit langem als barste Sündenböcke einerseits und anderseits als Melkkühe dienen, – aber dafür haben, wir das Gute, daß uns viel früher das herrlichste Licht in allem und über alles aufgegangen ist, während sich Judäa noch in der tiefsten Nacht befindet.
GEJ|2|203|10|0|Wir verspürten zuerst die überaus selbstsüchtige Gefräßigkeit der Tempelerde, worunter ich natürlich die Priesterschaft verstehe, und machten uns soviel als möglich frei von ihnen. Und wir, als auch ein edles Gotteskorn, vergeudeten unsere innere Lebenskeimkraft nicht zur Füllung des großen Tempelbauches, sondern wir kehrten uns nach der in uns selbst stets mehr erkannten Gottesordnung und stehen darum nun schon als vielfach gesegnete Frucht frei auf dem großen, schönen Acker Gottes. Die Judäer, Mesopotamier und die gen Mittag Wohnenden aber werden noch lange nicht dahin gebracht werden, daß sie einsehen, wie sie vom Tempel aus nun die festweg betrogensten Narren sind!
GEJ|2|203|11|0|In dieser meiner so ziemlich gedehnten Antwort auf meine Frage wird hoffentlich sicher ein jeder von den hier anwesenden Gästen erkennen, daß das Mädchen aus Genezareth schon recht gut weiß, was sie aus den Fügungen und Zulassungen Gottes zu machen hat! Du, o Herr, aber vergib es mir gnädigst, daß ich vor Dir und dazu an Deiner heiligsten Seite gar so lange und gar viel, mitunter vielleicht auch unnützes Zeug, geplaudert habe! Ich wollte aber dadurch ja durchaus nicht die Stärke meiner Erkenntnis zeigen, sondern, weil sich denn die Gelegenheit also ergab, alles nur so herauszusagen, wie es mir ganz getreu und wahr ums Herz war!“
GEJ|2|204|1|1|204. — Josoe und Jarah über Judas
GEJ|2|204|1|0|Sage Ich: „Liebste Tochter Meines Herzens, Ich sage es dir: Nicht ein Wort zuviel oder zuwenig hast du gesprochen! Darum aber sage Ich es auch euch allen und rate es euch, alles, was dies Mädchen nun geredet hat, zu behalten, es wohl zu beachten und danach zu handeln. Will aber jemand irgendeine Gegenbemerkung machen, so erhebe er sich und rede!“
GEJ|2|204|2|0|Auf diese Meine Aufforderung kam unser Judas Ischariot zum Vorschein und sagte: „Mit gar allem bin ich nicht einverstanden, obschon ich sonst dieses Mädchens Weisheit tiefst bewundere; denn es spricht ja wie ein bestens geschriebenes Buch.“ – Darauf schwieg er.
GEJ|2|204|3|0|Der Knabe Josoe aber fuhr ihn förmlich an und sagte: „O du fürchterlich unsinniger und über alle Maßen dummer Mensch! Hast du denn nicht vernommen, welches Zeugnis der Herr Selbst der holdesten Jarah gegeben hat, und du willst nicht mit allen Punkten ihrer Antwortrede einverstanden sein? Oh, so fahre denn heraus mit deiner unbefriedigten, übergroßen Dummheit, und wir werden es sehen, von welchem Unflate sie erfüllt ist! Da öffne deine dümmsten Augen, du alter Ochse, und sieh, hier neben mir sitzt ein Gottesengel aus der Himmel höchstem; sein Wesen ist pur Licht. Hier ersiehst du die junge, weise Rednerin aus dem Herzen Gottes und neben ihr hoffentlich den Herrn Selbst, dessen Geist Himmel und Erde und alles, was da ist, erschuf, und du willst dennoch über das Zeugnis Gottes hinaus mit etwas in der Rede der holdesten Jarah nicht ganz einverstanden sein?! Sage mir, wer du bist, daß du nun gar so unverschämt mit Gott rechten willst!“
GEJ|2|204|4|0|Diese sehr energischen Worte des Josoe machten den Judas sehr schüchtern, und er zog sich sogleich wieder zurück und setzte sich ganz ruhig auf seine Bank; denn es hatte ihn eine große Furcht vor dem gewisserart nun Sohne des hohen Cyrenius ergriffen, und er rührte sich nicht auf seinem Sitze.
GEJ|2|204|5|0|Josoe aber redete weiter und sprach: „Ist das nicht einer der Hauptjünger? Mir kommt sein Gesicht bekannt vor, ich habe ihn in Nazareth gesehen! Ja, ja, er ist es, und zwar derselbe, der schon in Nazareth immer gehadert hat, so ich mich nicht irre, mit einem gewissen Jünger Thomas!“
GEJ|2|204|6|0|Sagt Jarah: „Laß das, hoher Josoe! Siehe, hätte jener Jünger eine so leichte Auffassungsfähigkeit wie du und, dem Herrn allein alles Lob, auch ich, so würde er, gleich den andern seiner Brüder und Gefährten, schweigen und in seinem Herzen darüber sehr nachdenken; dieweil er aber sicher ein sehr hartes Herz besitzt, so faßt er jegliche höher und tiefer liegende Wahrheit schwer! Und nimmt er auch etwas an, so kann er es nicht durchgängig unterbringen, weil in seinem zusammengeschrumpften Herzen etwas göttlich Großes und Erhabenes nimmer völlig Platz haben kann! Darum laß du den Menschen und kümmere dich seiner nimmer!“
GEJ|2|204|7|0|Sagt Josoe: „Hast abermals wieder vollkommen recht! Aber weißt du, so eine kleine Zurechtweisung schadet ihm übrigens sicher nicht im geringsten; denn ich weiß es, daß dieser Mensch im hohen Grade vorlaut ist. Er möchte stets so ein Erster unter seinen Gefährten sein, und es sollen sich alle bei ihm Rat holen. Das geschieht natürlich nie, weil die andern bei weitem weiser und vollverständiger sind denn er, und das ärgert ihn heimlich, und er ist darum so nebenher stets etwas kleinweg rachsüchtig, was ihm aber nichts nützt; denn er wird, wie nun besonders von dem Jünger Thomas, der ein recht weiser Mann ist, auf eine eben nicht zu sanfte Weise zurechtgewiesen!“
GEJ|2|204|8|0|Sagt die Jarah: „Ja, ja, du denkst ganz richtig und gerecht; denn ich erinnere mich nun auch so einer kleinen Haderei in Genezareth! Der Herr weiß es sicher besser denn wir beide, warum Er diesen Jünger in Seiner Gesellschaft duldet; ich hätte ihm schon lange den Weg gewiesen! Der Mensch hat für mich etwas ganz besonders Abstoßendes, und ich möchte nicht viel darum setzen, ob durch ihn nicht einmal die ganze Gesellschaft in sehr große Ungelegenheiten gelangen wird; denn ich traue solchen Menschen nie, die jemandem, der mit ihnen spricht, nicht ins Auge zu schauen vermögen! Sie scheinen sich stets zu fürchten, als könnte ihr unstetes Auge einen Verräter ihres bösen Herzens machen. Und diese üble, mir durchaus nicht gefallen könnende Eigenschaft besitzt eben jener Jünger! Nun, aber der Herr duldet ihn dennoch und muß dafür sicher irgendeinen weisesten Grund haben!“
GEJ|2|204|9|0|Sage Ich zu Jarah: „Meine Tochter! Siehe, du selbst hast ja eben vorher in deiner Rede den Grund recht überaus herrlich dargestellt, aus dem für jedermann überklar hervorgeht, warum von Mir aus neben dem Weizen auch das Unkraut geduldet wird. Und siehe, der ist auch so ein Stück Unkraut auf Meinem guten Acker; wenn aber der gute Weizen gesammelt wird in Meine Scheuern, da wird er als Unkraut auf dem Felde stehenbleiben und verbrannt werden zur Düngung des schweren Bodens und zur Leichtermachung desselben!
GEJ|2|204|10|0|Es muß zwar der Boden locker sein, wenn im selben die edle Frucht gut gedeihen soll, – aber, weißt du, zu locker darf er wohl auch nicht sein; denn in einem zu lockeren Boden können die Wurzeln keinen irgend festen Grund erreichen. Kommen dann Hitze und darauf wie gewöhnlich große Stürme, da verdorren dann gerne die Wurzeln samt dem Fruchtstengel. Und kommt darauf ein Sturm, so werden solche Fruchtstengel leicht entwurzelt, verdorren dann auf dem Felde und bringen keine Frucht! Darum braucht die Zucht des Gotteskindes stets einen mehr schweren denn lockeren Grund und Boden; und dieweil also, muß man sich's denn schon gefallen lassen, so sich irgend neben dem Weizen aus dem schweren Boden auch ein Unkraut zeigt! Denn es wird nicht gesammelt für eine Ernte, sondern es bleibt zur Düngung des Bodens, auf daß eine nächste Aussaat zu einer noch reichlicheren Ernte gereift werde, als das bis jetzt der Fall war. – Hast du Mich verstanden?“
GEJ|2|205|1|1|205. — Verschiedene Völker bedürfen einer verschiedenen Führung
GEJ|2|205|1|0|Sagt die Jarah: „O ja, Herr, Du meine alleinige Liebe, wahre Kinder bedürfen einer festeren Erziehung denn die Kinder der Sklaven; denn die Kinder des Hauses werden nach ihren Eltern, oder auch mit ihnen für das gesamte Hauswesen zu sorgen habend, erzogen, während die Kinder der Sklaven nur so viel zu wissen brauchen, als ihr stets gleicher und höchst einförmiger Dienst erfordert! Freilich wäre da noch sehr zu fragen, warum Gott der Herr es zuläßt, daß auf dieser Erde ein Mensch dem andern als ein allzeit elender Sklave dienen muß und der Herr des Sklaven sogar vom Kaiser aus die Macht über sein Leben und über seinen Tod hat.“
GEJ|2|205|2|0|Sage Ich: „Ja, meine liebste Tochter, um das zu erörtern in der Fülle, würde uns alle viel zu weit führen; aber ein paar Gleichnisse will Ich dir und dadurch auch all den andern darüber geben. Wer sie fassen wird, dem wird nebst dem noch so manches klar werden; und darum merket und horchet wohl auf Mich:
GEJ|2|205|3|0|Man hat verschiedene Getreidearten, als den glatten und bärtigen Weizen, die zweizeilige und vierzeilige Gerste, das hohe Korn, den Hafer, den großen Maisweizen; dann hat man die Linsen, die Wicken und verschiedene Gattungen von Bohnen; und sehet, diese verschiedenen Gattungen brauchen auch stets einen verschiedenen Boden, ohne den sie gar nicht gedeihen würden. Eine Getreideart braucht einen festen Lehmboden, die andere auch einen Lehmboden, der aber stets gut gedüngt sein muß, ansonst aus dem Getreide nichts wird. Wieder braucht eine andere Getreideart einen lockeren und steinigen, und eine andere einen sandigen Boden. Manche Getreideart benötigt einen feuchten und wieder eine andere einen trockenen Boden. Das alles lehrt die Menschen die Erfahrung.
GEJ|2|205|4|0|Gleichermaßen brauchen verschiedene Menschen auch eine verschiedene Erziehung, je nachdem ihre Herzen und Seelen vorderhand beschaffen sind. Wie es sich aber mit einzelnen Menschen als Kinder oft ein und desselben Vaters verhält, also verhält es sich auch mit ganzen Gemeinden und mit ganzen, großen Volksstämmen. Da ist ein Volksstamm, der braucht eine weiche, also mehr lockere Behandlung, und er gedeiht zum großen Segen der anderen Völker der Erde. Ein anderer Volksstamm braucht wieder eine harte Behandlung, ansonst er bald ausarten und verkümmern würde zum Fluche der Nachbarvölker. Wieder hat ein Volksstamm eine entschiedene Neigung zum Tyrannisieren und zum Herrschen über seine Nebenmenschen. Für die Seelen solcher Menschen ist dann nichts besser, als daß sie auf viele Jahre in eine rechte Sklaverei verfallen, da sie so recht durch und durch gedemütigt werden. Haben sie sich in der Demütigung wohl zurechtgefunden, und ertragen sie ihr Los endlich mit aller Geduld und ohne Murren, dann werden sie wieder zu freien Bürgern der Erde und werden nun als eine veredelte Frucht auf dem besten und fettesten Boden sicher bald überaus üppig fortkommen.
GEJ|2|205|5|0|Sehet, das ist nun ein Bild, das eben für euch alle ganz leicht zu begreifen sein sollte, indem ihr doch schon so manches begriffen habt!
GEJ|2|205|6|0|Um aber diese recht sehr wichtige Sache noch anschaulicher zu machen, so stelle Ich euch die Teile des menschlichen Leibes dar, von denen auch ein jedes Glied einer anderen Form, darum einer anderen Behandlung und, so es krank ist, natürlich auch eines anderen Heilmittels bedarf, damit es genese. So jemand einen Schmerz im Auge fühlt, muß er dagegen sicher ein ganz anderes Mittel gebrauchen als gegen den Schmerz in einem oder dem andern Fuße. Wer da ein Leiden im Bauche hat, muß es anders behandeln, als hätte er eines in einer oder der andern Hand, und so muß bei den Krankheiten des Leibes auch darauf gesehen werden, ob sie junge, oder alte und hartnäckige Übel sind. Ein junges Übel läßt sich oft mit einem leichten Mittel beheben, während ein altes einer starken Medizin nahezu auf Leben und Tod benötigt, um aus dem Leibe geschafft zu werden. Die Menschen aber entsprechen mit ihren Seelen immer auch den einzelnen Gliedern ihres Leibes. Je nachdem dann irgendeine Seele mehr einem edleren oder unedleren Gliede ihres Leibes entspricht, desto mehr muß sie auch entsprechend also behandelt werden wie das einzelne Glied, dem sie entspricht.
GEJ|2|205|7|0|Aus diesem Bilde sind dann auch wieder die verschiedenen Verhältnisse der Menschen bezüglich ihrer seelisch-sittlichen Sphäre ebenso verschieden zu behandeln wie ihre einzelnen Glieder, denen sie in ihrer seelisch- sittlichen Sphäre entsprechen. Ein gar schlechter Zahn im Munde muß am Ende, wenn alle anderen Mittel nichts helfen, ausgerissen und vertilgt werden, damit er die gesunden Zähne nicht anstecke; ebenso ein unverbesserlicher böser Mensch aus einer Gemeinde, auf daß nicht die ganze Gemeinde durch ihn verdorben werde. Ebenso muß oft ein ganzes Volk, wenn schon nicht physisch, so doch moralisch vertilgt werden, auf daß am Ende nicht alle Völker der Erde durch dasselbe verdorben werden.
GEJ|2|205|8|0|Sehet nach in der Chronika, und ihr werdet es finden, welch ein großes Volk einst die Babylonier, die Niniviten, die Meder, die Perser, die Ägypter, die alten Griechen und vor ihnen die Phönizier und die Trojaner waren! Wo sind alle diese Völker nun? Wo sind die Gomorriten und die Sodomiten und wo die Völker der zehn Städte? Ja, physisch bestehen sie wohl noch in ihren verwahrlosten Nachkommen, die aber nirgends mehr einen Namen haben und auch nie wieder unter dem alten Namen zu irgendeinem Volke dieser Erde werden; denn es ist kaum etwas noch irgend Schlechteres denn ein alter Name, an dem viel eitler, nichtssagender Ruhm klebt. Solcherart Menschen oder Völker halten sich am Ende eines solchen uraltberühmten Namens wegen für vieles besser und ehrwürdiger als irgendeine junge Völkerschaft, die durch Sanftmut, Demut und Liebe gegen ihre Brüder sich im vor Gott gerechtesten und somit seelisch gesündesten Zustande befindet.
GEJ|2|205|9|0|Wenn ihr das nun so nur mit einiger Aufmerksamkeit betrachtet, so werdet ihr es bald finden, wie gut und gerecht der Vater im Himmel ist! Denn diese Erde hat einmal die feste Bestimmung, daß auf ihr für die ganze Unendlichkeit Kinder des Geistes Gottes erzogen werden, und es ist darum nötig, daß der Boden stets mehr hart und mager als zu locker und zu fett gehalten wird.
GEJ|2|205|10|0|Das mit dem edlen Getreide aufschießende Unkraut hindert darum, weil es mit wächst und reift, das gesegnete Gedeihen der edlen Frucht nicht, dieweil es nachderhand dennoch wieder zum Düngen des hie und da zu hart und mager gewordenen Erdreichs gar sehr dienlich ist. Kurz und gut: Was Gott zuläßt, ist gut, und am Ende ist dem vollends reinen Menschen dennoch alles rein, was die Erde in und auf sich und über sich trägt. – Saget, ob ihr alle dies nun von Mir Gesagte ganz verstanden habt!“
GEJ|2|205|11|0|Sagt Cyrenius: „Herr, wer aber sollte Dich da auch nicht verstanden haben? Das ist ja alles sonnenhelle!“
GEJ|2|205|12|0|Sage Ich: „Gut denn, und so soll uns Josoe darüber eine sichere Ansicht geben!“
GEJ|2|206|1|1|206. — Josoes Entschuldigungsrede
GEJ|2|206|1|0|Sagt Josoe: „O Herr, meine Ansicht darüber wird wahrlich sehr unsicher ausfallen! Ich verstehe es wohl so im ganzen, was damit gesagt werden will, und ich kann von mir nicht geradehin behaupten, als hätte ich solches nicht klar genug verstanden; aber darüber eine gewisse sonnenhelle Reflexion zu machen, dazu fühle ich mich viel zu schwach. Daher wäre es schon wieder gut, so mich auch noch hier meine allerholdeste Jarah vertreten möchte. Denn so ich auch, mir vorkommend, noch so weise rede, da ist aber dennoch irgend etwas am Ende da, dem sehr widersprochen werden kann! Und so ist es mir denn wohl um vieles lieber, zuzuhören, als selbst zu reden. Ah, so jemand etwas vorbrächte, das da nur im geringsten falsch und unrichtig wäre, dann werde ich schon lebendigerer Zunge werden; aber zur Entwicklung der über meinen Erkenntnishorizont zu hoch liegenden Wahrheiten fühle ich mich noch langehin zu schwach, – und so bleibe ich schön fein und ganz bescheiden stille, laß gerne die Weiseren für mich reden und horche als ein stiller Bewunderer zu, wie einem weisen Gemüte hohe Worte ebenso leuchtend entströmen wie der Morgensonne ihre Lichtstrahlen. Zudem finde ich es, wenigstens für mich, ganz überflüssig, über etwas ohnehin schon Sonnenhelles noch weitere Reflexionen zu machen. Wer wohl wird am hellsten Mittage noch irgendeine Lampe anzünden, um das Licht der Sonne dadurch zu unterstützen? Wer aber an den hellsten Lichtworten, die nun aus Deinem heiligen Munde geflossen sind, noch irgendeinen Zweifel haben kann, nun, der melde sich, und man wird ihn anstandslos auf die richtige Fährte führen!
GEJ|2|206|2|0|Wohl weiß ich es, daß man Dir, o Herr, sozusagen blindlings gehorchen soll, so Du von jemandem etwas willst; aber hier muß ich mich, und zwar infolge der rechten Demut meines Herzens, als ungehorsam erweisen! Denn gar leicht könnte Dein Verlangen, o Herr, für mich auch eine Art Prüfung sein, ob ich mich von meinem angeborenen, mich selbst oft überschätzenden Selbstgefühle werde so weit hinreißen lassen und gleich mit meiner noch obendrauf sehr schlecht bestellten Nachtlampe herausfahren werde, um die Sonne damit etwa doch noch heller zu machen, als sie ist! Aber da sagt mir glücklicherweise mein ruhiges Herz: ,Eitler Knabe, nimm dich in acht, der Herr prüft dich! Siehe, daß du in der Gnade bestehst vor Ihm!‘ Vernehme ich aber so etwas, oh, da kenne ich mich dann aber auch sogleich aus und bleibe auf meinem bescheidenen Platze! – Habe ich recht oder nicht, mich also durchgängig zu verhalten?“
GEJ|2|206|3|0|Sage Ich: „Mein lieber Josoe, recht und dennoch nicht ganz recht; denn, wenn Ich von dir etwas verlange, so weiß Ich es sicher warum! Und willst du dein Heil vollends in allem gefördert wissen, so mußt du Mir Folge leisten in allen Dingen, sei es, was es wolle. Und verlangete Ich selbst deines Leibes Leben, so müßtest du es lassen mit Freuden; denn Ich werde niemandes Leibesleben verlangen zum Unheile dessen, der es für Mich lassen würde!
GEJ|2|206|4|0|Aber Ich weiß, was dir nun so ganz eigentlich die Zunge ein wenig gelähmt hat. Siehe, du warst ehedem ein wenig vorlaut darin, daß du von dir behauptetest, daß du nur für die Wahrheit allein seiest! Ich zeigte es dir aber, daß du noch lange nicht wußtest, was die Wahrheit ist; und weil die Jarah, als ein harmloses Mädchen aus Genezareth, dich hernach offenbar ein wenig beschämte, da sie Meine Frage an dich auf eine überaus glänzende Weise beantwortete, so hast du darauf so ein wenig den Mut verloren. Aber siehe, diese deine kleine Mutlosigkeit ist im Grunde keine so ganz rechte Demut, sondern vielmehr eine heimlich gekränkte Eitelkeit deines Gemütes! Und sieh, das ist nun denn auch so ein kleiner Mitgrund, warum du dich nun so schwer zum Reden entschließest! Ich will aber, daß du solchen Mitgrund in dir nun völlig besiegen sollst; denn es ist einem etwas eitlen Gemüte besser, ein wenig ausgelacht zu werden, als auf dem Wege der triumphierenden Gelungenheiten sich von allen Seiten her bewundert und geschmeichelt zu fühlen! Darum rede du nur zu, so Ich von dir etwas zu reden verlange! – Und so gib du uns über Meine Belehrung vom Sklaventume nun nur immerhin irgendeine sichere Ansicht!“
GEJ|2|207|1|1|207. — Josoes Auffassung über die Zulassung der Sklaverei
GEJ|2|207|1|0|Sagt Josoe: „In Deinem Namen will ich's in aller möglichen Kürze wohl versuchen; ob aber meine Ansicht eine ganz sichere sein wird, das dürfte freilich wohl eine ganz andere Frage sein.
GEJ|2|207|2|0|Die Füße des Menschen stehen offenbar im Lebensrange tiefer denn die Hände; aber trügen die Füße den Menschen nicht zum Wasser, so könnten sie von den Händen dann nicht von ihrem Staube und Schmutze gereinigt werden. Darum, meine ich, ist der Sklavendienst im allgemeinen ebenso notwendig wie der Herrendienst. Wenn die Füße gleiten, fällt der ganze Mensch, und es ist darum sicher gut und nützlich, auf die Füße, welche mit allem Rechte die Sklaven des Leibes genannt werden können, oft mehr achtzuhaben denn auf alle anderen Leibesglieder. Stumpf und willenlos müssen die Füße den schweren, dabei ganz müßigen Leib Tagreisen weit tragen und bekommen als Lohn am Ende nichts als höchstens eine reinigende Erfrischung bei irgendeiner Quelle, während nach einer zurückgelegten Reise der ganze, bei der ganzen Reise müßig gewesene Leib sich stärkt mit Speise und Trank. Aber was können, was wollen die Füße dazu sagen? – Nichts, – denn sie sind dazu geschaffen!
GEJ|2|207|3|0|Und so meine Ich denn, daß das Sklaventum eine Notwendigkeit ist, die nie abgestellt werden kann, wenn die Menschheit in der ihr gegebenen Ordnung verbleiben soll; es müßte nur sein, daß mit der Zeit die Menschen irgendein anderes Bewegungsmittel erfänden, – da freilich könnte der Sklavendienst der Füße entbehrlich gemacht werden. – Und so glaube ich, könnte es denn mit der Zeit mit dem Sklaventume vor sich gehen!
GEJ|2|207|4|0|Besser wäre es allerdings, so man das die Menschheit entwürdigende Sklaventum gänzlich entbehren könnte; aber das dürfte noch lange währen, bis solch eine glückliche Zeit die Erde küssen wird.
GEJ|2|207|5|0|Der Sklave ist wahrlich von der freien Menschheit als Unkraut unter den Menschen angesehen. Aber es wird durch dieses seltene Unkraut der freie Mensch gar sehr gedüngt und wird dabei träge und vollends selbstuntätig, – und das halte ich für sehr schlecht. In dieser Hinsicht wäre es wieder besser, so es kein Sklaventum gäbe. Aber wenn anderseits das Sklaventum wiederum eine Schule der Demut ist, da ist es freilich auch wieder eine unerläßliche Notwendigkeit für die zu hoch gestiegene Menschheit; denn nach der babylonischen Gefangenschaft waren die Israeliten wieder ein ganz gutes Volk geworden, – nur schade, daß die Gefangenschaft nicht wenigstens ein volles Säkulum gedauert hat! Denn bei der Befreiung waren meines Erachtens noch zu viele darunter, denen der frühere Glanz des Judenreiches noch zu sehr vor den Augen schwebte, weshalb sie dann auch nichts Emsigeres zu tun hatten, als den alten Glanz wieder herzustellen. Und als da wieder erbauet waren die Mauern und der Tempel, so war der alte Hochmut auch wieder bei der Hand, und es ging darauf bald wieder und eigentlich noch schlechter zu in Jerusalem denn früher vor der babylonischen Gefangenschaft. Vierzig Jahre waren sonach offenbar zuwenig; aber so in hundert Jahren wäre allen unseren Vätern der Sinn für Glanz, Pracht und Hochmut sicher gänzlich vergangen für Jahrhunderte hindurch!
GEJ|2|207|6|0|Zwar ist das alles nur so meine sicher noch sehr unreife Mutmaßung und wird ohne Zweifel ihre sehr tüchtigen und wohlgegründeten Gegensätze haben; aber ich rede nur also, wie ich's fühle. Denn so jemand für eine schlechte Tat eine Maulschelle bekam, so wird er das Übeltun eben nicht um vieles länger meiden, als der Schmerz angedauert hat; so er aber von Gott aus für eine schlechte Tat mit einem lang andauernden und sehr schmerzlichen Leiden heimgesucht wurde, so wird er die Sünde, durch die er sich ein so schweres und schmerzliches Leiden zugezogen hat, sicher kaum je mehr wieder begehen!
GEJ|2|207|7|0|Darum kann ich mir ein recht lang anhaltendes Sklaventum nicht anders als nur vollkommen zweckdienlich denken, und sehe nun auch die eiserne Notwendigkeit dieses Standes ein und denke mir: So ein recht guter und williger Sklave ist im Grunde viel mehr ein vollkommener Mensch als der Freie; denn der Freie ist geistig ein Sklave seiner Sinne, während der materielle Sklave geistig ein ganz freier Mensch sein kann.
GEJ|2|207|8|0|Denn es ist ein großer Unterschied zwischen einem Menschen, der ein Herr seines Willens ist – was bei einem rechten Sklaven vollends der Fall sein muß –, und zwischen einem Menschen, dessen Wille keinen Gehorsam kennt, und bei dem alles geschehen muß, was er will.
GEJ|2|207|9|0|Und somit lobe ich mir nun erst ganz das Sklaventum und wünsche, daß es im ganzen nie ein Ende nehmen soll! Denn ich meine: Sobald diese Hauptschule für die wahre Demut ein Ende nehmen wird, so wird die Menschen der Erde ein großes Elend heimsuchen!
GEJ|2|207|10|0|Freilich wohl wäre es zu wünschen, daß die Menschen alle lebten nach Deiner Lehre, so wäre das Sklaventum ein tollstes Unding und ein Verbrechen an den Rechten der Menschheit; aber solange irgend das nicht der Fall ist und vielleicht noch lange nicht sein wird, ist und bleibt das Sklaventum der hochmütigen Menschheit ein wahres Evangelium aus den Himmeln, auf die Erde zur Besserung der Menschheit verordnet. –
GEJ|2|207|11|0|Das wäre nun so meine schwache Reflexion über Dein Wort bezüglich des Sklaventums; ich bitte Dich, o Herr, aber nun auch, daß Du darin die Fehler, die ich allenfalls gemacht habe, mir gnädigst anzuzeigen geneigt wärest, auf daß ich auch in dieser Sphäre in die volle Wahrheit einzudringen vermöchte!“
GEJ|2|207|12|0|Sage Ich: „Lieber Josoe, da hast du in allem ganz recht, und es läßt sich da wenig oder gar nichts vollrechtlich einwenden; bloß was die Dauer der babylonischen Gefangenschaft betrifft, hast du dich ein wenig in deinem Eifer verstiegen. Denn sieh, jede Gefangenschaft und auch jedes Sklaventum ist im Grunde dennoch nichts als ein von Gott zugelassenes Strafgericht! Ein Gericht aber ist und bleibt leider stets nur eine äußerste Nötigung zur Besserung und hat darum gewöhnlich für die Seelen der Menschen mehr eine schlechte denn eine gute Wirkung; denn wer das Schlechte nur der schlechten Folgen wegen meidet und das Gute tut der guten Folgen wegen, der ist noch sehr ferne dem Reiche Gottes. Nur der, welcher das Gute eben darum tut, weil es gut ist, und das Schlechte meidet des Schlechten selbst wegen, ist ein vollkommener Mensch. Denn solange sich der Mensch nicht aus sich selbst ans wahre Licht befördert, bleibt er ein Sklave im Geiste und somit tot für das Reich Gottes. – Der äußere Zwang bringt die Menschen noch auf andere Abwege des sittlichen Liebelebens, davon wir sogleich einige vernehmen werden.“
GEJ|2|208|1|1|208. — Gesetzeszwang und Liebe
GEJ|2|208|1|0|(Der Herr:) „Sieh, es ging in der Nacht eine Maid daher geringen Standes. Sie war irgendwo in Geschäften ihrer Herrschaft, verspätete sich aber so sehr, daß sie auf dem Rückwege von der Nacht eingeholt wurde. Am halben Wege aber trifft sie ein Haus, in dem ein frommer Einsiedler wohnt, wie es ähnliche in allen Gegenden Judäas gibt, die des Reiches Gottes wegen, wie sie es vorgeben und auch wirklich in ihrem Lebensplane haben, ein sogenanntes strenges Leben führen. Die in schon tiefer stürmischer Nacht heimkehrende Maid pocht an des Klausners Tür und bittet um Einlaß und Herberge für die Nacht.
GEJ|2|208|2|0|Der Klausner geht nun hinaus und ersieht, daß die Flehende eine Maid ist, durch deren Eintritt seine Hütte ja doch offenbarst verunreinigt werden könnte. Darum spricht er, von heiligem Eifer ergriffen: ,Betritt, du unreines Wesen, meine gottgeweihte, reine Hütte ja nicht; denn sie würde unrein durch dich und ich endlich unrein durch sie! Ziehe darum weiter und gehe hin, von wannen du gekommen bist!‘ Mit diesen Worten schließt er die Tür und überläßt ganz leichten Gemütes und froh, dieser ihn verunreinigenden Gefahr losgeworden zu sein, die weinende Maid ihrem herben Lose. Er kehrt darauf frohen Mutes ins Innere seiner Hütte und preist Gott, daß Er ihn vor solch einer Gefahr für seine Seele so gnädigst beschützt hat, und kümmert sich der armen Maid nimmer; ob diese in finsterer Nacht irgend verunglückt oder nicht, das ist ihm gleich.
GEJ|2|208|3|0|Nach einer Stunde aber kommt dieselbe Maid, vom Sturme übel zugerichtet, zum Hause eines verrufenen Zöllners, der vor den Augen der reinen Juden ein großer Sünder ist. Dieser hört die arme Maid schon von weitem jammern, da er an seiner Schranke Wache hält und auch sonst kein Freund vom frühen Sichschlafenlegen ist, daher man ihm auch von der reinen Judenseite den Beinamen ,Ordnungsloser Lump‘ gegeben hat.
GEJ|2|208|4|0|Dieser sündige Lump aber zündet schnell eine Fackel an und eilt der jammernden Maid entgegen; und als er sie daherhinkend und weinend findet, tröstet er sie, nimmt sie auf seinen kräftigen Arm, trägt sie in sein Haus, reicht ihr Speise und Trank und bereitet ihr ein gutes und weiches Lager. Am Morgen aber beschenkt er sie noch, sattelt darauf zwei Lasttiere und läßt sie, sie begleitend, also ihre noch ziemlich ferne Heimat ganz gestärkt und wohlgemut erreichen. –
GEJ|2|208|5|0|Siehe, der Klausner ist ein strenger Büßer und lebt gleichfort in einem sich selbst auferlegten Strafzwange und vermeidet alles sorgfältigst, was irgend seine als rein geglaubte Seele nur im geringsten verunreinigen könnte, und meint, daß Gott an ihm schon ein bedeutend großes Wohlgefallen haben müsse; zugleich aber liegt es ihm auch sehr daran, daß die Welt ihn für einen makellosen Heiligen Gottes halte, und das um so mehr, weil es von ihm allgemein bekannt ist, daß sein Gemach noch nie von einem weiblichen Fuße betreten ward. Natürlich trägt ihm solch eine sittliche Reinheit auch so manche Prozente in seine Hütte, die sicher in eine Abnahme kämen, so irgend am Ende dennoch verraten werden könnte, daß seine Hütte doch einmal verunreinigt ward durch den Fuß einer Maid, von der man denn doch nicht wissen könne, wann sie allenfalls ihre unreine Zeit habe.
GEJ|2|208|6|0|Dem Zöllner aber ist das einerlei, ob die Welt schwarz oder weiß von ihm spricht, sein Haus hält man stets für das unreinste und zwar so, daß ein echter Jude es ja nicht betreten wird, weil er sich darin auf wenigstens zehn Tage lang verunreinigen könnte. Daher ist dem Zöllner denn auch einerlei, was die Leute von ihm und seinem Hause reden, und er handelt darum frei nach dem Drange seines Herzens und denkt sich dabei: ,Bin ich schon ein großer Sünder und voll Unlauterkeit, so will ich aber dennoch Barmherzigkeit üben, auf daß ich dereinst auch Barmherzigkeit vor Gott finden möge!‘
GEJ|2|208|7|0|Sage du Mir, Mein lieber Josoe: Welche von den beiden würdest du am Ende den Vorzug geben?“
GEJ|2|208|8|0|Sagt Josoe lächelnd: „Oh, ohne alle Umstände dem Zöllner; denn wenn es auf der Welt lauter solche Klausner gäbe, da sähe es mit dem Leben der Menschen bald ein Ende habend und somit übel aus! Der dumme Klausner könnte mir mit seiner sittlichen Reinheit alle Stunde zehnmal gestohlen werden! Wahrlich, hätte ich den Himmel zu verleihen nach dem Tode, so wäre der Klausner sicher der letzte, dem ich im untersten Himmel den letzten Platz anwiese, und er käme mir nicht weiter, als bis er würde wie der Zöllner! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|2|209|1|1|209. — Über innere Sittenreinheit
GEJ|2|209|1|0|Sage Ich: „Vollkommen; denn also ist es auch! Und Ich sage es, wer da nicht wird wie der Zöllner, wird in Mein Reich wahrlich nicht eingehen; denn auch Mir kann alle die lieblose Sittenreinheit für ewig gestohlen werden!
GEJ|2|209|2|0|Ja, eine freie, wahre, innere Sittenreinheit mit der wahren, alles opfernden Nächstenliebe ist bei Mir über alles; aber eine solche, wie wir sie beim Klausner gesehen haben, gilt bei Mir nicht einen Stater. Wer rein ist, der soll bloß rein sein im Herzen vor Gott, aber die Welt soll nicht viel wissen davon; denn wenn die ihn darum lobt, so wird er von Mir wenig Lob zu erwarten haben.
GEJ|2|209|3|0|Am besten aber ist es, wenn der Mensch stets sagt: ,O Herr, sei mir, dem Sünder, gnädig!‘, und urteilt über niemand Arges, betet für seine Feinde und tut sogar noch jenen zu aller Zeit Gutes, die Übles von ihm reden und wo möglich ihm auch Übles zufügen.
GEJ|2|209|4|0|Wahrlich, wer das ist und tut, der ist nicht nur rein vor Mir – und hätte er auch noch so manche Sünde auf sich, die ihn sein Fleisch dann und wann zu begehen nötigte –, sondern er ist dabei vollauf Mein Bruder und mit Mir ein König der Himmel und aller ihrer Herrlichkeiten! Denn wird eines Menschen Fleisch oft auch von argen Dämonen gereizt, so wandelt aber dennoch seine Seele gleichfort in Meinem Geiste.
GEJ|2|209|5|0|Es müssen ja auch oft die Engel in die Hölle, in den Pfuhl aller Laster, steigen, und wenn sie zurückkehren, sind sie wieder so rein wie zuvor in dem höchsten aller Himmel. Und also ist es nicht selten mit Meinen Brüdern auf dieser Erde: steigen sie auch schon ihrem Äußersten nach manchmal in die Hölle, um auch dort die göttliche Ordnung und Willensmacht aufrechtzuerhalten, so bleibt dennoch ihre Seele rein im Zusammenhange mit Meinem Geiste in ihr.
GEJ|2|209|6|0|Kurz, den die Sünde fein demütig macht wie unsern Zöllner, der ist durch die Sünde als ein Engel nur auf einen Augenblick zur Hölle gestiegen, um daselbst Ruhe und Ordnung zu schaffen; sowie er aber zurückgekehrt ist, so ekelt es ihn davor, und seine Seele ist rein wie zuvor. Den als Sünder aber seine Sünden nur zum Hochmute treiben, und so der Sünder im Hochmute verbleibt, der ist schon ein Teufel, ob er äußerlich noch so rein schiene vor den Menschen.
GEJ|2|209|7|0|Ich sage aber zu euch allen: Was immer für Sünder und Sünderinnen in euer Haus hilfesuchend kommen, so sollet ihr ihnen nimmer die Türe weisen, sondern ihnen helfen, als hätten sie nie gesündiget; und habt ihr ihnen erst geholfen, so sollet ihr dabei auch alles aufbieten, um die Sünder für die Zukunft zu bessern auf dem Wege der Liebe und der Weisheit, aber jener wahren Weisheit, die stets nur aus der Liebe hervorgeht!
GEJ|2|209|8|0|Eine Ehebrecherin ist bei den Juden nach Moses wirklich eine Sünderin, die sofort gesteinigt werden soll, und zwar auf dem kürzesten Wege von jedermann, der ihr nach der Tat zuerst begegnet. Ich aber sage euch: Wer die Flüchtige aufnimmt in sein Haus und sucht sie zu retten doppelt – geistig und leiblich –, der wird dereinst von Mir mit freundlichen Augen angesehen werden, und seine Schuld wird in den flüchtigen Sand eingegraben werden, dessen Furchen der Wind verwehen soll! Wer aber einen Stein nach ihr wirft und ist selbst nicht frei von jeglicher Sünde, der wird dereinst ein schweres Gericht von Mir aus zu bestehen haben! Denn wer Mir wiederbringt, was da verloren war, der soll im Himmelreiche dereinst eines großen Lohnes wert befunden werden; wer aber da richtet, wenn auch gerecht nach dem Gesetze, der wird dereinst auch gerecht und streng nach Meinem Gesetze gerichtet werden!“
GEJ|2|209|9|0|Fragt hier Cyrenius: „Herr, was Du nun geredet, ist klar und wahr bis auf einen Punkt, der mir noch etwas unklar ist, und ich möchte darum wohl um eine noch etwas nähere Erörterung bitten. Der unklare Punkt aber ist – –“
GEJ|2|209|10|0|Sage Ich: „Der unklare Punkt ist: wie ein sonst reiner Mensch durch eine an seinem Leibe begangene Sünde in die Hölle steigen, dort Ordnung und Ruhe schaffen und endlich wieder ganz rein aus derselben zurückkehren kann.
GEJ|2|209|11|0|Sieh, das ist ganz leicht zu verstehen, wenn man nur weiß, was eigentlich die Sünde und die Hölle sowohl im engsten und desgleichen auch im weitesten Sinne ist! – Ich werde somit diese beiden Begriffe eurem Verständnisse näherzubringen versuchen, und so habet denn dabei recht acht mit eurer ganzen Seele!“
GEJ|2|210|1|1|210. — Das Wesen der Materie und der Seele
GEJ|2|210|1|0|(Der Herr:) „Sehet, der Leib ist Materie und besteht aus den gröbsten urseelischen Substanzen, die durch die Macht und Weisheit des göttlichen und ewigen Geistes in jene organische Form gezwängt werden, die der einen solchen Formleib bewohnenden freieren Seele in allem Nötigen wohl entspricht.
GEJ|2|210|2|0|Die in einem Leibe wohnende Seele aber ist natürlich anfangs um nicht viel reiner als ihr Leib, weil sie auch der unreinen Urseele des gefallenen Satans entstammt. Der Leib ist für die noch unlautere Seele eigentlich nichts als eine höchst weise und übergut und zweckmäßig eingerichtete Läuterungsmaschine.
GEJ|2|210|3|0|In der Seele aber wohnt schon der reine Funke des Geistes Gottes, aus dem sie ein rechtes Bewußtsein ihrer selbst und der göttlichen Ordnung in der Stimme des Gewissens überkommt.
GEJ|2|210|4|0|Daneben ist der Leib für außen hin mit allerlei Sinnen versehen und kann hören, sehen, fühlen, riechen und schmecken; dadurch bekommt die Seele allerlei Kunde von der Außenwelt, gute und wahre, schlechte und falsche.
GEJ|2|210|5|0|Aus dem Urteile des in ihr wohnenden Geistes fühlt sie in sich bald, was da gut und was schlecht ist; anderseits macht sie auch durch die äußeren Sinne ihres Leibes Erfahrungen von guten und schlechten, wohltuenden und schmerzlichen und anderen Eindrücken, und überdies wird der Seele von Gott, auf dem Wege der außerordentlichen Offenbarung von innen und von außen her, durchs Wort, der Weg der Ordnung Gottes gezeigt.
GEJ|2|210|6|0|Also ausgerüstet, kann dann die Seele allerdings ganz nach der leicht zu erkennenden göttlichen Ordnung sich frei selbst zu bestimmen imstande sein, was natürlich nicht anders sein kann, weil die Seele sonst unmöglich zu irgendeiner für ewig andauernden, in sich abgeschlossenen, aber doch freien Existenz gelangen könnte.
GEJ|2|210|7|0|Denn jede Seele, die fortbestehen will, muß sich durch die ihr gegebenen Mittel selbst als fortbestandsfähig gestalten und gewisserart ausbauen, ansonst sie am Ende entweder das Los des Leibes teilen kann, oder sie tritt als noch zu dreiviertel unausgebildet aus dem Leibe, der als völlig verdorben zur weiteren und gänzlichen Ausbildung der Seele gar nicht mehr taugt, und dann wird sie genötigt sein, in einer viel unbequemeren Maschine auf eine gewöhnlich sehr traurige und schmerzliche Weise ihre weitere Vollendung fortzusetzen.
GEJ|2|210|8|0|Der Leib aber ist, weil aus lauter in tiefem Gerichte noch seienden Teilen bestehend und darum des Todes fähig, bei und für jeden Menschen die Hölle im engsten Sinne; die Materie aller Welten aber ist die Hölle im weitesten Sinne, in die der Mensch durch seinen Leib gegeben ist.
GEJ|2|210|9|0|Wer nun viel für seinen Leib sorgt, der sorgt offenbar auch für seine höchst eigene Hölle und nährt und mästet sein Gericht und seinen Tod zu seinem höchst eigenen Untergange.
GEJ|2|210|10|0|Der Leib muß zwar eine gewisse Nahrung bekommen, damit er stets fähig ist, der Seele für die hohen Lebenszwecke die entsprechenden Dienste zu leisten; aber wer da zu ängstlich sorgt für den Leib und nahezu Tag und Nacht hadert und arbeitet und handelt, der sorgt offenbar für seine Hölle und für seinen Tod.
GEJ|2|210|11|0|Wenn der Leib die Seele reizt, sich für seine sinnliche Befriedigung in alle Tätigkeit zu werfen, so rührt das stets von den vielen unlauteren Natur- oder gerichteten Materiegeistern her, die so ganz eigentlich das Wesen des Leibes ausmachen. Gibt die Seele den Anforderungen des Leibes zuviel Gehör und tut danach, so tritt sie mit ihnen in Verbindung und steigt auf diese Weise in ihre höchst eigene Hölle und in ihren höchst eigenen Tod. Und tut die Seele solches, so begeht sie eine Sünde wider die Ordnung Gottes in ihr.
GEJ|2|210|12|0|Verharrt die Seele darin mit Liebe und köstlichem Behagen, so ist sie ebenso unrein wie ihres Leibes unreinste und gerichtete Geister, bleibt dadurch in der Sünde, somit in der Hölle und im Tode. Wenn sie auf der Welt auch gleich ihrem Leibe nach fortlebt, so ist sie aber dennoch so gut wie tot, fühlt auch den Tod in sich und hat eine große Furcht vor ihm. Denn die Seele kann in solcher ihrer Sünde und Hölle tun, was sie nur immer will, so kann sie dennoch kein Leben finden, obschon sie dasselbe liebt über alle Maßen.
GEJ|2|210|13|0|Sehet, darin liegt auch der Grund, aus dem heraus nun viele tausendmal Tausende von Menschen von einem Leben der Seele nach dem Tode ihres Leibes ebensoviel wissen wie ein Stein, der am Wege liegt; und so man ihnen irgend etwas davon sagt, so lachen sie höchstens oder werden gar erbost, treiben den Weisen zur Tür hinaus und weisen ihn, solche Dummheiten, die nichts als eine Lüge seien, den Wildschweinen vorzutragen!
GEJ|2|210|14|0|Und doch soll ein jeder Mensch längstens bis in sein dreißigstes Jahr in sich so weit mit der Bildung seines Ichs fertig sein, daß ihm das folgende freieste, seligste Leben nach dem Tode des Leibes so vollbewußt und sicher wäre wie einem Aar der Flug in der hohen freien Luft!
GEJ|2|210|15|0|Aber wie weit sind Menschen, die danach erst zu fragen anfangen, noch entfernt davon! Und wie weit aber erst hernach jene, die davon gar nichts hören wollen und einen solchen Glauben sogar für eine Dummheit halten, die kaum irgendeiner erheiternden Lache wert sei! – Solche Menschen befinden sich demnach ihr ganzes Erdenleben hindurch in der vollsten Hölle und im schon vollsten Tode.
GEJ|2|210|16|0|Nun aber kann sich eine Seele schon ganz gereinigt haben, und es wird ihr oft dennoch eine geraume Zeit gegeben nun zur Mitreinigung zunächst ihres in und an und für sich noch immer unlauteren Leibes und seiner Geister, wodurch der ganz edlere Leibesteil sich endlich auch aus der Seele die Unsterblichkeit anzieht und jüngst nach dem Tode des gröbsten Teiles seiner Wesenheit mit der Seele zu ihrer Vollkräftigung mit erweckt wird.
GEJ|2|210|17|0|Bei solchen schon reinen Seelen geschieht es denn auch, daß sie dennoch dann und wann, so ihre Hölle, das heißt der Leib, nicht selten noch sehr begehrend auftritt, auf eine kurze Zeit in solche ihre eigene Hölle treten, mit andern Worten gesagt, in das Begehren des Leibes und seiner Geister eingehen. Solche Seelen aber können dann nicht mehr völlig unrein gemacht werden, sondern sind nur für so lange unrein, als sie sich im Pfuhle ihrer Leibesgeister aufhalten; sie aber können es darinnen nimmer lange aushalten und kehren sonach gar bald in ihren ganz reinen Zustand zurück, in dem sie dann wieder ebenso rein sind, als wären sie nie unrein gewesen. Dabei aber haben sie in ihrer Hölle auf eine Zeitlang Ruhe und Ordnung hergestellt und können sich hernach wieder desto ungestörter im Lichte ihres Geistes bewegen und stärken.
GEJ|2|210|18|0|Wer von euch da ein rechtes Verständnis hat, der wird dies Gesagte ganz verstehen; und du, Freund Cyrenius, sage es Mir nun ganz unverhohlen, ob du Mich nun vollends verstanden hast!“
GEJ|2|211|1|1|211. — Eine soziale Rede des Cyrenius
GEJ|2|211|1|0|Sagt Cyrenius: „Ja, Herr und Meister! Aber es ist dies für mich fürwahr eine total neue Lehre, von der vor Dir wohl niemand etwas geträumt hat! Das ist aber nun klar, daß Du und sonst niemand vom Alpha bis zum Omega den Menschen und alle Welten mußt erschaffen haben; denn ohne selbst Schöpfer des Menschen zu sein, kann man das nie wissen, außer auf die Art, wie wir nun von Dir.
GEJ|2|211|2|0|Erfahrungen aller Zeiten zeigen, daß es also ist und nie anders sein kann, als wie Du es uns nun erklärt hast; jedoch kein Weiser, wenn er auch das Übel der Menschheit nur oft zu sehr wahrnahm, wußte von der Wurzel desselben irgend etwas zu sagen. Woher hätte er aber das auch nehmen sollen? Denn dazu wird eine totalste Kenntnis der Menschennatur von ihrer urgeistigsten bis zu ihrer materiellsten Sphäre hin erfordert.
GEJ|2|211|3|0|Wer aber kann sich irgend diese Kenntnis verschaffen? Wer kennt des Menschen Leib von Fiber zu Fiber, von Faser zu Faser usw.? Wer hat je irgendeine Seele frei umherwandeln gesehen? Man weiß es kaum, ob sie eine, und welche Form sie hat, ob sie groß oder klein ist; kurz, man ist da in der vollsten Unkunde. Wenn aber das, woher soll man dann die Kenntnis nehmen über die sonderbare Natur des Menschen?
GEJ|2|211|4|0|Und doch muß es Mittel und Wege geben, durch die der Mensch sich selbst näher kennenlernen muß; denn wenn der Mensch sich selbst nicht erforschen kann, um zu sehen, was er ist, wozu, und was er seiner Natur und Bestimmung nach zu tun hat, um den Zweck zu erreichen, für den er vom Schöpfer aus bestimmt ist, so nützen ihm alle Lehren und alle Gesetze nichts! Seine Seele, wie man es an zahllos vielen Menschen nur zu klar ersieht, wird sich stets mehr und mehr in ihre Hülle versenken zufolge des leider schmerzlich fühlbaren vielfachen Bedürfnisses des Leibes; denn der Hunger schmerzt, der Durst brennt, die Kälte schmerzt auch, wogegen ein gutes leibliches Versorgtsein dem viel begehrenden Leibe nicht nur das Notwendige, sondern eine wahre luxuriöse Seligkeit bietet!
GEJ|2|211|5|0|Der tierische Teil des Menschen stellt seine Forderungen auch stets so entschieden und schreiend auf, daß dagegen die stillen Forderungen der Seele überhört werden müssen. Wenn aber das, wen kann es da noch wundernehmen, so hunderttausendmal Hunderttausende von dem Wesen ihrer Seele kaum irgendeine Ahnung haben? Denn da hatte sich schon von der Kindheit an ihre Seele so sehr mit ihrem Leibe verbunden, daß sie mit ihm vollends eins ist und daher in sich auch kein anderes Bedürfnis erkennt als das leidige des Leibes nur.
GEJ|2|211|6|0|Ja, man muß sogar sagen, daß eben bei Menschen, die leiblich zu elend und schlecht versorgt sind, sich auch stets nicht die geringste Spur von irgendeinem geistigen Bedürfnisse verspüren läßt. Wir haben im mitternächtlichen Teile von Europa Völkerschaften, bei denen aber auch nicht die leiseste Spur von einer geistigen Bildung zu entdecken ist.
GEJ|2|211|7|0|Aber was ist der Grund davon? Die totalste leibliche Unversorgtheit! So ein Mensch geht, mit Keulen bewaffnet, oft Tag und Nacht in den dichten Wäldern herum und sucht sich irgendein Wild zu erlegen. Hat er es erlegt, da verzehrt er es auch heißhungrig, wie man zu sagen pflegt, beinahe mit Haut und Haaren; Frage: Wo sollte, wo könnte bei solch einem Volke von irgendeinem geistigen Bedürfnisse nur eine leiseste Rede sein? – während man denn doch zum Beispiel in Rom, wo die Menschheit zum größten Teile leiblich übergut versorgt ist, von einer Seele des Menschen und ihrer Unsterblichkeit schon lange gelehrt und darum auch auf ein moralisches Leben, das hauptsächlich die Bildung des geistigen Menschen im Auge hat, die meiste Aufmerksamkeit verwendet hat und noch gleichfort verwendet.
GEJ|2|211|8|0|Freilich geschieht es auch leider nur zu häufig, daß die Reichen sich am Ende zu sehr in die Seligkeit ihres Leibes versenken und dabei auf die Ausbildung ihrer Seele wenig oder nichts halten und am Ende jede Lehre für die Erfindung irgendeines hungrigen Weisen ansehen; aber sie haben doch eine Sprache, durch die man sich ihnen mitteilen kann über so manches, worüber sie am Ende bei all ihrer Sinnlichkeit denn doch so ein wenig zu stutzen anfangen, – was für ihre Seele schon immer ein Gewinn ist.
GEJ|2|211|9|0|Bei Menschen aber, von denen man es noch nicht genau weiß, ob sie eine Sprache haben oder nicht, ist es auch nicht möglich, ein solches Stutzen zustande zu bringen. Wenn aber schon das nicht, auf welche Art erst wäre es dann wohl möglich, sie zu wecken für ein tieferes geistiges Bedürfnis der Seele?
GEJ|2|211|10|0|Darum wäre meine Meinung, daß man zuerst die Menschheit für den Leib wenigstens gut versorgen sollte, und es dürfte dann doch leichter sein, die Seelen der Menschen stets mehr und mehr für ihre wahren geistigen Lebensbedürfnisse zu wecken. Wenigstens sollten die Menschen mit dem Nötigsten versorgt sein! Denn, wie schon gesagt, ein physisch zu armer Mensch kann nach einer geistigen Bildung auch nicht ein leisestes Bedürfnis haben! Einem hungrigen Magen ist schwer predigen, ehe er nicht Speise und Trank zu sich genommen hat. Das ist so meine unmaßgebliche Ansicht. Du, o Herr und Meister, hast wohl ganz recht; denn Du allein kennst Deine Werke ja vollkommen! Aber auch ich glaube nicht ganz unrecht zu haben; denn auch für meine Annahme spricht die Erfahrung aller Zeiten und Völker.“
GEJ|2|212|1|1|212. — Die Not als Lehrerin
GEJ|2|212|1|0|Sage Ich: „Wahr und gut, und Ich kann dir durchaus nicht sagen, daß du hier auch nur ein unwahres Wort geredet hast; aber stelle du die Sache auf einem Weltkörper also her, daß alle Menschen ohne ihre besondere Arbeit und sonstige Tätigkeit so recht leidlich für den Leib versorgt dastehen und erkennen würden, daß sie sogestaltig ganz ohne Sorgen leben können, – und du hast in kurzer Zeit deine europäischen Nordvölker allenthalben vor dir!
GEJ|2|212|2|0|Deine europäischen Nordvölker aber waren einst in Asien, als der Wiege des Menschengeschlechtes, ebenso und noch besser mit allem versorgt als nun deine Römer und hatten eine unmittelbare Erziehung aus den Himmeln genossen; und es gab Weise unter ihnen, wie sie bis auf Mich die Erde nicht trug; aber was war die Folge davon? Sie aßen und tranken ganz gemütlich, wurden von Tag zu Tag träger und verfielen von Geschlecht zu Geschlecht in den gegenwärtigen Stand; nun aber in solchem ihrem armseligsten Zustande müssen sie sich im Schweiße ihres Angesichtes den magersten Unterhalt für ihren Leib verschaffen und sind aber dabei dennoch nicht ganz ohne Weise und Lehrer.
GEJ|2|212|3|0|Und siehe, ebensolche ihre Not wird sie nach und nach auf eine Bildungsstufe setzen, die die gegenwärtige Roms bei weitem übertreffen wird in jeder Hinsicht!
GEJ|2|212|4|0|Es wäre darum nicht gut, den Menschen also zu stellen, daß er so ganz versorgt wäre dem Leibe nach; denn dann würde er am Ende so träge werden, daß er sich aber dann auch um nichts mehr kümmern würde. Und dieses Bestreben nach der trägen, sorgenlosen Ruhe ist wieder eine Eigenschaft des an und für sich toten Körpers; die Seele, die zum größten Teile ihre formelle Konsistenz sich erst bei gerechter Tätigkeit aus dem Leibe zu schaffen hat, würde in der sorglosen Ruhe des Leibes auch mitruhen, da auch in ihr ursprünglich der Hang zur Untätigkeit überwiegend vorhanden ist.
GEJ|2|212|5|0|Durch die schmerzlichen Bedürfnisse des Leibes aber wird die Seele zuerst aus ihrer Lethargie geweckt; denn sie fühlt es, daß eine gänzliche Unversorgtheit des Leibes ihr am Ende mit dem Leibe den Tod brächte. Sie setzt daher in der Not des Leibes alle Hebel in Bewegung und versorgt, so gut es geht, zuerst den Leib. Da sie aber nun eine große Scheu vor dem Tode hat, so fängt sie dann gar bald an, neben der Tätigkeit für den Leib auch sich mit der Forschung des eigentlichen Lebens abzugeben und findet aus ihrer wachgewordenen Liebe zum Leben bald, daß sie als Seele etwa noch fortlebe, wenn auch der Leib in den Tod gelegt wird.
GEJ|2|212|6|0|Daraus entwickelt sich dann endlich eine Art Glauben an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele. Dieser Glaube wird dann mehr und mehr lebendig und zu einem Bedürfnisse des Menschen.
GEJ|2|212|7|0|Aber denkendere Menschen, deren es allenthalben gibt, sind dann bald nicht mehr zufrieden mit dem alleinigen Glauben und forschen demselben tiefer nach, erproben seine Kraft und suchen, wo dessen Kraft nicht mehr auslangt, ihn mit stärkeren und gewisserart handgreiflicheren Mitteln als vollends wahr zu erweisen.
GEJ|2|212|8|0|Das Volk hält solche Forscher dann gewöhnlich für von einem Hochgeiste befruchtete und geleitete Seher und Hörer, die auf dem Wege der Unterredungen mit Geistern tiefere Kunde vom Leben der Seelen nach dem Tode erhalten.
GEJ|2|212|9|0|Solche Forscher werden dann vom Volke gewöhnlich zu Priestern erhoben; und diese, wohl einsehend, daß sie dem Volke ein unerläßliches Bedürfnis sind, mißbrauchen am Ende häufig solch ein zumeist unbedingtes Vertrauen ihres Volkes, suchen selbst ihren irdischen Nutzen dabei und sind am Ende nichts als pur blinde Leiter der Blinden. Aber es ist dabei noch immer etwas Gutes, nämlich daß dabei das Volk stets in einem wenn noch so schwachen Verbande mit den Himmeln verbleibt.
GEJ|2|212|10|0|Mit der Zeit, wenn der blinde Glaube auch an die Priester ein schwacher und immer schwächerer wird, erstehen im Volke wieder neue Forscher, die das Alte prüfen und nie ganz verwerfen, das Gute davon mit ihren neuen Forschungsresultaten verbinden und am Ende eine ganz neue Lehre ans Tageslicht fördern, die sich nicht mehr mit dem blinden Glauben begnügt, sondern nur mit der vollen Überzeugung, gegründet auf Tatsachen, die nötigerweise vor jedermanns Augen zur beurteilungswürdigen Schau gestellt werden können.
GEJ|2|212|11|0|Und sieh, auf diese Weise findet endlich, wenn schon auf mühsamen Arten und Wegen, die jüngste Menschengeneration die Wahrheit und in dieser aus den vielen Erfahrungen auch die Gesetze, nach denen das Leben der Menschen zu leiten ist, auf daß sich die schwer aufgefundene Wahrheit unter den Menschen für immerdar rein erhalte.
GEJ|2|212|12|0|Wenn dann zu solchem Funde, der allein aus der stets zunehmenden Tätigkeit der Menschheit von selbst hervorgegangen ist, endlich noch eine außerordentliche Kunde aus den Himmeln zu den Menschen kommt als ein mächtiges, wunderbares Licht, dann ist so ein Volk wie ein Mensch für sich gerettet und im Geiste wie neu- und wiedergeboren; und sieh, alles das geht dir nie aus der leiblichen, sorglosen Versorgtheit heraus, sondern aus der Not und Sorge der Menschen!
GEJ|2|212|13|0|Ich sage es dir: In der Not wird sogar das Tier erfinderisch, geschweige der Mensch.
GEJ|2|212|14|0|Wenn der Mensch durch die Not so recht zum Denken genötigt wird, dann fängt bald die Erde unter seinen Füßen zu grünen an; ist er aber versorgt, so legt er sich gleich dem Tiere auf die faule Haut und denkt und tut nichts.
GEJ|2|212|15|0|Siehe, Ich dürfte der Erde nur hundert nacheinanderfolgende sehr gesegnete Fruchtjahre geben, und alle Menschheit würde vor Faulheit wie die Pest zu stinken anfangen; aber da Ich stets gute und schlechte Fruchtjahre auf der Erde miteinander abwechseln lasse, so muß die Menschheit gleichfort tätig sein, muß in dem guten Fruchtjahre für ein möglich nächstkommendes schlechtes fürsorgen, um da nicht Hungers zu sterben. Und so bleibt die Menschheit wenigstens einerseits gleichfort in einer Tätigkeit; wogegen sonst die Menschheit nur zu bald in die vollste Lethargie übergehen würde. – Verstehst du auch solches?“
GEJ|2|213|1|1|213. — Die Folge der Wohlversorgtheit
GEJ|2|213|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, Du bist wahrhaft der Meister der Menschheit und bist nun eine lebendigste Schule des wahren Lebens, und ich weiß nun vollkommenst, woran ich bin, und woran alle Menschheit ist. Nur das einzige geht mir noch nicht recht ein, warum ein Volk, das irgend doch ein wenig übers Sklaventum hinaus leiblich versorgt wäre, am Ende in eine völlige Lethargie übergehen müßte! Darüber möchte ich noch gerne ein erläuterndes Wörtchen aus Deinem Munde, o Herr und Meister, vernehmen!“
GEJ|2|213|2|0|Sage Ich: „O Freund, frage die Geschichte der Völker der Erde; siehe an das alte, wohlversorgte Ägypten, siehe an Babel und Ninive, siehe an Sodoma und Gomorra! Ja, siehe an das israelitische Volk in der Wüste, das Ich vierzig Jahre hindurch aus den Himmeln mit Manna versorgt habe! Und so siehe du noch eine Menge fertig gewordener Völker an, und du wirst es nur zu bald finden, wohin die leibliche Wohlversorgtheit alle diese Völker gebracht hat!
GEJ|2|213|3|0|Siehe, zum Beispiel wird ein versorgtes Frauenzimmer am Ende nichts mehr tun, als sich putzen und schmücken den ganzen Tag über; am Ende wird sie sogar dazu zu faul und läßt sich von anderen waschen, putzen und schmücken. Aber das dauert auch nicht immer zu lange; am Ende wird solch ein verweichlichtes Frauenzimmer sogar zum Sich-bedienen-Lassen zu träge und wird auf diese Weise ein förmliches Schwein, wo nicht gar ein vollkommenes Faultier, wie es deren gibt in Indien und Mittelafrika. Frage: Was ist hernach mit einem solchen Weibe etwa noch anzufangen? Welcher geistigen Bildung ist es noch fähig? Ich sage es dir: Nicht einmal zu einer Hure taugt es mehr! Das war ja auch in Sodoma und Gomorra der Fall, darum eigentlich das Volk anfing, sich mit der Unnatur zu befriedigen! – Verstehst du das?“
GEJ|2|213|4|0|„Wahrlich“, sagt Cyrenius, „so freigebig mit der glänzendsten Weisheit warst Du meines Wissens noch kaum je! Ich muß es offen gestehen, da Du diesmal mir mehr gesagt hast als alle andern Male, in denen ich das Glück hatte, Dich zu hören. Es ist nun alles klar und sonnenhelle, was Du uns hier wahrlich aus der Wurzel der Entstehung und des Seins der Menschheit in allen ihren Verhältnissen mitgeteilt hast, – nur etwas geht mir dennoch ab; weiß ich das auch noch, dann bin ich wahrlich versorgt für die Ewigkeit! Soll ich die Frage stellen, oder liest Du sie mir schon wieder also aus meinem Herzen?“
GEJ|2|213|5|0|Sage Ich: „Frage diesmal nur, der andern wegen, damit sie gleich anfangs auch vollends innewerden, um was es sich da handelt!“
GEJ|2|213|6|0|Spricht Cyrenius: „Nun denn, wolle mich denn gnädigst vernehmen!“
GEJ|2|214|1|1|214. — Die Widersprüche in der Schöpfungsgeschichte. (Mo. 1)
GEJ|2|214|1|0|(Cyrenius:) „Ich habe in meinem nun schon ziemlich lange andauernden Erdenleben oft und allezeit vergeblich nachgedacht, wie denn so ganz eigentlich und, sage, natürlich wahr die erste Menschheit dieser Erde zur Erkenntnis eines höchsten Geistwesens und zur Erkenntnis ihres eigenen seelisch-geistigen Teiles gelangt ist. Ich habe darüber die Bücher Ägyptens, die Schriften der Griechen und die Bücher eures Moses gelesen, auch ist mir einmal ein indisches Werk in die Hände geraten, das ich von einem Manne in Rom, der ein Indier war, mir habe vorlesen und verdolmetschen lassen; aber ich fand überall eine gewisse mystische Bildersprache, aus der kein kluger Mensch irgend noch klüger werden konnte, und somit auch ich um so weniger, weil ich mir in meiner Jugend schon immer eingebildet habe, daß alle anderen Menschen um vieles klüger denn ich selbst seien. Überall kommen logische Ungereimtheiten vor, die, wörtlich genommen, ein Unsinn sind.
GEJ|2|214|2|0|So zum Beispiel heißt es in eurem Moses: ,Am Anfange schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüste und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Da sprach Gott: ,Es werde Licht!‘ Und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward denn aus Abend und Morgen der erste Tag.‘
GEJ|2|214|3|0|Darauf wird in sehr kurzen Thesen die Scheidung des Wassers, das Trockenmachen des Erdreiches und das Erschaffen des Grases, der Gesträuche und Bäume berührt. Mit diesem Erschaffen vergehen drei Tage und somit auch Nächte. Weil Tage und Nächte aber schon von der Erschaffung des ersten Lichtes auf der finsteren Tiefe der Erde herrühren, so sehe ich nachher wahrlich nicht ein, warum Gott am vierten Tage abermals nötig hatte, noch zwei große Lichter zu erschaffen und sie an den Himmel zu setzen, von denen das größere Licht regiere den Tag und das andere, kleinere die Nacht.
GEJ|2|214|4|0|Halten wir das nun mit der Natur der Erde zusammen und bedenken wir, was nach Deiner Erklärung die Sonne, der Mond und all die Sterne sind, so ist ja die ganze Schöpfungsgeschichte Mosis ein so kompletter Unsinn, wie es auf der lieben Erde sicher nirgends einen größeren gibt und geben kann! Wer kann daraus je klug werden? Wir wenigen wissen es, daß die Erde kein unendlicher Kreis, sondern nur eine sehr große Kugel ist, wie Du Selbst sie schon als ein zartes Kind in Ägypten mir, wie nun später uns vielen, sehr anschaulich und wahr gezeigt hast. Auf der Erde wird es eigentlich nie Nacht, weil ein Teil der Erde immer von der Sonne erleuchtet wird. Anderseits ist der Mond ein sehr unbeständiger Patron und kümmert sich ganz blutwenig um die Regierung der Nacht, höchstens einige Tage im Monat.
GEJ|2|214|5|0|Also ist auch das ein Wahnsinn, zu sagen, daß aus Abend und Morgen ein Tag gemacht wird, während es doch jedermann aus der Erfahrung seines ganzen Lebens weiß, daß der Tag stets nur zwischen dem Morgen und dem Abende, nie aber zwischen dem Abende und dem Morgen zu stehen kommt; denn dem Abende folgt doch allzeit sicher die Nacht bis zum Morgen hin, und dem Morgen folgt der Tag bis zum Abende hin, und sonach liegt doch logisch richtig zwischen dem Morgen und Abend der Tag, und zwischen dem Abend und Morgen offenbar die Nacht.
GEJ|2|214|6|0|Obschon das aber an und für sich zum Wahnsinn gerechnet werden muß, so ist aber doch noch die Diktion, daß Gott erst dann, als Er das Licht erschuf, eingesehen hatte, daß es gut war, eine Tollheit ohnegleichen! Denn Gottes höchste Weisheit muß doch schon von Ewigkeit her als selbst Licht alles Lichtes gesehen und gemerkt haben, daß das Licht gut war!?
GEJ|2|214|7|0|In dem Buche der Indier steht vor der materiellen Schöpfung eine Schöpfung der reinen Geister, deren irgend später auch Moses erwähnt. Diese waren pur Licht, und namentlich habe der Erstgeschaffene Lichtträger geheißen.
GEJ|2|214|8|0|Wenn denn Gott schon bei der Schöpfung der puren Lichtgeister doch offenbar den Wert des Lichtes hat erproben können, so Er etwa vorher von Ewigkeit in der tiefsten Finsternis geruht hatte – was Ihm übrigens gar nicht gleichsieht –, so ist es ja dennoch zum Tollwerden lächerlich, daß Gott nach der Schöpfung des Lichtes auf dieser Erde gewisserart von neuem erst wieder eingesehen habe, daß das Licht gut war!
GEJ|2|214|9|0|Du siehst es Selbst, daß die ganze Schöpfungsgeschichte, wie sie von Moses gegeben wird, ein barster, ja sogar zum Tollwerden ärgerlicher Unsinn ist, so man die Sache nur einigermaßen natürlich nimmt; und es ist darum nicht sehr zu verwundern, daß eben die jüdischen Schriftgelehrten selbst solcher Lehre, die ein Unsinn ist, bei sich selbst keinen Funken Glauben schenken, sie aber dennoch des Volkes wegen aufrechterhalten und sich dafür recht gut bezahlen lassen. Das erkennen auch alle Großen Roms und belassen die Sache trotz des groben Unsinns, weil das blinde Volk dennoch darauf große Stücke hält und dabei im Lande sich so hübsch ruhig verhält.
GEJ|2|214|10|0|Daß alle die Prinzipien, die von den Urlehrern an uns herübergekommen sind, nichts als leere Märchen und Fabeln – vom Naturstandpunkte aus betrachtet – sind, ist doch offenbar sonnenklar; denn daran kann naturgemäß auch keine halbe Silbe Wahrheit sein. Wenn aber unleugbar also, dann ergibt sich die große und gewichtigste Frage von selbst, und diese lautet, wie ich schon anfangs dieser meiner fraglichen Vorstellung berührt habe: Wie ist der Mensch auf dieser Erde geworden? Wie kam er zur Erkenntnis eines Gottes, und wie zur Erkenntnis seiner selbst, und wer lehrte ihn zuerst unterscheiden, was gut und was da böse ist? – Darüber, o Herr, gib uns noch ein Lichtlein, und wir sind geborgen!“
GEJ|2|215|1|1|215. — Die Entstehung des ersten Menschen
GEJ|2|215|1|0|Sage Ich: „Liebster Freund, hierüber habe Ich dir eigentlich schon einen so ganz tüchtigen Wink gegeben damit, daß Ich dir die Wirkungen der Not der Menschen und Völker darstellte; daß aber übrigens die Schöpfungsgeschichte Mosis, wörtlich auf die Schöpfung der Naturwelt angewendet, ein alleroffenbarster Unsinn wäre, den ein nur einigermaßen mit dem Gange der Weltnatur vertrauter Mensch auf den ersten Blick als den barsten Unsinn erklären muß und dessentwegen den guten Moses als einen Dummkopf ersten Ranges darzustellen genötigt wäre, ist durchaus nicht in Abrede zu stellen.
GEJ|2|215|2|0|Aber wer den weiteren Verlauf der Mosaischen Bücher nur einigermaßen schärfer ins Auge faßt als irgendeine Fabel des griechischen Dichters Äsop, der muß es ja doch bald merken, daß sich Moses in seiner Bildersprache bloß nur mit dem beschäftigt, was da die Urbildung der ersten Menschen der Erde betrifft, und somit keineswegs etwa nur die Schöpfungsgeschichte der Erde und des Himmels und all der Geschöpfe auf der Erde und in der Erde behandelt, sondern sich vor allem lediglich und nahezu allein nur mit der ersten Herzens- und Verstandesbildung der Menschen abgibt; darum er auch gleich das Menschlich- Historische daran bindet.
GEJ|2|215|3|0|Die Geschichte aber konnte ja nur ein Produkt der intelligenten Bildung der Menschen und nie der stummen geschaffenen Natur sein, die sich völlig gleichgeblieben ist bis auf diese Zeit und auch also verbleiben wird bis ans Ende aller Zeiten.
GEJ|2|215|4|0|Ebenso ist es auch mit den indischen Büchern der Fall, in denen von der Erschaffung der reinen Geister zuerst, dann von dem Falle eines Teiles derselben unter dem Titel ,Jehovas Kriege‘ und endlich erst von der Erschaffung der Sinnenwelt und der Tiere und am Ende von der des Menschen die Rede ist.
GEJ|2|215|5|0|Alles das ist nur geistig zu nehmen und vor allem dahin zu erklären, was da betrifft die sittliche Bildung des Menschen.
GEJ|2|215|6|0|Wer da aber dann, vom Geiste heraus geleitet, die Entsprechungen zwischen der Sinnen- und Geisterwelt wohl innehat, dem kann es dann freilich wohl auch möglich sein, daraus zu ersehen, wie so ganz eigentlich aus der Geisterwelt die Sinnenwelt hervorgegangen, wie und von woher die Sonnen und am Ende die Planeten und Nebenplaneten und auf all denselben allerlei Geschöpfe entstanden sind.
GEJ|2|215|7|0|Aber das geht nicht gar so leicht; denn da heißt es: zuvor im Geiste völlig erweckt sein. Denn nur der urälteste Zeuge alles Werdens und Seins kann dir jene Labyrinthe vollends erhellen, hinter die noch bis jetzt kein sterbliches Auge gedrungen ist.
GEJ|2|215|8|0|Daß aber über all das hinaus das Alter des Menschengeschlechtes in der Vollendung, wie es jetzt dasteht, dennoch mit den Rechnungen Mosis, auch der Materie und der Zeit nach, übereinstimmt, dessen kannst du völlig versichert sein.
GEJ|2|215|9|0|Es gab zwar auf der Erde lange vor Adam auch eine Art mächtiger Tiere, die zwar nicht in der Gestalt, aber desto mehr in einer, wenngleich instinktmäßigen, aber dabei dennoch sehr scharfen Intelligenz dem Verstande des darauffolgenden Menschengeschlechtes glichen. Der heutige Elefant ist noch so eine, wennschon psychisch viel unvollkommenere Abart davon.
GEJ|2|215|10|0|Diese großen Tiere haben auch schon die Erde bebaut und waren somit die Vorläufer der Menschen. Die Erde war vor dem Menschen von ihnen viele tausendmal tausend Jahre bevölkert.
GEJ|2|215|11|0|Durch diese großen Tiere mußte erst der noch sehr harte Steinboden der Erde erweicht und für das Gedeihen edler Früchte und Tiere tauglich gemacht werden, bevor er endlich fähig war, die zarteste Natur des Menschen leiblich hervorzubringen nach dem Plane der ewigen göttlichen Ordnung, wie solcher in eine jede, damals zwar noch materiefreie, aber dennoch schon in der Luft der Erde lebende Naturseele gelegt war.
GEJ|2|215|12|0|Als der Boden der Erde völlig reif war, da erst ward eine kräftigste Seele aus ihrer freien Luftnatur berufen, sich aus dem fettesten Lehmhumus einen Leib nach der Ordnung der in der Seele seienden Urform Gottes zu nehmen. Und die erste reifste und kräftigste Seele tat dies, wie sie von innen aus durch die göttliche Kraft getrieben ward, und es trat sogestaltig die erste Seele in einen von ihr aus wohlorganisierten frischen und kräftigen Leib und konnte nun völlig schauen alle Sinnenwelt und viele Geschöpfe, die schon alle vor ihr waren.
GEJ|2|215|13|0|Aber das große Tiergeschlecht samt seiner Vorschöpfung verschwand zum größten Teile schon lange vorher von der Erde, als der erste Mensch mit seiner gottähnlichen Majestät die weite Erde begrüßte. Aber dessenungeachtet werden sich noch zu allen Zeiten Überreste von dieser Vorbewohnerschaft auf und in der Erde vorfinden; aber die Menschen werden nicht wissen, was sie daraus machen sollen.
GEJ|2|215|14|0|Die Weisen aber werden nach und nach dennoch dadurch auf die Spur geführt werden, daß die Erde älter ist als die kurze Zeit der mosaischen Rechnung nur, und Moses wird dadurch auf eine Zeitlang sehr in Mißkredit gelangen. Aber da werden von Mir aus wieder andere Weise erweckt werden, durch die Moses erst in sein vollstes Licht gesetzt werden wird; und von da an wird es nimmer lange währen, daß das volle Reich Gottes auf der Erde Platz greifen und der Tod von der erneuten Erde für immerdar verschwinden wird. Aber es wird zuvor noch viel Ungemach über den Boden der Erde kommen.
GEJ|2|215|15|0|Ja, der Boden der Erde wird zuvor noch vielfach durch das Blut und Fleisch der Menschen durchgedüngt werden müssen, und aus solch einem neuen geistigen Humus erst wird dann die auch leiblich unsterbliche Epoche für diese Erde beginnen, so wie zu Adams Zeiten die Epoche begonnen hatte, in der aus dem fetten Lehmhumus die Seele sich einen vollkommenen Leib in ihrer Gottform bilden konnte.
GEJ|2|215|16|0|Aber die Menschen, die hier im Geiste schon völlig wiedergeboren worden sind in ihrem sterblichen Leibesleben, werden dann für immer über diese neue Epoche als reine Geister und Engel herrschen, und sie wird ganz ihrer Führung anvertraut werden. Hingegen Menschen dieser Zeit, die da keine geistige Vollendung erreicht haben, werden in dieser neuesten Epoche der Erde zwar wohl mit unsterblichen Leibern auf die Erde gesetzt werden, aber in großer Armseligkeit, und werden sich sehr auf das oft sehr harte Dienen verlegen müssen, was ihnen sehr bitter munden wird, weil sie sich ihres früheren sehr glücklichen Zustandes in ihren sterblichen Leibern nur zu klar erinnern werden. Diese Epoche wird dann sehr lange währen, bis endlich alles in ein rein geistiges Sein übergehen wird nach dem ewigen Plane Gottes. Und siehe, das ist der Gang der Ordnung Gottes, aller Dinge, alles Werdens, Bestehens und Seins!“
GEJ|2|216|1|1|216. — Der Entwicklungsprozeß eines Weizenkornes
GEJ|2|216|1|0|(Der Herr:) „Siehe an das Weizenkorn! Wenn es in das Erdreich gelegt wird, muß es verfaulen, und aus dem Moder der Verwesung erst erhebt sich der zarte Keim. Was besagt aber das gegenüber der Natur des Menschen?
GEJ|2|216|2|0|Siehe, das Hineinlegen des gesunden, schönen Samens bedeutet entsprechend das erste Werden des Menschen! Es ist gleich dem Eingefleischtwerden der an und für sich schon ganz ausgebildeten Seele, deren vorleiblicher Aufenthalt die Luft, besonders in der Mittelregion der Berge, ist, wo gewöhnlich die Baumregion aufhört, bis zur Schnee- und Eisregion hinauf.
GEJ|2|216|3|0|Wenn eine einmal ganz beisammenseiende Seele die gehörige planmäßige Konsistenz in der Luft erreicht hat, so steigt sie tiefer und tiefer bis zu den Wohnungen der Menschen herab, bekommt dann aus dem Außenlebensätherkreise, den ein jeder Mensch um sich hat, eine gewisse Nahrung und bleibt, wo sie angezogen wird durch die Homogenität (Gleichartigkeit) ihres Wesens.
GEJ|2|216|4|0|Wenn dann irgend Gatten sich durch den Naturtrieb genötigt fühlen, eine Begattung zu begehen, so erhält eine solche vollreife und dem Gattenpaare zunächststehende freie Naturseele aus dem Außenlebensäther eine momentane Kunde, oder sie wird durch die vermehrte Kraft des Außenlebenskreises der Gatten als homogen angezogen, tritt mit einem gewissen Zwange während der Begattungshandlung in den Strom des Mannes und wird durch diesen in ein kleines Ei gelegt, was man die Befruchtung nennt. Und siehe, von da an gleicht die Lebensseele dann schon dem Samenkorne, das irgend ins Erdreich gelegt ward, und macht im Mutterleibe alle die Stadien entsprechend durch bis zur Ausgeburt in die Welt, die das Samenkorn in der Erde durchgemacht hat, bis es den Keim treibt über den Erdboden!
GEJ|2|216|5|0|Von da an beginnen dann die verschiedenen Stadien der zuerst äußeren und hernach der inneren Bildung.
GEJ|2|216|6|0|Bei der Pflanze bleiben die Wurzeln in der Erde, dem alten Modergrabe des Samenkornes, und saugen von da die materielle Kost. Diese Kost aber würde der Pflanze bald den Tod geben, wenn sie nicht geläutert würde durch den Einfluß des Lichtes der Sonne.
GEJ|2|216|7|0|Des Halmes erster Ansatz hat noch sehr materielle Säfte. Ist dieser als Grund ausgebildet, so wird der Halm durch einen Ring gewisserart abgebunden. Durch diesen Ring gehen schon viel feinere Röhrchen, durch die nur ganz dünne und feine Säfte gehen können.
GEJ|2|216|8|0|Aus diesen entsteht dann ein zweiter Stock des Halmes. Da aber auch die Säfte des zweiten Stockes noch grober materieller Art sind und mit der Zeit noch gröber werden, so wird abermals ein Ring gesetzt und dieser zweite Ring mit noch dünneren Röhrchen versehen, durch den nur ganz feine Säfte dringen können zur Ernährung des über ihnen schwebenden Lebensgeistes, ähnlich der Diktion Mosis: ,Und der Geist Gottes schwebte über den Gewässern.‘
GEJ|2|216|9|0|Mit der Zeit aber werden auch diese Säfte oder Wässer für das über ihnen schwebende Leben der Pflanze wieder zu grob und könnten das Leben ersticken; und es wird darum ein dritter Ring, mit gar sehr dünnen Röhrchen versehen, von dem über den Gewässern schwebenden Geiste gezogen. Durch solchen dritten Ring können nunmehr nur äußerst ätherisch zarte und mit dem stets noch über ihnen schwebenden Lebensgeiste schon sehr verwandte Säfte mit Mühe dringen. Der Lebensgeist merkt es aber wohl, ob die Säfte über dem dritten Ringe ihm zur ferneren Ausbildung ganz taugen oder nicht. Findet er sie mit der Zeit noch zu grob und noch zu sehr Spuren des Gerichtes und des Todes enthaltend, so wird noch ein vierter, fünfter, sechster, auch siebenter Ring gezogen, bis endlich die Säfte also ätherisch rein sind, daß in ihnen vorderhand keine Spur des Todes mehr zu entdecken ist.
GEJ|2|216|10|0|Hier erst wird zu einem neuen Stadium geschritten. Der durch die allerfeinsten Röhrchen gehende Saft wird nun zur Knospe und zur Blüte geformt, die da mit Organen versehen werden, die alle Fähigkeit besitzen, sich das höhere Leben aus den Himmeln einzeugen zu lassen.
GEJ|2|216|11|0|Hat die Blüte diesen Dienst geleistet, dann wird sie abgeschieden als ein eitler Weisheitsprunk, durch dessen Schönheit und Reiz eigentlich der Liebelebensäther angezogen wird, der aber selbst in sich alles ist und keines weiteren Außenprunkes bedarf. Denn sieh, jede Blume ist eine wohlgeschmückte Braut, die dadurch ihren Bräutigam in ihr Garn zu ziehen trachtet, daß sie sich zuvor recht schmückt! Hat der Bräutigam aber die Braut einmal als sein eigen ergriffen, da wird der flitterige Brautschmuck ehest abgelegt, und der demütige Lebensernst nimmt seinen Anfang.
GEJ|2|216|12|0|Von da beginnt dann erst die wahre Lebensfrucht sich zu ergreifen und zu formen. Und ist dann alle Tätigkeit nur auf die Vollreifwerdung der Frucht verwendet, so verwahrt sich das in der Frucht allen früheren Gefahren entronnene Leben, wie durch feste Burgen vor irgendeinem noch immer möglichen äußeren Feinde.
GEJ|2|216|13|0|Wo das Leben sich zu schnell auszubilden und auszureifen beginnt, da wird es denn auch nur wenig fest. Und siehe, wenn da irgendein äußerer Feind in die Nähe solch eines zu frühreifen Lebens kommt, so zieht ihn dieses zu sehr an; er setzt sich damit in eine Verbindung, legt seine Frucht in das zu frühreife Leben der Pflanzenfrucht! Dieses Afterleben zieht dann das zarte Leben der Pflanzenfrucht an sich, verdirbt es und richtet es zugrunde. Die wurmstichigen Früchte sind dafür mehr als ein handgreiflicher Beweis.“
GEJ|2|217|1|1|217. — Die geistige Entwicklung des Menschen
GEJ|2|217|1|0|(Der Herr:) „Wie aber mit den Pflanzen, so auch mit den Tieren und besonders mit den Menschen.
GEJ|2|217|2|0|Nehmen wir an eine zarte, frühreife Maid, bloß nur physisch. Sie zählt noch kaum etwa zwölf Jahre, ist aber schon in allen ihren Leibesteilen derart ausgebildet, daß sie das Aussehen eines mannbaren Mädchens hat. Solch eine Maid reizt dann jeden Mann, der nur ein wenig sinnlicher Natur ist, mächtiger denn hundert auch noch so schöne, aber an Jahren reife Dirnen. Eine solche frühreife Maid ist dann ihrem Leibe nach hundert Gefahren ausgesetzt, und es gehört von seiten ihrer Eltern die größte Sorgsamkeit dazu, solch eine zu früh reif gewordene Tochter vor allen den ihren großen Reizen nachstellenden Feinden zu bewahren. Wird sie zu früh einem lüsternen Manne gegeben, so wird sie leicht verdorben in ihrer Fruchtbarkeit; wird sie zu sehr eingesperrt und von aller schlimmen Luft abgehalten, so wird ihr Fleisch, wie man zu sagen pflegt, mockig. Sie wird bleich, zehrt ab und erreicht selten ein nennenswertes Alter. Bekommt sie wenig Kost, und das nur eine Magerkost, so wird sie traurig und zehrt am Ende auch früh ab; wird sie gut genährt, so wird sie noch fetter und unbehilflicher und dadurch träge, so daß ihr Blut bald absteht und sie bald das Aussehen einer Leiche überkommt, was dann ihrem Leibe offenbar einen frühen Tod bringen muß.
GEJ|2|217|3|0|Das gleiche ist mit einer zu frühzeitigen übertriebenen seelischen Bildung der Fall. Wenn daher Kinder von oft nur wenig Talenten zur Weisewerdung mit einer Strenge angehalten werden, als gälte es die Erhaltung einer Welt, so werden solche Seelen dann matt, weil sie zuvor nicht Zeit hatten, ihren Leib als für alle Fälle brauchbar auszubilden!
GEJ|2|217|4|0|Daher braucht alles nach der Ordnung Gottes seine Zeit, und es läßt sich da nirgends ein sogenannter Prachtsprung tun.
GEJ|2|217|5|0|Bei der Ausgeburt des Leibes aus dem Mutterleibe wird der ewige Lebenskeim als ein Fünklein des reinsten Gottesgeistes in das Herz der Seele gelegt, gleichwie bei der Frucht einer Pflanze, wenn sie die Blüte abgeworfen hat und sich für sich zu wappnen und zu konsolidieren (festigen, sichern) anfängt. Ist der Leib einmal ausgebildet, so beginnt die Ausbildung des Geistes im Herzen der Seele. Hier muß dann die Seele alles mögliche aufbieten, daß der Geist in ihr zu keimen beginne, und muß ihm förderlich an die Hand gehen.
GEJ|2|217|6|0|Die Seele ist hier die Wurzel und der Halm, und der Leib das Erdreich; sie muß dem Geiste kein grobes Wasser zur Nahrung geben.
GEJ|2|217|7|0|Die Ringe, die der Geist zieht, sind die Demütigungen der Seele. Ist der letzte einmal gezogen, dann entwickelt sich der Geist endlich von selbst und nimmt alles ihm Verwandte aus der Seele in sich auf, konsolidiert sich und nimmt am Ende die ganze Seele, und was im Leibe mit der Seele verwandt war, in sich auf und ist dann für ewig völlig unzerstörbar, so wie wir solchen Gang wieder nahezu bei jeder Pflanze mehr oder weniger klar bemerken können.
GEJ|2|217|8|0|Wenn die Frucht auf dem ordentlichen Wege die nahe Vollreife erlangt hat, werden in die in ihr ruhenden Körner Lebenskeimfünklein in zarte, schon vorbereitete Hülschen gelegt; darauf sperrt sich der Kern von der andern Frucht auf eine Zeitlang ganz ab und konsolidiert sich wie für sich, aber dennoch immer zur Hälfte aus dem Lebensäther der ihn umgebenden Frucht.
GEJ|2|217|9|0|Mit der Zeit fängt die äußere Frucht an einzuschrumpfen und zu vertrocknen. Warum denn? Weil ihre Seele ganz übergeht in das Leben des Keimgeistes im Kerne. Und ist die Lebenskraft der Frucht endlich ganz in den Lebenskeimgeist übergegangen, so wird der früher durchgängig lebendige Halm in allen seinen Stadien trocken und tot; aber dafür hat sich dann alles Leben der Pflanze mit dem Keimleben zu einem gleichen Leben vereinigt und kann als solches nimmer vernichtet werden, ob es an die Materie des Kernes gebunden ist oder nicht.
GEJ|2|217|10|0|Und so siehst du ein und dieselbe Ordnung überall und in allen Dingen und dieselben Stadien.“
GEJ|2|218|1|1|218. — Seele und Leib
GEJ|2|218|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, vergib, hier muß ich eine Zwischenfrage tun! Was geschieht denn mit dem Keimchen des Weizenkornes, so es zermalmt, zu Mehl gemacht, endlich als Brot gebacken und gegessen wird? Lebt auch in diesen Stadien der Lebenskeim noch immer fort?“
GEJ|2|218|2|0|Sage Ich: „Allerdings; denn wenn du das Brot issest, so wird das materielle Mehl bald wieder durch den natürlichen Gang aus dem Leibe geschafft, das Keimleben aber geht dann als Geistiges sofort in das Leben der Seele über und wird nach entsprechender Beschaffenheit eins mit ihr. Das mehr Materielle des Lebenskeimes aber, das ihm immer, wie das mosaische Wasser dem Geiste Gottes, zur soliden Unterlage diente, wird Nahrung des Leibes, geht endlich als gehörig geläutert auch in die Seele über und dient ihr zur Bildung und Ernährung der seelischen Organe als ihrer Glieder, ihrer Haare usw. und überhaupt zur Bildung und Ernährung alles dessen, was du vom Alpha bis zum Omega an einem menschlichen Leibe findest.
GEJ|2|218|3|0|Daß aber eine Seele aus allen den gleichen Teilen wie der Leib besteht, davon kannst du dich an dem Engel Raphael, der an unserem Tische sitzt und sich nun mit dem Josoe unterhält, mehr als handgreiflich überzeugen. (Mich zum Engel wendend:) Raphael, komm hierher, und laß dich befühlen von Cyrenius!“
GEJ|2|218|4|0|Der Engel kommt, und Cyrenius betastet ihn und sagt: „Ja, ja, das ist alles Natur und sozusagen im Ernste Materie! Er hat wahrlich ebenso wie wir alle Glieder und dieselbe Form wie unsereins, nur ist alles edler, weicher und um sehr vieles schöner; denn die Anmut seines Gesichtes ist, man kann es sagen, unübertrefflich strahlend schön! Es ist zwar durchaus kein Mädchengesicht, sondern ein männliches, mit allem Ernste gegeben, aber dabei dennoch schöner als das schönste Mädchengesicht! Ich habe mich früher wahrlich viel zuwenig bekümmert um diesen Gesellschafter. Er wird ordentlich immer schöner, je länger ich ihn betrachte. Mein Himmel, das ist wahrlich sonderbar! (Zum Engel sagend:) Höre, du herrlich schönster Engel, fühlst du auch Liebe in deiner schönsten Brust?“
GEJ|2|218|5|0|Spricht der Engel: „O sicher; denn mein geistiger Leib ist gleich der göttlichen Weisheit, und mein Leben ist die ewige Liebe Gottes des Herrn. Und weil mein Leben pur Liebe ist, so muß ich ja doch auch die Liebe fühlen, da mein Leben selbst nichts als die purste Liebe ist.
GEJ|2|218|6|0|Wie konntest du als ein sonst so weiser Mann mich doch um so etwas fragen? Sieh, was Gott der Herr von Ewigkeit in Sich Selbst war, ist und bleiben wird ewig, das müssen ja auch wir sein, weil wir vollkommen aus Ihm und somit auch völlig in allem Sein Wesen sind, gleichwie der Strahl der Sonne auch vollends das ist und wirket, als was die Sonne selbst ist! Wenn aber also, wie dann solch eine Frage?!“
GEJ|2|218|7|0|Sagt Cyrenius: „Ja, ja, das ist schon ganz wahr und richtig, und ich hätte das auch ohne deine Erklärung gewußt; aber ich mußte dich ja doch um etwas fragen, auf daß ich den Ton deiner Rede zu hören bekam. Nun aber sind wir auch schon fertig miteinander, und du kannst dich wieder auf deinen Platz begeben!“
GEJ|2|218|8|0|Sagt der Engel: „Das hast nicht du, sondern allein der Herr mir zu gebieten!“
GEJ|2|218|9|0|Sagt Cyrenius: „Freund, wie es mir vorkommt, so bist du bei deiner Schönheit, Weisheit und Liebe aber dennoch so hübsch fest im trotzigen Eigensinne!?“
GEJ|2|218|10|0|Sagt der Engel: „O mitnichten! Aber von den Sterblichen kann und darf mir keine Vorschrift gegeben werden; denn bei mir selbst bin ich ein Herr und lasse mir von niemand etwas vorschreiben, weil mein Ich nun, abgesehen, daß ich völlig in allem aus Gott bin, ein vollkommen selbständiges Ich ist! Zudem brauche ich mich nicht wie die Menschen dieser Welt vor etwas zu fürchten; denn dazu habe ich eine Macht und Kraft, von der dir noch nie etwas geträumt hat. Willst du aber diese näher kennenlernen, so frage du den Hauptmann Julius und meine Jüngerin Jarah und auch die Jünger des Herrn; diese werden dir davon schon etwas zu erzählen verstehen!“
GEJ|2|218|11|0|Sagt Cyrenius: „Herr, sage Du ihm, daß er sich wieder auf seinen Platz begeben möchte, sonst fange ich an, mich im Ernste ganz entsetzlich vor ihm zu fürchten; denn mit dem möchte ich wahrlich keine Kirschen verzehren! Er wird stets gröber und hitziger, und es ist mit ihm bei all seiner Schönheit nichts zu machen.“
GEJ|2|218|12|0|Sage Ich zum Engel: „Nun, so begib dich denn wieder auf deinen Platz!“ – Und der Engel folgt augenblicklich Meinem Wink und begibt sich wieder an seinen alten Platz. Und Cyrenius ist sehr froh darüber; denn er hat vor dem Engel schon in allem Ernste sich sehr zu fürchten angefangen.
GEJ|2|218|13|0|Gleich darauf aber fragen Mich Johannes und Matthäus, ob sie das alles aufzeichnen sollen.
GEJ|2|218|14|0|Sage Ich: „Das könnt ihr tun für euch, aber fürs Volk braucht ihr das nicht aufzuzeichnen; denn das ist noch um zweitausend Jahre zu jung, um das zu fassen. Den Schweinen aber soll man die Perlen nimmer vorwerfen, weil sie solche Kost von der schlechtesten Schweinekost gar nie zu unterscheiden vermögen. Aber für euch und für wenige andere könnet ihr das ja immerhin aufzeichnen.“
GEJ|2|218|15|0|Und die beiden Jünger tun das auch mit entsprechenden Bildzeichen zum Unterschiede dessen, was sie auf Mein Geheiß mit den ordentlichen hebräischen Buchstaben niedergeschrieben haben.
GEJ|2|219|1|1|219. — Die Schöpfung des Himmels und der Erde. (Mo. 1)
GEJ|2|219|1|0|Cyrenius bittet Mich aber um die Fortsetzung der Erläuterung der Mosaischen Schöpfungsgeschichte in der entsprechenden Weise.
GEJ|2|219|2|0|Und Ich sage: „Freund, was Ich begonnen, werde Ich auch vollenden; nur steht es vorderhand und vor der Zeit noch dahin, ob ihr es wohl fassen werdet. Denn um die Mosaische Schöpfungsgeschichte ordentlich zu fassen, muß man sehr in der Kenntnis über das ganze Wesen des Menschen sein, zu der es aber ebensoschwer zu gelangen ist, wie zur richtigen und vollen Erkenntnis Gottes.
GEJ|2|219|3|0|Und so müßte Ich euch erst den ganzen materiellen, seelischen und geistigen Bau des Menschen von Faser zu Faser und von Fiber zu Fiber zergliedern und endlich zeigen, wie das Seelische sich zuerst aus dem Geistigen und das Materielle aus Seelischem entwickelt und geformt hat, und unter welchen zahllos vielen Entsprechungen, die wie die endlos vielen Lichtgrade mit den ebenso vielen Lichtmangelgraden korrespondieren.
GEJ|2|219|4|0|Ihr sehet aus dem, daß dies so leicht und so geschwind, wie ihr es meint, der Fall nicht sein kann; aber Ich werde euch dennoch soviel darüber sagen, als ihr vorderhand ertragen könnet, und wofür mit einiger Überzeugung zu fassen ihr schon in eurer Seele mit Erfahrungen und nötigen Vorkenntnissen versehen seid. – Und so horchet denn!
GEJ|2|219|5|0|So da Moses spricht: ,Im Anfange schuf Gott Himmel und Erde‘, so will Moses damit durchaus nicht den sichtbaren Himmel und die sichtbare, materielle Erde verstanden haben, weil er als ein echter Weiser daran wohl nie gedacht hatte, indem er stets nur die vollste innerste Wahrheit in seinem erleuchteten Sinne hatte. Aber diese seine tiefe Weisheit verhüllte er in entsprechende Bilder, also, wie er zum Zeugnisse dessen sein zu strahlendes Angesicht mit einer dreifachen Verhüllung vor dem Volke verdecken mußte.
GEJ|2|219|6|0|Unter ,Himmel‘ aber, was Moses zuerst als erschaffen anführt, ist zu verstehen, daß Gott die Intelligenzfähigkeit einstens, wie schon in der Zeit außer Seinem ewigsten und geistreinsten Zentrum, wie gewisserart außer Sich hinausgestellt hat – aber, wie gesagt, nur die Intelligenzfähigkeit. Diese ist gleich einem Spiegel, der in der finstersten Nacht wohl auch die Fähigkeit besitzt, äußere Gegenstände abbildlich in sich, oder vielmehr auf seiner glattesten Fläche, vollkommen treu und wahr aufzunehmen und wiederzugeben. Aber in der vollsten Nacht, und daselbst in der ebenso vollen Objektlosigkeit, ist der Spiegel doch offenbarst eine Sache für nichts und wieder nichts!
GEJ|2|219|7|0|Moses aber berichtet darum sogleich neben der Hinstellung eines Himmels, oder der Intelligenzfähigkeit außer dem Lebenszentrum Gottes, von einer sozusagen gleichzeitigen Kreierung (Erschaffung) der Erde. Wer und was aber ist wohl diese mosaische Erde? Ihr meinet wohl: ,Nun, diese, die uns trägt!‘ – Oh, weit gefehlt, Meine Lieben!
GEJ|2|219|8|0|Sehet, unter der ,Erde‘ verstand Moses bloß die Assimilations- und Attraktionsfähigkeit (Angleichungs- und Anziehungsfähigkeit) der untereinander verwandten, hinausgestellten Intelligenzen, die fast ein Gleiches ist mit dem, was einige Weltweise der Ägypter und Griechen Ideenassoziation (Gedankenverbindung) nannten, wo aus verwandten Begriffen und Ideen endlich ein ganzer mit Wahrheit erfüllter Satz zum Vorschein kommen muß.
GEJ|2|219|9|0|Wenn aber in den von Gott hinausgestellten Intelligenzfähigkeiten zufolge ihrer Verwandtschaft die wechselseitige Anziehung schon wie von selbst mitbedungen war, so ergibt sich auch die dritte Folgerung wie von selbst, nämlich daß sich die unter sich verwandten Intelligenzfähigkeiten auch wirklich wechselseitig angezogen und ergriffen haben, – für welchen damals noch tief geistigen Akt Moses offenbar doch kein tauglicheres und allgemeineres Bild aufstellen konnte, als eben das Bild der materiellen Erde, die an und für sich nichts als eben ein Konglomerat (Zusammengeballtes) von lauter attraktionsfähigen und unter sich, wie in sich verwandten Substantialpartikeln ist.
GEJ|2|219|10|0|Aber ,Es war noch finster auf der Tiefe‘ spricht Moses weiter. Wollte etwa Moses dadurch im Ernste die Lichtlosigkeit auf der neugeschaffenen Erde andeuten? Ich sage es euch, davon hatte dem weisen Moses selbst auch im Anfange seines dümmsten Seins nie etwas geträumt! Denn Moses war ein tiefer Kenner der Weltnatur und war in ägyptische tiefste Weisheit und Wissenschaft zu eingeweiht, als daß er nicht gewußt hätte, daß die Erde – als ein Kind der Sonne wenigstens um eine milliardmal Milliarden von Erdjahren jünger als die Mutter Sonne – bei ihrer Entstehung nicht finster sein konnte; sondern Moses hat damit nur abermals bildlich angedeutet, daß die Intelligenzfähigkeit und die attraktionsfähige Verwandtschaft der Intelligenzen noch kein wie immer geartetes Erkennen, Verständnis und Selbstbewußtsein – was alles identisch ist mit dem einen Begriffe ,Licht‘ –, sondern das Gegenteil so lange bedingen muß, bis sie sich ergreifen, sich danach zu drücken, zu reiben und also gewisserart miteinander zu kämpfen anfangen.
GEJ|2|219|11|0|Habt ihr aber noch nie bemerkt, was da zum Vorschein kommt, wenn man Steine oder Hölzer stark miteinander zu reiben anfängt? Sehet, da kommt dann Feuer und Licht zum Vorschein! Und sehet, das ist das Licht, das Moses entstehen läßt im Anfange!“
GEJ|2|220|1|1|220. — Erde und Licht. (Mo 1)
GEJ|2|220|1|0|(Der Herr:) „Was sonach das Licht zu bedeuten hat, wissen wir; aber es heißt zuvor noch, daß die Erde wüst und leer war! Das ist ganz sicher; denn mit der Fähigkeit allein, etwas in sich aufnehmen zu können, wie auch mit dem schon gefühlten Bedürfnisse dazu, ist noch kein Gefäß vollgemacht worden. Solange aber im Gefäße nichts ist, so lange auch ist das Gefäß wüst und leer.
GEJ|2|220|2|0|So auch ist es bei der Urschöpfung der Fall gewesen. Es waren aus Gott wohl eine zahlloseste Menge von Gedanken und Begriffen durch die allmächtige Willenskraft Seiner Liebe und Weisheit in alle Räume der Unendlichkeit hinausgestellt worden, welche Gedanken und Begriffe wir vorher die einzelnen spiegelartigen Intelligenzfähigkeiten genannt haben, und zwar darum, weil jeder einzelne Gedanke gewisserart eine Reflexion (Widerstrahlung) im Haupte von dem ist, was das stets tätige Herz in sich produziert.
GEJ|2|220|3|0|Wie aber ein Gedanke oder ein Begriff für sich noch gleich einem leeren Gefäße oder auch gleich einem Spiegel im finstersten Keller ist, also ist auch die gesamte gegenseitige (Ideen-)Verwandtschaft noch wüst und leer; und da noch keine Tätigkeit der Intelligenzfähigkeiten untereinander, sondern pure Fähigkeiten zum Sein und zur Tätigkeit vorhanden sind, so ist also auch noch, wie schon ehedem bemerkt, alles kalt, feuer- und lichtlos.
GEJ|2|220|4|0|Alle diese noch tat- und regungslosen Gedanken und Ideen der göttlichen Weisheit werden auch höchst treffend verglichen mit dem ,Wasser‘, in dem auch zahllose Spezifikalelemente wie zu einem einfachen zusammengemengt sind, aus dem aber endlich dennoch alle Körperwelt ihr höchst verschiedenartiges Dasein nimmt.
GEJ|2|220|5|0|Aber all die großen Gedanken und daraus entwickelten Ideen in der Weisheit Gottes, und mochten sie noch so wahr gewesen sein, hätten aber dennoch nie irgendeine Realität erhalten können, sowenig als die Gedanken und Ideen irgendeines Weisen der Erde, so ihm zur Realisierung derselben die Mittel fehlen. Ist je irgendeine Wirklichkeit denkbar, die dem Gedanken und den Ideen folgen soll, so müssen zuerst die entsprechenden Mittel und durch diese die wahre Tätigkeit der Gedanken und Ideen von innen wie von außen her auf diese einwirkend und von einer hohen Kraft und Macht ausgehend herbeigeschafft werden.
GEJ|2|220|6|0|Wenn irgendein Mensch sonach Gedanken zu Ideen verband und sie bewerkstelligt haben möchte, so muß er, abgesehen, daß er dazu die nötigen materiellen Mittel hat, zu seinen Gedanken und Ideen eine recht übermächtig große Liebe fassen. Von solcher Liebe werden dann seine Gedanken und Ideen also gehegt, wie da hegt eine Henne ihre Küchlein. Dadurch werden die Gedanken und die daraus entstandenen Begriffe als schon mehr konkrete Ideen stets lebendiger und ausgebildeter. Und sehet, solch eine Liebe ist eben der Geist Gottes in Gott Selbst, der da, nach Moses, auf dem Wasser schwebte, das an und für sich nichts anderes besagt, als die noch form- und wesenlose unendliche Masse der Gedanken und Ideen Gottes!
GEJ|2|220|7|0|Durch diesen Geist belebt, fingen die Gedanken Gottes an, sich zu großen Ideen zu verbinden, und es drängte ein Gedanke den andern und eine Idee die andere. Und seht, da geschieht dann in der göttlichen Ordnung ja wie von selbst das ,Es werde Licht!‘ und ,Es ward Licht!‘ Und sonach erklärt sich nach Moses denn auch sogar der natürliche große Schöpfungsakt von Uranbeginn von selbst – mit dem gleichgehend aber endlich auch, und zwar hauptsächlich, der seelische und geistige Bildungsprozeß vom neugeborenen Kinde an bis zum Greise und vom ersten Menschen der Erde bis auf unsere Zeiten und so fort bis ans einstige Ende dieser Welt – in allem!
GEJ|2|220|8|0|Nun kommt im Moses freilich ein Satz, demnach es das Ansehen hat, als ob Gott erst nach dem sich aus dem Feuer der Liebetätigkeit des Geistes entwickelten Lichte einzusehen anfinge, daß das Licht gut sei; allein es ist dem bei weitem nicht also, sondern es ist dies nur ein Zeugnis der ewigen und endlosen Weisheit Gottes, laut dem dies Licht ein wahrhaft freies, sich von selbst aus der Tätigkeit der Gedanken und Ideen Gottes nach der Ordnung der Weisheit entwickeltes Geistlebenslicht ist, durch das die auf diese Weise von Gott hinausgestellten Gedanken und Ideen Gottes sich als selbständige Wesen nach eigener Intelligenz weiterhin, natürlich unter dem unvermeidbar beständigen Einflusse Gottes, wie von sich selbst heraus ausbilden können. Dieses wird sonach durch den Beisatz Mosis verstanden, aber nicht, als ob Gott erst dadurch zur subjektiven Einsicht gelangt wäre, daß das Licht etwas Gutes sei!“
GEJ|2|221|1|1|221. — Scheidung von Licht und Finsternis (Mo. 1)
GEJ|2|221|1|0|(Der Herr:) „Aber nun kommt etwas, das im Grunde des Grundes schwieriger zu fassen ist als das Vorhergehende. Denn es heißt ferner: ,Da schied Gott das Licht von der Finsternis und hieß das Licht Tag und die Finsternis Nacht.‘ Diese Sache wird aber leichter verständlich, so ihr statt der beiden von Moses aufgestellten allgemeinsten Begriffe die entsprechenden mehr sonderheitlichen nehmt, als für den Tag das schon selbständige Leben und für die Nacht den Tod, oder für den Tag die Freiheit und für die Nacht das Gericht, oder für den Tag die Selbständigkeit und für die Nacht die Gebundenheit, oder für den Tag das sich selbst schon erkennende Liebeleben des göttlichen Geistes in der neuen Kreatur und für die Nacht die noch unbelebten Gedanken und Ideen aus Gott.
GEJ|2|221|2|0|Diese Ordnung aber findet ihr ebenfalls auch wieder schon in einer jeden Pflanze, bei der ihr bis zum Ansatze der Frucht noch nichts denn die Nacht findet oder den gierenden Tod, wo der Geist Gottes noch der Vorbildung der Leben tragenden Materie wegen auf dem Wasser der finsteren Tiefe schwebt. Ist die Unterlage aber einmal insoweit solid, daß am Weizenhalme der Schöpfung der letzte Reif unter der Ähre gezogen werden kann und das eigentliche wahre Geistleben sich als ein selbständiges zu ergreifen, zu fühlen und im hellen Selbstbewußtsein sich zu begreifen, zu erkennen und zu verstehen beginnt, so geschieht da doch eine offenbare Teilung oder vielmehr Scheidung des Lichtes von der Finsternis, des freien Lebens von dem Gerichtsleben, oder eigentlich des unverwüstbaren Lebens von dem zerstörbaren Gerichtsleben, das da gleich ist dem Tode unter dem allgemeinsten, alles umfassenden Begriffe Nacht.
GEJ|2|221|3|0|Und ferner heißt es: ,Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.‘ Was ist der ,Abend‘, und was ist hier der ,Morgen‘? – Der Abend ist hier derjenige Zustand, in dem sich die Vorbedingungen zur endlichen Aufnahme des Liebelebens aus Gott durch den Einfluß des allmächtigen Gotteswillens zu konstatieren (bekunden) und zu ergreifen anfangen, gleich den einzelnen Gedanken und Begriffen zu einer Idee. Sind diese einmal konstatiert (gediehen) bis zum letzten Ringe unter der Fruchtähre, so hat da die Verrichtung des Abends ein Ende, und es beginnt dann die freie und selbständige Tätigkeit zur eigenen Sichselbstbildung in der Frucht. Wie die Menschen aber den Übergang der Nacht in den Tag den Morgen nennen, so auch ward entsprechend der Übergang des vorhergehenden gerichteten, unfreien Zustandes der Kreatur in den freien, selbständigen der Morgen genannt. Und sehet, da hat Moses durchaus keinen logischen Fehler begangen, so er aus dem Abende und aus dem Morgen den ersten und alle darauffolgenden Tage entstehen läßt!
GEJ|2|221|4|0|Daß Moses sechs solche Tage aus dem Abende und Morgen entstehen läßt, hat zum Grunde, weil nach sorglicher Beobachtung und Forschung ein jedes Ding von seinem Urbeginne bis zu seiner Vollendung als das, was es ist, genau im Wege ein und derselben göttlichen Ordnung die sechs Perioden durchzumachen hat, bis es als das, was es vorderhand sein soll, vollendet dasteht, gleich einer vollreifen Weizenähre am abgestorbenen Halme.
GEJ|2|221|5|0|Die Samenlegung ins Erdreich bis zum Erkeimen: erster Tag; von da die Bildung des Halmes und der Saug- und Schutzblätter: zweiter Tag; von da die Bildung des letzten Ringes knapp unter dem sogleichen Ansatze der ersten Anlagen zur Bildung der Ähre: dritter Tag; von da die Bildung und Einrichtung der hülsenartigen Gefäße gleich den Brautgemächern zur Einzeugung des freien, selbständigen Lebens, wozu auch der Blütenstand zu nehmen ist: vierter Tag; von da der Abfall der Blüte, die Entstehung der eigentlichen, schon ein freies Leben tragenden Frucht und deren freie Tätigkeit – obschon noch im Verbande mit den früheren, unfreien Zuständen, aus denen noch ein Teil der Nahrung zur Bildung der Häute genommen wird, obschon von da die Hauptnahrung aus den Himmeln des Lichtes und der wahren Lebenswärme genommen wird – bis zur vollen Ausbildung der Frucht: fünfter Tag; endlich die gänzliche Ablösung der in der Hülse reif gewordenen Frucht, wo der Kern dann schon ganz allein zu seiner vollsten Konsolidierung (Festigung) und eben so allein und nun schon vollkommen selbständig die reine Kost der Himmel verlangt, sie annimmt und sich damit frei sättigt fürs freieste, ewig unzerstörbare Leben: sechster und letzter Tag zur Bildung und vollen Freiwerdung des Lebens.
GEJ|2|221|6|0|Am siebenten Tag tritt dann die Ruhe ein, und das ist der Zustand des nun fertigen, vollreifsten und für die Ewigkeit bestandfähig aus den früheren Zuständen konsolidierten (gefestigten) Lebens, ausgerüstet mit der vollen Gottähnlichkeit.“
GEJ|2|222|1|1|222. — Das Endziel der gesamten Schöpfung
GEJ|2|222|1|0|(Der Herr:) „Wenn ihr dies nun von Mir zu euch Gesagte nur so ein wenig tiefer und reifer als die gewöhnlichen Menschen dieser Zeit überdenken wollet, so werdet ihr, wenn schon gerade nicht in aller Tiefe der Tiefen, leicht finden und einsehen, daß Moses mit seiner Schöpfungsgeschichte wohl nur die einzig wahre und mit aller Ordnung der ewigen Weisheit vollkommen übereinstimmende Entstehung und Fortbildung aller Dinge von ihrem Urbeginne bis zu ihrer höchsten Vollendung unter seinen trefflichen Bildern verstanden hat.
GEJ|2|222|2|0|Wer Moses aber nicht also versteht, der soll ihn auch gar nicht lesen; denn liest er ihn und versteht ihn aber also verkehrt, so muß er endlich bei nur einigem Nachdenken ganz irre werden, und er kommt in einen rechten Ärger über die unlogische Dummheit Mosis und über die am Ende sogar böswillige Dummheit aller derer, die eine so unlogische dümmste Lehre, als sogar vom Geiste Gottes eingegeben, den Menschen unter Feuer und Schwert aufdringen ohne alle Rücksicht darauf, ob sie auch ihnen selbst als eine allergröbste Dummheit vorkommt.
GEJ|2|222|3|0|Wer aber mit dem nun gezeigten rechten Verständnisse den Moses liest, der wird in ihm nicht nur den umfassendst weisen, sondern auch den vom Geiste Gottes allerdichtest durchdrungenen, wahrsten Propheten erkennen, der die ausgedehnteste Fähigkeit und danebst den festesten Willen hatte, all den Menschen alle Tiefe der Tiefen über Gott und über alle geschaffenen Dinge die vollwahrste Kunde also zu geben, wie er sie in seinem Riesengeiste vom Geiste Gottes Selbst empfangen hatte!
GEJ|2|222|4|0|Also entstanden die Sonnen alle für sich, die Erden für sich, und jedes einzelne auf den Sonnen und Erden für sich, und also auch in ihrem allgemeinen Zusammenhange. Und so entstand der Mensch im engsten Sinne für sich, und eben also im allgemeinsten, weil die ganze Schöpfung in aller ihrer Allgemeinheit einem Menschen völlig gleicht und entspricht, und weil jedes einzelne, vom Größten bis zum Kleinsten, der ganzen geistigen und materiellen Schöpfung ebenfalls dem Menschen entspricht und entsprechen muß, weil der Mensch der eigentliche Grund und das Endziel der gesamten Schöpfung ist. Er ist das endlich zu gewinnende Produkt all der Vormühen Gottes.
GEJ|2|222|5|0|Und weil eben der Mensch das ist, was Gott durch alle die Vorschöpfungen erreichen wollte und auch erreicht hat, wovon ihr als unwidersprechbare Beweise dastehet, so entspricht auch alles in den Himmeln und auf all den Weltkörpern in allem dem Menschen, wie es Moses auch in seiner Schöpfungsgeschichte dargestellt hat, und wie es auch andere Volkslehrer, wenn schon verhüllter, dargestellt haben. Prüfet aber nun alles, und ihr werdet es finden, daß es sich nur also und unmöglich anders verhält und verhalten kann! – Du, Cyrenius, aber sage es Mir, wie du nun mit Moses zufrieden bist!“
GEJ|2|223|1|1|223. — Zeugnis des Cyrenius über die Schöpfungsgeschichte
GEJ|2|223|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr und Meister, wahrlich, Deine Weisheit geht über alles, was je die Erde als Weisestes segnete, unendlich hoch und weit darüber hinaus! Denn ist es schon viel, ein großer Weiser für sich zu sein, so ist es aber dennoch endlos mehr, die tiefste und verborgenste Weisheit Gottes mit verständiger Rede also darzustellen, daß sie Menschen, ohne irgendeine besondere Weisheitsbildung zu besitzen, wie wir da sind, leicht und klar fassen können. Das kann nach meiner Ansicht nur Gott allein möglich sein; denn ein noch so weiser Mensch kann am Ende gleich dem Moses seine vom Gottesgeiste empfangene Weisheit nur in entsprechende Bilder einfassen, oder diese werden ihm schon wie Samenkörner gegeben, die er dann gleich einem Sämann ins Erdreich der Menschenherzen legt. Von solchen Körnern gehen dann wohl so manche entsprechende Früchte hervor; aber die Menschen erkennen die Früchte oft ebensowenig, als sie die in ihre Herzen gestreuten Samenkörner erkannten, und es ist da mit einer solchen Aussaat am Ende wenig geholfen. Ernten die Menschen deren reif gewordene Früchte ein, so wissen sie aber dann am allermeisten dennoch kaum, was sie daraus machen sollen, und wozu sie eigentlich zu verwenden seien.
GEJ|2|223|2|0|Gewöhnlich wird schon von den ersten Ausstreuern der Weisheitssamenkörner eine nie ganz richtige Anwendung gemacht, und um so weniger erst hernach von ihren späteren Nachfolgern; denn würden die allerersten Aussäer der Weisheitskörner von deren Früchten einen vollkommen richtigen und wahren Gebrauch gemacht haben, so müßten alle ihre Nachfolger auch unmöglich einen andern als nur einen rechten und wahren Gebrauch davon machen. Weil aber sicher aus einem unrechten Verständnisse schon die Propheten Fehler wider ihre schwachverstandene Lehre gemacht haben, so waren derlei kleine Fehler ganz sicher der Grund von den hernach großen in den späteren Nachfolgern.
GEJ|2|223|3|0|Moses und Aaron mögen wohl sehr rein nach der ihnen vom Geiste Gottes geoffenbarten Lehre gelebt haben; ob sie aber ihre Lehre aus Gott kommend ebenso verstanden haben, wie Du sie uns nun enthüllt hast, ist eine große Frage und ist sehr zu bezweifeln. Denn man kann eine fremde Sprache und deren Schrift wohl recht gut und ganz richtig auf ein Blatt übertragen, ohne davon irgend etwas aus dem Grunde zu verstehen.
GEJ|2|223|4|0|Aber also, wie Du, o Herr, uns nun die Genesis Mosis erläutert hast, kann kein weiterer Zweifel im Herzen des Menschen übrigbleiben, und die Befolgung solch einer Lehre sowohl im rechten Verständnisse und in rechter Tat danach kann dann ja offenbar keine andere als auch nur eine richtige sein.
GEJ|2|223|5|0|Aber da Du, o Herr, nun schon so freigebig geworden bist mit der Enthüllung der tiefsten und verborgensten Wahrheiten, so gib uns allen noch so einen kleinen Aufschluß über den sogenannten ,Fall der Engel‘, als der ersten geschaffenen Wesen, dann vom ,Falle Adams‘ und endlich von der sogenannten ,Erbsünde‘, die als ein schlechtes Erbteil an alle späteren Menschen übergegangen ist. Wenn es nicht zu spät ist und wir solches nur einigermaßen zu fassen imstande sind, so tue noch einmal Deinen wahrhaft heiligsten Mund auf und gib uns davon nur so einige feste Winke, auf daß wir auch darin nur so ein wenig über die alltägliche Gewöhnlichkeit zu Hause sein möchten!“
GEJ|2|223|6|0|Sage Ich: „Ja, Mein liebster Freund, das ist wohl eine noch härtere Nuß als die Mosaische Schöpfungsgeschichte selbst, obschon sie eigentlich in dieser völlig enthalten ist und für den emsigen Forscher nun schon wie ein Gold am freien Tage liegt. Wenn du aber nur nach einem bloßen festen Winke dürstest und nicht nach einer durchgeführten Lehre, so kann Ich dir solch einen Gefallen ja recht gerne erweisen; denn zur Aufstellung einer durchgeführten Lehre darüber hätten wir wohl alle zu wenig Zeit, da es nun schon um die dritte Nachtwache geworden ist. – Wer da Ohren hat, der höre!“
GEJ|2|224|1|1|224. — Über den Fall der Geister, den Fall Adams und die Erbsünde
GEJ|2|224|1|0|(Der Herr:) „Der Fall der erstgeschaffenen Geister oder der freien und belebten Ideen Gottes im endlosen Raume ist die große Scheidung, von der Moses sagt: ,Da schied Gott das Licht von der Finsternis!‘ Wie aber solches zu verstehen ist im wahren Sinne der rechten und vollrichtigen Entsprechung, habe Ich euch allen bereits zur Genüge gezeigt; der Erfolg davon – die notwendige materielle Welt, deren große und kleine Teile als Sonnen, Erden und Monde und alles, was in und auf denselben – ist durch den endlosen Raum ausgestreut.
GEJ|2|224|2|0|Was aber da betrifft den ,Fall Adams‘, so hat solcher schon freilich mehr Objektivität als der sogenannte ,Fall der Engel‘, ist aber dabei in der Entsprechung dennoch homogen dem Falle der Engel; nur kommt bei ihm schon wirklich ein positives Gesetz zum Vorscheine, während es sich bei dem Falle der Engel noch lange um kein solches Gesetz handeln konnte, weil damals erst mit der großen Entwicklung der frei zu machenden Wesen der Anfang gemacht ward und sonach außer Gott noch keine solche Intelligenz dastand, der man irgendein positives Gesetz hätte geben können.
GEJ|2|224|3|0|Darum geschah unter dem sogenannten ,Falle der Geister‘ auch eine notwendige und genötigte Scheidung, während die adamitische, als schon von ihm selbst ausgehend, eine freie war und sonach keine Nötigung, sondern ein freier Akt des schon in allen seelischen Sphären freien ersten Fleischmenschen. Im ganzen ist sie aber dennoch auch ein vorhergesehener Aktus aus der geheimen Ordnung Gottes, die zwar nie als eine absolute Nötigung, aber dennoch als eine Zulassung unter ,du sollst‘ und ,du sollst nicht‘ dem freien Willen des Menschen wegen seiner aus der eigenen Tätigkeit zu gewinnenden Konsolidierung gegeben wird.
GEJ|2|224|4|0|Es ist da ein Unterschied wie zwischen einem Kindmenschen, der seine eigenen Füße noch nicht gebrauchen kann und daher von einem Orte zum andern hingetragen werden muß, und einem gesunden Manne, der schon lange oft nur schon zu gut und zu fest gehen kann.
GEJ|2|224|5|0|Wer aber einmal selbst gehen kann, den braucht man ja doch nicht mehr gleich einem neugeborenen Kinde an einen Ort hinzutragen, den man mit dem Kinde und für das Kind erreichen will, sondern man zeige ihm den geradesten und untrüglichen Weg bis zum Orte der Bestimmung. Will der gesund- und starkfüßige Mensch darauf hingehen, so wird er das Ziel auch sicher und gefahrlos erreichen; macht er aber freiwillig Umschweife und Umwege, nun, so muß er sich's dann aber auch selbst zuschreiben, so er das vorgesteckte Ziel oft um vieles später, schwerer und mühevoller erreicht.
GEJ|2|224|6|0|Und das sehen wir denn auch bei Adam. Hätte er das positive Gebot beachtet, so wäre die Menschheit, resp. die vollkommene Seele des Menschen, nicht zu dem sehr harten, schweren und gebrechlichen Fleischleibe gekommen, der nun mit gar vielen Gebrechen und Mängeln behaftet ist.
GEJ|2|224|7|0|Aber der Ungehorsam gegen das positive Gesetz hat den ersten Menschen notwendig auf einen weiten Umweg gebracht, auf dem er nun das Ziel um vieles schwerer und um vieles später erreicht.
GEJ|2|224|8|0|Du meinst freilich und sagst bei dir: ,Ei, was kann denn ein kleines, bloß moralisches Gesetz, ob es beachtet oder nicht beachtet wird, auf die gesamte Natur des Menschen für einen gar so wesentlichen Einfluß nehmen? Adam wäre ohne den dummen Genuß sicher ebenso der fleischliche Adam geblieben, als er es durch den Genuß des Apfels geblieben ist, und er hätte dereinst dem Fleische nach sicher ebensogut sterben müssen wie nun noch alle Menschen!‘
GEJ|2|224|9|0|Du hast einesteils wohl recht; aber andernteils auch unrecht. Es ist der Genuß eines Apfels, der eine gesunde und süße Frucht ist, sicher nicht todbringend; denn sonst müßten nun alle Menschen, die Äpfel essen, bald darauf sterben. Also am Apfel selbst liegt wenig oder auch nichts. Aber so er zum Genusse auf eine unbestimmte Zeit verboten wird, und das bloß nur der größeren Konsolidierung der Seele wegen, die Seele aber, ihres freien Willens bewußt, das Gesetz mißachtet und übertritt, so macht sie gewisserart einen Durchbruch in ihrem Wesen, und dieser gleicht dann einer offenen Wunde, die schwer je völlig zu heilen ist, weil, wenn die Wunde auch vernarbt, durch die Vernarbung eine Anzahl von Gefäßen so beengt werden, daß durch sie fürder die Lebenssäfte der Seele nicht gut zirkulieren können und darum an der Stelle der Narbe stets einen unbehaglich schmerzlichen Druck ausüben.
GEJ|2|224|10|0|Dadurch aber wird dann die Seele abgezogen, hauptsächlich nur fürs freie Gedeihen des Geistes in ihr zu sorgen, und sie verwendet nun zum größten Teil ihre Tätigkeit darauf, daß die Narbe wieder vergehe. – Und sehet, diese Narbe heißt ,Welt‘!
GEJ|2|224|11|0|Die Seele will zwar diese Narbe gleichfort loswerden; denn sie schmerzt die Seele im Gefühle der Sorge resp. Weltsorge. Aber je mehr die Seele sich da abmüht, desto derber wird die Narbe, und je derber sie wird, desto mehr Sorge erzeugt sie; und die Seele hat am Ende nichts zu tun, als sich allein mit der Heilung dieser alten Narbe zu beschäftigen, das heißt, sich sorglos zu machen, geht am Ende selbst nahezu ganz in diese Narbe über und kümmert sich wenig mehr um ihren Geist. – Und sehet, das ist die sogenannte ,Erbsünde‘!“
GEJ|2|225|1|1|225. — Die Macht der Vererbung
GEJ|2|225|1|0|(Der Herr:) „,Wie aber kann sich so etwas wohl vererben?‘ – wird man fragen. Oh, sehr leicht, besonders in der organischen Seelengestaltung. Was aber diese einmal angenommen hat, das kann ihr Tausende von Jahren bleiben, wenn solches nicht durch den Geist in ihr wieder in die volle Ordnung gebracht wird. Sehet den Typus eines Volkes an! Stelle Ich euch heute die Gestalt seines Urstammvaters vor, so werdet ihr es alle bald erkennen, daß eine bedeutende Ähnlichkeit auf alle seine Nachkommen übergegangen ist. War der Stammvater ein guter und sanfter Mann und also auch dessen Weib, so wird am Ende mit wenig Ausnahmen das ganze Volk ein mehr gutes und sanftes sein als ein Volk, das da einen zornmütigen, stolzen und herrschsüchtigen Stammvater hatte.
GEJ|2|225|2|0|Wenn ein leichter, verwischbarer Zug eines Urstammvaters physisch und moralisch noch nach ein paar Jahrtausenden in allen seinen Nachkommen gar wohl zu erkennen ist, um wieviel mehr ein Zug des ersten Menschen der Erde in allen seinen Nachkommen, indem seine Seele im Anfange viel empfänglicher und somit notwendig um vieles reizbarer war als die späteren Seelen, denen das Merkmal des Vaters gleich bei der Zeugung im Strome des Lebenssamens eingeprägt ward und hernach auf natürlichem Wege nicht mehr verwischt und gar getilgt werden konnte. Leider verunstaltet solche Narbe die Seele sehr, und Gott hat allzeit alles angewandt, auf daß es irgendeiner Seele aus sich möglich werden könnte, solch eine böse Narbe für alle Zeiten vergehen zu machen; aber es wollte die Sache bis auf jetzt herab eben nicht besonders gut gelingen, und Ich kam nun Selbst darum auf diese Erde, um solch eine alte, häßliche Narbe auszutilgen.
GEJ|2|225|3|0|Und Ich werde sie auch tilgen; aber das wird geschehen durch die vielen Wunden, die in Mein Fleisch geschlagen werden. Solches aber könnet ihr nun nicht fassen; wenn es aber kommen wird, dann werdet ihr es auch fassen, und der heilige Geist aller Wahrheit wird euch dann darüber in alle Weisheit leiten.
GEJ|2|225|4|0|Ihr aber habet es ja auch gelesen im Moses, wie er da spricht vom Fluche Jehovas über die Erde, und wie es da heißt: ,Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dir fürder dein Brot bereiten!‘ Und dann heißt es auch gleich nach dem Fluche über die Erde: ,Dornen und Disteln wirst du tragen.‘
GEJ|2|225|5|0|Seht, so ihr das materiell verstehen möchtet dem äußeren Wortlaute nach, so hättet ihr auch, das heißt, so die Sache sich ernstlich also materiell verhielte, ein vollstes Recht, Gott einer vollen Unweisheit zu beschuldigen! Aber indem solch eine Diktion (Ausspruch) bloß nur seelisch und eigentlich geistig zu nehmen und zu fassen ist, so fällt so eine Beschuldigung von selbst weg, und der Mensch muß es sich immer selbst zuschreiben, wenn an seinem Wesen etwas verschlimmert wird, so wie er es sich auch selbst zuzuschreiben hat, so in irgendeinem Lande die Ernte manchmal schlechter wird, als sie in der Regel sein müßte; denn bei der Witterung hängt nicht alles von dem Willen Gottes, sondern auch von dem der Menschen ab.
GEJ|2|225|6|0|Wenn eine Seele einmal ihrer selbst vollkommen bewußt ist und zum Gebrauche ihrer Vernunft kommt insoweit, daß sie in sich gar wohl die Ordnung Gottes erschauen und erkennen kann, so muß sie dann für fernerhin wegen ihrer Konsolidierung selbsttätig werden, natürlich nach der in ihr bestehenden und erkannten Gottesordnung. Tut sie aber in irgendeinem Punkte das nicht, sondern unterläßt das, oder tut dafür gar etwas Entgegengesetztes, so muß sie sich ja offenbar in dem betreffenden Punkte selbst einen nicht leicht vertilgbaren Schaden zufügen, von dem sie sich dann nimmer frei machen kann von sich selbst heraus, weil alle ihre Tätigkeit dadurch schon mehr oder weniger eine unordentliche wird, aus der offenbar mit der Zeit stets mehr und mehr seelische Beschränktheiten erwachsen müssen als: allerlei Blindheit, Dummheit, Unverstand, schwache Fassungskraft, Furcht, Mutlosigkeit, Traurigkeit, Angst, Verdruß, Zorn, Wut und am Ende gar die Verzweiflung selbst.
GEJ|2|225|7|0|Und seht, das eben sind die ,Dornen‘ und ,Disteln‘, die das ,Erdreich‘, das heißt die verkümmerten Intelligenzfähigkeiten der Seele in ihr selbst hervorwachsen lassen werden, gleich den Schmarotzerpflanzen auf den sonst gesunden Ästen der Bäume!
GEJ|2|225|8|0|Der ,Fluch Gottes‘ aber ist nichts denn die der sich selbst verdorben habenden Seele kundgegebene, erleuchtende Einsicht, daß sie sich wirklich wider die Ordnung selbst verdorben hat, und daß sie darum aus höchst eigenem Verschulden fürder ihr Brot im Schweiße ihres Angesichtes wird suchen müssen.
GEJ|2|225|9|0|Und der ,Schweiß des Angesichtes‘ ist eben die schon bekanntgegebene Sorgennarbe der Seele, die sie sich selbst durch Genuß jenes mosaischen Apfels beigebracht hat, was sie auch ganz gut hätte vermeiden können.
GEJ|2|226|1|1|226. — Weltsorgen und deren üble Folgen für die Seele
GEJ|2|226|1|0|(Der Herr:) „Und Ich sage es nun euch allen darum, daß ihr alle unnötige Sorge von euch verbannen sollet; denn jede Sorge der Welt wegen ist eben ein materielles Band, durch das sich eine Seele aus der alten adamitischen Narbe mit der Materie verbindet! Je mehr sich aber die Seele mit der Materie ihres Fleisches verbindet, desto mehr muß die Ausbildung des eigentlichen Geistes Gottes in ihr verkümmern; und je mehr sich dann die Seele durch ihre Sorge verbindet mit dem Leibe, der in sich nur ein Gericht, eine leidige Notwendigkeit und somit der Tod selbst ist, desto mehr verliert sie dann auch das Bewußtsein und die Erkenntnis des ewigen, unverwüstbaren Lebens in ihr. Je mehr sie sich aber ablöst von diesem Bande, desto freier wird sie wieder in allem, und je mehr sie sich dann verbindet mit dem göttlichen Geiste in ihr, desto lebendiger und stets heller wird darauf das Bewußtsein und die Erkenntnis des ewigen Lebens in der Seele werden.
GEJ|2|226|2|0|Wer daher noch irgendeine große Furcht vor dem Tode des Leibes hat, dessen Seele steht noch in einem starken Verbande mit dem Fleische und in einem äußerst schwachen mit dem Geiste; denn eine große Liebe zum Leben auf dieser Welt ist ein sicheres Kennzeichen, daß die Seele sich noch sehr wenig bekümmert hat um das ewige Leben ihres Geistes in ihr, und daran schuldet die alte Narbe, die Adam sich selbst und dadurch allen in sein Fleisch eingezeugten Seelen geschlagen hat.
GEJ|2|226|3|0|Aber dennoch kann sich jede Seele, so sie es recht will, auch völlig heilen von solch einer bösen Narbe. Denn dafür hat Gott schon gleich in der Gegenwart Adams die sicheren Vorkehrungen getroffen, und Adam selbst ist in seiner letzten Zeit nahezu ganz wieder heil gemacht worden. Henoch aber ist davon vollends heil gemacht worden; daher er auch in seinem Fleische umgewandelt worden ist, so wie noch einige der Urväter der Erde. Aber da sich deren Nachkommen dennoch gemischt haben mit den Kindern nicht geheilter Väter, so blieb das alte adamitische Übel dennoch, mehr oder weniger mächtig auftretend, unter den Menschen gleichfort zu ihrer Qual.
GEJ|2|226|4|0|Daher stammen auch die schmerzlichen Geburten der Weiber, und daher die meistens sehr schmerzlichen Todesarten bei den Menschen. Denn eine schon durch des Mannes Samenstrom verwundete Naturseele verbindet sich gleich recht hartnäckig zuerst mit dem Fleische der Mutter und muß hernach bei der Ausgeburt stets gewaltsam unter allerlei Bandzerreißungen in die Welt hinausgeboren werden. Kinder aber, wie ein Isaak und dergleichen noch eine Menge in der Welt, sind bei voller Schmerzlosigkeit der Mutter aus ihr in die Welt hinausgeboren worden.
GEJ|2|226|5|0|Also ist es auch mit dem Sterben der Fall. Menschen, die sehr am irdischen Leben hängen, und bei denen alle ihre Sorge auf dasselbe gerichtet ist, haben schon während ihres kurzen Erdlebens sehr viel zu leiden, werden oft seelisch und bald darauf sicher auch fleischlich krank und sehr elend, und vor dem Scheiden aus dem Leibe haben sie stets mit oft unerträglichen Schmerzen zu kämpfen und scheiden in einem höchsten, alles betäubenden Schmerze aus dem Leibe, der gar oft nach der Löse vom Leibe einen langwährenden Nachhall findet, besonders bei jenen Seelen, denen es auf der Welt in ihren Leibern so recht wohl und behaglich erging. Dagegen jene Seelen, die auf der Welt zu der heilsamen Überzeugung gelangt sind, daß alle Schätze der Erde der Seele nichts nützen, weil sie in den Tod sinken müssen wie der Leib, und sich darum von der alten Narbe Adams so frei als möglich gemacht, aber dafür ihren Geist, das Atma Gottes, in sich gefunden und mit aller der wahren Sorgfalt gepflegt haben –, haben fürs erste wenig mehr eine irgend wie immer geartete Krankheit des Leibes zu bestehen.
GEJ|2|226|6|0|Ist das Leben der Seele einmal mit ihrem Geiste verbunden, so wird denn auch nach und nach ihr Leib eine geistigere Richtung annehmen und darum gefühlloser werden für die Eindrücke von seiten der äußeren Materiewelt; denn eine jede Krankheit des Leibes entsteht gewöhnlich aus dem Zerreißen irgendeines Bandes mit der Welt. Kurz, der Leib wird durch die lebenshungrige Seele mit tausend der verschiedenartigsten Bedürfnisse angestopft. Kann er zufolge klimatischer und tausend anderer Verhältnisse wegen nicht zufriedengestellt werden, so muß darum ein und das andere Band abgerissen werden, und der Leib wird darauf bald krank und sehr leidend, und mit ihm auch die Seele, welche am Ende mit ihrem Leibe die gleiche und eigentlich die vorzügliche Schmerzträgerin ist.
GEJ|2|226|7|0|So aber die Seele ihren Leib und dadurch sich selbst an möglichst viele Entbehrungen aus dem Todesbereiche der Welt gewöhnt hat, so werden am Ende eben nimmer viele Bande zwischen den toten Gütern der Erde und dem Leibe vorhanden sein, und es wird da denn auch wenig mehr zum schmerzlichen Zerreißen sich vorfinden. Ist aber dadurch möglichst aller Grund zu den Krankheiten des Leibes behoben, so möchte Ich dann nachher doch Selbst wissen, woher diese noch in den Leib und in die empfindsame Seele kommen sollten.
GEJ|2|226|8|0|Ja, bei solchen Menschen fühlt der Leib selbst dann von irgendeinem Schmerze nicht leichtlich mehr etwas, wenn er auch durch äußere arge Mittel gemartert und gepeinigt wird.
GEJ|2|226|9|0|Sehet die bekannten Jünglinge in dem Feuerofen an! Sie sangen in aller Lebenslust und priesen Gott. Und wenn schon ihre Leiber mit der Zeit von der äußeren bösen Gewalt verzehrt wurden, so empfanden sie aber dennoch keinen Schmerz dabei; denn sie waren schon lange vorher aller Bande mit der Welt ledig und waren eins mit ihrem göttlichen Geiste. Und so fühlt denn fürs zweite eine solche vollends mit ihrem Geiste vereinte Seele beim Lostrennen vom Leibe, mit dem sie schon lange in keinem festen materiellen, sondern nur in einem überzarten, geistigen Bande verbunden stand, auch durchaus keinen Schmerz, sondern nur eine all ihr Wesen durchzuckende selige Wollust und verliert beim Trennen unmöglich weder das Bewußtsein, noch das Licht der seelisch geistigen Sehe, und ebensowenig das Gehör, den Geruch, den Geschmack und den edelsten und allerfeinsten Tastsinn, wie solchen nun unser Engel Raphael besitzt.
GEJ|2|226|10|0|Aber, wie gesagt, um das zu erreichen, muß der Mensch sich zuvor die alte adamitische Sünde vom Leibe schaffen, und das geht auf keine andere Weise, als auf die nur, die Ich euch soeben gezeigt habe: die Weltsorgen müssen von der Seele freitätig über Bord geworfen werden, ansonst gibt es kein Mittel! Werden aber diese hinweggeschafft, dann tritt beim Menschen wieder alles in die alte göttliche Ordnung zurück, und der Mensch ist dann wieder ganz Mensch nach der Ordnung Gottes. Und sieh, das ist es, was man mit Recht die ,Erbsünde‘ nennt! An und für sich ist es offenbar das Fleisch, das man mit Fug und Recht die Erbsünde nennt; entsprechend geistig genommen aber ist eben die vielfache Sorge um das Fleisch die schwer vertilgbare Sünde Adams bei allen seinen Nachkommen.
GEJ|2|226|11|0|Diese Narbe der Seele aber kann durch kein anderes Mittel völlig getilgt werden, als allein durch das von Mir angegebene und durch noch ein Mittel, das aber den Menschen erst nach der Beendigung Meiner Sendung in diese Welt wird gezeigt und gegeben werden zum Heile ihrer Seelen. Johannes der Täufer in der Wüste hat für dieses Mittel bereits einen Vorläufer gemacht.“
GEJ|2|227|1|1|227. — Über den Geisterfall
GEJ|2|227|1|0|(Der Herr:) „Wie es aber beim Menschen im kleinsten Maßstabe herging, daß er fiel in die Sünde und sich darum verdarb in seiner Natur, nahezu ebenso ging es dereinst auch bei der Erschaffung der reinen Geister aus Gott her.
GEJ|2|227|2|0|Haben die Gedanken und daraus entstandenen großen Ideen Gottes sich einmal soweit gefunden und zu einem mit endloser Intelligenz begabten Wesen nach der Urform Gottes verbunden und sich ihrer freien Selbständigkeit bewußt zu werden angefangen, so war denn auch sicher das erste, um sie vollends frei zu machen, daß ihnen die Gelegenheit zur freien Tätigkeit gegeben und gezeigt ward, wie und auf welche Weise sie freitätig werden und sein können.
GEJ|2|227|3|0|Wie soll aber das geschehen? Soll man ihnen bloß gewisserart sagen: Ihr seid nun lebendig, wie aus euch selbst heraus, und könnet tun, was ihr wollet!? – Da fragt es sich, ob solche Wesen, deren Leben noch keine Erfahrungen hat, sich zu irgendeiner freien Tätigkeit werden anschicken können. Ja, sie werden vielmehr, einem Freßpolypen gleich, sich nur aufs bloße Sättigen ihres Wesens mit einer entsprechenden Kost werfen und sonst sicher nichts weiteres tun, wie ihr solches bei geistig noch sehr ungeweckten Völkern ganz naturmäßig sehen und erfahren könnet; denn alle ihre Sorge ist auf den Bauch gerichtet, und alle ihre Tätigkeit geht auf die bestmöglichste Befriedigung dieses Leibteiles hinaus.
GEJ|2|227|4|0|Ein anderer meint: Man sage ihnen nach ihrer Intelligenzfähigkeit, was sie zu tun haben, und so werden sie wohl danach tätig werden! – Gut, sage Ich, so aber in den noch sehr zur alten Ruhe geneigten Wesen, weil sie aus solcher herausgegangen sind, gar kein Tätigkeitssinn geweckt ist und vorderhand auch nicht geweckt sein kann, die Liebe zur vollen Untätigkeit vorzuwalten beginnt und die Wesen sonach dennoch nicht selbsttätig werden, was dann? Nicht wahr, man zwinge sie durch die dem Schöpfer offenbarst innewohnende Allmacht!
GEJ|2|227|5|0|Wäre alles recht; aber wo bliebe dann die absolute Selbsttätigkeit, durch die allein ein geschaffenes Wesen zur vollen unabhängigen freien Selbständigkeit gelangen kann? Siehe, ohne diese ausgesprochene volle unabhängige Selbständigkeit aber bliebe ja jedes geschaffene Wesen eine pure Maschine, die nur nach dem Willen und nach der freien Intelligenz des Maschinenmeisters tätig wird!
GEJ|2|227|6|0|Ihr seht aus dem nun schon ganz leicht, daß es sich da mit irgendeinem Muß durchaus nicht tut und tun kann; denn unter ,Muß‘ wirken nur Maschinen, deren es leider auf dieser Erde mit der Erde selbst nur eine noch zu große und grobe Menge gibt. Auch der endlose Raum ist mit solchen Mußmaschinen allenthalben erfüllt. Denn alle zahllosen Sonnen und Erden und Monde sind pure Maschinen, und alle Körperwesen auf und in ihnen sind es auch, sowie auch der Leib eines jeden Menschen an und für sich nichts als eine kunstvollste Maschine ist, die durch den freien Willen der Seele in eine mannigfachste Bewegung gesetzt werden kann.
GEJ|2|227|7|0|Wenn aber also, und unmöglich je anders, wie hernach sollten denn die erstgeschaffenen reinen Geistwesen zur bedingten freien Selbsttätigkeit gelangen und daraus allein möglich zur vollen Selbständigkeit? Offenbar nicht und auf gar keine mögliche Weise anders, als durch ein ,Du sollst‘-Gebot, wennschon nicht also positiv wie bei Adam.
GEJ|2|227|8|0|Aber das Gebot allein würde auch umsonst gegeben sein, so mit dem Gebote nicht auch zugleich der Trieb oder Reiz zur Übertretung desselben dem neugeschaffenen Wesen mit eingegeben wäre. Ist aber der Übertretungsreiz dem Wesen eingegeben, so muß auch irgendeine daraus wie von selbst hervorgehende schlimme Folge als gewisserart eine Strafe eingegeben sein, und es müssen dem Wesen die Folgen gezeigt werden, daß sie wirklich sind, und wie und warum sie einer dem gegebenen Gebote zuwiderlaufenden Handlung allzeit folgen werden und müssen.
GEJ|2|227|9|0|Ja, man muß dem Wesen sogar zeigen, daß sich möglicherweise für das Wesen, das das Gebot übertretende Wesen nämlich, wohl anfangs irgendein kurz währender Vorteil erreichen läßt, aus dem es aber späterhin stets einen lange währenden Nachteil herausziehen wird, dem zu begegnen es dann viel harte Mühe und schmerzliche Anstrengungen kosten wird. Mit allem dem versehen, kann erst das neugeschaffene Wesen einen wahren Gebrauch von seiner freien Intelligenz und der daraus hervorgehenden Tatfähigkeit zu machen beginnen, gehe es dann wie es wolle, krumm oder gerade, recht oder unrecht. Kurz und gut, das neugeschaffene Wesen wird nun einmal aus sich heraus selbsttätig und beginnt dadurch den Hauptakt zur vollen und wahren Selbständigkeit, und das ist es, um was es sich am Ende bei allen geschaffenen Intelligenzwesen handelt; denn die Selbständigkeit wird dadurch erreicht, so oder so, entweder auf einem kürzeren oder längeren Wege, und der vollen Vernichtung eines einmal geschaffenen intelligenten Wesens ist dadurch vorgebeugt.
GEJ|2|227|10|0|Ob aber das Selbständigsein vorderhand ein seliges oder unseliges ist, das ist dann ein und dasselbe, natürlich dem Schöpfer gegenüber; denn es ist einem jeden Wesen das Tor offen gelassen, auf den vorgezeichneten Wegen zur Seligkeit einzugehen. Will es – wohl und gut fürs Wesen; will es aber nicht – auch gut! Denn daran trägt dann niemand die Schuld als das Wesen selbst. Es behält seine Selbständigkeit ewig. Ob selig oder nicht, das ist dann ganz ein Ding; denn im Grunde des Grundes muß es als Geschöpf dennoch der Totalordnung des Schöpfers entsprechen.
GEJ|2|227|11|0|Wissen wir aber nun das, nun, so wird es dann wohl etwa nimmer gar zu schwer sein, sich von selbst den Fall der ersten geschaffenen reinen Geister herauszuformulieren; denn auch ihnen mußte ein Gebot gestellt werden und mit demselben der notwendige Reiz zur Übertretung, verbunden mit momentanen Vorteilen, und anderseits aber, wenn auch nicht mit dem überwiegenden Reize für die Handlung nach dem Gebote, so aber doch mit der klar gestellten Ansicht der ewigen Vorteile, die, wennschon etwas später, aber doch stets sicher der Handlung nach dem gesetzten Gebote folgen werden und folgen müssen!
GEJ|2|227|12|0|Daß nun darauf ein Teil der Wesen das Gebot beachtete und ein Teil aber nicht, das geht klar aus der sichtbaren materiellen Schöpfung hervor, welche als ein Gericht oder als die angedrohte Strafe auf die Nichthaltung des gegebenen Gebotes folgen mußte, und an und für sich, geistig genommen, nichts ist als der längere Weg zur seligsten, vollfreien Existenz der geschaffenen Geister.
GEJ|2|227|13|0|Anderseits aber ist auch wieder unser Engel, als nun hier unter uns weilend, ein ebenso klarer Beweis, demzufolge dennoch zahllose Heere von damals frei geschaffenen Geistern das gegebene, wenn auch nicht wie bei Adam fest positive Gebot beachtet haben, und nun ist alle materielle Schöpfung ihrer Macht, Kraft und Weisheit in allem untergeordnet.
GEJ|2|227|14|0|Dieser Engel aber wird für die späteren Menschen freilich wohl wenig Beweis geben können von dem, daß ein übergroßer Teil der erstgeschaffenen reinen Geister durch das gegebene Gebot nicht gefallen ist; aber das ist zur Seligkeit eines jeglichen Menschen auch durchaus nicht nötig; besonders solange irgendein Mensch noch nicht zur Vollkenntnis seiner selbst durch seinen Geist gelangt ist.
GEJ|2|227|15|0|Gelangt aber irgendein Mensch dahin, so stehen ihm dann ohnehin, wie man zu sagen pflegt, in jedem Augenblick alle sieben Himmel offen, und er kann sich daraus Beweise holen, soviel er derselben nur immer haben will. Und so ist hiermit schon für alles gesorgt.
GEJ|2|227|16|0|Sage du, Mein lieber Cyrenius, ob du nun von dem Sündenfalle der erstgeschaffenen Geister so einen erklecklichen Begriff dir zu machen imstande bist!“
GEJ|2|228|1|1|228. — Kraft und Widerstand
GEJ|2|228|1|0|Sagt der nun ganz glückliche Cyrenius: „Herr, Du siehst es ja klarst in meinem Herzen und durchschauest ebenso klar meinen Gehirnkasten, auf daß Du daraus sicher am besten ersehen kannst, ob ich die Sache ganz oder nur halb begriffen habe! Ich meine es wenigstens, so wie ich es fühle, daß mir nun die Sache klar ist wie die Sonne am hellen Tage. Aber es können dahinter noch immer Tiefen der Tiefen stecken, von denen bis jetzt vielleicht noch nie selbst dem vollkommensten Engelsgeiste etwas in den Sinn gekommen ist. Allein, ich bin mit dem, was ich nun weiß, vollkommen zufrieden und werde an dem zeit meines Lebens in Vollgenüge zu kauen haben; denn das alles geht über den höchsten Horizont des menschlichen Wissens und Erkennens ja schon ohnehin endlos weit hinaus!
GEJ|2|228|2|0|Nur ein Wesen wird als sicher bestehend mir noch zu einem Rätsel, und das ist der Satan und sein Teufelskollegium. Nur darüber, Herr, noch ein erläuternd Wörtlein, und meine Seele ist dann gesättigt bis zum Tode meines Leibes! Denn damit bin ich noch sehr im unklaren. Was und wer ist der Satan, und was und wer sind dessen Helfershelfer, die man ,Teufel‘ nennt?“
GEJ|2|228|3|0|Sage Ich: „Auch das ist für deine Begriffsfähigkeit etwas zu früh, um diese Sache im Grunde des Grundes einzusehen. Um dir und euch allen aber auch in diesem Punkte ein mäßig Lichtlein zu verschaffen, will Ich euch gleichwohl auch davon eine kleine Kunde zum besten eures Verstandes geben. Und so höret Mich denn!
GEJ|2|228|4|0|Sehet, alles, was da ist, besteht und irgendein Dasein hat, kann nicht anders bestehen, sein und irgendein Dasein haben, als durch einen gewissen beständigen Kampf.
GEJ|2|228|5|0|Ein jedes Dasein, das göttliche nicht ausgenommen, hat in sich lauter Gegensätze, als verneinende und bejahende, die sich einander stets also entgegenstehen wie Kälte und Wärme, Finsternis und Licht, hart und sanft, bitter und süß, schwer und leicht, eng und weit, breit und schmal, hoch und nieder, Haß und Liebe, böse und gut, falsch und wahr, und Lüge und Wahrheit.
GEJ|2|228|6|0|Keine Kraft kann irgend etwas wirken, wenn sich ihr nicht eine Gegenkraft entgegenstellt.
GEJ|2|228|7|0|Stellet euch einen tausendfach goliathstarken Menschen vor, dessen Kraft es sicher mit einem ganzen Heere von Kriegern aufnähme! Wozu aber würde ihm alle seine Kraft und Stärke dienen, so man ihn stellete gleich den Wolken in den freien Luftraum? Sehet, ein leisestes Lüftlein, das auf dem Boden hier kaum ein Blättchen in Bewegung setzt, würde ihn trotz aller seiner Kraft und Stärke dennoch unaufhaltsam fortschieben nach der Richtung, in der das Lüftchen den Zug hat!
GEJ|2|228|8|0|Damit aber der Riese von seiner Kraft einen wirksamen Gebrauch machen kann, muß er fürs erste einen festen Boden haben, der ihn trägt und ihm zu einer festen Stütze dient. Der Boden ist also schon ein Gegensatz zu unserem Riesen; denn dem Riesen ist zur Ausübung seiner Kraft die freie Bewegung nötig, daneben auch ein fester Stillstand der Unterlage, wo er sich mit der festen Ruhe der Unterlage oder des Bodens in Verbindung setzt und dann mit der mit ihm vereinten Ruhkraft des Bodens, auf dem er steht, jeder ihn anstürmenden Bewegung Trotz bietet. So kann der Riese von seiner Kraft erst den rechten Gebrauch machen. Ist der Boden ein Fels, so wird keine stürmische Bewegung gegen solch eine feste Ruhe etwas ausrichten, außer sie wäre in eben dem oder einem höhern Grade heftig, als wie konzentriert an und für sich in einem Felsen die Ruhe selbst es ist. Ist der Boden aber weich und somit weniger im Gegensatze mit der sturmähnlichen Bewegungsfähigkeit des Riesen, so wird fürs zweite die Kraft des Riesen in dem ihm entgegenstehenden Boden zu wenig Widerstand finden, und er wird dann einer viel kleineren ihn bedrängenden Kraft kaum trotzen können.
GEJ|2|228|9|0|Stellet euch zum Überflusse des Verständnisses noch vor, daß dieser Riese zum Beispiel die hinreichende Kraft hat, um auf einem festen Boden ein Gewicht von tausend Menschen in die Höhe zu heben! Setzen wir ihn aber auf einen Sumpfboden, der kaum so viel Festigkeit hat, um das Gewicht des Riesen mit der genauesten Not zu tragen! Lassen wir auf solch einem Boden den Riesen ein Gewicht von nur hundert oder gar nur zehn Menschen heben, und er wird es sicher nicht vom Boden bringen; denn im Momente, als er das Gewicht zu bewältigen anfangen wird, wird er in den weichen Boden einzusinken anfangen, und alle seine Kraft wird eine vergebliche sein, weil er unter sich keine entsprechende Gegenkraft hat.
GEJ|2|228|10|0|Es kann daher keine Kraft für sich etwas wirken, wenn sie sich zuvor nicht mit einer entsprechenden Gegenkraft in eine gewisserart kämpfende Verbindung setzt. Bei unserem Riesen kämpft offenbar die feste Ruhe des Bodens gegen sein Gewicht und gegen seine Bewegung und besiegt diese auch bis zu einem gewissen Grade; und ebendieser Ruhesieg des Bodens wird endlich zur Stütze der bewegenden Kraft und der Maßstab ihrer Stärke.“
GEJ|2|229|1|1|229. — Vom Wesen Satans
GEJ|2|229|1|0|(Der Herr:) „Wir hätten nun aus diesem hoffentlich so ziemlich handgreiflichen Beispiele wohl sicher recht deutlich wahrgenommen, warum ein Sein ohne ein Gegensein so gut wie gar kein Sein wäre, wie denn auch die Kraft unseres Riesen im freien Luftraume so gut wie gar keine in Hinsicht auf eine entsprechende Wirkung wäre; es muß darum jedes Sein irgendein Gegensein haben, damit es selbst wirkend sei.
GEJ|2|229|2|0|Dieses Verhältnis muß darum in allem, was da ist, im rechten Maße vorhanden sein, ansonst es so gut wie gar nicht da wäre.
GEJ|2|229|3|0|Und so muß denn auch das vollkommenste Dasein Gottes in sich selbst in jeder Hinsicht auch die ausgebildetsten Gegensätze fassen, ohne die es eben auch so gut wie gar kein Wesen wäre. Diese Gegensätze sind in einem ununterbrochenen Kampfe begriffen, aber stets also, daß der stetige Sieg der einen Kraft auch stets zur Stütze der gewisserart besiegten Kraft dient, wie wir solches gesehen haben beim steten Siege des festen Bodens über die bewegende Schwerkraft unseres Riesen.
GEJ|2|229|4|0|Wollte nun Gott einmal aus Sich heraus Ihm ähnliche freie Wesen erschaffen, so mußte Er sie ja auch mit eben den streitenden Gegensätzen versehen, die Er in Sich Selbst von aller Ewigkeit her in den natürlich besten und reinst abgewogensten Verhältnissen besaß und besitzen mußte, ansonst Er sicher nie wirkend dagewesen wäre.
GEJ|2|229|5|0|Nun, die Wesen wurden also völlig nach Seinem Ebenmaße gestaltet, und es ward ihnen am Ende darum auch die Fähigkeit notwendig eigen, sich selbst zu konsolidieren aus dem Kampfe der in ihnen aus Gott niedergelegten kämpfenden Gegensätze.
GEJ|2|229|6|0|Jedem Wesen ward Ruhe und Bewegung, Trägheit und Tätigkeitssinn, Finsternis und Licht, Liebe und Zorn, Heftigkeit und Sanftmut und tausenderleiartiges als vollends zu eigen gegeben; nur war zwischen dem Maße darin ein Unterschied.
GEJ|2|229|7|0|In Gott waren all die Gegensätze schon von Ewigkeit her in der höchst besten Ordnung. Bei den geschaffenen Wesen aber mußten sie erst durch den freien Kampf in die rechte Ordnung wie von sich selbst heraus also durch die bekannte Selbsttätigkeit gelangen.
GEJ|2|229|8|0|Nun, da entstanden dann verschiedene Siege. In dem einen Teile ward die harte Ruhe zum überwiegenden Sieger, und die Bewegung ward dadurch zu sehr untergeordnet, daher sie sich denn auch stets gleichfort die größte und feurigste Mühe gibt, den Stein zu erweichen und ihn ihr ähnlicher und entsprechender zu machen; anderseits siegte wieder die Bewegung in allen ihren Teilen zu sehr und wird darum von der in ihr schwächern Ruhe stets bekämpft, um mit ihr in ein entsprechendes Verhältnis zu treten.
GEJ|2|229|9|0|Bei vielen Wesen aber haben die Gegensätze ein rechtes Maß nach der Ordnung Gottes erreicht, und ihr Sein ist dadurch ein vollkommenes, weil sie sich durch ihre gleichartigen und gegenseitigen Intelligenzfähigkeiten fortwährend allerbestens unterstützen.
GEJ|2|229|10|0|Nun seht, wo sonach irgendeine Kraft in einem sich frei konsolidierenden Wesen durch ihr überwiegend hartnäckiges Bestreben alle andern Gegenkräfte zum untätigen Schweigen in ihrer Sphäre bringen will und auch zum größten Teile bringt, da tötet sich gewisserart so eine Kraft selbst, dadurch, daß sie sich alle Gelegenheiten aus dem Wege räumt, bei denen sie ihre Kraft hätte äußern können. Eine Kraft aber ohne eine entsprechende Gegenkraft ist, wie schon gesagt, so gut wie gar keine Kraft, und wie wir solches eben schon aus dem früher angeführten Beispiele unseres Riesen sicher klar haben sehen können.
GEJ|2|229|11|0|Solch eine sich selbst in allem gefangengenommene Kraft muß dann ja aber auch immer das Bestreben haben, noch mehr Kräfte in sich gefangenzunehmen, um sich selbst in ihrem schmerzlichen Gefangensein lediger zu machen. Und seht nun, das ist eben das, was man ,Satan‘ und ,Teufel‘ nennt!
GEJ|2|229|12|0|Satan ist eine große Persönlichkeit und entspricht der zu starren Ruhe und Trägheit; denn diese geschaffene erste große Persönlichkeit wollte alle anderen Kräfte in ihre Wesenheit vereinen und ist aber darum tot und tatunfähig geworden in sich selbst. Aber die in ihr besiegten anderen Kräfte ruhen dennoch nicht völlig, sondern stehen in einer fortwährenden Tätigkeit und personifizieren sich dadurch wie selbständig. Durch solche Tätigkeit beleben sie aber das Grundwesen wie mit einem Scheinleben, und dies Leben ist dann offenbar nur ein Trugleben einem wahren freien Leben gegenüber.
GEJ|2|229|13|0|Solche besiegten und doch den Sieg nicht annehmen wollenden Kräfte sind dann das, was man dem Satan gegenüber ,Teufel‘ oder ,böse Geister‘ nennt. – Und so siehst du, Mein liebster Cyrenius, daß Ich dir nun auch so einen kleinen Wink vom Satan und Teufel gegeben habe, wie du denn auch nur so einen kleinen Wink verlangt hast! Willst du aber mehr, so rede, und Ich will dir Ausführlicheres geben!“
GEJ|2|230|1|1|230. — Die Belehrung der Urgeister
GEJ|2|230|1|0|Sagt Cyrenius: „Ich habe nun wohl so einen Dunst bekommen, und es kommt mir vor, als verstünde ich so etwas davon, aber von einer gewissen Klarheit ist da noch lange keine Rede. Die Sache scheint in eine solche geistige Subtilität übergehen zu wollen, mit deren Klarheit es ein ganz anderes Einsehen hat, als wie man ungefähr einsehen kann, daß zwei Birnen und abermals zwei Birnen zusammen vier Birnen ausmachen. Es ist bei mir in dieser Hinsicht von einer klaren Einsicht noch lange keine Rede; denn die Abwägung der Kräfte untereinander ist also gestaltig subtil, daß sie in einem Wesen wie ich schwer in ein geordnetes gutes Verhältnis treten können und untereinander in ein und demselben Wesen sich also verhalten, daß daraus ein vollkommen gottähnliches Wesen wird in allem Tun und Lassen.
GEJ|2|230|2|0|Das, bin ich der Meinung, kann denn doch ein neugeschaffenes Wesen, wie wir alle ein ähnliches sind, in sich und aus sich selbst unmöglich je vollkommen zustande bringen, und es kann sonach ja auch nicht gewisserart ganz allein die Schuld tragen, ob es sich ganz in der guten Ordnung oder teilweise, wo nicht ganz, wider die gute Ordnung ausgebildet hat; denn wer könnte einem Menschen die volle Schuld seiner Roheit beimessen, so er von der Geburt an nie die volle Gelegenheit hatte, sich in den feinen Sitten, wie sie unter wohlgebildeten Menschen gang und gäbe sind, auszubilden?
GEJ|2|230|3|0|Wie aber läßt es sich denken, daß die primitiven Geistwesen, die sich erst als Urgedanken und Urideen Gottes zu einem Sein ergriffen haben, auch schon jene Einsicht hätten haben können, mit deren Hilfe sie sich nach der Ordnung des Schöpfers alsbald hätten ausbilden können? Das gewisserart persönliche Urwesen Satans konnte unmöglich die Einsicht eines Michael haben, sonst müßte es sich ja gleich dem Michael ausgebildet haben. Kurz, Herr, da bin ich noch sehr in einem Schwanken zwischen Licht und Finsternis und weiß es nicht, wie ich da so ganz eigentlich das Licht recht fassen soll! Wo ich mich demselben zu sehr nahe, da kommt es mir vor, als finge es wie eine Flamme mich zu brennen an; und entferne ich mich vom selben, nun, so wird's dann wieder finster, und ich stehe wieder an dem Flecke, von dem ich ausgegangen bin.
GEJ|2|230|4|0|Daher wird es wenigstens für mich wohl noch nötig sein, in der behandelten Sache so noch ein wenig mehr Öl in die Lampe meines Verstandes zu geben, auf daß mir diese Sache, wenn auch nur ein wenig, heller wird. Denn jetzt komme ich mir vor wie ein Halbschlafender am Morgen. Einerseits drückt die Augen noch der lichtlose Schlaf, anderseits aber bearbeitet daneben des Tages Helle die noch schlaflüsternen Augen also, daß sie sich nimmer vollends dem Schlafe ergeben können. Darum wecke Du, o Herr, nun schon lieber ganz meine Augen, sonst kann es mir leicht noch geschehen, daß ich bei all dieser Morgenhelle ganz gut noch einmal einschlafe in der vollen Erkenntnis der göttlichen Ordnung in aller Weisheit und Liebe!“
GEJ|2|230|5|0|Sage Ich: „Ja, liebster Freund, Ich habe es dir aber ja eben zum voraus gesagt, daß sich diese Dinge schwer werden in der Fülle fassen lassen! Aber weil denn dir schon gar so darum zu tun ist, etwas tiefer in dieser Sache eine rechte Einsicht zu besitzen, so will Ich gleichwohl es versuchen, durch Bilder und Gleichnisse dir ein etwas helleres Licht zu verschaffen.
GEJ|2|230|6|0|Nur damit bist du aber vollkommen auf einem Sandwege, wenn du meinst, Gott habe den geschaffenen Wesen eher die eigene Selbstbildung überlassen, als bevor sie die Fähigkeit besaßen, die göttliche Ordnung in sich vollends zu erkennen und in aller Tiefe zu erfassen. Da ging viel Unterricht voran, und es vergingen lange Zeiträume zwischen dem ersten Werden der erstgeschaffenen Ordnung in den ersten Wesen und der Periode, in der dann solche Geister ihrer selbsttätigen Bildung anheimgestellt wurden.
GEJ|2|230|7|0|Denke dir den Zeitraum zwischen Adam und dir, und siehe, diese ganze, schon ziemlich lange währende Zeit ist bis zur Stunde noch mit lauter Unterricht von allen Seiten her ausgefüllt worden!
GEJ|2|230|8|0|Und nun nach so langer Vorbereitung bin erst endlich Ich Selbst da und zeige den Menschen klar die Wege, die sie zu gehen haben aus ihrer höchst eigenen inneren Kraft, die bisher die möglichste Bildung für das Pro und Kontra (das Für und Wider) erhalten hatte. Mit diesem Meinem Hiersein wird dem Menschen erst die vollste Freitätigkeit zu seiner Lebensvollendung gegeben und mit ihr ein neues Gesetz der Liebe, das im rechten göttlichen Vollmaße alle andern Gesetze und alle Weisheit aus Gott in sich faßt.
GEJ|2|230|9|0|Wird ein Mensch von nun an nach diesem neuen Gesetze leben, so wird er sein Leben auch unfehlbar völlig nach der göttlichen Ordnung ausbilden und darauf alsogleich in die Fülle des wahren und freiesten ewigen Lebens eingehen können. Wird er aber solch ein neues Lebensgesetz nicht annehmen und sein Tun danach nicht wie aus sich selbst herausgehend einrichten, so wird er auch sicher den Zweck der wahren Lebensvollendung nicht erreichen.
GEJ|2|230|10|0|Niemand aber wird dann sagen können: ,Ich habe es nicht gewußt, was ich hätte tun sollen!‘ Und würde ein Mensch, auch noch so weit von hier entfernt, dennoch sagen: ,Bis zu meinen Ohren ist der Gottesruf nicht gedrungen!‘, so wird ihm erwidert werden: ,Von dieser Stunde an gibt es keinen Menschen auf der ganzen Erde, der es nicht in sein Herz überkommen hätte, was da ist unter den Menschen vollends des Rechten.‘
GEJ|2|230|11|0|Einem jeden wird eine warnende Stimme in sein Herz gelegt werden, die ihm zeigen wird, was da gut und allein wahr ist. Wer diese Stimme hören und sich danach halten wird, der wird zum größeren Lichte gelangen, und dieses wird ihm alle Pfade der göttlichen Ordnung erleuchten.“
GEJ|2|231|1|1|231. — Die Folgen des Abfalls Luzifers
GEJ|2|231|1|0|(Der Herr:) „Was Kurzes aber ist der Zeitraum von Adam bis auf uns gegen die beinahe für Menschenbegriffe endlose Dauer von der Periode des ersten Grundwerdens der urgeschaffenen Geister bis zu dem Standpunkte, wo sie in den Vollgebrauch ihres freien Willens gestellt wurden; und wieder, welch ein unmeßbarer Zeitraum seit ihrem Falle bis auf Adam und bis auf uns!
GEJ|2|231|2|0|Siehe, es gibt im endlosesten Schöpfungsraume gewisse Ur- und somit Hauptmittelsonnen, die wegen ihrer zu großen Entfernung von hier, obschon sie unaussprechlich viele Male größer sind als diese Erde, kaum als kleine glitzernde Pünktlein gesehen werden – und das nur von Menschen, die sehr scharfe Augen haben! Diese Ursonnen haben ungefähr das Alter, wie die Periode vom Falle der Urgeister bis auf diese Zeiten herab. Und sieh, wollte man das Alter solcher Sonnen nach dem Maße der Erdjahre bestimmen, so wäre man nicht einmal imstande, über die ganze Erde eine Zahl aufzuzeichnen, in der die endlose Vielheit der Erdjahre genügend enthalten wäre! Und nähmest du für je tausendmal tausend Jahre dieser Erde ein kleinstes Sandstäubchen, aus deren zahllosen Menge die ganze Erde bestehen kann ihrer Größe, Breite und Dicke nach, das Maß des Meeres nicht ausgenommen, so wäre solch eine also berechnete Zeitendauer für eine besprochene Sonne noch viel zu kurz.
GEJ|2|231|3|0|Eine solche Periode dauert dann etwa doch schon so hübsch lange, und doch ist sie kaum ein Etwas zu nennen gegen die Dauer jener Urperiode, in der Gott aus Seinen Gedanken und Ideen die ersten Geister zu bilden und selbständig zu machen begann. Was geschah in solch endlos langer Periode alles zur Vollbildung des freien Willens der Urgeister!
GEJ|2|231|4|0|Und doch gab es am Ende jener endlos langen Bildungsperiode der Urgeister eine noch übergroße Menge solcher Art, die, obschon sie die rechten Bildungswege Gottes wohl begriffen, aber am Ende von einem sich freien Verhalten auf diesen Wegen dennoch nichts wissen wollten, sondern des schneller folgenden, wennschon nur kurz dauernden Vorteiles wegen von dem gebotenen und wohlgezeigten Ordnungswege Gottes abwichen und den Weg ihres höchst eigenen Verderbens betraten.
GEJ|2|231|5|0|Denn der Hauptgeist des Lichtes, dem zahllose andere Lichtgeister innewohnten, jeder davon mit zahllos vielen Intelligenzen reichst versehen, sprach bei sich: ,Was bedarf es da noch weiteres? In mir liegen alle Eigenschaften wie in Gott, und Gott hat alle Seine Kraft in mich gelegt. Nun bin ich stark und mächtig über alles. Er hat alles, was Er hatte, aus Sich heraus hergegeben, und ich habe alles genommen. Nun hat Gott nichts mehr, ich aber habe alles; und wir wollen nun sehen, ob der auf die Übertretung des gegebenen Gebotes folgen sollende Vorteil wirklich nur von einer kurzen Dauer sein wird. Wir meinen: Mit unserer nunmaligen Allkraft und Macht werden wir uns die Dauer des kurz währen sollenden Vorteiles wohl so hübsch auf Ewigkeiten hinaus zu verlängern imstande sein. Wer wird sie uns zu verhindern imstande sein? Außer uns trägt der endlose Raum, der nun von uns erfüllt ist, keine höhere Macht und Intelligenz mehr, als da ist die unsrige; wer sollte uns dann den Vorteil streitig zu machen imstande sein?‘
GEJ|2|231|6|0|Sehet, so dachte und sprach der Lichtgeist zu sich selbst und dadurch zu seiner ihm unterstehenden Sondergeisterschar. Gesagt und getan, und die Folge war die Sich-selbst-gefangen-Nehmung in seiner Trägheit, darin er sich stets mehr und mehr verdichtete, und wieder die Folge davon war die Schöpfung der Materie, ebenfalls ganz auf dem Wege der göttlichen Ordnung; denn der sichere Erfolg des Nichtbeachtens des göttlichen Gebotes war ebenso bestimmt vorgesehen, wie der freieste Zustand jener Geister, die das Gottesgebot an und in sich erfüllt haben.
GEJ|2|231|7|0|Und so denn hatte sich durch solchen Fall fürs erste der Hauptgeist und mit ihm alle seine verwandten Untergeister selbst auf das hartnäckigste und bitterste gefangengenommen. Wie lange es ihm aber gefallen wird, in solcher Gefangenschaft zu verharren, das weiß außer Gott niemand in der ganzen Unendlichkeit, auch die Engel nicht.
GEJ|2|231|8|0|Aber das ist gewiß, daß nun aus diesem verlorenen Sohne des Lichtes die Sondergeister durch die Macht Gottes wieder erweckt und ins Fleisch als Kinder der Welt gesetzt werden, und es ist ihnen, gleich wie den Kindern von oben, die Gelegenheit gegeben, sich zur höchsten Vollendung der Kinder Gottes emporzuheben.
GEJ|2|231|9|0|Alle Materie ist darum Sondergeist, der als Seele in jedem einzelnen Menschen in ihrem Geiste zum ewigen Leben wiedergeboren werden kann. Wenn aber aus der Materie einer Welt alle Sondergeister herausgehoben sein werden, dann ist auch das volle Ende einer solchen Welt ins Dasein getreten.
GEJ|2|231|10|0|Das aber geht bei einer Welt, wie diese Erde eine ist, freilich wohl so hübsch lange her, aber einmal kommt dann dennoch das Ende herbei.“
GEJ|2|232|1|1|232. — Hülse und Seele
GEJ|2|232|1|0|(Der Herr:) „Es ist aber dennoch einiges in der Materie, das sich nie völlig in einer Seele finden wird, und dieses besteht in dem bekannten Hülsstoffe, in dem stets irgendeine seelische Sonderpotenz eingeschlossen wird bis zu einer gewissen Selbständigkeitsreife. Ist die seelische Sonderpotenz einmal zu einer gewissen Reife gelangt, so zerreißt sie das Hülschen und vereinigt sich dann augenblicklich mit andern schon frei gewordenen ähnlichen oder wenigstens wohl entsprechenden freien Sonderpotenzen und schafft sich dann aus den entsprechenden Elementen der Luft, des Wassers und des Erdreichs alsogleich wieder irgendeine Umhülsung, wie ihr solches bei den Körnern der Pflanzen, Bäume und Gesträuche, sowie für jedermann handgreiflich bei den Eiern der Insekten, Vögel und endlich bei den Wassertieren usw. sehen könnt.
GEJ|2|232|2|0|Das Hülstum ist stets nur eine von der Gottesordnung ausgehende Willensfixierung und hat somit nichts in und für sich seelisch Intelligentes, sondern ist bloß nur ein notwendiges Mittel, durch das eine Seelenintelligenz sich wie aus sich selbst heraus in solch ihrem Isoliertsein mit der Zeit zu einem wirklich völlig selbständigen und freien Wesen ausbilden kann und auch wirklich ausbildet.
GEJ|2|232|3|0|Die Materiewelt ist darum gut zu zwei Dritteilen Seele, und ein Dritteil ist seelenlose Hülse als Träger des zuerst sonderlichen und für weiterhin stets gesammelteren und endlich schon ganz konkreten und reifen Seelenlebens. Die Hülsenmaterie oder der gefestete Gotteswille ist darum auch eine Erlösungsanstalt, durch welche die durch den Fall Satans mitgefallenen Sondergeister nach der bestehenden Ordnung wieder jene vollkommen selbständige Freiheit erreichen können, – wenn schon natürlich auf einem längeren Wege, als es die der ersten Periode gewesen wäre.
GEJ|2|232|4|0|Aber da die Zeit Gott nicht beirrt und sie Ihm auch niemals lästig wird, weil Er die vollste Erreichung in der Realisierung Seiner großen Ideen stets wie gegenwärtig vor Seinen allessehenden Augen hat – gleichviel, ob die Zeit kurz oder lange währt –, so sind vor Gott tausend Jahre wie ein Tag oder wie ein Augenblick; und eine Erde kann dann mehr Jahre bis zur vollen Entbindung aller ihrer in ihrer Hülsenmaterie eingeschlossenen Geister vonnöten haben, als da wäre einer unaussprechlich großen Zahl nach des feinsten Sandes in ihrem ganzen Wesen, so ist solch eine Zeitendauer Gott gegenüber doch am Ende eben auch nichts mehr als nur ein kurzer Augenblick.
GEJ|2|232|5|0|Ja, Ich sage es euch, es gibt im endlosen Schöpfungsraume schon etwelche Welten, die ihren Dienst vollaus geleistet haben. Sie bestehen aber als Weltkörper dennoch fort und werden auch fortbestehen als Träger der neuen freien Wesen, nur sind sie nun um vieles reiner und gediegener und sind auch in ihrem Gefüge unwandelbar, gleichwie der feste Gotteswille, der Seiner Weisheit und ewig gleichen Ordnung entspricht, ebenfalls für ewig unwandelbar ist und sein muß, weil ohne solch eine Festigkeit kein Wesen irgendeine Dauer haben könnte.
GEJ|2|232|6|0|Denn wenn auch die Wesen nach ihrer geistigen Vollendung ein vollkommen freies Sein haben, das vom Gottessein ganz wie unabhängig dasteht, so würde solch eine wie selbständige Unabhängigkeit aber dennoch keine Dauer nehmen und haben können, so diese nicht schon von Ewigkeit her von Gott aus Seiner Ordnung heraus, und mit derselben eins seiend, zum voraus festgestellt wäre. Diese Feststellung von Ewigkeit her aber ist so ganz eigentlich für alle geschaffenen Wesen schon das, wodurch jedem geschaffenen Wesen die ewige Dauer fortwährend verschafft und erhalten wird.
GEJ|2|232|7|0|Aus dem geht aber denn auch nun wie von selbst hervor, daß da gar kein Ding, das irgend von Gott einmal ins wie immer geartete Dasein gerufen worden ist, unmöglich je vergehen und zunichte werden kann. Es kann wohl die Form verändern und aus einer minder edlen in eine stets edlere übergehen, auch umgekehrt, wie wir solches beim Falle der erstgeschaffenen Geister gesehen haben; aber vernichtet kann da nichts mehr werden, was Gott einmal in irgendein Dasein gerufen hat. – Sage Mir nun, Cyrenius, ist dir die Sache nun etwas klarer?“
GEJ|2|233|1|1|233. — Vom Wissen
GEJ|2|233|1|0|Sagt Cyrenius: „Ja, Herr und Meister, nun ist mir die Sache so klar, wie sie einem noch blöden Geiste in seinem irdischen Sein nur immer klar sein kann. Daß ich dabei wohl um so manches und wohl um gar vieles noch fragen könnte, das ist gewiß; aber ich sehe es nun ein, daß das gar zu viele Wissen dem Menschen nicht einmal gut ist, denn er wird dadurch wohl ein weiser Mensch, aber dafür kein absonderlicher Tatmensch werden.
GEJ|2|233|2|0|Mir kommt ein Mensch, der zuviel Weisheit besitzt, vor, wie ein in allem wohlversorgter, reichster Mann der Erde. Wozu sollte der noch die Erde bearbeiten, wozu die Ochsen spannen vor den Pflug? Seine Schreine und Scheuern sind bis zum Giebel gefüllt, seine Keller sind voll der besten Weine, und seine Gemächer strotzen von Gold, Silber, großen Perlen und von den kostbarsten Edelgesteinen. Er sieht, daß da eine weitere Mühe zur Bebauung der Erde eine Tollheit und Narrheit wäre; er legt sich daher zur Ruhe und genießt sorglos seine großen Reichtümer.
GEJ|2|233|3|0|Und wie gesagt, ein gleiches Gesicht kann und muß am Ende ein Überweiser machen. Der noch in so manchem Unkundige sucht und prüft und hat eine große Freude, wenn er irgendeine neue Wahrheit aufgefunden hat; der Überweise aber kann nicht viel mehr auffinden und ist darum offenbar notwendig träge geworden, während der Jünger in irgendeinem Weisheitszweige emsig ist und beinahe Tag und Nacht forscht, um über eine etwas mehr denn gewöhnlich verborgene Sache ins möglich klarste Licht zu kommen. Ich weiß daher für jetzt in dieser Sphäre zur Genüge. Was mir aber noch mangelt, das wird mich denn auch in der steten Tätigkeit erhalten. – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|2|233|4|0|Sage Ich: „Zuviel und zuwenig taugt nicht viel, aber immerhin noch besser, etwas zuviel als irgend etwas zuwenig; denn der einen Überfluß hat, der kann von solchem dann gar leicht denen mitteilen, die irgendeinen Mangel haben, was solchen stets gut zustatten kommen wird. Wer aber zuwenig hat, bei dem wird es dann mit dem Mitteilen wohl sicher seine sehr geweisten Wege haben. Darum in der wahren Weisheit etwas zuviel stets besser ist denn etwas zuwenig. Aber das sage auch Ich: Es wäre sogar keinem Engel gut, so er gleich Gott allwissend wäre!
GEJ|2|233|5|0|Doch dafür ist von Gott aus auch schon gesorgt; denn sowenig ein Geist je die ganze Unendlichkeit Gott gleich erfüllen wird, ebensowenig auch wird je eines noch so vollendeten Geistes Weisheit alle die Tiefen der göttlichen Weisheit zu erforschen und zu erfassen imstande sein. – Verstehest du auch das?“
GEJ|2|233|6|0|Sagt Cyrenius: „O ja, das verstehe ich, und es war dies schon von alters her ein Weisheitsspruch unter uns Römern und war auch schon gang und gäbe bei den Griechen und Ägyptern, und der Spruch lautete ganz kurz: Quod licet Jovi, non licet bovi, und ich meine, daß dieser Spruch, obschon ein Eigentum der Heiden, wie sie von den Israeliten benamset werden, auch ganz gut hierher taugt.
GEJ|2|233|7|0|Gott gegenüber werden Mensch und Engel wohl für ewig die lieben boves bleiben, und es ist das auch gut; denn ich wenigstens wäre für eine zu große Weisheit durchaus nicht zu gebrauchen. Es liegt ja in der Natur der Sache, daß jedes geschaffene Wesen am Ende allen Lebensreiz verlieren müßte, so es in der totalsten Unendlichkeit nichts mehr gäbe, was dem Menschengeiste nicht ebenso klar und bekannt wäre, wie einem Hausherrn die Gemächer seines Wohnhauses.
GEJ|2|233|8|0|Darum ist das wohl höchst gut und überweise von Jehova eingerichtet, daß auch ein zwar allervollkommenster, aber dennoch geschaffener Geist in aller seiner Weisheit der Weisheit Gottes nie um ein Haarbreit näher kommen wird und näher kommen kann; denn was unendlich ist, kann von der Endlichkeit ewig nimmer erreicht werden!
GEJ|2|233|9|0|Aber lassen wir nun das; denn darüber noch mehr Worte verlieren, wäre wahrlich sehr unnütz, da es noch eine Menge anderer Dinge gibt, deren Enthüllung uns mehr not tut als die Ausfertigung eines Maßstabes, mit dem der schwache Menschengeist die göttliche Weisheit bemessen könnte. Die Liebe steht offenbar höher denn alle noch so hohe Weisheit der Menschen und Geister.
GEJ|2|233|10|0|Du sagtest ehedem, daß man die alte Seelennarbe durch das neue Gesetz der Nächstenliebe völlig heilen und sich dadurch von dem alten Erbübel ganz frei machen könnte, und es würde dann das vollste Bewußtsein des wahren, ewigen Lebens mit aller Kraft und Klarheit im Menschen wieder einkehren. Das wäre für den Menschen auf dieser Erde wohl der größte Gewinn; denn erst dadurch würde der Mensch ganz Mensch sein und würde auf der Erde schon im irdischen Leben entschieden Großes und Herrliches zu leisten imstande sein.
GEJ|2|233|11|0|Mit dem die arme Menschheit stets quälenden Gefühle des sicheren Sterbens und Verschwindens vom Schauplatze des Lebens muß der Mensch am Ende allen Mut für eine höhere Tat verlieren, oder er muß sich am Ende in alle die tollen Weltergötzlichkeiten stürzen, um dadurch den Gedanken an den einstigen sicheren Tod zu verscheuchen und so das vergängliche Leben genießen, als wäre es ein ewiges. Es ist demnach von höchster Wichtigkeit, daß dem Menschen ein solches Gebot gegeben werde, durch dessen Beachtung er das einstige durch Adam verlorene Paradies in sich wieder finden und für ewig bewahren kann. Das Gebot der echten und wahren Nächstenliebe soll uns das Verlorene wiederbringen.
GEJ|2|233|12|0|Aber da fragt es sich sehr, wie man solch ein allerwichtigstes Gebot der Ordnung Gottes gemäß zu beachten hat, um dadurch den großen von Dir verheißenen Zweck – sage – sicher und nicht halb, sondern ganz zu erreichen.“
GEJ|2|233|13|0|Sage Ich: „Das ist von dir aus wahrlich eine gute und wahre Bemerkung, und Ich werde dir darüber eine richtige Antwort geben; aber vorerst wollen wir unsern alten Hausmann Markus auch einmal anhören, was er für Begriffe vom Nächsten hat, dem man alle Liebe zuwenden soll. Darauf erst werde Ich dann euch die volle und wahre Antwort mit der rechten Erläuterung darüber geben. Und so sage uns, du lieber Markus, wen nach deiner Ansicht man so ganz wahrhaft für seinen Nächsten halten solle und soll ihm erweisen alle Liebe in der Tat!“
GEJ|2|234|1|1|234. — Des Markus Ansicht über seinen Nächsten
GEJ|2|234|1|0|Sagt der alte Markus: „Herr, ich bin von allem dem, was ich nun mit meinem Hause vernommen habe, so durch und durch ergriffen, daß ich nun beim besten Willen aber auch nicht ein vernünftiges Wörtlein hervorzubringen imstande wäre, geschweige zu bestimmen, wer mir gegenüber ein rechter Nächster ist.
GEJ|2|234|2|0|Natürlich wäre allerdings der mein Nächster, der meinem Leibe am nächsten stände, und so er einer Hilfe bedürftig wäre, müßte ich sie ihm geben. Wieder wären meine Nachbarn die Nächsten; wenn sie mich angingen um eine Hilfe, müßte ich sie ihnen nicht vorenthalten. Also sind auch mein Weib und meine Kinder meine Nächsten, und ich muß sorgen für ihr leibliches und geistiges Wohl und Fortkommen.
GEJ|2|234|3|0|Als ich noch ein Krieger war, da waren auch meine Kameraden meine Nächsten, und es war meine Pflicht, ihnen im Falle der Not eine Hilfe zu leisten. Anderseits ist auch wieder jeder Mensch, welcher Religion er auch angehöre, im Falle der Not mein Nächster, und ich soll an ihm nicht vorübergehen, so er meiner Hilfe bedarf oder mich sich zur Hilfe begehrt.
GEJ|2|234|4|0|Ja, ich meine, daß man sogar einem Haustiere die Hilfe nicht versagen soll, wenn demselben etwas fehlt. Kurz und gut, wie ich in meinem beschränkten Hausverstande mir's vorstelle, der Mensch soll so schön fein Gottes Regierung nachahmen und in seinem Tun und Lassen denn doch auch seine Sonne über alle Kreatur leuchten lassen, so wie auch Gott Seine Sonne über alle Kreatur leuchten läßt.
GEJ|2|234|5|0|Freilich kann der Mensch als ein höchst beschränktes Wesen Gott seinen Schöpfer nur eben auch höchst beschränkt nachahmen; aber weil er schon die Ähnlichkeit Gottes in sich trägt oder eigentlich nach dem Ebenmaße Gottes erschaffen ist, so soll er auch das in sich vollends ausbilden, wozu ihm alle die Fähigkeiten verliehen worden sind. – Das ist so meine Ansicht, und Du, o Herr, aber wirst uns allen eine richtige Erklärung geben; denn ich höre Dein Wort tausend Male lieber, als ich selbst rede. Darum rede Du, o Herr, weiter – vorausgesetzt, daß Du in dieser Nacht noch etwas reden willst!“
GEJ|2|234|6|0|Sage Ich: „Ja, Ich werde reden, obschon die Mitte der Nacht herbeigekommen ist; aber nun machen wir einen kleinen Ruhepunkt und horchen, ob sich vom Meere her kein Hilferuf vernehmen läßt!“
GEJ|2|234|7|0|Bald auf diese Meine Bemerkung vernahm man vom Meere herüber einen Lärm, aus dem eine Menge von Menschenstimmen sehr wohl vernehmbar waren. Markus und seine Söhne fragten Mich eiligst, ob sie da hinaussollten zur Hilfe allfälliger Unglücklicher, die vielleicht mittels eines schlechten Fahrzeuges den Mitternachtswind zu bestehen haben würden, oder einen Wirbel, der sich vor der großen Bucht gerne ergibt.
GEJ|2|234|8|0|Sage Ich: „Es ist ein schlechtes Fahrzeug voll junger Leviten und Pharisäer. Sie kommen von der Gegend Kapernaums und Nazareths und sind auf dem Wege nach Jerusalem. Sie haben den Weg zu Wasser dem trockenen Wege vorgezogen, weil er fürs erste näher und fürs zweite nicht so beschwerlich ist; aber sie bekamen in Sibarah nur ein schon ziemlich leckes Fischerboot, und es geht ihnen, da sich ein ziemlich starker Mitternachtswind erhoben hat, nun schlecht, – und so ihnen nicht zu Hilfe geeilet wird, da dürften sie wohl untergehen!“
GEJ|2|234|9|0|Sagt Markus: „Herr, wahrlich, um die ist kein Schade, so sie den lieben Fischen zur Speise werden! Da möchte ich mir mit dem Zuhilfekommen fast ein wenig Zeit lassen. Aber wenn Du es willst, so soll ihnen dennoch Hilfe gebracht werden.“
GEJ|2|234|10|0|Sage Ich: „Sagtest du doch selbst sehr richtig, der nach dem Ebenmaße Gottes geschaffene Mensch soll zufolge der ihm dazu verliehenen Fähigkeiten Gott in allem ähnlich zu werden trachten und soll auch seine kleine Sonne, die er im Herzen trägt, über alle Kreatur leuchten lassen und den als seinen Nächsten – ob er Feind oder Freund ist – ansehen, der sich in einer großen Not befindet und einer Hilfe bedarf!
GEJ|2|234|11|0|Siehe, deine Worte sind recht und wahr, darum du auch danach handeln sollst, ansonst die Wahrheit noch lange nicht lebendig in dir zu Hause wäre! Denn die pure Wahrheit nützt dem Menschen fürs ewige Leben wenig oder nichts, solange er sie in sich nicht durch die Tat lebendig gemacht hat. Hat er aber das getan, so kommt dann das Licht des ewigen Lebens in Strömen und erleuchtet alle Wirrwinkel der Menschenseele, wie am hellen Mittage die Sonne in alle noch so tiefen Täler und Gräben ihr Licht spendet, sie erwärmt und dadurch mit ihrem Leben erfüllt. – Tue darum nun, was du willst!“
GEJ|2|234|12|0|Sagt Markus: „Also nur schnell zur Hilfe, und trüge das morsche Schiff lauter Bären, Tiger, Löwen und Hyänen!“
GEJ|2|234|13|0|Sogleich lief der alte Markus mit seinen Söhnen ans Ufer und bestieg auch sogleich ein gutes und ziemlich großes Fischerboot und ruderte hinaus an die Stelle, von wo der Ruf nach Hilfe immer gellender ward.
GEJ|2|235|1|1|235. — Markus rettet schiffbrüchige Pharisäer
GEJ|2|235|1|0|Als Markus in wenigen Augenblicken an das dem Untersinken schon sehr nahe gekommene Boot kam, hieß er die Unglücksbedrohten schnell in sein Boot übersteigen, nahm das morsche Sibaraher Boot ins Schlepptau und erreichte sogestaltig bald das Ufer. Der Geretteten aber waren bei dreißig an der Zahl.
GEJ|2|235|2|0|Als sie gerettet im Trockenen waren, so fragten die Leviten denn auch gleich, welchen Lohn der Lotse für seine Mühe verlange, da sie erkannten, daß er ein alter Römer sei. Einen Juden hätten sie sicher nicht gefragt; denn der hätte sich es noch für eine große Gnade halten müssen, daß ihn Jehova dadurch würdigte, daß Er durch ihn Seine Diener von einer Gefahr habe erretten lassen. Denn Jehova würde solches dann und wann bloß nur der Menschen willen zulassen, damit sie dadurch eine Gelegenheit bekämen, ihre Festigkeit im Glauben und ihre unerschütterliche Anhänglichkeit an den Tempel zu zeigen, der da sei eine alleinige rechte Gotteswohnung auf Erden, wie sonst keine in Ewigkeit.
GEJ|2|235|3|0|Aber Markus sagte: „Wenn ich auch ein alter Römer bin, so kenne ich dennoch den wahren Gott besser, denn ihr alle Ihn kennt; denn“, sagte er weiter zu den Geretteten, „kennet ihr Gott, fürwahr, ihr wäret weder Leviten noch Pharisäer, sondern ihr wäret Menschen! Aber weil ihr eben Den nicht im geringsten kennet, dessen Diener ihr euch zu sein dünket, so sage ich es euch: Verflucht sei der, der seinem Bruder in der Not half und darum einen Lohn verlangt! Denn Gott läßt nie eine gute Tat, die wir in Seinem Namen ausgeübt haben, unbelohnt. Belohnt uns aber Gott, der allein jeden Menschen wahrhaft belohnen kann, wie und weshalb sollten wir da dann noch von uns gegenseitig einen Lohn verlangen? Ihr aber seid darum allesamt schlechte Diener Gottes; denn ihr saget es, daß ihr Gott dienet, nehmet aber dafür von den armen Menschen einen oft unerschwingbaren Lohn.
GEJ|2|235|4|0|Darum lernet es nun von mir, einem ergrauten Krieger des mächtigen Roms, wie man dem wahren und ewig lebendigen und allmächtigen Gott zu dienen hat, so man von Ihm angesehen und belohnt werden will!
GEJ|2|235|5|0|Darum nehme ich auch nie einen Lohn von einem Menschen, dem ich in einer Bedrängnis Hilfe geleistet habe. Habe ich aber für mich und mein Haus gearbeitet, so nehme ich auch den geziemenden Lohn für meine Mühe und lasse mir meine Fische, die ich zu Markte bringe, nach Recht und Billigkeit bezahlen. Wollet ihr aber hier etwas zum Essen und Trinken haben, so werde ich mir solches von euch wohl nach Recht und Billigkeit bezahlen lassen.“
GEJ|2|235|6|0|Sagen die Geretteten: „Wahrlich, aus deiner Rede gehet hervor, daß du ein Jude und kein Heide bist; denn so wahrheitstüchtig haben wir noch nie irgendeinen Heiden reden hören. Oh, wir werden dir darum ewig keinen Gram bezeigen. Wir sind auch nicht gar so stockfest mit all dem einverstanden, was du mit Recht an uns tadelst und verwirfst; aber wir sind denn nun einmal schon in dem Strome und müssen wenigstens im Angesichte des Tempels mit demselben schwimmen. Hätten wir irgend andere Aussichten, so kehrete kein Mensch dem Tempel eher den Rücken als wir; denn wir glauben, daß Gott nirgends weniger ist als in unserem Tempel. Aber was wollen wir und was können wir dagegen tun? Oh, wir sehen es so gut wie du, nur zu gut ein, daß der Tempel zu Jerusalem nunmehr nichts anderes ist als eine großartige Betrugsanstalt, hinter der kaum mehr eine wahre Silbe, geschweige irgendein wahres Wort mehr besteht; aber diese Anstalt ist nun von der großen Macht Roms sanktioniert, und da läßt sich dann nichts mehr dagegen tun.
GEJ|2|235|7|0|Gibt es noch irgendeinen wahren und allmächtigen Gott, so wird Er solch einem Unfuge wohl ohnehin bald ein glorreiches Ende machen; gibt es aber keinen wahren Gott, und ist alles, was wir kennen und wissen, nichts weiter als eine pure alte Dichtung und Fabel, nun, so dichten und fabeln wir denn auch mit, und die Welt, die ohnehin den Betrug lieber hat als die Wahrheit, ist damit vollkommen zufrieden, und wir können da weder von uns noch von der blinden Welt unmöglich mehr verlangen.“
GEJ|2|235|8|0|Sagt Markus: „Ihr seid wohl schöne Helden und schöne Menschen! Epikur ist euer Lehrer, wenn auch nicht in der Person, weil er schon hübsch lange das Zeitliche mit dem Ewigen vertauscht hat; aber desto mehr faktisch nach seiner Freßphilosophie. Saget darum, ob ihr etwas essen und trinken wollt, und es soll eurem Wunsche gewillfahrt werden!“
GEJ|2|235|9|0|Fragt einer: „Was hast du denn dort neben deiner Behausung noch für wache Gäste? Denn es dürfte nun wohl schon um die Mitternachtsstunde sein – und noch so viele Gäste vor deinem Hause? Sind das vielleicht auch Gerettete? Denn das Meer geht heute sehr hoch ohne irgendeinen besonderen Wind.“
GEJ|2|235|10|0|Sagt Markus: „Jene Gäste gehen euch wenig an und sind zu hohe römische Herrlichkeiten, als daß ihr euch zu ihnen hinwagen dürftet. Kurz, euer Charakter steht zu tief unter dem jener Gäste. Unter anderen ist auch der Hauptmann Julius von Genezareth dort anwesend, so ihr etwa mit ihm etwas zu reden habt, so kann ich ihn zu euch hierher bescheiden.“
GEJ|2|235|11|0|Als die jungen Leviten und Pharisäer den Namen hörten, erschraken sie gewaltigst und baten den Markus, daß er sie nur mit diesem verschonen möchte; denn der sei kein Mensch, sondern ein unerbittlichster Teufel. Denn es waren hier etliche darunter, denen der Julius erst vor etlichen Tagen in Genezareth mit Lehm Augen und Ohren hatte verstopfen und sie dann unter militärischer Begleitung gen Kapernaum hatte befördern lassen. Sie überkam darum auch ein so gewaltiger Schreck, weil sie dachten, Julius werde ihnen solches wieder antun.
GEJ|2|235|12|0|Aber Markus sagte zu ihnen: „Hier habt ihr nichts zu befürchten außer eine Revision der Wanderscheine, auf die bekanntermaßen die Römer überhaupt sehr strenge sind.“
GEJ|2|235|13|0|Sagte einer aus der Zahl der Leviten: „Da ist eigentlich für uns der Stein des Anstoßes. Der Tempel will sich dieser römischen Anordnung noch immer nicht fügen, und wir unteren Diener des Tempels kommen darum in tausenderlei Verlegenheiten, die uns dann kein Mensch mehr vergütet, der Tempel nicht und jemand anders auch nicht, und doch müssen wir, vom Tempel aus bemüßigt, allerlei Bereisungen machen von einem Weltende zum andern; und leiden wir irgend Schaden, so wird er uns von keiner Seite her vergütet.
GEJ|2|235|14|0|Wohl sind wir Kinder reicher Eltern, ansonst uns der Tempel sicher nicht in seine Dienste gelockt hätte. Nun aber sind wir schon einmal verdammt in die Gesetze der Mauern und können uns daraus nicht mehr losmachen. Die Folge davon ist, daß wir nun die eigentlichen Sündenböcke für die ganze Welt abgeben müssen. Wir sind nun einmal im Joche der wahren Weltverdammnis. Mache uns davon los, wenn du solches vermagst! Auf der einen Seite unsere zelotischen (glaubenseifrigen) Eltern und Verwandten, auf der andern Seite das eiserne Muß des Tempels. Da bewege sich einer frei, der da mag und will, wir aber können es nicht!“
GEJ|2|235|15|0|Sagt Markus: „Wißt ihr was? Nach euren Worten taugt ihr doch nahehin für die Gesellschaft dort vor meinem Hause. Kommet nun mit mir, und ich werde ein gut Wörtlein für euch einlegen! Vielleicht rette ich euch doch aus dem Rachen des Tempels, der nach eurer Aussage gar so ,menschenfreundlich‘ um euch, seine Diener, besorgt ist.“
GEJ|2|235|16|0|Sagen die Geretteten: „Wäre alles wohl schön und recht, wenn der Julius nicht anwesend wäre; denn wir haben keine Wanderscheine.“
GEJ|2|235|17|0|Sagt Markus: „Nun, so wird er euch welche verschaffen.“
GEJ|2|235|18|0|Sagen die Geretteten: „Das sicher; aber was für welche!“
GEJ|2|235|19|0|Sagt Markus: „Kommt und folget mir! Die Wanderscheine werden besser ausfallen, als ihr meint; denn der Julius ist, wie ich, ein Freund von offenen Gemütern.“
GEJ|2|235|20|0|Auf dieses Zureden von seiten des alten Markus und seiner beiden Söhne lassen sich endlich die Geretteten doch bewegen mitzugehen, und Markus führt sie etwas weilenden Schrittes recht frohen Mutes zu uns.
GEJ|2|236|1|1|236. — Kritik der Pharisäer über Julius
GEJ|2|236|1|0|Als die ganze Gesellschaft bei uns anlangt, wird ihr alsbald Platz gemacht, so daß sie an einem an den unsrigen anstoßenden Tische recht wohl Platz hat.
GEJ|2|236|2|0|Markus kommt darauf zu Mir und fragt Mich, ob er den Geretteten Salz, Brot und Wein vorsetzen solle.
GEJ|2|236|3|0|Sage Ich: „Frage sie und dein Herz, ob sie etwas verlangen, und ob dein Herz völlig zu geben bereit ist! Verlangen sie, und dein Herz will geben, so gib! Denn siehe, auch das ist eine Hauptregel der wahren Nächstenliebe! Der Nächste muß verlangen, entweder durchs vernehmbare Wort, durch Hilferuf, oder im schlimmsten Falle durch leicht ersichtliche stumme Not, und dein Herz muß alsogleich aus Liebe fest wollen, danach tätig zu sein; dann ist die Nächstenliebe wahrhaft in der göttlichen Ordnung ausgeübt worden, und die Wirkung davon für die Seele und für den Geist des Gebers wird da nicht unterm Wege verbleiben. – Verstehst du solches?“
GEJ|2|236|4|0|Sagt Markus: „Ja, Herr, ich verstehe es nun vollkommen und werde nun alsogleich solcher Deiner Belehrung nachkommen.“
GEJ|2|236|5|0|Sage Ich: „Gehe, aber mache Mich nicht ruchbar bei ihnen! Man darf ihnen noch nicht zuviel trauen; denn in ihrem Herzen wohnt noch tiefe Nacht, und ihre Seele fasset noch lange keine Wahrheitstiefe.“
GEJ|2|236|6|0|Darauf begibt sich Markus schnell zu den Geretteten hin und fragt sie, ob und was sie nun zur Stärkung ihres Leibes benötigen werden.
GEJ|2|236|7|0|Sagt einer: „Freund, wir sind zwar hungrig und durstig; aber unser ganzes Vermögen besteht nunmehr nur in neun roten Groschen. Dafür wird sich wahrlich hier in dieser bekannt brotarmen Gegend sicher nicht viel herrichten lassen. Kannst du uns aber dafür doch etwas Erkleckliches geben, so gib es uns, und wir wollen dir die neun Groschen darreichen!“
GEJ|2|236|8|0|Sagt Markus: „Wenn es um euch also steht, so bedarf es auch der neun Groschen nicht, und ihr werdet dennoch zur Genüge zu essen und zu trinken bekommen.“
GEJ|2|236|9|0|Hierauf ruft Markus sogleich sein Weib und seine Kinder und schafft ihnen, diese neuangekommene Gesellschaft mit Brot und Salz und Wein bestens zu versorgen; denn sonst wäre nun in der Mitternachtszeit wohl nicht leichtlich etwas zu haben. Am Morgen werden sie dann schon besser versorgt werden. Sogleich wird das Geschaffene herbeigebracht, und die Geretteten greifen wacker zu und loben das Brot und den Wein über die Maßen.
GEJ|2|236|10|0|Einige sagen: „Das ist ein ägyptischer Königswein.“ Andere halten ihn persischer Abkunft. Einer aber meint, daß dies ein echter Römerwein sei.
GEJ|2|236|11|0|Markus aber sagt: „Keines von allem, sondern der Wein ist hier gewachsen.“ – Darüber verwundern sich alle sehr; denn es war bekannt im ganzen Judenlande, daß in Galiläa der schlechteste Wein zu Hause war.
GEJ|2|236|12|0|Nach ziemlichem Genusse des Weines aber ward die neu angekommene Gesellschaft so ziemlich lebendig und fing an – wie man zu sagen pflegt –, mit der Wahrheit auszupacken, ohne sich zu genieren vor uns, die wir in ihrer nächsten Nachbarschaft uns befanden.
GEJ|2|236|13|0|Julius, der nun ganz knapp an ihrem Tische saß, fragt einen jungen Pharisäer, so mehr scherzweise als irgend ernstlich, ob er – der Pharisäer nämlich – nicht auch in Genezareth etwas zu tun habe.
GEJ|2|236|14|0|Sagt der Befragte: „Herr, wer du auch sein magst, ob ein Cäsaräer oder ein Genezarether, das ist mir nun gleich; aber dieses Loch von einer Stadt ist sogar für den Teufel zu schlecht, geschweige für einen ehrlichen Menschen von meiner Art! Mich sieht dies Nest in meinem ganzen Leben sicher zum zweiten Male nimmer. Dort haust ein gewisser römischer Hauptmann Julius. Das ist genug; denn mit diesem Namen ist schon alles, was nur immer des Satans sein kann, gesagt. Wer aus der Zahl der Sterblichen sich je dem genaht hat, der hat auch den Satan persönlich kennengelernt. Seine Person habe ich zwar noch nie irgendwo zu Gesichte bekommen; aber seine Befehle habe ich verkostet und schließe daraus, daß seine Persönlichkeit auch seinen unmenschlichsten Befehlen auf ein Haar ähnlich sein wird.
GEJ|2|236|15|0|Jener Julius scheint ein abgesagter Feind der Bewohner von Jerusalem zu sein, ansonst es denn doch nicht möglich sein sollte, gar so barbarisch und echt satanisch unbarmherzig mit Menschen unserer Art zu verfahren!
GEJ|2|236|16|0|Es ist wohl wahr, daß man besonders den Templern eben nicht sehr gewogen sein kann, so man hinter ihre Tücken, Schliche und allerlei Betrügereien gekommen ist; aber man muß doch auch überall eine Ausnahme machen und erst dann irgendein Urteil richten, so man zuvor alle Verhältnisse genau abgewogen hat, unter denen irgendein Mensch einem Kollegium angehört. Hat der Mensch dasselbe frei gewählt, nun da kann man dann wohl mit Recht sagen: Volenti non fit iniuria. Aber wie viele gibt es oft als Mitglieder eines wenn an und für sich auch noch so lumpig schlechten Kollegiums, die dazu wider ihren Willen gezwungen worden sind.
GEJ|2|236|17|0|Ist man ein ehrlicher Richter, der Herz und Kopf am rechten Flecke hat, so untersuche man zuvor, ob unsereins freiwillig oder gezwungen zum traurigen Mitgliede eines solchen Kollegiums ward! Ist man ein Freiwilliger, dann kann man für jede ausgeübte schlechte Vorschrift von seiten eines solchen ärgerlichen Kollegiums sicher mit allem Rechte gezüchtigt werden. Ist man aber, wie es bei unsereinem der Fall ist, ein sozusagen mit glühendem Eisen dazu Gezwungener und muß durch den gleichen Zwang die argen Vornahmen des Kollegiums in Vollzug bringen, so sollte man denn doch anders behandelt werden als ein freiwilliger schlechter Lump.
GEJ|2|236|18|0|Es wird zum Beispiel ein überaus ehrlicher, junger und kräftiger Mensch von Räubern und Mördern überfallen und in die Höhle der Räuber gebracht. Dort werden ihm die martervollsten Todesarten vorgehalten, so er als ein kräftiger Mensch nicht ein Miträuber und Mörder werden wolle. Jeder noch so leise anscheinende Versuch zum Entfliehen wird schon mit einem martervollsten Tode bestraft.
GEJ|2|236|19|0|Es geschieht aber, daß solch eine Räuber- und Mördergesellschaft vom strafenden Arme der Gerechtigkeit erreicht und zur Strafe gezogen wird. Ist es da recht, wenn der junge Mensch nun das Los derer teilen muß, die ihn mit glühenden Eisen zu einem Miträuber gemacht haben? Solch einen Unglücklichen sollte man nur nach aller Möglichkeit und nach allen Seiten hin zu retten suchen, nicht aber am Ende ohne alles Erbarmen ihn, gleich den wirklichen Missetätern, ans Kreuz hängen und ihm die Beine zerschlagen. Gerichtet und verdammt ist bald und leicht, besonders für den, der das Schwert und die Macht in seinen Händen hat; aber wie, – das ist eine ganz andere Frage!
GEJ|2|236|20|0|Nach meinem Gefühle wäre es noch immer besser, so man zehn wirkliche Lumpen, deren Schuld man aber nicht völlig hat erweisen können, laufen ließe, als daß man einen solchen verurteilt, wie ich ihn in meinem Beispiele angeführt habe; denn solch ein Urteil scheint die allerhimmelschreiendste Versündigung an den heiligsten Rechten der Menschheit zu sein! Wenn es schon strafbar ist, so man einen glücklichen Menschen so ein wenig nur unglücklich macht, wie ungeheuer strafbar muß es dann erst dort sein, wo man einen ohnehin schon ohne sein Verschulden allerunglücklichsten Menschen noch unglücklicher macht, anstatt daß man als Mensch doch alles aufbieten sollte, ihn aus seinem ersten, höchst unverschuldeten Unglücke nach Möglichkeit zu erretten!
GEJ|2|236|21|0|Und siehe, Freund, beinahe um kein Haar besser geht es mit uns jungen Templern. Auch wir sind als Söhne wohlhabender Eltern mit Gewalt dem Tempeldienste geweiht worden, ohne eigentlich dem Stamme Levi der Geburt nach anzugehören; denn solch eine Geburt kann man jetzt ums Geld haben, wie oft man sie will.
GEJ|2|236|22|0|Wir sind nun einmal Leviten und können uns von diesem lieben Stande beim allerbesten Willen von der Welt nimmer losmachen. Ja, wir könnten zwar für uns wohl entfliehen und könnten als kräftige junge Männer dem Soldatenstande Roms uns anschließen; aber dann hätten wir damit auch den Stab alles Verderbens über unsere Eltern und Geschwister gebrochen, und sie rettet kein Gott vor dem herrlichen Genusse des verfluchten Wassers. Wer aber dieses scheußliche Giftwasser hat zu trinken bekommen, ist noch allzeit gestorben, und das auf die schmählichste und schmerzlichste Art von der Welt.
GEJ|2|236|23|0|Man erzählt uns wohl, daß vor ungefähr dreißig Jahren ein Menschenpaar aus Galiläa nach dem Genusse des Satanswassers nicht gestorben sei. Möglich, – aber wir waren nicht zugegen!
GEJ|2|236|24|0|Wer nun unsere Lage von solch einem Standpunkte aus betrachtet und uns dann gleich andern gemeinsten Menschenbestien behandeln kann, der hat ganz verdammt wenig Anspruch auf die Ehre, ein Mensch zu sein, zu machen! Da scheint das hochtrabende römische ,Fiat iustitia, pereat mundus!‘ eben nicht gar weit her zu sein.
GEJ|2|236|25|0|Ich und noch einige von unserer diesmaligen armseligen Gesellschaft aber sind eben in Genezareth ohne all unser Verschulden von dem gewissen Hauptmann Julius auf eine Weise behandelt worden, wie man kein reißend Vieh ärger behandeln kann, und es wird daher begreiflich sein, warum wir für alle Zukunft diesen Ort, den der Julius beherrscht, wie die ärgste Pest meiden werden!“
GEJ|2|237|1|1|237. — Der Entschluß der Pharisäer
GEJ|2|237|1|0|Sagt inzwischen Julius: „Hm, sonderbar von dem Manne, der sonst doch allgemein den verdienten Ruf eines vollkommen streng ehrlichen und vollrechtlichen Mannes besitzt!? Aber kannst du mir denn so mutmaßlicherweise zum wenigsten sagen, was da Julius für einen Grund haben mochte, daß er sich gegen euch so strenge erwies? Denn eine ungerechte Sache muß sich denn doch noch immer irgend wieder gutmachen lassen, ansonst es mit allen gesellschaftlichen Verbänden auf dieser Erde für immer ein volles Ende hätte!“
GEJ|2|237|2|0|Sagt der junge Pharisäer: „Oh, Gründe kann er mehrere gehabt haben; aber sie reduzieren sich am Ende alle darauf hin, daß man vor der Welt durch argen Zwang gar leicht ein Verbrecher oder zum wenigsten ein irgendeines Verbrechens verdächtiger Mensch sein kann, ohne es aus sich freiwillig zu sein! Sagt ihr doch in eurem Gesetze, daß zu irgendeiner schlechten und darum strafbaren Tat ein entschieden freier böser Wille erforderlich sei, was erwiesen werden muß; ansonst müßte man am Ende auch den ans Kreuz heften, der durch einen Zufall vom Dache fiel und durch diesen Fall ein unter dem Dache ruhendes Kind erschlug und tötete!
GEJ|2|237|3|0|Wir jungen Pharisäer und Leviten werden nun allzeit vom Tempel aus sicher aller ehrlichen Welt gegenüber kaum je in einer respektablen Absicht abgesandt; ja wir tragen oft geheim so elende Tempelabsichten hinaus zu den harmlosen Menschen in die Welt, daß wir sie selbst offenbarst im tiefsten Grunde unseres Herzens verachten müssen! Aber was nützt alles das?
GEJ|2|237|4|0|Wir gleichen da den Kriegern, die von ihren Feldherren genötigt, in ein Land als Feinde eines in sich ganz ruhigen Volkes einfallen und alles verheeren, bloß irgendeines geheimen feldherrlichen Zweckes wegen, von dem der gemeine Krieger vielleicht die Zeit seines ganzen Lebens hindurch keine Kenntnis bekommt; er muß als eine Maschine handeln, die höchstens, wenn sie zum Weiterhandeln untüchtig geworden ist, in irgendeinen stummen Ruhestand gesetzt wird.
GEJ|2|237|5|0|Ich aber meine, wenn der Tempel mit seinen ruchlosen, geheimen Absichten eine den Römern sicher schon zu wohl bekannte Anstalt ist, von der aus Verbrechen über Verbrechen begangen werden, dem Staate so gut wie aller Menschheit gegenüber, so sollten dergleichen gerechte Juliusse das Übel gleich lieber von der Wurzel ausrotten und sich nicht stets an den Zweiglein vergreifen, die bei Gott nicht dafür können, daß sie von einem so schlechten Stamme ins Dasein getrieben worden sind! – Das ist so meine und unser aller, wie wir hier sind, Ansicht. Mache du daraus nun, was du willst; aber ich habe recht vor Gott und allen recht und billig denkenden Menschen!“
GEJ|2|237|6|0|Fragt abermals Julius, sagend: „Das ist alles gut und wahr, und es ist euch in Genezareth offenbar Unrecht geschehen, das euch vergütet werden wird. Es wäre euch aber auch nicht so hart begegnet worden, wenn ihr in das Haus des dortigen Gastwirtes Ebahl nicht gar so diktatorisch gedrungen wäret! Aber lassen wir nun das; denn auch zu solch einem Benehmen könnet ihr vom Tempel aus die gemessensten Weisungen haben. Aber ich möchte von dir nun denn doch so als Freund jeder guten Sache in Erfahrung bringen, in welcher Absicht ihr denn so ganz eigentlich vom Tempel aus nach Nazareth und Kapernaum beordert worden seid.“
GEJ|2|237|7|0|Sagt der Befragte: „Indem du nun durch mein sicher rückhaltlosestes Bekenntnis wirst gesehen haben, daß wir in unseren Herzen nicht im geringsten das sind, als was wir, besonders von den Römern, angesehen werden, so kann ich dir, der du ein Freund alles Guten und Wahren zu sein scheinst, ja auch den geheimen Grund näher bezeichnen. Sieh, es ist in Jerusalem und ganz besonders im Tempel überaus ruchbar, daß sich in Galiläa ein Mann herumtreibt, der eine neue, antijüdische, eigentlich antitemplische Lehre verbreitet, viele und große Zeichen zur Bekräftigung seiner Lehre verübt, so daß bereits bekanntermaßen sogar alte und sonst nagelfeste Pharisäer sich zu seiner Lehre bekennen!
GEJ|2|237|8|0|Daß solch ein Mann vom Tempel aus wohlweisen Gründen nicht mit freundlichen Augen angesehen wird, kannst du dir wohl denken. Nun sind wir bloß zu dem Behufe unter Eid genommen und dann abgesandt worden, um zu eruieren, ob und was es denn so ganz eigentlich mit dem fraglichen Manne für eine Bewandtnis habe. Fänden wir ihn, so sollten wir ihn entweder für den Tempel zu gewinnen suchen oder ihn im Widerstrebungsfalle so klamm (heimlich) von dieser Welt in die andere befördern. – Nun, das war so ganz kurz gefaßt die hohe Absicht des Tempels, deren harmlose und total unschuldige Träger wir waren.
GEJ|2|237|9|0|Es versteht sich aber übrigens von selbst, daß der bewußte, sicher höchst ehrliche, gute Mann von uns nie etwas zu befürchten gehabt hätte; denn hätten wir ihn auch gefunden, so wäre ihm von uns aus kein Haar gekrümmt worden.
GEJ|2|237|10|0|Wie wir vielseitig erfahren haben, soll er im Ernste ein außerordentlicher Mensch sein, voll Wahrheit, Ehrlichkeit, Güte und Biederkeit, – Eigenschaften, die wir an jedermann noch stets über alles zu schätzen und zu achten verstehen. Kurz, hätten wir ihn auch irgendwo getroffen und gefunden, so hätte davon von uns aus der Tempel sicher nicht eine Sterbenssilbe erfahren; denn aufs sogenannte Maulhalten verstehen wir uns. Auch für den Tempel hätten wir ihn nie zu gewinnen gesucht; denn den Tempel und seine Niederträchtigkeiten kennen wir wie nicht leichtlich jemand anders. Wären wir aber in unseren Herzen auch des eigentlichen Tempelgelichters, so würden wir hier trotz des ein bißchen genossenen Weines nicht so offen mit dir reden.
GEJ|2|237|11|0|Wir aber haben eine geheime Absicht, abgesehen von allem, was darum unsere Weltverwandten alles um unsertwillen werden zu gewärtigen haben, nun dem Tempel zu entwischen; denn es ist im selben durchaus nicht mehr zu bestehen. Wir sind darum auch hauptsächlich nächtlicherweile übers Wasser in diese Gegend gekommen, um von da irgend nach Tyrus oder Sidon zu gelangen und uns dort dem Cyrenius vorzustellen und ihm, der einer der weisesten Männer sein soll, unsere Not vorzutragen. Es ist aber die Meinung des größten Teiles von uns, daß wir zuvor dennoch nach Jerusalem auf einem möglichst kürzesten und von Ungemach freiem Wege gelangen und alldort sehen sollten, von unseren Verwandten wegen einer vorgeschützten frommen Geschäftsreise, im Interesse des Tempels natürlich, ein Geld zu bekommen, mit dem wir dann leicht eine Reise nach Tyrus und Sidon, oder am Ende gar nach Rom selbst, unternehmen könnten zur Erreichung unseres Zweckes. Zugleich aber müssen wir zu dem Behufe uns auch ordentliche Wanderscheine verschaffen, ohne welche man in dieser Zeit schwer anstandslos weiterkommt. Solche Scheine aber kosten Geld.
GEJ|2|237|12|0|Es wäre einesteils darum wohl gut und nötig, uns von Hause aus ein genügend Geld zu verschaffen; aber ich und ein Teil denken da wieder anders und sagen: So wir dem Tempel entweichen, so werden darum unsere Alten, das heißt unsere Eltern und Geschwister, ohnehin vom Tempel aus alles mögliche Ungemach, vielleicht gar das verfluchte Wasser zu bestehen bekommen. Es wäre darum zu himmelschreiend ungerecht, so wir sie zuvor noch gewisserart um ihr Geld bringen wollten, wodurch sie dann am Ende kaum imstande wären, sich im äußersten Falle vom Genusse des gewissen Wassers loszulösen, was im Tempel oft geschieht, daß den Gravierten (Belasteten) die Wahl zwischen – natürlich – viel Geld und dem verfluchten Wasser freigestellt und nun auch fast durchgängig mit Geld als Sühne vertauscht wird.
GEJ|2|237|13|0|Nun, da ist schwer zu entscheiden, was man da tun soll. Ich für mein Teil bin einmal fürs Nichtnachhausegehen, und das aus den bereits bekanntgegebenen Gründen und aus noch einem Grunde, den ich für einen Hauptgrund halte. Denn holen wir uns nun in Jerusalem vorher noch ein Geld unter einem erdichtet templisch frommen Vorwande, und kommt dann die Geschichte denn doch sicher auf, so trifft uns alle auch unvermeidlich der Tempelfluch im großartigsten Maße und mit dem der Fluch unserer Alten, und unser Glück in der Welt ist gemacht, daß es Gott erbarme! Gehen wir nun aber heimlich, so werden der Tempel und unsere Alten denken, daß wir etwa irgendwo verunglückt seien. Unter solchen Rücksichten werden dann der Tempel und unsere Alten um uns trauern, und beide werden für uns beten und uns segnen für die ganze, lange Ewigkeit. – Was meinst du, der du ein Freund des Rechtes und der Wahrheit zu sein scheinst, was ist da das Bessere und was ist da völlig Rechtens?“
GEJ|2|238|1|1|238. — Des Herrn Rat und Hinweis auf die praktische Nächstenliebe
GEJ|2|238|1|0|Sagt Julius: „Mir gefällt wohl euer Entschluß; aber die Mittel zu dessen endzwecklicher Ausführung können mir nicht gefallen, weil ihnen keine Wahrheit zugrunde liegt. Freilich ist hier der Fall, daß ihr mit der Verfolgung der vollen Wahrheit im Mittel sowohl als im zu erreichenden Zwecke eigentlich gar nicht zu dem euch vorgesteckten Ziele gelangen könnet. Ein Mittelweg aber läßt sich da auch nicht so leicht ausfindig machen. Lasset mich da ein wenig nachdenken, vielleicht finde ich so einen Weg, auf dem ihr am Ende vor Gott und vor der Welt als gerechtfertigt erscheinet!
GEJ|2|238|2|0|Euer Tempeleid ist da freilich meines Erachtens das stärkste Hindernis. Wie ist der zu umgehen? Wenn ich diesen um eures dennoch vollwahren Gottes willen nicht respektierte, dann kostete es mich nur eines Wortes, und ihr wäret vor Gott und vor aller Welt schuldlos frei vom Joche eures Tempels. Aber euer feierlichst dem Tempel geleisteter Eid hindert mich da ganz ungeheuer daran, und ich muß mich darüber beraten mit den vielen Weisen, die an meinem Tische ruhen; und wir wollen dann sehen, wie wir uns aus dieser wahren Scylla und Charybdis herauszuziehen werden imstande sein.“
GEJ|2|238|3|0|Sagt der junge Pharisäer: „Tue du das, und du tust wahrlich ein gutes Werk an uns! Sage mir aber doch noch gütigst zuvor, wer so ganz eigentlich die Gäste an deinem Tische sind, auf daß wir ihnen den gebührenden Respekt zollen können! Der alte Herr muß entweder ein gar vornehmer Römer oder mindestens ein sehr reicher Grieche sein!?“
GEJ|2|238|4|0|Sagt Julius: „Lassen wir heute das; denn für derlei Aufklärungen wird sich noch morgen eine mehr als hinreichende Zeit finden lassen! Nun will ich zu eurem Besten mich lieber mit der Hauptsache beschäftigen.“ Damit war der junge Mann denn auch zufrieden, und Julius wandte sich darauf ganz unverhohlen an Mich in römischer Zunge, deren Ich sicher auch mächtig war, und sagte: „Herr, was wird da wohl Rechtens sein? Gewalt von meiner Seite würde alle Eide und alle Tempelgesetze über den Haufen werfen; aber da träte ich dann als ein Zerstörer des feierlichsten Gelübdes auf, und die Schuld des Eidbruches fiele dann auf mich. Ich halte freilich – unter uns gesagt – auf Eide, die zur Haltung böser Pflichten abgefordert und leider nur zu oft abgelegt werden, nicht nur nichts, sondern verachte sie tiefst, weil dabei Gott zur Steuer der Falschheit und Schlechtigkeit als Zeuge und Helfer angerufen wird. Aber der Tempel zu Jerusalem ist so eine fragliche Sache!
GEJ|2|238|5|0|Auf der einen Seite ist er dennoch, wie von alters her, ein für alle Juden geheiligtes Bet-, Opfer- und Reinigungshaus und wird bis zur Stunde von mehreren tausendmal Tausenden in der Hinsicht frommgläubig geheiligt; auf der andern Seite aber werden nun nur zu bekanntermaßen alle Greuel der Greuel darin auf eine allergewissenloseste Weise begangen, wie sonst auf der lieben Erde nicht leichtlich noch irgendwo. Nur von da aus möchte ich wohl gleich jedes Gelübde vom Grunde aus zerreißen und zerstören.
GEJ|2|238|6|0|Sage Du mir darum, was da vollends Rechtens vor Gott und den Menschen ist?! Denn wahrlich, wenn sich da alles so verhält, wie es mir diese Menschen nun ganz harmlos kundgaben, so dauern mich diese Jungen sehr, und ich möchte ihnen helfen.“
GEJ|2|238|7|0|Sage Ich: „Es ist ja doch ehedem ausgemacht worden, wie man die rechte Nächstenliebe ausüben soll. Verlangen sie es, und dein Herz will es auch, da hast du ja schon den ganzen Rat beisammen. Zudem hast du doch selbst nie einen Eid dafür abgelegt, daß du des Tempels arge Gelübde ehren sollest. Wenn aber du durch keinen Eid irgend für den Tempel gebunden bist, was sollte dich hernach hindern zu tun, was dir gut und zweckdienlich dünkt?
GEJ|2|238|8|0|Hast du doch schon oft Gewalt geübt gegen Menschengesellschaften, die an ihre alten Sitten und Gebräuche auch eidlich gebunden waren, und es war solches sogar ganz gut von dir; denn es staken in solchen alten Sitten und Gebräuchen nur zu häufig große geheime Grausamkeiten. Desgleichen kannst du auch hier ganz nach deinem rechtlichen Sinne tun.
GEJ|2|238|9|0|Gewalt von der römischen Seite hebt jede eidliche Verpflichtung, auch vor Gott gültig, für ewig auf, das heißt, wenn derjenige, der im Eide gestanden ist, selbst vollends frei einsieht, daß erstens sein Eid ein wider seinen Willen gezwungener war, und daß zweitens der Eid einen durchgängig und wohl erkenntlich schlechten Zweck hatte, und daß der Eid mehr durch weltliche denn irgend göttliche Gesetze in der Art, wie er ist, sanktioniert ist.
GEJ|2|238|10|0|Einen sogestaltig durch einen bösen Eid gefangenen Menschen aus solch einer argen Gefangenschaft des Satans erlösen, ist selbst dann ein groß-gutes Werk der wahren Nächstenliebe, wenn ein Mensch in der Schwäche seiner Erkenntnis von seinem geleisteten Eide in seinem Glaubensgemüte noch gefangengehalten würde, – geschweige hier, wo das vollste Einsehen des schlechtesten Eides von der Welt von den betreffenden jungen Männern klarst eingesehen wird. Tue du demnach hier nur ganz nach deinem Gutdünken, und Mein Freund Cyrenius wird dir dabei sicher seine Oberhilfe nicht versagen!“
GEJ|2|238|11|0|Sagt sogleich Cyrenius: „Nicht nur nicht versagen, sondern, damit mein Julius noch gewissensfreier fürder atmen kann, werde ich an den dreißig Menschen die rechtliche Gewalt ausüben, und der Tempel soll dann von mir Rechenschaft verlangen!“
GEJ|2|238|12|0|Über solch Mein und des Cyrenius Wort ward Julius über alle Maßen froh, und alle frohlockten über solch eine gute Maßnahme.
GEJ|2|239|1|1|239. — Julius gibt seinen besten Rat den Pharisäern kund
GEJ|2|239|1|0|Darauf wandte sich Julius abermals zu seinem jungen Pharisäer und sagte: „Nun, Freund, haben wir schon ein rechtes Mittel aufgefunden, durch das ihr samt euren Alten vor dem Tempel und allen seinen Forderungen als vollkommen gerechtfertigt erscheinen müsset und eure Alten am Ende sogar eine gerechte Klage wider den Tempel beim römischen Pflegeramte erheben können, worauf der Tempel sicher zum Ersatze an eure Alten für euren Verlust verurteilt wird, weil ihr zufolge der vom Tempel genötigten Nichtbeachtung der Gesetze Roms in Hinsicht der ordentlichen Wanderscheine, von denen der Tempel noch bis zur Stunde ganz hartnäckig keine Notiz nehmen will, von uns Römern gefangengenommen und sogleich unter das Militär der Fremdenlegion gesteckt worden seid! Ihr seid sonach nun schon gefangengenommen zu eurem Besten. Ist es euch angenehm?“
GEJ|2|239|2|0|Sagen alle: „O Herr, wer du auch sein magst, diesen göttlichen Rat hat dir nur ein Gott geben können! Wahrlich, so erreichen wir den guten Zweck für uns und nicht minder für unsere Alten. O Wonne, wie süß schmeckest du, und um wieviel weiser ist das große Rom nun als unser allerschmutzigstes Jerusalem! Alter Wirt und Vater dieses Hauses, gehe und bringe uns auf diese für uns überfrohe Kunde noch einen Wein; denn nun muß alles leben, was sich hier befindet! Wir sind ja aus der Hölle in alle Himmel auf einmal erhoben worden. Die blinden Juden warten noch immer auf einen verheißenen Messias, der sie vom Joche der Römer befreien soll. Und sieh, wir haben aber nun eben bei und in euch, ihr lieben Römer, den echten und allein wahrhaftigen Messias aller Menschen gefunden! Die reine Wahrheit ist der wahre Messias aller Menschen. Diese aber ist nun in eurer Mitte, und so seid ihr mit der vollsten und reinsten Wahrheit unter euch und in euch der einzige und wahre Messias aller rein und bieder denkenden Juden, wie auch aller Menschen, deren Gemüter mit allerlei alten, nichtigen und durch und durch verdorbenen Lehren und daraus abgeleiteten noch schlechtesten Gesetzen gefangengehalten sind. Alter Wirt, geh, geh, und laß uns noch einen Wein aufsetzen auf das Wohl unserer Erlöser und Messiasse!“
GEJ|2|239|3|0|Markus läßt sogleich noch mehr Brot und mehrere Krüge voll Wein auf den Tisch der Fremden bringen; und der junge Redner fragt noch einmal den Julius, wer sich denn doch alles bei der Gesellschaft befinde, und wer er eigentlich selber sei.
GEJ|2|239|4|0|Sagt Julius: „Ich habe es dir ja zuvor gesagt, wem der von dir so sehr verrufene Julius von Genezareth irgendein Unrecht, freilich wider seinen Willen, zugefügt hat, dem wird er es auch zur rechten Zeit wieder gutzumachen sich sicher alle mögliche Mühe geben. Und der von euch so gefürchtete Julius bin ich selbst, und da, mir gegenüber, sitzt der erhabene Oberstatthalter von ganz Asien und Ägypten – Cyrenius, zu dem ihr nach Sidon ziehen wolltet. Und nun, sage mir, wie du mit uns harten, unerbittlichen Römern zufrieden bist!“
GEJ|2|239|5|0|Als der junge Pharisäer solches vernimmt, erschrickt er anfangs sehr samt allen seinen Gefährten; aber er faßt sich bald wieder und sagt: „Hoher Gebieter, bist du uns gram wegen meiner früheren Rede, die dir doch offenbar nicht sehr schmeichelhaft hat vorkommen können? Aber ich kann da ja unmöglich dafür, wie auch du hast offenbar nicht dafür können, daß du uns mit durch Lehm verpichten Augen und Ohren nach Kapernaum hast transferieren lassen. Hättest du uns damals gekannt wie jetzt, so hättest du uns solches nicht angetan. Du hieltest uns aber für gewöhnliche Pharisäer schlechtesten Gelichters, und das entschuldigt nun vollkommen deine damalige harte Handlung mit uns. Vergib aber nun nur uns und besonders mir; denn du weißt es schon, was, wie und weshalb!“
GEJ|2|239|6|0|Sagt Julius: „Mit freimütigen Menschen rede ich gerne, und nie wird mich die freie Rede beleidigen von Männern, die die Wahrheit ohne alle Furcht und Scheu frei heraus von sich geben ohne irgendeinen Hinterhalt; aber wehe auch denen, die anders denken und fühlen und ganz anders reden! Nichts ist vor mir häßlicher als die Lüge, und ich verdamme sogar eine Notlüge; denn es ist vor Gott und vor allen ehrlichen Menschen besser zu sterben – als sich zu retten durch eine Unwahrheit! Aber wie gesagt, bei euch gefällt mir eure offene Sprache. Und da mir eure Verhältnisse so ziemlich bekannt sind von Jerusalem und Bethlehem aus, so weiß ich es auch, daß ihr hier so ziemlich ohne Vorhalt euer Anliegen vorgebracht habt. Es steckt zwar noch etwas im Hintergrunde bei euch; das jedoch ist eine Kleinigkeit, und ihr werdet es auch erreichen, so ihr uns Römern eine wahre und stets offene Treue und brüderliche Ergebenheit erweisen werdet!“
GEJ|2|239|7|0|Sagt der junge Redner: „Hoher Herr, sei auch du ganz offen und sage es gerade heraus, was das ist, das wir noch im Hinterhalte hätten, was zu diesem unserem Anliegen gehört! Denn freilich, wohl gibt es noch so manches in uns, das wir hier nicht haben kundtun können, da fürs erste die Zeit zu kurz war und man fürs zweite in einer so großherrlichen Gesellschaft denn doch über so manches nicht mit der ganzen Tür ins Haus fallen kann, besonders wenn ein höchster Herr als der Oberstatthalter von ganz römisch Asien zugegen ist, dessen Höhe und Majestät wir uns nicht einmal ganz offen anzusehen getrauen, seit wir wissen, daß er es ist. Zudem befindet sich auch ein Mägdlein an eurem Tische und ein Jüngling, und da heißt es denn doch: Halte deine Zunge ein wenig im Zaume! Wenn wir aber allein beisammen sein werden, dann werden wir gewiß vor dir, hoher Herr, nichts mehr irgend geheimhalten! Aber da du mit uns armen Sündern schon einmal so gnädig und barmherzig bist, so sage es uns in der Stille, was dir an uns noch als unbehaglich erscheint, und ob das etwa auch irgendein hoher Römer ist, mit dem du zuvor unsertwegen römisch geredet hast!“
GEJ|2|239|8|0|Sagt Julius: „Nun, das, was ihr mir von euch des Dekorums wegen (des Anstandes wegen) verschwiegen habt, ist ohnehin von keiner Bedeutung mehr, weder für mich noch für euch. Aber wohl könnte für euch von höchster Bedeutung die Bekanntschaft mit jenem euch auffallenden Manne sein! Aber auch dazu ist heute durchaus keine Zeit mehr; darum morgen das Weitere!“ – Damit begnügten sich ganz ehrerbietigst die Geretteten und griffen wieder zu Brot und Wein und ließen alles leben in aller Heiterkeit ihrer nun frohen Gemüter.
GEJ|2|240|1|1|240. — Jarah gibt Zeugnis vom Herrn
GEJ|2|240|1|0|Am Ende brachte noch einer, der noch etwas Wein im Kruge hatte, einen Gesundheitstrank dem weisen Nazaräer in folgender Weise dar: „Auch der, den wir suchten, aber leider nirgends finden konnten, soll leben von uns aus für immerdar, so er noch irgendwo lebt und in guter Sicherheit ist. Wir werden seinem Leben, das ein Heil den Menschen ist, ewig nimmer feind werden. – Oh, hätte er sich nur von uns finden lassen, wir hätten ihm den Tempel, so er noch irgend etwas darauf halten sollte, auf eine Art beleuchtet, daß er sicher sich nimmer gleich uns nach ihm sehnen würde! Da wir ihn aber nicht finden konnten, so sei ihm, dem guten Leib- und Seelenarzte aus Nazareth, dieser Segenstrank dargebracht!“
GEJ|2|240|2|0|Bei dieser Gelegenheit kamen dem Julius Tränen in die Augen, sowie dem ganz gerührten Cyrenius. Auch die Jarah bekam Tränen in ihre Augen und die meisten Meiner Jünger. Und die Jarah sagte ganz still zu Mir: „O Herr, dürfte ich jetzt reden, was könnte und was wollte ich diesen dreißig Geretteten doch alles erzählen von Dir!“
GEJ|2|240|3|0|Sage Ich: „Ja, wenn du Mich nicht verrätst, so kannst du schon etwas von dir geben; denn diese Geretteten werden dich mit der allergespanntesten Aufmerksamkeit anhören!“
GEJ|2|240|4|0|Sagt die Jarah voll Freuden: „Oh, wenn also, dann werde ich gleich die Gesellschaft um Aufmerksamkeit angehen!“
GEJ|2|240|5|0|Sage Ich: „Nun, so tue das, aber du mußt dich fest halten, daß du Mir nicht zu weinen anfängst!“
GEJ|2|240|6|0|Sagt die Jarah: „O Herr, das werde ich schon möglichst zu vermeiden trachten!“ – Nach solcher Versicherung erhob sich die Jarah und sagte mit sehr klarer und wohlvernehmlicher Stimme: „Höret, meine lieben Freunde, die ihr soeben einen Segenstrunk auf den von euch gesuchten und dennoch nicht gefundenen Heiland aus Nazareth dargebracht habt! Diesen Trunk teilte ich in meinem Herzen aus der tiefsten Tiefe meines Lebens mit euch; denn ich habe das unschätzbarste Glück gehabt, Seine Bekanntschaft, und zwar in Genezareth selbst, gemacht zu haben. Ich bin darum auch in der beseligendsten Lage, euch von Ihm, was da Seinen Charakter und Seine unerhörten Fähigkeiten betrifft, einen zwar kurzen, aber getreuest wahren Entwurf zu geben, so ihr übrigens einen solchen zu vernehmen wünschet.“
GEJ|2|240|7|0|Sagen alle laut: „Ja, ja, holdestes Kind aus Genezareth! Fasse dich aber lieber etwas länger als leichtlich etwas zu kurz, das heißt, wenn es deine zarte Brust nur nicht etwa zu sehr anstrengt!?“
GEJ|2|240|8|0|Sagt die Jarah: „Oh, sorget euch um etwas anderes! Meine Brust ist stark und kann schon etwas ertragen. Sehet und höret denn! So wie ihr, habe auch ich schon so manches von dem neu aufgestandenen Wunderheilande aus Nazareth gehört. Unsere Gegend aber war gleichfort eine der ungesundesten von ganz Galiläa; denn ein jeder Fremde, der dahin kam und sich dort nur ein paar Tage aufhielt, ward sicher so krank, daß er gar nicht mehr weiterzureisen vermochte. Es gab welche, die oft über ein Jahr lang dort bleiben mußten; den Einheimischen machte es weniger. So ganz kerngesunde Menschen wohl gab es nur sehr wenige; aber doch gab es unter den Einheimischen auch wenige, von denen man hätte sagen können, daß sie krank seien. Alle Reisenden vermieden darum sorgfältigst diesen Ort, und wen nicht unerläßlich dringende Geschäfte hintrieben, der kam sicher nicht nach Genezareth.
GEJ|2|240|9|0|Als ich von dem bewußten Heilande aus Nazareth zuerst Kunde erhielt, da fing ich an, zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gar inbrünstig, zu beten, daß Er den Heiland auch nach dem höchst ungesunden Genezareth möchte kommen lassen. Und sehet, ich ward bald erhört, denn der Heiland aus Nazareth kam bald darauf zu uns nach Genezareth. Und man sah einen Heiland ohne Arzneien und fragte sich geheim: ,Wie wird denn der die vielen Kranken heilen?‘ Aber Er überzeugte uns nur zu bald, daß Er nichts als nur zu sagen brauchte: ,Ich will, sei oder seid gesund!‘ Und sehet, in einem Augenblick wurden alle, von was für verschiedenen heilbaren oder bekannt unheilbaren Krankheiten sie auch behaftet waren, mit Blitzesschnelle derart geheilt, daß bei ihnen aber auch keine Spur davon irgendmehr zu entdecken war, als wären sie je krank gewesen! Lahme, Blinde, Taube, Krüppel, Besessene, Gichtbrüchige, Aussätzige und noch viele mit hunderterlei andern Übeln Behaftete, das war dem Heilande eins; Sein Wort und Wille heilte sie alle. Julius, ein Römer, ist nebst Hunderten Zeuge davon gewesen.
GEJ|2|240|10|0|Er heilte aber nicht nur die Leiber der Menschen, sondern auch die Seelen und deren Verständnis, fegte den blinden Aberglauben aus den Herzen der dummen und verirrten Menschen und belehrte die Unwissenden auf eine so klare und leichtfaßliche Weise, daß sich alle darob oft noch mehr verwunderten, als über Seine Heilungen durchs Wort.
GEJ|2|240|11|0|Endlich aber zeigte Er Sich auch als ein vollendetster Herr und Meister der Natur; denn Ihm gehorcht Wasser, Luft, Feuer und Erde, und ich möchte es sogar behaupten und das für ganz gewiß, daß sich Sonne, Mond und all die Sterne Seinem Worte nicht ungehorsam bezeigen möchten; denn die Engel der Himmel fügen sich Seinem Willen.
GEJ|2|240|12|0|Mich hatte Er sehr lieb, wie auch ich Ihn über alles, obschon Er äußerlich eben nicht ein schöner Mann ist; denn Er ist mehr klein von Statur, und Seine Hände sind rauh und arbeitnarbig, aber Sein Kopf ist würdevoll und Sein Auge wohl das schönste, das mir je zu Gesichte kam. Auch um den Mund hat Er einen überaus freundlichen, wenn danebst auch würdevoll ernsten Zug. Die Stimme Seines Mundes aber kann man eine wahrhaft männlich hinreißende nennen; denn sie klang wenigstens für mein Ohr angenehmer als der schönste und reinste Gesang.
GEJ|2|240|13|0|Da habt ihr nun so einen möglichst kurzen Entwurf von dem allerberühmtesten Heilande aus Nazareth vollkommen der Wahrheit getreu, wofür, wie schon gesagt, hundert der allerbewährtesten Zeugen stehen können. – Wie gefällt euch nun der Heiland, den ihr gesucht und nicht gefunden habt?“
GEJ|2|241|1|1|241. — Enthüllung der Absichten des Tempels
GEJ|2|241|1|0|Sagen die Pharisäer, große Augen über die Beschreibung Jarahs machend: „Neues hast du uns zwar nichts Besonderes erzählt; denn solches und noch mehreres ist uns von ihm schon zu Ohren gekommen, als wir noch in Jerusalem waren; und weil ebenso außerordentliche Gerüchte von ihm, man könnte es sagen, schon durch ganz Israel wie beinahe das tägliche Brot gang und gäbe sind, so sind schon mehrere vom Tempel aus abgesandt worden, diesen Mann irgend ausfindig zu machen und ihn in den Tempel zu bringen, wo ihm dann vom Tempel aus zuerst sicher Anträge gemacht würden, seine wunderbaren Kenntnisse und Eigenschaften allein den Vorteilen des Tempels zu weihen. Und würde er solche Anträge von sich weisen, was sich von ihm mit der vollsten Sicherheit erwarten ließe, da er zugleich ein sehr guter, liebevoller und überaus weiser Mann sein soll, nun, da würde er auf jeden Fall den kürzeren ziehen müssen und einem tiefsten und festesten Kerker schwerlich je entgehen; er müßte denn nur im Ernste allmächtig sein. Denn der Tempel ist nun so arg geworden, daß jetzt anstatt der Menschen gleichwohl der Satan in aller Schlechtigkeit ganz gut noch zehn volle Jahre in die Schule gehen könnte, um in alle die Schändlichkeiten des Tempels vollends einzugehen und sie praktisch einzuüben.
GEJ|2|241|2|0|Darum sagen wir, daß sich der Heiland aus Nazareth wohl nie zu den vielen Schändlichkeiten einlassen würde; gegenfalls er aber in jedem Falle ein Opfer des Tempels werden würde.
GEJ|2|241|3|0|Es seien zwar durch die Macht seiner Worte und Werke schon gar viele Pharisäer bekehrt worden; aber was hat ihnen alles das genützt? Sie hatten am Ende ihre wahre Teufelsnot mit dem Tempelkollegium und haben auch, um im Kollegium wieder mit einiger Behaglichkeit leben und bestehen zu können, dazu noch müssen zu lügen anfangen, daß es davor nur gleichweg gestaubt hat. Denn das alte Tempelkollegium ist und bleibt schon einmal rein des Teufels, und es läßt sich mit demselben nichts anfangen.
GEJ|2|241|4|0|Wenn der oberste Priester einmal sagt: ,Heute wird die Sonne den ganzen Tag der Erde nicht scheinen!‘, so darf kein unterer Templer nur von fernehin eine Bemerkung sich erlauben am selben hellichten Sonnentage, etwa nur so leise hin, bei der man zu verstehen gäbe, daß die Sonne dennoch scheine. Aus wäre es da für ein ganzes Jahr! Kurz, da darf niemand anders glauben als: die Sonne scheine an dem Tage durchaus nicht, – und müßte er sich vor den oft zu warmen Strahlen der Sonne in den dichtesten Schatten flüchten! Sagt der Oberpriester: ,Heute wird sieben Stunden lang nichts denn Blut fließen im Bache Kidron!‘ – wehe dem, der auf solchen Spruch etwa doch kein Blut fließen sähe! Kommt ein Kranker zum Oberpriester, und dieser sagt: ,Mein Sohn, du bist geheilt, gehe nun, opfere deine Gabe, und kehre dann getrost nach Hause!‘; nun, der Geheilte aber ist darauf ebenso krank und elend, wie er ehedem war. Sagt er aber: ,Mein Freund, ich bin noch so krank wie zuvor und kann daher kein Opfer geben!‘, o Gott, o Gott, da ginge es ihm dann schlecht! Kurz, das Wort des Oberpriesters muß helfen, und fürs Helfen muß gezahlt werden, wenn von einer wirklichen Hilfe auch nirgends eine Spur zu entdecken ist. Und wehe dem, der solch eine Nullhilfe nur im geringsten irgend verdächtigen möchte; nun, in dessen Haut wäre wahrlich nicht gut stecken!
GEJ|2|241|5|0|Daß bei solchen Heilungen gegen ungeheuer dicke Opfer dein Heiland fürs Tempelkollegium sehr zu gebrauchen wäre, wirst du, liebstes Kind, nun wohl begreifen, wie auch, warum der Tempel stets Jagd auf den guten Heiland aus Nazareth macht.
GEJ|2|241|6|0|Übrigens danken wir dir, daß du ihn uns näher beschrieben hast. Vielleicht wird auch uns irgend einmal das Glück zuteil werden, mit ihm irgendwo einmal zusammenzukommen. Dem allmächtig guten Jehova alles Lob, daß Er uns aus den Klauen des Tempels befreit hat! Kommen wir aber etwa einmal als Krieger nach Jerusalem, da freue dich, du heiliges Tempelkollegium! Wir werden dir deine Heiligkeit schon so hübsch auszutreiben verstehen!
GEJ|2|241|7|0|Wenn du, liebstes und holdestes Mägdlein, aber von deinem höchst merkwürdigen Heilande noch etwas Besonderes zu erzählen weißt, so erzähle! Wir wollen dir bis zum Sonnenaufgange mit der größten Aufmerksamkeit von der Welt zuhören; denn der Mann interessiert uns bis aufs äußerste.“
GEJ|2|242|1|1|242. — Das Steinwunder des Erzengels Raphael
GEJ|2|242|1|0|Sagt die Jarah: „Ja, meine liebwerten Freunde, von dem Heilande aus Nazareth könnte ich euch tausend Jahre hindurch in einem fort die seltensten Dinge erzählen, wenn es durchgängig schon an der Zeit wäre, alles erzählen zu dürfen, was man alles gesehen und erlebt hat; aber Er hat es mir aus höchst weisen Gründen verboten, und darum darf ich nicht alles von Ihm erzählen, was ich weiß, sondern nur etwas Weniges, dazu Er Selbst mir die billige Erlaubnis erteilt hat.
GEJ|2|242|2|0|Aber ich hatte zuvor zu euch unter anderem auch gesagt, daß Ihm, dem guten Heilande aus Nazareth, auch Sonne, Mond und all die Sterne gehorchen müßten, dieweil Ihm sogar die Engel der Himmel gehorchen. Und ich bemerkte, daß darob unter euch einige lächelnd den Kopf schüttelten und dadurch gewisserart sagen wollten: ,Liebes Kind, da gehst du in deiner kindlichen Einbildungskraft etwas zu weit; denn die reinen Engel der Himmel gehorchen nur Gott allein und sonst niemandem in der ganzen Unendlichkeit!‘ Aber ich sage es euch, daß sich hier die Sache dennoch also verhält, wie ich sie euch ganz harmlos kundgetan habe.
GEJ|2|242|3|0|Ich hätte euch schon eher dafür den handgreiflichen Beweis geliefert, so ihr nicht gelächelt und mit dem Kopfe sehr zweifelgebend geschüttelt hättet; aber nun will ich darin euren Zweifel aufs Haupt schlagen, und ihr werdet mich darauf nicht gar so leicht wieder für eine junge verliebte Hascherin (Närrin) ansehen, die in bezug auf den Gegenstand ihres Herzens auf die gewöhnliche Weise, wie sie in der Welt gang und gäbe ist, aus einer Mücke nur gar zu gerne einen Elefanten macht. Oh, das mag wohl bei gar vielen Weltmädchen der großen Welt ungezweifelt der Fall sein; aber bei mir ist davon wahrlich auch nicht eine allerleiseste Spur anzutreffen, – wovon ich euch sogleich den lebendigsten und sicher handgreiflichsten Beweis liefern werde.
GEJ|2|242|4|0|Da sehet hin, den Jüngling, der als zweiter zu meiner Rechten sitzt und sich soeben mit dem fest an meiner Rechten sitzenden Sohne des hohen Cyrenius bespricht, – für wen haltet ihr diesen Jüngling?“
GEJ|2|242|5|0|Sagen die Befragten: „Nun, für einen Menschen von Fleisch und Blut – gleich uns allen!“
GEJ|2|242|6|0|Sagt die Jarah, dabei nun ein wenig lächelnd und den Kopf schüttelnd: „Weit, ja himmelweit gefehlt, meine liebwerten Freunde! Sehet, das ist ein reinster Erzengel Gottes, den mir eben der berühmte Heiland aus Nazareth aus der nahezu von allen gesehenen Unzahl von Engeln auf meine höchst eigene Wahl zu meiner Leitung, Belehrung und Führung auf eine längere Zeit gegeben hat! So ihr aber solches nicht glauben könnet auf mein Wort, so kommet nur her und überzeuget euch davon mit allen euren Sinnen; denn er wird euch zu Diensten stehen auf einige Augenblicke!“
GEJ|2|242|7|0|Sagt der frühere Redeführer: „Ja, davon muß ich mich denn doch wohl mit Händen und Füßen zugleich überzeugen; denn sonst geht mir die Aussage des sonderbar weise redenden Mägdleins schon rein ins mehr als allertiefst Himmelblaue über!“
GEJ|2|242|8|0|Nach diesen Worten erhebt sich der junge Pharisäer und geht ganz ehrerbietigst zu Jarah hin und sagt: „Nun, wie wirst du mich von der Wahrheit deiner Aussage überzeugen?“
GEJ|2|242|9|0|Sagt die Jarah: „Gehe hin zu dem Jünglinge, der den Namen Raphael führt, der wird dich davon selbst überzeugen!“
GEJ|2|242|10|0|Der junge Pharisäer tritt darauf gleich zum Raphael hin, und Raphael erhebt sich, sieht dem jungen Pharisäer fest ins Auge und sagt: „Warum zweifelst du an dem, was dir meine Jüngerin von mir kundgegeben hat? Da, ergreife meine Hand, und sage es mir, was du dabei fühlst!“
GEJ|2|242|11|0|Der Pharisäer tut das sogleich und sagt ganz verwundert: „Hm, merkwürdig, ich fühle eigentlich gar nichts, außer meine höchst eigene, ganz fest geschlossene Hand, in der nun nicht einmal eine Mücke, geschweige deine volle Hand Platz hätte! Kurz, ich greife dich durch und durch und ersehe daraus, daß du wahrlich nicht wie unsereins aus Fleisch und Blut bestehst.“
GEJ|2|242|12|0|Spricht Raphael: „Hebe einen Stein, der zu deinen Füßen liegt, auf und reiche mir ihn dann!“
GEJ|2|242|13|0|Der Junge hebt einen Stein auf, der ganz gut seine dreißig Pfund wog, sagte aber dabei bemerkend: „Geistig Wesen, wenn meine Hand die deinige durch und durch greift, so wird dieser schwere Stein am Ende wohl auch durch deine Hände fallen, wie durch die nichtige Luft; denn der Stein wiegt wenigstens dreißig Pfund, und wenn er mir am Ende durch deine Hände auf meine Füße fällt, so zerquetscht er mir dieselben!“
GEJ|2|242|14|0|Sagt Raphael: „Wenn dies geschieht, so heile ich sie dir im schnellsten Augenblick darauf. Darum gib du den Stein nur ganz sorglos in meine Hände!“
GEJ|2|242|15|0|Darauf gibt der junge Pharisäer den Stein in die Hände des Raphael.
GEJ|2|242|16|0|Als Raphael den schweren Stein zum Erstaunen des Pharisäers in seinen Händen so spielend leicht hält, als hätte er das Gewicht von einem Federflaume, und denselben auch von einer Hand in die andere mit einer so erstaunenswerten Leichtigkeit herumwirft, als wäre er ein leichtester Flaumenball, da sagte der junge Pharisäer: „Höre, du lieblichster Geist oder sonsten was, mit dir sich in einen Kampf einzulassen, wäre nicht gut; da würde man sicher ganz entsetzlich den kürzeren ziehen! – Wo aber nimmst du diese ungeheure Kraft her?“
GEJ|2|242|17|0|Sagt Raphael: „Siehe, das ist aber ja alles noch nichts; ich werde nun vor deinen Augen diesen sehr harten Kiesstein auch zum feinsten Staube zerquetschen!“ – Hier zerdrückt Raphael im Augenblick den Stein zu sichtlichem Staube, so daß sich auf dem Tische vor dem Raphael nun ein ganzer Haufe weißen, feinsten Staubes befand.
GEJ|2|242|18|0|Als der junge Pharisäer dies zweite Manöver sah, bog er sich vor Erstaunen, und es eilten auch seine Kollegen hinzu, um dies Wunder mehr in der Nähe ansehen zu können.
GEJ|2|242|19|0|Darauf sagt der Engel: „Es ist für einen, dem die Kraft eigen ist, eben nicht so schwer, einen solchen Stein zu Staub zu zermalmen, als den Staub dann wieder zu seiner früheren Festigkeit und in seine frühere Form zusammenzudrücken. Denn zermalmen kann jeder Mensch so einen Stein, wenn schon gerade nicht mit den Händen, gleich mir, so aber doch mittels sehr harter, eherner Schlägel. Aber das nachherige Zusammenpressen des Steinstaubes wird wohl kaum einem Menschen möglich sein, – besonders in die frühere Form. Auf daß du aber siehst, daß mir auch das möglich ist, so gib nun acht und siehe, ob du es mir nachmachen wirst!“
GEJ|2|242|20|0|Hier schob Raphael den Steinstaub auf dem Tische zusammen, und in einem Augenblick ward der Stein wieder in seiner früheren Form und Schwere auf dem Tische vor dem Engel.
GEJ|2|242|21|0|Bei diesem Manöver gehen dem jungen Pharisäer samt allen seinen Kollegen vor lauter Staunen die Augen über, so daß er nun nicht imstande ist, ein gesundes Wort über seine Lippen zu bringen.
GEJ|2|242|22|0|Aber der Engel sagt zu ihm: „Sieh, das ist aber alles noch nichts! Gib nun acht, ich werde diesen Stein sogar bloß durch meinen Willen im Augenblick völlig zunichte machen!“ – Darauf spricht der Engel zum Steine: „Löse dich in den entsprechenden Äther auf und werde flüchtig, gleich dem feinsten Äther!“ – Auf diese herrschenden Worte war im Augenblick der Stein völlig unsichtbar geworden, und kein Mensch sah irgendwo mehr etwas vom Steine. – Da fragte der Engel den jungen Pharisäer: „Nun, wie gefällt dir das, mein Freund? Könntest du mir das wohl nachmachen?“
GEJ|2|242|23|0|Sagt der junge Pharisäer: „Höre, du lieber Engelsgeist oder was du noch irgend bist, das ist etwas Unerhörtes! Nun glaube ich für meinen Teil vollkommen, daß du ein Engel Gottes bist. Nur begreife ich das eine nicht, wie du nämlich einem Menschen dieser Erde bei deiner, man kann es sagen, allmächtigen Kraft untertan sein kannst! Denn solches sagte auch dies Mädchen aus von dem bewußten Heilande aus Nazareth, und ich muß es ihr nun glauben, will ich's oder will ich's nicht.
GEJ|2|242|24|0|Gibt es denn im Ernste ein Mittel auf dieser Erde, durch das man sich euch untertan machen kann? Wie ist jener Mensch dazu gekommen? Wir wissen aus der Schrift wohl auch Beispiele, wo Engel den Menschen auf Gottes Geheiß gedient haben; aber daß und wie du dich nun unter den sterblichen Menschen befindest, davon hat die Schrift wahrlich kein Beispiel aufzuweisen! Nein, nein, Freunde, da geht es auf keinen Fall so ganz geheuer zu! Du kannst zwar wohl ein Engel Gottes sein, aber auch ebensoleicht jemand ganz anders, wo man sagt: ,Jehova, steh uns bei!‘ – Es ist nun Nacht, ja gar Mitternacht auch noch dazu, und da gesellen sich gerne die ,Jehova-steh-uns-bei‘ zu den Menschen. Du scheinst mir zwar für einen gewissen ,Jehova-steh-uns-bei‘ viel zu schön, sanft, gut und weise zu sein; aber es sei auf das nicht immer viel zu geben!? Solltest du aber doch so etwas vom ,Jehova-steh-uns-bei‘ zu sein die verfl- Ehre haben, dann schaffen (halten) wir von der Bekanntschaft mit dem merkwürdigen ,Heilande‘ aus Nazareth eben nicht gar viel; denn das Pröbchen mit dem Steine hat mich nun auf ganz sonderbare Gedanken gebracht, – Jehova steh uns bei! Man sagt nicht umsonst, daß der Satan auch die Lichtgestalt der Himmel annehmen kann, wann er will! Und wärest du so etwas von einem ,Jehova-steh-uns-bei‘, dann möchten wir wohl lieber fliegen als gehen von hier; denn es möchte hier für uns fürderhin eben nicht geheuer sein!“
GEJ|2|242|25|0|Auf diese Worte des jungen Pharisäers wollen nun alle die Flucht ergreifen; aber Cyrenius hindert sie daran und bescheidet sie wieder an ihre alten Plätze. Sie nehmen nun wohl wieder Platz, sitzen aber nun auf ihren Bänken, wie wenn diese mit lauter Nadeln besteckt wären.
GEJ|2|243|1|1|243. — Die Entschuldigungsrede des jungen Pharisäers
GEJ|2|243|1|0|Julius aber sagt zum sonst sehr offenen jungen Pharisäer: „Wahrlich, ich habe dich anfangs für weiser und vernünftiger gehalten, als du dich jetzt anlässest, – den sichtbar reinsten Engel auch für einen möglichen Satan zu halten! Ah, das geht ja über alles! Kannst du denn unseren Reden und Handlungen als ein nur einigermaßen vernünftiger Mensch nicht entnehmen, daß wir doch sicher nicht des Teufels sind? Will denn nach eurer Lehre der Teufel nicht gleichfort nichts denn eitel Böses nur? Und wir verabscheuen und bestrafen das Böse allzeit; wie sind wir dann des Teufels? Hat sich wohl der Satan je mildtätig und barmherzig gegen jemand erwiesen? Wir aber sind gegen jedermann gerecht, barmherzig und nach Möglichkeit mildtätig. Wie können wir einen Satan unter uns dulden? O ihr noch sehr blinden Narren! Habt ihr noch nie einen von einem Teufel besessenen Menschen gesehen? Ich habe deren mehrere gesehen, aber darunter keinen, der von seinem Einwohner gut behandelt worden wäre! Wenn ihr uns aber schon in eurer groben Dummheit für des Teufels haltet, für wen haltet ihr hernach die Templer und euch selbst, wo der Tempel – wie es nun doch schon aller besseren Welt bekannt ist – aus lauter Lug und Trug, aus der allerverschmitztesten Bosheit zusammengesetzt ist und ihr eben dieses Tempels Diener seid? Ihr selbst gesteht es ein, daß der Tempel nun ganz gut dem Satan zu einer Schule dienen könnte! Und uns, die wir Gutes über Gutes jedermann aus unseren treuen, guten Herzen erweisen, wollt ihr nun auch für des Teufels halten, weil ein Geist aus den Himmeln euch ein kleines Pröbchen von seiner ungeheuren Macht und Kraft gegeben hat? Ich möchte von euch denn nun doch erfahren, wie hernach das aussehen muß, was bei euch nicht des Teufels ist!“
GEJ|2|243|2|0|Sagt der Pharisäer, nun schon ein wenig mehr gefaßt: „Nun, nun, freundlichster, hoher Julius, mußt uns diese Geschichte nicht gar zu sehr als eine Sünde anrechnen! Denn sieh, womit ein Mensch gefüttert wird, davon erhält sein Leib die Nahrung! Ist das Futter gut, so wird die Ernährung auch gut sein; ist aber das Futter schlecht, so wird auch die Ernährung schlecht sein. Ein verwahrloster Mensch, der am Ende mit den Schweinen frißt, der wird auch keinen andern Unflat von sich lassen als die Schweine selbst! Und so geht es uns nun auch geistig. Jahrelang ist der Magen unserer Seele mit der Schweinskost dotiert (bedient) worden, und es geht das schlechte Überbleibsel nicht so leicht und so geschwind, als man es meint, aus dem Magen der Seele heraus!
GEJ|2|243|3|0|Wir haben unsere besseren Ansichten und Erkenntnisse, die freilich wohl mit noch sehr viel Unflat gemengt sind, einzig dem oft wiederkehrenden Umgange mit Römern und Griechen zu verdanken. Aber sind wir dann wieder nach Jerusalem, und zwar in den Tempel, zurückgekehrt, so genügten vierzehn Tage, um uns durch allerlei mystisch weise klingende Phrasen wieder so dumm wie möglich zu machen. Was Wunder, wenn bei so einer außerordentlichen Gelegenheit sich aus solchen Phrasen in unserer Seele von selbst einige derselben gleich finsteren Wolken am Himmel über unsere ohnehin schwachscheinende junge Erkenntnissonne hermachen und sie auf Momente derart verfinstern, daß wir darob bei Erscheinungen außerordentlichster Art am Ende uns in ein gleiches Verhältnis mit einem Wanderer in einer finstersten Mitternacht gestellt sehen, dem wohl auf einen Augenblick ein aus den Wolken fallender Blitz den sehr klippenreichen Pfad erhellt; aber das nützt dem Wanderer wenig, da auf eine solche nur momentane Beleuchtung gleich eine noch dickere Finsternis folgt!
GEJ|2|243|4|0|Darum habe du mit uns nur Geduld, wir werden uns mit der Weile schon machen! Aber wie gesagt, plötzlich geht das nicht, und ich und wir alle sind nun recht froh, daß wir einzusehen anfangen, warum es eigentlich also geht und auch nicht anders gehen kann; denn aus einem harten und rohen Klotze wird nicht nach wenigen Meißelhieben des Bildners schon eine vollendete Menschengestalt fertig.
GEJ|2|243|5|0|Wir haben von Engeln der Himmel wohl schon gar manches gehört und gelesen. Die drei Fremden, die Abraham besuchten, waren Engel; bei Lot waren Engel; Jakobs Leiter voll Engel ist bekannt; Bileams Lasttier verkündete dem es mißhandelnden Propheten die Gegenwart eines Engels; des jungen Tobias Begleiter und Führer war ein Engel; die Israeliten sahen den Würgengel Gottes von Haus zu Haus der Ägypter gehen; bei den drei Jungen im Feuerofen sah man Engel, – und es ist in der Schrift noch vielfach die Rede davon, daß die Engel Gottes wie leiblich sichtbar mit den Menschen dieser Erde verkehrt haben. Warum sollte das hier nicht möglich sein?
GEJ|2|243|6|0|Aber hier ist die sichere Anwesenheit eines Engels eine so außergewöhnliche, daß man sie freilich wohl nicht so schnell fassen kann der vollen Wahrheit nach, als wie schnell man sie glaubt von lange vergangenen Zeiten her. Glauben ist leicht, weil man sich stets die vergangene Zeit für besser vorstellt, als da ist eine gegenwärtige, die man aus einer gewissen Pietät stets für derlei göttliche Erscheinungen zu unwürdig hält, ohne zu bedenken, daß es in Sodoma und Gomorra eben auch nicht sehr Gott wohlgefällig mag hergegangen sein, ansonst Er nicht Feuer vom Himmel über solche Orte hätte regnen lassen.
GEJ|2|243|7|0|Kurz und gut, du mußt es selbst einsehen, daß diese Sache eine ganz außerordentliche ist, die ihresgleichen unseres Wissens auf dieser Erde noch nicht erlebt hat! Daß wir demnach bei den merkwürdigen Pröbchen, durch die der Engel uns von seiner himmlischen Wesenheit einen Beweis verschaffte, ein wenig aus der Fassung gekommen sind, wird ja auch wohl begreiflich sein, so man alle unsere früheren Lebensverhältnisse wohl erwägt. Daher wolle du, hoher Julius, unser momentan dummes Benehmen uns ja nicht für irgendeine böswillige Sünde anrechnen!“
GEJ|2|244|1|1|244. — Belehrung der Pharisäer durch Julius
GEJ|2|244|1|0|Sagt Julius: „Nun, ich habe es euch ja ohnehin gesagt, daß es von eurer Seite eine große Dummheit war, die euch von eurer ersten Erziehung noch in eurer Seele steckengeblieben ist. Was noch nicht ganz draußen ist, das wird schon noch mit der Zeit ganz aus euch hinausgebracht werden. Auf einmal geht das freilich wohl nicht; denn eine alte eingewurzelte Dummheit geht oft schwerer aus dem Menschen, als wie schwer man heilt ein altes Gebrechen des Leibes. Aber ein rechtes Mittel kann am Ende beides heilen.
GEJ|2|244|2|0|Wir verargen niemandem seine angeborene und eingefleischte Dummheit, weil kein Dummer dafür kann, daß seine Erziehung keine bessere war. Aber wenn ihm hernach die Gelegenheit kommt, großartige Erfahrungen zu machen und sich mit Menschen zu besprechen, die mächtig sind in der wahren Weisheit und eine rechte Erkenntnis haben in allen Dingen, die auf dieser lieben Erde nur immer vorkommen können, so muß er seine alte Dummheit verlassen und das als allein wahr und gut annehmen, was er gesehen hat, und wie es ihm von unselbstsüchtigen, die Wahrheit und alles Gute aus ihr suchenden und innehabenden Männern erklärt wurde. Wenn er sich dawider hartnäckig sträubt, so ist er der Zuchtrute wert; und sollte diese auch nichts fruchten, dann ist ein solcher Mensch aus der Gesellschaft besserer Menschen zu entfernen und in eine Anstalt der Irrsinnigen zu bringen, weil sich an seiner zu hartnäckigen und zu tief eingewurzelten Dummheit die Menschen zu sehr ärgern würden – was da nicht gut wäre.
GEJ|2|244|3|0|Aber bei euch ist das sicher nicht der Fall, weil eure Intelligenz schon zu sehr geweckt ward durch das ofte Zusammenkommen mit uns Römern und Griechen, die wir jetzt auf der lieben Erde wohl das erfahrenste und gebildetste Volk sein dürften, trotz all den Vorwürfen, daß wir nicht an den von euch gepredigten allein wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben. So wir aber an euch die Frage stelleten, ob ihr daran gar so pichfest glaubet, als es nach euren Worten und Zeremonien zu erwarten wäre, so werden eure verkehrten und bösen Handlungen, wennschon nicht euer Mund, der noch allzeit ein Leumund war, die Antwort laut aussprechen und sagen: ,Wir glauben gar nichts, sondern heucheln vor dem dummen Volke nur einen Glauben und lassen uns aber für solche Heuchelei, die wir aus der Kunst verstehen, so dick wie möglich bezahlen!‘ Wenn ich dann unsern Glauben an euren Gott mit dem eurigen vergleiche, so glauben wir um tausendmal mehr denn ihr!
GEJ|2|244|4|0|Ja, wir erkennen, daß euer Gott der allein wahre Gott ist, von dem unsere Götter eigentlich nichts als einzelne, erhabene, Seiner würdige Eigenschaften sind, die die menschliche Phantasie in allerlei Persönlichkeiten umgestaltet hat; aber ihr erkennet weder euren allein wahren Gott und darum noch weniger Seine erhabensten Eigenschaften, die wir in allegorischen Bildern darstellen und verehren. Darum müsset ihr nun noch so manches lernen, wohl prüfen und endlich einsehen, wie sich alle die Dinge in der Welt verhalten, und was etwa Wahres hinter ihnen steckt.
GEJ|2|244|5|0|Habt ihr aber die Wahrheit gefunden, so nehmet sie an und bleibet bei ihr, und denket und handelt danach, so werdet ihr in der Tat Gottes Kinder sein, während ihr saget wie alle Juden nun sagen, daß sie Gottes Kinder seien, im Herzen aber nicht einmal glauben, daß es einen Gott gibt!“
GEJ|3|1|0|1|Ermahnung
GEJ|3|1|0|0|Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt.
GEJ|3|1|0|0|Daran sollt ihr den Geist Gottes erkennen: ein jeglicher Geist, der da bekennt, daß Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist von Gott; und ein jeglicher Geist, der da nicht bekennt, daß Jesus Christus ist in das Fleisch gekommen, der ist nicht von Gott. Und das ist der Geist des Widerchrists, von welchem ihr habt gehört, daß er kommen werde, und er ist jetzt schon in der Welt. (1. Joh. 4,1-3)
GEJ|3|1|1|1|Jesus in der Gegend von Cäsarea Philippi.
GEJ|3|1|1|1|1. — Das Orakel zu Delphi
GEJ|3|1|1|0|(Julius:) „Es hat bei den Griechen und Römern noch allzeit Männer gegeben, die, wenn sie auch keine Juden waren und auch nicht in deren Prophetenschulen gebildet worden sind, dennoch eine göttliche Inspiration gehabt und sie als solche auch anerkannt haben.
GEJ|3|1|2|0|Als einst Krösus, König der Lydier, gegen die Perser einen Krieg führen wollte, so war es ihm sicher sehr daran gelegen, im voraus zu erfahren, ob der Krieg für ihn günstig oder ungünstig ausfallen werde. Wer aber sollte ihm darüber ein Licht geben? Er dachte darum bei sich und sprach: ‚Es gibt ja der Orakel in Menge; eines davon wird etwa wohl die Wahrheit sagen können! Aber wer wird es mir hernach bestimmen können, welches Orakel mir die Wahrheit gesagt hat? Ha!‘ dachte er bei sich weiter und sagte: ,Ich werde zuvor den Orakeln auf den Zahn fühlen, und es wird sich dann schon zeigen, welches Orakel da zu gebrauchen sein wird!‘
GEJ|3|1|3|0|Er nahm darauf ein Lamm und eine Schildkröte, zerschnitt beide in kleine Stücke, tat sie zusammen in einen ehernen Topf, bedeckte solchen auch mit einem ehernen Sturz und setzte dann solch Gemenge zum Feuer, daß es kochte. Zuvor aber sandte er Forscher nach Delphi, nach Abä in der Phoker Land, nach dem alten Dodona, also auch zu Amphiaraos und Trophonios, am hundertsten Tage nach der Abreise von Sardis die Orakel zu befragen, womit er sich im Augenblick beschäftige; denn in dieser Zeit kochte er eben sein Lamm und seine Schildkröte auf die vorerwähnte Art und Weise.
GEJ|3|1|4|0|Die meisten Orakel gaben so verworrene Antworten, daß daraus wohl niemand hatte klug werden können; aber das Orakel zu Delphi sprach, wie gewöhnlich, in Hexametern:
GEJ|3|1|5|0|‚Sieh', ich zähle den Sand, die Entfernungen kenn' ich des Meeres, / Höre den Stummen sogar, und den Schweigenden selber vernehm' ich! / Jetzo dringt ein Geruch in die Sinne mir, wie wenn eben / Mit Lammfleisch gemenget in Erz Schildkröte gekocht wird; / Erz ist untergesetzt, Erz oben darüber gedecket.‘
GEJ|3|1|6|0|Nach dieser Probe befragte er das Orakel zu Delphi, ob er gegen die Perser ziehen solle, bekam aber die bekannte Antwort, daß, wenn er über den Halys ginge, ein großes Reich zerstört würde! Er fragte das Orakel zum dritten Male, ob seine Herrschaft lange bestehen werde. Und die Pythia antwortete:
GEJ|3|1|7|0|‚Wird dem Meder dereinst als König gebieten ein Maultier, / Dann, zartfüßiger Lyder, entfleuch zu dem steinigen Hermos! / Zögere nicht, noch fürchte die Schmach feigherziger Eile!‘
GEJ|3|1|8|0|Nach des Orakels eigener Auslegung, die es nach der Gefangennehmung des Krösus gab, war unter dem Maultiere Cyrus, sein Sieger, zu verstehen, weil er von einer vornehmen Mederin, einer Tochter des Astyages, und von einem persischen Vater, der jener untertan war, gezeugt war.
GEJ|3|1|9|0|Eben dieser Krösus befragte einst auch das Orakel, ob sein Sohn, der stumm war, nicht genesen könne, und erhielt zur Antwort:
GEJ|3|1|10|0|‚Lyder, wiewohl ein mächtiger Fürst, doch törichten Herzens, / Sehne dich nicht zu vernehmen in deinem Palast die erflehte / Stimme des sprechenden Sohnes! Das wird traun besser dir frommen! / Wiss', er redet zuerst an dem unglückseligsten Tage!‘
GEJ|3|1|11|0|Und sehet! Am Tage, als Sardis erobert ward, ging ein wütender Perser auf Krösus los, um ihn niederzustoßen. Da lösten Furcht und Angst des Sohnes Zunge, und der Sohn sprach: ,Mensch, töte Krösus nicht!‘ Das war des stummen Sohnes erstes Wort, und er konnte fürder immer reden sein Leben lang.
GEJ|3|1|12|0|Seht, dies Orakel war, wie schon früher bemerkt, kein Weisheitstempel aus der jüdischen Schule der Propheten! Wer aber könnte ihm nach den angeführten wahrhaftigen Exempeln irgendeine göttliche Inspiration streitig machen?!“
GEJ|3|2|1|1|2. — Von Erscheinungen höherer Wesen
GEJ|3|2|1|0|(Julius:) „Ebenso sind uns Römern genug geschichtliche Überlieferungen bekannt, daß zum Beispiel ein Sokrates, ein Plato, ein Aristides und noch eine Menge anderer Weisen einen Genius stets bei sich hatten, der sie belehrte und ihnen stets nach der Fähigkeit ihres Herzens weise Lehren und in Notfällen einen sichern Rat erteilte; und wer aus ihnen den Rat nicht befolgte, hatte auch sicher die üble Folge davon zu gewärtigen.
GEJ|3|2|2|0|Nun, so man aber solches weiß, zum Teil aus der Geschichte und zum Teil aus höchst eigener Erfahrung, da kann einem solch eine Erscheinung, wie ihr sie hier angetroffen habt, denn ja doch nicht gar so unstatthaft vorkommen. Kurz, wir wissen es aus den vielfachen Überlieferungen und aus Erfahrungen der Gegenwart, daß sich höhere Wesen gar nicht so selten, als es manche meinen, zu uns Menschen begeben, sich uns auf eine mannigfache Art kundgeben und uns bald über dies und bald über jenes irgendeinen Aufschluß erteilen; wenn aber das, so ist unser Engel nun sicher keine gar so ungewöhnliche Erscheinung, als man sie auf den ersten Augenblick zu halten pflegt!
GEJ|3|2|3|0|Daß aber ein solch vollendeter Geist für unsern Verstand unbegreifliche Kräfte besitzt und daher für uns auch gar seltene Wunderwerke ausführen kann, darin finde ich nichts Außerordentliches.
GEJ|3|2|4|0|Ich hatte einmal Gelegenheit, Menschen aus Hinterägypten zu sehen und mit ihnen durch einen Dolmetsch zu reden. Sie waren ganz nackt und bedeckten nicht einmal ihre Scham. Sie hielten uns Römer für höhere, himmlische Wesen und verwunderten sich im höchsten Grade über die großen und prachtvollsten Gebäude Roms, über die schönen Kleider und unsere glänzende Pracht; sie hielten alles, was sie von Menschenhänden gemacht sahen, für Werke der Götter, für die sie uns hielten, und fragten mich, ob wir auch stets die Sonne und die Sterne, wie den Mond regierten und alles das lenkten nach unserem Belieben, oder ob es zu dem Geschäfte noch irgend andere Götter gäbe.
GEJ|3|2|5|0|Natürlich belehrten wir sie, und ehe ein Jahr um war, wußten sie schon recht gut, daß auch wir nur Menschen waren, und lernten recht viele Dinge von uns, bekleideten sich am Ende und hatten eine große Freude daran, als sie Kleiderstoffe selbst zu machen gelernt hatten und daraus zu verfertigen allerlei Kleider, männliche und weibliche. Nach wenigen Jahren kehrten sie wieder mit allen möglichen Kenntnissen ausgerüstet in ihr Vaterland zurück und haben dort sicher Schulen errichtet und sogestaltig einiges Licht in ihre Naturwildnis gebracht.
GEJ|3|2|6|0|Nun, so wir da in unserer noch sehr großen geistigen Ungebildetheit einen vollendeten Geist wirken sehen, so muß es uns freilich wohl im hohen Grade wundernehmen, wie so etwas denn doch möglich sei; wenn aber unser Geist ebenso vollendet sein wird, da werden sicher auch wir Höheres zu leisten imstande sein und werden uns dann sicher nicht so wie jetzt verwundern, so ein Geist einen Stein in seine Urelemente zersetzen wird mit der uns bekannten Kraft.
GEJ|3|2|7|0|Daß wir aber in unserem geistigen Teile einer ins Unbegrenzte gehenden Vollendung fähig sind, das beweisen uns tausend Beispiele; und an diesem Tische sitzen Menschen, die dem Engel schon so ziemlich nahe sein dürften, und einer aber dürfte dem Engel schon sehr bedeutend überlegen sein, wie ihr solches auch zuvor von dem Arzte aus Nazareth vernommen habt.
GEJ|3|2|8|0|Werfet euch demnach von nun an auch hauptsächlich auf die möglich größte Ausbildung eures Geistes, und ihr werdet dann auch nicht nur so einen Stein, sondern einen ganzen Berg in seine Urelemente auflösen können!“
GEJ|3|2|9|0|Hierauf wandte sich Julius an den Engel und sagte: „Und du, Raphael, sage, ob ich da nun in meiner etwas gedehnten Rede auch nur ein falsches oder unwahres Wort geredet habe?!“
GEJ|3|3|1|1|3. — Über die Bestimmung und Entwicklung des Menschen
GEJ|3|3|1|0|Sagt der Engel: „Durchaus nicht, es verhält sich alles also, wie du es nun recht herrlich beleuchtet hast. Daher sollen die dreißig Brüder nur emsig nach dem leben, was sie ehestens von diesen unsern Brüdern hören werden, so werden sie auch bald in allem unsere Brüder werden.
GEJ|3|3|2|0|Gott gibt keinem Engel und keinem Menschen, der im Grunde auch ein angehender Engel ist, mehr als ein vollkommenes Selbstleben und in diesem Leben die Fähigkeiten, es aus sich selbst heraus zur möglich größten Gottähnlichkeit zu bilden in allem. Wenn einem neugeschaffenen Engel wie einem Menschen aber die sicheren Wege bekannt sind, auf denen er allzeit zur vollen Gottähnlichkeit gelangen kann, er aber will nicht darauf wandeln, nun, so muß er sich's denn am Ende doch selbst zuschreiben, wenn er gleichfort in der todschwachen Gottunähnlichkeit verbleibt.
GEJ|3|3|3|0|Freilich, wohl kann ein noch so vollendeter Geist Gott in alle Ewigkeit nie erreichen in der endlosesten Fülle; aber das tut ihm auch nichts; denn man kann darum doch alles ins Werk setzen – freilich stets in der von Gott gestellten Ordnung –, was man nur immer will. Man kann auch aus sich gleich Gott am Ende selbständige Wesen hervorrufen und ihnen ein ewiges, freies Sein geben und kann dann mit solchen Wesen seine hohe Freude und Seligkeit haben, gleichwie schon irdisch ein Vater mit seinen geratenen Kindern, – und das ist Gottähnlichkeit zur Übergenüge!
GEJ|3|3|4|0|Ich selbst habe bereits mehrere Welten mit kleinen Sonnen geschaffen und sie alle aus mir heraus vollkommen bevölkert. Und alle diese Welten sind mit allem oft besser denn diese eure Erde ausgestattet. Alles pflanzt sich dort also fort wie hier, und die Geister sind dort so wie hier einer hohen Vollendung fähig. Und warum sollten sie es auch nicht sein? Denn es ist am Ende doch ein jeder Geist aus Gott, gleichwie die Keime der künftigen Gewächse nun schon mehrere Milliarden Male aus den Vorsamenkeimen reproduziert worden sind.
GEJ|3|3|5|0|Und da ihr als Abkömmlinge des Satans noch den Geist Gottes in euch traget, um wieviel mehr dann erst die Abkömmlinge unserer gottähnlichen Schöpferkraft!
GEJ|3|3|6|0|Und seht, das alles könnet auch ihr erreichen, so ihr auf den Wegen wandeln werdet, die euch gezeigt werden! Wer aber aus euch darauf nicht wird wandeln wollen, der wird sich's denn am Ende ja auch selbst zuzuschreiben haben, so er in seiner todschwachen Gottunähnlichkeit verbleiben wird durch undenklich lange Zeitenfolgen hindurch.
GEJ|3|3|7|0|Darum liebe aus euch ja niemand die Welt und sein Fleisch mehr denn seinen Geist! Jeder bekümmere sich vor allem nur um das, was da ist des Geistes, so wird er auch ehestens das erhalten, was da ist des Geistes, nämlich die volle Gottähnlichkeit!
GEJ|3|3|8|0|Wer sich aber stets mehr kümmert um das, was da ist der Welt und des Fleisches, ja der muß sich's ja auch ganz allein zuschreiben, daß er auf dem gleichen Nachtgebiete des Todes verbleibt.
GEJ|3|3|9|0|Alles Leben kann in einem fort in ein immerwährend vollendeteres Leben übergehen, wenn es sich die Mühe nimmt, auf der Bahn der gestellten göttlichen Ordnung fortzuschreiten. Bleibt aber das Leben stehen auf einem Punkte, besonders im Beginn der großen Lebensbahn, nun, so kommt es auch ganz natürlich nicht weiter, sondern bleibt stehen und verkümmert am Ende gleich einem Halme im Winter, wenn er seiner Lebensfrucht nach der Ordnung Gottes einmal ledig geworden ist.
GEJ|3|3|10|0|Darum seid tätig und übertätig für den Geist! Kein Schritt vorwärts gereue euch! Denn da ist eine jede Tat und ein jeder Schritt stets vom höchsten Segen Gottes begleitet.
GEJ|3|3|11|0|Glaubet ja nicht, daß ich als ein Engel schon so vollendet bin, daß ich mich nun in die volle Untätigkeit begeben könnte! Ich gewinne nun durch dieses Hiersein endlos vieles und werde fürder für meine höchst eigenen Schöpfungen wieder vollendeter wirken können. So aber ich hier als ein reiner und vollendeter Geist noch so unschätzbar vieles gewinnen kann, um wieviel mehr ihr, die ihr hinter mir in der Vollendung noch so weit zurückstehet!
GEJ|3|3|12|0|Danket es daher Gott dem Herrn, daß Er euch in diese heilig großgnadenreichste Gelegenheit geführt hat, in der ihr in einer Stunde für euern Geist weiter kommen könnet, als sonst nach Art eurer Weltlehren in zehntausend Jahren!
GEJ|3|3|13|0|Seht, solch große Gnadengelegenheiten werden von Gott aus einer Welt nur höchst selten geboten; darum soll sie da ein jeder, der das große Glück hat, Genosse einer solchen Gelegenheit zu sein, nach allen seinen Kräften benutzen für seinen Geist.
GEJ|3|3|14|0|Sendet oder erweckt Gott irgendwo einen Propheten, so sollen sich alle um ihn her drängen und von ihm vernehmen zu ihrem höchsten Wohle das heilige Wort Gottes; denn Gott erweckt dergleichen Männer nur von hundert zu hundert Jahren einmal in großer Tiefe der rechten Weisheit der Himmel.
GEJ|3|3|15|0|Gar große Propheten aber, durch die Gott den Menschen der Erde sehr viele und große Dinge kundtut, werden höchstens alle tausend bis zweitausend Jahre zu den Menschen dieser Erde gesandt, um ihnen im großen und gedehntesten Maße die weiteren neuen Wege Gottes zur noch höheren Vollendung zu zeigen einesteils, und andernteils sie von den vielen Irrwegen, die sie sich selbst gemacht haben, abwendig und auf den einen rechten Weg hinwendig zu machen.
GEJ|3|3|16|0|Denn seht, in der großen Schöpfung Gottes bewegt sich alles in einem fort vorwärts, gleich der Zeit der Erde, die auch nie stehenbleibt! Die Geister machen offenbar stets große Fortschritte. Weil aber im Reiche der reinen Geister so große Fortschritte in einem fort geschehen, so dürfen die unsterblichen Geschöpfe auf den Weltkörpern nicht zurückbleiben, auf daß sie nicht zu ferne zu stehen kommen vom Reiche der Geister.
GEJ|3|3|17|0|Nach dem Erscheinen solcher großen Propheten geht es dann wieder auch bei den Menschen aus eigener Tätigkeit gut, wennschon nicht im Allgemeinen, aber dennoch im Sonderheitlichen. Aber wie dann wieder in der Geisterwelt ein großer Vorsprung gemacht wird, dann tut es sich mit dem stets etwas umhüllten Lichte eines vormaligen großen Propheten nicht mehr; es wird ein neuer erweckt und gesandt, und die Menschheit rückt dann auch wieder, wenn anfangs auch sonderheitlich nur, dem großen Vorsprunge der Geisterwelt nach.
GEJ|3|3|18|0|Die Menschheit aber wird darauf in ein paar Jahrhunderten dennoch findiger und bringt endlich Sachen zum Vorscheine, von denen den älteren Generationen nie etwas geträumt hatte.
GEJ|3|3|19|0|Wenn aber die Menschheit also nach etwa zwölf bis fünfzehn Jahrhunderten irgendeinen Kulminationspunkt erreicht hat, so würde sie dann aus sich heraus träge und bliebe stehen, wie es auf dieser Erde auch von Gott also zugelassen ist, daß sich auf ihr stets alle erdenklichen Bildungszustände sollen vorfinden lassen, auf daß die geweckteren Menschen daraus lernen sollen, daß die Menschheit ohne von Zeit zu Zeit erscheinende Offenbarungen aus sich heraus Jahrtausende auf demselben Flecke stehenbleibt und nicht um ein Haar vorwärts schreitet, wie solches ihr alle bei den heutigen Indiern und Hinterindiern in die Erfahrung bringen könnet.
GEJ|3|3|20|0|Der Herr läßt solches zu, damit sich die Menschen, die irgendeinmal dahin kommen, selbst überzeugen können, daß es auf ein Haar also ist, wie ich es euch vorhergesagt habe. Aber jene Menschen werdet endlich ihr selbst in euren Nachkommen zum Nachziehen bekommen; denn für Völker, die auf einer unteren Stufe der Bildung ihres Geistes stehen, erweckt der Herr nie eigens irgendeinen großen Propheten, sondern läßt sie, das heißt die ungebildeten Völker, durch die eigentlich nur durch die Offenbarungen erstgebildeten Hauptvölker dieser Erde gewisserart nachziehen, wofür der Herr Seine endlos weisesten Gründe hat.
GEJ|3|3|21|0|Aber die Menschen auf der ersten Stufe vor Gott auf einem Weltkörper sollen solch einen höchsten Beruf wohl auch allzeit tiefst und dankbarst erkennen und emsigst danach handeln; sonst ist es dann ihre eigene Schuld, wenn sie zuletzt in ihren Nachkommen tief unter die Hinterindier, die wir Sinesen nennen wollen, herabsinken und am Ende den Tieren gleich vollkommen dumm werden! – Saget, ihr dreißig Brüder, mir nun, ob ihr das alles so ganz klar begriffen habt!“
GEJ|3|4|1|1|4. — Anordnung des Herrn in Sachen der Räuber
GEJ|3|4|1|0|Sagt der eine junge Pharisäer: „Hoher, erhabener, mächtiger Geist! Vieles ja, aber alles noch lange nicht! Aber wir alle danken dir inbrünstigst dafür; denn du hast wahrlich mit dem großen Himmelsschlüssel Geheimnisse eröffnet, von denen wir früher auch nicht eine allerleiseste Spur hatten. Wir werden uns auch von nun an alle erdenkliche Mühe geben, auf der rechten Lebensbahn fortzuschreiten; nur möchten wir sie noch näher kennenlernen. Für heute aber haben wir schon zur Übergenüge; denn bis das unser Geistmagen verdauen wird, brauchen wir einige Zeit. Am morgigen Tage werden wir schon für Höheres und Tieferes empfänglicher sein, als das heute der Fall sein konnte.
GEJ|3|4|2|0|Jetzt aber möchten wir bloß noch den höchst weise scheinenden Mann, der an der Seite des hohen Statthalters ruht und sich ganz geheim mit ihm bespricht, irgend einige Worte der Weisheit aussprechen hören; denn der, wenn auch kein Engel, scheint euch alle weit zu übertreffen,- denn seine Mienen und sein gewisserart stoischer Gleichmut während deiner Engelsrede verrät Tiefstes und Größtes!“
GEJ|3|4|3|0|Sagt Julius: „Da habt ihr wohl recht; aber es ist der Mann eben nicht so leicht, als ihr es meinet, zum Reden zu bringen. Wann Er gerade will, da spricht Er oft viel, und es ist da ein jedes Wort wie eine ganze Schöpfung voll Weisheit; aber wenn Er geradewegs nicht reden will, so kann Ihn nicht leichtlich jemand dazu bewegen. Versuchet ihr es aber selbst, redet Ihn an, und Er wird euch schon irgendeine Antwort geben!“
GEJ|3|4|4|0|Sagt der junge Pharisäer: „Nein, dazu gebricht es mir am Mute; denn der könnte unsereinem eine Antwort geben, daß man daran sein Leben lang genug hätte! Darum lassen wir heute auch recht gerne ab von unserem sicher sehr unzeitigen Vorwitze!“
GEJ|3|4|5|0|Sagt Julius: „Da tut ihr wahrlich sehr wohl daran! Morgen wird auch noch ein Tag sein; da wird sich vielleicht eher und leichter eine Gelegenheit ergeben, mit Ihm zum Worte zu gelangen, als heute. Vielleicht ordnet Er aber heute noch irgend etwas an, und ihr könnet Ihn da am leichtesten und ungeniertesten vernehmen.“
GEJ|3|4|6|0|Damit beruhigen sich unsere jungen Pharisäer und warten auf eine Gelegenheit, Mich zu vernehmen.
GEJ|3|4|7|0|Bald darauf aber kommt ein Wachtmeister vom Meere herüber, wo die bekannten Verbrecher gefangengehalten wurden, und sagt zum Julius: „Herr und Gebieter! Mit den fünf Raubmördern ist es nicht mehr zum Aushalten; denn sie führen eine so erschreckliche Sprache und machen dabei so entsetzliche Gebärden, daß sich darob alle Soldaten entsetzen und einige davon ob der erschrecklichsten und allerfrechsten Lästerungen kaum mehr dahin im Zaume zu halten sind, um sich an den Verbrechern nicht jählings zu vergreifen. Denn sie sagen: ,Wir wollen lieber sterben, als noch länger solche gar zu bösartigst frechste Lästerungen geduldig anhören!‘“
GEJ|3|4|8|0|Fragt Julius Mich, sagend: „Herr, was fangen wir da an?“
GEJ|3|4|9|0|Sage Ich: „Es sind bis zum Morgen hin noch fünf Stunden, und diese Zeit müssen die fünf Hauptverbrecher aushalten! Da kann und darf ihnen kein Augenblick lang nachgelassen werden! So aber die Wächter die Lästerungen nicht vertragen können, so sollen sie sich zurückziehen, auf daß sie solche nicht hören; denn es wird darum auch nicht einer der Verbrecher durchkommen und lösen seine festen Bande. Dafür stehe Ich da! Die etlich sieben politischen aber leiden ohnehin keine bedeutende Not und sind ruhig; diese können mit den Wächtern weiter hereingezogen werden, und es wird sich morgen mit ihnen leichtmachen. Aber die Raubmörder werden uns allen noch genug zu schaffen machen. Also geschehe es; denn nur durch die große Qual kann die Seele der bösen Raubmörder von ihrem Satansfleische und dessen sehr bösen Geistern freier und freier gemacht werden, ohne welche Freimachung an irgendeine Heilung gar nicht zu denken ist.“
GEJ|3|4|10|0|Auf diese Meine Worte entfernt sich der Wachtmeister und setzt alsogleich Meinen Rat in Vollzug.
GEJ|3|5|1|1|5. — Bedrohung der Pharisäer durch Julius
GEJ|3|5|1|0|Aber der junge Pharisäer hatte bei dieser Gelegenheit etwas von der Heilung der fünf Raubmörder gehört, was ihm sehr auffiel, und er fragte darum sogleich den Hauptmann, ganz verlegen sagend: „Hoher Gebieter! Ist das am Ende etwa gar der berühmte Heiland aus Nazareth, oder sonst ein erster Abgesandter von ihm? Denn wir haben es gehört, daß er Jünger aufnehme und darauf, das heißt, wenn sie etwas verstehen, Gesandte an alle Orte hinsende, daß sie ihm Teilnehmer für seine neue Lehre erwecketen, was ihnen auch zuallermeist gelingen soll. Wenn das der Heiland aus Nazareth wäre, so säßen wir in einer schönen Patsche!“
GEJ|3|5|2|0|Sagt Julius, etwas ernst sich haltend und dem jungen Pharisäer scharf ins Auge sehend: „Wieso denn? Warum soll euch das in eine Patsche setzen, so etwa möglicherweise jener Mann der berühmte Heiland aus Nazareth Selbst wäre? Wahrlich, diese Frage kommt mir von eurer Seite etwas verdächtig vor! Gebet mir nun einen rechten Aufschluß über solch eure Verlegenheit, sonst dürfte es euch eben nicht am besten ergehen!“
GEJ|3|5|3|0|Diese etwas scharfe Gegenfrage des Julius erfüllte die jungen Leute mit einer starken Portion Furcht, und der sonst wortführende junge Pharisäer ward nun auch sehr verlegen und wußte nicht sogleich, was er dem etwas scharf gewordenen Julius zur Antwort geben solle.
GEJ|3|5|4|0|Julius aber sagte: „Kannst und willst du mir die Wahrheit gestehen, da brauchst du gar nicht darüber nachzudenken, wie und was du reden sollst. Willst du mich aber mit bloß wahrscheinenden Phrasen beschwichtigen, so irrst du dich sehr an mir; denn ich kenne nur zu gut eine fuchsschwänzische Dichtung von der reinen Wahrheit. Ich werde euch aber nun etwas sagen: Sehet zu, daß ich euch nicht durchschaue! Mir kommt es heimlich noch immer also vor, als sollte man euch noch lange nicht voll trauen; denn ihr selbst, scheint es mir, seid schon ein für alle Male mit allen Satanssalben geschmiert. Wer euren Worten traut, macht leichtlich einen derben Verräter an sich selbst. Alles, was ihr hier geredet habt, kann in bezug auf euer schlechtestes Herz nichts als eine pure Maske sein. Aber dann wehe euch; denn vom Durchgehen wird da wohl keine Rede mehr sein, wo ich selbst die schärfste Wache halte! Rede darum die vollste Wahrheit nun, oder euch geht es schlechter denn jenen fünf Raubmördern, die draußen am Ufer des Meeres an starke Pfähle gebunden sind! Darum ohne alles Zögern mit der vollsten Wahrheit heraus!“
GEJ|3|5|5|0|Auf diese Antwortforderung des Julius werden die sämtlichen dreißig blaß und zitternd vor Furcht; denn obgleich sie im Grunde wohl den ganz ernsten Sinn hatten, vom Tempel loszuwerden, so waren sie aber dabei doch auch darauf bedacht, sich nötigenfalls auch im Tempel weißwaschen zu können. Denn das verstanden die jungen Pharisäer aus der Kunst, sich im Notfalle überall weiß zu machen. Ging es ihnen irgendwo enge darum, daß sie dem Tempel angehörten, so waren sie die größten Lästerer des Tempels. Kamen sie aber wieder in den Tempel zurück, und man hielt es ihnen vor, daß sie über und wider den Tempel losgezogen hätten, da hatten sie dann eine Menge der trefflichsten Gründe in der vollsten Bereitschaft, aus denen sie zum Scheine nur wider den Tempel losgezogen hätten.
GEJ|3|5|6|0|Aus diesem Grunde sagte Ich denn auch gleich anfangs, daß man ihnen nicht zu sehr trauen solle; denn derlei Menschenseelen gleichen stets den zahm gemachten wilden Tieren, denen man auch nie völlig trauen darf, weil die Wildheit, so sich eine Gelegenheit bietet, gerne wieder zurückkehrt.
GEJ|3|5|7|0|Als nach einer kleinen Weile des ängstlichen Schweigens Julius in seiner Forderung intensiver zu werden begann, sagte Ich zu ihm: „Freund, laß es ihnen, daß sie sich fassen und dann reden! Denn mit Lügen können sie uns doch unmöglich abfertigen, wenn sie dazu vielleicht auch den Willen hätten. Denn fürs erste bin Ich da, den man nicht belügen kann, und fürs zweite ist auch der Raphael da, den man auch nicht belügen kann. Was würde sonach den dreißig Geängsteten irgendeine Lüge nützen uns gegenüber, die fürs erste nicht belogen werden können, und die fürs zweite alle Macht und Gewalt in ihren Händen tragen?!“
GEJ|3|5|8|0|Sagt Julius: „Ich sehe es schon, daß Du, o Herr, wie allzeit auch diesmal wieder vollkommenst recht hast, und so will ich denn von diesen dreißig auch mit aller Geduld die Antwort abwarten. Nur den Beisatz mache ich, daß ich, so da zu lange keine Antwort zum Vorschein käme, am Ende doch erfahren würde, was mir zu tun übrigbliebe!“
GEJ|3|5|9|0|Gleich darauf öffnet der junge Pharisäer mit einigem Mute wieder seinen Mund und sagt: „Hartnäckig bis zur Verzweiflung hast du von uns die Antwort auf deine Frage verlangt. Wir aber fragten dich zuvor freundlichst, wennschon etwas erregt, über den erhabenen Mann dort, wer er sei, ob er nicht etwa gar der Heiland aus Nazareth wäre, und wir sagten, daß, so er es wäre, uns das in eine schöne Patsche setzen würde. Dies fiel dir auf; du faßtest sogleich Mißtrauen zu uns und wolltest sogleich mit dem drohlichsten Ernste von der Welt den Grund von uns erfahren. Daß wir darauf ängstlich wurden, ist leicht begreiflich, da wir deine Strenge schon verkostet haben.
GEJ|3|5|10|0|Aber nun, da wir an jenem herrlichen Manne, den wir eigentlich geheim am meisten fürchteten, weil in uns stets der Gedanke aufstieg, ob er nicht der Heiland aus Nazareth sei, einen Verteidiger unserer Verlegenheit gefunden haben, haben wir auch gut reden; denn nun haben wir keine Furcht mehr und können nun frei und ganz offen reden.
GEJ|3|5|11|0|Daß wir vor dem Heilande aus Nazareth eine begründete Furcht haben mußten, liegt ja doch ganz einfach darin, daß wir im Grunde des Grundes denn doch vom Tempel aus als seine offenbaren Verfolger dastehen, wenn wir es in unseren Herzen eigentlich auch nie waren; wir haben vor der Welt auch schon so manche Scheinverfügungen gegen ihn treffen müssen, die ihm keineswegs angenehm sein konnten, wenn sie ihm geradewegs bisher auch keinen weiteren Schaden zu bringen imstande waren.
GEJ|3|5|12|0|Wir aber haben hier nun schon so manches Pröbchen erlebt und gemerkt, daß es da einem Verfolger des Heilandes eben nicht am besten ergehen dürfte. Und so fragten wir dich denn auch, als wir von der morgigen Heilung der fünf Raubmörder etwas vernommen hatten, ob er nicht etwa am Ende gar selbst der berühmte Heiland aus Nazareth wäre.
GEJ|3|5|13|0|Wäre er es für ganz bestimmt, so bliebe uns denn am Ende doch sicher nichts übrig, als sich vor ihm in den Staub zu werfen und ihn zu bitten um Vergebung alles dessen, was wir vom Tempel aus genötigt etwa schon alles gegen ihn haben unternehmen müssen. Und sieh, das ist eben die Patsche, in der wir uns befänden, so er im Ernste der Heiland aus Nazareth wäre! Aber da wir nun dieses Mannes edelstes Herz gesehen haben, so kann er nun auch der Heiland aus Nazareth sein, und wir werden von ihm aus doch sicher in keine Patsche mehr kommen! – Da hast du nun die treustwahre Antwort, die du von uns so drohlich verlangt hast; aber darum gib du uns nun auch die rechte Antwort auf unsere Frage!“
GEJ|3|5|14|0|Sagt Julius: „Nun denn, so wisset es denn, daß Er es ist, dem alle Natur und alle Mächte der Himmel untertan sind, – Er ist der berühmte Heiland aus Nazareth! Von Ihm zeugete zuvor das Mägdlein, und Seinem Winke gehorchte der Engel, als er euch das Pröbchen seiner Macht zeigte; aber da ihr nun das wisset, so saget mir es, was ihr nun tun wollet und werdet!“
GEJ|3|6|1|1|6. — Meinungsaustausch zwischen den Pharisäern und Julius über Jesus
GEJ|3|6|1|0|Sagt der junge Pharisäer und auch alle andern mit ihm: „Darum sei Gott gelobt in der Höhe, daß Er dem Menschen solche Macht gegeben hat, die dem schwachen Sterblichen nur zum Heile gereichen kann! Es steht zwar in den Propheten, daß Gott dem Volke Israel einst einen Messias senden werde. Nun, was ist es, so wir ihn als solchen annähmen? Ein Messias nach den Verheißungen dürfe zwar nicht aus Galiläa geboren und herkömmlich sein; aber das ist auch eine Prophetensprache, die man im Grunde, was den Geist betrifft, denn doch nicht völlig versteht! Wir haben es zwar nie so recht eingesehen, warum aus Galiläa kein Prophet oder sonst ein großer Mann auferstehen solle, indem die Galiläer doch nicht darum können, daß sie Galiläer sind. Aber geschrieben ist es einmal! Wer es glauben will, der glaubt es; wer es aber nicht glauben will, der läßt es bleiben, – und zu den letzteren dürften wir alle so ziemlich gehören, daß es uns demnach auch gar nicht beirrt, diesen Heiland aus Nazareth als einen Messias in bester Gestalt und Form anzunehmen.
GEJ|3|6|2|0|Aber es ist denn gewisserart doch etwas höchst außerordentlich Sonderbares und eine große Frage, wie dieser Mensch zu solchen außergewöhnlich höchsten, gottähnlichen Eigenschaften gekommen ist! Denn soviel wir aus unseren Nachforschungen über ihn und seine Herkunft herausgebracht haben, so sei er eines Zimmermanns Sohn, der stets, bis etwa in sein dreißigstes Jahr, daheim geblieben sei und mit seinem Vater und etwaigen andern Brüdern gezimmert habe, bald dort, bald da, und es habe da niemals jemand etwas Außerordentliches an ihm entdeckt; man habe ihn auch nie lesen und schreiben und rechnen sehen, auch soll sein Umgang mit Menschen ein sehr wortkarger und nichts weniger als irgendein geistreicher gewesen sein!
GEJ|3|6|3|0|Ja, man erzählte es uns in Nazareth selbst, daß ihn sein Vater und seine Mutter gar oft darum ausgezankt haben, weil er fürs erste nicht leicht in die Synagoge zu bringen war, sich fürs zweite nie die Schrift vorlesen lassen wollte und wenig oder nichts auf den Sabbat hielt. Sein Liebstes wäre ihm die Natur gewesen und eine stumme Betrachtung der Dinge der Erde.
GEJ|3|6|4|0|Also soll auch das Fischen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehört haben, und er fischte stets mit gutem Erfolge, darum ihn die Fischer auch gerne bei sich hatten.
GEJ|3|6|5|0|Kurz, was wir über ihn nur immer irgend in die Erfahrung haben bringen können, das deutete sicher darauf hin, daß er fürs erste einmal nirgends eine Schule besucht habe und fürs zweite ganz wohlbekannt stets ein Mensch gewesen sei, bei dem nur ein sehr geringer Grad von irgendeiner Bildung hervorgeleuchtet habe.
GEJ|3|6|6|0|Aber auf einmal sei er erwacht und in eine solche Weisheit getreten, daß man mit der besten Überzeugung sagen könne, die Welt habe noch nie einen weiseren Menschen getragen!
GEJ|3|6|7|0|Nun, das und natürlich noch eine Menge haben wir über ihn in die sicher treuwahrste Erfahrung gebracht, finden ihn nun hier und überzeugen uns, daß er ein ganz ungewöhnlich außerordentlicher Mann ist; und es kann uns daher durchaus nicht verargt werden, so wir fragen: Wie kam er zu solchen nie erhörten Eigenschaften, die vor ihm nie ein Mensch besaß und sicher fürder keiner mehr besitzen wird?“
GEJ|3|6|8|0|Sagt Julius: „Wer kennt aber auch das Ziel und das Maß des Geistes Gottes, inwieweit solcher sich in den wirksamen Verband mit dem Geiste eines Menschen setzen will?! Kann es nicht geschehen, daß der allmächtige Gottesgeist sich in aller seiner Machtfülle mit einem Menschengeiste verbindet und dann also handelt und wirkt, wie ganz natürlich nie ein purer Mensch handeln und wirken kann, weil er kein Gott ist?!
GEJ|3|6|9|0|Wo aber Gott Selbst durch den endlos gestärkten Geist eines dazu sicher seltenst tauglichen Menschen redet, handelt und wirkt, da muß für uns schwache Sterbliche natürlich nichts als Wunder über Wunder zum Vorschein kommen. Wort und Tat sind eins, – wir können weder das eine noch das andere nachahmen; denn wir sind dem Leibe und dem beschränkten Geiste nach nur Menschen. Er aber ist nur dem Leibe nach ein Mensch gleich uns; aber dem Geiste nach ist Er ein Gott im höchsten Grade und beherrscht die ganze Unendlichkeit!“
GEJ|3|6|10|0|Da aber – das heißt nach unseren römisch-theosophischen Begriffen – das erkannte rein Göttliche, wie und wo es sich auch immer äußert, höchst zu verehren und anzubeten ist, so ist es auch hier klar, daß wir mit einem Menschen, durch den sichtlich und handgreiflich die ganze Fülle des allmächtigen Gottesgeistes wirkt, aber auch ganz anders handeln müssen, als wie wir unter uns gegenseitig handeln; das wird euch wohl sicher sehr einleuchtend sein!?
GEJ|3|6|11|0|Und ihr könnet aus dem dann entnehmen, warum wir hochgestellten Römer Ihm aus aller Tiefe unseres Herzens die höchstmögliche Verehrung, Liebe und Achtung erweisen und Ihn vollkommen als den Herrn aller Welt anerkennen und hochpreisen. – Saget mir, ob euch das nicht als notwendig und im hohen Grade einleuchtend vorkommt!“
GEJ|3|6|12|0|Sagt der junge Pharisäer: „O ja, allerdings; denn in vielen Stücken gefällt uns eure Theosophie überaus gut und ist unter den Umständen auch hier vollkommen auf ihrem rechten Platze. Nur, natürlich, nach der eigentlichen Lehre Mosis würde das freilich wohl nicht ganz gut und geheuer anzunehmen sein; denn dort heißt es allerschärfst und ausdrücklich: ,Ich allein bin der Herr, und du sollst keine fremden Götter neben Mir haben!‘“
GEJ|3|6|13|0|Sagt Julius: „Ganz richtig; aber man muß auch Moses verstehen nicht nur dem Wortlaute, sondern vielmehr dem wahren Geiste nach, und man wird dann auch bald und leicht finden, daß Moses mit seiner scharfen Lehre hier eigentlich gar keine Widersacherei finden kann, so ich den Grundsatz aufstelle, daß der Mensch eine oder eine andere Äußerung – aber stets eines und desselben Gottesgeistes, der mit Moses geredet hatte – auch stets als solche erkennen und höchst verehren solle, aus welchem Grunde die Ägypter, Griechen und wir Römer, wenn auch am Ende durch eine Art blinden Aberglaubens etwas zu weitgehend, allen Menschen und Geschöpfen, bei denen sie irgendeine besondere ungewöhnliche Kraft und Wirkung entdeckten, die göttliche Verehrung erwiesen.
GEJ|3|6|14|0|Nun, aber da dachten wir: Dem Reinen ist am Ende doch alles rein! Wenn die etwas abergläubische Menschheit bei ihrer Verehrung des Göttlichen unter allerlei Gebilden nur nicht irgend in etwas Arges ausartet – wozu sie leider fast allzeit durch den Hunger und durch die stets wachsende Herrsch- und Habsucht der Priester verleitet wird –, die erzürnten Götter zu besänftigen durch grausame Menschenopfer, so kann man ihr einen gewisserart frommen Aberglauben nicht einmal zu einem zu groben geistigen Gebrechen anrechnen; denn nach meiner Ansicht ist es am Ende dennoch allzeit besser, der Mensch glaubt etwas, das denn doch einen guten Grund hat, als er glaubt am Ende gar nichts und stempelt sich sogestaltig selbst zum Tiere herab, das auch weder einen rechten noch irgendeinen Aberglauben haben kann.
GEJ|3|6|15|0|Ein Mensch, der gar keinen Glauben annehmen will und kann, kann auch nie zu irgendeiner wahren Ausbildung seines Verstandes gelangen. Denn wer da ein Haus bauen will, muß sich zuvor um das dazu nötige Baumaterial umsehen. Wie aber wird jemand auch nur eine allereinfachste Fischerhütte errichten ohne alles Material? Ist in dem rohen Material aber auch anfänglich keine Ordnung, so läßt sich aber dennoch bald eine schaffen, wenn nur irgendein Material da ist; aber wo alles Material total mangelt, da hebt sich alles Ordnen desselben ganz sicher von selbst auf.
GEJ|3|6|16|0|Darum sage ich, daß dem Menschen selbst ein Aberglaube am Ende noch immer mehr nützt als gar kein Glaube; denn es ist am Ende Stroh ja auch noch besser als gar nichts! Aus Stroh kann man schon etwas machen; hingegen aus nichts kann ewig nichts anderes als wieder nichts gemacht werden. Aus dem Grunde dulden die Römer auch eures Volkes oft allerfinstersten Aberglauben, weil wir noch immer irgendeinen Nutzen für die Menschheit darin ersehen.
GEJ|3|6|17|0|Aber die Templer selbst sind uns ein Greuel, weil wir ganz bestimmt wissen, daß sie gar nichts glauben und darum dem Volke statt der Wahrheit die allerabsurdesten Dinge als höchst göttlich glauben machen und jene Menschen sogar mit den unerträglichsten Strafen belegen, die zufolge ihrer natürlichen Gewecktheit am Ende bei allem moralischen Zwange denn doch nicht glauben können, daß die Schönheit eine Häßlichkeit sei, die Sonne schwarz statt weiß leuchte und im Bache Kidron Blut fließe! Das halte ich für eine allerschändlichste Bosheit, aber irgendeinen Aberglauben eines Menschen für sich durchaus nicht!
GEJ|3|6|18|0|Ja, wenn man dann irgendein Vermögen und eine gute Gelegenheit hat, den blinden Menschen ein rechtes Licht zu geben, so ist das freilich von einem unschätzbaren Werte; aber solange man das nicht imstande ist, lasse man dem Volke seine fromme Meinung! Denn kann man dem Volke dafür nichts Besseres geben, so lasse man ihm wenigstens das, was es hat!“
GEJ|3|7|1|1|7. — Des Pharisäers Bekenntnis vom Glaubenszwang des Tempels
GEJ|3|7|1|0|Sagt der Pharisäer: „Alles, was du, hoher Gebieter, redest, ist aber auch so handgreiflich gut und wahr, daß wir nichts anderes sagen können, als daß ein jeder Mensch von nur etwas Geist durch eine Stunde Umgang mit dir offenbar mehr für seinen Kopf und für sein Herz gewinnt, als wenn er hundert volle Jahre die Dummheiten des Tempels anhören könnte, an denen nichts als ein leerer Wortschall haftet.
GEJ|3|7|2|0|Es wird wohl darin viel geplaudert und noch mehr geplärrt; aber das ist alles soviel, als so man zu jemand sagte: ‚Freund, wasche mir meine Hände und Füße; aber nur gib dabei fein acht, daß du sie mir ja nicht im geringsten irgend naß machst!‘ – Und bei unseren Lehren, die im Tempel gehalten werden, wird ausdrücklich verlangt, daß man sie wohl mit aller Andacht anhöre und tue, was da verlangt wird. Aber warum, und welch Verständnis in der vorgetragenen Lehre liegt, darum darf sich niemand kümmern, – denn das seien Geheimnisse Gottes, um die niemand denn allein nur der Hohepriester etwas Näheres wissen dürfe, aber unter dem strengsten Siegel der Verschwiegenheit.
GEJ|3|7|3|0|Was nützt dem Menschen eine Lehre, deren Wortlaut er allenfalls wohl anhören kann, ja sogar muß, aber davon auch nie eine Sterbenssilbe verstehen darf?! Da wäre es denn doch offenbar ebensogut, von solch einer Lehre nie ein Wort zu vernehmen!
GEJ|3|7|4|0|Bei Gott, wenn man die Sache der Gotteslehre unter den Menschen so recht beim Lichte betrachtet, so kommt man dabei oft auf Dinge, über die sich jeder Straußenmagen umkehren könnte! Denn sind oft die Menschen in ihrem andern Tun und Lassen auch eben nicht gar so dumm und finster wie eine mondlose, tief umwölkte Herbstnacht, so sind sie es aber sicher hundertfach in ihren Gotteslehren! Entweder glauben sie oft einen Bundschuh um den andern, daß es davor schon einem Hunde zu ekeln anfangen muß – geschweige einem ehrlichen Menschen –, oder sie glauben gar nichts.
GEJ|3|7|5|0|O Herr und Gebieter, du kannst es nicht glauben, wie es mir oft zumute war, wenn ich so den Menschen etwas als gut und wahr vorpredigen mußte, wovon ich als einer totalsten Lüge im voraus mehr als durch und durch überzeugt war. Ich hätte mich oft selbst gerade vor lauter Ärger erwürgen können. Aber was half es? Wenn der Ochse einmal im Joche steckt, muß er ziehen – ob es leicht oder schwer geht –, sonst gibt es Hiebe in Überfülle! Ich habe mir unter dem Predigen oft gedacht und mich selbst befragt: ‚Wer wohl ist ein bedauerlicherer Ochse, ich, der Prediger, oder der, dem ich predigte?‘ Und ich mochte mich des Gedankens nie erwehren, demnach dennoch ich selbst stets der größere und im Grunde notgedrungen dümmere Ochse war! Denn mein Zuhörer konnte, wenn er ein gescheiter Mensch war, mich hinterdrein nach Herzenslust auslachen und sich bei seinen Freunden lustig machen über mich; das durfte ich aber, wenigstens im Tempel, bei Strafe des verfluchten Wassers nicht tun.
GEJ|3|7|6|0|Darum, hoher Gebieter, sage ich: Weg nun von uns allen, was da im vollsten Ernste rein des Teufels ist! Wir werden von nun an recht gescheite Menschen und ewig keiner menschlichen Dummheit mehr zu Dienern werden; denn es ist etwas Entsetzliches, ein Diener der Dummheit der Menschen zu sein! Von nun an Waffen und die reine Vernunft! Alles andere gehört zwischen die Geweihe des alten Sündenbockes, den man umbringen und verbrennen muß mit dem Feuer eines gerechten Ärgers. – Aber nun von etwas anderem!
GEJ|3|7|7|0|Weißt du, hoher Gebieter, nicht, was dieser gute Gottmensch etwa begehren würde, wenn er uns nur auf eine ganz kurze Zeit von etlichen Tagen zu seinen Jüngern annähme? Denn es müßte sich von ihm in kürzester Zeit äußerst viel gewinnen lassen! Meinst du wohl, daß wir ihn darum etwa ganz harmlos fragen könnten?“
GEJ|3|7|8|0|Sagt Julius: „Allerdings; aber das weiß ich auch ganz bestimmt, daß Er nirgends irgendeinen materiellen Lohn annimmt, sondern stets nur einen rein geistigen! Oh, Er hat nie auch nur ein Naulum Geldes bei Sich und bleibt dennoch nie jemandem irgend etwas schuldig! Der Ihm irgend etwas zuliebe tut, dem vergilt Er es auf einem andern Wege tausendfältig; denn Sein Wort und Sein Wille sind mehr wert als die ganze Welt. Mehr brauchet ihr nicht zu wissen und könnet nun tun, was ihr wollt!“
GEJ|3|7|9|0|Sagt der junge Pharisäer: „Ganz gut und wohl, und vielen Dank dir, du hoher Gebieter, für diese Aufhellung unseres Gemütes; denn nun weiß ich es schon recht wohl, was wir alle tun werden und gewisserart tun müssen! Jetzt erst werden wir uns alle an ihn ganz ernstlich wenden; und was er sagen wird, das werden wir auch tun!“
GEJ|3|8|1|1|8. — Die Bedingungen des Herrn bei der Aufnahme der Jünger
GEJ|3|8|1|0|Nach solchen Worten erhebt sich der junge Pharisäer, geht zu Mir hinüber und sagt: „Herr, Meister und Heiland ohnegleichen! Wer ich und meine 29 Brüder sind, das weißt du ganz sicher und gewiß, und wer du so ganz eigentlich bist, haben wir auch durch den hohen Gebieter Julius vernommen; da wird es sonach nicht viel des Hin- und Herfragens bedürfen. Aber da wir vernommen haben, daß du zuzeiten auch Jünger annimmst, so möchten auch wir – auf eine kurze Zeit nur, wenn es etwa nicht auf eine längere sein könnte – deine Jünger sein!“
GEJ|3|8|2|0|Sage Ich: „Wäre alles gut; aber seht: Die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher; aber Ich habe nicht, dahin Ich Mein Haupt legete!
GEJ|3|8|3|0|Der Mein Jünger sein oder werden will, der muß eine starke Bürde auf seinen Rücken nehmen und Mir also nachfolgen! Irdische Vorteile schauen bei Meinen Jüngern gar keine heraus, im Gegenteil müssen sie sogar um Meines Namens und um Meiner Liebe willen die schon gehabten irdischen Vorteile und Besitztümer nicht nur für eine Zeitlang, sondern für immer verlassen; sogar Weiber und Kinder dürfen sie daran nicht hindern, so sie vollends wahre Jünger des Reiches Gottes werden wollen.
GEJ|3|8|4|0|Geld oder sonstige Weltschätze dürfen sie nicht haben, auch nicht zwei Röcke, ohne Not Schuhe, Säcke zum Einstecken und irgendeinen Stock oder Wanderstab, um sich gegen einen allfälligen Feind zu verteidigen.
GEJ|3|8|5|0|Sie dürfen auf der Erde nichts haben als allein das verborgene Geheimnis des Reiches Gottes. Könnet ihr euch dazu bequemen, dann könnet ihr Meine Jünger sein!
GEJ|3|8|6|0|Auch muß ein jeder Meiner Jünger gleich Mir voll Liebe, Sanftmut und Geduld gegen jedermann sein. Er muß seinen ärgsten Feind ebenso segnen wie seinen besten Freund und muß, wenn sich Gelegenheit bietet, dem Gutes tun, der ihm zuvor geschadet hat, und beten für den, der ihn verfolgt.
GEJ|3|8|7|0|Zorn und Rache müssen ferne sein dem Herzen eines jeden, der Mein Jünger sein will; über die bitteren Vorkommnisse auf dieser Erde darf er nicht klagen oder darüber gar ärgerlich zu murren anfangen.
GEJ|3|8|8|0|Er muß alles ergötzliche Sinnenleben fliehen wie die Pest, aber dafür alles aufbieten, um vollauf durch Mein lebendiges Wort im eigenen Herzen sich förmlich einen neuen Geist zu schaffen und endlich für ewig vollkommen in diesem Geiste fortzuleben in der Fülle aller geistigen Kraft.
GEJ|3|8|9|0|Überdenket darum diese Bedingungen, und saget es Mir, ob ihr damit einverstanden seid, und ob ihr euch alldem völlig unterziehen wollet!“
GEJ|3|8|10|0|Über diese Meine Vorstellung fangen die jungen Pharisäer gewisserart an, sich sehr hinter den Ohren zu kratzen, und es weiß keiner, was er so als ganz Geeignetes darauf sagen solle. Der gewöhnlich mit dem Julius verkehrende, aber nun noch bei Mir stehende junge Pharisäer sagt aber dennoch nach einer Weile, so zur Hälfte scherzweise: „Lieber, guter und unübertrefflichster Meister! Die uns gestellten Bedingungen mögen an und für sich ganz gut sein in Anbetracht der Erreichung auch nur einiger deiner außerordentlichen, gottähnlichen Eigenschaften; aber es werden sich ganz wenige nur dazu bekennen und bequemen! Und fürs Allgemeine aber kann solch ein Verlangen ja ohnehin nie einen Wert erhalten; denn wollten am Ende alle Menschen in deine Jüngerschaftsbedingungen eingehen, so würde die Erde bald also aussehen, wie sie nach Moses am zweiten oder dritten Schöpfungstage ausgesehen hatte, nämlich öde, wüste und leer! Weißt du, Proselyten (Neubekehrte) wirst du auf diesem Wege sehr wenige zustande bringen! Einige wenige ja, die sich dem sogenannten beschaulichen Leben unterziehen und schon gewisserart auf dieser Erde das erreichen wollen, was sie erst jenseits zu erreichen haben, werden sich wohl dazu bequemen; aber alle Menschen!? O Gott, wohin mit der Welt!?
GEJ|3|8|11|0|Da ist und bleibt die alte Lehre Mosis für die physische und moralische Sphäre eines jeden Menschen denn doch immer das Erschöpfendste und in jeder Hinsicht aller Kreatur Dienlichste! Da kann man vor Gott und vor der Welt gleich einem David ein angesehener Mensch sein, was im höchsten Grade zur Erhaltung der Ordnung auf der Erde nötig ist. Stelle du nur alle Menschen gleich, und du wirst dich bald überzeugen, wohin die Menschheit da kommen wird schon in einer jüngsten Zeit! Einige wenige ja sollten im Besitze der Geheimnisse des Reiches Gottes auf Erden sein; aber für alle Menschen taugte das gerade also, als wenn bei einem Heere entweder lauter gleichrangige Feldherren sich vorfänden oder aber auch lauter gemeine, rohe Krieger ohne alle Kenntnis von der Führung eines Krieges, also ohne einen Feldherrn. Wahrlich, mit so einem Kriegsheere könnten es am Ende auch einige nur einigermaßen gut geleitete Altweiberscharen aufnehmen!
GEJ|3|8|12|0|Ich für mich allein will allerdings recht gerne dein Jünger werden, und hättest du mir noch schwerere Bedingungen gestellt; aber ob sich alle meine Gefährten dazu bequemen werden, das ist eine sehr bedeutend andere Frage! Denn siehe, der Tempel verlangt wohl wahrlich sehr vieles; aber du verlangst gleich alles, – und dazu, Freund, dazu werden sich sehr wenige verstehen!“
GEJ|3|9|1|1|9. — Die Vorteile der Selbstverleugnung
GEJ|3|9|1|0|Sage Ich: „Das macht ja aber auch nichts; Ich zwinge ja niemanden! Wer Mir folgen will, der folge; wer aber nicht will und nicht kann, der bleibe daheim!
GEJ|3|9|2|0|Aber in diesen Tagen leidet das Reich Gottes Gewalt; und die es nicht mit Gewalt an sich reißen, die werden es nicht besitzen.
GEJ|3|9|3|0|Ich aber meine in Hinsicht Meiner euch gestellten, allerdings etwas schweren Bedingungen: So du einen alten und schon sehr zerlumpten Rock hast, mit dem es eine barste Schande ist, mehr unter die Menschen zu treten, und es kommt ein Mensch zu dir mit einem neuen, guten Rocke und spricht zu dir: ,Freund, ziehe aus deinen alten Rock und vertilge ihn ganz, weil er für eine weitere Zukunft durchaus nicht mehr zu gebrauchen ist, und ich gebe dir hier darum einen neuen, der für alle Zeiten taugen wird, weil er aus einem Stoffe gewebt ist, dem keiner Zeit Stürme etwas anhaben können!‘ – wirst du bei solch einem Antrage wohl noch der Narr sein und behalten den alten, morschen Lumpenrock?
GEJ|3|9|4|0|Weiter weißt du, so wie deine Gefährten, daß dies irdische Schul- und Probeleben nur eine äußerst kurze Zeit dauert und hinter demselben gleich die endloseste Ewigkeit beginnt. Weißt du wohl, wie und ob du nach des Leibes Tode noch irgendein Fortleben haben wirst? – Ich aber bin nun allein in der Lage, dir wie jedermann für dieses kurze und armselige Leben mit der höchsten Bestimmtheit das ewige, vollkommenste Leben eines Engels zu geben.
GEJ|3|9|5|0|Wirst du da auch irgend noch ein Bedenken tragen, Meinen Antrag anzunehmen, zumal Ich der einzige bin, der dir das ewige Leben bereiten und ganz zu eigen geben kann? Wahrlich, Ich verlange nur sehr Geringes – und gebe aber darum überaus vieles!
GEJ|3|9|6|0|Meinst du denn, die Erde würde wüste und leer werden, so da mit der Zeit, was auch einstens geschehen wird, alle Menschen den Anforderungen Meiner Lehre nachkämen? Oh, du kurzsichtiger Pharisäer!
GEJ|3|9|7|0|Da siehe diesen Meinen Engel! Er allein hat so viel Macht und Kraft aus Mir, daß er, so Ich es wollte, diese ganze Erde, die große Sonne, den Mond und alle die andern dir sichtbaren Sterne, gegen deren Weltgröße diese ganze Erde kaum ein kleinstes Sandkörnchen zu nennen ist, in einem Augenblick ebensoschnell zunichte machen könnte, als wie er zuvor den Stein zunichte gemacht hat. Wenn du aber glaubst, daß die Kultur des Erdbodens nur von den Menschen abhängt, so irrst du dich gewaltig!
GEJ|3|9|8|0|Ich will dir ein Stück Feldes geben, aber es zuvor belegen mit Meinem Fluche, und du magst dann darauf arbeiten, wie du willst, und es wird dir auch nicht einmal Dornen und Disteln zum Fraße deiner Würmer tragen! Wohl legt der Sämann das Korn in die gefurchte Erde; aber es müssen bei der Aussaat auch Meine Engel mitarbeiten und also segnen den Acker, ansonst er dir ewig keine Früchte tragen wird! – Verstehst du das?
GEJ|3|9|9|0|Wenn aber die Hauptbearbeiter des Erdbodens zur Tragung irgendeiner Nährfrucht gleichfort Meine Engel sind, so könnten sie im günstigen Notfalle schon auch das Aussäen auf sich nehmen, so wie sie solches auch an Stellen dieser Erde tun, die noch keines Menschen Fuß betreten hat.
GEJ|3|9|10|0|Aber weil die Menschen im alten Fluche leiden und selbst für ihren Leib mit aller Gewalt arbeiten wollen, – nun, so haben Meine Engel dabei stets gut den gleichen alten Feiertag halten!“
GEJ|3|10|1|1|10. — Bedürfnisse und deren Übel
GEJ|3|10|1|0|(Der Herr:) „Habt ihr nicht gelesen vom einstigen Eden der Erde, allwo der erste Mensch erschaffen wurde? Dieses Eden war ein großer Garten und bestens bestellt mit den besten Früchten der ganzen Erde; und doch hatte ihn zuvor unmöglich irgendeines Menschen Hand bearbeiten können! Also hatten die ersten Menschen keine Häuser und Städte; sie hatten nur äußerst wenig Bedürfnisse, die leicht zu befriedigen waren, blieben aber dabei gesund, erreichten stets ein sehr hohes Alter und hatten darum sehr viel Zeit, sich mit ihrer inneren Seelenbildung abzugeben und standen fast gleichfort im sichtbaren Verbande mit den Mächten der Himmel.
GEJ|3|10|2|0|Ein Kain aber erbaute durch Eingebung des Satans seinem Sohne Hanoch schon eine Stadt gleichen Namens; und er hat dadurch den Grundstein zu allen Übeln der Erde gelegt.
GEJ|3|10|3|0|Ich sage es euch: Der Mensch bedarf zum Leben auf dieser Erde gar nicht viel; aber des Menschen Hoffart, seine Trägheit, sein Hochmut, seine Selbstsucht und Herrschlust brauchen unbeschreibbar vieles und sind dennoch nie zu befriedigen!
GEJ|3|10|4|0|Dafür ist zumeist der Menschen Sorge genährt, und die Menschen haben dann ganz natürlich keine Zeit mehr, sich mit dem abzugeben, womit sie sich eigentlich abgeben sollten, weil sie von Gott nur darum auf diese Welt gesetzt worden sind.
GEJ|3|10|5|0|Von Adam bis Noah führten die Kinder der Berge nie einen Krieg, weil sie nur sehr geringe Bedürfnisse hatten und keiner mehr sein wollte, als was da war sein Bruder, und die Eltern aber ihr Ansehen gegenüber ihren Kindern dadurch stets auf die ansehnlichste Weise behaupteten, weil sie gleichfort die weisen Führer und Lehrer und Ratgeber ihrer Kinder verblieben.
GEJ|3|10|6|0|In der Tiefe aber, wo die am Herzen und Verstande blinden Menschen sich ihre Lehrer und Führer und Ratgeber gar prächtig zu schmücken begannen, ihre Häupter salbten und mit Kronen zierten und ihnen des größeren Ansehens wegen auch allerlei Macht und Gewalt einräumten, da war es dann auch aus mit dem Leben unter leichten und kleinen Bedürfnissen!
GEJ|3|10|7|0|Die Pracht hat einen großen Magen, der nimmer zu sättigen ist. Die Erde konnte auf einem engen Flächenraume kein genügend Futter mehr aus dem Boden treiben, und die schwer zu sättigenden Prachtmenschen fingen an, sich weiter und weiter auszudehnen, nannten den okkupierten Boden gleich ihr volles Eigentum, sorgten darauf gleich für die Pracht und erweckten dadurch den Neid und die Eifersucht und dadurch auch bald Mißgunst, Zank, Hader und Krieg, und der Stärkere bekam am Ende das Recht und ward Herrscher über die Schwächeren und zwang sie, für ihn zu arbeiten und ihm in allem untertan zu sein. Die Widerspenstigen aber wurden gezüchtigt und gar mit dem Tode zum unbedingtesten Gehorsam getrieben!
GEJ|3|10|8|0|Und seht, das war alles die Folge der äußeren Kultur der Erde, der Prachtliebe und des daraus hervorgehenden Hochmutes!
GEJ|3|10|9|0|Wenn Ich nun aber in Meinem Geiste aus den Himmeln kommend euch wieder auf den glücklichen Urzustand der ersten Menschen zurückführen will und euch die lange gänzlich verlorenen Wege ins Gottesreich zeige, wie könnet ihr da sagen, daß die von Mir gestellten Bedingungen, um Meine Jünger zu werden, zu hart und fürs Allgemeine nahezu unausführbar seien!
GEJ|3|10|10|0|Ich sage es euch: Das Joch, das Ich auf eure Nacken lege, ist sanft, und die Bürde, die Ich euch zu tragen biete, ist federleicht gegen das, was ihr nun Tag für Tag traget.
GEJ|3|10|11|0|Wie weit hinaus in alle Welt sind eure Sorgen gerichtet! Tag und Nacht habt ihr keine Ruhe und keine Rast; und das allein nur der Welt wegen, und daß ihr nicht etwa wo verkürzt würdet in eurer eingebildeten Pracht und in eurem Wohlleben, auf Kosten des oft blutigen Schweißes eurer schwachen Brüder und Schwestern!
GEJ|3|10|12|0|Wie soll bei solch einem Sorgen die Seele noch irgendeine Zeit finden, für die Erweckung des Geistes Gottes in ihr auch noch etwas zu tun!?
GEJ|3|10|13|0|Ja, eure Seelen und die Seelen von Millionen wissen nicht einmal mehr, daß sie Träger des Geistes Gottes sind, geschweige, daß sie bei ihren ins Endlose gehenden Weltsorgen zur Frei- und Selbständigwerdung desselben irgend etwas Ersprießliches tun könnten und möchten. Die arme und schwache Menschheit wird aber von euch zu sehr für eure Pracht- und Wohllebensliebe zu blutig- rastloser Knechtsarbeit angetrieben und kann darum auch nicht für die Frei- und Selbständigwerdung ihres Geistes irgend etwas tun, und so seid ihr samt euren Untertanen tot und seid wahrhaft Kinder des Satans und möget nicht vernehmen Mein Wort, das euch ernstlich und wahr führet zum Leben, sondern ihr verteidiget euer Wort, aus dem für euch und für alle eure Untergebenen der ewige Tod notwendig erfolgen muß!“
GEJ|3|11|1|1|11. — Über den Grund der Sündflut
GEJ|3|11|1|0|(Der Herr:) „Man klagt noch Gott an und sagt: ‚Wie konnte Gott eine alles Leben erstickende Sündflut über den Erdboden kommen lassen und wie vernichten die Sodomiter und Gomorrhiten!?‘ O nichts leichter als das! Denn wozu belebte und gezierte Fleischklumpen auf dem Boden einer Erde noch länger herumwühlen lassen, deren Seelen sich so weit von der alten Ordnung Gottes entfernt haben, daß in ihnen aber auch die letzte Spur sogar des Bewußtseins ihrer selbst vor lauter Sorge ums Fleisch entflohen ist!?
GEJ|3|11|2|0|Kann es noch eine dickere Inkarnation (Verstofflichung) der Menschenseele geben als eine, in der die Seele nicht nur von dem göttlichen Geiste in ihr jeder Ahnung bar geworden ist, sondern sich am Ende selbst auch derart verliert, daß sie ihr eigenes Dasein im vollsten Ernste zu leugnen anfängt und nicht mehr zu der Überzeugung zu bringen ist, daß sie ist!?
GEJ|3|11|3|0|Ja, wenn bei der Menschheit der Welt einmal der Zustand eintritt, da hat dann auch der Mensch vollends aufgehört, ein Mensch zu sein; er ist dann nur mehr ein instinktartig vernünftiges Tier und ist vorderhand für jede weitere Bildung der Seele und des Geistes total unfähig. Darum muß solch ein Fleisch getötet werden und verfaulen samt der zu intensiv inkarnierten (sehr verstofflichten) Seele, auf daß vielleicht nach vielen Jahrtausenden eine aller Inkarnation ledig gewordene Seele wieder den Weg ihrer Selbstbildung und Selbständigwerdung, entweder noch auf dieser Erde oder auf einer andern, betreten kann.
GEJ|3|11|4|0|Daß es aber nun schon wieder gar häufig Menschen gibt, die von ihrer eigenen Seele vor lauter großen Sorgen um der Welt und ihres Fleisches willen nichts mehr wissen, das könnet ihr zum Teil an euch selbst, zum Teil an den Sadduzäern und zum größten Teile an allen Menschen ersehen; denn da weiß keiner mehr Bescheid zu geben, wer und was die Seele ist! Man spricht sie wohl aus und sagt: ‚Bei meiner Seele‘, und ‚in meiner Seele‘; fragt man aber dann jemanden und sagt: ‚Freund, wer und was ist denn etwa doch die Seele?‘, da steht dann der Befragte sofort gleich einem Ochsen am Berge und weiß nicht, wo aus und wo ein!
GEJ|3|11|5|0|Wenn aber einmal eine Seele sich selbst nicht mehr kennt und am Ende sogar ganz vergißt, daß, was und wie sie ist, dann hört sich alles auf! Und Gott bleibt da nichts übrig, als das alte Menschenleiber-Vertilgungsmanöver von neuem über den Erdboden ergehen zu lassen, bald in größerem und bald in kleinerem Maße, je nach dem Sachverhalte der Menschen, inwieweit diese von ihrem Geiste und ihrer Seele noch etwas oder gar nichts mehr wissen.
GEJ|3|11|6|0|Solch reine Welt- und Fleischmenschen werden zwar der Außenform nach oft sehr schön und üppig, besonders das weibliche Geschlecht; der leichtfaßliche Grund liegt in der stets größeren Einigung der Seele mit ihrem Fleische. Aber solche Menschen werden dadurch auch schwach und für alle argen physischen Eindrücke sehr empfänglich. Solche Leiber werden leicht krank, und ein leisester pesthaltiger Hauch bringt ihnen den unvermeidlichen Tod, während Menschen, die eine freie Seele und in ihr einen freien Geist haben, alle Gifte der Erde über sich kommen lassen können, und es wird ihnen aber alles nicht im geringsten zu schaden imstande sein; denn eine freie Seele und der freieste Geist in ihr haben Kraft und Mittel in Überfülle, jedem ohnmächtigen Feinde auf das wirksamste zu begegnen, während eine von ihrem verfluchten Fleische an allen Lebensorten und Enden dickst geknebelte Seele einem klein (eng) gefesselten Riesen gleicht, der sich am Ende nicht einmal gegen eine ihn belästigende Fliege zur Wehr stellen kann und sich gefallen lassen muß, so ihm ein ohnmächtiger Zwerg mit einem Messer schön langsam, aber dafür desto schmerzlicher den Kopf vom Rumpfe trennt.“
GEJ|3|12|1|1|12. — Missionswinke
GEJ|3|12|1|0|(Der Herr:) „Merket euch das! So ihr kommet in einen Ort, allwo es sehr schön gestaltete und geputzte Menschen beiderlei Geschlechtes gibt, da ziehet ehestens weiter; denn da ist fürs Gottesreich kein Geschäft zu machen, weil da zum wenigsten das halbe Sodom und Gomorrha fertig ist! Von solch einem Orte ist auch das Strafgericht Gottes nimmer ferne; denn solche verfleischte Seelen, die zum größten Teile von ihrem höchst eigenen Dasein nahezu alles Bewußtsein in das Grab ihres Fleisches gelegt haben, sind zu sehr durch und durch geknebelt. Und wird ihr schönes Fleisch von den bösen, rohen und noch höchst ungebildeten Naturgeistern der Luft nur ganz leise beschlichen, so können sich solche geknebelte Seelen zu keiner Wehr stellen und erliegen dann ehestens samt ihrem Fleische, das, weil zu sehr seeldurchmengt, viel empfänglicher und empfindlicher ist als das Fleisch des Leibes einer freien Seele.
GEJ|3|12|2|0|Gehet hin und ergreifet eine so recht zarte Stadtdirne recht fest am Arme oder an einem sonstigen Leibesteile, und sie wird schreien vor Schmerz; gehet aber hin aufs Land zu einem arbeitenden Landmanne, der nebst seiner Arbeit aber auch noch für seine und seiner Kinder Seelen eine gerechte Sorge trägt, da könnet ihr die Hände des Landmannes und seiner Kinder so fest als ihr wollt ergreifen und schütteln, und sie werden kein zu großes Schmerz- und Angstgeschrei erheben!
GEJ|3|12|3|0|Ihr meinet wohl, daß solche Unempfindlichkeit von der schweren Arbeit und von der dadurch bewirkten Abhärtung herrühre?! O nein, sage Ich euch; sondern die größere Unempfindlichkeit ist nur eine Folge der aus ihrem Fleische durch allerlei Selbstverleugnung freier gewordenen Seele, wodurch dann auch die rechte Abhärtung des Fleisches zustande gebracht wird.
GEJ|3|12|4|0|Wo aber alle Sorge für die Zärtung des Fleisches getragen wird und sogar eigene Schulen bestehen, in denen der Leib durch allerlei Gymnastik möglichst ebenmäßig und am Ende durch allerlei Salben und Öle so zart als möglich gemacht wird, da gibt es keine freie und starke Seele mehr; und kommt dann nur ein leiser Gifthauch über solche ekelhaft schwachen Leiber, so hält dann leicht der Tod sein reichstes Erntefest.
GEJ|3|12|5|0|Da wird dann wieder gejammert und geklagt, und ein halbgläubiger Mensch um den andern macht seinen Mund auf und sagt: ‚Aber was kann Gott da doch für ein Vergnügen haben, so Er die Menschen in einem fort mit allerlei Plagen heimsucht?!‘ Da schaue entweder gar kein Gott heraus, oder Gott sei zu erhaben und kümmere Sich ums Gewürm einer Erde nimmer, oder Gott sei opferhungrig und weihrauchlüstern geworden, man müsse Ihn wieder besänftigen durch reiche Opfer, magische Sprüche und durch Weihrauch! Oder Gott sei erzürnt worden und räche Sich nun an der harmlosen schwachen Menschheit; man müsse in Sack und Asche Buße tun und zum wenigsten zwölf Sündenböcke in den Jordan schmeißen!
GEJ|3|12|6|0|Aber daran denkt niemand, daß all das Leiden, alle Krankheiten, alle Kriege, alle Teuerung, Hunger und Pest lediglich daher rühren, weil die Menschen anstatt für ihre Seele und ihren Geist nach der Ordnung Gottes alles zu tun, nur alles für ihren Leib tun!
GEJ|3|12|7|0|Man predigt wohl toten Seelen die Furcht vor Gott, an den aber der seelentote Prediger selbst schon lange nicht mehr glaubt, sondern nur an das, was er fürs Predigen bekommt, und zu welcher Ehre und zu welchem Ansehen ihn ein gut studiertes Predigertalent bringen könnte. Und so führt ein Blinder den andern, und so will ein Toter den andern Toten lebendig machen. Der erste predigt für seinen Leib, und der andere horcht auf die Predigt seines Leibes wegen. Was für ein Vorteil aber läßt sich da wohl für irgendeine im höchsten Grade kranke Seele denken und bewirken?
GEJ|3|12|8|0|Ich bin ein Heiland; wie, fragen sich die toten und daher stockblinden Menschen, kann Mir doch solches möglich sein? Und Ich sage es euch, daß Ich keines Menschen Fleisch heile, sondern wo irgendeine Seele noch nicht zu mächtig mit ihrem Fleische vermengt ist, mache Ich nur die Seele frei und erwecke, insoweit es sich tun läßt, den in der Seele begrabenen Geist. Dieser stärkt dann sogleich die Seele, die frei wird, und es ist ihr dann ein leichtes, alle Gebrechen des Fleisches in einem Moment in die normale Ordnung zu setzen.
GEJ|3|12|9|0|Das nennt man dann eine Wunderheilung, während das doch die allerordentlichste und natürlichste Heilung des Fleisches von der Welt ist! Was jemand hat, das kann er auch geben; was er aber nicht hat, das kann er auch nicht geben!
GEJ|3|12|10|0|Wer eine lebendige Seele nach der Ordnung Gottes hat und einen freien Geist in ihr, der kann auch seines Bruders Seele frei machen, wenn sie noch nicht zu sehr inkarniert (verfleischlicht) ist, und diese hilft dann gar leicht ihrem kranken Fleischleibe. So aber der Seelenarzt selbst eine überaus kranke Seele hat, die viel mehr tot denn lebendig ist, wie sollte der hernach einer zweiten Seele geben, was ihm selbst gänzlich mangelt?! Darum überdenket es euch!
GEJ|3|12|11|0|Die Bedingungen zur Werdung Meiner Jünger habe Ich euch nun gezeigt, und die Übel der Welt bis auf ihren wahrsten und tiefsten Grund. Tut nun, was ihr wollt! Ich nehme euch weder zu Meinen Jüngern auf, noch verwehre Ich euch, solche zu werden. Wollt ihr aber schon Meine Jünger werden, so müsset ihr auch vor allem eure Seelen frei und stark machen, ansonst euch die Jüngerschaft Meiner Lehre nichts nützen würde!“
GEJ|3|13|1|1|13. — Noah und die Arche
GEJ|3|13|1|0|Nach dieser Rede macht alles große Augen und sagt im stillen: ,Meine Schuld!‘ Und der junge Pharisäer weiß darauf nicht, was er Mir erwidern soll. Auch Cyrenius und Julius machen hier etwas bedenkliche Mienen, und der Ebahl und die Jarah selbst, der ihre weibliche Schönheit bedenklich zu werden beginnt!
GEJ|3|13|2|0|Und Cyrenius sagt nach einer Weile tiefen Nachdenkens: „Herr und Meister, ich habe mit Dir schon hie und da einige Tage und Nächte zugebracht und habe von Dir viel Wunderbares wirken sehen und Dich auch sehr scharf reden hören, aber so wie diese Deine Rede hat mich noch nie etwas so sehr aus aller Meiner Lebensfassung gebracht! Denn nach dieser Deiner nunmaligen Äußerung sind wir durchaus nicht um vieles besser gestellt als zu den Zeiten Abrahams Sodom und Gomorrha. Und all unser Sorgen, Tun und Handeln ist ganz in optima forma des Satans. Freund, das ist eine sehr harte Lehre! Leider kann man sich's um keinen Preis der Welt verhehlen, daß Du uns hier die allernackteste Wahrheit aufgetischt hast; aber wie nun sich auf einen Standpunkt stellen, von dem aus man sicher bereitwilligst aller Welt den Rücken zeigen und dann alle Zeit auf die Kultur der Seele und des Geistes verwenden könnte?“
GEJ|3|13|3|0|Sage Ich: „Freund, nichts leichter als das! Du bleibst, was und wer du bist, und stehst dem vor, dem du vorgestellt bist; aber nicht zu deinem Ansehen, sondern zum vielseitigen Nutzen der Menschen!
GEJ|3|13|4|0|Denn sieh, als zu Noahs Zeit die Flut kam über den Boden der Erde, den die im Grunde des Grundes lebensverdorbenste Menschheit bewohnte, so tötete die Flut bis auf Noah und dessen kleine Familie und die Tiere, die Noah in den Kasten aufnehmen konnte, in der weiten Weltgegend alles, nur die Fische im Wasser natürlich nicht.
GEJ|3|13|5|0|Wie aber erhielt Noah sich und seiner Familie das Leben hoch über all den todbringenden Wogen der großen Flut? Sieh, er befand sich in seinem festen Kasten, den die tolle Flut ganz gehorsamst auf ihrem Rücken tragen mußte und konnte nirgends eindringen ins Innere des Kastens, allwo sie auch dem Leben Noahs hätte gefährlich werden können!
GEJ|3|13|6|0|Diese tödliche Flut Noahs erhält sich aber geistig noch gleichfort über dem Boden dieser Erde; und Ich sage es dir, daß diese geistige und beständige Sündflut Noahs dem Leben der Weltmenschen nicht im geringsten irgend minder gefährlich ist als die einstige naturmäßige zu den Zeiten Noahs.
GEJ|3|13|7|0|Wie aber kann man sich vor dem Zu-Tode-Ersäufen in der geistigen Sündflut schützen? Ich sage es dir: Was Noah körperlich tat, das tue man nun geistig, und man ist für immer geschützt vor dem Zu-Tode-Ersäufen in der großen und beständigen geistigen Sündflut!
GEJ|3|13|8|0|Mit andern Worten gesagt: Man gebe nach der Ordnung Gottes auch der Welt, was der Welt ist, – aber vor allem Gott, was Gottes ist!
GEJ|3|13|9|0|Die ‚Arche Noahs‘ ist eines Menschen rechte Demut, Nächsten- und Gottesliebe.
GEJ|3|13|10|0|Wer recht demütig ist und voll der reinen, uneigennützigen Liebe zu Gott dem Vater und zu allen Menschen und hat stets das rege Bestreben, allen Menschen, so möglich, zu dienen in der Ordnung Gottes, der schwimmt ganz wohlbehalten und bestverwahrt über die sonst gar so leicht todbringenden Fluten aller Weltsünden hinweg; und am Ende dieser seiner irdischen Lebenslaufbahn, wenn für ihn die Flut sinken wird und sich verlaufen in ihre finsteren Tiefen, da wird seine Arche am großen Ararat des lebendigsten Reiches Gottes eine wohlgestellte Ruhe nehmen und wird dem, den sie getragen, zu einem ewigen Wohnhause werden.“
GEJ|3|14|1|1|14. — Wie man die irdischen Schätze betrachten und nützen soll
GEJ|3|14|1|0|(Der Herr:) „Sieh Mich an! Muß Ich nun nicht verkehren mit der Welt? Ich esse und trinke, und die Welt dient Mir, wie einst die Flut dem Kasten Noahs gedient hat! Wohl tobt sie gar gewaltig unter den festen Wänden Meines Kastens, – aber verschlingen kann sie ihn ewig nimmer!
GEJ|3|14|2|0|Du kannst nicht darum, daß da ein römisches Reich dereinst entstanden ist. Nun ist es einmal da, und du kannst es nicht zunichte machen! Das Reich aber hat dennoch gute Gesetze, die zur Aufrechterhaltung einer Ordnung und zur Demütigung der Menschen recht wohl taugen. Dünkst du dich ein Herr zu sein, der über dem Gesetze steht und darum eine Krone tragen kann, so bist du auf dem falschen Wege für dich, wennschon nicht gegenüber den Menschen, die das Gesetz, das einmal sanktioniert ist, sowieso tragen müssen mit allen seinen Vor- und Nachteilen. Stellst du dich aber auch unter das Gesetz und betrachtest dich bloß als den vom Staate und von der Notwendigkeit aufgestellten Leiter und Ausfolger desselben, so stehest du am rechten Standpunkte und zimmerst dir aus dem geistigen Material des Gesetzes eine Arche, die dich über alle noch so stürmende Flut der Weltsünden hinwegtragen muß!
GEJ|3|14|3|0|Wenn du dazu aber noch in aller Tat die leichten Grundsätze Meiner Lehre beachtest, die mit euren Gesetzen ganz gut zu vereinbaren ist, so tust du auch nach Möglichkeit für deine Seele und für deinen Geist zur Genüge. Wenn aber Ich dir das als genügend darstelle, so nenne Mir noch jemanden, der dir das als ungenügend bezeichnen könnte!“
GEJ|3|14|4|0|Sagt Cyrenius: „Aber bedenke, o Herr, die Pracht und den Luxus, in dem ich des Staates wegen leben muß, und bedenke, was Du eben vorher von der Pracht und vom Luxus der Welt geredet hast!“
GEJ|3|14|5|0|Sage Ich: „Liebst du denn in deinem Herzen die Pracht und den Luxus der Welt?“
GEJ|3|14|6|0|Antwortet Cyrenius: „Oh, nicht im geringsten; mir ist all das wie eine rechte Qual!“
GEJ|3|14|7|0|Sage Ich: „Nun, was beirrt dich dann die Mußpracht und der Mußluxus? Kein Glanz und keine Verzierung kann ohne Liebe deines Herzens dafür zu einem Nachteile für Seele und Geist werden! Aber wenn dein Herz an etwas Materiellem hängt und wäre dasselbe an und für sich noch so nichtig, so kann es der Seele und dem Geiste ebenso schädlich sein wie eine schwerste Krone aus reinstem Golde und aus den kostbarsten Edelsteinen.
GEJ|3|14|8|0|Es kommt da darum alles nur auf die Verfassung des Herzens an; denn sonst müßten allerlächerlichsterweise auch Sonne, Mond und all die Sterne den Menschen dieser Erde als Sünden angerechnet sein, weil sie sehr prachtvoll leuchten und glänzen, und weil der Mensch denn doch sicher eine rechte Freude daran hat. Also kannst auch du, Mein lieber Cyrenius, eine rechte Freude an deinem Glanze vor den Menschen haben, aber nur keine eitle und darum dumme, denn durch sie wird die Seele verdorben und am Ende getötet!
GEJ|3|14|9|0|Ist doch dem Salomo gestattet und sogar anbefohlen gewesen, sich mit einer solchen Pracht zu umkleiden, wie sie vor ihm kein König getragen hatte und nach ihm auch kein König je mehr tragen wird. Solange er daran keine dumme, eitle Freude knüpfte, sondern eine rechte, in der Weisheit begründete hatte, war die Freude erhebend für seine Seele und seinen Geist. Als er aber in der Folge des großen Glanzes wegen eitel ward und die Hoffart sich seiner bemächtigt hatte, da auch sank er gleich in allem vor Gott und allen besseren Menschen und verfiel in alle Sünden der üppigen Welt, und seine Werke und Taten wurden zu Narrenstreichen vor den besseren Menschen und zu wahren Greueln vor dem Angesichte Gottes.
GEJ|3|14|10|0|Ich sage es dir und auch allen andern, daß es dem Menschen sogar gut und nützlich ist, wenn er als ein an Seele und Geist vollreif Gewordener schon auf dieser Erde die Pracht der Himmel nachahmt und sein Gemüt daran auf eine gerechte Art erheitert; denn es ist löblicher, zu bauen, als zu zerstören. Aber nur vollreife Menschen an der Seele und am Geiste sollten so etwas tun, auf daß die Unreifen ersähen, was alles ein Reifer zu schaffen vermag.
GEJ|3|14|11|0|Aber wer sich einen Palast erbaut seiner Ehre und seines Ruhmes wegen und liebt sich am Ende selbst in seiner Pracht, der begeht eine mächtige Sünde gegen seine eigene Seele und gegen den göttlichen Geist in ihm und verdirbt sich und alle seine Nachkommen, die sich dann schon von der Geburt an für viel besser halten als die andern Menschen.
GEJ|3|14|12|0|Werden aber durch die Pracht der Paläste die Herzen der Bewohner der Paläste verdorben und werden dabei voll Hochmutes und voll Verachtung gegen solche Menschen, die keine Paläste bewohnen können, dann ist es wieder besser, die Paläste sogleich in Schutthaufen zu verwandeln.
GEJ|3|14|13|0|Also ist es auch gar nicht wider die göttliche Ordnung, sich eine Stadt zu erbauen, in der die Menschen in Frieden und Eintracht beisammen, wie eine Familie in einem Hause, leben, wirken und handeln und sich in allen Dingen gegenseitig leichter unterstützen können, als wohneten sie stundenweit auseinander. Reißt aber in einer Stadt dann Hochmut, Luxus, Prachtsucht, Neid, Haß, Verfolgung und sogar Totschlägerei ein, und Schwelgerei, Unzucht und Trägheit, dann sei eine solche Stadt nur gleich wieder in Schutt- und Moderhaufen zu verwandeln, sonst wird sie eine Pflanzstätte für allerlei Erzübel, die mit der Zeit die ganze Erde durch und durch verpesten würden gleich dem vorsündflutlichen Hanoch und dem nachsündflutlichen Babylon und der großen Stadt Ninive! Wie groß waren dereinst diese Städte, und nun stehen wenige ganz elende Hütten an ihrer Stelle! Wo aber einst Hanoch stand, da ist jetzt ein Meer, so wie an der Stelle des alten Sodom und Gomorrha und der zehn kleineren Städte im Umkreise der zwei großen, von denen jede größer war dem das heutige Jerusalem, das auch nicht mehr völlig so groß ist, als wie groß es war unter Davids Zeiten.
GEJ|3|14|14|0|Was aber mit jenen Städten geschehen, das wird auch mit Jerusalem geschehen, und es sind etwelche hier, die den Greuel der Verwüstung mit ansehen und mit genießen werden! Denn wie gesagt, es ist besser, keine solchen Städte und dafür desto mehr vollends lebendige Seelen, als eine Stadt, in der die Menschenseelen vollauf zugrunde gerichtet werden für die Zeit und für die Ewigkeit!
GEJ|3|14|15|0|Also magst du, lieber Cyrenius, alles haben, was nur die Erde Köstliches und wundersam Schönes auf ihrem weiten Boden trägt, und kannst dich daran, Gott lobend und preisend, ergötzen. Aber hänge dein Herz nie daran; denn alle diese Erdenpracht muß dereinst vergehen für sich und für dich, wenn du das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschen wirst! Denn alle Materie ist ja im Grunde nichts als das allein, was Ich dir in einer früheren Rede klar und deutlich genug auseinandergesetzt habe. – Sage, bist du damit zufrieden, und hast du das wohl also verstanden, wie es vor Gott und aller Welt verstanden werden muß?“
GEJ|3|15|1|1|15. — Über den rechten Weg zum Vollendungsziel der Menschen
GEJ|3|15|1|0|Sagt Cyrenius: „Ja, nun bin ich schon wieder ganz im reinen; es nützt ein für alle Male rein nichts. Wie es für jeden Grashalm ein bestimmtes Gesetz gibt, unter und nach dem er sich entwickeln kann, also gibt es auch nur ein der ganzen Wesenheit des Menschen akkommodiertes psychomoralisches Gesetz, unter dem der Mensch aus sich selbst heraus sich seine volle ungebunden freieste Selbständigkeit erringen kann, oder es gibt nur immer einen und unwandelbar stets denselben Weg, auf dem man seine wahre und ewige Bestimmung erreichen kann; auf jedem andern der zahllos vielen Freiheitswege, auf denen moralisch die Menschen wohl auch einhergehen können, ist das große, allein wahre und von Gott aus bestimmte Ziel unmöglich je zu erreichen!
GEJ|3|15|2|0|Daß aber übrigens der von Dir, o Herr, uns gezeigte Weg der ganz allein rechte und wahre ist, das sehe ich nun aber auch so klar und rein ein, als wie klar am hellsten Mittage die Sonne leuchtet. Auch sehe ich es ein, daß ein jeder Mensch, hoch oder nieder, ganz unbeirrt den rechten Weg fortwandeln kann, wenn er nur einen ernstlichen Willen dazu hat; aber wohl sehe ich es auch ein, daß da kein Mensch von sich selbst heraus je diesen Weg hätte finden können in der Fülle der Wahrheit und allen Lebensverhältnissen so vollkommen entsprechend. So etwas muß unmittelbar vom Geiste Gottes den Menschen, die ein rechtes Verständnis haben, geoffenbart werden!
GEJ|3|15|3|0|Aber obschon der Weg nun sehr klar bezeichnet ist, so wird er aber meiner Ansicht nach dennoch selten vollkommen betreten werden; denn, das verhindernd, haben eben die zu materiellen Einrichtungen der Welt eine zu starke Schranke über diesen allein wahren und rechten Weg gelegt, und viele, die diesen Weg betreten, werden sich daran stoßen und auf dem halben Wege umkehren, besonders, wenn sie nicht binnen einer kurzen Zeit irgendeinen wunderbaren Erfolg ihrer Mühe an sich bemerken werden, was eben bei Menschen, die vorher schon stark mit der Außenwelt verknüpft waren, nicht so geschwinde gehen wird, als man sich's im ersten Augenblick denkt.
GEJ|3|15|4|0|Ich hoffe, durch Deine besondere Gnade das heilige, große Ziel wohl zu erreichen; aber ich bin nur einer, und der große römische Staat zählt nun viele Millionen. Wie und wann aber werden diese alle, die doch auch so gut wie wir Menschen sind, auf diesen Weg gelangen?!“
GEJ|3|15|5|0|Sagt dazu der junge Pharisäer: „Höchster Gebieter! Das war soeben auch mein Gedanke! Wir können nun schon den Weg alles Heils ganz ruhig und froh betreten; aber wie die vielen Millionen, die nicht die Gelegenheit haben, an der Quelle zu schöpfen und sich über jeden Zweifel mit dem großen Meister des Lebens selbst zu besprechen?“
GEJ|3|15|6|0|Sage Ich: „Auch darum ist fürgesorgt! Denn nach Mir bleibt die Himmelspforte gleichfort offen, und es wird das, was wir nun hier verhandeln, nach mehr denn tausend Jahren ebenso von Wort zu Wort können vernommen und aufgezeichnet werden, als ginge alles das vor den Augen derer vor sich, die nahe zweitausend Jahre nach uns die Erde betreten werden; und worin ein jeder künftighin irgendeinen Zweifel haben wird, darüber wird er sich auch können aus den Himmeln des klarsten Rates holen. Denn in der Folge wird jedermann sogar müssen von Gott aus belehrt werden, und der nicht von Gott aus belehrt wird, wird nicht eingehen ins lichtvollste Reich der Wahrheit.“
GEJ|3|16|1|1|16. — Von der Erhöhung Jesu
GEJ|3|16|1|0|(Der Herr:) „Ich aber sage es euch, daß es dennoch stets schwer sein wird, allein bei der reinsten nackten Wahrheit zu verbleiben; denn der Weltverstand, der verschiedenorts auch zu einer großen Schärfe kommen wird, wird nicht einsehen, wie Ich eben Der sein kann dem Geiste nach, der einst auf Sinai dem Moses unter Blitz und Donner die Gesetze gab und ihm die fünf Bücher diktierte, und der mit Seiner Weisheit, Macht und Stärke die ganze Unendlichkeit erhält und regiert! Das geht sogar mehreren aus euch nun noch nicht ganz ein, die ihr doch volle Zeugen von all dem seid, was hier vorgeht und was auch anderorts vorgegangen ist, daß Ich vollends eins mit dem Vater im Himmel bin. Was werden erst die großen Weltweisen dazu sagen, wenn solches Zeugnis aus dem tausendsten Munde zu ihren Ohren gelangen wird?!
GEJ|3|16|2|0|Darum wird es auch nur der Einfalt verkündet, und nicht den Weisen der Welt; denn was vor der Welt groß, ist vor Gott ein Greuel!
GEJ|3|16|3|0|Der einfache, schlichte Mensch, der da noch eines möglich reinen Herzens ist, hat offenbar auch eine freiere Seele und in der Seele einen freieren Geist und faßt darum bald und leicht das, was des Geistes ist; aber ein Weltweiser, dessen Seele mit lauter materiellen Verhältnissen vernagelt ist und von einem göttlichen Geiste in ihr gar keine Ahnung mehr hat, wird das freilich nicht fassen und begreifen, was ihr zum größten Teil nun schon leicht begreifet und so ziemlich in der rechten Tiefe fasset. Aber dennoch fasset auch ihr jetzt noch vieles nicht; aber nach Meiner Erhöhung werdet ihr es vollkommen fassen!“
GEJ|3|16|4|0|Hier fragt sogleich Cyrenius: „Was für eine Erhöhung denn meinst Du? Wirst Du etwa auf Erden zu einem Könige aller Könige erhöhet und gekrönt werden?“
GEJ|3|16|5|0|Sage Ich: „Jawohl, aber zu keinem Könige der Welt, und auch mit keiner Goldkrone! Hätte Ich denn nicht Macht, Mir ein Königtum der Erde zu nehmen, das noch weit über alle Enden dieser Erde hinausreichete? Wer könnte Mich wohl hindern daran?
GEJ|3|16|6|0|Ist nicht das Sein aller Dinge in der Hand Meines Vaters, der in Mir ist, wie Ich in Ihm bin, und ebenso das Leben aller Menschen? Wie viele Atemzüge könntest du ohne den Willen Meines Geistes tun, der allein alles belebt und erhält?!
GEJ|3|16|7|0|Was nützte den Menschen zur Zeit Noahs alle ihre Macht und feine Kriegskunst?! Siehe, Mein Geist ließ die Wasserflut über alle Könige und ihre Völker kommen, und sie wurden alle begraben!
GEJ|3|16|8|0|Was nützte dem mächtigen Pharao all sein großes Kriegsheer? Mein Geist ließ die Israeliten trocken durchs Rote Meer ziehen und das sie verfolgende Heer des Pharao ersäufen!
GEJ|3|16|9|0|Wenn Ich also wollte ein König dieser Erde sein, welche Macht könnte Mich wohl daran hindern?
GEJ|3|16|10|0|Aber solches sei ferne von Mir und von allen denen, die wahrhaft Meine Nachfolger sein wollen; Mich erwartet eine ganz andere Erhöhung und Krönung, von der du erst dann das Nähere erfahren wirst, wann sie wird begangen sein. Einige Winke aber habe Ich dir ohnehin schon gleich anfangs dieser unserer Sitzung gegeben; so du dich daran erinnerst, wirst du dir das Weitere wohl von selbst denken können!“
GEJ|3|16|11|0|Sagt Cyrenius: „Aber Herr, ich weiß es nun ganz gewiß, wer und was Du bist, und was alles Du vermagst, – begreife deshalb aber noch immer nicht so recht aus dem Fundamente, warum Du bekanntermaßen bei aller Deiner Allmacht dennoch vor den Nachstellungen des Herodes sowohl wie vor denen des Tempels Dich auf dem flüchtigen Fuße hältst!?“
GEJ|3|16|12|0|Sage Ich: „Freund, diese Frage hättest du dir nun ganz füglich ersparen können! Fürs erste, weil Ich sie dir schon in Nazareth mehr als hinreichend erläutert habe, und fürs zweite solltest du denn endlich doch schon aus allen Meinen Reden abgenommen haben, daß Ich nicht darum in diese Welt gekommen bin, die Toten noch mehr tot zu machen, als sie es ohnehin schon sind, sondern überall sie nur von neuem wieder zu beleben; darum soll nun an niemanden von Mir aus ein Gericht gehalten werden. Denn nun bin Ich da, all das Gericht, das über diese Erde beschlossen war, auf Mich zu nehmen, und alle Menschen sollen durch das auf Mich genommene Gericht die volle Erlösung vom ewigen Tode finden.
GEJ|3|16|13|0|Also bin Ich nun nicht da zum Dreinschlagen, sondern nur um alle möglichen Wunden an der mit tausenderlei Übeln behafteten Menschheit zu heilen, aber nicht um ihr noch tiefere und ärgere zu schlagen.
GEJ|3|16|14|0|Meinst du denn, daß Ich aus Furcht vor Meinen Verfolgern Mich gewisserart flüchtig halte? Oh, so das dein Glaube wäre, da wärest du in einer großen und groben Irre! Siehe an die etlichen schwersten Verbrecher! Wahrlich, nach Moses und nach eurem Gesetze haben sie den hundertfachen Tod verdient; und dennoch lasse Ich nun das nicht geschehen, daß sie getötet würden, sondern es soll auch ihnen die Gnade der Himmel zuteil werden. Werden sie sich die Gnade zunutze machen, so sollen sie auch teil an Meinem Reiche haben; fallen sie aber nach der Zeit wieder, so werden sie es sich selbst zuzuschreiben haben, so sie des Gesetzes Fluch und Strenge töten wird! Denn siehe, das Gesetz währet immer, die Gnade aber kommt nur von Zeit zu Zeit den Bedrängten zu Hilfe; wenn aber die Gnade nicht respektiert wird, so muß man sich dann wieder das Gesetz gefallen lassen.“
GEJ|3|17|1|1|17. — Von der Willensmacht des Herrn und der Freiheit der Menschenseele
GEJ|3|17|1|0|(Der Herr:) „Siehe, du bist der Träger alles Gesetzes, aller Macht und aller Gewalt Roms für ganz Asia und einen Teil Afrikas, und dennoch kommt es hier auf Meinen Willen an, die Verbrecher zu richten oder freizulassen, und du kannst nichts gegen Meinen Willen unternehmen.
GEJ|3|17|2|0|Also könnte Ich auch alle Menschen der Welt mit Meinem Willen zu guten Handlungen nötigen; aber das würde auch ein Gericht sein, das den freien Menschen zu einer Maschine machen würde.
GEJ|3|17|3|0|Aber du bist dennoch keine Maschine, weil du das, was du auf Mein Wort tust, einsiehst, daß es also allein vollkommen der Ordnung Gottes gemäß recht ist; und verstehst du irgend etwas noch nicht, so fragst du und handelst dann aus deiner Erkenntnis, und solches ist dann keine Nötigung von außen herein, sondern von innen heraus, was da vollkommen in der Ordnung des freien Lebens steht.
GEJ|3|17|4|0|Denn wenn dich Mein Wille nötigt, so bist du ein geknebelter Sklave, nötigt dich aber dein eigener Wille, so bist du ein Freier; denn dein Wille will nunmehr das, was dein Verstand, als das Augenlicht deiner Seele, als allein wahr und gut erkennt! Aber mit der Welt wäre es anders, so sie genötigt wäre, zu handeln nach Meinem Willen; sie würde nicht erkennen zuvor, was da allein gut und wahr ist, und ihr Handeln wäre dann gleich dem der Tiere, und eigentlich schlechter noch. Denn das Tier steht auf solcher Stufe, daß eine Nötigung, die seiner Natur eingepflanzt ist, seiner Seele keinen weiteren moralischen Schaden zufügen kann, weil eine Tierseele noch lange nicht mit einem freien Moralgesetz etwas zu tun haben kann; aber die Seele des freien Menschen würde durch einen inneren mechanischen Zwang den größten Schaden an ihrem Wesen erleiden, weil das gerichtete Tierische ganz wider ihre freie moralische Natur liefe.
GEJ|3|17|5|0|Aus dem aber kannst du, Mein lieber Cyrenius, nun wohl hoffentlich mehr denn klar ersehen, warum Ich Mich vor denen, die Mich verfolgen, stets wie flüchtig halte, und ihnen wo und wie nur immer möglich aus dem Wege gehe, nicht um Mich etwa vor ihrer ohnmächtigen Wut zu schützen, sondern um sie als ebenfalls Meine blinden und törichten Kinder vor dem ewigen Verderben zu bewahren.
GEJ|3|17|6|0|Sehe Ich aber, daß irgend Menschen, die Mich verfolgen, aber in sich dennoch besserer Natur sind und bei einem rechten Geisteslicht die Wahrheit und das rein Gute erkennen können, so fliehe Ich nicht vor ihnen, sondern lasse sie zu Mir kommen, wo sie dann belehrt werden, ihre Nacht und ihr Gericht erkennen und endlich zu Menschen nach der Ordnung Gottes werden. Ein lebendiges Beispiel davon hast du soeben an den dreißig jungen, aber leiblich kräftigen Verfolgern Meiner gefürchteten Person. Sicher hätte Ich sie nicht hierherbringen lassen, so Ich nicht ihre Herzen für Mich tauglich gefunden hätte, als sie noch weit von hier entfernt waren.
GEJ|3|17|7|0|Die Kräfte der Natur wohl wurden von Meinem Willen dahin genötigt, sie hierherzubringen; aber dadurch ist ihrer Seele kein Zwang angetan worden. Nun sie aber hier sind, werden sie belehrt, ihr Verstand wird lichtreicher, und sie werden dann sicher frei das erwählen, was da frommt ihrer Seele.
GEJ|3|17|8|0|Sieh, es ist nun schon der Zeit nach nahe daran, daß die Sonne bald ihre Strahlen über den Horizont hereinzusenden beginnen wird, und noch ist keinem von euch eingefallen, irgendein Bedürfnis zur Nachtruhe des Leibes laut werden zu lassen! Warum denn das nicht? Siehe, weil Ich es heute also haben will! Aber es ist das abermals keine Seelennötigung, sondern nur eine der Materie, die sich nun länger als gewöhnlich der Seele dienlich erweisen muß. Solchen Zwang aber habe Ich eben auch hauptsächlich dieser dreißig willen euch und Mir Selbst angetan, und es wird niemand aus euch von sich sagen können, daß er schläfrig und müde sei. Für unser Wachen aber haben wir dreißig Brüder gerettet, doppelt: leiblich und geistig. Es ist darum unsere Mühe und unser Wachen vielfach belohnt und wird in der Folge noch mehr belohnt werden; da ist demnach ein äußerer Zwang sicher von keinem Schaden für irgendeine Seele. Würde Ich aber gewaltsam die Seelen in das rechte Licht gedrängt haben, so stünden sie nun als pure Maschinen da, und es hätte keine ihrer Handlungen für sie irgend mehr Wert, als da ist der innere, eigendienliche Wert einer Maschine oder eines Werkzeuges.
GEJ|3|17|9|0|Was nützt zum Beispiel einer Hacke, daß sie gut schneidet, und einer Säge, daß sie gut trennt? Alles das nützt nur dem Menschen, der ein freies und kenntnisreiches Bewußtsein hat und zu unterscheiden weiß, was da dienlich, gut und nützlich ist. – Oder was nützt einem Blinden das Licht, und was einem Lahmen eine Rennbahn? Nur dem nützt irgend etwas, der im rechten Bewußtsein einmal seiner selbst, dann des Bedarfs, Gebrauchs, der Anwendung und der daraus hervorgehenden Nutzung sich befindet.
GEJ|3|17|10|0|So ist es denn auch mit dem geistigen Licht. Es kann und darf ob der heiligen Freiheit des Willens der Menschen niemand irgend geheim gewaltsam eingegossen werden, sondern man stellt das Licht frei auf einen Platz hin, da es von jedermann bemerkt werden kann. Wer es benutzen will, der kann es ohne Hindernisse benutzen; wer es aber nicht benutzen will, der kann es ganz unbeirrt in seinem freien Willen auch stehenlassen, gleichwie solches auch schon mit dem Licht der Sonne, das den Tag zeihet, der Fall ist. Wer es benutzen will, der benutzt es zu irgendeiner Arbeit; wer aber bei all dem hellen Tageslicht der Sonne müßig sein will, der sei es, und es tut solches nichts der Welt zum besonderen Schaden. Denn das Licht nötigt keine mit freiem Willen begabte Seele zu irgendeiner Tat.
GEJ|3|17|11|0|Ich habe Macht genug, eure Erkenntnisse umzustimmen und aus eurem freien Willen ein nach allen Seiten hin gefesseltes Lasttier zu machen, und das Lasttier wird ganz demütig herumgehen nach der Lenkung Meines Allmachtsleitseiles; aber in sich selbst wird es tot sein. Wenn Ich aber euch unterrichte und zeige und gebe euch das rechte Licht, so seid ihr dabei frei und könnet das Licht annehmen oder bleibenlassen. – Verstehst du das, Mein lieber Cyrenius?“
GEJ|3|17|12|0|Sagt dieser (Cyrenius): „Ja, nun verstehe ich auch das und glaube nun den Grund ganz einzusehen, aus dem Du, o Herr, den Stand der Niedrigkeit erwählt hast, um zu belehren alle Menschen von ihrer allein wahren Bestimmung, und wie sie diese erreichen können. Damit man aber daneben und eigentlich für diese Sachen einen desto intensiveren Glauben und eine hellere Einsicht und Überzeugung überkommt, verrichtest Du dazu noch Dir allein mögliche Taten, die Deinen Worten noch mehr Gewicht und ein intensiveres Licht verschaffen. Und so geschieht von Dir aus zur wahren Lebensheiligung der Menschen alles in der größten Ordnung, und es kommt mir Dein Benehmen und Verhalten gerade also vor, als wäre es von Dir schon von Ewigkeit also vorgesehen gewesen. Ich kann mich in dieser Hinsicht vielleicht auch irren, was ich aber schwer glauben könnte.“
GEJ|3|17|13|0|Sage Ich: „Nein, nein, da irrst du dich nicht im geringsten; denn eine Gottesordnung muß ewig sein! Wäre sie nicht ewig, so wäre sie auch keine Ordnung und keine Wahrheit; denn eine Wahrheit muß ewig Wahrheit sein und bleiben und muß daher auch von Ewigkeit her vorgesehen sein. – Aber nun von etwas ganz anderem!“
GEJ|3|18|1|1|18. — Das Aufzeichnen der Reden des Herrn
GEJ|3|18|1|0|(Der Herr:) „Siehe du, Markus, nun, da die Morgenröte schon die Spitzen der Berge zu färben beginnt, daß wir etwa irgendein Morgenmahl bekommen; denn mit nüchternem Magen wollen wir uns den fünf Verbrechern nicht nahen! Diese werden uns ein arges Wetter machen, bis sie geheilt werden! Wenn sie aber geheilt werden, muß Salz, Brot und Wein in der Bereitschaft sein zu ihrer Stärkung; denn sie werden nach der Heilung sehr schwach sein. Aber Salz, Brot und Wein werden ihnen bald eine rechte Kraft geben!“
GEJ|3|18|2|0|Sagt Markus: „Herr, es wird alles gleich besorgt werden!“ – Darauf befiehlt er sogleich seinem Weibe und seinen Kindern, sich nun emsigst in der Küche umzusehen, auf daß zur rechten Zeit alles in der vollsten Bereitschaft sei. Sogleich eilen das Weib, die zwei Söhne und die vier Töchter in die Küche und entwickeln eine große Tätigkeit; auch einige Meiner Jünger bieten ihnen ihren Dienst an, helfen Fische reinigen, was sie als Fischer gut verstehen.
GEJ|3|18|3|0|Matthäus und Johannes aber lesen nun nach, was sie alles von Meinen diesnächtlichen Reden aufgezeichnet haben, machen aber dabei die leidige Erfahrung, daß sie in ihren sonst sehr fleißigen Aufzeichnungen dennoch starke Lücken gelassen haben.
GEJ|3|18|4|0|Johannes bittet Mich darob, daß Ich ihnen ansagen möchte das Ausgelassene. Aber es erbietet sich dazu auf Meinen Wink der Raphael und ergänzt in einem Nu all das Ausgelassene. Und als die beiden hernach ihre Aufzeichnungen noch einmal durchgehen, finden sie keine Lücken mehr, und es ist alles in der schönsten Ordnung.
GEJ|3|18|5|0|Auch Simon Juda schaut die Schriften durch und findet, daß da nach seiner Erinnerung nichts abgehe von allen Reden und Lehren, die in dieser Nacht so reichlich wie sonst kaum je wechselseitig geführt worden waren. Auch die Rettung der dreißig ist umständlich angemerkt, und es haben darob die Jünger eine große Freude.
GEJ|3|18|6|0|Cyrenius aber äußert auch den Wunsch, daß er davon eine Abschrift bekäme gegen ein gutes Honorar dem, der es für ihn abschriebe!
GEJ|3|18|7|0|Da ist gleich Judas Ischariot bei der Hand und trägt dem Cyrenius seine Dienste an.
GEJ|3|18|8|0|Ich aber verweise dem Judas solche selbstsüchtige Schmutzerei und sage zum Cyrenius: „Siehe dort den Raphael; laß ihm nur etwas Schreibmaterial geben, und er wird damit am ehesten fertig sein!“
GEJ|3|18|9|0|Cyrenius ruft sogleich nach seiner Dienerschaft, läßt von ihr sogleich eine rechte Menge unbeschriebener Pergamentrollen bringen und übergibt solche des obigen Zweckes wegen dem Raphael, und dieser rührt die Rollen kaum ordentlich an und sagt darauf zum Cyrenius, ihm die Rollen zurückgebend: „Dein Wunsch ist bereits erfüllt; du kannst nun die Rollen vergleichen lassen mit denen der beiden Jüngerschriften, ob etwas daran mangle!“
GEJ|3|18|10|0|Cyrenius besichtigt die Rollen und findet sie vollernstlich ganz voll angeschrieben, und verwundert sich natürlich, indem er solch eine Schnelligkeit denn doch nicht fassen kann bei aller seiner sonstigen Weisheit.
GEJ|3|18|11|0|Es beschauen die Rollen aber nun auch die dreißig Pharisäer und Leviten, und der gewisse Redner, der Hebram hieß, sagt: „Ja, es ist, was ich nun mit gesehen und mit gelesen habe, von Wort zu Wort getreu, was und wie es hier gesprochen wurde; das aber, wie es dem Engel möglich ist, in einem Augenblick mehrere Rollen sehr korrekt und gut leserlich voll anzuschreiben, das geht uns ganz und gar nichts an, und ich möchte darüber auch nicht einen vergeblichen Gedanken verlieren, weil ich im voraus schon zu überzeugt bin, daß da nie etwas herauskommen kann. Denn wir Sterbliche werden die Unsterblichkeit erst dann ganz fassen, wenn wir einmal vollends unsterblich sein werden, und also werden wir die Verrichtungen der Geister auch erst dann völlig begreifen, wenn wir einst selbst ganz reine Geister sein werden; in unserem Fleische aber werden wir das nie völlig imstande sein.
GEJ|3|18|12|0|Darum ist es besser, über solch eine Erscheinung gar nicht weiter nachzudenken! Gibt es doch Dinge und Erscheinungen in der Naturwelt, die kein Sterblicher je vollends begreifen wird. Und so er, der törichte Mensch, darüber nachzudenken anfinge, so müßte er in kurzer Zeit ein Narr werden! Den Geistern der Himmel wird das sicher sehr klar sein, und uns kann es mit der Zeit auch klarer werden als jetzt, wollten wir es aber nun gleich zu einer klaren Einsicht bringen, da müßten wir ja offenbar sinnenverwirrt werden! Darum sehe ich ein Wunderwerk recht gerne an; aber es ficht mich gar nicht an, weiter darüber nachzudenken. Und würde man davon auch im Ernste etwas verstehen, so könnte man es dennoch nicht nachmachen; und kann man das nicht, so nützt einem eine halbe Einsicht soviel wie nichts!“
GEJ|3|18|13|0|Sagt Cyrenius: „Du hast in einer gewissen materiellen Hinsicht wohl recht; aber ums Nachmachen liegt wenigstens mir nichts Besonderes daran, wohl aber, daß ich, da in mir doch auch ein unsterblicher Geist wohnt, auch die geistigen Dinge mit etwas mehr als mit den dickst verbundenen Augen eben in bezug auf meinen Geist beschauen möchte, und es juckt mich nun an allen Enden und Orten meines Seins, so ein wenig nur zu erfahren aus dem Munde eines Weisen unter uns, was es mit dieser engelischen Schnellschreiberei für eine Bewandtnis hat! Ich werde darum sehen, den Mund eines Weisen in die Bewegung zu setzen; denn unser Reden darüber ist nichts denn ein Dreschen leeren Strohes. Wir bringen da sicher nichts Gescheites heraus, während eines Weisen Mund uns darüber gleich stutzen machen wird.“
GEJ|3|18|14|0|Sagt Hebram, etwas launig: „Das sicher, aber unser Stutzen wird etwa am Ende hauptsächlich darauf hinausgehen, daß wir des Weisen Rede darüber ebensowenig fassen werden wie dieses Wunder für sich ohne eines beleuchtenden weisen Mundes Rede! Denn um die Weisheit zu fassen, muß man selbst ein mehr oder weniger Weiser sein. Mit dem puren noch so gesunden Verstande faßt man die Weisheit noch lange nicht in ihrer Tiefe; man bekommt wohl so ein bißchen von einem Dunste, aber viel Weiteres nicht. Das Hohelied Salomos, der ein Weiser war, ist sozusagen dem gesunden Menschenverstande noch am nächsten. Wenn man es liest, glaubt man es auch zu verstehen; fängt man aber nachher an, darüber ordentlich nachzudenken, so kommt man bald zu der leidigen Überzeugung, daß man im Grunde dennoch nichts verstanden hat! Ein Pröbchen davon soll meine Überzeugung rechtfertigen!“
GEJ|3|19|1|1|19. — Das Hohelied Salomos
GEJ|3|19|1|0|(Hebram:) „Im vierten Kapitel sagt Salomo: ‚Sieh, meine Freundin, du bist schön, siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen zwischen deinen Zöpfen. Dein Haar ist wie die Ziegenherden, die geschoren sind auf dem Berge Gilead. Deine Zähne sind wie die Herde mit beschnittener Wolle, die aus der Schwemme kommen, die allzumal Zwillinge tragen, und ist keine unter ihnen unfruchtbar. Deine Lippen sind wie eine rosinfarbene Schnur und deine Rede lieblich. Deine Wangen sind wie der Ritz am Granatapfel zwischen deinen Zöpfen. Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, daran tausend Schilde hangen mit allerlei Waffen der Starken. Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Rosen weiden, bis der Tag kühl werde und der Schatten weiche. Ich will zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel. Du bist allerdings schön, und kein Flecken ist an dir. Komm, meine Braut, vom Libanon, komm vom Libanon! Gehe herein, tritt von der Höhe Amana, von der Höhe Senir und Hermon, von den Wohnungen der Löwen, von den Bergen der Leoparden! Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer. Wie schön sind deine Brüste, meine Schwester, liebe Braut! Deine Brüste sind lieblicher denn Wein, und der Geruch deiner Salben übertrifft alle Würze. Deine Lippen, meine Braut, sind wie triefender Honigseim, Honig und Milch ist unter deiner Zunge, und deiner Kleider Geruch ist wie der Geruch Libanons. Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born. Dein Gewächs ist wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, Zypern mit Narden, Narden mit Safran, Kalmus und Zinnamen mit allerlei Bäumen des Weihrauchs, Myrrhen, Aloes mit allen besten Würzen; wie ein Gartenbrunnen, wie ein Born lebendiger Wasser, die vom Libanon fließen. Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, wehe durch meine Gärten, daß sie die Würze triefen!‘
GEJ|3|19|2|0|Siehe, hoher Cyrenius, also lautet ungefähr von Wort zu Wort das noch am leichtesten faßlich scheinende vierte Kapitel des Hohenliedes Salomos, der ein Weiser war; und ich gebe dir alle Schätze der Welt, wenn du mit deinem noch so gesunden Menschenverstande davon auch nur einen Satz zu enträtseln imstande bist!
GEJ|3|19|3|0|Wer ist die immer vorkommende Schwester, die liebe Braut, die, wenn sie so aussieht, wie sie Salomo löblichst beschreibt, ein Schreckensbild für alle Menschen wäre, gegen die eine heidnische Medusa noch eine Venus sein müßte?! Kurz, für den Verstand der Menschen ist das doch ein Unsinn alles Unsinns; was aber darin etwa für ein entsprechender Sinn liegt, das bringt kein Menschenverstand heraus, sondern nur wieder die Weisheit! Wer dann die Weisheit besitzt, der wird solches auch fassen, wer aber diese nicht besitzt, der lese so etwas ja nicht, und hat er es gelesen, so denke er darüber ja nicht weiter nach; denn je mehr er darüber nachdenkt, desto weniger wird er davon verstehen. Ich habe das ganze Hohelied Salomos sogar total auswendig gelernt, um es etwa dadurch meinem Verständnis näherzubringen, – aber umsonst; nach und nach habe ich es erst immer klarer eingesehen, daß ich ein Ochse am Berge war.
GEJ|3|19|4|0|Appelliere du daher lieber an den klaren Verstand unserer Genossen als an ihre sicher große Weisheit! Denn erklären sie dir die Schnellschreiberei unseres Engels aus ihrer Weisheit, so wirst du davon ebensoviel verstehen, als du von dem vierten Kapitel des Hohenliedes Salomos verstehst; erklärt dir aber das jemand aus dem gesunden Verstande heraus, vorausgesetzt, daß so etwas möglich ist, nun, so wirst du davon geradesoviel verstehen, als sich etwas rein Geistiges überhaupt materiell verstehen läßt. Meiner Meinung nach wird man damit etwa wohl auch keine gar besonders weiten Sprünge machen!“
GEJ|3|19|5|0|Sagt Cyrenius: „Das sehe ich schon, daß du durchaus kein dummer Mensch bist; denn es will viel gesagt haben, sich so einen salomonischen, – materiell genommen – dicksten Unsinn alles Unsinns also von Wort zu Wort zu merken. Denn das hätte etwa doch des zertragensten Unsinnes so viel, wie mir noch nie etwas Ähnliches zu meinen Ohren gekommen ist! Aber dessenungeachtet fängt mich nun dieser barste Unsinn an, mehr zu beunruhigen denn die frühere Schnellschreiberei des Engels. Was wollte dieser bekannte Krösus der Juden etwa doch damit sagen? War das im Ernste etwa eine Liebeserklärung an irgendeine schöne jüdische Maid, die nach seinen Vergleichen wahrlich ganz sonderbar muß ausgesehen haben? Oder wird darunter ganz etwas anderes verstanden? Was aber, – das ist eine andere Frage! Gibt es dazu einen Schlüssel? Wenn es einen gibt, so wird unser Herr und Meister sicher am ehesten darum wissen! Darum also gleich lieber zum Schmiede als zum Schmiedlein!“
GEJ|3|19|6|0|Sagt Hebram: „Der Meinung bin ich auch, und so tue das! Ich wäre darauf selbst wißbegieriger als auf mein künftiges Leben über dem Grabe.“
GEJ|3|19|7|0|Hierauf wendet sich Cyrenius an Mich und sagt: „Herr, hast Du vernommen das gewisse vierte Kapitel des Hohenliedes Salomos? Sage mir, liegt darin wohl etwas von einem gesunden Sinne, oder ist es das, was es scheint, nämlich ein dickster Unsinn?!“
GEJ|3|19|8|0|Sage Ich: „Mein Freund, darin liegt ein sehr guter, wenn schon ein sehr tiefer Sinn! Salomo schrieb ihn nieder, wie er ihm vom Geiste diktiert war; aber er für sich verstand ihn im Grunde auch nicht um vieles besser denn du nun. Denn das Wort der Weisheit war ihm wohl gegeben, aber nicht auch zugleich das volle Verständnis. Auch ihm kam vieles skythisch [Skythen, im Altertum die Bewohner der südrussischen Steppe.]  vor; denn was er schrieb, das war gesagt für diese Zeit in entsprechenden Bildern.
GEJ|3|19|9|0|Die Löse und der Schlüssel dazu aber ist Der, der nun mit dir spricht; das Wort aber, ein Wort der ewigen Liebe von Ewigkeit, also die reinste Liebe Gottes zu euch Menschen, ist die schöne Braut, die wahre Schwester des Menschen und seine liebe Freundin! Lies mit diesem Schlüssel das Hohelied, und du wirst es verstehen und darin finden den reinsten Sinn! Fassest, begreifest du nun etwas von der Salomonischen Weisheit?“
GEJ|3|19|10|0|Sagt Cyrenius, den Hebram ansehend: „Verspürst du, junger Salomonist, von wannen der Wind zu wehen beginnt? Das sind ganz andere Klänge, als welche im Tempel zu Jerusalem gesungen werden! Kurz, da ich nun den Schlüssel habe, wird daheim Salomo studiert werden von Wort zu Wort!“
GEJ|3|19|11|0|Sagt Hebram: „Der Schlüssel scheint wahr und vollkommen richtig zu sein; aber alles wird sich damit noch nicht aufmachen lassen! Wir sehen die Sterne auch, und es hat uns zuvor der Meister auch so manches Schlüsselartige in seinen Reden gelegenheitlich hingeworfen, – auch der Engel tat davon eine sehr bedeutende Erwähnung; was aber wissen wir nun Weiteres davon? Erkläre mir nun, was der schöne Morgenstern, der heute am Morgen so hell leuchtete, an und für sich wohl etwa ist! Und siehe, so wenig du imstande bist, mir den Morgenstern aus dem Schlüssel vom Engel genügend zu erklären, ebensowenig wirst du mit dem Schlüssel des geheimnisvollsten Meisters hinter die gesamte Weisheit Salomos kommen! Dort gibt es auch gar viele und gar manche Bilder, zu denen nur der Geist in sich den rechten Schlüssel trägt; daß aber der Schlüssel, den dir der Meister gab, im allgemeinen schon der rechte sein wird, daran zweifle ich von diesem Augenblicke an nicht im geringsten, und ich werde damit selbst mir einiges zu enträtseln versuchen.“
GEJ|3|19|12|0|Darauf fragt Cyrenius wieder Mich, sagend: „Herr, was soll ich von der Rede Hebrams halten?“
GEJ|3|19|13|0|Sage Ich: „Er spricht gut und wahr; und wenn so, da weißt du hernach schon, was davon zu halten ist. Aber nun lassen wir das; denn sieh, das Morgenmahl ist fertig! Unsere Glieder brauchen Stärkung, und somit wollen wir sie nun zuvor stärken und uns dann hinaus zu den Verbrechern begeben; denn nun werden sie bald reif sein zur Heilung!“ – Darauf wurde schon eine Menge Fische und Brot und Wein auf die Tische gebracht.
GEJ|3|20|1|1|20. — Über das Essen der Gäste beim Morgenmahle
GEJ|3|20|1|0|Als die jungen Pharisäer und Leviten die Tische so recht reich mit den bestbereiteten Fischen, mit Brot und Wein besetzt sehen, da sagt Hebram: „Nun, gar so armselig leben die Jünger des Meisters aus Nazareth mitnichten! Es ist nun gar kein Grund vorhanden, der uns noch ferner abhalten sollte, zuerst römische Soldaten und dann zugleich seine Jünger mit Leib und Seele zu sein! Wie oft haben wir im Tempel fasten müssen zur größeren Ehre Jehovas, und hier wird nicht gefastet, obschon heute als am Vorsabbat bei den Juden strenge Fasten geboten sind! Und dennoch wird Gott dadurch sicher keine Unehre angetan, ansonst der Mund nun auch unseres Herrn und Meisters aus seinem Gottesgeiste heraus solches nicht angeordnet hätte! Kurz, was nun er sagt und will, das werden wir auch allzeit tun, ob es uns süß oder sauer vorkomme! Denn derjenige Geist, der am Sabbat ebensogut seine Sonne aufgehen läßt wie an einem Werktage und mit seinen Winden keinen Feiertag hält, steht sicher höher als der dumme Geist unseres Tempels, der einmal zur rechten Heiligung des Sabbats drei Vor- und drei Nachfeiertage befohlen hatte. Da nun die Woche aber nur sieben Tage samt dem Sabbat zählt, so hatte sich dann eine Frage erhoben, wann denn bei solchen Umständen gearbeitet werden solle! Der blinde Gesetzgeber hatte seinen Unsinn eingesehen und nachher mit sich bedeutend handeln lassen! Friede seiner Asche!
GEJ|3|20|2|0|Kurz, aus unserem neuen Meister und Herrn sieht auf allen Seiten der rechte Geist Gottes heraus, und darum wollen und werden wir auch seine Jünger sein auf Tod und Leben und auf Mord und Brand; aber dem Tempel sei auf ewige Zeiten unser Rücken zugewendet! Amen. Also sei es, und also wird es geschehen! Gefastet haben wir schon oft genug und haben dadurch nichts erreicht; auf unseren Reisen aber ließen wir das dumme, übertriebene Fasten einen guten Mann sein, aßen und tranken auch an den Vorsabbaten und an den Neumondstagen, und wir haben auf diese neue, menschlich vernünftige Weise nun das Höchste erreicht, was je ein Mensch erreichen kann. Darum also heiter und vollauf guten Mutes! Wir haben den verheißenen Messias schon, und der Tempel wird Ihn bei der gegenwärtigen Verfassung etwa wohl noch hübsch lange nicht zu Gesichte bekommen; und bekommt er Ihn auch zu Gesichte, so wird er Ihn doch sicher nicht erkennen. Wir aber haben Ihn und erkennen Ihn; und darum frohlocken wir hoch und sagen: Hosianna nun Dem, den wir gefunden haben! Ihm allein alle unsere Achtung und Liebe!“
GEJ|3|20|3|0|Sagt Julius: „So ist es recht, da stimme auch ich bei und setze noch dazu: Heil und Segen allen Menschen, die eines guten Willens sind!“
GEJ|3|20|4|0|Sagt Cyrenius: „Jawohl, Heil aller Welt und Gnade von oben, und hoch gepriesen sei der Name unseres Heilandes, der da heißet Jesus! Vor diesem Namen sollen in der Zukunft alle Völker der Erde, alle Engel der Himmel und alle, alle Geister unter und über der Erde beugen ihre Knie!“
GEJ|3|20|5|0|Sagen der Engel, die Jarah, der Josoe, Ebahl und alle Jünger ein lautes „Amen!“.
GEJ|3|20|6|0|Nach diesem Amen aber sage Ich: „Und nun, Meine Freunde und Brüder, wollen wir essen und trinken; denn die Zeit zur Heilung der fünf Schweren rückt heran!“ – Darauf griffen alle wacker zu den Fischen, zum Brote und am Ende zum Weine.
GEJ|3|20|7|0|Und so wurde das Morgenmahl in kurzer Zeit eingenommen, und das sichtlich mit dem größten Appetit von der Welt; denn die Fische waren so geschmackvoll zubereitet, daß der gute Geschmack einen mehr als gewöhnlich zum Essen reizte. Auch Meine Jarah griff wacker zu und ihr Raphael nicht minder, was mehreren der jungen Leviten und Pharisäer so sehr auffiel, daß sie sich untereinander zu fragen anfingen, wie der Engel, der doch ein reinster Geist sein müsse, da die Fische und das Brot und den Wein mit einer Art Heißhunger verzehre und auch seine liebliche Jüngerin förmlich zum Essen anhalte, die sich auch gar nicht geniere, ihrem himmlischen Meister ganz gehörig die Stange zu halten.
GEJ|3|20|8|0|Hebram aber sagt zu seinen Genossen: „Wie kann euch so etwas doch wundern? Der gute Engel, der ehedem mit einer so enormen Leichtigkeit mit dem bei dreißig Pfund schweren Steine fertig geworden ist, und das zwischen seinen zartesten Fingern, der wird wohl auch mit den weichen Fischen, mit dem Brote und Weine um so leichter fertig werden! Daß aber seine liebe Jüngerin ihm im Recht-viel-Essen auch so ziemlich nahekommt, das liegt in ihrem starken Wachstume; denn das Mädchen scheint dem Aussehen nach noch keine fünfzehn Frühlinge zu haben und ist dabei aber schon so stark wie sonst eine Maid von zwanzig Sommern, und das kommt vom guten Genährtsein her. Des Cyrenius (Pflege-)Sohn, der zwischen der Vielesserin und dem noch mehr essenden Engel sitzt, hat zwar auch viel Eßlust; aber das Mädchen und der Engel beschämen ihn gewaltig! Aber für das Mädchen ist es ein Schade, daß es eine so starke Esserin ist! Sie ist sonst sehr schön von Gestalt und spricht mit sehr viel Begeisterung; aber das Vielessen benimmt ihr sehr vieles von ihren Reizen. – Auch unser Meister ißt und trinkt mit einer sehr bedeutenden Fertigkeit. Dies ist aber übrigens keine ungewöhnliche Erscheinung bei großen Geistern; alle, die ich noch habe kennengelernt, waren stets mehr als weniger starke Esser und auch Trinker! Übrigens ist das gerade nicht zu viel, wie es hier gegessen und getrunken wird, bis auf den Engel, der wahrlich schon so viel unter sein Dach gebracht hat wie wir alle zusammengenommen! Merkwürdig ist dabei, daß ein reinster Geist auch so die materiellen Speisen verschlingt wie unsereins sie verschlingt! Möchte eigentlich denn doch wissen, ob er darauf das Genossene auch auf eine natürliche Weise durch den sogenannten Stuhlgang von sich schafft, oder nimmt er all das Genossene in seine Wesenheit auf?“
GEJ|3|20|9|0|Sagt der in des Hebrams Nähe sitzende Julius, dem diese Unterredungen nicht entgangen sind: „Aber was ihr nun wieder für tolles Zeug unter euch zusammenschwätzet, weil ihr die Natur der Dinge nicht kennet! Sehet, der Raphael ist ein Geist, den ihr in seinem Urzustande unmöglich sehen und sprechen könntet; auf daß er aber nach der außerordentlichen Zulassung des Herrn unter uns Menschen sich als ein Mitmensch manifestieren (zeigen) kann, muß er sein rein geistiges Wesen mit einer Art leichten materiellen Hülle umgeben und braucht dazu als einer der mächtigsten Erzgeister stets viel der leichteren Materie, die er sofort in sein Wesen verkehrt, um unter uns sichtbar bestehen zu können. Von einer Absonderung der genossenen Speise in seinen allfälligen Eingeweiden ist keine Rede, da er alles das Genossene lediglich nur in sein Wesen verkehrt, und das schon in seinem Munde. Und seht, so verhält sich die Sache! Darum redet nicht solch dummes Zeug unter euch!
GEJ|3|20|10|0|Daß aber die lieblichste Jarah, eine gar weise Tochter des Gastwirtes Ebahl in Genezareth, der gerade knapp oberhalb des Engels sitzt, heute morgen etwas mehr ißt als sonst irgendwann, rührt daher, weil ihr solches der Herr sicher ganz geheim angeraten hat wegen der Heilung der fünf Hauptverbrecher, die sicher sehr denkwürdig werden wird, weil Er, der doch schon Tote erweckt hat, Sich darauf ganz ordentlich, was Er meines Wissens sonst noch nie getan, Selbst vorbereitet und uns schon gestern darauf aufmerksam gemacht hat, daß das eine schwere Heilung werden wird und muß des Gelingens wegen ganz tüchtig und zweckmäßig vorbereitet werden! Aus dem Grunde höchst wahrscheinlich ißt auch Er heute morgen mehr als sonst irgendwann an einem Tage. – Seid ihr nun wieder im klaren?“
GEJ|3|20|11|0|Sagt Hebram: „Gottlob, ja, lieber hoher Freund und Gönner! Nur Licht in und über eine Erscheinung, und das Wunderbare an ihr wird am Ende zu etwas ganz Natürlichem! Darum, so wir uns künftighin noch über eine wunderbare Begebenheit etwa abermals zu sehr verwundern sollten, so werde solch eine Verwunderung unserer leidigen Dummheit zugute geschrieben! Denn nur die Dummheit kann sich verwundern über etwas, das sie unmöglich versteht; der wahren Weisheit aber kann irgendeine Verwunderung gar nicht einmal in einem Traume einfallen, weil ihr der ganze Hergang der Sache vollauf bekannt ist. Wir dreißig aber sind noch stark in aller Dummheit, und es dürfte darum noch viel zum Verwundern geben an der Seite unseres großen Meisters, Heilandes und mit allem Rechte unseres verheißenen Messias! – Aber nun macht Er Miene zum Aufstehen und Gehen, und wir werden darum uns auch dazu anzuschicken anfangen!“
GEJ|3|20|12|0|Sage Ich: „Ja, nun ist es an der Zeit hinauszugehen; darum erheben wir uns und begeben uns alle hinaus an das Gestade, allwo die fünf für uns aufbehalten sind!“
GEJ|3|20|13|0|Als Ich dieses ausspreche, so erhebt sich alles von den lange belegten Sitzen und eilt mit Mir hinaus ans Gestade.
GEJ|3|21|1|1|21. — Die Heilung der fünf besessenen Raubmörder
GEJ|3|21|1|0|Als wir bei den fünf ankommen, so erheben diese ein gräßliches Geschrei und Gebrülle und fangen an, alles zu verfluchen, das sich ihnen naht.
GEJ|3|21|2|0|Ich aber lasse endlich die Soldaten, den Julius und den Cyrenius etwas mehr zurücktreten und sage zu den einigen Soldaten: „Bindet sie nun los; denn in solchem Zustande läßt sich mit ihnen nichts anfangen!“
GEJ|3|21|3|0|Die Soldaten aber bemerken, daß das hier nicht geheuer sein dürfte, da die fünf zu stark und zu wütend wären; es wäre Ärgeres mit ihrer Freilassung zu befürchten, als so man irgend zwanzig Tiger unter die Menschen freiließe!
GEJ|3|21|4|0|Sage Ich nun gebietend: „Ich gebiete es euch, das schnell zu tun, was Ich euch anbefehle; durch die Nichterfüllung Meines Verlangens könntet ihr ehestens in ein großes Unglück gestürzt werden!“
GEJ|3|21|5|0|Nach solcher Meiner Androhung tun die Soldaten endlich doch, aber mit großer Vorsicht, was Ich ihnen geboten habe für den Augenblick.
GEJ|3|21|6|0|Als die fünf nun frei sind, stürzen sie vor Mich hin, fallen auf ihre Angesichter und rufen: „O Du allmächtiger Sohn Davids, da Du uns schon so weit errettet hast, o so errette uns ganz vom ewigen Verderben! Des Leibes Tod fürchten wir nicht, aber wohl das ewige Verderben! Denn in dieser Nacht hatten wir bei aller unserer schrecklichen Leibesqual auch noch die Gesichte der Qual der verdammten Geister in der Hölle! Und wir bitten Dich darum, daß Du für unsere Verbrechen uns mit allen denkbaren Übeln quälest hundert Jahre lang auf dieser Erde in unsern argen Leibern, – nur verschone uns mit den zu erschrecklichen ewigen Qualen und Peinen der Hölle, die zu unbeschreiblich erschrecklich sind!“
GEJ|3|21|7|0|Das war die Sprache der wirklichen Seelen dieser fünf im Ruhemomente ihrer ihre Leiber besitzenden Teufel, die ihnen auch ihre Hölle also in ihrer gräßlichsten Nacktheit zeigen mußten; aber gleich darauf tun sich die Argen in den Leibern der fünf hervor und reden wie tausendstimmig aus dem Munde der fünf: „Was willst du elender Mückenbändiger hier? Willst du dich etwa gar in einen Kampf mit uns allmächtigen Göttern einlassen? Versuche es nur, und du sollst wohl zum letzten Male gekämpft haben! Tritt zurück, du Elender, sonst zerreißen wir dich in die kleinsten Staubteile und geben dich dann allen Winden preis!“
GEJ|3|21|8|0|Sage darauf Ich: „Mit welchem Rechte plaget ihr diese fünf Menschen schon seit etlichen Jahren? Wer gab euch dazu eine Befugnis? Wisset, daß nun eure letzte Stunde verronnen ist! Der Mückenbändiger aber gebietet euch nun, im Augenblick diese fünf Menschen für immer zu verlassen und euch sofort zu begeben in die allertiefste eurer Höllen!“
GEJ|3|21|9|0|Die Teufel aber brüllen und sagen unter gräßlichstem Geheule: „Wenn deine Macht uns zwingen kann, so laß uns lieber fahren unter die weißen Ameisen in Afrika; denn es ist besser, unter ihnen zu sein denn in unserer Hölle!“
GEJ|3|21|10|0|„Nein“, sage Ich, „für euch und euresgleichen habe Ich kein Erbarmen in Meinem Herzen, weil ihr keines gehabt habt mit jenen, die ihr trotz ihrer heißesten Bitten auf das martervollste ums Leben gebracht habt; deshalb nun ohne alle Gnade und Erbarmen hinaus mit euch!“
GEJ|3|21|11|0|Auf dies Mein mächtiges Gebot fahren die bösen Geister hinaus und reißen die fünf furchtbar zur Erde.
GEJ|3|21|12|0|Ich aber sage: „Weichet, ihr Elenden! Hinab zur Hölle mit euch, und euch geschehe dort der vergeltende Riß!“
GEJ|3|21|13|0|Die Geister aber verweilen noch und bitten um Gnade und Erbarmen; denn es läge in ihnen, daß sie so böse wären.
GEJ|3|21|14|0|Ich sage: „Aber es liegt auch in euch, gut zu sein, denn ihr habt Erkenntnis des Guten und des Bösen; aber euer hochmütiger Wille ist böse und unbändig, und es kann euch darum keine Gnade und keine Erbarmung zuteil werden! Ihr selbst wollt leiden und wollet gepeinigt sein, darum leidet und werdet gepeinigt nach eurem Willen ewig! Denn Meine Ordnung währet ewig und ist unabänderlich, was ihr wohl wißt. Ihr wißt aber auch, was ihr zu tun habt, um euch die ewige Ordnung zunutze zu machen; weil ihr sie aber zu eurem Schaden verkehrt, also genießet auch den Schaden, und somit fort mit euch von Meinem Angesichte!“
GEJ|3|21|15|0|Hier geschieht ein mächtiger Knall, Rauch und Feuer fährt aus der Erde, und eine schnell entstandene Kluft verschlingt das elende Gewürm. Denn die ausgetriebenen Geister zeigten sich den Anwesenden als kohlschwarze Schlangen, die nun sämtlich von der flammenden Kluft der Erde verschlungen wurden, worüber sich alle Anwesenden derart entsetzten, daß sie zu fiebern anfingen.
GEJ|3|21|16|0|Ich aber wandte Mich nun an den Markus, der schon mit Brot, Wein und Salz in Bereitschaft stand, und sagte zu ihm: „Reiche nun den fünfen schnell etwas Wein, dann etwas Brot mit Salz!“
GEJ|3|21|17|0|Nun hoben die Söhne des Markus die fünf auf der Erde Liegenden auf und gossen ihnen etwas Wein in den offenstehenden Mund. Darauf kamen sie schnell zur Besinnung und wußten nicht, was da mit ihnen vorgegangen sei.
GEJ|3|21|18|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Nehmet nun etwas Brot mit Salz und dann abermals etwas Wein, und ihr werdet dadurch zur Kraft und zur vollen Besinnung wieder gelangen!“
GEJ|3|21|19|0|Darauf nehmen sie Brot und Salz und, wie befohlen, nach einer kurzen Weile abermals etwas Wein, und sie erheben sich darauf in wenigen Augenblicken völlig, nur sehen sie natürlich noch sehr schlecht, bleich und mager aus.
GEJ|3|21|20|0|Und Cyrenius fragt Mich ganz schüchtern, was nun mit den fünfen wird weiter zu unternehmen sein, ob sie ganz freigelassen, oder ob sie in irgendeinem öffentlichen Pflegehause untergebracht werden sollen.
GEJ|3|21|21|0|Sage Ich: „Laß diese Sorge für heute; morgen aber wird sich dann schon zeigen, was mit ihnen für die Zukunft zu tun sein wird! Wenn sie heute bei uns ordentlich gepflegt sein werden, so werden sie auch ehest besser aussehen. Aber nun müssen wir sie hier eine kurze Zeit ruhen lassen, und du Markus laß noch etwas Öl herbeibringen! Die fest gebundenen Ketten und Stricke haben ihre Haut mit Wunden und Beulen bedeckt, diese sollen mit Öl und Wein eingerieben werden, auf daß sie heilen in Kürze!“
GEJ|3|21|22|0|Markus schafft nun auch sogleich Öl herbei, und seine Söhne reiben ihnen solche Salbe ein, was den fünfen sehr wohl bekommt; denn sie gestehen auf diese Behandlung, daß sie ihnen sehr gut zustatten käme, und es versucht darauf einer um den andern, sich auf die Füße zu machen, was im Anfange mit noch mancher Anstrengung verbunden ist, aber sich nach und nach immer besser macht.
GEJ|3|21|23|0|Als sich die fünf Geretteten nach einer kleinen Stunde schon so ziemlich besser befinden, fangen sie erst an zu fragen, wo sie seien, und was da mit ihnen vorgegangen sei.
GEJ|3|21|24|0|Und der Markus, der sich nun mit seinen Söhnen natürlich in der fünf Gesundgemachten nächster Nähe befindet, sagt zu ihnen: „Ihr waret sehr krank und seid als solche gestern nachmittag hierhergebracht worden; hier aber befindet sich soeben der berühmte Heiland aus Nazareth, der allen Menschen, mit was für Krankheiten sie auch behaftet sind, die sicherste Hilfe bringt und gibt, und dieser Heiland hat euch auch nun hier geholfen. Ihr werdet Ihn später schon noch näher kennenlernen.“
GEJ|3|22|1|1|22. — Verzweiflungsreden der Besessenen
GEJ|3|22|1|0|Sagt einer aus den fünfen: „Ja, ja, mir fängt nun an, ein Licht aufzugehen! Es kommt mir vor, als hätte ich einen bösen Traum gehabt, und aus diesem Traume kommt mir etwas in meine Erinnerung, als wäre ich einst von einer Räuberbande gefangen worden und noch vier mit mir. Wir wurden in eine finstere Höhle gebracht und alldort den Teufeln übergeben. Diese bearbeiteten uns zuerst äußerlich, um aus uns auch Raubmörder, ihnen gleich, zu machen. Da wir uns aber dagegen sehr sträubten, so bemächtigten sich die Teufel unserer Leiber. Da verloren wir die eigene Besinnung fast ganz, und ein teuflisches Sehnen und Drängen bemächtigte sich unserer Herzen, und wir waren für uns selbst so gut wie vollkommen verloren. Was wir dann in solch einem schrecklichen Zustande alles etwa gemacht und getan haben mochten, ist uns völlig fremd; aber nur dessen kann wenigstens ich mich in etwas erinnern, daß wir erst vor kurzem von römischen Kriegern gefangen worden sind. Was sich aber wieder nachher mit uns alles mag zugetragen haben, ist wenigstens mir völlig fremd, und ich weiß es durchaus nicht, wie wir hierhergekommen sind und warum so ganz eigentlich noch dazu! Wir müssen stark mißhandelt worden sein, da wir noch so voll Wunden und Beulen sind, die uns aber nach meinem Gefühle wenigstens gerade nicht mehr schmerzen. Ach Gott, uns muß es wohl sehr schlecht gegangen sein!?“
GEJ|3|22|2|0|Sagt ein zweiter: „Weißt du, was wir ursprünglich so ganz eigentlich waren? Siehe, wir gehörten eigentlich dem Tempel an und wurden als Apostel zu den Samariten gesandt, um diese wieder für Jerusalem zu bekehren. Wir aber wurden bei den Samariten eines Bessern belehrt und kehrten dann zurück und wollten in Judäa Proselyten für Gorazim machen; da erst wurden wir auf der Grenze von den gewissen Teufeln gefangengenommen, die uns dann verhext haben, so daß wir dann nicht mehr wußten, was und wer wir waren, und was so ganz eigentlich aus uns geworden ist. Aber wie wir so mir und dir nichts hierhergekommen sind, davon weiß ich keine Silbe! Ja, ja, was da aus uns geworden ist, haben wir alles dem Tempel zu verdanken! Der versteht es, die Menschen so unglücklich als möglich zu machen; aber man weiß kein Beispiel, daß der Tempel unseres Wissens jemanden glücklich gemacht hätte! Die Obersten allein und die hohen Pharisäer und die Ältesten der Schriftgelehrten sind die Glücklichen im Tempel, alle andern aber armseligste Knechte und hungrige Handlanger des Tempels!“
GEJ|3|22|3|0|Sagt ein dritter: „Ja, jetzt kann auch ich mich erinnern, wie wir im Tempel mit Fasten und allerlei andern Bußwerken geplagt worden sind! O Gott, unsern Eltern haben wir wohl all unser Unglück zu verdanken! Es steht im Gesetze Mosis: ,Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest und es dir wohl gehe auf Erden!‘ Wir hatten doch unsere Eltern allzeit geehrt durch die genaue Befolgung alles dessen, was sie von uns verlangten; wir wurden nach ihrem Willen Templer, obschon wir der Geburt nach nie dem Stamme Levi angehört haben. Aber das hat nichts gemacht, denn ums Geld kann man nun ja alles werden, was man nur will; aber viel Geld gehört dazu! Durch das aber, daß wir Templer geworden sind, sind wir auch von Tag zu Tag unglücklicher geworden durch allerlei Exerzitien und Proben, bis wir als Apostel nach Samaria beordert und allda alle von bösen Zauberern verhext worden sind! Was mit uns aber von da angefangen bis nun vor sich gegangen ist, und was wir getan und gemacht haben, wie wir hierher in diese ganz fremde Gegend über dieses Meer gekommen sind, und wer uns so übel zugerichtet hat, davon weiß wenigstens ich für mich nicht eine Silbe. Nur ganz dunkel kann ich mich erinnern, daß wir von den bösen Zauberern, als wir keine Raubmörder werden wollten, einer gar argen und finstern Gesellschaft übergeben worden sind, durch deren Behandlung wir in kurzer Zeit alle unsere Besinnung verloren und bis zur Stunde nicht wieder erhielten! Aber nun ist, gottlob, diese wieder zurückgekehrt! Wir wissen nun wieder, daß und wer wir sind! Aber was nun mit uns? Sollen wir wieder in den Tempel zurück, oder sollen wir etwas anderes anfangen? Mir wäre das Sterben nun am liebsten; denn diese böse Welt hat für mich alles verloren, was mir auf ihrem Boden das weitere Leben irgend wert machen könnte! Wer kann dafür stehen, daß wir leicht wieder irgend einmal in die Hände von solchen Teufeln geraten wie jüngst?! Wer wird uns dann erretten aus ihren Klauen?“
GEJ|3|22|4|0|Sagen der vierte und der fünfte: „Da sind wir mit dir ganz einverstanden! Nur einen guten, schnellen Tod, und dann ewig kein Leben mehr! O wie gut ist das Nichtsein gegen ein Sein, wie wir es genossen haben! Kurz, nur aufhören zu sein! Aber wohl ganz aufhören! Denn unsere Erfahrung hat uns das Dasein auf ewig unerträglich gemacht! Warum müssen wir denn überhaupt sein? Haben wir in unserem vorgeburtlichen Nichtsein ja doch nie einen Wunsch zum Sein äußern können! Oder kann irgendein weiser Schöpfer je eine Lust daran haben, gar so entsetzlich unglückliche Wesen unter seiner sicher allerseligsten Allmacht umherwandeln zu sehen? Aber was können wir ohnmächtige Würmer?
GEJ|3|22|5|0|Jedes Tier ist besser daran als der Mensch, der sich hochdünkende Herr der Schöpfung! Wohl könnet ihr Römer mit euren scharfen Schwertern bekämpfen des Löwen Grimm, und Tiger, Leoparden und Hyänen müssen fliehen vor dem lauten Geklirre eurer Schilde und Lanzen; aber wenn ihr irgend von argen Dämonen überfallen werdet, was habt ihr diesen unsichtbaren Feinden für Waffen entgegenzustellen? Ihr wisset wohl davon vielleicht wenig zu erzählen, obschon ein delphischer Spruch oft mehr Gewalt hatte, denn ein ganzes Kriegsheer! Aber wir haben solch eine geheime Kraft und Macht genossen und hatten keine Waffen ihr entgegenzustellen! Wir hätten Teufel werden sollen, und da wir solches nicht wollten, nahmen uns die argen Dämonen alle unsere Besinnung, erhielten dem Leibe wohl ein Maschinenleben und benutzten diese Maschine dann Gott weiß zu was! Daß sie sicher zu nichts Gutem benutzt worden ist, dafür zeugt das elendste Aussehen unserer Haut! Darum nur den Tod her; aber den vollkommenen Tod! Kein wie immer geartetes Leben nach dem Grabe mehr!“
GEJ|3|22|6|0|Sagt wieder der erste: „Ja, wenn das möglich wäre, so würde uns derjenige, der uns mit aller Bestimmtheit einen solchen Tod geben könnte und würde, wohl die unendlich größte Wohltat erweisen! Denn was sollen wir uns auf dieser elendsten Welt noch mehr martern lassen! Teufel zu noch größerer Plage der Menschen wollen wir durchaus nicht sein! Wer aber das nun nicht sein will auf die eine oder die andere Art, der hat stets das verfluchtest elende Sein auf dieser wahren Dreckwelt! Nichts ist darum auf dieser Welt zu machen! Man verberge sich vor den Menschen, die nun zumeist pure Knechte des Satans sind! Was nutzt einem aber das?! Die Teufel finden den Versteckten bald, und diesen kann er sich nicht widersetzen. Folgt er ihrem Begehren, so ist er ohnehin des Teufels; folgt er den Teufeln aber nicht selbstwillig, so tun sie ihm der Gewalttätigkeiten fürchterlichste an, und er ist darauf noch mehr des Teufels!
GEJ|3|22|7|0|Geht und fahrt uns ab mit solch einer verfluchten Welt und mit solch einem verfluchten elendesten Dasein! Das ist ja selbst für die ärgsten Teufel zu schlecht, geschweige für eine harmlose, unschuldige Menschenseele! Ein Gott über allen Sternen kann wohl lachen; aber der arme, ohnmächtig geschaffene Mensch muß leiden, weinen, fluchen und verzweifeln! Wo ist denn der Heiland, der uns dieses elende Bewußtsein, daß wir freie Menschen sind, wieder gab? Wahrlich, auf unsern Dank dafür soll er nie sich eine Rechnung machen; denn er hat uns dadurch nur einem neuen Elende preisgegeben! Und für solch eine Wohltat werden wir ihm ewig nie dankbar sein, vorausgesetzt, daß wir solch ein verfluchtes Leben ewig genießen sollen! Kann er uns aber mit Bestimmtheit den ewigen, vollkommenen Tod geben, so wollen wir ihm zum voraus im höchst möglichen Grade dankbar sein!
GEJ|3|22|8|0|Wer seid ihr, glänzende Römer, wohl? Euch dürfte es auf dieser Welt wohl besser gehen denn uns! Ihr seht sehr gut aus! Ja, ja, wer so recht dem Satan im Glanze und aller andern Pracht zu dienen versteht, dem geht es gut auf der Welt! Wer nicht von Teufeln geplagt sein will, der werde selbst ein Teufel, und er hat dann Ruhe vor den Teufeln! Gottes Diener sein, oh, absurdeste aller Lächerlichkeiten! Gottes Hilfe soll man begehren und Gott lieben aus allen seinen Kräften! O schöne Worte, und doch kein Funke Wahrheit darin! Wir waren ja Gottes Diener mit Leib und Seele und schrieen schon gleich den Vögeln von Kindheit an: ‚Herr Gott Zebaoth, hilf uns und allen Menschen, die eines guten Willens sind!‘ Und seht uns an, wie uns der liebe Herr Gott Zebaoth geholfen hat! Ihr habt zwar auch eine Macht, und zwar die der Teufel, in euren Händen, und könnt nun mit uns machen, was ihr wollt; aber soviel bitten wir euch, gehet doch ein wenig menschlicher mit uns um als die vorigen Teufel, die uns in einem fort geplagt haben! Wollt auch ihr uns abermals zu Teufeln machen, da machet nur gleich lieber ganze statt halbe Teufel aus uns! Wir werden dann sehen, ob wir als ganze Teufel besser bestehen werden denn als gezwungene halbe!“
GEJ|3|23|1|1|23. — Der eigentümliche Seelenzustand der geheilten Besessenen
GEJ|3|23|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, das ist eine Sprache, wie ich eine ähnliche noch nie gehört habe! Sie ist böse und leider doch in vielen Stücken wahr. Was wird mit diesen Menschen nun wohl zu machen sein? Wahrlich, es macht alles große Augen; sogar die Jarah scheint nun nicht mehr so recht zu wissen, was sie davon so ganz eigentlich machen solle, und den Engel habe ich ein paar Male weinen sehen! Das kommt mir wahrlich nun höchst sonderbar vor! Sage darum, was ich nun mit ihnen anfangen soll!“
GEJ|3|23|2|0|Sage Ich: „Sieh, Ich habe es dir ja zuvor gesagt, daß sie uns ein böses Wetter machen werden. Aber das macht nun nichts, es ist noch etwas von den ausgetriebenen argen Dämonen in ihren Herzen wie eine Abenddämmerung zurückgeblieben, und sie müssen sich alles dessen ganz entäußern; dann erst kann ihnen völlig geholfen werden, aber eher um keinen Augenblick. Auch müssen wir sie hier noch eine Zeit ruhen lassen, und es wird mit der Weile der heitere Tag ihre Seelen ein wenig harmonisch stimmen. Du wirst noch manches vernehmen, und es schadet das im Grunde weder dir noch jemand anderm. Denn ihre Seelen sind keine gemeinen Seelen und gehören den besseren Welten an; darum müssen wir ihnen auch viel Geduld erweisen! Wenn sie so mehr zu sich kommen werden; dann erst freue dich auf ein ordentliches Wetter! Aber gebt ihnen nun mehr Brot und Wein; denn nun erst werden sie ordentlich hungrig und durstig!“
GEJ|3|23|3|0|Markus reicht ihnen mit aller Freundlichkeit Brot und Wein und sagt: „Trinket, Brüder, und esset dies gute Brot nach Herzenslust! Denn von nun an soll es euch nimmer schlecht ergehen auf dieser Erde, obgleich sie wahrlich kein Paradies ist!“
GEJ|3|23|4|0|Sagen die fünf: „Du scheinst ein guter Teufel zu sein; denn sonst würdest du uns, die wir vom Grunde aus dennoch nicht deiner Natur sind, sicher nicht so einen ausgezeichnet besten Wein und ein überaus wohlschmeckendes Brot in solcher Menge verabfolgen! Ersetzen können wir dir es nicht, aber Undank sollst du dafür auch nicht haben! Siehe, du guter Teufel, mit dir, scheint es uns, läßt sich ein gutes Wörtlein reden! Wenn auf dieser Erde lauter Menschen hauseten, da wäre auf diesem Boden zu leben gar so übel nicht; aber es kommen immer auf fünf Menschen tausend Teufel, und da muß mit der Zeit doch alles rein des Teufels werden! Die wenigen Menschen werden von den Teufeln zu sehr und zu mächtig beherrscht und können darum nie einen freien Atemzug machen!
GEJ|3|23|5|0|Siehe, alle Herrschaft geht bis jetzt vom Teufel der Teufel aus, und seine Wohnung ist vergossenes Menschenblut, gemengt mit dem Blute von armen und guten Teufeln, wie du einer bist, – und das heißt hier Gottes Herrschaft?! Jawohl, auch eine Gottesherrschaft; aber nicht die seiner Liebe, sondern seines Zornes! Warum aber ein Gott zornig ist, – das weiß kein Geschöpf! Manche Tiere sind die einzig glücklichen Geschöpfe dieser Erde, aber der eigentlich seltene Mensch ist das Lasttier alles Übels auf dieser Dreckwelt! Er kann nicht schnell genug laufen, um vor allen Übeln gleich einer Gazelle die Flucht ergreifen zu können! Seine Hände sind gebrechlich wie Wachs, er ist nackt und hat von Natur aus nicht einmal so viel Waffen, als eine Biene oder Ameise, um sich da mit ihnen gegen einen Feind zur Wehr zu stellen. Wenn du eine Herde Tiger siehst, so ist darunter alles vollkommen Tiger, und siehst du eine Herde Löwen, so ist darunter alles Löwe, also von ganz gleicher Natur, und diese Bestien leben ganz gut untereinander; aber siehst du eine Herde Menschen, so ist da nicht alles Mensch, was dem Menschen ähnlich sieht, sondern zum größten Teile Teufel! Und darum ist stets Zank, Hader und Krieg unter ihnen! In den Teufeln liegt alles Arge, und in den Menschen nur die Anlage zum Guten, die sehr verdorben werden kann unter so vielen Teufeln, und aus dem Menschen wird dann zum wenigsten ein Halbteufel, oder er muß ertragen, was wir ertragen haben! Aber es gibt verschiedene Teufel unter den Teufeln dieser schändlichen Welt, große und kleine; aber alle sind daran leicht zu erkennen, daß sie gleichfort ohne Arbeit und Anstrengung ihrer Kräfte so gut und bequem wie möglich leben wollen. Sie wollen auch allenthalben die ersten und sehr geehrt und angesehen sein; sie wissen sich überall in den Besitz der Erdengüter zu setzen, kleiden sich so prächtig und verfolgen den bis auf den Tod, der sie nicht allzeit demütigst grüßte!
GEJ|3|23|6|0|Kurz, sage du, guter Teufel, was du willst, nur deinesgleichen führt die Herrschaft über die Welt, und die wenigen Menschen stecken in der tiefsten Sklaverei und können sich nimmer helfen; und das sollen nach der Schrift die eigentlichen ‚Kinder Gottes‘ sein?! Wahrlich, wenn ein Gott so für seine Kinder sorgt, wie er zum Beispiel für uns fünf Menschen gesorgt hat, und das Los der armen Gotteskinder nur gleichfort darin bestehen soll, den Teufeln in der tiefsten Niedrigkeit zu dienen, dann bedanken wir uns für solch eine Kindschaft Gottes!“
GEJ|3|23|7|0|Sagt Markus, dem der Titel ‚guter Teufel‘ denn doch nicht so recht munden will: „Es ist wohl wahr, daß die Gotteskinder auf dieser Welt oft viel auszustehen haben; aber was erwartet sie dereinst über dem Grabe? Welch eine unberechenbare Fülle von stets wachsenden und sich in einem fort mehrenden Seligkeiten! Wenn ein Gotteskind das recht bedenkt, so kann es sich denn ja durch dies kurze Leben eine kleine Probedemütigung gefallen lassen.“
GEJ|3|23|8|0|Sagt wieder der Sprecher aus den fünfen: „Wer gibt dir denn dafür eine Bürgschaft? Meinst du, etwa die Schrift? Geh und fahre ab mit dieser Bürgschaft! Sieh an und sage, wer die sind, die den Menschen die schöne Schrift verkünden und sich als Gottesdiener allerhöchst ehren lassen! Siehe, das eben sind erst die allerärgsten Teufel!
GEJ|3|23|9|0|Es solle Gott selbst herabkommen in Menschengestalt und ihnen vorhalten alle ihre namenlosen Schändlichkeiten und soll sie ermahnen zur Buße. Wahrlich, so er sich nicht mit seiner ganzen Allmacht ihnen entgegenstellt, da ergeht es ihm noch viel ärger, als es zu Sodom den zwei Engeln ergangen ist, die dem Lot die Aufforderung brachten, sich mit seiner Familie aus diesen Orten weithin zu entfernen, weil sie gerichtet werden!
GEJ|3|23|10|0|Wenn aber die Ausspender der Verheißungen Gottes nur gar zu leicht erkenntlich die allerärgsten Teufel sind und das unbestreitbar, sage uns dann, du guter, alter, aber etwas blinder Teufel, was ein Mensch oder respektive ein sein sollendes Gotteskind von solchen Verheißungen am Ende zu erwarten hat! Ich sage es dir, kraft unserer vielseitigen Erfahrungen, die wir schon traurig genug haben durchmachen müssen: nichts, gar nichts!
GEJ|3|23|11|0|Es gibt entweder keinen Gott, und alles, was da ist, ist ein Werk der rohen, blinden Naturkraft, die Ewigkeiten hindurch alles das, was da ist, hervorgebracht hat, oder es gibt irgendein allerhöchstes Gottwesen, das da wohl ordnet die große Erde, die Sonne, den Mond und die Sterne, aber in sich zu groß und zu erhaben ist, sich mit uns Schimmel- und Moderläusen dieser Erde abzugeben. Die ganze Schrift rührt also nur von Menschen her, und ist eigentlich auch mehr Schlechtes als Gutes darin. Und was darin noch Gutes ist, das beobachtet kein Teufel und kein Mensch; das Schlechte nur wird daraus von den Teufeln auf den breiten Nacken der Menschen geschoben!
GEJ|3|23|12|0|‚Du sollst nicht töten!‘ habe Gott zu Moses gesagt; aber dem David gebot derselbe Gott, wider die Philister und Ammoniter zu ziehen und sie alle zu vertilgen samt Maus, Weib und Kind! Schönes Leben das, und eine Konsequenz sondergleichen! Hatte ein allmächtiger Gott denn nicht Mittel genug, die ihm verhaßten Völker von dem Erdboden zu vertilgen? Warum mußte denn wider das dem Moses für alle Menschen gegebene Gebot ein Mensch mit vielen Tausenden seiner Kriegsknechte aufgeboten werden, hinzuziehen und nicht nur einen, sondern viele Hunderttausende bloß darum zu töten, weil sie nach der Aussage eines Sehers Gott nicht anständig wären; was es da für eine Bewandtnis hat mit solchen Sehern und mit solchen Königen, die Gott berief, ganze Völkerschaften von der Erde rein zu vertilgen, das wird wohl er am besten wissen und bei sich geheim etwa wohl auch die Seher und die Könige!
GEJ|3|23|13|0|Ich bin freilich der Meinung, daß ein Gott der Liebe nie Menschen, die er zur Liebe erzogen haben will, wider Menschen gleich den bösesten Hunden hetzen sollte, indem er doch selbst Mittel genug in seiner Macht hat, die ihm lästigen und abtrünnigen Teufel in Menschengestalt zu Paaren zu treiben! Ein wahrlich sonderbarer Gott das! Auf der einen Seite Liebe und Geduld und Demut gebieten, auf der andern Seite aber Haß, Verfolgung, Krieg und Vernichtung! Wahrlich, wer sich bei solch einer Wirtschaft auskennt, der muß mehr Sinne als ein gewöhnlicher Mensch haben!“
GEJ|3|24|1|1|24. — Vom Unterschied der Seelen für Hellsehende
GEJ|3|24|1|0|Sagt abermals unser Markus, dem schon die Geduld etwas zu enge werden will: „Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich aus euch machen soll. Ich kann euch zwar eben nicht viel einwenden, aber recht geben kann ich euch auch nicht völlig. Es ist wohl etwas an eurer Klagerede, aber dabei scheint ihr denn doch die Sache nun mehr in eurer unglücklichen Aufregung schwärzer zu sehen, als sie an sich wirklich ist. So du aber sogar mich für einen Teufel hältst, so sage es mir, ob denn am Ende diese ganze Gesellschaft etwa aus lauter Teufeln besteht!“
GEJ|3|24|2|0|Sagt der Redner aus den fünfen: „O mitnichten! Da siehe den Mann (auf Mich zeigend) neben dir; das ist ein sehr vollkommener Mensch, ein wahrer Gottessohn! Es wird aber gar nicht lange währen, und die Teufel werden ihn aufreiben! Weiter rückwärts stehen noch zwei Jünglinge und ein Mägdlein, die sind auch von oben her, werden aber auch noch zur Genüge verfolgt werden, so sie keine Teufel werden wollen. Dann sehe ich aber noch einige arme Menschen, die scheinen Fischer zu sein; alles andere, samt dir und deinem ganzen Hause, aber sind so ziemlich gute Teufel, auf dem Wege Menschen zu werden, was ihnen aber noch gar manche Mühe und Sorge machen wird! Weißt du nun, wie du daran bist?“
GEJ|3|24|3|0|Sagt Markus: „Aber sage du mir, weil du schon einmal in der Rede stehst, woher du das alles so genau wissen kannst; denn sieh, ich sehe um mich nur Menschen von minderer, höherer und höchster Vollendung; aber Teufel sehe ich nicht unter ihnen. Worauf gründest du demnach deine Behauptung, an der irgend etwas zu sein scheint?“
GEJ|3|24|4|0|Sagt der Redner aus den fünfen: „Auf das, was ich schaue; die Leiber sind wohl gleich, aber die Seelen unterscheiden sich gewaltig! Die Unterscheidung aber besteht in der Farbe und in der Gestalt; die Seelen der von mir dir Bezeichneten sind weiß wie frisch gefallener Schnee auf den hohen Bergen und haben eine wunderliebliche Gestalt, die um vieles noch rein menschlicher aussieht denn ihre äußere Leibesgestalt; eure Seelen aber haben noch eine dunklere Farbe als euer Leib und sehen bei weitem nicht einmal so menschlich aus wie euer Leib, sondern es sind an euren Seelen noch ganz deutliche Spuren von irgendeiner Tiergestalt wahrzunehmen!
GEJ|3|24|5|0|Aber ich entdecke in euren Tierseelen noch eine sehr kleine Lichtgestalt, die auch eine vollkommene Menschengestalt hat; vielleicht, so diese in euch wächst, wird sie eure Tierseele auch in eine rein menschliche Gestalt über sich gleich einer Haut ausdehnen! Das jedoch weiß ich dir nicht näher zu beschreiben, und du kannst dir darüber bei den vollendeten Menschen eines rechten Rates erholen.“
GEJ|3|24|6|0|Sagt Markus weiter: „Aber sage du mir noch, wie das kommt, daß du das alles also sehen kannst, und ich nicht!“
GEJ|3|24|7|0|Sagt der Befragte: „In meinen großen Leiden, bei denen dem Leibe gar oft das Hören und Sehen verging, öffnete sich die Sehe meiner Seele, und mittels dieser kann ich nun denn auch die Seelen der andern Menschen sehen und wahrnehmen auf das handgreiflichste den großen Unterschied zwischen Menschen und Menschen, zwischen Gotteskindern und den Kindern der Welt, oder, was dasselbe ist, zwischen Engeln und Teufeln!
GEJ|3|24|8|0|Aber aus den Weltteufeln können auch Engel werden, – doch kostet sie das viele Mühe und Selbstverleugnung; aber auch: aus den Engeln können Teufel werden. Das kostet aber eine noch größere Mühe und ist nahezu unmöglich, weil in den Engelseelen eine zu mächtige Selbständigkeitskraft vorhanden ist. An uns fünfen hat sich die Hölle versucht, ob wir nicht zu gewinnen wären. Bis jetzt sind alle ihre ärgsten Versuche an uns gescheitert; aber wie es uns noch fürder ergehen wird, das wissen wir nicht, sondern ein Gott nur, der uns werden und sein hieß, sich aber nun fürder wenig oder gar nicht mehr um uns kümmert, so daß wir darum schon sämtlich auf den Gedanken gekommen sind, daß es entweder gar keinen Gott mehr gibt, oder der zu erhabene Gott kann und will sich um uns nicht kümmern!“
GEJ|3|25|1|1|25. — Mathaels Naturphilosophie
GEJ|3|25|1|0|(Der Seher:) „Es ist auf der Erde wohl eine Ordnung und irgendein Gleichmaß, aus dem man am ehesten eine Überzeugung nehmen kann, daß es einen höchst weisen Gott geben müsse, der die Dinge alle einmal also erschaffen hat, wie sie nun noch stets gleichfort zu sehen und zu begreifen sind; anderseits aber bemerkt man wieder eine oft grenzenlose Unordnung und gar nie zu ermessende Willkür unter den Dingen, daß man zu sich selbst am Ende sagen muß: Ja, da schaut denn doch wieder kein Herrgott heraus!
GEJ|3|25|2|0|Man nehme nur die Unbeständigkeit der Witterung! Wo ist da irgendeine Ordnung oder irgendein Ebenmaß zu entdecken? Man betrachte die durcheinanderstehenden, verschiedenartigen Bäume in einem Walde, oder desgleichen das Gras auf dem Felde; weiter das höchst ungleiche Maß der Berge, der Seen, der Ströme, der Flüsse, der Bäche und der Quellen! Da ist doch ewig kein Ebenmaß und keine Ordnung zu entdecken, wenigstens für unser Verständnis nicht. Das Meer macht sich seine unebenen Ufer je nach dem Zufalle des mehr oder weniger mächtigen Wellenschlages, ebenalso die Seen, die Ströme, Flüsse, Bäche und Quellen. Nur der Mensch kann ihnen hie und da einen Damm setzen; vom höchst weisen Gotte aus geschieht da nie etwas.
GEJ|3|25|3|0|Also legt auch der Mensch nur irgend geordnete Gärten an und bestellt die Weinberge und die Äcker; und er nur erkennt die edlen Früchte, sondert sie von den unedlen ab, pflegt sie und macht sie sich möglichst nutzbar. Wo aber steht ein Garten von nur irgendeiner Ordnung auf der ganzen Erde, den Gott selbst angelegt hätte, wo ein geregelter Strom? Die Erdschichten liegen auch derart chaotisch durcheinander, daß man dabei nie etwas anderes als die blindeste Macht des lieben Zufalls entdecken kann; da sieht demnach ganz entsetzlich wenig von irgendeiner obwaltenden göttlichen Weisheit heraus, und man kann da tun, was man will, und denken auch, was man nur immer kann und will, und es kommt dabei doch nirgends etwas zum Vorscheine, das zu unsereinem allenfalls sagte: ,Siehe, da schauet denn doch wieder eine ganz tüchtige Gottesordnung heraus!‘
GEJ|3|25|4|0|Ja, jedes Ding einzeln für sich genommen hätte wohl offenbar sehr bedeutende Spuren von irgendeiner urgöttlichen Macht und ordnungsvollsten Weisheit; aber betrachtet man dann das zufällige Durcheinandergeworfensein der geschaffenen Dinge, so kommt es mir vor: Gott ist entweder des Ordnens müde geworden und kümmert sich entweder um alle die einmal geschaffenen Dinge wenig oder gar nicht mehr, wie es bei einigen auffallend also zu sein scheint, oder er besteht gar nicht, sondern die nach Ewigkeiten im Endlosen des Raumes aus sich selbst entstandenen zufälligen Etwas gestalteten sich nach und nach – nach dem durch ihr zufälliges Sein entstandenen Naturgesetze – zu Dingen von schon irgendeinem Gewichte, vergrößerten sich nach und nach, wurden mit den Zeiten zu Welten, zu Sonnen und Monden; die Welten entwickelten in sich je nach ihrer Größe und ihrem Gewichte wieder notwendig neue Gesetze, die dann von selbst als Grundlagen zu neuen Bildungen wurden.
GEJ|3|25|5|0|Je vielfältiger aber notwendig die Dinge auf einem nach und nach und mehr und mehr ausgebildeten Weltkörper wurden, desto verschiedenartigere, wenn schon kleinere Dinge mußten ihnen dann auch notwendig folgen. Die am Ende sehr vervielfältigten Dinge auf den Welten und die ungeheure Vervielfachung der Welten bewirkten aus sich Gesetze und Wirkungen, aus denen die ersten Spuren eines sich fühlenden Lebens hervorzugehen anfingen; war einmal nur ein Lebensfunke aus den vorhergehenden Notwendigkeiten gebildet, dann mußte diesem auch ein zweiter folgen, und nach und nach Milliarden, die untereinander abermals neue Gesetze erzeugten, die zur Ursache für die Entwicklung eines vollkommeneren Lebens wurden. Und es mag sich das Leben so fort hinauf bis zu einer höchsten Lebenspotenz durch die in sich gefundenen Lebensgesetze ausgebildet haben, so, daß nun erst die tiefst intelligente, sich und alle ihre Umgebung wohl erkennende Lebenskraft rückwirkend die vorangegangene stumme Natur zu ordnen und sich ergeben und untertänig zu machen beginnt!
GEJ|3|25|6|0|Ist aber alles auf diesem ganz natürlichen Wege entstanden, dann freilich gibt es nur Lebenspotenzen unter höchst verschiedenen Lebensgraden von der kleinsten Blattmücke bis zu jener Lebensvollendung, die der vollkommenere Mensch die göttliche nennt. Es mag sich auf diesem Wege auch wohl schon seit undenkbaren langen Weltenzeiten her eine gute, aber gegenüber auch eine böse Gottheit entwickelt haben. Haben sich die beiden Gottheiten einmal entwickelt, so müssen sie sich als Gegenkräfte auch so lange schroffst entgegenstehen, bis höchstwahrscheinlich die böse Kraft nach unseren moralischen Begriffen von der mächtigeren guten in sich aufgenommen wird zu einem geordneten Gegensatze, aus welcher Ehe dann nach undenkbar langen Weltenzeiten alles, was nun noch stumm, bewußtlos und tot ist, in ein volles Leben mit freiem Willen und freier Erkenntnis übergehen wird!
GEJ|3|25|7|0|Daß aber in diesen Zeiten sich noch alles so unordentlich wie in einem wahren Durcheinanderkampfe befindet, scheint darin zu liegen: Die nun gute und höchste Lebenspotenz, die wir Gott nennen, ist mit der argen Lebenskraft, die wir Satan heißen, noch lange nicht in der gewünschten Ordnung, sondern noch in einem fortwährenden Unterjochungskampfe, aus welchem Kampfe sie endlich als Siegerin hervorgehen muß; denn die nach unseren Begriffen böse Kraft würde die gute nicht in einem fort ankämpfen, so sie diese nicht in ihren Bereich zu ziehen einen Grund hätte.
GEJ|3|25|8|0|Satan muß sonach dennoch ein stummes Wohlgefallen an dem Guten haben und will darum die ganze gute Lebenskraft sich unterordnen; aber eben aus diesem fortwährenden Bestreben nimmt er stets mehr des Guten in sich auf und macht dadurch, ohne es zu wollen, sein Arges stets besser. Dadurch aber kommt in sein Lebenswesen auch stets mehr Ordnung, mehr Erkenntnis und rechte Einsicht, und er wird zuletzt nimmer umhin können, sich endlich ganz zu ergeben, weil er es durch seine Natur und durch seinen Trieb unmöglich verhindern kann, daß er nicht in einem fort teilweise besiegt würde.
GEJ|3|25|9|0|Er wird zwar auch nach seinem völligen Besiegtsein noch immer ein Gegensatz zum reinen Guten verbleiben, aber ein geordneter, gleich wie das Salz auch ein Gegensatz vom reinen, süßen Öle ist; aber hätte der Ölbaum nicht Salz in der gerechten Ordnung in seinen Wurzeln, im Stamme, in Ästen, Zweigen und Blättern, nimmer würde ein süßes Öl seine Frucht geben!
GEJ|3|25|10|0|Ich verliere mich zwar nun in Erörterungen, die von dir sicher nicht in der Art verstanden werden, wie sie verstanden zu werden verdienen. Aber es macht das gerade nicht viel aus; denn es sei sehr ferne von mir, daß ich dir solches als eine Wahrheitslehre auftischen wollte, sondern lediglich als eine Hypothese nur, zu der eine Seele durch viele und unerträgliche Leiden, in denen sie durch alles Flehen zu Gott durchaus keine Linderung erhält, geführt wird.
GEJ|3|25|11|0|Die Seele oder die eigentliche primitive intelligente Lebenskraft wird durch große Leiden und Schmerzen ihres Leibes viel heller; sie sieht und hört alles, was vor den Augen und Ohren der Naturmenschen oft noch so entfernt liegt, und du darfst dich wohl gar nicht wundern, so ich dir zuvor von mehreren Weltkörpern die Erwähnung machte. Denn meine Seele hat sie geschaut besser und heller, als du je diese Erde geschaut hast und sie auch je in diesem deinem Leben schauen wirst, und ich kann darum mit gutem Grunde Meldung geben von allem, was sie gesehen hat im endlosen Raume! Aber nun ein Ende von allem dem, und du sage es uns, was wir nun anfangen sollen! Denn hier können wir doch unmöglich bleiben!“
GEJ|3|25|12|0|Sagt Markus: „Nur noch eine kleine Weile, bis der Heiland, der euch hier vor unsern Augen von euren fürchterlichen Leiden geheilt hat, es anordnen wird!“
GEJ|3|26|1|1|26. — Rede über den Kampf in der Natur
GEJ|3|26|1|0|Sagt der Redner: „Welcher aus den vielen uns umgebenden Zusehern ist es denn, daß wir Ihm unsern Dank darbrächten? Denn sonst etwas können wir Ihm wohl in dieser unserer Lage nicht bieten!“
GEJ|3|26|2|0|Spricht Markus: „Er hat es uns eures Heiles willen untersagt, daß wir Ihn euch nicht vor der Zeit bekanntgeben sollen, und so verschweigen wir Ihn jetzt auch noch vor euch; aber es wird schon noch heute die gute Zeit kommen, in der ihr Ihn und durch Ihn so manche eurer Irrtümer werdet frohen Herzens kennenlernen!“
GEJ|3|26|3|0|Sagt der Redner: „Freund, mit der Fröhlichkeit unserer Herzen wird's auf dieser Erde wohl ewig seine geweisten Wege haben! Denn Seelen, wie die unsrigen, können ob der zu großen überstandenen Leiden auf dieser dummen Welt wohl nimmer fröhlich werden! Vielleicht dereinst in einem andern vollendeteren Lebensgrade; aber in diesen klein zerknitterten Leibern nimmer!“
GEJ|3|26|4|0|Sagt nun der ganz in der Nähe stehende Cyrenius: „Seht, ich bin der Oberstatthalter Roms von ganz Asien und einem Teile Afrikas, wie auch vom Griechenlande! Ich habe euch nun kennengelernt und gefunden, daß ihr keine gemeinen Leute seid. Ich nehme euch auf in meine Pflege, und es soll euch nimmer etwas abgehen, und eine für eure Geisteskräfte angemessene Beschäftigung wird sich auch finden lassen.
GEJ|3|26|5|0|Aber darin müßt ihr am Ende mit euch denn doch ein bißchen handeln lassen, daß ihr uns Römer nicht so mir und euch nichts für Teufel, wenn schon etwas besserer Art, ansehet und gleich, wie meinen alten, biedern Markus, als gute Teufel rufet! Wir sind ja doch ebensogut Menschen wie ihr. Daß ihr, aus uns freilich noch unbekannten Gründen des göttlichen Ratschlusses in große Versuchungen geführt worden seid und dadurch auch in sicher unerhört schmerzliche Leiden, wodurch aber eure Seelen, wie es mir scheint, sehr geläutert worden sind, dafür können wohl wir für euch vermeintliche Teufel wenig oder nichts; aber uns habt ihr nun eure Heilung zu verdanken, und das besonders einem aus uns, der ein sozusagen allmächtiger Heiland ist, und sehet ihr wohl, daß wir uns durchaus nicht teuflisch gegen euch benommen haben!?
GEJ|3|26|6|0|Darum müßt ihr, wie gesagt, darin mit eurer im Grunde des Grundes freilich nicht ganz unrichtigen Ansicht schon ein wenig handeln lassen, und es wird in aller Kürze sicher nicht fehlen, daß ihr noch ganz frohen Herzens werdet.“
GEJ|3|26|7|0|Sagt der Redner, sich nun schon recht gestärkt vom Boden erhebend: „Freund, siehe an dieser Erde Boden; du siehst nichts als Gutes und dein Gemüt Erhebendes. Die Kräutlein und das Gras erquicken deine Augen, und der sanfte Wellengang des Meeres erheitert deine Brust; denn du siehst es nicht, wie unter all diesen Herrlichkeiten zahllose werdende Teufelchen ihre argen Tod und alles Verderben bringenden Häupter erheben und hervorschieben!
GEJ|3|26|8|0|Du siehst wohl den schönen Wellengang des Meeres, aber die todbringenden Ungeheuer unter den schön spielenden Wellen siehst du nicht! Du siehst allenthalben ein hehres Leben walten, wir nichts als den Tod und ein unausgesetztes Verfolgen alles guten und edleren Lebens. Du siehst lauter Freundschaft, und gegen deine wenigen Feinde, die du siehst, hast du auch Macht genug, sie dir gegenüber als völlig unschädlich zu halten; wir hingegen sehen nichts als nahe pure, zum größten Teile unbesiegbare Feinde!
GEJ|3|26|9|0|O Freund, bei solch einem alleruntrüglichsten Sehvermögen ist es wohl schwer, je heiteren Herzens zu werden! Nimm uns dieses traurige Vermögen, oder gib uns eine rechte Erklärung von allem dem, was wir sehen, und wir wollen dir gleich fröhlich und heiter werden!
GEJ|3|26|10|0|Es kann nach undenklich langen Weltenzeiten vielleicht für eine Seele, die von Lebensgrad zu Lebensgrad sich durchgekämpft hat, wohl einmal ein besseres Los geben; aber wo steht die eherne Gewißheit davon? Welche unerhörten Kämpfe und Stürme aber wird die arme Seele noch bis dahin zu bestehen haben?! Wird sie wohl aus allem siegreich hervorgehen, oder wird sie untergehen für ewig? Welche Gewißheit hast du für alles das?
GEJ|3|26|11|0|Siehe, wir sehen gewiß Dinge und Verhältnisse, von denen du keine Ahnung je gehabt hast; aber von irgendeiner Gewißheit über den einmal kommenden bestimmt seligen Zustand nach dem Tode des Leibes sehen wir nirgends etwas, – wohl aber ein beständiges Wachen, Sorgen und Kämpfen! Wir sagen es dir, wie wir es sehen.
GEJ|3|26|12|0|Jedes Leben ist gleichfort ein Kampf mit dem Tode, gleichwie jede Bewegung ein fortdauernder Kampf mit der sie stets zu stören suchenden Ruhe ist. Die Ruhe selbst aber bekämpft gleichfort darum die Bewegung, weil in ihr der stete Hang zur Bewegung als kampffertig dasteht.
GEJ|3|26|13|0|Wer wird am Ende siegen? Die Ruhe, die stets die Bewegung sucht, oder die Bewegung, die aber ebenso stets die Ruhe sucht?
GEJ|3|26|14|0|Seit deinem uranfänglichen Lebenskeime hast du nichts als in einem fort gekämpft bis auf diesen Augenblick und wirst fürder ewig stets von neuem wieder kämpfen; und solange du kämpfen wirst, wirst du auch ein Leben haben, aber kein anderes als ein stets kämpfendes, das wohl nur mit sehr spärlichen Seligkeitsmomenten ausgerüstet sein wird! Wann aber wird in diesen ewigen Kämpfen endlich einmal eine wahre kampffreie und sonach vollsiegreiche Seligkeit zum Vorscheine kommen?
GEJ|3|26|15|0|Es ist daher bald gesagt, heiteren Gemütes und frohen Herzens sein; aber das Seelengemüt fragt da gleich euch Römern: CUR, QUOMODO, QUANDO ET QUIBUS AUXILIIS? [Warum, wie, wann und wodurch wird uns Hilfe?]  Hast du uns wohl verstanden, so ein wenig nur?“
GEJ|3|27|1|1|27. — Mathael über das innere Leben des Cyrenius
GEJ|3|27|1|0|Hier macht der Cyrenius, den Redner bei der Hand drückend, ganz große Augen und sagt zu Mir: „Herr, der hat eine ganz sonderliche Lebensanschauung! Man kann ihm im Grunde denn doch nichts entgegenstellen; es ist wahrlich eine leider nackte Wahrheit im ganzen, wie im sonderheitlichen! Was sagst aber Du dazu?“
GEJ|3|27|2|0|Sage Ich: „Was wundert dich nun dessen? Habe Ich es euch doch zum voraus gesagt, daß diese fünf euch allen ein Hauptwetter machen werden! O höret sie nur an, und ihr werdet Mich darauf sicher um vieles leichter und tiefer verstehen!“
GEJ|3|27|3|0|Sagt Cyrenius weiter zum Redner der fünf, der Mathael hieß: „Aber könntest du auch also beweisend reden, daß denn doch der größeren Wahrscheinlichkeit zufolge Gott eher war als deine Weltkörper, von denen ich mir noch keine genügende Vorstellung machen kann? Sieh, mir ist wenigstens kein Volk auf der Erde bekannt, das da nicht einen Gott voll Einsicht und Macht vor dem Sein aller Dinge annähme, verehrete und anbetete; und du bewiesest nun gerade das Gegenteil. Sieh, das erfüllt mein Herz mit großer Bangigkeit, darum führe du denn nun auch ebensogut den Gegenbeweis, ich, der Oberstatthalter, bitte dich sogar darum!“
GEJ|3|27|4|0|Sagt Mathael: „Schwacher Säugling der Erde, du dauerst mich! Hast aber, wie ich es nun in meiner Seele finde, doch schon so manches weise Wort voll Kraft, voll Lebens und voll Wahrheit vernommen und hast mit deinen Augen geschaut, was Gottes Wort vermag, und kannst in deinem Herzen noch immer die Tiefen so mancher Gedanken nicht fassen!
GEJ|3|27|5|0|Ja, ja, Freund, siehe, du liebst noch zu mächtig dein Leben und steckst in dessen Mitte; von dem Standpunkte aus aber läßt sich das Leben eben am allerschlechtesten erkennen.
GEJ|3|27|6|0|Freund, man muß das Leben völlig verloren haben, das heißt dieses Erdenleben, dann erst erkennt man das Leben!
GEJ|3|27|7|0|Nimm einen Topf und fülle ihn mit Wasser; das Wasser wird ruhig stehen im Topfe, und du wirst nicht erkennen die Dampfgeister im ruhigen Wasser; rührest du das Wasser auch noch so emsig und setzest es in Bewegung, auch dabei werden sich dir die mächtigen Dampfgeister nicht zeigen; setzest du aber das Wasser ans Feuer, da wird es bald zu sieden beginnen, und es werden beim Sieden sich sogleich die mächtigen Dampfgeister über des Wassers heißperlende Fläche zu erheben anfangen, und die noch im siedenden Wasser rastenden Geister werden nun erst erkennen die mächtigen Dampfgeister, die im zuvor kalten Wasser ganz ruhig und ohne eine Daseinsspur rasteten, zuerst sich selbst und dann unter ihnen das heißbewegte Wasser mit vielen tausend Augen schauend, das sie getragen, und daß die Dampfgeister vorher kein anderes Innewerden hatten, als daß sie völlig eins seien mit dem kalten Wasser.
GEJ|3|27|8|0|Also erkennt aber während des Siedens auch das Wasser, daß es in ihm absonderliche Geister gab und bis auf den letzten Tropfen gibt; ja, ja, das siedende Wasser erkennt, daß es selbst durchgängig Geist und Macht ist, aber in seiner kalten Ruhe konnte es sich nicht erkennen und fassen!
GEJ|3|27|9|0|Siehst du hier ein treffendes Bild? Dein Leben ist nun auch noch ein zwar reines, aber sonst ganz ruhiges kaltes Wasser im Topfe deines Leibes. Dein Topf kann wohl recht nach allen Richtungen hin- und herbewegt werden, so wirst du daraus dennoch nicht erkennen deine Lebenskraft; im Gegenteile, je mehr das Wasser in seinem kaltruhigen Zustande bewegt wird, wie das bei allen großen Weltmenschen der Fall ist, desto weniger erkennt das Wasser des Lebens im starkbewegten Menschentopfe sich selbst und seine Umgebung; denn eine bewegte Spiegelfläche des Wassers zeigt kein Bild mehr rein, sondern sehr zerrissen.
GEJ|3|27|10|0|Wird aber dein Lebenswassertopf zum wahren Feuer der Liebe, der größten Demütigung und aller Leiden und Schmerzen gesetzt, oh, da fängt es dann im Topfe bald gewaltig zu sieden an, und es werden dadurch gar ehest die frei gewordenen Lebensdampfgeister sich selbst, ihren früheren kalten, trägen Zustand, die sinnliche Seele nämlich und den gebrechlichen Topf erkennen, und das noch im Topfe heißperlende Lebenswasser wird mit tausend hellen Äuglein über sich die aufsteigenden Lebensgeister erschauen und erkennen, daß es nicht nur ein fauler Träger derselben war, sondern daß es mit ihnen völlig eines und dasselbe ist! Aber den Topf, verstehe Freund, den Topf werden die aufsteigenden freien Lebensgeister nicht als eins mit ihnen erkennen, sondern nur als ein leidig notwendig äußerstes Gefäß, das hernach in Scherben zerbrochen und auf die Straße geworfen wird. – Hast du nun einen Dunst davon, was ich dir eigentlich habe sagen wollen?“
GEJ|3|27|11|0|Sagt Cyrenius: „Es ist mir wohl, als verstände ich dein Bild so ziemlich, das heißt, in der vergleichenden Anwendung auf unser inneres Seelenleben; aber was du damit etwa noch Tieferes hast aufdecken wollen, davon dürfte ich wohl lange noch keinen Dunst haben! Sollte da etwa auch schon darin erörtert sein, daß denn doch ein Gott vor allen Dingen hat sein müssen?“
GEJ|3|27|12|0|Sagt Mathael: „Allerdings, aber davon kannst du noch keinen Dunst haben, weil du selbst noch lange nicht zu dunsten angefangen hast!“
GEJ|3|28|1|1|28. — Mathaels Rede über Gott
GEJ|3|28|1|0|(Mathael:) „Siehe, das, was du Gott nennst, nenne ich das lebendige Wasser; aber das Wasser in sich erkennt sein eigenes Leben nicht. Wenn es aber aus sich heraus durch die mächtige Liebeglut, welche gleich ist dem Schwerdrucke gegen das Zentrum des Seins, zum Sieden gebracht wird, da erhebt sich der Lebensgeist in seiner Freiheit über das ihn eher gefangenhaltende Wasser, und du siehst hier den Geist Gottes schweben über den Wassern, wie auch Moses davon Meldung macht. Und der Geist erkennt sich und das Wasser und erkennt, daß er mit dem Wasser von Ewigkeit her einer und derselbe ist; und diese ewige Erkenntnis ist eben auch zu verstehen unter dem ,Es werde Licht!‘
GEJ|3|28|2|0|So aber dein Geist, Freund, auch über deinem siedenden Lebenswasser schweben wird, dann auch wirst du dein Leben und das Leben Gottes in dir erst wahrhaft zu erkennen anfangen.
GEJ|3|28|3|0|Siehe, alles Sein muß einmal zu sein beginnen, es muß irgendeinen Anfang nehmen, ansonst es auch unmöglich je dasein kann! Hätte ein sich selbst und alles andere erkennendes Leben und dessen seiner selbst bewußte Kraft nie einen speziellen Anfang genommen, so wäre sie auch noch lange nicht da; weil sie aber einmal einen Anfang genommen hat, so ist sie auch schon lange ebensogut da, als wir speziell auch da sind darum, weil wir einmal haben als das, was wir nun sind, zu sein angefangen.
GEJ|3|28|4|0|Aber wir waren vor diesem Sein auch schon, aber also, wie die noch unentwickelten kalten Lebensdämpfe im kalten, ruhigen Wasser; und also hat auch die höchste Lebenspotenz in Gott ein doppeltes Sein, erstens ein stummes, bloß nur seines Seins bewußtes, und darauf ein als von einem innern Tätigkeitsbeginn entstammendes, frei sich durch und durch erkennendes und kleinst durchschauendes Dasein!
GEJ|3|28|5|0|Darum heißt es auch im Moses: ,Im Anfange schuf Gott den Himmel und die Erde, und die Erde war wüst und leer und finster in ihrer Tiefe.‘ Wer oder was ist denn so ganz eigentlich der Himmel, und was oder wer ist die Erde? Meinst du darunter etwa diese Erde, die dich nun trägt, oder den Himmel, der dir Luft und Licht gibt? O wie weit wärest du da von der Wahrheit! Wo war damals noch diese Erde und wo dieser Himmel?
GEJ|3|28|6|0|Siehe, damit ist nur dunkel angedeutet, wie die ewige Lebenskraft Gottes in ihrem Sein unterscheidlich hat zu erforschen und zu erkennen angefangen! Und da stellt der ,Himmel‘ die sich selbst erkennende Weisheit seines Ichs dar; in dem liebeglühenden Schwerpunkt seines Zentrums aber, im liebeheißen Zentrum, das unter dem Ausdrucke ,Erde‘ gemeint ist, war es noch finster und wüste und leer, also noch ohne eine tiefere Erkenntnis des eigenen Selbst.
GEJ|3|28|7|0|Aber das Zentrum ward heißer und heißer, je mehr des äußern Selbstbewußtseins Massen auf dasselbe zu drücken begannen. Und das Zentrum geriet in die höchste Glut, und aus dem siedenden Lebenswasser entstieg der Dampf (Geist), schwebte nun frei auf und über den Wassern des stummen und ruhigen ewigen Vorseins und erkannte sich durch und durch; und dieses Erkennen eben ist dann das Licht, das Moses Gott zur Vertilgung der Finsternis gleich nach der Erschaffung des Himmels und der Erde werden läßt.
GEJ|3|28|8|0|Von da an erst wird Gott als ein wie ausgesprochenes Wort Selbst zum ,Worte‘, und dieses Wort ,Es werde!‘ ist ein in sich sich selbst durch und durch erkennender freier Wille, ein Sein im Sein, ein Wort im Worte, ein Alles nun in Allem!
GEJ|3|28|9|0|Und von da an erst beginnt aus dem freiesten Willen die sich nun durch und durch erkannte Urlebensquelle alles anderen Lebens hervorzugehen. – Hast du nun schon einen Dunst?“
GEJ|3|29|1|1|29. — Cyrenius‘ Rede über seine Weisheit und Mathaels Antwort darauf
GEJ|3|29|1|0|Sagt Cyrenius: „O ja, nun habe ich einen recht tüchtigen Dunst, und das um so leichter, da ich erst in dieser Nacht eine dieser ganz ähnliche Erläuterung der mosaischen Urschöpfungsgeschichte vernommen habe. Es wird sich die Sache schon also verhalten; aber es geht mir das schon ins zu unendlich Weise hinüber, und ich kann und will mich nicht zu sehr anstrengen, um etwas in der tiefsten Tiefe zu erfassen. Es muß bei mir die Sache leicht gehen, wenn sie mir nützen soll; geht sie aber etwas zu tief und zu weise, dann ist es mit meinem Begreifen oft auf einmal aus!
GEJ|3|29|2|0|Kurz und gut, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe; ihr seid von mir aus versorgt, und es soll euch keine Gelegenheit benommen sein, in eurer Weisheit so tief als nur immer möglich zu dringen und die arme Menschheit, wo nur immer tunlich, auf den rechten Weg zu bringen, – obschon ich euch offen gestehe, daß ein zu tiefes Eindringen in das Wesen des Lebens fürs allgemeine eher nachteilig als vorteilbringend wäre.
GEJ|3|29|3|0|Seht euch selbst nur, und fragt euch, ob alle eure wahrlich außerordentliche Wissenschaft und Weisheit euch glücklich macht! Ja, der menschliche Geist kann in unendliche Weisheitstiefen dringen und am Ende wundervollste Dinge hervorbringen; aber glücklich ist bei mir doch nur der Mensch, der ganz einfach ist und Gott, seinem Schöpfer, in aller Liebe ergeben, und Seine Gebote hält. Will ihm dann Gott wie einem Salomo die Weisheit geben, so soll er sie dankbarst annehmen und sie mit heiterem Gemüte weise benutzen. Wenn aber die einem Menschen verliehene Weisheit eben den Menschen nur unglücklich machen soll, so ist mir am Ende aber schon jede Dummheit lieber, durch die des Menschen Herz erheitert wird.
GEJ|3|29|4|0|Ich lebe einmal und weiß nun, daß ich ewig fortleben werde, und die Wege zur Erreichung eines glückseligen ewigen Lebens sind mir bekannt; was sollte ich dabei denn noch mehreres wollen?!
GEJ|3|29|5|0|Begebet auch ihr euch in diese meine Ansicht, und ihr werdet auch gleich mir noch auf dieser Erde recht glücklich sein; aber mit eurer allertiefsten Weisheitsbrüterei werdet ihr kaum je den Wert und das Glück, ein Mensch zu sein, fühlen!
GEJ|3|29|6|0|Darum folget auch meinem Rate, wenn er auch nicht aus der Kammer der tiefsten Weisheit stammt; aber er kommt von einem freundlichen und sicher nicht liebelosen Herzen, und das hat sogar vor Gott einen hohen Wert! Warum soll es bei euch keinen Wert haben?
GEJ|3|29|7|0|Die Weisheit ist es nicht, die uns das Leben gibt, sondern die Liebe; bleiben wir daher bei der Liebe, und uns wird es nicht am Leben gebrechen und an dessen glückseliger Empfindung! Seht, das ist aber meine Weisheit, und ich möchte fast behaupten, daß sie dem Leben der Menschen um vieles dienlicher ist als alle eure noch so tief gefaßte Weisheit!“
GEJ|3|29|8|0|Sagt Mathael: „O ja, o ja, du hast ganz recht! Siehe, solange das Wasser im Topfe nicht ans Feuer kommt, hat es auch ein gutes und ruhiges Sein; aber kommt es hernach zum Feuer, da sieht es dann aber auch gar bald ganz anders aus. Einmal muß es gebrochen sein!
GEJ|3|29|9|0|Was du werden willst, dazu darf es dir an den nötigen Kenntnissen sicher nicht fehlen. Willst du ein Feldherr sein, so mußt du mit allen Kenntnissen für solch ein Amt ausgerüstet sein, ansonst du eine schlechte Figur als Feldherr spielen wirst; willst du ein Apotheker und Heiland sein, so mußt du mit all den dazu nötigen Kenntnissen versehen sein!
GEJ|3|29|10|0|Nun, du willst aber das ewige Leben erhalten, willst aber das Leben selbst durchaus nicht näher erforschen und erkennen; wie wohl wird das möglich sein?
GEJ|3|29|11|0|Siehe, wollte ich mir ein Weib nehmen, flöhe aber jede Gelegenheit, nur von ferne hin je mit einer Maid zusammenzukommen; da weiß ich dann wahrlich nicht, wie ich und ein Weib zusammenkommen werden!
GEJ|3|29|12|0|Du willst aber am Ende sogar ein ewiges Leben und scheuest aber nun schon die kleine Mühe, nur dies irdisch zeitliche Leben ein wenig tiefer zu erforschen und dich zu erkundigen nach seinen Grundwurzeln!
GEJ|3|29|13|0|Ja, du lieber Freund, hinge das ewige Leben nur davon ab, daß es mir ein Gott, wie du mir ein Stück Brot, geben könnte, dann wäre deine Lebensmaxime der unsrigen offenbarst weit vorzuziehen; aber es ist die Bereitung und Erreichung des einstigen ewigen Lebens ganz uns allein anheimgestellt!
GEJ|3|29|14|0|Wir müssen tun und handeln und müssen wahrlich durchs Wasser mit unserem Lebenswasser und durchs Feuer mit unserem Liebelebensfeuer; da erst fängt unser Lebenswasser am Feuer der innersten Liebe zu Gott, zum Nächsten und am Ende zu uns selbst zu kochen und zu sieden an, und wir werden erst dadurch gewahr, daß es in uns eine unverwüstbare Lebenskraft gibt, die sich von dem Augenblick an erst als solche zu erkennen beginnt und die rechten Mittel ergreift und anwendet, sich als solche für ewig hin zu erhalten!
GEJ|3|29|15|0|Da ist es sonach vorderhand nichts mit dem sogenannten gemütlichen Leben, das vollends einem süßen Schlafe ganz ähnlich ist, sondern da heißt es arbeiten und kämpfen und forschen ohne Rast und Ruhe!
GEJ|3|29|16|0|Erst wenn man über das stets einschlafen- und sterbenlüsterne Leben einen vollends lebenswachen Sieg gewonnen hat, dann erst läßt sich von irgendeiner Seligkeit ein Wörtlein reden!
GEJ|3|29|17|0|Du kommst uns vor wie ein noch am Morgen recht süßschlafender Mensch, den seine schon lange wachen Freunde zu wecken beginnen, worüber er sich im Anfange äußerst ärgerlich gebärdet; erst wenn er mit einiger Mühe vollends wach wird, ersieht er die Wohltat des vollen Wachseins und freut sich endlich seines hellen und freien Lebens.
GEJ|3|29|18|0|Wir sind vollen Rechtes mit unserer Weisheit; aber du noch lange nicht! Erst wenn du wach geworden sein wirst, wirst du auch einsehen, wie sehr wir hier im vollsten Rechte sind.“
GEJ|3|30|1|1|30. — Cyrenius wird von Jesus auf die Rede des Mathael verwiesen
GEJ|3|30|1|0|Sagt Cyrenius zu Mir: „Herr und Meister, was sagst denn Du dazu? Was ist davon zu halten? Spricht Mathael die volle Wahrheit? Du kannst so etwas ja doch am ehesten vom Grunde aus beurteilen; rede nun doch auch ein paar Wörtlein dazu!“
GEJ|3|30|2|0|Sage Ich: „Habe Ich dir denn nicht eher schon gesagt, daß ihr sie hören sollt? Sähe Ich, daß sie Falsches sprächen, sicher würde Ich sie euch nicht anzuhören empfohlen haben. Darum höret den Mathael nur noch weiter an! Er hat zwar einen scharfen, aber guten Wind; mit solchem Winde, wenn auch über ein stark wogendes Meer, kommt man viel geschwinder weiter als mit der allerbesten Ruderei!
GEJ|3|30|3|0|Höret ihn nur noch weiter an, denn bis jetzt hat er euch noch durch die Finger geredet; wenn er aber so noch ein wenig mehr warm wird, wird er euch auch noch mit ganz andern Beweisen kommen!“
GEJ|3|30|4|0|Sagt Cyrenius: „Dafür danke ich im voraus! Als Teufel stehen wir ohnehin schon da! Zu was Ärgerem sollte er uns wohl noch zu machen imstande sein? Ist es nicht löblich von mir, daß ich diese fünf armen Teufel versorgen will in alle ihre irdische Zukunft, und dafür machen sie uns ein Wetter, wie Du selbst uns noch nie eines gemacht hast!
GEJ|3|30|5|0|Ah, diesen Mathael höre ich eigentlich gar nicht mehr an; seine Ansicht über das Leben mag in sich noch so richtig sein; aber sie taugt nicht zu den irdischen Lebensverhältnissen, und kein Mensch kann dabei für seinen Leib etwas tun!
GEJ|3|30|6|0|Ja, Menschen wie die Propheten und die alten Priester haben freilich gut sorgen gehabt fürs ewige Leben allein; denn für ihre Leibesbedürfnisse sorgten sich andere, denen es am Ende gleich sein mußte, ob es ein ewiges Leben der Seele gibt oder auch nicht gibt! Sie erhielten bloß Gesetze, die sie zu beobachten hatten, ohne je den eigentlichen Grund zu erfahren, warum und was sie dadurch so ganz eigentlich erreichen sollten.
GEJ|3|30|7|0|Für Millionen mußte das genügen mit oder ohne Aussicht auf irgendein ewiges Leben, und für uns aber soll es nicht mehr genügen?!
GEJ|3|30|8|0|So es aber für uns nicht mehr genügt, da fragt es sich dann für jeden Menschen, der einen Funken von wahrer Nächstenliebe in seinem Herzen trägt: Wer entschädigt am Ende die vielen Millionen von armen Teufeln, daß sie alle trotz der Haltung irgend äußerer Gesetze dennoch dem ewigen Tode verfallen sind? Sind sie ein Werk des Zufalls, dann mag die Lehre einen guten Grund haben; sind aber die Menschen alle, was aus ihrer höchst weisen Einrichtung wohl zu erkennen ist, ein Werk eines höchst weisen und guten Gottes, so muß es einen andern und für alle Menschen praktischeren Weg zur Erreichung des ewigen Lebens geben; und gibt es keinen andern, dann ist alles Leben das Verächtlichste, was des Menschen Vernunft nur immer als verächtlich und verabscheuungswürdig erkennen kann!
GEJ|3|30|9|0|Denn, wenn ein ewiges Leben nur dem beschieden ist, der es gewisserart auf Kosten von tausend andern Menschen, die für so einen ewigen Lebenshelden arbeiten müssen, auf daß er bloß das ewige Leben in sich auskochen kann, erreicht, – dann verlange ich selbst ewig vom ewigen Leben auch nicht einmal ein kleinstes Fünklein, und ein voller ewiger Tod ist mir lieber! Das ist nun so meine Ansicht.
GEJ|3|30|10|0|Deine Lehre, Herr und Meister, ist mir angenehm, lieb und wert; denn da steht mir ein allmächtiger Helfer an der Seite, wenn ich irgend schwach werde; nach der Lehre Mathaels aber habe ich niemand denn mich selbst. Ich allein nur kann mir das ewige Leben geben oder nehmen, und irgendein Gott hätte dabei gar nichts zu tun, als bloß mit ärgerlichen oder wohlgefälligen Augen zuzusehen, wie sich irgendein armer Teufel aus allen Klauen des Todes durcharbeitet und sogestaltig auf den unwirtlichsten Wegen, die voll Dornen, Klippen und giftigen Geschmeißes sind, zum ewigen Leben emporklimmt!
GEJ|3|30|11|0|Nein, nein, das kann nicht sein; ihr seid Narren mit all eurer ewigen Lebenslehre! Ja, wenn ich mir einen Geber des ewigen Lebens denken kann, der, wie Du, o Herr, einem auch schon irdisch das Leben wiedergeben kann, so er will, dann tue ich alles, auf daß er mir auch dereinst gebe das ewige Leben. Aber so ich es mir selbst aus allen den Prophetenweisheitswinkeln erst irgend zusammensuchen soll, dann brauche ich von einem ewigen Leben, wie gesagt, auch ewig nichts! – Also spricht und sprach ein Cyrenius, Roms Oberstatthalter über Cölesyrien und über alle Lande Asiens, Afrikas und eines großen Teils vom Griechenlande!“
GEJ|3|30|12|0|Sage Ich: „Freund, diesmal hast du dich wahrlich für nichts und abermals nichts überboten an allerlei leeren Redereien. Was die fünf waren, weißt du; warum, das weißt du hoffentlich nun auch!
GEJ|3|30|13|0|Ich habe sie aber nun vollkommen gereinigt und habe in ihnen angezündet das allein wahre, untrügliche Licht des Lebens und habe dadurch verrammet den Pfad, auf dem möglicherweise die ausgetriebenen argen Gäste ihnen noch einmal einen schädlichen Besuch abstatten könnten.
GEJ|3|30|14|0|Diese fünf sind demnach nun vorderhand völlig rein und durchschauen in sich die feinsten Fäden alles Lebens, wie es eigentlich von Urbeginn an beschaffen war, und geben nun solches jedermann offen kund, was in den alten Zeiten nur wenigen für wenige gegeben war; wie möglich kannst du ihnen darum gram werden?!
GEJ|3|30|15|0|Denn siehe, was sie sagen, ist ganz dasselbe, was Ich Selbst euch gesagt habe, nur mit etwas nackteren Wahrheitsreden geben sie es von sich.
GEJ|3|30|16|0|Erkenne erst den wahren Wert dessen, was sie sagen, und werde darauf grämlich, so es dir möglich ist; aber nun, da dir das, was sie sagen, ein wenig zu unbequem vorkommt, hast du mit deinem Grämlichwerden offenbar unrecht. Laß den Mathael weiterreden, und es wird sich wohl zeigen, ob das, was er sagt, praktisch ist oder nicht, oder ob es Meiner Lehre zuwiderläuft!“
GEJ|3|31|1|1|31. — Mathael spricht über den Weg zum Ziele des wahren Lebens
GEJ|3|31|1|0|Sage Cyrenius: „Nun gut; ich will das sehen, obschon ich einen scharfen Richter machen werde!
GEJ|3|31|2|0|Sage mir daher, du weiser Mathael, wenn denn die Sache des Lebens sich durchgängig also verhält, wie du sie ehedem ganz scharf gegründet erörtert hast, was haben nachdem Millionen zu gewärtigen, die von alldem keine Silbe wissen, und die vielen Millionen, die künftig nach uns irgend auf der weiten Erde geboren und davon auch keine Silbe in die Erfahrung bringen werden; wie sieht es mit all deren ewigem Leben aus?“
GEJ|3|31|3|0|Sagt Mathael: „Ganz gut! Auch allen diesen war eine Lehre eigen und genügte, die Phantasie der Seele rege zu erhalten. In solcher Phantasie begründet sich mit der Zeit die Seele und lebt endlich darin, wie in einem Traume, und kann in solchem Traume Tausende von Jahren leben.
GEJ|3|31|4|0|Aber das ist noch lange kein wahres ewiges Leben; solche Seelen haben endlich, so sie zu einem wahren ewigen Leben eingehen wollen, in der sogenannten Geisterwelt bei weitem größere Kämpfe und Proben durchzumachen, als der Kampf in sich da ist, dessen ich vorhin nur so im Vorbeigehen erwähnte.
GEJ|3|31|5|0|Wer aber hier diesen Weg geht, der erreicht mit freilich so mancher nicht geringen Mühe und mit einem wahren weisen Lebensernste das ewige Leben in aller Wahrheit, Klarheit und vollster Gediegenheit schon hier in wenigen Jahren, was er sonst nach dem schläfrigen Sinne der Seele erst nach mehreren Hunderten, oder gar nach vielen Tausenden von Jahren erreichen kann, wenn es gut geht. Geht es dabei aber nur ein wenig schief, so kann eine hier oder sonstwo ganz verdorbene Seele wohl auch ein Weltenalter ums andere ein höchst elendes Traumleben genießen, in welchem sie außer sich und außer ihren höchst elenden Phantasiegebilden durchwegs zu keiner Anschauung und Wahrnehmung von irgend etwas Wahrem, Reellem und außer ihr Seiendem gelangt; dessenungeachtet aber lehren sie dennoch gleichfort die bittersten Erfahrungen, daß sie von lauter Feinden umlagert ist, gegen die sie sich nicht zur Wehr stellen kann, weil sie dieselben ebensowenig irgend erschauen kann, als auf dieser Welt irgendein Stockblinder ersehen kann, von woher sich ihm irgendein Feind naht, oder wo sonst irgendeine Gefahr seiner harret!
GEJ|3|31|6|0|Sieh, ein so recht stockblinder Mensch ist bei all seiner Blindheit aber am Ende dennoch nicht völlig lichtlos; denn die Phantasie seiner Seele ist in sich dennoch gleichfort ein Licht, und der Blinde erschaut Dinge, die irgend erleuchtet sich wie die Dinge der Naturwelt darstellen, aber sie haben keine Beständigkeit und ihr Licht auch nicht. Bald wird es hell, bald wieder ganz matt und vergeht oft wohl ganz und gar, so daß ein solcher Blinder dann im Ernste eine Zeitlang vollkommen licht- und wesenleer ist.
GEJ|3|31|7|0|Und siehe, nahe also geht es einer Seele in ihrer völligen Abgeschiedenheit; sie hat bald Licht, bald wieder Nacht. Aber weder Licht noch Nacht ist in der Seele irgendeine Wahrheit, sondern bloß nur ein zeitweiliger Abschimmer von dem, was die Seele ohne ihr Wissen und Wollen aus den Außensphären in sich ungefähr aufnimmt, wie ein am Grase hängender Tautropfen in sich aufnimmt das Bild der Sonne. Der Tropfen ist nun wohl erleuchtet, aber er hat dazu kein insoweit gehendes Bewußtsein, daß er das einsichtlich erkennete, von wannen das Licht in seine Masse gekommen ist.
GEJ|3|31|8|0|Was ich im Namen meiner vier Brüder dir hier sagte, ist Sache unserer mit großen Leiden verbundenen Erfahrung und sondert alles Scheinleben von dem wirklichen, wahrhaft freien, selbständigen Leben.
GEJ|3|31|9|0|Du hast hier ein leidendes und unfreies und ein selbsttätiges und darum freiestes Gottleben vor dir; willst du das eine oder das andere, das hängt nun von deinem Willen ab; aber die Sache verhält sich einmal also, und kein Gott kann dir ein anderes Lebensverhältnis als gültig aufstellen.
GEJ|3|31|10|0|Siehe, nun sage ich dir noch etwas: Meine Seele, die jetzt in ein stets helleres Schauen übergeht, sieht und erkennt nun schon aus sich recht wohl den Heiland, der sie vor kurzem erst von einer Menge unsichtbarer Feinde des höheren freien Lebens losgemacht hat durch die Macht Seines freiesten Gottlebens; sieh, in Ihm ist mehr denn in dem ganzen sichtbaren All der Schöpfung.
GEJ|3|31|11|0|Er, als der schon von Ewigkeit her Sich erkannte Zentralpunkt alles Seins und Lebens will aber nun Sein Leben, und dadurch das Leben aller Menschen, durch Sein Leben noch mehr konfirmieren; aber solches wird Er nur erreichen durch eine unerhörte Selbstverleugnung. Er wird dies Sein gegenwärtiges Leben lassen, um dadurch in die ewige Herrlichkeit alles Lebens für Sich und dadurch auch für alle Menschen einzugehen. Dann erst wird alle Kreatur gewisserart ein anderes Gesicht und eine andere innere Ordnung überkommen; aber dennoch wird der Satz stehenbleiben: Ein jeder nehme die Bürde des äußern Elends auf die eigenen Schultern und folge Mir nach! – Verstehest du solches nun?“
GEJ|3|31|12|0|Sagt Cyrenius, zwar noch wie ein wenig mißmutig: „Jawohl, ich verstehe dich wohl und kann nicht umhin, einzubekennen, daß du die Wahrheit geredet hast; aber dessenungeachtet lassen sich solche Lebensbedingungen sehr schwer anhören!“
GEJ|3|32|1|1|32. — Von der Einheit des ewigen Lebens
GEJ|3|32|1|0|Sagt Mathael: „Allerdings lassen sich diese Lebensbedingungen nicht so behaglich anhören wie die Fabeln einer Frühlingslebensphantasie, in denen das Leben gleich den Vögeln in der Luft oder den Schmetterlingen und goldenen Eintagsfliegen herumflattert, die von Blume zu Blume taumeln und aus ihren Kelchen den süßen Tau schlürfen; aber darum ist so ein Wollustleben auch nur ein vergängliches Tagsleben zu nennen, das sich erstens seiner selbst kaum bewußt und darum zweitens auch eigentlich gar kein Leben ist. Was nützete dem Menschen am Ende auch solch ein Schmetterlingsleben? Denke dir die Dauer dieses Lebens! Siebzig, achtzig bis neunzig Jahre sind schon ein hohes Alter, der Leib wird da schon sehr schwach und unbehilflich; nur ein etwas böser Lufthauch und gar ist es!
GEJ|3|32|2|0|Frage aber: Was nachher? Wer kann dir darüber eine sichere Antwort erteilen, wenn du zuvor dein irdisches Leben hindurch nicht alles aufgeboten hast, damit dadurch dein ganzes Sein schon vor jenem bösen Lufthauche in dir zur vollebendigen Antwort geworden ist?! Hast du aber diese heilige Antwort in dir gefunden, dann auch wirst du sicher niemanden mehr ängstlich fragen und sagen: Was nachher, wenn dies kurze Leben ein Ende genommen hat?
GEJ|3|32|3|0|Darum heißt es, sein Lebenswasser nicht gleichfort in der für den Leib behaglichen Kühle stehenlassen, sondern ans Feuer damit, auf daß es siede und in mächtigen Dämpfen aufsteige und sich zu einem neuen Leben gestalte, sonst ist alles gefehlt; und mag dir meine Rede noch so unangenehm vorkommen, die Wahrheit bleibt aber darum doch ewig Wahrheit, – und nur durch sie kann man zur wahren und vollen Lebensfreiheit gelangen, ohne die kein wahres ewiges Leben denkbar ist!“
GEJ|3|32|4|0|Spricht nun Cyrenius in einem viel sanfteren Tone: „Ja, ja, mein lieber Freund Mathael, ich sehe nun schon, daß du im Besitze der vollsten Wahrheit in allen Lebensbeziehungen bist, und es läßt sich dir mit irgendeinem Grunde eben nichts einwenden! Du bist in deiner Sphäre nun schon vollends auf des Lebens Heimatboden, aber unsereiner ist noch weit davon entfernt!
GEJ|3|32|5|0|Es läßt sich hierbei nichts anderes wünschen, als daß du deine Lebenslehre in ein gewisses System zusammengefaßt hättest, nach dem man dann die Kinder dahin leiten könnte, daß sie auf diesem Wege desto leichter das erreichen könnten, was zu erreichen dem vollen Manne am Ende denn doch etwas zu schwerfallen muß!“
GEJ|3|32|6|0|Sagt Mathael: „Was du wünschest, ist zum Teile schon geschehen und wird noch viel mehr geschehen! Siehe, der große und mächtige Heiland, der uns geheilt hat, hat zu dem Behufe schon alle möglichen Vorkehrungen getroffen. Wir fünf wissen nun zwar auch den Weg, aber es wäre dennoch eine schwere Sache, das alles in irgendein geordnetes System zum allgemeinen Unterrichte zu bringen; aber für Menschen wie du könnten wir im Notfalle auch noch das zustande bringen! Denn es ist einem Menschen, der sich einmal auf dem Wege der Wahrheit in allen Dingen befindet, gerade nichts völlig unmöglich; denn das eigentliche freie Leben ist eins, ob in Gott, in einem Engel oder in einem Menschen.
GEJ|3|32|7|0|Aber natürlich gibt es selbst im schon vollendeten freien Leben noch gar gewaltige Unterschiede; denn ein Leben, das sich erst jüngst zu erkennen angefangen hat, kann offenbar nicht so mächtig sein wie ein Leben, das sich schon vor Ewigkeiten in aller Fülle und Tiefe der hellsten Wahrheit nach erkannt und ergriffen hat. Solch ein Leben ist nun ein Herr der Unendlichkeit geworden, und alle Weltkörper mit allem dem, was sie tragen, stehen in der Gewalt dieses Lebens.
GEJ|3|32|8|0|Dahin, Freund, werden wir es wohl auch ewig nicht bringen für uns selbst; aber in der Einigung mit diesem Leben werden wir am Ende auch das vermögen wie aus uns, was das große ewige Leben Gottes für sich vermag. Auch gibt es gewisse vollendete Lebenskräfte, die offenbar nach der ewigen Lebenskraft Gottes die ersten sind.
GEJ|3|32|9|0|Diese Kräfte stehen bei weitem über unsern noch so frei und selbständig sich erkannten Lebenskräften; wir heißen sie ,Engel‘ (Boten). Sie sind sonderheitliche Repräsentanten der allgemeinsten Gotteslebenskraft; aber wir können ihnen dennoch gleichkommen, wenn wir eins mit der allgemeinen Gotteslebenskraft werden.
GEJ|3|32|10|0|Doch so viel, wie wir ausgestanden haben, um das zu besitzen, was wir nun besitzen, wirst du nicht ausstehen, und wirst auch das besitzen, was wir besitzen; denn die Seelen aus dieser Erde haben, als schon auf dem heimatlichen Boden seiend, alles um vieles leichter als jene, die aus einer vollkommeneren Welt hierhergesetzt worden sind.
GEJ|3|32|11|0|Aber es ist einmal so im Grundleben Gottes für Ewigkeiten beschlossen, daß eben diese winzige Erde der Schauplatz Seiner Erbarmungen werden soll und gewisserart nun schon gleich die ganze Unendlichkeit sich wird in diese neue Ordnung begeben und in sie fügen müssen, so sie wird einen gemeinschaftlichen Teil an der endlosesten Seligkeit des einigen Gotteslebens haben wollen; so muß man sich denn auch fügen, koste es, was es wolle!
GEJ|3|32|12|0|Wahrlich, hätten wir hier nicht ein Ende unserer Leiden gefunden, was wir aber erst nach und nach in uns innezuwerden begannen, da wäre ein vollkommener Tod uns auch ums endlosfache erwünschter gewesen, als ein nur noch einige Tage länger währendes, über alle Beschreibung qualvollstes Leben, und hätten wir darauf auch gleich in alle Gottseligkeit eingehen können!
GEJ|3|32|13|0|Aber es hat, wie wir nun stets klarer innewerden, der große Lebensheiland unserem Leiden noch vor der bestimmten Zeit ein Ende gemacht, und wir fangen darüber nun erst an, froher und froher zu werden, und sehen nun ein, daß der große Geist Gottes nun in allem Ernste diese Erde zu einem Schauplatze Seiner Erbarmungen machen will und auch machen wird – aber leider auch zu einem Schauplatze der größten Verfolgungen, des Hochmutes, der Prachtsucht und der größtmöglichen Anfeindung alles dessen, was da geistig rein, allein gut und wahr ist!“
GEJ|3|33|1|1|33. — Eine Prophezeiung Mathaels
GEJ|3|33|1|0|(Mathael:) „O Freund, es wird auf dieser Erde noch so arg kommen und einhergehen, daß selbst der Satan sich nimmer getrauen wird, in was immer für einer Gestalt die Gesellschaften der Menschen zu besuchen; aber darunter wird es wieder Menschen geben, die als Blinde mehr sehen und als Taube mehr hören werden als wir nun mit den offensten Augen und Ohren.
GEJ|3|33|2|0|Es wird dereinst eine Zeit kommen, in der die Menschen die Lebenskraft der Dämpfe im Wasser nach Graden bestimmen werden und werden sie aufzäumen, wie die Araber ihre Rosse, und werden sie verwenden zu aller, unglaublich schwerster Arbeit; auch vor die schwersten Wagen werden sie die im Wasser verborgene Lebenskraft spannen und damit so schnell hinwegfahren, als wie schnell dahinfliegt ein abgeschossener Pfeil.
GEJ|3|33|3|0|Auch vor die großen Schiffe werden sie die Lebenskraft des Wassers spannen, und sie wird die Schiffe schneller denn ein Sturmwind über des Wassers Wogen hintreiben, ja am Ende sogar jedem Sturme Trotz bieten und ihm durch sein ergrimmtes Gesicht fahren, ohne einen Schaden von Bedeutung zu erleiden; nur Felsen und Sandbänke werden solchen Schnellfahrern noch gleichfort gefahr- und schadenbringend sein.
GEJ|3|33|4|0|Aber bald nach jener Zeit wird es auf der Erde für das Leben der Menschen sehr übel auszusehen anfangen; denn die Erde wird unfruchtbarer werden, große Teuerungen, Kriege und Hungersnot werden entstehen, und das Licht des Glaubens an die ewige Wahrheit wird vielfach erlöschen, und das Feuer der Liebe wird verglimmen und erkalten, und es wird dann kommen das letzte Feuergericht über die Erde!
GEJ|3|33|5|0|Wohl denen dann, die noch das Lebenswasser in sich nicht also ganz bloß für irdischen Gewinn werden verdampft haben; denn so das große Gerichtsfeuer aus den Himmeln kommen wird, wird es ihnen nichts anhaben können, weil ihr eigenes Lebenswasser sie davor schützen wird.
GEJ|3|33|6|0|Darauf werden dann erst der wahre Lebensfriede und desselben Gottesordnung einander für immer die Hände reichen, und Zwietracht und Hader wird nicht mehr sein unter denen, die die gereinigte Erde bewohnen werden in Gesellschaft der Engel Gottes. Wenn schon nicht unsere morschen und gebrechlichen Leiber, aber desto mehr werden unsere schauenden und alles ergreifen könnenden Seelen Zeugen von alldem werden, was ich dir nun verkündigt habe.
GEJ|3|33|7|0|Siehe, ich hätte dir das nicht gesagt; aber ich fühlte einen Drang dazu im Herzen meiner Seele, oder besser meines Ichs. Und dieser Drang rührt wohl von daher, von woher uns fünfen die Heilung geworden ist! – Begreifst du mich nun schon besser?“
GEJ|3|33|8|0|Sagt Cyrenius: „Oh, nun sind wir schon ganz in der besten Ordnung wieder mit- und untereinander; jetzt erst hoffe ich recht vieles von euch zu erfahren, und ich habe an euch einen gewinnvollsten Fang gemacht! Es bleibt bei meinem Ausspruche; für euer irdisches Bedürfnis soll von mir aus gesorgt sein, ihr aber werdet für meine und meines ganzen großen Hauses seelische Bedürfnisse Sorge tragen.
GEJ|3|33|9|0|Freilich ist das wohl ein schlechter Ersatz für das Große, das ihr mir und meinem Hause dafür tun werdet; aber wer kann dafür, daß man auf dieser Welt für eine höchste und ewig dauernde Lebensgabe dem Geber mit nichts Besserem vorderhand entgegenkommen kann?! Seid ihr damit zufrieden?“
GEJ|3|33|10|0|Sagt Mathael: „Oh, wie magst du darum noch fragen? Wo wir jemandem dienen und nützen können, da sind wir auch mehr noch denn vollauf zufrieden! Denn man darf auch eine irdische Gabe, wenn sie aus einem wahrhaft guten Herzen um des Guten und des Wahren wegen kommt, niemals unterschätzen; denn durch den Geber und durch den Grund des Gebens bekommt sie auch einen vollends geistigen Wert und kommt sonach einer rein geistigen Gabe völlig gleich.
GEJ|3|33|11|0|Denn wo das Materielle das Geistige, wie das Geistige das Materielle unterstützt, da wird am Ende alles geistig und hat dann eines in dem andern in der Fülle den reichlichsten Segen von Gott aus zu gewärtigen.
GEJ|3|33|12|0|Wo aber irgend sein sollend Geistiges wie im Tempel zu Jerusalem bloß des Materiellen wegen gegeben wird und das Materielle um etwas Geistiges aber auch nur des anzuhoffenden Materiellen wegen, da wird am Ende alles materiell und hat keinen noch so geringen geistigen Wert mehr und kann von Gott aus nie irgend segensreiche Folgen haben!
GEJ|3|33|13|0|Daher sei du darum ganz unbekümmert darüber, ob deine materielle Gabe für unser dir dargebrachtes Geistiges als zu gering wäre; denn sie wird durch den Geber und durch den wahren Grund des Gebens ja eben auch geistig, und der Segen von oben wird ihr reichlichst folgen geistig und auch materiell; denn der Geist ist auch ein Herr ewig über alle Materie, die im Grunde auch nichts als ein gerichteter, höchst unfreier Geist ist, und muß allzeit blind dem freiesten Lebensgeiste Gottes gehorchen, von dessen endlosester Kraft eigentlich das Gericht aller Materie ausgeht, und Er allein sie wieder beleben kann, wie und wann Er das nur immer will!“
GEJ|3|33|14|0|Sagt Cyrenius: „Oh, köstlich und vortrefflich! Jetzt erst möchte ich euch auch um kein Reich der Erde mehr aus meinen freundlichen Händen lassen! Wir werden uns hoffentlich stets besser verstehen und uns gegenseitig auch stets unentbehrlicher werden! Nun aber dem einen Herrn allein alles Lob und alle unsere Liebe, daß Er Sich euer erbarmt und euch dadurch mir zugeführt hat; denn ohne Ihn wären wir alle so gut wie für ewig verloren!“
GEJ|3|33|15|0|Sagen darauf alle die fünf: „Amen, Er ganz allein ist wert aller Ehre, alles Lobes und aller Liebe nicht nur von dieser Erde, sondern von der ganzen Unendlichkeit! Denn Er allein ist es, der nun die ganze Unendlichkeit neu umstaltet! Endlos großheilig ist Sein Name!“
GEJ|3|34|1|1|34. — Die fünf Geheilten wollen Jesum bezeichnet haben
GEJ|3|34|1|0|Darauf sagt Mathael wieder allein: „Er ist unter uns, aber es sind zwei, die sich sehr ähnlich sehen, so daß es für die äußeren Sinne sehr schwer würde, zu entscheiden, welcher darunter der Eigentliche ist. Ich meine, daß es der sei, der zu öfteren Malen nun mit Cyrenius geredet hat. Aber auch der andere kann es sein; denn aus den Gesichtern beider strahlt gewisserart ein hoher Grad von Weisheit! Diesen haben wir schon vernommen, und sein Wort war groß, klug und ernst-weise, aber es könnte auch wohl ein weiser Mensch also reden; aber der andere hat noch nichts gesprochen, vielleicht, weil er nicht vor der Zeit erkannt sein will. Wer aus uns hat den Mut, den noch immer Schweigenden anzureden?“
GEJ|3|34|2|0|Dieser Schweigende war Jakobus major (der Größere), der Mir bekanntermaßen leiblich höchst ähnlich sah und auch die gleiche Kleidung trug, wie Ich sie zu tragen pflegte.
GEJ|3|34|3|0|Auf die Aufforderung des Mathael erhoben sich endlich auch die vier andern vom Boden und besprachen sich, wer aus ihnen den Schweigenden, und wie er ihn anreden solle. Es gebrach aber am Ende dennoch allen fünfen am Mute, und Mathael wendete sich an den freundlichen Cyrenius wieder und fragte ihn so hübsch geheim, ob nicht etwa jener schweigende Mann der erhabenste mächtige Heiland sei, oder ob etwa doch Ich es wäre; denn sie möchten das denn doch auch für ihre Außensinne mit Bestimmtheit wissen, auf daß sie ihrem Herzensdrange zufolge nicht einem Unrechten auch äußerlich die Ehre geben!
GEJ|3|34|4|0|Sagt Cyrenius: „Noch habe ich keine bestimmte Weisung von Ihm erhalten, Ihn euch näher zu bezeichnen; allein darin liegt eben nicht viel vorderhand, denn Er sieht vor allem allein nur auf das Herz des Menschen. Eure Herzen aber sind nun sicher in der allerbesten Ordnung von der Welt, und es bedarf da keines weiteren mehr vorderhand; wenn es aber Sein Wille sein wird und wenn es für euer Heil taugen wird, da auch wird Er Sich euch schon näher bekannt geben. Ich meine aber, daß es dem Scharfblick eurer eminenten (hervorragenden) Weisheit ohnehin nicht entgehen wird, so ihr uns im Verlaufe dieses Tages näher beobachten werdet, wer darunter der Wahrhaftige und allein Mächtige ist.“
GEJ|3|34|5|0|Damit waren die fünf vorderhand auch zufriedengestellt und fingen nun erst an, sich die Gegend ein wenig näher zu besehen, und fragten sich untereinander, wo sie nun etwa doch wären. Soviel aber kannten sie sich nun schon aus, daß sie am Galiläischen Meere sich befanden; nur konnten sie nicht herausbringen, in welcher Gegend desselben.
GEJ|3|34|6|0|Da sagte Cyrenius zu ihnen, weil er sie am meisten behorcht hatte: „Ihr befindet euch nun in der Nähe der Stadt Cäsarea Philippi und seid auf dem Grunde und Boden desjenigen alten römischen Soldaten Markus, der euch aus seinem Vorrate Wein, Brot und Salz gereicht hat. Er ist in diesem Augenblick zwar nicht hier, weil er in seinem Hause etwas zu besorgen hat für heute mittag; wenn er aber wiederkommt, werdet ihr ihn schon näher kennenlernen in eurem gegenwärtigen helleren Zustande; denn als er euch Brot, Wein und Salz dargereicht hatte, waret ihr noch mehr jenseits als diesseits, und habt sicher wenig beachtet seine sonst recht ehrbare Persönlichkeit.“
GEJ|3|34|7|0|Sagt Mathael: „Jawohl, jawohl, da hast du ganz recht! Wohl ist uns der innere helle Zustand geblieben, den wir gleich anfangs unseres Erwachens hatten; nur sah da alles ganz entsetzlich und ganz sonderbar düster aus. Aber da nun alles so nach und nach ein freundlicheres Aussehen angenommen hat und die ganze Gegend um vieles heller und freundlicher geworden ist, so sind wir denn nun auch freundlicher, heller und gewisserart heiterer geworden, obschon wir demnach von unseren inneren wahren Anschauungen nichts hintanzugeben vermögen.
GEJ|3|34|8|0|Die Wahrheit, Freund, bleibt ewig Wahrheit! Aber diese Welt ist sehr veränderlich und so auch ihre Kinder, alles von heute bis morgen. Man kann sich ganz fest auf niemanden verlassen; denn heute ist einer noch unser Freund, und morgen ist er es entweder nicht mehr, oder es hat ihm ein böser Leumund irgendeinen Verdacht über dich ins Ohr gesetzt, und er hat darauf schon aufgehört, dein Freund zu sein, und wird dafür im geheimen schon ein arger Richter über dich!
GEJ|3|34|9|0|Und so gibt es auf dieser Welt keine Beständigkeit, weder in den Dingen noch unter den Menschen! Doch der Herr wird dennoch alles zum Besten der Menschen lenken!“
GEJ|3|35|1|1|35. — Jesus der Held im Kampf wider den Tod
GEJ|3|35|1|0|Sagt ein zweiter aus den fünfen: „Ja, Brüder, darauf allein sei nun alle unsere Hoffnung gegründet! Er Selbst zwar wird mit der Macht des Todes einen mächtigen Kampf zu bestehen haben; aber es ist nunmehr an einem sicheren Siege nicht mehr zu zweifeln! Denn Er kennt des Todes Ohnmacht und weiß um alle seine Grenzen und weiß es auch, daß die einzige Macht, die der Tod noch in sich birgt, nichts als nur ein, wennschon gefesselter, Drang zum Leben ist; und diese einzige Macht kann nicht wider Ihn, sondern nur für Ihn und mit Ihm in den Kampf wider sich gehen, um sich selbst nicht völlig ohnmächtig und somit ganz tot zu machen!
GEJ|3|35|2|0|Das kämpfende Leben, das Er Selbst ist, muß im ewigen Vorteile gegen alle Macht des Todes bleiben, weil der eigentliche vollkommene Tod jeder Macht in sich bar ist, und ist wie ein stummer Wurfstein in der lebenskräftigen Hand eines Schleuderers, der mit demselben tun kann, was er will.
GEJ|3|35|3|0|Ist aber im Tode wie im physisch belebten Fleische des Menschen irgendeine Macht, so ist es auch ein Leben, wennschon auf einer sehr niederen Stufe stehend; dieses Leben aber wird mit dem wahren Leben sicher nicht der Vernichtung seiner selbst wegen in einen Kampf treten, sondern es wird sich an das Leben klammern und mit demselben ringen gegen die vermeinte Macht des Todes, gleichwie da ein sterbenskrankes Fleisch mit großer Gier den Gesundheitsbecher ergreift und zum Munde führt, um daraus noch für länger hin mit dem eigentlichen Leben zu leben und am Ende vom selben ganz aufgenommen zu werden.
GEJ|3|35|4|0|Hat das Leben sich selbst einmal so gefunden, wie in unserem bis jetzt persönlich noch nicht sicher erkannten Heilande, da ist es schon ein vollkommen Göttliches, und es kann dann außer ihm keine Macht mehr geben, die es besiegen könnte, weil es außer dieser Macht keine andere mehr geben kann!
GEJ|3|35|5|0|Wir kennen, was diese Erde ist, was Sonne, Mond und alle die zahllosen Sterne sind; – sie sind zumeist ungeheuer große Weltkörper, manche sogar unaussprechbar größer denn diese unsere Erde. In sich sind sie wohl tot, das heißt ihrem großen Leibe nach; aber des Gotteslebens Macht drängt dennoch alle die Zahllosen in eine notwendige Bewegung, und das in keine einfache, sondern in eine sehr vielfache.
GEJ|3|35|6|0|Was können alle diese zahllosen Weltenriesen gegen die sie gleichfort drängende Macht des freiesten Gotteslebens? Nichts! Wie ein Staub vom Sturme werden sie von der Gotteslebenskraft in unmeßbar große Bahnen getrieben, und alle endlos vielen können sich der freiesten Lebenskraft ewig nimmer widersetzen, sowenig wie die Myriaden Staubkörnchen dem Sturme, der sie auf einer wüsten Heide aufhebt und in den Lüften in weite Fernen hintreibt!
GEJ|3|35|7|0|Darum wird Er siegen und hat eigentlich schon lange gesiegt! Aber der Menschen willen, daß sie Teil an dem Siege des Lebens wider den Tod in sich haben sollen, wird nun ein neuer und letzter Kampf geführt werden!
GEJ|3|35|8|0|Und so sehe ich denn über die ganze Unendlichkeit hin mit ewig strahlender Schrift geschrieben, und die Schrift lautet: (hört!) ,Er, das Leben Selbst von Ewigkeit, hat den Tod völlig überwunden für ewig mit den Waffen des Todes selbst; und es mußte der Tod sich selbst vernichten, auf daß alles Leben frei werde durch Ihn allein, den Kämpfer von Ewigkeit! Darum alles Heil Dir allein, Du ewig großer Einer!‘“
GEJ|3|35|9|0|Diese Worte erschütterten alle Anwesenden so, daß sie sich alle vor Mir auf die Erde warfen und aus allen Kräften riefen: „Ja, ja, ja, Dir allein, Du ewig großer Einer, alles Heil!“
GEJ|3|35|10|0|Durch diesen Akt erst erkannten Mich die fünf; und Mathael, sich in Tränen des Dankes völlig badend, sprach endlich mit der tiefsten Rührung: „Also Du – Du – bist der ewig große Eine! Oh, welch ein Anblick für uns Tote, den allein Lebendigen zu schauen!“ – Darauf schwieg er, so wie alle Anwesenden, in tiefe Betrachtung versunken.
GEJ|3|36|1|1|36. — Des Herrn Rede über die wahre Gottesverehrung
GEJ|3|36|1|0|Ich aber sagte zu allen noch am Boden vor Mir Liegenden: „Erhebet euch, Freunde und Brüder! Eure Mir nun dargebrachte Verehrung ist wohl gerecht, denn sie gilt ja Dem, der in Mir ist, dem heiligen Vater von Ewigkeit! Aber Der ist ja immer in Mir, wie Ich, und auch ihr alle, in Ihm, und ihr müßtet denn gleichfort von höchster Ehrfurcht vor Mir im Staube liegen. Das wäre für euch und für Mich aber doch sicher nichts Angenehmes, und weder ihr noch Ich hätten am Ende etwas davon.
GEJ|3|36|2|0|Seht, es ist für immer genug, daß ihr an Mich glaubet, Mich liebet wie einen eurer besten Brüder und Freunde, und nach Meinem Worte handelt; was darüber ist, taugt für nichts, da Ich durchaus nicht in die Welt gekommen bin, um Mir eine abgöttisch göttliche Verehrung von den Menschen erweisen zu lassen, etwa gleich einem Merkur oder Apollo, – sondern um gesund zu machen alle die Kranken an Seele und Leib, und den Menschen dieser Welt zu zeigen den rechten Weg zum ewigen Leben! Das allein verlange Ich von euch; alles, was darüber ist, ist eitel, dumm, abgöttisch und führet zu nichts.
GEJ|3|36|3|0|Es ist wohl wahr, daß der Mensch Gott, seinen Schöpfer, ohne Unterlaß anbeten solle, da Gott in Sich heilig und darum aller Anbetung würdig ist; aber Gott in Sich ist ein Geist und kann daher nur im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden.
GEJ|3|36|4|0|Was aber heißt das, Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten? – Seht, das heißt soviel als: allzeit an den einen wahren Gott glauben, Ihn aus allen Kräften über alles lieben und Seine leichten Gebote halten!
GEJ|3|36|5|0|Wer das tut, der betet fürs erste ohne Unterlaß, und fürs zweite betet er also zu Gott im Geiste und in aller Wahrheit; denn ohne Tat ist jedes Lippengebet eine barste Lüge, mit der Gott als die ewige Wahrheit nicht verehrt, sondern nur verunehrt wird!
GEJ|3|36|6|0|Stehet also auf als freie Menschen, als Meine Brüder, als Meine Freunde, treibet fürder keine Abgötterei mit Mir und verratet Mich vor der Welt nicht vor der Zeit; denn das würde der Welt um sehr vieles mehr schaden als nützen!“
GEJ|3|36|7|0|Nach diesen Meinen Worten erheben sich alle wieder vom Boden, und Mathael sagt: „Ja wahrlich, nur so kann ein Gott voll der höchsten Weisheit und Liebe sprechen! Oh, wie ganz anders denke und fühle ich nun, als ich ehedem gedacht und gefühlt habe! – O Herr, nur diese Bitte laß mir nicht unerhört: Laß es nimmer zu, daß unsere Seele nochmals in eine solche Prüfung gerate wie die, aus der uns Deine Liebe, Erbarmung und Macht soeben erlöst hat!“
GEJ|3|36|8|0|Sage Ich: „Bleibet in Mir durch das, daß ihr Mein Wort höret, es behaltet und danach lebet, so wird dadurch Meine Kraft und Meine Liebe in euch sein und wird euch schirmen vor jeglicher harten weiteren Versuchung!
GEJ|3|36|9|0|Meine Jünger aber haben schon das Allernotwendigste aufgezeichnet, was dem Menschen vor allem not tut; das leset, fasset es und tut danach, und eines mehreren benötigt ihr nicht vor der Zeit Meiner Erhöhung!“ – Mit dem begnügen sich die fünf.
GEJ|3|36|10|0|Ich aber wende Mich darauf zu Cyrenius und sage: „Freund, hier sind wir am Ende, und so wollen wir nun noch zu den andern hingehen und sehen, wie schwer sie sich gegen die Gesetze Roms versündigt haben. Habe aber acht, – es wird sich mit ihnen eben nicht gar zu leicht reden lassen; denn sie haben viel Welthaare auf ihren Zähnen! – Gehen wir aber nun hin!“
GEJ|3|37|1|1|37. — Des Julius Bedenken gegen das Verhör der andern Verbrecher
GEJ|3|37|1|0|Darauf fragt Cyrenius, sagend: „Herr, was soll aber nun geschehen mit den fünfen? Sieh, sie sind ja mehr denn halbnackt! Soll ich sie bekleiden? Ich habe wohl Kleider bei mir; aber es sind Staatskleider, die sonst niemand tragen darf als nur Roms Staatsleute. Das tut sich demnach nicht. Römische Dienerschaftsröcke habe ich auch; aber für derlei Röcke sind mir diese fünf doch offenbar zu erhaben, vermöge ihrer zu ergreifend hohen Weisheit; was wird sonach hier zu machen sein?“
GEJ|3|37|2|0|Sage Ich: „Ein Rock hat keine andere Bedeutung, als daß er bedeckt des Leibes Blöße, ob er da ist ein Staatsrock oder ein Dienerschaftsrock; vorderhand ist es demnach einerlei, ob du die fünf bedeckest mit einem Staatsrocke oder mit einem Dienerschaftsrocke. Bei mir steht der Dienerschaftsrock doch weit über dem Staatsrock, darum gib ihnen Dienerschaftsröcke; denn in einem Staatsrocke würden sie des Rockes wegen zum Gespötte der Welt werden, und dafür sind sie zu gut, obschon auf der Welt eigentlich niemand gut ist! Sie werden mit der Zeit noch genug Verspottung um Meines Namens willen zu bestehen haben, und Ich will darum nicht, daß sie vor der Zeit auch der Welt wegen von der Welt sollen bespottet werden.“
GEJ|3|37|3|0|Als Cyrenius solches vernimmt, entsendet er sogleich mehrere Diener, die besten Dienerschaftsröcke zu holen. In wenigen Augenblicken sind die Röcke herbeigeschafft, und Cyrenius läßt sie sogleich an die fünf verteilen.
GEJ|3|37|4|0|Die fünf aber sagen zu ihm dankfreundlichst: „Der große Eine unter uns wird es dir vergelten! Denn mit unseren ganz zerrissenen Lumpen waren wir ja doch kaum mehr imstande, unsere Scham vor den Augen der Welt zu verbergen; darum dir noch einmal unseren liebfreundlichsten Dank dafür!“
GEJ|3|37|5|0|Danach ziehen die fünf hinter einem Gebüsch in der Nähe ihre alten Fetzen aus und kommen darauf als sich recht gut ausnehmende römische Hofdiener zum Vorschein. Als sie darauf ganz zufrieden zu uns stoßen, begeben wir uns sogleich zu den andern politischen Verbrechern, die unser schon mit einer großen Sehnsucht harren.
GEJ|3|37|6|0|Als wir bei ihnen anlangen, so fallen sie gleich mit ihren Angesichtern auf die Erde und bitten um Gnade. An der Hauptzahl sind es eigentlich ihrer acht; aber es sind mit ihnen noch einige, die nur mitgezogen und daher auch mit ergriffen worden waren.
GEJ|3|37|7|0|Hier sage Ich zu Julius: „Freund, das ist dein Geschäft, diese zu vernehmen und sie auf eine rechte Art und Weise zur Verantwortung zu ziehen!“
GEJ|3|37|8|0|Als Julius solches vernimmt, so sagt er: „Herr, obschon mir sonst so ein Geschäft gerade keine Kopfschmerzen verursacht hätte, so fängt es mir hier aber dennoch an, ein wenig schwindlig zumute zu werden. Du hier, ein Engel hier, Cyrenius hier, Deine nun schon über alle Maßen weisen Jünger hier, die dreißig jungen Pharisäer und Leviten auch hier, – und nun die fünf hier; von der weisen Jarah will ich ohnehin nichts sagen! Und, Herr, die fünf, oh, die fünf! Und vor all denen soll ich die vor uns stehenden politischen Verbrecher befragen und abhören? Oh, das wird kein leichtes Stück Arbeit werden! Das Schönste bei der ganzen Geschichte ist nur das, daß ich so ganz eigentlich selbst nicht recht ex fundamento (aus dem Grunde) weiß, warum sie ergriffen und in Ketten hierhergebracht wurden! Das Ganze besteht eigentlich darin, daß sie Sendlinge des Tempels sind und im Auftrage des Tempels böse Gerüchte über Rom haben ausstreuen müssen. Aber es ist dafür kein gültiger Zeuge da! Wie aber wird man sie zu einem Geständnisse bringen?“
GEJ|3|37|9|0|Sagt der hinter dem Julius stehende Mathael: „Darum sei doch nur dir nicht bange! Was da die Zeugen betrifft, so stehen schon wir fünf da, aber sicher nicht zu ihrem Nachteile, sondern nur zu ihrem Vorteile. Sieh, wir selbst waren ja Augen- und Ohrenzeugen, wie diese bei Vermeidung des Trinkens des verfluchten Wassers diesen Auftrag haben übernehmen müssen; denn wir kennen sie um so genauer, bloß nur äußerlich genommen, da wir mit ihnen fast in der gleichen Zeit zur Bekehrung der Samariten ausgesandt worden sind. So unschuldig aber wir fünf an allem dem, was mit uns mag vorgegangen sein, sind, ebenso unschuldig dürften auch diese sein. Nun weißt du vorderhand zur Genüge, und du kannst nun dein Examen mit ihnen ganz in aller Ruhe beginnen, und hast dich nicht im geringsten zu genieren vor unserer inneren Weisheit.“
GEJ|3|38|1|1|38. — Julius verhört die Verbrecher
GEJ|3|38|1|0|Als Julius solches von Mathael vernahm, ward es ihm etwas leichter ums Herz, und er wandte sich sonach auch sogleich an die noch auf der Erde liegenden politischen Verbrecher, sagend: „Stehet auf ohne Furcht und Zagen; denn Männer wie ihr müssen auch dem nackten Tode ohne Furcht und Beben kalt ins Angesicht schauen können! Denn wir Römer sind keine Tiger und keine Leoparden, sondern Menschen, die eher suchen das Unglück der Menschen zu lindern als irgend zu vermehren! Aber das sei euch auch gesagt: daß wir kein Verbrechen so hart zu strafen pflegen wie das der Lüge! Auf ein falsches Zeugnis und auf eine unverschämt lügenhafte Aussage ist bei uns der Tod gesetzt! Darum gebt Wahrheit mir auf jede meiner Fragen zur Antwort, und ich als euer von Gott bestellter Richter werde euch, so ihr mir wohl erweislich mit aller Wahrheit entgegenkommen werdet, eher von allen Übeln zu retten bemüht sein, als euch in irgendeinen Schaden zu bringen! Darum erhebet euch nun und stehet mir offen Rede!“
GEJ|3|38|2|0|Auf die Worte des Julius erheben sich die politischen Verbrecher vom Boden ganz trübseligen Aussehens, und Ich sage heimlich in der römischen Zunge: „Befreie sie zuerst von ihren Fesseln; denn der Gefesselte an Händen und Füßen hat auch eine arg gefesselte Zunge!“
GEJ|3|38|3|0|Auf diese Meine Worte befahl Julius den Soldaten, den Gefesselten die Fesseln abzunehmen.
GEJ|3|38|4|0|Dieses geschah alsogleich, und als die in der Totalsumme etlichen zwölf ganz frei ohne alle Fesseln dastanden, fragte sie Julius, sagend: „Wer seid ihr, wo geboren?“
GEJ|3|38|5|0|Sagte einer im Namen der andern: „Herr, Schrift haben wir keinerlei bei uns! Willst du aber meinen Worten Glauben geben, so sind wir durch den Tempel so gut wie durch den scheußlich frommen Sinn unserer dummen Eltern verwünschte Templer und sind samt und sämtlich Kinder Jerusalems. Das Gesetz Mosis in bezug auf das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern dürfte der reinen Menschenvernunft zufolge wohl auch einmal dahin eine Abänderung erleiden, daß durch Zufall und durch zeitweiligen Umgang mit wahrhaft weisen Menschen vernünftig gewordene Kinder nicht gleichfort ihren Eltern untertan bleiben sollen; denn gar vieler Kinder geistiges und leibliches Unglück sind ihre oft unbeschreibbar dummen, stolzen und mit allen schlechten Salben gesalbten Eltern!
GEJ|3|38|6|0|Wahrlich, dieses Gebot kann kein höchst weiser Gott dem Moses für die arme Menschheit gegeben haben! Wahrlich, dieses Gebot, ohne daß dabei irgendeine Ausnahme gemacht werden darf, ist fürs Tierreich zu schlecht, geschweige für das Reich des Menschen! Durch die strenge Beobachtung dieses dümmsten Gebotes, von dessen Gebung Gott vielleicht kaum der Urheber war, sondern Moses allein oder irgendein Nachmoses, stehen wir nun als Verbrecher vor dir, id est (d.i.) vor dem Richter über Leben und Tod! Eine sehr angenehme Bescherung für unsern stets treuen Gehorsam gegen unsere mehr als blitzdummen Alten! Auf diese höchst angenehme Bescherung wird wahrscheinlich entweder das ehrenhafte Kreuz oder der unterste Schiffsdienst in ewigen Ketten folgen! Denn so wir mit der vollen Wahrheit über unser freilich dreifach genötigtes Tun zum Vorschein kommen müssen, so rettet uns vor der unerbittlichsten Strenge eurer Gesetze kein Gott! Und doch heißt es in diesem schönen Gebote Mosis: ,Ehre Vater und Mutter, auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden!‘ Schön! Da stehen wir nun! Wie gut es uns armen Teufeln geht, das sieht ein jeder, und wie lange wir noch leben werden, das hängt nun allein von dir ab! Die göttliche Verheißung auf die Haltung des vierten Gebotes Gottes geht uns ja so herrlich in die Erfüllung, daß uns darüber wahrlich alle Teufel ins Gesicht lachen und am Ende noch anpissen müssen!“
GEJ|3|38|7|0|Sagt Julius: „Aber meine Lieben, das gehört ja nicht zur Sache, sondern ihr habt bloß auf das allein nur zu antworten, um das ihr gefragt werdet!“
GEJ|3|38|8|0|Erwidert darauf Suetal (also hieß der Redner) im Namen der zwölf: „Herr, wenn einem schon der sichere Tod am Genicke sitzt, da gehört alles zur Sache! Daß wir offenbare Verbrecher gegen Rom sind, das können wir unmöglich leugnen, und was darauf folgt, das wirst hoffentlich du nicht in Abrede stellen können; denn dafür trägst du dein scharfes Schwert und hast das Gesetz und die Macht, – Dinge, gegen die der arme Wurm im Staube nichts ausrichten wird!
GEJ|3|38|9|0|Weil aber zuweilen die Herren Römer bei aller Strenge ihrer Gesetze doch noch mehr Menschen sind als die schwarzen Herren im Tempel, nach deren Pfeife jetzt schon sogar der liebe Herrgott tanzen muß, so denken wir euch gestrengen, aber dabei doch noch etwas menschlichen Herren nicht nur unser Vergehen ANTI ROMAM (gegen Rom), sondern auch die Hebel dazu vor die Augen zu stellen; vielleicht wirst du dadurch etwas menschlicher mit uns armen Teufeln verfahren, denn Menschen sind wir schon lange nicht mehr; seit der Zeit nicht mehr, als wir das Teufelswasser mit dem Aufwiegelungsauftrage gegen euch Römer vertauscht haben.“
GEJ|3|38|10|0|Fragt nun Julius: „Warum hättet ihr damals eigentlich das verfluchte Wasser trinken sollen? Womit habt ihr euch denn dem Tempel und seinen Gesetzen gegenüber also strafbar gemacht?“
GEJ|3|38|11|0|Sagt Suetal: „Gerade umgekehrt dadurch, als wir uns nun gegen euch strafbar gemacht haben! Wir sind verraten worden, geheime Freunde von euch Römern zu sein, und das Teufelswasser war fertig! Um als junge Leute aber dem Teufelswasser zu entrinnen, mußten wir gerade eure Feinde werden, und unsere dummen Alten haben danebst noch müssen eine starke Sühne von mehreren hundert Pfund Silbers an den Tempel bezahlen und tausend fette Sündenböcke liefern, von denen wahrscheinlich keiner im Jordan zu schwimmen versucht hat, sondern sie sind, gleich dem Joseph, um viele Silbergroschen sicher und unter guter Bedeckung nach Ägypten gewandert, allwo sie verspeist worden sind.
GEJ|3|38|12|0|Da hast du sonach den Grund, der uns im Tempel das Teufelswasser bereitet hatte und im templischen Gnadenwege eure Feindschaft! Der Unterschied besteht rein nur darin: Hätten wir das Teufelswasser genommen, so wären wir auch schon lange hingewandert in den Schoß des Vaters Abraham; da wir aber im Tempel Gnade gefunden haben, so werden wir wahrscheinlich erst jetzt genötigt, dem lieben Vater Abraham für ewig einen Besuch abzustatten. Bald werden wir aus deinem feinen Munde das bekannte I LICTOR (geh, Scharfrichter!) vernehmen, und die verheißene Frucht für die genaue Beobachtung des vierten Gebotes Gottes werden wir eingeerntet haben unter dem Titel: ,Gutes und langes Leben auf Erden!‘ Sollten wir wirklich ans Kreuz kommen, so bitten wir dich, uns solchen Titel über unsere Kreuze anheften zu lassen.“
GEJ|3|38|13|0|Sagt Julius, innerlich ganz heiter, aber äußerlich den strengen Richter spielend: „Ihr schiebet, wie es mir vorkommt, alle Schuld nun lediglich aufs vierte Gebot Mosis; aber ich merke, daß ihr dieses Gebot entweder wirklich oder möglich auch geflissentlich nicht verstehet oder nicht verstehen wollet. Denn es steht im Gesetz nur, daß man seine Eltern ehren, nicht aber, daß man ihnen in allem, wie einem Herrscher, gehorchen solle; denn bin ich als Kind und schon Mann ein vielerfahrener und weiser Mensch geworden, so werde ich doch einsehen, daß eine rechte Liebe zu meinen noch lebenden Eltern die eigentlich rechte Verehrung ist, die Gott durch Moses geboten hat.
GEJ|3|38|14|0|Wenn daher irgend schwache Eltern von ihren Kindern etwas verlangen, wodurch sie samt den Kindern in einen großen Nachteil gelangen können, so ist es Pflicht der Kinder, den Eltern das Schädliche ihres Begehrens mit aller Liebe und Geduld so klar als möglich vorzustellen, und die Eltern werden sicher davon abstehen; beharren sie aber, so ist ein Ungehorsam aus wahrer Liebe zu den Eltern wahrlich keine Sünde, weder vor dem höchst weisen Gott, noch vor allen billig denkenden Menschen.
GEJ|3|38|15|0|Zudem aber hat ja selbst Moses eine Erklärung bezüglich des Gehorsams der Kinder gegen ihre Eltern dahin beigefügt in seinen theokratischen (gottesherrschaftlichen) Verfassungsschriften, welcher ganz klar gehaltener Erklärung zufolge die Kinder ihren Eltern in allem zu gehorchen haben, was nicht wider das Gesetz geht.
GEJ|3|38|16|0|Damit aber ist das Gesetz Mosis mehr denn hinreichend gerechtfertigt, und die Schuld liegt demnach, wenn es so ist, wie ihr es mir gesagt habt, entweder wirklich in der Dummheit eurer Alten und in dem Unverstande (deren Nichtverstehen) des Gesetzes eben derselben, wie auch an eurem nun am Tage liegenden Mißverständnisse des göttlichen Gebotes durch Moses!
GEJ|3|38|17|0|Oder die Schuld kann auch in eurer dicksten Verschmitztheit liegen, die aber hier ganz sicher ans Tageslicht kommen wird. Denn seht, ihr habt eure Pfiffigkeit unvorsichtigermaßen durch euer das Gebot Gottes humoristisch äffendes Entschuldigen gezeigt und scheinet viel bösen Witzes zu besitzen; und solcher Proteusse [Proteus = Vielgestaltiger; in der griech. Göttersage ein Meergreis, der sich in alle Gestalten verwandeln konnte.] Entschuldigungen nehmen wir Römer nie so ganz leichten Kaufes als bare Münze an! Daher werdet ihr mir schon ernstere und der Wahrheit ähnlicher sehende Entschuldigungen zum Vorscheine bringen müssen, ansonst ihr von mir kein gutes Urteil zu erwarten haben dürftet!“
GEJ|3|39|1|1|39. — Suetals Rede über den Tempel und den Heiland von Nazareth
GEJ|3|39|1|0|Diese sehr triftige Gegenbeleuchtung des Julius machte die Verhörten stutzen, und Suetal wußte nun nicht, was er als etwas so recht Schlagendes darauf erwidern sollte. Nach einer Weile aber sagte er dennoch ganz ernstlich: „Du hast vollkommen recht, aber wir sind darum nicht minder in unserem vollsten Rechte! Siehe, wenn du einem Kinde schon von der Wiege an stets vorsagen wirst, daß zwei und abermals zwei Nüsse zusammen fünf Nüsse sind, so wird dir dies das Kind glauben und es dir nachsagen, und es wird am Ende schwer werden, den schon reif gewordenen Jüngling von solchem Wahne frei zu machen. Wer hatte uns bis zur Stunde das Gesetz Mosis also erklärt wie du nun? Was blieb demnach übrig, als das Gesetz also zu nehmen, wie es uns von der Wiege an erklärt worden ist?! Unsere Alten verstanden es selbst nie besser, und der ganze Tempel versteht es wahrscheinlich entweder auch nicht, oder er will es nicht verstehen. Woher hätten dann wir ein so richtiges Verständnis nehmen sollen? Zudem haben wir als angehende Templer den ganzen Moses auch nie zu Gesicht bekommen, weil solches nur den Ältesten und den Schriftgelehrten gestattet ist! Und nun sage du uns, von wo wir des Gesetzes richtige Erkenntnis hätten hernehmen sollen! Wer hätte es uns, dir gleich, richtig erklären sollen?“
GEJ|3|39|2|0|Sagt darauf Julius: „Man sollte es aber mit allem Fug und Recht annehmen können, daß Menschen, die einmal Diener des Tempels im Priesterkleide sind, ihre Gotteslehre doch wenigstens so gut verstehen sollten wie ein Heide (Altgläubiger)! Mir ist jedes Volkes Gotteslehre stets von größter Wichtigkeit gewesen, weil man durch sie ein Volk in all seinem Tun und Lassen am ehesten vom Grunde aus kennenlernt; und so glaube ich denn mit einigem Rechte, daß jedem einzelnen Menschen eines Volkes vor allem daran gelegen sein müßte, die Gotteslehre seiner Väter so genau als nur immer möglich kennenzulernen, weil eben solch eine Gotteslehre denn doch einzig und allein die Richtschnur des gesellschaftlichen Untereinanderlebens sein kann! Zudem seid ihr keine Jünglinge mehr, sondern Männer, von denen es wohl zu erwarten wäre, daß sie – sage als Priester auch noch – ihre Gottlehre wenigstens so gut wie ich, der ich ein Fremder bin, verstehen sollten! Was wird denn hernach in euren Schulen gelehrt?“
GEJ|3|39|3|0|Sagt Suetal: „Man lernt darin lesen, schreiben und rechnen, endlich lernt man auch allerlei fremde Zungen und nun (dann) einen gewissen Auszug aus der großen Schrift, in dem vor allem stets auf das dringendste verlangt wird, alles das für vollkommen als von Gott kommend wahr anzunehmen, was der Tempel will und lehrt. Wenn aber also, so fragt es sich daneben sehr, woher wir dann eine tiefere Erkenntnis in unserer Gotteslehre nehmen sollten! Du hast es leicht; denn du bist ein Herr voll Macht und Gewalt von allen Seiten. Du kannst in eine Hauptsynagoge treten und nur begehren; jeder Oberste derselben wird dir in alles die vollste Einsicht zu nehmen ganz sicher gestatten, – und wehe ihm, so er dir etwas vorenthalten möchte! Er weiß es schon, daß du darauf alles werdest durchsuchen lassen, und wenn sich da etwas Verheimlichtes vorfände, was er darauf zu gewärtigen hätte! O sieh, das weiß so ein Synagogenoberster recht gut und wird dir deshalb alles zeigen und enthüllen, gleichwie sogar der Hohepriester zu Jerusalem das sogenannte Allerheiligste, in das er im Angesichte und nach dem Glauben des Volkes selbst nur zweimal treten darf, jeden Tag den hohen und mächtigen Fremden zeigen muß und sogar ums Geld auch andern Fremden zeigt; es soll aber unsereins versuchen, ein solches Begehren zu stellen, und das Teufelswasser ist darauf sicher bei der Hand!
GEJ|3|39|4|0|Manche Tempeldiener, die sogenannten Geheimsten, wissen freilich darum, wie es im Allerheiligsten aussieht; aber sie sind erstens sehr gut bedienstet und zweitens für den geringsten Verrat mit hundert Todesstrafen bedroht, daher sie denn auch den Mund zu halten verstehen. Jetzt fragt es sich aber noch intensiver, von woher wir dann das wahre Licht in unserer höchst mystischen Gotteslehre nehmen sollten!
GEJ|3|39|5|0|Wenn sich aber alles sicher also verhält, wie wir es dir nun zu unserer nötigen Entschuldigung kundgetan haben, so wirst du als Richter und Mensch über uns doch hoffentlich kein anderes als nur ein vollkommen gerechtes Urteil fällen können!
GEJ|3|39|6|0|Worin unsere Gebrechen bestehen, weißt du sicher schon lange; welche Schuld wir aber daran tragen, kannst du aus dem wohl hoffentlich ganz klar entnehmen, was wir dir über uns ohne Furcht und Vorenthalt kundgetan haben! Ist dir aber etwas Weiteres und anderes über uns bekannt, so beschuldige uns, und wir werden dir ganz ohne alle Furcht Rede stehen; denn wer mutig zu sterben versteht, der versteht auch mutig zu reden!“
GEJ|3|39|7|0|Sagt Julius ganz gelassen: „Ich bin weit entfernt, in eure Rede irgendein noch weitergehendes Mißtrauen zu setzen, da ich wohl nur zu sehr überzeugt bin, daß es also zugeht im Tempel, wie ihr es nun ausgesagt habt, und spreche euch darum von jeder weiteren Schuld los; denn der da vom Dache fällt und durch seinen Fall ein unter dem Dache spielendes Kind schwer verletzt, kann nicht die entfernteste Schuld daran tragen, und ist in dieser Hinsicht unser Verhör zu Ende, und ihr seid in dieser Beziehung als ganz schuld- und straflos erklärt.
GEJ|3|39|8|0|Aber es hat nun noch einen andern Haken! Darüber werde ich euch noch eine Frage stellen; von der Beantwortung dieser Frage wird es sehr abhängen, ob ich euch Freund oder Feind sein werde, – und so gebet denn acht!
GEJ|3|39|9|0|Ihr werdet in dieser Zeit sicher irgend vernommen haben, daß sich bei Nazareth ein gewisser Jesus, eines dortigen Zimmermanns Sohn, als Heiland herumtreiben soll, und soll große, unerhörte Dinge als Taten vor jedermanns Augen vollführen und eine neue Gotteslehre unter das Volk ausstreuen! Habt ihr davon irgendeine Wissenschaft, so gebet sie mir offen kund, denn mir muß es sehr daran gelegen sein!“
GEJ|3|39|10|0|Sagt Suetal: „Wir haben davon wohl auch so von weitem her etwas wispern hören, werden aber kaum den hundertsten Teil von dem wissen, was du allenfalls schon lange wissen dürftest. Fürs erste waren wir stets mehr in den Mittagsgegenden zur Erfüllung unseres schönen Auftrags beschäftigt und sind erst vor wenigen Tagen in diese galiläischen Gefilde gekommen und allda aber auch bald aufgegriffen worden, und können darum von deinem gewissen Heilande ganz entsetzlich wenig wissen. Aber daß sein Ruf sich sogar bis gen Damaskus und Babylon schon ausgebreitet hat, das ist ganz gewiß; was er aber sonst für ein Mensch ist, was er tut und wie er die Kranken heilt, von dem wissen wir noch keine Silbe und wären darum selbst im höchsten Grade begierig, davon etwas Näheres zu vernehmen! Ja, wenn es noch einen Gott irgendwo gibt, so kann er dem argen Treiben des Tempels ja doch länger nicht mehr zusehen und muß dem Volke einen Erlöser senden!
GEJ|3|39|11|0|Wir sagen es dir, was der Mensch in seiner größten Verworfenheit, in seiner übersatanischen Phantasie sich nur immer ausdenken kann, das wird innerhalb der weiten Mauern des Tempels alles in tatsächliche Erfüllung gesetzt. Laster ohne Maß und Zahl werden da an der Menschheit begangen und das mit einer so gleichgültigen Frechheit, daß du dir davon gar keinen Begriff machen kannst! Die hohen Tempelherren scheinen die Menschen so hoch zu schätzen, wie man sonst einen müßigen Sperling schätzt. Ich will kein Wort sprechen von der allerleichtfertigsten Übertretung aller Gebote Gottes; aber es werden da neue Greuel erfunden und begangen, von denen einem guten Moses offenbar nie etwas träumen konnte, denn sonst hätte er auf derartige Greuel sicher einen hundertfachen Tod und eine zehnfache Hölle als Strafe gesetzt! Es ist aber des Heiles der Menschen wegen besser, daß wir davon kein Wort mehr verlieren!
GEJ|3|39|12|0|Man würde der Menschheit sicher einen großen Dienst erweisen, so einmal in der Nacht der Tempel samt seinen Einwohnern auf einen Hieb könnte zerstört werden. Es ist der Menschheit darum ein Erlöser schon lange vonnöten; aber dieser solle die Menschheit, nicht etwa uns Juden von euch Römern – denn ihr gehöret ja auch zu unsern Erlösern –, sondern von der rein höllischen Drakoarchie (Drachenherrschaft) des Tempels befreien! Dann, Herr, wird die arme Menschheit hell aufjauchzen vor Freude, daß sie von ihrem ärgsten Feinde erlöst worden ist!
GEJ|3|39|13|0|Freund, kann es wohl noch einen frecheren Gedanken geben als den, daß Gott der Allmächtige einem bösesten Wurme des Staubes alle Seine Macht über alle Menschen und über alle sonstige Kreatur also gegeben hätte, daß nun dieser Wurm nach seiner allerbösesten Willkür mit Gott Selbst, und mit allen Menschen und mit aller Kreatur seinen übersatanischen Mutwillen ungestraft treiben kann?! Nein, nein, Herr! Da gibt es entweder keinen Gott, oder Gott läßt solchen Teufeln wieder wie zu den Zeiten Noahs und Lots ihr Höllenmaß voll machen! O großer, heiliger Gott, wo bist Du, wo säumest Du? Wahrlich, was der Tempel nun treibt, das übersteigt alle menschlichen Begriffe! Äußerlich zeigt er freilich wohl noch dasselbe trost- und hilfehauchende Gesicht wie allenfalls zu Salomos Zeiten; aber inwendig ist er eine Hölle der Höllen geworden! Aber es ist besser, davon keine Silbe mehr weiter zu reden und wir wollen darum schweigen und erwarten, von dir Näheres über den Heiland aus Nazareth zu vernehmen!“
GEJ|3|40|1|1|40. — Warum die Angeklagten nach Galiläa kamen
GEJ|3|40|1|0|Sagt darauf Julius: „Was da die Argheit des Tempels betrifft, so sind wir Römer davon schon so unterrichtet, daß ihr uns nichts Neues und Überraschendes mehr kundgeben könnet; und es wird darum die Zeit der Strafe nicht lange mehr auf sich warten lassen, dessen könnet ihr ganz versichert sein.
GEJ|3|40|2|0|Daß wir aber den Tempel noch nicht zur Rechenschaft gezogen haben, geschieht des dummen und noch sehr einfältigen Volkes wegen, das noch immer den Tempel für ein Heiligtum hält und sein Heil darin sucht. Würden wir nun den Tempel angreifen, so hätten wir jetzt noch mit geringer Ausnahme alles Volk wider uns; wenn aber sicher bald wenigstens die Mehrzahl des Volkes zur Kenntnis gelangt sein wird, wie eigentlich der Tempel beschaffen ist, dann werden wir eine ganz leichte Arbeit bekommen, dem Tempel einen vollsten Garaus zu machen. Zu dem Behufe wird eben die neue, reinste Wahrheitslehre des großen Heilandes aus Nazareth ihr Entschiedenstes beitragen, so sie nur ein wenig unters Volk ausgestreut sein wird; denn diese Lehre ist so rein wie die Sonne am hellsten Mittage und wird da von jedermann leicht begriffen werden, wo ein guter Wille das Herz leitet. Natürlich, wo aber der Menschen Herzen schon in Grund und Boden verdorben sind, da wird diese Lehre auch nicht angenommen werden, so göttlich-rein sie auch ist! Aber da wird dann der Römer Schwert ein Gericht verkünden, wie die Welt noch keines in so ausgedehntem Maße erfahren hat; denn da wird Gottes Arm mit dem der Römer sein. – Das somit zu eurer Beruhigung!
GEJ|3|40|3|0|Aber nun noch von etwas anderem! Ihr habt ehedem erwähnt, daß ihr euer Unwesen gegen Rom mehr im Mittage des Judenlandes getrieben habt und erst in jüngster Zeit hierher ins galiläische Gebiet gekommen seid. Ich frage euch demnach, welche Erfolge ihr mit euren Aufwiegelungen gegen Rom erreicht habt, und was euch bewogen hat, nach Galiläa herüberzugehen?“
GEJ|3|40|4|0|Sagt Suetal: „Herr, in den Mittagslanden haben wir bloß gegessen und getrunken und getrauten uns kein Wort wider Rom loszulassen, da wir das meiste Volk sehr gut römisch gesinnt fanden! Wohl aber haben wir es nicht gespart, sehr bedeutende Funken über das lose Treiben des Tempels, wo es nur möglich war, auszustreuen; bei solch unserem vielmehr antitemplischen denn antirömischen Treiben aber haben wir uns erst vor kurzem in einem erztemplischen Flecken ziemlich stark verbrannt. Man fing leise nach uns zu fahnden an, und es blieb uns nichts übrig, als schnelle Beine zu machen.
GEJ|3|40|5|0|Bei Nacht und Nebel zogen wir über Samaria und kamen nach etlichen Tagen übers Gebirge hierher in dies Land. Da kamen wir bald mit Leuten zusammen, die entweder aus einem wahren Grunde sich über den Druck der Römer eben nicht am besten äußerten, oder sie taten solches bloß, um uns kurzsichtige Tölpel aufs Eis zu führen; kurz, das zu unterscheiden ging etwas zu weit über unseren Erkenntnishorizont. Wir stimmten sonach leichtfertig in ihr Liedlein ein und ließen auch so manches PROPTER FORMAM [Der Form wegen.] fallen. Aber es währte die Geschichte keine drei Tage; wir wurden auf einmal von römischen Soldaten angehalten und festgenommen, und noch vier oder fünf von denen, in deren Lied wir eingestimmt hatten, mit uns. Und wie wir dort zusammengepackt wurden, also sind wir hierhergebracht worden. Und nun hast du alles, was du von uns nur immer haben kannst, und kannst nunmehr dein volles Urteil über uns fällen.“
GEJ|3|40|6|0|Sagt Julius: „Es bleibt schon bei meinem Ersturteile, demzufolge ihr von mir als vollkommen straflos erklärt seid; aber es handelt sich nun um etwas ganz anderes, und das läßt sich ganz kurz in der Frage dartun: Was werdet ihr nun tun? In den Tempel könnet ihr unmöglich mehr zurück, nach Jerusalem zu euren Alten füglichermaßen wohl auch kaum mehr; dort dürfte es euch eben nicht am besten ergehen! – Was also habt ihr nun im Sinne zu tun?“
GEJ|3|40|7|0|Sagt Suetal: „Herr, das ist ein sehr heißer Punkt! Gönne uns etwas Zeit, darüber reiflich nachzudenken!“
GEJ|3|40|8|0|Mathael aber, der in ihrer Nähe steht, sagt zu Suetal: „Höre du mich, ich will dir da einen Rat geben, und so du ihn befolgst, wirst du nicht schlecht fahren!“
GEJ|3|40|9|0|Spricht Suetal: „Bist du nicht einer von den fünfen, die mit uns hierhergebracht worden sind? (Mathael bejaht dies).
GEJ|3|40|10|0|Wenn das, wie kannst du, als ein sicher nur zeitweilig böser Narr, uns in dieser äußerst schwierigen Angelegenheit einen vernünftigen Rat erteilen?! Denn ihr fünfe seid ja als böse und gefährliche Narren, respektive als Besessene hierhergebracht worden in schwersten Ketten! Wer hat euch geheilt? Denn du redest nun ganz klar und mußt geheilt worden sein! Auf dem Schiffe hast du nur gebrüllt, bald wie ein Stier, bald wie ein Löwe und bald wieder geheult wie ein Wolf; und wenn du mit der kreischendsten Stimme von der Welt Worte aussprachst, so bestanden sie in Lästerung, Fluch und Verwünschung! Kurz, du bist ganz derselbe, ob du nun auch einen Römerrock trägst, und mich kann es nicht genug wundernehmen, wie du nun zu solcher Klarheit gekommen bist; dich muß jemand aus dieser großen Gesellschaft geheilt haben samt deinen Gefährten! Aber wer? Wo ist solch ein Wunderheiland?
GEJ|3|40|11|0|Aber halt! Nun fährt mir etwas durch die Seele! Der Herr, der uns verhörte, fragte uns über einen Heiland aus Nazareth; er wollte von uns erfahren, ob und was wir von diesem Manne irgend schon alles in Erfahrung gebracht hätten. Wir sagten so viel, als uns bekannt war vom Hörensagen.
GEJ|3|40|12|0|Wir fragten darauf um Näheres über solch einen seltensten Menschen, aber es kam uns keine Antwort entgegen, wie wir sie gewünscht hätten; du selbst führst uns nun auf die Spur! Daß du samt deinen Gefährten geheilt worden bist, das unterliegt keinem Zweifel mehr; aber auch ebenso scheint es keinem Zweifel mehr zu unterliegen, daß eben der vom hohen Römerherrn so zufällig erwähnte Heiland aus Nazareth hier ist! Er muß hier sein; denn euch hätte sonst kein sterblicher Mensch auf dieser Erde geheilt! Sage es uns, ob unsere Frage einen Grund hat; dann erst wollen wir deinen Rat in bezug auf unser künftiges Sein vernehmen!“
GEJ|3|41|1|1|41. — Mathaels Geschichte seiner Schicksale und Heilung
GEJ|3|41|1|0|Sagt Mathael: „Sieh, Bruder, wir waren Tempelgefährten und mußten dasselbe Los teilen, nur zoget ihr gen Mittag, und wir mußten gen Morgen ziehen. Wir aber fielen einer Horde verkörperter Teufel in die Hände, und es wurden dadurch unsere Leiber zu Wohnungen von vielen Teufeln; aber hier fand sich ein Heiland vor, wohl der größte, den je die Erde getragen, und dieser hat uns ohne alles Entgelt geheilt bloß durch sein über alles Leben herrschendes, mächtiges Wort.
GEJ|3|41|2|0|Er ist hier! Derselbe, dessen der römische Hauptmann Julius zu euch in seiner Frage Erwähnung tat; aber es ist für euch nun noch nicht an der Zeit, mit ihm in eine nähere Bekanntschaft zu treten. Er selbst wird es bestimmen, wann ihr ihn näher kennenlernen sollet! Fraget darum nicht weiter und vernehmet, was ich nun zu euch sagen werde!
GEJ|3|41|3|0|Ihr seid zwar Kinder dieser Welt noch, könnet aber, so ihr wollet, auch in die wahre, freie und lebensvolle Kindschaft Gottes übergehen. Diese Herren Roms werden euch gerne die Mittel dazu verschaffen. Der Herr, der euch verhört hat, wird sicher nicht einen Augenblick säumen, euch auf den rechten Weg zu setzen, und nun um so leichter, da auch der oberste Statthalter Cyrenius aus Sidon hier anwesend ist.
GEJ|3|41|4|0|Sehet, dort hinter euch stehen auch dreißig Templer! Sie gehören schon der Fremdenlegion an und sind nun durch und durch Römer. Werdet ihr dasselbe, und euch ist für alle Zeiten und für alle Ewigkeit geholfen! Aber in Jerusalem blüht für uns ewig kein Glück mehr; denn die Beschaffenheit des Tempels kennet ihr, die von nahe ganz Jerusalem hoffentlich auch, sowie das verfluchte Wasser! Welcher Mensch kann da noch nur je einen Wunsch haben, das Hauptnest aller Teufel und Sünden je wieder zu besuchen? Wollt ihr sterben, dann ziehet nach Jerusalem; wollt ihr aber leben und auch finden das ewige Leben, dann werdet Römer dem Leibe nach und wahrhafte Juden nach Moses der Seele nach! – Fasset ihr solches?“
GEJ|3|41|5|0|Sagt Suetal: „Ja, ja, ja, wir fassen das; aber nur unaussprechlich merkwürdig ist es, daß du nun zu solch einer enormen Klarheit gekommen bist! Jetzt erkenne ich dich auch als meinen Tempelkollegen und weiß, daß du ein tüchtiger Redner warst und mehrere Male so recht derb den Hohen die Wahrheit ins Gesicht sagtest, was denn auch zur Folge hatte, daß du – ich glaube mit noch vieren von deiner Art – nach Samaria ziehen mußtest! Ja, ja, du bist es schon, und es freut uns alle, dich hier ganz gesund und rein wiederzusehen! Dein Rat, Freund, ist wohl an und für sich ganz gut; aber die Vielgötterei der Römer –“
GEJ|3|41|6|0|Mathael fällt dem Suetal ins Wort: „– ist noch immer um tausend Male besser als die allerfinsterste Ein- und eigentlich völlige Abgötterei des Tempels! Sage es mir, welcher Priester im Tempel glaubt denn noch an einen Gott? Ich sage es euch: Ihr Bauch und ihr Wollustsinn ist nun der wahre Gott des Tempels! Dem Tode, der Sünde und allen Teufeln dienen sie! Die Gebote Mosis kannst du um wenige Silberlinge haben, wie du sie willst, aber von ihren Freß- und Wollustsatzungen lassen sie nicht ein Häkchen nach! Sie haben kein Leben mehr und geben sich doch als Herren des Lebens aus und wollen als solche höchst verehrt werden!
GEJ|3|41|7|0|Sie haben keinen Dunst mehr von dem, was Leben ist; sie verstehen samt und sämtlich kein Jota mehr von der Schrift, und die Propheten begreifen sie – wie du das Ende der Welt. Sie haben alle schon lange alles Leben der Seele verloren und pflegen deshalb so emsig das Leben ihres Mottensackes. Wie hätten sie dann aus ihrem vollsten Tode heraus das ewige Leben der Seele zeigen und geben können?
GEJ|3|41|8|0|Das Leben muß aus dem Kampfe des Lebens mit dem Leben und mit dem Tode tiefst erkannt werden und muß in solcher Erkenntnis eine stets mehr und mehr tätige Festigung erhalten, wenn es als ein wahres Leben bestehen soll; wie aber kann der Tote dir zeigen, was das von ihm noch nie erkannte Leben in und außer sich ist?! Ich sage es euch: Im Tempel haust schon lange der ewige Tod; aber dahier haust wahrhaft das ewige Leben! Und siehe, die Römer fassen es und werden voll Lebens, während der Tempel es nie fassen wird, weil er tot ist schon für ewig. Was ist demnach besser: der Römer Vielgöttertum oder des Tempels Eingöttertum?!“
GEJ|3|41|9|0|Nach diesen Worten Mathaels können sich die zwölf nicht genug verwundern über Mathaels höchst richtige Ansichten und über seine entschiedene Weisheit.
GEJ|3|41|10|0|Suetal sagt darauf, sich entschuldigend, zu Julius: „Hoher Herr, vergib es uns, daß wir dich so lange auf eine Antwort warten lassen; aber du vernahmst ja selbst die weisen Worte Mathaels, und wir wurden davon zu durchdrungen und konnten dir die erwünschte Antwort noch nicht geben. Aber so du mit uns noch eine kleine Geduld haben willst, so werden wir dir schon sicher eine ganz gediegenste Antwort geben!“
GEJ|3|41|11|0|Sagt Julius „Laßt nur den Mathael nicht aus, denn er versteht mehr als ich und noch viele tausend solcher, wie ich einer bin! Wenn er redet, will ich gerne tausend Jahre lang schweigen und ihn anhören! Darum besprechet euch nur mit ihm, er wird euch beinahe den besten Rat zu geben imstande sein!“
GEJ|3|41|12|0|Sagt Suetal: „Ja, er hat uns schon einen Rat gegeben, und es käme nun nur auf dich an, uns in die Legion der Fremden aufzunehmen!“
GEJ|3|41|13|0|Sagt Julius: „Ganz gut! Das ist auch schon so gut wie geschehen; aber dessenungeachtet wird euch der weise Mathael noch so manche großweise Lehre zu dem Behufe zu geben in dem allerbesten Stande sein!“
GEJ|3|41|14|0|Sagt Suetal: „Ja, das verspüren wir, obschon uns solche seine Eigenschaft nun noch unbegreiflicher vorkommt als die Luft! Wie er zu solch einer Weisheit gekommen ist, ist rein unerklärlich! Die wunderbare Heilung von seiner Tollheit ist begreiflich; aber woher er nun die Weisheit genommen hat, das begreife, wer es begreifen kann!“
GEJ|3|42|1|1|42. — Seele und Geist
GEJ|3|42|1|0|Sagt Mathael, der diese Worte wohl vernommen hatte: „Mach deine Seele möglichst frei von allen Weltbanden, und du wirst dann bald und sehr leicht begreifen, von woher eine Seele in aller Kürze zur größten Weisheit gelangen kann! Aber solange die Seele noch zu fest im alten Moderhaufen des Todes begraben liegt, welcher Moderhaufen da ist ihr Leib, kann von irgendeiner besonderen göttlichen Weisheit noch lange keine Rede und kein Wahrnehmen sein!
GEJ|3|42|2|0|Dort, einige Schritte vor uns, ersiehst du einen Stock (Baumstumpf), der fest in der Erde zu stecken scheint. Gehe hin und setze dich darauf, und ich stehe dir dafür, daß du damit nicht vom Fleck kommen wirst, auch in vielen Jahren nicht; erst wenn er faul und ganz morsch werden wird, wirst du samt ihm zur Erde fallen. Wirst du dich aber dann auch nicht von deinem Lieblingssitze trennen können, so wirst du denn auch sicher am Ende ganz verwesen mit ihm; denn alles, was tot ist, muß zuvor völlig wie vernichtet werden, wenn es wieder in irgendeine Lebenssphäre übergehen soll. Gehe du aber hin ans Wasser, besteige ein Schiff, mache es frei, spanne das Segel und ergreife das Steuerruder, und du wirst sogestaltig nicht am Flecke bleiben, sondern gar bald erreichen ein neues Land, in dem du viel Neues wirst kennenlernen und bereichern die Schatzkammer der Erfahrungen. Siehe, solange du dich aber sorgest um dein Fleisch und um dessen süßes und bequemes Leben, so lange auch sitzest du auf jenem Stocke und kannst nicht weiterkommen; wenn du aber die überwiegende Sorge um dein Fleisch ganz aufgibst und sorgst dich nur um das, was da betrifft das Leben der Seele und ihres Geistes, da besteigst du das Schiff des Lebens und wirst damit bald vom Flecke kommen. – Verstehst du dies Bild?“
GEJ|3|42|3|0|Sagt Suetal: „Was hast denn du nun von einem Geiste in der Seele gesagt? Ist doch die Seele ja das, was man Geist nennt!“
GEJ|3|42|4|0|Sagt Mathael: „Ja, Freund, wenn du das noch nicht weißt, daß in jeglicher Seele ein Geist alles Lebens wohnt, dann kannst du freilich wohl noch lange nicht begreifen, von wannen mir mein bißchen Weisheit kommt! Weißt, da ist es mit dir auch noch schwer zu reden; denn da vernimmst du mit offenen Ohren nichts und siehst ebenso mit offenen Augen nichts!
GEJ|3|42|5|0|Die Seele ist ja nur ein Gefäß des Lebens aus Gott, aber noch lange nicht das Leben selbst; denn wäre sie das Leben selbst, welcher Ochse von einem Propheten hätte ihr je von der Erreichung des ewigen Lebens, wie umgekehrt von einem möglichen ewigen Tode etwas vorschwätzen können? Da aber die Seele erst auf dem Wege der wahren göttlichen Tugend zum ewigen Leben gelangen kann, wie solches durch gar viele Beispiele erwiesen werden kann, so kann sie ja doch unmöglich selbst das Leben, sondern nur ein Aufnahmegefäß für selbiges sein.
GEJ|3|42|6|0|Nur ein Fünklein im Zentrum der Seele ist das, was man Geist Gottes und das eigentliche Leben nennt. Dieses Fünklein muß genährt werden mit geistiger Kost, die da ist das reine Wort Gottes. Durch diese Kost wird das Fünklein größer und mächtiger in der Seele, zieht endlich selbst die Menschengestalt der Seele an, durchdringt die Seele endlich ganz und gar und umwandelt am Ende die ganze Seele in sein Wesen; dann freilich wird die Seele selbst ganz Leben, das sich als solches in aller Tiefe der Tiefen erkennt.
GEJ|3|42|7|0|Wenn sich das Leben alsogestaltig erst völlig erkennt und seiner selbst ganz klar bewußt wird, dann erkennt es die Weisheit aus dem Fundamente; aber solange das nicht der erwünschte Fall ist, kann von einer Weisheit keine Rede sein!
GEJ|3|42|8|0|Die wahre Weisheit ist das Augenlicht des Geistes im Auge der Seele; wenn aber eine Seele noch fragt, was der Geist in ihr ist – woher soll ihr da das Licht des Geistes und alles Lebens in ihre ansonst stockblinde Sehe kommen?“
GEJ|3|42|9|0|Sagt Suetal: „Ich bitte dich, Freund, höre auf also zu reden und halte damit so lange inne, bis ich dafür empfänglicher werde; denn das sehe ich nun schon ein, daß ich dafür noch viel zu dumm und blind bin! Aber wir alle wollen von deiner nunmaligen Belehrung eine möglichst tatkräftige Notiz nehmen! Denn das sehe ich nun ein, daß du vollkommen recht hast; aber deine tiefste Weisheit nun ganz gründlich zu fassen, dazu gehört eine große Vorbereitung, die bei uns bis jetzt rein unmöglich war! Aber, wie gesagt, wir wollen dir ganz kräftige Jünger werden!“
GEJ|3|43|1|1|43. — Über Leben und Tod
GEJ|3|43|1|0|Sagt Mathael: „Ein redlich-guter Wille ist schon soviel wie das halbe Werk; aber der Mensch darf es nicht zu lange bloß beim guten Willen lassen, sondern muß solchen ehestmöglich ins Werk setzen, ansonst der Wille mit der Zeit sich abkühlt, seine Spannkraft verliert und am Ende zur Vollbringung eines guten Werkes zu schwach und ohnmächtig wird.
GEJ|3|43|2|0|Siehe, solange das Wasser im Topfe siedet, kann man verschiedene Früchte weich sieden und sie in leicht verdauliche Speisen umgestalten; aber wenn das Wasser im Topfe lau und am Ende gar kalt geworden ist, da geht es mit dem Weichkochen der Früchte nicht mehr!
GEJ|3|43|3|0|Darum ist der Wille eines Menschen gleich einem siedenden Wasser im Topfe. Die Liebe zu Gott und zu allem Guten des Lebens aus Gott ist das rechte Feuer, das das Lebenswasser im Topfe zum tätigen Sieden bringt; die weich zu kochenden Früchte aber sind jene Werke und Taten, die wir als gut und wahr anerkannt, aber noch nicht ins Werk gesetzt haben, daher wir sie eben, solange das Wasser im mächtigen Sieden ist, in das Wasser tun müssen, ansonst sie roh und unverdaulich bleiben und daher fürs Leben von keinem Nutzen sind.
GEJ|3|43|4|0|Was man sonach will, das muß man auch tun, ansonst bleibt der Wille stets eine Lüge gegenüber dem Leben, und aus der Lüge wird in Ewigkeit keine Wahrheit!
GEJ|3|43|5|0|Wahrheit aber ist das Leben, und die Lüge der Tod; darum suche in allem die Wahrheit, sie ist das Leben, und fliehe die Lüge in und außer dir, denn sie ist der wirkliche Tod!
GEJ|3|43|6|0|Oder was hast du, wenn du dir einbildest, als hättest du etwas? Siehe, nichts als das Nichtige deiner Einbildung! Und was ist das? Siehe, es ist nichts, und dieses Nichts ist der wahre Tod!
GEJ|3|43|7|0|Wenn du aber bauen willst und hast kein Material und keine Bauleute, wie wird dein Haus, das du bauen willst, aussehen? Sieh, es wird nimmer eine Gestaltung bekommen! Das Material aber sind die Taten und Werke eines lebendigen Willens, der tatkräftige Wille aber sind die Bauleute; diese führen dann aus deinen guten Werken ein rechtes Haus auf, und dieses Haus ist dein wahres Leben in Gott, das da ewig unverwüstbar stehen wird. Aber mit einer geringen Mühe wird kein Haus erbaut, und am allerwenigsten das Lebenshaus; darum heißt es da tätig sein in aller Fülle der uns zu eigen verliehenen Kraft, ansonst dürfte es mit dem Baue schlecht vorwärtsgehen.
GEJ|3|43|8|0|Als Noah die Arche baute, soll er im Anfange sehr saumselig sein ihm anbefohlenes Werk begonnen haben. Als seine Widersacher das merkten, zerstörten sie ihm zur Nachtzeit stets, was er am Tage zustande gebracht hatte. Erst nach vielen Jahren begann er Tag und Nacht an der Arche zu arbeiten und stellte Wächter auf; da erst ging der Bau seiner Vollendung mit raschen Schritten entgegen und bot also zur Zeit der großen Flut, wie bekannt, denen, die darin waren, den Schutz und bewahrte sie vor dem sonst sicheren Untergange.
GEJ|3|43|9|0|Ich sage es dir, daß wir im Grunde nun lauter Noahe sind. Die Welt mit ihren Lügen und Trügereien und all den daraus hervorgehenden Lockungen ist die immerwährende Flut. Auf daß wir von der nicht verschlungen werden, müssen wir die anbefohlene Arche emsigst erbauen; diese Arche ist die Lebensfestigung unserer Seele zur Erhaltung und endlichen Vollausbildung des Gottesgeisteslebens in der Seele.
GEJ|3|43|10|0|Wenn dann endlich die Flut der lockenden Weltversuchungen hinabsinken wird in die Tiefe ihrer Leerheit, so wird das Gottesleben in und über die Seele hinaustreten in aller Kraft und wird in der reinen und neuen Lebenssphäre in der allerungebundensten Freiheit ohne alle feindlichen Wegelagerer ein neues Werk beginnen und damit segnen in und mit Gott die ganze Unendlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! – Verstehst du dies Bild?“
GEJ|3|44|1|1|44. — Der Herr sorgt für die Gefangenen
GEJ|3|44|1|0|Suetal ist ganz stumm vor Verwunderung und fragt den Julius, sagend: „Herr, es ist unbegreiflich, von wannen diesem Menschen die Weisheit gekommen ist! Ich kenne ihn doch recht gut vom Tempel aus, allwo er nichts weniger als von irgendeiner Weisheit etwas hat merken lassen! Als wir mit ihm von Genezareth auf einem Schiffe hierhergebracht worden sind, war er von der bösesten Raserei ergriffen und hatte durchgängig kein menschliches Aussehen. Nun sind noch kaum vierundzwanzig Stunden seit der Tollheitszeit vergangen, und der Mensch steht in einer Weisheitssphäre, von der wohl keinem Salomo bei aller seiner Weisheitstiefe etwas geträumt hat! Sage es uns doch, was da mit ihm vorgegangen ist! Wie kam er zu solch einem Lichte?“
GEJ|3|44|2|0|Sagt Julius: „Wisset ihr denn nicht, daß bei Gott alle Dinge möglich sind? Beachtet nur das werktätig, was er zu euch gesagt hat, dann werdet ihr es schon in euch selbst erfahren, wie ein Mensch in Kürze zu solcher Weisheit gelangen kann! EX TRUNCO NON FIT MERCURIUS [Aus einem Klotz wird kein Merkur (röm.Gott).]  lautet schon ein römisches Sprichwort; ein Stock ist unbeweglich, und es ist an ihm keine Tätigkeit bemerkbar, während in der bildlichen Götterlehre der Römer keine Gottheit so viel zu tun hat wie eben der Merkur. Unter Merkur wird somit eine rechte Tätigkeit über Hals und Kopf verstanden und unter einem Stocke die größtmögliche Untätigkeit, und es kann daher aus einem Stocke kein Merkur werden. Darum heißt es nach dem Worte der Weisheit, über Hals und Kopf tätig sein, um zur wahren Weisheit zu gelangen, ansonst gibt es wohl keinen bekannten Weg zu ihr. Sie läßt sich nicht erlernen wie irgendeine andere Wissenschaft, sondern nur gewinnen in und aus sich selbst durch die wahre Tätigkeit nach der Lehre der Weisheit.
GEJ|3|44|3|0|Wollt ihr demnach gründlich erfahren, wie Mathael zu solcher Weisheit gelangt ist, die euch nun so sehr in Staunen setzt, so müsset ihr in euch zuvor selbst auf dem gleichen Tätigkeitswege zur Weisheit gelangen, ansonst ist all euer Fragen vergeblich und vergeblich jede Antwort auf eure Frage.“
GEJ|3|44|4|0|Sagt Suetal: „Das ist alles ganz gut und richtig; aber wo ist der rechte Weg wohl erkenntlich gezeichnet angegeben?“
GEJ|3|44|5|0|Sagt Julius: „Es ist noch nicht Mittag, und bis zum Abende hin ist noch eine geraume Zeit; in der werdet ihr noch gar manches hören und erfahren, und der Weg wird euch ganz klargemacht werden. Nun aber überdenket das, was ihr vernommen habt, und es wird euch darauf alles Folgende ganz hell und klar werden. Mit dem aber seid ihr nun auch als frei und vollkommen straflos erklärt, nur lasset euch nie wieder gelüsten, euch je wider uns zu kehren, da würde es euch schlechter ergehen denn jetzt!“
GEJ|3|44|6|0|Nach diesen Worten geht Julius einige Schritte zu uns zurück, nämlich zu Mir und zu Cyrenius, und fragt Mich, ob die Verhandlung und das Urteil ganz in der Ordnung sei.
GEJ|3|44|7|0|Und Ich sage: „Ist dein Herz damit zufrieden, das heißt, deines Herzens innerste Liebestimme? Was sagt diese?“
GEJ|3|44|8|0|Sagt Julius: „Da herrscht darüber die größte Zufriedenheit und zugleich eine rechte Sorge, diese Menschen auf den rechten Weg des Lebens zu setzen!“
GEJ|3|44|9|0|Sage Ich: „Nun, wenn also, dann ist schon alles recht und in der besten Ordnung, und es wird sich mit diesen Menschen schon noch der beste Zweck erreichen lassen; aber natürlich wird da noch so manche kleine Probe über sie kommen müssen. Daß ihr sie in die Fremdenlegion aufnehmet, ist gut; aber ihr müßt ihnen eine hinreichende Gelegenheit zukommen lassen, daß sie auf dem erkannten Wege des Heils fortwandeln können. Die fünf, mit Mathael an der Spitze, aber wollet ihr unter der Legion gehörig verteilen, und sie werden euch allen gute Dienste in Meinem Namen leisten und in kurzer Zeit gute Wirkungen ihrer innersten Weisheit zustande bringen. Aber in Galiläa dürfen sie vorderhand nicht verbleiben; denn es wird gar nicht lange hergehen, so wird der Tempel irgend Wind bekommen von dem, daß ihm bei siebenundvierzig Glieder abhold geworden sind, und wird eine Jagd auf sie durch Herodes machen; werden sie aber in Galiläa nicht und nirgends gefunden, dann werden die Fahnder unverrichteterdinge halber wieder zurückkehren, und man wird die siebenundvierzig für irgend verunglückt und verloren ansehen und sich fürder nicht mehr um sie kümmern. Und so bleibet ihr Römer im trocknen und die siebenundvierzig durch euch, und es ist allen ohne irgendeine Notlüge geholfen!“
GEJ|3|44|10|0|Fragt Cyrenius: „In Tyrus und Sidon aber werden sie doch wohl sicher sein? Denn da gibt es nur sehr wenig Juden.“
GEJ|3|44|11|0|Sage Ich: „O ja, dort sind sie sicherer denn irgend in Galiläa, aber sicherer wären sie noch irgend entweder in Afrika oder in einer Stadt am Pontus Euxinus.“ [Pontus Euxinus = Gastliches Meer, Beiname für das Schwarze Meer.] 
GEJ|3|44|12|0|Sagt Cyrenius: „Ganz gut, ich werde für sie schon irgendeinen tauglichen Ort ausfindig machen, wo sie von den Juden sicher unangefochten bleiben werden, und sollten diese Feinfühler auch dahin gelangen, nun, so haben wir schon noch Mittel, ihre Nasen ganz stumpf für alle Gerüche zu machen!“
GEJ|3|44|13|0|Sagt Julius: „Tut mir recht sehr leid, besonders um die fünf; denn das ist wahrlich staunenswürdig, in welch einer Weisheitstiefe diese stecken, und man könnte durch sie um vieles schneller zum wahren Lebensziele gelangen, als so man sich selbst überlassen ist.“
GEJ|3|44|14|0|Sage Ich: „Freund, der einzige Wegweiser, Weg und Ziel bin nur Ich! Wer gab denn den fünfen das, was sie haben? Sieh, Ich allein! Kann Ich aber aus fünf arg besessenen Rasenden in aller Kürze Weise der Weisen zeihen, so werde Ich solches wohl auch imstande sein an dir, der du kein arg besessener Rasender bist!
GEJ|3|44|15|0|Ich allein bin ja nur die Wahrheit, der Weg und das Leben! Hast du Mich, wozu sollen dir hernach die fünf noch dienlich sein?! Ja, sie sollen und werden der Menschheit auch viele und gute Dienste erweisen durch Mich und nur in Meinem Namen; aber du bedarfst ihrer nicht, zudem es in dem Städtchen Genezareth einen Ebahl, eine Jarah und sogar einen Raphael gibt! Wo auf der Erde gibt es nun wohl noch einen Ort, der in geistiger Hinsicht noch besser versorgt wäre?
GEJ|3|44|16|0|Hast du nicht vernommen die Frage Suetals, der es erfahren möchte, wie und durch wen oder was die fünf so schnell in die tiefste Weisheit geraten sind? Siehe, du weißt es wohl, aber für sie, die zwölf nämlich, ist das noch ein Rätsel, und für dich sicher nicht! Nun du aber weißt, was die zwölf noch nicht wissen, wie möchtest du hernach die fünf schon für nahe so weise halten wie Mich?“
GEJ|3|44|17|0|Sagt Julius etwas betroffen: „Herr, weil ich etwas dumm war, darin liegt der Grund; aber nun ist schon wieder alles in der schönsten Ordnung, und ich habe nun erst die größte Freude an Deiner Anordnung wegen der siebenundvierzig Menschen, und es wird alles pünktlichst befolgt werden! Aber nur mußt Du, o Herr, mir mein bißchen Dummheit schon gottgnädigst nachsehen!“
GEJ|3|44|18|0|Sage Ich: „Ich kann dir nichts nachsehen; wenn du aber mit und in dir selbst wieder in der Ordnung bist, dann ist bei Mir auch alles in der Ordnung, und es sind dir also alle Sünden nachgelassen.
GEJ|3|44|19|0|Aber nun gehe und lasse den zwölfen Brot, Wein und Salz darreichen, denn auch diese haben schon bei zwei Tage lang kaum mehr gegessen als eine Mücke! Bisher hat sie allein Mein Wille gestärkt erhalten; aber da nun die Gelegenheit da ist, so sollen sie nun auch natürlich mit Speise und Trank gestärkt werden, und also geschehe es!“
GEJ|3|45|1|1|45. — Bericht der Heilung eines Gichtbrüchigen auf der gesegneten Wiese
GEJ|3|45|1|0|Als Julius solches von Mir vernimmt, begibt er sich schnell zuerst zu unserem Wirte Markus, der mit den Seinen mit der Bereitung eines guten Mittagsmahles sehr beschäftigt ist, und trägt ihm Meine Anordnung vor. Und Markus geht darauf sogleich eiligst nach der Speisekammer, die nun nimmer leerer werden wollte, und nimmt einen ganzen großen Brotlaib, einen Becher Salzes und läßt durch seine beiden Söhne zwei große Krüge Weines holen; und es wird das alles schnellstens zu den zwölfen gebracht.
GEJ|3|45|2|0|Als diese erst das Brot und den Wein ersehen, da meldet sich auch gleich ein mächtiger Hunger, und Julius sagt zu ihnen, als er ihren Heißhunger merkt: „Daß ihr sehr hungrig seid, das weiß ich; aber wollt ihr gesund bleiben, so esset nun nicht zu jäh, sondern lasset euch Zeit, und es wird euch sodann alles wohl bekommen!“
GEJ|3|45|3|0|Die zwölf sagen: „Ja, ja, guter Herr, wir werden uns schon mäßigen in Maß und Ziel!“ Aber dessenungeachtet sind sie mit einem großen Laibe Brotes in wenigen Augenblicken fertig, ebenso mit dem Weine und Salze, und möchten nun noch etwas Weiteres essen.
GEJ|3|45|4|0|Aber Julius sagt: „Freunde, das genügt für ein Vormahl; in Kürze kommt ohnehin das große Mittagsmahl, bei dem ihr auch nicht leer ausgehen werdet.“
GEJ|3|45|5|0|Sagt Suetal: „Ja, ja, ganz gut, für die Not genügt das; sättigen werden wir uns erst am Mittagsmahle! Aber Herr und edelster Menschenfreund, wir haben nichts, womit wir den Gastwirt entschädigen könnten!“
GEJ|3|45|6|0|Sagt Julius: „Ihr seid nun schon Roms Bürger und habt euch nicht mehr zu kümmern, wer da für euch die Zeche zahlen wird! Denn ein Römer ist noch nie jemand eine Zeche schuldig geblieben, und der Wirt ist von uns schon zum voraus entschädigt auf viele Jahre; wir können hier noch ein volles Jahr Zeche machen, und er wird noch im großen Vorteile sein. Darum kümmert euch nun nicht darum, wer da am Ende die Zeche bezahlen wird!“
GEJ|3|45|7|0|Sagen die zwölf: „Brüder, das ist eine andere Sprache als in unserem Tempel, wo man fast nichts zu essen bekommt, aber desto mehr fasten und beten muß; aber die Hohen fasten und beten wenig und verzehren alle Tage eine Menge Almosen und Opfer zur größeren Ehre Jehovas, während die jungen Templer PRO POPULO (für das Volk) fasten können, daß ihnen gerade die Knochen in den Gliedern zu knurren anfangen! Oh, warum sind wir denn nicht schon lange Römer geworden?! Da ist alles zu Hause: Weisheit, Güte, Recht, Strenge, wo sie nötig ist, und am Brote und Weine scheint es keinen Mangel zu haben! Mit Haut und allen Haaren und mit Seele und Leib wollen wir Römer sein! Hoch lebe Rom und alle seine Gewaltträger!“
GEJ|3|45|8|0|Sagt Julius: „Ganz gut, meine nunmaligen Freunde! Euer Sinn ist gut, obschon da noch begreiflich viel Eigenliebe dabei waltet; allein das wird sich hoffentlich mit der Zeit verlieren. Aber heute werdet ihr noch gar seltene Dinge sehen und vernehmen; die werden euch zu einer Leuchte werden! – Doch fraget da nicht viel, sondern Hören und Schauen sei eure Sache, die Erklärung wird euch von selbst werden!“
GEJ|3|45|9|0|Die zwölf sind dadurch gespannt gemacht, und es fragt nun einer den andern, was denn etwa doch der hohe Römer gemeint habe unter dem, daß sie an diesem Tage noch gar vieles und außerordentliches hören und sehen würden, aus dem sie viel würden lernen können, und alles das werde sich gewisserart von selbst erklären! Was solle das sein?
GEJ|3|45|10|0|Sagt der redelustige Suetal: „Na, was wird's denn sein? Habt ihr nie etwas von den Olympischen Spielen der Römer gehört? Sie werden hier wahrscheinlich so etwas veranstalten; wir aber werden als nun selbst Römer daran teilnehmen dürfen, und werden da vielleicht so manches sehen und hören, was uns gut zustatten kommen wird. Das wird es sein und sonst sicher nichts.“
GEJ|3|45|11|0|Sagt ein anderer aus den zwölfen: „Das glaube ich kaum. Ihr acht wisset das noch lange nicht, was ich weiß; denn ihr seid vom Mittage her und wisset wenig, was sich bei den Galiläern alles ereignet hat in kurzer Zeit. Ihr wißt, daß ich und noch drei aus der Gebirgsgegend Genezareth wegen Teilnahme an euren Aufwiegelungsversuchen mit euch ergriffen und hierhergebracht worden sind. Kaum drei Tage vor eurer Ankunft auf unseren Bergen haben sich in Genezareth unerhörte Dinge zugetragen; es kam dahin der vom römischen Hauptmann ehedem erwähnte Wunderheiland aus Nazareth und heilte bloß durch sein göttlich-allmächtiges Wort alle Kranken, mit was für Übeln behaftet sie auch dahin gebracht worden waren!
GEJ|3|45|12|0|Ich selbst habe einen Bruder, der nun zu Hause ist und das Erbe überkommen hat. Der war durch die Gicht zu einem förmlichen Knollen zusammengezogen, er konnte weder liegen noch sitzen, und natürlich vom Stehen konnte da schon gar nie eine Rede sein. Wir hielten ihn in einem hängenden Korbe, der mit weichem Stroh gefüllt war. Oft heulte er tagelang, von den grimmigsten Schmerzen gequält, worauf er dann gewöhnlich in eine derart totale Ohnmacht verfiel, daß er vollends einem Toten glich. Alles Erdenkliche ward zu seiner Besserung versucht, sogar das Wasser des Siloahteiches, – aber alles vergeblich.
GEJ|3|45|13|0|Als wir auch auf unsern Bergen die Nachricht erhielten, daß der berühmte Heiland aus Nazareth sich in Genezareth aufhalte und alle Kranken heile, da brachte auch ich mit meinen Knechten und Maultieren den total gichtbrüchigen Bruder mit der unsäglichsten Mühe nach Genezareth. Dort nach so vielen Beschwerden angelangt aber hieß es, daß der Heiland eine Reise auf einen Berg unternommen habe, und man nicht wisse, wann und ob er noch einmal wiederkehren werde. Da stand ich nun wie eine Bildsäule neben meinem wehklagenden Bruder, fing vor Traurigkeit selbst an zu weinen und bat inbrünstigst Gott, daß Er den bittersten Leiden meines armen Bruders ein Ende machen möchte, weil ich nicht das Glück haben durfte, den Wunderheiland mehr anzutreffen. Ich machte ein Gelübde, als der Erstgeborene ihm alle meine Besitzrechte abzutreten und ihm als letzter mein Leben lang zu dienen, so er geheilt werden könnte.
GEJ|3|45|14|0|Sehet, bald darauf kamen Knechte aus dem großen Gasthause zu mir auf die Gasse und sagten, daß der betreffende Heiland alle und viele solche Krüppel augenblicklich derart geheilt habe, daß sie dann aussahen, als hätte ihnen nie etwas gefehlt! Dieser Heiland aber sei mit seinen Jüngern, mit dem Hausherrn und mit noch mehreren vom Hause und Orte auf den hohen Berg, den zuvor noch nie ein Sterblicher bestiegen hatte wegen seiner zu großen Steilheit. Er werde wohl wiederkehren, wann aber, wüßten sie nicht, aber es hätte das nun nicht viel zur Sache; dieser Heiland habe eine Wiese gesegnet, und ich dürfte gläubig meinen Bruder nur auf diese gesegnete Wiese legen, und es werde besser mit ihm werden.
GEJ|3|45|15|0|Ich fragte sogleich nach der gesegneten Wiese. Die Knechte zeigten sie mir, und sogleich trug ich meinen armen Bruder auf die besagte Wiese und legte ihn aufs Gras dieser Wiese. Und seht, im Augenblick, als der kranke Bruder den Boden der Wiese berührt hatte, fing er an, sich ordentlich wohlig zu strecken. Aller Schmerz war wie vom Winde weggeweht, und in wenigen Augenblicken war mein Bruder so gesund wie ich! Nur Haut und Knochen sah man früher an ihm, und ich versichere euch, er stand so vollkommen gut genährt neben mir, daß ich mich über solch eine unerhörte Umwandlung noch heute nicht genug erstaunen kann!
GEJ|3|45|16|0|Ich hielt aber dann auch mein gemachtes Gelübde und übergab meinem nun sehr glücklichen und gottergebenen Bruder alles und verrichtete ihm gerne alle Arbeit auch des letzten meiner früheren Knechte, obschon mich der gute und dankbarste Bruder stets davon abhielt.
GEJ|3|45|17|0|Aber ich war noch kaum etliche Tage also meinem Bruder, den ihr gesehen und gesprochen habt, ein Knecht, als ihr zu uns kamet und die eigentliche Ursache waret, daß ich und noch drei Knechte meines Bruders uns nun hier, glücklicherweise als Unschuldige, befinden.
GEJ|3|45|18|0|Damit aber wollte ich euch so ganz eigentlich nur auf den allerwunderbarst berühmten Heiland aus Nazareth aufmerksam machen, von dem ihr nach eurem eigenen Geständnisse denn doch auch schon hie und da etwas vernommen habt!
GEJ|3|45|19|0|Nun seht, nach der Frage des Hauptmanns aus Genezareth, den ich recht wohl kenne, zu urteilen, scheint es mir – was auch aus der Heilung der fünf Rasenden deutlich hervorgeht –, daß jener Wunderheiland aus Nazareth sich nun hier befindet und sein Wesen treibt.
GEJ|3|45|20|0|Der Hauptmann hat uns sonach sicher mit dem, was wir sehen und hören sollen, auf irgend zu erwartende Taten und Reden von seiten des wunderbarsten Heilandes aufmerksam machen wollen und keineswegs auf die für uns sicher sehr zottig aussehenden Olympspiele Roms, aus denen sich sicher keine besondere Weisheit möchte holen lassen, und wovon der Hauptmann selbst kein zu großer Freund zu sein scheint! – Was meinet ihr in dieser Hinsicht?“
GEJ|3|46|1|1|46. — Suetal berichtet von dem Einfluß des Wunderheilandes
GEJ|3|46|1|0|Sagt Suetal: „Da möchtest du wohl sehr recht haben! Es wird sich die Sache sicher also verhalten, und ich fange nun an, vor Neugierde völlig zu brennen, diesen berühmtesten aller Heilande persönlich kennenzulernen. Ich wollte zwar dem guten Hauptmanne ehedem nicht zuviel sagen, als er uns fragte über diesen sonderbaren Mann; aber ihr könnet es mir glauben: ganz Samaria sogar und ganz Sichar ist voll von ihm! In Sichar hält man ihn unmittelbar für einen Menschen, durch den die ganze Fülle des göttlichen Geistes wirkt! Und das, erlaubet mir, wird hoffentlich doch auch nichts Kleines sein!
GEJ|3|46|2|0|Und im Tempel erst! Die Großen studieren etwa Tag und Nacht, wie sie solch einen Heiland aus der Welt schaffen könnten. Aber so ihm solche Gewalten zu Gebote stehen und die sichtliche Freundschaft der ersten römischen Machthaber, da können sich alle Templer in zahllose Blutstropfen zerschwitzen, und sie werden am Ende gegen ihn noch weniger etwas ausrichten als eine Mücke gegen einen Elefanten!
GEJ|3|46|3|0|Er sei – etwa im Frühjahre – schon einmal im Tempel gewesen und habe ihn mit Stricken und Knuten gesäubert von all den Wechslern und Taubenkrämern. Und es hatte sich das alles so erst kaum seit einem Vierteljahre her gemacht, wo dieser Heiland anfängt, ruchbar zu werden!
GEJ|3|46|4|0|Oh, in ganz Judäa erzählt man sich schon die seltsamsten Dinge von ihm! Das gemeine Volk, das stark in des Tempels Finsternis steckt, meint, er wirke solches durch den Beelzebub, den man als der Teufel Obersten benamset; die Besseren halten ihn für einen großen Propheten; Griechen und Römer halten ihn für einen Magier.
GEJ|3|46|5|0|Die Sichariten verehren ihn gar schon als einen Gott, was auch schon bei so manchen Griechen und Römern der Fall ist! Und ich wollte nicht viel darum geben, ob ihn nicht auch diese Römer hier dafür halten; denn bei ihnen gilt das alte NON EXSISTIT VIR MAGNUS SINE AFFLATU DIVINO (Es besteht kein großer Mann ohne den göttlichen Anhauch.) noch gleichfort sehr viel, wenigstens ist dabei das Gute, daß sie sicher keine Feinde von sowieso großen, geistreichen Menschen zu sein scheinen und das Geistreiche stets mit Rat und Tat unterstützen, was auch hier der unleugbare Fall zu sein scheint.
GEJ|3|46|6|0|Aber nach Jerusalem sollte er eben nicht zu oft kommen und eine Purifikation des Tempels vornehmen, so er etwa doch mit nicht mehr denn nur außerordentlichen Menschenkräften ausgerüstet wäre! Denn dort könnte er einmal doch zu kurz kommen; er mag ein noch so großer Prophet oder Zauberer sein, so kann er sich für lange gegen all die höllischen Ränke und unausgesetzten Verfolgungspläne denn doch nicht mehr schützen und verfällt ihnen am Ende stets als ein schnödes Opfer.
GEJ|3|46|7|0|Kurz, der gegen den Tempel nicht geradenweges mit Blitz, Donner und Schwefelregen vom Himmel kommt, der richtet wenig oder nichts gegen den Tempel aus!“
GEJ|3|46|8|0|Sagt der frühere Redner aus den Bergen bei Genezareth: „Gegen den wird der Tempel nicht viel ausrichten! Denn wenn dessen Hohe ihm die Tempelausfegung nicht anrechneten und ihn nicht ergriffen haben, so dürfte es ihnen ein zweites Mal auch schwer werden; denn da muß schon sein Wille von einer wahrhaft göttlichen Kraft vollauf erfüllt sein! Wo aber das der Fall ist, da hört dann jede menschliche Kraft so gut wie rein auf!“
GEJ|3|46|9|0|Sagt Suetal: „Freund, das verstehst du nicht völlig! Sieh, als er so zu Ostern herum den Tempel von den Benannten reinigte, da gewann der Tempel bei solcher Gelegenheit mehrere hundert Pfund reinen Silbers und Goldes; oh, da und so kann er alle Tage moralisch den Tempel ausputzen, und es werden ihm die Großen des Tempels keine irgend Namen habenden Hindernisse in den Weg legen! Aber er greife nur einmal den Tempel und dessen unaussprechliche Betrügereien selbst an, und wir werden es sehen, wie es ihm da ergehen wird! Wahrlich, ich möchte da nicht in seiner Haut stecken!
GEJ|3|46|10|0|Wie lange ist es denn jetzt, daß man dem berühmten Propheten Johannes, der eine Zeitlang am Jordan sein Tauf- und Bußpredigtwesen trieb, nur zu geschwind den Garaus machte, wo ihn doch sogar des Herodes Macht in seinen Schutz nahm! Der Tempel schlich sich unvermerkt hinter die arge Mutter der schönen Herodias, und Herodes ward am Ende selbst der Mörder seines berühmten Schützlings. Der Tempel hat die zehnmal hunderttausend Mittel zur Verfolgung eines ihm gefährlich dünkenden Menschen, und es hat dem Tempel noch selten etwas total fehlgeschlagen.
GEJ|3|46|11|0|Des Tempels geheime Machinationen gehen so weit, daß sogar die Römer einen gewissen Respekt davor haben; es ist zwar schon vieles verraten, aber was nützt alles das, wenn man diesen Kerlen nirgends ganz sicher erweislich auf den Leib kommen kann?!“
GEJ|3|47|1|1|47. — Mathaels und Suetals Reden über Zurechtweisungen
GEJ|3|47|1|0|Hier tritt Mathael, der dieses Gespräch von einiger Ferne belauscht hatte, zu den zwölfen und sagt: „Ihr seid wohl noch stark Erdenmenschen, namentlich aber du, Suetal, mit deinen sieben Kollegen; ihr habt noch keine Ahnung von dem, was hier ist!
GEJ|3|47|2|0|Der Heiland aus Nazareth ist hier, ja hier ist Er, – aber wer Er ist, von dem habt ihr gar keinen Dunst, und darum redet ihr ärgerlich Dümmstes über Ihn und Sein Wirken!
GEJ|3|47|3|0|Der rechte Mensch nach der rechten Ordnung aber soll nicht reden, außer die Wahrheit nur; kennt er diese nicht, so soll er schweigen, suchen und forschen. Und hat er die Wahrheit gefunden, dann soll er auch reden! Denn wer da redet und hat die Wahrheit noch nicht erkannt, lügt, wenn er auch zufällig die Wahrheit spricht!
GEJ|3|47|4|0|Über die Zunge eines wahren Menschen aber soll nie eine Lüge kommen; denn durch die Lüge gibt die Seele von sich selbst ein Zeugnis, daß sie noch im Tode und nicht im Leben wandelt!
GEJ|3|47|5|0|Wen darum eine Lüge ergötzt, der kennt noch lange den Wert des Lebens nicht; denn Leben und Wahrheit sind eins! Die Wahrheit erst macht deine Seele frei und schließt ihr die Unendlichkeit Gottes auf im Wesen, Sein und Wirken.
GEJ|3|47|6|0|Wenn du aber denkst und redest, wie ich's nun vernahm, so gibst du ja ein offenes Zeugnis von dir, daß deine Seele statt im großen Tempel alles Lichtes und aller Wahrheit nur in einem Schweinestalle wohnt!
GEJ|3|47|7|0|Wozu Reflexionen (Erwägungen) machen, wenn man allen Grundes bar ist? Sagte euch doch recht weise der Hauptmann Julius aus Genezareth, was ihr heute alles noch sehen und hören werdet, und daß ihr darüber sogar nicht viel fragen sollet, sondern es aufnehmen in die Liebe eures Herzens und danach handeln, so werde die Erklärung schon von selbst kommen! Und seht, der Hauptmann hat recht und wahr geredet!
GEJ|3|47|8|0|Lasset darum das überflüssige Reden hin und her ohne allen Wahrheitsgrund, merket auf alles wohl auf, und fasset es in euer Herz, so werdet ihr damit in Kürze mehr gewinnen, als so ihr euch viele Jahre lang gegenseitig anlüget in der Meinung, Wahrheit geredet zu haben!
GEJ|3|47|9|0|Fragen ist zwar wohl besser als irgend etwas erklären, von dem man selbst keinen Grund hat; aber so man fragt, da muß man wissen, wen man fragt und um was man fragt, ansonst ist jede Frage ebensogut ein Unsinn als eine lügenhafte Antwort aus der Luft.
GEJ|3|47|10|0|Denn ich muß in mir, durch die Erfahrung, die volle Überzeugung haben, daß mir der Gefragte die Wahrheit zur Antwort geben kann; und endlich muß ich zuvor mit mir wohl eine genaue Rechnung geführt haben, ob das, um was ich jemanden frage, kein Unsinn ist, sonst verrate ich durch die Frage entweder meine große Dummheit oder aber auch meine versteckte Bosheit! Diese Lebensregel merket euch wohl, so werdet ihr wenigstens als bescheidene Menschen auf dem Boden der Erde stehen!“
GEJ|3|47|11|0|Sagt etwas ungehalten Suetal: „Aber lieber Freund Mathael, du gibst uns hier gewisserart einen Verweis, und wir haben es nicht gesehen, daß dir jemand dazu einen Auftrag erteilt hätte! Dein Rat ist wohl gut und sehr wahr, aber es mangelt ihm eine gewisse Freundlichkeit, und er macht deshalb auf uns durchaus nicht den Eindruck, den er sicher gemacht haben würde, wenn er mit mehr Freundlichkeit erteilt worden wäre. Wir werden das wohl befolgen, weil wir darin die volle Wahrheit ersehen; aber wir sind dessenungeachtet dennoch der Meinung, daß die Wahrheit darum nicht minder Wahrheit bleibt, wenn sie uns auch im freundlichen Kleide entgegentritt!
GEJ|3|47|12|0|Sieh, zwei und noch einmal zwei machen zusammen vier aus! Das ist eine Wahrheit und bleibt als solche doch sicher auch, wenn sie mit einer freundlichen Miene ausgesprochen wird!? Oder ist es einerlei, so ich einen Blinden führe, ob ich ihn schmerzerregend festhalte, oder ob ich den Armen mit sanfter Haltung auf dem guten Wege fortführe? Ich halte das sanfte Halten beim Führen eines Blinden für vorzüglicher; denn halte ich ihn zu schmerzerregend fest, so wird er sich meinen Händen zu entwinden suchen, und wer weiß es, ob er nicht gerade in dem Augenblick fällt und sich recht beschädigt, in dem er sich meinen ihn zu stark drückenden Händen entwindet!? Habe ich ihn aber sanft gehalten und geführt, so werden wir ganz heiter und fröhlich das Ziel erreichen. – Habe ich da recht oder nicht?“
GEJ|3|47|13|0|Sagt Mathael: „O ja, wenn es die Umstände gestatten; aber so du einen Blinden am Rande irgendeines Abgrundes erblickst und ersiehst aber auch, daß du ihn mit einem kräftigen Griff und Riß retten kannst, wirst du da auch mit dir zuvor Rat halten, wie stark oder wie zart und sanft du ihn anfassen werdest?“
GEJ|3|47|14|0|Sagt Suetal: „Ja, waren wir geistig hier denn schon solch einem verderblichen Abgrunde so nahe?“
GEJ|3|47|15|0|Sagt Mathael: „Ganz sicher, ansonst ich euch nicht so fest angegriffen hätte! Denn seht, alles was in eine Lüge hineinleitet und somit schon selbst eine Lüge ist, wenn auch für den Außenmenschen noch so unscheinbar, ist für die Seele schon ein Abgrund zum Tode!
GEJ|3|47|16|0|Eine zarte, ganz unscheinbare Lüge ist der Seele um vieles gefährlicher als eine so recht faustdicke und mit Händen zu greifende! Denn eine faustdicke Lüge wird dich sicher zu keiner Handlung bewegen; aber eine so recht zarte und unscheinbare wird wie eine Wahrheit zum Handeln nötigen und dich ganz leicht bis an den Rand alles Verderbens bringen. Das aber sieht nur der, dem sich die innere Sehe des Geistes erschlossen hat! Darum brauchst du nicht ungehalten zu sein, so ich dich etwas fester angepackt habe; denn unter euch schlich so eine zarte Lüge wie eine giftige Natter umher, was ich und meine vier Brüder wohl sehr hell bemerkt haben, und den Grund meines etwas unsanften Risses magst du nun darin suchen. – Verstehst du das wohl?“
GEJ|3|47|17|0|Sagt Suetal: „Ja, wenn also, da hat dein etwas unsanftes Auftreten gegen uns freilich ein ganz anderes Gesicht, und ich kann dir da nichts weiteres mehr entgegenstellen. Natürlich, geistige Umstände sehen wir zwar nicht und müssen es dir glauben, daß es also ist; aber wir erkennen, daß du auf sehr festem Grunde stehst, und glauben darum deinem Worte. Was aber sollen wir zwölf dann miteinander reden? Ganz stille sein ist denn doch ganz verzweifelt langweilig, und mit der Wahrheit hat es noch einen bedeutenden Haken.“
GEJ|3|47|18|0|Sagt Mathael: „Freund, so du durch einen dichten Gebirgswald zu sehr finsterer Nachtzeit zu gehen hättest, und es wäre dir bekannt, daß dieser Wald reich an steilen, weitgähnenden Abhängen und Abgründen ist, wird es dir da nicht heilsamer sein, unterdessen stehenzubleiben und das Licht des Tages abzuwarten, als etwa einem Irrlichte zu folgen und mit demselben hinabzustürzen in einen Abgrund? Es ist eben auch nichts Ergötzliches, in einem dichten Gebirgswalde zu übernachten, aber sicher doch noch ums unvergleichliche heilsamer, als fortzuwandeln auf einem Boden, auf dem dir ein nächster Schritt den Tod geben kann! – Was meinst du da?“
GEJ|3|47|19|0|Sagt Suetal: „Weißt du, mit dir ist da eigentlich gar nicht weiter zu reden, denn du hast allzeit recht, und man kann dir da nichts einwenden; und so wollen wir uns denn lieber nach deinem Rate verhalten, und du wirst uns dann sicher nichts mehr entgegenzustellen haben.“
GEJ|3|48|1|1|48. — Mathaels Rede über Gesetz und Liebe
GEJ|3|48|1|0|Sagt Mathael: „Oh, noch etwas, und dieses Etwas ist von ziemlicher Bedeutung!
GEJ|3|48|2|0|Kostet es euch einen Zwang und tut ihr es gewisserart nicht absonderlich aus Liebe, dann lasset es fein bleiben und tut unterdessen, was ihr aus Liebe wollet; denn was ein Mensch nicht ganz aus Liebe tut, das hat für sein Leben wenig Wert, denn die Liebe ist ja Wahrheit das eigentliche Element des Lebens, sie ist das Urgrundleben selbst.
GEJ|3|48|3|0|Was demnach die Liebe ergreift, das ist vom Leben ergriffen und geht ins Leben über; was aber von der Liebe unberührt bleibt, und was der Mensch bloß darum tut, weil er entweder eine üble Folge befürchtet, oder weil sein bißchen Hochmut es haben will, um bei den andern Menschen als Weiser zu gelten, das geht nicht ins Leben über, sondern in den Tod nur, weil es statt vom Lebenselemente nur von dem Element des Todes ergriffen worden war!
GEJ|3|48|4|0|Ich sage es dir: Jedes noch so weise Gesetz gebiert nicht das Leben, sondern den Tod, wenn der Mensch es nicht aus seiner Liebe heraus beachtet; und der weiseste Rat gleicht einem Samenkorn, das statt in das gute Erdreich auf einen Felsen fiel, wo es verdorrt und am Ende unmöglich eine Frucht bringt.
GEJ|3|48|5|0|Ich sage es euch, weil ich es sehe, daß es also ist: Alles im Menschen ist tot bis auf die Liebe! Darum lasset eure Liebe walten in der Fülle über euer ganzes Wesen und fühlet Liebe in jeder Fiber eures Wesens, so habt ihr den Sieg über den Tod in euch, und was in euch tot war, ist durch eure Liebe in derselben ins unverwüstliche Leben übergegangen; denn die Liebe, die sich selbst fühlt und aus solchem Gefühle heraus auch erkennt, ist das Leben selbst, und was in sie übergeht, das geht auch ins Leben über!
GEJ|3|48|6|0|Die noch so genaue Befolgung meines Rates würde euch wenig nützen, so ihr ihn nur des Gewichtes seiner Wahrheit wegen beachten würdet, und weil ihr aus der Nichtbeachtung irgendeine schlimme Folge befürchten müßtet; aber solch eine Beachtung würde für eure Seelen dennoch von gar keinem Nutzen sein. Ah, ganz etwas anderes ist es, so sich Liebe und Wahrheit ergreifen und dann zusammenwirken; da schafft die Liebe aus dem Lichte und im Lichte der Wahrheit stets ein neueres und vollkommeneres Leben in und aus sich bis zur vollen Gottähnlichkeit hinüber!
GEJ|3|48|7|0|Die Liebe oder der Geist Gottes im Menschen ist wohl schon vom Anfange her ein Ebenmaß Gottes; aber zur vollen tätig-lebendigen Ähnlichkeit Gottes muß sie sich erst erheben auf dem Wege, den ich euch nun gezeigt habe. – Versteht ihr solches?“
GEJ|3|48|8|0|Sagt Suetal, nun ganz heiteren Aussehens: „Bei Gott, dem Allmächtigen! Du bist wahrlich einer der größten Propheten; denn so wahr, so verständig und so weise hat noch kein Prophet zu seinem Volke geredet! Das Leben hast du wahrlich im kleinsten Finger um vieles vollkommener denn wir alle zusammen im ganzen Leibe oder eigentlich in unseren Seelen zusammengenommen. Ja, ja, es ist also, Brüder! Aus Mathael spricht wahrhaft ein göttlicher Odem, und wir können Gott nie zur Genüge danken, daß Er uns so wunderbar, könnte man sagen, zusammengeführt hat! Oh, wenn aber schon deine Weisheit gar so entschieden größer ist denn die unsrige, wie groß muß erst jene des uns noch unbekannten Heilandes aus Nazareth sein?!“
GEJ|3|48|9|0|Sagt Mathael: „Was leuchtet wohl so wunderhell aus einem an einer Grasspitze hängenden Tautropfen?
GEJ|3|48|10|0|Seht, es ist das Bild der Sonne, das aus dem klaren Tropfen so wundersam hell schimmert! Aber das Bild der Sonne schimmert nicht nur, sondern es wirkt auch! Im Zentrum des Tropfens verdichtet sich das Licht des Sonnenbildes, der Tropfen geht in seinem Zentrum in eine große Lebenswärme über, löst sich in dieser Lebenswärme selbst am Ende ganz in das Element des Lebens auf und belebt also das mit dem Tode ringende Pflänzchen; aber darum ist das Bild im Tropfen noch lange nicht die Sonne selbst, sondern nur ein Ebenbild derselben, versehen mit einem Teilchen derselben Kraft und Wirkung, welche in der wirklichen, großen Sonne selbst zu Hause ist!
GEJ|3|48|11|0|Und siehe, solch ein Unterschied ist denn auch zwischen mir und dem Heiland aus Nazareth! Er ist die Lebenssonne selbst, und in mir als einem Tautröpfchen waltet nur wundersam hell das kleine Abbildchen jener ewig- wahren, großen Sonne, aus der zahllose Myriaden solcher Tröpfchen, wie wir, ihre heilige Lebensnahrung saugen. – Verstehst du solches?“
GEJ|3|48|12|0|Spricht Suetal: „O Gott, ist das eine heilig-große Sprache! Freund, du bist schon mehr denn ein Tropfen, du bist ein ganzes Meer! Oh, so weit werden wir alle es nie bringen; es ist zu ergreifend groß, heilig und erhaben! Aber bei solchen Umständen und zu sehr göttlichen Verhältnissen getrauen wir als noch gar zu grobe Sünder uns nicht, hier zu verweilen; denn dieser Ort fängt an, stets heiliger und heiliger zu werden!“
GEJ|3|48|13|0|Auch die andern elf fangen darauf an, eine sehr demütige Sprache zu führen, und wollen sich auch irgend weiter von da wegziehen; aber Julius läßt solches nicht geschehen.
GEJ|3|48|14|0|Suetal aber sagt: „Herr, als einst Moses auf dem Berge zum flammenden Dornbusche ging, um zu erfahren, was das sei, da sprach eine helle Stimme aus der Flamme: ,Moses, ziehe aus deine Schuhe; denn der Ort, da du stehest, ist heilig!‘ Hier ist nach der handgreiflich klaren Aussage das, was Moses auf dem Berge antraf; also ist auch dieser Ort heilig, und wir Sünder sind nicht wert, ihn zu betreten!“
GEJ|3|49|1|1|49. — Erklärung der äußeren Vorgänge bei Moses
GEJ|3|49|1|0|Sagt der nebenstehende Mathael auf Verlangen des Julius, der dem Suetal nichts Besonderes zu entgegnen wußte: „Wer sagt es euch denn, ob ihr wert seid, diesen Ort zu betreten, oder ob ihr das nicht wert seid? In welchem Buche irgendeiner Weisheit steht es denn geschrieben, daß je irgendein Kranker seines Arztes nicht wert sein soll? Wißt, solch eure Annahme kommt von der Lämmelweisheit des Tempels, die auch dem die Hände am Feuer braten läßt, der sich mit ungeweihter Hand irgend vergriffe an der Türschwelle, die ins Allerheiligste führt! Wenn aber die hohen Pharisäer gegen gute Bezahlung die Fremden alle Tage heimlich dahin führen und ihnen alles zeigen und geschichtlich erklären, so werden darauf den Fremden die Hände sicher nicht am Feuer gebraten werden!
GEJ|3|49|2|0|Was wollte denn Gott eigentlich dem Moses dadurch sagen, daß Er ihn die Schuhe ausziehen hieß?
GEJ|3|49|3|0|Seht, Gott sagte dadurch zu Moses: ,Ziehe aus dein Materiell-Sinnliches, schaffe von dir durch deinen Willen den alten Fleischadam und stehe als ein rein geistiger Mensch vor Mir, ansonst kannst du Meine Stimme nicht verstehen, und Ich kann dich nicht zum Führer Meines Volkes machen!‘
GEJ|3|49|4|0|Was besagte aber die Besteigung des Berges?
GEJ|3|49|5|0|Seht, Moses flüchtete sich vor der Verfolgung des Pharao wegen Ermordung eines hohen Beamten des Königs, welcher Beamte auch so gut wie ein Sohn des Königs war.
GEJ|3|49|6|0|Moses galt zwar sehr viel beim Pharao, so daß es noch sehr zweifelhaft war, ob er nicht einmal gleich einem Joseph die Herrschaft Ägyptens auf sich bekäme und so sein Volk erhöbe.
GEJ|3|49|7|0|Solches Emporstreben zeigte ihm Gott in der Wüste durch die Besteigung des Berges, dessen Spitze er aber dennoch nicht erreichen durfte; denn daran war er durch den flammenden Dornbusch verhindert.
GEJ|3|49|8|0|Und es hieß da ferner nach unserem Sprachverständnisse: ,Du sollst wohl der Retter Meines Volkes werden, aber nicht auf die Art, wie du es glaubst, sondern wie Ich, dein Gott und dein Herr, es dir vorzeichnen werde!
GEJ|3|49|9|0|Du sollst nicht König von Ägypten werden und Mein Volk, das Ich bisher in der Demut Mir erzogen habe, sinnlich, eigenliebig und hoffärtig machen, sondern das Volk muß dies Land verlassen und mit dir in diese Wüste ziehen! Da werde Ich dem Volke Gesetze geben, und Ich Selbst werde dieses Volkes Herr und Führer sein; und so es sich Mir treu erweisen wird, werde Ich ihm geben das Land Salems, in dessen Bächen Milch und Honig fließt!‘
GEJ|3|49|10|0|Seht, mit solchem Sinne in der Bildsprache damaliger Zeit wollte Gott dem Moses durchaus nicht sagen, daß er wirklich seine Fußbekleidung ausziehen solle, sondern den alten Adam nur oder die Begierlichkeit des äußeren sinnlichen Menschen, die sich zum eigentlichen Lebensmenschen gerade also verhält, wie die Schuhe an den Füßen eines Menschen, die auch das unterste, äußerste, letzte und am ehesten entbehrliche Kleid sind.
GEJ|3|49|11|0|Der Ort aber, den Gott heilig nennt, ist nur ein demütigster Zustand der Seele, ohne den sie im Angesichte der ewigen Liebe, die ein wahrstes Lebenselementfeuer ist, nicht bestehen kann.
GEJ|3|49|12|0|Der Dornstrauch aber, der da brennt, ist ein Zeichen, daß die Bahn des Propheten eine eben sehr dornige sein wird; aber seine große Liebe zu Gott und zu seinen Brüdern, die sich als Flamme über und durch den ganzen Dornstrauch zeigt, wird den Dornen des Strauches die Stacheln versengen und am Ende alles Dorngestrüppe verzehren und eine dornlose Bahn machen.
GEJ|3|49|13|0|Sieh, das ist der Sinn dessen, was du ehedem angeführt hast! Wenn aber unfehlbar also, wie kannst du demnach irgendeinen irdischen Ort für mehr oder weniger heilig halten?
GEJ|3|49|14|0|Ziehet auch ihr vollends eure Weltschuhe aus und demütiget euch in allen Stücken des Lebens, so werdet ihr auch uns allen gleich würdig hier stehen; denn wir alle sind als Menschen hier vor Gott und dem Einen, der hier ist, ganz gleich, und es hat keiner einen Vorzug vor dem andern!“
GEJ|3|49|15|0|Als Suetal von Mathael solche Rede vernimmt, sagt er: „Ja, wenn man einmal mit einem solchen Übermaße von aller Weisheit erfüllt ist, dann kann man freilich leicht ohne Furcht sein; denn ein Sehender hat leicht vorwärts schreiten, aber ein Blinder muß stets vorher forschen, ob sein nächster Schritt wohl ein sicherer sein wird, und bei aller Vorsicht und treu forschenden Behutsamkeit stößt man sich dennoch immer irgendwo an. Aber wenn man einen Wegweiser hat, wie du, lieber Bruder Mathael, einer bist, so kann man auch als Stockblinder noch vorwärts kommen! Oh, nun bleiben wir schon und freuen uns über alle Maßen, ehest den näher kennenzulernen, dem du aus handgreiflich, klaren Gründen ein so großes Zeugnis gegeben hast!“
GEJ|3|49|16|0|Sagt Julius, den Mathael freundlichst bei der Hand drückend: „Ewig Dank dem Herrn, der dich und deine vier Brüder also mächtig geheilt hat! Was habe ich nun schon alles von dir gelernt, und nur so klar und leicht faßlich, und ich merke es bei mir, daß es nun in meiner Seele ganz bedeutend zu tagen beginnt; und geht das so fort, hoffe ich in kurzer Zeit auch in deine Fußtapfen zu treten!“
GEJ|3|49|17|0|Sagt Mathael: „Kann ja auch gar nicht anders sein! Denn es gibt ja nur einen Gott, ein Leben, ein Licht, eine Liebe und nur eine ewige Wahrheit; unser diesseitiges Erdenleben ist der Weg dazu. Aus der Liebe und aus dem Lichte sind wir durch den Willen der ewigen Liebe in Gott hervorgegangen, um eine selbständige Liebe und ein selbständiges Licht zu werden; das können wir, das müssen wir!
GEJ|3|49|18|0|Wie aber? Sieh, hoher Bruder: allein durch die Liebe zu Gott und durch ihre nimmer rasten könnende Tätigkeit! Denn unsere Liebe zu Gott ist ja die Liebe Gottes Selbst in uns und leitet unsere Seele in die stets erhöhte Tätigkeit des wahren, ewigen Lebens, das da in sich ist die vollste Wahrheit und das hellste Licht. Wenn es demnach in einer Menschenseele zu tagen beginnt, dann ist sie dem ewigen Lebensziele schon sehr nahe und kann nicht möglich mehr anders, als erreichen das Ziel des ewigen Lebens, das da in sich ist alles in allem, was das vollendete Leben in aller Freiheit und in der vollsten Selbständigkeit ewig je erreichen kann!
GEJ|3|49|19|0|Darum sei froh und heiter, hoher Bruder, bald wird auch deine Seele zu schauen bekommen, was nun die meine in stets klarerem Lichte schaut! Am vollen Tage deiner Seele erst wirst du die Größe Dessen begreifen, den du noch mit einiger Scheu den ,Heiland von Nazareth‘ nennst.
GEJ|3|49|20|0|Als Mensch wohl ist Er dir und mir gleich – aber Sein Geist! Der durchdringt mit Seiner Kraft und mit Seinem Licht die ewige Unendlichkeit! – Hast du, hoher Bruder, mich wohl verstanden?“
GEJ|3|49|21|0|Sagt Julius, ganz zu Tränen gerührt: „Ja, lieber und eigentlich viel höher als ich stehender Bruder; wahrlich, vor Liebe könnte ich dich gerade erdrücken, und den Heiland Jesus aus Nazareth kann ich nun ohne Liebetränen gar nicht mehr ansehen und begreife nun erst die große Liebe jenes Mägdleins, das eigentlich gar nicht mehr von Seiner Seite zu bringen ist!“
GEJ|3|49|22|0|Sagt Suetal: „Gottlob, nun wird er für uns nicht mehr schwer zu erkennen sein! Wir dürfen nun nur darauf sehen, an wessen Seite das gewisse Mägdlein wandelt; der wird es auch sein!“ – Darauf gaben sie acht.
GEJ|3|50|1|1|50. — Der zwölfe Zweifel über die Person des Heilandes
GEJ|3|50|1|0|Aber Jarah wandelte auf Mein Geheiß nun mit dem Raphael und mit dem Josoe und besprach sich mit beiden über die so plötzlich aufgetauchte Weisheit Mathaels, und es waren somit die zwölf doppelt in der Ungewißheit, welcher aus den das Mägdlein umgebenden beiden Ich sei. Zugleich aber dachten sie sich ihn doch als einen Mann, und mit der Jarah waren dem Ansehen nach nur zwei Knaben von etwa 12-14 Jahren beschäftigt, und so ging den zwölfen die Geschichte gar nicht zusammen. Und einer aus den zwölfen sagt darum zu Suetal: „Freund, du hast in unserem Namen diesmal ein wenig zu früh gejubelt! Das Mägdlein, das wahrscheinlich ein Töchterlein des großen Gastwirtes Ebahl aus Genezareth ist, weil wir Bergler aus dem Bezirke sie schon öfter in dem Gasthause gesehen haben, so wir im Orte etwas zu tun hatten, wandelt zwischen zwei Knaben, wahrscheinlich Söhnen des Oberstatthalters. Dieser Knaben einer oder der andere wird der Heiland aus Nazareth nicht sein. Es fragt sich nun aber: Welcher ist es dann? Ich sage dir, Bruder, mit unserer Weisheit kommen wir hier schon in keinem Falle auf; daher ist vorderhand für uns das Schweigen schon unstreitig das beste Mittel!“
GEJ|3|50|2|0|Sagt Suetal: „Bin nun schon auch ganz deiner Meinung; aber hier hat uns eigentlich der hohe Herr Julius so ein wenig anrennen lassen, was uns übrigens auch vollkommen recht geschehen ist; warum haben wir unsern Mund überall dabei! Schweigen, Hören und Sehen ist wahrlich das beste und gewisserart der Anfang aller Weisheit!“ Nach diesen Worten werden die zwölf still, und ihre Seelen sind voll von allerlei Gedanken.
GEJ|3|50|3|0|Nun gehe Ich zu ihnen und frage den Suetal, sagend: „Von euren früheren Gesprächen habe Ich alles vernommen, weil Ich sehr scharf hörende Ohren habe; aber da ihr denn doch so manches von dem gewissen Heilande aus Nazareth untereinander mit dem weisen Mathael und dem Hauptmann Julius geredet habt, dabei aber jedoch eure ganz eigene Ansicht stets verdeckt worden ist, so möchte Ich von euch nun so ganz offen erfahren, für wen ihr so ganz eigentlich in euch den Bewußten haltet. Redet aber ohne Scheu ganz offen; denn dafür bürge Ich euch, daß euch darum nichts Arges widerfahren wird! Denn Ich kenne den Heiland zu gut, daß er euch darum nichts zuleide tun wird, so ihr Mir als einem seiner nächsten und besten Freunde so ganz unverhohlen eure innerste Ansicht kundgebet!“
GEJ|3|50|4|0|Sagt Suetal, sich ein wenig hinter den Ohren kratzend: „Du scheinst deiner Tracht nach zwar ein Grieche zu sein, aber deinen Haaren und deinem Barte nach zu urteilen, bist du ein Jude. Die Römer sagen zwar von den Griechen eben nicht gar zu löblich: GRAECA FIDES, NULLA FIDES [Griechische Treue, keine Treue.]; aber dafür scheint mir dein Angesicht doch viel zu ehrlich zu sein, und als ein Mann von sicher einiger Weisheit wirst du es wohl einsehen, daß Menschen wie wir uns bei solch einer außerordentlichen Erscheinung denn doch nicht ganz gedankenlos verhalten können!
GEJ|3|50|5|0|Alles das, was uns selbst die Weisheit Mathaels von dem Heilande zu verstehen gab, gleichwegs als schon vollkommen bare Münze anzunehmen, ist für Menschen unseresgleichen denn doch immer keine Kleinigkeit, und unsere Urteile über ihn werden ebenfalls sehr mangelhaft sein; denn bis jetzt haben wir von ihm nur immer noch reden hören, und die vier Bergler aus dem Bezirk Genezareth haben auch eine von ihnen erzählte außerordentliche Kraft und Macht empfunden, aber gesehen und gesprochen haben sie ihn auch nicht.
GEJ|3|50|6|0|Wir selbst haben hier von ihm die außerordentliche Heilung der fünf arg Rasenden wahrgenommen, und man hat uns hier davon erzählt; aber auch da waren wir nicht selbst Augen- und Ohrenzeugen, sondern haben uns davon nur durch die Geheilten und durch die Erzählung von seiten des Hauptmanns und von seiten der Geheilten selbst die sicher handgreiflich klare und wahre Kunde verschafft.
GEJ|3|50|7|0|Die außerordentlichen Tatsachen einerseits und die klaren Beurteilungen und Erörterungen besonders von seiten des grundweisen Mathael, haben nicht verfehlen können, in uns eine Vorstellung von dem bewußten Heilande zu erwecken, die wenigstens für unsere, aller höheren Weisheit baren irdischen Begriffe offenbar ins rein Göttliche übergeht!
GEJ|3|50|8|0|Ob wir aber als wissenschafts- und noch mehr weisheitslose Menschen mit solcher unserer Vorstellung am Ende doch noch auf dem Holzwege sind, darüber kreuzen sich nun so ganz eigentlich unsere Gedanken und Vorstellungen! Wer aber kann und mag das wenigstens für uns Wissenschafts- und Weisheitsblinde so darstellen, daß uns dadurch entweder das eine oder das andere so klar wird wie die Sonne am hellen Mittage?
GEJ|3|50|9|0|Siehe, die Wissenschaft der Menschen ist in unsern Zeiten schon sehr weit gediehen, und der Weisheit der Menschen hatte noch nie jemand Grenzen zu setzen vermocht, und so kann ganz gut, durch besondere geistige Fähigkeiten unterstützt, ein Mensch in Nazareth irgendeinen Stein der Weisheit gefunden haben, von dem der Welt bis jetzt noch nie etwas in den Sinn gekommen ist! Er kann daher ungeheure Dinge leisten, vor denen wir dastehen müssen wie die Ochsen am Berge; er kann Berge versetzen und im höchsten Sommer das Meer gefrieren machen, ja, er kann Tote erwecken und Tausende bloß durch seinen Willen vergehen machen, so sind alles das Dinge, die schon lange vor ihm von Menschen sind zustande gebracht worden!
GEJ|3|50|10|0|In Ägypten gehört so etwas durchaus nicht zu den unerhörten Dingen; hier bei uns freilich dürfte so etwas seltener sein, weil besonders bei uns Juden alle Zauberei streng verboten ist, und so wird am Ende jede außergewöhnliche Erscheinung, durch einen Menschen selbst durch vielleicht ganz natürliche Mittel zustande gebracht, als Zauberei verdammt, und der Zauberer, so er ein Jude ist, gesteinigt oder gar lebendig verbrannt, als Fremder aber weit über die Grenze verbannt; er müßte nur ein bedeutendes Lösegeld an den Tempel zahlen, so wird es ihm gestattet, seine Künste und Zaubereien allein den Griechen und Römern ganz geheim vorzumachen. Unsereins bekommt davon in Jerusalem nichts zu Gesichte; aber als ein Apostel des Tempels in ein fremdes Land reisend ob der Bekehrung der Fremden zum Judentume, bekam man denn doch auch schon so manches zu sehen, das unsereinem unerklärlich bleiben mußte.
GEJ|3|50|11|0|Also wirket nun der bewußte Heiland aus Nazareth auch in bezug der Heilung von allerlei Kranken ebenfalls Unerhörtes, ja, er soll auch sogar Tote erwecken können! Aber ich sage eines wie das andere, daß all das noch lange keinen gültigen Beweis von irgendeiner besonderen göttlichen Natur in ihm und kein unwiderlegbares Zeugnis gibt.
GEJ|3|50|12|0|Für Menschen, wie wir da sind, Wundersames leisten in Wort und Tat, ist für den Befähigten keine zu große Kunst; denn den Blinden ist leicht von den Farben zu predigen, der Sehende aber braucht ohnehin nicht viel von irgendeiner Predigt, da er die Farben auch ohne Predigt unterscheiden kann.
GEJ|3|50|13|0|Übrigens aber kann der Nazaräer-Heiland auch ein ganz gut und im vollsten Ernste vom Geiste Gottes – gleich einem Moses, Josua, Samuel und Elias – gesalbter außerordentlicher Prophet sein und seine Werke durch die rein göttliche Kraft in sich verrichten, was wir auch für das Wahrscheinlichere halten, indem er doch ein Jude ist und als solcher nie eine Gelegenheit hat haben können, weder bei den Essäern noch bei den Ägyptern in die geheimste Schule zu kommen.
GEJ|3|50|14|0|Wäre so etwas an ihm erweisbar, so wäre es dann freilich eben nicht gar zu schwer zu erraten, von woher er alle seine geheimen Wissenschaften hat; denn die Essäer erwecken die toten Kinder zumeist gleich dutzendweise, wovon ich mich selbst vollends überzeugt habe! Und Gott weiß es, was alles für Krankheiten sie zu heilen imstande sind!
GEJ|3|50|15|0|Aus dem wirst du als ein recht verständig aussehender Grieche wohl zu beurteilen imstande sein, aus welchem Grunde wir trotz all des Außerordentlichen, das wir hier vernommen haben, in unserem Innersten notgedrungen von allerlei Gedanken für und gegen durchkreuzt werden.
GEJ|3|50|16|0|Alles gleich als barste Münze anzunehmen, wäre doch ebenso toll, als alles gleich von vornherein zu verwerfen; abwarten, hören, sehen und scharf prüfen ist alles, was man da tun kann, und es wird sich dann schon herausstellen, ob man sich dem PRO oder dem CONTRA anschmiegen soll; denn im Sacke kaufen wir die Tauben nie, da es denn doch auch sein könnte, daß man uns Geier für Tauben verkaufte! – Sage du uns nun, ob wir recht haben oder nicht!“
GEJ|3|51|1|1|51. — Bedenken über die vernommene Göttlichkeit des Nazaräers
GEJ|3|51|1|0|Sage Ich: „In einer Hinsicht ja, aber in einer andern Hinsicht mitnichten! Ja, wenn die Essäer also die Toten erwecken wie der Nazaräer, dann habt ihr in jeder Hinsicht recht. Es ist aber ein wirklicher Essäer hier unter den Jüngern des Nazaräers. Er ist ausgesandt worden, um entweder den Nazaräer für deren große Truganstalt völlig zu gewinnen oder von ihm wenigstens das Geheimnis herauszulocken, wie er seine Kranken heilt und seine Toten erweckt.
GEJ|3|51|2|0|Als er sich aber bald überzeugte, daß bei dem Nazaräer alles offen vor jedermanns Augen und ohne alle künstlichen Betrugsvorrichtungen vollbracht wird, bloß durch das alte Wort ,Es werde‘, da verließ er sein betrugvollstes Essäertum, verriet alle die Betrügereien und ward selbst ein wirklicher Jünger des Nazaräers. Dort steht er unter einem Baume ganz allein; gehet hin und besprechet euch mit ihm!“
GEJ|3|51|3|0|Antwortet ein anderer aus den achten: „Freund, es hat das für uns keine Not; denn das Essäertum kenne ich aus dem Fundamente. Es ist ein zwar großartigster, aber im Grunde ein lobenswerter Betrug, und der Nazaräer ist da nie in die traurige Schule gegangen! Aber für Ägypten will ich eher sein; denn der Nazaräer muß große Freunde unter den Römern haben, und durch diese kann man schon nach Ägypten kommen!“
GEJ|3|51|4|0|Sage Ich zum zweiten Redner, der da Ribar hieß: „Wie kamst denn du hinter die Geheimnisse der Essäer? Denn wie Ich es vernommen habe, so soll solches ohne Lebensgefahr wohl kaum möglich sein!“
GEJ|3|51|5|0|Ribar erwidert: „Freund, mit viel Geld und mit einem gehörigen Maße von allerlei Pfiffigkeit versehen, kommt man überall durch. Natürlich muß man so von Haus aus nicht auf den Kopf gefallen sein, damit man hinter dem, was einem gezeigt wird, auch das andere sieht, was einem nicht gezeigt wird! Dazu gehört aber offenbar ein bedeutender Grad von einer besonders feinschlauen Pfiffigkeit; und so möchte ich denn auch einmal dem guten Heilande aus Nazareth auf den Zahn fühlen, und ich stehe dafür, daß er mich nicht blenden wird.
GEJ|3|51|6|0|Ist aber an ihm wirklich das, was man von ihm redet und der wirklich hochweise Mathael von ihm dargetan hat, nun, so wird man ihn auch gleich dem Mathael zu würdigen verstehen! Mich beirrt nur eine Sache, und die ist, daß er Jünger annimmt. Ich sage: Ist seine Sache eine rein göttliche, so wird sie ihm kein Jünger je nachzuahmen imstande sein, und würde er auch eine volle Ewigkeit zu ihm in die Schule gehen. Ist die Sache aber eine menschliche, da sind die Jünger ganz begreiflich; denn was ein Mensch macht, das kann auch ein anderer Mensch machen, wenn er dafür die Kenntnisse und die genügenden Mittel besitzt. Ist aber die Sache eine, wie gesagt, rein göttliche, da wird es mit dem Nachmachen wohl ewig nicht gehen! Denn dazu gehörte die ganze Allmacht und Weisheit Gottes!“
GEJ|3|51|7|0|Sage Ich: „Mein Freund Ribar, du redest zwar durchaus nicht übel, hast aber im Grunde doch unrecht; denn ein Gott kann ja doch auch aus der Zahl der Menschen einige besonders ziehen und ausbilden, wie Er einen Henoch, einen Moses und noch eine Menge Propheten ausgebildet hat, auf daß sie dann zu Lehrern der Menschheit wurden und zu Verkündern des göttlichen Willens an die Menschen dieser Erde. Mit dieser Annahme scheinst du demnach sehr auf dem Holzwege zu sein und wirst damit dem Heilande von Nazareth schlecht beikommen können!
GEJ|3|51|8|0|Mit der Pfiffigkeit wirst du an dem Nazaräer einen sehr mächtigen und unbesiegbaren Gegner überkommen! Ich kenne ihn und weiß, daß ihm von menschlicher Seite schon gar nicht beizukommen ist; denn auf tausend ist es sehr schwer, ihm eins zu entgegnen!“
GEJ|3|51|9|0|Sagt Ribar: „Es kommt alles auf eine Probe an! Ich habe schon oft solche Antiphonen und Präludien [Wechselgesänge und Vorspiele.] gehört, aber am Ende kam es fast auf den Spruch der Römer hinaus: SI TACUISSES, PHILOSOPHUS MANSISSES. [Wenn du geschwiegen hättest, so wärst du ein Philosoph geblieben!] Daher gilt bei mir ANTE [Vorher.] nichts, sondern stets nur das POST FESTUM [Nach dem Feste; hinterher.] etwas. Ich anticipiere [vorwegnehmen] niemals und schöpfe über nichts ein Urteil, was ich nicht selbst erprobt habe; habe ich aber einmal etwas erprobt, so habe ich noch selten ein schiefes Urteil gefällt, sondern noch so ziemlich allzeit den Nagel auf den Kopf getroffen. – Bist du etwa auch so ein Jünger von ihm?“
GEJ|3|51|10|0|Sage Ich: „Das gerade nicht, aber sonst einer seiner ersten Freunde, und ich kenne ihn schier am besten!“ – Bei diesem Zwiegespräch können sich mehrere eines versteckten Lächelns kaum erwehren, und es entgeht niemand auch nur ein Wörtlein.
GEJ|3|52|1|1|52. — Suetals und Ribars Zwiegespräch über die Wunderprobe Raphaels
GEJ|3|52|1|0|Nach einer kleinen Weile sagt Ribar wieder: „Möchte doch so wenigstens von einem Jünger erfahren, was er schon alles gelernt hat an der Seite des Wunderheilandes!“
GEJ|3|52|2|0|Sage Ich: „Oh, das kann ja sehr leicht geschehen! Es ist zwar schon Zeit zum Mittagsmahle, und der Wirt wird damit bald in der Ordnung sein; aber für ein kleinstes Jüngerpröbchen wird sich's gerade noch tun, und es soll gerade ein jüngster daran und soll dir als einem strengen Examinator zeigen, was er schon alles kann! – Willst du so etwas?“
GEJ|3|52|3|0|Sagt Ribar: „Allerdings, denn ohne Probe kann über niemand ein Urteil gefällt werden!“
GEJ|3|52|4|0|Hier berufe Ich den Raphael, der im Grunde und streng genommen doch auch ein Jünger von Mir ist, wenn schon ein Geist, nun mit leichter Materie angetan. Raphael, kaum berufen, steht in Blitzesschnelle vor Ribar und sagt: „Was für eine Probe verlangst du von einem Jünger des Herrn?“ – Ribar denkt bei dieser Frage nach und forscht, ob er so etwas einem Menschen recht Unmögliches erfinden könnte, das keinem Menschen zu machen möglich wäre.
GEJ|3|52|5|0|Sage dazu Ich: „Nun, Ich meine, die Geschichte hat deine Pfiffigkeit schon so ein bißchen beim Kragen!?“
GEJ|3|52|6|0|Sagt Ribar: „Oh, laß du das nur gut sein! ,FESTINA LENTE‘ [Eile mit weile!] sagen die Römer! HOSTIS CUM PATIENTIA NOSTRA VICTUS! [Mit Geduld kommt man zum Sieg!] Ich werde dem Jungen eine Nuß aufzuknacken geben, an der seine Zähne auf eine starke Probe gesetzt werden!
GEJ|3|52|7|0|Hier beugt sich Ribar zur Erde, hebt einen mehrere Pfund schweren Stein vom Boden und sagt lächelnd zu Raphael: „Lieber Jünger des göttlichen Meisters, der Dinge vollbringen soll, die nur Gott allein möglich sein können! So du von ihm schon so etwas Allmächtiges erlernt hast, so mache da aus diesem Stein ein gutes, süßes Brot!“
GEJ|3|52|8|0|Sagt Raphael: „Versuche, ob der Stein noch Stein ist!“
GEJ|3|52|9|0|Ribar versucht das und sagt: „Na und ob!“
GEJ|3|52|10|0|Spricht Raphael: „Versuche das nun noch einmal!“
GEJ|3|52|11|0|Ribar versucht das noch einmal, bricht den Stein auseinander und erkennt, daß der Stein wirklich zu Brot geworden ist. Solches Wunder in seinen Händen macht ihn ganz gewaltig stutzen, ja, er ward sichtlich von einer bedeutenden Angst ergriffen und wußte nun nicht, was er darauf sagen sollte.
GEJ|3|52|12|0|Raphael aber sagt zu ihm: „Verkoste es auch; denn das Auge ist leichter zu betrügen denn der Gaumen! Gib es auch deinen Freunden zum Verkosten, auf daß wir Zeugen für diese Umwandlung haben darum, daß sie eine wahrhaftige sei!“
GEJ|3|52|13|0|Ribar verkostet das Wunderbrot, anfangs etwas vorsichtig; da es ihm aber gar zu wohl schmeckt, so beißt er in die eine Hälfte darauf ganz ordentlich drein und gibt die andere Hälfte seinen Genossen zu verkosten. Alle finden das Brot ungemein schmackhaft, süß und voll des einladendsten Geruches.
GEJ|3|52|14|0|Ich aber frage darauf den Ribar, sagend: „Nun, lieber Freund, laß Mich vernehmen dein Urteil; was sagst du zu dieser Tat, vollführt von einem Jünger?“
GEJ|3|52|15|0|Sagt Ribar zu Suetal: „Bruder, rede du nun, du bist etwas gescheiter denn ich! Das geht zu hoch über meinen Erkenntnishorizont!“
GEJ|3|52|16|0|Sagt Suetal: „Derart Menschen, wie du einer bist, gibt es nun sehr viele in der Welt, die sich anfangs mit ihrem bißchen Verstande gerne patzig machen; kommt aber dann eine Erscheinung, weit über ihren Verstand hinausreichend, da stehen sie dann da wie ein auf einem Ehebruche ertapptes Weib! Was läßt sich da nun anderes sagen als: Mathael hat recht mit jeder Silbe, mit der er dem großen Meister sicher das wahrste Zeugnis gab!
GEJ|3|52|17|0|Wenn solche Dinge schon seine Jünger zu bewirken imstande sind, was wird nun erst der göttliche Meister alles zu tun imstande sein?!“
GEJ|3|52|18|0|Sagt Ribar: „Das ist alles wahr, und keiner von uns kann es ja in Abrede stellen; aber man sagt und lehrt im Tempel auch als eine entschiedene Wahrheit, daß gewisse besondere Magier überaus seltene Dinge durch die ihnen zu Gebote stehende Macht des Beelzebub zu vollbringen imstande sein sollen. Sogar die Römer sagen: IN DOCTRINA ALIENA CAUTI, FELICES [Glücklich, wer vorsichtig ist in einer fremden Lehre.] und SAPIENTIA NON INCIPIT CUM ODIO DEORUM! [Die Weisheit fängt nicht mit dem Haß der Götter an.] 
GEJ|3|52|19|0|Sagt Suetal: „Höre mir auf mit deinen dummen lateinischen Sprüchen, und mit deinem eselhaften Beelzebub kannst du mir für ewig vom Leibe bleiben! Hast du denn ehedem nicht den göttlich weisen Mathael reden hören und daraus leicht entnehmen können, daß die Lehre des großen Meisters jeden Menschen zu Gott hinleitet durch die Wahrheit, Liebe und Tat? Nun, dazu sollte sich der große Meister des Vorstehers aller Lüge und alles Betrugs bedienen? Blinder Esel, der du allzeit noch warst; war das Brot eine Lüge, oder war es ein wahrhaftiges Brot?
GEJ|3|52|20|0|Hätte es dir der Beelzebub bereitet, was ihm wohl nie möglich wäre, so hättest du nun statt des besten Brotes einen Stein im Magen; weil es aber ein wahrhaftiges Brot wie aus dem Himmel kommend war, so fühlst du, so wie ich es fühle, nun noch den wahrhaft göttlichen Wohlgeschmack von bester Wirkung in deinem ganzen Leibe, wie ich in dem meinen!
GEJ|3|52|21|0|Wo hast du je in der ganzen Schrift gelesen, daß es dem Satan je gelungen sei, ein Wunder gleich diesem zu vollbringen? Siehe an die Wunder Beelzebubs im Tempel! Was sind sie? Nichts als ein schnödester und wohlbekannter Betrug, um dadurch bei der dir gleich blinden Menschheit das Gold und das Silber flottzumachen und es dann zu anderweitigen, schändlichen Zwecken zu benutzen!
GEJ|3|52|22|0|Siehe, das sind Wunderwerke des Satans und sind als solche mit Händen greifbar leicht zu erkennen!
GEJ|3|52|23|0|Hier aber waltet kein irgend möglicher Betrug, sondern der leicht zu erkennende allmächtige Wille Jehovas allein! Wie kannst du da noch fragen, ob so etwas nicht auch durch Satans Macht möglich wäre?! Wo hat denn Satan noch je beweisen können, daß ihm irgendeine wahrhaftige Macht innewohnt?“
GEJ|3|52|24|0|Sagt Ribar sehr betroffen: „Na, hat er nicht gesiegt am Sinai, als er drei Tage mit Michael um den Leib Mosis gekämpft hat?“
GEJ|3|52|25|0|Sagt Suetal: „Ja, da hat er sich den Dreck Mosis errungen! Schöner Sieg! Was weißt du weiter?“
GEJ|3|52|26|0|Sagt Ribar: „Nun, ist die Verführung Evas und Adams nichts?“
GEJ|3|52|27|0|Sagt Suetal: „Kann man das ein Wunder, diesem gleich, nennen?! Wenn dir eine üppigste Dirne alle ihre fleischlichen Reize zeigt und dich mit sehr lüsternen Augen einladet, wird es da wohl etwas Wunderbares sein, so du aus lauter fleischlicher Wollustgier ihr in ihre schönen, weichen Arme sinkst? Solche Adams- und Evaswunder geschehen leider heutzutage nur zu viele, gehören aber stets der untersten und gröbsten Natürlichkeit an, und von einem Wunder ist da wahrlich keine Spur, außer es ist alles ein Wunder vom Urbeginn der Schöpfung angefangen! – Weißt du etwa noch um irgend so ein Satanswunderwerk?“
GEJ|3|52|28|0|Sagt Ribar: „Mit dir ist da hart reden! Was aber sind die uns bekannten Wundertaten der Götzenbilder von Babel und Ninive? Sind diese etwa nicht vom Satan bewirkt worden?“
GEJ|3|52|29|0|Sagt Suetal: „Für blinde Esel, dir gleich, ja, – aber für sehende Menschen nicht, denn die wußten, daß in dem in der Nacht durch Feuer weißglühend gemachten Bauche des bekannten Götzen zu Babel die durch seinen weiten Rachen in seinen Bauch geworfenen Opfer gar leicht von dessen ganz natürlicher Glut haben verzehrt werden können. Solche Wunder kannst du alle Tage mittels eines tüchtigen Feuers zustande bringen und benötigst dazu nicht im geringsten irgendeines Satans! Ich selbst will dir mittels Einverständnisses einiger feiler Knechte eine Menge von allerlei Satanswundern zuwege bringen, ohne dazu eines Satans Hilfe vonnöten zu haben; denn dazu ist eines jeden schlechten Menschen böser und gewinnsüchtiger Wille Satan mehr als zur vollsten Übergenüge.
GEJ|3|52|30|0|Ein Satan kann und vermag ewig nichts – außer zu verderben irgendein ohnehin keinen Wert habendes Fleisch, und er kann sich dann nehmen seinen überaus stinkenden Lohn; aber für Seele und Geist kann er ewig kein Wunder wirken, weil sein Wesen selbst die allerdickst gerichtete Materie ist! Ja, durch den Satan kannst du noch materieller werden als du schon lange bist; aber geistig wirst du durch ihn nie auch nur einen Augenblick lang! – Und nun rede weiter, so dir noch einige Satanswunder einfallen!“
GEJ|3|52|31|0|Sagt Ribar, so ganz zusammengemacht: „Wenn alles also, da weiß ich freilich um kein weiteres Satanswunder mehr, und ich will dieses reinste Wunder anerkennen, das der junge und sehr liebliche Jünger des großen Meisters zustande gebracht hat. Übrigens aber hättest du schon etwas artiger mit mir reden können, und ich hätte dich auch verstanden!“
GEJ|3|52|32|0|Sagt Suetal: „Da hast du wohl recht, aber du weißt es schon lange, daß ich allzeit aufgebracht werde, wenn mir ein Mensch, besonders von doch irgend einiger Bildung, mit dem alten Märchen von einem Beelzebub kommt, als wären die Weltmenschen nicht schon Beelzebubs zur Übergenüge! Besonders aber bei einer solchen rein göttlichen Gelegenheit! Wahrlich, da könnte ich vor Ärger schon allzeit aus meiner höchst eigenen Haut springen!“
GEJ|3|52|33|0|Sagt Ribar: „Na, na, es ist ja schon alles wieder gut! IN MEDIO BEATI [In der Mitte wallen die Glücklichen.] sagen die Römer; ,nie zu hitzig und nie zu lau‘ ist der Weisheit und aller Lebensklugheit Kern. Die Wahrheit begreift sich am Ende, verstehst Bruder, auch ohne Esel und Dreck!“
GEJ|3|52|34|0|Sagt Suetal: „Jawohl, jawohl; aber in gerechtem Eifer wägt man schwer die Worte ab, mit denen man jemand zurechtweist, wenn er gar zu dumme Bedenklichkeiten zur Schau zu tragen beginnt! Aber da du nun die Wahrheit etwas näher einzusehen beginnst, so wirst du von mir ähnliche Ausdrücke auch nicht leicht wieder zu hören bekommen!“
GEJ|3|52|35|0|Darauf sage Ich: „Nun, seid ihr in der Ordnung?“
GEJ|3|52|36|0|Sagen beide: „Ganz vollkommen!“
GEJ|3|53|1|1|53. — Die Grundzüge der Lehre Jesu
GEJ|3|53|1|0|Sage Ich zu Ribar: „Wie sieht es aber nun mit deinem Urteile aus über das, was du nun gesehen hast?“
GEJ|3|53|2|0|Sagt Ribar: „Habe mich zu Suetal schon ausgesprochen und bekenne nun, daß der weiseste Mathael ganz recht hat in allen Dingen. Die Probe ist gemacht, und es braucht nun nichts Weiteres mehr! Ich glaube nun nicht mehr, sondern ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen und möchte nun den großen Meister selbst kennenlernen!“
GEJ|3|53|3|0|Sagt Suetal: „Ja, das möchte auch ich, wenn es so leicht sein könnte, obschon ich nun gerade nicht mehr gar so sehr darauf anstehe; denn was ich nun gesehen habe, genügt mir für mein ganzes Leben! Mehr als Gott kann er nicht sein, aber nach dem Gesehenen viel weniger auch nicht! Und das genügt mir; nur von seiner neuen Lehre möchte ich noch etwas vernehmen!“
GEJ|3|53|4|0|Sage Ich: „Auch davon hat euch Mathael schon mehrere Grundzüge gegeben; im übrigen läßt seine Lehre sich ganz kurz in dem zusammenfassen, daß man Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll.
GEJ|3|53|5|0|Gott über alles lieben aber heißt natürlich: Gott und Seinen geoffenbarten Willen erkennen und dann aus wahrer innerer Liebe zu dem erkannten Gott danach handeln und sich daneben gegen jeden Nebenmenschen wegen Gott also verhalten, wie sich ein jeder vernünftige Mensch gegen sich selbst verhält; natürlich ist hier von der reinen und in möglichst höchstem Grade uneigennützigen Liebe, sowohl gegen Gott als eben auch gegen jeden Nächsten, die Rede.
GEJ|3|53|6|0|Wie alles Gute einzig darum geliebt werden will, weil es gut ist und darum wahr, so will auch Gott geliebt sein, weil Er allein höchst gut und höchst wahr ist!
GEJ|3|53|7|0|Dein Nächster aber muß darum ebenalso geliebt werden, weil er gleich dir das Ebenmaß Gottes ist und gleich wie du einen göttlichen Geist in sich trägt.
GEJ|3|53|8|0|Siehe, das ist der eigentliche Grundkern seiner Lehre, und er ist leicht zu beachten, ja um sehr vieles leichter als die tausend Gesetze des Tempels, die zumeist vom Eigennutz der Diener desselben angefüllt sind.
GEJ|3|53|9|0|Durch die möglichst genaue Beachtung dieser neuen Lehre wird der im Menschen anfänglich sehr gefesselte Geist freier und freier, wächst und durchdringt endlich den ganzen Menschen und zieht sogestaltig alles in sein Leben, das ein Leben Gottes ist und daher ewig dauern muß, und zwar in der möglichst höchsten Seligkeit!
GEJ|3|53|10|0|Ein jeder Mensch aber, der also gewisserart in seinem Geiste wiedergeboren wird, wird nimmer einen Tod sehen, noch fühlen oder schmecken, und die Loswerdung von seinem Fleische wird ihm die höchste Wonne sein.
GEJ|3|53|11|0|Denn der Geist des Menschen, also völlig eins mit seiner Seele, wird da gleichen einem Menschen im harten Gefängnisse, durch dessen enges Lichtloch er wohl in die schönen Gefilde der Erde hinausschauen kann und sehen, wie sich ganz freie Menschen auf denselben mit allerlei nützlichen Beschäftigungen erheitern, während er noch im Gefängnisse schmachten muß. Wie froh aber wird er sein, so der Kerkermeister kommt, die Tür öffnet, ihn von allen Fesseln losmacht und zu ihm sagt: ,Freund, ihr seid frei von jeder weiteren Strafe, gehet und genießet nun die volle Freiheit!‘
GEJ|3|53|12|0|Also gleicht des Menschen Geist der Lebensfrucht eines Embryovögleins im Ei; wenn es durch die Brutwärme reif geworden ist innerhalb der harten, sein freies Leben fesselnden Hülle, dann bricht es die Hülle durch und freut sich seines freien Lebens.
GEJ|3|53|13|0|Aber solches kann der Mensch nur erreichen durch die genaue und aufrichtige Haltung der Lehre, die der Heiland aus Nazareth nun den Menschen verkündet.
GEJ|3|53|14|0|Nun aber empfängt der Mensch, wenn er im Geiste schon mehr und mehr wiedergeboren ist, auch andere Vollkommenheiten, von denen der bloß natürliche Fleischmensch sich keine Vorstellung machen kann.
GEJ|3|53|15|0|Der Geist ist dann eine Macht in sich, der göttlichen gleich; was ein solcher vollendeter Geist im Menschen dann will, das geschieht und muß geschehen, weil es außer der Lebenskraft des Geistes in der ganzen Unendlichkeit Gottes keine andere Kraft und Macht geben kann!
GEJ|3|53|16|0|Denn das wahre Leben ist allein Herr und Schöpfer, Erhalter, Gesetzgeber und Lenker aller Kreatur, und es muß sich darum alles der Macht des ewig allein lebendigen Geistes fügen.
GEJ|3|53|17|0|Du hast davon an dem Jünger nun ein Pröbchen gesehen, und so kannst du Mir vorderhand glauben, daß es also ist. Die Einsicht aber von dem Wie, Wodurch und Warum wird dir erst werden, wenn du zur Freiheit deines innersten Geistlebens gelangt sein wirst.
GEJ|3|53|18|0|Mathael hat dir aber schon zur Genüge gezeigt, zu welcher Einsicht ein nur zur Hälfte wiedergeborener Geist gelangen kann, und so hast du nun für alles die handgreiflichen Beweise in den Händen und kannst darum mit großer Zuversicht dein Leben danach einrichten. – Bist du zufrieden mit dieser Erklärung?“
GEJ|3|53|19|0|Sagt Suetal: „Freund, viel zufriedener als mit der des ganz entsetzlich weisen Mathael! Es ist zwar das, was du mir nun gesagt hast, ebenso tief weise, als was ich alles schon aus dem Munde Mathaels vernommen habe, und in einer gewissen Hinsicht noch weiser; aber beim Mathael wird einem förmlich ängstlich und bange, weil man da keinen rechten Eingang und Ausgang erkennt. Du hast aber nun mit ganz schlichten Worten wenigstens mir die ganze Sache so klargemacht, daß ich mir nun nichts Klareres mehr denken kann; ich weiß nun genau, was ich zu tun habe, und was ich notwendig dadurch erreichen muß, und so bin ich denn auch vollends zurfrieden, da mir keine weitere Frage mehr übrigbleibt.“
GEJ|3|54|1|1|54. — Ein zweites Wunder nach Ribars Wunsch
GEJ|3|54|1|0|Sage Ich: „Gut denn; aber nun sage du mir noch so ganz unverhohlen, ob du denn nun nicht auch mit dem großen Meister aus Nazareth persönlich bekannt werden möchtest! Wenn du willst, so kann Ich dir ihn aufführen.“
GEJ|3|54|2|0|Sagt Suetal: „Aufrichtig gesagt, dieser die Fülle des göttlichen Geistes in sich bergende Mann steht für unsereinen zu endlos hoch in allem und jedem, und ich habe eine förmliche Furcht, ihn nur von ferne zu sehen, geschweige mit ihm in die nächste Berührung zu kommen! Daher ist es mir nun schon lieber, ihn persönlich gar nicht kennenzulernen. Siehe, mich geniert nun schon die Nähe dieses jungen Jüngers von ihm, und aufrichtig gesagt, es wäre mir gar nicht unlieb, wenn er wieder zu seiner Gesellschaft zurückkehrte. Die Probe hat er uns abgelegt, und sie genügt! Zu einer zweiten würde er sich ohnehin nicht gerne mehr herbeilassen, und es wäre auch unnötig; denn wem die eine nicht die genügendste Überzeugung verschafft, den werden auch tausend Wunderwerke nicht überzeugen. Und so wäre es mir schon lieber, so er sich wieder zu seiner Gesellschaft begäbe; belohnen können wir ihn nicht dafür, weil wir außer uns selbst nichts besitzen. Sage ihm daher, du liebster Freund, daß er sich nun wieder zu seiner ihm ebenbürtigen Gesellschaft zurückbegeben möchte!“
GEJ|3|54|3|0|Sage Ich: „Ah, zu was denn das?! Er ist ja frei und kann gehen, wann er will; und wird auch schon gehen, wenn er hier nichts mehr zu tun haben wird! Du bist nun freilich vollends befriedigt, aber nicht also alle deine Gefährten, selbst Ribar nicht, der doch nun in allem mit dir einverstanden ist. Er kaut noch immer am ersten Wunder und findet sich noch lange nicht vollends zurecht. Daher, weil es noch Zeit ist, werden wir allenfalls noch ein Zeichen von ihm uns bedingen!“
GEJ|3|54|4|0|Sagt Suetal: „Wäre schon alles recht, und ich möchte selbst noch etwas sehen von ihm; aber es fragt sich da nur, ob das auch seinem heilig großen Meister genehm sein wird; denn immer sehen es die Meister nicht gerne, so sich ihre Jungen zu viel produzieren.“
GEJ|3|54|5|0|Sage Ich: „Sei du darob ganz unbesorgt; denn das nehme ja alles Ich auf Mich und werde es seinerzeit wohl zu verantworten verstehen, so Ich darum hergenommen werden könnte. Aber den Ribar und die andern müssen wir dennoch fragen, in welcher Art sie ein Zeichen wünschen, ansonst bald einer aus ihnen sagen könnte, man habe das Zeichen schon lange vorher vorbereitet und ganz genau sich dazu verabredet; bestimmen sie aber das Zeichen selbst, so kann da von einer früheren Verabredung keine Spur vorhanden sein. – Bist du damit einverstanden oder nicht?“
GEJ|3|54|6|0|Sagt Suetal: „Das ist salomonisch weise gedacht und gesprochen, und man muß damit dann ja doch einverstanden sein!“
GEJ|3|54|7|0|Sage Ich: „Nun denn, so wollen wir den Ribar fragen! – Sage uns du, Ribar, worin das noch folgende Zeichen, vom Jünger gewirkt, bestehen soll!“
GEJ|3|54|8|0|Sagt Ribar: „Freund, wenn er noch eines wirken will, so soll er aus dem Steine, den ich nun in meinen Händen halte, einen der edelsten Fische, die in diesem Meere zu Hause sind, machen!“
GEJ|3|54|9|0|Sage Ich PRO FORMA zu Raphael: „Wirst du diese Aufgabe wohl zu lösen imstande sein?“
GEJ|3|54|10|0|Spricht Raphael: „Wir werden es versuchen; aber der Petent (Bittsteller) soll sich zuvor fest stellen, sonst wird ihn der Fisch zu Boden werfen. Die edelsten Fische in diesem Wasser sind groß und stark, so, daß sie ein Mensch nicht überwältigen kann; wenn sich daher Ribar sehr fest stellt, so wird auch sogleich ein achtzigpfündiger Fisch die Stelle seines nun kaum zehn Pfund schweren Steines einnehmen.“
GEJ|3|54|11|0|Sagt Ribar: „Oh, sorge du dich nur darum nicht! Ich bin so ein bißchen von einem Simson und habe schon hundertpfündige Fische gemeistert! Übrigens stehe ich nun schon ganz gehörig fest.“
GEJ|3|54|12|0|Sagt darauf Raphael: „Es sei, was du verlangt hast!“ – Raphael hatte diese Worte noch kaum ausgesprochen, so machte schon ein gut achtzigpfündiger Edelfisch in den Händen Ribars, zum Schrecken und übermäßigen Staunen aller Anwesenden, einen derart heftigen Schneller, daß darob Ribar weidlich auf den Rücken fiel, und da der Fisch ganz gewaltig herumhüpfte und sich mit seinem Schweife heftig hin- und herwarf, so flohen die Zuschauer nach allen Seiten hin, und auch der Ribar, der sich bald wieder vom Boden erhoben hatte, zeigte keine Lust mehr, den großen Fisch anzupacken. Es war aber ein Sohn des Markus auch in der Nähe; der kam schnell mit einem starken kleinern Handnetze herbei, warf dasselbe auf den noch stark herumarbeitenden Fisch, umwickelte ihn und trug ihn in eine Wanne, die voll Wasser war.
GEJ|3|54|13|0|Als sich der Fisch in seinem Elemente befand, ward er natürlich ruhig, und alle gingen nun zu der Wanne hin und betrachteten voll Verwunderung den großen Fisch, und Ribar sagte: „Nun bin ich mit aller meiner nichtigen Weisheit geschlagen und glaube nun fest an alles, was ich von dem großen Meister vernommen habe! Da hört jede Weisheit der Menschen auf, und die Herrlichkeit Gottes offenbart sich auf eine nur zu buchstäblich wahrhaft handgreifliche Weise! Mathael hat recht in jedem seiner Worte, und der Freund auch, dessen Güte wir die zwei nie dagewesenen Wundertaten zu verdanken haben. Groß darum, darum Gott, und ewig gepriesen sei darum Sein herrlicher Name, daß Er auch den Menschen auf dieser Welt solche Macht gegeben hat! Wir sind zwar höchst unwürdig, solche reinen Gotteswunder zu schauen mit unseren sündhaften Augen, aber da Gott uns dessen Selbst gewürdigt hat, so sei darum ewig gepriesen Sein herrlicher Name!“
GEJ|3|55|1|1|55. — Über den Unterschied der Wunder Raphaels und denen der Magier
GEJ|3|55|1|0|Sagt Suetal: „Amen! Das ist auch mein Wort! Denn so etwas hat noch nie eines Sterblichen Auge gesehen! Die Magier zu den Zeiten Pharaos haben wohl auch Stöcke geworfen, aus denen Schlangen wurden; aber wir waren damals nicht dabei! Und wären wir auch dabeigewesen, so hätten wir wahrscheinlich ganz dasselbe Kunststücklein gesehen, wie wir einmal etwas ganz Ähnliches in Damaskus gesehen haben, wo ein persischer Zauberer auf eine vor ihm hin weit ausgebreitete Flugsandfläche Knittel schleuderte, und als der Knittel, eigens geschickt geworfen, sich in dem Flugsande vergrub, daß man von selbem nichts mehr sah – was natürlich in einem Augenblick geschah –, da erhob sich darauf aus dem Sande bald eine Ratte oder eine Maus und floh jählings davon! Dieser Zauberer gab auch an, daß er aus den in den Sand geworfenen Knitteln Ratten und Mäuse zeihen werde. Aber ich untersuchte hernach den Sand und fand die geworfenen Knittel ganz unversehrt; aber ich fand auch nur zu deutlich Spuren, wie der Zauberer, etwa ohne Zeugen, zuvor eine gewisse Anzahl Ratten und Mäuse dadurch in dem Sande gebannt hielt, daß er ihnen an mehreren Stellen gewisse Lieblingsköder in von ihm gemachte Sandgrübchen legte, mit denen sich die dahin gesetzten Ratten und Mäuse ganz ruhig und behaglich so lange unterhielten, bis sie der geschickt geworfene Knittel aus dem Grübchen zu springen und davonzulaufen zwang.
GEJ|3|55|2|0|Das dumme Volk erwies dem persischen Magier eine nahezu göttliche Verehrung und steckte ihm seine Säcke mit allerlei kostbaren Sachen voll; und als ich einige mir etwas weiser Dünkende davon überzeugen wollte, hießen sie mich einen Frevler, und ich hatte sehr gemessene Zeit, mich aus dem Staube zu machen. Ich gewann dabei die Überzeugung, daß fürs erste derlei Magier ganz feine Käuze sind, die sich durch ihre etwaigen Kenntnisse und gemachten Erfahrungen auf dem weiten Gebiete der Natur die Dummheit der vielen andern Menschen, die so wie das Vieh dahinleben, zunutze zu machen verstehen, und fürs zweite, daß so recht eingefleischt dumme Menschen auch bei dem besten Willen eines weisen Menschenfreundes nimmer vollends zurechtzubringen sind.
GEJ|3|55|3|0|Und sogestaltig werden etwa wohl alle die gepriesenen Wunderwerke der Priester und Magier in ganz Ägypten und Persien aussehen, und die Wundertaten der Essäer werden kein anderes Gesicht haben.
GEJ|3|55|4|0|Aber diese beiden Wunder hier, die der Jünger des großen Meisters vollbrachte, und die wundervollsten Heilungen, von denen wir gehört haben, wie sie von dem großen Heilande vollführt worden sind, sind so rein über alle die magischen Betrügereien erhaben, wie eine Sonne mit ihrem hellsten und reinsten Licht erhaben ist vor jedem nichtigen und trügerischen Sumpflichte. Bei diesen zwei Wundertaten nimmt, wie gesagt, jede menschliche Weisheit ihr entschiedenes Ende; da nützt kein Denken und Prüfen mehr, da wirkt die Allmacht Gottes, der natürlich nichts unmöglich sein kann.
GEJ|3|55|5|0|Für uns aber bleibt die Lehre, daß wir eben darum das, was der große Heiland lehrt, um so lebendiger befolgen sollen, weil durch ihn, wie es mir nun vorzukommen anfängt, vielleicht eben in dieser unserer Zeit eine alte Verheißung Jehovas in Erfüllung gehen dürfte.“
GEJ|3|55|6|0|Sage Ich, von den zwölfen noch immer persönlich nicht erkannt, zu Suetal: „Bist du wohl mit einiger Überzeugung solcher Meinung?“
GEJ|3|55|7|0|Sagt Suetal: „Freund, meine nun gefaßte Meinung wird zur Gewißheit, wenigstens in mir! Denn sieh, ich habe einen ganz einfachen, aber sicher stichhaltigen Grund, das anzunehmen! Gott ist zu endlos gut und weise, als daß Er einen Menschen also mächtig erwecken und ihn erfüllen würde mit Seinem allmächtigen Geiste bloß deshalb, daß er dann mehrere Kranke dem Fleische nach heilen und aus Steinen Brot und Fische zeihen (machen) solle. Mit solch einem Menschen, der bei weitem über Moses und allen andern Propheten wie eine Sonne ganz allein dasteht, hat Gott sicher auch noch einen höheren, uns noch ganz unbekannten großen Zweck verbunden! Denn für die sehr untergeordneten Zwecke, allein vor den Augen der gafflustigen und wundersüchtigen, blinddummen Menschenmenge allerlei Wunder zu wirken, hat Gott, wie gesagt, einen solchen Gottmenschen nicht auf diese Erde gesetzt! Ich möchte in ihm fast den durch alle Patriarchen und Propheten verkündeten großen Messias der Juden entdecken und bin, lieber Freund, davon fast völlig überzeugt!
GEJ|3|55|8|0|Sollte er es dennoch nicht sein, so wüßte ich wahrlich nicht, auf wen wir dann noch warten sollen, der noch Größeres und Gotteswürdigeres zu leisten imstande wäre! – Welcher Meinung bist denn da du, lieber Freund, vorausgesetzt, daß du als ein Grieche mit den Schriften der Juden irgend vertraut bist?!“
GEJ|3|55|9|0|Sage Ich: „Ja, da bin Ich völlig deiner Meinung; denn mit den Schriften der Juden bin Ich sehr wohl vertraut. Aber nun möchte Ich denn doch noch von deinen Gefährten erfahren, was sie zu dieser unserer ganz wohlbegründeten Meinung sagen! Der Ribar ist so ziemlich ein Votant (Wortführer) für alle die zehn andern Gefährten. Wir wollen ihn darüber befragen und sehen, was er eben darüber für eine Meinung von sich geben wird. Frage du ihn!“
GEJ|3|55|10|0|Sagt Suetal: „Er soll darum gleich angegangen werden; denn jetzt wird er sich hoffentlich an seinem Fisch doch schon satt gesehen haben!“
GEJ|3|56|1|1|56. — Suetals und Ribars Ansicht über Jesus
GEJ|3|56|1|0|Hierauf wendet sich Suetal zu Ribar, ihn am Rocke zupfend und sagend: „Du, Ribar, es handelt sich hier um eine äußerst wichtige Frage und Sache, namentlich für uns Juden; vielleicht kannst du uns darüber auch einen eben nicht unwichtigen Aufschluß geben, indem du meines Wissens doch etwas besser als ein ganz laier Jude (Laienjude) in der Schrift bewandert bist. Sieh, es sind uns bekannt alle die großen Verheißungen von – sage – Adam angefangen bis auf nahe unsere Zeiten herab; laut diesen durchaus nicht aus purer Luft gegriffenen Verheißungen erwarten wir einen Messias, der namentlich die Juden als das alte Volk Gottes von allen wie immer gearteten leiblichen und geistigen Übeln befreien soll! Nun, die Werke des berühmten Heilandes haben wir mit eigenen Augen gesehen und noch mehr aus der jüngsten Gegenwart von Augen- und Ohrenzeugen mit unsern höchst eigenen Ohren vernommen, was er alles tut und getan hat. Ich frage, ob Gott Selbst, aus Seinen höchsten Himmeln auf die Erde herabsteigend, mehr tun würde, und Wunderbarstes, als da eben der Heiland aus Nazareth tut! Die Antwort auf diese Frage kann nur ,Nein!‘ lauten.
GEJ|3|56|2|0|Vor ungefähr drei Wochen wurde uns das ganz wie vom Grunde aus neu gestellte Haus, das nun dort eben auch einem Heilande – glaube mit dem Namen Joab oder auch anderslautend – gehört, dahin als etwas Außerordentliches gezeigt, das der Nazaräer in wenigen Augenblicken also aus einem förmlichen Steinhaufen von einer Ruine bloß durch seinen Willen hergestellt habe.
GEJ|3|56|3|0|Man erzählte uns auch von einem Kaufmanne in der Nähe von Sichar, dessen Haus auch auf eine ähnliche Weise vergrößert und sehr geschmückt worden ist.
GEJ|3|56|4|0|Die Heilungsgeschichten von Genezareth sind uns auch bekannt. Wir alle haben den geheilten Bruder unseres Gefährten aus den Bergen im Bezirke Genezareth selbst gesehen und gesprochen; nun haben wir die außerordentliche Heilung der gestern uns begleitenden fünf Rasenden so gut wie mit angesehen. Die unbegreifliche Weisheit Mathaels, der sich mit seinen Gefährten nun mit dem Hauptmann Julius und mit noch einem hohen Römer bespricht, ist uns davon mehr als ein sicherster Bürge!
GEJ|3|56|5|0|Nun kommen noch die zwei Wunder, von einem – sage – Jünger ausgeführt, hinzu. Frage: Berechtigt uns dies alles nicht zu der Annahme, daß der große Heiland aus Nazareth eben der verheißene Messias ist? – Was meinst du da?“
GEJ|3|56|6|0|Sagt Ribar: „Ja, ja, du möchtest schier recht haben! Weißt du, so ganz heimlich bin ich auch schon mit diesem Gedanken umgegangen, wie ein schwangeres Weib mit ihrer Frucht. Aber das ist ein doppelt heikler Punkt, sowohl gegenüber dem Tempel als auch gegenüber den Römern, denen so ein echter Messias der Juden, wie er verheißen ist, gewiß sehr ungelegen käme. Der Tempel aber setzt des Messias Ankunft nach seiner kabbalistischen (auf die Geheimlehre bezüglichen) Rechnung aus wohlweisen Gründen noch wenigstens gleich auf ein paar Jahrtausende hinaus; der würde jetzt, wo es ihm gar so gut geht, einen Messias gar nicht brauchen können. Den Römern aber dürfte es offenbar lieber sein, so er an ihrer Seite wäre, als an der Seite der Juden!
GEJ|3|56|7|0|Daher bin ich hier offenbar dieser Meinung: Man glaube bei sich schön im stillen, was man will in Hinsicht des Verheißenen; aber man spreche seinen Glauben nicht eher offen aus, als bis die Sache noch evidenter (augenscheinlicher) am hellen Tage liegen wird! Jetzt dürfte man mit diesem Glauben so gut von der einen wie von der andern Seite her sehr bedeutende Anstände bekommen. Im übrigen bist du mit deiner Meinung wie mit deinen Gründen dafür durchaus nicht auf irgendeinem falschen Wege, sondern ganz nach meinem Sinne und nach meinen innersten Gedanken auf der rechten Spur; aber liebwerteste Freunde, unseres Heiles willen bleibe das vorderhand noch streng unter uns!
GEJ|3|56|8|0|Aber du, Bruder Suetal! – betrachte du mit einiger Aufmerksamkeit nur den jungen, wundertätigen Jünger! Was er etwa doch wieder im Sinne haben mag? Fürs erste geht er nimmer zu seiner Gesellschaft zurück, und fürs zweite sieht er uns stets so gewisserart etwas fein spitzbübisch lächelnd an, als wenn wir so ein paar recht dumme Tölpel wären. Was er etwa doch haben mag? Sieh nur, nun kehrt er sich gar um und lacht förmlich in die Faust hinein! Wenn der Junge nur nicht gar so entsetzlich allmächtig wäre, so würde ich ihn zur Rede stellen; aber es ist mit so einem Menschen rein nichts mehr zu machen; denn dem wäre es nur so ein Scherz, unsereinen so in einen ganz gemütlichen Esel zu verwandeln, und wie stünde man nachher da?“
GEJ|3|56|9|0|Spricht Raphael, sich umkehrend und noch mehr lachend, und zugleich mit Meiner Zulassung einen ganz gesunden Esel neben den Ribar hinstellend: „Siehe, gerade also, wie nun ein wirklicher neben dir steht!“
GEJ|3|56|10|0|Ribar sieht sich um, erschrickt ganz gewaltig und sagt nach einer Weile seines sich immer mehr entsetzenden Staunens: „Oh, oh, oh, was ist denn das?! Von woher kam denn nun auf einmal dieser ganz wohlgenährte Esel?“
GEJ|3|56|11|0|Sagt Raphael: „Von daher, von woher der Fisch gekommen ist! Aber jetzt frage ich dich, aus welchem Grunde geniere ich euch denn? Habe ich euch denn schon irgend etwas zuleide getan?“
GEJ|3|56|12|0|Sagt Ribar: „Liebster und zugleich allerschönster junger Freund! Sieh, du bist uns zu allmächtig und siehst dabei so ein wenig spitzbübisch aus; daher haben wir einen eigenen Respekt vor dir, und es wird uns ganz entsetzlich angst und bange in deiner Nähe! Weil du aber schon einmal da bist und nicht zu deiner Gesellschaft zurückkehren willst, so tritt näher und beschreibe uns wenigstens, wie da aussieht der große göttliche Meister aus Nazareth; denn von den unbegreiflichen Wundertaten, die du vor uns ausgeübt hast, werden unsere Seelen nicht gesättigter! Wenn du, was durchaus nicht zu bezweifeln ist, irgend auch so zu reden verstehst, als wie fertig dir die rein göttlichen Wundertaten gelingen, da öffne du deinen schönen Mund und rede, beschreibend die äußere Gestalt!“
GEJ|3|56|13|0|Sagt Raphael: „Wenn ich dürfte, so würde ich das auch recht gerne tun; aber ich darf bei aller meiner allmächtigen Kraft, die ich von dem ewigen Meister aller Dinge habe, nicht vor der Zeit aus der Schule schwätzen.
GEJ|3|56|14|0|Es hat euch, und namentlich dich, geärgert, weil ich zuvor notgedrungen über euch habe lächeln müssen. Ich versichere euch, daß dahinter durchaus keine sogenannte Knabenspitzbüberei steckt; denn es gibt denn doch oft Gelegenheiten unter den sterblichen Menschen, besonders bei denen, die noch so in einem Zwielichte wandeln, daß ein durch und durch erleuchteter Geist, wie ungefähr ich einer bin, darob sich denn doch nicht so ganz des Lächelns enthalten kann. Für mich zum Beispiel ist das immer etwas, worüber ich noch allzeit zum Lächeln genötigt wurde, wenn irgend schon so recht weise und verständig sich Dünkende in einem Walde beisammenstehen und am Ende den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen und ihn als solchen erkennen! Ja, Freunde, wenn mir so etwas unterkommt, da muß ich lachen, und es hilft nichts dagegen!“
GEJ|3|56|15|0|Sagt Ribar, etwas große Augen machend: „Stehen denn wir nun etwa auch in einem Walde und erkennen den Wald vor lauter Bäumen nicht?“
GEJ|3|56|16|0|Sagt Raphael: „Materiell nicht, aber geistig ja, und deshalb mußte ich lachen. Sagt mir, weshalb fürchtet ihr denn gar so die Bekanntschaft mit dem großen Meister aus Nazareth?“
GEJ|3|56|17|0|Sagt diesmal Suetal: „Siehe, lieber, weiser Jünger des großen Meisters, wir haben uns schon gegen diesen Freund hier, der dich hierher berufen hat, ganz unverhohlen ausgesprochen, aus was für einem Grunde es uns lieber ist, die persönliche Bekanntschaft mit ihm nicht zu machen, und es soll wohl bei diesem unserem sicher durchaus nicht schlechten Wunsche verbleiben!
GEJ|3|56|18|0|Du stehst für uns arme Sünder schon viel zu hoch, und es wird uns darum ganz entsetzlich unheimlich in deiner Gesellschaft; denn von deiner Weisheit und Wissenschaft können wir doch unmöglich auch nur einen allerleisesten Dunst von einer Ahnung haben, und es wird uns darum ganz sonderbar in deiner Gesellschaft. Was ist aber ein Jünger gegen seinen Meister? Kannst du aber schon als ein jüngster Jünger des großen Meisters solch unerhörte Wundertaten verrichten, was wird erst deinem Meister alles möglich sein?! Uns aber ist es schon in deiner Nähe darum ganz entsetzlich unheimlich; wie unheimlich würde es uns dann erst in der Nähe des großen Meisters werden?! Das würden wir gar nicht aushalten! Darum bleibt es vorderhand dabei, die persönliche Bekanntschaft mit dem großen Meister nicht zu machen.
GEJ|3|56|19|0|Nützen kann uns nur seine Lehre, deren Grundzüge wir bereits von diesem Freunde hier vernommen haben; damit sind wir vorderhand auch ganz zufrieden. Werden wir einmal durch die möglichst genaue Beachtung dieser göttlich reinen Lehre vollkommener als wir jetzt sind, so wird es uns dann sicher zur größten Seligkeit gereichen, mit dem großen Meister irgend auch die persönliche Bekanntschaft zu machen. Den hierher gezauberten Esel aber schenke dem hiesigen Gastwirte für uns; denn wir haben ohnehin nichts, womit wir ihn für das uns Dargereichte bezahlen könnten!“
GEJ|3|56|20|0|Sagt Raphael: „Nun, so schenkt ihr ihm das ganz gesunde Lasttier und den Fisch; denn die beiden Tiere sind ja für euch geschaffen worden!“
GEJ|3|57|1|1|57. — Der Herr verspricht den beiden, sie auf den Heiland aufmerksam zu machen
GEJ|3|57|1|0|Es kommt aber nun Markus, anzuzeigen, daß das Mittagsmahl fertig ist, und daß man zu Tische gehen wolle.
GEJ|3|57|2|0|Sagt Suetal zu Markus: „Höre, du alter, guter Freund! Sieh, wir zwölf sind total arm und haben nichts, womit wir unsere Zeche bezahlen könnten; aber da sieh, dieser junge Jünger des großen Meisters aus Nazareth, der sich irgend hier in deinem Hause aufhält, hat durch seine Wunderkraft uns einen alleredelsten Fisch von sicher nahe hundert Pfund und nachher diesen Esel hervorgezaubert! Nimm du diese zwei Tiere in dein Eigentum anstatt unserer dir schuldigen Bezahlung; denn was sollen wir mit dem Esel und was mit dem Fische? Was sie uns aber als Sinnbilder sagen zu unserer Zurechtweisung, das haben wir schon heraus! Denn ein Fisch und ein Esel sind unseres Wissens noch nie als Symbole der Weisheit, sondern noch allzeit als Symbole der Dummheit gebraucht worden! Sei demnach so gut und nimm die beiden Tiere, die doch auch etwas wert sind, anstatt unserer dir schuldigen Bezahlung in deinen vollen Besitz!“
GEJ|3|57|3|0|Sagt Markus: „Das will ich recht gerne tun, obschon ihr mir nichts schuldig seid; denn alles, was ihr hier schon verzehrt habt, und was ihr allenfalls noch verzehren werdet, ist ohnehin schon mehr denn hundertfach bezahlt! Jetzt aber seht ihr euch nur um einen Tisch um; denn es werden sogleich die Mittagsspeisen aufgetragen werden!“
GEJ|3|57|4|0|Sagt Suetal: „Freund, sage uns, wer für uns denn schon also großmütigst die Zeche im voraus bezahlt hat, auf daß wir ihm unseren schuldigsten Dank abstatten können!“
GEJ|3|57|5|0|Sagt Markus: „Das zu sagen ist mir nicht gestattet; darum begnüget ihr euch nur mit dem, was ich euch nun gesagt habe!“ – Mit diesen Worten entfernt sich Markus auf Meinen geheimen Wink, nimmt zugleich den Esel mit und übergibt ihn einem seiner Söhne zur einstweiligen Versorgung.
GEJ|3|57|6|0|Nachdem Markus fort ist, sagt Suetal zu Mir: „Freund, ist der Alte nicht ein köstlicher Mensch?! Sieh, so ehrliche Menschen dürften wohl wenige auf dieser Welt zu treffen sein! Aber was meinst denn du, wer etwa für uns gar so übermenschlich großmütig mag die Zeche bezahlt haben?“
GEJ|3|57|7|0|Sage Ich: „Wer sonst, als der große Meister aus Nazareth!? Denn der verlangt nichts umsonst. Wer ihm eins tut, dem zahlt er dafür zehn, und wer ihm zehn tut, dem bezahlt er dafür hundert!“
GEJ|3|57|8|0|Sagt Suetal: „Ja, aber wir haben ihm weder eins noch zehn getan, und er hat für uns dennoch schon tausend bezahlt!“
GEJ|3|57|9|0|Sage Ich: „Dieser Meister aber ist auch allwissend und weiß darum, daß ihr noch etwas für ihn tun werdet, und bezahlt euch darum schon zum voraus!“
GEJ|3|57|10|0|Sagt Suetal: „Das lassen wir uns gefallen und werden solche seine Güte auch mit unserem Fleiße und großem Eifer abzudienen bereit sein, wenn wir nur einmal erfahren werden, welchen Dienst er von uns will!“
GEJ|3|57|11|0|Sage Ich: „Ja seht, da wird es denn am Ende doch noch nötig werden, daß ihr mit ihm in eine nähere Bekanntschaft tretet! Am Ende nimmt er euch gar zu seinen Jüngern an?!“
GEJ|3|57|12|0|Sagt Suetal zu Ribar: „Du, das wäre was! Am Ende könnten wir auch bald so etwas zustande bringen wie dieser schönste junge Mensch hier!? Wahrlich, unter solcher Aussicht möchte ich nun doch, wenn es leicht möglich wäre, seine persönliche Bekanntschaft machen!“
GEJ|3|57|13|0|Sagt Ribar: „Ich auch, und wir alle so ganz eigentlich! Aber der erste Zusammenstoß wird wahrscheinlich ein noch ärgerer sein als mein ehemaliger mit dem verzweifelten Fische.“
GEJ|3|57|14|0|Sagt Suetal: „Wer weiß? Der Schmiedl hämmert oft viel ärger auf seinem Amboß als der Schmied, um zu zeigen, daß er auch den Hammer zu führen versteht. Wenn sich so eine gute Gelegenheit etwa während des Mittagsmahles ergäbe, so könnte allenfalls dieser unser guter griechischer Freund uns durch einen Wink auf ihn aufmerksam machen!?“
GEJ|3|57|15|0|Sage Ich: „O ja, diesen Gefallen kann Ich euch ganz leicht erweisen; aber wenn ihr ihn werdet erkannt haben, müßt ihr euch alle ganz ruhig verhalten und kein Aufsehen machen, denn das liebt er nicht! Er sieht da nur in das Herz und begnügt sich da vollkommen, wenn ihm darin ganz still eine rechte, lebendige Huldigung dargebracht wird!“
GEJ|3|57|16|0|Sagt Suetal: „Oh, das können wir schon, und es ist auch so etwas um vieles gescheiter und weiser; darum sei du, liebster Freund, nur so gut und mache uns bei einer günstigen Gelegenheit während des Mittagsmahles aufmerksam auf ihn!“
GEJ|3|57|17|0|Sage Ich: „Ganz gut, ganz gut; das wird schon geschehen! Aber nun sind die Speisen bereits auf die Tische gestellt; daher gehen wir hin und nehmen gleich den nächsten besten in Beschlag! Seht, dort unter der großen Linde stehen zwei Tische! Bei dem langen muß Ich schon der hohen Römer wegen Platz nehmen; ihr aber setzet euch gleich an den Tisch daneben, und wir werden also recht leicht miteinander korrespondieren können!“
GEJ|3|57|18|0|„Jaja“, sagt Suetal, „so wird es sich am besten machen! Bin nun aber wahrlich über die Maßen begierig, den großen Mann, den wahren Messias der Juden zum ersten Mal persönlich kennenzulernen.“
GEJ|3|57|19|0|Sage Ich: „Ganz gut, aber nun gehen wir an die Tische!“ – Ich gehe nun voran und die zwölf folgen Mir, und Raphael geht neben dem Suetal, was diesem nicht recht behagt, so daß er ihn darum fragt, ob er etwa gar willens sei, an ihrem Tische Platz zu nehmen.
GEJ|3|57|20|0|Und Raphael bejaht solches mit der größten Freundlichkeit von der Welt, was aber dem Suetal eben nicht zu sehr mundet, weil er vor des Engels Allmacht noch immer einen ungeheuer großen Respekt hat. Aber weil der Raphael gar so freundlich mit ihm spricht, so fängt er an, ihn nach und nach etwas mehr liebzugewinnen, und macht sich aus dessen Gegenwart nicht mehr gar so viel.
GEJ|3|58|1|1|58. — Raphael als starker Fischesser
GEJ|3|58|1|0|Es wird nun allseitig sich an die Tische gemacht, die sich durch den Fleiß des alten Markus und seiner beiden, auch im Zimmern bewanderten Söhne um vier vermehrt hatten; denn Markus hatte einen ziemlichen Brettervorrat von Eichenholz wegen des Baues seiner Fischerboote, und der Raphael vermehrte ihm solchen durch Meine Zulassung in einem unmerkbaren Augenblick um ein bedeutendes, und so war es Markus ein leichtes, gleich eine Menge Speisetische samt Sitzbänken herzustellen in seinem Baumgarten.
GEJ|3|58|2|0|Raphael setzte sich mitten zwischen Suetal und Ribar. An Meinem Tische aber, an dem wir uns in der Ordnung wie tags zuvor gesetzt hatten, ward auch Mathael mit seinen vier Gefährten hinzugelassen und mußte zwischen Julius und Cyrenius Platz nehmen. Zu Meiner Rechten saß wieder die Jarah, neben ihr Josoe, dann der Ebahl und nach dem Ebahl Meine Jünger, respektive die Apostel.
GEJ|3|58|3|0|An den andern Tischen befanden sich natürlich die, die im Gefolge des Cyrenius und Julius waren; und die dreißig jungen Pharisäer unter dem Vorsitze ihres Redners Hebram hatten hinter Meinem Rücken einen langen Tisch, also, daß sie sämtlich auf Meinen Tisch und auf den kleinen Tisch der zwölf sehen konnten.
GEJ|3|58|4|0|Eine gehörige Menge von bestbereiteten Fischen ward überall aufgetragen, und am besten Brote und Weine hatte es keinen Mangel. Wir fingen an zu essen, und die zwölf konnten die Fische nicht genug loben und griffen wacker zu; aber am meisten verzehrte der Raphael. Er verschluckte sozusagen einen Fisch um den andern, was dem Suetal sehr aufzufallen anfing, und er wußte nicht, was er daraus machen sollte.
GEJ|3|58|5|0|Als Raphael aber den letzten Fisch aus der Schüssel hob und auf sein Speisebrettlein legte, ihn in Stücke zu teilen anfing und darauf ein Stück ums andere mit einer gewissen Hast in seinen Mund zu schieben begann, da ward das dem Suetal und dem Ribar zu bunt, und Suetal sagte zwar ganz artig zum Raphael: „O du lieber, schönster junger Freund, was für einen ungeheuren Magen mußt du denn doch haben, daß im selben solch eine Menge Fische und so viel Brot Platz haben?! In unserer großen Schüssel befanden sich sicher bei zwanzig Fische; wir haben nur zwölf verzehrt, und die acht größten hast du allein unters Dach gebracht! So ein junger Mensch und so viel essen?! Das kann doch unmöglich gesund sein! Na, mir ist es recht, und Gott der Herr segne es dir! – Gehört denn das nach der Lehre des großen Meisters etwa auch zur Erreichung der Weisheit und Allmacht, daß man so viel essen muß?“
GEJ|3|58|6|0|Sagt Raphael lächelnd: „Das wohl nicht! Aber so es mir schmeckt und es ist da, warum sollte ich nicht so viel essen, als es mir schmeckt?! Siehe hin nach dem Tempel zu Jerusalem, wieviel der im Namen Gottes an allerlei Opfern täglich verzehrt! Könnte man da nicht füglicher noch fragen und sagen: Aber Jehova ist doch ein wahrer Nimmersatt; alle Tage verschlingt Er eine Menge Ochsen, Kühe, Kälber, Schafe, Lämmer, Hühner und Tauben und Fische und Ziegen und viele große Laibe Brotes und viele Schläuche Weines und hat nach all solchem gewaltigen Fraße noch eine große Gier auf Gold, Silber, Perlen und allerlei kostbarste Edelsteine!?
GEJ|3|58|7|0|Hast du je gefragt, ob Gott wirklich solch ein Vielfraß ist?! Nein, das hast du nicht; denn du wußtest, daß da nur die Gottesdiener die Vielfresser sind! Was sind meine acht Fische gegen die hundert Ochsen, Kühe, Kälber und dergleichen?! Wenn die Diener Gottes im Tempel sich das Recht ungestraft nehmen dürfen, gar so ungeheuer vieles auf den Namen Gottes zu verzehren, warum sollte denn ich fasten, der ich doch sicher mehr ein Gottesdiener bin als die Vielfresser im Tempel?!“
GEJ|3|58|8|0|Suetal sagt: „Ja, ja, du hast wohl recht; mich hat es nur sehr wundergenommen, wie du, als ein überaus zarter Jüngling, uns alle im Essen bei weitem überboten hast und gar keine Rücksicht nahmst auf uns, ob wir vielleicht auch noch etwas von den guten Fischen gemocht hätten!“
GEJ|3|58|9|0|Sagt Raphael: „Hast du schon erlebt, daß die Diener Gottes im Tempel je irgendeine Rücksicht darauf genommen hätten, ob die Opfernden daheim noch etwas zu essen haben? Sie nehmen ihnen ohne alle Rücksicht die Opfer und den Zehent ab, ob die Opfernden auch in der nächsten Stunde Hungers sterben! Und siehe, die wollen Gottes Diener sein und sind es auch in den Augen des blinden Volkes! Du aber hast darum diese Gottesdiener noch nie auch nur ganz geheim bei dir selbst zur Rede gestellt; was sorgst du dich denn nun gar so um meine Gesundheit, da ich dir doch faktisch (in der Tat) bewiesen habe, daß ich ein echter Gottesdiener bin?!“
GEJ|3|58|10|0|Sagt Ribar: „Freund Suetal, mit dem scheint nicht gut wortwechseln zu sein! Der Junge riecht stark nach Mathael und könnte uns etwa so mir und dir nichts unsere ganze Lebensbeschreibung ins Gesicht hersagen!“
GEJ|3|58|11|0|Sagt Raphael: „Mußt nicht gar so still (leise) reden, sonst verstehe ich dich ja schwer und offenbar noch schwerer der Suetal!“
GEJ|3|58|12|0|Sagt Ribar: „Ja, ja, ich habe nur zu laut gesprochen!“
GEJ|3|58|13|0|Raphael: „Und wolltest von mir gewisserart doch nicht verstanden sein! Sieh, ich höre und sehe deine Gedanken; wie sollte ich deine Worte etwa nicht hören?! Sieh, das Tier, das ich dir zuvor an die Seite gestellt habe, hat denn doch noch so manche Ähnlichkeit mit dir! Aber ich sage es dir, wenn du zuvor nicht ebenso demütig werden wirst wie das graue Tier, wirst du das enge Pförtlein zur wahren Weisheit nicht finden!“
GEJ|3|58|14|0|Sagt Ribar: „Aber sage mir, Freund, warum du mir denn so ganz eigentlich die Schande vor so vielen Menschen angetan hast!?“
GEJ|3|58|15|0|Sagt Raphael: „Habe ich dir's doch dort deutlich gesagt, daß ihr noch so blind an eurer Seele seid, daß ihr den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnet. Und so blind ihr dort waret, so blind seid ihr auch jetzt noch, trotzdem ihr zuwenig Fische verzehrt habt! Wollt ihr aber noch Fische, da saget es, und es werden wohl noch welche im Meere vorrätig sein!“
GEJ|3|59|1|1|59. — Gute und böse Eigenschaften bei Zurechtweisungen
GEJ|3|59|1|0|Sagt ein dritter aus der Gesellschaft der zwölf, der Bael heißt: „Freunde, laßt auch mich einmal ein Wort reden! Ich rede zwar für gewöhnlich wenig und höre etwas Weises lieber ganz wortlos an; aber bei aller eurer beider Rede hat bis jetzt noch sehr wenig Weisheit herausgeschaut. Der junge Jünger hat im Ernste recht, so er euch recht tüchtig auslacht; denn ich sage es euch auch, daß ihr den Wald vor lauter Bäumen nicht seht. Bedenket, wer wir sind und wer die große Gesellschaft ist; dann danket Gott, daß wir noch leben! Wir sind elende, schwache und gänzlich wertlose Erdwürmer, und diese Gesellschaft besteht aus Machthabern, vor denen die ganze Erde bebt; und wir Würmer getrauen uns noch, mit ihnen Worte der dümmsten Art zu wechseln!? Was hat es dich, Freund Suetal, denn geniert, daß dieser hohe, wundertätige und wahrhaft allmächtige Jüngling nun vor uns acht Fische verzehrte?! Sind wir hier denn nicht Gratisgäste, und sind wir nicht satt geworden? Ich meine: So wir nun mehr denn hinreichend gesättigt sind, was wollen wir da noch weiteres? Ist dieses Jünglings Natur also beschaffen, daß er, um sie zu befriedigen, mehr essen muß als wir ausgehungerten Tempellumpen, so haben wir darob ja doch kein kritisches Auge zu machen! Denn fürs erste hat er nicht aus unserem Beutel gespeist, und fürs zweite war es von eurer Seite im höchsten Grade unschicksam, ihn darum gewisserart zur Rede zu stellen! Ich bitte euch, werdet doch einmal klüger! Diesem Jünger gehorchen gewisserart alle Elemente, und ihr redet mit ihm, als wäre er so ganz schon euresgleichen. O ihr wahrhaft dummen Esel ihr! Er verdient mehr denn die Propheten der Vorzeit alle unsere Verehrung, des Geistes Gottes wegen, der durch ihn waltet, und ihr behandelt ihn wie einen euch ganz Ebenbürtigen! Wenn ihr im Tempel vor den Hohenpriester treten mußtet, da bebtet ihr vor lauter Ehrfurcht; hier ist millionenfach mehr als tausend Hohepriester auf einem Fleck, und ihr benehmet euch wie ein paar allerwahrhaftigste Trottel! Pfui, schämet euch! Seid stille, höret und lernet etwas; dann erst redet mit Menschen, die minder weise sind denn ihr! Aber den göttlichen Jüngling lasset mir in Ruhe, sonst müßte ich grob werden mit euch im Namen aller der andern Brüder, die hier an diesem Tische sitzen!“
GEJ|3|59|2|0|Sagt Raphael: „Hast zwar gut gesprochen, lieber Bael; aber es sind so derbe Zurechtweisungen nie ganz in der Ordnung, weil sie im Hintergrunde nicht die Liebe, sondern einen versteckten Hochmut haben. Denn wenn du in solcher Derbheit deine Brüder zurechtweisest, so erbrennst du aus deinem Ärger, wirst erbost, und überredest dich selbst bis zum Zorn und richtest dann nichts Gutes aus; denn auf Dornen und Disteln wachsen keine Trauben und Feigen, und aus einer Brandstätte kommt lange kein Gras zum Vorschein.
GEJ|3|59|3|0|Wenn du deinen Bruder führen willst, so mußt du ihn nicht so fest am Arme packen wie ein Löwe seine Beute, sondern wie eine Henne ihre Küchlein führt, also auch du deine Brüder; dann wirst du von Gott angesehen werden, dieweil du gehandelt hast nach der Ordnung der Himmel.
GEJ|3|59|4|0|Versuche du zuvor stets die Kraft und die Macht der Liebe, was diese vermag, und wie weit sie reicht! Sollte es sich zeigen, daß in ihrer Sanftheit wenig oder nichts ausgerichtet wird, dann erst umhülle du die Liebe mit dem Gewande des vollen Ernstes und führe also aus tiefster Liebe deinen Bruder ernst festhaltend, bis du ihn gebracht hast auf den rechten Weg! Steht er einmal darauf, dann enthülle deine Liebe, und der Bruder wird dir dann ewig ein himmlischer Freund voll Dankbarkeit bleiben! Und das ist besser, weil es ist in der Ordnung Gottes von Ewigkeit.“
GEJ|3|59|5|0|Bael macht hier große Augen auf diese Zurechtweisung, und Suetal und Ribar drücken vor lauter Freude darüber dem Raphael die Hände; denn es gefiel ihnen wohl, an dem vermeinten jungen Jünger einen Vertreter ihres Menschenrechtes gefunden zu haben.
GEJ|3|59|6|0|Aber der junge Jünger sagt zu ihnen: „Freunde, die Dankbarkeit für einen guten Dienst ist gut, wenn sie einen guten Grund hat; wenn aber der Grund nicht völlig gut ist, ja, eigentlich mehr schlecht als gut, dann ist auch die ganze und noch so reichliche Dankbarkeit nicht um ein Haar besser als der Grund selbst!“
GEJ|3|59|7|0|Bei dieser Bemerkung des Raphael machen Suetal und Ribar große Augen, und Suetal fragt den Raphael, sagend: „Aber, liebster junger Freund, sage es uns doch, wie du solches meinst!? Es scheint uns, daß du mit unserer Dankbarkeit durchaus nicht zufrieden bist!“
GEJ|3|59|8|0|Sagt Raphael: „Seht, bei einem Menschen nach der Ordnung Gottes muß am Ende auch alles in der vollen Ordnung Gottes sein. Die reine Liebe als das Fundament alles Lebens wie in Gott also auch im Menschen muß aus jeder Handlung hervorleuchten. Ihr seid mir nun dankbar, daß ich den Bael zurechtgewiesen habe, weil seine an euch gerichtete Zurechtweisung nicht auf dem Grunde der Liebe, sondern auf dem des Ärgers basierte, der ein Abkömmling des Zornes und der Rache ist. Bael hatte euer Gemüt offenbar verletzt, und ihr erbranntet darob geheim in eurem Herzen vor Ärger und hegtet zugleich den Wunsch, daß dem Bael dafür möchte eine so recht derbe Zurechtweisung zuteil werden. Und seht, solch ein Wunsch ist so ein jüngstes Kind des Rachedurstes, der nur in der Hölle daheim ist! Nun aber bin ich eurem Wunsche zuvorgekommen und habe ihm das Arge seiner Zurechtweisung klar gezeigt, und darüber habt ihr beide dann eine Freude in euch empfunden und waret mir darob dankbar.
GEJ|3|59|9|0|Aber eure Freude war nicht darum in euch entstanden, weil ich den Bruder Bael auf den rechten Weg der Ordnung Gottes gebracht, sondern weil ich ihm an eurer Statt und nach eurer Meinung so einen recht festen Hieb versetzt habe, wodurch euer Rachedürstlein ein wenig abgekühlt wurde und ihr noch einen Grund habt, ihm zur noch öfteren Nachabkühlung eures Rachedürstleins solches vorzuhalten. Und seht, weil eure Dankbarkeit auf solch einem Grunde basiert war, der schlecht ist, weil keine Liebe darin war, so kann auch die Dankbarkeit selbst nicht gut sein!
GEJ|3|59|10|0|Ah, wenn eure Dankbarkeit aber eine Frucht jener echt himmlischen Freude ist, daß ein etwas verirrter Bruder wieder auf den rechten Weg gesetzt worden ist, dann ist sie auch eine Frucht der Ordnung der Himmel, die Liebe heißt, und ist aus solchem Grunde heraus gut.
GEJ|3|59|11|0|Wollt ihr, wie ihr berufen seid, wahrhaftige Kinder Gottes sein, so darf euch nie irgendein Grund zu einer Handlung bewegen, der da nicht in allen seinen Teilen auf der reinen Liebe basiert wäre; von einem Ärger, von einem Rachedürstlein und von einer noch so geringen Schadenfreude darf in eurem Herzen keine Spur vorhanden sein, denn das gehört der Hölle und nicht dem Himmel an.
GEJ|3|59|12|0|Seht, wenn da in eurem Hause ein Bruder schwer krank am Leibe darniederläge und stünde in großer Gefahr, von der Krankheit getötet zu werden, wodurch ihr unter großer Traurigkeit einen lieben Bruder verlieren könntet, so werdet ihr sicher alles aufbieten, um dem Bruder zu helfen von seinem Leiden und ihn zu retten vor der Todesgefahr! Welch eine Freude werdet ihr haben, wenn durch eure Mühe eurem Bruder von Stunde zu Stunde besser und besser wird!
GEJ|3|59|13|0|Wenn ihr aber schon eine solche Freude über die leibliche Besserung eures Bruders in euch empfindet, – um wieviel mehr habt ihr, als sämtlich Kinder eines und desselben guten Vaters im Himmel, euch zu freuen, wenn ein seelenkranker Bruder, der auf dem Wege des möglichen ewigen Verderbens stand, wieder geheilt wird zum ewigen Leben!? – Sehet ihr das ein oder nicht?“
GEJ|3|60|1|1|60. — Suetal offenbart sich als Schwätzer
GEJ|3|60|1|0|Sagt Suetal: „Freund, so wie du redet kein Mensch dieser Welt! Du mußt ein höheres Wesen aus den Himmeln Gottes sein! Am Ende bist gar du selbst der große Heiland aus Nazareth?“
GEJ|3|60|2|0|Sagt Raphael: „Oh, mitnichten! Dem auch nur die Schuhriemen zu lösen, bin ich ewig unwürdig! Ich bin dem Geiste nach wohl von oben her, aber nun diesem ebenfalls irdischen Leibe nach bin ich nur das und der, als den ihr mich habt kennengelernt!“
GEJ|3|60|3|0|Sagt Suetal: „Aber nun, da wir, wie die vielen andere Gäste, schon abgespeist haben, möchte ich denn doch den himmlischen Meister kennenlernen, um ihm meine tiefste Verehrung zu bezeigen!“
GEJ|3|60|4|0|Sagt Raphael: „Bin noch nicht ermächtigt dazu; wenn es an der rechten Zeit sein wird, wirst du und deine Brüder Ihn schon erkennen! Aber sieh, es ist nun noch so manches Unreine in eurem Herzen! Das müsset ihr erkennen und es als solches verabscheuen und aus euch schaffen dadurch, daß ihr in der Folge und von dem Augenblicke an, als ihr das Unlautere erkennet, es nimmer bei irgendeiner Gelegenheit verüben wollet; dann werdet ihr tauglich sein, den großen Meister vollauf zu erkennen!
GEJ|3|60|5|0|Nun aber gebet alle wohl acht! Der Freund, der früher mit euch geredet hat, wird nun, nach seiner Miene zu urteilen, irgendeinen Vortrag halten; denn ich habe es bemerkt, daß der neben ihm sitzende Oberstatthalter Cyrenius ihn um etwas gefragt hat, – und siehe, wenn die Großen reden, müssen die Kleinen schweigen und zuhören, wo ihnen solches irgend gestattet ist! Darum wollen wir nun schweigen und einmal sie, unsere hohen Nachbarn, reden lassen!“
GEJ|3|60|6|0|Fragt noch einmal Suetal den Raphael, sagend: „Könntest du, liebster junger Freund, mir denn nicht sagen, wer der nun reden wollende gute Freund eigentlich ist?“
GEJ|3|60|7|0|Sagt Raphael: „Nein, jetzt nicht, denn nun heißt es schweigen und hören! – denn wenn der so recht über was immer zu reden beginnt, ist es stets vom höchsten Interesse, ihn anzuhören! Darum von nun an, bis er wird ausgeredet haben, kein lautes Wort mehr an unserem Tische!“
GEJ|3|60|8|0|Mit dem begnügt sich Suetal und auch alle die andern und warten mit Ungeduld auf den Anfang Meiner Rede. Ich aber konnte mit Meiner Rede nicht eher beginnen, als bis der Cyrenius mit seiner durchaus sehr gewichtigen Frage über die Ehe, über den Ehebruch, über die Ehescheidung und über den Beischlaf mit einer Jungfrau noch ledigen Standes zu Ende war.
GEJ|3|60|9|0|Suetal fragt nach ein paar Minuten schweigenden Harrens: „Na, wann wird er denn doch einmal anfangen?“
GEJ|3|60|10|0|Sagt Raphael: „Aber du blinder und tauber Mensch, siehst du denn nicht, daß Cyrenius mit der Frage noch nicht zu Ende ist!? Oder kann man wohl eher zu reden und eine Frage zu beantworten anfangen als dann erst, wenn die Frage völlig zu Ende ist?! Gedulde dich, die Antwort wird nicht ausbleiben!“
GEJ|3|60|11|0|Mit diesem Bescheide ist Suetal vorderhand zufrieden; aber Cyrenius dehnt seine Frage durch allerlei Nebenbemerkungen sehr aus, und Ich komme darum noch immer nicht zur Antwortgebung. Cyrenius spricht der nebensitzenden Jarah wegen etwas schwach, so daß natürlich unsere Nachbarn von seiner Frage nicht viel verstehen und sich darum sehr zu langweilen anfangen, weil sie nun von keiner Seite her ein lautes Wort vernehmen; denn bei den Römern war das eine Hauptlebenssitte, daß da Tausende schweigen mußten, so ein Hoher nur eine Miene machte, die allen andeutete, daß er reden werde.
GEJ|3|60|12|0|Es vergehen nun abermals einige Minuten, und Ich rede noch nicht; da sagt Suetal zum Raphael: „Freundchen, die beiden Herren reden ja ganz stille miteinander! Von dieser vielleicht sehr weisen Unterredung werden wir nicht gar zuviel gewinnen, und wir könnten darum ganz bequem unter uns über etwas zu reden anfangen, was unsern Nachbarn vielleicht sogar sehr erwünscht wäre! Denn wenn solche hohen Herren still etwas untereinander reden, geben sie den sie umgebenden kleinen Menschen zu verstehen, daß sie nicht gehört werden wollen! Wir tun daher sehr unrecht, wenn wir nun also gänzlich schweigen und dadurch zu deutlich unsere Unartigkeit vor ihnen an den Tag legen; daher sollen wir auch über etwas reden!“
GEJ|3|60|13|0|Sagt Raphael: „Schau, schau, was du doch für ein pfiffiger Kopf bist! – Dort siehe hin, es kommt noch eine zweite Ladung von wohl zubereiteten Fischen und von Broten und von mehreren Bechern voll des besten Weines auf diesen Tisch, weil ihr alle wegen meines bedeutenden Appetites etwas zu kurz gekommen seid!“
GEJ|3|60|14|0|Sagt Suetal: „Gott Lob darum; denn ich wenigstens gewahre noch so einige Leerheiten in meinem Magen! Der Fisch, den ich vorhin verzehrte, war keiner von den größeren, und des Brotes war eigentlich auch kein zu bedeutender Überfluß an unserem Tische, und so kann uns ein solcher Nachtrag nur sehr erwünscht kommen.“
GEJ|3|60|15|0|Nun war Markus auch mit dem erwünschten Nachtrage an dem Tische und sagte: „Verzeiht, liebe Freunde! Dieser Tisch ist vorhin etwas schwächer als die andern bedacht worden, und so habe ich aus meinem großen Vorrate noch einen Nachtrag bereiten lassen; Gott der Herr segne ihn für euch alle!“
GEJ|3|60|16|0|Darauf greifen nun bis auf den Engel alle wacker in die Schüssel und verzehren mit Hast die sehr gut zubereiteten Fische, sparen dabei das Brot nicht und verstehen sich auch auf den Wein. Es währt nicht lange, und der Tisch ist seiner neuen Last völlig ledig.
GEJ|3|60|17|0|Als sie also den Tisch ohne Beihilfe des Engels gelüftet haben, sagt Suetal: „Gott dem Herrn und dem allein guten Vater der Engel und Menschen allein alles Lob! Nun wäre ich wieder einmal also gesättigt, wie ich es seit einem halben Jahre nicht mehr war! Jetzt läßt sich's schon schweigen und mit aller Geduld harren auf die versprochene Rede des weisen Griechen, der wahrscheinlich so ein geheimer Ratgeber des Hohen Statthalters von Cölesyrien und respektive Oberstatthalters von ganz Asien ist. Aber die von unserem jungen Freunde vorgesagte Rede läßt hübsch lange auf sich warten!
GEJ|3|60|18|0|Der Oberstatthalter wird mit seiner sicher sehr umständlichen Frage nicht fertig, und der andere kann ihm nicht eher Antwort bringen, als bis der Oberstatthalter mit seiner sicher sehr gewichtigen Frage zu Ende sein wird! Das wird noch so eine hübsche Zeit hergehen! Auch die dreißig jungen Pharisäerchen und Levitchen spitzen schon sehr ihre Ohren! Aber es kommt noch lange keine Rede zum Vorschein!
GEJ|3|60|19|0|Das junge Mädchen gefällt mir aber im Ernste gar nicht schlecht; aber in den Griechen scheint es bis über die Ohren verliebt zu sein! Es wendet ja kein Auge von ihm ab und scheint aus seinen Augen allerlei zu lesen; auf den jungen Sohn des Statthalters scheint es kein Auge zu haben, obschon er gar stattlich gekleidet neben ihr sitzt und sich, wie es scheint, so ein wenig zu langweilen anfängt! Oho, nun kommen ja noch vier recht artige Maide aus dem Hause! Das werden wahrscheinlich die Töchter des Wirtes sein! Was sie etwa nun machen werden?!“
GEJ|3|60|20|0|Sagt Raphael: „Ich meine, daß du, Freund, ein Schwätzer bist und gar nicht stille sein kannst! Siehst du denn nicht, daß die Hausmaide die leeren Schüsseln abzuholen kommen, um sie für den Abend zu reinigen?! Bist du denn eines gar so beschränkten Geistes, daß du so etwas nicht auf den ersten Blick einsiehst? Wahrlich, du wirst noch lange kein Mathael!
GEJ|3|60|21|0|Versuche dich doch einmal, ob du schweigen und im stillen bloß nur denken kannst; denn eine gewisse äußere Ruhe ist notwendig zur Erweckung des Geistes, ohne welche dieser allergewichtigste Lebensakt nie in die erfüllende Wirklichkeit übergehen kann!“
GEJ|3|61|1|1|61. — Raphaels Belehrung über die Einkehr im eigenen Herzen
GEJ|3|61|1|0|Raphael: „Siehe, in eines Hauses Innerem ist seit langem schon alles in der höchsten Unordnung; voll Schmutzes und allerlei Unflates sind dessen Gemächer. Aber der Hausherr hat stets auswärts etwas zu tun und nimmt sich daher nie eine rechte Zeit dazu, um das Innerste seines Hauses rein zu machen; da er aber zur Nachtzeit dennoch darin die Ruhe nehmen muß und die unreine Luft einatmet, so wird er krank und schwach, und es wird ihm fürder schwer werden, sein Haus zu reinigen und in der schlechten Luft zu genesen.
GEJ|3|61|2|0|Und siehe, so ist dein Herz auch ein Haus der Seele und vorzüglich des Geistes! Wenn du aber immer nach außen hinaus tätig bist, wann wirst du da dein Lebenshaus reinigen, auf daß dein Geist gedeihe in der guten Luft deiner Seele?
GEJ|3|61|3|0|Also ist fürs Gedeihen der Seele und des Geistes in ihr vor allem, was du tust, die äußere Ruhe notwendig!“
GEJ|3|61|4|0|Sagt Suetal: „Aber Mathael sagte, daß das Leben ein Kampf sei und man es in der behaglichen Ruhe des Fleisches nicht erreichen kann; Mathael spricht sonach anders denn du, und du nun wieder anders denn er! Wer aus euch beiden hat nun recht?!“
GEJ|3|61|5|0|Sagt Raphael: „Ich und der Mathael! Das Leben ist freilich ein Kampf, aber nicht ein ausschließlich äußerer, sondern ein ganz gewaltiger innerer gegen den äußeren! Der äußere Mensch muß am Ende von dem inneren total überwunden werden, ansonst stirbt der innere Mensch mit dem äußeren! Laß darum nun deiner Fleischzunge vom inneren Menschen einen Zaum anlegen, auf daß sie ruhe, damit die innere Gedankenzunge der Seele tätig werde und erkenne, wie sehr mistig und unlauter es noch aussieht in ihrem Lebenshause!
GEJ|3|61|6|0|Bekümmere dich nicht um all die äußeren, nichtigen Erscheinungen; denn es liegt wenig daran, ob man ihren Grund kennt oder nicht! Aber in der wahren Sabbatfeier erkenne den wahren Grund des inneren Lebens der Seele und des Geistes; daran soll dir und jedem Menschen alles gelegen sein!
GEJ|3|61|7|0|Was nützt es denn dir, so du wohl weißt und empfindest, daß du bist und lebst, aber dabei nicht weißt, ob du im nächsten Augenblick auch sein wirst und fühlen, daß du es bist?! Was nützen dir alle Kenntnisse und noch so hohe Wissenschaften, so du dein Leben nicht kennst und keine Wissenschaft von dessen Grunde in dir fühlst?!
GEJ|3|61|8|0|Willst du aber dein Innerstes erkennen, so mußt du deine Sinne ja vor allem nach innen richten, gleichwie du deine Augen dahin wenden mußt, wo du etwas erschauen willst; wie willst du aber den Aufgang sehen, so deine Augen dem Abende zugewandt sind?! Siehst du, der du doch selbst schon ein Rabbi warst, nicht ein, daß du in Hinsicht deiner höchst eigenen Lebenssphäre noch so blind bist wie ein Embryo im Mutterleibe?!“
GEJ|3|61|9|0|Sagt Suetal: „Ja, ja, ja, das sehe ich jetzt sehr gut ein, und wir alle werden nun schweigen wie eine Statue aus Stein!“
GEJ|3|62|1|1|62. — Risas Weltweisheit
GEJ|3|62|1|0|Darauf wird es still an dem Tische, dafür aber geraten die dreißig jungen Pharisäer und Leviten in einen Zank untereinander, weil ihnen ihr Redner Hebram auch das Schweigen gewisserart befohlen hat. Besonders ist unter ihnen ein gewisser Risa, dessen Eltern viele Güter besitzen, die nach ihrem Tode ihm als dem einzigen Erben zufallen müßten. Dieser hält sich sehr auf, als ihn Hebram daran erinnert, daß er nun lieber der weisen Worte Mathaels und besonders jener des Heilandes aus Nazareth in der Ruhe seiner Zunge gedenken solle, als in einem fort seinen Mund um sein nichtiges Erbe zu wetzen.
GEJ|3|62|2|0|Risa aber macht dem Hebram die schmutzige Gegenbemerkung, sagend: „Die armen Teufel werden am Ende stets fromm und rutschen in allerlei Weisheit, weil sie wissen, daß sie von der Welt nicht viel zu erwarten haben; und die Großen und Reichen werden manchmal auch fromm und weise, auf daß sie die rabiat gewordenen armen Teufel leichter wieder zur Sanftmut und Geduld zurückführen können und diese sich künftighin ihre sie sehr drückende Armut wieder gefallen lassen!
GEJ|3|62|3|0|Der Reiche geht in die Synagoge und betet vor dem Angesichte des Armen, um diesem glauben zu machen, wie fromm man sein müsse, um von Gott also gesegnet zu sein; und der Arme betet ebenfalls viel, erstens, um auch von Gott gesegnet zu werden, und zweitens, daß ihn der Reiche sieht und ihm darob etwa doch ein Almosen reicht. Was Unterschiedes ist dann zwischen beiden? Gar keinen Unterschied gibt es da! Denn da blendet der Reiche den Armen und der Arme so viel als möglich den Reichen, um von ihm etwas zu bekommen. Aber mich führt niemand hinters Licht, auch kein Wundertäter; denn die Wundertäter wissen es gar gut, für wen und warum sie ihre Scheinwunder verrichten! Wenn sie sehr große Meister ihrer geheimen Künste sind, da schlagen sie oft freilich groß und klein breit, werden förmlich als höhere Wesen verehrt und dadurch reich und mächtig!
GEJ|3|62|4|0|Kurz, für die Blinden ist es leicht, ein Maler zu sein; man malt ihnen einen Bären vor und sagt: ,Seht, das ist eine reizende Jungfrau!‘, und sie glauben es. Sollte aber vor mir jemand ein Wunder machen, so wird er dadurch den scharfsehenden Risa dennoch nicht blenden und sich auch kein Almosen verdienen und bekommen!
GEJ|3|62|5|0|Alles in der Welt ist Betrug; der am feinsten betrügen kann, ist stets am höchsten oben! Der es aber in seinen Betrügereien etwas ungeschickter macht, der wird auch auf der holprichten Bahn des Glückes keine zu großen Sprünge tun!
GEJ|3|62|6|0|Glücklich aber ist nur der, welcher schon vom Anbeginn her ein reicher Besitzer ist von allerlei Gütern und dazu vom möglich größten Scharfblick, auf daß ihm nicht ein Bär für eine zarte Jungfrau vorgemalt werden kann! Das ist meine gesunde, von keinem armen pfiffigen Teufel umnebelte Anschauung der Welt und aller ihrer Verhältnisse! So war es allzeit und wird auch allzeit so verbleiben!
GEJ|3|62|7|0|Mit dem ewigen Leben nach dem Tode aber lasse mich nur ein jeder in der Ruhe! Denn was daran ist, zeigt uns jedes Grab sowie jeder vor Alter umgefallene Baum in einem Walde. Was aus der Erde kommt, wird wieder zu Erde, und sonst gibt es nichts – außer die fromme Einbildung von seiten der armen Teufel, die von den Reichen natürlich gerne unterstützt wird!“
GEJ|3|62|8|0|Hebram ist, wie schon ehedem bemerkt, über derlei Äußerungen sehr entrüstet und sagt zu Risa: „Bei dir sind demnach Moses und alle die großen und kleinen Propheten nichts als entweder wirkliche oder erdichtete Betrüger der blinden Menschheit, und der gegenwärtige Heiland aus Nazareth wird bei dir um kein Haar besser stehen?!“
GEJ|3|62|9|0|Sagt Risa: „Wenn auch gerade für keine böswilligen Betrüger, aber für Betrüger besserer Art immerhin; denn alle verstanden sich gar gut darauf, den blinden Menschen, wennschon gerade keine Bären, so aber doch Affen statt der Menschen hinzumalen und das X für ein U hinzustellen!
GEJ|3|62|10|0|Was aber den Heiland aus Nazareth betrifft, so ist er sicher auch mit den heimlichen Kräften durch Unterricht sehr vertraut geworden; er kann sie nun benutzen; und wir, als in das Uneingeweihte schauen darein wie ein Ochse in ein neues Tor, und wissen es nicht, wo aus und wo ein die Sache gehet!
GEJ|3|62|11|0|Aber seine Lehre ist gut; denn so alle Menschen solch eine Lehre hätten und sie befolgten, da müßte es am Ende allen Menschen auch möglichst gut gehen! Aber wer wird solche Lehre jetzt allen Menschen auf der weiten Erde verkünden? Und wäre das auch irgend ermöglicht, Frage: Auf welche unüberwindlichen Anstände und Hindernisse würde solch eine Arbeit stoßen?!
GEJ|3|62|12|0|Denn in allen Dingen sind die Menschen zugänglicher als eben in der Sache ihrer verschiedenen Religionen und Gotteslehren!
GEJ|3|62|13|0|Der gemeine Mensch ist überall bei weitem mehr Tier als Mensch. Es fehlt ihm jede höhere Intelligenz, und er wird sich darum von seiner tausendjährigen Begründung trotz aller ihrer mit Händen zu greifenden Falschheit und süßen Torheit nicht herausheben lassen; der mehr intelligente Mensch aber wird sich denken: ,Bei der alten Dummheit ist gut leben; wozu etwas Neues, von dem man keine Erfahrung hat, wie es aufgenommen würde, und wie sich's dann dabei leben ließe?‘ Daher gelten solche Aufhellungen für einzelne Orte und sind soviel als möglich geheim zu halten, so sie ihren wenigstens einige Menschen beglückenden Wert vor der großen Weltmenge erhalten sollen; geht so etwas einmal in die Allgemeinheit über, so verliert es seinen Wert, wird bald lächerlich, und es krähet dann kein Hahn mehr danach. Was ein – sage – Mensch bewirken kann, das machen ihm dann bald Tausende nach, wenn sie in die Sache nur einigermaßen eingeweiht werden!
GEJ|3|62|14|0|Und so, meine ich, wird dieser sonst gute Meister aus Nazareth auch bald eingehen, besonders, wenn er seine geheimen Wissenschaften auch den andern Menschen einlernen wird, wie wir solches gerade ehedem bei dem jungen, schönen Menschen gesehen haben, der im Wunderwirken schon eine meisterliche Fertigkeit erlangt hat!
GEJ|3|62|15|0|Wenn aber ein Jünger schon solche unerhörten Dinge zuwege bringt, was bleibt dann noch für den Meister übrig?! Können die Jünger gehörig schweigen, dann kann daraus wenigstens eine einträgliche Anstalt kreiert (geschaffen) werden, wenn sie sich's mit den Machthabern der Welt nicht verdirbt; denn diese unterstützen gerne solche Institute, die ihrer außerordentlichen Effektuierung (Wirkung) wegen ganz geeignet sind, das Volk mit im Zaume zu halten durch großartige Verheißungen im einstigen Jenseits, bestehend gewöhnlich im Lohn oder in einer unendlichen Strafe.
GEJ|3|62|16|0|Sowie aber dann dergleichen geheime Wissenschaften ins Volk kommen und demselben reiner Wein eingeschenkt wird, dann ist es aus! Da wird endlich alles bekrittelt und verlacht, kein Mensch hält irgend mehr etwas darauf und aller früher so erhaben begeisternde Wert ist unwiederbringlich verloren, und die Menschen sinnen dann auf etwas noch Außerordentlicheres, finden aber gewöhnlich nichts mehr, solange sie helle bleiben. Nur nach Jahrhunderten, wenn irgendeine alte, süße Dummheit wieder Platz gegriffen hat, kann irgendein abenteuerlicher Pfiffikus schon wieder sich irgendein Völklein auf etliche Jahrhunderte zinspflichtig machen, wenn er es recht gescheit anstellt; stellt er es aber nur so ein wenig dumm an, so kann er dann bald sehen, wie er mit heiler Haut das Freie gewinnen wird.
GEJ|3|62|17|0|Seht, ich bin wahrlich kein Prophet, wie es einen eigentlichen wahrscheinlich auch nie und niemals gegeben hat! Aber ich getraue es mir nun fest zu behaupten, daß sich der Tempel mit seinen großartigsten Prellereien kaum mehr ein Jahrhundert halten wird, trotz aller seiner vermeinten Vorsicht! Denn wenn solch eine Anstalt einmal zu gewinnsüchtig wird, dann verrät sie sich bald, verliert den erhabenen Nimbus, und aus ist's mit ihr! Zweitausend Jahre scheint aber schon der längste Termin zu sein, den eine Lehre behaupten kann; dann fällt sie in ihre Nichtigkeit zurück, und man kann nur in irgendeiner Chronik noch einzelne Bruchstücke von ihr zu Gesichte bekommen.
GEJ|3|62|18|0|Nur die Kunst zu rechnen, die schon die alten Phönizier sollen erfunden haben, und die von den Ägyptern und Griechen sehr erweitert worden ist, kann nie vergehen, weil sie Wahrheiten enthält, die für jedermann einleuchtend, höchst nützlich und daher unverwüstbar sind.
GEJ|3|62|19|0|Jede andere Lehre aber, die von den Menschen allerlei Opfer verlangt und, so man sie sich angeeignet hat, keinen andern Vorteil bietet, als daß man etliche Kranke wieder gesund machen und im Notfalle auch noch ein anderes Wunderchen hinzu wirken kann, kann sich nicht halten! Denn fürs erste beruht sie nicht auf einer mathematisch erweisbaren Basis, und fürs zweite bleibt sie, selbst bei der besten Versicherung von seiten ihres Stifters, für die Folge nie so einfach und rein, wie sie vom Stifter ausgegangen ist.
GEJ|3|62|20|0|Gewöhnlich fängt man mit allerlei Erklärungen an, weil ein jeder Stifter einer Lehre stets mehr oder weniger ein Huldiger des alten Mystizismus ist und seine sonst oft sehr gesunde Lehre mit allerlei unverständlichen mystischen Brocken ausfüllt, die er zuerst wahrscheinlich selbst nicht verstanden hat und seine Nachfolger um so weniger verstehen können. Nach und nach wird so eine Lehre dann immer breiter und breiter, das alte Mystische in ihr wird immer mystischer, man erbaut große Hallen und treibt allerlei Zeremonie mit einem furchtbar ernsten Gesichte, um dem Volke die alte Heiligkeit einer einst ganz einfachen Lehre desto ersichtlicher und eindringlicher zu machen. Aber es nützt das alles nichts, denn mit der Zeit werden den Menschen durch allerlei Erscheinungen aus dem Gebiete der Natur und der gesunden Vernunft die Augen geöffnet, und mit der ganzen alten Lehre ist es dann so gut wie aus; denn die hie und da noch erhaltenen Bruchstücke können dennoch nie wieder in ein rundes Ganzes zusammengesetzt werden. – Seht, das ist so meine gesunde Meinung, die ich jedoch niemandem aufdringen will und werde.“
GEJ|3|63|1|1|63. — Hebrams Rede zeigt den Irrtum Risas
GEJ|3|63|1|0|Sagt Hebram: „Freund, so wie du nun die Sache ganz vernünftig dargestellt hast, habe ich sie schon öfters darstellen gehört; aber hierher taugt dieses nicht, denn da sitzt mehr als ein gewöhnlicher, mit allen persischen und ägyptischen Zauberkünsten unterspickter Magier!
GEJ|3|63|2|0|Denke du nur an die Reden Mathaels und an die Taten, Lehren und Reden des großen Meisters selbst, und es muß dir einleuchtend werden, daß du mit aller deiner noch so gesund scheinenden Vernunft dennoch auf dem Holzwege bist!
GEJ|3|63|3|0|Ich kenne mich in der Magie auch ein wenig aus und kenne die verschiedenen Arten der persischen und ägyptischen Magie; aber das zu bewerkstelligen, was hier schon alles bewerkstelligt worden ist, und die Lehren alle, die wir hier schon vernommen haben, deuten offenbar auf einen höheren Ursprung hin, als wir ihn uns nun vorzustellen imstande sind.
GEJ|3|63|4|0|Jener Jüngling dort bei den zwölfen hat einen Stein vor unsern Augen auf dem Tische in Staub verwandelt, setzte den Staub wieder zu dem vorigen Steine zusammen und machte ihn endlich ganz verschwinden. Und wie er ehedem eben aus einem Steine Brot machte, darauf einen Fisch, der noch zu sehen ist, und am Ende noch einen kompletten Esel in OPTIMA FORMA hervorbrachte, Freund, das sind Erscheinungen ganz anderer Art, als wir einige schale und nichtssagende Wunderchen von einigen persischen Magiern in Damaskus gesehen haben! Wer dort nur ein wenig übers ,Eins und Eins‘ hinaus zählen konnte, war gar leicht imstande, den Betrug mit Händen zu greifen und sich eine Erklärung in OPTIMA FORMA zu schaffen; wer aber kann sich eine andere Erklärung schaffen, als welche uns Mathael gegeben hat von der alleinigen Macht und Kraft des Grundlebens in und aus Gott?!
GEJ|3|63|5|0|Du tust demnach hier sehr unrecht, wenn du das, was hier ist, in die bekannte Kategorie des leidigen Betruges schiebst, wie du eben auch sehr unrecht tust, so du Moses und alle andern Propheten in die gleiche Kategorie steckst; denn Mathael hat uns doch hinreichend gezeigt, was da steckt hinter dem großen Befreier unseres Volkes aus dem harten Joche der Ägypter.
GEJ|3|63|6|0|Moses war eine so außerordentliche geistige Größe vor Gott und den Menschen, daß die Erde bis auf diese Zeiten nichts Größeres aufzuweisen hat. Hier aber, Freund, sitzt in menschlicher Gestalt eben Der, vor dessen heiligstem Angesichte sich der große Moses sein Angesicht verhüllte; daher ist es im höchsten Grade unklug von dir, hier von Ihm zu reden wie von einem natürlichen Menschen!
GEJ|3|63|7|0|Zähle die Gäste, die hier gespeist werden dreimal des Tages mit den besten und edelsten Fischen, die keine Gräten haben, mit Brot, Wein und allerlei Obst, mit Honig, Milch, Käse und Butter! Bedenke aber auch zugleich, daß unser Gastwirt im Grunde ein mehr armer als wohlhabender Mensch ist! Bei drei Joch [1 Joch (Österreichisch) = 57,5 Ar = 5750 qm] ist sein Grund groß, hat nur wenig Äcker, und diese sind, wie zu sehen, sehr steinig. Die Fischerei ist noch das beste; aber was kann sie bezwecken für so viele Gäste? Wir werden unser nun in allem bei vierhundert Mann sein, und alles ist vollauf gesättigt, dazu noch die vielen Lasttiere der Römer und Griechen, und keines leidet irgendeine Not. Gehe aber in die Speisekammer unseres Gastwirtes, und du wirst sie vollgestopft finden mit allerlei Früchten und mit einer Masse des allerbesten Brotes, und der tiefe Felskeller ist voll Weines, so daß wir mit demselben in einem Jahre nicht fertig würden, so wir ihm auch noch so zusetzten! Frage aber dann den treubiedern und wahrheitsliebenden Gastwirt, wie er zu all dem gekommen ist, und er wird dir nichts antworten als: ,Allein durch Wunder über Wunder von seiten des großen Heilandes aus Nazareth!‘
GEJ|3|63|8|0|Wenn aber also, wem kann es da noch einfallen zu behaupten, daß dies alles ein Betrug sei, den die Mächtigen der Erde irgend ausgeheckt haben, um dadurch die blinde und dumme Volksmenge zu täuschen und sie sich ergebener und zinspflichtiger zu machen?! Ich sage es dir: Hier ist mehr, als was der Verstand aller Weisen der Erde je fassen wird; hier waltet Gottes Kraft, wie sie schon dann und wann auf der Erde gewaltet hat und noch fürder walten wird! Wenn solches auch deine gesund sein wollende Vernunft nicht begreift, so ist es aber dennoch also, wie ich es dir nun gesagt habe; gehe aber hin und überzeuge dich von allem selbst, und rede dann, ob es da mit natürlichen Dingen zugeht!“
GEJ|3|63|9|0|Sagt Risa: „Ja, ja, wenn also, dann freilich bin ich wohl genötigt, von meinen Behauptungen gar vieles zurückzunehmen, und will sonach auch dem Moses und den andern Propheten ihren göttlichen Wert durchaus nicht streitig machen; aber dies eine bleibt dennoch wahr, daß sich am Ende keine Lehre, und wäre sie auch noch so göttlichen Ursprungs, in ihrer Reinheit auch nur ein paar Jahrhunderte hält!
GEJ|3|63|10|0|Moses war noch am Berge und vernahm dort die Anordnungen Jehovas, und das Volk im Tale tanzte um ein goldenes Kalb; welch ein ganz anderes Gesicht aber bekam Mosis Lehre schon, als an die Stelle der Richter ein König Saul trat, und wie anders wieder fing das alles schon unter David an auszusehen, und wie verändert erst unter Salomo und dessen Nachfolgern?!
GEJ|3|63|11|0|Es fiel stets etwas Reines und Göttliches hinweg und ward durch weltliche Menschensatzungen ersetzt, so daß effektiv bis auf uns herab nunmehr bloß die Namen gekommen sind, sonst aber ist der ganze Moses nahe verschwunden; nur das ist noch beibehalten worden, was den Tempeldienern noch einen gewissen göttlichen Nimbus gibt. Das Pönitentiale (Strafrichterliche) haben sie beibehalten, um dadurch die arme Menschheit aus einer gewissen göttlich autorisierten Rechthaberei so recht teuflisch quälen zu können; aber das eigentlich Göttliche ist schon lange völlig ausgemerzt worden; wegen der zehn Gebote Gottes läßt man sich kein graues und härenes Bußkleid mehr machen. Der Ehebruch bei angesehenen Leuten, die sehr reich sind, wird noch als etwas angesehen, weil sich dergleichen Menschen durch vieles Geld von der Steinigung loskaufen müssen. Sie bekommen dann nur ein sogenanntes verfluchtes Wasser zu trinken, das ihnen keine Bäuche zerbersten macht; denn derlei Sünder sind ja für die vielen Bedürfnisse des Tempels noch zu öftern Malen gut zu gebrauchen! Wenn aber die hohen Diener des Tempels Ehebruch begehen, so kräht danach ohnehin nie irgendein Hahn; nur wenn ein armer Teufel irgendwann einen Ehebruch beginge, der wird dann freilich noch ganz gehörig gesteinigt.
GEJ|3|63|12|0|Nun aber lesen wir, mit welch einem unerhörten Aufwande der göttlichen Macht und Kraft die zehn Gebote den Menschen von Gott unter alle Enden der Erde erbeben machenden Blitzen und Donnern gegeben wurden, und wie solch ein göttlicher Schreckensernst sich darauf mehrere Jahrhunderte hindurch noch zu öftern Malen in allerlei Orten wiederholt hat. Wie oft ist dies Volk von Gott laut den Schriften der großen und kleinen Propheten gewarnt worden! Was nützte jedoch alles das für diese Zeit? Wie wir nun stehen, das wissen wir, und mehr brauche ich dir nicht zu sagen! Wahrlich, so es irgendeine Hölle gibt, so kann es darin unmöglich noch schlechter aussehen!
GEJ|3|63|13|0|Wenn aber sein sollende rein göttliche Offenbarungen nur solche Früchte zum traurigsten Vorschein bringen, wie wir sie nun unter den Pharisäern sehen; da frage ich denn doch jeden im Gehirne Gesunden, ob es da am Ende schwer wird, allen Glauben an eine wie immer geartete göttliche Offenbarung und Vorsehung an den Nagel zu hängen!?
GEJ|3|63|14|0|Was du hier von dem großen Heilande gesagt hast, ist alles richtig und wahr, und es mag seine Lehre auch mit einem besseren Erfolge gekrönt werden als alle Gotteslehren bis auf uns herab; aber ich möchte nach nur einem halben Jahrtausende mit meinem jetzigen Bewußtsein Zeuge sein und sehen, welch ein Gesicht dann diese neue Lehre im allgemeinen machen wird, vorausgesetzt, daß ihre tatsächliche Beachtung auch also wie alle die früheren dem freien Willen der Menschen anheimgestellt wird!
GEJ|3|63|15|0|Nur einen Vorsteher an die Spitze im Anfange, und in tausend Jahren wird es wimmeln von solchen Vorständen, die bei dem Vortrage dieser reinen Lehre ihren Bauch nicht vergessen werden! – Sage mir, ob ich mit meiner Ansicht so ganz auf dem Holzwege bin, wie du ehedem gemeint hast!“
GEJ|3|64|1|1|64. — Die göttliche Ordnung und unser Weltverstand
GEJ|3|64|1|0|Sagt Hebram: „Ja und nein! In rein diesirdisch menschlicher Weise hast du nach meiner Ansicht freilich wohl recht, aber nach der rein göttlichen hast du sehr unrecht und bist darum dennoch auf dem Holzwege; denn Gottes Pläne sehen sicher ganz anders aus denn die unsrigen. Sieh, hätten wir die Sterne ans Firmament gesetzt, so würden wir sie sicher mehr gleichmäßig gestellt haben; so aber hat sie Gott, der allein Allmächtige, wie einen Lichtleinspuk hinausgestellt! Warum denn also?
GEJ|3|64|2|0|Sieh an das Gras auf dem Felde, wie da die Kräuter durcheinander gemengt sind! Warum da keine Ordnung, an der unser symmetrischer Sinn irgendein mathematisches Vergnügen haben könnte?! Überall, wohin du deine Sinne auch wenden magst und willst, wirst du viel mehr Chaotisches als irgend symmetrisch Geordnetes in aller Kreatur antreffen! Und dennoch muß Sich der Schöpfer auf die Symmetrie auch recht verstehen; denn davon liegen zunächst in unserer menschlichen Form die handgreiflich überzeugendsten Beweise. Wenn der gute Schöpfer aber in einer Hinsicht die höchste Symmetrie zu beobachten sicher imstande ist, anderseits auf sie aber auch nicht die geringste Rücksicht zu nehmen scheint, so muß dahinter irgendein uns Würmern des Staubes freilich noch sehr unbekannter Grund stecken, aus dem der Schöpfer einerseits die höchste Symmetrie und anderseits das schnurgeradeste Gegenteil beachtet! Warum ist denn nicht ein Jahr wie das andere, warum nicht ein Tag wie der andere?
GEJ|3|64|3|0|Sieh, wenn man die Sachen also betrachtet, so muß da die sogenannte symmetrisch gesunde Menschenvernunft ja so manches finden, das sie mit der gehörigen Schärfe ihres Witzlichtes bemängeln könnte; aber da kommt der große Meister Selbst und sagt: ,Schuster, nur soweit dein Leisten geht, kannst du urteilen, – aber weiter hinauf nicht!‘
GEJ|3|64|4|0|Wie wir es aber erschauen, daß da in der großen Schöpfung Gottes allenthalben eine scheinbar höchste, rein chaotische Unordnung mit der höchsten Ordnung verbunden ist, ebenso kommt es mir auch mit den verschiedenen Offenbarungen Gottes an die Menschen dieser Erde vor. Er als der alleinige Schöpfer wußte es am besten, was in den verschiedenen Zeiträumen und für die verschiedenen Völker zu ihrer geistigen Entwicklung am besten taugte.
GEJ|3|64|5|0|Er aber läßt mit der Zeit auch aus sicher höchst weisen Gründen eine einmal gegebene Lehre ebenalso verwelken, wie da auf dem Erdboden verwelken zahllose Kräuter und Blumen; aber der Same, der sich aus der Blume entwickelt gleich der reinen, lebendigen Wahrheit, verwelkt nicht, sondern bleibt lebendig fort und fort.
GEJ|3|64|6|0|So wir aber sehen, daß der Schöpfer mit der Zeit all das für eine Zeit notwendige noch so schöne Äußere zugrunde gehen läßt und am Ende alle Sorge auf die Entwicklung des inneren Lebens verwendet bei allen uns bekannten irgendein Leben tragenden Dingen, können wir uns da verwundern, wenn wir solches auch mit den Offenbarungen geschehen sehen?
GEJ|3|64|7|0|Ohne ein irdisches Zungenwort kann keine noch so reine Lehre zu uns gelangen; das äußere Wort aber ist da schon materiell und muß am Ende, wenn sich der innerste, reine Geist entwickelt hat, hinwegfallen. Und so geht mit den äußeren Gotteslehren mit den Zeiten wohl der Außenprunk notwendig in stets etwas Mißlicheres über; aber dafür entwickelt sich im Hintergrunde stets mehr und mehr die reinste, geistige Kraft und Wahrheit einer früheren Offenbarung Gottes an die Menschen. – Ist es also oder nicht, Freund Risa?“
GEJ|3|64|8|0|Sagt Risa: „Bruder Hebram, ich bewundere dich! Bei Gott, du hast nun mit deiner wahrhaft weisen Rede meine ganze Denkweise umgestaltet, wofür ich dir wahrlich sehr zum Danke verpflichtet bin! Es ist wahrlich also, wie du es mir nun dargestellt hast; ich mag denken, wie ich will, so finde ich die Sache nun stets klarer! Kurz, du hast über meine Vernunft in jeder Hinsicht gesiegt! Ich bin dir dafür sehr vielen Dank schuldig.“
GEJ|3|65|1|1|65. — Der Herr gibt Lebenswinke für Anfänger
GEJ|3|65|1|0|Hier wende Ich Mich um und sage zu Hebram: „Nun, nun, du hast ja schon große Fortschritte in der Weisheit gemacht, so wie ihr alle; wahrlich, an solchen Jüngern kann man eine rechte Freude haben, und sie werden bald zu guten Arbeitern im Weinberge Gottes zu verwenden sein! Aber auf eines mache Ich euch alle dennoch aufmerksam, und dieses eine besteht darin:
GEJ|3|65|2|0|Ihr gleicht nun den Frühblümchen, die im Frühjahre schnell ihre Häupter über den toten Erdboden gar herrlich erheben. Kommen hinfort keine Fröste, dann sind solche emsigen Blümchen ganz wohl daran; kommen aber, wie das die Frühjahre zumeist bezeugen, auf warme Tage wieder einige mit schaurigem Froste, da lassen solche Frühblümchen dann gerne ihre herrlich geschmückten Häupter hängen und verdorren darauf oft ganz und gar.
GEJ|3|65|3|0|Ich sage es euch: Ein Mensch sieht oft eine Wahrheit noch so klar ein; wenn sich aber oft trübe Wolken, mit allerlei versuchenden Ungewittern schwanger, über das Gemüt des Menschen zu erheben anfangen, da wird es trüber und trüber im Menschenherzen, und er ersieht dann gar manches nicht mehr, was noch kurz vorher doch so klar erleuchtet vor seiner Seele stand.
GEJ|3|65|4|0|Bewahret daher wohl in euch, was ihr nun erfahren habt und erhebet eure schön geschmückten Häupter erst dann über den Boden der Erde eurer äußeren Menschheit, wenn die Prüfungsfröste vorüber sein werden; wahrlich, dann wird euer Wissen von keinem bösen Reife mehr zerstört werden können!
GEJ|3|65|5|0|Es braucht aber alles seine Zeit, bis es gediegen und haltbar wird; also auch des Menschen Wissenschaft. Es ist bei guter Gelegenheit so manches oft schnell erlernt und auch begriffen, – aber über andern Erscheinungen auch ebensobald vergessen! Darum erfasset alles, was ihr vernehmet, mehr mit eurem Gemüte denn mit eurem Gehirne, so wird es euch auch bleiben!
GEJ|3|65|6|0|Wenn ihr eine Blume ansehet, so habt ihr sicher eine rechte Freude ob ihrer schönen Gestalt; aber was nützet euch solche Freude, die doch notwendig ebenso vergänglich ist wie die Blume, die in euch solche Freude erweckte?! Die Kraft der Blume muß sich aber ablagern in die Tiefe jenes Gefäßes, in welchem der lebendige Same gehegt und gepflegt wird, und so muß auch eure äußere Freude verwelken, und ihre Kraft muß hinabsteigen in den tiefen Grund, allwo das ewige Leben des Geistes gehegt und gepflegt wird; dann wird daraus eine mit dem Geiste ewig dauernde Freude über dessen wahrhaftige innere Schönheit erstehen, der kein Reif mehr irgend etwas wird anhaben können.
GEJ|3|65|7|0|Nun aber gebet recht wohl acht; denn Ich werde nun jene Stücke ein wenig näher beleuchten, über die der Cyrenius eine nähere Aufhellung wünscht!“
GEJ|3|65|8|0|Darauf aber wandte Ich Mich zur Jarah und zum Josoe und sagte zu ihnen: „Und ihr, Meine allerliebsten Kinderchen, könnet nun ein wenig in die Küche zu den Töchtern unseres Markus gehen, die werden euch so manches zu erzählen wissen, was sie nun seit etlichen Tagen bei ihrer Kocherei alles erlebt haben, was zu vernehmen euch beiden sehr nützlich sein wird; denn das Ich noch den Gästen vortragen werde, ist wie ein steinig hartes Brot, und es gehören da schon sehr kräftige und gut ausgebildete Zähne dazu, um solch ein hartes Stück Brot ganz gehörig zermalmen zu können, auf daß es darauf den sehr empfindlichen Magen der Seele nicht belästige und ihm Schmerzen und Schaden verursache. Später, wenn die Zähne eures Gemütes kräftiger werden, wird euch auch solches mitgeteilt werden!“
GEJ|3|65|9|0|Jarah verläßt zwar nicht gar zu gern ihren Platz, aber Josoe sagt zu ihr: „Komm, liebe Jarah, nur ganz freudig mit mir! Denn was der Herr will, das muß man stets mit freudigem Herzen sogleich befolgen; verstehst du solches ja doch besser denn ich, darum erhebe dich nun nur behende von deinem Sitz und komme mit mir nach dem Willen des Herrn!“
GEJ|3|65|10|0|Darauf erhebt sich die Jarah und geht mit dem Josoe in das Haus des Markus, wo sie von dessen Töchtern nach des Hauses Brauch sehr freundlich empfangen wird, und es gibt da bald ein Wort das andere, und die Kinder unterhalten sich bis nahe an den Abend hin ganz gemütlich und sich gegenseitig belehrend.
GEJ|3|65|11|0|Ich aber wende Mich nun an den Cyrenius und sage: „Nun, liebster Freund, kannst du aufmerken, was Ich dir über deine ziemlich gedehnte Frage für eine aufklärende Antwort geben werde; bei der bleibe du dann und ein jeder, der sie vernehmen wird!“
GEJ|3|65|12|0|Hier wollte Suetal dem Raphael noch eine frohe Bemerkung zuflüstern darüber, daß Ich nun endlich werde zu reden beginnen; aber Raphael bedeutete ihm ernstlich zu schweigen, und er schwieg denn auch, und Ich begann also weiterzureden:
GEJ|3|66|1|1|66. — Des Herrn Rede über die geschlechtliche Ordnung
GEJ|3|66|1|0|(Der Herr:) „Sieh, es ist eine eigene Sache um die Zeugung eines Menschen! Um eine rechte und gesunde Frucht zu zeugen, müssen zwei reife Menschen, nämlich ein Mann und ein Weib, eine rechte Seelenverwandtschaft untereinander haben, ohne die sie schwerlich oder oft wohl auch gar nicht durch den bekannten Akt der Zeugung zu einer Frucht gelangen werden.
GEJ|3|66|2|0|Sind nun ein Mann und ein Weib in ihren Herzen und Seelen verwandter Natur, so sollen sie sich denn auch ehelichen und sich nach der Ordnung, wie sie in der Natur leicht zu finden ist, des Zeugungsaktes lediglich zu dem Behufe bedienen, um zu einer lebendigen Frucht nach ihrem Ebenmaße zu gelangen; ein mehreres, als eben dazu vonnöten ist, ist wider die Ordnung Gottes und der Natur und somit ein Übel und eine Sünde, die nicht um vieles besser ist als die stumme zu Sodom und Gomorrha!
GEJ|3|66|3|0|Hat ein Mann viel des Samens, nun, so tue er ihn legen in einen andern Acker, nach der guten Art der alten Väter und Patriarchen, und er wird nicht sündigen. Wenn er aber bloß heimlich ausgeht, um mit feilen Dirnen zu befriedigen seinen Trieb und sich dadurch zu erlustigen ohne Zeugung einer Frucht, so begeht er dadurch ganz sicher eine grobe sodomitische Sünde wider die göttliche Ordnung und wider die Ordnung der Natur!
GEJ|3|66|4|0|Nur ein junger, zeugungsfeuriger Mann, so er von den Reizen eines Mädchens zu sehr ergriffen wird derart, daß er kaum seiner Sinne mächtig ist, der kann eine Jungfrau beschlafen, ob mit oder ohne Zeugung; aber nach dem Akte hat er ihr das gewissenhaft zu entrichten, was durch Moses verordnet ward. Und ist aus solcher Notzeugung eine Frucht zustande gekommen, so muß er der Jungfrau das Zehn- bis Hundertfache von dem geben, was er ihr nach Moses nur einfach schuldig wäre, wenn keine Frucht aus dem Akte entstanden wäre; denn eine Jungfrau bringt einem solchen Menschen ein großes Opfer auf Leben und Tod! Kann ein Mann darauf eine solche Jungfrau ehelichen, so soll er das nicht unterlassen; denn, wie gesagt, sie hat ihm ein großes Opfer gebracht und ihn einer betäubenden Bürde entledigt.
GEJ|3|66|5|0|Aber für die Folge soll solch ein zeugungsfeuriger Mann sich alsogleich ein ordentliches Weib nehmen und im Notfall im billigen Einverständnisse mit dem rechtmäßigen Weibe auch ein Kebsweib, auf daß daraus kein Zank und Hader entsteht; kann sich aber ein solcher Mann selbst verleugnen, so wird er dafür in Kürze leichter denn ein anderer einer höheren geistigen Gnade des inneren Lebens teilhaftig werden.
GEJ|3|66|6|0|Wie man sich aber ein rechtmäßiges Weib zu nehmen hat, so ist solches nach der Ordnung aus den Himmeln schon durch Moses verordnet worden und hat fürder bis ans Weltende dabei zu verbleiben.
GEJ|3|66|7|0|Aus dem bereits Gesagten aber wirst du gar leicht ersehen, was da ist die Unzucht, und warum sie von Moses als eine schwere Sünde verboten ist; denn es ist von Gott aus dem Menschen alles nach der göttlichen Ordnung verordnet. Wer in solcher Ordnung verbleibt, der wird auch die Früchte des Segens von oben ernten; wer aber wider solche Ordnung handelt, der wird die Früchte des Fluches ernten.
GEJ|3|66|8|0|Kann aber irgendein Zeugungsfeuriger bei aller seiner Not dennoch zu keiner natürlichen Löschung seines ihn quälenden Feuers gelangen, dem rate Ich ein fleißiges Baden im kalten Wasser und ein recht brünstiges Gebet um die Linderung dieser Plage, so wird ihm solche Plage ehestens abgenommen werden; jede andere Löschungsart aber ist vom Übel und erzeugt abermals Übel, das Übel aber ist Sünde und zeuget wieder Sünde.
GEJ|3|66|9|0|Zugleich aber soll das allen Eltern ans Herz gelegt sein, daß sie ihre erwachsenen Kinder nicht den Reizungsgefahren aussetzen sollen! Denn ein brennbares Material kann leicht in den Brand geraten; wenn aber einmal die Flammen von allen Seiten lichterloh aufschlagen, dann geht es mit dem schnellen Löschen oft gar nicht mehr, und ohne Opfer schlägt keine Flamme auf! Wenn sie gelöscht ist, zeigt sich dann auch bald der Schaden, den sie verursacht hat.
GEJ|3|66|10|0|Darum sollen besonders die Jungfrauen wohl gekleidet, aber nie reizend bekleidet einhergeben, und die Jünglinge sollen nicht dem Müßiggange preisgegeben werden; denn der Müßiggang ist stets der Zeuger aller Laster und Sünden.
GEJ|3|66|11|0|Wer aber sich einmal ein ordentliches Weib genommen hat, der ist an dasselbe gebunden bis zum Tode, und der Scheidebrief Mosis hebt den Ehebruch vor Gottes Ordnung nicht auf, so ein solcher Mann dann eine andere ehelichen würde; ehelicht aber das geschiedene Weib, so bricht sie auch die Ehe. Kurz, wer da nach der erfolgten Ehescheidung heiratet, ist ein Ehebrecher; wer aber nicht ehelicht, der ist denn auch kein Ehebrecher.
GEJ|3|66|12|0|Geistig aber bricht auch der die Ehe, der ein Weib, das schon verehelicht ist, ansieht und in seinem Herzen den Sinn faßt, es durch allerlei Blendungen zum Ehebruch zu verleiten, wenn das vollbrachte Werk auch unterblieb.
GEJ|3|66|13|0|Siehst du aber deines Nächsten Weibes Reize und lässest dich davon berücken, so hast du auch einen Ehebruch begangen; denn dadurch hast du deines Nächsten Weib zu einer Hure gemacht und mit selbem die Hurerei getrieben. Und es ist dies eine große und grobe Sünde vor Gott und vor den Menschen, auch dann, wenn du mit dem fremden Weib eine Frucht gezeuget hast. Aber natürlich ist das Übel dann noch größer, wenn du mit deines Nächsten Weib lediglich des blinden und stummen Wollustkitzels halber gehuret hast. Solche Sünder werden schwer des Himmelreiches teilhaftig werden.“
GEJ|3|67|1|1|67. — Ausnahmen in Fällen der Geschlechtlichkeit
GEJ|3|67|1|0|(Der Herr:) „Hat aber eines Nächsten Weib zum Beispiel keine Frucht von ihrem rechten Mann empfangen können und hat aber eine große Sehnsucht nach der Erweckung einer Frucht in sich und begehret dich, so zeige solches ihrem Manne an! Willigt er ein, so kannst du solch einem Begehren ohne Sünde nachkommen. Wird das Weib befruchtet und es hat nach der abgelaufenen Zeit abermals ein Begehren danach und ihr Mann willigt ein, so magst du dem Weibe gleichwohl wieder die Freundlichkeit erweisen, so du ein Lediger bist. Bist du aber selbst eines fruchtbaren Weibes Mann, so sollst du deinem Weibe deine Kraft nicht entziehen; denn dafür ist euch von Moses aus gestattet, neben dem einen rechtmäßigen Weibe, besonders, so das Weib unfruchtbar wäre, ein oder nach Bedarf auch mehrere Kebsweiber zu halten, aber stets mit Einwilligung des rechtmäßigen Weibes. Würde aber dieses darüber sehr traurig, da wäre es dann Zeit, die Beiweiber zu entlassen, gleichwie auch Abraham die Hagar entließ, die er sich wegen der langen Unfruchtbarkeit seines Weibes Sarah nahm.
GEJ|3|67|2|0|So aber käme ein seinem rechten Manne in ein fremdes Land entlaufenes Weib zu jemandem als eine Ledige und verschwiege, daß sie schon eines Mannes Weib sei, so hat der, der sie also zum Weibe nahm, keine Sünde, auch dann nicht, so er nachderhand erführe, daß sie schon eines Mannes Weib sei, ihn aber seiner Härte und Unfruchtbarkeit wegen geheim verließ; denn als er die Fremde zum Weibe nahm, da wußte er ja nicht, daß sie schon eines Mannes Weib sei, und als er solches erst nachderhand in Erfahrung gebracht hatte, war sie schon sein Weib, von dem er nun, ohne Begehung der Ehebruchssünde nicht mehr, außer durch den Tod, geschieden werden kann.
GEJ|3|67|3|0|Aber es hat bei solchen Gelegenheiten oft schon sehr grausame Handlungen dadurch gegeben. Der neue Gemahl, so er unter dem Gesetze Mosis stand, suchte sich dann, so ihm das fremde Weib lästig ward, dadurch von demselben loszumachen, daß er heimlich hinging zu ihrem ersten Gemahl und ihm das untreue und ehebrecherische Weib verriet. Die Folge war, daß solch ein Weib dann gesteinigt ward und die beiden Männer wieder von neuem gesetzlich freien konnten. Das jedoch soll hinfort nicht mehr also sein!
GEJ|3|67|4|0|Und Ich sage euch: Für diesen Fall soll ein lediger Mann eine Fremde nicht ehelichen, bevor er sich nicht nach allen ihren früheren Umständen genau erkundigt hat! Hat er da nichts herausgebracht, und er fühlt sich zu dem fremden Weibe sehr hingezogen, da soll er es dennoch zum Weibe nehmen; und erfährt er hernach erst zufällig des Weibes früheren Stand, so soll er kein Verräter seines Weibes sein, sondern es behalten in der guten Art, als er es genommen hatte. Das Weib aber kann durch die große Treue gegen ihren neuen Gemahl ihre frühere Sünde sühnen; denn Gott ist kein unbilliger Richter und weiß die Schwächen des menschlichen Fleisches genauest abzuwägen und zu berücksichtigen. Ein Totschläger seines Weibes aber ist ärger denn ein ehebrecherisches Weib!
GEJ|3|67|5|0|Es wären aber irgend zwei Nachbarn, von denen einer in seinem Weibe keine Frucht erwecken kann, dieweil er in seiner Jugend unter schlechter Aufsicht sein Zeugungsvermögen zu sehr geschwächt hat, während der andere Nachbar, nach seinen vielen gesunden Kindern zu schließen, ein sehr kräftiges Zeugungsvermögen besitzt, indem er überall und allzeit in der guten Ordnung gelebt hat und in seiner Jugend in guter Zucht gestanden ist. Was wäre das, so da der unfruchtbare Nachbar ginge zum fruchtbaren und bäte ihn, mit seinem vielen Vermögen an seiner Statt in seinem Weibe eine Frucht zu erwecken, und der fruchtbare Nachbar täte solches aus wirklicher Liebe zu seinem sonst guten und treuherzigen Nachbarn, ohne dabei nur den entferntesten Gedanken zu haben, als wolle er auch sonst mit des Nachbars Weibe Geilerei treiben, was sehr sündhaft wäre? Seht, das wäre weder eine Sünde und noch weniger ein Ehebruch, sondern es wäre solch ein Akt unter einem allseitigen stillen Einverständnisse sogar ein löblicher geheimer Liebesdienst; geheim deshalb, weil davon außer den angeführten Personen niemand etwas erfahren solle wegen der Ehre des unfruchtbaren Nachbars, und daß sich daran niemand ärgere.“
GEJ|3|68|1|1|68. — Über sündhaften Geschlechtsverkehr
GEJ|3|68|1|0|(Der Herr:) „So aber ein lediger oder ein schon verheirateter Mann mit einem üppigen Weibe seines Nachbarn ohne Wissen desselben geilet, so ist dies eine schändliche Hurerei. Ein solches Weib ist dann eine eigentliche Hure, und die mit ihr geilenden Männer sind dann die eigentlichen Hurer, die als solche ins Gottesreich nie eingehen werden, weil solch eine schändliche Hurerei allen guten Sinn in ihrer Seele verzehrt und alles Geistige tötet.
GEJ|3|68|2|0|Eine solche Hurerei ist aber darum auch um gar nichts besser als der eigentliche Ehebruch, ja oftmals sogar um vieles schlechter als der Ehebruch. Denn bei einem Ehebruch können solche Umstände im Hintergrunde stecken, die das Verbrechen dieser Sünde sehr mildern und verdienen, daß sie ein Richter sehr berücksichtige; aber bei der Hurerei können nie irgendwelche mildernde Umstände in die Berücksichtigung gezogen werden; denn dabei handelt ganz rücksichtslos die stinkende Geilsucht und verdient beim Gerichte auch keine wie immer geartete Rücksicht.
GEJ|3|68|3|0|Ein Weib, das sich dazu leicht verleiten läßt ohne irgendeine erweisbare Not, ist schlecht und verdient nicht die geringste Rücksicht; denn die Schwäche entschuldigt hier nichts, da ein jedes Weib durchs rechte Vertrauen zu Gott eine hinreichende Stärkung erreichen kann. Aber noch schlechter ist ein Weib, das die Männer selbst verlockt in ihr buhlerisches Garn, um mit ihnen in Abwesenheit ihres Gatten zu geilen!
GEJ|3|68|4|0|Aber ebenso verbrecherisch schändlich handelt ein Mann ledigen Standes, und noch ärger, wenn er verheiratet ist, so er Weiber an sich zieht, mit ihnen geilt im Verborgenen und sie bezahlt am Ende der Geilerei; denn ein solcher Mann verleitet fürs erste die Weiber zur schändlichen Untreue und macht sie fürs zweite nahe völlig unfruchtbar, und verwüstet also gleich einem bösen Sturme die Äcker, daß darein nie mehr ein Same mit Nutzen gelegt werden kann.
GEJ|3|68|5|0|In eine ganz gleiche Kategorie ist auch ein Lediger wie ein Verheirateter zu stellen, so er ledige Maide (Mädchen) zu sich kommen läßt, auf daß er mit ihnen gegen irgendeine Bezahlung Geilerei treibe; und jegliche feile Dirne ist eben auch so gut eine Hure wie irgendein verheiratetes Weib, das sich hergibt ums Geld oder sonstige Geschenke.
GEJ|3|68|6|0|Die Dirnen sollen nur fleißig und arbeitsam sein, so werden sie nie zu sagen nötig haben, die Not habe sie dazu genötigt; denn eine fleißige und arbeitsame Maid hat jeder biedere Mann lieb und wird sie nicht Not leiden lassen. Ist aber irgendein Dienstgeber ein geiziger und harter Mensch, nun, da lasse man ihn und seinen Dienst und suche sich einen andern; es wird gar nicht schwer sein für eine fleißige und arbeitsame Maid, einen guten Dienst zu finden, wo sie sicher keine Not leiden wird!
GEJ|3|68|7|0|Am schlechtesten aber werden einst jene daran sein, die solche fleißigen Dirnen oder gar Mädchen ohne Reife durch allerlei Geschenke zur Geilerei zu verleiten eifrigst bemüht sind. Wahrlich, solche Männer, ob ledig oder verheiratet, gleichen reißenden Wölfen in Schafspelzen und werden deren Lohn ernten!
GEJ|3|68|8|0|Wer aber eine Maid oder ein Mägdlein oder ein Weib mit Gewalt an sich reißt, der soll schon hier gerichtet werden! Die Gewalt mag bestehen in was sie wolle, ob in der Hände Kraft oder in der Lockung durch sehr kostbare Geschenke, so macht das im Verbrechen keinen Unterschied. Auch die Macht der Rede oder die Anwendung magisch betäubender Mittel, durch die der weibliche Teil sich scheinbar freiwillig dem geilen Willen des Mannes zu Diensten stellte, mildert diese Sünde nicht um ein Haar, auch dann nicht, wenn in der Geilerei wirklich eine Frucht wäre gezeugt worden; denn solche Zeugung ist wider den Willen beider Teile zustande gebracht worden und trägt daher zur Milderung des Verbrechens gar nichts bei.
GEJ|3|68|9|0|Die allerschändlichste Geilerei aber besteht in der Schändung der Knaben und in der Befleckung anderer Glieder und Teile des weiblichen Leibes, als welche von Gott dazu verordnet sind, oder gar in der Schändung der Tiere; solche Schänder sind aus aller menschlichen Gesellschaft für immer vollends auszumerzen.
GEJ|3|68|10|0|Es ist aber bei dem Gericht über dergleichen Verbrechen dennoch allzeit darauf zu sehen, auf welcher Bildungsstufe irgendein solcher Geiler oder eine solche Geilerin stand; ebenso ist auch darauf zu sehen, ob etwa der also geilende Mensch nicht etwa von irgendeinem solchen argen Geiste also besessen ist, der ihn zu solcher Geilerei antreibt. Im ersten Falle soll die Gemeinde dafür sorgen, daß so ein schwach vernünftiger Mensch in eine gute Korrektion gebracht werde, in der er auch ganz wie ein verdorbenes Kind diszipliniert werden soll so lange, als bis er ein anderer Mensch geworden ist; denn hat einmal ein Mensch seines Fleisches Tiernatur besiegt, und ist sein Verstand geklärt worden, so wird er auch ein reineres Leben zu führen anfangen und wird nicht leichtlich mehr in seine alte Tiernatur zurücksinken. Im zweiten Falle, als in dem der Besessenheit, ist ein solcher Geiler ebenfalls unter Schloß und Riegel zu bringen; denn solche Menschen sind wegen des großen Ärgernisses aus der freien Menschengesellschaft sogleich zu entfernen.
GEJ|3|68|11|0|Sind sie einmal in gutem Gewahrsam, so sollen sie durch Fasten und durch über sie in Meinem Namen gehaltene Gebete geheilt werden. Sind sie aber einmal geheilt, und zeigt es sich, daß sie ihrer unreinen Besessenheit ledig geworden sind, so sind sie dann auch wieder vollends freizugeben.“
GEJ|3|69|1|1|69. — Verbesserungsmaßnahmen gegen geschlechtlich Ausschweifende
GEJ|3|69|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, wären denn für den zweiten Fall, wo es noch nicht irgendeinen also geiststarken Menschen gäbe, vor dessen Wortes- und Willensmacht solche argen, das Fleisch eines Menschen besitzenden Geister sich beugeten, nicht möglicherweise auch natürliche Mittel anwendbar, wenigstens nur insoweit, daß so ein Mensch dann durch die Wort- und Willensmacht eines geistig noch nicht so starken Menschen von seinem Übel befreit werden könnte?“
GEJ|3|69|2|0|Sage Ich: „Das erste Naturmittel aus dem Gebiete der Natur ist das Fasten. Man gebe so einem Menschen des Tages nur einmal ein nahe ein halbes Pfund wiegendes Stück Roggenbrot und dazu nur einen Krug Wassers, inzwischen kann man ihm aber allenfalls an jedem zweiten Tage ein wenig Aloesaftes, nach Beschaffenheit der Natur des Besessenen gemengt mit ein bis zwei Tropfen Bilsensaft, geben, so wird solche Naturbeihilfe von guter Wirkung sein; aber es wird ihm solches allein dennoch nicht vollends helfen ohne Gebet und ohne Auflegung der Hände in Meinem Namen.
GEJ|3|69|3|0|Überhaupt muß der Richter in solchen Fällen stets darauf in seinem Herzen bedacht sein, daß er in dem Verbrecher nur einen stark verirrten Menschen und keinen völligen Teufel vor sich hat.
GEJ|3|69|4|0|Ist aber ein Mensch hartnäckig in seiner Ausschweifung, ist dabei aber weder bildungslos noch besessen, so kann mit ihm schon scharf züchtigend vorgegangen werden.
GEJ|3|69|5|0|Bessert sich ein solcher Mensch und fängt an, mit guter Einsicht zu verabscheuen seine Sünde, dann ist er auch mit mehr Liebe zu behandeln; bessert sich aber ein solcher Mensch gar nicht und hängt sichtlich gleichweg mit Behagen an seiner Ausschweifung – die ein solch geiler Bock nie ganz verbergen kann –, so kann er, wenn er sonst irgendein Mensch von einiger Bildung ist, entweder aus der Gemeinde ganz in irgendein weites, wüstes Land hinaus gestoßen werden, allwo ihn die große Not zur Besinnung bringen wird; und wird er sich bessern, so soll es ihm auch besser ergehen – wo nicht, so wird ihn das wüste Land aufzehren.
GEJ|3|69|6|0|Ist aber ein Mensch von geringerer Bildung und fruchten bei ihm weder Züchtigung noch Fasten, so kann er kastriert (entmannt) werden von einem kundigen Arzt, und es kann dadurch seine Seele gerettet werden. Es gibt ja welche, die sich selbst verstümmelt haben des Reiches Gottes wegen. Also kann es – aber nur in dem erwähnten Fall – solche geben, die eben darum von dem Gemeindegericht ausgehend verstümmelt werden; denn in diesem Falle ist es besser, verstümmelt ins Gottesreich zu kommen als unverstümmelt in die Hölle! Nun wirst du wohl wissen, wie alles das, was aus des Fleisches Lust hervorgeht, richterlich zu behandeln ist! Nur solches setze Ich noch bei, daß sich in der Zukunft nur danach, wie ihr's nun von Mir vernommen habt, für alle Zeiten in ähnlichen Gerichten (Fällen) zu richten ist.
GEJ|3|69|7|0|Moses hat für dergleichen Verbrechen die Steinigung und den Feuertod verordnet; aber es soll solches nur bei außerordentlichen Gelegenheiten, des abschreckenden Beispiels wegen, an höchst verstockten Sündern geschehen. Ich hebe aber Moses nicht auf, sondern Ich rate euch nur, so lange in der Milde in allem vorzugehen, bis nicht eine zu große Verworfenheit die äußerste Strenge fordert.
GEJ|3|69|8|0|Seid als Richter sanft und gerecht durch die wahre Nächstenliebe, so werdet ihr dereinst auch ein zartes und sanft gerechtes Gericht finden; denn mit welchem Maße ihr einmesset, mit demselben Maße wird euch rückgemessen werden.
GEJ|3|69|9|0|Seid ihr barmherzig, so werdet ihr auch Barmherzigkeit finden; seid ihr aber strenge und unerbittlich in euren Gerichten und Urteilen, so werdet auch ihr dereinst strenge und unerbittliche Richter finden.
GEJ|3|69|10|0|Bedenket bei solchen Gerichten, daß des Menschen Seele und Geist sehr willig und fügig sind; aber das Fleisch ist und bleibt schwach, und es gibt da keinen, der sich der Stärke seines Fleisches rühmen könnte.
GEJ|3|69|11|0|Wiedergeborene im Geiste aber kann es nun im eigentlichen Sinne noch keine geben; denn zur wahren und vollen Wiedergeburt des Geistes werden die Menschen erst dann gelangen können, wenn des Menschen Sohn das Ihm Übertragene in aller Fülle wird vollendet haben.
GEJ|3|69|12|0|Dies also behaltet und handelt danach!“
GEJ|3|70|1|1|70. — Fälle einer gerechten Ehescheidung
GEJ|3|70|1|0|Sagt Cyrenius: „Allen meinen Dank Dir darum; denn nun bin ich in einer Sache, die mir stets viel zu schaffen machte, um in derlei Fällen ein rechtes Gericht zu halten, ganz erleuchtet und glaube, daß es nun kaum einen Fall geben dürfte, der mich in einen Zweifel brächte, ob ich so oder so urteilen solle. Nur das einzige wirft sich mir noch als eine sehr bedenkliche Frage auf, und diese lautet also: Gibt es denn gar keinen Fall, in dem man eine einmal geschlossene Ehe also vollkommen auflösen könnte, daß die getrennten Teile, ohne sich der fatalen Sünde des offenbaren Ehebruchs schuldig zu machen, wieder einen andern Teil ehelichen könnten?“
GEJ|3|70|2|0|Sage Ich: „O ja, solche Fälle kann es allerdings geben, zum Beispiel: Ein Mann hätte ein Weib, das sonst mit allen weiblichen Reizen ganz gut ausgestattet wäre; aber bei der Enthüllung zeigte es sich, daß das Weib ein Zwitter sei. In diesem Falle wäre alsogleiche Auflösung der geschlossenen Ehe ins Werk zu setzen, wenn sie verlangt würde; natürlich aber: Gibt es keinen Kläger, so gibt es auch keinen Richter auf der Erde. Es wäre aber für den Fall ein Gesetz zu geben, demzufolge solch eine Ehe gar nicht zu schließen ist, und der Teil, der als bei sich wohl wissend, daß er für ein eheliches Bündnis nicht taugt, wäre als ein Betrüger zur Verantwortung und zum Schadenersatze zu verhalten (anzuhalten). Was aber hier gesagt ist vom weiblichen Teile, das gilt auch, so der männliche Teil kein vollkommener Mann wäre. So ihn das Weib verläßt und ehelicht einen andern, so begeht sie keinen Ehebruch.
GEJ|3|70|3|0|Es kann aber auch unter den Männern solche geben, die sich entweder selbst verschnitten haben wegen des Reiches Gottes, oder solche, die schon in ihrer Jugend aus irgendeinem Weltgrunde verschnitten worden sind, wie es auch schon Verschnittene im Mutterleibe gibt; alle die Genannten sind für die Ehe völlig untauglich, und ihre völlige Untauglichkeit bedingt die volle Lösung der Ehe von vornherein.
GEJ|3|70|4|0|Oder es könnte ein oder der andere eheliche Teil ein derartiges Leibesgebrechen haben, neben dem der andere Teil unmöglich bestehen kann, so wäre auch da die Ehe gänzlich aufzulösen – aber nur in dem Falle, wenn der eine Teil vor der Ehelichung nichts von dem Gebrechen in Erfahrung hatte bringen können; wußte er aber von dem Gebrechen und ist dennoch die Ehe eingegangen, so ist die Ehe gültig und kann nicht aufgelöst werden! Dergleichen Gebrechen aber, die eine volle Lösung einer schon geschlossenen Ehe zulassen, wären: Verborgene Besessenheit des einen oder des andern Teiles, ebenso ein periodischer Irrsinn, ein heimlicher Aussatz böser Art, Krebsbeulen, Läusesucht, eine unheilbare Lungenschwindsucht, Epilepsie, volle Stumpfheit von mindestens zwei Sinnen, Gichtbrüchigkeit und ein pestilenzialischer Leibes- oder Odemgestank.
GEJ|3|70|5|0|Wenn der gesunde Teil vor der Ehebindung keine Kunde hatte, daß sein anderer Teil von einem der nun benannten Gebrechen behaftet sei, so kann er sogleich nach eingegangener Ehe wieder die vollgültige Lösung derselben verlangen, und sie muß ihm gewährt werden! Denn in diesen Fällen ist der gesunde Teil ein Betrogener, und der Betrug löset jeden Vertrag auf und somit auch den der Ehe.
GEJ|3|70|6|0|Wollen aber solche Gatten sich nicht scheiden lassen nach dem Willen auch des gesunden Teiles, so ist die Ehe als gültig zu betrachten und kann späterhin außer von Tisch und Bett nicht mehr geschieden werden; denn da gilt euer Satz: VOLENTI NON FIT INIURIA! [Dem Wollenden geschieht kein Unrecht.] 
GEJ|3|70|7|0|Außer diesen Fällen aber gibt es nahe wohl keinen mehr, der als Grund einer vollgültigen Ehescheidung könnte angenommen werden.
GEJ|3|70|8|0|In allen andern mißlichen Ehefällen müssen die Eheleute Geduld miteinander haben bis in den Tod; denn hatte den jungen Eheleuten der Ehe Honig gemundet, so müssen sie dann schon auch mit der Galle der Ehe sich zufriedenstellen.
GEJ|3|70|9|0|Der Ehe Honig aber ist ohnehin der schlechteste Teil derselben; erst mit dem gallichten Teile der Ehe nimmt des Lebens goldner Ernst seinen Anfang. Dieser aber muß überall sich einstellen; denn käme dieser nicht, da ginge es mit der Saat für die Himmel schlecht.
GEJ|3|70|10|0|Im oft bittersten Lebensernst beginnt erst der geistige Same sich zu beleben und zu entfalten, der im beständigen Honigleben also erstickt wäre wie eine Fliege, die sich mit aller Gier in den Honigtopf stürzt und vor der zu großen Süßigkeit des Honigs ihr Leben einbüßet. – Bist du nun völlig im klaren?“
GEJ|3|71|1|1|71. — Verhaltenswinke für Eheleute und Richter
GEJ|3|71|1|0|Sagt Cyrenius: „Ja, Herr und Meister von oben! Etwas gäbe es aber wohl noch, und darüber ein Wörtlein noch, und alles, was die Ehe in sich faßt, ist dann erschöpft.
GEJ|3|71|2|0|Sieh, es hätte irgendein Mann, der sonst in allem eine gute Ordnung hält, ein Weib, das da einer sehr fleischlich sinnlichen Natur wäre – wie es in der Tat solcher nimmer satt werden wollender Weiber nur leider viele gibt. Ein solch geiles Weib verlangt vom Manne am Tage sogar zu öfteren Malen die Zufriedenstellung und Beruhigung ihres Fleisches. Der Mann sagt zum Weibe freilich: ,Du hast empfangen und bedarfst nun für die Zeit, die von Gott dazu bestimmt ist, Ruhe, auf daß du in deinem gesegneten Stande keinen Schaden und kein unnötiges Leiden dir zuziehest durch die nutzlose Befriedigung deines Fleisches.‘
GEJ|3|71|3|0|Das sinnliche Weib aber will von solch einer guten Lehre nichts hören und wissen und verlangt vom Manne mit Ungestüm, ihrem Verlangen nachzukommen. Erfüllt der Mann des Weibes Willen, so treibt er mit demselben doch offenbar Unzucht und begeht sogestaltig nach deinem Worte eine Sünde wider die göttliche Ordnung; hält er sie aber zurück, so sündigt er wider seines Weibes Willen und nötigt dasselbe zu allerlei unnatürlichen Befriedigungen oder zum Ehebruche und zur Hurerei mit andern Männern.
GEJ|3|71|4|0|Desgleichen aber gibt es anderseits auch derart geile Böcke von Männern, die ihrem armen sittsamen Weibe oft noch wenige Stunden vor der Entbindung keine Ruhe gönnen wollen. Darüber kommen oft laute Klagen vor; was aber soll da ein weiser Richter für einen rechtskräftigen und vor Gott und vor aller besseren Welt gültigen Ausspruch tun?
GEJ|3|71|5|0|Wenn der ordentliche Mann oder das sittliche Weib der Ordnung und des Reiches Gottes wegen eine Ehescheidung verlangt, soll sie gegeben werden oder nicht?“
GEJ|3|71|6|0|Sage Ich: „Ja, da kann nach Verlangen des einen oder des andern Teiles eine Ehescheidung gegeben werden, jedoch keine gänzlich, aber immerhin mehr als allein von Tisch und Bett, sondern auch von der gegenseitigen Versorgungsverpflichtung und vom Erbrecht, welche zwei Dinge in einem minderen Scheidungsgrund erst dann erlöschen, wenn der eine Teil sich über drei Jahre hinaus völlig von dem nur von Tisch und Bett geschiedenen andern Teil ohne einen haltbaren Grund entfernt und sich nicht mehr gekümmert hat um den hinterlassenen Teil, sondern da seinem Vergnügen nachgegangen ist.
GEJ|3|71|7|0|Bei der Scheidung aber, die da bei deinem vorgebrachten Fall auf Verlangen des guten Teiles zu erfolgen hätte, erlischt auch in einem (zugleich) jeder weitere wie immer geartete Anspruch auf Recht.
GEJ|3|71|8|0|Aber es ist sehr darauf zu sehen, daß die Scheidung erst dann zu geben ist, wenn sie vom guten Teile verlangt wird und der schlechtere Teil darein einwilligt; willigt dieser nicht ein und verspricht dafür Besserung, so ist da auch dem guten Teile die Scheidung nicht zu geben, sondern ihm bloß eine Vormerkung zu machen, und er werde darauf zur Geduld ermahnet.
GEJ|3|71|9|0|Wollen aber in diesem Falle geschiedene Gatten in guter Eintracht wieder zusammengehen, so bedürfen sie keines neuen Ehebündnisses, sondern es tritt da nach dem Willen beider Teile das alte Bündnis in seine volle Kraft, und eine allfällig zum zweitenmal verlangte Scheidung kann sie nicht mehr trennen, außer im Notfalle von Bett und Tisch.
GEJ|3|71|10|0|So aber ein Mann ein sehr begehrendes Weib hat und gewähret mit Nüchternheit seines Herzens dem Weibe ihr Verlangen, so ihm solches seine Kraft gestattet, so begeht er dadurch gerade keine zu grobe Sünde wider die Ordnung Gottes; denn eines solchen Weibes Natur gleicht einem trockenen Boden, den der Gärtner in der heißen Sommerzeit zu öfteren Malen begießen muß, so er seine Pflanzen erhalten will. Wenn aber dann kommt der feuchte Herbst, so wird ein jeder Boden der Feuchtigkeit in Genüge haben. Aber dabei soll der nüchterne Mann sein Weib auch fleißig geistig bearbeiten und bilden, und es wird ihm das gute Früchte tragen.
GEJ|3|71|11|0|Geduld ist aber stets besser als das allerbeste Recht.
GEJ|3|71|12|0|Mehr Recht jedoch, die Scheidung zu begehren, hat ein sittsames Weib wegen der zu großen Geilheit ihres Mannes, als ein Mann wegen der großen Geilheit seines Weibes; denn das einmal gesegnete Weib bedarf der Ruhe für die Zeit, die Gott in der Natur des Weibes verordnet hat. Dem Manne aber ist keine Zeit verordnet worden, und er bedarf darum weniger der Ruhe seiner Natur denn das gesegnete Weib; darum ist bei einem Gerichte ein gesegnetes Weib auch eher anzuhören denn ein nüchterner Mann.
GEJ|3|71|13|0|Bei einem Manne ist noch sehr darauf zu sehen, welch ein Leben er vor der Verehelichung geführt hat, ob ihn nicht etwa eine ausschweifende Jugendzeit durch vieles Sündigen nüchtern und untüchtig gemacht habe. Bei einem sehr begehrenden Weibe aber fällt diese Frage nahe von selbst weg. Denn hatte es schon als Maid sich einem unzüchtigen Leben des Gewinnes wegen in die Arme geworfen, so ist dadurch ihre Natur schon sehr abgestumpft worden, und soll sie später noch irgendeines Mannes ordentliches Weib werden, so wird es in seinem Begehren ganz eisig aussehen; ist aber ein Weib als noch seiende Jungfrau sehr züchtig bei einem heißen Blute gehalten worden, so ist da auch nicht der allenfalls strafbare Grund in dem ledigen Jungfrauenstande, sondern lediglich in des Weibes Natur zu suchen, auf welchen Grund in diesem Falle das Gericht kaum zu merken hat.
GEJ|3|71|14|0|Gegen die Gewalt der Natur aber ist jeder noch so weise richterliche Spruch eine hohle Nuß, und so wären bei einem heißblütigen Weibe auch entsprechende Mittel aus dem Bereich der Natur anzuwenden und mit denselben eine entsprechende Belehrung an das Herz des Weibes, und es möchte dann wohl besser mit demselben werden. – Siehe, also ist sich in diesem Falle zu verhalten. Hast du aber etwa noch ein Bedenken, so laß es hören!“
GEJ|3|72|1|1|72. — Über Prüfung der Brautleute
GEJ|3|72|1|0|Sagt Cyrenius: „Du hast soeben von einem natürlichen Mittel etwas erwähnt; worin könnte das wohl bestehen?“
GEJ|3|72|2|0|Sage Ich: „In der natürlichen Lebensmäßigkeit! Ein heißes Blut ist stets mehr verzehrender Natur denn ein kühles; daher sind heißblütige Menschen auch gefräßiger denn die kühlblütigen und haben eine stets wachsende Lust zu vielen und wohlschmeckenden Speisen und Getränken.
GEJ|3|72|3|0|Wenn sich solche Menschen aber in die Mäßigkeit begeben oder zur Mäßigkeit angehalten werden, indem man ihnen mit freundlichem Herzen das auch erläutert, warum man so etwas für sie tut und ihnen die Mäßigkeit und größere Magerkeit im Essen anempfiehlt, so wird das Blut bald kühler zu pulsen und der sinnliche Trieb sehr an seiner Kraft zu verlieren anfangen, ohne den geringsten Nachteil für die sonstige Gesundheit des Leibes und der Seele.
GEJ|3|72|4|0|Sollte aber bei einem sehr begehrenden Weibe auch durch längere Beachtung der goldenen Mäßigkeit die Natur noch keinen fühlbaren Umschwung erhalten haben, so soll es bei abnehmendem Monde abends das Wasser von gekochten Sennesblättern mit etwas Aloesaft zu sich nehmen, etwa vier Eßlöffel voll, aber nicht alle Tage, sondern nur jeden dritten oder vierten Tag, und es wird dadurch sicher besser mit der hitzigen Natur des Weibes auszusehen anfangen.
GEJ|3|72|5|0|Sollte aber dies alles samt daneben erhaltenen guten Lehren wenig oder nichts fruchten, so kann dann erst auf Verlangen des Mannes die früher für diesen Fall besprochene Ehescheidung von Tisch und Bett eingeleitet werden.
GEJ|3|72|6|0|Jedenfalls aber ist da das nüchterne und vom geilen Manne geplagte Weib zehnmal eher anzuhören – besonders, so es schon in gesegneten Umständen sich befände – als ein von seinem geilen Weibe geplagter Mann; denn ein nüchterner Mann hat außer den Moralmitteln noch eine Menge natürlicher Disziplinarmittel, mit denen er des Weibes Glut sehr heilsam kühlen kann, und es wird dem zu heißblütigen Weibe nicht zum Schaden gereichen, so der Mann aus seinem geheimgehaltenen guten Willen demselben so manches Mal ein wenig von einem guten Ernste etwas zeigt. Nur muß solcher nie aus einem hintergründigen Gram oder Zorn, sondern stets aus der hintergründigen wahren Nächstenliebe abstammen, ansonst er nicht nur nichts nützen, sondern nur schaden würde.
GEJ|3|72|7|0|Darin aber besteht nun alles in allem, was da betrifft die Ehe und der Sünden nach allen Richtungen hin, und es solle sich in der Welt danach gerichtet werden an allen Orten.
GEJ|3|72|8|0|Es soll aber darüber sogar vom Staate aus eine gesetzliche Vorschrift dahin getroffen sein, daß die einmal geschlossenen Ehen moralisch so gut als möglich gehalten werden sollen, und daß Menschen, die irgend mit leiblichen und seelischen Gebrechen behaftet sind, zur Ehe nicht zugelassen werden sollen; denn aus solchen Ehen kann nie eine völlig gesegnete Zucht hervorgehen.
GEJ|3|72|9|0|Es soll aber auch mit den sonst Gebrechenlosen eine Prüfung vorgenommen werden, bei der es sich zeigen soll, ob der junge Bräutigam und die junge Braut füreinander taugen.
GEJ|3|72|10|0|Findet da ein bevollmächtigter, weiser Prüfer irgend leidige Knoten, so soll er mit der Bewilligung zum vollen Ehebündnisse zurückhalten und den sich verehelichen Wollenden die argen Folgen recht lebendig ans Herz legen, und ihnen bedeuten, daß die gültige Bewilligung zum vollen Ehebündnisse so lange nicht erteilt werden könne, als die verderblichen Knoten fortbestehen.
GEJ|3|72|11|0|Auch soll so ein vom Staate aus bevollmächtigter Eheschließer den Heiratslustigen den Lebensernst der geschlossenen Ehe und den himmlischen hohen Zweck derselben recht helle machen.
GEJ|3|72|12|0|Zeigt es sich, daß dadurch die Ehelustigen sich nüchterner und nüchterner zu zeigen anfangen, ihre Weltknoten beiseite schaffen, so daß sie sich nur des gegenseitigen Menschenwertes wegen ehelich verbinden wollen, dann erst soll so ein Bevollmächtigter die Bewilligung zum vollgültigen Ehebündnisse erteilen. Er soll das Treugelöbnis in ein Buch zum Zeichen des unauflösbaren Ehebündnisses aufzeichnen mit Untersetzung des Jahres und Tages des begangenen Ehebündnisses und soll stets in der Kenntnis der nachfolgenden Eheverhältnisse – wie sich diese etwa gestalten, ob gut oder schlecht – bleiben.
GEJ|3|72|13|0|Es sollen darum solche weise Bevollmächtigte zur Schließung der Ehen keine fremden, in eine Gemeinde eingeschobenen Menschen, sondern allenthalben nur Einheimische sein, die die Menschen, jung und alt, nahe so gut wie sich selbst kennen; so werden dadurch sicher die vielen Mißehen verhindert, und es wird dann viel Segens geben in einer solchen gereinigten Gemeinde.
GEJ|3|72|14|0|Es wäre darum gut, in jeder größeren Gemeinde eine Matrimonialgerichtsbarkeit (Ehegericht) zu stellen, die stets über alle die Ehesachen zu wachen hätte. Freilich müßte solch eine Gerichtsbarkeit von einem höchst unbescholtenen Charakter sein, und es sollte an deren Spitze allenthalben ein Mann gleich einem Mathael stehen.
GEJ|3|72|15|0|Dieser Mann sollte auch vor allem bei Ehebündnissen darauf sehen, daß ein junger Mann nie unter vierundzwanzig Jahren und eine Maid nie unter zwanzig Jahren ein gültiges Ehebündnis schließen solle. Denn diese Zeit ist mindestens bedungen zur nötigen Reife für ein gutes und auch im Geiste haltbares Ehebündnis. Denn zu junge Eheleute verderben sich durch gegenseitigen sinnlichen Genuß, werden sich gegenseitig bald zum Ekel, und die Ehenot ist fertig.
GEJ|3|72|16|0|Darum soll künftighin alles wahre Glück der Ehen von dem besprochenen Eheoberrichter abhängen; in welcher Gemeinde da ein weisester Oberrichter sein wichtiges Amt führen wird, in der wird es auch bald am gesegnetsten aussehen.
GEJ|3|72|17|0|Ein solcher Oberrichter wird dann auch die Erziehung und die gute Zucht der Kinder der ihm anvertrauten Gemeinde im Auge und Herzen festhalten und wird allen Ärgernissen mit den entsprechenden Mitteln vorzubeugen verstehen; die Widerspenstigen wird er züchtigen und die Eifrigen für alles Gute und Wahre zu beloben und dadurch zu belohnen verstehen, daß er sie auf den Segen ihrer Haushaltung einleuchtend aufmerksam machen wird.
GEJ|3|72|18|0|Aber er solle da nicht, wie es hie und da schon der Fall war, gewisse Prämien aussetzen, denn solche äußeren Motive taugen für die geistige Bildung einer Gemeinde durchaus nicht; denn da werden die Glieder derselben dann nur der materiellen Prämie wegen sich wetteifernd des Guten bestreben, aber nicht des Guten wegen allein, das da den Menschen allein bestimmen soll.
GEJ|3|72|19|0|Es braucht kaum nebenher noch erwähnt zu werden, daß endlich daraus – abgesehen davon, daß solche Ehen dann reiner in der Ordnung Gottes gehalten werden und ihre Früchte des Segens von oben sich allzeit werden erfreuen können – auch für einen noch so großen Gesamtstaat und dessen gesalbtes Oberhaupt die größten sittlichen und natürlichen Vorteile hervorgehen müssen; denn will ein Staat gute Untertanen haben, so muß er sich solche schon in der Wiege zu bilden anfangen. Wollen Eltern gute Kinder haben, so müssen sie dieselben auch schon in der Wiege zu bilden anfangen, sonst werden aus ihnen Wildlinge und werden ihren Eltern zur Qual, anstatt zum Trost und zur Stütze in den alten Tagen.
GEJ|3|72|20|0|Werden aber die Ehen in guter Ordnung gehalten, so werden aus solchen Ehen auch Kinder in guter Ordnung hervorgehen, und aus ordentlichen Kindern werden dann auch ordentliche Staatsbürger, und solche werden dann auch ganz Bürger des Gottesreiches in ihrem Herzen werden; und damit ist dann alles erfüllt, was die göttliche Ordnung nur immer von den Menschen dieser Erde verlangen kann! – Ist dir nun dieses alles klar und einleuchtend?“
GEJ|3|73|1|1|73. — Raphael zeichnet des Herrn Rede über das Geschlechtsleben auf
GEJ|3|73|1|0|Sagt Cyrenius: „Ja, Herr und Meister in Deinem Geiste von Ewigkeit! Nun habe ich keine weitere Frage in dieser Hinsicht zu machen. Nur wäre es sehr wünschenswert, daß das alles von Wort zu Wort wäre aufgezeichnet worden; denn darin liegt eine ganze und beste Staatsverfassung zugrunde.“
GEJ|3|73|2|0|Sage Ich: „Siehe, der Raphael wird dir solches tun; laß ihm darum Schreibmaterial bringen!“
GEJ|3|73|3|0|Cyrenius befiehlt darauf sogleich seinen Dienern, Schreibmaterial herbeizuschaffen, und diese gehen und bringen gleich eine rechte Menge leerer Pergamentrollen, wie auch einige Kupfertafeln zum Gravieren. Als solches alles herbeigeschafft ist, berufe Ich den Raphael, und dieser verfügt sich schnell an unsern Tisch und fragt den Cyrenius, wie er es lieber geschrieben hätte, ob auf Pergament oder auf die Kupfertafeln.
GEJ|3|73|4|0|Sagt Cyrenius: „Auf Pergament wäre die Sache wohl besser zum Gebrauch, aber auf den Kupfertafeln wäre sie für die späten Nachkommen besser und haltbarer aufzubewahren; aber habe ich die Sache nur einmal auf dem Pergamente, so werde dann schon ich eine Abschrift auf die Kupfertafeln besorgen.“
GEJ|3|73|5|0|Sagt Raphael: „Weißt du was, da es mich weder mehr noch minder Mühe und Arbeit kostet, ob ich die Sache nun einfach oder doppelt niederschreibe, so werde ich zugleich die Rollen und die Tafeln anschreiben!“
GEJ|3|73|6|0|Die zwölf am anstoßenden Tische machen große Augen und sind nun sehr begierig zu schauen und zu sehen, wie der junge Jünger nun mit beiden Händen zugleich schreiben werde.
GEJ|3|73|7|0|Suetal sagt noch eigens zu Ribar: „Na, auf diese Doppelschreiberei bin ich sehr neugierig! Der große Meister aus Nazareth muß also auch ein tüchtiger Schulmeister sein; denn so eine Schreiberei ist mir noch nicht vorgekommen. Aber bis er das, was der wahrhaft sehr weise Grieche – der sicher auch ein älterer Jünger des Nazaräers ist – nun geredet hat, alles wird niedergeschrieben haben, wird etwa wohl die Sonne sich eher empfehlen!“
GEJ|3|73|8|0|Sagt Ribar: „Das kommt erst sehr darauf an, wie geläufig er zu schreiben imstande ist! Vielleicht hat er auch im Schreiben irgendeinen magischen Vorteil, von dem wir ebensowenig wissen, wie wir von dem irgend etwas wissen, wie er die früheren Wunderfakta zustande gebracht hat. Gesehen haben wir sie und auch empfunden, aber wie und durch was sie zustande gebracht worden sind, davon haben wir sicher keinen Dunst! Darum sollen wir ein vorgenommenes Faktum auch nie zum voraus in irgendeinen Zweifel ziehen bei diesen Menschen, die vor unsern Augen schon so Großes geleistet haben, als bis wir durch irgendein Mißlingen irgendeines vorgenommenen Werkes eines andern belehrt werden!“
GEJ|3|73|9|0|Sagt Suetal: „Ja, ja, dieser Meinung bin ich wohl auch, aber es ist hier nur, daß man irgend auch etwas redet!“
GEJ|3|73|10|0|Sagt Ribar: „Bruder, es ist hier im Ernste besser, gleichfort zu schweigen, und dafür allein zu schauen und zu horchen! Sieh, der Junge richtet sich die Rollen und die Tafeln zurecht! Darum nur fein aufgepaßt; denn er wird nun sicher sogleich zu schreiben beginnen!“
GEJ|3|73|11|0|Suetal steht nun auf und beobachtet genau, wie der vermeintliche junge Jünger schreiben werde; als er aber schärfer zu schauen beginnt, so entdeckt er, daß bereits alle Rollen sowie die Tafeln alle vollgeschrieben sind. Darüber im höchsten Grade erstaunt, ruft er laut: „Nein, über dieses Wunder steht kein zweites mehr auf! Wir warteten, wann der Jünger seine Doppelschreiberei beginnen werde, und seht, er ist schon mit allem fertig! Ah, das geht einmal vollkommen über alle die menschlichen Begriffe himmelweit hinaus, und ist nie etwas Ähnliches erhöret worden!“
GEJ|3|73|12|0|Auf diese Exklamation (Ausruf) des Suetal stehen nun alle die zwölf auf, sehen hin nach den offenen Rollen und nach den klein beschriebenen Tafeln, und alle überzeugen sich, daß sowohl die Rollen als auch die Tafeln voll angeschrieben sind mit guter, reiner und wohlleserlicher Schrift, und fragen sich ganz stumm: „Wie kann solches möglich sein?“
GEJ|3|73|13|0|Raphael aber bemerkt wohl solches Staunen seiner Tischgenossen und sagt zu Suetal: „Sieh, das machen die acht von mir verzehrten Fische, um die du mir etwas neidig warst; man muß ja eine Kraft sich sammeln, wenn man eine solche Arbeit gut vollenden will! – Oder meinst du hier etwas anderes?“
GEJ|3|73|14|0|Sagt Suetal: „Liebster, wunderbarster Freund, dir beliebt es, mich so ein wenig zu hänseln; aber es macht das ja nichts mehr, denn ich sehe, daß du eine ungeheure Dosis der göttlichen Allmacht innehast, und es ist mit dir nicht zu rechten! Aber die acht Fische haben dir solche Allmächtigkeit sicher nicht gegeben, sondern allein der große göttliche Meister aus Nazareth hat dir das gegeben! Darum mache du, daß wir diesen bald irgend zu sehen bekommen! Denn nun gibt uns unser Herz keine Ruhe mehr; wir müssen ihn sehen und sprechen! – Denn nun möchten auch wir ihn einmal sehen und sprechen!“
GEJ|3|73|15|0|Sagt Raphael: „Geduldet euch nur noch eine Zeit, bis ich die Schriften hier ganz geordnet habe, dann werden wir erst nachsehen gehen, wo etwa für die Blinden und Tauben der große Meister steckt!“ Mit diesen Worten stellen sich die zwölfe zufrieden und verlangen nun vorderhand nichts Weiteres.
GEJ|3|73|16|0|Raphael aber macht nun die Rollen in eine gute Ordnung zusammen und übergibt sie samt den Tafeln dem ebenfalls nicht wenig erstaunten Cyrenius, der sie gleich durchzuschauen beginnt und sich über die Korrektheit gar nicht genug erstaunen kann.
GEJ|3|74|1|1|74. — Suetals Ungeduld und Neugier, den Herrn zu sehen
GEJ|3|74|1|0|Während Cyrenius aber mit der größten Freude seine Rollen nur so flüchtig als möglich durchschauet und dabei auch stets eine ehrerbietigere Miene um die andere macht, sage Ich zum Raphael, daß er nun wieder die Jarah und den Josoe ihrer einstweiligen, kurzen Verbannung ledig machen und sie nun zum Tische bringen solle. Solches bewirkt nun ganz schnell der fertige Diener aus den Himmeln, und als die Jarah ankommt, so sagt sie etwas betrübt: „Aber, o Herr, Du Meine ewig alleinige Liebe, war aber das doch eine ganz entsetzlich lange Unterredung, von der ich nichts hören durfte! Ich meinte schon, daß sie vor der Nacht nimmer enden werde! Aber Dir allein alles Lob, es ist nun alles vorüber, und ich habe Dich wieder!“
GEJ|3|74|2|0|Der Engel aber begab sich unter (während) der Zeit wieder zu den zwölfen, von denen Suetal der erste ist, der sich über die Jarah hoch verwundert und sagt: „Aber höre du, mein junger schönster Jünger, was hat denn das etwa kaum vierzehn Frühlinge zählende Mädchen mit dem weisen Griechen? Das scheint ja in den guten Mann bis über die Ohren verliebt zu sein!? Als du dich hineinbegabst, dachte ich, du werdest da schon den Meister der Meister in die Sicht stellen; dabei brachtest du dies verliebte Mägdlein! Das heißt sich etwa doch in seiner Hoffnung täuschen! Ist das etwa auch schon so eine wundertätige Jüngerin des großen Meisters, und hat sie im Hause nun etwa in einer verborgenen Kammer irgendeinen Unterricht empfangen? Wahrlich, es tauchen bei euch immerwährend Erscheinungen auf, aus denen man statt klüger nur stets dümmer wird, je mehr man bei sich so recht reiflich nachdenkt. Auf der einen Seite Wundertaten der allerunerhörtesten Art, auf der andern Seite gleich wieder Erscheinungen ganz gewöhnlich menschlicher Art; da sage du mir, wie ein ehrlicher Mensch unserer Art diese Sache aufnehmen solle, so wie ich auch nun im Ernste nicht verstehe, warum wir den großen Meister, der sich früher durch den weisen Griechen uns förmlich aufdrängen wollte, wo wir ihn eigentlich, wie es wahr ist, gar nicht zu sehen wünschten, sich nun gar nicht will sehen lassen! Was haben wir denn getan, daß wir seiner Anschauung so lange entbehren müssen, oder werden wir ihn am Ende gar nicht zu sehen bekommen?“
GEJ|3|74|3|0|Sagt Raphael: „Ja, meine Freunde, wenn ihr so blind seid, daß ihr am hellsten Mittage nicht einmal die Sonne wahrnehmet, dann ist euch nicht zu helfen! So jemand einmal zu dumm ist, so nützt es nichts, so man zu ihm auch sagte: ,Sieh, dieser oder jener ist es!‘ Er wird es dennoch nicht glauben; denn zum Glauben gehört ein geweckter Verstand, der sich im Notfalle auch von sich selbst heraus zurechtfindet. Wo aber irgendeines Menschen Verstand noch zu stark mit der dicksten Materie vernagelt ist, da nützt dann auch kein Hinweisen auf eine Sache irgend etwas, sondern da muß so einer sich erst zehnmal die Nase blutig stoßen, dann erst wird er darüber nachzudenken anfangen, warum er sich die Nase wund gestoßen hat! Und gerade also wird es auch euch ergehen müssen! Bis ihr nicht aus dem eigenen Schaden klug werdet, wird euch kein Gott klug machen!
GEJ|3|74|4|0|Was wollt ihr denn nun mit (oder von) dem großen Meister aus Nazareth? Fehlt euch irgend etwas, daß Er euch helfe, oder wollet ihr nur aus purer Neugier sehen, gleichwie die dummen Menschen sich hindrängen, einen tanzenden Bären anzugaffen? Wahrlich, darum ist der große Heiland nicht da, um Sich von dummen und eingebildeten Leuten aus purer Neugier angaffen zu lassen! Wahrlich, so euer Herz Ihn nicht findet aus der Menge hier, so wird Ihn euer eingebildet hoher Verstand noch um vieles weniger finden, – dafür stehe ich euch!
GEJ|3|74|5|0|Demütiget euch zuvor in eurem Herzen, ansonst ihr den heilig großen Meister nicht zu sehen bekommen werdet; denn Sein Wesen ist erfüllt mit der Fülle des Geistes Gottes sogar körperlich!
GEJ|3|74|6|0|Er ist ein Herr über Himmel und Erde, und vor Seinem Namen sollen sich beugen alle Knie im Himmel, auf Erden und unter der Erden; denn Sein Name heißet heilig über heilig!“
GEJ|3|74|7|0|Auf diese ziemlich scharfen Worte erhebt sich der Engel, verläßt der zwölfe Tisch und nimmt wieder an unserem Tische Platz, wo ihm Cyrenius noch einmal in Meinem Namen freundlichst dankt für die außerordentliche Gefälligkeit; denn es war in den Schriften alles enthalten von Wort zu Wort, wie er Mich gefragt und wie Ich ihm seine Fragen beantwortet habe.
GEJ|3|75|1|1|75. — Suetal spricht mit Ribar über das Verhalten Raphaels
GEJ|3|75|1|0|Den zwölfen aber will die Rede des Raphael nicht wohl munden, und sie fangen darum an, auf Mittel zu sinnen, wie sie sich etwa so ganz heimlich empfehlen könnten, um doch wieder nach Jerusalem, wennschon unverrichteterdinge, zurückzukehren; „denn“, sagt Suetal, „wir haben bis jetzt noch nichts Strafbares wider den Tempel unternommen. Was die Gewalt mit uns verfügte, dafür können wir nicht; unser innerster Sinn aber kann von allen Templern ewig nicht erforscht werden, und so müssen wir im Tempel ganz gut wieder aufgenommen werden, und wir werden in dessen Gunst sicher steigen, so wir ihm so manches mitteilen werden, was uns auf unseren gefahrvollsten Wanderungen alles für Außerordentliches begegnet ist! Die Hohen werden uns mit den geneigtesten Ohren von der Welt zuhören und werden uns wohlwollend werden, und unser Glück ist gemacht. Wir werden dann vielleicht wieder hinausgesandt werden in die Fremde; aber es wird uns solches nimmer genieren, denn wir sind feine Käuze und wissen nun genau, was wir zu tun und für wen wir das Volk zu bearbeiten haben!
GEJ|3|75|2|0|Hier in dieser sonderbaren Gesellschaft von Zauberern oder Göttern aber ist es fürwahr nicht mehr zum Bestehen! Es wird immer von der Liebe gesprochen, wie solches aus der wahrlich weisen Rede des Griechen zu entnehmen war; fragt man aber so einen Wundertäter um etwas, so gibt er einem stets nur eine ausweichende Antwort und wird dabei grob wie ein Stoppelfeld! Na, der soll mir noch einmal von der Demut, Sanftmut und Liebe etwas vorzusagen anfangen, so wird er von mir eins aufs Dachel bekommen, daß er mir dagegen sicher nicht vieles zu erwidern imstande sein wird!
GEJ|3|75|3|0|Wer seinen Bruder zur Demut ermahnt, muß zuerst selbst demütig sein, ansonst soll er sich zuvor eine ellenlange Predigt von der Demut machen, ehe er einen seiner Brüder zur Demut ermahnt! Da schaue der Mensch einmal so einen jungen Wunderschliffel an, wie schön grob er am Ende mit uns allen geworden ist! Was geht uns seine Wundertatskunst an, und was solle sie uns nützen, so wir sie ihm nicht nachmachen können?! Braucht er darum mit uns denn grob zu werden?
GEJ|3|75|4|0|Daß ich wegen des Mägdleins meine ganz natürliche und durchaus nicht anzügliche Bemerkung gemacht habe nach dem, was doch ein jeder Mensch hier mit offenen Augen selbst sehen kann, das kann doch keinen nur einigermaßen weisen Menschen beleidigen; denn was ich bemerkte, ist wenigstens für unsereins eine ganz gewöhnliche menschliche Erscheinung und entbehrt jedes prophetischen Anstrichs. Ich berührte nur den sicher jedem von uns auffallenden Kontrast, daß es hier einerseits, was die Taten betrifft, offenbar göttlich wunderbar zugeht; was aber die sittliche Sphäre des Lebens betrifft, da ersieht doch kein gewöhnliches Menschenauge was anderes als etwas ganz Gewöhnliches und Natürliches, – und solche meine ganz unschuldige Bemerkung brachte das Muster von Demut und Sanftmut derart auf, daß er uns fürs erste so recht armdick beschimpfte und fürs zweite den Rücken kehrte, damit er ja einer Erwiderung von unserer Seite entging! Wahrlich, ein solches Benehmen gehört offenbar in ein Tollhaus, aber nicht unter Menschen von einiger Bildung, und am allerwenigsten in die Gesellschaft von lauter Liebe-, Demuts- und Sanftmutspredigern! Darum möchte ich wahrlich nicht für lange bei dieser Gesellschaft sein; denn es gibt kein fataleres Sein als eines unter solchen Menschen, bei denen man nie bis auf den Grund sehen und auch nie wissen kann, wie man mit ihnen daran ist, und inwieweit man ihnen trauen soll! Wahrlich, diesen Meistern möchte ich um alles in der Welt keinen noch so dummen Jünger abgeben! – Habe ich recht oder nicht? Was meinst den du da in dieser Hinsicht, Bruder Ribar? Was glaubst du, – sollen wir gehen oder noch bleiben, da wir nun frei sind und können von nun an in die Legion der Fremden eintreten oder aber auch heimkehren?!“
GEJ|3|75|5|0|Da antwortet Ribar, sagend: „Ich meine, daß wir dennoch bleiben sollen; denn wir sind ja doch im Grunde von keinem bärtigen Manne, sondern von dem noch stark unbärtigen Wunderjungen – wahrscheinlich wegen deiner Zudringlichkeit von wegen des großen Meisters, daß wir ihn einmal sähen, – so ein bißchen zurechtgewiesen worden!
GEJ|3|75|6|0|Meine Meinung darin ist die: Der Junge hat von seinem Meister sicher noch ein Verbot auf dem Rücken, demzufolge er aus was immer für Gründen uns den Meister nicht vor der Zeit verraten darf; nun bist du ihn aber scharf angegangen darum, und er hat sich dadurch aus deiner Schlinge gezogen, daß er uns allen, weil du ihm ein wenig zugesetzt hast, den Rücken kehrte. Meine Meinung ist darum denn doch diese, daß wir bleiben sollen und doch sehen, ob wir mit dem großen Meister nicht eine Bekanntschaft machen können!
GEJ|3|75|7|0|Es wird einem hier freilich wohl ganz sonderbar zumute, wo man sich einesteils fast wirklich wie unter lauter Göttern befindet, andernteils es aber doch wieder ganz natürlich-menschlich zuzugehen scheint! Von einem Fasten vor dem Sabbat ist da natürlich keine Rede; denn es sind ja fast die meisten Anwesenden lauter Römer und Griechen. Also sieht man auch wenig beten; aber was da gesprochen wird, strotzt nicht selten von übersalomonischer Weisheit. Kurz, es waltet hier alles sonderbar durcheinander; wir stehen unter Menschen, die wie von Gott berufen zu sein scheinen, Himmel und Welt enger aneinanderzuziehen, um mit der Zeit den Menschen dieser Erde ein weiteres Feld zur Ausbildung ihrer geistigen und der dazu nötigen materiellen Kräfte zu bereiten! Ich kann darum dem Jünglinge trotz aller seiner Grobheit dennoch nicht gram werden; denn es ist oft ein solcher Rüttler gar nicht schlecht, weil man durch ihn oft schneller zu einer Einsicht gelangt als durch hundert bescheidene Belehrungen.“
GEJ|3|75|8|0|Fragt Suetal etwas nachdenkend: „Wie meinst und verstehst du das?“
GEJ|3|75|9|0|Sagt Ribar: „Das sollst du von mir nun gleich so ganz unverhohlen vernehmen!“
GEJ|3|76|1|1|76. — Ribars Ahnung von der Anwesenheit des Herrn
GEJ|3|76|1|0|(Ribar:) „Siehe, der Junge hat uns meines Erachtens nicht ganz – ohne Grund taub, blind und dumm genannt; auch der Esel, den er früher an unsere Seite gestellt hatte, sagte uns durch die Tat im Grunde dasselbe!
GEJ|3|76|2|0|Siehe, mir kommt es immer mehr vor, und jetzt ganz besonders, daß eben jener überaus gemütlich aussehende Grieche der große Nazaräer ist! Ich habe ihn stets im Auge behalten, und es ist mir an ihm nun schon so viel aufgefallen, daß ich fast keinen Augenblick mehr zweifeln möchte, daß er es ist! Alles wendet ihm allein Auge, Ohr und Herz zu; der mächtige und sonst so unerbittlich stolze Oberstatthalter betet ihn förmlich an; der Junge tut alles nur auf seinen Wink und sein Geheiß, und seine Rede ist klar und voll Weisheit! Danebst merkte ich, wie er dem Oberstatthalter gegen die zu große Brunst der jungen Weiber auch natürliche Arzneimittel angab; siehe, das kann ja nur ein Heiland tun! Zudem mußte dann erst seine Lehre, die er vorgetragen hatte, schnellst niedergeschrieben werden, und das auf die wunderbarste Art von der Welt! Halte du das alles so hübsch fein gegeneinander, und du wirst es selbst finden, daß ich nicht ganz unrecht haben dürfte, und der Junge auch nicht, darum er uns taub, blind und dumm nannte! – Was meinst du da, und was meinet in dieser Hinsicht ihr alle?“
GEJ|3|76|3|0|Sagt Suetal: „Weißt, ganz unrecht dürftest du aber auch fürwahr nicht haben; denn mir fängt darüber nun selbst an, ein Lichtlein aufzugehen! Wenn das aber der Fall ist, dann hat uns der Junge wahrlich nicht unrecht getan; denn da wären wir im Ernste so blind, daß wir den Wald vor lauter Bäumen nicht entdeckt hätten! Aber nun warte du, ich werde auf den Griechen von nun an ein schärferes Auge legen, und es soll sich sogleich zeigen, inwieweit du etwa doch in allem Ernste recht haben dürftest!“
GEJ|3|76|4|0|Von da an beobachtet Mich Suetal mit großer Aufmerksamkeit und daneben aber auch das Verhalten aller der andern Gäste und sagt nach einer Weile zum Ribar: „Bruder, du möchtest wohl sehr recht haben: er wird es unfehlbar sein! Denn aus allen Gesichtern geht es ja ganz klar hervor, daß sie ihn sicher als den Vorstand der ganzen, großen Gesellschaft verehren und sich ohne seine Zustimmung nicht einmal der Oberstatthalter etwas zu tun getraut! Es müßte dieser scheinbare Grieche im Ernste bloß nur ein innigster und weisester Freund des großen Meisters sein, als was er sich eigentlich bei uns aufgeführt hat, und da würde man ihm darum auch sicher die größte Aufmerksamkeit schenken!? Hätte er sich bei uns ehedem nicht bloß nur als ein intimster Freund des großen Meisters aufgeführt, so hätte ich ihn schon lange als den großen Meister begrüßt! Aber es wäre denn doch auch sonderbar von uns gewesen, so wir den biedern Mann für etwas anderes gehalten hätten, als für das nur, als was er sich uns selbst aufgeführt hatte; denn das kann man Rechtens von dem so von Gottes Geiste durchdrungenen Manne doch nicht füglichermaßen annehmen, daß er vor uns ganz harmlosen Juden das Verstecken spielen solle oder werde!?“
GEJ|3|76|5|0|Sagt Ribar: „Das finde ich wieder ganz anders, denn dadurch, daß er sich uns als des großen Meisters innigsten Freund aufgeführt hat, hat er uns durchaus keine Unwahrheit gesagt, so er auch der eigentliche Meister selbst es war; denn siehe, ein jeder kennt sich selbst stets sicher am besten und ist daher auch sein allernächster und sicher bester Freund! Wenn nun jemand in einer gewissen guten Laune so etwas von sich selbst aussagt, so ist von einer Unwahrheit sicher keine Spur; zudem kann so ein weisester Mann wohl auch noch einen irgend verborgenen Grund haben, warum er sich oft manchen Menschen nicht gleich aufs Gesicht hin enthüllt, und wir werden später sicher darauf kommen. Siehe du nur den weisen Mathael an, wie er fast allzeit zu Tränen gerührt wird, sooft er den Griechen nur anschaut! Bruder, das hat sicher seinen guten und sehr bedeutungsvollen Grund!
GEJ|3|76|6|0|So scheint mir auch die große Liebe, die das sonst überaus geistreich aussehende Mägdlein zu diesem Griechen zeigt, mehr für als wider meine Behauptung zu sprechen. Denn sieh du einmal die wahrhaft überhimmlische Schönheit unseres jungen Wundertäters an! Ich meine, daß sich in den doch auf einem Flecke tausendmal tausend Weiber und Mädchen bis zur Verzweiflung verlieben müßten!? Und doch achtet das Mägdlein seiner kaum, obschon er als Jüngling wohl um tausend Male schöner ist denn das Mägdlein; aber dem Griechen möchte sie ja gerade ins Herz hineinsteigen! Ich sage es, Bruder, das ist auch nicht – ohne! Dies Mägdlein muß also einen ganz andern Grund haben, aus dem sie in den scheinbaren Griechen gar so verliebt ist; mir kommt es bei genauerem Beobachten also vor, als wäre das Mägdlein in das Göttliche in ihm nur verliebt und nähme da nahe gar keine Rücksicht auf seinen Leib! Betrachte du nur einmal ihr mehr von einer gewissen Ehrfurcht als von irgendeiner sinnlichen Liebe durchstrahltes Auge, und du wirst es leicht merken, daß in dem Mägdlein keine Spur von irgendeiner sinnlichen Liebe waltet!“
GEJ|3|76|7|0|Sagt Suetal: „Bruder, du trägst deinen Namen wahrlich nicht umsonst; denn ein Fischer muß ein scharfes Auge haben! Mir fallen jetzt selbst schon hundert Dinge auf, die ich früher gar nicht beachtet habe; sie deuten alle auf deine Behauptung hin. Mir fällt aber nun auch an unserem Jünglinge etwas auf! Er ist nun ein paar Male von dem nun es nahe sicher seienden großen Meister ins Haus gesandt worden; ich sah ihn aber nicht, wie er ging, sondern – er war dir dort und da! Sein Gehen ist wie sein Schreiben: wo er sein will, dort ist er auch schon! Bruder, das kommt mir auch nicht ganz richtig vor! Würde er nicht stets nur das tun, was ihm der scheinbare Grieche gewisserart befiehlt, so möchte ich nahe ihn selbst für den Meister halten; aber indem er nur stets das tut, zu was er von dem scheinbaren Griechen beheißen wird, so kann man ihn dennoch nur für einen Diener und für keinen Herrn halten! Aber es ist wohl im höchsten Grade merkwürdig, wie weit es dieser junge Mensch in der gewissen rein göttlichen Magie gebracht hat!“
GEJ|3|76|8|0|Sagt Ribar: „Was du nun an dem Jünglinge bemerkt hast, das ist mir an ihm schon früher stark aufgefallen; aber ich habe, weißt du, so ganz bei mir auch ehedem beim Verzehren seiner acht Fische das sehr Sonderbare bemerkt, daß er eigentlich keinen Fisch uns gleich mit dem Munde verzehrt hat; er brachte den Fisch nur bis zum Munde, – und gar war es! Der Fisch verschwand samt Haut und Knochen, ebenso verzehrte er das Brot und also den Wein; alles verschwand in dem Augenblicke als er es bis zu den Lippen gebracht hatte! Mir ist es ordentlich unheimlich an seiner Seite geworden! Fürwahr, ich habe so ganz unbemerkt ein paar Male mich unter dem Tische nach seinen Füßen umgesehen; aber diese waren stets so rein und himmlisch schön, wie ich so schöne und reine Füße noch in meinem Leben nie bei einer Jungfrau, geschweige bei einem Jünglinge gesehen habe! Das beruhigte mich wieder, und ich hätte, so ich mich nicht geniert hätte, seine wunderreizend schönsten Füße mit der seligsten Lust eine Ewigkeit in einem fort ansehen und bewundern können! Fürwahr, wenn jetzt ein Engel aus den Himmeln käme, so könnte er unmöglich auf noch schöneren Füßen stehen!“
GEJ|3|76|9|0|Sagt Suetal: „Sieh, das ist wieder etwas, was ich nicht bemerkt habe; aber nach seiner sonstigen Wunderschönheit zu urteilen, müßte man gerade schon nahe zu urteilen anfangen, daß er irgendein höheres geistiges Wesen wäre, – denn seine Gestalt und seine sonderbaren Wundertaten scheinen nahezu laut schreiende Zeugen dafür zu sein! Aber hier tritt uns wieder der Umstand entgegen, daß er uns nur als ein jüngster Jünger des großen Meisters aufgeführt wurde, der es in der göttlichen Magie schon so weit gebracht habe, welche Aussage natürlich so viel sagt als: Wenn dieser jüngste schon so viel leistet, was werden dann erst die älteren Jünger alles zu leisten imstande sein!? Bei solcher ganz natürlichen Annahme aber fällt der Gedanke an ein höheres Wesen in dem Jungen von selbst weg; denn wäre er dennoch das, so hätte der seiende große Meister uns zuvor ja offenbar angelogen, und das läßt sich von solch einem Manne denn doch wohl füglich nicht annehmen! – Was meinst du da?“
GEJ|3|76|10|0|Sagt Ribar: „Ja, also scheint die Sache wohl; aber es scheint da in dieser Sphäre, daß vor unsern Augen der alte Isisschleier noch nicht gelüftet ist! Wenn aber der große Meister etwa doch das wäre, was früher Mathael von ihm ausgesagt hat, dann könnte ja auch ein Engel der Himmel sein Jünger sein! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|3|77|1|1|77. — Wie Gott Sich erkennen läßt
GEJ|3|77|1|0|Sagt Suetal: „Ja, ja, da ginge die Sache schon ganz gut überorts zusammen! Nur mit dem Ausdrucke ,jüngster‘ hätte es noch einen starken Haken; denn so ein halbe Ewigkeiten durchlebt habender Engel könnte doch gegenüber den Menschen dieser Erde unmöglich ein jüngster Jünger sein!? So ein Engel war sicher schon lange eher mit der himmlischen Magie vertraut, bevor noch eine Sonne am Firmamente leuchtete?! – Was meinst du in dieser Hinsicht?“
GEJ|3|77|2|0|Sagt Ribar: „Das ist freilich ein bedeutender Haken, an dem auch ich hängenbleiben kann; aber dennoch fällt mir nun etwas ein: Sieh, das kann der Meister bloß dahin gedeutet haben, daß er uns den Jungen, bloß für diese Zeit Bezug habend, als den jüngsten seiner Jünger vorgeführt hat aus dem Grunde, weil dieser Junge vielleicht erst etliche Tage, mit irdischer Hülle bekleidet, sich in der Gesellschaft der Menschen befindet!“
GEJ|3|77|3|0|Sagt Suetal: „Ja, wenn das möglich wäre, dann hättest du freilich wieder recht; aber weißt, so etwas anzunehmen ist denn doch ein wenig gewagt! Entweder das oder Moses; denn beide können bei solchen Umständen nicht nebeneinander bestehen!“
GEJ|3|77|4|0|Sagt Ribar: „Das sehe ich nicht ein! Konnte doch ein Engel, wie man sich noch heute von Mund zu Mund erzählt, sieben Jahre lang ein Führer des Tobias sein; warum sollte dieser nicht etliche Tage auf der Erde aushalten können?! Diese Erde ist ja doch ebensogut ein Werk Gottes, als er selbst es ist!“
GEJ|3|77|5|0|Sagt Suetal: „Ja ja, wenn du da in der Wahrheit stehst und Mathael auch unbestreitbar recht hat, dann kann, irdisch genommen, dieser Junge wohl allerdings des ewig großen Meisters jüngster Jünger sein! Die Gestalt und seine Taten bekunden offenbar ein höheres Wesen aus den Himmeln; so aber dieses Wesen selbst von sich aussagt, daß es ein jüngster Jünger des großen Meisters aus Nazareth sei, so muß dieser Meister seinem Geiste nach doch offenbar ein Herr über alle Himmel sein. Ist aber das, dann entsteht für uns die große Frage, was wir dergestalt im Angesichte des leibhaftig Allerhöchsten und Allmächtigsten tun können und tun werden! Denn das wäre wahrlich keine Kleinigkeit!“
GEJ|3|77|6|0|Sagt Ribar: „Allerdings; aber könnten wir es anders machen, wenn es, wie es mir nun stets mehr zweifelsohne zu sein scheint, also wäre? Siehe, die Gottheit ist frei und tut, was Sie will, und die Sterblichen können Ihr keine Schranken setzen! Wäre Sie als ein Richter zu uns gekommen, da wären wir sicher sehr arg daran; aber Sie kam als ein sanftester Wohltäter zu uns Sterblichen, um uns sicher aus der alten schon vom Vater Henoch gepredigten Liebe näher an Sich zu ziehen, und unter solchem Umstande ist Sie nicht fürchterlich. Aber wie es mir so vorkommt, so gibt Sie Sich nur der Liebe allein in Ihrer Echtheit zu erkennen, weil die Liebe sicher das einzige Motiv Ihrer Hierherkunft war. Aber mit dem Verstande und mit aller unserer hochgepriesenen Vernunft läßt Sie Sich durchaus nicht erkennen.
GEJ|3|77|7|0|Und sieh, es wird mir jetzt so manches heller! Der vermeintliche Grieche kam ehedem gar so liebfreundlich zu uns und fragte uns noch obendrauf, ob wir mit dem großen Meister aus Nazareth nicht Bekanntschaft machen wollten; wir aber sprachen uns aus einer Art Furcht entschieden dagegen aus und kamen ihm mit allerlei nichtigen Vernunftgründen entgegen. Wir fürchteten den Meister, weil der Jünger es uns schon gezeigt hatte, wie verdammt seicht unsere Vernunftgründe waren.
GEJ|3|77|8|0|Bis jetzt kalkulierten wir noch immer mit der Vernunft und haben noch sehr wenig herausgebracht; und die ziemlich starke Mutmaßung, die nun in unserem Gemüte lauter und lauter zu werden beginnt, haben wir rein dem Rippler zu verdanken, den uns der weise Junge, da ihm offenbar die Geduld etwas zu kurz werden mochte, versetzt hat. Denn, wie ich es nun so ziemlich klar zu merken beginne, hatte er uns vor der langen Rede des Meisters doch so ziemlich dick auf den Mund gestrichen, daß eben jener Grieche der Meister sein müsse und kein anderer! Aber unsere echte Schweinevernunft hatte da stets noch eine Dreidecke vor die Augen unserer Seele gezogen, und wir sahen somit stets den Wald vor lauter Bäumen nicht.
GEJ|3|77|9|0|Jetzt, wo wir wegen des starken Ripplers einige Vorliebe zu dem Griechen faßten, scheinen uns ein paar Decken von den Augen unserer Seele genommen worden zu sein, und wir fangen jetzt darum auch an, lichte Mutmaßungen zu schöpfen. Und ich bin nun der Meinung, daß wir unsere Vernunft rein über Bord ins Meer werfen und dafür rein dem Gefühle unserer Herzen folgen sollen, so werden wir dadurch sicher eher an einem Ziele sein als durch unsere Vernunft, die dem Menschen nur darum verliehen ward, als man zum Kochen einer Speise einen Kochlöffel dem Speisekochtopfe verleihet, nämlich zum Herumrühren der Speisen. Sind die Speisen im Topfe aber einmal gekocht, so ist der Rührlöffel für weiterhin entbehrlich! – Was ist darüber nun deine und euer aller Meinung?“
GEJ|3|77|10|0|Sagt, große Augen machend, Suetal: „Freund, ich sehe schon, daß du für den Griechen stets mehr und mehr eingenommen bist. Solches ist zwar auch bei mir der Fall, und ich teile darin ganz deine Meinung; aber mit der Verwerfung der Vernunft bin ich vorderhand noch nicht einverstanden. Denn legen wir diese eines in uns aufsprudelnden Gefühles wegen beiseite, was haben wir dann noch vor den Tieren des Waldes, die ohne Vernunft sind und darum ihrem Gefühlsinstinkt folgen müssen, voraus?
GEJ|3|77|11|0|Siehe, der Mensch wird gar oft von allerlei Gefühlen übermannt; würde er da, ohne seine reinere Vernunft zu Rate zu ziehen, gleich unbedingt seinen Gefühlen folgen, wohin käme er dabei! Darum ist es meiner Einsicht nach nur vor allem nötig, die Vernunft soviel als möglich zu reinigen. Denn nur durch die geläuterte Vernunft geleitet, können uns unsere besseren Gefühle zum wahrhaftigen Segen werden.
GEJ|3|77|12|0|Die Gefühle im Menschen sind gleich einem vielarmigen Polypen im Meere, der seine vielen Arme stets nach dem Fraße ausstreckt; aber es ist in diesem Tiere sonst durchaus keine andere Intelligenz wahrzunehmen.
GEJ|3|77|13|0|Wenn nun der Mensch seine Vernunft beiseitegelegt, so gliche er offenbar einem solchen Tiere; denn der bloße rohe Gefühlsmensch ist fraß- und genußsüchtiger denn jedes andere Tier. Nur die gebildete und gereinigte Vernunft regelt und ordnet des Menschen Gefühle, scheidet die schlechten aus, behält dann nur die guten und reinen und macht sogestaltig aus dem Scheinmenschen einen wahren Menschen.
GEJ|3|77|14|0|Darum mußt du die göttliche Vernunft ja nicht über Bord werfen wollen; denn ohne die Vernunft beherrscht uns ein jeder Esel und ein jeder Ochse!“
GEJ|3|77|15|0|Die zehn andern geben hier dem Suetal vollkommen recht und sind alle seiner Ansicht; aber Ribar zuckt da bedenklich mit seinen Achseln, und der Suetal sagt: „Na, da kannst du doch fürwahr nichts zum Gegensatze haben?! Denn da steht mein Ausspruch vor Gott und aller Welt so fest wie der Berg Sinai, auf dem Moses die Gesetze für ein mit Vernunft mächtig begabtes Volk erhielt!“
GEJ|3|78|1|1|78. — Vernunft und Gefühl
GEJ|3|78|1|0|Sagt nach einer Weile Ribar: „Freund, da ließe sich noch gar mancher Gegensatz zu dem finden, was du nun ausgesprochen hast! Aber weil du noch ein sehr starker Vernunftheld bist, so würdest du mir dennoch gleich wieder mit etwas entgegenzukommen wissen. Ich will dir in der diesweltlichen Hinsicht in keinem Falle unrecht geben, und es muß in der Weltmenschenbildung also vor sich gehen, wie du dich nun ausgesprochen hast. Diese Bildung muß stets ein notwendiger Vorläufer zu der späteren höheren Bildung des Geistes sein; aber sie soll nicht schon ein Ultimum der Bildung sein und kann es auch bei aller noch so raffinierten Verfeinerung nie werden.
GEJ|3|78|2|0|Denn so die Vernunft uns als ein ursprünglicher Regulator unserer Gefühle gegeben wurde zur möglichsten Veredlung derselben, so muß dann ja in den dadurch reif gewordenen Gefühlen irgend etwas entsprechend Ähnliches liegen wie in einer reif gewordenen Frucht am Baume. Damit die Frucht aber hat zu einer Reife gelangen können, war freilich das Licht der Sonne samt der Wärme nötig und ebenso dann und wann ein befruchtender Regen. Wenn aber die Frucht einmal reif geworden ist, so wird man sie vom Baume nehmen und sie in der guten Speisekammer bestens aufbewahren, damit sie aus sich heraus noch reifer und lebensschmackhafter werde; wirst du aber die reife Frucht gleichfort am Baume hängen lassen, so wird sie dadurch nicht nur nichts mehr gewinnen, sondern nur gänzlich verderben!
GEJ|3|78|3|0|Und also ist es sicher auch mit den Gefühlen des Menschen der Fall. Haben sie einmal die gewisse Reife erlangt, so müssen sie dann der äußeren Vernunftpflege enthoben und zu einer höheren Lebensreife aus sich selbst heraus gebracht werden, ansonst die ganze vorangehende Reifmachung der Gefühle eine rein vergebliche war. Aus diesem Grunde sagte ich denn auch, daß wir, da wir mit der Vernunft nichts Weiteres mehr erreichen können, eben diese äußere Vernunft über Bord werfen und uns nunmehr unsern reif gewordenen Gefühlen zur weiteren Lebensleitung überlassen sollen!“
GEJ|3|78|4|0|Sagt Suetal: „Bruder, in dich muß von irgendwoher ein göttlicher Hauch dringen! Denn ich kenne dich; das ist nicht deine Sprache! Du gehst ja schon ganz in die Mathaelische Weisheit über! Ja, sieh, da kann ich dir durchaus nichts mehr einwenden; denn ich fühle es durch und durch, daß du im Ernste vollkommen recht hast und in der Wahrheit stehst! Ich bin zwar noch nicht soweit, aber ich fühle es, daß es nun auch bei mir vorwärtsgeht.“
GEJ|3|78|5|0|Es sagen aber nun auch die andern zehn, daß sie dasselbe bei sich zu empfinden anfangen.
GEJ|3|78|6|0|Nach diesen Gesprächen kehrt Raphael wieder zu den zwölfen zurück, klopft mit seiner Hand beiden beifällig auf ihre Achseln und sagt: „So, so ist es recht, Freunde; so gefallet ihr mir besser denn ehedem mit eurer räudigen Vernunft, und ich darf euch nun sagen, daß ihr euch vollkommen auf dem rechten Wege befindet!“
GEJ|3|78|7|0|Nach diesen Worten Raphaels steht Ribar auf, umfaßt Raphael mit aller Kraft seiner Liebe drückt ihn an sein Herz, und sagt mit großer Bewegung: „O du Himmel und du, mein Himmlischer! Warum konnte ich dich denn nicht schon früher mit aller Glut meines Lebens lieben!?“ – Denn seit Ribar den Fuß und die Hand und die Augen des Engels näher besehen hatte, ward er sogleich doppelt bis zum Sterben verliebt in ihn.
GEJ|3|78|8|0|Raphael aber sagt: „Freund, die Liebe ist wohl besser als gar keine Liebe; aber sie taugt dennoch nicht in den Bereich der Seele und ihres innersten Lebens. Du liebst an mir nur die Form, die nun mein natürlich Alleräußerstes ist; die Liebe ist aber das eigentlich Innerste des Menschen und solle sich nie an etwas Äußerstes hängen; denn dadurch wird bald das Innerste zum Äußersten und somit zum Abbilde der Hölle. Dadurch wird die göttliche Lebensordnung verkehrt, der Geist der Seele, welcher die Liebe ist, wird nach außen gekehrt, und es geschieht dadurch, daß er also verkümmern muß, als wie da eine Frühgeburt verkümmert, die durch einen gewaltsamen Stoß von außen viel vor der Zeit aus dem Mutterleibe abgetrieben ward.
GEJ|3|78|9|0|Meine Außengestalt darf dich sonach nicht fesseln, sondern nur die Wahrheit, die du aus meinem Munde vernimmst. Diese wird dir bleiben und dich allenthalben frei und in deiner Seele wahrhaft glücklich machen; meine einstweilige Außengestalt aber diene dir bloß zu einem Beweise dafür, daß du siehst, wie schön die volle Wahrheit gepaart mit der Liebe in ihrer Reinheit ist! – Verstehest du solches?“
GEJ|3|78|10|0|Sagt Ribar, von seiner gewaltigen Umarmung abstehend: „Ich verstehe es wohl; aber bei deinem Anblicke wird unsereinem der Verstand wahrhaft zu einer Bergeslast!“
GEJ|3|78|11|0|Sagt darauf Suetal zu Raphael: „Das ist schon ein altes Übel bei meinem Freunde Ribar. Eine schöne Gestalt, ob männlich oder weiblich, kann er, ohne leidenschaftlich zu werden, nicht vertragen; mir wieder ist das ganz einerlei. Mir gefällt wohl auch eine schöne Gestalt offenbar besser denn eine häßliche, aber leidenschaftlich werde ich darum nie! Darum haben auch bis zur Stunde alle noch so schönen Weiber und Mägde vollkommen vor mir Ruhe gehabt!“
GEJ|3|78|12|0|Sagt Raphael: „Solches gehört aber nicht dir zu irgendeinem Verdienste, sondern deiner Naturbeschaffenheit! Denn ein Blinder kann kein Verdienst haben, daß er von irgendeiner Schönheit der Welt nicht verlockt wird, und dem Tauben gereicht es nicht zur Tugend, so er sein Ohr nicht an den Mund der Ohrenbläser legt. Aber Menschen deinesgleichen sind denn auch in ihrer Seele um vieles schwerer zu wecken als solche, deren Gemüt im Anfange der geistigen Entwicklung offener ist als irgendein anderes am Ende derselben.
GEJ|3|78|13|0|Siehe, beim Ribar steht Geistiges, wenn auch noch ungeläutert, schon durch sein Fleisch ausgegossen, daher ihn denn auch sogleich irgend etwas Schönes und in seiner Art Vollkommenes anzieht, da alles äußerlich Schöne offenbar irgendeinen geistig vollendeteren Grund in sich haben muß; und so ist das gewisse äußerliche Verliebtwerden in einen schönen Gegenstand ein zwar stummes, aber dennoch gegenseitig geistiges Erkennen und Erwärmen. Nur muß es frühestens schon einer guten Leitung anvertraut werden, durch die es auf den eigentlichen Lebensgrund gewisserart zurückgeleitet wird, was eben keine zu schwere Arbeit ist, da der eigentliche Lebensgeist, der sich durch die Liebe kundgibt, das eigentlich intelligente Wesen im Menschen ist und somit das seiner Natur und Ordnung Entsprechende leicht faßt und werktätig begreift.“
GEJ|3|79|1|1|79. — Grund der Verschiedenheit der menschlichen Talente
GEJ|3|79|1|0|(Raphael:) „Das sogenannte äußere Verliebtwerden in einen schönen Gegenstand ist darum an und für sich durchaus keine Sünde, kann aber zur Sünde werden – das heißt zu einem Fehler in der Ordnung des Lebens –, wenn es ungeleitet stets mehr und mehr an den äußeren Formen hängenbleibt, wo es dann natürlich schwerer wird, solch einen Geist von der schönen Äußerlichkeit zu trennen und ihn auf den Ort seiner Ordnung zurückzuführen.
GEJ|3|79|2|0|Es werden vom Herrn aus in solchen Fällen dann allerlei schmerzliche Mahnungen und sogar Geißelungen zugelassen, durch die ein also verirrter Geist mit der Zeit doch wieder in die alte Ordnung zurückkehrt und alles Äußere verläßt, das Edlere davon in seine Ordnung verkehrt und somit wahrhaft belebt.
GEJ|3|79|3|0|Es ist darum ein großer Unterschied zwischen Menschen deiner Art und Menschen in der Art des Ribar. Was du jahrelang suchen magst, um es zu erhalten, das kann ein Mensch, dem Ribar gleich, in wenigen Tagen, ja oft in wenigen Stunden erreichen, wenn er dazu nur eine rechte Leitung bekommt und selbst recht ernstlich will. – Verstehst du solches?“
GEJ|3|79|4|0|Sagt Suetal, etwas mürrisch scheinend: „Ja, wohl begreife ich es, sehe aber auf einer andern Seite den Grund nicht ein, warum der Schöpfer einen Menschen so reif und geistig empfänglich und einen andern wieder so stumpf wie ein Stück Holz in die Welt setzt!“
GEJ|3|79|5|0|Sagt der Engel: „Ja, mein Lieber, wenn du so zu fragen beginnst, da werden wir gar lange nicht fertig; denn dein Geist steckt noch zu tief unter der Haut deines Fleisches, während der Geist des Ribar schon weit über seine Haut hinausgedrungen und mit ihm sonach leicht reden ist. Du könntest ebensogut fragen, warum Gott auf der Erde so viele Steine erschaffen hat und warum nicht lauter sanftes, fruchtbares Erdreich, warum soviel Wassers, über dessen weite Flächen sich keine Äcker und Weingärten anlegen lassen, warum so viel Dorngestrüpp und so viele Distelarten, auf denen wahrlich keine Trauben und keine Feigen wachsen. Aber ich sage es dir, daß da alles im höchsten Grade notwendig ist und das eine ohne das andere nicht bestehen könnte; aber dir davon die weisen Gründe alle zu zeigen, würde nur so ganz kurz und oberflächlich hin einen Zeitraum von vielen Jahrtausenden benötigen, während alles das unendlich Viele ein geweckter und reifer Geist in wenigen Augenblicken vollkommen innehaben kann, so er sich dafür interessiert. Da aber ein vollkommener Geist ganz höhere und bessere Dinge des Lebens vor sich hat, als den Grund der Steine, des Wassers, der Dornen und Disteln zu erforschen, so überläßt er solches gar gerne der weisesten Fürsorge des Herrn der Unendlichkeit.“
GEJ|3|79|6|0|Sagt Suetal: „Wenn so, da ist es aber dann doch auch nicht meine Schuld, wenn ich begriffsstutziger bin denn so ein Ribar, der meines Wissens trotz seines offener liegenden Geistes die himmlische Weisheit noch lange nicht mit dem Löffel in sich gebracht hat!“
GEJ|3|79|7|0|Sagt Raphael: „Menschen, wie du, müssen ja einen scharfen Verstand besitzen, auf daß daran ihre viel stumpfere Seele einen Weg zu ihrem Geiste habe, der freilich ein viel längerer und holperichterer ist als der, welchen die Geister der Liebe zu durchwandeln haben; denn ein Geist der Liebe hat das ja schon als offenes Lebenselement in und vor sich, was die stumpfere Seele erst PER LONGUM ET LATUM [Durch langes und breites, d.H. umständlich.] mittels richtigen Gebrauches ihrer scharfen Außensinne erreichen kann.
GEJ|3|79|8|0|Siehe, welche Mühe wird es dich noch kosten, bis du zur Liebe gelangen wirst! Ribar aber ist schon ganz Liebe. Diese braucht nur ein wenig geregelt und geordnet zu werden, und er steht dann fertig da; du mußt aber erst durch deinen langweiligen Verstand zur Liebe kommen, um sie dann zu besitzen, ohnedem sie unmöglich zu regeln und zu ordnen ist! – Verstehst du das?“
GEJ|3|79|9|0|Sagt Suetal: „Wenn so, da ist Gott ja ungerecht und sehr parteiisch!“
GEJ|3|79|10|0|Sagt der Engel: „In einer gewissen Hinsicht allerdings, aber natürlich nur aus dem Gesichtskreis des kurzsichtigsten Menschenverstandes betrachtet; aber wenn du ein Haus bauest, warum gräbst denn du ein Fundament und legst dann die größten, schwersten und härtesten Steine hinein?
GEJ|3|79|11|0|Was haben dir denn diese Steine zuvor getan, darum du sie zuerst in den finstern Baugraben schobst und dazu noch alle Last auf ihren Rücken legtest? Hattest du denn da kein Erbarmen mit den armen Steinen? Welchen Druck müssen die Steine unter der ungeheuren Last eines Berges aushalten?
GEJ|3|79|12|0|Oder erbarmen dich die Wurzeln eines Baumes nicht, darum sie stets in dem finstern Modergrunde der Erde stecken müssen, während des Baumes Äste gar stolz im Luftäther und im alles erquickenden Lichte prangen?
GEJ|3|79|13|0|Siehe, sind das nicht lauter ,Ungerechtigkeiten‘ schon in den untersten Schichten des geschaffenen Naturlebens?! Wie konnte ein so weiser Gott als Schöpfer da wider allen gesunden Verstandessinn gar gleichgültig und gefühllos darüber hinausgehen?
GEJ|3|79|14|0|Ebenso könnten sich ja auch deine Füße gegenüber deinen Händen tiefst beklagen und sagen: ,Warum sind denn gerade wir, so gut Fleisch und Blut als ihr, euch herumzutragen verdammt, während ihr euch ohne Mühe in der freien Luft gar lustig herumbewegen könnet?‘
GEJ|3|79|15|0|Und so könnten noch eine Menge anderer Glieder des Leibes gegen das Haupt eine ganz gerecht scheinende Klage erheben; aber wer würde da die Dummheit einer solchen Beschwerde nicht augenblicklich einsehen?
GEJ|3|79|16|0|Sieh, in gleicher Weise hat der Herr denn auch die Menschen dieser Erde mit verschiedenen Fähigkeiten begabt, einige mit größeren und einige mit minderen; aber keinem ist das Tor in den großen Tempel der Vollendung verschlossen, sondern einem jeden der Weg gegeben, und es kann sich demnach niemand beschweren und sagen: ,Herr, warum gabst Du denn nicht auch mir die Talente, deren sich mein Bruder im Vollmaße zu erfreuen allen Grund hat?!‘ Denn da würde der Herr zu ihm sagen: ,Fühlst du einen Mangel, so gehe zu deinem Bruder, und er wird dir aushelfen! Hätte Ich allen Menschen ein Vollgleiches gegeben, da hätte keiner gegenüber dem andern einen Mangel, der Bruder würde des Bruders nimmer benötigen! Womit sollte dann die alles belebende Nächstenliebe im Menschen erweckt und gestärkt werden?‘
GEJ|3|79|17|0|Was wäre aber ein Mensch ohne die Nächstenliebe, und wie würde er ohne diese dann erst die reine Liebe zu Gott finden, ohne die an ein ewiges Leben der Seele gar nicht zu denken ist?!
GEJ|3|79|18|0|Siehe, damit ein Mensch aber dem andern dienen und sich dadurch dessen Liebe erringen könne, muß er ja doch irgend etwas zu leisten imstande sein, was ein anderer nicht so leicht kann, weil ihm dazu die erforderlichen Talente mangeln; dadurch aber wird dann ein Mensch dem andern zu einem Bedürfnisse, und durch den gegenseitigen nötigen Dienst wird die Liebe zunächst erweckt und durch das Gute solcher gegenseitigen Dienstleistung stets mehr und mehr gestärkt.
GEJ|3|79|19|0|In der Stärke der Nächstenliebe aber liegt allezeit die innerste Offenbarung der reinen, göttlichen Liebe und in dieser das ewige Leben.
GEJ|3|79|20|0|Wenn du nun aber von dir selbst behaupten kannst, daß dich gewisserart nichts zu irgendeiner Liebe reizen kann, weder eine schöne Gestalt noch irgendeine ausgezeichnet gute Handlung, da möchte ich selbst von dir dann erfahren, durch welch ein drittes mir ganz unbekanntes Mittel der Mensch die Liebe in seinem Herzen erwecken kann und durch was sie stärken bis zur Kraft der Offenbarung der göttlichen, reinsten Liebe im Herzen!?
GEJ|3|79|21|0|Wo aber diese sich nicht offenbart in Wort oder Tat, da sieht es mit dem ewigen Leben der Seele nach des Leibes Tode doch sicher auch noch sehr düster und trübe aus!
GEJ|3|79|22|0|Kurz, so in deinem Herzen noch irgend Zweifel über das Fortleben der Seele nach des Leibes Tode obwalten, da ist die Lebensoffenbarung noch nicht erfolgt; was der Mensch aber nicht hat, daran zweifelt er stets, daß er es je haben werde, wenn er es auch haben möchte. Hast du aber einmal das ewige Leben der Seele durch die Offenbarung der reinen, göttlichen Liebe in deinem Herzen also gefunden wie einen verlorenen Groschen, dann wirst du darob auch keinen Zweifel mehr haben über den vollen Besitz dessen, was du aller Wahrheit und Wirklichkeit nach besitzest!
GEJ|3|79|23|0|Aber solches kann nur durch die Nächstenliebe erreicht werden; und es ist deshalb der Ribar dem wahren Lebensziel um sehr vieles näher als du, der du wohl deinen Gehirnkasten mit dem Naturlichte dieser Welt erhellt hast, aber dafür dein Herz ohne Feuer und Licht gleich einem Wild im finstern Dickicht der Sumpfwälder Europas umherirren lässest!
GEJ|3|79|24|0|Ich rate darum dir, dies dir von mir nun Gesagte wohl zu beachten, sonst gehst du hohl mit allem deinem Verstande, und die goldene Frucht an deinem Lebensbaume wird lange vor der Reife von den Würmern zernagt werden; und die Würmer heißen Zweifel, die am Ende deinen gesamten Gehirnkasten durchfressen werden und aus deiner Lebensfrucht wird ein stinkendes Aas werden, das den Raubvögeln zu einem schnöden Fraße dienen wird! – Hast du mich verstanden?!“
GEJ|3|80|1|1|80. — Ein Verstandesmensch sucht die Liebe
GEJ|3|80|1|0|Sagt Suetal: „Verstanden wohl, aber es wäre mir beinahe lieber, so ich dich nicht verstanden hätte! Wie kann ich mich denn zur Liebe nötigen, wenn ich derer von Natur aus nahe gänzlich unfähig bin? Ich kenne nur einen Beifall meines Verstandes bei Erscheinungen und Handlungen; aber eine Liebe im Herzen ist mir fremd! Sage mir denn doch, wie es einem Menschen wird, – oder woran erkennt er, daß Liebe in seinem Herzen wach geworden ist? Es muß da ja doch irgendein Zeichen der Wahrnehmung im Leben des Menschen geben, sonst ist ihm die ganze Liebe umsonst; denn er kann sie vielleicht in aller Fülle besitzen, weiß aber nicht, daß ein solcher Zug seines Lebens ,Liebe‘ heißt. Was ist ihm da mit der ganzen Liebe geholfen und gedient!?“
GEJ|3|80|2|0|Sagt Raphael: „Erinnerst du dich denn gar nicht mehr so weit zurück, als du noch ein Kind warst? Was fühltest du damals zu deinen Eltern, die dich sehr liebten und dich als ihren Liebling mit allerlei Wohltaten überhäuften?“
GEJ|3|80|3|0|Sagt Suetal: „Ist wohl schon lange her; aber ich kann mich noch so mancher Begebenheit erinnern, wo ich so recht gerührt war, daß mir darob Tränen in die Augen kamen. Sollte etwa ein solch kindliches Gefühl Liebe sein?“
GEJ|3|80|4|0|Sagt Raphael: „Ja, ja, das ist Liebe; wem diese mangelt, dem mangelt am Ende alles, was zum Leben gehört, und so ein Mensch ist dann nur eine Maschine seines naturerleuchteten Gehirns und weiß kaum von dem Wesen seiner höchst eigenen Seele etwas!
GEJ|3|80|5|0|Die Liebe der Kinder muß daher wieder wach werden im Herzen bei jedem, der dir gleicht, ansonst es unmöglich ist, einen bloßen Verstandesmenschen einzuführen in das innere Reich des Lebens.
GEJ|3|80|6|0|Was nützt es dir, so du auch alles begreifst mit deinem Verstande und magst aber doch dein eigenes Leben nicht fassen und sehen, wie es ist, und wie es sich gestaltet und ausbildet?!
GEJ|3|80|7|0|Was nützt es einem Gärtner, in fremden Gärten das üppige Wachstum von allerlei edlen Pflanzen zu bewundern, dabei aber seinen eigenen Garten brachliegen und nur das Unkraut darin nach Belieben wuchern zu lassen?! Man bestelle die Beetlein des eigenen Gartens, reinige sie vom Unkraute, dünge sie mit dem rechten Dünger und besäe sie mit Samen von edlen Pflanzen, auf daß man dann zur rechten Zeit auch eine rechte Freude wird haben können an dem üppigen Pflanzenadel des eigenen Gartens! – Aber nun nichts mehr weiter von dem; denn es wird nun von seiten des großen Meisters etwas Neues unternommen werden, und da heißt es Herz und Kopf am rechten Flecke haben!“
GEJ|3|80|8|0|Sagt Ribar: „Aber sage uns, du Himmlischer, ob wir nicht eher (vorher) uns zum Meister hinbegeben sollen und Ihm danken für all das Gute, was wir hier sicher nur durch Seine große Güte und Gnade leiblich und geistig zum Genusse bekommen haben!“
GEJ|3|80|9|0|Sagt Raphael: „Er sieht nur aufs Herz; ist das in der Ordnung, so ist dann alles in der Ordnung. Wenn Er euch aber reif finden wird, dann wird Er euch schon berufen und euch die gemessene Weisung geben, was ihr in der Zukunft zu tun haben werdet.
GEJ|3|80|10|0|Aber jetzt heißt es, sich im Herzen, sich im ganzen Wesen bereit halten; denn so Er etwas tut, da gilt das nicht nur für uns hier auf diesem Flecke, ebenso auch nicht für dieses Land oder für diese ganze weite Erde, sondern das gilt gleich unter einem für die ganze Unendlichkeit und Ewigkeit! Daher heißt es da alles wohl fassen in seiner tiefsten Tiefe! Solches verstehet und beherziget es wohl! Denn jedes Wort aus dem Munde, der vom ewigen Geiste Gottes in die Bewegung gesetzt wird, und jede darauf erfolgte Handlung hat stets die unendlichste Tragweite! – Jetzt aber muß ich eure Gesellschaft wieder auf eine Zeitlang verlassen und muß mich fügen dem Willen des großen Meisters.“
GEJ|3|80|11|0|Darauf verließ der Engel die Gesellschaft der zwölf und begab sich wieder zu seinem Josoe, der nun schon so manches mit ihm zu verhandeln hatte; denn die vielen Reden von allen Seiten haben den Josoe etwas verwirrt gemacht, und Raphael hatte nun zu tun, um seinen Jünger in allem zurechtzubringen.
GEJ|3|81|1|1|81. — Der Herr kündet eine Sonnenfinsternis an
GEJ|3|81|1|0|Ich aber sagte nun: „Freunde, unser leibliches und geistiges Mittagsmahl hat diesmal gut bei vier Stunden angedauert, und es ist darum Zeit, daß wir uns vom Tische erheben! Wir wollen hinaus aufs Meer schauen, ob sich da nicht irgend etwas zuträgt, das da unserer allseitigen Aufmerksamkeit wert ist!
GEJ|3|81|2|0|Zugleich mache Ich euch alle darauf aufmerksam, daß wir von jetzt an in einer halben Stunde eine gänzliche Verfinsterung der Sonne erleben werden. Allein, niemand aus euch mache sich da etwas daraus; denn es geht solch eine Verfinsterung ganz natürlich vor sich!
GEJ|3|81|3|0|Der Mond, vom Abende (Westen) her schwebend in einer Höhe über der Erde 98000 Stunden Weges, wird als ein massiver, undurchsichtiger Körper geradlinig über die Sonne ziehen und dadurch verhindern, daß das Sonnenlicht auf einen Teil dieser Erde einfalle; die gänzliche Verfinsterung wird nur einige Augenblicke währen; darauf wird sich über dem Rande des Mondes gleich wieder die Sonne zeigen, und es wird dann lichter und lichter auf der Erde werden. Während der vollen Verfinsterung aber werdet ihr die schönen Sternbilder des Winters zu sehen bekommen, die man sonst im Sommer nie sehen kann.
GEJ|3|81|4|0|Ich sage euch das, um euch bei solchen Erscheinungen alle törichte Furcht zu benehmen, und um euch die volle Natürlichkeit solcher Erscheinungen zu zeigen; darum keine Furcht sonach, wenn die Erscheinung eintreten wird!
GEJ|3|81|5|0|Aber zu gleicher Zeit werden wir drei Handelsschiffe auf der Höhe des Meeres entdecken; diese müssen vor dem Eintritt der Erscheinung ans Land gebracht werden, weil der böse Aberglaube sonst die Schiffsknechte nötigen würde, eine gar selten schöne und tugendsame Tochter eines biederen Griechen samt ihrem sie begleitenden Vater ins Meer zu werfen.
GEJ|3|81|6|0|Denn beide reisen nach Jerusalem, um den Tempel zu sehen und sich mit der Lehre der Juden an der Quelle vertraut zu machen, und führen zu dem Behufe auf den drei Schiffen eine Menge großer Schätze mit, die nachher als eine gute Prise (Beute) in die räuberischen Hände der argen griechischen Schiffsknechte fallen würden.
GEJ|3|81|7|0|Es ist darum keine Zeit zu verlieren; denn die Weltkörper gehen nach ihrem Gesetze den gezeichneten Weg unaufhaltbar fort. Würde man sie in ihrem Gange hemmen, so würde dadurch der Erde ein größter Schaden zugefügt werden, den ein Jahrtausend nicht verwischen würde; werden aber die drei Schiffe etwas wunderlich schnell ans Ufer gebracht, so erleidet dadurch niemand irgendeinen Schaden, sondern es kann für viele Arme dieser Gegend ein recht großer natürlicher und geistiger Gewinn herausschauen. Darum nun schnell ans Werk!“
GEJ|3|81|8|0|Alles eilt nun ans Ufer und stellt sich am selben in einer weitlaufenden Linie auf. Aber Ich habe dabei auch Meine Not; denn Cyrenius mit seinem Gefolge, Meine zwölf Jünger und einige, die uns schon lange begleiteten – bei sechzig an der Zahl –, die dreißig jungen Pharisäer und Leviten unter ihren Rednern Hebram und Risa, die fünf unter dem weisen Mathael und die zwölf unter ihren Suetal, Ribar und Bael drängen sich alle an Mich und möchten alle, so gut es nur gehen kann, ganz in Meiner Nähe sein, während Ebahl mit der Jarah und Raphael mit dem Josoe ohnehin ganz fest bei Mir sind und die Jarah sogar Meinen Rock gar nicht mehr ausläßt. Der alte Markus mit seinem Weibe und Kindern möchte nun auch in Meiner nächsten Nähe sein, und so ist die kleine Platznot erklärlich, in der Ich Mich befinde. Aber der Raphael bringt bald alles in die beste Ordnung, da er in einem Augenblicke alle die Ufergäste auf bequeme Plätze verteilt, Ich aber mit dem Cyrenius und dem alten Markus ein Schiff besteige und im Angesichte der vielen Gäste knapp am Ufer auf- und abfahre, womit die Gäste und auch Meine Jünger ganz einverstanden sind.
GEJ|3|81|9|0|Aber nun naht der Mond sich schon stark der Sonne, und Ich berufe den Raphael, sagend: „Du weißt, was nun not tut, daher kein Säumen mehr!“
GEJ|3|81|10|0|Und der Raphael sagt, eigentlich der Gäste wegen: „Herr, auf Eins oder mit einiger Weile?“
GEJ|3|81|11|0|Sage Ich: „Nach zwölf Augenblicken auf Eins!“
GEJ|3|81|12|0|Die drei Schiffe aber standen so weit, daß man sie kaum bemerken konnte; in der Linie mochten es wohl bei vier Stunden Weges sein.
GEJ|3|82|1|1|82. — Raphael als Lotse reitet bedrängte Griechen
GEJ|3|82|1|0|Cyrenius strengte vergebens seine Augen an; er konnte von keinem Schiffe etwas wahrnehmen. Ebensoschlecht ging es dem Markus; aber andere sehr scharf sehende Augen bemerkten die Schiffe wie drei Mücklein groß im Meere dahinziehen und sagten: „Herr! Die haben bei günstigem Wind gute zwei Stunden bis an dieses Ufer!“
GEJ|3|82|2|0|Sage Ich „Sorget euch nur nicht darum; Mein Schiffsmann wird die Sache zur rechten Zeit am Ufer haben!“
GEJ|3|82|3|0|Fragen die dreißig jungen Pharisäer: „Wo und wer ist der, dem solches möglich ist?“
GEJ|3|82|4|0|Sage Ich: „Ihr kennet ja den jungen Mentor (Erzieher) des Cyrenius' Ziehsohnes; der ist es!“
GEJ|3|82|5|0|Fragen ängstlich die dreißig: „Wo ist denn ein Schifflein für ihn bereit?“
GEJ|3|82|6|0|Sagt nun Raphael: „Ich brauche deren keines!“ und verschwindet in diesem Augenblick. Alle erschrecken in der Meinung, der Jüngling sei ins Wasser gesprungen und werde nun den Fischen gleich schnell nach den Schiffen im Wasser hinschießen. Denn es wußten das noch viele nicht, daß Raphael eigentlich ein Engel und somit ein ganz reiner Geist sei; viele hielten ihn für den Mentor des Josoe, während er nur ein Mentor der Jarah war. Aber da er sich hier mehr mit dem Josoe denn mit der Jarah abgab, so galt er hier bei vielen als ein junger Mentor des Josoe.
GEJ|3|82|7|0|Ehe sich aber die Frager noch recht umsahen, war Raphael auch schon am Ufer mit den drei ziemlich großen Schiffen und stand an Bord desjenigen Schiffes, darin der fromme Grieche mit seiner noch frömmeren Tochter sich voll Staunens und Entsetzens befand; denn fürs erste kam ihm die unbegreiflich schnelle Landung an einer ihm ganz unbekannten Küste wie ein Traum vor, und fürs zweite wußte er nicht, was er aus dem jungen Schiffsmanne machen sollte und konnte sich über diese wunderbare Erscheinung auch keine Rechenschaft geben; denn die Veränderung ist zu schnell erfolgt und hat ihn zu wunderlich überrascht.
GEJ|3|82|8|0|Auch die Schiffsknechte standen bei ihren Rudern voll Staunens wie Bildsäulen und getrauten sich ihre Ruder nicht mehr ins Wasser zu stoßen. Nach einer kleinen Weile des tiefsten Staunens und Wunderns erst fragte in tiefster Ehrfurcht der Grieche den Jüngling, sagend: „Wer bist du, mächtiges Wesen? Wer hieß dich uns so schnell an ein gutes Ufer bringen und aus welchem Grunde?“
GEJ|3|82|9|0|Spricht Raphael: „Frage nicht, sondern sieh nach der Sonne, die nun bald auf einige Augenblicke ihren Lichtglanz verlieren wird! Wärest du auf des Wassers Höhe, so hätte der Schiffsknechte böser Aberglaube dich samt deiner Tochter über Bord ins Meer geworfen und dann deine mitgenommenen Schätze unter sich geteilt; solches sah aber unser großer, göttlicher Meister zum voraus und sandte mich darum dir zu deiner schleunigsten Rettung. Du bist nun schon in vollster Sicherheit, aber dennoch werden dir noch unangenehme Sachen vorkommen, und ich muß darum während der finsteren Katastrophe bei dir im Schiffe verbleiben, ansonst du noch immer mit den rohen Schiffsknechten viel Ungemach zu bestehen hättest.“
GEJ|3|82|10|0|Der Grieche sieht sich nun nach der Sonne um und bemerkt zu seinem und seiner Tochter Entsetzen, daß von der Sonne nur noch ein ganz schmaler Rand übrig ist, erhebt sich von seinem Sitze und donnert einen Fluch dem bösen Drachen empor, der die Sonne nun total zu verschlingen drohe.
GEJ|3|82|11|0|Es war das einiger Heiden von Kleinasien fromme Sitte, bei Gelegenheit einer Sonnenfinsternis dem argen Drachen eine Menge der härtesten Flüche emporzusenden, auf daß er sich davor erschrecke und die verschlungene Sonne wieder ausspeie und sie dann wieder weiterhin fortleuchte. Aber der Alte war mit seinen frommen Flüchen noch nicht zu Ende, als die Sonne ganz vom Monde verdeckt wurde.
GEJ|3|82|12|0|Da entstand ein plötzliches, wildes Geheul unter den Schiffsknechten, aber auch am Ufer unter den römischen Soldaten, und die nahe vor Angst wütenden Schiffsknechte fielen über den Griechen her und wollten ihn samt der Tochter und samt dem Raphael ins Meer werfen; denn sie gaben den dreien die Schuld dieser schrecklichsten Geißel der Götter und wollten diese dadurch versöhnen. Aber Raphael hob alle Schiffsknechte aus den Schiffen und setzte sie ans Land; den Ärgsten aber warf er ins Meer, und dieser hatte zu tun als ein guter Schwimmer, um ziemlich weit unter den Schiffen ganz ermattet das Land zu erreichen.
GEJ|3|83|1|1|83. — Folgen der Sonnenfinsternis
GEJ|3|83|1|0|Während dieser Katastrophe brach die Sonne wieder hinter dem Monde auf dessen anderer Seite hervor, und es trat wieder die alte Heiterkeit in die Gemüter aller Anwesenden; einzig der Cyrenius und auch Julius blieben während der totalen Verfinsterung vollkommen ruhig neben Mir.
GEJ|3|83|2|0|Selbst Meine Jünger wurden etwas unruhig, und die Jarah und der Josoe sprangen hastig in Mein ans Ufer stoßendes Schiff und zitterten vor Furcht; aber ihre Furcht war dennoch mehr eine Folge des wilden Geheules der Schiffsknechte denn der Finsternis. Denn die Jarah und der Josoe wußten recht gut den Grund der Verfinsterung der Sonne, aber auf das wildeste Geheul waren sie nicht vorbereitet und sprangen darum in großer Angst in Mein Schiff und drängten sich da zu Mir so knapp als möglich hin. Cyrenius und Julius aber haben sich unterdessen an den schönen Sternbildern des Winters ergötzt, die sie im Sommer noch nie geschaut hatten.
GEJ|3|83|3|0|Nach und nach ward es immer heller, und der alte frohe Mut kehrte wieder in die erschütterten Gemüter der Menschen, und die Schiffsknechte kehrten wieder zu ihren drei Schiffen und baten den Jüngling um Vergebung, darum sie ihn ehedem so hart angegangen.
GEJ|3|83|4|0|Auch den Griechen baten sie um Vergebung, und dieser (der Grieche) sagte: „Was jemandem sein Glaube gebietet, solle er tun, so er in sich keinen weiseren Gegengrund findet; aber es soll sich in der Folge euer Glaube heller gestalten, und ihr werdet dann einsehen, daß die hohen Götter aus unseren Händen durchaus keine Menschenopfer verlangen, indem sie selbst zahllose Mittel in den Händen haben, sich Menschen zu Hunderttausenden nach Belieben von dieser Erde zu nehmen.“
GEJ|3|83|5|0|Mit dieser Belehrung von seiten unseres Griechen sind die Schiffsleute zufrieden und geloben, daß sie in der Zukunft bei einer ähnlichen Erscheinung seiner weisen Belehrung vollends eingedenk sein und bleiben werden. Darauf fragen die Schiffsknechte den Griechen, ob er nun seine Reise weiter fortsetzen werde, oder ob er hier zu verweilen gedenke.
GEJ|3|83|6|0|Der Grieche aber sagt: „Seht ihr nicht diesen mächtigen Jüngling unter uns?! Er hat mir Gutes erwiesen und mich gerettet aus eurer blinden Glaubenswut; ihm schulde ich mein und meiner einzigen, allerliebsten Tochter Leben. Er allein ist nun mein Gebieter, und was er sagen wird, das werde ich auch tun; ohne sein Wort und seinen Willen aber wird von hier auch in zehn Jahren nicht um ein Haar breit weiter gereist!
GEJ|3|83|7|0|Dazu sagt mir eine gute innere Stimme, daß ich auf diesem unansehnlichsten Flecke mehr denn in ganz Jerusalem schon jetzt gefunden habe. Ich werde darum hier verbleiben. Ich werde nun nur mit dem Wirte dieses Ortes reden, ob ich hier verweilen kann. Ist solches hier tunlich, so lasse ich dann gleich meine Lasttiere ans Ufer setzen und dann alle meine mitgenommenen Schätze, und ihr könnet dann wieder eure Schiffe flottmachen.“
GEJ|3|83|8|0|Während dieser Unterredung kommen aber auch schon Ich, Cyrenius, Julius, Markus, der alte Wirt und die Jarah und der Josoe in das Schiff, in welchem sich der Grieche befand, und Markus spricht ihn sogleich an und sagt: „Freund! Du siehst, daß ein ehrlicher Hauswirt nie einen Mangel an Gästen hat. Sieh, ich bin der Wirt dieses Ortes und beherberge in meiner kleinen Hütte und unter meinen Zelten alle die lieben Gäste, die du hier siehst; aber für dich ist auch noch Raum, so du hier verbleiben willst!“
GEJ|3|83|9|0|Sagt gar freundlich der Grieche: „Freund, ich brauche nur einen Geviertfleck von dreißig Schritten in die Länge und zehn in die Breite, da laß ich sogleich meine drei guten und kostbaren Zelte durch meine mitgenommenen Diener aufrichten, und ich bin dann schon versorgt; denn Speisen und Getränke führe ich in großer Menge mit mir und besitze viel Goldes und Silbers, um mir welche zu erkaufen, so mir die mitgenommenen ausgehen sollten. Also besitze ich auch Futter für meine Lasttiere und bin so und so mit allem möglichen bestens versorgt; nur einen Platz, um alles das unterzubringen, habe ich nicht und werde ihn sonach von dir auf eine Zeit mieten. Was verlangst du für den ausgesprochenen Flächenraum von Tag zu Tag?“
GEJ|3|83|10|0|Sagt ganz freundlich Markus: „Wohl weiß ich, daß bei euch Griechen stets genaue Rechnung geführt wird; aber bei uns Römern und besseren Juden ist das nicht üblich. Du bleibst hier, solange es dir beliebt, und es wird von dir nichts verlangt werden als deine wahre und aufrichtige Freundschaft; willst du aber danebst irgendeinem armen, sich hierher verirrten Menschen etwas tun, so wird das deinem Ermessen ohne alle Rechnung anheimgestellt sein. Laß du demnach nur auspacken und mache dir es bequem wie im Hause deiner Stadt; denn solange du hier verweilen willst, steht dir nicht nur der von dir verlangte Fleck Landes, sondern mein ganzer eben nicht ganz kleiner Grund zu Gebote, und auf meinen Tischen wird auch für dich gedeckt sein! – Sage, ob du damit zufrieden bist!“
GEJ|3|83|11|0|Sagt der Grieche: „Ja, Freund, wenn du so redest, dann beschämst du mich ja, und ich bin in einer großen Verlegenheit, so ich dir deine große, höchst uneigennützige Freundschaft gewisserart mit nichts vergelten kann, und ich getraue mir kaum, einen Gebrauch von deiner wahrsten Großmut zu machen!“
GEJ|3|83|12|0|Sagt Markus: „Freund, deine Freundschaft wird doch mehr wert sein als alle die großen Erdschätze, die du mit dir führest, deren ich nicht benötige, da ich nun vielleicht noch größere denn du besitze; aber freilich nicht so sehr materiell als vielmehr geistig!“
GEJ|3|83|13|0|Sagt der Grieche: „Da hast du demnach also schon lange das, was ich und diese meine Tochter schon lange vergeblich suchen in allen Winkeln der Erde?“
GEJ|3|83|14|0|Sagt Markus: „Was dir nun die ganze Erde und alle Sterne und die Sonne und der Mond nicht, kein Tempel und kein Orakel geben können, das findest du hier auf diesem Flecke. Darum lasse nur gleich auspacken, denn du bist nun schon am rechten Flecke!“
GEJ|3|83|15|0|Der Grieche befiehlt nun sogleich seinen vierzehn Dienern, die Hände ans Werk zu legen.
GEJ|3|84|1|1|84. — Götter und Menschen
GEJ|3|84|1|0|Ich aber sage zum Griechen: „Höre du, Mein Freund! Wohl mögen auch deine vierzehn Diener recht fleißige und geschickte Leute sein; aber da du viele Sachen mit dir hast, so dürfte es deinen vierzehn Leuten doch eine ziemliche Zeit kosten, bis sie alles in eine gute Ordnung brächten.
GEJ|3|84|2|0|Sieh, dieser anscheinende Jüngling aber ist einer Meiner vielen Diener und richtet in einem Augenblick mehr aus als alle deine vierzehn Diener in vollen hundert Jahren; darum sollen deine Diener für diesmal ruhen, und dieser Mein einziger hier anwesender Diener wird mit all deinen Sachen augenblicklich also in der Ordnung sein, nach deiner altgewohnten Sitte, wie deine vierzehn Diener kaum in drei Tagen!
GEJ|3|84|3|0|So du willst, will Ich ihn dazu beordern!“
GEJ|3|84|4|0|Sagt der Grieche: „Freund, wenn so etwas auf der Erde möglich ist, so bitte ich dich darum! Denn meine Diener sind ohnehin schon äußerst reisemüde und dürften darum mit dem Auspacken und Aufrichten der Zelte hübsch lange zu tun haben!“
GEJ|3|84|5|0|Sage Ich zu Raphael: „Zeige, was einem reinen Geiste in einem schnellsten Augenblick möglich ist!“
GEJ|3|84|6|0|Hier machte Raphael eine tiefe Verbeugung und sagte: „Herr, Du hast es befohlen, und sieh, es ist bereits schon alles in der besten Ordnung!“
GEJ|3|84|7|0|Sage darauf Ich zum Griechen: „Nun, Freund, erhebe dich und siehe nach, ob die Arbeit nach deinem Sinne ausgefallen ist!“
GEJ|3|84|8|0|Hier erhebt sich der Grieche, schlägt dreimal die Hände über dem Haupte zusammen und sagt im höchsten Grade erstaunt: „Ja, um aller Götter willen! Was ist denn das?! Der Junge hat uns ja noch nie verlassen, und meine Zelte sind schon bestens aufgerichtet, und alles scheint schon in der besten Ordnung zu sein! Nein, nein, nein! Da geht es durchaus nicht mit natürlichen Dingen zu! Nun muß ich nur in die Zelte und sehen, wie darin die gute Ordnung beschaffen ist!“
GEJ|3|84|9|0|Darauf verläßt er das Schiff und begibt sich, von uns und seiner Tochter geleitet, in seine Zelte und findet zu seiner größten Verwunderung im Ernste alles in der besten Ordnung.
GEJ|3|84|10|0|Nun ist es aber erst recht aus bei ihm. Wie von einer Art Verwunderungsschwindel ergriffen, sagt er (der Grieche) nach einer Weile seines nimmer enden wollenden Staunens: „Entweder bin ich unter die Erzmagier Ägyptens oder unter lauter Götter geraten; denn was ich hier erlebt habe, ist unerhört und seit Menschengedenken nie dagewesen! Und du, Freund, (sich zu Mir wendend) scheinst der Meister, oder der Zeus selbst, unter diesen vielen zu sein!? Das Fleisch hat dich nicht gezeugt, sowie auch diesen Jungen nicht; du mußt aus dem Geiste von Ewigkeit her gezeugt sein! O Götter, o Götter, welche Kraft muß euch innewohnen, daß ihr solche Dinge zu leisten imstande seid, und was Elendes ist der arme Mensch, der blinde Wurm im Staube gegen euch?! Ihr vermöget alles, aber der sterbliche Wurm im Staube seiner Nichtigkeit vermag nichts! Freund, der du ein Gott bist und dir alles zu Gebote steht, was kann ich Sterblicher dir unsterblichem Gotte tun? Was soll ich dir geben, der du über die ganze Erde, über Sonne, Mond und alle Sterne gebietest?“
GEJ|3|84|11|0|Sage Ich: „Freund, du hast viel natürlichen Lichtes und beurteilst das geschehene, dir scheinende Wunderwerk eben mit einem richtigen Takt, aber du mußt den Menschen nicht zu tief unter den Begriff deiner Götter setzen; denn Ich sage es dir: Alle Götter, die du als solche kennst und verehrst, sind eigentlich gar nichts gegen einen vom wahren Geiste Gottes erfüllten Menschen.
GEJ|3|84|12|0|Siehe, diese vielen Menschen, die du hier siehst, sind zumeist schon ebenso mächtig wie dieser Junge hier und sind doch nur Menschen von Fleisch und Blut!
GEJ|3|84|13|0|Fühle Mich an, und du wirst es wahrnehmen, daß auch Ich aus Fleisch und Blut dem außen erscheinlichen Leibe nach bestehe; aber dies Fleisch und Blut ist erfüllt vom Geiste Gottes, der allein allmächtig ist, und dem sich alles fügen muß unter die Macht Seines Willens.
GEJ|3|84|14|0|Und sieh, also wirken wir hier lediglich aus der Kraft des Geistes Gottes, der in uns ist, in uns denkt und will, was Seine allsehende und allfühlende höchste Weisheit für nötig und gut erkennt.
GEJ|3|84|15|0|Nun, diese Eigenschaft besitze für jetzt wohl Ich Selbst nur im höchsten Grade und bin darum ein Meister darin; aber Ich kann auch einen jeden Menschen dazu befähigen, der irgendeines guten Willens ist.
GEJ|3|84|16|0|Natürlich aber kann einem Menschen, der einen bösen, widrigen Willen hat, solche Fähigkeit nicht und nie verliehen werden; denn da heißt es, zuvor in der heiligen Ordnung des Geistes Gottes völlig eingeweiht sein, bevor einem die Machtfähigkeit des ewigen Gottesgeistes erteilt wird, und diese kann in nichts anderem bestehen als eben in dem, daß der reine Mensch in seiner Seele ganz vom Geiste Gottes durchdrungen wird. Die vom Geiste Gottes durchdrungene Seele will nun nur das, was der Geist Gottes will; was aber Der will, das muß geschehen, weil Er allein die ewige Urkraft und Macht ist in der ganzen Unendlichkeit!
GEJ|3|84|17|0|Denn alles, was im endlosen Raume ist, lebt und denkt, ist dieses ewigen Geistes in der von Ihm Selbst gestellten Ordnung festgestellter und unwandelbar gehaltener Gedanke, dem geistig lebendigen Teile nach, und daraus formulierte Idee, die aber nach der Art ihres Seins ebenfalls ins selbständig Geistige übergangsfähig ist.
GEJ|3|84|18|0|Siehe, Freund, also stehen in aller Kürze berührt, die Dinge! Du bist ein guter Denker und wirst bald vieles fassen; aber für jetzt genüge dir dies wenige!
GEJ|3|84|19|0|Ich werde dir aber einen gewissen Mathael, einen Mann voll Weisheit, zum Gesellschafter geben; von dem wirst du vieles erfahren, und wirst Mich Selbst nachderhand besser verstehen denn jetzt!“
GEJ|3|84|20|0|Damit ist der Grieche, voll tiefsten Staunens über Meine Weisheit, ganz zufrieden und wünscht sehr, den Mann zu sehen.
GEJ|3|84|21|0|Ich aber berufe sogleich den Mathael und sage: „Da, lieber Freund, ist ein etwas baufälliges Haus; du bist ein guter Zimmermann und wirst wissen, was dabei auszubessern ist!“
GEJ|3|84|22|0|Sagt Mathael: „Herr, mit Deiner Hilfe wird das Haus gut und fest werden!“
GEJ|3|85|1|1|85. — Ouran erhält Mathael als Lehrer zugewiesen
GEJ|3|85|1|0|Nach diesem Akte schwieg Ouran (also hieß der Grieche, und dessen Tochter hieß Helena) und fing an, sich zu sammeln, um mit dem ihm aufgeführten Mathael, der ihm durch ein paar Worte schon zu verstehen gab, daß er mit der höheren Weisheit wohl versehen ist, als ein Mann von so mancher Lebenserfahrung Worte tauschen zu können und bei jeder Gelegenheit das SAPIENTI PAUCA [Einem Weisen genügt weniges.] zu beachten, um sich nicht als ein Mensch zu zeigen, dem alles bessere Wissen mangelt. Als sich Ouran so ziemlich erholt hatte und auch in eine rechte Fassung gekommen war, so fragte er nach einer ziemlich langen Pause den Mathael, ob dieser ihn auf seinen Weltreisen allenthalben begleiten wollte, und was er dafür fordern würde.
GEJ|3|85|2|0|Spricht Mathael, auf Mich hindeutend: „Sieh hin, dies ist ein Heiland für Leib, Seele und Geist! Es sind noch kaum zwölf Stunden her, als ich noch ein elendstes Wesen dieser Erde war. Meine Eingeweide waren derart von den allerbösesten Geistern besessen, daß dadurch mein ganzes Wesen zu einem irdischen Teufel ward. Unter einer Horde von den ärgsten Straßenräubern war ich der Schrecken der ganzen Gegend, denn alle meine Glieder mußten den Teufeln zu Diensten stehen; aber meine Seele war gelähmt und wußte es nicht, was da vorging mit ihrem armen Leibe. Freund, du siehst aus dem, wie sehr elend ich war! Wer hätte mir aber helfen sollen?! Ich war ja am meisten der Schrecken für jeden, der sich mir nahte; leichter wärest du mit zehn hungrigen Tigern ausgekommen denn mit mir allein. Nur eine Kohorte der verwegensten römischen Krieger konnte meiner und meiner Gefährten Meister werden; wie ein Faß gebunden und gefesselt, ward ich samt meinen vier ärgsten Gefährten hierher zum Todesgericht gebracht.
GEJ|3|85|3|0|Aber dort ersiehst du den großen Heilmeister, der aus den Himmeln zu uns elenden Würmern dieser harten und teufelvollsten Erde kam, um auch uns leibhafte Teufel zu heilen durch Wort und Tat; Der hat mich und meine Gefährten geheilt, und für solch eine Heilung verlangte Er nicht nur völlig nichts von uns fünfen, sondern Er erwies uns dazu noch übergroße Wohltaten leiblich und besonders geistig!
GEJ|3|85|4|0|Nun hat dieser mein göttlicher Heiland mich zum ersten Male zu einem Dienste berufen, für den du mich gefragt hast, was ich darum für einen Lohn von dir fordern möchte. O Freund, bevor ich nicht meine Schuld diesem großen Einen werde bezahlt haben, könnte ich ja doch unmöglich von dir etwas verlangen; denn ich diene dadurch ja nur Ihm, der mich berufen hat, und nicht dir!
GEJ|3|85|5|0|Ihm aber werde ich in Ewigkeit ein stets größter Schuldner verbleiben und nur durch mein Dienen meine große Schuld in etwas mindern. Darum wirst du, Freund, für einen dir erwiesenen Dienst mir auch nie etwas schuldig werden – außer deine wahre Freundschaft und Bruderliebe!
GEJ|3|85|6|0|Denn umsonst habe ich es empfangen, und um denselben Preis werde ich es auch dir wiedergeben! Gold, Silber und Edelsteine wirst du von mir zwar nicht bekommen; aber was ich habe, das soll dir auch also frei gegeben werden, wie ich es empfangen habe. Darum wolle du mich fürderhin mit jeder ähnlichen Frage verschonen!“
GEJ|3|85|7|0|Sagt Ouran: „Freund, du bist einer der edelsten Menschen, die mir je irgend entgegengekommen sind! Darum mußt du mein und meiner Tochter weiser Führer werden und bleiben durch mein ganzes Leben!
GEJ|3|85|8|0|Ich werde dich zwar, nach deinem Willen, nie mehr fragen und sagen: ,Was forderst du dafür?‘; aber daß du bei mir auch keine Not leiden sollst als ein Freund und als ein echter Bruder, das wirst du von mir wohl annehmen?!“
GEJ|3|85|9|0|Sagt Mathael: „Es fragt sich noch, ob du von mir etwas oder alles oder am Ende gar nichts annehmen wirst! Denn meine Gaben schmecken dem Sinnengaumen, wie ich es schon ein wenig erfahren habe, eben nicht so süß wie ein mit reinem Honig versüßter Wein nach der Art, wie ihn die Griechen hie und da gerne genießen, sondern oft bitterer als Galle und frischer Saft einer alten Aloe! Und das nehmen süßgeschmäckige Gaumen nicht gerne zum Genuße! Darum wollen wir erst sehen, wie sich unsere gegenseitigen Gaben werden austauschen lassen!“
GEJ|3|85|10|0|Sage inmitten Ich: „Wißt ihr was, da wir nun noch eine volle Stunde Sonne haben und der Abend sich auch recht angenehm machen wird, so machen wir nun allesamt einen Gang auf den Hügel des Markus; dort wollen wir uns ein wenig näher kennenlernen! Deine Zelte aber lasse einstweilen bewachen von deinen Dienern; denn du wirst sie erst nach Mitternacht wiedersehen und von ihnen Gebrauch machen!“
GEJ|3|85|11|0|Sagt der Ouran: „Es sind freilich viele und große Kostbarkeiten darin! Aber ich meine, daß dieser Ort ein sicherer ist!“
GEJ|3|85|12|0|Sage Ich: „Freund, als du erst vor einer Stunde in der größten Gefahr schwebtest und es mit dir dahin stand, dein Leben und alles zu verlieren, wer errettete dich da?“
GEJ|3|85|13|0|Hier stutzte Ouran; nach einer Weile erst sagte er: „Ja, ja, großer Meister! Du hast recht, ich bin nur so in meiner alten Gewohnheit ein wenig steckengeblieben und sehe nun eben auch die volle Dummheit meiner Furcht ein; sie soll zum zweiten Male nicht wieder zum Vorschein kommen, und ich gehe nun gleich ohne alles weitere Bedenken mit dir, wohin du willst!“
GEJ|3|86|1|1|86. — Helena, des weisen Griechen edle Tochter
GEJ|3|86|1|0|Hierauf tritt etwas schüchternen Schrittes die Tochter Helena zu Mir hin und sagt bittend: „Herr, du unbegreiflich großer Meister und Heiland! O verarge es meinem alten Vater nicht; denn sieh, ich kenne ihn als seine Tochter doch schon mein ganzes Leben hindurch und kann dir ein treuestes Zeugnis geben, daß er ein guter, sanfter und sehr nachgiebiger Mann ist, und ich weiß mich nie noch zu entsinnen, daß er sogar oft ein gutes Recht, das sicher auf seiner Seite war, je vor jemandes andern Recht gestellt hätte, und war das auch vielmehr irgendein Unrecht denn ein wahres Recht. Nie noch hat er darum mit jemandem gestritten oder über irgendein ihm zugefügtes Unrecht sich geärgert und gemurret! Aber die hohen Götter ließen ihn darum auch nie sinken, und des Glückes holde Göttin war ihm stets freundlichst zugetan.
GEJ|3|86|2|0|Darum wirst auch du, der du auch so ein wenig ein Gott zu sein scheinst, meinem Vater solche seine ausgesprochene Besorgnis ja auch nicht als irgend etwas deine Hoheit Beleidigendes aufnehmen! Solltest du aber dennoch so hart sein, so nimm mir mein Leben als Sühne für meinen Vater, den ich über alles liebe!“
GEJ|3|86|3|0|Sage Ich zu allen Umstehenden: „Habt ihr schon einmal ein solches Beispiel von einer Kindesliebe in ganz Israel erfahren? Wahrlich! Das ist eine Heidin zwar, aber sie beschämt ganz Israel, das doch durch Moses von Gott das Gesetz erhalten hat, Vater und Mutter zu achten, zu ehren und zu lieben!“
GEJ|3|86|4|0|Alle sagen: „Nein, Herr und Meister! So etwas ist in Israel noch nicht erhört worden!“
GEJ|3|86|5|0|Sage Ich zur Helena: „Fürchte dich nicht, Meine Tochter, denn Ich kenne deinen Vater schon gar lange und dich auch; und kennete Ich ihn und dich nicht, so wäret ihr beide in diesem bösen Meere begraben worden!“
GEJ|3|86|6|0|Sagt Helena: „Aber du überaus weiser, mächtiger und dennoch sehr freundlicher Meister! Wie kannst du meinen Vater und mich schon seit lange her kennen? Kennen wir dich ja erst seit einer Stunde kaum?“
GEJ|3|86|7|0|Sage Ich: „O Helena, da sieh hinaus, das Meer und die ganze Erde; siehe, das sind schon sehr alte Dinge, und dennoch war Ich eher denn alles das!“
GEJ|3|86|8|0|Hier erschrickt Helena und fragt Mich ehrfurchtängstlichst: „Am Ende bist du gar der höchste Zeus selbst?“
GEJ|3|86|9|0|Sage Ich: „Zarteste Taube, ängstige dein Herz nicht mit leeren Dingen! Zeus bin Ich nicht, weil es in der Wahrheit nie einen Zeus gegeben hat. Aber Ich bin die Wahrheit und das Leben; die an Mich glauben, werden den Tod in Ewigkeit nicht sehen, fühlen und schmecken! – Weißt du nun, wer und was Ich bin?“
GEJ|3|86|10|0|Sagt Helena: „So du aber allein die kalte Wahrheit bist und das reine Leben aus ihr, wie kommt es denn dann, daß ich soeben anfange, sehr viel Liebe zu dir zu empfinden?“
GEJ|3|86|11|0|Sage Ich: „Taube! Das soll dir auf dem Berge erst geoffenbaret werden! Jetzt aber gehen wir, sonst geht die Sonne eher (zuvor unter)!“
GEJ|3|86|12|0|Darauf verließen wir die wahrhaft königlichen Prachtzelte und begaben uns auf den Berg, den wir seiner unbedeutenden Höhe wegen bald erstiegen.
GEJ|3|86|13|0|Als wir auf der Höhe waren, bemerkte Cyrenius, wie herrlich und schön sich die ganze, weitgedehnte Gegend ausnehme, und daß er nun solche Herrlichkeit stundenlang betrachten könnte, ohne nur im geringsten müde zu werden. Es sei nur ewig schade, daß der Tag nunmehr gar zu kurz daure.
GEJ|3|86|14|0|Nach einer Weile kam Simon Juda zu Mir und sagte: „Herr, heute könntest Du wohl auch gleich einem Josua zur Sonne sagen: ,Stehe still, Sonne!‘, auf daß die Kinder hier länger des Abends Herrlichkeit genießen können und hoch preisen Den, der sie geschaffen hat!“
GEJ|3|86|15|0|Sagt Cyrenius: „O Simon, du alter treuer Fischer und nun Jünger unseres großen Meisters und Herrn, das war ein guter Gedanke von dir, und unserem Herrn und Meister wäre so etwas aus wohlbekannten Gründen noch um sehr vieles leichter, als es dem Josua war!“ – Darauf wandte sich auch der Cyrenius in dieser Angelegenheit zu Mir, und Jarah unterstützte solche Bitte.
GEJ|3|87|1|1|87. — Die Scheinsonne
GEJ|3|87|1|0|Ich aber sagte: „Ihr seid wohl noch sehr unerfahrene Kinder und bittet um etwas, das durchaus nicht geschehen darf in der Art, wie ihr es verstehet und meinet; denn seht, die Sonne geht ja nicht, sondern steht stets stille gegenüber der Erde! Wohl hat die Sonne auch eine große Bewegung, aber die geht die Erde ebensowenig an, als einen Staub auf eurem Rocke eure Bewegung von einem Orte zum andern angeht.
GEJ|3|87|2|0|Was aber euch gibt den Tag und die Nacht, das bewirkt der Erde sehr rasche Umdrehung um ihre eigene Achse; denn Ich habe es euch bei Gelegenheiten ja erklärt, daß die Erde eine große Kugel ist und sich vom Abende bis nach Morgen hin dreht und darum stets einen Teil nach dem andern der Sonne zukehrt. Auf der ganzen Erde ist darum stets an irgendeinem Orte Morgen, auf einem früheren Orte zu gleicher Zeit Mittag, auf einem noch weiter gen Morgen liegenden Orte zu derselben Zeit Abend und noch tiefer nach Morgen hin Mitternacht, und diese benannten vier Punkte schieben sich immer unaufhaltsam vorwärts, also, daß binnen nahe 24 Stunden auf jedem Punkte der Erde einmal Morgen, einmal Mittag, einmal Abend und einmal Mitternacht wird. Das ist eine Ordnung, an der, bei Gefahr einer völligen Vernichtung alles auf der Erde Seienden, was die Bewegung betrifft, nie ein Haarbreit geändert werden darf!
GEJ|3|87|3|0|Denn sollte Ich nun die Sonne der vollen Wahrheit nach noch eine Stunde lang über dieser Gegend leuchten lassen, so müßte Ich die ganze Erde in ihrem Umschwunge – der bei dem großen Kreise ihres Umfanges so heftig ist, daß ein paar Augenblicke schon einen Weg wie von hier bis Jerusalem zurücklegen –, natürlich augenblicklich hemmen. Dadurch aber würden alle freien Körper, die nicht zu fest mit der Erde im Verbande stehen, einen derart heftigen Stoß bekommen, daß dadurch nicht nur alle lebenden Wesen, als Menschen und Tiere, samt ihren Häusern und Hütten und Palästen stundenweit mit der größten Heftigkeit gegen Osten hin geschleudert werden würden, sondern ein solcher Stoß triebe auch die Meere aus ihren Tiefen über die Berge hin, und die Berge würden wie Sperlinge durcheinanderfliegen!
GEJ|3|87|4|0|Aus diesem euch nun bekanntgegebenen ganz natürlichen Grunde kann Ich der naturgemäßen Wahrheit nach eurer Bitte kein Gehör geben; aber Ich kann, wie zu den Zeiten Josuas, euch auf ein paar Stunden lang eine Scheinsonne hinstellen, die ebenso leuchten wird wie die echte naturwahre. Diese Sonne aber wird dann natürlich nach ein paar Stunden wieder vollkommen zunichte werden, weil sie nur eine pure Luftspiegelung sein wird.
GEJ|3|87|5|0|Darum gebet nun alle wohl acht darauf! Wenn die rechte Sonne untergehen wird, da auch wird die unechte von Westen her aufgehen und darauf volle zwei Stunden über dem Horizonte leuchtend verweilen.
GEJ|3|87|6|0|Aber auch für das Erscheinen dieser nun besprochenen Scheinsonne werden keine überirdischen, sondern ganz natürliche Mittel in Anwendung kommen, obschon dazu angeregt und konstatiert (hervorgebracht) durch außerordentliche Kräfte aus den Sphären der Himmel durch Meinen innersten Willen. – Verstehet ihr dies Gesagte nun wohl so ein wenig?“
GEJ|3|87|7|0|Sagt Cyrenius: „Ich wenigstens verstehe es vollkommen; denn ich besitze noch die wunderbare Pomeranze aus Ostracine! Herr, Du verstehest Mich!? Aber ob das gar alle hier Anwesenden verstehen werden, möchte ich fast bezweifeln!?“
GEJ|3|87|8|0|Sage Ich: „Das macht auch nichts! Wer es jetzt noch nicht völlig versteht, der wird es wohl später einmal verstehen; denn davon hängt das Heil der Menschenseelen durchaus nicht ab. Menschen, die die Erde zu gut erkennen, bekommen mit der Zeit zuviel Lust, die ganze Erde – was mit der Zeit ohnehin nicht ausbleiben wird – in allen Punkten zu durchwandern, und ziehen dadurch ihre Seelen zu sehr nach außen; diese werden dabei sehr materiell und gewinnlustig.
GEJ|3|87|9|0|Darum ist etwas weniger Kenntnis über die Natur der Materie-Erde, aber dafür mehr Kenntnis seiner selbst besser.
GEJ|3|87|10|0|Denn wer einmal sein Inneres vollends kennt, der wird auch früh genug zur Kenntnis nicht nur der ganzen Erde, sondern aller andern Weltkörper im endlosen Schöpfungsraume gelangen materiell und geistig, welch letzteres allein von Belang und der größten Wichtigkeit ist; aber die bloß äußere Kenntnis der Natur dieser Erde wird keiner Seele den Weg zur Unsterblichkeit bahnen.
GEJ|3|87|11|0|Aber nun gebet acht darauf; sogleich wird die Natursonne unter dem Horizonte sein, und die Scheinsonne wird in dem Augenblick an ihre Stelle treten!“
GEJ|3|88|1|1|88. — Der Griechen Furcht vor dem Heiland
GEJ|3|88|1|0|Nun richten alle ihre Augen nach der natürlichen Sonne, die bereits ihre halbe Scheibe hinter die Berge gesenkt hatte; aber im Augenblick des Untersinkens erhebt sich die Scheinsonne mit einem gleich starken Lichte für diese Gegend und auch noch für die nächst angrenzenden Ländereien und Gegenden. Natürlich bis zu den Sternen dringt solch ein Licht nicht; daher konnten einige der anwesenden Gäste besonders gen Morgen hin, da das Firmament etwas dunkel blieb, weil das Licht der Scheinsonne bis zu den fernen Morgengegenden nur schwach gelangen konnte, mehrere Sterne erster Größe entdecken und wunderten sich sehr darüber.
GEJ|3|88|2|0|Nun kam denn auch Ouran mit seiner Tochter Helena in tiefster Ehrfurcht zu Mir hin und sagte mit einer etwas vor lauter Ehrfurcht stotternden Stimme: „Wenn mich nicht alles trügt, was mich umgibt, und ich mir selbst keine Truggestalt bin, so bist Du ein Gott der Götter, der Geister und aller Menschen, aller Tiere, aller Lande, aller Meere, aller Seen, aller Flüsse, Bäche und Quellen, und alles dessen, was darin ist und lebt! Dir scheinen untertan zu sein auch die Winde, die Blitze und der fürchterlich rollende Donner; auch die Sonne, der Mond und alle die Sterne merken auf Deinen Willen!
GEJ|3|88|3|0|Wenn aber Du, obschon gestaltlich ein Mensch wie ich, solches alles allein durch Dein Wort und Deinen allmächtigen Willen vermagst, da frage ich denn doch alle Weisen der Welt, was Dir zu einem ersten und vollkommensten Gott der Götter noch abginge!?
GEJ|3|88|4|0|Ich, Ouran, ein kleiner Fürst aus den Gegenden des großen Pontus, erkenne Dich dafür; und kämen nun selbst Zeus und Apoll hierher und sageten ein lächerliches Nein, so würde ich sie selbst der dicksten Dummheit zeihen!
GEJ|3|88|5|0|Und nun tritt du, meine liebe Tochter Helena, näher und sieh an den Gott der Götter, – sieh an, was noch nie früher jemals eines Sterblichen Auge geschauet hat!
GEJ|3|88|6|0|Siehe, bei uns Griechen und auch bei andern Völkern ist einem höchsten, unbekannten Gott ein heiligster Tempel erbaut, der aber nie geöffnet wird! Man nannte zuweilen diesen unbekannten Gott auch das nie erforschliche Fatum (Schicksal), vor dem sogar der große Zeus nach unserer Lehre bebt wie das Espenlaub im Sturme.
GEJ|3|88|7|0|Und sieh, dieser furchtbare Gott steht nun vor uns und gebot eben zuvor dem Apoll, mit dem Sonnenwagen innezuhalten nach dem Wunsche jenes ehrwürdigen, greisen Römers, der wahrscheinlich auch so ein kleiner Fürst irgendeiner glücklichen Provinz ist!
GEJ|3|88|8|0|Und siehe, Tochter, Apollo rührt sich nicht weiter, bis er nicht den geheimen Wink erhalten wird von dem höchsten, unbekannten Gott, den bloß die Diener des Tempels zu Jerusalem näher kennen sollen, – was aber auch ganz gut sehr unwahr sein kann; denn so sie Diesen nicht als den allein Wahren erkennen, so sind sie auf dem schändlichsten Holzwege von der Welt!“
GEJ|3|88|9|0|Sagt die schöne Helena: „Sie werden wohl vielleicht etwas Näheres kennen von Ihm, aber sicher nur in symbolischen Bildern; daß sie aber diesen Wundermann ganz gewiß nicht für das halten, für was du Ihn hältst, und was Er auch aller Wahrscheinlichkeit nach zu sein scheint, dafür wollte ich viel auf ein Spiel setzen! Nur das einzige begreife ich noch nicht so ganz recht, daß mein Herz stets mehr und mehr von wahrer, ernster Liebe zu Ihm erfüllt wird; und doch soll jeder Mensch einen Gott nur fürchten, verehren und Ihm Opfer darbringen!
GEJ|3|88|10|0|Du weißt, wie strenge unser Priester, der dem Apollo zu dienen hatte, mir die Liebe zu einem Gotte untersagt hat; denn solche Liebe sei fürs erste zu unheilig für einen ersten Gott wie Apoll, und fürs zweite würde man, so sie sehr gesteigert würde und im Ernste einen ersten Gott anzöge, alsbald die allerstrafendste Eifersucht der Göttinnen erwecken und dann unfehlbar das herbe Los einer Europa, Dido, Daphne, Eurydike und Proserpina an den Hals für ewig bekommen –, und das wäre ja etwas höchst Erschreckliches.
GEJ|3|88|11|0|Ich habe es nach der wahrhaft weisen Lehre unseres Apollopriesters in meinem Gemüte – wie dir bekannt – dahin gebracht, daß ich mich vor einer möglichen Erscheinung eines auch des allerschönsten Gottes um nichts weniger entsetzt haben dürfte als vor dem erschrecklichsten Haupte einer Medusa, Gorgo oder Megära!
GEJ|3|88|12|0|Von einer Liebe zu einem Gott konnte also bei solchen Umständen keine Rede mehr sein! Und sieh, ich gestehe es dir offen, daß ich trotz alles meines innersten Kampfes und trotz der allerfurchtbarsten Vorstellungen, die ich mir wegen der erwachten Liebe zu einem Gott in einem fort ins Gedächtnis rufe, diesen Gott dennoch stets mehr und mehr liebe! Ja, ich möchte aus Liebe zu Ihm in den bittersten Tod gehen, so Er mich dafür nur eines freundlichen Blickes würdigen würde!
GEJ|3|88|13|0|O Himmel der Himmel! Wie unaussprechlich liebenswürdig ist Er trotz Seines Ernstes! Oh, da haben die Götter nicht gut getan, daß sie uns Menschen sie zu lieben verboten haben!“
GEJ|3|88|14|0|Sagt Ouran: „Ja, meine Tochter! Die Götter sind höchst weise und wissen, was sie den Menschen zu gewähren haben! Wir müssen durch unser Leben auf dieser Erde uns erst so rein machen, daß an unserer Seele kein Makel mehr zu finden ist auch durch das schärfste Gericht der drei unerbittlichsten Richter Äakus, Minos und Rhadamanthys; sind wir von diesen als völlig rein erklärt vor den Ohren und Augen aller Götter, dann erst wird uns im ewigen Elysium als größte aller Seligkeiten gestattet sein, die hohen Götter wenigstens ganz geheim lieben zu dürfen!
GEJ|3|88|15|0|Aber hier auf der Welt im unlautern Fleische mußt du dich ja über alles hüten, gar in diesen allerhöchsten und allerersten Gott dich etwa gar zu verlieben! Denn das wäre wohl das Erschrecklichste des Allererschrecklichsten! Fühlst du wirklich schon eine Art Liebe zu Ihm, so wird es geraten sein, uns so schnell als nur immer möglich von diesem Orte zu entfernen!“
GEJ|3|88|16|0|Sagt Helena: „Das wird aber mir sehr wenig mehr nützen; denn ich habe Ihn schon zu sehr in meinem Herzen und kann Ihn nicht mehr hinausbringen! Sieh aber du nur jenes noch sehr zarte Mägdlein an, das scheint Ihn auch sehr stark zu lieben, und doch geschieht ihm dem Ansehen nach nichts Arges!“
GEJ|3|88|17|0|Sagt Ouran: „Liebe, weißt du denn, ob das nicht irgendeine Göttin ist? Nicht so sehr Ihn, aber um desto mehr sie hättest du dann zu fürchten! Wer weiß es denn, ob sie nicht wenigstens eine zehnfache Juno ist?!“
GEJ|3|88|18|0|Sagt Helena, ganz trübsinnig und mit Tränen im Auge: „Ja, ja, du könntest da wohl sehr recht haben! Oh, wie glücklich sind doch die Götter und unglücklich dagegen die Menschen! Ein Herz, das nicht lieben darf, ist wohl das Unglücklichste, was ein Mensch in der Welt nur immer unglücklich nennen kann! Ärgert mich mein Auge, so kann man es blenden; ärgert mich eine Hand, so kann ich sie mir abhauen lassen, desgleichen einen Fuß, und ärgert mich meine ganze zarte und weiße Haut, so kann ich sie mit Ruten züchtigen lassen und dann beschmieren mit Kot; aber was kann man mit dem Herzen tun, so es mich gar sehr zu ärgern beginnt? Hat man einen Druck im Magen, so hat dafür Äskulap den Saft der Aloe zu nehmen geraten, und es werde dann bald besser mit dem Magen; aber gegen den Druck im Herzen hat er meines Wissens kein Mittel angeraten!
GEJ|3|88|19|0|Aber nun fällt mir etwas ein: Siehe, dieser Gott ist ja auch ein Heiland aller Heilande! So wir Ihn darum bäten, so würde Er mir vielleicht wohl helfen?! Denn Er half uns ja, als wir Ihn darum unmöglich bitten konnten, da wir Ihn nie gekannt haben; so dürfte Er mir ja nun auch helfen, da wir Ihn kennen und Ihn darum bitten und sicher bereit sind, Ihm jedes verlangte Opfer zu bringen!?“
GEJ|3|88|20|0|Sagt Ouran: „Siehe, das war ein guter Einfall von dir, und er wird uns vielleicht auch gute Früchte tragen! Aber da uns der höchste Gott Selbst den weisen Mathael zugeteilt hat zu unserer Belehrung, so können wir uns nur durch ihn an den Gott wenden! Mathael selbst aber scheint auch so zum wenigsten ein sehr mächtiger Halb-Hauptgott zu sein, gleichwie jener Jüngling, den ich, weißt du Helena, zwar geheim, aber dennoch unfehlbar für den Gott Merkur halte.“
GEJ|3|88|21|0|Sagt die Helena: „Ja, ja, ja, das wird ganz so recht sein, und der Junge ist Merkur! Aber, mir fällt nun wieder etwas ein! Am Ende sind wir auf der Erde schon gestorben, haben das scharfe Gericht wohl bestanden, haben Lethe [Strom der Unterwelt. Wer daraus trank, vergaß die Vergangenheit.] getrunken und dadurch die Erinnerung verloren, daß wir auf der Erde gelebt haben und vielleicht erst vor kurzem gestorben sind?! Wir sind vielleicht schon im Elysium, aber die Götter wollen uns solches nicht gleich offenbaren und lassen durch allerlei Umstände uns solches selbst erkennen!?
GEJ|3|88|22|0|Sieh du nur die unbeschreibliche Herrlichkeit dieser Gegend an! Kann, frage ich, das Elysium wohl noch herrlicher sein?! Eine Sonne geht unter, und eine andere geht an derselben Stelle auf, und auch die Sterne fehlen dem herrlichen ewigen Morgen nicht! Wenn das, Vater, – da wäre meine Liebe dann wohl kein Arges mehr!“
GEJ|3|88|23|0|Sagt Ouran: „Kind! Diese deine Bemerkung hat sehr viel für sich, obschon ich sie gerade noch nicht gleich als eine volle Wahrheit unterschreiben möchte! Kurz, der Mathael ist uns nicht umsonst beigegeben worden, der wird uns schon den rechten Aufschluß geben!
GEJ|3|88|24|0|Sind wir schon im Elysium, so sind wir darin Neulinge und kennen uns in dieser neuen Welt noch lange nicht aus; aber der Führer Mathael wird uns beide schon zurechtbringen! Jetzt sieht es hier allerdings sehr elysäisch aus; doch früher, während der gänzlichen Sonnenverfinsterung, hat es eben nicht sehr elysäisch ausgesehen, sondern eher ein wenig orkisch. [Orkus ist das Totenreich in der griechischen Sage.] Aber jetzt, ja; doch, wie ich es vernommen habe, wird diese elysäische Herrlichkeit nur kaum zwei Stunden mehr andauern, – und dann, man kann's zwar nicht wissen, dürfte es hier vielleicht wieder sehr gemein tellurisch [Wie auf der Erde.] aussehen!? Aber kurz, wir haben ja den Mathael, – der wird uns schon in allem den richtigsten und möglich wahrsten Bescheid darüber geben! Aber rede du, Helena, ihn an; denn ich habe noch nicht so den rechten Mut dazu! Euch Weibern gelingt das immer besser als uns Männern!
GEJ|3|88|25|0|Er ist zwar nun sehr in ein Gespräch mit dem alten Fürsten vertieft, und der Gott spricht auch mit einem römischen Hauptmann! Wie gesagt, ich habe den Mut für diesen Augenblick nicht, und man könnte mir es am Ende doch etwas übelnehmen; aber du bist ein weibliches Wesen, man wird dir irgendeine kleine Zudringlichkeit gar nicht für ein Übel nehmen, – daher versuche nun zuerst nur du dein Glück!“
GEJ|3|88|26|0|Sagt die Helena: „Wird mir nun wohl auch etwas ängstlich zumute, und ich weiß es nicht, wie ich die Sache so recht klug anstellen soll; aber laß mir jetzt nur ein wenig Zeit, es wird sich dann diese Sache etwa wohl geben!“
GEJ|3|88|27|0|Sagt Ouran: „,Eile mit Weile!‘ ist ein alter Orakelspruch von Dodona, dessen Erfinder der weise Plotin gewesen sein soll, der noch vor Homer gelebt habe; darum magst du dir schon überall ein wenig Zeit lassen!
GEJ|3|88|28|0|Was immer ein Mensch tut, das solle er klug anstellen und dabei stets denken, welche Folgen daraus entstehen können; man vermeide darum jeden voreiligen Schritt, und man wird leicht einer Fallgrube ausweichen! Langsam, aber darum sicher an ein Werk gehen ist stets besser, als mit mutiger Hast über einen tiefen Graben springen, dessen Breite man vorher zu wenig bemessen hatte und darum in den Abgrund stürzt! Oh, der alte Ouran ist in seiner Art auch klug und weise und hat bisher noch keinen Schritt zu bereuen gehabt; vielleicht werden ihn die guten Genien auch in der Folge davor bewahren!“
GEJ|3|89|1|1|89. — Mathaels Teilnahme und Aufklärung
GEJ|3|89|1|0|Nach diesem heidnisch klugen Zwiegespräch verstummen beide, Ouran und Helena, und warten den Mut ab, der da wenigstens die Helena beseelen solle für die beabsichtigte Anrede an den Mathael ums Vorwort bei Mir; aber je länger beide warten, desto mehr Bedenklichkeiten tauchen in ihren Gemütern auf, und diese vermindern den kommen sollenden Mut, anstatt ihn zu beleben und zu kräftigen. Beide betrachten zwar des Abends Herrlichkeit, aber stets mit einiger Furcht; denn das etwas fabelhafte Licht der Scheinsonne, der fremde wenig kultivierte Ort, die außerordentlichen Taten und Meine Gegenwart lassen der beiden Gemüter zu keiner solchen Ruhe gelangen, in der sie so ganz gemach des Abends Ruhe hätten genießen können.
GEJ|3|89|2|0|Als Mathael solches gar bald merkt, tritt er zum Ouran hin und sagt: „Freund, du bist nicht heiter, und deine schönste Tochter sieht etwas leidend aus! Sage es mir, ob euch irgend etwas fehlt!“
GEJ|3|89|3|0|Sagt Ouran ganz geheim zur Helena: „Er hat uns schon! Nun nur klug, recht, wahr und gerecht, sonst machen wir noch gar leicht einen schrecklichen Gang nach dem Orte, den Zerberus bewacht und der unerbittliche Pluto beherrscht! Rede wenig und langsam, überdenke wohl ein jedes Wort, sonst ist's gefehlt um uns!“
GEJ|3|89|4|0|Hier klopft Mathael dem sehr furchtsam gewordenen Ouran auf die Schulter und sagt: „Aber Freund, warum schweigst du denn? Hast doch ehedem recht mutig mit mir reden können!? Was ist dir denn nun auf einmal durch die Sinne gefahren?“
GEJ|3|89|5|0|Sagt nach einer ganz zitternden Weile Ouran: „Ah – ah – ahahah – das war ein mörderischer Schlag! Es – fehlt – mir, – gerade herausgesagt, zwar nichts, aber ich und diese – meine Tochter, wie uns erst jetzt ein Licht aufgegangen ist, sind als sterbliche Elende zu euch unsterblichen Göttern gelangt, und wie es scheint in den wahrhaftigsten Olymp, als einem Hauptwohnort der ewigen, unsterblichen Götter!
GEJ|3|89|6|0|Es geht hier schon zu unmenschlich wunderbar zu! Die zu große Heiligkeit dieses Ortes erfüllt uns mit Angst und Schrecken, und das darum um so mehr, da sich meiner Tochter Herz gar mit Liebe zu dem großen Gott aller Götter, wie sie es sagt und klagt, zu füllen anfängt.
GEJ|3|89|7|0|Nach unseren griechischen Göttergesetzen ist eine solche Liebe eines der schwersten Verbrechen gegen die unbegrenzte Heiligkeit der Götter, besonders gegen den unbekannten allerhöchsten Gott aller Götter! Meine arme Tochter aber kann sich nun solcher schrecklichen Liebe nimmer erwehren! Sie will nicht, und ihr Herz sagt ein unerbittliches: ,Du mußt!‘
GEJ|3|89|8|0|Die aufrichtige Arme vertraute mir solches, und ich habe darum den Entschluß gefaßt, durch dich den großen Gott zu bitten, daß Er allergnädigst das Herz meiner armen Tochter von solch einer Liebe befreien möchte; denn es rührt solche Liebe ja nicht von ihrem Willen, sondern sicher allein von fremden, uns total unbekannten Umständen her! Möchtest du, als sicher auch ein erster Halbgott, uns solche Gnade erweisen? Möchtest du den großen Gott um die Heilung des krank gewordenen Herzens meiner Tochter bitten und mir zugleich ein Opfer für solche Gnade gebieten?“
GEJ|3|89|9|0|Das bringt unsern Mathael zum ersten Male seit seiner Genesung zu einem wohlwollend mitleidigen Lächeln, und er sagt darauf zum Ouran: „Du bist zwar ein echter und dabei möglichst reiner Heide! Du suchest in der halben Welt Wahrheit und ein rechtes Licht; und findest du es, so erkennst du es vor lauter heidnischer Dummheit nicht!
GEJ|3|89|10|0|Ich sage es dir, daß ich dich sehr bemitleide und deine Kurzsichtigkeit recht von Herzen bedaure; aber ich hoffe, daß es mit deiner alten Narrheit hier bald ein Ende nehmen wird!
GEJ|3|89|11|0|Sieh, was deine Tochter als Liebe zu unserem großen, heiligen Meister in ihrem Herzen fühlt, ist ja eben das einzige und wahre Lebenszeichen des eigenen göttlichen Geistesfünkleins in ihrer Seele! Wird dies Fünklein zur Flamme in ihrer Brust, dann erst wird sie die vollste Nichtigkeit eures alten Vielgöttertums völlig erkennen, aber auch die einzig wahre, ewige Göttlichkeit Dessen, der nun dies Fünklein in ihrem sonst reinsten Herzen angefacht und belebt hat.
GEJ|3|89|12|0|Ich sage es dir: Die Liebe ist ja das einzige Band, durch das Gott Seine Geschöpfe zu Kindern an Sein allmächtiges Vaterherz ziehet und sie am Ende denselben gleichstellet, – und du, alter blinder Heide, bittest nun um die Befreiung von jener höchsten göttlichen Gnade, die euch Gott Selbst in Seiner großen Erbarmung hier zur Erweckung des innern Lebens in eure Herzen gießet!?
GEJ|3|89|13|0|Laß ab von deiner alten Dummheit und werde ein Mensch, dem es möglich wird, das ewige Leben in sich selbst und aus der ihm von Gott dazu verliehenen Kraft zu erwerben, sich und Gott wahrhaft zu erkennen und dadurch erst in die wahre, ewige Glückseligkeit einzugehen!“
GEJ|3|90|1|1|90. — Entstehung und Erklärung der griechischen Götternamen
GEJ|3|90|1|0|(Mathael:) „Damit du aber erfahrest, woher deine Götter stammen, und wie sie an und für sich gar nichts sind, so sage ich es dir im Namen des Herrn, der hier unter uns weilet, daß sie nun nichts als leere für euch gar nichts sagende Namen sind; früher aber waren sie bezeichnende Ausdrücke von den Eigenschaften des einen, allein wahren Gottes, dessen Geist nun in aller Fülle in diesem nun vor euch stehenden Meister waltet.
GEJ|3|90|2|0|,Ceus‘ ist jene Bezeichnung, welche zu den Zeiten der Urpatriarchen stets vor einem gegebenen Gesetze stand, das immer von dem in die Gemüter der Väter einfließenden Geiste Gottes herrührte und soviel besagte als: ,Der Vater will es!‘ Denn durch Ce, auch Ze, war der Begriff des festen, unwandelbaren Willens, und durch us, besser uoz oder uoza, der Begriff des stets schaffenden und alles regierenden Vaters im Himmel dargestellt.
GEJ|3|90|3|0|Ebenso war der Begriff ,Jupiter‘, besser Je u pitar, das, wodurch die alten Väter den Kindern ein entsprechendes Gefäß zur Aufnahme der Liebe und Weisheit aus Gott darstellten; denn Je u pitar heißt dann soviel als: Das U, welches Zeichen die Linie der Außenseite eines offenen Herzens darstellte, ist das wahre Lebenstrinkgefäß; denn pit heißt trinken, pitaz ist ein Trinker, und pitar, auch pitara, ein heiliges Trinkgefäß, und pitza, auch piutza, ein gemeines Trinkgeschirr.
GEJ|3|90|4|0|Wie aber also euer Ceuz oder Jeupitar nichts anderes für euch ist als ein leerer Name, weil euch die Kenntnis der Bedeutung dieser Urbezeichnungsbegriffe fremd geworden ist, ebenso und oft eigentlich noch nichtssagender und somit noch mehr nichtsseiender sind die leeren Namen aller eurer andern Götter und Göttinnen.
GEJ|3|90|5|0|Zum Beispiel eure Venuz oder Avrodite (Venus oder Aphrodite), die bei euch eine Göttin der weiblichen Schönheit ist, besagte nach den sehr bezeichnenden Begriffen der alten Väter wohl eine sehr schöne Weibsperson, aber eben nicht zu ihrem geistigen Vorteile; denn auch die Alten hat schon die Erfahrung gelehrt, daß ein sehr schönes Weib mit seltener Ausnahme gewöhnlich dumm ist und keinen Reichtum an Wissenschaft in sich birgt, weil es eitel ist und stets mit der Bewunderung der eigenen Schönheit sich beschäftigt und darum wenig Zeit findet, sich andere nützliche Kenntnisse zu erwerben. Darum nannten die Altväter eine solche weibliche Schönheit eine wahre Ve nuz, auch Ve niz, was soviel besagt als: ,Die weiß nichts!‘ oder: ,Sie kennt nichts!‘
GEJ|3|90|6|0|Eben nahe dasselbe besagte denn auch der Ausdruck a v rodite. Stand irgend O V rodite, so bezeichnete das soviel als: die reine, göttliche Weisheit gebären, und slou rodit: die menschliche Weisheit gebären; a v rodit aber heißt: die irdische Dummheit gebären, und Avrodite bezeichnete dann soviel als irgendein schönes geputztes Weib, das stets eine Gebärerin der Dummheit ist, weil es zumeist selbst dumm ist.
GEJ|3|90|7|0|Unter V stellten die Alten stets das Zeichen eines Aufnahmegefäßes dar. Stand nun ein heiliges O vor dem V, welches O als Nachbildung des Sonnenrundes und entsprechend denn auch Gott in Seinem Urlichte darstellend bezeichnete, so stand das V zur Aufnahme des Weisheitslichtes nach dem Gott bezeichnenden O; stand aber ein A, durch das die Alten alles rein und eitel Irdische bezeichneten, vor dem V, so stellte dies Gefäßzeichen die Aufnahme der nichtigen, irdischen Dummheit dar. Rodit aber heißt: gebären, und A V rodit nichts anderes als: die Dummheit gebären.
GEJ|3|90|8|0|Sage, ob dir über das eigentliche Wesen deiner Götter nun nicht anfängt, so ein wenig dämmerig zu werden!“
GEJ|3|90|9|0|Das Gesicht des Ouran und der Helena fängt nun an, sich sehr aufzuheitern, und es ist nun der Helena nimmer bange um ihre Liebe zu Mir.
GEJ|3|90|10|0|Ouran aber sagt darauf zum Mathael: „Freund! Deine Weisheit ist groß! Denn was du nun an mir mit wenig Worten ausgerichtet hast, das hätten alle Schulen Ägyptens, Griechenlands und Persiens in hundert Jahren nimmer zustande gebracht! Du hast mir nun mit einem Zuge alle Götter Ägyptens, Griechenlands und Persiens rein hinausgewischt bis auf den einen, unbekannten Gott, den ich aber, wie es mir nun stets klarer wird, hier gefunden habe und hoffentlich noch stets mehr und mehr finden werde. Kurz, du bist mir nun ein Mann, der mit keinem Golde zu bezahlen ist! Fürs erste danke ich dir als Mensch und Freund aus meinem ganzen Herzen – alles andere wird nachfolgen.“ – Auch die Helena dankt dem Mathael für solch eine weise Belehrung.
GEJ|3|91|1|1|91. — Mathael als Mauerbrecher der Heidentempel
GEJ|3|91|1|0|Mathael aber geht darauf wieder zu Mir und fragt Mich, ob er mit seiner freiwilligen Erklärung der Namen der heidnischen Götter wohl recht getan habe, – ob solches nicht etwa zu früh geschehen ist.
GEJ|3|91|2|0|Sage Ich: „O mitnichten! Solches ist dir sehr gelungen der vollsten Wahrheit gemäß, und du hast nun wirklich dadurch mit wenig Worten mehr geleistet zum Auslöschen des finstern Heidentums, als so mancher weise Lehrer in vielen Jahren! Denn wer da einen Menschen verständig und weise ziehen will, der muß zuvor alle seine alte Dummheit aus ihm schaffen. Ist der Mensch dadurch ein zwar nun noch leeres, aber dadurch reines Gefäß geworden, dann hat man ein leichtes, solch ein gut brauchbares Gefäß mit allerlei Weisheit aus den Himmeln anzufüllen; das wird nun auch bei den zweien der Fall werden.
GEJ|3|91|3|0|Ich sage es dir, aus diesen zweien werden nun leichtlich in aller Kürze zwei Menschen werden, über die Mein Herz mehr Freude haben wird als über zehntausend Juden, die sich nach Moses für sehr gerecht halten, dabei aber als Menschen Meinem Herzen fremder sind als jene, die erst nach tausend Jahren auf die Erde geboren werden.
GEJ|3|91|4|0|Und weiter sage Ich dir: Wenn du dir auf der Erde je ein Weib nehmen solltest, so solle es die Helena sein! Aber es sei ferne von Mir, daß Ich dich dadurch dazu bemüßigen möchte, sondern das wird dir dein eigenes Herz verkünden, und dem wirst du dann auch folgen.
GEJ|3|91|5|0|Gehe nun aber wieder hin und sei freundlich; der Alte, der sonst ein kenntnisreicher Mann ist, sowie auch dessen wahrlich zum Verwundern doppelt schöne Tochter, wird von dir nun noch so manche Erklärungen über die Namen des Altertums verlangen. Du bist nun ein Grundweiser, und es wird dir ein leichtes sein, den beiden auf jede Frage die schlagendste Antwort zu geben.
GEJ|3|91|6|0|Zugleich wird solche deine Unterredung auch auf die Römer einen guten Eindruck machen, und es werden dadurch die ersten Mauerbrechwerkzeuge an die vielen heidnischen Tempel gelegt werden; und es werden darauf, wenn auch noch immer mit manchen Anstrengungen, in etlichen Dezennien (Jahrzehnten) größere Effekte unter dem Heidentume zustande gebracht werden, als solches sonst kaum erst in einem Jahrtausend könnte bezweckt werden.
GEJ|3|91|7|0|In der Nacht bleibt es stets eine schwere Sache, vom Lichte zu predigen; hat man aber einmal den Tag gewonnen, dann ist ohnehin nahe jede Lehre vom Lichte des Tages von selbst entbehrlich; denn der Tag gibt dann schon das Licht von selbst. Der Alte aber wird dir mit sehr gewichtigen Fragen kommen, und dir sei es darum gegeben, auch mit sehr gewichtigen Antworten entgegenzukommen. Gehe nun denn in Meinem Namen hin und mache deine Sache gut!
GEJ|3|91|8|0|Wir alle werden einen ganz aufmerksamen Teil an deinen Verhandlungen nehmen; daß dich aber auch die Fernstehenden verstehen werden, dafür soll schon von Mir gesorgt sein!
GEJ|3|91|9|0|Ich werde die Scheinsonne nun noch ein paar Stunden leuchten lassen, was viele Menschen aus der Stadt ins Freie ziehen wird, teils aus Verwunderung und teils aus Angst über solch ein Nimmerendenwollen des Tages. Aber in der Kürze dieser Zeit wirst du mit den beiden viel ausgerichtet haben.
GEJ|3|91|10|0|Nachdem Ich aber die Scheinsonne werde ausgelöscht haben, werden wir dann alle hier auf der Höhe ein gutes Abendmahl nehmen, bei dem dann noch gar manches wird verhandelt und besprochen werden. Nun weißt du für diesen Augenblick alles, was nun zu tun von Nutzen ist; das Weitere wird die spätere Zeit geben!“
GEJ|3|91|11|0|Mathael dankt Mir für diesen Auftrag – und so ganz geheim auch für den Antrag der schönen Helena, die ihn schon beim ersten Anblick in seinem Herzen sehr überrascht hatte, so daß er sich heimlich im Herzen selbst zuflüsterte: ,Bei allen Himmeln, – solch eine weiblich schönste Gestalt ist in ganz Israel noch nie gesehen worden!‘
GEJ|3|91|12|0|Es hatten aber auch alle Römer, selbst Cyrenius nicht ausgenommen, ihre Augen auf die schöne Griechin geworfen, und es kostete sie eine rechte Mühe, irgendwoanders hinzuschauen denn nur auf die schöne Helena, deren Leib wie aus einem reinsten Lichtäther geformt zu sein schien und darum nun fast mehr Anziehung hatte als die ganze wunderbare Scheinsonne.
GEJ|3|91|13|0|Mathael nahm sich denn hier auch besonders zusammen; doch was er so ganz geheim fühlte, das merkte außer Mir wohl niemand.
GEJ|3|92|1|1|92. — Wie sich die Schönheit der Gottes- und der Weltkinder unterscheidet
GEJ|3|92|1|0|Er (Mathael) ging darum sehr ernsten Schrittes zum Ouran und zu der schönsten Helena hin und fragte beide, ob sie nun wohl schon so recht reiflich über seine ihnen gegebenen Erklärungen nachgedacht hätten.
GEJ|3|92|2|0|Darauf sagt die Helena gar freundlichen Angesichtes: „Aber sieh, man sagt, daß ich auch ein schönes Mädchen sei, ja man nannte mich schon oft eine zweite Venus; meinst du, daß dieser Name auch für mich ein nach deiner Erklärung bezeichnender ist? Sag' es mir, du lieber, weiser Freund!“
GEJ|3|92|3|0|Diese Frage machte unsern Mathael anfangs ein wenig verlegen, weil er darin gleich auf den ersten Blick eine kleine Beleidigung des Herzens Helenas entdeckte; aber er faßte sich bald und sagte: „Liebste Schwester in Gott! Was ich dir sagte, das gilt nur von den Kindern der Welt; die wahren Kinder Gottes aber können noch so schön sein auch dem Außen nach, so sind sie aber dennoch weise in ihren Herzen.
GEJ|3|92|4|0|Bei diesen ist die äußere Schönheit nur Aushängeschild von ihrer inneren geistigen Schönheit; aber bei den Kindern der Welt ist sie eine trügerische Tünche der Gräber, die dann, wenn sie übertüncht werden, recht schön und einladend aussehen, aber von innen sind sie voll Moders und Ekelgeruches.
GEJ|3|92|5|0|Du aber suchest Gott, – darum bist du auch ein Gotteskind. Die Kinder der Welt aber suchen nur die Welt und sind darum auch deren Kinder. Sie fliehen das Göttliche und suchen nur die Ehre und das Ansehen der Welt.
GEJ|3|92|6|0|Wenn sie die Welt groß, herrlich und schön nennen, so ist ihre Glückseligkeit auch schon beisammen; so man aber anfinge, über göttliche Dinge mit ihnen zu reden, da wissen sie nichts, und damit sie ihre Schande verbergen, umhüllen sie sich mit allerlei Flitter der Welt, mit Hoffart und mit Hochmut und verfolgen mit Zorn, Haß und Hohn alle Weisheit, die aus Gott in die Herzen der Gotteskinder gegossen wird.
GEJ|3|92|7|0|Es ist darum ein großer Unterschied zwischen der Schönheit der Kinder Gottes und der Kinder der Welt. Die erste ist, wie gesagt, ein Aushängeschild der inneren Seelenschönheit, und die zweite ist eine Tünche des Grabes, und diese stellt die Venuz dar, – aber nicht die deine, die du Gott suchst und Ihn auch bereits gefunden hast; daher hast du meine frühere Venus-Erklärung auch durchaus nicht auf dich zu beziehen. – Hast du mich nun wohl verstanden?“
GEJ|3|92|8|0|Sagt die Helena: „O ja, aber daß ich ein Gotteskind wäre, das kommt mir wohl als etwas sehr Gewagtes vor! Wir sind wohl alle sicher Geschöpfe eines und desselben Gottes; aber von der sicher endlosesten Erhabenheit der wahren Gotteskinder kann ja doch bei uns keine Rede sein, die wir als grobe und schwerfällige Materiemenschen doch ersichtlich mit allerlei Schwächen und daraus hervorgehenden zahllosen Unvollkommenheiten behaftet sind! Da wirst du, liebster und sonst weisester Freund, dich wohl ein wenig zu hoch verstiegen haben!“
GEJ|3|92|9|0|Sagt Mathael: „Oh, mitnichten; denn siehe, das, was ich dir gesagt habe, habe ich von dem großen Einen! Was aber Er mich gelehret, ist und bleibt ewige Wahrheit!
GEJ|3|92|10|0|Siehe, du habest eine Taube, die da wohl fliegen kann; damit sie dir aber nicht in einem fort davonfliege und schön zahm und traulich werde, so stutzest du ihr die Flügel. Da kann die Taube dann nicht mehr auf- und davonfliegen nach ihrem Flattersinne, sondern muß dir bleiben und sich von dir zähmen lassen.
GEJ|3|92|11|0|Sage, ob die Taube in der flügelgestutzten Zeit weniger Taube ist denn zuvor, da ihr die Flügel noch nicht gestutzt waren! Werden der lieben Taube die Flügel etwa nicht wieder in kurzer Zeit wachsen? Ja, in kurzer Zeit wird die Taube ihre Flügel wiederhaben und so gut wie zuvor fliegen können; aber sie wird gezähmt sein und gerne bei dir bleiben. Und wird sie auch von Zeit zu Zeit einen Ausflug machen, so wirst du sie nur zu rufen brauchen, und sie wird dich in hoher Luft hören und zu dir ihren Schnellflug nehmen und sich von dir liebkosen lassen.
GEJ|3|92|12|0|Wohl haben auch die Kinder Gottes auf dieser Welt so manche Schwächen, die sie sehr daran hindern, sich zu Gott, ihrem Vater, zu erheben; allein, diese Schwächen hat der heilige Vater den Kindern für die Lebensdauer in dieser Welt nur darum zukommen lassen, als (darum) du deine Taube auch flugschwach gemacht hast.
GEJ|3|92|13|0|Die Kinder sollen aber eben in solcher ihrer Schwäche ihren Vater erkennen, sie sollen sanftmütig und demütig werden und den Vater um die rechte Kräftigung und Stärkung bitten; und Er wird ihnen dann diese schon geben, wenn es für sie an der rechten Zeit sein wird.
GEJ|3|92|14|0|Aber wegen (trotz) der Schwächen, die auch den Kindern Gottes innewohnen, sind sie nicht minder Seine Kinder, als die Taube darum gleichfort eine Taube ist und bleibt, wenn ihr auch auf eine kurze Zeit die Flügel gestutzt werden der Zähmung wegen. – Verstehst du, holdeste Helena, nun dieses?“
GEJ|3|93|1|1|93. — Zweierlei Liebe zum Herrn
GEJ|3|93|1|0|Sagt die Helena: „Ja, ja, mit einigem Grauen zwar wohl noch immer, aber es fängt mir die Sache an heller zu werden, und ich hoffe, daß ich es mit der Zeit noch immer heller einsehen werde. Aber sage uns, du lieber Freund, wie denn das nun kommt, daß ich deinen großen Einen nun noch immer stärker liebe, aber mein Herz ist frei vom Schmerze!? Denn seit ich durch dich es gründlich weiß, daß solche Liebe kein Laster, sondern nur eine über alles nötige Tugend eines jeden Menschen Gott gegenüber ist, verursacht mir die nun viel stärkere Liebe durchaus keinen Schmerz im Herzen mehr, und alle Beklommenheit meiner Brust ist wie weggehaucht! O sage es mir, worin so etwas doch den Grund haben kann!“
GEJ|3|93|2|0|Sagt Mathael: „Aber Liebste, das liegt ja doch offen am Tage! Früher hattest du eine verzehrende Furcht, weil dein Herz einen Gott mit Liebe umfaßte, was nach eurer törichten Götterlehre im höchsten Grade als verdammlich dargestellt wird. Nun aber hast du handgreiflich eure alte Torheit einsehen gelernt und hast an der Quelle den Willen Gottes erkannt und siehst nun, daß solche Liebe eine erste und größte Tugend eines jeden Menschen sein muß; und so ist es ja doch leicht begreiflich, warum dir deine Liebe keine Schmerzen mehr verursacht in deinem Herzen, sondern notwendig nur das blankste Gegenteil! – Verstehst du solches denn nicht von dir selbst?“
GEJ|3|93|3|0|Sagt Helena: „O ja, jetzt verstehe ich es wohl; aber ohne diese deine Erklärung wäre mir die Sache noch lange nicht völlig klar geworden! Ah, jetzt bin ich in der Ordnung!“
GEJ|3|93|4|0|Sagt Mathael: „Nun, so du in der Ordnung bist, da wirst du denn auch nicht gar vieles mehr zu erfahren vonnöten haben; das gerechte Wachstum der Liebe in deinem Herzen wird dir das Abgängige geben. Jetzt aber genieße auch das Herrliche dieses Tages, den der Herr aus Seiner endlosen Liebe, Weisheit und Macht uns über das Maß hinaus schenkt; denn es werden später nach uns wieder Tausende von eitlen Jahren vergehen, und die Menschen werden nimmer schauen die Herrlichkeit eines solchen Tages!“
GEJ|3|93|5|0|Sagt Ouran: „Da hast du, edler Freund, wohl wahr gesprochen; am Abende eine solche Tagesverlängerung ist über die Maßen wunderbar und im höchsten Grade denkwürdig! Am Morgen würde so etwas weniger auffallen, indem es besonders in den Pontusgegenden von Menschen schon zu öfteren Malen bemerkt worden ist, daß da nicht selten eine, zwei bis drei Sonnen nacheinander vor der rechten Sonne aufgegangen sind und dadurch eine bedeutende Verfrühung des Morgens bewerkstelligt haben. Es war solch eine Morgenerscheinung auch sehr interessant und merkwürdig, aber doch bei weitem nicht in diesem hohen Grade als nun die Abendtagesverlängerung durch das am Firmamente Stehenbleiben einer der natürlichen ganz gleichsehenden und -leuchtenden Sonne. Ja, ja, so etwas ist meines Wissens noch nie erlebt worden und dürfte auch schwerlich je wieder erlebt werden!
GEJ|3|93|6|0|Aber das eigentlich Merkwürdigste bei dieser Erscheinung sind dennoch die sichtbaren Sterne im Osten; und doch scheint diese gewisserart göttlich künstliche Sonne um nichts schwächer denn die natürliche. Sage mir, du lieber Freund, sind das im Ernste die natürlichen Sterne, oder sind das etwa auch nur Scheinsterne!? Es wäre die Zeit freilich schon lange da, in der die Sterne das Firmament einnehmen; aber warum allein nur im Osten, und warum nicht am ganzen Firmamente?“
GEJ|3|93|7|0|Sagt Mathael: „Freund! Das ist eigentlich heute einmal berührt worden, aber du wirst es überhört haben, und so will ich es dir, so gut ich es verstehe, wohl erläutern.“
GEJ|3|94|1|1|94. — Mathael spricht über die Bewegung der Sterne
GEJ|3|94|1|0|(Mathael:) „Siehe, diese gegenwärtig am Himmel leuchtende Sonne ist in der geraden Linie von uns kaum so weit entfernt, wie weit ein guter Reiter in einem halben Tage käme; die wirkliche Sonne aber steht in gerader Linie von der Erde so weit ab, daß, so es möglich wäre, ein guter Reiter, so er ohne Rast Tag und Nacht fortritte, die überaus lang gedehnte Linie kaum in zehntausend Jahren zu Ende brächte. Wie weit reichen da die Strahlen der natürlichen Sonne und welch einen unmeßbaren Raum erfüllen sie, und wie kurz sind dagegen die Strahlen dieser Scheinsonne! Sie reichen bis gen Osten nur mehr ganz schwach hin, was man auch aus der größeren Dunkelheit des Ostens recht gut abnehmen kann, und es ist darum dort die Luft nicht so glühhelle durchleuchtet als bei der natürlichen Sonne. Das glühhelle Durchleuchten der diese Erde weithin umgebenden Luft aber macht es eben, daß wir am Tage nie einen Stern sehen können.
GEJ|3|94|2|0|Wäre das Licht der Sonne nicht gar so stark, so würden wir auch am Tage wenigstens die großen Sterne sehen; aber zufolge des zu starken und zu unmeßbar weit ausgegossenen Sonnenlichtes ist das Sehen selbst der größten Sterne am Tage nicht möglich. – Verstehst du das so ein wenig?“
GEJ|3|94|3|0|Sagt Ouran: „Jawohl, ich verstehe das wohl nun so halb und halb, aber vom Ganzverstehen kann bei mir noch hübsch lange keine Rede sein; denn bei den Sternen und bei ihren Bewegungen habe ich mich stets von jeher am wenigsten ausgekannt. So kann ich das nie so recht übereinanderbringen, wie das geschieht, daß bald nach dem Untergange der Sonne über das ganze Firmament eine Menge bekannter Sterne zum Vorschein kommen. Aber nachher kommen von Osten immer noch mehrere zum Vorschein, und die schon dagewesenen gehen im Westen dafür wieder unter; dabei aber bleiben einige dennoch winters und sommers gleichfort mit kleiner Veränderung ihres ersten Standpunktes am Firmament. Besonders ist das mit den Sternen der Fall, die den nördlichen Himmel schmücken; aber dafür sind die schönen Sterne des mittäglichen Himmels sehr veränderlich, und man erblickt zu jeder Jahreszeit andere. Darunter gibt es noch gewisse Wandelsterne, die den sonst wohlbekannten und sich gleichbleibenden Sternbildern nie getreu verbleiben, sondern ganz so mir und dir nichts von einem festen Sternbilde zum andern wandern.
GEJ|3|94|4|0|Also scheint auch der Mond bei seinem Auf- und Untergange keine Ordnung zu haben; bald geht er stark nördlich und bald wieder stark südlich auf. Nun, Freund, so du sicher etwas mehr verstehst denn ich und meine Tochter, so erläutere uns diese Himmelsrätsel!“
GEJ|3|94|5|0|Sagt Mathael: „Weißt du, um dir das alles so recht wohl begreiflich zu machen, wäre die Zeit hier wohl etwas zu kurz, und du hättest offenbar nicht die Geduld, mich bis ans Ende zu vernehmen. Darum verlegen wir solches auf eine gelegenere Zeit; aber etwas weniges kann ich dir zu deiner Beruhigung immerhin kundgeben, und so wolle du mich recht aufmerksam anhören!
GEJ|3|94|6|0|Siehe, nicht die Sterne, die Sonne und der Mond gehen auf und unter, sondern nur die Erde, die kein Kreis der Fläche nach, sondern nur eine sehr große Kugel von mehreren tausend Stunden Umfanges ist, dreht sich nach unserem Sanduhrenzeitmaße in ungefähr 25 Stunden um ihre Mittelachse, wie solches der Herr Selbst ehedem erklärt hat. Durch diese Drehung wird alles das bewirkt, um was du mich ehedem gefragt hast. Da hast du nun ganz kurz die Erklärung beisammen.
GEJ|3|94|7|0|Sterne, die du stets als feststehende Bilder ersiehst, stehen nach der Erläuterung des Herrn Selbst und nach meiner höchst eigenen, mir verliehenen Anschauung als selbst Sonnen so endlos weit von der Erde entfernt, daß wir weder von ihrer Größe noch von ihrer Entfernung und ebensowenig von ihrer Bewegung irgend etwas merken können. Nur viele Jahrtausende können bei den Feststernen irgendeine Veränderung erkennen lassen; aber etliche hundert Jahre geben da keinen Unterschied in der Stellung der Feststerne.
GEJ|3|94|8|0|Jene Sterne aber, die stets ihren Stand verändern, stehen viel näher dieser Erde, sind auch nur kleinere Weltkörper als eine Sonne, bewegen sich um unsere Sonne und können darum ihre Bewegung gar wohl merken lassen. Darin besteht nun das Wesentlichste; alles andere sollst du bei einer nächsten Gelegenheit von mir erfahren! – Bist du damit zufrieden?“
GEJ|3|94|9|0|Sagt Ouran: „Zufrieden wohl allerdings, aber nur bin ich schon so ziemlich ein alter Baum geworden, der sicher recht schwer zu beugen ist, und darauf mußt du stets ein wenig Rücksicht nehmen.
GEJ|3|94|10|0|Siehe, man hatte von der frühesten Kindheit an bis zu meinem nun wohl schon ziemlich greisen Alter sich so recht ehrlich und gewissenhaft in die alten Dummheiten hineingelebt und fand, da man nie von etwas Besserem gehört, darin manchmal ganz denkwürdige Bestätigungen dessen, was man geglaubt hatte; hier aber tritt alles so ganz neu auf, und alles Alte muß rein über Bord ins Meer der vollsten Nichtigkeit geworfen werden, – und das geht denn doch etwas schwer bei mir.
GEJ|3|94|11|0|Wenn ich denn hier nun in was immer eine ganz neue, früher nie geahnte Lehre bekomme, so kostet es mich denn doch stets eine gewisse Anstrengung, bis mir das Nichtige des Alten und die Wahrheit des Neuen völlig klar wird; du mußt daher besonders mit mir schon eine kleine Geduld haben. Nach und nach werde ich dir noch einen ganz leidlichen Jünger abgeben trotz meines schon sehr vorgerückten Alters.
GEJ|3|94|12|0|Mit meiner Tochter wirst du dafür schon eine viel geringere Mühe haben; denn dies Mädchen hat eine leichte Auffassungsgabe. Aber es wird sich mit mir schon auch noch machen, nur natürlich etwas langsameren Schrittes; ich werde wohl keinen Hirsch mehr einholen, aber so mit einem ganz bescheidenen Ochsen werde auch ich noch so ziemlich gleichen Schritt halten.
GEJ|3|94|13|0|Ja, die Sterne, die Sterne, lieber Freund, die Sterne, die Sonne und der höchst unbeständige Mond! Das sind ganz sonderliche Dinge, und dazu unsere Erde auch; wer sich da einmal so recht auskennen würde, der stünde wohl in einem höchsten Grade der menschlichen Weisheit! Aber bis man da alle die undurchdringlichen Geheimnisse und Verdecktheiten ans offene Tageslicht bringen wird, besonders unsereiner, o Freund, da wird der gute Mond noch oft über den Horizont herauf weiligen Zuges zu steigen haben! Ich fühle, daß das, was ich von dir nun vernommen habe, vollkommene Wahrheiten sind; aber sie liegen noch so vereinzelt und bandlos in meinem Kopfe herum wie die ersten Bausteine zu einem werden sollenden neuen, großen Palaste. Jeder Stein für sich ist fest und gut, also eine kernfeste Wahrheit; aber wie diese ersten Grundbausteine später von dem Baumeister zum Grunde des Palastes verbunden werden, das, Freund, ist bei mir noch in einem sehr weiten Felde, und ich meine, daß dies für dich selbst kein leichtes Stück Arbeit abgeben wird!“
GEJ|3|95|1|1|95. —  Über die Erziehungsweise im alten Ägypten
GEJ|3|95|1|0|Sagt Mathael recht aufgeräumten Gemütes, da ihn des Alten recht triftige Bemerkung sehr angesprochen hatte: „Liebster Freund Ouran! Du hast nun als Mensch aus deiner Außennaturseite wahrlich so weise und so wahr als möglich gesprochen, und es verhält sich mit dem Begreifen neuer, vorher nie dagewesener Wahrheiten genau also, wie du dich darüber ausgesprochen hast. Aber dagegen muß ich dir folgende Gegenbemerkungen machen: Sieh, in Ägypten, und zwar in dieses Reiches alten Schulen, war in Hinsicht der Erziehung jener Kinder, die dem Priesterstande angehörten, eine höchst eigentümliche Erziehungsweise, die im Grunde gar nicht schlecht war.
GEJ|3|95|2|0|Die neugeborenen Kinder wurden sogleich in unterirdische, sehr geräumige Gemächer gebracht, in die nie das Tageslicht dringen konnte. Sie wurden da gut gepflegt und erblickten kein anderes Licht als das künstliche irgendeiner wohlkonstruierten Naphthalampe, worin die alten Ägypter bekannt unnachahmlich große Meister waren. In solchen unterirdischen Gemächern mußte dann der Mensch bis in sein zwanzigstes Jahr verweilen und bekam darin den Unterricht von der schönen Ober- oder eigentlichen Außenwelt, die er aber noch nie zu Gesichte bekommen hatte.
GEJ|3|95|3|0|Er machte sich in seiner Phantasie Bilder davon, so gut es nur immer gehen konnte; aber von der weiten Ausdehnung der Gegenden, vom Großlichte, in einem unermeßlich tiefen und freien Raume sich befindend, nämlich von der Sonne, vom Mond und von den zahllos vielen Sternen, sowie von der Stärke des Lichtes und dessen Wärme konnte er sich doch unmöglich irgendeinen wahren Begriff machen.
GEJ|3|95|4|0|So ein ganz gemütlicher Jünger der unterirdischen dunklen Schulgemächer hatte sonach auch nur lauter Bruchstücke von Wahrheiten über die Oberwelt und deren Verhältnisse in seinem Gehirne, aber er konnte sie bei all seinem Fleiße und bei all seiner Aufmerksamkeit dennoch nicht, wie man zu sagen pflegt, unter ein Dach bringen.
GEJ|3|95|5|0|Das waren denn alsonach auch lauter einzelne kernfeste und wahrheitsvolle Bausteine, deren Zusammenfügung zu einem großen Palastgebäude noch sehr bedeutend auf sich warten ließ und natürlich in den unterirdischen Gemächern rein unmöglich war.
GEJ|3|95|6|0|Wenn aber dann ein solcher Unterweltsjünger nach der Beurteilung seiner Lehrer den erforderlichen Grad der Bildung erreicht hatte, da ward ihm bedeutet, daß er nun durch die Gnade Gottes bald und unversehens auf die lichtvolle Oberwelt gelangen werde, in deren Lichte er in einem Augenblick mehr erfahren und lernen werde als in der dunklen Unterwelt in gar vielen Stunden.
GEJ|3|95|7|0|Darauf freute sich der Unterweltsjünger natürlich gar sehr, obschon er eigentlich vorher noch auf eine ganz eigentümliche Art werde sterben müssen. Das Sterben bestand in einem recht tiefen Schlafe, währenddem man den Jünger dann in einen herrlichen Palast der Oberwelt brachte.
GEJ|3|95|8|0|Welche Augen voll Staunens machte dann solch ein Jünger, wenn er zum ersten Male aus seinem Schlafe erwachte und sich im göttlichen Lichte der Sonne befand! Wie kam er sich selbst vor in weißen Kleidern, die mit roten und blauen Streifen verbrämt waren! Wie mußten ihm die freundlichen, ebenfalls schön gekleideten Menschen beiderlei Geschlechtes vorkommen! Wie schmeckten ihm die gut bereiteten neuen Speisen! Was aber mußte seine Seele erst empfinden, wenn er von den freundlichsten Menschen hinaus ins Freie kam, da die herrlichen Gärten durchwandelte und deren ambrosische Düfte einatmete, wenn er zum ersten Male die ganze Natur vor seinen über alle menschlichen Begriffe wonnetrunkenen Augen in konkreter Fülle, von der Sonne erleuchtet, vor sich sah!
GEJ|3|95|9|0|Sieh, aus diesem Bilde, das du dir in deiner Phantasie noch selber weiter ausmalen kannst, ersiehst du dein eigenes gegenwärtiges Begriffsverhältnis in bezug auf alle die neuen Wahrheiten, die dir hier offenbart wurden!
GEJ|3|95|10|0|Was du jetzt noch in den dunklen Gemächern, in denen sich nun noch deine Seele befindet, vernimmst, sind freilich nur Bruchstücke und können kein Ganzes und in sich schon Vollendetes, sein; aber wenn dein Geist durch die wahre Liebe zu Gott dem Herrn, und aus dieser Liebe auch durch die Liebe zum Nächsten, in deiner Seele erweckt sein wird, dann wirst du in deines Geistes hellstem Lebenslichte alles das im vollsten Zusammenhange schauen und dort ein unermeßliches Lichtmeer voll der höchsten Wahrheit erschauen, wo du jetzt kaum einzelne Tröpfchen zu erschauen imstande bist.
GEJ|3|95|11|0|Unsere erste und vorzüglichste Arbeit wird daher diese sein, den Geist in der Seele frei zu machen und die Seele in sein Licht zu bringen; haben wir das erreicht, Freund, dann werden wir nicht mehr Tröpfchen zu sammeln vonnöten haben, sondern da werden wir es gleich mit den unermeßlichen Meeren voll des höchsten Weisheitslichtes aus Gott zu tun bekommen.
GEJ|3|95|12|0|Dann, Freund, wirst du mich sicher nicht mehr um die Verhältnisse des Mondes, unserer Erde, der Sonne und all der Sterne fragen; denn das alles wird dir von selbst auf einen Blick klarer werden als die Sonne am hellsten Mittage.
GEJ|3|95|13|0|Aber es wird dann für uns eine andere Schule beginnen, von der du jetzt freilich noch keine Ahnung haben kannst. – Sage, Freund, ob du dieses Bild nun so ein wenig begriffen hast! Wie hat es dir gefallen?“
GEJ|3|96|1|1|96. — Helenas Erwägungen über die Weisheit der Menschen
GEJ|3|96|1|0|Sagt Ouran: „Weißt du, liebster Freund, gefallen hat mir das alles sehr und überaus gut, und es muß mit uns Menschen also sein und geschehen; und wäre es nicht also, und müßte es anders geschehen, so wärest du nicht zu deiner Weisheit gekommen!
GEJ|3|96|2|0|Du bist sicher auch zuvor sehr in der finstern Unterwelt deines Fleisches erzogen worden, bist dann auch in deiner Seele für dein Fleisch abgestorben und bist nun in den Lichtpalast deines Geistes und in dessen wahrhaft elysäische Gärten lustwandeln gegangen. Bei dir sind die früher einzelnen Tröpflein zu einem Meere geworden; aber bei mir ist das sicher noch lange nicht zu gewärtigen. Und ich verstehe daher den Sinn jeder deiner einzelnen Reden, aber der große Zusammenhang wird mir auch erst dann werden, wenn meine Seele die finsteren Katakomben des Fleisches verlassen wird und wird eingeführt werden in den Lichtpalast ihres Geistes und in dessen Gärten, dessen ambrosisch duftende Früchte im Lichte und in der Wärme der ewigen Lebenssonne reifen.
GEJ|3|96|3|0|Sieh, eine gewisse süße Ahnung fange ich wohl an in mir zu fühlen, wie es sein kann und sicher auch werden wird; aber für das liebe Wann gibt es da keine bestimmte Frist, und man hat auch nicht einmal ein Wahrzeichen in sich, durch das man erführe nur etliche Tage vorher, wann die arme Seele aus den finsteren Katakomben geführt wird!
GEJ|3|96|4|0|Aber was kann da ein Mensch machen? Nichts, als sich in aller Geduld dem Willen jenes allmächtigen Führers ergeben, der auch deine Seele, ohne es deinem Fleische vorher angezeigt zu haben, aufgeweckt hat im Lichtpalaste deines mächtigen Geistes.
GEJ|3|96|5|0|Aber jetzt möchte ich auch von meiner Helena vernehmen, wie etwa ihr dein Bild gefallen, und was sie alles darüber in sich für Reflexionen (Erwägungen) gemacht hat!“
GEJ|3|96|6|0|Sagt gleich die Helena: „Oh, die besten von der Welt! Das Bild war herrlich und sehr treffend, und wenn die alten Ägypter solche Erziehungsanstalten hatten, da waren sie sicher keine dummen Leute, wie ihnen in dieser Hinsicht ihre großartigsten Werke ein sehr sprechendes Zeugnis geben. Aber nur wäre es sehr zu wünschen gewesen, daß sie dergleichen weise Schulen weiter fürs ganze Volk ausgedehnt hätten; denn ich kann es mir nicht einbilden, daß es im Plane des großen, weisesten Schöpfers liegen kann, daß ein Teil der Menschheit, und zwar der größte, zeitlebens dumm und total blind bleiben solle. Aber es ist in der Welt einmal also, auf einen Weisen kommen stets mehr als zehntausend Dumme und Blinde; es ist allenthalben also. Warum es aber also sein muß, das ist natürlich eine andere und sicher sehr schwer zu beantwortende Frage.
GEJ|3|96|7|0|Wir sind unser nun in allem sicher bei vierhundert Menschen auf diesem breitköpfigen Hügel versammelt, aber es werden darunter kaum fünfzig recht Weise sein; alle andern dürften mehr oder weniger kaum Jünger der Weisheit sein! Die römischen Soldaten und des Oberstatthalters zahlreiche Dienerschaft werden nicht einmal zu der selbst allerletzten Jüngerschaft zu zählen sein!
GEJ|3|96|8|0|Von hier aus sieht man recht gut bis zur nahen Stadt hin, und das Auge entdeckt Massen von Menschen, die nach der stets auf einem und demselben Flecke weilenden und prachtvollst leuchtenden Scheinsonne hinstarren und sicher nicht wissen, was sie aus solch einer Erscheinung machen sollen. Unter diesen Massen von Menschen ist sicher nicht ein Weiser, obschon sich vielleicht so mancher unter ihnen einbildet, es zu sein, was eigentlich schlechter ist, als so er sich in der rechten Demut seines Herzens einbildete, daß er unter allen seinen Gefährten der Allerdümmste sei. Wie muß solchen Menschen solch eine ungewöhnliche Erscheinung vorkommen!? Wie werden die sich nun kreuz und quer durchfragen und sagen: ,Was ist das?! Was bedeutet das?! Was wird das für Folgen haben?!‘
GEJ|3|96|9|0|Wer aber wird ihnen auf alle diese Fragen antworten? Dumm und blind kamen sie heraus aus ihren Häusern, und noch dümmer und blinder werden sie in dieselben zurückkehren! Muß das also sein, müssen jene Massen denn im Ernste dumm und blind verbleiben?!
GEJ|3|96|10|0|Die hier anwesenden Menschen, wenn auch gerade keine Jünger, haben wenigstens eine Wissenschaft (das Wissen), daß dies nicht die wirkliche, sondern nur eine durch die ihnen schon bekannte Macht des großen Meisters hervorgerufene Scheinsonne ist, und machen zu solch einer Erscheinung, wie Figura (der Augenschein) zeigt, ganz fröhliche und heitere Gesichter. Sie verstehen die Erscheinung zwar auch sowenig wie ich; aber sie wissen, daß sie eine Folge der wunderbaren Willensmacht des ihnen bekannten großen Meisters ist. Und wenn Er diese große Leuchte etwa nach einer Stunde auslöschen wird, so wird sich da niemand etwas daraus machen; denn es wird ein jeder wissen, wer diese Leuchte ausgelöscht hat.
GEJ|3|96|11|0|Aber wenn die andern Menschen, die von hier nichts wissen, diese Sonne etwa nach einer Stunde werden plötzlich erlöschen sehen auf dem Flecke, wo sie nun steht, da wird sie großer Schrecken, Furcht und eine verzweifelnde Angst ergreifen, und alle werden ganz bestimmt des Glaubens werden, daß sich die Götter im höchsten Grade erzürnt haben und die Erde auf das Furchtbarste heimsuchen werden!
GEJ|3|96|12|0|Es wäre demnach sogar nötig zur Beruhigung der Menschen, daß von hier Boten ausgesendet würden, die den aufgeregten Gemütern in aller Kürze verkündigten, was da geschehen werde, und daß dies nur eine Scheinsonne ist. – Was meinst denn du, guter, lieber Freund?“
GEJ|3|97|1|1|97. — Über die rechte Zeit und Wirkung der Volksbelehrung
GEJ|3|97|1|0|Sagt Mathael: „O Liebeste! Das wäre nun sehr zur Unzeit; später darauf ja, aber jetzt als im Moment der höchsten Aufregung wäre solch ein Unternehmen gerade das in der seelischen Lebenssphäre, als so man in ein siedend heißes Öl kaltes Wasser gösse. Da ginge dir alles in lichterlohe Flammen über!
GEJ|3|97|2|0|Aber in etlichen Tagen nach dieser Erscheinung werden die Menschen in dieser ganzen, weiten Umgegend für etwas Höheres aufzunehmen ganz gut zu brauchen sein; natürlich auch nicht alle, aber der größere Teil sicher.
GEJ|3|97|3|0|Am meisten wird die Erscheinung die jüdischen Priester hart mitnehmen. Fürs erste hat sie die heute stattgehabte totale, natürliche Sonnenfinsternis sehr mitgenommen; denn diese Menschen nehmen alles materiell und haben von einem inwendigen, geistigen Sinne um so weniger irgendeine Ahnung, da sie nicht einmal mehr die entsprechende Bildersprache verstehen, in der ein Moses und noch eine Menge anderer Seher und Weiser geschrieben haben zu ihren Zeiten.
GEJ|3|97|4|0|Es steht nämlich in einem Propheten, der Daniel hieß, eine Rede von einem gewissen Greuel der Verwüstung, und es wird da von der Verfinsterung der Sonne und von noch einer Menge anderer Schrecknisse gesprochen, was alles nur einen tiefgeistigen Sinn hat.
GEJ|3|97|5|0|Da aber, wie schon früher bemerkt, eben die jüdischen Priester in dieser Zeit ganz materiell geworden sind und deshalb die Schrift auch nur ganz materiell auffassen, so setzt sie jede Sonnenfinsternis in einen mehr als panischen Schrecken wegen des vermeinten Unterganges der Materiewelt. Während der alte Weise dadurch nur den sehr erwünschten Untergang der sittlichen Materiewelt im Menschenherzen anzeigt, meinen sie den Untergang der stofflichen Materiewelt und haben darum stets eine ganz entsetzliche Furcht, wenn da eine Sonnenfinsternis zum Vorschein kommt!
GEJ|3|97|6|0|Wenn denn nun nach einer kleinen Stunde diese Sonne so hübsch geschwinde erlöschen wird, so wird sie eine große Angst befallen; denn den Mond werden sie heute auch nicht zu sehen bekommen, da er schon untergegangen ist. Die große Angst aber wird in ihren Augen eine Erscheinung in der Art bewirken, wie solches bei den Vollsäufern der Fall ist, da sie die Sterne zufolge ihres Gehirnschwindels durcheinanderfahren sehen. Diese Erscheinung wird sie auf den Gedanken bringen, daß eben die Sterne vom Himmel, nach der Weissagung, auf die Erde fallen werden, und der Tag des Schreckens wird für die vielen blinden Dummköpfe wie geschaffen dasein. Du wirst es bis hierher vernehmen, wie beim plötzlichen Erlöschen dieser unserer Scheinsonne die Massen vor jener Stadt gar gräßlich werden zu heulen beginnen, aber es schadet ihnen solches nicht im geringsten, denn sie werden dadurch weicher und sanfter und für die reine Wahrheit empfänglicher gemacht.
GEJ|3|97|7|0|Der morgige reine Tag wird sie schon wieder zu einer ruhigeren Besinnung bringen, und es wird sich da vieles mit ihnen machen lassen! Denn morgen werden sie scharenweise heraus ans Meer kommen und sehen, ob etwa das Meerwasser nicht zu Blut geworden ist, und bei dieser Gelegenheit wird sich mit vielen gar manches gescheite Wort reden lassen.
GEJ|3|97|8|0|Und unser heiliger Herr und Meister hat namentlich diese Erscheinung hauptsächlich dieser eben nicht im besten Lichte stehenden Stadt wegen werden lassen! Was Er tut, hat allzeit einen endlos vielseitigen, guten Zweck, nur was die Menschen ohne Ihn tun, taugt für nichts und ist zu nichts nütze.“
GEJ|3|98|1|1|98. — Ourans Gedanken beim Bewußtsein der Gegenwart des Herrn
GEJ|3|98|1|0|Nach diesen Worten Mathaels sagt Ouran: „Ich muß es dir, du mein nun stets achtbarerer Freund, aber auch offen gestehen, daß mich bei dem Gedanken an das plötzliche Erlöschen dieser Sonne selbst eine Art Furcht anwandelt; denn ich ersehe dabei die gänzliche Ohnmacht eines Menschen gegen die unbegrenzte Allmacht Dessen, der zwar in unserer Mitte weilt, aber im Grunde des Grundes dennoch zu heilig und endlos erhaben ist, als daß sich unsereiner, der Seine Wesenheit einmal kennt, Ihm nahen könnte! Oder daß ich mit Ihm also wie mit dir oder wie mit einem andern Menschen in einem so recht vertrauten Tone zu reden mich getraute!
GEJ|3|98|2|0|Es ist ein ganz sonderbarer Gedanke und geht einem durch Mark und Bein: Er ist alles in allem, und wir alle sind vollkommen nichts gegen Ihn!
GEJ|3|98|3|0|Freilich tröstet unsereinen das wieder, daß Er in Sich Selbst die höchste und reinste Liebe ist und darum mit uns armseligen, sterblichen Menschen die größte Geduld, Nachsicht und Erbarmung hat.
GEJ|3|98|4|0|Aber Gott ist Er einmal und für ewig unveränderlich und vollkommen unsterblich, und die ganze Unendlichkeit in ihrem Sein hängt wie ein Tautropfen an einer losen Grasspitze an Seinem Willen; ein leisester entgegengesetzter Hauch Seines Mundes könnte die ganze Unendlichkeit also vernichten, wie da ein nur ganz leiser Hauch den sehr lockern Tautropfen von der Spitze des Grashalmes herabweht.
GEJ|3|98|5|0|Weißt du, wenn man solche Dinge mit nüchternem Gemüte so ganz ruhig bei sich überlegt, so kann man sich dieses Gedankens unmöglich entschlagen: Es ist und bleibt ein gewisses Etwas in der sichtbaren Nähe des Allmächtigen, das man einerseits wohl die höchste Seligkeit nennen könnte; andererseits aber möchte man doch lieber so hübsch weit von Ihm abstehen. Ihn aus einer gewissen Ferne anbeten, wäre ein großer Genuß für Seele und Geist und würde den ganzen Menschen gewiß sehr erbauen, aber hier in der Nähe kann man das doch nur so mehr geheim in seinem Herzen tun.
GEJ|3|98|6|0|Also möchte ich nun auch reden mit Ihm. Es giert mich ganz gewaltig danach, aber man kann ob Seiner zu unendlichen Geistesgröße den Mut dazu nicht fassen, obschon Er dem Außen nach einem ganz anspruchslosen und vollauf gemütlichen Menschen gleichsieht! Der gewisse, rein göttlich allmächtige Typus aber bleibt Ihm dennoch, und man sieht es Ihm an Seinen Augen auf ein Haar an und auf Seiner Stirn, daß sich Himmel und Erde unter Seinem Willen beugen müssen, aus Seinen Augen gehen förmliche Lichtstrahlen, und Seine Stirne gebietet in einem dem, das nie war, zu sein.
GEJ|3|98|7|0|Ja, Freund, das ist ein zermalmender Anblick, den Schöpfer der Welten und Himmel in der Person eines schlichten und völlig anspruchslosen Menschen vor sich zu sehen! Wahrlich, da ist von irgendeinem Scherze gar keine Rede mehr! Aber, es ist nun einmal also, und dem Herrn allein alles Lob, daß es nun also ist, denn ohne Ihn würden wir bei den heutigen Tagesumständen ganz verzweifelt schlecht daran sein!“
GEJ|3|98|8|0|Sagt Mathael: „Das sicher, ich und du ganz besonders; denn mich hätten die Bösen erwürgt, und dich hätte die Sonnenfinsternis verzehrt! Aber nun geben wir acht; denn von nun an wird es mit der Scheinsonne nicht gar zu lange mehr dauern, und es wird beim plötzlichen Erlöschen dieser ganz seltenen Sonne Spektakel absetzen!“
GEJ|3|98|9|0|Darauf wird nun alles still und sieht nach der Scheinsonne.
GEJ|3|99|1|1|99. — Das Erlöschen der Scheinsonne und dessen Wirkung
GEJ|3|99|1|0|Einige Augenblicke vor dem Erlöschen sage Ich laut zu allen: „Machet euch gefaßt aufs Erlöschen, und du aber, Markus, zünde nun zuvor alle Öllampen und Pechfackeln an, sonst würde die auf dies starke Licht plötzlich erfolgende starke Finsternis eure Augen schädlich und schmerzhaft berühren!“
GEJ|3|99|2|0|Markus und seine Diener zünden nun eiligst die Lichter aller Gattung an, und Cyrenius und Julius befehlen den Soldaten, Reisig anzuzünden, und als alles im gehörigen Brande steht, sage Ich laut: „Erlösche, du Scheinlicht der Luft, und euch dabei tätigen Geistern werde Ruhe!“
GEJ|3|99|3|0|Nach solch Meinem Rufe erlosch die Scheinsonne plötzlich, eine überstarke Finsternis bedeckte im Augenblick die ganze Gegend, und man vernahm deutlich das große Angstgeheul aus der ziemlich nahe gelegenen Stadt.
GEJ|3|99|4|0|Die Menschen sahen wohl die vielen Lichter auf dem Berge, darauf wir uns ganz gemütlich befanden, aber keiner aus den Tausenden faßte den Mut, auch nur einen Fuß weiterzusetzen; denn die Juden sahen in ihrer großen Angst schon im Ernste die Sterne vom Himmel fallen und mehrere auf unserem Berge liegen; die Heiden aber meinten, Pluto habe durch seine Furien dem Apollo, der sich vielleicht in irgendeine weibliche Schönheit verschaut hatte, die Sonne geraubt, und es werde nun einen abermaligen Götterkrieg auf der Erde absetzen.
GEJ|3|99|5|0|Ein Götterkrieg aber war nach der Mythe (Sage) der Heiden eben auch keine wünschenswerte Erscheinung auf der Erde, weil der einst schon stattgehabte gar so fürchterlich ausgesehen habe, in dem die riesenhaften Unterweltsgötter gegen den Olymp nur gleich ganze brennende Berge mit großer Kraft geschleudert haben, wogegen es Zeus natürlich an einer gehörigen Gegendotation (Gegengabe) von zahllosen Blitzen und bergegroßen Hagelschloßen nicht habe fehlen lassen und die bösen Mächte der Unterwelt dadurch besiegt habe.
GEJ|3|99|6|0|Da von der Stadt aus die Scheinsonne gerade dem Scheine nach über dem Berge, auf dem wir uns befanden, stehend zu sehen war, nach dem Erlöschen aber der Berg vor lauter Lichtern und Wachtfeuern zu glühen schien, so meinten die Heiden, daß die Sonne von den Furien gerade in diesen Berg versteckt worden sei und die Fürsten der Unterwelt nun da Wachen aufgestellt haben mit brennenden Orkusfackeln, und wehe dem, der sich nahen würde diesem Berge, der nach allen Seiten wirklich mehrere unterschiedlich tiefgehende Höhlen und Grotten hatte, an deren einer eben des Markus Behausung angebaut war, und die, wie bekannt, dem Markus als ein sehr geräumiger Keller und als sonstige Aufbewahrungskammer diente.
GEJ|3|99|7|0|So gingen die Juden aus Furcht, von den auf den Berg niederfallenden Sternen erschlagen oder verbrannt zu werden, und die Heiden aus Furcht vor den Furien nicht zu dem Berge und zogen sich, als ihre Augen sich an die Finsternis mehr gewöhnt hatten, nach und nach in ihre Wohnungen zurück. Einige schliefen bald ein, andere aber blieben die ganze Nacht wach unter Furcht und Angst vor der Erwartung der schrecklichen Dinge, die nun nach der Prophezeiung Daniels über den Erdkreis kommen sollten; und die Heiden warteten auf die ersten Blitze und Donnerkeile des Zeus und auf den furchtbaren Weltenlärm, den Apollo gegen den Räuber Pluto beginnen werde.
GEJ|3|99|8|0|Kurz, es war in der ganzen, bedeutenden Stadt eine Verwirrung, die dem einstigen großen Babylon (bei der Sprachenverwirrung) keine Schande gemacht hätte. Aber bei uns auf dem Berge ging es dafür ganz gemütlich her; denn wir ließen uns das gut bereitete Abendmahl auf den Berg bringen. Raphael besorgte in einem Momente, daß alle die Speisetische auf den Berg zu stehen kamen und danebst auch die Speisen, ohne irgendeine große Mühe des Markus und seiner Familie, die zuvor mit der Bereitung der Speisen genügend zu tun hatten. Auch die römischen Soldaten bekamen genügend zu essen und wurden darob bald recht vergnügt.
GEJ|3|100|1|1|100. — Des Menschen hohe Abkunft und Berufung
GEJ|3|100|1|0|Als wir das Abendmahl eingenommen hatten, kam Ouran, der auch auf der Höhe genachtmahlt hatte, zu Mir hin und sagte: „Herr, für dessen Größe und Erhabenheit die sterbliche Zunge keinen Namen kennt, der Deiner würdig wäre, wie soll ich, ein elender Wurm des Staubes, Dir danken für die ewig unschätzbaren Güter, die mir Deine göttliche Gnade hier beschert hat, und wie soll ich Dich, Du ewig Erhabenster, loben, preisen und ehren!?
GEJ|3|100|2|0|O Herr, was sind wir Sterblichen denn, daß Du unser also achtest?! Was können wir denn tun, um Dir wohlgefällig zu werden?“
GEJ|3|100|3|0|Sage Ich: „Geh, Freund, und mache nun kein so gewaltiges Aufsehen! Denn sieh, du bist, was du bist, ein Mensch mit einem zwar wohl sterblichen Leib, in dem aber dennoch eine unsterbliche Seele mit einem noch unsterblicheren Geist aus Gott wohnt; und Ich bin auch ein Mensch, in dem ebenfalls eine göttlich unsterbliche Seele und der Geist Gottes wohnt in Seiner Fülle, so weit, als es für diese Erde notwendig ist, und das ist der Vater im Himmel, dessen Sohn Ich bin und dessen Kinder auch ihr seid.
GEJ|3|100|4|0|Aber ihr alle waret blind und seid es noch in vieler Beziehung; aber Ich kam sehend in die Welt, um euch allen den Vater zu zeigen und euch Mir gleich sehend zu machen.
GEJ|3|100|5|0|Ich habe die Fülle des Lebens vom Vater überkommen und kann jedermann, der das Leben will, auch das Leben geben; denn es hat der Vater Mich also schon vor der Welt verordnet, daß in Mir alle Fülle des Lebens wohne und durch Mich alle Menschen leben sollen. Und dieser Verordnete bin Ich Meiner Seele nach; dem Geiste nach aber bin Ich eins mit Dem, der Mich verordnet hat.
GEJ|3|100|6|0|Sieh, Ich bin sonach der Weg, die Wahrheit und das Leben! Die an Mich glauben, werden den Tod nicht sehen, noch fühlen und schmecken, und könnten sie auch mehr als einmal dem Leibe nach sterben; die aber an Mich nicht glauben werden, die werden sterben, und hätten sie auch ein tausendfaches Leben!
GEJ|3|100|7|0|Denn ein jeder Mensch hat einen Leib, und der muß einmal sterben – das wird auch diesem Meinem Leibe nicht ausbleiben; aber die Seele wird mit der Ablegung des Leibes nur freier, heller und lebendiger, und vollends eines mit Dem, der sie vor aller Welt verordnet hatte zum Heile aller, die an den Sohn des Menschen glauben werden und halten Seine Gebote.
GEJ|3|100|8|0|Daher denke du ordentlich, und halte die leichten Gebote, die dir werden kundgegeben werden, dann brauchst du Weiteres nicht mehr; denn Ich bin nicht ausgegangen, um von den Menschen Ruhm und Ehre zu nehmen! Es ist genug, daß Mich der Eine lobet, der über alle ist im Himmel und auf Erden; so Mich aber jemand schon ehren, loben und preisen will, der liebe Mich in der Tat durch Werke und halte Meine Gebote, und sein Lohn im Himmel wird dereinst groß sein.
GEJ|3|100|9|0|Sei du daher nun nur ganz heiter, überschätze Mich (nicht), und unterschätze dich selbst nicht zu sehr, dann wirst du ganz auf dem rechten Wege wandeln und wirst dich und Mich erst nach und nach vollkommener kennenlernen.
GEJ|3|100|10|0|Für jetzt halte dich aber nur hauptsächlich an den Mathael, der wird dich samt deiner Tochter am ehesten recht weit auf dem rechten Wege vorwärtsbringen! Hast du und deine Helena aber ein besonderes Anliegen, da kommet nur zu Mir, und Ich werde euch allzeit anhören; aber die großen Exklamationen (Huldigungen) müßt ihr beiseite lassen.
GEJ|3|100|11|0|Denn siehe, wir müssen hier nur als Menschen, Freunde und Brüder miteinander reden und handeln, denn es hat ja ein jeder Mensch einen göttlichen Geist in sich, ohne den er kein Leben hätte, und solcher Geist ist nicht minder göttlich denn der urgöttliche selbst.
GEJ|3|100|12|0|Darum sei du nur ein rechter Jünger des Mathael, und du wirst Mir dann in deinem Lande einen ganz tüchtigen Apostel abgeben können! – Verstandest du Mich?“
GEJ|3|100|13|0|Sagt Ouran: „Ja, Herr, ich verstand Dich, erkannte aber auch erst jetzt so ganz, was man mir und meiner Tochter über den wahren Gott gesagt hat. Ehedem hätte ich es mir nie zu denken getraut!“ Darauf schwieg der Grieche; denn sein Gefühl übermannte ihn, und er weinte vor Liebe zu Mir.
GEJ|3|100|14|0|Ich aber ergriff sanft seine Hand und fragte ihn, sagend: „Worin bestand denn hernach das, was Mathael über Gott gesagt hat?“
GEJ|3|100|15|0|Ouran schluchzte noch, sagte aber dennoch, indem er Mir liebend ehrfurchtsvoll in die Augen sah: „Oh, daß Gott in Sich die reinste Liebe ist! O Du Heiligster, laß mich sterben in dieser meiner Liebe zu Dir!“
GEJ|3|100|16|0|„Nein“, sagte Ich, „das sollst du noch lange nicht; denn du sollst Mir noch ein tüchtiges Rüstzeug werden auf dieser Erde! Und wird einst die Zeit des Fleisches auch für dich zu Ende sein, dann wirst du nicht sterben, sondern noch in deinem Fleische von Mir erweckt werden. Darum sei du nur getröstet; denn du hast schon den rechten Weg gefunden!
GEJ|3|100|17|0|Wer da suchet, wie du schon lange gesucht hast, der findet; wer da bittet wie du, dem wird es gegeben, und wer da an die rechte Tür klopfet, wie du nun soeben angeklopft hast, dem wird sie aufgetan. Gehe aber nun hin zu deinem Mathael, und sage ihm alles, was Ich dir nun gesagt habe!“
GEJ|3|100|18|0|Ouran weinte nun noch mehr vor lauter Liebe und höchster lebendigster Dankbarkeit zu Mir, eilte zurück zum Mathael und erzählte ihm, noch lange schluchzend, wie Ich ihn aufgenommen, wie gut Ich gegen ihn war, und was Ich ihm alles gesagt habe.
GEJ|3|100|19|0|Mathael und Helena aber wurden von der sehr weihevollen Erzählung des alten Ouran selbst so gerührt, daß sich keines der Tränen erwehren konnte; und Mathael sagte nach der Erzählung Ourans: „Das ist eben das allein Unbegreifliche des Unbegreiflichen, daß Er, als das höchste Gottwesen Seinem Geiste nach, mit uns Menschen redet und handelt, als wäre Er nicht der Herr der Unendlichkeit, sondern ein Mensch uns gleich, wie ein bester Freund zum besten vertrautesten Freunde, ja, wie ein wahrer Bruder zum Bruder; kurz, Er läßt förmlich mit Sich spielen, und doch ist jeder Blick, jede Bewegung Seiner Hände, jeder Tritt Seiner Füße und jedes noch so unbedeutend klingende Wort aus Seinem Munde eine übertiefe Weisheitslehre. Seine Taten geben Zeugnis von Seiner unbestreitbaren Göttlichkeit, und alles was Er tut, ist schon wie von Ewigkeit für die Erreichung der besten Zwecke vorgesehen. Oh, du wirst in Kürze noch vieles sehen, hören und erfahren!“
GEJ|3|101|1|1|101. — Helenas Meinung über die Apostel
GEJ|3|101|1|0|Sagt die Helena, auch noch schluchzend vor Liebe zu Mir: „Aber saget mir doch, wer denn jene zwölf sehr ehrwürdigen Männer sind, die nahe gar nichts reden, aber dennoch gleichfort um Ihn sind! Das müssen ja sehr weise Männer sein! Einer sieht Ihm ganz ähnlich, einer aber ist noch ein Junger, hört Ihm aber auch stets am eifrigsten zu und zeichnet manches auf eine Tafel. Wer sind sie denn?“
GEJ|3|101|2|0|Sagt Mathael: „Das sind meines Wissens Seine ältesten Jünger und sind bis auf einen alle sehr weise und mächtige Herren über ihr Fleisch und über die Natur! Aber der eine scheint mir ein verschmitzter Lump zu sein! Wahrlich, den möchte ich mir nie zu meinem Freunde wählen; das scheint eine verfrühte Geburt eines armen Teufels ins Menschenfleisch zu sein! Der Herr wird wissen, warum Er ihn duldet! Teufel sind ja auch Geschöpfe Seiner Macht und hängen am Hauche Seines Willens. Darum haben wir nicht zu fragen, warum Seine Liebe solche Wunder auch vor den Augen eines Teufels ausübt! Aber ein sonderbares Wesen ist er! Ich möchte ihm denn doch so einmal auf den Zahn fühlen, um zu sehen, wessen Geistes Kind er sei! – Aber lassen wir das! Es ist genug, daß ihn der Eine kennt! Aber mit den andern möchte ich wohl selbst recht gerne einige Worte bei guter Gelegenheit wechseln; die müssen schon sehr tief Eingeweihte sein!“
GEJ|3|101|3|0|Sagt Helena: „Ja, natürlich, das müssen sehr weise Männer sein und schon gleich vom Anfange viel Geschick zur Weisheit an den Tag gelegt haben, sonst hätte Er sie sicher nicht zu Seinen Jüngern angenommen! Auch ich wäre nicht abgeneigt, mit ihnen über so manches ein paar Worte zu wechseln; aber es wird nicht so leicht sein, ihnen auf irgendeine gute Art beizukommen! – Was meinst du, lieber Freund Mathael?“
GEJ|3|101|4|0|Mathael zuckt die Achseln und sagt: „Gott der Herr hat mich zwar völlig erweckt, und mein Geist ist eins mit mir; ich kenne darum mich selbst und Gott insoweit, als es mir gegeben ist, solches aus dem Grunde aller Lebenstiefe zu erkennen der vollen Wahrheit nach; aber in der innersten Lebenstiefe der Menschenherzen zu lesen wie in einem offenen Buche und daraus ihre innersten Lebensgesetze zu erkennen, das kann nur der Eine allein, und der, dem Er es offenbaren will.
GEJ|3|101|5|0|Ah, bei einem puren Weltmenschen, dessen innerste Lebenstiefe noch ganz wie leblos und völlig tot verschlossen ist und dessen ganzes Denken und Wollen aus seinem Gehirne und aus seinen Außensinnen stammt, kann man wohl bis auf ein Haar bestimmen, wie und was er denkt, fühlt und will. Aber nicht also ist es mit Menschen, die nunmehr als vollgeweckten Geistes vom innersten Lebensgrunde aus denken, fühlen und wollen; denn solche Menschen tragen dann schon Unendliches in sich, und das kann nur von Gott in der Wahrheitstiefe erkannt werden.
GEJ|3|101|6|0|Darum kann man denn mit solchen Männern auch nicht also wie mit einem ganz gewöhnlichen Alltagsmenschen ein Gespräch anfangen. Wenn es uns not tun würde, da würde der Herr es sicher anordnen und zulassen; tut es uns aber nicht not, nun, so können wir es ja auch für geraten halten, solch ein Vergnügen zu entbehren. – Aber wie gefallen dir, holdeste Helena, die nun gar so herrlich glitzernden Sterne am hohen Firmamente?“
GEJ|3|101|7|0|Sagt Helena: „Die Sterne haben mich schon von meiner frühesten Kindheit an im höchsten Grade interessiert, und ich merkte mir bald eine Menge der sogenannten Sternbilder. Die des Zodiakus (Tierkreises) wurden mir als die wichtigsten zuerst gezeigt. Ich lernte sie im Verlaufe von einem Jahre vollkommen kennen, und nachher ging es auch mit den andern wunderschönen Sternbildern und selbst mit den einzelnen großen Sternen. Ich kenne dir die Sterne alle beim Namen, weiß, wie sie stehen, und wann sie in jedem Monate auf- und untergehen; aber was nützt dir alles das!? Je mehr ich mich mit diesen herrlichen Himmelslichterchen abgab, desto mehr wurden sie für mein Gemüt jene harten Fragezeichen, auf die bis jetzt noch kein Sterblicher eine befriedigende Antwort gefunden hat. Da ich aus den lieben Sternen aber nichts herausbringen konnte, so beschäftigten mich um desto mehr ihre Namen, die natürlich schon uralt sein müssen.
GEJ|3|101|8|0|Wer entdeckte zuerst den Zodiakus und gab den zwölf Bildern die Namen? Warum bekamen sie gerade diese Namen, die wir kennen, und warum keine andern nicht so sonderbarer Art und Gattung? Was hat der Löwe mit einer Jungfrau zu tun, was ein Krebs mit den Zwillingen, was ein Skorpion mit einer Waage, was ein Steinbock mit dem Schützen? Wie kommen ein Stier und ein Widder ans Firmament, wie ein Wassermann mit den Fischen?
GEJ|3|101|9|0|Es ist überhaupt merkwürdig, daß sich im Tierkreise auch vier Menschenbilder und das Bild einer Sache befinden. – Kannst du mir davon irgendeinen Grund angeben, so wirst du mich dir sehr verbindlich machen!“
GEJ|3|101|10|0|Sagt Mathael: „O holdeste Helena, nichts leichter als das! Habe du nur eine kleine Geduld während meiner Erklärung, und es wird dir die Sache hernach ganz klar sein!“
GEJ|3|102|1|1|102. — Mathael erklärt die Namen der drei ersten Sternbilder
GEJ|3|102|1|0|(Mathael:) „Die Erfinder des Zodiakus waren offenbar die Urbewohner Ägyptens, die fürs erste ein viel höheres Alter erreichten als wir, fürs zweite einen stets allerreinsten Himmel hatten und die Sterne viel leichter und anhaltender beobachten konnten als wir bei unserem öfters dichtumwölkten Himmel, und fürs dritte schliefen den heißen Tag hindurch fast die meisten Menschen und begaben sich erst abends ins Freie und verrichteten ihre Arbeiten die kühle Nacht hindurch, wo sie dann stets die Sternbilder im Angesichte hatten, sich die unveränderlichen Figuren derselben denn auch bald merkten und ihnen auch Namen gaben, die mit irgendeiner in einer bestimmten Zeit eintretenden Naturerscheinung oder mit einer Verrichtung dieses Landes übereinstimmten.
GEJ|3|102|2|0|Vielfaches Betrachten des Zodiakus führte die Betrachter bald auf die Wahrnehmung, daß der Zodiakus ein großer Kreis ist, der in zwölf nahe gleiche Teile geteilt, in jedem dieser Teile ein für sich stehendes Sternbild hat.
GEJ|3|102|3|0|Schon die ältesten Menschen hielten die Sterne von der Erde entfernter als die Sonne und den Mond und ließen darum die Sonne samt dem Monde innerhalb des großen Tierkreises bahnen.
GEJ|3|102|4|0|Aber der Tierkreis bewegte sich auch also, daß die Sonne, die zwar alle Tage um die Erde kam, durch die große Tierkreisbewegung in dreißig Tagen unter ein anderes Zeichen zu stehen kam. Daß aber auch der Mond in ein paar Tagen stets unter ein anderes Zeichen kam, erklärten sie aus seinem langsameren täglichen Laufe um die Erde, wodurch er nie zur selben Zeit wie die Sonne auf dieselbe Stelle wieder kam, – daher man den Mond denn auch oft ,das saumselige Gestirn‘ nannte.
GEJ|3|102|5|0|Es gab aber einige Weise, die vom Monde gerade das Gegenteil behaupteten; doch war die Lehre von des Mondes Saumseligkeit vorwiegender.
GEJ|3|102|6|0|Sieh, so entstand der alte Zodiakus, und nun sollst du auch in aller Kürze noch erfahren, wie die bekannten zwölf Sternbilder zu ihren sonderbaren Namen kamen!
GEJ|3|102|7|0|In der Jahreszeit der kürzesten Tage, die besonders in Ägypten stets vom Regen begleitet wird (und mit dieser als einer dadurch leicht merkbaren Zeit von dreißig Tagen ließ man stets auch ein neues Jahr beginnen), befand sich nach der Rechnung der Alten die Sonne gerade unter dem Sternbild, das uns als ,Wassermann‘ bekannt ist; darum gab man dem Sternbild fürs erste eine Gestalt der eines Hirten ähnlich in dem Moment, so er mit seinem Wassereimer zum zur Tränke der Haustiere angefertigten Wasserkasten kommt und den vollen Wassereimer in den Tiertränkkasten ausschüttet. Die Alten nannten solch einen Menschen einen Wassermann (Uodan), und so benannten sie fürs zweite das Sternbild also und fürs dritte auch diese Zeit. Später machte die eitle Phantasie der Menschen auch bald einen Gott aus diesem an und für sich recht guten Sinnbild und erwies ihm eine göttliche Verehrung, weil er als der Beleber der verdorrten Natur angesehen ward. – Siehe, holdeste Helena, also bekamen das bewußte erste Sternbild und die erste dreißigtägige Regenzeit ihren Namen. Gehen wir nun zum zweiten Zeichen über, das man die ,Fische‘ nennt!“
GEJ|3|102|8|0|Als Mathael dies zweite Zeichen zu erklären begann, sagte Simon Juda zu den andern Jüngern: „Des Mathaels Erläuterungen werden sehr belehrend, wir wollen sie näher behorchen!“
GEJ|3|102|9|0|Sage Ich: „Gehet hin und höret; denn Mathael ist einer der ersten Chronisten in dieser Zeit!“
GEJ|3|102|10|0|Darauf drängen sich alle Jünger in die Nähe Mathaels hin, was den Mathael anfänglich ein wenig verlegen machte; aber Simon Juda sagte zu ihm: „Lieber Freund, fahre du nur fort! Denn wir kamen dir nur näher, um von dir etwas recht Nützliches zu erlernen!“
GEJ|3|102|11|0|Sagt Mathael ganz bescheiden: „Für euch, meine lieben allweisesten Freunde dürfte meine Weisheit wohl noch ein wenig zu schwach sein; denn ihr seid schon alte Jünger des Herrn, und ich bin erst kaum sechzehn Stunden lang unter euch!“
GEJ|3|102|12|0|Sagt Simon Juda: „Das beirre dich nur nicht; denn du hast schon Proben abgelegt, durch die wir in mancher Hinsicht schon sehr in den Hintergrund gestellt sind. Das aber kommt alles also vom Herrn. Was Er oft einem gibt in einem Jahre, das kann Er einem andern geben in einem Tage. Darum fahre du nur fort mit deiner Erklärung des Tierkreises!“
GEJ|3|102|13|0|Sagt Mathael: „Mit eurer großen Geduld und unter eurer ebenso großen Nachsicht will ich gleichwohl fortfahren; und so vernimm mich denn weiter, du liebholdeste Tochter des Pontus!
GEJ|3|102|14|0|Nach dreißig Tagen hat der starke Regen in Ägypten gewöhnlich ein Ende, und es befinden sich da im noch stark angeschwollenen Nil sowie in den Seitenlehnen (Wasserläufe) stets eine große Menge von Fischen, die um diese Zeit gefangen werden müssen, wovon ein großer Teil sogleich verzehrt, ein noch größerer Teil aber eingesalzen und in der Luft, die in dieser Zeit in Ägypten stets heftig weht, getrocknet und also fürs ganze Jahr aufbewahrt wird.
GEJ|3|102|15|0|Diese Manipulation mit den Fischen ist in dem erwähnten Lande von der Natur geboten und muß gehandhabt werden, bevor der Nil zu sehr sinkt und die vielen bedeutenden Seitenlehnen vertrocknen, wobei da eine große Masse von Fischen in die Verwesung übergehen müßten und dadurch die Luft mit dem übelsten Geruche verpesten würden.
GEJ|3|102|16|0|Was in Ägypten noch jetzt Sitte ist, das war als eine Notwendigkeit schon bei den ältesten weisen Bewohnern dieses gesegneten, großen Landes. Da aber solche Zeit schon im Anfange der Bewohnung dieses Landes zum Fischen verwendet ward und die Sonne gerade zu Anfang dieser Fischzeit unter ein neues Sternbild zu stehen kam, so nannte man dieses Sternbild das Zeichen der ,Fische‘, und man nannte dann auch die Zeit also und benamste sie Ribar, auch Ribuze.
GEJ|3|102|17|0|Da aber die Menschen in dieser Zeit auch sehr leicht vom Fieber befallen wurden, teils wegen des Genusses der sehr fetten Fische, und teils auch infolge der mit vielen unreinen Dünsten geschwängerten Luft, so war diese Zeit späterhin auch die ,Fieberzeit‘ genannt, und die eitle Phantasie der Menschen machte aus dieser Zeitbeschaffenheit denn auch bald eine Göttin und erwies ihr für die Abwehr dieser Magenkrankheit gleich auch wieder eine Art von göttlicher Verehrung. – Nun hast du denn auch die ganz natur- und wahrheitsgetreue Geschichte von der Benamsung des zweiten Tierkreiszeichens; und so gehen wir nun zum dritten über!
GEJ|3|102|18|0|Dies Zeichen heißt der ,Widder‘. Auf die Fischzeit wandten die Urbewohner dieses Landes die Sorge auf die Schafe. Die Männlein wurden lebendig, und es war Zeit, die Schafe zu scheren, man nahm ihnen die Wolle. Gut bei dreißig Tagen dauerte im ganzen hauptsächlich diese Arbeit. Natürlich verrichtete man in der Zwischenzeit auch manche andere tägliche Arbeit; aber die vorerwähnte war für die bezeichnete Zeit eine Hauptarbeit, und weil die Sonne da wieder unter ein neues Zeichen zu stehen kam, so nannte man dieses Zeichen den ,Widder‘ (Kostron).
GEJ|3|102|19|0|In der Folge aber weihte man wegen der meisten Stürme in dieser Zeit, wo alles in einem Kampfe, ein Element gegen das andere und die Hitze gegen die Kälte oder besser Kühle dieses Landes sich befindet, diese Periode dem Kampfe, für dessen Erregung die menschliche Phantasie bald ein Sinnbild ersann, dem man später auch bald eine göttliche Verehrung erwies und es in den noch späteren Kriegszeiten gar zu einem Hauptgott machte. Zerlegen wir aber den Namen ,Mars‘, und wir bekommen das uralte Mar iza, auch Maor' iza. Was besagt aber das? Nichts anderes als: Das Meer erwärmen.
GEJ|3|102|20|0|In den vorhergehenden zwei Zeichenzeiten wird das Meer abgekühlt, was die Küstenbewohner gar wohl merken mußten; aber durch die größere Kraft der Sonne, durch den Kampf der warmen Südluft mit der kalten Nordluft, dann durch die in dieser Zeit zumeist wach werdenden Vulkane und unterseeischen Feueradern wird das Meer nach und nach wärmer. Und weil dies als eine Folge der zu dieser Zeit vorkommenden Stürme angesehen ward, so bedeutet der Ausdruck maor izat auch so viel als ,kämpfen‘; und diese Zeit war, wie gezeigt, sinnbildlich dann auch als ein geharnischter Krieger dargestellt, den man später gar zu einem Gott machte. – Da hast du nun das dritte Himmelszeichen und kannst daraus klar entnehmen, was da hinter eurem Kriegsgott Mars steckt.“
GEJ|3|103|1|1|103. — Erklärung des vierten bis sechsten Zeichens des Zodiakus (Tierkreis)
GEJ|3|103|1|0|(Mathael:) „Gehen wir nun aber zum vierten Zeichen über! Wieder sehen wir ein Tier, nämlich einen recht mutigen ,Stier‘. Nach der Besorgung der Schafe lenkten die alten Hirtenvölker ihre Sorge vor allem auf das Rindvieh. In dieser Zeit fingen die Kühe meist an zu mannen, und man schied da das Starke vom Schwachen und trug die Hauptsorge um eine gute Zucht.
GEJ|3|103|2|0|Der Stier, der dem Ägypter über alles galt, ja sogar sein Schreibmeister war durch seine Natureigenschaft, weil er durch sein Blasen oft verschiedene Figuren in dem lockeren Sande formierte, ward in einer sehr mutigen Stellung, nahe auf den zwei Hinterbeinen stehend, dargestellt; und was war da natürlicher, als daß man das Sternbild, unter das die Sonne um die vorbenannte Zeit trat, und das dazu noch so ziemlich die äußersten Umrißlinien einer Stiergestalt vorwies, ,Stier‘ nannte!?
GEJ|3|103|3|0|Selbst der römische Taurus stammt von da ab und ist durch Zeitenfolge nur abgekürzt von dem uralten T a our sat, oder Ti a our sat, was soviel besagt als: Des Stieres Zeit (sat) = auf den Hinterbeinen zu stehen.
GEJ|3|103|4|0|Man nannte später diese Zeit, namentlich bei den Römern, auch Aprilis, was aber nach der altägyptischen Zunge wieder nichts anderes heißt als: A (der Stier) uperi (tue auf) liz oder lizu (das Gesicht), auch: ,Stier, öffne das Tor!‘ – der freien Weide nämlich. Daß mit der Zeit auch der alte Stier der Ägypter zu einem Gott ward, braucht kaum näher mehr noch durch etwas gezeigt zu werden. – So hätten wir nun auch die Entstehung des vierten Tierkreiszeichens naturgetreu und wahr vor uns, und wir wollen nun sehen, wie denn das fünfte Zeichen unter dem Namen und unter der Gestalt der ,Zwillinge‘ als Castor und Pollux entstanden ist!
GEJ|3|103|5|0|Dieses wird sich sehr leicht verständlich dartun lassen, so wir bedenken, daß das alte Hirtenvolk Ägyptens mit der Besorgung des Rindviehes des Jahres Hauptsorge und Mühe hinter dem Rücken hatte. Nach dieser Zeit traten die Häupter der Gemeinden zusammen und wählten einen oder zwei Sachkundige und möglich verständigste Beurteiler und gleichsam Richter auf diese Zeit hindurch, die sich umzusehen und zu prüfen hatten, ob alle bisherige Mühe auch allenthalben gut und segenbringend vollbracht ward. Nach dem Amte war denn auch so ein Erkundiger benennet. ,Ka i e stor'?‘ war die Frage und hieß verdolmetscht: ,Was hat er getan?‘ Darauf folgte die ernste Mahnung mit dem gebietenden Satze: ,Po luxe men!‘ – auch ,Poluzce men!‘ – ,Gib mir darüber Licht, Aufklärung!‘
GEJ|3|103|6|0|Daraus sind die späteren ,Zwillinge‘ entstanden; im Grunde aber waren die Zwillinge nur zwei Sätze, nämlich ein Fragesatz und darauf der Aufforderungssatz. Gingen auf solche Erkundigungen zwei solche Amtsboten in die Gemeinden aus, so hatte einer den Fragesatz und der andere den Aufforderungssatz zu stellen, natürlich nicht nur bloß dem Worte, sondern der Tat nach.
GEJ|3|103|7|0|Da aber eben um solche Erkundigungs- und Nachsehezeit die Sonne gerade unter das bekannte Zweisternbild trat, so nannte man es auch ,Zwillinge‘ und nach römischer Zunge Gemini oder auch Castor et Pollux, die natürlich später durch die eitle Phantasie der Menschen ebenfalls vergöttert worden sind. –
GEJ|3|103|8|0|Wir hätten nun das fünfte Tierkreisbild abermals ganz wie die früheren treu und wahr erläutert vor uns; aber nun kommen wir zum sechsten Zeichen, und da erblicken wir auf einmal den ,Krebs‘! Wie kam denn der in den großen Gestirnkreis? Ich sage euch, ganz leicht und natürlich so wie die früheren!
GEJ|3|103|9|0|Seht, in dieser Zeitperiode hat der Tag seine höchste und längste Dauer bekommen; darauf fängt er an, in seiner Dauer rückgängig zu werden, und die Alten verglichen diese rückgängige Dauer des Tages mit dem Gange eines Krebses. Zugleich aber war es diese sechste Zeitperiode von dreißig Tagen, in der zur Nachtzeit der Tau in diesem Lande besonders in der Nähe des Stromes sehr mächtig wird. In solcher Zeit entstiegen die Krebse zur Nachtzeit ihren Sumpflöchern und statteten den nahen gras- und taureichen Wiesen einen sie sehr erquickenden und nährenden Besuch ab. Das haben ganz leicht und natürlich die alten Einwohner des Landes am Nil bald bemerkt und waren anfangs bemüht, die ungeladenen Gäste von den fetten Wiesen zu vertreiben, was besonders für die ersten Bewohner dieses Landes keine leichte Arbeit war, da in der Zeit die Anzahl dieses großen Schlamminsektes ins Zahllose überging. Mit Feuerbränden begegnete man ihnen zuerst, sammelte sie haufenweise und verbrannte sie, was aber für die große Menge dieser Tiere nichts ausgab. Beim Verbrennen gab es aber stets einen recht guten und sehr einladenden Geruch ab, und es meinten schon die Alten, daß die Tiere vielleicht gar zu essen wären. Aber es wollte dennoch keiner mit solchem Bratengenusse den Anfang machen.
GEJ|3|103|10|0|Später siedete man sie in großen Töpfen und fand die Brühe recht köstlich; aber es wollte sich doch niemand daran wagen. Man gab sie den Schweinen, die auch von den Alten schon gezüchtet wurden, und diese delektierten (ergötzten) sich daran und wurden sehr fett, was den alten Ägyptern eine sehr willkommene Erfindung war, denn sie benützten sehr das Fett dieser Tiere, sowie die Häute und die Gedärme; das Fleisch aber genossen sie nicht und gebrauchten es zum abermaligen Futter für die Schweine.
GEJ|3|103|11|0|Als aber mit der Zeit arbeitsscheue Menschen anfingen auszuarten und sich zu versündigen an alten und weisen Gesetzen, die noch vom vorsündflutlichen Gotteslehrer Henoch herrührten, da erbaute man bald mächtige Gefängnisse und steckte die Übeltäter hinein. Diese wurden mit gesottenen Krebsen und abwechselnd mit gesalzenem und gebratenem Schweinefleisch und danebst nur mit wenig Brot gespeist. Man merkte aber, daß sich die Verbrecher bei dieser Kost sehr wohl befanden, und in einem schlechten Jahre versuchten später auch die freien Menschen die schrecklich scheinende Arrestantenkost und fanden, daß sie besser schmeckte als ihre altgebräuchliche Hauskost. Diese Wahrnehmung war dann bald Ursache, daß die ehemals so ungeheure Anzahl der großen und fetten Nilkrebse sich bald sehr verringert hatte, da man auf sie zu viel Jagd machte.
GEJ|3|103|12|0|Später aßen auch die Griechen und die Römer dieses Schlamminsekt und befanden sich sehr wohl dabei; nur die Juden essen es noch bis zur Stunde nicht, obschon es ihnen Moses nicht gerade untersagt hat.
GEJ|3|103|13|0|Aus alledem aber geht nun schon sicher mehr als handgreiflich hervor, daß die alten Ägypter für das Himmelszeichen dieser sechsten Zeitperiode von dreißig Tagen sicher kein besseres Sinnbild wählen konnten als eben dasjenige Tier, das ihnen in dieser Zeitperiode gar soviel zu schaffen machte. Es läßt sich auch bei dem Bilde von selbst denken, daß es mit der Zeit eine Art göttlicher Verehrung erhielt. Griechen und Römer weihten später diese Zeitperiode der Göttin Juno und benannten ihr zur Ehre auch diese Zeit also.
GEJ|3|103|14|0|Aber es fragt sich nun, wie denn so ganz eigentlich diese Göttin erfunden worden ist, und wie sie zu ihrer göttlichen Persönlichkeit kam. Darüber bestehen bei den Weisen verschiedene Ansichten, die im Grunde eben nicht ganz ohne sind. Aber der eigentliche Grund ist dennoch der, welcher mit der Zeit ebenso wie die Persönlichkeiten des Castor et Pollux ausgeheckt wurde.
GEJ|3|103|15|0|Eben um die Zeit der Krebse ward es für materielle Arbeiten schon zu heiß, und man schenkte darum diese Zeit geistigen Forschungen in großen schattigen Tempeln, von denen etliche schon von den Urbewohnern dieses Landes erbaut worden sind.
GEJ|3|103|16|0|Eine Hauptfrage des Beginnens aller geistigen Forschung bestand darin, ob die reine Gottheit auch irgend in einem materiellen Verbande zu suchen sei.
GEJ|3|103|17|0|Wie alle Fragen der Weisen nur ganz kurz waren, aber eine sehr lange Antwort brauchten, so war es auch mit dieser gewichtigsten Frage der Fall. Sie lautete: ,Je È Ç (un) o?‘ Verdolmetscht: ,Ist das einmal in sich getrennte Göttliche, so man es nebeneinander stellt, noch ein Ganzgöttliches?‘
GEJ|3|103|18|0|Ihr fraget: Wie konnten denn diese einfachen Buchstaben den ausgesprochenen Satz bedeuten? Gleich sollet ihr den ganz natürlichen Grund davon erfahren! – Das U ward bei den alten Ägyptern mittels einer oben offenen und an diesen Enden gestreckten Halbkreislinie dargestellt (È) und bezeichnete auf diese Weise zugleich ein Aufnahmegefäß für alles Göttliche, das von oben zu den Menschen auf die Erde kommt. Es versteht sich von selbst, daß die weisen Alten darunter hauptsächlich geistige Gaben des Lichtes für die Seele des Menschen verstanden.
GEJ|3|103|19|0|Das N ward durch einen ähnlichen, aber nach unten gekehrten Halbkreis (Ç) dargestellt und bezeichnete die tote, an und für sich gänzlich geist- und lichtlose Materie. Die Runddächer so mancher Häuser und besonders der Tempel hatten darum die Gestalt eines umgekehrten Halbkreises und zeigten an, daß in solchen Orten das Göttliche sich mit der Materie verbindet, in ihr ein zeitweises Leben schafft und dem Menschen sich auf Momente offenbart. Daraus formulierte sich denn auch die alte, wichtige Frage: ,Je È Ç o?‘, weil das O die volle Gottheit in ihrer Reinheit darstellte.
GEJ|3|103|20|0|Die Antwort auf diese alte, gewichtige Frage lautete dahin, daß sich alle geschaffene Materie zu Gott nahe so verhalte wie ein Weib zu ihrem Manne und Gebieter. Gott zeugete in und durch die Materie in einem fort Seine Myriaden Kinder aller Art. Er befruchtete die Materie in einem fort mit Seinem göttlich- geistigen Einflusse, und die Materie gebärt Ihm dann in einem fort die zahllos in sie eingezeugten Kinder. – Das war doch sicher ein sehr erhabener Gedanke, den die alten Weisen auf die bekannte, gewichtige Frage als Antwort aufgestellt hatten!
GEJ|3|103|21|0|Mit der Zeit, besonders bei den späteren nach aller Sinnlichkeit lüsternen Nachkommen, blieb kaum mehr ein Dunst von der alten ägyptischen Weisheit, und man machte aus dem Fragesatze Je un o und aus der erklärten Weiblichkeit aller Materie gleich lieber ein persönliches Gottweib und gab demselben gleich dumm und finster zur Genüge den Namen anfangs Jeu no, später bloß Juno, und vermählte sie mit dem ebenso nichtigen Gott Zeus.
GEJ|3|103|22|0|Die alten Weisen hielten aus wohlweisen und ganz natürlichen Gründen die Materie für hart, unbeugsam, ungefügig und meinten, man könne ihr nur durch großen Fleiß und durch große Mühen etwas abgewinnen. Die alten von den alten Weisen an der Materie entdeckten Unvollkommenheiten unterschoben die späteren Nachkommen dem Gottweibe Juno, mit dem darum Zeus stets seine Not hatte. – Begreift ihr nun eure Göttin Juno?“
GEJ|3|103|23|0|Sagt Helena: „Ich bitte dich, du mein allerliebster Mathael, fahre du nur fort; ich könnte dich also tagelang ohne Unterbrechung anhören! Deine Erzählung ist zwar nicht so bilderreich und geschmückt wie die eines Homer; aber sie ist weise und wahr, und das ist mehr wert und anziehender um tausend Male als alle die zauberhafte Blumenschminke der großen Volkssänger! Darum fahre du nur ungestört fort in deiner Erzählung!“
GEJ|3|103|24|0|Sagt Mathael: „Sagst du mir doch keine Schmeichelworte!? Denn sieh, die Wahrheit will verstanden, aber nie geschmeichelt sein! Aber ich weiß es, daß du nicht mir, sondern nur der Wahrheit schmeichelst, die nicht von mir, sondern von Gott kommt, und so kann ich schon wieder fortfahren.“
GEJ|3|104|1|1|104. — Das siebente, achte und neunte Zeichen des Tierkreises
GEJ|3|104|1|0|(Mathael:) „Höre denn! Nach dem Krebse ersehen wir den ,Löwen‘ im großen Zodiakus. Wie kommt denn diese wilde Bestie unter die Himmelszeichen? Ganz ebenso natürlich wie alles andere, das wir bis jetzt haben kennengelernt!
GEJ|3|104|2|0|Nach der Krebsjagd, die ihre dreißig Tage anhielt und manchmal auch einen oder zwei Tage darüber – weil bei den alten Ägyptern nicht der Fischmonat (Februar), sondern der Krebsmonat (Juni) als Ausgleichungsmonat bestimmt war –, fing eine andere Kalamität an, die den Alten sehr viel Sorge und Kummer machte. Um diese Zeit werfen die Löwen gewöhnlich ihre Jungen und sind da, voll Hungers, am meisten auf den Raub bedacht und ziehen weit und breit über Wüsten, Berge und Täler in Gegenden hin, wo sie irgend fette Herden wittern.
GEJ|3|104|3|0|Da des Löwen Vaterland eigentlich das heiße Afrika ist, auch das Hinterägypten schon häufig von diesem Tierkönige beherrscht wurde, so ist es begreiflich, daß es ihm gar nicht schwer war, bis nach Mittel- und Unterägypten vorzudringen, und dort Verheerungen unter den friedlich weidenden Herden anzurichten. Wie die Wölfe eine große Kälte in die von Menschen bewohnten Gegenden treibt, ebenso treibt des Julius (Juli) große Hitze den Löwen in die etwas kühleren nördlicheren Gefilde, wo es für ihn eine Beute abgeben kann.
GEJ|3|104|4|0|In diesem Monate aber wird in Oberägypten die Hitze am stärksten und am unerträglichsten und treibt darum den Löwen oft bis zum Mittelmeere nordwärts, wo es da offenbar kühler ist als im Bereiche der glühheißen Sandwüsten. Kurz zu Anfang dieser Zeit bekommen die Bewohner Ägyptens stets Besuche von diesen gefürchteten Gästen und mußten sich gegen sie ganz tüchtig rüsten, um sie von den Herden abzuhalten. Und da die Sonne in dieser Zeit gerade unter ein Sternbild trat, das so wie jenes des Stieres mit seinen Sternen so ziemlich die Gestalt eines ergrimmten Löwen darstellt, so benamsten die Alten dieses Gestirn denn auch mit dem Namen eines Löwen, und in Ägypten nannte man diese Zeit auch mit den Namen: ,der Löwe‘ (Le o wa), Le der Böse oder des Bösen Abstämmling, im Gegensatze zum El der Gute oder des Guten Sohn, O die Gottessonne, wa, auch wai flieht; Le o wai heißt demnach: Der Arge flieht die Sonne.
GEJ|3|104|5|0|Die Römer benannten ihrem Helden Julius Cäsar zu Ehren erst vor wenigen Dezennien diese Zeit mit dessen Namen, weil er so schlau und mutig zu kämpfen verstand wie ein Löwe. – Da habt ihr nun das siebente Himmels- oder Tierkreisbild, das bei den späteren Nachkommen ebenfalls in eine Art Vergöttlichung geriet.
GEJ|3|104|6|0|Aber auf den Löwen sehen wir eine ,Jungfrau‘ folgen; das scheint auf das Frühere denn doch nicht so ganz zu passen?! O ja, es paßt ganz und recht natürlich darauf! Mit der Besiegung der Löwenzeit waren die Hauptbeschwerden des Jahres gewisserart beendet, und man ergab sich hier einer größeren Heiterkeit und veranstaltete Feste, die besonders dazu dienten, den braven und sittlich reinen Jungfrauen Geschenke zu machen, um sie dadurch zur ferneren Sittlichkeit anzueifern; auch war es in dieser Zeit Sitte, Hochzeit zu begehen. Nur eine als rein befundene Jungfrau konnte zum Weibe genommen werden; eine aber, die ihre Jungfräulichkeit nicht wohl bewahrt hatte, ward von der Ehe ausgeschieden und konnte im äußerst günstigen Falle nur mehr ein Kebsweib irgendeines Mannes, der schon ein oder mehrere ordentliche Weiber hatte, werden, – sonst aber blieb nur der verächtliche und niedere Sklavenstand übrig. Und so hatte diese Zeit eben auch eine gar gewichtige Bedeutung, und weil um diese Zeit wieder ein recht nettes Sternbild des Zodiakus über der Sonne zu stehen kam, so benannte man es die ,Jungfrau‘. Aber erst vor wenigen Jahren gaben die eitlen Römer, ihrem Kaiser Augustus zu Ehren, dieser Zeit auch des Kaisers Namen. – Und so weißt du, liebe Helena, nun auch, wie nach dem Löwen eine Jungfrau unter die Sterne kam. – Aber nun weiter!
GEJ|3|104|7|0|Wir haben nun gesehen, wie da auch eine Jungfrau unter die Sternbilder des Zodiakus kam; aber nun kommt gar eine Sache hinein, wie wir das sogleich sehen werden. Eine ,Schalwaage‘ ersehen wir, wie sie die Krämer und Apotheker zum Abwiegen ihrer Spezies und Arzneien brauchen. Wie kam denn dieses Gewichtserprobungsinstrument unter die Sterne? Ich sage es euch: Ganz leicht und eben wieder also natürlich wie alle die früheren!
GEJ|3|104|8|0|Seht, nach der Zeit der Jungfernerprobung und der Hochzeiten, durch die diese vorhergehende Zeit am meisten und ordnungsmäßig ausgezeichnet war, kam die Zeit der Erprobung der meisten Ernte, des Getreides – dessen Anbau schon die ältesten Einwohner dieses Landes stark betrieben haben, natürlich neben der Viehzucht –, der Früchte, als der Feigen, der Datteln, des Öles, der Granatäpfel, der Orangen und dergleichen mehr.
GEJ|3|104|9|0|Jede Gemeinde hatte ihren Ältesten zum Vorstande und Leiter aller Geschäfte und ebenso einen Priester, der sich bloß mit dem Geistigen zu beschäftigen hatte und zu unterrichten das Volk an den bestimmten Tagen und zu weissagen bei wichtigen Angelegenheiten. Daß sich der Priesterstand bald sehr vermehrte, braucht kaum näher erwähnt zu werden, wie auch, daß dieser Stand sich mit der groben, materiellen Arbeit eben nicht sehr abgab, außer mit neuen Versuchen und Verbesserungen in jeder möglichen Hinsicht.
GEJ|3|104|10|0|Der Priesterstand war es auch, der die Metalle der Erde erforschte, sie sammelte und zum Gebrauche tauglich machte. Zu allen den vielen technischen Dingen aber brauchte er auch viele Handlanger und wohlunterrichtete Werkführer, die alle keine Zeit hatten, sich mit dem Ackerbau und mit der Viehzucht abzugeben, und es mußten daher alle solche Menschen von den Gemeinden erhalten werden. Wie aber sollte das bemessen werden, auf daß ein jedes Gemeindeglied eine seiner Ernte entsprechende Gabe an die Priesterschaft und deren Helfer verabreiche?
GEJ|3|104|11|0|Man bestimmte den Zehent, und jedes Gemeindeglied mußte den zehnten Teil aller Ernte dem Priesterstande abliefern. Wie bemaß man aber den Zehent? Ganz einfach: mit der Waage! Man hatte zu dem Behufe große und kleine Waagen in der Art, deren schon früher erwähnt wurde. Jede Gemeinde besaß mehrere solche Waagen, und unter den Augen des Gemeindevorstandes wurde alle Ernte genau abgewogen in der Art, daß da stets beide Schalen vollgefüllt wurden; neunmal wurden die gefüllten Waagschalen in den Kasten des Gemeindegliedes ausgeleert, das zehnte Mal aber in den Kasten der Priesterschaft. Der Oberpriester war zugleich auch des ganzen Volkes Hüter oder Hirte mit dem Ausdruck Vara on (,er hütet‘ oder: ,er ist der Hirte‘). In der späteren Zeit wurden die Varaonen wirkliche Könige des Landes, unter deren Botmäßigkeit auch das Priestertum stand.
GEJ|3|104|12|0|Wir aber ersehen nun aus dieser geschichtlich wahren Darstellung, daß die Zeitperiode, als erste nach der der Jungfrau, hauptsächlich zum Abwiegen der Ernten wegen der Zehentabgaben an das Priestertum bestimmt war; und weil gerade um diese Zeit die Sonne abermals unter ein neues Zeichen trat, so nannte man dieses Zeichen im Zodiakus die ,Waage‘. Das wird jedermann einleuchtend sein, der nur einigermaßen mit den Sitten und Gebräuchen der alten Ägypter ein wenig vertraut ist.
GEJ|3|104|13|0|Daß man mit der Zeit der Waage allerlei entsprechende Bedeutungen beilegte, sie auch als Symbol der göttlichen wie der weltlichen Gerechtigkeit benützte, ja, daß man sie bei einigen noch tief unten stehenden Völkern sogar auf eine gleiche Weise anbetete, wie die Indier hie und da den Pflug, braucht wohl kaum näher beleuchtet zu werden. Die Phantasie der Menschen einesteils und die stets wachsende Gewinnsucht der sich immer mehrenden Priester und Volkslehrer andernteils vergöttlichte mit der Zeit, was ihr nur immer irgend altehrwürdig und für die gesamte Menschheit als nützlich vorkam. –
GEJ|3|104|14|0|Wir hätten sogestaltig nun gesehen, wie auch ein menschliches Werkzeug in den großen Zodiakus kam, und wollen darum auch weiter sehen, wie denn das höchst unansehnliche Insekt ,Skorpion‘ in den großen Zodiakus kam!“
GEJ|3|105|1|1|105. — Erläuterung der drei letzten Tierkreisbilder
GEJ|3|105|1|0|(Mathael:) „Nach der Zeit der Waage kam eine sozusagen recht müßige Periode. Die Herden begaben sich mehr und mehr zur Ruhe, das heißt, sie weideten wohl, sprangen aber auf den Weideplätzen nicht mehr also mutig herum wie im Frühjahre; auch die Fruchtbäume zeigten keine solche Tätigkeit mehr, als das im Frühjahre der Fall war; die Äcker lagen brach, und so hatten da auch die Menschen eine gewisse Arbeitsvakanz (Ferien, Ruhezeit). Sie würden da dem lieben Nichtstun sicher noch mehr gehuldigt haben, wenn der Herr Himmels und der Erde gerade in dieser Faulzeit sie nicht durch ein äußerst lästiges Insekt, dessen Heimat hauptsächlich Ägypten ist, ein wenig aufgestachelt hätte.
GEJ|3|105|2|0|Die Skorpione fingen gleich zu Anfang dieser Zeit an, sich allenthalben zu zeigen und vermehrten sich bis gegen die Mitte dieser sonst faulen Zeit wie die Fliegen in einem Speisesaale. Bekanntlich aber ist der Schweifstich dieses Insektes nicht nur sehr schmerzhaft, sondern auch recht gefährlich, wenn man nicht sobald nach dem Stiche mit dem rechten Gegenmittel bei der Hand ist.
GEJ|3|105|3|0|Da die alten Ägypter aber sowohl die Schädlichkeit als auch die Lästigkeit dieses Tierleins nur zu bald mußten kennengelernt haben, so fehlte es auch nicht, auf Mittel zu sinnen, durch die sie dieses Wesens wenigstens einigermaßen Meister werden konnten. Allerlei Vertreibmittel wurden versucht; aber sie halfen alle zusammen wenig, bis man endlich auf die Rinde eines Nilgesträuchs kam, sie kochte und mit deren Dampf wenigstens die Zimmer von diesem stachligen Schmarotzer befreite. Auch befeuchtete man die Rinde des erwähnten Gesträuchs, streute sie am Boden aus und legte sie in die Betten, hielt dadurch das stachlige Geschmeiß fern und tötete es damit auch.
GEJ|3|105|4|0|Nach diesem dies Insekt vertreibenden und tötenden Mittel nannte man auch das Insekt selbst, das natürlich früher keinen Namen hatte, Scoro (= Rinde) pi oder pie (= trinkt) on (= er).
GEJ|3|105|5|0|Man machte durch diesen Namen die Nachkommen gleichsam wie durch ein Rezept aufmerksam, durch welches Mittel man dieser Plage am wirksamsten begegnet. Noch heutzutage bekommen wir sowohl aus Ägypten, aus Arabien und Persien ein Pulver, durch das man ohne den geringsten Schaden für die Gesundheit des Menschen nicht nur die Skorpione, sondern fast alle andern sehr lästigen Insekten vertilgen kann; und dieses Pulver wird nebst noch einigen Beigaben hauptsächlich aus der obberührten Rinde angefertigt. – Und nun wieder zu unserer Hauptsache!
GEJ|3|105|6|0|Beim ersten Auftauchen des Skorpions in dieser Faulzeit trat die Sonne unter ein neues Sternbild im großen Kreise, und man nannte es wie das lästige Insekt, das sich gerade in dieser Zeit am meisten ausbreitete und Vieh und Menschen belästigte. Diesem Zeichen erwies man bis jetzt noch am wenigsten irgendeine Verehrung, außer daß man es gewisserart als ein altes Rezept gegen dies lästige Insekt stets als wirksam ehrte.
GEJ|3|105|7|0|Die Faulenzzeit ging mit der Vertilgung der Skorpione zu Ende, auch die in dieser Zeitperiode in Ägypten häufig vorkommenden Donnerwetter, vor denen die Ägypter stets einen großen Respekt hatten; denn sie sagten: ,Das Geschoß des Zeus ist schneller und sicherer treffend denn das elende der Menschen!‘
GEJ|3|105|8|0|Um die Zeit nach dem Skorpion fing auch allerlei Wild an, sich in die Täler von den Bergen herabzumachen, darunter aller Art reißende Tiere, jedoch nicht von der schlimmsten Art.
GEJ|3|105|9|0|Diese Erscheinung forderte die Menschen, und namentlich die Männer auf, den Bogen zu spannen und sich auf die Wildjagd zu begeben. Kaninchen, Hasen, Gazellen, kleine Bären, Dachse, Füchse, Panther, eine Menge Geier und Adler, auch das Krokodil und das Nilpferd (Hippopotamos; altägyptisch Je pa opata moz = das Nilpferd fängt an, seine Gewalt zu entfalten), fingen an sich zu rühren, und darum war da für die Jagd keine Zeit mehr zu verlieren; zur Vertilgung möglichst vieler Krokodile war auch ein ganz bedeutender Preis ausgesetzt.
GEJ|3|105|10|0|Es gehört hier gar nicht weiter zur Sache, wie da die allerlei Jagden geführt wurden, sondern es genügt hier ganz vollkommen zu wissen, daß in Ägypten um diese Zeit allerlei Jagden geführt worden sind, und wir wissen alles, was wir zu wissen benötigen.
GEJ|3|105|11|0|Um diese Jagdzeitperiode trat die Sonne schon wieder in ein neues Sternbild im großen Zodiakus, und man nannte es den ,Schützen‘, weil diese Zeit eben den Schützen die meiste Beschäftigung bot. Dem Schützen ward mit der Zeit wohl auch eine Art göttlicher Verehrung zuteil, aber keine gar zu große, außer dem Apollo, der auch als ein Gott der Jagd verehrt ward. –
GEJ|3|105|12|0|Mit dem Schützen wären wir sonach auch fertig und kommen nun zum eigentlich seltensten Himmelszeichen im großen Zodiakus! Siehe, ein Steinbock, der Bewohner der höchsten Felsspitzen, schimmert im südlichsten Teile des großen Kreises! Wie kam denn dieser Bewohner der Hochgebirge in den großen Sternenkreis? Ich sage es euch, eben also wie alle die früheren auf eine ganz natürliche Weise!
GEJ|3|105|13|0|In dieser eines Jahres letzter Periode sucht alles Wild einmal die Täler heim, um da ein gewisses Nährfutter zu suchen, nach dem seine Natur ein Verlangen trägt.
GEJ|3|105|14|0|Der Steinbock war für die Ägypter etwas zu Kostbares, als daß sie ihn so mir und dir nichts seinen kecken Talbesuch hätten gewähren lassen können! Kurz, da wurden allerlei Wachen ausgestellt, wie sich nur die Zeit zu nahen begann, in der dies Tier schon in früheren Zeiten öfter auf den einsamen Triften weidend und umherspringend entdeckt worden war. Sowie nur einer irgend bemerkt ward, da war nach den empfangenen Zeichen alles, was nur Füße hatte, auf den Beinen.
GEJ|3|105|15|0|Es war aber das kein leichtes Stück Arbeit, so einen Steinbock zu fangen, und es gab da manche Steinbockperiode, in der kein Steinbock gefangen worden war; wurden aber in einer günstigen Zeit etliche gefangen, so war das ein förmlicher Triumph für ganz Ägypten! Denn von so einem Steinbock war alles als eine wunderbarste Arznei angesehen, und man heilte mit einem Minimum schon einmal alle Krankheiten, und die Hörner waren selbst des Königs von Ägypten erste und kostbarste Zierde, mehr denn Gold und Edelgestein. Ja in der Urzeit taxierte man sogar den Wert eines Varaon nach der Anzahl der Steinbockhörner, die selbst die Oberpriester später zum Zeichen ihrer Hochweisheit und obersten Macht vergoldet bei sich trugen.
GEJ|3|105|16|0|Da aber der Steinbock bei den Ägyptern in einem so großen Ansehen stand, wie man sich in diesem Lande noch heutigentags überzeugen kann, so ist es wohl auch mehr als begreiflich, daß die alten Ägypter schon diese Zeitperiode, in der sie Besuch vom Steinbock bekamen, zuerst dem kostbaren Tiere weihten, sie auch danach benannten, sowie auch das Sternbild, unter das die Sonne in dieser Zeitperiode trat.
GEJ|3|105|17|0|Und wir haben nun auf diese Weise alle zwölf Zeichen des großen Zodiakus durchgesehen und nirgends etwas anderes als nur etwas ganz Natürliches gefunden, und haben danebst aber auch gesehen, wie und auf welche Art alle die vielen Heidengötter entstanden sind, und daß da hinter ihnen gar nichts steckt außer das ganz Natürliche, das wir eben gesehen haben.
GEJ|3|105|18|0|Und so wird es denn hoffentlich fürder nimmer schwer sein, den wahren Gott allein im rechten und wahrsten Lichte zu erkennen. Nie hat irgendeine erdichtete Gottheit etwas von all den Wunderdingen geleistet, die man ihr unterschob, und die wenigen weisescheinenden Worte, die von den Göttern an die Menschen sollen zu Zeiten gesprochen worden sein, haben die alten Weisen des größeren Gewichtes wegen den nichtigen Göttern in den Mund geschoben.
GEJ|3|105|19|0|Hier aber sind Taten zu sehen und Worte zu hören, die zuvor in der Wirklichkeit nie erlebt worden sind, – und da auch sind wir endlich einmal auf dem Platze angelangt, den wahren Gott in Hülle und Fülle kennenzulernen. Helena und du auch, alter Ouran, saget, ob euch diese meine Erläuterung des Zodiakus einleuchtend war oder nicht!“
GEJ|3|106|1|1|106. — Helena fragt nach der Schule des Mathael
GEJ|3|106|1|0|Sagt Helena: „O du allerliebster Mathael! So klar und einleuchtend ist mir auf dieser Erde noch nie irgend etwas durch pure Worte gemacht worden! Ich war infolge deiner lebendigen Darstellungsweise gerade wie selbst bei all dem Tun und Handeln der alten Ägypter ganz mithandelnd gegenwärtig und sah die armdickste Wahrheit vor meinen Augen ordentlich niederhageln.
GEJ|3|106|2|0|Aber nur das einzige sage du mir nun noch: auf welche Weise oder in welcher Schule du hinter alles gar so tüchtig gekommen bist! Denn bei allen Himmeln, so etwas kann man denn doch wohl nicht sich aus den Ärmeln beuteln, wie aus einem Sacke etliche darin verborgene Weizenkörner! Wie also lerntest du das alles gar so gründlich kennen?“
GEJ|3|106|3|0|Sagt Mathael: „O Helena! Gestern war ich noch um mehrere tausend Male blinder und unwissender denn einer deiner letzten und dümmsten Diener und war dazu noch derart krank, daß mich von solcher nie erhörter Krankheit nur Gott allein heilen konnte; keiner menschlichen Kunst wäre solch eine Heilung je möglich gewesen!
GEJ|3|106|4|0|Aber nachdem ich geheilt worden bin, bekam ich nicht nur alle meine Leibeskräfte fast augenblicklich wieder, sondern der Herr Himmels und der Erde erweckte unter einem auch meinen Geist in meiner sehr betrübten Seele. Und siehe, dieser Geist lehret mich nun alle Dinge in ihrem Grunde kennen, die da waren und jetzt sind, und schon so manches, das erst werden wird!
GEJ|3|106|5|0|Sieh, alles das ist sonach eine pure Gnadengabe des Herrn, dem allein du und ihr alle Lob, Ehre, Dank, Liebe und Preis schuldet, und ich habe so etwas nie vorher irgendwo in einer allfälligen Schule gelernt!
GEJ|3|106|6|0|Der Herr allein ist darum mein alles, meine Schule und alle meine Weisheit; was ich weiß und kann, das weiß und kann ich nur vom Herrn!
GEJ|3|106|7|0|Und ich sage es euch: Der um irgend etwas, sei es, was es nur immer wolle, nicht von da aus weiß, der weiß nichts; denn es ist da all sein Wissen ein eitles, völlig nichtiges und unbrauchbares Stückwerk!
GEJ|3|106|8|0|Befleißiget ihr euch daher alle der einzigen Schule des Herrn, der nun in aller Seiner göttlichen Fülle unter uns körperlich wandelt, so werdet ihr in Ewigkeit keiner andern Schule bedürfen! – Verstehest du, holdeste Helena, solches?“
GEJ|3|106|9|0|Sagt Helena: „O ja, ich verstehe dich wohl; aber wie kann ein schwacher sterblicher Mensch, wie zum Beispiel ich und mein Vater, in die Schule Gottes gelangen?“
GEJ|3|106|10|0|Sagt Mathael, ganz wie erregt: „O Helena! Du Holdeste des ganzen großen Pontus, wie kommst denn du nun zu solch einer blind-dummen Frage? Du mußt es mir schon vergeben, so ich dir auf solche deine gar nicht im geringsten überdachte Frage eine recht derbe Antwort gebe! Du und dein Vater seid ja nun schon in solcher Schule; wie möglich kannst du da fragen, wie und wann du in solch eine Schule gelangen werdest? Ja, siehst du denn das nun noch nicht ein, indem doch gerade euretwegen der Herr hier solche gar große Zeichen gewirkt hat?!“
GEJ|3|106|11|0|Sagt die Helena etwas verlegen: „Aber ich bitte dich, liebster Mathael, werde du mir darob nur nicht grämlich! Ich sehe meine Dummheit nun wohl ein und werde dir mit solch einer Frage sicher nimmer wieder kommen; du aber habe nur Geduld mit uns und bedenke stets, daß da mit einem Hiebe noch nie ein großer Baum zum Fallen gebracht worden ist! Nach und nach wird sich schon alles noch machen! Ist auch mein Vater alt, so bin doch ich noch jung. Und sieh, ich bin kein schwer lenksames Mädchen; das bezeugten alle meine Lehrer, und mein Vater weiß es auch! Oh, ich werde dir, du liebster Mathael, sicher keine Schande machen; aber nur manches Mal darf es dir um ein wenig mehr Geduld denn jetzt nicht leid sein! Ich bitte dich darum!“
GEJ|3|106|12|0|Sagt Mathael, ganz von der großen Sanftmut der Helena eingenommen: „O holdest sanfte Helena, nimmer wirst du mich noch einmal um Geduld zu bitten vonnöten haben! Ich meine es nie unlieb, wenn ich auch manchmal ein wenig ernst aussehe, und durch ein ernsteres Wort will ich jemand nur noch schneller zum Ziele bringen, als solches mit ganz gelinden Worten geschehen kann. Aber ich sehe, daß du in deinem Gemüte sanfter bist als die zahmste Taube, und so hat es bei dir auch fürder nicht not, dich mit ernst tönenden Worten zu wecken.“
GEJ|3|106|13|0|Sagt Helena: „Habe darum dennoch keine Rücksicht mit mir! Kannst du mich mit ernsten Worten irgend schneller weiterbringen, da sei du nur immerhin so ernst wie der große Pontus, wenn seine bergehohen Wogen mit den Orkanen in einen tobendsten Kampf treten; kannst du mich und meinen Vater aber mit sanften Worten und Lehren ebensoweit bringen in einer gleichen Zeit, so wird mir das um vieles lieber sein. – Aber nun doch wieder von etwas anderem! Eine ganz kurze Frage noch, und ich habe dann auf eine geraume Zeit zur Genüge zu denken!
GEJ|3|106|14|0|Sage du mir noch, wer denn da alle die vielen andern Sternbilder benamset hat und auf was für Veranlassungen!“
GEJ|3|107|1|1|107. — Allgemeines über den Tierkreis
GEJ|3|107|1|0|Sagt Mathael: „O du meine allerliebste Helena! Deine Frage ist wirklich sehr kurz; aber eine vollständige Antwort darauf dürfte mich wohl wenigstens mehr als ein volles Jahr kosten! Darum wollen wir die Beantwortung dieser deiner kurzen Frage auf spätere Gelegenheiten verschieben und für jetzt davon nur so viel sagen, daß die Namen aller Sternbilder ganz denselben Ursprung haben wie die zwölf des großen ,Zodiakos‘, welche griechisch klingende Benennung eben dieses Kreises auch ganz irrig der Tierkreis genannt wird, weil darin auch Menschen und Sachen vorkommen, natürlich nur dem Namen nach.
GEJ|3|107|2|0|Nach altägyptischer Zunge bezeichnet die Silbe Zo oder Za soviel als ,für‘, dia auch diaia ,Arbeit‘ und kos ,ein Teil‘, auch die ,Teilung‘; und heißet ganz gut verdolmetscht Za diaia kos (auch kose) einmal wörtlich: für die Arbeit die Teilung, oder: Einteilung der Arbeit.
GEJ|3|107|3|0|Du siehst nun, daß die Sache sich nie anders im Anfange hat verhalten können, und so muß meine dir nun gemachte Erklärung des Zadia-kos (Zodiakus) eine vollkommen richtige sein! Denn anfangs teilten die Alten den großen Kreis nach dem periodischen Vorkommen ihrer Arbeiten ein; bei den späteren Nachkommen aber bestimmte hernach der schon eingeteilte Kreis die Arbeiten; denn jedes darin vorkommende Sternbild mahnte die Ägypter schon zum voraus, mit welcher Arbeit sie sich in der nächsten Periode würden zu beschäftigen haben. Und somit war die Benennung dieses Kreises auch eine ganz richtige, – aber nur nicht im falschen Sinne der Griechen und Römer.
GEJ|3|107|4|0|So wie aber die Weisen diesen Kreis und seine Bilder ganz richtig benannten, also benannten sie auch viele, wenn auch nicht gar alle andern Sternbilder und waren auch die ersten Entdecker von den dir bekannten Planeten außer dem Monde und der Sonne, die im Grunde, wenigstens für unsere Erde, durchaus kein Planet ist, indem nicht die Sonne sich um die Erde, sondern die andern Planeten samt der Erde sich nur um die große Sonne in verschiedenen Zeiträumen bewegen, darunter aber nicht die scheinbar tägliche Umlaufszeit, die von der Umdrehung der Erde selbst um ihre Mittelachse herrührt, zu verstehen ist, sondern jene, die die Erde binnen einem Jahre durchmacht, die Venus und der selten sichtbare Merkur in einer noch kürzeren Zeit; Mars, Jupiter und Saturn aber brauchen zu ihrem Umlaufe eine längere Zeit als die Erde.
GEJ|3|107|5|0|Der Mond aber gehört ohnehin der Erde an und bewegt sich mit derselben im Jahre einmal um die Sonne, während er als steter Begleiter unserer Erde noch dazu alle 27 bis 28 Tage einmal um die Erde in einer Entfernung von einhunderttausend Stunden Weges sich bewegt.
GEJ|3|107|6|0|Allein, das sind nun noch Dinge, die du so mir und dir nichts auf einmal nicht fassen kannst; wenn aber der Geist Gottes in deiner Seele wach wird, dann wirst du alles das und viel anderes mehr von selbst erkennen ohne allen äußeren, schwerfälligen Unterricht.
GEJ|3|107|7|0|Darum tut nun vor allem nur eines not, und das ist: sich selbst und Gott erkennen und Ihn über alles lieben; alles andere kommt dann schon von selbst.
GEJ|3|107|8|0|Übrigens hätten wir beide nun geredet zur Genüge, und es wird sehr gut sein, so wir nun ein wenig ausruhen, auf daß die andern Freunde, die um vieles weiser sind denn wir, auch vielleicht einige gute Bemerkungen über uns machen können.
GEJ|3|107|9|0|Man muß nie selbst zu viel über eine Sache reden, sondern darüber auch andere reden lassen und sie anhören; denn kein Mensch auf der ganzen Erde ist so weise, daß er dann und wann nicht auch sogar von einem Minderweisen etwas lernen könnte, geschweige denn erst von den noch um vieles Weiseren – als man selbst ist! Und so wirst du, allerliebste Helena, mir schon vergeben, so ich nun eine Zeitlang selbst nichts reden, sondern die andern anhören werde, – natürlich vorausgesetzt, daß sie etwas reden wollen.“
GEJ|3|107|10|0|Sagt darauf Helena: „Oh, ganz gut, ganz gut! Ruhe du nun nur ein wenig aus; denn du hast nun ja ohnehin fast ein paar Stunden hindurch in einem fort allein geredet.
GEJ|3|107|11|0|Vielleicht sagt uns bei dieser Gelegenheit doch einer etwas Näheres von dem großen Meister, der nun unter uns ist und dabei kaum merken läßt, daß Er eben das ist, was Er ist!“
GEJ|3|108|1|1|108. — Die Meinungen über die Ausbreitung der neuen Lehre
GEJ|3|108|1|0|Sagt hierauf Simon Juda: „Ich bewundere des Mathael wahrlich große Weisheit und die darin verborgene Wissenschaft über das Altertum! Ja, solch eine Weisheit tut in dieser Zeit auch ebenso not wie die tiefe Erkenntnis der aus dem Munde Gottes kommenden Lebenswahrheiten! Wahrlich, wir könnten uns die Zunge krumm reden vor den Ohren eines Volkes, das schon seit mehr denn einem Jahrtausend im allerabsurdesten Schmutze des finstersten Aberglaubens begraben schmachtet! Da ist ein Wort wie hunderttausend der schönsten Worte rein vergeblich; die eigene Dummheit und Blindheit erkennt es nicht, und die ihm gepredigte schönste und reinste Wahrheit noch weniger.
GEJ|3|108|2|0|Was sollte man da mit einem solchen Volke noch weiteres anfangen? Wunder wirken? Dadurch wird ein Volk noch dümmer und abergläubischer! – Es strafen? Oh, ein solches Volk ist ohnehin gestraft zur Genüge!
GEJ|3|108|3|0|Aber man suche die Zugänglicheren aus dem Volke und predige nach der Art unseres Mathael wider das Heidentum, und in längstens hundert Jahren besteht mit der Gnade des Herrn kein Götzentempel mehr!
GEJ|3|108|4|0|Urteilet, Brüder, ob ich recht geredet habe oder nicht! Ein einfältiger Sinn der Kinder ist wohl mehr wert als der Verstand aller Verständigen der Erde; aber hier ist auch der Verstand völlig an seinem Platze. – Was ist da eure Meinung, liebe Brüder?“
GEJ|3|108|5|0|Sagen alle bis auf Judas: „Da sind wir ganz einverstanden, und es läßt sich dagegen nichts einwenden!“
GEJ|3|108|6|0|Hier tritt Judas in den Vordergrund und sagt: „Doch, doch, so manches noch!“
GEJ|3|108|7|0|Sagt Simon: „Was denn? Rede! Ich wüßte hier wahrlich um nichts, was sich dagegen einwenden ließe!“
GEJ|3|108|8|0|Sagt Judas: „Man gewinne die Mächtigen, und man wird mit den Ohnmächtigen dann auch ohne diese Wissenschaft ganz wirksam reden können!“
GEJ|3|108|9|0|Sagt Mathael, sich etwas erregt nach dem Judas umsehend: „Aha, du möchtest somit gerne den Armen am Geiste und an den irdischen Gütern die Friedensbotschaft aus den Himmeln mit Rute und Schwert verkünden! Bist ja ein gar seltener Mensch, du! Mir scheinst du auch sonst so ein eigenes Wesen aus der Unterwelt zu sein, daher diese deine Ansicht, die wahrlich keinem Teufel eine Unehre machen würde! Du bist ein ganz rarer Teufel!
GEJ|3|108|10|0|Sage mir aber doch, wie du dich in diese sonst rein himmlische Gesellschaft hast einschmuggeln können!
GEJ|3|108|11|0|Aber ich sage dir: Willst du als Teufel mit Menschen reden und handeln, so mußt du dich besser vermummen in Lämmerfelle, damit man unter ihnen nicht gleich auf den ersten Blick den reißenden Wolf ersieht!
GEJ|3|108|12|0|Siehe, daß du mir aus dem Gesichte kommst, sonst könnte ich über dich Enthüllungen zu machen versucht werden, die anzuhören du vielleicht eben jetzt nicht am besten aufgelegt wärest; denn mein Geist kennt dich nun aus- und inwendig!“
GEJ|3|108|13|0|Als Judas von Mathael solches vernimmt, macht er große Augen und sagt: „Du irrst dich an mir, Mathael; denn auch ich gehöre zu der Zahl der Erwählten, habe schon Botendienste im Namen des Herrn verrichtet und bin gleich meinen Brüdern erst vor etlichen Wochen von den Engeln durch die Lüfte getragen worden!“
GEJ|3|108|14|0|Sagt Mathael: „Oh, das alles weiß ich, und dennoch nehme ich nicht eine Silbe von meinen einmal ausgesprochenen Worten zurück! Wohl gehörst du unter die Zahl der Zwölfe, aber mein Geist sagt es mir: ,Darunter ist einer ein Teufel!‘ – und wisse: Der Teufel bist du!
GEJ|3|108|15|0|Mit diesem Zeugnisse, das mir mein Geist gab über dich, kannst du vorderhand zufrieden sein, – willst du aber ein mehreres noch, so kann dir damit aufgewartet werden; denn soeben entdecke ich eine ganze große Kammer voll arger Zeugnisse über dich, und du darfst gar nicht viel machen, so bekommst du sie alle ins Gesicht! Denn du bist auch ein Dieb! – Verstehst du mich?!“
GEJ|3|108|16|0|Als Judas solche Donnerworte aus des weisen Mathael Munde vernahm, durchlief ihn ein gewaltiger Schauder, und er zog sich ganz bescheiden zurück und bekam beim Rückgehen auch noch vom Thomas einige leise Rippenrüttler mit den Worten: „Hat dich deine Hölle denn schon wieder einmal gejuckt?! Fahre nur also fort, so wirst du schon noch mehr hören als jetzt! Mit dem Mathael, den der Herr so wunderbar geheilt hat an Leib, Seele und Geist, wirst du armer Hascher nie irgend etwas aufnehmen können!
GEJ|3|108|17|0|Siehe, sogar der Engel des Herrn wagt es nicht, sich ihm zu nahen, und du willst ihm widersprechen in irgend etwas, was er aus seiner tiefsten, nach Moses gar nie dagewesenen Weisheit aufgestellt hat?!
GEJ|3|108|18|0|Siehst du denn solch eine über alle Himmel hinaus schreiende Dummheit deines allereselhaftesten Herzens noch nicht ein?! Kannst du denn nicht ruhig sein, hören und in einem fort lernen?!
GEJ|3|108|19|0|Hier ist alle Weisheit aller Himmel und aller Erde auf einem Punkte beisammen, wir sitzen hier im Zentrum des göttlichen Herzens beisammen, Worte und Taten gehen an uns vorüber, die selbst die Engel in ein größtes Erstaunen setzen, und du als der größte Esel unter uns kannst deinem wahrhaft argen Gelüste nicht widerstehen, nicht nur Mit-, sondern auch sogar Gegenreden aus deiner Dummheitspfütze an das nun gottvollste Tageslicht zu fördern! O du Hauptesel du!“
GEJ|3|108|20|0|Sagt Judas ganz trotzig: „Ei – laß mich! Bin ich schon ein Esel, so bin ich es ja für mich und nicht für dich! Und hat mich Mathael auch nun gar so sehr verhauen, so wette ich doch, was du willst, daß diese an sich noch so reine, göttliche Lehre nicht mit sanften Worten des Friedens, sondern mit Schwert und allerlei tödlichem Geschosse den armen Heiden wird verkündet werden!
GEJ|3|108|21|0|Man wird keinen fragen, ob er das verstanden habe, sondern man wird ihn zu dem neuen Glauben schwören lassen! Und wird er mit der Zeit von dem nie verstandenen Glauben abfallen, so wird er als des schändlichsten Meineides schuldig erklärt und dafür zum allerwenigsten lebendig verbrannt werden!
GEJ|3|108|22|0|Und wird man bei der Weiterverbreitung dieser an und für sich noch so göttlichen Lehre nicht vor allem darauf sehen, gleich zuerst die Machthaber dafür zu gewinnen, dann möchte ich wahrlich, trotzdem ich ein Teufel bin, die Menge der Blutzeugen nicht zählen, die da unter dem Schwerte der großen heidnischen Machthaber verbluten werden! Göttlich hin, göttlich her! Der Teufel ist auch göttlich! Mit der Zeit wird selbst das reinste und erhabenste Göttliche auch teuflisch!
GEJ|3|108|23|0|Sehen wir zum Beispiel nur die göttlichste Lehre Mosis an! Was ist sie nun im Tempel des einst so himmelweisen Salomo?! Darum sage ich als Mathaelischer Teufel und als dein Hauptesel noch einmal: Mathael hat recht, und ich erkenne seine Weisheit so gut an, als du sie anerkennst; aber so gut Mathael recht hat, habe auch ich recht!
GEJ|3|108|24|0|Ich sage es dir: Diese Friedenslehre aus den Himmeln wird in gar nicht zu langer Zeit über den ganzen Erdboden den größten Unfrieden ausstreuen und Völker untereinander in den größten, unversöhnlichsten Hader, Zank und Krieg stürzen!
GEJ|3|108|25|0|Im Leibe wirst du das wohl noch nicht so sehr erleben; aber dein Geist wird dereinst ein desto sicherer Zeuge von all dem sein, was ich dir jetzt gesagt habe, und du wirst erst dann eingestehen, daß der Teufel und Dieb Judas auch einmal geweissagt hat! – Nun frage ich dich, ob du mich wohl verstanden hast!?“
GEJ|3|109|1|1|109. — Das Wesen des Judas
GEJ|3|109|1|0|Sagt Thomas: „Du meinst nun wohl, daß du eine große Weissagung getan hast und wir sie ohne dich nicht herausgebracht hätten?! Bist wohl bei all der nun seit mehr denn einem halben Jahre angehörten höchsten Weisheit ein armer, dummer Tropf!
GEJ|3|109|2|0|In welcher Zeit sind sich etwa Licht und Finsternis nicht feindlich begegnet? Wann sind je noch Leben und Tod in brüderlicher Eintracht miteinander lustwandeln gegangen? Wann haben der grimmige Hunger und die volle Sättigung zum Frieden des Paradieses sich die Hände gereicht? Tor! Das versteht sich von selbst: So von hier aus das höchste und klarste Licht aus dem Himmel in die dickste Finsternis der Erde dringen wird, so wird es ohne Gegentätigkeiten nicht abgehen!
GEJ|3|109|3|0|Sieh an die unermeßlichen Eisfelder des überhohen Ararat! Sie schmelzen nicht bei den geringen Wärmegraden, wie solche die weisen Ägypter bestimmen nach der Farbe und Dichtigkeit des Eises und Schnees; laß aber einmal die Sommerhitze Hinterägyptens auf solche Eisfelder dringen, so wird wohl in Kürze all das Eis zu Wasser werden! Aber wehe den Tälern, die dann von solchem Wasser hoch überflutet werden!
GEJ|3|109|4|0|Und siehe, was da materiell unvermeidbar wäre, das wird in der Folge geistig sicher um desto weniger ausbleiben!
GEJ|3|109|5|0|Fangen aber wir schon mit dem Schwerte in der Hand das Evangelium Gottes zu predigen an, so werden wir das Schwert der Welt um desto eher gegen uns erwecken; fangen wir solches mit der Waffe des Friedens an, welche Waffe da Liebe heißt, so werden wir auch vielfach den Frieden finden.
GEJ|3|109|6|0|Daß es bei solch einer Gabe aus den Himmeln mit der Zeit Kriege und allerlei Kämpfe absetzen wird, solange die Welt der Materie infolge der göttlichen Ordnung das verbleiben wird, was sie allzeit war, noch ist und also sein und bleiben wird, das versteht sich ganz leicht von selbst, und es bedarf da keiner Weissagung; aber eben dadurch, daß den Menschen von irgend reiferer Einsicht das Heidentum auf die Art und Weise des Mathael aus dem handgreiflichen Fundamente lächerlich und dumm in seiner vollsten Leerheit gezeigt wird, werden wenigstens die zu mächtigen und verderblichen Gegenkämpfe nicht in der alles verheerendsten Intensität (Stärke) gegen uns hervorgerufen werden!
GEJ|3|109|7|0|Wenn du dies von mir dir nun Gezeigte nur ganz wenig gewürdigt hast, so muß dir der vollste Unsinn deiner mir gemachten Weissagung wie eine Mittagssonne einem Siebenjahrschläfer in die Augen fallen!“
GEJ|3|109|8|0|Sagt Judas: „Ja, ja, du bist wohl stets der weise Thomas, und alles, was ich sage, muß dumm sein! Du hast freilich recht; aber es ärgert mich, daß ich nie recht haben kann! Ich kann mir die Sache schon noch so gut überdenken, bevor ich sie in Worte kleide, – und siehe da, nur den Mund aufgemacht, und alles fällt mich wegen der ausgesprochenen Dummheit an wie der Löwe ein Lamm! Ja, da möchte einer denn doch zerplatzen vor Ärger gleich wie ein aufgeblähter Laubfrosch! Aber ich werde von nun an keine Silbe mehr reden, sondern stumm sein wie ein Stock, dann werdet ihr mir ja etwa doch nichts einzuwenden haben?!“
GEJ|3|109|9|0|Sagt Thomas: „Ja, tue du das, dann wirst du ein Weiser sein!“
GEJ|3|109|10|0|Hier beruft Mathael den Thomas und sagt zu ihm: „Ich danke dir im Namen der guten Sache, daß du dem Bruder Judas einen so bescheidenen Verweis gegeben hast. Denn es hat ihm das durchaus nicht im geringsten geschadet, und vielleicht wird ihm das erst einmal in der andern Welt zunutze werden, was er hier als eine Beleidigung seines Verstandes betrachtet; denn von einer inneren Weisheit ist bei ihm noch lange keine Spur und wird höchst wahrscheinlich in diesem seinem Leben auch nie eine sein.
GEJ|3|109|11|0|Aber für die Folge lasset ihn; denn seine Seele ist nicht von oben her, und sein Geist ist zu klein und zu schwach, um seine weltsteife Seele zu erweichen und zu beleben gleich der eurigen!“
GEJ|3|109|12|0|Hier trete Ich hinzu und sage zu Mathael: „Wahrlich, ein Rüstzeug, wie du Mir bist, gibt es wenige, und Ich muß dir darum nun Mein Lob erteilen! Fahre du nur also fort, und du wirst für einen andern Apostel, den Ich erst später aus Meinen Feinden erwecken werde, ein tüchtiger Vorläufer sein bei den Heiden! Und nun erst gebe Ich dir die vollste Versicherung, daß du und deine vier Brüder nimmer zurückfallen werdet in die von euch schwer ausgestandene Krankheit! Deine vier Brüder aber wirst dann du zu verteilen haben und ihnen auch zeigen den vollends rechten Weg.
GEJ|3|109|13|0|Wir werden aber von nun an noch ein paar Tage hier verziehen, und morgen als am Sabbat wird sich hier so manches ereignen, wobei du Mir ganz gute Dienste wirst leisten können; denn du bist einer, der keine Welt fürchtet und keinen Tod, und eben darum bist du Mir ein tüchtiges Rüstzeug.
GEJ|3|109|14|0|Nun aber führe du Mich zu der Helena hin; denn sie hat eine übergroße geheime Sehnsucht nach Mir, und somit wollen wir sie besuchen und sie stärken!“
GEJ|3|109|15|0|Sagt Mathael: „O Herr, welch endloseste Gnade für mich! Du, mein Schöpfer, lässest Dich von mir führen zu der hin, die so gut wie ich Dein Geschöpf ist! Aber das Mägdlein ist rein und voll guten Willens; es weiß sicher von keiner Sünde etwas, und es lohnt sich da wohl der Mühe, solch ein Herz zu stärken, durch das späterhin tausendmal Tausende können gestärkt werden!“
GEJ|3|110|1|1|110. — Das Suchen nach Gott
GEJ|3|110|1|0|Nach diesen Worten begeben Ich, der Mathael und unsere Jarah, die nicht von Meiner Seite weicht, uns zu der Helena und zu ihrem Vater Ouran hin.
GEJ|3|110|2|0|Als Helena Mich auf sich zukommen ersieht, bricht sie in einen Strom von Freudentränen aus und sagt nach einer Weile: „Schon zweifelte ich sehr daran, daß mir diese Gnade zuteil werde, Dich, den Herrn meines Lebens, bei mir zu sehen und zu sprechen! Aber nun ist alles gut! Denn Du, den mein Herz und mein Verstand erst hier gar so endlos wunderbar hat kennengelernt, bist Selbst zu mir gekommen! Oh, nun juble, du mein sonst so armes Herz, laut auf; denn Der, dessen Geist dir deine Pulsschläge von der Wiege bis zum Grabe vorgezählt hat, steht vor dir und bringt dir jene heilige Stärkung, in der dir dereinst dein Tod süßer denn Honigseim schmecken wird!“
GEJ|3|110|3|0|Darauf wird sie wieder still, und Ich sage zu ihr: „Helena! Herzen, die so lieben wie das deinige, haben ewig keinen Tod zu fürchten und werden solchen nie schmecken, weder süß noch bitter!
GEJ|3|110|4|0|Denn sieh, Ich Selbst bin ja das Leben und die Auferstehung, und die an Mich glauben und Mich lieben wie du, werden den Tod in Ewigkeit nicht sehen, nicht fühlen und nicht schmecken!
GEJ|3|110|5|0|Wohl wird dir dereinst der schwere Leib genommen werden; aber dich wird es nicht schmerzlich und wissentlich berühren, sondern in einem Augenblick wirst du verwandelt werden von diesem schweren, unfreien Leben in das hellste Leben deiner Seele durch Meinen Geist der Liebe, der in dir ist und wächst bis zur Vollähnlichkeit mit Meinem ewigen Geiste! – Verstehst du, liebste Helena, solches nun schon?“
GEJ|3|110|6|0|Helena aber kann vor lauter Ergriffensein kein Wort hervorbringen und weint nun in der lautesten Entzückung ihres Herzens. Es dauert eine geraume Weile, und immer noch ist Helena in ihrem Gemüte so ergriffen über die Freude, daß Ich zu ihr kam, daß sich stets von neuem wieder in Tränen der Freude ihre Zunge lähmt, sooft sie zu Mir weitere Worte des Dankes sprechen möchte.
GEJ|3|110|7|0|Aber Ich sage darauf abermals zu ihr: „Meine liebste Tochter, mühe dich nicht zu reden; denn diese Sprache deines Herzens ist Mir lieber um vieles denn eine noch so gewählte deines Mundes!
GEJ|3|110|8|0|Denn sieh, es gibt nun auf der Erde schon einige, und es wird in der Folge noch mehrere geben, die zu Mir sagen werden: ,Herr, Herr!‘ Und Ich werde ihnen erwidern und sagen: ,Was rufet ihr, Fremdlinge?! Ich kenne euch nicht und habe euch noch nie erkannt! Denn ihr seid noch allzeit Kinder des Fürsten der Lüge, des Hochmuts, der Bosheit, der Nacht und aller Finsternis gewesen! Darum weichet von Mir, ihr allzeitigen Täter des Übels!‘ Und Ich sage es dir, daß dann unter ihnen viel Heulens und Zähneknirschens sein wird!
GEJ|3|110|9|0|Sie werden ihren Gott suchen in endlosen, nie erreichbaren Fernen und Tiefen und werden Ihn nicht finden, dieweil sie es für sich zu gemein fanden, Mich zu suchen in ihrer nächsten Nähe, nämlich im Herzen!
GEJ|3|110|10|0|Wahrlich, wer Gott nicht sucht, wie du Ihn gesucht hast, der wird Ihn nicht finden, auch in alle Ewigkeit nicht!
GEJ|3|110|11|0|Gott ist in Sich die reinste und höchst endlos mächtigste Liebe und kann darum nur durch die Liebe gefunden werden!
GEJ|3|110|12|0|Dich trieb gleich anfangs die Liebe dazu, obschon du zu sündigen wähntest, so du Mich liebtest; und siehe, du fandest Mich. – Ich kam dir mehr denn auf dem halben Wege entgegen, so wie deinem Vater Ouran. Ebenso aber sollen Mich in der Zukunft auch alle, die Mich finden wollen, suchen, und sie werden Mich finden, wie du Mich gefunden hast.
GEJ|3|110|13|0|Aber die Mich suchen werden mit ihrem hochmütigen Verstande, die werden Mich nicht finden in Ewigkeit!
GEJ|3|110|14|0|Denn die Mich suchen mit dem Verstand, gleichen einem Menschen, der ein Haus kaufte, von dem er hörte, daß unter dessen Mauern ein großer Schatz verborgen liege. Als das Haus sein ward, fing er an, im selben zu graben bald hier und bald dort; aber er nahm sich keine rechte Mühe, grub ganz leicht nur und fand darum den Schatz nicht, der tief vergraben war. Da dachte er: ,Aha, ich weiß, was ich tun werde; von außen werde ich ums Haus zu graben anfangen und werde so sicher eher auf des vergrabenen Schatzes Spur kommen!‘
GEJ|3|110|15|0|Und so fing er an, außerhalb des Hauses zu graben, und fand natürlich den Schatz nicht, indem derselbe in der Mitte der Tiefe seines Hauses vergraben war; und je weiter vom Hause er des Schatzes wegen neue Gruben schlug, destoweniger fand er den Schatz, um dessentwillen er doch das ganze Haus gekauft hatte. Denn wer etwas dort sucht, wo es nicht ist und nie sein kann, der kann das Gesuchte auch unmöglich finden.
GEJ|3|110|16|0|Wer da Fische fangen will, der muß mit dem Netze ins Wasser; denn in der Luft schwimmen keine Fische. Wer Gold graben will, der muß es nicht mit dem Netze im Meere suchen, sondern in der Tiefe der Berge.
GEJ|3|110|17|0|Mit den Ohren kann man nicht sehen und mit den Augen nicht hören. Jeder Sinn hat seine eigentümliche Einrichtung und ist daher für eine gewisse Verrichtung bestimmt.
GEJ|3|110|18|0|Ebenso hat das Herz des Menschen, das mit Gott zunächst verwandt ist, allein die Bestimmung, Gott zu suchen und auch zu finden und dann aus dem gefundenen Gott zu nehmen ein neues, unverwüstliches Leben. Wer aber Gott mit einem andern Sinne sucht, der kann Ihn ebensowenig finden, als ein Mensch, der sich die Augen fest verbindet, mit dem Ohre oder mit der Nase die Sonne finden und schauen kann.
GEJ|3|110|19|0|Der rechte und lebendige Sinn des Herzens aber ist die Liebe. Wer demnach diesen innersten Lebenssinn recht erweckt und mit ihm Gott zu suchen beginnt, der muß Gott auch ebenso bestimmt und beschaulich finden, als ein jeder Mensch, so er nicht völlig blind ist, mit seinem Auge die Sonne alsogleich finden muß und schauen ihre Lichtgestalt.
GEJ|3|110|20|0|Wer aber ein weises Wort hören will, darf sich nicht die Ohren verstopfen und mit dem Auge hören wollen; denn das Auge sieht wohl das Licht und alle die erleuchteten Formen, aber die geistigere Form des Wortes läßt sich nicht beschauen, sondern nur anhören mit dem Ohre. – Verstehst du alles das wohl?“
GEJ|3|111|1|1|111. — Das Vereinigtsein mit dem Herrn
GEJ|3|111|1|0|Sagt endlich Helena, die sich von ihrer zu großen Herzensfreude ein wenig erholt hatte: „O ja, ich habe das alles wohl verstanden; denn Deine Worte haben alle Licht, Kraft und Leben und entströmen Deinem heiligen Mund so hell und klar wie die reinste Quelle der Trift eines Hochgebirges, erleuchtet von der Morgensonne. Aber was soll ich tun, um mein Herz nur um ein weniges mehr zu beruhigen!? Herr, töte mich, wenn ich frevle; aber meine Liebe zu Dir überschreitet nun alle meine Lebensgrenzen! Oh, laß doch nur zu, daß ich Deine Hand anrühre!“
GEJ|3|111|2|0|Sage Ich: „O tue das immerhin! Was dir dein Herz aus seiner Tiefe heraus gebietet, das tue du, und es wird das nie gefehlt sein; dessen kannst du vollends versichert sein!“
GEJ|3|111|3|0|Hierauf ergriff die Helena Meine linke Hand und drückte sie mit aller Gewalt an ihr Herz, weinte abermals vor noch größerer Freude und sagte schluchzend: „Oh, wie glücklich müssen die sein, die immer um Dich, o Herr, sein können! O könnte doch auch ich also stets um Dich sein!“
GEJ|3|111|4|0|Sage Ich: „Wer im Herzen bei Mir ist, um den bin Ich immer, und er ist auch immer um Mich, und darin liegt eigentlich die Hauptsache! Denn was nützt es einem, der wohl persönlich nun auf dieser Erde stets um Mich ist, sein Herz aber dennoch stets ferne von Mir hält und es lieber an die tolle Welt hängt?! Wahrlich, der ist dennoch entfernter von Mir als alles, was du dir nur immer am allerweitesten entfernt denken kannst!
GEJ|3|111|5|0|Wer aber im Herzen Mir so nahe ist wie du, Meine lieblichste Helena, der ist und bleibt Mir auch dann stets gleich nahe, so Mich äußerlich erscheinlich noch ein viele tausend Male größerer Raum von ihm trennte, als der da ist zwischen uns nun und dem letzten und kleinsten Sterne, den dein Auge auf Augenblicke nur aus der endlosen Ferne herabschimmernd erblickt.
GEJ|3|111|6|0|Ja, Ich sage es dir, wer Mich liebt wie du und lebendig glaubt, daß Ich es bin, auf dessen Darniederkunft die Väter harrten, der ist also völlig eins mit Mir, wie Ich, wie du Mich hier fühlst, völlig eins bin mit Meinem Vater im Himmel! Denn die Liebe vereinigt alles; Gott und Geschöpf werden eins durch sie, und kein Raum kann das mehr trennen, was die wahre und reine Liebe aus der tiefsten Tiefe der Himmel heraus vereinigt hat.
GEJ|3|111|7|0|Durch deine Liebe wirst du also stets in der nächsten Nähe um Mich sein, wenn dich auch in dieser Welt auf eine kurze Zeit der Raum von Meiner Person trennen wird; einst aber, drüben in Meinem Reiche des reinsten Geistes und der vollsten Wahrheit, wirst du dann ohnehin ewig nimmer von Mir getrennt werden! – Hast du, Meine lieblichste Helena, nun das Gesagte wohl so ein wenig verstanden?“
GEJ|3|111|8|0|Sagt Helena: „Wie sollte ich das nicht!? Denn es ist nun in mir ja also licht und hell, als wäre in mir eine wahre Sonne aufgegangen, und es kommt mir darum auch alles überhell verständlich vor, was Du, o Herr, zu mir redest, und mein Herz faßt Deiner Rede tiefsten Sinn. –
GEJ|3|111|9|0|Aber nun kommt eine andere hochwichtige Frage aus einem noch nicht ganz völlig erleuchteten Winkel meines Herzens, und diese lautet: Wie wirst du denn je Dem danken können, der dich denn nun mit einer so überschwenglichen Gnade über alle die Maßen überhäuft hat? Die noch so mächtige Liebe kann ja doch nicht als ein Dank gelten; denn sie ist ja selbst, wie das ganze Leben, ein Gnadengeschenk von Dir! Welch ein Opfer und welche Deiner würdige Gegengabe kann ich als Geschöpf Dir, meinem Schöpfer, als den gebührendsten Dank für so viel unschätzbare Gnaden darbringen? Siehe, o Herr, da ist es bei allem Sonnenlichte in meinem Herzen dennoch dunkel, und es will sich keine Antwort auf solch eine höchst wichtige Frage finden lassen! O Herr, möchtest Du da nicht auch durch ein gnädiges Wörtlein meinem Herzen aus der Verlegenheit helfen?“
GEJ|3|112|1|1|112. — Wie man Gott danken soll
GEJ|3|112|1|0|Sage Ich: „O du liebe Helena! Was von der Welt solltest du Mir opfern, das nicht ohnehin Mein wäre, und das Ich zuvor etwa der Welt nicht gegeben hätte?!
GEJ|3|112|2|0|Siehe, das wäre denn doch eine sehr eitle Forderung von Mir und stünde im vollsten Widerspruch mit Mir und Meiner ewigen Ordnung!
GEJ|3|112|3|0|Siehe, die Liebe tut alles! Wer Mich über alles liebt, der bringt Mir auch das größte Opfer und den Mir allerwohlgefälligsten Dank; denn der opfert Mir gleich die ganze Welt.
GEJ|3|112|4|0|Nebst der Liebe zu Mir aber gibt es noch eine andere Liebe, die Nächstenliebe nämlich. Die Armen am Geiste und an den zeitweilig nötigen irdischen Gütern sind die wahren Nächsten; was jemand in Meinem Namen denen tut, das tut er Mir.
GEJ|3|112|5|0|Wer einen Armen aufnimmt in Meinem Namen, der nimmt Mich auf, und es wird ihm vergolten werden am jüngsten Tage; und wer einen Weisen aufnimmt um der Weisheit willen, der wird auch eines Weisen Lohn ernten; und wer einem Durstigen auch nur einen Becher frischen Wassers reicht, der wird ihm mit Wein vergolten werden in Meinem Reich.
GEJ|3|112|6|0|Wenn du aber Wohltaten an den Armen übst, da tue solches im verborgenen mit aller Freundlichkeit und zeige es nicht der Welt; denn der Vater im Himmel sieht es, und des freundlichen Gebers Gabe wird ihm angenehm sein, und Er wird sie dem Geber ersetzen hundertfach.
GEJ|3|112|7|0|Wer aber mit seinem Wohltun nur vor der Welt prunken will, der hat seinen Weltlohn sich auch schon genommen und hat fürder keinen mehr zu erwarten.
GEJ|3|112|8|0|Siehe, darin besteht die Mir allein wohlgefällige Opfer- und Dankesart, und außer der gibt es gar keine mehr; denn alle die Brand- und sonstigen Opfer sind ein Ekelgeruch vor den Nüstern Gottes, und alles Lippengebet ist ein Greuel vor Gott, wo (bei dem) die Herzen ferne sind von der wahren Liebe zu Gott und den nächsten armen Brüdern!
GEJ|3|112|9|0|Wem kann das unsinnige Geplärr in den Tempeln etwas nützen, wenn man der tausend armen und hungrigen Brüder außerhalb der Tempel nicht gedenkt?!
GEJ|3|112|10|0|Gehet und stärket zuerst die Notleidenden, speiset die Hungrigen, tränket die Durstigen, bekleidet die Nackten, tröstet die Traurigen, erlöset die Gefangenen und prediget den im Geiste Armen das Evangelium, dann werdet ihr besser tun um endlos vieles, als so ihr Tag und Nacht plärrtet in den Tempeln mit euren Lippen, eure Herzen aber wären kalt und unempfindlich gegen eure armen Brüder!
GEJ|3|112|11|0|Sieh an die Luft, die Erde, das Meer; sieh an den Mond, die Sonne, die Sterne; sieh an die Blumen der Felder und die Bäume, und betrachte die Vögel in der Luft, die Fische im Wasser und all das Getier auf den Festen der Erde; sieh an die hohen Berge und alle die Wolken und die Winde; siehe, alles das verkündet laut die Ehre Gottes, und doch sieht Gott nicht und nimmer eitel wie ein Mensch auf all das, sondern allein nur auf ein Menschenherz, das Ihn erkennt und liebt als den allein wahren, guten, heiligen Vater. Wie soll Ihm dann ein verkehrtes Herz gefallen oder eine eitle Zeremonie mit allerlei Lippengeplärr, dahinter nichts als die bellendste Selbstsucht, Ehrsucht, Herrschgier, allerlei Hurerei und Lüge und Betrug lauern?!
GEJ|3|112|12|0|Daher weißt du nun, daß fürs erste Gott nicht vonnöten hat, die Ehre von den plärrenden Menschen zu nehmen; denn die ganze Unendlichkeit ist Seiner Ehre voll.
GEJ|3|112|13|0|Welche Ehre aber will dann der dumme, blinde Mensch Gott geben, da er doch selbst keine andere hat als die nur, die er zuvor von Gott empfing durch die Gnade, ein Mensch zu sein?! Oder kann das Gott zu irgendeiner Ehre gereichen, wenn die Menschen Ihm einen Ochsen opfern und behalten dafür ihre ungeschlachten Herzen und sind nach dem vollbrachten Opfer noch zehnmal ärger, als sie vor dem Opfer waren?!
GEJ|3|112|14|0|Oh, Ich nehme von den Menschen keine Ehre; denn da ist der Vater im Himmel, der Mich ehret zur Übergenüge! Wenn aber die Menschen Meine Gebote halten und Mich dadurch über alles lieben, so ehren sie dadurch Mich und Meinen Vater, und Ich und der Vater aber sind vollkommen eins.
GEJ|3|112|15|0|Wenn also, wie es der vollsten und ewigen Wahrheit nach ist, so kann der Mich nicht verunehren, der da tut den Willen Gottes, wie solchen Moses und alle die Propheten verkündet haben, und wie Ich Selbst ihn euch allen laut verkünde.
GEJ|3|112|16|0|Verstehst du nun, wie man Gott zu danken hat und wie zu loben für all das empfangene Gute?“
GEJ|3|113|1|1|113. — Die Zukunft der reinen Gotteslehre
GEJ|3|113|1|0|Sagt Helena, ganz durch und durch ergriffen von der Wahrheit dieser Meiner Belehrung: „O Herr, jedes Deiner heiligen Worte hat in meinem Herzen einen tausendfachen Widerhall gefunden, und wie ein Ton stimmte es in meiner Seele: Das ist die reinste und göttlichste Wahrheit!
GEJ|3|113|2|0|Aber solch eine Lehre kann auch nur ein Gott den Menschen geben; denn dahin reicht kein menschlicher Sinn! Ja, nun weiß ich viel und weiß es genaust, was ich für die Zukunft werde zu tun haben!
GEJ|3|113|3|0|Oh, wie gar so herrlich ist es, den Willen des alleinig wahren Gottes zu erfahren und mit allen Lebenskräften danach zu handeln; aber wie bitter handeln ist es, wo der menschliche Hochmut Gesetze gibt und darunter setzt: Das ist Gottes Wille!
GEJ|3|113|4|0|Immer dachte ich mir's, daß ein wahrer Gott auch nur einen vollkommen wahren Willen haben kann, der mit sich ewig in keinem Widerspruche stehen kann wie die menschlichen Gesetze, von denen oft eins das andere aus dem Fundamente total aufhebt; hält man es, so fällt man in die Strafe zufolge eines früheren sanktionierten Gesetzes, und hält man es nicht, so straft einen das neue Gesetz! Frage: Wer kann da Mensch sein und leben?!
GEJ|3|113|5|0|Nehmen wir unsere alten Göttergesetze! Da hieß es aus dem Munde der schlauen Priester: ,So du opferst dem Pluto, so erzürnst du den Zeus, und opferst du dem Zeus, so erzürnst du den Pluto; aber so du opferst deren Priestern, die es allein wissen, den Zorn der Götter zu beschwichtigen, so tust du wohl!‘ Denn sie allein seien die effektreichen Vermittler zwischen den Göttern und den Menschen. Da haben die Priester dann alles Opfer an sich gezogen und ließen sich vom armen, blinden Volke, das von ihnen um nichts und wieder nichts ausgesogen ward, dazu noch eine göttliche Verehrung erweisen, und alles Volk mußte zittern vor ihrer Macht. Oh, das kann, das wird diese reinste Lehre wohl sicher ewig nimmer gestatten!“
GEJ|3|113|6|0|Sage Ich: „Das kümmere dich nicht! Aber es ist am Ende mit allem, was von oben noch so rein kommt, ob Geistiges oder Materielles, ein Gleiches; wie es nur den Boden der Erde berührt, da wird es auch schon unrein und unlauter.
GEJ|3|113|7|0|Siehe an einen Regentropfen! Kein Diamant könnte reiner sein als so ein Regentropfen; sowie er aber den Boden der Erde berührt, ist es mit seiner Reinheit schon gar!
GEJ|3|113|8|0|Geh auf einen Berg, und du wirst dich über die Reinheit der Luft nicht genug verwundern können; siehe aber hinab ins Tal, und du wirst in der Reinheit zwischen oben und unten einen großen Unterschied finden!
GEJ|3|113|9|0|Wie rein fallen die Schneeflocken aus den Wolken! Siehe den früher so blendend weißen Schnee nach zwei Monden an, und du wirst ihn schon sehr bedeutend schmutzig finden!
GEJ|3|113|10|0|Siehe an den Wind, wenn er von der Höhe in die Täler herabweht, wie sehr er gleich durch den lästigen Staub getrübt wird, und sogar die Sonne und der Mond und die Sterne verlieren viel von dem Glanze, wenn sie sich dem Horizonte nähern; ja, selbst der Lichtstrahl der Mittagssonne wird oft nur zu leicht und zu sehr durch die Dünste der Erde getrübt, so daß man am Ende die ganze Sonne trotz ihres allerhellsten Lichtes nicht mehr insoweit sehen kann, daß man mit einiger Sicherheit sagen könnte: Siehe, hier oder dort steht sie!
GEJ|3|113|11|0|Und so geht es auch stets mit allen Geistesgaben aus den Himmeln; mögen sie in ihrem Entstehen noch so rein sein, so werden sie mit der Zeit durch die weltschmutzigen Interessen dennoch also getrübt wie alles, was Ich dir soeben gezeigt habe.
GEJ|3|113|12|0|Und so wird es wohl auch dieser Meiner allerreinsten Lehre ergehen; da wird kein Häkchen unbekrittelt und unbenagt verbleiben!
GEJ|3|113|13|0|Den Tempel, den Ich nun aufbaue, werden sie ebenso zerstören, wie in nicht gar zu ferner Zeit die Römer den Tempel zu Jerusalem zerstören werden, wo kein Stein auf dem andern bleiben wird!
GEJ|3|113|14|0|Aber diesen Meinen Tempel werde Ich wieder erbauen; aber den steinernen zu Jerusalem nimmer! Aber um das alles kümmere du dich nicht; denn Ich weiß um alles, und warum es also geschehen muß!
GEJ|3|113|15|0|Denn sieh, kein Mensch achtet das Licht am Tage und die Wärme im Sommer für etwas; wenn aber dann kommt die Nacht, dann wird das Licht teuer, und man lernt die Wärme erst im kalten Winter schätzen.
GEJ|3|113|16|0|Und ebenalso geht es auch mit dem geistigen Lichte und mit der geistigen Wärme. Wer im Freien umherwandelt, der achtet der Freiheit kaum; wenn er aber gefesselt im Kerker schmachtet, oh, da weiß er erst, welch ein großes Gut die Freiheit ist!
GEJ|3|113|17|0|Und siehe nun, du Meine allerliebste Helena, darum werden denn auch Trübungen alles Reinen zugelassen, auf daß der Mensch erst in größter Trübsal den Wert des reinen Lichtes kennenlernt!
GEJ|3|113|18|0|Kommt dann in der großen Nacht das reine Licht wieder zum Vorschein, so wird bald alles, was da atmet und lebt, sich zum Lichte hinziehen, wie im Winter der Lieblosigkeit der Menschen sich bald alles um ein warmes Herz wird zu lagern beginnen, gleichwie die von der Winterkälte durchfrorenen Armen um das angemachte Feuer eines Kamins.
GEJ|3|113|19|0|Das aber sage Ich nur dir und noch wenigen andern. Dies behalte aber ein jeder bei sich und trage es nicht weiter aus; denn in diesem besteht Meine Lehre nicht! Ich habe es dir, du lieblichste Helena, nur gesagt zu deiner eigenen Beruhigung; aber einen Dritten soll das wenig oder gar nichts angehen! Für alles das notwendige Äußere wird schon von Mir aus gesorgt, und es genügt für jeden Menschen, so er nur sorgt für die Reinigung des höchst eigenen Herzens; ist das in der Ordnung, so wird dann schon auch alles Äußere wie von selbst in die beste Ordnung kommen. – Hast du, Meine Helena, nun auch dieses alles ganz wohl und ordentlich verstanden?“
GEJ|3|113|20|0|Sagt Helena: „O ja, Herr! Es ist leider eben nicht sehr erheiternd, solches im voraus zu erfahren; aber es hat dennoch alles wieder seinen guten und höchst weisen Grund, und Du sorgst sicher stets nur für das geistige Beste der Menschen, und es muß darum schon also kommen, wie Du, o Herr, in Deiner unendlich gnädigen Herablassung es mir nun geoffenbart hast! Dein Wille geschehe in aller Zeit wie auch in aller Ewigkeit!“
GEJ|3|113|21|0|Nach diesen Worten kam die Helena in einen förmlichen Liebesschlummer und behielt Meine Hand fest an ihre Brust gedrückt, was Meine Jarah fast ein wenig zu schmerzen begann, weil Ich während der Unterredung mit der Helena zu ihr nichts gesagt hatte; aber der Schmerz legte sich gleich wieder, als Ich sie freundlich ansah.
GEJ|3|114|1|1|114. — Aufschluß über das Erwachen im Geist
GEJ|3|114|1|0|Nach einer kurzen Weile aber sagte die Jarah, durch Meinen freundlichen Blick mehr in sich gerückt: „Herr, Du meine alleinige Liebe! War ich etwa doch nicht, Dich beleidigend, ein wenig zu vorlaut mit meiner anscheinenden Eifersucht wegen dieser herrlichsten Helena? Und war ich's, so vergib es mir, Du meine alleinige Liebe!“
GEJ|3|114|2|0|Sage Ich: „Sei ruhig, Meine Tochter! Kann doch selbst ein böser Mensch durch die Liebe nicht beleidigt werden, wie möglich dann erst Ich! Liebtest du Mich weniger, so würdest du dich nicht fürchten, daß etwa Meine Liebe zu dir darum schwächer werden könnte, so Ich auch diese Helena mit aller Liebe ergreife; aber weil du Mich wirklich über alles liebst, so hatte dich auf einige Augenblicke solch eine Furcht angewandelt, und das geschah dir bloß aus dem Grunde, weil du auf eben ein paar Augenblicke aus den Augen deiner Seele verloren hast, wer Ich so ganz eigentlich bin. Nun du aber darin wieder ganz helle geworden bist und nun wohl weißt, wer Ich bin, so beirrt dich die Helena nicht mehr.
GEJ|3|114|3|0|Sieh an die Sonne am Firmament, wie sie die Blumen des Feldes beleuchtet! Sage: Wäre es nicht töricht von irgend einer Blume, so sie darum grämlich würde auf die Sonne, weil sie auch ihrer Nachbarin ein gleiches Maß Lichtes zukommen läßt?
GEJ|3|114|4|0|Sieh an die großen Sterne, von denen es dir vergönnt war, ein paar in der Nähe und in ihrer Natur zu besehen! Siehe, diese alle und noch endlos viele mehr, die keines Menschen fleischlich Auge je schauen wird, bestehen und leben aus Meiner Liebe! So aber Meine Liebe für diese endlos vielen und großen Kostgänger ausreicht für Ewigkeiten der Ewigkeiten, wie kannst du, Mein liebstes Töchterlein, je in eine Art Furcht kommen, als könntest du ob der Helena bei Mir in der Liebe zu kurz kommen?! Siehst du nun das Eitle deiner ein paar Augenblicke lang währenden Furcht, als könntest du in der Liebe bei Mir verkürzt werden?“
GEJ|3|114|5|0|Sagt die Jarah: „Ja, Herr, Du meine Liebe, Du mein Leben, ich will von nun an eine rechte Freundin der lieben Helena sein und will von ihren Tugenden welches und welches (so manche) mir zu eigen machen. Ach, wären doch meine älteren Schwestern auch so gestimmt wie diese Helena, was wäre das für eine Freude für mich! Aber die sind weltlich gesinnt, und es ist mit ihnen von geistigen Dingen nicht viel zu reden; da sind die Töchter des alten Markus viel brauchbarer denn meine Schwestern! Wenn es nur da ein Mittel gäbe, meine Schwestern geistiger zu machen!“
GEJ|3|114|6|0|Sage Ich: „Ei, laß das, und wenn du nach Hause kommst, so wirst du deine Schwestern schon auch fürs Geistige empfänglicher finden, als sie früher waren! Zudem bleibt dir ja dein Raphael zur Seite, und mit ihm wirst du deine Schwestern und Brüder schon auch noch zurechtbringen.
GEJ|3|114|7|0|Übrigens geht das bei mehr weltlich gesinnten Menschen eben nicht so schnell, als man sich's vorstellt. Es gehört oft viel Zeit und Geduld dazu, um eine Seele von aller Schlacke zu reinigen.
GEJ|3|114|8|0|Bevor aber solch eine totale Reinigung nicht erfolgt ist, läßt sich mit dem Grundgeistigen nicht viel machen; denn damit den Verstand beschäftigen, heißt ein Haus auf dem Sande bauen.
GEJ|3|114|9|0|Da muß das Herz die Sache ergreifen; ist aber dieses noch voll Materie, so kann ja darin das Reingeistige keinen Anhaltspunkt finden! Daher mußt du bei deinen Schwestern auch vor allem darauf sehen, daß ihre Herzen von allem, was materiell ist, völlig frei werden, dann wirst du eine leichte Arbeit mit deinen Schwestern haben, derer du dich nun gar kümmerst; aber Ich lobe deinen Kummer und sage es dir, daß er nicht mehr lange andauern wird! – Hast du, Meine allerliebste Jarah, auch das nun so ganz wohl und klar begriffen?“
GEJ|3|114|10|0|Sagt Jarah: „O ja, insoweit ein Mädchen von vierzehn Jahren so etwas Geistiges begreifen kann! Es mögen hinter dem von Dir nun mir Gesagten wohl noch endlose Tiefen verborgen sein, die mein Gemüt noch lange nicht ergründen wird; aber was sich für den Augenblick des Erdenlebens zwecklich begreifen läßt, das glaube ich wohl begriffen zu haben, und Du, o Herr, wirst den Verstand meines Herzens sicher nicht zuschanden werden lassen. Aber unsere liebste Helena ist nun fest eingeschlafen, und ich werde mit ihr sonach nicht viel reden können!“
GEJ|3|114|11|0|Sage Ich: „Das macht ja nichts; denn wir haben ja noch Menschen genug um uns, mit denen wir uns ganz gut besprechen können, so wir schon durchaus mit jemand sprechen müssen! Es wird sich aber bald etwas ereignen, das wieder alle unsere Aufmerksamkeit in den vollsten Anspruch nehmen wird, und es wird dann wieder wenig Zeit zum leeren Reden übrigbleiben!“
GEJ|3|114|12|0|Fragt schnell Jarah: „O Herr, was wird denn geschehen?“
GEJ|3|114|13|0|Sage Ich: „Sieh, das brauchst du zum voraus ja gar nicht zu wissen; wenn es geschehen wird, dann wirst du es noch immer früh zur Übergenüge erfahren!“
GEJ|3|114|14|0|Fragt Mich nun gleich auch der Mir gegenüber mit dem Mathael auf einer Rasenbank ruhende Ouran: „Herr, wird uns allen irgendeine anscheinende Gefahr drohen?“
GEJ|3|114|15|0|Sage Ich: „Uns wohl kaum, aber andern Menschen, die nicht bei Mir sind auf diesem Hügel! Richtet eure Augen nur nach Cäsarea Philippi hin, und ihr werdet es bald entdecken, von wannen der Wind kommen wird!“
GEJ|3|115|1|1|115. — Die Folgen der Naturereignisse in Cäsarea Philippi
GEJ|3|115|1|0|Die Cäsaräer waren in großer Furcht ob der Erwartung der schrecklichen Dinge, die da nach ihrer Meinung über den Erdkreis kommen sollen. Die Juden erwarteten das Danielsche Gericht und die Heiden den Götterkrieg, und das gemeine Volk empörte sich, indem es seinen Vorgesetzten allen weiteren Gehorsam versagte und selbst alles zu zerstören begann, was ihm nur unterkam; kurz, es entstand in der Stadt nach ein paar Stunden die größte Anarchie, an der aber zumeist die dummen Priester schuldeten.
GEJ|3|115|2|0|Denn es gab einige in der ägyptischen Weisheit und Erfahrung Unterwiesene unter ihnen, die sich aus der plötzlich verschwundenen Scheinsonne eben nicht gar zuviel machten, weil sie es vernommen hatten aus den alten ägyptischen Sagen, daß solche Phänomene (Erscheinungen) schon zu öfteren Malen ohne weiteren Schaden für die Erde stattgefunden hatten; und einige jüdische Pharisäer wieder meinten bei sich, daß etwa irgendein zweiter Josua auferstanden sei und irgendeiner wichtigen Handlung wegen wieder der Sonne länger als sonst zu leuchten befahl!
GEJ|3|115|3|0|Auch war bei einer gewissen Sekte der Juden der Glaube, daß die Sonne zum ewigen Gedächtnisse alle hundert Jahre am Tage der gänzlichen Besiegung Jerichos länger am Himmel verweile ohne irgendeinen weiteren bösen Einfluß auf die Erde; diese Pharisäer hatten sonach auch fast gar keine Furcht bei der stattgefundenen Erscheinung.
GEJ|3|115|4|0|Etliche morgenländische Magier, die bei Gelegenheit ihrer Reisen auch in der Stadt zugegen waren, sagten, daß die Sonne allzeit, sooft sie am Tage völlig verfinstert werde, dafür hernach des Abends länger leuchte, um der Erde den Schaden wieder zu ersetzen, den sie derselben durch ihre Tagesverfinsterung verursacht habe. Diese hatten darum auch keine Angst vor der stattgehabten Erscheinung; aber allesamt wollten sie sich diese Erscheinung zunutze machen, daß sie dem Volke eine rechte Höllenangst eintrieben.
GEJ|3|115|5|0|Das Volk griff zwar nach dem Erlöschen der Scheinsonne zu allen Versöhnmitteln, die ihm die Priesterschaften anrieten; aber für die bodenlose Habsucht der Priester war das alles noch viel zuwenig, denn das Volk gab denn doch noch nicht gar alles her, was es irgend an Köstlichkeiten und andern wertvollen Dingen besaß.
GEJ|3|115|6|0|Solche Lumperei aber merkte ein alter, ehrenhafter Grieche, der auch ein tüchtiger Naturweiser war, nahm schnell einige mehr Nüchterne zu sich in sein Haus und erklärte ihnen, so gut es nur immer möglich war, in aller Kürze die ganz natürliche und gänzlich unschädliche Möglichkeit einer solchen Erscheinung, – machte sie aber danebst auf die gewissenloseste Lumperei der Priesterschaften aufmerksam mit dem Beisatze: „Seht, wenn von der stattgehabten seltenen Erscheinung etwas zu befürchten wäre, so würden die pfiffigeren Priester nicht so emsig mit ihren Säcken in den Gassen herumrennen und allerlei unerhörte Opfer erpressen! Wenn dann nach etlichen Stunden die Sonne ganz sicher wieder wie stets ganz rein aufgehen wird, so werden diese Menschenbetrüger abermals durch alle Gassen rennen und von den Menschen Dankopfer verlangen! Geht und saget das dem armen, betrogenen Volke, daß der alte, weise Grieche ihm das sagen lasse!“
GEJ|3|115|7|0|Nun, dieser alte, griechische Naturweise hatte einen guten Ruf beim gemeinen Volke, und seine Aussage ging wie ein Lauffeuer unter das Volk. In kaum einer Stunde darauf kehrte sich das jüngste Gericht um, und die Priesterschaften mußten alle Opfer wieder herausgeben und darauf so geschwind als nur immer möglich das Weite suchen; denn das Volk wurde immer bitterer, und es war kein gesalbter Diener der Götter mehr seines Lebens sicher.
GEJ|3|115|8|0|Das sah Ich natürlich zum voraus ein und machte darum den Ouran gerade im Momente darauf aufmerksam, als man eben etliche Augenblicke darauf schon die unverkennbaren Spuren des Volksaufstandes gegen das Priestertum zu entdecken begann, – obschon es dennoch viele gab, die da außer der Stadt auf schreckliche Dinge unter großer Angst warteten.
GEJ|3|115|9|0|Bald nach Meiner Ankündigung bemerkte man, wie auf einmal mehrere Gebäude zu brennen anfingen und ein großes Geheul sogar bis zu unsern Ohren zu dringen begann.
GEJ|3|115|10|0|Hier kam eiligst der Cyrenius mit dem Julius zu Mir und fragte Mich ängstlich, was es etwa in der Stadt gäbe; denn die ganze Geschichte scheine ihm einem Volksaufstande sehr ähnlich! Ich aber erzählte ihm und dem Julius ganz kurz den ganzen Sachverhalt, wie Ich ihn soeben enthüllte.
GEJ|3|115|11|0|Als Cyrenius und Julius solches vernahmen, wurden sie wieder ganz ruhig und fragten Mich bloß, ob daraus nur keine andern, schlimmen Folgen zu gewärtigen sein würden.
GEJ|3|115|12|0|Und Ich sagte: „Nicht die geringsten für euch, wohl aber für die dortigen Priesterschaften; denn nun versöhnt das kluge gemeine Volk die Götter mit den Brandopfern, indem es die Wohnhäuser der Priester und die Tempel der Götter verbrennt! Und um diese Priester wird euch etwa doch nicht leid sein, denn diese zu arge Schlangenbrut muß einmal ausgerottet werden! Die Scheinsonne hatte ein gutes Licht; denn es deckte dem blinden Volke die Schändlichkeiten seiner Gottesdiener auf, und diese bekommen nun ihren schon wohlverdienten Lohn!“
GEJ|3|116|1|1|116. — Des Markus Freude über die Züchtigung der Priester
GEJ|3|116|1|0|Hier erwachte auch Helena wieder aus ihrem sanftesten und seligsten Liebesschlummer und erschrak nicht wenig, als sie die starke Regsamkeit unter den Menschen auf dem Berge bemerkte und zugleich die in Flammen stehende Stadt. Aber die Jarah faßte sie gleich bei der Hand und erklärte ihr den ganzen Sachverhalt, worauf Helena sich schnell beruhigte und sagte: „Es ist mir im Gemüte schon vor einer guten Stunde also vorgegangen, als stünde dieser Stadt bald nach dem schnellen Verschwinden der Scheinsonne ein solches Los nahe unvermeidlich bevor; und siehe da, es ist schon der Vollzug solcher meiner etwas trüben Ahnung vor unseren Augen und Ohren! Du, Herr, hast aber solches sicher auch schon mit der Scheinsonne vorgesehen, und es kommt erst jetzt der eigentliche Grund zum Vorschein, warum Du sie hast leuchten lassen!“
GEJ|3|116|2|0|Sage Ich: „Ja, ja, du Mein liebes Kindlein, es möchte sich die Sache wohl also verhalten! Ein Licht, das Ich an das Firmament gestellt habe, hat stets eine Menge guter Zwecke und nicht bloß den des Leuchtens, was eigentlich nur ein sehr untergeordneter Nebenzweck ist.
GEJ|3|116|3|0|Sieh an das Licht der Sonne! Das Leuchten für sich wäre wohl etwas höchst untergeordnet Geringes; aber betrachte du alle die freien und unfreien Geschöpfe der Erde ihrer äußeren Natur nach, und du wirst da Wirkungen des Lichtes und der Wärme der Sonne entdecken, von denen es noch keinem Naturweisen der Erde etwas geträumt hat! Alles Wirkungen des Sonnenlichtes!
GEJ|3|116|4|0|Schon diese Erde hätte dir so viele und mannigfache Wunderdinge als Wirkungen des Sonnenlichtes aufzuweisen, daß du sie in vielen tausend Jahren mit den fleischlichen Augen nicht überschauen und noch weniger überzählen könntest!
GEJ|3|116|5|0|Aber um diese Sonne, deren Licht schon auf dieser Erde so große Wunderdinge hervorruft, kreisen noch viele andere und noch größere Erdkörper, auf denen dasselbe Licht ganz neue und auf dieser Erde unahnbare Wunder hervorruft, und das auf jedem von dieser Sonne beleuchteten Weltkörper ganz neue und auf keinem andern Weltkörper vorkommende! Und siehe, alles Grund und Wirkung eines und desselben Lichtes!
GEJ|3|116|6|0|Und so kannst du schon ganz sicher annehmen, daß Ich die Scheinsonne auch nicht bloß des etwas längeren Leuchtens wegen scheinen ließ! – Was meinst du da, Meine lieblichste Tochter?“
GEJ|3|116|7|0|Sagt Helena: „O Herr, Du Großer, Du allein Heiliger, da hört wohl jede menschliche Meinung für ewig auf! Denn zu endlos groß und weise bist Du, und wer kann ergründen die Tiefen Deiner Allmacht?!
GEJ|3|116|8|0|Es ist schon etwas endlos Großes, daß ich Dich über alles lieben kann und kann seligst sein in solcher Liebe, deren mein Herz freilich ewig nicht völlig wert sein wird! Aber dein heilig göttlich unerforschbares Wesen weiter erforschen wollen, würde ich für die größte Raserei eines menschlichen Herzens halten! Das, o Herr, ist meine Meinung!
GEJ|3|116|9|0|Über alles zu lieben bist Du wohl, und das halte ich schon für die höchste Seligkeit; aber zu erforschen bist Du von keinem Geiste in Ewigkeit!“
GEJ|3|116|10|0|Nach diesen von der großen Liebe zu Mir noch ganz trunkenen Worten der schönen Helena kommt der alte Markus und sagt: „Herr, bei dem Feuer werden etwa wohl die vielen und schönen Fische, welche ich an die jüdische Priesterschaft als Zehent abgeben mußte, auch ganz gehörig abgesotten und gebraten werden!? Du weißt es, o Herr, daß ich aus meinem ganzen Herzen gegen jedermann nach meinen Kräften gastfreundlich bin. Wahrlich, mir hat es als Geber, so ich jemand etwas geben konnte, noch allzeit vielleicht mehr Freude gemacht als dem, der es von mir empfangen hatte; aber der Zehent an die Pharisäer hat mich in die Seele hinein geärgert! Und wie ich es bemerke, so stehen zumeist die Judenpriesterhäuser in den allerschönsten Flammen! Das ist ein guter Zahltag für diese allergewissenlosesten Müßiggänger und Volksbetrüger! Das ist mir nun lieber, als wenn mir jemand zehn der schönsten Häuser in der Stadt geschenkt hätte! Ich bin wahrlich nie ein schadenfroher Mensch gewesen; aber diesmal – vergib es mir, o Herr – bin ich es im Vollmaße!
GEJ|3|116|11|0|Denn jemandem, der bedürftig ist, etwas geben, ist eine Seligkeit für ein gutes Menschenherz, und einem Arbeiter den verdienten Lohn und noch darüber darreichen, ist eines Menschen heiligste Pflicht. Und einem Landesherrn die bemessenen rechtlichen Steuern bezahlen, ist auch eine heilige Pflicht eines jeden biederen Staatsbürgers; denn der Landesherr hat große Sorgen und Auslagen für die Ordnung und Sicherheit in seinen Landen, und die Untertanen sind verpflichtet durch die Nächstenliebe, alles gerne zu tun, was der Landesregent für den ganzen Staat als heilsam erkennt und von den Untertanen verlangt.
GEJ|3|116|12|0|Es kann unter den Regenten wohl auch selbstsüchtige Tyrannen geben, die das Volk völlig aussaugen; aber auf einen Tyrannen kommt gewöhnlich wieder ein guter Regent, und das Volk erholt sich bald wieder.
GEJ|3|116|13|0|Das Priestertum aber bleibt sich gleich; es tyrannisiert vampirartig ein Jahrtausend hindurch das Volk, besteuert es oft auf eine unerhört schmähliche Weise und gibt dem Volke nichts dafür als den dicksten Betrug, und das womöglich nach allen nur erdenklichen Richtungen hin! Ja, da muß ein Ehrenmensch denn doch Gott den Herrn loben und preisen, so Er einmal über diese siebenfachen Menschenhasser und Menschenbetrüger ein Gericht ergehen läßt! Und so tut es meinem Herzen nun ordentlich balsamisch wohl, so ich die schönen Wohnhäuser und Synagogen besonders der jüdischen Pharisäer von den schönsten Flammen zugedeckt ersehe und das gerade dazu noch an einem Vorsabbate. Morgen ist Sabbat, und die Kerle dürfen da weder sammeln noch etwas anderes tun; oh, diese schöne Lektion haben diese alten, unersättlichen Bösewichte schon lange verdient!“
GEJ|3|116|14|0|Sage Ich: „Aber weißt du es denn, daß diese Beleuchtung der Stadt gerade den Pharisäern und auch den heidnischen Priestern gilt?“
GEJ|3|116|15|0|„Oh“, sagt Markus, „ich war ja nun unten im Hause und habe für morgen etwas angeordnet wegen der Armen, die mich morgen besuchen dürften, und da kamen dir drei junge Griechen, denen ich Brot und Wein geben ließ, und erzählten mir im Fluge, wie es nun in der Stadt zugeht; und ich hätte ihnen ein jedes Wort mit einer großen Perle bezahlen mögen, so eine Freude habe ich darüber gehabt! Die Scheinsonne hat diese schöne Wirkung hervorgebracht!“
GEJ|3|116|16|0|Sage Ich: „Aber morgen wirst du deine Freude dennoch bezahlen müssen; denn viele von den Pharisäern werden an deine Tische kommen.“
GEJ|3|116|17|0|Markus: „Recht gerne, wegen dieser Freude will ich die Kerle acht Tage lang verköstigen, vielleicht wird dabei doch einer oder der andere ein Mensch; – bei Dir, o Herr, sind alle Dinge möglich!“
GEJ|3|117|1|1|117. — Tadel der Schadenfreude
GEJ|3|117|1|0|Nach diesen und noch einigen Beifallsbezeigungen von seiten des Markus und von mehreren, die den alten Markus angehört hatten, bemerkt Helena eine außerordentlich weißhelle Flamme hoch emporschlagen, so daß davon die ganze Gegend hell erleuchtet war; auch Cyrenius bemerkt diese Flamme aus der Mitte der Stadt emporgehen, und die Flamme ward stets heller und größer und höher.
GEJ|3|117|2|0|Nun, in der Nacht aber hat ein jedes Licht die gesichttäuschende Eigenschaft, daß es einem in der Schaulehre unbewanderten Menschen stets näher zu kommen scheint, je stärker, größer und heller es auf dem stets gleich entfernten Flecke wird. Zum Beweise dessen strecken die kleinen, noch unmündigen Kinder gar oft die Hände nach dem Vollmonde aus, weil er ihnen wegen seiner Helle ganz nahe zu stehen scheint, und die Hunde bellen ihn oft aus demselben Grunde an.
GEJ|3|117|3|0|Also kam es denn auch hier der Helena vor, daß die stets größer und heller werdende Flamme uns näher käme, und sie bat Mich daher, der bösen Flamme zu gebieten, daß sie nicht näher käme und uns einen Schaden zufüge.
GEJ|3|117|4|0|Da sagte Ich: „Seid nur nicht gar zu kindisch! Das Näherkommen der Flamme ist ja nur eine ganz gewöhnliche Sehtäusche; die Helle der Flamme aber rührt daher: Das Feuer ist in dem großen Wohnpalaste des jüdischen Pharisäerobersten in die große Speisekammer gedrungen. In dieser waren bei hundert Zentner des reinsten und besten Öles in gebundenen Fässern aufbewahrt, auch mehrere Fässer von reinster Naphtha zum Beleuchten seines Palastes, und nebstbei war darin noch ein großer Vorrat von Butter, Milch und Honig. Diese Dinge haben Feuer gefangen und brennen nun gar so schön und hell, und bei dieser Gelegenheit werden, wie du, alter Markus, vorher heimlich gewünscht hast, auch deine Zehentfische so hübsch gut gebraten werden; denn in der großen Speisekammer lagen schon eine große Menge für morgen hergerichtet in der Bereitschaft. – Was sagst du, Markus, nun dazu?“
GEJ|3|117|5|0|Sagt Markus: „Herr, der Du in mein Herz ebenso rein und gut schauen kannst wie in die große Speisekammer des Pharisäerobersten, Du weißt es, daß ich weder jetzt noch jemals ein schadenfroher Mensch war. Ich war als Krieger wohl sehr strenge in meinem Dienste, doch habe ich aus meinem Willen nie jemanden in einen Schaden gebracht außer den, den das Gesetz zuvor verdammt hatte, – wofür ich natürlich nicht konnte. Doch habe ich dabei nie eine gewisse Freude empfunden, so des Gesetzes Schärfe jemand verschlungen hatte. Also habe ich auch hier keine so ganz eigentliche Herzensfreude über das Unglück selbst, und daß meine schönen und guten Fische nun dort bloß für die Luftgeister gebraten werden, aber daß nun diese alten Menschenquäler endlich einmal wieder eine überaus ausgiebige Lektion nach allen Seiten hin erhalten, macht mir eine rechte Freude!
GEJ|3|117|6|0|Denn das Verzehren der Schätze durchs Feuer wäre das wenigste; aber der dadurch gänzlich mitverzehrte Glaube an ihre Lehren ist der eigentlich unersetzliche Schaden, der ihnen dadurch zuteil wird, aber dabei auch ein übergroßer Nutzen für das betrogene Volk. Denn das wird nun zur Aufnahme für die reine, göttliche Wahrheit sicher ein sehr geneigtes Ohr und Herz haben, und das ist es, worüber ich mich so ganz eigentlich freue. Und es kann vielleicht sogar möglich werden, daß die verunglückten Priesterschaften, wenn sie nicht zu sehr im Kopfe und Herzen vernagelt sind, nun für die Wahrheit zugänglicher werden, als sie es in ihren Reichtümern gewesen wären. Ich meine, der morgige Tag wird so manches denkwürdige Pröbchen uns erleben lassen! – Sage es mir, Herr, ob ich recht habe, oder ob auch solche meine Freude vor Deinen Augen etwa verdammlich ist!“
GEJ|3|117|7|0|Sage Ich: „Oh, mitnichten; denn hätte Ich nicht denselben Grund gehabt, dieses geschehen zu lassen, darüber du dich so ganz eigentlich freust, so hättest du die Scheinsonne nicht gesehen, und diese Feuerszene wäre unterblieben. Aber du hattest anfänglich wohl so ein wenig eine kleine Schadenfreude darum in deinem Herzen, weil du den Pharisäern wegen des herz- und gewissenlosen Zehents gram warst. Und siehe, das war es eigentlich, was Ich dir vorher so ein wenig ausstellte und darum du morgen mehrere abgebrannte Priester abspeisen wirst; aber es wird auch das dein Schaden nicht sein!
GEJ|3|117|8|0|Sieh, ein rechter und vollkommener Mensch muß in allen seinem Fühlen, Denken und Handeln vollkommen sein, ansonst er noch lange nicht geschickt ist fürs Himmelreich Gottes!
GEJ|3|117|9|0|Wir sehen zum Beispiel einen recht derben, mutwilligen Übertreter des Gesetzes der guten menschlichen Bestandsordnung, so einen rechten Auswurf aller besseren Gesittung, kurz, so einen Kerl, der ganz gut ein Bruder des Satans sein könnte. Lange Zeit übt der Mensch ungestraft seine allerderbsten Bosheiten aus; denn man kann seiner nicht habhaft werden, weil seine echt satanische Schlauheit ihn davor beschützt. Wie viele Menschen wünschen da nichts sehnlicher, als daß der Bösewicht doch ehestens von dem strafenden Arme des Gerichtes irgend bald erreicht werden möchte!
GEJ|3|117|10|0|Endlich gelingt es dem Gericht, den kecken Frevler mit fester Hand zu ergreifen und ihn zu der lange verdienten schärfsten und peinlichsten Strafe und Verantwortung zu ziehen! Nun frohlockt groß und klein, daß der Bösewicht endlich einmal zur lange verdienten Strafe gezogen wird; ja, es wird dabei ganz biedere Menschen geben, denen es leid tut, daß ihnen bei dieser Strafgelegenheit nicht die gesetzliche Befugnis zusteht, bei dem allgemein verhaßten Verbrecher selbst Scharfrichter sein zu können, um den Auswurf von einem Verbrecher so recht nach aller erdenklichen Herzenslust peinigen zu können!
GEJ|3|117|11|0|Nun aber frage man sich im reinen Herzen, aber auch bei einem ebenso reinen Verstande, ob solche Freude auch für einen vollkommenen Menschen sich ziemt! Und ein reines Herz und ein reiner Verstand wird da auch sicher also antworten: „Daß die durch diesen Bösewicht Jahre hindurch geplagte Menschheit von diesem Unhold endlich einmal erlöst wird und nun wieder ruhig leben kann, darüber freue ich mich wohl; aber noch mehr und eine noch viel größere Freude hätte ich, so der Unhold seine Bosheit erkannt, sie bereut, sich also gebessert, zu einem nützlichen Menschen umgewandelt und so nach Möglichkeit getrachtet hätte, den irgend zugefügten Schaden wieder gutzumachen!
GEJ|3|117|12|0|Saget, welche Gesinnung gefällt euch wohl besser: die erste Straffreude oder die zweite, gesellt mit einem reinen und wahrhaft menschenfreundlichen Wunsche?“
GEJ|3|117|13|0|Sagt Markus: „Da bleibt ja gar keine Wahl übrig; denn das zweite geziemt sich für Menschen, und das erste ist nach meiner Ansicht noch sehr roh, selbstsüchtig und tierisch!“
GEJ|3|118|1|1|118. — Mathael wird Vizekönig
GEJ|3|118|1|0|Sagt Ouran: „So herrliche und im höchsten Grade menschenfreundliche Gesinnungen habe ich noch nie vernommen! Ich bin selbst Mensch und ein Herrscher über viele Hunderttausende von Menschen, und man sagt weit und breit, daß meine Untertanen die glücklichsten seien am Pontus; aber dennoch mußte ich das Gesetz walten lassen, wie es mir aus Rom zukam bis auf nur wenige zulässige Milderungen, für die mir als einem regierenden Lehensherrn von Rom aus die Bewilligung erteilt war. Aber hart kamen mir nun alle die von mir sehr gemilderten Gesetze dennoch immer vor!
GEJ|3|118|2|0|Wie wenig wird dabei auf die Natur der Menschen irgend Rücksicht genommen, und wie gar nicht beachtet wird das, ob manchem Menschen ein Gesetz zu beachten möglich ist oder nicht, seiner Natur und Eigenschaft nach! Wie töricht wäre es zu behaupten, daß ein Schuh auf alle Füße passen solle, und wie noch törichter erscheint ein Gesetz, das auf die Naturen und Eigenschaften gar keine Rücksicht nimmt!
GEJ|3|118|3|0|Aber danach, wie Du, o Herr und Meister, die Lebensgesetze nun ausgesprochen hast, kann ein jeder Mensch, welcher Natur und Eigenschaft er auch sei, sich leicht richten und solch ein überaus menschenfreundliches Gesetz sehr leicht beachten! Wenn ich nun wieder nach Hause kommen werde, da wird es bald anders aussehen in meinem Lande!
GEJ|3|118|4|0|Der Mathael und seine vier Gefährten, die nun zwar alle ganz römisch gekleidet sind, werden von mir griechische Staatskleidung bekommen und mit meinen kleinen Staat bestens einrichten helfen; und den Mathael ernenne ich schon hier zu meinem ersten Ratgeber und, da ich keinen Sohn habe, zugleich zum Vizekönig.“
GEJ|3|118|5|0|Hier tritt Cyrenius hinzu und sagt: „Und ich als der römische Oberstatthalter über ganz Asien und einen Teil von Afrika, versehen mit allen Vollmachten aus der Hand des Kaisers Cäsar Augustus, der mein Bruder war, und nun auch von seinem Sohne, bestätige diese vortrefflichste Wahl! Du, Ouran, hättest wohl in der Welt keinen Würdigeren finden können! DIXI! [Ich habe gesprochen!] – Cyrenius.“
GEJ|3|118|6|0|Sage darauf Ich: „Und Ich bestätige ihn auch, denn Meine Salbung im Geiste hat er schon länger dazu; aber du, Ouran kannst ihn daheim schon auch mit dem Nardusöle vor dem Volke und vor allen Großen deines Reiches salben, auf daß sie es wissen, mit wem sie zu tun haben, und was sie ihm schuldig sind. Er wird dein Reich vor den Einfällen der Skythen besser schützen denn ein großes Heer von den auserlesensten Kriegern. Ich werde ihm dazu auch eine außerordentliche Macht geben, so er das Amt wird zu verwalten beginnen; für jetzt aber bedarf er deren noch nicht, und es genügt ihm seine Weisheit!“
GEJ|3|118|7|0|Sagt Ouran: „Herr, wäre es denn noch nicht an der Zeit und nicht möglich, die sehr gefährlichen Skythen zur besseren Erkenntnis Deines Wesens zu bekehren? Es ist gerade ewig schade für den sonst so herrlichen Menschenschlag, daß er sich gleichfort in einem allerungebildetsten Zustande befindet. Man ersieht unter ihnen leiblich so herrlich gestaltete Menschen, wie sonst vielleicht nirgends auf der weiten Erde; aber ihr Geistiges ist eine barste Null.
GEJ|3|118|8|0|Es ist oft zum Staunen, wenn so eine majestätische Mannsgestalt oder eine mehr als paradiesisch schöne Dirne daherkommt, und beide kennen oft gar keine Sprache, sondern grunzen oft nur den Schweinen ähnlich daher, was sicher weder sie selbst verstehen und hernach um desto weniger jemand anders. Nicht aus irgendeiner Eroberungssucht möchte ich diese Skythen unter mir haben, sondern um aus ihnen Menschen zu bilden. Könnte denn so etwas, und zwar ohne Schwert, nicht geschehen?“
GEJ|3|118|9|0|Sage Ich: „Dazu werden dir Mathaels Gefährten gute Dienste leisten, und dein Wunsch wird noch vielfach in die Erfüllung gehen; aber alle Skythen wirst du wohl schwerlich je unter dein Zepter bringen, denn ihr Reich hat eine übergroße Ausdehnung. Aber die um den Pontus (Schwarzes Meer) wohnenden kannst du für dich haben und sie bilden nach deinem Gutdünken.“
GEJ|3|118|10|0|Sagt Ouran: „Herr, ewig Dank Dir darum in meinem und aller Menschen Namen, die durch Deine Lehre im Geiste geweckt werden! Wahrlich, an meiner Mühe und an meinem beharrlichen Willen wird es sicher nie fehlen; gib Du mir deshalb nur Deine Gnade dazu!“
GEJ|3|118|11|0|Sagt Cyrenius: „Und ich sage es dir, daß du dein eigen nennen kannst, was dir von den Skythen untertan wird! Willst du es heimlich an Rom einbekennen, so soll dir dafür auf zehn aufeinanderfolgende Jahre der Lehenszins für dein ganzes, großes Land erlassen werden, und deinen Nachkommen soll das volle Erbrecht zugestanden sein; und es wird fürder nach dem Ablaufe von vollen dreißig Jahren dein Land nicht an einen Meistbieter hintangegeben werden. Solche Bestätigung von all dem, was ich dir nun gesagt habe, sollst du morgen schon von mir auf Pergament geschrieben für ewige Zeiten zu deinen Händen bekommen. Nur ein fremder, auswärtiger Feind könnte es dir durch Gewalt entreißen; aber von Rom aus bleibt es dir für alle Zeiten.“
GEJ|3|118|12|0|Sage Ich zum Cyrenius: „So gib ihm das heute noch schriftlich; denn morgen ist Sabbat, und wir wollen den Schwachen im Geist kein Ärgernis geben!“
GEJ|3|118|13|0|Sagt Cyrenius: „Herr! Wie kann ich jetzt hier in der Mitternacht die gemachte Bestätigung schreiben? Morgen aber will ich's vor dem Aufgange tun, und das wird doch niemandem ein Ärgernis geben!“
GEJ|3|118|14|0|Sage Ich: „Siehe da, Mein Raphael ist damit schon fertig; hier nimm diese Urkunde, und lies sie, ob sie deinem Willen vollends entspricht!“
GEJ|3|118|15|0|Cyrenius nimmt die Urkunde, stellt sich an eine Fackel hin und liest sie, findet sie von Wort zu Wort getreu und sagt darauf: „Wäre dies das erste, so würde es mich unendlich wundernehmen; aber ich habe ja vom Raphael schon mehrere Beweise, und so wundert es mich auch gar nicht mehr, denn solches ist ihm ebenso leicht möglich, wie es jedem Menschen möglich ist, mit seinem Blicke plötzlich bis zu den entferntesten Sternen zu dringen. Nun, da die Urkunde fertig ist, so soll sie mein Ouran auch gleich in seinen Besitz nehmen.“
GEJ|3|118|16|0|Hier überreicht Cyrenius augenblicklich dem Ouran die Urkunde mit den Worten: „Nimm sie zu deiner und deiner Nachfolger Deckung, und siehe die Menschen zu gewinnen für das Reich Gottes, fürs Reich der Liebe, fürs Reich der ewigen Wahrheit, welche in Jesu, dem Herrn aus Nazareth, gar so wundervoll aus den Himmeln zu uns Sterblichen herabgekommen ist! In Ihm sind wir, und in Ihm leben wir nun und werden leben in Ewigkeit!“
GEJ|3|119|1|1|119. — Helena wird Gemahlin des Mathael
GEJ|3|119|1|0|Ouran dankt Mir und dem Cyrenius gar sehr herzlich, und also auch die Helena, die aber die Frage hinzusetzt und sagt: „Aber mein Vater hat keinen männlichen Nachkommen! Wer wird ihm in der Regierung folgen?“
GEJ|3|119|2|0|Sage Ich: „Aber Meine allerliebste Helena, habe Ich euch denn nicht einen allerweisesten Nachkommen gegeben, den dein Vater zum Vizekönig ernannt hat!? Ist euch der nicht recht?“
GEJ|3|119|3|0|Sagt Helena, fast weinend vor Freude: „Nun, ob der uns recht ist?! Aber fragen mußte ich ja doch, um bestimmt Deinen mir allein heiligen Willen zu erfahren! Herr, vergib es mir darum, so ich Dich etwa durch die Frage beleidigt habe!“
GEJ|3|119|4|0|Sage Ich: „Sei du darum ganz ruhig, denn Mich kann ewig kein Mensch beleidigen und schon am wenigsten du! Aber weil du Mich jetzt gefragt hast um etwas, um das du ganz gut auch ohne die Frage hast wissen können, so frage Ich dich nun denn auch um etwas, das Ich allenfalls etwa auch vor deiner Antwort weiß!
GEJ|3|119|5|0|Siehe du an den Mathael! Er ist nun von deinem Vater zum Vizekönig ernannt und als solcher von Cyrenius und Mir bestätigt. Er ist noch ein junger Mann von kaum achtundzwanzig Jahren; möchtest du ihn wohl zum Gemahle?“
GEJ|3|119|6|0|Hier schlägt Helena ihre Augen ein wenig verschämt nieder und sagt nach einer Weile: „Aber Herr, so ist vor Dir doch nichts sicher, was man noch so verborgen in seinem Herzen verwahrt hält! Du hast in mein Herz geschaut und hast darin sicher gefunden, daß ich dem Mathael über die Maßen gut bin, und hast mich jetzt verraten, bevor ich mich eigentlich gerne hätte verraten gehabt: aber weil mein Herz nun denn schon einmal verraten ist, so kann ich auf Deine heilige Frage doch nichts anderes als ein vollwahrstes Ja zur Antwort bringen. Ich liebe den Mathael wohl gar sehr; aber es fragt sich eben auch sehr, ob er mich lieben wird!“
GEJ|3|119|7|0|Sage Ich zum Mathael: „Von da an, Freund, kannst du nun ganz gemütlich weiterreden!“
GEJ|3|119|8|0|Sagt Mathael: „O Herr, Du Allererhabenster! Nie bist du größer in meinem Herzen, als wenn Du so ganz menschlich mit uns Menschen redest! Ob ich diese reine Jungfrau, die in ihrem ganzen Wesen Dir ergeben ist, lieben könnte auf eine so intensive Weise wie ich Dich, o Herr, liebe!? Aber sie ist eine herrlichste Königstochter und ich ein armer Bürgersohn, eigentlich nicht völlig von Jerusalem, sondern aus der Umgebung dieser großen Stadt, die hundert Tore zählt und mehr denn zehnmal hunderttausend Einwohner, zu denen ich und meine Angehörigen nicht einmal gezählt sind! – Da, da steckt der Haken!“
GEJ|3|119|9|0|Sage Ich: „Nun – was weiteres? Wer war denn David von Geburt? Wer war denn Saul? Wer hat diese denn zu Königen von Israel gesalbt?
GEJ|3|119|10|0|Wenn Ich aber nun dir tue, was Ich einst den beiden getan habe, wie solltest du da der Helena nicht ebenbürtig sein? Meinst du denn, daß Ich nicht Macht genug besäße, dich im Augenblick auf den Kaiserthron in Rom zu setzen?
GEJ|3|119|11|0|Die Macht und Kraft des einen hier zu unseren Diensten anwesenden Engels Raphael kennst du, und Mir stehen augenblicklich tausend Legionen solcher Engel zu Gebote; wer wird sich mit ihnen in einen Kampf einlassen wollen?! Denn da genügt Raphael allein, um diese ganze Erde in einem Augenblick in Staub zu verwandeln, geschweige einen Kaiser von Rom zu entthronen und einen andern ganz wohlgemut auf den Thron zu setzen. Aber so etwas geschieht nun nicht, obschon es Mir an Macht dazu nie gebrechen würde; denn Ich weiß, warum Ich auch die gegenwärtigen Kaiser auf dem Throne zu Rom belasse. Aber ebenalso habe Ich auch die allerunbeschränkteste Macht, dir zu geben, was Ich will, und dich zu machen, zu was Ich will; wer wird dawider rechten mit uns?!
GEJ|3|119|12|0|Siehe, Gottes Macht geht weiter denn die Macht eines Erdenkönigs! Oder liegt das Leben eines Königs nicht ebensogut in Meiner Hand als das eines Bettlers? Ein leisester Willenshauch Meines Geistes, und die ganze Schöpfung ist aus dem Dasein! Sei du, Freund, darum unbesorgt! Was Ich sage, das ist gesagt für die Ewigkeit, und zu was Ich jemand erwähle, das ist und bleibt er unangefochten und unantastbar; denn Ich allein bin der Herr und tue alles nach Meiner höchst eigenen Liebe und Weisheit, und niemand kann zu Mir wirksam sagen: ,Herr, warum tust Du dieses und jenes?‘ Ja, der Mich in der Liebe seines Herzens fragt, dem werde Ich wohl eine sein Herz belehrende Antwort geben; wer aber mit Mir rechten wollte, dem wird keine Antwort, sondern ein Gericht nur erteilt! Darum sei du demnach ruhig; so Ich dich zu einem Könige mache, so bist du auch wahrhaft ein König, und wer gegen dich zu Felde ziehen würde, der wird zermalmt werden! Darum nimm du die Hand der Helena, und siehe, sie ist und bleibt dein liebes Weib!“
GEJ|3|119|13|0|Hier erhebt sich Ouran und sagt, vom höchsten Dankgefühle durchdrungen: „O Herr, Du Allmächtiger von Ewigkeit, wie werde ich als ein armer, sündiger Mensch je nur einigermaßen mich Dir, Deiner würdig, dankbar erweisen können? Du überladest mich ja mit den höchsten Gnaden und Wohltaten! Welch eine große und schon lange andauernde Sorge hast Du mir vom Herzen genommen!
GEJ|3|119|14|0|Wie schwer ist es für einen fühlenden Vater, für seine einzige, liebe Tochter einen Mann zu bestimmen, von dem man nur mit einiger Gewißheit zum voraus behaupten könnte, daß er für die Tochter völlig tauge und sie mit ihm glücklich sein werde! Was haben oft Eltern für Opfer in den Hymentempeln [Hochzeitstempeln.] niedergelegt zum Wohle ihrer verheirateten Töchter und meinten, daß sie dadurch eine glückliche Ehe erzielen würden; aber es waren nur zu oft alle Opfer vergebens! Die Ehen wurden dennoch glücklos, und die verheiratete Tochter ward nur zu bald und zu oft eine wahre Sklavin anstatt eine Freundin und treueste Lebensgefährtin ihres Gatten.
GEJ|3|119|15|0|Aber hier ist das, was ich von den Alten gehört habe, daß die wahren Ehen von den Göttern in den Himmeln geschlossen werden. Es versteht sich nun von selbst, daß der irrige Begriff ,Götter‘ ganz wegzubleiben hat; denn hat man einmal den einen und allein wahren Gott gefunden, dann haben die erdichteten Götter aufgehört.
GEJ|3|119|16|0|Diese Ehe ist demnach hier von Dir, o Herr, Selbst bestimmt und gebunden worden, und ich kann nun in der ruhigsten Hoffnung erwarten, daß sie auch Deines Segens, o Herr, nicht entbehren wird, der aber freilich durch die genaue Beachtung Deines heiligen Willens verdient werden muß, ansonst er nicht gegeben werden würde.
GEJ|3|119|17|0|Helena, meine lieblichste Tochter, hättest du dir's gedacht, als wir unsere weite Reise antraten in der Absicht, die wahre Weisheit und den unbekannten Gott aller Götter zu suchen und solches alles dann unsern Völkern beizubringen und sie dadurch so glücklich als möglich zu machen, daß wir beide hier auf diesem verlassenen, wüsten und höchst unansehnlichen Plätzchen gar so unaussprechlich glücklich gemacht würden?
GEJ|3|119|18|0|Siehst du, Tochter, wie nun meine dir oft vorgesagte Lehre: ,Wer alles finden will, der suche nichts denn Gott allein!‘, hier in die herrlichste Erfüllung gegangen ist! Du hast geseufzt, als wir unsere Stadt verließen mit dem geheimen Vorsatze im Herzen, nicht eher heimzukehren, als bis wir die Wahrheit und den allein wahren Gott werden gefunden haben, und sagtest wehmütig: ,Vater, da werden wir diese unsere Stadt und dies schöne Land wohl nimmer irgendwann mehr zu Gesichte bekommen!‘ Und ich sagte dir: ,Sei ruhigen Herzens, meine Tochter, wir gehen ja nicht auf einen Raub aus und auch nicht, um einen von unsern Nachbarn mit einem Kriege zu bedrohen, sondern wir gehen, für uns und für unser Land das höchste Glück zu suchen! Kein Gott und keine Macht der Welt kann diesen unsern Plan irgend schlecht heißen!‘ Da wardst du ruhiger, und wir traten unsere Reise mutig an. Aber eben von diesem Momente angefangen, frage ich dich, ob du wohl auch nur eine leiseste Ahnung von dem hattest, was alles überschwenglichst Gutes und Glückliches wir hier gefunden haben!“
GEJ|3|120|1|1|120. — Helenas Dank und gute Vorsätze
GEJ|3|120|1|0|Sagt Helena: „O Vater, welcher Sterbliche hätte denn je davon auch nur eine allerleiseste Ahnung haben können! Zudem waren wir noch bei allem unserm besseren Denken zu tief im Heidentume begraben und waren somit keiner so reinen Idee fähig, um mit deren Hilfe uns nur eine kleinste Möglichkeit von dem vorzustellen, was alles wir durch die alleinige Gnade Gottes des Herrn hier unmittelbar von Ihm Selbst empfangen!
GEJ|3|120|2|0|Wir können Ihm aber auch jetzt und ewig nichts anderes dafür tun, als Ihn fort und fort lieben über alles. Und unsere Brüder und Schwestern, die wohl unsere Untertanen sind, wollen wir dadurch lieben wie unser eigenes Leben, daß wir ihnen treu und wahr den Namen des erhabensten und heiligsten, allein wahren Gottes verkünden werden und ihnen sorgsamst eine solche Verfassung geben, durch die sie auf dem Wege der wahren Liebe und Demut erst zu wahren, Gott dem Herrn wohlgefälligen Menschen werden. Und Mathael, nun mein geliebtester Gemahl, wird uns mit seinen Brüdern seinen kräftigen Arm und sein mächtig weisestes Herz dazu bieten, und so wird unser Wohl im Namen des Herrn auch das seine und sein Wohl das Wohl aller unserer vielen Untertanen sein und werden.
GEJ|3|120|3|0|Das ist alles, was ich hier als treu und wahr vor Gott dem Allerheiligsten aus der dankbarsten Tiefe meines nun ganz zerknirschten Herzens bekennen kann. O Herr, sei Du mir armen Sünderin vor Dir aber auch stets gnädig und barmherzig; denn Du allein weißt es ja am besten, wieviel der irdischen Lebenslasten ich zu ertragen imstande sein werde! Nicht ohne Bürde will ich durch dies Leben gehen und will tragen nach der von Dir, o Herr, mir verliehenen Kraft; aber darüber hinaus wolle Du, Herr, mich nicht versuchen!“
GEJ|3|120|4|0|Sage Ich: „Mein Joch ist sanft und Meine Bürde leicht; aber dann und wann so ein kleines Zugewicht wird dir ewig keinen Schaden bringen, sondern nur einen großen Nutzen für Seele und Geist.
GEJ|3|120|5|0|Dein Gemahl Mathael wird es dir schon mitteilen zur rechten Zeit, welche Bürden er zu tragen bekommen hatte, um alles, was Welt heißt, aus sich hinauszuschaffen, auf daß sein Herz zu solcher Kraft hat emporwachsen können. Was er nun hat, kann ihm keine Macht und keine Ewigkeit mehr nehmen; aber was du nun bloß so von außen her in dich aufgenommen hast, gleicht noch sehr dem erst jüngst ins Erdreich gesäten Samen, und das muß noch so manches bestehen, bis es zu einer wahren, gesegneten, reifen Frucht wird.
GEJ|3|120|6|0|„Darum habe du nur ja keine Scheu vor den mannigfachen Lebensbürden, die dir auf diesem irdischen Lebenswege hie und da begegnen werden; denn Ich werde sie zu dir senden zur Stärkung deiner Seele und deines Geistes!
GEJ|3|120|7|0|Wenn demnach dann und wann etwas über dich kommen wird, dann denke, daß Ich es bin, der dir eine solche Stärkung zukommen läßt! Denn je mehr Ich einen Menschen liebe, desto mehr auch wird er versucht von Mir. Denn ein jeder soll Mir gleich vollkommen werden; dazu aber wird viel Selbstverleugnung, Geduld, Sanftmut und vollste Ergebung in Meinen Willen erfordert.
GEJ|3|120|8|0|Wer sich aber dann ganz in Meinen Willen bewegen wird, der wird auch so vollkommen sein in seinem Geiste, wie Ich Selbst vollkommen bin, weil ein solcher Geist dadurch völlig eins wird mit Mir. – Sage Mir nun, ob du dies alles nun wohl so ganz klar und gut einsiehst!“
GEJ|3|120|9|0|Sagt Helena: „O ja, insoweit es einem sterblichen Menschen möglich ist, die Worte Gottes in seiner zeitlichen, tiefen Beschränktheit einzusehen!“
GEJ|3|120|10|0|Sage Ich: „Nun wohl denn, und wir wollen nun nach der getanen Arbeit ein wenig ausruhen! Wer ein wenig schlafen will, der schlafe; wer aber mit Mir wachen und beten will, der wache und bete!“
GEJ|3|120|11|0|Darauf rufen viele: „Herr, wir wollen mit Dir wachen und beten!“
GEJ|3|120|12|0|Sage Ich: „So tuet, was ihr wollet! Auf den morgigen Tag aber heißt es sich wohl vorbereiten; denn es wird das ein heißer Tag werden. – (Mich zum Cyrenius wendend:) Morgen werden auch dein Bruder Kornelius und der Hauptmann Faustus hierherkommen, um zu sehen, was hier in dieser Gegend mag vorgefallen sein; denn sie vermuten es nicht, daß du hier seist, und noch weniger, daß Ich Mich etwa hier aufhalte. Aber es muß dennoch dafür gesorgt sein, daß sie mit ihrem Gefolge hier Unterkunft finden. In der Stadt wird sich für diesmal keine Wohnung finden lassen, denn das Feuer wird die Stadt übel zurichten, weil bei dieser Tempel- und Synagogenverbrennungsangelegenheit nebst den Tempeln und Synagogen auch einige andere Gebäude und bürgerliche Wohnhäuser sehr hart mitgenommen werden. Morgen heißt es darum die Gedanken beisammen haben, und es ist darum nötig, daß man sich darauf allseitig wohl vorbereite. Wer aber einen Schlaf hat, der schlafe; aber Ich muß wachen und beten!“
GEJ|3|120|13|0|Mit diesen Worten verließ Ich die Gesellschaft und ging auf dem Berge fürbaß, um allein zu sein, und um Meinen ewigen Vatergeist inniger zu vereinen mit Meinem ganzen Wesen.
GEJ|3|121|1|1|121. — Über das Wesen Jesu
GEJ|3|121|1|0|Es fingen sich aber an zu fragen viele, die auf dem Berge waren und diese Meine Anordnung vernommen hatten; auch Helena und Ouran wunderten sich ein wenig und fragten gleich mit vielen andern, sagend: „Sonderbar! Jetzt geht Er hin, um zu beten und Sich auf morgen vorzubereiten! Wen kann Er denn noch anrufen, und zu wem kann Er beten? Ist Er denn vielleicht ungeachtet Seines allein tiefsten Wissens dennoch nicht das höchste Gottwesen? Sich Selbst wird Er ja doch nicht anbeten!? Und täte Er es, so möchte man denn doch sehr fragen und sagen: Wozu denn das? Sonderbar! Er geht beten und Sich auf morgen vorbereiten, als ob Er als das höchste Gottwesen nicht schon von Ewigkeit dazu in Hülle und Fülle vorbereitet gewesen wäre! Sonderbar, sonderbar! Hm, hm, hm; was soll das nun auf einmal heißen!? Hat Er doch zuvor geredet, wie nur ganz allein immer ein wahrer Gott reden kann! Vom leisesten Hauche Seines Willens hängt es ab, ob die Welt besteht oder nicht, und nun geht Er Selbst beten, heißt uns schlafen und ruhen oder auch beten und uns vorbereiten auf den morgigen Tag! Nun, wenn Er Selbst irgendein Ihm sicher allein bekanntes Gottwesen anbeten geht, wen sollen denn hernach wir anbeten? Ihn oder das uns völlig unbekannte Gottwesen, das Er nun anbetet?! Nein, das ist doch mehr, als was man sich in einem dümmsten Traume hätte können träumen lassen!“
GEJ|3|121|2|0|Hier erhebt sich plötzlich Mathael, etwas erregt, und sagt mit lauter Stimme, so, daß es viele hören können: „Was urteilet ihr denn hier wie die Blinden von den Farben! O ihr Blinden alle, wie ihr hier seid, mit Ausnahme des Engels Raphael, und ihr Seine alten Jünger auch, die ihr auch noch sehr blind und somit dumm seid!
GEJ|3|121|3|0|Trägt Er hier auf Erden nicht, gleich wie wir alle, Fleisch und Blut, aus dem Seine Seele wie die unsrige sich entwickelt hat, um fähig zu sein, in den Vollverband mit dem ewigen, grundgöttlichen Geiste zu treten?
GEJ|3|121|4|0|Nur der Geist in Ihm ist Gott, alles andere ist Mensch, wie wir da Menschen sind. So Er betet, so heißt das mit andern Worten: Er läßt Seinen Menschen ganz durchdringen von Seinem urewigsten Grundgeiste Gott, von dem alle andern Geister ebenso herrühren wie das kleine Abbild der Sonne in einem Tautropfen von der wirklichen Sonne.
GEJ|3|121|5|0|Er ist Seinem Geiste nach die wirkliche Sonne, wir und alle Geister aber sind nur lebendige Abbilder von dieser ewigen Urgrundsonne Gott. – Verstehet ihr nun wohl, was es heißt, so Er sagt, daß Er bete?“
GEJ|3|121|6|0|Die Jarah und die Helena begriffen das zuerst; aber die andern konnten sich noch nicht völlig orientieren, weil sie noch immer Seele und Geist untereinander warfen wie Kraut und Rüben! Aber dann fing Mathael an, sie ordentlich zu belehren, und es fanden sich darauf viele zurecht. Alle aber lobten die wirklich grundtiefe Weisheit des unerschrockenen Mathael, und die Helena ergriff des Mathael Hand, drückte sie an ihre Brust und sagte: „Ja, du mein allerherrlichster und von Gott mir gegebener Gemahl, wenn es mit deiner Weisheit also stets herrlicher fortgeht, so möchte ich denn doch wissen, wie stark ich dich am Ende noch lieben werde! Wärest du uns allen nun mit deiner Weisheit nicht zu Hilfe gekommen, so hätten wir am Ende alle an der Göttlichkeit des großen Meisters zu zweifeln angefangen, abgesehen von all den nie erhörten, von Ihm vor unsern Augen verübten wundervollsten Taten. Aber jetzt ist alles wieder in der vollsten Ordnung, und wir wissen nun alle zur Genüge, wen wir anzubeten und in vollstem Vertrauen anzurufen haben!“
GEJ|3|121|7|0|Sagt Cyrenius: „So sehr es mich auch freut, dich, meinen lieben Freund und nun Bruder Mathael, so gut als möglich gestellt zu wissen, so hätte es mich aber noch mehr gefreut, dich beständig um mich zu haben! Denn unter uns allen mit Ausnahme des Engels, der nun mit seinem Suetal sich bespricht, ist keiner, der also vom Grunde aus in allen Dingen erleuchtet wäre wie du! Wie gesegnet ist ein Volk, dessen Regent du sein wirst und eigentlich der Wesenheit nach schon bist! Aber sehen werden wir uns dennoch öfter; denn entweder werde ich zu dir kommen, oder du kommst zu mir!“
GEJ|3|121|8|0|Mathael ergreift des alten und greisen Cyrenius Hand und sagt: „Edelster Cyrenius, wir werden Hand in Hand wirken, und unser Grundsatz sei, das Volk im Namen des Herrn so weise und glücklich als möglich zu machen! Zwar werden wir stets unsere Aufmerksamkeit hauptsächlich auf das geistige Wohl der uns von Gott zur Leitung anvertrauten Völker richten, aber auch in naturmäßiger Hinsicht soll sich niemand über irgendeine drückende Not zu beklagen haben, besonders, wenn er einmal geistig in der Ordnung ist.
GEJ|3|121|9|0|Im großen römischen Reiche würde solch eine Volksleitung wohl mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben; aber in einem kleinen Lande ist das schon ganz leicht möglich in den Vollzug zu bringen, und glückliche kleine Staaten werden dann gewöhnlich zu einem Spiegel, in dem sich die großen beschauen, ob sie keinen Schmutz im Gesichte haben, und ob ihre Haare in der Ordnung sind.
GEJ|3|121|10|0|Ein Spiegel ist gewöhnlich nur so groß wie eine Handfläche, und doch kann sich der Mensch, so er will, nach und nach ganz vom Kopfe bis zur letzten Zehenspitze beschauen; also kann denn auch leicht ein kleines Land einem ganzen großen Reiche zum Spiegel werden. Wollte sich aber ein kleines Land ein großes Reich zum Muster nehmen, so würde es dabei wohl sehr eingehen und alle seine Untertanen in das größte Verderben stürzen! Daher wollen wir lieber ein kleiner Spiegel als ein Riese sein, der sich darin beschaut! – Habe ich recht oder nicht, hoher Cyrenius?“
GEJ|3|121|11|0|Sagt Cyrenius: „Nur den möchte ich noch kennen, der dir unrecht geben könnte! Du hast allzeit recht; denn aus dir spricht ja gleichfort der geweckte Geist Gottes. –
GEJ|3|121|12|0|Aber sieh du einmal nach der Stadt hin! Mir kommt das Feuer immer stärker vor. Am Ende brennt doch die ganze bedeutende Stadt ab? Unser Raphael könnte da wohl helfen, wenn es ihm darum zu tun wäre!?“
GEJ|3|122|1|1|122. — Vom Wesen der Engel
GEJ|3|122|1|0|Sagt die Jarah: „Oh, der wohl, der! Wenn er einen Wink vom Herrn auf eine für uns freilich unsichtbare Weise bekommt, – sonst tut er nichts! Er ist mir ja gegeben zu einem Lehrer und Beschützer; aber so ich zu ihm etwas sage, daß er mir dies oder jenes tun soll, da tut er es schon am allerwenigsten! Und möchte ich von ihm etwas erfahren, so sagt er nicht nur nichts, sondern fragt dann gleich mich darum, und ich soll nun ihm erzählen, was ich von ihm nur erfahren wollte. Darum wäre es da für ein jedes Wort schade. Ich habe ihn zwar sehr lieb und hätte ihn noch um tausend Male lieber, – wenn er nur ein bißchen gefügiger wäre! Er ist zwar stets äußerst freundlich, aber bitten darf man ihn um nichts; denn da ist alles eine vergebliche Mühe.“
GEJ|3|122|2|0|Sagt Mathael: „Das wollte ich denn doch auch sehen, ob er nicht zu bewegen wäre, wenigstens einige bürgerliche Wohnhäuser vor den Flammen zu beschützen! Ich werde ihn herrufen und sehen, ob die holdeste Jarah in allem recht hat!“
GEJ|3|122|3|0|Darauf beruft Mathael den Raphael und sagt zu ihm: „Freund, siehe hin nach der Stadt! Mir scheint es, daß nun auch einige ärmliche Hütten im Brande stehen; wenn das, so könntest du das wohl verhüten!?“
GEJ|3|122|4|0|Sagt der Engel: „Allerdings, wenn ich dürfte; aber mein Wille ist ganz des Herrn, und ich kann nur das wollen, was Er allein will. Will der Herr es, so kannst du dir keinen so schnellen Augenblick denken, als ich mit dem Löschen des Brandes fertig werde! Ohne des Herrn Willen aber vermag ich aus mir selbst ebensowenig wie du; denn alle die von mir ausgeführten Wundertaten habe nicht ich, sondern hat nur des Herrn Wille durch mich ausgeführt.
GEJ|3|122|5|0|Wir Engel sind unserer Wesenheit nach ja nichts als Ausflüsse des göttlichen Willens, oder wir sind der personifizierte Wille des Herrn und können und vermögen aus uns nichts, weil wir als selbständige, des göttlichen Willens bare Wesen eigentlich gar nicht als bestehend und seiend gedacht werden können, wie du dir für deine Augen in einem Spiegel kein wirkendes Abbild der Sonne der Wahrheit nach denken kannst, wenn nicht aus der wirklichen Sonne zuvor ein Strahl auf des Spiegels Fläche fällt.
GEJ|3|122|6|0|Um mein Wesen aber noch besser zu begreifen, mache ich dich auf eine Art Hohl- oder Brennspiegel aufmerksam, welche der von altersher berühmte Mechaniker Archimedes so ganz eigentlich zufällig erfunden hat. Diese Spiegel haben die ganz natürliche Eigenschaft, eine Menge auf ihre Fläche fallende Sonnenstrahlen auf einen Punkt hin in einer bestimmten Entfernung zusammenzudrängen. Diese auf einen Punkt zusammengedrängten Sonnenstrahlen haben dann sowohl im Lichte als in der Hitze eine so oftmal größere Kraft als der einfache Strahl, als wie oft der in seiner größten Konzentration kaum zwei Daumenbreiten im Durchmesser habende Brennpunkt in der ganzen oft eine Mannshöhe im Durchmesser habenden Spiegelfläche quadratisch genommen enthalten ist.
GEJ|3|122|7|0|Ein solcher Brennpunkt hat dann freilich eine ums mehr als tausendfache größere Kraft, sowohl im Leuchten als im Brennen, als der natürliche einfache Sonnenstrahl, ist aber ohne die Sonne doch nicht denkbar.
GEJ|3|122|8|0|Er, der Spiegel nämlich, vereinigt nur die Strahlen der Sonne zu einem heftig und schnell wirkenden Brennpunkte; aber ohne die Sonne ist er jeder Kraft und Wirkung bar und besitzt für bleibend nur die Eigenschaft, die Strahlen der Sonne zu verdichten, wenn diese auf seine Fläche fallen; aber ohne die Sonne ist des Brennspiegels Wirkung gleich einer Null.
GEJ|3|122|9|0|Also sind auch wir Engel, wie gesagt, an und für sich nur Brennspiegel zur Aufnahme und zur Verdichtung des göttlichen Willens, und wo wir dann handeln, da handeln wir durch den Brennpunkt des in uns verdichteten göttlichen Willens, und du kannst dann nichts als Wunder über Wunder sehen. – Verstehst du das?“
GEJ|3|122|10|0|Sagt Mathael: „Oh, das verstehe ich nun ganz überaus wohl, nur wußte ich nicht, daß Archimed der Erfinder von den Brennspiegeln war; denn man schreibt solche ganz ursprünglich einem gewissen Hamerod und dann dem bekannten Thales zu, der da auch eine Blitzmaschine soll verfertigt haben!“
GEJ|3|122|11|0|Sagt Raphael: „Ganz recht, aber Archimed war ein Drechsler und hatte aus sich selbst sowohl das Wesen der sehr brauchbaren Brennspiegel, der Blitze erzeugenden Zylinder und Scheiben, sowie hauptsächlich der Hebemaschinen durch eine glückliche Benutzung seiner eigens dazu erfundenen und wohl berechneten Schraube entdeckt, nach deren Erfindung er gesagt hat: ,Gebet mir außer (außerhalb) der Erde einen festen Punkt, und ich hebe euch die ganze Welt aus ihren Angeln!‘
GEJ|3|122|12|0|Aus dem Ganzen aber geht hervor, daß ich aus mir selbst deinem guten Begehren keine Folge leisten kann. Wenn mich aber der Herr dazu ausersehen wird, dann wird alles schnell beendet sein. Wendet euch darum nur an den Herrn!“
GEJ|3|122|13|0|Sagt die Jarah: „Den Herrn kann man jetzt nicht beunruhigen; denn Er hat uns Ruhe empfohlen oder auch zu beten, so wir wach bleiben. Und das sollen wir tun; denn was Er sagt, das hat seinen Grund. Was kümmert es uns, ob auch die ganze Stadt abbrennt?! Der Herr hat schon Seine Ursache, warum Er dieses über diese Stadt hat kommen lassen, und die Ursache kann noch eine höchst gute und voll der göttlichen Liebe und Erbarmung sein. So wir nun daran etwas ändern wollten, da würden wir darum die Sache nicht besser, sondern nur offenbar schlechter machen; zur rechten Zeit wird schon der Herr das Seinige ohne unsere Vorworte tun. Mit meinem Raphael aber ist und bleibt nichts; denn ohne des Herrn Willen ist er ein leerer Schlauch.“
GEJ|3|123|1|1|123. — Die Weisheit der Jarah
GEJ|3|123|1|0|Sagt Mathael: „O du kleine Jarah du! Schau, diese Weisheit hätte ich in deinem Fleische, beim Himmel, nicht gesucht! Schon recht also, meine liebste Genezaretherin; aber nun möchte ich von dir erfahren, wie du eigentlich betest!“
GEJ|3|123|2|0|Sagt Jarah: „Ich versetze mich mit allen meinen Gedanken und Gefühlen in die tiefste Tiefe meines Herzens, worin die Liebe zu Gott zu Hause ist. Dadurch bekommt diese heilige Liebe ebenalso Nahrung, als wenn du auf eine stille Glut, die nicht mehr flammt, gutes, dürres und sehr leicht brennbares Holz legst.
GEJ|3|123|3|0|Das Holz wird die stille Glut gar bald dahin erwecken, daß sie über sich ganz kleine Flämmchen wird zu treiben anfangen; diese Flämmchen werden dann alsbald das Holz ergreifen, und darauf wird das Ganze in die hellsten Flammen übergehen, und es wird dann überlicht und vollends lebenswarm werden im Herzen. Dann erst spricht der dadurch erweckte gottähnliche Geist im Herzen:
GEJ|3|123|4|0|,O Du mein heiliger Vater in den Himmeln! Dein Name werde geheiligt! Zu uns armen tot- und nachtvollen Sündern komme Deine Vaterliebe! Dein allein heiliger Wille geschehe hier auf dieser Deiner Erde wie in allen Deinen Himmeln! Haben wir gesündigt wider Deine ewige, heilige Ordnung, so vergib uns solche Torheit und habe Geduld und Nachsicht mit uns, wie auch wir mit denen Geduld und Nachsicht haben, die sich gegen uns irgend versündigt haben! Laß es ja nicht zu, daß wir in unserer fleischlichen Schwachheit irgend über unsere Kraft von der Welt und vom Teufel versucht werden, sondern erlöse Du uns durch Deine große Gnade, Liebe und Erbarmung von den tausenderlei Übeln, durch die unsere Liebe zu Dir, o heiliger, großer, lieber Vater, getrübt und geschwächt werden könnte! Wenn es uns aber hungert und dürstet, geistig und leiblich, dann gib uns, Du guter, lieber Vater, nach Deinem heiligen Ermessen, was wir täglich vonnöten haben! Dir allein alle meine Liebe, alle Ehre und alles Lob ewig, ewig!‘ –
GEJ|3|123|5|0|Sieh, das heiße ich beten, welches Beten aber vor Gott erst offenbar nur dann etwas gilt, wenn zuvor in aller Tiefe des Herzens auf die vorbeschriebene Art und Weise die Liebe zu Gott in die lichten und heißen Flammen übergeschlagen hat durch die Einung aller Gedanken und Gefühle im göttlichen Zentrum des Herzens; fehlt dieser Vorakt (Vorgang), so ist jedes Gebet mit bloßen, noch so schönen Worten vor Gott ein Greuel und wird nicht angesehen und nicht angehört.
GEJ|3|123|6|0|Denn Gott in Sich ist ein Geist und muß darum im Geiste der Liebe und im flammenhellsten Lichte der Wahrheit angebetet werden. – Verstehst du nun, was da der vollsten Wahrheit nach Beten heißt nach meinem Sinne und nach meinem Verstande?“
GEJ|3|123|7|0|Sagt Mathael: „O du holdseligstes Mädchen! Wer hätte denn in dir je eine solche Weisheitstiefe gesucht!? Wahrlich wahr, da könnte ja ich noch ganz gut dein Jünger sein, und ich schäme mich nicht im geringsten, solches hier vor allen ganz laut und offen zu bekennen! Ja, jetzt begreife ich erst deine unbesiegbare Anhänglichkeit zum Herrn und vice versa (umgekehrt), wie die Römer sagen! Du scheinst auch in kürzester Zeit vom Herrn gleich mir erweckt worden zu sein?!“
GEJ|3|123|8|0|Sagt Jarah: „Wer Gott den Herrn über alles liebt, der wird bald und leicht erweckt; wer Ihn aber mit dem Verstande sucht, um Ihn zu lieben, wenn er Ihn mit dem Verstande erst so recht kernfest gefunden hat, der hat sich eine große und sehr vergebliche Arbeit vorgenommen, mit der er nimmer zum erwünschten Ziele auf dieser Welt gelangen wird. Also bist auch du so schnell zum intensivsten Lichte der Gnade aus Gott gelangt; denn im Herzen deiner Seele muß es doch stets sehr flammend hergegangen sein, obschon du deinem Leibe nach auf eine Zeitlang ganz von den argen Geistern der Hölle belagert warst!“
GEJ|3|123|9|0|Sagt Mathael: „Ja, göttliches Kind, da dürftest du wohl sehr recht haben! Ich liebte Gott von meiner Kindheit an über alles, darum mich meine Alten denn auch dem Tempeldienste weihen ließen, allwo mein Fleisch erst zu einer wahren Höllenmaschine gemacht ward, aber meine Seele trotzdem blieb, was sie vom Uranbeginn ihres Seins war. Davon aber auch kein Wort mehr weiter; denn ich erinnere mich nicht gerne daran. – Und nun sage du, meine geliebteste Helena, wie denn dir dies weise Mädchen behagt! Ist das nicht staunenswert, in welch hoher Weisheit sich dieses Kind befindet!?“
GEJ|3|123|10|0|Sagt Helena: „Wo und wer sind denn ihre Eltern?“
GEJ|3|123|11|0|Sagt Mathael: „Na, na, das ist ja schon alles bekannt, und du hast ihren hier eben auch anwesenden Vater Ebahl, Gastwirt aus Genezareth, auch schon abends unten in euren drei Hütten gesehen und gesprochen! Hast du denn das schon vergessen? Sage mir lieber, wie dir die überaus markige Weisheit dieses Mädchens gefällt, und ob du nicht den Wunsch lebendig fühlst samt mir, ebenso weise zu sein wie sie, diese allerliebste, holde Kleine! Wahrlich, ich weiß viel, – aber dies Kind weiß mehr! Ich sehe sie in meinem Gemüte, wie ihre keusche Brust Dinge birgt, von denen wir noch gar keinen leisen Dunst haben. Aber der Raphael scheint bei ihr nicht in einem ganz besonderen Ansehen zu stehen! Wie gefällt dir denn das alles, du meine holdeste Gemahlin Helena?“
GEJ|3|123|12|0|Sagt Helena ganz wehmütig, statt heiter und fröhlich: „O mein Mathael, dahin wird es die arme Helena wohl ewig nicht bringen! Es scheint ja, als ob des Allmächtigen Herz geradewegs in dieses Mägdleins Herzen stecke; denn das ist ja eine Erfahrenheit in der Sphäre des innersten Gottlebens im Menschen, wie man solche nur aus dem Munde des Schöpfers erfahren kann! Da ist es dann freilich begreiflich, warum sie auf den Engel eben nicht gar zu große Stücke hält; denn sie muß ihm an der wahren Weisheit so ähnlich sein wie ein Auge dem andern. Daß der Engel wohl eine unendliche Macht und Kraft aus dem Herrn besitzt, daran ist nicht zu zweifeln; ob er aber in der wahren Weisheit aus Liebe zum Herrn stärker ist denn dies Mägdlein, möchte ich schier bezweifeln.
GEJ|3|123|13|0|Ich möchte mich wohl in irgendein Gespräch mit ihr einlassen, wenn ich nicht einen gar so großen Respekt vor ihrer Weisheit hätte! Denn unsereins dürfte vor dem Mägdlein etwa nur ein dummes Wort auslassen, und man würde etwa leichtlich eine Korrektion aus ihrem Munde erhalten, daß man sein ganzes Leben hindurch sich nicht mehr getraute, auch nur ein Wort mehr über die Lippen gehen zu lassen.
GEJ|3|123|14|0|Wenn das Mädchen eine Arme wäre, so möchte ich es beschenken mit allen meinen Schätzen, die ich bei mir habe; aber es scheint dem ziemlich kostbaren Anzuge nach ein Kind von wohlhabenden Eltern zu sein, und es würde ein Geschenk von mir bei ihr sicher keine gute Aufnahme finden, besonders bei ihrer ungeheuren Weisheitstiefe, die ohnehin jeden Weltprunk noch tiefer verachten wird als wir und besonders ich, die ich ihr nicht auch nur den kleinsten Wassertropfen einer Weisheit zu reichen imstande wäre!
GEJ|3|123|15|0|Ich habe das Mädchen unbeschreiblich lieb; aber es wird mir in ihrer Nähe dennoch ordentlich angst und bange.
GEJ|3|123|16|0|Aber für die Bescheidung, wie man zu Gott wohlgefällig beten soll, bin ich ihr dennoch zu einem großen Danke verpflichtet; aber wie werde ich diesem Kinde den gebührenden Dank an den Tag legen können?“
GEJ|3|123|17|0|Sagt die Jarah, die sich einstweilen mit dem Raphael über etwas besprach: „Holdeste, hohe Königin, liebe mich, wie ich dich liebe, – ein mehreres bedarf es nicht! Was mir aber aller Welt Schätze sind, das weißt du ohnehin und hast es auch ehedem ganz weise ausgesprochen; und käme es wirklich darauf an, daß wir uns gegenseitig mit den groben Materieschätzen begrüßen sollten, so könnte ich dir ganz sicher größere bieten, denn du mir. Was aber ist alle diese Weltpracht gegen nur einen kleinsten Funken der wahren, lebendigen Liebe zu Gott in unserem Herzen!? Freundin, dies Juwel müssen wir treu bewahren, hüten und pflegen in unserm Herzen, damit es uns nicht entfremdet wird! Besitzen wir das in stets größerer Pracht, in der Reinheit sowohl als in der Lebensintensität, so besitzen wir mehr, als was alle Himmel zu fassen imstande sind! – Verstehst du solches?“
GEJ|3|124|1|1|124. — Helena über die Priestermacht
GEJ|3|124|1|0|Sagt Helena: „Was du nun gar so wahr geredet hast, habe ich gar wohl verstanden; nur das einzige verstehe ich nicht, wie du gar so weise geworden bist!“
GEJ|3|124|2|0|Sagt die Jarah: „Das kümmere dich nicht; denn das ist eine Sache des Herrn, der da den Menschen je nach ihren Fähigkeiten verschiedene Gnadengaben erteilt und unter sie wie ein Sämann den Weizen auf einen aufgelockerten Acker ausstreut. Wo der Same auf einen guten Boden fällt, da bringt er auch leicht und bald viele Frucht. Ich meine, daß dein Herz auch ein guter Acker ist!?“
GEJ|3|124|3|0|Sagt Helena: „Sollte es wohl sein; aber ich lebte zu lange im stockblinden Heidentume, das in mir noch immer nachklingt wie ein schlecht gestimmter Ton auf einer Windleier! Wohl kenne ich nun die Wahrheit, und sie ist nun mein Leben geworden; aber bedenke mein großes Volk daheim, das noch nagelfest am Heidentume und an dessen Götzen hängt! Welche Mühe wird es uns nun kosten, dem Volke ein anderes Licht zu geben und ihm den alten Aberglauben zu nehmen! Wenn des Herrn allmächtiger Wille uns da nicht gar gewaltig unterstützt, so werden wir wenig oder nichts ausrichten!“
GEJ|3|124|4|0|Sagt die Jarah: „Aber du warst ja auch samt deinem Vater eine Heidin, und es hat denn doch nicht gar so viel Mühe und Arbeit gekostet, dich zur reinen Wahrheit herüberzubringen!“
GEJ|3|124|5|0|Sagt Helena: „Wohl kann ich es nicht aufnehmen mit deiner Weisheit in rein geistigen Dingen; aber auf der Welt gibt es auch gar verschiedene Dinge, und zwar zumeist im Verbande mit den verschiedenen Religionen der Menschen, die bei weitem schwerer zu beseitigen sind als die Irrtümer einer Irrlehre selbst.
GEJ|3|124|6|0|Zuerst hast du es mit der Priesterschaft zu tun, die sich eine Götterlehre gerade so eingerichtet hat, wie sie ihr am meisten einträgt und sie dabei überaus gut bestehen kann. Die Tempel aber brauchen eine Menge Sachen und beschäftigen stets eine Menge Künstler und Handwerker, und sonstige Diener und Knechte. Alle diese Menschen leben von den Tempeln und verlieren mit dem Aufhören der Tempel ihren Verdienst und ihr Brot. Welchen Lärm werden diese schlagen!?
GEJ|3|124|7|0|Könnte man diesen Menschen irgendeinen andern Verdienst geben, so ginge die Sache vielleicht besser und leichter; aber woher in einem nicht zu großen Reiche geschwind für Tausende eine neue Erwerbsquelle schaffen, und woher das Brot nehmen für so viele Menschen!? Für etliche Tage wohl würden wir in keine Verlegenheit kommen; aber für viele Jahre hindurch! Wo hernehmen und dabei gut und redlich bleiben!?
GEJ|3|124|8|0|Nebstbei aber besitzt die Priesterschaft beim Volke stets den größten Glauben und steht bei ihm im höchsten Ansehen; es dürfen die bösen Priester dem Volke dann nur sagen, daß die Götter uns verflucht haben, und wir werden dann schauen können, wie wir mit heiler Haut aus unserem Lande kommen werden. – Siehe, Freundin, das sind wohl Dinge, die uns sehr zu denken zwingen! Wie gesagt, nur eine wunderbare Hilfe des Herrn kann da Rat schaffen!
GEJ|3|124|9|0|Es wird schwer sein, hier im Judenreiche dieses reinste Licht aus den Himmeln auszubreiten, weil die alte Lehre Mosis schon zu sehr mit derartigen Falschheiten und Betrügereien unterspickt ward, bei denen die Priesterschaft zu reich geworden ist und nun zu gut lebt. Zugleich versteht die Priesterschaft sich allzeit prächtig darauf, mit den Machthabern gemeine Sache zu machen und sich denselben aus allerlei politischen Rücksichten unentbehrlich zu machen.
GEJ|3|124|10|0|Die Machthaber erteilen ihr dann gewöhnlich zu viel Freiheiten und Privilegien, mit denen die Priester dann das blinde Volk durch allerlei Blendwerk bald ganz für sich gewinnen und die Machthaber am Ende zum bösen Spiele noch eine gute Miene machen müssen, wenn sie nicht ganz verloren sein wollen. Unter solchen Umständen ist es dann schwer, Herr eines Volkes zu sein. Man muß am Ende sogar zufrieden sein, daß man noch einen Herrn spielen kann und darf, wenn man auch schon lange der Wirklichkeit nach keiner mehr ist.
GEJ|3|124|11|0|Glaube du mir, die eigentlichen Herren des Volkes und der Völker sind schon lange die Priester, und die Kaiser, die Könige und Fürsten sind bloß ihre heimlich sehr verdrießlichen Handlanger, und es möchten sich viele die Sache anders und besser einrichten und alle die feisten und wohlgenährten Götterdiener zum Plunder schicken, wenn es ginge! Aber es geht nicht, und auf eine humane Art schon am allerwenigsten; und sieh, wenn ich nun daran denke, so steigen mir ordentlich die Haare zu Berge! – Siehst du diese Schwierigkeiten wohl ein?“
GEJ|3|124|12|0|Sagt die Jarah: „Allerdings, und ich weiß aber auch, daß sich nicht alles, was Holz heißt, übers Knie brechen läßt; dazukommt aber als sehr zu berücksichtigen auch das, daß bei uns Menschen gar vieles nicht möglich ist, was bei Gott und mit Seiner Hilfe gar leicht möglich sein kann!
GEJ|3|124|13|0|Darum tue du soviel nur, als du kannst, und überlasse alles andere dem Herrn, es wird dann schon alles zum erwünschten, guten Ziele gelangen!
GEJ|3|124|14|0|Dann hast du den Mathael, der vom Herrn mit vieler Weisheit, Kraft und Macht versehen ist, und seine fast ebenso weisen und mächtigen Gefährten; diese alle werden mit der Zeit schon auch etwas ausrichten, und so kannst du nun schon ganz ruhig sein!
GEJ|3|124|15|0|Und wenn der Mathael seine Belehrungen in deinem Lande also beginnt, wie er es bei dir gemacht hat, so dürfte es ihm eben nicht zu schwer werden, vor allem sogar die Priesterschaft für sich zu gewinnen, die er dann mit dem neuen Amte versehen kann; und sie wird das Weitere beim Volke schon einzuleiten verstehen. Was aber dann weiter die Künstler und Handwerker betrifft, so werden sie von der umgewandelten Priesterschaft schon auch zu andern Zwecken zu verwenden sein!
GEJ|3|124|16|0|Aber so du, liebste Freundin, nun bei deiner Heimkehr alles Alte, wenn auch noch Irrtümliche, über den Haufen stürzen möchtest, da freilich wäre es wohl begreiflich, wie dir eine solche Mühe und Arbeit sicher sehr schwer belohnt werden würde.
GEJ|3|124|17|0|Die rechte Weisheit aus Gott muß auch überall die rechten Mittel zu schaffen wissen; weiß sie das nicht, so ist sie auch noch lange keine rechte Weisheit aus Gott. Was sich mit einem Menschen tut, das muß sich auch mit Tausenden tun lassen, nur gehört dazu natürlich mehr Zeit und Geduld als bei einem Menschen; aber gehen kann alles mit der Zeit und mit den dazu tauglichen Mitteln. Auf einen Streich fällt kein Baum um, und mit einem Eimerzuge schöpft man keinen Brunnen aus. Und so geht es überall; der gute Wille, die Zeit und die rechten Mittel können Berge versetzen und ein Meer trockenlegen!
GEJ|3|124|18|0|Bei Gott ist kein Ding unmöglich; wo Er hilft geistig und natürlich, da geht alles! Daher sei du nur ganz getröstet, und vertraue fest auf den Herrn, und es wird dann schon alles um vieles besser gehen, als du es dir nun vorstellst! – Sage du, lieber Mathael, ob ich recht habe oder nicht!“
GEJ|3|125|1|1|125. — Ouran zeigt, wie unbegründet die Furcht der Helena ist
GEJ|3|125|1|0|Sagt Mathael: „Allerdings, wer wird das verkennen wollen; aber meine allerliebste Gemahlin stellt sich die Sache gar zu riesig schwer vor! Ja, es wird das wohl keine gar zu leichte Arbeit sein, – aber noch lange kein Augiasstall, den der Riese Herkules soll gereinigt haben in einer bedungenen kurzen Zeit! Ich habe gar keine Angst und meine, daß die Sache mit der Hilfe des Herrn ganz leicht gehen wird!“
GEJ|3|125|2|0|Sagt Helena: „Das hoffe auch ich; aber ich kenne mein Volk und alle die altherkömmlichen Einrichtungen des Landes und sage dir, daß es unter ihnen, das heißt unter den Menschen meines Reiches, sehr schwer Mensch sein und bleiben heißt!
GEJ|3|125|3|0|Gegen so manche Irrtümer der Menschen zu Felde ziehen, ist ein leichtes, aber eine Riesenarbeit gegen den Fanatismus des diamanthart gewordenen Aberglaubens, den die Priesterschaft durch allerlei Scheinwunder ganz gehörig zu beleben verstand.
GEJ|3|125|4|0|Man müßte nur ungeheure Gegenwunder zu wirken imstande sein, und da fragt es sich erst, ob man dadurch mit dem Volke etwas gewönne! Man würde es dadurch nur von einem Aberglauben in den andern hineintreiben, so man ihm nicht auch dazu das rechte Licht gäbe, ein echtes Wunder von einem Scheinwunder zu unterscheiden; wie aber kann man das, wenn man die Scheinwunder ihrer eigentlichen Wesenheit nach viel zuwenig kennt?!
GEJ|3|125|5|0|Die alten Priester aber, die vor den Augen des Volkes zur Beglaubigung ihrer Betrügereien schon so viele Scheinwunder gewirkt haben, werden sich zum Widerrufe nie verstehen! Denn tun sie das, so wird das ganze Volk über sie herfallen und wird sie zerreißen in Stücke; denn ein ganzes, großes Volk läßt sich nie und nimmer so schnell bilden als ein einzelner Mensch.
GEJ|3|125|6|0|Für die alte Priesterschaft muß demnach ganz anders gesorgt werden, und das Volk muß auf solch eine gewaltige Umwandlung ganz unversehens vorbereitet werden, und wir können von vielem Glücke reden, wenn wir nach zehn Jahren es so weit werden gebracht haben, daß das Volk mit sich über geistige Dinge wird reden lassen!
GEJ|3|125|7|0|Weißt du, mein allerliebster Gemahl Mathael, ich zweifle keinen Augenblick an deiner großen Weisheit, wie auch nicht an der nötigen außerordentlichen Hilfe des Herrn; aber ich kenne auch die Schwierigkeiten alle, die sich uns wie Riesen entgegenstellen werden, und es steht sehr dafür, ob wir nicht noch einmal das Weite und Fremde werden zu suchen bekommen!
GEJ|3|125|8|0|So göttlich rein und herrlich auch diese Lehre ist, und wie unendlich beseligend noch dazu; aber es liegt die Welt zu sehr im argen, und es wird darum meiner Ansicht nach eine stets sehr schwere Arbeit sein, den Teufeln in dem Orkus das Friedensevangelium Gottes zu predigen!“
GEJ|3|125|9|0|Sagt Mathael: „Oh, allerdings wird das keine leichte Arbeit sein; aber wir werden eine desto größere Freude haben, wenn sie uns mit der Hilfe des Herrn gelingen wird! Gelingen muß sie uns aber, und wenn darüber auch die ganze Welt in Trümmer zerfallen sollte! Denn da bin ich ein ganz eigener Mensch; was ich mir einmal vornehme, das muß ausgeführt werden! – Und nun reden wir wieder von etwas anderem!“
GEJ|3|125|10|0|Sagt Ouran: „Habt wohl recht, wenn ihr euer Gespräch einmal auf etwas anderes lenket! Ich habe zwar unterdessen ein kleines, mich sehr stärkendes Schläfchen gemacht und habe im Traume gar wunderliche Dinge gesehen, aber mitunter habe ich doch auch von eurem Diskurse welches und welches (etwas) vernommen und sage es euch, daß die Kleine (Jarah) da ganz recht hat, und du, mein Sohn Mathael, hast auch recht; aber die Furcht meiner guten Tochter, wennschon nicht ganz unbegründet, ist doch etwas zu eitel!
GEJ|3|125|11|0|Ich kenne ja mein Volk so gut wie mich selbst! Zum größten Teile ist es handeltreibend, macht mit allerlei Völkern Bekanntschaft und daneben auch mit ihren Sitten, Gebräuchen und Religionen. Im Innern des Landes gibt es wohl Gemeinden, die noch ganz fest an ihren Orakeln hängen; aber an den Küsten könnet ihr ihnen das ganze Göttertum um wenige Groschen abkaufen. Das Priestertum steht bei den meisten schon seit langem im übelsten Rufe, und die Philosophie hat schon lange das eigentliche Göttertum aus dem Sattel gehoben.
GEJ|3|125|12|0|In Taurien, über dessen südliche Seite ich auch zu gebieten habe, ist es aber mit dem Göttertume schon lange gar, wozu der einige Zeit sich dort aufhaltende römische Dichter Ovid durch seine Metamorphosen – durch die er das Göttertum auf eine honette und dichterische Art ins Lächerliche zog – nicht wenig beitrug. Plato, Sokrates und Aristoteles sind nun die Götter dieser Zeit, und bei denen greift diese Lehre ganz leicht Wurzel; denn diese drei Weisen predigen ja auch nur einen wahren Gott und verwerfen das Vielgöttertum als etwas im eigentlichsten Sinne Reelles ganz und gar und betrachten dasselbe nur als etwas Eigenschaftliches des einen und einzig ewig wahren Gottes.
GEJ|3|125|13|0|Wären wir selbst ja doch kaum je hierher in das Judenland gezogen, so wir nicht davon gehört hätten, daß im Tempel zu Jerusalem eben der einzig wahre Gott als fast ersichtlich gegenwärtig sei, den besonders Plato in seinem Symposion beschreibt, und wie man sich mit diesem einzig wahren Gott geistig vereinen kann! Davon ist mein ganzes Volk nicht in der Unkenntnis, und es läßt sich darauf dann schon etwas Ehrliches bauen!
GEJ|3|125|14|0|Ich hätte mich natürlich in Jerusalem in alles einweihen lassen, und hätte ich dort etwas mich Befriedigendes gefunden, so hätte ich es von dort dann gleich zu meinem Volke gebracht. Daß wir aber hierher gekommen sind, gleich zum Schmiede selbst anstatt zu den Schmiedleins – was nun bei all dem, was wir erlebt, gehört und gesehen haben, wohl keinem Zweifel mehr unterliegt –, das ist wahrscheinlich für unsern ernst guten Willen ein freier und außerordentlicher Gnadenakt Gottes des Herrn, dessen wir uns nie als etwa würdig rühmen wollen und werden. Aber eine um desto leichtere Arbeit werden wir nun daheim haben, weil wir dabei der hier erprobten göttlichen Hilfe bei jeder Gelegenheit ganz vollkommen gewärtig sein können!
GEJ|3|125|15|0|Wir haben, meine allerliebste Tochter, bei weitem nicht so viel gesucht, als wir gefunden haben. Hätten wir nur etwas mehr gefunden als in Platos Symposion, so wären wir schon unendlich zufrieden nach Hause gezogen. Was nun, was jetzt, wo wir etwas gefunden haben, wovon Plato in seinem Symposion nie etwas geträumt hatte?! Jetzt werden wir mit großem Jubel nach Hause ziehen und werden es den staunenden Völkern laut verkünden, was wir bei unserem Suchen alles erlebt, gehört und gesehen haben! Ich muß es euch sagen, daß ich mich nun schon recht von ganzem Herzen darauf freue!
GEJ|3|125|16|0|Ich begreife darum noch nicht, wie du, Helena, in eine Furcht darüber hast geraten können!
GEJ|3|125|17|0|Ich stelle es zwar nicht in Abrede, daß du dazu etwas Gegründetes hast; aber das taugt nicht für unser Land, sondern vielleicht viel eher fürs Judentum, das, wie ich es jetzt schon etwas näher kenne, voll Trugs, voll Herrschsucht und voll bösen Willens ist. Da, da dürfte deine Furcht viel eher einen triftigen Grund haben denn bei meinen wahren Lämmern von Menschen! – Was meinst du da, mein geliebtester und geehrtester Sohn Mathael?“
GEJ|3|125|18|0|Sagt Mathael: „Bin ganz deiner Meinung; denn im Tempel zu Jerusalem geht es nun so ganz eigentümlich ungeheuer zu, und es wäre sehr gewagt, dort mit dieser Lehre aufzutreten! Im Tempel, wo einstens wohl Jehovas Geist sichtlich gegenwärtig war im Allerheiligsten, herrscht alles, was man nur schlecht und böse nennen kann; nur von etwas Göttlichem ist in der Realität keine Spur mehr vorhanden, sondern allein nur leere Namen! Und die Priester sind Wölfe und Hyänen in Schafspelzen. Wenn wir einmal unter uns sind, werde ich euch gar vieles davon zu erzählen wissen, da ich selbst ein Templer war! Aber für jetzt lassen wir das; denn hier gibt es von etwas viel Besserem zu reden als von dem nun völlig gottlosen Tempel zu Jerusalem!
GEJ|3|125|19|0|Meiner liebsten Jarah muß ich nun schon besser zusetzen; denn die birgt in ihrer Brust noch Geheimnisse, von denen uns allen noch nichts in irgendeinen Sinn gekommen ist! Jarah, erzähle uns doch etwas von deinen Erlebnissen!“
GEJ|3|126|1|1|126. — Jarah erzählt von ihren Erfahrungen über die Sterne
GEJ|3|126|1|0|Sagt die Jarah: „Oh, recht gerne, – aber ihr würdet sie mir wohl kaum glauben! Du, lieber Mathael, kennst dich in den Sternen auch recht gut aus; aber ich vielleicht noch besser, was aber freilich nicht mein Verdienst, sondern eine pure außerordentliche Gnade des Herrn ist. Warte, ich werde dich um etwas fragen! Kannst du mir darüber eine genügende Antwort geben, so verstehst du ebensoviel als ich; bleibst du aber mit der Antwort im Hintergrunde, dann erst werde ich so frei sein, dir manches, was ich weiß, mitzuteilen. – Für was hältst du die kleinen Sterne am Firmamente?“
GEJ|3|126|2|0|Sagt Mathael: „Meine allerliebste Jarah, das ist eine etwas stark sonderbare Frage! Was da betrifft die Sonne, den Mond und noch etliche Planeten, da könnte ich dir wohl vielleicht eine dir nicht ungenügende Antwort geben; aber bis zu den Fixsternen ist die Sehe meiner Seele noch nicht gedrungen. Ich vermute, daß es auch ferne Welten sind, wie der Herr auch schon einmal darauf hingedeutet hat; aber wie sie etwa so ganz eigentlich beschaffen sind, und was ihre Natur und Beschaffenheit ist, das natürlich kann ich dir wohl nicht sagen und möchte dich darum recht sehr bitten, wenn du mir darüber irgendeine Belehrung geben wolltest!“
GEJ|3|126|3|0|Sagt die Jarah: „Lieber Mathael, wenn du nicht glauben kannst, daß ich einige dieser Sterne mit meinem Fleische und Blute bereist habe, so nützt dir mein Erzählen wenig oder nichts! Kannst du das aber glauben, so kann ich dir davon schon etwas kundgeben!“
GEJ|3|126|4|0|Sagt Mathael: „Mein allerliebstes Kind, da wird der Glaube wohl auf eine überaus harte Probe gestellt, weil dazu keine physische Möglichkeit denkbar ist. Im Geiste, in einer Art Entzückung (Verzückung) deiner Seele ist so etwas schon möglich, und ich will es dir gerne glauben, was du mir von den weit entfernten Fixsternen sagen und erzählen wirst; aber wenn du mir sagst ,mit Fleisch und Blut‘, da, Liebste, kann ich schon das erste nicht glauben, und die Erzählung, vielleicht an und für sich ganz wahr und richtig, verliert dadurch sehr an effektiver Wahrheit, wenn schon der bedingende Vorsatz als rein unmöglich erscheinen muß.“
GEJ|3|126|5|0|Sagt die Jarah: „Warum soll es denn unmöglich sein, daß ich mit Haut und Haaren und mit meinem Fleische und Blute in einigen dieser Sterne gewesen bin? Sind denn bei Gott nicht alle Dinge möglich?“
GEJ|3|126|6|0|Sagt Mathael: „Oh, allerdings, bei Gott ist kein Ding unmöglich; aber Gott hat alles in eine gewisse Ordnung gestellt, und diese Ordnung ist ein Gesetz, das Er Selbst am allergewissenhaftesten beachtet und auch beachten muß, ansonst die ganze Schöpfung im nächsten Augenblick nimmer bestände. Der Herr wirkt hier viele Wunder, aber dennoch für den genauen Beobachter alle stets innerhalb Seiner ewigen, heiligen Ordnung.
GEJ|3|126|7|0|Als man an diesem Abend den Tag verlängert zu haben wünschte, ließ Er nicht die Erde oder scheinbar die wirkliche Sonne stehen – was nach Seinen höchst eigenen Worten wider Seine Ordnung wäre –, und würde Er so etwas tun, so würde alles Leben auf der Erde in die höchste Todesgefahr gelangen. Was da nicht durch den zu ungeheuer mächtigen Wurfstoß vernichtet würde, das fände dann um desto sicherer den Tod in den alles Festland überflutenden Wogen.
GEJ|3|126|8|0|Siehe, wie ich nun die Erde und ihre Luftregionen kenne, so weiß ich, daß in einer Höhe von nur zehn Stunden über uns kein lebendes Wesen mehr bestehen könnte, so wie kein Fisch außer dem Wasser, obschon ein Fisch doch noch länger außer dem Wasser lebend erhalten werden könnte als ein Mensch zehn Stunden Weges hoch über dem Boden der Erde. Nun denke dir aber die endlose Ferne von dieser Erde bis zu einem nächsten jener Fixsterne!
GEJ|3|126|9|0|Es ist schon der Abstand der Sonne von uns, den meine freie Seele genau bemessen kann, etwas Furchtbares; ein abgeschossener Pfeil hätte bei gleicher Schnelligkeit über fünfzig Jahre zu fliegen, bis er in der Sonne ankäme. Nun aber ist nach dem freilich nicht völlig verläßlichen Gefühle meiner Seele ein nächster Fixstern schon um zehnmal hunderttausend Male entfernter von uns als die Sonne nur einfach von uns entfernt ist, und es gäbe da für den Flug eines abgeschossenen Pfeiles eine Zeit von zehnhunderttausend mal fünfzig Jahren! Würde sich aber ein Mensch so schnell bewegen wie ein frisch abgeschossener Pfeil, so würde ihn die entgegenstrebende Luft ja augenblicklich zerreißen; was würde aber erst mit ihm geschehen, so er, ein Mensch nämlich, in wenigen Augenblicken den furchtbaren Raum durchschnitte?! Was würde da aus seinem Fleische und Blute?!
GEJ|3|126|10|0|Siehe, die Naturgesetze sind auch von Gott gegeben und können nur mit der Natur selbst aufgehoben werden; aber solange eine Natur besteht, solange währt auch das unabänderliche Naturgesetz fort. Da kann es keine Ausnahmen geben; denn eine noch so geringe Ausnahme müßte eine unberechenbare Störung in der ganzen Natur der Dinge hervorbringen, die da alle wie die Glieder einer Kette ineinanderhängen. Es darf bei einer Kette aber nur ein Glied reißen, und die ganze Kette ist ihrer bindenden Wirkung bar! Da hast du nun meine Gründe, aus denen es mir wohl vorderhand nicht leicht möglich wird, zu glauben, daß du im Ernste mit Fleisch und Blut einige Fixsterne solltest bereist haben.
GEJ|3|126|11|0|Es kann bei Gott wohl gar sehr vieles noch möglich sein, was ich jetzt trotz aller meiner Weisheit noch lange nicht einsehen kann; aber deine Behauptung, meine liebste Jarah, geht denn doch ein wenig zu sehr in das ungeheuerst Außerordentliche über, und ich kann das nicht eher als wahr annehmen, bis du mir dafür nicht die Möglichkeitsgründe, die mit der von Ewigkeit gesetzten göttlichen Ordnung im Einklange stehen, begreifbar gezeigt hast.
GEJ|3|126|12|0|Mußt darüber aber ja nicht etwa ungehalten sein, denn in Abrede stelle ich das darum dennoch nicht völlig; nur kann ich die Sache aus den dir gezeigten Gründen, die doch auch nicht aus der Luft gegriffen sind, nicht als für mich belehrend wahr annehmen. Vielleicht hast du aber schlagend wahre Beweisgründe dafür, was ich nicht so ganz wissen kann! Hast du solche, so laß sie mir hörbar werden, und ich werde für die Folge an nichts mehr zweifeln, was du mir sagen wirst!“
GEJ|3|126|13|0|Sagt die Jarah: „Ja, ja, bist wohl im Ernste ein sehr weiser und über alle Maßen kluger Mann; aber alles siehst denn doch auch du noch lange nicht ein! Sieh, wenn mit dem Raphael etwas zu machen wäre, so könnte er gar leicht in einem Augenblick mir einige Naturstücke herschaffen, die ich aus diesen Sternen mit auf diese Erde herübernahm zum Andenken und zum Zeugnisse, daß ich wirklich dort war; aber es ist mit ihm nichts zu machen, und daher kann ich dir solchen handgreiflichen Beweis nicht liefern. Zwar könntest du als ein bloßer Naturmensch auch da noch an der Echtheit zweifeln; aber deine mit dem göttlichen Geiste erfüllte Seele würde daran wenigstens leicht erkennen, daß die mitgenommenen Gedenkzeichen nicht dieser Erde angehören. Denn es ist daran eine Pracht und Kostbarkeit, gegen die alles, was die Erde Kostbares hat, ein barstes Aas ist. Das wäre ein Kaiserschmuck von nie schätzbarem Werte! – Aber lassen wir das nun; es beginnt im Osten zu grauen! Der Sabbat ist im Anzuge, und es heißt, sich auf diesen Tag des Herrn vorbereiten!“
GEJ|3|126|14|0|Sagt Mathael: „Da hast du vollkommen recht; aber wir werden demnach heute nicht gleich hinsichtlich einer weiteren Beweisführung bezüglich deiner leiblichen Durchwanderung etlicher Fixsterne etwas zu hören bekommen!?“
GEJ|3|126|15|0|Sagt Jarah. „Wie sollen wir das? Deine Gegenbeweise sind zu fest und zu gegründet in der bestehenden, unwandelbaren göttlichen Ordnung, und ich kann dir für meinen wirklichen Besuch der Fixsterne keinen andern Beweis liefern als den, daß bei Gott alle Dinge, die dem menschlichen Verstande noch so unmöglich scheinen, dennoch möglich sind.
GEJ|3|126|16|0|Hast du die Zeit gezählt und gemessen, in der der Herr durch meinen Raphael die Ouran-Schiffe vom Mittenmeer (von der Meeresmitte) ans Ufer herübersetzen ließ? Wem ist bei solcher geschwindesten Übersetzung auch nur ein Haar gekrümmt worden? Wieviel Zeit brauchte denn Raphael, um des Ourans große Wohnzelte und alle seine mitgenommenen, zum Teil sogar sehr gebrechlichen Habseligkeiten von den Schiffen in der größten Ordnung ans Ufer zu stellen?
GEJ|3|126|17|0|Hast du nicht bemerkt Raphaels Schnellschreiberei?! Kontrastiert das nicht, auch nur einigermaßen streng genommen, mit den gewöhnlichen Naturgesetzen, und doch hast du es vor deinen Augen geschehen sehen?! Kannst du nach deinen Gründen behaupten, daß solches unmöglich sei?!
GEJ|3|126|18|0|Sieh, ich kann es dir sagen, weil ich, wie noch kein Sterblicher auf dieser Erde, es leiblich erfahren habe, daß es im endlosesten Weltenraum so ungeheuer große Sonnenweltkörper gibt, die, so sie hohl wären, in sich einen größeren Raum hätten, als da ist dieser ganze Himmelsraum, den du hier ersiehst bis zu den Fixsternen der ersten, zweiten und dritten Entfernung! Diese ungeheuren Sonnenweltkörper, um die sich ganze Sonnengebiete mit den zahllos vielen Zentral- und Planetarsonnen bewegen, bewegen sich der Nahrung wegen aber ebenfalls wieder um einen noch endlos größeren Zentralsonnenkörper, und die Bewegung ist eine so schnelle, daß du sie nicht einmal mit deinem Gedankenflug einzuholen imstande wärest!
GEJ|3|126|19|0|Von hier bis zu jedem Fixstern erster, zweiter, dritter und sogar vierter Entfernung würde der Flug kaum sieben Augenblicke lang dauern, und wir machen mit unserer Sonne und mit unserer Planetarzentralsonne, die mit der vorerwähnten und bezeichneten Sonnengebietszentralsonne die gleich schnelle Weitkreisbewegung mitmacht, ganz vollkommen dieselbe Bewegung unausgesetzt mit, und das ist naturgesetzlich und aller höheren Rechnung nach gewiß! Verspürst du etwas davon, oder beirrt das irgendeinen Weltkörper oder uns selbst, so wir nun in einem Augenblick eine solche unmeßbare Weite des unendlichen Schöpfungsraumes durchfliegen?
GEJ|3|126|20|0|Wenn aber so ungeheure Weltkörper mit solch einer undenkbaren Schnelle unbeschadet ihrer Wesenheit dahineilen können, um wieviel leichter, wenn es der Herr will, ein Körper wie der meinige!?
GEJ|3|126|21|0|Hast du nun so einen etwas dichteren Begriff von der Möglichkeit, daß ich im Ernste mit meinem Leibe einige der nächsten Fixsterne bereist habe?“
GEJ|3|126|22|0|Sagt Mathael: „O Mägdlein, in dir ruht ein ganzer Himmel voll Weisheit, und ich fange nun wirklich an, die Möglichkeit dessen zu glauben, was du von dir sonderbarsterweise ausgesagt hast! Aber rede nun nichts mehr davon, denn unsere Seelen sind noch nicht erweitert zur Genüge, um solche Größen zu fassen; dazu brauche ich selbst noch mehrere Jahre, so offen auch meine Seele ist.“
GEJ|3|127|1|1|127. — Reden über die merkwürdigen Vorkommnisse
GEJ|3|127|1|0|Darauf schweigt Mathael in stiller Betrachtung über das von der Jarah Gesagte, und die Helena und der Ouran betrachten die Jarah ganz stumm, vom tiefsten Erstaunen hingerissen; die Jarah aber betrachtet die noch stark brennende Stadt und harrt mit größter Sehnsucht Meiner Rückkunft. Es ist nun völlig still auf dem Berge, nur im Hause des Markus ist es lebendig für die fremden angesagten Gäste, für den Kornelius und Faustus nämlich, und der Morgen wird heller und heller.
GEJ|3|127|2|0|Gut bei einer Stunde lang ward es also ganz ruhig am Berge, außer, wie schon gesagt, daß es im Hause des Markus sehr lebendig herging wegen der angesagten neuen Gäste, aber auch wegen der sicher zu erwartenden neuen Ankömmlinge aus der verunglückten Stadt.
GEJ|3|127|3|0|Bei der Ruhe aber schliefen auch mehrere gegen den Morgen hin ein. Sogar Cyrenius, Julius, der Knabe Josoe und mehrere mit Cyrenius hier anwesende hohe Staatsdiener schliefen ein; aber die dreißig jungen Pharisäer, die am aufmerksamsten den Brand der Stadt beobachteten, blieben wach und besprachen sich viel über das Gesehene und Gehörte, ebenso auch die zwölf mit ihrem Suetal, Ribar und Bael.
GEJ|3|127|4|0|Mathael, Helena, Jarah, Ouran und an Mathaels Seite seine vier Gefährten als der Rob, Boz, Micha und Zahr blieben zwar auch wach und waren voll großer Gedanken; aber sie schwiegen alle und dachten über das nach, was die Jarah zu ihnen alles geredet hatte, und getrauten sich nicht, sie weiter um irgend etwas zu fragen. Die Jarah aber dachte auch darüber nach, ob sie diesen Menschen nicht etwa zuviel auf einmal gesagt habe.
GEJ|3|127|5|0|Nach einer langen Weile erst, als sich der Horizont schon zu röten begann, öffnete der sonst sehr schweigsame Rob den Mund und sagte: „Liebe Freunde, noch kann ich bei all meinem Nachdenken in mir selbst zu keiner Ruhe gelangen. Es ist hier wahrlich alles so außerordentlich seltsam, daß man sich stets also vorkommt, als träumte man, und man kann schon tun, was man nur immer will, so kann man mit all dem Gesehenen und Vernommenen sich nimmer also befreunden, daß man sich darin einheimisch fühlen könnte! Und dieses sich stets mehr und mehr Fremdfühlen ist noch in sich das Natürlichste, womit eines Denkers Gedanken sich beschäftigen können. Alles nichts als Wunder über Wunder von der kolossalsten Art!“
GEJ|3|127|6|0|Du, Bruder Mathael, bist hier zum Könige eines großen Landes geworden, wir zu deinen Konsuln! Der große, heilige Meister darf nur hinblicken über die weite Erde, und sie bebt wie ein Kind vor der Rute! Dazu kommt noch der junge Hauptmagier aus den Himmeln und verrichtet Dinge, vor denen unsereinem geradewegs die Haare gen Berge steigen! Nun kommt noch dies Mägdlein und erzählt einem abermals Dinge, ob welchen man mit der leichtesten Mühe von der Welt ein Narr werden könnte! Sage, ob es da wohl möglich ist, sich mit diesen Dingen in irgendeiner Art befreunden zu können! –
GEJ|3|127|7|0|Wo Er aber eigentlich nun so lange bleibt? Es werden nun schon gut bei drei Stunden sein, daß Er uns verließ, und noch kommt Er nicht wieder!“
GEJ|3|127|8|0|Sagt ein zweiter der vier Gefährten Mathaels, der Boz hieß und auch kein Vielredner war, zum Rob: „Was du fühlst, das fühle auch ich und kann mich um alles in der Welt hier nicht mehr heimisch zu fühlen anfangen! Es kommt mir alles, was da kommt, so unerwartet als möglich, und ist in seiner Art aber schon allzeit so exzentrisch großartig, daß man sich nichts Großartigeres vorstellen kann. Jede Tat, jedes Wort und jede Erzählung schlägt alles, was das menschliche Ohr bis jetzt gehört und das Auge je geschaut hat, schon derart in den nichtigsten Staub nieder, daß davon samt Moses und allen seinen Wundertaten nichts als Staub zurückbleibt.
GEJ|3|127|9|0|Es unterliegt wohl nicht dem Zweifel, daß durch den höchst merkwürdigen guten und großen Meister, der, aus Nazareth gebürtig, dem Leibe nach ein Sohn eines dortigen Zimmermanns ist, die ganze Fülle des göttlichen Urgeistes wirkt; aber welcher Sterbliche kann sich neben einer solchen Größe heimisch fühlen? Redet Er, so redet nicht Er, sondern der ewige Geist Gottes aus Ihm, und handelt Er, so möchte ich von einem größten Weisen doch vernehmen, was Gott noch über das möglich sein solle, das Dem unmöglich wäre! Er ist vollkommen Gott in Wort und Tat, Sein Wille beherrscht tatkräftigst die ganze Unendlichkeit, und doch wandelt Er nur als Mensch vor und mit uns und ißt und trinkt gleich wie wir!
GEJ|3|127|10|0|Wo sind nun alle die Weisheitssätze eines Salomo, der bei der Weihe des Tempels sprach: ,Herr, wohl weiß ich, daß Dich Himmel und Erde nicht umspannen können – wo alle Schöpfung aufgehört hat, da bist Du noch ewig und unendlich mächtig –; aber dennoch haben wir Dir, o Herr, ein Haus erbaut, um uns darin mit reinen und reuevollen Herzen zu vereinen, um Dir, o Herr, für alle Deine Wohltaten und Segnungen zu danken und in Drangsalen Dir unsere Not und unser Elend vorzutragen!‘ (1. Kön. 8,12 ff.)
GEJ|3|127|11|0|Wenn das auch nicht gerade von Wort zu Wort also steht, so ist dies aber doch in Kürze der Sinn dessen, was der weise Erbauer des Tempels bei der Einweihung desselben in großen, weisen Worten gesprochen hat; hätte er wohl also gesprochen, so er unsern Meister, aus Nazareth gebürtig, gesehen und gesprochen und Ihn gleich uns kennengelernt hätte?
GEJ|3|127|12|0|Für Seine Persönlichkeit ist der Tempel noch um mehrere tausend Male zu groß, und der überall waltende, allmächtige Wille unseres Meisters ist ja nicht der Meister, der Gott Selbst, sondern nur eine unbegreifliche Kraft des einen und desselben Meisters, den wir sehen, hören und sprechen können und dabei aber dennoch Sein persönliches Maß so gut kennen als das unsrige. Wie macht Er es, daß Sein Wille die ganze Unendlichkeit und Ewigkeit beherrscht und Sein Auge und Sein Ohr allenthalben vollauf gegenwärtig ist? Sieh, das alles sind nun Dinge, in denen sich kein Geist völlig zurechtfinden kann, und die Folge ist, daß man darin auch nicht heimisch werden kann!
GEJ|3|127|13|0|Ja, wäre des geistig großen Gottmeisters Person die eines Simson oder Goliath, da wäre die Sache etwas heimischer, denn man könnte da sagen: so ein allmächtiger Geist muß auch einen entsprechenden Leib haben; aber so ist unser Meister mehr klein als groß zu nennen, was dessen Person betrifft, und doch spielt Sein Geist mit der Unendlichkeit wie ein Knabe mit einem Apfel! Das ist das Unbegreifliche, und alle Weisen mit ihren Lehren über das Wesen Gottes erleiden hier den allergewaltigsten Schiffbruch; aber wir können uns nun dennoch, obgleich wir hier eines andern praktisch belehrt worden sind, nicht sogleich heimisch fühlen!
GEJ|3|127|14|0|Kurz, ich träume eigentlich auch noch mehr, als daß ich mich völlig wach und heimisch fühlte. Meine Seele sieht nun wohl vieles ein, ja, ich übersehe der ganzen Erde Gestalt, bis in ihre tiefsten Tiefen dringt mein Blick; ich übersehe den Mond als eine recht traurige, elende, kleine Welt, für noch kleinere und elendere Menschen und anderartige Geschöpfe bestimmt; ich sehe den Merkur, die Venus, den Mars, den Jupiter, den Saturn und sehe darüber aber noch ähnliche Weltkörper klein und groß. Der Saturn sieht gar wunderseltsam aus; er ist um sehr vieles größer als unsere Erde und schwebt in der genauesten Mitte eines ungeheuren Ringes, über welchem sich, sage, sieben Monde, größer als der unsere, herumtummeln wie die Bienen um ihren Stock; ich sehe auch die wunderherrlichen, überweit gedehnten Gefilde der großen Sonne; aber bei all dem fühle ich mich bei weitem nicht so fremd als hier in der merkwürdigst sonderbarsten Nähe des Schöpfers aller der zahllosen Welten und ihrer Wunder!
GEJ|3|127|15|0|Vielleicht fühlet ihr andern euch heimischer, da ihr vielleicht diese Sache nicht so ruhig und so tief fasset als ich und der Bruder Rob; aber wenn man die Sache recht mit aller Ruhe und in der möglichsten Tiefe zu betrachten anfängt, vergleichend mit allem, was man in dieser Welt je gesehen, gehört und in den alten Büchern gelesen hat, so wird es einem immer unheimlicher und fremdartiger zumute. Ja, man verliert sich am Ende so ganz mit seinem eigenen Dasein, daß es einem als ein ganz fühlbarstes Nichts vorkommt! – Saget es mir, ob ich recht habe oder nicht!“
GEJ|3|127|16|0|Sagt darauf Micha: „Recht habt ihr beide, und auch ich habe das gleiche Gefühl; aber es beseligt mich dennoch gar sehr.“
GEJ|3|127|17|0|Sagen Rob und Boz: „Ja, von dem ist keine Rede! Uns beseligt es auch sehr und überaus; aber das hebt das Sich-völlig-fremd-Fühlen in dieser Sache durchaus nicht auf! Gott ist und bleibt Gott, und wir können denken und fühlen, wie wir nur immer wollen, so werden wir die Kluft nie ausfüllen!“
GEJ|3|128|1|1|128. — Michas lebensweise Auffassung der Vorkommnisse
GEJ|3|128|1|0|Sagt Micha: „Ist auch gar nicht notwendig! Seien wir froh, daß wir das sind, was wir sind, und daß wir endlich einmal das vor uns körperlich haben in aller der endlosesten Wirkungsumfassung, wovon die Alten vergeblich nach irgendeinem haltbaren Begriffe strebten, sich aber mit demselben auch stets gleich ins Blaue verloren!
GEJ|3|128|2|0|Betrachtet Moses und alle die Propheten, nehmet noch die Weisen Ägyptens und Griechenlands dazu, fasset ihre ungeheuer mystisch geistigen Begriffe vom Wesen Gottes zusammen, und ihr habt noch kein Sandkorn groß von dem, was wir hier in Hülle und Fülle handgreiflich körperlich vor uns haben!
GEJ|3|128|3|0|Moses, der größte Prophet, wollte am Berge Sinai Gott sehen, bekam aber aus der feuerschwangersten Wolke mit einer Donnerstimme, daß darob der Erdkreis erbebte, zur Antwort: ,Gott kann niemand sehen und leben!‘ Wir aber schauen nun denselben Gott, reden mit Ihm, sind fröhliche Zeugen von Seiner Weisheit und Allmacht und leben ganz gut und ganz gemütlich dabei! Wenn es dem guten Moses auf dem Berge manchmal etwas unheimlich zumute geworden ist, besonders wenn um sein Haupt in einem fort tausendmal tausend allergewaltigst krachende Blitze ihr Spiel trieben, so ist das gar wohl begreiflich; aber wenn wir hier von einer besonderen Unheimlichkeit reden in Gegenwart des so überaus guten und allergemütlichsten Gottes, so sind wir vollauf des derbsten Auslachens wert!
GEJ|3|128|4|0|Schwärmten nicht unsere Alten von einem heiligen Vater im Himmel, konnten aber dennoch nie zu irgendeinem Begriffe von Ihm gelangen!? Wir haben denselben heiligen Vater in aller handgreiflichster Wahrheit nun vor uns auf dieser Erde, die nun der Himmel aller Himmel ist, und wir fühlen uns unheimisch!
GEJ|3|128|5|0|Es ist schon wahr, daß man sich hier ganz ungewohnt und anders fühlen muß als ein Kind daheim bei seinem eitlen Spielzeuge; aber dafür befinden wir uns nun auch in einer ganz kuriosen Schule des Lebens! Wenn ein Kind das erstemal in eine Schule kommt, wird es sich auch sicher nicht so heimisch fühlen als bei seinem Spielzeug daheim im Hause seiner Alten; aber wenn es die Schule einmal ein Jahr lang besucht, dann wird es sich auch darin so heimisch fühlen als daheim beim Spielzeug.
GEJ|3|128|6|0|Wie aber Er, unser Gott, Meister, Herr und Vater mit Seinem allmächtigen Willen dennoch in der ganzen Unendlichkeit vom Größten bis zum Kleinsten alles wirksamst durchdringt und Sich gleich aller Seiner end- und zahllos vielen Geschöpfe vom Größten bis zum Kleinsten als klarst gegenwärtig bewußt ist, das, Brüder, geht uns gar nichts an und weiter sicher nicht, als daß wir wissen und einsehen, daß es also ist und sein muß, ansonst alle Dinge offenbar augenblicklich ihr objektives Dasein verlieren müßten.
GEJ|3|128|7|0|Haben wir nur Geduld! Heute wissen wir einmal so viel, morgen werden wir offenbar wieder mehr wissen, und in einem Jahre dürften wir schon viel mehr wissen als eben jetzt im Anfange unserer geistigen Entwicklung, in der wir aber dennoch schon jetzt bei weitem höher stehen, als vor uns Moses und alle die großen, Namen habenden Propheten standen, die in ihren allerheiligsten Gesichten das kaum allergeistigst geahnt und darauf mit höchst mystischen Worten und Zeichen niedergeschrieben haben, was wir jetzt ohne alle Mystik mit unseren Händen greifen können. Bedenken wir das nur so recht lebendig, und wir werden uns gleich um vieles weniger unheimisch fühlen, als sich einst Saul unter den Propheten gefühlt hat!“
GEJ|3|128|8|0|Sagen die andern: „Ja, ja, du hast vollkommen recht, und uns allen ist nun schon um vieles heimischer zumute! Was ein vernünftiges Wort eines Menschen doch alles zu bewirken imstande ist!“
GEJ|3|128|9|0|Sagt Zahr, der bis jetzt noch immer geschwiegen hatte, aber sonst stets voll Heiterkeit in seinem Gemüte war: „Es ist zum Lachen, was oft die gescheitesten Männer für dummes Zeug zusammenbringen! Micha, der Schwächste unter uns, hat dennoch die allergescheiteste Ansicht zutage gefördert! Wie könnte es einem aber hier nur im geringsten fremd und unheimlich vorkommen? Gerade das Gegenteil! Wir sind ja nun erst so ganz am rechten Flecke! Wir sind bei Gott, unserem ewigen Schöpfer und Vater. Von da sind wir ausgegangen und sind nun wieder soweit als möglich dahin zurückgekehrt; was reden wir da von Sich- fremd-Fühlen? Da sind wir ja erst so recht zu Hause! Nein, was die Brüder Rob und Boz doch für sonderbare Ansichten haben! – Was sagst denn du, Mathael, dazu?“
GEJ|3|129|1|1|129. — Mathael gibt Aufklärungen über die Denkwürdigkeiten
GEJ|3|129|1|0|Sagt Mathael: „Du hast recht, aber die beiden auch; diese Sache ist da höchst individuell! Du und Micha seid euren Seelen nach aus einem Lichtsterne; jene beiden sind Kinder dieser Erde, aber mit der gleichen Berechtigung auf die Liebe und Gnade des Herrn als ihr! Eure Seelen aber waren schon vom Urbeginne dem rein Geistigen näher denn die Seelen des Rob und Boz, und es ist sich darum durchaus nicht zu verwundern, wenn sie hier, in solcher Nähe des allerreinst Geistigen sich befindend, sich fremder und unheimlicher fühlen als wir, die wir schon vom Urbeginne an dem Geiste näher standen denn die beiden. Sie werden sich nach und nach schon auch heimlicher (heimeliger) zu fühlen anfangen und fühlen sich jetzt schon um vieles heimischer; aber ein Tag kann das nicht geben, was da gibt ein Jahr. Nach einem Jahre werden sie ganz anders fühlen und reden denn nun, wenn ihr Geist mehr und mehr eins wird mit ihren Seelen. – Verstehst du solch eine Weisheit?“
GEJ|3|129|2|0|Sagt Zahr: „Oh, das verstehe ich nun ganz wohl; denn meine Seele ist ja auch durch die großen Leiden, die wir ausgestanden haben, sehr helle geworden, und ich verstehe nun alles leicht. Nur das Mägdlein mit ihrer Bereisung der Fixsterne geht mir noch nicht so recht in OPTIMA FORMA ein, obschon ich es dem Kinde glaube und ihm gewisserart glauben muß. Aber das Wie, das ist eine andere Sache!
GEJ|3|129|3|0|Na, wir sind ja aber nun gewisserart im Zentrum des allerhöchsten, göttlichen Wirkens; warum sollen sich in solcher Nähe des allerhöchsten Gottes nicht Dinge ereignen können, die sonst irgend in der ganzen Unendlichkeit nicht zum Vorschein kommen?!“
GEJ|3|129|4|0|Sagt Mathael: „Bei deiner stets heiteren Laune bringst du doch oft Sachen zum Vorschein, die einem mehr sagen als ein ganzer salomonischer Tempel voll der allergediegensten Weisheit! Auch unser Micha hat ehedem eine ganz brauchbare Rede von sich gegeben, und wir können ihm dafür alle recht verbunden sein. Und so hast auch du, Bruder Zahr, nun die Möglichkeit der leiblichen Reise dieses Mädchens in etliche ferne Fixsterne auf eine Weise dargetan, daß ich nun an der Möglichkeit gar nicht mehr zweifeln kann. Ist wirklich klassisch wahr; wir dürfen ja nur denken, wo wir nun eigentlich sind, und die Möglichkeit für alles liegt ja offenkundig vor unseren Augen, Ohren, Händen und Füßen!
GEJ|3|129|5|0|Die Bemerkung aber, die einer aus euch gemacht hat, daß man sich die unendliche Macht des göttlichen Geistes leichter in einem auch leiblichen Riesen vorstellte als in der mehr klein-männlichen Gestalt des Herrn, ist zwar für die bloß sinnliche Wahrnehmung wohl etwas, weil etwas Kolossales auf die menschlichen Sinne stets einen mächtigeren Eindruck macht als etwas Kleines; aber für eine rein geistige Auffassung ist das dennoch ein barster Unsinn. Denn die göttliche Kraft bedarf der Materie nicht, um dadurch etwa erst nach Maßgabe der materiellen Quantität mehr oder weniger wirkend zu werden, sondern die Materie selbst ist ja an und für sich nur ein zeugender Ausdruck von der geistigen Kraft des göttlichen Willens, dem es einerlei ist, eine ganze Welt oder ein Sandkörnchen aus sich ins Dasein zu rufen. Wozu wäre da eine leibliche Riesengestalt gut? Der göttliche Wille bedarf ja nur in sich eines ewig unwandelbaren Stützpunktes, um vom selben aus in endlosen Radien (Strahlen) allenthalben in der endlosen Welten- und Wesenräumlichkeit in gleicher Kraft und Stärke zu wirken, und zur Bergung dieses heiligen, ewig gleich allmächtigen Stützpunktes bedarf es wahrlich keines Gigantenleibes.
GEJ|3|129|6|0|Wohl haben die Ägypter nahe alles, was auf die Gottheit irgendeinen Bezug hatte, in oft erschrecklich riesigen Formen dargestellt, um das blind bleiben sollende Dienervolk so recht breitzuschlagen; das sollte die Gottheit fürchten bis zum Entsetzen und vor dem Ausspruche der Priester erbeben in aller Zerknirschtheit wie Laubblättchen vor dem Sturme! Aber haben diese riesenhaften Gottgestalten das gemeine Volk etwa besser gemacht? O nein, mit der Zeit hatte sich das Volk an die schrecklichen Gestalten gewöhnt und machte sich aus einem bei dreißig Mannshöhen über den Erdboden ragenden Sphinxkopfe gar nichts mehr und bewunderte mehr die Geduld irgendeines alten Bildners, der gleich aus einem ganzen Granitfelsen einen Kopf ausgemeißelt hat.
GEJ|3|129|7|0|Daher seien wir froh, daß der Herr Selbst nun in der vollsten und unverhülltesten Wahrheit als ein ganz schlichter, durch nichts Äußeres irgend besonders ausgezeichneter Mensch uns besucht hat und uns alle auf die einfachste Art von der Welt unsere Bestimmung, uns selbst und Ihn der vollsten Wahrheit nach erkennen lehrt! Dieses alleinige tut uns not, und über alles andere kann für ewig Rat gehalten werden.“
GEJ|3|129|8|0|Sagt Zahr: „Dank dir, Bruder, das ist sehr wahr und gut! Wir haben uns jetzt gegenseitig im Namen des Herrn und Meisters von Ewigkeit recht fruchtbringend aufgerichtet, und es ist dabei schon recht hübsch licht geworden. Aber wie ich merke, so ist nun gegen den Aufgang alles eingeschlummert bis auf uns, – und ich muß eingestehen, daß ich aber auch nicht eine leiseste Spur von irgendeiner Müdigkeit in mir verspüre, und ihr alle werdet auch ganz munter sein!“
GEJ|3|129|9|0|Sagen alle: „Ganz vollkommen! So gestärkt haben wir uns eigentlich noch nie gefühlt!“
GEJ|3|130|1|1|130. — Die Missionen und Leiden der Engel
GEJ|3|130|1|0|Hier tritt Raphael hinzu und sagt: „Ich schlafe ja auch nicht, und doch habt ihr gesagt, daß außer euch nun alles schläft!“
GEJ|3|130|2|0|Sagt Zahr: „Freund, daß du nicht schläfst und auch gar nie und nicht schlafen kannst, das wird etwa wohl einem jeden Menschen klar sein, der dich so gut kennt wie wir! Daher hättest du dir diese Bemerkung ganz füglich ersparen können. Siehe, du lieber Engel, es ist ganz genug, daß wir Menschen hier noch manchmal etwas dumm sind, und wir bedürfen darin von deiner Seite durchaus keiner Unterstützung, um noch dümmer zu werden, als wir von Natur aus sind; wohl aber kannst du uns zufolge deiner immensen (unermeßlichen) Weisheit und Erfahrung, die älter als das Weltgebäude ist, in so manchen Stücken recht herrlich unterweisen!“
GEJ|3|130|3|0|Sagt Raphael: „Wer bin ich denn hernach, daß ich darum keinen Schlaf haben sollte?“
GEJ|3|130|4|0|Sagt Zahr: „Aber ich bitte dich, du mein himmlischer Freund, rede und frage uns doch nicht gar so geschwollen! Du bist ein Engel des Herrn aus den Himmeln, hier nur zur Not vom Herrn aus mit einem leichten Leibe versehen! Diesen Leib kannst du mehr als in Blitzesschnelle von dir werfen und zunichte machen!
GEJ|3|130|5|0|Du bist ganz ein anderes Wesen als wir dem Leibe nach noch immer sterblichen Menschen dieser Erde. Du bist nie geboren worden, hast nie außer Gott dem Herrn einen Vater und eine Mutter gehabt, aus deren Leibe du hervorgegangen wärest, gleich uns. Du kennst nur eine nie ermeßbare Seligkeit seit den undenkbarsten Zeiten; Schmerz, Leid und Trauer und die bittere Reue kennst du nur dem Namen, nicht aber auch aus eigener Erfahrung dem Wesen nach und kannst mit Menschen daher der vollsten Wahrheit nach ja gar nicht reden von irdisch menschlichen Dingen; du kannst mit uns nur von rein geistigen Dingen reden, die wir von dir auch sehr dankbar annehmen werden, denn darin mußt du völlig zu Hause sein; aber von leiblichen Dingen kannst du nicht reden, weil du noch nie in einem Leibe gejammert hast!“
GEJ|3|130|6|0|Sagt Raphael: „Schau, schau, was du doch alles weißt! Wäre ich auch nie in irgendeinem Leibe gesteckt, so weiß ich dennoch besser, was der Leib ist und wozu jede Fiber in ihm, als du solches in tausend Jahren bei allem Fleiß erlernen könntest!
GEJ|3|130|7|0|Sind nicht wir Engel es, die wir für alles zu sorgen haben, was nur immer das Sein eines Menschen von seinem Entstehen bis zu seinem Scheiden von dieser Erde betrifft?!
GEJ|3|130|8|0|Sind nicht wir es, die eure Seelen durch die in eurem Fleische bewirkten Leiden und Schmerzen läutern und zur Aufnahme des Geistes aus Gott fähig machen, und wir sollten dann nicht wissen, was eure verschiedenartigen Leiden und Schmerzen sind?! Was denkst du denn in deinem Verstande, wenn du mir so etwas zum Vorwurfe machen kannst!?
GEJ|3|130|9|0|Glaube es mir, daß auch wir Engel nicht schmerz- und leidunfähig sind! Und ich sage es dir, daß wir oft mehr Schmerzen und Leiden ausstehen denn ihr, so wir nur zu oft erleben müssen, wie die hartnäckigen Menschen alle unsere großen Mühen unter Hohn und Spott mit den schmutzigsten Füßen zertreten und uns stets den Rücken zuwenden.
GEJ|3|130|10|0|Freund, hättest du wohl soviel Geduld mit einem Menschen, über den dir alle Gewalt eingeräumt wäre, wenn du ihn stets mit den größten Wohltaten überhäuftest, der Mensch dich aber für all das über alle Maßen verachtete und von dir nichts hören und wissen wollte und dabei nur stets darauf all sein Denken und Trachten richtete, von dir als seinem größten Wohltäter und Freunde loszuwerden, dir für alle deine Sorgen und Mühen um sein Heil womöglich noch zu schaden, dich um deinen guten Ruf und Namen zu bringen und an dir einen arglistigen Verräter zu machen!? Sage mir, wenn du nur so ein Cyrenius wärest, was du solch einem Menschen tun würdest! Hättest du wohl die Geduld, so einen Bösewicht bis zu seinem Ende mit aller Geduld und Mäßigung und Zartheit zu behandeln?“
GEJ|3|130|11|0|Sagt Zahr, über diese Worte des Engels große Augen machend: „Nein, Freund! Diese Geduld hätte ich in meinem Leben nie! Da hätte ich schon ohne Macht keine Geduld, geschweige erst mit Macht!“
GEJ|3|130|12|0|Sagt Raphael: „Sieh, und ich habe so viel unverantwortliche Macht und Kraft, daß ich ganz allein diese ganze Erde, den Mond, die Sonne und alle deinem Auge sichtbaren Sterne, die lauter ungeheuer große Weltkörper sind, mit allem, was sie tragen, im schnellsten Augenblick zerstören und gänzlich vernichten könnte; und doch habe ich aus freiem Willen stets eine solche Geduld mit den unbändigen Menschen dieser Erde!
GEJ|3|130|13|0|Aber alles das wäre nichts, und wäre ein leicht zu ertragendes Übel; denke dir aber nun das fortwährend allerwiderspenstigste Betragen Satanas und deren Engel, die, als selbst sehr mächtige Geistwesen, stets mit dem ,löblichen‘ Plan umgehen, nicht nur uns, sondern auch Gott zu verderben und Ihm alle Seine Macht zu nehmen!
GEJ|3|130|14|0|Solches kann freilich ewig nie geschehen! Aber genug, der unvertilgbare böse Plan ist einmal da, und sie lassen nicht ab, ihn in den Vollzug zu bringen, erleiden dafür wohl stets die größten Schmerzen und Peinen, die sie sich durch ihre böseste Disziplin (Wollen) selbst bereiten; aber das beirrt sie im ganzen dennoch nie, von ihrer großen Bosheit für bleibend abzustehen.
GEJ|3|130|15|0|Sieh, wir sehen das alles und haben die Macht, sie nicht nur auf das empfindlichste zu züchtigen, sondern sie auch für ewig gänzlich zu vernichten, und das alles ohne Verantwortung vor Gott dem Herrn!
GEJ|3|130|16|0|Und dennoch behandeln wir sie als unsere gefallenen Brüder mit aller Geduld und Nachsicht und leiten die Sache streng also, daß ihr freier Wille von uns aus nie irgendeine Schranke bekommt, sondern allzeit frei ist und bleibt; nur verhindern wir stets mit aller Sorgfalt die Fernwirkung desselben. Freund, was wohl würdest du tun bei solchen Verhältnissen?“
GEJ|3|130|17|0|Sagt Zahr: „Da schlüge ich wie ein Bär drein und würde sehen, ob mir solche Geisterbestien nicht Obedienz (Gehorsam) leisteten, besonders wenn ich deine Macht und Gewalt unverantwortlich besäße!“
GEJ|3|130|18|0|Sagt Raphael: „Siehst du aber nun wohl ein, daß ein Engel Gottes sein kein so leichtes Ding ist, wie du dir' s vorgestellt hast, und daß ich vom eigentlich Menschlichen doch auch ein wenig etwas einsehe und kenne und darum auch mit euch davon reden kann?!“
GEJ|3|130|19|0|Sagt Zahr: „O ja, das sehe ich nun nur zu gut ein; aber nur das sage mir nun noch, ob du hier sein mußt, oder ist auch das dein freier Wille?“
GEJ|3|130|20|0|Sagt Raphael: „O ja, ich könnte euch auch alsogleich verlassen nach meinem eigenen freiesten Willen; aber ich will bei euch bleiben, weil solches dem Herrn wohlgefällt. Des Herrn Wohlgefallen ist aber so ganz eigentlich mein Wille, und wider den kann auch Gott Selbst nicht und niemals handeln; denn darin besteht die Erhaltung aller Schöpfung, von der du mit all den für dich zahllos vielen Sternen nicht einmal den äonsten [Anm. v. J. Lorber: Unter einer Äone verstehe man den Kubus von einer Dezillion. (1 Dezillion = 1 mit 60 Nullen.)] Teil siehst, geschweige die endlose Ganzheit und das Wesen derselben! – Aber nun naht sich die Sonne schon stark dem Aufgange, und der Herr kommt zurück; darum heißt es nun wieder vollauf aufmerksam sein auf jeden Seiner Winke!“
GEJ|3|131|1|1|131. — Aller menschliche Sorgengeist wird von Raphael verscheucht
GEJ|3|131|1|0|Sagt Zahr: „Sollen wir die Schlafenden nicht wecken?“
GEJ|3|131|2|0|Sagt Raphael: „Sie werden schon wach werden, wenn der Herr erst vollends wieder bei uns sein wird!“
GEJ|3|131|3|0|Springt die Jarah eiligst auf und fragt mit einer leidenschaftlich liebevollsten Heftigkeit: „Von wo, von wo kommt Er, die Liebe aller Liebe!? Meine Augen sehen noch nichts!“
GEJ|3|131|4|0|Sagt Raphael lächelnd: „Macht nichts; wenn nur dein Herz Ihn sieht, so werden bald darauf deine Augen auch nicht zu kurz kommen! Er wird mit dem vollen Aufgange hier sein!“
GEJ|3|131|5|0|Sagt Helena, die auch wach blieb: „Jarah, eilen wir Ihm entgegen! Oh, welch eine Seligkeit, Ihm entgegenzugehen!“
GEJ|3|131|6|0|Sagt Jarah: „Ja, ja, Freundin, gehe du nur fein mit! Oh, welch eine Freude wird das sein, wenn wir Ihn schon irgend von weitem her werden auf uns zugehend erblicken!“
GEJ|3|131|7|0|Darauf eilen die beiden flugs gegen den Wald gen Westen zu und verlieren sich bald in demselben.
GEJ|3|131|8|0|Ouran, der auch wach war, sah den beiden nach und sagte, als sich diese im Walde verloren: „Am Ende verirren sie sich? Das Gebirge steigt von da, wie es scheint, sich gen Süden beugend, ziemlich stark an und dürfte mehrere Stunden fortziehen!? Sie werden in ihrer Hast fortlaufen, und der Meister kann von einer andern Seite herkommen, und die werden Ihn suchen und am Ende doch nicht finden!“
GEJ|3|131|9|0|Sagt Raphael: „Sorge dich um etwas anderes! Diese beiden werden sich ebensowenig verirren, als ich mich verirren würde oder könnte. Wo das Herz vor Liebe einmal in solch einem allerheftigsten Lichte ist, da ist ein Verirren in was immer fürder reinst unmöglich! Sie werden freilich hübsch tief in den Wald kommen; aber finden werden sie den Meister!“
GEJ|3|131|10|0|Mit dem beruhigt sich Ouran, richtet seine Blicke abermals nach der noch stark brennenden und auch sehr stark rauchenden Stadt und entdeckt mit seinen weitsehenden, scharfen Augen, wie aus der Stadt eine Menge Wanderungen beginnen nach allen Richtungen hin. Auch gegen unsern Berg hier ersieht er ganze Prozessionen und sagt: „Nun, wohl bekomme es jedem! – Wenn die alle zu uns stoßen, woher wird sich für so viele Brot herbeischaffen lassen? Diese essen den alten Markus ja samt seiner Behausung ganz vollkommen und rein auf!“
GEJ|3|131|11|0|Sagt Raphael: „Sorge dich auch da um etwas anderes! Die ganze Erde und alle Geschöpfe auf ihr brauchen doch sicher auch sehr viel von allerlei in jedem Augenblick, und der Herr sättigt dennoch die große Erde selbst und alle auf ihr seienden Wesen! Was ist aber die Erde gegen die Sonne, die mehr als um zehnmal hunderttausend Male größer ist denn diese Erde und stets unmeßbar viel Nahrung zur Erhaltung ihres mächtigen Lichtes und zur Erhaltung der zahllosen Geschöpfe auf ihren weiten Lichtgefilden braucht; und der Herr sorgt für sie so wie für dich, edler Freund!
GEJ|3|131|12|0|Nun denke dir aber erst den ewig nie zu ermessenden endlosen Schöpfungsraum voll Sonnen und Erden noch viel größerer Art, als diese Erde und die ihr leuchtende Sonne es sind! Alle werden von einem und demselben Herrn stets gleich mit allem auf das reichlichste versehen, das zu ihrer Existenz taugt. Nirgends ein Mangel, sondern allenthalben der größte Überfluß! Wenn aber also und ewig unmöglich anders, wie magst du dich hernach sorgen, woher man Brot nehmen werde für so viele, die nun von der Stadt zu uns her auf dem Wege sind?“
GEJ|3|131|13|0|Sagt Ouran: „Ja, ja, nun hast du schon recht! Ich bin ja kein Weiser, sondern ein Mensch, und vergesse oft auf Augenblicke, wo ich mich nun befinde; bin aber schon wieder ganz in der Ordnung!“
GEJ|3|131|14|0|Kommt Hebram herzu, der aus seinen dreißig Gefährten auch wach geblieben ist, und sagt: „Aber das wird heute als an einem strengen Sabbate eine große Verwirrung absetzen! Wäre dieser Brand an einem Werktage vor sich gegangen, so könnte man diese Abbrandler, die zu uns kommen werden, mit Rat und Tat unterstützen; aber so wird das für heute sogar für den großen Meister eine schwere Aufgabe werden!“
GEJ|3|131|15|0|Sagt Raphael: „Sorge auch du dich um etwas anderes! Hast du schon einmal die Sonne den Sabbat feiern sehen, oder den Mond, oder die Sterne, oder den Wind, den Regen, oder das Wachstum der Pflanzen und derart mehreres? Warum aber feiern diese Geschöpfe keinen Sabbat? Weil des Herrn gleichfort allertätigster Wille nie und nimmer einen Sabbat, dessen Herr Er ist, feiert!
GEJ|3|131|16|0|Oder wie kannst du Gott ein lästig Gesetz zumuten, das eben Gott nur den Menschen zu ihrer Heiligung angeordnet hat auf so lange, als es Ihm rätlich schien?!
GEJ|3|131|17|0|Wenn Gott dir aber den Sabbat und dessen Feier nachsieht, was willst du hernach bezwecken mit deinem törichten Sabbate? Möchtest du nicht auch mir den Sabbat hinaufdisputieren? Soll etwa auch ich den Sabbat heiligen durch einen nutz-, zweck- und sinnlosen Müßiggang? Oh, warte, gerade heute als an einem Sabbate, werde ich euch ein Wetter machen, daß euch darob Hören und Sehen auf Monate lang vergehen wird!“
GEJ|3|131|18|0|Sagt Hebram: „O du überirdischer Freund, mußt mir meine Frage nicht für übel annehmen! Denke dir nur stets, daß wir Menschen sind und selbst bei unserm möglichst besten Willen bei außerordentlichen Gelegenheiten doch stets noch in das Altgewohnte, wie die Sau in eine Pfütze, hineinfallen! Du aber, o mächtiger Diener und Engel Gottes, beschütze uns alle in der Folge davor; denn wir sind alle zumal lauter schwache und sehr gebrechliche Menschen!“
GEJ|3|131|19|0|Sagt Raphael: „Gehe hin zu deinen Brüdern und beruhige sie; denn sie schweben alle in derselben dummen Sabbatsorge, mit der du hierhergekommen bist! Zeige ihnen die große Dummheit ihrer Besorgnis! Sie werden nun nach und nach wach.“ – Hebram geht und tut mit gutem Erfolge, was ihm Raphael geboten.
GEJ|3|131|20|0|Als das in der Ordnung ist, erwacht Ebahl aus Genezareth und fragt den Ouran gleich um seine Jarah; dieser aber bescheidet ihn, was da geschehen ist, und wie die Jarah mit der Helena den Herrn suchen gegangen seien in den Wald.
GEJ|3|131|21|0|Sagt Ebahl: „Ei, ei, das hätten sie nicht tun sollen! Der Wald wird wahrscheinlich schon von Cäsarea aus mit allerlei Gästen bevölkert sein! Wie leicht kann den beiden etwas begegnen, das sie höchst unangenehm berühren könnte!“
GEJ|3|131|22|0|Sagt Raphael: „Sorge auch du dich um etwas anderes! Die beiden sind schon lange am rechten Orte und werden bald wieder hier sein. Mit dem vollen Aufgange kommt der Herr, und die beiden werden nicht ferne von Ihm sein!“
GEJ|3|131|23|0|Sagt Ouran: „Wie lange haben wir noch bis zum vollen Aufgange?“
GEJ|3|131|24|0|Sagt Raphael: „Bei einer kleinen halben Stunde noch!“
GEJ|3|132|1|1|132. — Die Schwierigkeit der Bekehrung von Priestern
GEJ|3|132|1|0|Damit geben sich nun alle zufrieden, und es ist wieder alles ruhig auf dem Vorberge, der durch eine kleine Einsattlung von dem sich weiter nach Süden ziehenden höheren Gebirge getrennt ist; aber unten am Meere wird es schon sehr lebendig, denn es sind schon mehrere Gesellschaften aus der Stadt beim alten Markus eingetroffen und klagen da natürlich mit sehr grellen Farben ihre Not und ihr unverschuldet erlittenes Unglück.
GEJ|3|132|2|0|In der Küche des Markus geht es schon sehr tätig zu, und die beiden Söhne mit dem alten Markus bereiten mehrere Feldherde, um für so viele Gäste erklecklich viele Speisen zu bereiten.
GEJ|3|132|3|0|Einige von den von Cäsarea Angelangten begeben sich auf den Berg, weil sie schon von weitem darauf Menschen ersehen haben. Als sie aber Römer erblicken, da ziehen sie sich gleich wieder zurück; denn sie meinen, daß diese hier auf der scharfen Wache stehen, um die Flüchtigen in Empfang zu nehmen und sie wieder nach der noch brennenden Stadt zum Löschen zu bescheiden, was den Erzjuden an diesem Sabbate ganz besonders ungelegen käme. Denn es lebten in Cäsarea einige Erzjuden, die es mit den Satzungen Mosis, ohne gerade Pharisäer zu sein, ganz entsetzlich strenge nahmen. Und das war ein Neumondssabbat, der allzeit strenger gehandhabt ward als ein gewöhnlicher! Daher waren sie, auf die verhängnisvollen Erscheinungen des Vorabends, wie neu aufgefrischt mit Asche auf dem geschorenen Haupte und mit zerrissenen Gewändern noch um vieles strenger als sonst je an einem Neumondssabbate. Es wäre für diese höchst strengen Sabbatisten sonach höchst fatal gewesen, so sie von den unsabbatischen Römern wären zum Löschen zurückbeschieden worden; daher hielten sie sich auf dem Berge ob dem Anblicke der Römer, obgleich diese noch schlummerten, gar nicht lange auf und empfahlen sich, wie gesagt, gleich wieder.
GEJ|3|132|4|0|Raphael schmunzelte und sagte zum Mathael: „Hast sie bemerkt, die Scharfsabbater? Die haben sich schnell aus dem Staube gemacht beim Anblicke der Römer! Aber freue dich, die werden uns heute noch sehr vieles zu schaffen geben!“
GEJ|3|132|5|0|Sagt Mathael: „Freund, mit Liebe, Weisheit und Geduld wird sich etwa und besonders mit der Hilfe des Herrn schon alles machen! Mich dauern sie! Blind im Herzen, nackt am Verstande, – gleich alten, verrosteten Nägeln in einem Balken stecken sie in ihrer Dummheit, die Armen! Na, vielleicht heilen wir sie alle!“
GEJ|3|132|6|0|Sagt Raphael: „Freund, solange der Mensch bloß dumm ist, da macht sich die Sache leichter; aber wenn mit der Dummheit werktätig Hochmut, Herrsch- und Genußsucht in einen festen Verband treten, dann geht es mit der Besserung schwer und am schwersten beim Priesterstande hochstehender Art und Gattung!
GEJ|3|132|7|0|Nimm du her, welche Stellung eines Menschen du willst, zum Beispiel die eines Feldherrn oder sonst eines hohen kaiserlichen Dieners! Solange er in seiner Würde steht, wird er auch auf die ihm schuldige Achtung und Ehrung Anspruch machen, und sie wird ihm gezollt; aber er kann mit der Zeit dienstuntüchtig werden und man setzt ihn in den Ruhestand, und er ist de facto (tatsächlich) nichts mehr und kümmert sich auch um sein ganzes früheres, beschwerliches Amt nicht mehr! Der hohe Priester aber behält seinen Nimbus (Ansehen) bis zum Grabe, und nach seinem Tode lassen ihm die lebenden Priester ihrer eigenen Ehre und Erhöhung wegen ein tempelartiges Grabmal setzen und erweisen ihm eine göttliche Verehrung! Das Priestertum weiß sich demnach die Würde für lange Zeiten als unantastbar zu erhalten und zu wahren in allen denkbaren Lebensstellungen.
GEJ|3|132|8|0|Tritt du nun hin zu solch einem eingefleischten Priester, bei dem du gar wohl merken kannst, wie sehr er im Falschen und Lügenhaften steckt, und du wirst nichts ausrichten mit ihm! Seine Würde hält er weit über die eines Kaisers, weil er sich als einen Stellvertreter Gottes auf Erden dünkt; er vertauscht darum seine Würde mit keiner in der Welt.
GEJ|3|132|9|0|Willst du ihm etwa mit viel Gold und Silber seine Würde veräußerlich machen, so wird er dir sagen: ,Gold und Silber habe ich ohnehin; meine Würde aber ist mehr wert denn alle Schätze der Welt, denn ich bin ein Beamter Gottes und kein Beamter eines Weltfürsten, und mein Amt bleibt in Ewigkeit!‘ Nach solcher Entgegnung hast du dann kein Heft mehr in deinen Händen und mußt am Ende noch tanzen nach der Pfeife so eines eingefleischten hohen Priesters! Darum meine ich hier, daß sich mit diesen Erzjuden gar nicht viel wird machen lassen! Im übrigen ist dein Sinn ein ganz vollkommen gotteswürdiger; Gott dem Herrn ist aber gar vieles möglich, was uns Engeln und euch Menschen oft für unmöglich scheint.“
GEJ|3|132|10|0|Sagt Mathael: „Ich danke dir für diese Worte; aber nun geht die Sonne auf, und wir müssen uns für die Ankunft des Herrn im Herzen bereit halten!“
GEJ|3|132|11|0|Sagt Raphael. „Hast ganz recht; denn der Herr ist ja die rechte Sonne aller Sonnen! Wenn Der aufgeht im Menschenherzen, so ist für dieses der Tag der Tage geworden. – Siehst du Ihn schon aus dem Walde kommen, weil du gemessen hinschaust?“
GEJ|3|132|12|0|Sagt Mathael: „Die Sonne ist zwar schon ganz überm Horizont; aber vom Herrn und von den beiden, die Ihm entgegengeeilt sind, ist noch nichts zu entdecken. Mir scheint, die Sache so ganz genau nach deiner Aussage genommen, daß du dich diesmal in deiner himmlischen Weissagung selbst ein wenig verrechnet hast! Mit dem Vollaufgange der Sonne und mit der Wiederankunft des Herrn geht es diesmal nicht so ganz auf ein Haar zusammen! Siehe, die Sonne steht schon ziemlich hoch über dem Horizonte, und noch ist vom Herrn keine Spur! Sage mir nun, wie ich deine uns gemachte Weissagung deuten soll!“
GEJ|3|132|13|0|Sagt Raphael: „Du mußt aber deine Augen auch dorthin richten, von wannen Er kommt, und nicht nach dorten hin, von wannen Er nicht kommt! Sieh dich um, und du wirst dich gleich überzeugen, daß ich euch keine falsche Weissagung gemacht habe!“
GEJ|3|133|1|1|133. — Vom rechten Gottsuchen
GEJ|3|133|1|0|Mathael, Ouran, Ebahl und Mathaels vier Gefährten sehen sich alle schnellst um und sehen Mich mit dem alten Markus auf den Hügel heraufkommen und eilen Mir entgegen.
GEJ|3|133|2|0|Als sie bei Mir anlangen, grüßen sie Mich zwar alle auf das liebfreundlichste und danken Mir für die Wiederkunft; aber da sie die Jarah und Helena nicht bei Mir ersehen, so wird es ihnen bange, und Ebahl, um seine Jarah äußerst besorgt, fragt Mich etwas ängstlich, ob die beiden nicht im Walde zu Mir gekommen seien, da sie Mir nach dem Worte Raphaels am Morgen entgegengeeilt wären. Und da sie nun nicht bei Mir wären, so dürften sie Mich im Walde noch suchen; Ich möchte sonach doch den Raphael ihnen nachsenden, daß er sie wieder unbeschädigt zur Gesellschaft brächte!“
GEJ|3|133|3|0|Sage Ich: „Warum sorget ihr euch denn um diese, die Mich suchen? Meinet ihr denn, daß Ich jemand nur dann vor Gefahren beschützen kann, so Ich leiblich in seiner Nähe bin? Als du, Ouran, in großer Gefahr warst, wer sagte es Mir denn, daß Ich dich ansah und rettete? Weiß Ich etwa nicht, wo die beiden nun sind und Mich suchen? Lasset sie nur, sie werden schon wiederkommen!
GEJ|3|133|4|0|Die beiden haben Mich auch gefunden in ihren Herzen, was da ein leichtes ist für jedermann. Wer aber Mich äußerlich suchen geht, obgleich er weiß, daß Ich nur innerlich zu suchen bin, der muß auch diese Lektion bekommen, hier freilich beispielsweise nur die, daß ihn ein bloß äußeres Suchen und Mir-Entgegengehen nicht in den Stand setzt, Mir näher zu kommen, sondern Mich nur mehr und mehr zu verlieren! Das könnt ihr als am Morgen des Sabbats euch recht wohl zu Gemüte nehmen! – Im übrigen sind die beiden Mir doch auf die Spur gekommen und werden nun bald da sein.“
GEJ|3|133|5|0|Sagt Ebahl: „Nun, wenn nur das, dann ist ja schon alles wieder in der Ordnung! Sie wären sonst wohl sicher bei uns geblieben, wenn Raphael sie nicht durch seine Worte so schnell zum Entschlusse gebracht hätte! Der gute Junge sieht alles in der Nähe, wenn etwas noch so entfernt ist, und man kann ihm ganz leicht aufsitzen! Abraten wird er nie jemand leichtlich von etwas, und wenn's am Ende sogar etwas Schlechtes wäre; denn da will er dann jemand durch gemachte bittere Erfahrungen auf den rechten Weg bringen. Und so hat er ehedem den beiden nicht etwa von ihrem Dir-Entgegengehen abgeraten, sondern sie dazu sicher nur mehr angeeifert, und darum sitzen sie nun irgendwo ermüdet und wissen aus sich nicht, wie sie daran sind! Geschieht aber meiner Jarah schon ganz recht; denn sie kennt Raphaels Art und Weise und weiß, was sie zu tun hat! Sie ist ihm wieder einmal aufgesessen, und das ist ganz gesund; aber freuen kann er sich, wenn sie wiederkommt, da wird er wieder eine ganz auserlesene Vorlesung bekommen und wird sich wieder wundern über Jarahs Zungenfertigkeit!“
GEJ|3|133|6|0|Hier kommt gerade Raphael herbei, der unterdessen die Schlafenden aufgeweckt hatte, und Ebahl sagt zu ihm: „Du bist nun schon wieder Ursache von einem etwas verunglückten Unternehmen der Jarah und mit ihr auch der Helena! Muß dir aufrichtig gestehen, daß mir die Art und Weise, wie du mit den dir anvertrauten Menschen umgehst und sie leitest, durchaus nicht gefällt! So ein Jünger von dir etwas tun will, was nicht ganz in der Ordnung ist, so mußt du ihn ja davon ablenken durch Rat und Tat, nicht aber, ihm gewisserart noch anratend, ihn die Sünde begehen lassen und ihn endlich erst durch die böse Folge auf dem Wege der Selbsterfahrung vor einer künftigen Sünde bewahren! Das mag wohl für Geister deiner Art recht gut und zweckmäßig sein; aber für Menschen taugt so etwas nimmer nach meiner eben auch nicht letzten Erkenntnis!“
GEJ|3|133|7|0|Sagt Raphael: „Bist zwar ein durchaus ehrlicher und rechtlicher Jude; aber was die geheimen Wege des Herrn betrifft, da bist du dumm wie ein Fisch! Meinst du denn, daß ich das, was ich tue, aus mir selbst tue?! Ich bin ein Finger des Herrn und tue, wie des Herrn Geist mich nötigt! Hättest du irgend mehr Einsicht, so würdest du das wohl einsehen; aber ich weiß, wie weit sich deine Einsicht in geistigen Dingen erstreckt, und sehe dir darum solche Schwäche nach. Daß sich aber die beiden nicht verirrt haben, kannst du daraus ersehen, daß sie nun ganz gesund und wohlbehalten über den Berg von Markus' Hütte her zu uns kommen, begleitet von einer Tochter des Markus, die uns die Nachricht bringt, daß das Morgenmahl für uns fertig ist!“
GEJ|3|133|8|0|Sagt Ebahl: „Ja, aber wie sind denn die beiden da hinabgekommen, ohne von uns gesehen worden zu sein!?“
GEJ|3|133|9|0|Sagt Raphael: „Sagte nicht der Herr zuvor, daß sie Ihm auf die Fährte gekommen sind?“
GEJ|3|133|10|0|Sagt Ebahl: „Nun, nun, ich bin schon wieder still; weil sie nur wieder da sind, so ist nun bei mir wenigstens schon alles wieder gut!“
GEJ|3|134|1|1|134. — Grund der Zerstörung von Cäsarea Philippi
GEJ|3|134|1|0|Nach diesem Gespräche verkündet Markus, daß das Morgenmahl in Bereitschaft steht und alle Tische bereits mit Speise und Trank besetzt sind. Darauf begeben wir uns hinab vom Berge und an die Tische, die sich am Morgen alle wieder in der alten Ordnung befinden, und keiner fehlt.
GEJ|3|134|2|0|Hier sagt Ouran zur Helena: „Als du unten warst, sahst du wohl, ob unsere Zelte noch stehen und in der Ordnung sind? Und haben unsere Diener wohl auch zu essen und zu trinken, – und sind unsere Lasttiere alle versorgt?“
GEJ|3|134|3|0|Sagt Mathael zum Ouran: „Freund und Tochtervater, in Gegenwart des Herrn ist jede Sorge eitel! Denke nun an nichts als an den Herrn; denn Er denkt für uns und für die ganze Unendlichkeit!“
GEJ|3|134|4|0|Als wir nach dieser Bemerkung Mathaels an den Ouran uns hinab vom Berge zu den Tischen begaben, fragte Mich unterm Wege Cyrenius: „Herr, soll ich etwa eine Abteilung meiner Krieger zum Löschen nach der Stadt beordern? Denn wenn wir der Stadt keine Hilfe bringen, so ist sie bis auf den heutigen Abend hin ein glühender Schutthaufen!“
GEJ|3|134|5|0|Sage Ich: „Lieber Freund, so Ich das wollte, hätte Ich schon lange Meinen Raphael dahin gewiesen, und das Feuer der Stadt wäre in einem Momente gelöscht; aber Ich will, daß diese für Gott und Kaiser schlechte Stadt gedemütigt werde, und Ich lasse darum alles vom Feuer zerstören bis auf die Häuser der Armen und Nüchternen. Alles andere aber soll zu Asche werden! In der Folge sollen hier bessere Menschen sich ansiedeln, und unseres alten Markus Nachkommen sollen über diese Stadt und Gegend mit des Kaisers Bewilligung ein gerechtes Zepter führen, und sie soll ihnen als Erbe verbleiben von Kind zu Kind und von Enkel zu Enkel; wenn sie aber Gottes vergessen werden, dann wird es ihnen geschehen, wie es nun den Bewohnern dieser Stadt geschieht.
GEJ|3|134|6|0|Wäre der Brand an einem Werktage über diese Hurereistadt gekommen, so wäre er schon lange gelöscht; aber am Sabbate, und besonders an einem Neumondssabbate rührt dir kein Erzjude auch nur mit der Spitze des kleinen Fingers irgend etwas an, in der Furcht, vor Gott verunreinigt zu werden.
GEJ|3|134|7|0|Da ist der Erzjuden Gewissen sehr zartfühlend; aber die Unterlassung der guten Werke beunruhigt ihr Gewissen nicht im geringsten, also auch nicht der materielle und geistige Ehebruch und allerlei Betrug.
GEJ|3|134|8|0|Sie sind sogar der Meinung, daß eine Sünde wider das Gebot Gottes an einem Werktage fast gar keine Sünde sei, und man könne sich bis zum Abende hin lang wieder rein machen; aber am Sabbate müßte man bis zum Abende unrein verbleiben, in welcher Zeit der Fürst der Nacht zu herrschen beginne. Und da wäre es dann gar leicht möglich, daß da ein Abgesandter des Satans käme, jemand unrein träfe und sogestaltig Besitz nähme von der unreinen Seele!
GEJ|3|134|9|0|Die Sünde schade dem Menschen nur in der Nacht, und das etwa nur bis nach Mitternacht, weil in der Zeit dem Satan gewährt sei, auf den Fang auszugehen. Bei Tage habe er keine Macht, und man könne da sündigen, wie man wolle, so mache das nichts; nur solle man wohl darauf bedacht sein, sich vor dem Untergange der Sonne zu reinigen nach der von Moses vorgeschriebenen Weise, und man habe sich dann wegen der am Tage begangenen Sünden in der Nacht nicht im geringsten zu fürchten.
GEJ|3|134|10|0|Wegen Gott ist diesen Blinden nichts, und wenn sie gegen Seine Gebote am Tage noch so viele Sünden begangen hätten! Nur daß sie dem Satan nicht verfallen, daran liegt ihnen alles; und weil solches an einem Sabbate, an dem sie keinen Bock, kein Lamm und kein Kalb schlachten, ja, sich nicht einmal sieben Male waschen dürfen, am leichtesten geschehen kann, so hüten sie sich, was möglich, den Sabbat hindurch sich rein zu erhalten, damit der Teufel keine Gewalt über sie bekommen kann, wenn die Sonne untergegangen ist!
GEJ|3|134|11|0|Darin hast du nun den Grund, warum diese Finsterlinge in allen Dingen lieber ihre guten Häuser an einem Sabbate zu Asche werden lassen, als daß sie Hand anlegten und löschten. Darum wird dereinst ein römischer Feldherr, dem solche grobe und unwegbringbare Narrheit dieses Volkes nicht unbekannt sein wird, ein leichtes Spiel haben, dies Geschlecht, wenn es aufständisch wird, besonders an einem Wintersabbate mit einem Schlage aus allen Fugen zu treiben und seine große Stadt in einen Schutthaufen zu verwandeln.
GEJ|3|134|12|0|Aber jetzt nehmen wir das Morgenmahl ein, sonst kommen uns eine Menge eben nicht sehr erfreuliche Besuche über den Hals, mit denen wir zu tun haben werden, um ihrer auf irgendeine gute Art loszuwerden!“
GEJ|3|134|13|0|Darauf begab sich alles an die Tische, und das gute Morgenmahl ward diesmal mit großer Eßlust verzehrt, und da war niemand, der dem alten Markus nicht ein vollstes Lob erteilt hätte. Auch Ouran und Helena bemerkten, daß sie noch nie so wohlzubereitete Fische genossen hätten und ein so geschmackvolles Brot. Markus aber wies alles Lob auf Mich und sagte: „Das ist das Salz und die beste Würze von allen Speisen, von allen Getränken und von allen Dingen; Ihm allein bringet euer gerechtes Lob dar!“
GEJ|3|134|14|0|Es war aber nicht einer unter den vielen Gästen, der da nicht begriffen hätte, was Markus gesagt hatte, und alle priesen Mich still in ihrem Herzen. Mathael aber sagte laut: „Ja, ja, alter Markus, wo der Herr alles Lebens Küchenmeister und alles in allem ist, läßt sich unvergleichbar gut leben; denn da muß Geist, Seele und Leib die beste Kost bekommen! Du hast ganz wohl getan, daß du das dir gespendete Lob an den Herrn zurückgewiesen hast; aber eben darum wird auch dein Name nicht sterben in dem Herzen derjenigen Menschen, die dich als einen Freund des Herrn haben kennengelernt!“
GEJ|3|134|15|0|Markus dankt Mir darum, daß Ich seinem Hause eine so überschwenglich große Ehre angetan habe; dann dankt er aber auch dem Mathael für dessen gutes Wort und erklärt sich für alles das als völlig unwürdig.
GEJ|3|135|1|1|135. — Cyrenius und die Abordnung der Erzpharisäer aus dem abgebrannten Cäsarea
GEJ|3|135|1|0|Nach dem eingenommenen Morgenmahle fragen Mich Cyrenius und Julius, was nun zu tun sein werde.
GEJ|3|135|2|0|Sage Ich (zu Cyrenius): „Warten wir ein wenig hier, und es wird sich gleich etwas zu tun vorbereiten! Sehet hin ans Ufer! Dort schleichen gleich faulen Nebelgebilden mehrere alte Erzpharisäer mit ihren Erzjüngern. Diese wissen bereits, daß du dich hier aus ihnen freilich unbekannten Gründen aufhältst. Sie vermuten, du inspizierest die Orte am Galiläischen Meere, haltest aber hier dennoch eine Art Lager. Die Prachtzelte des Ouran bestätigen sie in ihrer dunstigsten Meinung. Sie passen nun darauf, ob du etwa auf einem Schiffe übers Meer her oder vielleicht aus dem Zelte kommen werdest. Da wollen sie dir dann eine Entschädigungsbitte ans Herz legen, da sie der Meinung sind, daß die Heiden ihre Wohnung angezündet haben.
GEJ|3|135|3|0|Aber sie werden es nun bald und leicht in die Erfahrung bringen, daß du dich hier befindest, und wir werden sie am Halse haben. Da kannst du dir schon vorstellen, welche Arbeit sie uns geben werden! Nur das sage Ich dir und euch allen, daß Ich nicht verraten werde vor der Zeit! Sie müssen erst ganz ordentlich ins Bockshorn getrieben worden sein, dann erst soll ihnen der Schrecken des Schreckens durch Meine Bekanntwerdung kundgemacht werden. Du wirst dich aber überzeugen, was wir mit dieser ehebrecherischen Art werden zu tun und zu verhandeln bekommen!
GEJ|3|135|4|0|Mathael und Raphael werden uns gute Dienste tun; aber bis über des Tages Mitte werden wir ihrer kaum loswerden. Seien wir nun darum nur eine kurze Zeit ruhig, und sammle du dich; denn du weißt nun, was über dich kommen wird!“
GEJ|3|135|5|0|Darauf wird alles stille, nur die Soldaten und die Dienerschaft tummeln sich etwas laut am Berge herum.
GEJ|3|135|6|0|Nach einer Weile fragt Mich Mathael, ob er mit den Erzfinsterlingen so ganz ohne irgendeinen Vorhalt reden dürfe.
GEJ|3|135|7|0|Sage Ich: „Allerdings; aber du wirst dich auch ganz besonders zusammenzunehmen haben! Glaube ja nicht, daß sich mit diesen gepanzerten Helden der Nacht gar zu leicht wird verhandeln lassen; denn diese sind für gar viele Fälle bis an die Zähne bewaffnet!“ Darüber fing Mathael auch an, sich sehr zu sammeln.
GEJ|3|135|8|0|Es fragen Mich aber auch Meine Jünger, wie sie sich bei dieser Sache zu verhalten haben werden.
GEJ|3|135|9|0|Sage Ich: „Ihr habt dabei weder etwas zu reden, noch etwas zu tun; beobachtet die ganze Sache als stumme Zeugen, und fragt euch jemand von den Pharisäern um etwas, so weiset ihn an den Cyrenius und bekennet, daß euch diese Sache gar nichts angeht, und sie werden euch in Ruhe lassen. Ich Selbst werde anfangs dasselbe tun.“ Mit diesem Bescheide waren die Jünger auch zufrieden, und wir harrten darauf in Ruhe der lästigen Ankömmlinge.
GEJ|3|135|10|0|Nach einer Weile von einer kleinen halben Stunde bekamen die am Meeresufer des Cyrenius Harrenden durch einen an uns vorübergehenden Juden aus der Stadt, der den Cyrenius kannte, die Kunde, daß er sich im Garten des alten Soldaten befinde. Auf diese Nachricht kehrten alle die Erzpharisäer und die andern Erzjuden um und begaben sich ganz schnell zu uns herüber.
GEJ|3|135|11|0|Als Mathael sie auf sich zugehen sah, sagte er: „Nun, mein hoher Freund Cyrenius, mache dich gefaßt; jetzt geht der Sturm los! Bin doch sehr begierig zu erfahren, was diese Kerle alles zum Vorscheine bringen werden!“
GEJ|3|135|12|0|Sagt Cyrenius: „Ich nicht minder, obschon ich offen gestehe, daß ich mit diesen Menschen am unliebsten verhandle; denn wie man ihnen nur halbwegs den kleinen Finger zeigt, so wollen sie schon gleich die ganze Hand, und das geht denn doch nicht, da es noch andere Menschen gibt, die wirklich arm sind und darum sehr vonnöten haben, daß man ihrer gedenkt.“
GEJ|3|135|13|0|Mit dem waren die Petenten, natürlich mit ihrem Synagogenobersten an der Spitze, auch schon herangekommen. Dieser erkannte sogleich den Oberstatthalter und sprach ihn folgendermaßen an: „Hochgestellter, erleuchteter und allbevollmächtigter Herr Oberstatthalter von Cölesyrien, ja vom ganzen Judenlande, vom übrigen Klein- und Großasien und von einem Teile Afrikas! Es wird dir nicht unbekannt sein, welch nie erhörtes Unglück uns, allzeit Gott und dem Kaiser ergebene, Bewohner der Stadt Cäsarea Philippi in dieser Nacht heimgesucht hat. Wäre uns darob nur irgendeine kleinste Schuld beizumessen, da könnten wir unsere Fahrlässigkeit nun verwünschen und tief beweinen und ertrügen weiter mit Geduld, was Gott der Allmächtige über uns hat kommen lassen; so aber haben wir zu diesem Unglücke unseres Wissens nicht irgendeine geringste Veranlassung gegeben, sondern die Bosheit einiger mutwilliger Heiden hat das an uns getan! Darum sind wir denn auch so ganz eigentlich da, um von dir uns eine entsprechende Entschädigung zu erbitten!
GEJ|3|135|14|0|Du wirst uns solche sicher um so eher nach Recht und Gebühr zufließen lassen, als wir fürs erste völlige Untertanen Roms sind gleich den mutwilligen Heiden, fürs zweite aber wir Priester und Diener des allein wahren Gottes das Volk in unserer Gewogenheit für Rom mehr kaiserlich zu stimmen imstande sind als viele tausend Schwerter und Lanzen. Sind wir aber einmal antirömisch (gegen Rom), so wirken unsere Zungen in wenigen Stunden mehr denn hunderttausend Krieger in einem Jahre. Hier wäscht eine Hand die andere!
GEJ|3|135|15|0|Gewähre uns unsere Bitte, entreiße uns dem momentanen Bettelstabe und laß uns auf Unkosten des Staates unsere zerstörten Gebäude, unsere Lehr- und Bethäuser wieder aufbauen, und du wirst im Namen des Kaisers an uns keine undankbaren Unterstützten finden, ja, wenn es nicht anders geht, so verpflichten wir uns auch dazu, dem Staate solch einen Vorschuß nach zwanzig vollen Jahren mit Zinsen zurückzuerstatten. Überlege, du hoher Oberstatthalter, wohl unsere Bitte und gewähre sie uns! Es wird das weder dein noch des Kaisers Nachteil sein; denn wir wissen, wer und was wir sind, und was wir vermögen! Sind wir des Kaisers Freunde, so wird er sein weites Reich leicht regieren; sind wir aber in unseren verschlossenen Gemütern des Kaisers Feinde, so dürften ihm Krone und Zepter bald zu einer äußerst lästigen Bürde werden! Daher bedenke unsere dermalige Not, bedenke unsere Bitte als ein Kluger und handle nach deinem Gutdünken!“
GEJ|3|135|16|0|Sagt Cyrenius, seine innere bittere Aufregung kaum verbergend: „Bevor ich ein Ja oder ein Nein ausspreche, werde ich eher alles genaust untersuchen lassen, wie und auf welche Veranlassung die Stadt und eure Häuser in den Brand gesetzt worden sind. Ob ihr so ganz unschuldig dabei seid, wüßte ich kaum; denn ich habe eben in dieser Nacht von jemandem vernommen, wie ihr eigentlich infolge der gestrigen totalen Sonnenfinsternis und später noch mehr infolge des plötzlichen Verschwindens der abendlichen Nachsonne das Volk wegen dem bevorstehenden und nun erfolgen sollenden Gerichte Gottes, das von einem eurer Propheten vorhergesagt ward, habt zu harangieren [Überflüssigerweise eine feierliche Ansprache halten.] angefangen. Dabei haben ihrerseits auch die Priester der Griechen nicht gefehlt, das sonderbare Naturspiel zu ihren Gunsten auszubeuten. Ihr beiden priesterlichen Parteien habt die bewußte Naturerscheinung mißbraucht, um das Volk wegen Vorschutz von wirksamen und eures Gottes Willen erreichenden Gebeten zu den unerhörtesten Opfern zu zwingen. Das von euch schon von Kindheit an taub- und blindgemachte Volk tat nach Kräften alles, was es nur tun konnte, um dem von euch verkündeten Jüngsten Gerichte zu entgehen.
GEJ|3|135|17|0|Glücklicherweise fand sich ein vernünftiger und erfahrener Mann vor, der einige ihm bekannte Bessere aus dem Volke zu sich rief und ihnen dann mit aller Ruhe und Gelassenheit die stattgehabte Erscheinung aus sehr natürlichen Gründen und als von ihm schon öfter gesehen erklärte. Er machte sie aber auch weisermaßen zur Bekräftigung seiner Erklärung darauf aufmerksam, daß die Priester, so an ihrer Aussage etwas gelegen wäre, es sicher bleiben ließen, sich für noch einige Augenblicke Seins auf dieser Welt voll Lug und Trug vom Volke so massenhafte Opfer zu erpressen! Die unersättlich habgierigen und herzlosen Priester wüßten so gut wie er, daß an der ganzen Sache nichts gelegen sein könne als höchstens eine natürliche, nächsttägige Witterungsveränderung. Sie kenneten aber des Volkes Aberglauben und sündigten nun bei dieser Gelegenheit auf das gewissenloseste darauf los!
GEJ|3|135|18|0|Sehet, solches ist mir in der Nacht noch von einem allergetreuesten Zeugen kundgegeben worden! Nun, was war die Folge von diesem weisen und sehr zeitgemäßen Unterrichte? Die etlichen mit wenigen Worten Wohlunterrichteten eilten darauf zum verzweifelten Volke hinaus und schrieen heiter aus vollem Halse: ,Trost, Trost, Trost über Trost! Höret uns zu eurem Besten ruhig an!‘ Hierauf unterwiesen sie das Volk auf eine leicht begreifliche Weise. Das Volk, solches einsehend, ward von Zorn und Wut gegen euch ergriffen und bereitete dann euch so ein bißchen etwas von einem jüngsten Tage Daniels. Da ich aus dieser treuen Kundgabe nun wohl nur zu gut einsehe, daß eigentlich nicht der Mutwille der Heiden, sondern gerade nur ihr selbst daran schuldet, daß in dieser Nacht die sonst recht schöne und bedeutende Stadt zu Asche wird auf Grund des gerechten Ärgers des Volkes über euren betrügerischen Sinn, so werdet ihr es hoffentlich wohl einsehen, daß ich eurer sehr frech gehaltenen Bitte nicht nur kein Gehör geben kann, sondern daß ich im Gegenteile als Vizeregent hier zum Besten meines Kaisers und zum Besten des Volkes euch zur strengsten Verantwortung und zum vollständigen Ersatze des Volksschadens, den ich genaust werde erheben lassen, ziehen und verurteilen werde, – vorausgesetzt, daß sich alles also verhält, wie ich's in dieser Nacht von einem nur zu glaubwürdigen Zeugen vernommen habe! – Was habt ihr dagegen vorzubringen? Redet, so ihr etwas gegen das vorbringen könnt!“
GEJ|3|135|19|0|Schon während der Erzählung des Cyrenius wechselten die schwarzen Petenten ihre Farben gleich den Chamäleons, und man bemerkte leicht ihren innern Zorn aus ihren echten Wolfsaugen glühen; und als sie sich nun rechtfertigen sollten, konnten sie schon vor lauter Grimm kein Wort mehr herausbringen.
GEJ|3|135|20|0|Cyrenius wartete eine Weile, und als da noch niemand reden wollte, ward er durch die Zorngrimassen der Petenten erregt und sagte im düstern Ernste so ganz nach der die vollste Unerbittlichkeit anzeigenden Sitte eines echten Römers: „Redet bald, sonst bin ich genötigt, euer zornglühendes Schweigen als ein volles Geständnis dessen, wessen ihr beschuldigt seid, anzunehmen und darüber gleich ohne alle weitere Rücksicht das von euch wohlverdiente Urteil auszusprechen und euch der Exekution (Vollstreckung des Urteils) zu überantworten! Redet, denn ihr wisset, daß wir Römer nie zu scherzen pflegen!“
GEJ|3|135|21|0|Sagt endlich der Oberste: „Herr, die Verleumdung ist zu groß! Da kann man sich nicht so schnell fassen und dagegen reden, sondern da heißt es, sich tief fassen und denken, wie eine solche Verleumdung möglich ist, und erwägen die kräftigsten Mittel, dieselbe in den Staub aller Nichtigkeit niederzuschlagen. Wer kann uns beweisen, daß wir das Volk zu Opfern zwangen?! Wir predigten, was wir selbst empfanden und fürchteten! Wer beweist uns, daß wir anders handelten, als wir es laut der Prophezeiung auch also empfinden mußten?! Waren die Zeichen nicht danach?! Oder weist die Geschichte uns nicht der Beispiele in die Menge, wo Gottes Geduld ein Ende nahm und plötzlich ein erschrecklichstes Gericht über die Menschen kam?! Aber wir haben auch der Beispiele in die schwere Menge, wo Gott trotz einem bestimmt und unausweichlich verkündeten Strafgerichte, so das Volk zur wahren Buße und Reue zurückkehrte, wieder Seine große Gnade und Erbarmung den Gebesserten zukommen ließ.
GEJ|3|135|22|0|So aber dein weiser Mann, der die wenigen wider uns unterwies, gar so ehrlichen Sinnes war, warum kam er denn nicht auch zu uns und zeigte uns das, was er einigen Mißvergnügten, die uns stets anfeindeten, gezeigt hat? Nur ein Mensch, der unsere erhabenste Gotteslehre nicht kennt und keine Ahnung von einem Worte Gottes durch den Mund eines Propheten und von dessen Wirkung in einer durch Zeichen am Himmel bedrängten Zeit hat, kann wider uns also schändlichst böse verleumdend auftreten! Und solch einem Menschen kann ein Oberstatthalter Roms eher einen vollen Glauben schenken denn uns!? Man wird uns wohl sagen: ,So jener weise Mann zu euch gekommen wäre und hätte euch also belehrt, wie er das verzweifelte Volk belehrt hat, so hättet ihr ihn nicht angehört und ihn noch gerichtet oder gar gesteinigt!‘ Wer aber kann so etwas eher von uns behaupten, als bevor er es an uns versucht hat!? Erst nach der Tat pflegen wir zu urteilen und zu richten, aber vor der Tat, nach dem Scheine und nach irgendeiner bösen Mutmaßung, nie! Für unser Benehmen spricht unsere Gotteslehre; wer aber kann auftreten und uns beweisen, daß wir anders glauben und anders handeln?! Böswillige Verleumdung oder eine arge Mutmaßung beweist bei uns nichts, und dein Zeuge mag dir gesagt haben, was er gewollt hat, so erklären wir seine Anklage für so lange als völlig null und nichtig, bis er uns erweisen kann, daß wir wirklich anders handelten, als wir selbst des Glaubens waren, und daß wir den weisen Mann, der das Volk mit seiner Weisheit wider uns aufgewiegelt hat, ungehört entlassen hätten, so er zu uns gekommen wäre!
GEJ|3|135|23|0|Wir teilten des Volkes Angst lebendig; und wenn das Volk zur Sühne seiner Sünden Massen von Opfern uns zuführte, im Glauben, Gott dadurch zu versöhnen, hätten wir die Opfer nicht annehmen sollen?! Wo steht da das Gegenteil geschrieben?!
GEJ|3|135|24|0|Edler Oberstatthalter, bedenke wohl, daß du es hier mit wahren Erzdienern Gottes zu tun hast und nicht mit Templern neuer Art, die sich leider nur schon zu wohl darauf verstehen, ihren Mantel allzeit nach dem Winde zu drehen! Wir wissen das wohl, und der Tempel ist uns darum auch nicht geneigt; aber bei uns leider wenigen sitzt noch der alte Glaube fest, an dem die Nachtfliegen, die dir etwas falsch Beurteiltes ins Ohr raunten, nichts locker machen werden! Wir haben heute wohl einen herrlichen Tag des Herrn, und es ist nirgends eine Spur von einem Gottesgericht, außer daß unsere Stadt ein Raub der Flammen wird, – aber nicht durch ein Gottesgericht, sondern durch die leider finstere Bosheit einiger uns stets feindlicher Heiden. Wäre es aber etwa bei Gott gar so etwas Unmögliches gewesen, mit dieser Gegend geschehen zu lassen wie einst mit Sodom und Gomorrha? Wer kann hier auftreten und sagen, daß es nach den vorhergegangenen Zeichen nicht also hätte geschehen können?! Wir wollen gar nicht sagen, als hätte etwa Gott unserer vielen Gebete und Seufzer wegen diese Gegend von Seinem angedrohten Gerichte verschont; Gott kann das wegen irgendeines uns völlig unbekannten Frommen getan haben, weil denn doch auch unsere Gebete mit dem Gebete des einen Frommen bis zu den Stufen Seines Thrones gedrungen sind. Aber wer beweist uns gegen unsern Glauben und gegen unsere Überzeugung, daß es nicht also, sondern völlig ganz anders sei?! – Ich habe nun geredet im Namen der Meinen, und du, hoher Herr, urteile nun ein vor Gott und allen Menschen gerechtes Urteil!“
GEJ|3|136|1|1|136. — Des Markus Anklage wider den Obersten der Pharisäer
GEJ|3|136|1|0|Auf diese Entgegnung war natürlich der Cyrenius nicht gefaßt und wußte nun nicht, was er dem Obersten darauf für eine Einwendung machen sollte. Er berief darum den Mathael und sagte halblaut zu ihm: „Jetzt rede du weiter; denn ich bin mit meiner Weisheit schon am Ende! Denn diese sind mit mehreren Salben gesalbt, als ich es mir anfangs vorgestellt hatte!“
GEJ|3|136|2|0|Sagt Mathael: „Hoher Freund! Da wird es uns wahrlich schwer werden; denn ihnen etwas zu beweisen, was sie getan hätten, wenn sich der Umstand so gefügt hätte, ist eine schwere Sache. Und hätten sie auch, was ich nicht in Abrede stellen will, heimlich die böseste Absicht gehabt, so fehlt dazu sogar der Versuch, sie zu vollbringen. Wo ist da dann erst die allein vollends strafbare Vollbringung der bösen Absicht, die sie wohl haben, aber auch gar nicht haben konnten? Was kann sich aber in einem Menschengemüte alles als Gedanke formieren, wenn dasselbe von allen möglichen Seiten bedrängt wird?!
GEJ|3|136|3|0|So es im Herzen stürmisch tobt, da hält kein Mensch gar zu leicht eine Läuterung seiner schnell wechselnden Gedanken aus, die da wie Sturmwolken gewitterschwanger durcheinanderrennen; und hat sich mit der Zeit der Sturm im Herzen gelegt, da erinnert sich der ruhig gewordene Mensch selten völlig mehr, was alles im Sturme seiner Leidenschaften durcheinandergeflogen ist. Es mag darunter viel Verdammliches gegeben haben; welcher Gott aber, sage ich sogar, wird sich darüber zu einem Richter aufwerfen wollen?! Sind das wirklich erzgläubige Menschen, und haben sie die Furcht des Volkes aus einem und demselben Grunde geteilt, was wir so lange annehmen müssen, bis wir ihnen nicht einem Gott gleich das Gegenteil beweisen können, so muß ihnen ihre Bitte gewährt werden, vorausgesetzt, daß die Gewährung solcher Bitten bei so außerordentlichen Fällen, wie der vorliegende ist, vom Kaiser aus verordnet ist! Wir können hier nur über das, was offen vor uns liegt, ein Urteil fällen, solange wir dem nichts Haltbares entgegenzustellen imstande sind; unsere Gedanken dagegen aber können da nie als ein Gegenbeweis dienen, und so wir auch die ganze Stadt abhören, so werden wir darauf auch nicht mehr wissen, als wir jetzt wissen.“
GEJ|3|136|4|0|Diese Worte hatte Mathael auch nur so halblaut dem Cyrenius zugeflüstert, und Cyrenius, sich hinter den Ohren kratzend, sagte zu Mir: „Und was sagst denn Du dazu?“
GEJ|3|136|5|0|Sage Ich: „Meine Zeit ist noch nicht da, darum verhandelt nun nur ihr beide miteinander und mit ihnen; ziehet aber den alten Markus bei, der sie samt seinen beiden Söhnen besser kennt denn ihr! Auch der Ebahl aus Genezareth kennt sie, und der Julius kennt sie auch so ziemlich. Laß diese herbeirufen, und du wirst gleich eine andere Sprache hören!“
GEJ|3|136|6|0|Cyrenius sendet sogleich nach dem Julius, der einstweilen mit dem Ebahl auf den Berg zu den Soldaten nachsehen ging, um den noch immer sehr mächtigen Brand zu beobachten. Die beiden kamen bald, wie auch der alte Markus. Als alle die Gerufenen zugegen waren, trug ihnen Cyrenius ganz kurz die Petition (Bitte, Bittschrift) der Erzpharisäer und die Rede ihres Obersten vor, sowie auch das, was der Oberste als eine unwiderlegbare Einwendung vorbrachte.
GEJ|3|136|7|0|Als Markus solches vernommen, verwunderte er sich hoch über die enorme Keckheit des Obersten und sagte zu ihm: „Du nun gar so überehrlich und erzfromm dich machender Oberpharisäer! Du bist mir nun wie gerufen und gewünscht gegen alle meine schon lange gehegte Erwartung in mein großes Netz gekommen! Denke du von jetzt an bloß etwa drei Jahre zurück, welche Mühe du dir da gegeben hast, mich zu deinem Glauben zu bringen! Du sahst mir sogar die für einen alten Menschen immerhin etwas lästige und auch schmerzliche Beschneidung nach. Wenn ich mich nur mit meinem Hause zu deinem Glauben einschreiben lasse, so genüge das schon vollkommen! Du versprachst mir eine Menge Vorteile im Handel und Wandel, als ich dir dagegen einwendete, daß ich ein gewissenhafter Mann sei und die Religion meiner Väter nicht gerne mit einer andern vertausche, deren Grundsätze ich viel zuwenig kenne, und von der ich nicht weiß, welche neuen Verpflichtungen sie mir auferlegen kann. Ich sagte dir dann ganz offen, daß ich zwar nicht völlig dagegen sei, meine etwas holperichte Religion mit einer besseren zu vertauschen, nur müßte ich zuvor in das ganze Wesen der neuen anzunehmenden Religion vollends eingeweiht sein.
GEJ|3|136|8|0|Da sagtest du aber, daß das bei deiner Religion gar nicht nötig sei; denn jede Religion sei ohnehin nichts anderes als eine Wiegenphilosophie der Kinder und müsse der Kinder wegen auch erhalten werden. Hat der Mann einmal seinen ausgebildeten Verstand, so braucht er keine Wiegenphilosophie der Kinder mehr und hält sich äußerlich nur der Kinder wegen daran; er für sich aber wäre als ein blinder Narr zu schelten, so er bei sich im Ernste etwas darauf hielte! Aber das könne denn ein Mann wie ich doch auch beurteilen, ob es nicht klüger sei, sich dem Äußern nach zu einer Religion zu bekennen, die einem die allerwenigsten Hindernisse im Handel und Wandel in den Weg lege.
GEJ|3|136|9|0|Ich ging darauf ein und verschrieb mich samt meinem ganzen Hause zu deiner Religion. Aber bald darauf erst gingen mir die Augen recht weit auf, als ich bald von euch aus zu allerlei lästigen Steuern kondamniert (verurteilt) wurde, und ich sah es dann immer besser und besser ein, welch einen schnöden Tausch ich mit der Annahme eurer Religion gemacht hatte.
GEJ|3|136|10|0|Von allem mußte ich euch den Zehent und von allen Früchten die Erstlinge geben. Gar oft führte ich Beschwerde darüber bei der römischen Behörde, richtete aber nichts aus; denn man rupfte es mir überall vor und sagte: ,VOLENTI NON FIT INIURIA! [Dem Wollenden geschieht kein Unrecht!] Warum hast du dich als ein alter vernünftiger Römer fangen lassen? Büße nun für deine unüberlegte Dummheit!‘
GEJ|3|136|11|0|Kam ich aber zu dir und trug dir mein Elend vor, so hörtest du mich gar nicht an und sagtest stets in deinem großen Hochmute: ,Also steht es geschrieben!‘, und ich konnte unverrichteterdinge mit traurigem und verdrußvollstem Gesichte und Gemüte fein wieder abziehen.
GEJ|3|136|12|0|Wollte ich von euch eure Schrift näher kennenlernen, so ward mir gesagt: ,Wir sind die Schrift und das lebendige Wort Gottes! Daher hat da niemand weiter um etwas zu fragen, sondern jeder tue das, was wir lehren und verlangen! Etwas Weiteres braucht niemand!‘
GEJ|3|136|13|0|Siehe, du altes, böses Orakel der Juden aus Cäsarea Philippi, das sind deine Worte und dein Benehmen! Und du willst dich nun auf einmal weiß waschen?! Ich schwöre es dir bei allem, was mir nun heilig ist, daß du mir nun nicht von der Stelle kommen wirst, bevor du wenigstens mir nicht jeden höchst ungerecht zugefügten Schaden wirst gutgemacht haben! Dir kann der würdevollste Oberstatthalter auf meine Verantwortung das Kreuz auf den Rücken anheften lassen, und es wird dir dadurch kein Unrecht widerfahren! – Verstanden, du altes, schlechtes Orakel?!“
GEJ|3|136|14|0|Sagt Cyrenius: „Ah, so stehen die Sachen?! Na, na, etwas haben wir bereits! – Nun, du weiser Herr Oberster der finsteren Volksbedrücker, was hast du dagegen einzuwenden?“
GEJ|3|136|15|0|Sagt der Oberste: „Kennst du Moses ganz und alle die von Gott erleuchteten Propheten?“
GEJ|3|136|16|0|Sagt Cyrenius: „Moses kenne ich so ziemlich; aber die Propheten kenne ich bloß dem Namen nach.“
GEJ|3|136|17|0|Sagt der Oberste: „Ganz gut; so gehe hin und lerne vorerst alle meine bitteren Verpflichtungen daraus erkennen und strafe mich, wenn du mir erweisen kannst, daß ich einer derselben nicht nachgekommen sei! Willst du lesen, – wir haben die Schrift bei uns als das einzige Gut, das wir an dem heutigen hohen Tage des Herrn mit uns tragen dürfen, wenn Gefahr vorhanden ist, die es zerstören könnte!“
GEJ|3|137|1|1|137. — Verhandlung mit den Pharisäern
GEJ|3|137|1|0|Sagt Mathael geheim zum Cyrenius: „Das ist schon wieder eine Nuß, die aufzuknacken unsere Zähne zu schwach sein dürften! Markus hat seine Sache sehr gut gemacht; aber was können wir tun, so wir ihnen aus ihren Satzungen keine Pflichtverletzung erweisen können? Hören wir aber noch den Ebahl und den Julius an! Aber viel wird uns auch das, was sie vorbringen werden, nicht nützen; denn der Alte ist zu sicher in seiner Sphäre und ist imstande, jede seiner noch so schmählichen Handlungen aus der Schrift vollkommen zu rechtfertigen. Was läßt sich dagegen dann tun?“
GEJ|3|137|2|0|Sagt Cyrenius: „Gut, so verdamme ich aus meiner Machtvollkommenheit alle jene Schriftstellen, die wider die gesunde Vernunft des Menschen lauten, und wir haben ihn dann am Bande!“
GEJ|3|137|3|0|Sagt Mathael: „Es wird sich nicht tun, weil er dann sagen kann: ,Die gesunde Menschenvernunft verlangt aber auch, daß man ein Gesetz zuvor gibt und es sanktioniert, bevor man nach demselben jemand richten will.‘ Was wirst du dann dem einzuwenden haben? Da heißt es sich ganz absonderlich fassen, um gegen diese Kerle von menschlicher Seite aus etwas ausrichten zu können! Es dürften nun bald der Kornelius, der Faustus, der Kisjonah aus Kis und ein gewisser Philopold aus derselben Gegend dasein; diese werden uns sicher sehr gute Dienste leisten! Ich freue mich sehr auf ihre Ankunft!“
GEJ|3|137|4|0|Nach einer mäßigen Weile des Nachdenkens über das Gesagte sowohl von seiten des Obersten als auch über das etwas mehr geheim Bemerkte vom Mathael und über dessen Freude über die beansagte Ankunft des Kornelius und Konsorten fordert Cyrenius den Ebahl auf, etwas Haltbares über die Erzpharisäer vorzutragen.
GEJ|3|137|5|0|Und Ebahl erhebt sich und sagt: „Hoher Freund! Füchse und eure Proteusse (wetterwendische Menschen) sind schwer zu fangen; die Füchse, weil sie stets zwei Ausgänge haben, und die Proteusse, weil sie sich in alles verwandeln können, selbst in die Elemente. Daher ist hier meine Meinung diese: Da du zufolge dessen, was dir von dem wahrhaftigsten und getreuesten Zeugen, den du so gut als ich kennst, über diese Menschen gesagt wurde, durchaus keinen Zweifel haben kannst über das, ob es also stehe oder nicht, anderseits als weltlicher Richter aber der Welt gegenüber dennoch nur nach dem ein Urteil fällen kannst, wovon sich dein Ohr und dein Auge nach außen hin überzeugen kann, so wäre mein Rat hier folgender: Entlasse du diese lästigen Petenten ohne die geringste Gewährung dessen, was sie haben wollen, und ohne sie durch ein Urteil zu irgendeiner Strafe zu verdammen! Du hast dadurch der inneren geistigen Wahrheit und den Sinnen der Welt vollends Genüge geleistet! Das wäre so meine Meinung!
GEJ|3|137|6|0|Ich könnte dir über die vielfachen Volksbetrügereien und gewissenlosesten Volksbedrückungen Hunderte von Fakten (Tatsachen) erzählen, die ich bei so manchen Gelegenheiten mit diesen sein wollenden Gottesdienern erlebt habe; aber was wird dir das nützen? Die finden dir sicher noch ein Loch, durch das sie ins Freie schlüpfen können! Sie decken sich sorgsam gegen jeden äußern ihnen schädlich werden könnenden Wind mit den Decken Mosis und mit dem Mantel Aarons und der Propheten zu, und kein noch so kalter Wind kann ihnen auch nur einen Schnupfen verursachen!
GEJ|3|137|7|0|Was aber aus den Schriften der Propheten der äußere Verstandessinn alles machen kann, das wissen wir ganz gut; denn die taugen für gar alles, solange man ihren inneren, geistigen Sinn nicht kennt, und das ist ein Hauptversteck für diese Leute. Darum wird da nicht viel anderes zu machen sein, als was ich dir angeraten habe.“
GEJ|3|137|8|0|Sagt Cyrenius: „Ja, ja, du hast ganz recht, ich erkenne das ganz aus dem Fundamente; aber dennoch meine ich, daß man diesen Menschen vielleicht gar mit etwas erweislich Kriminellen entgegenkommen könnte, wo sie mir dann sicher nicht mehr auskämen!“
GEJ|3|137|9|0|Sagt Ebahl: „O je, mit allem eher als mit dem; denn diese Kerle kennen dir ein jedes Jota des römischen Gesetzes und verstehen sich darauf mehr denn jeder Advokat, das Gesetz so zu umgehen, daß ihnen kein Satan an den Leib kann. Sie werden derlei Vergehen entweder persönlich oder teilhabend in Menge begangen haben. Vor Gott werden sie sich freilich nicht verbergen können; aber wir kommen ihnen nicht an den Leib, so wir gesetzlich mit ihnen vorgehen wollen! Vielleicht der Kisjonah, Kornelius, Faustus oder der Grieche Philopold? – aber von uns, außer dem Herrn und dem Engel Raphael, kommt ihnen keiner an den Leib!“
GEJ|3|137|10|0|Cyrenius schüttelt den Kopf und sagt: „Ich könnte sie als verdächtige Leute dennoch bewachen lassen; vielleicht würde solch ein Ernst auf ihr Gewissen denn doch ein wenig erschütternd einwirken!?“
GEJ|3|137|11|0|Sagt Ebahl: „Versuche es; aber ich stehe dir dafür, daß du nach den ersten Protestationen des Obersten die Wächter nicht schnell genug wirst können abziehen lassen! Wir haben für die Außenwelt ja gar keinen Dunst von irgendeiner CAUSA CRIMINIS. [Strafrechtsache.] Da gibt es keinen Kläger, und es kann daher auch keinen Richter geben! Des Herrn stille Aussage können wir aus doppelter Hinsicht nicht als Klage ansehen. Fürs erste ermangelt sie jedes weltlichen Überführungscharakters, und fürs zweite wäre der Herr Selbst vor der Welt nur als ein halber Zeuge anzusehen; denn wenigstens für jetzt könnte man sich nicht auf Seine Göttlichkeit, ja nicht einmal vollgültig auf Seine Weissagungsgabe gesetzlich beziehen, ANTE FORUM ROMANUM! [Vor dem römischen Gericht.] Wir freilich wissen es genau, wie wir mit ihnen daran sind; aber das trockene römische Gesetz kennt unsern Herrn und Meister noch lange nicht und somit auch Seine Aussage aus Seiner Weisheit nicht, und doch kannst du nun trotz aller deiner innersten Überzeugung über diese Menschen nur nach dem urteilen, was du von Menschen äußerlich als Beschuldigungsbeweis aufbringen kannst. Und dazu gehört doch vor allem einmal ein Kläger, und dann kommen erst die eidlichen Zeugen! Oder gilt bei euch der Ausspruch eines Propheten oder eines Orakels irgend etwas, wenn beide nicht zu eurer Religion gehören?“
GEJ|3|137|12|0|Sagt Cyrenius: „In außerordentlichen Fällen wohl, besonders wenn der Prophet sich vorerst vor einem ordentlichen Gerichte als jedes Glaubens würdig erwiesen hat! So das Gericht gegen ihn kein Bedenken trägt, kann er für sich, sowie ein Ausspruch eines erprobten Orakels als ein vollgültiger, ganzer Beweis dienen! Denn nur der Richter hat allein das Recht, die Gültigkeit des Zeugen anzunehmen oder nicht anzunehmen, oder anzuerkennen und zu bestimmen, ob er zulässig oder nicht zulässig ist!“
GEJ|3|137|13|0|Sagt Ebahl: „Gut, wie aber dann, wenn ein Prophet sich weder als Kläger und ebensowenig als Zeuge gebrauchen läßt? Durch was wirst du ihn dazu zwingen können?! Zum Zeugen meinetwegen noch eher; aber zum Kläger schon gar nie! Hier haben wir freilich einen; aber womit wirst du diesen großen Einen zwingen und womit den Engel Raphael, daß sie entweder als Kläger oder als Zeugen auftreten?“
GEJ|3|137|14|0|Sagt Cyrenius: „Da läßt sich freilich nirgends ein Zwang anbringen! Warten wir somit ab; denn die Angemeldeten werden ja etwa doch nicht zu lange mehr auf sich warten lassen! – Mir kommt es vor, als sähe ich in einer noch ziemlichen Ferne auf dem Meere Ruder spielen!“
GEJ|3|137|15|0|Sagt Mathael: „Das bemerkte ich auch seit einer halben Stunde Zeit; aber es bleibt die Geschichte nahe gleichfort auf demselben Flecke! – Nun, wie steht es mit dem Verhöre? Seid ihr noch auf demselben Flecke?“
GEJ|3|137|16|0|Sagt Cyrenius: „Nicht um ein Haarbreit weiter! Du hattest recht, und Ebahl hat auch recht, und ich sehe es ein, daß wir mit aller unserer Machtvollkommenheit in Weltdingen mit ihnen wenig oder nichts ausrichten, und die Ankommenden werden höchstwahrscheinlich auch nicht viel helfen.“
GEJ|3|138|1|1|138. — Cyrenius läßt Zeugen gegen die Pharisäer aus Cäsarea holen
GEJ|3|138|1|0|(Cyrenius:) „Aber mir fällt gerade jetzt etwas ein! Ich werde sogleich einen Boten an den Bezirkspfleger abgehen lassen, der muß mir aus der Stadt allerlei Kläger und Zeugen senden. Diese werden über diese Füchse schon etwas zu sagen wissen, und wir werden sie dann schon in die Enge treiben!“
GEJ|3|138|2|0|Sagt Mathael: „Der Gedanke läßt sich hören! Wenigstens gewinnst du damit das, daß du sie dann unter die Wachen kannst nehmen lassen. Aber das muß schnell ins Werk gesetzt werden!“
GEJ|3|138|3|0|Cyrenius läßt sogleich zwei Reiter vorkommen und erklärt ihnen, was er vom Bezirkspfleger will. Diese sprengen sogleich nach der Stadt.
GEJ|3|138|4|0|Als aber die untereinander murmelnden Erzpharisäer solches merken, tritt der Oberste wieder hin zum Cyrenius und sagt: „Herr und Gebieter, warum ließest du die Reiter nach der Stadt gehen? Sandtest du sie etwa um unsertwillen dahin? Willst du dadurch etwa unsere durch euer Gesetz sogar sanktioniert rechtlichen Ansprüche zunichte machen? Herr, das wird schwer gehen; denn wir haben da ja das Gesetz und Gott für uns! Du müßtest nur neue Gesetze geben, die dir für den Augenblick ebensowenig nützen könnten als die alten; denn eines neuen Gesetzes Wirkung kann ja doch nie hinter sich nach rückwärts wirken!“
GEJ|3|138|5|0|Sagt Cyrenius etwas ärgerlich: „Ihr redet, wenn ihr gefragt werdet! Euer Anliegen kenne ich und eure Verantwortung auch! Es kommt nun allein auf mich an. Ich muß mit mir und mit meinen Amtleuten Rat halten, ob ihr der kaiserlichen Gewährung eurer Petition wert seid!
GEJ|3|138|6|0|Werdet ihr bei der strengsten Durchprüfung als wert befunden, so wird eurem Verlangen auch Gewährung geleistet werden; werdet ihr aber als unwert befunden, so hebt sich nicht nur jegliche Gewährung von selbst auf, sondern es folgt noch eine Strafe ob der Frechheit, daß ihr euch unterfangen habt, als strafbare Menschen vom Staate noch eine Gnade zur Deckung eurer Sünden zu begehren! Merket es euch wohl! Ein Oberstatthalter Roms urteilt ganz anders denn ihr! Er urteilt nie nach der Gunst und nach dem äußern Ansehen der Person, sondern stets ohne Unterschied allen Standes streng nach den Gesetzen und nach den Rechten.
GEJ|3|138|7|0|Darum sehet euch wohl vor, wie ihr allergeheimst mit eurem Gewissen vor Gott und vor den Menschen stehet! Denn von euch als sogenannten Gottesdienern – obschon Gott keiner Dienerschaft benötigt, indem Seine Allmacht und Allweisheit, Seine Allgegenwart und Allwissenheit Ihm ohnehin schon von Ewigkeit her die besten Dienste leisten – und von euch als Volkslehrern wird eine viel strengere Rechnung verlangt als von dem ungelehrten Volke, das oft kaum zur höchsten Not nur einige alleräußerste Gesetze kennt und selbst bei diesen keine Ahnung hat, welchen Geist sie so ganz eigentlich in sich bergen.
GEJ|3|138|8|0|Ihr aber kennet Gesetz und Geist und müßt es kennen und müßt eingeweiht sein in alle Wahrheit. Daher werdet ihr es auch einsehen, warum von meiner Seite schon des Volkes wegen um vieles strenger mit euch verfahren wird als mit einem Privatmenschen! Denn entweder müßt ihr so rein wie die Sonne dastehen, oder ihr seid eures Amtes nie und nimmer wert gewesen! Daher habt ihr euch auch durchaus nicht zu kümmern darüber, was alles ich, entweder zu eurer Beschuldigung oder zu eurer Entschuldigung, unternehme! Gehet aber hin und bringet eure Petition irgend zu Pergament, und reichet sie dann ein, auf daß ich ein Argument (Beweismittel) mehr, entweder für oder wider euch, in meinen Händen habe!“
GEJ|3|138|9|0|Sagt der Oberste: „Hoher Herr und Gebieter! Heute ist ein Neumondssabbat, an dem uns jede Tätigkeit untersagt ist. An diesem geheiligten Tage hat der Mensch in aller Ruhe seines Fleisches sich mit nichts als allein im Geiste mit Gott zu beschäftigen; nur reden dürfen wir, aber schreiben nicht bis zum Untergange der Sonne. Nach dem Untergange aber wollen wir dir die Petition schon auch schriftlich hinterlegen.“
GEJ|3|138|10|0|Fragt Cyrenius: „Hat euch Moses das Gesetz von der besonderen Haltung eines Neumondssabbats gegeben?“
GEJ|3|138|11|0|Sagt der Oberste: „Moses gerade nicht, aber dessen Nachfolger, durch dessen Mund auch zu öfteren Malen der Geist Gottes geredet hat wie durch den geheiligten Mund Mosis.“
GEJ|3|138|12|0|Sagt Cyrenius: „Daran möchte ich wohl einen starken Zweifel hegen! Denn aus den rein Mosaischen Gesetzen und Anordnungen schaut der göttliche Geist oft mit Händen zu greifen heraus; aber was da eure Neumondsfeier betrifft, da schaut nichts heraus als ein dickster Aberglaube und eine ganze Schiffsladung voll der derbsten menschlichen Dummheit. Was ist der Neumond? Ihr wisset es nicht, aber wir wissen es und müssen darum über eure Neumondsfeier aus vollem Halse lachen. Und unsere Weisen, die vieles begreifen, staunen darüber, wie es etwa doch möglich ist, daß es in der nächsten Nachbarschaft der Griechen, Römer und Ägypter solche Dummköpfe und krasseste Finsterlinge geben kann, die nicht einmal wissen, was überhaupt der Mond und was ein Neumond ist! – Sagt ihr mir doch, welche Vorstellung ihr euch vom Monde machet!“
GEJ|3|138|13|0|Sagt der Oberste: „Sage lieber du uns, was du, hoher Herr und Gebieter, vom Monde hältst, dann wollen auch wir dir sagen, was wir vom Monde halten!“
GEJ|3|139|1|1|139. — Vom Wesen der Erde und des Mondes
GEJ|3|139|1|0|Sagt Cyrenius: „So höret! Der Mond ist ein ungefähr um fünfzig Male kleinerer Weltkörper, als da ist unsere Erde, und begleitet die Erde stets auf ihrer großen Bahn um die Sonne; während die Erde einmal in 365 Tagen den großen Weg zurücklegt, hat sie der nahe Mond nahe dreizehn Male umkreist.
GEJ|3|139|2|0|Bei diesen Umkreisungen muß der Mond notwendig auch verschiedene Stellungen durchgehend annehmen. Da er sonst ein ebenso finsterer Körper als unsere Erde ist, so wird er auch ebenso wie unsere Erde von der großen Sonne beleuchtet. Steht die Erde nahe zwischen der Sonne und dem Monde, so sehen wir den Mond ganz beleuchtet, und es ist da Vollmond; kommt aber darauf der Mond in ungefähr vierzehn Tagen infolge seiner raschen Bewegung nahe zwischen die Sonne und die Erde zu stehen, und bekommen wir dadurch nur sehr wenig von seiner beleuchteten Oberfläche zu Gesicht, so ist es Neumond.
GEJ|3|139|3|0|Tritt aber der Mond irgendwie zufällig genau zwischen Sonne und Erde, wie das gestern der Fall war, so verdeckt er die Sonne und hält ihr Licht auf, auf einen gewissen Teil unserer Erde zu dringen, das heißt auf den, von dem aus durch den Mond hin bis zur Sonne sich eine ganz gerade Linie ziehen ließe, und da entsteht dann ganz natürlich eine Sonnenfinsternis; aber jene Teile der Erde, die sich nicht genau in der obbezeichneten geraden Linie befinden, werden von solch einer Finsternis nichts zu sehen bekommen, namentlich aber diejenigen schon gar nichts, die auf der uns entgegengesetzten Halbkugel unserer Erde sich befinden. Denn diese Erde, die wir bewohnen, ist ebensogut eine Kugel als die Sonne und der Mond und erzeugt nur dadurch Tag und Nacht, daß sie sich einmal um ihre Achse dreht und das im ganzen binnen vierundzwanzig Stunden, in welcher Zeit sie nach und nach alle ihre Länder und Meeresstriche vom Nord- bis zum Südpol unter die Sonne schiebt und sie beleuchten und erwärmen läßt.
GEJ|3|139|4|0|Das ist allein die von den Weisen im geheimen wohlberechnete und klar eingesehene Wahrheit, wovon der Laie freilich nichts weiß, weil ihm zu solcher Einsicht die nötige Vorbildung mangelt und an der Seite solcher Lehrer, wie ihr es seid, auch mangeln muß; denn was man selbst nicht hat, kann man auch keinem andern geben. Und hättet ihr es auch, so würdet ihr es auch keinem Laien geben, weil euch der Laien Dummheit mehr einträgt als die triftigste Weisheit! Ich habe euch nun klar gezeigt, was der Neumond ist; aber nun zeiget auch ihr mir, was bei euch der Neumond ist!“
GEJ|3|139|5|0|Sagt der Oberste: „Was du, hoher Herr und Gebieter, uns nun gesagt hast, haben wir auf geheimen Wegen wohl auch schon in Erfahrung gebracht, und ich für meine Person bin auch sehr dafür; aber betrachte du dagegen die Schöpfungsgeschichte Mosis, und es läßt sich darin keine Spur von all dem entdecken, was du nun mir eröffnet hast und was mir nicht unbekannt war schon seit zwanzig Jahren.
GEJ|3|139|6|0|Wir aber sitzen vor dem Volke natürlich notgedrungen als erste Hauptbekenner und Verkünder der Lehre Mosis, die dieser ganz begreiflich wahren Ansicht ex diametro (entgegen) ist, auf dem Stuhle Mosis und Aarons. Was können wir da anderes tun, als höchstens ganz im stillen die bessere Überzeugung für uns behalten, dem Volke aber dennoch das vortragen, was wir von Moses überkommen haben!?
GEJ|3|139|7|0|Es sollte heute einer aus uns nur versuchen, dem Volke eine andere Lehre als die Mosaische zu verkünden in was immer für einer Beziehung, und ich stehe dir dafür, daß er gesteinigt wird!
GEJ|3|139|8|0|Freilich sagen manche: dem, was Moses sagte, liege ein ganz anderer Sinn zugrunde, und es besage ganz etwas anderes, als was sich aus dem toten Buchstaben ersehen läßt. Auch das gebe ich für meine Person recht gerne zu; aber wie wäre solches dem großen Volke, das nicht erst wir, sondern unsere Vorfahren schon über alle Steine dumm gemacht haben, ohne Schaden beizubringen?! Fürs erste ist der geistige Sinn so tief verborgen, daß man ihn am Ende wohl selbst nicht klar genug herausfinden kann, und fürs zweite fragt sich's, wie man einem überfinsterst dummen, höchst abergläubischen Volke, dem alle höheren Wissenschaftselemente fremder als der Nordpol sind, etwas beibringen soll, von dem man sich, ganz offen gestanden, selbst noch nie eine ganz klare Vorstellung hat verschaffen können!
GEJ|3|139|9|0|Darum ist da doch allervernünftigstermaßen nichts anderes zu tun, als das Volk beim alten Glauben zu lassen und selbst als Vorsteher der alten Lehre und Gesetze wenigstens im Angesichte des Volkes die Lehren und Gesetze strengst zu beachten; ist man aber allein, ohne dumme Zeugen, so tue und glaube man bei sich, was man als stetig wahr erkennt! Tut man anders, so wirst du diese schönen Lande nur zu bald im gräßlichsten Aufstande erschauen! – Nun magst du wieder reden und kannst mich zurechtweisen, so ich etwas Falsches in meiner Rede vorgebracht habe!“
GEJ|3|140|1|1|140. — Bericht eines Boten von der Empörung in Cäsarea
GEJ|3|140|1|0|Cyrenius erstaunt über des Obersten Weisheit und sagt zu Mathael: „Freund, mit dem ist nicht gut Kirschen essen! Denn da bekommt man alle Stengel ins eigene Gesicht! Mit was alles für Kenntnissen der im geheimen angestopft ist, und wie prächtig er seine gegenwärtige Lage zu rechtfertigen versteht! Ah, das ist noch gar nicht dagewesen! Man kann ihm am Ende gar nicht gram werden! – Aber nun müssen wenigstens die aus der Stadt gleich dasein, und es wird sich zeigen, was sie alles zum Vorscheine bringen werden.“
GEJ|3|140|2|0|Sagt Mathael lächelnd: „Gar nichts, das sage ich dir; denn diese Erz – sind zu sehr mit allen Salben gesalbt und finden überall ein Loch zum Durchkommen! Kurz, um diesen Menschen auf eine verfängliche Art und Weise beizukommen, gehört mehr dazu als pur menschliche Kräfte und menschliches Wissen! Griechen und Römer getraue ich mir in einem Tage Hunderte zu heilen von ihrer Dummheit; denn was ich ihnen vortragen werde, wird ihnen neu sein, und sie werden es sogar mit sehr dankbarer Begierde aufnehmen. Aber bei diesen Menschen gibt es nichts, das man ihnen als etwas Neues vorbringen könnte; sie sind zumeist in alles Wissen eingeweiht und wissen ihre Sache auf eine so schlaue Weise zu vertreten, daß sich dagegen sehr schwer etwas entgegnen läßt.
GEJ|3|140|3|0|Darum, meine ich auch, hat der Herr Sich ein wenig zurückgezogen, weil Er das schon im voraus eingesehen hat, daß sich mit diesen Zeloten (Glaubenseiferern) nicht gut handeln und reden läßt! Und so bin ich auch der Meinung, daß bescheidenermaßen die Kläger und Zeugen aus der Stadt mit ihnen ebensowenig als wir etwas ausrichten werden.“
GEJ|3|140|4|0|Sagt Cyrenius: „Nun, so gibt es doch für den Augenblick eine sehr denkwürdige Verhandlung, die etwa unter solchen Umständen auf der ganzen Erde nicht zum zweiten Male vorkommen dürfte! Wenn der Unterpfleger nur bald herauskäme!“
GEJ|3|140|5|0|Kommt ein Bote außer Atem und sagt zur ganzen Gesellschaft, ohne darauf zu achten, wo Cyrenius sich befände: „Freunde, machet euch alle eiligst aus dem Staube; denn es ist eine fürchterliche Revolte ausgebrochen! Alles sucht die entflohenen Spitzbuben von den Erzjuden und Pharisäern, und die Römer und Griechen metzeln alles nieder, was nur halbwegs einem Juden gleich sieht! Ich bin ein armer Grieche, habe nur heute aus Not einen Judenrock über meinen nackten Leib gehängt und bin damit nur mit der genauesten Not mit meinem Leben davongekommen!“
GEJ|3|140|6|0|Sagt Cyrenius: „Bursche, ich bin der Oberstatthalter! Erkläre dich genauer! Wie und warum ist eine Revolte ausgebrochen?“
GEJ|3|140|7|0|Sagt der Bote etwas verlegen ob der unerwarteten Gegenwart des Oberstatthalters: „Hoher und allmächtigster Herr! Die Sache ist ganz einfach diese: Als gestern die Sonne oder eine sonstige Lichterscheinung nahe ein paar Stunden länger den Abend erhellte, als es normal der altgewohnte Fall ist, und hernach aber plötzlich am Firmamente verschwand – eine zwar seltene, aber darum keine neue Erscheinung auf dieser großen und weiten Erde –, da fingen die jüdischen Priester, die solches sicher ebensogut als unsereiner aus dem Fundamente der menschlichen Erfahrungen und des menschlichen Wissens einsahen, nun an, anstatt dem Volke ihres Glaubens reinen Wein zu bieten, dem blinden, abergläubischen Volke von irgendeinem ungeheuren Strafgerichte Gottes aus ihren mystischen Prophetenbüchern das nun Eintreffende zu verkünden. Dadurch entstand unter den dummen Juden ein fürchterliches Geheul; ihre Priester als vermeinte Freunde und Diener Gottes wurden nun beschworen, bei Gott gegen jedes verlangte Opfer dahin zu wirken, daß Er Seine strafende Rechte gnädigst zurückzöge.
GEJ|3|140|8|0|Als die pfiffigen Juden so ein gewaltiges Wasser auf ihre Mühlen nur zu klar und wahr vernahmen, antworteten sie in priesterlich richterlich mystischem Pathos: ,So ihr das unfehlbar nun einzutreffende schärfste Weltgericht Gottes von euch abgewendet haben wollet, so müsset ihr nun alles, was ihr an Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen besitzet, sowie auch eure besten Mastochsen, die milchreichsten Kühe und die fettesten Kälber uns zum Opfer bringen, auf daß wir es dann auf eine würdige Weise Gott opfern können!‘
GEJ|3|140|9|0|Die jüdischen Hauptspitzbuben von Priestern haben das kaum ausgesprochen, so kam schon ein förmlicher Wolkenbruch von den verlangten Opfern! Das sahen unsere ebenfalls nicht gerade aufs Gehirn gefallenen Priester und suchten, ob sie ihr Volk etwa durch einen glücklichen Wurf nicht auch könnten zu so ergiebigen Opfern stimmen. Auch sie fanden aus der alten Götterlehre etwas, das ihnen zu dem Opferzwecke recht gute Dienste leistete. Sie ließen den guten Apollo sich in irgendeine neue Daphne vergaffen und ihr einen etwas schmutzigen Besuch machen. Das merkte gleich sein Feind, der Herr Pluto, und stibitzte unterdessen die Sonne; und die Gäa, der Apollo und seine neue Schöne befänden sich nun in der grimmigsten Patsche! Daß daraus ein allergräßlichster Götterkrieg entstehen müßte, könne ein jeder Grieche und Römer wohl einsehen! Vielleicht, wenn der mächtigste Zeus durch Opfer und Bitten recht angegangen würde, könnte er diese gefahrvollste Sache noch schlichten! Diese Erfindung trug unseren Priestern auch recht viel ein, aber bei weitem nicht das, was das von den jüdischen Priestern ihren Schafen verkündete Gottesweltgericht eintrug.
GEJ|3|140|10|0|Ein recht weiser, Herz und Kopf auf dem rechten Fleck habender Grieche belehrte einige nüchterner Denkende, und diese belehrten, so gut als es in der großen Verwirrung nur möglich war, die bedrängten Griechen und Römer über die Naturerscheinung und zeigten ihnen so hübsch handgreiflich die schnöde Gewinnsucht der Priesterkasten, denen wohl auch die Lust zum Opferfordern und –nehmen vergehen möchte, so an ihren ominösen Verkündigungen nur ein wahres Wort hinge. Sie sollten überhaupt beide Verkündigungen, nämlich die förmlich beschworene jüdische und dann die griechische und römische miteinander vergleichen, und sie würden es ja doch einsehen, daß beide nicht effektuiert (verwirklicht) werden könnten! Denn entweder müßte das geschehen, was die Judenpriester, oder das, was die Griechen verkündigt haben! Die Götter aber werden doch nicht so dumm sein und nun für eine jede Nation eine höchst eigene Wurst braten gehen, indem sie doch sonst ihre Himmelsgaben stets ganz gleich unter alle gläubigen und ungläubigen Menschen verteilen!
GEJ|3|140|11|0|Solche und ähnliche Belehrungen brachten das Volk gleich zur besseren Besinnung. Man richtete auch an die bekannten besseren Juden ähnliche Belehrungen; aber da warf man Erbsen an die Mauer. Diese Gotteskälber stießen im Gegenteile noch Drohungen aus und beschuldigten das Heidentum als Ursache an dem bevorstehenden Übel!
GEJ|3|140|12|0|Solches führte bald zu Tätlichkeiten, und die Griechen und Römer zündeten den dummen Juden bald ein jüngstes Gericht über ihren Häuptern an und forderten von den Priestern die Herausgabe der allerungerechtest bei solcher Bedrängnis erpreßten Opfer. Als solches einer ganz bescheidenen Aufforderung nicht gewährleistet werden wollte, kam man mit Gewalt besonders zu den Judenpriestern, die dann der Gewalt wohl wichen und sich durch den Qualm der auf allen jüdischen Ecken brennenden Stadt aus dem Staube machten.
GEJ|3|140|13|0|Der weise, römische Stadtpfleger aber hatte darauf gleich noch gar wichtige Erhebungen von weiter Verzweigung über die jüdischen Erzspitzbuben von Priestern gemacht und dann dem Volke gezeigt, wie sie ganz allein die Ursache an solcher verheerenden Katastrophe wären. Da erst erhob sich die Revolte von unserer Seite gegen alles Judentum und ist bereits zu einer recht abscheulichen Wirtschaft geworden; denn die Juden werden dir nun nach der Elle massakriert, und in der Stadt gibt es ja schon nahe mehr Blut als Milch und Wein.
GEJ|3|140|14|0|Wie es mir vorkommt, so stehen ja dort unter der großen Zypresse eben die entwischten Judenpriester! Na, guten Tag, denen wird's bald schlecht gehen, wenn sie nicht augenblicklich das Fersengeld nehmen, wozu ich den Hauptlumpen sicher keinen Rat erteilen werde! Mit diesem Wurfspieße, der mir in der Meinung, daß ich ein Jude sei, nachgeschossen wurde, als ich hierher floh, mich aber zum Glücke nicht traf, werde ich noch selbst ein paar niederstoßen! Die zwei Reiter sind mir am Stadttore begegnet und werden zu tun haben, zum Unterpfleger zu gelangen! Herr Herr, nun weißt du alles; und was ich dir sagte, ist reine und nackte Wahrheit, für die ich dir mein Leben einsetze!“
GEJ|3|140|15|0|Sagt Cyrenius: „Ich bin dir für diese Nachricht sehr verbunden; du hast deine Sache gut gemacht! Aber jetzt bleibe du hier, und hast du Hunger und Durst, so nimm hier Brot und Wein! Ich werde unterdessen ein paar Kohorten nach der Stadt beordern zur Schlichtung des Aufstandes; darauf wirst du mir als ein guter Zeuge gegen jene jüdischen Priester dienen!“
GEJ|3|140|16|0|Der Bote nimmt diesen Antrag sehr gerne an, da er schon sehr hungrig und durstig war; und Cyrenius winkt dem anwesenden Julius nur, und dieser weiß schon, was da zu geschehen hat, da er selbst den ganzen Vortrag des Boten auch mit angehört hat.
GEJ|3|141|1|1|141. — Der Bote Herme erzählt sein Erlebnis in der Stadt
GEJ|3|141|1|0|Als Julius den Willen des Cyrenius erfüllt hat und die beiden Kohorten abgehen, kommen auch die beiden früher abgesandten Reiter zurück und sagen dasselbe aus, was soeben der Bote ausgesagt hat. Zugleich berichten sie von seiten des Stadtpflegers die alleruntertänigste Versicherung, daß er, sobald sich der Sturm nur ein wenig gelegt haben wird, herauseilen und dem hohen, hohen Gebieter die genauesten und gewissenhaftesten Berichte über alles erteilen werde. Cyrenius beschenkt die beiden Reiter und heißt sie Ruhe nehmen, und sie salutieren den Cyrenius und begeben sich zu ihren Gefährten. Cyrenius aber wendet sich darauf wieder zum Boten und fragt ihn, wer ihn denn so ganz eigentlich als Boten herausgesandt habe.
GEJ|3|141|2|0|Sagt der Bote, nun etwas mutiger denn früher: „Herr Herr, die Notwendigkeit! Ich selbst, ein Bürger der Stadt, habe bei der Gelegenheit, da das Feuer am Ende zwischen unsern und den jüdischen Häusern keinen Unterschied machte, meine ganze Habe eingebüßt und bin nun ein Bettler. Diesen Mantel, der nun zur Not meinen Leib bedeckt, zog ich einem erschlagenen Juden vom Leibe und warf ihn über meine Schultern, sonst wäre ich nackt, so wie mein Weib und meine drei schon ziemlich erwachsenen Töchter, die sich nun alle vier mit einem großen Leintuche hinter dieses alten Markus Hütte befinden.
GEJ|3|141|3|0|Ich aber erließ einen Ruf zur Flucht für allenfalls hier anwesende Juden aus der Stadt, damit sie flüchtig würden und ich sie daraus leichter erkannt hätte, um mich dann nach meiner Herzenslust an diesen Hauptspitzbuben mit diesem scharfen Spieße zu rächen. So sie aber fliehen würden, da könnten sie nur per mare (auf dem Seeweg) weiterkommen; sonst sind von der Stadt aus schon von seiten des Pflegers überall Wachen ausgestellt, und diese würden die Spitzbuben in den Empfang nehmen, worauf es ihnen wahrlich nicht gut ergehen möchte!
GEJ|3|141|4|0|Herr Herr! Ich bin ein Grieche und kenne mich noch so ein wenig in der Kriegslist aus; aber jetzt ist es schon gut, von da gehen uns diese Spitzbuben nimmer durch! Es würde übrigens auch gar nicht schaden, so ein paar Wachen ans Meeresufer zu stellen; denn sonst könnten die Kerle etwa doch ein Schiff schnell in den Besitz nehmen und damit abfahren.“
GEJ|3|141|5|0|Sagt Cyrenius: „Sorge dich darum nicht; für das ist bereits bestens gesorgt!“
GEJ|3|141|6|0|Hierauf wendet sich Cyrenius zum Mathael und sagt: „Nun, was sagst du jetzt zu dieser Nachricht dieses Boten?! Ich werde nun aber dennoch zuvor den Stadtpfleger abwarten und bin sehr begierig zu vernehmen, was diese Erz – – dagegen einwenden werden.“
GEJ|3|141|7|0|Sagt Mathael: „Viel wirst du dadurch nicht gewinnen; denn du kennst alle die tausend Löcher noch viel zuwenig, durch die sie in die schönste Freiheit gelangen können. Aber besser bist du nun daran denn früher!
GEJ|3|141|8|0|Aber jetzt muß vor allem dafür gesorgt werden, daß des Boten Weib und Kinder versorgt werden! Helena, du wirst wohl einige Tageskleider bei dir haben, und wenn es nur Hemden sind, damit man sie nur vorderhand vor der Nacktheit schützt!“
GEJ|3|141|9|0|Helena ruft sogleich eine ihrer Dienerinnen und befiehlt ihr, das Gehörige zu verfügen. Die Dienerin begibt sich gleich in ein Zelt des Ouran und bringt vier gute Hemden und vier kostbare griechische Frauenröcke. Als sie damit zur Helena kommt, sagt diese: „Laß dich von dem Boten hinführen zu dessen Weib und Töchtern, bekleide sie und führe sie hierher zu diesem Tische!“
GEJ|3|141|10|0|Dem Boten kommen über diese Güte der Helena Tränen des Dankes in die Augen, und er führt freudigen Herzens die Dienerin dahin, wo sein weinendes Weib und seine traurigen drei Töchter seiner harren. Als er aber zu den noch in das Leinentuch eingewickelten Weinenden sagt: „Weinet nicht mehr, meine Teuersten; denn seht, wir haben schon einen mächtigsten Retter gefunden! Der Oberstatthalter Cyrenius ist hier, und wahrscheinlich seine Tochter überschickt euch feinere und kostbarere Kleider, als ihr je ähnliche nur gesehen habt!“, da springen Weib und Töchter vor Freuden hervor und bekleiden sich schnell. Der Bote aber legt das Leinentuch zusammen und steckt es unter seinen Judenrock. Darauf führt er sie alle zur Helena, und sie benetzen ihre Kleider mit Tränen des wärmsten Dankes.
GEJ|3|141|11|0|Helena läßt die vier Weiblein an ihrer Seite Platz nehmen und bewirtet sie sogleich mit Brot und Wein; denn auch die vier Weiblein waren schon sehr hungrig und durstig. Helena und Ouran unterhalten sich mit den vieren, und die erzählen ihnen so manches von den Bedrückungen der Pharisäer gegen ihre Gläublinge. Darauf sagt Cyrenius zum Boten: „Freund, ich habe dich gleich anfangs mit dem etwas entehrenden Namen ,Bursche‘ etwas hart angeredet; da ich dich aber nun besser kenne, so reut es mich, dich auf solche Weise auch nur einen Augenblick lang entehrt zu haben. Dafür sollst du von mir nun aber auch gleich mit einem Ehrenkleide angetan werden!“
GEJ|3|141|12|0|Hierauf befahl Cyrenius seinen Dienern, sogleich ein feinstes römisches Ehrenkleid hervorzuholen, bestehend in einem feinsten, faltenreichen Hemde aus Byssus, bis an die Knie reichend, dann aus einer Toga, die mit Goldborten verbrämt und aus indischer Seide in schönster blauer Farbe gewebt und angefertigt war, und aus der edelsten römischen Fußbekleidung und aus einem feinsten ägyptischen Turban mit Federschmuck und Agraffe, die aus einem wertvollen Smaragd bestand. Dazu ließ unser Cyrenius dem Boten noch sechs feinste Unterhemden und hundert Pfunde Silbers zukommen. Der Bote war dabei freilich außer sich vor Freude und wußte kaum, wie er für alle diese Wohltaten dem Cyrenius hätte sollen zu danken anfangen.
GEJ|3|141|13|0|Cyrenius lächelte aber selbst vor Freude und sagte zum Boten, der Herme hieß: „Gehe hin ins Haus meines Markus, wasche dich, zieh dich dann an und komme als ein edler Römer wieder; da wird es gerade an der Zeit sein, daß wir die Pharisäer zu einem Hauptverhöre herziehen werden! Denn diesmal kommen sie mir nicht mehr aus, dafür stehe ich! Und du, mein edler Freund Herme, wirst mir einen guten Dienst leisten!“
GEJ|3|141|14|0|Herme sagt: „Mein Wille ist es, und an der Kriegslist hat es mir noch nie gemangelt! Aber diese Menschen sind für die Furien zu schlau, geschweige für uns auf dem Wege einer ordentlichen Gerichtsverhandlung! Wenn man diese Menschen fangen will, muß man nur auf das halten, was sehr verläßliche Zeugen über sie aussagen; denn wie man auch sie anhört, so wird man verwirrt, hält sie am Ende noch für unschuldig und willigt in ihr Begehren. Darum wäre meine Meinung, diese Hauptspitzbuben zusammenzufangen und ins Meer den Fischen zum Fraße vorzuwerfen, daß darauf kein Hahn mehr nach ihnen krähen kann! Da hat man als Richter allem Rechte genug getan! Wenn in einer Gegend sich Tiger, Hyänen und Wölfe niederlassen und dadurch die Menschheit in große Ängste und Schaden kommt, soll man darüber etwa noch diese Bestien vorher ordentlich ins Verhör nehmen?! Nein, sage ich! Ihre Schädlichkeit ist zu bekannt; darum hinweg mit ihnen, wo sie sich der menschlichen Gesellschaft zu gefährlich zu zeigen anfangen! Herr Herr! Diese Menschen sind Proteusse, die gar nicht zu fangen sind! Je mehr wir uns bemühen, sie zu fangen auf dem politischen Wege, desto mehr werden wir selbst gefangen werden von ihnen! Ich kenne sie, wenn ich auch ein Grieche bin! – Aber nun, du gnädigster Herr Herr, erlaube mir noch eine Frage!“
GEJ|3|141|15|0|Sagt Cyrenius: „Was ist es denn? Rede!“
GEJ|3|142|1|1|142. — Weitere Untersuchungsfragen des Cyrenius
GEJ|3|142|1|0|Sagt Herme: „Herr Herr, dort bei zehn Schritte von diesem Tische steht mit einem Mägdelein ein Mann von wunderbar freundlichem und dabei doch höchst weisem Aussehen; ein Mägdlein gar lieb und herzlich bespricht sich mit ihm, und sagt er etwas, so äußert sie eine unbeschreibliche Wonne darüber! Wer ist doch dieser gar liebe Mann? Ach, welch eine Würde strahlt doch förmlich aus seinem ganzen Wesen! Wie edel ist doch des Menschen Form in solch einer wunderherrlichen Gestalt! Es sind fast auch aller Augen auf ihn gerichtet! Der Tracht nach ist er offenbar ein Galiläer! Kannst du mir über diesen Mann eine Auskunft geben? O Götter, je mehr ich den Mann betrachte, desto mehr werde ich ja förmlich verliebt in ihn! Ich verdenke es meinem Weibe und meinen drei Töchtern nicht, so sie ihre Augen von ihm nahe gar nicht mehr wegwenden können! Da setze ich wohl mein Leben zum Pfande, daß dieser Mann ein guter, edler und weiser Mensch ist! Aber wer, wer, wer und was ist er! Gib Herr Herr, mir darüber einen Bescheid, und wir wollen dann gleich die Hauptspitzbuben zu bearbeiten anfangen! Oh, diese kommen uns in keinem Falle mehr aus; nur dürfen wir ihre Aussagen nicht in irgendeine bedenkliche Erwägung ziehen!“
GEJ|3|142|2|0|Sagt Cyrenius: „Freund Herme, was jenen Mann betrifft, so sage ich dir vorderhand so viel, daß Er unter uns Menschen so gut als ein Gott dasteht! Er ist zwar vorderhand nur ein Arzt aus Nazareth, – aber was für ein Arzt! Einen ähnlichen hat diese Erde noch nicht getragen! Alles andere wirst du schon noch später erfahren! – Jetzt aber machen wir uns an unser Geschäft, und du sage künftighin zu mir nicht mehr ,Herr Herr‘, sondern ,Freund und Bruder‘!“
GEJ|3|142|3|0|Sagt Herme: „Ganz gut, ich weiß jedes Gebot zu ehren und möchte für dieses aus Dank sterben in der allerhöchsten Achtung und Liebe zu dir! Aber nun sage mir noch zuvor, du hoher Freund, wer denn jener gar so schöne Jüngling in der Nähe des Arztes ist! Ist das etwa sein Sohn und das Mägdlein seine Tochter?“
GEJ|3|142|4|0|Sagt Cyrenius: „Ja, ja, Freund, da hast du schon recht geurteilt; – aber jetzt an unser Geschäft!“
GEJ|3|142|5|0|Nach diesen Worten läßt Cyrenius den Pharisäerobersten wieder in die Nähe treten und fragt ihn, ob er den Boten kenne.
GEJ|3|142|6|0|Sagt der Oberste: „Wer sollte den berühmten Sänger und Zitherspieler nicht kennen?! Wir haben uns schon oft wundersam vergnügt an seinen Gesängen! Es ist nur ewig schade, daß er nicht zur Religion unserer Väter zu bewegen ist; wahrlich, der würde unsern großen David übertreffen! Er ist ein äußerst ehrlicher, biederer und gefühlvollster Mensch; nur ist er uns nicht geneigt, was wir ihm aber gerne nachsehen, da wir ja doch nicht verlangen können, daß er unsere oft stark inhuman (unmenschlich) scheinenden Satzungen in ihrem Geiste fassen und begreifen soll!“
GEJ|3|142|7|0|Sagt Cyrenius: „Dieser Herme aber ist euer stärkster Ankläger und hat mir nun zum zweiten Male das nur zu unumwunden bestätigt, was ehedem ein glaubwürdigster Zeuge über euch ausgesagt hat! Ihr stehet nun dadurch als gar schändliche und gemeinste Verbrecher vor mir, besitzet aber dabei noch die allerschändlichste Keckheit, mich um einen Schadenersatz dafür anzugehen, daß ihr durch eure höchst eigene, böse Habgier zu den verworfensten und abgefeimtesten Mordbrennern geworden seid! – Was sagt ihr dazu?“
GEJ|3|142|8|0|Sagt der Oberste ganz gelassen: „Herr, was den Herme betrifft, so haben wir darum nicht den geringsten Groll auf ihn; denn das wissen wir schon lange, daß ein Mensch, der in einer Sache nicht die nur irgend ein wenig hinreichende oder eine andere Kenntnis besitzt, nicht anders urteilen kann, als die Sache seinem beengten Verstande vorkommt. Wer würde je einem Menschen grollen können, der vom Dache fällt und durch seinen Fall einen unter dem Dache sitzenden Menschen erschlägt?! Will der gute Sänger Herme nun auch unser Feind sein, so sei er es; wir aber werden ihm dennoch nie zu Feinden werden! Im Grunde ist auch alles vollkommen wahr, was er von uns ausgesagt hat. Aber es soll in Europa bei Sizilien eine gefährliche Meeresstelle geben, die man die Szylla und Charybdis nennt; wer die Szylla glücklich umschifft, den verschlingt dann die Charybdis! Wir aber schwebten heute nacht auch in einer wahren moralischen Szylla und Charybdis und wir fragen dich nun: Was hätten wir denn eigentlich tun sollen, das euch Römern vollends recht gewesen wäre?“
GEJ|3|142|9|0|Sagt Cyrenius: „So ihr aber wohl wußtet, was an der gestrigen Erscheinung gelegen war, warum erklärtet ihr denn euren Glaubenskindern nicht den wahren Sachverhalt, wodurch offenbar alle Gemüter wären beruhigt worden?! Warum lüget ihr das Volk an und legtet dadurch den Grund zur größten Bestürzung und Verwirrung und zum gegenwärtigen Aufstande wider euch?! Warum erpreßtet ihr die unerhörtesten und allertyrannischsten Opfer vom Volke, da ihr doch wußtet, was an der Erscheinung war, und daß sie keine Spur von der Weissagung Daniels in sich barg?!
GEJ|3|142|10|0|Gebet mir darüber einen Aufschluß und rechtfertiget solch ein unerhörtes Benehmen von eurer Seite gegen das arme, blinde und durch euch dumm und abergläubisch gemachte Volk!“
GEJ|3|142|11|0|Sagt der Oberste: „Ich habe dir soeben von eurer Szylla und Charybdis Meldung gemacht; allein du scheinst die Sache nicht begriffen zu haben! Sieh, als gestern die Sonne wie zu Josuas Zeit ungewöhnlich lange den Abend erhellte, so fiel das vielen von unseren angesehensten Glaubensgenossen auf. Sie kamen zu mir in die Synagoge, fragten mich um Bescheid und verkündeten es mir auch, daß darob alle Juden sehr bestürzt seien. Ich redete ihnen, so gut es ging, die Sache auch beim ersten Besuche aus und erklärte ihnen diese Erscheinung als etwas in dieser Zeit der Annäherung zur Tag- und Nachtgleiche ganz Natürliches. Sie gingen, vermochten aber das Volk nicht zu beruhigen; denn das wollte gen Osten hin Sterne vom Himmel fallend gesehen haben und verwies die Beruhiger gleich auf Daniels Weissagung. Zugleich drohte das Volk, wenn ihm so etwas verheimlicht werden würde! Nach einer Zeit aber verschwand die Sonne oder die Lichterscheinung plötzlich, und es ward zum Entsetzen stockfinster! Nun war es aber auch aus mit allen Beruhigungsversuchen! Nun mußte das Ende der Welt da sein; ein Wort von unserer Seite dawider hätte uns einen augenblicklichen Garaus gegeben!
GEJ|3|142|12|0|Siehe, das war die Szylla! Wir waren also durch solche Umstände genötigt, den Daniel nun vollauf zu predigen und nach der sichtlichen Größe des Umstandes auch die stärksten Bußmittel zu verlangen, um dadurch im Volke wenigstens einige Hoffnung zur Nachsicht Gottes in den Volksgemütern zu erhalten! Wir sahen aber gar wohl ein, daß wir am heutigen, reinen Morgen in die Charybdis geraten werden; aber wenn man zwischen zwei Übeln zu wählen hat, wählt man lieber das erste und kleiner scheinende als das zweite, das uns den Untergang sogleich bringen muß. Wir handelten also nach den sich ergebenden, von uns nicht hervorgerufenen Umständen recht und gerecht, weil es unmöglich war, anders zu handeln. Wie magst du als ein gerechter Römer uns dafür nun richten wollen? Erkläre uns das!“
GEJ|3|142|13|0|Sagt Cyrenius: „Ja, ja, die Sache läßt sich hören; aber es fragt sich, was ihr mit den eingenommenen Totalopfern gemacht hättet! Denn das Ende der Welt, für dessen Verhütung ihr die Opfer verlangtet und nahmt, ist, wie zu sehen, heute nicht gekommen! Hättet ihr sie dem armen Volke je wieder zurückerstattet?“
GEJ|3|142|14|0|Sagt der Oberste: „Hoher Gebieter! Das ist wohl eine sonderbare und höchst überflüssige Frage! Das versteht sich ja doch von selbst, was aber jedoch mit aller Klugheit und Vorsicht der Blindheit des Volkes wegen hätte geschehen müssen; aber jetzt stelle du diese Frage an das Feuer, das alle Opfer und alle unsere Vorräte verzehrt hat, was dieses nachderhand tun werde!
GEJ|3|142|15|0|Wegen unserer durch Umstände und Not geforderten Predigt der Weissagung Daniels hat es als Folge gar nicht nötig gehabt, unsere Häuser und Synagogen zu verbrennen, was von deinen weisen Glaubensgenossen aus altem Groll gegen uns ist bewerkstelligt worden. Wir kamen darum nicht nur für uns, sondern auch für unser Volk zu bitten, indem wir nun ohne unser Verschulden zu Bettlern geworden sind. Wie magst oder wie kannst du uns dafür nun, statt uns zu helfen, richten und gar strafen wollen?! Bedenke die ganze Sachlage, den Grund und das Faktum, und du müßtest mit mehr als mit siebenfacher Nacht geschlagen sein, so du hier uns eine Schuld beimessen wolltest!“
GEJ|3|143|1|1|143. — Urteil des Pharisäerobersten über den Heiland
GEJ|3|143|1|0|Sagt Cyrenius: „Das sei ferne von mir; aber woran mir alles liegt und alles gelegen sein muß, ist, daß ich euch nur vom Grunde aus bessern und zu wahren Menschen machen möchte! Ihr könnt zwar euer Inneres durch äußere, wohlüberdachte kluge Worte sehr verdecken, und hier um so leichter, weil die Umstände sich in einer gewissen Beziehung zu euren Gunsten gestaltet haben und keiner aus uns mit erweisbarer Sicherheit behaupten kann, was ihr, wenn zum Beispiel der Brand nicht erfolgt wäre, mit den einmal eingenommenen Opfern getan haben würdet. Aber ich sage euch nun etwas anderes und frage euch, ob ihr wohl mit dem reinsten und ruhigsten Gewissen das, was ihr mir vorgeredet habt, auch einem allkundigen Propheten Elias oder einem Engel Gottes, der euer Herz und eure Nieren durchprüft, also vorgeredet hättet?
GEJ|3|143|2|0|Wahrlich wahr, bei meinem kaiserlichen Ehrenworte, das wahr und mächtig ist, ich sage es euch: es gibt etliche Weise hier in meiner Gesellschaft – nicht von meinem, sondern von eurem Glauben –, denen des Menschen geheimste Gedanken so hell und klar sind als eine alleröffentlichst vollbrachte Tat! Wenn euch diese prüften, würdet ihr ihnen wohl mit so leichtem Gewissen zur Rede stehen als mir, da ihr wohl wisset, daß es mir, wennschon nicht am Verstande und Scharfsinne, so aber doch an der Allwissenheit mangelt?! Ich habe diese Menschen scharf geprüft und habe gefunden, daß mit ihnen durchaus nicht zu scherzen ist! Durch diese werde ich auch euch prüfen lassen. Verhält sich die Sache also, wie ihr sie mir nun vorgetragen habt, dann soll euch auch alles und noch viel mehr gewährt werden, als um wieviel ihr eure Bitte gestellt habt; wo aber die erwähnten Weisen etwas anderes von euch aussagen, dann wird des großen Kaisers Bruder und Oheim des nun auf dem Throne sitzenden Herrschers wohl auch recht gut wissen, was er tun wird!“
GEJ|3|143|3|0|Sagt der Oberste: „Wodurch aber kannst du uns die Versicherung geben, daß diese von dir erwähnten Weisen unsere Freunde und nicht unsere Feinde sind, und ob sie nicht uns gegenüber einen Mißbrauch ihrer Weisheit machen werden? Denn wir sind einmal Pharisäer und sind als solche in Galiläa verhaßt, weil wir uns streng an die Satzungen halten und nur Moses und die Propheten predigen, während sich geheim schon fast ganz Galiläa zur ägyptisch-griechischen Philosophie bekennt. Wenn nun deine Weisen Galiläer sind, so werden sie ihre Weisheit über uns nicht gut reden lassen, und wir verwahren uns daher schon im voraus gegen alle galiläischen, uns feindlichen Weisen!
GEJ|3|143|4|0|Zudem steht es auch geschrieben, daß aus Galiläa nie ein Prophet aufsteht und aufstehen kann, weil eben die Galiläer als Judenketzer zu weit von der alten, mosaischen Weisheit entfernt sind! Sind es aber Weise aus Judäa, dann wollen wir sie auch anhören!“
GEJ|3|143|5|0|Sagt Cyrenius: „Die Weisen, deren ich erwähnt habe, sind so gestellt in meinem Glauben und in meinem Herzen, daß jedes Wort aus ihrem Munde für mich so gut als rein aus den Himmeln kommt, obschon ich gerade nicht darauf sehe, ob etwas, das wahr sein soll, geradewegs darum aus den Himmeln kommen sollte; denn jede Wahrheit bleibt auf der Erde so gut Wahrheit als auf den Schwingen des Lichtes aus allen Himmeln! Denn eine Birne und noch eine Birne müssen ja im Himmel ebensogut als auf der Erde zwei Birnen ausmachen, – wenn nicht, da ist der Himmel eine Lüge!
GEJ|3|143|6|0|Unter andern noch eine Frage an euch! Ihr habt euch soeben vor den galiläischen Weisen verwahrt, und ich habe daraus entnommen, daß ihr vielleicht noch einen andern Grund dazu habt als gerade die griechische Philosophie! Es soll ja um Nazareth ein Mann aufgestanden sein, der große Dinge von der wunderbarsten Art verrichtet, den Menschen eine neue Lehre, angeblich aus den Himmeln, lehrt und ihre Echtheit durch nie erhörte Wunder bestätigt! – Saget es mir, ob ihr von diesem Menschen noch nichts gehört habt, und was ihr von ihm haltet!“
GEJ|3|143|7|0|Bemerkt heimlich Mathael: „Jetzt hast du sie beim rechten Fleck gepackt! Jetzt werden sie auch gleich ihre Farbe und ihre Worte zu wechseln anfangen!“
GEJ|3|143|8|0|Antwortet darauf der Oberste: „Sind denn die Betrügereien jenes uns sehr übel berüchtigten Quacksalbers, dem das Zimmermannsbeil zu schwer geworden ist, und der lieber im süßen Müßiggang sein Fortkommen sucht als in irgend solider Arbeit, auch bis zu deinen Ohren vorgedrungen? Sieh, uns als gesetzliche Priester willst du nun um jeden Preis richten, wie wir es aus jedem deiner Worte und Mienen nur zu deutlich entnehmen; aber so ein Galiote [Galiot = Galerensklave = Sträfling], so ein Volksverführer mit Hilfe einiger erlernter morgenländischer Zaubereien hat von dir gewisserart einen Freipaß, kann tun, was er will, und sein Wort dürfte vor dir ein viel größeres Gewicht haben denn das unsrige, für dessen Wahrheit doch der Verstand, die bessere Vernunft und ein in der gesetzlichen Ordnung seiendes Menschengefühl laut sprechen! Ich kenne jenen Galioten, den du meinst, und habe dir hiermit aber auch schon alles gesagt!“
GEJ|3|143|9|0|Sagt Cyrenius, ob dieser Äußerung sichtlich erregt: „Ganz gut; ihr habt mir nun eure Meinung über einen Mann ausgesprochen, wie sie zu eurem Nachteile nie besser hätte ausfallen können! Aber diesmal habt ihr wenigstens dahin die Wahrheit geredet, daß ihr mir euer Innerstes gerade also zeigtet, wie es ist. Ich kenne jenen euren Galioten nur zu gut und weiß, was an ihm ist; aber ich kenne nun auch euch vollkommen und weiß es nun, was alles an euch ist! Daß ich nicht jedermann sogleich per Bausch und Bogen als eine bare Münze annehme, bis ich ihn nicht bis auf ein Atom durchgeprüft habe, davon liefere ich soeben an euch den sicher unleugbarsten Beweis!
GEJ|3|143|10|0|Hier vor euch steht der nunmalige König vom Pontus. Gestern morgen stand er noch als ein klein gefesselter Verbrecher vor mir und hätte leicht zum Kreuze verdammt werden können; aber ich prüfte alles genau, fand seine gänzliche Unschuld und machte ihn als einen sehr weisen Mann zu dem, was er nun ist!
GEJ|3|143|11|0|Ich bin strenger als jeder andere Richter, bin aber voll Gerechtigkeit gegen jedermann. Ist jemandem während des nötigen Examens ein Leid geschehen, und ich fand seine Unschuld, so verstehe ich, ihm dann, soviel es nur in meinen Kräften steht, sein ausgestandenes Leid in Freud' und Glück umzugestalten, wofür euch dieser neue König zu einem Beweise dienen kann.
GEJ|3|143|12|0|Ärger denn jeden andern aber habe ich eben jenen Nazaräer geprüft und gefunden, daß er ein so vollendeter Mensch ist, wie dieser Erde Boden weder je vor ihm von jemand betreten ward, noch je jemand wieder nach ihm betreten wird. Er ist aber darum auch vom wahren Gottesgeiste ganz erfüllt und durchdrungen und handelt und redet auch nur aus endloser, nie ermeßbarer Kraft und Allmacht. Also habe ich den Nazaräer kennengelernt und bin nun von der höchsten Achtung und Liebe zu ihm durchglüht, obschon er im eigentlichsten Sinne des Wortes und der Bedeutung ein Erzjude ist.
GEJ|3|143|13|0|Oh, auch wir Römer verstehen das Judentum zu achten, wenn es ist, wie es nach Moses und nach allen Propheten sein soll: voll Geist, Kraft, Liebe, Wahrheit und Weisheit; aber ein Judentum, wie es von euch nun gepflegt wird, ist für uns Geist und Wahrheit liebende Römer ein Greuel der vollsten Verwüstung auf der heiligen Stätte, wie ihn euer Prophet Daniel vorausverkündet hat! Nun habt ihr mein Zeugnis über den von euch so tief verachteten Nazaräer. – Was könnt ihr mir nun dagegen einwenden?“
GEJ|3|144|1|1|144. — Die Pharisäer urteilen über ihren Obersten und Jesus
GEJ|3|144|1|0|Hier machen alle die Erzpharisäer große Augen, und einer macht ganz leise die Bemerkung, sagend: „Na, das ist unserm scharfsinnigen Obersten wieder einmal gelungen! Ein Hauptkamel das! Jetzt können wir zusehen, wie wir uns aus dieser Pfütze werden erheben können! Hätte das Kamel von einem Obersten den Nazaräer ins Angesicht des mächtigsten Gebieters nicht loben können über einen Glückstag, und die ganze Geschichte hätte nun ein ganz anderes Gesicht?! Das Kamel mußte es ja doch so gut wie unsereins dem Cyrenius schon an der Nasenspitze angesehen haben, daß er für den wundertätigen Nazaräer über Hals und Kopf eingenommen ist, und doch zieht er gegen den Liebling des Oberstatthalters los, als wäre er wirklich Gott weiß wie stark von seiner allfälligen Schändlichkeit überzeugt, und hat ihn aber nie gesehen, gesprochen und geprüft! Ah, dieses Vieh von einem Obersten können wir durchaus nicht mehr brauchen! Er werde abgesetzt! Denn führt er noch eine Zeitlang das Wort, so kommen wir alle noch heute ans Kreuz! Es ist da mit dem Oberstatthalter kein Scherz zu treiben!“
GEJ|3|144|2|0|Nach dieser Bemerkung sagen geheim die andern zu ihm: „Gehe du und bitte den Oberstatthalter ums Wort; aber der Esel von einem Obersten darf kein Wort mehr reden! Vielleicht hauen wir uns noch durch! Und du sollst unser Oberster werden, wenn du uns hier aus dieser Schlinge frei machst!“
GEJ|3|144|3|0|Sagt der Bemerker: „Gut, ich will's versuchen, – auch ohne darum ein Oberster werden zu wollen!“
GEJ|3|144|4|0|Darauf tritt er aus der Schar vor den Cyrenius hin und bittet, daß auch er reden dürfe.
GEJ|3|144|5|0|Sagt Cyrenius: „Ich warte noch auf ein zweites Urteil über den Nazaräer von seiten des Obersten!“
GEJ|3|144|6|0|Sagt der Bemerker, auch ein Pharisäer, der seinesgleichen sucht: „Hoher Gebieter, der ist schon fertig; seine Klugheit hat Schiffbruch gelitten, und darum schweigt er wie ein Kamel in der Wüste! Er hat sich verhauen und verwickelt ins Fanggarn und weiß nun nimmer, wie er sich frei machen soll. Der gute Nazaräer hat ihm wahrscheinlich unsichtbar eine Maulschelle versetzt, und er hat darauf die Mundsperre bekommen und macht es nun, wie er es noch immer gemacht hat!
GEJ|3|144|7|0|Du, hoher Gebieter, mußt dich bei deiner Verstandesschärfe schon lange überzeugt haben, daß dieser unser Oberstmensch ein Hauptvieh ist! Hätte ich oder ein anderer aus uns das Vorwort führen dürfen, so hätte der Prozeß schon lange ein Ende; darum horche du, hoher Gebieter, nun ja nicht mehr auf ihn, sondern laß mich reden!“
GEJ|3|144|8|0|Sagt Cyrenius: „Gut, so rede du! Wir wollen sehen, was du zum Vorscheine bringen wirst!“
GEJ|3|144|9|0|Sagt der Bemerker weiter: „Hoher Gebieter! Was da betrifft die Anschuldung, als wären wir die eigentliche Ursache des Feuers, so kann das wohl zur Not gelten, was der Oberste dir gesagt hat, obschon ich dir dagegen offen bekennen muß, daß wir trotz der sehr kitzlichen Umstände dennoch nicht gar so schneeweiß und unschuldig sind, als sich eigentlich unser Oberster weiß zu waschen versucht hat; denn das Abfordern der Totalopfer war sein Gebot. Ob es aber zur Herstellung der Ordnung und Ruhe gerade nötig war, den armen Glaubensgenossen alles bis aufs Hemd wegzureißen, wenn sie es nicht gleich freiwillig hergaben, das ist nun eine ganz andere Frage! So ist es auch wegen der Zurückgabe der einmal dem Volke entrissenen Opfer eine ganz schwer zu beantwortende Frage! Man hätte ihnen etwa wohl gegen bedeutende Zinsen Geld und auch Sachen geliehen; aber mit der Zurückgabe, die der Oberste wie von selbst verständlich erklärte, dürfte es wohl sehr die geweisten Wege gehabt haben! Uns hat es schon alle bis ins Innerste empört, als wir unser Kamel von einem Obersten gar so hirnlos darauflosschwätzend anhören mußten; wir konnten jedoch nichts dagegen einwenden, weil an einem hohen Sabbate nur der Oberste allein reden kann und darf. Für solch eine dümmste Fürrede aber, durch die wir alle gar leicht ans Kreuz kommen könnten, soll unsern Obersten der Satan auch an einem Sabbate holen!
GEJ|3|144|10|0|Ich rede nun ganz offen, wie mir und allen andern ums Herz ist. Hat etwa unser kamelweiser Oberster eine besondere Vorliebe zu solch einer Erhöhung, so soll er sie an seiner kreuzschlechten Person nur vollführen lassen! Wir werden uns darum nicht in unsern Tränen um ihn ersäufen; aber wir schaffen von solch einer besonderen römischen Auszeichnung vorderhand nichts!
GEJ|3|144|11|0|Nun, was aber jenen von dir, hoher Gebieter, uns erst näher bekanntgegebenen Nazaräer betrifft, so können wir ja aus ganz natürlichen Gründen um Jehovas willen doch unmöglich etwas pro noch contra (für noch gegen) sagen; denn wir haben nur von weiter Ferne her so manches wispeln hören. Eines klang sehr löblich, anderes wieder, wahrscheinlich von seinen Feinden herrührend, freilich sehr abenteuerlich, wennschon geradewegs nicht schlecht. So soll er wirklich Tote ganz vollkommen wieder ins Leben zurückgerufen haben! Nun, wir sahen es nicht und hörten davon nur reden; wenn man aber bedenkt, was das sagen will, einen wirklichen Toten ins Leben zurückrufen, so wird es, glaube ich, doch sehr verzeihlich sein, so man aus höchst handgreiflichen, natürlichen Ursachen daran zweifelt! Ich will aber damit die Möglichkeit nicht in Abrede stellen, sondern so nur die große Schwierigkeit darstellen, und daß dazu mehr als selbst die ausgebildetsten und vollendetsten physischen und geistigen Lebenskräfte eines Menschen erforderlich sind.
GEJ|3|144|12|0|Wohl sagt man vom Propheten Elias, daß er einst einen Haufen Totengebeine befleischt und belebt habe; aber wir waren nicht dabei. Auch ist dieses nur eine Sage von Mund zu Mund und steht in keinem Buche geschrieben, nicht einmal in den apokryphischen Teilen der Schrift! Wie schwer ist demnach für einen denkenden Menschen ein Glaube daran!
GEJ|3|144|13|0|Die Essäer erwecken wohl auch die Toten ums Geld, und das gewöhnlich um viel Geld; aber hinter dieses Geheimnis ist man bereits gedrungen und weiß, was daran ist.
GEJ|3|144|14|0|Da nun aber du selbst von dem Nazaräer ein so günstiges Zeugnis abgibst, und das als ein höchst gebildeter und mit aller Erfahrung bereicherter Mann, der vor tausend andern Weisen allen Glauben verdient, so kann ich und auch alle diese meine besseren Kollegen nicht umhin, dem Nazaräer alle Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
GEJ|3|144|15|0|Das ist nun meine Antwort auf deine Frage, hoher Gebieter. Es ist ein reiner Wein, und es verhält sich alles also, wie ich dir's nun treulichst ausgesagt habe. Diese alle bis auf unsern Obersten stehen dir dafür als Zeugen, und du, hoher Gebieter, aber laß uns Gnade für Recht widerfahren!“
GEJ|3|144|16|0|Sagt Cyrenius: „Offenbar bin ich mit deiner Aussage zufriedener als mit der des Obersten, der ein sehr schlauer Fuchs sein wollte und meinem Fanggarne so lange auswich, als es nur immer möglich war; da ich aber die Umgarnung vermehrte, so verwickelte er sich dennoch und steht nun da als ein abgefeimter, arger Lügner. Jedoch eine wahre Reue und volles, treuwahres Eingeständnis kann alles wieder gutmachen; denn er gehört zu jenen Menschen, die geheime Freunde von allerlei Lüge und Betrug sind, vor den Menschen aber dennoch zufolge ihrer Stellung in einem hohen und allerehrbarsten Ansehen stehen möchten. Sie wollen für sich das Ansehen eines Propheten; aber handeln möchten sie wie ein räuberischer und umherziehender Skythe!
GEJ|3|144|17|0|Darum kann eine wahre Reue, volle Lebensänderung, Besserung und offenes Geständnis von dem wahren Sachverhalte alles noch gutmachen; denn ich bin nicht hierher gezogen, um das in meiner Macht stehende unerbittlich strengste Gericht über wie immer geartete Sünder zu halten, sondern ihnen nur auf den rechten Lebensweg zu helfen. Aber sie dürfen bei meinem höchst menschenfreundlichen Bemühen mir keine Steine unter die Füße legen! Wie kann man aber als ein weise sein wollender Mann, und gar als ein Priester- Oberster, gar so infam lügen?!
GEJ|3|144|18|0|Mein Oberster, rede du nun und sage die volle Wahrheit aus; denn deine Gefährten haben noch nicht alles ausgesagt, was der ganzen, vollen Wahrheit gemäß gewesen wäre! Sie wollten sich eigentlich auf Kosten der deinigen ihre eigene Haut sicherstellen, und das lobe ich an ihnen gar nicht! Ich weiß, was ich weiß, aus dem Grunde des Grundes, und magst du lügen, wie du willst und kannst, so nützt dir das nichts; denn mich kannst du unmöglich hinters Licht führen. – Rede sonach nun die Wahrheit!“
GEJ|3|145|1|1|145. — Des Cyrenius tiefernste Rede
GEJ|3|145|1|0|Hier simuliert der Oberste und ist sehr unschlüssig, ob er wohl mit der Wahrheit ans Tageslicht treten soll oder nicht. Nach einer ziemlichen Weile erst sagt er: „Hoher Gebieter! Viele Hunde sind des Hasen Tod! Ich überzeuge mich stets mehr, daß nun die Zeugen wider mein Wort sich mehren wie nach einem feuchten Wetter die Pilze. Was will ich dann noch weiter dem, was du wissen willst und auch zu wissen behauptest, Beweise aus meiner Überzeugung entgegenstellen?! Ja zu sagen vermag ich nicht zu etwas gegen meine Überzeugung, und das Nein nützt mir nichts! Darum nimm du nur immerhin das Zeugnis wider mich an; ich werde mir keinerlei Mühe mehr geben, was immer für gerechte oder ungerechte Anwürfe von seiten der vielen Zeugen von mir hinwegzuweisen! Findest du an mir eine Schuld, nun gut, da hast du ja alle Macht, mich darum zu züchtigen und zu strafen nach deinem Sinne; ich habe dir nun als ein total armer Mensch keine Macht entgegenzustellen!“
GEJ|3|145|2|0|Sagt Cyrenius: „Es steht in euren Büchern geschrieben: ,Wehe dem, der sich an einem Gesalbten Gottes vergriffe!‘ Darum weiß auch ich, solange es nur immer tunlich ist, dies euer Gesetz gar wohl zu beachten.
GEJ|3|145|3|0|Saul, euer erster gesalbter König, war am Ende ein Täter alles Übels, und David, als ein vom Samuel noch Zweitgesalbter zum König über Israel, hatte den ihm nach dem Leben stellenden Saul oft völlig in seiner Gewalt und hätte ihn vernichten können; aber Gottes Geist sprach aus dem Herzen Davids: ,Wehe dir, so du dich vergriffest an dem Haupte Meines Gesalbten!‘
GEJ|3|145|4|0|Und sieh, obschon ich ein Römer und resp. Heide bin, so vernehme ich aber doch auch desselben Geistes Stimme, die da spricht: ,Prüfen kannst du wohl jeden Meiner Gesalbten, und sind sie auf dir wohl erkennbare Abwege geraten, so leite sie auf den rechten Weg zurück durch Rat und Tat; aber wehe dir, so du aus ihnen auch nur einen richten möchtest!‘
GEJ|3|145|5|0|Getraute sich ein Erzengel Michael den Satan ob des verlorenen dreitägigen Kampfes nicht selbst zu richten, sondern übergab ihn dem Gerichte des Herrn, wie sollte ich mich im Angesichte Gottes getrauen, dich zu richten; aber erforschen will ich dich, dir zeigen die große alles Gewissens und aller Liebe bare Handlung an deinen Brüdern und dich darauf erst setzen auf die Bahn des Lebens! Da du aber weißt, daß ich nur solches will, warum redest du denn nicht offen mit mir?“
GEJ|3|145|6|0|Sagt der Oberste: „So du ohnehin alles weißt, da sehe ich wahrlich nicht ein, warum du nun noch ein offenes Geständnis von mir verlangst! Ich ersah dich vorher über mein sicher ganz offenes Bekenntnis sehr vom Eifer ergriffen, weil ich dem bewußten Nazaräer dasselbe günstige Zeugnis nicht zu geben imstande war wie du, der du schon irgend seine volle Bekanntschaft gemacht hast; und so werde ich es wohl bleibenlassen, dir noch mehr offene Geständnisse zu machen! Ich habe dir nun ohnehin schon alles gesagt, und du sagst es auch, daß du alles weißt; wozu sollen wir da noch mehr leere Worte verlieren?!
GEJ|3|145|7|0|Was übrigens mein Bekenntnis über den Nazaräer betrifft, so ist es nicht auf meinem Grund und Boden gewachsen, und ich könnte dir doch nichts anderes sagen, als was ich selbst von andern über ihn vernommen habe! Nun ich aber von dir ein anderes Zeugnis vernahm, so denke ich denn nun auch anders über ihn! Oder soll ich noch etwas anderes tun?! Wer kann mir denn vorschreiben, über einen Menschen irgend etwas Gutes auszusagen, so mir zuvor nur üble und keine gute Kunde über ihn zu den Ohren gekommen ist? Da mir aber erst jetzt bloß durch dich allein die beste Kunde über den Nazaräer zugekommen ist, so kann ich ihm nun selbst ja auch ein ebenso gutes Zeugnis wie du geben, und obschon ich bei ihm noch keine Erfahrung dir gleich gemacht habe, so genügt mir dennoch dein Zeugnis, und ich denke nun so wie du über den Nazaräer. – Ist das nun denn auch noch nicht recht?“
GEJ|3|145|8|0|Sagt Cyrenius: „Ja, das wäre wohl allerdings recht, wenn dein Herz auch also spräche wie dein Mund; aber dein Herz dürfte, so man es vernehmen könnte, eine ganz andere Sprache führen! Denn euer Pharisäertum ist mir nur zu wohl bekannt! Ich weiß es zu bestimmt, daß ihr eigentlich gleich den Essäern gar nichts glaubt, aber das blinde Volk zu eurem materiellen Besten alles glauben machen wollt, was euch nur in den Sinn kommt, daß es euch Zinsen abwerfen könnte.
GEJ|3|145|9|0|Kommt nun ein Mann, der ein inneres, wahres Licht aus Gott hat, und zeigt den in aller Nacht und großen Finsternis umherirrenden Menschen den rechten und lichten Weg des Lebens, wobei es freilich nicht zu vermeiden ist, daß eure alten Betrügereien dabei offenkundig werden, so werdet ihr gegen einen solchen Lichtpropheten aus Gott ergrimmt und suchet ihn auf jede mögliche Art total zu verderben; denn dies ist ein alter Schandruhm von euch, daß ihr mit Ausnahme des Elias und Samuel noch nahe alle von Gott euch zugesandten Propheten mit Steinwürfen getötet und dabei zum Volke gepredigt habt, daß ihr dadurch Gott einen angenehmen Dienst erwiesen habt.
GEJ|3|145|10|0|Nach hundert Jahren erst habt ihr den Propheten – aber nie um euretwillen, sondern nur, weil ihr seine Aussagen, die eingetroffen waren, zum Volkschrecken recht gut gebrauchen konntet – aufgenommen, und habt sein Grab, ob echt oder unecht, das war eins, zu übertünchen und zu zieren angefangen!
GEJ|3|145|11|0|Siehe, das war zu allen Zeiten eure Handlungsweise, die mir nur zu bekannt ist! Wenn sich aber mit euch die Sache der Wahrheit nach allzeit also verhielt, wie möglich könnte ich wohl deinen Mundworten nur irgendeinen geringsten Glauben schenken?! Sage mir, ob es sich mit euch der Wahrheit nach je anders verhielt! Glaubst du in deinem Herzen der vollen Wahrheit nach auch nur ein Jota von dem, was du je dem Volke zum Glauben vorgepredigt hast?“ –
GEJ|3|145|12|0|NB.: Daß Cyrenius hier also reden konnte, rührte daher, daß Ich ihm die Worte ins Herz und in den Mund legte; was er dann so sprach, ist so gut als von Mir Selbst gesprochen, jedoch in der individuellen Weise des Cyrenius.
GEJ|3|146|1|1|146. — Der Charakter des Obersten
GEJ|3|146|1|0|Nach einer Weile tiefen Besinnens sagte der Oberste: „Wie kannst du mir aber vor aller Welt beweisen, daß ich im Herzen anders denke, als ich mit dem Munde rede, und daß ich das nicht glaube, was ich das Volk lehre?! Wenn meine Vorfahren an den Propheten sich vergriffen haben, was ich nicht leugnen kann und werde, welche Schuld kann denn da mir darob zur Last gelegt werden, der ich alle die heiligen Seher Gottes stets im höchsten Grade geehrt habe?! Wenn Tausende von meinen Kollegen allenfalls keinen Glauben an das haben, was sie lehren, wo liegt denn darin ein Beweis, daß auch ich so etwas nicht glauben sollte?!“
GEJ|3|146|2|0|Sagt Cyrenius: „Der Beweis, mit Händen und Füßen zu greifen, liegt darin, daß du, nach deiner Rede zu urteilen, ein viel zu kluger Mann bist, um einen allerdicksten Unsinn als eine aus Gott kommende Wahrheit annehmen zu können! Du verstehst die hohe Rechenkunst, und die Rechenkundigen sehen doch nicht gar so leicht eine Mücke für einen Elefanten an, was du mir nie in irgendeine Abrede wirst zu stellen imstande sein!“
GEJ|3|146|3|0|Sagt der Oberste: „Aber wo ist denn der Unsinn hernach, den ich als ein Rechenmeister unmöglich glauben könnte?!“
GEJ|3|146|4|0|Sagt Cyrenius: „Glaubst du zum Beispiele in deinem Herzen wohl an die wunderbare Düngewirkung des Tempelmistes, den du meines Wissens selbst alle Jahre in der Regel gar so hoch angepriesen hast?! Glaubst du an die Heilwirkung des allzeitigen Neumonds?! Glaubst du wohl, daß in der neuangefertigten Bundeslade Jehova auch also wohne, wie Er in der von euch schon lange verworfenen alten, mosaischen gewohnt hat?! Glaubst du an die Identität (Gleichheit) der Naphthaflamme auf eurer Lade mit jener merkwürdig heiligen Feuer- oder Rauchsäule über der Bundeslade, die dem Moses aus Ägypten geleuchtet hat?! Glaubst du wohl, daß es dem Menschen nützlicher sei, im Tempel zu opfern, als nach den Geboten Gottes seine Eltern zu lieben und ihnen in allen guten Dingen gehorsam zu sein?!
GEJ|3|146|5|0|Sage es mir offen, ob du das nebst noch tausend andern ähnlichen, aller menschlichen Vernunft baren Sätzen eurer Lehre glaubst! Denn glaubst du wirklich selbst daran – was mir unmöglich dünkt –, so bist du im Ernste dümmer als ein Kamel und taugst für alles eher als für einen Volkslehrer; glaubst du es aber nicht, und lehrst du dem armen Volke dennoch solch einen bösen Unsinn mit Mord, Brand und Schwert, an den du als ein Mann von vielen sonstigen Kenntnissen und Wissenschaften nie glauben kannst, so bist du ein allerverächtlichster Volksbetrüger und taugst schon aus politischen Staatsrücksichten viel eher in ein ewiges Strafgefängnis als Sträfling denn zu einem Volkslehrer!
GEJ|3|146|6|0|Siehe, da ist mit dir ja offenbar die Szylla und Charybdis fertig! Ich will dich mit einem kaiserlichen Ehrenzeichen schmücken, so du mir irgendeinen zu entschuldigenden Mittelweg in Vorschlag zu bringen imstande bist!“
GEJ|3|146|7|0|Hier fängt der Oberste an, sich ganz gewaltig hinter den Ohren zu reiben, und weiß nun nicht mehr, wo aus und wo ein.
GEJ|3|146|8|0|Sagt Herme, der Sänger – oder wie vorher, der Bote aus Cäsarea Philippi –, zum Cyrenius: „Hoher Gebieter! Jetzt erst ist man ganz vernäht und findet keinen Ausweg mehr aus dem Garne! Oh, das geschieht diesem Wüterich gegen alles Gute und Wahre vollkommen recht! Kennete ich ihn nicht so gut, wie ich ihn kenne, so könnte ich ihn sogar bedauern, denn mich erbarmt bald ein noch so arger Sünder, so er in eine große Verlegenheit gerät; aber den Kerl könnte ich bei lebendigem Leibe braten sehen, und es würde mir geradewegs ein Vergnügen machen! Es ist hier nicht an der Zeit und am Orte, davon zu reden, was man sich von diesem Herrn Obersten alles schon so im Vertrauen erzählt hat; aber dessen kannst du sicher sein, daß auf seinem ganzen Leibe kein gutes Härchen steckt!
GEJ|3|146|9|0|Es werden von euren Gerichten viele zum Kreuzestod verurteilt, die als Menschen noch um sehr vieles besser stehen als dieser allergewissenloseste Hauptlump da! Allein ich bin kein Richter und habe darum auch niemand zu verurteilen; aber eine recht große Freude habe ich nun dennoch darüber, daß dieser Kerl so schön ins Hauptgarn gegangen ist!“
GEJ|3|146|10|0|Sagt Mathael lächelnd: „Aber es ist noch sehr darauf achtzuhaben, daß er nicht das Garn durchreißt und uns am Ende noch allen ins Gesicht lacht! Bis jetzt hat er mit seiner Sprache sich noch sehr auf dem gemäßigten Wege gehalten; wenn er aber einmal so recht in die Enge getrieben wird, so wirst du, Cyrenius, schon sehen, wie er zu parieren anfangen wird! Ich kenne ihn nun erst so ganz, obschon ich ihn schon vom Tempel aus ebenfalls kenne! Sieh, dieser ist es, der vor dreißig Jahren die Hand an den Oberpriester Zacharias gelegt und ihn zwischen dem Opferaltare und dem Allerheiligsten, durch den Vorhang getrennt, ermordet hat! – Aber nun nichts Weiteres mehr davon!“
GEJ|3|146|11|0|Sagt Herme voll Freuden: „Oh, derart Stücklein kenne ich noch eine Menge von ihm; aber sie sind nicht strenge genug erweisbar, und so läßt sich da wenig oder nicht viel machen!“
GEJ|3|146|12|0|Sagt Cyrenius, ganz erstaunt über die Aussage des Mathael: „Ah, was sagst du mir da?! Also dieser Kerl von einem Obersten hätte jenem aller Menschen Zeugnisse nach höchst frommen und weisen Oberpriester im Tempel das Lebenslicht ausgelöscht? Na gut, daß ich davon nur so einen Wink habe; alles andere werde dann schon ich besorgen!“
GEJ|3|146|13|0|Hier gab Cyrenius dem Hauptmanne Julius einen Wink, Wachen auszustellen, damit von den Erzpharisäern ihm niemand entkomme.
GEJ|3|146|14|0|Julius gab sogleich geheimen Befehl, und es geschah sogleich, was Cyrenius befohlen hatte; aber der Oberste merkte dennoch etwas davon und fragte den Cyrenius: „Wem gilt diese Bewegung?“
GEJ|3|146|15|0|Antwortet Cyrenius: „Danach hast weder du noch irgendeiner von deinem Gelichter zu forschen; denn Menschenungeheuern deiner Art gibt Cyrenius keine Antwort mehr! Denn du bist nicht nur ein elendester Volksbetrüger, sondern auch ein Volksmörder geistig und leiblich. Ich warte nun nur noch auf des Pflegers Bericht aus der Stadt und auf die Ankunft des Kornelius, Faustus und des Jonah aus Kis; dann werde ich dir schon sagen, warum ich nun die Wachen habe ausstellen lassen!“
GEJ|3|146|16|0|Sagt der Oberste: „Gut, dann werde aber auch ich dir erst sagen, warum ich so ganz eigentlich hier bin!“
GEJ|3|146|17|0|Hier zieht der Oberste aus dem Rocke eine Pergamentrolle, zeigt sie dem Cyrenius und sagt: „Kennst du dies Sigill und diese Unterschrift?!“
GEJ|3|146|18|0|Hier stutzt Cyrenius, sagend: „Das ist des Kaisers Siegel und seine Unterschrift! – Was soll es damit?“
GEJ|3|146|19|0|Sagt der Oberste: „Wenn es nötig sein wird, sollst du den Inhalt kennenlernen! Ich rate dir darum, von jeder weiteren Untersuchung gegen mich abzustehen, sonst dürfte dir diese Rolle sehr bedeutende Unruhen bereiten! Noch ehre ich dich als einen Biedermann; aber treibe mir die Sache, wohlgemerkt, nicht zu weit, sonst könnte ich etwa doch von dieser Rolle, die du so gut wie jedermann höchst zu respektieren hast, einen dir sicher sehr unliebsamen Gebrauch machen!
GEJ|3|146|20|0|Wahrlich, ich hätte diese furchtbare Waffe nicht aus meiner Rocktasche gezogen, so du mich dazu nicht genötigt hättest; aber du fingst an, mich wie einen Wurm zu treten, und da ist es sehr an der Zeit, dir zu zeigen, daß du noch lange nicht allein Herr in diesem Territorium (Hoheitsgebiet) bist! Ich meine nun, daß es besser wäre, die Wachen einzuziehen, weil ich sonst genötigt werden könnte, trotz des Sabbats neben die deinigen auch die meinigen hinzustellen!
GEJ|3|146|21|0|Gelt, diese meine nun sehr veränderte Sprache geniert dich so ein wenig?! Kann dir aber wahrlich nicht helfen; denn es hat die deinige mich ehedem auch etwas geniert! Kurz, ich kenne nun dich, und du kennst nun auch mich! Tue nun, was dir klug und gut dünkt, und ich werde desgleichen tun! – Hast du mich wohl ganz verstanden?!“
GEJ|3|146|22|0|Auf diese Worte kehrt der Oberste dem Cyrenius wie ein Herrscher den Rücken, begibt sich mit den Seinigen ans Ufer des Meeres und tut dort als einer, dem vom Kaiser aus im Notfalle eine große Macht zugestanden ist; Cyrenius aber befindet sich nun in einer großen Verlegenheit und weiß nun nicht, was er machen soll.
GEJ|3|146|23|0|Nun sagt Mathael: „Siehst du, Liebster, wie dir so ein Kerl mit allem, was zu seiner Sicherheit taugt, physisch und moralisch schon lange, und das wie eine Festung, bestens versehen ist?! Darum ist es da höchst schwer und eigentlich ganz fruchtlos, einen Richter zu machen, weil sich diese Menschen – der Herr weiß es, auf welchen Schleichwegen! – die allerhöchsten geheimen Privilegien zu verschaffen gewußt haben, gegen die sich nun höchst schwer zu Felde ziehen läßt!“
GEJ|3|146|24|0|Sagt Cyrenius: „Aber sage mir doch, lieber, weiser Mathael, wie möglich kam denn diese Menschen-Hydra [Hydra oder die Lernäische Schlange, d.i. der Name eines vielköpfigen Ungeheuers der griechischen Sage.] ohne mein Wissen und Wollen zu einem Sicherheitsdokumente aus der Hand des Kaisers?! Ja, da läßt sich nun freilich nichts anderes tun, als zum bösen Spiele irgendeine gute Miene machen! Da bin ich denn nun doch auf den Herrn neugierig, was Der dazu sagen wird!“
GEJ|3|146|25|0|Sagt Mathael: „Er wird jetzt darüber etwa auch nicht gar zu gerne eine rechte Rede und Antwort geben; denn Er hat es schon zum voraus gewußt, warum Er dir diesen Klub zur Prüfung übergeben hat, und scheint auf unsere ganze Verhandlung wenig aufgemerkt zu haben!“
GEJ|3|146|26|0|Sagt Cyrenius: „Aber um einen Rat müssen wir nun denn doch wohl fragen!“
GEJ|3|146|27|0|Sagt Mathael: „Allerdings; daran ist nun schon die höchste Not!“
GEJ|3|147|1|1|147. — Die gefälschte Urkunde
GEJ|3|147|1|0|Am Ufer aber sagt der Oberste zu seinen Kollegen: „Ihr habt die Sache gut gemacht; denn das Auftreten scheinbar wider mich war gerade zur rechten Zeit, zu der ich euch durch mein Schweigen das Zeichen gab! Nun sind sie vernagelt und wissen nimmer, wo aus und wo ein! Wenn nur die drei Beansagten nicht kämen, die allein uns ein wenig Mucken machen könnten! Oder sie brächten gar etwa den berühmten Nazaräer mit! Ja, wenn das, dann sind wir aber großartig verlesen! Da hilft uns nichts mehr!
GEJ|3|147|2|0|Daher wäre meine Meinung diese, wir sollten nun trachten, uns frühzeitig auf dem Wasser zu empfehlen, und linea recta (geradewegs) uns nach Jerusalem zu wenden; denn kommen die Beansagten einmal an, dann dürfte es sehr zu spät werden! Cyrenius hat die Wachen eingezogen, wir haben kein Hindernis! Ziehen wir uns daher längs dem Ufer am Meere etliche Morgen aufwärts, da werden wir wohl etwa mit einem Fahrzeuge eines griechischen Fischers zusammenkommen, auf dem wir uns in die Sicherheit können bringen lassen!“
GEJ|3|147|3|0|Sagt der frühere Bemerker: „Aber die Volkswachen aus der Stadt! Wie werden wir diesen entgehen? Denn die werden hinter den Gebüschen auf uns lauern, und haben sie uns, da sind wir auch verlesen!“
GEJ|3|147|4|0|Sagt der Oberste: „Das ist freilich eine ganz verzweifelte Geschichte! – Wie wäre es denn, so wir ganz gebieterisch keck ein sicheres Geleite vom Cyrenius verlangen würden?! Auf das kaiserliche Dokument hin kann und darf er es uns nicht vorenthalten! Gehe du, Sprecher, hin und tue das!“
GEJ|3|147|5|0|Der Bemerker tut das; aber Cyrenius hat sich zuvor bei Mir schon Rates geholt, und Ich sagte ihm natürlich alles das, was die Pharisäer am Ufer geredet und beschlossen hatten, und Cyrenius wußte nun, woran er war, und was er vorderhand zu tun und zu verfügen habe.
GEJ|3|147|6|0|Als der Bemerker seine Forderung so keck und gebieterisch als möglich an den Cyrenius stellte, sagte Cyrenius: „Mein Freund, es erschreckte mich wohl vorher die gewisse Urkunde; denn ich wußte ja noch nicht, daß sie eine falsche ist! Da ich aber nun in dieser Sache ein ganz anderes Licht erhalten habe, so erschrecke ich mich nun nicht mehr und werde dem Verlangen deines Obersten durchaus nicht nachkommen!
GEJ|3|147|7|0|Übrigens gehe du hin und sage es dem Obersten, daß er mir die bewußte Urkunde alsogleich ausliefern soll, sonst wird sie ihm mit Gewalt abgenommen werden; sollte er aber etwa sich bemühen, das Dokument zu vernichten, so kann er heute noch die Kreuzigung für gewärtig halten! – Gehe hin und sage ihm das!“
GEJ|3|147|8|0|Der Bemerker macht nun seine tiefe Verbeugung und entfernt sich mit großem Beben am ganzen Leibe. Wie er sich dem Obersten naht, sagt er vor großer Angst stotternd: „Wir sind – verloren! Das verfluchte, falsche Dokument – hat unseren – Lumpereien – die Krone – aufgesetzt! – Wenn heute – etwa noch nicht, – so morgen sicher – 's Kreuz! – Händige sogleich ohne Zaudern und Zögern das verfluchte Dokument dem Oberstatthalter ein, sonst hängst du heute noch am Kreuze! – Ein Satan muß dich verraten haben! – Cyrenius weiß um alles!“
GEJ|3|147|9|0|Als die schwarze Gesellschaft samt dem Obersten solches vernimmt, wird ihr und ihm etwas sonderbarlich zumute, und der Oberste nimmt das Dokument, übergibt es dem Sprecher und sagt: „Da nimm es, und trage es hin; wir sind verloren, denn mit dem ist unsere letzte Stütze gebrochen!“
GEJ|3|147|10|0|Der Sprecher tut das, bringt das Dokument dem Cyrenius und sagt: „Hoher Gebieter, hier ist das Dokument! Wir alle sind große und grobe Verbrecher und appellieren nun allein an dein Menschenherz!“
GEJ|3|147|11|0|Cyrenius nimmt das Dokument, liest es durch und sagt nach einer Weile: „Schau, wie fein und schlau! Sage du mir nun nichts anderes, als bei welcher Gelegenheit der Oberste zu dieser CHARTA ALBA [Unbeschriebene, nur mit einer Unterschrift versehene Urkunde.] gekommen ist!“
GEJ|3|147|12|0|Sagt der Bemerker: „Hoher Herr, ich weiß vieles; aber das weiß ich im Ernste nicht! Er hat das als Oberster schon von Jerusalem mit hierhergebracht; wer es ihm aber dort wohl verschafft hat, weiß ich nicht!“
GEJ|3|147|13|0|Sagt Cyrenius: „Weißt du es aber wohl gewiß, daß er dieses Dokument schon von Jerusalem mit hierhergebracht hat?“
GEJ|3|147|14|0|Sagt der Sprecher: „Er hat es uns gezeigt und gesagt und hat uns darauf in solche seine Macht einverleibt. Das ist alles, was ich weiß; mehr wird auch keiner von uns wissen!“
GEJ|3|147|15|0|Fragt Cyrenius weiter: „Wie hat er sich denn sonst als Mensch benommen?“
GEJ|3|147|16|0|Antwortet der Sprecher: „Ich weiß nichts Arges über ihn; er vertrat sein Amt stets strenge und dem jüdischen Geiste angemessen. Daß er übrigens seine Renten oft auf eine eben nicht sehr barmherzige Art eintrieb, ist bekannt; doch wüßte ich kaum, daß er sich je gegen jemand zu hart benommen hätte. Er mag vielleicht von früher her so manches auf seinem Gewissen haben, was er uns freilich nie enthüllte; aber seit seiner Amtierung hier wissen wir nichts, außer daß er gestern im Ernste bei der wunderlichen Gelegenheit etwas zu stark auf Opferungen drang. Freilich gab dazu das Volk selbst den meisten Anlaß!“
GEJ|3|147|17|0|Fragt Cyrenius weiter: „Hat der Oberste etwa zu öfteren Malen mit diesem Dokumente einen Mißbrauch gemacht?“
GEJ|3|147|18|0|Antwortet der Sprecher: „Bis auf heute haben wir nie etwas davon bemerkt.“
GEJ|3|147|19|0|Fragt Cyrenius: „Ist das alles reinste Wahrheit, was du mir nun kundgegeben hast?“
GEJ|3|147|20|0|Sagt der Sprecher: „Hoher Herr, dafür will ich sterben, so daran ein mir bekanntes unwahres Jota hängt!“
GEJ|3|147|21|0|Sagt Cyrenius: „Gut denn! Gehe hin und sage es dem Obersten, daß ich nun mit ihm reden will und er darum zu mir kommen soll; denn ich will sehen, was sich in dieser Sache noch zu eurem Wohle tun lassen kann!“
GEJ|3|147|22|0|Diesmal geht der Sprecher schon mit mehr Mut und weniger Fieber zum Obersten hin und überbringt ihm solches. Der Oberste bedenkt sich eine Weile und sagt dann: „Je nun, was wollen wir hier anders mehr machen – als zum bösen Spiele ein freundlich Gesicht?! Es ist immerhin besser, nur etwas zu verlieren denn alles!“
GEJ|3|148|1|1|148. — Das Bekenntnis des Obersten
GEJ|3|148|1|0|Mit dem begibt sich der Oberste zum Cyrenius hin und sagt: „Hier steht nun ein Machtloser vor dir. Dieser bildete sich eine Zeitlang ein, daß er als Mensch dieser Erde auch von allen jenen Rechten, deren sich auch nur Menschen dieser Erde bedienen, für sich einen Gebrauch machen könne; aber er verrechnete sich, als selbst ein Künstler im Rechnen, und kam zu der Überzeugung, daß die Hohen keine andern Hohen neben sich haben wollen! Darum will ich von nun an ein Allerniedrigster sein; vielleicht werde ich dadurch den Hohen angenehmer sein!“
GEJ|3|148|2|0|Sagt Cyrenius: „Daran wirst du sehr wohl tun! Aber nur das einzige sage du mir nun, aus welchem Grunde du dich vor mir anders zeigtest, als du warst! Habe ich dir doch wie einem Freunde die Hand geboten, und du schlugst sie aus! Was wolltest du damit denn so ganz eigentlich erreichen?“
GEJ|3|148|3|0|Sagt der Oberste: „Denke dir eines Menschen hohe Stellung! Neben dieser ruht stets ein geheimer Hochmutsbrief; dieser heißt ,Ehre und Macht des Amtes‘! Darauf fängt man gar leicht an zu sündigen; ist man im Sündigen aber einmal so recht darin, da wird man blind und taub und sündigt sich immer höher hinauf. Leider kommt man einmal sicher so hoch, wo es dann heißt: ,Bis hierher nur und nun keinen halben Schritt mehr weiter!‘ Ich bin nun auf den Punkt gekommen und werde sehr froh sein, mich so bald als möglich ganz tief unten zu befinden! Achtundsiebzig Jahre zähle ich bereits und habe wenig mehr darüber zu erwarten! Von nun an, so du mir den kurzen Lebensrest meiner Lebenszeit noch hinzuschenken willst, will ich mich nur mit dem rein Göttlichen befassen!“
GEJ|3|148|4|0|Sagt Cyrenius: „Gehe hin, – dort nahe am Hause des Markus wirst du an einem Tische Brot und Wein finden! Stärke dich damit, und wir wollen dann die Sache schlichten, ehe die Beansagten etwa anlangen!“
GEJ|3|148|5|0|Der Oberste macht nun ein fröhliches Gesicht, dankt und begibt sich schnell zum besetzten Tische hin. Der Alte war schon sehr hungrig und durstig, und es kam ihm die Sache äußerst erwünscht.
GEJ|3|148|6|0|Während der Alte aber sich stärkt, gehe Ich zum Cyrenius und sage zu ihm: „Also ist es recht; du hast die Sache ganz gut geleitet. Auch das Zeugnis, das du dem Nazaräer gegeben hast, war ganz in der besten Ordnung; aber Mich mit diesen Menschen völlig bekannt machen, wäre noch zu früh. Wenn die Sache in der Ordnung fortgeführt wird, wie es bis jetzt der Fall war, so könnte es sogar möglich sein und werden, diese Menschen ganz für uns zu gewinnen; aber eine Übereilung könnte die ganze Sache verderben.
GEJ|3|148|7|0|Ich werde dir nun den Raphael zur Disposition (Verfügung) stellen. Er wird tun, was du ihm sagen wirst; aber sei bei einer Wundertat vorsichtig! Für die Herstellung der hie und da noch glühenden Stadt lasse nichts tun, obschon der Engel gar wohl imstande wäre, die ganze Stadt in einem Augenblick wieder herzustellen. Denn Ich will es, daß dieser Ort eine Zeitlang in der gedemütigten Stellung verbleibe und endlich Markus und seine Kinder diejenigen sein sollen, durch die dem Orte wieder aufgeholfen werden soll. Alles andere aber kann er dir tun – aber dennoch stets mit einer gewissen und sicheren Vorsicht!“
GEJ|3|148|8|0|Sagt Cyrenius: „Herr, was wirst denn Du unterdessen tun?“
GEJ|3|148|9|0|Sage Ich: „Ich werde in deiner Nähe verbleiben und tun wie ein Fremder, wie bis jetzt. Wenn du aber nun gen Mittag ein Schiff wirst ankommen sehen, so gehe hin ans Ufer und empfange die Angekommenen in Meinem Namen; aber sage es ihnen, daß auch sie Mich dieser Menschen willen nicht vor der Zeit ruchbar machen sollen, damit die Sache mit den Pharisäern nicht verdorben werde. Den Boten und Sänger Herme aber laß zu Meinen Jüngern kommen; diese werden ihm für unsere Sache den nötigen Unterricht erteilen. Ich aber werde Mich mit dem Ouran über die künftige Einrichtung seines Staates besprechen und ebenalso mit dem Mathael und mit dessen Gemahlin. – Nun weißt du, woran du bist, und was du zu tun hast!“
GEJ|3|148|10|0|Sagt Cyrenius: „Jawohl, Du mein Herr und mein Gott; aber woran werde ich es erkennen, daß diese etlichen fünfzig Erzjuden für Dich reif sein werden?“
GEJ|3|148|11|0|Sage Ich: „Das wirst du schon zur rechten Zeit nach dem Mittagsmahle, das wir heute um eine Stunde später einnehmen werden, erfahren. Sei darum ganz unbesorgt, und mache alles andere gut und Meiner ewigen, göttlichen Ordnung gemäß!“
GEJ|3|148|12|0|Cyrenius war mit diesem Auftrage höchst zufrieden und voll Freude, daß Ich mit seiner Behandlung der Pharisäer völlig zufrieden war; Ich aber berief nun zugleich auch den Raphael und stellte ihn zur Verfügung unter den Willen des Cyrenius.
GEJ|3|148|13|0|Raphael kam schnell herbei und sagte: „Ich stehe hier, Gott, dir und allen Menschen, die eines guten Willens sind, in der Kraft und Macht und im Namen des Herrn zu dienen. Sei aber vorsichtig, was du anordnest; denn ich werde alles ausführen!“
GEJ|3|148|14|0|Sagt Cyrenius: „Freund aus den Himmeln! Würde ich handeln nach meinem Verstande, so möchte da wohl nichts als eine Torheit um die andere herauskommen. Daß es mir bisher mit den über die Maßen schlauen Pharisäern also gelungen ist, habe ich nur allein dem Herrn zu danken; denn Er gab mir Worte und den rechten Sinn ins Herz. Mein Verdienst dabei ist gleich null. Also hoffe und glaube ich, daß es auch bis ans Ziel gehen werde! Unter solchen Auspizien (Vorzeichen), Freund, können wir miteinander nach dem Willen des Herrn die weitere Durchführung des begonnenen Werkes mit den Pharisäern wohl wagen! Was meinst du da, mein Freund aus den Himmeln?“
GEJ|3|148|15|0|Sagt Raphael: „Ah, das ist ganz etwas anderes; bei diesem Sinne ist eine Sünde in der zu vollführenden Angelegenheit gar nicht denkbar! Und so wollen wir denn das Werk mit vereinter Gotteskraft in uns wieder beginnen!“
GEJ|3|148|16|0|Mittlerweile hatte sich der Oberste Stahar gestärkt, kam wieder zum Cyrenius zurück und dankte ihm recht von Herzen für solche ihm erwiesene Wohltat.
GEJ|3|149|1|1|149. — Der Oberste Stahar gibt seine Glaubensansichten kund
GEJ|3|149|1|0|Cyrenius schob den Dank von sich, sagend: „Freund! Dem Herrn Himmels und der Erde gebührt allein aller Dank und alles Lob; du aber wirst mir nun als höchst Eingeweihter im ganzen Judentume und als ein völliger Schriftgelehrter zu meiner Belehrung die Aufklärung geben, welchen Sinn du mit dem Begriffe ,Engel‘ verbindest! Was sind denn so ganz eigentlich die Engel Gottes, und wie dienen sie Gott und wie den Menschen?“
GEJ|3|149|2|0|Sagt Stahar: „Hoher Gebieter, das ist eine sehr kitzliche Frage, zumal es denn doch noch immer nicht vollauf erwiesen ist, daß es im Ernste wirklich Engel gibt! Die Schrift erwähnt ihrer wohl bei verschiedenen Gelegenheiten; aber dessen erwähnt sie nirgends auch nur mit einer Silbe, was und wer eigentlich die Engel in sich selbst sind, und wie und in welcher Weise sie Gott und den Menschen dienen!
GEJ|3|149|3|0|Nach dem Dahahlmud [Talmud: jüdisches Lehr- und Gesetzbuch.] sollen darunter nur die vom Gottwesen ausströmenden Kräfte in der Form von Flammenbündeln, die sich in der undenklichsten Gedankenschnelle nach allen Richtungen vom ewigen, unerforschlichen Zentrum Gottes wirkend bewegen, ungefähr wie die von der Sonne ausgehenden Lichtstrahlen, zu verstehen sein. Das kommt mir auch noch am annehmbarsten vor; ob nun aber das eine richtige und der Wahrheit gemäße Definition (Erklärung) ist, das ist eine andere Frage, worüber wahrscheinlich schwer je ein sterblicher Mensch eine wahre Antwort zu geben imstande sein wird.
GEJ|3|149|4|0|Man habe nach der Schrift die Engel auch zu öfteren Malen als Jünglinge von ungemeiner Schönheit auf der Erde den Menschen dienen sehen! Nun, das ist für starke Denker auch wohl ein starkes Stück Glaubens; ich und alle meine Kollegen haben wenigstens nie etwas Ähnliches zu Gesichte bekommen! Kann sein! Aber es kann das auch ebensogut eine alte, lyrische Redensart sein, durch die man der größeren Versinnlichung wegen die geistig wirkenden Kräfte personifiziert hat, ihnen die volle, jugendlich muntere, kräftige Form eines schönsten Jünglings gebend; denn einer Engelin hat noch nie ein Vers erwähnt, – wahrscheinlich weil die begeisterten Dichter sich in einer noch so vollkommenen und reizenden Jungfrau nie die große Kraft dachten wie in einem vollen, gesunden Jüngling.
GEJ|3|149|5|0|Sieh, hoher Gebieter, also sind da der reineren Vernunft nach die Meinungen sehr verschieden! Etwas Reelles scheint überall an der Sache zu liegen; aber was daran das eigentlich Wahre ist, läßt sich von uns Menschen wohl nicht ermessen. Da heißt es, das Volk schon beim Sinnenglauben lassen und erhalten, weil man ihm im Grunde denn doch nichts Besseres dafür bieten kann! Das ist aber nun auch schon alles, was ich dir auf deine sehr gewichtige Frage als eine allerbeste Antwort geben kann; denn dir kann ich doch nicht mit dem kommen, was man darüber dem Volke lehrt!“
GEJ|3|149|6|0|Sagt Cyrenius: „An die Möglichkeit einer leibhaftig persönlichen Erscheinung eines Engels glaubst du also nicht völlig?“
GEJ|3|149|7|0|Sagt Stahar: „Nicht nur nicht völlig, sondern gar nicht; denn ich habe noch nie die Ehre und das Glück gehabt, etwas Ähnliches selbst nur in einem Traume zu sehen, geschweige irgend in der Wirklichkeit. Ebenso konnten mir alle meine Kollegen, mit denen ich je in dieser Sache eine offene Besprechung geführt habe, nichts anderes sagen, als was ich selbst schon lange erfahren haben.
GEJ|3|149|8|0|Ich will zwar damit nicht gerade die äußerste Möglichkeit in eine volle Abrede stellen, außer für mich allein; aber das ist sicher, daß sich ein solcher Engelsgeist unseren Sinnen noch viel weniger als etwas formell Seiendes darstellen kann ohne ein naturmäßiges Medium, als sich der Lichtstrahl irgend als solcher manifestieren kann, wo er durchaus kein rückwirkendes Medium findet.
GEJ|3|149|9|0|Der Lichtstrahl der Sonne durchzieht sicher eher die Luft, als er wirksam den Boden der Erde berührt. In der Luft aber, als in einem noch zu geringen Medium, kann er kein Gras werden; aber am Boden der Erde kann er sich gleich einem Proteus schon in alles verwandeln, wozu er in der Materie nur irgendeine Disposition findet.
GEJ|3|149|10|0|Und so meine ich, da man in der großen Natur aller Dinge überall eine gewisse Mußordnung entdeckt, aber nie etwas entstehen sieht, wo nicht ein tauglicher Grund voranginge, und wo zu irgendeinem Effekte nicht ein taugliches Medium schon im Vordergrunde da wäre, da man ferner auch bei der sorgfältigsten Beobachtung der Naturdinge nirgends irgendeinen Sprung entdeckt, so bin ich denn auch gegen alle sogenannten Wunder und gegen das formell persönliche Auftreten eines Geistes unter was immer für einem Begriffsnamen, – sei es nun ein Engel oder ein Teufel, ein Gott oder sein Gegenpol.
GEJ|3|149|11|0|Ja, ein höherer Geist kann sich manifestieren, aber nie anders als im Fleische und Blute; was darüber ist, ist entweder eine Phantasie eines geistreichen Menschen, oder es ist eine bare Lüge!
GEJ|3|149|12|0|Leider, daß gerade wir, die wir die Wahrheit schon lange erkannt haben, mystisch aussehende und tuende Verbreiter und Erhalter der Lüge und des dicksten Aberglaubens sein müssen! Wir müssen da fromme Gesichter schneiden, wo wir über eine zu große Dummheit aus Ärger geradewegs zerbersten könnten! Aber da ist Moses, da sind die Propheten, – lauter herrschgierige Menschen, die das Volk zuerst mit allerlei natürlichem Spukwerk breitschlagen mußten, damit dieses sie dann für alle Zeiten zu ihren Beherrschern krönte und ihnen das Recht einräumte, es zu tyrannisieren mit allem, was nur immer ,Übel‘ heißt!
GEJ|3|149|13|0|Ist ein Volk aber einmal breitgeschlagen und gehörig durch lauter Wunder bis in den tiefsten Lebensgrund verfinstert, dann gib solch einem Volke nur Licht, aber ein wahres Licht, und das wird über dich wie ein Tiger herfallen und dich in Stücke zerreißen!
GEJ|3|149|14|0|Darum ist es noch immerhin besser, so man ein einmal sehr verdummtes Volk beim uralten, dummen Glauben läßt und denselben durch falsche Wunder neu auffrischt und belebt, als so man solch ein Volk aufzuklären sich bemüht, weil ein einmal sehr verdummtes Volk im allgemeinen gar nicht mehr aufzuklären ist!
GEJ|3|149|15|0|Es hat für mich eine Zeit gegeben, in der ich jeden Menschen, der mir mit einem Wunder die ohnehin schon höchst verdummte Menschheit offenbar noch dümmer zu machen sich bemühte, wie ein Tiger voll Grimm und Wut für sein schändliches Unternehmen anfiel und ihn womöglich sogar tötete; aber mit der Zeit erst kam ich nach vielen sublimen Versuchen zu der Überzeugung, daß die einmal zu verdummte Menschheit gar nicht aufzuklären ist, und fand dabei aber auch, daß ich sehr unrecht hatte, gegen jene Menschen zu Felde zu ziehen, die durch künstliche Wunder das Volk in seinem alten Aberglauben auf das wirksamste zu bestärken suchten.
GEJ|3|149|16|0|Ich meine mich dir nun offen gezeigt zu haben. Daß ich mich natürlich gegenüber dem Volke ganz anders zeigen mußte, wirst du hoffentlich auch ohne Ärger einsehen! Daß ich aber für mich stets anders dachte, dafür bürgt dir meine innere, bessere Überzeugung, die ich dir nie hätte zeigen können, wenn sie nicht in mir vorhanden wäre! Nun mache ich mir aus den Wundertätern aber nichts mehr; nur sollen sie gegen geweckte Menschen meinesgleichen nicht wie gewöhnlich, aus Brotneid zu Felde ziehen, sondern sie sollen uns schön unter die Arme greifen, und wir werden dabei alle gut bestehen.
GEJ|3|149|17|0|Denn man muß es die unaufhellbare Menschheit nie merken lassen, daß eigentlich hinter uns gar nichts steckt, sondern man muß sie durch künstliche Wundertaten in der Meinung und in dem blinden Glauben erhalten, daß hinter uns unergründliche Geheimnisse stecken, die nur ein vom Gottesgeiste durchdrungener Priester und ein von Gott eigens erweckter Prophet bis auf den Grund verstehen kann.
GEJ|3|149|18|0|Es genügt, daß da nur wenige einsehen, daß alle Lehren über irgendein Gottwesen nichts als – unter uns gesagt – eitle, alte Fabeln sind, die in der menschlichen Phantasie und sonst nirgends einen Grund haben.“
GEJ|3|150|1|1|150. — Raphael und Stahar
GEJ|3|150|1|0|Sagt Cyrenius: „Der Meinung bin ich wieder durchaus nicht; denn ich glaube fest daran, daß es einen Gott gibt, der alle Geister- und Sinnenwelt aus Seiner höchst eigenen Machtvollkommenheit, und zwar aus Sich heraus, erschaffen hat, nur natürlich in einem etwas längeren Zeitraume als in dem von Moses, schlecht oder gar nicht verstanden, angegebenen. Es gibt aber hier Männer, die Moses besser verstehen denn du!
GEJ|3|150|2|0|So glaube ich auch an ein ewiges Leben aller Menschen, die aus gutem Willen das Gebot Gottes tatsächlich erfüllen, glaube auch vollkommen an die formelle Persönlichkeit aller Geister und somit auch der Engel Gottes, glaube fest an eine wirkliche Offenbarung Gottes durch den Mund der Propheten und glaube sogar an eine gottmenschliche Persönlichkeit!
GEJ|3|150|3|0|Und ich glaube dies alles nicht bloß nur vom Hörensagen, sondern aus meiner innersten und lebendigsten Überzeugung, und es befremdet mich darum sehr, daß du von all dem gar nichts glaubst!
GEJ|3|150|4|0|Was würdest du denn sagen, so ich ganz ernstlich zu dir spräche: ,Siehe, dieser liebliche Jüngling hier ist eben solch ein von dir nie geglaubter Engel Gottes und kann sich dir auch als solcher allzeit durch die Taten erweisen?‘ – Was wirst du mir dagegen einwenden können?“
GEJ|3|150|5|0|Sagt Stahar: „Hoher Herr, darauf kann ich nichts anderes sagen als: Dir ist es nun gefällig, mich ein wenig vor allen Menschen durchzulassen! Dieser liebliche Junge ist sicher nur ein hoffnungsvoller Sohn von dir, und es wird sich nicht fehlen, daß du ihn schon von frühester Kindheit an in allen möglichen Künsten und Wissenschaften hast unterweisen lassen, und es sollte da schon alles zur Null werden, wenn der Junge nicht gewisse Fertigkeiten besäße, von denen unsereinem noch nie etwas geträumt hat.
GEJ|3|150|6|0|Wenn ich so ein leichtgläubiger Ochse wäre, so könntest du mir damit schon so einen frommen Bären anhängen; aber so dürfte es sich wohl schwer machen. Denn ich weiß, was ich weiß, und bei dir wird's geheim auch derselbe Fall sein, – nur scheinst du mich hier wieder auf eine neue Probe stellen zu wollen.“
GEJ|3|150|7|0|Sagt Cyrenius: „Nun, wenn du es dafür hältst, als hätte ich dich zum besten, so stelle im Namen Gottes des Herrn mit ihm eine Probe an, und es wird sich dann ja zeigen, ob ich dir recht berichtet habe oder nicht!“
GEJ|3|150|8|0|Stahar sagt: „Gut, wenn du mir das zugestehst, so werde ich dir mit deinem Engel sogleich die dreifache Mosisdecke vom Gesichte heben, daß du darauf gleich wirst klar sehen können, wie es mit dem Engel steht! – Komm demnach her, du mein holder, junger Engel!“
GEJ|3|150|9|0|Raphael tritt hin zum Stahar und sagt: „Was willst du, Glaubensloser, das ich dir tun soll?“
GEJ|3|150|10|0|Sagt Stahar: „Sieh, in diesem Meere hausen eine Menge Fische; könntest du mir wohl einen besten aus der Tiefe herausholen und mir ihn aber auch zugleich schon gebraten und recht wohl zugerichtet auf einer Schüssel vorstellen?“
GEJ|3|150|11|0|Stahar hatte dies noch kaum ausgesprochen, als Raphael ihm schon den verlangten Fisch auf einer großen Schüssel vorhielt und ihn dazu einlud, den Fisch nun auch zu verzehren.
GEJ|3|150|12|0|Als Stahar solches ersah, da wurde er ganz entsetzlich verlegen und wußte nicht, was er auf diese unbegreifliche Erscheinung sagen sollte.
GEJ|3|150|13|0|Raphael aber ladet auch Cyrenius dazu ein, den Fisch, der sehr wohl zugerichtet ist, zu verkosten. Der Fisch ward in Stücke zerteilt. Cyrenius nahm sich gleich ein gutes Stück heraus, aß es und rühmte überaus den Wohlgeschmack. Darauf versuchte auch Stahar ein Stück, aß es und fand das Lob des Cyrenius bestätigt, und endlich nahmen noch mehrere Gäste sich Portionen vom Fische und fanden sie überaus wohlschmeckend.
GEJ|3|150|14|0|Als sogestaltig der ganze Fisch verzehrt war, wandte sich Stahar erst ganz demütig an den Raphael und sagte: „Bist du wirklich ein Engel des Herrn, oder bist du nur so ein junger, außerordentlicher Zauberer aus Europa oder Afrika oder aus dem großen Hinterasien? Die Tat ist zwar unbegreiflich und nie dagewesen wunderbar; aber es gibt auch Zaubereien und große Zauberer unter den Menschen, durch die ein Laie in derlei Dingen sehr leicht irregeführt werden kann. Darum sage du mir vollwahr, ob du wohl möglicherweise ein Engel des Herrn bist – oder vielleicht doch ein Zauberer?!“
GEJ|3|150|15|0|Sagt Raphael: „Was würde dir da mein Ja oder Nein nützen?! Der Zweifler braucht handgreifliche Beweise! Prüfe mich und erkenne daraus, ob das, was ich tue, auch irgendein Zauberer tun kann!“
GEJ|3|150|16|0|Sagt Stahar: „Ja, ja, es wäre gut prüfen, wenn man nur wüßte, womit man mehr mit so etwas – hm, – ja, mir fällt nichts ein, womit ich dich, du holdester Junge, noch weiter prüfen könnte, und zudem ist die Effektuierung des von mir eigentlich lächerlich verlangten ersten Probestückes schon so außerordentlich, daß sich etwas noch unmöglicher Ausführbares gar nicht mehr denken läßt! Deiner unendlich lieblichen Gestalt zufolge aber möchte ich schon wahrlich nun eher glauben, daß du im Ernste ein Engel Gottes denn ein Zauberer seiest! Nur scheinst du wirklich einen Leib zu haben, und da schaut denn doch kein so rechter Geist heraus. Laß dich doch von mir anfühlen, ob du auch Knochen hast!“
GEJ|3|150|17|0|Der Engel läßt sich nun von Stahar anfühlen, und Stahar findet alles gediegen und kompakt beim Raphael; da zuckt er gewaltig mit den Achseln und sagt: „Hm, hm, da strotzt ja alles in der ganz verzweifelt üppigsten Fleischesfülle; da sieht es eben nicht sehr geistig aus! Die Tat, ja, gegen die läßt sich nichts einwenden; aber der ganz verzweifelt schöne, volle, weit über alle Jungfrauen hinaus üppige Leib, dieser wunderherrliche Arm, und so gediegen und kompakt, ja, da schaut denn doch gar nichts Geistähnliches heraus! Man könnte in dich, ganz offen zu gestehen – abgesehen, daß man schon ein alter Esel ist, und abgesehen, daß du dem Männerstande angehörst –, sogar mit der größten Leichtigkeit ganz mörderisch verliebt werden und so sinnlich als nur immer möglich! Und siehe, da schaut denn schon wieder nichts von so etwas heraus, das man mit vollstem Rechte rein und himmlisch Geistiges nennen könnte! Es müßte denn nur also sein, daß du, gleich einem jungen Tobias geheim uns sterblichen Menschen unsichtbar, von einem Engel unterstützt wirst, das heißt, so du schon von Geburt an gleich einem Samuel ein überaus frommer Knabe warst! Wäre aber dies nicht der Fall, so könntest du auch ebensogut im geheimen Verbande mit dem ,Jehova-steh-uns-bei‘ stehen, was ich freilich um so weniger vermute, da du sonst ein zu himmlisch frommes und schönes Aussehen hast, und weil ich, offen gestanden, an den ,Jehova-steh-uns-bei‘ eigentlich noch nie so recht fest geglaubt habe. Es ging mir sogar mit dem Vollglauben an einen Gott schlecht, um so mehr dann erst an dessen Gegenpart!
GEJ|3|150|18|0|Daher bin ich trotz meiner äußerlichen Strenge bei mir selbst dennoch kein Zelote, sondern ein vernünftiger Naturalist und nehme darum so lange irgendeine Erscheinung nicht als geistig an, als sie sich nur im geringsten noch natürlich erklären läßt!
GEJ|3|150|19|0|Deine nun vollbrachte Tat läßt meinem Verstande freilich wohl keine natürliche Erklärung zu; aber ich habe es mir auch noch nie eingebildet, alles zu verstehen, was irgendwo im großen Gebiete der Natur zum Vorschein kommt. Es kann daher deine Wunderkunst auch noch irgendeinen natürlichen Grund haben, der dir wohlbekannt sein wird und vielleicht noch manchem andern. Mir wirst du ihn schwerlich kundgeben; allein das macht eben nichts, denn es geschieht in der Natur gar manches, das an und für sich auch ein Wunder ist, dessen Grund wir nicht einsehen. Sollten wir es darum sogleich etwa als ein volles Wunder ansehen?!“
GEJ|3|151|1|1|151. — Stahars Erlebnis mit indischen Magiern
GEJ|3|151|1|0|(Stahar:) „Sieh, holdester, zauberkunstgewandter Junge! Vor ungefähr drei Jahren kamen nach der Stadt etliche Morgenländer, wie sie angaben gar aus Hinterindien, wo es etwa so hohe Berge geben soll, daß deren Spitzen nahe den Mond, wenn er vorüberzieht, berühren. Nun, das mag sein; aber die Fremden, um recht viel Aufsehen zu erregen, übertrieben alles und somit auch die Höhen ihrer Berge!
GEJ|3|151|2|0|Lassen wir aber das; denn daran liegt nichts, ob ihre Berge etwa auch um etliche Ellen niederer sein dürften! Diese äußerst merkwürdig aussehenden Hinterindier baten mich um die Erlaubnis, ihre wahren Wunder gegen eine mäßige Bezahlung vor dem Volke ausführen zu dürfen.
GEJ|3|151|3|0|Ich sagte aber durch einen Dolmetsch zu ihnen: Bevor ich mich nicht selbst unter vier Augen, wie man zu sagen pflegt, überzeugt habe, worin ihre Wundertaten bestünden, und ob es geraten sei, solche dem blinden Volke vorzuführen, könnte ich ihnen, trotzdem ich selbst ein großer Freund alles Außerordentlichen bin, nicht die Erlaubnis erteilen, was immer für noch so unschuldige Wunder vor allem Volke zu produzieren!
GEJ|3|151|4|0|Die Wundermänner waren mit diesem meinem Bescheide um so mehr zufrieden, als ich ihnen für ihre Produktion bloß vor mir und vor ein paar vernünftigen Kollegen ein gutes Honorar zusicherte.
GEJ|3|151|5|0|Sie gingen in ihre in der Stadt genommene Herberge und kamen nach einer Stunde mit allerlei von mir früher nie gesehenen Zauberrequisiten zurück; da waren Stäbe, Steine, sonderbar aussehende Metalle, große und kleine verschieden geformte Gefäße, von denen mir auch keines von einer schon bekannten Form war.
GEJ|3|151|6|0|Ich fragte ihren Obersten, wozu er alles das brauchen würde, und er sagte: Eigentlich zu gar nichts; aber es müßte etwas Einheimisches in seiner Nähe sein, ansonst er nicht so gut und sicher ein verlangtes Wunder auszuführen imstande wäre. Er fragte mich darauf, was ich von ihm zu sehen oder zu wissen wünsche.
GEJ|3|151|7|0|Ich sagte: ,Gut, wenn ich nur zu verlangen brauche, da wirst du mit deinen Zaubereien keine weiten Sprünge tun!‘ Ich fragte ihn, ob er mir sagen könne, was ich mir nun denke. Ich dachte mir Rom und des Kaisers Namen. Er legte darauf seine beiden Hände über die Brusthöhle und sagte mir meinen Gedanken. Daß mich das in ein nicht viel minderes Staunen versetzte als deine Tat nun, kannst du dir leicht einbilden!
GEJ|3|151|8|0|Darauf setzte ich ihm einen Krug Wassers vor und sagte: ,Verwandle mir dieses Wasser in Wein!‘ Da ging er hin, machte mit seinen Händen einige Striche und Züge über den Krug und über das Wasser und sagte darauf: ,Versuche, Herr, wie dieser Wein dir schmeckt!‘ Ich verkostete das Wasser sogleich, und sieh, es war ganz vollkommen Wein! Hierdurch mußte ich eigentlich noch mehr zum Staunen kommen.
GEJ|3|151|9|0|Darauf nahm er ein irdenes Gefäß, das vollkommen leer war, goß des Weines Rest hinein, vorgeblich zur Stärkung auf der baldigen, weiten Heimreise. Als ich aber hernach sogleich das Gefäß, das sonst ganz rein aussah, betrachtete, fand ich es nicht einmal naß, geschweige etwas darin; wohl aber roch es stark nach Wein, und der Zauberer bemerkte, daß er den Wein wegen leichter Verschüttung lieber im trocken-geistigen Zustande mitnähme.
GEJ|3|151|10|0|Ich fragte ihn, ob er denn nun aus diesem Geruche nach Wein wohl sogleich oder je wieder einen flüssigen, trinkbaren Wein zustande bringen könnte. Er fragte darauf mich und meine drei Kollegen, ob wir noch zu trinken wünschten. Wir bejahten solches, und er nahm das sichtlich leere Gefäß, das sichtlich kleiner war als mein Wasserkrug, und goß darauf so viel Weines in meinen Krug, daß der Wein überzufließen begann!
GEJ|3|151|11|0|Ja, junger, holder Freund, da fingen uns denn doch die Haare an gen Berge zu steigen; denn das ging doch schon zu weit über unsern Weisheitshorizont hinaus! Ich wußte nicht, was ich dazu hätte sagen sollen! Wir tranken darauf recht wacker den sehr guten Wein, und – wieder ein neues Wunder! – der Krug wurde nicht ums Kennen (erkennbar) leerer!
GEJ|3|151|12|0|Als wir uns, vom Weine schon recht begeistert, darüber hoch und teuer verwunderten, sagte der Magier: ,Aber, meine Herren, Wein ohne Brot geht denn doch nicht ganz gut! Sehen Sie hier etliche Steine; wie wäre es denn, so ich sie in Brot verwandelte?‘ Sagte ich: ,Tue das!‘ Darauf bestrich er die Steine mit seinen Händen und sagte darauf: ,Nimm ein Messer und schneide das Brot auf!‘ Ich tat das, und sieh, es war Brot, gutes, schmackhaftes Brot!
GEJ|3|151|13|0|Ich sagte darauf: ,Aber Freund, wenn du solches zu leisten imstande bist, so möchte ich nun denn doch wissen, wozu du noch eine Zahlung für deine außerordentliche Kunst benötigst?‘ Sagt der Magier: ,Bloß der Rarität wegen, und um an Orten, da man nicht Wunder wirken kann und darf, ein Mittel zu haben, sich materiell zu versorgen.‘
GEJ|3|151|14|0|Ich war mit dieser Antwort zufrieden, versorgte den Magier mit zwei Pfunden Silbers, die er dankbar annahm, konnte ihm aber wegen der zu großen Außerordentlichkeit nicht die Erlaubnis geben, seine Kunst auch öffentlich vor dem blinden Volke zur Schau zu stellen; denn dem hätte das Volk gleich eine göttliche Verehrung erwiesen, besonders die Griechen und die etlichen Römer.
GEJ|3|151|15|0|Er sagte mir, daß er noch eine große Menge von allerlei Wundern zu leisten imstande wäre, die noch um vieles denkwürdiger wären als das bereits Geleistete! Ich aber hatte wahrlich keinen besondern Wunsch mehr, noch weiteres zu verlangen und anzusehen. Mir hatte das bereits Gesehene den Kopf schon zu heiß gemacht, und ich war recht froh, daß diese Hinterindier sich wieder von der Stadt gänzlich entfernten; denn diese hätten das ganze Volk ordentlich rebellisch gemacht.
GEJ|3|151|16|0|Ich fragte den Magier am Schlusse, ob er mir gegen Geld und gute Worte nur eine seiner Künste erläutern wolle. Er schlug es mir zwar gerade nicht trocken ab, verlangte aber so viel Geldes darum, daß mir darob geradewegs zu schaudern begann, und ich entließ darauf den Künstler noch um vieles leichter.
GEJ|3|151|17|0|Siehe, du mein allerholdester Junge! Der Magier aus Hinterindien war gewiß auch so wenig ein Engel des Jehova als ich und hatte dennoch erstaunliche Taten vollbracht; warum solltest du mit deinem freilich, wie man sagt, ganz himmlisch schönen Leibe darum ein Engel sein, weil auch du für meinen groben Menschenverstand Außerordentliches zu leisten imstande bist?!
GEJ|3|151|18|0|Du mußt mir sonach schon mehr rein geistige Beweise von deiner göttlichen Engelschaft geben, ansonst ich dich für keinen Engel Gottes ansehen kann, und würdest du mir hundertfach größere Wunder vormachen, als das bereits verzehrte (gemeint ist der Fisch) war! Und ich meine, daß gegen diese meine höchst vernünftige Anforderung kein wahrhaft nüchtern Vernünftiger mir eine Einwendung wird zu machen imstande sein!“
GEJ|3|152|1|1|152. — Stahar erzählt die Ermordung des Hohenpriesters Zacharias
GEJ|3|152|1|0|Sagt Raphael: „Es handelt sich nun nur darum, ob du wohl die Wahrheit geredet hast oder nicht! Ich kann es dir bestimmt sagen, daß du nun, bloß um mein Geistiges näher zu prüfen, ganz abscheulich und stinkend gelogen hast nach deiner ungebundensten Phantasie, und daß von all dem, was du nun ganz gut erzählt hast, nicht eine Silbe wahr ist!
GEJ|3|152|2|0|Der fingierte Magier soll dir deinen Gedanken erraten haben; und ich habe es nun erraten, daß du uns alle nun nach der Elle angelogen hast! Und da ist denn nun die Lüge von den Magiern an mir für dich zur Wahrheit geworden!
GEJ|3|152|3|0|Der fingierte Magier hat nach deiner Lüge Wein aus Wasser gemacht; siehe, auch das kann ich dir in der Tat zeigen! Siehe, da steht auch ein leerer Krug; lassen wir ihn mit Wasser füllen! (Der Krug ward mit Wasser gefüllt. ) Sieh, hier steht er voll Wassers! Ich habe den Krug nicht berührt, und doch ist das Wasser zum besten Weine geworden! – Koste ihn, ob er dir schmeckt!“
GEJ|3|152|4|0|Stahar kostet das Wasser und findet nun im Ernste, daß es zum besten Weine geworden ist.
GEJ|3|152|5|0|Spricht der Engel weiter: „Der Magier aber machte darauf den Wein in einem andern Gefäße verschwinden; und sieh, ich rühre das Gefäß nicht an, und doch ist nun auch kein Tropfen Weines mehr darin! (Der Krug war trocken leer.) Aber dein fingierter Magier machte darauf bloß aus dem Geruche wieder Wein; und sieh, dieser Krug riecht gar nicht mehr nach Wein, und ich will dennoch, daß er abermals voll des besten Weines werde! – Sieh, der Krug ist voll!
GEJ|3|152|6|0|Aber du hast ja kein Brot zum Weine und magst den puren Wein nicht leicht trinken! Dein Magier bedurfte etlicher Steine, um sie in Brot zu verwandeln; ich brauche nichts als meinen Willen, – und sieh, schon liegt vor dir eine Menge Brotes! – Verkoste es, ob es nicht besser schmeckt als dein erlogenes!
GEJ|3|152|7|0|Du beschenktest darauf deinen Magier mit zwei fingierten Pfunden Silbers; und ich schaffe dir hier aus der Luft zweihundert Pfunde wirkliches, gediegenes Silber als gute Zahlung für deine Lüge! – Sage, ob du nun damit zufrieden bist!“
GEJ|3|152|8|0|Stahar macht hier übergroße Augen und sagt nach einer Weile: „Nein, da kann es unmöglich mit natürlichen Dingen und Kräften zugehen! Da wirkt offenbar mehr als irgendeine noch so unerforschliche Naturkraft! Da steckt ein allmächtiger Gotteswille dahinter, und du, Junge, bist entweder ein wirklicher, verkörperter Engel, oder du bist einer der größten Propheten Gottes wie Samuel oder wie Elias!
GEJ|3|152|9|0|Ja, jetzt glaube ich, daß du ein Gottesbote aus den Himmeln zu uns armen, sündigen Menschen bist, um uns vom rechten Wege weit Abgewichene wieder auf denselben zu setzen!
GEJ|3|152|10|0|Es ist wahr, großer, holdester Bote des Herrn, daß meine dir ehedem erzählte Historie (Geschichte) von den hinterindischen Magiern so gut als von mir ersonnen war, – aber dennoch nur nach dem Muster, wie sie mir selbst von jemand einmal erzählt wurde. Ich erzählte sie nur, um dich näher zu prüfen, fand aber, daß du im Ernste Herz und Nieren durchschaust, und daß deinem Willen wirklich das Unmöglichste gar spielend leicht möglich wird.
GEJ|3|152|11|0|Und also glaube ich aber nun auch eisenfest, daß du trotz deines schönsten Leibes ein vollkommenster Bote Gottes bist, und habe nun eine große Freude in meinem Herzen, daß auch ich einmal erlebt habe, was da beschrieben ist im Buche, daß solches auch dann und wann in den alten Zeiten die frommen Väter erlebt haben!“
GEJ|3|152|12|0|Sagt der Engel: „Du erlebtest aber nun nicht zum ersten Male etwas, das die alten Väter erlebt haben! Du hast ja vor dreißig Jahren auch schon etwas Ähnliches im Tempel erlebt, worauf dann eben der damalige Oberpriester hauptsächlich durch deine Hand zwischen dem Altare und dem Allerheiligsten fiel! Warum glaubtest du denn damals nicht dem offenbaren Wunder, und warum wurdest du grausam gegen einen Oberpriester sogar?!“
GEJ|3|152|13|0|Sagt Stahar: „Liebster, allmächtiger Bote des Herrn, erinnere mich nicht an eine Zeit, in der ich sicher nur durch einen Fluch das Licht der Welt erblickte, und an eine Tat, die ich nachher mehrere tausend Male tiefst bereut habe! Aber es war damals für mein Gemüt und für mein Wissen nahe nicht anders möglich!
GEJ|3|152|14|0|Ich war geheim in der Philosophie der Griechen schon durch und durch bewandert und wußte, warum ich ein Mensch ward. Plato und Sokrates, sowie auch Aristoteles, waren mir um tausend Male lieber als alle meine finsteren und höchst mystischen Propheten, die ich bis zur Stunde noch nicht verstehe und auch nie verstehen werde, weil sie eigentlich nicht zu verstehen sind, besonders aber die Hohenlieder Salomonis, die eher einem Wahnsinnigen als einem Weisen gleichsehen. Ich hatte darum eine ordentliche Wut gegen alles bekommen, was nur irgend im geringsten Streite mit der reinen Euklidischen Vernunft stand, nach dessen Werken ich so ganz eigentlich zu einem Rechenmeister geworden bin.
GEJ|3|152|15|0|Mein allmächtiger, himmlischer Freund! So mir jemand sagt: 2 und 2 sind 4, und daß der Tag Licht hat und die Nacht Finsternis, dann hat er die volle Wahrheit geredet, und ich werde ihn als Freund an meine Brust drücken. Wenn einer aber kommt und mit starrem Sinne mir ins Gesicht behauptet, daß 2 und 2 = 5, und daß der Tag finster und die Nacht licht sei, so schlage ich einen solchen Ochsen gleich mit einem Schlage tot; denn so ein Geistesmörder ist bei mir ja bei weitem ärger als ein jeder Dieb und Straßenräuber und Mörder!
GEJ|3|152|16|0|Und sieh, also war es damals im Tempel! Man fing schon an, das Unsinnigste zu behaupten, und setzte sogar Strafen darauf, so jemand gegen einen noch so salomonisch finstern und dummen Weisheitsspruch nur eine geringste Entgegnung zu äußern sich unterfinge!
GEJ|3|152|17|0|Der besagte Oberpriester war so ein rechter Salomonianer und hielt streng auf die allermystischste Weisheit; er fing sogar an zu besingen ein hellstes Licht, das nun in die Welt käme. Dieses werde nun erleuchten alle Finsternis in der Nacht also mächtig, daß selbst die finstersten Löcher unter der Erde heller leuchten würden denn die Sonne des hellsten Mittags; aber aus dem Tage der Welt würde werden eine finsterste Nacht, und des Tages Finsternis werde so groß werden, daß daran sterben würden Menschen und Tiere. Das Licht der Nacht sei schon in der Welt und erleuchte bereits schon die Finsternis der Nacht, daß da sogar die Blindgeborenen sähen wie die Sehenden am hellsten Tage!
GEJ|3|152|18|0|Dies nun Gesagte ist nur so ein ganz leiser Anfang, der natürlich vom ALPHA bis OMEGA kernfest erlogen ist, da ich noch bis zur Stunde durch volle dreißig Jahre außer dem Vollmonde kein Nachtlicht bemerkt habe, – die gestrige verlängerte Abendbeleuchtung auch ausgenommen, die aber ganz gut hätte ausbleiben können, wodurch viel Unglück wäre verhütet worden. Niemand durfte ihn fragen, was darunter zu verstehen sei, und dennoch verlangte er den vollsten Glauben.
GEJ|3|152|19|0|Das in Jehovas Namen hätte ich noch ertragen – denn zu vielem Unsinn noch ein wenig mehr Unsinn, das macht nichts, weil man dabei noch immer für sich rein und wahr denken kann –; aber da fing er einmal an: Die 7 werden nun 1, und die 666 werden nun 111, und 777 und ½ und 1/3 und ¼. Wer da rechnen kann, der soll nun anders rechnen; denn das Alte wird nun gerichtet und verdammt werden!
GEJ|3|152|20|0|Dergleichen Unsinn noch mehr setzte mich und mehrere Schüler des Euklid in die allergrößte Besorgnis, Angst und Wut; wir verschworen uns und machten der zu beleidigenden Dummheit durch einige gut gezielte Steinwürfe ein Ende!
GEJ|3|152|21|0|Aber wir haben damit eben nicht viel gewonnen; denn die Nachfolger des Getöteten waren hernach noch um hundert Male ärger. Da war es denn aber für unsereinen im Tempel auch gar nicht mehr zum Bleiben; ich besann mich, spielte einen Erzgleißner und ward infolgedessen bald hierher als ein Oberster gesetzt mit allen Rechten des Oberpriesters. Hier ließ ich mir nichts abgehen und spielte äußerlich den Strengen; aber innerlich war ich ganz gut und voll guter Dinge. Da hast du nun auch den Grund, warum der Zacharias getötet ward! – Was sagst du nun wohl dazu?“
GEJ|3|153|1|1|153. — Raphael gibt Erklärungen über die Messiasprophezeiungen
GEJ|3|153|1|0|Sagt Raphael: „Aber das hatte ja doch handgreiflich einen geistigen und keinen materiellen Sinn! Es hatte Bezug auf den in jener Zeit in die Welt kommenden Messias, von dem schon alle Propheten, ja sogar schon Adam und Henoch, wie auch Kenan in seiner Begeisterung, geweissagt haben!
GEJ|3|153|2|0|Die Zeit ist nun herbeigekommen, in der alle die Weissagungen in die Erfüllung gekommen sind! Zacharias weissagte als ein letzter Prophet in geistiger Weise von der erfolgten Ankunft des Verheißenen, und ihr tötetet darum sein Fleisch und besiegeltet dadurch von neuem einen treuen Bund mit der Hölle, den zuerst Kain im Kampfe mit dem frommen Abel für die blinde, dumme und arge Menschheit eröffnet hatte.
GEJ|3|153|3|0|Aber es kann der zu blinden und zu dummen Menschheit eben nicht zu hoch angerechnet werden, so sie in ihrer Blindheit Sünden aller Art von Grausamkeit begeht, und sollst auch du wegen Zacharias nicht gerichtet werden, und darum um so weniger, weil du solchen Frevel schon oft und oft recht ernstlich bereut hast, was dir sehr zugute gezeichnet ward; aber es fragt sich nun, was du tun würdest, so du im Angesichte des schon seit dreißig Jahren in dieser Welt unter den Juden wandelnden und lehrenden Messias stündest, und was deine fünfzig Kollegen tun würden! Würdest du Ihm die gebührende Ehre geben und Ihn als das in deinem Herzen anerkennen, was Er ist?“
GEJ|3|153|4|0|Sagt Stahar: „Du mein allmächtiger Freund, das ist schon wieder eine Frage, über deren Beantwortung man sich Hals und alle Beine zerschmettern könnte! Wer ist der sehr mystisch verheißene Messias? Wo ist Er? Was will Er, und was lehrt Er? Bevor man das nicht weiß, kann man ja um Jehovas willen keine bestimmte Antwort von sich geben!“
GEJ|3|153|5|0|Sagt Raphael: „Er ist Das, was David von Ihm sang, da er sagte: ,Machet die Tore hoch und die Türen breit, damit der Herr aller Herrlichkeit einziehe! Wer aber ist der Herr der Herrlichkeit? Es ist Jehova Zebaoth!‘ (Psalm 24,9-10). Siehe, solch ein Zeugnis gibt er dem Messias, der nun als heilig, heilig, heilig in dieser Welt Sich befindet körperlich wie wir!
GEJ|3|153|6|0|Wenn aber nun David solches klar von Ihm aussagt, so sind in dem deine Fragen beantwortet, und du weißt nun schon, wie du mit dem Messias daran bist; aber nun fordere ich auch eine bestimmte Antwort auf meine dir gestellte Frage!“
GEJ|3|153|7|0|Sagt Stahar: „Wenn also, was ich in meiner subjektiven Sphäre gar nicht bezweifeln will, dann frage ich aber: Wohin tun wir hernach Moses, bei dem es doch auch ganz kategorisch klar lautet: ,Jehova kann kein Mensch schauen und danebst behalten das Leben!‘? Zugleich finden wir in Moses ein förmliches Interdikt (Verbot) von seiten Jehovas an den großen Seher, laut dem sich nie jemand Gott unter irgendeinem noch so erhabenen Bilde vorstellen soll! Du aber sprichst, daß der Messias nach dem Ausspruche Davids nun selbst als ein Mensch in corpore (körperlich), somit also sehr formell, einherwandelt!? Wie sieht es dann mit dem Verbote Gottes in Moses aus; was soll mit dem geschehen?! Einer muß da verworfen werden, entweder Moses oder dein Messias, denn beide, Moses und David, können unmöglich recht haben!“
GEJ|3|153|8|0|Sagt Raphael: „Weder Moses noch David! Denn beide verkünden den Menschen das Rechte, Gute und Wahre! Moses sagte nicht im Geheiße Jehovas, daß Dieser dereinst nicht als ein Mensch unter den Menschen erscheinen könne; er verbot nur, sich von Gott ein geschnitztes Bild zu machen, etwa nach der Art des goldenen Kalbes. Also sagte Jehova auch zu Moses, daß Ihn als Gott oder Geist niemand sehen und leben könne; gleich darauf aber sprach Jehova dennoch zu Moses: ,Siehe nach, – du aber bleibe hinter dem Felsen!‘, und Moses sah den Rücken Jehovas.
GEJ|3|153|9|0|Was besagt aber das? Siehe, der Rücken des Jehova, den Moses sah, bezeichnet eben das Menschlich-Körperliche Desselben, unter dem Er dereinst den Menschen als Selbst der vollkommenste Mensch sichtbar werden werde! Wenn aber also, wie soll man da Moses verwerfen, so man Davids Zeugnis annimmt?
GEJ|3|153|10|0|Habt ihr aber doch auch schon seit dreißig Jahren die alte Lade des Bundes auf die Seite gestellt, weil von der alten die Feuersäule und Rauchwolke verschwand, und setztet eine neue, ganz materielle an die Stelle der alten! Solches aber ist auch, ohne daß ihr es verstehet, ein Zeugnis für diese Zeit und besagt, daß Jehova nun nicht mehr nur als ein alleiniger Geist über aller Materie erhaben schwebe, wie einst über den Wässern der Nacht, sondern Er Selbst verließ solche Stellung, in der Er Sich als Schöpfer und Vater nur schwer und unsicher durch den erweckten Seher den andern Kindern zu erkennen gab. Er trat darum Selbst ins Fleisch eines Menschen und lehrt nun die Menschen Selbst und bespricht Sich mit Seinen Kindern!
GEJ|3|153|11|0|Siehst du hier nicht auch eine neue Lade des neuen Bundes, von der die tote neue im Tempel wohl ein mahnendes Symbol ist? Aber das Geistleben Jehovas, das ehedem über der alten Lade schwebte, hat Jehova Selbst schon vor dreißig Jahren in den Gottmenschen gelegt, und Dieser ist nun hier in der Welt und lehrt die Menschen Selbst Ihn erkennen!
GEJ|3|153|12|0|Wenn die Sachen sich aber also verhalten, kannst du da noch sagen: man müsse, um das anzunehmen, Moses oder den David verwerfen?
GEJ|3|153|13|0|Auch steht es geschrieben: ,In jener Zeit aber werden die Himmel weit geöffnet offen stehen, und die Engel werden auf- und niedersteigen zu den Menschen, die eines guten Willens sind, und werden vor ihnen zeugen von dem fleischgewordenen ewigen Worte, das Gott Selbst ist!‘ Das geschieht nun soeben vor deinen Ohren und Augen! Wie magst und kannst du da wohl noch um etwas Weiteres fragen?! Oder hältst du mich noch immer nur für einen Menschen?“
GEJ|3|153|14|0|Sagt Stahar, nun sehr nachdenkend über des Engels Worte: „Hm, es wird mir nun ganz sonderbar zumute! Es ist also ganz richtig, und die Wahrheit leuchtet aus jedem Worte deines himmlischen Mundes. Ich bin nun bekehrt; es handelt sich aber nun um meine Kollegen, daß auch sie bekehrt werden, und dann handelt es sich darum, wo wir mit dem großen Messias zusammenkommen können, um Ihn Selbst zu hören!“
GEJ|3|153|15|0|Sagt Raphael: „Gehe hin und sage das deinen Brüdern, daß auch sie glauben und selig werden mögen; dann kommet und erfahret, wo ihr den Heiligsten sehen und sprechen werdet!“
GEJ|3|153|16|0|Stahar begibt sich nun sogleich zu seinen noch finsteren Kollegen.
GEJ|3|154|1|1|154. — Stahar bekehrt seine Kollegen
GEJ|3|154|1|0|Des Stahar Kollegen aber befanden sich zum größten Teile zerstreut am Ufer des Meeres, etliche aber gingen im Hofraume umher. Stahar aber berief sie alle ans Ufer und sagte zu ihnen, als sie alle beisammen waren: „Freunde! Habt ihr jenen Jüngling reden hören und wirken sehen?“
GEJ|3|154|2|0|Sagen die Kollegen: „Einiges, aber nicht alles; denn es deuchte uns die Sache zu fein vom römischen Statthalter angelegt zu sein, um uns alle in sein ausgespanntes Garn zu ziehen, und wir dachten: Weit weg vom Bogen ist man sicher vor dem Pfeile! Verloren haben wir ohnehin gleich alles, was wir hatten, – wir sind am Bettelstabe! Noch brennt die Stadt! Was wollen wir tun? Die Römer wissen es, was wir dem Volke sind; ohne unsere schwer zu erringende Gunst kommt ihnen ihr Regiment in Asia hoch zu stehen! Oh, so ein Römer wie Cyrenius, dem die reichsten Mittel von all den drei Weltteilen zu Gebote stehen, vermag alles!
GEJ|3|154|3|0|Gib mir nur sehr viel Goldes und Silbers, und ich werde auch ein Wundertäter, vielleicht nicht in der Art wie jener Zauberjunge, – aber Wunder werde ich zuwege bringen von der erstaunlichsten Art!“
GEJ|3|154|4|0|Sagt Stahar: „Freund, du bist unsinnig, wenn du hier also redest und weißt nicht einmal einen Unterschied zwischen einem echten und einem falschen Wunder zu machen! Was sich da einwenden und mit Grund entgegenstellen läßt, das habe ich alles aufgeboten, bin aber mit allen meinen Gegensätzen dadurch auf das schmählichste durchgefallen, als jener Junge anfing, mir meine geheimsten Gedanken aufzutischen! Daraus erst erkannte ich meinen alten, großen Irrtum und komme darum nun zu euch, um euch das zu hinterbringen, was ich gesehen und was ich gehört habe!
GEJ|3|154|5|0|Der Junge ist unfehlbar ein Engel Gottes, und er zeugte, daß der verheißene Messias bereits in der Welt ist und die Blinden sehend und die Tauben hören und verstehen macht, und daß es sogar möglich ist, daß wir Ihn hier noch zu sehen und zu sprechen bekommen werden.
GEJ|3|154|6|0|Ich glaube nun alles, und ihr alle werdet es auch glauben! Denn ich bin sicher nicht einer, der leichten Kaufes etwas annimmt und glaubt; ich muß dazu vom Grunde aus von etwas eher haarklein überzeugt sein, bis ich's annehme; habe ich aber einmal die Überzeugung, dann steht sie fest wie ein Granitfels, und niemand kann sie mir mehr nehmen!
GEJ|3|154|7|0|Da aber bei mir die Sache sich also verhält, so könnet ihr es mir schon auch glauben ohne alles weitere Bedenken! Denn ihr seid alle zusammen nicht imstande, noch größere Zweifel gegen die Sache vorzubringen, als ich sie vorgebracht habe; aber alle meine Gegensätze (Einwände) wurden Lügen gestraft! Und da ich am Ende die Sache des Messias so gut einzusehen begann, wie ich einsehe, daß 1 und 1 = 2 sind, so könnet ihr es mir nun schon vollauf glauben!“
GEJ|3|154|8|0|Sagen die Kollegen: „Ist alles recht; aber es handelt sich nun nur darum, was wir dir glauben sollen!“
GEJ|3|154|9|0|Sagt Stahar: „Seid ihr denn taub?! Sagte ich euch denn nicht, daß jener Jüngling in aller Wahrheit ein Engel Gottes ist, daß der Messias in der Welt ist, und daß wir Ihn ehestens Selbst sehen und hören werden?! Das und nichts anderes habt ihr zu glauben!“
GEJ|3|154|10|0|Sagen die Kollegen: „Ganz gut! Wenn du es glaubst und von dieser Sache sogar mathematisch überzeugt bist, so können wir daran nicht zweifeln; aber das muß man denn bei solchen neuen, nie dagewesenen Erscheinungen auch immer berücksichtigen, daß oft die besten Schwimmer am ehesten ertrinken, die kecksten Kletterer vom Berge stürzen und die sogenannten Festgläubigen am Ende früher in allerlei Zweifel übergehen als jene, die etwas Unbegreifliches nicht gar zu schnell begriffen haben und keinen alsogleich armdicken Glauben bekundeten!
GEJ|3|154|11|0|Du bist uns bekanntermaßen wohl nie leichten Glaubens gewesen, und auf das nehmen wir dein Wort auch als wahr an; aber etwas zurückhaltende Vorsicht schadet nie! Denn wir wissen es ja aus der Schrift, wie schon mancher wundertätige Prophet gegen sein Lebensende ein ganz einfacher, schwacher Mensch geworden ist! Die Folge erst zeigte, wessen Geistes Kind so ein Prophet war. Also ist hier auch das sehr in die Erwägung zu ziehen.“
GEJ|3|154|12|0|Sagt Stahar: „Das alles nehme ich hier auf meine Verantwortung. Wohl weiß ich, daß wir damit dem Tempel nicht kommen dürfen; aber wir werden uns dagegen auch zu schützen verstehen! Dem Außen nach bleiben wir – aber nur etwas vernünftigerermaßen –, was wir waren, und zahlen ihm den bedungenen Tribut; aber in unserem Innern muß es nun ganz gewaltig anders werden, und mit der Zeit wollen wir auch das Volk in etwas Besseres einweihen.
GEJ|3|154|13|0|Wenn ihr nun alle meines Sinnes und meines Glaubens seid, so begeben wir uns nun alle hin, wo der Oberstatthalter mit dem Jungen sich befindet; dort soll uns noch mehr Lichtes gegeben werden!“
GEJ|3|154|14|0|Die Kollegen sind damit einverstanden und begeben sich zum Cyrenius, und als sie da anlangen, sagt Stahar: „Da sind wir nun und stehen nun samt und sämtlich dir zu Gebote; was du willst, das wollen wir denn auch tun und sein, und niemand wird uns je mehr wider dich stimmen! Der liebe, allmächtige Bote Gottes aber wolle auch diese meine Brüder noch mehr befestigen im Glauben an alles das, was ich selbst am Anfange schwer geglaubt habe!“
GEJ|3|154|15|0|Sagt Cyrenius: „Sieh nun, daß wir Römer keine so harten Richter sind, als ihr es lange gemeint habt; aber strenges Recht und volle Wahrheit wollen wir! Wer uns in dem genügt, der ist unser Freund, bekommt das römische Bürgerrecht, und kein Gericht außer das Gericht Roms darf wider ihn je ein Urteil schöpfen.
GEJ|3|154|16|0|Das erste sonach, was ich euch zur Wohltat erweise, ist, daß ich einem jeden von euch einen römischen Bürgerbrief erteile! Ihr seid eurer samt dem Obersten fünfzig an der Zahl; sogleich sollet ihr damit bedient werden! Habt ihr einmal das, so wird sich dann schon zeigen, was sich für euch noch alles wird tun lassen!“
GEJ|3|154|17|0|Hierauf befahl Cyrenius seinen Dienern, fünfzig gute Pergamentrollen herbeizuschaffen. Die Diener gingen nach den Gepäcksäcken des Cyrenius und brachten schnell die verlangten Rollen. Als diese sich auf dem Tische befanden, fragte Stahar den Cyrenius: „Hoher Herr, da werden wir ja doch zuvor unsere Namen dir bekanntgeben müssen?“
GEJ|3|154|18|0|Sagt Cyrenius, auf den Engel deutend: „Seht, das ist mein Schnellschreiber, der weiß aber schon lange, was er zu tun hat und kennt auch eure Namen; er wird die Briefe in eurem Angesichte ausfertigen!“ Darauf ersuchte Cyrenius den Raphael, daß er solches tun möchte.
GEJ|3|154|19|0|Da trat Raphael schnell an den Tisch hin, auf dem die fünfzig Rollen lagen, breitete sie, so gut es ging, auf dem Tische aus, nahm dann einen Schreibstift, der mit Schwärze gefüllt war, fuhr dann mit demselben in Blitzesschnelle über sämtliche Rollen und sagte darauf zum Cyrenius: „Hier, Freund, hast du die verlangten Briefe in römischer, griechischer und jüdischer Sprache; teile sie nun an die Betreffenden aus!“
GEJ|3|154|20|0|Als Cyrenius nun die Briefe auszuteilen begann, fing alle die fünfzig an ein Grauen zu ergreifen. Denn dies Wunder war für die fünfzig gleich doch zu groß und mächtig, und alle fingen an zitternd einzusehen, daß sie nun in der Nähe Gottes sich befinden. Sie dankten dem Cyrenius für solche Doppelgnade; aber zu reden getraute sich keiner und um irgend etwas zu fragen.
GEJ|3|155|1|1|155. — Hebrams Rede über das „Neue Licht“ von Ewigkeit
GEJ|3|155|1|0|Dies sahen aber auch die anwesenden dreißig jungen Pharisäer unter ihrem Hebram und Risa und hatten eine große Freude, daß es dem Cyrenius gelang, auch die fünfzig Hartnäckigen für die gute Sache umzugestalten.
GEJ|3|155|2|0|Hebram trat nun zum Obersten Stahar und sagte: „Sieh, wir sind unser dreißig hier, so wie ihr aus dem Tempel in die Länder gesandt, um Heiden für den Tempel zu werben; ein saures Geschäft! Die Heiden sind den Tempeljuden, wie sie jetzt sind, ja allenthalben in der Bildung um zweihundert Jahre vor; nun sollen wir die Sehenden blind machen und sie unter des Tempels verfluchtes Wasser stellen!? Das geht nicht, und auch anderes geht nicht! Das sagte zu uns unser verständiges Herz, und wir sind deshalb sämtlich Römer geworden, und unser Zeugnis wider den Tempel wird vielen Menschen ein großes Licht geben. Wir aber haben noch ein großes, heiliges Zeugnis hier überkommen, das ein helleres Licht gibt denn tausend Sonnen auf einmal, und das ist ein Licht von Ewigkeit, das schon vor der Erschaffung aller Welt geleuchtet hat den Engeln, die da waren lebende Flammen aus der ewigen Flamme in Gott, die da heißt Liebe.
GEJ|3|155|3|0|Dieses Urlicht alles Lichtes, diese ewige Liebe fanden wir hier; und ihr habt sie zum großen Teile auch gefunden und werdet sie aber noch viel mehr finden.
GEJ|3|155|4|0|Uns aber macht es nun eine übergroße Freude, daß ihr hier auch das gefunden habt, was wir gefunden haben. Freilich wohl kostete es euch eure innegehabte äußere, gute Existenz; alle eure Habe hat das Feuer verzehrt und leckt noch daran; ihr kamet samt uns auf nichts! Aber es ist schon ein und für alle Male also der Wille Gottes: Wir Menschen, wenn wir uns Gott wahrhaft nahen wollen und den ernstlichen Wunsch und Willen in unserem Herzen tragen, ganz in allem und jedem von Gott aus versorgt zu sein, so müssen wir zuvor aus großer Liebe und aus dem kräftigsten Vertrauen zu dem allmächtigen Vater aller Welt vollkommen den Rücken zuwenden und alles, was uns auf der Welt als Weltliches lieb und teuer war, bis aufs letzte Atom verlieren; dann erst ist Gott der Herr und Vater bereit, uns von der Welt Verlassene und Geächtete zu Seinen Kindern anzunehmen und vollauf für uns zu sorgen, wo wir dann erst wahrhaft für die ganze Ewigkeit versorgt sind.
GEJ|3|155|5|0|Sind wir aber einmal von Gott aus versorgt, so sehen wir dann aber auch erst so recht ein, wie sehr schlecht wir von der Welt versorgt waren!
GEJ|3|155|6|0|Was nützen dem Menschen alle Schätze der Erde, die er nicht mitnehmen kann, wenn er von dieser Erde für ewig scheiden muß?! Wird er sie mitnehmen können? Gottes Schätze aber, die Er geistig geschaffen hat für Seele und Geist, diese nehmen wir auch mit hinüber ins große Jenseits, und sie werden uns alles in allem sein: Speise, Trank, Wohnung und Kleid und das vollkommene ewige Leben voll Klarheit, voll Licht und voll der höchsten Wonne!
GEJ|3|155|7|0|Es sei euch darum ja nicht leid um alles das, was ihr von gestern bis zu dieser Stunde verloren habt; denn der Herr hat für euch schon gesorgt, bevor ihr Ihn noch also erkanntet, wie jetzt. Eure Liebe zu Ihm opfere Ihm das gerne; denn Er wird es euch im Geiste ersetzen tausendfach, was ihr in der Materie verloren habt!“
GEJ|3|155|8|0|Sagt Stahar: „Ich danke dir im Namen aller dieser meiner treuen Kollegen und Brüder für diesen gar so trefflichen Trost, und sieh dort auf dem Tische den großen und gediegenen Klumpen Silbers, den uns der Engel aus der Luft gezaubert hat! Damit wären wir ja für unseren Schaden schon einigermaßen entschädigt; aber ich und wir alle legen nun schon sehr wenig Wertes auf diese Entschädigung. Denn das, was wir waren, werden wir nimmer, da der weise Oberstatthalter mit uns allen eine ganz andere Disposition treffen wird, wie ich es so bei mir vermute. So viel wird für uns doch sicher gesorgt werden, daß wir nicht verhungern werden und den Leib zur Not bekleiden können; für alles andere geben wir nun nichts mehr! Auch diesen zweihundert Pfunde schweren Silberklumpen werden wir hier dem Wirte Markus hinterlassen, teils als schuldige Zahlung für die Speise und für den Trank, die er uns hat zukommen lassen und uns noch fürder zukommen lassen wird.
GEJ|3|155|9|0|Nur eines möchten wir hier in die Erfahrung bringen, und dieses ist: ob sich der schon in der Welt seiende, lange verheißene Messias wohl irgend hier in der Nähe des Ortes aufhält! Diesen zu sehen und vielleicht gar von Ihm ein Wort zu vernehmen, wäre für uns nun ein Gewinn alles Gewinnes!
GEJ|3|155|10|0|Unter uns gesagt: Wir haben eine kleine Mutmaßung auf jemand, von dem wir schon gar manches Unglaubliche vernommen haben, das uns aber nun nicht mehr unglaublich erscheint, nachdem wir des Engels Taten gesehen haben!
GEJ|3|155|11|0|Nun, dieser Mensch, eigentlich Gott Selbst im Menschenkleide, scheint uns jener Nazaräer namens Jesus zu sein, von dem sich auf einmal so höchst wunderbare Gerüchte im Volke von Ort zu Ort verbreitet haben, daß wir darob schon lange vor dem Volke in große Verlegenheiten gerieten, wenn wir von diesem um eine Beleuchtung dessen, was es mit eigenen Augen gesehen habe und mit eigenen Ohren gehört haben wollte, angegangen worden sind.
GEJ|3|155|12|0|Der Oberstatthalter hat mir selbst darüber eine sehr verfängliche Frage gestellt, bei deren Beantwortung es mir sehr heiß geworden ist! Und so vermute ich nun nichts anderes, als daß jener wunderbare Jesus aus Nazareth unfehlbar der von dem Engel uns nun als in der Welt seiend bestätigte Messias ist; und dieser Messias ist vielleicht gar hier einer unter den vielen Anwesenden, der Sich aber uns aus sicher höchst weisen Gründen nicht eher zu erkennen geben will, als bis wir Seiner doch einigermaßen würdiger wären, als das bis jetzt der leidige Fall war!
GEJ|3|155|13|0|Ich bin darum der Meinung und sage es nun ganz offen vor euch allen heraus: Wenn diese Sache sich also verhält, so kehren wir dem Tempel und seinem nichtigsten Heiligtume für immer den Rücken und schließen uns an den Messias der Juden an mit jeder Fiber unseres Lebens! – Welcher Meinung seid ihr da?“
GEJ|3|155|14|0|Sagen die andern: „Sicher, wir haben da nun nichts einzuwenden! Was du als unser Oberster tust, das tun auch wir; denn das Wesen des Tempels kennen wir und wissen, daß in seinen Mauern kein Heil mehr ruht, weil keine Wahrheit, keine Liebe und keine Treue, sondern nur Herrschsucht, Hochmut, Zorn, Rache, Lüge aller Art, Fraß und Völlerei und allerlei Unzucht und Hurerei und Ehebruch in ihm zu finden sind! Das sind nun die Elemente des Tempelwesens! Welches Heil läßt sich von solch einer Anstalt erwarten? Fluch und Verderben, ja, soviel wir dessen nur zu haben wünschen; aber vom Heile kann da ewig keine Rede mehr sein!
GEJ|3|155|15|0|Wir haben uns diese Sache während deiner Rede nun sehr reiflich überlegt und kehren samt dir dem Tempel für ewig den Rücken, und das mit allem Fug und Recht; denn wir haben nicht leichtgläubig etwas Neues angenommen. Wir haben alles zuvor einer intensiven Prüfung unterzogen; sogar die größten Wunder konnten uns nicht wie der Wind ein Blatt in der Luft umwenden.
GEJ|3|155|16|0|Nun wir uns aber von der vollen Wahrheit völligst überzeugt haben, so können wir auch nicht mehr umhin, die Wahrheit, die aus den Himmeln kam, als das anzusehen, was sie ist, – und das nun um so mehr, da Zeit, Umstände und die Oberherrlichkeit Roms uns dabei günstiger sind, als wir je so etwas hätten erwarten können!
GEJ|3|155|17|0|Wir sind nun nur auf den Messias, höchst sicher aus Nazareth, im hohen Grade gespannt! Ob es nicht der ist unter der großen Gesellschaft, der einen rosenfarbenen Leibrock und über demselben einen griechischen Merinomantel von hellichtblauer Farbe trägt und wohl die schönsten Haare hat, die wir je bei einem Manne gesehen haben?!“
GEJ|3|155|18|0|Sagt Stahar: „Ja, da könntet ihr eben nicht ganz unrecht haben; denn auf den habe ich es schon lange scharf gehabt! Auch sah ich, wie sowohl der Engel als auch der Cyrenius sich bei ihrem Reden und Handeln stets nach ihm umsahen und ihn gleichsam fragten, ob das alles wohl recht sei, was sie reden und handeln!
GEJ|3|155|19|0|Auch alle anderen bezeigen ihm eine gewisse verborgene Hochachtung, die aber meinem Auge dennoch nicht entging! Wenn das nicht etwa so ein kaiserlicher Prinz aus Rom ist, so möchte ich wohl nun schon darauf schwören, daß dieser Mensch der Messias ist, und kein anderer!“
GEJ|3|155|20|0|Sagen die anderen: „Ah, da schaut mit so schönen, blonden Haaren ewig kein Römer heraus! Aber was könnte uns denn geschehen, so wir zu ihm hingingen und ihn fragten um eines und anderes?!“
GEJ|3|155|21|0|Sagt Stahar: „Wir wollen uns da doch noch eher (vorher) an den Engel wenden, oder an den Oberstatthalter; wir sind nun römische Bürger und haben ein volles Recht dazu.“
GEJ|3|156|1|1|156. — Ein Pharisäer spricht über die Verantwortlichkeit des Menschen
GEJ|3|156|1|0|Hierauf bewegen sich alle ganz wohlgemut zum Cyrenius hin und fragen ihn, was in der Hinsicht zu tun wäre.
GEJ|3|156|2|0|Und Cyrenius sagt: „Es ist schicklicher, so ihr die Sache noch ein wenig abwartet, aber dafür euch im Herzen so recht innig zu Ihm nahet, so wird Er dann schon Selbst zu euch kommen und wird es euch Selbst sagen, wer Er ist, und was ihr zu tun habt! Vorderhand kann ich euch immerhin das sagen, daß ihr auf einer ganz guten Fährte seid! Denn daß der große Gottmensch Sich sicher hier aufhalten müsse, habt ihr ja schon aus unserer Gegenwart abnehmen können! Denn um etwas Geringem willen würden wir uns hier nicht schon nahe drei Tage lang aufhalten!
GEJ|3|156|3|0|Er ist also hier, dessen könnet ihr nun vollends versichert sein; aber nahet ihr euch Ihm zuvor im Herzen, und fasset auch den ernstlichen Willen, alle eure alten Gewohnheiten und Sünden vom Grunde aus abzulegen, so wird Er bald Selbst zu euch kommen und euch die göttliche Weisung geben, was ihr zu tun haben werdet für die Zukunft!
GEJ|3|156|4|0|Jener aber ist es schon, von dem ihr selbst meinet, daß Er es sei! Betrachtet Ihn und denket es euch: Das ist Jehova Selbst als Mensch unter den Menschen! Das ist Der, der Himmel und Erde erschaffen hat und alles, was darinnen und darauf ist!
GEJ|3|156|5|0|Ich sage es euch: Der ist der ewige Urgrund alles Seins und alles Lebens! In der nie erforschbaren Macht Seines Willens steht die ganze Unendlichkeit; alle Macht der Engel ist nur ein leiser Hauch Seines Mundes, und alles Licht strömt aus Ihm!
GEJ|3|156|6|0|Kurz, denket es euch, daß dies wahrhaftigst eben Derselbe ist, der Moses auf Sinai die Gesetze gab für das Volk Israel; aber dieses Volk hat Seiner vergessen und verfiel wieder in alle Laster! Und Er kam nun, um Sein Volk Selbst wieder aufzurichten und es frei zu machen von allen Übeln der Seele.
GEJ|3|156|7|0|Er trägt darum auch einen schön rosenroten Leibrock, um zu zeigen, wie ganz Er noch immer Sein Volk liebt. Aber durch den blauen, weiten Mantel zeigt Er an, daß Er auch zu uns Heiden gekommen ist, um auch uns zu Seinen Kindern umzugestalten! Der Mantel umfaßt die ganze Welt, und dazu gehören auch alle Heiden.
GEJ|3|156|8|0|Denket nun denn nur über alles das nach, was ich nun zu euch geredet habe, und es wird sich nur zu bald in euch zu manifestieren anfangen, daß ich euch keine Unwahrheit gesagt habe!“
GEJ|3|156|9|0|Stahar und alle seine Kollegen bedanken sich gar sehr über solchen unerwarteten Aufschluß von seiten des Cyrenius und ziehen sich ehrerbietigst zurück.
GEJ|3|156|10|0|Als sie so ganz gemach wieder das Ufer des Meeres erreichen, sagt Stahar zu seinen Gefährten: „Es ist doch sonderbar; mir wird es auf die nahezu offene Eröffnung des Cyrenius über den Messias ganz sonderbar unheimlich wohl zumute! Es bemächtigt sich meiner ein gewisses Gefühl von Versorgtheit, als ginge uns allen in der lieben Welt nun nicht im geringsten irgend etwas mehr ab! Zugleich aber befällt mich dennoch so eine höchst eigentümliche Scheu und Furcht vor dem Herrn der Ewigkeit; denn wir können uns nun nach dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht mehr verhehlen, daß Er vollwahr das ist, als was Ihn uns Cyrenius bezeichnet hat! Eine Unterredung mit Ihm wird in uns nun eine ganz sonderheitliche Empfindung bewerkstelligen! Es wird uns unsere sonst sehr geläufige Zunge sicher den Dienst versagen!“
GEJ|3|156|11|0|Sagt so ein recht Beherzter aus der Mitte der fünfzig: „Ja, ja, du hast da wohl sehr richtig und wahr gesprochen; aber dennoch denke ich da also: Wir können ja doch nicht darum, daß wir Menschen sind, weil wir uns sicher nicht selbst in die Welt gesetzt haben! Auch können wir für alle unsere Lebensumstände nicht, durch die wir das geworden sind, was wir waren; unsere Alten, unsere Erziehung und die dadurch wach gewordenen Bedürfnisse aller Art und Gattung haben uns dazu gemacht.
GEJ|3|156|12|0|Wären wir Kinder armer Landleute, so wären wir sicher auch das, was unsere Alten waren; aber es hat Gott gefallen, uns Kinder von sehr angesehenen und reichen Alten werden zu lassen. Diese ließen uns im Tempel erziehen und uns dann völlig dem Tempel weihen. Dafür können wir doch unmöglich etwas! Daß wir das geworden sind, was wir waren, dabei hat denn doch sicher auch der Wille des Allmächtigen etwas zu tun gehabt!
GEJ|3|156|13|0|Daß wir uns dann manches erlaubten, was nach den Gesetzen nicht ganz in der Ordnung war, das ist freilich dann unsere Sache gewesen; aber ich denke mir dabei dann doch immer und sage: So deine Alten aus dir einen Fischer erzogen hätten, der sich nur kümmerlich seinen Lebensunterhalt hätte verdienen müssen, so dürfte wohl gar manches unterblieben sein, was man sich in der Wohlversorgtheit erlaubt hat, weil einen das wohlgemästete Fleisch und Blut dazu antrieb! Also sind auch unsere Gebrechen wider das Gesetz zum Teil eine Folge von den Umständen, in die wir durch Geburt und Erziehung gesetzt worden sind.
GEJ|3|156|14|0|Wenn nun der große Messias zu uns kommen würde, so könnte ich gewisserart ganz ohne Furcht und besondere Scheu mit Ihm reden; denn ich kann nicht weniger sein, als ich bin, und Er sicher auch nicht mehr, als Er ist von Ewigkeit zu Ewigkeit!
GEJ|3|156|15|0|Sage mir, ganz offen gesprochen: Kann ein Baum etwas dafür, so er vom Sturme ganz gewaltig hin und her bewegt wird?! Oder kann das Meer darum, wenn mutwillige Winde seinen glatten Spiegel aufwühlen und verursachen, daß eine Woge die andere wie ein Raubtier seine Beute verschlingt?! Oder kann das schwache Schilfrohr darum, so es von den Wogen nach allen Seiten hin gebeugt wird?!
GEJ|3|156|16|0|Wir sind keine Urkraft und hängen von allerlei geheimen auf uns einwirkenden Kräften ab. Was nützt dir der gute und ernste Wille, nie zu fallen, so eine Brücke, über die du zu gehen hast, dir unbewußt irgend morsch geworden ist und im Momente einstürzt, als du eben ganz harmlos über dieselbe wandelst?! Was ist das Leben, welche Stützen hat es wohl, auf die wir mit Sicherheit bauen könnten?! Wer kennt die Fundamente des Denkens und Wollens?! Durch den tierisch stummen, nahe oft alles ernsten Denkens baren Beischlaf wird es von Tieren und Menschen auf eine und dieselbe Art gebildet! Weder das Tier, noch der Mensch hat ein Fünklein Bewußtseins von dem, wie durch den sinnlich stummen Beischlaf ein Lebensorganismus gestaltet wird, dessen bloß materiell technischer Teil schon so höchst kunstvoll zusammengestellt ist, daß ein großer Weiser daran tausend Jahre zu studieren hätte, um alle einzelnen Bestandteile und ihre ursächlichen Konjunkturen (Verbindungen) nur höchst oberflächlich zu durchschauen und zu erkennen! Aber dann hätte er erst die Maschine vor sich; wo ist aber dann noch das Prinzip des Lebens selbst, wie wirkt es in der Maschine, und wie bedient es sich aller der zahllosen Einzelteile in derselben?!
GEJ|3|156|17|0|Wir wissen wohl, daß wir nun sind, und daß wir leben und denken und wollen, auch werden wir der verschiedensten Regungen und Triebe in uns gewärtig; aber wie entstehen sie in uns, wer ruft sie wach, und wohin kommen sie, wenn wir sie gesättigt haben mit dem, wozu sie uns gezwungen haben?
GEJ|3|156|18|0|Siehe, das sind gar triftige Reflexionen, durch die vor jedem Gotte wenigstens vier Fünftel unseres Daseins nach jeder reinsten Vernunft zu entschuldigen sind, und ich fürchte darum auch keinen Geist und keinen Gott! Böses habe ich nie irgend begangen, außer daß ich dann und wann geradehin als Mensch an einer üppigen Maid ein Wohlgefallen fand; und daran war doch abermals wieder meine Natur schuld! Warum mußte mir die Üppigkeit einer schönen, jungfräulichen Maid denn gar so gefallen? Habe ich selbst solche vorwaltende Begierlichkeit in mein Wesen gelegt? Ich weiß nichts darum! Wer gab mir denn das Gefühl der schwer zu befriedigenden Liebe? Wer ist der Schöpfer des Durstes und des Hungers in mir? Weshalb muß ich denn essen und weshalb trinken? Siehe, das alles bewirken höhere Kräfte in uns, denen wir kein positives Gesetz entgegenstellen können! Wir können uns wohl bis auf einen gewissen Grad hin selbst verleugnen, aber darüber hinaus um kein Haar breit mehr! Wenn aber also, welche noch reinere Vernunft und Weisheit kann da wohl imstande sein, mich meines Standes und meines Handelns wegen vor ein strenges Gericht zu ziehen? Eine menschliche, die nur mir gleich helle denkt, nicht, – um soviel weniger eine allerhöchste und hellste göttliche! Warum sollte ich dann eine höchst läppische Furcht vor einem Gott haben?“
GEJ|3|156|19|0|Sagt Stahar: „Aber es steht doch geschrieben, daß der Mensch Gott fürchten soll, indem Gott allmächtig und der Mensch höchst ohnmächtig ist, der sich nie Gott mit seiner Macht entgegenstellen kann!“
GEJ|3|156|20|0|Sagt der Redner: „Ganz richtig! Er soll ja Gott fürchten; das ist aber nur gesagt zum moralischen Menschen, – aber nicht zum Totalmenschen in allen seinen Lebensfunktionen! Aber selbst diese Furcht ist nur eigentlich eine Liebefurcht, die des sittlichen Menschen in einer gewissen Hinsicht freiem Willen ein ähnlicher Lebensleitfaden sein soll, wie da ist die Kindesliebefurcht zu den Alten für die Kinder. Aber laß dir von einem Gott ein Gesetz geben, das dir das Atmen verbietet oder die Verdauung oder den Pulsschlag oder das Altern, das Wachsen der Haare, der Nägel oder das Riechen und das Schmecken und das Empfinden von Lust und Schmerz! Welch nur einigermaßen weiser Gott könnte das tun?! Wo haben wir denn den Maßstab, nach dem man genau ermitteln könnte, wo der Mensch in allen Richtungen des Denkens, Wollens und Handelns in seiner moralischen Absolutheit frei von allen den notwendigen Lebensfunktionen seinen positiv bestimmten Standpunkt hat und nimmt?!
GEJ|3|156|21|0|Wer kennt die Fäden, mit denen das Naturleben mit dem reingeistigen, an sich völlig freien zusammenhängt, und inwieweit es sich, ganz absolut (unbeschränkt) von den Fäden, als selbständig bewegen kann?! Ja, man sieht es wohl, daß ein jeder Mensch in einer gewissen Hinsicht frei ist – er kann gehen, wohin er will, er kann stehen oder sitzen, er kann mit seinen Augen nach allen Richtungen beliebig hinschauen –; aber all dem geht dennoch eine Notwendigkeit voran, die vom begrenzten Naturleben ausgeht!
GEJ|3|156|22|0|Es fragt sich darum sehr, wo der eigentlich freie Moralstandpunkt des Menschen zwischen dem notwendigen Naturleben und dem freien geistigen Wesen im Menschen gesetzt ist! Solange der nicht klar ermittelt ist, kann weder von einer Sünde noch von irgendeiner Tugend die Rede sein!“
GEJ|3|157|1|1|157. — Floran philosophiert über Gott
GEJ|3|157|1|0|Sagt Stahar: „Freund, ich weiß, daß du ein großer Weltweiser bist, und daß man dir schwer etwas entgegenstellt; aber die sonderbaren Taten des Engels können dir doch unmöglich entgangen sein! Wirkte er diese für unser Naturleben oder allein nur für unsern Geist?“
GEJ|3|157|2|0|Sagt der Redner: „Wir sahen es mit unsern Augen; sahen es die zu Jerusalem auch? Nein! Weil sie es nicht sahen mit den sinnlich lebenden Augen und also auch gar nicht glauben können, so man sie auch davon benachrichtigen würde, können wir ihnen darum als vernünftige Menschen gram werden oder sie gar zu allerlei Strafen verdammen?!
GEJ|3|157|3|0|Uns ist erst durch unsere Sinne des Glaubens Notwendigkeit aufgebürdet worden; ohne Augen wären wir so gut verlesen als die nun zu Jerusalem. Sage mir, wo hier der eigentlich sittliche Stand seinen Anfang nimmt! Streiche die Augen und ihre notwendige Sehkraft hinweg, und bestimme mir dann den absoluten moralischen Standpunkt!“
GEJ|3|157|4|0|Sagt Stahar: „Freund, ich sehe es schon, daß wir nicht leichtlich je gleich werden! Solches muß uns ein höherer Geist völlig klarmachen! Ich sehe nun den Engel auf uns zukommen; mit dem mußt du reden, und ich wäre nun sehr begierig zu erfahren, wie ihr diese Sache miteinander abmachen werdet!“
GEJ|3|157|5|0|Sagt der stets gleich nüchterne Redner: „Lieber Freund! Der Engel kümmert mich nicht um ein Haar mehr als du, und ich werde mit ihm reden wie mit dir, und werde ihm um so weniger etwas schenken als dir, indem er ein seligster Geist ist und sich jeglicher Vollendung erfreut, während wir noch als Würmer im Staube der Nichtigkeit den harten und schmutzigen Boden dieser Erde bekriechen müssen! Wahrheit gibt es nur eine, und die trifft einen Engel so gut wie den schmutzigsten Lumpen der Welt!“
GEJ|3|157|6|0|Mit diesen Worten war der Engel auch schon bei der Hand und sagte: „Floran, du fürchtest mich alsonach gar nicht?“
GEJ|3|157|7|0|Sagt der Redner: „Kennst du meinen Namen, so wirst du auch die Gründe in mir kennen, aus denen ich keine Furcht vor Gott haben kann, sowie auch vor dir nicht, und wenn du noch tausend der größten Wunder leisten würdest! Ich kann mir auch tausend Wunder denken, aber nicht effektuieren; was liegt denn da daran?! Könnte ich sie auch ausführen, so kämen mir dann die deinen sicher nimmer wunderbar vor! Ich bin schon mit dem Zuschauen zufrieden, – das Effektuieren geht mich nichts an! Oder sollte ich darum trauern, wenn ich nicht so glänze wie die Mittagssonne, oder daß ich nicht gleich einem Vogel in der Luft umherfliegen kann?! Ich bin mit dem zufrieden, was ich weiß, was ich bin, und was ich kann, und mehr brauche ich wenigstens für diese Welt nicht!
GEJ|3|157|8|0|Was ich aber weiß, bin und kann, ist eine Gabe Gottes für mein Individuum, für die ich dem Schöpfer dankbar bin; mehr aber brauche ich nicht und beneide auch niemand, der mehr hat!
GEJ|3|157|9|0|Sollte ich etwa darum eine Furcht vor dir haben, weil du endlos mächtiger bist als ich? Oh, mitnichten! Wärest du dümmer als ich, so hättest du entweder keine Macht oder sie wäre roh, der ich dann mit meiner reinen Vernunft so gut wie der Kraft des Sturmes begegnen könnte; du bist aber auch um ebensoviel weiser als mächtiger denn ich, und das gibt mir die Zuversicht, daß du mit mir keinen Mutwillen treiben wirst, zumal ich dir nirgends einen Schaden habe zufügen können und noch weniger wollen. Und wolltest du dir mit mir auch einen Scherz erlauben, so würde ich dir darum gerade nicht gram werden, aber dich auch nicht als einen Löwen in der Weisheit preisen, von dessen Ernst man sagt, daß er kein Mückenfänger ist. Gott ist aber noch endlos weiser und mächtiger denn du, darum fürchte ich Ihn noch weniger als dich.“
GEJ|3|157|10|0|Sagt der Engel: „Weißt du aber nicht, daß Gott dich vernichten kann für ewig, oder daß Er über dich eine ewige, höchste Plage verhängen kann, so du Sein Gesetz nicht achtest?! Und in dieser Hinsicht sollte denn Gott auch nicht zu fürchten sein?!“
GEJ|3|157|11|0|Sagt Floran: „Ohne deiner Weisheit nur im geringsten zu nahe zu treten, muß ich dir offenherzig bekennen, daß diese deine Frage an mich deiner Weisheit – geradeheraus geredet – keine besonders himmlische Ehre gemacht hat! Daß mich Gott als das grundallmächtigste Wesen vernichten kann, daran zu zweifeln wäre eine noch größere Torheit als deine stark ans Läppische streifende Erinnerung an meine sub- und objektive Nullität. Was wird's denn sein, wenn ich zu abermaligem Nichts würde, wie ich auch vor diesem Sein ein ewiges Nichts war?! Das Nichts ist nichts, braucht nichts und hat ewig für nichts zu sorgen! Also nur her mit der ewigen Vernichtung meines ohnehinigen Nichts, und ich gebe dir nun schon zum voraus die Versicherung, daß ich als ein reines Nichts dich darum nie vor ein Gericht fordern werde! Sollte es aber Gott, dem sicher allerweisesten Wesen, ein Vergnügen machen, mich ewig zu peinigen und zu martern, da ist Seine Weisheit auch gar nicht weit her; denn eine solche Sehnsucht würde man kaum bei einem Tiger von einem Tyrannen antreffen.
GEJ|3|157|12|0|Die Geschichte weist uns aber kein Beispiel auf, daß je irgendein Tyrann ein Weiser gewesen sei; und was könntest du und dein Gott mir erwidern, so ich euch bewiese, daß ihr höchst unweise statt höchst weise wäret?! Das aber kann niemand von Gott behaupten, der nur je einen Blick in die höchst weise Einrichtung eines jeglichen Geschöpfes getan hat! Gott ist demnach höchst weise und darum sicher auch höchst gut.
GEJ|3|157|13|0|Mit solchen allervollkommensten Eigenschaften ausgerüstet, kann Er aber auch unmöglich je irgend in der ganzen Unendlichkeit ein Geschöpf für eine ewige Qual geschaffen haben! Ah, durch allerlei bittere und schmerzhafte Erfahrungen ein Wesen reinigen, hier oder jenseits, das ist ganz etwas anderes; denn der Mensch ist ein Gotteswerk, das sich nach der weisesten Ordnung Gottes selbst in der sittlichen Sphäre zu vollenden hat, um das zu werden, wozu es vom Schöpfer bestimmt ist!
GEJ|3|157|14|0|Aber solche nur kurz dauernden schmerzlichen Besserungsmomente läßt der Schöpfer nur zu und erschafft sie nicht eigens, um zu Seinem Vergnügen einen Menschen für einen Fehltritt dann eine Zeitlang zu plagen, sondern um ihn nur zur nüchternen Erkenntnis der Ordnung zurückzuführen und ihm dadurch die Selbstausbildung zu erleichtern. Aber als eine diktatorische Strafe kann ich solch eine rein göttliche Vorsichtsmaßregel, aus der nur Liebe und ein höchstes Wohlwollen strahlen, ewig nie ansehen!
GEJ|3|157|15|0|Du kannst daher Gott nicht ärger beschimpfen, als so du Ihn als einen ewigen Tyrannen mir vorstellst! – Ich meine, daß du mich wirst verstanden haben!
GEJ|3|157|16|0|Ich kann Gott nur über alles lieben und Ihn als das heiligst beste und weiseste Wesen anbeten; aber fürchten ewig nimmer!“
GEJ|3|157|17|0|Hier klopfte der Engel dem Floran auf die Schultern und sagte lächelnd: „Gut hast du es gemacht, und glaube es ja nicht, als wollte ich mich mit dir in irgendeinen Wortkampf einlassen; denn du hast recht, wie auch ich recht habe! Ich wollte durch meine etwas seichten Fragen dir nur Gelegenheit bieten, deine Ansichten auch vor deinen Brüdern etwas offener auszusprechen, als so etwas bei dir ehedem der Fall war, und sage dir, daß du nun schon reif bist, dem Herrn zu begegnen! Folge mir darum, – ich selbst werde dich Ihm vorführen!“
GEJ|3|157|18|0|Sagt Floran: „Es ist sonach vollster Ernst, daß hier die alte Weissagung erfüllt ist?“
GEJ|3|157|19|0|Sagt der Engel: „Ja! Die vollste Wahrheit, wovon ich doch sicher ein sprechendster Zeuge aus den Himmeln bin; darum folge du nun noch allein mir!“
GEJ|3|158|1|1|158. — Über Demut und Hochmut
GEJ|3|158|1|0|Sagt Floran: „Warum denn Stahar, unser Oberster, und meine andern Brüder nicht? Sind sie denn irgend weniger Menschen denn ich? Ziehe hin allein! Sind meine Brüder nicht wert, dem Herrn der Ewigkeiten vorgestellt zu werden, so bin ich's um so weniger, weil sie meines guten Wissens besser sind denn ich!
GEJ|3|158|2|0|Merke es dir, du Engel – so du dir auch etwas merken kannst –, daß ich ein Feind jeder Bevorzugung an meiner Person bin! Ja, ich will mich freuen an den Vorzügen meiner Brüder; aber ich will stets nur der Geringste unter ihnen sein! Ich liebe die Menschen wahrhaft; das man aber wahrhaft liebt, dem räumt man gerne jeden Vorzug und Vorteil ein und ist dennoch ganz selig dabei! Frage alle meine Brüder, ob ich je anders gedacht und gehandelt habe! Und ich sollte mich nun im Angesichte meiner Brüder das erste Mal in meinem Leben bevorzugen lassen?! Nein und ewig nein! Tausend Legionen solcher Machtgeister, wie du einer bist, und zehn allmächtigste Jehovas werden, solange mir der Gedanke und der Wille freigelassen wird, meinen Sinn ewig nicht umgestalten!
GEJ|3|158|3|0|Siehe, du mein allmächtiger Freund, das ist auch eine Ordnung, aus der mich keine Verlockung, selbst von tausend offenen Himmeln, und keine Furcht vor ebenso vielen offenen Höllen heben wird!
GEJ|3|158|4|0|Gehe nur allein hin zum Herrn! Ich folge dir mit freiem Willen nimmer! Und es nimmt mich überhaupt wunder, daß du als ein allwissender Geist solche meine diamantfeste Gesinnung nicht zuvor erspäht hast, als du mir den Vorzug gabst! Ich halte da fest an meinem Ausspruche! Du kannst zwar meinen Leib hintragen, wozu du Macht und Stärke in Überfülle besitzest; aber meines Herzens Sinn wirst du ewig nimmer überheben, außer – dir ist es möglich, mir solchen Sinn zu nehmen und einen andern hineinzulegen! Aber dann hast du mein gegenwärtiges Ich erst nicht im geringsten umgewandelt, sondern es nur vernichtet und dafür ein anderes in diese morsche Maschine gesteckt!“
GEJ|3|158|5|0|Sagt der Engel gar freundlichen Angesichtes: „Aber lieber Freund und Bruder, wer sagt dir denn, daß ich dich dadurch irgend bevorzuge, daß ich dich nach dem Willen des Herrn als den schon am meisten Reifen vorerst zu Ihm bringen soll? Hast du denn schon je gesehen, daß auf einem noch so edeln Baume alle Früchte zu gleicher Zeit reif werden, und wem würde es vernünftigerweise je einfallen, einer zuerst reif gewordenen Birne darum einen Vorzug einzuräumen, weil sie zuerst reif geworden ist?! Man genießt sie wohl früher als die erst etwas später reif werdenden, – aber daß man sie darum für vorzüglicher hielte denn die später reif werdenden, von dem ist ja ewig keine Rede bei uns in den Himmeln! Da müßte Moses auch vorzüglicher sein als nun der Herr Selbst, weil er nahe über tausend Jahre vor Ihm berufen ward! Oh, das gibt dir keinen Vorzug, – im Gegenteil! Wer ist am Wege der Vorzüglichere: der, der den Weg angelegt hat, oder jener Heerführer und sein Gefolge, der den Weg darauf betrat und sein Heer weiterführte?
GEJ|3|158|6|0|Siehe, Freund, das hast du mit deiner reinen Vernunft nicht gar zu gut herausgetipfelt! Ich kenne den ziemlich starren Sinn deines Herzens wohl, stellte es darum auf eine äußere Probe nur und fand aber im Hintergrund deines sonst bestsinnigen Herzens auch so ein verkapptes Hochmütlein, das die rechte Demut in sich selbst zu einer Vorzüglichkeit seines Ichs vor dem Ich der andern gestellt hatte, um dennoch in einer gewissen Hinsicht als Einziger und Unübertrefflicher dazustehen, dem in dieser Sphäre niemand gleicht! Und es ist am Ende eine gewisse Sache, wer unter den zweien der Hochmütigere ist: der, welcher unter allen Menschen der Letzte und Niedrigste oder der Erste und Höchste sein will!
GEJ|3|158|7|0|Kennst du nicht die griechische Geschichte vom König Alexander aus Mazedonien und dem gewissen allerunansehnlichsten Menschen Diogenes? Sieh, dieser lebte jahrelang in einem Fasse, das er am Sandufer zu einem Wohnhaus aufgestellt hatte!
GEJ|3|158|8|0|Eines Tages besuchte der große Held und König diesen Sonderling, der sicher einzig und allein in seiner Art dastand. Alexander stellte sich vors Faß hin; dieser Stoiker gefiel ihm, und er fragte ihn: ,Was willst du, daß ich dir tue?‘ Und Diogenes erwiderte flehentlich: ,Daß du mir von der Seite dich entfernest, von welcher die Strahlen der wohltätigen Sonne mich erwärmen!‘
GEJ|3|158|9|0|Dieser stoische Gleichmut gefiel zwar dem großen Helden; aber dennoch sagte er: ,So ich nicht schon Alexander wäre, zöge ich es vor, ein Diogenes zu sein!‘
GEJ|3|158|10|0|Was sagte Alexander aber hiermit? Siehe, das ist der Sinn: ,Die ganze Welt huldigt mir; aber welche Kämpfe hat es mich gekostet! Der genießt ein mich nahe überbietendes Weltansehen und macht sich auch unsterblich, – und es kostete ihn aller dieser unsterbliche Ruhm nur ein altes Faß!‘
GEJ|3|158|11|0|Findest du hier nicht, daß zwischen dem Hochmut Alexanders und Diogenes' kein sonderlicher Unterschied war?! Im Gegenteil war Diogenes in seiner Art hochmütiger als Alexander!
GEJ|3|158|12|0|Es ist ganz recht, der letzte sein wollen aus wahrer Liebe und Demut; aber die rechte Liebe und Demut schließt den Gehorsam besonders gegen den allerhöchsten Herrn Himmels und der Erde nicht aus. Daher, so du eines rechten Sinnes bist, da tue du nun das, was der Herr will, und es wird dann alles recht sein; denn der Herr weiß es am besten, warum Er etwas will!“
GEJ|3|158|13|0|Sagt endlich Floran: „Ja, nun folge ich dir, weil du mich freundlichst überzeugt hast, daß ich im offenen Unrechte mit meinem Sinne war.“ – Und Floran folgte allein dem Engel, der ihn zu Mir hinbrachte.
GEJ|3|159|1|1|159. — Floran vor dem Herrn
GEJ|3|159|1|0|Als beide bei Mir anlangten, sagte der Engel, sich vor Mir bis zur Erde verneigend: „Herr, hier ist ein reifer Apfel! Sein Fleisch ist wie das aller Menschen; aber er als Geist ist stark und voll unverdorbener Kraft. Dir allein alles Lob und alle Ehre darum von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
GEJ|3|159|2|0|Sage Ich: „Gut, Mein Raphael, derlei Früchte sind Mir angenehm und sehr wert! Er ist zwar einer vom Stuhle Mosis und Aarons; aber er hat sich auch die Schule eines Plato, Sokrates, Pythagoras und Aristoteles zu eigen gemacht und ist darum kein Rohr, das vom Winde hin und her geweht wird, sondern eine feste Zeder auf Libanon, die den Stürmen zu trotzen versteht! Sie steht ruhig und still; aber wenn Stürme an sie stoßen, so beugt sie sich nicht! Diesen Baum aber werde Ich lassen bis zum Aufbaue des neuen Jerusalem; er soll da geben Dach und Giebel in Meinem Hause! –
GEJ|3|159|3|0|Sage Mir nun du, Floran: Hast du eine Freude an Mir?“
GEJ|3|159|4|0|Sagt Floran: „Herr alles Lebens! Wer sollte auch keine Freude an Dir haben?! Aber ich bin ein sündiger Mensch, und Deine Heiligkeit sagt mir: Weiche von Mir! Und siehe, das ist es, das mir keine Freude macht! Ich möchte nun Deiner würdig ohne Sünde vor Dir stehen; aber es ist das unmöglich, denn ich habe gesündigt, bin darum ein Sünder und schäme mich nun sehr vor Deiner Heiligkeit. Das aber zeiht in mir kein fröhliches Herz, sondern eine bittere Reue; diese aber ist nicht geeignet, ein Herz heiter zu machen. Und doch bin ich wieder Mann genug und habe Verstand, der mir eine Entschuldigung meiner Sünden vor Dir zeigt und auch zeigt, daß ich ein Mensch bin, aus sehr vielen Elementen bestehend, der seine Vollendung erst dann erreicht, wenn die vielen Elemente durch die sündige Gärung, wie die eines jungen Weines im Schlauche, sich geläutert haben und zu einem reinen, köstlichen Weine für jedermann geworden sind.
GEJ|3|159|5|0|Du bist der Herr, und der Mensch ist die Frucht Deines ewigen Kampfes für ewig, also selbst nichts als Kampf mit Sieg und Niederlage, um einst aus beiden, gleich einem Phönix aus der Asche seines ihn vernichtenden Feuers, zu einem neuen Leben zu erstehen, das in sich wohl eins wird, aber nach außen hin dennoch ein ewiger Kampf bleiben wird und muß!
GEJ|3|159|6|0|Vergib, Herr, mir darum nicht meine Sünde, denn sie war notwendig, um in mir den Kampf zur neuen Menschwerdung hervorzurufen; aber vergib mir die Schande meiner oftmaligen Niederlage, und ich will mich Deiner freuen, o Herr!“
GEJ|3|159|7|0|Sage Ich zu den Jüngern: „Sehet hier einen Menschen, in dessen Seele auch kein Falsch wohnt! Diesen Menschen liebte Ich schon lange!“
GEJ|3|159|8|0|Sagt Simon Juda: „Herr, das scheint ein zweiter Mathael zu sein!“
GEJ|3|159|9|0|Sage Ich: „Meinst du, daß man nur in der Art Mathaels ein Weiser sein kann? Sieh, dieser Floran ist gerade das Gegenteil von Mathael, und dennoch ist er ebenso ein Weiser wie Mathael! Mathael ist ein Kundiger in den Dingen der Natur und in den Zungen der Alten; Floran aber ist ein Kundiger in aller Religion und in aller Weltweisheit und Klugheit der Alten. Und es ist darum schwerer mit ihm denn mit Mathael zu reden; aber da er nun einmal für uns gewonnen ist, so wird er ehest als ein rüstiges Werkzeug gegen allen Irrglauben, der unter den Menschen auf der Erde ist, dastehen und ihn bekämpfen mit viel Geschick und gutem Erfolge ohne Zutat von Wunderwerken. Und das ist besser bei den Kindern der Welt, auf daß sie das sie gefangenhaltende Gericht nicht noch ärger festnähme in der Seele! Für Kinder von oben sind die wunderbaren Werke wohl eine Gnade – aber nicht also für die Kinder der Welt.
GEJ|3|159|10|0|Da ihr wisset in euren Herzen, wer Ich bin, so könnet ihr in eurer Seele wohl frei bleiben, so ihr Mich sehet Gottes Werke auf dieser Erde verrichten; aber nicht also die Kinder der Welt; denn diese werden dadurch genötigt und gefesselt und haben keinen freien Gedanken mehr und noch weniger irgendeinen freien Sinn.
GEJ|3|159|11|0|Wenn aber Floran mit seiner Weltklugheit sie bearbeitet, so werden sie dadurch in ein gewisses Wortlicht versetzt, das ihnen zur Genüge die Stufen in den Tempel des Herzens erhellen wird; sind sie aber einmal darinnen, so sind sie dann schon auch völlig gewonnen für die ganze Ewigkeit! Aber ihr alle zusammen seid noch lange nicht so klug, als nun Floran allein es ist!“
GEJ|3|159|12|0|Solches aber vernahm Floran nicht, da Ich davon nur im Herzen zu den Jüngern geredet hatte; er fragte Mich darum, was er tun solle.
GEJ|3|159|13|0|Und Ich sagte: „Gehe nur hin zu deinen Brüdern, und sage es ihnen, daß Ich alsbald auch zu ihnen kommen werde!“
GEJ|3|159|14|0|Floran sagt darauf kein Wort, sondern macht bloß eine Verbeugung und eilt zu seinen Brüdern.
GEJ|3|160|1|1|160. — Floran spricht mit Stahar und den Seinen über den Herrn
GEJ|3|160|1|0|Als er nach wenig Schritten wieder bei den Seinen sich befindet, fragt ihn alsbald Stahar, sagend: „Nun, wie ist es? Sind wir auf dem rechten Wege?“
GEJ|3|160|2|0|Sagt Floran: „Vollkommen! Das unterliegt keinem Zweifel mehr! Er ist zwar ein Mensch wie wir; aber es ist in Seinem Wesen ein Etwas, das sich nur fühlen, nie aber mit Worten beschreiben läßt. So Er spricht, da klingt es, als gelte gleich jegliches Wort für die ganze Ewigkeit! Man merkt es Seinem Worte ganz klar an, daß es mit noch einem ,Werde!‘ eine Welt voll Wunder aus sich oder auch aus nichts augenblicklich hervorrufen könnte!
GEJ|3|160|3|0|Der kann Seine Vollgöttlichkeit nicht verbergen, und wäre ich statt allen früheren Vorbereitungen zu Ihm gekommen, so hätte ich Ihm auf der Stelle gesagt: ,Du bist kein gewöhnlicher Mensch, in Deiner Brust muß eine Fülle des göttlichen Urgeistes wohnen!‘
GEJ|3|160|4|0|Aber es war denn doch auch die weisest gehaltene Vorbereitung gut dazu, daß wir nun ganz leicht und klar einsehen können, mit wem wir zu tun haben. Er werde bald nachkommen, so versprach Er es mir. Wenn Er aber dasein wird, werdet ihr euch selbst überzeugen, daß ich recht habe!
GEJ|3|160|5|0|Aber nun wird es mir auch begreiflich, wer zuerst unser Benehmen in der Stadt dem Cyrenius verraten hat, das freilich wohl nicht sehr löblich war, – das heißt: unser Benehmen; nun aber ist alles ganz anders geworden! Der Zufall, von dem unser Messias-Jehova sicher eine bedeutende vorsichtliche Kenntnis wird gehabt haben – wenn die gestrige Nachsonne etwa nicht ganz Sein Werk war –, hat uns vom alten Joche der Dummheit mit einem Schlage frei gemacht, dessen wir nun wohl über alle Maßen froh sein können; denn was wird der leere Tempel in der Folge noch alles für die Menschheit belästigende und beleidigende Torheiten aushecken, für deren schnöde Effektuierung wieder wir im Vollmaße unsere Hände leihen müßten! Nun aber sollen sie uns nur kommen! Wir werden ihnen unser römisches Bürgerrecht sicher auf eine Art vor ihr Gesicht halten, daß ihnen darob das Hören und Sehen vergehen soll in der besten Gestalt!
GEJ|3|160|6|0|Wir haben nun auf unserer Seite, mit ungeheuer groß Nummer eins, den Messias und einen Engel aus den Himmeln, der um vieles mächtiger zu sein scheint als jener, der einst den jungen Tobias geführt hat; und weltlich haben wir für uns, als eben von großer Bedeutung Nummer zwei, den Oberstatthalter von ganz Asien und einem Teile Afrikas, der ein leiblicher Oheim des gegenwärtig regierenden Kaisers in Rom ist. Es sollte da schon mit der ganzen Hölle von Jerusalem hergehen, und wir müßten ihrer dennoch auf die gleiche Weise Herr werden, wie der gereizte Löwe Herr jedes noch so schlauen Fuchses werden kann! – Was sagt ihr nun zu all dem?“
GEJ|3|160|7|0|Sagt Stahar: „Nichts als das, daß es uns nun schon für die ganze Ewigkeit gut geht! Nun fürchte ich auch niemand mehr! Für Gott kämpfen ist gut und leicht; denn Gottes Kraft ist eine Schutzmauer, die kein Feind zerstören kann in Ewigkeit! Aber nur möchte ich nun noch von irgendwem aus euch in die Erfahrung bringen – wenn auch nur so annähernd hin –, was wir für die Zukunft für eine sicher neue Bestimmung antreten werden! Hat da aus euch niemand einen treffenden Gedanken? – Was meinst du, Floran?“
GEJ|3|160|8|0|Sagt Floran: „Daran denke ich nicht und halte es unter den hier gefundenen Umständen wohl nicht der Mühe wert, nur mit einem flüchtigsten Gedanken mich dahin zu kehren! Wir sind nun bei Gott, und da sind wir versorgt nicht nur für diese Zeit, sondern für die ganze Ewigkeit! Also, diese Frage hättest du, Bruder, dir wohl ersparen können!
GEJ|3|160|9|0|Mich kümmert nun nichts mehr in dieser Welt; denn Der, den wir hier fanden, ist mir alles über alles! Was Sein Wille sein wird, das wird meine Zukunft sein für alle Zeiten der Zeiten! Denn nur Er allein weiß es ganz, was wir sind, was wir werden sollen, und was wir zu tun haben für die Folge, um das zu werden, was Er aus uns haben will. Es ist darum nun jede eitle Vorsorge von unserer Seite eine Torheit; erst wenn Er zu uns sagen wird: ,Tut dies oder jenes!‘, dann erst kommt für uns die Zeit, zu sorgen, ob wir das wohl stets genaust nach Seinem Willen werden vollbringen können, was zu tun uns Sein heiliger Wille zur Pflicht machen wird. – Siehe, Bruder Stahar, das ist so meine Kernansicht!
GEJ|3|160|10|0|Aber seien wir nun ruhig; denn ich bemerke, daß der Herr mit dem Cyrenius sich anschickt, zu uns herüberzukommen! Da heißt es fest beisammensein im Herzen, sonst ertraget ihr Seine Nähe nicht! Richtig, sie kommen! Auch der Engel und ein Mädchen gehen mit; das Mädchen wird auch ein Engel sein!“
GEJ|3|160|11|0|Sagt Stahar: „Ah, das Mädchen kann kein Engel sein; denn weibliche Engel hat es nie gegeben, wird es nie geben und kann es auch nicht geben! Denn da müßte ja doch in irgendeiner Schrift etwas davon stehen! Also kann dies Mägdlein nur irgendeines reichen Juden Tochter sein. Eine Römerin ist sie nicht, was man aus ihrem Anzuge sehen kann; der Knabe wohl, den Cyrenius an der Hand führt, ist sicher ein Römer oder gar ein jüngster Sohn des alten Herrn. Aber das Mägdlein, so recht fest betrachtet, muß auch schon ganz entsetzlich weise sein; denn ihr fester und sprechend sanfter Blick ist dafür ein untrüglicher Beweis.“
GEJ|3|160|12|0|Sagt Floran: „Ja, ja, du sollst recht haben; aber mit deiner Behauptung, daß es keine weiblichen Engel gebe, bin ich nicht völlig einverstanden! Es werden unter ihnen wohl keine geschlechtlichen Unterschiede vorkommen; aber Gemütsunterschiede wird es sicher in einer solchen Art und Weise geben, die sich zueinander also verhalten werden, wie auf dieser Erde ein lieber Mann zu seinem allerliebsten Weibe. Und siehe du den Engel an, und sage es dir selbst, ob er nicht viel eher einem allerzartesten Mädchen denn irgendeinem Jünglinge gleichsieht! Lege ihm weibliche Kleidung an, und du hast ein Mädchen NON PLUS ULTRA, [unübertrefflich.] wie die Römer sagen, vor dir! – Aber nun genug des Geredes für nichts und nichts! Sie werden gleich dasein!“
GEJ|3|161|1|1|161. — Florans Bekenntnis vor dem Herrn und Zeugnis über den Tempel
GEJ|3|161|1|0|Wir kommen langsamen Schrittes nun bei den fünfzig an, die sich sogleich allertiefst vor uns verbeugen. Ich heiße sie als Männer aufrecht stehen, und sie richten sich alsogleich vollends aufrecht.
GEJ|3|161|2|0|Und Ich frage sie, sagend: „Glaubet ihr, daß Ich Der sei, von dem die Propheten alle geweissagt haben?“
GEJ|3|161|3|0|Sagen alle: „Herr, keiner aus uns zweifelt; aber da Du Der bist, wie magst Du uns fragen darum, der Du doch unsere geheimsten Gedanken kennst, ehe wir sie noch zu denken angefangen haben?“
GEJ|3|161|4|0|Sage Ich: Darob ärgere sich ja keiner aus euch an Mir; denn es handelt sich hier nicht um das, was Mir freilich wohl schon von Ewigkeit her bekannt ist, sondern um eure Entäußerung! Ihr könnet Mich nicht eher fassen, als bis euer Innerstes auch zu eurem Äußersten wird!
GEJ|3|161|5|0|Ihr könnet Mich wohl mit euren Augen sehen und Meine Stimme hören mit euren Ohren; aber euer Herz kann Mich im Geiste und in aller Wahrheit dennoch nicht vernehmen und verstehen! Und darum gebe Ich euch Fragen; und eine Antwort, die ihr Mir gebet, hat eine ganz andere Wirkung für euer ganzes Leben als eine, die ihr einem Menschen eures Schlages gebet.
GEJ|3|161|6|0|Daher frage Ich euch nun noch einmal, ob ihr wohl ganz ungezweifelt glaubet, daß Ich Der sei, von dem Moses und alle andern Propheten geweissagt haben! Saget es nun ohne Scheu heraus, wie ihr es euch denket in eurem Herzen!“
GEJ|3|161|7|0|Sagt Floran: „Herr, Du verstehst besser denn wir unsere Naturen! Es ist dies alles so plötzlich vor sich gegangen: gestern die Nachsonne und ihr plötzliches Verschwinden; die Folgen dampfen noch und hüllen die ganze Gegend in Rauch ein; unser Verlust, – noch wissen wir von unsern Weibern und Kindern keine Silbe! Wir flüchten uns hierher, werden aufgegriffen und vors Gericht gestellt; darauf die Wundertaten des Engels, und nun Du Selbst, – und das alles in achtzehn Stunden! Es ist wahrlich kein Scherz, und man kann sich dabei doch nicht mit einem Wurfe jedes Bedünkens entheben!
GEJ|3|161|8|0|Mir selbst und auch sicher allen meinen Gefährten kommt die Sache wie ein Traum vor! Es ist alles wahr und richtig, und niemals kann alles das, was hier geschah, in irgendeine Abrede gestellt werden; aber in der kurzen Zeit geschah hier so viel des Außerordentlichsten, daß man es nicht auf einmal auffassen kann. Wir glauben fest alles, was hier ist und geschieht; und daß Du offenbar der Messias bist, von dem alle Propheten geweissagt haben, ist so sicher und gewiß, als der alte Römer ganz gewiß und sicher der Oberstatthalter über ganz Asien ist, das heißt, soweit es von den Römern erobert ist. Aber bis wir alles das so in unser Leben werden aufgenommen haben, das wird wohl einer längeren Zeitdauer benötigen!
GEJ|3|161|9|0|Auf einen Hieb bringt man keinen Baum zum Fallen, und wir können so etwas auch nicht auf einen Wurf ganz vollkommen begreifen; aber wir werden uns sicher alle Mühe geben und alles das, was hier namentlich unsertwegen geschehen ist, und was wir hier erlebten, gewiß in aller Tiefe der rechten Erkenntnis zu würdigen über alles bestrebt sein! Tieferes und Höheres kann ja doch wohl kein Mensch irgendwo auf dieser Erde erleben!
GEJ|3|161|10|0|Also, wir glauben alle fest und ungezweifelt, daß Du der verheißene Messias bist, trotz Deiner uns mehr oder weniger bekannten höchst unansehnlichen Abstammung bezüglich der irdisch-besitzlichen Verhältnisse. Deine irdischen Eltern sind arm, und Dein Vater war unseres Wissens ein Zimmermann in Nazareth. Die Abkunft Deiner Mutter ist uns nicht bekannt, und es ist darum um so außerordentlicher, daß ein schon dem ersten Menschen dieser Erde verkündeter Retter aller Menschen in einer so außerordentlichsten Geringheit und Armut in diese Welt hat kommen mögen, da Ihm im Geiste doch schon von Ewigkeit alle Vorteile irgendeiner Hochgeburt zu Gebote haben stehen müssen.
GEJ|3|161|11|0|Wärest Du aus dem Schoße einer Kaiserin in die Welt gekommen und tätest solche Zeichen, wo gäbe es ein Volk auf dieser Erde, das sich Dir nicht unterwürfe in allem!? Aber als ein allererster und größter Mensch, ja als der einige Gott Selbst in Menschengestalt in solch einer Geburtsniedrigkeit in diese Welt zu treten, ist etwas, das viele auch etwas stark ärgerlich berühren wird! Uns macht das freilich wohl nichts mehr, und wir sind also zufriedener; aber alle Menschen werden nicht also denken wie wir nun, – die stolzen Jerusalemer schon gar nicht, und am wenigsten die Templer! Denn diese kennen wir; diese kennen in der Welt nur einen Menschen, den sie lieben und achten – alles andere ist Mist –, und dieser Mensch ist für jeden Templer ohne die geringste Ausnahme – er sich selbst! Der allein wird von jedem über alles geliebt und geachtet, jeder andere, und wäre er ein Gott, aufs äußerste verachtet; nur ein außerordentlicher äußerer Glanz kann ihnen noch zuweilen ein wenig imponieren.
GEJ|3|161|12|0|Kommst Du, o Herr, heute nach Jerusalem, und Du läßt es zu, so töten sie Dein Fleisch in den ersten drei Tagen; denn die Templer kennen niemand – als nur ein jeder aus ihnen sich selbst. Es möchte zwar ein jeder den andern töten; da aber ein jeder dem andern dienlich ist zur Erreichung seiner höchst selbstsüchtigen Zwecke, so duldet man sich gegenseitig unter der Larve der allererheucheltsten Freundschaft.
GEJ|3|161|13|0|Keiner traut dem andern auch nur um eine Spanne weiter, als er ihn so fein als möglich durchschauen kann; aber dennoch heuchelt ein jeder dem andern ein unbedingtes Vertrauen vor. Braucht er ihn aber bei irgendeinem Geschäfte, so kann ihm sein Nachbar nicht Kautionen zur Genüge hinterlegen, auf daß er genötigt sei, ehrlich zu handeln. Aber selbst die Kautionen nützen nichts! Sieht sich der mit einer Geschäftsmission Betraute bei abgemachtem Geschäfte so hübsch über die geleistete Kaution im Vorteile, so läßt er die Kaution fahren und steckt dafür den noch viel größeren Vorteil ganz gemütlich ein.
GEJ|3|161|14|0|Es wäre da viel zu reden vor Menschen; aber da Dir, o Herr, ohnehin alles gar wohlbekannt sein wird, so wäre jedes weitere Wort aus meinem Munde eine eitle Torheit, und ich sage es Dir, daß wir auch darum fest glauben an Dich; denn Du mußtest kommen, um allen solchen Greueln ein Ende zu machen für alle Zeiten.“
GEJ|3|162|1|1|162. — Die Wege der göttlichen Führungen
GEJ|3|162|1|0|Sage Ich: „Höre, du Mein lieber Floran, da hast du dich noch viel tiefer ausgebeutet vor Mir, als Ich es von dir verlangt habe; aber es macht das nichts, und es war schon recht also!
GEJ|3|162|2|0|Ja, Ich werde den Greueln zu Jerusalem und anderorts ein Ende machen, aber es müssen viele deiner Überzeugung sein! Noch gibt es viele, die in ihrer großen Blindheit noch gar mächtig hängen am Tempel und erwarten alles Heil und jegliche Hilfe aus seinen Hallen; nähme man diesen Blinden nun von heute auf morgen den Tempel weg, so würden diese das ja nicht etwa für einen großen Segen von oben, sondern für ein schrecklichstes Gericht halten und in die fürchterlichste und tobendste Verzweiflung geraten, die dann eine viel ärgere Nachfolge hätte denn die gegenwärtige noch so dicke Blindheit. Nun aber geltet ihr beim Volke als die Vertreter des Tempels, und es hält euch für die Ausspender des Heiles, von dem der Tempel erfüllt sei.
GEJ|3|162|3|0|Was will Ich euch aber damit sagen? Nichts anderes als: Ihr sollet dem Volke so nach und nach und, wo sich guter Anklang zeigt, auch plötzlich zeigen, was der Tempel nun ist, was seine Diener machen, und wie sie unter sich beschaffen sind!
GEJ|3|162|4|0|Zugleich aber sollet ihr das Volk auf das sehr aufmerksam machen, was ihr hier gesehen und gehört habt, so wird dadurch die arge Wirtschaft des Tempels und der Tempel selbst ganz in der besten und wirksamsten Ordnung untergraben, und wird am Ende von selbst in die vollste Nichtigkeit versinken und somit aufhören das zu sein, was er ist; und an seine Stelle werden treten die neuen Tempel des Geistes Gottes, aus denen ein ganz neues Jerusalem im Himmel erbaut wird.
GEJ|3|162|5|0|Freilich müßtet ihr dieses gute Geschäft so unvermerkt als möglich anfangen; ihr könntet das um so leichter tun, indem ihr nun vollkommene Bürger Roms seid und euch der Tempel nicht angreifen kann, weil zwischen euch und dem Tempel das Schwert Roms ist und wacht.
GEJ|3|162|6|0|Dies ist sonach schon ein Amt, mit dem Ich euch betraue. Verwaltet es, und der Lohn wird nicht unterm Wege verbleiben; dessen könnet ihr vollkommen versichert sein! – Seid ihr damit einverstanden?“
GEJ|3|162|7|0|Sagt Stahar: „Herr, werden wir wieder unsere alte Stellung in Cäsarea Philippi einnehmen, oder sollen wir uns anderorts wohin begeben?“
GEJ|3|162|8|0|Sage Ich: „Ihr werdet hier in Cäsarea Philippi bleiben und unter der Leitung dieses unseres Wirtes Markus stehen, dem Cyrenius und Ich die Gewalt über diese ganze Gegend einräumen werden, und dem sie zum größten Teile eigentlich schon eingeräumt ist. Der Kreis von Cäsarea Philippi ist groß und zählt viele Hunderttausende von Menschen; haben diese einmal ein Licht, so wird sich das Licht dann schon von selbst weiter ausdehnen. Aber es wird das eurer Klugheit anheimgestellt sein, dieses ins Werk zu setzen!“
GEJ|3|162|9|0|Sagt Stahar: „Herr, es wäre das schon alles wohl gut und recht; aber nun ist ja die ganze Stadt ein Schutt- und Aschenhaufen! Wir haben keine Wohnungen, und unsere Synagoge war eines der ersten Gebäude, das den Flammen preisgegeben wurde. Wo werden wir uns niederlassen?“
GEJ|3|162|10|0|Sage Ich: „Das sei eure geringste Sorge! So Ich es will, steht im Augenblick eine fertige Welt, geschweige ein solches Städtchen, vor euch! Übrigens wird da der Cyrenius schon alle Mittel, unterstützt durch Meine Gnade, in die tätigste Anwendung bringen und somit auch für eure Unterkunft sorgen. Zudem werden die schon seit heute morgen erwarteten hohen Gäste nun bald hier landen, und es wird sich da noch vieles ausmachen und bestimmen lassen.“
GEJ|3|162|11|0|Stahar verneigt sich tiefst und sagt darauf so halblaut wie zum Floran: „Der Allmächtige spricht dennoch wie ein Mensch, was mir sehr gefällt; aber Er könnte dem Tempel und dem übermütigen Jerusalem ja mit einem einzigen Gedanken einen ewigen Garaus machen! Wozu das langsame Untergraben?“
GEJ|3|162|12|0|Sagt Floran: „Schau, Bruder, das geschieht darum, weil wir beide noch so hübsch stark ins Geschlecht der Esel gehören, die von der göttlichen Ordnung noch lange keinen Dunst haben!
GEJ|3|162|13|0|Wenn du auf einem Baume im Frühjahre noch sehr grünes, unreifes und steinhartes Obst hängen siehst, so wünschest du dir gleich so ein bißchen Allmacht! Du möchtest wirksam sagen: Fiat! (Es geschehe), und alle Feigen, Äpfel, Birnen, Pflaumen und Trauben sollen im Augenblick reif sein! Aber der allmächtige Schöpfer hat die Sache ganz anders eingerichtet, wie solches die tägliche und jährliche Erfahrung zeigt. Sollen wir da etwa auch fragen und sagen: ,Der Allmächtige kennt ja doch der Menschen Bedürfnisse; warum zögert Er denn gar so mit dem Reifwerdenlassen der Früchte?‘
GEJ|3|162|14|0|Auch muß der Mensch jahrelang zuvor ein Ledl, also ein dummes Kind bleiben, um erst nach und nach zu einem Menschen emporzuwachsen, während der Sperling von seiner Geburt an in vierzehn Tagen schon ein ganz vollendeter Sperling ist und sich in seinem luftigen Haushalte ganz vortrefflich auskennt. Ja, die meisten Tiere haben gleich mit der Geburt schon die hinreichendste Ausbildung für ihren Haushalt, – und der Mensch braucht nahe zwanzig Jahre dazu, um sich in der lieben Welt nun ein wenig auszukennen anzufangen! Er, der Herr der Natur, muß am längsten warten, um das zu sein, wozu er bestimmt ist! Könnte man da nicht auch sagen: ,Herr, Du Allmächtiger, warum hast Du denn gerade für den Menschen, Deinen Liebling, nicht besser gesorgt, – warum muß gerade der werdende Mensch so lange warten, bis er ein Mensch wird?!‘
GEJ|3|162|15|0|Siehe, das ist schon so in der uns jetzt noch freilich wohl stark unbegreiflichen Ordnung Gottes, und so wird auch das im Gleichmaße in seiner Ordnung sein, daß wir so nach und nach den Tempel untergraben müssen; denn ein plötzliches Zerstören würde die vielen Blinden, denen der Tempel gleichfort noch alles in allem ist, in die höchste Verzweiflung stürzen, – was viel ärger wäre als die noch einige Zeit geduldete Betrügerei seiner schnöden Diener!
GEJ|3|162|16|0|Sieh, ich habe da wohl des Herrn Sinn so ziemlich erkannt und begreife nicht, wie dir das so ganz und gar durchgegangen ist! Ich habe auch nicht begriffen, wie du den Herrn um unser weltliches Unterkommen hast fragen können! Ist es denn nicht genug, so Er sagte, daß wir dies und jenes tun sollten?! Ist es ja doch schon seit alters her bekannt, daß derjenige, der mich zu einer Arbeit gedungen hat, mir auch den Unterhalt geben wird! Tun aber das schon die selbstsüchtigen Menschen, um wieviel mehr wird das der Herr Himmels und der Erde tun, ohne daß wir nötig haben, Ihn zu fragen!
GEJ|3|162|17|0|Sieh, das war wohl sehr menschlich von dir, mein lieber Bruder! Denn durch solch eine Frage hast du offenbar deinen noch mehrseitigen Unglauben an den allerhellsten Tag gelegt, und es kann von dir mit Recht nichts anderes gedacht werden, als daß du noch eine starke Portion Unglaubens in dir birgst, dem du nun für alle Zeiten einen festen Abschied geben mußt!“
GEJ|3|163|1|1|163. — Missionswinke für die Arbeit im Weinberge des Herrn
GEJ|3|163|1|0|Sage Ich zum Floran: „Freund! Dein Fleisch gibt dir das nicht, sondern der Geist, der in dir ist von oben her! Es ist zwar in Stahar auch ein Geist; aber der schlummert noch, und so spricht noch mehr sein Fleisch als irgend sein Geist. Ein jeder aber sorgt sich vor allem um das, was ihm am nächsten liegt. Aus dem ein geweckter Geist spricht, dessen Nächstes ist auch sein Geist, darum wird vor allem seine Sorge auch auf das gerichtet sein, was da betrifft seinen Geist; der aber noch mehr Fleisch ist und aus dem Fleische denkt und will, dem ist sein Fleisch am nächsten, und er sorgt sich darum vor allem um sein Fleisch und stellt die Sorge für den Geist in den Hintergrund.
GEJ|3|163|2|0|So stehen die Dinge und die Menschen in dieser Welt; wenn aber unser Stahar mehr geweckten Geistes sein wird, so wird auch er sich vor allem um das sorgen, was des Geistes ist.
GEJ|3|163|3|0|Siehe, darin aber liegt die rechte Sorge für den Geist, daß euer Herz voll Liebe werde zu Gott und zum Nächsten!
GEJ|3|163|4|0|Es ist leicht, gute und ehrliche Menschen zu lieben und mit ihnen umzugehen; aber zu den Sündern gehen und sie bringen auf den rechten Weg, ist ein Werk, das viel Selbstverleugnung erfordert.
GEJ|3|163|5|0|Denn gehst du mit einer Hure und Ehebrecherin über die Straße, so werden die Menschen mit Fingern auf dich zeigen und dir tun, was dir vor der Welt nicht zur Ehre gereichen wird; wenn du aber die Hure und die Ehebrecherin auf den rechten Weg gebracht hast, da wird dir darum von Gott eine große Belohnung zuteil werden, und diese ist mehr wert im kleinsten Fünklein als eine ganze Welt voll der glänzendsten Ehre.
GEJ|3|163|6|0|Wer Mir einen Verlorenen wiederbringt, wird mehr Lohnes erhalten als derjenige, der Mir auf einer eingefriedeten Weide hundert Lämmer wohl gehütet hat. Denn einen ehrlichen Menschen bei der Ehre und Tugend erhalten, ist eine gar leichte Arbeit; aber einen von allen Verachteten wieder zu Ehren erheben und aus einem verstockten Sünder einen Tugendhelden zeihen, will sehr bedeutend mehr gesagt haben! Und nur das wird von Mir hoch angesehen, – das erstere aber nur für eine Arbeit der faulen Knechte!
GEJ|3|163|7|0|Ich bin der Allerhöchste, so ihr es annehmen wollet, und Ich suche und nehme auf nur das Verachtete und in den Augen der Welt Verlorene. Denn die Gesunden bedürfen des Arztes sicher nicht!
GEJ|3|163|8|0|Wollet ihr demnach vollkommen Meine wahren Jünger und Diener sein, so müsset ihr auch in allem also sein, wie nun Ich Selbst es bin.
GEJ|3|163|9|0|So ihr einen Blinden auf der Straße wandeln sehet, und sehet aber auch, daß der von ihm betretene Weg ein höchst gefährlicher besonders für einen Blinden ist, werdet ihr da dem blinden Wanderer nicht sobald unter die Arme greifen und zu ihm sagen: ,Höre, Freund, der Weg, den du nun wandelst, ist sehr gefährlich; laß dich führen, auf daß du nicht hinabstürzest in einen Abgrund!‘ Und so er sich euch dann aufs Wort anvertraut, werdet ihr euch schämen, den Blinden zu führen? Sicher keiner aus euch allen!
GEJ|3|163|10|0|Ein Sünder aber ist oft noch um vieles geistig blinder als der fleischlich Blinde; wer kann sich da schämen, einem im Geiste Blinden unter die Arme zu greifen?!
GEJ|3|163|11|0|Darum sei vor euch in der Zukunft kein Sünder so groß, als daß ihr euch seiner schämen könntet, ihm auch einen Führer abzugeben!
GEJ|3|163|12|0|Diese Lehre merket ihr euch vor allem, und denket in eurem Herzen sehr darüber nach, und ihr werdet in euch des Lebens lichte Wege und daraus alles andere klar und deutlich zu erspähen anfangen!
GEJ|3|163|13|0|Nun aber nähern sich diesem Ufer auf dem Meere Schiffe; diese bringen die besprochenen Gäste. Diese werden euch viel Licht verschaffen.“
GEJ|3|164|1|1|164. — Schiffe mit Gästen in Sicht
GEJ|3|164|1|0|Markus und seine beiden Söhne bemerken auch vom Hause aus, daß da Schiffe ankommen, eilen als gute Lotsen ans Ufer und schauen, ob es den Schiffen nicht an irgend etwas gebricht.
GEJ|3|164|2|0|Auch Cyrenius und alles, was Römer und Grieche ist, eilet dem Ufer zu, um zu sehen, was die drei Schiffe bringen. Aber diese stehen noch ziemlich hoch auf der See und sind vom Ufer noch bei einer Stunde Weges entfernt, und alle Betrachter können noch nichts ausnehmen, was sich etwa auf den drei bedeutend großen Schiffen befindet.
GEJ|3|164|3|0|Cyrenius fragt Mich darum, und Ich sage: „Die, welche wir schon heute früh erwarteten! Sie haben einen widrigen Wind zu bestehen gehabt, und die See ging hoch; sie mußten einen jenseitigen Hafen suchen, um den Wind unterdessen austoben zu lassen, und das ist die Ursache ihrer Verspätung. Es ist bereits eine volle Stunde über des Tages Mitte hinaus, und sie würden bis hierher noch eine volle Stunde Zeit benötigen, da sie immer noch mit einem kleinlauten Gegenwinde mit den Rudern zu kämpfen haben. Aber es liegt nun an uns, ihnen zu Hilfe zu kommen, und das wird ihnen den Weg und die Zeit um vieles abkürzen.“
GEJ|3|164|4|0|Sagt Cyrenius: „Herr! Möchtest Du ihnen nicht also, wie gestern dem Ouran, den Raphael entgegensenden?“
GEJ|3|164|5|0|Sage Ich: „Ist hier durchaus nicht nötig; denn diesen droht die Gefahr nicht, die gestern dem Ouran gedroht hat! Mit diesen drei mäßigen Fahrzeugen wird Markus mit seinen beiden Söhnen ganz leicht fertig, und wir haben sie in einer kurzen halben Stunde hier!“
GEJ|3|164|6|0|Sagt Cyrenius: „Aber Herr, willst Du denn heute gar kein Wunder tun?“
GEJ|3|164|7|0|Sage Ich: „Hast du denn nicht gelesen im Moses: ,Und am siebenten ruhte der schaffende Geist Gottes, und der siebente Tag ward darum zum Sabbate‘?! Wenn Ich nun denn auch ein wenig Sabbat halte, so tue Ich doch recht, da Ich vorher sechs volle Tage hindurch doch fleißig gearbeitet habe! Zudem habe Ich ja doch nun allerlei Diener um Mich, die nun in Meinem Namen und in aller Kraft desselben tätig sind und sein können!“
GEJ|3|164|8|0|Sagt Cyrenius: „Herr, das bedeutet schon wieder etwas Besonderes; den Sinn dieser Version (Lesart) bringe ich durchaus nicht heraus!“
GEJ|3|164|9|0|Sage Ich: „Nun, so frage irgendwen, und es soll dir alles klargemacht werden! Ich aber nehme nun die kurze Ruhe nicht Meinet-, sondern euretwegen, um euch Gelegenheit zur Tat zu geben, und so bin Ich ja auch tätig in euch allen. – Verstehst du das denn nicht?“
GEJ|3|164|10|0|Sagt Cyrenius: „Ja, ja, nun verstehe ich es! Ich kann es mir nun auch denken, warum!“
GEJ|3|164|11|0|Sage Ich: „Da hast du eben keine schwere Arbeit, da Ich es euch allen doch heute morgen ganz klar herausgesagt habe! Vor dem Mittagessen tue Ich eigenhändig nichts, nach dem Essen aber wird sich schon noch Gelegenheit bieten, um etwas tun zu können; so Ich aber rede, da tue Ich ja dennoch vor dem Mittagessen auch etwas.
GEJ|3|164|12|0|Aber nun heißt es dem Markus sagen, daß er die beiden Söhne den Schiffen entgegensende, er selbst aber Sorge trage, daß die Tische gut bestellt werden; denn die erwarteten Gäste werden sehr erschöpft und hungrig und durstig ankommen, ebenso ihre Dienerschaft und die armen, müden Schiffer.“
GEJ|3|164|13|0|Hierauf winkte Ich dem Markus, und er verstand Meinen Wink, ließ die beiden Söhne gleich kräftigst in die See stechen, und er ging eiligst ins Haus und setzte alles in die tätigste Bewegung.
GEJ|3|164|14|0|Auch in den Zelten des Ouran ward es lebendig; denn Mathael und seine vier Gefährten, sein junges Weib Helena und der König Ouran bemerkten die Schiffe aus den Zelten, die sie vor einer Stunde mit der Familie des Herme, des bekannten Boten aus Cäsarea Philippi, bezogen hatten, um sich daselbst umzukleiden und dem Mathael königliche Kleider anzuziehen, damit er vor den Ankommenden als das dastehe, was er ist.
GEJ|3|164|15|0|Ouran eilt zu Mir und fragt Mich in aller Demut: „Herr, was wohl werden die Schiffe bringen? Etwa gar die erwarteten sehr hohen Gäste?“
GEJ|3|164|16|0|Sage Ich: „Mein Freund, das war sehr hofsittlich gefragt! In unserer Gegenwart gibt es keine sehr hohen und keine sehr niederen Gäste, sondern nur Brüder von A bis Z. Kann Ich Mich euren Freund und Bruder nennen lassen, warum soll es unter euch Menschen hohe und niedere geben? Ich sage dir: Der Allmächtige unter euch ist allein ein rechter Herr, ihr alle aber seid Brüder untereinander und Knechte und Diener eines Herrn!
GEJ|3|164|17|0|Oder meinst du, daß die Könige bei Mir höher stehen denn ihre geringsten Diener, darum, weil sie mächtige Könige sind? O mitnichten! Da entscheidet allein das Herz; der König muß es im Herzen wissen, warum er ein König ist, und der Diener, warum er ein Diener, sonst stehen vor mir König und geringster Knecht auf der gleichen Stufe so hübsch tief unten.
GEJ|3|164|18|0|Also merke dir das, du Mein Freund Ouran, daß es vor Mir keine hohen und keine niederen Gäste gibt, sondern nur Kinder, Brüder und Schwestern!“
GEJ|3|164|19|0|Mit dieser Zurechtweisung war Ouran aber auch ganz zufrieden, verneigte sich tief und fragte darauf nicht weiter.
GEJ|3|165|1|1|165. — Von den Gefahren des Hochmutes
GEJ|3|165|1|0|Als er aber zum Mathael kam, sagte er (Ouran): „Heute ist mit dem Herrn nicht gut reden! Ich fragte Ihn ganz bescheiden, ob da die beansagten hohen Gäste ankämen, bekam aber wegen des Wortes ,hohen‘ eine so derbe Lektion, die ich mir sicher desto besser merken werde, weil sie eben so derb und trocken war! Heute ist der Herr aber auch wie umgetauscht! Gestern war Er die Liebe und Gemütlichkeit Selbst; heute aber bekommt ein jeder, der Ihm in die Nähe kommt, seine ganz wohlgemessene Lektion! Ich begreife das durchaus nicht!“
GEJ|3|165|2|0|Sagt Mathael: „Ich aber wohl! Wie könnte es mir aber auch nur im Traume einfallen, den allerhöchsten, allmächtigen Herrn zu fragen, welche ,hohen‘ Gäste von irgendwoher ankämen?! Was sind wir Menschen, und wer ist Er?! Und Er macht vor uns aus Sich gar nichts, ist voll Liebe und Demut, und wir wollten da vor Ihm irgend von hohen Gästen reden?! Das, mein sonst allerliebster Schwiegervater, war wohl ein wenig zu stark vergriffen, und der Herr konnte dir auf solch eine Frage unmöglich eine andere Antwort geben; denn hättest du mich ebenalso gefragt, so weiß ich kaum, ob meine darauf erfolgte Antwort nicht noch um etwas gröber und derber ausgefallen wäre! Aber der Herr als stets der Sanfteste rügt leidenschaftslos einen Fehler ja nur darum, damit wir erkennen sollen, daß wir gefehlt haben. Gehe hin und bekenne es, und du wirst von Ihm gleich ein anderes Wort haben!“
GEJ|3|165|3|0|Sagt Ouran: „Du hast aber auch schon wieder recht; oh, wenn ich gefehlt habe, da muß der Fehler ja gleich wieder gutgemacht werden!“
GEJ|3|165|4|0|Mit diesen Worten verließ Ouran sogleich wieder sein Gezelt, begab sich zu Mir her und sagte: „Herr, ich habe vor Dir vorhin einen großen Fehltritt mit meiner eitlen Frage gemacht! Vergib mir solchen; denn ich tat das ja nicht mit meinem Willen, sondern – geradeheraus gesagt – mit meiner altgewohnten Dummheit, wie Du, o Herr, es sicher ganz genauest wirst eingesehen haben!“
GEJ|3|165|5|0|Sage Ich: „Mein Freund; wer einen Fehler in sich als solchen erkennt und ihn ablegt, dem ist er auch schon vergeben für immer, und wer sich darauf zu Mir kehrt, dem ist jeder doppelt vergeben!
GEJ|3|165|6|0|Wer aber seinen Fehler wohl erkennt, ihn aber behält in seiner Natur, dem ist er nicht vergeben, und käme er auch hundert Male zu Mir!
GEJ|3|165|7|0|Denn Ich sage es dir: Der zu Mir kommt und spricht: ,Herr, Herr!‘, der ist Mein Freund noch lange nicht, sondern nur der, der Meinen Willen tut; dieser aber will, daß ihr euch wegen eines Amtes nicht auch in eurer Person über die andern Menschen erheben sollet!
GEJ|3|165|8|0|Wohl sollet ihr allzeit euer Amt treu, gut und gerecht handhaben, – aber dabei niemals auch nur einen Augenblick vergessen, daß die, über welche ihr ein gutes Amt ausübet, vollkommen euch ebenbürtig und somit eure Brüder sind!
GEJ|3|165|9|0|Die wahre Nächstenliebe aber lehrt euch solches von selbst aus der wahren Liebe, die ihr als Kindlein zu Mir habt.
GEJ|3|165|10|0|Wenn es nötig ist, da lasset das Ansehen und die Ehre eures Amtes walten; aber ihr selbst seid voll Demut und Liebe, so wird euer Gericht über eure verirrten Brüder und Schwestern stets ein nach Meiner Ordnung gerechtes sein!
GEJ|3|165|11|0|Ich sagte dir, was Ich dir gesagt habe, nur, um dir auch darin Meine Ordnung und Meinen Willen zu zeigen; denn Ich sage es dir: Wer da nicht abläßt vom kleinsten Stäubchen Hochmutes, dem wird in der Folge Mein Reich nicht geoffenbart werden im Geiste, und er wird nicht eher hineinkommen, als bis er das letzte Stäubchen Hochmutes wird aus sich geschafft haben!
GEJ|3|165|12|0|Gehe nun hin und verkünde solches jedem, bei dem du irgendein Hochmütlein entdeckst!“
GEJ|3|165|13|0|Nach diesen Worten verneigte sich Ouran wieder tiefst nach seiner Sitte und begab sich schnell zu den Seinigen. Und Mathael fragte ihn, wie Ich das aufgenommen hätte.
GEJ|3|165|14|0|Sagt darauf Ouran: „Der Herr war mir sehr gnädig und zeigte mir die Wahrheit und die Ordnung und die Gerechtigkeit in der wahren Demut, und ich bin wieder so glücklich wie zuvor.“
GEJ|3|165|15|0|Sagt Mathael: „Ja, Vater und Bruder in der wahren Demut! Unser Amt ist zwar ein erhabenes Amt gegenüber von Millionen unserer Brüder und Schwestern, – aber auch ein schweres Amt vor dem Angesichte des allmächtigen Gottes! Man muß sich sehr in acht nehmen, daß man nicht selbst von der Erhabenheit des hohen Amtes in der Person mitgerissen wird, wo man dann sehr stolz und hochmütig würde und sich für mehr denn für einen Menschen hielte, der von Gott dazu gesalbt ist, allen seinen Brüdern aufs beste zu dienen und so gewisserart ein Knecht der Knechte zu sein.
GEJ|3|165|16|0|Und wer unseres Amtes und Standes sich aber erhebt, der wird sicher sehr gedemütigt, wie wir solches an der ganzen Reihe der Könige Judäas gar leicht ersehen können. Wie es aber war, also wird es bleiben bis ans Ende der Welt! Es ist sehr schwer, in Gold und Edelsteinen zu prangen und dabei dennoch demütiger zu sein im Herzen denn ein jeder Untertan! Nur des Herrn Gnade und große Erbarmung kann einen König inmitten seines irdischen Glanzes auf dem Standpunkte der Ordnung der Himmel erhalten!“
GEJ|3|165|17|0|Sagt Ouran: „Ja, du hast recht! – Aber nun kommen die drei Schiffe schon ganz nahe dem Ufer; gehen wir doch auch hin, auf daß wir die Angekommenen begrüßen können!“
GEJ|3|165|18|0|Darauf eilen alle nach dem untern Landungsplatze.
GEJ|3|166|1|1|166. — Wiedersehensfreude nach Ankunft der Gäste
GEJ|3|166|1|0|Als die Angekommenen ans Land treten und Mich alsbald erschauen, so breiten sie alle gleich ihre Arme weit aus und weinen vor Freude, Mich nun wiederzusehen.
GEJ|3|166|2|0|Kornelius grüßt auch sogleich seinen Bruder Cyrenius und sagt: „Ja, so ihr da seid, da wird es für mich wohl kein anderes Geschäft geben, als mich über Hals und Kopf zu freuen, wieder einmal seligst unter euch zu sein!“
GEJ|3|166|3|0|Faustus, Kisjonah und Philopold aber können vor lauter Freudentränen noch kein Wort über die Lippen bringen; die Diener aber staunen auch, daß sie Mich hier wieder antreffen.
GEJ|3|166|4|0|Cyrenius fragt den Kornelius, wann er von dem Schicksale der Stadt Cäsarea Philippi erfahren habe.
GEJ|3|166|5|0|Sagt Kornelius: „Erfahren durch irgendeinen Boten habe ich's eigentlich gar nicht, sondern nur selbst stark vermutet! Gestern gab es einmal einen in jeder Hinsicht spektakulösen Tag: einmal eine volle Sonnenfinsternis, die uns am hellen Tage gut bei dreißig Augenblicke lang eine vollkommene Nacht gab; am Abend aber, da es eigentlich hätte Nacht werden sollen, da gefiel es der Sonne, noch ein paar Stunden länger über dem Horizonte zu verweilen, was natürlich bei den Juden, Griechen und Römern ein unbeschreibliches Aufsehen machte.
GEJ|3|166|6|0|Wäre der gegenwärtige Oberste der Pharisäer, der nun ein großer Freund unseres alten Jairus ist, nicht ein recht weiser und nüchterner Mann, und sein Nachbar in Nazareth ebenfalls, so hätten beide Städte auch ein Raub der Flammen werden können; aber so hielten die Obersten selbst recht gescheite Reden an das äußerlich ängstlich-erregte Volk, und es nahm die Belehrung an und beruhigte sich zum größten Teile. Die zu Exaltierten (Aufgeregten) aber ließ ich in Gewahrsam bringen, belehrte sie und gab ihnen heute morgen schon wieder die Freiheit.
GEJ|3|166|7|0|Aber während ich in Kapernaum und Faustus in Nazareth die gute Ordnung und Ruhe wiederhergestellt haben, kam Faustus bald außer Atem zu mir nach Kapernaum; denn er entdeckte von Nazareth in dieser Richtung eine starke Feuerröte und dachte, es könnte in Kapernaum etwas losgekommen sein. Als er aber in Kapernaum ankam, fand er alles in der Ruhe, begab sich aber dennoch zu mir und gab mir Nachricht von der starken Feuerröte. Ich ging mit ihm und mit vieler Dienerschaft auf den bedeutendsten Hügel in der Nähe von Kapernaum. Wir sahen von da wohl die Röte zunehmend besser und stärker; aber zu bestimmen, welchen Ort das Unglück betroffen hatte, war es wohl keinem aus uns möglich. Erst heute früh, als die Sonne uns die Gegenden unzweifelhafter erkennen ließ und ich, obschon in weiter Ferne, aus dem starken Rauche erkannte, daß dieser sich in der Gegend von Cäsarea Philippi entwickeln möchte, beschloß ich mit Faustus per mare (auf dem Seewege) hierherzusteuern und nachzuforschen, was hier ein Raub der Flammen geworden sei.
GEJ|3|166|8|0|Als ich ans Meer kam und ein Schiff nehmen wollte, da kam gerade unser Kisjonah mit Philopold an und brachte mir die Botschaft, daß er von einer bedeutenden Höhe seiner Berge unfehlbar Cäsarea Philippi in Flammen stehen gesehen habe.
GEJ|3|166|9|0|Auf diese Kunde, die auch der zeitweilige Seher Philopold bestätigte, bestiegen wir eiligst das Schiff des Freundes Kisjonah und sind, so gut es trotz einigen widrigen Windes ging, gerade hierhergesteuert. Unterwegs überzeugte ich mich zu öfteren Malen von der hohen See, daß es Cäsarea Philippi sei, und war in großer Angst wegen dem, was hier zu tun sein solle.
GEJ|3|166|10|0|Aber nun hier, dieses unerwartete, heilige Zusammentreffen mit dem Herrn aller Herrlichkeiten, mit Seinen Jüngern und mit dir, mein liebster Bruder! Ah, jetzt ist's mit aller Angst vorbei! Denn da ist schon lange alles in der besten Ordnung!
GEJ|3|166|11|0|Aber nun zu Dir, Du mein alles, Du mein größter Freund, Du mein heiligster Meister von Ewigkeit! O Du mein bester Freund Jesus! Sieh, jetzt nützt Dir alle Deine Allmacht nichts gegen meine zu große Liebe zu Dir! Du mußt Dich nun von mir kreuz und quer umarmen lassen! Im Geiste habe ich es wohl alle Tage schon zu öfteren Malen getan; aber jetzt tue ich's einmal auch in der leiblichen Wirklichkeit!“
GEJ|3|166|12|0|Mit diesen Worten umfaßte mich Kornelius, drückte Mich nahe krampfhaft an sein Herz und bedeckte Mein Haupt mit den wärmsten Küssen und Tränen der höchsten Freude. Nachdem er auf diese Art dem Drange seines edlen Herzens Luft verschafft hatte, ließ er Mich sanft wieder frei und sagte, durch und durch gerührt: „Herr, Meister, Gott und Schöpfer der Unendlichkeit, geistig und materiell! Schaffe (befiehl) es mir doch, was Gutes ich nun tun soll! Du kennst ja mein Herz!“
GEJ|3|166|13|0|Sage Ich: „Du kennst ja Mein Herz auch! Tue, was dein Herz dir irgend sagt in Meinem Namen, und du hast für dich und für Mich genug getan! Dieweil du Mir hier aber aus dem Drange deines Herzens Gewalt angetan hast, wie es Mir noch niemand angetan hat, so werde auch Ich dir noch auf dieser Erde in jüngster Zeit nach Meiner Erhöhung eine andere Gewalt antun, der zufolge weder du noch ein Glied deines Hauses den Tod des Leibes je weder sehen, noch fühlen und schmecken sollst!
GEJ|3|166|14|0|Es hat Mich solche deine Liebesbezeigung bis in Mein Innerstes erfreut, und du hast Mir damit etwas erwiesen, von dem die Ewigkeit bis auf diesen Augenblick kein zweites Beispiel aufzuweisen hat – außer von kleinen Kindern, die den Vater eher erkennen denn die Erwachsenen. Nun aber laß du dich denn auch von Mir umarmen!“
GEJ|3|166|15|0|Sagt Kornelius, vor Freude weinend: „Herr, Meister und Gott, solcher zu endlos heiligsten Gnade bin ich ewig nicht würdig!“
GEJ|3|166|16|0|Sage Ich: „Nun, so mache Ich dich denn würdig, und du komme zu Mir!“
GEJ|3|166|17|0|Kornelius kam zu Mir, und Ich umarmte ihn. Darüber fing er an laut zu weinen und zu schluchzen, und viele meinten, es müsse ihm etwas fehlen, dieweil er also weine. Aber er ermannte sich und sagte: „Seid ruhig! Mir fehlt nicht nur nichts, sondern ich habe nun nur zu viel, und die Freude entlockt mir diese Tränen.“
GEJ|3|166|18|0|Nun tritt Kisjonah zu Mir und fragt Mich ganz traurig: „Herr, gedenkst Du meiner wohl auch und bist mir nicht gram?“
GEJ|3|166|19|0|Sage Ich: „Wie kannst du, Mein Bruder, Mir mit einer solchen Frage kommen?! Du liebst Mich über alles und Ich dich im selben Maße, – was willst du da mehr noch? Weißt du denn nicht, wie Ich zu dir im Vertrauen gesagt habe, daß wir Freunde und Brüder bleiben in Ewigkeit?! Und siehe, was Ich sage, das gilt von Mir aus für ewig; so auch du bleibst, wie du bist, da wird es auch von dir aus für ewig gelten, und bei dem bleibe es! – Bist du damit nicht zufrieden?“
GEJ|3|166|20|0|Sagt Kisjonah: „O Herr, damit bin ich ja unbeschreiblich zufrieden, und bin überselig, wieder einmal aus Deinem heiligsten Munde ein heiligstes Wort zu vernehmen!“
GEJ|3|166|21|0|Sage Ich zum Kisjonah: „Deren wirst du noch viele hören! Aber siehe dir die fünfzig Pharisäer an, und du wirst welche erkennen, die bei der großen Geschichte, die sich bei dir zutrug, zugegen waren!“
GEJ|3|166|22|0|Kisjonah, Kornelius und Faustus betrachten die fünfzig genau, und Kisjonah, der ein besonders gutes Sachgedächtnis hatte, fand sogleich acht Männer heraus, die auch bei dem großen Transport übers Gebirge waren, und sagte darauf: „Nun, was machen diese hier?! Sind sie als Gefangene hier, da sie vielleicht bei einem neuen Transport oder bei einer anderen Spitzbüberei ertappt worden sind?“
GEJ|3|166|23|0|Sage Ich: „Nichts von alledem! Die gestrige Spätsonne und der darauf erfolgte Brand der Stadt, woran sie freilich selbst die größte Schuld trugen, hat sie uns in die Hände gebracht; und sie sind nun aber auch vollkommen unser und sind vollkommene Bürger Roms.
GEJ|3|166|24|0|Denn seht, Ich verweile hier schon bei sieben Tage, und das bloß wegen des guten Fischplatzes; hier bekommt man die edelsten Fische aus dem Naturmeere und ebenso auch die edelsten geistigen Fische aus dem geistigen Meere! Und wir haben in dieser Zeit hier schon wirklich eine höchst sehens- und denkenswürdige Ernte gehalten!
GEJ|3|166|25|0|Siehe hier einmal die fünfzig; das ist ein Fang von heute, und keine Faulen darunter! Dort weiter ersiehst du abermals eine Gruppe von dreißig, alle kerngesund – Fang von gestern! Wieder siehst du dort an einem Tische zwölf, auch ganz gesund; ebenfalls ein Fang von gestern! Dort bei den Zelten erseht ihr abermals fünf von der auserlesensten Art; auch von gestern! – Sagt Mir, ob das nicht ehrlich gearbeitet heißt!“
GEJ|3|166|26|0|Sagt Kisjonah: „Ja wahrlich, wenn diese alle gewonnen sind, dann ist dadurch dem von Dir verkündigten Reich Gottes auf Erden ein großer Vorschub geschehen, und das um so mehr, weil das nahe lauter Templer zu sein scheinen, von denen die alten schon gar schwer umzugestalten sind! Natürlich, sind sie aber einmal umgestaltet, so dürften sie dann wohl auch felsenfest dastehen!
GEJ|3|166|27|0|Aber ich bemerke ja auch den Biedermann Ebahl aus Genezareth mit einer seiner Töchter hier; gehört der nicht auch zu denen, die da gefangen wurden?“
GEJ|3|166|28|0|Sage Ich: „Allerdings; aber der ist schon beim großen Fischfange in Genezareth mit seinem ganzen Hause in unser Netz gekommen, und das Mägdlein war eines der alleredelsten Fischlein darunter! Das wirst du noch näher kennenlernen und wirst deine große Freude an ihr haben; was da die reinste Gemütsweisheit betrifft und dabei die Reinheit des Herzens, so dürften ihr hier sehr wenige gleichzustellen sein! Dieses Zeugnis gebe Ich dem Mägdlein, willst du noch ein besseres und glaubwürdigeres?“
GEJ|3|166|29|0|Sagt Kisjonah: „O Herr! Dein Zeugnis geht über alles! Aber ich freue mich, mit dem Mägdlein in irgendeine Rede zu kommen.“
GEJ|3|166|30|0|Sagt Faustus, Mich fragend: „Aber dort stehen ja Königsgezelte!? Der alte Mann hat vollkommene Königskleider an, – auch der junge Mann, der mit dem jungen Weibe nun etwas spricht! Gehören auch diese zu den Gefangenen für den Himmel aller Liebe und alles Lichtes?“
GEJ|3|166|31|0|Sage Ich: „Allerdings; das ist ein König vom Pontus! Sein Reich ist groß, und er hat sein Volk ganz weise geleitet durch zwar milde, aber dennoch äußerst streng zu beachtende Gesetze. Er ward aber inne, daß man, um ein großes Volk ganz glücklich zu machen, die Wahrheit und den allein wahren Gott zuvor selbst erkennen müsse. Er machte sich auf und zog südwärts, da er vernommen hatte, daß solches allein in Jerusalem zu erforschen wäre. Auf solcher Reise kam er zu diesem Binnenmeere und wollte darüber, um nach Jerusalem zu kommen.
GEJ|3|166|32|0|Er stand aber wegen der gestrigen Sonnenfinsternis in großer Gefahr, von der Ich ihn durch Meinen Engel retten und hierherbringen ließ; und also ist er nun hier. Er und seine Tochter Helena waren es allein, die mit ihrer kleinen, nötigen Dienerschaft hierherkamen.
GEJ|3|166|33|0|Der junge König aber war ehedem auch ein angehender Templer und mußte als ein sehr talentierter Mensch als Missionar hinaus in die Welt. An der Grenze zwischen Judäa und Samaria aber fiel er mit noch vier Gefährten in die Hände der Räuber und ward genötigt, samt seinen Gefährten ihres Gelichters zu werden. In Gram und Verzweiflung darob versunken, verbargen sich die Seelen der fünf unter die Fittiche ihres Geistes, und ihre Leiber wurden von den äußerst hartnäckigst argen Geistern höllischer Abkunft in den vollsten und tätigsten Besitz genommen. Nur einer bedeutenden Streifmacht der Römer gelang es, der fünf Teufel, wie sie das Volk nannte, habhaft zu werden. Nur unter der stärksten Bedeckung und durch und durch mit den schwersten Ketten klein abgeknebelt, konnten sie vorgestern abend hierhergebracht werden. Nach den strengen Gesetzen Roms erwartete sie in Sidon nichts anderes als die peinlichste Hinrichtung.
GEJ|3|166|34|0|Ich aber sah ihre Seelen und ihren Geist, reinigte ihr Fleisch von den argen Höllengeistern, und ihr könnet nun mit ihnen reden, um euch zu überzeugen, mit wessen Geistes Kindern ihr zu tun habt! Namentlich aber ist Mathael – nun Gemahl der Tochter des Königs und nun selbst ein Mitkönig – ein Mensch, vor dem jeder Erdenbürger den Hut zu ziehen hat.
GEJ|3|166|35|0|Er ist, soweit es bisher nur möglich war, ein vollends im Geiste Wiedergeborener und wird Mir ein tüchtiges Rüstzeug sein wider die Heiden des großen Nordens. So ihr mit ihm reden werdet, da werdet ihr es selbst erfahren, welch ein Geist er ist.“
GEJ|3|166|36|0|Fragt Kornelius: „Aber Herr, wer ist denn jener Junge, – nicht der Josoe, den wir schon von Nazareth aus kennen, sondern der andere, der soeben mit dem Mädchen sich unterhält?“
GEJ|3|166|37|0|Sage Ich: „Das ist eben der Engel, von dem Ich euch gesagt habe, daß er den alten König samt seiner Tochter gestern gerettet hat. Er befindet sich nun schon nahe bei drei Wochen unter den sterblichen Menschen, und Ich habe ihn besonders dem Mägdlein zum Erzieher gegeben; er steht aber nun jedem der Meinen zum Dienste bereit.“
GEJ|3|166|38|0|Fragt Philopold: „Wer ist denn der Wirt hier, und welchen Namen führt er?“
GEJ|3|166|39|0|Sage Ich: „Das ist ein römischer Veteran, eine äußerst treue und alle Wahrheit liebende Seele; er hat im ganzen sechs Kinder, zwei Söhne und vier recht liebe, artige Töchter, und ebenso ein musterhaft braves Weib, das keinen andern als nur ihres biedersten Mannes Willen kennt.
GEJ|3|166|40|0|Darum gefiel es Mir denn auch, bei dieser früher sehr armen Familie den gegenwärtigen Unterstand zu nehmen; und ihr werdet es sehen, und das soeben, wie diese acht Menschen nun für Hunderte ein Mittagessen herstellen werden, an dem ihr alle eine rechte Freude werdet haben können. Sehet, der alte Wirt bewegt sich schon zu uns her, um uns anzukünden, daß das Mittagsmahl vollends bereitet ist!“
GEJ|3|167|1|1|167. — Die Weissagungen über die Menschwerdung des Herrn
GEJ|3|167|1|0|Als Ich solches ausgeredet hatte, war unser Markus auch schon da und sagte, daß das Mittagsmahl fertig sei, und ob er es nun solle auftragen lassen; denn es wäre bereits schon um des Tages neunte Stunde (3 Uhr nachmittags).
GEJ|3|167|2|0|Und Ich sagte: „Laß es auftragen; denn die Erwarteten sind bereits anwesend, und alles befindet sich in der besten Ordnung!“
GEJ|3|167|3|0|Ruft Kornelius den alten Markus und sagt: „Nun, alter Waffenbruder, kennst du mich nicht mehr so ganz? Weißt du nicht mehr, wie du in Illyrien und Pannonien [Die röm. Provinz Pannonien südlich der Donau, heute Westungarn, teile von Österreich und Jugoslavien.] mit mir warst? Ich war damals freilich noch mehr ein Knabe denn ein Krieger; aber seit der Zeit sind bereits 45 Jahre verflossen, und ich bin nahe an die sechzig gekommen!“
GEJ|3|167|4|0|Sagt Markus: „O hoher Gebieter, das ist mir noch sehr frisch im Gedächtnisse! Es hatte dort viel Ernstes bedurft, um jene zank- und hadersüchtigen Menschen in einer erträglichen Ordnung zu erhalten. Am Ober- Ister (Donau) in der Gegend des Fleckens Vindobona (Wien) ist es uns eben nicht am besten ergangen im Anfange; aber in ein paar Jahren hatte sich die Sache gemacht, und wir erlebten dort recht gemütliche Stunden.
GEJ|3|167|5|0|Die Sitten und Gebräuche jener Germanen waren freilich für uns Römer etwas schroff; aber als wir bei ihnen nach und nach mehr freigeistige Bildung erzielten, so ging es dann ganz erträglich. Der von ihnen erzeugte Wein war wohl schwach und sauer; aber er ließ sich trinken, wenn man ihn einmal gewöhnt war.
GEJ|3|167|6|0|Aber eben unweit von dem Flecken Vindobona, den Ister aufwärts, wo wir eine Eberjagd hielten, auch, glaube ich, bei vierzig Stück erlegten, da fanden wir einen langbärtigen germanischen Seher und Priester, der während unserer Eberjagd auf einer Eiche saß und zusah, wie wir mit den Ebern kämpften. Dieser Mann sprach etwas römisch und sagte eben zu uns beiden, als wir unter seiner Eiche einem Eber den Garaus gaben:
GEJ|3|167|7|0|,Merket es wohl, ihr beiden mutigen Jungen! In Asien, im Lande über den Gewässern, harret eurer Großes! Dort werdet ihr sehen ein Etwas, das noch kein Sterblicher gesehen hat! Hier blüht nur der Tod; wie der mächtige Eber unter der Schärfe eurer Lanzen und Schwerter verendete, so verendet hier im Lande des Todes alles! Aber in Asia blüht das Leben; wer dort sein wird, der wird einen Tod ewig nicht sehen!‘
GEJ|3|167|8|0|Dann verstummte er; und als wir weiter in ihn drangen, gab er uns keine Antwort mehr, und wir gingen weiter, noch mehr Eber aufsuchend. – Aber siehe, der Alte hatte denn im vollsten Ernste doch geweissagt, und wir erleben nun das, was uns der alte Germane geweissagt hat!“
GEJ|3|167|9|0|Sagt Kornelius: „Schau, diesen alten Germanen hätte ich beinahe vergessen! Richtig, richtig, du hast recht! Darüber müssen wir noch Näheres miteinander verkehren!“
GEJ|3|167|10|0|Der alte Markus ging, mit Hilfe der Dienerschaft des Cyrenius und Julius die Speisen auf die Tische zu stellen, und Kornelius sagte zu Mir: „Herr, was sagst denn Du zu der Weissagung des Germanen, die in der Tat mir und dem alten Markus, der mich im Alter bei zehn Jahren überragen dürfte, schon vor vielen Jahren in Europa gemacht wurde?“
GEJ|3|167|11|0|Sage Ich: „Die Völker alle, die irgend auf der weiten Erde zerstreut wohnen, haben eine schon dem ersten Menschen der Erde gemachte und gegebene Weissagung von Mir und von Meiner jetzigen Herabkunft zu den Menschen dieser Erde, und ihre Priester wußten sich stets durch Sagen und durch den inneren Drang in ihrem Herzen einen gewissen Weg zu bahnen bis zu einer geistigen Anschauung und weissagten in freilich oft sehr verworrenen Bildern, die sie am Ende selbst nicht verstanden.
GEJ|3|167|12|0|Nur in abermaligen Ekstasen (Verzückungen) der Begeisterung kamen einige dann und wann zu einer helleren Anschauung und erklärten dann etwas näher ihre schon früher einmal gehabten Gesichte.
GEJ|3|167|13|0|So war es auch bei den Germanen. Und jener Germane befand sich eben in einer hellsehenden Ekstase auf seiner Eiche, deren Ausdünstung nebst der Angst vor euren Lanzen und Speeren ihn in eine solche versetzen half, – und er weissagte euch. Als er nach der euch gemachten Weissagung wieder wach wurde, wußte er von allem nichts, was er zu euch geredet hatte, und konnte euch auf euer weiteres In-ihn-Dringen keine Antwort mehr geben.
GEJ|3|167|14|0|Siehe, darin besteht das Wesen solcher Weissagungen! So ihr es annehmen wollt, da war die Hexe von Endor in jener Zeit auch in einer hellsehenden Ekstase, als Saul sie bezwang, für ihn den Geist Samuels zu beschwören, obschon sie sonst nur mit der Unnatur der argen Geister im Verbande stand und daraus weissagte Lügen und Arglist und Betrug.
GEJ|3|167|15|0|Kein Mensch ist so tot und böse, daß er zu einer gewissen Zeit nicht irgendeine rechte Weissagung hervorbrächte; aber diese kann nicht zugleich als ein Bürge für alle seine gemachten Weissagungen dastehen, sondern ist nur für sich allein wahr.
GEJ|3|167|16|0|So hat das Orakel zu Dodona und das zu Delphi gar oft eine sehr wahre Weissagung gemacht; aber einer wahren folgten dann tausend falsche und lügenhafte.
GEJ|3|167|17|0|Also ist es auch nicht in Abrede zu stellen, daß gewisse Hellseher und Propheten sogar Wundertaten gewirkt haben; aber dafür haben andere dann durch Eingebung der bösen Geister und durch ihren dadurch erregten Weltverstand eine Menge Blendwunder erfunden und haben damit ganze Völker auf tausend Jahre lang breitgeschlagen, und sie haben dabei gut und ganz sorglos gelebt, bis ihnen dann irgend von erweckten Sehern das schnöde Handwerk gelegt wurde.
GEJ|3|167|18|0|Aber es ging das immerwährend nicht so leicht her; denn ein einmal breitgeschlagenes Volk läßt sich schon an und für sich nicht leicht mehr zurechtweisen, und dessen lügenhafte Priester schon am allerwenigsten, weil damit ihre großen, diesweltlichen Vorteile aufs Spiel gesetzt sind.
GEJ|3|167|19|0|Ihr alle habt Gelegenheit, euch nun zu überzeugen, wie schwer es sogar bei Mir geht, und doch führe Ich eine Sprache, wie sie vor Mir noch nie ein Seher geführt hat, und übe Taten, die noch nie vor Mir erhört worden sind! Der ganze Himmel steht offen, Engel steigen herab und dienen Mir, und geben Zeugnis von Mir, und doch gibt es sogar Jünger, die nun stets um Mich sind und alles sehen, hören und erfahren, aber ihr Glaube gleicht noch gleichfort einer Windfahne gleicht und einem schwachen Rohre, das vom Winde, von wannen er auch kommen mag, umgedreht wird nach jeglicher Richtung! Nun, nehmen wir dann erst die andern Weltmenschen!“
GEJ|3|168|1|1|168. — Die Führungen der Menschen und Völker
GEJ|3|168|1|0|(Der Herr:) „Ich könnte durch Mein allmächtiges Wort freilich alle Menschen im Augenblicke umgestalten; aber wo bliebe dann ihres Geistes durch sich selbst zu gewinnende Lebenstüchtigkeit und Freiheit?!
GEJ|3|168|2|0|Ihr sehet also aus dem nun leicht, daß es kein Leichtes ist, den bei den Völkern eingeschlichenen Irrtümern wirksam und unbeschadet der Freiheit ihres Willens und dessen geistig notwendiger Sichselbstbestimmung zu begegnen.
GEJ|3|168|3|0|Aber es ist auch ebenso schwer zu verhüten, daß solche Irrtümer nie einreißen können; denn es muß dem geistigen Teile des Menschen Wahres und Falsches und Gutes und Böses zur freien Erforschung, Erkenntnis und Wahl vorgestellt werden, ansonst er nie zum Denken gebracht werden würde.
GEJ|3|168|4|0|Er muß sich gleichfort in einem Kampfe befinden, ansonst er einschliefe; und sein Leben muß stets neue Gelegenheit bekommen, sich als solches zu üben und dadurch aus sich selbst zu erhalten, zu stärken und also seine Vollendung zu erreichen.
GEJ|3|168|5|0|Würde Ich es nicht zulassen, daß je Irrtümer unter die Menschen kämen, sondern nur die Wahrheit mit ihren bestimmten und vollends notwendigen Wirkungen, so würden die Menschen einem allerreichsten Prasser und Wollüstling gleichen, der am Ende für gar nichts mehr sorgt als bloß ganz stumpf nur, daß sein Bauch die Ausfüllung zur rechten Zeit bekommt!
GEJ|3|168|6|0|Versorgen wir alle Menschen leicht möglich auf das beste für den Leib nur, und ihr könnet vollkommen versichert sein, daß es bald keinen Priester, keinen König, keinen Soldaten, aber auch keinen Bürger, keinen Landmann und keinen Arbeiter und Handwerker mehr geben wird; denn wofür sollte er arbeiten oder in irgend etwas tätig sein, da er ja ohnehin über Hals und Kopf mit allem bestens versehen ist für sein ganzes Leben?!
GEJ|3|168|7|0|Darum muß Not und Elend unter den Menschen sein und Schmerz und Leid, auf daß der Mensch nicht ersterbe in einer tatlosesten Trägheit!
GEJ|3|168|8|0|Ihr sehet nun aus dem, wie alles unter den Menschen sein muß, damit sie gleichfort zu allerlei Tätigkeit aufgefordert werden; und es ist dann aus diesem Hauptlebensgrunde ebenso untunlich, das Einschleichen der Irrtümer zu verhindern, als die eingeschlichenen am Ende auszurotten.
GEJ|3|168|9|0|Und die stets argen Folgen, die den Irrtümern folgen, sind am Ende auch die dienlichsten Mittel zur Austreibung der Irrtümer und zur Ausbreitung der Wahrheit.
GEJ|3|168|10|0|Die Menschheit muß durch Not und Elend, die aus der Lüge und aus dem allerartigen Betruge entstehen, die schreiendste Notwendigkeit der Wahrheit erst tief und lebendig zu fühlen und sie vollernstlich zu suchen anfangen, so wie sie der alte Ouran vom Pontus gesucht hat, dann wird die Menschheit die Wahrheit auch bald finden, wie sie Ouran gefunden hat, und dann erst wird die unter allerlei notwendigen Beschwerden schwer gefundene Wahrheit der Menschheit wahrhaft nützen; würde er (der Mensch) sie aber ebensoleicht finden, wie mit dem Auge die Sonne am hellen Firmament, so hätte sie für ihn nur zu bald keinen Wert mehr, und er würde, um sich zu zerstreuen, der Lüge nachrennen, gleichwie der Wanderer am Tage soviel als nur möglich den Schatten aufsucht; und je dichter er einen findet, desto lieber ist er ihm.
GEJ|3|168|11|0|Der Mensch dieser Erde ist alsonach gerade so, wie er vom Grunde aus sein muß, um eigentlich erst ein Mensch zu werden; aber es müssen denn auch alle seine äußeren Verhältnisse also sein und kommen, auf daß der Mensch, durch sie genötigt, erst ein wahrer Mensch wird!
GEJ|3|168|12|0|Die volle, nackte Wahrheit aber kann im allgemeinen den Menschen auch von Mir aus jetzt nicht gegeben werden, sondern nur verhüllt in Gleichnissen und Bildern, auf daß er (der Mensch) sie erst aus solchen Bildern suchend entwirren kann. Nur mit euch wenigen rede Ich nun ohne Vorhalt (Vorbehalt); denen ihr sie aber wiedergebet, die sollen sie von euch auch nicht völlig nackt erhalten, sondern auch irgend ein wenig verhüllt, auf daß ihnen die Gelegenheit zum freien Nachdenken und zur freien Tätigkeit ja nicht benommen wird. Und auf daß ihr selbst nicht lau werdet, so sage Ich auch zu euch:
GEJ|3|168|13|0|Ich hätte euch noch gar vieles zu sagen, aber ihr könntet es jetzt nicht ertragen; wann aber der Geist der Wahrheit kommen wird über euch und eure Kinder, so wird er euch in alle Wahrheit leiten. Und so werdet ihr dann für diese Erde in aller Wahrheit sein und werdet in ihr erst den Schlüssel in eure Hände bekommen zu den endlos vielen Wahrheiten der Himmel, durch deren stets neuere und tiefere Enthüllung ihr in Ewigkeit auch stets mehr und mehr zu tun bekommen werdet!
GEJ|3|168|14|0|Aber nun ruft uns Markus zu Tische, und das ist auch eine Wahrheit, und wir wollen ihr folgen!“
GEJ|3|169|1|1|169. — Das gemeinsame große Mahl bei Markus
GEJ|3|169|1|0|Kornelius fällt Mir auf diese Rede schon wieder um den Hals und sagt tief ergriffen: „Ja, solche Worte kann nur ein Gott, und nie ein Mensch, zu den Menschen sprechen!“
GEJ|3|169|2|0|Sage Ich: „Ja, ganz gut und in aller Ordnung gibst du Mir ein rechtes Zeugnis, und es wird dir auch die besten Früchte tragen! Dein Fleisch und Blut gibt dir das nicht, sondern dein Geist, der auch wie der Meine aus Gott ist, und darum du Mir auch ein rechter Freund und Bruder bist.
GEJ|3|169|3|0|Aber nun folgen wir, als im Fleische seiend, auch zur Deckung der äußern Notdurft dem Rufe, der auch vom Fleische ausgeht!“
GEJ|3|169|4|0|Alle fügen sich, und wir gehen an die Tische, auf denen wohlzubereitete Fische der edelsten Art unser harren.
GEJ|3|169|5|0|Am Tische, da Ich Platz nehme, sitzt Mir zur Rechten Cyrenius, neben ihm Kornelius, und uns gegenüber sitzen Faustus, Kisjonah, Julius und Philopold; Mir zur Linken sitzt die Jarah, dann Raphael, Josoe der Knabe und dann Ebahl. Der untere lange Flügel weiter links wird von Meinen Jüngern besetzt und der obere rechte von der königlichen Familie Ouran mit Mathael, Rob, Boz, Micha und Zahr.
GEJ|3|169|6|0|Ein anderer, sehr langer Tisch nimmt die fünfzig Pharisäer auf; dieser läuft mit Meinem gleichlinig und ist vor Meinen Augen, und der Stahar und Floran sitzen in der Mitte also, daß sie Mein Gesicht sehen können.
GEJ|3|169|7|0|Ein dritter Tisch, hinter Mir, nimmt die dreißig jungen Pharisäer und Leviten auf; ihre Hauptsprecher Hebram und Risa sitzen gerade hinter Meinem Rücken, aber mit den Gesichtern gegen denselben gekehrt.
GEJ|3|169|8|0|Unter dem linken Flügel Meines Tisches, also hinter Meinen Jüngern, ist querüber ein kürzerer Tisch mit den zwölfen unter ihren Redeführern Suetal, Ribar und Bael; und am obersten Flügel gleich hinter Ouran ist noch ein kleiner Tisch, an dem der arme Herme, der bekannte Bote aus Cäsarea Philippi, mit seinem nun stattlich gekleideten Weibe, drei eigentlichen Töchtern und einer vierten Ziehtochter sitzt. So sitzen nun alle, die zu Mir gehören, wohl untergebracht.
GEJ|3|169|9|0|Die Dienerschaften aber haben ihre Tische mehr außerhalb und waren ebenfalls bestens versorgt, sowie die mehreren Hunderte Soldaten, die in ihrem Lager selbst für ihren Unterhalt zu sorgen hatten, wie es bei den Römern immer Sitte war.
GEJ|3|169|10|0|Alles ist nun samt uns mit der nötigen Stärkung der Glieder und der Eingeweide beschäftigt, und alle loben Mich für solch eine außerordentlich stärkende Bewirtung.
GEJ|3|169|11|0|Die Fische, das Brot, allerlei gute und süße Früchte – als Feigen, Birnen, Äpfel, Pflaumen und sogar Trauben – bedecken die Tische, und am besten Weine gibt es nirgends einen Mangel; da sitzt bei keinem Tische auch nur einer, der da nicht von der besten Eßlust beseelt wäre, und der alte Markus, seine beiden Söhne und auch ein paar seiner älteren Töchter tummeln sich munterst hin und her und lassen ja auf keinem Tische irgendeinen Abgang fühlen!
GEJ|3|169|12|0|Der Wein löst nach und nach die Zungen, und es wird hie und da lauter und lauter an den Tischen. Auch an Meinem Tische werden allerlei Verwunderungen über Speisen und Trank ausgesprochen, ja sogar Meine Jarah wird lebendiger und kann die süßen Trauben nicht genug loben und bewundern, dieweil nun die eigentliche Zeit der Trauben noch nicht in der Ordnung da war.
GEJ|3|169|13|0|Auch Meine Jünger fingen an, recht gesprächig zu werden, was selten der Fall war. Nur der Judas Ischariot schwieg; denn er hatte noch viel zu viel mit einem großen Fische zu tun, und der bedeutende Weinbecher vor ihm beschäftigte ihn auch zu sehr, als daß er sich hätte eine Zeit nehmen können, sich mit jemand in ein Gespräch einzulassen. Thomas hatte ihn wohl schon ein paarmal gestupft; aber Judas Ischariot merkte nichts, und das war gut, weil er sonst bald mit etwas Ungebührlichem ans Tageslicht getreten wäre.
GEJ|3|169|14|0|Jarah an Meiner linken Seite aber spitzte schon sehr darauf, ob sich nicht eine Gelegenheit ergäbe, diesem ihr sehr unliebsamen Jünger so einen recht derben Hieb zu versetzen; aber diesmal war Judas Ischariot um keinen Preis aus seinem Freß- und Saufphlegma zu bringen.
GEJ|3|169|15|0|Als er aber mit seinem großen Fische einmal zu Ende war, machte er noch Miene, nach einem zweiten, nicht minder großen zu greifen; aber da war Raphael etwas geschwinder und kam dem Judas Ischariot zuvor. Nun – das gab natürlich zu einer ein wenig schmunzelnden Heiterkeit Anlaß, und Meine Jarah konnte nur mit Mühe den Ausbruch eines lauten Lachens unterdrücken.
GEJ|3|169|16|0|Ich fragte die Jarah, was sie denn habe.
GEJ|3|169|17|0|Und das Mägdlein sagte: „O Herr, Du meine Liebe, wie magst Du einen Menschen fragen, dessen Innerstes Dir offener steht als uns die äußere Form dieses Trinkbechers?! Hast denn Du, o Herr, nicht bemerkt, wie der Jünger Judas Ischariot schon früher sich den allergrößten, gewiß zehn Pfund schweren Fisch ausgesucht hatte und auch den größten Becher?! Einige große Stücke Brotes sind nebstbei in seinen Bauch hinabgesunken!
GEJ|3|169|18|0|Nun wollte er noch den zweiten großen Fisch sich selbst zukommen lassen; aber mein Raphael, den gerechten Ärger der andern Jünger merkend, griff dem gefräßigen Judas Ischariot vor und rettete also den Fisch vor der Freßwut des Judas Ischariot. Nun, darin besteht der eigentliche Grund, warum ich mich des Lachens kaum enthalten konnte!
GEJ|3|169|19|0|Ich weiß es wohl noch von Genezareth her, daß man eigentlich gar nie lachen soll außer allein aus Liebe und Freundlichkeit; aber hier stellte sich die Sache im Ernste so scherzhaft, daß ich mich des Lachens kaum enthalten konnte. Ich glaube, daß es denn doch nicht gar weit gefehlt ist, so man einen sehr gefräßigen Geiz belächelt, wenn ihm eine höchst eigenliebige Unternehmung fehlschlägt; denn man kann sich ja dabei auch denken, daß so ein Streich ihn in etwas bessern dürfte – und da sollte es denn doch erlaubt sein, ein wenig schmunzeln zu dürfen!“
GEJ|3|169|20|0|Sage Ich: „Sünde, Meine allerliebste Jarah, ist das gerade nicht; aber wenn man es unterlassen kann, so hat man dennoch das Bessere getan. Sieh, so man einen solchen Geizhals mit einem gewissen Ernst betrachtet, da ermahnt er sich und läßt ab von seinem geizigen Vorhaben; belächelt man ihn aber, so wird er erbost und setzt dann erst eine Kraft hinein, um sein Vorhaben doppelt geizig auszuführen!
GEJ|3|169|21|0|Judas Ischariot ist ein Geizhals und womöglich auch ein Dieb; denn wer seinen Nächsten stets zu betrügen sucht und ihn auch betrügt, der ist ein Dieb.
GEJ|3|169|22|0|Findet er bei seiner selbstsüchtigen Handlung lächelnde Gesichter, so meint er, sie hätten ein Wohlgefallen an seiner witzähnelnden Gaunerei, und setzt dann seine Lumpereien noch intensiver durch; wird er aber, wie zuvor bemerkt, bei seinen Gaunereien und schon bei den ersten Anlässen zu denselben mit einem gewissen Ernst von allen Seiten angeschaut, da läßt er ab von seiner schlimmen Vornahme und verspart es auf irgendein anderes Mal. Denn von einer gänzlichen Besserung ist bei einem Geize nicht leichtlich eine Hoffnung zu hegen! Aber es ist dennoch gut, ihn sooft als möglich an der Ausführung irgendeines selbstsüchtigen Unternehmens zu hindern; er verliert dadurch mehr und mehr den argen Mut wegen des stets erfolgten Mißlingens und unterläßt das Schlechte, wennschon nicht aus Abscheu vor demselben, so doch aus Ärger.
GEJ|3|169|23|0|Sieh, du Mein allerliebstes Töchterchen, aus diesem dir nun gezeigten Grunde ist es also besser, nicht zu lachen über jemand darum, daß ihm irgendeine vorgefaßte Gaunerei mißlang!“
GEJ|3|170|1|1|170. — Der Widerspruch zwischen Wollen und Tun
GEJ|3|170|1|0|Sagt die Jarah: „Ja, Herr, Du meine alleinige Liebe, es wäre das schon in allem also recht und eigentlich am allerbesten, wenn man nur allzeit gleich so eine rein göttliche Belehrung zur Seite hätte! Aber wir Menschen sind oft schon so blind – und das gerade in Momenten, da wir am schärfsten sehen sollten –, daß wir den Wald vor lauter Bäumen nicht merken! Und um kein Haar besser geht es uns in den wichtigsten Lebensaugenblicken mit der wahren Lebensweisheit. Dorten, wo wir ihrer am meisten benötigen, läßt sie uns sitzen; und wo wir aber ihrer eben nicht in einem hohen Grade vonnöten hätten, da sind wir voll hoher Gedanken und Ideen! Daher ist es immer eine sonderbare Sache um uns Menschen!
GEJ|3|170|2|0|Nichts scheint mir bei mir selbst gut zu sein als mein Wille; aber selbst der ist am Ende nicht so sehr zu rühmen, weil ihm zumeist die volle Kraft des Vollbringens mangelt. Denn man will gar oft etwas recht Gutes und tut es aber dennoch nicht, oder man tut gerade das Gegenteil von dem Guten, das man eigentlich will. Woran das liegt, weiß ich nicht; daß es aber also ist, weiß ich aus der eigenen Erfahrung.
GEJ|3|170|3|0|Herr, Du meine Liebe! Durch Deine allmächtige Gnade habe ich einen wunderbarsten Blick in Deine großen Weltenschöpfungen tun dürfen und weiß in dieser Beziehung nun mehr, als alle Weisen der Erde zusammen wissen. Was die endlosen Tiefen Deiner Himmel bergen, kenne ich; aber warum kenne ich denn nicht auch mich selbst?!“
GEJ|3|170|4|0|Sage Ich: „Weil du selbst ein viel wunderbareres Wesen bist als alle die großen Sonnen und Welten zusammen! Im Herzen des Menschen ruht ein viel wunderbarerer Himmel, als der große da ist, den du schauest mit deinen Augen.
GEJ|3|170|5|0|Sieh, alle Materie ist ein Gericht und ein ehernes Muß! Du kannst sie beschauen von außen und auch von innen nach ihrem Gefüge, und manche Apotheker besitzen die Wissenschaft, eine Materie in ihre Urelemente genau zu zerlegen. Und diese seltene Wissenschaft nennt man die Scheidekunst, die sich mit der Zeit stets mehr und mehr vervollkommnen wird.
GEJ|3|170|6|0|Wie du auf diesem Wege aber einen Stein so ziemlich genau von außen und von innen erkennen kannst, so kannst du auch eine ganze Welt erkennen! Unser Mathael ist in solcher Kunst sehr bewandert; auch Mein Jünger Andreas, der auch bei den Essäern war, ist ein tüchtiger Apotheker, welche Kunst er in Ägypten sich zu eigen gemacht hat. Diese beiden werden dir die Materie einer ganzen Welt mit vielem Geschick und vieler Wahrheit dartun. Freilich steckt innerhalb der Materie noch gar manches Etwas, das wohl nie ein Scheidekünstler herausbringen wird; aber die eigentlichen Elemente kann er erkennen, aus denen irgendeine Materie besteht, obschon die Elemente in sich selbst nie, weil sie Geistiges in sich fassen und nur von einem reinen Geiste wie durch und durch erkannt werden. Denn in den Elementen liegt Unendliches verborgen!
GEJ|3|170|7|0|Aber noch Unendlicheres liegt in der Menschenseele und in deren Geiste! Das erfährt man durch alle Scheidekunst nicht, und Ich Selbst mußte ja eben darum zu euch Menschen kommen, um euch das kennen zu lehren, das keinem Menschen aus sich je hätte erkennbar werden können.
GEJ|3|170|8|0|Also siehst du, eben deines Anstandes wegen bin Ich Selbst aus den Himmeln der Himmel gekommen und lehre euch eben das, das euch sonst niemand lehren könnte!
GEJ|3|170|9|0|Jetzt verstehst du freilich wohl noch nicht, wie du etwas im Willen haben kannst, aber dennoch nicht handeln dem Willen zufolge, sondern du handelst dann irgend äußeren Motiven zufolge, die du nicht kennst, und des Fleisches stumme Begierden bestimmen nicht selten wider den Willen des Geistes deine Handlung. Denn der Wille ist kein Angehör des Fleisches und Blutes und der Seele, die das Fleisch und das Blut gebildet und nachher selbst ihre formelle Ausbildungsnahrung aus denselben genommen hat, sondern ein Angehör der Liebe, die da ist Mein Geist in euch, und ihr darum nicht allein Meine Geschöpfe, sondern Meine wahren Kinder seid und dereinst in Meinem Reiche auch mit Mir die ganze Unendlichkeit beherrschen werdet.
GEJ|3|170|10|0|Aber dazu müßt ihr zuvor im Geiste völlig neu geboren werden, ansonst solches unmöglich wäre!
GEJ|3|170|11|0|Verstehst du, Mein liebstes Töchterchen, dieses?“
GEJ|3|171|1|1|171. — Über die Wiedergeburt
GEJ|3|171|1|0|Sagt Jarah: „Ich verstehe es so gerade zur Not wohl; aber so völlig durch und durch noch lange nicht! Mit dem Neugeborenwerden aus dem Geiste, sooft ich's auch schon vernommen habe, will es bei mir noch nicht ins klare gehen! Wie ist denn das so ganz eigentlich zu verstehen?“
GEJ|3|171|2|0|Sage Ich: „Das ist so ganz eigentlich jetzt weder für dich, noch für jemand andern ganz zu verstehen; denn so Ich irdische Dinge mit euch bespreche, da verstehet ihr Mich nicht völlig, – wie könntet ihr Mich wohl ganz verstehen, so Ich rein himmlische Dinge mit euch verhandeln würde?!
GEJ|3|171|3|0|Ja, Ich sage es euch: So Ich nun anfinge, rein Himmlisches mit euch zu verkehren, so würdet ihr euch alle zu ärgern anfangen und sagen: ,Sieh, wie ist der Mensch doch unsinnig geworden! Er redet Dinge, die wider alle Vernunft und Natur sind! Wie kann man dessen Zeugnis als wahr annehmen?!‘
GEJ|3|171|4|0|Darum werdet ihr alle die Neu- oder Wiedergeburt aus dem Geiste und im Geiste erst dann völlig verstehen, wenn Ich als der Menschen- und des Menschen Sohn, gleich dem Elias, von dieser Erde unter euren Augen entrückt sein werde!
GEJ|3|171|5|0|Darauf erst werde Ich aus den Himmeln Meinen Geist voll Wahrheit und Kraft über alle die Meinen ausschütten, wodurch dann erst die volle Wiedergeburt des Geistes und im Geiste vollkommen ermöglicht wird, und ihr auch erst dann und dadurch eures Geistes Neugeburt begreifen und erkennen werdet.
GEJ|3|171|6|0|Bis dahin aber kann niemand im Geiste völlig neugeboren werden, wie von Adam angefangen auch niemand, selbst Moses und alle die Propheten nicht.
GEJ|3|171|7|0|Aber durch Meinen dir und all den andern nun verkündeten Akt werden von Adam an alle Teil an der vollen Wiedergeburt des Geistes nehmen, die in der Welt geboren wurden und in ihrem Leibesleben wenigstens eines guten Willens waren, wennschon auch nicht immer tätig danach.
GEJ|3|171|8|0|Denn es gibt ja noch viele, die den besten Willen haben, etwas recht Gutes zu tun und auszuführen, aber es fehlen ihnen total die Mittel und die äußeren Kräfte und Geschicklichkeiten, die dazu doch so notwendig wie die Augen zum Sehen sind. Nun, in solchen Fällen gilt bei Mir der gute Wille stets soviel wie die Tat selbst.
GEJ|3|171|9|0|Sieh, wenn zum Beispiel jemand ins Wasser fiele, und du sähest dies! Nun möchtest du dem Unglücklichen wohl gerne helfen, – aber du weißt es, daß du des Schwimmens völlig unkundig bist. Springst du dem Hineingefallenen nach, so werdet ihr beide von der Flut begraben; könntest du aber sehr gut schwimmen, da würdest du sicher ohne weiteres dem Unglücklichen nachspringen und ihn retten. Weil du aber durchaus nicht schwimmen kannst, so springst du dem Unglücklichen trotz des besten Rettungswillens dennoch nicht nach, sondern suchst schnell jemanden, der den Unglücklichen noch retten könnte und möchte!
GEJ|3|171|10|0|Sieh, sieh, Mein Töchterchen, da gilt der gute Wille soviel als das vollbrachte Werk selbst; und das gilt für tausend und abermals tausend Fälle, wo bei Mir der alleinige gute Wille fürs Werk angenommen wird.
GEJ|3|171|11|0|Noch ein Beispiel will Ich dir geben! Sieh, du hättest den besten Willen, einem sehr Armen, der zu dir kam, zu helfen, hättest aber selbst kein Vermögen, und doch möchtest du dem Armen helfen nach allen nur denkbaren Kräften! Da du aber selbst kein Vermögen hast, so gehst du doch zu einem und dem andern Vermögenden hin und bittest nach allen Kräften um eine rechte Hilfe für deinen Armen, bekommst sie aber der Hartherzigkeit der Reichen wegen nicht und mußt den Armen ohne Unterstützung weiterziehen lassen, weinst ihm nach und empfiehlst ihn Gott dem Herrn.
GEJ|3|171|12|0|Sieh, da ist dein Wille dann ebensoviel als die vollbrachte Tat selbst!
GEJ|3|171|13|0|Und solcher Menschen gab es vor uns viele, gibt es jetzt und wird es in der Folge noch mehrere geben; diese werden alle der Wiedergeburt ihres Geistes in ihrer Seele teilhaftig werden!
GEJ|3|171|14|0|Wenn du demnach nun gleich wie alle die andern noch nicht recht begreifen kannst, worin die eigentliche Wiedergeburt des Geistes besteht, so habe Ich dir davon den Grund nun so klar als möglich gezeigt; wenn aber jüngst die Zeit kommen wird, in der du in deinem Geiste wiedergeboren wirst, dann erst wirst du auch völlig einsehen, was und warum du es nun noch immer nicht einsehen kannst! – Verstehst du nun den Grund, warum du Mich noch immer nicht ganz verstehen kannst?“
GEJ|3|171|15|0|Sagt die Jarah: „Ja, Herr, Du meine alleinige Liebe! Nun verstehe ich es wohl! Aber man muß Dich ja verstehen; denn Du beleuchtest die Sache ja doch so rein wie die Sonne vom wolkenlosesten Himmel die Erde am Mittage!“
GEJ|3|171|16|0|Nach diesen Worten dankte sie Mir für solch eine Belehrung und versprach Mir auch, daß sie schwerlich je wieder einmal über eine dumme Handlung eines Menschen lachen werde.
GEJ|3|172|1|1|172. — Kornelius und Jarah
GEJ|3|172|1|0|Kornelius aber konnte über die Klugheit des Mädchens nicht genug erstaunen; auch Faustus und Philopold verwunderten sich im gleichen Maße, und Kornelius bat Mich, ob er sich mit dem Mägdlein nun am Tische nicht über so manches besprechen dürfte. Und Ich gestatte ihm solches. Und darüber freut sich Kornelius wie das Mägdlein und alle am Tische, und Ich empfehle ihm, weise Fragen zu stellen.
GEJ|3|172|2|0|Kornelius aber, als er an das Mägdlein eine Frage stellen soll, fängt an, sich sehr zu besinnen, um was er es so eigentlich fragen soll. Denn unter Meinem Ausdrucke: dem Mägdlein nur weise Fragen zu geben, verstand Kornelius, daß das Gespräch nicht nur zwecklose Tischplauderei, sondern etwas Gutzweckliches sein solle, und da gedachte er sehr, worin so etwas nun bestehen könnte bei einer Gesellschaft, die stets die Gelegenheit hatte, das Höchste zu vernehmen.
GEJ|3|172|3|0|Je länger und fester er über dieses nachdachte, desto weniger fand er irgendeinen ihm dünklich würdigen Stoff, um darüber das Mägdlein zu befragen und sich darüber in ein wechselseitiges Gespräch mit demselben zu stellen. Er sann hin und her und fand nichts, das ihm da von einem besonderen Werte hätte scheinen können.
GEJ|3|172|4|0|Nach einer ziemlichen Weile Nachsinnens sagte er (Kornelius) zu Mir: „Sieh, sieh, ich dachte, diese Geschichte ginge leichter; aber je weiter und tiefer ich hier nun nachdenke, desto weniger finde ich etwas, das sich schickte für ein so weises Kind!“
GEJ|3|172|5|0|Sage Ich: „Nun, findest du nichts Außergewöhnliches, so frage das Mägdlein denn ums Nächste und Beste!“
GEJ|3|172|6|0|Sagt Kornelius: „Wäre schon alles recht und gut; aber auch da hapert es! Denn um etwas gar zu Alltägliches kann ich es doch nicht fragen, und etwas Bestes darunter wüßte ich kaum, das hier nicht schon vielfach verhandelt ward!“
GEJ|3|172|7|0|Das Mägdlein aber, des Kornelius Verlegenheit wohl merkend, sagte: „O hoher, liebster Freund, wenn du keine Frage für mich findest, da gestatte es, daß ich dich frage; denn im Fragen bin ich nicht leichtlich verlegen, – da habe ich gleich zehn Fragen für eine vorrätig!“
GEJ|3|172|8|0|Sagt Kornelius: „Das wäre freilich ganz gut, mein allerliebenswürdigstes Kindlein! Aber so du mir eine Frage stellst, so versteht es sich von selbst, daß ich sie auch beantworten muß; wäre ich aber solches nicht imstande – was sehr leicht sein könnte, da du mir ein ganz durchdringend kluges Kind zu sein scheinst –, was dann?“
GEJ|3|172|9|0|Sagt das Mägdlein: „Nun, was dann?! Da beantworte ich selbst meine Frage, und du beurteilst dann die Frage und die Antwort und kannst es mir darauf sagen, ob ich mich irgend geirrt habe! O sieh, es ist für mich hier auch durchaus keine Kleinigkeit, zu fragen und zu antworten; der Herr, als meine alleinige Liebe ewig, macht mir eben darum am wenigsten Bedenken, weil zwischen Seiner unendlichen und unserer allerbeschränktesten Weisheit ohnehin jeder Vergleich ins bodenloseste alles Nichtigen fällt.
GEJ|3|172|10|0|Ob wir etwas mehr oder etwas weniger dumm reden, so ändert dies das Verhältnis zwischen uns und dem Herrn nicht im geringsten; denn wir sind aus uns ja in allem nichts gegen den Herrn, und daß in uns für Ihn etwas ist, das ist Er durch Seine Gnade Selbst in unseren Herzen.
GEJ|3|172|11|0|Aber es gibt so einige Weise unter uns, und zwar hier an diesem Tische, vor denen ich alle Achtung habe; mit denen ist nicht ganz gut in eine Schüssel greifen!
GEJ|3|172|12|0|Ich weiß wohl manches, das bis zur Stunde außer mir, dem Raphael und natürlich dem Herrn wohl kein Mensch wissen kann, weil ihm in solch einer unglaublichen Beziehung jede Erfahrung mangeln muß; aber was nützt es mir, in den fernen Sternen zu Hause zu sein, aber dafür fremd auf dieser unserer heimatlichen Erde?! Da ist man noch hundert und tausend Male geschlagen!“
GEJ|3|172|13|0|Sagt Kornelius: „Wer an unserem Tische ist es denn vorzüglich, vor dem du menschlicherweise einen gar so besondern Respekt hast?“
GEJ|3|172|14|0|Sagt die Jarah: „Dort jener Vizekönig, der nun mit dem alten Ouran den ganzen Pontus beherrschen wird! Mathael ist sein Name. Der könnte mir noch ganz besondere Nüsse aufzuknacken geben! Ich glaube, daß ich ihm auf hundert Fragen nicht eine gescheite Antwort zu geben imstande wäre!“
GEJ|3|172|15|0|Sagt Mathael: „O du liebes Kindlein, du bist ja nun auf einmal gar ungeheuer bescheiden! Du kommst mit mir schon lange in keine Verlegenheit; denn ich kenne nur zu gut deine durchdringende Verstandesschärfe! Wenn sich schon ein Raphael mit dir ganz sonderheitlich zusammennehmen muß, um wieviel mehr dann erst unsereins! Und der Oberste Kornelius tut sehr wohl daran, sich sehr zu bedenken, über was er sich mit dir in ein Gespräch einlassen soll! Denn du bist eine, wie sonst sehr wenige deines Geschlechtes! Es ist schon wahr, daß ich auch so manches verstehe und um so manches weiß; aber dessenungeachtet möchte ich mich mit dir nie in einen gewissen Weisheitskampf einlassen, was auch eine eitle Torheit wäre! Aber mich in manchem von dir belehren lassen, wird mir stets sehr lieb, wert und teuer sein.“
GEJ|3|172|16|0|Sagt Jarah: „Das hat ein armes Mädchen, so sie auch etwas weiß, daß dann niemand mit ihr sich etwas zu reden getraut! Darum wäre es für sie nahe besser, ein wenig weniger zu wissen, um den weiseren Freunden nicht unangenehm zu erscheinen! Aber was kann ich nun machen?! Weniger zu wissen anfangen, als ich weiß, ist unmöglich; denn ich kann ja das Licht meines Herzens nicht schwächer machen als es ist. Dieses Licht aber gibt mir in stets überschwenglicherem Maße die Liebe zum Herrn, zu dem heiligsten Vater der Väter aller Väter der Erde! Ja, wäre es mir möglich, diese meine einzige und alleinige Liebe je nur im geringsten zu schwächen, dann würde ich auch alsogleich sicherlich dümmer werden; aber es ist solches mir ja unmöglich! Und was ich darum aus diesem Lichte heraus weiß, ist ja nicht mein, sondern des Herrn Wissen in meinem Herzen, und es hat sich darum ja doch sicher niemanden zu scheuen, so wie auch ich niemand zu scheuen habe! Daher sollst du, edelster Freund Kornelius, und du, edler Mathael, auch reden können mit mir!“
GEJ|3|172|17|0|Sagt Kornelius: „Jawohl, jawohl! Aber weißt du, allerliebste Jarah, eben darum hat es einen Haken; denn mit dir, wie ich's schon sehr klar zu verspüren anfange, ist es eben darum etwas schwer zu reden, weil du wirklich in deinem Herzen zu viel der reinsten Weisheit fassest. Oh, du bist sonst unendlich hold und lieb, und man könnte dich tagelang anhören; aber dich fragen oder sich von dir Fragen geben lassen, das ist nun schon eine ganz andere Geschichte. Gefragt wäre bald; aber hernach kommt die Antwort, und da sieht es bei mir noch sehr mager aus!
GEJ|3|172|18|0|Auch so ein bißchen von einem Eigendünkel hat mich noch nicht ganz und gänzlich verlassen, und ich fürchte auf der Welt nichts so sehr als irgendeine Beschämung, was sicher auch nicht recht sein wird; aber ich kann da nichts dafür, denn ich bin ja von Kindheit an also erzogen, und so eine alte Gewohnheit verläßt einen nicht so schnell, als man es glauben möchte.
GEJ|3|172|19|0|Aber warte du nur noch ein wenig, es wird mir schon noch irgend etwas so recht Gescheites einfallen; und ich werde dann eine rechte Freude haben, von dir etwas so recht Weises zu vernehmen!“
GEJ|3|173|1|1|173. — Die Frage des Kornelius an Jarah
GEJ|3|173|1|0|Jarah gibt sich damit zufrieden, und Kornelius fängt an, in seinem Gehirn so recht durchzublättern; aber es will sich noch immer nicht etwas Rechtes finden lassen.
GEJ|3|173|2|0|Nach einer Weile endlich fällt ihm etwas ein, und er fragt die Jarah um folgendes, sagend: „Nun, nun habe ich doch etwas gefunden, und so sage du mir, was denn so ganz eigentlich die Sonne ist, und aus welchen Elementen sie besteht, da sie so ein stärkstes Licht und eine kaum glaubliche Hitze auf den Boden der Erde ausgießt! Wenn du, holdeste Jarah, mir auch darüber etwas zu sagen imstande bist, so will ich dich, so du es annehmen willst, königlich belohnen!“
GEJ|3|173|3|0|Sagt Jarah etwas ironisch: „Weißt du, hoher Gebieter, auf diese Art holt man aus einem Teiche die faulen Fische und will ihn dadurch reinigen, weil die faulen Fische das Wasser stinkend und unrein und daher auch ungesund machen! – Verstanden, Herr Oberster Kornelius?!
GEJ|3|173|4|0|Hast du überflüssige Schätze, so wirst du der Armen, besonders hier in der vom Feuer zerstörten Stadt, in großer Menge finden, denen du nun eine königliche Unterstützung magst angedeihen lassen! Ich aber brauche von niemandem dieser Erde irgendeinen Lohn; denn ich habe alle Liebe des Herrn, und dies ist auch mein einziger und höchster Lohn!
GEJ|3|173|5|0|O ja, ich werde dir deine Frage schon beantworten, schuldig werde ich dir nichts bleiben; aber darum belohnen lasse ich mich von dir durchaus nicht, – irdisch schon gar nicht! Denn so etwas hielte ich wohl für eine der größten Sünden; denn fürs erste entzöge ich es den wahrhaft bedürftigen Armen, und fürs zweite brächte ich dich ja um die Gelegenheit, etwas wahrhaft Gutes tun zu können, zumal ich selbst durchaus nicht ein armes Kind dieser Erde bin, im Grunde vielleicht sogar materielle Schätze besitze, die du mit dem ganzen Kaiserreiche nicht bezahlen könntest, derer ich aber eigentlich ebensowenig benötige als deiner mir angebotenen königlichen Belohnung.
GEJ|3|173|6|0|Glaube aber ja nicht, daß hier etwa irgendeine Art Hochmut aus mir spricht, sondern die ganz reinste und harmloseste Wahrheit; denn würde ich nur einen kleinsten Funken Stolzes in mir besitzen, so würde ich nicht auf diesem Platze neben dem Herrn aller Herren und neben dem Meister aller Meister sitzen! Das, mein sonst allerliebster Freund Kornelius, ist dir ein wenig mißlungen!
GEJ|3|173|7|0|Siehe, Menschen, die wie ich nun vom Herrn irgendeine, wennschon immer und immer unverdiente Gnade besitzen, müssen ganz anders denn die eigentlichen Natur- und Weltmenschen beurteilt und behandelt werden!
GEJ|3|173|8|0|Du dachtest, daß ich als ein junges, höchstens vierzehnjähriges Mädchen irgendeiner ebenso eitlen Natur sein werde als die anderen Weltmägde und würde etwa sogar die höchste Freude haben, mit königlichen Kleidern angetan zu werden; allein, solche Eitelkeit ist von mir ferner als der kleinste Stern, den dein Auge am Firmamente noch irgend entdecken kann von dieser Erde, und das will doch etwa so hübsch viel heißen! Nimm darum deinen mir gemachten Belohnungsantrag nur schnell zurück, sonst beantworte ich dir deine Frage in keinem Falle!“
GEJ|3|173|9|0|Sagt Kornelius: „Nun denn, weil ich bei dir mit meinem Antrage schon gar so schief angekommen bin, so nehme ich ihn denn deinem Wunsche gemäß ja auch recht gerne zurück und will dann das tun, was du mir angeraten hast; aber du beantworte mir dann aus Freundschaft meine dir gegebene Frage!“
GEJ|3|173|10|0|Darauf fing die Jarah an, sich so recht zusammenzunehmen und sagte: „Du willst von mir nun erfahren, was die Sonne ist, und aus welchen Elementen sie besteht, da sie gar ein so stärkstes Licht und eine gar so mächtige Wärme und Hitze über den Erdboden auszugießen vermag?
GEJ|3|173|11|0|Nun, ich kann dir darüber eine ganz vollwahre Auskunft erteilen; aber was wird dir eine solche nützen?! Du kannst es mir wohl glauben also, wie da irgendein Blinder jemandem glaubt, der ihm von einer Blume aussagt, daß sie gar wundersam schön rot sei. Wird sich der Blinde wohl irgend selbst überzeugen können, daß jene Blume im Ernste also wundersam rot ist? Das wird in diesem Leben wohl schwer gehen, und im andern Leben wird sich die freie Seele sicher sehr wenig darum kümmern; denn da wird sie ohnehin in einem Augenblick mehr zu überschauen imstande sein, als sich hier in mühevoll durchlebten fünfzig Jahren mit allem Fleiße erlernen läßt.“
GEJ|3|173|12|0|Sagt Kornelius: „Da hast du, holdestes Mägdlein, wohl sehr recht! Ich werde mich ad personam meam (persönlich) wohl nie von der Wahrheit deiner mir gemachten Aussagen über die Sonne überzeugen können, daß deine mir eben darüber gemachten Aussagen im Vollernste wahr sind; aber ich weiß es nun auch, daß du mich eigentlich gar nicht anlügen kannst, weil du das, was du weißt, nur vom Herrn aus weißt und wissen kannst. Und ich kann daher dennoch alles, was du mir über die Sonne nur immer sagen kannst und willst, als eine vollkommene und ungezweifelte Wahrheit annehmen!“
GEJ|3|173|13|0|Sagt die Jarah: „Gut denn also! Ich werde ja doch sehen, ob du mit den Achseln nicht zu zucken anfangen wirst! Und so vernimm mich denn!“
GEJ|3|174|1|1|174. — Die natürliche Sonne
GEJ|3|174|1|0|(Jarah:) Siehe, die Sonne ist eben auch, dieser unserer Erde ähnlich, eine bewohnbare und auch vollauf bewohnte Welt; nur ist sie um tausendmal tausend Male größer denn diese unsere Erde, die, wie du siehst, doch auch nicht klein ist. Aber das Licht, das von jener großen Welt ausgeht, ist nicht die bewohnte Sonnenerde, sondern nur eine sie allenthalben umgebende Luft, deren glatteste Oberfläche fürs erste, in steter großer Reibung mit dem sie nach allen Richtungen umgebenden Äther, in einem fort eine unberechenbare Menge des stärksten Blitzlichtes erzeugt und fürs zweite auf solch einem ungeheuren Rundspiegel das Licht von Äonen Sonnen aufnimmt und wieder nach allen Richtungen hinaus zurücksendet.
GEJ|3|174|2|0|Durch solches Leuchten dieser unserer Sonne wird diese Erde, wie noch viele andere Erden, die wir Planeten nennen, erleuchtet und erwärmt. Die Wärme kommt jedoch nicht mit dem Lichte aus der Sonne auf dieser Erde an, sondern wird erst an Ort und Stelle durch das Licht erzeugt.
GEJ|3|174|3|0|Das Licht kommt wohl weit her, aber die Wärme wird erst hier erzeugt, und zwar dadurch, daß durch das Licht die gewissen Naturgeister in der Luft, im Wasser und in der Erde in eine große Tätigkeit versetzt werden. Und eben diese Tätigkeit bringt erst das hervor, was wir als Wärme und, bei noch erhöhterer Tätigkeit der früher bezeichneten Geister, als Hitze fühlen und also benennen. Wie aber das Licht stets mehr und mehr ins Unendliche hin erhöht werden kann, ebenso kann dann auch die Wärme und die Hitze erhöht werden.
GEJ|3|174|4|0|,Aber‘, wirst du fragen, ,wer kann dann in der Sonne selbst bestehen? Denn weil dort das Licht am stärksten sein muß, so wird auch die Hitze nicht zurückbleiben!‘ Allein, es ist dem nicht also. Nach dem Innern des eigentlichen Sonnenweltkörpers dringt kaum der tausendmal tausendste Teil der ganzen Lichtkraft der Sonne, und es ist darum auf der Feste der Sonne um nicht vieles heller und wärmer denn hier auf unserer Erde, und die Geschöpfe Gottes können darum dort ebensogut bestehen und leben als auf dieser unserer Erde. Nur kann es dort keine Nacht geben, weil sich auf der Sonne alles im eigenen, unvertilgbaren Lichte befindet.
GEJ|3|174|5|0|Von einer Nacht wissen demnach die Sonnenbewohner nichts, – können aber doch an ihrem ewigen Tage die Sterne und die samt unserer Erde die Sonne umkreisenden Planeten noch recht gut sehen. Das macht die die Sonnenerde 1200 Stunden nach allen Richtungen weithinaus umgebende, überaus reine Luft, die zwar von Zeit zu Zeit nach innen wohl von vielen und sehr dichten Wolken getrübt wird, aber darum auch wieder ganz wolkenlose Zeiten und Gegenden hat, wo die Außenwelten ganz gut gesehen und beobachtet werden können, um vieles besser als von irgendeinem andern Planeten.
GEJ|3|174|6|0|Die Sonne dreht sich auch um ihre eigene Achse, aber nicht innerhalb von nahe fünfundzwanzig Stunden wie diese unsere Erde, sondern innerhalb von neunundzwanzig Tagen. Die Sonnenbewohner können darum innerhalb dieser Zeit den ganzen gestirnten Himmel zu Gesichte bekommen, besonders die Bewohner des Mittelgürtels, die nach meinem Gefühl wohl die weisesten und schönsten Menschen der Sonne sein dürften. Die Bewohner der andern Gürtel entsprechen mehr den verschiedenen Planeten.
GEJ|3|174|7|0|Was aber die innere Einrichtung des ungeheuer großen Sonnenweltkörpers betrifft, so sagt mir mein Gefühl, daß da noch mehr Weltkörper gleich wie eine Hohlkugel in der andern stecken und voneinander in Abständen von zwei-, drei- bis viertausend Stunden getrennt sein können, was aber nicht als etwas Beständiges anzunehmen ist, weil sich diese inwendigen Sonnenkörper öfter sehr ausdehnen, ein anderes Mal wieder auf den Normalstand zusammenschrumpfen. Die Hohlräume sind entweder mit Wasser oder auch mit allerlei Luft ausgefüllt.
GEJ|3|174|8|0|Wozu aber das alles so sein muß, weiß ich dir nicht zu sagen; denn darum weiß nur der hier neben mir nun sitzende Herr und Meister der Unendlichkeit. Willst du mehr erfahren, so mußt du dich schon an diesen Einzigen und Alleinigen wenden!“
GEJ|3|174|9|0|Sagt Kornelius: „Ich danke dir, du mein liebstes, allerfreundlichstes Kindlein, für solche deine mir nun gemachte Mitteilung, die ich vom Alpha bis Omega sogar mit meinem Verstande äußerst gläubig annehme; denn ich finde nichts Widersinniges darin. Aber wie weit muß hernach die Sonne von dieser Erde entfernt sein, da sie uns, trotzdem sie eine so ungeheuer große Welt ist, so klein vorkommen kann?“
GEJ|3|174|10|0|Sagt die Jarah: „Dafür gibt es auf dieser Erde keinen Maßstab für dermalen; die Ägypter aber hatten einen solchen, und die späten Nachkommen – in Europa aber und nicht in Asien – werden wieder einen Maßstab erfinden. Aber soviel kann ich dir dennoch sagen, daß ein Pfeil, der von der Erde mit aller Kraft nach der Sonne abgeschossen werden würde, im schnellsten Zuge bei zwanzig volle Erdenjahre zu tun hätte, bis er in der Sonne ankäme!
GEJ|3|174|11|0|Nun kannst du selbst rechnen. Miß die Zeit, die ein abgeschossener Pfeil braucht, um tausend Mannsschritte weit zu kommen; du wirst es finden, daß der Pfeil bei aller seiner Schnelligkeit dennoch zwei Augenblicke Zeit benötigt, um tausend Mannsschritte zu durchfliegen. Eine Stunde Zeit aber erfordert 1800 solcher Doppelaugenblickszeitchen; ein Tag aber zählt 24 Stunden, und ein Jahr besteht aus 365 Tagen, was dir wohl bekannt sein wird. Weißt du nun das und kannst nur ein wenig rechnen, so wirst du es bald heraushaben, wie weit die Sonne von der Erde absteht! Mehr kann ich dir nicht sagen und kundgeben; denn wüßte ich's auch, so fehlt mir dennoch der Maßstab und die hinreichende Zahl! Stelle dir 40mal 1000mal 1000 Stunden Feldweges vor, und du hast die Entfernung von der Erde bis zur Sonne so ziemlich genau heraus!“
GEJ|3|174|12|0|Kornelius macht große Augen und sagt: „Nein, das hätte ich in diesem Mägdlein nie gesucht; es rechnet mit den größten Zahlen von der Welt im Kopfe, wie unsereiner mit den kleinen Ziffern an den Fingern! Die ist ja weit übern Euklid, den größten Rechenmeister, hinaus! Nein, so etwas ist mir noch nicht vorgekommen! Herr, nun sage Du mir, ob ich das nun alles also anzunehmen habe! Mir kommt es wenigstens vor, daß das Mägdlein den Nagel so ziemlich auf den Kopf getroffen hat!“
GEJ|3|175|1|1|175. — Herzensbildung und Verstandesbildung
GEJ|3|175|1|0|Sage Ich: „Es ist dies zwar kein Evangelium; aber es ist als das, was es ist, eine Wahrheit, die mit der Zeit auch ihr Gutes haben wird, um die Menschen von manchem Aberglauben zu heilen. Denn in gar keiner Sphäre haben die Menschen einen so massenhaften Aberglauben als in der Lichtsphäre des gestirnten Himmels. Aber es ist jetzt noch nicht an der Zeit, den Menschen darüber volle Aufschlüsse zukommen zu lassen; denn nun handelt es sich vor allem darum, aus den gegenwärtigen Menschenlarven wirkliche und reelle Menschen zu bilden.
GEJ|3|175|2|0|Das kann nur dadurch erzielt werden, daß der Mensch einmal sich selbst und danach aber auch Gott erkenne und Ihn liebe über alles aus allen seinen Kräften. Ist der Mensch einmal in solchem Grunde fest und fähig, den heiligen Geist aus Gott zu empfangen, so wird er dann auch für alle andern, bis jetzt noch unentdeckten Wahrheiten empfänglich werden und fähig, sie zu begreifen!
GEJ|3|175|3|0|Würde man ihm aber nun damit alsogleich den Kopf anstopfen, so könnte er das gar nicht fassen und würde sich so viel des Kopfzerbrechens machen, daß er darüber wahnsinnig würde!
GEJ|3|175|4|0|Darum ist das ein Hauptgrundsatz: Die Menschen müssen vor aller Wissenschaft erst wahre Menschen werden, ansonst ihnen was immer für eine Wissenschaft viel mehr schaden als irgend frommen kann. Denn alle Wissenschaft beschäftigt nur den Verstand, der im Gehirne seinen Sitz hat; aber das Herz als das Fundament des Lebens bleibt ungeschlacht, roh und wild, wie das eines Raubtieres, und übt mit Hilfe der Wissenschaft noch mehr Böses aus als ohne dieselbe; denn bei einem gottlosen Herzen ist die Wissenschaft eine wahre Leuchte zum Bösen aller Art und Gattung!
GEJ|3|175|5|0|Darum, Meine Freunde und Brüder, schaffet den Blinden vorerst eine rechte Lebensleuchte ins Herz, und lasset durch solche Leuchte dann erst auch der Seele Verstand erleuchten, und es wird dann alle Wissenschaft dem Menschen zu einem wahren Segen werden!
GEJ|3|175|6|0|Es ist wohl recht löblich, um vieles zu wissen, weil man dadurch gar manchem Menschen einen guten Rat schaffen kann; aber besser ist es, viel und wahrhaft lieben! Denn die Liebe erweckt und belebt; die Wissenschaft aber befriedigt nur und legt sich dann aufs Ruhebett!
GEJ|3|175|7|0|Und so hilft die Wissenschaft jemandem wohl für diese Zeit ein wenig, schadet ihm aber für die Erweckung des Geistes überaus; geht sie aber mit der Weile aus dem Lichte des Geistes als eine sichere Beigabe hervor, so ist sie dann auch voll von aller Lebenswärme und belebt wie das Licht der Sonne, das eben nicht nur allein erleuchtet wie kein anderes Licht, sondern auch belebt, weil ihr Licht die Lebenswärme in sich birgt und solche, wo es hinfällt, auch mitteilt und die vorhandene noch mehr belebt und hervorzieht.
GEJ|3|175|8|0|Glaubt es Mir, die zahllosen Wunder, die da in eben für euch unmeßbaren Räumen herumkreisen und bahnen, hat ein jeder Mensch in seinem Geiste ruhend verborgen; trachtet daher nur vor allem, daß euer Geist völlig erweckt werde, und ihr werdet das, was kein Auge je geschaut und kein Sinn je empfunden, in euch selbst in größter Klarheit allzeit schauen und durch alle anderen Sinne auch getreust empfinden können.
GEJ|3|175|9|0|Die Gott in Mir, dem Menschensohn, wahrhaft erkennen und lieben, werden schon in diesem Leben Seligkeiten zum Genusse bekommen, von deren Herrlichkeit noch bis zur Stunde keines Menschen Sinn je etwas empfunden und gefühlt hat! Aber auf dem puren Wissenschaftswege wird wohl nie ein Mensch dahin gelangen! – Verstehst du, Kornelius, solches?“
GEJ|3|176|1|1|176. — Das Schicksal der göttlichen Lehre
GEJ|3|176|1|0|Spricht Kornelius: „Ja, Herr, was Du geredet, ist eine Wahrheitsfülle, die nach dem Maßstabe des reinen Menschenlebens aber wohl auch noch nie dagewesen ist; denn wäre sie je irgend ausgesprochen worden und je dagewesen, so würden sicher einige Menschen sie als das, was sie ist, aufgegriffen und streng danach gelebt haben, und die Wirkung davon wäre sicher nicht unterm Wege verblieben.
GEJ|3|176|2|0|Aber sie ist meines doch vielumfassenden Wissens nie dagewesen, sondern bei uns Heiden gerade das Gegenteil; und es sind daher ein Sokrates, ein Plato, ein Plotin und ein Phrygius als große Geister tief zu bewundern, sowie mehrere große Männer Roms, die es bloß durch eine überheroische Mühe und Anstrengung, den Gesetzen der Vielgötterei schnurstracks entgegen, dennoch dahin gebracht haben, Dir, dem einen und allein wahren Gott, so ganz tüchtig auf die Spur gekommen zu sein.
GEJ|3|176|3|0|Plato fand es, daß der einige und allein wahre, wennschon unbekannte Gott die reinste Liebe sein muß. Je mehr er über den unbekannten Gott nachdachte, desto wärmer ward es in seinem Herzen; und als er fand, daß diese wohltuende Wärme wuchs und ein Arzt ihm sagte, daß dies eine Krankheit wäre, da lachte Plato und sagte: ,Wenn das eine Krankheit ist, dann wünsche ich mir nur noch mehr solcher Krankheit in mein Herz; denn sie tut mir unvergleichbar wohler denn jede noch so hoch gepriesene Gesundheit!‘
GEJ|3|176|4|0|Und Plato liebte den Unbekannten stets mehr und mehr und erzählte selbst, wie er in den höchsten Momenten seiner Liebe zu dem unbekannten Gott eben diesen Gott, als wie mit Ihm völlig vereint, geschaut und welch eine unbeschreibliche Wonne er dabei empfunden habe.
GEJ|3|176|5|0|Ähnliches erzählen auch die andern großen Weisen; ihre Lehre wäre den Menschen gewiß sehr heilsam geworden, so sich ihrer Verbreitung die bekannten Diener der Götter nicht mit allen möglichen Scheußlichkeiten entgegengestellt hätten.
GEJ|3|176|6|0|Aber es war allzeit also, und es wird auch wahrscheinlich noch fortan also bleiben, daß die reine Wahrheit darum noch nie den allgemeinen Platz finden konnte, weil mit der Zeit ihre nächsten Diener, von höchst gemeinen Interessen geleitet, ihr selbst in den Weg traten, sie in ein Labyrinth stellten und den anfänglichen, stets geraden und offenen Weg in tausend und abermals tausend Krümmungen bogen, die, mit finsterem Mauerwerk umgeben und umfaßt, den Sucher nimmer das Zentrum, wo der Wahrheit alter Tempel stand, finden ließen.
GEJ|3|176|7|0|Herr, auch Deiner Lehre wird es dereinst um nichts besser ergehen, wie sich nur ein Priester in ihr hervortun wird! Lehrer müssen wohl sein, aber unter zehn ist sicher ein räudiger, und der steckt nur zu bald die andern an, und mit der Wahrheit hat es dann schon einen Haken!
GEJ|3|176|8|0|Moses, der Weiseste aus Kahiro, der in alles eingeweihte Ziehsohn der Tochter Pharaos, schrieb die göttliche Wahrheit auf marmorne Tafeln und gebot voll Gotteskraft bei allen härtesten Strafen, nur das dem Volke zu verkünden und es anzuhalten, nach solcher Lehre zu leben und zu handeln; es sind seit ihm noch kaum tausend Jahre verronnen, und wie sieht nun die heilige Lehre der Marmortafeln aus?! Außer dem Namen keine eitle Spur mehr davon! Wo ist die alte Bundeslade, die wunderbare, die Furcht und Leben erregende? Wo die Urtafeln, die Moses mit eigener Hand geschrieben wie für eine Ewigkeit? Sieh, alles haben Mosis Nachfolger rein vertilgt, bloß ihrer schnöden Weltinteressen wegen!
GEJ|3|176|9|0|Darum sage ich, ohne nur irgendein Prophet zu sein: Wie es allzeit war, also ist es noch und wird auch allzeit also sein, wenn Du, o Herr, Deine Lehre in die Hände der Menschen zur Verwaltung legen wirst. In tausend Jahren wird es mit ihr sicher ganz verzweifelt schief aussehen, und die Menschen werden in ihr nach Art des Diogenes die Wahrheit am hellsten Tage suchen dürfen und dennoch keine völlig finden.
GEJ|3|176|10|0|Ah, es wird sich die volle Wahrheit wohl sehr im verborgenen bei einzelnen erhalten; aber fürs Allgemeine wird nichts Weiteres mehr dasein, als was an die Kinder Abrahams in dieser Zeit von Moses übriggeblieben ist, nämlich Schale und leere Namen! Wer versteht vom Geiste der Mosaischen Satzungen irgend mehr etwas?
GEJ|3|176|11|0|Darum sage ich und bleibe dabei: Die Menschen waren stets also und werden mit kleinen Unterschieden auch also bleiben.
GEJ|3|176|12|0|Etwas Neues wird sie stets neugierig und angeregt machen; wie sich aber die Menschen nur ein wenig daran gewöhnt haben, dann wird ihnen auch bald das Erhabenste alltäglich, wertloser und gleichgültig! Soll es für sie noch irgend etwas Anregendes haben, so muß es zum öfteren mit allerlei Seltenheiten aufgefrischt werden, und es muß darin irgendein der Hauptsache freilich nie schaden könnender Wechsel vorkommen, sonst fängt die Menschheit von neuem an, unter unausgesetzten Blitzen und Donnern, aus purer Langeweile goldene Kälber zu formen und um sie einen lustigen Tanz zu halten.
GEJ|3|176|13|0|Ja, es sind danach sogar manche Priester sehr zu entschuldigen, daß sie dem Volke anstatt der echten Ware den elendsten Flitter als etwas rein Göttliches verkaufen; denn ist der Strom der Finsternis einmal aus sich selbst heraus zu mächtig geworden, da ist auch ein Schwimmen gegen denselben zur Unmöglichkeit geworden, und der bestwillige Priester, wenn er für sich ganz im stillen auch irgendein rechtes Wahrheitslichtlein besitzt, muß NOLENS SEU VOLENS [ob man will oder nicht.] mit dem Strome schwimmen, sonst geht er ohne weiteres unter!
GEJ|3|176|14|0|Herr! So alt die Menschheit auf dieser Erde ist, war dies Übel unverrückbar ihr steter Geleitsmann, was durchaus nie und nimmer geleugnet werden kann; wäre denn die Menschheit von diesem alten Übel nicht und nimmer total und radikal zu heilen? Denn ich sehe keinen Grund ein, warum die Menschheit darin stets und von neuem verschmachten und zugrunde gehen soll!“
GEJ|3|177|1|1|177. — Die Würde der menschlichen Willensfreiheit
GEJ|3|177|1|0|Sage Ich: „Ja, höre du Mein Liebster! Das ist eine Sache der höchsten Notwendigkeit auf jenem Weltkörper, auf dem die Menschen bestimmt sind, aus sich selbst heraus zu wahren Gotteskindern zu werden!
GEJ|3|177|2|0|Die geringste geistige, von Mir ausgehende Beschränkung des freiesten Willens würde solche Meine Absicht ganz zunichte machen!
GEJ|3|177|3|0|Darum muß hier (auf Erden) gleichfort für die Ergreifung jedes erdenklichen Lasters bis tief unter die ärgste Hölle hinab, so wie auch für die Ergreifung der höchsten Tugend bis über alle Himmel hinaus, der freieste Entwicklungsraum vollkommenst gestattet sein, ansonst ist es mit dem Werden der Kinder Gottes auf dieser dazu bestimmten Erde nichts!
GEJ|3|177|4|0|Und darin liegt ja eben der geheime Grund, warum selbst die wundervollste Gotteslehre mit der Zeit in den schmutzigsten Kot hinuntergetreten wird!
GEJ|3|177|5|0|Niemand wird von Meiner Lehre sagen können, daß sie nur irgend etwas Unnatürliches, Unbilliges und Unmögliches verlange; und doch werden sich mit der Zeit solche Härten und Unausführbarkeiten einstellen, die dem ganzen Umfange nach kein Mensch wird zu beachten imstande sein.
GEJ|3|177|6|0|Man wird da im übertriebenen Eifer Menschen zu Hunderttausenden hinschlachten, ärger denn die wildesten Waldbestien, und wird der Meinung sein, Gott einen äußerst angenehmen Dienst zu erweisen.
GEJ|3|177|7|0|Ja, Ich Selbst werde Mich von den Menschen, so sie es wollen, müssen gefangennehmen und am Ende sogar dem Leibe nach töten lassen, um eben dadurch den Menschen den freiesten und höchsten Spielraum ihres Willens zu geben; denn erst aus dieser höchsten und allerunbeschränktesten Freiheit heraus sind dann die Menschen dieser Erde vollkommen in den Stand gesetzt, sich zu den wahrsten und Gott in allem vollkommen ähnlichen Kindern und Selbstgöttern zu erheben.
GEJ|3|177|8|0|Denn wie Ich Selbst nur durch Meine allerunbeschränkteste Willenskraft und Macht Gott bin von Ewigkeit zu Ewigkeit, ebenso müssen es auch die Kinder Meiner Liebe werden für ewig!
GEJ|3|177|9|0|Um aber das zu werden, ist eben jener geistige Bildungsgang vonnöten, der dir noch durchaus nicht munden will. Aber denke du nur so ein wenig nach, und du wirst es finden, daß es da unmöglich anders sein kann!
GEJ|3|177|10|0|Wo das Höchste zu erreichen ist, muß auch das Niederste vorhanden sein!“
GEJ|3|177|11|0|Hier denkt Kornelius ein wenig nach und sagt nach einer Weile: „Ja, ja, Herr, es fängt ein wenig an zu dämmern in meiner Brust! Ich sollte die Sache wohl begreifen; aber es gibt noch so manche Wolken und Nebel, durch die meine Seele noch keinen rechten Schein bekommt. In gewissen Augenblicken gewahre ich aber doch, daß es in mir heller wird, und da begreife ich so manches, und so begreife ich nun auch das gerade also, daß es mir nicht möglich wäre, dagegen irgendeinen Zweifel zu erheben; aber daß ich in voller Klarheit in dieser bisher wohl niemandem bekannten Weisheitssphäre zu Hause wäre, von dem ist bei mir noch lange keine Rede!
GEJ|3|177|12|0|Du, o Herr, könntest mir wohl auch in dieser Sphäre ein nur etwas mächtigeres Lichtlein in mein Herz stellen!“
GEJ|3|177|13|0|Sage Ich: „Das könnte Ich wohl, – aber dann wäre das stärkere Licht nicht dein, sondern pur Mein Werk und somit etwas Fremdes in dir; du brauchtest dann nicht zu suchen, nicht zu bitten und nirgends anzupochen.
GEJ|3|177|14|0|Ich aber will es, und muß es also wollen, daß ein jeder Mensch auf dem von Mir vorgezeichneten Wege fortschreitet und sich mit eigener Mühe und Aufopferung das erwirbt, dessen er für hier und für jenseits bedarf, ansonst er nie vollauf selbsttätig und eben darum auch nie selbständig werden könnte.
GEJ|3|177|15|0|Volle Selbständigkeit aber ist zur möglich höchsten Seligkeit eines der allernötigsten Stücke.
GEJ|3|177|16|0|Siehe an einen noch so gut gestellten Diener! Er hat bei seinem Herrn nahe alles, was sein höchst vermögender Herr hat; er kann die besten Speisen genießen und trinken den Wein von seines Herrn gastlichem Tische. Macht sein Herr Reisen zu Wasser oder zu Land, so nimmt er seinen Diener mit, und was da der Herr genießt, das genießt auch sein Diener. Aber dennoch ist die Seligkeit beider verschieden.
GEJ|3|177|17|0|Der Diener denkt sich oft: ,Ich habe einen guten Herrn, und er verlangt nichts von mir, das ich unbillig nennen könnte, und ich bin sehr geachtet und gut gehalten; aber so ich mich doch irgend einmal übernähme, da könnte er zu mir dennoch sagen: ,Mein Knecht, ich hielt dich wie meinen eigenen Sohn und verlangte darum nur einen leichten und billigen Dienst von dir. Aber du übernahmst dich und fingst an, einen Herrn zu spielen; darum kann ich dich nicht mehr als einen Diener gebrauchen. Verlasse darum mein Haus!‘ Da müßte ich gehen und wäre dann ein Bettler; aber mein Herr bliebe der Herr seiner vielen Güter.‘
GEJ|3|177|18|0|Siehe, du Mein Freund, dieser Gedanke verleidet dem Diener gar oft seine Seligkeit! Aber der Herr ist wahrhaft glücklich – ob er schon seinen treuen Diener sehr liebhat, so darf es ihm dennoch nie bange sein, so ihn dieser verließe; denn für diesen einen bekommt er leicht Hunderte. Er bleibt der hochbegüterte Herr und selbständige Eigentümer von sehr vielen Gütern und unermeßlichen andern Schätzen. Seine Glückseligkeit kann daher nicht getrübt werden, während die zufällige des Dieners in jedem Augenblick einen Garaus bekommen kann. Und siehe, ebenso verhält es sich hier!
GEJ|3|177|19|0|Solange Ich als allen Lebens und allen Lichtes Herr euch in einem fort Leben und Licht einhauchen muß, seid ihr nur Meine Knechte und Diener; denn Ich kann euch das Leben und das Licht erhalten so lange, als Ich allein es will. Woher wollet ihr dann Licht und Leben euch verschaffen?! Muß nicht schon der Gedanke an die Möglichkeit des nun Gesagten eine ganz bedeutende Bangigkeit in dir erwecken?!
GEJ|3|177|20|0|Wo aber in einem Gemüt noch irgendeine Angst, Furcht und Bangigkeit erweckt werden kann, da ist von einer vollkommenen Seligkeit unmöglich irgendeine Rede!“
GEJ|3|178|1|1|178. — Des Menschen Anlage und Bestimmung
GEJ|3|178|1|0|(Der Herr:) „Eben darum aber bin Ich ja Selbst auf diese, für die Zeugung Meiner wahren Kinder bestimmte Erde gekommen, um euch von den Banden der geschöpflichen Notwendigkeit zu befreien und euch den Weg zur wahren, selbständigen, ewigen Lebensfreiheit zu zeigen durch Wort und Tat und ihn zu bahnen und zu ebnen durch Mein euch allen vorangehendes Beispiel.
GEJ|3|178|2|0|Nur auf diesem Wege allein wird es möglich sein, einzugehen in die nie ermeßbare Herrlichkeit Gottes, Meines und eures Vaters.
GEJ|3|178|3|0|Denn als Mensch bin Ich Mensch, wie ihr Menschen seid; aber in Mir wohnt die Urfülle der göttlichen Herrlichkeit des Vaters, der in Sich pur Liebe ist. Und nicht Ich als euer Mitmensch rede nun das zu euch, sondern das Wort, das Ich zu euch rede, ist das Wort des Vaters, der in Mir ist, und den Ich wohl kenne, ihr Ihn aber nicht kennet; denn würdet ihr Ihn kennen, so wäre Meine Sendung eitel. Aber eben, weil ihr Ihn nicht kennet und noch nie erkannt habt, bin Ich Selbst gekommen, um Ihn euch zu zeigen und vollauf kennen zu lehren.
GEJ|3|178|4|0|Das aber ist des Vaters Wille, daß alle, die an Mich, den Sohn des Menschen, glauben, daß Ich vom Vater ausgesandt bin, das ewige Leben und die Herrlichkeit des Vaters in sich haben sollen, um wahrhafte Kinder des Allerhöchsten zu werden und für ewig bleibend zu sein!
GEJ|3|178|5|0|Um aber das zu werden, müssen in dieser Welt Himmel und Hölle unter einem Dache wohnen! Ohne Kampf gibt es keinen Sieg! Wo das Höchste zu erreichen möglich ist, muß dafür auch die höchste Tätigkeit in den vollsten Anspruch genommen sein; um ein Extrem zu erreichen, muß man sich von einem entgegengesetzten Extrem zuvor loswinden.
GEJ|3|178|6|0|Wie aber könnte irgendein höchstes Extrem ohne ein niederstes auch nur denkbar sein?! Oder kann sich jemand aus euch Berge ohne dazwischenliegende Täler denken?! Werden die Höhen der Berge nicht nach der größten Niederung eines Tales bemessen?! Es muß also sehr tiefe Täler geben, und wer in des Tales Tiefe wohnt, muß mit viel Beschwerden kämpfend auf die Berge emporklimmen, um die freieste und weiteste Aussicht zu gewinnen. Wären aber keine Täler, so gäbe es auch keine Berge, und niemand könnte irgendeine Höhe mit einer nur ein wenig über die Gewöhnlichkeit hinausreichenden Fernsicht besteigen.
GEJ|3|178|7|0|Das ist zwar nur ein materielles Gleichnisbild; aber es birgt dennoch das Ähnliche und Entsprechende der endlos großen geistigen Wirklichkeit in sich, – für den, der denken kann und will, wird es stets bedeutungsvoller sich gestalten.
GEJ|3|178|8|0|In der Sphäre des inneren Lebens aber seid ihr berufen und erwählt, das Höchste zu erreichen, – also muß es ja auch ein Unterstes unter euch geben; und dazu habt ihr den vollkommenst freiesten Willen und die Kraft, das Unterste in euch selbst zu bekämpfen mit der euch von Gott aus für ewig ganz zu eigen verliehenen Kraft.
GEJ|3|178|9|0|Siehst du, Mein lieber Freund Kornelius, also stehen die Sachen, Dinge und Lebensverhältnisse in dieser Welt, weil sie eben also stehen müssen! Und du wirst nun hoffentlich wohl kaum noch mit einer Frage darüber kommen!
GEJ|3|178|10|0|Ich könnte dich im Geiste führen in einen andern Weltkörper, auf dem du alles in einer Vollendung antreffen würdest, gleichwie du die Machwerke der Tiere in einer unnachahmlichen Vollendung antriffst; aber wozu nützt ihnen diese stets gleich wiederkehrende Vollendung? Sie deckt nur ihr höchst kümmerliches und einförmiges Lebensbedürfnis; aber auch nur um ein Haarbreit darüber hinaus findest du nichts!
GEJ|3|178|11|0|Können bei solchen Verhältnissen wohl Gotteskinder erzogen werden?!
GEJ|3|178|12|0|Aber in euch Menschen liegt Unendliches, nur entwickelt ist es nicht; darum kann das Kind, wenn es in die Welt kommt, gar nichts und steht tief unter jeder Gattung eines neugeborenen Tieres.
GEJ|3|178|13|0|Aber eben, weil es gar so nackt, so schwach und total unbehilflich und nahe über einen Meerespolypen bewußtlos dasteht als ein gänzlich leeres Gefäß, kann es bis zum höchsten göttlichen Bewußtsein emporklimmen und jeder Vollendung gewärtig werden!
GEJ|3|178|14|0|Habt daher wohl acht auf alles, was Ich nun gesagt habe, und handelt danach, so werdet ihr auch unfehlbar das erreichen, wozu ihr alle berufen und erwählt seid für Zeit und Ewigkeit! – Sage Mir nun, du Freund Kornelius, wie du nun über diese Erde und ihre Menschen im Lichte und in der Finsternis bei dir selbst denkst!“
GEJ|3|179|1|1|179. — Die Erinnerung des Kornelius an die Geburt Jesu
GEJ|3|179|1|0|Kornelius dachte eine Weile darüber nach und sagte endlich voll der höchsten Verwunderung: „Herr, Herr, – ja, ganz gut, ja! Aber es bleibt ewig dabei, daß, wenn Du eingingest unter meines Hauses Dach, ich dessen nie wert sein kann! Denn Du ganz allein bist ja Derjenige, von dem der große Judenkönig David, dessen Psalmen ich schon in meiner Jugend gelesen habe, geweissagt hat, indem er sprach: ,Machet die Tore weit und die Türen hoch, auf daß der König der Ehren einziehe! Wer ist der König der Ehren? Es ist der Herr Zebaoth, mächtig im Streite!‘ (Psalm 24,7-8)
GEJ|3|179|2|0|Solches habe ich schon, wie gesagt, in meiner Jugend gewußt, und sonderbar: es mußte sich fügen, daß ich Zeuge Deiner Geburt zu Bethlehem sein mußte und zugleich derjenige, der Deinen irdischen Eltern einen Weg zur Flucht vor der grausamsten Nachstellung des alten Herodes zeigte.
GEJ|3|179|3|0|Damals aber zählte ich erst fünfundzwanzig volle Jahre, und ich bin nun um gute dreißig Jahre älter, habe unter dieser Zeit sehr vieles durch- und mitgemacht, habe vieles gesehen, gehört und erfahren; aber trotz alledem sind mir die sonderbaren Worte Davids und Deine Geburt und alle sie begleitenden Erscheinungen noch so lebendig vor den Augen schwebend, als hätte ich sie erst gestern oder vorgestern, wie man zu sagen pflegt, mit Haut und Haaren erlebt. Und inzwischen vernehme ich wieder: ,Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch, auf daß der König der Ehren einziehe! Wer aber ist der König der Ehren? Es ist der Herr Zebaoth, mächtig im Streite!‘
GEJ|3|179|4|0|Und ich sagte mir geheim diesen Text vor schon damals bei Deiner Geburt, und als Du, o Herr, mir meinen Knecht heiltest und ich dann noch die übergroße Gnade hatte, mit Dir zusammenzukommen, sagte ich mir die Verse vor in meinem Dich über alles achtenden und liebenden Herzen! Und so sage ich nun auch und bezeuge, daß Du allein der große, ewige König der Ehren bist, von dem der weise Großkönig der Juden gesungen hat in seinem prophetischen Geiste! Und wärest Du nicht jener König Zebaoth, wie könntest Du solches von den Menschen dieser Erde reden, wie Du soeben geredet hast?!
GEJ|3|179|5|0|Ja, wenn unsereinem solche Deine heiligsten Worte nur auch so recht überfest im Gedächtnisse blieben! Aber bei mir war leider das Gedächtnis nie die stärkste Seite; jedoch die Hauptsache, das ist der Kern, bleibt mir doch! Aber es geht das uns nun von Dir Gesagte schon über alle Menschenbegriffe zu himmelweit hinaus, und obschon ich wenigstens es so ziemlich verstehe, was damit gesagt sein will, so ist aber die Sache mir dennoch so wie ein heller Traum, und ich werde sehr zu tun haben, das daheim meinem Hause so evident als möglich zu erörtern, weil mein Gedächtnis nicht alle Punkte so stetig behalten kann, als wie sie von Deinem heiligsten Munde ausgegangen sind.“
GEJ|3|179|6|0|Sage Ich: „Oh, dem ist ja doch bald und leicht abgeholfen! Sieh, da haben wir ja den Engel Raphael; laß ihm nur einige Blätter guten Lederpapieres reichen, und er wird diese Meine ganze Rede, die von einer sehr mächtigen Bedeutung ist, für dich sogleich niedergeschrieben haben!“
GEJ|3|179|7|0|Mit der höchsten Freude von der Welt ruft Kornelius sogleich seine Dienerschaft und läßt sich bei zwanzig Blätter des besten Lederpapiers bringen, etwas Schwärze und einen goldenen Schreibstift.
GEJ|3|179|8|0|Der Engel rührt nur mit dem in die Schwärze getauchten Schreibstifte das Lederpapier an, und im Augenblick sind alle zwanzig Blätter in gerechter Proportion (Verhältnis) angefüllt.
GEJ|3|179|9|0|Darauf gibt der Engel die zwanzig Blätter dem Kornelius zum Durchschauen, und Kornelius kann nun nicht genug erstaunen, wie möglich der Engel dies gar so endlos schnell habe zu Papier zu bringen vermocht. Denn Kornelius war vorher noch nicht Zeuge gewesen, als unser Raphael bei früheren Gelegenheiten Proben von seiner Schnellschreiberei an den Tag gelegt hatte, daher es ihn denn auch um so mehr wundernahm, daß dieser Engel gar so wunderbar schnell mit dem Aufschreiben Meiner ausgesprochenen Worte fertig war, und das dazu noch in griechischer und lateinischer Zunge und so wortgetreu, daß daran nicht ein Häkchen mangelte.
GEJ|3|179|10|0|Darauf ward aber auch Kisjonah, Faustus und der bekannte Philopold im höchsten Grade aufmerksam und voll Verwunderung, und der höchst wißbegierige Philopold fing an, den Raphael um die Möglichkeit zu fragen, der zufolge man so etwas niederschreiben könne in solch einer enormsten Schnelligkeit.
GEJ|3|179|11|0|Der Engel aber sagt: „Freund, das ist unsereinem wohl allzeit und mit des Herrn Hilfe sehr leicht möglich, – aber dir zu erklären wie, rein unmöglich. Denn es ist dies eine Eigenschaft, die ein jeder vollkommene Geist besitzt, nicht nur ein solches Schreiben, sondern jede noch so große Krafthandlung in einem Augenblick zu vollenden. Willst du einen Berg oder ein ganzes weithin gedehntes Gebirge zerstört oder vernichtet haben, oder ausgetrocknet einen See, oder zu Land gemacht ein Meer, oder vernichtet eine ganze Erde oder die um tausendmal tausend Male größere Sonne, oder du wolltest mich senden zu einem der allerentferntesten Sterne und verlangtest vom selben ein Zeichen, daß ich richtig dort gewesen war, so würde auch das in einem so schnellen Augenblick geschehen, daß du es wohl mit deinen Sinnen nie wahrnehmen könntest, daß ich einmal auch nur im geringsten fühlbar abwesend gewesen wäre. Nun, wie dieses geschieht und möglich geschehen kann, kann nur der reine Geist begreifen!
GEJ|3|179|12|0|Wirst du einmal ganz wiedergeboren aus dem Geiste sein, so wirst du das auch verstehen, einsehen und ein Gleiches machen können; aber solange du nicht im Geiste wiedergeboren bist, kannst du solche Eigenschaften der reinen Geister unmöglich erkennen, und würde ich sie dir noch so klar enthüllend zeigen! Frage dich aber selbst, wie dein Gedanke in einem kürzesten Augenblick von hier in Rom oder in Jerusalem sein kann und hier bei dir selbst auch wieder! Kannst du, mein Freund Philopold, dir das erklären, so wirst du auch bald meine Schnelligkeit begreifen.“
GEJ|3|179|13|0|Sagt Philopold: „Ja, ja, du herrliches, wundersames Engelswesen, der Gedanke zuckt wohl hin und her, und niemand kann dessen Schnelligkeit bemessen; aber es wird aus dem Gedanken auch nichts, er ist ein höchst flüchtiges Bild. Will jemand seinen Gedanken realisiert haben, so muß er gar mühsam mit seinen Händen daran, und es braucht dann eine lange Zeit, bis des Gedankens Bild in der Wirklichkeit ersichtlich wird; bei dir aber ist wundersamst der Gedanke auch schon ein vollbrachtes Werk. Siehe, das ist ein gar gewaltiger Unterschied zwischen meinen und deinen Gedanken!“
GEJ|3|180|1|1|180. — Der Engel Wesen und Bestimmung
GEJ|3|180|1|0|Sagt der Engel: „Gar kein Unterschied! Laß deinen Geist erst die Wiedergeburt erreichen, und dein Gedanke wird in allem, was in der Ordnung Gottes begründet ist, auch als ein vollkommen vollendetes, göttliches Wunderwerk dastehen!
GEJ|3|180|2|0|Glaube ja nicht, daß ich es bin, der dies handelt und tut, sondern es handelt, wirkt und tut dies alles des Herrn Geist, der eigentlich mein innerstes Wesen ausmacht und erfüllt; denn wir Engel sind im Grunde ja nichts anderes als Ausstrahlungspunkte des göttlichen Geistes! Wir sind gewisserart der personifizierte, kräftigst wirkende Wille Gottes; unser Wort ist Seines Mundes Rede und unsere Schönheit ein kleiner Spiegelabglanz von Seiner unendlichen Herrlichkeit und nie ermeßbaren Majestät.
GEJ|3|180|3|0|Wenn aber auch Gott der Herr in Seiner Weisheits und Machtmajestät unendlich ist, so ist Er aber dennoch in der Liebe des Vaters hier als ein begrenzter Mensch bei und unter euch. Und eben diese Liebe, die Ihn Selbst zum Menschen vor euch zeihet, macht auch uns Engel zu Menschen vor euch, ansonst wir nur Licht und Feuer sind, hinauszuckend durch alle die endlosen Räume als große, schöpferische Gedanken, erfüllt mit Wort, Macht und Willen von Ewigkeit zu Ewigkeit!
GEJ|3|180|4|0|Den Geist aber, und noch mehr die eigenste Liebesflamme aus dem Gottesherzen, der zufolge ihr erst so eigentlich zu wahren Gotteskindern werdet, bekommet ihr Menschen dieser Erde eben jetzt erst und seid demzufolge unaussprechbar über uns hinaus bevorzugt, und wir werden euren Weg zu wandeln haben, um euch gleich zu werden.
GEJ|3|180|5|0|Solange wir Engel alle also bleiben, wie wir nun sind, da sind wir nichts als Arme und Finger des Herrn und rühren und bewegen uns erst dann handelnd, wenn wir vom Herrn also angeregt werden, wie ihr eure Hände und Finger zum Handeln anreget. Von uns gehört alles, was du an mir siehst, dem Herrn; nichts ist als irgend selbständig uns zu eigen, – es ist eigentlich alles an uns der Herr Selbst.
GEJ|3|180|6|0|Ihr aber seid berufen und bestimmt, das zu werden in der vollsten Selbständigkeit, was der Herr Selbst ist; denn zu euch wird es noch vom Herrn aus gesagt werden: ,Ihr müsset gleich so vollkommen sein in allem, wie endlos vollkommen euer Vater im Himmel ist!‘
GEJ|3|180|7|0|Wenn aber vom Herrn solches zu euch Menschen gesagt wird, dann werdet ihr daraus erst vollauf ersehen, zu was endlos Großem ihr berufen und bestimmt seid, und welch ein unendlicher Unterschied dann zwischen euch und uns obwaltet!
GEJ|3|180|8|0|Nun seid ihr freilich wohl erst Embryonen im Mutterleibe, die mit der ihnen eigenen kleinsten Lebenskraft keine Häuser bauen können; wann ihr aber aus dem wahren Mutterleibe des Geistes wiedergeboren werdet, dann werdet ihr auch also zu wirken vermögen, wie da wirkt der Herr!
GEJ|3|180|9|0|Ich sage dir noch etwas, was der Herr Selbst zu euch sagen wird, so ihr vollends lebendig im Glauben und in aller Liebe zu Ihm verbleiben werdet. Siehe, dies wird Er zu euch sagen: ,Ich tue Großes vor euch, aber ihr werdet noch Größeres tun vor aller Welt!‘
GEJ|3|180|10|0|Sagt der Herr etwa solches auch zu uns? O sicher nicht, denn wir sind ja eben des Herrn Wille und Tat, der gegenüber der Herr, wie gegen Sich Selbst zeugend, zu euch solche Weissagung machen wird.
GEJ|3|180|11|0|Aber es wird des Herrn endloseste Liebe, Gnade und übergroße Erbarmung auch mit der Zeit für uns Engelsgeister einen Weg bestimmen, auf welchem wir euch vollends ebenbürtig werden werden.
GEJ|3|180|12|0|Der Weg, den nun der Herr Selbst geht, wird noch der Weg aller urgeschaffenen Geister aller Himmel werden, – aber freilich nicht von heute bis morgen, sondern nach und nach im gleich fortwährenden Verlauf der nimmer und nimmer irgendwann endenden Ewigkeit, in der wir aus Gott wie in einem unendlich großen Kreise auf- und nieder- und hin- und hersteigen, ohne je des Kreises äußerste Linie zu berühren. Aber wenn auch etwas noch so lange auf sich warten läßt, so geschieht es endlich doch, weil es sich in der großen Ordnung des Herrn treu und wahr befindet; was sich aber einmal darin befindet, das geschieht auch, – auf das Wann kommt es da wahrlich nicht an! Ist es einmal geschehen, so ist es da, als wäre es schon von Ewigkeit dagewesen.
GEJ|3|180|13|0|Du, lieber Freund Philopold, bist vor hundert Jahren noch nicht geboren gewesen und warst somit nicht da, wie du nun da bist; kommt es dir aber wohl vor in deinem Gefühle, als wärest du nicht allzeit dagewesen? Nur die kalte Rechnung deines Verstandes zeigt es dir, daß du nicht immer da warst; aber dein Gefühl und deine lebendigste Empfindung zeigen dir das allerblankste Gegenteil.
GEJ|3|180|14|0|Ebenso zeigt dir dein kalter Verstand, daß du einmal sterben und somit als das, was du nun bist, für diese Erde für immer und ewig vergehen wirst; frage aber dein Gefühl und deine Empfindung dagegen, diese beiden werden von irgendeinem Sterbe- und Vergehungsakt von dieser Erde nichts wissen und auch nichts wissen wollen.
GEJ|3|180|15|0|Nun, wer hat da Recht und Wahrheit in sich, – der kalte Verstand oder das warme Lebensgefühl? Ich sage es dir: Beide, der Verstand und das warme sich selbst bewußte Lebensgefühl! Der Verstand als geordnete Gehirnbibliothek der Seele wird mit dem Wegfall des Leibes wohl offenbar mit demselben von der Seele fallen. Samt den andern Teilen des Leibes und dessen Gliedern muß auch sein materielles Wahrnehmungs- und Berechnungsvermögen als vergänglich auch die Empfindung der Vergänglichkeit in sich haben; anders aber ist es mit dem Lebensgefühl und mit dem Sich-seiner-selbst-bewußt-Sein, das, weil geistig aus Gott, nie einen Anfang genommen hat und darum auch nie ein Ende nehmen kann!
GEJ|3|180|16|0|Aus diesem Grunde ist es denn der Seele auch sogar in ihrem materiellsten Zustande unmöglich, sich als einst vergänglich und zu sein aufhörend zu denken. Und so geht es der Seele stets heller und heller, und wird sie erst vollends eins mit ihrem ihr innewohnenden Geiste aus Gott, dann wird das Gefühl des Lebens so klar und mächtig, daß darauf das Vergänglichkeitsgefühl aus der kalten Rechnung des Verstandes jede Bedeutung und jede Kraft verliert.
GEJ|3|180|17|0|Der Grund davon liegt darin, daß der alle Lebenskräfte der Seele durchdringende Geist des Herrn auch die nervengeistigen Teile des Leibes durchdringt und ihnen dadurch alles Vergehungsgefühl benimmt. Dieses wird aber wieder dadurch zustande gebracht, daß durch den Geist am Ende alle eigentlichen, ätherischen leiblichen Lebensstoffe gleich den Lebenssubstanzen der Seele unsterblich werden.
GEJ|3|180|18|0|Du, mein lieber Philopold, der du auch von oben her bist, wirst nun leicht ersehen, daß ein Geist alles erwarten kann und eine noch so lange Zeitendauer für ihn eigentlich nichts ist; denn einst kommt nach der Ordnung des Herrn doch auch die segenvolle Reihe an ihn, und es fragt sich dann, welcher Teil der Ewigkeit für ihn der längere ist, – ob der durchlebte und durchhandelte oder der noch zu durchlebende und zu durchhandelnde?!
GEJ|3|180|19|0|Ich bin zwar jetzt noch das, was ich bin, und dieser Scheinleib ist noch lange kein eingezeugtes und dann ausgeborenes, mit einer substantiellen Seele erfülltes Fleisch und Blut; aber es ist dies dennoch eine schon bedeutendere Annäherung dazu, und es dürfte die Zeit zur vollsten Verwirklichung solcher Gnade eben nicht zu lange auf sich warten lassen, und ich werde das sein, was du nun bist!
GEJ|3|180|20|0|Rühme mich nun darum nicht, dieweil du mich Wunderbares hast verrichten sehen; denn weil ich eigentlich noch kein Ich bin, sondern mein Ich ein ledigliches Willens-Ich des Herrn ist, so ist also auch ob des Wunderwerkes nur der Herr allein in Sich Selbst zu rühmen und zu preisen, der auch ohne mich in meiner Erscheinlichkeit solches und noch endlos Größeres bewirkt hätte.
GEJ|3|180|21|0|Aber Er ist eben Der, der die heilig-große Rede an den Kornelius hielt, die ich für ihn dann aufschrieb; du kennst Ihn schon von Kane bei Kis aus, und wirst Ihn nun noch tiefer kennenlernen. – Es wird aber nun gleich etwas geben, wo Er wieder reden wird pure Worte alles Lebens.“
GEJ|3|181|1|1|181. — Die Schöpfungsphilosophie des Philopold
GEJ|3|181|1|0|Philopold wendet sich darauf zum neben ihm sitzenden Kisjonah und sagt zu ihm: „Hast du samt mir nun endlich einen rechten Begriff von einem Engel Gottes? Sieh, es war dies ja stets auch meine Behauptung, daß die Engel eigentlich keine Persönlichkeiten, sondern nur mit dem Willen aus Gott erfüllte Ideen sind und in einer bestimmten Gestalt nur dann ersichtlich, wenn solches von Gott aus als notwendig bestimmt wird. Da aber Gott wohl eine ewige Unzahl von allerlei großen und mitunter auch mehr kleinen Nebenideen haben wird, so ist es ja sicher, daß diese Ideen, wenn sie in was immer für einer Art realisiert werden sollen, mit der Macht und Kraft des göttlichen unwandelbaren Willens erfüllt sein müssen, ansonst sie nie entweder in ein wirkendes oder schon bewirktes Sein treten könnten.
GEJ|3|181|2|0|Alle Geschöpfe, die als bleibend entweder auf eine Zeit oder auch auf immerdar sich in einer bestimmten ersichtlichen Form befinden – als etwa eine ganze Welt und alles, was sie faßt und trägt, und woraus sie besteht –, sind von Gott ausgegangene Ideen, die sich schon in einem bewirkten Sein befinden. Aber um ein bewirktes Sein zustande zu bringen, müssen von Gott auch beständig zumeist formlose, ganz frei wirkende Ideen ausgehen, die auch mit Seinem Willen erfüllt sind, aber nur um zu wirken und Formen zu schaffen, aber nicht um selbst eine Form zu sein, in der sich Kraft und Intelligenz einigten, um als solche erst gottähnlichst aus dem eigenen Zentrum auf die objektiv ausgegangenen Ideen also einzuwirken, daß sie in einer gewissen planmäßigen Ordnung zu zwecklichen Formen würden, sondern stets formlos zu sein und für alle Formen als tauglich wirkend dazusein, wie solches schon der weise Plato von der Ursprünglichkeit der menschlichen Seele behauptet hat.
GEJ|3|181|3|0|Dieser Engel hat nun freilich wohl eine Form, aber diese Form ist eigentlich an und für sich nichts, weil nicht bleibend; aber sie steht also, wie sie da ist, dennoch nahe auf dem Punkte, von der Grundidee Gottes als ein für sich selbst daseiender großer Gedanke frei und nur von sich selbst abhängig dazustehen und in sich und für sich selbst zu wirken, teils mit dem nun getrennten, eigenen Materiale und teils mit dem aus Gott gleich fort und fort Einfließenden.
GEJ|3|181|4|0|Darin aber scheint mir auch die große Idee der eigentlichen, wahren Kindschaft Gottes zu liegen. Denn solange eine Idee mit der Gottheit, als unisoliert, identisch ist, kann von ihr aus an keine Selbsttätigkeit und somit auch an keine Selbständigkeit gedacht werden; nur dann erst, wenn sie uns Menschen dieser Erde in allem gleichgestellt ist, kann sie auch das werden und sein, wozu wir Menschen berufen sind.
GEJ|3|181|5|0|Sage mir, ist meine Ansicht richtig oder nicht?!“
GEJ|3|181|6|0|Sagt Kisjonah: „Ja, ja, ich finde nichts unrichtig Beurteiltes darin! Freilich bin ich wohl nichts weniger als irgendein Weltweiser; aber dennoch finde ich mit meinem ganz natürlichen Weltverstande, daß du nun sehr weise geredet hast, und es freut mich, an dir einen so weisen Freund und Bruder im Herrn zu besitzen. Wir werden daheim noch vieles darüber zu sprechen haben; aber nun harre ich dennoch schon wieder auf irgendein Lebenswort aus dem Munde des Herrn!
GEJ|3|181|7|0|Der Engel da hat wohl schon etwas angekündigt; aber es kommt noch nichts vor, und der Herr, wie ich merke, ist über unserm Weisheitsdiskurs ein wenig eingeschlafen, und es hat nun somit wenig Anschein, als würde Er nun bald über irgend etwas Seinen heiligsten Mund auftun.
GEJ|3|181|8|0|Das weise Mädchen, das dem Kornelius soviel zu denken machte, ist auch eingeschlafen, auch der Oberstatthalter, und wie ich es nun merke, so schlummern nun mehrere an unserem Tische; aber an den andern Tischen geht es recht lebhaft zu! Mir kommt es vor, daß dieser Tisch durch des Engels und besonders durch deine Weisheitsentwicklung so schläfrig geworden ist!?
GEJ|3|181|9|0|Weißt du, mein liebster Philopold, ich höre dich ungemein gerne an, wenn du so von übersinnlichen Dingen zu reden beginnst; aber hier in Gegenwart des Allerhöchstweisesten hättest du des Guten beinahe zuviel getan! Nun, der Engel hat uns zwar auch eine lange Rede gehalten; aber der redete rein nur aus dem Herrn heraus, und so war das gewisserart eins, ob er oder ob der Herr da Selbst gesprochen hätte. Aber als dann du zu reden begannst, so war das nur deine Ansicht, nach all dem, was du vom Engel vernommen hattest, und das, scheint mir's, hat die Schläfrigkeit an unserem Tische also hervorgerufen! – Bist du selbst nicht auch so ungefähr dieser Meinung?“
GEJ|3|181|10|0|Sagt Philopold: „Ja, ja, du dürftest gar zu unrecht nicht haben! Es tut mir nun auch im Ernste leid, daß ich mich von meinem Verstande so weit habe verleiten lassen; aber ich kann das Geschehene nun nimmer ungeschehen machen, obschon ich danebst doch auch der Überzeugung bin und lebe, damit keine Ungerechtigkeit begangen zu haben!“
GEJ|3|182|1|1|182. — Die Reichweite des Gehirnverstandes
GEJ|3|182|1|0|Hier richte Ich Mich wieder ganz munter empor und sage gar freundlichen Angesichtes zum Philopold: „Oh, mitnichten!
GEJ|3|182|2|0|Deine Betrachtung über den Unterschied eines Engels und eines rechten Menschen dieser Erde ist eine ganz richtige; es ist also auf ein Haar, wie du die Sache aufgefaßt und ganz vortrefflich entwickelt hast. Mein leiser Schlummer war nur einfach eine Folge der leiblichen Müdigkeit; denn wir haben nun ja nahe zwei volle Nächte gearbeitet!
GEJ|3|182|3|0|Aber da du schon einmal so ein echt platonischer Weiser bist, so entwickle uns nun auch den eigentlichen Grund Meiner Darniederkunft ins Fleisch dieser Erde!
GEJ|3|182|4|0|Was Ich im Geiste bin und war von Ewigkeit, das weißt du; daß Ich aber auch einen Leib habe mit Fleisch und Blut gleich den andern Menschen, das siehst und fühlst du so gut wie alle hier am Tische.
GEJ|3|182|5|0|Warum zog denn Ich eine sterbliche Hülle an? Warum bekleidete sich der Urgrund alles Seins und Lebens mit der Hülle der offenbarsten Sterblichkeit?! Muß das sein, oder ist dies etwa bloß nur so eine Laune des ewigen Gottgeistes, der in Mir ist, weilt und wirkt? – Kannst du Mir solches ganz genügend entfalten, so sollst du einen Preis der Weisheit aus den Himmeln überkommen schon in diesem Leben!“
GEJ|3|182|6|0|Sagt Philopold: „Herr, offen gestanden, ich ahne es, und es dämmert mir aus meiner Lebensnacht wie ein frühester Morgen entgegen, offenbar durch das Einfließen Deiner Gnade, o Herr! Ja, ich fühle die endlose Größe des zu Entfaltenden; aber mir fehlen dazu die Worte!
GEJ|3|182|7|0|Mit einer Äone irdischer Weisheitsphrasen wird sich diese Sache nicht entwickeln lassen; man müßte da eine ganz eigentümliche Sprache der Geister haben, und diese müßte von allen verstanden werden, ansonst man zu tauben Ohren reden würde.
GEJ|3|182|8|0|Woher aber fürs erste solch eine Sprache nehmen, und von woher fürs zweite den Menschen dafür ein richtiges Verständnis schaffen?! Sieh, o Herr, das sind dabei meiner Ansicht nach gar hauptwesentliche Dinge, ohne die so eine überhohe Weisheitsentfaltung vollends und rein unmöglich ist!
GEJ|3|182|9|0|Aber dessenungeachtet fühle ich recht lebendig die große und überheilig wunderbare Wahrheit in mir; aber ich fühle daneben auch die vollste Unmöglichkeit, diese größte und heiligste aller Wahrheiten in unsere armseligsten Worte nach Gebühr zum Behufe eines richtigen Verständnisses einzukleiden. Diesen Grund wirst Du, o Herr, gnädigst einsehen wollen und mir darum erlassen solch eine allerungeheuerst höchste und größte Weisheitsentfaltung!“
GEJ|3|182|10|0|Sage Ich: „Ah, das ist eitel, es bedarf dazu gar nicht soviel, als du da meinst! Im Gehirne, wo die Seele gewöhnlich ihre Weisheitsernte hält, wirst du dazu wohl schwerlich je die tauglichen Worte finden; aber desto mehr im Herzen, das der Träger des Geistes aus dem Herzen Gottes ist.
GEJ|3|182|11|0|Forsche darin, und du wirst es finden, daß auch die höchste Weisheitstiefe mit den einfachsten und schlichtesten Worten von der Welt um vieles besser und für jedermann verständlicher entwickelt werden kann als mit den hohen Worten der salomonischen Weisheit! Was nützt dessen Hoheslied, so du es beim tausendsten Lesen ebensowenig verstehst als beim ersten?!
GEJ|3|182|12|0|Salomo aber mußte also schreiben, weil es damals noch nicht an der Zeit war, den fähigkeitslosen Menschen, denen der Geist im Herzen noch völlig mangelte, des Himmels tiefste Geheimnisse vollends zu enthüllen, sondern davon nur möglichst verdeckte Andeutungen zu geben, um die Seelen stutzig zu machen auf das, was da zu kommen hatte. Aber vom Verstehen war da keine Rede.
GEJ|3|182|13|0|Denn Salomo verstand von seinem Hohenliede ebensoviel wie du nun; denn hätte er es verstanden, so hätte er nicht gesündigt und wäre nicht ein völliger Götzendiener und tausendfacher Ehebrecher geworden.
GEJ|3|182|14|0|Aber was er aus dem Geiste Gottes geschrieben, der seine Seele in gewissen Momenten durchwehte, ist dennoch rein Gottes Wort, – aber nicht gegeben fürs Verständnis des Gehirns, sondern fürs Verständnis des dazu fähigen Geistes im Herzen aus Gott, der aber erst in dieser Zeit seit Meiner Darniederkunft ausnahmsweise in einiger weniger Menschen Herz gelegt wurde, auf daß sie Mich erkennen, verstehen und begreifen mögen, ihrer selbst und auch der vielen andern noch geistlosen Menschen willen.
GEJ|3|182|15|0|In dein Herz aber ist auch schon der besprochene Geist wie ein Embryo in den Schoß einer Mutter gelegt; du darfst dich sonach nur in deinem eigenen Herzen ein wenig umsehen, und du wirst den Geist aus Gott schon in dir finden, und dieser wird dir dann schon Worte leihen, mit denen du leicht für diesen Tisch das enthüllen wirst, um was Ich dich gefragt habe.“
GEJ|3|182|16|0|Sagt Philopold: „Herr! Es wäre schon alles recht, und es kann ja wohl also sein, daß ich dazu in meinem Herzen den Schlüssel finde; aber Dir, o Herr, wäre das ja ein gar leichtes, uns dieses tiefste Geheimnis zu enthüllen, und wir würden Dir gewiß die alleraufmerksamsten Zuhörer abgeben. Für mich aber wird das etwas ganz entsetzlich Schweres werden, und am Ende kann ich noch dazu ganz wohlverdient ausgelacht werden!“
GEJ|3|182|17|0|Sage Ich: „Oh, mitnichten, fürs erste ist es also in Meiner Ordnung, daß es, um für euch einen Lebenszweck zu haben, eben auch von euch Menschen Mir gegenüber frei entwickelt und entfaltet werden muß, und fürs zweite ist die Sache durchaus nicht so schwer, wie du dir dieselbe in deinem Gehirne vorstellst.
GEJ|3|182|18|0|Ich könnte es dir und euch andern wohl sagen, und ihr würdet Mich zur Not auch verstehen; aber es würde solches eure Seele ebensogut als alles andere hauptsächlich nur in ihrem Gehirnpalaste aufbewahren, allwo es dann für den Geist in euch von nahe gar keinem Nutzen wäre. Denn was die Seele aufbewahrt in ihrem Gehirnpalaste, das stirbt und vergeht mit dem Gehirne mit der Zeit; welchen Nutzen mag dann der Geist schöpfen aus dem, was vergangen ist und aufgehört hat zu sein?!
GEJ|3|182|19|0|Entwickelst aber solches du aus deinem Herzen, so bleibt es dann auch für ewig in dem, der selbst ewig ist, nämlich in deinem Geiste, und durch ihn auch ebenso für ewig in deiner Seele; aber was das Gehirn faßt, das vergeht, und es bleibt nichts von all dem vielen Weltwissen in der Seele, wenn sie dereinst den Leib verlassen hat.
GEJ|3|182|20|0|Darum müßt ihr alle von nun an alles ins Herz aufnehmen und alles auch im Herzen entwickeln und entfalten; denn was das Gehirn schafft, das taugt allein fürs vergängliche Leben dieser Welt und für den sterblichen Leib.
GEJ|3|182|21|0|Seele und Geist bedürfen alles dessen nicht; sie benötigen keiner irdischen Bekleidung, keiner Wohnstätte, keines Ackers und keines Weinberges. Alle Sorge aus der Erkenntnis des Gehirns ist gerichtet auf die Deckung der leiblichen Bedürfnisse, die bei den Menschen leider einen so hohen Grad erreicht haben, daß sie von dem größten Teil der Menschheit nimmer gezählt und noch weniger erreicht werden können.
GEJ|3|182|22|0|Der irdische Gehirnverstand kann deshalb unmöglich je etwas rein Geistiges aufnehmen und fassen, weil er dem Menschen nur zur nötigen Versorgung seines Leibes gegeben ist. Solches kann nur der göttliche Geist im Herzen allein; er muß daher schon von früh an geübt werden. Hat er einmal nur irgendeine Festigkeit erreicht, so ist dann die rechte Lebensordnung schon so gut wie völlig hergestellt; und somit versuche du nun nur, was Ich von dir verlange, zu entwickeln, und dein Geist wird dadurch einen großen Vorteil gewinnen!“
GEJ|3|183|1|1|183. — Der Grund der Menschwerdung des Herrn
GEJ|3|183|1|0|Sagt Philopold: „In Deinem für mich heiligsten Namen denn will ich's versuchen, was ich aus mir heraus entfalten werde.
GEJ|3|183|2|0|Ich meine, wenn schon selbst irgendein einfältigster Mensch denn doch irgendeinen Grund zu irgendeiner noch so einfältigen Handlung haben muß, ansonst er seine Glieder sicher nicht in eine Tätigkeit versetzt hätte, um so mehr läßt sich voraussetzen, daß Gott einen gar überaus höchst triftigen Grund gehabt haben muß, als der ewig allein wahre und reinste allmächtige Geist Sich in die begrenzte Form des Fleisches einzuzwängen und so als der Schöpfer aller Dinge Seinen Geschöpfen, wie wir Menschen es sind, ein Mitgeschöpf zu werden.
GEJ|3|183|3|0|Wie aber schon bei uns Menschen nur die Liebe allein der mächtige Hebel zu allen wie immer gearteten Handlungen ist, so war eben die Liebe auch in Gott sicher das alleinige große Motiv, durch welches, aus Sich Selbst heraus genötigt, Er eben Sich dazu bequemte, wovon Du, o Herr, als heiligste Folge nun unter uns wandelst und uns lehrst, Deinen Willen frei in uns zu erkennen, ihn zu unserem vollen Eigentume zu machen und danach selbständig Dir, o Herr, wohlgefällig zu handeln.
GEJ|3|183|4|0|So aber kommt es mir in meinem Herzen ganz natürlich und lebendig menschlich vor: Du hast einmal von Ewigkeit her Deine Ideen zu wirklich festen Formen umstaltet. Zuerst waren die Formen starr und steif, wie nun noch alles, was vor unseren Sinnen als völlig leblos scheinend dasteht. Aus diesen großen und scheintoten Formen entwickeltest Du von Periode zu Periode stets mehr und mehr weichere und ihrer selbst bewußtere Lebensformen mit weniger oder mehr freier Bewegung und Tätigkeit. Dies alles ist und war nur eine Vorschule und Vorprobe zum völlig freien Leben im darauf aus allen den Vorgängen hervorgehenden völlig freien Menschen, dem Du, o Herr, die Haupt- und Grundform Deines eigenen Grundseins gabst.
GEJ|3|183|5|0|Der Mensch war nun da, erkannte sich und seine göttliche Freiheit, hatte eine große Freude an seinem Dasein, an seiner schönen Form und konnte unterscheiden und zählen die Dinge, die ihn umgaben.
GEJ|3|183|6|0|Er fing aber auch bald in sich an, nach dem Ursprung seiner selbst, wie nach dem der ihm dienenden Dinge zu forschen; und als Du, o Herr, solches sahst, ward Dir freudig um Dein göttliches Herz, und Du verschafftest ihm die Gelegenheit, Dich mehr und mehr zu fühlen und zu denken.
GEJ|3|183|7|0|Durch die innere stille und geheime Offenbarung im Herzen des nun frei dastehenden Menschen, der in allem Dein Ebenmaß war, führte Dein ewiger Geist ihn zuerst darauf hin, daß er zu erkennen beginne, daß er samt allem, was ihn umgab, das Werk eines allmächtigen und höchst weisen und guten Wesens sein müsse. Durch solche stets steigende und heller werdende Erkenntnis mußte der neue, herrliche Mensch nicht nur mit der höchsten Hochachtung und Ehrfurcht vor dem stets lebendiger gefühlten Schöpfer aller Dinge, sondern auch mit einer sehnenden Liebe zu Ihm dahin im Herzen erfüllt werden, Ihn nur einmal zu sehen und zu sprechen, um dadurch treu zu erkennen, daß seine große, Ehrfurcht und Liebe erweckende Ahnung vom Dasein eines solchen höchsten Wesens kein eitles Phantasiebild sei!
GEJ|3|183|8|0|Diese große Sehnsucht stieg und stieg höher und höher, und heißer und heißer ward das geheiligte Verlangen nach Dir, o Herr, in Deinem Geiste in des ersten Menschenpaares reiner und noch völlig unverdorbener Brust.
GEJ|3|183|9|0|Diese ersten Menschen liebten sich zwar; aber sie erkannten sich nicht, und es einigte sich darum ihre Liebe zu Dir, o Herr, und zeugte in beiden die stets größere und bestimmtere Zuversicht, daß es einen großen, heiligen und allmächtigen Schöpfer geben müsse, der den Menschen zum Herrn über die ganze Erde und über alle Dinge gesetzt habe, weil sich vor seinem Willen alle anderen Geschöpfe der Erde beugten.
GEJ|3|183|10|0|Als solche Sehnsucht, Dich gewisserart persönlich kennenzulernen, den höchsten Kulminationspunkt erreicht hatte, da wardst Du denn auch erregt in Deinem Gottesherzen und eröffnetest des Menschen innere Sehe, schufest Dir für den Moment eine ätherische Menschenform und zeigtest Dich also dem nach Dir lechzenden Menschen.
GEJ|3|183|11|0|Da erst ersah der Mensch die großheiligste Wahrheit und vollste Wirklichkeit seiner Ahnung und hatte eine große Freude an Dir, aber auch eine rechte Furcht vor Dir, der Du ihm, wie allen Dingen, das Dasein gegeben hast.
GEJ|3|183|12|0|Damals war der Mensch gut und rein wie eine Sonne; nichts trübte seine Sinne, und das, was man nun Leidenschaft nennt, war ferne seiner geheiligten Brust.
GEJ|3|183|13|0|Aber Du, o Herr, wußtest wohl, daß also nur des Menschen Form durch Deines Willens Odem belebt und nun fähig war, an seiner eigenen inneren Ausbildung zu arbeiten anzufangen, um die freie Selbständigkeit zu erlangen.
GEJ|3|183|14|0|Du unterwiesest ihn und zeigtest ihm die beiden Wege, – den einen, führend zur gottähnlichen, freiesten Selbständigkeit, und den andern, führend zum gerichteten, also im vollsten Maße unselbständigsten Sein.
GEJ|3|183|15|0|Ein Gebot war der verhängnisvolle Wegweiser und der fragliche Doppelweg selbst.
GEJ|3|183|16|0|Damit aber das Gebot für den neuen Menschen das würde, was es sein sollte, so mußtest Du ja dem Menschen einen Versucher beigesellen, damit dieser ihn zur Nichtbeachtung des Gebotes anreizte und der Mensch dann aus dem eigenen festesten Willen das Gebot hielte und treu beachtete.
GEJ|3|183|17|0|Dies ging auch eine Weile; aber Du Selbst sahst, daß der Mensch durch die strenge Haltung dieses einen Gebotes am Ende dennoch nicht zu jenem hohen Grade der vollsten Selbständigkeit gelangen könne, der ihm von Dir aus vorgesteckt war.
GEJ|3|183|18|0|Um das zu erreichen, mußte der Mensch zuvor noch tiefer und weiter von Dir getrennt werden; er mußte fehlen und fallen und dann erst in solcher höchsten Abgeschiedenheit von Dir höchst mühsam und unter allerlei Verlockungen und Beschwerden sich ganz von neuem zu sammeln anfangen und forschen nach Dir mit gedrücktem und reuigem Herzen.
GEJ|3|183|19|0|Als der also gefallene Mensch sich auf solche mühevolle Weise aus seiner tiefsten Tiefe wieder zu Dir emporgerichtet hatte, kamst Du ihm wieder entgegen, zeigtest ihm Dich abermals in einer schon um sehr vieles gediegeneren Form und ebenso auch umfangreicher in der den Menschen belehrenden Offenbarung, und machtest ihm die große Verheißung dessen, was Du nun vor unsern Augen ins vollste und gediegenste Werk gesetzt hast dadurch, daß auch Du dem Menschen ein vollkommenster Mitmensch würdest, auf daß er in alle zukünftigen Ewigkeiten als allervollkommenst selbständig Dir gegenüberstehen könne und Du Selbst dadurch den größeren, herrlicheren und sicher seligeren Genuß hättest, Deinen Kindern nicht gleichfort als ein in aller Unendlichkeit ausgedehnter und dadurch nie schau- und fühlbarer Gott, Herr und Vater, sondern als ein schaubarer lieber Vater, den die Kinder lieben können, gegenüberzustehen, und alle die guten Kinder persönlich zu führen in alle Deine Wunderhimmel.
GEJ|3|183|20|0|Welche Seligkeit könnte das für einen unendlichen Gott auch sein, so Er wohl Seine lieben Kinder sehen könnte, diese Ihn aber nie irgend anders denn als ein unendliches Lichtmeer zu Gesichte bekommen könnten?! So aber hast Du den Menschen wohl die höchste Seligkeit bereitet und dadurch auch als wahrer, einziger und liebevollster Vater Deiner Kinder auch Dir Selbst!
GEJ|3|183|21|0|Denn welche Lust wohl könntest Du selbst an dem besten und herzensreinsten aller Deiner Kinder haben in dem sicher hellsten Bewußtsein, daß sie Dich ewig nie sehen und reden hören sollen?!
GEJ|3|183|22|0|Also, Deiner und der Menschen willen hast Du, o Herr, alles das getan, auf daß die Reinen in Dir glückseligst würden und Du in ihnen auch die höchste Wonne und Glückseligkeit genießen könntest!
GEJ|3|183|23|0|Und wenn nun alle Engel aus den Himmeln herabsteigen und mir einen andern Hauptgrund Deiner nunmaligen, völlig und sogar materiell formellen Menschwerdung angeben können, so leiste ich auf ewig auf meine Menschheit Verzicht und will aufhören zu sein, oder ich will für ewig irgendein Tier sein!
GEJ|3|183|24|0|Hättest Du, o Herr, die Liebe nicht in Dir, so hättest Du ewig nie auch nur eine Deiner allerherrlichsten Ideen ins beschauliche und formelle Dasein gerufen; dadurch aber, weil Du Selbst ein großes Wohlgefallen in Deinem Gottesherzen zu (an) Deinen wunderbarst herrlichen und großen Ideen fandest und sie schon liebtest, bevor sie Deine endlose Weisheit und Macht ins außen beschauliche und durch Deine Kraft gefestete formelle Dasein rief, zwang Dich Deine Liebe, die auch stets glühender und tätiger ward, nun denn auch Deinen Ideen ein Dasein wie außer Dir und darum auch ein nachfolgendes Leben zu geben.
GEJ|3|183|25|0|Dies Leben aber ist ja noch nichts anderes als Deine höchste, mächtigste und reinste göttliche Liebe!
GEJ|3|183|26|0|Alle Geschöpfe atmen ihr Leben aus und in dieser Deiner Liebe, ja, ihr ganzes Wesen ist ja nur Deine Liebe, und alle Formen sind auch nur Deine Liebe! Alles, was wir hören, sehen, wahrnehmen, empfinden, fühlen und schmecken, ist nur Deine Liebe! Ohne diese hätte nie eine Sonne irgendeine Erde erleuchtet und ihre Gefilde befruchtend erwärmt!
GEJ|3|183|27|0|Wenn aber das alles nur Deine Liebe getan hat mit Deinen herrlichen Urideen, sollte sie hernach für sich selbst nichts tun, um eben in allen durch sie gewordenen Wesen das in aller Fülle zu erreichen, was sie uranfänglich in sich selbst zwang, den Ideen Form und ein freies, selbständiges Leben zu bereiten?!
GEJ|3|183|28|0|Ich bin nun der Meinung, daß ich die volle Wahrheit geredet habe, aus der da klarst hervorgeht, daß Du, Gott von Ewigkeit, auch notwendig in der Zeit ein Mensch gleich uns, durch Dich Selbst genötigt, werden mußtest!
GEJ|3|183|29|0|Und ich glaube dadurch auch, insoweit es einer menschlichen Weisheit möglich ist, Deine an mich gestellte Frage im allgemeinen erschöpft zu haben! – Ich bitte Dich, o Herr, nun mir Dein Urteil darüber klar auszusprechen.“
GEJ|3|184|1|1|184. — Die Herzenssprache
GEJ|3|184|1|0|Alle erstaunen über die tiefe Einsicht und Weisheit Philopolds. Kisjonah betrachtet ihn vom Fuße bis zum Hauptscheitel und begreift nicht, wie dieser sonst wohlbekannt vielerfahrene Mensch nun auf einmal mit seiner durchdringenden Weisheit alle ins höchste Erstaunen setzt, und selbst Mathael sagt: „Ich verstehe auch etwas, – aber in diese Tiefen ist mein Geist noch nie gedrungen! Dessen Geist oder Seele muß schon irgendwo in einer andern und bessern Welt in die Schule gegangen sein!“
GEJ|3|184|2|0|Auch die Jarah betrachtet den weisen Mann und kann sich vor lauter Staunen über seine Weisheit gar nicht völlig zurechtfinden.
GEJ|3|184|3|0|Ich aber sage zu ihm: „Siehst du, Mein lieber Freund und Bruder, wie es dir recht gut gegangen ist und du mit deiner herrlichen Beantwortung Meiner an dein Herz gestellten Frage den Nagel auch auf den Kopf getroffen hast!
GEJ|3|184|4|0|Ich sage es dir, daß du nun die vollste Wahrheit in Meinem Namen allen Meinen Jüngern, Freunden und Brüdern getreust, wahrst und sehr leicht begreiflich geoffenbart hast und Ich dazu nun nichts anderes zu sagen brauche als: Also ist es, und also stehen von Ewigkeit her alle Sachen, Dinge und Wesen!
GEJ|3|184|5|0|Siehe, darin ist mehr Weisheit als im ganzen Hohenliede Salomos, der es sowenig als irgend jemand anders im Grunde des Grundes verstanden hat; denn hätte er es verstanden, so wäre er nachderhand nicht in alle Sünden der Sünden verfallen und zugrunde gegangen!
GEJ|3|184|6|0|Darum suchet ihr alle nur im Herzen die Weisheit und die rechte Offenbarung aus Mir, so werdet ihr sie leicht begreifen und für euer ganzes Leben und für ewig behalten!“
GEJ|3|184|7|0|Sagt darauf Petrus: „Aber Herr, wir sind nun bei neun Monden lang stets bei Dir und um Dich; warum verstehen denn wir nicht also zu reden aus uns, wie dieser Freund aus Kane bei Kis?“
GEJ|3|184|8|0|Sage Ich: „Die Römer haben da ein Sprüchlein und sagen: EX TRUNCO NON STATIM FIT MERCURIUS! [Aus einem Klotz wird nicht ein Merkur!] Und so ist es auch mehr oder weniger bei euch, und Ich Selbst möchte euch schon dann und wann fragen und sagen: Wie lange werde Ich euch noch ertragen müssen, bis ihr in eurem wahren Lebensgrunde etwas fassen und begreifen werdet?
GEJ|3|184|9|0|Habe Ich doch schon oft zu euch gesagt, daß ihr nicht im Kopfe, sondern nur im Herzen sollet Gedanken zu fassen anfangen, um zur Wahrheitsfülle zu gelangen, die euch wahrhaft lebensfrei machen würde! Warum tut ihr denn das nicht und bleibet lieber bei der Materie, die nichts hat und nichts geben kann?! Tut, was Ich euch lehre, dann werdet auch ihr, wie nun Philopold, reden in wahrer Weisheit!“
GEJ|3|184|10|0|Sagt Petrus: „Herr! Das versuchten wir schon oft; aber es will mit dem Denken im Herzen nicht vorwärts. Dann und wann nur fühle ich – nicht so sehr wahrhafte Gedanken als vielmehr ganz eigentliche Worte im Herzen, und diese kann ich doch nicht Gedanken nennen, da es mir vorkommt, daß dieselben erst nachher sich im Herzen aussprechen, wenn sie zuvor im Gehirne gedacht werden!“
GEJ|3|184|11|0|Sage Ich: „Das ist ein Anfang; übet euch darin, so werdet ihr bald dahin gelangen, im Herzen der tiefsten und freiesten Gedanken fähig zu sein!“
GEJ|3|184|12|0|Sagt Petrus: „Dank Dir, ewig guter Meister; wenn also, dann werden wir schon ehest weiterkommen!“
GEJ|3|184|13|0|Sage Ich: „Ja, ja, vollkommen aber nicht vor Meiner Heimkehr; aber danach ja!“
GEJ|3|184|14|0|Dies verstanden alle am Tische nicht und fragten, was Ich damit hätte sagen wollen.
GEJ|3|184|15|0|Ich aber sagte: „Meinet ihr denn, daß des Menschen Sohn also wie nun bis ans Ende dieser Erde im Fleische und Blute unter euch Menschen umherwandeln und lehren und Wunder wirken werde?!
GEJ|3|184|16|0|Ja, Ich werde wohl bis ans Ende der Erde unter den Menschen, die eines guten Willens sind, tröstend, stärkend, belebend, lehrend und auch wunderwirkend verbleiben, und werde zu allen, die Mich wahrhaft lieben und Meine Gebote halten, kommen und Mich ihnen offenbaren, – aber nicht in diesem sterblichen Leibe, sondern in dem verklärten und ewig unsterblichen! Wer Sinne hat, der fasse dieses wohl!“
GEJ|3|184|17|0|Sagen die Jünger: „Herr, Sinne hätten wir wohl, – aber dieses vermögen wir dennoch nicht zu verstehen!“
GEJ|3|184|18|0|Sage Ich: „Ich habe euch darum ja auch noch lange nicht verantwortlich gemacht! Ein jeder Lehrling aber braucht eine gewisse Zeit, bis er in dem, was er lernt, fest und fertig geworden ist; ist er das, so wird er freigesprochen und ist von da an erst für irgend fernere Fehler selbst verantwortlich! Darum, so ihr nun noch manches nicht fasset, seid ihr ohne Fehl; aber nachher wird es anders sein! – Nun aber heißt es sich fassen! Denn sogleich wird sich etwas ereignen, das uns viel zu schaffen machen wird!“
GEJ|3|185|1|1|185. — Über den Nimbus
GEJ|3|185|1|0|Solches hatte Ich laut ausgesprochen, so, daß es auch die Gäste der anderen Tische vernahmen, und unser Stahar, Oberster von Cäsarea Philippi, erhob sich voll Ernstes von seinem Platze, ging zu Mir hin und sagte allda: „Herr! Ich vernahm alles, was hier an diesem erhabensten Tische gesprochen und beurteilt ward, viel Wunderbares, Erhabenes, Tiefweises, Vollstwahres und in jeder Beziehung Unwiderlegbares; überall leuchtete Deine reinste Göttlichkeit wie eine Sonne am hellsten Mittag heraus, und alle Engel der Himmel könnten da nichts anderes behaupten.
GEJ|3|185|2|0|Aber dennoch ging mir dabei stets etwas ab; und das ist jener – gewisse göttlich- erhabene Nimbus, den man noch heutzutage im Tempel und besonders in dessen Allerheiligsten nur zu deutlich wahrnimmt, sobald man in dasselbe nur den ersten Fuß setzt!
GEJ|3|185|3|0|Die gewisse, heilig mysteriöse Ruhe, der geheiligte Opferduft – hier ganz mangelnd – machen auf den Menschen stets eine ihn durch und durch erschütternde Wirkung, und sicher zu seinem Frommen! Welch eine unsägliche Kluft dort zwischen Gott und Mensch!
GEJ|3|185|4|0|Wie gering fühlt sich der Mensch gegenüber der furchtbaren ewigen, göttlichen Majestät, ja, wie zu gar nichts sinkt er zurück und fühlt erst in solcher seiner völligen Vernichtung das große göttliche Alles-in-allem und sein purstes Nichts, was für die Demütigung des sich gerne hochaufblähenden Menschenherzens höchst heilsam ist!
GEJ|3|185|5|0|Kurz und gut, meiner unmaßgeblichen Ansicht nach sollte der Mensch, besonders in solcher Gegenwart seines Gottes, seines Schöpfers, denn doch nicht so leicht und gar so einheimisch sich fühlen, als so er daheim bei einem Linsengerichte säße und dasselbe so ganz behaglich verzehrte!
GEJ|3|185|6|0|Hier mangelt also dieser erhabene Nimbus! Wir sitzen als pure Freunde und sogar Brüder unter- und durcheinander, und wer da etwas spricht, spricht zwar ganz ungeheuer wahr und weise, aber auch ganz ohne den gewissen uralten, echt prophetischen Nimbus; hat er ausgeredet, da ist er fertig, – aber wir leider nahe auch mit aller der besonderen, höchsten Achtung, die der Mensch stets vor Gott haben soll!
GEJ|3|185|7|0|Es wird uns in Deiner Gegenwart so ganz behaglich zumute, und selbst der des Menschen Herz sonst so in aller ehrfurchtsvollsten Ruhe so herrlich stimmende Sabbat macht auf unser Gemüt nun keinen viel bessern Eindruck als jeder andere, ganz gewöhnliche Werktag, und nun soll erst noch etwas ganz Besonderes geschehen, was unser Gemüt, als am Neumondssabbate noch dazu, sicher so ganz alltäglich stimmen wird, wie nur etwas ganz gewöhnlich, im höchsten Grade Alltägliches!
GEJ|3|185|8|0|Könnte denn durch Deine Allmacht nicht dahin vorgebeugt werden, daß da wenigstens die noch übrigen zwei Tagesstunden in der erforderlichen Sabbatruhe nicht allzusehr verwerktagt würden und allen Göttlichkeitsnimbus auffräßen?“
GEJ|3|185|9|0|Sage Ich: „Ein alter Baum läßt sich schwer biegen; und hast du es nie gehört, wie man sagt: ,Ein Hund kehrt stets zu dem wieder zurück, was er gespieen hat, und die Schweine kehren auch stets wieder zu den Pfützen zurück, in denen sie sich verunreinigt haben!‘?
GEJ|3|185|10|0|Was soll es denn mit deinem leeren und völlig gottlosen, erhaben duftenden Tempelnimbus?! Wem hat dieser noch je die Augen der Seele aufgetan und wen gelehrt des Lebens Wege?!
GEJ|3|185|11|0|Habe Ich den Menschen für den Nimbus oder etwa nur für die alles beglückende Liebe erschaffen?!
GEJ|3|185|12|0|Tyrannen und gewaltsame Bedrücker ihrer Mitmenschen pflegen sich wohl stets mit deinem Nimbus zu umdunsten, streuen danebst allen noch Sehenden Sand in die Augen und erwürgen die Armen und Schwachen, bloß um sich deinen erhabenen Schreckensnimbus zu erhöhen, – und das nennst du gut und der menschlichen Seele noch gar sehr dienlich auch?! O du alter, blinder Tor!
GEJ|3|185|13|0|Was wohl würde Ich euch nützen, so Ich als ein alles verzehrendes Feuer unter euch Mich befände?! Würde das je eure Liebe und euer Vertrauen zu Mir heben?! Oder ist es dir möglich, den zu lieben, der dich in einem fort als der Mächtigste zu erwürgen droht mit zornglühenden Augen, so du nur den geringsten Fehltritt machst?!
GEJ|3|185|14|0|Weißt du und euer finsterer Tempel denn besser als Ich, warum Gott die Menschen erschaffen hat, und wie sich Gott und Menschen gegenseitig verhalten?!
GEJ|3|185|15|0|Was ist denn das, was du ,Nimbus‘ nennst? Sieh, es ist das der eigentliche, allerschlimmste und giftigste Dunst aus der alleruntersten Hölle, mit dem Satan seine ihm ähnlichen, treuen Diener umgibt, auf daß sie vor aller Welt in einem erschrecklich großen Ansehen stünden, um dadurch und damit sehr viele Menschenseelen dem Reiche des Satans mit leichter Mühe zuzuführen!
GEJ|3|185|16|0|Aber es steht geschrieben, daß da alles, was vor der Welt, mit dem gewissen Nimbus umflossen, groß erscheint, vor Gott ein Greuel ist!
GEJ|3|185|17|0|Hast du je gesehen, daß zwei Menschen, die sich wahrhaft lieben, miteinander nimbusartig hochmütig tun und einer den andern kaum eines freundlichen Blickes und noch weniger eines zarten Wortes würdigt?!
GEJ|3|185|18|0|Oder hast du wohl schon gesehen, daß irgendeine wahrhaft zart- und heißliebende junge Braut ihrem Bräutigam mit dem möglichsten Hochmutsnimbus entgegenkommt und der Bräutigam ihr mit einem noch größeren?! Meinst du wohl, daß daraus ein Ehepaar wird? Ja, es kann wohl eines daraus werden durch des Gesetzes Macht für diese Welt, aber für den Himmel ewig nicht! Denn wo keine Liebe, da ist auch kein Himmel!
GEJ|3|185|19|0|Ich sage es dir: Da ist der Fluch der Hölle und kein Licht, kein Weg, keine Wahrheit, keine Liebe und somit auch kein freies Leben, sondern nur ein ewiges Gericht, das die in sich durch sich selbst Verfluchten darniederdrückt und im straffsten Zaume hält!
GEJ|3|185|20|0|Dir kommt es hier eigentlich darum weniger göttlich und Gottes würdig vor, weil du hier von der Hölle und ihrer Verworfenheit eigentlich nichts zum Verkosten bekommst!
GEJ|3|185|21|0|Seht, wie weit es die blinde Menschheit bringen kann! Sie steht auf dem Glaubenspunkte, mit der Hölle Gott einen gerechten und wohlgefälligen Dienst zu erweisen! Noch weiter hätte sie es in der Blindheit, Dummheit und Bosheit nicht bringen können!
GEJ|3|185|22|0|So es dir aber gar so erbaulich und Gottes würdig in der Hölle vorkommt, so gehe wieder zur Hölle und diene dort dem Gott deiner erhabenen Einbildung und befinde dich in deinem Nimbus wohl!“
GEJ|3|185|23|0|Auf diese Worte fällt Stahar vor Mir auf die Knie nieder und bittet Mich um Verzeihung, sagend: „Herr, vergib mir dummem, altem, blindem Narren, und ich danke Dir für diese an mich gerichtete Zurechtweisung; nun erst bin ich ganz geheilt!
GEJ|3|185|24|0|Sieh, ich bin ja doch so erzogen und eingelullt worden, und die Eindrücke in der Wiege sind schwer aus dem Gemüte zu bringen! Aber nun ist in mir wie eine neue Sonne aufgegangen, und ich sehe nun die ganze Verworfenheit und gänzlichste Verkehrtheit des Tempeldienstes; nun mag da kommen, was da wolle, und ich werde wie ein Granitfels im Meere fest stehenbleiben in dieser neuen, Gottes vollstwürdigen Lehre aus Deinem heiligen Munde.“
GEJ|3|185|25|0|Sage Ich: „Stehe auf, Bruder! Gehe aber hin und sage auch deinen Brüdern, was du vernommen; denn auch sie stecken noch bis über die Ohren in ihrem dummen Nimbus! Erkläre ihnen, was der Nimbus ist, und erkläre ihnen aber auch, wer Ich bin, auch ohne solchen Nimbus, und was Ich so ganz eigentlich will!“
GEJ|3|185|26|0|Nach diesen Worten erhebt sich Stahar, verneigt sich tiefst vor Mir, begibt sich schnell zu seinen Brüdern und fängt an, ganz gewaltig auszupacken, und es wird bald ganz laut an jenem Tische, an dem es früher ganz still hergegangen ist, und Stahar hat seine Not mit seinen vom Weine etwas erhitzten Brüdern.
GEJ|3|185|27|0|Aber Floran, sein Hauptredner, unterstützt ihn, und so wird die Sache bald ausgeglichen.
GEJ|3|185|28|0|Philopold aber sagt zu Cyrenius: „Hoher Gebieter! Es ist aber doch im vollsten Ernste sonderbar, wie so manche Menschen den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen!“
GEJ|3|185|29|0|Sagt Cyrenius: „Gewohnheit ist ein mächtiger Stützpunkt für alle Dummheit. In Europa gibt es ein Volk, bei dem alles mit dem Prügel und mit der Geißel gerichtet wird; für jedes noch so geringe Vergehen kommt entweder der Stock, die Geißel oder eine tüchtige Rute in die schmerzlichste Anwendung. Mein Bruder Augustus Cäsar wollte das abbringen; er stellte Erzieher hin, die dawider eiferten, und ließ sogar Männlich und Weiblich nach Rom bringen, auf daß sie alldort den Segen der Humanität kennenlernen sollten; und sieh, diese Menschen bekamen ordentlich das Heimweh nach dem Lande, wo sie sicher in jedem Monde irgendeinmal blau und blutig durchgeschlagen wurden!
GEJ|3|185|30|0|Wird aber einem Menschen schon eine materielle Hölle so sehr zur Gewohnheit, daß er sich nach ihr sehnt, so er sie bei einem human gebildeten Volke nicht mehr antrifft, um wieviel mehr die geistige, die dem Menschen so viele irdische Vorteile gewährt!
GEJ|3|185|31|0|Mich nahm es daher auch gar nicht wunder ob der Äußerungen des Stahar. Dieser Mensch befand sich viele Jahre physisch ganz wohl unter seinem Nimbus und wollte nun noch ein Wort über ihn sprechen, um sich für immer bei ihm zu empfehlen. Nun aber ist es gut also, und so ruhe sein Nimbus!“
GEJ|3|186|1|1|186. — Vorbereitungen zum nahen Sturm
GEJ|3|186|1|0|Mittlerweile ging aber Herme, der Bote und Sänger aus Cäsarea Philippi, auf den Berg nachsehen, wie es etwa mit der abgebrannten Stadt stünde, und fand sie hie und da noch ganz gewaltig in Flammen; aber zugleich entdeckte er auch, wie sich eben nach der Richtung zur Stadt ein ganz gewaltiges Sturmgewitter gar raschen Ganges zu erheben begann und nach seiner Ansicht gar nicht lange werde auf sich warten lassen.
GEJ|3|186|2|0|Er kam nun als ein Wetterprophet vom Berge herab und sagte zum alten Markus. „Du, lieber Nachbar, es sind so viele Gäste hier, und es wird keine halbe Stunde dauern, so stehen wir alle unter dem tobendsten Sturmungewitter! Hast du wohl Dach genug, das uns alle schützete vor allerlei Ungemach? Denn bei einem solchen Sturm ist es nicht geheuer im Freien zu sein! Vom Wind und Regen will ich gerade noch nicht zuviel sagen; aber Hagelschlag und Blitz sind doch ein wenig zu unbequem, um sie im Freien auszuhalten! So du zuwenig Dach hättest, da sollten wir Vorkehrungen treffen!“
GEJ|3|186|3|0|Sagt Markus: „Solange der Eine, der hier ist, nichts sagt und anordnet, ist sicher keine Gefahr! Dieser Eine ist unser allerbestes und verläßlichstes Dach und Fach; wünscht Er aber, daß da Vorkehrungen getroffen werden sollen, so werden sie auch schnellst getroffen werden! Sei du, mein lieber Freund und Nachbar, darum ganz unbesorgt; es wird sich schon alles recht gut machen!“
GEJ|3|186|4|0|Berufe Ich die beiden und sage zum Markus: „Der bald über uns stehende Sturm wird uns wohl recht viel Ungemach bereiten! Daher wären nach der Meinung des Herme einige Dächer gut; aber dir fehlt ja dazu das Material gänzlich! Woher wird man solches in der großen Eile nehmen?“
GEJ|3|186|5|0|Sagt Markus: „Herr, solange Du bei uns und unter uns bist, sage ich, wie ich zuvor zum Freund Herme gesagt habe: Du bist unser allerbestes Dach und Fach, und wir brauchen ewig kein besseres und haltbareres!“
GEJ|3|186|6|0|Diese Worte des alten Markus werden nun von vielen Umstehenden laut und volltrauig ausgesprochen, und Ich sage: „Also sei es denn! So aber da ein tüchtiger Hagel käme, begleitet von Blitz und Wolkenbruch?“
GEJ|3|186|7|0|Sagen alle: „Herr, laß dazu noch durch ein unerhörtes Erdbeben alle Berge zusammenschütteln und Sterne vom Himmel fallen, so werden wir in Deiner Gegenwart noch aus vollem Halse dazu lachen; denn was kann uns beschädigen, so Deine allmächtige Hand uns beschützt?!“
GEJ|3|186|8|0|Sage Ich: „So wie nun, müßt ihr auch im Sturme und in der Gefahr im Herzen und nicht allein im Munde sprechen, dann wird euch Mein Schutz durch euren Glauben und durch euer lebendiges Vertrauen gedeihlich sein und werden; aber so ihr in der Gefahr zu verzagen anfinget, so würde euch dann Mein Schutz eben nicht gar zu besonders frommen!“
GEJ|3|186|9|0|Sagen alle: „O Herr, wer wird da wankend werden im Glauben und Vertrauen auf Dich?! Aber wir nehmen dennoch vor allem Deine Liebe und Deinen allmächtigen Willen in Beschlag; denn so Du, o Herr, mit Deinem Willen innehieltest, da wären wir mit all unserm Glauben und Vertrauen gar sehr übel daran! Aber Du bist ja übergut und gerecht, und Du wirst unser Vertrauen nicht zuschanden werden lassen!“
GEJ|3|186|10|0|Sage Ich: „Oh, mitnichten, – ihr sollet eben an diesem Abende Gottes Macht und Herrlichkeit kennen und fühlen lernen! Zudem aber muß dieser Sturm der noch brennenden Stadt wegen kommen, ansonst sie noch einige Tage fortbrennen würde. Es wird dies wohl ein bei drei Stunden währender Sturm sein, wie ihr noch keinen erlebt habet, und wird dennoch mehr Nutzen als irgendeinen Schaden anrichten.
GEJ|3|186|11|0|Gehen wir nun aber dennoch ans Meer hinaus; denn dort wird unsere Gegenwart am notwendigsten sein! Auch werdet ihr dort die empörten Elemente am leichtesten in Augenschein nehmen können, und die Herrlichkeit Gottes wird euch dort einleuchtender werden als unter einem Dache!“
GEJ|3|186|12|0|Auf diese Worte strömt nun alles hinaus ans ganz ruhige Meer. Aber man ersieht da auch schon die schwarzen Wolken daherziehen und auch über die östlichen und südlichen Gebirge massenhaft Wolken sich auftürmen, und es wird nun allen klar, daß dies einen massivsten Sturm abgeben werde; über dem Meere aber zeigen sich gleich eine Menge von Sturmvögeln.
GEJ|3|186|13|0|Ouran fängt darum an, um seine schönen und köstlichen Zelte besorgt zu werden, kommt zu Mir und bittet Mich, daß Ich dieses sein Reisekleinod auch in Schutz nehmen möchte; denn bei der Aussicht auf solch einen Riesensturm dürften die Zelte wohl sehr mitgenommen werden!
GEJ|3|186|14|0|Sage Ich: „Sagte Ich euch denn nicht, wie sich eben hier die Herrlichkeit Gottes am klarsten offenbaren wird? Wie kannst du darüber hinaus noch um deine armseligen Zelte also besorgt sein, als läge daran irgendein Heil der Welt?! Sieh, die Zelte sind groß und sehr geräumig; wenn der Sturm mit aller seiner Heftigkeit über uns stehen wird, da laß die weiblichen Gäste alle hineingehen, und auch jene männlichen, die etwa doch eine zu große Furcht ergreifen möchte! Denn der Sturm wird durchaus keine Spielerei sein; aber deinen Schönzelten wird nichts geschehen, außer daß sie etwas naß werden.“
GEJ|3|186|15|0|Sagt Ouran: „Ich danke Dir für diese Verheißung, die nun schon so gut wie in die vollste Erfüllung gegangen ist. Meine Zelte, die sicher selbst beim allerheftigsten Wolkenbruche nicht einen Tropfen Wassers durchlassen, stehen nun allen zu Diensten, die davon Gebrauch machen wollen. Ich selbst aber werde auch bei Dir, o Herr, im Freien verbleiben.“
GEJ|3|186|16|0|Sage Ich: „Fürchtest du denn den Hagel nicht?“
GEJ|3|186|17|0|Sagt Ouran: „Ich habe schon mit allen andern früher meine Meinung abgegeben und sage nun noch einmal mit dem weisen Spruch der Römer: SI FRACTUS ILLABATUR ORBIS, IMPAVIDUM FERIENT RUINAE!“ [Ob berstend auch der ganze Erdkreis einstürzte, werden den Unerschrockenen doch die Trümmer tragen!] 
GEJ|3|186|18|0|Sage Ich: „Ganz gut nun; aber nun fangen schon die gegenseitigen Sturmwolken an, sich die feuchten Hände zu reichen, und es wird deshalb bald losgehen! Auch auf dem Meere fangen an sich hie und da Springwogen zu zeigen, und es ist darum Zeit für die Furchtsamen, ins Trockene zu gehen!“
GEJ|3|186|19|0|Fische springen aus dem Wasser, um die niederfliegenden Mücken zu fangen; ebenso machen sich eine stets wachsende Menge von Seemöwen und Wasserschwalben über der Fläche des Wassers lustig und helfen den Fischen die Zahl der Mücken vermindern. Das Wasser wird stellenweise sehr unruhig, und in der hohen Luft tummeln sich die Wolken stets dichter und bunter durcheinander. Im Westen rollt der Donner ununterbrochen, und die Orkane in der hohen See beginnen ihren furchtbar tobenden und brausenden Kampf.
GEJ|3|187|1|1|187. — Der Sturm
GEJ|3|187|1|0|Als der Vorlärm des schnell nahenden Sturmes stets stärker und dröhnender wird und nahe eine völlige Finsternis sich über das Meer und über die ganze Gegend auszubreiten anfängt, da fangen auch die mehr Furchtsamen an, sich in die Zelte des Ouran zu begeben, und haben keine Lust mehr, im Freien bei Mir zu verbleiben. Auch die Jünger fangen an, untereinander allerlei Besorgnisse laut werden zu lassen; von den fünfzig Pharisäern bleibt nicht einer im Freien, als sie einige pfundschwere Hagelkörner vor sich auf den Boden fallen sehen.
GEJ|3|187|2|0|Ebahl ermahnt die Jarah, sich auch mit ihm in ein Zelt des Ouran zu begeben; aber diese ist nicht von der Stelle zu bewegen und sagt: „Wer kann sich denn wohl also gewaltig fürchten in der Nähe und vollsten Gegenwart des Herrn?! Sollte so ein Sturm wohl mehr vermögen als des Herrn Liebe, Allmacht und ewig höchste Gewalt?“
GEJ|3|187|3|0|Sagt Ebahl: „Das sei ferne; aber beim Niederfallen von pfundschweren Hagelkörnern wandelt einen denn doch ganz unwillkürlich eine kleine Furcht an, besonders wenn die Wolken sie in ganz dichten Massen herabschütten werden. So eine Eiskugel, wie nun soeben eine vor mir niedergefallen ist, könnte einem ganz leicht den Kopf zerschmettern!
GEJ|3|187|4|0|Ich glaube, daß mich und mein Töchterlein auch nicht eine, selbst beim dichtesten Niederfalle, berühren oder uns schaden wird; aber dessenungeachtet befällt einen Menschen, wie ich einer bin, unwillkürlich die altgewohnte Furcht. Aber nun werde ich mich dennoch nicht fürchten; denn von meiner Jarah darf ich mich ja doch nicht zuschanden stellen lassen!“
GEJ|3|187|5|0|Nun fängt es an, schon etwas dichter zu hageln. Doppelt faustgroße Schloßen fallen mit großer Heftigkeit auf den Erdboden, das Meer fängt an haushohe Wogen zu treiben, ein Blitz folgt dem andern, und es beginnt mit dem dichten Hagel auch der Regen in Strömen herabzustürzen.
GEJ|3|187|6|0|Hier werden Hebram und Risa mit den dreißig Jungen auch flüchtig und retten sich unter die Tische; aber Suetal, Ribar und Bael, die ersten der zwölf gewesenen Verbrecher, bleiben, und Meine Jünger bis auf Judas Ischariot bleiben auch. Die römischen Soldaten suchen Schutz im Hause und in den Fischerhütten des Markus und unter den Steinfelsen.
GEJ|3|187|7|0|Mich zunächst umgebend aber sind Cyrenius, Kornelius, Faustus, Julius, Philopold, Kisjonah, Ebahl mit der Jarah, Raphael und Josoe, dann elf Jünger, der alte Markus mit seinen zwei Söhnen und auch Mathael mit Ouran, Rob, Boz, Micha und Zahr.
GEJ|3|187|8|0|Aber Helena, nun des Mathaels Weib, floh ebenfalls mit dem Weibe und den Töchtern des Herme in die Zelte; Herme aber blieb auch bei Mir.
GEJ|3|187|9|0|Wie wir aber auch ganz frei am Meeresufer standen, so wurde doch niemand von einem noch so dicht fallenden Hagelkorne oder Regenstrome berührt; auch blieb die Stelle, da wir standen, vollkommen trocken. Blitze schlugen vor und hinter uns in die Erde und belästigten nichts als zumeist nur unsere Ohren durch ihr starkes Gekrache. Nun fing aber auch ein Orkan mit aller Heftigkeit an, das Meer zu bearbeiten, und sogleich gingen Wogen wie kleine Berge dahin und gewährten einen für menschliche Augen ganz fürchterlichen Anblick.
GEJ|3|187|10|0|Da sagte Markus: „Herr! Nun bin ich doch schon ein alter Mann geworden und habe Gewitter in Kalabrien und Sizilien gesehen und genossen; aber so ein echt noachisches Sturmgewitter ist mir noch nicht untergekommen! Herr, dieser Hagel verwüstet die Gegend auf mehrere Jahre! Und die furchtbaren Wasserströme schwemmen alles gute Erdreich in den See! Das wird für die armen Menschen eine schöne Wirtschaft abgeben! Und es hört diese Geschichte nicht nur nicht auf, sondern stürmt stets heftiger und dichter! Die dort unter den Tischen werden ersaufen, wenn sie nicht aufstehen! Die Tische nützen ihnen ohnehin wenig mehr, da sie schon vielfach zerschlagen sind! – Herr, wie lange wird denn der Sturm noch währen?“
GEJ|3|187|11|0|Sage Ich: „Er hat noch nicht einmal ganz ordentlich angefangen, und du willst ihn schon beendet haben?! Wenn er umschlagen wird, dann wirst du erst seine Heftigkeit sehen! Übrigens kümmere dich dieser Sturm gar nicht! Wäre er nicht nötig, so müßte er weichen auf einen Wink von Mir; aber er ist nun zur Erhaltung der Erde so notwendig, als dir zum Sehen die Augen notwendig sind. Darum lassen wir ihn nun vollends austoben!
GEJ|3|187|12|0|Anderseits aber müssen ja die gewissen Nimbusfreunde doch auch etwas von so einem wahren Nimbus verspüren, der ihnen bei Mir abgegangen ist! Siehe hin, wie sie verstohlen herauslugen aus den Öffnungen des Zeltes und nicht begreifen, wie wir im Freien das Gewitter so ganz wohlgemut zu ertragen imstande sind! Aber herauszukommen haben sie dennoch keinen Mut; o wie kleinwinzig ist noch ihr Glaube!“
GEJ|3|187|13|0|Sagt Markus: „Ist schon alles recht; aber wovon werden die armen Menschen leben? Denn Du siehst es doch, daß der nimmer enden wollende Hagel alles rein zusammenschlägt und die Fluten alles Erdreich in das Meer tragen! Und Tausende von Menschen und Haustieren werden nun erschlagen, und die mit dem Leben davonkommen, werden nachher dem offenbarsten Hungertode preisgegeben sein! Das ist denn doch ein wenig zu hart und zu schwer strafend heimgesucht mit der allerdicksten Zuchtrute von der Welt!“
GEJ|3|188|1|1|188. — Das Gericht über die Gegend von Cäsarea Philippi
GEJ|3|188|1|0|Sage Ich: „Weißt du, Mein lieber Markus, ein jeder redet, wie er irgendeine Sache versteht, und du redest nun auch also, wie du die Sache verstehst! Ich sage es dir: Der Herr fegt selten; aber wenn Er fegt, dann fegt Er rein!
GEJ|3|188|2|0|Kennst du diese weite Umgegend? Ja, du kennst sie und weißt, daß sie als eine der fruchtbarsten nur von den übermütigst reichen Griechen besessen wird; die armen Juden aber müssen gegen einen wahren Spottlohn im Schweiße ihres Angesichtes für die reichen Griechenhunde arbeiten und alle Früchte in die Scheuern der Griechen bringen. Diese treiben dann damit einen sehr viel Goldes und Silbers eintragenden Handel in alle Weltgegenden, und unsere Juden müssen dann im Winter betteln und Fische fangen gehen, wenn sie leben wollen!
GEJ|3|188|3|0|Sieh, das können die Juden immer tun, und der See wird gleichfort fischreich verbleiben!
GEJ|3|188|4|0|Hat denn ein Jude von so einem Griechen je auch nur ein Stück Brotes erhalten, wenn es ihn hungerte? O nein, er mußte darum über den See fahren und sich jenseits bei seinen Glaubensgenossen das Brot erbetteln! Da steht Mein Kisjonah und da Mein Ebahl! Frage sie, und sie werden es dir sagen, wie viele Tausende von armen Juden aus diesen Gegenden sich nur allein bei ihnen das Winterbrot abgeholt haben!
GEJ|3|188|5|0|Ich habe diesem frevelhaftesten Unfuge lange übergeduldig zugesehen; aber nun ist das Maß voll geworden, und Ich will diese unbarmherzigen und aller Treue baren Wucherhunde nun züchtigen, daß ihnen das Hören und Sehen vergehen soll für immerdar!
GEJ|3|188|6|0|Siehe deinen Garten und deine kleinen Äcker: es tut da weder das Wasser noch der Hagel irgendeinen Schaden; aber besieh dir hernach die andere Gegend, und du wirst da eine derartige Verwüstung finden, wie dir nicht leichtlich irgendwo eine ähnliche vorgekommen ist!
GEJ|3|188|7|0|Mit dieser Geißel werden die griechischen Wucherhunde aus diesem Lande vertrieben werden. Denn auf den nackten Steinen werden sie keinen Weizen, kein Korn, keine Gerste, keinen Mais, keine Linsen und keine Bohnen mehr ernten; daher werden sie den wüsten Boden verlassen und sich nach Europa ziehen.
GEJ|3|188|8|0|Aus eben diesem Grunde ließ Ich hauptsächlich zu, daß nahe die ganze Stadt in einen Aschen- und Schutthaufen verwandelt wurde; denn wo der Mensch keine Wohnung und keinen Anbaugrund mehr hat, da verläßt er bald die leere und wüste Stätte und zieht weiter.
GEJ|3|188|9|0|Für die armen Juden aber wird schon noch am Meere herum Anbaugrundes zur Genüge bleiben, und die Stadt wird für die wahren Juden schon wieder erbaut werden, – aber in einem reineren und besseren Stil, als das bis jetzt der Fall war! Es ist dies zwar noch eine sehr junge Stadt, und sie zählt kaum siebzig Jahre eben als Stadt, da zuvor nur ein ganz unbedeutender Flecken an ihrer Stelle stand; aber von nun an wird es keine Stadt mehr genannt werden, sondern nur ein Fischerdorf soll es sein und bleiben. Die Pracht der Griechen muß verschwinden; aber der Himmel Herrlichkeit soll dafür hier offenbar werden, wie solches nun soeben geschieht und vor sich geht. – Bist du, alter Markus, nun einverstanden mit Meiner Haushaltung?“
GEJ|3|188|10|0|Sagt Markus: „Ja, wenn also, oh, da laß Du, o Herr, noch zehnmal ärger dreinschlagen! Das ist aber auch die reinste Wahrheit! Es war mit diesen reichen Griechen aber auch im Ernste kein Wort mehr zu reden, und von einer Nächstenliebe war schon gar lange keine Rede mehr. Was man von ihnen haben wollte, mußte mit Silber oder Gold reichlichst bezahlt werden; kauften sie aber von unsereinem etwas, so mußte man stets andere Tauschartikel dafür nehmen. Oh, darum ist das nun sehr gut, und ich habe eine große Freude an diesem heftigen Sturme! Oh, jetzt kann er schon noch wenigstens um zehnmal heftiger werden!“
GEJ|3|188|11|0|Sage Ich: „Laß du nur alles gut sein, es wird schon das vollrechte Maß getroffen werden!“
GEJ|3|188|12|0|Sagt Cyrenius: „Du meinst demnach, daß diese Gegend ganz wüste bleiben wird?“
GEJ|3|188|13|0|Sage Ich: „Das gerade nicht; aber die reichen Griechen müssen fort aus dieser Gegend: Ich sage es dir, daß dieser Sturm wenigstens tausend der wohlhabendsten Familien aus dieser Gegend weithin treiben wird; denn Ich habe ihn schon lange vorgesehen! Sie werden aber darum doch noch Roms Untertanen verbleiben.“
GEJ|3|188|14|0|Sagt Cyrenius: „Ist es denn für eine Gegend oder für ein ganzes Land nicht gut, so es sehr wohlhabende Einwohner hat?“
GEJ|3|188|15|0|Sage Ich: „O ja, wenn sie also sind wie Meine Freunde Kisjonah und Ebahl; denn dann sind sie wahre Landesväter für alle armen Bewohner des Landes, und ein jedes Land kann sich glücklich preisen, recht viele solcher Landesväter zu besitzen.
GEJ|3|188|16|0|Aber diese reichen Griechen sind ja wahre Blutsauger des Landes und meinen, die armen Juden müßten schon sehr froh sein, daß sie zum Lohne für ihre schweren Arbeiten mit den Schweinen der Griechen Mahlzeit halten dürfen! Das sind bei Mir keine Menschen mehr, sondern pure Teufel voll Härte, und mit diesen habe Ich kein Mitleid und keine Erbarmung über ihr elendes, hochmütiges Fleisch! Sie sollen nun nach dem Sturme, der in einer Stunde ausgerast haben wird, nur ihr vieles Gold und Silber auf die nackten Steine legen und den Weizen darübersäen, und wir werden sehen, ob da nur ein Halm aufschießen wird!
GEJ|3|188|17|0|Und sieh, so habe Ich nun hier mit einem Hieb eine Menge böser Fliegen niedergemacht; die lügenhaften Priester mußten das Weite suchen, und nun werden auch die wucherischen Griechen dasselbe tun! Ihre Paläste liegen im Schutte, und ihre großen Äcker, Gärten und Wiesen sind völlig weggeschwemmt. Wenn sie nach dem Sturme ihre Gründe besehen und sich überzeugen werden, daß eine jede künftige Bearbeitung eine rein vergebliche Mühe wäre, so werden sie aufzupacken anfangen und sich zumeist nach Europa begeben; dann aber habe ich schon noch Mittel zur Genüge, diese Gegend in aller Kürze wieder so blühend als möglich zu machen.“
GEJ|3|188|18|0|Nun wird aber auch der Sturm rückgängig, und obschon der Hagel aufgehört hat, so fällt aber nun der Regen in solcher Dichte aus den Wolken, daß das Wasser auf dem Flachboden sich gleich halbmannshoch sammelt und dann mit dem furchtbarsten Getöse abfließt, so daß sogar das Meer den gewaltigen Zufluß wahrzunehmen beginnt, was doch sicher keine Kleinigkeit ist. Häuser, Hütten, Bäume und tausenderlei andere Dinge strömen dem Meere zu. Auch eine Menge Vieh, als Hühner, Vögel aller Art, die der Hagel erschlagen hat, Schweine in einer Unzahl, Esel, Kühe, Ochsen, Schafe, Ziegen und Hasen, Rehe und Hirsche bekommt das Meer zum Verspeisen, und die übergroße Menge von Fischen, die dieses Binnenmeer in sich birgt, wird sich daran sehr erquicken, davon sehr fruchtbar werden und sich sehr vermehren; und das wird ein guter Ersatz für die armen Juden sein, die hier ohnehin nichts verlieren konnten, weil sie wenig oder nichts besaßen. Die wenigen Wohlhabenden aber waren in ihrem Gemüte schon ziemlich griechisch hart und gefühllos geworden, und es schadet ihrer Seele durchaus nicht, sich nun auch mit den andern aufs Fischen und Betteln zu verlegen.
GEJ|3|188|19|0|Als es nun gar so gewaltig zu regnen begann, da erhoben sich alle, die früher unter den Tischen den Schutz gesucht hatten, begaben sich ganz durchnäßt zu Mir hin und konnten sich nicht genug verwundern, als sie Mich und alle, die bei Mir im Freien verblieben, ganz staubtrocken ersahen, sowie auch die etwas erhabenen Plätze so trocken fanden, daß da nicht einmal auf einem Grashalme ein Wassertropfen hing.
GEJ|3|188|20|0|Hebram fragte Mich, nachdem er sich bis zu Mir vorgeschoben hatte: „Herr, wie ist das möglich, daß bei diesem unerhörten Gusse dieser Platz und ihr alle trocken geblieben seid, während wir doch so durchnäßt worden sind, als wären wir ins Meer gefallen, und es friert uns nun wie im Winter; aber hier auf diesem Platze ist es ebenso angenehm warm, als wie es heute morgen war?! Herr, wie geht denn das zu?“
GEJ|3|188|21|0|Sage Ich: „Das geht gerade so zu, wie es eigentlich zugeht! Ich kann dir auf deine Frage wahrlich keine andere Antwort geben! Denn du solltest doch nun schon bei dem vielen, was du gehört und gesehen hast, wissen und sogar lebendig wahrnehmen, wer und was hier ist! Und so du das begriffest in deiner Seele, wie könntest du dann solch eine Frage an Mich stellen?!
GEJ|3|188|22|0|Der Morgen ließ sich bei euch recht gut an; aber der Abend scheint bei euch auch wieder ein Seelenabend zu werden! O du furchtbar blinde Menschheit! Du wirst zwar auf Momente leicht erleuchtet; aber das Licht, weil nicht auf eigenem Grund und Boden erzeugt, bleibt nicht, und in wenig Augenblicken tritt die Nacht wieder an die Stelle des Seelenmorgens!“
GEJ|3|188|23|0|Sagt Hebram: „Herr, was ist es denn, was wolltest Du mir und meinen neunundzwanzig Brüdern dadurch sagen?“
GEJ|3|188|24|0|Sage Ich: „Nichts, als daß du und deine Brüder lauter blinde Fische in einem trüben Wasser seid! Saget Mir, was euch bei Meiner vollsten Gegenwart unter die Tische und Bänke getrieben hat!“
GEJ|3|188|25|0|Antworten die Durchnäßten: „Herr, eine ganz natürliche, von unserer Kindheit uns noch zurückgebliebene Furcht und Scheu vor solchen ungeheuren Gewittern!
GEJ|3|188|26|0|In unserer blinden Angst dachten wir nicht daran, wo und bei wem wir waren; nun sehen wir unsere Torheit wohl ein, und sehen auch ein, wie blind wir allesamt waren, und wie sehr wir gefehlt haben vor Deinem heiligsten Angesichte. Wir können nun nichts anderes tun, als Dich, o Herr, mit aller wahrsten und lebendigsten Zerknirschung unseres Herzens um Vergebung bitten! Herr, vergib uns unsere große Torheit!“
GEJ|3|188|27|0|Sage Ich: „Ich habe euch schon lange alles vergeben und der Torheit wegen noch für niemand irgendein Schuldbuch eröffnet; denn ein jeder Tor hat es sich selbst zuzuschreiben, so er zu einem Schaden kommt. Aber ein anderes Mal, da ihr Mich nicht wie jetzt bei euch haben werdet, gedenket im rechten, lebendigen Glauben Meines Namens, und er wird euch besser schützen als irgendein schwaches und zerbrechliches Brett!“
GEJ|3|188|28|0|Mit dieser Zurechtweisung begnügen sich die dreißig und bitten, auf dem trockenen Platze bleiben zu dürfen.
GEJ|3|188|29|0|Sage Ich: „Nun, das versteht sich ja doch wohl von selbst! Bleibet und trocknet euch; denn der Regen wird noch eine gute halbe Stunde anhalten!“
GEJ|3|188|30|0|Darüber werden die dreißig sehr froh und bleiben und trocknen sich und haben eine große Freude, daß sie unter dem stärksten Wolkenbruchregen in Kürze ganz staubtrocken werden.
GEJ|3|189|1|1|189. — Das bedrängte Schiff auf hoher See
GEJ|3|189|1|0|Ich aber berufe den Engel und sage der Gäste und Jünger wegen laut zu ihm: „Auf dem Meere leidet ein gedecktes, ziemlich großes Schiff mit zwanzig Menschen beiderlei Geschlechts, ohne die acht Schiffer, große Not. Das Schiff hielt zu Anfang des Sturmes am jenseitigen Ufer unweit von Genezareth; als aber der Sturm heftiger denn zuvor umbog, riß er das zum Abfahren bereite Schiff vom Ufer und trieb es mit der größten Heftigkeit in die hohe See. Die Schiffer und die Reisenden arbeiteten mit der größten Anstrengung und erschöpften nahe alle ihre Kräfte, um sich vor dem Untergange zu retten. Nun sind sie in der Gefahr, vom Meere verschlungen zu werden; darum hebe dich, und rette sie, – aber nicht auf eine für sie zu unbegreifliche Weise, sondern löse dir ein Boot los und steure als ein geschickter Lotse dem starkbedrängten Schiffe zu Hilfe und bringe es hierher, weil das Schiff ohnehin hierher nach Cäsarea Philippi steuern wollte!“
GEJ|3|189|2|0|Nach diesen Meinen Worten verläßt der Engel augenblicklich unsere Gesellschaft, löst ein Boot los – das wohl voll Wassers war; aber Raphael hatte jeden Tropfen Wassers bald über Bord – und fuhr darauf dem heftigsten Orkane wie ein Pfeil entgegen und hatte auch in ein paar Augenblicken das bedrängte Schiff erreicht.
GEJ|3|189|3|0|Als die Hartbedrängten den Lotsen ersehen, fallen sie auf die Knie, danken Gott und sagen: „Oh, dies ist kein gewöhnlicher Lotse! Das ist ein wahrhaftiger Engel, den Gott uns auf unser Flehen zu unserer Rettung gesandt hat! Der wird uns alle wohl erretten!“
GEJ|3|189|4|0|Der Raphael aber fragt sie nur pro forma (zum Schein): „Wohin wollt ihr bei diesem Sturme?“
GEJ|3|189|5|0|Sagen die Bedrängten: „Nach Cäsarea Philippi wollten wir, aber erst nach dem Sturme; aber der zu heftige Sturm riß das Schiff vom Ufer und trieb uns mit aller Gewalt hierher. Wir wissen nicht, wo wir uns befinden, denn der zu dichte Regen läßt uns nach keiner Seite hin ein uns bekanntes Ufer erschauen. Haben wir noch weit dahin, wohin wir kommen wollen?“
GEJ|3|189|6|0|Sagt Raphael: „Bei diesem Winde nicht; aber da der Regen und der Sturm noch sicher eine kleine Halbstunde scharf andauern dürften und ihr erst in den hohen Wogenschlag hineinkommen würdet, wo ihr ohne Rettung verloren wäret, so kam ich als der erfahrenste und beherzteste Lotse, um euch und euer Schiff in eine vollste Sicherheit zu bringen. – Habt ihr viel Wasser im Schiffe?“
GEJ|3|189|7|0|Sagen die Schiffer: „So ziemlich!“
GEJ|3|189|8|0|Aber nach ein paar Augenblicken ist das eingedrungene Wasser aus ihrem Schiffe bis auf den letzten Tropfen verschwunden, und die Schiffer sagen zum freundlichen Lotsen: „Aber es ist dies doch im höchsten Grade merkwürdig! Sieh, edler junger Lotse, wir irrten uns vorher; es ist kein Tropfen Wassers in unser gut gedecktes Schiff gedrungen! Wir haben wohl sonderbarerweise vorher etwas Wasser in unserm Schiffe zu entdecken geglaubt; aber es mag das bloß eine Täuschung infolge unserer gerechten Furcht gewesen sein, denn nun entdecken wir nirgends auch nur einen Tropfen Wassers, was im Ernste doch etwas wunderbar aussieht. Ja, ja, es ist stets alles Wunder, was der Herr anordnet; aber dies ist denn doch etwas sonderbar, daß nun bei diesem Äonenregen in unserm gedeckten Schiffe kein Tropfen Wassers und dein offenes Boot kaum ein wenig feucht ist!“
GEJ|3|189|9|0|Sagen darauf die Reisenden zu den etlichen Schiffern: „Redet nicht vieles umsonst! Dies alles ist ja handgreifliche Gnade Gottes, dafür wir Ihm ein allererstes und wohlschmeckendstes Dankopfer zu bringen haben, und der junge mutige Lotse ist ein Lotse aus den Himmeln! Denn seht nur an, wie der Regen noch in den dicksten Strömen herniederstürzt und rings um uns her die Wogen bergehoch steigen; unser Schiff aber wie sein Boot schweben so ruhig dahin, als wäre die See spiegelruhig, und weder auf unser Schiff, noch in sein Boot fällt ein Regentropfen! Auch die Blitze schwirren und schmettern um uns herum wie muntere Tagesfliegen, und uns rührt keiner der strahlenden und krachenden Todbringer an! Seht, das ist eine Gnade, ja von uns allen höchst unverdiente Gnade von oben!“
GEJ|3|189|10|0|Sagen die Schiffer zu den Reisenden: „Jawohl, jawohl – da habt ihr alle wohl recht; das ist ein Wunder, das ist eine wahrhaftige Gnade von oben! Wir sind gerettet! Seht hin, schon erblicken wir ein recht nahes Ufer! Eine Menge Menschen stehen trotz des ungeheuren Regens am Ufer, und sehet, viele, ja alle winken uns schon ein freundlichstes Willkommen zu! O Gott und Herr! Wie groß und herrlich bist Du auch im Sturme jenen, die Dich noch allzeit getreu geehret und gelobet haben, und haben Dir stets mit Freuden das vorgeschriebene Opfer dargebracht! Ewige Ehre allein Deinem heiligsten Namen!“
GEJ|3|189|11|0|Nach diesen Worten steuern sie langsam dem Ufer zu, und Ich gebiete nun dem Sturme im geheimen, innezuhalten und für gänzlich aufzuhören.
GEJ|3|189|12|0|Und alles hat schnell ein Ende, und es wird alles also ruhig, als wäre nie ein Sturm dagewesen. Das Schiff kommt leicht ans Ufer, und die Reisenden werden ans Ufer gesetzt.
GEJ|3|189|13|0|Als die Reisenden ans Land kommen, können sie sich nicht genug erstaunen über alles, was ihnen allda begegnet.
GEJ|3|189|14|0|Der Sturm und der Wolkenbruchregen ist gänzlich verstummt, des Meeres Fläche ist in der schönsten Ruhe und der Himmel von den Wolken frei; nur ganz leichte Lämmerwölklein schmücken hie und da im rosigen Lichte des Himmels blauen Grund. Denn die Sonne ist bereits hinter die Berge entwichen und hat der Erde, da wir waren, nur eine recht herrliche Abenddämmerung zum Abschiedsgruße hinterlassen.
GEJ|3|189|15|0|Die von den Reisenden bestiegenen Ufer sind ganz staubtrocken, alle hier bei Mir seienden Gäste sehen sehr heiter und freundlich aus, und unser alter Markus nimmt sie sehr freundlich auf, fragt sie auch sogleich, ob sie keine Erfrischungen und Stärkungen zu sich nehmen wollen, da sie diese Sturmfahrt sicher sehr abgemüdet habe.
GEJ|3|189|16|0|Kurz, alles das wirkt so günstig auf die Reisenden ein, daß sie vor lauter Staunen ordentlich gar nichts hören und sehen, was um sie herum ist und geschieht.
GEJ|3|190|1|1|190. — Die jüdischen Kaufleute aus Persien
GEJ|3|190|1|0|Nach einer Weile des großartigsten Staunens sagt einer der Reisenden: „Wo ist denn nun unser Lotse, daß wir ihn doch um unsere große Schuldigkeit fragen könnten? Es ist doch ewig kein Scherz, sich einer solchen Gefahr auszusetzen, um ein Schiff voll Reisender zu retten!“
GEJ|3|190|2|0|Die Schiffsleute aber kommen zu den Reisenden und fragen sie, ob sie hier wegen der Rückfahrt warten sollen eine Nacht und einen Tag hindurch, oder ob sie nun bei ruhiger See heimfahren sollen ans jenseitige Ufer, das in gerader Linie von diesem immer gut 5-6 Stunden entfernt war.
GEJ|3|190|3|0|Die Reisenden aber bescheiden die Schiffer, ihrer zu warten, bis sie die Geschäfte zu Cäsarea Philippi werden abgemacht haben.
GEJ|3|190|4|0|Das hört Markus und sagt zu den Reisenden: „Liebe Freunde! Den Weg nach der Stadt könnt ihr euch füglich ersparen; denn von der ganzen Stadt besteht nichts weiteres und mehreres als ein paar Hütten armer Juden und eine Menge ausgebrannter, öder Ruinen! Die vergangene Nacht und diesen Tag hindurch ist sie wohlverdientermaßen eine traurige Beute der Flammen geworden, und es war niemandem möglich, des Feuers Herr zu werden!
GEJ|3|190|5|0|Wenn ihr etwas abzumachen habt, so müsset ihr solches nun schon hier tun, da die höchsten weltlichen wie auch geistlichen Behörden sich nun hier bei mir aufhalten!“
GEJ|3|190|6|0|Über diese Nachricht machen die Reisenden ein ganz erstaunlich betrübtes Gesicht und sagen: „Freund, wenn also, da wird es für uns auch hier ganz entsetzlich wenig zu schlichten geben, trotz der hier anwesenden allerhöchsten Herrschaften über Welt und Geist! Denn wir standen in bedeutenden Handelsverbindungen mit den griechischen Kaufleuten dieser Stadt, und sie haben vieles von uns genommen, sind uns aber noch die ganze letzte Lieferung schuldig! Wie werden wir da zu unseren Geldern kommen?
GEJ|3|190|7|0|Wir sind gute Künstler in der Bearbeitung der Seide und des Kamelhaares, auch feinste Schafwollzeuge in allen Farben haben wir geliefert und geblümte Stoffe zu allerlei Tempelgewändern, und es machte die letzte Lieferung einen Wert von zehntausend Pfunden Silbers aus; denn wir sind zwar Juden, nach Jerusalem pflichtig, leben aber in Persien, haben dort unsere großen Fabriken und waren stets gut und ehrlich.
GEJ|3|190|8|0|Wir hielten das Gesetz Mosis in unserem Lande strenger und genauer als alle Juden in Jerusalem und brachten stets reichliche Opfer dem Tempel; wir unterhalten bei uns eine Synagoge, die in allem, was Größe und Pracht betrifft, dem Tempel zu Jerusalem nicht viel nachstehen dürfte!
GEJ|3|190|9|0|Wir sind gute und sehr wohltätige Menschen gegen alle Armen, die mosaischen Glaubens sind, und haben stets, wie bekannt, die beste Zucht und Ordnung gehalten! Warum hat uns denn Jehova gar so empfindlich hart heimgesucht?!
GEJ|3|190|10|0|Siehe, wir wollten ja gerne die Hälfte von den zehntausend Pfunden in den Tempel legen, so wir zu unserem rechtmäßigen Gelde kommen könnten; ja, wir wollten auch die andern fünftausend Pfunde noch obendarauf den etwa sehr armen Glaubensgenossen dieser Gegend zukommen lassen, so wir von den Heiden das ganze Geld bloß des Handels und der Rechnung wegen erhalten könnten!“
GEJ|3|190|11|0|Sagt Markus: „Ja, meine lieben Gäste und Freunde, da wird es sich trotz eures sehr ansehnlichen Gelöbnisses schwer machen! Redet aber mit dem Oberstatthalter Cyrenius, der sich nun hier befindet mit noch drei römischen großen Machthabern! Der kann vielleicht schon etwas machen.“
GEJ|3|190|12|0|Sagen die Reisenden: „Wo ist er, daß wir hingingen und ihm alleruntertänigst vortrügen unsere Not? Vielleicht geschieht da auch etwas Wunderbares?! Denn unsere Rettung durch den jungen Lotsen war offenbar ein Wunder, und das kein kleines! Aber unser Lotse hat sich nun irgendwohin verloren und kommt nicht zum Vorschein, daß wir ihm den gebührenden Rettungslohn darreichen könnten!“
GEJ|3|190|13|0|Sagt Markus: „Dort auf dem kleinen Hügel am Meere, allwo der Oberstatthalter und die andern Großen sich befinden, befindet sich auch der Lotse mitten unter ihnen. Dorthin könnet ihr euch ganz ungeniert begeben und alles miteinander abmachen.
GEJ|3|190|14|0|Aber es ist noch ein gewisser Jemand dort, der in einen himmelblauen Mantel gehüllt ist und unter demselben einen ungenähten, rosenroten Rock trägt, und über dessen Schultern sehr reiche, blonde Locken wallen; wenn ihr Den für euch gewinnen könnt, dann könnt ihr wohl vom größten Glücke reden! Denn Der vermag gar alles, und Ihm ist gewisserart kein Ding unmöglich! Aber in eurer Angelegenheit wird mit Ihm etwas schwer zu reden sein!“
GEJ|3|190|15|0|Fragen die Reisenden: „Was und wer ist er denn? Ist er vielleicht gar etwas Kaiserliches aus Rom oder etwa irgendwoher ein König eines großen Reiches?“
GEJ|3|190|16|0|Sagt Markus: „Weder das eine noch das andere; gehet aber nur hin, und ihr werdet vielleicht wohl darauf kommen, wer unter dem blauen Mantel steckt!“
GEJ|3|191|1|1|191. — Die beiden Abgeordneten der Reisenden im Gespräch mit dem Herrn
GEJ|3|191|1|0|Mit dem verläßt unser Markus die Reisenden und begibt sich ins Haus, um fürs Abendmahl Sorge und Anstalten zu treffen. Die Reisenden aber beraten nun unter sich, ob sie alle sich hin auf den Hügel begeben, oder ob sie nur ein paar aus ihrer Mitte abordnen sollen. Sie werden aber darüber bald einig, nur ein paar der Weisesten aus ihrer Mitte dahin abzuordnen. Der Abschluß geschieht, und die beiden begeben sich sogleich auf den Hügel.
GEJ|3|191|2|0|Als sie bei uns anlangen, machen sie eine tiefste Verbeugung vor uns, und ihr erstes ist der da wiedergefundene Lotse, den sie sogleich um ihre Schuldigkeit freundlichst angehen.
GEJ|3|191|3|0|Der Lotse aber beteuert und sagt: „Ich bin nur ein Diener meines Herrn, von dem ich alles habe, was mir not tut; daher nehme ich denn auch von gar niemand eine Belohnung an, weil sie allein meinem Herrn gebührt!“
GEJ|3|191|4|0|Fragen die Abgeordneten den Lotsen: „Wo und wer ist denn hernach dein glücklicher Herr?“
GEJ|3|191|5|0|Raphael zeigt mit seiner Rechten auf Mich und sagt: „Der dort ist es, zu Dem gehet und fraget Ihn, und Er wird es euch sagen, was ihr Ihm schuldig seid!“
GEJ|3|191|6|0|Die beiden verneigen sich vor dem Engel und begeben sich darauf gleich zu Mir hin. Bei Mir angelangt, fallen sie nach persischer Sitte auf ihre Angesichter nieder und sagen, am Boden liegend: „Herr, dessen strahlend Antlitz wir uns nicht anzuschauen getrauen! Du hast deinen äußerst geschickten und waghalsigen Lotsen in der größten Not zu uns entsandt, ohne den wir offenbar verloren gewesen wären! Wir aber sind keine Armen, die da nicht hätten, einen solchen Dienst nach Gebühr zu belohnen. Wir sind sehr reiche Menschen und verlangen von niemand einen Dienst umsonst, um so weniger diesen nie bezahlbaren. Was sind wir dir für unsere Rettung aus der höchsten Lebensgefahr schuldig?“
GEJ|3|191|7|0|Sage Ich: „Zuerst, daß ihr als Menschen euch erhebet und, wie es sich geziemt nach unserer Sitte, gerade und aufrecht vor uns stehet; denn wir sind keine eitlen und überhochmütigen Großen des sklavischen Perserreiches. Sodann erst wollen wir miteinander wegen der Rettungsgebühr ein paar Wörtlein sprechen!“
GEJ|3|191|8|0|Auf solche Meine Worte erheben sich die beiden und bitten Mich dankfreundlichst, ihnen den Rettungslohn zu bestimmen.
GEJ|3|191|9|0|Ich aber sage: „Ich weiß, von wannen ihr seid, und warum ihr hierherkommet, Ich weiß es, daß ihr an Gold, Silber und Edelsteinen reich seid wie wenige Juden im großen Jerusalem; Ich weiß es, daß ihr für diese eure Rettung so viel zahlen würdet, als ihr in dieser nun verheerten Stadt bei griechischen Kaufleuten ausstehen und somit zu fordern habt und schwerlich irgend etwas je mehr erhalten werdet!
GEJ|3|191|10|0|Also, der Lohn, den Ich von euch fordern könnte, zumal ihr Perser und unsere Angehörigen seid, dürfte sich mit allem Fug und Recht ebenso massenhaft hoch belaufen wie euer sicherer Verlust hier bei diesen nun in den Waldhütten ihr Obdach suchenden griechischen Handelsleuten; was würdet ihr dann dabei gewinnen? Ihr würdet es dort aufheben und hier wieder fein niederlegen! Dann würdet ihr wieder nach Hause ziehen also, wie ihr hierhergekommen seid!
GEJ|3|191|11|0|Ich rechne aber für die Rettung nichts und gebe euch sogar die Versicherung, daß euch der Aufenthalt hier, sogar die Fahrt hierher und von da über Genezareth zurück, von wo aus ihr zu Schiffe hierherkamt, keinen Stater kosten soll! (Denn es war dies ein Schiff Ebahls, und es waren auch dessen Schiffsleute.) Seid ihr damit zufrieden?“
GEJ|3|191|12|0|Sagen die beiden Abgeordneten: „Herr, der du noch voll der blühendsten Jugendkraft, aber danebst auch voll von echt salomonischer Weisheit zu sein scheinst und auch aller Wahrheit nach bist, – das, was du nun als Preis für unsere Rettung ausgesprochen hast, wollten wir schon ohnehin zur einen Hälfte dem Tempel zu Jerusalem und zur andern Hälfte den armen Juden dieser Gegend zum Opfer bringen, so die Kaufleute dieses Ortes uns die nicht unbedeutende Summe hätten zu bezahlen vermocht.
GEJ|3|191|13|0|Aber da sie so ein hartes Los getroffen hat, so macht uns dieser Verlust nicht ein Geringstes, und wir sind bereit, ihnen mit einer zweimal so großen Summe behilflich zu sein ohne Entgelt und ohne Zinsen, dir aber danebst noch für unsere Rettung die ausgesprochenen zehntausend Pfunde als Lohn mit dem freudigsten Herzen von der Welt zu opfern! Denn siehe, Herr dieser Gegend, wir sind sehr reich; auf hunderttausend Kamelen könnten wir unsere Erdschätze nicht hierherschaffen, und trüge auch ein jedes eine Last von viertausend Pfunden. (Ein persisches Pfund wäre gegenwärtig gleich 5 bis 6 Lot; J. Lorber.) Dazu besitzen wir viel Ländereien und viele und große Herden. Daher macht uns das nun soviel wie gar nichts; verlange du von uns, was du willst, und wir werden uns nur freuen, deinem Willen und Ausspruche gemäß zu handeln! Denn zehnmal soviel dürften wir wohl in den Städten Judäas noch ausständig haben! Wir geben dir dann sogleich bares Geld oder die sichersten Anweisungen.
GEJ|3|191|14|0|Was dir, o Herr dieser Gegend, genehmer ist, das wollen wir tun; denn geizig und knickerig waren wir nie! Wir wissen's ja, daß Reichtum sich gleichfort in der Hand des Allmächtigen befindet, der ihn einem Menschen über Nacht geben und in einer nächsten wieder nehmen kann! Wir sind dessen Sachwalter nur; der ganz alleinige Herr darüber ist der Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs!
GEJ|3|191|15|0|Du kannst hieraus schon entnehmen, mit welcherlei Menschen du hier in uns zu tun hast; daher gebiete nur, und wir werden tun nach deinem sicher weisen Ausspruche!“
GEJ|3|191|16|0|Sage Ich: „Was Ich einmal ausgesprochen habe, bei dem bleibt es! Denn Ich kenne euch und alle eure Verhältnisse, und ihr tut genug, so ihr Meinem Verlangen nachkommet; wollet ihr aber irgend wahrhaft Armen mehr tun, so wird euch niemand etwas Hinderliches in den Weg legen. Aber es ist hier etwas zu bekommen, das endlos mehr wert ist denn alle eure nahe unermeßbaren Erdschätze! – Doch davon später ein Weiteres!“
GEJ|3|191|17|0|Sagen die beiden Abgeordneten: „Du scheinst ein sonderbarer Weiser zu sein! Die Schätze dieser Erde scheinen dich nicht zu rühren; auch von einer vielleicht übertriebenen Wohltätigkeit scheinst du eben kein besonderer Freund zu sein! Geistesschätze gelten bei dir sicher mehr denn alles Gold der Erde! Hast auch ganz vollkommen recht in aller solcher Hinsicht; denn des Geistes Schätze dauern ewig, während die irdischen für jeden Menschen nur bis zum Grabe andauern, und dann ist es gar mit ihnen für den, der von dieser Erde hinweggenommen wurde!
GEJ|3|191|18|0|Ja, du weiser Herr, gib du uns die Schätze der Weisheit, – die werden uns lieber sein denn all unser Gold, unsere Edelsteine und schweren Silbermassen! – Aber nun wollen wir gehen und unsere Brüder von all dem getreu und genau benachrichtigen!“
GEJ|3|191|19|0|Sage Ich: „Ja, ja, gehet, saget das alles euren Brüdern, und kommet wieder mit den Brüdern; denn ihr seid eurer in allem ja nur zwanzig an der Zahl, ohne die Schiffer, und habt leicht Raum allhier!“
GEJ|3|191|20|0|„Jawohl!“, sagen die frohen Abgeordneten, „Raum haben wir wohl; aber es fragt sich nur, ob du auch die Güte haben wirst, uns irgend etwas Weises mitzugeben. Denn bei uns in Persien wird die echte Weisheit immer seltener, und an ihrer Stelle macht sich die Zauberkunst der heidnischen Priester immer breiter und breiter und wird wohl noch ehestens aller Weisheit selbst der dort lebenden Juden ein Ende machen, – besonders wenn die herrsch- und habgierigen Priester und Götzendiener vom Könige aus eine Gewalt überkommen, was sehr zu befürchten ist, da sie dem Könige über alle Maßen zusetzen und ihm Tag und Nacht in den Ohren liegen.
GEJ|3|191|21|0|Wir haben ihnen bisher noch die Stange gehalten durch unsern großen Reichttum; aber diese bösen Menschen verstehen es auch, sich unermeßliche Schätze zu erbeuten, und greifen dem verschwenderischen Könige bei jeder Gelegenheit unter die Arme. Und so wird es wohl geschehen, daß sie der Toleranz des sonst gutherzigen Königs einen Garaus machen werden. – Aber davon nachher ein mehreres; jetzt heißt es die sehnsüchtigen Brüder unterrichten von all dem hier Vernommenen!“ – Mit diesen Worten verneigen sie sich und eilen zu ihren Brüdern. Allda angelangt, geben sie getreust von allem Vernommenen Nachricht und besprechen sich nun über manches mit ihren Gefährten und Gefährtinnen.
GEJ|3|192|1|1|192. — Vom Segen und Fluch des Reichtums
GEJ|3|192|1|0|Cyrenius aber sagt zu Mir: „Herr und Meister, wahrlich, so freigebig gesinnte und gemütliche Menschen sind mir im vollsten Ernste noch nie untergekommen; diesen Menschen muß ich einen Schutz gegen die Übergriffe der Götzenpriester verschaffen, – koste es, was es wolle! Der Perserkönig ist auch nur ein Vasall Roms und steht unter mir; oh, den argen Wichten soll bald ihr Handwerk gelegt werden! Auch Du, o Herr, solltest diese guten Leute mit einer besonderen Gnade versehen; denn sie scheinen mir einer solchen vollauf würdig zu sein!“
GEJ|3|192|2|0|Sage Ich: „Allerdings, ansonst Ich sie nicht durch Meinen Engel vom sichern Untergange hätte retten lassen; denn wo Ich etwas Wunderbares verfüge, da hat es sicher seinen tüchtigen Grund. Und hier fehlt es nicht am Grunde!
GEJ|3|192|3|0|„Ein großer irdischer Reichtum in den Händen solcher Menschen ist ein wahrer Segen aus den Himmeln für ein ganzes Land; besitzen solche Menschen dazu noch irgend eine höhere Weisheit, so können sie zum wahren Wohle der Menschheit damit Wunder wirken.
GEJ|3|192|4|0|Aber ein großer Reichtum in den Händen eines Geizhalses oder Wucherers ist ein Fluch der Hölle für ein ganzes Königreich; denn der sucht nur alles an sich zu ziehen auf Kosten aller Menschen! Ihn rührt kein Elend, keine Not und keine Träne armer, verlassener Witwen und Waisen. Vor dem kalten Angesicht eines Wucherers können Tausende mit dem Hungertod ringen, so wird er dennoch niemandem ein Stück Brotes zu seiner Sättigung reichen!
GEJ|3|192|5|0|Darum sage Ich es euch aber auch, daß dereinst Hurer und Ehebrecher und Diebe und reuige Raubmörder ins Reich Gottes eingehen werden, aber die Seele eines Geizhalses und Wucherers nimmer; denn diese ist unverbesserlich und wird darum zum Material, aus welchem die Teufel eine unterste Hölle erbauen werden!
GEJ|3|192|6|0|Ein Wucherer ist eine wahre Höllenmaschine, zum Verderben aller Menschen errichtet, und wird als solche auch für ewig ein vollstes Eigentum der Hölle verbleiben!
GEJ|3|192|7|0|Setze einem Wucherer eine Königskrone auf, gib ihm Zepter und Schwert und ein mächtiges Heer dazu, und du hast einen Satan zum tyrannischsten Regenten über die armen Menschen gesetzt, der den letzten Blutstropfen seiner Untertanen nicht schonen wird! Er wird jeden eher erwürgen lassen, als bis er ihm einen Stater nachsehen und erlassen wird! Darum sei von Mir verflucht jeder Geiz und jeder Wucher!
GEJ|3|192|8|0|Aber solche Menschen, die durch ihrer Hände Fleiß überreich geworden sind unter dem Einfluß der Gnade aus den Himmeln, sind eine gute und edle Frucht dieser Erde. Sie sind fortwährende Sammler für die Schwachen und Armen, erbauen stets neue Wohnstätten für die Dachlosen und weben Kleider für die nackten Brüder und Schwestern. Daher aber wird auch ihr Lohn dereinst groß sein; denn sie tragen ja den schönsten und höchsten Himmel schon auf dieser Erde in sich!
GEJ|3|192|9|0|Wenn dereinst ihre Seele den Leib verlassen wird, so wird aus ihrem Herzen der Himmel sich ausbreiten und sie stellen in seine Mitte, gleichwie da die aufgehende Sonne ausbreitet ihr eigenes Licht und pranget dann im großen Zentrum ihres aus ihr herausgehenden alles belebenden und schaffenden Lichtes!
GEJ|3|192|10|0|Andere gute Menschenseelen aber werden nur selig sein gleich den Planeten, die sich freuen unter den erwärmenden und belebenden Strahlen der Sonne, aber dabei doch stets eine Nachtseite haben!
GEJ|3|192|11|0|Ja, Mein lieber Cyrenius! Reich sein auf dieser Erde und für sich nur so viel verwenden, als man zur Erhaltung seiner selbst höchst nötig braucht, also karg sein gegen sich, um desto freigebiger gegen die Armen sein zu können, dies, dies ist die größte Gottähnlichkeit schon im Fleische dieser Erde! Aber je größer diese echte und allein wahre Gottähnlichkeit bei einem Menschen ist, desto mehr Segen und Gnade fließen ihm auch stets aus den Himmeln zu!
GEJ|3|192|12|0|Es geht einem solchen Menschen wie einer Sonne! Je mehr ihres Lichtes sie über den Erdboden ausströmen läßt, desto heller leuchtet sie auch in sich selbst; aber wenn sie im Winter karger wird mit dem Ausspenden ihres Lichtes, wenn auch nur scheinbar, so ist sie auch in sich selbst ärmlicheren und schwächeren Lichtes, wenn auch da freilich nur scheinbar!
GEJ|3|192|13|0|Wer vieles mit Liebe und Freude gibt, dem wird auch überaus vieles wieder gegeben werden!
GEJ|3|192|14|0|Denn wenn du in die Mitte eines Zimmers ein starkes Licht stellst, so wird es auch stark von allen Wänden wieder zurück gegen des Lichtes Mitte strahlen und das starke Licht mit einer mächtigen Glorie einfassen, und dadurch wird das Grundlicht noch herrlicher, mächtiger und wirksamer; stellst du aber nur ein schwach schimmerndes Lämpchen in des großen Gemaches Mitte, da werden die schwach erleuchteten Wände wohl auch nur ein höchst spärliches Licht zurückgeben, und mit der Glorie des Grundlichtes wird es sehr mißlich aussehen!
GEJ|3|192|15|0|Darum seid ihr, mit den Gütern dieser Erde überschwenglich Versehenen, freigebig, gleichwie da die Sonne am Himmel freigebig ist mit ihrem Lichte, so werdet ihr auch sein und ernten gleich der Sonne!
GEJ|3|192|16|0|Denn nicht kannst du in ein gutes Erdreich einen guten Samen aussäen, daß er dir nicht zurückbrächte eine hundertfältige Ernte. Gute Werke eines guten Herzens aber sind wohl die beste Samenfrucht, und die arme Menschheit ist das beste Erdreich; das lasset nimmer brachliegen, sondern säet verschwenderisch in dieses Erdreich, und es wird euch stets eine hundertfältige Ernte hier und eine tausendfältige jenseits wiedergeben, wofür Ich als ein sicherer Bürge dastehe!“
GEJ|3|193|1|1|193. — Des Menschen Grundnatur
GEJ|3|193|1|0|(Der Herr:) „Freilich, wohl wird man hie und da sagen und also richten: Ja ja, es ist gut von der Tugend der Freigebigkeit predigen und den Geiz als ein abscheulichstes Laster darstellen; wer aber könne da eigentlich dafür, daß der eine Mensch den überwiegenden Drang zur verschwenderischen Freigebigkeit in sich als einen wahren Lebensgrund hat und ein anderer dafür den allerblanksten Geiz?! Bei beiden sei es eine Sache und äußere Erscheinlichkeit ihrer innersten Liebe, aus der eines jeden beseligendes Gefühl für ihn selbst erwächst, das er dann, einer wie der andere, für sich behielte. Es werde aber der erste traurig, so er nicht so viel im Überflusse besitzt, um seine armen Nebenmenschen zu beglücken, und der zweite werde traurig, wenn er nicht so viel, als er wünscht, einnimmt – oder gar etwa verliert! Das sei, dies alles liege so schon ursprünglich in der Natur des Menschen, und es könne da dann im Grunde weder ein Laster noch irgendeine wahre Tugend geben. Für den Geiz sei die Freigebigkeit ein Laster – und für die Freigebigkeit im gleichen Maße der Geiz. Könne etwa das Wasser darum, daß es ganz weicher und fügiger Natur sei, und wer könne den Stein verdammen seiner Härte wegen?! Das Wasser müsse so sein, wie es ist, und der Stein im gleichen, wie er ist.
GEJ|3|193|2|0|Das ist einesteils wohl richtig; des Freigebigen Natur ist, freigebig zu sein, und des Geizes Natur das blanke Gegenteil. Aber es verhält sich diese Sache also: Mit dem Drang zur Selbstsucht und zum Geiz kommt ein jeder Mensch als Kind zur Welt, und dessen Seele hat durchgängig noch das gröbst-materiell-tierische Element in sich, und namentlich gilt das für jene Seelen, die nicht von oben, sondern nur von dieser Erde her sind. Aber ganz frei von diesem Element sind auch jene Seelen nicht, die aus den Sternen auf diese Erde herüberkommen.
GEJ|3|193|3|0|Wird der Mensch nun in diesem tierischen Element erzogen, so verkehrt er dann solches selbst stets mehr und mehr in seinen Lebensgrund, das heißt in seine Liebe; weil diese aber tierisch ist, so bleibt der Mensch denn auch gleichfort ein reißendes Tier und hat nichts Menschliches als die lumpige Gestalt, die gelöste Zunge und infolge des geordneten Gehirnbaues ein geregeltes Erkenntnisvermögen, das aber stets mehr und mehr vom tierischen Elemente zur schnöden Tätigkeit angetrieben wird. Es kann infolgedessen nur das als gut und beseligend erkennen, was das rein tierische Element will.
GEJ|3|193|4|0|So nun jemand behaupten möchte, daß es im eigentlichen Sinne der Wahrheit nach keine Tugend und somit auch kein Laster gäbe, und daß man sehr unrecht tue, den Geiz gegenüber der Freigebigkeit zu verdammen, der sei auf diese Meine Erläuterung angewiesen; er betrachte sie, und erwäge sie wohl!
GEJ|3|193|5|0|So aber ein Gärtner zwei Fruchtbäume in seinen Garten setzt und sie, wie sich's gebührt, pflegt, – wird es ihm wohl einerlei sein, so ihm nur der eine Baum Früchte trägt, der andere aber, von derselben Art seiend und in derselben Erde stehend, vom gleichen Regen und Tau, von gleicher Luft und vom gleichen Lichte genährt, durchaus keine Früchte, ja, nicht einmal ein genügendes, für den Schatten verwendbares Laub trägt? Da wird der einsichtsvolle Gärtner sagen: ,Das ist ein ungeratener, kranker Baum, der alle ihm zukommenden Säfte in sich verzehrt; wir wollen sehen, ob ihm denn nicht zu helfen sei!‘ Da versucht der Gärtner alle ihm bekannten wirksamen Mittel, und helfen am Ende alle diese Mittel nichts, so wird er den unfruchtbaren, in sich selbst verdorbenen Baum ausrotten und an seine Stelle einen andern setzen.
GEJ|3|193|6|0|Ein geiziger und selbstsüchtiger Mensch ist sonach ein in sich durch sich selbst verdorbener Mensch und kann keine Früchte des Lebens bringen, weil er in sich selbst alles Leben verzehrt.
GEJ|3|193|7|0|Dagegen aber ist ein freigebiger Mensch schon darum in sich in der rechten Lebensordnung, weil er nach außen hin reichliche Früchte trägt.
GEJ|3|193|8|0|Ein Baum kann aber nicht darum, ob er Früchte oder keine Früchte trägt; denn er bildet sich nicht selbst, sondern die in seinem Organismus aufsteigenden Geister aus dem gerichteten Reiche der Natur bilden ihn durch ihre Kraft und durch die ihnen innewohnende höchst einfache und somit auch ebenso beschränkte Intelligenz. Der Mensch aber steht auf dem Punkte, durch die unbeschränkte Intelligenz seiner Seele sich selbst zu bilden und sich zu einem reichlichste Lebensfrüchte tragenden Baume umzuwandeln.
GEJ|3|193|9|0|Tut er das, wozu er alle Mittel besitzt, so wird er erst ein rechter Mensch in der wahren, ewigen Ordnung Gottes; tut er das aber nicht, so bleibt er ein Tier, das als solches kein Leben in sich hat und somit auch keines an einen Nächsten durch gute und liebreiche Werke übergehen lassen kann.
GEJ|3|193|10|0|Darum aber sind die nun geretteten Perserjuden schon ganz wohlgeordnete Menschen, und es ist nun ein ganz leichtes, sie in eine höhere Weisheit zu leiten; denn so da eine Lampe derart voll Öles ist, daß dasselbe ganz reichlichst überzugehen anfängt, und hat einen wohlgestellten und kräftigen Lebensdocht in sich, so braucht man den Docht nur anzuzünden, und es wird sogleich die ganze Lampe voll Lichtes und wird fein und helle alles erleuchten um sich herum im weiten Kreise!
GEJ|3|193|11|0|Und diese Perserjuden samt ihren Weibern, die einige aus ihnen mitgenommen haben, sind schon solche wohlgefüllte Lampen; da wird es demnach gar nicht viel mehr brauchen, und sie werden alle voll Lichtes sein!“
GEJ|3|193|12|0|Sagt darauf Cyrenius: „Herr, dies ist für alle Menschheit ja schon wieder eine höchst wichtige Lehre und sollte wohl aufgeschrieben werden und gelten und bleiben bis ans Ende der Welt!“
GEJ|3|193|13|0|Sage Ich: „Du sorgest dich recht darum, und Ich habe darum schon gesorgt, daß das Wichtige davon schon in deinen Rollen aufgezeichnet ist. Aber es nützt jede derartige Aufzeichnung zum Leben nur so viel als ein toter Wegweiser dem Wanderer auf den vielen Straßen und Irrgängen dieser Welt. Das aber, was jedermann helfen kann und ihm geben Weisheit, Kraft und Leben, wird einem jeden Menschen in sein Herz geschrieben, und das auf eine ganz unvertilgbare Weise so, daß diese Schrift des ewigen Lebensrechtes und seiner in- und ausseitigen Beziehungen bei jeder der göttlichen Ordnung zuwiderlaufenden Handlung im Menschenherzen von selbst laut verlesen wird, und die Seele mahnt, zurückzukehren in die ursprüngliche, göttliche Ordnung!
GEJ|3|193|14|0|Wird der Mensch dieser inneren Stimme folgen, so wird er sogleich auf dem rechten Wege sein; wird er sich aber nicht danach kehren, sondern tun nach der tobenden Leidenschaft seines Fleisches, so wird er es sich dann nur selbst zuzuschreiben haben, so er vom eigenen Gerichte in sich selbst verschlungen wird. – Nun aber sehe Ich, daß sich unsere Perser aufmachen; darum wollen wir denn auch freudigst sie erwarten!“
GEJ|3|194|1|1|194. — Meinungen der Perser über den Herrn
GEJ|3|194|1|0|Die Perser aber berieten sich, während Ich dem Cyrenius die Freigebigkeit und den Geiz erörterte, untereinander, wer Ich etwa doch sei. Einige hielten dafür, daß Ich ein Prophet sei; andere hielten Mich so für einen Weisen, dem alle Schulen Ägyptens, Griechenlands und Jerusalems wohlbekannt sind; ein paar meinten gar, Ich sei etwa so ein römischer Prinz, kenne alle Verhältnisse des großen Reiches und besitze darum eine große Staatsklugheit. Man müsse sich darum sehr in acht nehmen vor Mir; denn sonst würde der stolze Römer Cyrenius, als Oberstatthalter von ganz Asien, nicht gar so demutsvoll mit Mir umgehen! Aber einer der zwei Deputierten (Abgeordneten) sagte: „Sei ihm nun, wie ihm wolle; er ist in jedem Falle ein höherer Mensch, und wir können von ihm etwas lernen, und das ist es, was uns allen in dieser Zeit am meisten not tut!“
GEJ|3|194|2|0|Damit waren endlich alle einverstanden, machten sich auf und begaben sich zu Mir hin auf den Hügel, obgleich es schon ziemlich dunkel zu werden anfing.
GEJ|3|194|3|0|Zugleich aber kam auch der alte Markus und fragte Mich wegen des Abendmahles und wegen der vom Hagel zerschlagenen Tische und wegen der noch großen Feuchtigkeit des Bodens, und was da nun zu machen sein werde.
GEJ|3|194|4|0|Ich aber zeigte ihm die Perser und sagte: „Siehe da, ein großes und für Mich äußerst wohlschmeckendes Gericht; diese müssen noch vor dem Abendmahle völlig aufgezehrt sein von Meiner Liebe! Bis dahin wirst du schon eine Zeit finden fürs leibliche Mahl, um es zu bereiten und die Tische in irgendeine Ordnung zu bringen; denn zerbrochen sind ja nur einige, und diese werden zur rechten Zeit schon wiederhergestellt sein. Zündet aber bald Lichter an, damit die Menschen nicht im Dunkeln wandeln!“ Darauf begab sich Markus froh zurück und setzte alles in Bewegung.
GEJ|3|194|5|0|Die Perser aber traten zu Mir hin, verneigten sich nach ihrer Sitte abermals bis zum Boden, stellten sich aber hernach dennoch gerade und blieben nicht liegen auf den Angesichtern.
GEJ|3|194|6|0|Der eine der früheren zwei Deputierten nahm das Wort und sagte: „Herr und sicher großer Freund der Menschen, die eines guten Willens sind, sieh, da wären wir nun! Unsere Angelegenheiten kennst du und den Grund, der uns nun in diese Gegend zog. Allein wir betrachten es als eine wunderbare Fügung von oben und sagen mit Hiob: ,Herr, Dein ist alles, Himmel und Erde, Luft und Wasser! Du gibst und nimmst, wann und wie es Dir wohlgefällig ist; einem Bettler kannst Du Krone und Zepter verleihen und der Könige Haupt beugen in den Staub der vollsten Nichtigkeit!‘ Darum schmerzt es uns auch nicht; denn der Mensch, der des allmächtigen Gottes Willen stets vor und im Herzen trägt, der trauert nie, außer wenn er vor dem Angesichte Gottes gesündigt hat. Darum trauern auch wir um unsern bedeutenden Verlust nicht; denn wäre damit nicht der Wille Gottes im Spiele dieser traurig aussehenden Begebenheit, so wären wir nun, wie es sonst alle Jahre der Fall war, sicher zu unserem Gelde ohne den geringsten Abzug gekommen. Es war aber da offenbar der Wille Gottes mit im Spiele, und Dem opfern wir gerne diese Kleinigkeit – und möchten noch gerne größere Opfer bringen, so der Allmächtige es von uns verlangen würde; denn Er allein ist der Herr, wir sind nur Seine, allzeit Ihm allein dienenden und gehorsamen Knechte.
GEJ|3|194|7|0|Wir lieben und fürchten Gott allein und haben darum keine Furcht vor den Menschen; hat der Herr Himmels und der Erde uns aber irgend vor den Menschen zuschanden gestellt, so hat Er schon Seinen besten Grund dazu gehabt! Denn nur gar zu leicht und leichtsinnig begeht der Mensch vor Gott eine Sünde, die der Seele stets einen großen Nachteil bringt; da kommt aber dann der Herr mit der guten Zuchtrute und hilft dem Menschen wieder auf den rechten Weg!
GEJ|3|194|8|0|Du, lieber Herr und Freund, siehst daraus, daß wir Menschen sind, die Gott noch lange nicht vergessen haben. Du magst vielleicht wohl gar ein weiser Heide und sehr vertraut sein mit den Kräften der Natur; aber wir kennen nur eine Allkraft, und diese ist nur allein in Gott dem Herrn. Dagegen nähmen wir wohl keine Lehre an!
GEJ|3|194|9|0|Wenn du uns sonach irgendeine rechte Weisheit lehren wolltest, so vergiß nicht, daß wir unwandelbar festeste Bekenner der göttlichen Lehre Mosis sind! Gegen diese wird von uns nichts angenommen, und klänge und wäre es noch so weise! Denn wir alle wollen lieber vor der weisen Welt als Narren – denn vor Gott als Sünder dastehen!“
GEJ|3|194|10|0|Sage Ich: „Ganz recht so, und ihr seid auf dem besten Wege! Aber es gibt sowohl im Moses, wie ganz besonders in den Propheten, Dinge, die euch noch ganz dunkel sein könnten. Und diese möchte Ich euch aufhellen, auf daß auch ihr es begriffet für euch und eure Brüder, Weiber und Kinder, um welche Zeit es nun sei!
GEJ|3|194|11|0|Als Elias in einer Berghöhle verborgen lag, da zeigte ihm der Geist an, daß er so lange in der Höhle verbliebe, bis Jehova Selbst vorüberzöge! Und Elias stellte sich nahe an den Ausgang und horchte. Da kam auf einmal ein heftigster Sturm, der da vorübertobte so mächtig, daß darob erbebte der ganze Berg. Da meinte Elias, ob nun wohl Jehova vorübergezogen sei? Der Geist aber antwortete: ,Im Sturme war Jehova nicht!‘
GEJ|3|194|12|0|Da horchte Elias weiter, und sieh, da zog bald darauf ein mächtiges Feuer vor der Höhle vorüber! Es brauste und krachte da gewaltig, und die Außenwände verglasten sich vor der Hitze Macht. Da meinte Elias, dies sei denn doch Jehova gewesen! Aber der Geist sprach wieder und sagte: ,Auch in diesem Feuer war Jehova nicht!‘
GEJ|3|194|13|0|Da dachte der große Prophet bei sich: ,Also weder im Sturme, noch in des Feuers Allgewalt ist Jehova im Grundwesen Seiner Liebe gegenwärtig!‘
GEJ|3|194|14|0|Als er aber also ganz ernstlich nachdachte, da säuselte ein ganz zarter und leiser Hauch vor seiner Höhle vorüber, und der Geist redete abermals und sprach: ,Siehe, Elia, in diesem zarten und sanften Säuseln zog Jehova vorüber, und dies diene dir zum verheißenen Zeichen, daß du nun ganz frei wandeln kannst und verlassen diese Höhle, in der du verborgen auf die Erlösung harren mußtest!‘
GEJ|3|194|15|0|Da trat Elias ganz wohlgemut aus der Höhle in die große Freie, und der Weg in die große Heimat stand ihm gefahrlos frei und offen (1.Kön.19,9-15).
GEJ|3|194|16|0|So ihr schon gar so fest in der Schrift seid, so erkläret Mir dies sonderbare Bild!“
GEJ|3|195|1|1|195. — Erklärung eines Schrifttextes durch den Herrn
GEJ|3|195|1|0|Auf diese Meine Frage und vorhergehende Darstellung machten alle große Augen und wußten nicht, was sie darauf antworten sollten. Denn je mehr sie darüber nachdachten, desto verworrener wurde es in ihrem Verstande und Gemüte.
GEJ|3|195|2|0|Einer der beiden Deputierten machte nach einer Weile die Bemerkung, sagend: „Hoher, weiser Freund! Du scheinst mir in der Schrift sehr erfahren zu sein, obwohl du vielleicht ein Römer oder ein Grieche bist. Das von dir uns vorgeführte höchst mystische Bild des Propheten Elias ist wesentlich richtig vorgeführt; aber es ist bisher noch von niemandem je verstanden worden. Es wäre wahrlich sonderbar, daß ein Heide uns Juden darüber ein Licht geben sollte. Wir bitten dich aber darum; denn ich habe mir schon einmal so manches Dunkle aus dem Propheten Jesaja von einem weisen Heiden aus dem Morgenlande erklären lassen und habe mich über dessen tiefe Weisheit hoch zu erstaunen die gerechteste Ursache gehabt. Hier scheint mir abermals ein gleicher Fall werden zu wollen. Darum bitten wir dich alle, wie wir hier sind, daß du uns nach deiner Einsicht dies Bild enthüllen möchtest!“
GEJ|3|195|3|0|Sage Ich: „Nun denn, so sei es! Aber vor allem muß Ich euren Irrtum, der Mich für einen Heiden hält, dahin berichtigen, daß Ich kein Heide bin, sondern von Geburt an ein Jude gleich wie ihr; nun wohl bin Ich alles mit allen, um alle zu gewinnen für das Reich des Lichtes, für das Reich der ewigen Wahrheit! Wer Ohren hat, der vernehme, und wer Augen hat, der sehe nun!
GEJ|3|195|4|0|Elias stellt die reine Seele des Menschen dar, und die Höhle, in der er verborgen war, ist die Welt und eigentlich das Fleisch und das Blut des Menschen. Der Geist, der zum Elias, resp. zu der Menschenseele spricht, ist der Geist Gottes, mit dem die Seele eins werden soll, aber noch nicht werden kann, weil Jehova noch nicht vor der Fleisches- oder der Welthöhle vorübergezogen ist.
GEJ|3|195|5|0|Der vorüberziehende Sturm bezeichnet die Zeit vom alten Adam bis auf Noah, das Feuer die Zeit von Noah bis auf diese Zeiten herab.
GEJ|3|195|6|0|Die Zeit aber des sanften Säuselns vor der Höhle des Propheten ist soeben vor uns, die jeder Seele, die eines guten Willens ist, die volle Erlösung im Geiste und in aller Wahrheit geben wird, und, nota bene (wohlgemerkt), auch ihr befindet euch nun auf diesem Punkt, die Freie des Elias zu überkommen!
GEJ|3|195|7|0|Das Schiff, das euch hierherbrachte, war auch gleich einer Höhle des Propheten. Es befand sich anfangs in der großen Gewalt des Sturmes, und ihr littet große Not und Angst, und als ihr vom Sturm auf die Höhe des haltlosen Meeres getrieben waret, da zuckte ein tausendfaches Feuer um eure kleine, lockere Welt aus morschen Brettern; aber Jehova war nicht im Feuer, obschon Er mit Seinem Arme (einem Engel) euch Rettung und Erhaltung brachte.
GEJ|3|195|8|0|Nun befindet ihr euch aber da, wo es nach dem Sturme und Feuer gar sanft an euch vorübersäuselt; wer wohl mag in diesem sanften Säuseln vor euch und in eurer Nähe sein?!“
GEJ|3|195|9|0|Hier staunen die Perser über die Maßen, und der Deputierte sagt: „Sonderbar, sonderbar! Dies völlig ein und dasselbe Bild ist überraschend ähnlich mit jenem alten des Propheten Elias! Wunderbar ging es mit unserer Rettung auch zu, und das in keinem geringen Maße, und nun hier auf diesem Hügel verspüre ich wahrlich physisch und moralisch jenes sonderbare, geheimnisvolle Säuseln, von dem der Geist zum Propheten sagte, daß im selben Jehova vorübergezogen sei! – Ja, was meinet denn ihr, meine Brüder und Schwestern alle?! Wie kommt diese Sache denn euch vor?“
GEJ|3|195|10|0|Sagen die andern alle wie aus einem Munde: „Uns kommt es ebenso wundersam vor wie dir; wir aber werden da von uns aus zu keinem Lichte gelangen! Lassen wir darum nur diesen weisen Mann reden für dich und für uns alle!“
GEJ|3|195|11|0|Sagt der Deputierte: „Ja, das wäre freilich wohl das beste; aber man kann da auf diesem Platze, wo Roms höchste Gebieter weilen und Könige und Fürsten, nicht gleichweg verlangen um dies oder jenes, sondern da heißt es zuerst um die gnädige Erlaubnis bitten, für etwas, das man hauptsächlich möchte, bitten zu dürfen!“
GEJ|3|195|12|0|Sage Ich dazwischen: „Freund, dessen bedarf es hier wohl nicht! Dies ist wohl ein Gebrauch in Persien, aber uns solle er für immer fern bleiben! Vor Gott, Mein Freund, ist eine die Menschenseele zu dumm erniedrigende Demut schon so gut eine Torheit als irgendeine andere, nur im Heidentum vorkommende, – um so mehr eine zu große Demütigung eines Menschen vor wieder nur einem Menschen. Solch eine zu speichelleckerische Demutsäußerung eines Menschen vor einem andern Menschen macht beide schlecht; den ersten, weil er solch eine Demut zumeist nur heuchelt und dadurch seinen Nebenmenschen noch hochmütiger zeihet, und den zweiten, weil er dadurch im Vollernste noch hochmütiger wird!
GEJ|3|195|13|0|Jene Demut, die da hervorgeht aus der reinen Liebe, ist eine rechte und wahre Demut; denn sie achtet und liebt im Nebenmenschen einen Bruder als Bruder, macht aber weder sich selbst noch den Nächsten zu einem Gott, vor dem man auf die Knie fallen und ihn anbeten soll.
GEJ|3|195|14|0|Was du irgend willst oder möchtest, das verlange als Mensch vom Menschen und als Bruder vom Bruder; aber im Staube kriechen soll nie ein Mensch vor dem andern!
GEJ|3|195|15|0|Was Gott von keinem Menschen verlangt, das soll um so weniger ein Mensch von seinem Nebenmenschen verlangen! Das ist auch eine rechte Weisheit in der vollsten Ordnung Gottes; daher merket sie euch und tut danach, so werdet ihr angenehm vor Gott und vor den Menschen sein!
GEJ|3|195|16|0|Aber nun wieder von etwas anderem! Auf daß ihr das sanfte Säuseln vor der Höhle des Propheten ein wenig tiefer mit dieser Zeit als übereinstimmend erkennen möget, so werde Ich euch nun, da ihr sozusagen noch kernfeste Juden seid, eine andere Frage geben.“
GEJ|3|196|1|1|196. — Die Frage des Herrn über den Messias
GEJ|3|196|1|0|(Der Herr:) „Was haltet ihr denn von dem verheißenen Messias, der nach der Weissagung aller Propheten eben in dieser Zeit zur Erlösung der Juden kommen soll? Haltet ihr so als gescheite Leute im Ernste etwas darauf, oder haltet ihr wie nun viele nichts auf solche für den menschlichen Verstand zu mystisch gehaltenen Weissagungen?“
GEJ|3|196|2|0|Sagt der Deputierte: „Mein erhabener Freund! Das ist eine äußerst heikle Sache! Nichts darauf halten, wäre für einen echten Juden denn doch zu vermessen, – und im vollsten Ernste etwas darauf halten, ist eben auch eine sehr gewagte Sache; denn man kann dadurch dem finstern Aberglauben das breiteste Tor öffnen und ihm somit den freiesten Eintritt bereiten!
GEJ|3|196|3|0|Ob nun gar kein Glaube vor dem finstersten Aberglauben einen Vorzug – oder umgekehrt – hat, das zu entscheiden überlasse ich gerne größeren Weisen, als ich einer bin. Aber soviel sagt mir mein stets nüchterner Verstand, daß gar kein Glaube vor einem finstersten Aberglauben einen bedeutenden Vorzug zu haben scheint.
GEJ|3|196|4|0|Denn gar kein Glaube gleicht meiner Ansicht nach einem neugeborenen Kinde oder einem leeren, brachliegenden Acker, in welchen noch nichts gesät ist. Das Kind kann durch eine gute Erziehung zu einem vollweisen Manne werden, und in den brachliegenden Acker kann jede Art einer edlen Frucht gesät werden; ist aber der Acker einmal wucherig mit Unkraut aller Art überwachsen und ein erwachsenes Kind in allerlei Dummheiten unterwiesen, so geht es dann mit der Weisheitsbildung entweder gar nicht mehr oder doch sicher höchst mühevoll. Und wie schwer ein Acker von allem Unkraute zu reinigen ist, das weiß ein jeder ehrliche Landwirt, dem es je darum zu tun war, seine Äcker von allem Unkraute zu reinigen und dann rein zu erhalten! – Nun, erhabener Freund, das ist so ziemlich unsere nüchterne Ansicht.
GEJ|3|196|5|0|Wir sagen in bezug auf den verheißenen Messias weder ja noch nein; wenn aber irgendein rechter, in der Schrift kundiger Weiser uns die Sache aufhellen will, so wird er uns als Juden und Menschen sich sehr verbindlich machen. Weißt du darüber irgend etwas Haltbares, so gib es uns kund; an unserer Dankbarkeit darum soll es ewig nie irgendeinen Mangel haben!“
GEJ|3|196|6|0|„Ganz richtig geurteilt!“, sage Ich zum Deputierten. „Kein Glaube ist besser um vieles denn ein finsterer Aberglaube; aber er hat dessenungeachtet dennoch auch einige schlimme Auswüchse, die am Ende, wenn sie einmal so recht verhärtet worden sind, ebenso schwer zu heilen sind, als ein unkrautvoller Acker zu reinigen ist.
GEJ|3|196|7|0|Der unkrautvolle Acker aber zeigt wenigstens an, daß sein Boden ein guter ist, ansonst darauf auch kein Unkraut wachsen würde; dies zeigt aber ein völlig brachliegender Acker nicht.
GEJ|3|196|8|0|Weißt du, wenn der sogenannte mathematisch determinierte (bestimmte) Weltverstand bei einem Menschen einmal so recht kernfest Platz gegriffen hat, dann ist es mit einem noch so erhabenen, überweisen Glauben an etwas rein Geistiges schon eine sehr schwere Sache! Ein solcher Verstandesmensch will am Ende alles mathematisch erwiesen haben. Von Dingen, die er nicht sehen und bemessen kann, will er gar keine Notiz nehmen.
GEJ|3|196|9|0|Nun urteile du selbst, ob es dann mit solch einem Menschen in bezug auf die Annahme des rein Geistigen nicht auch eine nicht leichte Sache ist!“
GEJ|3|196|10|0|Sagt der Deputierte: „Allerdings, erhabener und weisester Freund! Aber da kann man denn doch wohl schon mit einer sehr bedeutenden Zuversicht behaupten, daß es dergleichen Menschen wenige gibt, und diese sehr vereinzelten Schwalben machen noch lange keinen Sommer. Solche Verstandesgelehrte sind aber für die Wahrheit am Ende dennoch um vieles zugänglicher als all die schwarzen Helden des finstersten Aberglaubens, besonders wo dieser ein Brotglaube geworden ist! Als solcher läßt er mit sich schon gar nicht handeln und sucht alles, was ihn irgend beeinträchtigen könnte, mit Feuer und Schwert zu verfolgen. Solches erleben wir von seiten unserer Priesterschaft, der nunmehr schon kein Mittel zu schlecht ist, um durch dasselbe ihre schwarzen Betrügereien vor Verfolgung zu schützen!
GEJ|3|196|11|0|Ich will aber damit gar nicht die Behauptung aufstellen, als hätten die Priester irgendeinen Glauben für das, was zu glauben sie die andern auf Mord und Brand bei den Haaren dazuziehen; denn ihr Motiv ist Brot, bestes Brot, und viel Goldes, Silbers und Edelsteine. Aber die vielfach geblendete Menschheit glaubt es dennoch, und das oft mit dem empörendsten und grausamsten Fanatismus!
GEJ|3|196|12|0|Nun, vor solch einer tollsten Glaubensmenschheit hat denn doch selbst der stereotypste (festeste) Verstandesmensch ungeheuer vieles und vieles zum Seligen voraus! Er ist wenigstens ein Freund von einer wenn auch höchst stereotypen Wahrheit, während die recht aberglaubensschwarze Menschheit jede Art Wahrheit von sich weist und lieber einen Baumstock für einen Affen denn als das, was er ist, ansieht.
GEJ|3|196|13|0|Ein Freund der Wahrheit aber ist auf irgendeine vernünftige Art doch immer zugänglich, während bei den schwarzen Abergläubern an eine nur scheinbar vernünftige Zugänglichkeit mit irgendeiner Wahrheit gar nicht von ferne zu denken ist.
GEJ|3|196|14|0|Daß zu determiniert mathematische Menschen schwer zum puren Glauben zu bringen sind, ist eine ganz bekannte Sache; hat aber ein solcher Mensch einmal etwas angenommen, wenn auch nur als eine Hypothese (Annahme), so wird er sie auch metallfest halten und alles aufbieten, um sie als eine kernfeste Wahrheit möglichst sogar mathematisch zu erweisen.
GEJ|3|196|15|0|Wird das je ein finsterer Abergläuber tun?! Dem gilt Kot und echtes Gold gleich; und ich bleibe einmal fest dabei, daß gar kein Glaube um vieles besser ist als ein Glaube, wie er zum Beispiel bei uns zu Hause ist!
GEJ|3|196|16|0|Wie wir aber vernommen haben, so soll auch die jerusalemische Tempelpriesterschaft nun um eben nicht vieles besser sein als unsere persische. Mit der wunderbaren Bundeslade soll es schon seit lange her seine erwiesen geweisten Wege haben; denn wir wissen es nur zu gut, wann und wo für die alte eine neue ist angefertigt worden, – natürlich in Jerusalem nicht, sondern bei uns hübsch tief im Perserlande, damit es nicht verraten würde. Aber es nützte ihnen das doch nicht gar zuviel; denn sie mußten den persischen Künstlern am Ende fürs Schweigen zehnmal soviel zahlen, als die ganze Lade wert war, und die Künstler aber erzählten es nachher doch den Einheimischen und diese uns Juden. Darum, erhabener Freund, halten wir wohl so recht kernfest an der Lehre Mosis, obschon es auch da Dinge gibt, die gerade natursinnlich ein barer Unsinn sind; niemand jedoch weiß einen gesunden Sinn hineinzulegen, und so grübelt niemand irgend weiter darüber nach. Aber was da betrifft das Gesetz und die Moral, so ist das unübertrefflich gut und weise, und niemand kann sich da auch in einem hellsten Morgentraume etwas Weiseres und Besseres träumen lassen!
GEJ|3|196|17|0|Diesen Teil der Schrift nennen wir aber auch allein den göttlichen; was alles andere betrifft, geht uns wenig oder gar nichts an, namentlich der prophetische Teil, den kein Mensch verstehen kann.
GEJ|3|196|18|0|Das uns von dir erklärte Bild des Elias ist zwar sehr treffend und schön in bezug auf den zu erhoffenden Messias, der höchstwahrscheinlich nur ganz rein geistig zu nehmen ist, – aber was da die andern Propheten darüber weissagen, ist höchst mystisch, bedarf einer starken Erklärung und eines noch stärkeren Glaubens, der glücklicherweise bei uns gar nicht mehr zu Hause ist!
GEJ|3|196|19|0|Es ist für uns förmlich rühmenswert, daß wir wenig oder gar keinen Glauben an dergleichen extravagante Dinge haben; aber dafür glauben wir desto intensiver an den einen wahren Gott, der durch Moses wahrhaftigst zu den Kindern dieser Erde geredet hat!
GEJ|3|196|20|0|Aber sehr vieles von unserm überzeugend festen Glauben an Gott verdanken wir auch dem Plato, dessen Schriften wir lesen und befolgen. Moses ist praktisch und zeichnet den Weg des Lebens mit scharf markierten Linien; Plato aber ist durchgängig Geist, Seele, und zeigt der Seele die Seele und dem Geiste den Geist. Und das alles zusammengenommen: Moses, Plato, Sokrates und mehrere Propheten, im rechten Lichte wohl verstanden, nennen wir den eigentlichen Messias, der von oben, von wannen alles Licht zur Erde kommt, und zu den Menschen, die eines guten Willens sind, kommen wird.
GEJ|3|196|21|0|Nun, erhabener und weiser Freund, habe ich dir uns so ganz aufgedeckt, wie wir sind, denken und fühlen; es ist nun an dir, so dir etwas Besseres bekannt ist, uns, so du es willst, damit bekannt zu machen! Was hättest denn du zum Beispiel für eine Ansicht über die Propheten und über den verheißenen Messias?“
GEJ|3|197|1|1|197. — Bekehrungsschwierigkeiten der Perser
GEJ|3|197|1|0|Sage Ich: „Habt ihr denn bis in euer Land nichts vernommen, wie da vor dreißig Jahren zu Bethlehem, der alten Stadt Davids, den Juden ein König von einer Jungfrau in einem Stalle geboren ward?
GEJ|3|197|2|0|Drei Weise aus euren Morgenlanden sahen einen Stern und befragten ihren Geist, was dieser ihnen fremde Stern bedeute. Und der Geist hieß sie folgen dem Sterne; der werde sie führen zum neugeborenen Könige der Juden, der auf Erden ein Reich gründen werde, dessen ewig kein Ende sein wird.
GEJ|3|197|3|0|Da nahmen die Weisen Gold, Weihrauch und Myrrhen, bestiegen ihre Lasttiere mit großem und glänzendem Gefolge und zogen dem Sterne nach, der nicht ruhte, bis die Geburtsstätte des Neugeborenen erreicht ward. Da forschten die drei dann nach dem Neugebornen und kamen bis zu Herodes, der ihnen auch keinen Bescheid geben konnte, sondern sie abermals nach Bethlehem beschied, allwo der wundersame Stern ruhte, und ihnen ein emsigstes Forschen empfahl mit der Bitte, ihm solches sobald zurückzumelden, auf daß auch er dann käme und dem Neugeborenen seine Ehrenbezeigung gäbe.
GEJ|3|197|4|0|Als die Weisen darauf erst den Neugeborenen fanden und ihm ihre Opfer darbrachten, so warnte sie alsbald darauf ein Geist aus den Himmeln, dem Herodes ihre Entdeckung zu verkünden, worauf sie dann eines andern Weges in ihr Land zurückzogen.
GEJ|3|197|5|0|Saget, ob und was ihr davon vernommen habt!“
GEJ|3|197|6|0|Sagt der Deputierte: „Ja, ja, du erinnerst uns an eine Sache, die in ganz Persien bis gen Indien hin vieles von sich reden machte; denn die drei Weisen, wie es deren an der Grenze von Indien mehrere gibt, haben damals die Sache sehr ruchbar gemacht, so daß solches sogar vor den König gekommen ist, der aber sich eben nicht viel daraus machte, weil er die Weisen kennt, wie diese stets geneigt sind, aus einer Mücke einen ganzen Elefanten zu machen! Derlei Dinge machen darum bei uns nie einen besonderen Eindruck, sowie nun auch höheren Orts alle Wunder der Zauberei allen Wert des Sonderbaren und Außerordentlichen verloren haben, weil man besseren Orts mehr als hinreichend über alle Arten der wunderlichen Zaubertaten bereits in der Kenntnis ist. Man sieht sich gut gewählte und gelungene Zauberkünste wohl noch an, wenn man bei guter Laune ist, und lacht dann dazu, wenn da manches Drollige zum Vorschein kommt, – aber, wie gesagt, bei uns sind dergleichen Zaubereien gänzlich ohne Wert.
GEJ|3|197|7|0|Nur reine, mit Zahlen erweisbare Wahrheit gilt bei uns etwas; alle andern gewissen wunderlichen Schwärmereien haben bei uns Besseren schon lange allen Wert verloren, und wir halten, offen gesagt, nichts mehr darauf! Es mögen hie und da auch ganz wahre Dinge darunter verborgen sein; aber diese stecken dann schon so in aller Mystik vergraben, daß sie keine menschliche Vernunft mehr als völlig rein an das untrügliche Tageslicht fördern kann, und du, erhabener Freund, wirst das selbst einsehen, daß es da vernünftiger ist, nur nach der reinen Wahrheit alle Sinne zu richten, als irgendeiner noch so großdichterischen Schwärmerei zu huldigen!“
GEJ|3|197|8|0|Sagt hier Cyrenius abseits zu Mir: „Herr, wie es mir vorkommt, so wird da für unsere Sache mit diesen an und für sich zwar sehr schätzbaren Menschen nichts zu machen sein; die stehen zu tief in ihrer Ziffernwahrheit und sind entschieden gegen alles, was wir Glauben zu nennen pflegen! Ebenso scheinen sie förmliche Feinde jedes wie immer gearteten Wunders zu sein, was von Dir stets im äußersten Falle als ein unwiderlegbarer Beweis für Deine vollste Göttlichkeit gebraucht wird.
GEJ|3|197|9|0|Mit einem Wunder wirst Du ihnen schon kaum beikommen dürfen, um sie nicht völlig unwillig zu machen, und mit anderen Beweisen als Erklärungen der auf Dich Bezug habenden Texte im Propheten Jesajas, und im David und Salomon wird man mit ihnen auch nichts ausrichten, weil die Propheten bei ihnen in einem schlechten Kredite stehen; und so weiß ich da im Ernste keinen dritten Ausweg mehr! Denn mittels der Ziffern läßt sich das doch nicht erweisen, daß Du der eigentliche Messias bist, und sonst scheinen sie unzugänglich zu sein!“
GEJ|3|197|10|0|Sage Ich abseits zum Cyrenius: „Laß das nur gut sein, das ist Meine Sorge! Hat man einen Mathael und den Obersten Floran zurechtgebracht, also wird man auch wohl diese zurechtbringen. Der Hartnäckigste aber war doch der Oberste Stahar, und er ist nun in der völligsten Ordnung, – um so eher und leichter werden diese ehrlichen Leute in eine rechte Ordnung gebracht werden!“
GEJ|3|197|11|0|Sagt Cyrenius: „Ich zweifle nicht, denn Dir allein sind ja alle Dinge möglich; aber für meine noch sehr menschlichen Begriffe ist die Sache durchaus nicht gar zu leicht ausführbar.“
GEJ|3|197|12|0|Sage Ich: „Allerdings, aber darum dennoch nicht unmöglich; nur muß man ihnen zuvor die Gelegenheit geben, daß sie sich völlig entäußern können. Erst nachher, wenn sie mit der Entäußerung ihres Inwendigen fertig und zu Ende sind, läßt sich eine neue Frucht in ihren gereinigten Herzensgarten legen!“
GEJ|3|197|13|0|Während Ich diese paar Wörtlein mit dem Cyrenius verkehrte (wechselte), raunten sich die Perser geheim in die Ohren, und unser Deputierter, der Schabbi hieß, sagte zu seinen Gefährten: „Mir kommt es immer mehr vor, als stünden wir auf glühenden Kohlen! Es muß die Messiasgeschichte hier sehr ruchbar sein. Die feinnäsigen Römer haben davon sicher etwas läuten hören und untersuchen nun wahrscheinlich schon alle Winkel des Judenreiches, um jenes Mannes irgend habhaft zu werden, der hier auf Erden zum offenbarsten Nachteile der Weltbeherrscher ein für ewig unzerstörbares, wie auch völlig unbesiegbares Reich gründen soll. Daher heißt es hier ganz entsetzlich klug sein, um sich bei den Römern nicht verfänglich zu machen!
GEJ|3|197|14|0|Der Mann, der nun ganz geheim mit dem Oberstatthalter geredet hat, ist offenbar ein ganz feiner, mit allen Salben gewaschener Examinator Roms! Wir dürften nur ein wenig an den kommenden Messias fest und umwandelbar glauben, so wären wir hier schon so gut wie geopfert! Daher heißt es hier, bei der Mathematik stereotyp stehenbleiben, mehr hören als reden, und wird wieder etwas vom Messias aufgezogen, so wissen wir unseres diesirdischen Heiles wegen, was wir für den äußern Schein wie aus einem Munde zu reden haben! Wir wissen für uns schon, was wir als Juden von den Propheten zu halten haben; aber diesen Schlauhelden brauchen wir es nicht an die Nase zu binden! Der Richter und Examinator ist in unserer Schrift von A bis Z bewandert über alle unsere Schriftgelehrten und möchte uns ein bißchen fangen; aber auch wir sind klug und weise, und es wird ihm nicht gelingen, trotzdem wir hier durch den wunderlichen Mann vom sichern Untergange gerettet worden sind. Daher bleiben wir nur bei unserer Mathematik fest stehen, und wir werden mit ganz heiler Haut von hier zu ziehen kommen! Aber der geringste Verschnapper dawider könnte uns in ein größtes Elend stürzen!“
GEJ|3|197|15|0|Die andern alle geben dem Schabbi recht und versprechen ihm, sich hier wie ein Mann zu halten und keine Silbe von allem, was sie bezüglich des Messias glauben, zu verraten.
GEJ|3|197|16|0|Nun trete aber Ich wieder unter sie und sage zum Deputierten: „Aber Schabbi, warum denket ihr denn arg in eurem Herzen wider Mich und wider die harmlosen Römer?!
GEJ|3|197|17|0|Glaubst du denn, daß es Mir entgangen ist, was du nun hier mit den Deinen geheim abgemacht hast? Ich sage es dir: nicht eine Silbe blieb Mir verborgen! Denn Derjenige, der es sah und wußte, als ihr in der großen Gefahr waret, ansonst Er euch keine Hilfe hätte können zukommen lassen, sieht auch hier in den Grund eures Herzens! Da Er es aber mit euch ganz aufrichtig und gut meint, warum wollet denn ihr Ihm kein Vertrauen schenken?“
GEJ|3|197|18|0|Sagt Schabbi: „Du bist wohl sehr klug und weise; aber wird uns solche deine Weisheit wohl etwas nützen? Gerade aufs Gehirn ist aber auch von uns keiner gefallen, und wir glauben, dich zu durchschauen! Die höchsten Römer an deiner Seite – –, nicht weit von hier lagern römische Soldaten, wahrscheinlich um irgendwo jemanden aufzugreifen, falls man denselben durch allerlei schlaue Fragen und Reden irgend eruierte (ermittelte)!? Aber bei uns braucht ihr ihn schon durchaus nicht zu suchen; denn da werdet ihr ewig nichts ausfindig machen!“
GEJ|3|197|19|0|Sagt abseits eben wieder Cyrenius zu Mir: „Ah, das ist doch sonderbar mit diesen Menschen! Nun kommt sogar eine eigenste Art von Verstellung zum Vorschein! Wer hätte solche bei diesen Menschen gesucht?! Nun aber sind sie erst recht vernagelt und verrammt, und das also, daß ihnen nun schon von keiner Seite beizukommen ist! Was nun mit diesen Leuten?! Sie machen sich von uns eine fixierte, grundfalsche Vorstellung, die sich bei ihnen leider derart ausgeprägt hat, daß wir ihr eigentlich gar nicht begegnen können. Es fragt sich nun sehr, was da zu machen sein wird!“
GEJ|3|197|20|0|Sage Ich: „Da wird noch recht viel zu machen sein; nun stehen sie dem Ziele schon um vieles näher denn vorher! Diese Vorsicht haben sie schon gleich anfangs ganz im stillen beobachtet, weil sie euch Römer hier erschauten! Denn bei ihnen hat sich seit einiger Zeit die arge Sage verbreitet: Im Judenlande sei im Ernste der Messias aufgestanden und täte große Zeichen, die Römer aber hätten so etwas in die Erfahrung gebracht und verfolgten nun diesen Messias auf das grausamste; denn sie hätten es nicht nur auf den Messias scharf abgesehen, sondern auch auf jeden, der nur eine Spur von einem Glauben an einen kommenden oder schon gekommenen Messias merken läßt. Und siehe, darin liegt der ganze Grund ihrer Verstellung, deren wir bald Meister werden!“
GEJ|3|198|1|1|198. — Schabbis Warnungsrede
GEJ|3|198|1|0|Cyrenius sieht nun wohl ein, wie man mit den Persern daran ist; aber er begreift es nicht, wie solch eine recht satanische Anschwärzung der Römer unter die persischen Juden hatte gelangen können, und wer dort solch einen scheußlichen Samen ausgestreut habe.
GEJ|3|198|2|0|Sage Ich: „Bin Ich denn dem Tempel als wirkend nicht schon bei neun Monden lang bekannt?! Dort gehe hin und erkundige dich! Von dort aus kommen alle die schlechten und falschen Berichte über Mich, über Mein Wirken und auch über euch Römer, da sie wissen, daß ihr nicht wider Mich seid! Johannes der Täufer lebte noch, wenn sich der Tempel nicht hinter die Mutter der schönen Herodias hätte zu stecken gewußt!
GEJ|3|198|3|0|Alles geht vom Tempel aus, und weithin über den Erdboden reichen dessen Arme; aber sie werden ihm bald sehr verkürzt werden! Siehe, so stehen nun die Dinge, und du wirst nun hoffentlich einsehen, wie es mit diesen Menschen nun zwar etwas schwer zu handeln ist, aber dennoch nicht vergeblich! Und sie müssen ins rechte Licht gebracht werden, ansonst es im Ernste schlecht wäre für Mich, Meine Lehre und für euch!
GEJ|3|198|4|0|Du wirst nun auch den eigentlichen Grund einzusehen anfangen, warum Ich so ganz eigentlich diese Perser vom Untergange auf dem Meere errettet habe. Wegen der Erhaltung ihres Leibeslebens allein hätte ich keinen Engel zu ihrer Rettung entsandt; aber da dieser Menschen rechte Aufklärung über Mich und über Meine Sache von größter Wichtigkeit ist, weil sie einen großen Einfluß auf ihr großes Land und auf ihr zahlreiches Volk ausüben, so mußte Ich ihr Leben retten, weil wir ohne sie kein wirksames Mittel hätten, die Perser von ihrem einmal aufgefaßten Wahne zu befreien.“
GEJ|3|198|5|0|Sagt Cyrenius: „Dir, o Herr, alles Lob allein; nun ist schon alles wieder gut, und ich bin nun über alles völlig im klaren! Verhandle Du mit ihnen nun nur gleichfort; denn ich sehe es nun schon ein, daß da ein sicherer Erfolg der besten Art zu erwarten ist und auch sein muß!“
GEJ|3|198|6|0|Während Ich aber abseits den Cyrenius zurechtbrachte, dachten die Perser ganz anders, und unser Schabbi sagte zu seinen Gefährten: „Sehet, wie die beiden Hohen sich dort ganz geheim besprechen, auf welche neue, pfiffigste Art sie uns etwa doch fangen könnten! Denn bis jetzt haben sie aus uns nichts herausgebracht; aber nun heißt es sich zehnfach ärger noch zusammennehmen! Bis jetzt versuchten sie uns nur durchs Kleingeschoß, nun werden sie höchstwahrscheinliche mit den mauerbrechenden Widdern [Rammböcke = Kriegsmaschinen der Antike.] anfangen; und halten wir uns nicht ungeheuer fest, so werden wir wie ein leichtes Schilfrohr zusammengestoßen werden! Darum sei ja ein jeder von uns auf der möglichsten Hut! Denn diese sollen unsern innersten Glauben durchaus nie aus uns wie einen Eimer Wassers aus irgendeiner Zisterne hervorholen! Es hatte der Examinator mir vorher dadurch eine Angst einjagen wollen, daß er behauptete, unsere innersten Gedanken alle genauest zu kennen, und das ebensogut, als er vordem unsere Not auf dem Wasser gesehen und erkannt hätte. Ich aber dachte mir heimlich: ,Oho, du schlauer Fuchs! Bei diesem Loche möchtest du also hinaus?! Oh, nichts da, mein schnöder Freund!‘ Er sah es aber bald ein, daß er mich mit diesem Griffe durchaus nicht fangen könne, daher ging er darauf sogleich zum Oberstatthalter und hat sich nun sicher mit selbem besprochen, welche Falle uns nun zu legen wäre, um uns sicher zu fangen; aber wir werden positiv und negativ mit keiner Falle irgend zu fangen sein! Auf der Lauer aber müssen wir stehen wie Kraniche in ihren Sümpfen, – sonst sind wir verloren!“
GEJ|3|198|7|0|Sagt einer aus ihnen: „Wie weiß er denn deinen Namen? Von uns hat er ihn nicht erfahren können!“
GEJ|3|198|8|0|Sagt Schabbi: „Das ist zwar ein wenig sonderbar scheinend, aber es muß uns gar nicht beirren; denn die Wege und Mittel, die solche mit allen Salben gewaschenen Menschen besitzen, um irgend ganz geheime Dinge von andern Menschen zu wissen und zu erfahren, sind unzählbar. Man muß sich darum bei derlei Erscheinungen nicht gar zu leichten Kaufes über den Daumen drehen lassen.
GEJ|3|198|9|0|Allwissend ist nur Gott allein – und ein Mensch nur dann, wenn er vom Geiste Gottes berufen wird, den andern Menschen Dinge zu offenbaren, die eines natürlichen Menschen Sinn nie hätte erforschen können. Allein ein solcher von Gott aus begeisterter Mensch kommt nur selten in diese arge, selbstsüchtige Welt – und unter die finstersten Heiden, die voll Herrsch- und Selbstsucht sind, schon gar nie.
GEJ|3|198|10|0|Aber diese Menschen, die mit aller Welt und deren Weisen in allerlei Verbindungen stehen, sind ganz durch und durch gehetzte schlaue Füchse und verstehen sich gar vortrefflich darauf, den Menschen ihre Geheimnisse herauszulocken! Güte, Strenge, Großmut, Geduld, sogar Einweihung in ihre Geheimnisse, um beim Examinierten ein volles Zutrauen zu erwecken und ihn weichzüngig zu machen, und dergleichen Kniffe noch eine Menge werden im Notfalle in die Anwendung gebracht, um hinter die oft sogar verborgensten Geheimnisse der Menschen zu gelangen. Sind diese jeden erbarmenden Gefühls baren Heiden aber einmal im erwiesenen Besitze von ihren herrschsüchtigen Plänen nur scheinbar zuwiderlaufenden Geheimnissen, dann wehe dem, der sich an diese Unmenschen verraten hat! Sie sind schlau und böse und können nur wieder durch eine enorme Gegenschlauheit im Zaume gehalten werden! Sie können sich zwar hinter große Geheimnisse durch allerlei verborgene Wege hineinschmuggeln, – aber in die Geheimnisse der Herzen nie, wenn der Examinierte sie beharrlich zu verdecken versteht!
GEJ|3|198|11|0|Freunde, wir stehen nun hier vor den unerbittlichsten Richtern! Das fragliche und bei den Heiden verhaßteste Thema ist der Messias, der nun schon im Ernste aufgetreten ist, wie wir davon von allen Seiten die untrüglichsten Versicherungen erhalten haben. In Galiläa soll Er Sich irgendwo verborgen aufhalten, bis Seine rechte, wohlberechnete Zeit kommen werde. Die Heiden machen darum Jagd auf Ihn, und todbringend ist schon der Glaube an die Möglichkeit des Erscheinens des großen Retters der Juden aus den harten und scharfen Tigerklauen der Heiden! Ihr wisset nun, welch ein Boden uns hier trägt, und werdet darum auch wissen, was da zu tun sei!“
GEJ|3|199|1|1|199. — Zwiegespräch zwischen den zwei Abgesandten
GEJ|3|199|1|0|Sagt der andere: „Du bist zwar stets die Vorsicht selbst, und die Vorsicht ist der Weisheit Mutter; aber hier scheinst du sie nicht auf dem rechten Platze anzuwenden! Denn ein bißchen Menschenkenntnis haben wir auch, und je länger wir den Examinator betrachten, desto mehr schwindet jeder Gedanke, als könnte hinter ihm auch nur ein falscher Funke stecken! Ich, dein Mitdeputierter, habe früher meine Ohren ein wenig gespitzt und vernahm so manches von der geheimen Besprechung des Examinators mit dem Cyrenius, und diese bestand nur in einer kleinen Besorgnis über die Möglichkeit, uns von unserem Wahne zu heilen! Wir seien auf indirekten Wegen boshafterweise vom Tempel aus über den Messias und über die Römer ganz grundfalsch berichtet (unterrichtet) worden, hätten darum nun eine blinde Furcht vor ihnen und verbürgen darum unsern ganz rechten und guten Glauben!
GEJ|3|199|2|0|Als wir hierhergereist sind, hatten wir ja doch so manche Gelegenheit, die überall seienden Römer zu beobachten, und wir konnten trotz allen unseren noch so schlauen Erkundigungen nirgends etwas in eine Erfahrung bringen, aus der da abzunehmen gewesen wäre, daß die Römer im Ernste gar so grausam wären; im Gegenteil sprach sich für sie immer und allenthalben ganz ungezwungen und freudig die beste Meinung von der Welt aus. Du freilich sagtest immer: ,Wenn sie grausam bei dieser Gelegenheit wären, so würden sie das vorderhand vor den Augen der Welt gar wohl zu verbergen wissen, um nicht vor der Zeit Unruhen im Volke heraufzubeschwören!‘ Aber dieser Meinung bin ich nicht; denn ein jeder Mensch gehört denn doch immer irgendeiner Familie an, und diese müßte seinen Abgang denn doch wohl merken und endlich nachzuforschen anfangen, wohin das teure Familienglied gekommen ist! Aber es ist bis jetzt von so etwas noch nirgends eine Spur gewesen, und so glaube ich denn hier doch, daß deine sonst sehr lobenswerte Vorsicht ein wenig zu weit geht, besonders gegenüber dem gar offen und treuherzig aussehenden Examinator!
GEJ|3|199|3|0|Ich merke aber hier nun ganz etwas anderes, und das etwas ganz Außerordentlichstes, und es wundert mich sehr, daß so etwas deinem Scharfblick gänzlich hat entgehen können!“
GEJ|3|199|4|0|Sagt Schabbi: „Nun, was denn?! Ich müßte doch auch etwas bemerkt haben; denn meinen Augen entgeht sonst nicht leichtlich etwas, und mein Gefühl ist so fein wie ein Morgenhauch. Das sollte mich wundern, daß du hier etwas entdeckt haben solltest, das meinen Augen entgangen wäre!“
GEJ|3|199|5|0|Sagt der zweite Deputierte, der Jurah hieß: „Und doch! Merktest du nicht, was der Examinator dadurch so hingeworfen andeuten wollte, als er uns des Elias Erscheinungen in der Höhle so hübsch handgreiflich – als auf ihn selbst Bezug habend – erläuterte?“
GEJ|3|199|6|0|Sagt Schabbi: „Und was soll er damit haben andeuten wollen?“
GEJ|3|199|7|0|Sagt Jurah: „Nichts anderes, als daß eben er selbst der verheißene Messias sei, vor dessen Macht alle Herrscher der Erde sich zu beugen haben! Siehe, das habe ich herausgefunden, was deiner großen Vorsicht so ganz rein entgangen ist! Auch vernahm mein sehr gespitztes Ohr, wie da kurz vorher der Oberstatthalter deinen Examinator seinen ,Herrn‘ nannte! Etwas Unerhörtes von einem römischen Oberfeldherrn! Und sieh, das sind lauter Dinge, über die man aus lauter übertriebener Vorsicht doch auch nicht gar zu leichten Trittes hinwegeilen sollte! Was dann aber, so dieser seltene Mann möglicherweise denn doch der verheißene Messias wäre?!“
GEJ|3|199|8|0|Sagt Schabbi: „Nun, so könnte er mit meiner wohlbegründeten Sorge nur im hohen Grade zufrieden sein; denn meine Vorsicht geht ja eben dahinaus, das Heiligtum unserer Gotteslehre vor dem Geifer der Heiden zu wahren! Es mag an deiner Wahrnehmung allerdings schon etwas sein; aber wir dürfen ohne die schärfste, geheime Prüfung ja nicht von fernehin irgend etwas annehmen, – außer wir werden durch die handgreiflichsten Beweise dazu ordentlich genötigt. Denn es könnte dennoch alles das von dir Wahrgenommene eine feinste Maske sein, und wir ständen dann auch ganz leicht möglich auf dem von mir befürchteten Platze! Darum nur sachte, mein Freund! Solche Dinge, so sie wahr sind, nimmt der Mensch noch immer früh genug an; denn eine zu voreilige Annahme könnte einen in große Verlegenheit stürzen!“
GEJ|3|200|1|1|200. — Vom voreiligen Vertrauen
GEJ|3|200|1|0|Nun komme Ich abermals zu den Persern und sage, Mich hauptsächlich an den Schabbi wendend: „Nun, was habt ihr unterdessen ausgemacht? Hältst du Mich noch für einen schlauen Fuchs, der Ich nur darauf hinausginge, euch alle wegen des von den Römern gefürchteten Messias der Juden als strafbar in die unerbittlichen Hände der nunmaligen Weltbeherrscher zu liefern? Sehe Ich denn im Ernste solch einem verworfenen Verräter ähnlich?“
GEJ|3|200|2|0|Sagt Schabbi, ein wenig verlegen: „Guter, erhabener Freund! Das Gesicht ist wohl zumeist ein Spiegel der Seele, – aber nicht immer! Ich habe einen Menschen gekannt, dessen Äußeres vollkommen einem allersanftesten und treuherzigsten Engel also glich wie ein gesunder Augapfel dem andern, und doch war das nur eine natürliche Maske, da eben der erwähnte Mensch seinem Gemüte nach ein vollendeter Satan in OPTIMA FORMA [im höchsten Grade.] war! Dieser Mensch war wegen seiner schönen und sanften Gestalt sogar ein Günstling des Hofes und war auch in allen erdenklichen Künsten und Wissenschaften aufgeklärt wie ein schönster Frühlingsmorgen; aber sein Gemüt war schwärzer und finsterer als der erdichtete Styx [Styx = in der griechischen sage Fluß der Unterwelt.] der Heiden! Wehe jedem, der sich ihm je freundlich genähert hatte! Verloren war ein jeder! Das Weibervolk lief ihm wie besessen nach, obschon ihm jedes Weib, das sich ihm genaht hatte, so sicher als ein Schlachtopfer verfiel, als ein Regentropfen, den die Wolke nicht mehr halten kann, auf die Erde niederfällt! Aber er war stets der unschuldigste, sanfteste und reinste Mensch! Überall bewirkten alles nur unvorhergesehene Umstände; merkwürdig war es nur, daß die unglücklichen Umstände ihm selbst nie an den Leib konnten. Er kam überall mit ganz heiler Haut davon; nur die sich ihm genaht hatten, bekamen stets die schwerste Last auf Leben und Tod von den bösen Umständen zu verkosten! Oh, für seinen König war er der getreueste Diener, aber für jeden Untergebenen ein ganz wunderlieblicher Teufel!
GEJ|3|200|3|0|In der Königsstadt hatte ein reicher Grieche, der sich aber zu unserem Glauben bekehren ließ, ein junges, wunderschönes und gar enorm liebliches Weib, das ihrem Manne so treu ergeben war wie diese meine rechte Hand meinem Leibe und dem Willen meines Herzens. Es dauerte aber gar nicht lange, daß der anmutige Satan von einem Menschen Kunde von dem schönen Weibe erhielt und alsbald seine Wege danach einrichtete, auf denen er vom Weibe bemerkt wurde. Der Zufall wollte, daß der Grieche einmal mit einem echten Perser von Geburt und Sitte wegen einer verweigerten Rückzahlung einer ganz bedeutenden und vollrechtlichen Schuld, die der Perser bei unserem Griechen gemacht hatte, in widerliche Klagehändel geriet. Der Perser hatte seine gleichgesitteten Landsleute zu seinen Schiedsrichtern, und so konnte unser Grieche kein Recht über den treulosen und wortbrüchigen Perser erlangen. Da sagte einmal das Weib, das wohl wußte, daß jener schöne Höfling seine Augen schon öfter auf sie hatte fallen lassen: ,Wie wäre es denn, so wir etwa durch den schönen Höfling beim Könige für unser gutes Recht einen Schutz erwirkt fänden?‘ Der Grieche sagte: ,Ja, ich weiß es, daß er dir oft nachsieht mit sehr begehrlichen Augen, und es möchte ein Wort von dir oder mir viel vermögen, und steckte dahinter auch nichts als Entgelt denn eine total blinde Hoffnung; aber man hört von diesem schönen Höfling durchaus nichts Gutes! Ja, es wäre sogar besser, unter seiner Feindschaft als Freundschaft zu stehen! Wer sich mit ihm in einen noch so freundlichen Verkehr eingelassen hatte, kam ohne weiteres in ein großes Unglück! Mir scheint darum der Verlust unserer Forderung ein kleineres Übel zwischen den zweien zu sein, und wir werden besser tun, das erstere und kleinere Gott dem Herrn zum Opfer zu bringen.‘
GEJ|3|200|4|0|Damit war auch das schöne, junge Weib ganz einverstanden. Aber kurze Zeit darauf kam unser Höfling selbst ins Haus zu unserem Griechen, um sich da etwas anzukaufen; denn unser Grieche ist Juwelenhändler und Fasser der Edelsteine in Gold und Silber. Er tat da gar freundlich und zärtlich und flößte dem Griechen Vertrauen ein, obwohl nun das Weib ganz gut bemerkte, daß es ihr unwillkürlich bange vor diesem gar liebfreundlichen und sonst höchst großartig splendiden und äußerst freigebigen Menschen war; denn es sei ihr noch nie vorgekommen, daß ein Mensch den ersten ausgesprochenen Preis für ein Juwel, ohne etwas vom selben herabzuhandeln, sogleich ausbezahlt hätte. Da stecke etwas anderes dahinter!
GEJ|3|200|5|0|Der Grieche, darob ganz guter Dinge, sagte: ,Ah, dieser Mensch muß bloß wegen seiner Schönheit und Bescheidenheit und wegen seines Glückes bei Hofe eine Menge Neider haben, die ihn als ein scheußlich Wesen ruchbar und dem Hofe verdächtig zu machen suchen; er spricht doch so nüchtern und weise wie ein Prophet! Wahrlich, hinter diesem Menschen kann kein Arges stecken!‘ Es währte nicht lange, und unser Höfling kam wieder zu unserem Griechen und kaufte einen großen Diamanten, in Gold gefaßt, für seinen Turban, den ihm der König gegeben hatte. Der Preis des Diamanten war hundert Pfunde Goldes, die der Höfling auch sogleich erlegen wollte; denn er hatte stets ein großes Gefolge, das ihm die nötigen Schätze nachzutragen hatte. Aber der Grieche sagte zu ihm: ,Schönster, weisester und höchst erhabener Freund, verhilf du mir zu meinem Bargelde, das ich von dem N.N. [N.N. = nomen nescio = den Namen weiß ich nicht.] zu fordern habe, – und diese kostbare Agraffe ist bezahlt! Dein Wort vermag alles beim großen Könige; ich werde dir dankbar sein!‘
GEJ|3|200|6|0|Da sagte der Höfling: ,Morgen soll dir dein gutes Recht tatsächlich werden; dessenungeachtet aber nimm du hier das Gold für dein Juwel! Aber da ich dir ohne alles Interesse einen großen Dienst erweise, verlange ich von dir nur einen kleinen Gegendienst. In sieben Tagen veranstalte ich als am Geburtstage des großen Königs ein großes Fest im großen Paradiesgarten, und ich lade dich zu diesem Feste ein, und du erscheinst mit deinem Weibe in wohlgeschmückter Kleidung; ich werde dich da dem großen König vorstellen und dich samt deinem Weibe bringen an des Königs Tafel, allwo du und dein Weib euch dann eine Menge Gnaden erbitten könnt!‘
GEJ|3|200|7|0|Dem Griechen war das sehr recht, da er schon lange gerne Hofjuwelier geworden wäre. Doch das Weib bemerkte: ,Wir können nun die Sache nicht mehr ändern; aber es wird da sehr wenig Gutes herausschauen, weder für dich und noch weniger für mich! Dieser Mensch hat üble Absichten auf mich; und dir kann es geschehen, daß du an meiner Seite geopfert wirst! Am besten wäre es, wir packten alles zusammen und flöhen mit Windesflügeln von dannen, bevor der unglücksschwangere siebente Tag herankommen wird!‘
GEJ|3|200|8|0|Der Grieche aber sagte: ,Liebes Weib, Vorsicht ist gut; aber ein zu großes Mißtrauen gegen Menschen hegen, die einem noch nie irgendeinen tätlichen Anlaß dazu gaben, und von denen man auch nichts anderes weiß, als was da böse Zungen über sie erfunden und arg ausgebrütet haben – eine Sache, die einem Ehrenmanne zunächst begegnen kann –, ist ebenso unklug als ein verwerflicher Leichtsinn!‘ Das zarte Weib begnügte sich mit dieser recht vernunftvollen Zurechtweisung. Am nächsten Tage mußte der schuldige Perser dem Griechen den letzten Stater bezahlen.
GEJ|3|200|9|0|Der verhängnisvolle siebente Tag kam wie ein eisernes Schicksal herbei, und man begab sich festlichst geschmückt ins Paradies des Königs. Da war alles Flamme und Licht; von allen Seiten strahlten Gold und Edelsteine ärger denn die hellsten Sterne vom nächtlichen Himmel, und Musik und Gesang durchschwirrten die dichten Laubengänge des großen Gartens. Die beiden durften aber nicht lange harren, als sie von unserem Höfling entdeckt und sogleich im großen Gartentempel dem Könige vorgeführt und vom selben freundlich aufgenommen wurden. In der Mitte des großen Säulentempels waren Tische und seidene Polster in großer Menge und unsäglicher Pracht angebracht, und auf den Tischen standen große Goldschüsseln voll der besten Speisen, und in großen Kristallbechern blinkte köstlichster Wein und noch eine Menge anderer gewürzhafter Getränke.
GEJ|3|200|10|0|Unser Grieche mußte an einem Tische neben dem großen Königstische Platz nehmen; aber sein schönes Weib ward an den Königstisch gezogen. Man aß und trank eine Zeitlang ganz gemütlich. Unser Grieche aber fing an, sich bald sehr unwohl zu fühlen; denn er bekam einen Trank, der mit Gift gemengt war, und mußte in sein Haus geschafft werden. Das Weib aber ward in des Königs Gemächer gebracht und mußte alldort alles auf Leben und Tod mit sich machen lassen, so lange, bis man ihrer satt ward. Der Grieche starb zwar an dem Gifte nicht, blieb aber ein lahmer Mensch bis zur Stunde; und wie aussehend und zugerichtet aber das arme Weib erst nach sieben Tagen nach Hause kam, kann sich ein jeder leicht denken!
GEJ|3|200|11|0|Das war die Frucht eines zu vorschnellen Zutrauens zu einem Menschen, dessen Äußeres jedermann alles Vertrauen einflößte, während sein Herz von einer ganzen Rotte der ärgsten Teufel bewohnt war. Die beiden aber, die das erlebt haben vor einer nicht gar zu langen Zeit, sitzen ihrer Schwäche halber dort etwas seitwärts und können das, was ich nun erzählt habe, mit ihrer höchst eigenen Zunge bestätigen! Freund, wenn man solche Dinge erlebt hat, dann weiß man etwa wohl, warum man vorsichtig ist!“
GEJ|3|201|1|1|201. — Der Unterschied zwischen dem Herrn und den Magiern
GEJ|3|201|1|0|Sage Ich: „Gehe hin und führe Mir die beiden vor!“ – Schabbi geht und bringt die beiden zu Mir.
GEJ|3|201|2|0|Ich aber frage sie, ob sie es wünschten, wieder vollkommen gesund und stark zu werden.
GEJ|3|201|3|0|Sagen beide: „Ja, Herr, wenn dies möglich wäre! Aber mich hat das sonderbare Gift ganz lahm in allen meinen Gliedern gemacht, und nur mühsam kann ich mich fortschleppen; und da siehe diese arme, kleinzerknickte Blume von einem Weibe an, – sie ist verdorben am Leibe für ihr ganzes Leben! O Jehova, warum mußte denn gerade uns so etwas Entsetzliches begegnen?!“
GEJ|3|201|4|0|Sage Ich: „Ich aber will, daß ihr beide wieder so gesund und heiter sein und aussehen sollet wie damals, als ihr euch geehelicht habt!“
GEJ|3|201|5|0|Als Ich solches ausgesprochen, durchfuhr die beiden etwas wie eine Flamme, und sie waren sogleich so gesund und stark, als hätte ihnen nie etwas gefehlt, auch ihre Gestalt war also und noch blühender aussehend als am Hochzeitstage. Sie fingen an, über alle die Maßen zu staunen, denn so etwas war in Persien noch nicht erlebt worden.
GEJ|3|201|6|0|Auch Schabbi fängt an, stets größere Augen zu machen, und traut nahe seinen Sinnen nicht; aber der Jurah stupft ihn und sagt zu ihm etwas heimlich: „Du, ich glaube, daß wir uns schon gerade am rechten Platze befinden, und wir werden von Dem, den du gar so vorsichtig verleugnen willst, nicht gar zu ferne sein! Ich sage es dir, Dieser – oder in Ewigkeit keiner mehr! Nun urteile du nach deinem Sinne darüber!“
GEJ|3|201|7|0|Sagt Schabbi: „Ja, du könntest den Pfeil nicht sehr ferne vom Ziele abgeschossen haben! Diese plötzliche Heilung der beiden bloß durchs Wort, das ist mehr, als was alle menschliche Weisheit fassen kann! Nun wird mir auch unsere Rettung etwas klarer. Ein Mensch, in dessen Willen eine solche Kraft besteht, daß derselben gar die rohe Materie sich fügen muß, muß höher stehen als alle anderen Menschen der Erde; in ihm muß eine Fülle der göttlichen Kraft wohnen, und seine Seele muß der lebenskräftigste Abdruck des göttlichen Willens sein, – oder sie ist die Gottheit selbst! Ich bin mit meiner Vorsicht vielleicht wohl etwas zu weit gegangen, aber versündigt kann ich mich dadurch doch unmöglich haben; denn ich wollte das Göttliche, das den Heiden wohl doch ein Greuel sein könnte, dadurch wahren und es nicht von solchen Unmenschen vergeifern lassen, was da weder uns noch der erhabensten Glaubenssache etwas genützt hätte!
GEJ|3|201|8|0|Aber wie es hier scheint, so sind die Heiden denn doch gar so bitter nicht, als wie sie uns in Persien vorgemalt worden sind. Es ist denn doch kaum anzunehmen, daß der zwar unendlich stolze Oberstatthalter Cyrenius nicht wissen sollte, was da hinter dem Wundertäter stecke!? Weiß er's aber und heißt ihn einen Herrn, so wird er dazu wohl seinen triftigsten Grund haben! Denn gegen die Macht solch eines Willens dürften wohl alle Waffen Roms zu kurz und zu schwach sein!
GEJ|3|201|9|0|Das war keine Zauberei und keine Wunderheilung nach der Art unserer Magier und Priester, die kerngesunde Menschen mittels Geld und anderen vorteilhaften Verheißungen dahin bestimmen, sich taub, lahm und blind zu stellen, also zu einem Götzen in einen schmutzigen Tempel zu wallfahrten und dann dort auf ein verabredetes Zeichen sehend, hörend und baumgerade zu werden. Dadurch werden eine Menge Schwachsinniger breitgeschlagen, und kommen dann wirklich Lahme, Blinde und Taube und bitten und opfern, so wird es dennoch keinem besser. Da heißt es dann immer: ,Euer Glaube ist zu schwach, und euer zu geringes Opfer dem Gotte nicht wohlgefällig!‘ Ja, du weißt es, daß unsere Magier sogar die toten Kinder reicher Eltern wieder ins Leben zurückbringen, aber wir wissen es schon lange, wie, und wissen auch, daß solche vom Tode erweckten Kinder keine Blutsverwandten sind. Dieser da wird sicher auch wenigstens die Scheintoten wieder ins Leben zu rufen vermögen!“
GEJ|3|201|10|0|Trete Ich hinzu und sage: „Ja, das vermag Er ohne Opfer, Öl und Kräutersaft! Sehet da hinab ans Ufer; soeben haben die beiden Söhne unseres Wirtes drei Ertrunkene, einen Mann und zwei Mägdlein, aus dem Wasser geholt!
GEJ|3|201|11|0|Es ist ein armer Vater mit seinen beiden Töchtern, ein armer Jude. Sein Weib hat sich durch einen Baum, der im Wasser lag, das nackte Leben gerettet; aber ihr Mann und die beiden Töchter, die alle der in der größten Gefahr schwebenden Mutter zu Hilfe eilten, wurden von der stets mächtiger werdenden Flut ins Meer gespült und ertranken in den wogenden Fluten. Des Meeres Fluten aber warfen sie als vollkommen tot ans Ufer, und unseres Wirtes beide kräftige Söhne fanden sie nun tot liegend und haben sie soeben hier gleich unten ans Land gesetzt.
GEJ|3|201|12|0|Ich aber will auch, daß das verunglückte Weib hier sei, das sich noch weinend, zitternd und um Hilfe rufend an dem Baume befindet.
GEJ|3|201|13|0|Dazu werde Ich abermals Meinen Lotsen verwenden; darauf erst sollet ihr Gottes Herrlichkeit schauen und glauben Dem, der euch alle errettet hat!“ Hier berufe Ich den Raphael und gebe ihm bloß einen Wink, den er versteht, und in kaum einer Minute Zeit bringt er auch schon das wehklagende Weib zu Mir auf den Hügel, das sich vorderhand gar nicht trösten läßt.
GEJ|3|201|14|0|Ich aber rühre das Weib an und sage: „Sei doch ruhig, Weib, und glaube und vertraue; denn bei Gott sind alle Dinge möglich!“
GEJ|3|201|15|0|Darauf ward das Weib ruhiger, sagte aber: „Wohl weiß ich, daß bei Gott alle Dinge möglich sind; aber ich weiß auch, daß ich als eine Sünderin der Gnaden von Gott nicht würdig bin! Oh, welch ein reinstes Herz muß ein Mensch haben, um einer geringsten Gnade, von Gott ausgehend, würdig zu sein! Diese Gnadentür aber ist vor mir schon lange verschlossen. Gott wird mich nun in meiner Not sicher auch wenig beachten, da ich in meinem Glücke Ihn sicher zu wenig beachtet habe. Gott aber erwies mir ja dadurch schon eine rechte Gnade, daß Er mich züchtigte!“
GEJ|3|201|16|0|Sage Ich: „Wie wäre es denn, so Ich dir deinen Mann und deine beiden Töchter wiedergäbe?!“
GEJ|3|201|17|0|Sagt das Weib: „Am jüngsten Tage wird sie mir nur Gott wiedergeben können; denn diese liegen in der Flut begraben und sind tot! Die Toten könntest du mir wohl wiedergeben, so sie irgend von des Markus Söhnen aus dem Meere herausgezogen worden sind, – aber lebend nimmer wieder; denn sie müssen schon seit ein paar Stunden vollkommen tot sein!“
GEJ|3|201|18|0|Sage Ich darauf zu dem Engel: „Schaffe hierher die drei Leichen!“ Und der Engel schafft sogleich die drei auf den Hügel und legt sie zu Meinen Füßen.
GEJ|3|201|19|0|Das Weib erkennt sogleich in den drei Leichen ihren Mann und die beiden Töchter und fängt auch sogleich an, bitterlich zu weinen.
GEJ|3|201|20|0|Ich aber sage: „Weib, sei doch ruhig; denn du siehst es ja, daß sie hier nur schlafen!“
GEJ|3|201|21|0|Sagt das Weib: „Ja, sie schlafen den ewigen Schlaf, aus dem noch nie ein Mensch erwacht ist!“
GEJ|3|201|22|0|Sage Ich: „Weib, du irrst dich; es gibt keinen ewigen Schlaf, wie du ihn meinst, da du keinen vollen Glauben an ein jenseitiges Leben hast! Diese drei aber werde Ich erwecken, auf daß du und viele andere stärker werden möget im Glauben und Vertrauen auf den lebendigen Namen Gottes.“
GEJ|3|201|23|0|Darauf sage Ich laut zu den Leichen: „Erhebet euch und stehet auf vom Totenschlafe!“
GEJ|3|201|24|0|Sogleich fingen die drei Leichen an, sich zu rühren, und richteten sich bald ganz erstaunt auf. Mit weitgeöffneten, hellen Augen sahen sie um sich her; denn sie wußten nicht, was mit ihnen vorgegangen war, und wo sie nun waren.
GEJ|3|201|25|0|Ich aber sage nun zum Weibe: „Gehe hin und erkläre ihnen, wo sie sich nun befinden, und was mit ihnen geschehen ist! Wenn ihr euch werdet gefaßt und erkannt haben, so werden wir Näheres darüber reden!“
GEJ|3|201|26|0|Das Weib aber fällt vor Mir auf die Erde und kann vor Verwunderung kein Wort über ihre Lippen bringen. Nach einer Weile konnte das Weib sich erst völlig aufrichten und fing an, Mich über alle Maßen zu loben und zu preisen; denn sie überzeugte sich nach und nach immer mehr, daß ihr Mann und die beiden Töchter vollauf lebten und ganz gesund und vergnügt aussahen.
GEJ|3|201|27|0|Ich aber wies sie abermals zu den Erweckten hin, um sich mit ihnen zu verständigen und erkennenzugeben, daß sie des Mannes gerettetes Weib sei und die rechte Mutter der beiden Töchter. Darauf ging das Weib, etliche Schritte machend, hin zu den Erweckten; denn so jemand von Mir geheilt oder erweckt ward, entfernte Ich Mich, aus Mir allein bekannten Gründen, einige Schritte von dem Geheilten oder Erweckten.
GEJ|3|201|28|0|Bei den Erweckten anlangend, gab sie sich sogleich zu erkennen und ward unter großem und überfröhlichem Staunen von den Erweckten sogleich erkannt und auf das wärmste begrüßt.
GEJ|3|201|29|0|Ich aber verbot nebstbei dem Weibe, Mich sogleich als den Retter und Erwecker den nun schon beim vollsten Bewußtsein Seienden zu verraten, weil solches nicht tauge für ein neu erwecktes Leben; erst nachdem sie von Mir einen Wink erhalten würde, könnte sie Mich dann schon verraten, – was das Weib aber auch beachtete, trotzdem der Mann sie inständigst bat, ihm den wundertätigen Wohltäter zu zeigen.
GEJ|3|202|1|1|202. — Die Wirkung der Taten des Herrn auf die Perserjuden
GEJ|3|202|1|0|Diese Begebenheit aber machte auf unsere Perser erst den rechten Eindruck. Jetzt war es völlig aus, und unser Schabbi sah bald Mich, bald wieder die Erweckten an, befühlte ihre Pulsadern und befragte sie emsigst, ob sie denn wohl so ganz bestimmt tot gewesen wären, und ob sie denn durchaus nicht irgend sich erinnern könnten, was da mit ihnen vorgegangen sei!
GEJ|3|202|2|0|Der Mann aber sagte: „Frage du diesen Stein, und er wird dir darüber ganz dasselbe zu sagen imstande sein als ich nun! Ich weiß nun nur so viel, daß ein mächtiger Wasserstrom mich ins Meer mit sich fortriß und mich aber auch sogleich derart bewußtlos und folglich tot machte, daß ich von diesem Augenblick an nichts von mir weiß, was dann mit mir vorgefallen ist. Nur so viel erinnere ich mich – in der Seele aber nur –, daß ich mich bald nach dem Verschlungensein von den tödlichen Fluten mit meinen Töchtern ganz traurig auf einer großen Wiese befand und nicht wußte, warum ich denn so ganz eigentlich traurig war. Bald aber überstieg uns ein lichtes Gewölk von allen Seiten, und es ward mir so wonnig in diesem Lichte! Wir sahen aber niemand außer uns, und es bemächtigte sich unser in dieser Wonne ein süßer Schlaf, und aus diesem Schlafe erwachen wir hier wieder. Nun weißt du alles, was ich dir zu sagen weiß; – urteile nun selbst!
GEJ|3|202|3|0|Daß mein Leib tot war, das wird sicher ebensowenig einem Zweifel unterliegen, als daß ich nun lebe! Denn steige du in des Meeres Tiefe, bleibe über zwei volle Stunden unter dem Wasser, und ich stehe dir dafür, daß du dem Leibe nach vollkommen tot sein wirst!“
GEJ|3|202|4|0|Spricht Schabbi: „Ja, ja, du warst vollkommen tot, und der Wundermann hat dich erweckt, bloß nur durch sein allmächtiges Wort! Nein, nein, so etwas hat diese Erde noch nicht erlebt! – Aber was nun?!“
GEJ|3|202|5|0|Beruft Jurah den Schabbi und sagt zu ihm: „Nun, Freund Schabbi, was sagst du jetzt zu dieser Begebenheit?“
GEJ|3|202|6|0|Sagt Schabbi: „Was soll, was kann man dazu sagen?! Da wirkt Jehovas Macht und nichts anderes! Denn das geht zu endlos weit über jeden Horizont menschlicher Erfahrungen, und kein Wissen hat noch je diese entsetzliche Höhe erklommen. Jetzt werde ich erst so recht verwirrt!“
GEJ|3|202|7|0|Sage Ich zum Schabbi: „Nun, Freund, wie sieht es nun bei dir mit jener Messiasgeschichte aus, die vor dreißig Jahren in euren Landen die bekannten Morgenlandsweisen ruchbar gemacht haben? Hältst du das auch noch für ein Astrologenmärchen?
GEJ|3|202|8|0|Denn sieh, derselbe Mensch, der damals zu Bethlehem von einer zarten Jungfrau in einem Schafstalle geboren ward und dem die drei Weisen, die von euch Sternenkönige genannt werden, Gold, Weihrauch und Myrrhen zum Geschenke brachten, bin Ich, – damals ein neugeborenes Kind und nun ein vollkräftiger Mann! Wie gefällt dir das sonderbare Zusammentreffen der Umstände, und wie dünkt dich die Sache?
GEJ|3|202|9|0|Daß Ich aber ganz bestimmt Derselbe bin, dafür stehen hier zwei noch ganz gut lebende Zeugen; der eine ist der Feldoberste Kornelius, ein jüngster Bruder des Kaisers Augustus, und der andere ist der Oberstatthalter Cyrenius, der Meine Flucht nach Ägypten geleitet und befördert (gefördert) hat und ein älterer Bruder des Kaisers Augustus ist! Wenn du nun solches weißt, so sage Mir nun, was du von dem Messias hältst, den die drei Sternenkönige bei euch ruchbar gemacht haben! Ist etwas an Ihm, oder ist nichts an Ihm?“
GEJ|3|202|10|0|Sagt Schabbi: „Ja, jetzt ist alles an ihm; aber damals klang es freilich stark nach einem sternköniglichen Märchen! Denn man muß unsere Sternenkönige nur kennen, so wird man auch leicht verstehen, wie sie jede neue Erscheinung am Himmel zu ihren Gunsten auszubeuten verstehen. Fürs erste sind sie mit allen Schriften des In- und Auslandes bestens vertraut. Sie kennen die jüdischen Propheten so gut wie die indischen; die Sen scrit und Sen ta veista der Parsen, Gebern und Birmanen kennen sie so gut wie unsere Bücher; also kennen sie auch die Schulen der Heiden und ihre Bücher. Fürs zweite aber existiert kein Sternlein am Himmel, das sie nicht kennten und auch schon lange benannt hätten.
GEJ|3|202|11|0|Kommt irgendein ihnen noch nicht bekannter Stern zum Vorschein, als etwa so ein Komet, nun, so wird der zu allerlei prophetischen Auslegungen benutzt; taugt sie (die Auslegung) für die Inländer nicht, so wird damit ins Ausland geritten, und es findet sich da schon irgendein Plätzchen, wo die Geschichte Aufsehen macht. Das wissen wir Aufgeklärten nur zu gut, und darin entschuldigt sich wohl von selbst der Grund, demzufolge die damalige Ruchbarmachung des verheißenen und geborenen Messias der Juden bei uns zum materiellen Vorteile der Sternenkönige, die heimkommend allen Juden es mit furchtbar großem Pompe verkündigten, keine besondere Wirkung gemacht hat. Sie betrieben die Sache wohl sehr ernst; aber bei uns gilt der alte Spruch: ,Der öfter dichtet und lügt, dem glaubt man nicht, so er auch die Wahrheit spricht!‘
GEJ|3|202|12|0|Wer hätte sich's damals bei uns nur im Traume einfallen lassen können, daß die Sternenkönige denn doch endlich auch einmal etwas Wahres eruiert hätten?!
GEJ|3|202|13|0|Nun ist die Geschichte mit dir freilich eine ganz andere geworden, und du wirst unsern damaligen Unglauben in deiner Weisheit uns für jetzt ja doch zu keiner Sünde anrechnen?!
GEJ|3|203|1|1|203. — Der Nutzen der Tätigkeit und die üblen Folgen der Trägheit
GEJ|3|203|1|0|Sage Ich: „Das eben wohl nicht; aber das ist daneben doch auch wahr, daß die irdischen Handelsleute nur zu oft über alle geistigen Dinge ein wenig zu leichtfertig hinaus- und hinweggehen, was denn auch bei euch der Fall war. – Habe Ich recht oder nicht?“
GEJ|3|203|2|0|Sagt Schabbi: „Ja, das, erhabener Freund voll Gotteskraft, ist wohl wahr, daß der Welthandel und die Schätze dieser Erde, ihre Gewinnung und gerechte Verwaltung einem viel Denken und viel Sorgen machen, aber man macht dann eben durch gut angewendeten Reichtum leicht allerlei nützliche Erfahrungen und weckt manches Menschen schlummernden Geist zu allerlei nützlichen Dingen, schafft ihm eine nützliche Beschäftigung und entfernt ihn sogestaltig vom Müßiggange, der gewöhnlich ein Vater von allen Lastern und Sünden ist.
GEJ|3|203|3|0|Siehe du an den Priesterstand nahe aller Nationen! Solange diese Menschen arbeiten mußten und sich wie jeder andere Mensch ihr Brot im Schweiße ihres Angesichtes erwarben, waren sie auch die ersten Freunde der Wahrheit und entdeckten und berechneten so manches, darüber wir noch heutzutage allen Grund zu staunen haben. Sie brachten Harmonie ins menschliche Denken und errichteten Schulen für die wahre Bildung des menschlichen Geistes und der Erkenntnis seiner selbst. Damals fanden solche Priester die Wege zu Gott und leiteten voll Geistes und ernstlich-guten Willens die Nebenmenschen zur gleichen Erkenntnis.
GEJ|3|203|4|0|Als aber später die Menschen die große Wohltat der schönen und erhabensten Mühen der alten und echten Priester mehr und mehr erkannten und ihren übergroßen Nutzen einsahen, da nahmen sie alle die schweren Arbeiten der Priester, die sie über alles achteten und liebten, auf sich, führten die Zehentgaben ein und bestimmten, daß die Priester nur für des Menschen Geist zu sorgen und zu arbeiten hätten. Da ward aber dann der Priesterstand auch bald ein müßiger, fing an zu dichten und zu trachten, mauerte die helle Wahrheit in finstere Katakomben ein und fing an, die damals leichtgläubige Menschheit mit allerlei Märchen und Fabeln abzufertigen; und so ward der Müßiggang der Priester der offenbare Grund zum Verfalle selbst der erhabensten und göttlichsten Lehre des großen und wahren Priesters Moses.
GEJ|3|203|5|0|Man lese nur Moses und die Propheten und vergleiche das nunmalige Treiben der Nachfolger Mosis und Aarons zu Jerusalem, und man wird es bald und leicht heraushaben, daß sie weder an Moses und noch weniger an einen Gott glauben. Denn würden sie an Moses und an den durch ihn verkündigten Gott glauben, so würden sie nicht die allerschändlichsten Lügner und Betrüger des Volkes, das sie leiblich und geistig knechten, sein! Das ist aber alles eine notwendige Folge des lästerlichen Müßigganges! Und so meine ich, daß der gerechte Reichtum in den Händen weiser, wohlwollender und tätiger Menschen für die dürftigen Menschen mehr ein Gottestempel ist denn der Salomonische zu Jerusalem!
GEJ|3|203|6|0|Freilich haben wir handelstätigen Menschen nicht gar zuviel Zeit, uns mit allerlei mystischen Dichtungen der privilegierten Müßiggänger abzugeben und darinnen nachzugrübeln, wieviel Wahres daran klebt; aber wir lehren das Volk den Müßiggang fliehen und bilden es zu wahren, nützlichen Menschen! So glaube ich, daß wir dadurch den kleinen Fehler vielfach gutmachen, den du mir darin bestehend zeigtest, daß wir oft über so manche geistige Dinge zu leichtfertig hinweg- und hinauseilen! Denn ich für meinen Teil denke also: Gutes üben in der Tat ist besser, als darüber die schönsten Lehren schreiben – und sie selbst aber nie ausüben.
GEJ|3|203|7|0|Was nützt im Grunde aber auch unser noch so tiefes Grübeln und Faseln? Hinter die wahre Weisheit Gottes wird ein Sterblicher doch nie kommen, ja, nicht einmal deren äußersten Schleier lüften!
GEJ|3|203|8|0|Ist aber den Menschen solches nötig, so wird Gottes Gnade schon wieder einen Moses irgend erwecken, also einen wahren Messias, wie nun du ein rechter zu sein scheinst. Dieser wird uns dann sicher in der rechten Weisheit Gottes unterweisen, und wir werden das als eine echte Ware aus den Himmeln sicher um jeden Preis gerne und dankbarst annehmen und auch danach tätig sein, weil wir Handelsleute stets große Freunde von aller der Menschheit nützenden Tätigkeit sind und unsern großen irdischen Reichtum nur dazu verwenden, die von Natur aus stets zur Trägheit und zum Müßiggang geneigte Menschheit, für sie und für andere nützend, in allerlei guter Tätigkeit zu beschäftigen.
GEJ|3|203|9|0|Sage, erhabener, von Gottes Geist erfüllter Freund, ob unsere Lebensansicht gut, brauchbar und darum eine wahre ist, oder ob du uns eine noch bessere aus deiner Weisheit zu geben imstande bist!“
GEJ|3|204|1|1|204. — Das Wesen wahrer Offenbarung
GEJ|3|204|1|0|Sage Ich: Mitnichten! Das Gute und Wahre ist gleich, ob es ein Mensch durch sein reges Forschen entdeckt, oder ob es ihm von Gott unmittelbar geoffenbart wurde; denn das Selbstfinden einer Wahrheit ist eben auch eine Offenbarung von oben, aber eine mittelbare, und das Mittel dazu war das rege Forschen.
GEJ|3|204|2|0|Durch solches Forschen macht sich die Seele freier von den groben Banden der Materie und erweckt dadurch auf Momente den göttlichen Geist in sich, oder sie kommt mehr ins Lebenszentrum ihres Herzens, dahin stets und unablässig Gottes Licht und Erbarmung fließt und ebenso der Seele das Leben und geistiges Wachstum schafft, wie der Sonne Licht und ihre Wärme in die Furchen der Erde dringt und daselbst das Leben und das Gedeihen der Pflanzen erweckt, erhält und fördert, bis aus der Pflanze eine freie, selbständige und dadurch eine vollreife Frucht erzeugt wird, deren eigenes Leben nicht mehr von der Pflanze abhängig ist, sondern für sich selbst besteht.
GEJ|3|204|3|0|Wenn in den wahren, lebensregen Momenten die Seele in das beschriebene Lebenszentrum im Herzen kommt, so ist sie dadurch auch zur Offenbarung des Geistes Gottes in jegliches Menschen Herz gelangt und kann da nichts anderes als nur die ewige gleiche Wahrheit aus Gott in sich selbst finden. Und das ist eine mittelbare Offenbarung und unterscheidet sich von der unmittelbaren nur dadurch, daß da Gott in den Fällen großer Menschenverfinsterung taugliche Menschen ohne ihr Zutun erweckt und deren Seele eben auch in ihr Lebenszentrum leitet, um von da aus den andern Blinden das augenöffnende Licht wieder zu verschaffen.
GEJ|3|204|4|0|Und noch ist da ein Unterschied zwischen der mittelbaren und unmittelbaren Offenbarung, und dieser besteht darin: Die mittelbare Offenbarung gibt dem suchenden Menschen nur darüber ein rechtes Licht, darüber er speziell eines haben möchte, und gleicht einem guten Lampenlicht, mit dem man irgendein dunkles Gemach ganz hell erleuchten kann; die unmittelbare aber gleicht der Sonne am hellsten Mittag, deren mächtiges Licht die ganze Welt in allen ihren großen und kleinen Furchen erleuchtet, also auch die unmittelbare Offenbarung.
GEJ|3|204|5|0|Diese (der Sonne vergleichbare unmittelbare Offenbarung) ist nicht nur für den Menschen gültig, dem sie gegeben wird, sondern für alle Menschen, und zunächst für das Volk, dem der Prophet angehört; aber weil es echte und wahre von Gott berufene Propheten gibt, so läßt sich's daneben leicht denken, daß es auch falsche geben wird, und zwar aus folgenden leicht faßlichen und leicht begreiflichen Gründen:
GEJ|3|204|6|0|Ein wahrer Prophet muß bei seinen Nebenmenschen in eine Art Hochachtung kommen; denn seine Weissagungen, und mitunter auch seine Taten zum Beweise der Göttlichkeit seiner Erweckung, müssen doch dem gewöhnlichen Alltagsmenschen einen gewissen Respekt einhauchen, – ob die Weissagungen ihm gefallen oder nicht, und ob sie mit seinen irdischen Interessen im Einklange stehen oder nicht.
GEJ|3|204|7|0|Bei Menschen besseren Sinnes wächst ein Prophet aber ohne seinen Willen zu einem unerreichbaren Riesen und kann sich der gewissen frommen Hochachtung und Ehrfurcht nimmer erwehren, so demütig er sonst auch ist und sein muß.
GEJ|3|204|8|0|Nun, das sehen andere Weltmenschen, deren Verstand oft sehr erfinderisch ist; denn an der Schlangenklugheit hat es den Kindern der Welt noch nie gemangelt. Diese Weltmenschen wollen auch ein Ansehen und mit diesem einen leicht einzusehenden irdischen Gewinn.
GEJ|3|204|9|0|Sie fangen an zu studieren und erfinden nicht selten mit Hilfe des Satans Dinge und machen scheinweise Reden, daß die in allem Wissen laie (laienhafte) Menschheit am Ende keinen Unterschied mehr zu machen versteht, was da wahr und echt und was da falsch und schlecht ist.
GEJ|3|204|10|0|Wie aber kann man dann dennoch einen falschen von einem echten Propheten erkennen? Ganz leicht: an den Früchten nämlich!
GEJ|3|204|11|0|Denn von den Dornen und Disteln sammelt man keine Trauben und Feigen!
GEJ|3|204|12|0|Der echte Prophet wird nie und unmöglich selbstsüchtig sein, und ferne von ihm wird sein jeder Hochmut. Er wird wohl dankbar annehmen, was ihm gute und edle Herzen spenden; aber nie wird er an jemand eine taxenmäßige Forderung machen, weil er weiß, daß dieses vor Gott ein Greuel ist, und weil Gott Seine Diener wohl erhalten kann!
GEJ|3|204|13|0|Der falsche Prophet aber wird sich zahlen lassen für jeden Schritt und Tritt und für jede sogenannte gottesdienstliche Handlung zum vorgeschützten und vorgelogenen Wohle der Menschheit. Der falsche Prophet wird von den Gerichten Gottes donnern und selbst in Gottes Namen richten mit Feuer und Schwert; der echte aber wird niemand richten, sondern nur ohne alles Interesse die Sünder ermahnen zur Buße und wird keinen Unterschied machen zwischen groß und klein und zwischen angesehen und unangesehen. Denn ihm gilt nur Gott allein alles und Sein Wort, – alles andere ist für ihn eine eitle Torheit.
GEJ|3|204|14|0|In des echten Propheten Rede wird nie ein Widerspruch statthaben; stelle aber des falschen Propheten Rede ans Licht, und es wird darin von Widersprüchen wimmeln. Den echten Propheten kann nie jemand beleidigen, wie ein Lamm wird er alles ertragen, was immer auch die Welt ihm antun mag; nur gegen die Lüge und gegen den Hochmut wird er im Feuereifer aufwallen und sie beide allzeit schlagen.
GEJ|3|204|15|0|Der falsche Prophet ist stets ein Todfeind jeder Wahrheit und jedes bessern Fortschritts im Denken und in den Werken; niemand außer ihm soll etwas wissen oder irgendeine Erfahrung haben, auf daß ein jeder genötigt wäre, sich allzeit und in allen Dingen des teuren Rates bei ihm ums Geld zu holen.
GEJ|3|204|16|0|Der falsche Prophet denkt nur an sich; Gott und dessen Ordnung sind ihm lästige und lächerliche Dinge, an die er bei sich keinen Funken Glaubens hat, darum er sich auch mit dem leichtesten Gewissen von der Welt einen Gott aus Holz und Stein machen kann, wie es ihm nur beliebt. Daß dann so ein Gott für die einmal ganz durch und durch blindgemachte Menschheit leicht durch die Hände des falschen Propheten Wunder wirken kann, wird etwa doch sehr leicht begreiflich sein!“
GEJ|3|204|17|0|Sagt Schabbi: „Oh, erhabener Freund, das weiß ich und wir alle, wie es die falschen Kerle anstellen, und wie sie Wunder wirken; das sind bei mir Bestien und keine Menschen mehr! Denn ich finde in der Welt keine größere Schändlichkeit, als so ein solcher geistlicher Menschenbetrüger vom Fache seinen unwissenden Brüdern etwas zum Glauben aufdrängt, darüber er bei sich lachen muß und selbst kaum begreift, wie die Menschheit so entsetzlich dumm sein kann, solch einen entsetzlichen Unsinn als ein blankes Gold anzunehmen.
GEJ|3|204|18|0|Oh, erhabener Freund, was du nun gesagt hast, weiß ich und kenne ich! Aber wie da beschaffen ist eine mittelbare und unmittelbare Offenbarung, das konnte ich nicht wissen; aber es freut mich, daß das, was der Mensch redlichen Willens durch sein reges Forschen gefunden und entdeckt hat, eben auch am Ende dennoch eine Offenbarung von oben ist. Natürlich kann da nicht ein jeder Mensch ein Prophet dem ganzen Volke sein; aber wenn der mittelbare Prophet in einer sonderheitlichen eigenen Sphäre etwas sehr Nützliches, wenn auch nur zum Behufe der leiblichen Vorteile, erfunden und entdeckt hat, so wird das auch mit der Zeit zum Wohle für ein ganzes Volk in die nützliche Anwendung kommen, und es kann dadurch dann auch der mittelbare Sonderheitsprophet ein allgemeiner sein und werden!
GEJ|3|204|19|0|Nehmen wir an die sicher schon vorsündflutliche Erfindung des Pfluges! Dies unschätzbar nutzwerteste Ackergerät hat sicher ein tätiger und denkender Mensch auf dem Wege der mittelbaren Offenbarung erfunden. Sein Name ist zwar in der Geschichte nicht aufbewahrt worden; aber welch unberechenbaren Nutzen hat seine Erfindung der Menschheit schon gebracht! Und so gibt es eine große Menge solcher allgemeinst nützlicher Erfindungen von hunderterlei Werkzeugen und Gerätschaften, die einen unendlichen Nutzwert haben. Ihre Erfinder waren sicher sehr tätige, bescheidene und anspruchslose Menschen, ansonst die Schreiber ihre Namen sicher aufgezeichnet haben würden gleichwie die Namen derjenigen, die da geherrscht haben über die Völker und ihnen im allgemeinen sehr wenig genützt haben.
GEJ|3|204|20|0|Ich bin der Meinung, daß jene Menschen der Völker größte Wohltäter sind, die sie denken lehrten nach der Ordnung der Wahrheit und sie bereichert haben mit nützlichen Erfindungen!
GEJ|3|204|21|0|Der Nutzen der allgemeinen, rein geistigen Propheten aber befindet sich bis zur Stunde noch in einer großen Schwebe. Sie rügten wohl eingerissene Volksgebrechen und züchtigten die argen, mutwilligen Frevler. Sie verkündeten zumeist in stark umhüllten Worten Gott und Sein Walten und Sein Wollen und Seine Absichten; aber die Menschen verstanden sie nicht im vollklaren Sinne und taten darum dennoch, was sie wollten, nach ihren weltlichen Gelüsten und ließen Gott und Seine erhabenen Propheten gute Männer sein.
GEJ|3|204|22|0|Auf diesem Wege entstand das verworrene Heidentum und mit ihm alle erdenklichen Spielarten des allerfinstersten Aberglaubens; aber der Pflug blieb Pflug, und die Säge eine Säge, und die Axt eine Axt, – und der Heide wie der Erzjude bedienen sich gleichmäßig solch nützlicher Erfindungen!
GEJ|3|204|23|0|Es fragt sich am Ende noch sehr, welche Gattung der echten Propheten am Ende für die Menschheit einen allgemeineren Wert hat!
GEJ|3|204|24|0|Die Menschen denken zwar viel und begreifen so manches; aber einen Daniel ganz zu begreifen, oder einen Jesajas, oder einen Jeremias, oder gar ein Hoheslied Salomonis, – da nützt kein menschliches Denken, – es ist umsonst! Das fasset nur ein Gott oder irgendein Engelsgeist, oder ein eigens dazu erweckter Prophet. Nur diesen drei Gattungen von Geistern kann es möglich sein, das zu begreifen; für jeden andern Geist ist das allerreinst unmöglich. Nun fragt sich's aber, wozu eine hohe Weisheit gut ist, die kein Sterblicher fassen und begreifen kann!?“
GEJ|3|205|1|1|205. — Von der Ohnmacht des Menschen
GEJ|3|205|1|0|Sage Ich: „Freund, da sieh hinauf zu den Sternen! Kennst du sie und verstehst du, was und wozu sie sind? Sollen sie darum etwa gar nicht sein, weil sie bis jetzt noch kein Mensch begreifen konnte? Begreifst du etwa, was Sonne und der Mond sind? Sollen sie darum nicht sein, weil du sie nicht begreifst?!
GEJ|3|205|2|0|Begreifst du den Wind, den Blitz, den Donner, den Regen, den Reif, den Schnee, das Eis? Soll dies alles darum nicht sein, weil du und alle andern Menschen solches alles nicht begreifen?!
GEJ|3|205|3|0|Begreifst du die tausend Arten der Tiere, ihre Gestalt und ihre Beschaffenheit? Begreifst du die Welt der Pflanzen und ihre Formen? Weißt du etwa, was das Licht und was die Wärme ist?!
GEJ|3|205|4|0|Soll das alles auch darum nicht sein, weil du und alle andern Menschen das nicht fassen und begreifen können?!
GEJ|3|205|5|0|Begreifst du etwa dein Leben, und wie du sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen kannst? Soll der Mensch etwa nicht sehen, hören, fühlen, schmecken und riechen, weil er das alles nimmer begreifen kann?!
GEJ|3|205|6|0|Da es aber schon in dieser Materiewelt so viele Dinge gibt, die die Menschheit nie in der Fülle begreifen kann, so gehe und denke darüber nur ein wenig nach und gib Mir darauf deine Ansicht kund!“
GEJ|3|205|7|0|Sagt Schabbi: „Herr und Meister voll göttlicher Kraft! Ich brauche darüber nicht viel nachzudenken, ich habe schon das Ganze, was du mir hiermit sagen wolltest. Du wolltest mich dahin leiten und mir zeigen, daß es sich beim Forschen in den Sphären der höhern Weisheit genau so verhalte wie in den Sphären der materiellen Schöpfung. Wir Menschen verstehen und begreifen davon eigentlich gar nichts außer das alleräußerste Bild und das, was wir davon mit unseren allergröbst-materiellen Sinnen wahrnehmen und der Form, der Farbe, dem Geruche und dem Geschmacke nach an den geschaffenen Dingen unterscheiden können. Oh, wie wenig und eigentlich gar nichts versteht und weiß der Mensch, und doch dünket er sich groß in der Weisheit zu sein und ist stolz auf sein elendes bißchen Wissen! Und was ist das, was er weiß? Nichts, aber ganz und gar nichts ist es!
GEJ|3|205|8|0|Oh, wie blind und dumm sind doch alle Menschen! Nicht einmal so weit bringen sie es, daß sie einsähen, daß sie gar nichts sind und gar nicht einsehen und begreifen, daß sie nichts sind und gar nichts einsehen. – Das Gras wächst, und der sehende und fühlende Mensch freut sich dessen; aber was dazu gehört, das Gras zu erschaffen und wachsen zu machen und in derselben Art gleichfort zu erhalten – wer aus allen Sterblichen sieht das ein?!
GEJ|3|205|9|0|Adam, Henoch, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, Moses und Elias waren sicher die weisesten Menschen, die je die Erde getragen; sie hatten viel Licht aus Gott in sich. Aber wie das Gras wird, wächst, Samen bringt, und wie im Samenkorne die Einrichtung getroffen ist, daß aus demselben eine ewig zahllose Menge und Vielheit derselben Art des Grases hervorgehen kann, – davon hatte wohl allen den genannten Großvätern der Weisheit sicher nie etwas geträumt!
GEJ|3|205|10|0|Wissen wir aber nicht einmal, wie das allerschlichteste Moospflänzchen wächst und sich fortpflanzt, und wie das Würmchen im Staube sich krümmt, was wollen wir von den Elementen reden und was von den fernen Sternen?! Wie wir Menschen aber da nichts wissen, da wissen und verstehen wir noch um so weniger, wer und was die Sterne sind, wozu und woraus sie gemacht sind!
GEJ|3|205|11|0|Und siehe, großer und erhabener Meister, du wolltest mich, auf mein vollkommenstes Nichtswissen hindeutend, dahin zurechtweisen und sagen: ,Gott, der Allweiseste, stellt vieles vor die Augen des Menschen und vor alle seine äußeren Sinne und durch diese auch gleichzeitig vor die Sinne der Seele, um den Menschen zum Denken zu zwingen.‘ Aber die Erklärung muß sich der Mensch selbst suchen; denn gäbe Gott ihm auch diese hinzu, so möchte der Mensch ehest träge und am Ende über alles ganz tatlos und faul werden.
GEJ|3|205|12|0|Denn was ein Mensch einmal vollkommen innehat und versteht, für das hat seine träge Natur keinen Sinn mehr; dies ist zu sehr durch eine nur zu allseitige Erfahrung bestätigt und erwiesen und bedarf darum keines neuen Beweises mehr. Und so würde sich der Mensch offenbar auch ganz sicher in der rein geistigen Sphäre verhalten, so er alles auf ein Haar klein und sonnenhell verstünde, was die großen Propheten aus Gott in die Bücher der Weisheit niedergezeichnet haben. Er würde sich bald schlafen legen und endlich über gar nichts mehr nachdenken; worüber aber sollte der Mensch denn auch noch irgend etwas nachdenken, so er ohnehin alles verstünde?!
GEJ|3|205|13|0|Gott weiß darum ganz wohl, wie Er die Menschen zu halten hat, auf daß sie denken, wollen und am Ende recht sehr tätig sein müssen; es ist im einen wie im andern, – nur keinen Müßiggang!
GEJ|3|205|14|0|Ich sehe nun auch ein, daß die Messiasgeschichte und –sache auf mich bei weitem den tätigen Eindruck nicht gemacht haben würde, wenn ich aus dem Jesajas alle darauf Bezug habenden Texte bis auf ein letztes Minimum verstanden hätte. Die drei Sternenkönige hätte ich höchstens belächelt, so sie mit ihren mystischen Weisheitstiraden (Wortergüssen) zu mir gekommen wären; und einem jeden andern, der in dieser Hinsicht zu mir gekommen wäre, würde es nicht um ein Haar besser ergangen sein!
GEJ|3|205|15|0|Aber da bei mir das alles in einem gläubigen Halbdunkel geblieben ist bis zur Stunde, so fühle ich nun eine um so größere Seligkeit, weil das, was so schwer und dunkelst nur zu glauben war, sich so hell vor meinen Augen ausgebreitet hat und ich nun Den vor mir sehe, auf den alle Juden samt mir so sehnsüchtig geharrt haben! – Herr und Meister, habe ich dich verstanden oder nicht?“
GEJ|3|206|1|1|206. — Schabbi erkennt den Herrn
GEJ|3|206|1|0|„Jawohl, jawohl!“ sage Ich und stelle weiterhin folgende Frage an ihn: „Nun, lieber Freund, da du in jeder Hinsicht ein sehr intelligenter Kopf zu sein scheinst vor den Augen und Ohren der Menschen und viele Dinge ganz richtig und scharf beurteilst, so sage Mir nach deiner besten Überzeugung, was du dir denn unter dem Messias, der nun Ich Selbst sei, vorstellst! Welchen Zweck hat denn so ganz eigentlich das nunmalige Auftreten des Messias?!“
GEJ|3|206|2|0|Sagt Schabbi: „Ja, erhabenster Freund, das ist eine ganz absonderlich verfängliche Frage, das heißt nicht etwa nach meiner frühern, ganz irrigen Vorsichtsmeinung, als wolltest du durch unbegreifliche Wundertaten und schlaueste Fragen irgendeinen Schein von einer Römerfeindlichkeit von mir herauslocken, sondern rein in Hinsicht der mystischen Persönlichkeit des Messias selbst, über den eben Jesajas höchst sonderbare Dinge aussagt, aus denen kein Mensch klug werden kann. Denn bald ist der Messias ein Königssohn, bald ein starker und mächtiger Held, bald ein Sohn Gottes, bald ein Sohn einer Jungfrau! Einmal sagt Jesajas (Jes.25,6-9):
GEJ|3|206|3|0|,Der Herr Zebaoth wird allen Völkern machen auf diesem Berge ein fettes Mahl; ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefen sind. Und Er wird auf diesem Berge die Hülle wegtun, womit alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der die Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen, und der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach Seines Volkes in allen Landen; denn der Herr hat es also gesagt. Zu der Zeit wird man sagen: ,Siehe, das ist unser Gott, auf den wir harren, Der wird uns helfen! Das ist der Herr, auf den wir harren, damit wir uns freuen in Seinem Heil!‘
GEJ|3|206|4|0|Siehe, erhabenster Herr und Meister, das sind die sehr bezeichnenden Worte des Propheten; aber was soll man eigentlich aus ihnen machen? Wer und wo ist der Berg, auf dem uns der Herr ein ganz sonderlich aussehendes fettes Mahl bereiten wird aus reinem Weine, Fett, Mark und abermals aus hefenlosem Weine? Wem diese Kost schmecken wird, der wird einen ganz gesunden Magen haben müssen!
GEJ|3|206|5|0|Einen natürlichen Sinn kann dieses Mahl nicht haben, sondern nur einen geistigen; wer aber findet diesen heraus? Wer ist der Berg, und wer das sonderbar fette Mahl? Geht mir, das heißt die Menschheit eigentlich zum besten haben! Auf demselben Berge wird der Herr, das heißt nach meinem Verständnisse der Messias, die Hülle, womit die Völker verhüllt sind, hinwegtun und die Decke nehmen von den Angesichtern der Heiden. Das wäre zu verstehen; aber der Berg, der Berg, wo ist er denn, und wer ist er?
GEJ|3|206|6|0|Daß Er den Tod verschlingen kann und auch wird und hinwegräumen die Schmach Seines Volkes in allen Landen, also auch in unserm Persien, das ist mir wenigstens nun klar, weil ich gesehen habe, wie Du die Toten ins Leben zurückgerufen hast.
GEJ|3|206|7|0|Aber hinterdrein läßt Jesajas auf dem Berge das glückliche Volk rufen: ,Das ist unser Gott, das ist der Herr!‘ Ist das der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs? Wenn so, da bist Du demnach Derselbe, der auf Sinai dem Mose die Gesetze gab; der da donnerte: ,Ich allein bin dein Gott und dein Herr, außer Mir sollst du an keinen andern Gott glauben und halten!‘
GEJ|3|206|8|0|War Jesajas mit dem Gesetze Mosis, so konnte er unmöglich im Messias noch einen Gott auftauchen lassen; weil aber Jesajas also ganz unzweideutig Ihn als Gott auftauchen läßt, so mußt Du ja derselbe Gott sein, der auf Sinai schon mit Moses geredet hat!
GEJ|3|206|9|0|Was kannst Du mir nun sagen infolge der Aussage des Propheten, so ich nun vor Dir niederfalle und Dich laut als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs anzubeten anfange?!
GEJ|3|207|1|1|207. — Über die wahre Anbetung Gottes
GEJ|3|207|1|0|Sage Ich: „So du im vollsten Sinne lebendig glaubtest und eine innere Überzeugung hättest, könnte Ich dir wie euch allen freilich wohl nichts einwenden, so ihr Mich als euren Gott auf eine rechte Art anzubeten anfinget; aber indem ihr darin, und am wenigsten in eurer Seele, irgendeine volle geistige Überzeugung habt, so würdet ihr mit Mir ebensogut eine Abgötterei treiben, als so ihr irgendeinem andern Menschen oder einem geschnitzten Bilde eine göttliche Verehrung erweisen würdet.
GEJ|3|207|2|0|Wer Gott wahrhaft und fruchtbringend anbeten will, der muß Gott zuvor in seinem Herzen lebendigst erkennen, er muß Gott im Geiste und in aller Wahrheit zuerst haben in der Erkenntnis und in der Liebe, dann erst kann er Ihm die Ehre geben und Ihn vollgültig anbeten; ohne dem treibt der Mensch auch mit dem wahren Gott eine scheußliche Abgötterei!
GEJ|3|207|3|0|Wie kann ein Mensch den allein wahren Gott würdig und wirksam anbeten, so er Ihn noch nie anders als nur vom Hörensagen ganz götzenhaft erkannt hat?! Was Unterschiedes wird dann zwischen der Anbetung des allein wahren Gottes und derjenigen eines Götzen sein?!
GEJ|3|207|4|0|Die wahre Anbetung des allein wahren Gottes besteht in der Liebe zu Ihm und in der Liebe zum Nächsten. Wer aber kann Gott lieben, so er Ihn noch nie erkannt hat?
GEJ|3|207|5|0|Oder kann ein junger Mensch je zu einer Jungfrau in Liebe erbrennen, die er noch nie gesehen und erkannt hat? Und bildet er sich eine solche ein, daß sie irgendwo sei, und fängt er an, die in der Wahrheit nirgends Seiende gar mächtig zu lieben, so ist er ein Narr und treibt darum die Selbstliebe im höchsten Grad, – und das ist ein Greuel vor Gott.
GEJ|3|207|6|0|Jede Götzenanbetung ist darum die größte Torheit der Menschen und eine gräßliche Blindheit. Denn am Ende dünken sich die festen Götzenanbeter selbst als Götzen und lassen sich Weihrauch streuen und sich als Götter anbeten, – und das ist dann ein Triumph des Satans im Menschenherzen! Aber wehe solchen in ihrer höchsten Verblendung sich einbildenden Selbstgöttern! Ihr Los wird dereinst ein höchst trauriges sein; denn solch ein Hochmut ist ein Wurm, der nimmer stirbt, und ein Feuer, das nimmer erlischt!
GEJ|3|207|7|0|Ich sage es dir: Es ist des Satans Lust, die blinden Menschen durch den in sie eingepflanzten Hochmut von der Ordnung Gottes soweit als möglich wegzubringen; aber werden sie einst als Jünger seiner Schule drüben anlangen, dann wird er sie verwerfen und zu seinen allerniedrigsten und scheußlichsten Diensten stellen, in denen sie nach seinem bösesten Willen ewig werden zu verbleiben haben!
GEJ|3|207|8|0|Der Satan als der Fürst der Finsternis läßt die Menschen hier zu Göttern erhöhen, um sie dereinst zu den niedrigsten Scheusalen hinab zu demütigen.
GEJ|3|207|9|0|Gott aber verlangt hier ein weises und demutsvolles Herz, um dereinst den Menschen desto höher zu heben und seliger zu machen.
GEJ|3|207|10|0|Es wird zwar solche Macht dem Satan benommen werden, und die Menschen werden völlig unabhängig frei nach ihrem Sinne schalten und walten können; – dadurch werden die Guten desto mehr leuchten, und die aus sich Bösen aber desto ärger und tiefer der Hölle angehören; denn da wird ihre Bosheit nicht der Satan auf seine Rechnungstafel, sondern sie auf ihre höchst eigene bekommen, und sie werden dereinst vom Satan und seinen Knechten desto übler hergenommen werden.
GEJ|3|207|11|0|Darum ist eines jeden Menschen erste Pflicht, in aller Demut seines Herzens Gott zu suchen im Geiste und in der Wahrheit, und hat er Ihn gefunden, dann erst bete er Gott auch im Geiste und in der Wahrheit an!
GEJ|3|207|12|0|Das Hauptgebet aber besteht darin, daß ein demütiges Herz demütig bleibt und seinen Nächsten liebt in der Tat mehr als sich selbst, Gott aber als den allein wahren Vater aller Menschen und Engel über alles!
GEJ|3|207|13|0|Niemand aber kann Gott lieben in seinem finstern Fleische, so er seinen Bruder hasset; denn wie möglich könnte jemand Gott lieben, den er nicht sieht, so er seinen Bruder nicht liebt, den er sieht?!
GEJ|3|207|14|0|Es ist aber bei weitem nicht genug, zu sagen: ,Ich liebe meine Nächsten und bin ihnen sehr freundlich!‘ Die wahre und vor Gott allein gültige Liebe muß in Werken bestehen, wenn die Nächsten derselben bedürfen, geistig oder leiblich. Diese Liebe ist der wunderbare Schlüssel zum Lichte aus Gott im eigenen Herzen.
GEJ|3|207|15|0|Ich sage es dir und deinen Gefährten, hättet ihr diesen goldenen Schlüssel nicht gefunden und in euer Herz aufgenommen, nimmer würdet ihr den Weg hierher gefunden haben! Was aber das sagen und heißen will, daß du und deine Gefährten hierhergekommen seid, wennschon durch einen mächtigen Sturm des äußeren Lebens, das fanget ihr nun schon an zu ahnen, – die kurze Folge aber wird euch erst ins wahre Licht führen! Wenn du Mich erst ganz erkannt haben wirst, dann wirst du auch einsehen, ob Ich anzubeten bin oder nicht!“
GEJ|3|208|1|1|208. — Der Perser Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Herrn
GEJ|3|208|1|0|Auf diese Meine Worte werden die Perser sehr nachdenkend, und der Jurah sagt zu seinen Gefährten, während Ich Mich zu den drei vom Tode Erweckten begab und sie leiblich versorgen ließ: „Freunde! Der führt eine ganz merkwürdige Rede, die noch wundersamer klingt, denn da seine Taten anzusehen sind, obwohl diese von einer Art sind, von der wir noch nichts Ähnliches gesehen haben. Aber es sieht da immer ein Wunder dem andern gleich, und der darin unerfahrene Mensch ist blind und sieht nicht alldort, wo er am besten und hellsten sehen sollte! Die Gesundmachung unseres Juweliers ist wohl überaus überraschend, aber vielleicht nicht in der Unmöglichkeit, sie auf natürlichem Wege zu bewerkstelligen. Wir wissen es freilich nicht, wie solches möglich wäre, allein wir wissen es aber aus der Erfahrung, wie die Indier den Biß der giftigsten Schlangen heilen ohne Kraut und Saft und Öl. Der hat diese beiden auch ohne Kraut, Saft und Öl geheilt, wie, das wissen wir nicht und – können es auch nicht wissen!
GEJ|3|208|2|0|Die drei Ertrunkenen sind wahrlich wieder ins Leben zurückgerufen worden; aber es ist noch sehr zu beweisen, ob sie wohl wirklich schon ganz vollkommen tot waren, oder ob sie nicht Verstelltertrunkene waren! Kurz, die Taten beweisen noch lange nicht alles! Aber sein mächtiges Wort beweist nach meiner Ansicht mehr denn die beiden Wundertaten; denn so endlos weise und ewig wahr spricht keines Sterblichen Zunge! Denke du, Schabbi, nur über die Erörterung (Erläuterung) von der allein wahren Gottesanbetung nach, und du wirst es einsehen, welch eine alles durchgreifende Weisheit darin liegt; das beweist mir etwas Ungeheures, ja ein Etwas, daß ich mir's kaum auszusprechen getraue!“
GEJ|3|208|3|0|Fragt Schabbi ganz erstaunt: „Nun, was ist es denn, daß du dir's kaum auszusprechen getraust?“
GEJ|3|208|4|0|Sagt Jurah: „Denke du nur selbst ganz reiflich nach, und ich will was heißen, wenn du nicht bald dasselbe fändest! „Schabbi fängt hier an sehr nachzudenken und weiß aber dennoch nicht so recht, was er aus der Frage des Jurah so ganz eigentlich machen soll.
GEJ|3|208|5|0|Nach einer Weile sagt Schabbi zum Jurah: „Ich möchte dir wohl etwas sagen und glaube, daß sich da eine ganz absonderliche Sache herausstellen würde; aber es ist und bleibt eben diese absonderliche Sache etwas sehr Gewagtes! Denke nur, wenn nun nahe zweifelsohne dies der Messias ist, so ist Er nach Jesajas nicht nur der ganz einfache Mensch, der hier mit uns geredet hat, sondern, wohlgemerkt, auch Seiner Seele nach Gott, der alleinig wahre von Ewigkeit! Wenn aber also, was sodann mit uns? Wie werden wir schwache Menschen vor Ihm, dem Allerhöchsten, bestehen? Was tun wir hernach, wohin dann mit uns?“
GEJ|3|208|6|0|Sagt Jurah: „Ja, das ist auch meine Sorge und nun mein größter Kummer! Ich ahne, daß hier so etwas zum strahlendsten Vorscheine kommen wird, nur begreife ich die hohen Heiden nicht; denn sie scheinen an Ihm wie an ihrem Leben zu hängen!“
GEJ|3|208|7|0|Schabbi sagt: „Vernahmst du, wie im Jesajas geschrieben steht: ,Und Er wird die Decke, womit die Heiden zugedeckt sind, hinwegtun.‘! Das will soviel sagen: Diesen Ersten der Heiden hat Er Sich schon geoffenbart! Sie wissen bereits, was an Ihm ist, und sind Ihm darum also ehrfurchtsvoll zugetan. Sie werden schon die vollste Überzeugung haben, daß Er, als der Allmächtige von Ewigkeit, sie mit einem Hauch auf ewig wie lose Spreu verwehen kann, und haben darum die endloseste Hochachtung vor Ihm, und wie es mir vorkommt, so sind sie von Ihm schon besiegt, und die guten Juden sind frei! – Das ist so meine Ansicht.
GEJ|3|208|8|0|Und später darauf aber heißt es im Propheten auch: ,Und der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach Seines Volkes in allen Landen!‘ Das heißt: sicher auch uns, die wir in Persien sind; nur werden wir offenbar nicht die ersten sein, denen Er solches tut, aber dennoch sind wir nun an der Reihe, und dies scheint eben der Moment zu sein, in welchem Er der Juden in andern Landen gedacht hat. An uns hat Er den Anfang gemacht, uns unsere Tränen zu trocknen und unsere Schmach zu tilgen! Wir stehen irdisch ausnahmsweise wohl so gut, daß wir auch im Fremdlande keine Nottränen zu weinen Ursache haben, und leiden keine Schmach; aber es leben dort noch Tausende unserer Brüder und Schwestern, die dennoch große Not leiden. Sie werden von den Heiden oft grauslich verhöhnt und allenthalben verachtet; wir aber sind gar wohl in der Lage, ihnen allen zu helfen und in Seinem Namen ihnen zu trocknen die Tränen aus und von ihren Angesichtern und zu tilgen ihre vieljährige Schmach! Darum scheint uns der Herr, der nun offenbar hier ist, auch hierher auf diesen bescheidenen Berg gerettet zu haben, um uns zu Seinen Werkzeugen zu brauchen bei denen, die in fremden Landen wohnen. Das ist so meine Ansicht in allem und jedem. – Und nun rede du, mein Freund!“
GEJ|3|208|9|0|Sagt Jurah: „Ja, du hast meiner Ansicht nach nun den Nagel auf den Kopf getroffen! Es wird sich schon alles ganz also verhalten! Aber da sich nun ganz sicher alles also verhalten dürfte, so kommt wieder die große und bedeutungsvollste Frage: Wie werden wir uns Ihm nahen, da wir doch sicher bis über den Kopf in allerlei Sünden stecken? Und doch steht es geschrieben: ,Gott darf und kann sich niemand nahen, der eine Sünde an sich hat!‘ Wir werden vielfach unrein sein! Wo werden wir uns nun reinigen können? Wo ist der, der von uns ein gültiges Opfer annähme, das uns reinigte von unseren Sünden vor Gott?!“
GEJ|3|209|1|1|209. — Vom Gebet
GEJ|3|209|1|0|Trete nun wieder Ich unter sie und sage: „Ich Selbst; und so gut Ich zu den Toten sagen konnte: ,Wachet auf vom Tode und lebet!‘, ebenso wirksam, gut und gültig kann Ich zu euch sagen: ,Seid rein, und vergeben sind euch alle eure Sünden!‘ und ihr stehet nun rein und ohne Sünde vor Mir! Glaubet ihr nun das?“
GEJ|3|209|2|0|Sagen Jurah und Schabbi: „Herr, wir glauben es! Da nach Deinem ewig heiligsten Ratschluß sich diese Sache zum Heile aller Juden und Heiden einmal also verhält, so sei uns armen Sündern vor Dir gnädig und voll Deiner Milde und Erbarmung! O Herr, sei mit uns und fortan mit dem Geiste aller derer, die durch Dich schon zum ewigen Leben erweckt werden, jetzt, wie in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten! Nun aber, Herr, da wir Dich erkannt haben und nun auch unsere Herzen in vollster Liebe zu Dir erbrannt sind, laß es uns, daß wir unseren Herzen Luft machen und Dich anbeten in aller Inbrunst und völligster Zerknirschung unseres Gemütes!“
GEJ|3|209|3|0|Sage Ich: „Da, Meine lieben Freunde und Brüder, wird nichts daraus! Ihr habt es gelesen, was Mein Geist durch eines Propheten Mund gesprochen hat, als er sagte: ,Dies Volk ehret Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!‘ Und Ich Selbst wiederhole es euch: Jedes wie immer geartete Lippengebet ist ein Greuel vor Mir!
GEJ|3|209|4|0|Seid wahrhaft vernünftig und habt ein verständiges Herz, tut Gutes jedermann, der irgend eurer Hilfe bedarf! Ja, tut sogar euren Feinden Gutes, und segnet jene, die euch fluchen! Dadurch werdet ihr Mir gleichen, denn Ich lasse Meine Sonne leuchten über Gute und Schlechte, und Meine ärgsten Feinde werden täglich aus Meiner allmächtigen Hand mit Wohltaten überhäuft; nur über die zu argen Frevler wird Meine Rute geschwungen. Ja, Ich sage es euch: Ihr alle seid Kinder Meines Herzens und Brüder Meiner Seele. Darum, so ihr betet, so betet nicht den Heiden und Pharisäern gleich mit den Lippen, mittels Worten von der Fleischzunge gebildet, sondern betet, wie Ich es euch gesagt habe, im Geiste und in der Wahrheit, durch lebendige Werke und Taten der Liebe an euren Nächsten, dann wird jedes Wort in Meinem Namen ein wahrhaftes Gebet sein, das Ich stets und unfehlbar erhören werde; aber die Seufzer der Lippen erhöre Ich nie. – Verstehet ihr dies Gesagte nun wohl?“
GEJ|3|209|5|0|Sagt Schabbi: „O Herr, wie ganz anders bist Du, als wir Dich uns je vorgestellt haben! Wer sollte Dich auch nicht über alles lieben können, der Dich einmal erkannt hat?! Du bist die Liebe und die größte Sanftmut Selbst, und wie endlos weit entfernt von jeder Nacht und Finsternis ist Deine heiligste Lehre, und wie leicht verständlich ist doch jegliches Wort aus Deinem Munde! Ja, nun erst glauben wir vollkommen, daß Du wahrhaft der erwartete Messias bist, und außer Dir ist keiner mehr!“
GEJ|3|209|6|0|Sage Ich: „Ganz gut, ganz gut, Meine lieben Freunde! Ich kannte euch und führte euch einen Weg zu Mir, wie solchen der Prophet Elias angezeigt bekam. Im mächtigen Sturme war Mein Wille, im Feuer Meine Kraft; aber in dem sanften Wehen bin Ich Selbst. Und so mußtet ihr auch durch einen gewaltigsten Sturm und durch Wasser und Feuer, um zu Mir zu kommen. Nun aber seid ihr bei Mir und habt Mich, den Langgesuchten, gefunden; wie schwer Ich aber für so manchen zu finden bin, so bin Ich aber als einmal gefunden noch um vieles schwerer zu verlieren! Die Mich in ihren Herzen ergriffen haben, die werden auch von Mir ergriffen; wer aber Mich ergriffen hat, kann Mich wohl wieder auslassen, aber er wird von Mir dennoch nie wieder ausgelassen werden. Denn Meine Liebe währt nicht etwa nur eine Zeitlang, sondern ewig, und der sie in sein Herz aufgenommen hat, der kann von Mir ewig nimmer loswerden! Denn Meine Liebe hält ihn für ewig fest im Zaume, auf daß er sich ewig nimmer von Mir ganz verirren kann. Und so wird es auch mit euch ergehen! Ihr werdet wohl in Gelegenheiten und Weltzustände versetzt werden, in denen es euch ein wenig schwer werden wird, Meinen Namen zu bekennen und im Glauben fest zu verbleiben – denn es werden in Kürze Dinge geschehen, weil sie geschehen müssen, die euch über Mich kleingläubig machen werden –, aber Ich werde euch zur rechten Zeit schon wieder stärken und vollends erleuchten eures Herzens Kämmerlein. Darauf werdet ihr ob Meines Namens willen in keine Versuchung mehr kommen, sondern fortan bleiben in Meiner Liebe und in Meiner Kraft.
GEJ|3|209|7|0|Nun aber noch etwas anderes! Ihr werdet wieder nach Persien ziehen. Wenn ihr jüngst wieder dahin kommet, so verkündet es getreu ohne Zusätze, was ihr hier angetroffen habt, und was euch alles begegnet ist zum Heile aller Menschen auf Erden! Auf diese Weise werdet ihr auch zu Arbeitern in Meinem Weinberge. Verkündet es auch eurem Könige, auf daß er wisse, was er zu tun habe! Er soll abstehen vom schwarzen Heidentume und soll nimmer anhören trügerische Worte der Magier, die sich Priester Gottes nennen und im Grunde dennoch Diener und Knechte der Hölle sind. Also soll er auch aus dem Lande treiben die argen Aposteln aus Jerusalem, die Länder und Meere durchziehen, um aus Heiden Juden zu machen; und haben sie irgendeinen Heiden zum Juden gemacht, so ist er dann noch um vieles ärger ein Diener der Hölle geworden, als er ehedem als Heide war. Nebst solchen Bekehrungen aber streuen die argen Apostel aus Jerusalem auch anderwärtige böse Gerüchte aus, wie ihr deren, bezüglich der Grausamkeiten der Römer, eines uns dadurch offen bekanntgemacht habt, daß ihr euch Mir gegenüber, aus Furcht vor den Römern, gar so entsetzlich vorsichtig gestellt habt!
GEJ|3|209|8|0|Um sonach allem dem Argen zu begegnen, habe Ich euch vor vielen tausendmal Tausenden aus eurem Lande berufen, um auf eure Schultern dieses leichte Amt zu legen, das zu vollbringen ihr Kräfte und Mittel im größten Überflusse besitzet! Euer Lohn wird dereinst in Meinem ewigen Reiche kein geringer sein!
GEJ|3|209|9|0|Ihr wisset nun, was ihr zu tun habt in Meinem Namen, und daneben auch im Namen der Römer, die dort schändlich verleumdet worden sind; lasset es an gutem Willen, Fleiß und Tätigkeit nicht fehlen, so werde auch Ich es an nichts fehlen lassen!
GEJ|3|209|10|0|Nun aber sehe Ich den Markus herauskommen. Er wird uns zum Abendmahle laden, das heute wohl um ein paar Stündlein später zustande gebracht ward denn sonst; aber daran schuldet der Sturm. Der Hagel hat viele Bänke in eine kleine Unordnung gebracht; diese mußten nun wiederhergestellt werden. Es ist aber nun alles wieder in der schönsten Ordnung, und das Essen ist ganz gut und reichlichst bereitet, und so werden wir uns nach getaner großer Arbeit auch wieder einmal ganz gut geschehen lassen!“
GEJ|3|210|1|1|210. — Jarahs Zukunft
GEJ|3|210|1|0|Nun kam unser alter Gastwirt Markus und sagte zu Mir: „Herr und Meister, das Abendessen ist bereitet; so es Dir genehm ist, da will ich es sogleich auf die nun wieder ganz hergestellten Tische stellen lassen!?“
GEJ|3|210|2|0|Sage Ich: „Tue das, denn heute habe sogar Ich einen ganz tüchtigen Hunger schon und freue Mich auf einen guten Fisch, auf ein gutes Stück Brotes und auf einen reinen und guten Wein!
GEJ|3|210|3|0|Deine beiden Söhne aber sollen noch einmal ins Meer an den Ufern einen Blick tun! Es schwimmen noch längs den Ufern einige Leichname herum; es sind etliche arme Juden mit ihren Weibern und Kindern. Ich will nicht, daß, sie, da Ich hier weile, und auch niemand anderer den Tod finden solle. Das Meer ist ruhig wie ein Spiegel, und die Sterne leuchten heute besonders helle. Deine Söhne werden dies Geschäft leicht vollbringen, und das um so mehr, da sie von den hier weilenden Schiffern des Kisjonah, des Ebahl aus Genezareth und von den Schiffsleuten des Kornelius gar wohl unterstützt werden können. Bei neun Personen schwimmen an den Ufern in der äußersten Entfernung von anderthalb Stunden Weges zerstreut, diese sollen sie hierherbringen; allda aber müssen sie dann mit den Gesichtern nach abwärts gekehrt über einen etwas abhängigen Boden gelegt und dann also bis an den Morgen liegend gelassen werden! Morgen will Ich sie dann erst erwecken!“
GEJ|3|210|4|0|Fragt Markus: „Herr, warum denn nicht heute schon, warum erst morgen?“
GEJ|3|210|5|0|Sage Ich: „Das, Freund Markus, kümmere dich nicht! Ich weiß es, warum das Gras, das erst im künftigen Jahre die Wiesen grün färben wird, nicht schon in diesem Jahre gewachsen ist! Daher kümmere dich das ja nicht, denn da verstehe Ich die Ordnung schon um vieles besser denn du, Mein liebster Markus! Gehe nun und mache, daß alles in der Ordnung vollbracht wird, was da zu vollbringen ist!“
GEJ|3|210|6|0|Der Markus geht und schafft sogleich, die Speisen auf die Tische zu tragen, und sagt auch den Söhnen ihr Geschäft, die sogleich einen großen Kahn besteigen und die anderen vorher benannten Schiffer um ihre Mithilfe angehen.
GEJ|3|210|7|0|Wir aber verlassen unsern Platz und begeben uns an unsere Tische, die in der schon bekannten Ordnung in Beschlag genommen werden; die drei ins Leben Zurückgerufenen samt dem Weibe aber kommen ins Haus des Markus, allwo sie Speise, Trank und darauf ein gutes Nachtlager bekommen, – und das alles nach Meinem Willen, um sich für den Morgen zu stärken.
GEJ|3|210|8|0|Als wir uns zu den Tischen begeben, da erst fangen die Bewohner der Ouranischen Zelte an, auch ans Tageslicht hervorzugehen und sich auch nach den für sie bestellten Tischen umzusehen.
GEJ|3|210|9|0|Hier zupft Mich die Jarah und sagt: „Herr, Du meine stets mächtigere Liebe, dort siehe hin, wie die mutigen Kämpfer um Dein Reich sich nun erst aus ihrem Verstecke, vom Hunger getrieben, ins Freie zu schleichen anfangen! Wahrlich, darunter gibt es bis auf den Mathael ganz entschieden blutwenig große Geister! Ach, es war vor dem Sturme doch gar zu komisch anzusehen, wie der Anblick der erstgefallenen, wohl pfundschweren Hagelkörner die fünfzig Pharisäer mit der größten Hast in die großen Zelte getrieben hat!
GEJ|3|210|10|0|Sie wußten so gut wie ich, daß Du der sicherste Schutzgeber gegen jegliches Ungemach bist, und dennoch wurden sie kleingläubig und sehr zaghaft und suchten einen materiellen Schutz. Nun schämen sie sich offenbar, daß sie solches getan haben, und getrauen sich nun Dir, o Herr, wie es mir scheint, nicht recht unter Deine Augen zu kommen! Nun, der Mathael, der wäre mit seinen Gefährten schon geblieben; aber er mußte wohl seiner jungen, überschönen königlichen Gemahlin folgen. Dem ist es also meines Erachtens zu verzeihen; aber bei den andern war bloß ihr schwaches Vertrauen und ihre Kleingläubigkeit schuld, und ich kann sie darum nicht sehr achten.“
GEJ|3|210|11|0|Sage Ich: „Hast wohl recht, Mein Töchterchen; aber lassen wir sie, die da noch schwach in einem und dem andern sind, – die Zeit und mehrfache Erfahrung wird sie schon noch stärker machen in allem! Bedenke, wieviel du an Meiner Seite schon erfahren hast, und du kannst darum schon leicht mehr Mutes besitzen; diese aber haben noch wenigeres erfahren, und es war darum ihre Furcht leicht größer denn ihr Vertrauen. In der Folge aber werden sie schon auch vertrauensvoller dastehen. – Fassest du solches?“
GEJ|3|210|12|0|Sagt Jarah: „Ja, das fasse ich wohl; aber das weiß ich auch, wie in Genezareth alle mit mir gleich vieles erfahren haben, und dennoch getraute sich anfangs niemand, außer mir, mit Dir aufs blanke Wasser zu treten, nicht einmal Deine Jünger! Worin lag denn hernach da das geringere Vertrauen?“
GEJ|3|210|13|0|Sage Ich: „Wieder doch in deinen größeren Erfahrungen; denn dich trug Mein Engel sichtlich auf seinen Händen, und du machtest Erfahrungen, die bis jetzt noch kein Mensch gemacht hat. Und dazu hattest du wohl die größte und mächtigste Liebe zu Mir, in der wohl auch stets das größte Vertrauen waltet.
GEJ|3|210|14|0|Darum wundere dich darob nicht zu sehr, dieweil dein Vertrauen zu Mir stärker ist denn das der übrigen Menschen; denn das gibt dir deine große Liebe!
GEJ|3|210|15|0|Aber, wie Ich dir schon in Genezareth bemerkt habe, so werden in etlichen Jahren auch über dich noch so manche Versuchungen kommen, mit denen du trotz des größten Vertrauens zu Mir zu kämpfen haben wirst. Aber durch die Kraft und Macht Meines Namens wirst du alle Versuchungen zu Boden schlagen und wirst von da an erst frei wandeln in Meinem Lichte.
GEJ|3|210|16|0|Denn was ein Mensch aus Mir für sich frei haben will, das muß er sich durch die eigene Kraft erkämpfen! Du, Mein liebstes Töchterchen, hast bis jetzt keinen eigentlichen Kampf bestanden, und es war dazu die eigentliche Zeit und die wahre Gelegenheit nicht da; das alles wird jedem Menschen erst werden, so Mein Tagewerk auf dieser Erde vollendet sein wird.
GEJ|3|210|17|0|Ich bin nun nur Sämann und lege das gute Weizenkorn in den lebendigen Acker eurer Herzen. Der Same wird da erst keimen und dann zur segensreichsten Fruchtbringung aufgehen; dann erst werdet ihr für euch selbst die Frucht auf eurem eigenen Lebensboden zu pflegen haben mit mancher Mühe und Selbstverleugnung! Wohl dem, der die Frucht, die Ich in sein Herz gesät habe, rein und reichlichst in die von Mir in ihm errichteten Scheuern Meines Geistes bringen wird! Wahrlich, den wird es fürder ewig weder hungern noch dürsten!
GEJ|3|210|18|0|Also, was du, Meine liebste Jarah, nun hast, ist nur der von Mir in dein Herz gelegte Same. Nach etlichen Jahren wird er als ein wogendes Saatfeld dastehen und allerlei Stürmen ausgesetzt sein; aber da heißt es dann kräftigst und volltrauigst durch Meinen Namen und durch große, sich selbst ganz verleugnende Liebe zu Mir das wogende Saatfeld vor den drohenden Stürmen bewahren, daß sie nicht zum verderblichen Ausbruche kommen und zugrunde richten das herrliche Saatfeld, das Ich Selbst bestens bebaut habe! Denn ist über ein solches Feld einmal ein verheerender Sturm ausgebrochen, da ist es nahe unmöglich, ihm einen Einhalt zu tun.
GEJ|3|210|19|0|Du wirst dich wohl noch auf die etlichen Wochen zurückerinnern, wie Ich dir in Genezareth ein Gärtchen angelegt habe und habe es bestellt mit allerlei nützlichen Pflanzen!? Die Pflanzen wachsen gut und sehr üppig; aber das Gärtchen und die Pflanzen müssen gepflegt, das Unkraut, so es irgend aufschießt, muß ausgerottet werden, und so es sehr heiß und trocken wird, darf die Gießkanne nicht außer acht gelassen werden.
GEJ|3|210|20|0|Und siehe, ein ähnliches Gärtchen habe Ich auch in deinem Herzen angelegt und habe es reichlichst bestellt mit allerlei nützlichen Gewächsen; die Wartung und weitere Pflege dieses Gärtchens ist nun schon dir allein anheimgestellt. Habe alle Aufmerksamkeit und allen Fleiß auf die Wartung und Pflege dieses Gärtchens, so wirst du jüngst aus ihm eine reiche Ernte machen! – Verstehst du wohl dieses Bild?“
GEJ|3|210|21|0|Sagt die Jarah: „Ja, Herr, Du meine alleinige Liebe, ich verstehe es ganz, möchte aber darob wohl etwas traurig werden, weil ich noch so manche Stürme bis zur Ernte soll zu bestehen haben! Aber ich hoffe und glaube: Du wirst Deine arme Magd nicht zugrunde gehen lassen, so sie in einer Not zu Dir um Hilfe rufen wird; denn Du hast ja mein Flehen gehört und erhört, als ich Dich nicht gesehen und erkannt habe wie nun!“
GEJ|3|210|22|0|Sage Ich: „Alle, die Mich erkennen und anrufen im Herzen und vertrauen auf die Macht Meines Namens, werden ewig nie zu Schanden und Schaden kommen; des kannst du vollauf versichert sein! Aber nun heißt es zu den Tischen sich setzen und essen, was da aufgesetzt ist!“
GEJ|3|211|1|1|211. — Auslegung des vierten Gebotes
GEJ|3|211|1|0|Darauf begeben wir uns alle schnell zu den Tischen und verzehren unser Mahl. Unter dem Essen ward diesmal nichts geredet; nach genossenem Weine aber fing es an, in der Gesellschaft recht lebendig zu werden. Neben dem Tische, da Ich saß mit dem Cyrenius, Kornelius, Faustus und Julius, mit Meinen Jüngern, mit Ebahl, Jarah, Kisjonah, Philopold, mit Ouran, Helena, Mathael und dessen Gefährten, mit dem Engel Raphael und dem Knaben Josoe, war ein neuer Tisch hergerichtet für unsere Perser; alle die andern schon bekannten Gäste saßen an den eigens für sie hergerichteten Tischen, je nachdem sie, wie bekannt, gesellschaftlich zusammengehörten.
GEJ|3|211|2|0|Alle aber wunderten sich über den angenehm warmen Abend nach einem solchen Kardinalsturme; und besonders wunderten sie sich über die gänzliche Trockenheit des Bodens, über dem vor ein paar Stunden noch das Wasser ein paar Schuhe hoch gestanden ist. Ouran fragte Mich, wie es ums Nachtlager für so viele aussehen werde. Was seine Zelte fasseten, wolle er gerne aufnehmen; aber da es sich hier um die Unterbringung von mehreren Hunderten handelte, so dürften seine Zelte wohl bei weitem nicht ausreichen!
GEJ|3|211|3|0|Sagte Ich: „Freund! Adam und seine ersten Nachkommen hatten weder Zelte noch Hütten oder gar für alles ganz bequem eingerichtete Häuser; der Erde Boden und ein schattiger Baum war ihnen alles, und sie ruhten gar viele Nächte unter dem freien Himmel und waren gesund und stark. Nicht einmal eine Leibesdecke wußten sie sich anzufertigen; ein Feigenlaubkranz zur Bedeckung der Scham war ihre ganze Leibesbekleidung, und alle erreichten ein Alter von mehreren hundert Jahren! Nun aber haben die Menschen alle Lebensbequemlichkeiten erfunden und sich für ein verlorenes irdisches Paradies viele hunderttausende selbst geschaffen, und sieh, jetzt sind hundert Jahre Alters ein Wunder geworden!
GEJ|3|211|4|0|Sieh, daran schuldet die Verweichlichung der Menschen, die sich dadurch selbst der Natur dieses Weltkörpers entfremden, der in allem die Bestimmung hat, die Menschen zu tragen und zu ernähren, und stark und gesund zu erhalten!
GEJ|3|211|5|0|Darum sei du, Mein Ouran, ums Nachtlager für diese vielen Gäste ganz unbesorgt; der gute und gesunde Boden wird sie alle ganz wohl beherbergen! Wen einmal der Schlaf übermannt, der ruht auf einem Kissen aus Stein ganz gut aus; geniert ihn der Stein unter dem Haupte, dann ist der Mensch nimmer müde und zu sehr der Ruhe bedürftig, und da kann er sich schon wieder aufrichten und an die Arbeit gehen!
GEJ|3|211|6|0|Weiche Betten machen die Menschen weich und benehmen ihnen der Glieder nötige Kraft, und ein zu langer Schlaf schwächt die Seele und des Leibes Muskeln. Des Menschen Natur ist wie ein Säugling, den nichts so gut nährt als der Mutter Brust; und jene Kinder, die lange von der Brust der kräftigen Mutter die Nahrung erhielten – vorausgesetzt, daß sie so naturgesund und unverdorben ist wie eine Eva –, werden riesenhaft stark, und der Kampf mit einem Löwen wird sie nicht ermüden.
GEJ|3|211|7|0|Im gleichen Maße ist auch die Natur dieser Erde eine wahre Mutterbrust für die Menschen, wenn sie sich von ihr nicht entfernen durch allerlei unnötige Verweichlichungen. Haben sich aber einmal die Menschen von dieser großen Mutterbrust entfernt und sich von ihrer stärkenden Einwirkung isoliert, so ergeht es ihnen dann freilich, wenn sie irgend an ihre milchreiche Brust kommen, wie einem erwachsenen Manne, so er von einer Mutter die Milch trinken soll. Es wird ihm eklig zumute bis zum Speien. Was ihn als Kind stärkte und bestens nährte, das wird ihn, als der Mutterbrust lang entwachsenem Manne, krank und magenschwach machen.
GEJ|3|211|8|0|Nun, der Mensch kann wohl nicht für immer an der Mutterbrust trinken Kraft und Naturleben für seine Muskeln; aber von der Brust der Mutter Erde soll er sich nie zu sehr entfernen, so er dem Leibe nach gesund, stark und alt werden will.
GEJ|3|211|9|0|Moses sagte: ,Ehre Vater und Mutter, so wirst du lange leben, und es wird dir wohlergehen auf Erden!‘ Damit bezeichnete Moses nicht nur den Zeugevater und die gebärende Mutter, sondern ebensogut auch die Erde und ihre stets neues Leben gebärende Kraft. Dieser soll der Mensch auch nicht den Rücken zukehren, sondern sie tatsächlich in hohen Ehren halten, und er wird jenen Segen dafür erhalten, den Moses verheißen hat leiblich. Die In-Ehren-Haltung des leiblichen Vaters und der Leibesmutter ist gut und nötig, wo die Verhältnisse danach sind und es auch tunlich ist; aber wenn das, was Moses verhieß, ein Gotteswort ist, so muß es auch gleich dem Sonnenlichte eine allgemeinste und durch nichts unterbrechbare Wirkung haben!
GEJ|3|211|10|0|Ist aber die Verheißung Mosis nur eine bloß darauf beschränkte, daß nur jene ein langes Leben und Wohlergehen auf Erden zu gewärtigen haben, die ihre Leibeseltern ehren, dann sieht es mit jenen offenbar schlimm aus, die nicht selten dieselben schon in der Wiege verloren haben und dann von ganz fremden Menschen auferzogen worden sind! Wie sollen diese ihre wahren Eltern ehren, die sie nie gekannt haben?!
GEJ|3|211|11|0|Viele Kinder werden oft gefunden auf Wegen und Straßen; Rabenmütter haben sie in ihrer Geilheit empfangen und bald nach der Geburt irgendwo ausgesetzt. Solche Findlinge werden von irgendeinem gefühlswarmen und barmherzigen Menschen aufgeklaubt und versorgt; diesen Wohltätern sind sie dann auch alle Liebe und Ehre schuldig. Moses spricht nichts von solchen Aftereltern, sondern nur von wirklich wahren Eltern!
GEJ|3|211|12|0|Nun aber kann der wohlerzogene Findling seine wahren Eltern doch unmöglich ehren, weil er sie fürs erste gar nicht kennt, und kennte er sie auch, so hatte er fürs zweite doch wohl vor Gott und allen Menschen wahrlich keine ehrsame Verpflichtung gegen sie, die ihn in der sündigen Geilheit gezeugt und, als er geboren ward, sogleich dem Tode ausgesetzt haben. Weil aber ein solcher Mensch dann nach Moses seine wirklichen Eltern unmöglich lieben und ehren kann, so hätte er dann keinen Anspruch auf die Verheißung Mosis? Oh, diese Sache wäre dann ja ganz hübsch und nähme sich als weisestes Gotteswort gar entsetzlich gut aus!
GEJ|3|211|13|0|Weiter gibt es aber auch Eltern, die ihre Kinder zu allem, was nur schlecht genannt werden kann, erziehen. Sie pflanzen ihnen schon in der Wiege einen echt satanischen Hochmut ein und lehren sie gegen jedermann hart und gefühllos sein; solche Tigereltern lehren ihre Kinder schon frühzeitig, keck, lügenhaft und betrügerisch zu sein! Soll Moses wohl auch für solche Kinder, die ihre argen Eltern mit aller Schlechtigkeit und Bosheit ehren, weil solches die Eltern von ihren Kindern wollen, seine gute Verheißung bestimmt haben?
GEJ|3|211|14|0|Was sind denn Kinder von Dieben, Räubern und Mördern ihren wirklichen Eltern schuldig? Sie können ihre Eltern nur ganz natürlich dadurch ehren, wenn sie im sehr ausgezeichneten Grade das sind und tun, was ihre Eltern auch sind und allzeit tun, also sieh: durch Diebstahl, Raub und Mord an den fremden Reisenden! – Kann sich die Verheißung Mosis wohl auch auf solche Kinder als wirksam erstrecken?
GEJ|3|211|15|0|Der nur einigermaßen klare Weltverstand muß dir da sagen, daß eine so zu verstehende Verheißung samt dem Gebote Mosis eine Schmach ersten Ranges für alle göttliche Weisheit wäre! Wie kann Gott, der höchst Weise, ein Gebot geben, demzufolge auch ein ins Fleisch eingezeugter Engelsgeist dem Elternpaare, das aus der untersten Hölle ins Fleisch trat, Liebe und alle Ehre schuldig wäre?!
GEJ|3|211|16|0|Du siehst, daß das Gebot Mosis, von diesem wahren Gesichtspunkte betrachtet, der größte und tollste Unsinn wäre!
GEJ|3|211|17|0|Es ist also einerseits klar und nun mehr als erwiesen, daß alles, was Moses geredet und bestimmt hat, reines Gotteswort ist und daher ewig keinen Unsinn in sich bergen kann; anderseits aber, wenn man nach der altgewohnten dummen Art das Gesetz Mosis also auslegt und beobachtet, wie es bisher ausgelegt und auch beobachtet wurde, dasselbe vor dem Richterstuhle aller besseren menschlichen Vernunft ein offenbarster Unsinn sein muß!
GEJ|3|211|18|0|Woran liegt es dann, daß das Gesetz Mosis, wie es bisher beobachtet ward, ein Unsinn trotz des rein göttlichen Ursprunges sein muß? Es liegt solches in dem gewaltigsten Mißverstande dessen, was Moses mit diesem Gebote hauptsächlich angezeigt hatte, das allgemeine Elternpaar der großen Natur Gottes, nämlich die Erde, als der für die Menschengeschlechter geschaffene Weltkörper als Vater, und ihr Schoß, aus dem zahllose Kinder aller Art und Gattung in einem fort ausgeboren werden, als die rechte Mutter! Dieses uralte Elternpaar soll also der Leibesmensch stets ehren und achten, und ihm nie zu verweichlicht den Rücken zeigen, so wird er gesunden Leibes ein langes Leben überkommen und auch ein rechtes Wohlergehen.
GEJ|3|211|19|0|Von diesem alten Elternpaare kann ein emsiger Mensch auch am meisten alles Gute, Große und Wahre erlernen und sich daraus zuerst jene große Stufenleiter erbauen, auf der der Erzvater Jakob die Engel der Himmel auf- und niederklettern sah. Wer da fleißig und mit großem Ernste in der Natur forscht, der wird vielen Segen für sich und für seine Brüder zum Wohlergehen ans Tageslicht fördern.
GEJ|3|211|20|0|Darum sei dir, Mein lieber Ouran, nun nur nicht bange, wenn du eine Nacht im Schoße deiner alten Leibesmutter zubringen wirst, – es wird dir darob nichts Arges zustoßen!“
GEJ|3|212|1|1|212. — Die pharisäische Neuerung des vierten Gebotes
GEJ|3|212|1|0|Ouran ist nun ganz vergnügt und sagt, daß er noch nie so etwas wahrhaft praktisch Weises vernommen habe, und er werde diesen Rat auch stets sorgsamst befolgen. Am meisten aber verwundern sich darüber unsere Perser.
GEJ|3|212|2|0|Jurah sagt: „Ja, das heiße ich ein wahres Licht von oben; denn dahinter ist noch nie ein Sterblicher gedrungen! Also möchte ich mir wohl alle zehn Gebote erklären lassen! Die Sache liegt so nahe und ist so klar, und wir haben sie doch nicht enthüllen können mit aller unserer Verstandesschärfe! Aber etwas muß ich dabei denn doch noch fragen!“
GEJ|3|212|3|0|Sagt Schabbi: „Da wüßte ich wahrlich nicht, über welchen Punkt da noch eine Separatfrage zu stellen wäre!?“
GEJ|3|212|4|0|Sagt Jurah: „Weißt du denn nicht, daß bezüglich der Pflichten der Kinder gegen ihre Eltern schon lange ein neues Gesetz besteht, demnach ein Sohn oder eine Tochter besser tut, ein Opfer in den Tempel zu legen, denn zu ehren Vater und Mutter?! Dies neue Gesetz hebt zwar das alte nicht auf, aber es stellt ein besseres Mittel zur Erlangung der Mosaischen Verheißung dar, als da ist das Mosaische Gesetz selbst. Ich möchte aber eben, weil die außerordentliche Gelegenheit sich nun so wunderbar gefügt hat, mit dem Urgesetzgeber Selbst zu reden, erfahren, was der Herr zu solchem neuen Gesetze sagt!
GEJ|3|212|5|0|Einesteils, wenn ein Kind gar schlechte und verworfene Eltern hat, scheint mir dies Gesetz ganz am rechten Platze zu sein; aber wenn ein oft von Natur aus leichtfertiges Kind gar gute und würdige Eltern hat, die von ihren Kindern wohl vor Gott und allen Menschen alle Achtung, Liebe und Ehre verdienen, da scheint mir dieses gar zu templisch habsüchtig aussehende Gesetz wieder durchaus nicht am rechten Platze zu sein. Das ganze Gesetz hat einen stark menschlichen Geruch, und es schaut da ganz blutwenig Göttliches heraus; aber da ist irgend wieder ein Gesetz, welches da sagt: ,Die da sitzen auf den Stühlen Mosis und Aarons, die sollet ihr allzeit anhören und tun, was sie euch gebieten!‘
GEJ|3|212|6|0|Dies Gesetz ist aber auch ein rechtes Kamel, auf dem die Pharisäer schon gar manche falsche und schlechte Ware als eine echte in den Tempel hineingeschwärzt haben, und das Volk muß sie für den hohen Preis seiner moralischen Freiheit als vollkommen echt erkaufen. Das ist eine schlimme Sache, und mir kommt so ein nur gewissen Menschen das ausschließende Privilegium [ausschließliche Vorrecht.] gebendes Gesetz wie ein höllisches Loch vor, durch das der Satan stets Eintritt ins Heiligtum erhält; denn diese privilegierten Heiligen übernehmen sich, werden anfangs gewisserart frommstolz mit einer Hülle von heiligem Prophetennimbus umdunstet, später aber dann im vollsten Ernste herrscherisch und übertyrannisch, hochmütig und über alle Maßen stolz, – sitzen aber noch auf den Stühlen Mosis und Aarons! Ich aber meine, Bruder, – weißt du, so unter uns gesagt! – da könnte dann schon gleich lieber der Satan selbst diese heiligen Stühle in Beschlag nehmen! Und von solchen wahren Stellvertretern des Satans auf den Stühlen Mosis und Aarons sind viele böse Menschensatzungen an die Stelle der allgöttlichen getreten, und wir mußten sie speisen, weil das kamelähnliche Höllenlochgesetz befiehlt, die zu hören, die auf den heiligen Stühlen sitzen, und zu tun, was sie gebieten.
GEJ|3|212|7|0|Ja, das Gesetz an und für sich wäre wohl ganz in der Ordnung, wenn man die Versicherung hätte, daß auf den heiligen Stühlen allzeit nur die allerwürdigsten Nachfolger Aarons und Mosis predigen würden; aber welch ein wahres Drachenvolk ist nicht schon auf den heiligen Stühlen gesessen und hat von selben nicht selten die empörendsten Gesetze dem sehenden Volke wie einen scharfen Sand in die offenen Augen geschleudert, daß es darauf zum größten Teile erblinden mußte! Und solche, allen Wahnsinn übersteigenden Gesetze bestehen dann zur größten Qual der Menschheit fort, und niemand getraut sich mehr, dieses Joch abzuschütteln. Da fragt denn doch am Ende die reine Vernunft, ob Gott etwas davon wisse, oder ob es überhaupt einen Gott gibt, der solch einen Greuel in Seinem Heiligtume ansehen kann!
GEJ|3|212|8|0|Nun, darüber so eine Aufhellung von Ihm Selbst würde unsereinem denn doch wohl den reinsten und wahrsten Sachverhalt zu zeigen im allerbesten Stande sein, und ich möchte darum nun geradewegs eine Frage an Ihn stellen! – Was meinst du, soll ich's wagen oder nicht?“
GEJ|3|213|1|1|213. — Der Herr erläutert das Gesetz der Pharisäer
GEJ|3|213|1|0|Antworte gleich Ich statt des Schabbi und sage: „Höre, du Mein Freund Jurah, deine Frage ist gerecht und von großer Wichtigkeit; du brauchst sie Mir nicht zu wiederholen, denn Ich weiß es ohnehin, wo euch der Schuh drückt!
GEJ|3|213|2|0|Sieh, es ist wahr, daß es ein Gebot gibt, aus der Zeit der Richter aber erst, allwo es durch den Mund eines Sehers geboten wird, jene zu hören, die da auf den Stühlen Mosis und Aarons sitzen, und zu tun, was sie aus dem Geiste des Herrn anordnen; aber nur dann, wenn ihre Werke gut sind. Sind deren Werke schlecht, so sollen sie von den Stühlen verstoßen werden von den würdigsten Nachkommen Levis.
GEJ|3|213|3|0|Es verstanden aber die auf den erwähnten Stühlen Sitzenden, ihre Werke sehr zu bemänteln. Es saßen und sitzen noch statt der würdigen Nachfolger Mosis und Aarons nur reißende Wölfe in Schafspelzen auf den heiligen Stühlen und haben als solche Gesetze als göttlichen Willen unters Volk geschleudert, vor denen die Welt sogar erschauern muß!
GEJ|3|213|4|0|Denket aber zurück, wie oft Ich diese falschen Nachkommen Mosis und Aarons durch den Mund der geheiligten Propheten habe allerernstlichst ermahnen lassen, und wie oft Ich sie mit der schärfsten Rute gezüchtigt habe! Was aber hat es genützt? Es ward auf eine Zeit wieder besser; aber bald darauf wieder noch schlechter denn früher, bis es nun so schlecht geworden ist, daß es wohl nimmer schlechter werden kann. Sie haben das Maß aller Schlechtigkeit vollgemacht, und nur ein paar Tropfen noch, und es wird sofort überzulaufen anfangen und sie alle wie eine Flut Noahs verderben machen; des kannst du völlig versichert sein!
GEJ|3|213|5|0|Wie aber viele, so ist auch das Gesetz der Opferung im Tempel an Stelle des Mosaischen bezüglich der Kinderpflichten gegen ihre Eltern ergangen. Im Anfange hat es ein ganz gutes und gerechtes Aussehen gehabt und bezog sich nur auf jene Kinder allein, deren Eltern – wie es häufig der Fall ist – wahre Auswürfe der Menschheit waren. Diese hatten aber merkwürdigerweise oft gar recht gute und brave Kinder, die gottergeben das Kardinalschlechte (Grundschlechte) ihrer Leibeseltern gar wohl erkannten und einsahen. Die Forderungen, die ihre bösen Eltern an sie stellten, machten ihnen die Haare sich zu Berge sträuben; aber im unverstandenen Gesetze Mosis stand, die Eltern vor allem durch Gehorsam zu ehren!
GEJ|3|213|6|0|Aus solchen Gründen fragten dann in einer noch ganz guten Tempelzeit solche unglücklichen Kinder im Tempel an, was sie tun sollten, und sagten: ,Es sei allerdings wahr, daß Moses aus Gott geboten habe, den Eltern zu gehorchen und sie also hoch zu achten und zu ehren sein Leben lang, auf daß man lange lebe und es einem wohlergehe auf Erden; aber Moses habe auch geboten, nicht zu töten, nicht zu stehlen, kein Falsch zu reden, nicht Unkeuschheit zu treiben mit den Jungfrauen und noch weniger zu begehren des Nächsten Weib. Solches alles aber geböten ihnen nun ihre argen Eltern! Was sollten sie nun tun, um sich an keinem Gebote Mosis zu versündigen?‘
GEJ|3|213|7|0|Da sprach der vom Geiste Gottes wohl durchströmte Hohepriester: ,Stehet ab von solchen euren Leibeseltern, opfert eine Gabe statt dem schlechten Gehorsam und betet zu Gott, und es wird das besser sein für euch und durch die Gnade von oben auch für eure ungeratenen Eltern!‘
GEJ|3|213|8|0|Und da geschah es denn, daß solche Kinder ihre argen Alten verließen, brachten dem Tempel für sich und für ihre argen Alten ein Opfer und suchten dann bei guten Menschen Dienste zu bekommen, um da ein Gott wohlgefälliges Leben zu führen.
GEJ|3|213|9|0|Bisher und insoweit war dies Gesetz ganz völlig göttlichen Ursprungs. Aber mit der Zeit haben die argen Wölfe, die in Schafspelzen auf den Stühlen Mosis und Aarons saßen, dies Gesetz verallgemeinert, und da konnten denn auch ungeratene Kinder ganz guter und braver Eltern sich durch Opfer von dem Gehorsam gegen ihre Eltern loskaufen, um dann ganz frei und gewissenlos sündigen zu können!
GEJ|3|213|10|0|Es ward dadurch das doppelte Gebot Gottes auch zweifach verdrängt und an dessen Stelle eine rein höllisch-menschliche Satzung gestellt, die natürlich vor Gott, weil gänzlich wider Seine Ordnung, ein Greuel der Greuel sein muß; denn da muß ja doch ein nur ein wenig reiner denkender Mensch auf den ersten Blick einsehen, daß solch eine Satzung nie und nimmer göttlichen, sondern nur rein höllischen und satanischen Ursprunges sein kann! Übrigens wird dies alles nun gar bald sein Ende nehmen, und es wird dann dawider nicht viel mehr zu eifern geben.
GEJ|3|213|11|0|Es ist ja sonst doch ganz sicher in aller Ordnung, daß ein Schwacher sich von einem Starken führen läßt! Die Eltern aber sind doch allzeit stärker denn ihre Kinder, und es ist darum ganz in aller Ordnung, daß sich die Kinder von ihren Eltern führen lassen; wenn aber der Schwache merkt, daß ihn der Starke in einen verderblichsten Abgrund stürzen will, so tut der Schwache sehr wohl daran, sich dem Starken zu entwinden und einen sichern Ort sich auszusuchen.
GEJ|3|213|12|0|Übrigens erfüllt aber nur der das Gesetz Mosis ganz, der sich in allem also verhält, wie Ich früher dem alten Könige Ouran den ganzen Sachverhalt ganz vollendet hell gezeigt habe. – Habt ihr das nun wohl begriffen?“
GEJ|3|214|1|1|214. — Was ist Unkeuschheit
GEJ|3|214|1|0|Sagt Jurah: „Ach ja, da ist Licht, Liebe und die höchste Wahrheit auf einem Punkte konzentriert beisammen! Ja, Herr und Meister von Ewigkeit, also möchte ich wohl ein Licht übers ganze Gesetz Mosis haben, und es ließe sich dann erst ganz unwandelbar fest in Deiner ewigen Ordnung leben und wandeln! Da fände nachher der Satan sicher kein Loch mehr, durch das er sich als ein im Schafspelze vermummter Wolf in Dein hellerleuchtetes Heiligtum einschleichen und aus Deinen heiligsten Geboten Menschensatzungen schmieden könnte!“
GEJ|3|214|2|0|Sage Ich: „Mein Freund, die Stunde ist noch nicht gekommen, in der der finstere Fürst der Welt gerichtet werden wird; aber sie ist sehr nahe herangerückt! Wann er aber auch gerichtet sein wird, so wird es dennoch nur zu bald Menschen geben, die mit Meinen reinsten Gesetzen in der Zeit noch ärger verfahren werden denn der Satan selbst. Auf dieser Erde wird stets das Licht mit der Finsternis zu kämpfen haben!“
GEJ|3|214|3|0|Sagt Jurah: „Herr, warum denn? Wenn alle Menschen das Licht nur so erkennen wie ich nun, so bekommt der Satan und alle seine Bosheit einen ewigen Feiertag auf Erden! Daß darauf unsere Kinder und Kindeskinder im gleichen Lichte gewissenhaftest erzogen und darin auch verbleiben werden bis ans Ende der Welt, das wird doch auch so sicher sein und unwandelbar durch alle Zeiten, als wie sicher und unwandelbar es anzunehmen ist, daß zwei Einheiten derselben Art und noch zwei Einheiten derselben für alle ewigen Zeiten vier Einheiten derselben Art ausmachen! Das bezweifelt kein Mensch auf der ganzen Erde, weil das eine unumstößliche und handgreifliche Wahrheit ist. Deine Erhellung der zehn Gebote Mosis macht jedes derselben zu einem mathematischen Grundsatze; wenn aber also, wem kann es dann nebenher nur von ferne einfallen, solch eine Wahrheit in irgendeinen Zweifel ziehen zu können?!
GEJ|3|214|4|0|Weil aber da niemand mehr darin irgendeinen Zweifel haben könnte, so müßte er ja einer solchen klarst erkannten Wahrheit zufolge auch handeln, ansonst er sich selbst als ein barster Narr ansehen müßte, oder er würde dies aus eines jeden vernünftigen Menschen Munde über sich aussprechen hören!
GEJ|3|214|5|0|Aber natürlich, wenn die heiligsten und für uns Menschen allergewichtigsten Wahrheiten stets in einer gewissen rätselhaften Umhüllung gegeben werden und der Mensch daraus nicht selten machen kann, was ihm beliebt, so gibt es dann freilich gleich Lügner in die schwerste Menge, durch die der Satan mit seinem lasterhaftesten Gefolge in die Gesellschaften der Menschen seinen ganz freien Einzug halten kann.
GEJ|3|214|6|0|Darum gib uns Du, erhabenster Herr und Meister, die Wahrheit klar und offen, auf daß für die Folge aller Zutritt des Satans zu den Menschen durch die starke Mauer der unwandelbarsten Wahrheit verrammt werde!
GEJ|3|214|7|0|Ich will zum Beispiele nur jenes Gebotes Mosis erwähnen, durch das er die Unkeuschheit als Sünde verbietet. Was ist denn so ganz eigentlich die Unkeuschheit? Besteht diese bloß darin, daß man ungewaschenen Leibes ein weibliches Wesen beschläft und sich nach dem Beischlafe abermals nicht wäscht? Oder wird darunter die begehrliche Geilheit und das Beschlafen einer Weibsperson, einer Jungfrau, einer Hure, eines Kebsweibes oder einer jungen Witwe verstanden?
GEJ|3|214|8|0|Gehört die blinde Unzucht in diese Rubrik, oder gar die stumme, sodomitische Sünde, oder gar, so man mit einem sehr begehrlichen Weibe eines andern Ehemannes etwas hat? Soll man, um völlig keusch zu sein, diesen mächtigsten aller Naturtriebe gänzlich unterdrücken? Wenn aber das, so ist das Ehebett doch sicher auch nichts anderes als eine Werkstätte einer als sittlich geltenden Unkeuschheittreiberei; denn wer steht uns dafür, daß der Mann sein üppiges Weib nicht öfter beschläft, als es zur Zeugung einer Frucht nötig ist?!
GEJ|3|214|9|0|Ich habe Menschen gesehen und gekannt, die man wahre Goldmenschen nennen könnte, was da betrifft Güte, Liebetätigkeit, Geduld, Sanftmut und Barmherzigkeit; aber im leidigen Punkte der Keuschheit waren und blieben sie schwach. Sie taten zwar vieles, um auch in diesem Punkte stark zu werden, aber da gab sich's in ihrer Natur nicht, selbst dann nicht, als die natürliche, völlige Unvermögenheit sie heimgesucht hatte; eine üppige Jungfrau machte noch immer den gleichen lüsternen Eindruck auf sie.
GEJ|3|214|10|0|Und wieder habe ich Menschen gesehen und gekannt, die bei der größten weiblichen Schönheit so kalt stehenblieben wie ein Steinklotz, wahre Muster der Keuschheit, aber sonst im Leben unempfindliche Klötze für alles! Nichts rührte sie! Not und Elend der Armen waren für sie lächerliche Dinge, Tränen der Leidenden eine Mitleid erwecken wollende Finte; ein Weib war ihnen ein verächtlich und sehr leicht entbehrliches Unding, das in der Welt gar keinen andern Zweck hat als ein Acker für die Aussaat irgendeiner Getreideart. Die Ehe fanden sie als eine der lächerlichsten Einrichtungen in der menschlichen Gesellschaft. Ihrer Ansicht nach sollte man alle gesunden Weiber in ein großes Gebäude einsperren und sie dort von starken und wohl zeugungsfähigen Männern beschlafen lassen, so würden daraus lauter schöne, gesunde und starke Menschen hervorgehen; die häßlichen und schwachen Weiber aber sollte man ausrotten oder sie wie das Vieh zu den niedrigsten Arbeiten verwenden und so lange arbeiten lassen, bis sie krepierten! Das sind von mir erlebte Tatsachen!
GEJ|3|214|11|0|Nun frage ich, ob der in der Keuschheit schwache Mensch nicht vor jedermanns Augen einen sehr großen Vorzug vor dem eiskalten Helden der Keuschheit hat! Von mir aus wohl! Nun, wie das bei Dir, erhabenster Herr und Meister, angeschrieben steht, weiß ich nicht und kann es auch nicht wissen. Um sonach auch in diesem von Moses verbotenen Punkte in eine bestimmte Ordnung zu kommen, um nicht stets in der verderblichen Angst zu sein, mit jedem solchen Akte vor Gott gesündigt zu haben, und ist der wie immer geartete Akt allzeit eine Sünde, so wirst Du, o Herr und Meister, wohl auch irgendein Heilmittel dagegen wissen, durch das man sich die Begierde und den Drang wie einen Schnupfen vertreiben kann! Denn es gibt nichts Miserableres für einen ehrlichen Menschen, als in einem fort von einer gewissen Seite zum Sündigen bei den Haaren gezogen zu werden; die Natur zwingt das Fleisch mit einer unwiderstehlichen Macht gleichfort dazu, und fällt man durch die freie Luft als ein naturschwerer Körper, so hat man dann aber auch schon eine Todsünde begangen! Das ist denn doch ein wenig zu stark, besonders für einen Menschen, der gottlob noch stets nach Möglichkeit Kopf und Herz am rechten Flecke getragen hat. Darüber also, Herr und Meister, möchte ich von Dir auch eine klare Erläuterung haben! Denn das scheint mir wenigstens einer der heikligsten Punkte zu sein!“
GEJ|3|215|1|1|215. — Die Sünde gegen die Keuschheit
GEJ|3|215|1|0|Sage Ich: „Wenn das Leben eines Menschen kein tändelnder Scherz, sondern ein sehr geheiligter Ernst ist, so kann auch der Entstehungsakt desselben durchaus keine Tändelei, sondern auch nur ein sehr geheiligter Ernst sein. Fasse den Grund recht, und es wird dir darauf bald von selbst alles klarwerden!
GEJ|3|215|2|0|Die wohltuenden Empfindungen des Aktes selbst sollen nicht der Beweggrund zum Akte sein, sondern allein, daß ein Mensch gezeugt werde!
GEJ|3|215|3|0|Fassest du das, so wirst du bald finden, daß die wohltuenden Empfindungen nur begleitende Erscheinungen sind, durch die das Werk der Menschwerdung in der Natur des Fleisches ermöglicht wird. Drängt dich der Hauptgrund, so gehe und handle, und du hast keine Sünde! Aber es ist dabei dennoch so manches in eine ordnungsmäßige Berücksichtigung zu ziehen.
GEJ|3|215|4|0|Dieser Akt darf nicht außerhalb der Sphäre der wahren Nächstenliebe geschehen; ein Hauptgrundsatz der wahren Nächstenliebe aber lautet: ,Tuet euern Nächsten das, was ihr wünschet, daß sie auch euch tun sollen!‘
GEJ|3|215|5|0|Nun, du hättest eine aufblühende Tochter, die deinem Vaterherzen ein Heil ist; du wirst um nichts so sehr besorgt sein als um ein rechtes, heilbringendes Glück für solche deine von dir allerzärtlichst geliebte Tochter. Wohl wäre die Tochter reif und sonach fähig, eine Zeugung anzunehmen. Wie würde es dir zumute, so da ein sonst ganz gesunder Mann käme, vom Bedürfnisse, einen Menschen mit einer Jungfrau zu zeugen, gedrängt, und zeugete mit deiner Tochter gewaltsam eine Frucht?!
GEJ|3|215|6|0|Siehe, das würde dich zu einer furchtbaren Rache gegen einen derartigen Frevler erfüllen, und du würdest ihn ohne die möglichst schärfste Züchtigung nicht mehr aus den Augen lassen!
GEJ|3|215|7|0|Und dennoch hätte dieser Mensch keine Sünde gegen die Keuschheit begangen, weil er von dem Ernste gedrängt war, seinen Samen nicht außer einem guten Gefäße zu verstreuen, wodurch einer Menschwerdung ein Pfad abgeschnitten würde. Aber der Akt ist andererseits dennoch ein sündhafter, weil dadurch die wahre Nächstenliebe einen gar gewaltigen Stoß erlitt!
GEJ|3|215|8|0|Gesetzt, dich selbst drängte ein ernster Akt in der Fremde, du träfst da ein Weib auf einem Felde, und du gewönnest es durch Geld und Worte, deinem Drange entgegenzukommen, und das Weib willfahrte dir das, so hättest du dadurch keine Sünde gegen die Keuschheit, auch keinen Ehebruch begangen, so die Person auch eines Mannes ordentliches Weib wäre. Aber so du bedacht hättest, in welche große und höchst trübe Verlegenheiten und Verfolgungen das Weib kommen werde, so der rechte Mann zu ihr sagen wird: ,Weib, gib Rechenschaft, wer in dich den Samen gelegt hat, da ich dich seit dieser und jener Zeit nicht berührt habe!‘, – siehe, daß du dadurch den häuslichen Frieden zwischen einem Ehepaare gestört hast, das ist eine grobe Sünde wider die Nächstenliebe! Denn du hättest deinen, wenn schon ernsten Drang, wenn er keine Wollustleidenschaft ist, schon noch auf eine schicklichere Gelegenheit versparen können!
GEJ|3|215|9|0|Du ersiehst hieraus, daß ein Mann, bei sonst ganz ordentlichen und der wahren Keuschheit nicht widerstrebenden Handlungen, auch auf alle andern menschlichen Nebenumstände sein Augenmerk richten muß, so er sich nicht an irgendeinem Gesetz versündigen will.
GEJ|3|215|10|0|Ein Mann aber kann mit seinem Weibe ebensogut die Unkeuschheit treiben als mit einer Hure und ärger noch. Denn bei einer Hure ist nichts mehr zu verderben, weil da ohnehin schon alles verdorben ist; aber ein Weib kann überreizt werden und dadurch in eine leidenschaftliche Begehrlichkeit übergehen, wodurch sie dann eine viel ärgerlichere Hure werden kann denn eine Ledige.
GEJ|3|215|11|0|Wer aber eine Ledige beschläft, versündigt sich gegen die Keuschheit, weil sein Akt nur die Befriedigung der puren Wollust und nicht die Zeugung eines Menschen zum Grunde hatte und auch nicht haben konnte, weil ihm die reine Vernunft sagen muß, daß man auf den Landstraßen keinen Weizen sät.
GEJ|3|215|12|0|Nebst der Sünde gegen die ordentliche Keuschheit aber begeht jener, der eine Hure beschläft, noch die Sünde an seiner und der Hure Menschheit, weil er dadurch leicht seiner Natur einen großen Schaden zufügt und die blinde Hure in ihrem geheimen Besessensein noch mehr verhärtet und unheilbarer macht, was da schon wieder eine Sünde gegen die Nächstenliebe ist.
GEJ|3|215|13|0|Wer aber ein zu einer Hure gemachtes Weib beschläft, der versündigt sich in derselben Weise zweifach und vierfach, wenn er selbst ein Ehemann ist, weil er dadurch auch einen Ehebruch begeht.
GEJ|3|215|14|0|Ich meine nun, da du ein rein denkender Mann bist, so wird dir dies wenige genügen, und das um so mehr, da ein Mensch, wie du, ohnehin weiß, was da geziemend ist für einen in aller Hinsicht ordentlichen Mann!“
GEJ|3|215|15|0|Sagt Jurah: „Ja, Herr und Meister, nun ist mir alles klar, und ich weiß nun auch, wohin die vielen Abarten der Unkeuschheit führen müssen! Ja, nun ist alles klar! Es gibt in allem nur eine vor Gott gültige Wahrheit, die in der ewigen Ordnung begründet ist, – alles darunter, darüber und daneben ist vom Übel!“
GEJ|3|215|16|0|Sage Ich: „Ja, also ist's und wird es auch ewig also verbleiben. – Aber nun kommen die ausgesandten Schiffer mit ihren toten Leuten wieder, da muß dieser Mein Knecht (Raphael) hin und ihnen die Leichname auf eine rechte Weise legen helfen, ansonst für morgen ihre Heilung erschwert wäre!“
GEJ|3|215|17|0|Raphael begibt sich schnell hin und bewerkstelligt überall die beste Ordnung. Die Schiffer aber begeben sich darauf erst zum Nachtmahle.
GEJ|3|216|1|1|216. — Der Pharisäer Streit über die Göttlichkeit des Herrn
GEJ|3|216|1|0|Mit all dem, was sich nach diesem Sabbatabendmahle zugetragen und ereignet hatte, wäre denn doch ein Tagewerk als beendet anzusehen; aber man ruhet in den Himmeln niemals, Gutes zu tun, wie auch die Hölle niemals ruht, um Böses zu schaffen, und so ward für diesen Sabbat auch noch etwas ganz Besonderes zum Beschlusse aufbehalten und mußte noch vor der Mitternacht werktätig beendet werden.
GEJ|3|216|2|0|Es hatte sich zwischen den fünfzig Pharisäern, an deren Spitze der Oberste Stahar und der uns schon bekannte Redner Floran standen, ein Streit erhoben. Diese Halbbackenen hatten während des Sturmes in einem Zelte Ourans noch allerlei Zweifel ausgehekt, und die nunmalige Legung der Leichen bestätigte so manche ihrer zweifelhaften Ansichten über Mich und Mein Wirken. Nur war unter ihnen darin die Meinung geteilt, daß der bessere Teil ganz feierlich annahm, Ich sei ein außerordentlicher Prophet, so nach der Art eines Elias, – ein finsterer Teil aber meinte, Ich sei trotz aller großen Bewanderung in der Schrift nur ein Schüler aus den Katakomben Ägyptens und hätte im Tempel zu Korak (Karnak) die Weisheit und die echte Magie erlernt. Ich sei darum auch von den Römern so wohl aufgenommen; denn bei den Römern gälten die echten Magier mehr denn ihre Götter, denn die Römer hielten solche Magier für die Finger des Gottes Zeus, der da wirket also unter den Menschen und ist sehr zugetan den Großen! Die Römer aber wären sehr kluge Leute und wüßten, daß den Juden so lange nicht zu trauen sei, bis sie nicht selbst mit Seele, Blut, Haut und Haaren Römer würden. Solches aber könnte am leichtesten dadurch bewerkstelligt werden, so man durch einen solchen Erzmagier aus der Schule Koraks die Juden, die am meisten wundersüchtig seien, bearbeitete, aber also, daß die Juden auch ihren Moses und ihre Propheten darin fänden. Und das geschähe nun, und zwar mit dem sichtlich besten Erfolge von der Welt; denn wer sich da nicht durch Worte und Wundertaten bekehren ließe, für den ständen stets etliche Kohorten römischer Soldaten in der vollsten Bereitschaft, um ihn in die Bekehrung hineinzuschrecken. Es werde darum auch bei jeder Gelegenheit über den Tempel zu Jerusalem aus allen Kräften losgezogen; man hebe mit allem Fleiße nur das Schlechte heraus, aber das Gute lasse man ganz unbeachtet und erwähne dessen nie auch nur mit einer Silbe, während es doch bekannt sei, wieviel Gutes der Tempel, und das unermüdet, ausübe!
GEJ|3|216|3|0|Stahar und Floran, die wohl mehr denn die anderen eine bessere Überzeugung von Mir und den Römern hatten, bemühten sich zwar wohl, ihren Kollegen solches auszureden; aber sie richteten nicht viel aus, trotzdem sie Mich für einen Propheten nach Art des Elias allergewaltigst hervorhoben.
GEJ|3|216|4|0|Die Gegenpartei sagte: „Dorthin sehet, wie ganz ärztlich kunstgerecht die neun Ersoffenen, mit den Köpfen nach abwärts und mit den Gesichtern zur Erde gekehrt, gelegt sind! Warum denn also?! Ein Gott ist allmächtig genug, auch ohne solche Vorbereitungen die Ertrunkenen zu beleben; wo aber solche echt ärztlichen Vorkehrungen getroffen werden müssen, um möglicherweise die Ertrunkenen wieder ins Leben zurückzubringen, da hat es mit einer reinen Wundertuerei schon einen ganz bedeutenden Haken! Auch die früher erweckten drei mußten ins Zimmer gebracht werden, damit die kühle Nachtluft ihnen nicht Schaden bringe und sie am andern Morgen ein besseres und frischeres Aussehen bekämen! Man kenne sich nun schon ganz aus!“
GEJ|3|216|5|0|Floran aber fragte sie ums Urteil über den Raphael, der denn doch das unglaublichst Wunderbare geleistet habe. Da stutzten freilich einige und wußten nicht, was sie darauf erwidern sollten.
GEJ|3|216|6|0|Aber ein Hauptgegner sagte dennoch: „Freund, wir wissen eigentlich gar nichts; aber das ist doch sicher anzunehmen, daß es in der Natur noch gar viele geheime und unentdeckte Kräfte gibt, von denen uns noch nie etwas geträumt hat. Diese haben sich in Ägypten damit vertraut gemacht und verstehen, auf einem uns gänzlich unbekannten Wege die geheimen Naturkräfte also zu bändigen, daß uns Laien solche Bändigungen der stummen Natur offenbar als die reinsten Wunder vorkommen müssen. Würde uns jener junge Mensch den Grund und die handgriffsgerechten Vorteile und Mittel zeigen, so würden auch wir ganz unfehlbar Wunder wirken können. Oh, die Menschen können ganz kuriose Dinge hervorbringen und sich die ganze Natur zinspflichtig machen; aber aus nichts können sie dennoch nichts machen, das kann nur Gott allein! Und darin besteht auch der große Unterschied zwischen der Allmacht Gottes und zwischen der Wunderkraft mancher geweckter Menschen.
GEJ|3|216|7|0|Es soll jener junge Mensch nur eine neue Erde, mit allem, was auf ihr ist, lebt und atmet, erschaffen, und es wird ihm bei solcher Arbeit wohl ganz sicher der Atem zu kurz werden! Ja, mit der schon seienden Natur zu manipulieren, ist für den, der es versteht, sicher keine gar zu besondere Kunst; aber nur eine Welt aus nichts erschaffen, oder auch nur einen Grashalm ohne Samen, oder gar einen Menschen – aber vollkommen aus nichts! –, da wird sich's denn gleich zeigen, wieweit die Allmacht solcher Menschen reicht!“
GEJ|3|216|8|0|Sagt Floran: „Ja, Freund, darauf möchte ich eben kein zu großes Stück Goldes setzen, daß diese beiden Menschen, wenn es gerade sein müßte, auch eine Welt aus nichts hervorzubringen imstande wären; ich möchte es wahrlich nicht darauf ankommen lassen!“
GEJ|3|216|9|0|Sagt Stahar: „Auch ich nicht; denn die beiden haben mir schon zu große Dinge geleistet! Zugleich spricht sich in beiden eine derart große Weisheit aus in allen Dingen, durch die all mein Wissen und alle meine Erfahrungen rein zu Boden geschlagen werden; wo aber eine so große Weisheit am Tage liegt, da ist Gottes Geist wirkend, dem kein Ding unmöglich ist.
GEJ|3|216|10|0|Sehen wir zurück, was dem Elias und was dem Moses alles möglich war, und wir werden uns hier dadurch auch begreiflich machen können, wie diese beiden eben auch durch denselben allmächtigen Geist ihre unbegreiflichen Wundertaten in allzeit sichersten Vollzug bringen!
GEJ|3|216|11|0|Nun, was ist es denn?! So wir wissen, daß nur allein dem allmächtigen Geiste Gottes Dinge möglich sind, die allen Menschen unmöglich sind, so ist ganz leicht derselbe Geist Gottes tätig, der einst die Erde aus nichts ins Dasein rief und später durch Moses und Elias die wunderbarsten Dinge verrichtete!
GEJ|3|216|12|0|Zudem muß ich hier noch eins bemerken und frage euch: Wo außer den Kreisen der Kinder Israels bestand denn je ein Volk, das in der Weisheit und in seiner Kraft irgend tiefer gestanden wäre als eben wir, als echte Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs?! Wer sonach im Hause Jakobs nicht die wahre Weisheit und ihre Kraft fand, wo anders irgend hätte er sie wohl finden können?! Wohl weiß ich auch etwas von der geheimen Schule Ägyptens und weiß, was dort gelehrt wurde! Ja, diese Schule in Korak kam mit der genauesten Not wohl bis in den Vorhof; aber in das Allerheiligste, Innerste, kam sie wohl nimmer!
GEJ|3|216|13|0|Diesen beiden aber scheint das Allerheiligste, Innerste, was ihnen auf den ersten Blick anzukennen ist, so traulichst bekannt zu sein als einer Hausfrau das Innere ihrer Speisekammer. Bei einer um alles Häusliche besorgten Hausfrau kann man sich sogleich an ihrem heitern Angesichte auskennen, daß die Speisekammer gut bestellt ist; und bei diesen zweien aber kann man sich auch dahin ganz gut auskennen, so man ihre Gesichter nur ein wenig durchmustert und leicht ersieht, wie sie voll von der heitersten und sorglosesten Ruhe und völligen Sorglosigkeit strotzen!
GEJ|3|216|14|0|Wer mit solch einer Weisheit und Macht versehen ist und mit solch einer wahrhaft göttlichen Ruhe in die Welt sehen kann, und wen der höchste Sturm ebensowenig anficht wie uns der erste Winter, den der Erzvater Adam erlebt hat, der ist im Allerheiligsten, schon selbst ein Herr und freiester Gebieter! Der braucht auch keine Weisheitsschule in Korak, weil der Geist Gottes ihm eine bessere durch Sich Selbst ins Herz gelegt hat! Das ist so meine Ansicht und nun auch mein fester Glaube; und daß dieser mein Glaube gut ist, erkenne ich daraus, daß auch ich anfange, eine ganz göttliche und freie Ruhe in ihm zu fühlen, was ich früher noch nie gefühlt und empfunden habe.
GEJ|3|216|15|0|Ich kann euch als euer gewesener Oberster zwar solchen Glauben und solche Empfindungen nicht gebieten, weil sie sich auch nicht und nie gebieten lassen; aber sagen kann ich euch dennoch, daß sich die Sachen also verhalten, und daß ihr mit eurer ägyptischen Schule rein in den finstersten Katakomben ohne einen Leitfaden wandelt!“
GEJ|3|216|16|0|Sagt der Sprecher der nun auf die Worte des Stahar schon um mehrere Köpfe kleiner gewordenen Gegenpartei: „Ja, ja, du lieber Freund, hast nun ganz gediegen und recht geredet, aber unser Anstoß ist allein die ärztlich erforderliche Legung der neun Ertrunkenen; denn also legen die Ärzte wie auch die erfahrenen Lotsen die Ertrunkenen, und es geschieht öfter, daß sie schon dadurch ins Leben zurückkehren, denn durch diese Lage entweicht das Wasser aus der Lunge, und wenn im Herzen noch nicht jeder Lebensfunke erloschen ist, so kehrt dann das Leben wieder; denn bei den Ertrunkenen soll die Seele noch drei Tage lang in dem Leibe verweilen, darum denn auf diese Weise, die auf alter Erfahrung beruht, die Wiederbelebung der Ertrunkenen selbst dann noch möglich sein soll, wenn sie zwei volle Tage im Wasser gelegen sind. Nun, wenn aber in diesem Elias von einem Propheten der wahre Geist Gottes wohnt, wozu dann diese ärztliche Vorbereitung?!
GEJ|3|216|17|0|Als nach der Sage Elias einen ganzen Haufen von Totengebeinen belebte und sie mit Fleisch umhüllte, bedurfte er keiner ärztlichen Vorbereitung, sondern sein Wort und sein Wille genügten. Es sind früher auch von diesem Elias Taten in den Vollzug gebracht worden allein durch die Macht des Wortes; warum nun solche Vorkehrungen mit den neun Ertrunkenen, als wäre er der Kraft des göttlichen Geistes in sich völlig bar geworden?!
GEJ|3|216|18|0|Siehe, Freund, wenn du auf ein schon durch und durch beschmutztes Tuch einen kleinen Schmutzfleck dazumachst, so wird das keinem noch so scharf sehenden Auge auffallen; aber auf einem vollkommen reinst weißen Tuche wird dich auch ein dunkler Punkt genieren! Und so ist es auch bei diesem großen Propheten, in dessen Herzen die Fülle des göttlichen Geistes wohnen soll; es geniert da jede Kleinigkeit, die sich mit dem groß erhabensten Begriffe und mit der allerhöchsten Würde des göttlichen Geistes durchaus nicht verträgt. Wenn er nur das nicht getan hätte, so hätte ich ihn am Ende für Jehova Selbst halten können, denn seine früheren Reden und Taten waren ganz göttlicher Art; aber durch diese Manipulation mit den neun Ertrunkenen hat er bei mir den ganzen früheren Göttlichkeitsnimbus verwischt, und ich kann mich nun und nimmer so recht vollends hineinfinden!“
GEJ|3|216|19|0|Sagt abermals Stahar: „Freund, wenn dich schon das also geniert, da wundere ich mich sehr, wie es dich denn am Ende doch nicht im Glauben an Jehova schon längst geniert hat, wenn du das langsame Wachstum der Pflanzen, Tiere und Menschen schon sicher oft genug wirst beobachtet haben! Wozu braucht der allmächtige Geist Jehovas solch lästige Vorkehrungen zu treffen?! Zu was braucht Er überhaupt der Bäume, Gesträuche und Pflanzen, um auf denselben verschiedene Gattungen von Früchten nach und nach reif werden zu lassen?! Er wolle nur, und sie werden reif aus den Wolken auf die Erde herabfallen! Wozu ein Acker auf der Erde?! Der Geist Gottes lasse lieber den reinsten und vollreifen Weizen aus den Himmeln regnen, und noch besser schon ein bestes und wohlschmeckendes Brot! Wozu die Zeugung bei Tieren und Menschen?! Warum muß der Mensch erst völlig unbehilflich und mückenschwach geboren werden?! Er falle gleich stark, weise und mit allem versorgt auf die Erde!
GEJ|3|216|20|0|Findest du nicht, daß solches für die Allmacht des göttlichen Geistes viel klüger und desselben würdiger wäre als der bekannte Zauderweg, demzufolge nicht selten ein hungerndes Kind einige Wochen lang einen Baum betrachten muß, bis auf seinen Ästen die Früchte reif werden?! Welche Freude hätte ein um das Wohl seiner Kinder besorgtes Elternpaar, wenn sie schon mit aller Weisheit gleich einem Samuel auf die Welt kämen?! Allein mit vielen Schmerzen müssen sie geboren werden, und dann braucht es wenigstens zwölf Jahre, bis ein Kind es nur dahin gebracht hat, um für einen höhern Unterricht fähig zu werden, und dann kann es bis zum Mannesalter allen Fleiß anwenden, damit es in irgendeiner Kunst oder Wissenschaft die erforderliche Festigkeit bekomme. Findest du das wohl der höchsten Weisheit des Gottesgeistes angemessen?!
GEJ|3|216|21|0|Wenn aber bei all dem die endlose göttliche Weisheit doch nichts erleidet, wie kannst du nun diesem Propheten das verargen, so er nach einer ärztlichen Ordnung die neun Leichname gelegt hat?! – Rede nun, mein Freund!“
GEJ|3|216|22|0|Sagt der Gegner, der Murel hieß: „Ja, ja, Freund Stahar, du hast recht, und ich sehe nun die Nichtigkeit meiner früheren Behauptung ganz gut ein! Aber demungeachtet liegt an dem, was ich aufgestellt habe, dennoch etwas, und das ist eben die Saumseligkeit Gottes, die in vielen Dingen mir recht gut vorkommt, aber in vielen Dingen wieder gar nicht! Ja, in manchem könnte hingegen wieder mehr Saumseligkeit vorwalten, wie zum Beispiel im verderblichen Blitze und in dem in der Winterszeit zu kurzen Tage; auch der Vollmond dürfte sein volles Licht länger als kaum nur ein paar Tage beibehalten! Würde der Blitz nicht mit einer gar so gräßlichen Schnelligkeit daherschießen, so könnte man ihm ausweichen, und er würde dann weniger schädlich sein; auch der Sturmwind könnte langsameren Zuges einherwehen, wodurch viel Schaden vermieden werden könnte! Man findet in der Schöpfung zumeist eben dort eine ungeheure Fertigkeit der Machtwaltung Gottes, wo sie der belebten Natur schadet; und dort aber, wo nach meiner Beurteilung ein längeres, oft zu langes Weilen durchaus keinen Nutzen bewirkt, da ist von einem Weiterkommen fast gar keine Rede mehr.
GEJ|3|216|23|0|Nun, das weiß jeder Mensch aus den Erfahrungen, daß es also ist. Aber warum muß es denn also sein, und warum muß ich denn das, so es auch gut sein sollte, als nicht gut erkennen und danebst ungeduldig und ärgerlich werden? Warum regnet es denn oft, wenn nach dem Erkenntnisse aller Landwirte der Schein der Sonne die größte Wohltat wäre, und warum scheint die Sonne oft monatelang ohne einen dazwischenkommenden Regen? Ja, Freund, sieh, das sind lauter gewichtigste Fragen; wer aber beantwortet sie mir?“
GEJ|3|216|24|0|Sagt Stahar: „Dort, der große Meister! Gehe hin zu Ihm, und ich wette, Er wird dir darüber ein rechtes Licht geben. Denn für mich stehen deine Fragen zu hoch, ja, so hoch, daß ich sie beinahe dumm nennen könnte; aber nicht darum etwa, als wären sie wirklich dumm, sondern nur weil sie meinem Unverstande dumm vorkommen.“
GEJ|3|216|25|0|Sagt Murel: „Oh, du bist ein feiner Kunde und bist weiser um vieles denn ich und gibst meinen Fragen ein solches Zeugnis!? Wie soll ich damit vor den Allerweisesten treten?!“
GEJ|3|216|26|0|Sagt Stahar: „Nun gut, so du das einsiehst, so frage nicht um den Grund solcher Dinge und Erscheinungen, die Gottes Weisheit schon von Ewigkeit her geordnet hat! Wir Menschen verstehen gar unendlich vieles nicht, ja, wir verstehen eigentlich gar nichts; denn aller unser Verstand ist gegen die göttliche Weisheit kaum ein Sonnenstäubchen, und er möchte Rechenschaft von Gott haben, warum Er dies und jenes angeordnet und verfügt hat?! Wir sind noch lange nicht bis zur ersten Anfangslinie des alpha gekommen und fragen schon um die Wesenheit des Omega! Oh, wie blind und dumm müssen wir noch sein!
GEJ|3|216|27|0|In der Schule zu Korak in Ägypten kann solches wohl üblich sein unter den blinden Heiden; aber bei sehen sollenden Kindern Israels sollten solche Fragen wohl nicht vorkommen. Denn so die Blinden sich nicht erkennen, da sollen doch wir uns insoweit erkennen, daß unsere Erkenntnis darin den möglichst höchsten Gipfel der Weisheit erreicht hat, wenn wir zu der Einsicht gelangt sind, daß all unser Wissen und Erkennen gegen nur einen Funken der göttlichen Weisheit ein reinstes Nichts ist!
GEJ|3|216|28|0|Freilich, wohl ersieht der grübelnde Geist des Menschen im Bereiche der wunderbarsten Schöpfungen Gottes so manches, das er in der großen Beschränktheit seines Verstandes nicht zu sehr billigen kann; aber da denke er an seine Kinderjahre zurück, in denen ihm seine weisen Eltern oft gar manches vorenthielten, das ihm als einem unerfahrenen und leichtsinnigen Kinde sicher einen großen Schaden zugezogen, so er darum gewußt hätte! Wenn uns allerunmündigsten und unerfahrensten Kindern Gottes Liebe und Erbarmung nun auch noch gar so manches vorenthält, das, so wir darum wüßten, uns sicher in manchen großen und unabsehbaren Schadenstrom brächte, so können wir Gott darum nur loben und preisen! Denn wenn wir einer größeren Weisheit fähig werden, wird sie uns von Gott aus auch nicht vorenthalten werden!“
GEJ|3|217|1|1|217. — Cyrenius‘ und des Herrn Besprechung über Murel, Stahar und die Jünger
GEJ|3|217|1|0|Hier sagt zu Mir Cyrenius, der dieser ziemlich laut geführten Verhandlung sehr aufmerksam zugehorcht hatte: „Herr und Meister, unser Oberster Stahar hat sich gemacht! Ich hätte in ihm nicht soviel Weisheit gesucht! Mit einer Leichtigkeit hat er die Gegenpartei zum tiefsten Schweigen gebracht, und am meisten zu verwundern ist es, daß er den Murel besiegt hat; denn den kenne ich als einen Redner erster Klasse und halte ihn auch für einen Menschen, der auf der lieben Erde an allen Orten und Enden wohl die größten Erfahrungen gemacht hat und daher viel zu reden weiß, und was er redet, hat stets irgendeinen festen Stützpunkt. Ich kenne ihn daher, weil er stets als ein Abgeordneter zu mir kam, wenn die jüdische Priesterschaft irgendein besonderes Anliegen hatte. Er verstand sein Petitum (Gesuch) allzeit so einzukleiden, daß man es ihm schon durchaus nie gänzlich abschlagen konnte. Und es wundert mich darum um so mehr, daß Stahar diesen Murel nun gänzlich besiegt hat.
GEJ|3|217|2|0|Da hast Du, o Herr, nun wohl auch so manches Wörtlein ihm auf die Zunge gelegt; denn sonst wäre wohl der Murel der offenbare Sieger geworden! Es hatte, was Murel sagte, auch einen Grund. So ganz auf den Sand stellte er seine Annahmen nicht; aber der Stahar kam ihm dann freilich armdick entgegen und zeigte ihm Dinge, die natürlich auf einer noch um überaus vieles festeren Basis stehen.
GEJ|3|217|3|0|Ich muß überhaupt gestehen, daß es unter den Juden, selbst in dieser entartetsten Zeit, Männer gibt, die ihresgleichen in der ganzen Welt nicht mehr finden dürften, und ich kann ihnen darum schon durchaus nicht mehr feind sein. Dem Stahar aber muß ich auf jeden Fall wieder eine Stellung geben, in der er seiner Weisheit nach einen recht ergiebigen Wirkungskreis haben soll; denn er ist nun schon ganz auf Deiner Seite!“
GEJ|3|217|4|0|Sage Ich: „Das ist er, und Ich wußte es schon lange, daß er es werden wird, – aber Murel wird noch gewichtiger; denn Murels Geist ist einer von großer Festigkeit, und in seiner Seele liegen sehr viele gut brauchbare Erfahrungen zu Grunde, mit deren Hilfe er ganz gut alles Wahre vom Falschen und alles Gute vom Bösen unterscheiden kann. Diesen Murel müssen wir noch weiter erwecken und ihm zeigen die allein rechte Ordnung des göttlichen Geistes, und er wird sie dann den andern mit der größten Beredsamkeit vollends weiter zeigen können.“
GEJ|3|217|5|0|Sagt Cyrenius: „Aber, was mich von Deinen eigentlichen Jüngern hier sehr wundernimmt, ist, daß sie da sind, als wenn sie gar nicht da wären! Sie horchen nur und machen stets große und aufmerksame Augen, von Reden und Sprechen kommt unter ihnen nahe gar nichts vor! Warum verhalten sie sich denn gar so passiv?“
GEJ|3|217|6|0|Sage Ich: „Weil sie bis auf einen schon gar wohl wissen, was sie zu tun haben! Wer schweigt und horcht, der sammelt beständig; wer aber selbst redet, der zerstreut und kommt nie zu einem rechten Reichtume. Wenn aber Meine Jünger, die ursprünglich schon bei Mir waren, einmal sehr vieles werden eingesammelt haben, dann werden sie schon auch reden, und das Heil wird dann erst durch sie den Völkern der Erde verkündet werden. Es gibt unter ihnen tiefweise Männer, obschon sie zumeist dem armen Fischerstande angehören.
GEJ|3|217|7|0|Aber nun wieder zu unserm Murel zurück! Dieser wird uns zwar noch einige Mücklein um die Ohren säuseln machen, wird aber darauf aus der eigenen Selbstentwicklung in eine wahre Riesenstärke des Geistes übergehen.“
GEJ|3|217|8|0|Cyrenius sagt: „Auf diesen Prozeß freue ich mich ganz außerordentlich wieder; denn ich habe stets eine große Freude, wenn irgendein Blinder sehend und ein Stummer redend wird.“
GEJ|3|218|1|1|218. — Murels Erfahrungen auf seinen Reisen
GEJ|3|218|1|0|Während Cyrenius solche Bemerkung macht, kommt auch Murel herbei, grüßt Mich und sagt: „Herr und Meister, früher redeten nur zwei für uns alle, es waren dies Stahar und Floran; ich war zwar stille, da ich mit so manchem vollends einverstanden war, – aber es gab darunter dann auch so manches, damit ich nicht einverstanden war und sein konnte. Stahar hat mir nun ein recht großes Licht angezündet, und ich sehe nun bei weitem besser, als ich früher gesehen habe; aber es gibt demungeachtet dennoch so manches, das ich noch lange nicht klar genug einsehe! Und da ich nun ganz anders von dir denke, als ich früher gedacht habe, so möchte ich von dir auch so manches Licht und Lichtlein bekommen.
GEJ|3|218|2|0|Ich war zwar so wie meine Kollegen ein Pharisäer, insoweit sich das Pharisäertum mit meinen geläuterten Begriffen und Erkenntnissen vertrug, und ich weiß es, daß du eben kein besonderer Freund dieser – zumeist Propheten der Nacht – bist! Aber es gibt da auch unter dieser Klasse Menschen noch welche, bei denen aller bessere Geist noch nicht gänzlich entflohen ist, und zu denen habe auch ich mich noch allzeit gezählt, und unter diesem Auspizium (schützenden Vorzeichen) getraute ich mich denn auch, nun zu dir zu kommen und dich – nicht als ein dir verhaßter Pharisäer, sondern nur als ein ganz einfacher, mit manchen Erfahrungen bereicherter Mensch – über so manches zu fragen, was zu wissen nicht nur mir, sondern jedermann not tut.
GEJ|3|218|3|0|Aber es kommt nun eine gewisse Vorfrage, und diese besteht darin: Ich bin ein sündiger Mensch und du ein Heiliger Gottes; wirst du mich wohl einer mir genügenden Antwort würdigen?“
GEJ|3|218|4|0|Sage Ich: „Wer seine Sünde als Sünde erkennt und sie tatsächlich verabscheut, Gott über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst, der ist vor Mir kein Sünder mehr!
GEJ|3|218|5|0|Gott über alles lieben aber heißt, Seine Gebote halten und nicht außer der Ordnung Gottes leben wollen; ist bei dir dies der Fall, da rede, und Ich werde dich hören und dir antworten!“
GEJ|3|218|6|0|Sagt Murel: „Dann, Freund, lebe du wohl; denn da werden wir sehr wenig Worte miteinander zu tauschen bekommen! Was nützt mir denn meine Sünden erkennen und sie auch nach Möglichkeit verabscheuen?! Es kommt eine böse Stunde der Versuchung, und man fällt auf demselben Flecke tausendmal von neuem, auf welchem man schon früher tausendmal gefallen ist!
GEJ|3|218|7|0|Man hält auch die Gebote Gottes mit dem guten Willen stets; aber mit der Tat hat es nur zu oft einen gar großen Haken.
GEJ|3|218|8|0|Ich liebte auch stets meine Nächsten, wenn sie keine Lumpen und Spitzbuben waren; waren sie aber letzteres, so liebte ich sie offenbar nicht und bin ihr Freund noch lange nicht. Werden sie ehrliche Menschen, dann werde ich sie auch schon wieder lieben und achten, aber sonst nicht gar zu leichten Kaufes! Du weißt nun aus meinem Munde, wessen Geistes Kind ich bin. Willst oder kannst du mich einer Antwort würdigen, so zeige mir solches unverhohlen an; kannst du das aber nicht, so sage es, und ich werde damit auch zufrieden sein!
GEJ|3|218|9|0|Hochmut und Eigensinn sind meinem Gemüte ganz fremde Dinge; aber übrigens ist in mir auch keinerlei Furcht vorhanden, weil ich kein besonderer Freund irgendeines Lebens bin. Mir ist an diesem meinem Leben geradesoviel gelegen, als an dem letzten Brett an der Arche Noahs. Das Nichtsein wäre mir um volle tausend Jahre lieber als dies lumpige Sein!
GEJ|3|218|10|0|Warum mußte ich überhaupt werden und nun fortbestehend sein? Habe ich je einen Gott um ein Werden und Dasein bitten können?! Ich ward ohne meinen Willen, bestehe nun fort ohne meinen Willen und muß allerlei Gesetze und anderes Ungemach mir gefallen lassen, wofür ich nichts habe als eine höchst dunkle Verheißung, danach es nach diesem elenden Leben ein unelenderes Leben geben soll mit einem ewigen Bestande. Um desselben dereinst teilhaftig werden zu können, soll ich hier dieses Leben hindurch alle noch so starken Versuchungen rein niederschlagen und nach den Gesetzen reiner denn die Sonne am Mittage dastehen, eine Bedingung, die gar nicht zu erfüllen ist, außer man hätte eine ebenso göttliche Natur wie allenfalls du, lieber, achtbarster Freund!
GEJ|3|218|11|0|Wozu aber alles das?! Hinweg mit diesem Leben; denn man braucht weder ein schlechtes, zeitliches und noch weniger ein vielleicht im günstigsten Falle etwas besseres, ewiges Leben! Das vollkommene Nichtsein ist die wahrste Glückseligkeit schon in sich selbst!
GEJ|3|218|12|0|Ah, wenn ich sichere Aussichten auf ein ewiges, vollkommenes Leben hätte, so wäre das dann ganz was anderes! Man wüßte, wie und warum man in diesem Leben etwas tun müsse, damit das nachfolgende ewige Leben ein um desto besser bestelltes mit der höchsten Zuversicht zu erwarten wäre; aber so ist das nirgends der Fall!
GEJ|3|218|13|0|Wo man hinkommt, in welche Schule man sich auch immer einweihen läßt, überall findet man statt einer klaren Aussicht einen blinden Glauben in Gesellschaft einer völlig grundlosen Hoffnung. Und so haben die Menschen zur – sage – vielleicht möglichen Realisierung ihrer, aus ihrem gemachten Glauben entspringenden Hoffnung sich überall Gesetze geschaffen, mit denen sie sich und ihre Nebenmenschen für nichts und abermals nichts, und das nicht selten auf das unerträglichste, quälen.
GEJ|3|218|14|0|Ich bereiste ganz Ägypten und suchte eine klare Überzeugung fürs jenseitige Leben! Was fand ich nach allen Einweihungsqualen? Nichts – als ein künstlich erzeugtes helleres Träumen, und man lehrte mich die Traumgesichte auszulegen und ihnen eine mystisch-prophetische Deutung zu geben, die gewöhnlich für alle Vorkommnisse taugte!
GEJ|3|218|15|0|Wäre ich auch wie viele andere ein schwachgeistiger Träumer, so hätte derlei Sinnengaukelwerk auf mich in jedem Falle einen ganz besonderen Eindruck gemacht, und ich hätte mich in die Dummheiten so recht lebendig hineingeglaubt; aber so sah ich trotz aller Illusionen sogleich auf den Ungrund der Dinge, erkannte in mir selbst den Betrogenen und die Meister der hohen Schule als die gemachten und auch freiwilligen Betrüger, die für sich von all dem, was sie die andern lehren, aber auch nicht eine Silbe glauben.
GEJ|3|218|16|0|Diese Menschen sind noch die Gescheitesten; die nebenbei dennoch etwas Glaubenden sind natürlich schon um ein bedeutendes dümmer und erkennen die helle, auf zahllosen stets gleichen Erfahrungen beruhende Wahrheit ,Mensch, du lebst nur von heute bis morgen!‘ nimmer!
GEJ|3|218|17|0|Ich zahlte in Korak die verlangte Schul- und Einweihungstaxe und zog von dannen mit der klarsten Überzeugung, daß ich die starke Taxe umsonst bezahlt hatte, – das heißt gegenüber dem, was ich eigentlich erreichen wollte.
GEJ|3|218|18|0|Unterwegs fand ich einen Menschen, der sich meiner Karawane anschloß, der in Persien und sogar bei den Altgläubern (Birmanen) war; von denen erzählte er mir Wunderdinge. Wir wurden nach drei Tagen dahin einig, über Persien zu den berühmten Altgläubern zu reisen. Unsere Reise dahin, mit vielen Gefahren und Beschwerden verbunden, dauerte fünf volle Wochen. Wir fanden dort ein entsetzlich streng lebendes Büßervolk, das aber sonst sehr gastfreundlich war und uns wirklich mit aller Liebe aufnahm. Mit der Sprache ging es mir freilich schlecht; aber mein Führer war derselben kundig, machte mir einen Dolmetsch und konnte mich sonach mit den berühmten Altgläubern, die direkt vom Noah abstammen sollen, ins Einvernehmen setzen. In kurzer Zeit hatte ich selbst so viel von ihrer Sprache mir zu eigen gemacht, um mit den guten Menschen reden zu können. Meine Erkundung ging natürlich vor allem darauf hinaus, um zu erfahren, wie es mit ihrer Überzeugung vom jenseitigen Leben aussieht.
GEJ|3|218|19|0|Die Antwort lautete: Dies wisse nur ihr höchster, unsterblicher Priester, der beständig mit Gott reden könne und schauen auch die jenseitige Welt und alle, die hinübergewandert wären. Aber dieser Priester sei für alle Sterblichen für immer unzugänglich! Niemand dürfe sich seiner Residenz nahen, außer in einem Jahre nur einmal, aber nur bis auf eine halbe Stunde von dem goldnen Felsen, auf dem er sich an einem Sabbat morgens mit dem Aufgange der Sonne den Sterblichen auf etliche Augenblicke lang zeige. Sie alle aber müssen glauben und hoffen, wenn sie die, sage, martialisch unerträglichsten Gesetze halten; hat sich aber jemand versündigt, so muß er Bußwerke verrichten, vor denen es dann aber schon dem Satan grauen müßte!
GEJ|3|218|20|0|Mir wurden etliche solcher Büßer gezeigt, bei deren Anblick mir aber auch gleich das Hören und Sehen vergangen ist! Was in den Schulen Ägyptens mehr scheinbar geschieht – allein nur zur Erweckung der Angst und des Schreckens –, das und noch Ärgeres geschieht dort in der nacktesten Wirklichkeit! Und warum tun solches alles die Menschen, diese dümmsten Tiere? Bloß wegen der Hoffnung auf ein besseres, künftiges Leben!
GEJ|3|218|21|0|Sie zwängen sich in eine ihnen vorgemachte Hoffnung so nagelfest hinein, daß sie diese bösartigste Täuschung ihrer armen Seele am Ende sogar für eine der alleruntrüglichsten Wahrheiten halten!
GEJ|3|218|22|0|Dazu tragen freilich leider die Priester alles bei, weil ihnen solch ein Menschentrug ein stets ansehnlichstes Leben bereitet. Dumm sind die Menschen zur Genüge und lassen sich daher solch einen Betrug gerne gefallen. Aber bei mir ist dies schon lange nicht der Fall; ich will Gewißheit oder einen mich völlig auflösenden Tod!
GEJ|3|218|23|0|Ich verließ nach einem qualvollen Jahre auch die Altgläuber und zog mit einer persischen Karawane nach Hause, das heißt nach Jerusalem, und wurde im Tempel bald Levite und darauf Pharisäer (Varizaer = Hüter, Hirte) und kam bald darauf hierher, allwo ich nun schon bereits elf volle Jahre als ein Judenpriester in Diensten stehe.
GEJ|3|218|24|0|Dümmer, als die Menschen eher waren, habe ich sie wohl nicht gemacht, weder durch Worte noch durch Taten, aber auch weiser nicht; denn ich dachte mir: Wen seine Dummheit glücklich macht, dem lasse man sie unbeirrt! Denn man gibt ihm selbst mit der erwiesensten Wahrheit nichts Besseres! – Ich habe dir damit nun gezeigt, wie ich so ganz eigentlich denke und wie ich beschaffen bin.
GEJ|3|218|25|0|Wenn von Menschen gemachte Gesetze, die schwer zu halten sind, über den Menschen entscheiden, ob er ein Gerechter oder ein Verbrecher sei, so bin ich offenbar ein Sünder vor deinem gesetzlich reinsten Wesen und kann, mag und darf mit deiner Heiligkeit deinetwegen nicht Zwiesprache führen.
GEJ|3|218|26|0|Ist vor dir wie vor mir nicht das von Menschen gemachte Gesetz, sondern allein der Mensch, wie er nach seiner Natur ist, maßgebend, so kannst du, trotz deiner Göttlichkeit, die mich eigentlich gar nichts angeht, mit mir ebensogut eine Zwiesprache führen wie ich mit dir! Erwarte aber darum von mir weder einen Dank, noch irgendeine Verehrung, – und wärest du Jehova Selbst; denn dann bin ich dein Werk und sehe gar keinen Grund, aus dem heraus ich dich fürchten oder lieben und ehren sollte!
GEJ|3|218|27|0|Ah, wenn ich dich zuvor um ein Dasein hätte bitten können, dann stünde das Verhältnis ganz anders, auch wenn ich ein Freund des Lebens wäre; aber ich bin ein Feind des Lebens geworden, weil ich die arme, ehrliche Menschheit stets schmachten unter dem elendsten Drucke von allerlei dummen und nichtigen Gesetzen fand. Nur Menschen, die es schon von Urbeginn an verstanden, ihre schwächersinnigen Nebenmenschen so recht dick zu hintergehen, sind allein glücklich, weil sie sich stets über jedes Gesetz zu erheben verstehen.
GEJ|3|218|28|0|Diese verfinstern ihre armen Nebenmenschen durch allerlei jenseitige Verheißungen, auf daß sie selbst desto freier hier ein ganz gutes Leben führen können. Diese Sachen kenne ich und weiß, was ich von einem künftigen, jenseitigen Leben zu denken und zu erwarten habe. Daher habe ich auch keine Furcht – weder vor dem allmächtigen Gott, und noch weniger vor irgendeinem großen und noch so mächtigen Weltbeherrscher.
GEJ|3|218|29|0|Gott fürchte ich darum nicht, weil Er offenbar ein zu weises Wesen sein muß, dem es doch wahrlich kein Vergnügen machen kann, einen armen, nichtigen Wurm im Staube zu quälen, den Er, so er Ihm lästig geworden ist, tausendmal mit einem leisesten Hauch vernichten kann. Als ein höchst weises Wesen kann Gott dafür auch vernünftigermaßen von mir keine Verehrung und Anbetung und keine Liebe fordern, weil Er mich ungebeten und unaufgefordert in ein elendes Dasein gesetzt hat, das mir durch den Mund herrsch- und gewinnsüchtiger Menschen eine jenseitige Glückseligkeit erhoffen lehrt, und ich solch eine Lehre für die blankste Wahrheit halten solle, während mir von allen Seiten her tausend und abermals tausend Erfahrungen das blankste Gegenteil handgreiflich zeigen und die große Natur aus allen ihren Gräbern laut schreit: ,Mensch, all dein Leben dauert nur von heute bis morgen!‘
GEJ|3|218|30|0|Du siehst, daß bei mir mit dem altgerühmten Glauben und mit seiner tröstenden Begleiterin, der lieben Hoffnung, nichts zu machen ist, durchaus nichts! Darum gib mir die Wahrheit, die ich, wie dies mein Dasein, lebendig fühlen werde, und jedes Glaubens werde ich entbehren können, wie auch jeder leeren Hoffnung!
GEJ|3|218|31|0|Mache, du weiser und mächtiger Mann Jehovas, uns Menschen keine langen und lüsternen Zähne, die aber hernach nichts zum Beißen bekommen! Ich würde dir, du weiser Freund, nicht so von der Leber weg zugesetzt haben, so ich aus deinen früheren Reden und Lehren nicht entnommen hätte, daß in dir auch die Wahrheit zu Hause ist und du auch einer bist, der es mit der armen Menschheit ehrlich meint.
GEJ|3|218|32|0|Solltest aber auch du einen andern Hintergrund haben, dann laß mich bei der Wahrheit, die ich mir durch tausend Erfahrungen schwer und bitter erworben habe!“
GEJ|3|219|1|1|219. — Wo man die Wahrheit suchen soll
GEJ|3|219|1|0|Sage Ich: „Freund, so du etwas verloren hast und suchst es dann an einem fremden Ort, da du nichts verloren hast, und hältst dich aber hernach auf, so du das Verlorene nicht findest, und wunderst dich, wie du so lange und mit allem Fleiße und vieler Aufopferung suchend dennoch nichts gefunden hast, – bist du auch ein kluger und nüchterner Mann, so warst du es in dieser Hinsicht wahrlich nicht!
GEJ|3|219|2|0|Siehe, du fandest gleich im Anfang deines Erkennens Moses und alle die Propheten leer, geist- und wahrheitslos, du hieltest sie so wie alles für ein eitles Menschenmachwerk, hattest dir auch nie irgendeine Mühe genommen, in den Geist der Schrift einzudringen, du hast lieber Zeit und Gold verschwendet, um die Wahrheit dort zu suchen, wo sie nie zu finden sein konnte!
GEJ|3|219|3|0|Du fandest dich sonach überall notwendig betrogen und hintergangen, fandest nichts denn Lüge, Heuchelei und den dicksten Betrug. Deine vielen Erfahrungen waren daher auch notwendig bitter und nützten dir bis zur Stunde zu nichts, außer daß sie dir sogar das Leben verhaßt machten und dir alle Liebe und Achtung und Ehrfurcht zu Gott benahmen.
GEJ|3|219|4|0|Hättest du aber die Wahrheit nur auf dem rechten Platze gesucht, so hättest du sie auch sicher schon lange gefunden, so wie sie gar viele vor dir gefunden haben!
GEJ|3|219|5|0|Glaube es Mir, die Wahrheit fordert keinen Glauben in der Weise, was du Glauben nennst, auch keine leere, hinterhaltslose Hoffnung, sondern sie schafft dir in deinem Lebensinnersten eine sonnenhelle Zuversicht, und läßt über das einstige Leben keinen noch so geringen Zweifel zurück! Die vollste und handgreiflichste Überzeugung lebt in deinem Geiste, so er wach wird durch die Liebe zu Gott und zu deinem Nächsten!
GEJ|3|219|6|0|Aber natürlich weder in der Heidenschule zu Korak in Ägypten, und noch weniger bei den alten Narren in Indien läßt sich so etwas finden!
GEJ|3|219|7|0|Das alles liegt dem Menschen viel näher und ist für jeden fleißigen Sucher ganz leicht zu erreichen; aber er muß es dort suchen, wo es zu finden ist, – sonst ist jede Mühe und Arbeit vergebens! Von Dornen und Disteln erntet man nie Trauben und Feigen, und in den Pfützen und Morästen kommt der Weizen nicht fort.
GEJ|3|219|8|0|Du sagtest auch, daß du Gott weder Liebe noch Furcht, oder einen Dank schuldest, indem du Ihn nie gebeten habest, dir ein Dasein zu geben! Wäre dein Geist schon wach, so würde er es dir sicher klarst angezeigt haben, was du Gott, dem Vater aller Menschen, schuldig bist. Dein Fleisch und dein Blut weiß davon freilich ebensowenig, als es dein Rock weiß, wenn es dich in deinem Magen hungert.
GEJ|3|219|9|0|Hier an diesem Tische aber findest du einen gewissen Philopold aus Kane in Samaria. Der dachte vor etlichen Wochen ganz so wie du nun, und seine Worte glichen auch den deinen. Besprich dich mit ihm, und du wirst zu einigem Lichte kommen; dann aber will erst Ich dir ein rechtes Licht geben, und es wird sich dann schon zeigen, ob Gott von dir aus irgendeiner wahren und getreuen Liebe wert sei oder nicht! Da gleich Mir gegenüber aber sitzt eben der Mann, mit dem du dich zuvor besprechen sollst! Gehe hin und folge Meinem Rate; er wird dir sicher mehr Nutzen schaffen als die Schule zu Korak!“
GEJ|3|219|10|0|Murel begibt sich nun, den langen Tisch umgehend, zum Philopold und sagt: „Der Meister hat mich zu dir beschieden, um von dir in der Sache, die mich sehr kümmert, ein erstes und wahres Fünklein Lichtes zu bekommen. Sage mir darum etwas Gutes und Wahres!“
GEJ|3|219|11|0|Sagt Philopold: „Freund, ich habe alles vernommen, was du vor uns allen dem Herrn ins Angesicht gesagt hast! Ich erkannte daraus so bei mir, daß ich einstens nicht viel anders gedacht und gesprochen habe; aber der Grund lag in mir selbst. Ich suchte auch, wo ich nie etwas verloren; wo ich aber etwas verloren, da suchte ich nicht und fand darum auch nichts. Erst als dieser Herr und Meister von oben und von Ewigkeit zu uns kam, wurden mir die Augen geöffnet! Ich erkannte, wer ich bin, und warum, und ich erkannte auch, was der Mensch überhaupt ist, und warum er da ist! Und nun, Freund, ist alles Licht in mir, und kein finsterer Zweifel beschattet irgend mehr mein hellsterleuchtetes Sein! Also wird es sicher auch jüngst mit dir der Fall sein!“
GEJ|3|220|1|1|220. — Vom Verfall der ägyptischen und indischen Weisheit
GEJ|3|220|1|0|Hier bittet Murel den Philopold, ihm darüber genügenden Aufschluß zu geben. Sagt darauf Philopold: „Mein Freund und mein lieber Bruder! Du hast viel erfahren und bist gekommen sogar zu den Indiern und in die Länder, die noch gar sehr weit hinter dem Ganges liegen, bis zu den Bergen, die noch keines Sterblichen Fuß betreten hat, und bist zuvor so weit nach Ägypten gekommen, wo der Nil über Felsen braust und tobt. Der alte Felsentempel von Ja bu sim bil blieb dir nicht unbekannt, und Mem'n'on-Säulen vernahmst du an einem Morgen erklingen. Du betrachtetest die alten Keilschriften, und die noch ältere Hornschrift suchtest du zu entziffern.
GEJ|3|220|2|0|Die Lehrer von Korak hätten dir alles erläutern sollen, da du sie darum übergut bezahlen wolltest; aber sie taten es dennoch nicht, weil sie es nicht tun konnten. Denn die gegenwärtigen Weisen und Gelehrten von Ägypten sind eben kein Tau mehr von jenen, die zu den Zeiten der alten Varaonen die Gründer solcher Schulen und Tempel waren. Es geht ihnen um die alte Weisheit noch um vieles schlechter als den Schriftgelehrten und Pharisäern in Jerusalem, und noch schlimmer sind die Birmanen daran. Diese sind in einen derartigen Asketismus übergegangen, daß es eine Schande für die Menschheit ist; und was ist dieser Asketismus anders als ein unbegrenzter Hochmut einerseits und eben darum eine unbegrenzte Dummheit andererseits!?
GEJ|3|220|3|0|Die Menschen besaßen einmal auch die rechte Weisheit, wie sie der Vater Noah besessen hatte; aber mit der Zeit, als die Familien zu einem Volke herangewachsen waren, das offenbar mehr Bedürfnisse haben mußte denn eine kleine Familie, wurden die physischen Kräfte der Menschen zu sehr in Anspruch genommen, als daß sich ein jeder allein nur mit der innersten Weisheit hätte befassen können.
GEJ|3|220|4|0|Die Völker erwählten aus sich die Weisesten, übergaben ihnen das heilige Geschäft und verpflichteten sie, dafür zu sorgen, daß die Erkenntnis Gottes unter ihnen stets aufrechterhalten werde und die innerste Weisheit nicht verlorengehe, sondern bleibe unter ihnen und ihren Kindern.
GEJ|3|220|5|0|Zugleich hat das Volk den Weisheitsvorstehern und – bewahrern und -pflegern das Recht eingeräumt, Gesetze nach der Weisheit zu verordnen, für deren Sanktion das ganze Volk vom ersten bis zum letzten als Bürge und Exekutor dastehe, und daß die Sünder gegen solche heiligen Gesetze auf das schärfste gezüchtigt werden sollen.
GEJ|3|220|6|0|Am Anfange solch einer Institution ging die Sache ganz gut und hatte eine nicht unheilsame Wirkung. Aber in der Folge vermehrte sich auch die Priesterkaste und brauchte viel für ihren leiblichen Unterhalt. Da ergingen bald neue Gesetze und Anordnungen unter dem mystischen Titel ,als von Gott ausgehend‘. Es fing an, von Strafen und Bußen und von allerlei wunderähnlichen Trugmitteln zu wimmeln, und auch die Lösemittel hat man nicht vergessen; wer bei der Übertretung irgendeines sein sollenden göttlichen Gesetzes von den Strafen befreit sein wollte, mußte ein kaum erschwingbares Lösegeld bezahlen. Die Armen natürlich mußten sich die Bußstrafen gefallen lassen, und das des martialischen Beispieles halber. Daß es heutigentags dort noch ärger hergehen muß, läßt sich wohl denken!
GEJ|3|220|7|0|Und sieh, Freund, dorthin gingst du Wahrheit und die tiefste Weisheit suchen!? Daß du sie dort unmöglich finden konntest, ist begreiflich, wie auch, daß du darauf ein förmlicher Feind des Lebens werden mußtest; aber daß es dir nicht beifallen konnte, als Selbstpriester und Gelehrter der Schrift eben in der Schrift nachzuforschen, ob und wieviel Wahres und Weises darin verborgen sei, und ob man nach den Regeln der alten Prophetenschule nicht zu einer innern Lebensanschauung gelangen könne, das ist mir nun wohl ein wenig unbegreiflich!
GEJ|3|220|8|0|Ich war zwar einesteils freilich wohl nicht um vieles besser daran mit der Erkenntnis der Wahrheit, und meine Weisheit bestand zumeist in der griechischen Philosophie, obwohl ich die göttlichen Schriften der Juden höher hielt, – aber mir fehlte die Grundwurzel, daher denn dieser herrliche Baum bei mir auch nicht Früchte tragen konnte.“
GEJ|3|221|1|1|221. — Vom Vorleben des Menschen
GEJ|3|221|1|0|(Philopold:) „Als mir aber vor etlichen Wochen das unschätzbare Glück zuteil ward, mit diesem göttlichen Meister zusammenzukommen, da schwanden auf einmal alle die trüben Wolken, und des Gotteslebens Sonne strahlte in meiner Seele! In diesem heiligen Lichte erkannte ich erst mein Wesen und das Wesen Gottes; nun auch sah ich erst, was ich Gott, dem allein heiligen Vater, schuldig bin, Ihm, der von Ewigkeit die reinste Liebe ist.
GEJ|3|221|2|0|Ich erkannte mich ganz und erkannte, daß ich mit dem göttlichen Geiste für die Gotteskindwerdung denn doch in einen ganz sonderheitlichen Kontrakt getreten bin vor meiner Menschwerdung auf dieser Erde, die in der ganzen Unendlichkeit allein die Bestimmung hat, Kinder Gottes für die Zeugung und Zucht nach der ewigen Ordnung der Liebe Gottes zu tragen.
GEJ|3|221|3|0|Siehe hinauf, alle die zahllosen Sterne sind Welten, um gar vieles größer und herrlicher denn diese Erde, und auf einer jeden dieser Welten findest du Menschen, die der Form nach uns völlig ähnlich sind, und überall findest du eine große Weisheit unter ihnen, und auch der Liebe ermangeln sie nicht völlig; aber sie kommen, nahe den Tieren dieser Erde ähnlich, schon vollkommen zur Welt und brauchen nicht vom Grunde an alles zu lernen, was sie kennen wollen und sollen. Die Sprache ist nahe überall eine und dieselbe, und ihr Erkennen hat ganz bestimmte Grenzen; überall aber geht das Erkennen bis zum höchsten Geiste Gottes, welches Erkennen aber doch mehr ein Ahnen als ein Erkennen ist.
GEJ|3|221|4|0|Kurz und gut, du findest auf allen den zahllosen Weltkörpern Menschen, die den besseren Heiden dieser Erde nahe völlig gleichkommen, nur mit dem Unterschied, daß die Menschen auf den Weltkörpern im Grunde nichts Neues erfinden; aber was da ist, das ist in der möglichst höchsten Vollendung da, während die Heiden doch immer etwas Neues erfinden können und ihnen somit der Weg für eine endloseste, stets fortschreitende Vollendung nicht und nirgends verrammt ist.
GEJ|3|221|5|0|In den großen Welten aber gibt es hie und da doch auch Weise, die zuweilen mit höheren Geistern gewisserart zusammenkommen und sich von ihnen in der tieferen Erkenntnis Gottes unterweisen lassen. Da geschieht es denn zuweilen, daß hie und da einen Geweckteren die Begierde anwandelt, auch ein Kind Gottes zu werden!
GEJ|3|221|6|0|Denn in den Welten allen wissen die Weisen durch die sich ihnen offenbarenden höheren Geister, daß es in dem weiten Schöpfungsraume eine Welt gibt, auf der die Menschen Gotteskinder sind, und daß da auch eine Seele, wenn sie in ihrer Welt ihres Leibes bar geworden ist, auf jene glückliche Welt von neuem in einen aber wohl ganz grobfleischlichen Leib treten kann. Von dem Augenblick an aber, da jemand ernstlich den Wunsch äußert, wird ihm alles haarklein vorgestellt, was er auf dieser Welt wird zu bestehen haben.
GEJ|3|221|7|0|Einmal wird der Seele alle Erinnerung an den früheren guten Zustand derart benommen werden, daß sie in der neuen Welt, aus einem Weibe mit dem unvollkommenen Leibe zur Außenwelt geboren, nahe in einem ganz bewußtlosen, untersten Tierzustand dasteht und sich nicht einmal vom neuen Dasein die allergeringste Rechnung zu geben imstande ist. Erst nach und nach, etwa nach einem Jahre, fängt sich ein ganz neues Bewußtsein aus den durch die Sinne wahrgenommenen Bildern, Erscheinungen und Wahrnehmungen zu entwickeln an; das Gedächtnis und die frische Rückerinnerung an das Empfundene sind dann die alleinigen Wegweiser und Behelfe auf der neuen Bahn des diesirdischen Lebens. Da kommen keine höheren Geister, von Gott gesandt, um das Kind in eine höhere und tiefere Erkenntnis zu führen, sondern die Eltern mit ihren gemachten Erfahrungen müssen bemüht sein, das Kind auf eine bessere Bahn zu bringen. Das Kind muß darauf viel lernen, muß sich selbst zu bestimmen anfangen, muß suchen und bitten, muß Angst, Hunger, Durst, allerlei Schmerz und Entbehrungen ertragen, muß sich bis auf den letzten Lebenspunkt demütigen lassen, und am Ende solchen Lebens kommt dann gewöhnlich eine schmerzhafte und schwere Krankheit, dem Fleischmenschen das Leben zu nehmen.
GEJ|3|221|8|0|Hat der Mensch alle die geforderten und vorgeschriebenen Lebensbedingungen erfüllt, hat er Gott über alles und seinen Nächsten – selbst dann, wenn der ihn als ein arger Feind verfolgt hatte – mehr denn sich selbst geliebt, dann hat er in sich den in seiner Seele Herz gelegten Gottesgeistfunken belebt und zum Wachsen erweckt.
GEJ|3|221|9|0|Von da an erst wächst der Gott im Menschen, durchdringt die Seele, macht sie sich ebenbürtig, und also ist der frühere Naturmensch aus dem tiefsten Nichtigkeitsschlamm zu einem Gotteskinde geworden, das sich in solch einem vollendeten Zustande aller jener Vollkommenheiten zu erfreuen hat, die in Gott Selbst vorhanden sind.
GEJ|3|221|10|0|Siehe, Freund Murel, wie ich es dir jetzt kundgetan habe, so allgemein und kurz als möglich, geradeso wird es einem Menschen in einer Sternenwelt vorgestellt; und so er es dann vollkommen lebensernst verlangt, wird er des leichten Leibes ledig in einem Augenblick und unbewußt, wie ebenso schnell, zur Einzeugung auf diese Erde überbracht, und da steht ein solcher Mensch dann, wie eben ich nun und du selbst, vor dir.
GEJ|3|221|11|0|Aus dem weißt du nun, ob wir früher, ehe wir auf diese Erde gekommen sind, mit Gott dem Herrn nicht einen freiwilligen Kontrakt abgeschlossen haben?
GEJ|3|221|12|0|Gott aber hält das Wort aus Seiner ewigen Ordnung unwandelbar, nichts kann Seinen Sinn ändern; ob wir aber auch dasselbe allzeit getan haben nach dem Gesetze, das Er Selbst für alle Menschen durch Moses und durch die Erzväter dieser Erde gegeben hat und dazu noch geschrieben in eines jeglichen Menschen Herz, das ist eine andere Frage!
GEJ|3|221|13|0|Wir werden es wohl sicher von nun an halten, woran ich nicht zweifle; aber unserer Mühe fällt das nicht zugute, sondern der alleinigen Erbarmung Gottes. – Sage mir nun, wie du mit dieser meiner kleinen Weisheit zufrieden bist!“
GEJ|3|222|1|1|222. — Philopolds jenseitiges Erlebnis
GEJ|3|222|1|0|Sagt Murel: „Höre, Freund Philopold, du hast mir da ja Dinge enthüllt, von denen zuvor aber noch nie ein Mensch eine Ahnung hatte! Das ist ja alles Wunder über Wunder; sage mir doch aber im vollsten Ernste, ob das denn doch nicht so eine Art Phantasie von dir ist! Denn dies klingt doch so sonderbar und außergewöhnlich wie irgendeine der ersten Fabeln des heidnischen Glaubens.
GEJ|3|222|2|0|Es kann aber übrigens auch völlig wahr sein, was ich nun nicht zu beurteilen imstande bin, da meine Kenntnis von den Sternen wohl mein schwächster Teil ist! Wer würde sich's aber auch einbilden können, daß die Sterne, diese kleinen Lichtfunken des Himmels, Welten seien, und das größere auch noch denn diese unsere Erde, von der aber noch kein Mensch je das Ende gesehen hat?!
GEJ|3|222|3|0|Ich bitte, beteuere mir das; denn du hast in mir eine zu mächtige Gier erweckt, nun in diese höchst denkwürdige Sache näher eingeweiht zu werden! Im Moses findet man wohl keine Spur davon, ja nicht einmal eine noch so leise Andeutung; denn in seiner Schöpfungsgeschichte kommt davon kein Sterbenswörtlein vor. Überhaupt wird kein Mensch aus seiner Genesis klug, was er damit eigentlich hat sagen wollen!“
GEJ|3|222|4|0|Sagt Philopold: „Freund! Wer den Moses recht begreift, der findet auch das darin; aber dazu gehört wohl freilich mehr, als daß man sich den Buchstabensinn kümmerlich dem Gedächtnisse eingeprägt hat! Wer aber Gott je wann liebte über alles, dem hätte der Gottesgeist schon auch eine rechte Aufhellung gegeben, und der wird es dann auch wissen, daß die Genesis Mosis nicht so sehr die eigentliche Erschaffung der Welten, als vielmehr und eigentlich vor allem nur die geistige Erziehung und Bildung des ganzen Menschen und seines freien Willens, in die Gottesordnung ein- und übergehend, darstellt. Wer das begreift und einsieht, der sieht dann auch bald das andere ein, weil es auf dem Wege der untrüglichsten Entsprechung darin zu finden ist, was ich selbst dir sogar ganz handgreiflich klar zeigen könnte. Aber dazu wäre eben heute die Zeit zu kurz.
GEJ|3|222|5|0|Ich habe aber etwas anderes, das mir durch die wundervolle Gnade des Herrn, der Sich hier in unserer Mitte vollwahr sogar im Fleische also befindet, wie Ihn alle Propheten getreu angekündigt haben, als ein unbestreitbarer Beweis von oben in die Hände gespielt ward.
GEJ|3|222|6|0|Es war damals wie jetzt auch ein Engelsgeist mit einem ätherischen Leibe bekleidet unter uns, das heißt als der Herr uns in Kane besuchte von Kis aus. Dieser Engel löste mir auf das Geheiß des Herrn die Binde von den Augen meiner Seele, und es kehrte darauf sogleich das volle Bewußtsein meines vor- oder besser anderweltlichen Seins in mein ganzes Wesen zurück.
GEJ|3|222|7|0|Sogleich erkannte ich diejenige herrliche, große Welt, in der ich vor diesem Sein auf dieser Erde im Fleische gelebt und gehandelt hatte; ja, ich ersah sogar meine dort noch im Fleische lebenden und handelnden Alten und lieben Geschwister, und der Engel schaffte mir sogar einige meiner innegehabten Utensilien hierher auf diese Erde, die ich sogleich als die unbestreitbar echten erkannte.
GEJ|3|222|8|0|Als mir solch ein ungeheures geistiges Licht angezündet ward, da ersah ich aber dann wohl auch, was alles ich Gott dem Herrn und nun sogar dem liebevollsten Vater schulde!
GEJ|3|222|9|0|Von da an erst begriff ich den unschätzbaren Wert meines Lebens, wie auch des Lebens eines jeden Menschen, und kann nun Gott den Herrn und alle meine Nebenmenschen nicht genug loben, lieben und preisen!
GEJ|3|222|10|0|Vor dem Wunderakte aber war ich ein ebenso lebensfeindlicher Mensch, wie du es gewesen bist; aber ich bin zum voraus überzeugt, daß du in Kürze ganz so sein und denken wirst, wie ich nun denke und bin. Was ich dir aber nun erzählt habe, können dir nahe alle an diesem Tische als vollst wahr bezeugen, so du sie dazu auffordern willst.
GEJ|3|222|11|0|Der größte, glaubwürdigste Zeuge darunter ist aber eben der Herr Selbst, der dich darum zu mir beschied, daß du von mir erführest, ob denn ein Mensch wohl so nach deiner Meinung Gott dem Herrn weder einen Dank noch ein Lob und eine Liebe schulde!“
GEJ|3|223|1|1|223. — Die Naturordnung der Welten
GEJ|3|223|1|0|Sagt Murel: „Ich danke dir, du mein tiefst geweckter Freund und Bruder Philopold! Du hast mir nun eine solche Enthüllung gemacht, von der wahrscheinlich dem Salomo in seiner höchsten Weisheit nie etwas geträumt hat. Die Sache ist zwar so extra außerordentlich, daß sie ein jeder Denker gleich von vornherein bezweifeln müßte, weil in unserm äußern Menschenverstande aber auch nicht ein Fünklein von einer noch so leisen Ahnung davon weilt; aber dennoch kann ich darüber nunmehr in keinen noch so leisen Zweifel gelangen. Denn wäre die Sache nicht also auf deine nüchternste Selbsterfahrung gegründet, so hättest du sie mir auch unmöglich erzählen können, weil so etwas, solange die Erde Menschen trägt, noch nie ein Mensch sich hat denken können und du dir so etwas auch nie gedacht hättest, wenn du nicht durch die hellste Erfahrung darauf wärst geleitet worden. Denn so etwas saugt sich kein Mensch aus den Fingerspitzen; das ist eine allerhöchst wunderbarste Offenbarung von oben, und ich nehme sie für ersichtlich wahr an, als wenn ich sie selbst erlebt hätte.
GEJ|3|223|2|0|Aber sage mir nun doch noch so ein wenig etwas von den Sternenwelten; denn ich kann mir noch immer nicht vorstellen, wie die winzigen Lichtpunkte Welten sein können!“
GEJ|3|223|3|0|Sagt Philopold: „Ja, lieber Freund, das wird ein wenig schwer hergehen, weil du noch keinen Begriff von dieser unserer Erdwelt hast und keine wahre Vorstellung, wie sie im ganzen aussieht, und wie sie den andern Welten gegenüber physisch bestellt ist! Ich muß dir sonach sagen, wie diese Erde aussieht, und wie sie bestellt ist, und du wirst dir hernach von den andern Welten leichter einen rechten Begriff zu machen imstande sein.“
GEJ|3|223|4|0|Hier beschrieb Philopold dem Murel die ganze Erde, wie ein gediegenster Professor der Geographie, und bewies ihm solches auch aus den Erscheinungen und Erfahrungen, die Murel bei seinen weiten Reisen sicherlich gemacht hatte. Er zeigte ihm auch die daraus hervorgehenden Gründe, durch die auf der Erde Nacht und Tag stets miteinander ganz regelmäßig abwechseln müssen, und daneben erklärte er ihm auch den Mond, dessen Natur, Entfernung und Bestimmung, sowie die andern zu dieser Sonne gehörigen Planeten.
GEJ|3|223|5|0|Als er mit diesen Erklärungen, so handgreiflich klar erhellt als möglich, zu Ende war, da erst ging er auf die Fixsterne über und sagte weiter:
GEJ|3|223|6|0|„Du hast nun das Wesen unserer Erde, den Mond, die Sonne und die andern sie umkreisenden Planeten so vollkommen, als in einer solch kurzen Zeit nur immer möglich, kennengelernt und kannst über das ,Also und nicht und unmöglich anders‘ nicht leichtlich mehr irgendeinen Zweifel haben; und ich kann dir nun sagen, daß alle die größeren und kleinsten Lichtpunkte am Himmel auch nichts anderes als pure, überaus große Sonnenwelten sind, von denen welche noch ums kaum glaubliche größer sind als diese unsere Sonne, vor deren Größe dir nahe schwindlig zu werden begann.
GEJ|3|223|7|0|Daß sie uns aber so klein erscheinen, macht ihre ungeheuere Entfernung von hier. Wenn du dir die große Entfernung unserer Sonne von der Erde bei viermal hunderttausend Male ausgedehnt vorstellen kannst, so hast du die allfällige Entfernung des nach unserer Sonne nächsten Fixsternes. Und darin kannst du auch ganz leicht den Grund finden, warum sie unseren Fleischaugen so klein erscheinen, da schon unsere Sonne, die doch so groß ist, um ganz leicht tausendmal tausend unserer Erden in sich zu fassen, uns kaum so groß wie die Fläche einer unserer Hände erscheint.
GEJ|3|223|8|0|Andere Fixsterne, die wir aber auch noch sehen, sind so unaussprechlich weit von uns entfernt, daß wir für die Bezeichnung ihrer Entfernung gar keine Zahl mehr haben. Wenn du das nun so recht aufgefaßt hast, so wird es dir sicher gar leicht begreiflich sein, wie die kleinen Lichtpunkte ganz gut gar ungeheuer große Welten sein können, wenn sie dem Fleischauge auch nimmer als das, was sie sind, erscheinen! – Hast du dies alles wohl verstanden?“
GEJ|3|224|1|1|224. — Murels Lob- und Dankrede
GEJ|3|224|1|0|Sagt Murel: „Freund, ich bin nun erlöst und völlig im klaren über alles, was mir je früher unklar war; aber das sehe ich nun auch ein, daß ein Mensch ohne einen außerordentlichen Beistand Gottes da in Ewigkeit nichts herausgebracht haben würde! Wer kann solch einen hellsten Blick in die unendlich große Hauseinrichtung Gottes tun als nur ein Geist aus den Himmeln?! Nur der Geist Gottes kann solche Dinge überschauen und sie dann uns Menschen, die wir wenigstens eines guten Willens sind, offenbaren. Aber so da die Menschen mit ihrem Verstande etwas herausbringen wollten ohne eine Offenbarung von oben, so würden sie da wohl von Ewigkeit zu Ewigkeit nichts als dummes und albernes Zeug herausbringen; aber Gott der Herr und unser aller Vater sorgt für Seine Kinder und läßt ihnen zukommen alles Gute aus den Himmeln, wenn sie danach dürsten!
GEJ|3|224|2|0|Oh, darum nun alles Lob und meine Liebe Ihm, dem allein wahrhaft guten und heilig größten Wohltäter der Menschen! Wie erhaben und groß ist der lichte Gedanke, der wie eine Sonne aus dem Dunkel der Nacht in meinem Herzen aufsteigt!
GEJ|3|224|3|0|Wir Menschen auf dieser Erde sind lauter Brüder und Schwestern, und der heilige, gute Vater führt uns durch Sein allmächtiges, weisestes Walten einem allererhabenst heiligen Ziele entgegen!
GEJ|3|224|4|0|O Bruder Philopold, welch ein nie vergeltbares Verdienst hast du dir um mich erworben! Wie kann, wie soll ich dir's lohnen?! Freund, so ich von jetzt an noch ein Methusalemsalter zu durchleben hätte und mir stünden alle Tempel und Katakomben der irdisch-menschlichen Weisheit offen, so wüßte ich am Ende kaum so viel von allen den von dir mir nun eröffneten Wahrheiten, als wieviel ich davon gewußt habe, als du mir die Wunderdinge zu enthüllen angefangen hast! Nun verging kaum eine mäßige Stunde, und ich stehe nun durchleuchtet da wie ein Moses auf Sinai, als des Gotteslichtes Flammen hoch über seinem Haupte zusammenschlugen und er buchstäblich mit Leib und Seele von der göttlichen Weisheit kreuz und quer durchdrungen war!
GEJ|3|224|5|0|Oh, wie wohl es mir nun tut in diesem heilig-wahren Gotteslichte! Ja, wie aber soll ich nun erst Den loben und preisen, der dich zuerst also gewaltig erweckt hat, daß du nun auch imstande warst, mich gar so mächtig und hell zu erwecken?! Ist es einer menschlichen Zunge wohl möglich, Worte auszusprechen, die Seiner würdig wären?! Nein, nein, nimmermehr! Da muß jede sterbliche Zunge verstummen, wo das lebendige Wort in allen den mächtigsten Flammen der neu erwachten Liebe zu Gott, dem heiligen Vater, aufzulodern beginnt!
GEJ|3|224|6|0|Oh, wie unendlich groß und erhaben stehst Du, heiliger Meister, nun vor uns! Wer faßt, wer begreift Dich ganz?! Wir Menschen nicht, und die Ewigkeit auch nicht!
GEJ|3|224|7|0|Da Du, heiliger Meister, um solche Dinge weißt, um die nur Der wissen kann, der sie erschaffen hat, so sage ich: Bist Du, heiligster Vater, vor uns auch ins Fleisch verhüllt, so erkennt Dich mein Herz dennoch! Du bist ganz Derselbe, der Du auf Sinai Deinem erwählten Volke durch Moses die heiligen Gesetze des Lebens gegeben und durch den Mund der geheiligten Propheten stets zum Volke geredet hast! Du bist der durch Dich Selbst Verheißene und erfüllst nun das große Gotteswort Deiner ewigen Vaterliebe an Deinen nun noch schwachen und unmündigen Kindern. O lasse uns bald männlich und kräftig werden, und aus unserem Herzen und aus unserem unsterblichen Munde soll Dir ein Lob dargebracht werden, wie die Himmel alle Dir, o heiligster Vater, noch nie ein ähnliches dargebracht haben!
GEJ|3|224|8|0|O Erde, bist du als Welt auch klein gegen die großen Welten dort oben, die im unermeßlichen Schöpfungsraum ihre endlos großen und weiten Bahnen kreisen, – aber wie groß bist du nun gegen sie alle dort oben, da du allein nun Den trägst, den sie alle nicht zu erfassen vermögen!
GEJ|3|224|9|0|O ihr Brüder alle, was zaudert ihr noch, euch zu erheben und Ihn zu preisen über alles, da ihr doch so gut wie ich nun wissen müsset, wen ihr vor euch habt?! Und solltet ihr es etwa dennoch nicht völlig wissen, so sage ich es euch allen: Hier ist Er, der Herr, der Vater von Ewigkeit; Himmel und diese Erde sind überfüllt von Seiner großen und ewigen Herrlichkeit! Lobet, lobet Ihn mit mir, helfet auch, ihr schon mächtig Gewordenen in Seiner großen Gnade und Erbarmung!“
GEJ|3|224|10|0|Hier sage Ich zum Murel: „Es genügt, es genügt vollkommen, Mein liebster Freund Murel! Ich kannte dich ja schon lange und wußte wohl, was in dir verborgen lag. Weil du so vieles in dieser kurzen Zeit begriffen hast, so wirst du noch ein mehreres begreifen!
GEJ|3|224|11|0|Aber nun komme her zu Mir, und trinke aus dem Becher, aus dem Ich getrunken habe, einen reinsten Wein; danach wirst du noch ganz andere Dinge erkennen, als sie dir bis jetzt durch den Freund Philopold sind bekanntgemacht worden! Komme darum zu Mir!“
GEJ|3|224|12|0|Sagt Murel: „O du Ruf des Rufes, du Stimme der Stimmen, du Wort des Worts, zum ersten Male von meiner Blödheit erkannt und verstanden! Wer kann Dir widerstehen, so er Dich erkannt hat in seinem Herzen?! O wie erhaben, heilig, groß und lieblich, und wie gar so heimisch bekannt klingst Du aus dem heiligen Vatermunde dem so lange von Deinem Herzen verbannten schwachen Kinde entgegen! Wievielmal tausend und abermals tausend Seligkeiten strömen mir mit dem einen Hauche aus dem Munde Dessen entgegen, der einst das ,Werde!‘ in die endlosesten Räume hinausdonnerte, worauf es dann anfing sich zu regen und zu bewegen durch alle die endlosen Räume, die keine Ewigkeit ermessen kann und je ermessen wird!
GEJ|3|224|13|0|Zittre und bebe nun alles in mir, was je seine Kräfte zu einer sündigen Handlung mir lieh; aber du, mein neugebornes Herz, freue dich und juble hoch auf! Denn sieh, es hat dich dein Schöpfer, dein Gott und Vater gerufen; darum folge dem Rufe dieser Stimme, die in deine Fibern das Leben hauchte!
GEJ|3|224|14|0|O Vaterstimme, welch ein Wohllaut bist du dem Ohre der kindlichen Liebe im Herzen eines vom Totenschlaf erwachten Kindes!“
GEJ|3|225|1|1|225. — Die Erfüllung der Weissagung des Jesajas
GEJ|3|225|1|0|Nach diesen wahrlich vielsagenden Worten bewegte sich Murel zu Mir hin und schluchzte und weinte vor Freuden. Als er bei Mir ankam, sagte er laut zu Stahar und Floran: „Kommet auch ihr hierher, und machet auf eure noch sehr trüben Augen! In des Tempels Vorhof seid ihr zwar vor mir gedrungen und habt mich als Freunde mit dahin gezogen, wo ihr schon waret; aber da ist mehr denn euer Vorhof, da ist das wahre Allerheiligste!“
GEJ|3|225|2|0|Sage Ich: „Sei, was es sei; da nimm du den Becher, und trinke! Denn du hast nun viel geredet und bist darum so ziemlich trocken in deinem Halse geworden. Befeuchte darum deine Brust mit dem Weine der Wahrheit und der Liebe, auf daß du kräftig und Mir ein tüchtiges Rüstzeug werdest, zu bekämpfen die Nacht und ihre Folgen!
GEJ|3|225|3|0|Siehe, hier zwar ist die Nacht in den hellsten Tag umgewandelt worden; aber rings um uns her lagert über den Seelen der Menschen die tiefste Nacht, und da wird es vieler und starker Leuchten benötigen, um die Finsternisse der Nacht zu verscheuchen; und du sollst Mir als eine tüchtige Fackel dienen!“
GEJ|3|225|4|0|Hierauf nimmt Murel mit dem freudigsten Herzen den Becher, der vollgefüllt war, und leert ihn bis auf den letzten Tropfen. Voll Staunens über die außerordentliche Güte dieses Weines sagt er ganz begeistert: „O du herrlichster der Weine, die ich je getrunken! Du bist wohl nicht aus den Trauben dieser Erde gepreßt und nie gegoren worden in einem Schlauche, sondern du wardst für den Herrn der Herrlichkeiten aller Himmel eben aus den Himmeln hierhergeschafft! O Herr, o bester, heiligster Vater, wie herrlich muß es in den Himmeln sein! O sage es mir, wodurch haben wir es denn verdient, daß Du Selbst uns solch einer unbegreifbar großen Gnade und Liebe gewürdigt hast?!“
GEJ|3|225|5|0|Sage Ich: „Der Grund ist das mächtige Zugband zwischen dem Vater und Seinen Kindern, und wieder wie ein Band zwischen Bräutigam und Braut!
GEJ|3|225|6|0|Ich bin in Meinem ewigen Geiste euer Vater schon von Ewigkeit; aber in diesem Meinem Fleische bin Ich dennoch gleich einem Bräutigam, und ihr alle seid gleich Meiner lieben Braut – dadurch, daß ihr annehmet Mein Wort und Meine Lehre und glaubet es lebendig in eurem Herzen, daß Ich es sei, der Verheißene, der da kommen soll, um zu erlösen alle Menschen von der alten Sünde, die da eine Ausgeburt der Hölle ist, und ihnen zu eröffnen den Weg zum ewigen Leben und zur wahren Kindschaft Gottes.
GEJ|3|225|7|0|Wahrlich sage Ich euch: Wer an Mich glaubt und hält Mein Wort tatsächlich, der ist wie eine Himmelsbraut in Mir und Ich in ihm als ein wahrer Bräutigam des ewigen Lebens. Wer aber in Mir ist und Ich in ihm, der wird fürder keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken!
GEJ|3|225|8|0|Wer an Mich glaubt und Mich liebt und dadurch hält Mein leichtes Gebot der puren Liebe, der ist es, der Mich auch im vollsten Lichte seines Herzens als den Vater erkennt! Und zu dem werde Ich Selbst allzeit kommen und werde Mich ihm offenbaren, und er wird fürder von Mir gelehrt und geführt werden, und Ich werde seinem Willen die Kraft verleihen, daß demselben im Falle der wirklichen Not alle Elemente gehorchen sollen!
GEJ|3|225|9|0|In der eigentlichen Welt werden die Meinen keine glänzenden Triumphe feiern; denn alle Menschen dieser Erde sind nicht lediglich Meine Kinder, sondern Kinder des Fürsten der Lüge, Nacht und Finsternis. Diese lieben Mein Licht nicht und werden jene nicht lieben, die Mein Licht zu ihnen bringen werden; aber daran sollen sich die Meinen nicht stoßen, denn für sie ist der Triumph in Meinem Reiche vorbehalten!
GEJ|3|225|10|0|Ich sage es euch, daß ihr um Meines Namens willen von der eigentlichen Welt zu allen Zeiten werdet irgendeine Verfolgung und Mißachtung zu erdulden haben; aber es wird dann drüben in Meinem Reiche die Sache ein ganz umgekehrtes Gesicht bekommen, dessen ihr völlig versichert sein könnet, und eure Willensmacht wird auch diesseits noch die Widersacher mit großer Schande bedecken, und ihr werdet frohlocken im geheimen um Meines Namens willen! Denn ihr wisset, wer Ich bin, und was Ich allein euch geben kann; die Welt, die arge Widersacherin des Lichtes und Meiner Liebe, weiß es nicht und wird es auch nicht zu wissen bekommen!
GEJ|3|225|11|0|Ihr aber wisset es, und es geht hier auf diesem Punkte in Erfüllung, was der Prophet Jesajas geweissagt hat: ,Der Herr Zebaoth wird allen Völkern auf diesem Berge machen ein fettes Mahl, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefen sind. Und Er wird auf diesem Berge die Hülle hinwegtun, damit alle Völker verhüllt sind, und die Decke, womit die Heiden zugedeckt sind. Er wird den Tod verschlingen auf ewig, und der Herr wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach Seines Volkes in allen Landen; denn der Herr hat es gesagt. Zu der Zeit und auf diesem Berge werden die Völker rufen: ‚Siehe, das ist unser Gott, auf den wir harren; und Er allein wird uns allen helfen! Ja, da ist wahrhaft der Herr, auf den wir harren, damit wir uns freuen und fröhlich seien in Seinem Heile! Die Hand des Herrn ruht auf diesem Berge!‘
GEJ|3|225|12|0|Moab (Jerusalem und seine böse Verfassung) aber wird zerdroschen werden, wie das Stroh zerdroschen wird und wie der Kot! Er wird Seine Hände ausbreiten mitten unter sie, wie sie ein Schwimmer ausbreitet zum Schwimmen, und wird ihre Pracht erniedrigen mit den Armen Seiner Hände (Engel); und Er wird die hohe Festung eurer Mauer (Eigenliebe und Hochmut) beugen, erniedrigen und in den Staub (größte Demütigung) zu Boden werfen!‘ (Jes.25,6-12)
GEJ|3|225|13|0|Siehe, was da Jesajas auf eben dieser Stelle, als er nach Galiläa kam, und auf diesem Berge am See geweissagt hat, das geht hier auch nun unter euren Augen in die vollste Erfüllung! Zähle die Völker alle, die hier vertreten sind, und allen wird die dicke Hülle von den Augen genommen, und jedem wird ein reinster Wein ohne Hefen gegeben, und wer ihn trinkt und seinen Geist aufnimmt in seine Seele, der hat das ewige Leben in sich aufgenommen, und wird also für alle, die hier sind und Mein Wort als den reinsten Wein aus den Himmeln genießen, und die ihn in der Folge von euch zu trinken bekommen und werden ihn euch gleich verschlingen in vollen Zügen, denen wird von Mir auch ihr Tod verschlungen werden, und sie werden fürder keinen mehr fühlen und schmecken!
GEJ|3|225|14|0|Ja, es ist diese Weisheit wohl ein fettes Mahl, das Ich in euch den Völkern der Erde hier bereitet habe, – ja, mit dem Marke der tiefsten Weisheit und der ewigen Wahrheit werdet ihr hier gespeiset und gesättigt.
GEJ|3|225|15|0|Gehet aber darauf nun hin, so es euch nimmer gebrechen wird am gerechten und großen Vorrat, in alle Welt zu den verlassenen Brüdern und Schwestern und zu all den Witwen und Waisen und trocknet ihnen die Tränen von ihren Angesichtern, und gebet ihnen reichlich zu trinken von diesem reinsten Weine, den Ich euch allen hier zu trinken gegeben habe in Hülle und Fülle!
GEJ|3|225|16|0|Die Zeit aber, wann ihr solches tun sollet, wird euch allen durch Meinen Geist in euch angezeigt werden. Wenn ihr dann handeln werdet in Meinem Namen wahrhaft und getreu, so wird Mein Geist, Mein Ich, bei euch und in euch sein allzeit und ewig.
GEJ|3|225|17|0|Ihr werdet von nun an nicht zu denken haben, was ihr irgend in Meinem Namen reden sollet; denn zur rechten Zeit wird es euch ins Herz und in den Mund gelegt werden.
GEJ|3|225|18|0|Der Geist dieses Weines, den Ich euch zu trinken gereicht habe, wird sich nimmer verflüchtigen aus euren Seelen; denn er heißt ewige Wahrheit. Darum wird in euch auch keine Unwahrheit Platz greifen können, denn in diesem Weine liegt die ewige Wahrheit. Die Unwahrheit ist der Tod, das Verderben und ein ewiges Gericht; aber die Wahrheit selbst ist das Leben, und dieses bin Ich Selbst in euch, und Ich bin von Ewigkeit die Wahrheit, das Licht, der Weg und das Leben Selbst!
GEJ|3|225|19|0|Wer demnach Mich hat in seinem Herzen, der hat alles; denn außer Mir gibt es ewig nirgends eine Wahrheit und ein Leben! – Sage Mir nun, du Murel, vor allem, ob dir dies alles einleuchtend und klar ist!“
GEJ|3|226|1|1|226. — Die Verheißung des Herrn
GEJ|3|226|1|0|Sagt Murel: „O Herr! Wie sollte mir das auch nicht klar sein?! Denn der Wein, den ich zu trinken bekam, war ebenso ohne Hefen wie diese Deine Lehre; und ich sage es Dir nun auch, daß ich diesmal, und das zum ersten Male in meinem ganzen Leben, den Jesajas ganz verstanden habe! Dieser geistige Wein hatte auch keine Hefen mehr für mich und sicher also auch für alle, die an diesem überfetten geistigen Mahle teilgenommen haben; und aus des Propheten nun durch Dich, o Herr, vollends geklärten Weine habe ich nun auch Dich, o Herr, ganz erkannt und begreife nun, wie auch ich zu denen gehöre, die da auf diesem Berge rufen: ,Du, o Herr, bist unser Gott, auf den wir harreten, und hilfst uns nun wahrhaft, und also ist uns wahrhaft geholfen auf ewig!‘ Aber Moab ist auch gehörig zerdroschen; es liegt nun da wie ein leerstes Stroh und wie der Kot, den die Würmer und Schmeißfliegen zernagt haben. Oh, welch eine unnennbare Freude das für meine arm gewesene Seele, die so lange nach Wahrheit gedürstet hat, aber hier reichlichst entschädigt wurde für alle die Mühen, die sie sich zur Auffindung der reinsten Wahrheit selbst aufgebürdet hatte!
GEJ|3|226|2|0|Ja, Herr, Du allein bist unser Gott und Herr, und außer Dir gibt es ewig keinen mehr! Dir allein also alle unsere Liebe in Ewigkeit! Und auch dir, du lieber Bruder Philopold, meinen unvergänglichen Dank; denn du hast mir zuerst die Augen geöffnet, auf daß ich das sehen konnte, was ich sonst an allen Enden und Orten dieser Erde vergeblich gesucht habe!
GEJ|3|226|3|0|Aber nun noch eine große Bitte an Dich, o Herr, von uns allen! Da Du Dich von uns nun einmal hast finden lassen, so verlaß uns, Deine Kinder, nimmer also, daß Dich unsere Nachkommen wieder tausend Jahre suchen sollen, ohne sagen zu können: ,O Herr, wir haben Dich wiedergefunden!‘ Diese Bitte sei Dir, o Herr, von uns allen auf das lebendigste unterbreitet!“
GEJ|3|226|4|0|Sage Ich: „In Meinem Worte, das Mein Geist und Meine Liebe ist, werde Ich fortan bei den Menschen guten Willens verbleiben bis ans Ende der Welt! Des seid ihr alle versichert!
GEJ|3|226|5|0|Aber in dieser Meiner Außenmenschengestalt der Materie ewig nimmer, wenn Ich sie jüngst einmal nach dem ewigen Beschlusse verwandeln werde!
GEJ|3|226|6|0|Denn durch diesen Leib habe Ich alles Gericht und den Tod über Mich genommen, und es muß dieser Leib dem Tode auf drei Tage gegeben werden, damit eure Seelen fortan das ewige Leben haben mögen!
GEJ|3|226|7|0|Denn dieser Mein Leib ist der Stellvertreter eurer Seelen; auf daß eure Seelen leben, muß er das Leben lassen, und das von ihm gelassene Leben wird ewig zugute kommen euren Seelen.
GEJ|3|226|8|0|Am dritten Tage aber wird auch dieser Mein Leib das Leben ganz verwandelt wieder nehmen, und die Überfülle Meines ewigen Geistes wird dann dringen in euch und wird euch leiten in alle Wahrheit.
GEJ|3|226|9|0|In solcher Wahrheit erst werdet ihr gleich Meinem Leibe verwandelt werden in euren Herzen und in euren Seelen, und werdet euch selbst nehmen das ewige Leben aus der Überfülle Meines Geistes frei und unabhängig, und also werdet ihr erst wahrhaft Kinder Gottes werden, sein und bleiben für ewig.
GEJ|3|226|10|0|Jetzt aber werdet ihr alle dazu erst vorbereitet und eingerichtet. Horchet auf Meine Stimme und höret Mein Wort!
GEJ|3|226|11|0|Niemand aber wird je zu Mir in Meinem Reiche kommen, wenn er nicht vom Geiste aus Mir gezogen wird! Wer aber ist der Geist? Dieser ist der Vater von Ewigkeit, der euch zu Mir hinziehen wird.
GEJ|3|226|12|0|Dieser Geist ist namenlos; aber sein Wesen ist die Liebe. Habt ihr diese, so habt ihr auch den Geist, – habt ihr aber den Geist, so habt ihr auch Mich; denn Ich, der Vater und der Geist sind Eines!
GEJ|3|226|13|0|Darum bestrebet euch der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten, besonders zu jenen Allernächsten, die da arm sind und der Hilfe leiblich und geistig bedürfen, so werdet ihr mit dieser Liebe die Liebe zu Gott erwecken, besonders, so ihr dabei nicht sehet auf die Welt und ihr loses Urteil; denn wer aus euch sich der Welt wegen der armen Brüder und Schwestern schämen und sie fliehen wird, um bei der Welt in einem ehrsamen Rufe zu erscheinen, der wird von Mir auch nicht erkannt und angenommen werden!
GEJ|3|226|14|0|Kurz, Ich sage es euch: Wer sich Meiner armen Brüder und Schwestern schämen wird der argen Welt wegen, dessen werde auch Ich Mich schämen!
GEJ|3|226|15|0|Wer aber Meinen Geist auch in den Armen anerkennen wird, den werde auch Ich anerkennen als Mein Kind für ewig! Das lasset euch alle gesagt sein! – Nun aber wollen wir drei Stunden lang eine stärkende Ruhe nehmen auf diesem Platze!“
GEJ|3|227|1|1|227. — Das Wesen des Herrn und die Menschheit
GEJ|3|227|1|0|Meine Jünger waren wohl die ersten beim Einschlafen, auch die Römer waren müde; jeder machte aus seiner Hand ein Hauptkissen, lehnte sich an den Tisch und schlief wie auf einem weichsten Bette. Aber unser Murel und der Philopold schliefen nicht ein, sondern sie zogen sich etwas zurück und besprachen sich die ganze Zeit über alles, was da vorgefallen war.
GEJ|3|227|2|0|Auch unser Mathael gesellte sich zu den zweien und sagte: „Ich kann unmöglich schlafen nun, nach all dem, was ich hier alles in zwei aufeinanderfolgenden Tagen erlebt und gesehen habe. Denket euch, vor drei Tagen war ich noch von einer Legion Teufel besessen und war, freilich wohl unbewußt, etwa der gefürchtetste Straßenräuber!
GEJ|3|227|3|0|Da (wo) man mich vermutete, getraute sich keine Karawane den Weg zu ziehen, und wer in meine Hände fiel, der zog sicher nicht unbeschädigt seinen öden Weg weiter! Und nun bin ich der Schwiegersohn des Königs Ouran und Mitregent des großen Landes am Pontus hinauf bis zum Reiche der Skythen! Das Reich erstrecke sich vom Pontus bis zum Kaspischen Meere über ein großes Gebirge. – Ist das nicht ein Wunder über alle Wunder?! Ja, es gehen hier Dinge vor, von denen sich kein Mensch irgendwo anders auf der Erde einen Begriff machen kann!
GEJ|3|227|4|0|Aber es ist nun auch eine große Frage zu stellen, und diese besteht ganz einfach darin: Werden es die Menschen fassen und rein behalten, die entweder räumlich sehr entfernt von hier leben, oder die der Zeit nach entfernt von hier leben werden? Denn ist die Lehre an und für sich noch so rein und wahr, so wird man sie wohl für den Ausdruck eines großen Propheten halten, – aber anzunehmen, daß Gott Selbst im Fleische und Blute die Menschen solches gelehrt hat, das wird ein schwerer und wankender Glaubenssatz werden, zumal Er sozusagen ein Natursohn einer gewissen Maria ist, die später das Weib eines Zimmermanns namens Joseph ward! Nun, derlei Dinge sind nun schon vielfach im Volke bekannt, und es hält da etwas schwer, eben dem Volke das gewisse Menschheitsgefühl in bezug auf den Herrn zu geben, obwohl darob in uns wohl kein Zweifel mehr obwaltet.
GEJ|3|227|5|0|Wir sind vollauf überzeugt, daß an Ihm nichts uns gleich Naturmenschliches haftet außer allein die äußere Form; Körper, Seele und Geist ist Gott! Denn da kann man sagen: In Ihm ist die Fülle der Gottheit auch körperlich! Denn Er darf nur etwas wollen, so geschieht es aber auch im Augenblick.
GEJ|3|227|6|0|Der größte und handgreiflichste Beweis für Seine Göttlichkeit aber liegt in Seinem Worte und in dem Ihm stets zu Diensten stehenden Engel, der da vor aller Anwesenden Augen Taten verrichtet, die für jeden Sterblichen noch unerklärlicher sind als des Philopolds Erklärung der Fixsternenwelt.
GEJ|3|227|7|0|Kurz, für uns, die wir da im Schauen sind, ist es das heiligst Außerordentlichste am hellsten Tage; denn wir haben der schreiendsten Beweise in höchster Überfülle!
GEJ|3|227|8|0|Aber dies wird nicht überall und nicht allzeit also sein können. Ich merkte es aber hier schon, daß es bei manchem Menschen trotz aller der schreiendsten Beweise noch immer recht schwer hergeht, das göttliche Wesen des Herrn einzusehen und zu begreifen; und ich machte dabei auch diese Bemerkung, daß das erklärende Wort stets mehr Wunder wirkt in bezug auf die Erkenntnis des Herrn und Seiner rein göttlichen Herrlichkeit als das schreiendste Wunderwerk. Der Grund scheint darin zu liegen: An die stets rätselhaft wirklichen oder künstlichen Wundertaten ist man in unserer Zeit schon derart gewöhnt, daß sie uns eigentlich gar kein besonderes Staunen mehr abnötigen.
GEJ|3|227|9|0|Besonders seit den zirka sechzig Jahren, als die Römer unsere Herren geworden sind, da hat es von Magiern und Wundertätern ja nur gewimmelt! Der in der geheimen Magie unerfahrene und unbewanderte Mensch wirft nun ein wahres und ein künstliches Wunder ganz leicht in einen und denselben Suppentopf, macht da keinen Unterschied zwischen wahr und falsch – und kann auch keinen machen, weil ihm dazu alle Erkenntniselemente mangeln. Also kommt es denn ganz leicht, daß ein Wunderwerk nie den Effekt machen kann wie ein klares Wort.
GEJ|3|227|10|0|Kurz, durch die rechte Erweckung des Menschenverstandes wirkt man offenbar mehr denn durch was immer für ein Wunder!“
GEJ|3|228|1|1|228. — Die Zukunft der Lehre Jesu
GEJ|3|228|1|0|(Mathael:) „Ja, für uns sind die außerordentlichen Taten schon auch ein gar mächtiger Beweis, weil wir nun einen insoweit erweckten Verstand besitzen, um all das Falsche von dem Wahren auf den ersten Blick zu unterscheiden!
GEJ|3|228|2|0|Denn uns sind die Kunststücke der Magier bereits alle bekannt, und es bringt keiner viel Neues zustande; aber diese Taten hier erfordern mehr als bloß einen Magier aus Ägypten oder aus Persien, diese erfordern Gottes schöpferische Allkraft und eine nie ergründbare Weisheitstiefe, sie erfordern die Ur- und Grundpriorität des göttlichen Geistes, dessen Wille alle Geister und alle Welten gleichwie ein guter Pferdelenker sein Gespann in den Zügeln hält, die er mehr oder weniger anzieht und den sonst unbändigen Tieren seinen Willen zur Danachhandlung vorzeichnet.
GEJ|3|228|3|0|Da ist also die vollste Urgöttlichkeit ersichtlich, während sie bei den Magiern ewig nie ersichtlich werden kann, weil sie nicht und nimmer da ist und da war. Aber das können wir wohl auch annehmen, daß unsere Erzväter aus der göttlichen Kraft in ihnen viele Wundertaten müssen gewirkt haben; denn ohne die wahren Wunder wären sicher nie die falschen entstanden.
GEJ|3|228|4|0|Jetzt haben wir abermals ganz vollkommen wahre Wunder vor unseren Augen; aber ich will kein schlechter Prophet sein, daß es in etlichen Jahrhunderten der falschen Wunder auf den Namen des Herrn mehr denn der echten geben wird!
GEJ|3|228|5|0|Zwar steht das alles beim Herrn; aber das ist als völlig gewiß anzunehmen: Erstens, daß der Herr nicht stets leiblich sichtbar auf dieser Erde unter den Menschen verbleiben wird und wird den Menschen nicht so wie nun bei der Gründung der neuen Lehre mit körperlichem Rate und leiblicher Tat zu Diensten stehen; und zweitens wird Er von nun an den Menschen den freien Willen auch weniger nehmen denn früher vor dieser ewig denkwürdigsten Epoche, welche selbst diese Erde für immer unvergehbar machen und dereinst zum Zentralpunkte der Himmel stellen muß.
GEJ|3|228|6|0|Denn eine Welt, die Er einmal leiblich mit Seinem Fuße betreten hat, muß für ewige Zeiten wenigstens in einer verklärten Art bleiben. Bleiben aber die Menschen im Besitze ihres freien Willens, und werden sie stets gleich so unwissend und nahe ohne alle Intelligenz zur Welt geboren, so daß ihre späteren Erkenntnisse allein von dem ursprünglich äußeren Unterrichte abhängen werden, so läßt sich wohl nichts anderes denken, als daß die Verfinsterung abermals überhandnehmen wird, und die herrsch- und wohllebensgierigen Menschen werden aus dieser neuen, rein göttlichen Lehre ein zehnfaches Heidentum machen, das dem indischen nichts nachgeben wird!
GEJ|3|228|7|0|In unsern Leibern werden wir's nicht erleben, aber als Bewohner einer uns bis jetzt noch unbekannten lichtvollen Geisterwelt desto sicherer! Es wird da noch wimmeln von Trug, Lügen, Hoffart, Eigennutz, Selbstsucht, Weltfurcht, Gleisnerei, Augendienerei, Scheinheiligkeit, Verfolgung, Gericht, Rache und Grausamkeiten aller Art und Gattung!
GEJ|3|228|8|0|Der Herr Selbst sagte es ja, wie das alles zugelassen werden muß wegen der Selbstbestimmung und wahren Lebensausbildung eines jeden Einzelmenschen für sich, ohne die niemand ein wahres Gotteskind werden und auch nie eingehen kann in die ewige Herrlichkeit des Vaters!
GEJ|3|228|9|0|Wenn uns aber schon der Herr Selbst ein solches Prognostikon (Voraussage) stellt, was sollen da wir anders denken, als daß es gerade also werden wird, wie ich es euch nun gesagt habe?! Das beste Verwahrungsmittel dagegen ist und bleibt noch immer eine klare Sprache mit mathematischer Gewißheit. Denn einen mathematischen Beweis zernagt kein Zeitenstrom, der gilt für den Indier wie für den Perser und Araber, Griechen, Römer und Juden!“
GEJ|3|229|1|1|229. — Missionssorgen
GEJ|3|229|1|0|Sagt Murel: „Hoher, weiser Freund! Das hat aber ja eben diese Lehre für sich, daß sie, was meines Erachtens ihre Klarheit betrifft, noch mehr denn auf einer mathematisch sichern Basis besteht und somit keinen Zweifel hinter sich läßt. Daher bin ich auch der Meinung, daß diese Lehre nimmer wird verfälscht werden können!“
GEJ|3|229|2|0|Sagt Mathael: „Zu wünschen wäre es wohl; aber es wird dennoch nicht also sein! Gar so mathematisch fest aber steht sie schon ihrer rein geistigen Natur wegen nicht da, wie du sie darstellst! Denke nur nach, was es bei dir gekostet hat, bis du von der darin ruhenden Wahrheit nur eine Ahnung hast zu bekommen angefangen, und bis du endlich vollends ins klare kamst!
GEJ|3|229|3|0|Wie warst du durch eine Menge von allerlei Wissenschaften und Erfahrungen vorbereitet und bereichert, wie durchläutert war schon dein Verstand, und doch begriffst du den Moses und den Jesajas nicht; es bedurfte einiger Worte, bis es bei dir im Herzen licht und hell zu werden begann!
GEJ|3|229|4|0|Nun denke dir aber Menschen, die weder irgendeine höhere Wissenschaft noch eine Erfahrung voraushaben, und ein Apostel der neuen Lehre kommt und verkündet ihnen dieses wahrhafteste Evangelium aus dem Lichte der Himmel! Wie werden solche Menschen sich bei einer solchen Verkündung ausnehmen?!
GEJ|3|229|5|0|Darum meine ich denn, daß wir den Herrn hauptsächlich darum angehen sollten, daß Er uns zeige, wie wir das Wort des Lebens auch lebendig überzeugend und ein neues Leben erweckend jenen, die uns anhören werden, mit verständlicher Rede beibringen sollen! Denn das erachte ich als das Notwendigste und in der Folge der guten Sache allein ersprießlichst Dienende!“
GEJ|3|229|6|0|Sagt Philopold: „Du hoher Freund, angetan mit dem Gewande, damit Könige gezieret sind! Du hast zwar sehr wohl und recht gesprochen; aber es hat ja eben der Herr ohnehin Selbst die Verheißung gemacht, daß wir nicht nachzudenken nötig haben sollen, was wir in Seinem Namen reden würden, zur Stunde werde es uns ins Herz und in den Mund gelegt! Wenn das sicher und unfehlbar der Fall sein wird, so weiß ich dann nicht so recht, aus welchem Grunde wir darum den Herrn noch einmal angehen sollen!
GEJ|3|229|7|0|Ich bin aber der Meinung, daß wir als spätere Verbreiter dieser Lehre der wundertätigen Kraft nicht völlig entbehren sollen; denn gegen die rohen Gewalten der Menschen richten nur die Wunder etwas aus. Der Mensch, der zu zwei Dritteln Tier ist, muß zuerst durch ein Wunder zum Stutzen und zum Denken gebracht werden, bevor man mit ihm über Gott und über des Menschen ewige Bestimmung reden kann.
GEJ|3|229|8|0|Mit Menschen von nur einiger Bildung würde ein weises Wort auch ohne Wundertaten im günstigen Falle wohl genügen, aber gegenüber den rohen Gewalten ist ohne Wunderwerke nichts! Alle die halb und ganz verwilderten Völker sind zumeist durch ihre Beherrscher und Priester und stets durch deren falsche Wunder zu Halbtieren geworden. Das Wort verstehen sie nicht; aber eine wahre Wundertat, die stärker sein muß als eine falsche, bringt sie dahin, daß sie sich ans Stärkere zu halten beginnen, und hat man sie einmal für sich, so kann man dann mit ihnen erst eine zweckdienliche Schule zu halten anfangen.
GEJ|3|229|9|0|Das ist so meine Meinung, und ich behaupte auch, daß man bei sogar sehr verstandesgeweckten Menschen mit einer Wundertat, wenn sie vom echten Schrot und Korn ist, stets mehr ausrichten und mit ihnen auch schneller zum Zwecke gelangen wird als durch eine noch so gewählte Rede! Denn auch der verstandesgeweckte Mensch lebt in einer gewissen Begründung, die schon darum falsch ist, weil sie eben eine Begründung ist, und solche Begründungen sind mit dem bloßen Worte nicht leichtlich aus der Seele zu bringen!
GEJ|3|229|10|0|Betrachten wir uns selbst und fragen, was denn uns zuerst aus unseren Begründungen gerissen hat! Verhehlen wir es uns nicht! Eben die Werke waren es, die uns zeigten, wer Der ist, der sie gewirkt hatte!
GEJ|3|229|11|0|Und so glaube ich, daß wir den Herrn um die Kraft, im Notfalle ein Wunder zu wirken, wohl vor allem angehen sollen!“
GEJ|3|230|1|1|230. — Die Nichtigkeit aller Missionssorgen
GEJ|3|230|1|0|Sagt Murel: „Liebe Freunde, ohne euch irgend nur im geringsten nahetreten zu wollen oder zu sagen, eure Wünsche wären nicht in der göttlichen Ordnung begründet, mache ich nur ganz einfach ohne etwelchen unnötigen Wortprunk diese Bemerkung, daß wir da rein wegen der Wendung eines einzigen Haares uns beraten, während der Herr schon sicher längst für alles fürgesorgt hat!
GEJ|3|230|2|0|Es werden sicher Verfinsterungen über unsere geistige Sonne mit der Zeit ebensogut kommen, wie da gar oft die finsteren Wolken die liebe Sonne am hellen Tage derart verfinstern, daß man fürs erste nicht einmal eine Spur hat, auf welchem Himmelsflecke des Tages Mutter steht, und es fürs zweite noch obendarauf derart finster wird, daß man sich um Mittag ein Licht anzünden muß, um etwas sehen zu können. Aber die Wolken gebären darauf einen fruchtbaren Regen, und am nächsten sonnenhellen Tage lachen und strotzen die duftenden Fluren vom Segen des Himmels.
GEJ|3|230|3|0|Und so glaube ich denn auch, daß des Herrn höchste Liebe und Weisheit über unsere geistige Erde auch zu öfteren Malen mitten am hellsten Mittage der menschlichen Erkenntnis und Weisheit trübe und finstere Wolken über das heilige Antlitz der Sonne unseres Geistes kommen lassen wird, um die Menschen desto lichtdurstiger zu machen. Im Verluste des Lichtes erkennen wir erst, wie groß und unschätzbar der Wert des wahren Lebenslichtes ist.
GEJ|3|230|4|0|Die Menschen fangen dann bald ängstlich an zu fragen: ,Wo ist das Licht des Lebens?‘ Sie seufzen und weinen, und die Tränen, als der Regen aus den geistigen Wolken, fallen auf des beklommenen Herzens Furchen und beleben von neuem die hie und da verkümmert gewordenen Wurzeln des heiligen Wortes in der Seele, und wir leben dann mit den Wurzeln neu auf, und mit der neu gestärkten Sehe erschauen wir dann bald und leicht wieder die Lebenssonne in unserm neu erleuchteten Herzen und freuen uns dann über alle Maßen des neuen Lichtes, dessen wir in allerlei Zank und Hader eine Zeitlang entbehren mußten.
GEJ|3|230|5|0|Ich sage es euch: Der Herr weiß es ganz sicher, was da noch alles kommen wird über unsern naturmäßigen und geistigen Erdkreis, und warum!
GEJ|3|230|6|0|Darum scheint mir wenigstens unser Rathalten ein rein vergebliches zu sein. Wir werden von Ihm, so Er uns für Seine Zwecke als tauglich erachtet, sicher Wort und Tatkraft erhalten; aber vorzeichnen können wir Ihm doch nach unserer blöden Einsicht nimmer, was Er uns vor allem geben und was Er verfügen soll!
GEJ|3|230|7|0|Denn wüßten wir nicht, wer Er ist, dann könnten wir mit Ihm wohl wie mit einem Menschen unserer Art handeln; aber da wir alle nun nur zu gut wissen, wer Er ist, so geht das wohl nicht mehr! Denn dadurch würden wir bekunden, daß wir entweder noch sehr blöde sind, oder wir dünkten uns nun am Ende schon für weiser denn Er! – Überdenket das wohl und saget es mir, ob ich im Grunde des Grundes nicht auch recht geurteilt habe!“
GEJ|3|230|8|0|Sagt Mathael: „Das ist gar keine Frage mehr, daß du allein vollkommen recht hast! Meine Meinung ging aber eigentlich auch nur darauf hinaus, daß ich von mir aus erkannte, was da allenfalls nötig wäre, um der Menschheit für bleibend zum Lichte des Lebens zu verhelfen. Aber ich erkannte auch sogleich, daß ihr beide, und gar besonders der Freund Murel, um vieles heller geurteilt habt denn ich. Übrigens meine ich, daß es uns allen dreien am guten Willen nicht fehlt, und der Herr Selbst wird das Beste tun! – Aber nun, Freunde, von etwas anderem!“
GEJ|3|231|1|1|231. — Vom Tode des Herrn und der Zukunft Seiner Jünger
GEJ|3|231|1|0|(Mathael:) „Wie wird sich diese Geschichte in Jerusalem etwa ausnehmen? Wir kennen des Tempels Nacht, dessen unbegrenzte Herrsch- und Habgier und die verborgene Feindlichkeit gegen die Römer. Wenn der Herr nun etwa doch auch einmal nach Jerusalem hinauf ziehen würde – was aus manchem Seiner früheren Worte zu entnehmen war –, welch ein Gesicht wird der Tempel und welches der herrsch- und wohllebenssüchtige Herodes dazu machen?!
GEJ|3|231|2|0|Ich bin der Meinung, daß dies in Jerusalem eine ganz entsetzliche Aufregung jeder Art und Gattung zur unvermeidlichsten Folge haben wird! Da wird es entweder heißen: Feuer vom Himmel regnen lassen oder aus der Stadt alles Verderbens fliehen, um nicht auf das infamste insultiert (beleidigt) zu werden! Es wird aber da das eine wie das andere von sehr geringem Nutzen sein! Denn wo sich einmal der Satan sein Nest erbaut hat, da werden keine Tauben mehr ausgebrütet werden, so wie in den Löchern der Schlangen keine Hühner. Da kann man tun, was man will, so wird der Satan ein Satan bleiben, solange das letzte Sandkorn von dieser Erde bestehen wird. – Was meint ihr da?“
GEJ|3|231|3|0|Sagt Philopold: „Das, hoher Freund, scheint mir ein wenig zu hoch über unserem Erkenntnishorizonte zu stehen! Dem allmächtigen und allweisesten Geiste Gottes wird etwa doch wohl alles möglich sein, und somit auch die Bezähmung Jerusalems!? Siehe an die stolze Stadt Cäsarea Philippi! Wo und was ist sie nun, die Stolze, die ihre Straßen mit Gold und Edelsteinen zu pflastern begann?! Einen erbärmlichen Schutthaufen wirst du antreffen! Meinst du, der Herr werde solches jüngst nicht auch über das hurerische Jerusalem kommen lassen?
GEJ|3|231|4|0|Ich sage es dir: In hundert Jahren wird man sicher nimmer die Stelle anzugeben wissen, an der das stolze Jerusalem gestanden ist! Lassen wir denn nach der Meinung Murels auch das; denn der Herr wird es am besten wissen, was da zu tun sein wird!
GEJ|3|231|5|0|Uns kümmere nun nichts, als daß wir selbst im Lichte des Herrn verbleiben; das andere wird schon Er allein anordnen und bestens verfügen! – Seid ihr beide nicht auch dieser Meinung?“
GEJ|3|231|6|0|Sagt Mathael: „Es ist schon einmal alles also, wie Murel und Philopold es nun ausgesprochen haben; aber ich weiß nun noch etwas, das ihr beide wahrscheinlich nicht wisset, und das weiß ich aus dem Munde des Herrn Selbst, und weil ich das weiß, so redete ich auch also zu euch, wie ich geredet habe.
GEJ|3|231|7|0|Der Herr als Mensch wird in einer Zeit nach Jerusalem ziehen, wird dort lehren und große Zeichen tun. Dadurch wird der Tempel sehr beeinträchtigt werden, in eine große Zornwut geraten und trachten, den Herrn zu ergreifen und Ihn zu töten, – ein Unternehmen des Tempels, wozu er schon jetzt die größte Passion (Lust) hätte. Und höret! Der Herr wird Sich vom Tempel ergreifen und leiblich töten lassen! Das sind Seine höchst eigenen Worte.
GEJ|3|231|8|0|Aber Er wird nur drei Tage lang gewisserart scheintot verbleiben, natürlich nur dem Leibe nach, wird dann auferstehen und somit erst alle Nacht und ihr Gericht zerstören. Er wird allen Seinen Aposteln erst von da an die rechte Gewalt erteilen und sie versehen mit aller Kraft Seines Geistes, Seiner Weisheit und Liebe.
GEJ|3|231|9|0|Seine zwölf alten Jünger, die von allem Zeugen sind und waren, wird Er sicher aussenden in alle Welt, zu verkünden Sein heiliges Evangelium.
GEJ|3|231|10|0|Aber was wird von dort an mit uns sein? Weil wir nicht vom Anfange an Zeugen waren, wird Er uns wohl von jener Gnade etwas erteilen? Nun, das wird sicher geschehen! Was aber geschieht dann mit uns? Ihr beide habt es leichter und könnet gewisserart lachen zum Ganzen; ich aber muß fort, vielleicht morgen oder übermorgen, weit von hier in die kalten Gegenden des Pontus und werde dort die rohen Völker zu leiten und zu regieren haben und fortan nicht mehr Zeuge sein können von all dem, was vom Herrn noch in der Folge gelehrt und verrichtet wird! Wer wird mich davon benachrichtigen, und wer wird es mir sagen, ob meine Leitung der Völker wohl eine dem göttlichen Willen vollkommen entsprechende sein wird?“
GEJ|3|232|1|1|232. — Das Gewissen und der Einfluß der Engel
GEJ|3|232|1|0|Hier tritt Raphael, der natürlich auch nicht schlief, zu den dreien und sagt zum Mathael: „Meinst du, wir zahllosen Engelsgeister, und hier speziell ich, stehen dem Herrn nur hier auf diesem Hügel zu Diensten?
GEJ|3|232|2|0|Siehe, wie hier nun vor deinen Augen ersichtlich, stehen wir dem Herrn stets zu den hohen Diensten bereit und tragen Seinen Willen von einer Unendlichkeit zur andern, und sei versichert, daß wir dich in deinen Pontusgegenden ganz sicher finden und dich allzeit von allem in Kenntnis setzen werden, was dir nach der Ordnung Gottes zu wissen not tun wird! Geschehe da, was es wolle, so wirst du, wenn dein Wille bleibt, wie er nun ist, von allem dir Nötigen im Augenblick in Kenntnis gesetzt werden, und ein mehreres brauchst du vorderhand wohl nicht.
GEJ|3|232|3|0|Würdest du aber als König in den gewöhnlichen Herrscherhochmut übergehen und dich sogestaltig abwenden vom Herrn und also auch von uns, dann freilich erführst du nichts Weiteres vom Reiche Gottes und Seiner unermeßlichen Gnade!
GEJ|3|232|4|0|Sorge du dich sonach um nichts anderes, als daß du verbleibst in der Gnade und vollen Liebe des Herrn, – alles andere wird dir von selbst hinzufallen!
GEJ|3|232|5|0|Hättest du dich von allem, was der Herr noch in der Folge auf dieser Erde persönlich wirken wird, selbst überzeugen können, und würdest dich aber dann doch in irgendeiner Art von der Welt verlocken lassen, so nützte dir dann alles das Gesehene und Gehörte ebensoviel, als hättest du nichts gesehen und gehört! So du aber fortan bleibst in der Gnade und Liebe des Herrn dadurch, daß du dich von der Welt nicht blenden läßt, sondern den Herrn gleichfort liebst über alles und alle deine Nächsten wie dich selbst, so wirst du, und wärst du auch in der fremdesten und entferntesten Welt, dennoch in alles eingeweiht werden, was der Herr irgend tun wird, – inwiefern das zum Heile deiner Seele erforderlich ist. Denn gar alles, was der Herr in der ganzen Unendlichkeit will und anordnet, ist für das Heil deiner Seele gar nicht notwendig!
GEJ|3|232|6|0|Siehe, der Herr ordnet auf jeder der zahllosen Welten stets etwas an, was dort zu geschehen hat; aber solches taugt eben nur für jene Welt, für die es angeordnet ist, und das taugt für das Heil deiner Seele gar nicht! Auch hat der Herr für den Bestand dieser Erde stets so manches anzuordnen, das dich auch nichts angeht; was Er aber anordnen wird zum Seelenheile der Menschen, davon wird dir nichts vorenthalten werden! – Bist du damit zufrieden oder nicht?“
GEJ|3|232|7|0|Sagt Mathael: „Mein erhabener Freund aus den Himmeln Gottes! Ich bin damit vollauf zufrieden und brauche nichts mehr als das einzige nur, daß ich von dir ermahnt werde, so ich durch manche Verhältnisse vom Herrn und von Seiner Ordnung nur irgend im geringsten abwiche! Denn ein Stupfer zur rechten Zeit ist mehr wert als eine Welt voll der größten Schätze!“
GEJ|3|232|8|0|Sagt Raphael: „Auch dies würde ohne dein Verlangen allzeit geschehen sein. Denn sieh, ein jeder Mensch hat ein geistiges Organ in seinem Herzen, das uns Engeln Gottes stets offen steht und unbehindert zugänglich ist! Dieses Organ vertritt stets die einfachen Begriffe: gut – schlecht, wahr – unwahr, recht – unrecht.
GEJ|3|232|9|0|Tust du gleichfort das Gute, Wahre und Rechte, so wird von uns der bejahende und gute Teil des Organs angerührt, und in dir entsteht dadurch das lohnende Gefühl, daß du gut und recht gehandelt und geredet hast.
GEJ|3|232|10|0|Hast du aber irgend nicht gut gehandelt und geredet, so wird von uns das Gegenteil des Organs erregt, und es wird dich ein Bangen ergreifen und dir sagen, daß du aus der göttlichen Ordnung getreten bist. Und dieses Organ heißt in der moralischen Sprache ganz fein das Gewissen.
GEJ|3|232|11|0|Du kannst dich auf diese Stimme gar treu verlassen, sie wird dich nie und nimmer trügen! Es müßte nur sein, daß jemand dieses Organ so abstumpfen ließe, daß es am Ende als ein zu materiell gewordenes unsere Berührung gar nicht mehr wahrnähme; da wäre es aber dann mit dem geistigen Teile des Menschen ohnehin schon so gut wie völlig verloren! Das aber wird wohl bei dir sicher ewig nie der Fall werden, weil du in der Gnade und Liebe des Herrn schon einen zu großen Vorsprung gemacht hast und der Herr dich samt deinen Gefährten ganz neu umgestaltet und organisiert hat. Deine Seele ist wohl noch die alte, in der des Herrn Liebe als Sein Geist bereits gar mächtig zu walten begonnen hat; aber dein altes, arges Fleisch ist vom Herrn umgewandelt worden, daß es nicht drücke deine Seele.
GEJ|3|232|12|0|Du müßtest nur in deinem Herzen fest wollen vom Herrn abfallen, da würde dein Fleisch auch verwildert werden, wie dereinst das des Esau, dem wider des Vaters Willen die Jagd nach wilden Tieren mehr Vergnügen schaffte als die Wache über die zahmen Herden des Vaters. Aber bei dir ist auch eine solche Verwilderung unmöglich, weil deine Seele schon zu mächtig und allgemein vom Geiste der Liebe zum Herrn durchdrungen ist.
GEJ|3|232|13|0|In kurzer Zeit wird deine Liebe zum Herrn durch die Tätigkeit der Nächstenliebe in die intensive Wesenheit und Form übergehen und dann mit der Seele völlig eins werden; da wirst du im Geiste und in der Wahrheit wiedergeboren sein und in die geistige Ehe mit der Urliebe in Gott eingehen und mit ihr dadurch ebenfalls eins werden.
GEJ|3|232|14|0|Dadurch aber wird Gottes Liebe dir gegenüber auch erst wesenhaft werden und eine Form annehmen, und du wirst dann Gott allzeit schauen und sprechen können, und es wird der Herr, so wie hier leiblich nun dir sichtbar und deinem Herzen vernehmbar, dein Führer und Lehrer sein und bleiben für ewig. Und da wird es wohl keine Möglichkeit mehr sein, dich vom Herrn abzuwenden in deinem Herzen und in deiner Erkenntnis; denn da wirst du im Wollen und Erkennen als ein echter und wahrer Sohn des ewigen Vaters völlig eins sein mit Ihm. – Verstehst du solches?“
GEJ|3|232|15|0|Sagt Mathael: „Ja, wohl verstehe ich es und bin nun ganz in allem beruhigt!“
GEJ|3|233|1|1|233. — Der Meteor
GEJ|3|233|1|0|Während aber Mathael noch etwas sagen wollte, flog ganz nieder ein großes und sehr stark leuchtendes Meteor und verursachte durch den schnellen Flug ein eigenes, wohl vernehmbares Sausen in der Luft; denn es war im ganzen über dem Erdboden nur bei achthundert Klafter Höhe entfernt. Hinter dem Meteore war ein langer Schweif ersichtlich, der sich scheinbar dem fliegenden Meteore nachzog. Alle drei erschraken über diese Erscheinung und fragten allereiligst den Engel, was denn nun das gewesen wäre.
GEJ|3|233|2|0|Der Engel aber, statt den dreien sogleich mit einer Antwort und Erklärung aufzuwarten, schoß dem Meteore nach und brachte es in wenigen Augenblicken zu den dreien als eine etwas plumpe Kugel von zweieinhalb Klaftern Durchmesser, stellte diese auf einen freien Platz und sagte dann zu den dreien: „Nun, da kommet her und betrachtet diese Erscheinung ohne Scheu; niemandem von euch wird dabei ein Haar gekrümmt oder gesengt werden!“
GEJ|3|233|3|0|Die drei erheben und nähern sich mit großer Bescheidenheit dem noch gleichfort stark leuchtenden Meteore. In der Nähe merken sie einen stark schweflichen Geruch, und der ganze, bedeutende Klumpen sieht in der Nähe vollkommen einem Bimssteine sichtlich ähnlich, und aus den größeren Poren schießen bläulichweiße Flammen hervor und verursachen ein eigenes Zischen und leises Pfeifen und Prasseln. Manches Flämmchen ist noch sehr hell, manches aber auch schon matt.
GEJ|3|233|4|0|Jetzt erst fragt Mathael wieder den Engel, sagend: „Nun, was ist denn das für ein Ding, wie und wo entstand es? Es scheint eine ziemlich feste Masse zu sein und muß für unsere Menschenkraft ein großes Gewicht haben. Gehe, lieber himmlischer Freund, erläutere uns das ein wenig!“
GEJ|3|233|5|0|Sagt der Engel: „Dieser Klumpen war vor einer halben Stunde noch ein Anteil der Sonne. Durch einen großen Feuerkrater, darin es gewaltigst tobte, ward er nebst vielen andern mit einer unbegreiflich großen Gewalt hinausgeschleudert in den großen Weltenraum. Wie zufällig bekam dieser Klumpen die Richtung gegen diese Erde. Mit mehr als des Blitzes Schnelligkeit flog er durch den Äther und erreichte schon hinter dem Weltteile Europa die Atmosphäre dieser Erde, die er anfangs nur an der Oberfläche streifte. Als er im nächsten Moment aber tiefer sank und einen großen Widerstand an der stets dichteren Atmosphäre dieser Erde fand, ward seine Wurfschnelle sehr gemindert; bis er in diese Region kam, machte er in vier Augenblicken Zeit nur zwanzig Stunden Weges. Als ich ihn einholte, war er dennoch schon nahe über ganz Asien und wäre in zehn Augenblicken ins große Erdmeer gefallen; aber es wollte der Herr also, daß ihr auch in dieser Hinsicht eine Aufklärung erhaltet und nicht in einem fort glaubt, daß da ein böser Geist über die Erde fliege, um ihr und den Menschen einen Schaden zuzufügen. Nun habt ihr den bösen Geist vor euch und könnet daraus lernen, daß dies eine ganz natürliche Erscheinung zwischen den großen Weltkörpern ist.“
GEJ|3|233|6|0|Sagt Murel: „Aber wie kam es denn, daß er in der Luft gar so stark leuchtete, und hier aber wird er nun stets matter und matter im Leuchten?“
GEJ|3|233|7|0|Sagt Raphael: „Das starke Leuchten bewirkt der übermäßig schnelle Zug durch die Luft; er reibt sich mächtigst an den Teilchen der Luft und drückt sie sehr stark, weil sie ihm nicht schnell genug entweichen kann. Die Luft aber, wie sie hier ist, entzündet sich, wenn sie irgend zu stark gepreßt oder gedrückt wird; und weil sich die Luft auf der ganzen Zugstrecke eines solchen Meteors in einem fort entzündet, so ist es denn auch an der Stelle, da ein solches Meteor auf seinem Zuge sich befindet, stets blitzhell, und weil hinter dem gar so heftig fliegenden Meteore ein luftleerer Raum gebildet wird, dessen Wände noch ganz feurig affiziert (erregt) sind, so ersieht man hinter dem Meteore auch stets einen abnehmend heftig glühenden Schweif, der an und für sich bloß nur eine Erscheinung und keine Realität mehr ist.
GEJ|3|233|8|0|Fühlet nur diese Masse, wie glühend heiß sie noch ist, und ihr werdet euch leicht vollkommen von dem überzeugen, was ich euch von dieser Sache nun erklärt habe! Noch einen Beweis kann ich euch auf ganz natürliche Weise liefern, und zwar dadurch, weil mir so ein Experiment möglich ist, daß ich einen hier liegenden Stein nehme, ihn in Blitzesschnelle durch die Luft schleudere, und mir dienstbare Geister sollen ihn nach wenig Augenblicken wieder hierher bringen, und ihr werdet euch überzeugen, wie dieser nur etliche Pfund schwere Stein sogleich ebenso stark leuchten wird, wie stark zuvor dieses Meteor geleuchtet hat.“
GEJ|3|233|9|0|Hier schleuderte Raphael den Stein mit der furchtbarsten Gewalt in die Luft, und die dienstbaren Geister trieben denselben einige Augenblicke mit mehr denn Blitzesschnelle kreisförmig nur wenige Klafter hoch in der Luft herum. Nebst einem stark sausenden Getöse leuchtete der Stein so stark, daß die ganze Gegend weit herum wie am hellen Tage erleuchtet war und die drei eigentlich nur einen sonnenhell leuchtenden Kreis vor sich sahen, weil die Bewegung des Steines eine zu schnelle war, als daß ein menschliches Auge seinen Fortzug hätte wahrnehmen können.
GEJ|3|233|10|0|Nach wenigen Augenblicken ward der Stein wieder von den dienstbaren Geistern, als noch im höchsten Grade glühend, ganz ruhig vor die drei erstaunten Beobachter auf den Boden gelegt, und Raphael sagte: „Da habt ihr das schnell und ganz leicht bewirkte Experiment nun vor euch; findet ihr einen Unterschied zwischen diesem nun künstlich und jenem natürlich bewirkten Meteore?“
GEJ|3|233|11|0|Sagt Mathael: „Nein, durchaus ganz dieselbe Erscheinung; nur ist natürlich das Volumen verschieden! Aber es drängt sich mir nun dennoch eine Frage auf, und diese besteht darin: Daß es dir, der du uns schon gar manches Pröbchen von deiner unbeschreiblichen Fertigkeit und Kraft gegeben hast, wohl sehr leicht möglich ist, so einen Stein mit der unglaublichsten Gewalt und Schnelle derart hinauszuschleudern, daß die Luft durch des geworfenen Steines zu ungeheure Schnelligkeit auch zu sehr gepreßt sich entzünden und den Stein selbst in Kürze allerglühendst machen muß, – dazu bist du einer der mächtigsten Engelsgeister, der mit ganzen Weltkörpern, wie wir mit Haselnüssen, spielen und eine Sonne sogar in einem Augenblick in eine derartige Tiefe des endlosen Schöpfungsraumes hinausschleudern könnte, daß ein Blitz hunderttausendmal hunderttausend Jahre zu tun hätte, um sie zu erreichen! Für ein solches Experiment ist dir sonach von Gott die uns freilich wohl noch sehr unbegreifliche Kraft und Macht verliehen; aber wie kann die Sonne als nur ein träger Naturkörper aus sich heraus auch eine solche Macht entwickeln?“
GEJ|3|234|1|1|234. — Das Wesen der Materie
GEJ|3|234|1|0|Sagt Raphael: „Oh, meinst du denn, daß es in der Sonne keine dienstbaren Geister gibt? Ich sage es dir und euch beiden andern: Weder in der Sonne, noch auf dieser Erde geschieht irgend etwas ohne einen dienstbaren Geist; denn alles, was du ansiehst und anrührst, ist im Grunde ja alles Geist. Die gröbste Materie sogar ist Geist, Seele, – aber nur in einem gerichteten Zustande. Beleidigest du die im tiefen Gerichte wie tot ruhenden Geister zu sehr durch Flug, Stoß und Druck, so werden sie dich bald ihre Macht und Stärke fühlen lassen!
GEJ|3|234|2|0|Seht, die Luft ist gewiß etwas gar sehr Sanftes und weich Zartes; wird sie aber irgend durch einen zu gewaltigen Stoß oder Druck aus ihrem Gleichgewichte gebracht und zu sehr in ihrer Ruhe gestört, so reißt sie die dicksten und kräftigsten Baumstämme aus der Wurzel, macht die Erde erbeben, entzündet sich in tausend verheerenden Blitzen und wird zum furchtbarsten Elemente!
GEJ|3|234|3|0|Wer aber wütet dann so grimmig in und durch die Luft? Die in ihr ruhenden und eigentlich sie ausmachenden Geister und gerichteten Seelen!
GEJ|3|234|4|0|Schlage du mit zwei Steinen recht heftig aneinander, und es werden sich die in ihnen gebannten Geister bald melden und die ganze Steinmasse, so hart sie auch sein möchte, in die kleinsten Staubteilchen zerstören, bei welcher Gelegenheit es an feurigen Erscheinungen keinen Mangel haben wird!
GEJ|3|234|5|0|Nimm das Wasser und setze es einem möglichst stärksten Drucke aus! Zuerst wirst du dir dadurch einen Eisklumpen zeihen, der auch ganz solid und noch in aller Ruhe das ihn enthaltende noch so feste Gefäß zerstören wird; könntest du das Eis aber noch einem größeren Druck unterziehen, so wird es sich plötzlich in einen Feuerdampf auflösen und alles, was ihn zu halten sich bemüht, mit dem furchtbarsten Getöse und Gekrache zerstören!
GEJ|3|234|6|0|Solange die in der Erscheinlichkeit der Materie gebannten Geister und Naturseelen nicht beleidigt werden, ruhen sie freilich wie tot und lassen vieles aus sich machen und formen; werden sie aber einmal irgend zu sehr aus ihrer ordnungsmäßigen Ruhe geweckt, da wehe dem, der sich in ihrer Nähe befindet!
GEJ|3|234|7|0|Die Anwesenheit der Geister in der Materie aber läßt sich gar leicht erkennen. Wenn sie zu einer außerordentlichen Tätigkeit genötigt werden, so werdet ihr stets nach dem Grade der Stärke und Heftigkeit einer geistigen Tätigkeit ein Leuchten ersehen. Je stärker das Leuchten, desto heftiger ist die Tätigkeit der in irgendeiner Materie tätig gewordenen Geister.
GEJ|3|234|8|0|Wie tätig demnach die Sonnenluftgeister besonders auf deren Oberfläche sind, das beweist der Sonne heftigstes Licht.
GEJ|3|234|9|0|Mit welcher Heftigkeit aber dann aus der Sonne bei Gelegenheit ihrer großen Eruptionen (Ausbrüche), bei denen ihrer Materie Geister in die größte Unruhe und Tätigkeit versetzt werden, ein solcher Klumpen hinausgeschleudert wird, könnet ihr euch schon aus der Heftigkeit des Sonnenlichtes einen leisen und ahnungsweisen Begriff machen!
GEJ|3|234|10|0|Ja, ich versichere es euch: Im Schoße der großen Sonne gibt es nicht selten so mächtige Eruptionen, daß deren Kraftäußerungen mit Klumpen in der Größe dieser Erde ebenso herumspielen würden, wie hier auf dieser Erde der Wind mit der leichten Spreu spielt! Und so wird es euch desto begreiflicher sein, wie und mit welcher schnellsten Leichtigkeit dieser Klumpen aus der Sonne auf diese Erde herabkam!“
GEJ|3|234|11|0|Sagt Murel: „Wenn aber ungezweifelt also, da ist dieser Klumpen am Ende von einem unschätzbaren Wert, und man sollte ihn zum ewigen Angedenken als etwas Außerordentlichstes in ein Museum bringen!“
GEJ|3|234|12|0|Sagt Raphael: „Da müßtest du dann schon gleich die ganze Erde in ein Museum stecken; denn die ganze Erde ist ebenfalls von dorther, von woher dieser Klumpen ist!“
GEJ|3|234|13|0|Sagt Murel: „Wenn so, was ist dann von der Schöpfungsgeschichte Mosis zu halten?“
GEJ|3|234|14|0|Sagt Raphael: „In dieser Hinsicht wende du dich an den Freund Mathael! Der ist in dieser Beziehung ganz zu Hause; auch Philopold hat darin ganz gewichtige Kenntnisse!“
GEJ|3|235|1|1|235. — Der Sinn der mosaischen Schöpfungsgeschichte. Ein übersinnliches Erlebnis Mathaels
GEJ|3|235|1|0|Fragt nun Murel dasselbe den Mathael, und dieser sagt: „Was Moses von der Schöpfung sagt, hat mit der Erschaffung der Welt gar nichts zu tun, sondern allein nur mit der Bildung des Menschen von der Wiege angefangen bis zu seiner Vollendung hin; also wird dadurch auch die Gründung der Kirche Gottes auf Erden bis auf diese Zeiten und fortan bis ans Weltende damit angedeutet.
GEJ|3|235|2|0|Unter ,Himmel und Erde‘ ist zu verstehen der neue Erdenmensch gleich von der Geburt an. Der ,Himmel‘ bezeichnet seine innersten, verborgenen, geistigen Fähigkeiten, und die leere und wüste ,Erde‘ bezeichnet den neuerstandenen Naturmenschen, der seines Seins kaum bewußt ist; – erstes Stadium des Menschen.
GEJ|3|235|3|0|Mit der Zeit gelangt das Kind zum Selbstbewußtsein und fängt an zu träumen und zu denken. Das ist das ,Es werde Licht!‘ im Menschen, daß er wisse, daß er ist; – zweites Stadium.
GEJ|3|235|4|0|Und so geht das durch alle andern Schöpfungstage bis zum Ruhestadium der Vollendung des Menschen! – Sage mir, ob du davon etwas zu fassen beginnst!“
GEJ|3|235|5|0|Sagt Murel ganz erstaunt über die Bibelweisheit des Mathael: „Nein, hoher Freund, diese Weisheit hätte ich in dir nie und nimmer gesucht! Ah, auf diese Weise, die ich nun für die allein richtige erkenne, möchte ich mir von dir wohl die ganze Schrift erklären lassen! Ja, da gehört viel dazu, bis eine Menschenseele in diese Tiefe der Weisheit gedrungen ist! Wie aber bist denn du dazu gekommen?“
GEJ|3|235|6|0|Sagt Mathael: „Mein Freund Murel, das ist doch auf diesem Platze, auf dem wir uns nun befinden, keine Frage mehr! Der Herr unter uns, – da ein Engel aus den Himmeln, der sicher Zeuge von aller materiellen Schöpfung war! Ich selbst war von meiner Jugend an schon ein Gelehrter der Schrift im Tempel, aus welchem Grunde man mich auch als Apostel zu den Samaritanern gesandt hatte; aber ehe ich noch mit den Samariten ein Wort reden konnte, machte Jehova einen Strich durch meine Rechnung: ich geriet unter arge Straßenräuber und mußte, um mein Leben zu erhalten, selbst ein arger Straßenräuber werden.
GEJ|3|235|7|0|Da ich mich aber von Gott gar so mächtig verlassen sah, ohne daß ich in mir selbst dafür einen Grund finden konnte, so ärgerte mich das tief. Ich ward anfangs ungläubig und fing an, die ganze Schrift für ein Menschenmachwerk zu halten; aber ich ward durch eine sonderbare Erscheinung bald eines andern belehrt.
GEJ|3|235|8|0|Ein Mann voll bittern Ernstes kam in einer Nacht, als ich allein vor der fürchterlichen Räuberhöhle Wache hielt, zu mir. Ich durchbohrte ihn sogleich mit meinem Schwerte. Er aber sprach: ,Gib dir keine Mühe mit deiner elenden Waffe; denn einen unsterblichen Geist tötet ewig keines Sterblichen Waffe! Ich bin der Geist Abrahams und frage dich, warum du Gott verlassen und Seinen Namen verfolgen willst!‘
GEJ|3|235|9|0|Sagte ich, Mathael, voll Zornes darauf: ,Wozu verfolgte mich Gott zuerst, da ich doch in Seinem Namen zu den Samariten gesandt ward, um sie alle für den Tempel zu gewinnen!? Meine Absicht war ehrlich und redlich vor Gott und vor allen Menschen, weil sie ehrlich und redlich war vor meinem Gewissen. Gott hat mir vom Anbeginne meines Seins nur mein Gewissen zu meinem Richter gegeben, und ich lebte gerecht vor diesem innern, strengen Richter. Ich selbst habe mich nicht zu den Samariten ausgesandt, sondern der Hohepriester als Stellvertreter Mosis und Aarons.
GEJ|3|235|10|0|War es unrecht, daß ich zu den Samariten ausgesandt wurde, so hätte dafür Gottes Weisheit nicht nötig gehabt, mich, sondern nur den allein zu züchtigen, der mich ausgesandt hatte; da sie aber mich, den Unschuldigen, ergriff, so bin ich von diesem Augenblicke ein ärgster Feind Jehovas, dessen Apostel an mich du, bitterer Geist, zu sein scheinst!‘
GEJ|3|235|11|0|Da sprach der Geist, noch bitterer aussehend: ,Kennst du Gottes Macht und Zorn? Wie willst du, ohnmächtiger Wurm des Staubes, dem allmächtigen Gott Trotz bieten?! Kann dich Seine Macht denn nicht ergreifen und elendst vernichten, als wärest du nie dagewesen?!‘
GEJ|3|235|12|0|Sagte ich: ,Das kann sie sicher tun; denn für ein solches Dasein, das ich nun habe, kann ich ihr nur ewig fluchen! Bin ich aber durchaus nicht mehr, so hat auch mein gerechter Zorn und Grimm gegen sie ein ewiges Ende!‘
GEJ|3|235|13|0|Der bittere, ernste Geist aber sagte: ,Du kannst Gott nicht gebieten, daß Er dich vernichte! Er kann dich quälen, ewig hindurch, mit den erschrecklichsten Schmerzen und Peinen, und es würde sich dann weisen, wie lange du der Allmacht Gottes Trotz bieten würdest!‘
GEJ|3|235|14|0|Da sagte ich voll des glühendsten Zornes: ,Das kann Gott tun, wenn es Ihm eine besondere Freude macht, ein Geschöpf ewig zu quälen, bloß um demselben Seine Allmacht gleichfort zu zeigen! Aber das beteure ich dir, du bitter ernster Geist, daß Gott, noch tausend Male allmächtiger, als Er ist, meinen Sinn mit allen Ihm erdenklichen Qualen ewig nie beugen wird!
GEJ|3|235|15|0|Mit Güte, Sanftmut und erweisbarer Gerechtigkeit kann Er mit mir alles ausrichten, Er kann mich zu einem Lamme der Lämmer machen; mit Seinem Zorne aber zu einem Teufel der Teufel! Bis jetzt hat mir Gottes Allmacht nur ein qualvollstes Leben gegeben, für das ich ihr ewig nicht danken werde; fällt es ihr vielleicht einmal ein, gegen mich barmherziger zu werden und an mir das gutzumachen, was sie allmachtslaunig an mir verbrochen hat, so werde ich ihr dann auch dankbar werden! So aber, wie die Dinge nun stehen, bin ich Jehovas entschiedenster Feind! Denn in Seinem Namen zog ich voll Ernstes von Jerusalem nach Samaria, um dort Seine Ehre und Sein Lob zu verkünden; dafür ließ Er mich von Teufeln ergreifen und überwältigen!
GEJ|3|235|16|0|Es mag ja sein, daß meine Sendung dahin Ihm nicht genehm und wohlgefällig war! Konnte Er aber den falschen Propheten Bileam durch dessen Esel zurechtweisen, warum mich und meine Gefährten nicht durch unsere Esel, die uns und unser Gepäck trugen?! Warum lieferte Er uns den Teufeln in die Krallen?!
GEJ|3|235|17|0|Gib Antwort mir, oder aus meinem Munde trifft dich ein Fluch, wie er über dieser Erde Boden noch nie ausgesprochen wurde!‘ – Da entschwand der Geist, und ich fiel besinnungslos zur Erde!“
GEJ|3|236|1|1|236. — Die Unbegreiflichkeit harter Führungen. Der Verkehr mit dem Herrn im Herzen
GEJ|3|236|1|0|(Mathael:) „Von diesem Zeitpunkte an verlor ich das helle Selbstbewußtsein, und soviel ich mich nun rückzuerinnern vermag, so ward mein Leib von bösesten Geistern in den aktiven Besitz genommen, und ich ward ein Schrecken der ganzen Gegend! Mein Fleisch durchbohrte keine Lanze und kein Speer, und die dicksten Fesseln flohen von meinen Händen wie Spreu! Der Kampf mit einem oder mit tausend Menschen war mir eins; die mich ergriffen, wurden gar übel zugerichtet und viele getötet! Doch davon wußte meine Seele nichts.
GEJ|3|236|2|0|Nach dem Ratschlusse Gottes wurden wir fünf jüngst dennoch von den Römern gefangengenommen und vorvorgestern hierhergebracht. Hier erlöste uns der Herr von unserer großen Qual. Meine Seele wurde wieder die alleinig vollintelligente Einwohnerin dieses Fleisches, und Moses war wie zuvor in ihr. Der Herr aber erleuchtete alle Irrgänge meines Herzens, und – höre! – ich verstand nun erst Moses und die Propheten!
GEJ|3|236|3|0|Wenn nun Abrahams Geist zu mir käme, würde ich mit ihm sicher eine ganz andere Sprache führen als vor ungefähr fünf Jahren! Genau weiß ich dir die Zeit in keinem Falle anzugeben; aber es sind sicher mehrere Jahre seither verronnen. – Nun weißt du, wie ich zum Verständnisse der Schrift kam!
GEJ|3|236|4|0|Ich wünsche es zwar niemand, auf meinem Wege hinter Moses zu kommen, weil es nun einen leichteren gibt; aber weil du, Murel, mich gewisserart gefragt hast, wie ich zu solch klarem Verständnisse der Bücher Mosis kam, so mußte ich dir ja doch meinen traurigen Weg zeigen, und du kannst dir nun das andere leicht selbst denken!
GEJ|3|236|5|0|Das andere und endlos Leichtere aber ist nun des Herrn Gnade, die dir das in wenig Augenblicken geben kann, was ich auf dem dornigsten Wege erreicht habe.
GEJ|3|236|6|0|Hier aber steht der Engel des Herrn, frage ihn, und er wird es dir zeigen, wie sehr wahr ich nun dir meine und meiner vier Gefährten Geschicke enthüllt habe! – Was sagst du nun zu all dem?“
GEJ|3|236|7|0|Sagt Murel: „O Freund Mathael, du hast entsetzlich viel ausgestanden und hattest einen Mut, der in der Welt zu suchen ist! Du warst ein Teufel zwar, und doch war dein Herz kein verdorbenes, denn es verlangte Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe, und weil es das verlangte, so erhielt es nun auch das Verlangte; denn der Herr läßt kein aufrichtiges Herz zugrunde gehen!
GEJ|3|236|8|0|Aber warum der Herr dich und deine vier Gefährten gar so hart hergenommen hat?! Denn wegen der Sendung nach Samaria zur Bekehrung der Samariten zum Jerusalemitischen Glauben kann ich mir's denn doch nicht so ganz vorstellen, wie darin etwa einzig und allein der Grund zu suchen sein sollte von solch einer Bescherung! Da muß etwas anderes dahintergesteckt haben!“
GEJ|3|236|9|0|Sagt Mathael: „Das sicher, aber ich weiß noch heutigentags darüber nichts, und aufrichtig gesagt, – es hat mich auch gar nicht danach verlangt; aber nun möchte ich selbst auch darin ein kleines Lichtlein überkommen! – Unser Raphael könnte uns da wohl ein Lichtlein geben, so er gerade bei guter Laune wäre!?“
GEJ|3|236|10|0|Sagt Raphael: „Auf mich und meine Laune kommt es da wie nirgends an, sondern allein auf den Willen des Herrn; denn mein Sein ist ja nichts als der pure Wille des Herrn! Wende dich darum in deinem Herzen an den Herrn, und es wird deinem Wunsche sicher willfahrt werden!“
GEJ|3|236|11|0|Sagt Mathael: „Wäre alles recht, wenn der Herr nicht schliefe; aber Er schläft nun, und es wäre wohl sehr unschicksam, Ihn darum zu wecken!“
GEJ|3|236|12|0|Sagt Raphael: „Bist auch noch ein wenig schwach! Sein Leib wohl schläft nun ein wenig; aber Seine Seele und Sein ewiger, heiligster Geist nie und nimmer! Was wäre mit der ganzen Schöpfung, so der Herr nur einen Augenblick ihrer vergäße?! In einem schnellsten Momente wäre es völlig aus mit ihr; keine Sonne, kein Mond, kein Stern in der ganzen ewigen Unendlichkeit und keine Erde, die dich trägt, bestände mehr, auch kein Engel und Mensch würde sich irgend mehr aus sich heraus erhalten können!
GEJ|3|236|13|0|Alles, was da ist, wird in einem fort vom allmächtigen, ewig gleichen und unwandelbarsten Willen des Herrn erhalten, ohne den kein Dasein denkbar ist.
GEJ|3|236|14|0|Wenn also und unmöglich anders, wie kann es dir beifallen, zu denken, Er könnte einmal schlafen und somit im Schlafe nicht innesein, wessen die unendliche Schöpfung in jedem Momente des Seins benötigt.
GEJ|3|236|15|0|Der Herr weiß es genauest, was du nun denkst und willst; denn da ich es weiß, so muß es der Herr ja lange zuvor wissen, weil ich es sonst unmöglich wissen könnte! Denn alles, was wir Engel wissen und erkennen, das wissen und erkennen wir nur aus dem Herrn. Nun weiß ich aber um alle deine Prüfungen und harten Proben; wer sonst als nur der Herr könnte sie mir offenbaren? Du nicht, und eines andern Geistes Mund und Sinn auch nicht, weil ich solches alles ohne des Herrn Sinn und Willen nicht vernehmen könnte!
GEJ|3|236|16|0|Wie aber ich alles nur allein aus dem Herrn unmittelbar fasse, erkenne und weiß, so kannst es auch du, – aber freilich nur allezeit insoweit, als du dazu in deinem Herzen befähigt bist!
GEJ|3|236|17|0|Frage also den Herrn in deinem Herzen, und wir werden es sehen, ob dir keine Antwort ins Herz gelegt wird!“
GEJ|3|237|1|1|237. — Die Gründe der schweren Führungen Mathaels
GEJ|3|237|1|0|Hier stellte Mathael die vorerwähnte Frage in seinem Herzen an Mich, und Ich legte ihm sogleich ganz offen folgende Antwort ins Herz, die er sogleich den dreien laut also vortrug: „Der Herr war mit den Samariten, dieweil sie von der verpesteten Lehre Jerusalems sich getrennt hatten und zum reinen Moses und Aaron zurückgekehrt waren. – Du, Mathael, aber warst ein wohlerfahrener, kräftiger Redner und hattest in dem, was du dir vorgenommen, einen unbeugsamen Sinn. Der Herr kannte das und sah, daß du Ihm unter den reiner, gläubigen Samariten einen großen Schaden angerichtet haben würdest, so du mit ihnen in eine didaktische (belehrende) Berührung gekommen wärest. Daher ließ dich der Herr mit deinen Gefährten unter die berüchtigsten Straßenräuber kommen, wohl wissend, daß du derer nicht eher los wirst, als bis dein steifer Sinn ganz weich und lenksam gemacht werden würde. Solange du im vollsten Bewußtsein unter den Räubern selbst Miträuber warst, wollte sich dein Sinn durchaus nicht beugen, im Gegenteile hattest du einen ganz pfiffigen Plan gefaßt und hast die etlichen fünfzig Räuber samt ihren Weibern und Kindern dahin gebracht, daß sie der grundfalschen Lehre Jerusalems ganz hold wurden, weil sie in ihr sogar eine Gewähr und ein sicheres Asyl für ihr Raubhandwerk fanden.
GEJ|3|237|2|0|Als du sie so weit gebracht hattest, um schon am nächsten Tage als Anführer von nun mit dir gezählt fünfundfünfzig Aposteln zum Wohle Jerusalems und deinem eigenen in Samaria einzufallen und dort mit der unerbittlichsten Strenge die Lehre Jerusalems einzuführen und jeden Widersacher über deines Schwertes Schärfe springen zu lassen, da ließ es der Herr zu, daß du von dem alten Geiste Abrahams gemahnt wurdest.
GEJ|3|237|3|0|Da aber auch diese Erscheinung dich nicht umzustimmen vermochte, da erst ließ es der Herr zu, daß deine Seele sich in ihrem Fleische verbergen mußte, dafür aber dein Leib von vielen Teufeln in den Besitz genommen worden ist. Von der Zeit an wardst du samt den Gefährten ein Schrecken der Gegend!
GEJ|3|237|4|0|Selbst deine fünfzig Raubapostel entflohen aus jener Gegend und wurden zu ordentlichen Menschen, und weil sie gar wohl ersahen, was Schreckliches da über dich und deine vier Gefährten – wegen des vorgefaßten argen Planes mit den zu bekehrenden Samariten – gekommen war, so gaben sie auch für sich jedes noch so entfernte Vorhaben auf, die Samariten für Jerusalem zu bekehren.
GEJ|3|237|5|0|Und so hatte der Herr einen sehr wirksamen und heilsamen Strich durch deine höchst unordentliche Rechnung gemacht und ließ dich so lange im Gerichte der Hölle gefesselt stecken, bis in deiner Seele ein lenksamer Sinn sich eingestellt hatte.
GEJ|3|237|6|0|Der Herr aber wußte auch, woher deine Seele stammte, und wie und warum sie so unbeugsam war, und ließ darum denn auch solches Allerbitterste über sie kommen, weil sie auf jede andere Weise nie und nimmer zurechtgebracht worden wäre.
GEJ|3|237|7|0|Es besteht in weiter Ferne eine eigene Erde (Welt) im Bereiche der um diese eine Sonne kreisenden Planeten, die bis jetzt kaum irgendeines Sternkundigen Auge geschaut hat. Auf dieser Erde (Uranus) leben sehr hartsinnige Menschen, die von einem einmal gefaßten Plane und Vorhaben nicht eher abzubringen sind, als bis dasselbe ins Werk gesetzt wurde. Von solcher Welt werden auch dort ausgezeitigte Seelen wegen der Erreichung der Kindschaft Gottes auf diese Erde ins Fleisch gesetzt und behalten noch sehr vieles von ihrer Sinnessteife.
GEJ|3|237|8|0|Du bist aber gewisserart auch ein solcher Fremdling auf dieser Erde, stammst deiner Seele nach von jener Welt ab und warst darum so steifsinnig und unbeugsam in deinem Vorhaben.
GEJ|3|237|9|0|Um diese deine Seele beugsam zu machen und deine anderweltliche Seelennatur also zu gestalten, daß sie für die rechte und freieste Wahrheit aus Gott empfänglich werde, um eingehen zu können in die göttliche Liebe und durch sie in die vollwahre Kindschaft Gottes, war dieser Weg der allein wahre und wirksame.
GEJ|3|237|10|0|Du mußtest in der Hölle der Geister und Seelen dieser Erde, gleichwie die Seelen der Kinder dieser Welt, eine gewisse Ausreifung erhalten, mußtest sogestaltig durch die engste Pforte gehen, um als ein veredelter Lebenssaft in die höhere Region des Lebens aufsteigen zu können. Du stehst darum schon als solcher nun vor Gott, dem Herrn alles Lebens.“
GEJ|3|238|1|1|238. — Das innere Wort. Der Grund der Menschwerdung des Herrn
GEJ|3|238|1|0|Als Mathael solche seine in sein Herz gelegte Antwort vor den dreien ausgeredet hatte, erstaunte er selbst über solche in sich vernommene Wahrheit und früher nie so klar empfundene innere Rede.
GEJ|3|238|2|0|Raphael aber sagte zum Mathael: „Siehst du nun, wie sehr der Herr wach ist, so Er nun auch dem Leibe nach schläft, und wie du nun in deinem Herzen des Herrn Rede klar und deutlich vernommen und sie dann auch nachredig mit dem Fleischmunde laut ausgesprochen hast?! Sieh, auf dieselbe Weise vernehmen auch wir des Herrn Wort und Willen lebendigst und tatkräftigst in uns, und zwar also, daß wir dann ganz Sein Wort und Wille werden! Sind wir aber das, so sind wir dann auch als Sein Wort und Sein Wille die dadurch vollbrachte Tat selbst, also Wort, Wille und Tat in einer Form! – Verstehst du, Freund Mathael, nun solches alles rein und hell?“
GEJ|3|238|3|0|Sagt Mathael: „Wenn man auch bei sich so einer beruhigenden Überzeugung gewärtig wird, als verstünde man nun schon alles, was man nur gleich ansieht, so kommt aber gleich wieder etwas, von dem man noch nie etwas geträumt hat! Aus allem ersehe ich, daß in der göttlichen Weisheit eine so unermeßliche Fülle und Tiefe liegt, daß sie nie ein Geist völlig wird erfassen können! Wir werden demnach ewig in Hülle und Fülle stets Neues zu erlernen und zu begreifen haben! Das ist aber auch ganz gut also!
GEJ|3|238|4|0|Mir wäre es wahrlich ganz und gar nicht recht, so mir nun alles so klar wie dem Herrn Selbst wäre. Wenn es in der ganzen Unendlichkeit nichts mehr gäbe, das mir unbekannt wäre, da würde ich des Lebens bald satt werden; aber so gibt es eine so endloseste Menge tiefst und dichtest verhüllter Dinge, daß wir mit denselben auch ewig nicht fertig werden, und ich muß es nun offen gestehen, daß danebst und dabei Gottes Seligkeit eine durchaus nicht beneidenswerte sein müßte, wenn wir als Seine Geschöpfe und Kindlein alles so klar einsähen wie Er Selbst, und Seine ewige und unendliche Totalweisheit müßte Ihm zur entsetzlichsten Langeweile werden, wenn Er sie nur für Sich allein zu verwenden hätte!
GEJ|3|238|5|0|Aber Er erfüllte deshalb den unendlichen Raum mit zahllosen Werken, die Seiner endlosen Weisheit und Macht entsprechen, und erschuf denkende und auch mit vieler Weisheit begabte Wesen. Diese, stets im höchsten Grade ergriffen von solcher Weisheitstiefe und Macht in Gott, forschen und bewundern in einem fort die göttliche Weisheitstiefe und Macht des einen Schöpfers und werden bei jeder neuen Enthüllung wieder zur Bewunderung und Anbetung und zur intensivsten Liebe hingerissen!
GEJ|3|238|6|0|Nun, dies einzige muß für Gott die eigentliche Seligkeit sein! Für Ihn als den Schöpfer und Vater der Engel, Welten, Menschen und Kinder muß dies allein die größte Wonne sein, alle jene, die Ihn und Seine Worte stets mehr und mehr erkennen und lieben, auch stets seliger zu machen!
GEJ|3|238|7|0|Um für uns Menschen dieser Erde, für euch Engel aller Himmel und für alle Geschöpfe der ganzen Unendlichkeit eine desto größere Seligkeit zu bereiten, kam Er Selbst als ein Mensch zu uns auf diese Erde, um Sich uns förmlich als Selbst Mensch mit Fleisch und Blut wie ein Mensch dem andern zu offenbaren. Freund, Wesen oder Engel von Ewigkeit, oder Mensch wie ich es bin, das tut der Herr nicht nur unsertwegen, das tut Er auch Seinetwegen; denn Er müßte mit den Zeiten vor Langerweile vergehen, so Er mit Seiner Allwissenheit denn doch in Sich höchst klar gewahren müßte, daß Er als eine im höchsten Grade formlose, ewige, wenn auch vollendetste Intelligenz von Seinen Geschöpfen nie geschaut und noch weniger angesprochen werden könnte und somit auch unerkannt bleiben müßte!
GEJ|3|238|8|0|Wäre es denn nicht im höchsten Grade traurig für einen irdischen Vater, so er zum Beispiel zwanzig Kinder von großer Lieblichkeit hätte, alle aber wären Blinde und Taube, mit denen der liebevollste Vater nie ein Wort reden und sich ihnen auch als Mensch nicht zeigen könnte?! Stelle man sich solch ein Verhältnis nur so recht lebendig vor: einen überaus wohlhabenden Vater mit zwanzig der Gestalt nach gar wunderschön gebildeten Kindern beiderlei Geschlechts, aber alle taub und blind! Frage: Würde solch ein Vater nicht die größten Summen darauf verwenden, um seine sonst gar so lieben Kindlein hörend und sehend zu machen?! Welche Trauer aber wird er empfinden, so es dafür in der ganzen Welt kein Mittel gäbe, um seine Kinder hörend und sehend zu machen?!
GEJ|3|238|9|0|Nun, wir Menschen sind zwar hörend und sehend für uns gegenseitig und finden aneinander ein großes Vergnügen – manchmal sogar mehr als nötig –, daß wir sogar darüber des Schöpfers vergessen können; aber der heilig gute Schöpfer, der allweiseste Vater, müßte dieses seligsten Vergnügens für immer völlig entbehren, von Seinen Kindern je erkannt, gehört und gesehen zu werden! Das ginge für einen ewigen Vater voll der höchsten und reinsten Liebe zu Seinen Kindern gar nicht an!
GEJ|3|238|10|0|In Ihm ist sicher die größere Sehnsucht, uns, Seine Kinder, in dem Stande zu ersehen, der nach Seiner Ordnung uns fähig macht, Ihn zu sehen, persönlich zu lieben und sich Ihm mitzuteilen ohne Schaden für unsere Existenz, – als in uns Kinder zu sehen, die wir noch keinen Begriff vom eigentlichen Grundsein des ewigen Vaters haben.
GEJ|3|238|11|0|Ich glaube darum keine gar zu sehr aus der Luft gegriffene Behauptung aufzustellen, so ich sage: Der Herr hat nicht unsertwegen allein, sondern auch Seinetwegen Fleisch und Blut angezogen und Sich also begeben auf diese Erde zu uns, Seinen noch freilich stark ungehobelten Kindern! Er hatte dieses schon Ewigkeiten vorausgesehen, was Er tun werde; wir aber sind nun Zeugen der Ausführung des ewig großen Planes! – Sage du, Raphael, ob ich nun wahr oder falsch geurteilt habe!“
GEJ|3|239|1|1|239. — Der Gedanke der Langweile Gottes
GEJ|3|239|1|0|Sagt Raphael: „Nicht du, Freund, hast nun also geurteilt, sondern der Herr Selbst hat dir dieses Urteil ins Herz gelegt, und es muß somit ein richtiges sein!“
GEJ|3|239|2|0|Sagt auch Murel: „Nein, was man aber hier alles vernimmt, das ist denn doch dieser Welt sehr stark unähnlich! Und doch kann da keine reine Menschenvernunft etwas einwenden! Unsere Langweile, so wir auf einmal Gott gleich weise und allwissend würden, und dagegen auch die Langweile Gottes bei dem immerhin denkbaren Zustande, von Seinen Geschöpfen, Kindern und sogar Engeln nie empfunden, gefühlt, gehört und gesehen zu werden, – nein, das sind wahrlich zwei Ansichten und Urteile, vor denen der tiefer denkende Mensch notgedrungen allen Respekt bekommen muß! So etwas hat wohl nie einem Templer geträumt; und doch ist es richtig! Ich kann da denken nun und schließen, wie ich will, und dagegen keine Einwendung finden, obwohl der Ausdruck ,Gottes Langweile‘ etwas sonderbar klingt! Aber ich kann ihn nun beleuchten, wie ich will, so bleibt er wahr und sehr wahr! Es drängt sich mir nun noch ein recht passendes Beispiel zur Beleuchtung dieser ganz neuen Wahrheit auf, und ich muß es euch zum besten geben!“
GEJ|3|239|3|0|Sagt Mathael: „Bruder, nur gleich heraus damit! Denn aus einem mit so vielen Erfahrungen bereicherten Gemüte läßt sich nur etwas Reelles, Gutes und für diese Sache sehr Brauchbares erwarten!“
GEJ|3|239|4|0|Sagt darauf Murel: „Nicht darum eigentlich, aber doch, damit ihr sehet, wie ich dieses alles aufgefaßt habe! Ich stelle mir einen Menschen vor, der mit aller Weisheit begabt ganz allein auf der lieben Gotteserde dastünde. Er möchte sich den andern Menschen, so sie irgend da wären, sicher getreust mitteilen. Er sucht die Erde in allen ihren Winkeln klein durch und findet kein lebendes und denkendes Wesen. Seine große Weisheit wird ihm zur Last; denn was er auch macht und schafft, wird von niemand erkannt und bewundert. Wie müßte solch einem Menschen mit der größern Länge der Zeit wohl zumute werden? Müßte er nicht verzweifeln? Würde ihn die gräßlichste Langweile nicht völlig verzehren?
GEJ|3|239|5|0|Wie unbeschreiblich angenehm müßte ihm zumute werden, so er endlich irgend nur eine noch so geringe Magd oder auch nur einen derbsten Knecht fände! Mit welch einer unbeschreiblichen Liebe würde er solch einen Fund ergreifen!
GEJ|3|239|6|0|Oh, da zeigt es sich klar, was ein Mensch dem andern ist, und welch eine Seligkeit in dem Wohltun dem Nächsten besteht!
GEJ|3|239|7|0|Welch ein erschreckliches Los wäre das, so ein allein dastehender Mensch auf der ganzen Erde keinen zweiten Menschen fände, um ihm eine Wohltat zu erweisen!? Schon darum ist die Liebe ein rein himmlisches Lebenselement, weil die Unmöglichkeit, sich andern tätig mitzuteilen, sie höchst unglücklich machen müßte!
GEJ|3|239|8|0|Was nützte einem Sänger seiner Stimme ergreifender Klang, was das Erklingen einer wohlgestimmten Harfe, so er sie ewig allein anhören müßte?! Wenn ein Vöglein einsam im Walde von Baum zu Baum hüpft und durch gewisse klägliche Fragetöne seinesgleichen sucht und findet es nicht, da wird es ängstlich, da verstummt es bald, wird traurig und verläßt bald den öden, für ihn leeren Wald.
GEJ|3|239|9|0|Schon dem Tiere ist so viel Liebe eigen, daß es sich sichtlich sehnt nach seinesgleichen, um wieviel mehr einem mit tiefem Gefühl, mit Verstand und Vernunft begabten Menschen! Was nützten ihm alle die großen Fähigkeiten und Talente, so er damit niemand als nur sich selbst nützen könnte?!
GEJ|3|239|10|0|Und so auch auf diese meine gegründete Wahrnehmung kann ich denn auch ganz füglich annehmen – das heißt nach unseren menschlichen Begriffen –, daß es Gott dem Herrn am Ende denn doch ganz entsetzlich langweilig werden müßte, trotzdem Er auch die ganze Unendlichkeit voll der höchsten Wunderwelten um Sich hätte, auf ihnen aber kein Wesen bestünde, das Den, der es erschaffen hatte aus Seiner Liebe, erkennete, liebte und eine große Freude hätte an den zahllosen Wunderwerken Seiner Weisheit, Macht und Kraft. Um Ihn aber erkennen und lieben zu können, muß der Schöpfer dem Geschöpfe und der Vater dem Kinde dahin entgegenkommen und Sich ihm auf eine solche Weise offenbaren, bei der es dem Geschöpfe und besonders dem Kinde möglich wird, den Schöpfer, den Vater als solchen zu erkennen.
GEJ|3|239|11|0|Wird diese Bedingung nicht erfüllt, so hat Gott vergeblich Engel und Menschen, auch alles, was da ist, vergeblich erschaffen; Er bliebe dann ewig so wie so (als Schöpfer wie als Vater) allein, und Seine noch so wunderschönen Geschöpfe wüßten um Ihn ebensoviel, als das Gras weiß um den Schnitter, der es abmäht und zu Heu trocknet.
GEJ|3|239|12|0|Gott aber hat stets auf den geeignetsten Wegen Sich Seinen nach der wahren Lebensfreiheit ringenden, mit aller Vernunft und allem Verstande begabten Wesen sehr vernehmbar geoffenbart und hat sie auf diese Seine Ankunft vorbereitet. Mit dieser Ankunft ist nun aber auch alles Verheißene erfüllt; die Geschöpfe sehen Ihn wie sich selbst im Fleische und Blute, Er geht ganz als Mensch unter ihnen einher und lehrt sie als Vater von Ewigkeit ihre große und ewige Bestimmung kennen.
GEJ|3|239|13|0|Auf diese Weise denn ist nun aber auch alles in der größten Ordnung, und es hängt nun allein nur von uns Menschen ab, die angeratenen Lebensmittel ganz gewissenhaft in Anwendung zu bringen, und das große Doppelziel ist erreicht, nämlich: Das Kind hat seinen ewigen, heiligen Vater erkannt, es schaut Ihn mit den liebetrunkenen Augen und freut sich Seiner über alle Maßen; und der Vater freut Sich auch über alle Maßen, daß Er nun nicht mehr allein dasteht, sondern in der lichtvollsten Mitte Seiner Kinder, die Ihn erkennen, loben, über alles lieben und stets von neuem Seine Wunderwerke anstaunen, höchst bewundern und Seine unendliche Macht und Weisheit anpreisen! Und das muß dann ja für den Schöpfer wie für das Geschöpf von Seligkeit strotzen! – Habe ich da falsch oder richtig geurteilt?“
GEJ|3|240|1|1|240. — Raphaels Missionsfrage
GEJ|3|240|1|0|Sagt Raphael: „Ganz vollkommen, also ist es und nicht anders! Aber aus deinem Fleische und Blute hast du das auch nicht geschöpft, sondern aus dem Geiste des Wortes des Herrn. Aber es genügt, daß ihr nun solches wisset! Was ihr aber nun in dieser Sphäre wisset, das behaltet bei euch! Denn um das zu fassen, werden Seelen, wie da sind die eurigen, erfordert; für die andern genügt es, daß sie Gott erkennen und Ihn als Vater über alles lieben. Werdet ihr aber irgend wahrhaft große Seelen finden, so könnet ihr ihnen auch das kundtun, über was wir nun schon über zwei Stunden lang geredet haben. – Aber nun, liebe Freunde, von noch etwas anderem!
GEJ|3|240|2|0|Ihr werdet auf euren Wegen und Stegen als Mitarbeiter am Reiche Gottes gar oft in die Gelegenheit kommen, daß euch eure Jünger dringlich fragen werden und sagen: ,Eure Lehre ist wohl sehr erhaben, schön und ergreifend; aber die uns von euch gemachte Verheißung geht noch immer nicht in irgendeine Erfüllung. Wir sollen in uns die Stimme des Vaters vernehmen, ja den Vater sogar zu sehen und zu sprechen ward uns verheißen; aber von all dem haben wir bis jetzt noch nichts in Erfahrung gebracht. Wenn eure Lehre Wahrheit enthält, so müssen sich auch eure uns gemachten Verheißungen an uns erwahren (bewahrheiten). Wir beachten alles, und immer noch verspüren wir nichts an uns von einer Erfüllung der uns von euch gemachten Verheißungen! Gebt uns Rede und Antwort, und sagt es uns treu und offen, worin es da liegt, daß sich eure Verheißungen an uns nicht und nimmer erwahren (erfüllen) wollen!‘ – Was werdet ihr in diesem Falle zu ihnen sagen?“
GEJ|3|240|3|0|Hier machen alle drei große Augen, und Murel sagt: „Freund, so wir auf des Herrn treuestes Wort Verheißungen machen und unsere Jünger die Lehre in der Tat befolgen, so darf der Herr uns ganz natürlich nicht irgend im Stiche lassen, weil es sonst doch offenbar klüger wäre, die Lehre nicht zu veröffentlichen, als den Menschen gegenüber damit aufzusitzen!
GEJ|3|240|4|0|Und ich möchte sogar hier die ganz aufrichtige Behauptung aufstellen, daß ähnliche göttliche Imstichelassungen stets ein sehr gewichtiger Mitgrund zum Verfalle der Religionen waren! Denn die gemachten Verheißungen sind aus irgendeinem verborgenen Grunde an den Gläubigen entweder nicht völlig und sehr oft auch wohl gar nicht in die Erfüllung gegangen. Nun mußten die Lehrer zu künstlichen Mitteln greifen, um vom Volke nicht auf das schmählichste bedient zu werden! Das kehrte des Volkes Sinn schnell nach außen, und es war dann nichts mehr rein Geistiges mit dem einmal betrogenen Volke zu unternehmen.
GEJ|3|240|5|0|Das sollte demnach der Herr allen Seinen Ausbreitern Seiner Lehre nicht mehr tun; Er sollte sie nicht mehr im Stiche lassen und besonders in Momenten, wo sie Seine Verheißungen als bestimmt eintreffend als einen Hauptbeweis der Wahrheit und Göttlichkeit aufgestellt haben; denn ich wenigstens möchte lieber ein gemeinster Straßenkehrer als ein bis aufs Blut geplagter Jeremias sein! Und es wäre noch wegen des Seins nichts, wenn man als solcher jemandem irgendeinen Nutzen stiftete; aber da kann von einem Nutzen doch ewig keine Rede sein, wo man der Menschheit nur zum Ärgernis wird!“
GEJ|3|240|6|0|Sagt Raphael: „Aber, lieber Freund, du kommst in deinem Eifer ja ganz von dem ab, um was ich dich so ganz eigentlich gefragt habe! Der Herr wird das Seinige allzeit und ewig tun, was Er verheißen hat; aber es kommt nun nur darauf an, ob ihr die allzeit vollgültigen Bedingungen genaust kennet, unter denen der Herr die gemachten Verheißungen allzeit gleich in Erfüllung gehen läßt!
GEJ|3|240|7|0|Denn es kann bei einem Menschen oft von einer Kleinigkeit abhängen, derentwegen eine gegebene Verheißung nicht wirklich in Erfüllung geht; da müßt ihr dann als wahre Lehrer genausten Bescheid wissen, was dem Jünger noch abgeht, darum er noch nicht ein Meister werden kann. Und siehe, dahin eben bezieht sich jene Frage, die ich dir zuvor gegeben habe!“
GEJ|3|241|1|1|241. — Das Reich Gottes im Menschenherzen
GEJ|3|241|1|0|(Raphael:) „Weil ich aber sehe, daß ihr die von mir euch gegebene Frage in keinem Falle mir beantworten könntet, so will ich sie euch denn selbst für euer gewecktes Verständnis als genügend beantworten. Ihr aber müsset solche meine Beantwortung euch wohl merken und recht tief in eure Herzen schreiben, denn es liegt daran gar vieles, ja am Ende alles, daß ihr die Bedingungen genauest kennt, die zur vollen Erreichung der wahren Kindschaft Gottes notwendig sind, weil sie nach der unwandelbaren göttlichen Ordnung notwendig sein müssen.
GEJ|3|241|2|0|Ihr wisset, daß ein jeder Mensch sich selbst, ganz unabhängig von der Allmacht des göttlichen Willens, frei aus sich nach der anerkannten göttlichen Ordnung ausbilden und ausformen muß, um auf diese Art ein freies Gotteskind zu werden.
GEJ|3|241|3|0|Das angeratene, kräftigste und somit wirksamste Mittel dazu ist die Liebe zu Gott und im gleichen Maße die Liebe zum Nächsten, sei er ein Mann oder ein Weib, jung oder alt, das ist eins.
GEJ|3|241|4|0|Der Liebe zur Seite steht die wahre Demut, Sanftmut und Geduld, weil die wahre Liebe ohne diese drei Nebenstücke gar nicht bestehen kann und keine wahre und reine Liebe ist.
GEJ|3|241|5|0|Wie aber kann der Mensch in sich erfahren, daß er in der reinen Liebe nach der göttlichen Ordnung sich ganz getreulich befindet?
GEJ|3|241|6|0|Der Mensch prüfe sich, so er einen armen Bruder oder eine arme Schwester sieht oder diese gar zu ihm um einen Beistand kommen, ob es ihn in seinem Herzen ganz offenliebig zum Geben freudigst und maßlos, seiner selbst ganz vergessend drängt! Verspürt er solches in sich, und das natürlich ganz vollkommen ernstlich und lebendig, so ist er als ein wahres Gotteskind schon reif und fertig, und die gemachten Verheißungen, die ein sogestaltig fertiges Gotteskind zu gewärtigen hat, beginnen da in die volle Realität zu treten und sich als wunderbar in Rede und Tat zu zeigen, und ihr werdet dadurch gerechtfertigt als Lehrer vor euren Jüngern erscheinen.
GEJ|3|241|7|0|Jene Jünger aber, bei denen die Verheißungen nicht offenbar werden, werden sich danach zu richten und es sich selbst zuzuschreiben haben, so bei ihnen die gemachten Verheißungen noch immer nicht zur Sicht gekommen sind; denn sie haben ihr Herz noch nicht völlig geöffnet der armen Nächstenmenschheit.
GEJ|3|241|8|0|Die Liebe zu Gott und die freiwillige Befolgung Seines erkannten Willens sind das eigentliche Element der Himmel im Menschenherzen. Es ist das die Kammer und die Wohnstube des göttlichen Geistes in einem jeden Menschenherzen; die Nächstenliebe aber ist das Tor in diese heilige Wohnstube.
GEJ|3|241|9|0|Dieses Tor muß ganz geöffnet sein, damit Gottes Lebensfülle in solche Stube einziehen kann, und die Demut, Sanftmut und Geduld sind die drei weit geöffneten Fenster, durch die vom mächtigsten Lichte aus den Himmeln die heilige Wohnstube Gottes im Menschenherzen allerhellst erleuchtet und mit aller Lebensfülle aus den Himmeln durchwärmt wird.
GEJ|3|241|10|0|Alles liegt demnach an der freien und freudigst offensten Nächstenliebe; die höchstmögliche Selbstverleugnung ist die Offenbarung der Verheißungen selbst. – Da habt ihr nun die rechte Antwort auf die allerwichtigste Lebensfrage. Überdenket sie und tut danach, so werdet ihr gerechtfertigt vor euch selbst, vor euren Brüdern und vor Gott dastehen! Denn was nun der Herr Selbst tut, das werden auch die Menschen tun müssen, um Ihm ähnlich und also Seine Kinder zu werden. – Habt ihr dies alles verstanden?“
GEJ|3|242|1|1|242. — Wahres geistiges Leben
GEJ|3|242|1|0|Als Raphael solche seine Rede aus Mir vollendet hatte, verwunderten sich die drei allergewaltigst, und Mathael sagte: „Verstanden haben wir diese wahrhaft lebendig heiligen Worte wohl und auch das zum ersten Male vollkommen, was David damit hatte sagen wollen, als er in seinen göttlichen Psalmen sprach: ,Machet die Türen hoch und die Tore weit, damit der König der Ehren einziehe!‘ Aber die lebendige Ausführung! Oh, wo steht diese?! Was gehört dazu, um das lebenswarm auszuführen!
GEJ|3|242|2|0|Man gibt schon gerade wohl einem armen Menschen etwas, und es ist dann einem auch sogar nicht leid um die Kleinigkeit, die man einem Notdürftigen hat zukommen lassen; aber es hat einen bei weitem mehr der Verstand als irgendein Gefühl der Nächstenliebe dazu angetrieben! O Gott, wie weit ist der Mensch vom Ziele durch seinen Verstand und durch sein kaltes, aller Liebe bares Urteil! Wer einem Armen mit wahrer Bruder- und Nächstenliebe etwas verabreicht und dazu noch eine rechte demutsvolle Freude daran hat, an seinen Brüdern und Schwestern möglichst viel Gutes im Namen Jehovas getan zu haben, und stets den lebendigsten Wunsch in sich hat, noch viel mehr Gutes zu tun und alle seine armen Brüder und Schwestern so glücklich als möglich zu machen trachtet durch alle Freundlichkeit, Rat, Wort und freudigste Tat, ja, wie unermeßlich hoch steht eines solchen Menschen Seele und Geist vor Gott dem Herrn! Aber wo stehen wir noch mit unsern harten Herzen und kleinen Verstandesgaben?!
GEJ|3|242|3|0|O Freund aus den Himmeln! Du hast uns mit deiner Frage und Selbstbeantwortung derselben ein schönes Wetter gemacht! Jetzt wissen wir es erst so ganz klar, wie wir stehen, und woran wir sind! Herr! – erwecke unsere Herzen und entzünde sie in der wahren und lebendigsten Nächstenliebe, sonst ist Deine ganze, noch reinst göttliche Lebenslehre nichts als ein eitles, moralisch- ästhetisches Wortspiel ohne Kraft und Wirkung!
GEJ|3|242|4|0|Nun sehe ich auch meinen ganzen Weg des Lebens bis auf diesen Zeitpunkt her; er war ein schon im Grunde des Grundes kleinweg verfehlter, und ich konnte darum zu keinem Ziele gelangen!
GEJ|3|242|5|0|Nun erst fange ich an, den eigentlich wahren Weg zu erkennen, und weiß nun, worin die Verheißungen und deren Erfüllungen bestehen. Ich weiß nun, was mir selbst noch fehlt, und was denen fehlen wird, bei denen die Verheißungen trotz der angenommenen göttlichen Lehre nicht in Erfüllung gehen werden, und wie sie auf den vollrechten Weg zu bringen sein werden; aber das sehe ich daneben auch ein, daß ich noch sehr viel für mich zu tun haben werde, um in mir selbst ganz in die vollste Ordnung zu kommen!
GEJ|3|242|6|0|Wohl haben wir einen großen Vorschub in der Sphäre des Glaubens, weil der Herr Selbst hier unter uns wandelt, uns lehrt durch Wort und Tat, – also stehet hier uns auch der ganze Himmel weit offen, und Gottes Engel lehren uns der Himmel Weisheit und des Lebens ewige Ordnung aus Gott; aber das Bilden des Herzens ist uns dennoch ganz allein überlassen! Wir werden aber mit der Hilfe des Herrn auch darin zurechtkommen!
GEJ|3|242|7|0|Wissen ist etwas anderes und Fühlen auch ganz etwas anderes. Zum Wissen kann man durch, selbst den trockensten, Fleiß gelangen und zur Weltklugheit durch Erfahrungen; aber zum wahren Fühlen gehört mehr als viel lernen und erfahren!
GEJ|3|242|8|0|Vieles Wissen macht das menschliche Herz nicht fühlen und allzeit recht wollen, und die Erfahrung kann uns im Schlechten wie im Guten klug machen; nur ein rechtes Gefühl belebt alles und ordnet alles und gibt Ruhe und Seligkeit. Darum soll denn schon bei der anfänglichen Bildung des Menschen zum wahren Menschen vor allem auf sein Herz gesehen werden!
GEJ|3|242|9|0|Denn ist das Herz nicht gleich anfänglich bearbeitet worden, sondern nur der Verstand, so wird das Herz verhärtet und bald nach den Anforderungen des Verstandes hochmütig! Ist aber das Herz einmal hochmütig, so nimmt es dann sehr schwer eine Gefühlsbildung an; da müssen dann schon ordentliche Feuerproben kommen, bestehend in allerlei Elend und Not, und es muß das Herz allerlei Druck verspüren, auf daß es dann wie ein geknetetes Wachs weich, sanft und fühlend werde für die Not und für das Elend des weinenden Nebenmenschen!
GEJ|3|242|10|0|Wir danken dir und durch dich dem Herrn für diese allerwichtigste Belehrung, durch die ich nun erst ganz klar weiß, was ich zu tun haben werde für alle Zukunft, für mich selbst sowohl als für alle jene, die das herrlichste und reinste Licht durch mich aus Gott empfangen werden.“
GEJ|3|243|1|1|243. — Von den Haupthindernissen zur Erfüllung der Verheißungen
GEJ|3|243|1|0|Sagt Raphael: „Mir gebührt weder ein Dank noch eine Ehre, sondern alles nur allein dem Herrn!
GEJ|3|243|2|0|Gut aber ist es, daß ihr solches in der wahren Lebenstiefe aufgefaßt habt! Mit diesem Mittel werdet ihr allezeit jedem begegnen können, der da kommen und sagen wird: ,Freund, wohl habe ich bisher alles getan und geglaubt, was du mich gelehrt hast; aber von den verheißenen Wirkungen hat sich bis zur Stunde keine einzige eingestellt! Was soll ich denn noch tun? Ich habe meine gute, alte Lehre meiner Väter verlassen, in der sie gar oft allen Trost, den besten Rat und die nötige Hilfe in allerlei Nöten fanden, und diese neue Lehre läßt mich samt meinem Nachbar als Waise; keine Bitte wird irgend erhört und kein finsterer Zweifel erhellt! Wo ist dein so herrlicher Gott, von dem aus du uns alles Glück verheißen hast und anderes Wunderbares?!‘
GEJ|3|243|3|0|Du aber wirst ihm dann leicht also antworten können: ,Freund, daran schuldet nicht die Lehre, sondern dein Unverstand! Wohl hast du die Lehre in deinen Verstand aufgenommen, und hast auch versuchsweise sogar streng danach gehandelt und wartetest auf die vorteilbringende Erfüllung der Verheißung; du tatest jedoch das Gute der Lehre nur der vorteilbringenden Verheißung, nicht aber des Guten willen! Du warst nur tätig aus deinem Verstande, nie aber noch aus deinem Herzen! Dieses blieb in sich hart und kalt wie vor dem Empfange der rein göttlichen Lehre; daher auch gelangtest du weder durch die Tat noch durch den toten und blinden Glauben zu einer Erfüllung der dir gegebenen Verheißungen!
GEJ|3|243|4|0|Erwecke nun dein Herz! Tue alles, was du tust, aus dem wahren Lebensgrunde! Liebe Gott Seiner Selbst willen über alles und ebenso deinen Nächsten!
GEJ|3|243|5|0|Tue das Gute des Guten willen aus deinem Lebensgrunde heraus, und frage nicht ob deines Glaubens und ob deiner Tat nach der Erfüllung der Verheißung, ob sie wohl kommen werde oder nicht! Denn die Erfüllung ist eine Folge dessen, daß du lebendig im Herzen glaubst, fühlst und aus dem lebendigsten Liebesdrange heraus tätig wirst. So aber, wie du bis jetzt geglaubt hast und tätig warst, warst du gleich einem Menschen, der im Traume geackert und gesät hat und wollte dann im wachen Zustande ernten, fand aber weder Acker noch die gesäte Frucht.
GEJ|3|243|6|0|Des Menschenverstandes Wissen, Glauben und Handeln ist eine eitle Träumerei und ist kein Lebensnutz darin. Alles muß der Mensch sich zum Herzen nehmen, in dem das Leben weilet; was er ins Herz legt, wird aufgehen und die verheißenen Früchte tragen.
GEJ|3|243|7|0|Wer da nicht also sein Leben zu ordnen versteht oder verstehen will und ist selbstsüchtig auch durch den Glauben und durch sein Denken, der wird nie zu einer Erfüllung der Verheißung gelangen; denn sie ist die Frucht der Tätigkeit des Herzens!‘
GEJ|3|243|8|0|Wenn ihr dem, der euch nach der noch nicht erfolgten Erfüllung der Verheißung fragen wird, also antworten werdet, so wird er euch dann in Frieden lassen und zu trachten anfangen, in seinem Herzen wahrhaft tätig zu werden.
GEJ|3|243|9|0|Wird er das, so wird sich dann bei ihm selbst schon zu zeigen anfangen, daß die Verheißung der Gotteslehre kein eitel leeres Versprechen ist; wird er aber fortfahren, nur allein seinen Verstand zu Rate zu ziehen und danach tätig zu sein, so wird er es sich selbst zuzuschreiben haben, so er zu keiner Erfüllung der gemachten Verheißung sein ganzes Erdenleben hindurch gelangen wird – und auch jenseits sehr schwer! – Saget, ob ihr dies alles wohl so recht aus dem Lebensgrunde verstehet!“
GEJ|3|243|10|0|Sagt endlich auch einmal Philopold: „O Freund aus den Himmeln! Wer sollte das auch nicht verstehen! Wer wie du nur mehr im Herzen lebt, denkt und fühlt, der versteht alle Lebensangelegenheiten des Herzens gar leicht und klar; wer aber nur in seinem Gehirne lebt, denkt und fühlt, dem sind die Lebensangelegenheiten ohnehin soviel wie ein lächerliches Nichts. – Wir haben nun diese Sache ganz handgreiflich klar abgehandelt, und wie ich es merke, so fängt es nun schon im Osten zu dämmern an, und der Morgenstern steht schon bedeutend hoch. Daher glaube ich, daß wir nun auf etwas anderes übergehen sollten!“
GEJ|3|244|1|1|244. — Der freie Wille eines Engels
GEJ|3|244|1|0|Sagt Murel: „Ja, ja, es wäre das wohl recht herrlich, gut und schön, wenn man nur so recht wüßte, auf was! Wie wäre es denn, so uns der liebe Freund aus den Himmeln etwas von dem Morgensterne bekanntgäbe? Denn so wir Lehrer des lebendigen Gotteswerkes werden, da können wir nie zuviel von allem möglichen wissen! Denn wir werden es mit allerlei Geistern zu tun bekommen, die uns über allerlei Dinge befragen werden. Werden wir ihnen nicht eine genügende Aufhellung zu geben imstande sein, so werden sie uns fliehen, verspotten und verachten; werden wir ihnen aber über alles eine genügliche Aufhellung zu geben imstande sein, so werden sie uns dann auch in andern Dingen hören und annehmen unser Evangelium! Was würdest du, Philopold, jenem zur Antwort geben, der dich fragte, was der Morgenstern denn doch an und für sich sei?“
GEJ|3|244|2|0|Sagt Philopold: „Freund! Da würde ich ihn darauf hinweisen, daß er solches alles aus sich und aus seinen inneren Wahrnehmungen erfahren wird, so er nach der Lehre des Heils aus den Himmeln sein Leben einrichten werde; werde er aber solches nicht tun, so nütze ihm auch all mein Erklären nichts, weil er sich von allem keine Überzeugung verschaffen könne. Mit dem blinden Glauben ist aber ja ohnehin niemand etwas gedient; denn heute glaubt er es, morgen aber kommt ein Stärkerer über ihn, und er glaubt dann dem Stärkeren aufs Wort, freilich mit nicht mehr Nutzen für sein Leben, als er tags zuvor uns geglaubt hat.
GEJ|3|244|3|0|Der Mensch muß daher dahin geleitet werden, daß er das Wesen der nahen wie der fernen Dinge in sich erschaue, ihrer bewußt werde und sie dann beschaue aus der lebendigen Helle solch eines inneren Bewußtseins. Hat er es dahin gebracht, was eben keine Unmöglichkeit ist, so braucht er dann unsern Unterricht darüber nicht!
GEJ|3|244|4|0|Wir tun meiner Ansicht nach genug, wenn wir dem Menschen den vollrechten und klaren Lebensweg zeigen, alles andere wird sich dann schon von selbst machen, wie auch unser Himmelsfreund mit dem gar herrlich gezeiget, daß man gewisserart nur eine rechte Frucht in einen Acker zu legen brauche, und sie gebäret und reift sich dann von selbst weiter aus. Aber für uns selbst und zu unserer Stärkung kann der Himmelsbote uns ebensogut die Augen für die Ansicht des Morgensternes öffnen, wie er einst durch die Galle eines Fisches dem alten Tobias die Augen geöffnet hat; denn er scheint mir derselbe Raphael zu sein, der einst den jungen Tobias geführt hat!“
GEJ|3|244|5|0|Sagt Mathael: „Du kannst aber auch vollkommen recht haben! Die Namen sind dieselben, und die Weisheit ebenfalls, und so ist unser himmlischer Freund schier ein wahrer Augenarzt und kann uns den Morgenstern schon ein wenig näher beleuchten, so er will und darf! Denn bei ihm kommt streng alles auf des Herrn Willen an; er selbst hat keinen eigenen, so wie wir für uns wohl einen vollkommen ganz eigenen und allerfreiesten Willen haben.“
GEJ|3|244|6|0|Bemerkt hierzu Raphael: „Hast ganz gut geredet; aber gar so unfrei ist im Grunde auch mein Wille nicht, wie du es verstehst! Ich bin auch ein Gefäß und nicht etwa nur eine purste Ausstrahlung des göttlichen Willens. Ich fühle gar wohl, was ich will, und was dann der Herr will.
GEJ|3|244|7|0|Ich nehme aber nur des Herrn Willen leichter, bestimmter und schneller wahr denn ihr Menschen und unterordne dann dem Willen des Herrn urplötzlich ganz und gar den meinen, und dadurch bin ich dann ebensogut wie eine pure Ausstrahlung des göttlichen Willens zu betrachten; aber dessenungeachtet habe ich einen ganz freien Willen und könnte wider den Willen des Herrn so wie ein Mensch handeln. Aber das kann dennoch nicht geschehen, weil ich die Weisheit in einem so hohen Grade besitze, daß ich als Selbstlicht aus dem göttlichen Urlichte zu sehr die ewige, unwandelbare Gerechtigkeit des göttlichen Willens, als das allerhöchste Lebensgut aller Menschen, Engel und Welten, erkenne und darum aus meiner höchst eigenen Bestimmung nur den wohlerkannt göttlichen Willen in Vollzug bringe und dann den meinen stets dem göttlichen vollkommenst unterordne.
GEJ|3|244|8|0|Wenn ihr darum wollet, daß ich euch enthülle den Morgenstern, den die Heiden ,Venus‘ nennen, so kann ich solches schon auch tun aus meinem Willen, so des Herrn Wille nicht dagegen ist; wäre aber das der Fall, so möchte ich euch wohl keine Aufhellung geben. Also rede ich zu euch, was ich rede, auch aus meiner Erkenntnis und Weisheit, die aber freilich wohl keine andere als nur die göttliche sein kann, weil mich stets nur der göttliche Wille durchglüht und mich zum Handeln und Reden bestimmt. Wenn ihr sonach den Morgenstern in der Natur und Wirklichkeit erkennen wollet, so will ich euch schon den Gefallen tun und ihn euch zeigen.“ – Sagen alle drei: „Tue das, lieblichster Freund aus den Himmeln!“
GEJ|3|245|1|1|245. — Auf der Venus
GEJ|3|245|1|0|Hier legte Raphael jedem seine Hände auf die Stirne und Brust zugleich, und im selben Momente befanden sich die drei mit der Sehe ihrer Seele auf dem Planeten Venus und besahen gar wohl dessen Boden, Geschöpfe und Einrichtung, hörten sogar die dortigen Menschen reden, und das gerade in einer Versammlung zur Verehrung des großen Geistes aller Geister. Und was da gesprochen ward, lautete: „Ihr Menschen dieser schönen Erde, die der große Geist erschuf nach dem Maße Seines Auges, wir sind hier versammelt, um diesem großen Geiste unser Lob und unsere Verehrung darzubringen! Höchst mächtig und weise aber ist der große Geist; darum können wir Ihn auch nur dadurch ehren, daß wir in aller Handlung uns Ihm gegenüber als Selbstweise bezeigen. Die wahre Weisheit aber besteht in der größtmöglichen Ordnung; der höchste Grad dieser Ordnung aber ist das Ebenmaß. Betrachten wir uns selbst als den Kulminationspunkt aller Schöpfung dastehend! Welch ein Ebenmaß in unserem Gliederbau! Wie ähnlich sieht doch ein Auge dem andern, ein Ohr dem andern, eine Hand der andern, ein Fuß dem andern! Betrachten wir unsere Gestalt! Wer kann sagen, daß zwischen uns nicht die höchste physiologische (natürliche) Ähnlichkeit obwalte? Wäre nicht in unseren Charakteren und Temperamenten ein Unterschied, so würden wir uns nicht voneinander unterscheiden können!
GEJ|3|245|2|0|Wir sehen aus dem, wie aus vielen andern Dingen, daß des großen Geistes Weisheit am vollkommensten Ebenmaße das größte Wohlgefallen haben muß, und so wollen wir denn in allem, was wir tun und errichten, das strengste Ebenmaß beachten! Niemand erbaue sein Haus auch nur um ein Haarbreit größer denn sein Nachbar, gebe ihm auch keine andere Gestalt und setze es ja nicht um ein Haar außerhalb oder innerhalb der geradesten Linie; denn solches würde dem Großgeiste mißfallen, und Er würde nicht segnen solch ein unordentliches Haus.
GEJ|3|245|3|0|Also merken wir es auch allen Geschöpfen an, daß dem Großgeiste die runde Form die liebste ist; denn je vollendeter ein Geschöpf ist, desto ausgezeichneter ist es auch in der Rundung seiner Form. Daher sollen auch wir allem, was wir machen, eine Abrundung geben; denn daran hat der große Geist ein ganz besonderes Wohlgefallen und muß es haben, weil wir, als Wesen nach Seinem Maße geschaffen und mit Seinen Sinnen begabt, auch nur an den Rundungen das größte Wohlgefallen haben. Es ist daher ein Gebot, alles, was wir machen, ganz gehörig abzurunden. Wer etwas Eckiges und gar Spitziges ohne Not und rechtmäßige Erlaubnis zustande bringt, der zieht sich das Mißfallen und den Zorn des großen Geistes zu!
GEJ|3|245|4|0|Also sehen wir ferner, daß dem großen Geiste die schöne weiße Farbe, hie und da etwas gerötet, unfehlbar die allerangenehmste sein muß, weil Er uns als Seinen vorzüglichsten Geschöpfen eine solche Farbe gegeben hat. Also müssen wir diese Farbe in unserer Kleidung vor allem besonders beachten und erwählen und dürfen uns nicht verleiten lassen, etwa irgend andere Farben auf unsere Kleider zu geben; denn auch dies wäre dem großen Geiste unangenehm!
GEJ|3|245|5|0|Also sollen wir uns der ganz geraden Linie nur dort bedienen, wo sie am nötigsten ist, so wie sich auch der große Geist ebenfalls nur dort einer ganz geraden Linie bedient, wo sie unumgänglich nötig ist! Überall anderswo bemerken wir Abrundungen, und es ist daher notwendig, um in allem dem großen Geiste ähnlich und vollkommen zu sein, auch dieses Maß und diese Form möglichst streng zu beachten.
GEJ|3|245|6|0|Wir aber wissen, daß wir alles das genauest nur durch die vollendete Kunde im Rechnen und geschickten Messen erreichen können. Also ist es wieder eines jeden strengste Pflicht, diese Kunst und Wissenschaft vor allem zu betreiben; denn ohne diese müßte ein Mensch in einem Tage dem großen Geiste tausend Male häßlich und verächtlich erscheinen! Denn der große Geist sieht alles und bemißt in jedem Augenblicke alles; wo Er eine Lässigkeit in solcher Ihm allein wohlgefälligen Ordnung antrifft, zieht Er Sein Auge ab und somit auch Seinen Segen, ohne den nichts gedeihen kann!
GEJ|3|245|7|0|Sind wir aber in diesen Hauptstücken in der vollsten Ordnung, so versteht es sich von selbst, daß wir auch in unserem Denken und Wollen in der Ordnung sein müssen; denn das äußere vollkommene Ebenmaß in allem muß notwendig das innere der Seele zur Folge haben, auf das natürlich der große Geist vor allem sieht.
GEJ|3|245|8|0|Wie bald würde sich Hochmut und eine verderblichste Geringachtung eines Menschen gegen den andern einschleichen und Armut, Elend und Mittellosigkeit; nur durch die strengste Beachtung des Ebenmaßes in allem wird solches Arge stets von uns ferngehalten, und wir leben also alle glücklich, da niemand sich etwas einbilden kann, daß er etwa vorzüglicher sei denn sein Nächster.
GEJ|3|245|9|0|Wo der große Geist Selbst ein Unebenmaß als notwendig verordnet hat, dort bringt es uns auch keinen Schaden, sondern nur einen Nutzen. Also können wir nicht alle gleich alt sein. Es ist dies zwar in der strengen Ordnung ein Fehler; aber der wird vom großen Geiste dadurch völlig ausgeglichen, daß das Alter, an Kenntnissen und Erfahrungen reich, die Jugend ebenso reich macht, als es selbst ist!
GEJ|3|245|10|0|Und so gibt es noch mehrere ähnliche Unebenheiten in dem Gleichmaße der Ordnungen des großen Geistes; aber sie dienen uns nur zur Belehrung, daß es auch neben der höchsten Ordnung Unordnungen gibt, die aber nicht darum gesegnet sind, weil sie zugelassen sind, sondern nur, daß wir an ihnen das Schlechte leichter erkennen. Niemand soll mit einem zerrissenen Gewande einhergehen, sondern alsbald das Loch verstopfen mit einem gleichen Lappen, so er sich kein neues Kleid anfertigen kann!
GEJ|3|245|11|0|Es ist aber bei mehreren bemerkt worden, daß sie, wenn sie einen weitern Weg zu machen haben, sich eines Schupf- oder Stützstockes bedienen. Das ist etwas Unordentliches und solle vermieden werden! Wer sich altershalber schon eines Stockes bedient, der nehme zwei ganz gleiche Stöcke, in jede Hand einen des Gleichmaßes wegen, um vor den Augen des großen Geistes nicht mißliebig zu erscheinen!
GEJ|3|245|12|0|Auch ward bemerkt, daß einige ihren Gärten eine andere Einrichtung geben und sie anders ordnen, als da geordnet sind die schönen Gärten der ganz ordnungsliebenden Nachbarn. Daran hat der große Geist kein Wohlgefallen, auch könnte dadurch zwischen euch sich Neid und Eifersucht entwickeln, was vor dem großen Geiste schon gar etwas Entsetzliches wäre! Darum haltet darauf, daß in euren Gärten und auf euren Äckern eine gleiche Ordnung sei! Wenn gar lieblich so Gärten und Äcker geordnet stehen, so findet des großen Geistes Auge ein rechtes Wohlgefallen daran, und der Segen kommt mit dem Wohlgefallen.
GEJ|3|245|13|0|Auch in euren Häusern treffet eine solche Ordnung, daß, so ein Nachbar des andern Haus betritt, es ihm nicht fremd vorkomme darin, sondern ganz so heimisch wie in seinem eigenen Hause! Das sieht der große Geist auch mit großem Wohlgefallen an; denn ihr alle seid eine Familie vor dem großen Geiste und sollet euch gegenseitig nie entfremden.
GEJ|3|245|14|0|So da auch jemand zu uns käme vom Ende der Welt, so muß es ihm dennoch also vorkommen, als wäre er in seiner vollen Heimat und in seinem eigenen Hause! So etwas sieht der große Geist gerne, und Sein Segen bleibt nicht unterm Wege.
GEJ|3|245|15|0|Es haben sich an einem großen Wasser wohl einige unterfangen, fremdartige Gebäude zu erbauen, die die Gegend zieren; aber der große Geist hat kein Wohlgefallen daran. Was aber dem großen Geiste nicht gefällt, daran sollen denn auch wir kein Wohlgefallen haben!
GEJ|3|245|16|0|Die zahmen Haustiere pfleget wohl und behandelt sie wohl; denn auch sie sind Werke des großen Geistes und sind bestimmt, euch nützlich zu sein. Sie sind lebendige Werkzeuge zu unserem Nutzen, und wir müssen sie darum in allen Ehren halten.
GEJ|3|245|17|0|Also soll auch niemand ohne Not ein noch so kleines Pflänzchen zerstören; denn so etwas wäre ein Undank gegen den großen Geist, für den wir auf keinen Segen zu rechnen hätten. Die Wege aber sollen rein erhalten werden, und ihr sollet darauf nie ein Gras wachsen lassen, auf daß es nicht zertreten und in seinem Wachstume gestört werde! Tut alles das genaust, und ihr werdet nie eine Not unter euch haben!
GEJ|3|245|18|0|Betrachtet meine Worte als den mir für euch geoffenbarten Willen des allweisesten und allmächtigsten großen Geistes, und handelt strenge danach, so werdet ihr hier glücklich sein und jenseits selig dort in jener Welt, von der uns die Seelen der von uns Geschiedenen sagen, daß sie über alle Maßen schön und herrlich sei, und in der wir auch zu öfteren Malen den großen Geist und Seine lichtvollsten Diener werden zu Gesichte bekommen.
GEJ|3|245|19|0|Am Schlusse aber muß ich euch noch etwas kundtun, was mir ein heller Geist kundgemacht hat schon vor längerer Zeit einmal und nun abermals, und zwar um vieles bestimmter denn ein früheres Mal. Ihr sehet wohl zur Nachtzeit den glänzenden, großen Stern, den ein kleiner begleitet. Die schöne, helle Kapra (also nennen die Venusmenschen diese Erde) kennet ihr nur zu gut; aber ihr alle wisset nicht, was die Kapra ist. Auch ich wußte es früher nicht. Aber der Geist sagte es mir und zeigte mir in einem traumartigen Zustande die Kapra als eine ebenso große Welt und Erde, wie die da ist, die uns trägt.
GEJ|3|245|20|0|Der kleine, die Kapra stets begleitende Stern ist ebenfalls eine Erde, aber bedeutend kleiner als die Kapra selbst. Diese kleine Erde ist sehr kahl und zur Hälfte vollkommen wesenleer.
GEJ|3|245|21|0|Auf der großen Kapra aber zeigte mir der Geist einen Menschen und sagte: ,Siehe, dies ist der Herr! In Ihm wohnt die Fülle des ewigen, großen Geistes. Von nun an wird dieser Geist in vollkommenster Menschengestalt allen Seinen vernünftigen Geschöpfen wie ein Mensch dem andern zugänglich sein. Die Menschen der Kapra aber sind zumeist wie Seine Kinder, und es wird allen eine große, göttliche Macht erteilt, wenn sie, diese Kinder, den Willen dieses Menschen aller Menschen erfüllen; die den Willen aber nicht erfüllen, die bleiben dumm und schwach und werden nicht zu Kindern angenommen, sondern sie bleiben gleich den Seelen der Tiere so lange Tiere, bis sie den Willen des großen Geistes, der in dem Einen Menschen wohnt, vollends zu ihrem eigenen machen!‘
GEJ|3|245|22|0|Wir Menschen sollen darum stets eine besondere Achtung vor der schönen, hellen Kapra haben! Wir sollten aber den großen Geist, der nun als ein vollkommenster Mensch auf jener Kapra wohnt, auch lieben wie hier ein Weib den Mann und ein Kind den Vater und die Mutter, dann würden auch wir vermögend werden, den großen Geist dereinst als einen Menschen zu sehen und zu sprechen, – was unsere zu erwartende Seligkeit sehr vermehren würde; ja, der Geist, der mir solches offenbarte, sagte sogar, daß es für manche von unserer Erde nicht unmöglich werden dürfte, den Kindern der Kapra gleichgestellt zu werden.
GEJ|3|245|23|0|Da ihr solches nun durch euren allzeit wahrhaftigsten Lehrer und Führer erfahren habt, so glaubet es, und bezeuget in eurem Gemüte jenem Sterne eine Achtung, damit von dessen Lichte uns Strahlen des Segens und der Gnade reichlich zufließen mögen!“
GEJ|3|246|1|1|246. — Die Vorteile der Venusordnung
GEJ|3|246|1|0|Als solches der Lehrer und Führer auf der Venuserde seiner Gemeinde kundgemacht hatte, wurden die drei vom Raphael wieder erweckt. Es war unterdessen aber schon recht helle geworden und keine Stunde Zeit mehr bis zum Aufgange, und Mathael verwunderte sich groß über das, was er nun in einem höchst lebhaften Traume gesehen hatte. Er erzählte den Traum, und beide, Murel und Philopold, verwunderten sich noch gewaltiger, weil sie auch auf ein Haar dasselbe gesehen und gehört hatten, was Mathael als seinen Traum kundgab.
GEJ|3|246|2|0|Raphael aber sagte: „Nun, wie gefiel es euch auf dem Morgenstern?“
GEJ|3|246|3|0|Sagt Mathael: „Ja, wenn das unfehlbar der Morgenstern war, woran ich nun gar nicht mehr zweifle, so gefiel es mir ganz wohl, und die Menschen mit ihrer Lehre und strengen Beachtung des Ebenmaßes sind durchaus nicht dumm und müssen sich gleichfort höchst sittenrein verhalten; denn bei solchen Umständen ist eine Sünde eine barste Unmöglichkeit! Mir würde aber bei solch einem Lebensverhältnisse unerträglich langweilig; ein ewiges Einerlei und kein Fortschritt, das ist so ein Amphibienleben! Eine Schnecke und ein Venusmensch haben offenbar ein und dasselbe Bedürfnis; was darüber hinausgeht, geht beide nichts mehr an. Nein, Freund Raphael, der Morgenstern leuchtet sehr schön und ist von dieser unserer Erde aus ungemein herrlich anzusehen; aber als Welt mit seinen Menschen und andern Geschöpfen gefällt er mir wohl gar nicht!
GEJ|3|246|4|0|Es ist zwar wohl wahr, daß bei solch einer Verfassung unter den Menschen jener Welt ewig nie ein Krieg ausbrechen kann, da dort eben auch von einer Sünde nie eine Rede sein kann; aber mir ist dennoch ein rechter Sünder auf dieser Erde um vieles lieber als ein solcher Venusmensch bei aller seiner Sittenreinheit! Solch eine Sittenreinheit kann auch keinen Wert haben, weil neben ihr keine geistige Vollendung Platz greifen kann; denn könnte da ein Mensch vollendeteren Geistes werden, so müßte er bei solch einem symmetrischen Benehmen und Handeln der gesamten Menschheit des Morgensternes total verzweifeln, weil es ihn nach vorwärts drängen würde, und er müßte auf dem Flecke stehenbleiben wie ein Baum!
GEJ|3|246|5|0|Ein geistig vollendeter Mensch auf der Venuserde gliche auch einem Baume, der denken und begehren könnte, aber mit seinen Wurzeln dennoch am Boden befestigt stehenbleiben müßte!
GEJ|3|246|6|0|Sage uns, lieber Freund, haben denn die Venusmenschen gar keinen Geist, keine Liebe, keinen freien Willen und keine Begierde?! Sie müssen ja doch denken können und zählen, weil ihr Lehrer ihnen die Rechenkunde vor allem auf das sorglichste anempfohlen hat; können sie aber das, so muß bei ihnen ja auch irgendein geistiger Fortschritt denkbar sein!?“
GEJ|3|246|7|0|Sagt der Engel: „Allerdings, – aber sie wollen keinen äußerlich scheinenden, sondern nur einen inneren allein; denn sie sagen und erkennen, daß ein äußerlich ersichtlicher Fortschritt dem inneren des Geistes hinderlich sei. Man mache alles Äußere so stereotyp (gleichförmig) und abgemarkt als möglich, richte es ein nach dem Bedürfnisse des Leibes, – aber man gehe darin dann auch um keinen Schritt mehr weiter, denn jeder Fortschritt im Äußern und Materiellen sei ein Rückschritt des Geistigen, Inneren.
GEJ|3|246|8|0|Bei den Menschen, die das Äußere zu sehr kultivieren, herrscht im Innern die gewissenloseste Barbarei. Mit einem innern stillen Geistesvorzuge begabt, hat ein Volk noch nie irgendeinen neidischen Nachbar zum Kriege gelockt; wenn aber einmal ein Volk seine innere Geistesgröße durch leicht ausführbare Außenwerke an den Tag gestellt hatte, da weckte es damit auch gleich die Eifersucht eines Nachbarvolkes, und der Krieg war fertig! Wenn nun das bei den Venusmenschen nie der Fall ist und sein kann, sind sie darum schlimmer daran als die Menschen dieser Erde?
GEJ|3|246|9|0|Dort hat der Mensch gar keinen äußern Vorzug, weder in seiner Gestalt noch in seiner Kleidung und Wohnung; daher wird dort alles nur nach dem innern Werte geschätzt. Zufolge der gleichen äußern Bildung haben auch alle Menschen eine völlig gleiche Gestalt, die durch die ewig gleiche Kleidung noch sich ähnlicher aussehend gemacht wird, als sie im Grunde ist.
GEJ|3|246|10|0|Menschen, die nicht durch allerlei Leidenschaften verzehrt werden, werden sich auch im Außentypus wie Brüder und Schwestern ähnlich sehen. Je mehr aber irgend die sogenannte äußerliche Form der Menschen untereinander verschieden ist, desto mehr ist dies auch ein Zeichen der inneren Zerfahrenheit, weil jedwedes Innere sich nach den Außenbestrebungen gerichtet hat, die sich aber nie ähnlich werden können, weil des Menschen nie zu sättigende Habgier, Neid, Mißgunst, Hochmut, Stolz, Hoffart und Herrschlust daran kleben.
GEJ|3|246|11|0|Wenn du einen grünen Mantel trägst, dein Nachbar einen blauen und ein dritter einen roten, so werdet ihr bald wegen der Vorzüglichkeit einer oder der andern Farbe in einen Zank und Hader geraten; habt ihr aber alle drei von einer und derselben Farbe einen gleichformierten Mantel, so wird es euch nicht im Traume einfallen, untereinander über den größeren oder niederen Wert der Farben und der Formen einen dummen, nichtssagenden Hader anzufangen, und es wird euch Zeit bleiben, über bessere Dinge und Sachen zu reden.
GEJ|3|246|12|0|Ihr habt auf der Venuserde die völlige Ähnlichkeit aller von euch gesehenen Menschen und deren Physiognomien gesehen. Ein Mann sah dem andern so ähnlich wie ein Auge dem andern, ebenso ein Mädchen und ein Weib; überall eine und dieselbe Form, aber an und für sich höchst schön und vollkommen. Das ist ebenfalls sehr gut.
GEJ|3|246|13|0|Auf dieser Erde macht die Verschiedenheit der Formen, nach dem Grade der eingebildeten minderen oder größeren Schönheit, nicht selten den Grund des Zankes, der Liebe, des Hasses, der Verabscheuung oder einer übertriebenen äußeren Bevorzugung und Hinneigung aus; auf der Venuserde ist von alledem keine Spur. Die Menschen lieben sich dort nur nach dem innern Grade der Weisheit; je mehr jemand von der Güte, Macht und Weisheit des großen Geistes zu erzählen weiß, und je sanfter und demütiger er wird, einen desto größeren Wert und eine desto größere Achtung hat er von seiner Gemeinde! – Sagt mir, ob das nicht auch eine höchst weise Einrichtung von seiten des Herrn ist!“
GEJ|3|246|14|0|Sagt Mathael: „Allerdings, und ich möchte, daß nun auf unserer Erde eine gleiche Einrichtung bestände! – Aber nun erhebt Sich der Herr und alles Volk mit Ihm! Nun heißt es Aug' und Ohr offen halten, denn es wird sicher gleich etwas unternommen werden! – Die neun Ertrunkenen?!“
GEJ|4|1|1|1|Jesus in der Gegend von Cäsarea Philippi.
GEJ|4|1|1|1|1. — Die wahre Weisheit und die lebendige Gottesverehrung
GEJ|4|1|1|0|Als Ich Mich aufgerichtet habe und alle, die mit Mir über drei Stunden lang recht süß geschlummert haben, berufe Ich sogleich die drei zu Mir und frage sie, warum sie sich denn nicht auch die drei Stunden hindurch dem stärkenden Schlafe ergeben haben.
GEJ|4|1|2|0|Sagt Mathael: „Herr! Du Herrlicher, Du Weisester! Wer kann schlafen, so er durch Dein Wort ohnehin die mächtigste Stärkung erhielt! Wir sind alle drei so gestärkt, als hätten wir die ganze Nacht allerbestens geschlafen! Wir aber haben die drei Stunden in Deinem Namen – so gut, als es uns möglich war – benutzt und haben vermittels Deiner gnädigsten Zulassung Dinge erfahren, von denen wohl noch keinem Sterblichen je etwas geträumt hat. Dafür wir Dir nun aber auch den innigsten und wärmsten Dank abstatten; Du bist der Herr, und allenthalben bist Du allein alles in allem; Dir allein darum aber auch alle unsere Liebe und höchste Achtung!“
GEJ|4|1|3|0|Sage Ich: „Gut denn, Ich weiß, was ihr alles besprochen und erfahren habt vor der für euch einberaumten Zeit! Aber da ihr solches erfahren habt, so behaltet es vorderhand bei euch und machet auch nachderhand keinen unrechten Gebrauch davon; denn solches fassen die Kinder dieser Erde nicht; denn sie sind nicht von dorther, von woher ihr seid. Ihr werdet aber noch viel Größeres erfahren; wenn der Heilige Geist über euch kommen wird, den Ich dereinst aus den Himmeln über euch ausgießen werde, der wird euch erst in alle Wahrheit leiten! Das wird sein der Geist der Liebe, der Vater Selbst, der euch ziehen und lehren wird, auf daß ihr alle dorthin kommen möget, da Ich sein werde.
GEJ|4|1|4|0|Denn wahrlich sage Ich es euch: Niemand wird zu Mir kommen, so ihn nicht der Vater zu Mir hinziehen wird! Ihr müsset alle vom Vater, also von der ewigen Liebe in Gott gelehret sein, so ihr zu Mir kommen wollt! Ihr alle müßt also vollkommen sein, wie der Vater im Himmel vollkommen ist! Aber das viele Wissen, wie auch die reichlichste Erfahrung wird euch nicht dahin bringen, sondern allein die lebendige Liebe zu Gott und im gleichen Maße zum Nächsten; darin liegt das große Geheimnis der Wiedergeburt eures Geistes aus Gott und in Gott.
GEJ|4|1|5|0|Jeder aber wird zuvor mit Mir durch die enge Pforte der vollsten Selbstverleugnung ziehen müssen, bis er wird, wie Ich bin. Ein jeder muß aufhören, für sich etwas zu sein, um in Mir alles werden zu können.
GEJ|4|1|6|0|Gott über alles lieben, heißt: in Gott ganz auf- und eingehen, – und den Nächsten lieben, heißt ebenfalls: in den Nächsten ganz eingehen, ansonst man ihn nie ganz lieben kann; eine halbe Liebe aber nützt weder dem, der liebt, noch dem, der geliebt wird.
GEJ|4|1|7|0|Wenn du von einem hohen Berge die volle Aussicht nach allen Seiten hin haben willst, so mußt du in jedem Falle dessen höchste Spitze erklimmen; denn von einem unteren Höhenpunkte wird dir von der Ganzaussicht stets ein guter Teil verdeckt bleiben. Also muß denn auch in der Liebe alles und das Äußerste aus dem Innersten heraus geschehen, damit ihre Früchte an euch offenbar werden.
GEJ|4|1|8|0|Euer Herz ist ein Acker, und die tätige Liebe ist das lebendige Samenkorn; die armen Brüder aber sind der Dünger für den Acker. Wer aus euch in den wohlgedüngten Acker viel der Samenkörner legen wird, der wird auch eine Vollernte machen. Mit je mehr Armen ihr den Acker düngen werdet, desto kräftiger wird er sein; und je mehr der guten Samenkörner ihr hineinlegen werdet, desto reicher wird die Ernte ausfallen. Wer da reichlich säen wird, der wird auch reichlich ernten; wer aber sparsam säen wird, der wird auch sparsam ernten.
GEJ|4|1|9|0|Darin aber liegt die höchste Weisheit, daß ihr weise werdet durch die lebendigste Liebe. Alles Wissen aber ist ohne die Liebe nichts nütze! Darum bekümmert euch nicht so sehr um ein vieles Wissen, sondern daß ihr viel liebet, so wird euch die Liebe geben, was euch kein Wissen je geben kann! Es ist ganz gut, daß ihr drei die drei Stunden zur vielfachen Bereicherung eures Wissens und eurer Erfahrungen alleremsigst verwendet habt; aber alles das würde für sich eurer Seele wenig nützen. So ihr aber in der Folge die Zeit also emsig der Liebe zum Nächsten opfern werdet, so wird euch ein Tag schon von größerem Nutzen für eure Seelen sein!
GEJ|4|1|10|0|Was nützete es euch vor Mir, so ihr euch nahe auflösen möchtet vor Verwunderung über Meine Macht, Größe und nie ergründbare Herrlichkeit, außerhalb eures Hauses aber weineten arme Brüder und Schwestern vor Hunger, Durst und Kälte? Wie elend und zu gar nichts nütze wäre ein lautes Jubel- und Lobgeschrei zur Ehre und zum Ruhme Gottes, über dem man das Elend des armen Bruders überhörete! Was nützen all die reichen und prunkvollsten Opfer im Tempel, wenn vor dessen Tür ein armer Bruder vor Hunger verschmachtet?
GEJ|4|1|11|0|Darum sei euer Forschen vor allem nach dem Elend eurer armen Brüder und Schwestern gerichtet; denen bringet Hilfe und Trost! Da werdet ihr in einem Bruder, dem ihr geholfen habt, mehr finden, als so ihr alle Sterne bereist hättet und Mich gepriesen mit Zungen der Seraphim!
GEJ|4|1|12|0|Wahrlich, Ich sage es euch, alle Engel, alle Himmel und alle Welten mit all ihrer Weisheit können euch nicht geben in Ewigkeit, was ihr erreichen könnet, so ihr einem Bruder, der im Elende war, wahrhaft geholfen habt nach aller eurer Kraft und nach allen euren Mitteln! Nichts stehet höher und näher bei Mir denn allein nur die wahre, tätige Liebe!
GEJ|4|1|13|0|So du zu Gott betest und hörst, solange du betest, die Klagestimme deines armen Bruders nicht, der in deiner Betstunde zu dir um Hilfe gekommen ist, dann sei verflucht dein leeres Geplärr! Denn Meine Ehre bestehet in der Liebe – und nicht im eitlen Geplärre deines Mundes!
GEJ|4|1|14|0|Ihr sollet nicht sein, wie da Jesajas gerufen hat: ,Siehe, dieses Volk ehret Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!‘, sondern so ihr zu Mir betet, da tuet das im Geiste und in aller Wahrheit! Denn Gott ist ein Geist und kann nur im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden.
GEJ|4|1|15|0|Das wahre, Mir allein wohlgefällige Gebet im Geiste besteht demnach nicht im Bewegen der Zunge, des Mundes und der Lippen, sondern allein in der tätigen Ausübung der Liebe. Was nützt es dir, so du mit vielen Pfunden Goldes eines Propheten Grab geschmückt hast, hast aber darob die Stimme eines leidenden Bruders überhört?! Meinst du, Ich werde daran ein Wohlgefallen haben? Tor! Mit zornigen Augen wirst du von Mir angesehen werden, darum du eines Toten wegen die Stimme eines Lebendigen überhört hast!“
GEJ|4|2|1|1|2. — Das Schicksal der Orte Palästinas
GEJ|4|2|1|0|(Der Herr:) „Seht, Ich habe es darum schon vorgesehen, daß die Orte, die wir nun besuchen, schon in hundert Jahren nicht mehr dasein werden, auf daß mit der Zeit mit ihnen keine zu derbe Abgötterei getrieben werden soll!
GEJ|4|2|2|0|Mein Nazareth wird man nicht mehr finden, wohl aber ein anderes überm Gebirge von hier gegen den Untergang. Genezareth wird erlöschen, nur Tiberias diesseits des Meeres wird bleiben. Cäsarea Philippi, da wir nun sind, ist schon erloschen, aber es wird eines bleiben ober dem Merom (See), daher der Jordan kommt, und eines im Abende unfern des großen Salzmeeres, unweit da Tyrus und Sidon steht. Das Land Samaria aber wird nur in dem Teile von hier gen Mittag bis ans große Meer bleiben, der kleine Teil, der mehr gen Morgen liegt, mit dem wahren Sichar und dem wahren Berge Horeb, wird verwischt werden, und die späten Nachkommen werden es suchen und finden unweit vom großen Meere; aber es wird nur der Name noch sein und ein schroffer Berg, aber die Wahrheit nicht. Und also wird es auch ergehen mit Jerusalem und noch gar vielen Orten des Gelobten Landes, das vielfach in eine Wüste wird verwandelt werden.
GEJ|4|2|3|0|Merket euch alles dieses wohl; denn es wird also geschehen, auf daß die Menschen über dem Vergöttern dieser Orte die Stimme ihrer armen Brüder und Schwestern nicht zu sehr überhören! Sie sollen darüber alle verwirrt werden! Sie sollen im falschen Nazareth Meine Hütte suchen und dumm werden; denn das rechte Nazareth wird bald, nachdem Ich werde aufgefahren sein in Mein Reich, von dem Boden der Erde vertilgt werden.
GEJ|4|2|4|0|Wer da nach Eitlem forschen wird, der wird auch Eitles finden und sterben daran; wer aber das echte Nazareth im Herzen suchen wird, wird es finden in jedem armen Bruder und ein echtes Bethlehem in jeder armen Schwester!
GEJ|4|2|5|0|Es werden Zeiten kommen, in denen die Menschen hierher ziehen werden von weiter Ferne und werden suchen diese Orte. Die Namen werden wohl bleiben, – aber die Orte nicht! Ja, die Völker in Europa werden Krieg führen um den Besitz dieser Orte und werden meinen und glauben, Mir einen guten Dienst damit zu erweisen; aber daheim werden sie ihre Weiber und Kinder und Brüder und Schwestern verschmachten lassen in Armut, Not und Elend!
GEJ|4|2|6|0|Wenn sie dann aber drüben zu Mir kommen werden, um den vermeinten Lohn für ihre Mühe und Aufopferung zu empfangen, da werde Ich ihnen ihre große Torheit offenbar werden lassen und ihnen zeigen, welch ein Elend sie durch ihre von Mir nie gebotene Torheit unter den Menschen angerichtet haben, und zunächst unter denen, die ihrer Sorge auch zunächst anvertraut waren, als da sind die armen, schwachen Weiber, Kinder und sonstige der Hilfe Bedürftige des Hauses! Und es wird ihnen bedeutet werden, daß sie nicht eher ans Licht Meiner Gnade kommen werden, bis sie all das von ihnen angerichtete Übel vollends werden gutgemacht haben, – was ihnen sehr schwer gehen wird, da sie dazu nur höchst dürftige Mittel besitzen werden im schwachen Dämmerlichte des Geisterreiches über und unter der Erde.
GEJ|4|2|7|0|Ich sage es euch: Der großen Torheit der Menschen wegen werden diese Orte einem Heidenvolke überantwortet werden. Und Ich werde durch jene Heiden die falschen Bekenner Meiner Lehre geißeln lassen im Aufgange und Untergange, im Mittage und in den Gegenden der Mitternacht.
GEJ|4|2|8|0|Trachtet darum, daß nicht Torheit und blinder Aberglaube Platz greife inmitten Meiner Lehre des Lebens und der wahren Gotteserkenntnis auf dem alleinigen Wege der werktätigen Liebe; diese wird jedermann geben das wahre Licht und die rechte und unbegrenzte Anschauung aller Dinge der Natur- und Geisterwelt! Dies ist und bleibet ewig der allein wahre und wirksame Weg zu Mir und in Mein ewiges Reich.
GEJ|4|2|9|0|Ich als die Liebe von Ewigkeit bin allein das Licht, der Weg, die Türe und das ewige Leben; wer anderswo in Mein Reich des Lichtes eindringen will, ist gleich wie ein Dieb und ein Räuber und wird in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden schon dies- und noch mehr erst dereinst jenseits. – Nun wisset ihr, was ihr zu tun habt, und was vor Mir Rechtens ist. Tut danach, und ihr werdet des rechten Weges wandeln!
GEJ|4|2|10|0|Nun aber wollen wir zu den neun Ertrunkenen übergehen, und du, Markus, lasse Wein hintragen; denn dessen werden wir bedürfen!“
GEJ|4|3|1|1|3. — Der Herr bei den neun Ertrunkenen
GEJ|4|3|1|0|Hierauf begaben wir uns schnell zu den neunen hin, und Ich ließ sie mit den Gesichtern nach aufwärts schauend und mit den Häuptern bergan legen. Als sie also gelegt waren, sagte Ich zum Markus: „Gib einem jeden etliche Tropfen Weines in den Mund!“ Solches war leicht zu bewerkstelligen, weil alle den Mund offen hatten. Als solches vollzogen ward, sagte Ich zu allen Anwesenden: „Gehet, und prüfe ein jeder Schwachgläubige aus euch, ob die neun nicht vollkommen tot sind!“
GEJ|4|3|2|0|Es war aber unter den dreißig bekehrten Pharisäern auch ein Arzt, der sich wohl auskannte, ob ein Leib vollkommen tot war oder nicht. Dieser trat hinzu und sagte: „Nicht, als würde ich am Tode dieser Ertrunkenen nur den geringsten Zweifel hegen, trete ich, sie zu untersuchen, hierher, sondern um als ein Sach- und Fachkundiger euch den vollgültigen Beweis zu geben, daß diese neun vollkommen tot sind.“ Hierauf befühlte er die neun, besah ihre Augen, die hippokratische Nase als ein sicheres Zeichen des vollkommenen Todes und des vollkommenen Erloschenseins aller physischen Lebensgeister.
GEJ|4|3|3|0|Als der Arzt nach genauester Besichtigung, wie auch nach dem Mitzeugnisse aller, die seine Erkenntnis für echt und gültig und wahr fanden, dahin laut sein Urteil abgab und noch hinzufügte: „Nicht jetzt, sondern schon gestern, eine Stunde darauf, als sie ins Wasser kamen, waren sie schon so vollkommen tot, als sie jetzt sind! Nach der Nase und nach dem Geruche zu urteilen, hat sich bereits auch schon die Verwesung eingestellt. Keine menschliche Wissenschaft, Kraft und Macht ruft diese neun mehr ins Leben! Das kann nur Dem möglich sein, der am Jüngsten Tage alle Toten aus den Gräbern zum Leben hervorrufen wird!“
GEJ|4|3|4|0|Sagte Ich: „Auf daß ihr auf dies gültige Zeugnis des Arztes aber ganz wohl erkennet die Herrlichkeit des Vaters im Menschensohne, so rufe Ich laut zum Vater und sage: ,Vater, verherrliche Deinen Namen!‘“
GEJ|4|3|5|0|Hier vernahmen viele wie eine Stimme vieler Donner: „Ich habe ihn verherrlicht durch Dich, Mein geliebtester Sohn; denn Du bist es, an dem Ich Mein rechtes Wohlgefallen habe! Dich sollen die Menschen hören!“
GEJ|4|3|6|0|Viele vernahmen diese Worte, viele aber vernahmen nur einen puren Donner und fingen an zu fragen, wie es nun gedonnert habe. Aber jene, die im Donner Worte vernahmen, gaben das Zeugnis von dem, was sie vernommen hatten, und die anderen wunderten sich darob und sagten: „Das ist sonderbar! Wir vernahmen zwar nur den Donner, – aber so ihr zu mehreren die gleichen Worte vernommen habt, so glauben wir solches so gut, als hätten wir sie selbst vernommen. Aber es geht aus dem dennoch hervor, daß dieser Meister hier eigentlich nur der Sohn ist und nicht der heilige, allmächtige Vater, der im Himmel wohnt, und den kein Mensch je sehen, sondern allein nur in geheiligten Momenten sprechen kann. Moses war demnach auch ein Sohn des Allerhöchsten, da auch er übergroße Zeichen gewirkt hat, und die andern Propheten waren es im gleichen Maße; nur dürfte dieser Nazaräer wohl der größte aller Propheten sein, weil er die größten und meisten Zeichen tut.“
GEJ|4|3|7|0|Sagt Murel, der dies ganz gut angehört hatte: „Nein, da irret ihr euch; dies ist von euch noch ein ganz gewaltiger Unverstand! Wer hat vor Moses einen Moses angekündigt durch den Geist des Herrn, wer einen Elias, wer einen Samuel, wer einen der vier großen Propheten? Sie wurden wie zufällig von Gott erweckt und weissagten! Und von wem weissagten sie am meisten? Eben von Dem, der nun vor uns ist! Die Stimme, die nun wie ein mächtiger Donner zu vernehmen war, war ebensogut Seine höchst eigene wie die, welche Er aus Seinem leiblichen Munde zu uns redet! Der Unterschied besteht nur darin: Mit dem Leibesmunde redet Er als Mensch zu uns, mittels der Donnerstimme aber ließ Er sich als Derjenige vernehmen, der ewig war, ist, und sein wird, – der alles, was da ist, erschaffen hat und auf Sinai dem Volke die Gesetze gab unter beständigen Blitzen und Donnern. Darum auch ist Ihm allein alles möglich, auch das, daß Er aus höchster Liebe zu uns, Seinen Kindern, ein Mensch, wie wir es sind, werden konnte, ansonst Er von Seinen Kindern, die Er über alles liebt, ewig nie gesehen und vollkommen erkannt werden könnte!“
GEJ|4|4|1|1|4. — Des Herrn Anordnungen bei der Erweckung der Ertrunkenen
GEJ|4|4|1|0|Hier trete Ich zum Murel und sage: „Gut hast du es gemacht, Mein Sohn! Du bist wahrlich tiefst in die Wahrheit gedrungen und hast die, so da ein wenig schief sahen, ganz der vollsten Wahrheit gemäß belehrt. Du wirst Mir darum schon auch ein tüchtiges Rüstzeug werden wider Juden und Heiden; dein Lohn im Himmel wird darum kein kleiner sein!
GEJ|4|4|2|0|Aber nun lasset uns zur Tat schreiten, die Ich für euch bestimmt habe, auf daß es jeder mit seinen Händen greifen kann, daß Ich allein es wahrhaft bin, der da kommen sollte nach der Weissagung aller Propheten bis auf Simeon, Anna, Zacharias und Johannes, den Herodes enthaupten ließ! Siehe, diese neun sollen allesamt vollkommen lebendig werden und nach Hause zu den Ihrigen gehen! Wenn sie aber vollkommen gestärkt erwachen werden, dann haltet sie nicht auf, sondern lasset sie gleich fortziehen; erst wenn Ich diese Gegend werde verlassen haben, möge jemand aus euch ihnen kundtun, was hier mit ihnen vorgegangen ist!“
GEJ|4|4|3|0|Als Ich solches ausgeredet hatte, sagte Ich zum Markus: „Nun gib ihnen noch einmal Wein in den Mund!“
GEJ|4|4|4|0|Markus tat solches; aber Cyrenius und Kornelius fragten Mich, warum den Ertrunkenen vor der Belebung Wein eingegossen werden müsse.
GEJ|4|4|5|0|Sagte Ich: „Es ist dies zur Belebung dieser neun durchaus nicht nötig; aber da sie gleich nach der Belebung von hier ziehen werden, bedürfen sie auch einer leiblichen Stärkung, und diese wird eben dadurch bewerkstelligt, daß man nun noch vor der Belebung ihnen Wein in den Mund gibt. Er wird von den Gaumen- und Zungennerven aufgesogen und auf diese Weise auch den andern Lebensnerven mitgeteilt. Werden diese neun nachher lebendig, so hat ihre in den Leib zurückgekehrte Seele schon ein gestärktes Werkzeug, das sie sogleich für allerlei Tätigkeit verwenden kann. Würde aber diese Vorstärkung unterbleiben, so müßten die Neubelebten einige Zeit hier verweilen, um sich für eine Tätigkeit ihrer Glieder zu stärken. Zugleich verschafft diese Vorstärkung den Betreffenden einen guten Geschmack im Munde, was auch nötig ist, weil ihnen der Trübwassergeruch nach der Erweckung Übelkeiten verursachen würde, von denen sie lange nicht völlig frei gemacht werden könnten. – Nun wisset ihr denn auch dieses; habt ihr nun noch irgendein Anliegen in dieser Beziehung?“
GEJ|4|4|6|0|Sagt Kornelius: „Nein, das eben nicht, Herr und Meister; aber nur der Gedanke ist mir aufgestoßen, wie Du als der Allmächtige, dessen Wille allein alles vermag, Dich hie und da zur Erreichung irgendeines Zweckes dennoch ganz natürlicher Mittel bedienen magst!“
GEJ|4|4|7|0|Sage Ich: „Und warum sollte Ich das nicht?! Ist das natürliche Mittel denn nicht auch ein Werk Meines Willens, – namentlich aber der Wein aus dem Keller des Markus, dessen leere Schläuche und andere Gefäße Ich allein ganz wundersam mit dem Weine gefüllt habe?! So Ich Mich sonach eines natürlichen Mittels bediene, da ist das nicht minder ein Wunder, als hätte Ich Mich keines natürlichen Mittels, sondern bloß nur Meines Willens bedient! – Verstehet ihr nun dieses?“
GEJ|4|4|8|0|Sagen Kornelius und Cyrenius: „Ja, jetzt ist uns auch schon das wieder klar; wir freuen uns nun schon auf die Belebung der neun Ertrunkenen! Wird diese ehest erfolgen?“
GEJ|4|4|9|0|Sage Ich: „Nur eine kleine Geduld noch, bis sie ein drittes Mal noch Wein in den Mund bekommen, alswann sie dann für die Neubelebung eine hinreichende Vorstärkung in sich haben werden!“
GEJ|4|4|10|0|Damit sind alle Neugierigen zufriedengestellt, und Markus gibt den neunen auf Mein Geheiß zum dritten Male Wein in den Mund.
GEJ|4|4|11|0|Darauf sage Ich dann zu den vielen Umstehenden: „Nun ist dies Werk auch vollbracht! Entfernen wir uns aber nun von diesem Orte und setzen uns zu den Tischen, auf denen schon ein wohlbereitetes Frühmahl unser harret! Denn blieben wir hier, so würden wir die Neuerwachten nur beirren, und sie würden in der Meinung sein, daß da mit ihnen etwas Außerordentliches müsse vorgefallen sein; sehen sie aber niemanden in ihrer Nähe, so wird es ihnen vorkommen, daß sie vom gestrigen Sturme ganz betäubt und ermattet auf diesem Hügel eingeschlafen und nun am Morgen dieses nächsten auf den gestrigen Sabbat folgenden Tages wieder vom tiefen Schlafe erwacht sind! Darauf werden sie, sich um uns ganz und gar nicht kümmernd, von ihren Lagern ganz ruhig sich erheben und nach Hause ziehen, allwo sie von den Ihrigen natürlich mit der größten Freude von der Welt aufgenommen und erquickt werden.“
GEJ|4|5|1|1|5. — Die Zweifel des Kornelius
GEJ|4|5|1|0|Auf dies Mein Wort tun zwar alle sogleich, was Ich angeordnet habe, – aber die meisten nicht eben gar zu gerne, da sie gern das Wunder in der Nähe beobachtet hätten; es getrauet sich aber niemand, Mir eine Bemerkung zu machen. Wir kommen an unsere Tische und setzen uns, und greifen auch zu den Fischen, die diesmal gar sehr wohlschmeckend bereitet sind, und essen sie recht heitern Mutes.
GEJ|4|5|2|0|Besonders ist diesmal Meine Jarah bei guter Laune und sagt: „Ich weiß es wirklich nicht, wie das kommt, daß ich heute gar so heitern Mutes bin. Aber etwas merke ich dennoch, und das ist, daß alle andern nicht ebenso heiter sind wie ich! Ich bin zwar ein Mädchen und sollte von der Neugier auch am meisten geplagt sein, – aber es ist hier gerade umgekehrt! Die Männer lugen stets hin, ob die neun schon erwacht seien. Ich habe noch gar nicht hingelugt, habe sie aber dennoch schon fortgehen sehen einen nach dem andern, – und die Männer und Herren und Könige sehen noch immer dahin und fragen sich im Gemüte, ob sie wohl wieder lebend geworden seien? Oh, schon vor einer kleinen halben Stunde! Gleich, als wir zu den Tischen kamen, fingen die neun an, sich zu rühren und erhoben sich vom Boden einer nach dem andern, rieben sich den Schlaf aus den Augen und entfernten sich dann. Ich bemerkte solches ganz leicht durch die uns etwas von jener Stelle verdeckenden Bäume, weil ich klein bin und unter den Zweigen der Bäume recht leicht hinwegsehe; ihr aber seid groß, und die Baumäste verdeckten euch das Wunder der Macht des göttlichen Willens. Jetzt aber ist es schon zu spät; so ihr auch hinginget, würdet ihr nichts finden als höchstens die Stellen, über denen die neun gelegen sind. Auch jene, die der Herr gestern bald nach dem Sturme erweckt hat, sind mit den neun heimwärtsgezogen.“
GEJ|4|5|3|0|Sagt Kornelius: „Aber hast du doch gute Augen und entdeckest alles! Wenn denn schon alles vorüber ist, da ist ja ohnehin alles wohl und gut, und wir brauchen nichts als das sichere Gelingen dessen, was der Herr anordnet und will; denn ein einziges Mißlingen würde manche Zweifel bei den Hartgläubigen hervorrufen. Hast du die neun aber auch wirklich sich erheben und fortziehen sehen?“
GEJ|4|5|4|0|Sagt die Jarah, ein wenig aufgeregt: „Na, ich meine doch, daß man in mir keine Lügnerin erschauen wird!? Solange ich lebe und denke, ist noch nie eine Lüge über meine Lippen gekommen, – und an der Seite meines Herrn, meines Gottes und allerwahrhaftigsten Meisters sollte ich eine Lüge vorbringen, um dadurch eure Neugier zu stillen?! Oh, da kennst du, hoher Herr, die Jarah noch lange nicht! Sieh, im noch so hellen Verstande wohnt auch die Lüge; denn du kannst jemandem aus deinem Verstande etwas erklärt haben nach dem, wie es dir einleuchtend war; aber es war dein Dir- einleuchtend-Sein ein ganz grundfalsches, und du hast mit deinem Erklären vollkommen gelogen, – denn du hast dich und deinen Nächsten hinters Licht geführt. Aber die wahre und reine Liebe lügt nie und kann nicht lügen, weil sie den Nächsten, als auch ein Kind Gottes, mehr denn sich selbst achtet und Gott aber über alles! Ich aber bin voll Liebe zu Gott und somit auch zum Nächsten – und sollte dir demnach eine falsche Kunde zu geben imstande sein?! Hoher Kornelius, diese Zumutung war als von dir ausgehend eben nicht sehr artig!“
GEJ|4|5|5|0|Sagt Kornelius: „Aber, allerholdeste Jarah, also habe ich es ja ewig nie gemeint! Ich fragte dich darum also, weil dies eine ganz gewöhnliche Frageweise ist, dachte aber nicht im entferntesten daran, als hättest du mir irgend etwas Unwahres sagen wollen! Frage den Herrn Selbst, der doch sicher weiß, wie es in meinem Gemüte aussieht, ob ich dich, du treuherzigstes, holdestes Mädchen, einer Lüge habe zeihen wollen! Die neun sind erweckt worden durch den Herrn Willen und sind auch schon abgereist ebenfalls nach dem Willen des Herrn, und die ganze Sache ist damit abgetan. Ich gab dir aber die etwas plumpe Frage aus purer Gewohnheit und dachte eigentlich gar nichts dabei. – Wirst du mir darum wohl gram sein können?“
GEJ|4|5|6|0|Sagt die Jarah: „O mitnichten, aber ein zukünftiges Mal mußt du deine Fragen ein wenig besser überdenken! Nun aber verhandelt etwas anderes; denn wir haben nun des Leeren zur Genüge verhandelt!“
GEJ|4|5|7|0|Sagen Kornelius und Cyrenius: „Ja, ja, da hast du wohl recht; es ist um jede Minute Zeit schade, die wir selbst verplaudern, so der Herr unter uns ist! Lassen wir nun dem Herrn allein die Ehre, etwas zu bestimmen und anzuordnen!“
GEJ|4|5|8|0|Sage Ich: „Lasset das gut sein; wir haben nun Zeit zum Fischen und wollen dem Markus einen guten Vorrat verschaffen! Nach dem Mittage aber wird schon wieder was vorkommen!“
GEJ|4|5|9|0|Der alte Markus, der solches von Mir vernahm, gebot sogleich seinen Söhnen, die nötigen Fahrzeuge zurechtzubringen; denn die Fische im großen, eingezäunten Behälter am See hatten durch den gestrigen Sturm ziemlich viel gelitten.
GEJ|4|6|1|1|6. — Die Perser und die Pharisäer im Streit über das Wunder. Judas Ischariot geht auf den Goldfischfang
GEJ|4|6|1|0|Während wir an unserm Tische aber also dies und jenes behandelten, entspann sich ein Streit zwischen den dreißig jungen Pharisäern und den noch anwesenden zwanzig Persern. Die Perser betrachteten die Erweckung der neun Ertrunkenen als ein ordentliches Wunderwerk; aber die dreißig jungen Pharisäer zogen es kleinweg als solches in einen Zweifel. Und namentlich war der Risa, der früher den Hebram für Mich bestärkte, am meisten gegen dasselbe.
GEJ|4|6|2|0|Hebram sagte: „Freund Risa, wenn ein Mensch einmal dem Leibe nach so total tot ist, wie die neun es waren, kannst du ihn legen, wie du willst, und ihm am nächsten Tage ebenso und denselben Wein in den Mund geben, so wird er doch nimmer lebendig werden! Das ist das Werk der göttlichen Willenskraft, und das Legen und der eingegossene Wein haben dabei nichts anderes zu tun, als daß durchs Legen einmal das Wasser aus dem Magen und aus der Lunge sich verlaufe, und daß durch den Wein den noch unfesten Nerven eine nötige Vorstärkung und dem Gaumen ein uneklicher Geschmack gegeben werde. Aber in bezug auf das nachherige Erwecken des toten Leibes ist weder das Legen noch der Wein als nötig zu betrachten. Solches ließ der Herr nur darum zuvor geschehen, weil Er die Absicht gefaßt hatte, diese neun durch Seinen Willen ins Leben zurückzurufen, und daß ihre Seelen sogleich einen bewohnbaren und brauchbaren Leib anträfen! – Siehst du denn das nicht ein?“
GEJ|4|6|3|0|Sagt Risa: „Ja, ja, ich sehe das wohl ein, und du wirst auch ganz recht haben; aber es käme dabei dennoch nicht unzweckmäßig auf eine Probe an, um sich faktisch selbst zu überzeugen, daß das Legen und hernach das dreimalige Eingeben des Weines für sich keinem gänzlich Ertrunkenen das Leibesleben wiedergibt! Hat man auch diese Überzeugung, dann erst ist diese Erweckung ein vollkommen reinstes Wunder! Das ist so meine Meinung.“
GEJ|4|6|4|0|Sagt Hebram: „Na, so du schon darauf bestehst und der Herr es will, so kann es sich vielleicht ja noch treffen, daß bei dieser nun angeordneten Fischerei sich noch irgendein Leichnam vorfinden wird, und du kannst dann mit demselben den haargleichen Leg- und Weineingebungsversuch zu dessen Wiederbelebung machen, wobei du aber sicher zu keinem erfreulichen Resultate gelangen wirst!“
GEJ|4|6|5|0|Sagen die Perser: „Dieser Meinung sind auch wir! Denn was nur der Macht des göttlichen Willens möglich ist, das ist keinem Menschen, der selbst nur ein Geschöpf ist, möglich, – außer Gottes Wille wirkt mit und durch den menschlichen. Das ist so unsere Meinung, und wir glauben damit auf keinem Irrpfade uns zu befinden. – Aber nun begibt sich alles ans Wasser, und so wollen denn auch wir unsere Fahrzeuge besteigen; denn bei dieser Gelegenheit wird sich sicher wieder so manches Wunderbare ereignen, und davon müssen auch wir Zeugen sein.“
GEJ|4|6|6|0|Darauf erfolgt ein allgemeiner Aufbruch aufs Wasser, das an diesem Morgen besonders ruhig und zum Fischen tauglich ist. Diesmal machen Meine Jünger bis auf den Ischariot ganz gemeinsame Sache mit den Söhnen des alten Markus und helfen ihnen die großen Netze auswerfen und ausspannen.
GEJ|4|6|7|0|Judas Ischariot aber macht sich ein Privatvergnügen und geht ganz allein nach der gänzlich zerstörten Stadt, um nachzusehen, wie es dort aussieht; er hatte ja früher vernommen, daß dort die reichen Griechen einige Straßen mit Gold und Silber haben bepflastern wollen. Und er meinte und verstand solches auch also, als hätten die Reichen damit schon einen ausgiebigen Anfang gemacht; er schlich sich darum nach der Brandstätte, um dort offenliegendes Gold, Silber und andere Kostbarkeiten zu fischen.
GEJ|4|6|8|0|Aber es trug ihm seine Schmutzerei diesmal keine Rechnung, – außer auf seinen Rücken; denn als er in den Gassen als ein Fremdling nach Gold und Silber jagend ersehen ward, wurde er von den Wächtern alsbald ergriffen und ganz tüchtig durchgebleut. Darauf verließ er freilich die hier und da trotz des gestrigen Sturmes noch dampfenden Ruinen der alten Stadt, die vor alters ,Vilipia‘, unter den Griechen ,Philippi‘ hieß und erst unter den Kaisern Roms auch den Beinamen ,Cäsarea‘ bekam.
GEJ|4|6|9|0|Als unser Goldfischer aber eilenden Schrittes wieder zum Hause des Markus kam, da traf er natürlich niemand außer dem Weibe und den Töchtern des Markus daheim, mit denen nicht gar viel zu machen war; denn sie hatten alle Hände voll zu tun fürs Mittagsmahl und hatten keine Zeit, sich mit ihm abzugeben. Zudem glaubten sie schon zu fest an Mich und waren darum gar nicht aufgelegt, dem Judas Ischariot seine etwas vorlauten Fragen zu beantworten; auch stand dieser Jünger durchaus nicht absonderlich in ihrer Gunst, weil er sich in den etlichen Tagen schon zu öfteren Malen sättig und unausstehlich erwiesen hatte.
GEJ|4|6|10|0|Da er im Weiberhause des Markus keine gute Aufnahme fand, so verließ er das Haus und ging ans Meer nachsehen, wo wir wären, konnte aber nichts erspähen, weil wir, um einen guten Fang zu machen, gar auf die hohe See hinausgesteuert sind ob eines Fischzuges, der nur zwei Male im Jahre nach dem Laufe des Jordans, von dem Meromsee kommend, seinen Riebzug hält und zumeist aus den besten Goldlachsforellen besteht.
GEJ|4|6|11|0|Weil der zurückgebliebene Jünger nun vor Langweile nicht wußte, was er tun sollte, begab er sich in die Zelte des Ouran, um nachzusehen, ob denn da auch alles ausgezogen sei, und ob nicht vielleicht bei der Gelegenheit so ein paar überflüssige Gold- oder Silberstücke zu finden wären, die jemand verstreut hätte! Aber auch da war die Welt mit Brettern vernagelt; denn Ouran hatte in jedem Zelte drei Wachleute zurückgelassen, mit denen sich in Abwesenheit ihrer Herrschaft nicht gut reden ließ. Er verließ denn auch mit großem Ärger die Zelte und suchte sich einen schattenreichen Baum aus, unter dem er sich niederlegte und ganz behaglich einschlief.
GEJ|4|6|12|0|Aber es ging mit dem Schlafen für die Dauer auch nicht, da ihm die Fliegen keine Ruhe ließen, – kurz, Ischariot war ein Geplagter drei volle Stunden hindurch und ging schon nahe in eine Verzweiflung über. Da aber ersah er endlich unsere Schiffe, und es ward ihm darum etwas leichter ums Herz, und er bereute es nun schon sehr, Meine Gesellschaft verlassen zu haben.
GEJ|4|7|1|1|7. — Der untreue Diener der Helena
GEJ|4|7|1|0|Wir aber machten einen wahren Millionenfang von den besten Fischen, und ganz auf der hohen See wurden auch zwei weibliche Leichen ganz nackt herumschwimmend gefunden, die in die Hände von Seeräubern geraten, von selben aller ihrer Habe beraubt und darauf lebendig ins Wasser geworfen worden waren. Beide, Mägde von neunzehn und einundzwanzig Jahren, sehr wohlgestaltet, waren aus Kapernaum, Töchter eines reichen Hauses, wollten nach Gadarena reisen und vertrauten sich dem Meere an. Ihr Schiff und ihre Schiffsleute waren ganz in der Ordnung. Aber inmitten des Sees stießen sie auf einen griechischen Kaper; der nahm das Schiff. Die vier Schiffer und die beiden Mägde verloren das Leben. Die vier Schiffer wurden erschlagen und dann erst ins Meer geworfen. Gegen die beiden Mägde waren die Seeräuber etwas humaner; sie zogen die beiden ganz nackt aus, notzüchtigten sie und warfen sie sodann erst ins Meer. Die Übeltäter aber sind noch heute vor Tagesanbruch vom Arme der Gerechtigkeit und des Gerichtes aufgegriffen worden, und es werden diese Teufel ihrer schärfsten Strafe nicht entgehen.
GEJ|4|7|2|0|Die beiden Mägde aber waren bei den Haaren fest zusammengebunden und schwammen als völlig tot auf dem Wasser. Das war ganz gut für die Leg- und Weinprobe zur dadurch möglich gemeinten Wiederbelebung eines Ertrunkenen, wie es Risa meinte. Darum wurden die beiden Leichname auch in Tücher gewickelt und in ein Schiff gelegt.
GEJ|4|7|3|0|Es gab nun sehr viel Arbeit, und Markus wußte kaum, wie er die Fische alle unterbringen werde; aber Ich gebot dem Raphael, dem Markus zu helfen, und schnell war da alles in der besten Ordnung. Risa aber übernahm die zwei Leichen zum Wiederbelebungsversuche und legte sie einmal, wie Ich tags vorher die Leichen der neun legen ließ.
GEJ|4|7|4|0|Thomas aber begrüßte geschwind Judas Ischariot und fragte ihn etwas ironisch, wie denn sein Fischzug ausgefallen sei? Judas Ischariot murrte etwas in seinen dicken Bart, getraute sich aber mit dem Thomas in keine Kontroversen einzulassen; denn er gedachte, daß ihn eben Thomas zuvor gewarnt hatte, nicht nach der Stadt Gold suchen zu gehen und nun wisse, wie es ihm dort ergangen sei! Darum schwieg Judas Ischariot; Ich aber gab dem Thomas einen Wink, daß er den Goldsucher nicht weiter verfolgen solle, indem solches wenig Früchte brächte.
GEJ|4|7|5|0|Es begab sich aber, daß ein Diener des Ouran auf Rechnung des Judas Ischariot in den Schatzbeutel der Helena griff und ihr dreißig Silbergroschen entwendete. Dieser kam eilends an unsern Tisch und sagte: „Ein Dieb, ein Dieb! Als die hohe Herrschaft auf dem Meere dem vergnüglichen Fischfange beiwohnte und niemand, außer den römischen Soldaten, die um den Berg lagern und ihre Übungen halten, hier war, da mußte ich zu meiner Notdurft aus dem großen Zelte; im selben Augenblicke schlich sich ein Jünger des großen Propheten, den ihr euren Meister mit Recht nennt, ins Zelt und entwendete, ehe ich noch ins Zelt kam, aus dem Schatzbeutel der Prinzessin dreißig Silbergroschen!
GEJ|4|7|6|0|Als ich ins Zelt trat, fand ich ihn verlegen im Zelte, und zwar mit den Augen den Boden also forschlich betrachtend, als suchte er etwas Verlorenes; ich rollte ihn, weil er mir verdächtig vorkam, ganz barsch an, und er, darob erschreckt, verließ sogleich das Zelt. Ich dachte von einem Jünger des großen Propheten anfangs nichts Arges; aber als ich im Zelte auf und ab ging, fiel mir der Schatzbeutel der erhabensten Prinzessin auf, weil er nicht mehr in der frühern, mir nur zu bekannten Ordnung sich befand. Da ich als der Vertraute mit dem numerischen Inhalte des Schatzbeutels nicht im Ungewissen mich befand, so nahm ich den Beutel und überzählte den kostbaren Inhalt, und siehe da, – es fehlten im selben dreißig Silbergroschen! Diese dreißig köstlichen Silberlinge kann unmöglich jemand anders genommen haben als jener von mir früher angezeigte Jünger! Ich zeige dieses hiermit zur rechten Zeit alleruntertänigst an, damit am Ende nicht unschuldigsterweise gar auf mich ein Verdacht falle.“
GEJ|4|7|7|0|Sagt die Helena: „Knecht, warum entschuldigest du dich denn eher, als noch jemand einen Verdacht auf dich geschöpft hat?!“
GEJ|4|7|8|0|Sagt der Wächter: „Allergnädigste Prinzessin! Ich entschuldigte mich ja nicht, sondern ich zeigte hiermit nur pflichtschuldigst und ganz einfach nur den sicher durch den Jünger des großen Propheten verübten Diebstahl an!“
GEJ|4|7|9|0|Sagt Helena: „Wann hast denn du ohne mein Wissen und Wollen zum vorletzten Male meinen Schatzbeutel visitiert?!“
GEJ|4|7|10|0|Sagt der Wächter: „Oh, sogleich, nachdem die hohe, allergnädigste Prinzessin das Zelt meiner Hut überließen! Da waren noch vollkommen 600 Groschen darin; nun sind aber deren nur noch 570 – fehlen also offen 30 Groschen, die niemand anders hat entwenden können als jener bezeichnete Jünger! Weil ich als Wächter der erhabenen Schätze für alles verantwortlich bin, so muß ich ja doch auch wissen, über was und über wieviel ich Wache zu halten habe, und es kann mir als einem alten, treuen Diener nicht verargt werden, so ich zu Zeiten mir eine Einsicht nehme, über was und über wieviel ich zu wachen habe! Ich habe aber nun den angezeigten Abgang bemerkt und habe solchen pflichtschuldigst angezeigt.“
GEJ|4|7|11|0|Sagt Helena: „Ganz gut, ganz gut und wohl, wir werden die Sache später noch näher untersuchen und den Täter des Übels herausfinden, der dann der gerechten Strafe nicht entgehen wird! Vielleicht ist es aber auch möglich, daß du dich beim Zählen das erste Mal oder das zweite Mal geirrt hast, und es wäre darum nicht fein, einen Jünger des göttlichen Meisters darum zu beschuldigen, weil er vielleicht aus purer Langweile das Zelt betreten hat, wozu er sogar ein Recht hatte, weil von uns aus kein Gebot gegeben ward, daß unsere Zelte von niemandem betreten werden sollten! Gehe nun wieder auf deinen Stand; ich werde bald selbst nachkommen und alles strengst untersuchen!“
GEJ|4|7|12|0|Mit diesem Bescheide entfernte sich der Wächter, und sein erstes Geschäft war, so schnell wie möglich die dreißig Groschen wieder in den Beutel zu stecken, auf daß die Prinzessin recht habe mit der Bemerkung, daß er sich einmal im Zählen geirrt haben möge. Als er mit dieser Operation fertig war, wurde er sehr verlegen, was er bei der Untersuchung sagen werde. Am besten dünkte es ihm, daß er wieder zur Prinzessin ginge, sie um Vergebung bäte und damit anzeigte, daß er sich richtig im Zählen geirrt habe und dem Jünger sehr unrecht tat. – Gedacht, getan! Er kam nach wenigen Minuten Zeit wieder zurück, erklärte es also der Prinzessin und bat sie zugleich, da nun kein Verbrechen mehr obwalte, die verheißene Untersuchung fahren zu lassen.
GEJ|4|7|13|0|Dabei aber sah er dennoch sehr verlegen aus, denn er wußte, daß der König Ouran nichts so sehr scharf bestraft wie die Lüge und den Diebstahl. Die Helena erbarmte der alte Wicht, der sich sonst noch nie untreu erwiesen hatte, und sie sagte zu ihm: „Stehe auf und gehe deiner Wege! Es war nicht fein von dir, daß du dich auf eine so niedrige Art an dem dir nicht zu Gesichte stehenden Jünger des Herrn hast rächen wollen, der dir doch nie etwas anderes zuleide tat, als daß du ihn, schon seit wir hier sind, nicht leiden kannst! Sieh, das war arg von dir, und du hast dich darob der schärfsten Strafe würdig gemacht; denn mir ist nun alles bekannt, wie du gehandelt hast!“
GEJ|4|7|14|0|Hier fängt der Knecht sehr zu zittern an, und Judas Ischariot, der von einiger Ferne diese Zwiesprache mit aller Aufmerksamkeit angehört hatte, trat zum Knechte hin und sagte zu ihm: „Du hast zwar schlecht an mir gehandelt und das ohne allen Grund; aber ich vergebe es dir! Ich war wohl im Zelte, und als ich mich kaum ein paar Augenblicke darin aufhielt, kamst du mir aus einem Hinterhalte grimmig entgegen, und ich ging meinen Weg; aber von einem Sichvergreifen an den Schätzen des Zeltes war doch unmöglich eine Rede! Und wärest du mir auch nicht gar so grimmig entgegengetreten, so hätten durch mich die von dir bewachten Schätze nirgends einen Schaden gelitten. Kurz, nun sei ihm denn, wie ihm wolle, – ich habe dir's vergeben; mit deiner Herrschaft aber magst du nun selbst gut auszukommen trachten!“
GEJ|4|8|1|1|8. — Die äußere Ruhe und innere Tätigkeit der Gesellschaft
GEJ|4|8|1|0|Damit trat Judas Ischariot zurück, und Ich sagte zu Helena, Ouran und Mathael: „Lasset ab von alldem; denn wir haben wichtigere Dinge zu verhandeln! Behaltet den Knecht, und strafet ihn nicht; denn er hätte diesen losen Streich nie unternommen, so er nicht von einem Geiste dazu getrieben worden wäre! Darum aber ward er getrieben, daß auch er für uns täte eine Weissagung, die erfüllt werden wird. – Doch davon nun nichts weiteres; denn wir haben nun viel wichtigere Dinge zu verhandeln!“
GEJ|4|8|2|0|Es fragte Mich aber ganz erstaunt Cyrenius: „Herr, worin soll das bestehen? Mir kommt es vor, daß es nun schon nichts mehr gäbe, das da noch wichtiger wäre denn das, was wir hier schon alles durchgemacht haben! O rede, Herr! Mein Herz bebt ordentlich vor Begierde, Deine neuen Anordnungen und Beschlüsse zu erfahren und mich dann auch danach zu kehren!“
GEJ|4|8|3|0|Sage Ich: „Habe nur eine kleine Geduld; denn alles muß seine Zeit haben, auf daß es in selbiger zur Reife gelangt! Darum ist nun vor allem eine kleine Ruhe vonnöten. Ruhet darum nun mit Mir eine ganz kurze Weile!“
GEJ|4|8|4|0|Darauf ruhten alle, und die Sache zwischen dem Judas Ischariot und dem Wächter der Schätze Ourans, die den Ouran und den Mathael ohnehin ganz wenig bekümmerte, war abgemacht. Die beiden hatten mit dem Kornelius und mit dem Faustus ganz wichtige Regierungsangelegenheiten abzumachen; denn den Ouran fing schon an die Zeit zu drängen, da er sehr daran zu denken begann, mit dem großen Wahrheitsfunde zum Volke, dessen König er war, zurückzukehren und es damit nach Möglichkeit zu beglücken. Er wollte ein König eines verständigen und weisen Volkes sein und nicht von puren Menschenlarven und -maschinen, die ohne Erkenntnis und ohne Willen einhergehen wie die Tiere.
GEJ|4|8|5|0|Risa aber beobachtete seine zwei Leichen und dachte nur darüber nach, ob sie mit der von ihm gesehenen Vormanipulation und endlich durch die Kraft Meines Namens nicht wieder ins Leben zu rufen wären. Andere um Mich herum dachten wieder darüber nach, worin das Großwichtige etwa bestehen werde, das Ich nach der genommenen kurzen Ruhe ausführen würde. Kurz, obschon äußerlich alle zu ruhen schienen, so waren sie dennoch innerlich in der Seele im höchsten Grade tätig, und es wußte da niemand, wohinaus und wohinein! Philopold, Murel und Kisjonah steckten die Köpfe zusammen und deliberierten (überlegten) ganz enorm, was da noch irgend kommen sollte; Cyrenius und Ebahl und die Jarah dachten auch viel nach und konnten nichts finden, um was es sich nun noch handeln könnte. Denn ihnen schien nun schon alles erschöpft zu sein.
GEJ|4|8|6|0|Der Schabbi und der Jurah, die beiden persischen abgeordneten Sprecher, aber sagten zu ihren Gefährten, die stark in sie drangen: „Laßt das! Das hieße Gottes Kraft in unseren Herzen versuchen! Was wissen denn wir, wie wir innerlich beschaffen sind! Wissen wir aber schon von uns selbst nichts, was sollen wir dann erst wissen, wie Gott in Sich beschaffen ist, und was Er tun wird?! Das aber wissen wir, daß alles, was Er tun wird, höchst weise sein wird und vollauf zu unserem Besten; komme da nun, was ihm wolle, mehr oder weniger Großartiges, als schon da war, das kümmere uns wenig! Wir sind und bleiben Handelsleute und können alles, was zu unserem Besten abgezielt ist, gar überaus gut gebrauchen. Wir halten aber am Ende schon alles für gleich großartig, wert und wichtig, was da kommt von Ihm, dem alleinigen Herrn der Ewigkeit und der Unendlichkeit aller Seiner zahllosen Taten und Werke.
GEJ|4|8|7|0|Da wir uns aber eben selbst noch gar lange nicht kennen, so können wir auch nicht wissen, was uns noch über alles das hinaus not tut, was wir schon empfangen haben; Er aber weiß es und kann daher ganz gut das, was da noch kommen wird, als etwas groß- und überaus Wichtiges bezeichnen! Denn der Herr aller Ordnung von Ewigkeit kann doch unmöglich bei 13 oder 14, sondern stets nur bei 1 zu zählen anfangen. Und so weiß Er sicher auch gar rein und klar, was für uns der Reihenfolge nach dienlich ist zu unserer innern Lebensvollendung; wir können darum schon in aller Ruhe abwarten, was Er heute noch alles unternehmen wird!“
GEJ|4|8|8|0|Diese recht weise Belehrung beruhigte die Gemüter der Perser ganz; aber auch die Gemüter derjenigen, die an Meinem Tische saßen, wurden ruhiger und erwarteten mit gespanntester Erwartung und Freude das, was Ich nachher ganz offen tun würde.
GEJ|4|9|1|1|9. — Die Spione des Herodes
GEJ|4|9|1|0|Der alte Markus aber kam aus dem Hause, in dem er schon fürs Mittagsmahl Voranstalten traf, zu Mir und sagte ganz leise: „Herr, – vergib, so ich Dich mit meinem Anliegen auf einige Augenblicke störe!“
GEJ|4|9|2|0|Sage Ich zu ihm: „Freund, gehe und sage es den hinter deinem Hause lauernden Spionen des Herodes: ,Des Menschen Sohn handelt und redet ganz offen vor aller Welt Augen und Ohren und will mit niemandem irgendwas Geheimes abzumachen haben; wer demnach mit Mir reden und irgendwas verhandeln will, der muß zu Mir kommen und ebenfalls ganz offen reden und handeln! Bei Mir wird nichts ganz still und geheim ins Ohr geblasen und im Verborgenen gehandelt und ratgehalten; dies ist eine verdammliche Sitte der Weltkinder nur, so sie irgend Arges im Sinne haben und sich sohin damit nicht schnell und offen genug ans Tageslicht getrauen, weil sie sich vor den Menschen fürchten ihrer schlechten Absichten wegen. Ich aber handle offen und rede alles laut und habe keine Furcht vor den Menschen, weil Meine Absichten mit den Menschen gut sind!‘ – Gehe sonach hin und sage den schnöden Verräterischen dieses dir von Mir nun Angesagte!“
GEJ|4|9|3|0|Markus verneigte sich tiefst vor Mir und ging, seinen Auftrag mit der größten Pünktlichkeit zu erfüllen. Als er den von Herodes nach allen Richtungen nach Mir ausgesandten Lauerern solches mit allem Ernste ins falsche Gesicht raunte, da sagte einer aus der Menge: „Freund, du scheinst nicht zu wissen, daß wir vom Herodes mit allen Vollmachten sogar über Leben und Tod versehen sind und jeden frechen Widerspenstler sogleich zu verderben das Recht haben!“
GEJ|4|9|4|0|Sagte Markus: Auch über einen Bürger Roms, der ich einer bin?“
GEJ|4|9|5|0|Sagte der freche Wortführer: So wir ihn verderben, werden wir vom Herodes nicht zur Verantwortung gezogen!“
GEJ|4|9|6|0|Sagte Markus: Aber dafür desto sicherer von Gott und vom römischen Oberstatthalter Cyrenius, der sich zum größten Glücke soeben schon seit etwelchen Tagen mit vielen Großmächtigen Roms allhier bei mir aufhält! Wehe euch, so ihr mein Haus nur mit einem feindlichen Finger anzurühren waget!“
GEJ|4|9|7|0|Sagte der Freche: „Was sagst du vom Oberstatthalter Roms, daß er hier sei – und hat erst vor ein paar Tagen durch den Landpfleger Jerusalems dem Herodes das offene Schwertrecht erteilt?“
GEJ|4|9|8|0|Sagte Markus: „Ganz gut, ganz gut! Es soll sich sogleich weisen, wer dem Herodes ein solches Recht erteilet hat!“
GEJ|4|9|9|0|Hier sandte Markus einen seiner Söhne an den Cyrenius mit dem Auftrage, solches sogleich dem Oberstatthalter zu vermelden. Als Cyrenius solches mit einem tiefen Ingrimme vernahm, beorderte er sogleich den Julius mit hundert Soldaten, die Spione, bei dreißig an der Zahl, sogleich gefangenzunehmen und jeden, der sich nicht sogleich seine Waffen abliefernd ergeben würde, ohne alle Gnade zu töten.
GEJ|4|9|10|0|Sagte Ich: „Zu töten nicht, wohl aber gefangenzunehmen!“ – Dieses ward denn auch sogleich befolgt.
GEJ|4|9|11|0|Als die Spione die Römer ganz wütend auf sich losstürzen sahen, wollten sie davonfliehen; aber es gelang ihnen solches nicht. Die römischen Soldaten bedeuteten ihnen laut, daß sie jeden ohne Gnade und Erbarmung töten würden, der sich ihnen widersetze. Diese ganz wütend ernst lautende Verheißung wirkte; die frechen Spione ergaben sich, wurden sogleich mit Stricken und Ketten gefesselt und also, mit verzweifelten Gesichtern, dem Oberstatthalter, unter dem Vortritte des Markus und Julius, vorgeführt.
GEJ|4|9|12|0|Als sie also vor dem Cyrenius und Kornelius und Faustus standen, fragte sie Cyrenius mit dem gewöhnlichen römischen Diktatorenernste: „Wo sind eure Vollmachten und der Befehl, der euch heißet den Propheten Galiläas zu verfolgen auf allen seinen Wegen und Stegen?
GEJ|4|9|13|0|Spricht der Anführer, der Zinka hieß: „Mein Herr! Geknebelt an Händen und Füßen kann ich sie dir nicht aus meinem verborgenen Sacke hervorholen! Laß mich losknebeln, und du sollst sie haben, auf daß du einsehen magst, daß auch wir einen Herrn im Hintergrunde haben, der über uns gebietet, und dem wir gehorchen müssen, weil er von euch Römern das Recht teuer erkauft hat, an eurer Statt auch ein Herr über unser Leben zu sein, und kann – unverantwortlich gegen euch nach Belieben töten lassen, wann er nur will!
GEJ|4|9|14|0|Unsertwegen können durch ganz Galiläa zehntausend Propheten herumschwärmen; so sie uns in Ruhe lassen, werden auch wir ihnen sicher nichts zuleide tun. Aber so da irgendein mächtiger Gewaltträger uns beruft, uns in einen guten Sold nimmt, im Dienstverweigerungsfalle uns aber auch sogar durch seine vielen Scharfrichter töten lassen kann, da bekommt die Sache ein ganz anderes Gesicht! Da müssen wir jedermanns Verfolger auf Leben und Tod werden, mag der zu Verfolgende ein noch so ehrlicher Mensch sein! Oder fehlen eure Krieger und Kriegsknechte, so sie eure Befehle auf Leben und Tod vollziehen? So dabei jemand vor Gott, so es einen gibt, verantwortlich ist, da kann es nur ein Herr, nie aber dessen Knecht und getreuer Diener sein! Laß mich entfesseln, und ich werde dir sogleich unsere von des Herodes eigener Hand in drei Sprachen ausgestellten Vollmachten vorweisen; daraus erst kannst du ein vollgültiges Urteil über uns fällen!“
GEJ|4|9|15|0|Cyrenius läßt den Zinka losbinden, und dieser greift sogleich in die verborgene Tasche, zieht eine Pergamentrolle hervor, überreicht sie dem Cyrenius und sagt: „Da lies, und urteile dann mit Recht vor aller Welt, ob unsere Nachstellungen bezüglich des galiläischen Propheten, eines gewissen Jesus aus Nazareth, gesetzlich oder ungesetzlich sind!“
GEJ|4|9|16|0|Cyrenius liest die Vollmacht, die am Ende mit dem Namenszuge des Herodes unterzeichnet ist. Sie lautet kurz wörtlich also: ,Laut der mir, Vierfürsten Herodes, aus Rom für 1000 Pfunde Silbers und 100 Pfunde Goldes verliehenen Gewalt über ganz Judenland verordne und gebiete ich, mich auf die teuer erkaufte Hilfe Roms stützend, den mir und meinen Institutionen sehr gefährlich dünkenden Propheten Galiläas zu fangen und ihn mir dann lebend oder tot einzuliefern, – im ersten Falle ich ihn selbst prüfen werde und sehen, welches Geistes Kind er sei. Meine ausgesandten Häscher aber haben mit dieser von mir eigenhändig geschriebenen Urkunde das vollste Recht, den Betreffenden auf allen Wegen und Stegen und auf allen Gassen und Straßen zu suchen, zu verfolgen, zu ergreifen und im Widersetzungsfalle ihn samt seinem Anhange zu töten und ihn mir dann auch als tot zu überbringen, wofür jedem, der seiner habhaft wird, eine Belohnung von 300 Silbergroschen erteilet wird. – Gegeben zu Jerusalem im eigenen Palaste.‘
GEJ|4|9|17|0|Sagt Zinka: „Nun, was sagst du dazu? Sind wir dreißig im Rechte oder nicht?“
GEJ|4|9|18|0|Cyrenius denkt hier ein wenig nach und sagt dann: „Mit meinem Wissen und Wollen ist dem Herodes in solcher Weise aus Rom nie eine solche Vollmacht erteilt worden. Wohl ist ihm meines getreuen Wissens eine Vollmacht nur dahin eingeräumt worden, in seinem eigenen Hause im Notfalle selbst das Schwertrecht auszuüben, – außer dem Hause nur dann, so sich gegen uns Römer irgendeine Verschwörung vorfände, und es wäre eine römische Besatzung und ebenso ein ordentliches Gericht für den aufständischen Ort zu entlegen, Herodes aber wäre mit seiner Ehren- und Schutzmacht zugegen; in diesem einzigen Falle könnte er das scharfe Schwertrecht ausüben!
GEJ|4|9|19|0|Also lautet die von Rom aus an den Herodes ausgefertigte Vollmacht, die ich eingesehen und selbst mit unterfertigt habe; denn was von Rom aus nach Asien verfügt wird, muß durch meine Hände oder durch die eines Abgeordneten von mir gehen, der mir aber alles in jüngster Zeit rückzuberichten hat, was immer irgend da gekommen ist. Diese Vollmacht wird von mir somit für null und nichtig erklärt, und das auf so lange, bis ich darüber aus Rom nicht die Weisung erhalten werde, wie, wann und warum – mir unbekannt – dem Herodes solch eine umfassendste Vollmacht erteilt ward, die uns getreusten Römern eine gerechte Angst und Besorgnis einflößen muß.
GEJ|4|9|20|0|Diese Vollmacht bekommt ihr nicht wieder zurück, als bis sie von Rom wiederkehren wird; ihr aber bleibet unterdessen meine Gefangenen! Seid ihr schon für euch selbst weltgesetzlich auch keine Verbrecher, so seid ihr aber dennoch Werkzeuge, mit denen der eine Verbrecher einen Greuel um den andern begeht, – und zu Greueltaten hat Rom noch nie jemandem eine Befugnis erteilt und wird sie sicher auch eurem Herodes nicht erteilt haben!
GEJ|4|9|21|0|Aber ich weiß es, wie die Herodesse ihre Konzessionen unter irgendeinem patriotischen Scheinvorwande mißbrauchen! Der vom alten Herodes verübte Mord an den unschuldigsten Kindern dient mir noch immer als ein klarer Beweis, wie diese schlauen griechischen Füchse ihre von Rom aus zugestandenen Rechte zu ihren Gunsten zu mißbrauchen verstehen, um das Judenvolk in Massen den Römern abhold zu machen.
GEJ|4|9|22|0|Oh, ich werde den Herodes schon in jene Schranken zurückzuweisen verstehen; das wird meine ganz vollkommen ernste Sache sein! Der alte Herodes verkostete meinen altrömischen Gerechtigkeitssinn, obschon ich damals kaum etwas über die dreißig Jahre zählte; nun bin ich nahe ein Greis, bin erfahrener und ernster geworden, – nun halte ich denn auch noch größere Stücke auf ein strengstes Recht! Jetzt gilt es bei mir vollkommen: PEREAT MUNDUS, FIAT IUS! [Es geschehe Recht und wenn die Welt zugrunde ginge!] 
GEJ|4|9|23|0|Ich werde nun sogleich zwei Boten entsenden, den einen nach Rom und den andern nach Jerusalem zum Herodes, auf daß er verlange alle Vollmachten Roms, die sich befinden in den Händen des Herodes. Wehe ihm und seinen Knechten, Dienern und Dienersdienern, wenn seine Vollmachten nicht mit dem Sinne dieser euch erteilten Vollmacht zusammenstimmen!“
GEJ|4|10|1|1|10. — Zinkas Verteidigungsrede und sein Bericht über das Ende Johannes des Täufers
GEJ|4|10|1|0|Sagt Zinka: „Herr! Das wird doch etwa nicht auch unsere böse Sache sein? Unser Herr und Gebieter war bis jetzt Herodes. Er tat wohl so manches an und für sich greuelhaft Ungerechte an der armen Menschheit – ich erkannte solches recht klar und gut –, aber was ließ sich dabei anderes tun, als seine Befehle in den traurigen Vollzug zu setzen? Was kann denn einer deiner Büttel tun, so du ihm gebietest, einem wirklichen oder auch nur scheinbaren Verbrecher den Kopf vom Leibe zu schlagen? Er mag hundertmal bei sich die vollste Überzeugung haben, daß der Verurteilte im Ernste unschuldig ist, – er muß dennoch das scharfe Beil an seinen Nacken legen!
GEJ|4|10|2|0|Wußten wir etwa von der vollsten Unschuld des erst vor kurzem enthaupteten Johannes nichts? Oh, wir kannten sie und liebten den weisen und Gott ergebenen Sonderling; denn er gab uns im Kerker noch die schönsten Lehren, ermahnte uns zu allerlei Geduld und Ausdauer und warnte uns vor Sünden gegen Gott und gegen den Nächsten, und zeigte uns auch an, daß nun in Galiläa ein Prophet aller Propheten und ein wahrster Priester aller Priester aufgestanden sei, dem zu lösen die Schuhriemen er nicht würdig wäre! Er verkündete es uns, daß dieser uns erst von allem Übel erlösen und uns zeigen werde den Weg des Lichtes, der Wahrheit und des ewigen Lebens. Kurz, er belehrte uns Wächter, als wären wir seine Jünger und seine besten Freunde.
GEJ|4|10|3|0|Wenn Herodes uns fragte, was der Gefangene mache, und wie er sich benehme, konnten wir alle nur das Beste von ihm aussagen. Es gefiel dies dem Herodes so wohl, daß er Johannes selbst besuchte und sich von ihm belehren ließ. Es hätte wahrlich nicht viel gefehlt, daß ihm Herodes die volle Freiheit gegeben hätte, wenn Johannes nicht zu früh als ein sonst höchst weiser Mann die große Torheit begangen hätte, dem wollustsüchtigen Gebieter den Umgang mit der schönen Herodias als höchst sündhaft zu bezeichnen. Ja, es gelang aber dem Johannes beinahe, den Herodes von der Herodias abzuwenden!
GEJ|4|10|4|0|Unglückseligerweise feierte in dieser Zeit Herodes seinen Tag mit großem Gepränge, und die Herodias, mit allen Schwächen des Herodes so ziemlich vertraut, schmückte sich an diesem Tage ganz ungewöhnlich und erhöhte dadurch ihre sonstigen Reize bis zu einer kaum glaublichen Höhe. Also aufgeputzt kam sie mit ihrer Drachenmutter, ihn zu beglückwünschen, und da es in seinem Hause Harfner und Pfeifer und Geiger gab, so tanzte die Herodias vor dem ganz geil gewordenen Herodes. Dies gefiel dem geilen Bocke so sehr, daß der Narr einen schweren Schwur tat, ihr alles zu gewähren, was immer sie von ihm verlangen würde! Nun war es um unsern guten Johannes so gut wie geschehen, weil er der verfluchten Habgier der Alten schnurgerade im Wege stand; diese gab der Jungen den Wink, daß sie das Haupt des Johannes auf einer silbernen Schüssel verlangen solle, was die Junge – wennschon mit einem geheimen Grauen – tat.
GEJ|4|10|5|0|Nun, was nützte da unsere Liebe zu Johannes, was unsere überzeugende Einsicht von seiner vollsten Unschuld, was unser Bedauern? Zu was war unser lautes Verwünschen der alten und jungen Herodias? Ich selbst mußte mit einem Schergen ins Gefängnis, dem guten Johannes den scheußlichen Willen des mächtigen Gebieters kundzutun, und mußte ihn binden und ihm dann auf dem verfluchten Blocke mit dem scharfen Beile das ehrwürdige Haupt vom Rumpfe schlagen lassen. Ich weinte dabei wie ein Kind über die zu große Bosheit der beiden Weiber und über das traurigste Schicksal meines mir so teuer gewordenen Freundes! Aber was nützte alles das gegen den finstern, verblendeten und starren Willen eines einzigen mächtigen Wüterichs?!
GEJ|4|10|6|0|Also sind wir nun ausgesendet, den in Galiläa sein Wesen treibenden Propheten, der wahrscheinlich ebenderselbe ist, von dem uns Johannes so große Dinge verkündet hat, aufzugreifen und ihn dem Herodes auszuliefern. Können wir darum als eidlich verdungene Diener und Knechte dieses Wüterichs? Oder können wir aus seinem Dienste treten, wann wir wollen? Ist von ihm aus nicht etwa der Kerker und der Tod auf eine treulose Entweichung aus seinem Dienste gesetzt? Wenn wir nun so sind und handeln, wie wir sein und handeln müssen, da sage du, Herr, mir den gerechten Richter an, der uns darob verdammen könnte!
GEJ|4|10|7|0|Lasse du alle Engel und Gott Selbst vom Himmel herab zur Erde steigen und über uns ein Verdammungsurteil aussprechen, so wird es geradeso gerecht sein wie die Enthauptung des Johannes. Wenn es einen gerechten Gott gibt, so muß Er doch offenbar weiser sein denn alle Menschen! Ist Er aber weiser und allmächtig dazu, so begreife ich wohl wahrlich nicht, aus welch einem Grunde Er auf der Welt solche Scheusale von Menschen aufkommen und dazu noch mächtig werden läßt.
GEJ|4|10|8|0|Dies ist auch der einzige Grund, warum ich und meine neunundzwanzig Helfershelfer an gar keinen Gott mehr glauben. Den letzten Funken Glaubens aber hat uns die schmählichste Enthauptung des Johannes genommen; denn da hätte ich als Gott ja doch eher tausend Herodesse mit hunderttausend Blitzen zerschmettern lassen – als einen Johannes enthaupten! Es kann wohl wahr sein, daß ein Gott dem Johannes drüben tausendfach vergelten kann, so er die hier an ihm verübte Grausamkeit mit Geduld und Ergebung ertrug; aber ich für mein Urteil gebe dem lieben Herrgott nicht ein halbes Leben, in dessen Überzeugung ich einmal lebe, für tausend allerglücklichste Leben, von denen noch kein Mensch etwas überzeugend Gewisses hat erfahren können!
GEJ|4|10|9|0|Wer die Gewalt hat, der kann diktieren und tun nach seiner Lust; wir Schwachen und Gewaltlosen aber müssen ihm dann als Lasttiere dienen auf Leben und Tod. Wenn er mordet, so ist das gar nichts, denn er hat ja ein Recht dazu durch seine Gewalt; morden aber wir, so sind wir Missetäter und werden darum wieder gemordet. Ich aber frage da dich und alle Herren und Weisen deines Rates, welch ein Gott das als Recht dulden kann! – Ich bitte dich, Herr, mir darüber eine klare Antwort zu geben!“
GEJ|4|11|1|1|11. — Des Cyrenius freundliche Antwort an Zinka
GEJ|4|11|1|0|Cyrenius macht über diese Einwendung große Augen und sagt zu Mir mit halblauter Stimme: „Der Mensch ist wahrlich nicht auf den Kopf gefallen und scheint recht viel Gemüt zu besitzen. Dem sollte geholfen werden! Was meinst Du, o Herr, soll der Mann und etwa auch sein Gefolge zu uns gewendet werden?“
GEJ|4|11|2|0|Sage Ich ganz offen: „Mit einem Hiebe fällt kein nur einigermaßen starker Baum! Mit einer gewissen Geduld aber kann ein Mensch viel ausrichten. Auch muß man den, den man führen will ans Licht, nicht in die volle Mittagssonne schauen lassen. Denn gibt man ihm mit einem Male zu viel Licht, so wird er blind auf eine längere Zeit; wenn man ihn aber so nach und nach ans Licht gewöhnt, so wird er dann auch im hellsten Lichte alles in großer Klarheit zu sehen imstande sein und darauf in keine Blindheit mehr übergehen.
GEJ|4|11|3|0|Dieser Mensch aber hat Mir damit nun einen guten Dienst erwiesen, indem er als Augen- und Ohrenzeuge vor Meinen Jüngern getreulichst ausgesagt hat, wie Mein Vorläufer Johannes, der in den Gegenden des Jordans gepredigt und getauft hatte, von Herodes gefangen und ums Leben gebracht wurde. Nicht Meinet-, sondern Meiner Jünger wegen soll er noch kundgeben, warum denn Herodes den Johannes so ganz eigentlich fangen und ins Gefängnis werfen ließ. Stelle du an ihn die Frage!“
GEJ|4|11|4|0|Sagt Cyrenius, sich zu Zinka wendend: „Freund, meine Sentenz wollte ich nicht also verstanden haben, daß ich die Diener und Knechte eines Wüterichs auch dann möchte züchtigen lassen, wenn sie nicht von ferne in ihrem Gemüte seines Sinnes sind, – nur dann, so sie es wären und hartnäckig und gewisserart schon eigenwillig das arge Vorhaben ihres herrscherischen Wüterichs vollziehen würden! Aber Menschen wie du, die das Unmenschliche ihres unmenschlichen Gebieters nur zu gut einsehen und es in ihrem Herzen tiefst verabscheuen, werde ich stets nach Recht und größter Billigkeit zu behandeln verstehen!
GEJ|4|11|5|0|Warum aber Gott nicht selten das Laster auf dieser Welt triumphieren läßt, während die Tugend oft leidet und bis zum Leibestode erdrückt wird, davon, Freund, ist wohl auch ein gar herrlicher Grund vorhanden, liegt aber für deinen gegenwärtigen Verstandeszustand noch viel zu tief, als daß du ihn nun fassen könntest samt deinen Gefährten, deren Verstand noch um vieles äußerlicher zu sein scheint als der deinige; aber es wird schon noch eine Zeit – vielleicht in Kürze – kommen, in der du es ganz genau einsehen wirst, mit deinem ganzen Gemüte sogar, warum es auch Herodesse geben muß!“
GEJ|4|11|6|0|Sagt Zinka: „Herr, der du mir soeben die Gnade erwiesest, mich mit dem Worte ,Freund‘ anzureden, laß dies vielbedeutende Wort keinen leeren Schall sein, so wie es nun unter den Menschen leider nur zu oft gebräuchlich ist! Hast du aber das Wort in der wahren Bedeutung genommen, so erweise mir die Freundschaft und lasse auch meine neunundzwanzig Gefährten losbinden von den schweren Fesseln! Daß weder ich noch sie dir durchgehen werden, dafür steht schon erstens die starke Wache, und zweitens und hauptsächlich dein freundliches Wort. Glaube es mir – ich rede nun ganz frei und offen –: Wir alle sind mit höchstem Widerwillen das, was wir leider sind! Könntest du uns von diesem Joche befreien, so würdest du das menschlichste und gerechteste Werk vollbracht haben!“
GEJ|4|11|7|0|Sagt Cyrenius: „Laßt das gut sein; das soll meine Sorge sein! Sehet umher, und ihr erblicket lauter Gerettete aus der Hand des Verderbens! Es werden darunter wenige sein, die nicht nach unserer römischen Strenge entweder das scharfe Beil durch den Hals oder gar das Kreuz verdient hätten; und siehe sie an, wie sie als wahre Menschen nun wie lauterstes Gold vor uns stehen und keiner sich wünscht, unsere Gesellschaft zu verlassen! Ich hoffe es, daß es euch jüngst ebenso ergehen wird; denn bei Gott sind alle Dinge ganz leicht möglich, wovon ich selbst die lebendigste Überzeugung habe.
GEJ|4|11|8|0|Aber nun erlaube du mir, noch eine recht gewichtige Frage an dich zu richten, und diese besteht darin: Du hast uns allen einen recht gewichtigen Dienst dadurch erwiesen, daß du uns ganz offen kundgetan hast, wodurch und wie der würdige Seher Gottes durch Herodes ums Leben gebracht worden ist; nun, du warst aber sicher auch bei seiner Gefangennehmung zugegen!? Könntest du mir denn nicht auch dazu noch kundgeben, warum und aus welcher Veranlassung denn so ganz eigentlich Herodes den Johannes, der ihm sicher nichts zuleide getan hatte, hat gefangennehmen lassen? Denn irgendeinen Grund muß er dazu denn doch gehabt haben!“
GEJ|4|12|1|1|12. — Gefangennahme Johannes des Täufers. Des Herodes Verhältnis zur Herodias
GEJ|4|12|1|0|Sagt Zinka: „Wenn ich ohne irgend arge Folgen ganz frei und offen reden darf, da könnte ich dir als selbst Handanleger an den unschuldigsten aller unschuldigen Menschen wohl den getreust wahren Grund angeben; aber wenn da etwa irgend zu dürres Stroh in einem Dache stäke, da ist es mir um vieles lieber, so ich schweigen darf von einer Geschichte, an die ich mich nicht ohne das größte Herzeleid erinnern kann, aber auch nicht ohne den bittersten und giftigsten Zorn!“
GEJ|4|12|2|0|Sagt Cyrenius: „Rede ganz frei und offen, denn unter uns findest du kein überdürres Stroh im Dache!“
GEJ|4|12|3|0|Sagt Zinka: „Nun gut denn, und du höre mich! Ich sagte dir ehedem, daß ich nun an gar keinen Gott mehr glaube; denn alles, was von Ihm im Tempel gelehrt wird, ist Lüge, die schwärzeste und schändlichste Lüge! Denn solch einen Gott kann es ewig nirgends geben! Unser unglücklicher Freund Johannes lehrte das Volk im Ernste einen rechten Gott erkennen, und seine Lehre tat not und jedem Menschen im höchsten Grade wohl, der nicht dem Tempel angehörte und kein Pharisäer war. Aber ein desto größerer Greuel war seine Lehre vom wahren Gott dem Tempel. Nun wirst du als ein sehr vernünftiger Mann schon können so ganz sachte zu spannen anfangen, von wo der Sturmwind zu wehen begann.
GEJ|4|12|4|0|Die Templer hätten dem armen Johannes schon lange gerne einen Garaus gemacht, so sie nicht das Volk gefürchtet hätten, das nun denn doch schon zum größten Teile hinter die schändlichsten Lügen und schwärzesten Betrügereien gekommen ist. Sie sannen sich darum einen Plan aus, durch den sie dem Herodes weiszumachen gedachten, daß unser Johannes ganz geheim mit dem Plane umginge, durch allerlei falsche und sehr fein verhüllte Vorspiegelungen das Volk gegen den Bedrücker Herodes zu einer fürchterlichsten Meuterei aufzuwiegeln.
GEJ|4|12|5|0|Dies vermochte den Herodes am Ende denn doch dahin, daß er mit uns selbst zu Johannes hinaus in eine sehr wüste Gegend des Jordans eilte und sich selbst überzeugen wollte, ob es mit der Sache des Johannes denn wirklich also gefährlich stünde! Allein bei Johannes angelangt, fand er selbst bei der allerkritischsten Probe aber auch nicht eine allerleiseste Spur von all dem, was ihm die Templer vorgelogen hatten. Er ward darum am Ende selbst ganz grimmig aufgebracht über solch eine namenloseste Schlechtigkeit des Tempels und seiner Bewohner.
GEJ|4|12|6|0|Als die Templer darauf in ihn zu dringen begannen, den Johannes unschädlich zu machen, sagte er mit drohender Miene in meiner Gegenwart zu ihnen: Auf den Rat und Willen elender, gefräßiger Hunde werde er niemals wider seine Überzeugung irgendeinen Menschen richten!
GEJ|4|12|7|0|Auf solch eine energische Antwort zogen sich die schwarzen Ritter zurück und schwiegen. Aber nichtsdestoweniger ruhten sie in ihren bösen Ratschlägen; während sie äußerlich eine gute Miene zum für sie bösen Spiele machten und taten, als kümmerte sie Johannes nicht im geringsten mehr, dingten sie heimlich Meuchelmörder, die dem Manne Gottes das Lebenslicht ausblasen sollten.
GEJ|4|12|8|0|Als Herodes solches erfuhr, da dauerte ihn der ehrliche, harmlose Seher. Er berief uns zu sich und erzählte uns, was er gehört hatte, und sprach am Ende: ,Höret, diesen Menschen muß ich retten! Gehet zum Scheine hinaus mit Waffen und Stricken, bindet ihn leicht, gebet ihm meinen geheimen Plan kund, und er wird euch folgen! Hier will ich ihn in einem guten Gefängnisse wohl verwahren; aber er soll mit allen seinen Jüngern freien Verkehr haben!‘
GEJ|4|12|9|0|Solches geschah denn auch, und Johannes war damit, so gut er es nur immer sein konnte, zufrieden. Aber die schwarze Natternbrut des Tempels erfuhr nur zu bald, daß Herodes den Johannes nur zum Scheine habe ins Herrengefängnis legen lassen, ihm aber alle Freiheit gewähre, mit seinen Jüngern zu verkehren. Da fingen sie wieder an zu beraten, wie sie den Herodes am Ende dennoch dahin vermöchten, daß er am Ende selbst die Hand an den Johannes lege.“
GEJ|4|12|10|0|Darauf schwieg Zinka; aber Cyrenius bat ihn sogar, die Geschichte weiterzuerzählen. Und Zinka begann also weiterzureden: „Die schwarzen Knechte des Tempels brachten es bald in Erfahrung, daß Herodes, der halb ein Jude und halb noch immer ein Heide ist, die junge Herodias gerne sehe, aber als ein Jude sich wegen des Ehebruchverbrechens nicht so recht getraue, mit ihr in ein näheres Verhältnis zu treten. Er für sich hätte sich darob gerade kein Gewissenshaar grau werden lassen; aber des weitmauligen Tempels wegen mußte er wenigstens das äußere Dekorum beachten.
GEJ|4|12|11|0|Solches alles wußten die schwarzen Ritter, sandten einen so recht verschmitzten Feinzüngler an den Herodes mit dem Antrage, daß Herodes ob der bekannten Unfruchtbarkeit seines Weibes sich gegen ein kleines Opfer in den Gotteskasten ohne weiteres ein Kebsweib halten dürfe und vollauf versichert sein könne, daß der Tempel dagegen keinen Anstand nehmen werde.
GEJ|4|12|12|0|Herodes ließ sich diese Sache eben nicht zweimal sagen, gab dem Überbringer dieser Urkunde etliche Pfunde Goldes, und die Geschichte war abgemacht. Er sandte sogleich einen Boten zu der Herodias, und diese machte natürlich wenig Anstand, dem Verlangen des Vierfürsten Herodes nachzukommen, zumal sie auch noch von ihrer Mutter dazu beredet und angetrieben ward; denn die alte Herodias war ein Weib, das für den Satan wie geschaffen war. Gutes war nichts an ihr, – aber dafür um so mehr Erzschlechtes. Die Alte selbst führte ihre Tochter zum ersten Male, ganz entsetzlich reich geziert, zum Herodes und empfahl sie seiner Gnade. Herodes koste die Herodias zwar zärtlichst, beging aber mit ihr noch keine Sünde. Er beschenkte sie reichlich und gewährte ihr völlig freien Zutritt zu sich.
GEJ|4|12|13|0|Als sie vom Herodes wieder nach Hause zu ihrer Mutter kam, so befragte diese sie, was Herodes alles mit ihr geredet und getan habe. Die Tochter redete die Wahrheit, lobte des Herodes zwar sehr freundlichen, aber dennoch ganz nüchternen Sinn, und wie er sie reich beschenkt und ihr den allzeit freien Zutritt zu sich gestattet habe; nur müsse sie ihm vollkommen treuesten Herzens verbleiben.
GEJ|4|12|14|0|Die alte Hexe aber dachte dabei ganz sicher, was ich, der ich die Herodias nach Hause zu begleiten hatte, der Alten wie eine gut geschriebene Schrift aus den Augen las: ,Siehe, da steckt etwas dahinter! Hat sich Herodes das erste Mal nicht durch die großen Reize meiner Tochter gefangennehmen lassen, so wird er dasselbe auch ein zweites Mal nicht tun!‘ Da dabei aber die Alte dann das Recht verlöre, den Herodes um die Ehrentschädigung anzugehen, so gab sie der Tochter eine schöne Lehre, wie sie es ein nächstes Mal anstellen solle, um den Herodes zum Beischlafe zu bewegen.
GEJ|4|12|15|0|Ich verließ bald aus Ärger das Haus der Hexe, kam zu Herodes zurück und erzählte ihm alles, was ich beobachtet hatte; daß Herodes davon eben nicht zu sehr erbaut war, kann sich ein jeder leicht von selbst denken. Er begab sich darum auch zu Johannes und stellte ihm die ganze Sache vor.“
GEJ|4|13|1|1|13. — Der Templer Mordanschlag gegen Johannes den Täufer
GEJ|4|13|1|0|(Zinka:) „Johannes aber sagte zu ihm: ,Habe du nichts zu schaffen mit der Herodias und ihrer Mutter; denn die Alte ist eine Schlange und die Junge eine Natter! Zudem kennst du den Willen des allmächtigen Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs und kennst Seine Ordnung, in der Er vom Anbeginne aller Kreatur einem Manne nur ein Weib gegeben hat. Fruchtbarkeit oder keine Fruchtbarkeit eines Weibes, das einmal mit einem Manne sich ehelich verbunden hat, gibt dir keinen Grund zur Annahme eines Afterweibes; denn so du ausharrest in der Geduld, da ist's Gott ja doch gar leicht möglich, im Schoße deines Weibes in ihrem hohen Alter noch eine lebendige Frucht dir zu erwecken! Lies die Geschichte der Patriarchen, und du wirst es finden, daß die Geduld und Ergebung derselben ihnen im hohen Alter noch den reichlichsten Segen gebracht hat!
GEJ|4|13|2|0|Habe also mit der Herodias nichts zu schaffen und nimm ja keinen Scheidebrief vom Tempel; denn Gott hat nie einen Scheidebrief verordnet! Solches hat Moses aus sich heraus als Mensch getan, der mannigfachen Härte der Menschenherzen wegen; aber er hat daran nicht sehr wohl getan, und Gott der Herr sah solche Verordnung nicht mit wohlgefälligen Augen an, dessen du vollends versichert sein kannst! Halte du dich darum nur zu deinem Weibe und lasse die Herodias nicht zu dir kommen! Gib dem Zinka (mir nämlich) die Vollmacht, und er wird es schon zu veranstalten verstehen, daß dir die Natter nicht mehr ins Haus kommt! Wirst du diesen Rat befolgen, so wirst du in der Freundschaft Jehovas verbleiben, wo aber nicht, wirst du zugrunde gerichtet und ein Feind Jehovas werden!‘
GEJ|4|13|3|0|Herodes nahm sich das zu Herzen und beschloß, sich von der Herodias zu enthalten. Aber die alte Schlange samt der jungen Natter wandten alles auf, um Herodes zu verblenden. Sie wußten, wann er ausging und wohin, und die Herodias wußte ihm zu begegnen, stets so reizend als möglich geschmückt und geputzt. Er machte mit ihr zwar nichts, aber in seinem Herzen fing es dennoch stets mehr zu glühen an, so daß er nun am Ende selbst die Gelegenheiten zu suchen begann, der schönsten Herodias sooft als möglich zu begegnen.
GEJ|4|13|4|0|Als es endlich gegen seinen Tag zu gehen anfing, da wandte die Herodias aber schon alle Mittel an, daß sie zum großen Feste käme. Mittlerweile aber erkundigten sich auch die Templer bei der Herodias, wie weit sie mit dem Herodes wäre. Und sie konnte ihnen nichts anderes sagen, als daß sie sich noch trotz aller ihrer Kunstgriffe und bösen Kniffe total auf dem alten Flecke befände; wer oder was daran schulde, wisse sie kaum, obwohl sie es nur zu klar sehe, daß sie vom Herodes dennoch gerne gesehen werde, und er ihr so ganz verstohlen stets mehr und mehr nachstelle.
GEJ|4|13|5|0|Als der Templer solches erfuhr, da sagte er den beiden ganz offen: ,Daran schuldet niemand als jener Wasser- und Taufprophet, an dem sich Herodes sein Heil gefressen hat! Er selbst nahm ihn vom Jordan gefangen, um ihn vor uns zu schützen; aber es wird ihm das dennoch nichts nützen! Der Wasserprophet muß und wird fallen! Er ist für euch und für uns der gefährlichste Stein des Anstoßes! Wenn das eher nicht ginge, so wird es doch am Tage des Herodes sich fügen! Sucht den Propheten um jeden Preis zu vernichten, und ihr werdet den Herodes um den Finger winden können!‘
GEJ|4|13|6|0|Damit hatten die beiden Weiber mehr denn eine genügende Aufhellung über den Grund ihrer mißlingenden Versuche. Die beiden hielten nun Rat, wie sie Johannes verderben könnten, und die Junge zog mich in ihr Geheimnis und versprach mir viel Goldes und Silbers, so ich den Johannes auf irgendeine gute Art ums Leben brächte. Ich ließ mich aber ganz natürlich nicht dazu bewegen, tat aber doch, als ginge ich so nach und nach in ihre Pläne ein; solches aber tat ich nur, um desto sicherer hinter alle die argen Satanspläne zu kommen, die von den beiden Weibern und den Tempelrittern gegen den armen Johannes ausgeheckt worden sind.
GEJ|4|13|7|0|Herodes kratzte sich dabei hinter den Ohren und sagte zu mir: ,So stehen die Sachen, wie ich es schon seit mehreren Tagen einsehe; aber was läßt sich da tun? Das Beste dürfte noch das sein, daß wir den Johannes mehr absperren von dem offenen Zutritte, nur seine bekanntesten Jünger zu ihm kommen lassen und jedem Fremden die Türe weisen. Denn gar leicht kann es geschehen, daß ein von den Weibern oder vom Tempel erkaufter Meuchelmörder unserem Johannes einen Dolch ins Herz stößt, und des Tempels Bosheit hätte ihr Ziel erreicht. Denn glaube du mir: auch die Weiber sind vom Tempel aus bearbeitet! Ich will aber, um den Johannes zu retten, den Weibern und namentlich der Herodias den Zutritt gewähren, und gehe du darum hin und sage es der Herodias, daß sie mich von nun an besuchen kann und darf!‘
GEJ|4|13|8|0|Ich als der Diener mußte gehorchen, obwohl ich das nur zu gut einsah, daß mit dieser Hilfe dem Johannes schlecht geholfen sein werde. Von der Zeit an kam Herodias beinahe täglich ins Haus des Herodes und verstand es wie keine zweite, sich seine Neigung wachsend zu verschaffen. Solches erfuhren nur zu bald die schwarzen Templer, und sie lagen den Weibern in den Ohren, gegen viel Goldes bei einer Gelegenheit den Herodes dahin zu vermögen, dem Johannes, der dem Tempel soviel Volk abwendig gemacht hatte, das Lebenslicht auszublasen. Dieses durchzusetzen, schwur die Alte beim Tempel: sie werde nicht ruhen, bis der Wasserprophet gefallen sein werde! Die Junge wußte nun auch stets den Herodes daran zu verhindern, den Johannes zu besuchen und sich von ihm neuen Rates zu erholen. Ich als Diener getraute es mir auch nicht, den Herodes an die Worte des Johannes zu erinnern, da ich ihn nur zu gut kannte, welch ein Wüterich er ist, wenn sein Gemüt von irgendwas leidenschaftlich ergriffen wird.
GEJ|4|13|9|0|Und so ging die böse Sache bis zum Tage des Herodes vorwärts; nur ein paar Tage vor dem Tage des Herodes mußte zwischen ihm und der Herodias etwas vorgefallen sein, ansonst sie die paar Tage sicher nicht ausgeblieben wäre. Aber diese paar Tage machten des Herodes Herz erst für die schöne Herodias erregt, und der Triumph, den sie dann über Herodes an seinem Tage feierte, war ein desto sicherer.“
GEJ|4|14|1|1|14. — Des Herodes Befehl zur Verhaftung Jesu
GEJ|4|14|1|0|(Zinka:) „Daß und wie sie ihn für mich und für Tausende gefeiert hat, ist bekannt; aber euch allen wird es nicht bekannt sein, daß unter den Jüngern des Johannes die Sage geht, daß Johannes wiederum auferstanden sei, sich aber nach Galiläa gezogen habe und nun wiederum alldort sein Wesen treibe, wo er es ursprünglich zu treiben angefangen hatte. Solche Sage erfuhr denn auch Herodes und seine Herodias, die seit dem Tode des Johannes ganz eigens zu siechen angefangen hatte samt dem alten Drachen von einer Mutter. Solches erfüllt des Herodes und der Herodias Herz mit großer Furcht und mächtigem Bangen, und Herodes sandte darum mich als einen bewährten Freund des Ermordeten aus, um ihn wieder zum Herodes zu bringen, damit ihm Herodes vergelten könnte die große Unbill, die er ihm zugefügt hatte. Auch die Herodias beweint nun jene Stunde, in der sie ihrer bösen Mutter nachgab, und möchte nun auch den beleidigten Johannes wieder versöhnen!
GEJ|4|14|2|0|Ich aber sehe es wohl ein, daß Johannes nimmer auferstanden ist; wohl aber habe ich aus dem Munde des Johannes selbst gehört, daß in Galiläa ein gar großer Prophet auferstanden sei, dessen Schuhriemen aufzulösen er nicht würdig sei. Ich sagte das dem Herodes, und er sagte: ,So ziehe dennoch hin und bringe mir jenen, von dem Johannes mit einer so großen Achtung sprach; denn der kann uns vielleicht auch helfen!‘ Ich sagte ihm aber auch, was ich von dem großen Propheten vernommen habe, nämlich daß er zur Bekräftigung seiner Lehre ungeheure Zeichen wirke. Ich sagte ihm, daß der galiläische Prophet Tote erwecke und Berge versetze und dem Sturme gebiete, und dergleichen unerhörte Dinge mehr. Ich sagte dem Herodes ferner, daß ich gegen die Macht solch eines Propheten wenig oder nichts ausrichten würde, weil er Tausende mit einem Gedanken töten könnte. Aber Herodes und die Herodias standen von ihrem Begehren darum nicht ab, und Herodes sagte nur: ,Dreihundert schwere Silbergroschen dem, der ihn mir bringt!‘, mit dem Beisatze: wenn es lebendig nicht möglich wäre, so wolle er ihn doch als Toten sehen!
GEJ|4|14|3|0|Ich erwiderte ihm ganz beherzt, sagend: ,Wenn er selbstwillig nicht kommen will, so werden wir fruchtlos nach ihm ausziehen! Denn bis wir ihn einmal töten, leben wir schon lange nicht mehr; denn da er die verborgensten Gedanken der Menschen erkennt und ihre Absichten auch, so wird er uns schon töten, so wir seiner noch kaum ansichtig werden! Wenn aber dies sich also verhält, so sehe ich wirklich nicht ein, wozu wir nach ihm ausziehen sollen!‘ Da sagte er: ,Ich will es, und mein Wille ist gut; ist der Prophet gut, so wird er meinen guten Willen auch als gut anerkennen und zu mir kommen! Daß ich mit ihm das nicht tun werde, was ich in meiner Verblendung mit dem Johannes getan habe, beweisen meine Tränen um den guten Johannes. Gehet und vollziehet meinen Willen!‘
GEJ|4|14|4|0|Darauf erst gingen wir und sind nun darum da, – bisher noch vollkommen unverrichteter Dinge, obwohl wir nun schon bei neun Wochen in der stets gleichen Absicht in Galiläa herumziehen! Ich habe schon unter der Zeit etliche Male Boten an den Herodes abgesandt und ihm das Fruchtlose unserer Mühen klar dargestellt; allein, das hilft nichts! Er weiß es irgend aus anderen Quellen, daß sich entweder der auferstandene Johannes oder der große Prophet in Galiläa aufhalte und große Zeichen tue; wir sollen daher alles aufbieten, seiner habhaft zu werden. Jede Lauheit von unserer Seite werde er allerstrengst zu ahnden wissen!
GEJ|4|14|5|0|Und so sind wir denn auch nun auf unseren Streifzügen hierher gekommen, weil wir vernahmen, daß sich bei Cäsarea Philippi große Zeichen sollen zugetragen haben! Wir fanden aber eigentlich nichts als die total abgebrannte Stadt, eine durch den gestrigen Kardinalsturm verheerte Gegend und nun euch gestrengste Römer allhier!
GEJ|4|14|6|0|Versorget uns und machet uns frei von dem Narren, dem in seiner Wut nicht zu trauen ist, und wir werden euch dafür dankbar sein, dessen ihr vollkommen versichert sein könnet! Was ich euch nun kundgetan habe, ist vollste Wahrheit; ihr wisset nun genaust, wie die Dinge stehen. Handelt nun nach Recht und Billigkeit! Seid ihr Römer einmal vollends unsere Herren, so geht uns dann Herodes nichts mehr an! Wir aber werden bereit sein, euch noch um tausend Male treuer zu dienen als dem alten Narren und Wüterich! Denn bei euch schaut doch noch etwas Menschliches heraus, während der Herodes ein Unmensch ist, so er von seiner Wut befallen wird!“
GEJ|4|15|1|1|15. — Die rätselhafte römische Vollmacht des Herodes
GEJ|4|15|1|0|Sagt Cyrenius: „Was ihr wünschet, das soll euch geschehen; denn ich bin mit deiner Beschreibung des Herodes ganz zufrieden und weiß nun, was ich mit ihm zu tun haben werde. Aber sage mir nun noch, ob es sich mit seiner Fürstenvollmacht wohl also verhält, wie du sie ehedem mir beschrieben! Hast du dahinter wohl nicht meinen Namen unterzeichnet gesehen? Oder hast du irgend die Gelegenheit gehabt oder gefunden, jene Urkunde einsehen zu können? Sei wahrhaft und gib mir das ganz genau kund!“
GEJ|4|15|2|0|Sagt Zinka: „Nichts leichter als das, weil ich, des Schreibens wohl kundig und der drei Sprachen mächtig, dieselbe Urkunde schon vielleicht bei fünfzig Male abgeschrieben habe, welche Herodes als dem Originale gleichlautend stets beim Landpfleger vidieren (bescheinigen) ließ um zehn Silbergroschen! Deinen Namen sah ich nicht, wohl aber den des jetzt herrschenden Kaisers. – Mehr kann ich dir darüber nicht sagen.“
GEJ|4|15|3|0|Sagt Cyrenius: „Das ist dann offenbar eine neue Vollmacht, die ganz anders lautet als jene, in der ich selbst unterschrieben bin! Könntest du mir etwa auch noch hinzu sagen, um welche Zeit Herodes zu der berüchtigten Vollmacht aus Rom gelangt ist?“
GEJ|4|15|4|0|Sagt Zinka: „Oh, nichts leichter als das! Diese Vollmacht bekam er schon im Vorjahre, was ich um so genauer weiß, weil ich das Ansuchen darum selbst geschrieben habe. Es ist im Gesuche zwar wohl der Punkt gestanden, daß der Kaiser als ein vollkommener Alleinherr und Herrscher, alle untergeordneten Stellen übergehend, ihm AD PERSONAM (für seine Person) zu seiner nötigen Deckung eine Vollmacht in der Art und Weise erteilen möchte, wie sie unter der Anmerkung im Gesuche stilisiert sei. Nun aber kommt eigentlich die Hauptsache, hinter der – so bloß nach meiner Ansicht – die Großlumperei steckt!
GEJ|4|15|5|0|Daß Herodes ein solches Ansuchen nach Rom gestellt hat, dafür bürge ich als Zeuge um so glaubwürdiger, weil ich, wie gesagt, das Gesuch selbst stilisiert und geschrieben habe. Das außerordentliche Gesuch aber ging – wie es sich leicht von selbst versteht – nicht ohne schwere Begleitung von viel Gold und Silber nach Rom. Die Überbringer waren fünf der ersten Pharisäer, die in ihren höchst eigenen Angelegenheiten um jene Zeit eine Reise nach Rom unternahmen. Diese kamen etliche Tage vor ihrer Abreise zum Herodes und baten ihn, ob er aus Rom nichts zu bestellen hätte.
GEJ|4|15|6|0|Sie kamen dem Herodes wie gerufen; denn er brütete schon bei vier Wochen lang, wie und durch wen er am sichersten und am geheimsten das außerordentliche Gesuch nach Rom bringen könnte. Diese Gelegenheit kam ihm deshalb um so erwünschter, weil er mit den fünf gescheitesten Pharisäern recht wohlan war und er sie auch für die Ehrlichsten ihres Gelichters hielt. Als er sie um den Botenlohn fragte, der sonst von Jerusalem aus nicht leichtlich unter zweihundert Pfunden unternommen wird, verlangten sie nichts; denn was sie dem Herodes, der ihnen auch schon viele und gewichtige Freundschaftsdienste erwiesen habe, täten, das täten sie auch nur aus purer Freundschaft!
GEJ|4|15|7|0|Damit war Herodes mehr als vollkommenst zufrieden und übergab den fünfen das Gesuch samt der schweren Ladung, an der dreißig Kamele hinreichend zu tragen hatten. Sogestaltig wanderte das außerordentliche Gesuch dem Wortlaute zufolge nach Rom, der sicheren Wahrheit nach aber irgendwoandershin, was unsereiner nicht wissen kann!
GEJ|4|15|8|0|Eine Reise von hier bis nach Rom dauert bei günstigsten Witterungsverhältnissen drei volle Wochen, sonst auch einen Monat; etliche Tage, oft Wochen, bleibt man in Rom, und es hat seine Zeit, bis jemand vor den Kaiser kommt. So ein Gesuch erledigt der Kaiser im günstigsten Falle vor einem halben Jahre nicht, weil er tausend wichtigere Regierungssachen vor sich hat. Nun kommt es auf die Rückreise, die doch auch soviel Zeit wie die Hinreise braucht! Genau aus vieler Erfahrung berechnet ist von Rom meines Wissens noch nichts vor dreiviertel Jahren zurückgekommen.
GEJ|4|15|9|0|Die fünf Boten aber haben die angesuchte Vollmacht, genau nach der Anmerkung im von mir geschriebenen Gesuche, ganz auf schönem Pergamente geschrieben und mit allen bekannten kaiserlichen Zeichen ausgestattet und versehen dem Herodes vor der Zeitdauer von sechs Wochen überbracht und haben dem Herodes dazu mit allem Pompe gratuliert; ich aber dachte mir mein Teil dabei und setze noch heute meinen Kopf zum Pfande, daß die fünf Boten bei der in der Rede stehenden Gelegenheit ebensowenig in Rom waren als ich!
GEJ|4|15|10|0|Die Kerls haben die schwere Mitgabe samt den dreißig gesunden Kamelen gut verwahrt, haben des Kaisers Unterschrift und die andern Zeichen nachgemacht und so dem Herodes eine geheime kaiserliche Vollmacht überbracht, von der er selbst sicher so wenig weiß wie du, hoher Herr und Gebieter! Weißt du, hoher Herr, es ist dies nur so meine Ansicht; es kann auch möglich sein, daß die Vollmacht doch noch vom Kaiser herrührt! Vielleicht haben die Schiffe einen guten Wind gehabt einmal hin und einmal zurück, da ginge es wenigstens mit der Hin- und Herreise so ziemlich aus, und zufälligerweise können sie den Kaiser in einer gutgelaunten und geschäftslosen Stunde sogleich bei ihrer Ankunft in Rom angetroffen haben. Der hat sie sogleich vorkommen lassen und ihnen die gewünschte Vollmacht erteilt, worauf sie dann gleich wieder ein hierher nach Asien steuerndes Schiff antrafen, bestiegen und mit dem besten Winde die Küste Judäas erreichten! Kurz, ich will da durchaus kein Richter sein! Es ist das alles nur so meine Mutmaßung und Berechnung.“
GEJ|4|16|1|1|16. — Die falsche Vollmacht des Herodes
GEJ|4|16|1|0|Sagt Cyrenius: „Freund, das ist mehr denn eine Mutmaßung; das ist vollkommen reinste Wahrheit! Denn hätte der Kaiser dem Herodes auch im schnellsten Umschwunge die verlangte Vollmacht erteilt, so wäre sie in sechs Wochen unmöglich von Rom zurück nach Jerusalem gekommen, da jede Verordnung, von Rom ausgehend, bis nach Sidon bei bestem Winde schon bei vierzig Tage Zeit braucht. Übers hohe Meer, wo der Weg vielleicht wohl am kürzesten wäre, fährt ja kein Schiff; bis aber einer längs den Küsten entweder des großen Mittelländischen oder Adriatischen Meeres über Griechenland hierherkommt, braucht er wenigstens vierzig Tage, und es kann darum niemand den Weg in derselben Zeit hin und zurück machen.
GEJ|4|16|2|0|Dazu muß ein jeder Fremde, der nach Rom kommt und vom Kaiser etwas erbitten will, zuvor siebzig Tage in Rom zubringen, vor welcher Zeit außer einem Feldherrn oder sonstigen Großamtswürdenträger wohl kein fremder Gesandter oder Privater vor den Kaiser kommt. Denn es ist einmal in Rom die Einrichtung also getroffen, daß ein jeder Fremde, der in Rom vom Kaiser eine Gnade erreichen will, zuvor der Stadt ein Opfer bringen muß dadurch, daß er in der Stadt zuvor möglichst viel verzehrt und andere Geschenke und Opfer den vielen Einrichtungen und Anstalten gebracht hat, was sozusagen nahe ein jeder Fremde, von fernen Landen kommend, gar wohl tun kann, weil er, ohne sehr reich zu sein, nicht nach Rom kommen kann und auch um keine besondere Gnade zu bitten hat. Denn für die allgemeine, unbemittelte Volksklasse sind die Gesetze und die gerechten Richter gestellt und sanktioniert; wen irgend ein Schuh drückt, der weiß es, wohin er zu gehen hat. Geht er, so wird ihm auch rechtlichst nach dem Gesetze geholfen; denn bei uns Römern gibt es keinen Unterschleif, und es gilt der Grundsatz gleichfort: ,Justitia fundamentum regnorum!‘ (Gerechtigkeit ist aller Reiche Grundfeste!) und ,Pereat mundus, fiat ius!‘ (Es gehe die Welt aus den Angeln, so geschehe doch jedem das Recht!) Das sind bei uns Römern nicht nur so leere Redensarten, sondern Sätze, die bis jetzt noch stets allergewissenhaftigst beachtet worden sind.
GEJ|4|16|3|0|Es ist also demnach denn doch nicht unbillig, so die nach Rom Kommenden zuvor der großen Völkerstadt ein Opfer bringen, bevor sie irgendeiner kaiserlichen Gnade für würdig gehalten werden. Und es geht nun aus dem wieder hervor, daß die fünf vom Tempel Abgesandten vor siebzig nacheinanderfolgenden Tagen nicht vor den Kaiser gekommen sind und daher in sechs Wochen unmöglich eine effektive Reise von hier nach Rom und wieder zurück haben machen können. Haben sie aber das nicht tun können, so ergibt sich von selbst der sichere Rechtsschluß, daß die fünfe des Herodes Ehrenschätze an den Kaiser selbst behalten und dem herrschgierigen Vierfürsten eine nachgeäffte und somit grundfalsche Vollmacht überbracht und überreicht haben! Herodes bildet sich nun ein, größere Rechte zu besitzen, als welche er ursprünglich mit dem Vierfürstentume von Rom aus erhalten hat. Aber es soll ihm darob ehest klarster Wein kredenzet werden!
GEJ|4|16|4|0|Ja, nun ist es denn auch begreiflich, warum mir darüber von Rom aus keine wie immer geartete Anzeige gemacht worden ist! Denn mir als dem unbeschränktesten Gewaltträger Roms über ganz Asien und einen angrenzenden Teil Afrikas muß ja doch Kenntnis gegeben werden von allem, was immer da von Rom aus über Asien verfügt wird, ansonst ich eine mir unbekannte Anordnung von Rom aus, wenn sie sich irgend aktiv zu äußern begänne, als eine provinzielle Eigenmächtigkeit, also als einen Aufstand gegen Rom und seine Macht ansehen und sogleich mit allen mir zu Gebote stehenden Gewaltmitteln dagegen einschreiten müßte! Daher werdet ihr nun wohl einsehen, daß des Herodes Vollmacht falsch sein muß! Ist aber die Vollmacht falsch, so werdet ihr auch einsehen, daß ich fürs erste dem Herodes den Betrug entdecken muß und ihm fürs zweite die falsche Vollmacht abnehme, sie dem Kaiser einsende, auf daß er selbst wegen der Entheiligung seiner Person die argen Frevler bestrafe!“
GEJ|4|17|1|1|17. — Die Staatspolitik der Templer
GEJ|4|17|1|0|Sagt Zinka: „Hoher Freund! Hoher Herr! Das sehen wir alles ganz vollkommen gut ein; aber wir sehen daneben noch etwas ein, was du nicht einzusehen scheinst!“
GEJ|4|17|2|0|Sagt Cyrenius: „Und was wäre das wohl?“
GEJ|4|17|3|0|Spricht Zinka: „Die liebe Staatspolitik ist's, der zufolge nahe zu allen Zeiten und in allen Landen der Erde die Priesterschaften ein gewisses Privilegium besitzen, demzufolge sie vieles tun können, was für die andere Menschheit ein Frevel wäre. Die Priester sind kühn genug, sich den anderen Menschen als förmliche Götter aufzudrängen und das angebliche Gotteswort nach ihrem Belieben vor allen Menschen im Munde zu führen. Und kein Mensch steht wider sie auf, und selbst der Kaiser muß solch freches Spiel mit freundlichen Augen ansehen, des altangewohnten Volksaberglaubens wegen, durch den die Menschen in der gewissen gehorsam demütigen Stellung erhalten werden und sich nicht erheben wider den König des Landes, so dieser demselben zumeist schwer zu haltende Gesetze gibt und so manchen schwer zu leistenden Tribut auferlegt.
GEJ|4|17|4|0|Wird aber den Priestern gestattet, an der Stelle Gottes zu schalten und zu walten nach ihrem Belieben, so wird sich der Kaiser auch nicht gar absonderlich aufhalten, so diese Volksbetäuber im nötigen Falle manchmal heimlich oder auch öffentlich in des Monarchen Haut schlüpfen, in seinem Namen reden und sogar Gesetze erlassen, wenn sie so etwas als etwas Heilsames sowohl für den Herrscher, für seinen Staat und natürlich auch für sich erkennen, was besonders in jenen Provinzen um so verzeihlicher erscheinen muß, die von des Herrschers Residenz, wie das Judenheimatland hier, sehr weit entfernt sind.
GEJ|4|17|5|0|Wenn der Kaiser sie wegen der falschen Vollmacht heute zur Rede und Verantwortung verlangt, so werden sie es ganz und gar nicht leugnen, solches getan zu haben auch ohne allen Auftrag; aber sie werden dem Kaiser daneben auch den guten Grund anzugeben imstande sein, laut dessen sie so etwas nur zum Besten des Monarchen und seines Staates verfügt haben! Und sie werden dem Kaiser auch haarklein und sonnenhell zu beweisen suchen, warum solche Verfügung nötig war, und welch ein Nutzen dem Staate und dem Monarchen daraus erwuchs. Und der Kaiser wird sie am Ende dafür noch beloben und belohnen müssen.
GEJ|4|17|6|0|Stelle du sie heute zur Rede, und du wirst ihnen nach dem Verhöre ebensowenig anhaben können wie der Kaiser selbst und wirst am Ende noch dem Herodes die gewisse Vollmacht bestätigen müssen, so sie dir beweisen, daß so ein Akt notwendig war, um durch ihn der Herrschgier des Herodes gewisse Schranken zu setzen, ohne die er sich mit Hilfe seiner unermeßbaren Schätze und Reichtümer gar leicht geheim eine große Macht gebildet hätte, mit der er dann mit euch Römern ganz kategorisch zu reden angefangen hätte! Sie seien aber dahintergekommen und hätten sogleich durch die Erleuchtung von oben ein rechtes Mittel ergriffen, durch das Herodes pro forma ein Privilegium aus des Kaisers Willensmacht erhielt, welches er sich sonst in Kürze mit Gewalt ertrotzt haben würde. – Wenn dir die Tempelritter mit solchen Erklärungen entgegentreten, was anders kannst du da tun, als sie beloben und belohnen?“
GEJ|4|17|7|0|Sagt Cyrenius: „Das sehe ich noch nicht so ganz recht ein! Wenn Herodes einen solch bösen Plan vorhatte und ihn auch ausführen wollte, warum ward mir das nicht auf einem geheimen Wege angezeigt? Ich hätte ja doch auch die rechten Mittel ganz wohl dagegen ergreifen können! Von Jerusalem bis Sidon oder Tyrus ist es ja doch nicht gar so weit! Und endlich, – wie werden die Templer die dem Kaiser entwendeten großen Schätze und die dreißig Kamele verantworten? Ich meine, daß es ihnen damit denn doch ein wenig schwerfallen wird!“
GEJ|4|17|8|0|Sagt Zinka: „Hoher Freund, hoher Herr! Du scheinst sonst recht viel der gediegensten Staatsklugheit zu besitzen, aber hier scheinst du wieder um so unerfahrener zu sein – wie jemand, der noch nie auch nur ein Hauszepter in seiner Hand geführt hat! Um selbst dir das anzuzeigen, kann sie ein doppelter Grund abgehalten haben! Erstens: Gefahr beim Verzuge; und zweitens: Vermeidung jedes in dieser Sache gefährlichen Aufsehens! Denn wärest du davon zu früh in Kenntnis gesetzt worden, so hättest du sogleich ganz Jerusalem belagern und allersorglichst bewachen lassen; das hätte im Volke eine große Aufregung gemacht und es mit einem bittern Hasse gegen euch erfüllt. Herodes aber hätte da solch eine Stimmung gegen euch ganz gut zu benützen vermocht, wodurch ganz unberechenbare Übel hätten entstehen können!
GEJ|4|17|9|0|Dieses alles wohl berechnend und zum voraus einsehend, verfügte der Tempel aus seiner göttlichen Weisheitsfülle eben ein Etwas, wodurch ohne alles Geräusch der schlimmen Sache abgeholfen war; zur rechten Zeit aber hätten sie dich und den Kaiser so ganz sachte schon ohnehin in die Kenntnis dessen, was da geschehen ist, gesetzt, begleitet mit dem Rate, was da weiteres zu verfügen wäre. Die für den Kaiser bestimmten Schätze aber könnten sie ja ohnehin erst dann an dich übersenden, wenn sie dir die Nachricht von allem zu geben für rätlich gefunden hätten.
GEJ|4|17|10|0|Wenn du, hoher Freund und hoher Herr, ganz sicher solch eine Antwort auf einige deiner Fragen erhalten würdest, sage mir, ob du infolge einer wahren Staatsklugheit etwas anderes tun könntest, als den Templern alles Lob erteilen und sie nach dem Gesetze belohnen, wie jeder gute und ehrliche Geschäftsführer mit zehn bei hundert zu belohnen ist!“
GEJ|4|17|11|0|Sagt Cyrenius: „So ich aber für mich von der nur zu sichern großartigsten Schlechtigkeit der Templer überzeugt bin, kann ich sie da loben und belohnen auch noch dazu? Gibt es denn kein Mittel und keinen Weg, um diesen Satansbrüdern an den Leib zu kommen?“
GEJ|4|17|12|0|Sagt Zinka: „Ob Zinka oder du die argen Ritter mehr kennt und tiefst verabscheut, ist eine bedeutende Frage; wenn ich sie alle, den Tempel und ihre Synagogen mit einem Hauche vernichten könnte, glaube es mir, ich würde mich dazu nicht zwei Augenblicke lang besinnen! Aber die Sachen stehen nun einmal so, daß dir selbst ein Gott keinen andern Rat geben kann, als vorderhand zum bösen Spiele ein gutes Gesicht zu machen. Kommt nachher die Zeit, so kommt auch der Rat.
GEJ|4|17|13|0|Nach meiner Berechnung und nach der Berechnung des Johannes werden sie von jetzt an in vierzig Jahren vollkommen reif sein zum Umfällen, und ihr werdet dann ganz Judäa und ganz Jerusalem von neuem erobern und ihre Nester vom Grunde aus zerstören müssen; vor dieser Zeit aber wird sich mit gewappneter Hand wenig oder nichts gegen sie unternehmen lassen, außer das, was ich dir ehedem angeraten habe. Du kannst sie in einer Zeit fragen lassen, wie sich die bewußten Dinge und Sachen verhalten; wenn du aber den Aufschluß offenbar sogleich erhalten wirst, dann handle, wie ich dir's gesagt habe, ansonst du der Sache einen schlimmen Ausgang bereiten kannst!“
GEJ|4|18|1|1|18. — Die Lehre des galiläischen Propheten
GEJ|4|18|1|0|Sagt Cyrenius: „Freund, ich erkenne deine große Umsicht und Schlauheit, und Herodes hat sich an dir einen Advokaten erzogen, der in ganz Judäa seinesgleichen sucht! Nun bist du zwar nicht mehr herodisch, sondern römisch, und brauchst nimmer des Herodes Sache zu vertreten, sondern rein die unsrige nur, und das für uns; daher kannst du nun schon manches mehr erfahren, was sich alles hier auf diesen Punkt am Meere konzentriert hat, und weshalb so ganz eigentlich! Vor allem aber sage du mir nun, was du tun würdest, wenn nun auf einmal von irgendwoher der große galiläische Prophet käme!“
GEJ|4|18|2|0|Sagt Zinka: „Ich?! – Gar nichts; ich ließe ihn ziehen seine Wege! Besprechen wohl möchte ich mich mit ihm, um zu sehen, ob Johannes wohl recht hatte zu sagen, daß er nicht einmal würdig wäre, diesem die Schuhriemen aufzulösen! Johannes war ein höchst weiser Prophet und hatte mehr Licht denn alle die alten Propheten zusammengenommen. Nun, so aber Johannes über den Jesus aus Nazareth schon ein solches Zeugnis gibt, wie groß, wie weise und wie mächtig muß er sein!
GEJ|4|18|3|0|Weißt du, hoher Freund, wenn ich ernstlich Jesus irgend hätte aufgreifen wollen – wenn auch zum Scheine nur –, so hätte ich das schon lange tun können; denn im Grunde wußte ich doch zumeist, wo sich Jesus aufhielt! Aber es war mir wahrlich nicht darum, und aufrichtig gesagt, – ich hatte eine eigene Scheu vor diesem Manne! Denn nach dem, was ich alles von ihm gehört habe – und das von glaubwürdigen Zeugen, sogar von Samariten –, muß er ordentlich in einer Fülle irgendeiner vollendetsten Göttlichkeit – oder er muß ein ausgepickter Magier aus der altägyptischen Schule sein! In keiner Beziehung möchte ich darum mit ihm etwas Besonderes zu tun haben; denn da bekäme ich doch sicher alle Spreu ins Gesicht. Fürwahr, ich für mich nur möchte ihn sehen und sprechen, doch nur in der friedlichsten Situation; aber in diesem meinem Häscherkleide von ferne nicht einmal!“
GEJ|4|18|4|0|Frage nun Ich Selbst den Zinka und sage: „Lieber Freund, Ich bin auch einer, der den Jesus aus Nazareth so gut kennt wie Mich Selbst, kann dir aber nur das von Ihm sagen, daß Er keines Menschen Feind ist, sondern ein Wohltäter aller, die zu Ihm kommen und Hilfe bei Ihm suchen. Er ist zwar wohl ein Feind der Sünde, aber nicht des Sünders, der seine Sünde bereut und demütig zum Guten zurückkehrt. Von Ihm ist noch kein Mensch gerichtet und verurteilt worden, und wären seiner Sünden mehr gewesen als des Sandes im Meer und des Grases auf der Erde.
GEJ|4|18|5|0|Seine Lehre aber besteht ganz kurz darin, daß der Mensch Gott erkenne und Ihn über alles liebe und seinen Nebenmenschen, was und wer er auch sei, hoch oder nieder, arm oder reich, männlich oder weiblich, jung oder alt, ebenso liebe wie sich selbst. Wer das allezeit tue und meide die Sünde, der werde es jüngst in sich erfahren, daß solch eine Lehre wahrhaft aus Gott ist und nicht gekommen ist aus dem Munde eines Menschen, sondern aus dem Munde Gottes; denn kein Mensch könne wissen, was er tun solle, um zu erlangen das ewige Leben, und worin dieses bestehe. Solches wisse nur Gott, und am Ende auch der, welcher es aus dem Munde Gottes vernommen habe.
GEJ|4|18|6|0|Er lehret auch, daß alle Menschen, die das ewige Leben erreichen wollen, von Gott gelehret sein müssen; die da nur von Menschen es vernehmen, was sie tun sollen, die sind noch ferne dem Reiche Gottes. Denn sie hören wohl die Worte einer sterblichen Zunge entgleiten; aber wie die Zunge, die die Worte gab, sterblich ist, so ist es dann auch das Wort in dem Menschen, der es vernommen hat. Er achtet nicht darauf und macht es durch keine Tat lebendig. Aber das Wort, das aus dem Munde Gottes kommt, ist nicht tot, sondern lebendig, beweget des Menschen Herz und Willen zur Tat und macht dadurch den ganzen Menschen lebendig.
GEJ|4|18|7|0|Ist aber einmal der Mensch durch das Gotteswort lebendig geworden, so bleibt er dann lebendig und frei für ewig und wird keinen Tod je mehr irgend fühlen und schmecken, – und könnte er auch dem Leibe nach tausendmal sterben!
GEJ|4|18|8|0|Siehe, Freund, das ist so in aller Kürze der Kern der Lehre des großen Propheten aus Nazareth! – Sage es uns, wie er dir gefällt, und was du dann von dem großen Propheten hältst!“
GEJ|4|19|1|1|19. — Zinkas Ansicht über die Lehre Jesu
GEJ|4|19|1|0|Zinka denkt hier ein wenig nach und sagt nach einer Weile: „Lieber Freund! Gegen solch eine Lehre, obschon sie etwas Gewagtes ist, läßt sich durchaus nichts einwenden; sie ist, wenn es überhaupt einen Gott gibt, der Sich um die Sterblichen irgend ein wenig nur kümmert, offenbar göttlicher Natur! Es haben zwar wohl auch andere große Weise den Grundsatz aufgestellt, daß die reine Liebe der Grundkeim alles Lebens sei, und daß die Menschen die Liebe am meisten pflegen sollten, weil nur aus der Liebe den Menschen jegliches Heil erblühen könne; aber sie erklärten das reine Wesen der Liebe nicht. Es ist aber die Liebe so viel gut- und auch bösseitig, und man weiß am Ende nicht, welche Seite der Liebe man denn eigentlich als heilbringend pflegen soll.
GEJ|4|19|2|0|Hier aber ist es sonnenhell ausgedrückt, welche Art der Liebe der Mensch pflegen und zu seinem Lebensprinzip machen soll. Somit kann solch eine Lehre freilich wohl ursprünglich von keinem Menschen herrühren, sondern nur von Gott, und beweist unter einem, daß es einen Gott denn doch gibt. Nun, nun, ich bin dir, du lieber, mir ganz unbekannter hoher Freund – seist du etwa auch ein Heide – von ganzem Herzen dankbar; denn du hast mir nun, wie auch meinen nicht auf den Kopf gefallenen Freunden, einen großen Dienst erwiesen! Wir waren gewisserart alle mehr oder weniger gottlos; nun aber kommt es mir wenigstens vor, daß wir den verlorenen Gott wieder aufgefunden haben, was mir sehr erfreulich und angenehm ist.
GEJ|4|19|3|0|Johannes gab sich zwar auch alle Mühe, mich vom Dasein eines ewigen Gottes zu überzeugen; aber es wollte ihm die Sache dennoch nicht gelingen. Ich wußte ihm ganz gehörig zu begegnen, und er löste mir alle meine Zweifel nicht, und so blieb ich denn auch in meinen alten Zweifeleien stecken bis zu diesem Augenblick. Aber nun ist es mit aller Zweifelei auf einmal aus!
GEJ|4|19|4|0|Merkwürdig! Ja, ja, also ist es: So jemand das rechte Tor in einen Irrgarten nicht findet, der kommt nicht zum Palaste des Königs, der in der weiten Mitte des großen Irrgartens seine bleibende Wohnstätte errichtet hat; du aber hast mir nun das rechte Tor gezeigt und geöffnet, und es ist also nun ein leichtes, in aller Kürze bis in des großen und ewigen Königs Palast zu dringen.
GEJ|4|19|5|0|Sage mir aber nun auch zur Güte, wo denn du das hohe Glück hattest, mit dem großen Manne zusammenzukommen! Sicher ist er kein Magier, sondern ein mit höheren Gotteskräften ausgerüsteter Mensch; denn das bezeiget seine wahrhaft göttliche Lehre! Sage mir sonach, wo du ihn gesprochen hast! Ich möchte selbst hin und aus seinem Munde solche lebendigen Heilsworte vernehmen.“
GEJ|4|19|6|0|Sage Ich: „Bleibe du nun nur hier; im kurzen Verlaufe noch nachfolgender Besprechungen wirst du Ihn von selbst finden! Auch ist es nun schon bei einer guten Stunde über den Mittag. Unser guter Wirt Markus ist bereits mit dem Mittagsmahle fertig, und es wird sogleich aufgetragen werden; nach der Mahlzeit aber werden wir noch sehr viel Zeit finden, über allerlei miteinander zu verkehren. Du bleibst an unserem Tische, – deine neunundzwanzig Gefährten aber sollen sich nebenan setzen!“
GEJ|4|19|7|0|Markus bringt nun die Speisen. Als die Speisen auf den Tischen waren, fiel es dem Zinka auf, daß so viele große Tische von wenig Menschen auf einmal wie mit einem Schlage mit Speisen und Weinbechern vollbesetzt waren.
GEJ|4|19|8|0|Er (Zinka) fragte den neben ihm sitzenden Ebahl, sagend: „Freund, sage mir gefälligst, wie denn nun auf einmal auf so viele und große Tische eine solche Masse von Speisen hat können hergeschafft werden, und das von nur sehr wenig Menschen! Wahrlich, es nimmt mich das im höchsten Grade wunder! Da möchte ich schon nahe behaupten, daß es hier nicht ganz mit natürlichen Dingen zugeht! Hat denn der alte Wirt etwa so ganz geheime dienstbare Geister, die ihm bei solchen Geschäften helfen?“
GEJ|4|19|9|0|Sagt Ebahl: „Du wirst nicht immer achtgegeben haben, dieweil du in dein Gespräch sehr vertieft warst, unter welcher Zeit dann, ohne von dir sonderheitlich bemerkt zu werden, denn auch die vielen Tische gar leicht mit Wein und Speisen haben können besetzt werden. Ich habe zwar selbst nicht darauf achtgegeben; aber geradewegs unnatürlich wird es etwa doch nicht hergegangen sein!“
GEJ|4|19|10|0|Sagt Zinka: „Freund, glaube es mir, ich kann in irgendein Gespräch noch so sehr vertieft sein, so wird um mich herum doch nichts geschehen können, das ich nicht gesehen hätte, und ich weiß es ganz bestimmt, daß vor wenigen Augenblicken noch auf keinem Tische eine Brosame sich befand, – und nun beugen sich die Tische vor lauter Eßwaren! Erlaube du mir, da wird denn für einen Menschen mit Herz und Verstand doch wohl eine Frage erlaubt sein, zumal man ein Fremdling ist!? Es ist nun schon eins, ob mir darüber jemand einen rechten Aufschluß gibt oder nicht; aber dabei bleibe ich, daß es hier durchaus nicht mit ganz natürlichen Dingen zugeht! Sieh auf meine neunundzwanzig Gefährten hin, die untereinander ganz denselben Gegenstand verhandeln; nur ihr alle, die ihr nun schon vielleicht mehrere Male hier gespeiset habt, seid ganz gleichgültig bei dieser Geschichte, weil ihr schon wisset, wie es hier zugeht! Aber es macht das alles nichts, – ich werde später schon noch hinter dieses Geheimnis kommen!“
GEJ|4|20|1|1|20. — Zinkas Staunen über das Tischwunder
GEJ|4|20|1|0|Hier steht Zinka, der ein sehr großer Mensch war, auf und sieht sich nach allen Tischen um, die natürlich durchgehends mit Schüsseln voll der bestzubereiteten Fische besetzt sind, und mit Brotlaiben und mit sehr vielen Bechern und Krügen des besten Weines; und er bemerkt auch, daß alle Gäste bereits wacker zugreifen, ohne daß da an den vielen Tischen ein Wenigerwerden der Speisen bemerkbar würde. Kurz, unser Zinka wird, je länger er seine Betrachtungen anstellt, desto verblüffter, so daß es ihm am Ende schon ordentlich zu schwindeln anfängt. Nur ein ziemlicher Hunger und der gute Geruch der Speise nötigen ihn, sich zu setzen und auch zu essen anzufangen.
GEJ|4|20|2|0|Ebahl legt ihm den besten und größten Fisch vor und bezeichnet ihn als eine der edelsten Gattungen des Sees von Tiberias; denn also hieß des Galiläischen Meeres große Bucht in der ziemlich weiten Umgegend von Cäsarea Philippi. Zinka ißt den Fisch mit stets größerem Eifer, da er ihm überaus wohl schmeckt, schont dabei das honigsüß schmeckende Brot nicht und begrüßt auch fleißig den vollen Becher, der aber darum nicht um ein bedeutendes leerer werden will, wie er auch mit dem Fische nicht fertig werden kann, obschon er sich dabei recht wacker tummelt.
GEJ|4|20|3|0|Wie es aber ihm ergeht, so ergeht es auch seinen Gefährten. Sie möchten alle recht heiter und munter und sehr gesprächig werden, aber die stets wachsende Verwunderung über die seltenen Erscheinungen bei diesem Gastmahle läßt ihnen keine Zeit dazu; denn es sind das für sie Erscheinungen, von denen sie früher noch nie etwas erlebt haben. Also sind sie auch schon satt, wie sich's gehört, – aber dennoch reizt sie der Wohlgeschmack der Fische, des Brotes und des Weines zu stets neuem Genusse; auch das begreifen sie nicht, wie solches komme.
GEJ|4|20|4|0|Zinka fragt endlich den Cyrenius und nötigt ihn, es zu sagen, wie sich alles das verhalte.
GEJ|4|20|5|0|Cyrenius aber antwortet, sagend: „Wenn die Mahlzeit vorüber sein wird, dann wird es auch an der Zeit sein, über so manches zu reden; für jetzt aber iß und trinke du nur nach Herzenslust!“
GEJ|4|20|6|0|Sagt Zinka: „Freund und mein hoher Herr und Gebieter! Ich war in meinem ganzen Leben kein Schlemmer; so ich aber noch lange um dich sein werde, da werde ich sicher einer! Ich begreife nur nicht, wo ich hinesse und – trinke!? Ich bin satt und mein Durst ist gestillt, und dennoch kann ich nun noch in einem fort essen und trinken! Und der Wein ist besser und geistiger denn jeder, den ich je irgend zu trinken bekommen habe; aber es nützt das nichts, ich bekomme dennoch keinen Rausch!
GEJ|4|20|7|0|Ich bleibe einmal dabei, daß es hier nicht mit natürlichen Dingen zugeht! In dieser großen Gesellschaft muß ein großer Magier stecken und tut hier damit ein Zeichen seiner unbegreiflichen Wunderkraft! Oder wir befinden uns etwa gar in der Nähe jenes großen Propheten, den ich mit meinen neunundzwanzig Gefährten gesucht habe!? Wenn das der Fall wäre, dann müßte ich dich, hoher Freund und Gebieter, wohl alleruntertänigst bitten, uns dreißig von dannen ziehen zu lassen, wohin du uns immerhin haben wolltest, oder du müßtest uns wieder binden lassen; denn käme uns der Prophet geradeso in den Wurf, so müßten wir, des dem Herodes geleisteten schweren Eides wegen, unsere Hände an ihn legen. Es würde uns das zwar nichts nützen, und dennoch müßten wir das des Eides wegen wagen zu unserem Verderben!“
GEJ|4|20|8|0|Sagt Cyrenius: „Was, – woher dieses?! Wo und in welchem Gesetze steht es denn geschrieben, daß ein schlechter, gezwungener und verdammlicher Eid gehalten werden soll?! Dein Eid hebt sich nun aber auch schon dadurch von selbst auf, daß du mein Gefangener bist samt deinen neunundzwanzig Gefährten! Von nun an heißt's ja doch das tun, was ich und meine mir untergebenen Feldherrn dir gebieten werden, und ewig nimmer, was euch euer dummer Herodes geboten hat! Eures schlechten Eides seid ihr enthoben für alle Zeiten und für ewig!
GEJ|4|20|9|0|Käme da nun der große Prophet auch von irgendwoher in unsere Mitte, so dürfte es aus euch ja niemand wagen, ihn mit einem Finger anzutasten; wer es aber seines dummen Eides wegen dennoch täte, dem soll alle Schwere des römischen Ernstes zuteil werden!
GEJ|4|20|10|0|Mein Freund Zinka, ich hielt dich ehedem laut deiner wahrlich geistreichen Äußerungen für einen recht weisen Menschen; durch diese letzte Enthüllung deines Verstandes aber hast du bei mir sehr viel verloren! War denn das Frühere alles nur eine Verstellung von dir?“
GEJ|4|20|11|0|Sagt Zinka: „Nein, nein, durchaus nein, du hoher Herr und Gebieter! Ich und wir alle denken und wollen nun gerade also, wie wir früher gedacht, gewollt und geredet haben; aber du mußt es ja doch einsehen, daß man bei derlei Erscheinungen, wie sie hier vorgekommen sind und noch immer vorkommen, als ein Mensch von doch einiger Gewecktheit Großaugen zu machen anfangen und am Ende in seinem ganzen Denken, Wollen, Reden und Handeln ein wenig verlegen und verwirrt werden muß!
GEJ|4|20|12|0|Hätte ich je so etwas gesehen, so würde auch ich hier mich sicher so ruhig wie ihr alle verhalten haben; aber mein weiser Nachbar sagte zuvor kaum, daß das Mittagsmahl kommen werde, und siehe, in ein paar Augenblicken darauf bogen sich schon alle Tische von der Last der auf sie gestellten Speisen und Getränke! Es kann schon irgendeine künstliche Vorrichtung bestehen, mit deren Hilfe so eine Arbeit etwas schneller als gewöhnlich verrichtet werden kann; aber so schnell!? Da dürfte wohl keine mechanische Vorrichtung ausreichen! Kurz, sage mir da einer, was er will, und ich bleibe dabei und sage: Das war entweder eine außerordentliche Zauberei oder ein vollkommenes Wunder!
GEJ|4|20|13|0|Du, hoher Freund und Herr, hast leicht ruhig sein, weil du sicher den Grund davon kennst; aber bei uns ist das eine ganz andere Sache! Da sieh nur den Fisch an, den ich nun noch verspeise! Ich habe davon schon über und über gegessen, und noch ist die bei weitem größere Hälfte übrig! Ich bin vollkommen satt und kann doch gleichfort essen! Hier mein Becher, aus dem ich doch schon mehr denn ein volles Maß (sieben Seidel) mag getrunken haben, und sieh her, – kaum drei Finger stehet der Wein unter dem Rande! Ja, das kann man denn doch nicht als ein denkender Mensch so ganz gleichgültig hinnehmen, als wäre daran sozusagen gar nichts! Ich bin hier dein Gefangener und kann von dir keine Aufklärung dieser wunderbaren Erscheinung fordern; aber bitten kann und darf ich ja doch wohl? Ich bat euch aber darum, und ihr beschiedet mich aufs Warten!
GEJ|4|20|14|0|Das Warten wäre schon recht, so in mir statt einer wißbegierigen Seele ein toter Stein seine Trägheit pflegete; aber meine Seele ist kein Stein, sondern ein stets nach Licht dürstender Geist. Seinen Durst löscht kein kühler Labetrunk, sondern ein erklärend Wort, das aus dem Munde eines schon getränkten Geistes kommt. Ihr habt dieses ätherischen Getränkes in Hülle und Fülle und seid getränkt bis über den Hals; aber mir, dem Heißdurstigen, wollet ihr von eurem Überflusse auch nicht einen Tropfen auf meine glühende Zunge träufeln lassen! Sehet, das aber ist es eben, was mich nun am meisten bekümmert und am meisten meine Sinne verwirrt macht! Wenn ich unter solchen Umständen so ein wenig konfus werde, – kann das, hoher Freund, dich wohl wundernehmen?
GEJ|4|20|15|0|Aber nun nichts mehr von alldem! Ich werde darob in mir selbst nun schon ganz ordentlich voll Ärgers und lasse diese ganze Wunderbarkeit einen guten Mann sein! Der Mensch soll nicht alles wissen und braucht auch nicht alles zu wissen! Zur nötigen Erwerbung des täglichen Brotes braucht der Mensch gar nicht viel zu lernen, zu erfahren und zu wissen. Ein rechter Narr, der darüber hinausstrebt! Darum nun nur gegessen und getrunken, solange etwas da ist! Darf ich nichts wissen, so will ich lieber nichts wissen! Denn was man selbst will, erträgt man leicht; nur des Fremden Wille ist für jede ehrliche Seele schwer zu verdauen. Von nun an könnet ihr alle darin ganz unbesorgt sein, von mir je wieder mit irgendeiner Frage belästigt zu werden!“
GEJ|4|20|16|0|Mit diesen Worten verstummte Zinka, aß seinen Fisch ganz ruhig fort und nahm dazu öfters Brot und Wein; auch seine Gefährten taten dasselbe und kümmerten sich wenig um das, was um sie herum geschah, oder was da irgend gesprochen wurde.
GEJ|4|21|1|1|21. — Das Wesen des Wissensdurstes. Vom rechten Singen
GEJ|4|21|1|0|Cyrenius aber fragte Mich geheim, was da nun mit diesem Menschen zu machen sein werde.
GEJ|4|21|2|0|Ich aber sagte: „Noch recht viel! Die werden uns auch ganz tüchtige Rüstzeuge werden; aber nun tut ihnen ein wenig Ruhe sehr not, und Ich ließ sie darum in diesen Gleichgültigkeitszustand kommen.
GEJ|4|21|3|0|Glaube du Mir! Eine Seele, die einmal nach einem höheren Wissen dürstet, begibt sich nicht so leichten Kaufes in die volle Trägheit! Es geht da einer solchen Seele wie einem jungen Verlobten, der in die erwählte Maid so recht sterbensverliebt ist. Die Maid aber, weil sie eine Maid und keine ehrsame Jungfrau ist, nimmt es mit der Liebe ihres Angelobten um vieles leichter und denkt sich: ,Ist's der nicht, so gibt es noch eine Menge anderer!‘
GEJ|4|21|4|0|Solches erfährt aber nach einer Weile der Angelobte und wird dabei sehr trüben Herzens. Er nimmt sich voll Ärgers und Grimmes nun ganz ernstlich vor, an die treulose Dirne gar nie mehr zu denken; aber je mehr er sich's vornimmt, desto mehr denkt er an sie und wünscht sich's heimlich, daß all das Schlimme, was er von der Maid vernommen durch fremden Mund, eine barste Lüge sein möchte.
GEJ|4|21|5|0|Doch er sieht endlich die Maid ihm angesichts mit einem andern verkehren! Da möchte er heimlich vor Zorn gerade zerbersten und will mit aller Gewalt der Treulosen nicht mehr gedenken; aber da zerplagen ihn so recht glühheiße Gedanken also, daß neben ihnen gar kein anderer gesunder Gedanke mehr Raum findet. Tag und Nacht hat er keine Rast und keine Ruhe; er seufzt und weint oft bitterlich und verwünscht die Treulose.
GEJ|4|21|6|0|Ja, warum aber doch das alles? Hatte er sich's nicht fest vorgenommen, der Nichtswürdigen nimmer zu gedenken?
GEJ|4|21|7|0|In seiner Qual aber kommt dann ein rechter Freund zu ihm und sagt: ,Freund, du tust deiner Angelobten denn doch ein wenig unrecht! Siehe, mit ihrem scheinbaren Leichtsinn hat sie nur deine Liebe erforschen wollen; denn sie wußte und mußte es wissen, daß sie eine arme Maid ist und du aber im Reichtume steckst. Sie begriff ja kaum die Möglichkeit, daß du sie je zum ordentlichen Weibe nehmen könntest; sie hielt deine ihr angelobte Liebe mehr denn zur Hälfte für eine Fopperei und gedachte dir vor der vollen Handreichung ein wenig auf den Zahn zu fühlen, ob du sie wohl also liebst, wie deine Worte lauteten! Denn zu oft lehrte die armen Maiden die traurige Erfahrung, daß solch reiche Jungen, wie du einer bist, mit den armen Maiden ein loses und lockeres Spiel trieben. Deine Maid aber hat nun gesehen, daß du es doch ernst mit ihr gemeint hast, und liebt dich darum mehr, als du je glauben könntest; seit sie dir die Liebe angelobt hat, ward sie dir im Herzen auch nicht mehr ungetreu. – Nun weißt du, blinder Eiferer, wie du mit ihr stehst! Tue nun, was du willst!‘
GEJ|4|21|8|0|Meinst du, Cyrenius, wohl, der so tief verletzte Liebhaber werde nun von der armen, aber schönsten Maid nichts mehr hören und sehen wollen, wie er sich's vornahm? O mitnichten! Die Rede seines Freundes war ihm das liebste, und er konnte den Augenblick kaum erwarten, in welchem er seiner Geliebten seine Hand für immer reichen würde.
GEJ|4|21|9|0|Und also wird es auch unserem Zinka ergehen! Er ißt und trinkt zwar nun, als kümmere ihn das Wunderbare gar nicht mehr; aber in seinem Innern ist er nun damit um vieles beschäftigter, als er es je früher war. Darum deshalb keine Sorge!
GEJ|4|21|10|0|Ich kenne die Menschen alle und weiß, was da alles in ihren Herzen vorgeht. Zudem geht auch nur von Mir die Lenkung der Gefühle im Herzen aus; wo es nötig ist, da weiß Ich, was Ich zu tun habe. Seien wir darum nun guter Dinge und essen und trinken, was da vorgesetzt ist; denn wir benötigen für heute nachmittag etwas mehr Leibesstärkung und werden spät ans Abendmahl kommen!“
GEJ|4|21|11|0|Alles ist nun recht heiter und froh, und viele loben Gott den Herrn. Einige fingen sogar an zu singen; aber es war außer dem Herme kein ordentlicher Sänger da. Dieser aber ward von mehreren angegangen, daß er etwas sänge; er wollte aber nicht recht daran, denn er fürchtete die Kritik der feinohrigen Römer, und ließ sich darum sehr bitten.
GEJ|4|21|12|0|Er (Herme) aber sprach: „Meine Freunde und Herren! Gott dem Herrn singe ich ein Lied im Herzen; der Herr Israels vernimmt es sicher mit Wohlgefallen! Sänge ich dasselbe Lied laut vor euren Ohren, so würde es euch wegen einiger vielleicht unreiner Töne nicht gefallen. Das würde dann mich mit Scham und Ärger erfüllen, was weder für mich noch für euch gut wäre; darum singe ich das Herzenslied lieber nicht laut, sondern ganz still im Herzen. Dem es gilt, der versteht es sicher!“
GEJ|4|21|13|0|Sage Ich: „Hast recht, Herme, singe du also nur gleichfort in deinem Herzen! Dieser Gesang klingt in den Ohren Gottes um vieles angenehmer als ein lautes, sinnloses Geplärr, durch das nur das fleischliche Ohr gekitzelt wird, das Herz aber dabei kalt und ungerührt bleibt.
GEJ|4|21|14|0|Wenn bei Gelegenheiten aber schon auch äußerlich gesungen wird, so soll das erst dann geschehen, wenn das Herz vom Gefühle der Liebe schon derart übervoll ist, daß es sich durch des Mundes Stimme muß Luft zu machen anfangen, um gewisserart nicht zu ersticken in der zu mächtigen Liebeaufwallung zu Gott. Dann freilich ist auch der äußere Gesang Gott wohlgefällig; aber er soll mit einer reinen Stimme gesungen sein, welche das Gemüt noch mehr erhebt.
GEJ|4|21|15|0|Denn eine unreine und nicht wohlklingende Stimme ist wie ein trübes Sumpfwasser, auf eine lodernde Flamme gegossen! Die Folge davon kann sich ein jeder aus euch leicht von selbst denken.“
GEJ|4|21|16|0|Als Ich über den Gesang diese Erklärung machte, sagte die liebliche Jarah zu Mir: „Aber Herr, wie wäre es denn – weil wir nun schon gar so heiter beisammensitzen –, wenn uns der Raphael etwas vorsänge?“
GEJ|4|21|17|0|Sage Ich, gleichsam scherzend, zu ihr: „Gehe ihn darum an! Vielleicht tut er dir zum Gefallen so etwas. Ich werde natürlich nichts dagegen sagen und haben.“
GEJ|4|21|18|0|Die Jarah packt nun gleich den Raphael und ersucht ihn dringend, daß er etwas sänge.
GEJ|4|21|19|0|Und der Raphael sagt: „Du hast wohl noch keinen Begriff, wie unsereins singt; das aber sage ich dir zum voraus, daß du meine Stimme nicht lange ertragen wirst, weil sie zu ergreifend klingt und auch klingen muß, da sie durch zu reine Elemente gebildet wird. Dein Fleisch hält den Klang meiner Stimme gar nicht aus; wenn ich dir eine Viertelstunde vorsinge, so stirbst du vor lauter Anmut des Klanges meiner mit nichts auf der Erde vergleichbaren Stimme! Verlange nun, wenn du, Holdeste, mich singen hören willst, und ich werde singen; aber welche Wirkung mein Gesang auf dein Fleisch machen wird, weiß ich dir kaum vorauszubestimmen!“
GEJ|4|21|20|0|Sagt die Jarah: „So singe doch zum wenigsten einen einzigen Ton; der wird mich doch sicher nicht umbringen oder gar töten!“
GEJ|4|21|21|0|Spricht Raphael: „Gut, so will ich dir denn nur einen Ton singen, und es sollen ihn alle hören, die hier sind, und die auch in ziemlicher Ferne von hier wohnen, auf daß sie forschen sollen, welch einen Klang sie vernommen haben! Aber ich selbst muß mich dazu einige Augenblicke lang vorbereiten! Mache dich nur gefaßt darauf; denn auch der eine Ton wird für dich von einer ungeheuren Wirkung sein!“
GEJ|4|22|1|1|22. — Raphael als Sänger
GEJ|4|22|1|0|Diese Worte vernimmt natürlich auch unser Zinka und fragt den neben ihm sitzenden Ebahl: „Ist jener holde Junge wohl so ein Kapitalsänger? Hast du ihn schon einmal gehört?“
GEJ|4|22|2|0|Sagt Ebahl: „Er sagt es; ich aber habe ihn wohl schon oft reden, doch singen noch niemals gehört und bin darum auf seinen einen Ton selbst sehr neugierig!“
GEJ|4|22|3|0|Spricht Zinka: „Woher ist er denn, und wer ist jenes Mädchen?“
GEJ|4|22|4|0|Antwortet Ebahl: „Der Junge ist bei mir in Genezareth zu Hause, und das Mädchen ist meine leibliche Tochter. Sie ist erst fünfzehn Jahre alt, hat aber die ganze Schrift im Kopfe und im Herzen, – und der Junge ebenfalls und ist vorderhand Lehrer in meinem Hause. Ich kenne ihn also sehr gut! Aber von dem, daß er ein so außerordentlicher Sänger sei, wußte ich bis zur Stunde nicht eine Silbe; ich bin darum nun selbst sehr neugierig auf seinen Ton.“
GEJ|4|22|5|0|Als Ebahl dieses ausgesprochen, sagte Raphael: „Nun horchet und passet wohl auf!“
GEJ|4|22|6|0|Daraufhin vernahmen alle wie aus weiter Ferne einen zwar sehr schwachen, aber so unbeschreibbar reinsten Ton, daß sie alle in eine Entzückung gerieten und Zinka in einem großen Enthusiasmus ausrief: „Nein, so singt kein irdischer Sänger! So kann nur ein Gott singen oder mindestens ein Engel Gottes!“
GEJ|4|22|7|0|Der Ton aber ward nach und nach stärker, lebensvoller und mächtiger. In der größten Kraft wie von tausend Posaunen ausgehend, klang er wie ein Quartsextakkord in Des-Moll, von der kleinen in die eingestrichene Oktave mit der Wiederholung der Oktave reichend, nahm darauf wieder ab und verlor sich am Ende wieder in ein schwächstes As (eingestrichen) von nie vernommener Reinheit.
GEJ|4|22|8|0|Alle waren von diesem einen Tone so entzückt, daß sie in eine Art Betäubung ihres Sinnenlebens übergingen und sich in einer gewissen Ohnmacht befanden. Der Engel mußte sie erst alle wieder auf Meinen Wink beleben.
GEJ|4|22|9|0|Alle erwachten darauf wie aus einem seligsten Traume, und Zinka, voll Enthusiasmus, stürzte auf den Raphael zu, umarmte ihn mit aller Gewalt und sagte: „Junge! Du bist kein Sterblicher! Du bist entweder ein Gott oder ein Engel! Ja, mit dieser Stimme mußt du ja auch die Toten erwecken und alle Steine beleben können! Nein, nein, nein! So einen überhimmlischen Klang hat wohl noch niemals irgendein Sterblicher auf der ganzen Erde vernommen! O du überhimmlischer Junge du! Wer lehrte dich denn solche Töne aus deiner Kehle erklingen machen?!
GEJ|4|22|10|0|Oh, ich bin ganz weg! Noch zittern alle meine Lebensfibern von der unbeschreiblichen Schönheit und Reinheit dieses Eintons! Mir kam es nicht einmal vor, als hättest du den unerhört reinsten Ton aus deiner Kehle entwickelt, sondern so kam es mir vor, als hätten sich alle Himmel aufgetan und eine Harmonie aus dem Munde Gottes wäre über die tote Erde ausgegossen worden!
GEJ|4|22|11|0|O Gott, o Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, – Du bist kein leerer artikulierter Mundlaut! Du bist allein die Wahrheit und die reinste, ewige Harmonie! Ach, dieser Ton, dieser Ton! Ja, dieser Ton gab mir alles Verlorene, er gab mir meinen Gott, meinen heiligen Schöpfer und Vater wieder; er war für mein Gemüt ein reinstes Evangelium aus den Himmeln! Was vielleicht tausend und abermals tausend Worte nicht vermocht hätten, das bewirkte dieser eine Ton aus den Himmeln; er hat an mir einen Menschen vollendet! Mein ehedem steinernes Herz ist wie Wachs an der Sonne und so zartfühlend wie ein hängender Tautropfen!
GEJ|4|22|12|0|O Johannes, dessen Todesverkünder ich mit dem gebrochensten Herzen sein mußte! Hättest du solch einen Ton im letzten Augenblick deines irdischen Seins vernommen, wahrlich, dir müßte des Leibes Tod zur lichtumstrahlten Pforte in die Himmel Gottes geworden sein! Aber in dem dunklen Kerker, der dich Geheiligten Gottes barg, hörte man nur Töne des Jammers, der Not und der Trauer!
GEJ|4|22|13|0|O Menschen, Menschen, Menschen! Wie arg muß es in euren Herzen und wie finster in euren armen Seelen aussehen, die ihr das nicht vernommen habt, was ich nun vernommen habe, und das auch nicht fühlen könnet, was ich nun fühle und zeit meines Lebens fühlen werde! O du großer, heiliger Vater im Himmel, der Du ein vollebenswarmes Flehen auch eines Sünders niemals unerhört gelassen hast, – wenn ich dereinst von dieser Kummer- und Totenwelt scheide, dann lasse mich ein paar Augenblicke zuvor noch einmal einen solchen Ton vernehmen, und ich werde allerseligst diese Erde verlassen, und meine Seele soll darauf ewig loben Deinen allerheiligsten Namen!“
GEJ|4|23|1|1|23. — Der Verkehr mit Gott durch das innere Wort im Herzen
GEJ|4|23|1|0|Nach diesen schönen und aller Anwesenden Gemüter tief erbauenden Exklamationen des Zinka sagte die Jarah: „O Raphael, Raphael! Welch ein ganz anderes Wesen bist du nun, als du vormals warst! Du hast mir ja ganz mein Herz zerbrochen! Ach, hättest du den Ton doch lieber gar nicht gesungen!“
GEJ|4|23|2|0|Sagt Raphael: „Warum hast du mich dazu genötigt?! Ich wollte es ja eigentlich ohnehin nicht; aber da ich den Ton nicht mehr zurücknehmen kann, so macht das gerade auch nichts! Denke dabei, daß in den Himmeln Gottes alles diesem Tone gleichen muß, so wirst du dich für die Folge desto ernster bestreben, dein Leben so einzurichten, daß es in allen seinen Erscheinungen, Wirkungen und Einrichtungen diesem einen Tone gleicht; wessen Leben aber nicht diesem Tone gleichen wird, der wird in das Reich der ewigen und reinsten Liebe nicht eingehen.
GEJ|4|23|3|0|Denn der vernommene Ton ist ein Ton der Liebe und ein Ton der höchsten Weisheit in Gott! Merke dir das nur so recht gut und handle, daß du ganz dem vernommenen Tone gleich wirst, so wirst du in aller Liebe und Weisheit gerecht sein vor Gott, der dich zu einer rechten Braut des Himmels erkoren hat und hat darum mich dir zum Führer verordnet!
GEJ|4|23|4|0|Was aber hier nun geschieht, das geschieht vor Gott und vor Seinen Himmeln; aber für diese Welt geschieht das nicht, denn diese würde so etwas nimmer fassen; darum wird davon die Welt auch wenig oder nichts erfahren, und wird auch von diesem Tone nichts erfahren. Siehe aber an die Menschen an den anderen Tischen, wie sie allerlei urteilen und in einen ordentlichen Streit geraten; aber lassen wir sie urteilen und streiten untereinander! Sie werden doch alle miteinander nichts herausbringen; denn dies begreift nimmer ein Weltverstand!
GEJ|4|23|5|0|Der Herr verweilet hier schon mehrere Tage; aber der morgige wird der letzte sein! Was nachher geschehen wird, weiß niemand als nur der Herr allein. Darum erfülle du dein Herz mit aller Liebe und Demut und behalte verborgen in deinem Herzen, was du hier als Besonderes und Außerordentliches gehört und gesehen hast; denn dieses den Weltmenschen wiedererzählen, hieße die edelsten und größten Perlen den Schweinen vorwerfen, was den Weltmenschen nichts nützen würde. Dies alles mußt du dir wohl merken und so tun, so wirst du ein nützliches Werkzeug in der Hand des Herrn werden im Himmel und auf Erden. – Hast du dir das wohl alles gemerkt?“
GEJ|4|23|6|0|Sagt die Jarah: „O liebster Raphael! Gemerkt habe ich mir wohl alles; aber angenehm ist das gerade nicht, was du mir nun kundgemacht hast, – namentlich die von dir mir schon für morgen angekündigte Abreise des Herrn von hier! Du weißt, wie sehr und wie über alles ich Ihn liebe! Wie wird es mir ergehen, so ich Ihn nicht mehr werde sehen, hören und mit Ihm nicht mehr werde sprechen können?!“
GEJ|4|23|7|0|Sagt Raphael: „Es wird dir ganz gut gehen, denn wirst du Ihn auch nicht sehen, so wirst du Ihn doch allzeit hören und sprechen können; denn so du Ihn fragen wirst im Herzen, da wird Er dir auch antworten durchs Herz.
GEJ|4|23|8|0|Sieh, was müssen denn wir tun!? Ich bin nun, wie du siehst, hier; wenn es aber der Herr will, muß ich eiligst zu einer von hier entferntesten Welt mich begeben und dort so lange verbleiben, als es nach der Ordnung des Herrn notwendig ist. Glaube es mir, daß wir da von der persönlichen Gegenwart des Herrn gewiß oft sehr ferne sind, – aber von der geistigen gar nicht; denn da sind wir beständig in Gott, also wie auch Gott in uns ist und wirket Seine nie ermeßbar großen Taten.
GEJ|4|23|9|0|Wer Gott den Herrn wahrhaft liebt, der ist beständig bei Gott und in Gott. Und will er von Gott etwas hören und wissen, so frage er Ihn im Herzen, und er wird durch die Gedanken des Herzens auch sogleich eine vollste Antwort bekommen, und es kann sogestaltig jeder Mensch von Gott allzeit und in allen Dingen belehret und gelehret werden. Du ersiehst daraus, daß man nicht immer auch zu schauen vonnöten hat, um glückselig im Herrn zu sein, sondern nur zu hören und zu fühlen, – und man hat dann auch alles, was zur wahren Seligkeit in Gott nötig ist.
GEJ|4|23|10|0|Siehe! Auch ich werde nicht stets sichtbar um dich sein; aber du wirst mich in deinem Herzen nur zu rufen haben, und ich werde bei dir sein und werde dir antworten durch deines Herzens zwar sehr leise, aber dennoch überdeutlich vernehmbare Gedanken. Hast du solche vernommen, so denke, daß ich sie dir in dein Herz hineingehauchet habe! Du wirst sie auch erkennen, daß sie nicht auf deinem Grunde und Boden gewachsen sind. Hast du sie aber erkannt, dann handle danach!
GEJ|4|23|11|0|Denn zu wissen allein, was recht und gut ist und was Gott dem Herrn wohlgefällig, genügt nicht, ja bei weitem nicht, – auch dann nicht, wenn man das entschieden alleinige und größte Wohlgefallen an der Lehre aus den Himmeln hätte, würde sich aber dennoch nie ganz ernstlich dazu entschließen, danach zu handeln in allem und jedem, was die heilige, aus den Himmeln kommende Lehre vorschreibt.
GEJ|4|23|12|0|Darum heißt es, die Lehre wohl vernehmen, wohl erkennen und dann wohl danach handeln! Ohne das streng genommene Handeln nach der Lehre aber ist, bleibt und wird nichts!“
GEJ|4|24|1|1|24. — Die Pflege des menschlichen Herzens
GEJ|4|24|1|0|(Raphael): „Weißt du, meine lieblichste Jungfrau Jarah, als der Herr in Genezareth Sich aufhielt, da unterwies Er Selbst dich in allerlei Gartenkultur! Er lehrte dich allerlei nützliche Pflanzen kennen, zeigte dir, wie sie zu bearbeiten sind und wie zu gebrauchen. Er legte für dich einen kleinen Garten an und bepflanzte ihn mit allerlei nützlichen Pflanzen und sagte dir von einer jeden insbesondere, welche Gestalt sie haben werde, wie sie wachse, wann und wie sie blühe, welche Früchte sie zum Vorscheine bringen werde, wozu diese gut seien, wie man sie genießen und wie man von ihnen eine reichere Ernte aufbewahren könne, daß sie nicht verderbe. Kurz, der Herr Selbst gab dir den nötigen Unterricht in allem, wie dein Gärtchen zu bestellen sei.
GEJ|4|24|2|0|Nun, du hattest darob eine überaus große Freude! Wäre es aber mit der Freude allein schon abgetan?! Hätte dir das Gärtchen des Segens Früchte getragen ohne die tatsächliche fleißige Bearbeitung?! Wegen deines großen Wohlgefallens und wegen deiner Freude an solcher Lehre aus dem Munde des Herrn wäre in deinem Gärtchen dennoch nichts gewachsen – außer einiges Unkraut! Dieweil du aber fleißig Hand anlegtest nach der Lehre, so erblühte dein Gärtchen bald zu einem kleinen irdischen Paradiese, und du hast die sichere Aussicht, eine recht reiche Ernte aus dem Gärtchen zu machen!
GEJ|4|24|3|0|Und sieh nun! Eben also ist auch des Menschen Herz ein zwar kleines Gärtchen; wenn man es aber nach der Lehre aus dem Munde des Herrn recht fleißig bearbeitet und keine Mühe scheut, alles, was man vernommen hat, in die Tat zu verkehren, so wird man auch ehest so viel alles Segens und aller Gnade aus den Himmeln im eigenen Herzen besitzen, daß man am Ende für Seele und Geist schon ganz aus eigenen Mitteln wird leben können und wird nicht stets unseres Rates und unserer Hilfe benötigen!
GEJ|4|24|4|0|Denn das eben will ja der Herr mit dem Menschen bezwecken, daß er ein ganz selbständiger Bürger der Himmel werde nach der ewig unwandelbaren Ordnung Gottes; wer das erreicht hat, der hat dann aber auch schon alles erreicht. – Hast du, liebste Jarah, dieses alles wohl so ganz recht und gut verstanden? Kennst du dich nun wohl so ein wenig aus mit dem reinsten Tone, den ich dir vorgesungen habe?“
GEJ|4|24|5|0|Sagt die Jarah: „Oh, nun wohl ganz und so klar und rein wie die Sonne am hellen, wolkenlosen Mittage! Deine Worte gaben meinem Herzen einen mächtigen Trost, und ich werde sie auch zur vollen Tat erheben, auf daß sie in mir zur freudigsten und seligkeitsvollsten Lebenswahrheit werden. Mich zu lehren und die Lehre in die volle Tat verwandelt zu sehen, dürfte für dich die schwerste Lebensaufgabe wohl kaum sein!? Aber werden das auch die andern Menschen alle tun, was du mir so treu und wahr angeraten hast?“
GEJ|4|24|6|0|Sagt Raphael: „Sorge zuerst nur für dich; für die andern wird schon gesorgt werden vom Herrn!“
GEJ|4|25|1|1|25. — Zinkas Fragen über Raphael und sein Forschen nach dem Herrn
GEJ|4|25|1|0|Es hatte aber natürlich auch der Zinka von dieser Belehrung nicht nur manches, sondern alles vernommen, und er fragte den Ebahl, zu dem er wohl noch das meiste Vertrauen hatte, sagend: „Freund, jener sonderbare Junge, der uns ehedem einen Ton aus den Himmeln vernehmen ließ und nun deiner Tochter eine Belehrung so sonderbar mystischer Art gab, daß mir – offen gesagt – etwas Ähnliches noch nie vorgekommen ist, scheint denn doch nicht so ganz, gleich uns, dieser Erde anzugehören; sage mir's, ob etwa nicht hinter ihm eben derjenige steckt, für dessen Schuhriemenauflösung sich mein Johannes viel zu gering hielt! Nur zu jung kommt er mir vor; denn er soll bereits in die dreißig Jahre sein!“
GEJ|4|25|2|0|Sagt Ebahl: „Liebster Freund, das zwar ist der Jüngling nicht, – aber wohl ein Hauptjünger von ihm! Denn ich muß es dir nun ganz offen bekennen, daß jener Prophet aus Nazareth eine derartige Macht und Weisheit besitzt, daß da sogar, wie man sagt, Engel aus den Himmeln auf die Erde herabkommen, um seine Lehre zu vernehmen und seine Taten zu bewundern und in ihm zu preisen die Allmacht Gottes!
GEJ|4|25|3|0|Als Beweis dieser meiner Aussage dient eben jener Junge, von dem du nicht weißt, was du aus ihm machen sollst! Als ein irdischer Mensch ist er denn doch ein wenig zu himmlisch, und als ein Engel vielleicht denn doch noch ein wenig zu irdisch aussehend! Er wohnt schon seit nahe einem Monde bei mir und ist der Erzieher meiner Tochter; daß er auf der Erde weder Vater noch Mutter hat und eine Macht in allen Dingen besitzt, die da rein ins fabelhafteste geht, das kannst du mir allerfestest glauben! Eine weitere Genealogie (Geschlechterfolge) kann ich dir von ihm nicht geben. Übrigens kannst du dich mit ihm selbst näher besprechen, er wird dir auf keine Frage eine Antwort schuldig bleiben! Hochmut ist keiner in seinem ganzen Wesen!“
GEJ|4|25|4|0|Sagt Zinka: „Ich weiß nun genug, und weiß, für was ich in dieser außerordentlichen Zeit den Jungen zu halten habe! Aber nun möchte ich denn doch erfahren, ob denn jener große Prophet aus Nazareth sich etwa nicht auch hier unter uns befindet!? Denn ohne ihn begreife ich ewig nicht, was da sozusagen ein Engel zu tun hätte! Wenn er da ist, so sage es mir, auf daß auch ich ihm meine tiefste Ehre bezeige! Denn nach deinen Reden muß er durchaus rein göttlichen Wesens sein! Zeige mir darum nur mit einem leisesten Wink, ob er da ist, und welcher es ist!“
GEJ|4|25|5|0|Hierauf sagt Ebahl: „Liebster Freund, habe nur eine kleine Geduld; du wirst ihn schon noch kennen lernen! So viel aber kann ich dir zu deiner größeren Beruhigung sagen – dieweil du kein Scherge oder Häscher mehr bist –, daß er sich unter uns befindet und wirklich hier ist, ansonst alle die Großen Roms sicher nicht hier wären!“
GEJ|4|25|6|0|Sagt Zinka: „Auch genug; ich brauche nicht mehr! Jetzt werde ich ihn schon herausfinden!“
GEJ|4|25|7|0|Mit dem ward nun unser Zinka beruhigt, gab aber nun schon auf alles Obacht und wendete seine Augen und Ohren nicht ab vom Cyrenius, Kornelius und vom Engel, da er meinte, daß Mich diese am ehesten verraten dürften, wobei er sich aber freilich ein wenig täuschte; denn denen habe Ich es sogleich in ihr Herz gelegt, was sie zu reden und wohin sie des Zinka Aufmerksamkeit zu lenken haben. Auch ward nun die Sitzung aufgehoben und die Tische wieder abgeräumt, und wir gingen ans Ufer und besprachen uns daselbst über ganz gleichgültige Dinge. Freilich wohl ließ uns Zinka samt seinen Gefährten nicht leichtlich aus den Augen.
GEJ|4|26|1|1|26. — Jesus erweckt die zwei Ertrunkenen. Zinka erkennt den Herrn
GEJ|4|26|1|0|Aber bei der Hin- und Herwanderung am Ufer des Meeres kamen wir an die Stelle, wo unser Risa die beiden Ertrunkenen pflegte und auf ihre Wiederbelebung harrte.
GEJ|4|26|2|0|Cyrenius sagte zu ihm: „Nun, Freund Risa, beginnen die beiden schon, so ganz leise Lebenszeichen von sich zu geben?“
GEJ|4|26|3|0|Sagt Risa: „Hoher Herr, da ist alles rein vergebliche Mühe! Diese beiden werden gewisserart nun immer toter statt lebendiger; bei denen ist rein alle Mühe und weitere Behandlung vergeblich! Gottes Allmacht allein nur kann denen das Leben wiedergeben! Da nützt kein Legen und kein Weineinschütten in den Mund irgend mehr etwas!“
GEJ|4|26|4|0|Sage Ich: „Das wird wohl so deine Meinung sein!?“
GEJ|4|26|5|0|Sagt Risa: „Herr, da sieh nur die blauen Flecken und verspüre den schon sehr vorwärtsgeschrittenen Verwesungsprozeß, und Du Selbst wirst mir recht geben, daß diese beiden nur am Danielschen Jüngsten Tage durch Gottes Allmacht wieder belebet werden!“
GEJ|4|26|6|0|Hier drängte sich auch Zinka vor, da er sich bei den Verstorbenen sehr gut auskannte, ob sie völlig tot wären, und besah sich die beiden Ertrunkenen. Als er seine Proben alle angestellt hatte, da sagte auch er: „Der Freund hat recht gesprochen! Die beiden haben mit dem vollkommenen Totsein bis zum Jüngsten Tage zu warten, vorausgesetzt, daß da auf dieser Erde je einer erfolgen wird, – was ich sehr schwer glaube! Denn ich weiß es, in was alles sich so ein Fleischklumpen verwandelt: in Motten, Würmer, Fliegen, Käfer, in allerlei Gras und andere Pflanzen! Wie viele werden von den wilden Bestien zerrissen und verzehrt! Wie viele kommen im Feuer um! Sollte das am Jüngsten Tage sich so mir und dir nichts wiederfinden und eins werden, wie es jetzt ist, da leiste ich auf meine Menschheit für ewig den vollsten Verzicht! Ich, Zinka aus Jerusalem, in vielen Dingen kundig, behaupte hier, daß am einst kommen sollenden Jüngsten Tage sich bei der Wiederbelebung dieser beiden weiblichen Fleischklumpen auch sogar die Allmacht Gottes ein wenig Zeit lassen wird! Sie wird ihren Seelen einen neuen, geistigen Leib geben; aber in diesen Leibern wird keine Seele mehr mit einem Kopfübel geplagt werden!“
GEJ|4|26|7|0|Sage Ich zum Zinka: „Freund! Du weißt so manches und triffst nicht selten den Nagel auf den Kopf; aber hier hast du, streng genommen, denn doch ein wenig danebengehauen! Du hast zwar vollkommen recht, daß jede Seele jenseits nimmer in diesem Leibe wandeln wird, aber eben diese beiden Leiber sollen denn doch noch eine Zeitlang recht brauchbare Träger ihrer Seelen werden! So Ich es will, müssen diese beiden erwachen! Eine davon wird noch dein recht fruchtbares Weib werden, und du wirst es lieben über die Maßen; die andere aber soll das Weib des auch noch ledigen Risa werden, – aber er wird in ihr keine Frucht erwecken!“
GEJ|4|26|8|0|Nach dem berufe Ich die beiden Ertrunkenen, und sie richten sich im Augenblick auf und schauen voll Staunen um sich, sich gar nicht fassen könnend, wo sie nun seien, und was mit ihnen vorgegangen sei.
GEJ|4|26|9|0|Risa und Zinka aber fallen vor Mir nieder, und Zinka ruft: „Du bist's, den Johannes verkündete! Aber Du bist kein Prophet, sondern Du bist Jehova Selbst!“
GEJ|4|26|10|0|Bei dieser Erweckungsszene kamen auch die noch anwesenden Perser, und der uns namentlich bekannte Schabbi sagte zum Zinka: „Diesmal hast du, wie ich's fühle, ein rechtes Urteil gesprochen! Also ist es, Freund, – das ist Jehova! Und der Junge, der uns ehedem einen himmlischen Ton hat hören lassen, ist ein Erzengel, und zwar derselbe, der schon einmal auf dieser Erde den jungen Tobias geführt hat. Also stehen die Sachen: das ist der von allen Propheten und Sehern geweissagte große Messias, und mit Ihm beginnt ein neues, geistiges Reich auf dieser Erde!
GEJ|4|26|11|0|Er ist es, an dem sich viele ärgern werden und werden über Ihn herfallen und mit Ihm tun wollen, was Herodes mit Johannes getan hat; aber alle, die das unternehmen werden, werden sich zerschellen an Seiner Macht und dumm werden und blind wie die finsterste Nacht vor Seiner Weisheit! Denn Seinesgleichen hat die Erde nie in ihrem Fleische getragen!
GEJ|4|26|12|0|Was ich dir im Namen meiner zwanzig Gefährten sage, das sage ich dir ohne Scheu; denn von nun an fürchte ich keine Welt mehr, da ich Diesen habe kennen gelernt, der allein zu fürchten ist von allen jenen, die sich wider Ihn erheben wollen und werden! Oh, Er wird den Frevlern allen gar mächtig auf den Zahn fühlen, – und tausend Male Wehe den Frevlern! Er wird wider niemanden mit dem Schwerte in der Hand zum Kampfe ziehen, – aber die Macht Seines Wortes wird sie richten und verderben!
GEJ|4|26|13|0|Welche Macht aber in Seinem Worte liegt, davon hast du nun die noch barmutternackten Beweise vor dir! Diese beiden Mägde waren doch so vollkommen tot, daß daran wohl niemand mehr irgendeinen Zweifel erheben konnte! Er sprach nur: ,Erhebet euch!‘, – und die beiden erhoben sich und leben nun wie neugeboren frisch und gesund und sind bei vollkommen klarstem Bewußtsein; nur wäre es zu wünschen, daß die beiden gar lieben Geschöpfe eine Leibesbedeckung bekämen! – Aber ich weiß, was ich tun werde! Es sind mit uns Persern etliche Weiber, die eine dreifache Bekleidung mit sich führen; da kann jede ein Kleid hergeben, und diesen beiden ist geholfen!“
GEJ|4|27|1|1|27. — Die Lebensgeschichte der beiden Mädchen
GEJ|4|27|1|0|Hier wandte sich Schabbi an Mich und fragte, ob er das tun dürfte.
GEJ|4|27|2|0|Sagte Ich: „Oh, tue das immerhin; denn durch eine Wohltat hat sich noch nie jemand vor Mir versündigt! Gehe hin, und lasse die beiden bekleiden!“
GEJ|4|27|3|0|Und Schabbi ging, und in wenigen Augenblicken war er mit zwei feinsten Seidenhemden von blendend weißer Farbe und mit zwei himmelblauen, feinsten Kaschmiroberkleidern bei der Hand, wie auch mit zwei Paaren der teuersten Festsandalen mit langen, mit Seide gefütterten Bändern; auch zwei diademartige Kämme und goldene Stirnspangen, mit kostbaren Edelsteinen geschmückt, wurden den beiden Neuerweckten verabreicht. Sie weigerten sich, den ihnen zu kostbar dünkenden Schmuck anzunehmen.
GEJ|4|27|4|0|Aber Ich sagte: „So Ich es will, da nehmet nur, was euch gegeben wird; denn es ziemet sich für Bräute, daß sie fein geschmückt sind!“
GEJ|4|27|5|0|Da nahmen die beiden auch den Schmuck an; und als sie so ganz angekleidet und geschmückt waren und dastanden wie zwei Königstöchter, zeigten sie eine große und dankbare Freude.
GEJ|4|27|6|0|Als sie aber also vor uns standen und vor Schönheit ordentlich strahlten, da sagte Zinka: „Nein, nein, das ist ja schon wieder ein Wunder! Als ich die beiden ehedem als Tote besah, kamen sie mir wie als ein paar Weiber von etlichen vierzig Jahren, und ihre verschrumpften Formen zeigten von keiner Anmut etwas Besonderes; selbst als sie darauf wunderbarsterweise erweckt wurden, zeigte sich eben auch nichts Besonderes; und nun sind das zwei Schönheiten, wie meine Augen nie etwas Ähnliches gesehen haben! Nun sind das zwei Jungfrauen, von denen noch keine zwanzig Jahre zählen kann! Ja, das ist ja doch auch ein Wunder der Wunder! Was wäre da die junge Herodias?! Na, wenn Herodes eine von diesen beiden zu Gesichte bekäme und sie verlangete es, so ließe er ihr zuliebe schon gleich alle Juden enthaupten! Soll ich armer Sünder wirklich der Gnade gewürdigt werden, einen dieser beiden Engel zum Weibe zu bekommen, da sieht mich Jerusalem ewig nimmer; denn das wäre so ein Köder für Herodes und auch für die andern vielen Heiligen der Stadt Gottes!“
GEJ|4|27|7|0|Sagte Cyrenius: „So diese beiden Wunderkinder entweder keine ordentlichen Eltern mehr haben oder so selbst die ordentlichen Eltern durch den dazwischengetretenen Tod jedes Recht auf sie verloren haben, dann sind sie meine Töchter und bekommen von mir aus eine genügende Aussteuer!“
GEJ|4|27|8|0|Sagt die ältere der beiden, die Gamiela hieß: „Wir beide sind – streng genommen – elternlos; und die wir Vater und Mutter nannten, sollen mit uns im Grunde nicht von ferne hin anverwandt sein. Wir kamen als Kindlein von zwei und ich drei Jahren in das Haus eines eigentlich griechischen Kaufmannes, der erst später so halbwegs das Judentum angenommen hat; nach einer alten Magd Versicherung wurden wir von einem Sklavenhändler von Sidon nach Kapernaum gebracht und daselbst vom bewußten Kaufmanne, den wir Vater nannten, um fünf Schweine und drei Kälber und acht Schafe erkauft.
GEJ|4|27|9|0|Der Verkäufer habe dem Kaufmanne eine Schrift hinzugegeben, in der unsere Namen und unsere eigentlichen Eltern sollen aufgezeichnet sein! Unsere wahren Eltern sollen Römer und von sehr hoher Abkunft sein. Wieviel Wahres nun daran sein mag, wissen wir nicht; aber die Reise, auf der wir verunglückt sind, haben wir geheimermaßen auch zu dem Behufe unternommen, um von einem anderorts wohnenden Verwandten unserer Scheineltern die volle Wahrheit zu erfahren, ob wir wirkliche oder im Ernste nur angekaufte Töchter unserer Eltern sind.
GEJ|4|27|10|0|Allein, da fielen wir in die Hände der bösen Seeräuber, wurden aller mitgenommenen Habe beraubt, unserer Kleidung entblößt, dann bei den Haaren trotz alles unseres Flehens fest zusammengebunden und so dann lebendig ins tiefe Meer geworfen. Was nachher mit uns geschehen ist, wissen wir nicht, und auch nicht, wie wir nach diesem uns ganz unbekannten Ort gekommen sind, und wer uns das Leben wiedergegeben hat; denn wir mußten ja tot gewesen sein, als man uns, sicher vom Meer ans Land gespült, an irgendeinem Ufer oder Strande gefunden hat! – Wo sind wir denn nun, und wer seid ihr guten und herrlichen Menschen?“
GEJ|4|28|1|1|28. — Cyrenius erkennt seine Töchter. Risa und Zinka werden die Schwiegersöhne des Cyrenius
GEJ|4|28|1|0|Sagt Cyrenius: „Nur eine kleine Geduld, meine liebsten Kinder und Töchter! – Du heißt Gamiela, und wie heißt denn die jüngere Schwester?“
GEJ|4|28|2|0|Sagt die Jüngere: „Ich heiße Ida; denn also rief man mich stets.“
GEJ|4|28|3|0|Hier fiel Mir Cyrenius um den Hals und sagte: „Herr, ja, wie soll ich Dir denn danken?! O Gott, o Vater! Du hast mir auf diese Art ja meine zwei leiblichen Töchter wiedergegeben, die mir vor siebzehn Jahren von den frechsten Händen entwendet worden sind! Wie das möglich war bei der Überwachung, wie sie in meinem Hause stattfand, ist mir nun bis zur Stunde ein Rätsel!
GEJ|4|28|4|0|Ich sandte sogleich nach allen Seiten Kundschafter aus, die sich nach dem verlorengegangenen Schwesternpaare umsehen und erkundigen sollten, und ein mutiger Hauptmann sagte: ,Und sollte sie dir der Pluto geraubt haben, so bringe ich sie dir! Hat sie aber das Meer verschlungen oder irgendein gefräßiges Raubtier, dann wird alle Mühe eine vergebliche sein!‘ Er ging und mühte sich drei Jahre vergeblich ab.
GEJ|4|28|5|0|Ich sandte auch Forscher nach Dir, o Herr, nach Nazareth. Sie erfragten Dich wohl, kamen aber mit der Hiobspost nach Hause, daß mit Dir gar nichts mehr sei. Du wärest ein zwar ganz ruhiger, aber sonst völlig blöder Junge zwischen dreizehn und vierzehn Jahren, und von einem Weissagen sei da schon gar keine Rede!
GEJ|4|28|6|0|Deine irdischen Eltern gaben von Dir Selbst ein ganz leidiges Zeugnis und sagten, daß mit Deinem zwölften Jahre jede Spur von irgendeiner Weisheit ganz verraucht sei und Du nun, was da Verstand und Einsicht betrifft, jedem ganz gewöhnlichen Erdjungen naehstehest. Sie sollen damals meinetwegen in Dich gedrungen sein, nur diesmal noch für meine Boten eine Weissagung zu machen; aber Du verhieltest Dich stumm und sagtest etwa am Ende, Du seiest nicht der Weissagung wegen in die Welt gegangen, sondern der Arbeit wegen wie ein jeder Mensch!
GEJ|4|28|7|0|Als man Dich fragte, ob Du Dich nicht erinnertest, was alles Du von der Wiege bis in Dein zwölftes Jahr geleistet habest, sagtest Du, was da war, das sei nicht mehr! Und als man Dich um den Grund fragte, da redetest Du nichts mehr, verließest das Zimmer und gingst hinaus ins Freie, – und meine Sendlinge kamen unverrichteterdinge nach Hause!
GEJ|4|28|8|0|Und so war damals all mein Forschen ein vergebliches. Sieben volle Jahre trauerte ich um meine zwei liebsten Töchterchen, – und siehe da, hier sind sie nun! Du hast sie damals mir vorenthalten, um sie mir nun doppelt wunderbar wiederzugeben! Ja, Herr, wie soll ich Dir denn nun so ganz eigentlich danken dafür?“
GEJ|4|28|9|0|Sage Ich: „Das hast du schon dadurch, daß du alle, die hier aufgefangen wurden, angenommen hast und hast Sorge getroffen für ihre Unterbringung und für ihre künftige bessere Bestimmung, als sie sie bis jetzt hatten! Kurz, – du, Mein erster Freund Cyrenius, hast Mir schon so vieles getan, daß Ich dich auf dieser Erde nicht unbelohnt lassen kann! Dereinst in Meinem Reiche im Himmel sollst du darum aber auch schon noch einen größeren Lohn überkommen!
GEJ|4|28|10|0|Aber da du nun deine Töchter vollkommen gesund wieder hast, so gedenke dessen, wem Ich sie zu Bräuten bestimmt habe! Die beiden Männer sind zwar nicht königlicher Abkunft; aber sie sind nun gewisserart Meine Söhne, – und das kann dir denn doch auch genügen!“
GEJ|4|28|11|0|Sagt Cyrenius: „Herr, Dein Wille ist mir ein angenehmstes Gebot, und ich werde für meine beiden Schwiegersöhne schon Mittel und Wege treffen, vermöge welcher sie so gestellt werden, den armen Menschen geistig und naturmäßig möglichst viel nützen zu können!
GEJ|4|28|12|0|Aber nun kommet, ihr meine liebsten Töchter, zu mir und lasset euch an mein Herz drücken; denn ich bin ja nun einer der glücklichsten Väter auf der ganzen Erde! Wie glücklich wird erst eure Mutter sein, euch wieder zu besitzen; denn die war um euch untröstlich! Könnte sie euch auch sehen, so wäre ihr Glück noch größer; aber sie ist bei aller ihrer großen Liebenswürdigkeit denn doch blind. Als eine Blinde ward sie mein Weib, bekam auf eine Zeitlang wohl das Augenlicht, ward aber später dennoch wieder blind! Aber sie hat ein so scharfes Gefühl, daß ich darauf wetten kann, daß sie euch sogleich erkennen wird! Oh, wie unendlich glücklich bin ich nun! Kommet her, ihr Armen alle, ich will euch dafür beglücken nach allen meinen Kräften!
GEJ|4|28|13|0|Wenn ich nun daran denke, wie wir euch auf dem Meere schwimmend fanden bei den Haaren zusammengehängt! Hätte ich damals mir nur von ferne hin denken können, daß ihr meine Töchter wäret, wie entsetzlich unglücklich hätte mich euer damaliger Anblick gemacht! Jetzt erst, da ihr wieder lebet, machte mich der Herr mit euch näher bekannt, auf daß ich so selig als möglich würde! Und nun bin ich es, und dafür Dir, o Herr, alles Lob und alle meine Liebe!“
GEJ|4|29|1|1|29. — Zinkas Bescheidenheit
GEJ|4|29|1|0|Tritt hinzu der Zinka und sagt: „Hoher Herr und Gebieter! Da die Sachen einmal also stehen, wie ich von ihnen auch nicht die allerleiseste Spur haben konnte, so bekommt die Sache nun auch ein ganz anderes Gesicht. Das sind nun keine Kaufmannstöchter aus Kapernaum mehr, sondern das sind Töchter aus dem Kaiserhause Roms; auf diesem Baume wachsen auch keine Äpfel für unsereinen! Denn für solche Kinder müssen sich auch wieder Kinder vorfinden, die von königlichen Eltern abstammen. Ich bin nur ein gemeiner Judensohn, stamme wohl von Juda ab; aber was ist nun das gegen dich, der du ein Bruder des großen Kaisers Augustus warst und somit den Stamm der ältesten Patrizier für dich hast?! Dazu bist du unermeßlich reich, und ich habe nichts als meinen kärglich zugemessenen Sold für eine ungeheure Arbeit.
GEJ|4|29|2|0|So unendlich glücklich mich die Gamiela auch gemacht hätte, so ich sie nun als ein Wunder der Himmel zum Weibe bekommen hätte, – aber da sie nun als deine Tochter, hoher Herr, über meiner Nichtigkeit steht, kann und darf ich sie nimmer zum Weibe nehmen! Du, hoher Herr, würdest sie mir heute in deiner reinen Geistesstimmung auch geben; aber morgen könnte es dich hoch gereuen! Und könnte ich es dir verwehren, so du sie mir wieder nähmest? Welchen Gram und welche Trauer würde ich dann empfinden! Muß ich sie zum Weibe nehmen mit der vollsten Versicherung, daß sie mir bleibt, dann nehme ich sie auch sicher und werde der glücklichste Mensch sein; aber verlangen werde ich sie nimmer, denn ich kenne meinen Stand und den deinen auch.
GEJ|4|29|3|0|Verschaffe mir aber auf römischem Gebiete irgendeine kleine Besitzung; die will ich durch meiner Hände Fleiß bearbeiten und mir und meinen Mitarbeitern den Unterhalt verschaffen! Nur nach Jerusalem laß mich nicht mehr gehen und im Judenlande nicht mehr verbleiben! Denn mit Herodes und mit dem Tempel will ich nichts mehr zu tun haben!“
GEJ|4|29|4|0|Sagt Cyrenius: „Laß alles das gut sein! Ich kann dir ja meine Gamiela nicht mehr nehmen; denn der Herr hat sie ja dir gewisserart zuvor gegeben denn mir, – und Dessen Wort und Ausspruch ist mir heilig, überheilig! Was aber der Herr nur von ferne hin wünscht, das müssen wir tun, wollen wir Seinen heiligen Engeln gleichen! Wohl bin ich auf dieser Welt nun etwas, solange Er mich leben läßt; aber drüben im großen Jenseits sind wir dann alle gleich, und unsere hiesigen Schätze bleiben auf der toten Kruste der Erde hängen und werden zur Nahrung der alles verzehrenden Zeit.
GEJ|4|29|5|0|Darum hindere dich nicht mein hoher Stand; denn ich trage ihn nur zum Wohle der Menschheit, soviel es nur immer in meinen Kräften steht. Und solltest du, den mir der Herr der Unendlichkeit, des Lebens und des Todes besonders ans Herz gelegt hat, davon ausgeschlossen sein? Nein, nein und nimmermehr! Du bist und bleibst mein Sohn!“
GEJ|4|29|6|0|Als Zinka diese Worte vernimmt, sagt er: „Ja, wahrlich, so kann nur ein Gott dem Herrn über alles ergebenes Gemüt sprechen! Was der Herr will, das will denn sicher auch ich; denn Der, der die beiden erweckt hat, ist der Herr Selbst, dessen ich nun vollkommen überzeugt bin. Und sollten Milliarden nun dagegenzeugen, so wird Zinka in seinem Glauben nimmer wanken! Ihm allein von nun an alle meine Liebe und alle meine wahre Anbetung! Ihm sei alle Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
GEJ|4|29|7|0|Mit diesen Worten fällt Zinka vor Mir nieder und sagt: „O Herr, vergib mir alle meine Sünden, auf daß ich als ein gereinigter Mensch zu Dir beten kann!“
GEJ|4|29|8|0|Sage Ich: „Stehe auf, Mein Bruder! Deine Sünden sind schon lange von Mir hinweggetan worden; denn dein Herz kannte Ich schon lange und ließ es endlich gar zu Mir kommen. Mich zu fangen warst du zwar ausgesandt, und Ich ließ Mich von dir auch gefangennehmen, – aber für dein Herz nur und zu deinem Heile! Stehe nun auf und sei in Meinem Namen voll heiteren Mutes und werde Mir ein gutes, brauchbares Rüstzeug!“
GEJ|4|29|9|0|Mit dem erhebt sich Zinka und fängt erst so recht an, über die Größe und über die Bedeutung dieser Begebenheit seine Betrachtungen zu machen. Wenn er sich so nächst Mir gesetzt haben wird, so werden wir ihn dann erst wieder reden hören. Denn nach Mathael ist das wohl der größte Geist bei unserer Gesellschaft.
GEJ|4|30|1|1|30. — Handeln und Reden
GEJ|4|30|1|0|Nachdem wir aber den Zinka auf diese Weise ein wenig zur Ruhe gebracht hatten, kam Risa als der zweite Schwiegersohn des Cyrenius und fing an, sich auch auf eine ähnliche Art zu entschuldigen.
GEJ|4|30|2|0|Aber Raphael klopfte ihm auf die Achsel und sagte: „Freund! Bleibe du nur schön bei der Wahrheit deines Herzens; denn du bist lange kein Zinka! Du bist zwar gut und ehrlich, aber reden sollst du nie anders, als es dir ums Herz ist! – Verstehst du das?“
GEJ|4|30|3|0|Sagt Risa: „Ja, Freund aus den Himmeln, ich verstehe, was du mir gesagt hast, und ich will reden, so ich je rede, wie es mir ums Herz ist, und keine Unwahrheit soll über meine Lippen kommen! Ich bin zwar noch ein junger Mensch und habe weniger Erfahrungen als so mancher andere; besonders wenige Erfahrungen aber habe ich mit dem weiblichen Geschlechte gemacht und war noch nie in irgendeine Jungfrau verliebt. Aber ich fühle mich im Herzen außerordentlich angezogen und fühle es, wie ich über alle die Maßen glücklich sein werde, wenn die himmlisch schöne Ida mein Weib würde; aber ich fühle es auch, wie ich mich bei diesem großen Glücke ganz entsetzlich dumm ausnehmen werde. Aus diesem eigentlichen Grunde möchte ich dieses Glück für mich missen!
GEJ|4|30|4|0|Jetzt ist meine Liebe zur Ida noch lange keine Leidenschaft, und ich könnte auf dies zu erwartende Glück noch leichten Gemütes verzichten; werde ich aber später mehr entzündet, und mir würde das Glück dennoch nicht zuteil werden, so würde mir das ein übergroßes Herzeleid bereiten, dessen ich mich dann schwerst entledigen könnte. Aus eben diesem Grunde möchte ich es vom Herrn und vom Cyrenius aus haben, daß ich jeder Hoffnung auf so ein Glück ledig würde!
GEJ|4|30|5|0|Siehe, du mein Himmelsfreund Raphael, so fühle ich es, und also habe ich denn nun auch geredet! Kannst du mir da ein wenig helfen, so tue es, bevor es zu spät wird! Denn eine rechte Hilfe muß auch zur rechten Zeit geschehen, – sonst ist sie zu wenig nütze!“
GEJ|4|30|6|0|Sagt Raphael: „Freund, da wirst du von mir aus wenig oder gar keiner Hilfe benötigen; darum bleibe es nur so, wie es der Herr bestimmt hat! Du selbst kannst zwar auf alles verzichten – denn wider des Menschen freien Willen bestimmt der Herr nie etwas, außer das Maß und die Form des Leibes –; aber es bringt dem Menschen eben nicht irgend besonders vielen Segen, so er auf das zuwenig achtet, was der Herr, wenn auch nur durch einen leisesten Wink, geraten hat. – Verstehst du auch das?“
GEJ|4|30|7|0|Sagt Risa: „Ja, auch das verstehe ich und sage darum nichts als: Es geschehe stets des Herrn Wille; denn wer Gottes Willen tut, der kann unmöglich je fehlen. Denn Gott der Herr muß es ja doch am besten wissen, was uns Menschen am meisten frommt. Daher werde ich aber auch von nun an stets alles mit dem größten Dank im Herzen annehmen und danach tun, wie es der Herr verordnen wird! Was der Mensch leicht tun kann, weil er dazu schon im Herzen einen Drang hat, das soll er schon allzeit tun und sich nie darüber hinwegsetzen. Es ist genug des Kampfes in anderen Dingen, über die des Menschen schwacher Wille schwer Sieger wird. Soll er nun in leichten und höchst angenehmen Dingen auch schwachwillig werden, da wird er in der wahren Tugend schon ganz sicher schlechte Fortschritte machen! – Habe ich recht geredet oder nicht?“
GEJ|4|30|8|0|Sagt Raphael: „Allerdings; aber das sei dir auch noch gesagt, daß es besser ist viel und gut handeln, als viel und gut reden! Wenn dich die Menschen viel und gut handeln sehen werden, so werden es dir auch viele nachtun; werden sie dich endlich viel und gut reden hören, so werden sie es dir auch wollen gleichmachen. Da aber gar vielen zur wahrhaft guten Rede die rechte Weisheit mangelt, so müssen sie denn doch sicher nur einen Unsinn zusammenreden und schaden dadurch vielen schwachen Gemütern und sich selbst auch, weil sie dadurch hochmütigen und einbildnerischen Herzens werden. Durch eine unnötige Redelust werden mit der Zeit allerlei falsche Lehren verbreitet, und die arme Menschheit wird geblendet und in alle Finsternis gebracht, so daß es hernach etwas Schweres ist, sie wieder zu erleuchten; durch viele und gute Handlungen aber wird die Menschheit edlen und offenen Herzens. Ein edles und offenes Herz aber ist ohnehin die beste Pflanzschule zur wahren Weisheit und wird auch da gut und recht zu reden verstehen, wo es vonnöten sein wird.
GEJ|4|30|9|0|Dieses aber habe ich dir darum gesagt, weil du eine oft zu große Redelust in dir birgst, aber dazu noch lange nicht alles besitzest, was zu einer vollkommen guten Rede vonnöten ist; daher rede du wenig, aber dafür höre und handle du desto mehr, so wirst auch du ein wahrer Jünger des Herrn sein, und das nach Seinem Willen und nach Seinem Wohlgefallen!
GEJ|4|30|10|0|Die dereinst reden und predigen sollen, die wird der Herr dazu schon eigens auserwählen; die Er aber nicht eigens fürs Reden und Lehren auserwählen wird, die sind von Ihm nur fürs Handeln nach Seinem Worte und nach Seiner Lehre bestimmt und sollen demnach nur allzeit das tun, wozu sie vom Herrn aus die unzweifelhafte Bestimmung haben. So werden sie sich allzeit des Wohlgefallens Gottes und irgendeiner besonderen Gnade zu erfreuen haben. Sage das auch deinen Freunden und Amtsgefährten; denn auch unter ihnen gibt es manche, die sich darauf auch so manches noch zugute halten, daß sie geordnet und geschmeidig reden können! Sie sind vom Herrn auch nicht zur Rede, sondern nur zur Handlung ausersehen.
GEJ|4|30|11|0|Der Herr läßt dich aber darum nun irdisch glücklich werden, auf daß du dereinst recht viel Gutes wirken kannst; hätte der Herr dich aber zu einem Redner und Lehrer berufen, so würde Er zu dir sagen: ,Komme und folge Mir, wohin Ich ziehe, und lerne alle Weisheit des Reiches Gottes erkennen!‘ Denn siehe, zum Reden und Lehren wird mehr erfordert denn zum Handeln, und dennoch ist das Handeln die Hauptsache – und Rede und Lehre nur der Wegweiser dazu!
GEJ|4|30|12|0|Siehe, wie angenehm dem Herrn der Cyrenius ist; aber wegen der guten Rede sicher nicht, sondern wegen der guten und vielfach edlen Handlungen! Wer aber viel Gutes und Edles tut, der kann, so es irgend nötig ist, schon auch gut und recht reden; denn ein offenes und edles Herz bleibt nie ohne Licht aus den Himmeln. Wer aber das hat nach dem Maße seiner vielen guten und edlen Taten, dem wird es auch stets klar sein, wo, wann und wieviel er zu reden hat. – Verstehst du, mein lieber Risa, nun auch das so recht wohl, was ich nun zu dir geredet habe?“
GEJ|4|30|13|0|Sagt Risa: „Wie sollte ich das nicht; denn du hast ja die reinste Wahrheit geredet, und diese ist allzeit für jedermann wohl verständlich! Ich werde mich streng und stets nach diesen deinen Worten richten. Was ich aber nun von dir vernommen habe, werde ich sogleich auch allen meinen Gefährten wiedergeben; nur das einzige möchte ich noch erfahren, ob denn Zinka auch bloß nur zum Handeln oder danebst auch zum Lehren berufen ist!“
GEJ|4|30|14|0|Sagt Raphael: „Mein Freund Risa, zwischen deinen und des Zinka Erfahrungen besteht ein gar großer Unterschied! Er ist eine große Seele, von oben herabkommend, und hat viele und große Erfahrungen hinter sich, obwohl er nur um zehn Jahre älter ist denn du; und daher wird er vom Herrn auch gesetzt werden zum Handeln und zum Reden. Wenn aber auch du viele Erfahrungen hinter dir haben wirst, so wirst du auch gut zu reden und zu lehren haben. Aber für jetzt sammle dir Erfahrungen und werde reich an guten und edlen Handlungen!“
GEJ|4|31|1|1|31. — Hebrams und Risas Selbstbetrachtungen
GEJ|4|31|1|0|Risa schreibt sich das tief ins Herz und begibt sich zu seinen Gefährten, die ihn zu seinem Glücke zu beglückwünschen anfangen; er aber öffnet seinen Mund und tut ihnen von Wort zu Wort kund, was er von Raphael vernommen hat.
GEJ|4|31|2|0|Als er damit zu Ende war, sagte Hebram zu ihm: „Das ist eine gar herrliche Rede, wie aus dem Munde Gottes kommend; aber etwas ist daran denn doch zu bemerken, wennschon nicht an der Rede selbst, so doch an dem, der sie vortrug. Sie enthielt viele und gar denkwürdig wahre Worte, die in guter Reihenfolge nacheinander ins Dasein traten; der Vortragende aber hatte dennoch zuvor geredet – als gehandelt! Allein ich finde das ganz recht; denn jeder guten Handlung muß ja doch allzeit eine gute Lehre vorangehen, ansonst der Handelnde doch unmöglich irgendeine Direktion zu seinem Tun und Lassen bekommen kann.
GEJ|4|31|3|0|Aber im Grunde des Grundes hat Raphael dennoch recht; denn so viel weiß der Mensch bald, was gut und recht ist. Einfache Gesetze geben ihm das! Er braucht nun nur recht zu wollen, und ein gutes Handeln kann da nicht unterm Wege verbleiben. Aber das Wissen allein scheint mir denn doch noch ein zu geringer Beweggrund zum Guthandeln zu sein, besonders bei sehr materiellen Menschen, die nur zu leicht von einem eitel materiellen Vorteile übertölpelt und zum Schlechthandeln verleitet werden. Da heißt es denn dann doch die Vorlehre so weit ausdehnen, daß durch sie dem Jünger klare, handgreifliche und unumstößliche Beweise als Beweggründe zum Guthandeln gegeben werden, wider die zu handeln es dem Jünger ebenso nahe unmöglich vorkommen muß, als ohne ein Schiff übers Meer kommen zu wollen.
GEJ|4|31|4|0|Hat man es mit einem Jünger einmal so weit gebracht, dann ist das wahre Guthandeln eine gar leichte Sache; aber ohne die hinzugegebenen handgreiflichen und fest erwiesenen Beweggründe wird es stets nur ein Problem bleiben, dessen Güte man wohl so einsieht, aber weil das Handeln danach denn doch mit so manchen Schwierigkeiten und Sichselbstverleugnungen verbunden ist, so läßt man sich in lieber Trägheit und leidiger Selbstsucht ganz wohl geschehen und läßt das viele und gute Handeln einen guten Mann sein. Man geht seinen tierischen Gelüsten gleichwegs nach und ist nach dreißig Jahren noch derselbe Tiermensch, der man so ganz eigentlich in der Wiege war. Es gehören darum meiner unmaßgeblichen Ansicht nach zur Guthandlungslehre auch die obbezeichneten Beweise, und diese fordern schon bei weitem mehr als zu sagen: ,Dies und jenes hast du zu tun, weil es gut ist, und dies und jenes mußt du lassen, weil es schlecht und böse ist!‘“
GEJ|4|31|5|0|Sagt Risa: „Da hast du ganz recht und sagst im Grunde denn doch nichts anderes, als was Raphael damit doch auch handgreiflich klar dargetan hat, daß nämlich nur der lehren und reden soll, der vom Herrn dazu im Geiste berufen ist. Ein solcher Lehrer wird seinen Jüngern die Lehre samt den erforderlichen Beweisen schon geben und sie dadurch zum Handeln bewegen, so wie mich des Engels Rede zum Handeln allerunfehlbarst bewegt hat. Aber so wir beide nun als Lehrer aufträten, da würden wir sicher sehr viel dummes Zeug zusammenreden, und käme so ein recht feiner und wohlgeschliffener Redner zu uns und finge an, so recht kräftige Gegenworte zu uns zu reden, so würde er uns am Ende verwirren, und wir tanzten vielleicht zuletzt gar nach seiner Pfeife noch! Handeln wir aber gut, so kann er dagegen mit allen Verstandesgründen der Welt nicht die geringste Einwendung und Entgegnung finden. Darum ist für viele das Handeln besser als das Lehren. – Bist du darüber etwa noch nicht völlig im klaren?“
GEJ|4|31|6|0|Sagt Hebram: „O ja, jetzt wohl, und war es auch schon früher, und es ist gut also! Sonderbar aber ist doch der Mensch, – das merke ich an mir! Denke dir: Als wir denn doch oft genug so die Schrift durchlasen und studierten, wie durch und durch unbegreiflich erhaben und die größte und tiefste Ehrfurcht einflößend kamen uns da alle die wunderbaren Erzählungen, Begebnisse und hie und da vorkommenden Lehren vor! Den hie und da wirkend vorkommenden Geist Gottes getrauten wir uns aus der blindest höchsten Ehrfurcht am Ende ja gar nicht mehr auszusprechen! So wir von einem erschienenen Engel etwas lasen, – das durchrieselte uns Mark und Bein! Moses stand so groß da, daß sich vor seinem Namen nahe alle Berge zu neigen schienen!
GEJ|4|31|7|0|Nun stehen wir hier vor demselben Gott, der auf Sinai Seine Gesetze gedonnert hat! Derselbe Engel, der den jungen Tobias geführt hat, geht unter uns umher wie ein ganz gewöhnlicher Mensch und lehret uns mit gar süßen Worten den Willen des Herrn näher erkennen! Dazu geschehen aber noch in einem fort Wunder über Wunder von der unerhörtesten Art und Weise, – und uns kommt nun alles das aber schon so ganz gewöhnlich vor, als wären wir schon von Kindheit an dabei aufgewachsen! Sage mir, worin denn das liegen mag!
GEJ|4|31|8|0|Wir sollten nun vor lauter Verwunderung und Anbetung ja ganz ordentlich aus der Haut fahren, – sind aber statt dessen so schön stumpf wie ein altes, verrostetes Schwert eines alten Kriegers! Woran liegt das, was kann daran schulden? Wenn ich dessen gedenke, so könnte ich mir vor Ärger selbst den Kopf vom Leibe herabreißen!“
GEJ|4|31|9|0|Sagt Risa: „Sei darum ruhig, Freund! Es wird das der Herr also haben wollen; denn stünden wir aus begreiflichen Gründen stets in der höchsten Gemütsaufregung, da würde uns sehr vieles entgehen, was hier geschieht und gesprochen wird. Der Herr aber versteht es, unsere Gemüter in den nüchternen Schranken festzuhalten, und wir können darum alles, was hier geschieht und vor uns geredet wird – wenn auch von einer noch so unbegreiflich erhabensten Art –, ganz kaltblütig anschauen und anhören und können es uns auch desto tiefer in die Seele einprägen. Wenn dies alles vorüber sein wird, dann wird sich's darüber in unseren Gemütern schon sicher auch auf die allerkolossalste Art zu regen anfangen! Oh, das wird nicht ausbleiben! Aber für jetzt ist es also sicher um vieles besser! – Bist du hierin etwa einer andern Meinung?“
GEJ|4|31|10|0|Sagt Hebram: „Durchaus nicht, – deine Meinung ist da wieder eine ganz vollkommen richtige, und es wird ganz bestimmt also sein! Aber schlecht ist es gerade auch nicht, so man sich dessen selbst ermahnt, daß man sich bei dieser noch nie dagewesenen, heiligst außerordentlichen Gelegenheit gar leicht und viel zuwenig erbaut fühlt, während einen doch die gelesenen Außerordentlichkeiten aus der Vorzeit gar so tief ergriffen und oft hingerissen haben. Würde diese geistige Stumpfheit von uns allein abhängen, so müßte ich sie als eine große und äußerst grobe Lebenssünde ansehen; aber so nach deiner Meinung der Herr durch Seinen allmächtigen Willen in uns alles also bewirkt, so müssen wir Ihm dafür dankbar sein und alles, was Er spricht und tut, desto ernster und tiefer in uns erwägen und darüber sehr nachdenken, wie wir Sein Wort ins volle Werk setzen werden. Aber daß der Zinka ein gar so geistvoller Mann ist – und war und ist doch nur ein Oberdiener des Herodes! –, das ist mir ein Rätsel! Wo hat er denn seine überwiegende Weisheit geschöpft und sich die vielen Erfahrungen gesammelt?“
GEJ|4|31|11|0|Sagt Risa: „Das weiß ich kaum; aber ein so großer Herr, wie Herodes einer ist, wird seinen Diener sicher zuvor aus und aus und durch und durch geprüft haben, bis er ihn zu einem ersten und obersten seiner Diener gemacht hat. Zudem war Zinka nach eigenem Geständnis ein besonderer Freund des Propheten Johannes und hat von ihm sicher so manches aufgefangen, was auch von großer Lebensbedeutung war, und es ist daher wenig Wunderbares daran, so er weiser ist denn unsereins. Er werde aber etwa noch über etwas eine Rede halten, auf die ich sehr gespannt bin. – Aber nun scheint der Herr eine Rede halten zu wollen, darum schweigen wir einmal; denn aus unserem Reden kommt ohnehin nicht viel Gescheites heraus!“
GEJ|4|32|1|1|32. — Ein Ereignis aus der Jünglingszeit Jesu
GEJ|4|32|1|0|Während des Zwiegespräches der beiden aber verschaffe Ich den beiden Erweckten die Gelegenheit, Mich als denjenigen kennen zu lernen, der vor etlichen Monden auch in Kapernaum ein paar Tote erweckt hatte, und die beiden erkannten Mich bald als denselben und kannten auch Maria und die andern des Hauses Joseph. Die Gamiela erzählte auch, daß sie sich noch ganz gut erinnern könnten, wie der alte Zimmermeister Joseph mit seinen sechs Söhnen bei ihrem Ziehvater in Kapernaum einen ganz neuen Schafstall erbaut habe, und sie sich auch erinnere, Mich Selbst als den jüngsten der Söhne Josephs bei der Arbeit gesehen zu haben; aber damals habe sie wohl keine Ahnung gehabt, daß hinter Mir der Geist des Allerhöchsten verborgen wäre.
GEJ|4|32|2|0|Aber die Ida sagte dazu: „Doch, doch, liebe Schwester! Es war am letzten Abend, als der Bau vollendet war und unser Ziehvater dem alten Joseph die Arbeit bezahlte, aber nach seiner kaufmännischen Sitte ihm am Ende etliche Groschen abzog, da trat dieser Heilige zum Kaufmanne hin und sagte: ,Tue das nicht; denn das wird dir keinen Segen bringen! Du bist ein Heide zwar, glaubst aber an den Gott der Juden. Und sieh, dieser mächtige Gott wohnt in Meinem Herzen, und so Ich Ihn bitte, gewährt Er Mir das, um was Ich Ihn gebeten habe! Er wohnt auch in den Herzen aller Gerechten vor Ihm und erhört gerne ihre Bitten. Würdest du hart gegen den Joseph, der bei dir eine schwere Arbeit zu bestehen hatte, so würde Ich Meinen Gott und Vater bitten, daß Er es dir vergelten möchte, und es würde dir alsbald gar übel vergolten werden! Bedenke, daß es nicht gut ist, die zu beleidigen, mit denen Gott eins ist!‘ Mein Ziehvater aber horchte wenig darauf und blieb bei seinem Abzuge bestehen. Der alte Zimmermann aber sagte: ,Siehe, ich bin ehrlich und sage es dir ehrlich: Die etlichen Groschen wären gerade mein ganzer Gewinn bei dieser schweren Arbeit gewesen, und ich hätte damit meinen Hauszins bezahlen können! Weil dir aber, der du ein reicher Mensch bist, schon gar soviel daran liegt, so behalte sie; aber du behältst sie mit Unrecht, und dieses tut nie gut!‘
GEJ|4|32|3|0|Ich, Ida, aber weinte vor Ärger über die verstockte Härte meines Vaters, ging in meine Kammer und brachte geheim all mein Erspartes, und Gamiela tat nach mir dasselbe, und wir steckten so dem alten Joseph heimlich bei hundert Groschen ins Lägel seiner Werkzeuge. Niemand bemerkte das außer Dir, o Herr! Und Du sagtest darauf: ,Euch aber, ihr beiden Mägdlein, wird dereinst hoch vergolten werden, was Gutes ihr uns erwiesen habt!‘ Bei diesen Worten aber sahst Du einem Verklärten gleich. Darauf erhobet ihr euch und verließet unser Haus. Es war spät abends, und ihr hattet zu Fuß doch etliche Stunden Weges nach Nazareth; da sagte ich zu Dir: ,Möchtet ihr denn nicht lieber die Nacht hier verbleiben, als den unsichern, weiten Weg gehen, zumal die Nacht gar so finster ist, weil dichte Gewitterwolken den Himmel bedecken und auch ein Ungewitter im Anzuge ist?‘ Da sagtest Du, was mir stets denkwürdig blieb: ,Wer den Tag gemacht hat, ist sein Herr, und wer die Nacht, ist auch ihr Herr; darum hat der Herr des Tages wie der Nacht weder den Tag noch die Nacht zu fürchten! Das Gewitter aber stehet auch in desselben Herrn Macht, den die Welt nicht kennt; es wird uns weder die Nacht noch das Gewitter einen Schaden zu bringen vermögen! Lebet wohl, ihr beiden Engelchen!‘ Mit dem verließet ihr unser Haus, und weiß der Himmel, – kaum waret ihr über des Hauses Schwelle, so war auch keine Spur mehr von euch irgend zu entdecken!
GEJ|4|32|4|0|Oh, ich habe oft an Dich, o Herr, gedacht, – konnte aber später bis zur Stunde mit Dir nirgends mehr zusammenkommen! Aber an unserem Ziehvater sind Deine Worte in eine furchtbare Erfüllung gegangen in derselben Nacht noch! Ein furchtbares Gewitter kam, der Blitz schlug dreimal in den neuen Schafstall, in dem schon am Tage seiner Vollendung siebzehnhundert der schönsten Schafe sich befanden. Alles verbrannte in ein paar Stunden und konnte bei aller Anstrengung nichts gerettet werden! Da bedauerte unser Ziehvater, sich am treuen Zimmermanne so hart versündigt zu haben; denn er sagte selbst: ,Diese Strafe kommt über mich von oben, weil ich sie verdient habe. Niemals soll je wieder in meinem Hause ein treuer Arbeiter auch nur um einen Stater seines wohlverdienten Liedlohnes verkürzt werden!‘ Er hielt auch das Wort. Den Stall ließ er jedoch auf derselben Stelle nicht wieder erbauen; aber auf einer andern Stelle ließ er hundert Morgen Grundes fest einzäunen und hineinsetzen nur eine Hütte für zehn Hirten und Schafwärter. Den alten Zimmermann aus Nazareth aber sahen wir nie wieder. Er muß jüngst darauf gestorben sein; denn er sah schon damals recht schwach aus.
GEJ|4|32|5|0|Wir kamen etwa ein halbes Jahr darauf auf den großen Markt nach Nazareth und erkundigten uns emsigst nach dem alten Zimmermann und nach seinen Söhnen; aber es hieß, sie seien weit übers Land geholt worden, allwo sie mehrere Häuser zu erbauen bekommen hätten, – und wir zogen also ganz unverrichteterdinge wieder Kapernaum zu. Nachher erfuhren wir aber nichts mehr von der Zimmermannsfamilie. Der Ziehvater soll einmal, etwa drei Jahre darauf, in Erfahrung gebracht haben, daß sich der Joseph wegen einer großen Arbeit nach Hochnazareth soll gezogen haben, das gegen Samaria hin im Gebirge liegt. Aber wir jedoch bekamen da niemand von den Seinigen mehr zu Gesichte! Und doch hätte ich mit dem jungen Zimmermanne, der meines Wissens Jesus hieß, gar so gerne eine nähere Bekanntschaft gemacht!
GEJ|4|32|6|0|Doch, – was uns damals nicht mehr vergönnt war, das hast Du, o Herr, bis jetzt wunderbar aufbewahrt! Jetzt erst ist uns auch ein Licht aufgegangen über jene von Dir am selben Abende, an dem ihr in der stockfinstersten Nacht unser Haus verließet, so geheimnisvoll gesprochenen Worte! Jetzt wissen wir, wer der Herr des Tages, der Nacht und des Gewitters war und ist! Aber nun bringen wir Dir noch einmal mit Herz und Mund unseren Dank dar für alle die namenlosen Gnaden und Wohltaten, die Du, o süßester Herr Jesus, uns erzeiget hast ohne alle unsere Verdienste!“
GEJ|4|32|7|0|Sage Ich: „Oh, gar so ohne allen Verdienst seid ihr mitnichten; denket nur an das, was ihr dem alten Joseph erwiesen habt! Wie sehr zustatten kamen ihm eure hundert Groschen, als er sie am kommenden Morgen in seinem Werkzeuglägel fand! Er dachte anfangs, daß ihm solches euer Ziehvater heimlich getan habe; aber er ward von Mir bald in seinem Irrtume berichtigt. Er lobte sehr eure guten Herzen, und Ich versprach ihm, daß Ich Selbst solche Güte an euch einmal vielfach vergelten werde, und habe euch darum nun das Leben und eure wahren Eltern freundlichst und freudigst wiedergegeben. Gehet nun vollends hin und machet ihm eine rechte Freude; denn seine Freude ist auch die Meine!“
GEJ|4|32|8|0|Darauf erst gingen die beiden zum Cyrenius und umarmten ihn, und er weinte vor Freuden wie ein Kind. –
GEJ|4|33|1|1|33. — Des Cyrenius Gelöbnis, für des Herrn Lehre zu wirken
GEJ|4|33|1|0|Als Cyrenius seinen Freudenschmerz nach einer Weile erst so recht ausgeweint hatte, wobei ihn auch die beiden Töchter, der Zinka und auch der herbeigekommene Risa so recht wonniglich kräftig unterstützt haben, ging er wieder auf Mich zu, umarmte Mich und sagte schluchzend: „O du ewige, reinste Liebe! Wer soll Dich denn nicht über alles lieben?! O Herr, o Vater, wie gut und wie heilig bist Du denn?! O Herr, laß mich sterben in dieser meiner Liebe!
GEJ|4|33|2|0|Herr und Vater! Solange ich die nie ermeßbar große Gnade habe, Dich von Deiner irdischen Geburt an zu kennen, habe ich Dich auch allzeit geliebt, und Du warst stets der Angelpunkt aller meiner Gedanken! Aber ich war nicht immer gleich stark Herr über meine eigene Welt in mir und über die Welt außer mir; jetzt aber glaube ich, durch Deine Gnade und Liebe die nötige Kraft erreicht zu haben, in allem und jedem Deinem heiligsten Willen gemäß nach menschlicher Weise vollends den Rest meiner noch zu lebenden Tage zu durchwandeln.
GEJ|4|33|3|0|Ich regiere freilich zumeist nur Heiden, deren Götterlehren ich leider hie und da auch noch beschirmen muß – es ist das wohl ein großes Übel; aber mit einem Hiebe fällt ja doch nie ein Baum um –; ich werde es mir aber sehr angelegen sein lassen und trachten, wenigstens in meinem Regierungsterritorium die Erkenntnis des allein wahren und lebendigen Gottes unter den besseren Heiden soviel als nur immer möglich auszubreiten!
GEJ|4|33|4|0|Mit den Priesterschaften werden wir wohl die größte Not haben; denn diese Kaste lebt schon seit mehreren Jahrhunderten von ihrer Volksverfinsterungssache. Die Alten werden wohl Blitz und Donner vom Himmel rufen, und die Jungen werden dazu grimmige Gesichter schneiden; aber am Ende werden sie wohl gezwungen sein, ihre alte Gewohnheit zu verlassen und sich auf unser neues Feld zur Arbeit zu begeben. Das Traurigste für den ehrlichen Menschen auf dieser Erde ist es aber, daß er die Lüge sogleich ohne alle Mühe leicht findet, die Wahrheit aber nur durch ein sehr mühevolles Suchen, das nicht selten mit vielen und großen Gefahren verbunden ist, erreichen kann.
GEJ|4|33|5|0|Die alten Ägypter hatten ihre Schulen sehr klassisch eingerichtet. Wer nur so eines oder das andere fürs äußere Leben erlernen wollte, der hatte seine Taxe zu entrichten, und es wurden ihm die mannigfachen Vorteile gezeigt; wer aber da kam, um die Wahrheit zu suchen und sie zu finden, durch die das innere Leben des Menschen bedingt ist, dem wurde sein ominöses Suchen auf eine nahe unerhörte Weise heiß gemacht. Und hatte er die große Lebenswahrheit gefunden, so mußte er ein Priester verbleiben, und unter dem schwersten Eide durfte er von dem, was er gefunden, ja keinem Laien auch nur eine Silbe mitteilen!
GEJ|4|33|6|0|Die heilige Wahrheit war somit stets schwer zu erreichen, während sich das Regiment der Lüge gratis über die ganze Welt breitmachte. Weil aber die alte Lüge stets das Zepter über die Menschen geführt hat, so haben sich die Menschen auch an die Lüge gewöhnt; sie ist ihnen zur zweiten Natur geworden, und das um so leichter, weil sich gar viele, wenn auch nicht alle, ganz wohl dabei befunden haben und sich noch befinden. Nun, von wegen des Fahrenlassens der Lüge wäre soviel des Anstandes, wie ich mir's denke, eben nicht; aber das Fahrenlassen der bisher genossenen Vorteile ist eben der Haken, der sich sehr schwer wird biegen lassen!
GEJ|4|33|7|0|Doch Geduld, – es wird alles noch gehen! Man verspreche und gebe der Priesterschaft andere Vorteile, zeige dieser Kaste, die ohnehin keinen Glauben hat, freundlich unter vier Augen die Wahrheit und verdinge sie dann – wenigstens den bessern Teil – zur Ausbreitung der Wahrheit, und ich meine, daß sich auf diese Art die sonst größte Schwierigkeit in eine ganz leichte Mühe wird umgestalten lassen. Ob man aber je auf der Erde der Lüge ganz wird Meister werden, das ist nun eine andere Frage! Gute und rechtschaffen gesinnte Menschen, deren Seelen voll Wahrheit sind, werden wohl sicher alles aufbieten, um wenigstens ihre Nachbarn in ein besseres Licht zu setzen. Kurz, um solche Leuchter wird es stets so hübsch helle aussehen. Aber weiter weg von den Leuchtern wird es dann schon wieder finsterer werden, und gar weit weg, sowohl im Raum und in der Zeit, wird so wie jetzt die volle Nacht ihr Zepter führen!
GEJ|4|33|8|0|Das ist so meine Ansicht. Du, o Herr, könntest es vielleicht wohl anders machen; aber Du weißt es auch, warum es auf dieser Erde also sein muß! Daher geschehe auch nur stets Dein allein heiliger Wille!“
GEJ|4|34|1|1|34. — Das Muß- und das Soll-Gesetz
GEJ|4|34|1|0|Sage Ich: „Mein lieber Freund! Deine Ansichten gefallen Mir ganz gut, und der heilige Vater im Himmel hat stets eine rechte Freude daran, wenn Seine Kinder sich mit Ihm weise beraten; aber es sind gewisse Dinge, die einmal so sein müssen, und es muß dies und jenes zur Erreichung eines bestimmten Zweckes also geschehen, wie es geschieht, ohne das der Zweck unmöglich erreicht werden könnte.
GEJ|4|34|2|0|Daher gibt es von Gott aus ein zweifaches Gesetz. Das eine ist ein rein mechanisches und heißt ,Muß!‘. Aus diesem Gesetze heraus gehen alle Formen und deren Gliederungen, nach denen sich dann die Tauglichkeit der Form erweist; an diesem mechanischen Gesetze kann ewig kein Häkchen verändert werden. Das andere Gesetz aber heißt ,Soll!‘. Und diesem allein gilt die Lehre des Lebens!
GEJ|4|34|3|0|Nach dem Gesetze des Lebens kannst du alle Häkchen des Ganzen vertilgen, zerstören oder gar vernichten, so macht das eben soviel nicht und ist eins; was da frei werden soll, das muß auch schon in seiner ersten Entwicklung frei sein! Verbildet es sich auch ganz im freien innern Sein, so kann es darum das Mußgesetz über sich doch nicht aufheben; in der Form aber liegt gleichfort der Keim, der von neuem wieder zu treiben beginnt in der rechten Ordnung, das in der freien Lebenssphäre Verdorbene wieder ergreift und in die rechte Ordnung herüberzieht.
GEJ|4|34|4|0|So siehst du Völker auf der Erde in aller Verdorbenheit stecken, was die Seele betrifft; aber ihre Gestalt bleibt, und so du sie ansiehst, mußt du bekennen, daß es Menschen sind. Ihre Seelen zwar sind verzerrt durch allerlei Lügen, Falschheit und Bosheiten; zur rechten Zeit aber lasse Ich irgend mehr Wärme in den Lebenskeim dringen, und er fängt an zu wachsen, verzehrt die alte Unordnung der Seele wie die Graswurzel den auch schon faul gewordenen Wassertropfen, und es geht dann ein ganz gesunder, lebenskräftiger und in allen Teilen reiner Grashalm mit Blüte und Samen hervor.
GEJ|4|34|5|0|Aus dem Grunde sollet ihr nicht und nie über ein verdorbenes Volk ein zu hartes Urteil fassen! Denn solange die Form bleibt, bleibt auch der reine Keim im Menschen, bleibt aber der, da kann auch noch ein Teufel zum Engel werden!
GEJ|4|34|6|0|Gewöhnlich sind irrige Lehrer, Herrsch- und Habsucht einiger Mächtigeren und eine zeitweilige Besitznahme von bösen Geistern, die das Fleisch und den Nervengeist der Menschen beschleichen, die steten Ursachen der Verderbung der Menschen und ihrer Seelen. Aber von einer gänzlichen Verderbung etwa auch des innersten Lebenskeimes kann keine Rede sein.
GEJ|4|34|7|0|Sieh an den Mathael und seine vier Gefährten; wie waren sie von den argen Geistern zugerichtet! Ich erlöste die fünf davon und erweckte den Lebenskeim in ihnen, und siehe, was für vollkommene Menschen das nun sind!
GEJ|4|34|8|0|Freilich gibt es Unterschiede unter den Menschen! Einige Seelen sind von oben her. Diese sind kräftiger, und die argen Geister dieser Erde können ihnen weniger oder auch nichts anhaben. Solche Seelen können denn auch eine stärkere Fleischlebensprobe aushalten, ohne irgendeinen bedeutenden Schaden zu erleiden. Wird bei denen der Geist, das ist der verborgene Urlebenskeim, erweckt, und durchdringt er dann mit seinen ewigen Lebenswurzeln die Seele durch und durch, so wird das nur wenig Verdorbene an solch einer Seele sogleich ausgeheilt, und der ganze Mensch steht vollendet da, – wie du solches an Mathael, Philopold und noch etlichen anderen ersehen kannst.
GEJ|4|34|9|0|Mancher Menschen Seelen sind gar vormalige Engel der Himmel gewesen. Nun, bei denen kann leichtlich nichts verdorben werden! Johannes der Täufer und mehrere Propheten, wie Moses, Elias, Jesaja und noch andere mehr, können dir als Beispiele dienen, und es gibt solcher noch jetzt mehrere auf dieser Erde, die aus den Himmeln gekommen sind, um hier mit Mir den schmalsten Weg des Fleisches durchzumachen. Solche Menschen sind einer schon gar starken Fleischlebensprobe fähig und ertragen sie auch stets mit der größten Aufopferung.“
GEJ|4|35|1|1|35. — Der Unterschied der Seelen auf Erden
GEJ|4|35|1|0|(Der Herr:) „Daneben gibt es auch noch Unterschiede der Seelen, die von oben her sind, in der Art, daß da einige aus den vollkommenen Sonnenwelten stammen. Diese sind kräftiger als solche, die aus den kleinen, dieser Erde ähnlichen Planeten hierherkommen, um auf dieser Erde die Kindschaft Gottes zu erreichen.
GEJ|4|35|2|0|Je unvollkommener aber irgend ein Planet ist, desto schwächer sind auch seine Auswanderer. Diese haben zwar eine geringere Lebensprobe zu bestehen, können aber an der Seele schon einen größeren Schaden bekommen. Sie haben aber dennoch einen kräftigen Urlebenskeim in sich; wird der in rechter Art erweckt, so sind die Seelen dann auch bald wieder in der vollen Lebensordnung.
GEJ|4|35|3|0|Endlich, am häufigsten, gibt es Seelen, die aus dieser Erde von Uranbeginn abstammen. Diese sind am eigentlichsten zur Kindschaft Gottes berufen, sie sind die Schwächsten und könnten für sich am ehesten total verdorben werden; aber es ist solches wieder darum nicht leicht möglich, weil je unter hundert sicher ein oder zwei Starke von oben sich befinden, durch die die schwachen Seelen vor einem gänzlichen Verderben gehindert und geschützt werden. Gibt es darunter auch schon sehr verlorene Schafe, so werden sie zu seiner Zeit doch wieder aufgefunden werden.
GEJ|4|35|4|0|Jede Seele aber – ob in sich noch so schwach, ohnmächtig, zertragen und verdorben – hat in sich den Urlebenskeim, der nimmerdar verdorben werden kann. Ist die Seele mit der gerechten Länge der Zeit nur dahin gebracht worden, daß ihr innerster Urlebenskeim in ihr erweckt werden kann, so ist sie dann aber auch gleich selig und in allen Dingen liebe- und weisheitskräftig und ist dann so gut ein Kind des Allerhöchsten wie ein menschgewordener Engelsgeist oder eine Seele aus einer Zentralsonne, aus einer minderen Planetarsonne oder aus irgendeinem außerirdisch anderwärtigen dunkeln und für sich lichtlosen Erdkörper, deren es im weiten Schöpfungsraume mehr gibt als des Sandes im Meere und des sämtlichen Grases auf der Erde.
GEJ|4|35|5|0|Wer zum Beispiel von euch ein schon mehr vollendeter Mensch ist, der mag einem noch so dummen und abergläubischen Sünder von einem ordentlichen Tiermenschen seine Hände auflegen oder ihm sanfte Striche geben von der Nasenwurzel über die Schläfen hinab bis in die Magengrube, so wird der Mensch dadurch in einen verzückenden Schlaf gebracht. In diesem Schlafe wird dessen wenn noch so verstörte Seele frei von Plagegeistern ihres Leibes, und der Urlebenskeim tritt dann sogleich auf eine kurze Zeit wirkend in der Seele auf.
GEJ|4|35|6|0|Fraget dann solch einen Verzückungsschläfer, und ihr werdet da Antworten bekommen, über die sich eure Weisheit höchst erstaunen wird!
GEJ|4|35|7|0|Wird nach einer kurzen Zeit ein solcher Mensch nach seiner eigenen Verordnung, die zu beachten ist, wieder ins irdische Leben herüber erweckt, so ist der Urlebenskeim wieder in seine alte Ruhe zurückgekehrt, und die Seele tritt dann wieder in ihre alten Fleischbande zurück und erinnert sich an nichts, was mit ihr in dem verzückenden Schlaf ihres Leibes vor sich gegangen ist. Sie weiß kein Jota von all dem Weisen, was sie geredet hat durch des Fleisches Mund, und ist dann für sich wieder so dumm und abergläubisch, wie sie früher war.
GEJ|4|35|8|0|Dieses diene euch als ein Beweis, daß im Grunde keine Seele so verdorben werden kann, daß sie nimmer zu heilen wäre.
GEJ|4|35|9|0|Freilich wird bei so mancher Seele eine geraume Zeit entweder hier und noch mehr jenseits erforderlich sein, bis sie jene selbständige, gesunde Festigkeit erreichen wird, die dazu erforderlich ist, um den Urlebenskeim in sich vollends zu erwecken und sich vom selben in allen Teilen durchdringen zu lassen. Aber diesen Lebensakt sich als unmöglich und nie erfolgbar zu denken bei einer Seele, die im Grunde und Boden schon gänzlich verdorben zu sein scheint, wäre eine ebenso grobe Sünde gegen die Liebe und Weisheit Gottes, wie die als verdammt geglaubte Seele in sich selbst als ein Auswurf der Hölle erscheint und vor den richtenden Weltaugen als ein bergegroßer und dichter Sündenknäuel dasteht.“
GEJ|4|36|1|1|36. — Die Seelenkrankheiten und ihre Behandlung
GEJ|4|36|1|0|(Der Herr:) „Darum sollet ihr die Menschen nicht richten, auf daß ihr dadurch am Ende nicht zu Richtern über euch selbst werdet!
GEJ|4|36|2|0|Wäre es denn nicht eine allerunmenschlichste Torheit, einen leiblich kranken Menschen deshalb richten und über ihn eine gewissenlose Strafe verhängen zu wollen, weil er krank und elend geworden ist?! Eine um wie vieles größere und um gar vieles unmenschlichere Torheit aber ist es erst dann, so ihr einen seelenkranken Menschen darum richtet und verdammet, weil seine Seele aus den früher angeführten Gründen schwach und krank geworden ist!
GEJ|4|36|3|0|Ihr nennet solche Menschen nach euren Gesetzen und Bestimmungen Verbrecher und unterziehet sie der unerbittlichen, harten Strafe; was tuet ihr aber dadurch? Ihr strafet eine Seele, weil sie im Grunde ohne ihr Verschulden krank geworden ist! Fraget euch selbst, wie sich vor Gott eure Gerichte ausnehmen müssen.
GEJ|4|36|4|0|Frage dich aber selbst, du Mein menschenfreundlicher Cyrenius, was du ohne Mich mit den fünf Hauptverbrechern als oberster Richter Roms und als Gewaltträger über Leben und Tod gemacht haben würdest!? Siehe, du hättest dir die ruchlosen, argen Taten vorerzählen lassen und endlich alle fünf dem Kreuzestod übergeben! Wäre es dir je in den Sinn gekommen, zu denken, daß hinter diesen fünfen solche Geister zu Hause sein könnten? O nein! Das wäre dir nimmer in den Sinn gekommen!
GEJ|4|36|5|0|Du hättest, ganz ergrimmt über ihre Untaten, sie mit dem kältesten Blute von der Welt zum Tode verurteilt und würdest dabei noch der beruhigenden Meinung geworden sein, Gott und der Menschheit einen guten Dienst erwiesen zu haben! Welchen Schaden aber hättest du der Menschheit bereitet, solche Geister von der Erde vertilgt zu haben, die nun als vollkommen geheilt – seelisch und leiblich – den Menschen der Erde wie Frühlingssonnen leuchten und viele tausendmal tausend Menschenherzen zum Guten und Wahren erwärmen und beleben werden! Von jetzt an wirst du freilich wohl anders verfahren; aber früher wärest du unerbittlich gewesen!
GEJ|4|36|6|0|Und siehe, so steht es mit allen weltlichen Gerichten auf der lieben Erde! Für die leiblichen Krankheiten und Gebrechen finden sich Ärzte und bereiten allerlei Arzneien; nur für die Krankheiten der armen Seelen gibt es keine anderen Ärzte und Arzneien als zuerst ein ganzes schweres Buch voll der oft schwerst zu haltenden Gesetze – und hinter den Gesetzen das richtende Schwert!
GEJ|4|36|7|0|Wäre es denn nicht feiner, klüger und menschlicher, mehr Ärzte und Arzneien für krank gewordene Seelen als für deren Leiber zu errichten, die in kurzer Zeit eine Speise der Würmer werden?!
GEJ|4|36|8|0|Daß da eine weit gediehene Seelenkrankheit schwerer zu heilen ist denn so manche des Leibes, das weiß Ich wohl am besten; aber keine ist völlig unheilbar, während es doch für jeden Leib endlich eine letzte Krankheit gibt, für deren Heilung auf der ganzen Erde kein Kraut gewachsen ist! Und doch tut ihr Menschen des Verkehrten so viel!
GEJ|4|36|9|0|Für den morschen, total sterblichen Leib errichtet ihr Heilanstalten über Heilanstalten, Apotheken und Bäder, Salben und Pflaster und heilsame Getränke; aber für die unsterbliche Seele habt ihr noch nicht auch nur eine Heilanstalt errichtet!
GEJ|4|36|10|0|Du sagst bei dir im Herzen nun freilich wohl: ,Wie wäre das ohne Dich, o Herr, möglich gewesen?! Wo hätten wir es hernehmen sollen und von wem es erlernen?!‘ Das ist allerdings wahr, – diese Kenntnis verlangt freilich wohl ein tieferes Erforschen der gesamten Menschennatur, als bloß aus der alten Erfahrung zu wissen, was für ein Kräutersaft die Beschwerden eines überschoppten Magens am ersten heilt; aber die unsterbliche Menschenseele ist es auch wert, daß man sich um ihre mannigfache Beschaffenheit ein wenig mehr kümmert als um die Beschaffenheit eines aus Fraßsucht überfüllten Magens!
GEJ|4|36|11|0|Es sind aber wohl zu allen Zeiten auch wahre, von Gottes Geist erfüllte Seelenärzte in diese Welt gesandt worden und haben den rechten Weg zur Heilung der Seelen gepredigt. Manche haben sich daran gekehrt und wurden auch unfehlbar geheilt; aber die sogenannten Großen und Mächtigen der Erde hielten sich ohnehin für ganz seelengesund, mißachteten die von Mir auf die Erde gesandten Seelenärzte, verfolgten sie am Ende und verboten ihnen, das Heilwerk für kranke Seelen zu betreiben, – und so geschah es immer durch der Erde Große und Mächtige, daß die Gnadenlehre zur Genesung der kranken Seelen bei den Menschen nie diejenigen Wurzeln fassen konnte, durch die sie dann zu einem vollkräftigen Heilbaum erwachsen wäre.
GEJ|4|36|12|0|Und ist irgendwo auch ein ganz gesunder und kräftiger Same gelegt worden, so wußten die selbstsüchtigen und herrschgierigen Menschenkinder dieser Erde den Baum so lange zu putzen, ihm die ihnen überflüssig scheinenden Äste und Zweige zu nehmen und ihm die notwendige Rinde so lange abzuschaben, bis der ganze Baum endlich verdorren mußte. Und so ist denn auch für die Heilung der kranken Seelen bis zur Stunde keine andere Heilanstalt als allerschärfste Gesetze, Arreste, Untersuchungsgefängnisse, erschreckliche Strafkerker, das scharfe, allerunbarmherzigste Schwert und allerlei qual- und martervolle Hinrichtungs- und Tötungsinstrumente errichtet und brauchbar hergestellt worden. Es sind das Produkte von zwar auch lauter kranken, aber starken Seelen; denen muß vor allem geholfen werden, so es mit der Heilung der kleinen, schwachen und untergebenen Seelen zu irgendeinem glücklichen Erfolg auf dieser Erde noch kommen soll.“
GEJ|4|37|1|1|37. — Von Seelenheilanstalten und Seelenärzten
GEJ|4|37|1|0|(Der Herr:) „Ich habe ebendarum Selbst auf diese Erde kommen müssen, um für alle kranken Seelen eine bleibende und für alle Zeiten wirksame Seelenheilanstalt zu errichten, weil die Menschen eine solche nimmer zustande gebracht haben würden.
GEJ|4|37|2|0|Aber es wird noch, alles dessen ungeachtet, stets schwer gehen mit der bleibenden Errichtung einer in Rede stehenden Heilanstalt für kranke Seelen, weil gewisse Menschen sich dadurch in ihren Scheinweltrechten werden beeinträchtigt zu fühlen anfangen.
GEJ|4|37|3|0|Die Selbst- und Weltliebe, die ein Hauch der Hölle in des Menschen Brust ist, wird da immer sich dagegen sträuben und von ihrer argen Krankheit nicht geheilt werden wollen und wird nicht lassen von ihren Weltmitteln, als da sind die schwer zu erfüllenden harten Gesetze, deren Gerichte und Strafen.
GEJ|4|37|4|0|Aber dennoch werden nach Mir allenthalben stets viele sein, bei denen diese Meine nun errichtete Seelenheilanstalt bleiben wird für viele, die sie werden benützen wollen. Zwar werden solche echten Heilanstalten um Meines wahren und lebendigen Namens willen von den zwar weltlich mächtigen, aber in sich erzkranken Seelen manches und oft vieles zu erdulden haben; aber Ich Selbst werde sie zu schützen wissen!
GEJ|4|37|5|0|Sollten jedoch zu selbstwillig arg krank gewordene Weltmenschenseelen aus einem förmlichen Wahnsinn eine und die andere Seelenheilanstalt ganz zugrunde zu richten beabsichtigen, so werde Ich sie dann schon durch ein zweckdienliches außerordentliches Gericht zu ergreifen und ihre Seelenheilung in jenseitigen Heilanstalten zu verordnen verstehen, wo bis zur nur sehr langsam vorwärtsschreitenden Heilung viel Heulens und Zähneknirschens vernommen werden wird!
GEJ|4|37|6|0|Schon auf dieser Welt schmeckt eine sehr wirksame Leibesarznei gewöhnlich sehr bitter; aber noch bitterer werden die jenseitigen Seelenheilungsarzneien schmecken, weil sie sehr kräftig sein müssen, um eine gefährlichst kranke Seele sonach dort zu heilen, weil für sie hier keine Heilung mehr möglich war. Ja, geheilt werden sie wohl werden, aber lange und sehr verzweifelt bitter wird es hergehen! Darum wohl dem, der seine Seele in diesen irdischen Heilanstalten gesund machen wird!
GEJ|4|37|7|0|Aus allen den bisher angezeigten Gründen aber seid ihr mächtigen Richter wahre Seelenärzte in aller Zukunft, und richtet über jede kranke Seele ein rechtes Gericht zu ihrer Heilung und nicht zu ihrer noch größeren Verkümmerung!
GEJ|4|37|8|0|Wahrlich, um wieviel ihr durch ein eigens selbst seelenkrankes Gericht eine ohnehin schon äußerst kranke Seele noch kränker gemacht habt, um ebensoviel werdet ihr selbst an eurer Seele elender und kränker werden, und es wird drüben eure Heilung dann eine um sehr vieles bitterere als die der von eurem bösen Gericht noch elender gewordenen Seele! Denn solch eine Seele ist und bleibt trotz eures bösen und unsinnigen Gerichtes dennoch einfach krank und wird auch jenseits mit einer einfachen Heilung wiederhergestellt werden können; eine unsinnige Richterseele aber wird nach jedem ungeratenen und bösen Gericht stets einmal ins Doppelte in jener Seele Krankheit verfallen, die sie arg gerichtet hatte, und wird dadurch auch ihr höchst eigenes Grundseelenübel notwendig ums Doppelte erhöhen. Daß es dann jenseits mit der Heilung solch einer höchst elend und krank gewordenen Richterseele auch höchst bitter und langwierig hergehen wird, läßt sich bei nur einigem Nachdenken leicht von selbst verstehen!
GEJ|4|37|9|0|So du als ein ungeschickter Arzt selbst krank zu einem sehr gefährlich Kranken verlangt wirst, und du gehest des Gewinnes wegen dahin und gibst ihm in deiner Ungeschicktkeit eine Arznei, die ihm nicht hilft, sondern hie und da noch elender macht, – welchen Nutzen hast du davon?! Denn hast du ihm nicht geholfen, so bekommst du auch keinen Lohn – wie es bei euch Sitte ist –; du bist aber dabei auch noch von des gefährlich Kranken Übel angesteckt worden und hast nun erstens keinen Lohn und zweitens an dir selbst statt einer einfachen eine doppelte Krankheit zu bestehen!
GEJ|4|37|10|0|Wenn nun an deiner Stelle ein kluger Arzt kommt, wird er nicht deinen früheren Kranken mit einer tauglichen einfachen Arznei heilen, während er bei dir, weil du nun von zwei Übeln behaftet bist, auch sicher eine doppelte Arznei wird in Anwendung bringen müssen, um dir möglicherweise zu helfen?! Und solche doppelte Arznei wird in deinem leidigen Fleische auch sicher wenigstens eine doppelt so große Revolution bewirken als die einfache bei deinem früher behandelten nur einfach Kranken.“
GEJ|4|38|1|1|38. — Wahre Gerechtigkeit
GEJ|4|38|1|0|(Der Herr:) „Ich meine, daß dieses euch nun klar sein dürfte, und so führe Ich das Wort weiter und sage: Es ist damit nicht an dem, als solltet ihr darum nun, weil Ich solches zu euch geredet habe, alle Gefängnisse und Verwahrungsorte, die dennoch ein notwendiges Übel gegen das große Übel sehr kranker Seelen sind, zerstören und zerbrechen alle Fesseln und alle Schwerter; o nein, das soll damit gar nicht gesagt sein! Denn sehr ansteckend kranke Seelen müssen sogar sorgfältig von den gesunden abgesondert und so lange in Gewahrsam gehalten werden, bis sie von Grund aus geheilt sein werden.
GEJ|4|38|2|0|Aber nicht euer Zorn und euer Rachegefühl halte sie in festen Gemächern in Gewahrsam, sondern eure große Nächstenliebe und die damit engst verbundene innigste Sorge um ihre mögliche gänzliche Heilung! Wird es euch der rechte Geist der Liebe anzeigen, daß bei einem oder dem andern Schwerkranken eine bitter schmeckende Arznei vonnöten ist, so enthaltet sie ihm nicht vor, weil das ein sehr unreifes und unzeitiges Erbarmen wäre! Aber nur in der wahren Liebe müsset ihr dem Schwerkranken eine bittere Arznei verabreichen, so wird sie ihm auch sicher die erwünschte Heilung verschaffen, und ihr werdet dann viel des Segens über euch bekommen!
GEJ|4|38|3|0|Die Arznei, die Ich anfangs am Abend den fünfen verordnete, war sicher nicht süß und fein schmeckend; aber Meine große Liebe zu ihnen erkannte sie für unvermeidbar nötig zu ihrer völligen Heilung, und so war jene bittere Arznei auch ein höchster Akt Meiner Liebe zu ihnen. Sie wurden am Morgen dadurch von allen Übeln um so leichter geheilt, und sie sollen reden, ob Mir einer wegen der genossenen bittern Arznei gram sein kann!
GEJ|4|38|4|0|Aber so jemand, nur durch Zorn und Rachedurst geleitet, den vermeintlichen Verbrecher auf die unbarmherzigste Art quält und martert, so ist er dadurch schon der vielfach größere Verbrecher und wird dereinst auch desto mehr des Bittersten zum Verkosten bekommen.
GEJ|4|38|5|0|Mit welchem Maße ihr ausmesset, mit demselben Maße wird es euch dereinst wiedervergolten werden! Wer mit wahrer Liebe mißt, dem wird es auch also zurückgemessen werden; wer aber in Zorn und Rache mißt, dem wird dereinst zu seiner Heilung ganz dieselbe Arznei im sehr verdoppelten Maße wiedergereicht werden, und er wird nicht um eine Sekunde eher aus der jenseitigen bittersten Anstalt entkommen, als bis jede harte Fiber an seiner Seele weiß und weich wie Wolle gemacht worden ist!
GEJ|4|38|6|0|Ich habe euch nun die durchgängig wahre Natur und Beschaffenheit des Menschen gezeigt, und ihr möget nun nicht mehr sagen: ,Solches haben wir nicht gewußt!‘ Da ihr solches nun aber wohl kennet und wisset, so handelt auch danach und lehret solches auch diejenigen, die unter euch stehen und bis jetzt als selbst Kranke nicht wissen, was sie tun, so werdet ihr als wahre und gesunde Mitarbeiter an Meinem Reich auf dieser Erde im rechten und besten Maße tätig sein, und Mein Wohlgefallen wird euch begleiten auf allen euren Wegen und Stegen; werdet ihr aber irgendwo wieder nach eurem alten Sinne arbeiten, da denket, daß eure Seele wieder von einem Übel befallen ist, und bittet dann, daß Ich sie davon heile und ihr nicht verfallet in ein doppeltes Selbstleiden!
GEJ|4|38|7|0|O ihr, die ihr richtet und mit euren Urteilen die armen kranken Seelen noch kränker machet, als sie ehedem waren, bedenket doch ernstlich, was ihr seid und sein sollet der Wahrheit gemäß, und was ihr tun sollet der Ordnung Gottes zufolge! Ihr Richter und Obergewaltträger über die Schwäche der Völker, die am Ende doch wieder auch alle eure Gewalt, Macht und Ansehen sind, sollet wahre Väter eurer Völker sein, und als solche sollet ihr sehr um die volle Gesundheit der euch anvertrauten vielen Kinder und mit aller Liebe und wahrer väterlicher Sorgfalt um deren Seelenwohl bekümmert sein! Leibesärzte brauchet ihr nicht zu sein – aber um desto mehr wahre Seelenärzte!
GEJ|4|38|8|0|So ihr aber eure Kinder sehet, wie sie öfters eure elterlichen Gebote nicht beachten und sich dann und wann auch recht stark an ihnen versündigen, würde es euch wohl anstehen, so ihr darum ein und das andere Kind gewisserart zum abschreckenden Beispiele martern und am Ende gar ans Kreuz hängen ließet?! Dies kann vielleicht einmal ein herrschsüchtigster Vater getan haben; doch viele Beispiele derart wird die Welthistorie nicht aufzuweisen haben! Ihr besseren Eltern aber werdet eure fehlenden Kindlein wohl wenigstens scheinernstlich zurechtweisen und im dringendsten Falle sie auch mit der heilsamen Zuchtrute strafen. Werden sich die Kinder darauf bessern, so werdet ihr sicher eine große Freude daran haben; denn eine rechte Lust wird es für euch sein, eurer Kinder Seelen frisch und gesund vor euch zu sehen.
GEJ|4|38|9|0|Also seid ihr mächtigen Richter auch gegen alle Menschen, und eurer Freuden wird nimmer ein Ende sein! Denket euch an die Stelle derer, die euch billigermaßen gehorchen müssen und annehmen und beachten eure Gesetze! Würde es euch nicht wohl tun, so sie als eure Richter mit euch barmherzig wären und möglichst schonend mit euch verführen?! Was ihr vernünftigerweise wünschen könnet, daß sie euch tun möchten, so ihr mit kranken Seelen vor ihnen stündet, das tut ihr auch ihnen, so sie mit ihren kranken Seelen vor euch stehen!
GEJ|4|39|1|1|39. — Das ewige Grundgesetz der Nächstenliebe
GEJ|4|39|1|0|(Der Herr:) „Siehe, in dem liegt die praktische Erklärung aller Gesetze Mosis und alle Weissagung aller Propheten: Liebet Gott als euren ewigen Vater über alles und eure armen und vielfach kranken Brüder und Schwestern aber unter allen Umständen wie euch selbst, so werdet ihr als wahre, seelengesunde Kinder des ewigen Vaters im Himmel ebenso vollkommen sein, wie Er Selbst vollkommen ist, – wozu ihr eigentlich berufen seid! Denn wer da nicht so vollkommen wird wie der Vater im Himmel vollkommen ist, wird nicht zu Ihm kommen und speisen für ewig an Seinem Tische.
GEJ|4|39|2|0|Siehe nun, du Mein Cyrenius, in dem hast du alles, was du ehedem als ein schwer besiegbares Übel der Welt ansahst! Freilich wohl ist die in der Welt unter den Menschen eingerissene Lüge schwer zu bekämpfen, weil sie eine schwere Grundkrankheit der Seele ist; aber mit der Lüge kann man durch die Wahrheit, die aus der Liebe so wie das Licht aus der Flamme hervorgeht, leicht fertig werden. So du aber nur des Lichtes benötigest, um ein finsteres Gemach zu beleuchten, wird dich jemand als weise preisen, so du gleich lieber das Gemach in Flammen setzest und es dadurch zerstörst? Darum soll Mein Wort und Meine Lehre nicht mit dem Schwerte weiterverbreitet werden!
GEJ|4|39|3|0|Wenn du jemand, der von einer Wunde geplagt wird, heilen willst, so mußt du ihm neben der zu heilenden Wunde nicht eine frische und noch zehnfach ärgere schlagen; denn so du das tun würdest, da wäre es besser, du hättest dem Verwundeten die alte Wunde ungeheilt gelassen!
GEJ|4|39|4|0|Wahrlich, wer Mein Wort und Meine Lehre mit dem Schwerte in der Hand verbreiten wird, der wird für seinen Eifer keinen Segen von Mir überkommen, sondern selbst in die größte Finsternis hinausgestoßen werden! Wenn du ein Gemach mit reinen Öllampen zur Nachtzeit erleuchtest, so werden alle, die darin sind, ein erfreuliches Licht haben; zündest du aber das ganze Gemach an, so werden alle dir zu fluchen anfangen und dich fliehen wie einen wütenden Narren.
GEJ|4|39|5|0|Wer da predigt zur Heilung der Seelen, der führe wohl ein vernehmliches, aber dabei dennoch sanftes Wort und schreie nicht wie ein Rasender, der vor Wut und Grimm schäumet; denn ein vor Wut schäumender Mensch bessert niemanden mit seinem wilden Geschrei! Er macht entweder, daß ihn die Zuhörer verspotten und verlachen und, treibt er es mit seinem Geschrei noch ärger, am Ende gar mit Knütteln und Fäusten aus der Gemeinde stoßen.
GEJ|4|39|6|0|So rede auch niemand zu seinem Bruder ein versöhnlich Wort, so er in der eigenen Brust den Stachel des Ärgers fühlt; denn am Ende überredet er sich in seinem ärgerlichen Eifer selbst, wird erbost und hat dadurch seinen Bruder nicht nur nicht zur Versöhnlichkeit umgewandelt, sondern nur noch mehr zum Gegenteile gereizt und den sich vorgestellten guten Zweck in einen weiten Hintergrund zurückgedrängt!
GEJ|4|39|7|0|Ja, ihr sollt bei der Verbreitung Meiner Lehre stets nur ein freundliches Gesicht machen; denn mit Meiner Lehre kommet ihr ja mit einer freundlichsten und freudenreichsten Kunde aus den Himmeln zu den Menschen und müsset sie ihnen auch mit der freudigsten und freundlichsten Gebärde verkünden!
GEJ|4|39|8|0|Was würde dir aber jemand sagen, zu dem du kämest und ihn einlüdest zu einem Freudenmahle, die Einladung aber folgendermaßen von dir gäbest: ,Höre, du nicht werter, von Gott verfluchter Sünder! Ich hasse dich zwar deiner Sünden und der Gerechtigkeit Gottes wegen, komme aber dennoch und fordere dich mit all den mir zu Gebote stehenden Gewaltmitteln auf, zu meinem Freudenmahle um so gewisser zu kommen, als ich widrigenfalls dich für immer verfluchen und verdammen würde; kommst du aber, so sollst du wenigstens für den Freudentag meiner Gnade und meines Wohlwollens versichert sein!‘
GEJ|4|39|9|0|Sage Mir, was der Eingeladene zu solch einer Einladung für ein Gesicht machen würde, und ob für ihn das anberaumte Freudenmahl wohl auch ein Freudenmahl sein würde! Ich meine, für solch eine Einladung wird sich jeder noch so dumme Mensch bedanken! Er wird wohl, so er sich schwach fühlt, kommen, um damit die angedrohten üblen Folgen von seiner Haut abzuwälzen; fühlt er sich aber stark genug, so wird er den groben Einlader ergreifen und ihn aus seinem Hause werfen. Und daß er solch eine Einladung sicher nicht annehmen wird, läßt sich leicht von selbst verstehen.
GEJ|4|39|10|0|Ebendarum ist bei der Ausbreitung Meiner Lehre, die auch eine wahre Freudenmahlseinladung aus den Himmeln ist, das vor allem zu beachten, daß alle die, welche Meine Lehre unter den Menschen der Erde ausbreiten werden, als wahre Boten aus den Himmeln voll Freundlichkeit und Liebe unter den Menschen auftreten und also das Evangelium verkünden. Denn etwas überaus Erfreuliches und Gutes kann man ja doch nicht mit einer wie vom jähsten Zorne entbrannten Gesichtsverzerrung verkünden. Und täte jemand das, so wäre er entweder ein Narr oder ein Possenreißer und als solcher gänzlich untauglich zur Ausbreitung Meines Wortes. – Hast du und auch ihr andern alle dies von Mir nun Gesagte wohl treulich verstanden?“
GEJ|4|39|11|0|Sagt Cyrenius, ganz zerknirscht von der Wahrheit solcher Meiner Ermahnung: „Herr, Du allein Wahrhaftiger, ich habe das alles wohl verstanden, und was mich betrifft, so werde ich mich in allem und jedem streng danach halten! Natürlich kann ich für alle andern keine Bürgschaft geben; aber ich meine, daß sie Dich alle so gut wie ich verstanden haben. Zugleich aber sehe ich es nun ein, wie groß und wie oft ich mich bei meinem möglichst besten Wissen, Gewissen, Willen und Wollen an der Menschheit allergröblichst versündigt habe! Wer wird solche meine Sünden wieder gutmachen an jenen, gegen die ich gesündigt habe?“
GEJ|4|39|12|0|Sage Ich: „Darum sorge dich nimmer, sondern nur um das Künftige! – Nun aber wird gleich etwas Neues kommen!“
GEJ|4|40|1|1|40. — Der Somnambulismus und seine Anwendung
GEJ|4|40|1|0|Tritt näher zu Mir Kornelius und sagt fragend: „Herr, Du hast nun im Verlaufe Deiner übergöttlichen Rede und Lehre davon eine Andeutung gemacht, wie ein geistig vollendeter Mensch einem andern die Hände auflegen könnte, und dieser andere würde darauf alsbald in einen Verzückungsschlaf geraten und mit gesunder Seele weise Reden von sich geben, – und wäre er sonst ein noch so blinder und vollends dummer Mensch! Wenn ich doch nur den Vorgang einer solchen Behandlung sehen könnte, so wüßte ich dann, wie solch ein heilsamer Versuch an jemand vorzunehmen ist, so es irgend nötig wäre. Wenn man aber in der Behandlungsweise ein Laie ist, da kann man selbst bei bestem Willen nichts unternehmen und somit auch nichts zustande bringen. – Möchtest Du mir darüber etwas Näheres anvertrauen?“
GEJ|4|40|2|0|Sage Ich: „O ja, recht gerne, weil dieser Akt zur Herstellung der verlorenen leiblichen und auch seelischen Gesundheit ein unbedingt notwendiger ist! Denn einmal lindert schon das pure Auflegen der Hände selbst den heftigsten Leibesschmerz, und dazu ergibt sich zumeist als Folge, daß der Mensch, dem du die Hände festgläubig aufgelegt hast mit dem starken Willen, ihm zu helfen, hellsehend wird und sich dann selbst eine taugliche Arznei bestimmen kann, die, nach seiner Vorschrift angewendet, ihm die volle Heilung bringen muß. Natürlich, wenn irgend, wider seine Vorschrift, sich widrige Fälle ereignet haben, da wird es mit der vollkommenen Heilung nicht gut gehen; ist aber die Vorschrift in ungestörter Behandlung geblieben, so erfolgt die volle Heilung ganz sicher.
GEJ|4|40|3|0|Wenn aber bei dieser Heilbehandlung irgendeine menschliche Person in den weissagenden Schlaf gekommen ist, da soll sie nicht durch allerlei unnütze Fragen gestört und geschwächt werden, sondern nur um das gefragt werden, was da notwendig ist.
GEJ|4|40|4|0|Wer aber jemand die Hände auflegt, der muß das in Meinem Namen tun, ansonst seine Behandlung keinen Nutzen brächte und nichts bewirkte.
GEJ|4|40|5|0|Es gehört ein fester, unerschütterlicher Glaube und ein ebenso unerschütterlicher, fester Wille dazu.
GEJ|4|40|6|0|Aus des Herzens tiefstem Grunde muß solch eine Bestrebung rühren und muß aus der wahren Nächstenliebe ausgehen, dann erfüllt solche Kraft der Liebe die Hände des Handauflegers, und sie dringt dann durch dessen Fingerspitzen und fließt wie ein sanfter Tau in die Nerven des Kranken und heilt den oft stechenden und oft brennenden Schmerz.
GEJ|4|40|7|0|Das aber ist wohl zu merken, daß mehr dazu gehört, einen Mann in den Verzückungsschlaf zu versetzen denn ein Weib! In gewissen Fällen könnte auch ein Mann von einem Weibe in den Verzückungsschlaf versetzt werden; dem frommen Weibe aber gelänge solche Behandlung nur mit Hilfe eines ihm zur Seite stehenden, unsichtbaren Engels, den es sich dienstbar machte durchs Gebet und des Herzens Reinigkeit.
GEJ|4|40|8|0|Solche frommen Weiber würden besonders den oft schwer und mit großen Schmerzen Gebärenden eine große Linderung verschaffen. Dies wäre besser, als daß gewöhnlich die Wehemütter nach Bethlehem reisen und dort die Kunst erlernen, wie einer Gebärenden beizustehen ist, wobei ein ganzer Haufe von allerlei abergläubischen Mitteln, die stets mehr schaden als nützen, in die dümmste Anwendung gebracht wird.
GEJ|4|40|9|0|Welche höchst dummen und lächerlichen Zeremonien werden oft besonders bei den Erstgeburten vorgenommen! Wird ein Mägdlein zuerst geboren, dann müssen allerlei dumme Klagelieder angestimmt und es muß drei Tage lang jämmerlich geseufzt und geplärrt werden. Wird ein Knäblein geboren, so müssen Kälber und Lämmer geschlachtet und Semmeln gebacken werden und müssen alle Sänger, Pfeifer und Geiger zusammenkommen und einen ohrenzerreißenden Lärm machen den ganzen Tag hindurch, was der Gebärenden eine Linderung ihrer Geburtswehen verschaffen soll! Also – statt solcher Dummheiten wäre die vorerwähnte Geburtshilfe doch sicher sehr am Platze!“
GEJ|4|40|10|0|Sagt Kornelius: „Na und ob! Aber kommt ein Weib zu solch einer Frömmigkeit?“
GEJ|4|40|11|0|Sage Ich: „Ganz leicht! Zuerst gehört eine gute Erziehung dazu, und dann ein gründlicher Unterricht einer vollreif gewordenen Jungfrau! Aber der Unterricht darf einer noch so reifen Jungfrau nicht vor der erprobten wahren Frömmigkeit des Herzens erteilt werden.
GEJ|4|40|12|0|Aber auch Männer können durchs Händeauflegen einer Gebärenden beistehen und ihr eine große Linderung verschaffen!“
GEJ|4|41|1|1|41. — Leibliche und geistige Reinlichkeit. Fernheilung
GEJ|4|41|1|0|Sagt der danebenstehende und auf alles aufpassende Stahar: „Würde aber so etwas den Mann nicht auf einen ganzen Tag verunreinigen nach den Vorschriften Mosis?“
GEJ|4|41|2|0|Sage Ich: „Von nun an kann dich nichts verunreinigen als arge und unlautere Gedanken, Begierden und Wünsche, böser Leumund, Lüge und Ehrabschneidung, Verkleinerung und Verleumdung. Das sind Stücke, die den Menschen verunreinigen; alles andere verunreinigt den Menschen entweder gar nicht oder höchstens nur äußerlich an der Haut, und dafür hat er Wasser genug, um sich von einer äußeren Unreinheit zu säubern.
GEJ|4|41|3|0|Moses hatte solche Vorschriften den Juden auch nur hauptsächlich wegen ihres großen Hanges zur Unreinheit in allen ihren äußeren Dingen gegeben; denn Menschen, die schon äußerlich zu ordentlichen Schweinen werden, werden es auch dann um so leichter im Herzen. Darum hatte Moses den Juden ganz besonders die äußeren Reinigungen anbefohlen.
GEJ|4|41|4|0|Aber die eigentliche Reinigung der Menschen geschieht erst durch eine wahre Buße, durch die Reue über eine begangene Sünde an seinem Nächsten, durch den ernsten Vorsatz, nicht mehr zu sündigen, und durch die sohin vollkommene Besserung des Lebens.
GEJ|4|41|5|0|Erfolgt solches nicht, so möget ihr hunderttausend Böcke mit Blut besprengen, verfluchen, und statt eurer Sünden in den Jordan schmeißen, so bleiben eure Herzen und Seelen vor Gott noch ebenso unrein und unlauter, wie sie zuvor waren! Mit dem Wasser reinigt man den Leib und mit einem festen, guten und Gott in allem ergebenen Willen Herz und Seele; und wie das reine, frische Wasser des Leibes Glieder stärkt, so stärkt ein Gott ergebener, fester Wille das Herz und die Seele.
GEJ|4|41|6|0|Solche gestärkten Seelen können dann einem Kranken in Meinem Namen auch geistig, in die weiteste Ferne hin, die Hände auflegen, und es wird besser mit ihm werden.
GEJ|4|41|7|0|Wer aber noch schwächer in der Vollendung seines Herzens und seiner Seele ist, der nehme zu den früher in Meiner Hauptrede angedeuteten Strichen seine Zuflucht, und er wird einem Leibeskranken auch eine große Linderung seiner Leiden verschaffen. Er wird ihn auch in den verzückenden Schlaf bringen, und der Behandelte wird im Schlafe weissagen, was ihm helfen kann. Das Geweissagte muß dann sorglichst angewendet werden, und es wird in einer Zeit dann auch besser mit dem Kranken werden, – aber freilich wohl so schnell nicht, als so ein geistig vollendeter Mensch ihm die segensreichen Hände aufgelegt hätte, allwo die Heilung augenblicklich bewirkt werden kann und mag.
GEJ|4|41|8|0|So kann sich jeder überzeugen, daß im verzückenden Schlafe auch die sonst dümmste Seele sogar eines Kindes weissagen kann, weil sie für den Moment mit ihrem allergeistigsten Lebenskeime in Verbindung gesetzt wird. Wird nach dem vergangenen Entzückungsschlafe der innerste Lebenskeim wieder in seine Ruhestätte gebracht, so erwacht die Seele wieder in ihrem Fleische, und von all dem Geschehenen und aus sich selbst Gesprochenen weiß sie dann gar nichts. Das aber bezeugt eben, daß nirgends irgendeine Seele so sehr verdorben sein kann, daß sie nicht mehr zu heilen wäre.“
GEJ|4|42|1|1|42. — Der Herr kündigt ein praktisches Beispiel des Somnambulismus an
GEJ|4|42|1|0|(Der Herr:) „Auf daß ihr aber das auch praktisch sehet, werde Ich nun veranlassen, daß aus Cäsarea Philippi so ein recht dummer und kreuzarger Mensch ankommen wird. Dieser soll von einem aus euch also behandelt werden, und ihr werdet es sehen und hören, in welch eine verwunderungswürdige Weisheit der dumme und arge Mensch im Verzückungsschlafe übergehen wird. So er aber dann wieder erwachen wird, da wird er gleich wieder derselbe arge und dumme Mensch sein, der er zuvor war, und wir werden zu tun haben, ihm auf dem natürlichen Wege nur einigermaßen hellere Begriffe von Gott und den Menschen einzuhauchen.“
GEJ|4|42|2|0|Sagt Cyrenius: „Herr! Da freue ich mich schon wieder überaus darauf; denn da wird sich wieder sehr viel erfahren und lernen lassen! Ist besagter Mensch etwa schon auf dem Wege hierher?“
GEJ|4|42|3|0|Sage Ich: „Jawohl; er sucht dich und wird dich höchst plump um eine Unterstützung angehen, weil er bei Gelegenheit des Brandes eine Hütte, zwei Schafe, eine Ziege und einen Esel eingebüßt hat. Er erfuhr aber, daß du dich hier aufhältst und den Beschädigten Hilfe zukommen läßt, und der sonst recht arge und dumme Mensch hat sich darum auf den Weg gemacht, um von dir seinen erlittenen Schaden wieder ersetzt zu bekommen. Aber er ist eigentlich, wennschon ein armer Tropf, so stark geschädigt nicht; denn die zwei Schafe hat er zwei Tage zuvor, ehe der Brand entstand, einem andern gestohlen, und den Esel und die Ziege aber hat er schon vor einem Jahre auf dieselbe Weise in seinen Besitz gebracht.
GEJ|4|42|4|0|Du siehst also schon aus dem dir nun Kundgegebenen, daß unser neuer Ankömmling ein ziemlich arger Schelm, dabei zugleich aber dennoch auch recht blitzdumm ist, was bei solchen Menschen von der tierisch blinden Habgier herrührt. Er hätte seine Hütte samt seinen Habseligkeiten ganz leicht retten können; aber während des Brandes schlich er stets überall herum, um auf einem ungesetzlichen Wege sich so manchen Fund zuzueignen. Nun, er fand aber nichts, und als er ganz verdrießlich nach Hause kam, fand er seine Hütte in den schönsten Flammen, und seine vier Tiere waren bereits bis auf die Knochen verbrannt.
GEJ|4|42|5|0|Bis heute jammerte er um seine Hütte; als er aber vor einer Stunde in die Erfahrung brachte, daß du aus obangezeigten Gründen hier verweilest, da hat er sich nach nicht gar zu langem Bedenken entschlossen, hierher nachsehen zu kommen, ob du wirklich hier seist, und ob du auch wirklich Beschädigungen vergütest.
GEJ|4|42|6|0|Damit du nun zum voraus weißt, mit was für einem Menschen wir hier ganz bald zu tun bekommen werden, und wie du dich wenigstens anfänglich zu benehmen haben wirst, habe ich dir ihn zum voraus ein wenig gezeichnet; das Bessere wirst du hernach schon von ihm selbst in die Erfahrung bringen.“
GEJ|4|42|7|0|Fragte Cyrenius: „Soll ich ihm wohl irgendeine Vergütung zukommen lassen?“
GEJ|4|42|8|0|Sage Ich: „Vorderhand nicht, denn da mußt du ihm ganz echt römisch auf den Zahn fühlen; erst nach der Behandlung, wenn er etwas Menschlicheres annehmen wird, wird sich das andere finden lassen! Zinka aber soll die Behandlung an ihm vornehmen; denn er besitzt die meiste Kraft dazu. Ich werde zum voraus dem Zinka Meine Hände auflegen, auf daß er desto mehr Kraft gewinne und ihm die Behandlung besser gelinge.“
GEJ|4|42|9|0|Zinka aber, der stets, um ja keine Silbe zu verlieren, um Mich war, trat hervor und sagte: „Herr, wie werde ich solches wohl vermögen, da ich mit der Form der Behandlung viel zuwenig vertraut bin?“
GEJ|4|42|10|0|Sage Ich: „Lege die rechte Hand auf die Stirne und die linke auf die Magengrube, und er wird sobald in den besprochenen Schlaf versinken und auch alsbald zu reden anfangen, doch mit schwächerer Stimme als im Naturzustande! Willst du ihn dann wieder erwecken, so brauchst du bloß deine Hände in verkehrter Ordnung aufzulegen, etliche Augenblicke lang anhaltend. Gleich aber, wie er erwachen wird, ziehst du deine Hände zurück, und die Behandlung ist zu Ende!“
GEJ|4|42|11|0|Zinka ist nun mit allem einverstanden und ist auch voll des festesten Glaubens, daß ihm alles also gelingen werde, und erwartet nun selbst sehnsüchtig seinen Mann, – fragt Mich aber dennoch, ob er die Behandlung sogleich bei dessen Ankunft vornehmen oder eines Winkes harren soll.
GEJ|4|42|12|0|Sage Ich: „Ich werde es dir schon andeuten, wann da etwas zu geschehen hat. Vorher müsset ihr ja doch seine Dummheit und Roheit kennenlernen, das heißt, den bedeutenden Krankheitszustand seiner Seele. Wird er darin von euch hinreichend erkannt sein, so ist es dann erst an der Zeit, seine Seele im gesunden Zustande zu betrachten und daraus zu erkennen, daß von euch Menschen kein noch so verworfen scheinender Mensch zu richten und ins volle Verderben zu verdammen ist, dieweil eine jede Seele noch einen gesunden Lebenskeim in sich birgt. – Aber bereitet euch und sehet euch vor; er wird nun sogleich da sein!“
GEJ|4|43|1|1|43. — Der abgebrannte Bürger Zorel bittet um Schadenersatz
GEJ|4|43|1|0|Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, kommt unser Mann, der Zorel hieß, mit einem sehr zerstörten Ansehen, in halbverbrannte Lumpen gehüllt und einen bedeutenden Lärm schlagend.
GEJ|4|43|2|0|Ich bedeute dem Julius, daß er hingehe und ihn frage, was er wolle, und was er hier am Nachmittage suche. Und Julius geht ganz ernsten Gesichtes hin und tut, was Ich ihm geraten habe.
GEJ|4|43|3|0|Und Zorel stellt sich und sagt mit fester Stimme: „Ich bin ein ganz abgebrannter Bürger aus der Stadt und habe erst heute erfahren, daß sich der große Cyrenius hier befindet, um den bei dem Brande Verunglückten zu helfen durch reiche Mittel. Ich faßte denn auch Mut und kam hierher, um fürs erste zu sehen, ob Cyrenius wohl hier sei, und ob er wirklich zum Troste der Verunglückten etwas tue. Tut er etwas nach der edlen Römer Sitte, so werde auch ich meinen Weg sicher nicht umsonst gemacht haben; tut er aber aus was immer für einem Grunde nichts, na, so wird er im Nichtstun mit mir sicher keine Ausnahme machen! Sage mir darum, du edler Römer, ob Cyrenius hier ist, und ob er wohl also, wie ich's vernommen habe, Wohltaten ausübt, auf daß ich zu ihm gehe und ihn darum anflehe!“
GEJ|4|43|4|0|Sagt Julius: „Ja, er ist hier und übt bedeutende Wohltaten aus, – aber nur an solche, die ihm eines vollkommen unbescholtenen Rufes bekannt sind! Ist bei dir das auch sicher der Fall, so wirst du nicht leer nach Hause zurückkehren! Drüben an jenem langen Tische, den die hohen Zypressen und Zedern beschatten, sitzt er nun und gibt Audienzen nach allen Seiten. Gehe hin und stelle dich ihm vor! Aber nimm dich nur fest zusammen; denn er ist so scharfsichtig wie ein Aar und hat den Charakter eines Menschen oft auf den ersten Blick heraus! Was er erkennt, ist soviel als eine beeidete Wahrheit, und wehe dem, der ihm etwas widerspricht! Er ist niemals kritischer, als wenn er Wohltaten austeilt!“
GEJ|4|43|5|0|Zorel denkt auf diese Vorrede stark nach, was er bei so bewandten Umständen tun solle. Nach einer kleinen Weile aber entschließt er sich, doch zum Cyrenius hinzuhinken, – was eigentlich eine dumme Verstellung von ihm ist. Beim Cyrenius angelangt, macht er drei Verbeugungen, sich bis zur Erde mit dem Kopfe duckend. Als er mit dem dritten Ducker zu Ende ist, sagt er mit einer bebend kreischenden Stimme: „Hoher Herr und allergestrengster Gebieter! Ich, Zorel, gewesener Kleinbürger aus dem abgebrannten Cäsarea Philippi, bitte Eure allerhöchste römische Gestrengheit, mir armem Faune von einem verunglückten Menschen zu helfen mit etwas wenigen, selbst ordinärsten Geldes und mit etwas Kleidung, weil ich nichts denn diese Lumpen besitze.
GEJ|4|43|6|0|Ich war der redliche Besitzer einer kleinen Hütte mit einem Grundanteile von zwei Morgen mageren Ackergrundes. Ich hatte auch ein Weib, das mir die Götter vor zwei Jahren sicher sogleich ins Elysium aufgenommen haben. Kinder hatte ich keine, wohl aber eine Magd, mit der ich noch lebe, aber auch ohne Kinder. Mein beweglicher Besitz bestand in zwei Schafen, einer Ziege und einem Esel, und in einigen schlechten Ackergerätschaften und etwas Kleidung. Alles ward, während ich mit dem Löschen anderer Häuser beschäftigt war, ein Raub der Flammen.
GEJ|4|43|7|0|Ich bin nun, wie Hunderte mit mir, ein vollkommener Bettler; selbst meine Magd, die meine einzige Lebensstütze war, verließ mich, weil ich ihr nichts mehr geben konnte, – was ihr aber gemerket bleiben wird! Denn sollte ich das außerordentliche Glück haben, wieder zu einer Hütte und zu einem anderartigen Besitztume zu kommen, so soll sie mir nur kommen und ich werde der Losen schon den Weg vom Hause zu weisen verstehen!
GEJ|4|43|8|0|Überhaupt werde ich in der Folgezeit meines Lebens alles, was Weib heißt, fliehen und verachten; denn es ist kein Weib etwas wert! Man sagt zwar, daß ich ein dummes Vieh sei und gar nicht verstehe, mit einem Weibe umzugehen, und mein Weib sei mir aus Gram gestorben! Wenn das der Fall gewesen wäre, da hätte ich nicht nahe ein Jahr um sie getrauert, und meine Magd wäre nicht bis zu meinem Unglücke recht gerne bei mir geblieben, obschon ich ihr keinen großen Lohn geben konnte.
GEJ|4|43|9|0|Es ist überhaupt eine ordentliche Schande, daß auch der Mann von einem Weibe geboren sein muß; mitunter wäre es nun schon beinahe ehrsamer, so meine Leibesmutter eine Bärin gewesen wäre!
GEJ|4|43|10|0|Wenn die Götter alles weise eingerichtet haben, so haben sie sich mit den Weibern doch eine große Blöße gegeben, die ihnen durchaus zu keiner Ehre gereicht! Aber es geschieht dem Zeus vollkommen recht, wenn ihm die Juno alle Augenblicke ein böses Wetter macht! Überhaupt scheint die ganze Götterschaft noch nicht recht ausgebacken zu sein; sonst könnte sie unmöglich mitunter so recht untermenschlich blitzdumme Streiche machen!
GEJ|4|43|11|0|Ich bin zwar ein gläubiger Mensch und ehre die Götter wegen mancher weisen Einrichtung der Welt; aber wo sie manchmal vor Dummheit ordentlich stinken, da bin ich kein Freund von ihnen. Wäre unsere Stadt etwa abgebrannt, wenn Apollo nicht irgend wieder einen dummen Streich begangen hätte?! Er hatte sich – wie auch unsere weisen Priester allerfestest behaupten – in irgendeine so recht feinfleischige Erdnymphe vergafft, vielleicht ihr gar einen schmutzigen Besuch gemacht, ließ unterdessen den Himmelswagen mit den mutigen Rossen allein stehen, und die Juno oder die Diana haben ihm unterdessen einen Schabernack gespielt, und wir armen Faune müssen dafür das schöne Götterbad bezahlen!
GEJ|4|43|12|0|Daß dann und wann ein Mensch schwach wird, gewöhnlich aus Mangel an hinreichenden Erfahrungen, das ist begreiflich. Was kann das schwache Rohr dafür, so es von den Winden hin und her gewehet wird?! Aber wenn die gewaltigen Zedern, als Symbole unserer lieben Götter, sich auch von den elenden Erdwinden gleich einem Rohre nach allen Richtungen, sogar nach den schmutzigsten manchmal, biegen und beugen lassen, so ist das unbegreiflich, und ein nur ein wenig nüchtern denkender Mensch muß so etwas ja notwendig für sehr dumm ansehen!
GEJ|4|43|13|0|Gott hin oder Gott her! Handelt er weise, wie es sich für einen Gott ziemt, so ist er aller Verehrung wert; handelt er aber mitunter auch so wie ein sterblicher Mensch schwach, und wir armen Menschen kommen unverdientermaßen durch einen leichtsinnigen Götterstreich zu Schaden, so ist das auch von einem Gotte dumm, und ich kann ihn darum nicht ehren und preisen.
GEJ|4|43|14|0|Du, hoher Gebieter und eigentlich selbst so ein bißchen etwas von einem Halbgotte, wirst nun doch einsehen, daß an meinem Unglücke rein die Götter schuld waren – und namentlich der verliebte Apollo!? Ich flehe darum zu dir, mir den Schaden zu ersetzen!“
GEJ|4|44|1|1|44. — Zorels Eigentumsbegriff
GEJ|4|44|1|0|Sagt Cyrenius: „Wieviel wünschest du denn hernach, daß ich dir gäbe?“
GEJ|4|44|2|0|Sagt Zorel: „Nicht gar zuwenig, aber auch nicht gar zuviel; wenn ich nur das Eingebüßte wiederherstellen kann, so bin ich dann schon gedeckt!“
GEJ|4|44|3|0|Sagt Cyrenius: „Kennst du auch Roms Gesetze, die den Völkern zum Schutze ihres erworbenen Eigentums gegeben wurden?“
GEJ|4|44|4|0|Sagt Zorel: „O ja, – nicht alle zwar wie irgendein Rechtsgelehrter, aber etwelche kenne ich dennoch! Gegen die mir bekannten habe ich mich noch niemals versündigt. Eine Sünde gegen unbekannte Gesetze aber ist ohnehin eine Null!
GEJ|4|44|5|0|Übrigens bin ich ein Grieche, und wir Griechen haben es mit den Gesetzen übers streng geschiedene Mein und Dein noch nie gar zu ernst und genau genommen, weil wir mehr für den Gemein- als für den Sonderbesitz eingenommen sind. Denn Gemeinbesitz erzeugt Freundlichkeit, Brüderlichkeit, wahre und dauernde Ehrlichkeit und Herrschlosigkeit unter den Menschen, was sicher eine sehr gute Sache ist! Der Sonderbesitz aber erzeugt stets Habgier, Neid, Geiz, Armut, Dieberei, Raub, Mord und die großartigste Herrschsucht, aus der am Ende alle Erdenqualen wie aus einer Pandorabüchse für die Menschheit hervorgehen!
GEJ|4|44|6|0|Wenn es keine übertrieben scharfen Gesetze zugunsten des Sonderbesitzes gäbe, so gäbe es auch um vieles weniger Diebereien und allerlei Betrügereien. Ich sage und behaupte es, daß die Sonderbesitzschutzgesetze der gut gedüngte Acker sind, auf dem alle erdenklichen Laster gedeihen und zur Reife kommen, während im Gemeinbesitze weder ein Neid, eine Habgier, eine Scheelsucht, ein Leumund, ein Betrug, ein Diebstahl, Raub, Mord, noch irgendein Krieg und anderes Elend je Platz greifen können!
GEJ|4|44|7|0|Weil ich aber die Gesetze zum Schutze des Sonderbesitzes stets als einen Greuel der Verwüstung fürs freundliche und brüderliche Zusammenleben allzeit erkannt habe und noch gleichfort erkenne, so habe ich mir – in kleinen Dingen wenigstens – nie ein besonderes Gewissen gemacht, so ich sie mir auf einem illegalen Wege habe verschaffen können; hatte sich aber jemand bei mir auf demselben Wege etwas ausgeborgt, so ist er von mir darum sicher nie verfolgt worden.
GEJ|4|44|8|0|Meine Hütte und mein Acker sind legal mein; na, – mit dem, was sich darin als Bewegliches meines Besitztumes befand, da habe ich es aus den angeführten wahren Gründen niemals gar zu genau genommen, weil ich ein Spartaner bin. Wer Sparta und dessen alte und weiseste Gesetze kennt, dem wird es klar sein, warum ich mir aus einem kleinen sogenannten Diebstahle nie ein besonderes Gewissen gemacht habe. Die beiden Schafe, eine Ziege und mein Esel waren zwar kein gekauftes, aber eben auch nicht zu sehr gestohlenes Gut meines Besitzes; denn ich habe sie im Walde soviel wie wild weidend gefunden, zwar nicht auf einmal, aber dennoch so nach und nach. Der Besitzer jener großen Waldweiden ist auch Besitzer vieler Tausende von derlei Tieren. Den schmerzte der kleine Verlust sicher nicht, – und mir kam er äußerst gut und dienlich zustatten!
GEJ|4|44|9|0|Damit habe ich mich an den römischen Besitzschutzgesetzen sicher nicht gar zu gewaltig versündigt, zumal ich die angeführten Tiere im großen stundenlangen und -breiten Walde als einzeln herumirrend und als für ihren legalen Besitzer ohnehin verloren aufgefunden habe! Die Nachlese ist sogar bei den Juden erlaubt, die dafür vom höchsten Gott Selbst ein Gesetz zu haben vorgeben. Warum soll sie dann bei uns Römern ein Verbrechen sein?!
GEJ|4|44|10|0|Nur mit dem Schwerte in den Händen der Erdmächtigen, also durch die wilde Bären- und Löwengewalt, läßt sich solch ein widersinniges Sonderbesitzschutzgesetz verteidigen, mit der Vernunft niemals! Und sollten alle zehntausend Götter dafür sein, so bin ich dawider, solange ich leben werde mit der Fähigkeit, so rein zu denken, wie ich jetzt und allzeit gedacht habe!
GEJ|4|44|11|0|Du, hoher Gebieter, hast wohl des Schwertes Gewalt und kannst mich armen Faun züchtigen nach deinem Wohlgefallen, aber die geraden Linien meiner Lebensgrundsätze wirst du mit allen Waffen Roms nimmer krummzubiegen imstande sein; hast du aber etwa andere und triftigere Vernunftgründe für streng legalen Besitz, so will ich sie anhören und meine künftige Lebensweise danach einrichten!“
GEJ|4|45|1|1|45. — Zorel muß die Wahrheit hören
GEJ|4|45|1|0|Sagt Cyrenius, große Augen machend, etwas geheim zu Mir: „Herr! Du hast mir ehedem die Vorbemerkung gemacht, daß der Mensch so recht dumm und arg sei, und nun redet der Mensch so in aller Ordnung als einer der ersten heidnischen Advokaten! Er hat zwar vom Judentume wenig angenommen, aber in unseren Gesetzen und in denen des alten Griechenreiches ist er so gut bewandert wie unsereiner, und es läßt sich ihm durchaus nicht viel einwenden! Ich wartete nun auf eine so recht armdicke Dummheit; aber vergebens, – er wird nur stets heller und verteidigt seinen Diebstahl auf eine Weise, gegen die sich nahe gar nichts einwenden läßt! Was wird sich denn bei so bewandten Aussichten mit ihm machen lassen?“
GEJ|4|45|2|0|Sage Ich: „Laß das nur gut sein; er selbst wird alles, was er nun nach seiner arg dummen Idee für völlig vernünftig recht findet, auf eine schlagende Weise widerlegen! Prüfe ihn aber nun nur noch weiter; denn Mir liegt es sehr daran, daß ihr des menschlich sogenannten Mutterwitzes Gründe von denen des Verstandes so recht klar und helle würdet unterscheiden lernen!“
GEJ|4|45|3|0|Sagt Cyrenius: „Na, da bin ich denn doch neugierig im höchsten Grade, was am Ende da herauskommen wird!“
GEJ|4|45|4|0|Sagt Zorel, fragend: „Hoher Gebieter Roms! Was habe ich zu erwarten, und was zu gewärtigen? Bist du meiner Ansicht, oder soll ich der deinigen werden, die du aber freilich noch nicht ausgesprochen hast?“
GEJ|4|45|5|0|Sagt Cyrenius: „Bis dahin, daß ich deinem Wunsche willfahren werde oder auch nicht willfahren werde, werden wir noch einiges miteinander zum Besprechen bekommen! Du scheinst mir ein mutterwitziger Kauz zu sein, und deine Ehrlichkeit scheint nicht weit her zu sein! Ob du die besprochenen vier Tiere gerade als schon für ihren legalen Besitzer sowieso verloren im großen Walde herumirrend oder vielleicht doch irgendwo anderwärts gefunden hast, und ob du auch deine andern Hausgerätschaften bloß nur gefunden hast, das lassen wir vorderhand dahingestellt sein. Aber ich sage dir nun etwas anderes, und das besteht darin, daß es nun hier in meiner Gesellschaft, wie in andern Orten, so hellsehende Menschen gibt, die bereits tausend Beweise von ihrer hellsehenden Fähigkeit abgelegt haben, und daß ich ihrer höchst nüchternen Aussage einen solchen Glauben beilege, daß derselbe durch hunderttausend Gegenbeweise nicht entkräftet werden kann!
GEJ|4|45|6|0|Sieh, ein solcher Mann sagte mir, als du noch kaum die Stadt kannst verlassen haben, daß du kommen werdest, und was du von mir verlangen würdest. Ich wußte schon, bevor ich dich ersah, daß dir das Unglück begegnet ist. Du hättest es auch leicht verhüten können, so du daheim geblieben wärest; aber deine illegalen Begriffe vom schutzrechtlichen Besitze trieben dich in die Straßen der brennenden Stadt, um dir irgendwo wieder etwas auf illegalen Wegen zu eigen zu machen. Unterdessen fing deine Strohhütte Feuer, und dieses verzehrte dir schnell deine illegalen Besitztümer. Daß dich bei dieser Gelegenheit deine Magd im Kote stecken ließ, ist begreiflich, weil sie dich kennt und weiß, daß du ein Mensch bist, dem bei einer solchen Gelegenheit durchaus nicht zu trauen ist.
GEJ|4|45|7|0|Denn so sehr du bei andern gegen den legalen Sonderbesitz bist, so willst du solchen aber in deinem Hause doch äußerst ungestört und völlig gesichert haben! Nun, das Feuer hat deinen Besitz aber illegal verzehrt, und du kannst das Element nicht zur strengsten Verantwortung ziehen, weil dir das sicher keine Rede und Antwort geben würde; aber deine Magd hättest du auf das härteste hergenommen, und sie hätte dir unter allerlei Mißhandlungen den Schaden auf Leben und Tod ersetzen müssen, weil du fest behauptet haben würdest, daß das Feuer nur durch ihre Fahrlässigkeit dir alles verzehrt hätte.
GEJ|4|45|8|0|Sieh, das und noch anderes sagten solche Menschen über dich zum voraus aus, denen ich mehr als allen Göttern Roms und Athens den vollsten Glauben schenke! Aber in unseren Gesetzen steht ein Spruch, der also lautet: AUDIATUR ET ALTERA PARS! [Es werde auch der andere Teil gehört!] Und demzufolge kannst du mir einen Gegenbeweis liefern. Wende zu deiner Rechtfertigung ein, was du weißt und kannst; von mir wird alles mit der größten Geduld angehört werden!“
GEJ|4|46|1|1|46. — Zorel bittet um freien Abzug
GEJ|4|46|1|0|Sagt etwas nachdenkend Zorel: „Hoher Gebieter! Wenn du schon im voraus behauptest, einem deiner erprobtesten Wahrsager mehr Glauben zu schenken als hunderttausend andern Zeugen, da möchte ich denn doch wissen, wozu da eine in jedem Falle wahnwitzige Entgegnung von meiner Seite gut wäre! Gegen deinen auf was immer für Gründe basierten unwandelbaren Glauben läßt sich unmöglich mehr irgendein Gegenbeweis liefern. Zudem hast du die große Gewalt in deinen Händen! Wer könnte da mit dir zu rechten anfangen?!
GEJ|4|46|2|0|Was nützt es mir, wenn ich dir auch allerfestest sage, daß es dennoch nicht also sei? Du wirst mir den Wahrsager vorstellen, der mir das, was du mir schon gesagt hast, noch einmal ins Gesicht sagen wird, und ich sitze dann mit meiner Gegenrede so recht in der Pfütze aller Pfützen. Kurz, mit deinem Über- hunderttausend-Menschen-Glauben ist nichts Weiteres mehr zu machen, als ihn dir ganz gutmütig gelten zu lassen; denn du wirst dem Wahrsager dennoch mehr glauben als den hunderttausend von mir dir entgegengestellten Beweisen! Ich rede bei solch einer Vorbehauptung nichts anderes mehr als: Hoher Gebieter, vergib es mir, daß ich mich dir genähert habe!
GEJ|4|46|3|0|Übrigens bleibe ich denn doch bei meinem Grundsatze stehen, daß ein durch scharf sanktionierte Gesetze geschützter Sonderbesitz um tausend Male schlechter ist für die Menschengesellschaft als ein freier Kommunalbesitz! Meine Gründe habe ich gegen diese echte Büchse der Pandora bereits an den Tag gelegt und brauche sie sonach nicht mehr zu wiederholen. Nur das setze ich nun dazu, daß ich in der Folge ob des leidigen Muß der äußern, rohen Gewalt die Praxis meines Grundsatzes werde fahren lassen!
GEJ|4|46|4|0|Ich sehe zwar in den Besitzschutzgesetzen kein Heil für die arme Menschheit, und im Grunde die größte Vernunftwidrigkeit; aber was kann ein einzelner, in die elendesten Lumpen gehüllter Mensch gegen hunderttausendmal Hunderttausende?! Es mögen schon durch den legalen Besitz irgend im Kommunalbesitze vorkommende Übelchen hintangehalten werden auf Grund dessen, daß jedes Schlechte auch irgend etwas Gutes mit sich bringt; aber die Hintanhaltung der Kleinübelchen steht in gar keinem Verhältnisse zu den Greueln, die aus dem unterminierten Sonderbesitze entstehen und entstehen müssen!
GEJ|4|46|5|0|Ich habe somit ausgeredet. Etwas Gutes zu gewärtigen habe ich bei obwaltenden Umständen durchaus nicht, und so wird es besser sein, mich mit deiner gnädigen Genehmigung wieder aus dem Staube zu machen. Aber natürlich nur mit deiner Genehmigung! Denn laut den – die Götter wissen es, wie wahr aussehenden Aussagen wider mich, mit denen du von deinen Wahrsagern voll sein wirst, stehe ich als ein Verbrecher vor dir; und diese müssen ja zuvor gestraft sein, ehe sie wieder freigelassen werden. Das Gesetz muß zuvor mit dem Blute eines armen Fauns gesättigt werden, bevor ihm die Freiheit wieder erteilt wird!
GEJ|4|46|6|0|Stehe ich als ein nach deinen Begriffen strafbarer Verbrecher vor dir, so strafe mich sogleich, und gib mir dann die Freiheit wieder – oder den Tod! Mir ist es nun einerlei, denn ich stehe nun vollkommen wehrlos vor dir; ihr Römer aber seid und bleibet trockene Gesetzesritter, und niemanden schützt seine Vernunft und seine Not vor der Rache eurer Gesetze! Sage, hoher Gebieter, darf ich, wie ich gekommen, wieder abziehen, oder muß ich hier einer über mich zu verhängenden Strafe wegen verweilen?“
GEJ|4|47|1|1|47. — Die vorbereitenden Bedingungen zur somnambulen Behandlung
GEJ|4|47|1|0|Sagt Cyrenius in einem zwar ernsten, aber doch menschlich sanften Tone: „Fortziehen darfst du nicht, aber wegen einer zu erwartenden Strafe auch nicht hier verweilen, sondern allein um deines Heiles willen! Am Strafen der Sünder haben wir Römer noch nie ein Vergnügen gehabt, sondern nur an ihrer wahren und vollkommenen Besserung. Kann diese ohne die scharfe Zuchtrute erzielt werden, so ist uns das allzeit um vieles lieber! Die Zuchtrute nehmen wir erst dann zur Hand, wenn alle andern Mittel nichts nützen. So wird auch niemand wegen einer einmaligen Sünde gegen das bestehende heilsame Gesetz zur strengsten Verantwortung gezogen; das geschieht erst dann, so er zum wiederholten Male dieselbe Sünde begangen hat, entweder aus zu großem Leichtsinn oder gar aus dem allerverderblichsten Mutwillen. Wer da immer mutwillig wiederholt eine Sünde begeht, der muß auch mutwillig bestraft werden!
GEJ|4|47|2|0|Nun, du hast nach deinen alten spartanischen Grundsätzen nur aus Not gesündigt und stehst nun zum ersten Male vor einem Richter! Aus diesem Grunde allein wirst du auch nicht verflucht und gerichtet werden; aber du mußt nun hier dein Arges und Dummes erkennen und ablegen! Deine sehr kranke Seele wird geheilt werden, und du mußt den Segen der weisen Gesetze einsehen und sodann erst fest danach zu handeln anfangen, so wirst du dann erst von hier als ein ganz Freigewordener heimziehen und selbst eine große Freude haben darum, weil du ein wahrhaft reiner und freier Mensch sein wirst.
GEJ|4|47|3|0|Damit aber solch eine Heilung bezweckt werden kann, so wird ein reiner und physisch und geistig kräftiger Mann aus unserer Gesellschaft dir seine heilbringenden Hände auf dein Haupt und auf deine Brust legen; und solch eine überzarte Behandlung wird bei dir erst jene in dir selbst schlummernden Begriffe erwecken und beleben, aus denen heraus du dann erst das Heil der geordneten und scharf sanktionierten Gesetze Roms erkennen und dich selbst darüber freuen wirst! – Bist du damit einverstanden?“
GEJ|4|47|4|0|Sagt Zorel, etwas heiterer denn zuvor: „Hoher Herr und erhabenster Gebieter! Ich bin schon mit allem einverstanden, was da nicht Schläge, Enthauptung oder gar Kreuzigung heißt! Ob mich aber solch eine Behandlung zu besseren und vernünftigeren Grundsätzen bringen wird, dafür stehe ich nicht völlig gut; denn ein bejahrter Baum läßt sich nicht mehr gar leichtlich biegen! Aber an der Möglichkeit will ich gerade eben auch nicht gänzlich zweifeln! – Wo aber ist der Mann, der mir seine kräftigen Hände auflegen wird?“
GEJ|4|47|5|0|Cyrenius fragt Mich seitwärts, ob es nun an der Zeit wäre.
GEJ|4|47|6|0|Sage Ich: „Noch eine kleine Geduld; lasse nun der Seele noch eine kleine Verdauungsfrist! Der Mensch ist nun voll aufgeregter Gedanken und würde nicht gut in den verzückenden Schlaf zu bringen sein; auch Zinka darf nicht eher als der dazu Gewählte ihm gezeigt werden, als bis es an der vollends rechten Zeit sein wird! Ich werde euch dazu schon den Wink geben.“
GEJ|4|47|7|0|Nach solchen Meinen Worten und nach solcher Meiner Bestimmung verhält sich alles eine Zeitlang still, und unser Zinka harret mit einer ängstlichen Freude auf Meinen Wink zur Behandlung des Zorel. Dieser aber faßt nun allerlei Gedanken, was man etwa doch im Ernste Gutes, möglich nach seiner Idee aber auch Arges mit ihm vornehmen könnte. Aber er durchmustert unsere Gesichter und sagt dann bei sich selbst: ,Nein, aus diesen Menschen leuchtet keine Hinterlist; denen kann man sich anvertrauen! Diese können nur Gutes, nie aber etwas Arges tun!‘
GEJ|4|47|8|0|Nun, diese Vorbereitung aus sich selbst heraus war vor der vorzunehmenden Behandlung notwendig, ohne welche das Auflegen der Hände von seiten unseres Zinka eine fruchtlose Mühe geblieben wäre. Denn bei diesen Behandlungen muß der zu Behandelnde selbst in ein gewisses Glaubens- und Vertrauensstadium gesetzt werden, ohne das es nicht leicht möglich wäre, ihn mit aller menschlich möglichen, wenn noch so überflutenden Seelensubstanzialkraft in den heilsamen Verzückungsschlaf zu bringen.
GEJ|4|47|9|0|Ah, ganz was anderes ist es dann bei vollkommen aus dem Geiste und im Geiste wiedergeborenen Menschen! Diese bedürfen so wie Ich nur ihres erregten Willens, – und der Akt der Heilung ist vollbracht! Aber bei noch nicht voll wiedergeborenen, einen Kranken also behandelnden Menschen muß auch die Erweckung und Belebung des zu behandelnden Menschen vorausgehen, ansonst – wie bemerkt – die ganze Behandlung eine vergebliche Mühe und Arbeit wäre.
GEJ|4|47|10|0|Nun ist unser Zorel reif, und Ich gebe nun sogleich dem Zinka den bekannten Wink, dem Zorel die Hände aufzulegen.
GEJ|4|48|1|1|48. — Selbsterkenntnis des Zorel
GEJ|4|48|1|0|Ich winke nun dem Zinka, und er tritt sogleich zum Zorel hin und sagt: „Bruder, also will es der Herr, der allmächtig und voll Erbarmung, Güte und Liebe und Weisheit ist, daß ich dich allein durch die Auflegung meiner lebenskräftigen Hände heilen soll. Fürchte nichts, sondern vertraue und werde dann ein anderer Mensch, und es soll dir darauf nichts vorenthalten werden, was dir nur irgend leiblich und geistig zum wahren Heile gereichen kann! Willst du, und vertraust du mir, deinem wahren Freunde und Bruder, so lasse es mir, daß ich dir meine Hände auflege!“
GEJ|4|48|2|0|Sagt Zorel: „Freund, mit der treuen Sprache kannst du mich in den Tartarus schicken, und ich werde gehen! Daher lege du immerhin deine wahren Bruderhände auf mich, wo und wie du sie legen willst, und ich werde mich dir nicht widrig entgegenstellen!“
GEJ|4|48|3|0|Sagt Zinka: „Nun wohl denn, – so setze dich denn auf diese Bank, und ich will dich von der Kraft Gottes durchströmen lassen!“
GEJ|4|48|4|0|Sagt Zorel: „Welches Gottes denn? Etwa gar des Zeus, Apollo, Mars, Merkur oder des Vulkan, Pluto oder Neptun? Ich bitte dich, laß mir nur den Pluto aus dem Spiele; denn von dessen orkanischer Kraft möchte ich wahrlich nicht durchdrungen sein!“
GEJ|4|48|5|0|Sagt Zinka: „Laß die Götter, die da nirgends als nur in der Phantasie der lange Zeiten blinden Menschen existieren! Es gibt nur einen wahren Gott, und das ist der euch unbekannte große Gott, dem ihr Heiden zwar auch allenthalben einen Tempel erbauet, Ihn aber bisher noch nie erkannt habt. Nun aber ist die Zeit herangekommen, daß ihr auch diesen allein wahren Gott werdet kennen lernen! Und siehe, von dieses Gottes Gnade und Kraft sollst du nun zu deinem Heile durchströmt werden, so ich dir meine Hände auflegen werde!“
GEJ|4|48|6|0|Sagt Zorel: „Ah, wenn also, dann lege mir deine Hände nur sogleich auf nach der Weise, die dir bestens bekannt sein wird!“
GEJ|4|48|7|0|Hier legt Zinka dem Zorel in der vorbeschriebenen Weise die Hände auf, und sogleich verfällt Zorel in den Verzückungsschlaf.
GEJ|4|48|8|0|Nach einer Zeit von einer starken Viertelstunde fängt Zorel, sonst fest schlafend mit stark zugeschlossenen Augen also zu reden an: „O Gott, o Gott, was bin ich doch für ein gar elender und schlechter Mensch, und was für ein ehrlicher und biederer Mensch könnte ich sein, wenn ich's nur sein wollte; aber darin liegt eben der Fluch der Sünde und der Lüge und des Hochmuts, welche beiden die eigentliche Grundsünde sind, daß sie sich selbst stets wieder von neuem zeuget und vermehret wie das Gras auf der Erde und der Sand im Meere!
GEJ|4|48|9|0|O Gott! Ich habe so viele Sünden und Makel an meiner Seele, daß ich vor lauter Sünden meine Haut nicht sehe; ja, wie in einem dicksten Rauche und Nebel stecke ich nun in meiner zahllosen Sünden Wucht!
GEJ|4|48|10|0|O Gott, o Gott, wer wird mich je von meinen Sünden frei zu machen imstande sein?! Ich bin ein Hauptdieb, ich bin ein Lügner, und so ich lüge, da lüge ich noch immer neu hinzu, um durch eine neue Lüge die alte zu bekräftigen und sie als irgendeine Wahrheit geltend zu machen. O ich abscheulicher Lügenhund ich! Alles, was ich habe, habe ich nur durch Lüge und Betrug und durch geheimen und offenen Diebstahl an mich gebracht!
GEJ|4|48|11|0|Freilich wohl hielt ich das alles in meiner großen Blindheit für keine Sünde, aber ich hatte auch oft die Gelegenheit, mich von der Wahrheit überzeugen zu lassen. Aber ich wollte mich nicht überzeugen lassen! Ich schob immer Sparta und Lykurg vor und verachtete stets Roms weise Gerechtigkeitsgesetze! Oh, ich gar zu gemein schlechter Lump ich!
GEJ|4|48|12|0|Na, das einzige nur tröstet mich, daß ich noch niemanden ermordet habe; aber es hätte nicht viel gefehlt! Wäre meine Magd nicht vorher durchgegangen, als ich nach Hause kam, so wäre sie ein trauriges Opfer meiner teufelsargen Wut geworden!
GEJ|4|48|13|0|Oh, ich bin ein gar scheußliches Ungeheuer! Ich bin ärger denn ein Bär, ärger denn ein Löwe, ärger denn ein Tiger, ärger denn eine Hyäne, viel ärger denn ein Wolf, und um vieles ärger denn eine wilde Sau! Denn ich bin auch schlau wie ein Fuchs, und das stempelt mich zu einem wahren vermummten Teufel!
GEJ|4|48|14|0|Oh, ich bin sehr krank an meiner Seele, und du, Bruder Zinka, wirst mich schwer oder gar nicht heilen!
GEJ|4|48|15|0|Es wird nun wohl etwas heller in mir, und der gar dicke Rauch und die gar dichten Nebel um mich schwinden! Sieh, sie werden dünner, und es kommt mir vor, daß ich leichter atme; aber in dieser größern Helle sehe ich erst so recht meine wahre Ungestalt, voll von allerlei Aussatz, voll von Beulen und eklichen Geschwülsten! Ach, ach, meine Gestalt ist ein wahres Scheusal! Wo ist der Arzt, der mich heilete?! Mein schlechter Leib ist wohl gesund; aber es läge nichts an dem schlechten Leibe, wenn nur ich, Seele, gesund wäre!
GEJ|4|48|16|0|O Gott, könnte jemand meine Seele schauen, er würde sich entsetzen vor ihrer zu großen Häßlichkeit! Je heller es um mich wird, desto scheußlicher nimmt sich meine Seele aus! Bruder Zinka, gibt es denn kein Mittel, durch das meine Seele ein nur etwas besseres Aussehen bekommen könnte?!“
GEJ|4|49|1|1|49. — Die Seele des Somnambulen reinigt sich
GEJ|4|49|1|0|Hier fängt Zorel an zu seufzen in seinem Schlafe, und einige meinen, daß er nun erwachen werde.
GEJ|4|49|2|0|Ich aber sage zu ihnen allen: „O mitnichten! Das war nun nur das erste Stadium seines Schlafes; er wird noch über eine Stunde lang schlafen und bald wieder, in einem andern und höheren Stadium seines Seelenlebens zu reden anfangen. Dieses Stadium bestand in dem Sichloswinden der Seele von ihren fleischlichen und weltsinnlichen Leidenschaften, die er als lauter Krankheiten am Formleibe seiner Seele sehen und gegen die er von tiefstem Abscheu ergriffen werden mußte. Für solche Seelenübel aber gibt es keine andere Arznei, als zuerst die Erkenntnis derselben, dann ihre tiefste Verabscheuung und endlich den festen Willen, ihrer ehestmöglich vollends los zu werden. Ist der Wille einmal da, so geht es dann leicht mit der Heilung vorwärts.
GEJ|4|49|3|0|Gebet nun nur acht, er wird gleich wieder zu reden beginnen! So er dich, Freund Zinka, wieder um etwas fragt, so antworte du ihm nun bloß nur mit den Gedanken, und er wird dich hören und ganz wohl verstehen!“
GEJ|4|49|4|0|Als Ich dem Zinka solch eine Weisung noch kaum gegeben hatte, begann Zorel schon also zu reden und sagte: „Siehe, ich weinte über mein großes Elend! Aus den Tränen entstand ein Teich wie Siloah in Jerusalem; und ich bade mich nun in diesem Teiche, und siehe, dieses Teiches Wasser heilt die vielen Wunden, Geschwüre und Beulen am Leibe meiner Seele! Ah, ah, das ist ein wahres Heilbad! Die Masen (Narben) sehe ich nun wohl noch, aber die Wunden, Beulen und Geschwüre sind verschwunden vom Leibe meiner gar so armen Seele. Aber wie war das möglich, daß sich sichtlich aus meinen Tränen ein ganzer Teich gebildet hat?
GEJ|4|49|5|0|Den Teich umgibt eine recht herrliche Gegend; es ist das die Gegend des Trostes und einer lieblichen Hoffnung. Es kommt mir auch in meinem Gefühle so vor, als dürfte ich auf eine volle Genesung hoffen. – Ah, gar so lieblich ist diese Gegend; da möchte ich immer bleiben! Das Wasser in meinem Teiche ist sehr klar nun, aber früher war es trübe; und je klarer es wird, desto heilsamer wirkt es auf mich ein!
GEJ|4|49|6|0|Ah, jetzt merke ich aber auch, daß sich in mir etwas zu regen anfängt wie ein starker Wille, und hinter dem starken Willen merke ich etwas wie einen Worttrieb, und der redet laut: Ich will, ich muß, – ich muß, weil ich will! Wer kann in mir hemmen das, was ich will? Ich bin frei in meinem Willen; ich darf gar nicht wollen, was ich soll, sondern ich will, was ich selbst will! Was wahr und gut ist, das will ich, weil ich es selbst wollen will, und niemand kann mich dazu zwingen!
GEJ|4|49|7|0|Ich erkenne nun die Wahrheit; sie ist ein göttliches Licht aus den Himmeln! Unsere Götter alle sind Schemen; nichts, gar nicht sind sie. Wer an sie glaubt, ist ärger denn ein wirklicher Narr; denn ein wirklicher Narr glaubt niemals an solch nichtigste Götter. Ich sehe die Götter nirgends, aber das göttliche Licht sehe und das göttliche Wort vernehme ich. Aber Gott Selbst kann ich nicht sehen; denn Er ist zu heilig für mich.
GEJ|4|49|8|0|Aber nun ist mein Teichwasser schon zu einem See um mich herum geworden! Der See ist nicht tief; mir steht das Wasser nur bis an die Lenden. Und klar ist es, ganz ungeheuer klar; aber es gibt noch kein Fischlein darin! Ja, da werden aber auch nie Fischlein hineinkommen; denn die Fischlein rühren vom Gotteshauche her, und das ist gar ein allmächtiger Hauch! Ich bin nur eine sehr schwache Menschenseele, aus deren Hauche keine Fischlein Gottes werden.
GEJ|4|49|9|0|Oh, da gehört viel dazu, da muß man sehr allmächtig sein, so man mit seinem Hauche Fischlein zeihen will! Oh, das kann ein Mensch nimmer; denn ein Mensch ist da viel zu schwach dazu! Ganz unmöglich wäre es wohl gerade nicht für den Menschen, aber da müßte er voll des göttlichen Willens und des göttlichen Geistes sein! Das ist für einen rechten Menschen zwar nichts Unmögliches; aber ich bin kein rechter Mensch, und darum ist das für mich dennoch rein unmöglich!
GEJ|4|49|10|0|Aber rein ist das Wasser, und der Boden ist auch rein, lauter schönes Gras; 's ist wohl recht wunderbar: unterm Wasser ein so schönes, üppiges Gras! Und sieh, das Gras wächst zusehends und fängt an, das schöne Wasser zu verdrängen! Ja ja, die Hoffnung wird mächtiger als die Erkenntnisse und die sie begleitende Furcht!
GEJ|4|49|11|0|Ah, ah, nun sehe ich einen Menschen am ziemlich fernen Ufer; der winkt mir! Ja, ich möchte wohl hin zu ihm, weiß aber nicht, wie tief allenthalben der See ist! Wenn dazwischen etwa sehr tiefe Stellen sich vorfänden, da könnte ich ja untergehen und wäre verloren!
GEJ|4|49|12|0|Aber eine Stimme aus dem Wasser tönt: ,Ich bin durchweg gleich tief! Du kannst ohne Furcht und Scheu durch mich ziehen; gehe hin zu dem, der dich ruft, der dich führen und richten wird!‘ Das ist doch sonderbar; hier redet sogar das Wasser und das Gras! Nein, das ist noch nicht dagewesen!
GEJ|4|49|13|0|Ich gehe nun zum Freunde am Ufer. Ein Freund muß er ja doch sein, sonst hätte er mir nicht gewinkt! Zinka, du bist es nicht, – das ist ein anderer! Dich sehe ich nun auch hinter ihm; aber du bist lange nicht so freundlich wie er! Wer er etwa doch sein mag? Aber ich schäme mich vor ihm sehr, weil ich ganz nackt bin. Mein Leib sieht nun zwar schon ganz gut aus; ich entdecke nun nahe keine Krankheitsspuren mehr an ihm. Oh, wenn ich doch nur ein Hemd hätte! Aber so bin ich ganz nackt wie ein Badender. Aber ich muß doch hin; sein Winken zieht mich gewaltig! Ich gehe nun, – und sieh, es geht sich recht gut!“
GEJ|4|50|1|1|50. — Die gereinigte Seele wird bekleidet
GEJ|4|50|1|0|Hier erfolgt eine Redepause des Zorel, und Zinka fragt: „Wie sieht er denn das alles, und wie geht er nun durch ein Wasser, und doch liegt er so unbeweglich da, als wäre er tot?!“
GEJ|4|50|2|0|Sage Ich: „Seine Seele sieht nun nur ihre zum Bessern führenden Zustände; aus diesen formt sich im Gemüte der Seele eine eigene Welt, und das, was du hier eine Gedankenbewegung nennst, das erscheint im Seelenreich als eine Bewegung von einem Orte zum andern.
GEJ|4|50|3|0|Der Teich, der aus seinen Tränen entstand, und dessen Wasser seine Seele heilte, stellt seine Reue über die begangenen Sünden vor, und das Bad darin bezeichnet eine rechte Buße, die aus der Reue entspringt. Das reine Wasser bezeichnet das gerechte Erkennen seiner Sünden und Gebrechen; und so der Teich zu einem See wird, so drückt dies das mächtigere Wollen aus, aus sich selbst gereinigt und geheilt zu werden. Das schöne Gras unter dem Wasser bezeichnet die Hoffnung auf die Erreichung der vollen Gesundheit und der höheren freien Gnade Gottes. Diese stellt sich bereits am noch etwas fernen Ufer erscheinlich auf; Ich selbst bin das im Geiste und im Willen. Die Bewegung zu Mir hin durch das Gewässer der wahren Reue und Buße aber bezeichnet in sich den Fortschritt der Seele zur wahren Besserung.
GEJ|4|50|4|0|Das alles aber ist für seine Seele nur eine entsprechende Erscheinlichkeit, aus der die Seele ersieht, wie sie beschaffen ist und was zu ihrer Besserung sie in ihrem Gemüte vornimmt und tut, – freilich in diesem Zustande nur allein im Willen, ohne eine äußere, wirkliche Tätigkeit. Diese muß erst erfolgen, so er sich im wachen Zustande im vollen Verbande mit seinem Leibe befinden wird.
GEJ|4|50|5|0|Nun wird er bald bei Mir sein und sogleich wieder zu reden beginnen. Gebet nur recht acht; alles, was er nun aussagt, hat Entsprechung mit seinem innern Seelenzustande! Es wird noch manches Verworrene zum Vorscheine kommen, bis er ins dritte Stadium, das ist in die zeitweilige Verbindung mit seinem reinen Lebenskeime treten wird.
GEJ|4|50|6|0|Im dritten Stadium werdet ihr euch dann schon überzeugen, wie zusammenhängend und wie weise er da reden wird! Jetzt spricht nur seine für diesen Augenblick geläuterte Seele; im dritten Stadium aber wird sein Geist aus ihm sprechen! Und da werdet ihr gar keine Lücken mehr in ihm entdecken; da wird er eine Rede führen, bei der es euch allen warm ums Herz wird!
GEJ|4|50|7|0|Nun kommt er schon ans Ufer und sagt: ,Ah, war aber das doch eine recht mühevolle Reise! Da bin ich nun bei dir, du edler Freund! Hast du kein Hemd bei dir? Sieh, ich schäme mich meiner Nacktheit ganz entsetzlich!‘
GEJ|4|50|8|0|Sage Ich aus Meinem ihm nun sichtbaren Geiste und Willen: ,Steige heraus aus dem Wasser; nach deinen Werken wirst du bekleidet werden!‘
GEJ|4|50|9|0|Sagt Zorels Seele: ,Freund, o rede nicht von meinen Werken; denn diese sind eitel schlecht und böse! Wenn ich danach ein Kleid bekomme, so wird es ganz entsetzlich schwarz und zerlumpt aussehen!‘
GEJ|4|50|10|0|Sage Ich: ,Wenn das, so ist ja hier des Wassers genug, um es weiß zu waschen!‘
GEJ|4|50|11|0|Sagt Zorel: ,O Freund, das hieße einen Mohren weiß waschen wollen! Das wird nicht gut gehen! Aber ein Kleid ist immer besser denn gar keines. Ich steige sonach aus dem Wasser!‘
GEJ|4|50|12|0|Zu Meinen Füßen liegt eine Toga mit vielen Falten, aber sehr beschmutzt, obschon die Grundfarbe weißgrau ist, – eine Eigentümlichkeit der Heidenkleidungenfarbe im Geisterreiche. Er nimmt das Kleid und findet einen Ekel an dem Schmutze, was da ein gutes Zeichen ist. Aber er nimmt es dennoch, eilt aber damit schnell ins Wasser und fängt an, es zu rippeln und zu schwemmen und endlich auszubalgen.
GEJ|4|50|13|0|Nun ist er fertig, und das Kleid ist rein. Da es aber noch feucht ist, getraut er sich nicht, es so recht mutig anzuziehen. Ich aber bedeute ihm, daß er es dennoch anziehen soll; er habe doch ehedem das Wasser nicht gescheut, wie solle er nun vor dem noch ein wenig feuchten Kleide eine Art Abscheu haben?! Nun sagt er – höret nur, denn solches wird er laut reden! –:“
GEJ|4|50|14|0|Zorel: „Ist aber auch wahr! Früher hat mir der ganze See nichts gemacht, und nun sollte das feuchte Hemd mir etwas machen? Nur über den Leib damit! – Ah, wie das wohl tut!“
GEJ|4|51|1|1|51. — Der ätherische Leib der Seele mit seinen Sinnen
GEJ|4|51|1|0|Nun macht Zinka mit seinen Gedanken eine Frage und sagt: „Hat denn die Seele auch einen Leib?“
GEJ|4|51|2|0|Diese Frage stellte Zinka, weil er selbst keinen Dunst von dem hatte, wie da eine Seele aussieht und beschaffen ist. Denn der gewöhnliche jüdische Begriff von der Seele war, daß sie sich solche als eine Art von einem dunstigen Nichts vorstellten und sagten: sie, die Seele, sei ein purer Geist, der einen Verstand und Willen, aber durchgehends weder eine Gestalt, noch weniger irgendeinen Leib habe.
GEJ|4|51|3|0|Zinka machte darum große Augen, als Zorel ihm auf die Gedankenfrage zur Antwort gab: „Na freilich hat die Seele auch einen, zwar nur ätherischen Leib, – aber für die Seele ist ihr Leib ebenso vollkommen Leib, wie dem Fleische das Fleisch vollkommen Leib ist. Nichts fehlt dem Seelenleibe, was immer da innehat der fleischliche Leib. Du siehst solches mit deinen Fleischaugen freilich wohl nicht, aber ich kann das alles sehen, hören, empfinden, riechen und schmecken; denn auch die Seele hat dieselben Sinne, wie sie der Leib hat als Verkehrsmittel zwischen sich und seiner Seele.
GEJ|4|51|4|0|Die Sinne des Leibes sind die Leitzügel in den Händen der Seele zur Beherrschung ihres Leibes für die Außenwelt. Hätte der Leib solche Sinne nicht, so wäre er gänzlich unbrauchbar und der Seele eine unerträgliche Last.
GEJ|4|51|5|0|Denke dir nur einen Menschen, der völlig blind und taub wäre, nichts fühlte, weder Schmerz noch das Behagen der Gesundheit, und auch keinen Geruch und keinen Geschmack hätte; sage es dir selbst, ob der Seele mit solch einem Leibe in etwas gedient wäre! Müßte sie bei ihrem sonstigen vollsten und klarsten Bewußtsein nicht völlig verzweifeln?
GEJ|4|51|6|0|Aber im gleichen Maße würden der Seele die schärfsten Sinne des Leibes nichts nützen, so sie nicht selbst in ihrem ätherischen Leibe ganz dieselben Sinne besäße! Weil aber auch die Seele dieselben Sinne besitzt wie der Leib, so nimmt sie denn auch leicht und bestimmt mit ihren feinen Sinnen wahr, was vorausgehend die Sinne des Leibes von der Außenwelt wahr- und aufgenommen haben. – Nun weißt du, wie die Seele auch eine leibliche Form ist.
GEJ|4|51|7|0|Du weißt es zwar nun, da ich es dir gesagt habe, wie ich es nun schaue, fühle und wie körperlich empfinde; wenn ich aber wieder wach werde, dann wirst du das noch wissen, aber ich werde nichts davon wissen, weil ich das nun nur mit meinen feinen Seelensinnen sehe, fühle und empfinde – und nicht zugleich auch mit den Sinnen des Leibes.
GEJ|4|51|8|0|Würde ich das alles nun auch mit den Sinnen des Leibes wahrnehmen, so würden diese auf meines Gehirnes Nerven und entsprechend auf die Lebensnerven des Fleischherzens gewisse Merkmale eingraben, und ich Seele würde sie dann in meinem Fleischleibe wiederfinden und sie durch und durch erkennen. Aber da ich nun nahe außer allem Verbande mit meinem Leibe frei dastehe und auf die Sinne meines Leibes nicht rück- und einwirken kann, so werde ich nach dem Wiedereintritte in meinen Leib von all dem gar nichts wissen, was ich nun sehe, höre und fühle und rede, und was alles nun mit mir vorgeht.
GEJ|4|51|9|0|Es hat aber die Seele auch für sich gar wohl ein Erinnerungsvermögen und kann sich demzufolge an alles Kleinste und Unbedeutendste erinnern, was je mit ihr vor sich gegangen ist; aber nur in ihrem freien Zustande kann sie das. Ist sie aber im sie durch und durch verdunkelnden Leibe, so sieht, hört und fühlt sie, alles Geistige übertäubend, nur die groben und übermächtig rauschenden und rohen Eindrücke; ihr Selbstisches aber nimmt sie oft kaum derart wahr, daß sie sich ihrer selbst nur insoweit bewußt wird, daß sie da sei, geschweige daß sie von den in ihr rastenden höheren und tieferen geistigen Eindrücken etwas wahrnähme.
GEJ|4|51|10|0|Du hast auch eine Seele, wie ich selbst nun eine völlig freie Seele bin; aber du wußtest auch wenig oder nichts von dir selbst. Der Grund davon liegt im finstersten Fleische, mit dem eine Zeitlang eine jede Seele umhüllt ist. Erst nun, weil ich dir durch des noch lebendigen Leibmundes Stimme einige Eindrücke in deines Hinterhauptes Nerven machte und du als Seele nun durch solche Eindrücke die gleichen Urmerkmale in dir selbst liesest, so weißt du nun auch als Seele und nicht als Fleisch, daß du eine Seele hast und auf Grund deines Denkens und Wollens selbst Seele bist, die in ihrem ätherisch-leiblichen Wesen die gleiche Gestalt hat wie dein Leib.
GEJ|4|51|11|0|Wundere dich aber übrigens gar nicht, so ich dir nun sage, daß ich nachher bei meinem Erwachen ins irdische Leben nichts mehr wissen werde von all dem, was ich dir nun gesagt habe; denn ich habe dir den Grund davon erklärt!“
GEJ|4|52|1|1|52. — Die Seele Zorels auf dem Wege der Selbstverleugnung
GEJ|4|52|1|0|(Zorel:) „Jetzt sagt der Freund zu mir: ,Komm, Zorel, verlasse diese Stätte, ich werde dich in eine andere Gegend führen!‘
GEJ|4|52|2|0|Ich gehe nun mit dem guten Freunde fort, weit fort und hinweg von dem See. Wir wandeln nun durch eine herrliche Allee, und die Bäume verneigen sich vor dem, dem ich folge. Der muß etwas Großes sein im Reiche aller Geister! Oh, einige der Bäume brechen sich fast ab vor lauter Verbeugung!
GEJ|4|52|3|0|Du, Zinka, gehest wohl auch mit, schaust aber sehr neblig aus und scheinst nicht zu bemerken, wie sich die Bäume beugen vor meinem Freunde! Das ist doch etwas sonderbar für die Welt, aber dennoch ist es wahr!
GEJ|4|52|4|0|Merkwürdig, merkwürdig! Jetzt fangen die Bäume sogar zu reden an! Sie rufen in lautem und wohl vernehmbarem Geflüster: ,Heil dem Heiligen der Heiligen, Heil dem großen Könige der Könige von Ewigkeit zu Ewigkeit!‘
GEJ|4|52|5|0|Findest du das nicht höchst merkwürdig?! Du tust aber ärgerlicherweise dennoch, als bemerktest du so etwas gar nicht, oder als wäre das eine so ganz gewöhnliche Erscheinung wie irgendein fauler Regen auf der Erde!
GEJ|4|52|6|0|Ja, ja, der Freund, vor dem sich die Bäume verneigen und sein Lob ausrufen, sagt's mir, daß das, was dir ähnlich uns folgt, nicht du selbst, sondern nur ein schattenartiges Ausbild deiner Seele sei und sich erst in unserer Atmosphäre erzeuge. Aus deiner Seele gingen gewisse Lebensstrahlen wie von einem Lichte aus; sobald sie unsere Atmosphäre berührten, da gewännen sie auf eine nahe ähnliche Weise die Gestaltung, wie die am Tage von einem Menschen ausgehenden Strahlen, wenn sie auf die Oberfläche eines Spiegels fallen, auch sogleich die Gestaltung desjenigen Menschen annehmen, von dem ausgehend sie auf die Fläche eines Spiegels gelangen.
GEJ|4|52|7|0|Ich möchte dir nur auf die Füße sehen und werde mich überzeugen, daß du nicht mitgehst, sondern nur mitschwebst. Und richtig, du bewegst weder Füße noch Hände und folgst uns dennoch in einer Entfernung von sieben guten Schritten! Ja, nun begreife ich's, warum du die Bäume sich nicht verneigen siehst und nicht hörest ihr wunderbares Geflüster!
GEJ|4|52|8|0|Aber die Allee wird nun immer enger, und die Bäume werden niederer, stehen aber dafür enger aneinander; aber die Verneigungen und das Flüstern hört darum nicht auf. Der Weg wird aber auch stets beschwerlicher. Nun ist die Allee schon so enge und der Weg so dornig und gestrüppig, daß wir nur sehr mühsam durchkommen können! Noch ist kein Ende zu sehen, obschon der Freund sagt, daß der Weg nun bald sein Ende erreicht haben wird und wir am Ziele sein werden. Oh, jetzt werden die Gestrüppbäumlein gar dicht, und der Boden nahezu steinicht, und zwischen den Steinen ist alles voll von Dornen und Disteln; da ist es aber nun schon fast rein nicht mehr zum Weiterkommen!
GEJ|4|52|9|0|Ich frage den Freund, warum wir denn einen gar so heillos schlechten Weg eingeschlagen haben. Der Freund aber sagt: ,Siehe dich nur nach rechts und links um, und du wirst zu beiden Seiten ein Meer entdecken, das eine grundlose Tiefe hat! Das ist die einzige und alleinige, zwar am Ende sehr schmale und dornige, aber feste Landzunge, die zwischen den beiden endlos großen Meeren sich dahinzieht. Sie verbindet alle irdische Welt mit dem großen jenseitigen Paradieslande der Seligen. Wer dahin kommen will, muß sich diesen Weg, weil er der einzige ist, schon gefallen lassen!‘
GEJ|4|52|10|0|Siehst du, Zinka, solche merkwürdige Antwort gab mir nun der Freund und Führer meiner Nichtigkeit! Ich frage ihn aber nun wieder und sage: ,Auf der Welt gibt es auch recht viele schlechte Wege, aber da helfen sich die Menschen; sie nehmen Hauen, Krampen und Schaufeln und machen den Weg gut. Warum geschieht denn hier so was nicht?‘
GEJ|4|52|11|0|Aber der Freund sagt: ,Weil eben dieses gewaltige Gestrüppe diese Landzunge vor den oft zu gewaltigen Meeresstürmen schützt! Wäre diese einzige, feste Zunge nicht so dicht und so fest mit diesem Gestrüppe verwahrt, so hätten die mächtigen Wogen des beiderseitigen Meeres sie schon lange ganz hinweggespült durch ihre starke Brandung. Weil aber dies Dorngestrüppe so dicht verwachsen ist, besonders gegen die beiden Ufer hinaus, so brechen sich an ihm die starken Wogen und setzen zwischen sein dichtes Gezweige ihren Schaum ab, der sich nach und nach zu Stein verhärtet und so diese gar wichtige Landzunge nur stets mehr und mehr befestigt. Diese Landzunge aber führt den Namen Demut und feste Grundwahrheit. Beide, Demut und Wahrheit, aber sind für den Menschen ja noch allzeit voll Dornen gewesen!‘
GEJ|4|52|12|0|Siehe, Zinka, also hat der Freund geredet, und in mir wird es nun sonderbar helle, und ich fange an wahrzunehmen, als finge in meinem Herzen etwas an, sich zu regen; und das, was sich regt, ist ein Licht, und das Licht hat eine Form im Herzen wie die eines Embryo im Mutterleibe. Es ist ganz rein, – ich sehe es. Es wird aber stets größer und mächtiger nun! Ah, was das doch für ein herrliches und völlig reinstes Licht ist! Das ist sicher die eigentliche Lebensflamme aus Gott im wahren Herzen des Menschen! Ja, ja, das ist es! Es wächst nun in einem fort, und ach, wie wohl tut mir das!
GEJ|4|52|13|0|Noch wandeln wir den schmalen Pfad; aber nun beirrt mich das Gestrüppe und das Dornwerk nicht mehr; auch empfinde ich nichts Schmerzliches mehr, so mich auch noch irgendein Dorn sticht und ritzt! – Nun wird das Gestrüppe dünner, die Bäume werden wieder größer, es gestaltet sich wieder eine herrliche Allee. Das Gestrüppe hört gänzlich auf, die Landzunge erweitert sich, und der Meere Ufer entfernen sich von uns stets mehr und mehr, und schon sehe ich, wohl noch in weiter Ferne, ein gar herrliches Land mit den schönsten Gebirgen, und über die Gebirge strahlet wie ein herrlichstes Morgenrot! Aus der nun stets größer und breiter werdenden Allee aber sind wir noch immer nicht herausgekommen, und die nun sehr großen und hohen Bäume haben noch nicht aufgehört, ihre majestätischen Kronen zu beugen vor meinem Freunde und Führer, und ihr Geflüster tönet nun wie die herrlichsten und reinst gestimmten Harfen!
GEJ|4|52|14|0|O Zinka! Da, wohl da, da ist es schon gar unbeschreibbar herrlich! Aber du schwebest uns auch noch nach und bist so stumm wie ehedem, kannst aber nicht darum; denn du bist es ja nicht, sondern nur dein flüchtig Abbild ist es. Ach, könntest auch du so etwas schauen, aber dann auch davon ganz lebendig die guten Merkmale behalten hinüber ins irdische Leben, – was für ein denkwürdiger Mensch wärest du dann! Ich könnte es auch sein, wenn mir von all dem etwas in der Erinnerung bliebe; aber mir wird gar nichts bleiben! Doch der Freund sagt, mit der Zeit solle mir die lebendige Erinnerung an alles das wiedergegeben werden; aber ich werde zuvor auch im Fleische diesen dornigen Weg, der sich finden wird, durchmachen müssen.“
GEJ|4|53|1|1|53. — Zorel im Paradiese
GEJ|4|53|1|0|(Zorel:) „Ah, mein inneres Lebenslicht wird nun aber schon ungeheuer stark; es durchdringt nun schon alle meine Eingeweide! Oh, wie wohl doch tut dieses Licht meinem ganzen Wesen! Aber ich sehe es nun in der Gestalt eines vierjährigen Kindes von ungemein freundlichem Aussehen! Und sehr weise muß es sein; denn es sieht aus wie ein reinst gedachter kleiner Gott, aber nicht wie ein Phantasiegott der Ägypter, Griechen und Römer, sondern wie ein wundersames Abbild des wahren Gottes der Juden! Es ist ein Abbild der wahren Gottheit!
GEJ|4|53|2|0|Oh, jetzt erkenne ich es wohl, daß es nur einen wahren Gott gibt; aber nur diejenigen werden Sein heiliges Angesicht schauen, die eines vollkommen reinen Herzens sind! Ich werde wohl schwer zu dessen Anschauung gelangen; denn mein Herz war schon ganz verzweifelt unrein! Du wohl, Freund Zinka; denn an deinem Herzen entdecke ich beinahe gar nichts Unreines, außer den Fleck und den Faden, mittels welchem du notwendig mit der Welt noch eine Zeitlang zusammenhängend bleiben mußt!
GEJ|4|53|3|0|Aber nun erst erschaue ich in wohl noch ziemlicher Ferne das breite Ende der Allee. Nun ist von keinem Meere irgendwo mehr eine Spur, überall üppigstes und wunderschönstes Land, Gärten an Gärten; überall stehen die schönsten Häuser und Paläste! Ach, ist das doch eine unbeschreibliche Herrlichkeit!
GEJ|4|53|4|0|Mein Freund sagt, dies sei noch lange kein Himmel, sondern das sei das Paradies. In den Himmel wäre bis jetzt noch kein Sterblicher gekommen; denn dahin sei bis jetzt noch keine Brücke erbaut worden. Alle die Guten, die vom Anfange der Schöpfung an auf der Erde gelebt haben, weilen hier mit Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob. Jene hohen Berge begrenzen dieses gar wundersam herrliche Land. Wer auf jene Berge käme, der würde wohl den Himmel erschauen mit den großen Scharen der Engel Gottes, aber hinein könnte niemand kommen so lange, als über die große Kluft, die keinen Boden habe, nicht eine feste Brücke für ewig dauernd erbaut sein wird.
GEJ|4|53|5|0|Wir gehen nun so schnell wie ein Wind. Mein Lichtmensch in mir hat bereits die Größe eines achtjährigen Knaben, und es kommt mir vor, daß seine Gedanken wie Blitze mein ganzes Wesen durchzucken. Ich fühle wohl ihre unbegreifliche Erhabenheit und Tiefe, aber ihre Formen erfasse ich noch nicht. Es muß etwas Wundersamstes darin sein! Jeder ausfahrende Gedankenblitz aber verursacht mir ein unbeschreibbares Wonnegefühl! So eine Wonne kennt die ganze Erde nicht, – kann sie auch nicht fühlen! Denn die ganze Erde ist ja nur ein Gnadengericht Gottes, – aber immerhin ein Gericht; im besten Gericht aber sind die Wonnen stets spärlich ausgeteilt.
GEJ|4|53|6|0|Nun kommen wir den hohen Bergen schon sehr nahe, und immer herrlicher wird es! Welch eine unbeschreibliche Mannigfaltigkeit von Wundern über Wundern! Sie alle zu beschreiben würden tausend Menschenalter nicht auslangen!
GEJ|4|53|7|0|Und da siehe erst, an den Bergen wohnen eine Unzahl von den schönsten Menschen! Aber uns beide, das heißt mich und meinen lieben Freund, scheinen sie nicht zu bemerken; denn sie gehen eilenden und stets muntern Schrittes an uns vorüber, tun aber nicht dergleichen, als sähen sie uns, während doch meinen Freund sichtlich alle Bäume begrüßen! Ein sonderbares Geistervolk das!
GEJ|4|53|8|0|Aha, aha, bei dieser Gelegenheit haben wir auch den Gipfel eines hohen Berges erstiegen! O Gott, o Gott, da stehen wir nun, und besonders ich, wie ein wahrer Ochse am Berge! Ich erschaue stets klarer in die weiteste Ferne hin einen großen, übersonnenhellen Horizont. Da soll der Himmel Gottes Anfang sein, der aber dann immer fortginge, höher und höher ewig fort!
GEJ|4|53|9|0|Aber zwischen hier und dort gähnt eine Kluft, größer denn der Raum zwischen der Erde und der Sonne! Darüber werde nun eine Brücke erbaut werden! Bei Gott mag das wohl alles ganz gut möglich sein!
GEJ|4|53|10|0|Aber nun ist mein innerer Lichtmensch schon so groß wie ich selbst, und sonderbar, ich werde nun schläfrig, und der Freund heißt mich auf dem grünen und duftigen Rasen ausruhen! Ich werde es auch tun!“
GEJ|4|54|1|1|54. — Das Verhältnis zwischen Körper, Seele und Geist
GEJ|4|54|1|0|Sage Ich: „Sehet, nun erst wird er ins dritte Stadium übergehen; da merket wohl auf seine Rede!“
GEJ|4|54|2|0|Fragt Cyrenius: „Herr, wenn Zorel nun auf dem für uns unsichtbaren Rasen einschläft, was wird dann dadurch bezweckt? Muß das sein, oder könnte er nicht ohne ein gewisses Einschlafen ins dritte Stadium übergehen?“
GEJ|4|54|3|0|Sage Ich: „Wenn seine Seele pur wäre, so ginge es auch ohne einen gewissen Schlaf; aber solange seine Seele noch durch gewisse Bande mit dem Leibe in Verbindung steht, muß vor dem Wechsel des Stadiums eine gewisse Betäubung eintreten, in der die Seele unvermerkt in ein anderes Stadium übergeht. Was des Zorel Seele nun im zweiten Stadium geschaut und gesprochen hat, war bis auf sich selbst nur eine zuständliche Erscheinlichkeit; im dritten Stadium erst kommt sie ins wahre Hellsehen, und was sie da reden wird, das wird auch volle Realität haben.“
GEJ|4|54|4|0|Fragt Cyrenius: „Was ist aber dann so ganz eigentlich der Schlaf? Wie und wodurch entsteht dieser?“
GEJ|4|54|5|0|Sage Ich: „Mußt du denn auch das wissen? Nun wohl denn, so du es schon durchaus wissen willst, da muß Ich es dir gleichwohl kundtun, und so höre denn!
GEJ|4|54|6|0|Wenn du einen Rock am Leibe hast und nach griechischer Art eine Hose an den Beinen, so leben durch deines Leibes Bewegung Rock und Hose, das heißt, sie müssen deinem Willen sich also fügen, als wie sich deines Leibes Glieder fügen dem Willen deiner Seele. So du aber im Sommer in ein Bad gehst, da ziehst du die Kleider aus, weil du sie im Bade nicht brauchen kannst. Rock und Hose befinden sich nun, während du im Bade bist, in einer notwendigen Ruhe und haben für sich weder eine Regung noch eine Bewegung. Entsteigst du wieder dem Bade, so werden dein Rock und deine Hose gleich wieder die frühere Regung und Bewegung bekommen und gewisserart mit dir leben. Warum zogst du aber des Badens wegen deine Kleidung aus? Sieh, weil sie dir beschwerlich war und dich zu drücken begann! Im Bade aber hast du dich gestärkt, und deine dir beschwerlich gewordene Kleidung wird dir nach dem Bade völlig federleicht vorkommen.
GEJ|4|54|7|0|Wenn deine Seele durch des Tages Beschwerden müde und schwach geworden ist, so erwacht in ihr das Bedürfnis nach einer erquicklichen und stärkenden Ruhe. Da zieht dann die müde Seele alsbald ihr gegliedertes Fleischgewand aus und begibt sich in ein stärkendes Bad des geistigen Wassers und badet, reinigt und stärket sich darin; ist sie wieder stark geworden, dann begibt sie sich wieder in ihren Fleischrock und bewegt dessen schwerfällige Glieder wieder mit einer großen Leichtigkeit.
GEJ|4|54|8|0|Nun hast du aber durch die Erzählung des Zorel sicher gesehen oder vielmehr so recht lebendig wahrgenommen, daß in seiner Seele noch ein innerster Lichtmensch aus dem Herzen der Seele aufzukeimen angefangen hat, zu dem sich das Wesen der Seele nahe also verhält, wie zur Seele ihr materieller Leib. Nun, dieser Lichtmensch hatte zuvor in dieser seiner Seele, als seinem gegliederten Gewande, noch nie eine wie immer geartete Stärkung erhalten; er lag so im Herzen der Seele wie das Ei im Weibe ohne eine männliche Belebung, Erregung und Erweckung. Durch diese eigenste Behandlung ist der eigentliche Urlebenskeim durch Mein und durch des Zinka Wort für den Moment belebt, erregt und erweckt worden, und da das mit ihm vorgenommen ward, so fing er an zu wachsen so lange, bis er seine ganze Seele, das ist sein Kleid, erfüllt hatte mit seinem rein geistigen Wesen.
GEJ|4|54|9|0|Die Seele aber, obschon so viel als für den Moment möglich gereinigt, hat doch noch so gewisse materielle Teile in sich, die für den reinen Geist zu beschwerlich sind, da er früher nie ein solches Joch zu tragen eingeübt ward. Dieser gewisserart nur auf eine künstlich geistige Weise erweckte und zum Schnellwachstume genötigte Geistmensch ist zur Tragung der schwerfälligen Seele noch viel zu schwach und sehnt sich nach Ruhe und Stärkung. Dieser Scheinschlaf der Seele auf dem Gebirgsrasen ist sonach auch nichts anderes als eine Entkleidung des Geistes von den materiellsten Teilen seiner Seele; nur das ihm Ähnliche in der Seele behält er, das andere muß derweil also ruhen, wie der Leib ganz stumm ruht, wenn die Seele sich stärkt, oder wie dein Rock ruht, wenn du deinem Leibe in einem Bade eine erquickliche Stärkung gönnest.
GEJ|4|54|10|0|Aber es besteht bei solcher zur Stärkung der edleren Menschensphäre erfolgten Zur-Ruhe-Legung der gröberen und unedleren Außenteile dennoch immerdar eine Verbindung. So jemand käme, wenn du im Bade dich erquickst, und nähme dein ausgezogenes Kleid und begänne es zu zerstören, da würde deine natürliche und notwendige Liebe zu deinem Kleide sogleich ein ganz gewaltiges und grimmiges Veto einlegen. Eine noch intensivere Verbindung besteht zwischen dem Leibe und der Seele; wer vor der Zeit den Fleischrock nehmen und zerstören wollte, den würde sie dann ganz kurios behandeln.
GEJ|4|54|11|0|Aber die Verbindung zwischen Seele und Geist ist eine allerintensivste, weil die Seele, besonders eine ganz reine, selbst ein ganz geistiges Urelement ist, und der Geist würde eine ganz entsetzliche Bewegung machen, so man ihm seinen Leib und sein Kleid ganz entreißen wollte. Er würde dann gleich ins höchste Feuer geraten und alles zerstören, was sich ihm nahen würde.
GEJ|4|54|12|0|Aber das Materielle muß die Seele zuvor doch ganz ablegen, bis der Geist das ihm Verwandte in ihr als sein Selbstisches anziehen kann und werden mit demselben ein vollkommenes Ich. Das Materielle der Seele ist für den Geist ersichtlich in dem, womit die Seele bekleidet ist. Du hast gehört, wie Zorel von einem schmutzigen Hemde redete, das er selbst reinigte im See, dann ausbalgte und als ein noch feuchtes Vestiment anzog. Siehe, dies Vestiment ist eben die noch materielle Außenseite der Seele, die zuvor ab- und zur Ruhe gelegt werden muß, bevor der innerste, göttliche Geistmensch völlig in seine ihm nun sehr verwandte Seele übergehen und mit ihr eins werden kann.
GEJ|4|54|13|0|Das braucht stets eine kleine Zeit für den Moment des Überganges, weil alles, was in den eigentlichen Bereich des freien Lebens gehört, erst mit dem neuen und edleren Wesen in eine volle Verbindung (geistige Ehe) treten muß, bevor das neue Wesen oder der neue, himmlische Mensch als in allem selbst fühlend, denkend, sehend, hörend, riechend, schmeckend und aus sich heraus selbsttätig auftreten kann. In dem gewissen Schlafe geschieht solche notwendige geistige Übersiedlung; ist die Übersiedlung geschehen, so ist der neue Mensch fertig und braucht zu seinem nur ganz rein geistigen Bestehen fürder ewig keine weitere Umwandlung mehr.
GEJ|4|54|14|0|In solchem Zustande ist aber ein Mensch dann auch ganz vollendet und kann in der Wesenheit nicht noch mehr vollendet werden; nur im Erkennen und im steten Vollkommenerwerden in der reinsten Liebe und Weisheit der Himmel und ihrer die ganze Unendlichkeit ordnenden, regierenden und führenden Macht ist ein stetes Zunehmen in Ewigkeit und dadurch auch die Erreichung einer stets höheren Seligkeit als Folge der stets höheren Liebe, Weisheit und Macht zu gewärtigen.
GEJ|4|54|15|0|Als ein so vollendeter Geistmensch wird nun unser Zorel sogleich auftreten und wird – immer noch durch seinen Fleischmund – Kunde geben von der Vollendung seiner wesenhaft höchst vollendeten Menschheit. – Gebet nun acht; er wird sogleich wieder zu reden anfangen!“
GEJ|4|55|1|1|55. — Zorels Einblick in die Schöpfung
GEJ|4|55|1|0|Als Ich solches dem Cyrenius erklärt hatte, fing Zorel, der die Zeit hindurch ohne alle Regung wie tot dalag, an, sich zu rühren, und bekam das Aussehen eines Verklärten derart, daß sein Anblick sogar den anwesenden römischen Soldaten eine große Ehrfurcht einflößte und einer sagte: „Dieser Mensch sieht aus wie ein schlafender Gott!“
GEJ|4|55|2|0|Cyrenius sagte auch: „Wahrlich, ein unbeschreiblich erhabenes Menschenbild!“
GEJ|4|55|3|0|Endlich machte Zorel den Mund auf und sagte: „Also stehet der vollendet in seiner Wesenheit vor Gott, der Ihn nun erst erkennt, liebt und anbetet!“ – Hier folgte eine Pause.
GEJ|4|55|4|0|Nach dieser spricht Zorel weiter und sagt: „Mein ganzes Wesen ist nun Licht, und ich sehe keinen Schatten, weder in mir noch außer mir; denn auch um mich ist alles Licht. Im Allichte aber sehe ich noch ein allerheiligstes Licht; es leuchtet wie eine gar mächtige Sonne, und in dieser ist der Herr!
GEJ|4|55|5|0|Zuvor dachte ich von meinem Freunde und Führer, daß er nur eine Menschenseele gleichwie unsereins wäre; allein in meinem Vorzustande war noch viel Täuschung in mir. Nun erkenne ich erst den Führer! Er ist nun nicht mehr bei mir, sondern in jener Sonne sehe ich Ihn, der da heilig ist über heilig! Endlose Scharen der vollendetsten Lichtgeister umschweben diese Sonne nach allen Richtungen in engeren, weiteren und weitesten Kreisen. Welch eine unendliche Majestät ist das doch! O Menschen! Gott zu schauen und Ihn über alles zu lieben ist die höchste Wonne, ist der Seligkeiten höchste!
GEJ|4|55|6|0|Aber ich sehe nun nicht nur die Himmel alle, sondern mein Blick dringt nun auch in die Tiefen der Schöpfungen des allmächtigen, einen, großen Gottes. Ich sehe diese unsere magere Erde durch und durch und sehe alle Inseln und Festlande auf der ganzen Erde. Ich sehe der Meere Grund und was unter demselben alles ist und besteht, alle die vielen Geschöpfe im Meere von der kleinsten bis zur größten Art. Welch eine unendliche Mannigfaltigkeit doch unter denselben haust!
GEJ|4|55|7|0|Ich sehe auch, wie das Gras gebaut wird von allerlei Geisterchen, die sehr munter und emsig sind. Ich sehe, wie der Wille des Allmächtigen sie nötigt, emsig zu sein, und sehe eines jeden der zahllos vielen Geisterchen genaust abgemessene Bestimmung und Arbeit. Wie da arbeiten die Bienen an ihren Wachszellen, so arbeiten die Geisterchen an und in den Bäumen und Gesträuchern, Gräsern und Pflanzen. Aber sie tun das alles, wenn sie ergriffen und durchdrungen werden von dem Willen Dessen, der mein Freund und Führer war auf dem schmalen und dornigen Pfade meiner Selbstprobe des Lebens bis hierher und nun in jener nie erreichbaren Sonne als in Seinem urheiligsten Lichte wohnt und ausfahren läßt Seinen Willen in alle Unendlichkeiten.
GEJ|4|55|8|0|Ja, Dieser allein ist der Herr, Ihm ist niemand gleich! Seinem Willen muß sich fügen groß und klein. Nichts in der ganzen Unendlichkeit gibt es, das Ihm einen Widerstand bieten könnte. Seine Macht geht über alles, und Seine Weisheit ist nie erforschbar. Alles, was da ist, ist aus Ihm, und es gibt nichts in den endlosesten Räumen Seiner Schöpfungen, das da nicht aus Ihm hervorgegangen wäre.
GEJ|4|55|9|0|Ich sehe aus Ihm die Kräfte fahren, wie man siehet am Morgen der aufgehenden Sonne Strahlen nach allen Richtungen mit mehr denn Blitzesschnelle ausfahren, und wo ein Strahl etwas erreicht und ergreift, da fängt es an, sich zu regen, zu leben und zu bewegen, und bald tauchen neue Formen und neue Gestalten auf. Aber des Menschen Form ist aller Formen Grenz- und Schlußstein, und seine Gestalt ist eine rechte Gestalt des Himmels; denn der ganze Himmel, dessen Grenzen nur Gott allein kennt, ist auch ein Mensch, und jeder Verein der Engel ist ebenfalls ein ganz vollendeter Mensch.
GEJ|4|55|10|0|Das ist ein großes Geheimnis Gottes, und wer nicht auf dem Punkte steht, auf dem ich nun stehe, der kann solches unmöglich fassen und begreifen; denn nur der reinste Geist aus Gott im Menschen kann fassen und begreifen und schauen, was des Geistes ist, und was da ist in ihm und außer ihm, und wie es besteht und entsteht, und warum und wofür! Nichts gibt es in der Unendlichkeit, daß es nicht da wäre für den Menschen; alles ist auf den Menschen und sein jedzeitliches und zuständliches Bedürfnis abgezielt.“
GEJ|4|56|1|1|56. — Das Wesen des Menschen und seine schöpferische Bestimmung
GEJ|4|56|1|0|(Zorel:) „Gott Selbst ist der höchste und allervollkommenste, ewigste Urmensch aus Sich Selbst; das heißt, dieser Mensch ist in sich selbst ein Feuer, dessen Gefühl die Liebe ist; ein Licht, dessen Gefühl Verstand und Weisheit sind; und eine Wärme, deren Gefühl das Leben selbst ist in der vollsten Sphäre des Seiner- selbst-Bewußtseins. Wenn das Feuer heftiger wird, so wird auch heftiger das Licht und mächtiger die alles schaffende Wärme und strahlt am Ende weithin, und der Strahl ist selbst Licht, hat in sich schon die Wärme, und diese schafft in der Ferne wie in sich. Das Geschaffene nimmt stets mehr des Lichtes und der Wärme auf, leuchtet und erwärmt dann stets weiter und weiter hin und schafft abermals, dahin es gelangt. Und so pflanzt sich alles ewig fort aus dem Urfeuer, Urlichte und aus der Urwärme und erfüllt stets fort und fort und mehr und mehr den unendlichen Schöpfungsraum.
GEJ|4|56|2|0|Alles nimmt sonach aus dem einen Ursein Gottes seinen Ursprung und bildet sich aus, bis es ähnlich wird dem Urwesen des Urmenschen, in welcher Ähnlichkeit es dann auch in einer vollends selbständigen Freiheit in der Form des Menschen bestehet aus Gott, wie ein Gott für sich in der notwendigen Erzfreundlichkeit mit dem Urgotte, weil es dasselbe ist, was der Urgott Selbst ist.
GEJ|4|56|3|0|Wo ihr sehet Licht, Feuer und Wärme, da ist auch der Mensch entweder fertig oder im Beginne. Milliarden von Licht-, Feuer- und Wärmeatomen puppen sich ein und erzeugen Formen. Die einzelnen Formen ergreifen sich wieder von neuem, puppen sich in eine größere und dem Menschen schon entsprechendere Form ein und bilden sich in derselben zu einem Wesen. Dieses Wesen erzeugt nun schon mehr des Feuers, des Lichtes und der Wärme; mit dem stellt sich aber ein höheres Bedürfnis nach einer höheren und vollkommeneren Form ein. Gleich zerreißen die vielen, wenn auch in sich schon vollkommeneren Formen ihre Umhäutungen, ergreifen sich und puppen sich mit der Substanz ihres Willens wieder in eine höhere und vollendetere Form ein. Das geht so fort bis zur Vollendung des Menschen hin, und der Mensch puppt sich dann selbst aus bis zu dem Zustand, in welchem ich mich nun befinde, und ist also dem Urfeuer, Urlichte und der Urwärme völlig ähnlich, welches alles da ist Gott, den ich nun schaue mit unverwandtem Blicke in Seinem Urlichte, in Sich das volle Feuer und die volle Wärme, was allein da ist Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.
GEJ|4|56|4|0|Der Mensch ist darum zuerst ein Mensch aus Gott und dann erst ein Mensch aus sich. Solange er allein aus Gott ist, gleicht er einem Embryo im Mutterleibe; erst wenn er auch aus sich selbst ein Mensch wird in der Ordnung Gottes, dann ist er ein vollkommener Mensch, weil er dadurch erst zur wahren Gottähnlichkeit gelangen kann. Ist er zu dieser gelangt, dann bleibt er wie ein Gott in Ewigkeit und ist ein Selbstschöpfer der weiteren Welten und Wesen und Menschen geworden. Denn es ist sonderbar, daß ich nun alle meine Gedanken, Gefühle und Wünsche schaue, und mein Wille ist gleich der Umhäutung dessen, was ich mir gedacht und was ich gefühlt habe! Seht, so geht das Erschaffen stets von neuem vor sich!
GEJ|4|56|5|0|Das Gefühl als Wärme, und sohin Liebe, hat das Bedürfnis nach Wesenhaftem; je mehr aber das Gefühl mächtig wird, je mehr Flammen und Wärme sich da in sich erzeugt, desto mächtiger wird auch der Flammen Licht.
GEJ|4|56|6|0|Im Lichte drückt sich das Bedürfnis der Liebe in Formen aus. Aber die Formen entstehen und vergehen gleich wie bei einem Menschen von einer erhitzten Phantasie bei geschlossenen Augen die Augenliderbilder, wie man sie also benamset; es kommen aber dafür stets wieder andere, sie werden größer und nehmen nach und nach weilendere und bestimmtere Formen an. Aber bei den vollendeten Menschen, wie bei mir nun freilich nur für eine kurze Dauer, wird der Gedanke in seiner Form erhalten, weil er, vom Willen erfaßt, sogleich durch eine schnelle Umhäutung in der aufgetretenen Form erhalten wird und dieselbe nicht mehr ändern kann; da die Umhäutung aber ursprünglich nur höchst ätherisch zart und somit und sonach durchscheinend ist, so dringt vom Schöpfer des nun eingefangenen Gedankens stets mehr Licht und Wärme hinein. Dies vermehrt des eingefangenen Gedankens eigenes Licht und eigene Wärme, aus welch beiden geistigen Elementen er ursprünglich entstand, und der also eingefangene Gedanke fängt bald an, sich mehr und mehr zu entwickeln, und wird nach dem Lichte der Weisheit und der vollendetsten Erkenntnis, der die noch so künstliche Konstruktion klarer als der hellste Tag ist in allen ihren notwendigen Teilen, Verbindungen und Gliederungen, notwendig und zwecklich organisch eingerichtet. Hat der Gedanke einmal die Organeinrichtung, so fängt dann schon an, sich in ihm ein eigenes Leben seiner selbst bewußt zu werden und sich zu richten.
GEJ|4|56|7|0|Nun läßt sich wohl denken, daß ein vollendeter Mensch schon eine endlose Fülle von allerlei Gedanken und Ideen in einigen Augenblicken, ganz organisch eingerichtet, wird denken und zusammenfassen können. Will er sie mit seinem Willen einhäuten, so werden sie fortbestehen und sich ausbilden, am Ende dem Schöpfer selbst ähnlich werden in ihrer natürlich höchsten endlichen Selbstvollendung und werden ihresgleichen fortzeugen und erschaffen und so aus sich eine endlose Vermehrung ihresgleichen auf dieselbe Art bewerkstelligen, auf welche Art sie selbst ins Dasein getreten sind. Davon weist schon die materielle Welt handgreifliche Beispiele auf.
GEJ|4|56|8|0|Die Selbstfortzeugung findet ihr bei Pflanzen, Tieren, Menschen dem Leibe nach und bei den Weltkörpern, die sich auch vermehren. Ihrer Vermehrung sind jedoch Grenzen gesetzt. So ist einem Samenkorne von einer bestimmten Art und Gattung auch nur eine bestimmte Anzahl nachgezeugter gleicher Samenkörner zugeteilt, welche Anzahl es nicht übertreten kann; ebenso den Tieren – und zwar: je größer das Tier, desto beschränkter in der Nachzeugung! Ebenso ist es beim Menschen, und noch um vieles mehr bei den Weltkörpern. Aber im Geisterreiche der vollendeten Menschen geht, wie bei Gott, das Fühlen und Denken ewig fort. Da aber auf die vorbeschriebene Weise ein jeder Gedanke und eine jede Idee von dem sie schaffenden Geiste durch seinen Willen eingehäutet und endlich gar selbständig werden kann, so ist es zu begreifen, daß die ewige Vermehrung der Wesen nie ein Ende haben kann.
GEJ|4|56|9|0|Du, Zinka, fragst nun in deinem Gemüte, wo am Ende alle die so endlos vielfach entstandenen Wesen Raum haben werden, wenn das Erschaffen ewig im stets ungeheuer vervielfachten Maße und Verhältnisse zunehmen soll. O Freund, bedenke nur, daß der physische Raum selbst unendlich ist, und so du ewig fort in jedem Augenblicke zehnmal hunderttausend Sonnen erschaffen möchtest, so würden diese bei schnellster Fortbewegung im unendlichen Raume sich dennoch ewig fort also verlieren, als wäre keine Sonne je erschaffen worden! Niemand außer Gott fasset des ewigen Raumes Unendlichkeit; selbst die größten und vollkommensten Engel fassen des Raumes ewige Tiefen nicht, wohl aber erschauern sie vor den zu endlosen Tiefen des ewigen Raumes!
GEJ|4|56|10|0|O Freund, ich sehe nun mit meines Gemütes Augen die Ganzheit der materiellen Schöpfung! Diese Erde, ihr Mond, die große Sonne und alle die zahllosen Sterne, die du erschaust, und deren es welche gibt, die, deinem Auge wie ein schwach schimmernder Punkt vorkommend, selbst ein unmeßbar großes Sonnen- und Weltengebiet sind, das in sich milliardenmal Milliarden Sonnen und noch mehr Planeten faßt, sind nicht das gegen die gegenwärtige Allheit der Schöpfung, was ein kleinstes und feinstes Sonnenstäubchen gegen diesen ganzen dir sichtbaren Sternenraum ist! Und doch kann ich dir sagen, daß es unter den vielen Sternen, die dein Auge erschaut, etliche gibt, deren Durchmesser noch um viele tausend Male größer ist, als wie lang die Linie selbst von dem dir kaum sichtbaren, entferntesten Sterne bis zum von diesem gleich weit abstehenden Gegensatze ist, – eine Entfernung, zu deren Durchwanderung du sogar mit des Blitzes Schnelle mehr denn eine Milliarde mal Milliarden von Erdjahreslängen zu tun hättest!
GEJ|4|56|11|0|Also einzelne Körper sind schon von solch einer rätselhaften Größe, und doch erscheinen sie deinem Auge als kaum leuchtende Punkte wegen ihrer zu großen Ferne von hier! Und doch ist das alles gegen die Allheit des gesamten Schöpfungsalls, wie gesagt, ein kleinstes Stäubchen, das die Sonnenstrahlen ganz leicht tragen können! Ich sage es dir: Du kannst eine Milliarde Sonnen mit all ihren Planeten und Monden und Kometen erschaffen und sie alle verteilen in dieser Sonnengebietsglobe, und sie werden dir diesen nur einen Globenraum noch ebensowenig merkbar beengen, wie ein Tropfen Wassers das Meer vergrößert und dessen weites Bett beengt; und milliardenmal Milliarden Globen würden im ganzen nun bestehenden Schöpfungsallgebiete ebensowenig bemerklich sein wie die Milliarden Regentropfen im Meere.
GEJ|4|56|12|0|Sieh an die ganze Erde! Wie viele tausend Bäche, Flüsse und Ströme in das Meer auch fallen, so wird dasselbe darum dennoch nicht um eine Linie vergrößert; nun denke dir noch so viele Schöpfungen über Schöpfungen in jedem Augenblick, und sie werden sich im unendlichen Raume stets ebenso verlieren wie die Myriaden mal Myriaden Wassertropfen, die, in jedem Augenblick ins Meer fallend, sich in ihm verlieren. Es sei dir darum wegen des zu vielen Erschaffens ja nicht kleinmütig bange; denn im Unendlichen gibt es ewig Raum und Platz genug fürs Unendliche, und Gott ist mächtig genug, alles für ewig zu erhalten und einer endlichen Hauptbestimmung zuzuführen!
GEJ|4|57|1|1|57. — Zorels Einblick in die Entwicklungsvorgänge der Natur
GEJ|4|57|1|0|(Zorel:) „Ich sage dir nun noch mehr, Zinka! Soviel du je von deiner Jugend an auf dieser Erde gedacht, gesprochen und getan hast, und was du auch in deiner vordieserdlichen Seelenexistenz gedacht, geredet und getan hast, das alles ist aufgezeichnet im Buche des Lebens; davon trägst du ein Exemplar im Haupte deiner Seele, das ganz große Exemplar aber ruhet stets offen und weit aufgeschlagen vor Gott. Wenn du vollendet sein wirst, so wie ich nun vollendet vor Gott stehe, so wirst du alle deine Gedanken, Reden und Taten getreust wiederfinden. An dem, was gut war, wirst du natürlich eine große Freude haben; was aber nicht war in der guten Ordnung, daran wirst du zwar keine Freude haben, aber als ein vollendeter Mensch auch keine Trauer. Denn du wirst daraus die großen Erbarmungen und weisen Führungen Gottes erkennen, und das wird dich stärken in der reinen Liebe zu Gott und in aller Geduld gegenüber allen jenen armen, noch unvollendeten Brüder, die Gott der Herr deiner Führung anvertrauen wird, sei es in dieser oder auch in einer andern Welt.
GEJ|4|57|2|0|Aus solchen deinen aufgezeichneten Gedanken werden einst auch noch neue Schöpfungen hervorgehen. Gewöhnlich werden aus solchen aufgezeichneten Gedanken, Reden und Taten zuerst größere oder kleinere Weltkörper in der Neuzeit. Sie werden ins Feuer der Sonnen gegeben, um dort bis zu einer gewissen Reife zu gelangen; haben sie solche erreicht, so werden sie dann mit aller Gewalt in den Schöpfungsraum hinausgeführt und dort nach und nach und stets mehr und mehr ihrer selbsttätigen Ausbildung anheimgestellt. Nach und nach bilden sich in einer solchen neugeborenen Welt die vielen tausendmal tausend Einzelgedanken und Ideen – wie die ins Erdreich gelegten Samenkörner – durch das in ihnen lebenskeimige Feuer und Licht stets mehr und mehr aus und dienen dann der neuen Welt als Grundlage zur nachherigen Entstehung von allerlei Wesen, als Mineralien, Pflanzen und Tieren, aus deren Seelen mit der Zeit Menschenseelen gebildet werden.
GEJ|4|57|3|0|Derartige Neuwelten siehst du dann und wann als zum größten Teile dunstige Nebelsterne, auch als Schweifsterne durch den Himmelsraum ziehen. Ihr Urursprung sind die im Gottesbuche aufgezeichneten Gedanken, Ideen, Reden und Handlungen.
GEJ|4|57|4|0|Du siehst daraus, daß da auch der leiseste Gedanke, den ein Mensch je gedacht hat, entweder auf dieser oder auf einer andern Erde, unmöglich ewig je verlorengeht und – gehen kann; und die Geister, aus deren Gedanken, Worten und Ideen und Taten solch eine Neuwelt durch Gottes Willen gebildet wird, erkennen in ihrem vollendeten Zustande gar bald, daß solch eine Welt ein Werk ihrer Gedanken, Ideen, Reden und Taten ist, und übernehmen dann ganz gerne und mit einem großen Seligkeitsgefühle die Führung, Leitung, Ausbildung und volle Belebung und zweckliche innere Organisierung des Weltkörpers selbst und endlich aller Dinge und Wesen, die auf solch einem Weltkörper zu bestehen haben werden.
GEJ|4|57|5|0|Du schauest dir nun diese Erde an und siehst nichts denn eine totscheinende Materie. Ich sehe nun zwar die totscheinenden Formen der Materie auch; aber ich sehe noch viel mehr darin, was du mit deinen Augen nimmer sehen kannst. Ich sehe darin die gebannten geistigen Dinge und Wesen und fühle ihr Bestreben, und sehe, wie sie stets zunehmen an der inneren Ausbildung und besseren und bestimmteren Gestaltung und Entfaltung ihrer zweckdienlichen Formen, und ich sehe abermals zahllose Geister und Geisterchen, die da unablässig tätig sind, so wie der Sand in einem römischen Stundenmesser. Da ist von keiner Ruhe eine Rede, und aus ihrer unablässigen Tätigkeit bildet sich das gesamte zweckdienliche Werden alles und jedes Naturlebens.
GEJ|4|57|6|0|Ich sage es dir: In jedem Tautropfen, der noch so helle an einer Grasesspitze zittert, sehe ich wie in einem Meere schon Myriaden Wesen sich nach allen Richtungen herumtummeln! Des Tropfens Wasser ist nur eine erste und allgemeine Umhäutung eines Gottesgedankens. Aus dieser nehmen dann die darin gefangenen Geistlein ihre sonderheitliche Umhüllung und bestehen darauf schon gleich in irgendeiner bestimmteren Form, die von der äußern allgemeinen schon sehr verschieden ist; dadurch aber verschwindet dann der Tropfen als Wasserperle, und die im selben sich neu gebildeten Formen als schon Leben tragende Püpplein bekriechen dann die Pflanzen oder andere Dinge, an denen der Wassertropfen sich gebildet hatte. Da gehen aber diese Püpplein, sich ergreifend, alsbald in eine andere Form über, und aus hunderttausenden wird eins. Eine neue Haut wird um die neue Form gebildet; in ihr werden die vielen kleinen Formen durch den Einfluß des Lichtes und der Wärme zum zweckdienlichen Organismus der neuen und größeren Form umgewandelt, und das also entstandene neue Wesen beginnt eine neue Tätigkeit als Vorbereitung zum abermaligen Übergange in eine stets mehr und mehr ausgebildete Form, in der es wieder für den Übergang in eine noch höhere und vollendetere Form tätig zu werden beginnt. Und so ist die sichtliche Tätigkeit eines jeden schon in irgendeine bestimmte Form eingegangenen Wesens nichts als eine rechte Vorbereitung für eine höhere und vollkommenere Form zur stets größeren Festigung des seelischen und endlich in der Menschenform des rein geistigen Lebens.
GEJ|4|57|7|0|Was ich dir hier sage, ist keine Phantasie, sondern die reinste und ewige Wahrheit. Ich könnte dir nun noch gar vieles von der Ordnung aus Gott kundtun also, wie ich's nun schaue und allerklarst erkenne! Aber ich erkenne nun auch, daß die Zeit dieser meiner Vollendung zu Ende geht; darum muß ich dir hiermit nur noch die Bitte anfügen, daß du mit mir, wenn ich wieder ein sehr dummer und mitunter ärgerlicher Mensch sein werde, Geduld habest und mich in der rechten, dir nun bekannten Ordnung Gottes leitest und führest auf den rechten Weg. Du wirst bei meinem Erwachen in die Welt dich hoch erstaunen, daß ich wieder ganz dumm und finster sein und von allem dem, was nun mit mir vorgegangen ist, keine Silbe wissen werde; aber es wird mir das alles dennoch wohl zustatten kommen.
GEJ|4|57|8|0|Eine Zeitlang wird mein nun gezwungen reif gewordener Geist, dieses ungewohnten und ungeübten Zustandes müde, sich wohl ganz schlafstumm verhalten; aber er wird durch die für jetzt noch nötige Ruhe bald gestärkt und wach werden und fühlen die Dringlichkeit der wirklichen Lebensvollendung, deren seligste Süße er nun zum Verkosten bekam, und wird sonach zur schnelleren Vollausbildung der Seele sehr viel beitragen, auf daß sie ehest reif werde in ihm in aller Wahrheit und rechten Fähigkeit, um vollends überzugehen in den sie durchdringenden Geist.
GEJ|4|57|9|0|Ich werde nun abermals schlafen noch eine halbe Stunde lang, nach welcher Zeit du mich durch die Gegenlage deiner Hände erwecken mußt. Wenn ich aber wieder wach werde, da lasse mich nicht von der Stelle, bis ich nicht den Menschen der Menschen an diesem Tische werde vollends erkannt haben! Denn Dieser ist eins mit Dem, den ich nun noch sehe in der Sonne der ewig großen Geisterwelt.
GEJ|4|57|10|0|Nun habe Dank darum, daß du mir aufgelegt hast deine Hände!“
GEJ|4|58|1|1|58. — Richtet nicht
GEJ|4|58|1|0|Nach diesen Worten schlief unser Zorel wieder ruhig, und Zinka sagte: „Nein, was dieser Mensch uns jetzt alles geoffenbart hat! Wenn das alles also wahr ist, dann haben wir eine Kenntnis erhalten, von der schwerlich je irgendeinem Propheten etwas geträumt hat! Nein, ich bin ganz wie aufgelöst von dieses Menschen tiefster Weisheit! Wahrlich! Kein Engel kann eine tiefere Weisheit besitzen!“
GEJ|4|58|2|0|Sagt auch Cyrenius: „Ja, dem Menschen muß geholfen werden; denn so viel des höchst Wundervollen aus Deiner göttlichen Ordnung ist hier noch nicht enthüllt worden! Mathaels Enthüllungen waren groß und machten mich sehr denken; aber was nun dieser Zorel alles enthüllt hat, ist unerhört! Kaum glaublich und denkbar, daß solche innersten Weisheitstiefen sich noch in menschliche Worte einkleiden und dann als klar verständlich darstellen lassen! Kurz, ich bin ganz außer mir ob diesem Zorel! Könnte er das auch im nachfolgenden fleischwachen Zustande sagen, oh, ich würde ihn auf einen Thron setzen, von dem herab er den Menschen die hohe Wahrheit predigen sollte, auf daß sie alle desto sicherer erreichten ihres Seins und Lebens wahre und vollendete Bestimmung!“
GEJ|4|58|3|0|Sage Ich: „Ganz gut, Freund Cyrenius! Es liegt vorderhand weniger an dem, was er in seinem dritten Stadium geweissagt hat – obschon es durchgängig wahr ist –, als vielmehr an dem, daß ihr in der Folge über keinen Menschen darum den Stab brechet, weil er an sich eine kranke Seele ist. Denn ihr alle habt es nun gehört und empfunden, wie auch in einer noch so kranken Seele ein völlig allergesundester Lebenskeim rastet; und wird die Seele durch eure brüderliche Mühe gesund gemacht, so habt ihr einen Gewinn gemacht, den euch ewig keine Welt bezahlen kann! Welchen Nutzen kann danach ein solch vollendeter Mensch stiften! Wer ermißt dessen Tragweite?! Ihr Menschen wisset es nicht, aber Ich weiß es, wie weit solch eine Mühe sich der Mühe lohnt!
GEJ|4|58|4|0|Darum sage Ich es euch: Seid allzeit barmherzig auch gegen die großen Sünder und Verbrecher wider eure und wider die göttlichen Gesetze! Denn nur einer kranken Seele ist eine Sünde zu begehen möglich, einer gesunden wohl niemals, weil eine gesunde Seele gar nicht sündigen kann, da die Sünde stets nur eine Folge einer kranken Seele ist.
GEJ|4|58|5|0|Wer aus euch Menschen aber kann eine Seele wegen der Verletzung eines Meiner Gebote richten und strafen, da ihr doch alle unter demselben Gesetze stehet?! Ein Gesetz aus Mir aber besteht ja eben darin, daß ihr niemanden richten sollet! Wenn ihr eure Nächsten richtet, die sich an Meinem Gesetze versündigt haben, so versündigt ihr euch ja im gleichen Maße an Meinem Gesetze! Wie könnet ihr aber als selbst Sünder einen andern Sünder richten und verdammen?! Wisset ihr denn nicht, daß, während ihr euren seelenkranken Bruder zur harten Sühne verdammet, ihr damit auch für euch ein doppeltes Verdammungsurteil ausgesprochen habt, welches an euch dereinst, wenn nicht nach Umständen auch schon hier, vollzogen werden wird?!
GEJ|4|58|6|0|So einer aus euch ein Sünder ist, der lege das Richteramt nieder; denn richtet er, so richtet er sich selbst in doppeltes Verderben, aus dem er schwerer frei werden wird als derjenige, den er gerichtet und verdammt hat. Kann denn je ein Blinder einen andern führen oder ihn setzen auf den rechten Weg?! Oder kann ein Tauber einem andern Tauben etwas erzählen von der Wirkung der Harmonien der Musik, wie sie am reinsten geübet ward vom David? Oder kann ein Lahmer zum andern sagen: ,Komme her, du Elender, ich werde dich führen auf die Herberge!‘? Werden da nicht alle beide bald ausgleiten und fallen in einen Graben?!
GEJ|4|58|7|0|Daher merket euch das vor allem, daß ihr niemanden richtet, und leget das auch allen denen ans Herz, die dereinst eure Jünger werden! Denn bei der Befolgung dieser Meiner Lehre werdet ihr aus Menschen Engel zeihen, – bei der Nichtbefolgung aber Teufel und Richter wider euch selbst.
GEJ|4|58|8|0|Niemand zwar ist ganz vollkommen auf dieser Welt; doch der Vollkommenere im Verstande und im Herzen sei der Leiter und Arzt seiner kranken Brüder und Schwestern, und der selbst stark ist, der trage den Schwachen, sonst erliegt er samt dem Schwachen, und sie werden beide nicht mehr von der Stelle kommen!
GEJ|4|58|9|0|Daß ihr alle aber das so recht grundrichtig und wahr einsehet, dazu habe Ich euch eben mit diesem Zorel so ein recht handgreifliches Beispiel gestellt, aus dem ihr wohl erkennen möget, wie sehr und wie hoch gefehlt es ist, einen Verbrecher nach eurer Art zu richten! Zwar wird eure Art zu richten stets ein Angehör der Welt verbleiben, und dem Drachen der Tyrannei wird das harte, diamantene Haupt schwer je völlig zertreten werden – denn die Erde ist ja eben darum eine Probewelt für Meine angehenden Kinder –; aber unter euch soll es nicht also verbleiben, denn unter euch streuen die Himmel Früchte mit reichlichen Samenkörnern versehen.
GEJ|4|58|10|0|So ihr die Früchte Meines Eifers nun genießet, da vergesset es ja nicht, die davon entfallenden Samenkörner so reichlich als möglich in die Herzen eurer Brüder und Schwestern zu streuen, auf daß sie darin aufgehen und eine reichliche und gesunde neue Frucht tragen mögen! Wie sich aus den ins Herz gelegten Samenkörnern aber eine neue wunderbare Frucht erzeugt, das hat euch Zorel nahe ins kleinste klar und deutlich gezeigt. Tut also danach, so werdet ihr wie aus euch selbst schon Leben zeihen und eben dadurch selbst das ewige Leben in aller euch nun bekannten Vollendung überkommen! Das ist nach diesem Händeauflegungsakte für euch zur möglichst genauesten Danachachtung und Handhabung gegeben.
GEJ|4|58|11|0|Nun aber ist die Zeit herangekommen, wo du, Zinka, dem Zorel deine Hände entgegengesetzt auflegen mußt, auf daß er wach werde; dann aber, so er wach wird, gib du, Markus, ihm Wein mit etwas Wasser, auf daß sein Leib in die frühere Kraft komme! So er aber wach wird und zu reden anfangen wird wieder wie früher, da ärgert euch nicht und erinnert ihn nun gar nicht an das, was er in seiner Ekstase geredet hat; denn solches könnte ihm einen leiblichen Nachteil bewirken. Belachet ihn aber auch nicht, so er mit irgendeiner Dummheit zum Vorscheine kommen wird! Ganz sachte könnet ihr nach und nach auf Mich hinlenken; aber nur keine Übereilung dabei, weil durch sie vieles auf lange Zeit für ihn verdorben werden könnte! Und jetzt gehe du, Zinka, an dein Werk, dieweil der Markus mit dem Weine und Wasser bereits schon da ist!“
GEJ|4|59|1|1|59. — Zorels materialistischer Glaube
GEJ|4|59|1|0|Zinka legte dem Zorel nun die Hände entgegengesetzt auf, und dieser schlug alsbald die Augen auf und wurde wach. Als Zorel vollends wach geworden war, winkte Ich dem alten Gastwirte Markus, ihm den etwas gewässerten Wein zu verabreichen, da ihn der Durst sehr plagte. Markus tat solches sogleich, und der sehr durstige Zorel leerte einen ganz tüchtigen Becher mit einem Zuge und bat um noch einen Becher voll, da es ihn noch dürste. Markus fragte Mich, ob er so etwas wohl tun solle. Und Ich bejahte solche Frage, nur mit dem hinzugesetzten Bemerken, das zweitemal mehr Wasser als Wein zu geben. Und Markus tat solches, und es bekam dies dem Zorel wohl. Als er sich aber also gestärkt hatte, sah er sich um und musterte die Umgebung, die er noch ganz gut ausnehmen konnte, obwohl sich die Sonne schon sehr dem Untergange zu nahen begann.
GEJ|4|59|2|0|Nach einer Weile sagte er (Zorel), mit seinen Augen Mich unverwandt anschauend: „Zinka, jener Mensch dort kommt mir sehr bekannt vor! Ich muß ihn schon irgendwo gesehen haben! Wer er etwa doch ist, und wie er heißt? Je länger ich ihn betrachte, desto mehr kommt es mir ganz lebendig vor, daß ich ihn irgendwo gesehen habe! Zinka, ich habe nun eine große Sympathie für dich, – darum vertraue es mir an, wer jener Mann ist!“
GEJ|4|59|3|0|Sagt Zinka: „Jener Mann ist eines Zimmermanns Sohn aus Nazareth, das da liegt über Kapernaum, – aber nicht aus dem gleichnamigen Flecken, der da liegt hinterm Gebirge und zum größten Teile von den schmutzigen Griechen bewohnt ist. Sein Charakter ist der, daß er ein Heiland ist und überaus geschickt in seiner Kunst; denn dem er hilft, dem ist geholfen. Sein Name entspricht seinem Charakter, und er heißet darum ,Jesus‘, was da ist ein Heiland der Seelen und der kranken Leibesglieder zugleich. Er hat eine noch viel größere Kraft in seinem Willen und in seinen Händen und ist dabei engelsgut und weise. Nun weißt du alles, darum du gefragt hast; hast du etwa noch um irgend etwas zu fragen, so tue das, – ansonst dürften die hohen Herren etwas unternehmen, und wir hätten dann wenig Zeit mehr, über manches uns näher zu verständigen!“
GEJ|4|59|4|0|Sagt Zorel so etwas halblaut zum Zinka: „Ich danke dir für das Mitgeteilte, obschon ich nun noch nicht weiß, wie ich so ganz eigentlich daran bin; denn ich kann mir nur den Grund nicht aufhellen, aus dem mir jener Mann gar so bekannt vorkommt! Es kommt mir vor, als hätte ich irgendwann eine große Reise mit ihm gemacht! Ich bin gereist, und das viel zu Wasser und zu Lande, und habe Gesellschaft gehabt, kann mich aber nicht irgend entsinnen, solch einen Mann gesehen und gesprochen zu haben; und doch kommt es mir, wie gesagt, gar sehr also vor, als hätte ich gar vieles auf einer Reise mit ihm zu tun gehabt! – Erkläre mir das, wie das kommen mag!“
GEJ|4|59|5|0|Sagt Zinka: „Auf die natürlichste Art von der Welt! Du hast irgendeinmal einen recht lebhaften Traum gehabt, dessen du dich nun so ganz dunkel erinnerst, und das wird der sichere Grund deines nunmaligen Gefühles sein!“
GEJ|4|59|6|0|Sagt Zorel: „Kannst recht haben! Mir träumt öfter etwas, dessen ich mich erst so nach etlichen Tagen entsinne, so ich durch ein ähnliches Außenobjekt daran gewisserart erinnert werde; ansonsten geht da alles verloren, und ich erinnere mich dann keines Traumes, und hätte ich noch so lebhaft geträumt! Aber das wird schon so sein; denn in der Wirklichkeit habe ich jenen Nazaräer wohl noch nie gesehen.
GEJ|4|59|7|0|Nun aber noch etwas, lieber Freund! Sieh, ich bin hierhergekommen, um vom hohen Statthalter das bewußte Almosen zu erhalten. Was meinst du, wird mit ihm etwas zu machen sein? Wäre da nichts zu hoffen, so könntest du dich wohl bei ihm wenigstens dahin für mich verwenden, daß ich wieder heimziehen dürfte. Denn was soll ich nun hier? Für all den theosophisch und auch philosophisch weisen Kram gebe ich nichts. Meine Theosophie und Philosophie sind ganz kurz beisammen: Ich glaube an das, was ich sehe, also an die Natur, die sich von Ewigkeit her immer und immer erneuert. Darauf glaube ich auch, daß das Essen und Trinken die zwei allernotwendigsten Stücke zum Leben sind; aber an sonst etwas glaube ich nicht leichtlich.
GEJ|4|59|8|0|Es gibt wohl manches Sonderbare in der Welt, wie allerlei Magie und andere Künste und Wissenschaften. Aber zwischen ihnen und mir besteht dasselbe Verhältnis wie zwischen dem Feuer und mir: solange es mich nicht brennt, blase ich nicht! Ich fühle kein Bedürfnis in mir, mehr zu wissen und zu verstehen, als was ich nun weiß und verstehe; und so wäre es auch sehr dumm von mir, noch länger etwa darum verweilen zu wollen, um irgendeine schwer verständliche Weisheitslehre zu erschnappen, damit ich mich dann irgend vor dummen Kerlen patzig machen könnte.
GEJ|4|59|9|0|Du siehst in mir einen Naturmenschen, dem alle die weise sein wollenden Einrichtungen und Gesetze der Menschen zuwider sind, weil sie dessen angeborene Freiheit oft auf zu harte Weise beeinträchtigen, und das bloß darum, damit einige wenige sehr reich, mächtig und hoch angesehen werden können, wofür dann freilich Millionen im oft tiefsten Elend schmachten dürfen. Verstünde ich mehr noch, als ich jetzt verstehe, so würde ich noch tiefer auf den Grund solcher Ungerechtigkeiten sehen können, was mich sicher nicht glücklicher machen würde; so aber muß mir in meiner Dummheit viel Kummer erspart werden, weil ich nicht den Grund von all den menschlichen Schlechtigkeiten recht fundamental einsehe.
GEJ|4|59|10|0|Wo die argen, weise sein wollenden Menschen nicht aus sich selbst genug die Menschheit drückende Gesetze haben erfinden können, da stellten sie denkende und sehr erfinderische Köpfe auf, die, mit ekstatisch verzerrten Gesichtern einhergehend, mit mancherlei Gesetzen von seiten der Götter sicher nur lügnerisch ans Licht traten und damit die arme und schwache Menschheit von neuem zu plagen anfingen unter den lächerlichsten Androhungen von den schrecklichsten, ewigen Strafen und unter Verheißungen von den allergrößten Belohnungen, aber freilich das alles erst nach des Leibes Tode, wo es gut belohnen ist, weil die Toten nichts mehr brauchen.
GEJ|4|59|11|0|Doch was die Strafen betrifft, da ließen die Menschen es nicht bis nach dem Tode anstehen, griffen ihren erfundenen und nichtigen Göttern vor und straften die Vergeher gegen die Gesetze der Götter gleich lieber schon hier, damit jenseits ja niemand zu kurz käme in der angedrohten Strafe. Nur auf die Belohnung ließen sie die Frommen bis ganz nach dem Tode warten; da kommt in diesem lieben Leben niemals irgendein freier Vorschuß zum Vorscheine, außer man hätte sich für einen Großen irgend förmlich totschlagen lassen! Alles, was in den menschlichen Gesellschaftsverbänden ist und besteht, ist so einzeln hoch menschenintereßlich eingeleitet, daß jeder nüchterne Denker auf den ersten Griff gleich den Grund heraus hat, auf dem es erbaut ist: das göttergesetzliche und menschengesellschaftliche Element!
GEJ|4|59|12|0|Freund! Wenn einer allein als ein freiester Herr aller Herrlichkeiten der Erde leben will, da muß dann freilich die andere willens- und kraftschwache Menschheit weinen samt dem Erdboden, darauf sie steht! Für die Bedrücker der Menschheit, für die allerherzlosesten Tyrannen wäre dereinst freilich wohl eine entsprechende Vergeltung gut; aber wer soll solche erteilen können?! Kurz, es ist nichts! Ein pures, loses Puppenspiel!
GEJ|4|59|13|0|Wer die andern, das ist die Nebenmenschheit, sich dienstbar machen kann, der tut recht und wohl; denn ein dummer Mensch ist nicht mehr wert denn ein dummer Hund! Der Stärkere und Pfiffigere erschlage ihn, nehme von seinen Gütern vollen Besitz und suche sie dann auf Leben und Tod vor fremden Eingriffen auf jede mögliche Art zu beschützen! Bringt er das zustande, dann wird er bald ein großer und freier Herr; kann er das nicht, so geschieht es ihm auch recht, darum er etwas unternommen hat, von dem er als ein weiser Mann lange genug hätte voraussehen sollen, daß es ihm nicht gelingen werde. Kurz, für die Dummen tauget nichts besser als die Vernichtung; wenn sie nicht mehr sind, da haben für sie alle Gesetze, alle Verfolgungen und alle die unmenschlichen Strafen für ewig aufgehört! Nur nicht sein, wenn man elend sein muß; eine Stunde rechten Elends wiegt zehntausend Jahre der größten Glückseligkeit nicht auf!
GEJ|4|59|14|0|Liebster Freund Zinka, sieh, das ist so mein harmloses Glaubensbekenntnis, gegen das sich auf dieser Welt wohl schwer wird irgend etwas entgegenstellen lassen. Es ist Wahrheit, die man nun nirgends hören will; alles wiegt sein Dasein in lauter lügenhaften Phantasien und dünket sich dabei so recht glücklich zu sein! Nur zu! Wühle ein jeder denn im Reiche der Lüge und suche in der phantastischsten Phantasie den Trost, wenn das Elend mit eherner Ferse ihm das Genick zu zertreten beginnt!
GEJ|4|59|15|0|Betäubet euch, ihr Elenden, alle mit dem Mohngifte der Lüge, und schlafet solange ihr lebet unter dem süßen Drucke des Wahnsinns, und es geschieht jedem wohl und recht, so ihn das glücklich macht; nur mir geschieht es unrecht, weil ich mich unter den Aarsfittichen der Wahrheit überaus unglücklich fühlen muß, so ich aus den lichten Höhen den stets gleichen und todbringenden Sturz sehen, fühlen und selbst berechnen muß, der meiner und der andern, mir ähnlichen, harrt! Wer wird mich im Falle aufhalten, so das lockere Band bricht, mit dem mich meine Torheit an des Aars mächtigen Fittich befestigt hat?!
GEJ|4|59|16|0|Menschen! Lasset mich in der Ruhe doch meinen Raub verzehren, ich tue euch ja nichts; gebt mir von eurem Überflusse nur so viel, daß ich mir das wieder anschaffen kann, was mir der arge Zufall genommen hat, und ihr sollet an mir keinen undankbaren Bettler finden! Wollt ihr mir aber nach der gewöhnlichen Art gar nichts geben, so lasset mich zum wenigsten unbeirrt heimziehen, auf daß ich als ein armer Faun, natürlich auf ungesetzlichen Wegen, mir so viel Holz zusammensammle, um mir auch nur eine allernotdürftigste Hütte zu erbauen, so gut wenigstens, wie sich das Bibertier eine erbaut! Eines oder das andere werdet ihr mir ja etwa doch gewähren; mich aber etwa noch elender zu machen, als ich nun schon bin, das werdet ihr ja etwa doch wohl nicht tun! Habt ihr für mich aber solches im Sinne, da tötet mich lieber gleich! Denn elender als ich nun schon bin, will ich durchaus nicht werden und sein! Denn tötet ihr mich nicht, dann weiß ich, was ich zu tun habe! Ich werde mich selbst zu töten verstehen!“
GEJ|4|59|17|0|Sagt Zinka endlich wieder: „Das sei ferne von dir! Auch sollst du bei deinen sonderlich guten Kenntnissen und Erfahrungen zu solch einer tollsten Tat, sie zu vollführen, nicht genötigt werden; denn während du schliefst, hat Cyrenius für dich schon bestens gesorgt, – aber erst wenn du einsehen wirst, wie eben das, was du als Wahrheit nun erkennst, die größte Unwahrheit ist! Sei also unbesorgt und nimm eine bessere Lehre an, und du sollst dann erst wahrhaft und ganz glücklich werden!“
GEJ|4|60|1|1|60. — Zorels Kritik der Moral und Erziehung
GEJ|4|60|1|0|Sagt Zorel: „Deine Worte klingen recht freundlich, gut und zart, und ich bin überzeugt, daß du ebenso redest, wie es dir ums Herz ist und die Sache auch wahr sein wird; aber es fragt sich da wohl sehr, welch eine Lehre ich da annehmen soll, unter deren Leuchtfackel ich das, was ich nun als höchst wahr einsehe, als etwas Grundfalsches erkennen werde! Zwei und noch einmal zwei geben zusammen vier, das ist eine mathematische Wahrheit, gegen die sich aus allen Himmeln heraus nichts einwenden läßt, und es kann da unmöglich irgendeine andere Lehre geben, die diese ewige Wahrheit Lügen strafen könnte! Ich müßte nur ein abergläubischer Narr sein, um annehmen zu können, daß zwei und abermals zwei zusammen gleich sieben als Summe geben könnten, dann wäre bei mir freilich wohl eine Glaubensänderung möglich; aber bei meinem gegenwärtigen Erkennen ist das rein unmöglich!
GEJ|4|60|2|0|Daß es irgendeine intelligente, ewige Urkraft geben muß, von der wenigstens die Urkeime oder zum mindesten deren erste Regelungen herrühren, kann von keiner noch so reinen Vernunft geleugnet werden; denn wo es einmal ein Zwei gibt, da muß es zuvor auch ein Eins gegeben haben. Aber wie lächerlich und überaus dumm ist es von den albernen, blinden Menschen, so sie sich eine Urkraft – die doch in der ganzen, ewigen Unendlichkeit gleich verteilt und ausgebreitet sein muß, weil ihre Grundwirkung durch die ganze Unendlichkeit gleich verspürbar sein wird – in einer Form, und gar in einer menschlichen, vorstellen, ja mitunter sogar in einer bestialischen!
GEJ|4|60|3|0|Die Juden hätten, wenn sie bei ihrer Urlehre stehengeblieben wären, im Grunde noch die vernünftigste Vorstellung von einer allgemeinen Urkraft, die sie ,Jehova‘ nennen; denn es lautet bei ihnen ein Satz: ,Du sollst dir Gott unter gar keiner Form vorstellen und dir noch weniger ein geschnitztes Bild von Ihm machen!‘ Aber sie sind davon ganz abgegangen und haben nun ihre Synagogen und Tempel voll Bilder und Zieraten und glauben daneben an die albernsten Dinge, und die Priester strafen jene ihrer Bekenner, die das nicht glauben, was sie lehren. Sie heißen sich Gottes Diener und lassen sich darum ungeheuer ehren; aber dafür plagen sie die arme Menschheit mit allerlei, was sie dazu nur immer erfinden können. Soll ich etwa bei solchen Bewandtnissen ein Jude werden? Nein, dies sei ewig ferne!
GEJ|4|60|4|0|Wohl heißt es, daß sie Gesetze von Gott Selbst haben, die Er ihnen durch ihren Grundlehrer Moses gegeben habe auf dem Berge Sinai. Die Gesetze sind zwar an und für sich ganz gut, so sie jedermann als eine unerläßliche Lebensregel dieneten; aber was nützt das, so man dem armen Menschen das Stehlen und Betrügen auf das strengste untersagt, selbst aber, als ein auf dem Stuhle der Herrlichkeit Sitzender, alle ihm ganz sklavisch untergeordnete Menschheit bei jeder Gelegenheit ausraubt, sie bestiehlt und betrügt, wie da nur immer möglich ist, und sich darum dem göttlichen Gesetze zum Trotz aber auch nicht das allergeringste Gewissen macht! Sage mir, in welch einem Lichte einem Reindenker solch ein Gesetz und die Hüter desselben erscheinen müssen!
GEJ|4|60|5|0|Hat einen armen Faun die Not dazu gezwungen, sich irgend, wo er einen Überfluß fand, für sein dringendes Bedürfnis etwas zu nehmen, so wird er mit aller unnachsichtigen Strenge zur Verantwortung gezogen und sogleich über und über gestraft; aber der Gesetzeshüter, der alle Tage und bei jeder Gelegenheit raubt, mordet, stiehlt und betrügt, steht über dem Gesetze, beachtet es nicht im geringsten und glaubt bei sich selbst auch an nichts, außer an seine viel fordernden zeitlichen Vorteile! Kann das wohl irgendeine göttliche Einrichtung sein, die mit den selbst nur sehr geringen Anforderungen der armen Menschheit in einem gar zu grellen Widerspruche steht?! Welche nur einigermaßen gereinigte Vernunft kann das wohl je billigen?!
GEJ|4|60|6|0|Was mir sicher nur angenehm sein kann, daß man es mir tue, das muß ich auch von meinem Nebenmenschen denken, daß es auch ihm nicht unangenehm sein werde, so ich ihm tun werde, was ihm bescheidenstermaßen wohl und angenehm dünkt! So ich bis über die Ohren in aller Not und Armut stecke, kein Geld habe, mir auch nur das Notdürftigste zu verschaffen, gehe, suche und bitte, auf die Bitte von niemandem etwas erhalte und erst am Ende mir selbst nehme, was mir not tut, – kann ein Gesetz mich darum verdammen?! Habe ich denn gar kein Recht, von etwas mir höchst Nötigem Besitz zu ergreifen, da doch die starken Vorfahren sicher keine Sünde begingen, von ganzen Ländern den vollen Besitz zu ergreifen?!
GEJ|4|60|7|0|Ja, so ich aus Arbeitsscheu stehlen und immer stehlen würde, da könnte sich darob keine Vernunft für beleidigt halten, so man mich darum zur Verantwortung zöge; wenn ich aber nur im äußersten Notfalle von irgend etwas mir Notwendigstem den gewisserart gesetzwidrigen Besitz ergreife, so kann und soll mich darum auch kein Gott zur Verantwortung ziehen können, – geschweige ein selbstsüchtiger, schwacher Mensch, der in mancher Hinsicht in einem Tage mehr Ungerechtigkeiten begeht denn ich in einem ganzen Jahre! Ich will mich zwar gegen das göttlich sein sollende Besitzschutzgesetz nicht schmähend äußern; aber besser und menschlicher macht es in seiner ausnahmslosen Rigorosität die Menschheit nicht, sondern nur härter und liebloser!
GEJ|4|60|8|0|Ebenso ist das Verwahrungsgesetz für reine Zucht und Sittlichkeit sehr roh und rauh hingeworfen, ohne alle Rücksicht auf die Natur, Zeit und Kraft der Menschen. Man bedenke, welchen Zuständen der Mensch – gleichviel, ob männlich oder weiblich – ausgesetzt ist! Oft gar keine Erziehung, oft eine, die noch schlechter denn gar keine ist! Er genießt oft Speisen und Getränke, die sein Blut sehr aufregen; er findet oft eine leichte Gelegenheit, seinen mächtigen Naturtrieb zu befriedigen und befriedigt ihn auch. Aber die Geschichte kommt auf, und er wird als Sünder ohne alle Rücksicht bestraft, denn er hat ja ein – göttliches Gesetz übertreten.
GEJ|4|60|9|0|O ihr Narren samt euren göttlichen Gesetzen! Warum habt ihr denn nicht dahin ein göttliches Vorgesetz herausgegeben, demnach vor allem für eine wahre und beste Erziehung gesorgt sein sollte, und hättet dann erst gesehen, ob irgendein anderes Nachgesetz notwendig gewesen wäre?! Ist es nicht kaum aussprechbar dumm von einem Gärtner, der zu einem Bugspalier Bäume setzt, wenn er sie dann erst zu beugen beginnt mit aller Macht und Kraft, so die Bäume zuvor schon eine Reihe von Jahren hindurch groß, hart und unbeugsam geworden sind?! Warum hat der dumme Gärtner denn mit seinen Bäumen die Beugung nicht zu einer Zeit vorgenommen, in der sie ganz leicht und ohne alle Gefahr zu beugen gewesen wären?! Sorge ein Gott oder auch ein Mensch, durch dessen Mund die Gottheit reden soll, zuerst für eine gerechte, der sittlichen Menschennatur angemessene weise Erziehung und gebe erst dann weise Gesetze, wenn der besterzogene Mensch derselben irgend noch bedürfen sollte!
GEJ|4|60|10|0|O Freund Zinka! Du bist wohl ein Jude und wirst deine Lehre besser kennen als ich; aber soviel mir von ihr zufälligerweise bekannt ist, kann ich dir nichts anderes sagen, als was ich dir bereits gesagt habe, und du wirst aus dem einsehen, daß ich wegen der Versorgung von seiten des hohen Cyrenius meine auf der reinen Vernunft und auf den mathematischen Grundsätzen fußende Erkenntnis durchaus nicht von mir lassen kann. Unter solchen Tauschbedingungen weise ich jede noch so glänzende Versorgung zurück, ergreife lieber den Bettelstab und bringe so den armseligen Rest meiner Tage auf dieser Erde zu; was aber nachher die Natur mit mir machen will, das wird einem Toten und ins alte Nichts Zurückgekehrten wohl sehr einerlei sein! – Rede nun du, Zinka, ob ich recht oder nicht recht habe nach deiner Ansicht!“
GEJ|4|60|11|0|Sagt Zinka: „Freund und Bruder Zorel! Ich kann dir im Grunde des Grundes ganz und gar nicht unrecht geben; aber das muß ich dir dennoch auch hinzubemerken, daß es noch ganz sonderbare Dinge gibt, von deren Möglichkeit du dir noch gar keine Vorstellung machen kannst. Wenn du dahinterkommen wirst, dann erst wirst du selbst erkennen, wieviel Gutes und Wahres an deinen diesmaligen Grundbehauptungen liegt!“
GEJ|4|60|12|0|Sagt Zorel: „Ja, ja, recht also; wenn du aber schon etwas Besseres weißt, so wende mir was ein, und ich bin bereit, dir Rede zu stehen!“
GEJ|4|60|13|0|Sagt Zinka: „Das würde dir und mir wenig nützen; aber wende dich an jenen Mann dort, von dem du sagtest, daß er dir gar so bekannt vorkäme! Der wird dir schon ein rechtes Licht anzünden, und du wirst darauf die Wahrheit oder das Gegenteil deiner Behauptungen gleich heller einzusehen beginnen!“
GEJ|4|60|14|0|Sagt Zorel: „Gut denn, ich werde solches tun und habe keine Scheu vor ihm; aber er wird an mir eine harte Nuß zum Knacken bekommen!“
GEJ|4|61|1|1|61. — Materialistische Irrtümer
GEJ|4|61|1|0|Mit diesen Worten verläßt der in seine sehr elenden Lumpen gehüllte Zorel den Zinka und tritt zu Mir hin, sagend: „Hoher Herr und Meister der Heilkunde, dies Kleid, das da bedeckt meinen elenden Leib, sind Lumpen von gar elender Art; aber sie decken wenigstens die Scham eines Menschen, dem es wirklich leid tut, unter diesen vielen sein wollenden oder sollenden Menschen leider auch ein Mitmensch zu sein! Form haben wir zwar bis aufs Kleid dieselbe; aber zwischen dem Sein scheint ein himmelhoher Unterschied obzuwalten.
GEJ|4|61|2|0|Ich bin ein Mensch, der da wohl zu unterscheiden versteht, daß zwei und zwei zusammen nicht sieben, sondern vier ausmachen! Zinka sagte mir, daß du der Mann wärest, der mir noch ein helleres Lichtchen anzünden könnte, als da ist das meinige, das mir wenigstens unter meinen Glaubensgenossen den Stempel der Menschheit aufdrückte; aber ich habe mir darauf nie was zugute getan und will mir noch weniger zugute tun, wenn du mir ein anderes Lichtlein anzünden willst. Zinka sagte mir, daß du allein solches zu tun imstande wärest.
GEJ|4|61|3|0|Meine eben sicher nicht aus der blauen Luft gegriffenen Grundsätze hast du gehört. Sie waren für mich leider eine nur zu handgreifliche Wahrheit; kannst du mir aber dafür etwas Besseres geben, so tue das, und ich lasse gerne augenblicklich meinen ganzen Wahrheitsplunder von ganzem Herzen fahren! Ich weiß zwar nicht, mit welchem Ehrentitel ich dich begrüßen soll, – aber ich denke, daß auch du ein Mensch der Wahrheit bist, und solchen Menschen ist es wohl eins, welchen Titel man ihnen beilegt. Ich nenne dich ,Hoher Meister‘ und ehre dich als solchen, obwohl ich dich bloß nur vom Hörensagen kenne. Wirst du mir aber auch in der Tat genügen, da sollst du von mir angebetet werden!
GEJ|4|61|4|0|Sage mir denn, so es dir genehm ist, inwieweit ich mit meinen Wahrheitsgrundsätzen wohl oder irrig daran bin! Sind wir nun mehr oder weniger Menschen, als jene es waren, die als erste vernünftige Wesen diese Erde bewohnt haben? Darf ich nun, weil die Menschen einmal ein Besitzschutzgesetz erfunden haben, von dem sie sagen, daß es ein Gott gegeben habe, als ein armer Faun, der schon oft drei Tage keinen Bissen zu essen hatte und durchs Bitten auch nichts bekommen konnte, mir nicht so viel nehmen von irgendeines andern Menschen Überflusse, um mich nur zur Not vor dem Hungertode zu schützen, da doch ein jeder Erdwurm das Recht hat, sich mit einem Fremdbesitze zu sättigen, ohne ihn kaufen zu müssen, weil auch er ein Bewohner dieses Erdbodens ist und leider sein muß, da es einmal die mächtige Natur also eingerichtet hat? Oder soll ein Mensch weniger Recht haben, sich mit den seiner Natur zusagenden Erdfrüchten zu sättigen darum, weil er sich kein gutes Stück Erdreich kaufen konnte –, als ein Vogel in der Luft, von denen doch ein jeder ein ausgemachter Dieb ist?! Ich bitte dich, daß du mir darüber einen rechten Bescheid geben möchtest!“
GEJ|4|61|5|0|Sage Ich: „Freund, solange du deine Menschenrechte denen der Tiere gleichstellst, hast du mit deinen Naturgrundrechten auch vollkommen recht; da kann Ich dir durchaus nichts einwenden, und jedes Eigentum schützende und jedes andere Moralgesetz ist da eine allerabsurdeste Lächerlichkeit! Wie dumm müßte der sein, der den Vögeln in der Luft, den Tieren auf der Erde und den Fischen im Wasser Eigentumsschutzgesetze und andere sittliche Vorschriften geben wollte; denn ein nur einigermaßen vernünftiger Mensch, oder gar ein Gott, muß es ja wissen, daß diese Wesen ihre Natur zum einzigen Gesetzgeber haben! Du hast demnach ganz recht mit deinen Ansichten, wenn der Mensch vorderhand nichts anderes ist und zu erwarten hat – als irgendein Tier, wie es so in seiner Natur dasteht.
GEJ|4|61|6|0|Aber wenn der Mensch irgendeines sehr wohl möglichen höheren Zweckes wegen da ist oder da sein dürfte, wovon dir freilich bis jetzt wohl noch nichts in deinen Sinn hat kommen können, was deine nur für die untersten Bedürfnisse streitende Weisheit nur zu deutlich zu erkennen gibt, so dürften deine mathematischen Grundsätze wohl auf sehr schwachen und wankenden Füßen stehen!
GEJ|4|61|7|0|Daß aber ein jeder Mensch für einen höheren Zweck auf diese Erde gesetzt wurde, solltest du ja schon daraus erkennen, daß er als ein neugeborenes Wesen tief unter jedem Tiere steht und erst nach einigen Jahren tüchtiger Pflege anfängt, ein Mensch zu werden. Er muß in irgendeine Ordnung treten und mit allerlei gerechter Mühe und rechtlichem Kampfe sich sein Brot erwerben. Darum hat er aber denn auch Gesetze überkommen, damit er sie als erste Wegweiser zu einem höheren Ziele hin betrachten soll und sie auch halten aus seinem freien Willen heraus wegen der ferneren Selbstbildung und Selbstbestimmung, durch die allein er am Ende seine hohe Bestimmung erreichen kann, – aber nie als ein noch so beißend vernünftiger Tiermensch, sondern als ein vollkommener Menschmensch.
GEJ|4|61|8|0|Solange du dich nur kümmerst um das, was dem Fleische gebührt, wirst du als Mensch nicht weit kommen; ah, wenn du aber dahinterkommen wirst, daß in dir noch ein Mensch wohnt, der ganz andere Bedürfnisse als dein Leib hat und auch für etwas ganz anderes bestimmt ist, da wird es dir nimmer schwer werden zu erkennen, wie sehr du mit deinen Grundsätzen im lockersten Sande herumwühlst!
GEJ|4|61|9|0|Siehe, Ich kenne deinen sonst guten Willen und dein Forschen nach Wahrheit und nach dem Grund all des Bösen, mit dem nun die Menschheit auf Erden wahrlich bis über die Ohren behaftet ist! Deine Gedanken, dieweil du am Stehlen von jeher eine besondere Freude hattest, haben dir das Schutzgesetz für Eigentum und rechtlichen Besitz als deine Pandorabüchse bezeichnet; und weil du in deinen jüngeren Jahren zugleich ein großer und genußsüchtiger Freund der Weiber warst, so genierte dich auch stets ein Moralgesetz, das dir wie jedermann den Mißbrauch des Beischlafs als eine Sünde bezeichnet hat.
GEJ|4|61|10|0|Ja, als ein Tiermensch hast du auch da mit deinen Grundsätzen ganz vollkommen recht, wie auch damit, daß vor den anderen Gesetzen dahin ein Vorgesetz bestehen sollte, demnach alle Kinder eine solche Erziehung erhalten sollten, durch die ihnen die gesellschaftliche Ordnung so eingebleut werden müßte, daß es ihnen im männlichen Alter zur blanksten Unmöglichkeit würde, je irgendein Gesetz zu übertreten, was dann eine nachträgliche Gesetzgebung ganz natürlich überflüssig machen würde.
GEJ|4|61|11|0|Ja, siehe, diese Ordnung hat der Schöpfer der Welten und aller Wesen ja auch bei den Tieren eingeführt! Jedes Tier bekommt schon im Mutterleibe deine verlangte Vorerziehung ordentlich in seine ganze Natur und bedarf für späterhin gar keines Gesetzes mehr; denn es bringt mit der Vorerziehung im Mutterleibe schon alles mit sich, was es fürs ganze Leben braucht! Der aber, der die Engelsgeister, die Himmel, die Welten und die Menschen erschuf, wußte sicher recht wohl, was dazu erforderlich ist, um den Menschen zu einem freien Menschen und zu keinem gerichteten Tiere zu erschaffen und nachher zu erziehen.
GEJ|4|61|12|0|Wenn du deine mathematisch richtigen Lebensgrundsätze noch etwas genauer untersuchst, so wirst du bald auch finden, daß die Sprache für den Menschen ein großes Übel ist, da die Menschen sich durch sie in allen schlechten Dingen und Sachen unterweisen können. Auch wäre die Lüge nie unter die Menschen gekommen, so sie nicht reden könnten, weder durch Zeichen noch durch Worte; ja sogar das Denken ist gefährlich, weil die Menschen durch dasselbe auf allerlei Bosheiten und Hinterlistigkeiten geraten könnten! Am Ende sollten sie auch nicht klar sehen, rein hören, nicht schmecken und nicht riechen dürfen; denn alle diese Sinne im klaren und reinen Zustande könnten den Menschen ja noch gar leicht auf irgend etwas gierig und lüstern machen, was zufälligerweise schlecht wäre! Jetzt betrachte du deinen Menschen nach deinen mathematischen Grundsätzen und frage dich selbst, ob zwischen ihm und einem Meerespolypen, mit Ausnahme der Form, irgendein Unterschied obwaltet!
GEJ|4|61|13|0|Was willst du aber dann für den hohen Zweck, für den ein jeder Mensch erschaffen ist, mit solch einem Menschen machen? Welche Bildung wirst du ihm geben können? Wann wird so ein Mensch zur Erkenntnis seiner selbst und zur Erkenntnis des wahren Gottes, des Urgrundes aller Dinge und alles Lichtes und aller Seligkeiten, gelangen? Siehe an die Einrichtung eines gesunden Menschen, betrachte und durchforsche sie mit deinem kritischen Verstande genau, und du wirst finden, daß ein so weise und überaus kunstvoll eingerichtetes Wesen am Ende ja doch noch eine andere Bestimmung haben muß als bloß die nur, sich täglich den Bauch zu füllen, um hernach recht viel Unrates von sich lassen zu können!“
GEJ|4|62|1|1|62. — Vom berechtigten Schutze des Eigentums
GEJ|4|62|1|0|(Der Herr:) „Du schützest hier freilich deine und noch vieler anderer Menschen Armut vor und willst für dich gegen das göttliche Eigentumsschutzgesetz so viel des Rechtes haben, daß du als hungrig und durstig dir im dringenden Notfalle so viel ohne Sünde gegen das besagte Gesetz nehmen darfst, um dich zu sättigen. Ich kann dir da aus verläßlichster Quelle sagen, daß Jehova, als Er durch Moses dem israelitischen Volke die Gesetze gab, dieses Bedürfnisses wohl gedachte und ebenfalls als ein förmliches Gesetz den Menschen einschärfte, indem Er sagte: ,Dem Esel, der auf deinem Acker arbeitet, sollst du nicht wehren, daselbst einen Fraß zu nehmen, und dem Ochsen, der den Pflug zieht, das Maul nicht zubinden! So du aber die gebundenen Garben in deine Scheuern trägst, da lasse die auf dem Acker gebliebenen Ähren liegen, auf daß die Armen sammeln für ihre Notdurft! Jeder aber sei stets bereit, dem Armen zu helfen, und wer da sagt: ,Es hungert mich!‘, den lasse nicht weiterziehen, als bis er sich gesättigt hat!‘ Siehe, das ist auch ein Gesetz Jehovas, und Ich meine, daß da auch der Armut hinreichend gedacht wurde.
GEJ|4|62|2|0|Daß aber nicht ein jeder auf dieser Erde geborene Mensch ein Grundbesitzer werden und sein kann, liegt ja klar in der Natur der Dinge. Die wenigen ersten Menschen konnten sich in den Besitz der Ländereien freilich leicht teilen, denn es war damals noch die ganze Erde herrenlos; nun aber wird die Erde besonders in ihren fruchtbaren Ländern von nahe zahllos vielen Menschen bewohnt und darunter kann man doch jenen Familien, die den Erdboden schon seit lange her im Schweiße ihres Angesichtes bearbeitet und ihn mit vielen Lebensgefahren gereinigt und fruchtbar gemacht haben, den ihnen zugemessenen Grundbesitz nicht mehr streitig machen, sondern muß sie des allgemeinen Wohles wegen allerkräftigst schützen, daß denen, die einmal durch ihren Fleiß den Erdboden gesegnet haben, ihr Anteil nicht entrissen werde, weil sie ihn nicht nur für sich ganz allein, sondern noch danebst für hundert andere Menschen, die keinen Grund und Boden besitzen können, alljährlich bearbeiten müssen.
GEJ|4|62|3|0|Wer einen großen Grundteil besitzt, der muß sehr viele Dienstleute haben, und diese leben alle wie der Besitzer selbst vom selben Grund und Boden. Wäre es gut für die Diener, so man einem jeden von ihnen irgendeinen gleich großen Grund gäbe? Könnte ihn ein Mensch wohl bearbeiten?! Und könnte er dies auch eine Zeitlang, – was aber geschähe dann, wenn er krank und schwach würde? Ist es denn nicht bei weitem besser und klüger, so da wenige etwas Festes besitzen und haben Kammern und Vorräte, als so da alle Menschen, ja sogar schon die neugeborenen Kinder nichts als lauter vereinzelte Grundbesitzer wären, bei welcher Einrichtung am Ende, und das ganz sicher, zur Zeit der Not gar niemand einen Vorrat hätte?!
GEJ|4|62|4|0|Weiter frage Ich deinen mathematischen Verstand: Wenn es in der Gesellschaft von Menschenvereinen nicht ein Eigentumsschutzgesetz gäbe, so möchte Ich denn doch sehen, was du für eine Miene dazu machen würdest, so da andere kämen, die es nie besonders gelüstet hatte zu arbeiten, und dir wegnähmen deinen kleinen Vorrat, um sich zu sättigen! Würdest du ihnen da nicht zurufen und sagen: ,Warum habt denn ihr nicht gearbeitet und gesammelt?!‘? Und wenn sie dir antworteten: ,Weil wir dazu keine Lust hatten und wohl wußten, daß unsere Nachbarn arbeiten!‘, würdest du da nicht ein Schutzgesetz für höchst zweckmäßig finden und wünschen, daß solche losen Frevler durch irgendein Gericht gezüchtigt würden und endlich angehalten zu dienen und zu arbeiten, und möchtest du fürder nicht wünschen, daß dir die weggenommenen Vorräte wieder zurückerstattet würden? Siehe, das verlangt alles auch die reine Vernunft des Menschen!
GEJ|4|62|5|0|Wenn du deine mathematischen Grundsätze aber schon durchaus für die besten von der Welt ansiehst, so wandere du von hier tausend Feldwege gen Osten fort; dort wirst du noch eine Menge vollkommen herrenlosen Grundes finden in den hohen und weitgedehnten Gebirgen! Dort kannst du dich sogleich ganz ungehindert in den Besitz eines viele Stunden Weges langen und breiten Grundes setzen, und kein Mensch wird dir den Besitz streitig machen. Du darfst dir sogar ein paar Weiber und noch etliche Diener mitnehmen und dir in jener etwas fernen Gebirgsgegend einen förmlichen Staat einrichten, und in tausend Jahren wird dich kein Mensch in deinen Besitzungen stören; nur etwelche Bären, Wölfe und Hyänen wirst du dir zuvor aus dem Wege zu räumen haben, weil sie dich sonst zur Nachtzeit ein wenig beunruhigen könnten. Auf diese Weise würdest du wenigstens die bedeutenden Schwierigkeiten samt und sonders kennenlernen, mit denen die Besitzer dieser Gründe zu kämpfen hatten, bis der Boden auf den gegenwärtigen Kulturzustand gebracht werden konnte! Wenn du das alles selbst versucht haben würdest, da würdest du dann auch einsehen, wie ungerecht es wäre, den Urgrundbesitzern nun für die trägen und arbeitsscheuen Gauner den Besitz wegzunehmen und ihn diesen einzuräumen.
GEJ|4|62|6|0|Siehe, weil du selbst weder ein besonderer Freund vom Arbeiten und noch weniger vom Bitten bist, so hat dich das alte Eigentumsschutzgesetz auch stets geniert, und du nahmst dir darum selbst das Recht, zu nehmen, wo du nur etwas ungesehen und ungestraft zu nehmen bekamst! Nur den bei zwei Morgen großen Acker hast du dir samt der Hütte angekauft, aber auch mit einem Gelde, das du dir nicht durch Arbeiten verdient, sondern in Sparta einem reichen Kaufmanne auf eine ganz pfiffige Art entwendet hast. Nun, in Sparta war einst das Stehlen erlaubt, wenn es auf eine pfiffige Art vollzogen wurde; aber nun bestehen auch in Sparta schon seit vielen Jahren dieselben Eigentumsschutzgesetze wie hier, und du hattest darum jenen Kaufmann ganz rechtswidrig bestohlen und ihn um ein paar Pfunde Goldes leichter gemacht. Und damit hast du dir als ein Flüchtling hier den bewußten Acker samt der Hütte angekauft; alles andere aber, was du besessen, hast du dir in Cäsarea Philippi und in der Umgegend zusammengestohlen!
GEJ|4|62|7|0|Wehe jedoch dem, der dir etwas entwendet hätte; dem hättest du das dich so stark anwidernde Eigentumsschutzgesetz auf eine Weise eingeschärft, die einem römischen Büttel sicher keine Schande gemacht haben würde! Oder wäre es dir wohl genehm gewesen, so deines Ackers reife Frucht jemand anders darum, weil er ein vollkommen Armer wäre, eingeerntet hätte?! Siehe, was dir nicht recht wäre, das wird auch einem andern nicht recht sein, so du ihn mit deinen mathematisch wahren und richtigen Lebens- und Erziehungsgrundsätzen seiner Ernte berauben würdest! Wenn aber die Sache sich praktisch nur so verhalten kann, wie Ich sie dir nun dargestellt habe, hältst du da nun noch deine Lebensgrundsätze für die allein wahren und unbestreitbar richtigen?“
GEJ|4|62|8|0|Hier stutzt Zorel sehr, da er sich gänzlich überwiesen und besiegt ersieht.
GEJ|4|63|1|1|63. — Zorels Herkunft und Verwandtschaft
GEJ|4|63|1|0|Zinka aber kommt von hinten zu ihm, klopft ihm auf die Achsel und sagt: „Nun, Freund Zorel, wirst du nun die Versorgung vom Cyrenius annehmen oder nicht? Denn mir scheint's, daß deine Lebensmaximen, so gut sie anfänglich sogar mir selbst geschienen haben, samt und sonders in den Brunnen hinabgefallen sind!“
GEJ|4|63|2|0|Sagt nach einer Weile Zorel: „Ja, ja, der Heiland hat allein recht! Ich sehe nun meinen Unsinn ganz hell und klar ein, und es verhält sich alles also, wie er es über mich ausgesagt hat. Wie er aber nur das alles hat erfahren können?! Ja, wahr ist alles, und das nur leider zu wahr! Aber, was nun anfangen, was nun tun?“
GEJ|4|63|3|0|Sagt Zinka: „Nichts, als weiter bitten um eine rechte Belehrung, sie dann hören und danach handeln; alles andere überlasse du nun denen, die dir wohlwollen und dir helfen können und auch werden, so du das tust, was ich dir nun angeraten habe!“
GEJ|4|63|4|0|Hier fällt Zorel gleich vor Mir auf die Knie nieder und bittet Mich um eine Belehrung, und Ich bescheide ihn zum Apostel Johannes darum. Zorel fragt Mich nun sehr ehrfurchtsvoll, warum Ich ihm nicht eine weitere Belehrung geben wolle.
GEJ|4|63|5|0|Ich aber sage: „So ein Herr einer Sache allerlei Diener und Knechte um sich hat, tut er etwa unrecht, so er auch ihnen nach ihren guten Fähigkeiten Arbeiten zuteilt? Es ist nicht nötig, daß er selbst alles mit seinen Händen angreift, damit es vollendet werde; es genügt des Herrn Geist, und die Arbeit wird doch vollendet werden auch durch der Knechte gewandte Hände. Gehe du darum nur hin, zu dem Ich dich beschieden habe, und du wirst schon auch an ihm den rechten Mann finden! Jener dort an der Ecke des Tisches ist es, der einen lichtblauen Mantel über seinen Lenden trägt.“
GEJ|4|63|6|0|Nach diesen Meinen Worten erhebt sich Zorel und eilt zu Johannes hin. Als er zu Johannes kommt, sagt er zu ihm: „Du treuer Knecht jenes überweisen Herrn dort! So du auch vernommen hast, wer ich bin und wie beschaffen, so gib du mir zu meiner vollen Besserung jene Lehre, die mich würdig machen soll, unter die Zahl derjenigen aufgenommen zu werden, die sich mit wahrem Rechte Menschen nennen dürfen! Ich verlange nun keine Versorgung mehr darum, daß ich ein rechter Mensch werde, sondern allein um der Wahrheit willen möchte ich von dir die volle Wahrheit hören!“
GEJ|4|63|7|0|Sagt Johannes: „Die soll dir im Namen jenes Herrn dort auch zuteil werden! Aber zuvor mußt du mir die Versicherung geben, daß du dein Leben in der Zukunft völlig ändern wirst und gutmachen jeglichen Schaden, den du je jemand wider seinen Willen zugefügt hast; auch dem noch lebenden Kaufmanne in Sparta müssen seine zwei Pfunde Goldes zurückerstattet werden! Nebstbei mußt du dein Heidentum auch ganz fahren lassen und ein Neujude werden; denn es war dein Großvater ein Jude, und zwar aus dem Stamme Levi. Er zog vor vierzig Jahren nach Sparta, um dort den Griechen den allein wahren Gott zu verkünden und sie zu Juden im Geiste zu machen; aber er ließ sich am Ende selbst überreden und ward mit seinem ganzen Hause ein dummer und sehr blinder Heide, und du wardst dasselbe, weil du in Sparta erst auf die Welt kamst. Deine beiden Brüder aber, die sich nun in Athen aufhalten, wurden zufolge ihrer guten Beredsamkeit gar heidnische Priester und weihen noch zur Stunde ihre leeren Dienste dem Apollo und der Minerva, und deine einzige Schwester ist das Weib eines Krämers, der mit den Ephesergöttern und -bildern einen lockern Handel treibt und daneben auch mit allerlei Lust- und Buhldirnen ziemlich Geld eintragende Geschäfte, teils durch Verkauf und größtenteils durch Verkuppelung, macht. Das ist dein Schwager, einst auch ein Jude, und nun das, was ich dir soeben bemerket habe.“
GEJ|4|63|8|0|Zorel war ganz betroffen darob, daß Johannes alles wußte, was er selbst aus ganz triftigen Gründen wohl nie jemandem gemeldet hätte; aber er konnte nun nicht umhin, solches alles aus dem Munde eines Menschen zu vernehmen, von dem er nichts anderes halten konnte, als daß dieser im Griechenlande war und um alles wußte, was dort war und geschah und nun noch ist.
GEJ|4|63|9|0|Zorel fragte darum etwas hastig den Johannes, sagend: „Aber wozu dies alles nun hererzählen vor allen Menschen? Ist es denn nicht genug, daß du und ich es wissen?! Warum müssen denn das alle uns Umgebenden vernehmen?“
GEJ|4|63|10|0|Sagt Johannes: „Sei darob ruhig, Freund! Täte ich solches, um dir zu schaden an Seele und Leib, so wäre ich ein schlechter Mensch und wäre vor Gott ärger daran denn dein loser Schwager in Athen; aber ich muß dich nun um deines Heiles willen ganz enthüllen vor den Menschen, auf daß du vor niemandem als etwas dastehest, was du nicht bist! Willst du vollkommen werden, so mußt du dich entdecken, und es darf kein Hehl in deiner Seele sein; erst wenn alles Unordentliche aus dir heraus ist, kannst du an der Vollendung zu arbeiten anfangen. Du könntest zwar auch im stillen bei dir selbst alle deine vielen Sünden gänzlich ablegen und ein besserer Mensch werden, so daß dich die Menschen darob achteten und ehrten; denn sie wüßten von dir ja nur Gutes und nichts Schlechtes, und es würden viele deinem guten Beispiele folgen! Aber so sie nach der Zeit von einem glaubwürdigen Zeugen erführen, welch ein grober und großer Sünder du so ganz im Verborgenen gewesen bist, mit welch bedenklichen Augen würden dich am Ende alle die ansehen, die dich zuvor als einen reinen Menschen ehrten und deinem Beispiele folgten?! Alle deine Tugend würde zu einem Schafspelze werden, hinter dem man einen reißenden Wolf zu wähnen anfinge, und man würde dich dann trotz aller deiner an und für sich tadellosen Tugend fliehen und deine sonst so lehrreiche Gesellschaft meiden.
GEJ|4|63|11|0|Du siehst daraus, daß man, um vollkommen zu sein, nicht nur das Sein, sondern auch den Schein des Bösen meiden muß, ohnedem es schwer sein wird, seinem Nächsten wahrhaft zu nützen, was am Ende doch der Hauptberuf eines jeden Menschen ist und sein muß, weil ohnedem sich keine wahrhaft glückliche Gesellschaft auf dieser Erde denken läßt!
GEJ|4|63|12|0|Denn was nützete das einer Menschengesellschaft, so auch jeder Mensch für sich ganz vollkommen wäre, hielte sich aber stets verborgen vor seinem Nachbar? Da würde einer dem andern zu mißtrauen anfangen, und wo irgendeine Mücke um das Haupt eines noch so harmlosen Nachbarn sumsete, würde man lauter fliegende Drachen und Elefanten ersehen! Lernen dich aber nun alle kennen, wer und wie du warst, was du getan und wie du gelebt hast, und du besserst dich nun und wirst vor aller Menschen Augen und Ohren ein anderer Mensch voll Einsicht in deine früheren Übel und voll wahrer und lebendiger Verabscheuung gegen dieselben, so wird ein jeder Mensch dich auch mit dem aufrichtigsten Vertrauen und Wohlwollen umfassen und dich lieben, wie da ein reiner Bruder den andern reinen Bruder liebt. Es muß daher hier von dir zuvor alles offenkundig werden, bevor du wirksam in eine bessere Lehre eingehen kannst.
GEJ|4|63|13|0|Es ist nun zwar vieles schon offenbar geworden, aber noch nicht alles, und weil dir das Bekennen etwas schwer vorkommt, so erleichtere ich dir solches eben dadurch, daß ich statt deiner ganz wort- und sinngetreu erzähle, was mir aus deinem Leben sonnenhell und klarst bekannt ist!“
GEJ|4|63|14|0|Fragt Zorel: „Aber wie möglich kannst du das alles wissen? Wer hat es dir geoffenbart? Ich habe dich zuvor noch nie gesehen und gesprochen!“
GEJ|4|64|1|1|64. — Zorels Vergangenheit als Sklavenhändler
GEJ|4|64|1|0|Sagt Johannes: „Darum kümmere dich nun wenig; wenn du vollkommen wirst, dann wird dir alles klar werden; aber nun zu unserer Sache!
GEJ|4|64|2|0|Das Schlimmste an deinem Wesen aber ist, daß du einen geheimen Sklavenhändler gemacht hast, in der letzten Zeit mit zwölf- bis vierzehnjährigen Mägdlein aus Kleinasien, und verhandeltest sie nach Ägypten und nach Persien, und es kamen solche edlen Mägdlein oft in sehr böse Hände und nur wenige in gute. Daß solche Mägdlein von dem, der sie an sich gekauft hatte, alsbald auf das schnödeste geschändet worden sind, kannst du dir wohl denken. Wenn es noch beim natürlichen Beischlafe geblieben wäre, so machte das noch nicht gar soviel der Schuld aus; aber wie sind welche in Alexandrien, in Kahiro, in Theben und in Memphis zugerichtet worden! Und wie werden sie noch zugerichtet! Sähest du so ein armes Mädchen, wie es vor dem Genusse der größeren Sinnlichkeitserregung halber von ihrem Teufel von einem Herrn mit Ruten und Peitschen zerfleischt wird, so würdest du dich selbst, bei deinem wenigen Menschengefühle, verfluchen, durch schnöde Gewinnsucht einen Menschen solch einem unbeschreiblichen Elende ausgeliefert zu haben!
GEJ|4|64|3|0|Wie viele tausend Flüche und allergräßlichste Verwünschungen sind über dich schon ausgesprochen worden, wie viele hunderttausendmal hunderttausend Tränen im zu großen Schmerze zu teuflischer Mißhandlungen geweint und verächzet worden! Wie viele solcher zarten Mägdlein sind infolge zu unaushaltbarer Schmerzen in der allergrinsendsten Verzweiflung gestorben! Und siehe, diese alle hast du, dich verdammend, auf deinem Gewissen! Denn sieh, du triebst dein geheimes, losestes Geschäft ins Große, besonders vor etwa drei Jahren, und die Zahl derer, die du also sehr unglücklich gemacht hast, ist groß geworden und faßt nun schon die Vielheit von achttausend Köpfen! Frage: Wie wirst du das je wohl gutzumachen imstande sein? Was haben dir diese Mägdlein je getan, darum du sie gar so unglücklich gemacht hast? Jetzt rede und verantworte dich!“
GEJ|4|65|1|1|65. — Zorels Entschuldigungen
GEJ|4|65|1|0|Hier steht Zorel ganz betroffen und bestürzt, und erst nach einer ziemlich langen Pause sagt er: „Freund, hätte ich damals das erkannt und gekannt, wie und was ich nun erkenne, so kannst du dir's wohl denken, daß ich alles eher denn einen Sklavenhandel getrieben hätte! Ich bin ein Staatsbürger Roms, und kein Gesetz verbot je meines Wissens den Sklavenhandel; er ist und war von jeher erlaubt, und was Hunderte gesetzlich erlaubt treiben durften, wie hätte das dann mir untersagt sein sollen?! Kinder dürfen ja sogar die Juden kaufen, besonders so sie kinderlos sind, warum irgend andere gebildete Völker nicht, zu denen die Ägypter doch schon seit Menschengedenken ohne allen Zweifel gehörten, wie im gleichen Maße auch die Perser?! Man hatte also die Mägdlein an kein wildes und rohes Volk verkauft, sondern an das in jeder Hinsicht gebildetste auf der nun bekannten weiten Erde, wo man mit Fug und Recht erwarten konnte, dadurch das heimisch traurige Los solcher Kinder nicht zu verschlimmern, sondern offenbar nur zu verbessern!
GEJ|4|65|2|0|Denn gehe du hin in die Gegend von Kleinasien, und du wirst dort solche Massen von Menschen und besonders Kindern antreffen, daß du als ein weisester Mann dich am Ende dennoch selbst zu fragen anfangen müßtest, woher diese Menschen sich, ohne daß sie sich gegenseitig aufzuessen anfangen, ernähren und erhalten sollen! Ich kann dir versichern, daß ich beim jedesmaligen Kommen in die Gegenden von Kleinasien von den Bewohnern mit Kindern ordentlich bestürmt wurde. Um etliche Brotlaibe bekam ich Mägdlein und auch Knaben in Hülle und Fülle; und die Kinder rannten mir jauchzend zu und wollten sich von mir gar nicht mehr trennen. Wenn ich hundert kaufte, bekam ich noch eine Zuwage von vierzig bis fünfzig Mägdlein. Viele kauften mir die Essäer ab, die Knaben nahe alle, welchen Alters sie auch waren; auch Mägdlein nahmen sie mir häufig ab. Die Ägypter kauften nur die schon mehr erwachsenen Mägde teils zur Arbeit, teils wahrscheinlich auch zu ihrer Lust. Daß es einige Geilböcke darunter geben mag, die eine Sklavin aus Wollust peinigen, will ich nicht gerade bezweifeln; aber viele solcher wird es ja doch wohl nicht geben.
GEJ|4|65|3|0|Nach Persien sind meines Wissens nicht viele gegangen, und die wurden zumeist von persischen Kaufleuten und allerlei Künstlern aufgekauft, allwo sie meines Wissens zu allerlei nützlichen und guten Arbeiten verwendet werden. Dazu besteht in Persien schon seit langem ein recht weises Gesetz, laut dem ein jeder Sklave und eine jede Sklavin nach zehn Jahren, wenn sie sich gut aufgeführt haben, die volle Freiheit erlangen und am Ende tun können, was sie wollen. Sie können dort bleiben, für sich ein Gewerbe anfangen oder aber auch heimwärts ziehen. Also die nach Persien Verkauften können wahrlich von wenig Unglück reden! Nun, daß es gerade einigen in Ägypten eben nicht am besten gehen dürfte, will ich nicht in irgendeine Abrede stellen; aber begeben wir uns nur in ihr Vaterland, und wir werden dort gar viele treffen, denen es sicher als Freie nicht um ein Haar besser geht als jenen Unglücklichen in Ägypten! Denn fürs erste haben diese nahe nichts zu essen, und viele nähren sich von rohen Wurzeln, die sie in Wäldern sammeln, und viele gibt es, die sommers und winters aus Mangel an irgendeiner Bekleidung ganz nackt herumziehen und betteln, stehlen und wahrsagen. Manche von ihnen erbetteln oder erstehlen sich einige Lumpen; den meisten gelingt dies nicht, und die ziehen darum ganz nackt herum, stets mit einem Haufen Kinder versehen.
GEJ|4|65|4|0|Von diesen Herumziehern haben ich und mein Gesellschafter denn auch stets die größte Anzahl von überzähligen Kindern aufgekauft und sie auf diese Weise versorgt. Die festen Pontusbewohner heißen sie ,Zagani‘, was soviel besagt als ,die Vertriebenen‘. Es wimmelt von diesen Menschen; ganze, große Horden treiben sich herum und haben weder Dach noch Fach, noch irgend Grund und Boden. Höhlen, Erdlöcher und hohle Bäume sind gewöhnlich ihre Wohnung; und ich frage nun dich, ob man diesen Menschen nicht schon dadurch eine große Wohltat erweist, so man ihnen die Kinder umsonst abnimmt und sie irgend versorgt, geschweige erst, so man sie den nackten und überhungrigen Eltern ums bare Geld, um Kleidung und ums gute Brot abkauft?
GEJ|4|65|5|0|Wenn man nach meiner bisherigen Art zu denken nun das gegeneinander hält, wie einige von diesen Menschen früher die leidigsten Sklaven der größten Armut waren und hernach durch mich zu von Menschen ganz gut versorgten Sklaven wurden, so wird man mit Leichtigkeit finden, daß das Unglück, das ich nach deinem Dartun diesen Menschen zubrachte, nicht ein gar so enorm großes ist, wie du es dir vorstellst. Aber auch dieses würde ich ihnen nicht zugefügt haben, wenn ich ehedem so wie nun gedacht hätte.
GEJ|4|65|6|0|Übrigens sage ich dir nur so im Vertrauen, obwohl ich über deine fromme und gottergebene Weisheit staune, daß es von einem allgütigen Gott, wenn Er irgend in die Geschicke des Menschen eingreift, denn doch auch ein wenig sonderbar ist, eine so große Anzahl ganz wohlgestalteter Menschen gleich wilden Tieren auf der Erde herumkriechen zu lassen! So viel könnte irgendein allmächtiger Gott schon tun, daß derlei Menschen irgendeine etwas bessere Unterkunft auf der lieben Erde fänden!
GEJ|4|65|7|0|Es ist ja für einen denkenden Menschen doch ein bißchen sonderbar, wenn er Hunderttausende von sonst ganz wohlgestalteten Menschen im höchsten Grade unversorgt, hungrig und nackt herumziehen sieht und kann ihnen selbst mit dem besten Willen von der Welt nicht helfen! Wäre es denn ein Wunder, Freund, so man beim Anblick solcher Menschen am Dasein eines allweisen und höchst gütigen Gottes ein wenig zu zweifeln anfinge?! Und meine frühere Behauptung gegen wenigstens ein zu schroffes Eigentumsschutzgesetz dürfte beim Anblick so vieler Elenden am Ende doch nicht ganz ohne sein!
GEJ|4|65|8|0|Nun, Freund, hast du meine Verantwortung und Rechtfertigung wider den schwersten von dir mir gemachten Vorwurf; tue nun, was du willst, doch vergiß es nie, daß ein sehr weltkundiger Zorel mit gespanntem Bogen vor dir steht und trotz der Lumpen, die ihn nun bedecken, vor keiner Weisheit irgendeine zu übermäßige Furcht hat! Gib mir aber nun bessere Gründe dafür, daß alles, was da ist, nach der Weisheit Gottes so sein muß, wie es ist, und ich werde dir leichten Atems höchst dankbar sein! Denn das mußt du so gut wie ich einsehen, daß es auf der Erde nach meiner menschlichen Einsicht viel des unnötigen Elendes nebst eines häufig vorkommenden zu großen Wohlstandes einzelner Menschen gibt! Warum hat gerade einer alles – und Hunderttausende neben ihm nichts? Kurz, erkläre mir das Elend von all den kleinasiatischen Zaganen! Wer sind sie, von woher kommen sie, und warum müssen sie in solcher ewigen Not schmachten?“
GEJ|4|66|1|1|66. — Die Mädchenschändungen des Zorel
GEJ|4|66|1|0|Sagt Johannes: „Wenn du die wahre Weisheit aus Gott mit der Elle des etwas geweckten Verstandes bemißt, dann hast du recht, dich vor keiner Weisheit zu scheuen. Aber da die wahre Weisheit aus Gott nie mit der kurzen Verstandeselle bemessen wird, sondern wie alles aus Gott mit dem Maße der Ewigkeit und Unendlichkeit, da dürftest du mit deinem Verstande schier etwas zu kurz kommen! Aber lassen wir das und kehren zu dem zurück, von dem wir ausgegangen sind.
GEJ|4|66|2|0|Du sagtest mir aus guter Sachkenntnis, wie schlecht es den Zaganen in Kleinasien ergeht, und wie elend sie sind, und daß es für ihre Kinder eine rechte Wohltat sei, und mitunter auch ist, von den Sklavenhändlern aufgekauft und sodann irgendwohin weiterverkauft zu werden. Lassen wir somit das; denn du schützest eine Art guten Wollens von deiner Seite vor, und ich will dir einen Zehnteil davon zugute kommen lassen! Aber ich habe aus deiner Gewissenskammer noch etwas im Hintergrunde, und dieses sonderbare Etwas verzehrt das dir zugute kommen sollende Zehntel nahe ganz, so daß dir am Ende nichts als pur Arges wird zugeschrieben werden können! Ich zweifle, daß dir dagegen dein Verstand irgendein Recht zuerkennen wird.
GEJ|4|66|3|0|Sage mir, womit du, sage nur für deine Person, die von dir sehr häufig vorgenommene Mädchenschändung rechtfertigst! Findest du da nicht auch irgendeinen vernünftigen Grund, nicht gegen das mosaische Gottesgesetz, sondern gegen das römische Staatsgesetz, das mit starker Ahndung gegen die Schändung unreifer Mägdlein zu Felde zieht?! Hat dich je das gewaltige Angst- und Wehegeschrei eines Mägdleins, das deiner großen Sinnlichkeit zu Gesichte stand, gerührt?! Und sind nicht bei fünf von dir, wennschon in früherer Zeit, erbärmlichst genotzüchtigte, sonst sehr wohlgestaltete Mägdlein auf eine elendeste Art von der Welt verstorben?! Dein Kompagnon zeigte dir noch den Geldschaden, der euch dadurch erwachsen war, denn die fünf zehn- bis zwölfjährigen Mägdlein hättet ihr wegen ihrer schönen und üppigen Gestalt leicht um fünfhundert Pfunde Silbers in Kahiro verkaufen können. Dich schmerzte zwar ein so bedeutender Verlust, und du verwünschtest darum auch zu öfteren Malen deine starke Geilheit; aber darum hast du sie noch nie verwünscht, weil du ein blinder Mörder von fünf gar lieblichen Mägdlein geworden bist!
GEJ|4|66|4|0|Nun fasse du das alles zusammen und sage mir, wie du dir nun als Mensch unter den Menschen vorkommst, und ob das Maß deines Verstandes hier auch noch einen entschuldigenden Grund für dich finden wird! Mit dem, als wärest du ein ganz verwildeter, roher Naturmensch, der kaum das noch so Schlechte von etwas Gutem zu unterscheiden vermöchte, kannst du dich nicht entschuldigen; denn du hast mir ehedem recht schön gezeigt, wie bedauerlich elend die Zaganen leben, und wie solch eine Vernachlässigung eines ganzen Volkes Gott dem Herrn und Seiner Liebe und Weisheit eben keine besondere Ehre mache. Ja du fordertest mich sogar auf, dir den göttlichen Weisheitsgrund zu zeigen, aus dem ein Gott ein ganzes, großes Volk gar so elendiglich darben läßt! Du hast demnach ein ganz respektierliches Rechtsgefühl und eine vollkommene Kenntnis von Gut und Böse. Wie konntest du mit jenen Mägdlein gar so unmenschlich verfahren? Du hast sie wohl selbst darauf nach deiner schlechten Kenntnis ärztlich behandelt, verdarbst sie aber dadurch nur noch mehr als früher durch deine Geilheit! – Rede nun, und rechtfertige dich vor Gott und den Menschen!“
GEJ|4|67|1|1|67. — Des Cyrenius Entrüstung über die Verbrechen des Zorel
GEJ|4|67|1|0|Hier ist unser Zorel endlich ganz geschlagen und weiß nun nichts mehr zur Rettung seiner Ehre vorzubringen. Er fängt nun an, bei sich sehr nachzudenken, was er noch zu seiner Rechtfertigung aus seiner Verstandeskammer hervorbringen könnte; aber er findet sich allenthalben verrammt, und kein noch so kleines Loch will sich irgendwo zeigen, zu dem er hinausschlüpfen könnte.
GEJ|4|67|2|0|Johannes ermahnt ihn, zu reden und von seinem gespannten Bogen Gebrauch zu machen; aber Zorel will noch immer seinen Mund nicht eröffnen.
GEJ|4|67|3|0|Mich aber fragt Cyrenius, etwas erstaunt über Zorels Schlechtigkeit: „Herr, was wird denn da zu machen sein? Der Mensch ist bei all solchen Umständen ja den Gerichten verfallen! Denn unsere Gesetze hinsichtlich des Sklavenhandels gestatten wohl, Sklaven samt ihren Kindern, so sie welche haben, an jedermann zu veräußern, aber Kinder von freien Menschen, besonders weiblichen Geschlechts, dürfen unter dem vollends zurückgelegten vierzehnten Jahre bei großer Strafe nirgends auf den Markt gebracht werden. Das ist ein Verbrechen!
GEJ|4|67|4|0|Ferner muß ein jeder, der den Sklavenhandel treiben will, eine eigene, wohlgeordnete Befugnis dazu haben und dem Staate eine bedeutende Kaution für diese Befugnis geben, nebst einer jährlichen eigenen großen Steuer. Bei dem und seinem Gesellschafter ist darin von weitem her keine Spur irgend zu entdecken; sie haben sonach einen Schleichhandel betrieben, was abermals ein starkes Verbrechen gegen die bestehenden Gesetze bekundet, auf das bei solch erschwerenden Umständen ein zehnjähriger schwerer Kerker als Strafe gesetzt ist.
GEJ|4|67|5|0|Und dazu kommt gar noch eine fünffache allergewissenloseste Schändung, der als einer zu mächtigen Verletzung der Tod folgte! Das ist schon wieder ein Verbrechen, auf das bei so erschwerenden Umständen ein mindestens fünfzehnjähriger schwerster Kerker gesetzt ist oder gar der Tod!
GEJ|4|67|6|0|Dazu kommen im Vordergrunde noch allerlei Diebereien, Betrügereien und massenhafte Lügen!
GEJ|4|67|7|0|Herr, Du kennst meine Staatspflichten und meinen Eid auf alles, was mir heilig und teuer ist! Was soll ich hier tun? Beim Mathael und seinen vier Gefährten war ihre totalste Besessenheit ein sicherer Schutz gegen meine harten Staatsoberrichterspflichten; aber hier deckt den Menschen ja gar nichts vor meiner Richterpflicht. Er ist ein vollendeter Bösewicht! Werde ich da nicht bemüßigt sein müssen, mein strenges Amt zu handhaben?“
GEJ|4|67|8|0|Sage Ich: „Verstehe, – da Ich hier zufälligerweise der Herr bin und du im Grunde des Grundes nur Mir deinen Eid schuldest und Ich dir ihn erlassen kann, wie und wann Ich will, so habe hier unterdessen auch Ich allein zu bestimmen, was hier der Reihenfolge nach zur Heilung einer kranken Seele zu geschehen hat! Zudem hast du deinen Eid zu den Göttern, die ewig nirgends bestehen, geschworen; da es aber mit den Schützern deines Eides gar so sehr luftig aussieht, so wird auch dein Eid kein größeres Gewicht haben. Deine Götter und dein Eid sind demnach gleich eine Null für sich. Nur insoweit, als Ich deinen Eid als ein Treuzeichen ansehe, hat er auch eine Geltung; inwieweit Ich aber deinen Eid als eine Null ansehe, hat er vor Mir auch nicht die geringste Geltung, und du bist wenigstens für jetzt desselben völlig enthoben.
GEJ|4|67|9|0|Ich sage es dir, daß es mit dem Examen dieses Menschen noch nicht ganz zu Ende ist; es wird schon noch etwas zum Vorscheine kommen, das dich noch mehr ergreifen wird!
GEJ|4|67|10|0|Es ist dies ein gar sonderbarer Mensch, den du eigentlich dadurch schon mehr und mehr nun kennen solltest, daß er in seinem Entzückungsschlafe sich schon ohnehin zum größten Teile, wennschon etwas allgemeiner wie nun, enthüllt hat, besonders in seinem ersten reuigen Stadium. Die gegenwärtige offene Enthüllung geht freilich spezieller zu Werke, weil sie also zu Werke gehen muß; aber sie muß dir nicht anstößig erscheinen, denn Ich lasse sie ja eben darum geschehen, um euch eine total kranke Seele ganz zu zeigen und endlich auch die Medizin, wie sie möglicherweise noch zu heilen ist. Ich habe es dir ja ehedem erzählt, wie ungeschickt und dumm es wäre, einen leiblich kranken Menschen darum zu strafen mit Rute und Kerker, weil er krank geworden ist; um wieviel ungeschickter und dümmer aber ist es dann erst, einen Menschen seiner total kranken Seele wegen leiblich und moralisch mit den tödlichsten Hieben zu strafen! – Sage Mir, du Mein Freund Cyrenius, hast du solche Meine Lehre in deinem Eifer nun schon völlig vergessen?“
GEJ|4|67|11|0|Sagt Cyrenius: „Das nicht, o Herr und höchster Meister von Ewigkeit; aber weißt Du, aus alter Gewohnheit kommt mir zuweilen, wenn so ein recht armdicker Bösewicht irgendwo auftaucht, so ein kleiner Sturm! Aber du siehst es ja, wie geschwinde ich mich ermahnen lasse und meine alte Dummheit auch sogleich einsehe! Jetzt freue ich mich ja schon wieder aufs weitere Examen, auf das sich unser Johannes sehr zu verstehen scheint! Aber dazu gehört auch des Johannes Weisheit und sein innerer Scharfblick, geleitet natürlich von Deinem Geiste. Das Schönste dabei aber ist, daß der Zorel von etwas Wunderbarem im Grunde noch nichts merkt, und doch sollte es ihm auffallen, wie der weise Johannes ihm seine allergröbsten Todsünden aus allen Landen, in denen er sie begangen hat, so schön hererzählt, als wäre er überall Augen- und Ohrenzeuge gewesen!“
GEJ|4|67|12|0|Sage Ich: „Jetzt horche du nur wieder fein zu; denn der Johannes wird ihn nun sogleich wieder angehen!“
GEJ|4|67|13|0|Cyrenius wird nun wieder voll Aufmerksamkeit; Ich aber beheiße alle anwesenden Weiber und Jungfrauen, sich unterdessen etwa in die Zelte zurückzuziehen, weil die fernere Verhandlung nur von reifen Männern vernommen werden solle. All das Weibervolk gehorcht samt der Jarah und den zwei neubelebten Töchtern des Cyrenius, der Gamiela und Ida.
GEJ|4|68|1|1|68. — Zorels Entschuldigungen
GEJ|4|68|1|0|Die Neugier der Weiber ist zwar groß gewesen; aber Mein Wort wirkte dennoch mächtiger, und alle begaben sich in die Zelte des Ouran, allwo sie so lange zu verweilen hatten, bis man sie wieder berief.
GEJ|4|68|2|0|Als die Weiber auf diese Weise versorgt waren, sagte Johannes zum Zorel: „Nun, wie sieht es denn aus mit dem Losdrücken deines gespannten Bogens? Mir scheint es, als hättest du deine vielen scharfen Pfeile alle ins Blaue verschossen, ohne irgend etwas getroffen zu haben. Und doch wolltest du zuvor sogar mit der unendlichen Weisheit Gottes einen Kampf eingehen! Ich sage dir, daß du nun redest, so du noch etwas zu reden vermagst!“
GEJ|4|68|3|0|Sagt endlich Zorel: „Was soll ich da noch reden? Dir ist – die Götter wissen's woher – ja ohnehin alles bekannt, was ich von der Wiege an alles angestellt habe; warum soll ich dir dazu noch etwas mehreres erzählen? Ich könnte nun auch reden; aber wozu mich noch weiter rechtfertigen? Wie ich war und zum größten Teile noch bin, so handelte ich auch; denn ich konnte ja nicht anders handeln, als ich beschaffen war in meinem Gemüte! Können denn ein Löwe und ein Tiger darum, daß sie wilde, reißende Bestien sind? Das ist einmal ihre Natur, und sie sind doch sicher darum nicht im Grunde und Boden fehlerhaft, weil sie so sind, wie sie sind! Wenn sie schlecht sind, so trägt daran die Schuld nur Der, der sie also geschaffen und gemacht hat!
GEJ|4|68|4|0|Warum kann es Tausende von Menschen geben, die da frömmer denn die Lämmer sind, und warum bin ich's denn nicht?! Habe ich mich etwa selbst erschaffen und also gemacht?! Wollte ich aber schon ganz schlecht sein, so könnte ich dir jetzt noch alles in die vollste Abrede stellen, was auch du aus deiner Weisheit mir vorgetragen hast; denn einzelner Menschen Weisheitssprüche gelten bei uns vor dem Forum des Weltgerichtes nie als ein Beweis, solange sie nicht durch andere Zeugenaussagen als sich durch und durch bestätigend erwiesen werden. Aber ich erkenne deine Weisheit und glaube in dir den Menschen zu erkennen, der mir nun nicht schaden, sondern nur helfen will, und gestehe darum auch das, was du über mich aussagtest, als etwas Wahres. Ich leugne die Wahrheit alles dessen nicht im geringsten; aber irgend rechtfertigen werde ich mich wohl etwa immer noch dürfen!
GEJ|4|68|5|0|Du hast aber ohnehin das freie Recht über mich, alles laut vorzutragen, was ich je zufolge meiner dazu inklinierenden (neigenden) Natur angestellt habe; denn mehr als töten könnet ihr mich nicht dafür, und dem Tode kann ich mutigst in die hohlen, finstern Augen schauen und habe keine Furcht vor ihm! Du kannst aus dem schon ersehen, daß ich kein heuriger Hase bin. Wenn dir aus meinem allerlumpigsten Leben etwa noch so einige Mordspektakel bekannt sein sollten, so packe damit nur aus; denn mich geniert nun schon lange nichts mehr in der Welt!
GEJ|4|68|6|0|Übrigens hast du in bezug auf die fünf Mägdlein dahin ein wenig zuviel aufgetragen, so du mich beschuldigest, daß mir um sie bloß darum leid war, weil mir durch ihren Tod, der auch nicht so ganz von einer leichten Schändung herrührte, sondern durch den Rücktritt eines bösen Aussatzes erfolgte, ein bedeutender Gewinn entging; ich könnte dir sogar etliche glaubwürdige Zeugen aufführen, die es gehört haben, daß ich den Zeus inständigst bat, mir die fünf Mägdlein zu erhalten, und tat den Göttern einen Schwur, die Mägdlein als Töchter zu behalten für immer, so sie gesund würden und am Leben blieben. Als mir aber trotz aller Pflege im Verlaufe von dreißig Tagen dennoch alle fünfe starben, ward ich untröstlich und tat abermals einen Schwur, kein Mädchen mehr zu berühren und keinen Sklavenhandel mehr zu betreiben. Das hielt ich bis zur Stunde, habe mich ebendarum hierhergezogen und meine Besitzung mir angekauft, mit der ich durchs Feuer nun alles verlor, was ich mir je irgend erworben hatte. – Rede du nun, ob ich auch diesmal eine Unwahrheit geredet habe!“
GEJ|4|69|1|1|69. — Zorel als Muttermörder
GEJ|4|69|1|0|Sagt Johannes: „Ja ja, das tatest du wohl später; aber im Anfange warst du nur also gesinnt, wie ich es dir gesagt habe! Daß du dich aber der Mägdlein nur so ganz leicht bedient habest, da redest du auch nun noch eine grobe Unwahrheit! Nur eine hast du etwas milder hergenommen, und das war die letzte, als deine Geilheit dir den schnöden Dienst schon versagte; die ersten vier hast du nicht im geringsten geschont, sondern sie ganz entsetzlich bedient! Kannst du das in Abrede stellen? – Sieh, du schweigst und bebst! Die Mägdlein bekamen darauf einen sehr gefährlichen Aussatz, der freilich den Tod beschleunigte; aber auch dafür war deine Geilheit die so ganz eigentliche und alleinige Schuldträgerin! Aber dies Kapitel ist zu Ende, und wir gehen nun auf ein anderes über!
GEJ|4|69|2|0|Weißt du, was noch auf deinem Gewissen rastet, ist freilich etwas, wobei abermals dein Wille nicht haftet; aber die Tat ist da und ihre Folge! Darum soll der Mensch im Zorne nie handeln; denn den Taten, die im Zorne geschehen, schleichen stets böse Folgen wie der Schatten auf der Ferse nach. Kannst du dich noch erinnern, als besonders deine Mutter Agla, die eine sehr vernünftige Person war, dich von deinen liederlichen Streichen und von deiner ruchlosen Gesellschaft vollernstlich abmahnte, was du ihr da entgegentatst?“
GEJ|4|69|3|0|Sagt Zorel: „O Götter! Mir schwebt wohl noch so was wie aus einem Traume vor; aber etwas Genaues kann ich darüber nicht mehr sagen! Rede daher nur du, weil du schon einmal im Redezuge stehst! Das weiß ich, daß ich nie etwas Arges mit einem vorgefaßten bösen Willen tat; für das aber, daß ich dem Jähzorne unterliege, kann ich ebensowenig, wie ein Tiger darum kann, daß er eine blutdürstige, reißende Bestie ist! – Rede du nun!“
GEJ|4|69|4|0|Sagt Johannes: „Das werden wir erst später durchnehmen; aber damals hast du einen Topf, der auf einer Bank sich befand, ergriffen und schleudertest ihn mit aller Gewalt an den Kopf deiner Mutter, daß sie darob ganz betäubt zu Boden sank. Du aber, statt deiner guten Mutter nun beizuspringen und ihr Hilfe zu verschaffen, nahmst die bewußten Goldpfunde und entflohst auf einem Korsarenschiffe hierher und machtest darauf einige Jahre lang das schöne Seeräuberhandwerk mit, bei welcher Gelegenheit du dann auch ein Sklavenhändler wurdest. Deine Mutter aber starb bald darauf, teils an den Folgen einer starken Hirnschädelverletzung und teils aus Gram ob deiner Unverbesserlichkeit. Und so hast du nebst vielen anderen Sünden auch die eines Muttertotschlägers auf deinem Gewissen, und als Krone für deine vielen argen Taten rastet auf deinem Haupte ein allerbitterster Fluch von seiten deines Vaters, wie auch von seiten deiner Geschwister! – Nun bist du ganz enthüllt; was sagst du nun zu alledem als ein Mensch von reiner Vernunft?“
GEJ|4|69|5|0|Sagt Zorel: „Was soll ich dazu sagen? Geschehen ist geschehen und kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden! Jetzt sehe ich gar manches aus meinen früheren Handlungen ein, was da hoch gefehlt war; aber was nützt mir alle diese Einsicht? Es ist genau also, als könntest du aus einem Tiger einen einsichtsvollen Menschen machen, der zurücksähe, welche blutigsten Greuel er angerichtet hat; was würde ihm alles das nützen?! Könnte er das Geschehene ungeschehen machen, so würde er sich dazu sicher alle erdenkliche Mühe geben; aber was konnte er in seinem Tigerzustande dafür, daß er eben ein Tiger und kein Lamm war?! Da ist auch die Reue über eine verruchte Tat und der beste Wille, sie wieder völlig gutzumachen, etwas so Vergebliches wie eine albernste Mühe, einen vergangenen Tag wieder zu einem gegenwärtigen zu machen. Ich kann wohl von nun an ein ganz anderer und besserer Mensch werden; aber dort, wo ich ein böser Mensch war, kann ich mich unmöglich mehr besser machen, als ich war. Soll ich etwa darüber bittere Schmerzenstränen vergießen, daß ich so viele arge Taten verübt habe? Das wäre doch etwas so Lächerliches, als ob ein menschgewordener Tiger darum die bittersten Tränen der Reue vergießen wollte, weil er früher ein Tiger war!“
GEJ|4|70|1|1|70. — Zorels Rechtfertigung seiner Charaktereigenschaften
GEJ|4|70|1|0|(Zorel:) „Ich besaß von der Geburt an ein jähzorniges Temperament. Statt dasselbe durch eine sanfte und vernünftige Erziehung zu dämpfen und den Verstand möglichst auszubilden, ward ich mit allen Strafen korrigiert, die es nur gibt. Meine Eltern waren stets meine größten Peiniger! Hätten sie Verstand mit gutem Willen vereinigt, so hätten sie aus mir einen Engel der Juden erziehen können; aber mit den tausend Strafen ward ich zu einem Tiger! Und an wem liegt da die Schuld, daß ich zu einem Tiger ward? Ich selbst habe mir fürs erste schon nicht können vor der Zeugung und Geburt irgend weisere Eltern aussuchen, und fürs zweite, als ich geboren ward, war ich sicher noch so hübsch lange kein Plato oder Phrygius und keine Spur von einem Sokrates und konnte mir darum selbst keine Erziehung geben! Was hätte da aber geschehen sollen, daß ich ein besserer Mensch und kein Tiger geworden wäre?
GEJ|4|70|2|0|Ich halte dich für zu weise, als daß du auf diese Frage keine vernünftige Antwort von selbst finden solltest. Bei euch Juden gibt es stets hie und da von bösen Geistern besessene Menschen, wie ich erst vor etlichen Wochen einen bei den Gadarenern gesehen habe, und das wäre noch der bessere; einer soll etwa gar eures jüdischen Teufels sein, der sein Unwesen in den finstersten Nächten halte! Es war aber der Tagesteufel sein Geld wert; denn ganze Scharen von Menschen richteten nichts mit ihm aus. Er verrichtete Taten, vor denen aller Menschheit die Haut schaudert und angstrunzlich wird. Könnte aber möglicherweise der erwähnte Besessene von seinem Übel geheilt werden, sage mir, welcher Ochse von einem Menschenrichter könnte so blind und finster dumm sein, daß er dem geheilten Menschen zeigte alle die unerhörtesten Greuel, die er in seiner Besessenheit verübt hat, und hielte ihn darum an zur tränenvollsten Reue und Besserung?! Konnte denn der Mensch darum, daß er in seinem Besessensein solche Greuel verübt hat?!
GEJ|4|70|3|0|Sage mir, Freund voll Weisheit: Von einer großen Höhe fällt ein schweres Felsstück und erschlägt unten, dahin es stürzte, zufällig zwanzig daselbst weilende Menschen. Warum mußte denn das geschehen? Wer trägt an dieser Kalamität die Schuld? – Ich setze aber den wenigstens denkbar möglichen Fall, daß dazukäme ein so mächtiger Zauberer, der aus dem Felsblocke nach Art des Deukalion und der Pyrrha einen Menschen machte, mit aller Einsicht und Intelligenz begabt. Wie der neue Mensch so ganz gesund dastünde, da käme dann ein weiser und barmherziger Richter und sagte zu diesem Neumenschen: ,Da siehe hin, du Verruchter! Da ist dein böses Werk! Warum fielst du als Felsstück also mit aller Gewalt auf diese zwanzig Menschen? Rechtfertige dich, oder du hast für die Tat die furchtbarste Strafe zu gewärtigen!‘ Was wohl würde der Neumensch zu dem dummen Richter sagen? Nichts als: ,Konnte ich als schwerer und völlig bewußtloser Felsblock denn dafür, daß ich fürs erste irgend auf einer Höhe durch eine fremde Gewalt von meinesgleichen getrennt wurde, und fürs zweite irgend darum, daß ich eben so entsetzlich schwer war, und habe ich fürs dritte irgend diese zermalmten Menschen berufen, hier zu harren, bis ich herabstürzte und sie alle erschlug?!‘
GEJ|4|70|4|0|Das höchst unvernünftige Beschuldigen dieses Neumenschen von seiten eines superklugen Richters wirst du nun hoffentlich einsehen, aber daneben vielleicht doch auch, daß ich, als nur erst aus einem Rohklotze ein Neumensch werdend, für alle meine schlechten Taten nahe ebensoviel kann wie der dir soeben gezeigte Felsklotz-Neumensch! Willst du kein dummer Richter sein, so richte mich nach der Gerechtigkeit der reinen Vernunft und nicht nach deiner sich weise dünkenden Laune! Sei ein Mensch, wie auch ich nun ein Mensch bin!“
GEJ|4|71|1|1|71. — Des Cyrenius Verwunderung über den Scharfsinn Zorels
GEJ|4|71|1|0|Johannes fängt an, über diese schlagenden Worte des Zorel tiefer nachzudenken und findet, daß sie nicht ohne Grund dastehen, und wendet sich still, bloß nur im Herzen, mit einer Frage an Mich, was er nun fürder mit dem Menschen noch weiteres anfangen solle, da ihm dieser offenbar über den Kopf zu wachsen beginne.
GEJ|4|71|2|0|Ich aber sage dem Johannes: „Laß ihm nun ein wenig Zeit; dann werde Ich dir wie bis jetzt schon ins Herz und auf die Zunge legen, was du als weiteres mit ihm zu reden haben sollst!“ – Das befolgt Johannes.
GEJ|4|71|3|0|Cyrenius, der die Rechtfertigung des Zorel mit großer Aufmerksamkeit angehört hatte, sagte zu Mir: „Herr, ich muß es hier offen bekennen, daß dieser Mensch ein ganz merkwürdiges Wesen ist! Nun scheint es, daß er sogar den weisen Jünger Johannes ganz bedeutend zum Nachdenken gebracht hat. Kurz, ich zum Beispiel wäre jetzt rein fertig mit meiner Weisheit und müßte ihn als Richter von aller seiner Schuld lossprechen!
GEJ|4|71|4|0|Aber unbegreiflich ist es mir, woher dieser Hauptlump in seinen Handlungen solch eine schlagende Verstandesschärfe überkommen hat! Daß Menschen, wie zum Beispiel ein Oberster Stahar, auch ein Zinka, ganz scharf verständig zu ihrem Vorteile reden konnten, bevor sie mit Dir noch die nähere Bekanntschaft gemacht hatten, ist begreiflich, denn das sind lauter gelehrte Menschen und in vielen anderen Dingen tief erfahren; aber dieser Mensch war von jeher doch sicher ein Lump der allerersten Klasse, – und trotzdem diese enorme Verstandesschärfe! Ah, so was ist mir noch gar in meinem ganzen Leben nicht vorgekommen! Sage es mir doch, o Herr, wie dieser Mensch wohl dazu gekommen ist!“
GEJ|4|71|5|0|Sage Ich: „Gar so leer ist er nie gewesen; denn die Griechen sind ja stets die besten Advokaten Roms! Sie kennen die rücksichtslose Schärfe der römischen Gesetze und studieren sie darum ungemein genau durch, auf daß sie, wenn ein Richter sie irgendeines Vergehens wegen zur Verantwortung zöge, mit einer gediegensten Entgegnung in steter Bereitschaft seien; und solche Menschen, die sich vorgenommen haben, den Staat so recht baumdick zu hintergehen, die haben sich die Rechte des Staates und der Menschheit schon gar ungewöhnlich fest angeeignet und auch die Schriften von verschiedenen Weltweisen sich ungemein intensiv zu eigen gemacht. Und zu solch einer Klasse gehört auch dieser Zorel.
GEJ|4|71|6|0|Vor dem Verzückungsschlafe aber hätte er auch nicht mit solch einer determinierten Verstandesschärfe gesprochen; aber von dem Schlafe ist ihm aus seinem Geiste so ein gewisser Nachduft geblieben in seiner Seele, und darum kritisiert diese nun so scharf. Diese Schärfe würde sich aber wohl bald wieder verlieren, so er von nun an wieder ganz in die alte Lebenssphäre überginge; aber bei dieser Behandlung wird er noch immer schärfer werden, was Ich auch eigens Meiner Jünger wegen zulasse, damit sie bei dieser Gelegenheit die möglichste Schärfe des menschlichen Weltverstandes ein wenig zu verkosten bekommen, was ihnen sehr heilsam ist. Denn obwohl sie sehr demütige Menschen sind und ein schon sehr verständiges Herz besitzen, so kommt ihnen aber doch so dann und wann ein wenig ein eigendünklicher Gedanke, und dem gegenüber ist so ein Mensch ein ganz ausgezeichneter Stein des Anstoßes.
GEJ|4|71|7|0|Johannes hat Mir bereits die Unzulänglichkeit seiner Weisheit im Herzen bekanntgemacht, und die anderen Jünger denken und denken nun, was dies sei; aber Ich lasse sie noch eine kleine Weile nachdenken, damit sie sich selbst besser finden. Haben sie sich etwas tiefer gefunden, so werde Ich ihnen dann schon wieder vorwärtshelfen. Aber Mücken wird er ihnen noch in die Ohren setzen, daß sie sich alle gar gewaltigst hinter den Ohren werden zu kratzen anfangen! Dann aber werden sie schon wieder einen Schritt weiter machen können. – Nun aber werde Ich wieder dem Johannes die Zunge lösen, und er wird wieder zu reden anfangen; darum gib nun nur recht acht!“
GEJ|4|72|1|1|72. — Johannes ermahnt Zorel zu einem besseren Lebenswandel
GEJ|4|72|1|0|Nach einer kurzen Weile sagte Johannes zu Zorel: „Ich kann es dir gerade nicht in Abrede stellen, daß du nun mit deinem Verstande so manches berührt hast, was allerdings nicht so ganz ohne allen Grund dasteht; aber auf dein Leben paßt es darum schlecht oder gar nicht, weil deine Seele in sich selbst allzeit so weit gebildet war, um das Falsche vom Wahren unterscheiden zu können. Welche Seele aber das in solcher Schärfe, wie es bei dir der Fall ist, zu tun imstande ist, die unterscheidet auch das Gute vom Bösen, und kann sie das, so sündigt sie wider ihre eigene Erkenntnis und ihr Gewissen; wer aber wider seine Erkenntnis und wider sein Gewissen sündigt, der kann nur durch eine wahre Reue und Buße von dem alten Unflate seiner Sünden gereinigt und Gott angenehm werden.
GEJ|4|72|2|0|Du willst und sollst ein besserer Mensch werden! Willst du das, so mußt du auch erkennen, daß du an all den argen Handlungen selbst schuld warst; warst du aber das, so liegt es nun auch an dir, einzusehen, daß es nicht recht ist, die Schuld auf einen andern hinzulenken, sondern du sollst sie bei dir selbst und für dich als ganz zu eigen erkennen und darum eine wahre Reue fühlen, dieweil du das Wahre und Gute in vielfacher Hinsicht gar wohl erkannt, im Handeln aber doch fürs Entgegengesetzte dich bestimmt hast.
GEJ|4|72|3|0|Ja, hättest du gar keine noch so blasse Idee von etwas rein Wahrem und somit Gutem in dir erkannt, sondern wärst nur in einem finstersten Aberglauben, als begründet in der Sphäre deines Lebens, dagestanden, da könnten dir deine Handlungen – und wären sie vor dem Richterstuhle des allerreinsten Verstandes an und für sich noch so böse – nicht als Schuld angerechnet werden, und so wärst du dann ebenso sündenfrei wie dein menschgewordener Tiger und Felsklotz, und niemand hätte das Recht, dir zu sagen: ,Bessere dich, bereue deine Untaten und tue eine rechte Buße, auf daß du dem wahren Gott wohlgefällig werdest!‘
GEJ|4|72|4|0|Da müßte man dich zuvor erst in aller Wahrheit fein unterrichten, dir den rechten Weg zeigen und dich eine Zeitlang führen auf demselben! Würde jemand, als vollkommen in dieser Wahrheit unterwiesen, sich dennoch wieder in sein altes Falsche werfen und ebenso arg handeln wie zuvor, so würde er dann schon sündigen, weil er da wider seine feste Überzeugung handeln und sein Gewissen in eine tobende Unruhe versetzen würde. Deine mir vorgestellten Bilder taugen daher nur für Menschen, die gleich den Tieren noch nie irgendeine Wahrheit erkannt haben; aber du bist in der echten Wahrheit kein Laie, sondern erkennst sie nahe so gut, wie ich sie erkenne, und hast solche auch schon lange erkannt. Und es hat dir dein Gewissen auch allzeit eine jede deiner argen Taten vorgeworfen; du aber achtetest wenig darauf und suchtest durch allerlei falsche Vernunftgründe dasselbe zu übertäuben. Du fühltest auch allzeit Reue, sooft du etwas Schlechtes wider dein Erkennen und wider dein Gewissen begangen hattest; nur zur Buße und zur wahren Besserung kam es bei dir bis jetzt noch nicht.
GEJ|4|72|5|0|Gott der Herr aber hat dich darum nun in ein großes Elend kommen lassen. Du hast nun nichts; auch dein ehemaliger Sklavenhandelsgesellschafter hat dich im Stiche gelassen und befindet sich nun schon in Europa, allwo er seine bedeutenden Gewinne verzehrt. Du stehst nun nackt hier und suchest Hilfe. Diese soll dir auch werden; aber du mußt dich derselben zuvor erst würdig machen dadurch, daß du aus dir selbst freiwillig das allein Wahre und Gute ins handelnde Leben überträgst. Alsdann wird dir auch wahrhaft geholfen für zeitlich und ewig.
GEJ|4|72|6|0|Verharrest du aber handelnd bei dem, was du so gut wie ich als falsch und schlecht erkennst, so bleibst du elend dein Leben lang, und wie es dereinst drüben aussehen wird, indem es ein reines Leben nach dem Abfalle des Leibes gibt, darüber kann dir deine eigene reine Vernunft den ganz guten Aufschluß geben, so du bedenkst, daß dieses zeitliche Leben der Same und das jenseitige ewige die Frucht ist.
GEJ|4|72|7|0|Pflanzest du in diesem deinem Lebensgarten einen edlen, guten Samen ins Erdreich eben dieses deines Lebensgartens, so wirst du auch edle Früchte ernten; legst du aber Distel- und Dornensamen in deines Lebensgartens Erdreich, so wirst du dereinst auch das ernten, was für Samen du nun gesäet hast! Denn das wirst du wohl wissen, daß auf den Distelstauden keine Feigen und auf den Dornen keine Trauben wachsen!
GEJ|4|72|8|0|Sieh, ich habe dich nun nicht gerichtet, sondern dir nur gezeigt, was du für die Folge tun sollst, und mein Wort war nicht hart gegen dich, und sanft war der Ton meiner Rede! Beherzige solche meine Worte, und ich stehe dir als Freund mit meinem Leben dafür, daß dich dessen wohl ewig nie gereuen wird!“
GEJ|4|73|1|1|73. — Erkenntniswille und Genußwille im Menschen
GEJ|4|73|1|0|Sagt Zorel: „Ah, also lasse ich mit mir schon reden; denn das hat echt menschlich getönt, und ich werde mir alle Mühe geben, das zu tun, was du mir als Mensch, nur nicht als Richter, sagen wirst. Lieber Freund! Ich kenne mich nun genau, mein innerer Lebenskern scheint nicht eben der schlechteste zu sein; aber mein Äußeres ist durchgängig schlecht! Wäre es möglich, dieses Fleisch samt seinen schlechten seelischen Anhängseln total auszuziehen und den inneren Lebenskern mit einer besseren Fleischmasse zu umhüllen, so wäre ich ein ganz rarer Mensch; aber bei dieser meiner gegenwärtigen Leibeskonstitution ist nichts zu machen! Ich bin nun freilich kein so bedeutender Bösewicht mehr, als ich war; aber zu trauen ist meinem Fleische nimmer. Merkwürdig ist doch immer das, daß ich bei allen meinen noch so arg aussehenden Handlungen mit meinem Willen nie dabei war! Ich bin noch allzeit gerade wie zufällig hineingezogen worden; was ich eigentlich wollte, davon geschah gerade das Gegenteil! Wie ist das zu verstehen?“
GEJ|4|73|2|0|Sagt Johannes: „Ja sieh, der Wille des Menschen ist ein zweifacher: der eine Wille ist der, an dem das Erkennen der Wahrheit ein stets etwas schwaches Zug- oder Leitseil besitzt; der andere Wille aber ist der, an dem die sinnliche Welt mit ihren wonnig duftenden Ansprüchen auch ein Zugseil besitzt, und das ein durch allerlei Gewohnheiten recht stark und mächtig gewordenes. Läßt dich die Welt einen angenehmen Bissen erschauen samt der Möglichkeit, seiner leicht habhaft zu werden, da fängt das starke Seil am Willensknaul des Herzens sogleich stark zu ziehen an; rührt sich da zu gleicher Zeit auch das weniger starke Zug- und Leitseil der Wahrheitserkenntnis, so nützt das wenig oder nichts, weil seit jeher der Starke noch allzeit den Sieg über den Schwachen davonträgt.
GEJ|4|73|3|0|Der Wille, der wirken soll, muß entschieden ernst auftreten und vor nichts irgendeine Furcht haben. Mit der stoischsten Gleichgültigkeit muß er all den Vorteilen der Welt ins Angesicht lachen können und sogar auf Kosten seines Leibeslebens den lichten Weg der Wahrheit verfolgen. Dann ist der sonst schwache Erkenntniswille zum starken und mächtigen geworden und hat sich den rein weltlichen Gefühls- und Genußwillen vollends untertänig gemacht. Dieser geht endlich selbst ganz ins Licht des Erkenntniswillens über, und so ist der Mensch endlich eins in sich geworden, was zur inneren Vollendung des menschlich unsterblichen Wesens von der allerunerläßlichsten Wichtigkeit ist.
GEJ|4|73|4|0|Denn kannst du im Denken und in dir selbst nicht einig werden, wie kannst du da sagen: ,Ich habe die Wahrheit erkannt in ihrer Tiefe und Fülle!‘, – bist aber in dir selbst noch vollkommen uneins und somit für dich selbst nichts als eine barste Lüge?! Die Lüge aber ist der Wahrheit gegenüber nichts, als was da ist die dickste Nacht gegenüber dem hellsten Tage. Eine solche Nacht ersieht kein Licht, und der Mensch in sich als Lüge kann keine lichte Wahrheit erkennen, und darum ist bei allen in sich höchst zertragenen Weltmenschen das Zug- und Leitseil des Erkenntniswillens gar so schwach, daß es schon von einem leichtesten Gegenzuge des weltlichen Genußwillens über Bord geworfen und somit besiegt wird.
GEJ|4|73|5|0|Hat bei manchen Menschen der Weltgenußwille den Erkenntniswillen für immer ganz besiegt und erdrückt, so daß dadurch auch eine Art Einheit in der Finsternis des innern Menschen erfolgt ist, so ist der Mensch im Geiste tot geworden und ist somit ein in sich selbst Verdammter und kann zu keinem Lichte mehr kommen in Ewigkeit, außer durchs Feuer seiner durch den Begierdendruck entzündeten groben Materie. Aber die Materie der Seele ist hartnäckiger um vieles als die des Leibes, und es gehört ein gar mächtiges Feuer dazu, um alle die Seelenmaterie zu verzehren und zu vernichten.
GEJ|4|73|6|0|Da sich aber eine Seele solch eine überaus schmerzliche Purifikation (Reinigung) nicht aus Liebe zur Wahrheit oder zum Lichte wird gefallen lassen, sondern sich aus alter Genuß- und finsterer Herrschsucht derselben wie ein Proteus dem Fange zu entziehen trachten wird, so ist ein Mensch, der in dieser Welt in sich in seiner Lebensnacht völlig eins geworden ist, auch so gut wie für ewig verloren.
GEJ|4|73|7|0|Nur der Mensch, der durch seinen energischen lichtvollen Erkenntniswillen den weltlichen Genußsuchtswillen gänzlich besiegt hat und also im Lichte und in aller Wahrheit in sich eins geworden, ist dadurch ganz Licht und Wahrheit und sohin auch das Leben selbst. Dazu ist aber, wie ich dir schon früher bemerkt habe, eine wahrhaft stoische Selbstverleugnung nötig, – nur nicht jene in sich hochmütige eures Diogenes, die sich für mehr und höher dünkt als ein vom Golde strahlender König Alexander, sondern jene demütige eines Henoch, eines Abraham, Isaak und Jakob. Kannst du das, so wird dir geholfen sein für zeitlich und ewig; kannst du aber das nicht, und nicht aus deiner eigenen Wahrheitserkenntniskraft, dann ist es aus mit dir, und es kann dir weder auf der einen noch auf der andern Seite geholfen werden. Ich aber bin der Meinung, daß du solches über dich vermögen wirst; denn an der Einsicht und Erkenntnis fehlt es dir nicht. Was sagt dazu nun dein innerer Sinn?“
GEJ|4|74|1|1|74. — Das Wesen Gottes und Seine Menschwerdung
GEJ|4|74|1|0|Sagt Zorel: „Der sagt: ,Zorel kann alles, so er als der echte Zorel es will!‘; und der will es nun, und so wird ihm sicher auch geholfen werden! Könnte ich aber wenigstens nur etliche Wochen bei dir sein, so ginge die Sache offenbar leichter und schneller!“
GEJ|4|74|2|0|Sagt Johannes: „So du nur den vollkommen ernsten Willen, ein besserer Mensch zu werden, gefaßt hast, so wirst du schon unter Männern verbleiben, die ebenso stark sind wie wir in der unmittelbarsten Nähe des großen und lebendigen Lichtes aus Gott!“
GEJ|4|74|3|0|Sagt Zorel: „Was und wer ist denn so ganz eigentlich euer Gott, den ihr Juden den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nennet?“
GEJ|4|74|4|0|Sagt Johannes: „Diese Frage wirst du, so du in dir in deinem Lichte eins geworden sein wirst, klarst beantwortet finden, so wie wir sie gefunden haben; wollten wir dir aber nun solches näher zu erklären suchen, so würdest du uns nicht verstehen dein Leben lang. Das aber kannst du wohl zum voraus wissen, welchen Begriff sich ein wahrer Mensch von Gott machen soll, und so höre denn!
GEJ|4|74|5|0|Der allein wahre und einige Gott ist in Sich ein ewiger, purster Geist aus Sich Selbst, ausgerüstet mit dem höchsten Grade des Selbstbewußtseins, mit der tiefsten und lichtvollsten Weisheit und mit jenem festesten Willen, dem kein Ding unmöglich ist.
GEJ|4|74|6|0|Gott ist das Wort in Sich, und das Wort selbst ist Gott. Dies ewige Wort aber hat nun Fleisch angenommen, kam in die Welt zu den Seinen, und diese erkennen nicht das Licht, das dadurch in die Welt gekommen ist. Darum wird dieses Licht den Kindern genommen und den Heiden (Abergläubern) überantwortet werden. Denn die Heiden suchen nun die Wahrheit, des Lichtes Kinder aber fliehen sie, wie die großen Verbrecher das Gericht. Darum also wird es den Kindern genommen werden und gegeben den Heiden, wie solches soeben der Fall ist und geschieht.
GEJ|4|74|7|0|Denn zu Jerusalem wohnen des Lichtes Urstammkinder, ächten die Wahrheit aus Gott und hängen sich stets mehr und mehr an die Nacht, an die Lüge und an ihre losen Werke. Aber die Heiden durchwandern die Welt und suchen die Wahrheit, und so sie sie gefunden haben, da haben sie eine große Freude und loben und preisen den Geber des Lichtes über alle die Maßen wahrhaft im Herzen und in der Tat.
GEJ|4|74|8|0|Hier sieh dich um, und du ersiehst eine bedeutende Volksmenge! Die größte Anzahl sind Heiden, die das Licht aus den Himmeln gesucht haben. Sie haben es gefunden und freuen sich dessen; aber Jerusalem, die Stadt des Herrn, sandte nur Schergen und Häscher aus, daß sie das Licht erdrücken sollten! Doch die ausgesandt wurden, waren klüger als die, welche sie ausgesandt hatten; sie kamen aus ihrer großen Finsternis ans Licht, hatten eine rechte Freude am selben und blieben im selben. Sie haben das Licht zwar gefangengenommen, aber nicht für die Kerker Jerusalems, sondern für sich, für ihre Herzen, und sind nun unsere Brüder im Lichte aus Gott, und freuen sich desselben und Dessen, von dem das große Licht ausgeht.
GEJ|4|74|9|0|Du kamst als ein Heide hierher, zwar nicht, damit du ein Licht fändest für deine Lebensnacht, sondern Gold und Silber. Aber wer da kommt aus den Kerkern in das Licht der Sonne, der wird es nicht leichtlich verhüten können, daß er erleuchtet wird. Und also ergeht es dir hier. Suchtest du auch eben nicht das Licht, so wirst du nun aber dennoch erleuchtet, da du an die Sonne kamst, das heißt nicht an das Licht der Natursonne, die jetzt soeben den Horizont des Unterganges berührt, sondern an das Licht der Geistessonne, das erleuchtet mit aller Weisheit die Unendlichkeit, auf daß alle Wesen, die der Gedanken fähig sind, aus diesem Lichte denken und wollen können, so wie auf dieser Erde also auch auf zahllosen anderen Welten, mit denen aus Gott der endlose Raum erfüllt ist.
GEJ|4|74|10|0|Lasse dich demnach durchleuchten von diesem Lichte, das du nun ein wenig zu merken anfängst, daß es durchleuchtet deine Eingeweide, und du wirst durch ein kleinstes Fünklein dieses Lichtes schon glücklicher werden, als so du dich in den Besitz aller Schätze der Erde versetzen könntest. Suche du nun selbst das wahre Reich der Wahrheit, und es wird dir alles andere als eine freie Zugabe werden, und du wirst an nichts irgendeinen Mangel haben!“
GEJ|4|75|1|1|75. — Cyrenius nimmt sich des Zorel an
GEJ|4|75|1|0|Sagt Zorel: „Freund, du hast recht: Was der Mensch in der Finsternis genießt, gedeihet nicht! Daß ich aber in einer starken Geistesnacht lebe, das merke ich nun schon selbst; denn deine Worte haben mir trotz ihres geheimnisvollen Klanges eine rechte und große Erleuchtung gegeben, und ich habe nun schon eine große Freude daran. Aber, so dein Wort auch beim Cyrenius etwas vermag, so bitte ihn, daß er mir doch wenigstens gäbe einen nur etwas besseren Mantel; denn ich kann mich in diesen Lumpen nicht mehr sehen in eurer Gesellschaft. Cyrenius wird wohl so irgendeinen alten, abgetragenen Dienerschaftsmantel haben!“
GEJ|4|75|2|0|Ruft Cyrenius einen seiner Diener und sagt: „Gehe hin, da unser Gepäck ist, und hole mir ein gutes Hemd, eine Toga und einen griechischen Mantel!“
GEJ|4|75|3|0|Der Diener geht und bringt das Verlangte.
GEJ|4|75|4|0|Cyrenius aber beruft darauf den Zorel und sagt: „Hier, nimm das Gewand, gehe irgend hinter das Haus und kleide dich um!“
GEJ|4|75|5|0|Zorel nimmt höchst dankbarlich das Gewand, begibt sich damit hinter des Markus Haus, kleidet sich um und bekommt dadurch ein ganz stattliches Aussehen.
GEJ|4|75|6|0|In wenigen Augenblicken ist Zorel wieder bei uns und sagt zu Cyrenius: „Hoher Herr! Nicht mehr unsere nichtigen Götter, sondern der eine, wahre und ewig lebendige Gott lohne es dir! Du hast nun einen nackten, armen Menschen bekleidet; und das ist ein edles Werk, dessen ich wohl nicht wert bin! Aber so es einen wahren, allmächtigen und höchst weisen Gott gibt, dessen Kinder wir alle sind, oder doch zum wenigsten Seine Werke, und wie Er uns ja auch mit Wohltaten überhäuft, deren wir nicht wert sind, und für die wir Ihm auch nur danken können und sonst nichts, so bin auch ich nun hier vor dir, hoher Herr und Gebieter: aus dem innersten Grunde des Herzens kann ich dir nur danken und sonst nichts tun! Willst du mich aber als einen letzten deiner Diener annehmen, so bringe ich dir darum meinen Acker zum Geschenke!“
GEJ|4|75|7|0|Sagt Cyrenius: „Dein Acker ist nicht dein, sondern dessen, um wessen Geld du ihn erkauft hast; daher werden wir ihn verkaufen, dem Eigentümer oder seinen Kindern das Geld einhändigen, und du wirst erst dann mein Diener sein können!
GEJ|4|75|8|0|Sagt Zorel: „Hoher Herr und Gebieter! Was du willst, das tue! Von dir ist mir alles eine Gnade; aber nur verlasse mich nicht, und beschenke mich mit einem Dienste! Wie ich meine alten Lumpen ausgezogen habe für immer, so werde ich auch meinen schlechten, alten Menschen ausziehen und ein ganz anderer Mensch werden! Das kannst du mir glauben! So schlecht ich war, so gut will ich aber auch wieder werden, um mit dem Reste meiner allfällig noch übrigen Lebenszeit das einigermaßen zu sühnen, was alles ich Übles angerichtet habe.
GEJ|4|75|9|0|Hätte ich je irgendeinen Menschen antreffen können, der mir über Recht und Unrecht ein so hell leuchtendes Licht angezündet hätte wie jener Johannes dort, so wäre ich nie so tief in alle Laster versunken; aber so mußte ich mir stets selbst der gescheiteste Mensch sein! Wie weit ich es aber mit meiner großen Gescheitheit gebracht habe, weißt du, und ich brauche dir meine große Schande vor euch nicht mehr zu wiederholen. Darum sei du mir von nun an gnädig und barmherzig; denn in der Folge sollst du keine Gelegenheit mehr bekommen, mit mir unzufrieden zu sein. Ich kann verschiedene Künste und bin sehr kundig im Schreiben und Rechnen, und die Geschichte der Völker bis auf diese Zeit ist mir nicht fremd. Der ganze Herodot [Griechischer Geschichtsschreiber.] ist mir geläufig; auch der Juden, Perser und der alten Babylonier Chronik ist mir nicht unbekannt. Und so wirst du mich wohl irgend verwenden können.“
GEJ|4|75|10|0|Sagt Cyrenius: „Darüber wollen wir später reden; für jetzt aber kehre du nur wieder zu deinem Freunde Johannes zurück, und lasse dir von ihm den rechten Weg zeigen! Hast du den, – für alles andere dürfte dann bald gesorgt sein!“
GEJ|4|76|1|1|76. — Vom Geheimnis des inneren Geisteslebens
GEJ|4|76|1|0|Auf diese Worte des Cyrenius verneigte sich Zorel tiefst vor uns allen und begab sich dann sogleich wieder zu Johannes, der ihn abermals mit aller Freundlichkeit aufnahm und ihn fragte, wie es ihm nun wohl ergangen sei.
GEJ|4|76|2|0|Sagt Zorel: „Mir ist es überaus wohl ergangen, was du aus meiner Bekleidung gar wohl ersehen kannst; denn wenn man einmal ein ganz gesundes Hemd besitzt, eine Toga und einen griechischen Mantel von blauem Merino um die Schultern gehangen trägt, dann ist es einem irdisch doch sicher sehr wohl! Freilich mit dem geistigen Wohlsein und Wohlergehen, ich sage es dir, da hat es noch ein ganz gewaltiges Unwohlergehen am Brette! Wollte Gott, daß ich auch im Geiste also neubekleidet auszusehen anfinge wie nun am Leibe, so ginge es mir sicher noch wohler; aber da wird es schon noch seine Zeit benötigen!
GEJ|4|76|3|0|Eine Frage, Freund, aber wirst du mir schon erlauben, und diese lautet also: Ihr seid Menschen wie ich, habt Fleisch und Blut und die gleichen Sinne wie unsereins; du hast mir aber Beweise von deiner Geistesstärke gegeben, die alles, was mir bis jetzt vorgekommen ist, himmelhoch und weit übertrifft! Es fragt sich nun, wie du dazu kamst. Wer hat dich und deine Kollegen solches gelehrt? Wie kamet ihr auf den Weg?“
GEJ|4|76|4|0|Sagt Johannes: „Dir das zu erklären, würde dir wenig nützen; so du aber das tust, was ich dir nun sagen werde, so wirst du die Lehre in dir selbst finden, und dein geweckter Geist wird dich, gestärkt vom Geiste Gottes, in alle Wahrheit und Weisheit leiten. Willst du irgendeine Kunst erlernen, so mußt du zu einem Künstler gehen und dir von ihm die Handgriffe zeigen lassen; dann kommt die fleißige Übung, dir die Handgriffe derart zu eigen zu machen, daß sie denen des Meisters völlig gleichen, und du bist dann ein Künstler wie dein Meister.
GEJ|4|76|5|0|Willst du denken lernen, so mußt du zu einem Philosophen gehen; der wird dich auf die Ursachen und Wirkungen aufmerksam machen, und du wirst dadurch zu denken und zu schließen anfangen und wirst sagen: Dieweil das Wasser ein flüssiger Körper ist, so kann es leicht in eine Unruhe versetzt werden; es muß vermöge seiner Schwere talabwärts fließen, weil nach der allgemeinsten Erfahrung bis jetzt alles Schwere vermöge einer der Erdtiefe eigenen Anziehungskraft sich eben auch stets der Tiefe der Erde zugewendet hat und dahin unaufhörlich streben muß nach dem unwandelbaren Willen des Schöpfers, der da ein Mußgesetz in der gesamten Natur ist.
GEJ|4|76|6|0|Hat das Wasser im Meere ein möglich tiefstes Bett erreicht, so kommt es in bezug auf ein Weiterfließen wohl zur Ruhe, – aber in sich bleibt es dennoch stets ein flüssiger Körper; und weht ein Sturmwind über die weite Oberfläche, so bringt er die sonst ruhige Oberfläche des Wassers in eine wogende Bewegung, und dies Wogen des Wassers ist an sich wieder nichts anderes als ein Bestreben des flüssigen Wasserkörpers nach der Ruhe. Aber weil eben nichts so sehr einen Trieb nach der Ruhe hat wie das Wasser, so kann es auch am leichtesten und am ehesten aus dem Gleichgewichte seiner Ruhe gebracht werden.
GEJ|4|76|7|0|Hieraus kommt endlich der Schluß: je flüssiger irgendein Körper ist, desto mehr Bestreben nach Ruhe birgt er in sich; und je mehr Bestreben nach Ruhe er in seinem körperlichen Wesen äußert, desto leichter kann er in eine Unruhe versetzt werden. Je leichter aber ein elementarischer Körper in Unruhe zu bringen ist, desto flüssiger muß er sein. Du siehst aus diesem Beispiele, wie man in einer Schule der Philosophen denken zu lernen anfängt, und wie man von der Ursache auf eine Wirkung und also auch umgekehrt zu schließen anfängt.
GEJ|4|76|8|0|Allein all dies sogestaltige Denken bewegt sich innerhalb eines Kreises, aus dem es nirgends einen weiteren Ausweg findet und auch nicht finden kann. All solches Denken nützt dem Menschen denn auch wenig oder nichts in bezug auf sein inneres, geistiges Sein, Wollen und Denken. Wenn du dir aber irgendeine Kunst nur bei einem Künstler, ein geordnetes rationales Denken nur bei einem Philosophen zu eigen machen kannst, so wirst du das innere, geistige Denken nur von einem Geiste, und zwar vom alles durchdringenden Geiste Gottes in dir selbst erlernen können, – das heißt: nur ein Geist kann einen Geist wecken; denn ein Geist sieht und erkennt den andern Geist, so wie ein Auge das andere erschaut und erkennt, daß es ein Auge und wie es beschaffen ist.
GEJ|4|76|9|0|Der Geist ist der Seele innerste Sehe, deren Licht alles durchdringt, weil es ein innerstes und somit reinstes Licht ist. Aus dem ersiehst du nun, wie es mit dem Erlernen der verschiedenen Dinge zugeht, und wie man zu allem, was man erlernen will, stets den geeignetsten Lehrer haben muß, ansonst man ein ewiger Stümper verbleibt; es kommt aber dann sehr darauf an, so man schon auch den allergeeignetsten Lehrer gefunden hat, daß man das alles genaust und fleißigst tut, was einem der Meister zu tun und zu üben befohlen oder angeraten hat.
GEJ|4|76|10|0|Wenn dein Geist in dir wach wird, so wirst du seine Stimme wie lichte Gedanken in deinem Herzen vernehmen. Diese mußt du wohl anhören und dich danach in deiner ganzen Lebenssphäre richten, so wirst du dadurch deinem eigenen Geiste einen stets größeren Wirkungsraum verschaffen; also wird der Geist wachsen in dir bis zur männlichen Größe und wird durchdringen deine ganze Seele und mit ihr dein ganzes materielles Wesen.
GEJ|4|76|11|0|Hast du mit dir selbst diesen Standpunkt erreicht, so bist du dann auch ebenso wie unsereins fähig, nicht nur das zu sehen und zu erkennen, was alle natürlichen Menschen mit ihren Sinnen sehen und wahrnehmen können, sondern auch solche Dinge, die für den gewöhnlichen Menschen unerforschlich sind, wie du solches an mir entdeckt hast, da ich, ohne dich früher je gesehen und gekannt zu haben, dir doch alles von dir noch so verborgen Gehaltene auf ein Haar vortragen konnte, was du auf dieser Erde je irgend angestellt hast.
GEJ|4|76|12|0|Nun habe ich dir nur so einen kleinen Vorgeschmack von dem Sachverhalte gegeben, auf daß du ersehen und erkennen kannst, wie es sich mit den Dingen des Geistes verhält. Aber mit alldem ist dir noch immer wenig oder auch nichts geholfen; du mußt nun erfahren, was du zur Erweckung deines Geistes tun mußt. Das dir vorzuzeichnen aber steht mir noch lange nicht zu, sondern einem andern, der auch unter uns ist, und dessen ganzes Wesen vom Gottesgeiste allerdichtest durchdrungen ist. Der wird dir erst den Wahrheitsweg zeigen und durch dein Fleisch zu deinem Geiste als Selbst Geist aller Geister rufen: ,Erwache in der Liebe zu Gott und daraus zu deinen Brüdern im Namen Dessen, der ewig war, ist, und auch ewig sein wird!‘ – Und nun sage du mir, wie du all das von mir dir nun Gesagte findest!“
GEJ|4|77|1|1|77. — Zorels Entschluß zur Besserung
GEJ|4|77|1|0|Sagt Zorel: „Ich finde deine mir nun gemachte Belehrung höchst geistreich, wahr und gut, und es muß alles also sein; denn sonst hättest du mir ehedem wohl nicht können meine verborgensten Taten wie aus einem Buche hersagen. Man kann als Mensch somit in jedem Falle einer kaum glaublichen Vollendung gewärtig werden, und es genügt mir vor allem diese nun gemachte Überzeugung; ich geize auch gar nicht nach solcher an dir nun wahrgenommenen Vollendung darum, um bei einer andern ähnlichen Gelegenheit einem armen Sünder seine begangenen Sünden vorzutragen, sondern der menschlichen Vollendung selbst wegen möchte ich in solch einen Zustand kommen, um dadurch mir selbst einen wahren Lebenstrost zu verschaffen und mich also im stillen über mich selbst zu freuen! Ich will nie ein Lehrer noch irgendein noch so sanfter Richter sein; nur dienen will ich als ein vollkommener Mensch, auf daß in der Folge kein Mensch durch meine Dummheit in irgendeinen Schaden kommen soll.
GEJ|4|77|2|0|Dieses ist der alleinige Beweggrund, aus dem ich in deine Vollendung kommen möchte. Bestehe die Forderung dazu an mein Leben, worin sie nur immer wolle, ich werde ihr sicher nachkommen; denn so ich etwas will, da ist mir kein Opfer zu schwer! Es wird ausgeführt, selbst auf Kosten dieses meines Leibeslebens! Denn welchen Wert kann auch ein Leben haben, wenn es aus lauter Unvollkommenheiten zusammengesetzt ist?! Mit der Unvollkommenheit kann man nichts Vollkommenes erreichen, – nach etwas Unvollkommenem aber gelüstet es mich wahrlich durchaus nicht mehr!
GEJ|4|77|3|0|Du sagtest aber, daß mich über das, was ich tun soll, ein anderer Mensch belehren wird, der voll des Geistes Gottes ist; du kennst ihn, – zeige mir ihn, auf daß ich hintrete zu ihm und ihn bitte um die Mittel zur Erweckung meines Geistes!“
GEJ|4|77|4|0|Sagt Johannes: „Jener ist es, der dich ehedem zu mir beschied! Zu Dem gehe hin, Der wird dich erwecken!“
GEJ|4|77|5|0|Sagt Zorel: „Eine innere Ahnung hat es mir schon seit meinem Erwachen gesagt, daß dieser mir früher bekanntgegebene Zimmermannssohn aus Nazareth etwas mehr denn bloß nur ein Mensch sein muß. Endlich kommt es als Wahrheit heraus, was ich bisher dunkel nur geahnt! Es ist überhaupt äußerst merkwürdig, daß mir eben jener Mensch gar so bekannt vorkommt! Wie aber kam denn hernach er zu solch einer Vollendung? Weißt du mir darüber keinen Bescheid zu geben?“
GEJ|4|77|6|0|Sagt Johannes: „Darüber kann ich dir nichts anderes sagen, als daß dir so eine Frage wohl zu vergeben ist; sonst aber wäre das wohl so viel, als würdest du danach fragen, wie und auf welche Art Gott zu Seiner unendlichen Weisheits- und Machtvollkommenheit gelangt ist. Gott Selbst hat Diesen erwählt zu Seiner leiblichen Wohnstätte! Das ist die große Gnade, die durch diesen Erwählten allen Völkern widerfährt. Das Menschliche, das du an Ihm siehst, ist gleichsam der Sohn Gottes; aber in Ihm wohnt des Geistes Gottes Fülle!
GEJ|4|77|7|0|Wenn aber das, da kann man ja nicht fragen, wie Er zu solch einer unendlichen Vollendung kam! Das, was Er nun ist, und ewig sein wird, war Er schon im Mutterleibe. Er machte zwar alles rein Menschliche mit, bis auf die Sünde, die die Menschen immer mehr oder weniger begehen; aber zu Seiner geistigen Vollendung trug das nichts bei, weil Er schon von Ewigkeit her vollendet war. Er tat und tut aber alles nur, damit alle Menschen ein vollkommenstes Vorbild an Ihm haben sollen, um Ihm als dem Urgrunde und Urmeister alles Seins und Lebens nachzufolgen.
GEJ|4|77|8|0|Jetzt weißt du auch, mit wem du es in Ihm zu tun hast. Gehe darum hin, auf daß Er dir zeige den rechten Weg zu deinem Geiste, der in dir ist als die reine Liebe zu Gott, und durch deinen Geist oder durch deine Liebe zu Ihm, der da unter uns nun weilt als das wahre Heil aller Menschen, die je auf dieser Erde gelebt haben, jetzt leben und in der Zukunft leben werden.
GEJ|4|77|9|0|So du aber zu Ihm gehest, da gehe in der Liebe deines Herzens zu Ihm und nicht mit der Purheit deines Verstandes! Denn nur durch die Liebe kannst und wirst du Ihn gewinnen und Ihn in Seiner Göttlichkeit auch begreifen; mit dem Verstande aber wirst du ewig nichts ausrichten! Denn nur die reine Liebe ist einer ewigen Steigerung fähig, während dem Verstande seine Grenzen gesetzt sind, über die er ewig nicht zu klettern vermögen wird. Aber des Menschen Liebe zu Gott ist, wie gesagt, einer ewigen Steigerung fähig, und je mächtiger die Liebe zu Ihm in dir werden wird, desto heller wird es auch in deinem ganzen Wesen! Denn die reine Liebe zu Gott ist ein lebendiges Feuer und ein hellstes Licht. Wer in diesem Lichte wandelt, der wird den Tod in Ewigkeit nicht sehen, wie Er Selbst also geredet hat. – Und nun weißt du schon gar vieles; erwecke dich im Herzen und wandle zu Ihm hin!“
GEJ|4|77|10|0|Zorel weiß aber auf diese Nachricht vor lauter Ehrfurcht kaum, was er nun denken und tun soll. Denn diese letzte Belehrung läßt ihm nun gar keinen Zweifel mehr übrig, daß Ich die Gottheit in aller Fülle in Mir berge, und er wird darum aus der stets wachsenden Ehrfurcht auch stets verzagter und kleinmütiger, und er sagt nach einer Weile tiefernsten Nachdenkens: „Freund! Je mehr ich nun deine Worte überdenke und bedenke, desto schwerer wird es mir auch, zu Ihm hinzutreten und Ihn als ein Seiner Gnade Unwürdigster zu bitten, daß Er Selbst mir zeige den lichtvollen Weg zum Leben! Es ist, geradewegs zu sagen, mir nun nahe unmöglich, zu Ihm hinzutreten; denn ich fühle eine eigene Heiligkeit aus Ihm mir entgegenwehen, und diese sagt mir stets: ,Tritt zurück, du Unwürdigster! Wirke zuvor eine jahrelange Buße, dann erst komme und sieh, ob du den Saum Meines Gewandes anrühren kannst!‘ Sage mir, woher nun solch eine außerordentliche Bangigkeit mein ganzes Wesen durchdringt!“
GEJ|4|77|11|0|Sagt Johannes: „Das ist schon recht also; der wahren Liebe zu Gott dem Herrn muß ja stets die Demut des Herzens vorangehen! Wo dies nicht der Fall ist, da kommt die Liebe nie und nimmer zum wahren und lebendigen Vorscheine. Verharre nur noch eine kleine Weile in solch einer rechten Zerknirschung deines Herzens vor Ihm! Wenn Er dich aber rufen wird, dann zaudere nimmer, eiligst zu Ihm hinzutreten!“
GEJ|4|77|12|0|Nach diesen Worten findet Zorel etwas mehr Beruhigung in sich, denkt aber dennoch sehr darüber nach, wie gut und selig es nun wäre, ohne Sünde vor den Heiligsten hinzutreten.
GEJ|4|78|1|1|78. — Der Weg zum ewigen Leben
GEJ|4|78|1|0|Ich aber sage zum Zorel zu seiner höchsten Überraschung und zu seinem größten Erstaunen: „Wer seine Gebrechen reuig bekennt und Buße wirkt in der wahren, lebendigen Demut seines Herzens, der ist Mir lieber denn neunundneunzig Gerechte, die der Buße noch nie bedurft haben. Komme daher nun zu Mir, du bußfertiger Freund; denn in dir waltet nun das rechte Gefühl der Demut, das Mir lieber ist denn das der Gerechten von Urbeginn an, die da in ihren Herzen rufen: ,Hosianna, Gott in der Höhe, daß wir Deinen heiligsten Namen niemals entheiligt haben durch eine Sünde mit unserem Wissen und Willen!‘ Das rufen sie wohl und haben auch ein Recht dazu; aber darum sehen sie auch einen Sünder mit richterlichen Augen an und fliehen seine Nähe wie die Pest.
GEJ|4|78|2|0|Sie gleichen den Ärzten, die selber von der vollsten Gesundheit strotzen, sich aber darum scheuen, dorthin zu gehen, wo ein Kranker um ihre Hilfe ruft, aus Furcht, etwa selbst krank zu werden. Ist da nicht ein Arzt besser und achtbarer, der keine Krankheit scheut und zu jedem Kranken hineilt, der ihn gerufen hat?! Wird er manchmal auch von einer Krankheit mitergriffen, so ärgert er sich nicht darob, hilft dennoch dem Kranken und sich selber auch. Und also ist es recht!
GEJ|4|78|3|0|Komme du darum nun nur zu Mir, und Ich werde dir zeigen, was dir Mein Jünger nicht zeigen konnte, nämlich den allein wahren Weg des Lebens und der Liebe und der wahren Weisheit aus ihr!“
GEJ|4|78|4|0|Auf diese Meine Worte bekam Zorel Mut und kam ganz langsamen Schrittes zu Mir.
GEJ|4|78|5|0|Als er bei Mir war, sagte Ich: „Freund, der Weg, der zum Leben des Geistes führt, ist ein dorniger und schmaler! Das will soviel sagen als: Alles, was dir in diesem Leben von seiten der Menschen auch immer Ärgerliches, Bitteres und Unangenehmes begegnen kann, das bekämpfe du mit aller Geduld und Sanftmut, und wer dir Übles tut, dem tue nicht wieder dasselbe zurück, sondern das Gegenteil, so wirst du glühende Kohlen über seinem Haupte sammeln! Wer dich schlägt, dem vergelte nicht Gleiches mit Gleichem, nimm lieber noch einen Schlag von ihm, auf daß Friede und Einigkeit zwischen euch sei und bleibe; denn nur im Frieden gedeiht das Herz und des Geistes Wachstum in der Seele.
GEJ|4|78|6|0|Wer immer dich um einen Dienst bittet oder um eine Gabe, dem verweigere nichts, vorausgesetzt, daß der von dir verlangte Dienst nicht den Geboten Gottes und den Gesetzen des Staates zuwider ist, was du schon gar wohl zu beurteilen imstande sein wirst.
GEJ|4|78|7|0|Bittet dich jemand um den Rock, da gib ihm auch noch den Mantel hinzu, auf daß er erkenne, daß du ein Jünger aus der Schule Gottes bist! Erkennt er das, so wird er dir den Mantel lassen; nimmt er ihn aber, so ist seine Erkenntnis noch äußerst schwach, und dir sei nicht leid um den Mantel, sondern darum, daß ein Bruder noch nicht erkannt hat die Nähe des Reiches Gottes.
GEJ|4|78|8|0|Wer dich bittet, eine Stunde mit ihm zu gehen, mit dem gehe zwei Stunden, auf daß ihm solche deine Bereitwilligkeit zu einem Zeugnis werde, aus welcher Schule der sein müsse, dem ein so hoher Grad von Selbstverleugnung eigen ist! Auf diese Weise werden sogar die Tauben und Blinden die rechten Winke bekommen, daß das Gottesreich nahe herbeigekommen ist.
GEJ|4|78|9|0|An euren Werken und Taten wird man es erkennen, daß ihr alle Meine Jünger seid! Denn leichter ist, recht predigen als recht tun. Was nützt aber das leere Wort, wenn es nicht Leben durch die Tat bekommt?! Was nützen dir die schönsten Gedanken und Ideen, so dir das Vermögen mangelt, sie je ins Werk zu setzen?! So nützen die schönsten und die wahrsten Worte ebenfalls nichts, wenn dir selbst nicht einmal der Wille eigen ist, sie vor allem ins Werk zu setzen. Das Werk allein hat den Wert; Gedanken, Ideen und Worte aber sind wertlos, wenn sie nicht irgend ins Werk gesetzt werden. Darum soll jeder, der gut predigt, auch selbst gut handeln, – sonst ist seine Predigt nicht mehr wert als irgendeine hohle Nuß!“
GEJ|4|79|1|1|79. — Von der Armut und der Nächstenliebe
GEJ|4|79|1|0|(Der Herr:) „Es gibt in der Welt eine große Menge der Gefahren für die Seele. Auf der einen Seite hast du die Armut; ihre Begriffe von Mein und Dein werden desto schwächer, je mehr ein Mensch von derselben gedrückt wird. Darum lasset unter den Menschen die Armut nie zu groß werden, wollet ihr sicheren Weges wandeln!
GEJ|4|79|2|0|Wer aber schon arm ist, der bitte die wohlhabenderen Brüder um eine nötige Gabe; stößt er an harte Herzen, so wende er sich zu Mir, und es soll ihm geholfen werden! Armut und Not entschuldigen den Diebstahl und den Raub nicht, und noch weniger den Totschlag eines Beraubten! Wer arm ist, der weiß nun, wohin er sich zu wenden hat.
GEJ|4|79|3|0|Es ist zwar die Armut eine gar große Plage für die Menschen, aber sie trägt den edlen Keim der Demut und wahren Bescheidenheit in sich und wird darum auch stets unter den Menschen verbleiben; dennoch aber sollen die Reichen sie nicht mächtig werden lassen, ansonst sie sehr gefährdet werden hier und dereinst auch jenseits.
GEJ|4|79|4|0|Wenn ihr unter euch Arme habt, so sage Ich es euch allen: Ihr brauchet ihnen nicht zu geben, daß auch sie reich würden; aber Not sollet ihr sie nicht leiden lassen! Die ihr sehet und kennet, denen helfet nach Recht und Billigkeit! Es wird aber noch gar viele geben auf dieser weiten Erde, die gar entsetzlich arm sind und eine übergroße Not leiden. Allein ihr kennet sie nicht und vernehmet auch nicht ihr Jammergeschrei; darum lege Ich sie euch auch nicht ans Herz, sondern die nur, die ihr kennet und die irgend zu euch kommen.
GEJ|4|79|5|0|Wer von euch ein Freund der Armen sein wird aus vollem Herzen, dem werde auch Ich ein Freund und ein wahrer Bruder sein, zeitlich und ewig, und er wird nicht nötig haben, die innere Weisheit von einem andern Weisen zu erlernen, sondern Ich werde sie ihm geben in aller Fülle in sein Herz. Wer seinen nächsten armen Bruder lieben wird wie sich selbst und wird nicht hinausstoßen eine arme Schwester, welchen Stammes und welchen Alters sie auch sei, zu dem aber werde Ich Selbst kommen allzeit und Mich ihm treulichst offenbaren. Seinem Geiste, der die Liebe ist, werde Ich's sagen, und dieser wird damit erfüllen die ganze Seele und ihren Mund. Was der dann reden oder schreiben wird, das wird von Mir geredet und geschrieben sein für alle Zeiten der Zeiten.
GEJ|4|79|6|0|Des Hartherzigen Seele aber wird ergriffen werden von argen Geistern, und diese werden sie verderben und sie einer Tierseele gleichmachen, wie sie dann auch jenseits also offenbar werden wird.
GEJ|4|79|7|0|Gebet gerne und gebet reichlich; denn wie ihr da austeilet, so wird es euch wieder zurückerteilt werden! Wer ein Hartherz besitzt, das wird von Meinem Gnadenlichte nicht durchbrochen werden, und in ihm wird wohnen die Finsternis und der Tod mit all seinen Schrecken!
GEJ|4|79|8|0|Aber ein sanftes und weiches Herz wird von Meinem Gnadenlichte, das gar zarter und übersanfter Wesenheit ist, gar bald und leicht durchbrochen werden, und Ich Selbst werde dann einziehen in ein solches Herz mit aller Fülle Meiner Liebe und Weisheit.
GEJ|4|79|9|0|Solches möget ihr wohl glauben! Denn diese Worte, die Ich zu euch nun rede, sind Leben, Licht, Wahrheit und vollbrachte Tat, deren Realität ein jeder erfahren muß, der sich danach kehren wird.“
GEJ|4|80|1|1|80. — Von der Fleischeslust
GEJ|4|80|1|0|(Der Herr:) „Also, die Armut haben wir nun durchgemacht und haben auch gesehen die feindlichen Dinge, die aus ihrer Überhandnahme zum Vorscheine kommen können; wir haben aber auch gesehen, wie ihr abzuhelfen ist und warum, und welche Vorteile dem Menschen aus der Befolgung dieser Meiner Belehrung an euch alle für jedermann erwachsen können. Und so wären wir mit dieser Plage und Ärgerlichkeit fertig und kommen nun daneben auf ein anderes Feld, das dem nun bearbeiteten zwar sehr wenig ähnlich sieht, aber dennoch mit ihm in einer nächsten Verbindung steht. Dieses Feld heißt: des Fleisches Lust.
GEJ|4|80|2|0|Darin liegt eigentlich das Hauptübel für alle Menschen mehr oder weniger begraben. Aus dieser Lust entspringen nahe alle leiblichen Krankheiten und gar alle Übel der Seele schon ganz sicher und vollends gewiß.
GEJ|4|80|3|0|Jede Sünde legt der Mensch leichter ab als diese; denn die anderen haben bloß nur äußere Motive, diese Sünde aber hat das Motiv in sich selbst und im sündigen Fleische. Daher sollet ihr eure Augen abwenden von den reizenden Gefahren des Fleisches auf so lange, bis ihr Meister über euer Fleisch geworden seid!
GEJ|4|80|4|0|Bewahret die Kinder vor dem ersten Fall und erhaltet ihnen ihre Schamhaftigkeit, so werden sie als Erwachsene dann ihr Fleisch leicht zu beherrschen haben und nicht leicht zu Falle kommen; aber einmal übersehen, – und des Fleisches böser Geist hat vom selben Besitz genommen! Kein Teufel aber ist schwerer aus dem Menschen zu vertreiben als eben der Fleischteufel; der kann nur durch vieles Fasten und Beten aus dem Menschen geschafft werden.
GEJ|4|80|5|0|Hütet euch darum, die Kleinen zu ärgern oder sie durch übermäßiges Putzen und durch reizende Kleidung zu reizen und fleischlich zu entzünden! Wehe dem, der sich also an der Natur der Kleinen versündigt! Wahrlich, dem wäre es wohl erklecklicher, so er nie wäre geboren worden!
GEJ|4|80|6|0|Den Frevler an der heiligen Natur der Jugend werde Ich Selbst züchtigen mit aller Macht Meines Zornes! Denn ist das Fleisch einmal brüchig geworden, dann hat die Seele keine feste Unterlage mehr, und ihre Vollendung geht schlecht vonstatten.
GEJ|4|80|7|0|Welche Arbeit ist es für eine schwache Seele, ein brüchiges Fleisch wieder zu heilen und ganz und narblos zu machen! Welche Angst steht sie dabei oft aus, so sie merket ihres Fleisches, ihres irdischen Hauses Brüchigkeit und Schwäche! Wer schuldet daran? Die schlechte Überwachung der Kinder und die vielen Ärgernisse, die den Kindlein durch allerlei gegeben werden!
GEJ|4|80|8|0|Namentlich aber ist die Sittenverderbnis in den Städten stets größer als auf dem Lande; darum machet einstens als Meine Jünger die Menschen darauf aufmerksam und zeiget ihnen die gar vielen bösen Folgen, die aus einem zu frühen Fleischbruche entstehen, so werden sich viele daran kehren, und es werden daraus gesunde Seelen zum Vorscheine kommen, in denen der Geist leichter zu erwecken sein wird, als es nun bei gar so vielen der Fall ist!
GEJ|4|80|9|0|Sehet an die Blinden alle, die Tauben, die Krüppel, die Aussätzigen, die Gichtbrüchigen; sehet weiter an alle die verschiedenartig bresthaften und mit allerlei Leibesübeln behafteten Kinder und erwachsenen Menschen! Alles Folgen einer zu frühen Fleischbrüchigkeit!
GEJ|4|80|10|0|Der Mann soll vor seinem vierundzwanzigsten Jahre keine Jungfrau anrühren – ihr wisset es, wie und wo es zu verstehen ist vor allem –, und die Jungfrau soll wenigstens vollkommen achtzehn Jahre zählen oder mindestens volle siebzehn; unter dieser Zeit ist sie nur notreif und soll keinen Mann erkennen! Denn vor dieser Zeit ist hie und da eine nur notreif; wird sie zu früh berührt von einem geilen Manne, so ist sie schon brüchigen Fleisches und zu einer schwachen und leidenschaftlichen Seele geworden.
GEJ|4|80|11|0|Es ist schwer, eines Mannes brüchiges Fleisch zu heilen, – aber noch um vieles schwerer das einer Jungfrau, so sie vor der Zeit brüchig geworden ist! Denn fürs erste wird sie nicht leichtlich ganz gesunde Kinder zur Welt bringen, und fürs zweite wird sie darauf von Woche zu Woche beischlafsüchtiger und am Ende gar eine Hure, die da ist ein elendester Schandfleck beim Menschengeschlechte, nicht so sehr für sich selbst, als vielmehr für jene, durch deren Nachlässigkeit sie dazu gemacht wurde.
GEJ|4|80|12|0|Wehe aber dem, der die Armut einer Jungfrau benützt und ihr Fleisch bricht! Wahrlich, für den wäre es auch besser, so er nie geboren worden wäre! Wer aber eine schon verdorbene Hure beschläft, anstatt durch die rechten Mittel sie von der Bahn des Verderbens abzuwenden und ihr auf den rechten Weg zu helfen, der wird dereinst vor Mir ein mehrfaches, strengstes Gericht zu bestehen haben; denn wer da schlägt einen Gesunden, der hat sich nicht so mächtig versündigt als einer, der einen Krüppel mißhandelt hat.
GEJ|4|80|13|0|Wer irgend beschlafen hat eine ganz reife und gesunde Jungfrau, der hat zwar auch gesündigt; aber da das dadurch angerichtete Übel von keinem besonders schädlichen Belange ist, besonders so beide Teile ganz gesund sind, so steht darauf nur ein kleineres Gericht. Wer aber aus purer, schon alter Geilheit einer noch so reifen Jungfrau das tut etwa also, wie er es täte einer Hure, ohne Zeugung einer lebendigen Frucht in der Jungfrau Schoße, der soll ein doppeltes Gericht zu bestehen haben; wenn er aber solches tut mit einer Hure, so soll er auch ein zehnfaches Gericht zu bestehen haben!
GEJ|4|80|14|0|Denn eine Hure ist eine in ihrem Fleische und in ihrer Seele vollkommen zerrüttete und zerbrochene Jungfrau. Wer ihr hilft aus solcher ihrer großen Not aus redlichem und Mir getreuem Herzen, der wird groß sein in Meinem Reiche dereinst. Wer eine Hure um einen schnöden Sold beschläft und sie noch schlechter macht, als sie früher war, der wird dereinst mit dem Lohne belohnt werden, mit dem ein jeder böswillige Totschläger belohnt wird im Pfuhle, der allen Teufeln und ihren Dienern bereitet ist.
GEJ|4|80|15|0|Wehe dem Lande, wehe der Stadt, wo die Hurerei getrieben wird, und wehe der Erde, wenn dies große Übel auf ihrem Boden überhandnehmen wird! Über solche Länder und Städte werde Ich Tyrannen zu Herrschern setzen, und diese werden den Menschen unerschwingbare Lasten auferlegen müssen, auf daß alles Fleisch hungere und ablasse von der frevelhaftesten Handlung, die nur immer ein Mensch an seinem armen Mitmenschen begehen kann!
GEJ|4|80|16|0|Eine Hure aber soll verlieren alle Ehre und Achtung sogar bei denen, die sie um den Schnödsold gebraucht haben, und ihr Fleisch soll in der Folge dazu noch behaftet werden mit allerlei unheilbarer oder wenigstens schwer heilbarer Seuche. Wenn sich aber eine ordentlich bessert, so soll sie bei Mir wieder in Gnaden angesehen werden!
GEJ|4|80|17|0|So aber irgendein Geiler zu anderen Befriedigungsmitteln greift außerhalb des von Mir im Schoße des Weibes gestellten Gefäßes, der wird schwerlich je zur Anschauung Meines Angesichtes gelangen! Moses hat zwar dafür die Steinigung angeordnet, die Ich zwar darum nicht völlig aufhebe, weil sie eine harte Strafe für dergleichen schon ganz dem Teufel verfallene Verbrechen und Verbrecher ist, sondern Ich erteile euch nur den väterlichen Rat, solche Sünder von den Gemeinden zu entfernen, sie vorerst einer großen Not an einem Orte der Verbannung preiszugeben und erst, wenn sie nahe nackt an die Grenzen des Heimatlandes kommen, sie wieder anzunehmen, sie dann in eine Seelenheilanstalt zu bringen und sie diese nicht eher verlassen zu lassen, bis solche Menschen in die vollste Besserung übergegangen sind. Wenn sie, vielfach erprobt, ihr Bessersein vollkommen an den Tag legen längere Zeit hindurch, so können sie zur Gesellschaft wieder zurückkehren; lassen sich aber nur irgend noch die allergeringsten Spuren von sinnlichen Anfechtungen erkennen, so bleiben sie lieber unter Gewahrsam ihr Leben lang, was um vieles besser und heilsamer ist, als so die unverdorbenen Menschen einer Gemeinde durch sie verpestet würden.
GEJ|4|80|18|0|Du, Zorel, warst in solcher Hinsicht eben auch nicht ganz rein; denn schon als Knabe warst du mit allerlei Unlauterkeit behaftet und warst ein ärgerliches Beispiel für deine Jugendgefährten. Aber es kann dir solches dennoch zu keiner Sünde gerechnet werden; denn du hattest keine jener Erziehungen bekommen, aus der du zu irgendeiner reinen Wahrheit gelangt wärst, die dir gezeigt hätte, was da nach der Ordnung Gottes vollkommen Rechtens ist. Das Bessere hast du erst einzusehen angefangen, als du bei einem Advokaten die Rechte der Bürger Roms kennengelernt hast. Von da an warst du zwar wohl kein Tiermensch mehr, aber sonst ein Gesetzesverdreher erster Klasse und betrogst deine Nächsten, wo es nur immer möglich war. Doch alles das ist vorbei, und du stehst nun nach deiner gegenwärtigen Erkenntnis als ein besserer Mensch vor Mir!
GEJ|4|80|19|0|Aber alles dessenungeachtet merke Ich dennoch, daß in dir noch viel fleischliche Geilheit vorhanden ist. Auf diese mache Ich dich besonders aufmerksam und rate dir, daß du dich in diesem Punkte sehr in acht nehmen sollst; denn wenn du einmal in einem etwas bessern Leben stecken wirst, so wird sich dein noch sehr durchlöchertes Fleisch in seiner noch lange nicht geheilten Brüchigkeit zu rühren anfangen, und du kannst dann deine Not haben, dasselbe zu beruhigen und endlich an selbem die alte Brüchigkeit völlig zu heilen. Hüte dich darum vor aller Übermäßigkeit; denn in der Un- und Übermäßigkeit ruht der Same der fleischlichen Wollust! Sei daher in allem mäßig, und laß dich niemals zur Unmäßigkeit im Essen wie im Trinken verleiten, ansonst du dein Fleisch schwer wirst bezähmen können!
GEJ|4|80|20|0|Und so haben wir nun denn auch das Feld des Fleisches so ein wenig durchgemacht, insoweit es nun für dich notwendig ist. Und nun wollen wir uns auf ein anderes Feld begeben, das bei dir auch als ein starkes bezeichnet werden kann!“
GEJ|4|81|1|1|81. — Vom rechten, gottgefälligen Geben
GEJ|4|81|1|0|(Der Herr:) „Dieses besteht in dem reinen Begriffe über Mein und Dein. Moses sagt: ,Du sollst nicht stehlen!‘ und wieder: ,Du sollst kein Verlangen tragen nach allem, was deines Nächsten ist, außer ein solches, das aller Gerechtigkeit entspricht!‘
GEJ|4|81|2|0|Du kannst deinem Nächsten wohl ganz redlich etwas abkaufen und es dann gerecht und vor allen Menschen ehrlich besitzen; aber jemandem wider seinen Willen geheim etwas entwenden, ist Sünde wider die von Gott durch Moses den Menschen gegebene Ordnung, weil so eine Handlung offenbarst gegen alle Nächstenliebe streitet. Denn was dir rechtlichermaßen unangenehm sein muß, so es dir ein anderer tut oder täte, das tue auch du deinem Nächsten nicht!
GEJ|4|81|3|0|Der Diebstahl entspringt zumeist der Eigenliebe, weil daraus hervorgehen die Trägheit, der Hang zum Wohlleben und zur Tatlosigkeit. Aus dem geht hervor eine gewisse Mutlosigkeit, die mit einer hochmütigen Scheu umlagert ist, der zufolge man sich zwar nicht zur etwas lästigen Bitte, aber desto eher zum geheimen Stehlen und Entwenden bequemt. Im Diebstahl ruhen sonach eine Menge Gebrechen, darunter die zu sehr emporgewachsene Eigenliebe der offenbarste Grund von den andern allen ist. Durch eine recht lebendige Nächstenliebe kann diesem Seelenübel am meisten entgegengewirkt werden zu allen Zeiten.
GEJ|4|81|4|0|Du denkst nun erklärlicherweise in deinem Gehirne: ,Nächstenliebe wäre leicht geübt, wenn man nur immer die Mittel dazu besäße! Aber unter hundert Menschen gibt es stets kaum zehn, die so gestellt sind, daß sie diese herrliche Tugend üben können; die neunzig sind zumeist solche, an denen diese Tugend von den zehn Vermögenden ausgeübt werden soll. So man aber nur durch die Ausübung der Nächstenliebe dem Laster der Dieberei kräftigst begegnen kann, da werden die neunzig Armen sich schon schwer ganz davor verwahren können; denn denen fehlen die Mittel, diese Tugend kräftigst zu üben.‘
GEJ|4|81|5|0|Du hast verstandesgemäß ganz richtig gedacht, und niemand kann dir mit dem Weltverstande etwas einwenden. Aber im Verstande des Herzens liesest du eine andere Sprache, und diese lautet: Nicht mit der Gabe nur werden die Werke der Nächstenliebe geübt, sondern vielmehr durch allerlei gute Taten und ehrliche und redliche Dienste, bei denen es am guten Willen natürlich nicht fehlen darf.
GEJ|4|81|6|0|Denn der gute Wille ist die Seele und das Leben eines guten Werkes; ohne den hätte auch das an und für sich beste Werk gar keinen Wert vor dem Richterstuhle Gottes. Hast du aber auch ohne alle Mittel den lebendig guten Willen, deinem Nächsten, so du ihn in irgendeiner Not erschauest oder triffst, so oder so zu helfen, und es wird dir darum schwer ums Herz, so du solches nicht vermagst, so gilt dein guter Wille bei Gott um sehr vieles mehr als das Werk eines andern, zu dem man ihn durch was immer erst hat verlocken müssen.
GEJ|4|81|7|0|Und hat ein Reicher eine ganz verarmte Gemeinde darum wieder auf die Füße gestellt, weil die Gemeinde ihm, so sie wieder wohlständig wird, den Zehent und eine gewisse Untertänigkeit zugesagt hat, so ist sein ganzes gutes Werk vor Gott gar nichts; denn er hat sich seinen Lohn schon genommen. Was er getan hat, das hätte des Gewinnes wegen auch ein jeder noch so wucherische Geizhals getan.
GEJ|4|81|8|0|Du siehst daraus, daß vor Gott und zum Vorteile des eigenen inneren, geistigen Lebens ein jeder Mensch, ob er reich oder arm ist, die Nächstenliebe üben kann; es kommt nur auf einen wahrhaft lebendig guten Willen an, demnach ein jeder mit aller Hingebung gerne tut, was er nur kann.
GEJ|4|81|9|0|Freilich wäre da der gute Wille allein auch nichts, so du ein oder das andere Vermögen wohl besäßest und es dir auch nicht am guten Willen fehlte, du nähmest aber dabei doch gewisse Rücksichten, teils auf dich selbst, teils auf deine Kinder, teils auf deine Anverwandten und teils noch auf manches andere, und tätest dem, der bedürftig vor dir steht, entweder nur etwas weniges oder mitunter auch gar nichts, weil man denn doch nicht allzeit wissen könne, ob der Hilfesucher doch nicht etwa ein fauler Lump sei, der der angesuchten Hilfe nicht würdig sei. Man täte da dann nur einen Lumpen in seiner Trägheit unterstützen und entzöge dadurch die Unterstützung einem Würdigeren! Kommt aber ein Würdigerer, so trägt man dann auch dieselben Bedenken; denn man kann es ja doch nicht mit völliger Bestimmtheit wissen, daß dieser ein völlig Würdiger ist!
GEJ|4|81|10|0|Ja, Freund, wer sich beim Wohltun, selbst beim besten Willen, also besinnt, ob er etwas Erkleckliches tun solle oder nicht, dessen guter Wille ist und hat noch lange nicht das rechte Leben; darum zählen bei ihm weder der gute Wille noch die guten Werke etwas Besonderes vor Gott. Wo das Vermögen ist, müssen der Wille und die Werke gleich sein, sonst benimmt eines dem andern den Wert und die Lebensgeltung vor Gott.
GEJ|4|81|11|0|Was du aber tust oder gibst, das tue und gib mit vielen Freuden; denn ein freundlicher Geber und Täter hat einen Doppelwert vor Gott und ist der geistigen Vollendung auch ums Doppelte näher!
GEJ|4|81|12|0|Denn des freundlichen Gebers Herz gleicht einer Frucht, die leicht und früh reif wird, weil sie in sich eine Fülle der rechten Wärme hat, die zum Reifmachen einer Frucht von höchster Notwendigkeit ist, weil in der Wärme das entsprechende Element des Lebens, weil der Liebe, waltet.
GEJ|4|81|13|0|Also ist des Gebers und Täters Freudigkeit und Freundlichkeit eben jene nicht genug zu empfehlende Fülle der rechten innern, geistigen Lebenswärme, durch die die Seele für die Vollaufnahme des Geistes in ihr ganzes Wesen mehr denn ums Doppelte eher reif wird und auch werden muß, weil eben diese Wärme ein Übergehen des ewigen Geistes in seine Seele ist, die durch solchen Übergang ihm stets ähnlicher gemacht wird.
GEJ|4|81|14|0|Ein sonst aber noch so eifriger Geber und Wohltäter ist von dem Ziele der wahren innern, geistigen Lebensvollendung um so entfernter, je saurer und unfreundlicher er beim Geben und Tun ist; denn das unfreundliche und saure Gebaren beim Geben hat noch etwas materiell Weltliches in sich und ist darum vom rein himmlischen Elemente um sehr vieles entfernter denn das freudige und freundliche.
GEJ|4|81|15|0|Also sollst du beim Geben oder Tun auch nicht ernste und oft bittere Ermahnungen mitgeben; denn diese erzeugen bei dem armen Bruder oft eine bedeutende Traurigkeit, und er fängt dann an, sich im Herzen sehr danach zu sehnen, von dem ihn stets mit ernster Miene ermahnenden Wohltäter ja nichts mehr annehmen zu müssen. Den Wohltäter aber machen solche unzeitige Ermahnungen nicht selten so ein wenig stolz, und der Bewohltätigte fühlt sich dadurch zu tief unter die Füße des Wohltäters geworfen und fühlt dann erst so recht seine Not vor dem Wohlstande des Wohltäters, und da ist es, wo das Nehmen bei weitem schwerer denn das Geben wird.
GEJ|4|81|16|0|Wer Vermögen und einen guten Willen hat, der gibt leicht; aber dem armen Nehmer wird schon beim freundlichsten Geber bange, so er sich durch seine Armut genötigt sieht, dem noch so freundlichen Wohltäter zur Last fallen zu müssen. Wie schwer muß ihm aber erst ums Herz werden, so der Wohltäter ihm mit einem grämlichen Gesicht entgegentritt und ihm noch vor der Wohltat mehrere weise Lehren zukommen läßt, die für den Bewohltätigten in der Zukunft zu schmerzlichen Hemmschuhen werden, in einem Notfalle noch einmal vor die Tür des Mahnpredigers zu kommen, weil er bei einem zweiten Kommen noch eine weisere, längere und somit eindringlichere Predigt erwartet, die nach seinem Verständnisse allenfalls soviel sagt als: ,Komme du mir ja nicht sobald – oder auch gar nie wieder!‘, obwohl der Geber sicher nicht und nie im entferntesten Sinne daran gedacht hat.
GEJ|4|81|17|0|Eben darum aber hat ein freudiger und freundlicher Geber einen so großen Vorzug vor dem grämlichen Mahnprediger, weil er das Herz des Nehmers tröstet und erhebt und in eine dankbare Stimmung versetzt. Auch erfüllt es den Nehmer mit einem liebevollen und gedeihlichen Vertrauen gegen Gott und gegen Menschen, und sein sonst so schweres Joch wird ihm zu einer leichteren Bürde, die er dann mit mehr Geduld und Hingebung trägt, als er sie zuvor getragen hat.
GEJ|4|81|18|0|Ein freudiger und freundlicher Wohltäter ist einem armen und notleidenden Bruder gerade das, was dem Schiffer auf sturmbewegtem Meer ein sicherer und freundlicher Hafen ist. Aber ein grämlicher Wohltäter in der Not gleicht nur einer dem Sturme weniger ausgesetzten Meeresbucht, die den Schiffer wohl vor einer gänzlichen Strandung sichert, aber ihn danebst stets in einer spannenden Furcht erhält, ob nicht eine unheimliche und sehr verderbliche Springflut die Bucht nach dem Sturme, wie es dann und wann geschieht, heimsuchen könnte, die ihm dann einen größeren Schaden bringen könnte als zuvor des hohen Meeres Sturm.
GEJ|4|81|19|0|Jetzt weißt du auch vollkommen nach dem Willensausmaße Gottes, wie die wahre und die geistige Vollendung einer leicht und ehest zu bewerkstelligenden Nächstenliebe beschaffen sein muß; tue danach, so wirst du auch leicht und ehest das allein wahre Lebensziel erreichen!“
GEJ|4|82|1|1|82. — Demut und Hochmut
GEJ|4|82|1|0|(Der Herr:) „Aber nun kommt noch ein gar überaus wichtiges Lebensfeld, auf dem man dann erst so ganz zur vollen Wiedergeburt des Geistes in seiner Seele gelangen kann, was da ist des Lebens wahrster Triumph und höchstes Endziel. Dieses Feld ist der schnurgeradeste Gegensatz zum Stolz und Hochmut und heißt – Demut.
GEJ|4|82|2|0|In einer jeden Seele aber liegt gleichfort ein Hoheitsgefühl und Ehrgeiz, der bei der geringsten Gelegenheit und Veranlassung sich nur zu leicht zu einer alles zerstörenden Zornleidenschaft entflammt und nicht eher zu dämpfen oder gar vollauf zu löschen ist, als bis er die ihn beleidigenden Opfer verzehrt hat. Durch diese gräßliche Leidenschaft aber wird die Seele so zerstört und materievoll, daß sie für eine innerliche, geistige Vollendung noch um vieles untauglicher wird – als der großen Wüste Afrikas glühender Sand zur Stillung des Durstes!
GEJ|4|82|3|0|Bei der Leidenschaft des elenden Hochmutes wird am Ende die Seele selbst zum glühenden Wüstensand, über dem auch nicht ein elendstes Moospflänzchen erwachsen kann, geschweige irgendeine andere saftvollere und gesegnetere Pflanze. So die Seele eines Hochmütigen! Ihr wildes Feuer versengt und verbrennt und zerstört alles Edle, Gute und Wahre des Lebens vom Grunde aus, und tausendmal Tausende von Jahren werden vergehen, bis Afrikas Sandwüste sich in freundliche und segentriefende Fluren umgestalten wird. Da wird noch gar oftmals das ganze Meer seine Fluten darüber treiben müssen!
GEJ|4|82|4|0|Siehe an einen stolzen König, der durch irgendeine kleine Sache von seinem Nachbar beleidigt wurde! Seine Seele gerät darauf stets mehr und mehr in den wüstesten Brand; aus seinen Augen sprühen schon lichterlohe Zornflammen, und die unwiderrufliche Losung heißt: ,Die furchtbarste Rache dem ehrvergessenen Beleidiger!‘ Und ein verheerendster Krieg, in dem sich Hunderttausende für ihren stolzen und übermütigen König auf die elendeste Weise zerfleischen lassen müssen, ist die altbekannte, traurigste Folge davon. Mit großem Behagen schaut dann der zornentflammte König aus seinem Zelte dem tollsten Schlachten und Morden zu und belohnet stolz jeden wütendsten Krieger mit Gold und Edelsteinen, der dem bekriegten Gegenteile irgendeinen größten und empfindlichsten Schaden hatte zufügen können.
GEJ|4|82|5|0|Wenn ein solcher König seinen Beleidiger schon nahe bis aufs letzte Hemd beraubt hat mit seiner überwiegenden Macht, so ist ihm das noch viel zu wenig! Ihn selbst will er vor sich noch auf das allergrausamste martern sehen! Dagegen nützet kein Bitten und kein Flehen etwas. Und ist der Beleidiger auch vor des stolzen Königs Augen unter den peinlichsten und schmerzlichsten Martern gestorben, so wird dessen Fleisch noch dazu allergräßlichst verflucht und den Raben zum Fraße ausgestreut, und nimmer kehrt in das diamantene Herz eines solchen Königs irgendeine Reue zurück, sondern der Zorn oder die glühende Wüste Afrikas bleibt, einem jeden gleichfort den fürchterlichsten Tod bringend, der es je wagen sollte, auch nur der Stelle, wo irgend der stolze König stand, nicht die höchste Ehre zu bezeigen.
GEJ|4|82|6|0|Ein solcher König hat freilich wohl auch noch eine Seele; aber wie sieht diese aus? Ich sage es dir: ärger denn die glühendste Stelle der großen Sandwüste Afrikas! Meinst du wohl, daß solch eine Seele je zu einem Fruchtgarten der Himmel Gottes wird umgewandelt werden können? Ich sage es dir: Tausendmal eher wird Afrikas Wüste die herrlichsten Datteln, Feigen und Trauben tragen, denn solch eine Seele auch nur einen kleinsten Tropfen der himmlischen Liebe!
GEJ|4|82|7|0|Daher hütet euch alle vor allem vor dem Hochmut; denn nichts in der Welt zerstört die Seele mehr als der stets zornschnaubende Hochmut und Stolz! Ein immerwährender Rachedurst ist gerade also sein Begleiter, wie der ewige und unlöschbare Regendurst der großen, glühenden Sandwüste Afrikas steter Begleiter ist, und alles Getier, das seine Füße auf diesen Boden setzt, wird ebenfalls nur zu bald von derselben Plage ergriffen, so wie die Dienerschaft des Stolzen am Ende selbst ganz ungeheuer stolz und auch rachedurstig wird. Denn wer dem Stolze ein Diener ist, muß ja am Ende selbst stolz werden; wie könnte er sonst dem Stolzen ein Diener sein?!“
GEJ|4|83|1|1|83. — Die Erziehung zur Demut
GEJ|4|83|1|0|(Der Herr:) „Wie aber kann sich denn ein Mensch vor dieser allerbösesten Leidenschaft verwahren, da doch in einer jeden Seele der Keim dazu vorhanden ist und schon gar oft bei den Kindern einen beträchtlichen Wucherhöhepunkt erreicht hat? Durch die Demut allein ist dieses möglich!
GEJ|4|83|2|0|Und es ist auf dieser Erde eben darum die Armut so überwiegend groß vor der Wohlhabenheit der Menschen, um dadurch den Hochmut gleichfort am scharfen Zügel zu haben. Versuche du, einem ärmsten Bettler eine Königskrone aufzusetzen, und du wirst dich alsbald überzeugen, wie seine frühere Demut und Geduld mit mehr denn Blitzesschnelle verdampft sein wird. Und es ist darum sehr gut, daß es sehr wenig Könige und sehr viele demütige Bettler gibt.
GEJ|4|83|3|0|Eine jede Seele hat, angestammt von Gott aus, dessen Idee und Wille sie ist, ein Hoheitsgefühl, dessen Dasein man schon an der Kinder Schamhaftigkeit gar wohl merken kann.
GEJ|4|83|4|0|Das Schamhaftigkeitsgefühl der Kinder ist eine Empfindung der Seele, sowie sie sich einmal zu fühlen anfängt, durch die sich stumm die Unzufriedenheit kundgibt, da sich die Seele als ein Geistiges mit einem plumpen und ungefügigen Fleische umkleidet sieht, dessen sie ohne Schmerzen nicht los werden kann; je zarter und sensitiver der Körper einer Seele ist, desto stärker wird auch ihr Schamhaftigkeitsgefühl sein. Wenn nun ein rechter Erzieher der Kleinen es versteht, dieses unvertilgbare Gefühl zur rechten Demut zu lenken, so schafft er aus diesem Gefühle dem Kinde einen Schutzgeist und stellt es auf den Weg, auf welchem fortwandelnd es leicht zur frühen geistigen Vollendung gelangen kann; aber eine nur ein klein wenig schiefe Leitung dieses angestammten Gefühls kann sogleich auf den Hochmut und Stolz hinüberlenken.
GEJ|4|83|5|0|Das Schamhaftigkeitsgefühl in den sogenannten Kinderehrgeiz hinüberzulenken, ist schon hoch gefehlt; denn da fängt ein Kind gleich an, sich als ein vorzüglicheres zu denken denn ein anderes. Es wird leicht beleidigt und gekränkt und weint darum ganz bitterlich; in diesem Weinen gibt es klar und deutlich kund, daß es in seinem Hoheitsgefühle von jemand verletzt worden ist.
GEJ|4|83|6|0|Suchen nun schwache und sehr kurzsichtige Eltern das beleidigte Kind dadurch zu besänftigen, daß sie, wenn auch nur zum Scheine, den Beleidiger des Kindes zur Verantwortung und zur Strafe ziehen, so haben sie bei dem Kind schon den ersten Keim zur Stillung des Rachedurstes gelegt; und so die Eltern ihr Kind gleichfort auf dieselbe Weise besänftigen, so erziehen sie aus demselben nicht selten einen Teufel für sich und für viele andere Menschen. Wo aber die Eltern klug sind und dem Kind schon frühzeitig stets den größeren Wert in den andern Menschen und Kindern erschauen lassen und so das Schamhaftigkeitsgefühl in eine rechte Demut hinüberlenken, da werden sie aus ihren Kindern Engel ziehen, die später als wahre Lebensvorbilder den andern, gleich den schönsten Sternen in der Nacht des Erdenlebens, voranleuchten und sie erquicken werden mit ihrer Sanftmut und Geduld.
GEJ|4|83|7|0|Da aber Kinder nur selten eine solche Erziehung erhalten, durch die ihr Geist in ihrer Seele erweckt würde, so hat dann der erwachsene und zur reineren Erkenntnis gelangte Mensch vor allem darauf zu sehen, daß er sich der wahren und rechten Demut befleißige aus allen seinen Kräften. Bevor er nicht den letzten Rest eines Hochmutsgefühles getilgt hat, kann er weder hier noch jenseits in eine völlige Vollendung des rein geistigen Himmelslebens übergehen.
GEJ|4|83|8|0|Wer da sich selbst erproben will, ob er in der Demut ganz vollendet ist, der frage sein Herz, ob er noch durch irgend etwas beleidigt werden kann, und ob er seinen größten Beleidigern und Verfolgern leicht aus vollem Herzen vergeben kann und Gutes tun denen, die ihm Arges zugefügt haben, ob er gar keine Sehnsucht nach irgendeiner Weltherrlichkeit dann und wann fühlt, ob es ihm angenehm ist, als der Geringste unter den Geringen sogar sich zu fühlen, um jedermann in allem dienen zu können! Wer das alles ohne Trauer und Wehmut vermag, der ist schon hier ein Einwohner der höchsten Himmel Gottes und wird es bleiben in Ewigkeit; denn durch solch eine gerechte Demut wird nicht nur die Seele völlig eins mit ihrem Geiste, sondern auch zum größten Teile der Leib.
GEJ|4|83|9|0|Daher wird solch ein Mensch den Tod des Leibes auch nie fühlen und schmecken, weil der gesamte ätherische Leibesteil – als der eigentlich naturlebige – schon diesseits mit der Seele und ihrem Geiste unsterblich geworden ist.
GEJ|4|83|10|0|Durch den physischen Tod wird nur das gefühl- und leblose Schattenwerk von der Seele abgelöst, was der Seele kein Bangen und keinen weiteren Schmerz verursachen kann, weil alles Gefühlslebendige des Leibes sich schon lange ganz mit der Seele geeinigt hat; und alsonach kann ein so vollendetgestaltiger Mensch denn auch den Abfall des ohnehin immer gefühllosen und somit toten, äußern Schattenleibes ebensowenig verspüren, als so man seinem Leibe bei dessen vollen Naturlebzeiten die Haare abschneidet oder die Nägel, wo sie übers Fleisch hinausgewachsen sind, oder den Wegfall einer Hautschuppe, die sich hie und da von der ohnehin unfühlbaren Oberhaut des Leibes ablöst. Denn was am Leibe nie ein Gefühl hatte, das kann auch beim gänzlichen Austritt der Seele aus dem Leibe keine Empfindung haben, weil alles Empfindsame und Lebendige des Leibes sich zuvor schon ganz mit der Seele vereinigt hat und mit ihr nun ein Wesen ausmacht, das nimmer von ihr getrennt wird.
GEJ|4|83|11|0|Du sahst jetzt, was die rechte Demut ist, und was sie bewirkt, und so wirst du dich in der Folge dieser Tugend befleißigen! Wer nun dies dir von Mir Gesagte getreust befolgt, der wird sich in sich selbst überzeugen, daß diese leichtfaßlichen Worte, wenn auch ohne allen rednerischen, leeren Prunk gegeben, nicht von einem Menschen, sondern von Gott herkommen. Und wer danach lebt und handelt, der wandelt auf dem rechten Wege zur wahren innersten, geistigen Lebensvollendung. – Nun aber sage du Mir auch, ob dir das alles wohl so ganz klar und einleuchtend geworden ist!“
GEJ|4|84|1|1|84. — Zorels gute Vorsätze
GEJ|4|84|1|0|Sagt Zorel, ganz zerknirscht vor Verwunderung über die hohe Wahrheit und Reinheit dieser Meiner etwas gedehnten praktischen Lebenslehre: „Herr und ewiger Meister alles Seins und Lebens! Ich für meine Person habe Dich aus dieser Deiner Lehre auch ohne die vorhergehende praktische Lebensübung erkannt, – daß solches aus Deinem Munde kein Mensch, sondern nur ein Gott, der Himmel und diese Erde und den Menschen erschaffen hat, geredet hat; desto intensiver aber werde ich auch alles praktisch in mein Leben übertragen, was Du, o Liebe der Liebe, mich nun gnädigst gelehret hast!
GEJ|4|84|2|0|Verstanden habe ich alles; denn es kam mir merkwürdigermaßen vor, als hätte ich ähnliche Worte schon irgendwo einmal vernommen und sie auch praktiziert. Aber es kann das nur so in einem Traume gewesen sein; denn im wirklichen Leben wüßte ich wahrlich nicht, wo und wann mir je solch eine Gnade wäre zuteil geworden! Sonderbar aber bleibt es immer, wie mich ein jedes Wort aus Deinem heiligen Munde gar so bekannt und überaus freundlich angeregt hat! Es war mir darum auch alles gar so verständlich! Aber sei ihm nun wie ihm wolle, – solche Worte und solche Lehren, die alles, was im Menschen irgend Leben heißet, so tief, wahr und treu berühren, sind von eines sterblichen Menschen Munde noch nie ausgesprochen worden!
GEJ|4|84|3|0|Wer nach diesen Worten noch nicht den rechten Weg zu seiner innern, geistigen Lebensvollendung finden sollte und nicht den mächtigen Trieb in sich bekäme, all sein Tun und Lassen genau danach einzurichten, der müßte wahrlich entweder gar kein Mensch sein, oder er müßte sich gar mächtig in die dumme, tote Welt hineingelebt haben, und seine Seele müßte ganz diamanten geworden sein, ansonst es wohl gar nicht zu denken wäre, wie ein Mensch, der diese Lehre gehört und begriffen hat, nicht auch sein ganzes Leben danach einrichten würde, da er doch den dadurch zu erreichenden Endzweck so hell und klar wie die Sonne am Mittage vor sich sehen müßte! Ich will mich aber damit nicht rühmen, als hätte ich schon etwas erreicht; aber eine helle, ins Lebensbewußtsein eindringende und vollkommen klare Anschauung der reinsten Wahrheit solcher Lehre ist doch auch schon etwas, das da – für mich wenigstens – einen schon ganz bedeutenden Lebenswert hat.
GEJ|4|84|4|0|Wer aber diese heilige Sache einmal so hell einsieht wie ich, der wird doch samt mir nicht mehr der Narr sein und sich bei all solcher lebendigster Einsicht und Erkenntnis lieber in alle Kotlachen und Pfützen der Welt stürzen, um den stinkenden Schlamm herauszufischen, an dem er am Ende ersticken müßte, als zu besteigen die lichten Höhen des Horeb und Libanon und dort zu sammeln die heilsamen Kräuter, die die kranke Seele heilen und völlig gesund machen zum ewigen Leben. Ich verstehe unter den heilsamen Kräutern auf den lichten Höhen Horebs und Libanons die Werke, die man nur auf der lichtvollsten Höhe der Wahrheitserkenntnis Deiner Lehre, o Herr, findet, das heißt, durch das Handeln nach dem Worte, das man aus Deinem Munde vernommen hat. Unter ,Horeb‘ und ,Libanon‘ aber verstehe ich das Göttlich-Wahre und das Göttlich-Gute, – das ist so nach meinem Verstande die Bedeutung.
GEJ|4|84|5|0|Groß, heilig und über alles erhaben bist Du, o Herr, der Du hier vor mir stehest, – aber nie größer, heiliger und erhabener als in den Menschen, die Deine Liebe und Weisheit zu Deinen Kindern umgewandelt hat!
GEJ|4|84|6|0|Siehe, Herr, es muß ja auch für Dich die größte Freude sein, so ein vorher bloß menschförmiges Geschöpf Dein Vaterwort zu hören und zu verstehen beginnt, ja endlich sogar frei aus sich den unwandelbaren Entschluß faßt, also zu wandeln und zu handeln, um zu jener geheiligten Vollendung zu gelangen, die Du als Gott, Schöpfer, Vater und Lehrer zum seligsten Ziele gesetzt hast!
GEJ|4|84|7|0|Wie groß muß Deine Vaterfreude erst dann sein, so ein Mensch die Vollendung in Deiner heiligen Ordnung erreicht hat! Aber wie groß muß dann auch die Freude eines Kindes sein, das in und aus seiner geschöpflichen Nichtigkeit in der Fülle seiner wahren Demut in seiner inneren Vollendung endlich Dich Selbst als den wahren und einzigen Vater erkannt hat! Den himmlischen Engelsgeist möchte ich wohl kennenlernen, der mit der sonnenhellsten Phantasie mir solch eine Freude beschreiben könnte, – und denjenigen, der nun aus dieser seiner gegenwärtigen geistigen Verarmung solche Tiefe einer solchen Phantasie zu fassen vermöchte also, wie sie als nur einigermaßen gelungen zu fassen wäre! Ich habe wohl so ein dumpfes Vorgefühl, – ja, es kommt mir nun wieder gerade also vor, als hätte ich irgendwie in einem Traume einmal etwas Ähnliches gefühlt; aber das scheint dennoch alles nur so eine selige Rückwirkung von dem zu sein, was Deine Lehre, o Herr, in meinem Herzen und in meinem Willen geschaffen hat!
GEJ|4|84|8|0|Es ist die Freude eines Säemanns, der das frohe Bewußtsein hat, daß sein Acker einmal von allem Unkraute gereinigt und in seine Furchen ein reinster Same gelegt wurde, der ganz gewiß auf eine segensreichste Ernte die schönste Hoffnung erweckt.
GEJ|4|84|9|0|Mein Acker ist nun gut, was Du, o Herr, sicher gesehen hast, ansonst Du nicht so verschwenderisch den reinsten Samen hineingestreut hättest. Dies Bewußtsein aber mag in mir eben das mir unbeschreibliche Wonnegefühl erzeugen; denn ich bin ja des Erfolges sicher, weil ich der Möglichkeit so gut als vollkommen sicher bin, daß ich Dein heilig Wort in mir zur vollsten Realität bringen werde. Ist aber die Ursache einmal vollendet da, so kann die große, heilige Wirkung nicht unterm Wege bleiben. Ich aber will keine Halbheit, sondern das vollendete Ganze; daher soll bei mir in meinem Handeln auch nie eine Halbheit, sondern solch ein Ganzes wie Dein Wort werktätig zum Vorscheine kommen!
GEJ|4|84|10|0|Habe ich doch als Lump etwas Ganzes leisten können, wo ich keinen Erfolg als irgend gesegnet nur mit einiger Sicherheit zu erwarten hatte; nur ein etwas arger Luftzug, und alle meine noch so vorteilhaften Hoffnungen lagen im Meeresgrunde! Und doch kann mich niemand je irgendeiner Lauheit zeihen und mir nie irgendeine Halbheit nachweisen. Konnte ich aber schon als Lump etwas Ganzes sein, oft auch ohne alle Aussicht auf irgendeinen nur halbwegs günstigen Erfolg, um wieviel mehr werde ich nun auf diesem Wege jede Halbheit zu vermeiden verstehen und meine Gedanken, Worte und Taten von dem abwenden, was die Welt verlangt; denn sie hat mich lange genug am Narrenseile herumgeführt.
GEJ|4|84|11|0|Kein Keim von einem Weltgedanken und keine Spur von einer Welttat soll in mir mehr vorkommen, das heißt, nach meinem einmal gefaßten Willen sicher nimmer! Für das aber, was ich nicht handhaben kann, als da sind die ordentlichen Bedürfnisse meines Leibes, kann ich natürlich wohl nicht stehen; denn diese stehen, o Herr, in Deiner allmächtigen Willenshand. Aber meine Gedanken, meine Ideen, meine Worte und meine Handlungen sollen mir dereinst das Zeugnis geben, daß auch ein Grieche sein Wort und seinen einmal gefaßten Vorsatz halten kann!
GEJ|4|84|12|0|Es kann auch sein, daß ich in dieser meiner seligen Gemütsaufloderung manches zu voreilig gesprochen habe; aber es macht das nichts! Vergessen wird es Zorel nicht, was er nun geredet hat; und vergißt er es nicht, so handelt er auch strenge danach – und sollte es ihm sein irdisches Leben kosten! Seit ich nun klarst weiß und lebendigst fühle, daß es nach dem Abfalle dieses Fleischlebens überaus sicher und wahr noch ein anderes, unvergleichbar vollkommeneres Leben gibt und geben muß, ist mir dieses Fleischleben um eine hohle Nuß feil! Habe ich mein Leben doch so oft um einen nichtigen, irdischen Gewinn in die Schanze schlagen müssen, – warum nun da nicht, wo ich des Gewinnes sicherer bin denn dessen, daß ich nun denke, fühle und rede?!
GEJ|4|84|13|0|Oh, ich rede nun nicht wie irgendein berauschter Narr, sondern mit den nüchternsten Sinnen von der Welt rede ich solches zu einem Zeugnisse, daß ich die Fülle der Wahrheit des Wortes Gottes begriffen und verstanden habe! Daß ich's aber in der Fülle verstanden habe, beweist, daß ich nun mein irdisches Leben für diese heiligste Wahrheit in die Schanze schlagen will, – was ich nun nicht etwa darum also rede, um meinen Worten vor euch ein gewisses rednerisches Ansehen zu verleihen, sondern ich rede, wie es mir nun wahrhaft ums Herz ist.
GEJ|4|84|14|0|Wohl gibt es Menschen, die, von der außerordentlichen Gelegenheit ergriffen und hingerissen, auch also reden, als wollten sie schon am nächsten Tage die ganze Erde in einen Garten umgestalten; wenn aber dann die Gelegenheit vorüber ist, da denken sie über all das Gesehene und Gehörte wohl nach, aber mit den Entschlüssen zum Handeln wird's von Tag zu Tag lauer, und die alten, dummen Gewohnheiten treten bald wieder an die Stelle der neuen Entschließungen. Bei mir aber ist das noch nie der Fall gewesen; denn hatte ich einmal etwas als Wahrheit erkannt, so handelte ich auch so lange strenge danach, bis ich mir von etwas Besserem eine volle Überzeugung verschafft hatte.
GEJ|4|84|15|0|Meine früheren Handlungen standen in keinem Kontraste zu meinen Lebensansichten, die vor dem Forum sogar der reinsten und zum großen Teile philanthropisch (menschenfreundlich) eingestellten Weltvernunft durchaus nicht verwerflich waren. Wie aber konnte ich's auch nur ahnen, daß ich mit dem ewigen Meister alles Seins und Lebens je in dieser Welt in eine leibhaftige Berührung kommen würde, vor dessen reinster Weisheit und wahrhaftester Lebensanschauung und – bestimmung meine Vernunftansichten so wie Wachs vor der Sonne zerflossen! Aber das Unglaublichste ist geschehen: Der Gott in aller Fülle Seiner ewigen Macht- und Weisheitsvollkommenheit steht vor uns allen und lehrt uns des Menschen und seines Lebens nicht nur zeitliche, sondern ewige Bestimmung mit so handgreiflich klaren Worten, daß man sie schon als nahe ein Blinder und Tauber bis auf den Grund des Grundes verstehen muß! Und da kann man denn doch nicht umhin, einen Lebensentschluß zu fassen, von dem mich auch eine in Trümmer zerstoßene Welt ewig nicht abbringen würde!
GEJ|4|84|16|0|Ja, Menschen, die da nichts als eitel feige Memmen sind, die werden sich allzeit nach der Welt mehr richten als nach der heiligsten Wahrheit aus dem Munde des allein wahren Gottes; denn die Welt hat ja auch Vorteile für die Zeit und Gold, Silber und Edelsteine! Um solchen Kot lassen die schwachen Menschen Gott bald einen guten Mann sein; denn Er läßt ihnen ja kein Gold und kein Silber aus den Wolken regnen. Ich aber habe nun das reinste Gold der wahren Himmel Gottes kennengelernt und verachte daher schon jetzt aus dem tiefsten Grunde meines Lebens diesen verlockenden Kot der Erde! Du, allmächtiger Herr der Ewigkeit, aber strafe mich nun, so ein Wort falsch ist, das nun meinen Mund verlassen hat!
GEJ|4|84|17|0|Dich, hoher Cyrenius, aber habe ich nur in meiner Dummheit und geistigen Armut um eine Unterstützung angefleht; jetzt aber nehme ich meine ungeschickte Bitte zurück! Denn wo ich der Himmel Schätze in einem so reichlichsten Maße gefunden habe, da bedarf ich der irdischen nicht mehr; auch meinen Acker und meine verbrannte Hütte brauche ich nicht mehr, da ich Gottes Hütte in meinem Herzen erkannt und gesehen habe. Verkaufet alles und bezahlet die, denen ich irdisch etwas schulde! Ich aber werde arbeiten und den Menschen in allem, was vor Gott recht ist, dienen; denn ich kann ja arbeiten, habe mir die Zeit meines Lebens hindurch so manche Fertigkeiten erworben und bin darum ein brauchbarer Mensch. Nur so viel Zeit wird man mir doch überall gönnen, daß ich dem in meinem Handeln entsprechen kann, wozu ich mich nun für alle meine Zeit und für ewig bestimmt habe?!“
GEJ|4|84|18|0|Sage Ich: „Weil Ich deine Seele wohl kannte, so habe Ich dich im Geiste auch berufen, ansonst du nicht hierhergekommen wärest; da du nun aber so sehr umgestaltet worden bist, so ist für dich auch schon für weiterhin gesorgt. Du wirst Mir auch ein gutes Rüstzeug sein für die Griechen an den Küsten von Kleinasien und auch bei denen in Europa. Dort gibt es gar manche, die nach dem Lichte schmachten und keines von irgendwoher erhalten können. Vorderhand aber bist du im Hause des Kornelius aufgenommen, der ein Bruder des Cyrenius ist. Von selbem Hause aus wirst du mit allem versehen werden. Wann es aber an der Zeit sein wird, daß du hinausgehest und den Völkern bekanntmachest Meinen Namen, werde Ich dir zur rechten Zeit bekanntgeben. Nun aber hast du alles, dessen du benötigest; ein mehreres wird dich der Geist der Wahrheit lehren. Wenn du zu reden haben wirst, wirst du nicht not haben nachzudenken, sondern zur Stunde wird es dir ins Herz und in den Mund gelegt werden, und die Völker werden dich hören und werden preisen Den, der dir solche Weisheit und Macht gegeben hat.“
GEJ|4|85|1|1|85. — Zorel wird Kornelius anvertraut
GEJ|4|85|1|0|(Der Herr:) „Nun aber ist es Abend geworden, und unser Wirt Markus hat das Abendmahl bereitet, und da wir an dir nun noch einen guten Fang gemacht haben, so werden wir uns nun das Abendmahl auch so gut als auf dieser Erde möglich schmecken lassen; in Meinem Reiche jenseits wird es dereinst schon besser gehen! Nach dem Abendmahle aber werden wir uns nicht mit dem Schlafen abgeben, sondern mit etwas ganz anderem, und morgen, bevor noch die Sonne aufgehen wird, werden wir uns trennen auf eine Zeit; denn Ich habe noch viele Orte zu besuchen. Du, Raphael, aber gehe nun zu den Weibern und lasse sie wieder hierherkommen; denn die Verhandlung, die sie wenig oder nichts anging, ist vorüber, und die Zeit des Abendmahles ist herbeigekommen!“
GEJ|4|85|2|0|Raphael geht und holt die Weiber alle, und die Jarah kommt zu Mir gelaufen und sagt: „O Herr! Du meine Liebe! Eine Ewigkeit schien es mir nun zu dauern, bis wir wieder berufen wurden; aber nun Dir allen Dank, daß ich wieder bei Dir sein darf! Aber hätten wir weiblichen Wesen das gar nicht hören dürfen, was Du, o Herr, mit dem Zorel alles verhandelt hast?“
GEJ|4|85|3|0|Sage Ich: „Nein, weil es für euch weibliche Wesen um vieles vor der rechten Zeit gewesen wäre; im übrigen aber hast du daran gar nichts verloren, – denn zur rechten Zeit wird dir das alles offenbar werden. Nun aber kommt das Abendmahl, und du kannst dich dabei recht erheitern mit dem Josoe und mit dem Raphael, den Ich erst nach dem Abendmahle näher mit dem Zorel werde bekannt machen; denn von dem hat er noch keine Vermutung.
GEJ|4|85|4|0|Heute nach dem Mahle aber werden wir wieder bis an den Morgen wach verbleiben, und ihr alle werdet die letzte Nacht, die Ich leiblich unter euch verbringen werde, eine solche Masse des Wunderbaren zu sehen und zu hören bekommen wie früher noch nie; denn in dieser Nacht sollet ihr ganz kennenlernen, wer Der ist, der nun solches zu dir geredet hat. Aber davon darf vor der Zeit niemand etwas gemeldet werden! – Du, Mein lieber Zorel, aber halte dich nun an den Kornelius; denn er, und nicht der Cyrenius, wird von nun an dein Versorger sein!“
GEJ|4|85|5|0|Sagt Cyrenius: „Herr! Ich mißgönne meinem Bruder sicher nichts, was nur irgend gut ist; aber den Zorel hätte auch ich überaus gerne bei mir gehabt!“
GEJ|4|85|6|0|Sage Ich: „Dein Wunsch macht Meinem Herzen eine große Freude und gilt soviel als das Werk selbst; du aber hast von all denen, die hier bekehrt wurden, ja ohnehin schon eine große Anzahl auf deine Schüsseln übernommen! An Zinka und seinen Gefährten hast du einen Schatz, hast den Stahar, Murel und Floran, den Hebram und Risa, den Suetal, Ribar und Bael, den Herme mit Weib und Töchtern, und hast nun auch deine beiden Töchter Gamiela und Ida samt denen, die Ich zu deinen Schwiegersöhnen bestimmt habe, und hast den Wunderknaben Josoe; und es versteht sich, daß dir auch aller der Benannten Anhang gegeben ist, und du kannst damit vollkommen zufrieden sein! Dein Bruder Kornelius übernimmt nur den Zorel, und dieser wird vorerst seinem Hause gute Dienste leisten und später aber auch den Fremden, für die Ich ihn erweckt habe. Du aber wirst ohnehin noch oft genug zu deinem Bruder kommen und er zu dir, und da wirst du mit unserem Zorel schon auch über so manches dich besprechen können. – Bist du noch traurig darum, daß Ich dir den Zorel nicht übergeben habe?“
GEJ|4|85|7|0|Sagt Cyrenius: „O Herr! Wie fragst Du mich denn um so etwas?! Du weißt es ja, daß Dein allein heiliger Wille meine höchste Seligkeit ist, laute er nun, wie er wolle! Dazu vergeht ja ohnehin nie ein voller Monat, daß nicht ich zum Bruder oder der Bruder zu mir kommt auf Besuch, entweder in Geschäften oder so aus alter Bruderliebe, und da wird sich wohl eine Gelegenheit geben, mit dem Manne etwelche Wörtlein zu reden!
GEJ|4|85|8|0|Aber Du hast ehedem zu der lieben Jarah gesagt, daß Du diese Nacht hindurch noch eine Menge des Wunderbarsten wirken wirst, dieweil wir nun alle hinreichend eingeweiht sind in Deine Wesenheit; nun, worin wohl dürfte der Wunderhauptmoment bestehen?“
GEJ|4|85|9|0|Sage Ich: „Lieber Freund! Das wirst du samt allen andern alles schauen und vernehmen zur rechten Zeit! Nun aber siehst du ja den alten Markus schon auf das emsigste die Speisen auf die Tische tragen und Wein, Salz und Brot, und vor allem bedürfen deine Töchter einer guten Stärkung; darum wird nun vor dem verzehrten Abendmahle nichts mehr unternommen, geredet und besprochen werden!“
GEJ|4|86|1|1|86. — Übertriebene und rechte Demut
GEJ|4|86|1|0|Markus gibt nun das Zeichen zum Sichniederlassen auf die angebrachten langen Bänke, und Kornelius beruft den Zorel, daß er bei ihm zur Rechten Platz nehme.
GEJ|4|86|2|0|Zorel weigert sich dessen, sagend: „Hoher Herr und Gebieter! Tue mir doch so was nicht an! Denn siehe, ich gehöre dorthin nahe an der Holzhütte zum letzten und allergemeinsten Brettertische, an dem eure letzten und geringsten Diener und Knechte sitzen, – nicht aber hierher und sogar zu deiner Rechten, da der allererste Tisch gedeckt ist! Das wäre eine schöne Demutsübung von mir, die der Herr alles Lebens mir doch über alles ans Herz gelegt hat!“
GEJ|4|86|3|0|Sage Ich: „Freund Zorel, es genügt hier dein Wille! Darum tue dem Kornelius den Gefallen! Die wahre Demut aber liegt ja ohnehin nicht in einem äußerlichen Werke ins Gesicht, sondern im Herzen, der vollen Wahrheit gemäß. Gehe nach Jerusalem, und siehe dort die Pharisäer und alle Schriftgelehrten an, mit welch demutsvollen Gesichtern und Kleidern sie einherschreiten; ihre Herzen aber sind danebst doch des stinkendsten Hochmutes voll und hassen bis tief unter die Hölle jedermann, der nicht nach ihrer Pfeife tanzen will, – während ein König mit Krone und Zepter, so er diese nicht setzt über den Wert eines Menschen, so demutsvollen Gemütes sein kann wie ein letzter Bettler auf der Straße! Wenn du das so recht bedenkst, da wird es dich zur Rechten des Kornelius an unserem Tische schon dulden.“
GEJ|4|86|4|0|Sagt Zorel: „Ah, wenn so, da geht es freilich wohl!“ – Er geht nun hin und setzt sich nach dem Wunsche des Kornelius.
GEJ|4|86|5|0|Kornelius aber sagt zu ihm: „So, lieber Freund, so freut es mich von ganzem Herzen! Wir wollen ja in der Folge miteinander leben und wirken im Namen Dessen, der uns erleuchtet hat! Ich denke es mir also, was da betrifft eine rechte Demut: Man soll im Herzen voll der wahren Demut und Nächstenliebe sein, aber äußerlich soll man damit eben nicht prunken; denn dadurch, daß ich mich äußerlich zu knechtisch tief unter die anderen Menschen beuge, mache ich sie hochmütig und benehme mir die Gelegenheit, ihnen in allem, was da nützlich wäre, dienen zu können.
GEJ|4|86|6|0|Eine gewisse Achtung, die ich schon bloß nur als Mensch von meinen Nebenmenschen zu erwarten habe, darf ich nie völlig vergeben, weil ich ohne dieselbe nichts ersprießlich Gutes bewirken kann! Darum wollen wir beide zwar in unseren Herzen so demütig als nur immer möglich sein; aber von unserem notwendigen äußeren Ansehen können und wollen wir nichts vergeben!
GEJ|4|86|7|0|Wir werden gar oft in Gelegenheiten kommen und sehen, wie irgend arme Menschen sich zu ihrem Unterhalte mit sehr geringen und allerunansehnlichsten Arbeiten abgeben müssen. Sollen wir, um etwa unserer Demut die Krone aufzusetzen, auch die Pfützen und Kloaken räumen gehen?! Dessen glaube ich, bedarf es nicht äußerlich; da genügt es, daß wir jene Menschen, die sich mit solcher Arbeit abgeben, darum in unseren Herzen nicht für geringer halten denn uns, die wir vom Herrn aus ein ganz anderes Amt zu versehen überkommen haben.
GEJ|4|86|8|0|Wir selbst müssen zuerst das Amt hochachten, uns aber freilich nicht etwa um unsertwillen, sondern vor dem Volke nur um des Amtes willen. So aber das eine Notwendigkeit ist, da dürfen wir nicht selbst die Pfützen und Kloaken reinigen gehen, sondern müssen diese Arbeit denen übertragen, die vom Herrn und von der Natur dazu bestimmt sind. Wir würden es auch nicht aushalten, weil wir nicht von Jugend auf daran gewöhnt worden sind. Und der Herr wird so etwas von uns auch sicher nicht verlangen; aber das verlangt Er als Vater aller Menschen, daß wir in unseren Herzen keinen Menschen, sogar den größten Sünder nicht, verachten sollen, sondern alles aufbieten, um seine Seele zu retten! Und so glaube ich, daß wir recht handeln werden vor Gott und vor allen Menschen.“
GEJ|4|86|9|0|Sage Ich: „Ja, also ist es recht! Die wahre Demut und die wahre Nächstenliebe wohnen wahrhaft in euren Herzen – und nicht im äußern Scheine wie bei den Pharisäern!
GEJ|4|86|10|0|Wer sich ohne Not unter die Kleie und Treber menget, muß sich's am Ende gefallen lassen, von den Schweinen aufgefressen zu werden!
GEJ|4|86|11|0|Also verlangt die rechte Demut auch nicht, daß ihr die Perlen Meiner Lehre gerade den Schweinen vorwerfen sollet. Denn es gibt Menschen, die da ärger sind denn die Schweine, und für die taugt Meine Lehre nicht; denn diese Art Menschen möget ihr ganz füglich eher zur Räumung der Pfützen und Kloaken verwenden, bevor ihr ihnen Meine Worte und Meinen Namen kundmachet!
GEJ|4|86|12|0|Sehet aber da nicht etwa aufs Kleid oder auf eine Außenwürde, sondern allein auf das Benehmen eines Menschen seinem Herzen und Gemüte nach! Ist das edel, sanft und geduldig, dann verkündet ihm das Evangelium und saget: ,Der Friede sei mit dir im Namen des Herrn und mit allen Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind!‘ Ist der also zum voraus gesegnete Mensch eines wahrhaft guten Willens und Herzens, so wird der segenvolle Friede in ihm verbleiben, und das ihm bekanntgemachte Evangelium wird ehest die schönsten Himmelsfrüchte zu tragen beginnen. Und so glaube und meine Ich Selbst nun nach eurer menschlichen Weise, daß ihr alle nun mit dem, was die rechte Demut ist, so völlig zu Hause sein dürftet!
GEJ|4|86|13|0|Und da die Speisen bereits auf dem Tische im reichlichsten Maße sich befinden, so essen und trinken wir alle nach Herzenslust und voll heiteren Mutes; denn so Ich als ein wahrer Bräutigam eurer Seelen unter euch sitze, so möget ihr wohl heitersten Mutes und fröhlichsten Sinnes dies wohlbereitete Mahl mit Mir verzehren! Werde Ich aber jüngst wieder nicht also wie nun unter euch sein, so möget ihr schon wieder mit minderer Lust und Heiterkeit am Speisetische sitzen!“
GEJ|4|87|1|1|87. — Kornelius und Zorel besprechen sich über Wunder.
GEJ|4|87|1|0|Alle greifen nun zu und essen wacker und heiter drauflos; besonders stark nahm wieder Raphael zur Sicht mehrere große Fische vor sich und verzehrte sie wunderbar schnell, was dem Zorel und dem Zinka sehr auffiel, besonders aber dem Zorel, der noch gar nicht wußte, wer der Jüngling sei. Er erkundigte sich darum beim Cyrenius, wie der Junge gar so heißhungrig die größten Fische verzehre, da er ja doch von ferne keinem Vielfresser gleichsehe.
GEJ|4|87|2|0|Darauf gibt ihm Cyrenius zur Antwort: „Jener Junge ist ein wundersames Wesen; er ist ein Mensch und Geist zugleich, ist von einer Kraft und Macht belebt, von der dir noch nie etwas geträumt hat. Mein Bruder Kornelius, der neben dir sitzt, kann dir dasselbe bezeugen!“
GEJ|4|87|3|0|Hierauf fragt Zorel den Kornelius, was es denn mit dem Jungen für eine besondere Bewandtnis habe.
GEJ|4|87|4|0|Sagt Kornelius: „Siehe, lieber Zorel, es ist das, was dir mein Bruder schon gemeldet hat; ein mehreres über sein wundersames Wesen kann ich dir aus dem ganz einfachen Grunde nicht mitteilen, weil ich, ganz offen gesagt, es wahrlich selbst nicht verstehe. Er ist etwa derselbe Engel, der nach der Juden Mythe einst einem jungen Tobias schon als Führer gedient hat. Ich war sicher nicht dabei, um dir in dieser Sache als ein lebendiger Zeuge dienen zu können; aber ich glaube es, daß es also war, – und warum sollte man so etwas nicht glauben?!
GEJ|4|87|5|0|Es geschehen ja hier wieder solche Wunderdinge, die unsere späten Nachkommen schwer glauben werden, – und doch sind sie wahr vor unseren Augen und Ohren, weil wir sie sehen und hören! Es geschieht nun des göttlich Wunderbaren ja so viel, daß man am Ende schon alles glauben muß, was immer in den Schriften und Büchern der Juden als Wundersames erzählt wird. Denn kann hier ein Wunder das andere ordentlich zudecken, warum nicht auch in jenen alten Zeiten, – und so kann unser Starkesser ganz gut vor etlichen hundert Jahren einem frommen jungen Tobias als ein Führer gedient haben! Ich für mich glaube das alles nun steinfest und bin der Meinung, daß du darin auch keinen Anstand nehmen wirst!“
GEJ|4|87|6|0|Sagt Zorel: „Ich schon gar nicht; denn alles Wunderbare ist etwas Besonderes und hat mit den Erscheinungen im Gebiete des Natürlichen keine Ähnlichkeit. Es tritt die bekannten Gesetze der Naturwelt mit Füßen und ist in sich die Verwirklichung der Phantasie eines mit aller Weisheit begabten Dichters. Denn was nur immer ein phantasiereicher Mensch sich denken kann, wird im Gebiete des Wunderbaren realisiert!
GEJ|4|87|7|0|Einem Gott muß ja doch alles möglich sein, weil der Bestand einer Welt und des gestirnten Himmels in einem fort als permanente Zeugen dastehen! Denn die erste Erschaffung einer Welt müßte uns ja ganz entsetzlich wunderbar vorkommen! Ist aber eine Welt als erschaffen und mit den gewissen Bestandsgesetzen versehen einmal da und von Wesen unter denselben Bestandsgesetzen bevölkert, so kann sie denen, die sie bewohnen, freilich wohl nicht mehr gar zu wunderbar vorkommen!
GEJ|4|87|8|0|Kommt aber, wie außerordentlichstermaßen nun, auf derselben wunderbarst erschaffenen Welt der Schöpfer zu der Bevölkerung der Welt, so muß diese sicher von neuem groß zu staunen beginnen, wenn der alte Allmächtige vor ihren Augen Werke zu vollführen beginnt, die freilich nur Ihm und sonst in der ganzen Unendlichkeit ohne Seinen Willen niemandem möglich sein können.
GEJ|4|87|9|0|Ich stelle damit aber gar nicht in irgendeine Abrede, daß irgendein geistig ganz vollendeter Mensch auch Wunderbares zu leisten imstande sein wird; vielleicht wird er als ein ganz vollendeter, reiner Geist sogar auch eine kleine Welt erschaffen können, – aber ohne Mitwirkung des göttlichen Willens sicher ewig nicht! Ein solcher Geist wird auch sicher höchst weise reden und lehren können, aber ohne den göttlichen Geist in seiner Brust auch ewig nicht!
GEJ|4|87|10|0|Ich kann mich noch so dunkel entsinnen aus der jüdischen Geschichte, daß einmal ein Esel zu einem Propheten Bileam soll ganz weise gesprochen haben. Ja, in der gar alten Zeit sollen sogar die wilden und reißenden Tiere die verstockten Menschen gelehrt haben! Wir waren nach deinen Worten auch nicht dabei; aber es kann dem ungeachtet schon immer etwas Wahres daran sein. Aber solche Tiere wurden für den Augenblick sicher vom Geiste Gottes ergriffen und mußten Ihm als Werkzeuge dienen! Und nicht um vieles anders und besser wird es mit der Weisheit der weisesten Menschen und Geister stehen; der eigentliche, große Unterschied wird nur in dem Verbleiben und Wachsen bestehen!
GEJ|4|87|11|0|Das ist so meine Ansicht! Dies will ich freilich wohl nicht als eine apodiktisch gewisse Wahrheit aufgestellt haben, – denn ich bin mit meinen Vernunftgründen schon einmal eingegangen und möchte solch einen Sprung auf Leben und Tod nicht noch einmal durchmachen; aber nur, wie man vernünftigermaßen also davon spricht, kann man ohne irgendeine Begründung ja doch immerhin so eine Meinung gegen eine andere aufstellen und am Ende zur Einsicht gelangen, ob und wieviel Wahres etwa daran ist oder auch nicht ist!“
GEJ|4|87|12|0|Sagt Kornelius: „Freund, du redest wie geschrieben, und es ist an deiner bescheidenen Meinung schon sicher auch etwas daran; aber ich habe nun noch eine Meinung für dich, und diese besteht darin, daß du nun deinen Fisch verzehren sollst und nicht so sehr darauf sehen, wie der Himmelsjunge einen Fisch um den andern wegißt und noch immer einen Appetit äußert, aus dem sich mit aller Leichtigkeit erkennen läßt, daß er noch zehn solche Fische ohne alle Anstrengung unters Dach zu bringen imstande wäre! Iß nun auch du, und zeige, daß auch du wenigstens eines Fisches Meister werden kannst und eines Bechers guten, ja besten Weines!“
GEJ|4|87|13|0|Auf diese Worte ißt und trinkt nun unser Zorel in aller Ruhe ganz wacker drauflos und kümmert sich nicht mehr gar so um alles, was da irgend um uns her geschieht.
GEJ|4|88|1|1|88. — Die verschiedenen Ansichten über das Wesen des Herrn
GEJ|4|88|1|0|Der Wein aber fing an, an den Tischen die Zungen zu lösen, und es ward darum stets lebhafter und lebhafter. Es entstanden sogar verschiedene Meinungen über Mich, und man könnte sagen, daß hier beim Abendmahle eine erste Kirchenspaltung vor sich ging. Einige behaupteten, daß Ich ganz unmittelbar das allerhöchste Gottwesen sei; andere sagten aber: Ich sei das wohl, aber nicht unmittelbar, sondern mittelbar. Wieder andere sagten: Ich sei eigentlich nur ein Sohn Davids laut der Abkunft und sei zum Messias des Davidschen Reiches bestimmt und darum mit der Wunderkraft Davids und mit der Weisheit Salomos ausgerüstet. Noch andere meinten: Ich sei ein erster Engel der Himmel, nun auf Erden pro forma im Fleische wandelnd, und habe noch einen Adjutanten aus den Himmeln bei Mir.
GEJ|4|88|2|0|Ein Teil, zu dem sich sogar Meine Apostel teilweise schlugen, erklärte Mich für den Sohn des Allerhöchsten. Ich hätte zwar dieselben Eigenschaften wie Mein Vater, sei aber dennoch eine ganz andere Persönlichkeit, und es möchte etwa also auch der oft besprochene Geist Gottes am Ende gar noch eine dritte Persönlichkeit ausmachen, die in gewissen Fällen für sich ganz allein ein Wörtlein zu reden hätte!
GEJ|4|88|3|0|Mit dieser Meinung waren jedoch nur sehr wenige einverstanden. Einige fragten Petrus, was er denn meine.
GEJ|4|88|4|0|Petrus aber sagte: „Er, der Herr Selbst, hat uns, als wir in dieser Gegend umherfuhren, befragt, was die Leute von Ihm hielten, wer Er sei, und was endlich wir selbst von Ihm hielten. Da ward auch dies und jenes behauptet, und als am Ende ich befragt ward, sagte ich es auch geradeheraus, wie ich es im Herzen empfand: ,Du bist der Sohn des Allerhöchsten!‘ Und Er war mit solch meinem Zeugnisse vollkommen zufrieden und nannte mich sogar einen Glaubensfels, auf dem Er Seine Kirche bauen werde, die von den Pforten der Hölle nicht mehr überwunden werden würde. Damit ward also meine damals ausgesprochene Meinung von Ihm Selbst gutgeheißen und bestätigt, und also tue ich nicht unrecht, so ich wie ein Fels dabei stehenbleibe!“
GEJ|4|88|5|0|Johannes aber war dennoch sehr bedeutend gegen diese Meinung des Petrus und sagte: „In Ihm wohnt die Fülle der Gottheit körperlich! Als den Sohn, der aber keine andere Persönlichkeit ist und sein kann, erkenne ich nur Seinen Leib insoweit, als er ein Mittel zum Zwecke ist; aber im ganzen ist Er dennoch identisch mit der in aller Fülle in Ihm wohnenden Gottheit!
GEJ|4|88|6|0|Oder ist denn mein Leib etwa eine andere Persönlichkeit als meine Seele? Machen nicht beide einen Menschen aus, obschon anfänglich meines Seins die Seele sich diesen Leib erst ausbilden mußte und man füglich sagen könnte: Die Seele hat über sich einen zweiten, materiellen Menschen gezogen und somit um sich eine zweite Persönlichkeit gestellt? Man kann wohl sagen, daß der Leib ein Sohn oder etwas von der Seele Erzeugtes ist, aber darum macht er keine zweite Persönlichkeit mit ihr oder gar ohne sie aus! Und noch weniger kann man das von dem Geiste in der Seele sagen; denn was wäre denn eine Seele ohne den göttlichen Geist in ihr? Sie wird ja erst ein vollkommener Mensch durch ihn, so er sie ganz durchdrungen hat! Da ist ja dann Geist, Seele und Leib vollkommen ein und dieselbe Persönlichkeit!
GEJ|4|88|7|0|Zudem steht es geschrieben: ,Gott schuf den Menschen vollkommen nach Seinem Ebenmaß.‘ So aber der Mensch als vollkommenes Ebenmaß Gottes mit seinem Geiste, seiner Seele und seinem Leibe nur ein Mensch ist und nicht drei, so wird doch etwa Gott als der vollkommenste Urgeist, umgeben mit einer ebenso vollkommenen Seele und nun auch vor unseren Augen sichtbar mit einem Leibe, auch nur ein Gott und ewig nie ein Dreigott, etwa gar noch in drei gesonderten Personen, sein! – Das ist meine Ansicht, die ich ewig festhalte, ohne darob ein Glaubensfels sein zu wollen!“
GEJ|4|88|8|0|Sagen alle an Meinem Tische: „Johannes hat recht geredet!“
GEJ|4|88|9|0|Petrus aber will sich darum nun korrigieren und sagt: „Ja, also meine ich es ja auch; nur bin ich nicht so mundwendig, um mein inneres Verständnis so schnell an den Tag zu legen, obwohl diese Sache immer etwas schwer zu fassen sein wird!“
GEJ|4|88|10|0|Sagt Johannes: „Schwer und wieder nicht schwer! Nach deiner Art wird es wohl nie ein Mensch auf dieser Erde fassen, – nach meiner Art, so denke ich, wieder ganz leicht! Der Herr allein aber soll nun zwischen uns beiden einen rechten Schiedsrichter machen!“
GEJ|4|88|11|0|Sage Ich: „Der Glaube vermag vieles, aber die Liebe vermag alles! Du, Simon Juda, bist wohl ein Fels im Glauben; aber Johannes ist ein reiner Diamant in der Liebe, und darum sieht er auch tiefer denn jemand anders von euch. Er ist darum auch Mein eigentlicher Leibschreiber; er wird vieles von Mir zum Niederschreiben bekommen, das euch allen noch ein Rätsel sein wird! Denn in solcher Liebe hat vieles Raum, im Glauben aber nur etwas Bestimmtes, allda es heißt: ,Bis hierher und dann nicht mehr weiter!‘ Haltet euch nur an den Ausspruch Meines Lieblings; denn er wird Mich der Welt als vollkommen überbringen!“
GEJ|4|88|12|0|Darob wird Petrus etwas verlegen und auf den Johannes ganz geheim stets so ein wenig eifersüchtig. Aus diesem Grunde hielt sich Petrus auch nach Meiner Auferstehung, als Ich ihn behieß, daß er Mir folgen solle und weiden Meine Lämmer, darüber auf, daß Mir Johannes ohne Mein Geheiß auch folgte, was Ich dann, wie bekannt, dem Petrus verwies, und wobei Ich dem Johannes auch eine vollste Unsterblichkeit verhieß, – woher dann die Sage ins Volk kam, daß dieser Jünger nimmer, auch leiblich sogar, sterben werde.
GEJ|4|88|13|0|Petrus aber fragte den Johannes, wie er denn tue, daß er stets eine viel tiefere Einsicht und Erkenntnis an den Tag lege als er, Petrus nämlich.
GEJ|4|88|14|0|Johannes aber sagte: „Sieh, ich wohne nicht in deinem Gemüte und du nicht in dem meinigen, und ich habe dazu keinen Maßstab, um bestimmen zu können, aus welchem Grunde meine Ansicht die gediegenere und richtigere ist! Aber so der Herr Selbst es nun gesagt hat laut vor uns, nämlich den Unterschied zwischen Glauben und Liebe, da nimm das als Antwort auf deine Frage! Denn Nieren und Herzen kann nur der Herr allein prüfen, und so wird Er es auch wissen auf ein Haar, welch ein Unterschied da ist zwischen unsern Gemütern.“
GEJ|4|88|15|0|Mit dieser Antwort war Petrus vorderhand auch zufrieden und fragte nicht weiter. Es war aber nun auch das Mahl zu Ende, und wir erhoben uns und gingen alle auf den Berg.
GEJ|4|89|1|1|89. — Der Leuchtstein von der Nilquelle
GEJ|4|89|1|0|Als wir alle nach und nach auf dem uns schon bekannten Berge ankamen und unsere Plätze einnahmen, da trat der alte Markus mit seinem Weibe und seinen Kindern zu Mir hin und bat Mich inständigst, daß Ich doch noch den kommenden Tag über bei ihm verbleiben möchte, da es ihm zu schmerzlich vorkomme, so Ich ihn schon vor dem Aufgange verließe.
GEJ|4|89|2|0|Sagte Ich: „Sei du darum unbesorgt! Ich kann gehen und bleiben, Mich nötigt keine Zeit; denn Ich bin auch ein Herr der Zeit und aller Zeiten! Mir wächst keine Zeit je über dem Haupte zusammen. Es gibt aber noch viele Orte, die Ich besuchen muß und besuchen werde; aber gerade auf einen Tag und auf eine Stunde kommt es bei Mir dort nicht an, wo Ich eine wahre, lebendige Liebe gefunden habe.“
GEJ|4|89|3|0|Sagt Markus, mit Tränen in den Augen: „O Herr und Vater, ewig Dank Dir für diese übergroße Gnade! Dein allein heiliger Wille geschehe! Aber, Herr, die Nacht ist sehr finster, weil die Wolken den Himmel sehr dicht überzogen haben; soll ich nicht Fackeln herauftragen lassen?“
GEJ|4|89|4|0|Sage Ich: „Laß das, wir werden uns schon Licht verschaffen!“
GEJ|4|89|5|0|Hierauf berufe Ich den Raphael und sage zu ihm: „In Afrikas Mitte, da, wo die hohen Komrahai-Berge stehen und des Nils erste Quelle einem Felsen entsprudelt, wirst du zehn Manneshöhen unter dem Gerölle einen Stein von der Größe eines Menschenkopfes finden; den schaffe Mir her, er soll uns diese Nacht erhellen zur Genüge! So du ihn aber wirst hierhergebracht haben, dann lege ihn auf jenen kahlen Baumstamm, auf daß sein Licht weithin dringe und die Gegend erleuchte! Daß Ich mit dir aber nun also geredet habe wie mit einem Menschen, geschah eben um der Menschen willen, auf daß sie wissen sollen, was da zu geschehen hat, und Meine Macht erkennen in deiner Ausführung Meines Willens.“
GEJ|4|89|6|0|Mit dem verschwand Raphael, war aber jedoch gleich einem fliegenden Lichtmeteore sogleich wieder samt dem sonnenhell leuchtenden Steine bei uns.
GEJ|4|89|7|0|Bevor aber Raphael den Stein noch auf den bezeichneten hohlen und kahlen Baumstamm legte, verlangten mehrere, den Stein näher in Augenschein zu nehmen.
GEJ|4|89|8|0|Als ihn aber Raphael sehr in die Nähe brachte, konnte denselben vor lauter Lichtstärke niemand anschauen, weil er nahe ein so starkes Licht von sich ließ, wie die Sonne für die Erde an einem kürzesten Wintertage, das heißt fürs Sehgefühl der menschlichen Fleischaugen, und es blieb demnach dem Raphael nichts anderes übrig, als den Leuchtstein sogleich an den Ort seiner Bestimmung zu legen. Von dort erleuchtete sein intensivstes Licht die Umgegend so bedeutend, daß man weithin noch alles recht gut ausnehmen konnte.
GEJ|4|89|9|0|Daß sowohl Zinka mit seinen Leuten und ganz besonders aber Zorel sich vor lauter Verwunderung kaum zu atmen getrauten, läßt sich leicht begreifen. Zorel strengte sich an, etwas so recht Kernvernünftiges darüber zu sagen; aber er brachte nichts heraus, weil sich ihm hier nach seinen noch sehr mathematisch stereotypen Begriffen logische Unmöglichkeiten in der Erscheinung der schnellen Steinherbeischaffung und in dessen vehementesten Leuchten entgegenstellten, denen seine Erfahrungen und seine Wissenschaften keinen Sieg abnötigen konnten. Er war fürs erste mehrere Male mit seinen Sklavinnen in Ägypten, und einmal noch ein paar Tagereisen weit hinter den Katarakten gewesen. Es war ihm darum die Entfernung der hinterägyptischen Gegenden nicht ganz unbekannt, da er mit guten Kamelen bis zu den Katarakten stets fünf bis sechs Wochen Reisezeit benötigte.
GEJ|4|89|10|0|Nach seiner Berechnung würde diese Strecke ein Orkan in drei Tagen und ein Pfeil diese Reise in einem Halbtage zurücklegen. Welche Schnelligkeit in der Bewegung muß sonach der Junge gehabt haben, um eine sicher dreimal so lange Strecke in wenigen Augenblicken zurückzulegen! Ist der Junge ein Geist, – wie konnte er eine Materie tragen, und wie konnte die Materie, selbst von der härtesten Art, vor der Zerstörung durch den Widerstand der Luft geschützt werden?! Das gibt es in den Naturgesetzen nicht! Dann kommt dazu das ganz hitzlose, sonnenähnlich intensivste Licht; das gibt es auch nicht! Keine Erfahrung hat das noch je irgend entdeckt, außer beim faulenden Holze, dessen Leuchten aber eigentlich auch nur ein so matter Schimmer ist, daß er in der Nacht, selbst in höchster Potenz, nur kaum dem Leuchten der Sonnenwendewürmer gleichkommt!
GEJ|4|89|11|0|Also dachte unser Zorel eine Zeitlang und sagte nachher zu Kornelius und Zinka: „Das will ich denn doch ein wahrhaftes Wunder nennen; denn so etwas hat bisher auf der Erde noch nie stattgefunden! Was etwa doch das für eine Steinart sein wird? Von allen Zeiten bis jetzt ist ein solcher Stein noch nie entdeckt worden! Welchen Wert müßte ein solcher Stein für einen Kaiser oder für einen König haben, vorausgesetzt, daß er sein Licht mit der Zeit nicht einbüßt! Denn an der weitgedehnten Küste Afrikas bis sehr weit hinter die Herkulessäulen, bis in die Gegenden, wo des hohen Atlas Ausläufer den atlantischen Ozean begrüßen, sieht man im Spätsommer ebenfalls hie und da sehr weiße und in der Nacht zu gewissen Stunden sehr stark leuchtende Steine; aber ihr Leuchten dauert nicht lange, und läßt man einen solchen Stein in ein trockenes Gemach bringen, so ist's mit seinem Leuchten bald aus, und der Stein hat darum keinen Wert mehr. Mit diesem Steine aber scheint es eine ganz eigentümliche Bewandtnis zu haben! Der wird sein Licht sicher nimmer verlieren und muß darum einen unsäglichen Wert haben!“
GEJ|4|89|12|0|Sagt Kornelius: „Nicht nur des Leuchtens wegen, sondern vielmehr dessen wegen, durch den er hergeschafft ward! Aber lassen wir nun das! Morgen am Tage werden wir ihn schon leichter besichtigen und beurteilen können als heute; denn da werden unsere Augen durch der Sonne Licht weniger empfindlich sein denn eben heute, das heißt nun in dieser dicken Nacht, in der das Gewölke zu einem tüchtigen Landregen ein allen gesegnetstes Gesicht macht. Nun seien wir aber ruhig; denn der Herr wird erst das beginnen, was Er uns unten am Tische verheißen hat!“
GEJ|4|89|13|0|Mit dem begnügt sich Zorel und ist nun ganz Aug' und Ohr.
GEJ|4|89|14|0|Es tritt aber nun Ouran zu Mir hin und sagt: „Herr, was wird morgen mit dem Steine geschehen, und wird er wohl sein Licht stets behalten?“
GEJ|4|89|15|0|Sage Ich: „Mit dieser Frage hast du so ganz eigentlich den Wunsch an den Tag gelegt, daß du ihn für deine Kronen besitzen möchtest! Aber es geht das nicht; denn es könnten wegen der Eroberung dieses Steines große und sehr verderbliche Kriege entstehen. Daher wird ihn morgen Mein Engel wieder dahin zurückstellen, von woher er ihn geholt hat, und das macht dann allem Streite für immer ein Ende.“
GEJ|4|89|16|0|Mit dem Bescheide begnügt sich Ouran vollkommen und tritt wieder an seinen Platz zurück.
GEJ|4|89|17|0|Aber Cyrenius sagt dennoch: „Herr! Als ein Geschenk an den Kaiser würde dieser Leuchtstein sicher einen mächtigen Eindruck machen.“
GEJ|4|89|18|0|Sage Ich: „Das ganz gewiß, er würde aber am Ende seines zu hohen Wertes wegen auch dort zu Kriegen sein Licht herleihen, und das wäre recht schlimm! Einige Körnchen davon sollst du wohl schon haben, – aber den ganzen Stein ja nicht!“
GEJ|4|89|19|0|Sagt Cyrenius: „Aber wie und auf welche Weise ist denn diesem Steine diese Leuchtfähigkeit inne? Welchen Namen hat er wohl?“
GEJ|4|89|20|0|Sage Ich: „Diese Steine gehören eigentlich nicht dieser Erde an, sondern sind nur in der großen Sonnenwelt einheimisch. Nun, in der großen Sonnenwelt aber gibt es von Zeit zu Zeit große Eruptionen von einer für eure Begriffe allerunmeßbarsten Kraftäußerung, von der gar oft solche Steine ergriffen und mit der größten Wurfgewalt in den weiten Schöpfungsraum hinausgeschleudert werden. Und da hast du einen davon!
GEJ|4|89|21|0|Ihr Leuchten rührt allein von ihrer über alle deine Begriffe allerglattesten Oberfläche her, an der sich beständig eine Menge Blitzfeuer ansammelt und die in die überaus harte Materie gebannten Geister zur Tätigkeit eben durchs benannte Feuer stets von neuem auffordert. Zudem ist dieser Stein im höchsten Grade durchsichtig, und es wird demnach gar leicht jede auch innerste Geistertätigkeit in der äußern Erscheinlichkeit des Leuchtens tätig ersichtlich und natürlich durch die Außentätigkeit der an der höchst glatten Oberfläche der Kugel schnell vorbeigleitenden Geister der Luft im hohen Grade vermehrt.
GEJ|4|89|22|0|Diese Steine aber werden in der Sonne nicht etwa in der Natur schon also angetroffen, sondern auch erst durch die Kunst und durch die Hände der dortigen Menschen dazu präpariert. Sie werden zumeist schon in der runden Form gefunden in der Gegend großer Gewässer und entstehen stets bei Ausbrüchen. Es werden da im höchsten Grade geschmolzene mineralische Elemente weit in den mit Äther erfüllten Raum hinausgetrieben und nehmen im freien Raume stets die runde Gestalt eines Tropfens an, nach dem in alle Materie gelegten, dem Mittelpunkte zustrebenden und denselben suchenden Ruhegesetze.
GEJ|4|89|23|0|Das Zurückfallen solcher Kugeln, die von sehr verschiedener Größe sein können, dauert oft Tage, Wochen, Monate und bei größeren oft viele Jahre, je nachdem sie mehr oder minder weit von der Sonne entfernt hinausgeschleudert worden sind. Nun, manche fallen auf der Sonne Gebirge und Felsen und zerschellen sich; aber viele fallen in die großen Gewässer, bleiben unbeschädigt und werden leicht von den Menschen der Sonnenwelt herausgeholt. Denn die Sonnenmenschen können ganz leicht oft stundenlang unterm Wasser verbleiben und auf dem Meeresgrunde arbeiten wie auf dem trockenen Lande, und das um so leichter, weil sie nebst solcher nahe amphibienartigen Eigenschaft noch ganz überaus zweckmäßige Taucherinstrumente besitzen.
GEJ|4|89|24|0|Wenn ein großes Sonnenhaus sich mit solchen Kugeln hinreichend versehen hat, so werden sie, trotzdem sie schon ohnehin eine äußerst glatte Oberfläche besitzen, mit allem Kunstfleiße noch mehr geglättet und poliert, und zwar bis auf den Grad, wo sie unter dem Polieren zu leuchten anfangen. Ist die Polierung einmal bis auf den Punkt gediehen, so werden sie in den häufig vorkommenden unterirdischen, katakombenartigen, langen Gängen, durch die stets ein starker Luftzug geht, als Leuchtkugeln auf eigens dazu hergerichtete Säulen gelegt und beleuchten sogestaltig mehr als zur Genüge die unterirdischen Gänge und dienen zugleich als besondere Zierde solcher Gänge, auf die besonders in der Sonnenwelt sehr gesehen wird; denn daselbst ist nicht selten ein ganz gewöhnliches Wohnhaus schon bei weitem gezierter und geschmückter, besonders inwendig, als in Jerusalem der Salomotempel. Und so läßt sich's wohl auch denken, daß die Sonnenmenschen, besonders die des Mittelgürtels, auch für die Verzierung ihrer unterirdischen Gänge alles mögliche aufbieten.
GEJ|4|89|25|0|Jedoch, wir sind hier nicht versammelt, um eine Erdbeschreibung der großen Sonnenwelt zu erzielen, sondern der Stärkung eures Glaubens und Willens wegen. Dieses aber zu erreichen, dazu gehört ganz was anderes als eine noch so genaue und umfassende Erdbeschreibung der großen Sonnenwelt!“
GEJ|4|89|26|0|Fragt Cyrenius: „Herr! Wenn aber diese Leuchtkugel also über alle Diamanten kompakt ist, wie wird man von ihrer Oberfläche irgendwelche einzelne Körner ablösen können, die ich zum Gedächtnisse für diesen Abend gar so gerne besitzen möchte?!“
GEJ|4|89|27|0|Sage Ich: „Du denkst manchmal auch noch sehr irdisch! Dort, von wo diese Leuchtkugel her ist, gibt es noch eine Menge, sei es nun in Afrika oder in der Sonne selbst, – für Meinen Engel ist es überall gleich weit. Von dieser Leuchtkugel wird, ohne sie zu zerstören, freilich wohl kein Sterblicher irgend ein paar Körner herausbekommen können, und würde er die Kugel zerstoßen wollen, so würden die Stücke die Eigenschaft des Leuchtens auch sogleich einbüßen; aber die kleinen Kügelchen werden die Leuchteigenschaft gleichfort beibehalten. – Aber nun vollernstlich genug von dieser Sache!“
GEJ|4|90|1|1|90. — Seele und Leib
GEJ|4|90|1|0|(Der Herr:) „Wir wollen nun sogleich etwas anderes vornehmen! Zorel und du, Zinka, tretet nun etwas näher zu Mir und saget Mir, was ihr nun vor allem noch sehen und wissen möchtet.“
GEJ|4|90|2|0|Die beiden Gerufenen treten nun näher, und Zinka sagt: „Herr, das ist für Menschen unserer noch sehr unvollkommenen Art und Weise eine sehr schwer zu beantwortende Frage! Denn wir möchten sehr vieles noch sehen und wissen, weil uns noch sehr vieles zu sehen und zu wissen übriggeblieben ist, trotzdem wir doch schon so gar manches gesehen und erfahren haben. Aber was da unter dem endlos vielen für uns das Notwendigste ist, das ist eine ganz andere Frage, die wir darum nicht zu beantworten imstande sind, weil wir noch lange nicht wissen, was uns eigentlich vor allem am allernotwendigsten wäre! Du, o Herr, aber weißt es genau, was uns so ganz eigentlich am allernotwendigsten ist; daher handle Du ohne unser Begehren nach Deiner unendlichen Liebe und Weisheit, und es wird da schon ein jeder das Beste sehen, hören und fühlen!“
GEJ|4|90|3|0|Sage Ich: „Nun wohl denn, – so werde Ich sehen, was da zu machen sein wird! Ich meine, so eine recht zuversichtliche Einsicht in das Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes dürfte für euch alle wohl von der größten Wichtigkeit und Notwendigkeit sein; daher werden wir diese Sache ein wenig näher in den Augenschein nehmen!
GEJ|4|90|4|0|Ich habe es euch durch Worte schon zu mehreren Malen gezeigt, worin der eigentliche Tod des Leibes besteht und auf welch eine verschiedene Art er vor sich gehen kann, und was seine Folgen für die Seele und ihren Geist sind und sein müssen. Sollte Ich euch aber das durch lange theoretische Sätze erklären, so würden wir damit in einem vollen Jahre nicht zu Ende kommen. Ich werde euch zu eurem gründlichen Erkennen die Sache mit Wort und Tat zeigen, und ihr werdet es dann begreifen.
GEJ|4|90|5|0|Bevor wir aber zur eigentlichen Sache kommen, muß Ich dennoch das voranschicken, wie die Seele mit dem Leibe zusammenhängt.
GEJ|4|90|6|0|Und so höret Mich: Die Seele als ein Gemengtes und sich ergreifend Zusammengesetztes ist durch und durch ätherisch-substantieller Beschaffenheit. Da aber der Leib in seinem Wesen auch im Grunde Ätherisch- Substantielles in sich faßt, so ist solches verwandt mit der substantiellen Wesenheit der Seele. Und dieses Verwandte ist das Eigentliche, das da die Seele mit dem Leibe so lange verbindet, solange es nicht mit der Zeit zu sehr in das pur Materielle übergegangen ist, woselbst es dann mit der seelischen Bestandwesenheit eine zu geringe und oft aber auch gar keine Verwandtschaft mehr hat, – und wenn schon noch welche vorhanden ist, so muß diese erst durch den Verwesungsprozeß aus dem Körper geschieden und jenseits der gewisserart nackten Seele zugeführt werden.
GEJ|4|90|7|0|Hat aber die Seele selbst am Ende zu viel Materielles aus ihrem Leibe in sich aufgenommen, so erreicht der Leibestod auch sie, und sie muß mit dem Leibe verwesen und dann erst nach mehreren Erdenjahren als natürlich höchst unvollendet erwachen, wo es ihr dann sehr schwer wird, sich in ein höheres Licht emporzuschwingen, weil ihr alles ein finsteres Erdending ist, in dem wenig Leben und viel Finsternis in allen Winkeln rastet.
GEJ|4|90|8|0|Von einer Geisteserweckung in ihr kann so lange keine Rede sein, bis die Zeit, die Not und allerlei Demütigungen das weltdinglich Finstere und Grob- oder gewisserart Leiblich-Substantielle aus der Seele geschieden und hinausgefegt haben; und das geht jenseits um vieles schwerer denn hier, weil die Seele jenseits so lange in einer gewissen Abödung für sich allein dastehen muß, um nicht als ein zu nacktes und gewisserart noch haut- und kleidloses Wesen von einer andern Wesenheit, die schon voll des höhern Lebensfeuers in voller Kraft dasteht, verschlungen und wie ein Wassertropfen auf glühendem Erze vernichtet und verzehrt zu werden. Denn für jede noch sehr unvollkommene Seele gilt gegenüber einem schon vollendeten Geiste das, was Ich dereinst zu Moses sagte, als er Mich zu sehen verlangte: ,Gott kannst du nicht schauen und leben!‘
GEJ|4|90|9|0|Je höher potenziert ein Leben einmal für sich dasteht, desto kräftiger, mächtiger und schwerer steht es für sich da, und alles Leben, das da noch auf einer sehr niedern Stufe steht, kann sich einem potenzierten Leben gegenüber nie behaupten, außer in gewissen Entfernungen. Was ist eine Mücke gegen einen Elefanten, was eine Fliege gegen einen Löwen?! Was ist ein zartestes Moosschimmelpflänzchen gegen eine mehrere Jahrhunderte alte Zeder auf Libanon, was diese Erde gegen die große Sonne?! Was ist ein Tropfen Wassers gegen ein mächtiges Feuer?! – Wenn jemand von euch auf einen Elefanten tritt, so wird das einem Elefanten wohl gar nichts machen; tritt aber jemand von euch auf eine Ameise, so ist es mit ihrem Naturleben vollkommen zu Ende.
GEJ|4|90|10|0|Was aber schon in der äußeren Natur, sogar mit Händen zu greifen, sich zeigt, das steht im Reiche der Geister desto ausgebildeter und ausgeprägter wahr da. In jedem schon für sich bestehenden Leben steht das unersättliche Bedürfnis da, stets mehr Leben in sich zu vereinen; das Einswerdungsprinzip aber ist im Grunde des Grundes die Liebe. Wäre dieses Prinzip aber einem Leben nicht vor allem inne, so gäbe es weder irgendeine Sonne im endlosen Raume noch eine Erde, und ebenso auch keine Geschöpfe auf derselben und in derselben.
GEJ|4|90|11|0|Weil aber eben im Leben selbst das Lebeneinungsprinzip besteht und jedes freie Leben in einem fort bemüht ist, mit einem andern ihm ähnlichen und verwandten Leben sich zu vereinen, so wird aus vielen Sonderleben und Sonderintelligenzen am Ende nur ein Leben und eine vervielfachte und darum weit ausgreifende Intelligenz, und dadurch auch aus den mit wenig Vernunft begabten vielen Weslein ein mit viel Vernunft und mit vielem Verstande ausgerüstetes Wesen.“
GEJ|4|91|1|1|91. — Die Fortbildung armer Seelen im Jenseits
GEJ|4|91|1|0|(Der Herr:) „Wenn nun laut dieses fürs Sein und Leben nötigsten und unwandelbaren Prinzips eine sogenannte arme und nackte Seele drüben sogleich mit einem Geiste, wie zum Beispiel unser Raphael hier einer ist, zusammenkäme, so würde sie von ihm sogleich also verschlungen, wie da verschlingt das Meer einen einzelnen Wassertropfen. Es ist darum von Mir aus die Fürsorge durch die ganze Unendlichkeit getroffen, daß ein kleines, schwaches und noch sehr blödnacktes Leben immer also exponiert wird, daß es wie einzeln für sich dasteht und sich ihm nur solche Lebenspotenzen nahen dürfen, die sicher nicht in irgend etwas um vieles stärker sind als das einzeln für sich in seiner Abödung und Nacktheit dastehende Leben.
GEJ|4|91|2|0|Solche Lebenspotenzen können sich nicht verschlingen, weil die einzelnen Ichheiten von gleicher Kraft und Stärke sind; aber sie bilden dennoch Vereine unter sich und halten Rat, aus dem aber nie viel Ersprießliches herauskommen kann, weil die Weisheit von einem jeden Einzelwesen nahe auf ein Haar die gleiche ist. Stellet euch einen Ratsverein von lauter blitzdummen Menschen vor, die etwas recht Weises beschließen und endlich mit vereinten Kräften ausführen möchten! Was wohl wird aus ihren Beratungen hervorgehen? Nichts als dummes Zeug!
GEJ|4|91|3|0|Wir haben auf dieser Erde, und zumeist auf ihren Inseln, noch heutzutage Völkerschaften, die ihre Inseln ganz ungestört seit Adams Zeiten bewohnen; es sind das Kains Nachkommen, die heute noch auf derselben Kulturstufe stehen, auf der sie vor zweitausend Jahren gestanden sind. Ja, warum haben sie denn in ihrer Kultur gar keinen Fortschritt, sondern nur eher einen Rückschritt gemacht mit allen ihren häufig vorkommenden Rathaltungen? Weil unter ihnen der Weiseste dümmer und blinder ist denn hierzulande ein noch so blöder Schweinehirt! Wenn aber der Weiseste schon nichts weiß, was sollen dann erst die andern wissen, die sich bei ihm Rates erholen?!
GEJ|4|91|4|0|Man wird freilich hier fragen und sagen: ,Ja warum hat Gott denn zu solchen Völkern keine von Seinem Geiste erfüllte Propheten gesandt?‘ Da sind wir nun eben zu dem Hauptpunkte gekommen!
GEJ|4|91|5|0|In diesen Völkern wohnen noch viel zu unreife und nackte Seelen. Eine höhere Offenbarung würde sie verschlingen und verpanzern mit einem Gerichte, aus dem sie nimmer frei zu machen wären. Die höchste und reinste Wahrheit würden sie in den dicksten Aberglauben umwandeln und sich darin derart begründen, daß dann am Ende Ich Selbst sie durch kein Mittel mehr daraus erlösen könnte.
GEJ|4|91|6|0|Es ist daher notwendig, daß sie noch bei tausend Jahre lang also, wie sie sind, verbleiben. Nach dieser Zeit erst sollen sie Besuche von pur verstandesgeweckten Menschen bekommen und von diesen aber noch lange keinen Unterricht, sondern nur ein sie nur ein wenig weckendes Beispiel bekommen. Sonach soll ihnen von Zeit zu Zeit zu öfteren Malen eine solche sie weckende Überraschung zuteil werden. Wenn das ein paar Jahrhunderte hindurch geschieht, dann werden solch nackte Völker etwas mehr bekleidet werden, leiblich und seelisch, und sodann erst nach und nach für eine höhere Offenbarung reif sein.
GEJ|4|91|7|0|Und gerade also, und noch um ein bedeutendes mühsamer, geht im großen Jenseits die Fortbildung und Lebensvollendung einer ganz nackten Naturseele vor sich. Sie muß so lange in aller Lichtlosigkeit für sich dastehend belassen werden, bis sie, durch die eigene Not gedrungen, sich aus ihrer mehr denn noch halbmateriellen Lethargie aufrüttelt und so über was immer bestimmtere Gedanken in ihrem Herzen zu denken beginnt.
GEJ|4|91|8|0|Werden die Gedanken immer ausgeprägter und bestimmter umrissen, so fängt es in einer solchen Seele dann ganz leise zu dämmern an, und sie beginnt einen Grund zu bekommen, auf dem sie ein wenig stehen und nach und nach auch ein wenig umhergehen kann. Dieses Umhergehen entspricht dann dem Übergehen eines Gedankens in einen andern und einer Empfindung in die andere. Es ist das ein Suchen, und dem Suchen muß irgendein Finden folgen, weil sonst der Sucher, so er zu lange gar nichts finden möchte, am Ende infolge seiner fruchtlosen Mühe erlahmen und also zurückfallen müßte in die alte Lethargie.
GEJ|4|91|9|0|Aber wie die emsig zu suchen anfangende Seele nur irgend etwas findet, so gibt ihr das einen neuen und erhöhten Impuls zu einem noch weiteren und emsigeren Suchen und Forschen, und wenn sie gar Spuren vom Dasein ihresgleichen findet, so jagt sie diesen gleich einem Spürhunde nach und ruht nicht eher, bis sie etwas gefunden hat, das ihr wenigstens ein nahes Dasein von ihresgleichen bezeugt.
GEJ|4|91|10|0|Durch dieses stets potenziertere Suchen wird sie aber auch reifer und sucht sich zu sättigen mit allem, was sie irgend wie zufällig zur Umhüllung ihres substantiellen Seelenleibes findet. Hie und da findet sich auch etwas, wenn auch noch so Mageres, zur Füllung ihres Magens und zur Stillung ihres oft brennenden Durstes. Denn wird es in einer Seele einmal so recht begierlich infolge des inneren, stets lebendiger werdenden Lebensfeuers, da findet sich dann stets ein mehreres irgend vor, für das in der Seele irgendein Bedürfnis wach wird.“
GEJ|4|92|1|1|92. — Die Führung im Jenseits
GEJ|4|92|1|0|(Der Herr:) „Da muß von seiten eines Geistes, der wie von einer gewissen Ferne eine solche Seele leitet und führt, aber wohl die größte Vorsicht gebraucht werden, damit sie auf dem Suchpfade ja nur das findet, was sie in ihrer Lebensvollendung weiterbringen kann.
GEJ|4|92|2|0|Mit der Zeit erst kann sie eine auch ihr ähnliche Seele, von nahe gleichen Bedürfnissen bedrückt, finden, mit der sie dann natürlich alsogestaltig sogleich in eine Korrespondenz tritt, wie in dieser Welt zwei Menschen, die von einem und demselben Schicksale verfolgt worden sind. Sie fragen sich gegenseitig aus, bedauern sich und fangen nach und nach an, Rat zu halten, was da zu tun wäre, um ihr Los in irgend etwas erträglicher zu machen.
GEJ|4|92|3|0|Es versteht sich von selbst, daß die zweite Seele nur eine scheinbare Ähnlichkeit mit der ersten, erst aus der vollen Abödung getretenen, haben muß; denn sonst würde ein Blinder einem Blinden als Führer gegeben, wobei dann nur zu leicht beide in eine Grube fallen könnten und sich dann in einem ärgeren Zustande befänden, als da war der frühere in der Abödungsperiode.
GEJ|4|92|4|0|Der wie zufällig zu der jungen suchenden Seele stoßende, in sich vollendete Geistmensch aber darf von seiner Vollendung ja nichts merken lassen, sondern muß anfänglich ganz das sein, was die junge Seele ist. Lacht sie, so lache er mit ihr; und weint sie, da weine er mit! Nur so die Seele ärgerlich wird über ihr Schicksal und schimpft und flucht, da tue der Geist das wohl nicht mit, sondern tue anfänglich zwar auch, als wäre er selbst etwas ärgerlich über sein (zum Scheine) ähnliches Los, spiele aber dabei stets den Gleichgültigen, dem es nun schon alles eins ist, ob's ihm so oder so geht! Will's durchaus nicht besser werden, nun, so bleibe es denn, wie es wolle! Dadurch wird die junge Seele gefügiger und wird sich zufriedenstellen schon mit einem kleinen Vorteile, der sich wieder irgend wie zufällig hat auffinden lassen.
GEJ|4|92|5|0|Wenn solch eine Seele im Jenseits dann irgendein Plätzchen gefunden hat, so lasse man sie dort so lange, als sie selbst kein Bedürfnis in sich verspürt, ihr Los zu verbessern; denn solche Seelen gleichen hier solchen Menschen, die mit einer ganz kleinen Besitzung insolange ganz zufrieden sind, wenn sie ihnen nur knapp so viel einträgt, daß sie dabei notdürftig bestehen können. Alles Höhere und Vollendetere und Bessere geht sie nach ihrer Sehnsucht gar nichts an, und sie bekümmern sich dessen auch gar nicht. Was liegt ihnen an der großen Beschäftigung eines Kaisers oder irgendeines Feldherrn?! Wenn sie nur etwas zu essen und die liebe Ruhe haben, so sind sie dann aber auch schon ganz glücklich und wünschen sich ewig nichts Besseres mehr.
GEJ|4|92|6|0|Ebenso steht es dann in einem zweiten Stadium mit einer Seele, die, wie gezeigt, aus ihrer Abödung getreten und nun durch ihre Mühe irgend dahin versorgt worden ist, daß sie ihren Zustand als einen erträglichen ansieht und sich um nichts weiteres mehr bekümmert, ja sogar eine Furcht und Scheu davor hat, weil sie alles, was ihr irgendeine Mühe machen könnte, verabscheut.
GEJ|4|92|7|0|Wir haben eine Seele im Jenseits nun dahin versorgt, daß sie zum Beispiel entweder bei so ziemlich guten Leuten einen Dienst gefunden hat, der sie mit dem Nötigsten versieht, oder sie hat irgendein Häuschen mit einem reichlich besetzten Obstgarten und ein paar Melkziegen als ein verlassenes Gut zum Eigentume mit etwa noch einem Diener oder einer Dienerin bekommen, oder besser auch gefunden; da hat dann der leitende Geist vorderhand nichts anderes zu tun, als eine solche Seele eine Zeitlang in solchem Besitze ganz ungestört zu belassen.
GEJ|4|92|8|0|Er entferne sich auch zeitweilig von ihr und tue, als ginge er selbst etwas Besseres suchen, komme dann wieder und rede davon, daß er wohl Besseres gefunden habe, – aber es sei jenes Bessere um vieles schwerer zu bekommen, und man müsse es sich durch viele Mühe und Arbeit verdienen! Die Seele wird darauf sicher fragen, worin die Mühe und die Arbeit bestände; dann erkläre der Führer das der fragenden Seele. Fühlt sich die Seele dazu geneigt, so führe er sie dahin; im Gegenteile aber belasse er sie, sorge aber dafür, daß der Garten in seinen Erträgnissen stets magerer wird und am Ende nicht einmal mehr das Allernotdürftigste erträgt!
GEJ|4|92|9|0|Die Seele wird nun wohl allen Fleiß anwenden, um den Garten zu einem reichlicheren Erträgnisse zu bringen; aber der Führer darf es nun nicht zulassen, daß die Seele ihren Wunsch erreicht, sondern muß machen, daß die Seele endlich das Fruchtlose aller ihrer Mühe einsieht und den Wunsch äußert, diese ganze Behausung aufzugeben und einen Dienst anzunehmen, bei dem sie, bei sicher nicht mehr Mühe und Arbeit, doch eine erträgliche Versorgung finde.
GEJ|4|92|10|0|Hat sich in einer Seele solch ein Wunsch lebendig zur Genüge ausgesprochen, so werde sie weitergeführt und in einem Dienste mit vieler Arbeit untergebracht. Da verlasse sie dann der Führer wieder unter irgendeinem Vorwande, als hätte er auch an irgendeinem andern Orte einen zwar sehr beschwerlichen, aber sonst gut dotierten Dienst bekommen. Die Seele wird nun zur Arbeit gewiesen, die sie genaust zu verrichten hat. Man sage es ihr und lege es ihr ans Herz, daß da jede Vernachlässigung mit entsprechender Entziehung des bedungenen Liedlohnes bestraft, dagegen ein freiwilliges Mehrtun übers Bedungene hinaus sehr löblich berücksichtigt werde.
GEJ|4|92|11|0|Nun wird die Seele entweder das Bedungene genau und noch manches darüber leisten, oder sie wird sich die Mühe zu sauer werden lassen, wird träge werden und darum in eine noch größere Not verfallen. Im ersten Falle werde sie dann erhoben und in einen freieren und schon bedeutend angenehmeren Zustand versetzt, allwo sie mehr zu denken und mehr zu fühlen bekommt. Im zweiten Falle aber überlasse sie der Führer einer bedeutenden Not, lasse sie zu ihrem früheren mageren Besitze zurückkehren, etwas Weniges, aber bei weitem nicht Genügendes finden.
GEJ|4|92|12|0|Nach einer Zeit, wenn sich eine dringendste Not eingestellt hat, komme der nun viel besser aussehende Führer schon als ein Herr und Selbstbesitzer von vielen Gütern und frage die Seele, was ihr denn eingefallen sei, den guten und aussichtsvollsten Dienst so fahrlässig zu behandeln. Die Seele wird nun sich mit der für ihre Kräfte zu großen und zu anstrengenden Mühe ausreden und entschuldigen; da werde ihr aber gezeigt, wie ihre Mühe und Anstrengung hier auf dem magersten Kleinbesitze eine noch viel größere sei und doch sei da keine Aussicht vorhanden, je nur zu einem notdürftigsten Vorteile zu gelangen.
GEJ|4|92|13|0|Auf diese Weise wird so eine Seele zur Einsicht gebracht, wird abermals einen Dienst annehmen und nun sicher mehr guttun denn vorher. Tut sie nun gut, so werde ihr in Kürze ein wenig vorwärtsgeholfen, – aber noch ist sie bei dem Gefühle zu belassen, als sei sie leiblich noch nicht gestorben; denn dies fühlen materielle Seelen lange nicht und müssen davon erst auf einem geeigneten Wege unterwiesen werden. Die Kunde davon wird für sie erst dann erträglich, wenn sie als ganz nackte Seelen zu einer mit schon gutem Gewande bekleideten, gewisserart seelenleiblichen Festigkeit gediehen sind. In solchem festeren Zustande sind sie dann auch irgend kleiner Offenbarungen fähig, weil ihres Geistes Keim sich in ihnen zu regen beginnt.
GEJ|4|92|14|0|Ist eine Seele einmal so weit gediehen und hat sie einsichtig angenommen, daß sie sich nun in der Geisterwelt befindet und von nun an erst ihr ewiges Los ganz allein von ihr abhängt, so werde ihr der allein rechte Weg der Liebe zu Mir und dem Nächsten gezeigt, den sie ganz aus ihrem völlig freien Willen und aus ihrer ganz freien Selbstbestimmung zu wandeln hat.
GEJ|4|92|15|0|Ist ihr das gezeigt worden nebst dem, was sie in jedem Falle ganz bestimmt zu erreichen vor sich hat, da verlasse sie der Führer abermals und komme erst dann wieder zu ihr, wenn sie ihn allerernstlichst berufen wird in ihrem Herzen. Beruft sie ihn aber nicht, dann wandelt sie ohnehin auf dem rechten Wege; ist sie aber von dem abgewichen und hat einen schlechten betreten, so lasse er sie wieder in ein entsprechend großes Elend kommen. Wird sie ihren Fehltritt einsehen und den Führer herbeiwünschen, so komme er und zeige ihr das vollauf Nichtige ihrer Mühen und Bestrebungen.
GEJ|4|92|16|0|Hat sie darauf den Wunsch, sich wieder zu bessern, so bringe er sie abermals in einen Dienst, und so sie da erfüllt ihre Pflichten, so werde sie wieder befördert, aber nicht so bald wie ein erstes Mal, weil sie da gar leicht wieder in ihre alte, materielle Lethargie zurückverfiele, aus der sie viel schwerer zu befreien wäre denn aus der allerersten, weil sie sich bei jedem Rückfalle stets mehr und mehr wie ein wachsender Baum verhärtet und von Jahr zu Jahr sich auch schwerer beugen läßt denn in den ersten Wachstumsperioden.“
GEJ|4|93|1|1|93. — Der Fortschritt der Seele auf der Erde und im Jenseits
GEJ|4|93|1|0|(Der Herr:) „Es versteht sich schon von selbst, daß hier von einem sonderheitlichen Falle nicht die Rede sein kann, sondern nur von einer Grundnorm, nach der, sowohl bei der diesseitigen und ganz besonders bei der jenseitigen Führung, eine Seele aus ihrer lebenshemmenden Materialität zu heben ist.
GEJ|4|93|2|0|Es gibt daneben noch zahllos viele Abweichungen, von denen eine jede ein wenig anders zu behandeln ist; aber alles dessen ungeachtet muß es dennoch eine Grundnorm geben, nach der sich endlich alle andern zu richten haben, so wie das Erdreich mit einem Regen befruchtet werden muß, damit im selben der ausgesäte Samen zu keimen beginnen kann. Wie aber dann die verschiedenartigen Samen, die im Erdreiche zur Belebung ruhen, das ihnen Zusagende aus dem Regentropfen an sich bringen, das ist eine Sache der speziellen Intelligenz der Geister, die die Keime bewohnen und für ihr Haus gar wohl zu sorgen verstehen.
GEJ|4|93|3|0|Ich sage euch dies darum, damit ihr einsehen sollet, wie schwer und mühsam es jenseits vor sich geht mit und auf dem Wege zur Vollendung des innern Lebens, und wie leicht und ungebunden hier, wo die Seele noch den materiellen Leib um sich hat, in den sie zu allernächst alle ihre vorhandene Materialität ablagern kann, wie und wann sie solches nur immer will; aber jenseits ist das nicht so leicht möglich, weil die Seele eben keinen materiellen Leib mehr hat und mit ihren Füßen auch nicht mehr über einen materiellen Boden gleitet, sondern über einen geistigen, aus der Seele Gedanken und Ideen erbauten, der aber durchaus nicht geeignet ist, das aus der Seele geschiedene Materielle aufzunehmen und in sich für ewig zu begraben.
GEJ|4|93|4|0|Denn was da auch aus der Seele auf ihren Boden fällt, das gilt nahe soviel, als so man einen Stein nähme und ihn ganz von dieser Erde hinweg in den endlosen Raum hinausschleudern wollte. Ja, wer die Kraft besäße, einen Stein mit einer solchen Schnellkraft empor- oder von dieser Erde hinwegzuschleudern, daß sie die Schnelle eines abgeschossenen Pfeiles ums dreißigtausendfache überträfe, der würde den Stein schon ganz sicher derart von der Erde entfernen, daß er nimmer zurückfiele; aber jede mindere Schnellkraft würde solch eine Wirkung nie zustande bringen. Sie würde den Stein wohl mehr oder minder weit von der Erde hinaustreiben; aber so die dem Steine mitgeteilte Wurfkraft zufolge der beständig weithinaus wirkenden Anziehungskraft der Erde dann minder und notwendig schwächer würde, so würde der Stein wieder umkehren, und auf den Boden der Erde jählings zurückfallen.
GEJ|4|93|5|0|Und sehet, ebenso steht und also verhält sich's mit den der Seele im Jenseits noch anhaftenden materiellen Sündenbrocken! Entfernt die Seele solche auch aus sich und wirft sie hin auf ihrer Welt Boden, so nützt ihr diese Mühe wenig, ja dann und wann gar nichts, weil der Boden der Seele, auf dem sie in der Geisterwelt steht und sich bewegt, ebenso ihr höchst eigener Anteil ist, wie da irdisch die Anziehungskraft dieser Erde, und ob sie noch soweit hinausreicht, ein Anteil eben der Erde ist und nicht ein Atom sich von ihr entfernen läßt.
GEJ|4|93|6|0|So dann jenseits die Seele alles Grobe und Materielle aus sich entfernen will, muß eine höhere Kraft in ihr wirksam werden; und das ist die Kraft, die in Meinem Worte und in Meinem Namen liegt! Denn es steht, aus dem Munde Gottes kommend, geschrieben: ,Vor Deinem Namen werden sich beugen alle Knie im Himmel, auf der Erde und unter der Erde!‘ Darunter sind zu verstehen alle Menschengeschöpfe der zahllos vielen anderen Welten im endlosesten Schöpfungsraume; denn im Himmel wohnen die schon für ewig vollendeten Gotteskinder, – auf dieser Erde, wohl verstanden, einzig und allein die werdenden Kinder Gottes. So aber nur dieser Erde der hohe Vorzug eingeräumt ist, so steht sie in der Würde vor Gott über allen anderen Weltkörpern; diese stehen dann moralisch unter ihr und daher auch ihre Bewohner, die denn auch unter dem ,die da wohnen unter der Erde‘ zu verstehen sind.
GEJ|4|93|7|0|Also durch Mein Wort und durch Meinen Namen kann die Seele erst ganz geläutert werden. Aber es geht dies jenseits nicht so leicht, als man sich's etwa wohl vorstellen mag; da gehören große Vorbereitungen dazu! Die Seele muß zuvor in aller möglichen Selbsttätigkeit vollauf geübt sein und muß schon eine ganz tüchtige Kraft fest in sich haben, bevor es ihr möglich sein kann, Mein Wort und endlich gar Meinen Namen anzunehmen.
GEJ|4|93|8|0|Ist aber eine Seele einmal des imstande, dann wird es ihr ein leichtes sein, auch das letzte materielle Atom aus ihrem ganzen Territorium derart zu entfernen, daß es ewig nimmer in sie zurückfallen kann. Wie und Warum, soll sogleich gezeigt werden!“
GEJ|4|94|1|1|94. — Die Entwicklung des Seelenlebens
GEJ|4|94|1|0|Sagt hierzu Cyrenius, der alles mit der allergespanntesten Aufmerksamkeit angehört hatte: „Herr, ich kann gerade nicht sagen, daß ich das alles nicht verstanden hätte; es ist mir wohl alles so recht klar, – nur kommt es mir vor, als könnte mir dies alles auf dieser Erde auch noch einmal unklar werden, und das würde mich dann unglücklich machen! Denn alles das, was wir nun aus Deinem heiligen Munde vernommen haben, ist denn doch ein wenig zu hoch über den selbst allergewecktesten Menschenverstand; daher wäre eine kleine Nachbeleuchtung über einiges vielleicht wohl nicht überflüssig zu nennen!“
GEJ|4|94|2|0|Sage Ich: „Freund, ihr Römer habt ein recht gutes Sprichwort, das etwa also lautet: LONGUM ITER PER PRAECEPTA, BREVIS ET EFFICAX PER EXEMPLA! [Lang ist der Weg durch Belehrung, kurz und wirksam durch Beispiele!] Sieh, das läßt sich hier auch recht gut anwenden! Warte auf die später folgenden Beispiele, die Ich euch wunderbarerweise zur Sicht stellen werde! Diese werden dir das, was dir jetzt noch unklar ist, aufhellen; das ganz Reine der Sache aber wirst du erst dann erfahren, wenn der reine Geist der ewigen Wahrheit über euch kommen und euch leiten wird in alle Wahrheit der Himmel und aller Welten.
GEJ|4|94|3|0|Merkst du aber nicht, daß es schon in der Natur nur ein Gesetz im Wachstum aller Pflanzen und Tiere gibt?!
GEJ|4|94|4|0|Siehe, alle Pflanzen wachsen und vermehren sich von innen heraus; sie ziehen aus der Feuchtigkeit der Erde ihre entsprechenden Stoffe an sich und endlich, geläutert durch viele tausend Kanäle und Röhrlein, in sich selbst oder in ihr Leben.
GEJ|4|94|5|0|Die Tiere nehmen ihre Kost im Grunde aus derselben Quelle, – nur ist sie zuvor, entweder im Organismus der Pflanzen oder im schon viel mehr raffinierten (gereinigten) Fleische der unteren Tiergattungen um sehr vieles geläuterter als im ursprünglichen Humus der Erde.
GEJ|4|94|6|0|Der Mensch genießt am Ende schon das Allerfeinste und Reinste aus der Pflanzenwelt sowohl als auch aus der Tierwelt. Heu, Gras und Stroh nähren ihn nicht mehr. Von den Pflanzen braucht er hauptsächlich nur das Korn und von den Bäumen die edelsten, honigsüßen Früchte. Von den Tieren genießt er zumeist nur das anerkannt Reinste und hat einen Ekel vor dem Fleische ganz unreiner Tiere.
GEJ|4|94|7|0|Aber wie viele Abweichungen, Abirrungen und Seitenwege gibt es im nur diesirdischen Sich-Entfalten der Pflanzen- und Tierwelt, und dennoch gelangt jedes an sein Ziel! Es kann dem sorgsamen Auge eines Forschers aller Dinge in der Naturwelt nicht entgehen, zu merken, wie da stets ein Ding dem andern dient und eines zur Hebung und Weiterbelebung des andern da ist.
GEJ|4|94|8|0|Das Leben der Seele muß sich durch die verschiedenen Naturelemente durchseihen. Vorerst ist es im Äther; da sammelt es sich durchs Ergreifen des Gleichen mit Gleichem, Ähnlichem und Verwandtem. Dadurch wird es schwerer und sinkt vorerst in sich selbst in sein eigenes Zentrum, wird schwerer und schwerer und wird aus sich die schon schwerere und fühlbare Lebenssubstanz.
GEJ|4|94|9|0|Als Luft sammelt es sich wieder wie oben im Äther, daraus werden Wolken und Nebel, und diese sammeln sich wieder, werden zu Wassertropfen und fallen zur Erde im Regen, Hagel, Schnee, Tau und in gewissen Gegenden als bleibende und fortwährende Dunstbildungen und feuchte Niederschläge aus der Luft.
GEJ|4|94|10|0|Das Wasser, als ein zwar noch sehr untergeordnetes, aber schon über Äther und Luft stehendes Lebenselement, muß nun schon recht vielseitig den wieder höher stehenden Lebenskondensationsanstalten (Kondensation = Verdichtung) zu dienen anfangen. Es muß einmal das mehr und ganz zu Stein verhärtete Leben in der groben Materie erweichen und zur Aufnahme und Weiterbeförderung in sich selbst, das heißt, ins Element des Wassers, aufnehmen; das ist ein erstes Dienen.
GEJ|4|94|11|0|Darauf muß es seine Lebensgeister oder gewisserart seelischen Substanzpartikel in die Pflanzen abgeben. Haben sich die Partikel in den Pflanzen nach und nach und mehr und mehr zu schon bestimmten Intelligenzformen ausgebildet, so werden sie wieder vom Wasser und von der dunstigen Luft aufgenommen, und das Wasser muß ihnen Stoff zu neuen und freieren Lebensformen schaffen. Also dient das Wasser noch stets in seiner Sphäre, obschon aus ihm stündlich Myriaden mal Myriaden Kleinseelenlebensintelligenzteilchen frei und mehr und mehr selbständig werden.
GEJ|4|94|12|0|Aber das Pflanzenleben muß abermals mehrere und schon kompliziertere Dienste annehmen und verrichten. Des Wassers Dienste sind noch sehr einfach, während der Pflanzen Dienste zur Weiterförderung des Lebens schon bei nur einiger Betrachtung einer noch so einfachen Pflanze schon sehr zusammengesetzt sind.
GEJ|4|94|13|0|Noch vielfacher und viel bedeutender sind die Dienstleistungen zur Weiterbeförderung des Seelenlebens selbst in den allerersten und einfachsten Tieren, die der Pflanzenwelt am nächsten stehen. Und so wird das Dienen ein immer komplizierteres in einer jeden höher stehenden Lebensform.
GEJ|4|94|14|0|Ist das Seelenleben einmal ganz und gar in die Menschenform übergegangen, so ist Dienen seine erste Bestimmung. Da gibt es verschiedene Naturdienste, die jeder Menschenform als ,Muß‘ auferlegt sind; danebst aber gibt es dann auch eine zahllose Menge freierer und eine noch größere Menge freiester moralischer Dienste, die ein Mensch zum Verrichten überkommt. Und hat er nach allen Richtungen hin einen treuen Diener gemacht, so hat er dadurch auch sich selbst in die höchste Vollendung des Lebens erhoben. Nun, dies geschieht wohl bei einigen Menschen, die schon von der Geburt an auf eine höhere Stufe gestellt worden sind; aber bei anderen Menschen, die noch sozusagen knapp an der Linie der Tiere stehen, geht das diesseits nicht, und es geschieht ihre Weiterbildung erst jenseits, – aber immer auf dem Grundwege des Dienens.“
GEJ|4|95|1|1|95. — Der Zweck des Dienens
GEJ|4|95|1|0|(Der Herr:) „Durch das Dienen wird die Demut am meisten geübt und gefördert, je untergeordneter oft ein Dienst erscheint, desto tauglicher ist er für die wahre Ausbildung des Lebens. Die Demut selbst aber ist nichts als das sich stets mehr und stärker Kondensieren des Lebens in sich selbst, während der Hochmut ein stets lockereres Gestalten und sich ins Endloseste hin auseinander Zerstreuen und am Ende nahe gänzliches Verlieren des Lebens ist, was wir den zweiten oder geistigen Tod nennen wollen.
GEJ|4|95|2|0|Im Hochmute hat alles Dienen ein Ende genommen und somit auch alle weitere Fort- und Ausbildung des Lebens. Wäre im hochmutsvollen Herrschen über die andern des Lebens Ausbildung bedungen, so würde von Mir sicher eine solche Ordnung getroffen sein, daß ein jeder Mensch irgendein unbeschränktes Recht zum Herrschen hätte; da aber das Meiner ewigen Ordnung zuwider ist, so muß ein jeder Mensch und Engel zum Dienen sich bequemen und am Ende eben im ewigen, stets mehr und ausgebreiteteren Dienen die größte Wonne und Seligkeit finden.
GEJ|4|95|3|0|Ohne Dienen gibt es dann eigentlich gar kein Leben, keine haltbare Dauer desselben, kein Glück, keine Glückseligkeit und keine Liebe, keine Weisheit und keine Wonne des Lebens weder hier noch jenseits; und wer sich einen Himmel voll Dienstlosigkeit, voll Trägheit und voll müßiger Schwelgerei denkt, der irrt sich groß!
GEJ|4|95|4|0|Denn ebendarum bekommen die seligsten Geister der höchsten Himmel eine Mir nahe gleiche Kraft und Gewalt, um Mir und allen Menschen hier schon auf dieser Lebensprobewelt desto gediegenere Dienste leisten zu können. Wozu würde ihnen sonst wohl der Besitz einer sogar schöpferischen Kraft und Gewalt dienlich sein?! Braucht man wohl zum Nichtstun eine Kraft und eine Weisheit?! Ist ihre Tätigkeit und Dienstleistung von einer für euch unbeschreibbaren Wichtigkeit für diese Erde schon, wie groß muß sie sein in ihrer Wichtigkeit für die Geisterwelt, und aus der für die ganze Unendlichkeit!
GEJ|4|95|5|0|Ich kam ja auch nicht darum zu euch, um aus euch Müßiggänger zu zeihen oder euch bloß für den Ackerbau, für die Viehzucht und dergleichen mehreres zu bilden, sondern um aus euch tüchtige Arbeiter für den großen Weinberg der Himmel zu erziehen. Meine Lehre an euch alle ist dahin abgezielt, um fürs erste euch selbst im Gebiete eures inneren Lebens wahrhaft zu vollenden, und fürs zweite, daß ihr dann selbst als Lebensvollendete Mir schon hier und ganz besonders einstens drüben in Meinem Reiche die tüchtigsten und kräftigsten Arbeiter abgeben möchtet und sollet.
GEJ|4|95|6|0|Würde dies nicht Meine Endabsicht sein, und Ich sagete zu euch: ,Seid nur hier tätig; einstens drüben in Meinem Reiche werdet ihr dann bei bestem Saus und Braus in alle Ewigkeit vollauf ruhen können und angaffen alle die Herrlichkeit Gottes!‘, so müßte Ich Selbst blöder sein als irgendein Blödester aus euch. Ja, ihr werdet wohl Gottes Herrlichkeiten ewig anzustaunen haben, aber ohne Tätigkeit nicht; denn an eurer Tätigkeit wird es ja eben liegen, die Wunder der Himmel zu mehren und sie stets herrlicher und göttlicher zu machen!
GEJ|4|95|7|0|Ich will es, daß von nun an alle Meine Gedanken und Ideen durch euch, Meine Kindlein, erst ins vollste Werk gesetzt werden, hier schon für Seele, Herz und Geist eurer Brüder und Schwestern, und jenseits aber in alle die großen Wirklichkeiten von ihrer innersten geistigen Entstehungssphäre bis zu ihrer alleräußersten materiellen Ausbildung, und von da zur abermaligen Rückführung ins gemehrte, rein und selbständig geistige, vollendete Leben. Und dazu, Freunde, wird unendlich viel Zeit, Geduld und eine große Tätigkeit erforderlich sein und eine ebenso große und allumfassende Weisheit und Kraft!“
GEJ|4|96|1|1|96. — Einblick in die Schöpfungsgeheimnisse
GEJ|4|96|1|0|(Der Herr:) „Glaubet ja nicht, daß eine Welt, wie diese kleine Erde nur, von heute bis morgen erschaffen und auf ein mal bevölkert werden kann! Dazu gehören für eure Begriffe undenkbar viele Myriaden von Erdjahren. Welch eine für euch undenkbar lange Zeit gehört allein dazu, bis eine Welt zur Erkeimung eines Menschen reif wird! Wie viele Pflanzen- und Tiergattungen müssen zuvor der Erde Boden durch ihre Gärung und Verwesung gedüngt haben, bis sich auf ihrem Boden und in ihrem Pflanzen- und Tierweltsmoder jener Humus gebildet hat, aus dem eine erste kräftige Seele ihren Leib nehmen und ihn also einrichten konnte nach der göttlichen Ordnung, daß er ihr dienlich werden mußte und fähig zur Fortzeugung der gleichen Nachkommen, auf daß die fertigen und freien, aber noch unbeleibten Seelen nicht mehr jahrhundertelang sich aus den Dünsten einen Leib zusammenzuziehen notwendig haben, sondern denselben auf einem viel kürzeren Wege in einem schon mit allem dazu Nötigen vollkommenst ausgerüsteten Mutterleibe erzeugen.
GEJ|4|96|2|0|Sehet, zu allem dem gehört viel Zeit und viel Weisheit, viel Geduld und eine unendliche Kraft! Da aber weder ihr und noch weniger Ich je werden zu denken und Ideen zu fassen aufhören, so geht das Erschaffen auch ewig fort; denn leer denken kann Ich und könnet auch ihr nicht! Wie der Gedanke aber einmal als ein Etwas empfunden wird, so muß er als eine Form dastehen; steht er aber einmal als Form da, so ist er auch schon geistig umhäutet, steht als Gegenstand lichtaufnahmefähig vor uns, ansonst wir ihn nicht als ein geformtes Etwas wahrnehmen könnten. Solange sonach Ich aus Mir denken und Ideen fassen werde und ihr aus Mir, so lange wird auch das Erschaffen unmöglich aufhören. An Raum wird die Unendlichkeit ewig nie einen Mangel leiden und uns nie eine Untätigkeitslangweile belästigen.
GEJ|4|96|3|0|Wo es aber viel zu tun gibt, da gibt es auch viele Bedienstungen, je nach den Graden der Dienstfähigkeit derer, denen ein Amt zugemessen wird. Wer sich viele Eigenschaften in Meiner Ordnung erworben hat, der wird auch über vieles gesetzt werden; wer sich aber nur sehr wenige Eigenschaften erworben hat, der wird auch nur über sehr weniges gesetzt werden. Wer sich hier aber gar keine Fähigkeiten erwerben wird, der wird sicher dort so lange in aller Nacht schmachten und darben müssen, bis er sich durch seine inneren, freien und selbständigen Bestrebungen insoweit befähigt hat, um in irgendeinen auch nur allergeringsten Dienst zu treten. Versieht er den geringsten Dienst gut, so wird er schon in einen bedeutenderen gesetzt werden; versieht er ihn aber nur schlecht, so wird er bald auch das verlieren, was er sich mit seinen wennschon geringsten Fähigkeiten ganz leicht hätte erwerben können.
GEJ|4|96|4|0|Wer da hat, dem wird noch mehr gegeben werden, daß er dann eine Fülle haben soll; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er schon hatte, und wieder wird Nacht, Finsternis, Hunger, Elend und allerlei Not sein Los sein so lange, bis er sich dazu bequemen wird, zuerst in sich selbst tätig zu werden, um dadurch zu irgendeiner weiteren Dienstfähigkeit zu gelangen.
GEJ|4|96|5|0|Daher seid alle hier bestrebsam, und lasset euch nicht blenden von den Schätzen dieser Welt, die da vergehen werden wie die jetzige Materieform dieser ganzen dem Fleischauge sichtbaren Schöpfung; sammelt euch aber dafür desto mehr der geistigen Schätze, die für die ganze Ewigkeit dauern werden! Seid kluge Wirte und Haushälter im Hause eures Herzens; je mehr der Geistesschätze ihr durch allerlei gute Werke darin aufspeichern werdet, desto besser wird es euch drüben ergehen! Wer aber hier karget und filzet, der wird sich's dereinst nur selbst zuzuschreiben haben, wenn er seine Herzensvorratskammern nahezu völlig leer antreffen wird.
GEJ|4|96|6|0|Hier ist's leicht sammeln; denn hier wird alles, was jemand tut im guten Willen aus Liebe zu Gott und zum Nächsten, als barstes und reinstes Gold angenommen; jenseits aber wird er alles mit dem reinsten Golde der inneren und pursten Selbsttätigkeit aus sich selbst und in sich selbst erwerben und bezahlen müssen. Und das, Meine Freunde, geht in jenem Reiche etwas schwer, wo es keine äußeren Gold- und Silberbergwerke gibt!
GEJ|4|96|7|0|Hier könnet ihr aus dem gemeinsten Straßenkote Gold machen und euch den Himmel dafür erkaufen, so euer Herz in aller Wahrheit beim Kaufe dabei war; jenseits werdet ihr nur aus dem Edelsten das Edle in euch selbst erzeugen können, und dies wird noch schwerer sein, als hier aus den gemeinsten Kieseln Gold zu machen. Wer aber durch seine edlen und guten Werke hier schon eine Masse und große Menge Goldes erzeugt hat, der wird jenseits keinen Mangel daran haben; denn aus einem Sandkorne dieses geistig edlen Metalles wird jenseits ein weltengroßer Klumpen, und das gibt schon einen großen Vorrat.“
GEJ|4|97|1|1|97. — Die rechte Betätigung der Nächstenliebe
GEJ|4|97|1|0|(Der Herr:) „Aber Ich sehe nun in einigen von euch einen bösen Gedanken aufsteigen, den euch Satan geheim eingeflüstert hat! Der Gedanke aber lautet also: Euch hat es Mühe gekostet und viele Arbeit, daß ihr zu eurem Golde für euch und eure Nachkommen gekommen seid, und nun sollet ihr es vergeuden an solche, die in allerlei Trägheit ihr Leben verschleudert haben?! Lasset sie arbeiten und von euch ihr Brot verdienen, das ihr ihnen nach ihrem Verdienste stets nur karg zumessen möget! Wer nicht arbeiten kann und mag, der soll zugrunde gehen wie ein Hund auf offener Straße!
GEJ|4|97|2|0|Oh, Ich sage es euch, das ist ein schlechter Gedanke, der euch eingegeben ward! Wie soll ein Blinder arbeiten? Und doch ist er euer Bruder, der dasselbe Recht zu leben hat wie ihr, die ihr sehet und höret und gerade Glieder habt. Wie sollen arme Greise und schwache Kinder verarmter Eltern arbeiten, denen dazu die nötige Kraft gebricht? Wie sollen Lahme und Krüppel arbeiten um euren Lohn, den ihr noch so karg als möglich zumessen wollet?
GEJ|4|97|3|0|Wie sollen jene Menschen arbeiten, die von Tag zu Tag Arbeit suchen und nirgends eine finden? Denn zu wem sie kommen, der weist sie damit weiter, daß er derzeit keine Arbeit für sie habe. Und doch verweiset ihn euer böser Gedanke, Arbeit zu suchen, die er irgendwoanders ebensowenig wie bei euch finden kann. Aus dem Menschen wird endlich ein Bettler; den schmähet ihr dann und heißet ihn einen faulen Tagedieb. Aus einem andern wird ein Dieb; den fanget ihr wie ein reißendes Tier, mißhandelt ihn und werfet ihn dann erst in einen Kerker. Aus einem dritten wird gar ein Raubmörder oder zum wenigsten ein gefürchteter Straßenräuber. So ihr den fanget, wird er verurteilt, in einen Kerker geworfen und kurze Zeit darauf qualvoll getötet.
GEJ|4|97|4|0|Sehet, das sind zumeist Erfolge eurer bösen Gedanken, die euch ganz geheim der Fürst der Finsternis eingehaucht hat zu allen Zeiten. Aber von nun an soll es nicht also sein! Solche Gedanken gehören der Hölle an, – aber in euren Gemütern sollen sie nimmer stattfinden.
GEJ|4|97|5|0|Es wird nicht verlangt, daß ihr alle eure Habe darum an die Armen verteilen sollet, dieweil ihr Meine Jünger seid; aber weise Verwalter des euch anvertrauten Vermögens sollet ihr sein, auf daß ihr die unverschuldet Armen nicht darben und schmachten lassen möget, wenn sie vor eure Türe kommen!
GEJ|4|97|6|0|Sehet an hier den Freund Ebahl aus Genezareth! Der hat, seit er ein Wirt ist, Tausende von allerlei einheimischen und auch weltfremden Armen beherbergt, und das nie mit Widerwillen oder mit einer Art Ängstlichkeit der Seinen wegen, – und doch ist sein Vermögen um nichts geschmälert worden! Er besitzt nun im Gegenteile so viele und große Erdenschätze, daß er sich dafür ein großes Königtum erkaufen könnte; aber er legt auf alle diese Schätze nur darum einen Wert, weil er dadurch um so mehr in den Stand gesetzt ist, noch mehr Armen kräftigst unter die Arme greifen zu können. Er denkt nicht an sein ganzes Haus und an seine Kinder nur so weit, daß sie alle in der Erkenntnis des einigen und allein wahren Gottes stark und kräftig werden; dafür aber sorge dann Ich für alles andere seines Hauses, und Ich stehe euch dafür, daß sein Haus an nichts je einen Mangel leiden wird!
GEJ|4|97|7|0|Den Ängstlichen aber überlasse Ich die Sorge um ihr Haus und überschütte ihre Scheuer nimmer mit Weizen und Korn, und ihre Kelter soll nicht überfließen vom Weine. Ihrer Gärten Bäume sollen nicht strotzen vor Schwere Meines Segens, und ihre Teiche sollen nicht zu sehr getrübt werden vor zu großer Menge der edlen Fische, und ihre Herden sollen im Lande nicht die fettesten sein! Denn, wie her so auch hin, – und es ist nirgends zu erwarten ein zu großer Gewinn! Wer auf Mich schwach vertrauend baut, der soll auch ernten nach seinem Vertrauen! Ich werde jedermann geben nach seinem Vertrauen und nach seinem Glauben, der stets eine Frucht der Liebe zu Mir und zum Nächsten ist.
GEJ|4|97|8|0|Seid darum stets und allzeit barmherzig, und ihr werdet dann auch bei Mir eben allzeit Barmherzigkeit finden! Wie ihr euch verhalten werdet gegen die armen Brüder und Schwestern, also werde auch Ich Mich verhalten gegen euch. Ich sage und rate es euch allen: Seid voll Dienstfertigkeit untereinander, überbietet euch im Wohltun, liebet euch wahrhaft untereinander, also wie auch Ich euch liebe, so werdet ihr aller Welt zeigen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger und in eurem Geiste vollends Meine wahren Kinder seid.
GEJ|4|97|9|0|Dies ist die Bestimmung aller Meiner Kinder, daß sie sich hier auf dieser Erde gleichfort üben sollen im einstigen großen Geschäfte in Meinen Himmeln; denn dort wird alles und allein nur die Liebe zu tun haben, und jede Weisheit, die nicht dem Flammenlichte der Liebe entstammt, wird in Meinen Himmeln für immer und ewig nie eine Aufnahme finden und ebenalso auch nichts zu tun bekommen!“
GEJ|4|98|1|1|98. — Von der Geldhilfe
GEJ|4|98|1|0|(Der Herr:) „Wer von euch viel des Geldes hat, der leihe es nicht stets denen, die ihm hohe und wucherische Zinsen und das Kapital zur bedungenen Zeit zurückbezahlen können, sondern auch den Armen, die ihm weder das Kapital noch die Zinsen zurückerstatten können, so wird er sein Geld bei Mir guthaben, und Ich werde ihm schon hier zehnfach und jenseits hundertfach Kapital und Zinsen zurückbezahlen. Wer aber sein Geld nur allein denen leiht, die ihm zur bedungenen Zeit Kapital und Zinsen zurückbezahlen können oder in gewissen Fällen durch gerichtlichen Zwang zurückzahlen müssen, der hat seinen Lohn schon hier ganz genommen und hat von Mir keinen mehr zu erwarten; denn er hat dadurch nicht Mir, sondern nur der Welt und sich selbst gedient.
GEJ|4|98|2|0|Ihr werdet zwar sagen: ,So man jemand, der in einer Not steckt, auch ein Geld auf Zinsen leiht, so ist das ja auch eine Wohltat; denn der Entleiher hat sich dadurch geholfen, ist ein reicher Mann geworden und kann dann ja ganz leicht Kapital und Zinsen zurückerstatten! Denn der Darleiher hat ja doch wagen müssen, sein Geld im ungünstigen Spekulationsfalle zu verlieren! Da es aber dem Entleiher genützt hat, so kann darob ja doch kein Gott mit aller Seiner Weisheit Sich irgend aufhalten, wenn er, der Entleiher, dem Darleiher das Kapital samt den bedungenen Zinsen zurückbezahlt! Denn der Darleiher ist fürs erste ja auch ein Mensch, gegen den ein anderer dieselben Verpflichtungen hat wie er zu ihm, und fürs zweite kann das dargeliehene Geld ja des Darleihers ganze Habseligkeit sein, von der er also, wie der Landmann vom Grunde und Boden, leben muß! Läßt sich aber der Darleiher das dargeliehene Geld, wie auch die Zinsen davon, nicht zurückerstatten, wovon soll er dann leben? Oder kann es der Entleiher auch nur von ferne hin wünschen, das entliehene Geld zu behalten, indem er mit demselben doch sehr viel gewonnen hat und wohl wissen kann und muß, daß dies des gefälligen Darleihers einzige Habseligkeit ist?!‘
GEJ|4|98|3|0|Dazu sage Ich: Jeder, der ein Geld hat, und ein Freund benötigt dessen und kommt und will ein Darlehen, so soll es ihm nicht vorenthalten werden. Wer es ihm darleiht gegen die gesetzlichen Zinsen, der hat an ihm schon ein gutes Werk vollbracht, das auch in den Himmeln seine Würdigung finden wird. Es ist aber ebenso die Pflicht des Entleihers, dem Darleiher nicht nur gewissenhaftest das Entliehene samt den bedungenen Zinsen zurückzuerstatten, sondern noch mehr; so er viel gewonnen hat, soll er auch aus freiem Herzensantriebe den Gewinn mit dem Darleiher teilen, da er ja doch nur mit dessen Gelde den Gewinn gemacht hat. Doch der Darleiher soll das nicht irgend verlangen! Das alles könnet ihr in aller Freundlichkeit tun, aber darum das andere nicht völlig fahren lassen!
GEJ|4|98|4|0|Wenn aber zu dem, der ein Geld zum Ausleihen hat, ein ganz Armer kommt, von dem es nicht zu erwarten ist, daß er eine dargeliehene größere Summe ersprießlich und nutzbringend verwenden könnte oder möchte, da ist von Mir aus kein Mensch verpflichtet, solch einem Armen ein vom selben verlangtes Geld zu leihen, weil er auf diese Weise mutwillig sein Geld, ohne jemand damit wirklich genützt zu haben, gleichsam weggeworfen und dem armen Entleiher nur eine Gelegenheit bereitet hätte, durch die er sich zu allerlei Ausschweifungen angetrieben zu fühlen anfangen würde und je nach seiner Natur auch müßte. Solch ein Werk wäre sonach nicht besonders gut, im Gegenteile nur mehr, wennschon gerade nicht schlecht, so doch sehr dumm zu nennen, – was weder Meiner Liebe und noch weniger Meiner Weisheit angenehm sein könnte.
GEJ|4|98|5|0|Ah, ganz was anderes wäre es, so ein armer Mann käme, von dem ihr wisset, daß er mit dem Gelde wohl umzugehen versteht und er nur durch widrige Zufälle arm geworden ist, und verlangte von euch ein Geld zu entleihen; dem sollet ihr es ja nicht vorenthalten, auch ohne Zinsen und ohne eine sichere Zuversicht, das dargeliehene Kapital je wiederzuerhalten! Hat der Mann das Geld gut verwendet, so wird er als euer Bruder schon auch wissen, was er danach zu tun haben wird; denn er hat dieselben Verpflichtungen gegen euch, wie ihr gegen ihn.
GEJ|4|98|6|0|Sollte er das Entliehene jedoch nicht mehr zurückzuerstatten imstande sein, so sollet ihr ihm darum nicht gram werden oder euer Guthaben bei seinen Nachkommen suchen; denn dies wäre hart und gänzlich wider Meine Ordnung. Sind aber die Nachkommen, besonders die Kinder oder die ersten Enkel, zu einem Vermögen gekommen, so werden sie sehr wohl und Mir wohlgefällig daran tun, jene Schuld zu tilgen, die ihr armer Vater oder Großvater bei einem Menschenfreunde gemacht hat. Geschieht das, so wird der Menschenfreund dann aber auch schon wissen, was er mit solch einem Gelde aus Liebe zu Mir und zum Nächsten zu tun haben wird!
GEJ|4|98|7|0|Wenn Ich demnach sage, daß ihr euer Geld auch denen leihen sollet, die es euch nicht zurückerstatten können, so will Ich damit nur eben das sagen, daß ihr mit eurem Geld oder sonstigen Vorrat eben also euch gebaren sollet, wie Ich es euch nun angezeigt habe; was darunter oder darüber ist, wäre entweder dumm oder von bedeutendem Übel, also eine grobe Sünde wider die wahre Nächstenliebe!“
GEJ|4|99|1|1|99. — Vom rechten und vom falschen Dienen
GEJ|4|99|1|0|(Der Herr:) „Dienen heißt demnach das große Losungswort durch alle Sphären der Unendlichkeit, im großen Reiche der Natur sowohl, als auch im endlosen Reiche der Geister!
GEJ|4|99|2|0|Auch der Hölle arge Bewohner verstehen sich darauf, – nur mit dem gewaltigen Unterschiede von der Dienerei der Bewohner der Himmel: In der Hölle will im Grunde jeder bedient sein; und dient schon einer dem andern, so ist das bloß eine Augendienerei, also ein allzeit höchst selbstliebig interessierter Scheindienst, wodurch einer den andern täuschen will, um ihn bei einer günstigen Gelegenheit desto sicherer unter seine Krallen zu bekommen und aus seinem Falle Vorteile für sich zu ziehen.
GEJ|4|99|3|0|Ein höllisches Gemüt hebt seinen Oberen gerade aus der Ursache in die Höhe, aus der es am Ufer des Meeres eine gewisse Gattung der Geier mit den Schildkröten macht. Ein solcher dienstbarer Geier ersieht eine Schildkröte in einem Sumpfe herumwaten. Die Kröte bemüht sich, aufs Land zu kommen, um Kräuter zur Stillung ihres Hungers zu suchen. Der fleischlüsterne Geier erweist ihr den Gefallen, hebt sie vorerst aus dem Sumpfe und setzt sie aufs trockene, kräuterreiche Land. Da fängt die Kröte bald an, sich mit dem Suchen der ihr dienenden Kräuter abzugeben. Der Geier sieht ihr eine Weile zu und macht bloß ganz leise Versuche, wie hart etwa ihre Schale ist. Da aber sein scharfer Schnabel von der Schale kein Stück Fleisches herauszwacken kann, so läßt er die arme Kröte so lange ganz ruhig weiden, bis sie furchtloser und kecker ihren Kopf aus der Schale, nach den Kräutern gierend, herausstreckt.
GEJ|4|99|4|0|Wie der Geier solches Zutrauen bei der Kröte merkt, packt er mit seinen Krallen den weichen, fleischigen Kopf, hebt dann die Kröte hoch in die Luft und trägt sie dahin, wo er unten auf der Erde einen steinigen Grund merkt. Dort läßt er die so hoch emporgehobene Kröte los, und da beginnt ihr tödlicher Fall. Auf hartem Steinboden pfeilschnell anlangend, zerschellt sie in Stücke, und der Geier, der leichten Fluges sein fallend Opfer ebenso pfeilschnell begleitet hatte, ist dann auch schnell bei der Hand und fängt nun an, den Lohn seines früheren Diensteifers zu sich zu nehmen und damit seinen stets hungrigen Magen vollzustopfen. – Da habt ihr ein treues Naturbild des höllischen Diensteifers!
GEJ|4|99|5|0|Es ist dies wohl auch ein Dienen, aber ein höchst eigennütziges, und sonach ist jeder irgend mehr oder weniger eigennützige Dienst, den sich die Menschen gegenseitig erweisen, auch stets mehr oder weniger mit der Dienerei der Hölle verwandt und kann, insoweit er mit der Hölle verwandt ist, unmöglich einen Wert vor Mir und allen Meinen Himmeln haben. Nur ein rein uneigennütziger Dienst ist auch ein wahrer und somit auch ein rein himmlischer Dienst und hat vor Mir und vor allen Meinen Himmeln allein einen wahren und vollkommenen Wert.
GEJ|4|99|6|0|Wenn ihr euch sonach gegenseitig dienet, da dienet euch in Liebe und wahrer Brüderlichkeit, wie solches in den Himmeln gang und gäbe ist! Wenn jemand einen Dienst von euch sich erbittet, so verrichtet denselben in aller Freudigkeit und Liebe, und fraget den Dienstbieter nicht vor der Dienstleistung um den Lohn; denn solches tun auch die Heiden, die den wahren Vater im Himmel nicht kennen und ihre Sitten mehr von den Tieren denn von einem Gotte genommen haben! Beweise für das liefern noch bis auf den heutigen Tag die alten Ägypter, deren erster, sie zu einigem Nachdenken nötigender Schulmeister ein Stier war, dem sie darum auch bis auf diesen Tag eine göttliche Verehrung erweisen.
GEJ|4|99|7|0|So dir aber jemand einen guten Dienst erwiesen hat, da sollst du dann aber auch nicht fragen und sagen: ,Freund, was schulde ich dir?‘, sondern du sollst den dir gut geleisteten Dienst deinem Freunde aus aller Liebe und Freudigkeit deines Herzens nach deinen Kräften bestens belohnen! Wird der, welcher dir den guten Dienst erwiesen hat, dessen gewahr, so wird er dich umarmen und sagen: ,Edler Freund, sieh, einen nur sehr kleinen Dienst habe ich dir geleistet, und du belohnst mich dafür so groß! Sieh, ein Zehnteil davon ist mehr denn übergenug, und selbst den nehme ich nur als einen Beweis deines mir so teuren Bruderherzens an!‘
GEJ|4|99|8|0|Wenn der Dienstleister also zu seinem Dienstherrn reden wird aus dem wahren und lebenstiefen Gefühlsgrunde, werden da der Diener wie der Dienstgeber nicht sogleich zu wahren Himmelsbrüdern werden?! Ganz sicher, und es wird eben dadurch das wahre Reich Gottes zu euch kommen und euch himmlisch beherrschen mit dem Zepter des Lichtes und aller Gnade.“
GEJ|4|100|1|1|100. — Die Lehre Mosis und die Lehre des Herrn
GEJ|4|100|1|0|(Der Herr:) „Oh, es genügt lange nicht, nur zu wissen und zu glauben, was nach der Ordnung Gottes und aller Himmel gut, recht und wahr ist, sondern handeln muß man danach in aller Liebe und Freudigkeit des Herzens, dann erst kommt das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit wahrhaft unter euch Menschen und macht euch also erst zu den wahren Kindern Gottes!
GEJ|4|100|2|0|Was würde jemandem aber auch nützen alle Einsicht und Erkenntnis, er täte aber nicht danach, sondern bliebe bei der altgewohnten Weltsitte?! Gliche der nicht einem törichten Menschen, der einen Palast zum reinen Geschenke bekommen hat, daß er denselben bewohne mit den Seinen in großer Ruhe und aller Bequemlichkeit?! Dieser Mensch hätte zwar eine große Freude an des Palastes herrlichsten und bequemsten Einrichtungen; aber er ist des höchst unbequemen Wohnens in seiner alten, schmalen und unreinen Hütte von Jugend an gewohnt und bleibt trotz der Einsicht des Guten und überaus Zweckmäßigen des herrlichen und überaus geräumigen Palastes dennoch in der feuchten, ungesunden und höchst unbequemen Hütte mit den Seinigen und klagt aber in einem fort über die großen Mängel seiner engen Behausung!
GEJ|4|100|3|0|Ja, wenn so ein Mensch nicht ein Narr ist, so ist doch kein Narr in dieser Welt! Aber ein noch bei weitem größerer Narr ist der, welcher Meine Lehre hat und sie als ewig wahr erkennt, dabei aber in all seinem Handeln dennoch stets ein alter Jochochse verbleibt!
GEJ|4|100|4|0|Ich sage es euch allen: Gar sanft ist Mein euch an den Dienstnacken gelegtes Joch und überaus leicht die euch zum Tragen auferlegte Bürde. Wer sie tragen wird, wird eine leichte Mühe haben. Wer sie aber nicht tragen wird, der wird es sich nur selbst zuzuschreiben haben, so es ihm schlecht und bitter und jämmerlich ergehen wird. Erweiset euch gegenseitig eine rechte Liebe, so werdet ihr auf sanften und überweichen Kissen ruhen! Wollet ihr aber lieber Steine unter euren Häuptern haben, so möget ihr sie auch haben; aber dann klage am Morgen des Lebens ja niemand, daß sein Haupt auf dem Steine wund und schmerzhaft geworden sei!
GEJ|4|100|5|0|So du einen treuen Diener hast und einen ungetreuen, bist du nicht ein riesenhafter Esel, so du den treuen Diener darum von dir entfernest, weil er um vieles kürzer in deinem Hause ist als jener echte, alte Spitzbube, der dich noch bei jeder Gelegenheit nach aller deiner Länge und Breite betrogen hat?! Darum muß von euch alle Altdienerei ganz verschwinden; denn sie taugt nicht zur reinen Lehre aus dem Himmel, und diese Lehre ist nicht nur so ein neuer Lappen zum Ausstopfen eines alten, ganz zerrissenen Rockes, sondern sie ist für sich ein ganz neues, fertiges Kleid, dem der alte, schlechte Rock ganz Platz machen muß!
GEJ|4|100|6|0|Ich aber verstehe unter dem alten Rocke ja nicht etwa Moses und die Propheten – denn diese sind ein reinstes Gold aus den Himmeln –, sondern eure Menschensatzungen verstehe Ich unter dem Bilde des alten, zerrissenen Rockes. Aus diesen und aus den Satzungen des Tempels ist nichts mehr zu machen; denn setzte man da auch irgendeinen ganz neuen Fleck auf einen weitklaffenden Riß, so könnte man ihn doch nicht annähen, weil des alten Rockes zu morsch gewordener Stoff keinen Stich mehr halten würde.
GEJ|4|100|7|0|Moses hat zwar für die damalige Zeit eine Verfassung für den ganzen Haushalt und für alle Bedürfnisse und Nöte der Menschheit dem israelitischen Volke gegeben; diese wurde aber schon ganz entstellt, und taugte auch als unentstellt zu dieser Meiner Lehre nicht mehr. Denn so man pflügt, kann man nicht Ernte halten; so aber das gesäte Weizenkorn reif geworden ist, da dinget man Schnitter, und dann taugt der Pflug nicht unter den Schnittern. Moses hat gepflügt, die Propheten haben gesät, und nun ist die Schnitt- und Erntezeit herbeigekommen, in der man Moses mit dem Pfluge in der Hand nicht mehr brauchen kann. Wir werden nun wohl Ernte halten und bringen in unsere Scheuern, was da nur immer reif ist; aber nach der Ernte wird euch wieder der Pflug Mosis in die Hände gegeben werden zum neuen Auflockern des Erdreichs und zur neuen Ansaat eines reinsten Weizens aus den Himmeln, und es werden da Hüter bestellt werden, die da wohl achthaben werden, daß kein Feind komme und Unkraut säe unter den reinsten Weizen!“
GEJ|4|101|1|1|101. — Das Unkraut unter dem Weizen
GEJ|4|101|1|0|(Der Herr:) „Wohl wird die Erde neu bebaut werden, wohl wird der reinste Same in die frischen Furchen gestreut werden, und es werden Hüter bewachen den Acker, – aber dennoch erschaue Ich schon eine Menge Unkrautes unter dem neuen Weizen! Wie kommt das unter den Weizen?
GEJ|4|101|2|0|Ja sehet, das ist eine Sünde der Hüter! Sie schliefen ein, als die Nacht kam; denn sie dachten und sagten: ,Wer wird es wagen, so wir den Acker umstellt halten?!‘
GEJ|4|101|3|0|Aber als sie schliefen, schlich sich der Feind auf den Acker und streute schnell seinen bösen Samen über den Acker.
GEJ|4|101|4|0|Und als morgens die Hüter merkten, daß unter dem Weizen auch eine Menge Unkrautes zum Vorscheine gekommen ist, eilten sie freilich zum Herrn und sagten: ,Herr! Den reinsten Weizen, wie du ihn uns gegeben hast, haben wir in den ebenso lautern Erdboden gesät und hüteten wohl den schönsten Acker; aber was nützte all das?! Nun kam denn doch der Feind, irgend heimlich von uns unbemerkt, und hat viel Unkrautes unter den Weizen gestreut! Es geht nun wucherisch auf! Sollen wir es ausjäten oder wachsen lassen?‘
GEJ|4|101|5|0|Was wohl wird der Herr ihnen zur Antwort geben? Ich sage es euch, daß er also reden wird: ,Dieweil ihr nicht wach geblieben seid zur Zeit der Nacht, die da ist eine Lebensprobe für jeden Menschen, so hatte der Fürst der Finsternis ja doch ein leichtes Spiel, sein Unkraut unter meinen Weizen zu säen! Lasset aber nun beides wachsen bis zur Zeit der Neuernte; da werden wir den Schnittern sagen: ,Sammelt zuerst den Weizen und bringet ihn in meine Scheuern, und darauf aber sammelt auch das Unkraut und bindet es in Bündel und machet ein Feuer und verbrennet alle Unkrautbündel, auf daß dessen Same nicht von neuem in die Erde komme und sie verunreinige!‘‘
GEJ|4|101|6|0|Ihr fraget nun emsig in euren Herzen und saget: ,Wie so, wie das, wie soll man das verstehen?‘
GEJ|4|101|7|0|Und Ich sage euch, daß dies gar leicht zu verstehen ist. Der Acker ist gleich den Herzen der Menschen dieser Erde; der reinste Weizen ist Meine Lehre; der Pflüger und Säer bin nun Ich Selbst und ihr mit Mir. Die bestellten Hüter seid auch ihr und die, die ihr in Meinem Namen bestellen werdet. Der Herr bin Ich, und Meine Scheuern sind die Himmel. Satan aber ist der Feind, und sein Unkraut ist die arge Welt mit all ihren bösen und todbringenden Gelüsten. Die neu bestellten Schnitter sind jene Boten, die Ich zu seiner Zeit neu aus den Himmeln erwecken und senden werde, zu sammeln den Weizen und zu verbrennen all das böse Unkraut, damit es fürder nicht mehr so leicht verunreinige den Acker und den Weizen. – Nun, werdet ihr das wahre Bild etwa wohl verstehen?
GEJ|4|101|8|0|,Ja‘, saget ihr, ,nun verstehen wir es wohl! Aber Du, o Herr, könntest mit Deiner Allmacht und Allweisheit ja doch leicht verhüten, daß fürder, wenn uns auch manchmal in der Lebensprobenacht ein wenig Schlaf käme, der Feind nicht kommt und seinen bösen Samen streut unter den reinsten Weizen!‘
GEJ|4|101|9|0|Und Ich sage darauf: ,Meine Allmacht kann und darf da nichts zu tun haben, wo sich in Meinen Kindern ein freies Leben entfalten soll. Da kann Ich Selbst jemandem nicht mehr tun, als ihr euch untereinander. Ich gebe euch den Acker, den Pflug, den Weizen, und bestelle die Schnitter; aber arbeiten müßt ihr dann selbst! Und arbeitet ihr recht, und gebricht es euch irgend an der nötigen Kraft, so wisset ihr nun schon, daß Ich euch damit allzeit ausrüsten werde, so ihr Mich darum angehen werdet in euren Herzen, und ihr werdet dann mit erneuter Kraft gut arbeiten haben; aber für euch arbeiten kann und darf Ich ewig nicht! Und würde Ich das, so hättet ihr für die Freiheit und Selbständigkeit eures Lebens keinen Nutzen; denn da wäret ihr pure Maschinen, aber ewig keine freien, aus sich heraus lebenden, denkenden und handelnden Menschen!‘
GEJ|4|101|10|0|Aus dem allem muß es euch nun vollauf klar werden, daß das gegenseitige Dienen nach Meiner nunmaligen Lehre die Hauptbedingung alles Lebens ist! – Verstehet nun dieses alles wohl!“
GEJ|4|101|11|0|Sagt Cyrenius: „Herr, Du allein Wahrhaftigster in Ewigkeit, Dir ist niemand gleich! Deine Worte sind klar, sind Wahrheit und Leben! Ich fange nun erst an zu leben, und es kommt mir vor, als wäre ich nun erst so recht aus einem tiefsten Schlafe erweckt worden. Also, wie Du, o Herr, nun geredet hast, kann ja nur ein Gott und kein Mensch reden, weil kein Mensch wissen kann, was in ihm ist, und was ihn belebt, und wie er das Leben fruchtbringend kultivieren soll! Wir, o Herr, sind nun wohl versorgt und verwahrt von Dir aus unmittelbar für ewig; aber die nach uns kommen werden, werden bei allem Diensteifer vielleicht schon mit allerlei Unkraut auf Deinem Acker mitten unter dem herrlichsten Weizen sehr zu kämpfen bekommen! Doch was da steht in meiner Macht, so soll es der Hölle ein gar so leichtes nicht werden, ihr Unkraut dem Acker einzustreuen, den Du uns nun gezeigt hast!
GEJ|4|101|12|0|Aber nun möchte ich denn doch auch noch aus Deinem Munde erfahren, wie denn die Hölle und ihr Fürst bei den Menschen einwirken! Wie bringen sie ihr Unkraut auf den Acker der Himmel?“
GEJ|4|102|1|1|102. — Gedanken und ihre Verwirklichung
GEJ|4|102|1|0|Sage Ich: „Nichts leichter als das! Ich habe es euch schon gezeigt, wie ein jeder Mensch durch den Weg des Gesetzes wandeln muß, so er zur Freiheit und zur Selbständigkeit seines Seins und Lebens gelangen will. Wenn aber ein Gesetz besteht, das dem Menschen wie von außen her gegeben wird, so muß ja auch eine Anreizung im Menschen sein, dasselbe noch leichter und freudiger, wenn auch nur für den Moment, zu übertreten, als es ganz strenge zu halten. Also wurden vor aller materiellen Schöpfung Geister von Mir aus ins Dasein gerufen, was und wie Ich es euch schon also gezeiget habe, daß ihr es habt verstehen und begreifen müssen; denn ihr selbst beachtet heutzutage, so ihr etwas schaffet, ganz dieselbe Ordnung.
GEJ|4|102|2|0|Zuerst fasset ihr allerlei Gedanken; aus diesen bildet ihr dann Ideen und Formen. Habt ihr einmal aus den Gedanken und Ideen eine bestimmte Form entwickelt, so wird diese durch den Willen, daß sie bleibe, umhäutet. Ist sie einmal das, so bleibt sie schon in einem geistigen Sein ganz unverwüstbar, und ihr werdet euch ihrer allzeit bildsam gegenwärtig, sooft ihr derselben nur immer gegenwärtig werden wollet. Je länger ihr aber eine derartig geformte Idee in euch schon als einen förmlichen Gegenstand betrachtet, desto mehr Neigung fasset ihr zu der geformten und geistig umhäuteten Idee; es erwacht in euch Liebe zu dieser geistigen Form. Die Liebe zu ihr nimmt zu, es flammet in eurem Herzen für sie, und durch die Lebenswärme und durch das Licht aus der Liebesflamme wird die nun stets bestimmter geformte Idee in sich selbst mehr und mehr ausgebildet, vollständiger, schöner, und ihr fanget an, aus ihrer stets größeren Vervollständigung allerlei Nutzbarkeiten zu entdecken und Entschlüsse zu fassen, die nun stets mehr ausgebildete Idee in ein äußeres Werk zu setzen und zu übertragen.
GEJ|4|102|3|0|Anfangs machet ihr auf dem Pergamente Zeichnungen, und das so lange, bis die Zeichnung vollähnlich dem schon ausgebildeten Geistbilde in euch wird. Findet ihr an der Zeichnung gegenüber dem Geistbilde in euch nichts mehr auszustellen, so beratet ihr euch mit Sachverständigen, wie dieses ins wirkliche materielle Werk umzugestalten und zu verwandeln wäre. Und die Sachverständigen denken nach, finden sich in der aufgestellten Idee bald zurecht und sagen: ,Dieses und jenes brauchen wir dafür, eine Zeit von ein paar Jahren, und soundsoviel wird es kosten!‘ Ihr machet dann einen Kontrakt, das Werk wird begonnen, und in ein paar Jahren steht eure Idee zur Ansicht, Bewunderung und Benutzung vor euch und Tausenden von anderen Menschen.
GEJ|4|102|4|0|Sehet, also erschaffet ihr eure Häuser, Geräte, Städte, Burgen, Schiffe und noch tausenderlei andere Dinge! Und ebenalso erschaffe Ich auch die Himmel, die Welten und alles, was diese fassen und tragen. Freilich wird zur Erschaffung einer Welt mehr Zeit erfordert, als ihr da derselben bedürfet, um eine Hütte, ein Haus oder sonst etwas aufzubauen; denn ihr habt schon die fertige Materie vor euch, – Ich aber muß die Materie erst schaffen und sie nehmen aus der unwandelbarsten Festigkeit Meines Willens.
GEJ|4|102|5|0|Ich könnte irgendeine Materie auch wohl augenblicklich herstellen, ja sogar ein ganzes Weltenheer in einem Moment ins Dasein rufen; aber solch eine Welt würde eben darum schwer einen haltbaren Bestand haben, weil sie von Mir früher zu wenig genährt worden ist bis zu ihrer Vollreife. Ist aber eine große Weltenidee bei Mir einmal gehörig ausgereift und genährt worden durch Meine Liebe und Weisheit, so wird sie dann auch stets mehr und mehr an Intensität gewinnen und wird dadurch stets mehr und mehr bestandfähig.
GEJ|4|102|6|0|Ist es ja doch auch bei euch also, wo ihr schon mit der fertigen Materie zu tun habt! Ein Haus, das ihr zur Not innerhalb eines Tages erbaut habt, wird wahrlich keinem Jahrhundert und noch weniger einem Jahrtausend trotzen! Aber bei Bauten, vor deren Beginne ihr einmal die geformte Idee in euch in einer längeren Zeit habt vollauf ausreifen lassen und dabei erst selbst aus dem Widerstrahlen eurer Idee ins stets klarere gekommen seid, was da alles dazu erfordert wird, um eine solche Form in ein möglichst dauerhaftes und vollendetstes werkhaftes Dasein umzugestalten, da werdet ihr auch etwas Dauerhaftes aufstellen gleich den Pyramiden, die bis jetzt schon, allen gebildeten Sterblichen bekannt, nahe zweitausend Jahre stehen und allen Stürmen trotzen und noch mehr als viermal solange stehen werden, kaum von außen her ein wenig verwittert.
GEJ|4|102|7|0|Hätten die alten Pharaonen nicht lange genug nachgedacht, solche Gebäude als Bewahranstalten für ihre Geheimkünste und Wissenschaften zu erbauen, die der Zahn der Zeit Jahrtausende hindurch nicht zerstören solle, so ständen diese Pyramiden nimmer als Denkmäler der Urbaukunst; aber weil die Erbauer zuvor ihre einmal gefaßte und in eine volle Form übergegangene Idee jahrelang genährt und auf diese Weise zu einer Reife gebracht haben, so ist es denn auch begreiflich, warum ihre in die Materie übersetzte Idee noch heute den Wanderer mit Staunen erfüllt.
GEJ|4|102|8|0|In der Folge lernten die Menschen zwar recht schnell denken und konnten aus der Summe ihrer Gedanken schnell eine Idee entwickeln, die manchmal sogar sehr kompliziert war, auch zumeist ins Werk gesetzt ward; aber da die Idee bald und leicht entwickelt war, so wurde sie auch bald und leicht ins Werk gesetzt. Das Werk selbst aber war darum auch ein leichtes und der zu geringen Vorreife der Idee wegen ein bald vergängliches. Kurz, alles Leichte bleibt leicht, und alles Schwere bleibt schwer!“
GEJ|4|103|1|1|103. — Die Entwicklung der Materie
GEJ|4|103|1|0|(Der Herr:) „Als Ich im Voranfange die Geister als Meine reifgewordenen Ideen aus Mir hinausstellte und sie erfüllte mit Meiner Kraft also, daß sie selbst zu denken und zu wollen begannen, da mußte ihnen denn auch eine Ordnung gezeigt werden, nach der sie zu denken, zu wollen und endlich zu handeln haben sollten. Mit dieser angezeigten und gegebenen Ordnung mußte aber auch der Reiz zur Nichthaltung der gegebenen Ordnung in diese ersten Wesen gelegt werden, ansonst sie von ihrem Wollen nie irgendeinen Gebrauch zu machen imstande gewesen wären. Der in sie gelegte Reiz brachte in ihnen erst eine wahre Lebensregung zustande, der zufolge sie zu schließen, zu wählen, fest zu wollen und zu handeln begannen.
GEJ|4|103|2|0|Es ist, so man das weiß, dann endlich ganz leicht zu begreifen, daß schon in den erstgeschaffenen Geistern ein gewisses Unkraut sich zu zeigen anfangen mußte, weil der Reiz gar viele der ersten Geister aus der Ordnung hob und sie im stets mächtiger werdenden Widerstreben am Ende verhärten mußten und auf diese Weise den Grund zur materiellen Weltenschöpfung boten.
GEJ|4|103|3|0|Zuerst wurden Hauptzentralsonnen, und aus ihnen wurden endlich alle zahllosen anderen Sonnen und Weltkörper und mit diesen jedes und alles andere, was ihr auf, über und in ihnen entdecket und findet.
GEJ|4|103|4|0|Alles, was nun Materie ist und heißt, war dereinst Geistiges, das da freiwillig aus der guten Ordnung aus Gott getreten ist, sich in den verkehrten Anreizungen begründete und in selben verhärtete, was dann die Materie bildete und ausmachte. Die Materie selbst ist demnach nichts anderes als ein gerichtetes und aus sich selbst verhärtetes Geistiges; noch deutlicher gesprochen, ist sie eine allergröbste und schwerste Umhäutung oder Umhülsung des Geistigen.
GEJ|4|103|5|0|Das Geistige aber kann mit all der noch so harten und groben Umhülsung nie selbst zur vollkommenen Materie werden, sondern lebt und besteht in der Materie, welcher Art sie auch sei, fort. Ist die Materie sehr hart, so ist das geistige Leben in ihr auch sehr geknebelt und kann sich nicht irgend weiter äußern und entfalten, so ihm nicht irgendeine Hilfe von außen her gegeben wird.
GEJ|4|103|6|0|Im harten Gesteine kann das Leben erst dann zu einer Äußerung gelangen, wenn der Stein in langer Zeitenreihe von Regen, Schnee, Tau, Hagel, Blitz und noch anderen Elementen erweicht und stets morscher und morscher wird. Dadurch entfleucht dann etwas Leben als Äther in die Luft, ein Teil bildet sich eine neue und leichtere Umhülsung, anfangs in der Form der zarten Schimmel- und dann Moospflanzen; aber für die Dauer mit dieser Umhülsung unzufrieden, ergreift sich das freiere Leben und schafft sich alsbald eine neue Umhülsung, in der es sich freier und selbständiger bewegen kann.
GEJ|4|103|7|0|Solange die neue Umhülsung zart und weich ist, befindet sich das gefangene Geistige ganz wohl und verlangt nichts Besseres. Aber die anfangs ganz zarte Umhülsung wird durch die innere Tätigkeit der Geister, die nun stets mehr und mehr alles sie drückende Materielle zur Seite schaffen, auch wieder härter und gröber; daher trachtet das geistige Leben nach aufwärts, bildet dadurch des Grases Halm und im weitern Verfolge des Baumes Stamm und sucht sich durch gemachte und stets enger gezogene Ringe und Einschnitte vor der von unten her nachstrebenden stets größeren Verhärtung zu schützen. Aber da aus dieser Tätigkeit am Ende doch keine Rettung vor dem gänzlichen Erstarren zu erwarten ist, so verengern sie den untern Stamm soviel als nur möglich und ergreifen die weitere Flucht in kleine Zweiglein, Fäden, Blätter, Härchen und endlich in die Blüte; weil aber auch alles das in kurzer Zeit wieder härter und härter wird und die Geister zum größten Teile sehen, daß ihr ganzes Mühen ein vergebliches ist, so fangen sie bald gewisserart sich einzupuppen an und verwahren sich in Hülschen, die sie recht fest mit einer ihnen entsprechenden bessern Materie umlagern.
GEJ|4|103|8|0|Dadurch entstehen dann allerlei Samen und Früchte. Aber der am meisten selbstsüchtige Teil des in einer Pflanze freier gewordenen Lebens gewinnt nicht viel; denn das, was sich in eine feste Keimhülse einschloß, muß so oft denselben Weg durchmachen, als wie oft der Same in die feuchte und lebensgesättigte Erde kommt. Der andere, mehr geduldige Lebensteil, der sich's gefallen ließ, in der unteren Materie als Schildwache und als Träger des eifrigsten, furchtsamsten und ungeduldigsten Lebens zu verbleiben, verwest bald und geht bald in eine noch höhere und freiere Lebenssphäre über, umhäutet sich zwar noch immer, aber gewöhnlich schon mit einer ihm entsprechenden Tierform; und was da als Frucht von Tieren und gar Menschen verzehrt ward, wird dem gröberen Teile nach zur Bildung und Nahrung des Fleisches verwendet, und dem edleren Teile nach wird es zum nervenstärkenden und belebenden Geiste, und der ganz edle Teil wird zur Seelensubstanz.“
GEJ|4|104|1|1|104. — Die Selbstsucht als Ursache der Materie
GEJ|4|104|1|0|(Der Herr:) „Wenn ihr nun diesen Fortgang ein wenig näher betrachtet, so wird es euch wahrlich nicht schwer werden, in richtiger Wahrheitstiefe zu erkennen, woher das Unkraut auf den reinen Acker des Lebens kommt.
GEJ|4|104|2|0|Alles, was Welt und Materie heißt, ist ein Verkehrtes, der wahren, geistigen Ordnung aus Gott stets und notwendig Widerstrebendes, weil es ursprünglich als eine Gegenreizung zum Erwecken des freien Willens in der belebten und als Selbstwesen aus Gott hinausgestellten und wohlgeformten Idee in sie gelegt werden mußte, und ist darum als das wahre Unkraut auf dem allein wahren und geistreinen Lebensacker anzusehen.
GEJ|4|104|3|0|Ist das Unkraut ursprünglich auch eine Notwendigkeit zur Konstatierung eines völlig freien, geistigen Lebens, so muß es aber endlich von dem frei geschaffenen Menschwesen doch als solches erkannt und freiwillig hinausgeschafft werden, weil es mit demselben unmöglich fortbestehen kann. Es ist wohl ein notwendiges Mittel zum Zwecke, kann aber nie mit dem Zwecke selbst eins werden.
GEJ|4|104|4|0|Das Netz ist auch ein notwendiges Mittel zum Fange der Fische; aber wer wird es darum ins Wasser tauchen, um es statt der Fische um seiner selbst willen wieder herauszuziehen, es dann am Feuer zu rösten und als eine Speise zu genießen?! Das Netz ist also nur zum Fange der Fische notwendig; und hat man damit die Fische aus dem Wasser gehoben und sie in die Speisekammer gebracht, so legt man das Netz weg und benutzt den damit gemachten Gewinn.
GEJ|4|104|5|0|Es muß sonach ja der Reiz zum Übertreten des Gebotes dasein; denn er ist ein Wecker des Erkenntnisvermögens und ein Wecker des freien Willens. Er erfüllt die Seele mit Lust und Freude auf so lange, als sie den Reiz gar wohl erkennt, ihm aber nicht huldigt, sondern ihn stets mit demselben freien Willen bekämpft, der eben durch den Reiz in ihr erweckt und belebt wurde, und die freie Seele gebraucht ihn dann als ein Mittel, nicht aber als einen in ihm erreichten Zweck.
GEJ|4|104|6|0|Der Schlauch ist ja doch nie der Wein selbst, sondern nur ein Gefäß für die Erhaltung des Weines. Wer wird aber so dumm sein und möchte des reizenden Geruches wegen gleich in den Schlauch sich verbeißen und ihn beschädigen, da er doch wissen kann, daß er den Schlauch nur an der rechten Stelle zu öffnen hat, um den puren Wein aus dem Schlauche zu bekommen?!
GEJ|4|104|7|0|Das Unkraut oder der Reiz zum Übertreten des Gesetzes ist daher ein Untergeordnetes und darf nie und nimmer zu einer Hauptsache werden; wer immer das höchst Untergeordnete zur Hauptsache macht, der gleicht einem Narren, der sich mit den Töpfen, in denen gute Speisen gekocht werden, sättigen will, die Speisen aber wegwirft!
GEJ|4|104|8|0|Worin aber besteht das Unkraut, durch dessen Verwesung das Leben gedüngt werden soll? Welche Namen hat denn hernach der in die belebte Form gelegte gegengesetzliche Reiz? Er heißt Eigenliebe, Selbstsucht, Hochmut und am Ende Herrschsucht. Durch die Eigenliebe geht die belebte Form zwar in sich, aber mit einer Habgier, alles in sich zwar aufzunehmen, aber es dann in sich für immer also zu verschließen und zu verwahren, daß es da nie außer sich jemandem zugute kommen solle, und das aus Furcht, ja selbst nie in irgendeinen Mangel zu geraten! Durch solches In-sich-selbst-Verschließen alles dessen, was es von der alles ernährenden und erhaltenden Gottesordnung stets in sich aufnimmt, muß in dem Wesen eine stets wachsende Verdichtung entstehen und eine gewisse zeitweilige Gediegenheit und Präpotenz (Übermacht, Überlegenheit) und dadurch ein besonderes Wohlgefallen an sich selbst, – und das ist im vollwahren Sinne des Wortes und der Bedeutung nach die Selbstsucht, die ihr Selbst als etwas fühlbar Vollgewichtiges über jedes andere Selbst mit aller Kraft und Gewalt zu erheben bemüht ist durch alle ihr zu Diensten stehenden Mittel, und wären sie schon gleich auch von der allerschlechtesten Art.
GEJ|4|104|9|0|Hat die Selbstsucht das, was sie wollte, erreicht, dann erhebt sie sich über alles ihr Ähnliche und blickt gewisserart wonnetrunken auf alles mit einer Verachtung herab; und diese Verachtung gleicht dem Ekel eines überfüllten Magens gegen vor ihm stehende Speisen und ist dann das, was man den Hochmut nennt. Darin ist schon sehr viel Materie und ein ganzes Feld voll des schlechtesten Unkrautes.
GEJ|4|104|10|0|Der Hochmut aber ist in sich selbst von der größten Unzufriedenheit, weil er noch immer die Wahrnehmung macht, daß ihm noch immer nicht alles zu Diensten steht, wie er es haben möchte. Er prüft nun alle seine Mittel und sonstigen Kräfte und findet, daß er sich alles dienstfertig machen könnte, so er politischermaßen einen Flotten und Freigebigen spielen würde. Gedacht, geprüft und getan! Da es der Hungernden stets mehr gibt als der Gesättigten, so hat der flott gewordene Hochmut ein ganz leichtes Spiel. Bald sammeln sich alle die hungernden Kleinkräfte um ihn und lassen über sich ganz strenge gebieten, weil nun auch sie von dem Reichtume des Hochmutes etwas zu schnappen bekommen. Sie gehorchen nun schon sklavisch dem Hochmute, vermehren dadurch seine Kraft, und der Hochmut trachtet nun schon gleich, sehr vieles oder lieber alles sich dienst- und zinsbar zu machen. Und dies unersättliche Trachten ist dann das, was man im wahrsten Sinne die allerverderblichste Herrschsucht nennt, in der keine Liebe mehr waltet.
GEJ|4|104|11|0|In solcher Herrschsucht aber spricht sich dann schon die allerdickste Materie aus; mit ihr ist ein ganz zu Granit verhärteter Planet mit allen möglichen bösen Elementen allerbestens versehen. Daß aber die Herrschsucht und mit ihr die wirkliche Herrscherei der allerdichtesten Materie gleich ist, beweisen die überaus festen Burgen und Festungen, hinter denen sich die Herrscher verschanzen. Mehrere Klafter dick müssen die Mauern sein und bestellt mit starken Kämpfern, auf daß da ja niemand imstande sein soll, je zu durchbrechen die allergröbste Materie und zu schmälern den Herrscher in seiner allerhochmutsvollsten Ruhe. Wehe dem Schwachen, wenn er es wagete, nur einen Stein zu rütteln an des Herrschers Feste; der wird alsbald zermalmt und vernichtet werden!
GEJ|4|104|12|0|Ich meine aber hier ja nicht jene Herrscher und Regenten, die hier die Ordnung Gottes zur Verminderung der Herrschsucht jedes einzelnen Menschen gesetzt hat zu Pfeilern und Aufrechthaltern der Demut und Bescheidenheit, der Liebe und der Geduld; denn diese von Gott bestellten Regenten der Völker müssen das sein, was sie sind, und können nicht anders, als wie sie zur Besserung der Völker vom Willen des allmächtigen Gottes getrieben und geleitet werden. Es ist hier nur von der allgemeinen wahren Herrschsucht jedes einzelnen Geistes und Menschen die Rede, und ist gezeigt, was sie an und für sich selbst ist. Ja, es gab wohl Herrscher, die man arge Tyrannen nannte! Diese haben sich aus dem Volke erhoben, rebellierten gegen die von Gott gestellten Herrscher, wie dereinst Absalom gegen seinen eigenen Vater David. Solche Herrscher sind nicht von Gott bestellt, sondern durch sich selbst, und sind darum schlecht und ein wahres Unkraut und entsprechende Formen der allerdicksten Materie.
GEJ|4|104|13|0|Aber du, Mein Cyrenius, und dein Kaiser seid das nicht, sondern das nach Meinem Willen, was ihr seid, – obgleich noch Heiden! Aber Mir seid ihr als Heiden lieber denn viele Könige, die als sein sollende Führer der Gotteskinder nur wahre leibliche und noch mehr geistige Mörder derselben waren, darum ihnen die alten Throne und Kronen und Zepter aber auch für immer genommen und euch weiseren Heiden überantwortet wurden. – Ich machte hier notwendigerweise diesen Beisatz, auf daß du, Mein Cyrenius, etwa ja nicht meinen sollest, als säßest du und dein Neffe als ein Usurpator vor Mir auf dem Herrscherthrone. – Und nun weiter in unserer Betrachtung übers Unkraut auf dem guten Acker!“
GEJ|4|105|1|1|105. — Die Entstehung der Sonnensysteme
GEJ|4|105|1|0|(Der Herr:) „Sehet, so wie nun die Menschen durch die Eigenliebe, durch die Selbstsucht, durch den Hochmut und durch die daraus hervorgehende Herrschsucht derartig aller Materie voll werden, daß sie viele tausendmal Tausende von Jahren hindurch sich nicht völlig davon zu befreien imstande sein werden, – ebenso gab es dereinst auch urgeschaffene Geister, die auch durch den ihnen verliehenen Reiz zu sehr eigenliebig, selbstsüchtig, hochmütig und am Ende herrschsüchtig wurden, und die Folge davon war, daß sie sich in die purste Materie verwandelten.
GEJ|4|105|2|0|Sie haben sich abgesondert in große Vereine und stellten sich in für euch nicht denkbar großen Entfernungen auf. Ein jeder Verein wollte von einem zweiten nichts mehr hören, sehen und erfahren, um nur der Eigenliebe so recht weltendick frönen zu können. Durch dieses stets wachsende Eingehen in die Eigenliebe und Selbstsucht, in den dadurch mehr und mehr erwachten Hochmut und in eine absolute Herrschsucht schrumpften die zahllos vielen Lebensformen endlich nach dem Gesetze der Schwere, das sich aus der Eigenliebe und Selbstsucht von selbst entwickelt hatte, zu einem übergroßen Klumpen zusammen, – und die materielle Urzentralsonne einer Hülsenglobe war fertig.
GEJ|4|105|3|0|Nun aber gibt es im unendlichen Raume ebenfalls eine Unzahl solcher Systeme oder Hülsengloben, [Die Zusammenfassung einer Unzahl von Sonnengebieten, die, wie einzelne Planeten um die Sonne, in unmeßbar weiten Bahnen sich um die Urzentralsonne bewegen. (J.L.)] wo überall eine besprochene Urzentralsonne zahllosen Weltengebieten zum gemeinsamen Mittelpunkte dient, und diese Urzentralsonnen sind eben die zusammengeschrumpften Urgeistervereine, aus denen mit den Zeiten der Zeiten alle andern Sonnenalle, Sonnengebiete, Nebenzentralsonnen, Planetarsonnen, Planeten, Monde und Kometen hervorgegangen sind.
GEJ|4|105|4|0|Wie aber ging das zu? Seht, in der Urzentralsonne ward vielen großen Geistern der Druck zu mächtig! Sie entzündeten sich zornglühendst und machten sich vom Urdrucke los. Sie flohen förmlich endlos weit von ihrem ersten Vereinsklumpen. Eine Zeitlang schwärmten sie ganz frei und harmlos für sich in aller Ungebundenheit im endlosen Raume umher und machten eine gute Miene, von selbst in die rein geistige Ordnung überzugehen; aber weil sie des Elementes der Eigenliebe nicht ledig werden konnten, so fingen sie endlich auch wieder an, zu einem festen Klumpen zusammenzuschrumpfen, und es entstanden daraus Zentralsonnen zweiten Ranges in einer wie in der andern der zahllos vielen Hülsengloben.
GEJ|4|105|5|0|In diesen Zentralsonnen zweiten Ranges ergrimmten mit der Zeit der Zeiten die Hauptgeister ob des stets zunehmenden Druckes, entzündeten sich und machten sich in zahllosen Massen von den Gemeinklumpen zweiten Ranges los. Sie machten nun wieder die besten Mienen zu einem rein geistigen Übergange; da sie aber mit der Weile dennoch wieder ein großes Wohlgefallen an sich fanden und nicht völlig von der Eigenliebe lassen wollten, so wuchsen sie auch abermals im materiellen Gewichte und schrumpften ebenfalls wieder in große Klumpen zusammen, und es wurden daraus Zentralsonnen dritten Ranges.
GEJ|4|105|6|0|Aber bald erhob sich da derselbe Anstand, wie bei den früheren Zentralsonnen. Die höheren Geister, als die wenigeren an der Zahl, wurden nach und nach von den noch immer zahllos vielen untergeordneten Geistern zu mächtig gedrückt, ergrimmten bald wieder und rissen sich zu vielen tausendmal Tausenden mit großer Gewalt vom gemeinsamen Klumpen los, mit dem festen Vorsatze, nun endlich ins völlig rein Geistige überzugehen. Undenkbar lange Zeiten schwebten sie als voneinander weit getrennte Ätherdunstmassen im weiten Schöpfungsraume.
GEJ|4|105|7|0|Diese Freiheit gefiel ihnen in der Rückerinnerung an den mächtigen Druck, den sie ausgestanden hatten. Aber in dieser untätigen Freiheit fing es sie mit der Zeit zu hungern an, und sie fingen an, im Raume Nahrung zu suchen, – also eine Sättigung von außen irgendwoher. Diese fanden sie und mußten sie finden; denn die Begierde ist gleich jenem nordischen Magnetsteine, der alles Eisen, wie auch alle eisenhaltigen Minerale mit einer unwiderstehlichen Gewalt an sich zieht.
GEJ|4|105|8|0|Was aber war davon die unvermeidbare Folge? Ihre Wesenheit fing dadurch sich nach und nach sehr zu verdichten an; damit erwachte auch bald wieder die Eigenliebe und ihr Gefolge, und die unausweichbare Folge war wieder die Einschrumpfung zu einem gemeinsamen Klumpen, wozu freilich wohl stets eine Unzahl von Erdjahren vonnöten war.
GEJ|4|105|9|0|Allein, was ist eine noch so lange Zeitendauer vor dem ewigen Gott?! Ein Seher der Vorzeit sagte: ,Tausend Jahre sind vor Gott wie ein Tag!‘ Ich sage euch: Tausendmal tausend Jahre sind vor Gott im Ernste kaum ein Augenblick! Wer ein Müßiggänger ist, dem werden aus lauter Langweile die Stunden zu Tagen und die Tage zu Jahren. Dem Fleißigen und vielfach Tätigen werden die Stunden zu Augenblicken und Wochen zu Tagen. Gott aber ist von einem unendlichen Tätigkeitseifer von Ewigkeit her erfüllt und in einem fort unendlich tätig, und die seligste Folge davon ist, daß Ihm für euch undenkbar lange Zeiten wie einzelne Augenblicke vorkommen müssen, – und eine volle Ausbildung einer Sonne dauert vor Seinen Augen dann nur ganz kurz.
GEJ|4|105|10|0|Aus der nun zuletzt bezeichneten Einschrumpfung entstanden und entstehen noch die Planetarsonnen, wie die da eine ist, die dieser Erde leuchtet. Diese Art Sonnen sind zwar in ihrer Wesenheit viel zarter und sanfter als die Zentralsonnen, haben aber dennoch eine ungeheure Masse von schwerer Materie als Folge der Eigenliebe ihrer äonenmal Äonen Geister, aus deren Eigenliebe eben solch eine Sonne zusammengeklumpt ist. Den edleren und besseren Geistern in diesem Leuchtklumpen wird mit den Zeiten der Zeiten der Druck von seiten der gemeinen Geister, die ganz Materie geworden sind, denn doch wieder viel zu schwer und unerträglich; die Folge davon ist, wie bei den früheren Sonnen, Gewalttätigkeit, Eruptionen über Eruptionen, und die edleren Geister machen sich frei.
GEJ|4|105|11|0|Hier erwacht dann in ihnen der schon ganz ernstliche Wille, ins Urreingeistige durch die Befolgung der wahren Ordnung Gottes überzugehen. Viele bekämpfen den in sie gelegten Reiz und werden zu urgeschaffenen Engeln, ohne einen Fleischesweg vorderhand durchzumachen. Denen, die sich demselben aber entweder gleich auf der Sonne oder gar auf dieser Erde unterziehen wollen, wird solches freigestellt, was aber auch, hier nacherinnerlich, bei den vorher beschriebenen Zentralsonnen der Fall ist, – aber nicht so häufig, wie namentlich und besonders bei dieser Planetarsonne, die dieser Erde das Licht, das zumeist von der großen Tätigkeit ihrer Geister abstammt, verleiht.
GEJ|4|105|12|0|Aber einige Geistervereine, die sich aus dem Sonnenklumpen auch mit den besten Vorsätzen losmachten, konnten sich von der Eigenliebe doch wieder nicht ganz losmachen und fingen so nach und nach wieder an, dem in sie gelegten Urreize zu frönen; von eins kamen sie bald auf zwei, und so fort und fort unvermerkt weiter hinauf!
GEJ|4|105|13|0|Bald darauf wurden sie als dunstige Kometen mit einem langen Schweife schon materiell ersichtlich. Was besagt dieser Schweif? Er zeigt an den Hunger der schon materiell werdenden Geister und die große Gier nach materieller Sättigung. Diese Gier zieht aus dem Äther ihr zusagendes Materielles, und so ein Komet, als ein Kompendium (Zusammenfassung) von schon sehr materiell gewordenen Geistern, irrt dann gar viele Jahrtausende im großen Ätherraume umher und sucht Nahrung wie ein reißender Wolf.
GEJ|4|105|14|0|Durch dieses stete Einsaugen und Fressen wird er ebenfalls stets dichter und dichter und schwerer und schwerer. Mit der Zeit wird er von der Sonne, der er durchgegangen ist, wieder insoweit angezogen, daß er ordnungsgemäß um sie zu kreisen beginnen muß. Muß er sich einmal solch eine Ordnung gefallen lassen, so wird er ein Planet, wie diese Erde, der Morgen- und Abendstern, oder der Mars, der Jupiter und der Saturn und etliche der euch unbekannten jeder für sich einer ist.
GEJ|4|105|15|0|Nun ist ein Planet da und hat stets einen ungeheuren Hunger, und da er der Sonne näher steht denn früher als Komet, so bekommt er von ihr aus auch eine genügende Nahrung, die zugleich ein Köder ist, um den Entlaufenwollenden wieder stets näher und näher an sich zu ziehen und ihn nach langen Zeiten ganz wieder in sich zu begraben, – ein löblicher Wunsch der urgeschaffenen Geister in der Sonne, der aber in Anbetracht der gar großen Planeten, zu denen auch diese Erde gerechnet werden kann, gar nie in seiner Art in Erfüllung geht; denn obschon die in den Planeten gebannten Geister noch sehr materiell sind, so kennen sie aber der Sonne Materie und haben kein besonderes Bedürfnis und gar keine Lust, sich je mehr mit der Sonne völlig zu vereinen. Sie nehmen die aus der Sonne zu ihnen kommenden Geister und Geisterlein als eine gute Stärkung und Nahrung recht gerne auf, aber von einer völligen Vereinigung mit der Sonne wollen sie nichts wissen.
GEJ|4|105|16|0|Es geschieht auch zuweilen, daß die einmal entflohenen Geister in ihrem materiellen Klumpenkompendium ganz in die Nähe der Sonne gelockt und gezogen werden; aber der ungeheure Tätigkeitseifer der den harten Klumpen der Sonne umgebenden freieren Geister, dem hauptsächlich das Leuchten der äußern Sonnenoberfläche zu verdanken ist, bewirkt, daß alle in den starren Klumpen zusammengeschrumpften Geister nahe augenblicklich insgesamt sich zu der möglich höchsten Tätigkeit erheben, auseinanderfahren und ein jeder für sich dann, wie man zu sagen pflegt, das Weite zu suchen anfängt.
GEJ|4|105|17|0|Die Folge solch einer erwachten Tätigkeit der in einem Planeten oder wenigstens schon reiferen Kometen lange zusammengeklumpt gewesenen Geister ist die plötzliche und gänzliche Auflösung des Klumpens und die Erlösung vieler tausendmal tausend und abermals tausendmal tausend Geister, von denen die meisten, durch solch eine Lektion gewitzigt und belehrt, sich sogleich in die rechte Lebensordnung begeben und zu urgeschaffenen Engelsgeistern werden und zu nützlichen Hütern ihrer weniger freien Lebensbrüder, wie auch jener in harten Klumpen schmachtenden, und zur schnelleren Erlösung derselben vieles beitragen.“
GEJ|4|106|1|1|106. — Die Bedeutung und Entstehung der Erde
GEJ|4|106|1|0|(Der Herr:) „Ein Teil solcher aufgelösten Geister aber will noch auf irgendeinem Planeten den Weg des Fleisches durchmachen. Einige machen ihn auch in der Sonne durch, auf irgendeinem Gürtel, der ihnen natürlich am besten zusagt; nur auf diese Erde begeben sich höchst wenige, weil ihnen da der Weg des Fleisches zu beschwerlich vorkommt, denn hier müssen sie sogar alle Erinnerung an einen früheren Zustand aufgeben und ganz in ein von Anfang an neues Sein eintreten, was auf den anderen Planeten und Weltkörpern nicht der Fall ist.
GEJ|4|106|2|0|Denn fürs erste bleibt den eingefleischten Geistern dort stets eine traumartige Rückerinnerung an die früheren Zustände, und die Folge davon ist, daß die Menschen auf den anderen Planeten und Weltkörpern vom Grunde aus schon um vieles weiser und nüchterner sind denn auf dieser Erde. Aber dafür sind sie auch keines Fortschrittes in eine höhere Stufe des freien Lebens fähig. Sie gleichen, wie schon einmal berührt, mehr den Tieren dieser Erde, die schon von Natur aus für ihr Sein die gewisse Instinktbildung haben, worin sie stets eine große Fertigkeit und Vollendung an den Tag legen, so daß ihnen der Mensch mit all seinem Verstande gar manches nicht nachzumachen imstande wäre. Versuchet nun aber, ein Tier darüber hinaus zu unterrichten, und ihr werdet nicht viel Ersprießliches ihm beizubringen imstande sein!
GEJ|4|106|3|0|Wohl gibt es welche, die so viel Bildung annehmen, daß sie dann für eine höchst einfache und allergröbste Arbeit zur Not verwendet werden können, wie der Ochse zum Ziehen, das Pferd, der Esel und das Kamel zum Tragen, ein Hund zum Aufspüren, Jagen und Treiben; aber darüber hinaus werdet ihr ihnen nicht viel Weiteres beizubringen imstande sein, und mit der Sprache wird es schon gar nicht gehen. Die einfache Ursache liegt auch darin, daß eine stumpfe Rückerinnerung an ihre früheren Zustände die Tierseelen gleichfort noch wie ein Gericht gefangenhält und beschäftigt, und daß sie sonach in einer gewissen Betäubung leben.
GEJ|4|106|4|0|Allein bei allen Menschen dieser Erde tritt der sonst nirgends mehr vorkommende Fall ein, daß sie aller Rückerinnerung bar werden und daher eine ganz neue Lebensordnung und -bildung vom Anfange an beginnen, die also gestellt ist, daß mit ihr ein jeder Mensch bis zur vollsten Gottähnlichkeit emporwachsen kann.
GEJ|4|106|5|0|Darum kann aber auch nur eine solche Seele auf dieser Erde eingefleischt werden, die entweder aus einer Sonne, in der noch alle Urelemente beisammen sind, herstammt, alldort aber schon einen Fleischweg durchgemacht hat und somit alle jene Seelenintelligenzspezifika in sich faßt, die für die Vollendung eines höchsten Geisteslebens nötig sind, – oder eine Seele stammt unmittelbar von dieser Erde und hat zuvor alle die drei sogenannten Naturreiche durchgemacht von der plumpsten Steinmaterie durch alle Mineralschichten, von da durch die gesamte Pflanzenwelt und zuletzt durch die ganze Tierwelt im Wasser, auf der Erde und in der Luft.
GEJ|4|106|6|0|Man nehme aber hier ja nicht den Materienleib, sondern das in dessen Gehülse enthaltene seelisch-geistige Element; denn das Gehülse ist zwar auch seelisch- geistig in der weiteren Analyse, aber es ist in sich noch zu gemein, zu träge und zu plump und ist noch ein zu schwerer Ausdruck der Eigenliebe, der Selbstsucht, des Hochmutes und des trägsten, faulen Genusses der gierigsten, geizigen und todbringend zornigen Herrschsucht. Solche Materie muß erst durch ein vielfaches Verwesen und nur teilweises Übergehen in die reinere Seelenumhäutungs- und – bekleidungssubstanz aufgenommen werden; zur eigentlichen Seelensubstanz wird daraus wohl nie etwas verwendbar sein.
GEJ|4|106|7|0|Es gibt darum auf dieser Erde aber auch mehr verschiedene Gattungen von Mineralen, Pflanzen und Tieren als auf allen anderen Planeten und Sonnen, natürlich jedes für sich einzeln genommen. Alle zusammen würden wohl eine größere Gattungssumme herausbringen, aber auf einem jeden anderwärtigen Weltkörper einzeln gibt es im ganzen Schöpfungsraume nicht den hunderttausendsten Teil so vieler Gattungen wie hier auf dieser Erde in jedem ihrer drei Reiche. Eben darum ist aber auch nur diese Erde allein bestimmt, im vollwahrsten Sinne Gottes Kinder zu tragen.
GEJ|4|106|8|0|Wie und warum aber solches? Es hat mit dieser Erde eine höchst eigentümliche Bewandtnis. Sie gehört zwar nun als Planet zu dieser Sonne; aber sie ist, streng genommen, nicht so wie alle die anderen Planeten – mit Ausnahme des einen zwischen Mars und Jupiter, der aber aus gewissen bösen Gründen schon vor sechstausend Jahren zerstört worden ist oder eigentlich durch sich selbst und durch seine Bewohner zerstört wurde – aus dieser Sonne, sondern hat ihre Entstehung ursprünglich schon aus der Urzentralsonne und ist in einer gewissen Hinsicht ums für euch Undenkliche der Zeit nach älter denn diese Sonne. Doch hat sie eigentlich erst körperlich zu werden angefangen, nachdem diese Sonne schon lange als ein ausgebildeter Weltenklumpen den erstmaligen Umlauf um ihre Zentralsonne begonnen hatte, und hat aber dann ihr eigentlich Materiell- Körperliches dennoch hauptsächlich aus dieser Sonne an sich gezogen.“
GEJ|4|107|1|1|107. — Die Entstehung des Mondes
GEJ|4|107|1|0|(Der Herr:) „Vor vielen tausendmal Tausenden von Erdjahren war sie (die Erde) körperlich noch bedeutend schwerer, und ihre Geister wurden sehr gedrückt. Da ergrimmten aber die ärgeren Geister und trennten sich mit sogar viel gröbstmaterieller Masse von ihr und schwärmten viele Jahrtausende hindurch in einer sehr ungeordneten Bahn um diese Erde.
GEJ|4|107|2|0|Da aber alle die Teile dennoch bis auf einige Klumpen ganz weich und zur Hälfte flüssig waren und die ganze Masse in einem beständigen Rotieren war, so gestaltete sich endlich die ganze Masse zu einer großen Kugel, deren Achsenumschwingung für ihren kleinen Durchmesser viel zu langsam war, um auf ihrer dennoch nicht ganz unbedeutenden Oberfläche die Flüssigkeit gleichmäßig zu erhalten, weil deren Umlauf um diese Erde dagegen ein sehr geschwinder war, demzufolge alles Flüssige stets auf der der Erde entgegengesetzten Seite den Aufenthalt nehmen mußte, vermöge der alten Wurfschwere.
GEJ|4|107|3|0|Dadurch aber ward dieses runden Klumpens eigentlicher Schwerpunkt stets mehr nach jener Seite hin verschoben, wo sich gleichfort sämtliche Flüssigkeit aufhielt, und so mußte mit der Zeit dieses Klumpens eigene, zu langsame Achsenrotation endlich – als der Klumpen selbst kompakter war, durch den das Wasser nicht mehr so schnell durchsickern konnte und die mitgenommenen Wogen an den gewordenen hohen Bergwänden zu schwer und widerhaltig anbrandeten – ganz aufhören, und der ganze Klumpen fing dann an, der Erde, von der er ausgeworfen ward, nur ein und dasselbe Gesicht zu zeigen.
GEJ|4|107|4|0|Und das war auch gut, auf daß dessen zu hartnäckige Geister genießen können, wie gut es ist, in einer trockensten und nahe aller Nahrung baren Materie zu stecken. Und zugleich dient dieser Mondesteil (denn der in der Rede stehende Klumpen ist eben unser Mond), seit diese Erde von Menschen bewohnt ist, auch dazu, daß die allerweltliebigsten Menschenseelen dorthin beschieden werden und sich von dort aus, mit einer luftig-materiellen Umhäutung versehen, ihre schöne Erde von einer über hunderttausend Stunden langen Weges weiten Ferne etliche Tausende von Jahren hindurch recht sattsam ansehen können und sich selbst bedauern, daß sie nicht mehr ihre geizigen Bewohner sind. Daß sie aber trotz aller ihrer Begierde nicht wieder herab zur Erde gelangen können, dafür ist schon allerbestens gesorgt. Aber etliche Äonen von Erdenjahren werden nach und nach auch die Allerhartnäckigsten zur Besinnung bringen!
GEJ|4|107|5|0|Ihr habt nun denn gesehen, wie die ganze materielle Weltenschöpfung entstanden ist, bis zu den Monden der Planeten, die fast überall, wo sie bestehen, auf dieselbe Weise entstanden sind, dieselbe Natur haben und nun zum selben Zwecke dienen.
GEJ|4|107|6|0|Wie aber und aus welchem Grunde ursprünglichst aus in sich selbst hineingefallenen Geistern die gesamte materielle Weltenschöpfung, bis zu den Monden herab, hervorgegangen ist, auf eben dieselbe Weise sind mit der Zeit auf den harten und schweren Weltkörpern die Berge, als die ersten Riesenpflanzen einer Welt, und nachher allerlei Pflanzen, Tiere und zuletzt der Mensch selbst hervorgegangen.
GEJ|4|107|7|0|Bessere Geister entwinden sich gewaltsam dem stets zunehmenden Drucke der Materie, ihre eigene auflösend mit der Kraft ihres Willens. Sie konnten sogleich in die Ordnung der reinen Geister übergehen; aber der alte Reiz übt noch immer auch seine alte Gewalt aus. Die Eigenliebe wird gleich wieder wach, die Pflanze saugt, das Tier frißt, und des Menschen Seele sucht, kaum von neuem in die alte Gottform eintretend, gierigst materielle Kost und ein gleiches, träges Wohlbehagen; sie muß sich darum gleich wieder mit einem materiellen Leibe umgeben, der aber dennoch zarter ist als die alte, sündige Materie. Trotz des zarteren Leibes aber nimmt im selben die pure Seele doch so sehr in der Eigenliebe zu, daß sie ganz wieder zur härtesten Materie würde, so Ich in ihr Herz nicht einen Wächter, ein Fünklein Meines Liebegeistes gesteckt hätte.“
GEJ|4|108|1|1|108. — Vom Erbübel der Eigenliebe
GEJ|4|108|1|0|(Der Herr:) „Ihr habt von dem Erbübel gehört – wenigstens ihr Juden sicher! Was ist dieses, und worin besteht es? Sehet und höret!
GEJ|4|108|2|0|Es ist die alte Eigenliebe als der Vater der Lüge und aller Übel aus ihr; die Lüge aber ist die alte, sündige Materie, die an und für sich nichts ist als eine lose und sündige Erscheinlichkeit der Eigenliebe, der Selbstsucht, des Hochmutes und der Herrschsucht.
GEJ|4|108|3|0|Alles das entstand zwar aus dem notwendigen Reize, den Ich wegen der Erkenntnis des eigenen freien Willens in die Geister legen mußte; aber obschon der Reiz notwendig war, so war ihm als Folge die sündige Werdung der materiellen Welten durchaus keine Notwendigkeit. Sie war nur eine aus Meiner Ordnung zugelassene, leider notwendige Folge dessen, daß so viele Geister dem Reize nicht widerstehen wollten, obschon sie es vermocht hätten, – ebensogut wie es sechsmal so viele urgeschaffene Geister vermochten, von denen uns zu Diensten nun einer hier stehet und den Namen Raphael führt.
GEJ|4|108|4|0|Der Feind, der stets das Unkraut unter den reinen Weizen streute, und noch streut, und noch lange streuen wird, ist demnach die alte Eigenliebe, und ihr euch nun bekanntes Gefolge ist das Unkraut und im weitesten Sinne der Inbegriff aller wie immer gearteten Materie, Lüge, Satan, Teufel.
GEJ|4|108|5|0|Mein Wort aber ist das edle und reine Weizenkorn, und euer freier Wille ist der Acker, in den Ich als Säemann alles Lebens das reinste Korn Meiner ewigen Ordnung streue und säe.
GEJ|4|108|6|0|Lasset ihr euch nicht von der Eigenliebe überwältigen, sondern bekämpfet ihr dieselbe leicht und mächtig mit dem glühenden Schwerte der wahren, alleruneigennützigsten Liebe zu Mir und zu euren nächsten Brüdern und Schwestern, so werdet ihr den Acker von allem Unkraute rein erhalten und jüngst selbst als reinste und kostbarste Frucht in Mein Reich eingehen und dort neue und rein geistige Schöpfungen schauen und leiten in Ewigkeit!
GEJ|4|108|7|0|Aber achtet wohl darauf, daß der Feind, oder die Eigenliebe in euch, auch nicht um ein Atom groß Platz greife; denn dieses Atom ist schon ein Same des wahren Unkrautes, das mit der Zeit euren freien Willen ganz für sich in Beschlag nehmen kann, und euer rein Geistiges geht dann stets mehr und mehr in das Unkraut der Materie über, wo ihr dann selbst zur Lüge werdet, weil alle Materie als das, was sie ist, sichtlich eine allerbarste Lüge ist!
GEJ|4|108|8|0|Das kleinste Atom Eigenliebe in euch, Meinen Jüngern nun, wird in tausend Jahren zu ganzen Bergen voll des giftigsten Unkrautes, und Mein Wort wird man auf den Gassen und Straßen mit dem schlechtesten Kote einmauern, auf daß sich ja keine Lüge voll Hochmutes und Hasses daran stoße! Bleibet ihr aber rein in Meiner Ordnung, so werdet ihr bald die Wölfe mit den Lämmern aus einem Bache trinken sehen.
GEJ|4|108|9|0|Ich habe euch nun eine Erklärung gegeben, von der bisher noch keinem Geiste etwas in den Sinn gelegt wurde, auf daß ihr daraus entnehmen könnet, wer Derjenige ist, der allein euch solch eine Lehre geben kann und warum. Der Lehre wegen allein sicher nicht, sondern wegen der wahren Tat danach! Darum aber sollet ihr nicht nur eitle und erstaunte Hörer von Lehren sein, die vor Mir noch nie jemand so offen wie Ich nun zu den Menschen gepredigt hat; auch ist es nicht genug, daß ihr nun klar erkennet, daß solches Gott Selbst, der Vater von Ewigkeit, zu euch geredet hat, sondern ihr müßt euer Herz streng erforschen, ob in seiner Liebe kein Unkrautsatom rastet. Findet ihr das, so jätet es mit allen noch so kleinsten Würzelchen aus und werdet sodann tätig in Hülle und Fülle nach Meiner euch nicht mehr unbekannten Ordnung, so werdet ihr den wahren Lebensnutzen für ewig daraus ernten!
GEJ|4|108|10|0|Damit ihr auch sehen möget, wie das alles so ist, was Ich euch nun erklärt habe, so will Ich euch denn für eine kurze Zeit die Augen öffnen, auf daß ihr das alles auch selbsterfahrlich schauen könnet. Gebet darum nun auf alles wohl acht, was ihr sehen werdet!“
GEJ|4|109|1|1|109. — Erlösung, Wiedergeburt und Offenbarung
GEJ|4|109|1|0|Auf diese Erklärung war aus leicht begreiflichen Gründen wohl niemand gefaßt, und es ging da ein Staunen und Verwundern durch alle Anwesenden, das ebenso wie Meine Erklärung nichts Ähnliches hatte.
GEJ|4|109|2|0|Viele schlugen sich auf die Brust und schrien überlaut: „Herr, Herr, Herr, töte uns, denn wir stehen als zu große und grobe Sündenklötze vor Dir; und das alles durch unsere höchst eigene bewußte und unbewußte Schuld! Du allein bist gut und heilig; alles andere aber, was da trägt eine materielle Umhüllung, ist schlecht und in sich fluchwürdig. O Herr, wie lange werden wir in unserer eigenen Materie wandeln? Wann werden wir vom alten Fluche erlöst werden?“
GEJ|4|109|3|0|Sage Ich: „Eben jetzt, da Ich Selbst alle Materie dadurch segne, daß Ich Mich Selbst in euren alten Fluch hineingeschoben und ihm dadurch den Segen gebracht habe! Alle alte Ordnung der alten Himmel samt den Himmeln hört auf, und es wird nun auf die Grundlage der nun durch Mich gesegneten Materie eine neue Ordnung und ein neuer Himmel gemacht, und die ganze Schöpfung, wie auch diese Erde, muß eine neue Einrichtung bekommen.
GEJ|4|109|4|0|Nach der alten Ordnung konnte niemand in die Himmel kommen, der einmal in der Materie gesteckt ist; von nun an aber wird niemand wahrhaft zu Mir in den höchsten und reinsten Himmel kommen können, der nicht gleich Mir den Weg der Materie und des Fleisches durchgemacht hat.
GEJ|4|109|5|0|Wer immer von nun an in Meinem Namen getauft wird mit dem lebendigen Wasser Meiner Liebe und mit dem Geiste Meiner Lehre und in Meinem Namen der Kraft und Tat nach, von dem ist die alte Erbsünde für ewig abgewischt, und sein Leib wird dadurch nicht mehr sein eine alte Mördergrube der Sünde, sondern ein Tempel des Heiligen Geistes.
GEJ|4|109|6|0|Aber ein jeglicher gebe da acht, daß er ihn nicht von neuem verunreinige durch das alte, giftige Unkraut der Eigenliebe! Hütet euch nur vor der, dann werdet ihr heiligen auch euer Fleisch und Blut; und wenn der reine Geist in euch zur Alleinherrschaft gelangen wird, so wird dann in ihm und durch ihn nicht nur zum vollendeten, ewigen Leben auferstehen die Seele, sondern auch des Leibes Fleisch und Blut samt Haut und Haaren!
GEJ|4|109|7|0|Sehet, welch ein Unterschied da ist zwischen früher und jetzt! Wie es aber nun eingerichtet wird, so wird es auch bleiben in Ewigkeit.
GEJ|4|109|8|0|Die Sonne, die ehedem voll Fluches war, wird von nun an voll Segens, und ebenso alles, was im endlosen Raume ein wie immer geartetes Dasein hat! Denn wie Ich's euch gesagt habe, so mache Ich nun alles neu, und alle alten Verhältnisse müssen umgewandelt werden, dieweil Ich Mich Selbst umgewandelt habe dadurch, daß Ich Selbst die Materie angezogen habe.
GEJ|4|109|9|0|Aber das setze Ich hinzu und sage: Wer da nicht glaubt und getauft wird aus dem Wasser und aus dem Geiste in und auf Meinen Namen und auf Mein Wort, für den wird es bleiben beim alten! Solche werden nicht kommen in Mein Reich und nicht zu Meiner Anschauung jenseits, sondern werden bleiben an den äußersten Grenzen Meines Reiches, allda es viel Dunkelnis und Nacht geben wird und viel Heulens und Zähneknirschens. Und es wird der Himmel reinstes Lebenslicht nicht anders zu ihnen dringen, als da dringt das Licht eines kleinsten Fixsternes auf diese Erde, und sie werden vollends von Meinen wahren Lebenshimmeln geradesoviel wissen, als wie die Menschen hier nun wissen, wie dort aussehen die Fixsterne, und was in ihnen ist. Und die Menschen mögen Tag und Nacht tausendmal tausend Jahrhunderte hindurch stets nachdenken, was dort oben diese glänzenden Punkte sind, so werden sie auch nach dieser langen Periode der Zeit ebensoviel wissen, wie sie jetzt wissen. Wohl werden mit der Weile Menschen aufstehen, die da Augenwaffen erfinden, um ferne Gegenstände ganz so zu sehen, als ständen sie in der vollen Nähe; aber mit den Fixsternen werden sie dennoch nie etwas ausrichten, weil diese viel zu weit von der Erde abstehen.
GEJ|4|109|10|0|Und ebenso werden im Jenseits die Heiden, die nicht glaubten und getauft worden sind, in ihrer besten Sphäre also gestellt sein und werden von weitester Ferne Meine Himmel schauen und über sie urteilen, wie nun die Menschen schauen den irdisch gestirnten Himmel, und welche Urteile sie darüber schöpfen. Sie werden nach einem Jahrtausend wohl etwas mehreres wissen denn jetzt und werden allenfalls herausfinden, daß dies lauter Sonnen sind; aber was eine Sonne ist, wie sie leuchtet, wie groß und wie weit entfernt sie ist, wie viele Planeten um sie kreisen, und wie diese beschaffen sind, welche Bewohner sie tragen, welche Sitten, Sprachen und Gebräuche dort vorhanden sind, – das werden sie mit ihrem Verstande nicht herausbringen!
GEJ|4|109|11|0|Und so ihr, die ihr nun viel wisset, es ihnen möglicherweise sagen würdet, so würden sie es euch doch nicht glauben; denn ein reiner Weltverstand, wie er nun bei vielen Heiden so recht kernfest zu Hause ist, glaubt an nichts, was er nicht sehen und mit Händen greifen kann.
GEJ|4|109|12|0|Ja, Ich werde in jenen künftigen Zeiten wohl auch hie und da unter den wahren Bekennern Meines Namens Männer und Mägde erwecken, denen alle Geheimnisse der Himmel und der Welten von Mir aus eröffnet werden durch ihr liebevolles Herz; aber es werden wenige sein, die das als etwas wie überzeugend Wahres annehmen werden!
GEJ|4|109|13|0|Denen es aber geoffenbaret wird, die werden im Schauen sein, und werden eine große Freude haben, und werden loben und preisen den Namen Dessen, der ihnen solche Dinge als für sie vollüberzeugend wahr geoffenbaret hat, zu denen sonst keines Menschen Sinn je dringen kann.
GEJ|4|109|14|0|Ja es wird auf dieser Erde dereinst noch Menschen geben, vor deren Sehe die ganze Schöpfung wie eine geheime Schrift Gottes offen aufgerollt sein wird; aber niemandem, der zuvor nicht geglaubt hat an Meinen Namen und getauft ward in selbem, wird solch eine Gnade erteilt werden!“
GEJ|4|110|1|1|110. — Die Taufe. Die Dreieinigkeit in Gott und Mensch
GEJ|4|110|1|0|Fragt Cyrenius: „Herr, ich glaube alles, was Du, o Herr, lehrest; bin ich darum auch schon getauft?“
GEJ|4|110|2|0|Sage Ich: „Nein, getauft bist du zwar noch nicht; aber es hat dies eben nun nichts zur Sache! Denn wer da glaubt wie du, Freund, der ist im Geiste so gut wie getauft, und zwar mit aller Segnung der Taufe.
GEJ|4|110|3|0|Die Juden haben wohl die Beschneidung, die eine Vortaufe ist und für sich wie vor Mir keinen Wert hat, so der Beschnittene nicht auch zugleich beschnittenen Herzens ist. Ich verstehe unter einem beschnittenen Herzen ein rein gefegtes und mit aller Liebe gefülltes Herz, das mehr wert ist denn alle Beschneidungen von Moses bis auf uns herab. Nach der Beschneidung kam auf eine Zeit die Wassertaufe des Johannes, die von seinen Jüngern fortgesetzt wird. Diese Taufe ist an sich selbst aber auch nichts, so ihr die geforderte Buße nicht entweder schon vorangeht oder doch ganz sicher nachfolgt.
GEJ|4|110|4|0|Wer sich darum im ernsten Besserungsvorsatze mit dem Wasser taufen läßt, begeht dadurch keinen Fehler; aber nur soll er nicht glauben, daß da das Wasser reinige sein Herz und stärke seine Seele. Dies bewirkt nur der eigene, ganz freie Wille; das Wasser bewirkt nur ein Zeichen und zeigt durch dasselbe an, daß der Wille, als des Geistes lebendiges Wasser, nun die Seele ebenalso gereinigt hat von den Sünden, wie das natürliche Wasser da reiniget das Haupt und den andern Leib vom Staube und anderartigem Schmutze.
GEJ|4|110|5|0|Wer die Wassertaufe im wahren tatsächlichen Sinne genommen hat, der ist vollkommen getauft, so bei oder schon vor der Taufhandlung der Wille im Herzen des Getauften seine Wirkung gemacht hat. Ist diese nicht dabei, so hat die pure Wassertaufe auch nicht einen allergeringsten Wert und erwirkt keine Segnung der Materie und noch weniger irgendeine Heiligung derselben.
GEJ|4|110|6|0|Ebenso hat auch die Wassertaufe an unmündigen Kindern gar keinen Wert außer den als ein pur äußeres Zeichen für die Aufnahme in eine bessere Gemeinde, und daß das Kind irgendeinen Namen bekommt, der fürs Leben der Seele doch offenbar nicht den allergeringsten Wert hat, sondern bloß nur einen äußern politischen. Man könnte aus diesem Grunde dem Kinde auch ohne die Beschneidung und ohne die Wassertaufe des Johannes einen Namen geben, und es wäre das vor Mir alles gleich; denn kein Name heiligt die Seele eines Menschen, sondern allein der freie, gute Wille, nach der besten Erkenntnis recht zu handeln sein Leben lang. Jeder Name kann durch den Willen und durch die Handlung geheiligt werden; aber umgekehrt ist das unmöglich je der Fall.
GEJ|4|110|7|0|Als Johannes taufte, da brachten sie ihm wie auch seinen Jüngern Kinder zur Taufe, und er taufte sie auch, wenn sich fürs Kind gewissenhafte Stellvertreter vorstellten und auf das heiligste gelobten, für die geistige Erziehung die eifrigste Sorge zu tragen. Nun, in diesem Falle kann wohl auch ein Kind des Namens wegen mit Wasser getauft werden; die Taufe aber heiligt des Kindes Seele und Leib auf nicht länger als auf so lange nur, bis das Kind zur wahren Erkenntnis Gottes und seiner selbst und zum Gebrauche des freien Willens kommt. Bis dahin hat der Stellvertreter auf das gewissenhafteste zu sorgen, daß das Kind in allem, was zur Erlangung der wahren Heiligung nötig ist, bestens versehen werde, – ansonst der Stellvertreter alle Verantwortung auf seine Seele geladen trägt.
GEJ|4|110|8|0|Es ist darum besser, die Wassertaufe erst dann erfolgen zu lassen, wenn ein Mensch für sich fähig ist, alle Bedingungen zur Heiligung seiner Seele und seines Leibes aus seiner Erkenntnis und aus der freiwilligen Selbstbestimmung zu erfüllen. Übrigens ist die Wassertaufe zur Heiligung der Seele und des Leibes gar nicht nötig, sondern allein das Erkennen und das Tun nach dem richtigen Erkennen der Wahrheit aus Gott. So aber mit Wasser getauft wird, da bedarf es nicht eben nur des Jordanwassers, dieweil Johannes im Jordan getauft hat, sondern es ist dazu ein jedes frische Wasser gut, das Quellwasser jedoch besser denn ein Zisternenwasser, weil es der leiblichen Gesundheit zuträglicher ist als das faulere Zisternenwasser.
GEJ|4|110|9|0|Die wahre und bei Mir allein gültige Taufe ist die mit dem Feuer der Liebe zu Mir und zum Nächsten und mit dem lebendigen Eifer des Willens und mit dem Heiligen Geiste der ewigen Wahrheit aus Gott. Diese drei Stücke sind es, die im Himmel für jedermann ein gültiges Zeugnis geben; es sind dies: die Liebe, als der wahre Vater; der Wille, als das lebendige und tatsächliche Wort oder des Vaters Sohn; und endlich der Heilige Geist, als das rechte Verständnis der ewigen und lebendigen Wahrheit aus Gott, aber als lebendig tätig im Menschen und nur allein im Menschen! Denn was da nicht im Menschen ist und nicht aus der höchsteigenen Willensregung geschieht, hat für den Menschen keinen Wert, und weil es für den Menschen keinen Wert hat und haben kann, so kann das auch vor Gott keinen Wert haben.
GEJ|4|110|10|0|Denn Gott in Seiner Selbstheit ist für den Menschen so lange nichts, bis der Mensch durch die Lehre Gott erkennt und dessen Willen zu seinem höchst eigenen macht durch die Liebe und durch den lebendigsten Willenseifer all sein Handeln und Lassen nur nach dem erkannten allerhöchsten Willen einrichtet. Dadurch erst wird Gottes Ebenbild im Menschen lebendig und wächst und durchdringt bald des Menschen ganzes Wesen. Wo das, da geschieht es dann auch, daß der Mensch in alle Tiefen der Gottheit dringt; denn das Ebenbild Gottes im Menschen ist ein vollkommenstes Ebenmaß eines und desselben Gottes von Ewigkeit.
GEJ|4|110|11|0|Wenn beim Menschen das geschieht, so ist in ihm alles geheiligt und die wahre Taufe der Wiedergeburt des Geistes erlangt. Durch solche Taufe macht sich dann der Mensch zu einem wahren Freunde Gottes und ist in sich selbst ebenso vollkommen, wie der Vater im Himmel vollkommen ist. Und Ich sage es euch allen ausdrücklich, daß ihr alle danach aus allen euren Kräften trachten müsset, ebenso vollkommen zu werden, als wie vollkommen da der Vater im Himmel ist! Wer nicht so vollkommen wird, der kommt nicht zum Sohne des Vaters.
GEJ|4|110|12|0|Wer aber ist der Sohn? Der Sohn ist des Vaters Liebe. Er ist die Liebe der Liebe, Er ist das Feuer und das Licht, Er ist der Sohn der Liebe oder des Vaters Weisheit. Wenn sonach aber das Ebenmaß des Vaters in euch ist, so muß es ja so vollkommen werden wie der Urvater Selbst in allem, ansonst es kein Ebenbild des Vaters wäre; ist es aber als Ebenbild nicht vollkommen, woher soll dem Menschen dann die Weisheit kommen, oder wie soll der Mensch dann zur wahren Weisheit gelangen?
GEJ|4|110|13|0|Wie Sich aber der Vater in Mir stets findet, also finde auch Ich Mich im Vater, und ebenso müsset ihr euch in euch selbst finden, so werdet ihr euch dadurch auch in Gott finden, und Gott wird Sich finden in euch. Wie da Ich und der Vater eins sind, so müsset auch ihr zuerst in euch eins sein mit dem Ebenmaße des Vaters in euch. Seid ihr das, da seid ihr dann auch mit Mir und mit dem ewigen Vater in Mir eins geworden, dieweil Ich und der Vater in Mir vollkommen eins sind von Ewigkeit!“
GEJ|4|110|14|0|Hier sagen die Jünger: „Herr, dies fassen wir nicht! Du wirst hart in Deiner Lehre! Wir bitten Dich inständigst, daß Du Dich auch hierin klarer ausdrücken möchtest!“
GEJ|4|110|15|0|Sage Ich: „Seid denn auch ihr noch unverständig? Wie lange werde Ich auch euch noch also ertragen müssen?! O du noch stark verkehrte Art! Aber euch soll es ja gegeben werden, zu verstehen das Geheimnis des Reiches Gottes auf Erden!
GEJ|4|110|16|0|Wo habt ihr denn die Gedanken eures Herzens?! Mehrere Male habe Ich es euch schon erklärt, wer der Vater und wer der Sohn sei, daß Sich Vater und Sohn gerade also verhalten, wie die Liebe und die Weisheit sich zusammen verhalten, oder wie die Wärme und das Licht. Ich habe es euch gezeigt, wie das Licht ohne die Wärme nichts nütze wäre, aber auch eine Wärme ohne Licht keine Ähren auf den Feldern zur Reife bringen würde. Ich habe es euch gezeigt, wie aus der Wärme stets ein Licht entsteht, weil die Wärme der erste Ausdruck irgendeiner bestimmten Tätigkeit ist; die Erscheinlichkeit einer Tätigkeit aber ist das Licht, das sich steigert, wie sich irgendeine geordnete Tätigkeit steigert, und dennoch fasset ihr nicht das ,eins‘ des Vaters und des Sohnes, und nicht das ,eins‘ zwischen euch und Mir!“
GEJ|4|110|17|0|Sagen die Jünger: „Herr, werde uns darum nur nicht gram! Wir fassen es nun schon, und was da noch irgend abgehen sollte, werden wir wohl nachtragen können und einholen nach Recht und Gebühr!“
GEJ|4|110|18|0|Sage Ich: „Ich weiß es wohl, daß dies der Fall sein wird; aber Ich sagte das zu euch, weil Ich es wohl merkte, daß es euch mehr ums Fragen denn ums Wissen zu tun war.“
GEJ|4|111|1|1|111. — Von der Mosaischen Speiseordnung
GEJ|4|111|1|0|Sagt dazu Cyrenius: „Hat mich selbst gewundert, daß Deine Jünger das nicht verstehen sollen, was doch ich und sicher alle andern recht gut verstanden haben! Aber nun, da Du, o Herr, schon einmal in der Verfassung bist, Dinge, die noch nie jemand vor Dir erklärt hat, klarzumachen, so möchte ich denn von Dir nun vernehmen, was es denn bei den Juden mit dem Verbote des Genusses unreiner Speisen und mit dem Berühren gewisser als unrein bezeichneter Dinge für eine Bewandtnis hat! Wir Heiden genossen alles und wurden doch nach unserer Lehre nicht unrein! Die alten Ägypter aßen auch alles, was nur die Zeit und Erfahrung als genießbar darstellte, und ich weiß nichts von einer Verunreinigung, – im Gegenteile weiß ich aus der Geschichte, daß Ägypten sehr reine und wahrhaft große Geister auf seinem Boden getragen hat; auch bei uns Römern gab es deren zu allen Zeiten. Warum mußten gerade die Juden allerlei entbehren?“
GEJ|4|111|2|0|Sage Ich: „Weil ihr Geschlecht, als von Adam her erhalten, von oben her war und zur gegenwärtigen Zeit zum größten Teile noch ist und bestimmt dazu, daß Ich in seiner Mitte in die Welt und in diese Materie kommen konnte zum Heile aller Kreatur. Du hast doch vernommen, wie durch Mich nun die gesamte Materie gesegnet und geheiligt wurde, dieweil auch Ich Selbst die Materie angezogen habe?! Du bejahest solches in deinem Gemüte! Siehe, vor Meiner Darniederkunft auf diese Erde lag, wie du nun weißt, mehr oder weniger der Fluch auf derselben, – nicht als hätte Gott sie verflucht, sondern weil sie in sich durch Eigenliebe, Selbstsucht, Hochmut und Herrschsucht als ein zusammengeklumptes Geistiges zum Selbstfluche geworden ist!
GEJ|4|111|3|0|Es gab und gibt in der Materie aber dennoch verschiedene Grade und Abstufungen zwischen sehr viel, mehr, weniger und nahe gar keiner Härte. Je härter aber irgendeine Materie ist, desto wilder und in sich unreiner ist sie auch, weil ihr in sie zusammengeklumptes Geistiges im gleichen Verhältnisse aus desto mehr des bekannten Unkrautes besteht.
GEJ|4|111|4|0|Die Tiere, die sich gleich anfangs der Bevölkerung dieser Erde zu den Menschen gesellt haben – als das Rind, das Schaf, die Ziege, und unter den Vögeln die Henne und die Taube –, sind sicher von reinerer Natur und sind sanfteren Charakters, und ihr Fleisch ist dem Menschen, der von oben her kam, sicher wegen der reineren Erhaltung der Seele am zuträglichsten gewesen; nur mußten selbst diese Tiere ganz vollkommen gesund sein und durften auch nicht in der Brunstzeit geschlachtet werden, weil in solch einer Zeit auch das sonst reine Tier unreiner ist.
GEJ|4|111|5|0|Es gesellten sich aber nachderhand auch noch andere Tiere – als das Pferd, der Esel, das Kamel, das Schwein, der Hund und die Katze – zum Menschen, doch schon anfänglich nur mehr zu den Kindern dieser Welt, während mit Ausnahme des Esels allein, und nachderhand auch des Kamels, die vorbenannten Tiere mit den Juden in einer sehr geringen Freundschaft standen und noch gegenwärtig stehen.
GEJ|4|111|6|0|Noch hat ein echter Jude eine eigene Furcht vor einem Pferde, vor einem Hunde, ist kein Freund einer Katze und traut dem Kamele eben auch nicht zuviel. Das zahme Wassergevögel ist ihm zuwider, und die Trut- und Perlhühner kann er schon gleich um die ganze Welt nicht leiden, und es wird noch lange dauern, bis er dieser Tiere Freund sein wird. Das ekelt den echten Juden ganz gewaltig an, während es den Griechen, wie auch euch Römern, schon lange einen angenehmen und sehr beliebten Braten gegeben hat.
GEJ|4|111|7|0|Von nun an stehen die Sachen freilich ganz anders und werden noch viel anders stehen, so Ich einmal nach Hause gegangen sein werde! Zum Zeichen alles dessen werde Ich nach Meiner Heimkehr im großen Garten des Bruders Kornelius einem Meiner Jünger, der noch ein Erzjude vom alten Schrot und Korn ist, zeigen, was für Speisen in der Folge ohne alles Bedenken gegessen werden können.
GEJ|4|111|8|0|Nun habe Ich dir den Grund auch von dieser Mosaischen Eßsatzung für die Juden gezeigt, und du und ihr alle müsset solchen nun wohl einsehen! Darum ist es nun Zeit, zu dem überzugehen, dessentwegen wir uns eigentlich und hauptsächlich auf diesen Berg gemacht haben!“
GEJ|4|112|1|1|112. — Eine Vorhersage über die jetzigen Offenbarungen
GEJ|4|112|1|0|(Der Herr:) „Ich sagte, daß ihr da Wunderdinge der seltensten Art schauen werdet; nun ist bis auf die aus Tief- und Hochafrika durch Raphael herbeigeschaffte Leuchtkugel noch nichts weiteres geschehen, obgleich die Nacht ihre Mitte bereits überschritten hat. Ich habe euch auch früher darauf aufmerksam gemacht, daß Ich auf eine kurze Zeit eure Augen auftun werde, auf daß ihr vorderhand einmal bloß schauen könnet, wie es so ganz eigentlich in der Welt aussieht.
GEJ|4|112|2|0|Bevor Ich jedoch das nun tue, sage und gebiete Ich es euch allen sogar, daß ihr von den Gesichten ja niemand etwas saget; denn dazu wird die Menschheit der Welt wohl noch sehr lange nicht von ferne hin reif sein, und es ist im Grunde auch zu ihrem Seelenheile gar nicht nötig, daß die Weltmenschheit so etwas erfahre! Wenn sie es sich nur sehr angelegen sein lassen wird, Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst zu lieben, so wird ihr alles andere und weitere schon ohnehin, soweit als nötig, geoffenbart werden.
GEJ|4|112|3|0|Aber ihr, als die ersten Grundpfeiler Meiner Lehre, müsset für euch so manches mehr wissen im geheimen denn alle anderen zusammen, auf daß ihr nach einiger Zeit ja in keine Versuchung zum Abfalle von dieser Meiner Lehre gelangen möget.
GEJ|4|112|4|0|Es wird aber alles das dennoch nicht verlorengehen, und wenn da tausend und nicht ganz tausend Jahre von nun an verflossen sein werden und Meine Lehre nahe ganz in die schmutzigste Materie begraben sein wird, so werde Ich in jener Zeit schon wieder Männer erwecken, die das, was hier von euch und von Mir verhandelt ward und geschehen ist, ganz wortgetreu aufschreiben und in einem großen Buche der Welt übergeben werden, der dadurch vielseitig die Augen wieder geöffnet werden!“
GEJ|4|112|5|0|Nota bene: Du, Mein Knecht und Schreiber, meinst nun wohl, als hätte Ich damals dessen kaum erwähnt?! Willst du auch schwach werden im Glauben, wie du in deinem Fleische noch schwach bist?! Sieh, Ich sage es dir, daß Ich dem Cyrenius und dem Kornelius sogar deinen und mehrerer anderer Namen angegeben habe und sie nun auch die erfreulichsten Zeugen alles dessen sind, was Ich dir nun in die Feder sage. Aber Ich werde am Schlusse auch dir Namen ansagen, die von nun an in zweitausend Jahren noch Größeres niederschreiben und leisten werden als du nun! – Solches merke dir vorderhand, und schreibe alles vollgläubig!
GEJ|4|112|6|0|Hierüber verwunderte sich Cyrenius sehr, und Kornelius fragte Mich um die Männer näher, denen solches verliehen wird.
GEJ|4|112|7|0|Und Ich gab ihnen den Stand und den Charakter und sogar die Namen an und setzte dazu: „Einer von denen, dem wohl das meiste geoffenbart wird, mehr denn euch allen nun, wird in männlicher rechter Linie abstammen von Josephs ältestem Sohne und wird sonach auch ein rechter Nachkomme Davids sein dem Leibe nach. Er wird zwar sein gleich David schwachen Fleisches, aber dafür desto stärkeren Geistes! Wohl denen, die ihn hören und ihr Leben danach einrichten werden!
GEJ|4|112|8|0|Es werden aber auch die anderen Großgeweckten zumeist von David abstammen. Denn solche Dinge können nur solchen gegeben werden, die sogar fleischlich von dorther stammen, von wannen auch Ich fleischlich abstamme; denn auch Ich stamme ob der Maria, der Mutter dieses Meines Leibes, von David ab, da die Maria auch eine ganz reine Tochter Davids ist. Es werden in jener Zeit zwar diese Davidsnachkömmlinge sich zumeist in Europa aufhalten, aber darum werden sie dennoch ganz reine und echte Nachkommen des Mannes nach dem Herzen Gottes und fähig zur Tragung der größten Lichtstärke aus den Himmeln sein. Auf einen irdischen Thron werden sie wohl nimmer gelangen, aber desto mehr werden in Meinem Reiche ihrer harren, und Ich werde Meiner Brüder wohl allzeit gedenken! Auch die meisten Meiner Jünger, die hier sind, stammen männlicherseits von David ab und sind darum leiblich Meine Brüder in allem Ernste bis auf einen, der nicht von oben, sondern pur von dieser Welt her ist. Er sollte zwar nicht dabei sein, und doch muß er wieder dabei sein, auf daß das, was geschrieben stehet, erfüllet werde!“
GEJ|4|112|9|0|Sagt Cyrenius ganz verwundert: „Also nur den Nachkommen Davids wirst Du allzeit Deinen Willen offenbaren? Sind denn Mathael, Zinka und Zorel auch Nachkommen des großen Königs? Denn denen offenbarst Du nun ja auch dasselbe wie den Nachkommen Davids!“
GEJ|4|112|10|0|Sage Ich: „Freund, das hier geschieht nicht auf dem Wege der geheimen Offenbarung, sondern durch offenes Wort für jedes Fleischohr wohl vernehmbar! Aber ganz was anderes ist's, zu vernehmen das geheime, innere Wort, das da kommt von Meinem Herzen in das Herz dessen, der es in sich vernimmt; und dafür muß es schon eine gewisse vorbereitete Linie von Menschen geben, deren Inneres fähig ist, die Allgewalt und Allkraft Meines Wortes zu ertragen! Denn jeden Unvorbereiteten würde ein Jota nur, unmittelbar aus Mir kommend, schon zerstören und töten. Wenn es aber einmal geschrieben ist, da mögen es Menschen, die eines guten Willens und Sinnes sind, wohl lesen; es wird sie nicht nur nicht töten, sondern stärken und kräftigen zum ewigen Leben.
GEJ|4|112|11|0|Aber so es arge Weltmenschen lesen würden, um es zu verhöhnen, so würde es sie auch, wenngleich es nur geschrieben ist, zerstören und töten! – Nun weißt du auch, wie da diese Dinge stehen; und Ich sage nun, daß ihr euch bereit haltet, zu schauen die Wunder des Werdens, Seins und Bleibens für ewig!“
GEJ|4|112|12|0|Sagt Cyrenius: „Herr, bereit sind wir wohl, zu schauen, was uns Deine große und ganz besondere Gnade bieten wird; aber nur eine ganz kleine Frage möchte ich von Dir noch zuvor beantwortet haben, so es tunlich wäre!“
GEJ|4|112|13|0|Sage Ich: „Frage du immerhin, und Ich werde dir antworten!“
GEJ|4|113|1|1|113. — Die Berufung zum inneren Wort
GEJ|4|113|1|0|Sagt Cyrenius, fragend: „Herr, so zur Vernehmung Deines heiligen Wortes für späterhin im Geiste nur die in gewisser Hinsicht sogar leiblich und besonders seelisch Vorbereiteten fähig sind, so nützt das ja den Unfähigen wenig, wenn sie es durch ein noch so strenges Leben auch zur wirklichen Wiedergeburt des Geistes gebracht hätten: sie werden doch der Gnade nicht gewürdiget, Deines Herzens Wort in ihrem Herzen zu vernehmen! Denn sie könnten es nicht ertragen, weil sie nicht schon von David aus dazu vorbereitet und hergerichtet sind. Ich meine aber, daß alle Menschen, ob von oben oder von unten her, wenn sie Deinem Willen gemäß leben, auch zu den gleichen Fähigkeiten gelangen müßten! Der Geist, der ihre Seele und endlich sogar ihren Leib durchdringt, wird ja doch auch fähig sein, ein Wort von Dir zu ertragen?!“
GEJ|4|113|2|0|Sage Ich: „Freund! Du bist Mir ganz lieb und wert und teuer; aber hier hast du durch deine Frage wieder einmal über diese Sache geurteilt wie ein Blinder von den schönen Farben des Regenbogens. Es könnte Mich bei solchen deinen Urteilen sogar wundernehmen, daß die Glieder deines Leibes nicht schon lange in eine Revolution gegen dein Haupt gelangt sind, weil sie nicht auch mit jenen Fähigkeiten behaftet sind, deren sich das Haupt rühmen kann.
GEJ|4|113|3|0|Deine Füße sind für sich blind und taub und müssen trotz der sehr stiefmütterlichen Ausstattung die schwerste Arbeit verrichten. Deine Hände müssen äußerlich vollstrecken deinen Willen und müssen tun bald dies und bald jenes und haben doch keine Augen, zu schauen das schöne Licht, und kein Ohr, zu vernehmen die herrliche Harmonie des Gesanges; auch haben sie keinen Geruchssinn und keinen Geschmack, um zu verkosten die würzhafte Anmut des Lebens! Findest du wohl, daß darob derlei Glieder gegen das Haupt sehr schlecht daran sind?
GEJ|4|113|4|0|Oder könnte sich nicht einmal eine Dornhecke gegen eine Weinrebe beschweren und sagen: ,Was habe ich denn verbrochen, daß mir die Gnade nicht zuteil werden darf, derzufolge auch ich einmal mit den herrlichen Trauben prunken könnte?!‘
GEJ|4|113|5|0|Weißt du denn das auch noch nicht, daß von Mir aus alles genaust bemessen ist und alles seine Bestimmung hat?! Wie es unter den verschiedenen Gliedern deines Leibes sich verhält, daß eines mit seiner ihm allein eigenen Fähigkeit allen anderen Gliedern dient, also sind auch die Menschen von allerlei Fähigkeiten und können dienend sich gegenseitig nützlich erweisen, und das ist es dann ja eben, was die höchste Seligkeit des Lebens bedingt und ausmacht.
GEJ|4|113|6|0|Wenn dein Kopf und dein Herz heiter sind, so werden auch alle anderen Glieder heiter und fröhlich sein; ist aber nur irgendein kleinstes Gliedlein irgend leidend, so ist es auch mit der Heiterkeit des Hauptes, des Herzens und aller andern, für sich ganz gesunden Glieder aus! Alle sind traurig um des einen willen und bieten alles auf, um dem einen Gliede zu helfen und es gesund zu machen.
GEJ|4|113|7|0|Es ist gewiß ein schöner Beruf, die Fähigkeit zu besitzen, Meiner Liebe Stimme zu vernehmen, sie aufzuschreiben und den anderen Menschen, denen diese Fähigkeit mangelt, mitzuteilen, so sie danach dürsten; aber eine ebenso schöne Fähigkeit des Herzens ist es, das Vernommene im Herzen zu behalten und danach zu leben. Hat es dadurch ein Mensch, wenn er auch von unten herstammt, zur Wiedergeburt seines Geistes gebracht, so wird er schon den sicher bestbemessenen Lohn dafür finden und wird sich gegen den Wortvernehmbefähigten ebensowenig beschweren, wie sich je irgend einmal dein kleiner Finger darum beschwert hat, daß er nicht ein Auge deines Hauptes geworden ist! – Sage Mir nun, ob du mit dieser Antwort zufrieden bist!“
GEJ|4|113|8|0|Sagt Cyrenius: „Herr, – mehr als vollkommen! Werde Dir mit solch einer höchst dummen Frage auch nimmer kommen! Du aber habe nun ganz ungestört die Gnade, uns etwas sehen zu lassen!“
GEJ|4|114|1|1|114. — Ein Blick in die Welt der Naturgeister
GEJ|4|114|1|0|Sage Ich: „Sehet, Ich habe zu dem Behufe diese unsere Leuchtkugel aus der tiefsten Mitte Afrikas herbeischaffen lassen, um euch gewisserart ohne Wunder, mehr auf einem für euch bisher noch ganz unbekannten natürlichen Wege, die Naturgeisterwelt zu erschließen!
GEJ|4|114|2|0|Das Licht dieses Steines hat die Eigenschaft, auf die Lebensnerven über der Magengrube derart einzuwirken, daß die Seele ihr Sehvermögen nach längerem Einwirken dieses Lichtes dahin zieht und dadurch selbst die verborgensten Dinge zu sehen beginnt. Euer Schauen wird sich nun ganz dahin versetzen, und ihr werdet dadurch mit geschlossenen Augen besser sehen als so nun mit den offensten Fleischesaugen.
GEJ|4|114|3|0|Für einige Menschen hat auch der Mond eine ähnliche Wirkung, jedoch nie in dem hohen und mächtigen Grade wie das Licht eben dieses Steines. Schließet nun eure Augen und überzeuget euch, ob ihr mit der Magengrube nicht besser sehet denn mit den Naturaugen!“
GEJ|4|114|4|0|Auf diese Meine Worte schlossen alle die Augen und konnten sich nicht genug wundern über dies allerschärfste Sehvermögen der Seele durch die Magengrube.
GEJ|4|114|5|0|Nur Mathael und seine vier Gefährten sagten: „Dies wunderliche Schauen ist uns durchaus nicht fremd; denn auf diese Art sahen wir oft die seltensten Dinge und wandelten oft über Stellen, über die im natürlich- wachen Zustande kein Sterblicher ohne den gräßlichsten Fall hinwegkommen könnte, und sahen dabei alle Luft, wie auch das Gewässer der Meere und Seen, Flüsse und Bäche stets dicht angefüllt mit allerlei der wundersamen Fratzen und Larven, die sich in der Luft schneller oder langsamer fortschoben nach allen bekannten Windrichtungen; auch schwebten sie auf und nieder, drehten sich bald langsam, bald ganz geschwind in Kreisen. Einige saßen gewisserart wie Schneeflocken auf die Erde nieder und verkrochen sich gewissermaßen schnell in ihre Furchen; einige wurden wie ein Tau von den Pflanzen aufgesogen, andere vom Erdreiche, und noch einige von allerlei Gestein.
GEJ|4|114|6|0|Die ins Erdreich sich verkriechenden und die von der Pflanzen- und Steinwelt aufgesogenen kamen nicht wieder zum Vorscheine; aber wo irgendein Baum oder ein Kraut oder etwas Tierisches verweste, da erhoben sich, anfangs wie ein leichter, schimmernder Dunst aussehend, allerlei neue Gebilde, die sich bald zu Hunderttausenden ergriffen und in eine schon ganz gut ausgebildete Form zusammenschmolzen.
GEJ|4|114|7|0|War die Form einmal fertig, so dauerte es gar nicht lange, daß sich diese Form, wie mit einer Art von eigenem Bewußtsein versehen, zu bewegen anfing und also tat wie ein Hund, so er etwas sucht, was seine Spürnase irgendwo aufgewittert hat.
GEJ|4|114|8|0|Wir sahen diese Wesen gewöhnlich den Herden von Schafen, Ziegen, Rindern zuschweben. Hatten sie eine solche erreicht, so blieben sie unter derselben; und wurde von den Tieren eine Begattung verübt, wozu sie die Tiere sehr anzureizen schienen, da wurden sie von den Tieren, die sich begatteten, abermals, wie ein Tau vom schon etwas dürr gewordenen Grase, eingesogen und kamen nicht mehr zum Vorscheine.
GEJ|4|114|9|0|Viele solcher Formen eilten auch den Gewässern zu und schwammen leicht gleitend eine Zeitlang auf der Oberfläche herum. Einige tauchten darauf entschieden unters Wasser; einige drängten sich zu einer nebligen Masse mehr zusammen und tauchten dann erst unter, so sie wieder in eine neue Form zusammenschmolzen, die nicht selten einem Wassertiere ähnlich sah.
GEJ|4|114|10|0|Aber was das Sonderbarste war, so sahen wir, wie jetzt aus dem Wasser sich stets tausenderlei Fratzen, Larven und Formen erhoben, und sie hatten die beiläufige Gestalt von allerlei fliegenden Insekten, wie auch von kleinen und großen Vögeln jeder möglichen Art und Gattung. Sie hatten förmlich ganz gut ausgebildete Flügel, Beine und andere Extremitäten; aber sie bedienten sich derselben nicht wie die Vögel, sondern es hing alles an ihnen, und sie schwebten dann mehr wie Flaumen oder Flocken in der Luft umher. Nur wenn ein Schwarm wirklicher Vögel in ihre Nähe geflogen kam, sah man wirkliche Lebensregungen an diesen dunstigen Larven und Formen; sie zogen dann auch mit dem Schwarm und wurden von selbem in Kürze wie aufgezehrt.
GEJ|4|114|11|0|Aus der Höhe aber entdeckten wir stets wie einen lichten Staub herabregnen, manchmal mehr, manchmal weniger dicht, und besonders häufig war er über den Wasserflächen zu ersehen. Wenn man diesen Staub näher betrachtete, so fand man an ihm auch irgendeine Form, die entweder kleinsten Eierchen oder überaus kleinen Wassertierchen gleichsah, und dieser Staub wurde vom Wasser aber auch sogleich verschlungen.
GEJ|4|114|12|0|Oh, es ließe sich da sehr vieles erzählen, wenn man die Zeit dazu hätte! Aber was wir vorher in unserem unglücklichen Zustande sahen, das sehen wir nun mit wirklich verschlossenen Augen wieder, und dieses Schauen weckt in uns die Erinnerung wieder, die uns nun laut zuruft: ,Dieses alles habt ihr etliche Jahre hindurch allabendlich und allnächtlich geschaut!‘ Manchmal hatten wir sogar am Tage, wenn es so recht herbstlich trübe war, dieselben Gesichte, wußten natürlich nicht, was wir daraus hätten machen sollen; nun aber verstehen wir glücklicherweise die Sache und wissen, was daraus wird, und woher es kommt, und was es ist! Dir, o Herr, alle Ehre, alle Liebe, allen Dank und alle Anbetung darum!“
GEJ|4|115|1|1|115. — Jarah und die Naturgeister
GEJ|4|115|1|0|Sagt nun die nebenan ruhende Jarah: „Aber Herr! Was sind denn das für kleine Männlein? Sie kamen vom Walde her und umlagern uns nun scharenweise in allen Farben! Einige scheinen ein dunstiges Kleid zu haben; die meisten aber sind ganz nackt und haben aber alle die Größe von kaum zwei Jahre alten Kindern.“
GEJ|4|115|2|0|Sage Ich: „Das sind diesirdische, schon konkrete Menschenseelen, die den Weg des Fleisches noch nicht durchgemacht haben. Sie haben auch bis jetzt noch keine besondere Lust dazu, weil sie eine neue Einkerkerung in die Materie zu sehr fürchten. Die Bekleideten haben sogar eine Art Sprache, die freilich nicht gar weit her ist; aber eine gewisse Affenintelligenz besitzen alle!“
GEJ|4|115|3|0|Sagt die Jarah: „Würden die Bekleideten mich verstehen, so ich sie anredete?“
GEJ|4|115|4|0|Sage Ich: „Versuche es einmal auf gut Glück!“
GEJ|4|115|5|0|Hierauf nimmt sich die Jarah einen Mutanlauf und fragt einen dunstbekleideten Lichtblauen: „Wer seid ihr denn, und was wollt ihr hier?“
GEJ|4|115|6|0|Das lichtblaue Männlein tritt nun ganz knapp zur Jarah hin, glotzt sie recht starr an und sagt darauf: „Wer gebot dir, du stinkendes Fleisch, uns Reine zu fragen?! Bis auf den einen und bis auf noch einen stinket ihr alle gar ekelhaft nach der Materie; und das ist der größte Feind unserer Nüstern! Frage du in der Folge uns erst dann, du stinkendes Aas, wenn du vom allmächtigen Geiste aller Geister dazu ein Gebot erhalten haben wirst, – sonst sorge du dich, wie du deines fleischlichen Mottensackes auf eine gute Art ledig wirst!“
GEJ|4|115|7|0|Frage Ich die Jarah: „Nun, Mein Töchterchen, wie schmeckt dir diese Antwort?“
GEJ|4|115|8|0|Sagt die Jarah: „Herr, Herr, ach, diese Wesen sind ja ganz ungeheuer roh und grob! Bin ich denn wohl gar so ein stinkendes Aas? Ich kann mir nun vor lauter Wehmut nicht helfen; ja ich könnte nun ganz leicht verzweifeln!“
GEJ|4|115|9|0|Sage Ich: „Schau, schau, Mein Töchterchen, das Geistlein hat dir ja etwas Gutes getan! Warum grämst du dich nun darob?! Das Geistlein hätte dir das freilich wohl mit zierlicheren Worten sagen können, daß in dir noch so ein ganz kleines Schönheitshochmütchen ganz verborgen wohnet; aber das Geistlein ist kein Sprachkünstler, hat nur einen notdürftigen Wortreichtum und spricht so ganz eigentlich mehr aus seiner Empfindung denn aus irgendeinem Verständnisse heraus.
GEJ|4|115|10|0|Ist dein Gemütsglück zerstört, daß du den Lichtblauen angeredet hast? Hättest du erst so einen Glühroten um etwas Ähnliches wie den Lichtblauen gefragt, der hätte dir erst eine Antwort erteilt, daß du darob vor lauter Grimm in eine Ohnmacht verfallen wärest. Aber nun bedanke dich für die Wohltat, die dir der Lichtblaue erteilt hat, dann wird es mit ihm wohl bessern Wortes zu reden sein!“
GEJ|4|115|11|0|Jarah nimmt sich das zu Herzen und sagt sogleich zum sie noch immer starr anglotzenden Geistlein: „Ich danke dir, liebes Männlein, für die Wohltat, die du durch deine aller Schonung baren Wörtlein mir zugefügt hast; sei mir aber darum nur nicht gram! Gelt, liebes Männchen, du wirst mir darum doch nicht gram sein oder bleiben?“
GEJ|4|115|12|0|Hier macht das Männchen eine helle Lache und sagt, noch lachend: „Der dir das gesagt hat, der wäre schon recht, – aber du Schneegänschen noch lange nicht; denn auf deinem stinkenden Boden ist weder der Gedanke noch der Wille dazu gewachsen! Aber erträglicher bist du mir nun schon denn zuvor; nur draußen ist dein Schönheitshochmütlein noch lange nicht ganz. Bilde nur du dir gar nichts ein; denn alles, was dein ist, ist schlecht, – das Gute gehört wem andern!“
GEJ|4|115|13|0|Sagt Jarah: „Aber sage mir, du liebes Männchen, woher weißt du denn das alles?“
GEJ|4|115|14|0|Lacht's Männchen wieder und sagt: „Was man sieht, das braucht man nicht zu wissen! Du siehst nun ja auch mehr, als was du sonst sehen konntest! Ich sehe aber noch mehr als du, weil ich kein stinkendes Fleisch um mich gehängt habe; und so sehe ich genau, wie du und ein jeder andere aus euch beschaffen ist. Ich sage dir's, bilde du dir auf alle deine Vorzüge nichts ein; denn die sind bei dir noch langehin ein fremdes Gut!“
GEJ|4|115|15|0|Sagt die Jarah: „Ja, wieso denn? Erkläre mir das doch näher!“
GEJ|4|115|16|0|Sagt das Männchen: „Wenn dir einer, der viele Reisen gemacht hat und sich dadurch mit viel Mühe und Beschwerden allerlei Kenntnisse und Erfahrungen gesammelt hat, das mitteilt, was er gesehen und erfahren hat, so wirst du dann auch das wissen, was er selbst weiß und kennt; kannst du dir darauf etwas einbilden? Denn das, was du nun mehr weißt denn früher, ist ja nur ein doppeltes Verdienst dessen, der sich erstens mit viel Mühe und mit vielen Opfern solche Kenntnisse und Erfahrungen mühsam gesammelt hat, und der zweitens noch so gut war, dir das alles getreust mitzuteilen. Sage mir, ob du dir die Erwerbung solcher Erfahrungen und Kenntnisse zu einem Verdienste anrechnen kannst?
GEJ|4|115|17|0|Sieh, da stehst du nur als ein mit viel nützlichen und guten Wissenschaften und Erfahrungen beschriebenes Buch und noch lange nicht als ein weiser Schreiber des Buches da! Wem gehört denn da das Verdienst des Guten, was im Buche geschrieben steht, dem Buche oder dem, der das alles in dasselbe geschrieben hat? Siehe, du bist ein recht beschriebenes Buch, aber ein Schreiber noch lange nicht! Darum bilde nur du dir nichts ein!“
GEJ|4|115|18|0|Hierauf lacht das Männchen wieder und stellt sich auf wie ein Feldherr und sagt zu seinem Heere: „Wenn ihr euch an der Gesellschaft sattgeglotzt habt, so ziehen wir wieder weiter; denn hier stinkt es mir einmal zu viel!“
GEJ|4|115|19|0|Auf einmal ziehen sie ab und verschwinden im Walde.
GEJ|4|116|1|1|116. — Das Wesen und Treiben der Naturgeister
GEJ|4|116|1|0|Jarah aber sagt: „Wer hätte denn je in diesen luftigen Männlein so viel Weisheit gesucht?! Aber im Grunde bin ich doch froh, daß sie wieder abgezogen sind; denn sie hätten uns mit der Zeit noch ganz kurios warm gemacht, obwohl sie für sich ganz kalter Natur zu sein scheinen. Von einer Liebe scheint in ihnen nicht viel zu wohnen; aber sie wissen sehr wohl das Wahre vom Falschen zu unterscheiden. Was wird denn hernach aus diesen Wesen, wenn sie den Weg des Fleisches gar nicht durchmachen wollen?“
GEJ|4|116|2|0|Sage Ich: „Sie werden ihn schon einmal durchmachen; aber es wird noch lange hergehen, bis sie sich dazu entschließen werden. Die Lichtblauen am ehesten, die andern aber noch lange nicht!
GEJ|4|116|3|0|Denn die Seelen, die so aus der Natur dieser Erde hervorgegangen sind und täglich hervorgehen, entschließen sich äußerst schwer dazu; nur viele Erfahrungen und viele Erkenntnisse und daraus hervorgehende beste Hoffnungen sind es, die sie dazu bewegen, wenn sie zu der sichern Erkenntnis kommen, daß sie durch den Fleischweg nie etwas verlieren, sondern nur gewinnen können, indem sie im schlimmsten Falle das wieder werden können, was sie nun sind.
GEJ|4|116|4|0|Diese Naturseelen halten sich zumeist gern in Bergen auf, gehen aber auch in die Wohnungen ganz einfacher, armer, schlichter Menschen und tun ihnen Gutes; nur dürfen sie nicht beleidigt werden. In diesem Falle ist mit ihnen nicht gut Mahlzeit halten.
GEJ|4|116|5|0|Sie besuchen heimlich auch Schulen und lernen vieles von den Menschen. Den Bergleuten zeigen sie nicht selten die besten und reichsten Metallager. Auf den Alpen dienen sie den Hirten und den Weidetieren; nur dürfen sie nicht beleidigt werden.
GEJ|4|116|6|0|Es gibt noch etliche solcher Naturseelen auf dieser Erde, die nahe ein fünffaches Alter Methusalems erreicht und den Weg des Fleisches noch nicht betreten haben. Alles wäre ihnen sonst recht, – nur der Verlust der Rückerinnerung hält sie am meisten zurück, weil sie dies als eine Art Tod ihres gegenwärtigen Seins ansehen.
GEJ|4|116|7|0|Nun aber wisset ihr auch, was es da mit diesen Wesen für eine Bewandtnis hat. Gebet nun aufs Weitere acht, was da kommen wird!“
GEJ|4|116|8|0|Sagt hier einmal auch unser alter Kisjonah aus Kis: „O Herr, als Du vor etlichen Wochen in meinem Hause Dich gnädigst aufgehalten hast, was Großes und Erhabenes habe ich da alles gesehen und gehört! Aber was nun während ein paar Tagen meines Hierseins alles geschehen ist, und gehört und gesehen ward, davon hat in ganz Galiläa wohl niemand irgendeinen noch so leisen Traum gehabt! Herr, vergib, daß ich es gewagt habe, mit meinem plumpen Munde Dich nur in irgend etwas zu unterbrechen! Denn man sollte hier eigentlich selbst nie ein Wort reden, sondern allein hören und schauen; und versteht man irgend etwas nicht ganz auf der Stelle, so gedulde man sich nur ein wenig, und es kommt bald die Erklärung von selbst! – Ich habe schon ausgeredet!“
GEJ|4|116|9|0|Sage Ich: „Oh, rede und frage du, Mein liebster Freund Kisjonah, nur immerhin und -zu, denn Deines Mundes Rede klingt überaus wohl in Meines Herzens Ohren; denn der Demut Stimme Klang ist Mir bei weitem die allerschönste Harmonie.
GEJ|4|116|10|0|Du hast auch gestern am Tage vernommen den herrlichen Ton, den Mein Engel Raphael hervorbrachte; wie himmlisch herrlich sich aber auch jener Ton hat vernehmen lassen, so klingt Meinem Ohre der reinste Klang der wahren Demut noch ums unvergleichbare herrlicher!
GEJ|4|116|11|0|Du bist auch ein rechter Mann nach Meinem Herzen, und Ich werde die Wintertage in deinem Hause zubringen, und da wird sich noch so manche Gelegenheit finden, dich und dein ganzes Haus über so manches aufzuhellen. Sei du darum immerhin guten Mutes, und schaue dir nun alles gut an, – die Erklärungen werden nicht hinterm Wege verbleiben!“
GEJ|4|116|12|0|Sagt Kisjonah: „O Herr, dieser zu großen Gnade bin ich zwar wohl nicht im geringsten wert, aber solch ein Winter wird für mich wohl eine allerseligste Zeit sein! Oh, welche Freuden werden daselbst in meinem Hause vor sich gehen! Aber nun wohl kein Wort mehr über meine Lippen!“
GEJ|4|116|13|0|Sagt Cyrenius: „Da werde auch ich von Zeit zu Zeit ein Bewohner deines Hauses werden und alles beitragen, um die ganze Gegend, das heißt die Armen, so gut als tunlich zu versorgen!“
GEJ|4|116|14|0|Sagt Kisjonah: „Hoher Gebieter, das wird von dir sehr schön sein, und mir wird es zu einer großen Freude sein! Aber ich bitte, nur jetzt nicht viel reden dazwischen; denn an uns schweben in einem fort Wunder über Wunder vorüber, und wir betrachten sie mit einer viel zu geringen Aufmerksamkeit!“
GEJ|4|117|1|1|117. — Ein Seelensubstanzknäuel
GEJ|4|117|1|0|Darauf sagte Mathael: „Oho, was schwebt denn dort von der Gegend der Stadt her für ein ungeheuer großer Knäuel?! Er kommt näher und näher. Seht seht, wie es im selben durcheinanderwoget und schlangenartig sich windet! Was sind denn das alles für sonderbare Gestalten?! Ich bemerke, wohl unterscheidbar, Ochsen, Kühe, Kälber, Schafe, Hühner, Tauben, allerlei andere Vögel, Fliegen, Käfer aller Art und Gattung; Esel, auch etliche Kamele, Katzen, Hunde, ein paar Löwen, Fische, Nattern, Schlangen, Eidechsen, Grillen, Stroh, allerlei Holz, eine Masse Getreidekörner, Kleider, Früchte, sogar allerlei Gerätschaften und noch eine Menge von allerlei, das ich gar nicht kenne! Was soll denn das vorstellen?! Sollen das etwa auch Seelen sein, die alle wie in einen überaus großen und völlig durchsichtigen Sack eingenäht erscheinen und im selben durcheinanderfahren wie lockere Spreu im Wirbelwinde?!“
GEJ|4|117|2|0|Sage Ich: „Das sind Seelen oder respektive Geister unterer Art, als eine sich noch eine Zeitlang zusammenhaltende Unglückskompanie, die sich erst dann trennen wird, wenn sie in dem ersichtlichen Nährsacke reifer geworden ist.
GEJ|4|117|3|0|Alles, was auf der Welt nur irgendwo als was immer besteht, ist Seelenstoff. Wird er durch was immer in seiner materiellen Kohäsion (Zusammenhalt) zerstört und dadurch seelisch frei, so ergreift er sich nach der Zerstörung in der früheren materiellen Form wieder und besteht so noch eine Zeitlang fort. Hat sich mit der Weile diese Form mehr ausgereift mit der Intelligenz, so fängt er dann nach und nach an, die alte Form zu verlassen und in eine lebensfähigere überzugehen.
GEJ|4|117|4|0|Dieser Knäuel ist ein Aufnahmegefäß für alles; was nur immer bei dem Feuer und durch das Feuer zerstört wurde, das findest du nun in diesem Knäuel als Seelensubstanz, mit einiger Intelligenz behaftet. Daß sie alle in diesem Sacke wie in einem Käfige beisammen und untereinandergemengt erscheinen, daran ist die Angst schuld.
GEJ|4|117|5|0|Wenn zum Beispiel auf irgendeinem Punkte der Erde große Elementarrevolutionen in sehr naher Aussicht stehen, was natürlich von einer großen Bewegung der Naturerdgeister oder -seelen herrührt, so werden auch alle Tierseelen von einer großen Bangigkeit befallen. Da fangen alle Gattungen Tiere an, sich gegenseitig ganz freundlich entgegenzukommen und bilden eine ganz friedliche Gesellschaft. Die Natter kümmert sich nicht um ihr Gift, die Schlange auch nicht; die reißenden Tiere vergreifen sich nicht mehr an den friedlichen Lämmern; die Biene und die Wespe haben ihren Stachel wie ein Krieger sein Schwert in die Scheide gesteckt. Kurz, da ändert alles seine Natur; sogar die Pflanzenwelt läßt ihre Häupter traurig hängen, und es erhebt keine Pflanze eher ihr keusches Haupt, als bis die Kalamität vorüber ist.
GEJ|4|117|6|0|Alles aber – mit Ausnahme der Menschen –, was bei einer solchen Gelegenheit irdisch zerstört wurde, vereinigt sich nach der Zerstörung in der noch fortbestehenden Angst auch als Seelensubstanz und umhäutet sich zur Not. Wenn so ein lockerer Seelenknäuel dann etwa ein Jahrhundert lang also herumgeschwärmt hat, so haben sich die ursprünglich verschiedenartigen Seelenelemente gegenseitig mehr angezogen, fangen nach und nach an, sich zu vereinen, und machen sonach dann eine oder auch mehrere recht kräftige Naturmenschenseelen aus.
GEJ|4|117|7|0|Dieser vor uns schwebende Knäuel faßt alles in sich, was durch das Feuer von Cäsarea Philippi zerstört worden ist. Dieser Knäuel wird zu der Vollentwicklung wohl über hundert Jahre benötigen; aber es werden dann auch über hundert reife Naturmenschenseelen die leichte Umhäutung durchbrechen und etwa wieder nach hundert Jahren unsern Fleischesweg durchmachen.
GEJ|4|117|8|0|Bei Feuersbrünsten, bei feuerspeienden Bergen, auch bei großen Überschwemmungen bilden sich gleichfort solche Knäuel. Wo wenig tierische Elemente dabei sind, dauert die Umwandlung länger; wo aber tierische Elemente daruntergemengt sind, wie hier, dauert sie gewöhnlich kürzer.
GEJ|4|117|9|0|Auch ist eben nicht die Folge, daß aus den Knäueln, in denen kein Tier sich befindet, dennoch Naturmenschenseelen sich entwickeln sollen; es können daraus auch Naturtierseelen oder gar nur wieder edlere Pflanzenseelen hervorgehen, welch letztere gewöhnlich aus den Verwesungsdünsten oder aus allerleiartigen, sogenannten vulkanischen Dämpfen und Rauchmassen sich entwickeln.
GEJ|4|117|10|0|Kurz, wo bei den Dünsten nachgewiesen werden kann, daß sie entweder aus der Verwesung grob-tierischer und ebenso grober Pflanzenmaterie hervorgehen oder bloß mineralischen Gärungsprozessen entstammen, da entwickeln sich nur allerlei Pflanzenseelen und vereinen sich den gröbsten Teilen nach durch die Wurzeln, den etwas edleren Teilen nach mit den Blättern und den edelsten Teilen nach bei Gelegenheit der Blütenbegattung mit einer aus einem Keime hervorbrechenden und tätig werdenden Pflanzenseele und bilden somit die segenreiche Vervielfachung der Samenkörner und ihrer Keime.
GEJ|4|117|11|0|Die gröberen derartigen Pflanzenseelenspezifika bleiben in der Materie sitzen, als im Stamme und im Holzfaserstoffe, die edleren kommen in das zartere Blätterwerk, die noch edleren bestimmen die Frucht selbst und was derselben vor- und nachgehet, und die alleredelsten vereinen sich dann schon zu einem in sich intelligenten Keimleben, das dann schon fähig ist, entweder sich selbst zu einem gleichen Leben von neuem zu erwecken, um die alte Tätigkeit von vorne herein zu beginnen oder durch den Genuß von seiten eines Tieres oder eines Menschen sogleich in die Tier- oder gar Menschenseele überzugehen.
GEJ|4|117|12|0|Darum genießt der Mensch auch zumeist nur die Frucht der Pflanzen, damit die Pflanzenkeimseelen sich sogleich mit seiner Seele einen können, die schon gröberen Teile des Kerns und der Frucht aber nur mit dem Blute und Fleische und mit den Knorpeln und Knochen, was alles nach dem Abfalle als ein noch zu Unlauteres wieder durchs Reich der Pflanzenwelt sich dann und wann noch mehrere Male mit hindurchzureinigen hat, bis es zu einem Keimgeiste und zur Aufnahme in eine neue Tier- oder gar Menschenseele vollends reif wird. – Nun wisset ihr so beiläufig auch, wie diese Knäuel entstehen und welchen Fortgang sie nehmen, und was da ihr Endziel ist, und so könnet ihr nun eure Betrachtungen schon weiter beginnen und sehen, ob nicht wieder eine Erscheinung euch aufstoßen wird!
GEJ|4|117|13|0|Das aber, was ihr hier nun schauet, ist die erklärte Jakobsleiter, durch die er Himmel und Erde in einer Verbindung erschaute und sah die Kräfte des Lebens und Gottes Gedanken auf- und niedersteigen. Jakob sah das Bild wohl, aber weder er noch jemand nach ihm bis auf diese Zeitstunde hat es verstanden. Vor euch aber habe Ich es nun enthüllt; aber dazu mußtet auch ihr alle durch das Licht jener Leuchtkugel zuvor in eine Art hellen Schlafes versetzt werden, um die enthüllte Jakobsleiter zu schauen und sie endlich durch Mein Wort auch zu verstehen, auf daß ihr wisset, wie da Himmlisches und Irdisches zusammenhängt und auf derselben Stufenleiter eines stets in das andere übergeht. – Sehet über das Meer hin, das heißt nun mit eurer Geist- oder vielmehr Seelensehe, und saget Mir, was ihr da sehet!“
GEJ|4|118|1|1|118. — Das Wesen des Sauerstoffes
GEJ|4|118|1|0|Sagt einmal Zinka: „Herr, ich sehe auf des Wassers Oberfläche, wie eine Unzahl feuriger Schlangen hin und her fahren; einige tauchen auch unter, doch die Schnelle ihrer Bewegung wird durch des Wassers Masse nicht gehemmt. Ich sehe bis auf den Grund des Meeres; am Grunde gibt es eine Menge Ungeheuer aller Art, auch zahllos viele Fische, und alles schnappt nach diesen feurigen Schlangen. Hat ein Fisch oder ein anderes Ungeheuer eine oder mehrere solcher Feuerschlangen in sich verschlungen, dann werden sie regsamer und lebendiger, und eine förmliche Art Wollust blitzt aus diesen Wasserwesen.
GEJ|4|118|2|0|Ich sehe nun diese Feuerschlangen, nur viel kleiner und minder leuchtend, auch in der Luft herumschwärmen; über der Region des Wassers sind sie am dichtesten. Vögel, die zur Nacht sich über dem Wasserspiegel zu belustigen pflegen, scheinen sie nicht sehr zu lieben; aber die Fische springen ihnen aus dem Wasser entgegen. Die auf dem Wasser herumschwimmenden aber glänzen am stärksten und haben auch eine pfeilschnelle Bewegung! – Was, o Herr, ist das nun? Wie sollen wir dieses verstehen?“
GEJ|4|118|3|0|Sage Ich: „Das, was ihr da sehet, ist der eigentliche Lebensnährstoff, es ist das Salz der Luft und das Salz des Meeres; einstens werden die Naturweisen dieses Element den Sauerstoff nennen. Sehen werden sie ihn wohl nicht, aber wahrnehmen, und sie werden bestimmen seinen Gehalt und sein Vorhandensein nach mehr oder weniger oder auch seine gänzliche Abwesenheit.
GEJ|4|118|4|0|Das Wasser als das Hauptlebenselement für Pflanzen, Tiere und Menschen muß dieses Sauerstoffes am meisten in sich fassen, und namentlich das große Weltmeer. Die Tiere im Wasser könnten gar nicht leben, so das Wasser nicht stets im reichlichsten Maße mit diesem Stoffe erfüllt würde.
GEJ|4|118|5|0|Dieser Stoff ist ursprünglich die eigentliche Seelensubstanz und entspricht den Gedanken, bevor sie noch zu einer Idee zusammengefaßt werden. Aber so ihr einmal dieses seelischen Lebensstoffes in einer hinreichenden Menge irgend zusammengedrängt finden werdet, da wird sich auch bald irgendeine Form entweder belebt, das heißt als zart und regsam, oder aber auch ganz starr wie ein Stein oder wie ein Stück toten Holzes zeigen. Sehet nur besonders gegen die Ufer hin, und ihr werdet stellenweise ein besonderes, punktiertes Stechleuchten entdecken; das entsteht durchs Zusammendrängen des Lebensstoffes.
GEJ|4|118|6|0|Ihr könnet es nun sehen, wie sich unsere Feuerschlangen hie und da wie auf einen Klumpen zusammenziehen zu Hunderten und Tausenden an der Zahl. Solch ein also wie zufällig gebildeter Klumpen leuchtet dann eine kurze Zeit äußerst heftig. Dies größere Leuchten ist der Moment des Sich- Ergreifens von einer Menge dieser Lebensfeuerschlangen; mit diesem Ergreifen ist dann aber auch schon eine Idee unter irgendeiner Form fertig.
GEJ|4|118|7|0|Ist die Form einmal in der Ordnung, so tritt dann eine Ruhe ein, und das besondere Leuchten hat aufgehört; aber dafür wird schon ein Geschöpf daraus. Entweder zeigt es sich in der Form eines Kristalles oder in der eines Samenkornes oder Eies oder gar schon in der Form eines fertigen Wassertierchens oder mindestens eines Wassermoospflänzchens, – aus welchem Grunde ihr auch sehr häufig die flacheren und seichteren Ufergegenden stets am reichsten mit allerlei Wasserpflanzen werdet bewachsen ersehen mit dem fleischlichen Auge. Und wo solche Pflanzenstellen sich sehr häufig vorfinden, dort wird es an allerlei größeren und kleineren Wassertieren auch keinen Mangel haben.
GEJ|4|118|8|0|Ihr fraget nun wohl, wer da diese Lebensgeister, von denen eins dem andern gleichsieht, modelliert zu irgendeiner entweder starren oder lebensregsamen Form?! Diese Frage wird euch am besten Mein Raphael beantworten. Komm, Raphael, rede und zeige dich praktisch!“
GEJ|4|119|1|1|119. — Raphael zeigt das Erschaffen der organischen Wesen
GEJ|4|119|1|0|Hier tritt Raphael hervor und sagt: „Gott ist in Sich ewig und unendlich. Der unendliche Raum ist von Ihm allein erfüllt. Er als der höchste, reinste und größte Gedanke und die ewig vollendetste Idee in und aus Sich Selbst kann, als alles das von Ewigkeit, auch nur in einem fort Gedanken fassen in Seiner ganzen Unendlichkeit, und diese ist voll derselben aus Ihm; wir (die ,Urengel‘) aber, als Seine schon seit den für euch Menschen undenklichsten Zeiten ausgereiften und nun selbständigen Lebensideen voll Licht, Weisheit, Erkenntnis und Willenskraft, haben noch eine unendliche Menge Dienstgeister unter uns, die gewisserart unsere Arme ausmachen und unsern Willen erkennen und denselben auch sogleich in Vollzug setzen.
GEJ|4|119|2|0|Die puren Gedanken Gottes sind der Stoff, aus dem alles, was die Unendlichkeit faßt, entstanden ist: wir ursprünglich ganz allein durch den Willen des allerhöchsten und allmächtigsten Geistes Gottes, – alle diese Dinge und Wesen aber dann durch uns, die wir die ersten und vorzüglichsten Aufnahmegefäße für die aus Gott kommenden Gedanken und Ideen waren und sind und von nun an in erhöhter und stets vervollkommneterer Weise auch für ewig verbleiben werden.
GEJ|4|119|3|0|Wir fassen die aus Gott kommenden Lebensgedanken, die sich euch in der Gestalt feuriger Langzungen zur Beschauung stellen, zusammen und bilden in einem fort, nach der Gottesordnung in uns, Formen und Wesen; und so da euch jemand fragete, woher Gott oder wir, als Seine sozusagen schon ewigen Diener, Boten und Knechte, den materiellen Stoff zur Bildung der Wesen hergenommen haben, – da vor euch habt ihr ihn nun! Diese schlangenartigen und feurigen Langzungen sind die geistigen Bausteine, aus denen alles, was die ganze Unendlichkeit nur immer Materiell-Wesenhaftes in sich faßt und birgt, gemacht worden ist.
GEJ|4|119|4|0|Wie dieses Machen aber vor sich geht, hat euch zuvor der Herr Selbst überaus klar gezeigt. Aber ihr werdet das alles erst dann in aller Fülle der wahren Lebensklarheit einsehen und vollkommen begreifen, wenn ihr selbst ganz lebensvollendet vor Gott dem Herrn stehen werdet im Geiste und nicht mehr im schweren Fleische.
GEJ|4|119|5|0|Auf daß ihr aber nach dem Willen des Herrn auch, was euch nun möglich ist, sehen könnet, wie wir mächtigen und alten Diener Gottes aus diesen in dem Raume umherschwebenden Gottesgedanken Formen und Wesen bilden, so sehet mit eurer Seele Augen her, und ihr werdet etwas erfahren, was bis jetzt noch kein Sterblicher auf der Erde erfahren hat!
GEJ|4|119|6|0|Sehet, ich gebot nun im Namen des Allerhöchsten meinen dienstbaren Geistern, recht viel des notwendigen Stoffes hierherzuschaffen! Und sehet, schon haben wir nun einen hellstrahlenden Klumpen von unseren feurigen Langzungen vor uns, der noch keine andere Form denn die eines runden Feuerballes hat! Sehet nur, wie die feurigen Langzungen sich aneinanderdrängen und -schmiegen, als wollte eine jede in die Mitte hineinkriechen! Nach und nach tritt nun in dem Bestreben scheinbar stets mehr und mehr Ruhe ein; aber es ist dies dennoch keine Ruhe, sondern nur ein durch stets vermehrtes Drängen gegen den Mittelpunkt eingetretenes Hindernis, sich dem Mittelpunkte noch mehr zu nähern.
GEJ|4|119|7|0|Ja, aber warum strebt denn alles dem Mittelpunkte zu? Sehet, wenn ich hier verschiedene gleich große Materiekugeln zum Werfen habe, so wird jene, die am meisten schwer ist, auch am schnellsten und am weitesten geworfen werden können, oder sie wird bei einer gleich weiten Entfernung bei einer ganz gleichzeitigen Abschleuderung sicher zuerst das gestellte Ziel erreichen! Also verhält es sich auch mit den endlos vielen aus Gott gehenden wesenhaften Gedanken. Es gibt darunter gewisserart ganz schwere, die schon einer förmlichen Idee gleichkommen, weniger schwere, aber doch immer als Gedanken ganz gediegene; dann gibt es leichtere Gedanken, die noch weniger reif und lichtgenährt sind, ganz leichte Gedanken, erst als ein Etwas gedacht, und endlich gibt es auch sehr leichte Gedanken. Das sind solche, die den Frühkeimen oder besser den Frühknospen eines Baumes gleichen. Sie sind zwar in sich schon etwas, haben aber noch nicht jene göttliche Entfaltung erreicht, daß man in ihrem Absonderungsstande bestimmen und sagen könnte: ,Diese oder jene Form werden sie annehmen!‘
GEJ|4|119|8|0|Wenn unsereiner aus diesem euch nun bekannten Lebensstoffe ein Wesen in der Ordnung des göttlichen Wollens formen will und eigentlich muß nach dem innersten Triebe des allerhöchsten Geistes, so beruft er die ihm dienenden Geister, und diese haben ihm den euch nun hinreichend bekannten Stoff zusammenzuführen; und es ist hier geistig so leicht begreiflich wie materiell natürlich, daß die schwereren Gedanken hier eher an Ort und Stelle sein werden denn die leichten und die gar sehr leichten. Die schwersten bilden offenbar das Zentrum, während die leichten, als später ankommend, mehr und mehr sich mit den Außenseiten begnügen müssen, und die gar sehr leichten das Alleräußerste ausmachen.
GEJ|4|119|9|0|Da aber die Zentralgedanken die schon reichsten an Nährstoff sind, so drängen sich die noch mehr leeren, armen und noch hungrigen an die reichen, um von ihrem Überflusse etwas zu gewinnen zu ihrer Sättigung. Und ihr habt darum das Phänomen vor euch, wie sich die auswendigsten Feuerlangzungen stets mehr an das Zentrum anschmiegen und nun endlich stets mehr sich zu beruhigen scheinen, obschon ihr Bestreben noch immer das gleiche ist, dem Zentrum so nahe als möglich zu kommen, um vom selben desto mehr von der Nährfülle in sich aufzunehmen.
GEJ|4|119|10|0|Ihr seht hier also einen Klumpen, der zum größten Teile noch sehr hungrig ist und nun nichts als eine ihm hinreichende Sättigung verlangt. Er ist gleich einem Kugelpolypen des Meeres, der mit seinen tausendmal tausend Saugrüsselchen in einem fort die ihm zusagende Nahrung aus dem Meeresschlamme saugt, bis der Kugelpolyp aus Übersättigung endlich anfängt, Auswüchse zu bekommen, mit denen er dann schon weiter um sich herumgreifen und sich zuzeiten auch schon von Ort und Stelle bewegen kann. Mit den Freßarmen bekommt er auch mehr eine ganz eigentümliche und ausgezeichnetere Form und unterscheidet sich schon sehr von seiner ursprünglichen Kugelform.
GEJ|4|119|11|0|Ihr alle wundert euch zwar geheim über diese meine aus dem ersten Uranfange eines Wesens und dessen Form abgeleitete Erklärung eines werdenden Seins Darstellung, wie sie nur also und nie und nimmer anders sein kann; wendet eure Blicke aber nur zur Außennatur der Dinge, und ihr werdet dasselbe nur zu leicht und zu bald finden!
GEJ|4|119|12|0|Nehmet zum Beispiel aus einer Henne den Eierstock und betrachtet die angesetzten Eiklümpchen genau! Einige werdet ihr noch ganz klein, wie kleine Erbsen, andere schon wie die Weinbeeren, und noch andere wie kleine Äpfel finden. Innerhalb einer leichten Umhäutung wird sich nichts vorfinden als der gelbliche Dotterstoff! Wie unförmlich ist noch dieses Sein!
GEJ|4|119|13|0|Nun wird dieser Zentralstoff aber stets mehr ausgenährt und setzt um sich das Klar an. Nach einiger Nährzeit wird aus dem Klar das Gröbste ausgeschieden, entfernt sich aber dennoch nicht vom Ei, sondern es setzt sich als eine ganz feste Hülse um das Ei und dient demselben zum Schutze gegen das Erdrücktwerden bei der Ausgeburt. Betrachtet nun ein gelegtes Ei; wie sehr verschieden ist es schon vom ersten Ei-Embryo im Mutterleibe!
GEJ|4|119|14|0|Nun setzt sich die Henne aufs Ei und durchwärmt dasselbe eine Zeitlang. Welche Veränderungen gehen da im Ei vor! Im Dotter fängt es an, sich zu regen und zu ordnen, die rechten Gedanken (feurige Langzungen) finden und verbinden sich und ziehen die ihnen nächstverwandten an sich. Diese verbinden sich wieder teils mit den ersten und noch mehr unter sich, und ziehen aber gleich wieder die ihnen nächstverwandten äußeren, das heißt leichteren, an sich. In kurzer Zeit werdet ihr schon des werdenden Küchleins Herz, Kopf, Augen, Eingeweide, Füße, Flügel und Flaumfederchen entdecken. Ist das Wesen einmal so weit gediehen, so ziehen die geordneten Teile ihr Gleichartiges aus dem vorhandenen Stoffe stets mehr und mehr an sich und bilden sich dann von Augenblick zu Augenblick stets mehr und mehr aus.
GEJ|4|119|15|0|Ist einmal die Form und der Organismus schon nahe völlig ausgebildet, so wurde während solcher fortgesetzter Tätigkeit auch der ursprüngliche Haupt- und Mittelgedanke stets mehr und mehr gestärkt, unterstützt und gesättigt und fängt nun an, mit der Überfülle seines Lebens in den Organismus überzugehen und greift in desselben Zügel, und das Wesen wird sichtlich lebendig und bildet sich alsdann erst ganz aus.
GEJ|4|119|16|0|Ist er einmal ganz ausgebildet, da nimmt der in den ganzen Organismus übergegangene Lebensgedanke, was eigentlich die Seele ist, alsbald wahr, daß er sich noch in einem Kerker befindet. Er fängt darob stärker sich zu regen an, durchbricht den Kerker und tritt ganz matt und voll Furcht in die große Welt hinaus, da er sich noch nicht hinreichend gekräftigt fühlt. Er fängt nun gleich an, äußere Weltnahrung zu sich zu nehmen, und fängt dadurch auch gleich wieder weiterzuwachsen an, und das so lange, bis er sich leicht fühlbar mit der Außenweltnatur in ein Gleichgewicht gesetzt hat.
GEJ|4|119|17|0|Und wir sehen da nun eine ausgebildete, fruchtbare Henne vor uns, die nun wiederum das Vermögen hat, teils aus der Luft, teils aus dem Wasser und zum größten Teile aus der ihr zusagenden schon beseelten organischen Nahrung die sie ernährenden Seelenspezifikalteile in sich aufzunehmen, die geistigen zur weiteren Ausbildung ihrer Lebensseele und die gröberen nicht nur zur Erhaltung ihres Organismus, sondern auch zur Neuschaffung von Eiklümpchenansätzen zu verwenden, aus denen nach dem ordnungsgemäß euch nun gezeigten Verlaufe wieder eine Henne, Männlein oder Weiblein, zum Vorscheine kommt.
GEJ|4|119|18|0|Das Geschlecht aber rührt von dem jedesmaligen Mehr oder Weniger der ursprünglichen Schwere, Gediegenheit und Kraft des lebendigen Seelengrundgedankens her. Ist dieser schon vom Ursprunge an vollends gediegen, so daß er schon in sich selbst eine Idee ist, so wird dessen Ausbildung in eine männliche Gestalt führen; ist aber das Primitive des Grundlebensgedankens auf der zweiten und leichteren Stufe stehend, so wird sich die Ausbildung in ein Weiblein hinüberziehen.“
GEJ|4|120|1|1|120. — Die Zeugung beim Tiere und beim Menschen
GEJ|4|120|1|0|(Raphael:) „Durch die Begattung der Tiere aber geschieht bloß eine Erregung zur geordneten Tätigkeit des im Ei schon vorhandenen Seelengrundlebensgedankens, ohne welche Erregung dieser in seiner stummen Freßruhe verbliebe, von seiner nachbarlichen Umgebung zehrete und diese vice versa (umgekehrt) wieder von ihm, und das so lange fort, bis sie sich gegenseitig bis aufs letzte Pünktchen aufgezehrt haben würden. Es kann aber solches auch mit den anderen Eiern, die durch die Begattung erregt worden sind, geschehen, wenn die notwendigen späteren Ausbildungsbedingungen ausgeblieben oder nicht im rechten Maße hinzugekommen sind.
GEJ|4|120|2|0|Bei allen Tieren ist der Akt der Begattung nur eine Erregung des schon Vorhandenen in des Weibleins Leibe; denn Pflanzen- und Tierseelenklümpchen sammeln sich gleichfort in bestimmten Zahlen und Ordnungen am bestimmten Ort im Mutterleib. Sind sie einmal da, so erregen sie zuerst die Mutter, diese erregt durch ihr Erregtsein das Männlein, und dieses geht und befruchtet das Weiblein, – nicht aber, als legte es einen neuen Samen in die Mutter, sondern nur zur tätigen Erweckung des in der Mutter schon vorhandenen Lebensklümpchens.
GEJ|4|120|3|0|Dieses geschieht dadurch, daß des Männleins Same, als aus mehr freien und ungebundenen Lebensgeistern bestehend, eben als solcher die gebundenen Lebensgeister im Lebensklümpchen der Mutter in eine ordentliche Revolution versetzt und sie also zur Tätigkeit zwingt, ohne welchen Zwang sie in ihrer süßen Trägheit liegenblieben und nimmer zur Formung und inneren Organisierung zu einem Wesen sich ergreifen würden. Des Männleins Samengeister necken und jucken die Lebensgeister im Weiblein in einem fort und geben ihnen keine Ruhe, welchem Necken sich die Mutterlebensgeister in einem fort widersetzen, ja manchmal, wenn sie sehr kräftig sind, des Männleins Samengeister sogar zum Schweigen bringen, – welchen Akt dann die Landwirtschaftssprache ,das Verschütten‘ nennt, was besonders beim Rindvieh häufig geschieht, aber auch bei anderen Tieren und sogar beim Menschen sehr häufig vorkommt. Denn die Lebensgeister im Mutterlebensklümpchen sind zu sehr für die Ruhe gestimmt, als daß sie sich zu gerne zu irgendeiner anhaltenden und geordneten Tätigkeit bequemten. Aber sind sie einmal gehörig und genügend erregt, dann geht die Sache schon vorwärts.
GEJ|4|120|4|0|Und sehet, gerade so einen Mutterlebensklumpen haben wir hier zur offenen Betrachtung vor uns! Sehet, wie er in der Zeit meiner an euch gerichteten Erklärung sich schon sehr beruhigt hat! Ließe ich ihn nun also, da würde er stets mehr in seinem Bestreben nach Ruhe einschrumpfen, da sich seine Teile stets mehr dem Zentrum näher zögen, dasselbe ganz aussaugten und am Ende mit demselben verkümmern müßten. Denn solche Lebensgeister sind gewisserart wie die kleinen Kinder scheu und furchtsam und nehmen, so sie sich einmal, wie ihr hier sehet, eingepuppt haben, von außen her ja keine Nahrung mehr zu sich, sondern saugen in einem fort an ihrem Mutterzentrum und müssen darum einschrumpfen bis zu einem punktgroßen Klümpchen. Aber nun werden wir kräftige und sonach männliche, nur für die Bewegung gleichfort erregte Urlebensgeister hierherziehen und diesen weiblich trägen Klumpen von ihnen in einem fort bestreichen lassen, und ihr werdet da sehen, welche Wirkung das in diesem weiblichen Klumpen hervorbringen wird.
GEJ|4|120|5|0|Sehet, ich habe nun nach dem Willen des Herrn durch die vielen untergeordneten Dienstgeister die großen und, wie ihr sehet, sehr hell leuchtenden, langfeuerzungenartigen Urgedankenlebensgeister, die dort am Wasser spielten, hierhergezogen! Sehet nur recht genau, wie sie sich um den vor uns frei schwebenden weiblichen Lebensklumpen alleremsigst zu tummeln anfangen! Und sehet, schon fangen die kleineren, sämtlich weiblichen Lebensgeister wieder an, sich zu rühren, und bemühen sich, dieser unruhigen, männlichen Lebensgeister los zu werden; aber diese weichen nimmer, und die Erregung der weiblichen Lebensgeister greift immer tiefer und tiefer bis zum Hauptlebenszentrum!
GEJ|4|120|6|0|Nun beginnt sogar dieses sich auch zu rühren, und da die dasselbe umlagernden Lebensgeister, durch starke Regsamkeit wieder sehr hungrig gemacht, vom Lichte der männlichen Lebensgeister Nahrung zu nehmen genötigt sind und dadurch wieder selbst heller und voller werden, so bekommt auch der Zentralhauptlebensgedankengeist durch sie eine Mannsnahrung. Durch diese Tätigkeit genötigt, bekommen die Umlagerer von innen heraus die Anregung, sich mehr und mehr zu ordnen, zu einer Art gut geordnetem Bollwerke. Die kräftigeren Lebensgeister gegen das Zentrum hin aber, nun gut erhellt, erkennen sich und ihren Sinn und dessen Ordnung und scharen sich nach der Art ihres Sinnes und ihrer Verwandschaft; und schon sehet ihr daraus organische Verbindungen entstehen, und das Äußere geht in eine Form über, die stets mehr und mehr einem Tierwesen ähnlich zu werden anfängt.
GEJ|4|120|7|0|Durch diese Tätigkeit und durch diesen Kampf werden alle Lebensteile stets der Nahrung bedürftiger, und durch die männlichen wird ihnen diese auch stets mehr zugeführt. Die sich stets mehr und mehr ordnenden äußeren Lebensgeister aber fangen an, wegen der Nahrung sich mit den sie beunruhigenden Mannsgeistern vertraut zu machen, die alte Furcht und Scheu schwindet, und es geht das auch auf die inneren Geister über. Es fängt alles an, sich freier zu regen und zu bewegen, und die Folge ist das Vollenden des Wesens, das nun in aller Kürze schon so weit gediehen ist, daß ihr Kinder des Herrn nun schon bestimmen könnet, welche Tiergattung da heraus zum Vorscheine kommen wird. Sehet, es wächst heraus eine ganz kräftige Eselin, und der Herr will, daß sie bleibe und nicht wieder aufgelöst werde!“
GEJ|4|120|8|0|Da bemerken Hebram und Risa: „Der gute Raphael muß eine besondere Lust haben, Esel zu erschaffen! Vor zwei Tagen war er zu unserem nicht geringen Erstaunen auch schnell mit einem fertig!“
GEJ|4|120|9|0|Sagt Raphael: „Lasset das, was damals zu eurer Belehrung geschehen mußte! Diese Eselin hat hier etwas ganz anderes zu bedeuten; sie ist das euch allen notwendige Symbol der rechten Demut. Es geht auch euch Menschen auf der Welt bei euren Unternehmungen nicht anders, so ihr euch in euren Urteilen und Beschlüssen übereilet, als daß am Ende als Folge auch gewöhnlich ein Esel oder zum wenigsten ein gutes Stück desselben zum Vorscheine kommt. Hier handelte es sich auch darum, euch schnell die Entwicklung eines Geschöpfes wie vom Urbeginne an zu zeigen, und es kam durch die Übereilung denn auch eine Eselin zum Vorscheine –, so ihr an der Sache schon durchaus etwas Witziges haben wollt.
GEJ|4|120|10|0|Diese Eselin wird vom vortägigen Esel belegt werden, und es wird im nächsten Jahr ein Mensch aus Jerusalem beides an sich kaufen, und ihres Füllens wird gedacht werden die ewigen Zeiten hindurch!
GEJ|4|120|11|0|Doch nun nichts weiter mehr von dem; es genügt, daß ihr nun gesehen habt, wie aus Urlebensgeistern (Gottes Einzelgedanken) ein natürliches Wesen entsteht ohne Mutter, wie vom Urbeginne an. So ihr aber noch wollet, kann ich euch auch andere Wesen in aller Schnelligkeit herstellen!“
GEJ|4|120|12|0|Sagen alle: „Mächtiger Diener des Herrn, es ist das durchaus nicht nötig; denn zu unserer Belehrung haben wir an dem einen gar zu wunderbaren Beispiele mehr denn hinreichend genug! Ein mehreres könnte uns nur mehr verwirren denn aufhellen!“
GEJ|4|120|13|0|Sagt Raphael: „Nun gut denn, so höret mich noch ein wenig weiter an! Ich habe euch die Zeugung und die Werdung eines Wesens, welcher Art es auch sei, nun gezeigt, einmal die in einem schon bestehenden Mutterleibe, und hier nun eine freie, wie sie zu sein und zu bestehen pflegt auf einem jeden neuen Planeten, oder auch auf irgendeiner neu entstandenen Insel auf einem schon alten Planeten, was von Zeit zu Zeit immer zu geschehen pflegt.
GEJ|4|120|14|0|Aber nur dürfet ihr dieses Beispiel nicht auf die Werdung und Zeugung des Menschen, namentlich auf dieser Erde, übertragen; obschon dabei viel Ähnliches stattfindet, so ist aber der Grund davon dennoch höchst verschieden!
GEJ|4|120|15|0|Es hat zwar das Menschenweib auch schon einen Naturstoff in sich; wenn aber die Zeugung geschieht auf die jedermann bekannte Weise, so wird zwar auch ein Klümpchen befruchtet und erregt, aber es wird, wie eine Beere von einer Traube abgerissen, an die rechte Stelle gebracht, und eine schon fertige Seele tritt da hinzu, pflegt eine Zeitlang diese Lebensbeere, bis der Stoff in derselben so weit gediehen ist, daß die sich stets mehr zusammenziehende Seele in den noch sehr flüssig lockeren Embryo eindringen kann, zu welcher Verrichtung die Seele auch bei zwei Monden lang zu tun hat. Hat sie sich des Embryos im Mutterleibe ganz bemächtigt, dann wird das Kind gleich fühlbar lebendig und wächst dann auch schnell zur ordnungsmäßigen Größe.
GEJ|4|120|16|0|Solange die Nerven des Fleischkindes nicht völlig ausgebildet und tätig sind, arbeitet die Seele mit Selbstbewußtsein mit allem Eifer fort und richtet sich den Leib nach ihren Bedürfnissen ein; sind aber einmal die Nerven alle ausgebildet, und wird deren sich stets mehr entwickelnder Geist ganz ordnungsmäßig tätig, dann begibt sich die Seele mehr und mehr zur Ruhe und schläft am Ende in der Gegend der Nieren ganz ein. Sie weiß nun nichts von sich selbst und vegetiert bloß, ohne alle Erinnerung an einen früheren nackten Naturzustand. Erst etliche Monde nach der Geburt fängt sie stets mehr und mehr an zu erwachen, was aus der Abnahme der Schlafsucht recht gut wahrgenommen werden kann; aber bis sie zu einigem Bewußtsein gelangt, braucht es schon eine längere Zeit. Wenn ein Kind der Sprache mächtig wird, dann erst tritt auch ein rechtes Bewußtsein in die Seele, jedoch ohne Rückerinnerung; denn diese könnte man bei der höheren Weiterbildung der Seele auch durchaus nicht brauchen.
GEJ|4|120|17|0|Die Seele aber sieht und erkennt nun, ganz im Fleische steckend, sonst vorderhand nichts, als was ihr durch des Leibes Sinne vorgestellt wird, und kann etwas anderes in sich selbst gar nicht erkennen, weil sie durch die Fleischmasse in sich derart verfinstert ist und sein muß, daß sie zumeist gar nicht weiß, daß sie für sich auch ohne das Fleisch da sei. Sie fühlt sich lange Zeit hindurch als mit dem Fleische ganz identisch, und es gehört viel dazu, eine Seele im Fleische so weit zu bringen, daß sie sich als etwas Selbstisches zu fühlen und zu betrachten anfängt, – was auch wieder höchst notwendig ist; denn ohne dieses könnte sie keinen Geist in sich bergen und denselben natürlich auch nie erwecken.
GEJ|4|120|18|0|Erst wenn der Geist in der Seele zu erwachen beginnt, wird es nach und nach lichter in der Seele; sie fängt an, sich genauer zu erkennen und in sich selbst ganz verborgene Dinge zu entdecken, mit denen sie freilich noch nicht viel zu machen weiß.
GEJ|4|120|19|0|Erst wenn der Geist und sein mächtiges Licht in der Seele ganz zur vollen Tat werden, dann auch kehrt alle Erinnerung in die Seele zurück, aber natürlich alles in einem verklärten Lichte. Da gibt es dann keinen Trug und keine Täuschung mehr, sondern nur eine allerhellste, himmlische Wahrheit, und die Seele ist dann selbst eins mit ihrem göttlichen Geiste, und alles in ihr und außer ihr wird zur höchsten Wonne und Seligkeit!
GEJ|4|120|20|0|Verstehet ihr alle nun so ein wenig das Bild der geheimnisvollen Jakobsleiter? – Bis so weit ich, das Weitere der Herr Selbst mit euch!“
GEJ|4|121|1|1|121. — Grund der Enthüllungen des Herrn
GEJ|4|121|1|0|„Was wohl ist uns jetzt noch nicht einleuchtend?!“ sagten nach der Lehre des Engels alle Anwesenden.
GEJ|4|121|2|0|Und der Hauptmann Julius fügte hinzu: „Wenn das so fortgeht, so werden wir bald selbst zu Göttern umgestaltet werden! Wäre es möglich, dieses Hellsehen nach Belieben beizubehalten, so würden wir bei mehr Kräftigung des Willens selbst Götter werden und Wunder wirken; aber dies unser Hellsehen ist nur eine Folge jenes magischen Lichtes aus der Kugel dort, und unser Wille ist wie unsere Erkenntnis schwach, und wir sind und bleiben darum schwache Menschen!
GEJ|4|121|3|0|Wenn ich nun so betrachte und bedenke, was nur diesem Engel alles möglich ist, dem allerwillenskräftigsten Menschen aber auch nicht ein Jota davon, so sieht man erst den unendlichen Unterschied zwischen Gott und zwischen dem Menschen. Man begreift es mit den Händen: Gottes Alles und des Menschen Nichts. Mag jemanden diese große Weisheits- und Gottesmachttiefe noch so sehr erheitern, so erheitert sie mich jedoch gar nicht; denn ich fühle es zu klar in mir, daß ich ein vollkommenstes Nichts gegen nur so einen Engel Raphael bin. Was bin ich dann erst gegen Gott?! Nein, nein, das ist und heißt: nichts!
GEJ|4|121|4|0|Man weiß und erkennt nun schon Ungeheures und schauet Wunder über Wunder, daß einem darob gerade das Hören und Sehen vergehen könnte, und versucht man hernach den eigenen Willen, ob sich nach ihm etwa auch so eine Langfeuerzunge richten und zusammenbalgen möchte zu einem puren Klumpen nur, oh, nicht ein Atom rührt sich mit der Kraft meines Willens von der Stelle, geschweige erst solch eine Feuerzunge! Darum halte ich's für besser, so man viel weniger weiß und erkennt, weil einen da nicht die Versuchung anwandeln kann, auch Wunder zu wirken. Mir wird darum nun schon vor lauter ungeheuer viel Wissen und Erkennen angst und bange! Wozu muß ich denn nun gar so ungeheuer viel sehen, hören, erkennen und wissen?“
GEJ|4|121|5|0|Sage Ich: „Auf daß du danebst auch erkennest, wie wenig der Mensch aus sich selbst ist, und wie sein Sein, Wissen, Erkennen und Vermögen allein nur von Gott abhängt!
GEJ|4|121|6|0|Mit deinem Willen wirst du freilich wohl ewig nichts vermögen, so wie auch dieser Engel mit seinem Willen nichts ausrichten würde; hast du aber Meinen Willen zu dem deinigen gemacht, dann wirst auch du vermögen, was dieser Engel vermag!
GEJ|4|121|7|0|Es ist aber nun gut, daß du so viel erkennst und einsiehst, dabei aber zugleich praktisch einzusehen beginnst, daß dein eigener Wille über deinen Leib hinaus wenig oder nichts vermag. Du kannst alles erkennen und einsehen, was der Engel einsieht und erkennt; hast du aber Meinen Willen nicht ebenso wie Meine Weisheit dir zu eigen gemacht, so nützt dir freilich alles Wissen und Erkennen nichts. Es dient dir, so du tatsüchtig bist, nur zu einer Qual. Und das ist auch gut; denn nur durch die Demut wird der Mensch erst Mensch und ein wahres Kind Gottes!
GEJ|4|121|8|0|Übrigens wird euch allen das nicht der Nachahmung wegen gezeigt, sondern nur, damit ihr Gott in Mir völlig erkennen sollet, um dann desto festwilliger das zu tun, was Ich, als der Schöpfer alles Lebens, euch wegen der Vollendung des Lebens gelehrt und anbefohlen habe.
GEJ|4|121|9|0|Ihr müsset dadurch erst zur Wiedergeburt eures Geistes gelangen, ohne die Mein Wille als tatkräftig in euch keine Wurzeln fassen kann. So ihr mit eurem Willen Meinen Willen einmal nur insoweit ergreifet, daß ihr freiwillig euren Willen dem Meinen durch die Tat untertan machet und euch sorgfältig darin übet, daß Mein von euch erkannter Wille vollkommen die Oberherrschaft in euch bekommt, so wird dadurch Mein Geist in euch lebendig in der Fülle und wird bald euer ganzes Wesen durchdringen.
GEJ|4|121|10|0|Mein von euch zuvor emsigst geübter Wille wird dadurch zur Vollkraft gelangen, und was er, ganz Mir gleich, dann wollen wird, das wird geschehen; aber, wie gesagt, erst dann – und eher nicht!
GEJ|4|121|11|0|Das Erkennen aber soll eigentlich nun der Zügel sein, durch den ihr euren Willen in den Meinen hineinziehen möget; denn ihr müsset nun durch Meine Taten ja erkennen, daß Ich wohl Der bin, als der Ich Mich euch nun fortwährend zu erkennen gebe.
GEJ|4|121|12|0|Erkennet ihr aber das vollkommen, so wird es euch ja ein desto leichteres sein, Meinen Willen, der seinen Grund in der ewigen, unverkennbarsten Wahrheit hat, desto leichter zu befolgen und ihn dadurch zu eurem Eigentume zu machen.
GEJ|4|121|13|0|Wenn euch jemand einen Weg anratet, und ihr merket in seiner Rede, daß ihm der Weg etwa selbst nicht völlig bekannt ist, so werdet ihr euch wohl bedenken, den Weg zu wandeln, den er euch gezeigt und vorgezeichnet hat, und werdet sagen: ,Oh, da bleiben wir lieber, wo wir sind!‘ Aber so ihr aus jemandes Rede doch leicht entnehmet, daß er jenes Weges vollkommen kundig sein muß, weil er eben von dort her ist, wohin er euch den Weg bis ins kleinste richtig und wahr beschrieben hat, so werdet ihr sagen: ,Der hat Kenntnis und den besten Willen, der kann und will uns nicht täuschen, und wir wollen den Weg ohne alles Bedenken antreten!‘ Sehet, dadurch werdet ihr infolge des guten und festen Vertrauens den eigenen Willen dem Willen desjenigen unterordnen, der euch als ein vollkommen Sachkundiger den guten und rechten Weg gezeigt hat!
GEJ|4|121|14|0|Und sehet, also ist es hier der Fall! Würde Ich vor euch nur in einer umdunsteten und mystischen Halbheit auftreten, da müßten in euch noch immer irgendwelche Zweifel zurückbleiben, und es wäre euch sehr zu verzeihen, so sich in euch auch irgendwelche Zweifel erheben würden. Aber so Ich Mich euch nun schon nahe bis auf ein Atom in Wort und Tat enthülle und euch mit aller Weisheit, Liebe und Macht zeige, daß Ich wirklich Der bin, als der Ich Mich euch Selbst vorgestellt habe, so ist ja doch die Folge sicher! Erstens könnet ihr unmöglich mehr einen Zweifel haben über Mich, und zweitens muß euch ja darum die Befolgung Meines Willens, durch den euer Geist allein zur vollsten Wiedergeburt gelangen kann, etwas ganz Leichtes werden, weil ihr nur zu klar einsehen müsset, daß ihr durch die Befolgung Meines Willens nicht ins Blaue hauet, sondern zur ewig wahren Realität gelangen müsset. Ich meine, daß ihr nun wohl einsehen werdet, warum Ich jetzt all das Unerhörteste vor euch tue und Mich euch ganz zeige und enthülle!
GEJ|4|121|15|0|Ein recht vollkommen weiser Meister aber tut nichts ohne Grund, und so tue auch Ich nichts ohne Grund. Ich aber lehre euch nicht bloß um euretwillen selbst, sondern damit ihr danach auch Lehrer, Führer und Wegweiser eurer anderen blinden Brüder und Schwestern würdet in Meinem Namen, und darum müsset ihr um so tiefer eingeführt werden in die Geheimnisse Meines Reiches, Meines Wesens, und müsset erkennen auch den Menschen in seinem ganzen Wesen, von seinem tiefsten Ursprunge angefangen bis zu seiner höchsten und wie möglichen Vollendung und vollsten Gottähnlichwerdung!
GEJ|4|121|16|0|Denn durch euer vollstes und lebendigstes Vertrauen kann am ehesten ein gleiches Vertrauen in euren Jüngern erweckt werden, durch das auch sie bald jene verborgenen Dinge erschauen und begreifen werden, die ihr nun erschauet und begreifet.
GEJ|4|121|17|0|Habt ihr Mich nun wohl verstanden, und versteht ihr es wohl, warum Ich dies alles nun vor euch enthülle?“
GEJ|4|121|18|0|Sagen alle, tiefbewegt: „Ja Herr, unser Meister, unser Gott!“
GEJ|4|121|19|0|Sage Ich: „Nun wohl denn, so erwachet wieder in die Naturwelt herüber, auf daß Ich euch noch andere Dinge zeige; denn ihr müsset noch gar manches weiter und tiefer erkennen und begreifen!“
GEJ|4|122|1|1|122. — Der Herr enthüllt das Innere des Judas
GEJ|4|122|1|0|Auf dies Mein Wort schauen alle wieder mit den Augen des Fleisches und sind voll des höchsten Staunens über alles, was sie gesehen und gehört haben, und alle fangen an, Mich laut zu preisen, bei einer halben Stunde dauernd.
GEJ|4|122|2|0|Als alle durch ihr lautes Loben und Preisen wohl zu erkennen gaben, daß sie Mich nun in der wahren Lebenstiefe erkannt hatten, kam auch Judas Ischariot zu Mir hin und sagte: „Herr, ich war lange hartgläubig; aber jetzt glaube auch ich in der Fülle, daß Du im Ernste Jehova Selbst bist, oder doch mindestens ein rechter Sohn desselben! Aber etwas kann ich an Dir doch noch immer nicht begreifen, und das besteht darin:
GEJ|4|122|3|0|Wie konntest Du als Jehova, der unendlich ist, diese Deine Unendlichkeit verlassen und Dich hineinzwängen in diese höchst endliche Form? Bei all dem aber blieb der alte, unendliche Raum noch derselbe, der er von Ewigkeit her war! Du als Jehova bist ja eben der unendliche Raum selbst! Wie kann dieser bestehen in seiner unverrückten, endlosesten Wesenheit und Du als der Unendliche Selbst in dieser engen Menschenform?!
GEJ|4|122|4|0|Siehe, Herr, das ist eine gar gewichtige Frage! So Du mir darin ein gehöriges Licht gibst, dann bin ich der Eifervollste aller Deiner Jünger, – ansonst aber wird immer ein kleiner Zweifel meine Seele trüben!“
GEJ|4|122|5|0|Sage Ich: „Wie ist das möglich, daß nun alle sehen und du allein blind geworden bist?! Meinst denn du, daß Mich diese Hülse einschließt?! Oder ist die Sonne mit ihrem wirkenden Lichte nur allein dort eingeschlossen, wo sie wirkt?! Wie könntest du sie wohl schauen, so sie mit ihrem Lichte nicht weiter reichte als bis zu ihrer äußersten Hautoberfläche?!
GEJ|4|122|6|0|Ich bin nur der ewige Mittelpunkt Meiner Selbst; von diesem aus aber erfülle Ich dennoch ewig fort unverändert den unendlichen Raum.
GEJ|4|122|7|0|Ich bin überall der ewige Ich; aber hier bei euch bin Ich nun in Meiner ewigen Seinsmitte, von der aus die ganze Unendlichkeit ewig fort und fort und unverändert gleich und gleich erhalten wird in ihrer endlosesten, ewigen Ausdehnung.
GEJ|4|122|8|0|Von Ewigkeit wohnte Ich in Meiner unzugänglichen Mitte und in Meinem unzugänglichen Lichte aus Mir Selbst. Aber Mir hat es der Menschen dieser Erde wegen wohlgefallen, aus Meiner unzugänglichen Mitte und aus Meinem unzugänglichen Lichte derart herauszutreten, daß Ich nun in ebenderselben Mitte und in ebendemselben Lichte, das auch den höchsten Engeln von Ewigkeit völlig unzugänglich war, Mich auf diese Erde begab und nun euch Menschen sogar von allen Seiten her wohl zugänglich bin und ihr Mein Licht wohl ertragen könnet.
GEJ|4|122|9|0|Als wir aber von Sichar auszogen nach Galiläa herüber und wir nach der Mittagszeit Ruhe nahmen auf einem Berge, da habe Ich mehreren von euch tatsächlich gezeigt, wie Mein Wille auch bis zur Sonne hinlanget. Rufe dir das ins Gedächtnis zurück, und du wirst es dann schon sehen, wie Ich überall daheim bin und sein kann durch den Ausfluß Meines überall gleich mächtig wirkenden Willens!“
GEJ|4|122|10|0|Sagt Judas Ischariot: „Kann mich wohl erinnern, daß Du dort die Sonne, so ich mich ordentlich besinne, auf einige Augenblicke lichtlos gemacht hast! Nun, das ist allerdings keine Kleinigkeit, – aber doch erzählt man sich, daß solches auch die alten ägyptischen Magier vermochten; wie, das ist freilich eine andere Frage! In der großen Natur gibt es gar sonderbare, geheime Kräfte; Du kennst sie, und die alten Magier haben sie auch gekannt und sie sich dienstbar gemacht. Natürlich hat bisher unseres Wissens wohl niemand solche Taten verrichtet wie Du!
GEJ|4|122|11|0|Aber ohne alle weltliche Schule bist auch Du nicht! Denn man erzählt sich dennoch verschiedenes von der Geschicklichkeit Deines Vaters Joseph und selbst von Deiner Mutter Maria, die eine Jüngerin des Simeon und der Anna war; und hat ein geistvoller junger Mensch solche Eltern, dann kann er es schon zu etwas bringen. Aber es ist das nur so meine rein weltliche Ansicht; denn ich für mich glaube, daß in Dir Jehovas Geist wohnet und wirket in der Fülle.
GEJ|4|122|12|0|Was soll mir auch der ewig unsichtbare Jehova nützen, der irgendwo hoch über allen Sternen in Seinem unzugänglichen Lichte sitzt und Sich Seinen Geschöpfen nie zeigt, keine Wunder wirkt außer den stereotypen täglichen, die aber von der Natur selbst ebensogut bewirkt werden könnten?! Du bist darum, für mich wenigstens, ein rechter Jehova, weil Du Dich vor unseren Augen als ein vollkommener Meister aller Natur und Kreatur durch Worte und Taten nur zu offen und zu handgreiflich gezeigt hast. Wer wie Du den Toten das Leben wiedergeben kann, und gebieten den Elementen, und sogar aus der Luft einige ganz nagelneue Esel und Fische ins Dasein rufen und des alten Markus Speisekammern mit Brot und Wein ebenfalls aus der Luft her füllen kann, der ist für mich ein allein wahrer Gott, über den mir alle anderen gestohlen werden können! Hast Du demnach Deine rein göttlichen Fähigkeiten, woher Du willst, so bist Du für mich nun einmal ein rechter Gott! Habe ich recht oder nicht?
GEJ|4|122|13|0|Gar so auf den Kopf gefallen bin ich ja doch nicht, wie es mein Bruder Thomas gemeint hat. Ich weiß, was ich weiß, und was ich rede; aber wenn der Bruder Thomas in einem fort meint, daß ich ein Esel oder ein Ochse sei, da irrt er sich gewaltig an mir. Wenn ich mit ihm reden wollte, wie ich reden könnte, auf tausend würde er mir nicht eins zu antworten imstande sein! Hätte ich in Dir nicht schon lange den wahren Jehova gewittert, so wäre ich auch schon lange nach Hause zu meiner Töpferei zurückgekehrt; aber weil ich vielleicht am besten weiß, mit wem ich es in Dir zu tun habe, so bleibe ich und lasse meine sehr einträgliche Kunst, trotzdem daß ich eben auch kein Feind des Goldes und des blanken Silber bin, – denn Dein geistiges Gold und Silber ist mir lieber!
GEJ|4|122|14|0|Aber daß mir zuvor Thomas heimlich ins Ohr raunte, als der Engel nach Deinem Willen eine ganz kerngesunde Eselin ins Dasein rief, dies Wunder sei allein meinetwegen geschehen, um mir zu zeigen in einem lebendigen Bilde, wer und was ich sei, das kann ich denn doch nicht so ganz hingehen lassen! Wenn Thomas sich weiser dünkt, denn ich ihm zu sein scheine, so sei er es; aber mich lasse er ungeschoren! Denn ich lege ihm nichts in den Weg, und heißt er mich auch einen Dieb, so habe ich ihm sicher noch nie etwas entwendet!
GEJ|4|122|15|0|Du hast doch zuvor uns allen eine gar herrliche und überaus göttlich weise Lehre über die Krankheit einer Menschenseele gegeben und gezeigt vom Grunde aus, wie man mit einer kranken Seele noch mehr Geduld haben solle als mit eines Menschen krankem Leibe! Warum schreibt sich denn solche Lehren ein weiser Thomas mir gegenüber, der ich auch noch seelenkrank sein kann, nicht hinter seine Ohren, wennschon für derlei rein göttliche Lehren in seinem Herzen sich kein Platz vorfinden sollte?! Ich verlange es durchaus nicht, daß er mir darum eine Abbitte leisten soll, weil es seiner Weisheit wohlgefallen hat, mich einen Esel zu nennen – denn so demütig, wie er sich zu sein dünkt, bin ich auch! Aber es drängte mich, hier offen zu bekennen, daß ich zwar ein seelenkranker Mensch bin, aber darum keinen Thomas um seine große Seelengesundheit beneide! Ich will auch darum stets gleich sein Freund und guter Bruder sein, wie ich es immer war, – aber nur das einzige wünsche ich von ihm, daß er in aller Zukunft seinen Korrektionseifer an jemand anderem versuchen solle, und nicht an mir; denn bisher bin ich doch ebendas noch, was er ist, nämlich ein ihm gleich berufener Jünger vor Dir, meinem Herrn und meinem Gott!“
GEJ|4|122|16|0|Sage Ich: „Es ist zwar eben nicht ganz löblich von seiten Meines Thomas, daß er dich stets auf der Zielmücke seines Zielbogens hat; aber es ist Mir übrigens auch bekannt, daß du bei gänzlicher Vollendung dieser hier noch vor uns weilenden Eselin zuerst einen sehr unzeitigen Witz gerissen hast, und der war der eigentliche Grund, aus dem dich Thomas mit deinen eigenen Worten so ein wenig schlug!
GEJ|4|122|17|0|Sage Mir, aus welchem Grunde denn du die Bemerkung zu machen hattest, laut der du sagtest und eigentlich meintest: am Ende würden sich alle Meine Wundertaten in der Herstellung von ganz kerngesunden Eseln erweisen! Siehe, diese deine Bemerkung war sehr boshaft und hatte des Thomas Gegenbemerkung sehr verdient! Ich tadle deinen Glauben nicht, nach dem du Mich als deinen alleinigen Gott und Herrn ansiehst, nur tadle Ich an dir das, daß solcher dein Glaube und solche deine Meinung nur mehr in deinen Worten besteht als im Leben deines Gemütes.
GEJ|4|122|18|0|Denn der Wahrheit nach hältst du Mich denn doch mehr für einen echt altägyptischen Weisen und mit allen geheimen Naturkräften bestens vertrauten Magier, der es wohl versteht, wo er diese Kräfte anzufassen hat, daß sie ihm ihren Dienst nicht versagen. Siehst du, das ist an dir sehr tadelnswert!
GEJ|4|122|19|0|Was Hunderte als eine reinste Wahrheit mit den Händen greifen, darüber kannst du noch immer einen Zweifel um den andern erheben und Behauptungen ganz offen aussprechen, die Mich stets bei einigen Schwächeren in ein Zwielicht stellen müssen. Hast du doch, als Ich mehreren total Ertrunkenen das Leben wiedergab, gleich herausgebracht, daß hier der Ort selbst und die Stellung der Sterne ihr Gehöriges beitrügen, und daß es Mir darum ein leichtes wäre, allerlei Wunder zu wirken; auf einem andern Orte würde Mir das bei weitem nicht mehr also gelingen! In Nazareth, Kapernaum und in Kis, in Jesaira und selbst in Genezareth hätte Ich wohl auch große Wunder geleistet, – aber bei weitem nicht so viele denn hier auf diesem Flecke. – Wenn du Mich aber im vollen Ernste für deinen alleinigen Gott und Herrn halten solltest, warum verdächtigest du Mich denn vor den Fremden?!“
GEJ|4|122|20|0|Sagt ganz keck und resolut Judas Ischariot: „Es scheint aber doch bei einer etwas genaueren Beobachtung der Welt und der Natur, daß Gott denn doch stets sehr Rücksicht nimmt auf die Günstigkeit des Ortes, auf dem Er etwas Besonderes hervorbringen will! Gehen wir auf einen sehr hohen Berg, wie zum Beispiel der Ararat einer ist, und wir werden eben nichts als kahles Gestein und Schnee und Eis antreffen. Warum wachsen denn dort keine Trauben und Feigen, Äpfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen? Da meine ich, daß Jehova dazu den Ort nicht günstig zur Genüge findet, diese Süßwunder auch dort hervorzurufen! Da scheint es denn doch, daß Jehova Selbst auf die Günstigkeit eines Ortes sehr Rücksicht nimmt, ansonst Er sicher auch auf den Ararat die nährenden Süßwunder hingestellt haben würde!
GEJ|4|122|21|0|Und ich glaube, Dir dadurch von Deiner Gottheit nichts zu nehmen, so ich behaupte, daß Du zum Wirken der Wundertaten immer einen Ort denn doch für günstiger findest als irgendeinen gewissen andern, wie zum Beispiel Nazareth, wo Du Dich mit Wundertaten eben nicht überboten hast. Du könntest als Jehova die große Wüste Afrikas auch leicht in die gesegnetsten und blühendsten Fluren umgestalten, wenn Du dies Territorium geeignet und günstig fändest! Weil aber das erwähnte Territorium noch immer eine Wüste ist und auch höchstwahrscheinlich noch sehr lange bleiben wird, so glaube ich, daß Du dadurch an Deiner Göttlichkeit keine Einbuße erleidest, wenn die afrikanische große Wüste Sahara noch sehr lange das bleiben wird, was sie ist. – Das ist so meine Meinung, obwohl der Bruder Thomas damit vielleicht eben nicht völlig einverstanden sein wird!“
GEJ|4|122|22|0|Tritt Thomas auf Meinen Wink hinzu und sagt: „Gesprochen hättest du so ganz in der Ordnung, wenn du das auch also in deinem Gemüte fühlen und ebenalso auch als völlig wahr erkennen würdest; aber davon ist in dir keine Spur zu entdecken! Deinem innern Bekenntnisse nach ist der Herr gleichfort fürs erste ein weiser Eklektiker ("Auswähler" = Philosoph), der es versteht, aus den vielen ihm bekannten Lehren eine allerweiseste herauszuziehen, und fürs zweite sich alle Magie also vollkommen zu eigen gemacht hat, daß ihm bei sicheren Gelegenheiten und günstigen Umständen nichts mißlingen kann. Nur das ist so deine mit dem Satan ziemlich nahe verwandte Idee, daß so ein recht großer Magier, der seinem Willen alle noch so geheimen Kräfte zu unterjochen verstünde, am Ende ein rechter Gott sein müßte!
GEJ|4|122|23|0|Nun zeigt sich hier, daß der Herr Jesus aus Nazareth solcher deiner Anforderung vollkommen entspricht, und so trägst du auch kein Bedenken, den alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gänzlich zu entthronen und dafür diesen deinen Magier vollends darauf zu setzen! Denn daß du den Geist dieses Heiligen aus Nazareth für Ebendenselben hieltest, der dereinst auf Sinai unseren Vätern Seine Gesetze donnerte, von dem hast du in deinem Herzen nicht den allerleisesten Dunst von irgendeinem nur halben Begriffe.
GEJ|4|122|24|0|Und weil es nun bei dir noch immer also aussieht, so kann ich nicht umhin, dich bei jeder Gelegenheit zu ermahnen, so du irgend bei eben einer solchen Gelegenheit dich hervortun willst und zeigen deine stets verräterische, böse Doppelzunge; denn jeder, der anders denkt und fühlt und anders die Zunge rührt, ist ein Verräter am Heiligtume der Wahrheit. Daher solltest du dich hiermit wohl ermahnen lassen und in aller Zukunft nicht anders denken und fühlen, und dabei aber dennoch ganz anders reden! Denn solches ist die Art und Weise der reißenden Wölfe, die in Schafspelzen einhergehen, um desto leichter ein unschuldiges und sanftes Lamm in ihre tötenden Klauen zu bekommen. Verstehe mich wohl; denn ich durchschaue dich ganz und ermahne dich nur dann, wenn du laut auftrittst, weil ich da gleich sehe, wie du allzeit ein Lügner bist, da du anders redest, als du denkst und fühlst. Ich bin dir als einer kranken Seele sicher nicht feind, – aber der Krankheit selbst bin ich es!“
GEJ|4|123|1|1|123. — Die Zurechtweisung des Judas
GEJ|4|123|1|0|Sagt Judas Ischariot: „Wenn es aber mit dem schon also steht, da muß ich mich ja doch entäußern; denn es hat der Herr ja doch den andern stets die Gelegenheit gegeben, sich ihrer Bosheit und Falschheit gänzlich zu entäußern. Haben die Fremden diese Begünstigung erhalten, warum soll sie denn gerade mir vorenthalten werden, der ich doch zu eurem Bunde gehöre und mit euch stets Freude und Leid geteilt habe?!“
GEJ|4|123|2|0|Sagt endlich einmal Bartholomäus: „Bei den Fremden war es ja ein ganz anderer Fall! In ihnen war zumeist nur wirklich schon von alters her begründetes Falsches. Sie konnten im Grunde nicht dafür, daß sie schlecht und böse waren; als sie aber das lichte Wort der ewigen Wahrheit vernahmen, da fing es an, in ihnen zu sieden und zu kochen, und sie fingen an, sich des alten Unflates zu entledigen, und wurden rein. Du aber stehst schon lange in aller Fülle des geistigen Wahrheitslichtes und hast für die vollste Echtheit desselben tausend der allerlebendigsten Beweise in Worten und allerlei Wundertaten! Aber das alles ficht dich nicht an; du möchtest am liebsten selbst Wunder wirken, um dir dadurch, gleich den Pharisäern im Tempel, möglichst viel Goldes und Silbers zu verdienen. Du brauchst für dich keinen Gott, außer einen solchen, der dir recht viel Geldes verschaffete, damit du dann auf der Erde ganz entsetzlich wohl leben und dich am Ende ohne alle Rücksicht auf die hier vernommenen Lebenswahrheiten aus Gott ordentlich zu Tode sündigen könntest!
GEJ|4|123|3|0|Und bei solcher deiner inneren Denkungsweise ist's dann mit dem Sich- Entäußern deines Innern nichts, weil es dich nicht bessern und uns keine Mittel bieten kann, durch Worte oder Taten in dir ein neues Herz zu schaffen, ohne das du bleiben wirst, wie du bist.
GEJ|4|123|4|0|Vermag aber des Herrn allmächtiges Wort dich nicht umzuwandeln, was soll unser menschliches Nachwort mit dir ausrichten?! Gehe du lieber auf deinen alten Platz zurück und störe uns fürder nicht mit deinem allernichtigsten Geplauder! – Ich habe ausgeredet!“
GEJ|4|123|5|0|Auf diese sehr kräftige Zurechtweisung wollte Judas Ischariot zwar noch etwas sagen; aber Kornelius sagte zu ihm: „Öffne du deinen Mund nur dann noch einmal, so du dazu von jemand aufgefordert wirst; sonst aber schweige und störe den Herrn nicht in Seinem Wirken! Willst du aber schon durchaus reden, da begib dich so hübsch tief in den nahen Wald und rede dort mit Bäumen und Gesträuchen; sie werden dir keine Widerrede bringen, die dich ärgern und am Ende gar ganz tief beleidigen könnte! Oder ziehe dich hinab ans Meer und rede dort mit den Fischen; diese werden dir auch alles gelten lassen! Denn von dem, was hier gesprochen wird, und was hier geschieht, verstehst du ohnehin soviel wie nichts; und deine mürrische Dummheit und deine aus ihr stets neu erwachte Selbst- und Habsucht stört uns in den für uns so notwendigen tieferen Betrachtungen der großen Lebenswahrheiten aus Gott dem Herrn über alles!“
GEJ|4|123|6|0|Nach diesen Worten tritt Judas Ischariot ganz in den Hintergrund und redet kein Wort mehr; denn vor dem Kornelius hatte er einen großen Respekt, da er dessen Eifer und Sinn für Mich und Meine Lehre nur zu gut kannte.
GEJ|4|123|7|0|Als aber mit dem das wieder beschwichtigt ward, sagte Ich zu allen: „Wer da hat, dem wird immer noch mehreres gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch noch genommen, was er allenfalls hatte!
GEJ|4|123|8|0|Ihr habt euch nun selbst überzeugt, was die Welt- und Habsucht für arge Dinge sind; darum bewahret eure Herzen allersorgfältigst davor! Denn ein habgieriges Herz fasset unmöglich etwas von den geistigen Dingen und kann auch nicht und nimmer völlig dahin und also mehr erhellet werden, daß es fassete, was zu seinem Heil gereicht.
GEJ|4|123|9|0|Ihr alle habt nun schwere Dinge schon begriffen, obwohl ihr erst wenige Tage um Mich seid; jener Jünger aber ist nun schon nahe ein halbes Jahr um Mich und war Augen- und Ohrenzeuge von allen möglichen Wundern und Lehren, und dennoch fasset er die Wahrheit nicht! Der Grund davon liegt in seiner übergroßen Geldgier, und das deshalb, weil er sehr faul und träge ist.
GEJ|4|123|10|0|Ein wahrhaft fleißiger Mensch erwirbt sich leicht täglich so viel, als er bedarf, und noch manches darüber, das ihm in seinen alten Tagen gut zustatten kommen wird; und hätte er sich auch nichts ersparen können, indem er gerne seinen Überschuß den Armen und Dürftigen gab, so wird für seine alten Tage dennoch gesorgt sein.
GEJ|4|123|11|0|Aber ein fauler Mensch liebt das Nichtstun und will sich gut geschehen lassen auf Kosten seiner fleißigen Nebenmenschen; er wird darum ein Lügner, ein Betrüger, ein Dieb, um nur so viele Schätze zusammenzuraffen, daß er dann gleich einem Könige leben könnte.
GEJ|4|123|12|0|Mit solcher Gier aber verfinstert er seine Seele derart, daß sie gar nichts von etwas rein Geistigem mehr begreifen kann; und wird sie auch vom höchsten und reinsten Geisteslichte beleuchtet, so verkehrt sie es alsbald in ihr selbstisches, gröbstmaterielles Wesen und ersieht und erkennt darum abermals nichts als nur Materielles.
GEJ|4|123|13|0|Wie aber das Geistige sich in die Materie umwandelt, das habt ihr bei der Werdung dieser vor euch nun grasenden Eselin gesehen, und Ich brauche euch darum nicht weiter mehr etwas davon zu erklären. Denn wer aus euch das begriffen hat, der hat es gleich und leicht begriffen; wer es aber nicht gleich und leicht begriffen hat, der wird das auch noch lange nicht, und auf dieser Welt schon gar nie, völlig begreifen!
GEJ|4|123|14|0|Darum fraget euch alle selbst, wie es da stehet mit eurem Verständnisse! Wer es hat, der hat es; wer es aber nicht hat, der wird es auch noch lange nicht haben. In wem die Seele eine geistige ist, der kann das Geistige auch leicht fassen; in wem aber die Seele nach der Materie gieret, der kann dies höchst und reinst Geistige auch unmöglich begreifen!“
GEJ|4|124|1|1|124. — Von der Erziehung der Kinder
GEJ|4|124|1|0|(Der Herr:) „Es muß zwar unter den Menschen wohl Unterschiede geben; doch niemand ward in diese Welt der Seele nach also verwahrlost gestellt, daß sie ganz Materie werden müßte. Denn auch nicht eine Menschenseele ist ohne den freien Willen und selbstische Intelligenz ins Fleisch gesteckt worden.
GEJ|4|124|2|0|Der Hauptgrund der Verderbung der Menschenseelen aber liegt hauptsächlich in der uranfänglichen, gewöhnlich affenliebigen Erziehung. Man läßt das Bäumchen wachsen, wie es wächst, und trägt durch die sehr unzeitigen Verzärtelungen noch alles mögliche dazu bei, um den Stamm ja recht krumm wachsen zu lassen. Ist aber der Stamm einmal erhärtet, so nützen dann gewöhnlich alle Geradbeugungsversuche wenig oder nichts mehr; eine einmal krumm gewachsene Seele wird wohl selten mehr zu einem völlig geraden Stamme!
GEJ|4|124|3|0|Darum beuget ihr alle eure Kinder in ihrer leicht lenksamen Jugend gerade, und es wird dann bald wenig mehr irgendwo eine solche sehr materielle Seele geben, die da nicht verstehen könnte das Geistige und sich nicht leicht fügete zur rechten Tat auf den Wegen der wahren Lebensordnung aus Gott! Merket es wohl; denn darum habe Ich euch gezeigt die Fleischwerdung einer Seele im Mutterleibe!
GEJ|4|124|4|0|Ein Kind bis ins siebente Jahr ist stets noch bei weitem mehr Tier als Mensch. Denn was bei dem Kinde Mensch ist, das liegt zumeist noch in einem tiefen Schlafe begraben. Da also ein Kind bei weitem mehr Tier denn Mensch ist, so hat es auch nur sehr viele tierische und dabei sehr wenige der wahrhaft menschlichen Bedürfnisse.
GEJ|4|124|5|0|Nur das Nötigste werde ihnen gereicht! Man gewöhne sie frühzeitig an allerlei Entbehrungen, lobe die Braven nie zu übertrieben, sei aber auch gegen die Minderbefähigten und -braven nie zu hart, sondern behandle sie mit rechter Liebe und Geduld.
GEJ|4|124|6|0|Man lasse sie sich üben in allerlei Gutem und Nützlichem und mache ein noch so braves Kind ja nie eitel, selbstliebig und sich überschätzig. Auch mache man Kinder, besonders wenn sie irgend schöngestaltig sind, nie durch schöne und reiche Kleider noch eitler und stolzer, als solche Kinder schon von Natur aus gerne sind. Man halte sie rein, mache jedoch nie die gewissen Hausgötzen daraus, so wird man sie schon von der Geburt an auf jenen Weg setzen, auf dem sie in ihrer reiferen Jugend dahin gelangen werden, wohin ihr alle nun durch Mich erst gelanget.
GEJ|4|124|7|0|Die Jungfrau wird voll Keuschheit und Züchtigkeit den Stand einer ehrbaren Mutter erreichen, und der Jüngling wird mit mannsreifer Seele und gewecktem Geiste in ihr in das Mannesalter treten und wird ein Segen sein für die Seinen und für die Erde und alle ihre Kreatur.
GEJ|4|124|8|0|Gebet ihr aber den tierischen Begierden und Leidenschaften eurer Kinder zu sehr nach, so werdet ihr mit ihnen auch allen Lastern ein neues und weites Tor eröffnen, durch das sie heerscharenweise in diese Welt verderbensvoll dringen werden; und werden sie einmal dasein, so werdet ihr vergeblich gegen sie mit allerlei Waffen zu Felde ziehen und nichts ausrichten gegen ihre Macht und große Gewalt!
GEJ|4|124|9|0|Pfleget daher die Bäumchen, daß ihr Wuchs ein himmelanstrebend gerader wird, und reiniget sie sorgfältigst von allen Afterauswüchsen; denn sind einmal die Bäume groß und stark geworden, und sind sie voll arger Krümmungen gestaltlich, die die bösen Winde an ihnen zustande gebracht haben, dann werdet ihr sie auch mit allen Gewaltmitteln nicht mehr geradezubiegen imstande sein!
GEJ|4|124|10|0|Ihr habt früher den Feuerzungenklumpen vor euch gesehen. In seinem seelenspezifisch lockern und freien Zustande war es noch lange nicht bestimmt, daß aus ihm gerade eine Eselin hätte werden sollen; erst nach der nachfolgenden Beorderung von seiten des Engels fingen die Teile an, sich also zu einem Organismus zu ergreifen, daß am Ende die Gestalt eines Esels zum Vorscheine kommen mußte.
GEJ|4|124|11|0|Da nun aber der Esel als schon vollkommen fertig dasteht, so ist eine Umwandlung in ein anderes Tier wohl kaum mehr möglich! Es gibt zwar nichts, das bei Gott unmöglich wäre; aber da müßte denn dieser Esel zuvor doch ganz aufgelöst werden, und alle Grundspezifika müßten sich zu einem ganz andern Organismus verbinden mit der Annahme neuer Spezifika und mit Ausschaffung vieler nun das Wesen eines Esels bedingenden. Dies aber wäre doch sicher eine hundertfach größere Mühe und Arbeit, als aus den Urgedanken im rechten Verhältnisse ein ganz neues Wesen zu schaffen, das zuvor noch nie dieser Erde Boden betreten hat.
GEJ|4|124|12|0|So ist auch aus einem Kinde alles leicht zu machen, während ein Mann oder gar ein Greis wenig oder nichts mehr annehmen wird.
GEJ|4|124|13|0|Seid darum vor allem auf eine wahre und gute Erziehung eurer Kinder bedacht, dann werdet ihr den neuen Völkern leicht dies Mein volles Evangelium zu predigen haben, und es wird der gute Same auch auf einen guten und reinen Boden fallen und wird bringen eine hundertfältige Ernte! Lasset ihr aber eure Kinder wie die Affen ihre Jungen emporwachsen, so werden sie als Unkraut euch den Nutzen gewähren, wie die Affenkinder ihren Alten: was die Alten zusammensammeln, das verzehren und zerstören mutwillig ihre Kinder; und wollen die Alten sie abwehren von solcher Frevelei, so fletschen ihnen ihre zarten Jungen gleich die scharfen Zähne entgegen und treiben die Alten hinweg.“
GEJ|4|125|1|1|125. — Das Leben des Judas Ischariot
GEJ|4|125|1|0|(Der Herr:) „An dem Jünger (Judas Ischariot) aber habt ihr ein sprechendes Beispiel. Er war der einzige Sohn seines sehr vermögenden Vaters und ebenso seiner in ihn bis zum Sterben verliebten Närrin von einer Mutter. Die Folge war, daß die beiden Eltern ihren Sohn ganz affenartig verzärtelten und ihm alles angehen ließen und auch alles gaben, wonach es den Jungen nur immer gelüstete; und die noch weitere Folge davon war, daß der Junge, als er kräftig geworden war, die Alten zum Hause hinaustrieb und sich selbst mit feilen Dirnen belustigte, was nur immer seine Natur vertragen konnte.
GEJ|4|125|2|0|Es brauchte keine lange Zeit, so hatte der Junge das Vermögen der Alten auch derart geschmälert, daß dann beide den Bettelstab ergreifen mußten und bald darauf auch aus Gram und Kummer starben.
GEJ|4|125|3|0|Aber der Junge, als nun ebenfalls ganz verarmt, ging nun etwas in sich und fing am Ende an, sich selbst zu fragen, und sagte: ,Ja, warum bin ich denn so und nicht anders geworden? Geboren habe ich mich nicht, gezeugt noch viel weniger; erziehen habe ich mich doch auch nicht selbst können, – und doch ruft ein jeder Mensch mir ins Gesicht, daß ich ein elender Schurke und Bösewicht sei, der durch seine liederlichen und bösen Streiche seine Eltern um all ihr schwererworbenes Vermögen, an den Bettelstab und am Ende sogar so frühzeitig ins Grab gebracht habe!
GEJ|4|125|4|0|Was kann denn ich darum? Es mag von mir alles das recht schlecht gewesen sein; kann ich aber darum, wenn mich die Alten zu nichts Besserem erzogen haben?! Aber was tue ich nun? Arm, ohne Geld, ohne Haus, ohne Dienst, ohne Brot! Stehlen und Rauben wäre das Leichteste, und man käme zuerst zu einem guten Ziele; aber als ein ungeschickter Dieb erwischt und dann blutig gezüchtiget zu werden, schmeckt etwa durchaus nicht süß! Mit dem Rauben sieht es noch schlimmer aus! – Ich weiß aber nun, was ich tun werde! Ich erlerne irgendeine Kunst, und wäre es die alte, dumme Töpferei, die meinen Vater reich gemacht hat!‘
GEJ|4|125|5|0|Gesagt, getan! Er ging in Kapernaum zu einem ganz gemütlichen Töpfer in die Lehre und erlernte mit vielem Fleiße dessen Kunst in kurzer Zeit. Der alte Töpfer hatte aber eine Tochter, die bald darauf des Kunstjüngers Weib ward.
GEJ|4|125|6|0|Aber so flott unser Judas früher war, so hart und geizig ward er nun als ein Töpfermeister. Sein Weib verkostete oftmals seine Härte. Er machte gute Ware und fing an, alle Märkte zu besuchen, und ließ daheim seine Leute darben und bis zum blutigen Schweiße arbeiten. Kam er von einem Markte nach Hause mit vielem Gelde, so bedachte er die fleißigsten Arbeiter wohl mit etwas wenigem; kam er aber mit weniger Beute nach Hause, so gab es dann harte Dinge in seinem kargen Hause.
GEJ|4|125|7|0|Um sich neben seiner Töpferei noch einen Nebenverdienst zu verschaffen, pachtete er auch eine Fischerei und fing vor ein paar Jahren an, sich auf die natürliche Magie zu verlegen, weil er in Jerusalem zu öfteren Malen gesehen hatte, wie sehr viel Geldes sich da so manche ägyptische oder persische Magier erwarben. Er brachte aber nichts Ordentliches zustande, obwohl er viel Geld dafür ausgab. Er nahm darin auch Unterricht bei einigen externen Essäern, die ihm vorgemacht hatten, als könnten sie, wenn es sein müßte, schon gleich auch eine Welt erschaffen mit allem, was sie faßt und trägt.
GEJ|4|125|8|0|Aber er überzeugte sich bald, daß er der Betrogene war, und zeigte seinen feinen Meistern den Rücken. In diesem Jahre vernahm er, was Ich alles täte, und wie das alles in einem höchsten Grade überträfe, was man auf dieser Erde bisher ,Wunderwirken‘ nannte.
GEJ|4|125|9|0|Das war denn auch der eigentliche Grund, warum er sich an Mich anschloß, daheim alles verließ, um nur von Mir das Wunderwirken zu erlernen und danach viel Goldes und Silbers zu verdienen.
GEJ|4|125|10|0|An Meiner Lehre liegt ihm wenig. Wenn er aufmerket auf Meinen Mund, so möchte er eigentlich nur eine Erklärung vernehmen, auf welche Weise und mit welchen Mitteln Ich das eine oder das andere Wunderwerk zustande gebracht habe. Nun, davon kann er als für ihn brauchbar nie etwas vernehmen und ist daher stets mürrisch.
GEJ|4|125|11|0|Übrigens wird er für diese Welt bei Mir eine ganz entsetzlich schlechte Rechnung finden. Eine verräterische Handlung und darauf die finsterste Verzweiflung wird aus ihm einen Selbstmörder machen, und ein Strick und ein Weidenbaum werden sein trauriges Weltende sein! Denn er ist einer, der Gott versuchen will, was ein großer Frevel ist und sein muß. Wer es aber wagt, gegen Gott einen Frevel zu begehen, der wird ihn auch an sich selbst nicht unterlassen. Zuerst an Gott, und dann an sich selbst!
GEJ|4|125|12|0|Ich aber sage es euch, daß jenseits die Selbstmörder schwerlich je Gottes Angesicht schauen werden! Ich könnte euch davon auch sogar den mathematisch festgestellten Grund zeigen; aber es lohnt sich wahrlich der Mühe nicht. Es genügt, daß ihr Mir das glaubet, was Ich euch als Folge des Selbstmordes angab. Sein Grund ist stets eine Art Blödheit, aus der Verzweiflung hervorgehend, und diese ist eine Folge irgendeines Frevels gegen Gott oder gegen Seine Gebote.“
GEJ|4|126|1|1|126. — Die Folgen der falschen Erziehung
GEJ|4|126|1|0|(Der Herr:) „Man findet zwar die Gesetze Gottes höchst gut und gerecht; aber man findet auch Menschen, die von solchen Gesetzen der Tat nach nichts wissen wollen, sondern rein und pur der Welt leben. Mit solchen Menschen ist natürlich kein Geschäft oder höchstens nur ein schlechtestes von der Welt zu machen. Wer mit ihnen in eine geschäftliche Verbindung tritt, der ist schon gleich von vornherein der weidlichst Betrogene und Überlistete. Jener aber, der sich mit solchen Weltmenschen einließe, um von ihnen etwas zu gewinnen, müßte schon sehr blöde sein; denn sonst hätte er seine Verbündeten sicher schärfer durchschaut, bevor er sich mit ihnen noch in ein Geschäft einließ.
GEJ|4|126|2|0|Solch ein wenigstens halbblöder Mensch ist aber immer noch besseren Herzens, obschon stets etwas gewinnsüchtig, aber dabei eben wegen der Blödheit schwachgläubig und auf Gott wenig vertrauend. Er denkt sich zwar immer und sagt: ,Laßt mich nur einmal recht reich werden! Dann erst werde ich der beste Mensch von der Welt werden und mir auch alle Mittel anschaffen, durch die es mir möglich wird, das mystische Gottwesen besser und heller kennen zu lernen! Ich werde dann alle erdenklichen Wohltaten der armen Welt gegenüber verrichten, und Jahrtausende noch sollen meinen Namen im Munde führen! Aber lasset mir die reichen Weltmenschen einmal dienstbar werden, dann wird sich alles andere plötzlich geben!‘
GEJ|4|126|3|0|Mit solch blinden Hoffnungen treibt sich solch ein Blödling herum, macht sich Pläne und Versuche und nähert sich mit seinen Plänen den Großen und Reichen, die aus seinen Erfindungen mit ihrem scharfen Weltverstand bald irgendwo einen Nutzen für sich herausschauen. Der blöde Spekulationsmensch sitzt ihnen auf und wird dabei auf eine himmelschreiende Weise betrogen und hinter alles Licht geführt.
GEJ|4|126|4|0|Nun steht er mit all seinen Plänen und Hoffnungen total ausgeplündert und völlig mittellos da und weiß sich keinen Ausweg zu verschaffen. Der Glaube an Gott und ein festeres Vertrauen auf Gottes Macht, Güte und Hilfe waren bei ihm von jeher nahe gleich einer Null. Mit der Welt hat er durch den Betrug, der ihn um alles brachte, allen Zusammenhang verloren. Sein Verstand ist zu blöde und kann trotz alles Suchens und trotz alles Anstrengens keinen Ausweg finden.
GEJ|4|126|5|0|Was ist nun die Folge davon? Die Verzweiflung und mit ihr der brennendste Überdruß des Seins, weil sich für dasselbe keine auch nur halberträgliche Aussichten irgend zeigen wollen! In solch einer Fieberhitze nimmt sich dann gewöhnlich so ein Blödling das Leben und wird zum Selbstmörder. Daß er dadurch seiner Seele nicht selten einen unbegrenzten Schaden zufügt, könnet ihr aus dem klar und deutlich entnehmen, daß solch ein Mensch noch gar lange hin sich immer mehr und mehr zerstören will, weil er schon einmal gegen das Sein doch sicher den allertödlichsten Haß geschöpft hat, ohne den er nicht ein Selbstmörder geworden wäre. Die bewußte Blödigkeit aber ist ja niemand angeboren, sondern allein die Folge einer schlechten und verkehrten Erziehung.
GEJ|4|126|6|0|Wer seine Kinder wahrhaft liebt, dem muß ja doch vor allem daran gelegen sein, ihre Seelen so zu ziehen, daß sie nicht von der Materie verschlungen werden. Werden die Seelen in der rechten Ordnung erzogen, so werden sie ehest fähig, den Geist in sich aufzunehmen, und nie blöde werden, und von einem Selbstmord wird da schon nie die Rede sein.
GEJ|4|126|7|0|Aber bei eurer affenartigen Erziehung der Kinder, besonders in den Städten, kann es nicht anders kommen. Gewöhnet darum eure Kinder schon frühzeitig daran, das wahre Reich Gottes im Herzen zu suchen, und ihr habt sie dadurch mehr denn königlich geschmückt und habt für sie das größte und beste Erbteil erworben für zeitlich und ewig!
GEJ|4|126|8|0|Aus den verzärtelten Kindern aber wird nie und nimmer etwas Lebensgroßes! Wenn mit ihnen schon sonst auch nichts Arges geschieht oder sie in sonst nichts Arges übergehen, so bildet sich mit der Zeit bei ihnen doch so eine gewisse schwache Seite heraus, die kein Mensch beleidigen, ja nicht einmal antasten darf. Wird so eine schwache Seite angerührt und angetastet oder gar beleidigt, dann ist es schon aus mit solch einem Menschen. Er wird ganz rasend und grimmig werden und sich sicher an dem Beleidiger auf jede erdenkliche Art zu rächen suchen oder ihm wenigstens dahin eine ganz entsetzlich ernste Drohung machen, solchen Scherz in aller Zukunft zu meiden, da im Gegenteil ihm das ganz entsetzlich üble Folgen zuziehen würde.
GEJ|4|126|9|0|Solch eine schwache Seite ist im Grunde eigentlich nichts aus dem freien Willen und Erkennen hervorgehend Schlechtes; aber sie ist dennoch ein Leck in der Seele, an dem sie stets verwundbar bleibt, und das nicht nur hier, sondern auch noch lange während jenseits.
GEJ|4|126|10|0|Darum sollet ihr bei euren Kindern auch darauf sehr sehen, daß sich in ihnen keine sogenannten schwachen Seiten herausbilden, denn sie werden der Seele das, was die sogenannten chronischen, halbvernarbten Krankheiten sind. Ist es gleichfort schönes Wetter und geht dabei ein guter Wind, so schweigen sie, und der Mensch, der sie besitzt, fühlt sich ganz gesund; fängt es aber in der Luft nur an, sich zu einem bösen Wetter vorzubereiten, so fangen solche Lecks im Fleische auch gleich an, sich zu rühren und bringen den Menschen vor Schmerzen oft zur Verzweiflung.
GEJ|4|126|11|0|Wie es aber für jeden Arzt etwas besonders Schweres ist, solche alte Leibesschäden zu heilen, ebenso schwer und oft nahe noch schwerer ist es, solch alte Seelenlecks zu heilen. Wenn der Schiffer sein Schiff vor den Lecks bewahren will, muß er nicht dahin fahren, wo es im Meere allerlei Klippen und Korallenbänke gibt, sondern nur dahin, wo das Wasser die ganz gehörige Tiefe hat. Und so muß der Erzieher der Kinder als ein wahrhaft lebenskundiger Steuermann seine kleinen Lebensschifflein auch nicht in aller weltlichen klippenhaften Seichtheit herumführen, sondern sich gleich mehr auf die inneren Lebenstiefen wagen, und er wird die kleinen Schifflein vor den gefährlichen Lecks bewahren und sich dadurch die Krone eines wahren Lebenssteuermannes erringen!
GEJ|4|126|12|0|Wohl jedem, der auch diese Worte beherziget; sie werden nicht ohne Segen für ihn und seine Angehörigen verbleiben!
GEJ|4|126|13|0|Und nun, da wir diese Nebensache, die sich durch den Auftritt des Jüngers Judas Ischariot ergeben hat, auch nutzbringend besprochen haben, kehren wir wieder zu unseren Betrachtungen des Werdens und nun des scheinbaren Vergehens zurück und wollen nun ganz besonders das letztere in Augenschein nehmen!“
GEJ|4|127|1|1|127. — Die Furcht vor dem Tode
GEJ|4|127|1|0|(Der Herr:) „Das Werden einer Sache, eines Dinges, eines Wesens oder gar eines Menschen hat gewiß stets etwas Erheiterndes in sich, aber das sichtliche Vergehen und das Sichauflösen, besonders eines Menschen, hat in sich wieder nur etwas Trauriges, das jedes Menschen Gefühl stets mit einer Wehmut erfüllt.
GEJ|4|127|2|0|Ich aber frage und sage: Ja, warum denn das, so die Menschen doch an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele noch irgendeinen Glauben haben?! Die Ursache liegt tiefer, als ihr sie euch denken möget. Vorerst entstammt diese Trauer der Furcht vor dem Tode und nachher noch vielem anderen, das Ich euch aber nun nicht auf einmal auftischen kann und darf, um euch nicht bald im einen und bald im andern verwirrt zu machen.
GEJ|4|127|3|0|Ist eine Seele einmal völlig wiedergeboren und in alle wahre Lebenstätigkeit übergegangen, so ist wohl natürlich alle Trauer und alle die leere Furcht vor dem Sterben oder Vergehen vergangen; aber bei Seelen, die noch nicht den rechten Grad der innern Lebensvollendung erreicht haben, bleibt noch immer etwas von der Trauer um ihre verstorbenen Nächsten und in ihnen selbst etwas von der Furcht vor dem Tode zurück, von der sie auf dieser Welt nur dann erst völlig los werden, wenn ihre Seele in ihrem Geiste und ihr Geist in ihr groß geworden ist.
GEJ|4|127|4|0|Betrachtet nur so ein recht verzärteltes Kind, wenn es nicht schon von frühester Zeit an stets mehr und mehr an Tätigkeit gewöhnt worden ist, was für ein ganz entsetzlich trauriges Gesicht es machen wird, so es etwa nach dem zurückgelegten zwölften Jahre in eine ganz ernste und anhaltende, wenn auch seinen Kräften angemessene Tätigkeit treten muß! Es fängt an zu weinen, wird voll Traurigkeit, voll Mißmut, voll Ärger auch und voll Zorn gegen jene, die es zu einer anhaltenden Arbeit anzutreiben anfangen.
GEJ|4|127|5|0|Sehet dagegen ein Kind von gleichem Alter an, das schon von seiner frühesten Jugend mit Arbeiten stets ernster Art, die den Kräften angemessen waren, beschäftigt wurde! Mit welcher Freude und mit welch einem Behagen tummelt sich so ein Kind den ganzen Tag herum, ohne müde zu werden!
GEJ|4|127|6|0|Wie aber in einer trägen Seele eine große Furcht vor aller ernsten und anhaltenden Tätigkeit stets daheim ist, so ist in der Seele auch aus derselben Quelle herrührend die Furcht vor dem Tode, ja sogar vor einer etwas gefährlicheren Krankheit vorhanden.
GEJ|4|127|7|0|Ihr werdet auch schon öfter zu erleben die Gelegenheit gehabt haben, daß so recht fleißige und sehr arbeitsame Menschen bei weitem keine so große Furcht vor dem Sterben haben, wie jene arbeitsscheuen, aber dabei doch wohllebensheiteren und -lüsternen sie haben; und diese Furcht verliert sich nicht eher, als bis solche Seelen eine rechte Tätigkeit ergriffen haben.
GEJ|4|127|8|0|Ihr meinet freilich, diese Furcht sei nur eine Folge der Unbestimmtheit im Wissen und Erkennen des Jenseits. Ich aber sage es euch allen: Mitnichten, dieses ist selbst nur eine Folge der tief wurzelnden Tätigkeitsscheu der Seele, und weil die Seele es geheim ahnt, daß mit der Wegnahme des Leibes ihre Weiterexistenz eine höchst tätige werden wird, so ist sie ganz untröstlich darüber und gerät in eine Art Fieber, in welchem dann auch eine Art Ungewißheit über das einstige Fortbestehen sich herausstellt. – Denket ein wenig darüber nach, und wir werden dann in dieser sehr wichtigen Sache weiter fortfahren!“
GEJ|4|127|9|0|Auf diese Meine Worte erhebt sich Mathael und sagt: „So es gestattet wäre, möchte ich wohl bei dieser Sache ein Wörtlein zu dessen näherem Verständnis mitreden!“
GEJ|4|127|10|0|Sage Ich: „Rede du nur immerhin, was du weißt und verstehst; denn dein Wissen und Verstehen steht auf dem besten Grunde!“
GEJ|4|128|1|1|128. — Die Trennung der Seele vom Körper beim Tode
GEJ|4|128|1|0|Fängt darauf Mathael an zu reden, und seine Worte lauteten also: „Liebe Freunde und Brüder, ich weiß es zwar nicht, wie ich dazu kam, daß ich zuweilen schon von meiner frühesten Jugend an Geister habe sehen und mich mit ihnen sogar besprechen können, was denn auch ein Hauptgrund war, demzufolge ich so ganz eigentlich in die Mauern des Tempels trat; denn man sagte mir, daß darin die mir oft schon sehr lästig gewordenen Geister keine Gewalt mehr über mich haben würden, und ich würde von da an auch keine mehr zu Gesichte bekommen. Nun, das war richtig und ganz in der Ordnung; denn als ich des Tempels gebenedeite Kleider anzog, war es mit meinem Geistersehen völlig zu Ende! Wie und warum das, könnte ich nicht angeben; aber es ist vollkommen wahr und richtig.
GEJ|4|128|2|0|Obwohl ich aber von dieser Plage durch die Mauern und durch die Kleider des Tempels befreit worden bin, so wußten sich aber die Geister dennoch auf eine andere Art zu rächen. Mein nachheriges furchtbares Besessensein war sicher eine sehr leidige Folge davon! Das Weitere jenes meines höchst bedauerlichen Zustandes ist bekannt, und ich brauche darüber kein weiteres Wort mehr zu verlieren. Aber aus meinem früheren geisterseherischen Zustande ist mir noch so manches bekannt, und wenn ich hier einige Züge daraus nun zum Besten aller meiner nunmaligen Freunde und Brüder gebe, so glaube ich, wenigstens bei dieser Gelegenheit ihnen auch einen kleinen Dienst zu erweisen.
GEJ|4|128|3|0|Als ich erst so ungefähr sieben oder wohl etwa schon acht Jahre alt war, da starben an einer pestartigen Epidemie plötzlich fünf Menschen; es waren das des Nachbarn Weib, zwei der älteren Töchter und zwei sonst ganz gesunde Mägde.
GEJ|4|128|4|0|Merkwürdig war es, daß an dieser sonderbaren Epidemie nur lauter erwachsene und sonst sicher ganz kerngesunde Mägde und Weiber verstarben. Als in des Nachbars Hause aber das Weib erkrankte, während schon den Tag vorher die zwei Töchter und die zwei Mägde den Tod erlitten, kam der Nachbar voll Verzweiflung vor lauter Trauer zu uns und bat uns inständigst, ihm beizustehen und wo möglich sein Weib dem Tode zu entreißen; denn mein Vater, in der Nähe Jerusalems eine recht schöne Besitzung habend und zumeist daselbst wohnend, war zur Not auch ein Arzt, und es war darum desto mehr eine Art Pflicht, dem Rufe des unglücklichen Nachbarn zu folgen. Daß ich da nicht daheimbleiben durfte, werdet ihr aus dem Umstande leicht entnehmen, daß ich dem Vater nicht selten ganz gute Heilmittel angeben konnte, weil mir solche meine Geister nicht selten offen und treuherzig anzeigten.
GEJ|4|128|5|0|Mein Vater meinte ganz zuverlässig, daß ich im Hause des Nachbarn mit Geistern zusammenkommen werde, die mir zur Heilung der todkranken Nachbarin etwas ansagen würden, und so ward ich denn NOLENS VOLENS [wollend oder nichtwollend.] mitgenommen. Mein Vater hatte sich auch nicht geirrt; ich bekam wirklich eine Menge Geister – sicher gute und schlechte durcheinander – zu Gesichte. Aber mit dem Anraten irgendeines heilenden Mittels hatte es diesmal seine geweisten Wege; denn ein großer Geist, mit einem lichtgrauen Faltenkleid angetan, sagte zu mir, als ich ihn nach dem Wunsche meines Vaters um ein Heilmittel anging: ,Sieh hin auf die Verscheidende! Ihre Seele entsteigt ja bereits ihrer Brustgrube, die der gewöhnliche Ausweg der Seele aus dem Leibe ist!‘
GEJ|4|128|6|0|Ich besah mir nun die Sterbende näher. Aus der Brustgrube erhob sich wie ein weißer Dunst, breitete sich über der Brustgrube immer mehr aus und wurde auch stets dichter; aber von irgendeiner menschlichen Gestalt merkte ich lange nichts. Als ich das so etwas bedenklich betrachtete, da sagte der lichtgraue große Geist zu mir: ,Sieh nur zu, wie eine Seele ihr irdisches Wohnhaus für immer und ewig verläßt!‘ Ich aber sagte: ,Warum hat denn diese scheidende Seele keine Gestalt, während doch ihr, die ihr auch pure Seelen seid, ganz ordentliche Menschengestalten habt?‘ Sagte der Geist: ,Warte nur ein wenig noch; wenn die Seele erst ganz aus dem Leibe sein wird, wird sie sich schon ganz fein zusammenklauben und wird dann auch recht schön und freundlich anzusehen sein!‘
GEJ|4|128|7|0|Während ich solchen Dunst über der Brustgrube der Kranken sich immer mehr ausbreiten und verdichten sah, lebte der Leib noch immer und stöhnte zuweilen wie jemand, der von einem schweren Traume geplagt wird. Nach etwa dem vierten Teile der Zeit einer römischen Stunde schwebte der Dunst in der Größe eines zwölfjährigen Mädchens etwa zwei Spannen hoch über des sterbenden Weibes Leib und war mit dessen Brustgrube nur noch durch eine fingerdicke Dampfsäule verbunden. Die Säule hatte eine rötliche Färbung, verlängerte sich bald und verkürzte sich auch wieder dann und wann; aber nach jedesmaligem Verlängern und abermaligem Verkürzen ward diese Dampfsäule dünner, und der Leib trat während der Verlängerungen stets in sichtlich schmerzhafte Zuckungen.
GEJ|4|128|8|0|Nach etwa zwei römischen Stunden der Zeit nach ward diese Dampfsäule von der Brustgrube ganz frei, und das unterste Ende sah aus wie ein Gewächs mit sehr vielen Wurzelfasern. In dem Augenblick aber, als die Dampfsäule von der Brustgrube abgelöst ward, bemerkte ich zwei Erscheinungen. Die erste bestand in dem völligen Totwerden des Leibes, und die andere darin, daß die ganze weißneblige Dampfmasse sich in einem Augenblick in das mir nur zu wohlbekannte Weib des Nachbarn umwandelte. Alsogleich umkleidete sie sich mit einem weißen, faltenreichen Hemde, grüßte die umstehenden freundlichen Geister, fragte aber auch zugleich deutlich, wo sie nun sei, und was mit ihr vorgegangen sei; auch verwunderte sie sich gleich höchlichst über die schöne Gegend, in der sie sich nun befinde.
GEJ|4|128|9|0|Von der Gegend aber nahm ich selbst nirgends etwas wahr. Ich fragte darum meinen großen Lichtgrauen, wo denn die so schöne Gegend zu sehen wäre. Da sagte der Geist: ,Diese kannst du aus deinem Leibe heraus nicht sehen; denn sie ist nur ein Produkt der Lebensphantasie der Verstorbenen und wird erst nach und nach in eine größere und gediegenere Realität übergehen!‘ Mit diesen Worten ward ich abgefertigt, und der Geist redete darauf in einer mir ganz unverständlichen Zunge; er muß aber der nun freien Seele etwas sehr Angenehmes gesagt haben, weil sich darauf ihr Angesicht gar so aufgeheitert hatte.
GEJ|4|128|10|0|Merkwürdig aber kam es mir vor, daß die nun freie Seele sich gar nicht mehr darum zu kümmern schien, was da mit ihrem früheren Leibe geschehen ist; sie unterhielt sich sichtlich gleich sehr gut mit den Geistern, – aber alles in einer mir ganz fremden Zunge. Mit der Weile wurden auch die beiden verstorbenen Töchter und die beiden Mägde herbeigeführt und grüßten ihre frühere Mutter und Herrin mit aller Freundlichkeit, – aber nicht, als wären die ersten beiden ihre Töchter und die andern beiden ihre früheren Dienstmägde gewesen, sondern als echte, wahre, gute Freundinnen und Schwestern, und zwar in einer mir fremden und ganz unverständlichen Zunge. Keine aber schien sich im geringsten um ihren früher doch sicher sehr in Ehren gehaltenen Leib zu kümmern; auch schienen sie niemanden von uns noch Sterblichen wahrzunehmen.
GEJ|4|128|11|0|Merkwürdig war es, daß die Seele des eben verstorbenen Weibes gleich nach dem Austritte aus dem Leibe wohl noch ganz gut hebräisch ihre Freude über den Anblick der schönen Gegend zu erkennen gab; als sie sich aber gewisserart mehr gesammelt und kondensiert hatte, bediente sie sich einer Sprache, die meines schwachen Wissens nun wohl auf der ganzen Erde und unter allen ihren sterblichen Menschen nirgends bestehen dürfte.
GEJ|4|128|12|0|Ich wandte mich darum wieder an meinen Lichtgrauen und fragte ihn: ,Was ist das, was nun die fünf neu in eurem Reiche Angekommenen miteinander besprechen, und in welcher Zunge?‘
GEJ|4|128|13|0|Sagte der Lichtgraue: ,Was du doch für ein neugieriger Knabe bist! Sie reden ja eben deinetwegen diese eigene Geisterzunge, weil sie von dir nicht verstanden werden wollen; denn sie wissen und fühlen es genau, daß du hier weilest als einer, der aus seinem Leibe die Geister sehen und sprechen kann gleich einem Birmanen in Hochindien. Sie wissen und fühlen es auch, daß ihre Leiber noch hier sind; aber diese kümmern sie nicht mehr als wie dich ein alter Rock, den du als gänzlich zerrissen weggeworfen hast. Du dürftest ihnen nun alle Reiche der Welt mit der Aussicht auf ein tausend Jahre langes Leben voll Gesundheit bieten, so würden sie doch nimmer in ihre Leiber zurückkehren! Das aber, was sie miteinander reden, würdest du nicht verstehen, und wäre es auch in deiner Zunge; denn sie sehen nun eben in dieser Zeit, daß der große Verheißene bereits als Mensch, wennschon noch erst als ein zartes Kind, in der materiellen Welt sich befindet. Wenn du ein Mann bist, wirst du Ihn erkennen in Galiläa.‘
GEJ|4|128|14|0|Das war der ganze Bescheid, den mir der Lichtgraue ganz artig und freundlich hatte zukommen lassen. Es war das gewiß eine sehr denkwürdige Erscheinung, die ich damals als ein Knabe ebenso wahr und lebendig geschaut habe wie jetzt euch alle; und daß der Lichtgraue keine Unwahrheit mir aufgetischt hatte, davon liegt der Beweis darin, daß ich nun Dich, o Herr, wirklich in Galiläa gefunden habe also, wie der Lichtgraue es mir angesagt hatte.
GEJ|4|128|15|0|Ich möchte nun nur das ein wenig mehr erläutert haben, warum die Seele im Moment des Scheidens als ein Dunst der Brustgrube entsteigt, und warum nicht gleich als eine ausgebildete Menschenform. – Herr, Du liebevollster, Du allweisester Meister alles Lebens, möchtest Du uns darüber wohl eine Erklärung geben?“
GEJ|4|129|1|1|129. — Die Vorgänge beim Scheiden der Seele vom Körper
GEJ|4|129|1|0|Sage Ich: „Die sollet ihr sogleich haben; und so höret denn! Der ersichtliche Dunst – in dem Maße Form [aber zertragen, doch in der Größe und beiläufigen Form eines Menschen. (J.L.)] eines Menschen doch immerhin – ist eine Folge der großen Beklommenheit der Seele im Moment des Scheidens, in welchem sie vor lauter Furcht und Entsetzen auf einige Augenblicke ganz bewußtlos wird.
GEJ|4|129|2|0|Es ist eine außerordentliche Tätigkeitsanstrengung der scheidenden Seele, sich zu erhalten in ihrer sich selbst bewußten Existenz. Alle ihre Teile werden in eine außerordentlich heftige Vibration gesetzt, daß darob auch das schärfste geistersehende Auge irgendeine bestimmte Form nicht entdecken kann.
GEJ|4|129|3|0|Ein Beispiel in der Natur böte die tiefklingende Saite einer Harfe. Wenn du sie stark angeschlagen hast, so wird sie sich eine Zeitlang also schnell hin und her schwingen, daß du ihren Körper auch nur als einen durchsichtigen Dunstfaden sehen wirst; hat die Saite aufgehört mit dem Schwingen, dann wird infolge ihrer Ruhe auch ihre eigentliche Form wieder ersichtlich.
GEJ|4|129|4|0|Eine gleiche Erscheinung hast du beim Anblick einer summenden Fliege, deren Flügel du erst dann als Flügel wahrnehmen kannst, wenn die Fliege zu fliegen und dadurch zu summen aufgehört hat; im fliegenden Zustand hast du sie nur wie mit einem kleinen Dunstwölkchen umgeben geschaut.
GEJ|4|129|5|0|Wenn die Seele im Scheidemomente austritt aus dem zerstörten, zerrissenen und fürderhin nicht mehr brauchbaren Leibe, so vibriert sie in oft eine Spanne langen Schwingungen, und zwar so schnell, daß du tausend Schwingungen als hin und her und auf und ab in einem Augenblicke annehmen kannst; da ist es dann während der Dauer solcher Seelenvibration dem disponierten Beschauer rein unmöglich, nur irgend etwas von der seelischen Menschenform auszunehmen. Nach und nach beruhigt sich die Seele mehr und mehr und wird dadurch auch als menschliche Form ersichtlich; tritt sie aber endlich ganz in den Zustand der Ruhe zurück, die gleich nach der völligen Ablösung eintritt, so ist sie dann auch sogleich in der vollkommenen Menschenform zu erschauen, vorausgesetzt, daß sie sich zuvor durch allerlei Sünden nicht zu sehr entstellt hat. – Verstehst du nun solches?“
GEJ|4|129|6|0|Sagt Mathael: „O Herr, Du Allerweisester, wie sollte ich nun das nicht bestens verstehen? Du hast mir diese Erscheinung ja als mit den Händen zu greifen klargemacht! Aber nun möchte ich – Herr, vergib mir meine Wißbegier – denn auch noch dazu wissen, was für eine Zunge die fünf Seelen miteinander geredet haben! Ich selbst bin doch auch mehrerer Zungen fähig; aber dem ungeachtet verstand ich keine Silbe, was diese miteinander geredet haben. Besteht in dieser Welt noch irgendeine ähnliche Zunge?“
GEJ|4|129|7|0|Sage Ich: „O ja, die birmanischen Priester sind im Besitze dieser Zunge, [Sanskrit] und es ist das die Ursprache der ersten Menschen dieser Erde gewesen; eure, die altägyptische, und mitunter auch die der Griechen, stammen alle von dieser einen und ersten Menschensprache nahe vollkommen ab. Meinet ihr wohl, daß ihr verständet den Vater Abraham, Isaak und Jakob, so sie hier wären und redeten also, wie sie dereinst geredet haben? O mitnichten, nicht ein Wort würdet ihr von ihnen verstehen! Verstehet ihr doch schon die Bücher Mosis schwer, die doch nahe um tausend Jahre jünger sind denn Abraham, um wieviel weniger die Erzväter selbst! Ja, es hat sich bei den Juden gar vieles sehr verändert, also auch die Sprache, ohne eine zweite babylonische Sprachenverwirrung. – Verstehest du nun auch das?“
GEJ|4|129|8|0|Sagt Mathael: „O Herr, auch darin bin ich nun im reinen; ich glaube, daß es auch die andern alle sind, und so möchte ich Dich im Namen aller wieder um weitere Belehrungen anflehen!“
GEJ|4|129|9|0|Sage Ich: „Diese werden nicht ausbleiben; aber du hast noch eine Menge Erfahrungen im Bereiche des Sterbens gemacht und mußt uns daher noch einige der denkwürdigsten deiner Brüder wegen erzählen. Was dir oder jemand anderem dabei unklar ist, das werde Ich euch dann schon wieder aufhellen.
GEJ|4|129|10|0|Ich habe euch vorher das Werden gezeigt bis auf den Punkt des Überganges durch den Abfall der Materie. Der leibliche Tod ist noch immer der Schrecken aller Kreatur. Den Grund davon habe Ich euch auch in aller Kürze kundgegeben; derselbe wird aber bei Gelegenheit noch ausführlicher dargetan werden. – Aber nun mache du dich nur wieder an deine Erzählungen!“
GEJ|4|129|11|0|Sagt Mathael: „O Herr, nur auf Dein so überliebevolles Verlangen will ich noch mehrere Fälle also erzählen, wie ich sie mit meiner Seele Augen geschaut habe!“
GEJ|4|130|1|1|130. — Beobachtungen des hellsehenden Mathael bei der Hinrichtung von Raubmördern
GEJ|4|130|1|0|(Mathael:) „Als ich ein Knabe von zwölf Jahren war und schon ganz männlich ernst zu denken und zu reden imstande war, da wurden zu Jerusalem mehrere Raubmörder schwerster Art zur Kreuzigung bestimmt. Es waren deren sieben an der Zahl. Das machte damals ein großes Aufsehen nicht bloß in ganz Jerusalem, sondern auch weit und breit in der Umgegend. Es war damals auch ein gewisser Kornelius römischer Oberhauptmann und dazu AD INTERIM Landpfleger. [einstweiliger Landpfleger.] Dieser war über diese Erzbösewichter überaus aufgebracht, da sie mit einer wahrhaften Tigernatur die gefangenen Menschen bloß so zum Vergnügen mit allerlei unbeschreibbar gräßlichen Marterungen töteten und eine desto größere Lust hatten, je länger sie einen quälen konnten. Kurz, der Begriff ,Teufel‘ wäre für sie noch viel zu gut und zu ehrlich!“
GEJ|4|130|2|0|Hier unterbricht ihn Kornelius und sagt: „Freund, vergiß deine mir überaus werten Worte nicht! Aber ich muß dir hier noch bemerken zugunsten deiner treu angefangenen Erzählung, daß eben ich derselbe Kornelius war! Und nun erzähle du nur wieder weiter; denn bis jetzt war noch keine unwahre Silbe darunter!“
GEJ|4|130|3|0|Sagt weiter Mathael: „So ganz leise und ahnungsweise habe ich es mir wohl gedacht, weil mir deine Züge von jener Zeit her noch so ziemlich bekannt waren, und es ist für diese meine Erzählung um so besser, daß sich in deiner hohen Person sicher ein sprechender und wahrhaftigster Zeuge befindet! Und also wollet mich denn weiter vernehmen!
GEJ|4|130|4|0|Weil denn die beschriebenen sieben gar so böse Teufel waren, so beschloß denn auch Kornelius, mit ihnen zu einem abschreckenden Beispiele allergrausamst zu verfahren. Dazu gehörte denn auch, daß sie einmal fürs erste auf vierzehn volle Tage zum Tode ausgesetzt waren, und es wurden ihnen diese Zeit hindurch täglich Martern mit den glühendsten Farben vorgelesen, die sie zu erwarten hatten; übrigens wurden sie in dieser ihrer Schreckenszeit ganz leidlich gut gefüttert, damit ihnen das Leben recht angenehm und der sicherst zu erwartende martervollste Tod desto bitterer vorkäme.
GEJ|4|130|5|0|Ich habe diese Kerle mit meinem Vater bei fünf Male besucht, erblickte sie aber am Ende stets gleich einem halbverkohlten und noch glühenden Holzscheite dampfen und rauchen; und dieser Rauch und Dampf verbreitete wenigstens für meine Nase einen unerträglichen Gestank, der sonst seinesgleichen auf dieser Welt kaum haben dürfte! Je länger sie schon ausgesetzt waren, und je näher ihr Schreckenstag heranrückte, desto penetranter wurde der Dampf, Rauch und Gestank. Es versteht sich von selbst, daß die sieben Teufel ihre Farbe mehr denn ein Chamäleon zu verändern begannen.
GEJ|4|130|6|0|Endlich erschien der fürchterliche Schreckenstag. Die Schergen und die Büttel kamen, und den sieben wurden auf offenem Platze bei Anwesenheit von Tausenden die Kleider ausgezogen bis auf ihre Scham, worauf sie blutig gegeißelt wurden. Ich konnte dieser Exekution nur von weitem zusehen, bemerkte aber dennoch, wie während dieser Behandlung eine Menge schwarzer Fledermäuse von den Gegeißelten wie ein Bienenschwarm hinaus- und hinwegflogen; auch wie kleine fliegende Drachen erhoben sich über den Gegeißelten, und diese dampften und rauchten nun schon um ein bedeutendes weniger.
GEJ|4|130|7|0|Aber bei einem etwas genaueren Betrachten entdeckte ich bald und leicht, daß dieser Dampf und Rauch sich schnell in allerlei gräßlichen Formen ergriff, die dann als die vorbezeichneten schwarzen Fledermäuse auf und davon flogen; auch die kleinen Drachen bildeten sich daraus. Wie viele solche Höllenkreaturen mögen sich schon während der vierzehn Tage von den sieben empfohlen haben!
GEJ|4|130|8|0|Nachdem aber die sieben so recht skytisch (gemeint ist "barbarisch") durchgegeißelt worden waren, bemerkte ich, daß sich ihre früher ganz teuflisch aussehenden Gesichter ins etwas menschlicher Aussehende umwandelten und die Delinquenten auch schwächer und furchtsamer zu werden begannen; sie kamen mir vor wie Betrunkene, die kaum wissen, was da mit ihnen vorgeht. Die ganze Sache kam mir sehr sonderbar vor, wie diese früheren Wüteriche nun in eine Art Lämmernatur überzugehen begannen.
GEJ|4|130|9|0|Nach der Geißelung wurden sieben Kreuze herbeigeschafft und jedem Delinquenten eines auf die Schulter gelegt zur Tragung hinaus auf Golgatha, das der allgemeine Scharfrichtplatz der Römer schon seit lange her ist; aber keiner vermochte die ihm auferlegte Todesbürde trotz alles Stoßens, Schlagens und Mißhandelns auch nur einen Schritt weiterzubringen. Man brachte deshalb einen großen Karren herzu, bespannt mit zwei starken Ochsen, legte zuerst die Kreuze und dann über dieselben die Verbrecher auf denselben, band alles mit Stricken und Ketten fest nieder und fuhr dann hinaus auf Golgatha.
GEJ|4|130|10|0|Dort angelangt, dahin nebst mir und meinem Vater eben nicht zuviel Volkes wegen der zu furchtbaren Grausamkeit gefolgt war, band man alles wieder los, riß die bluttriefenden Delinquenten vom Karren, band gleich einen um den andern mit gröbsten und mit Dornen eingeflochtenen Stricken riesenhaft fest an die Kreuzpfähle und stellte diese dann aufrecht in die schon eigens dazu in den Stein ausgemeißelten Löcher. Nun erst begannen die Delinquenten zu heulen und allergräßlichst zu wehklagen!
GEJ|4|130|11|0|Es muß ihnen das unerträgliche Schmerzen verursacht haben; denn fürs erste waren sie durch das Geißeln schon ganz zerfleischt, – fürs zweite die mit Dornen eingeflochtenen Stricke, und drittens das grobe und rohe Holzwerk! Denn so ein Kreuz ist zwar fest, aber sonst stets so roh als möglich quer zusammengefügt und muß dem fest an Händen, Füßen und am Mittelleibe daran Geknebelten schon bei einem vorher ganz gesunden Leibe, geschweige bei einem schon über alle Maßen zerfleischten, ohne weiteres die allerunerträglichsten Schmerzen verursachen. Ich habe diese von mir genau beobachtete Sache nur darum beigefügt, damit ihr Brüder im Angesichte des Herrn das Darauffolgende desto leichter fassen möget, zugleich aber auch, um zu zeigen, wie unabänderlich getreu der hohe Kornelius sein Richterwort erfüllt hat.
GEJ|4|130|12|0|Je länger die sieben an den Kreuzen hingen, desto gräßlicher ward ihr Geschrei und desto schrecklichere Läster- und Fluchworte stießen sie aus, bis sie nach etwa drei Stunden als ganz heiser und völlig stimmlos bloß nur noch einen blutigen Geifer von sich trieben und sich die Zunge und die Lippen klein zerbissen. Nach sieben vollen Stunden wurden sie ruhiger, und es schien sie alle nahe zugleich ein Nervenschlag gerührt zu haben.
GEJ|4|130|13|0|Ich muß aber offen gestehen, so sehr sie als wahre Teufel in ihrem freien Zustande gewirtschaftet hatten und es sicher nicht einen Menschen in ganz Jerusalem und Judäa gab, der da nur einen aus den sieben irgend bemitleidet hätte, so kam mir die Sache am Ende denn doch eben nicht sehr löblich vor! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, das Gesetz schreibt das vor, und vor den Augen der Welt hatten sie das verdient!
GEJ|4|130|14|0|Was wir jetzt, o Herr, aus Deinem Munde gehört und gesehen haben, von dem hatte natürlich damals kein Mensch auch nur eine leiseste Ahnung, und so war es recht und billig, diese sieben mit des Gesetzes äußerster Strenge zu bestrafen zum abschreckenden Beispiele für die vielen, die irgend auf ähnlichen Wegen wandelten. Aber so empörend gräßlich die ganze Geschichte bisher auch war, so ist das doch alles rein nichts gegen das, was, als gleich darauf folgend, ich euch erst erzählen werde.
GEJ|4|130|15|0|Bei diesen sieben fing nun auch eine sonderbare Art ganz kohlschwarzen Dunstes und Rauches über der Brustgrubengegend sich zu entwickeln an und wuchs und wuchs bis zur doppelten Größe der an den Kreuzen Hängenden; ich bemerkte auch die gewisse Dunstschnur, durch die der ausgestiegene Dunst mit dem noch fiebrig und krampfhaft zuckenden Leibe in einer Verbindung stand. Die schwarze Dunstmasse aber entfaltete sich ja nicht etwa in eine Menschenform, sondern in die erschrecklichste eines größten und ganz schwarzen Tigers, der aber wie mit Blut gestreift war. Als diese schwarzen Bestien bald genug ausgebildet dastanden, fingen sie alsbald überaus furchtbar an zu toben und versuchten, sich mit aller Gewalt völlig vom Leibe zu trennen. Aber es ging das nicht; denn die Lebensschnüre waren so hartnäckig, daß sie sich durch gar keine Gewalttat zerreißen ließen.
GEJ|4|130|16|0|Die Sache sah mir zu toll und gräßlich aus, und da es ohnehin schon gut eine Stunde über die Tagesmitte war, so gingen ich und mein Vater nach Hause, und ich erzählte auf dem Wege erst dem Vater, was bei dem Verlaufe der Kreuzigung alles zu sehen war. Er gestand mir zwar, nichts dergleichen gesehen zu haben, hatte aber fleißig meine Augen beobachtet und nahm aus ihrem fixierten Hin- und Herschweifen genau wahr, daß ich da etwas Besonderes sehen müsse; also nahm er auch aus der Treuheit meiner Worte genau ab, daß ich ihm keine Unwahrheit erzählt hatte. Er, als ein Arzt zur Not und als ein Philosoph und Theosoph zugleich, fand darin sehr viel Denkwürdiges, obgleich er trotz aller seiner Philosophie und Theosophie von meinen Erzählungen ebensoviel verstand als ich selbst; aber er beschloß, gegen Abend dennoch wieder dahin zu ziehen, um durch mich noch weitere Beobachtungen machen zu können, und um bei Gelegenheit den Sadduzäern so recht derb sagen zu können, daß sie die größten Ochsen und Esel seien, wenn sie die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ableugnen.“
GEJ|4|131|1|1|131. — Eine Sadduzäerkritik über römische Strafen
GEJ|4|131|1|0|(Mathael:) „Wir selbst hatten einen ausgespickten Sadduzäer mitsamt seiner Familie zum Nachbarn, der zwar als Mensch ganz ordentlich, gut und sehr verträglich war, mit dem aber über Gott und über die Unsterblichkeit der Seele nie ein Wort zu reden war. Er hielt alle für höchst beschränkte Köpfe, die an derlei glaubten, und über mich sagte er, daß ich zu einem Dichter die besten Anlagen besäße, indem mir eine so lebhafte Phantasie und Einbildung eigen wäre. Kurz und gut, mein Vater gab sich zu zeiten viel ab mit ihm; aber es war alles rein vergeblich.
GEJ|4|131|2|0|Diesmal fragte ihn mein Vater, ob er nicht mit auf Golgatha möchte. Da sagte er: ,Nicht um die ganze Welt! Ich kann kein Tier sterben oder gar schlachten sehen, geschweige erst Menschen, und möchten sie noch mehr Greueltaten ausgeübt haben denn diese sieben! Kommen reißende Bestien uns in die Nähe, gut, so mache man Jagd auf sie, um sie unschädlich zu machen, und man hat der Menschheit dadurch schon einen guten Dienst erwiesen! Also mache man es auch mit dergleichen Menschen, die für eine friedliebende Menschengesellschaft durchaus nicht mehr taugen! Man töte sie ganz einfach, – aber man martere sie nicht; denn sie können sicher am wenigsten darum, daß sie zu reißenden Bestien geworden sind! Natur, Temperament, Komplexion und Erziehung sind allzeit die Ursachen von solchen Entartungen.
GEJ|4|131|3|0|Wenn man aber sagt, daß man solches nur des abschreckenden Beispieles wegen anordne, so muß ich darüber nur ganz hellauf zu lachen anfangen; denn wir friedsamen und ordentlich erzogenen Menschen bedürfen des abschreckenden Beispieles nicht, und für die es allenfalls gut wäre, die werden keine Narren sein, herzukommen, um sich die sieben abschreckenden Beispiele so ganz gemütlich anzusehen!
GEJ|4|131|4|0|Das aber werden diese Beispiele sicher als löbliche Folge haben, daß die noch lange nicht eingefangenen anderen Verbrecher – vielleicht tausend an der Zahl – in der Folge mit denen, die in ihre Hände geraten werden, noch um vieles grausamer verfahren werden denn bisher! Besonders zu gratulieren wird es einem Römer sein, der leicht möglich das Glück haben wird, den noch freien Verbrechern zur Beute zu werden! Wahrlich, in dessen Haut möchte ich mich um alle Schätze der Erde nicht befinden! Diesen einzigen Vorteil kann solch eine grausame Handhabung zu martialischer Gesetze haben!
GEJ|4|131|5|0|Wer erinnert sich nicht der Zeiten vor den Römern?! Die Gesetze waren zwar immer ernster Natur, – aber wenigstens vernünftig, und man hörte nie etwas von großen Greueln. Nun aber haben die weisen Heiden uns mit den allerschärfsten politischen und martialischen Gesetzen gesegnet, diese hochtrabenden Weltverbesserer und Städte- und Ländereroberer, und an den Straßen unseres gelobten Landes werden trotz der zehnfach verstärkten römischen Wachen Greuel begangen, die sich ein ordentlicher Mensch nicht mehr erzählen lassen kann, ohne dabei auf einmal in zehn Ohnmachten zu versinken! Gehet ihr darum nur allein hin und besehet euch das Siebenmuster der echt römischen Grausamkeit, die bald eine siebzigfache von der andern Seite zur Folge haben wird!
GEJ|4|131|6|0|Der Mensch soll Mensch sein, weil ihn die ewige Natur zum Menschen über sich erhoben hat! Wenn aber der Mensch mit aller seiner so hoch gepriesenen Vernunft am Ende noch ein bei weitem ärgeres und grausameres Tier wird als der Wälder allerreißendste Bestien, dann ist es rein aus mit dem Menschen, und es ist hoch an der Zeit, daß wir zu den wilden und reißenden Bestien in die Wälder ziehen, um von ihnen die natürliche Humanität zu erlernen! Gehet also nur hin nach Golgatha, auf diesen allerverfluchtesten Fleck der ganzen Erde, der mit Menschenblut getränkt ist wie eine Schlächterbude mit dem Blute der Rinder, der Lämmer und der Ziegen! Was ihr dort erlernen werdet, das wird wahrlich von keinem guten Ansehen sein!
GEJ|4|131|7|0|Ihr bekennet seinen Gott und glaubet an der Seele Unsterblichkeit und könnet dennoch mit leichtem Gemüte mit ansehen, wie verzogene und tief verirrte Menschen von den noch größeren Wüterichen auf das namenlosest schmerzlichste den ganzen Tag über bis zum Tode gepeinigt werden! Glaubet mir, diese sieben wären ohne die römische Strenge nie so arg geworden, als sie freilich, in die Haut schaudernd, waren! Aber wer hat sie dazu gemacht? Die, die sie nun den ganzen Tag über mit allem Behagen martern!
GEJ|4|131|8|0|Und ihr als heilige und gottgläubige Juden könnet auch zusehen, wie die Verruchtesten die Verruchten peinigen und martern?! Seid mir wohl auch recht schöne Leute und Nachbarn! Wahrlich, in meinem Eselsstalle sieht es bei weitem humaner und menschlicher aus als in eurem an einen Gott gläubigen Hause! Verstanden?‘ – Mit dem entfernte er sich, und wir gingen auch unsere Wege.“
GEJ|4|132|1|1|132. — Das Ende der gekreuzigten Raubmörder
GEJ|4|132|1|0|(Mathael:) „In einer halben Stunde waren wir schon wieder auf Golgatha und trafen daselbst außer den Wächtern nahe niemanden dort. Aber die sieben boten einen Anblick des tiefsten Entsetzens dar. Ich will hier nicht so sehr von dem schrecklichen Aussehen der sieben Halbleichname reden, als vielmehr von ihren Seelen, die von ihren Leibern noch nicht abgelöst waren, sich aber alle Mühe gaben, selbst die Leiber zu zerstören und zu zerreißen. Diese schwarzen und dunkelblutrot gestreiften Tiger krallten sich in ihre Leiber und verbissen sich in dieselben; aber sie mußten dafür aus dem noch nervenlebenden Leibe eine sie schmerzende Rückwirkung verspüren. Denn nach jedem dem Leibe beigebrachten Bisse machten sie schmerzhafte Grimmgesichter und legten ihre Tatzen gleich auf die entsprechend gleiche Stelle, allwo sie in ihren halbtoten Leib hineingebissen hatten.
GEJ|4|132|2|0|Diesem bösen Manöver sahen wir nahe eine Stunde lang zu, und ich mußte meinem Vater stets erzählen, was ich an den sieben wahrnahm. Das aber bemerkte der römische Wachtmeister, der meinen unsteten Blick schon länger mit aller Aufmerksamkeit beobachtet haben mußte. Er trat zu uns und fragte in der römischen Zunge uns beide, was wir denn an den sieben sähen, weil wir, besonders ich, mit solch unsteter Aufmerksamkeit beobachteten und ich stets meinem Vater etwas zu rapportieren hätte. Wir sollten das in seiner Zunge tun, ansonst er uns wegschaffen müßte.
GEJ|4|132|3|0|Der Vater sprach mit ihm griechisch, worin er sich leichter bewegte als im Lateinischen, obschon wir beide auch das Lateinische recht gut verstanden; denn in Jerusalem mußte man ja schon als ein Knabe drei Sprachen kennen, so man mit den vielen Fremden konversieren wollte. Mein Vater erklärte ihm, dem Wachtmeister, daß er ein Arzt sei und hier mit mir als seinem Sohne und zugleich seinem Schüler morbognostische (krankheitserkennende) und psychologische Beobachtungen anstelle, und mich dabei antreibe, auf alle Symptome wohl achtzuhaben; er erkläre mir nebstbei auch dieses und jenes nach der Weise des Hippokrates.
GEJ|4|132|4|0|Der Wachtmeister aber fand daran als ein wißbegieriger Mensch sein Wohlgefallen, nur wünschte er, daß mein Vater die Erklärungen mir in der griechischen Zunge machen möchte, damit auch er dabei etwas profitieren könne. Jetzt saßen wir in der Patsche! Denn daß mein Vater mir etwas dabei erklärt hatte, war nur eine Finte, um den Wachtmeister zu beruhigen, indem nur ich dem Vater über das psychisch Gesehene Mitteilungen gemacht hatte, die doch sicher von der Art waren, über die uns der Wachtmeister ins Gesicht lachen müßte, so er sie vernähme. Was war nun hier zu tun? Wir beide waren ratlos!
GEJ|4|132|5|0|Aber nun bemerkte ich einen Geist, der sich gerade aus der Lufthöhe, auf einer Wolke stehend, herabließ und in seiner Rechten ein großes, blankes Schwert trug. ,Was wird er hier tun?‘ dachte ich mir. Der Wachtmeister aber bemerkte meinen fixiert forschenden Blick und fragte mich gleich, ob ich etwa irgend etwas Besonderes sähe. Und ich erwiderte ihm nach meiner damaligen Art ganz kurz und etwas barsch: ,Allerdings, – aber so ich es dir auch mitteilete, so würdest du es mir dennoch nicht glauben!‘
GEJ|4|132|6|0|Der Wachtmeister wollte hier in mich dringen; aber da es bei dieser Gelegenheit schon gen Abend zu gehen anfing und vom Kornelius eine Order kam, den sieben nach der Römer Sitte mit Beilen die Beine an den Füßen zu brechen, und wenn einer noch lebete, ihm mit einem Schlage aufs Haupt und einem auf die Brust den Garaus zu machen, so bekam unser Wachtmeister wieder strengen Dienst, und wir waren in unserer Beobachtung unbehindert.
GEJ|4|132|7|0|Ich sah nun nur auf den großen Geist, der ein dunkelhimmelblaues Faltengewand anhatte, was denn er bei dieser Geschichte tun werde. Hört! Wie die Beinbrecher auf das Kommando harrten, um den sieben die Beine zu zerschlagen und einem noch beim Leben Seienden mit den bewußten Schlägen den Garaus zu geben, da streckte der mächtige Geist sein Schwert aus und hieb die Fäden entzwei, mit denen die schwarzen Tigerseelen noch mit den Leibern zusammenhingen.
GEJ|4|132|8|0|Als diese schrecklichen Seelen ihrer Leiber ganz ledig waren, bekamen sie auf einmal ein etwas menschlicheres Aussehen, gingen auf den Hinterbeinen einher, aber ganz stumm und höchst traurigen und leidenden Aussehens, und der Geist herrschte sie folgenderweise an: ,Entfernet euch an den Ort eurer bösen Liebe; er wird euch anziehen! Wie eure Taten, also auch euer Lohn!‘ Die sieben Seelen aber schrien: ,Sollen wir verdammt sein, so wäre dazu noch Zeit gewesen! Warum mußten wir uns denn martern lassen, so uns nun hier die ewige Verdammnis erwartet?!‘
GEJ|4|132|9|0|Sagte der große, mächtige Geist: ,Alles lag und liegt noch an eurer Liebe! Ändert diese nach der euch bekannten Ordnung Jehovas, und ihr werdet eure eigenen Erlöser sein; aber außer euch kann euch niemand in der ganzen Unendlichkeit Gottes erlösen! Das Leben ist euer, und die Liebe ist euer; könnet ihr eure Liebe ändern, so wird diese dann auch euer ganzes Leben und Sein umgestalten! Und nun entfernet euch!‘
GEJ|4|132|10|0|Bei diesen scharfen Worten des großen und mächtigen Geistes fuhren die sieben unter einem gräßlichen Geheule schnellstens von dannen; ich aber war so keck, den großen Geist zu fragen, was es denn mit den sieben späterhin für ein Ende nehmen werde.
GEJ|4|132|11|0|Und der Geist erhob sich wieder und sagte nichts als: ,Ihr höchst eigener Wille! Bei diesen war es nicht Mangel an der Erziehung, nicht an der Erkenntnis, und sie waren auch nicht besessen – denn nur durch ihren bösen Willen. Das Geschmeiß, das du während ihres Ausgesetztseins und während ihrer Stäupung ihnen entfliehen sahst, waren keine fremden Dämonen, sondern lauter Produkte und Ausgeburten ihres eigenen bösen Willens. Also ist dies Gericht ein gerechtes; denn es hatte mit sieben vollendeten Teufeln zu tun, für die es auf dieser Welt keine Lehre, kein Wort und keine Besserung gab! Hier bei uns aber, da alles offenbar wird, wird ihr Los so sein, wie sie selbst es aus ihrer Liebe heraus wollen werden. An Gelegenheiten, wenn auch nur zum Scheine, wird es hier nicht fehlen, sich zu versuchen in noch mehr Bösem oder aber auch in Besserem. Verstehe das, Junger, und erkläre solches auch deinem Vater, dem für das keine Sehe gegeben ist!‘
GEJ|4|132|12|0|Mit diesen bedeutungsvollen Worten verschwand der große und mächtige Geist, und die Beinbrecher begannen ihr Werk. Bei fünfen rann kein Blut mehr aus den weitklaffenden Wunden; aber bei den zwei letzten zeigte sich noch Blut. Bei diesen wurden denn auch sogleich die gewissen Garausmachungsschläge angebracht, was aber auch eine ganz vergebliche Mühe und Arbeit war; denn wo die gute oder schlechte Seele einmal aus dem Leibe ist, da ist der Leib schon sicher ganz vollkommen tot.
GEJ|4|132|13|0|Nach dieser eben nicht zu einladend schönen Handlung begaben sich die Scharfbüttel nach Hause, die Leichname aber wurden dem Wasenmeister und seinen Knechten zur weiteren Vertilgung übergeben. Die Art der Vertilgung aber war verschieden und ist es noch, nur beerdigt durften sie nicht werden. Gewöhnlich wurden sie verbrannt mit dem verfluchten Holz oder ausgesotten im verfluchten Wasser und sodann erst den wilden Tieren zum Fraße vorgeworfen. Die wilden und reißenden Bestien aber, die davon fraßen, gingen gewöhnlich zugrunde, daher der Wasenmeister dergleichen Leichname ganz gewöhnlich im verfluchten Wasser auskochte und sie dann zur Vertilgung der Wölfe, Hyänen, Bären und Füchse weithin ganz gut verkaufen konnte und recht viel Geld dafür bekam.
GEJ|4|132|14|0|Das, o Herr, ist nun abermals ein Histörchen, das ich erlebt habe in meiner Jugend, bei der mir sonst alles klar wäre, – nur die Gestalt der Seelen nicht, die aller menschlichen Form bar waren, und das vorher zahllos viele aus den Verruchten entflogene, mir sichtbar gewordene Geschmeiß von Fledermäusen und kleinen Drachen. Der große Geist gab mir freilich dahin wohl ein etwas erläuterndes Wort, daß dies nur Ausgeburten des bösen Willens seien; aber wie, – das ist eine ganz andere Frage, die außer Dir, o Herr, wohl niemand beantworten und lösen wird! Diese beiden könntest Du, o Herr, uns wohl lösen, so es genehm wäre Deinem heiligsten Willen!“
GEJ|4|133|1|1|133. — Gestaltung der Seelen der Raubmörder
GEJ|4|133|1|0|Sage Ich: „Ganz gut und wahr hast du deine Erzählung von dem, was du selbst erlebt hast, vorgetragen. Die bestiale Gestaltung der Seelen der bewußten sieben großen Verbrecher hat ihren Grund eben in einer gewissen freien Ordnung, aber freilich dahin nur, wie sich in einem Leibe die darin wirkenden Seelenspezifikalteile von neuem ergreifen oder umtauschen, was dem gleich ist, als wie ihr einen Knaul Würmer sehet, die da durcheinanderkriechen und -steigen und gewisserart eine ihnen stets bequemere Ruhelage suchen. Haben sie entweder in ihrer guten oder bösen Art eine gefunden, so wird die äußere Form gewiß stets eine der guten oder bösen Art entsprechende.
GEJ|4|133|2|0|Seht hier mehrere Pflanzen; da steht eine heilsame, da eine giftvolle! Betrachtet bei dem sonnenhellen Lichte unserer Leuchtkugel die Formen! Sehet, wie geschmeidig, lieblich, sanft und bescheiden die heilsame Pflanze in ihrer Form anzusehen ist, und wie eckig, zerrissen und hie und da auch ganz verdächtig glatt die Giftpflanze dagegen in ihrer Form anzusehen ist, und dennoch bestehen beide Gattungen aus einer- und derselben Ursubstanz, stehen in gleicher Erde, schlürfen denselben Tau ein, die ganz gleiche Luft und das gleiche Licht! Und dennoch ist in der heilsamen Pflanze alles heilsam, in der Giftpflanze aber ganz und gänzlich Gift! Der Grund liegt allein im Verkehren der Ordnung.
GEJ|4|133|3|0|Ihr habt ja gesehen, wie zuvor aus den sich ganz ähnlichen Glühzungen oder umherschwebenden Feuerschlangen, die für das Fleischauge vor lauter Kleinheit nicht zu erschauen wären, sich ein vollkommener, ganz gemütlicher Esel herausgeformt hat; glaubt ihr, daß daraus bei einer andern Ordnung der sich zu einer ganzen organischen Form ergreifenden Ursubstanzen nicht ebensogut ein Tiger, ein Kamel, ein Ochse oder Elefant oder sonst etwas hätte entstehen können?! O ganz sicher! Und ein anders geordnetes Sich-Ergreifen hätte aber dann auch eine ganz andere Natur und Eigenschaft in sich, die einer andern ganz feindlich gegenüberstünde, und das darum, weil in jeder anders organisierten eigentümlichen Form fortwährend das Bestreben vorwaltend ist und zum größten Teile auch bleibt, alles andere und etwa Schwächere in seine Ordnung umzugestalten.
GEJ|4|133|4|0|Aus dieser Eigenschaft gehet hervor die Liebe, die innere Wärme, das Bestreben, die Gier, der Hunger und der Durst. Ist diese Gier, die gleich der Herrschsucht ist, hie und da zu groß und haschet nach zu vielem, um es unter seine ursprüngliche Ordnung zu schieben, so wird das in sich Hineingeschobene nicht selten zu mächtig, ergreift die erste im Wesen schon seiende seelenorganische Ordnung, zieht sie in die eigene gute, bessere, aber gar leicht auch schlechte, schlechtere und am Ende gar allerschlechteste Ordnung!
GEJ|4|133|5|0|Was geschieht aber dadurch? Mathael, nun komme mit deinen gesehenen tigergestaltigen Verbrecherseelen! Sie sind von jenen zu gierig zu sich genommenen Seelenursubstanzen, die zu ihrer Ordnung nicht taugten, zu übermäßig in sich aufgenommen worden; und diese haben dann erst ihre Seelen in das ihrige Überschlechte verkehrt und somit aus Menschenseelen wahre Tigerseelen gezeugt, und vom selben Ursprunge war auch all das Geschmeiß, das du den geängstigten Verbrechern massenhaft hast entsteigen sehen. Nun aber saget mir alle, ob ihr diese gar reichliche Lehre wohl allseits verstanden habt!“
GEJ|4|133|6|0|Sagen die meisten: „Jawohl, Herr, wir verstanden diese Lehre jedenfalls so ziemlich; aber daß wir uns rühmen könnten, darin so recht zu Hause zu sein, da würden wir Lügner sein. Aus der früheren Gestaltung der Eselin haben wir wohl wahrgenommen und gesehen, wie aus den geistigen Ursubstanzen ein Ding oder Wesen wird. Wir sahen ja ordentlich das Gras wachsen, und wie sich gewisserart von selbst eine Eselin aus den Feuerzungen erschaffen hatte. Ja, wir wissen durch Deine Güte und Gnade sogar, was, wer und woher kommend diese Feuerzungen sind, und wie sie sich als verwandt zu irgendeiner ausgeprägten Idee und Form ergreifen können. Wir wissen es recht wohl, wie sich diese Deine zahllosesten Urgedanken, von denen die ganze Unendlichkeit strotzt, obschon sich der äußeren Erscheinlichkeit nach gleichsehend, in sich selbst dennoch sehr unterscheiden, leichter und schwerer sind, je nachdem sie in sich irgendeinen Sinn enthalten, der etwas Tieferes, Ernsteres und Gediegeneres in sich faßt, und wie die verwandteren sich auch zunächst ergreifen und irgendein Organ zu bilden anfangen.
GEJ|4|133|7|0|Wie gesagt, das alles begreifen wir nun ganz gut; aber etwas ist uns dabei dennoch ein starkes Rätsel, welches Du, o Herr, uns wohl lösen könntest, so es Dir genehm und wohlgefällig wäre. Wir alle aber brauchen es Dir sicher nicht anzugeben, wo es uns noch fehlt; denn Du kennst alle Lücken, die in uns sind, und wirst sie sicher noch ausfüllen mit Deiner Gnade, so Du es für notwendig erachtest! Sollte es für uns nicht von irgendeiner großen Wichtigkeit sein, so sind wir denn auch mit dem, was wir haben und verstehen, mehr als vollkommen zufrieden.“
GEJ|4|133|8|0|Sage Ich: „Um das Geheimnis des Reiches Gottes zu fassen in aller Tiefe der Tiefen, müßt ihr alle zuvor im Geiste wiedergeboren sein, was für euch jetzt noch unmöglich ist. Erst wenn des Menschen Sohn wird dahin zurückgekehrt sein, von wannen Er gekommen ist, so wird Er dann den Geist aller Wahrheit, der heilig ist, zu euch senden; der wird euch erst völlig erwecken und wird vollenden eure Herzen und erwecken den Geist aller Wahrheit in euch, das heißt, im Herzen eurer Seele, und ihr werdet durch diesen Akt dann wiedergeboren sein im Geiste und im hellsten Lichte alles sehen und verstehen, was die Himmel fassen in ihren Tiefen.
GEJ|4|133|9|0|Das aber, was Ich euch nun zeige und erkläre, ist nur ein Vorbau zu dem, was euch in aller Fülle geben wird der Geist. Gar vieles hätte Ich euch noch zu sagen, aber ihr könntet es nun nicht ertragen; wenn aber der Geist der Wahrheit kommen wird, der wird euch führen und leiten in alle Weisheit! Da ihr nun das wisset, so wollen wir gleich wieder einen bedeutenden und weiteren Vorbau an dieser Stätte beginnen, und unser vielerfahrener Mathael wird uns aus seinen Erlebnissen ein anderes Histörchen erzählen.
GEJ|4|133|10|0|Und so mache du, Mathael, dich wieder ans Werk und erzähle uns die von dir erlebte und wohlgesehene Geschichte aus Bethanien! Wir haben noch vier Stunden bis zum Aufgange und können darum noch so manches erfahren und gleichsam miterleben, und du, Mathael, kannst nun gleich mit deiner Erzählung beginnen!“
GEJ|4|134|1|1|134. — Mathael kommt zum sterbenden Vater des Lazarus. Die sonderbare Naturerscheinung auf seinem Wege nach Bethanien
GEJ|4|134|1|0|Sagt Mathael: „Herr, darf ich nebenher auch jener sonderbaren Naturerscheinung erwähnen, die ich und mein mit mir um die Mitternachtszeit dahin (nach Bethanien) ziehender Vater im Aufgange beobachtet haben?“
GEJ|4|134|2|0|Sage Ich: „Allerdings; denn sie hat sehr viel Beziehung auf die Begebenheit, die du vor siebzehn Jahren in Bethanien erlebt hast! Fange du darum nun nur an!“
GEJ|4|134|3|0|Sagt Mathael: „Herr, ich sehe, daß Dir nichts unbekannt ist in der ganzen unendlichen Schöpfungssphäre! Für Dich brauchte ich demnach die Geschichte durchaus nicht zu erzählen; aber der anderen Freunde und Brüder wegen erzähle ich derlei höhere Dinge sehr gerne, besonders wo ich es sehe, daß ich gläubigst angehört werde. Es hat zwar alles, was ich euch nun kundgeben werde, einen sehr mystisch und fabelhaft aussehenden Charakter; aber darum ist doch alles wahr, was ihr vernehmen werdet, und so wollet mir denn abermals eure Aufmerksamkeit schenken!
GEJ|4|134|4|0|Höret! Es war schon sehr spätherbstlich an der Zeit. Der hohen Berge Spitzen lagen im Nebel, und ein durchaus nicht freundlicher Nordwind wirbelte die dürren Blätter der Bäume durch die Luft; nur im Osten gab es noch etliche Stellen, durch die die lieblichen Sterne wie verweint zur Erde herabblickten, welche Naturszene ich und mein Vater, der ein großer Freund der Natur auch in deren unfreundlichem Wirken war, nahe bis gen Mitternacht hin betrachtet haben. Als wir aber anfingen uns anzuschicken, ins Haus zu gehen und darin unser Ruhelager zu nehmen, da entdeckten wir einen Menschen eiligen Schrittes, mit einer Schafurinblasenlaterne in seiner Hand, gerade auf unser Haus losziehen, und es währte kaum etwelche Augenblicke, und ein ziemlich betrübter, noch recht junger Mann stand vor uns.
GEJ|4|134|5|0|Meinen Vater als einen Arzt gleich erkennend, sagte er in einem wehmütigen Tone: ,Freund und Arzt! Ich komme von Bethania her; mein Name ist Lazarus, bin der Sohn des alten Lazarus, den ich über alles liebe! Der ward heute plötzlich sehr krank, und es sieht übel aus mit ihm! Unser Rabbi, der zur Not auch so ein bißchen ein Arzt ist, kennt sich bei meinem Vater nun durchaus nicht mehr aus! Er selbst beschied mich zu dir, da du ein außergewöhnlicher Arzt wärest und den Kranken schon in Fällen Hilfe gebracht habest, in denen kein anderer Arzt mehr ein Heilmittel fand. Komme und heile, wenn noch möglich, meinen leidenden Vater!‘
GEJ|4|134|6|0|Sagte mein Vater: ,Wenn ein anderer Arzt einen Kranken schon bis an den Tod gebracht hat, da soll dann unsereins wieder Wunder wirken! Das wäre übrigens schon alles recht, wenn man nur auch gleich überall das vermöchte! Ich will mit diesem meinem einzigen Sohne, der mir zur Hand sein muß, weil er die Gabe hat, Geister zu sehen und im Notfalle sogar zu sprechen, denn nun mit dir wohl hinziehen und sehen, was daselbst zu machen sein wird; hättest du aber etliche Saumgäule mitgenommen, die dich schneller herüber- und uns nun schneller hinübergebracht hätten, so wäre eine leichtere Heilung erfolgt. Haben sich bei ihm nun aber etwa schon die hippokratischen Todesspuren eingestellt, dann ist es mit dem Heilen vorbei; denn gegen die Macht des Todes ist kein Kräutlein gewachsen, weder auf den Alpen und noch weniger in irgendeinem Garten!‘
GEJ|4|134|7|0|Der Bote Lazarus war mit diesem Bescheide zwar zufrieden, nur bedauerte er sehr, keine Saumrosse mitgenommen zu haben. Wir begaben uns aber nun doch ganz eilig auf den Weg; denn man hatte bei guten Füßen eine gemessene Stunde Zeit bis dahin.
GEJ|4|134|8|0|Als wir, ganz stumm nachdenkend, unsern Weg dahinwandeln, verschwinden im Osten die Nebel ganz, und es wird heller und heller, – ja, nach etwa einer Viertelstunde wird es so helle wie etwa eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Das hat unsere Aufmerksamkeit in einem so hohen Grade in Anspruch genommen, daß wir trotz aller Eile denn doch stehenbleiben mußten, um zu sehen, woher denn dieses sonderbare Heller- und Hellerwerden komme.
GEJ|4|134|9|0|Endlich aber wurde es ganz Tag, und über den östlichen Horizont erhob sich förmlich eine Sonne, aber mit einer viel größeren Raschheit als die gewöhnliche oder – wie man zu sagen pflegt – die alltägliche. Aber es wollte bei dieser schnell emporsteigenden Lichterscheinung das untere, östliche Ende oder der östliche Rand nicht zum Vorscheine kommen.
GEJ|4|134|10|0|Die Lichterscheinung wuchs zu einer Lichtsäule, die in wenigen Augenblicken ihr Haupt bis an den Mittagsstrich heraufschob und bald eine solche Helle und Wärme verbreitete, daß wir genötigt waren, uns unter einen noch ziemlich dicht belaubten Feigenbaum zu begeben, um nicht zu erblinden vor Licht und nicht zu vergehen vor Hitze. Aber bald wurde diese Lichtsäule wieder dünner und dünner, und es schwand das Licht und die starke, durch diese Lichtsäule erzeugte Wärme.
GEJ|4|134|11|0|Nach einer beiläufig genommenen ganz kleinen Viertelstunde war es mit der Lichterscheinung gar, aber auch mit unserem Schauen; denn es ward darauf, als dieses Licht gänzlich verschwand, derart total finster, und unsere Augenkraft war derart geschwächt, daß wir nicht einmal die Laterne unseres Boten vollends aus- und wahrnehmen konnten.
GEJ|4|134|12|0|Erst nach etwa etlichen dreißig Augenblicken fingen unsere Augen an, die nötigste Sehkraft wieder zurückzugewinnen, und wir sahen wieder bei dem schwachen Lichte unserer Laterne mit genauer Not den Weg, den wir zu gehen hatten. Die ganze Geschichte hielt uns aber dennoch ganz gut bei einer halben Stunde der Zeit nach auf, und mein Vater fragte mich gleich, ob ich bei dieser Lichterscheinung nicht etwa irgendwelche Geister gesehen hätte.
GEJ|4|134|13|0|Und ich sagte zu ihm, der vollsten Wahrheit gemäß: ,Im Lichte, das ohnehin noch um vieles weniger als die Mittagssonne anzusehen war wegen der ungeheuersten Lichtstärke, war nichts zu entdecken, wohl aber unten bei uns auf der Erde. Da wurden mir eine Menge Gestalten nur so halbwegs ersichtlich, – aber alle wie in einem geschäftigsten Zuge gegen Westen; ihre Bewegung war sonach eine homogene (gleichartige) mit der der Lichterscheinung. Nur eine einzige Geistgestalt, die uns sehr nahe kam, war ganz ersichtlich, hatte ein ernstes, altmännliches Aussehen und schien an der Lichterscheinung ein großes Behagen gehabt zu haben. Als aber das Lichtphänomen am Himmel zu schwinden begann, da entschwand auch die Geistgestalt schnell, und zwar, wie es mir vorkam, auch nach Westen, doch etwa so mehr in der Richtung gegen Bethania hin!‘ Mehr sah ich nicht und konnte darum meinem Vater auch keinen weiteren Bericht erteilen.
GEJ|4|134|14|0|Unser Führer wunderte sich über mich und meine Sehergabe und glaubte an meine Aussagen; denn er meinte, meine Phantasie und Einbildungskraft könnte noch unmöglich jene dichterische Intensität erreicht haben, daß ich ihr zufolge mir solches aus den Ärmeln gleich so herausbeuteln könnte. Damit hatte er aber auch ganz recht; denn erfinderisch bin ich wohl nie gewesen und besaß als Knabe und Jüngling nahe gar keine Phantasie oder irgendeine Einbildungskraft, wohl aber besaß ich sehr viel Talent für die Erlernung fremder Zungen.
GEJ|4|134|15|0|Wir kamen aber bei diesen wenig sagenden Betrachtungen endlich nach Bethania und daselbst in das sehr angesehene Haus des Lazarus und fanden den Kranken gerade in den letzten krampfhaften Zügen, von welchen man sagt, daß für sie kein Kräutlein mehr gewachsen ist.
GEJ|4|134|16|0|Das Bett umstanden zwei weinende, sonst überaus liebliche Töchter des Sterbenden und noch eine Menge Muhmen und Basen und schluchzten und weinten, wie es bei solchen Gelegenheiten schon immer herzugehen pflegt. Unser Führer, als Sohn des Hauses, weinte auch mit und vergaß vor lauter Traurigkeit, meinen Vater zu fragen, ob da noch etwas zu helfen wäre oder nicht.
GEJ|4|134|17|0|Nur der kleine Rabbi näherte sich meinem Vater, ob etwa da denn doch noch irgend etwas anzuwenden wäre, das den Alten doch zum wenigsten auf eine nur ganz kurze Zeit zur Besinnung brächte. Mein Vater sagte anfangs auf diese Frage nichts, fragte mich aber ganz im stillen, wie es mit dem Alten stünde, und ob etwa die Seele schon anfange, sich aus dem Leibe zu ziehen und zu erheben.
GEJ|4|134|18|0|Ich aber sagte dem Vater, wie ich es sah, ganz harmlos: ,Die Seele schwebt bereits ganz vollendet bei einem halben Mann hoch in waagrechter Richtung über dem Leibe und ist mit dem Leibe nur noch durch einen haardünnen Lichtfaden verbunden, der nach unseren gemachten Erfahrungen wohl keine sechzig Augenblicke mehr dauern dürfte; der wird ehest zerreißen. Merkwürdig aber ist zu sehen, wie jene ungeheure Lichtsäule, die wir in der großen Natur mit den Naturaugen schauten, sich hier über dem Haupte der Seele wieder zeigt, die gleiche Lichtkraft hat und auch eine sehr wohltuende Wärme von sich ausströmen läßt. Die Seele wendet ihr Auge nicht ab von der Lichtsäule und scheint daran ein großes Wohlbehagen zu haben.“
GEJ|4|135|1|1|135. — Der Wiederbelebungsversuch des Rabbi an der Leiche des alten Lazarus
GEJ|4|135|1|0|(Mathael:) „Als mein Vater solches vernommen hatte von mir, wandte er sich gleich an den schon etwas ungeduldig werdenden kleinen Rabbi und sagte: ,Freund, wie ich die Sache nun beobachtet habe, so wäre es da für jeden Tropfen selbst des stärksten Lebensbalsams schade; denn seine Seele schwebt bereits manneshoch über dem schon so gut wie vollkommen toten Leibe. Darum stimme nun nur deinen Klagepsalter an, und zeige es als ein Priester den Menschen an, daß hier keine irdische Hilfe etwas vermag!‘
GEJ|4|135|2|0|Bei dieser Erklärung machte der kleine Rabbi ein etwas saures Gesicht und fragte den Vater, wie er das zu merken imstande wäre. Der Vater aber war niemals von einer zu großen Höflichkeit und sagte dem kleinen Rabbi so ganz trocken ins Gesicht: ,Wie und woher ich das sehe und weiß, gehet dich nichts an; tue du nur das Deinige, und ich kenne recht genau und gut, was ich zu tun habe!‘
GEJ|4|135|3|0|In diesem Moment ward die Seele ganz vom Leibe gelöst, und mehrere sehr erhaben und weise aussehende Geister nahmen sie gleich in ihre Mitte, gaben ihr wie aus weißestem Bissus ein wunderherrliches Faltengewand, und einer nahm die Lichtsäule, bog sie um die Lenden der nun freien Seele, und es ward daraus ein gleich der Sonne mächtig strahlender Gürtel. Zugleich setzte ein mächtiger Geist der freien Seele einen ebenso mächtig strahlenden Hut aufs Haupt und sagte: ,Sei, Bruder, für ewig geschmückt mit dem Lichte deiner aus Gott in dir leuchtenden Weisheit!‘
GEJ|4|135|4|0|Mit dem verließen aber auch augenblicklich alle hohen anwesenden Geister samt der nun frei gewordenen Seele das Haus, was ich dem Vater sogleich mitteilte, und der Vater sagte zum Rabbi: ,Nun, weil die Seele des Alten von dem Leibe vollends abgelöst ist, wirst du etwa doch hingehen und den sich nahe blind Weinenden den vollkommenen Tod des Alten ankündigen?!‘
GEJ|4|135|5|0|Sagte der kleine Rabbi: ,Ei warum nicht gar! Jetzt werde erst ich ihm ein belebendes Tröpflein auf die Zunge lassen, und wir werden dann gleich sehen, ob seine Seele – vorausgesetzt und angenommen, daß es eine besondere Seele im Menschenleibe gibt – wohl wirklich schon aus dem Leibe gefahren ist! Nach meiner wohlgeprüften Ansicht hat kein Mensch eine Seele, die über das Leben des Blutes und der Nerven hinausreichte mit einem besonderen spirituellen Leben. Der Mensch, wenn er einmal tot ist, da ist er ganz tot wie ein Stein oder ein dürres Stück Holz, und bei allem, was ich heilig nennen kann, schwöre ich dir, daß dann im Menschen nichts mehr am Leben bleibt. Es gibt aber noch Arkana (Geheimmittel) in der Natur, das Leben im nahe schon toten Leibe von neuem zu wecken; und das will ich nun tun und werde dir als einem steifen Juden beweisen, daß die Seele noch lange nicht aus dessen Leibe gefahren ist und auch nicht fahren kann, weil niemals eine eigentliche Seele darin gewohnt hat!‘
GEJ|4|135|6|0|Hier zog der Rabbi ein goldenes Fläschchen aus seiner Rocktasche, zeigte es meinem Vater und sagte: ,Da, Freund, sieh her! Darin sitzt die Seele eines schon tot gewordenen Menschen!‘
GEJ|4|135|7|0|Sagte mein Vater lächelnd: ,Nur zu! Meine ganze, große Besitzung, die du kennen dürftest, ist dein, wenn der Tote auf deine ihm gegebenen Tropfen sich rührt nur auf ein paar Augenblicke lang; denn dein Arkanum ist mir bekannt. Ich besitze es auch, und es hat mir bei Scheintoten schon ganz gute Dienste geleistet; aber bei Scheintoten ist die Seele noch lange gut im Leibe. Es ist darum dieses Arkanum bei allen Verstorbenen, bei denen sich noch keine hippokratischen Symptome zeigen, mit vielem Nutzen anzuwenden; aber wenn einmal aus dem Gesichte eines Verstorbenen der allerausgebildetste Hippokrates herausschaut, da ist die Seele entflohen, und du kannst dem Toten zehntausend solche Fläschchen eingießen, so wird sich der Leib dennoch nicht rühren, sondern völlig tot und unempfindlich daliegen wie dein Stein oder dein dürres Stück Holz. Nun gehe aber deine Probe an mit deinem echt persischen Farrenkrautöle, und wie ich hier vor vielen Zeugen gesagt habe: meine Besitzung ist von dem Augenblick an vollkommen dein, wenn dieser Tote, um den sich nun schon ganz leise der Verwesungsgeruch zu entwickeln beginnt, auch nur einen Rührer auf deine Tropfen machen wird!‘
GEJ|4|135|8|0|Der kleine Rabbi ist auf diese ganz energische Einsprache von seiten meines Vaters zwar etwas betroffen, tritt aber dennoch zum Toten hin, öffnet ihm den Mund und läßt ihm zehn Tropfen statt der gewöhnlichen ein, zwei bis höchstens drei auf die schon ganz verdorrte Zunge fallen. Er schließt ihm darauf den Mund wieder und harrt nun mit großer Aufmerksamkeit, bis sich der Tote etwa doch nur ein bißchen irgend zu rühren beginne. Allein es vergeht eine Vollstunde und noch eine Vollstunde, es fängt schon an sehr zu tagen, und der Tote macht noch keine Miene von einer Bewegung.
GEJ|4|135|9|0|Nun fragt mein Vater den kleinen Rabbi, ob er noch der Meinung sei, daß sich der Tote auf seine echt persischen Farrenkrauttropfen zu rühren anfangen werde und vielleicht auch gar zu reden.
GEJ|4|135|10|0|Sagt der Kleine: ,Warten wir nur noch eine Stunde, warten wir ab den Aufgang der Sonne, und der Tote wird sich schon zu rühren anfangen; auch reden wird er!‘
GEJ|4|135|11|0|Sagt mein Vater, abermals lächelnd: ,Nur zu, ich werde nichts dagegen haben; im Gegenteil opfere ich gerne mein Hab und Gut für die Wiedergewinnung des Lebens dieses alten, mir überaus wohlbekannten, gottergebenen Biedermannes! Und verlierst du gegen mich, so verlange ich von dir nichts, als daß du glaubst an den wahren, ewig lebendigen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und an die vollste Unsterblichkeit der menschlichen Seele!‘
GEJ|4|135|12|0|Sagt der Rabbi: ,Ja, Freund, das will und werde ich; aber ich sehe es im voraus, daß du bei diesem Handel eingehen wirst! Denn ich gehöre geheim zur vernünftigen Sekte der Sadduzäer und möchte meine Templerschaft in die große Sandwüste Afrikas verwünschen! Aber solltest du nun im Ernste über mich siegen, dann werde ich wieder recht froh sein, dem Tempel mit Haut und Haaren anzugehören!‘
GEJ|4|135|13|0|Nun ward alles still und harrte mit großer Begierde auf den Augenblick der Wiederlebendigwerdung des alten Lazarus.“
GEJ|4|136|1|1|136. — Der Geist des Lazarus gibt ein Zeugnis vom Messias
GEJ|4|136|1|0|(Mathael:) „Unterdessen aber trat der junge Lazarus zu meinem Vater und fragte ihn, ob denn die geheimen Tropfen des Rabbi den Vater im Ernste nimmer erwecken würden.
GEJ|4|136|2|0|Sagte mein Vater: ,Tut mir sehr leid, mein bester Freund, daß ich dir die vollste Wahrheit eingestehen muß als Arzt und Mensch! Was heißt es auch, einen Menschen mit blinden Hoffnungen dahinhalten, aus denen nie und nimmer irgendeine Realität zum Vorscheine kommen wird! Ich kann dir zu deinem Troste aber etwas viel Besseres sagen, und das besteht darin, daß ich dir die lebendigste und vollwahrste Versicherung gebe und geben kann, daß dein Vater lebt und der Wahrheit nach nie gestorben ist!‘
GEJ|4|136|3|0|Sagte traurig der junge Lazarus: ,Siehe hin aufs Lager! Der lebt nicht und ist über und über tot!‘
GEJ|4|136|4|0|Sagte der Vater: ,Ja, der ganz sicher; aber der war nicht dein Vater, sondern nur deines Vaters Fleischrock! Mein Sohn aber, der ein vollkommenster Geisterseher ist, kann dir etwas anderes erzählen; gehe hin und frage ihn darum, und du wirst eine große Freude an dem haben, was er dir von seinem hier gehabten Gesichte kundtun wird!‘
GEJ|4|136|5|0|Des Lazarus Sohn wandte sich nun an mich, als Sohn meines Vaters, und fragte mich, was ich als des Arztes Sohn ihm wohl zu seinem Troste sagen könnte. Und ich erzählte ihm haarklein und sehr umständlich, was ich alles gesehen hatte. Lauschende Ohren gab es viele um mich, aber wenige so gläubigen Herzens, als da war unser junger Lazarus. Je länger ich ihm von meinem Gesichte vorerzählte, desto mehr heiterte sich sein Angesicht auf, was auch seine beiden Schwestern, die noch der zartesten weiblichen Jugend angehörten, bald bemerkten und ihn fragten, was es denn wäre, das ihn auf einmal gar so heiter machete. Lazarus deutete auf mich und sagte darüber nichts weiteres.
GEJ|4|136|6|0|Da gingen die beiden Mägdlein auf mich zu und fragten mich kurz und bescheiden, was ich denn dem Bruder gesagt hätte, demzufolge er auf einmal alle die große Traurigkeit verlor und nun also heiter dastehe, als wäre da im ganzen Hause nie etwas Trauriges geschehen. Ich möchte es ihnen doch auch erzählen!
GEJ|4|136|7|0|Ich aber ward damals etwas schlimm und sagte: ,Oh, euch Mägdlein schadet es nicht im geringsten, so ihr auch ein wenig trauert! Ich sage euch nichts; zur rechten Zeit wird es euch schon euer Bruder Lazarus sagen!‘
GEJ|4|136|8|0|Die beiden Mägdlein drangen darauf zwar nicht mehr in mich, ihnen das zu sagen, was ich ihrem Bruder erzählt hatte. Sie wurden aber dennoch weniger traurig, und mein Vater wandte sich, weil gerade die Sonne schon ganz purpurrot über den Horizont zu blicken begann, an den Rabbi und sagte: ,Nun Freund, wie steht es denn mit deinen persischen Farnkrautöltropfen? Der Verstorbene liegt noch immer so regungslos wie ein altes Stück Holz da! Wie ist es denn? Die Sonne ging bereits auf, und es ist alles stille und voll der totesten Ruhe! Wer gewann die Wette, ich oder du?‘
GEJ|4|136|9|0|Sagte der Rabbi: ,Freund, ich gebe mich dir gefangen, und ich will nun glauben, was du glaubst! Du bist ein weiser und vielerfahrener Arzt, der ohne Grund sicher nicht leichtlich an etwas glaubt. Sehe ich auch den Grund nicht ein, so will ich dennoch glauben, weil du es glaubst, der du den Grund sicher kennst! Ich nehme hier den Ansehensglauben und bleibe bei dem, was du mir gesagt hast. Du hast die bedeutungsvolle Wette gewonnen, und ich bin dein Gefangener!‘
GEJ|4|136|10|0|Sagte mein Vater: ,Nicht mein Gefangener, sondern ein freiester Mensch im Namen Jehovas!‘
GEJ|4|136|11|0|Hierauf fragte der Rabbi meinen Vater: ,Freund, was muß ich denn tun, um deine Freundschaft vollends zu gewinnen?‘
GEJ|4|136|12|0|Sagte mein Vater: ,Du hast sie schon! Glaube fortan, und du wirst durch den Glauben in das rechte Licht kommen!‘
GEJ|4|136|13|0|Nun trat ich zum Vater hin und sagte, was ich im Augenblicke gesehen hatte: Es war nämlich ein großer Geist, der in das Zimmer trat und mir winkte und sagte, die Kinder des Lazarus sollen sich bereit halten, es werde des Vaters Geist noch einmal kommen und werde sie segnen und eine große Verheißung machen. Ich sagte auch zum Vater, daß er solches den dreien verkündigen solle; und der Vater tat das. Des Lazarus Sohn und seine beiden noch ganz jungen Schwestern, Mägdlein von vierzehn und sechzehn Jahren, hatten eine große Freude daran.
GEJ|4|136|14|0|Es dauerte gar nicht lange, da trat des verstorbenen Lazarus Geist voll himmlischen Glanzes wieder in das Zimmer, und alle drei wurden seiner ansichtig und konnten auch vernehmen seine Stimme.
GEJ|4|136|15|0|Der Lichtgeist aber sagte zu seinem Sohne: ,Du bist volljährig; sei ein rechter Ziehvater deiner jungen Schwestern! Lasse keinen bösen Gedanken in dein Herz dringen; denn sieh, ich lebe und bin nicht gestorben! Was da geschah, das hat der Herr also gewollt. Unser Haus hat Er ausersehen, und das Wunder aller Wunder wird in diesem Hause verübt werden.
GEJ|4|136|16|0|Schon wandelt der Herr als wie ein Sohn armer Eltern im Fleische auf dieser Erde. Er, der Ewige, der Heiligste, hat bereits das große Erlösungswerk begonnen. Er will allen Menschen dieser Erde, die eines guten Willens sind, ein Vater werden für ewig. Fürder sollen die Menschen dieser Erde keinen unsichtbaren, ewig unzugänglichen, sondern einen zugänglichen und allzeit sichtbaren Vater haben. Und dieser Gott, der alles, was da fasset die ewige Unendlichkeit, erschaffen hat, wird in diesem Hause aus und ein gehen. Bewahret darum eure Herzen vor Unlauterkeit, auf daß dieses Haus würdig werde, Den zu ertragen, den Himmel und Erde nicht einzuschließen vermögen!
GEJ|4|136|17|0|Daß ich lebe, das sehet ihr; aber sehet auch zu, daß ihr lebet, wie ich nun lebe für ewig in Gott, meinem und eurem Vater! Mit dem aber nehmet nun auch hin meinen wahren Vatersegen, den ich euch nun erteile, nicht mehr als Fleisch, das dort im Bette als ein abgetragener alter Rock harret der Erlösung durch der Würmer Nagekiefer, sondern als ein vollkommener Geist aus dem Paradiese Gottes, im Reiche der reinen Geister! Haltet die Gebote Gottes und lobet und liebet Ihn allein über alles, und ihr werdet auf dieser Erde schon eine größere Ernte machen als die, die ich nun genieße im hellsten Paradiese Gottes! Gott der Herr wird sein mit euch, Amen!‘
GEJ|4|136|18|0|Hierauf verschwand der Geist, und die drei Kinder wurden so voll Freuden, die ich gar nicht beschreiben könnte.“
GEJ|4|137|1|1|137. — Der wortbrüchige, feige Rabbiner
GEJ|4|137|1|0|(Mathael:) „Alle Anwesenden aber staunten vor Freuden über die unbegreifliche erbauliche Heiterkeit der Jungen des alten Lazarus. Gesehen hatte außer mir und den drei Kindern des Lazarus niemand etwas; aber aufgefallen war es dennoch gar sehr allen Anwesenden. Einige meinten, die drei müßten ein tröstendes Gesicht gehabt haben. Ein paar Pharisäer, die da auch zugegen waren, meinten, daß die Kinder ob der zu großen Trauer verrückt geworden seien; der kleine Rabbiner aber meinte, daß mein Vater sie auf irgendeine ganz geheime Art verzaubert habe.
GEJ|4|137|2|0|Aber da fiel ich dem kleinen Mann übers Gesicht und sagte laut: ,Mensch, gedenkest du denn nimmer, welche Verheißung und welches Versprechen du meinem ehrlichen Vater ins Gesicht gemacht hast?! Wie magst du nun gegen die außerordentliche Gnade Gottes also urteilen?! Gib acht, daß dich Jehova nicht augenscheinlich züchtigt! Denn du bist kein Mensch, sondern ein elendes Tier!‘
GEJ|4|137|3|0|Na, diese meine Worte aber haben einen solchen Eindruck auf den kleinen Rabbiner gemacht, daß er ebenso hippokratisch bleich wurde wie die Leiche im Bette und am ganzen Leibe zu beben begann.
GEJ|4|137|4|0|Mein Vater bemerkte dieses, ging hin und fragte ihn, was ihm denn nun begegnet sei, daß er nun gar so leichenblaß werde. Der kleine Mann aber erzählte ihm mit bebender Zunge, was Arges ich ihm alles nun geoffenbart habe.
GEJ|4|137|5|0|Mein Vater aber sagte zu ihm: ,Es geschieht dir ganz recht! Warum bliebst du denn nicht im Glauben, den du mir so teuer angelobt hast?! Mit Gott und Seinen Geistern ist durchaus kein Scherz zu treiben! Verstehst du das? Entweder glaubst du, wenn auch nur aufs Ansehen derer, denen die vollste Erfahrung doch ewig nie abzustreiten ist, – oder du bleibst wie du warst!
GEJ|4|137|6|0|Was du bist, das sei ganz, entweder ein Engel oder ein Teufel! Das Schlechteste des Schlechten aber ist: ein Doppelwesen sein wollen, ein Engel und ein Teufel in einer und derselben Person! Gelt, die beiden nun angekommenen Pharisäer haben dir durch ihr Eintreten den Kopf warm und das Herz glühend gemacht?! Du bekamst Furcht und fingst an, als ein früherer Anhänger der Sekte der Sadduzäer nach ihrer Pfeife zu tanzen, wie die Griechen nun ihre Bären vor uns nach ihrer Pfeife tanzen lassen; dabei aber konntest du vergessen, wem du gleichsam einen Eid gebrochen hast! Was willst du nun tun, du Elender?‘
GEJ|4|137|7|0|Der Rabbi aber bedeckte sich sein Angesicht und ging von dannen, und zog sich wahrscheinlich nach Jerusalem in seine Wohnstube zurück, um über alle seine Todsünden nachzudenken. Was da weiter mit ihm geschehen ist, weiß ich bis zur Stunde nicht; nur das einzige weiß ich, daß sowohl der Vater als auch ich ihm darauf in Jerusalem noch etliche Male begegnet sind, er uns aber stets schon von weitem jählings ausgewichen ist. Warum, ob aus Zorn oder ob aus einer Art Scheu, weiß ich ebenfalls nicht. Er kam auch nie wieder ins Haus des Lazarus, obschon er seine Zauberfläschchen dort vergessen hatte, – was für uns ein leichtes zu erfahren war, da der junge Lazarus mit seinen Schwestern uns nachher noch sehr oft besucht hat.
GEJ|4|137|8|0|Nun, Herr, das ist die Geschichte, die ich mit meinem Vater in Bethania so treu und wahr erlebte, wie ich sie nun erzählt habe. Damals war mir natürlich alles ein unauflösbares Rätsel. Nun ist mir davon vieles verständlich, nur die zwei Erscheinungen sind mir noch jetzt ein Rätsel, und ich verstehe sie trotz Deinen nun schon sehr vielen Erklärungen nicht. Und diese zwei Erscheinungen sind: erstens der am natürlichen Himmel um Mitternacht auftauchende Lichtmeteor und die dasselbe nach Westen hin begleitenden Geister, und zweitens das ähnliche, rein geistige über dem Haupte der schon ganz frei über ihrem Leichname schwebenden Seele.
GEJ|4|137|9|0|Auch sah ich bei dieser Seele zuvor keine so ganz eigentliche Dunstwolke, sondern nur mehr gleich eine ganz gut ausgebildete Menschengestalt, die nur mit einem sehr lichtvioletten Faden mit dem Leibe zusammenhing, der auch bald ganz abriß, worauf die Seele gleich als völlig frei mit einem blendendweißen Faltenkleide vom feinsten Bissus in der Mitte einiger weiser und mächtiger Geister dastand, wie ich's ehedem erzählt habe.
GEJ|4|137|10|0|Wie diese Dinge und Erscheinungen wohl zusammenhängen, möchte ich, und sicher auch alle anderen, aus Deinem Munde vernehmen! O Herr, erläutere uns das!“
GEJ|4|138|1|1|138. — Die Lebensgeschichte des alten Lazarus
GEJ|4|138|1|0|Sage Ich: „Ich will es euch erläutern; nur müsset ihr alle dabei wohl höchst aufmerksam sein, ansonst ihr die ganze Sache eben nicht einsehen würdet! Denn dieser Sterbefall ist ein ganz eigentümlicher, ist lange nicht dagewesen und wird auch noch länger nicht wieder zum Vorscheine kommen.
GEJ|4|138|2|0|Der alte Lazarus ward infolge seines höchst eigenen Willens als ein großer, urgeschaffener Engelsgeist ins Fleisch eines Menschen gelassen, und zwar unter den schwierigsten Lebensbedingungen, die es auf dieser Erde nur irgend geben kann. Von der Wiege an bis in sein siebenundvierzigstes Erdlebensjahr hat er Dinge und Proben ausgestanden, die hier nicht leicht wieder zu erzählen wären. Wie oft hatte er mit vielen Lebensgefahren zu kämpfen! Wem aus euch die Lebenshistorie Hiobs bekannt ist, der kann sich daraus aber nur so ein Bild machen von dem, wie es unserem Lazarus ergangen ist.
GEJ|4|138|3|0|Er ward ein paar Male zu den höchsten Weltehren befördert und kam zu großen Reichtümern, hatte ein Weib und die schönsten und bravsten Kinder, fünf an der Zahl, die ihn als einen guten und weisen Vater sehr liebten. In seinem neunzehnten Jahre verheiratete er sich mit einer einzigen Tochter eines reichsten Mannes aus Bethlehem; sein Gold und Silber und die schönsten Perlen und Edelsteine hätten hundert Kamele nicht leichtlich von der Stelle geschafft. Allein dies sein großes Erdenglück dauerte nur eine kurze Zeit. Seine Schätze verflüchtigten sich von Jahr zu Jahr, er ward als ein guter und zu nachsichtiger Mensch häufig und oft ganz bedeutend bestohlen; am Ende brach in seinem zumeist aus Zedern gezimmerten Hause Feuer aus, und er konnte von allen seinen Schätzen nichts retten als sein, seines Weibes und seiner Kinder Leben und mußte darauf nahe von Almosen leben bei drei Jahre lang.
GEJ|4|138|4|0|In den drei Jahren aber starben ihm auch sein Weib und alle seine lieben fünf Kinder. Er selbst ward voll Aussatzes und litt daran ein volles Jahr. Ein Arzt aus Ägypten kam endlich mit einem Arkanum und befreite ihn völlig von diesem Übel. Er ward darauf als immer noch ein schöner Mann von vierunddreißig Jahren Alters auf einem Wege von geheimen Häschern aus Hinterpersien überfallen und dahin ohne alle Rücksicht als Sklave an einen äußerst harten Herrn verkauft.
GEJ|4|138|5|0|Da er aber unter allen den vielen Sklaven seines Herrn der treueste war und alle Härte seines Herrn stets mit der größten Geduld und Ergebung ertrug, so berief ihn sein Herr nach zehn Jahren und sagte zu ihm: ,Ich habe dich erforscht in aller meiner Härte gegen dich, daß du mir allergetreuest warst und hattest dir zu meinen oft großen Vorteilen keine Mühe und Arbeit sauer werden lassen. Wenn ich von dir viel verlangte, so tatest du allzeit ein mehreres und oft zu meinem Vorteile. Ich bin wohl ein harter Herr – dies Zeugnis gibt mir alle Welt –, aber ohne Augen und ohne Einsicht und Erkenntnis bin ich darum nicht; und weil ich das nicht bin, so gebe ich dir die volle Freiheit! Du kannst nun ganz getrost nach Hause in dein Land ziehen. Zudem schenke ich dir als Zeichen meiner Einsicht für deine treuen Dienste noch hundert Kamele, zehn meiner schönsten Sklavinnen und neunzig Knechte; und damit du dir überall etwas ankaufen, weiter leben und handeln und wandeln kannst, soll dir mein Schatzmeister tausend Säckel Goldes und zweitausend Säckel Silbers ausbezahlen! Siehe, so belohnt der harte Herr einen getreuesten Sklaven und doppelt so groß einen getreuesten Knecht, den ich aber leider noch nie gehabt habe! Ziehe nun getrost ab mit allem, womit du von mir, deinem harten Herrn, beschenkt worden bist!‘
GEJ|4|138|6|0|Da verneigte sich Lazarus tiefst vor seinem Herrn und wollte danken. Der aber sagte mit ernsten Worten: ,Freund, wer einen Lohn verdient wie du, der braucht nach dem Empfange dem Geber nicht zu danken! Darum ziehe ab in Frieden; es sei und es geschehe!‘
GEJ|4|138|7|0|Da verließ Lazarus, bis zu Tränen gerührt, den Saal, und als er in den großen Hofraum trat, war alles schon bereitet: Kamele, die zehn Sklavinnen und die neunzig Diener, und jedes der kräftigsten Kamele war beladen mit Gold und Silber.
GEJ|4|138|8|0|Lazarus bestieg sein Kamel, und es ward der Marsch angetreten. Nach zehn ganz heiteren Reisetagen erreichte er wieder Bethlehem, nahm Herberge und erkundigte sich nach seinem früheren Besitze. Dieser ward aber nach den römischen Gesetzen, weil der ordentliche Besitzer trotz allen durch eigene Herolde ergangenen Ausrufungen nichts von sich hören ließ, als ein römisches Staatsgut veräußert und schon vor drei Jahren als ein vollkommenes Besitztum dem Ersteher eingeantwortet. Denn sieben Jahre lang war er gewisserart nur Pächter; kam im siebenten Jahre der früher abhandengekommene Besitzer zurück, so stand ihm noch das Reklamationsrecht offen, – nur mußte er dem Ersteher das Meistgebot samt Interessen zurückerstatten, weil da dieser als ein Geschäftsleiter ohne Auftrag anzusehen war und für seine Mühewaltung gesetzlich honoriert werden mußte. Nach abgelaufenen vollen sieben Jahren aber trat der Ersteher in den für weiterhin unantastbaren vollen Besitz eines solchen erstandenen Gutes. Und also war es auch da in Bethlehem mit dem Besitzgute des Lazarus der Fall. Der Ersteher war nun voller Besitzer, geschützt durch Roms Gesetze, und unser Lazarus mußte unverrichteterdinge weiterziehen.
GEJ|4|138|9|0|Ein ganzes Jahr mußte er in den Herbergen zubringen, bis endlich in Bethania ein bedeutendes Gut, das einem Griechen angehörte, zum Verkaufe kam. Um fünfzehnhundert Säckel Silbers brachte es Lazarus in seinen vollen Besitz und heiratete dann in seinem siebenundvierzigsten Jahre eine seiner treuesten Sklavinnen, die auch eine Jüdin war, und er zeugte mit ihr eben den jungen Lazarus und dessen beide Schwestern. Nach zehn Jahren schenkte auch er allen seinen aus Persien mitgenommenen Dienern die vollste Freiheit; aber es verließ keiner den Lazarus und heutigentags leben noch dreiundfünfzig der mitgenommenen. Alle aber traten schon in zwei Jahren zum Judentume über und waren dem Lazarus desto werter und angenehmer. Das Weib starb erst vor zwei Jahren, auch als ein Muster weiblicher Duldung und Frömmigkeit, und seit der Zeit wirtschaften die drei hinterlassenen, sehr braven Kinder ganz allein; außer Gott haben sie nahe keine Bedürfnisse und tun den Armen wohl sehr viel Gutes.“
GEJ|4|139|1|1|139. — Die Erläuterung der geistigen Erscheinungen beim Tode des alten Lazarus
GEJ|4|139|1|0|(Der Herr:) „Da aber der alte Lazarus seine irdische Lebenslaufbahn gar so gut vollendet hatte und an seiner früheren himmlischen Vollkommenheit nicht nur nichts verloren, sondern nur äußerst vieles gewonnen hatte, so vereinigten sich um die Zeit des Abschiedes unseres tiefstgeprüften und seine Probe bestens bestanden habenden Engels Myriaden der vollkommensten Engel und wirkten auf die Naturgeister dieser Erde also ein, daß diese sich in eine gleiche Tätigkeit versetzen mußten, wie da tätig sein müssen die Naturgeister der Sonne. Durch diese außerordentliche Tätigkeit der Myriaden auf einem engen Raume zusammengedrängten Geister entstand jenes von dir, von deinem Vater und von dem jungen Lazarus gesehene Licht, gerade im Momente, als des alten Lazarus Engelsseele und Geist sich von den Banden des Fleisches loszuwinden begonnen hatte.
GEJ|4|139|2|0|Die dieses Licht gegen Westen hin begleitenden, dir sichtbar gewordenen Geister haben sonst mit der Erscheinung weiter keinen andern und besondern Zusammenhang, als daß sie durch eine so außerordentliche Tätigkeit der Naturgeister, die sonst unter ihrem Kommando stehen, selbst ganz ungewöhnlich erregt worden sind und dann auch selbst, nicht ahnend, was da vor sich geht, sich zu einer teils flüchtigen und teils scharf beobachtenden Bewegung und ängstlichen Tätigkeit als genötigt haben bequemen müssen.
GEJ|4|139|3|0|Daß der Zug von Osten gegen Westen, nach deiner Kunstsprache, zu sehen war, bedeutet einen bedeutungsvollen irdischen Sterbefall, entsprechend dem, wie da alles auf der Erde vom Osten her, wo die Sonne aufgeht, mit deren Aufgange erwacht und alles mit ihrem Untergange wieder in den Schlaf erstirbt. Zugleich aber entspricht der irdische Abend ganz umgekehrt dem rein geistigen Morgen und umgekehrt der irdische Morgen dem geistigen Abende; denn am irdischen Morgen fangen die meisten Menschen an, sich möglichst mit den Weltsorgen abzugeben, und diese sind ein wahrer und tiefster geistiger Abend ohne Dämmerung oft genug, also schon eine förmliche geistige Nacht. Nur am Abende, der Weltsorgen müde, bequemen sich dann viele, über die Flucht des Zeitlichen nachzudenken und sich zu Gott zu kehren, und das entspricht dann zum wenigsten doch einem geistigen Morgendämmern.
GEJ|4|139|4|0|Das wäre sonach für euer Verständnis zur Genüge erklärt, und ihr wisset nun um das Wie und Warum des geistigen und naturmäßigen Zusammenhanges der großen nächtlichen Lichterscheinung und um ihre geisterhafte Begleitung.
GEJ|4|139|5|0|Nun gehen wir in das Sterbegemach des alten Lazarus! Dort sahst du keine zertragene Dunstgestalt über dem Leichnam schweben, sondern schon mehr eine volle Menschenform. Der Grund davon liegt in der großen Liebe zur Tätigkeit, was schon ein vollendetes inneres, geistiges Leben andeutet, das aller Furcht vor der kommenden großen Tätigkeit im endlosen Reiche der Himmel vollkommen bar ist. Die Angstvibrationen der Seele können da nicht stattfinden, und somit ist die seelische Menschenform schon gleich beim ersten Austritt aus dem Leibe als unzertragen und in voller Ruhe ersichtlich, natürlich für den, der solches zu schauen das seltene Vermögen hat.
GEJ|4|139|6|0|Der kleine und äußerst dünne Bindefaden zwischen der Seele und ihrem Leibe bekundet den stets allergeringsten Sinn fürs Irdische und somit auch das vollkommenst leichte und schmerzlose Lostrennen vom Leibe. Die gleiche Lichterscheinung über dem Haupte der Seele aber bekundet vor allem den mächtigsten Willen der Seele selbst, durch dessen außerordentliche Tätigkeit nach der Ordnung der Himmel er sich als eine Lichtsäule über dem Haupte darstellt, – als Säule, entsprechend der Unbeugsamkeit, und als Licht, das stets ein Produkt der gerechten Tätigkeit ist, entsprechend der göttlichen Ordnung der Himmel Gottes, welches Licht stets das Erkenntnisvermögen der Seele durchstrahlt und vollauf erleuchtet, damit der Wille nicht blind, sondern allzeit hellst sehend handle.
GEJ|4|139|7|0|Weil aber des Gerechten Denken hauptsächlich nur vom Herzen ausgeht, so wie auch der Liebe und des Willens Sitz nur darin zu suchen ist, so wird der freien Seele Willenslicht, das im irdischen Leben nur im Verein mit dem Verstande des Hauptes zu wirken hatte, nun zum Gürtel des Kleides der Liebe und Gerechtigkeit, Geduld und Duldung, zu schauen um die Lenden der freien Seele; der Hut aber bezeugt eine neue Gabe des reinsten Lichtes aus den Himmeln, das aber dennoch nur jenen extra hinzugegeben wird, die sich schon auf der Erde der wahren himmlischen Weisheit beflissen haben und daraus zu Menschen voll Liebe, Weisheit und der wahren himmlischen Gerechtigkeit geworden sind. Solch ein Lichthut ist dann ein Produkt des Weisheitswillens der sämtlichen urgeschaffenen Engel der Himmel und bekundet bei dem, der ihn trägt auf seinem Haupte, daß er nun als ein ganz vollendetes und Gott ähnlichstes Wesen in alle Weisheit und in alle Erkenntnisse aller Himmel eingeweiht ist.
GEJ|4|139|8|0|Solch ein auch das Fleisch des Erdenlebens durchwandert habender Geist der Himmel erkennt dann so viel für sich allein, als alle die anderen, den Weg des Fleisches noch nicht betreten habenden urgeschaffenen Engelsgeister zusammengenommen, weil solch ein Hut, ebenso wie des Menschen Seele ein Kompositum aller irdischen Intelligenzpartikel ist, auch ein Kompositum sämtlicher Himmelsintelligenzen ist, was da sicher unendlich viel sagen will.
GEJ|4|139|9|0|Ich meine nun, daß ihr alle diese etwas außergewöhnlichen Erscheinungen wohl verstehen werdet. Hat aber jemand noch irgendeinen Anstand, nun, so frage er, und es soll ihm Licht werden! Denn die Himmel tauen denen ein rechtes Licht, die gerecht und eines guten Willens sind. Fraget darum ohne Scheu, so euch noch irgend etwas abgeht!“
GEJ|4|140|1|1|140. — Vom törichten Fragen
GEJ|4|140|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, wir alle können Dir nicht zur Genüge danken für diese unendlich großen Belehrungen, die Du uns allen nun erteilt hast, und ich verstehe nun schon ungeheuer vieles mehr! Auch bei der letzten Erscheinung, die uns nun der Vizekönig Mathael abermals aus seinem reichlichen Vorrate zum besten gab, blieb mir nichts Unklares zurück; nur die zwei oder drei großen und mächtigen Engelsgeister, die den Lazarus abgeholt haben, sind mir ihrem Stande nach noch völlig unbekannt! Vielleicht könnten wir wenigstens ihre sehr geheiligten Namen erfahren, und was es da mit der seine Kinder belehrenden Rückkunft für eine vielleicht noch nähere Bewandtnis habe?! Die Historie war sonst höchst merkwürdig, obschon ich, offen gesagt, noch recht gerne hätte erfahren mögen, wie und wohin der Leib des alten Lazarus beerdigt worden und was etwa doch später aus dem kleinen Rabbi geworden ist. Auch eine nähere Beleuchtung des berühmten Farrenkrautöles wäre eben nicht unwünschenswert. Möchtest Du, o Herr, uns etwas Näheres darüber kundtun?“
GEJ|4|140|2|0|Sage Ich: „Aber Freund, das sind ja nur ganz höchst unbedeutende Nebendinge, deren Dasein wir für die Hauptsache eigentlich gar nicht als völlig notwendig annehmen können, da sie mit ihr nichts zu tun haben und nahe in gar keinem Verbande stehen! Was liegt denn an den leeren Namen der Engelsgeister, die dem Lazarus entgegenkamen?! Einen Reiseschein nach den Gesetzen brauchen sie nicht und ein weltliches Schutzgericht auch nicht. Wozu dieneten dir dann ihre Namen?! Weil es dir aber schon darum zu tun ist, so waren es die Erzengel Zuriel, Uriel und im tiefen Hintergrunde auch Michael in der Gestalt Johannes des Täufers, von dem uns Zinka vieles mitgeteilt hat.
GEJ|4|140|3|0|Es waren aber noch eine Menge Geister daselbst anwesend, die Mathael nicht sehen konnte, weil diese, als noch ganz reine und purste Geister, nicht mehr mit dem Auge der Seele, sondern nur mit den Augen des in sich selbst reinsten Geistes gesehen werden können – ein Vermögen, das Mathael noch niemals besessen hat. Dann, was liegt am Begräbnisse des Leibes des Lazarus, was am kleinen Rabbi und am Farrenkrautöle, das da wohl den Starrkrampf hebt und die Würmer im Magen tötet, wenn es echt ist; ist es aber nicht echt, so macht es auch gar keine Wirkung! Lassen wir darum das, was uns wenig oder auch gar nichts nützen kann, und sehen wir zu, unser Erkennen und Wissen nur in geistigen Dingen zu vermehren!
GEJ|4|140|4|0|Fraget darum lieber nach etwas Geistigem, noch aus der Sphäre vom Mathael geistig Geschauten, als nach Dingen, die für den Geist ebenso gleichgültig sein können wie der Schnee, der tausend Jahre vor Adam die wüsten Gefilde der Erde bedeckt hat! Was die Materie ist, und wie sie entstand, besteht und noch entsteht, ist euch bereits handgreiflich klargemacht worden, und somit haben wir uns nunmehr vor allem nur um die geistigen Dinge zu bekümmern. Was nützen auch dem Menschen alle Kenntnisse und Wissenschaften der ganzen Welt, wenn er sich nicht bis zur tiefsten Lebenswurzel selbst erkennt, und das namentlich in seiner seelischen und geistigen Lebens- und Bestandessphäre?!
GEJ|4|140|5|0|Wird er wohl je wahrhaft glücklich sein können, auch im Besitze aller irdischen Güter, so er sich dann und wann wird fragen und sagen müssen: ,Was wird nach dem Tode mit dir werden? Wirst du irgend deiner selbst bewußt fortleben, oder wird es ganz gar sein mit dir auf ewig?‘ Wenn dem ängstlichen Fragesteller aber keine genügende Antwort wird, weder von jemand, der mehr erfahren ist, oder noch weniger aus der eigenen finstern Weltlebenskammer, in die noch nie ein geistig Licht der Wahrheit nach gedrungen ist, – was dann? Werden dem ernstlich also fragenden, sonst überreichen Manne wohl munden seine großen Schätze und Reichtümer? Bei nur einigem Bewußtsein der Liebe zum Leben wohl kaum! Denn was kann es dem Menschen nützen, so er auch gewönne alle Schätze der Erde, an seiner Seele aber Schaden litte?
GEJ|4|140|6|0|Weg somit mit allem, was der Rost und die Motten zerstören können! Nur was des Geistes ist, bleibet für ewig unwandelbar; alles Angehörige der Materie aber ist noch oft zahllosen Verwandlungen unterworfen, bis es den Standpunkt des Geistigen erreicht haben wird. Darum fraget um Geistiges und Seelisches, aber nimmer um Irdisches!“
GEJ|4|141|1|1|141. — Der Zorn Gottes
GEJ|4|141|1|0|Sagt Cyrenius, etwas verlegen: „Herr, es hat Dich außer mir doch niemand um irgend etwas gefragt, und es hat den Anschein, als ob Du mir darum als Gott, als mein Herr und mein Erhalter gram geworden wärest!“
GEJ|4|141|2|0|Sage Ich: „Wie magst du Mich also verkehrt verstehen?! Wie kann Ich dir gram sein, so Ich dir vollernstlich und für ewig wahr zeige, was euch allen und jedem Menschen zum Leben das Notwendigste ist? Siehe, siehe, wie sehr kurz noch deine Urteilskraft ist! Wann wohl wird sie das rechte Maß erhalten? Wem kann die reinste Urliebe aller Liebe in Gott je gram werden?
GEJ|4|141|3|0|So ihr leset von einem Zorne Gottes, da sollet ihr darunter verstehen den ewig stets gleichen und festesten Ernst Seines Willens; und dieser Ernst des Willens in Gott ist aber ja eben der innerste Kern der allerreinsten und allermächtigsten Liebe, aus der die Unendlichkeit und alle Werke in ihr wie die Küchlein aus dem Ei hervorgegangen sind, – und diese kann doch ewig niemandem gram werden! Oder meint aus euch wohl jemand, daß Gott gleich wie ein dummer Mensch zürnen könne?“
GEJ|4|141|4|0|Tritt hier der alte Oberste Stahar einmal wieder zu Mir und sagt: „Herr, vergib es mir, so ich mir hier auch eine Bemerkung im Punkte des Zornes Gottes erlaube!
GEJ|4|141|5|0|Wenn man, verbunden mit einem festen Glauben an Gott, die alte Welthistorie betrachtet, so kann man sich's denn doch nicht ganz verhehlen, daß Gott zu Zeiten den Menschen, die zu unbändig geworden sind, Seinen Zorn und Seine Rache auf ganz besonders unerbittlich strenge Weise hat fühlen lassen.
GEJ|4|141|6|0|,Der Zorn ist Mein, und die Rache ist Mein!‘ spricht der Herr durch den Mund des Propheten. Daß es aber wohl also ist, beweisen die Vertreibung Adams aus dem Paradiese, die Sündflut zu den Zeiten Noahs, die Billigung des Fluches des Noah über einen seiner Söhne; später der Untergang von Sodom, Gomorra und der umliegenden zehn Städte, auf dem Punkte, da wir heute das Tote Meer bewundern; noch später die Plagen Ägyptens und die der Israeliten in der Wüste; dann die von Gott befohlenen allermörderischesten Kriege gegen die Philister, die babylonische Gefangenschaft und nun endlich die volle Unterjochung des Volkes Gottes durch die Macht der Heiden!
GEJ|4|141|7|0|Herr, wer nun dieses Benehmen Jehovas gegen die Sünder, die niemand anders als eben wir Menschen sind, nur ein wenig ins Auge und ins Gemüt faßt, der kann ja doch unmöglich etwas anderes herausfinden als einen förmlichen Zorn und eine vollkommenste Rache Jehovas!
GEJ|4|141|8|0|Freilich könnte man sagen: Also erzieht Gott mit dem vollsten Ernste Seine Menschen und ganze, große Völker mit der gehörigen Zuchtrute in der Hand! Aber die Hiebe und Schläge haben durchaus nicht das Ansehen, als kämen sie aus der Hand eines liebevollsten Vaters, sondern da schaut überall ein ganz entsetzlich zorniger, wenn auch in einer gewissen Hinsicht höchst gerechter Richter auf Leben und Tod und auf Pestilenz und Brand heraus!
GEJ|4|141|9|0|Dies ist so meine Ansicht, das heißt, wenn die Welthistorie uns eine volle Wahrheit verkündet; sind aber alle die traurigen Aufzählungen dessen, was Gott gewirkt hat, nur eine Fiktion, dann mag das, was man Zorn und Rache Gottes nennt, immerhin der Kern Seiner ewigen und reinsten Liebe sein. Ich habe nun das nur so vorgebracht, da Du, o Herr, ehedem Selbst den Zorn und die Rache angezogen hast!
GEJ|4|141|10|0|Es wird wohl immerhin schon also sein, wie Du, o Herr, es zuvor gesagt hast; aber merkwürdig bleibt es immer, daß mit dem angekündigten Zorne Gottes in den alten Zeiten, wenn die Menschheit sich nicht gebessert und wahre Buße gewirkt hat, auch die allermartialste Strafe erfolgt ist, und das im Großen wie im Kleinen, und im Allgemeinen wie im Besonderen, ohne alle Schonung! Nun, wie sich dieses mit der allerreinsten, zorn- und rachelosesten Liebe vereinbart, das wäre wahrlich auch der Mühe wert, so es bei dieser Gelegenheit ein wenig näher beleuchtet werden wollte!“
GEJ|4|142|1|1|142. — Vom ersten Menschenpaar
GEJ|4|142|1|0|Sage Ich: „So wie du, Freund, nun geredet hast von Gottes Zorn und Rache, Gerechtigkeit und Liebe, ebenalso urteilt auch ein Stockblinder von der harmonischen Pracht der Farben im Regenbogen!
GEJ|4|142|2|0|Hast du denn noch nicht aufgefaßt, wie da alle fünf Bücher Mosis und alle Propheten, Davids und Salomos Schriften nur auf dem Wege der inneren geistigen Entsprechung verstanden und begriffen werden können?!
GEJ|4|142|3|0|Meinst du denn im Ernste, daß Gott den Adam aus dem Paradiese durch einen Engel, der ein flammendes Schwert als Vertreibungswaffe in seiner Rechten führte, vertreiben ließ? Ich sage es dir: mag das auch dem Adam als Erscheinung vorgestellt worden sein, so war es aber nur eine Entsprechung von dem, was eigentlich in Adam selbst vorgegangen ist, und gehörte eben also zum Akte seiner Erziehung und zur Gründung der ersten Religion und Urkirche unter den Menschen auf Erden.
GEJ|4|142|4|0|Auf der Erde aber gab es nirgends ein materielles Paradies, in dem dem Menschen die gebratenen Fische in den Mund geschwommen wären, sondern er mußte sie so wie jetzt erst fangen und braten und dann erst mit Maß verzehren; war der Mensch aber tätig und sammelte sich die Früchte, die die Erde ihm trug, und hatte sich dadurch einen Vorrat erzeugt, so war jede Gegend der Erde, die der Mensch kultiviert hatte, ein rechtes irdisches Paradies!
GEJ|4|142|5|0|Was wäre auch aus dem Menschen und seiner Geistesbildung geworden, wenn er in einem wahren Müßiggangs- und Freßparadiese sich um gar nichts zu kümmern und zu sorgen gehabt hätte, wenn ihm, wie gesagt, die besten Früchte in den Mund hineingewachsen wären, wenn er sich, auf weichstem Rasen liegend, nur hätte wünschen dürfen, und alles wäre schon da, so daß er nur den Mund aufzusperren brauchte, und die besten Bissen schöben sich ihm schon in den Mund?! Wann würde der Mensch bei solch einer Erziehungsweise denn zur bedingten Lebensselbständigkeit gelangen?! Ich sage dir, daß der Mensch nach deinem Begriffe vom Paradiese bis zur Stunde nichts anderes wäre und wüßte als ein ganz wohlbestellter Freßochse oder als ein Freßpolyp auf dem Meeresgrunde.
GEJ|4|142|6|0|Was stellt demnach die Erscheinlichkeit des Engels mit dem Flammenschwerte vor? Was besagt dies Wortbild? Der Mensch war nackt; denn bis jetzt ist noch kein Mensch mit einem Kleide in die Welt getreten. Hatte er auch, ebensowenig wie diese Eselin hier, keine Kindheit dem Leibe nach durchzumachen gehabt, da er dem Leibe nach ebenso entstanden ist wie diese Eselin, und hatte er auch eine Größe von mehr denn zwölf Schuhen, wie nicht viel minder auch die Eva, so war er aber in der ursprünglichen Erfahrung über die Beschaffenheit der Erde ja dennoch ein Kind und mußte erst klug werden zumeist durch die Erfahrung.
GEJ|4|142|7|0|Im warmen Frühjahre, Sommer und Herbste konnte er es schon mit der nackten Haut aushalten; aber im Winter fing er an, die Kälte sehr zu fühlen, und er selbst fragte sich in seinem Gefühle, das Gott in ihm stets mehr und mehr erweckte durch geistiges und naturmäßiges Einfließen: ,Wo bin ich denn? Was ist mit mir vorgegangen? Es war mir zuvor so angenehm, und nun friert es mich, und die kalten Winde tun wehe meiner Haut!‘ Offenbar mußte er sich um eine vor dem Winde geschützte Wohnung umsehen und seinen Leib mit allerlei Laub der Bäume zu überdecken anfangen. Durch diese gezwungene Arbeit ward das Denken reger und ordnete sich auch bald.
GEJ|4|142|8|0|Aber es fing ihn auch zu hungern an; denn gar viele Bäume und Gesträuche hatten leere Zweige. Er ging weit aus und suchte Nahrung und fand noch volle Bäume; er sammelte die Früchte und trug sie in die Grotte, die er als eine gute Wohnung auffand. Da sagte ihm sein schon mehr erfahrenes Gemüt abermals: ,In dieser Zeit liegt die Erde in einem Fluche, und du Mensch kannst dir nur im Schweiße deines Angesichts deine Kost sammeln!‘
GEJ|4|142|9|0|Nachdem aber der erste Mensch dieser Erde einmal in der Grotte überwintert hatte auf den Höhen, die da begrenzen den nordöstlichen Teil des Gelobten Landes, zu dem auch unser Galiläa gehört, da hatte er Muße, mit seinem Weibe tiefer in sich hinein zu forschen und zu schauen. Da fand er auch ein Bedürfnis nach einer größeren Gesellschaft. Im Traume ward er belehrt, was er zu tun hätte, um zu einer solchen, das heißt größeren Gesellschaft zu gelangen, und nach solcher Belehrung fing er an, zu zeugen den Kain und dann bald darauf den Abel und den Seth.
GEJ|4|142|10|0|Das Weib aber war es, das ihm den ersten Einschlag zur Zeugung gab; denn dem Weibe kam zuerst im Traume ein Gesicht, wie die Zeugung zu geschehen habe. Weiter wollen wir diese Sache nicht verfolgen, und Ich sage nun dir, Mein Freund Stahar: alles ging ganz natürlich zu, und es gab da nirgends etwas Widernatürliches. Aber Moses sah es dennoch, daß dies alles nur nach dem Wollen Jehovas geschehen konnte; er erkannte durch Gottes Geist, daß alle diese ganz natürliche Führung auf dem Wege gemachter Erfahrungen durch Mich, das heißt durch Meinen Geist, geleitet ward und stellte darum Gott durch entsprechende Bilder stets an die Seite dieses ersten Menschenpaares und personifizierte aber auch Meine Einwirkung in den kürzesten, aber doch entsprechendsten Bildern, wie sie damals allgemein üblich waren und auch sein mußten, weil überall zur Leitung des Volkes und der Völker solche Bilder notwendig waren.
GEJ|4|142|11|0|Übrigens aber versteht es sich von selbst, daß Gott und die Engel es wohl wußten und auch verstanden, das erste Menschenpaar in einer der fruchtbarsten Gegenden der Welt werden und entstehen zu lassen.
GEJ|4|142|12|0|Wenn spätere und eigens zugelassene Naturereignisse die ersten Menschen nötigten, ihren ersten Nährgarten zu verlassen und sich auf der Erde weiter umzusehen, so geschah das auch nicht etwa aus einer Art göttlichen Zornes, sondern nur aus Liebe zum Menschen, auf daß er von seiner träge gewordenen Sinnlichkeit wieder aufgeweckt würde und überginge zur Tätigkeit, und daß er mache ausgedehntere Erfahrungen.
GEJ|4|142|13|0|Als Adam und sein Weib und seine Söhne es wahrnahmen, daß es auf der weiten Erde nahe überall etwas zu essen gab, fingen sie an, größere Reisen zu unternehmen, wodurch sie mit Asien und Afrika so ziemlich vertraut wurden. Das bereicherte sie wieder mit allerlei Erfahrungen. Geheim vom Gottesgeiste geleitet, kamen sie in ihr erstes Eden zurück und blieben daselbst, von wo aus denn auch die Bevölkerung der ganzen Erde erging.
GEJ|4|142|14|0|Sage Mir in deinem Gemüte: Schaut da irgendein Zorn oder eine Rache Gottes heraus?!
GEJ|4|143|1|1|143. — Die Sündflut
GEJ|4|143|1|0|(Der Herr:) „Ja, Gottes Weisheit kann wohl widerwillig werden, so schon gebildete und wenigstens zur Hälfte reif gewordene Menschen mutwillig und auch böswillig gegen die Ordnung Gottes sich auflehnen; aber dafür ist wieder die Liebe Gottes da, die in ihrer großen Geduld stets jene tauglichen Mittel den verkehrten Bestrebungen der Menschen entgegenzustellen weiß und sie wieder auf den rechten Weg bringt, wodurch dann am Ende Mein Endzweck mit der Menschheit doch immer erreicht werden muß, ohne daß der Mensch durch irgendeine allmächtige Rache Gottes dazu gleich einer Maschine genötigt wird.
GEJ|4|143|2|0|Aber selbst diese Mittel sind nicht als eine Folge der göttlichen Zornmacht anzusehen, sondern rein nur als eine Folge der verkehrten Handlungsweise der Menschen. Ja, die Welt und die Natur hat von Gott aus ihre notwendigen und unwandelbaren Mußgesetze, und zwar in der rechten Ordnung; dergleichen Gesetze aber hat auch der Mensch seiner Form und seinem leiblichen Wesen nach. Will der Mensch nun irgend wider diese Ordnung sich auflehnen und die Welt umgestalten, so wird er darum nicht von einem freiwilligen Zorne Gottes gestraft, sondern von der beleidigten, strengen und fixierten Gottesordnung in den Dingen selbst, die so sein müssen, wie sie sind.
GEJ|4|143|3|0|Du sagst nun bei dir und fragst dich, ob die Sündflut auch als eine natürliche und notwendige Folge der verkehrten Handlungsweise anzusehen wäre. Und Ich sage es dir: Ja, das war sie! Mehr denn hundert Seher und Boten habe Ich erweckt und habe die Völker vor ihren natur- und gottesordnungswidrigen Handlungen gewarnt, und habe sie mehr denn hundert Jahre hindurch auf die für sie daraus notwendig entstehenden und leiblich und seelisch schrecklichen Folgen sehr ernstlich aufmerksam gemacht; aber ihr boshafter Mutwille ging so weit, daß sie in ihrer Blindheit die Boten nicht nur verhöhnten, sondern viele sogar töteten und mit Mir also einen förmlichen Kampf unternahmen. Aber darum ergrimmte Ich dennoch nicht vor Zorn und Rache, sondern ließ sie handeln und die traurige Erfahrung machen, daß die Unvernunft und die Unkunde – als selbst schuld an dem, was sie sind – mit der großen Natur und Ordnung Gottes durchaus nicht alles machen dürfen, was ihnen in ihrer Blindheit beliebt.
GEJ|4|143|4|0|Siehe, es steht dir ja frei, auf jenen von hier gegen Süden gelegenen und bei fünfhundert Mannslängen hohen Felsen zu steigen und dich dann mutwillig häuptlings über die hohe Wand hinabzustürzen! Nach den notwendigen Gesetzen der Schwere aller Körper wird dir solch ein Mutwille doch offenbar sicher das Leben des Leibes kosten. Frage dich, ob dir das aus Meinem Zorne und aus Meiner Rache zugekommen ist!
GEJ|4|143|5|0|Dort gegen Osten ersiehst du hohe Gebirgszüge, die ganz fest und dicht bewaldet sind. Gehe hin mit zehnmal hunderttausend Menschen, lege Feuer an und verbrenne alle die Wälder, dann werden die Berge ganz kahl dastehen! Was wird aber davon die Folge sein? Die vielen dadurch tatlos und nackt gewordenen Naturgeister werden dann in der freien Luft zu wüten und zu toben beginnen. Blitze in Unzahl, Wolkenbrüche von der fürchterlichsten Art und ein unausgesetzter Hagelschlag werden darauf die ganzen und weiten Umgegenden verheeren. Das alles ist eine ganz natürliche Folge jener waldverheerenden Handlung. Sage, ob auch da wieder der Zorn Gottes herausschaut und Seine Rache!
GEJ|4|143|6|0|Wenn aber zehnmal Hunderttausende von Menschen sich ernstlich bestreben, Berge abzugraben und große Seen auszufüllen oder die allerbreitesten Heerstraßen anzulegen, um leichter Kriege zu führen; wenn Menschen ganze Bergketten tagereisenweit skarpieren (böschen, abschrägen) auf vierhundert bis fünfhundert Mannslängen hoch oder stechen zweihundert bis dreihundert Mannslängen tiefe Gräben um die Berge und eröffnen dadurch der Erde inwendige Wasserschleusen, daß die Berge zu sinken beginnen in die leer gewordenen großen Wasserbecken und das Wasser also zu steigen beginnt, daß es in Asien nahe über der höchsten Berge Spitzen wie ein Meer dahinzuwogen beginnt – dazu kommt noch, daß bei diesen großen Bergezerstörungen viele hunderttausendmal Hunderttausende Morgen der kräftigsten Waldungen mit zerstört wurden, bei welcher Gelegenheit zahllose Myriaden von Erd- und Naturgeistern, die früher mit der schönsten und üppigsten Vegetation vollauf zu tun hatten, nun auf einmal frei und tatlos geworden sind –, frage dich selbst, welch einen Aufruhr die Geister in den Luftregionen mögen angefangen haben! Welche Stürme und welche massenhaften Wolkenbrüche, welche Hagelmassen und welch eine Unzahl von Blitzen hat es dadurch mehr denn vierzig Tage lang aus den Wolken auf die Erde herabgeschleudert, und welche Wassermassen werden sich da nahe über ganz Asien erhoben haben, und das alles aus lauter natürlichen Gründen! Sage, war das wieder Gottes Zorn und Seine nie versöhnbare Rache?!
GEJ|4|143|7|0|Moses beschrieb diese Historie so wie alles andere in der damals üblichen Schreibweise, das heißt in Bildern, in denen er nach der Eingabe des göttlichen Geistes stets Meine Vorsehung vorwalten ließ, was nur auf dem Wege echter und wahrer Entsprechungen herauszubringen ist.
GEJ|4|143|8|0|Ist aber darum Gott ein Zorn- und Rachegott, so du und gar viele Seine großen Offenbarungen noch nie verstanden haben?“
GEJ|4|144|1|1|144. — Die Ursachen der Katastrophen
GEJ|4|144|1|0|(Der Herr:) „Ich sage es dir: Nur fünfzig Jahre lang leben in der rechten Ordnung Gottes, – und ihr werdet von keiner Kalamität je etwas zu sehen, zu hören, zu schmecken und zu genießen bekommen!
GEJ|4|144|2|0|Ich sage euch: Alle Kalamität, Seuchen, allerlei Krankheiten unter Menschen und Tieren, schlechte Witterung, magere und unfruchtbare Jahre, verheerender Hagelschlag, große, alles zerstörende Überschwemmungen, Orkane, große Stürme, große Heuschreckenzüge und dergleichen mehr sind lauter Folgen der unordentlichen Handlungsweisen der Menschen!
GEJ|4|144|3|0|Würden die Menschen möglichst in der gegebenen Ordnung leben, so hätten sie alles das nicht zu gewärtigen. Die Jahre würden wie die Perlen auf einer Schnur verlaufen, eines so gesegnet wie das andere. Es würde den bewohnbaren Teil der Erde nie eine zu große Kälte oder eine zu große Hitze plagen. Aber da die gescheiten und überaus klugen Menschen aus sich allerlei bei weitem über ihren Bedarf hinaus unternehmen, wenn sie auf der Erde zu große Bauten und zu übertriebene Verbesserungen vornehmen, ganze Berge abgraben, um Heerstraßen anzulegen, wenn sie viele Hunderttausende von Morgen der schönsten Waldungen zerstören, wenn sie des Goldes und des Silbers wegen zu tiefe Löcher in die Berge schlagen, wenn sie endlich untereinander selbst im beständigen Zank und Hader leben, während sie doch zu jeder Zeit von einer großen Menge der intelligenten Naturgeister umgeben sind, von denen alle Witterung der Erde herrührt, sowie die Reinheit und Gesundheit der Luft, des Wassers und des Erdreiches, – ist es da denn hernach zu verwundern, wenn diese Erde von einer Unzahl von Übeln aller Art und Gattung stets mehr und mehr heimgesucht wird?!
GEJ|4|144|4|0|Geizige und habsüchtige Menschen legen vor ihren Scheunen Schloß und Riegel an und obendrauf noch scharfe Wächter zu ihren über allen Überfluß steigenden Schätzen und Reichtümern, und wehe dem, der sich ihnen unbefugt nähern möchte; wahrlich, der bekäme augenblicklich einen scharfen Prozeß!
GEJ|4|144|5|0|Ich will damit nicht sagen, als sollte jemand sein mühsam erworbenes Eigentum nicht beschützen; Ich rede hier vom höchst unnötigen, ins Ungeheure gehenden Überfluß. Wäre es denn da nicht tunlich, auch solche Scheuern zu errichten, die da offen stünden für jeden Armen und Schwachen, wennschon unter der Aufsicht eines weisen Spenders, auf daß kein Armer sich mehr nähme, als was er für seine Nahrung bedarf? Würden sogestaltig die Habsucht und der Geiz von der Erde verschwinden, so würden auch – höret Mich wohl! – alle mageren Jahre von der Erde den Abschied nehmen.
GEJ|4|144|6|0|Du fragst, wie solches denn möglich sei. Und Ich antworte darauf: Auf die natürlichste Art von der Welt, das heißt: wenn man auch nur ein wenig im innern Wirken der gesamten Natur bewandert ist, so muß man das nicht nur bald einsehen, sondern sogar mit Händen und Füßen begreifen!
GEJ|4|144|7|0|Da stehen vor uns noch die Heilpflanze und dort, etwas weiter voran, die äußerst schädliche Giftpflanze! Nähren sich nicht beide vom ganz gleichen Wasser, von der ganz gleichen Luft, vom ganz gleichen Lichte und von dessen ganz gleicher Wärme? Und dennoch ist diese Pflanze voll Heilstoffes und die andere voll tödlichen Giftes!
GEJ|4|144|8|0|Ja, warum denn also? Weil die Heilpflanze vermöge ihres innern wohlgeordneten Charakters alle die sie umgebenden Naturlebensgeister nach ihrer guten Art stimmt und diese sich darauf ihr in aller Freundlichkeit und Friedsamkeit, sie ernährend, anschmiegen von außen her, wie von innen heraus, und es wird dadurch dann alles Heilsamkeit in der ganzen Pflanze, und am Tage im Sonnenlichte wird ihre Ausdünstung und die sie recht weithin umgebenden Naturlebensgeister auf den Menschen wie auch auf viele Tiere einen ungemein heilsamen Einfluß ausüben.
GEJ|4|144|9|0|Bei der Giftpflanze dort, deren Inneres einen höchst selbstsüchtigen und grimmig zornigen Charakter in sich faßt und einschließt, aber werden die gleichen Naturlebensgeister vom selben Charakter ergriffen und somit total verkehrt; sie schmiegen sich dann ebenfalls, die Pflanze ernährend, ihr an, und ihr ganzer Charakter wird darauf ganz homogen mit dem ursprünglichen der Pflanze. Aber auch ihre Umgebung und gleichsam Ausdünstung ist giftig und der menschlichen Gesundheit schädlich, und die Tiere gehen ihr mit ihren reizbaren Nüstern nicht in die Nähe.
GEJ|4|145|1|1|145. — Der Einfluß des Schlechten auf das Gute
GEJ|4|145|1|0|(Der Herr:) „Eine ganz außerordentlich große und weitaus wirkende Giftpflanze ist aber um so mehr ein geiziger und habgieriger Mensch. Seine ganze weithin reichende naturlebensgeistige Umgebung, seine Aushauchung, sein ganzer Außenlebenskreis wird mit seinem Innern gleichen Charakters; seine schlecht gewordenen ihn umgebenden Naturlebensgeister aber verkehren stets von neuem die ihnen zuströmenden noch guten Naturlebensgeister in ihr Schlechtes, Geiziges und Habsüchtiges.
GEJ|4|145|2|0|Da aber diese Naturlebensgeister nicht nur allein mit dem Menschen, sondern auch mit den Tieren, mit den Pflanzen, mit dem Wasser und mit der Luft in fortwährendem Konflikte stehen, so geben sie auch stets viel Anlaß zu allerlei Kämpfen, Reibungen und unnötigen Bewegungen in der Luft, im Wasser, in der Erde, im Feuer und in den Tieren.
GEJ|4|145|3|0|Wer dies so recht praktisch erfahren will, der gehe zu einem sehr guten Menschen, und es werden bei ihm auch alle Tiere einen viel sanfteren Charakter haben. Am ehesten merkt man das an den Hunden, die in kurzer Zeit ganz den Charakter ihres Herrn annehmen. Der Hund eines Geizigen wird sicher auch eine geizige Bestie sein, und wenn er frißt, wird es nicht ratsam sein, ihm in die Nähe zu treten. Gehe aber hin zu einem freigebigen, sanften Menschen, und du wirst merken, wenn er einen Hund hält, daß dieses Tier ganz gutmütigen Charakters sein wird; es wird eher von der Fraßschüssel abstehen, als sich etwa mit einem ungeladenen Gaste in einen bissigen Kampf einzulassen. Auch alle anderen Haustiere einer sanften und gutherzigen Herrschaft werden um ein bedeutendes sanfter sein, ja sogar an den Pflanzen und Bäumen wird ein Scharffühler einen gar nicht unbedeutenden Unterschied wahrnehmen.
GEJ|4|145|4|0|Betrachten wir aber auch die Dienerschaft eines Geizhalses, ob sie nicht zumeist auch knickerisch, neidisch und geizig und zu dem Behufe hinterlistig, falsch und betrügerisch wird! Selbst ein sonst ganz guter und freigebiger Mensch, wenn er längere Zeit in der Nähe eines Geizhalses ist, der im Golde und Silber bis über den Hals steckt, wird am Ende in ein recht sparsames System übergehen und im Ausüben der Wohltaten viel bedenklicher werden.
GEJ|4|145|5|0|Nun kommt es auf der Erde aber auch noch darauf an, daß alles Schlechte das Gute mit viel geringerer Mühe in das seinige umwandelt, als das Gute etwas Schlechtes in sein Gutes!
GEJ|4|145|6|0|Sehet einen so recht zornigen Menschen an, der alles um sich nur gleich aus lauter Grimm und Wut umbringen möchte! Tausend ganz gute Menschen, die ihn beobachten, werden am Ende selbst ganz grimmzornig und möchten sich gleich alle an dem einen Zornigen vergreifen und ihm seinen Zorn austreiben, wenn sie nur alle mit ihren scharf tatsüchtigen Händen Platz fänden an seiner Haut. Warum erregt hier ein Glühzorniger Tausende zum Gegenzorn, und warum nicht die tausend Gutmütigen an der Stelle den einen Glühzornigen zu der eminentesten Gutmütigkeit?
GEJ|4|145|7|0|Alles auf Grund dessen, weil besonders auf dieser Erde, der Erziehung der Kinder Gottes wegen, der Reiz zum Schlechten und Bösen ein bei weitem größerer ist, und auch sein muß, als wie zum Guten. Den Grund davon im allgemeinen habe Ich euch schon ehedem einmal gezeigt und brauche ihn hier nicht noch einmal zu wiederholen.
GEJ|4|145|8|0|Da sehet euch noch einmal diese beiden Pflanzen an, und stellet euch einen sehr großen ehernen Kessel vor! In diesem Kessel wollen wir tausend solcher Heilpflanzen zu einem heilsamen Tee sieden, und wer aus der Sphäre der Brustkranken davon trinken würde, der würde auch bald eine heilsame Wirkung davon wahrzunehmen anfangen; denn die guten Naturlebensgeister möchten die wenigen schlechteren in seiner Brust schon bald zurechtbringen.
GEJ|4|145|9|0|Aber nehmen wir darauf diese besondere Giftpflanze und werfen sie auch in den Kessel, in welchem tausend Stück von der Heilpflanze zu einem Heiltranke kochen! Sehet, diese einzige Giftpflanze wird den ganzen Heilstoff in ihren tödlichen Giftstoff verkehren, und wehe dem Kranken, der es wagen würde, von dem Tee einen Trunk zu nehmen! Wahrlich, es würde ihn das unfehlbar das Leben kosten, und es könnte ihm auf natürlichem Wege nicht geholfen werden!
GEJ|4|145|10|0|Nehmen wir aber nun den umgekehrten Fall! Kochen wir tausend Stück dieser Giftpflanzen im selben Kessel zu einem Tee zum Tode und legen am Ende nur eine von diesen Heilpflanzen in den Kessel zu den tausend Giftpflanzen! Oh, wie schnell werden alle ihre guten und heilsamen Naturgeister in das tödlichste Gift der tausend Giftpflanzen verwandelt sein!
GEJ|4|145|11|0|Aus dem aber geht ja wieder sonnenhell hervor, daß eben auf dieser Erde aus dem bekanntgegebenen Grunde das Schlechte das Gute um vieles eher in sein Schlechtes zu verkehren imstande ist, denn umgekehrt.
GEJ|4|145|12|0|Stelle dir nun eine Menge allerlei schlechter Menschen in einer Gegend vor, oder in einem ganzen Lande, und frage dich nach dem bereits Vernommenen, ob es da im Ernste von einem Gotteszorne abhängt, wenn so allerlei Übel über dasselbe kommen! Ich sage es euch, und besonders dir, Freund Stahar, daß alles das allein und lediglich von den Menschen, ihren Handlungen und Lebensweisen abhängt, und Gottes Zorn und Seine Rache hat damit ewig nichts zu tun, außer das, daß Ich eine solche Ordnung in die Natur der Dinge gelegt habe, die natürlich, solange die Erde besteht, umwandelbar bleiben muß, ansonst sich die Erde auflösen würde und dem Menschen keine Wohnstätte für sein Probeleben bieten könnte.
GEJ|4|145|13|0|Darum heißt es nun, all das Gute mit allem Ernste, mit aller Gewalt und aller Kraft an sich zu reißen, so man von dem vielen Schlechten nicht verschlungen werden will.
GEJ|4|145|14|0|Suchet daher euer inneres Leben durch die tatsächliche Befolgung Meiner Lehre zu vollenden, so werden euch die Gifte der Welt keinen Schaden mehr zuzufügen imstande sein!“
GEJ|4|146|1|1|146. — Das wunderbare Heilpflänzchen. Das Wesen des Lichtes und der Finsternis, des Guten und des Bösen
GEJ|4|146|1|0|(Der Herr:) „Kehren wir aber noch einmal zu unserm Giftkessel mit den darin kochenden tausend Stück Giftpflanzen zurück! Sehet, zehn-, auch hunderttausend dieser Art Heilpflanzen werden nicht imstande sein, diesen Gifttee des vollen Kessels zu entgiften! Aber es wächst auf dieser Erde ein ganz kleines Pflänzchen auf den indischen Hochalpen – auch am Sinai kommt es vor –: nur ein kleines Stückchen, etwa so groß wie ein mittelmäßiger Grashalm, dürfen wir in den großen Giftkessel werfen, und im Augenblick ist all sein Gift in den allerheilsamsten Tee verwandelt!
GEJ|4|146|2|0|,Wie möglich das?‘ fragst ganz erstaunt du, weiser Stahar, nun. Und Ich sage dir, daß auch das mit ganz natürlichen Dingen zugeht. Wie, das soll dir und auch allen anderen sogleich und ganz klar gezeigt werden.
GEJ|4|146|3|0|Siehe, wenn es in einer mondlosen Gewitternacht so recht stock-, kohl- und rabenfinster ist, da wird es dir doch vorkommen, daß es nun schon in der ganzen Unendlichkeit gleichwegs also finster ist. Diese Finsternis, die dem Augenlichte wenigstens auf eine Zeit ein tödliches Gift ist, weil sie dasselbe alles seines Vermögens beraubt, wird ihres Giftes durch einen kleinsten Funken Lichtes aus der Sonne ledig und im Augenblick in ein helles Licht verwandelt.
GEJ|4|146|4|0|Spannest du schon, wohinaus es gehen wird? Spannen und ahnen kannst du wohl, aber wissen noch lange nicht! Da du es aber nicht wissen kannst, so höre!
GEJ|4|146|5|0|Wie kann denn ein Funke des Sonnenlichtes schon die ganze Finsternis verscheuchen, und warum ist es ohne denselben überhaupt finster? Die Luft besteht ja aus denselben Geistern zur allerfinstersten Nachtzeit wie am hellsten Tage!
GEJ|4|146|6|0|Wenn die Sonne einmal vollends untergegangen ist, so begeben sich nach und nach die Naturlebensgeister zur Ruhe, jedes für sich speziell, und weil sie in sich selbst ruhen und in ihren leichten Hülschen nicht vibrieren, so merkt des Fleisches Auge ihre Gegenwart und ihr Sein nicht, und die fühlbare Folge davon für des Fleisches Auge ist die finstere, lichtlose Nacht.
GEJ|4|146|7|0|Du meinst freilich, daß auch in der Nacht der Wind weht und die Naturlebensgeister sonach doch nicht ruheten! Oh, da irrst du dich und hast keinen Begriff von der innern speziellen Bewegung eines Naturgeistes! Der Wind zieht wohl auch in der Nacht, und somit machen auch offenbar die Naturlebensgeister eine Bewegung, – aber keine spezielle in sich, sondern eine allgemeine nach irgendeiner bestimmten Richtung, genötigt durch irgendeinen höheren Geist. Wenn aber auf irgendeinem Punkte ein Naturgeist oder eine ganze, große Gesellschaft von Naturgeistern, welche da sind jene Feuerzungen, die du gesehen hast gleich allen anderen hier Anwesenden, in eine außerordentliche innere vibrierende Bewegung gerät, so wird es auf jenem Punkte für das Auge empfindlich hell und licht und zeigt den Moment eines Sich-Ergreifens und Etwas-Werdens an.
GEJ|4|146|8|0|In solch einem Momente aber werden eine unzählbare Menge von Naturlebensgeistern in der weitesten Umgebung mit erregt, und es wird somit licht und helle im weitesten Umkreise. Von einer je heftiger vibrativ tätigen Naturgeistersphäre aber die nachbarlichen Geister erregt werden, desto heller wird es im weitesten Umkreise, und so verkehrt sich eine sich zu irgendeinem Etwas-Werden ergriffen habende Geistermenge in ein ähnliches Streben; und das Licht der Sonne liefert durch seine produktive Kraft und Einwirkung auf den Weltkörpern, die ihr nahe genug stehen, dafür den sprechendsten Beweis.
GEJ|4|146|9|0|Aber nicht nur auf den Planeten werden die freien Naturlebensgeister zu einem Etwas-Werden durch das Sonnenlicht erregt, sondern auch im freien Ätherraume; denn da entstehen durch ein solches Sich-Ergreifen der freien Naturlebensgeister oft Dinge, von denen sich eure Weisheit noch nie etwas hat träumen lassen.
GEJ|4|146|10|0|Wie du aber nun gesehen hast, daß ein einziger Lichtfunke nach der Kraft des Sonnenlichtes einen ungeheuer großen finstern Raum augenblicklich in ein helles Licht umgestalten kann, so gestaltet das angeführte Heilkräutlein den ganzen großen Kessel voll Gifttees in einen heilsamsten Trank um, weil die Naturlebensgeister im kleinen Heilkräutlein zu intensiv tätig sind in der rechten guten Ordnung und darum die trägeren und widerordentlichen Geister der Giftpflanze augenblicklich in eine ordentliche Tätigkeit hinüberzwingen.
GEJ|4|146|11|0|Also steht es auch mit der Einwirkung eines wahrhaft lebensvollendeten Menschen – einmal auf seine Nebenmenschen und dann aber auch auf die noch freien Naturlebensgeister in einem weiten Umkreise.
GEJ|4|146|12|0|An und für sich gute und ordentliche Menschen werden unter mehr und minder Guten auch gut wirken, und die Minderguten werden an ihnen recht heilsame Kräuter haben. Wenn aber diese nur an sich recht natürlich guten Menschen unter recht grundschlechte, böse und ausgelassene Menschen geraten, die ihr böses Haar auf den Zähnen tragen, so werden sie gar bald und leicht mitverdorben, weil ihre innere Lebensordnungskraft ihnen kein Gegengewicht bieten kann; ist aber ein Mensch in sich vollendet, so gleicht er dem kleinen Heilkräutel im großen Giftteekessel und dem Sonnenlichtfünklein im weitesten Nachtraume.
GEJ|4|146|13|0|Wenn du auch das nun ganz gehörig aufgefaßt hast, so wirst du doch endlich ganz einsehen, wie alles Übel unter den Menschen auf dieser Erde wahrlich nicht vom Zorne und von der Gottesrache, sondern allein von der Lebensordnung der Menschen herrührt, so wie auch das Gute oft von einem einzigen in sich vollendeten Menschen.
GEJ|4|146|14|0|Und da Ich dich auf diese instruktive Weise nun zurechtgebracht habe, so steht es nun wieder bei euch allen, Mich noch um irgend etwas zu fragen, das euch aus der Sphäre der Sterbegeschichte des alten Lazarus fremd sein könnte. – Einer aus euch hat noch eine kleine Frage im Hintergrunde; er lasse sie vernehmen!“
GEJ|4|147|1|1|147. — Die Ursachen der Wärme und der Kälte
GEJ|4|147|1|0|Sagt Mathael: „Herr, dieser eine werde offenbar ich selbst sein! Denn ich habe im Ernste noch so eine Kleinigkeit im Hintergrunde, die ich mir trotz meines scharfen Nachdenkens nicht so recht zusammenreimen kann!“
GEJ|4|147|2|0|Sage Ich: „Ja, ja, eben du bist es; gib es von dir, was dich drückt!“
GEJ|4|147|3|0|Sagt weiter Mathael: „Als ich und mein Vater von unserm Hause mit dem jungen Lazarus nach Bethania zogen und auf dem Wege die große Lichterscheinung sahen, so empfanden wir dabei eine ganz bedeutende Wärme. Als aber die Lichterscheinung endlich ganz erlosch, da ward es nebst der plötzlich eingetretenen totalen Finsternis auch so empfindsam kalt, daß es mich durch und durch zu fiebern begann. Worin nun diese Kälte ihren Grund haben mag, bringe ich mit meinem Denken durchaus nicht heraus; wenn es Dir, o Herr, genehm wäre, möchte ich den Grund davon wohl auch noch erfahren!“
GEJ|4|147|4|0|Sage Ich: „Nun, da liegt der Grund zum Mit-den-Füßen-Darauftreten nahe! Wenn du zwei Stücke Holzes recht fest aneinander reibst, so werden sie dadurch erwärmt, heiß, entzünden sich am Ende wohl gar und fangen lichterloh zu brennen an. Warum geschieht denn das? Weil die im Holze und in dessen Zellen und Organen vorhandenen Naturlebensgeister aus ihrer stummen und stumpfen Ruhe zu gewaltsam geweckt und erregt werden, alsbald in eine große selbstische, vibrierende Bewegung geraten und sich schon als ein Licht und Feuer zu zeigen anfangen, dadurch die noch trägeren angrenzenden Geister mit erregen und so am Ende alle Naturlebensgeister in die erregteste Bewegung oder, geradeheraus gesagt, in Brand stecken. Ist es mit der Erregung oder mit dem Brennen zu Ende, so kühlt sich dann bald die ganze Naturlebensgeisteranzahl schnell ab; je heftiger eine Erregung bewirkt wird, desto schneller tritt dann eine Ermattung der Naturgeister ein, mit ihr die Ruhe, und mit dieser die Kälte.
GEJ|4|147|5|0|Ein ganz glühendes Stück Holz oder eine Glühkohle ist selbst beim stärksten Angefachtsein nie so heiß wie ein ebenso stark glühendes Stück Erz. Der Grund davon ist, daß die Naturgeister im Erze einer größeren Erregung fähig sind als jene im Holze; wenn aber die Kohle und das Erz sich abkühlen in einer gleich kalten Temperatur, so wird das Erz sich schneller abkühlen denn die Kohle und wird in ganz abgekühltem Zustande um ein bedeutendes kälter anzufühlen sein denn die auch ganz abgekühlte Kohle.
GEJ|4|147|6|0|Wenn es im Sommer an einem Tage sehr heiß und schwül wird, so fangen die Naturlebensgeister an, sich zu regen, und dies mächtigere Regen erzeugt auch die stets größere Wärme und Schwüle. Wird diese größer oder intensiver, so geschieht das dadurch, daß sich die bewußten Geister enger aneinander zu drücken anfangen und bald in der Gestalt von Nebeln und Wolken auch dem Fleischauge ersichtlich werden.
GEJ|4|147|7|0|Wie bei einer solchen Gelegenheit aber die Wolken sich mehren und mehren, ist euch bekannt, wie auch, daß es am Ende in den Wolken zu blitzen und aus denselben ganz gewaltig zu regnen und mitunter auch zu hageln anfängt, was eine Wirkung der euch auch schon bekannten Friedensgeister ist.
GEJ|4|147|8|0|Je heftiger aber bei einem Gewitter die Blitze folgen und leuchten, desto kälter wird bald darauf die Luft, – was alles eine Folge der Sich-zur-Ruhe-Legung der aufgeregten Naturgeister ist, wozu sie freilich von den mächtigen Friedensgeistern genötigt werden. Also ward es auch bei deiner großen, mächtigen Lichterscheinung, als sie verschwand, aus dem ganz gleichen Grunde kühl und ordentlich kalt. – Bist du nun auch darin im klaren?“
GEJ|4|147|9|0|Sagt Mathael: „Herr, ich danke Dir für diese Aufhellung; ich bin nun auch darin im klaren!“
GEJ|4|148|1|1|148. — Der tödliche Fall des neugierigen Knaben
GEJ|4|148|1|0|Sage Ich: „Wenn also, da mußt du uns schon noch den Sterbefall erzählen von einem Knaben, der von einem Baume herabfiel und bald darauf verschied, und zugleich aber auch jenen eines Menschen, der sich selbst in einen Teich stürzte und ertrank und somit einen Selbstmord beging. Fasse dich aber kurz und gib uns nur die Hauptmomente kund!“
GEJ|4|148|2|0|Mathael begann sogleich zu reden und sagte: „Nur um eine kleine Geduld bitte ich; denn ich möchte die beiden Fälle auf einmal zusammen erzählen und muß mich darum zuvor ein wenig fassen!“
GEJ|4|148|3|0|Sagte Ich: „Tue das; Ich aber werde dir schon die rechte Art und Weise in den Mund legen, und es wird auch ohne eine Vorfassung gehen!“
GEJ|4|148|4|0|Sagte darauf Mathael: „Ja, wenn also, dann werde ich mich freilich nicht lange zu fassen nötig haben und werde darum als sogleich die mir noch sehr wohl im Gedächtnisse haftenden beiden Begebenheiten so treu und wahr als mir nur immer möglich erzählen!“
GEJ|4|148|5|0|Sagen alle laut: „Nun, hoher Vizekönig der Völker um den weiten Pontus bis an das Kaspische Meer, freuen wir uns alle ganz besonders auf deine Erzählungen; denn im Erzählen bist du wahrlich ein unübertrefflicher Meister!“
GEJ|4|148|6|0|Sagt Mathael: „Zum Erzählen gehört vor allem eine kleine Sprachkundigkeit und eine große Wahrheitsliebe. Wer wahr erzählt, hat immer einen Vorzug vor einem Fabeldichter! Doch sei dem nun, wie ihm wolle; was ich euch nach dem Wunsche des Herrn zu erzählen habe, ist eine von mir erlebte Geschichte, wie ich deren von der Wiege an bis in mein zwanzigstes Jahr viele erlebt habe. Ich werde sie euch mit der Zunge geben, wie ich sie in meinem siebzehnten Lebensjahre erlebt habe an der Seite meines stets um mich seienden, durch meine Gesichte schon ganz weise gewordenen Vaters. Die beiden Geschichten aber lauten also:
GEJ|4|148|7|0|Es war um die Zeit der allgemeinen Judenreinigung, wo – wie bekannt – am Jordanflusse der Sündenbock für alle Judensünden geschlachtet und geopfert und am Ende unter allerlei Geplärr und Gebetsformeln und Verfluchungen in den lieben Jordanfluß geworfen wird. Nun, darüber noch ein Wort mehr zu verlieren, wäre ein eitles und wertloses Geplauder, da derlei Zeremonie jedem noch so geringen Juden nur zu bekannt ist.
GEJ|4|148|8|0|Weniger bekannt aber dürfte euch sein, daß damals bei dem erwähnten Sündenbocksopferfeste eine übergroße Volksmenge sich eingefunden hatte. Griechen, Römer, Ägypter und Perser waren zahlreich vertreten. Kurz, an Neugierigen gab es keinen Mangel!
GEJ|4|148|9|0|Daß die Knaben von dem Schauspiele doch auch etwas sehen wollten, wird euch begreiflich sein. Daß sie aber wenig sehen konnten über die großen Leute hinweg, das wird euch auch begreiflich sein, und auch begreiflich, daß die Neugierde die nichtssehenden Knaben auf die nahestehenden Bäume trieb. Es dauerte gar nicht lange, als den vielen Knaben am Ende der gastlichen Bäume zu wenig wurden und sie sich auf den Ästen zu zanken begannen. Sie wurden wohl zu öfteren Malen zur Ruhe gewiesen, aber es halfen diese gutgemeinten Zurechtweisungen wenig oder auch gar nichts.
GEJ|4|148|10|0|Ich und mein Vater saßen auf unseren Kamelen, die wir von einem Perser, den mein Vater von einer bösen Krankheit geheilt hatte, zum Geschenk erhielten; es waren beide Doppelhöcker und sonach zum Reiten um vieles bequemer denn die Einhöcker. Wir übersahen darum auch ganz bequem die ganze Geschichte. Unfern von unserm Standpunkte stand eine recht schöne und hohe Zypresse, auf deren schon von Natur aus eben nicht zu kräftigen Ästen sich drei Knaben zankten. Jeder war bemüht, sein Gewicht möglichst dem stärksten Aste anzuvertrauen.
GEJ|4|148|11|0|Da aber dieser schon sehr bejahrte Baum eigentlich nur zwei Äste von einer noch derart soliden Stärke besaß, daß man ihnen sein Leben anvertrauen konnte, so stritten sich die drei Knaben um den Besitz der zwei stärkeren Äste, und ein dritter war genötigt, sich mit einem eigentlich mehr Zweige als Aste zu begnügen. In einer Höhe von immerhin gut fünf Mannslängen kauerte der dritte auf seinem Aste, der mehr ein Zweig denn ein Ast war.
GEJ|4|148|12|0|Es ging aber die Sache eine Stunde nun leidentlich, bis sich gen Mittag hin ein ziemlich starker Wind erhob, der den Gipfel unserer Zypresse in ein recht bedenkliches Schwanken brachte und den Rauch vom stark dampfenden Opferaltare gerade diesen drei Knaben so recht armdick ins Gesicht trieb, daß sie die Augen zuhalten mußten, um nicht einen förmlichen Strom von Tränen umsonst zu vergießen.
GEJ|4|148|13|0|In dieser höchst bedenklichen Stellung betrachtete ich mir den auf dem schwachen Zweigaste kauernden Knaben. Als der Rauch so recht, man könnte sagen, pfundschwer, ihm ins Gesicht getrieben ward, da bemerkte ich auf einmal zwei große Fledermäuse um seinen Kopf herumschwirren. Sie hatten die Größe von zwei ganz ausgewachsenen Tauben und trieben dem armen Kerl noch mehr Rauch ins Gesicht.
GEJ|4|148|14|0|Ich machte hier meinen Vater aufmerksam und sagte zu ihm, daß hier sicher ehestens etwas Unangenehmes vor sich gehen werde. Ich sagte ihm auch, was ich sah, und daß mir die beiden Fledermäuse gar nicht natürlich vorkämen, und zwar aus dem Grunde, weil sie sich bald vergrößerten und bald wieder verkleinerten.
GEJ|4|148|15|0|Der Vater lenkte sein Kamel, auf dem er saß, an den Baum und rief dem Knaben auf dem Baume zu, daß er vom Baume eiligst herabsteigen solle, ansonst er ein Unglück haben werde. Ob der Knabe meines Vaters ziemlich laut gesprochene Worte vernommen hatte oder nicht, weiß ich kaum als eine Wahrheit zu bezeichnen; denn ich bemerkte nur stets das frühere Schauspiel, und wie der sehr bedenklich auf dem Zweige kauernde Knabe sich stets mehr und mehr mit der Hand die vom dicken Rauche beleidigten Augen auszuwischen begann und nahe halbblind sein mußte.
GEJ|4|148|16|0|Da der Vater aber sah, daß sein warnendes Rufen an den Knaben total ohne Wirkung blieb, so entfernte er sich wieder vom bedenklichen Baume, kam wieder zu mir und fragte mich, ob ich noch das Gesicht habe. Ich bejahte die Frage der vollen Wahrheit gemäß und beteuerte, daß der Knabe, wenn er nicht sogleich vom Baume entfernt würde, ein unvermeidbares Unglück werde erleiden müssen. Sagte der Vater: ,Ja, mein Sohn, was läßt sich da machen?! Eine Leiter haben wir nicht, und aufs Zurufen verläßt der Knabe den Baum nicht; man ist darum genötigt abzuwarten, was Gott der Herr über diesen ungehorsamen Knaben wird kommen lassen.‘
GEJ|4|148|17|0|Mein Vater hatte gerade das letzte Wort ausgesprochen, als der schwache Ast, durch die stetige Bewegung des Knaben zu oft und zu sehr hin und her und auf und ab gebogen, brach, der Knabe, natürlich nun ganz stützlos, die Höhe von stark fünf Mannslängen häuptlings auf einen unter dem Baume befindlichen Stein mit aller Gewalt auffiel, sich die Hirnschale einschlug, das Genick brach und somit auch gleich tot liegenblieb.
GEJ|4|148|18|0|Darüber entstand im Volke ein Spektakel; alles drängte sich hin zu dem verunglückten Knaben. Was half aber das nun, da der Knabe einmal tot war?! Die römischen Wachen trieben endlich das Volk auseinander, und es ward sogleich mein wohlbekannter Vater berufen, den Knaben zu untersuchen, ob er wirklich tot sei, oder ob an ihm etwa noch Wiederbelebungsversuche mit Erfolg angewendet werden könnten. Mein Vater befühlte des Knaben zerschmettertes Haupt und dessen Genick und sagte: ,Da hilft kein Kraut und keine Salbe mehr! Denn dieser ist nicht nur einfach, sondern zweifach tot und wird in dieser Welt nimmer lebend werden!‘“
GEJ|4|149|1|1|149. — Die geistigen Erscheinungen bei dem Unglück. Der Selbstmord des vom Tempel verfluchten Essäers
GEJ|4|149|1|0|(Mathael:) „Zugleich aber fragte mich der Vater, was ich etwa noch als etwas Besonderes an dem Knaben entdecke.
GEJ|4|149|2|0|Ich sprach auf griechisch zu ihm und sagte: ,Jene beiden großen Fledermäuse haben über seiner Brusthöhle sich vereinigt, und zwar in der Gestalt eines ganz betrübt aussehenden Affen, und bemühen sich nun, von dem Leibe sich zu trennen, scheinen aber von demselben noch derart angezogen zu sein, daß es ihnen vorderhand noch nicht möglich ist, sich von dem Leibe ganz wegzumachen; aber je länger da ihre Mühe dauert, desto mehr werden sie eins, und – da, nun sind sie als ein flüchtig Wesen vom Leibe los! Das hockt und springet nun noch um den Leib, als suchte es irgend etwas!‘
GEJ|4|149|3|0|,Das wird doch nicht die Seele des Knaben sein?‘ sagte der Vater.
GEJ|4|149|4|0|Sagte ich: ,Ja, das weiß ich wahrlich selbst durchaus nicht! Sollte so ein verwahrloster Knabe denn im Ernste noch keine bessere Seele haben?! Nun hockt dies sonderbare Wesen beim noch blutenden zerschmetterten Kopfe und tut, als leckte es das Blut aus der großen Wunde. Es bringt aber dennoch nichts von der Stelle! Nur den leichten und ganz schwach sichtbaren Blutdampf schlürft es ein und bekommt dadurch ein etwas mehr menschliches Aussehen. – Aber nun kommen Träger, die höchst wahrscheinlich den Leichnam von der Stelle schaffen werden! Bin neugierig, ob dies Affenwesen sich auch mit bewegen wird!‘
GEJ|4|149|5|0|Es kamen in diesem Momente vier Träger mit einer ziemlich langen Stange, banden den Leichnam mit Leintüchern an die Stange, hoben ihn auf und trugen ihn von dannen.
GEJ|4|149|6|0|Sagte ich: ,Aber das Wesen bleibt und sieht um sich wie jemand in einer großen Leere, in der nirgends etwas zu erschauen ist. Uns Leibesmenschen scheint es nicht zu sehen. Nun kauert es sich an der Stelle nieder, wo der Knabe vom Baume herabgestürzt ist, und macht Miene, als wollte es einschlafen. Das muß denn doch im Ernste die Seele des Knaben sein!‘
GEJ|4|149|7|0|Sagte der Vater: ,Nun, glücklicherweise geht die Bockvernichtungsgeschichte ihrem Ende zu! Nur noch die Sentenz (Urteilsspruch) über jene, die von dieser allgemeinen Reinigung als zu große und böse Sünder ausgeschlossen sind, dann wird es gar sein! Wie alle Jahre: immer eine und dieselbe Geschichte, – für mich ohne Segen, Kraft und Nutzen, und ich glaube, auch für jedermann!‘
GEJ|4|149|8|0|Darauf schwieg der Vater, hörte die Sentenzen an und ärgerte sich nicht wenig darüber, als der erste Fluch über die armen Samaritaner, dann erst über alle Heiden, über die Essäer, Sadduzäer und, so mehr leichtweg, auch über unbußfertige Blutschänder, Bruder-, Vater- und Muttermörder, Tierschänder und Ehebrecher und – mit der fürchterlichsten Sentenz – am Schlusse über die Verächter des Tempels und seiner Heiligtümer ausgesprochen ward.
GEJ|4|149|9|0|Nach dieser durchaus nicht erbaulichen Zeremonie, bei der jeder Fluch dem Gewande des Hohenpriesters einen gewaltigen Riß zubrachte, zog sich bald alles in die Stadt zurück; nur ein Mensch, den wahrscheinlich die wohlmeinenden Fluchtsentenzen etwas mehr als recht aus der Lebensfassung brachten, blieb an einem Teiche stehen, der unfern von uns lag und eigentlich ein alter, noch immer sehr tiefer, vom Jordan erzeugter Tumpf war, von dem einige Narren fabelten, als hätte sich durch dieses bei hundert Mannslängen im Umkreise habende Loch das Wasser der Sündflut von der ganzen Erde verloren in einem Jahre und etlichen Tagen. Daß dieser Tumpf zwar sehr tief ist, das ist wahr, – aber ohne Grund und Boden wird er wohl auch nicht sein.
GEJ|4|149|10|0|Es kam meinem Vater etwas verdächtig vor, wie der Mensch gar so stier und wirr von einem ins Wasser des Teiches stark vorspringenden Felsen in den schwarzen Tumpf hineinsah. Er fragte mich, ob ich etwa um jenen Mann herum oder etwa über ihm etwas Ungewöhnliches entdecke.
GEJ|4|149|11|0|Ich sagte, wie es vollkommen wahr war: ,Ich entdecke nichts, kann aber dennoch nicht leugnen, daß mir der ganze Mensch durchaus nicht gefällt! Ich glaube, daß man da gar kein irriges Prognostikon (Voraussage) stellete, so man behauptete: Der wird ehestens mit dem ganzen, höchst eigenen Leibe untersuchen gehen, wie tief etwa der Tumpf ist!‘
GEJ|4|149|12|0|Ich gebe das so getreu wieder, wie ich damals geredet habe, obwohl mein Vater es nie gerne hörte, wenn ich so bei ganz ernsten Dingen ein wenig zu witzeln anfing, – wozu ich ein ganz besonderes Talent besaß. Daher wolle Du, Herr, es hier mir auch gnädigst nachsehen, wenn ich mich hier eben jener Worte bediene, deren ich mich damals bedient habe!“
GEJ|4|149|13|0|Sage Ich: „Wie du redest, also ist es recht; denn also will Ich es, und also lege ja Ich Selbst dir sozusagen die Worte in den Mund! Erzähle nun weiter; alle hören dich mit aller Aufmerksamkeit an!“
GEJ|4|149|14|0|Und Mathael begann gleich weiterzuerzählen und sagte: „Ich aber hatte kaum das letzte Wort ausgesprochen, so hob der Mensch seine Hände in die Höhe und sagte sehr laut: ,Der Hohepriester hat mich verflucht, weil ich ein Essäer ward und den Tempel verlassen habe, um zu erlernen eine andere und bessere Weisheit, die ich aber dort ebensowenig fand wie in dem Tempel zu Jerusalem. Ich aber bin reuig in den Tempel zurückgekehrt und habe gebetet und geopfert; aber der Hohepriester verwarf mein Opfer, schalt mich einen allerärgsten Tempelschänder und verfluchte mich für ewig, indem er sieben Risse in sein Kleid tat. Nun, bei der allgemeinen Reinigung, hoffte ich eine Milderung seines ausgesprochenen Fluches zu erlangen; allein vergeblich harrte ich darauf! Er bekräftigte nur noch mehr den alten Fluch und machte mich zu einem Verfluchten vor Gott und den Menschen! Ich bin also verflucht! – So sei ich denn verflucht!‘ – Mit diesen überlaut geschrieenen Worten stürzte er sich vom Felsen hinab in den Teich und ertrank.“
GEJ|4|150|1|1|150. — Die Seelen der beiden Verunglückten im Jenseits
GEJ|4|150|1|0|(Mathael:) „Es dauerte aber gar nicht lange, so entdeckte ich etwas wie ein graues Menschengerippe auf der Oberfläche des Wassers langsam herumschwimmen, begleitet von ganz sonderbar aussehenden schwarzen Enten. Es mögen derer bei zehn an der Zahl gewesen sein. Nur die Füße, aber erst unter den Knöcheln, waren ganz mager befleischt; alles andere waren haut- und fleischlose Knochen, was mir im hohen Grade sonderbar vorkam. Anfangs lag das schwimmende Gerippe mit dem Gesichte nach oben gekehrt; aber nach etwa einer halben Stunde hatte es sich umgedreht, fing wie ein gewandter Schwimmer mit Händen und Füßen an zu arbeiten und schien sich zu bemühen, die schwarzen Enten von sich abzuwehren. Diese aber waren hartnäckig und wollten den sehr unheimlich aussehenden Schwimmer durchaus nicht verlassen.
GEJ|4|150|2|0|So trieb sich dies rätselhafte Gebilde eine gute Stunde, bald schneller und bald wieder langsamer, auf des Teiches Oberfläche nach allen Richtungen herum, tauchte auch ein paar Male unter und kam wieder in die Höhe. Ich hätte dies Ungetüm für ein Wassertier gehalten, wenn mein Vater dasselbe auch gesehen hätte; aber er konnte seine sonst scharf sehenden Augen noch so sehr anstrengen, so konnte er aber dennoch nichts erschauen, wodurch ich dann ganz natürlich die Überzeugung gewinnen mußte, daß das im Teiche herumschwimmende Totengerippe etwas Unnatürliches, also Seelisches und Geistiges, war. Nach einer Stunde ward es ganz ruhig, und die schwarzen Enten taten, als nippten sie dem Gerippe noch irgendein vorhandenes Stück Fleisches herab.
GEJ|4|150|3|0|Weil da nichts von irgendeiner Bedeutung mehr geschah, so kehrten wir wieder zu unserem Affen zurück, der sich eben emporzurichten anfing und zu versuchen begann, auf den zwei Hinterbeinen zu stehen und schlechtweg zu gehen. Aber mit dem Gehen ging es schlecht. Das Wesen sank bei jedem fünften Schritte mit den Vorderbeinen zur Erde, erhob sich jedoch schnell wieder und sah sich dabei stets nach allen Richtungen um, und man konnte aus dem Charakter des emsigen Umherschauens den Schluß ziehen, als fürchte sich das Wesen vor irgend etwas oder als habe es einen bedeutenden Hunger und sehe sich nach einer ihm zusagenden Kost um. Mit diesen Geh- und Stehversuchen kam es bis zu unserm berüchtigten Teiche. Dort ersah es aber bald unser Gerippe, das sich nun wieder im Teiche in der Gesellschaft der unheimlichen Enten herumtrieb.
GEJ|4|150|4|0|Als unser Affe, oder sicher unseres verunglückten Knaben Seele, des Gerippes ansichtig ward, da stieß er einen heftigpfeifenden Schrei aus und betrachtete das Gerippe mit einer besonderen Aufmerksamkeit. Nach einer Zeit von etwa einer halben Stunde richtete er sich ganz gerade wie ein Mensch auf, und ich vernahm ganz deutlich die Worte in einer Art Lispelstimme: Das war meines schlechten Leibes unglücklicher Vater! Wehe ihm und mir; denn uns beide hat Jehovas Zorn und Gericht ereilet! Bei mir kann immerhin noch geholfen werden; aber wie wird ihm zu helfen sein?
GEJ|4|150|5|0|Hier hielt der Affe inne und zeigte ein höchst betrübtes Gesicht, während im Teiche die schwarzen Enten ganz munter das nicht viel Leben äußernde Gerippe im Wasser herumneckten und herumtrieben. Dieser Stand dauerte nun abermals eine gute halbe Stunde, und es verliefen sich bei der Gelegenheit nahe auch alle Menschen bis auf etliche wenige Römer und Griechen, die aber in einem sehr geschäftlichen Diskurse standen und auf unsere stillen Beobachtungen gar nicht achteten.
GEJ|4|150|6|0|Mein Vater fragte mich, ob ich irgend weiteres noch bemerke. Ich verneinte und sagte ganz kurz: ,Nicht das Geringste bis jetzt!‘
GEJ|4|150|7|0|Da meinte der Vater, daß wir gehen könnten; denn da werde schon alles Sehens- und Denkwürdige beisammensein, und es dürfte uns etwas Weiteres, was da Jehova mit den beiden Seelen unternehmen werde, kaum kümmern.
GEJ|4|150|8|0|Ich aber sagte: ,Vater, bei drei Stunden Zeit haben wir den beiden Seelen gewidmet und haben auch nichts davon außer ein stilles, trauriges Spektakel vor meinen Augen; widmen wir ihnen darum noch eine Stunde, – vielleicht kommt da doch noch irgend etwas Interessantes heraus!‘ Der Vater war mit meinem Antrage ganz zufrieden, und wir blieben. Nach wenigen Augenblicken dieser unserer Unterredung aber bekam die Sache plötzlich ein anderes Gesicht.
GEJ|4|150|9|0|Der Affe richtete sich plötzlich ganz voll Grimmes auf, sprang auf des Wassers Oberfläche und fing daselbst an, die unheimlichen Enten zu fangen, und wehe jeder, die er gefangen hatte! In einem Nu ward sie in tausend Stücke zerrissen! Bis auf fünf hatte er alle vernichtet; die übriggebliebenen fünf aber machten sich auf und davon.
GEJ|4|150|10|0|Als diese bösen Enten auf diese Weise verschwunden waren, hob der Affe das Gerippe aus dem Wasser und setzte es, mir sichtbar, ungefähr fünf Schritte weg vom Teiche auf einen recht schönen Rasenfleck und sagte dann: ,Vater in deiner großen Armut, vernimmst du meine Stimme, vernimmst du mein Wort?‘ Da nickte das sitzende Gerippe mit dem offenbarsten Totenschädel und gab dadurch offenbar zu verstehen, daß es des Sohnes Worte vernehme und sicher auch verstehe.
GEJ|4|150|11|0|Und der Affe, der nun aber zusehends mehr Menschliches in seiner Form annahm, erhob sich, als hätte er eine bedeutende Gewalt, und sagte nun mit einer mir sehr wohl vernehmbaren Stimme: ,Vater! So es einen Gott gibt, da kann es nur einen guten und gerechten geben! Dieser Gott verflucht niemanden; denn so der Mensch ein Werk dieses Gottes ist, kann er keine Pfuscherei, sondern nur ein Meisterwerk sein! Fände sich aber ein Meister, der im Ernste sein Werk verfluchte, so stünde er ja tief unter einem ärgsten Pfuscher; denn sogar ein Pfuscher verdammt sein Werk nicht, sondern hält sich darauf noch was zugute. Und Gott als ein Großmeister aller Meister sollte Seine Werke verfluchen?
GEJ|4|150|12|0|Das Verfluchen und Verdammen ist eine Erfindung der Menschen als Folge der Blindheit und Unausgebildetheit der menschlichen Natur. Die Fehltritte, die ein erst werdender Mensch begeht, sind Proben, wie der selbständig werden sollende Mensch seine Willensfreiheit gebrauchen soll, und das Handeln des Menschen ist eine Übung der Sichselbstbestimmung in der Sphäre des Erkennens sowohl, als auch in der Sphäre des freien Wollens in einer gewissen Ordnung, die also gestellt sein wird durch alle endlosen Reihen der großen Schöpfungen des einen weisen Schöpfers, daß nur in solch einer Ordnung eine Existenz der Wesen für zeitlich und ewig denkbar ist und sein kann.
GEJ|4|150|13|0|Der Fluch der Menschen ist ein böses Stück aus ihrer Nachtseite; sie verderben sich und ihre Nebenmenschen und stürzen am Ende Völker in die größte Not, in den größten Jammer und in alle Verzweiflung. Dich, meinen armen Erdenvater, tötete des Hohenpriesters zehnfacher Fluch, obwohl du vor Gott dich nicht eines Fluches würdig gemacht hast. In deiner großen Verzweiflung nahmst du dir selbst das zeitliche Leibesleben und bist nun elend hier als eine traurigste Ausgeburt des pur menschlichen Divinationshochmutes [Der Hochmut eines sich als Gott Dünkenden.]; ich aber habe sicher Gnade von Gott bekommen und so viel Einsicht und Kraft, den zehnfachen Hohenpriesterfluch, der dich in der Gestalt schwarzer Wasservögel plagte, von dir zu entfernen, und du bist nun im Freien und Trockenen. Ich aber werde nun alles aufbieten, dir hier in dieser deiner großen Not und Armut zu helfen, soviel mir meine Lebenskraft gestatten wird!‘
GEJ|4|150|14|0|Während dieser Rede gewann der frühere Affenmensch stets mehr und mehr an wahrhaft menschlicher Form, und nach dem Schlusse der angeführten Anrede ward der Mensch vollkommen ausgebildet zu einer ganz anmutigen Menschenform und wurde angetan wie aus der Luft mit einem lichtgrauen Faltenkleide. Neben ihm aber lag noch etwas in einem Tuche Eingewickeltes. Der nun ganz schöne Knabe löste es und zog ein langes, aber dunkelgraues Hemd hervor und sagte: ,Aha, das ist ein Kleid für dich; laß es zu, daß ich es dir anziehe!‘
GEJ|4|150|15|0|Der Gerippemensch nickte bejahend, und der Knabe legte ihm das Hemd in einem Nu an und band ihm das Tuch, das von einer etwas helleren Farbe war, um die Stirne in der Art eines Turbans, und es bekam dadurch das Gerippe ein besseres Ansehen. Der nun ganz mutige Knabe griff darauf dem Alten unter die Arme und wollte ihn aufrichten zum Stehen; aber das gelang ihm nicht.
GEJ|4|150|16|0|Nach mehreren Versuchen rief der Knabe, der nun schon eine Jünglingsgröße hatte, mit durchdringend lauter Stimme, die sogar mein Vater gehört zu haben vorgab, aber ohne Artikulation: ,Jehova! Wenn du irgendwo bist, so sende mir und meinem Vater irgendeine Hilfe! Er hat nicht gesündigt, sondern derer gröbste Sünde, die als Menschen ein göttliches Ansehen sich anmaßen, um von der Welt desto mehr Ehre und Nutzen zu ziehen, hatte ihn wie ein aus den Wolken gefallener Stein ordentlich zermalmt, und er liegt nun hier als eine arme, von der Welt verdammte Seele! Wird sie darum auch von Dir aus für ewig verdammt sein und bleiben? Gib ihr wenigstens eine Haut über die scheinbaren Knochen! Denn zu sehr dauert mich des Vaters zu grauenerregende Kahlheit! Hilf Jehova, hilf!‘
GEJ|4|150|17|0|Auf diesen Ruf erschienen bald zwei mächtige Geister und rührten das Gerippe in der Gegend der Schläfe an. Augenblicklich bekam es Sehnen, Haut, etwas wenig Haare und – wie es mir vorkam – auch die Augen, aber sehr hohl und tiefliegend. Aber keiner von den beiden Geistern verlor ein Wort, und sie verschwanden nach dieser Handlung alsogleich wieder.
GEJ|4|150|18|0|Darauf versuchte der nun schon ganz vergnügt aussehende Knabe den nunmaligen Skelettmenschen aufzurichten, daß er stehe; und es gelang ihm diesmal. Als der Alte nun stehen konnte, fragte der Junge ihn, ob er auch gehen könnte. Der Alte bejahte solches mit einer äußerst kreischend hohlen Stimme; der Junge aber griff ihm gleich unter die Arme, und beide bewegten sich nun gegen Süden weiter, und bald wurden sie mir unsichtbar.“
GEJ|4|151|1|1|151. — Des Herrn Erklärung der jenseitigen Seelenzustände der Verunglückten
GEJ|4|151|1|0|(Mathael:) „Das waren die beiden Historien, die ich erlebt habe. Was mit den beiden weiterhin im Reiche der Geister geschehen ist, weiß ich ganz sicher nicht; also verstehe ich auch trotz Deiner früheren Erklärungen durchaus noch lange nicht, was bei dem vom Baume gefallenen Knaben die beiden Fledermäuse, die später in eine Affengestalt zusammenschmolzen, zu bedeuten und zu besagen haben, und wie und warum mir endlich die Seele des Selbstmörders auf der Oberfläche des Wassers als ein vollkommenes Totengerippe nahe ohne Leben erschaubar vorkam. Woher kamen die zehn schwarzen Enten, und warum plagten sie das Gerippe? Wie konnte endlich des Knaben noch immer affengestaltige Seele der zehn bösen Vögel Herr werden? Was hat die Bekleidung zu bedeuten, woher kam sie, und welche Wirkung übte sie nach ihrer Art auf die beiden verschiedenen Seelen aus?
GEJ|4|151|2|0|Ja, es gäbe hierbei noch so manches, darüber sich vieles fragen ließe; aber für mich sind vor allem die Punkte wichtig, über die ich meine Unwissenheit kundgetan habe durch die Fragen, und über die mir eine gnädigste Erklärung wohl zustatten käme. So jemand anders aus uns noch über irgendeine Nebenerscheinlichkeit eine Erklärung wünscht, der wird sich wohl auch fraglich äußern dürfen?!“
GEJ|4|151|3|0|Sagt Cyrenius: „Freund, bei diesen deinen Erzählungen ward es mir ganz sonderbar zumute! Das menschliche Leben kommt mir vor wie ein auf einer Bergebene ganz ruhig und harmlos dahinfließender Strom. Aber am Ende der Bergebene stürzt der früher so ruhige Strom mit dem schrecklichsten Ernste in eine unabsehbare Tiefe, und mit donnerndem Getöse bohrt er sich ein schaurig tiefes Ruhebett, – findet aber keine Ruhe! Denn seines eigenen Falles Gewalt treibt ihn fort und fort aus dem Lager seiner Ruhe mit großem Ungestüm hinaus, und er muß fliehen und fliehen, bis er irgend verschlungen wird von des Meeres Allgewalt und unmeßbarer Tiefe.
GEJ|4|151|4|0|O Herr, erläutere uns doch zu unserm Troste solch schreckbar ernste Momente des sonst so schönen Lebens! Nehmen wir an unsern Menschen, der nach der Erzählung des Bruders Mathael in den Teich, der mir ganz wohl bekannt ist, gesprungen ist, um seinem verzweiflungsvollen Leben ein Ende zu machen. Welch eine erschreckliche Veränderung gleich nach dem Sprunge! Es scheint wohl bald nachher eine Art Milderung einzutreten; aber wie sieht diese aus! Welch eine Unbestimmtheit, welch ein Elend! Daher gib Du, o Herr und Meister, eine tröstliche Erklärung über alles das vom Bruder Mathael Geschaute und schauderhaft treu Erzählte!“
GEJ|4|151|5|0|Sage Ich: „Allerdings ersehen wir hier ein paar entsetzlich traurig aussehende Lebensmomente, die wahrlich voll Ernstes sind. Aber was willst du tun, um ein durch die Einwirkung der Welt und ihrer höllischen Gelüste total zertragenes Leben, damit es nicht ganz zerrinne und sich verliere, zu retten und es nach und nach in das rechte Geleise zu lenken? Muß solch ein Leben nicht mit allem Ernste ergriffen werden?
GEJ|4|151|6|0|Ja, es ist wahr, dieser Ergreifungsmoment hat allerdings für den Zuschauer etwas höchst Abstoßendes! Der Übergang durch ein allerengstes Pförtchen ist wohl freilich nicht so angenehm anzusehen wie das Gesicht einer ganz kerngesunden jungfräulichen Braut; aber er führt den eigentlichen Menschen ins Leben ein, und das in ein wahres und ewig unvergängliches Leben! Und aus diesem Grunde hat am Ende solch ein ernstester Lebensmoment für den, der ihn versteht, noch immer mehr Tröstliches als das lachende Frühlingsgesicht einer jungfräulichen Braut. – Nun aber wollen wir denn zu einiger Beleuchtung dessen übergehen, was wir vom Mathael vernommen haben!
GEJ|4|151|7|0|Mathael ersah beim Knaben schon zuvor zwei große Flattermäuse, die um ihn herumschwirrten, als derselbe vom Baume fiel und sogleich völlig tot liegenblieb. Der Knabe war fürs erste ein Abkömmling pur dieser Erde. Die puren Erdkinder aber, wie ihr es aus Meinen Erklärungen schon oft vernehmen und wohl einsichtlich verstehen konntet, sind seelisch und auch leiblich aus der gesamten organischen Schöpfung dieser Erde zusammengesetzt. Dafür liefert schon die höchst verschiedene Nahrung für den Leib, die ein Mensch zu sich nimmt, den Beweis, während ein Tier in der Wahl der Nährkost sehr beschränkt ist. Damit aber der Mensch allen Intelligenzpartikeln, aus denen seine Seele besteht, aus den zu sich genommenen natürlichen Nährstoffen eine entsprechende Seelennahrung zuführen kann, kann er eben auch so verschiedenartige Nahrungsteile aus dem Tier-, Pflanzen- und auch Mineralreiche zu sich nehmen; denn der substantielle Formleib der Seele wird gleich wie der Fleischleib aus der zu sich genommenen Naturkost genährt und ausgereift.
GEJ|4|151|8|0|Nun kommt es aber noch darauf an, aus welcher vorhergehenden Kreatursphäre ein pur diesirdischer Mensch seine Seele nach den aufsteigenden Graden erhalten hat. Und es ist dann, besonders bei Kindern, fürs zweite der Umstand zu erwägen, daß ihre Seele für sich noch immer Spuren jener Vorkreaturgattung in sich birgt, aus der sie zunächst in eine Menschenform überging. Wird ein Kind gleich in eine gute Erziehung gebracht, so geht die Vorkreaturform bald völlig in die Menschenform über und festigt sich stets mehr und mehr in derselben. Wird aber bei einem Kinde die Erziehung sehr vernachlässigt, so tritt in dessen Seele bald mehr und mehr die Vorkreaturform in den Vordergrund und zieht nach und nach sogar den festgeformten Leib in die besagte Vorkreaturform, und man kann bei so manchem rohen Menschen mit leichter Mühe erkennen, welche Form seine Seele sicher ungezweifelt vorherrschend besitzt.
GEJ|4|151|9|0|Wenn Ich also früher sagte, daß der Knabe pur aus dieser Erde seelisch und leiblich abstamme, so werdet ihr bei seiner verwahrlosten Erziehung wohl nun einsehen, warum seine Seele anfangs auf dem Baume, noch bevor er herabfiel, schon in der Gestalt von zwei Flattermäusen im Augenblicke ersichtlich war, als er, teils durch zu angestrengtes Sich-Festhalten an den Baum und teils durch den dicken Qualm erstickt, in eine krampfhafte Ohnmacht verfiel, die ihn eine Zeitlang wohl noch auf dem Baume erhielt, obschon er von sich aus nichts mehr wußte.
GEJ|4|151|10|0|Denn solange eine Seele im Momente des Sterbens nicht völlig vom Leibe getrennt sein wird, so lange ist sie infolge ängstlicher Perturbation (Verwirrung) ganz ohne Bewußtsein. Es ergeht ihr wie einem, der mit dem Gesichte nach auswärts auf einer Spindel fest angebunden wäre, die sich in einer ungemein schnellen Umdrehung befindet. Der kann da schauen, wie er schauen will, so wird ihm dennoch kein Gegenstand ersichtlich werden; höchstens wird er einen mattfarbigen Dunstkreis um sich erschauen, der bei erhöhter Schnelligkeit des Sich-Umdrehens und bei dadurch zunehmender Unstetigkeit des Sehorgans in eine völlige Nacht übergehen kann.
GEJ|4|151|11|0|Wie aber das Sehorgan eine Ruhe haben muß, um ein Objekt als das auszunehmen, was es ist, also benötigt die Seele eine gewisse innere Ruhe, um zu einem sichern und hellen Bewußtsein ihrer selbst zu gelangen. Je mehr die Seele in sich selbst beunruhigt wird, desto mehr verschwindet denn auch ihr klares Selbstbewußtsein; und ist die Seele einmal in eine möglich höchste Unruhe versetzt, dann weiß sie von sich selbst so gut wie nichts mehr auf so lange, bis sie in die Ruhe zurückgekehrt ist. Und dieser Moment tritt bei Sterbenden um so mehr ein, auf einer desto niederen Lebensbildungsstufe eine Seele stand. Ah, bei einer lebensvollendeten Seele tritt dieser etwas traurig aussehende Moment freilich wohl nicht ein, wie Mathael solches beim Sterben des alten Lazarus ganz gut gesehen hat, da dessen Seele keine wie immer geartete Unruhe merken ließ.
GEJ|4|151|12|0|Der Knabe auf dem Baume war etwa eine Viertelstunde lang leiblich nahe schon völlig tot und wußte von sich nichts mehr; seine Seele wie sein Leib waren sonach schon von der allerdicksten Finsternis umflossen. Und eine Seele, die in eine zu große Unruhe gerät, fängt an, sich ordentlich zu teilen in die früheren, kleineren und unvollkommeneren Vorlebenskreaturen; daher wurden hier auch zuerst zwei Flattermäuse ersichtlich. Erst nachdem der Knabe durch die Zerschmetterung seines Gehirns außer allem Verbande mit seiner Seele trat, kam bald mehr Ruhe in die zerstörte Seele, die beiden seelischen Vorkreaturen ergriffen sich, und bald ward ein Affe als letzte Vorkreatur ersichtlich; er bedurfte aber einer längeren Ruhe bis zum vollkommenen Sich-Ergreifen, und dann noch mehr Ruhe bis zum Sich- wieder-Erkennen und Seiner-selbst-bewußt-Werden. Darum kauerte er auch eine längere Weile an der Stelle, wo sein Leib vom Baume fiel, mehr instinktmäßig als wissend, was da vorgefallen ist.
GEJ|4|151|13|0|Aber nach und nach kehrte das Bewußtsein und das Sich-wieder- Erkennen stets mehr zurück, und der Affe bekam danebst auch ein stets menschlicheres Aussehen und fing an, sich emporzurichten. Sein seelisches, ständig weiter reichendes Wahrnehmungsgefühl fing an, die Nähe der verunglückten Seele seines irdischen Vaters wahrzunehmen. Er verließ seinen Kauerplatz, bewegte sich nach dem Zuge seiner Wahrnehmung zum Teiche hin und erkannte nun vollkommen seines Vaters mit zehnfachem Menschenfluche belastete und geplagte Seele.
GEJ|4|151|14|0|Da erwachte in ihm die Kindesliebe, mit ihr aber auch zugleich die Frage nach Gott und Seiner wahren Gerechtigkeit; mit alldem aber erwachte in ihm auch ein ganz gerechter Zorn gegen den Fluch, den die Menschen in ihrem endlosen Hochmut gegen die armen, aber im Grunde viel besseren Mitmenschen zu schleudern sich erkühnen. Mit dem erkannte der nun schon viel vollkommenere Affenmensch in sich aber auch die Kraft, es mit den zehn Fluchteufeln aufzunehmen, die in der Gestalt schwarzer Enten seines Vaters Seele über die Gebühr hinaus plagten.
GEJ|4|151|15|0|In diesem erhöhten Selbstbewußtsein stürzt sich der Affenmensch in den Teich und fängt, von seiner Kindesliebe zu seinem armen Vater getrieben, unter den zehn Fluchteufeln eine gar üble Wirtschaft an; in wenigen Augenblicken sind sie vernichtet, und der Affenmensch bekommt dadurch schon nahe ein ganz menschliches Aussehen.
GEJ|4|151|16|0|Seine Liebe aber fängt an, auch in der toten Vaterseele neue Lebenswurzeln zu schlagen. Dies gibt dem Sohne noch mehr Liebe und mehr Kraft, und mit dieser reißt er den Vater aus dem Orte seines Unterganges und seines Verderbens und bringt ihn sonach aufs Trockene, allda durch des Sohnes Liebe auch für des Vaters künftiges Sein ein fester Ruhegrund sich gestaltet und liebtreulich vorfindet. Da aber des Sohnes Liebe wächst, so wird auch stärker sein Licht; aus diesem Licht erkennt er die Unzulänglichkeit seiner Kraft und wendet sich ganz ordentlich an Gott, daß Er helfe seinem Vater. Und die Hilfe bleibt nicht unterm Wege; es kommt Bekleidung und die Kraft zum Fortkommen in eine bessere und vollkommenere Lebenssphäre, allwo des Vaters Seele von des Sohnes stets wachsender Liebe genährt, wieder zu einem geistigen Fleische und Blute gelangt und endlich sogestaltig fähig wird, Gott zu erkennen und einzugehen in Seine Ordnung, – was bei Selbstmördern stets eine ungemein schwere Sache ist.“
GEJ|4|152|1|1|152. — Die verschiedenen Arten der Selbstmörder und deren Zustände im Jenseits
GEJ|4|152|1|0|(Der Herr:) „Es gibt aber auch Unterschiede bei den Selbstmördern. So jemand aus dem Grunde, weil durch jemand anders sein großer Hochmut zu sehr gedemütigt ward und ihm dafür gar keine Möglichkeit zu einer Rachenehmung offensteht, sich das Leibesleben nimmt, so ist das eine böseste Art des vorsätzlichen Selbstmordes. Eine solche Art des Selbstmordes kann an einer Seele nimmer völlig gutgemacht werden. Tausendmal Tausende von Jahren werden erfordert, um eine solche Seele nur zum wenigsten zu einer Umhäutung ihrer dürren, aller Liebe baren Scheinknochen zu bringen, geschweige zu einer Inkarnierung ihres ganzen Wesens; denn die Inkarnierung [Hier in der Bedeutung von Umhüllung des Seelenskelettes mit geistigem "Fleisch".] ist ja eben ein Produkt der Liebe und erweckt auch wieder Liebe.
GEJ|4|152|2|0|Wenn jemand eine Jungfrau ansieht, die in ihrer fleischlichen Formsphäre sehr vollendet dasteht und vor Üppigkeit strotzt, so wird er von solch einer Gestalt alsogleich durch und durch ergriffen, und sein Herz wird sogleich eine liebeglühige Sehnsucht dahin an den Tag legen, diese Jungfrau sein nennen zu können. Ja warum denn das also? Weil der Jungfrau fleischliche Üppigkeit pur ein Produkt vieler Liebe ist! Was als Stoff aber die Liebe zum Grunde hat, kann und muß im Nebenmenschen auch das erwecken, was es selbst ist.
GEJ|4|152|3|0|Treten wir aber zu einer andern Jungfrau hin, die ganz entsetzlich mager ist, und Ich sage es euch, daß diese niemandes Herz besonders mächtig rühren wird; man wird sie heimlich bemitleiden, aber verlieben wird sich schwerlich jemand in sie. Warum denn da wiederum also? Weil über ihren Knochen viel zu wenig desjenigen Materials hängt, das nur ein Produkt der Liebe ist!
GEJ|4|152|4|0|Eine Seele, die schon hier pur Liebe war, sieht jenseits gleich allerreizendst, der Form nach überaus vollendet aus. Eine geizige und sehr eigenliebige Seele sieht dagegen üppigst und somit sehr mager aus; aber etwas Fleisch und Blut ist noch immer da, weil eine solche Seele doch noch wenigstens die Liebe zu sich selbst hat. Ein Selbstmörder aber ist auch dieser Liebe vollkommen ledig, und seine Seele muß daher notwendig als ein ganz dürres Gerippe im Jenseits erscheinen. Es kommt nun nur noch darauf an, ob als menschliches oder als irgendein tierisches Gerippe!
GEJ|4|152|5|0|Wir haben schon ehedem berührt, wie es mehrere Arten des Selbstmordes geben kann, und Ich habe bereits die schlimmsten ausführlich erwähnt. Nun, ein schlimmstartiger Selbstmörder kommt jenseits nicht in der Form eines menschlichen Gerippes zum Vorschein, sondern in dem eines Drachen, einer Schlange oder eines höchst wilden, reißenden Tieres. Warum? Das könnet ihr euch nun wohl gar leicht denken! Eine solche Seele wird nie mehr in eine völlige Lebensvollendung eingehen können.
GEJ|4|152|6|0|Daneben gibt es Selbstmörder aus Eifersucht um einer Jungfrau willen, der ein anderer ohne ihr Verschulden besser gefiel als der eifersüchtige Patron, der sie bei jedem Zusammenkommen mit allen möglichen Vorwürfen quälte und ihr Verbrechen der Untreue andichtete, an die sie nie gedacht hatte. Ein solcher kommt jenseits im Gerippe eines Wolfes, Hundes oder Hahnes zum Vorscheine, weil dieser Tiere Lebensnaturen den Verstand und den Willen solch eines eifersüchtigsten Toren leiteten, da sie als Vorkreaturen das eigentliche Hauptwesen solcher Seele bedingten. Auch solche Selbstmörder werden einst höchst schwer nur zu einiger Vollendung des Lebens gelangen.
GEJ|4|152|7|0|Dann gibt es Selbstmörder, die geheim ein großes Verbrechen begangen haben, auf das, ihnen bewußt, eine schimpflichste und schmerzlichste Todesstrafe gesetzt ist. Sie wissen, daß ihr Verbrechen offenbar werden muß. Was geschieht da gewöhnlich? Ein solch geheimer Verbrecher geht aus größter Furcht und aus seiner gerechten Gewissensqual in die vollste und finsterste Verzweiflung über und erwürgt sich selbst. Eine solche Seele erscheint jenseits im Skelett ihrer Vorkreaturen, als etwa der Molche, Eidechsen und Skorpione, die alle auf einem Haufen zusammenkauern, um den ein Glutwall gezogen ist, gewöhnlich in der Form einer glühenden Riesenschlange. Auch der Glutwall gehört zur Vorkreatur einer und derselben Seele und ist ein Intelligenzteil derselben.
GEJ|4|152|8|0|Kurz, wenn eine Seele einmal, auf Grund einer schlechten Erziehung, aller Liebe, auch der zu sich selbst, bar geworden ist, dann ist von der ganzen Hölle, als des Lebens ärgstem Feinde, auch die ganze Seele durchdrungen und wird dadurch in sich selbst ein Feind des eigenen Lebens und Seins und trachtet stets, auf irgendeine schmerzlose Art dasselbe zu vernichten! Bei solch einer totalen Lebensfeindschaft muß am Ende ja alles aus den Lebensfugen gehen, und eine solche Seele kann dann jenseits doch unmöglich anders als ganz in ihre Urlebenssonderformen aufgelöst erscheinen, und da nur in deren fleischlosen Skeletten, die bloß das notwendige Gericht in sich tragen.
GEJ|4|152|9|0|Der Knochen, beim Menschen wie beim Tier, ist der am meisten gerichtete und somit aller Liebe barste Teil, und weil in den Knochen, sowenig wie in einem Steine, sich eine Liebe zum Leben aufhalten kann, so bleiben diese, wenn auch substantiell seelisch nur, am Ende als solche Entsprechungsteile übrig, in denen sich nie irgendeine Liebe aufhalten kann. Menschenknochen aber sind noch immer fähiger, sich mit Leben zu umkleiden, als die Tierknochen, und gar die Skeletthülsen der Insekten und die Knorren, Knorpeln und Gräten der Amphibien. [Tiere, die sowohl im Wasser wie auch auf dem Lande leben.] 
GEJ|4|152|10|0|Wenn jenseits dann ein Selbstmörder in der vorbeschriebenen Art erscheint, so könnet ihr es euch nun schon vorstellen, wie schwer und wie lange es hergehen wird, bis eine solche Seele nur einmal dahin kommt, in ein menschliches Gerippe überzugehen und dann eine Haut und gar irgendein Fleisch aus sich selbst bekommt.
GEJ|4|152|11|0|Aber es entsteht in euch nun die Frage, ob eine solche Seele auch irgendwelche Schmerzen leide. Und Ich sage es euch: zuzeiten die größten und brennendsten, zuzeiten auch wieder gar keine! Wird sie ihrer noch immer möglichen Wiederbelebung halber von den sich zu dem Behufe nahenden Geistern gewisserart aufgerührt, so empfindet sie in ihren Teilen einen brennendsten Schmerz; kommt sie aber wieder zur Ruhe, dann ist in ihr weder ein Gefühl, ein Bewußtsein, noch somit irgendein Schmerz vorhanden.
GEJ|4|152|12|0|Es gibt aber noch weiter eine Menge Arten des Selbstmordes, die aber in ihren Folgen nicht so bösartig auf die Seele einwirken wie die beiden soeben beschriebenen; jedoch irgend gute Folgen für die Seele hat kein Selbstmord!
GEJ|4|152|13|0|Der von Mathael erzählte war noch einer von der besten Art, daher es mit der Wiederbelebung und Errettung jener Seele auch leicht und recht schnell herging. Aber ein Leck bleibt einer solchen Seele doch für immer, und das besteht darin, daß sie nahe nie wieder zur vollen Kindschaft Gottes gelangen kann; über die Seligen des ersten, äußersten und somit auch untersten Himmels, oder gar nur bis an die Grenzmarken desselben, kommt eine selbstmörderische Seele kaum je!
GEJ|4|152|14|0|In den ersten, den Weisheitshimmel kommen zumeist nur Seelen von allen anderen Weltkörpern, und von dieser Erde die Seelen jener weisen Heiden, die nach ihrer Erkenntnis wohl sehr gewissenhaft und gerecht gelebt haben, aber von Meiner Person auch jenseits nichts vernehmen wollen. Nehmen sie jedoch mit der Weile etwas an, so können sie wohl in den zweiten, also höheren oder auch Mittelhimmel aufgenommen werden; aber in den dritten, innersten und höchsten, den eigentlichen Liebe- und Lebenshimmel kommen sie nie und nimmer. Denn dahin werden nur jene kommen, die schon die volle Kindschaft Gottes erlangt haben.
GEJ|4|152|15|0|Ich meine, daß euch nun auch diese vom Bruder Mathael erzählten Todesarten als hinreichend erklärt vorkommen sollten; ist aber doch noch jemandem irgend etwas nicht klar genug, so steht jedem eine Frage frei. Es fehlen nur noch zwei Stunden, und die Sonne wird über dem Horizonte stehen, und da werden wir alle dann wieder etwas ganz anderes unternehmen. Wer sonach noch etwas will und mag, der rede nun!“
GEJ|4|152|16|0|Sagen alle: „Herr, es ist uns alles klar; denn bei einer solch lebendigen Erklärungsweise kann ja niemandem etwas unklar bleiben!“
GEJ|4|153|1|1|153. — Vom Steine der Weisen
GEJ|4|153|1|0|Sage Ich wieder: „Nun gut, da wir noch ein paar Stunden Zeit übrig haben, so soll uns noch unser Mathael eine letzte in ihrer Art eigentlich denkwürdigste Sterbegeschichte erzählen! Zuvor aber, da es schon morgendämmert, soll Raphael die Leuchtkugel an ihren Ort bringen und bei dieser Gelegenheit dem Cyrenius die verheißenen gleichen Körner herschaffen!“
GEJ|4|153|2|0|Raphael ward damit bald fertig und brachte dem Cyrenius sieben solche Leuchtkörner, die von der Größe einer vollen Erbse waren. Diese von Raphael dem Cyrenius überbrachten nur erbsengroßen Leuchtkügelchen leuchteten so stark, daß sie niemand anschauen konnte; denn schon eines leuchtete so stark, daß es einen großen Saal, so es in dessen Mitte auf einem erhöhten Punkte angebracht wäre, mehr erhellen würde als zehntausend hellst brennende Lampen.
GEJ|4|153|3|0|Cyrenius wußte nun nicht, wie er diese sieben Leuchtkügelchen aufbewahren sollte, und fragte Mich um einen Rat; und Ich berief abermals den Raphael, daß er dem Cyrenius ein taugliches Gefäß verschaffe, damit dieser die sieben Leuchtkügelchen wohl aufbewahren könnte.
GEJ|4|153|4|0|Und Raphael war damit auch schon bei der Hand und überreichte dem Cyrenius eine Büchse aus reinstem Golde, leicht angefüllt mit Steinflachs (Asbest), legte die sieben Kügelchen hinein und schob den Deckel darüber, der mit sinnreicher, erhabener Arbeit geziert war. Als auf diese Weise die sieben Kügelchen wohl verwahrt waren, übergab er sie dem Cyrenius mit den Worten: „Verwahre sie für dich! Nie schmücke einer dieser alleredelsten Steine irgendeine Fürstenkrone, auf daß nicht eines andern Fürsten Lüsternheit nach einer solchen Krone erweckt und darum ein Krieg entfacht werde, in dem Tausende von Menschen sich wie wütende Wölfe, Hyänen und Bären zerfleischen müßten, bloß eines solchen Leuchtkügelchens halber!“
GEJ|4|153|5|0|Cyrenius dankte Mir und auch dem Raphael, der den Dank aber augenblicklich ablehnte und ihn Mir zuschob.
GEJ|4|153|6|0|Ich aber sagte: „Gut ist es, daß auch diese Sache ihr Ende gefunden hat! Die dir, Cyrenius, verheißenen Kügelchen sind untergebracht; mache nie einen weltlichen Gebrauch davon und brüste dich nie damit, auch gegen deine nächsten Anverwandten nicht! Wenn du weissagen willst, dann lege dir die Büchse auf die Magengrube, und du wirst helle Gesichte haben; aber das bleibe allein dir bekannt, daß du durch den Besitz solcher Steine zur Weissagung gestärkt werdest! Das Volk soll die Weissagung vernehmen und sich danach richten, aber wissen soll es nimmer, woher sie rühre! So du aber je etwas von einem Steine der Weisen gehört hast, so hast du ihn nun in diesen sieben Kügelchen; aber nur für dich und für niemand anders mehr!“
GEJ|4|153|7|0|Sagt Cyrenius: „Herr, so ich aber dereinst auch sterben werde, was soll dann aus den sieben Kügelchen werden?“
GEJ|4|153|8|0|Sage Ich: „Dann übergib sie dem Josoe, und der wird schon innewerden, was damit zu geschehen hat des Heiles der Welt willen! Aber nun nichts mehr davon, und du, Bruder Mathael, beginne deine Erzählung; denn sie hat für euch einen tausendmal tausend Male größeren Wert denn hunderttausend solcher Leuchtsteine! Fange nun an; fasse dich kurz, auf daß uns der heute sehr denkwürdige Sonnenaufgang nicht störe!“
GEJ|4|154|1|1|154. — Die giftige Außenlebenssphäre der Witwe
GEJ|4|154|1|0|Mathael verneigt sich und beginnt sogleich folgenden denkwürdigen Sterbefall zu erzählen; und die Erzählung lautete wie folgt. „In einem Flecken zwischen Bethlehem und Jerusalem lebte eine sonderbare Witwe. Sie war verehelicht gewesen an zwei Männer. Der erste Mann starb ihr schon nach einem Jahre. Sie hatte mit ihm eine Tochter, die aber von der Geburt an taub und stumm war, sonst frisch, gesund und voll Munterkeit, was bei den Taubstummen seltener der Fall ist.
GEJ|4|154|2|0|Nach einem einjährigen Witwenstande freite ein zweiter, gar rüstiger Mann um ihre Hand und heiratete die Witwe, die damals gar sehr schön gewesen sein soll. Aber der Mann bestand mit diesem Weibe kaum etwas besser als sein Vorgänger; denn er lebte nur zwei Jahre und etwa ein paar Monde und starb gleich dem ersten an der allgemeinen Auszehrung.
GEJ|4|154|3|0|Das schreckte nunmehr alle anderen Männer ab, so daß fürder niemand sich mehr um ihre Hand zu bewerben getraute. Mit dem zweiten rüstigen Manne aber hatte sie gar kein Kind, während die taubstumme Tochter recht üppig emporwuchs und in ihrem fünften Jahre eine Größe und Stärke hatte wie sonst kaum ein Mädchen in seinem zwölften Jahre, war dabei von einer äußerst angenehmen Gesichtsbildung, und jeder Mann blickte diese Taubstumme mit einem großen und oft schon sehr begierlichen Vergnügen an.
GEJ|4|154|4|0|Es lebte aber diese Witwe nachher noch zwanzig Jahre, blieb stets schön und sogar sehr reizend, und ihre Tochter bezauberte jeden Mann; denn etwas Schöneres und Reizenderes gab's damals wohl im ganzen Judenlande nicht! Dies Mädchen war zugleich sehr gescheit und recht fein gebildet und wußte sich durch die Zeichensprache recht gut jedermann verständlich zu machen, und das immer auf eine so echt künstlerisch zierliche Weise, daß ein jeder Mann ganz glücklich war, mit dieser Taubstummen konversiert zu haben. Viele machten dem Mädchen Heiratsanträge, aber da nach einer Gesetzeskunde Taubstumme von der Ehe auszuschließen sind, wovon mir irgendein vernünftiger Grund durchaus nicht klar werden will, so war auch da durchaus nichts auszurichten.
GEJ|4|154|5|0|Die Witwe gehörte auch zu den sehr Bemittelten und hatte weitläufige Besitzungen, und somit viele Knechte und Mägde, und war gegen Arme äußerst wohltätig. Das Weib hätte gerne noch einmal geehelicht; aber da sich niemand mehr um seine Hand bewarb und das Weib auch niemand mehr zu begehren sich getraute, aus Furcht und zugleich aus dem guten Willen, um nicht auch noch eines dritten Mannes unwillkürliche Mörderin zu werden, so blieb es ledig, führte ein recht sittliches und eingezogenes Leben und war die Trösterin vieler Notleidenden.
GEJ|4|154|6|0|Es kam einmal auch ein griechischer Arzt und wollte sie heilen von ihrer sonderbaren Eigentümlichkeit; sie aber wies ihn von sich und sagte – wie sie es später meinem Vater treu erzählte, und zwar, wenn mich mein sonst gutes Gedächtnis nicht täuscht, mit folgenden Worten –: ,Meine Eltern waren gute und gottesfürchtige Leute, und ich war als Mädchen als ein Muster der Eingezogenheit bekannt. Vor meiner ersten Verehelichung habe ich nie einen Mann erkannt. Wie dann meinem sonst ganz wohlgestaltigen Leibe eine so böse Eigenschaft innewohnen konnte, ist mir ein Rätsel; ich aber bin – dem Jehova allein alles Lob! – sonst kerngesund und will darum keine Arznei. Es ist also Gottes Wille, den ich mir gerne gefallen lasse! Du, Pseudoäskulap ["falscher Äskulap". Äskulap war bei den Griechen und Römern der Gott der Heilkunst.], aber magst gehen, sonst hauche ich dich an, und du bist dann etwa auch rettungslos verloren, trotzdem du ein Arzt sein willst und mir helfen möchtest, aber, wie ich sehe, nicht einmal dir deinen abscheulichen Halskropf vertreiben kannst, wie auch das Hinken deines linken Fußes! Ein Arzt muß doch zuvor selbst ein makelloser und kerngesunder Mensch sein, so er einem Kranken helfen will! Die frische und volle Gesundheit des Arztes muß ja dem Kranken ein gewisses Vertrauen einflößen, damit er glauben kann, daß der Arzt etwas verstehe; wenn aber der Arzt als ein Krüppel dasteht und will einem Gesunden helfen, da ist er ja doch hundertfältig auszulachen und aus einem Hause, in dem er zudringlich wird, auf der Stelle hinauszutreiben!‘
GEJ|4|154|7|0|Als der Arzt diese Anpreisung vernommen hatte, verließ er knurrend und murrend das Haus, kam aber nach einem Jahre wieder, erkundigte sich um das Befinden unserer schönen Witwe und fing an, sich um ihre schöne Hand zu bewerben.
GEJ|4|154|8|0|Da ward die Witwe ungeduldig und hauchte von einer Ferne dreier Schritte gegen den Arzt und sagte: ,Entferne dich und tritt mir nicht näher! Denn wie du in diesen Hauch trittst, bist du ein Kind des Todes; kein Jahr wird vergehen, und du wirst faulen unter der Erde!‘
GEJ|4|154|9|0|Da lachte der Arzt und schlürfte den ausgestoßenen Hauch voll Freude und Begierde ein, um der schönen Witwe zu zeigen, wie wenig er sich vor dem nichtigen Gifthauche scheue, indem er zu überzeugt sei, daß daran gar nichts sei. Das Beste an der Sache aber war, daß die Witwe selbst nicht im geringsten daran glaubte, sondern sich dieser Drohung nur darum bediente, dieweil die Menschen solches ruchbar machten und sich darum niemand zu sehr in ihre Nähe wagte.
GEJ|4|154|10|0|Aber das Volk hatte dennoch nicht ganz unrecht. War diese unsere Witwe nicht durch etwas leidenschaftlich aufgeregt, so war ihr Odem ganz gut und gesund; sobald sie aber durch irgend so ein bißchen in einen Harnisch gekommen war, da war es mit ihr nimmer auszuhalten. Wer da zu sehr von ihr angehaucht ward, der machte kein Jahr mehr und war ein Kind des Todes. Er bekam eine eigene Art Auszehrung und konnte dagegen brauchen, was nur irgendein noch so bewährter und förmlicher Wunderarzt ihm bringen konnte, so half das alles nichts; mit einer eisernen Beharrlichkeit schritt das Übel vorwärts, und der Kranke unterlag ihm unfehlbar! Und also erging es im Ernste auch unserem griechischen Arzte; er fing bald darauf an zu siechen und wurde in acht Monden eine elendeste und total ausgezehrte Leiche, gegen die eine bei dreitausend Jahre alte ägyptische Mumie noch ganz wohlgenährt aussehen würde!
GEJ|4|154|11|0|Unsere Witwe erfuhr das bald, und man raunte ihr von mehreren Seiten ins Ohr, daß sie vors Gericht gefordert werde. Das ergriff die Witwe gar sehr in ihrem Gemüte; sie fing am Ende selbst an zu kränkeln und sandte bald zu meinem Vater, der natürlich mich als seinen unentbehrlichen Seher mitnahm, um durch meine Sehergabe bei diesem sonderbaren Weibe irgend etwas zu erfahren. Wir kamen mit einiger Vorsicht in das Haus dieses sonderbaren Weibes und fanden sie im Bette ganz matt und erschöpft liegen. Ihre taubstumme, aber sonst im Ernste himmlisch schöne Tochter und ein paar andere Mägde waren bei ihr und warteten sie.
GEJ|4|154|12|0|Es ist hier wohl zu bemerken, daß ihr sonderbarer Odem nur den Männern, nie aber den Weibern und Mägden schädlich war.
GEJ|4|154|13|0|Mein Vater sagte, als er mit etwas verhaltenem Atem ins Zimmer trat: ,Hier steht der berufene Arzt aus Jerusalem; was wünscht die holde Witwe von mir?‘
GEJ|4|154|14|0|Sagte die Witwe: ,Was wünscht wohl eine Kranke von einem Arzte, als daß sie gesund würde?! Hilf mir, wenn du kannst!‘
GEJ|4|154|15|0|Sagte der Vater: ,Laß zu, daß ich dich einige Zeit beobachte, dann werde ich es wohl sehen, ob dir noch zu helfen ist oder nicht!‘
GEJ|4|154|16|0|Sagte die Witwe: ,Tue, was dir gut dünkt!‘
GEJ|4|154|17|0|Da sagte der Vater auf römisch zu mir: ,Habe acht, ob du hier nichts zu entdecken imstande bist; denn der ihre Krankheit muß einen ganz besonderen Grund haben!‘
GEJ|4|154|18|0|Ich strengte nun gleich meine Sehe möglichst an, konnte anfangs aber nichts bemerken, das heißt nichts bemerken von irgend etwas Geistigem und Unheimlichem. Aber nach etwa einer Stunde bemerkte ich einen bläulichen Rauch über das Lager der Witwe sich verbreiten und fragte den Vater, ob er davon etwa auch etwas bemerkete. Er verneinte das und schloß daraus, daß dies schon etwas Außergewöhnliches sei. Ich setzte nun meine Beobachtung mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit fort und entdeckte in diesem Blaudunste bald eine Menge etwa fingerlanger Klapper- und Ringelschlangen, die da in dem Blaudunste wie Fische im Wasser herumschwammen. Diese Bestien wanden sich ganz entsetzlich und schlugen Ringe über Ringe und blitzten mit ihren stählernen Zungen ganz außerordentlich; aber über den gewisserart fixierten Dunstkreis bewegte sich keines von den vielen Bestien. Ich machte meinen Vater sogleich darauf aufmerksam und gab ihm dahin meine Meinung kund, daß es allenfalls nicht ganz geheuer sein dürfte, sich dem Bette so sehr zu nahen. Diese Meinung teilte der Vater sogleich mit mir, fragte mich aber auch zugleich, ob ich nicht irgendein Mittel eruieren (ermitteln) könnte, mit dem der Witwe zu helfen wäre.“
GEJ|4|155|1|1|155. — Das Schlangengift als Heilmittel
GEJ|4|155|1|0|(Mathael:) „Als ich, ganz in mich vertieft, dastand, vernahm ich, als hätte mir jemand ins Ohr geraunt: ,Fanget eine Klapper- und eine Ringelschlange, schlaget ihnen die Köpfe ab, kochet sie gut ab und gebet der Witwe solch eine Suppe oder Brühe zu trinken, und zeiget ihr, daß das Gericht, das sie unendlich fürchtet, durchaus nichts wider sie haben kann, so wird sie gleich wieder die Gesundheit erlangen! So aber jemand in der Folge von ihr durch ihren giftigen Hauch zu siechen anfinge, der sehe, daß er eine Brühe von den benannten Schlangen bekomme, mit der auch der alte Äskulap seine Abzehrenden heilte, und er wird alsbald vollends genesen! Die bezeichneten Schlangen aber bekommt man sehr häufig am südlichen Abhange des Horeb.‘
GEJ|4|155|2|0|Diesen Rat, den ich ganz deutlich vernahm, teilte ich kurz und gleich meinem Vater mit. Er, darüber ganz außer sich vor Freuden, sagte sogleich zur Witwe, daß sie sehr getrost sein solle; denn er werde ihr ganz sicher helfen. Vor allem aber habe sie das Gericht wegen des griechischen Arztes nicht im geringsten zu scheuen, da sie an seinem Tode nicht die entfernteste Schuld trage. Er selbst kenne überaus wohl Roms Gesetze und wisse nichts, daß solch ein Fall je irgend für eine Krimination (Anklage, Strafverfahren) taugete.
GEJ|4|155|3|0|Die ganz ernste Darstellung der Unschuld der Witwe beruhigte die Arme so sehr, daß der Blaudunst über ihr ganz verschwand, was ich dem Vater sogleich anzeigte, worüber er viel Freude empfand, und er sandte sogleich nach Horeb um die bewußten Schlangen. Dort befanden sich etliche der bekannten Schlangenfänger und -banner, und es wurden in ein paar Tagen mehrere Stücke beiderlei Gattungen herbeigeschafft, aber natürlich schon enthauptet und in Lehm gut eingemacht, auf daß sie, von der Luft gut abgesperrt, nicht sogleich in die Verwesung übergehen konnten; denn es gab dort eine Art fetten, gelben Lehms, in welchem ein Leichnam hundert Jahre lang nicht verwest.
GEJ|4|155|4|0|Als die Schlangen auf einem Kamele überbracht waren, wurden sie, soviel man von ihnen auf einmal brauchte, vom Lehm gereinigt und darauf in einem guten Topfe aufs Feuer gestellt und bei drei Stunden lang gesotten, ohne daß die das Bett hütende Witwe davon irgendeine Kunde erhielt. Die Zeit von der Sendung um die Medizin nach Horeb dauerte bis zur Kocherei vier Tage, während welcher Zeit mein Vater die Witwe des Tages zu öfteren Malen tröstete und ihr die vollste Genesung schon in fünf Tagen verhieß. Darüber erholte sich die Witwe von Tag zu Tag sichtlich mehr und hatte am vierten Tage das Bett schon verlassen wollen. Der Vater aber wollte sie wegen der Bereitung der Schlangenbrühe nicht aus dem Bette lassen; denn hätte sie etwas gesehen, da hätte es wahrscheinlich mit der vollen Heilung wohl seine sehr geweisten Wege gehabt. So aber sah sie von allem nichts, und als ihr der Vater die Brühe zum Hinabtrinken überreichte, trank sie dieselbe mit einer sichtlichen Wohlbehaglichkeit bis auf den letzten Tropfen aus und gestand am Ende, daß diese brühartige Medizin äußerst gut geschmeckt habe.
GEJ|4|155|5|0|Der Vater ließ ihr die Brühe in ein paar Stunden nur noch einmal verabreichen, und die Witwe fing darauf an, sich so wohl zu befinden, daß sie kaum den vierten Tag noch im Bette zu halten war. Aber auf des Vaters strenges Geheiß mußte sie wenigstens noch den halben fünften Tag seit unserem Hiersein das Bett hüten, nach welcher Zeit sie dann das Bett ganz frisch und vollkommen gesund verließ. Sie beschenkte meinen Vater äußerst reichlich und vergaß auch mich nicht.
GEJ|4|155|6|0|Bei unserer Abreise fragte sie meinen Vater so im Vertrauen, ob er den griechischen Arzt gekannt habe, und ob dieser ihr von ihrem Übel auch wohl irgend hätte helfen können.
GEJ|4|155|7|0|Mein Vater aber sagte: ,Gar sehr wohl habe ich diesen gar elenden Quacksalber gekannt; der hat wohl nie jemandem geholfen – außer ins Grab!‘
GEJ|4|155|8|0|Mit dieser Äußerung war die liebliche Witwe ganz zufrieden und entließ uns beide mit großem Wohlwollen. Der Vater packte nun gar sorgfältig verhüllt die in Lehm befindlichen übrigen Schlangen, band sie auf des Kamels Rücken, nebst anderen Dingen und Sachen von großem Werte; wir aber bestiegen auch unsere Dromedare und zogen uns also ganz wohlgemut in unsere Heimat zurück.
GEJ|4|155|9|0|Mit der mitgenommenen Medizin der sicher sonderbarsten Art hat mein Vater hernach noch eine Menge abzehrende Kranke geheilt und sich dadurch recht viel Geldes und einen berühmten Namen erworben. Freilich stand er darum nicht sehr in Gunsten der Templer und ebensowenig der Essäer; aber es achteten ihn die Römer desto mehr, ließen ihm allen Schutz angedeihen, erhoben seine Kunst und Wissenschaft bis zu den Sternen und gaben ihm den Ehrennamen Aesculapius iunior. Wenn dem Vater aber die Schlangen ausgegangen waren, so bestellte er sich gleich wieder eine bedeutende Sendung vom Horeb und heilte damit die Abzehrenden, von denen ihm aber im Ernste keiner gestorben ist.“
GEJ|4|156|1|1|156. — Die geistigen Vorgänge beim Tode der Witwe und ihrer Tochter
GEJ|4|156|1|0|(Mathael:) „Es waren aber seit der Heilung dieser Witwe ganz gut ein paar Jahre verlaufen, ohne daß wir von unserer Witwe etwas vernommen hatten. Auf einmal frühmorgens, gerade an einem Sabbate, erschien ein Bote von seiten unserer Witwe und ersuchte den Vater, sich so schnell als möglich auf den Weg zu machen; denn die bekannte Witwe sei samt der Tochter urplötzlich derart unwohl geworden, daß wohl niemand mehr aus dem Kreise ihrer sie tief betrauernden Nachbarn an ihr Aufkommen zu denken sich getraue.
GEJ|4|156|2|0|Daß wir auf diese Kunde hin trotz des Sabbats uns bald auf unseren Dromedaren befanden, braucht kaum erwähnt zu werden, und daß der Vater die sonderbare Medizin nicht vergaß, von ihr ein rechtes Quantum mitzunehmen, versteht sich auch von selbst; denn er war ganz naturgerecht der Meinung, daß diese Witwe einen Rückfall ihres Übels bekommen habe, wie das bei derlei Übeln eben in nicht gar zu seltenen Fällen sich ereignet, und ein jeder Arzt weiß, daß ein Rückfall in ein altes Übel viel hartnäckiger ist als das erstmalige Auftreten desselben.
GEJ|4|156|3|0|Nach etlichen Stunden erreichten wir das bekannte Haus. Aber schon in der Ferne von einer halben Stunde Fußweges entdeckte ich das ganze, große Wohnhaus in einen recht dichten, blauen Dunst eingehüllt; und je näher wir dem wohlbekannten Hause kamen, desto deutlicher entdeckte ich in dem Blaudunste die schon bekannten Bestien herumschwimmen. ,Halt‘, sagte ich zum Vater, als wir noch so etwa sechzig Schritte von dem Hause entfernt standen, ,da gehen wir wegen unseres leiblichen Heiles um keinen Schritt mehr weiter, wollen wir nicht beide alsbald eine Beute des Todes werden; denn derselbe böse Blaudunst mit seinen höchst unheimlichen Einwohnern umhüllt nun das ganze Haus!‘
GEJ|4|156|4|0|Mein Vater fing nun an, ganz gewaltig zu stutzen, und hielt plötzlich inne. Er sandte den Boten ins Haus der beiden Kranken, auf daß er ihm Kunde brächte, wie sich dieselben etwa doch befänden. Der Bote eilte sogleich ins Haus und fand die beiden aber schon ganz bewußtlos und im vollsten Ringen mit dem unerbittlichen Tode.
GEJ|4|156|5|0|Als der Vater solches vom Boten vernommen hatte, da sagte er zu ihm: ,Freund, Wunder wirken kann ich nicht, und so bleibt mir nichts anderes übrig, als umzukehren, und je schneller desto lieber! Denn es ist nicht geheuer, in der Nähe dieser beiden Kranken zu sein!‘
GEJ|4|156|6|0|Der Bote aber meinte, daß wir uns doch noch eine Stunde aufhalten sollten; denn man könne ja noch nicht ganz bestimmt wissen, ob die beiden nicht doch noch einmal zu sich kämen.
GEJ|4|156|7|0|Sagte der Vater: ,Du freilich nicht, aber desto bestimmter weiß ich darum! Alles in der Welt hat in und um sich oft weit herum gewisse Kennzeichen, aus denen ein Kundiger mit großer Sicherheit schließen kann, wie da irgendeine Sache oder ein Ding beschaffen ist; und so ist es auch hier! Ich erkenne es sogar am Hause, daß die beiden keine Stunde mehr leben werden und leben können! Hier wäre ein jeder Rettungsversuch ein rein vergeblicher zu nennen!
GEJ|4|156|8|0|Ihr männlichen Diener dieses Hauses alle aber suchet Klapper- und Ringelschlangen zu bekommen, schlaget ihnen die Köpfe ab, reiniget und kochet sie und genießet ihre Brühe zu öfteren Malen, sonst sterbet ihr alle in einem Jahre an der gänzlichen Auszehrung; denn die euch unbekannte Ausdünstung dieser beiden weiblichen Wesen ist von der Art, daß ein jeder Mann, der ihnen besonders jetzt zu sehr in die Nähe kommt, davon ergriffen und längstens in anderthalb Jahren eine förmliche Mumie wird!‘
GEJ|4|156|9|0|Der Bote dankte sehr für diesen Rat und wollte den Vater sehr reich beschenken; aber der Vater nahm nichts an und fing an, die Dromedare und das Lastkamel umzukehren, eine bei diesen Tieren immer nicht zu leichte Arbeit, besonders wenn sie müde und hungrig geworden sind. Dem Vater war dieses Umkehren unserer Träger zwar stets etwas Ärgerliches, aber diesmal kam es uns beiden sehr gut zustatten. Denn hätten sich unsere Tiere schnell unserem Willen gefügt, so wären wir beide, und ganz besonders ich, um eine wohl der allerdenkwürdigsten Anschauungen gekommen.
GEJ|4|156|10|0|Der Blaudunst vergrößerte sich nach und nach gut um die Hälfte, erhob sich aber gleich einer Riesenkugel bald übers ganze, große Haus und ward angefüllt nicht nur von den beiden Schlangengattungen, sondern von noch einer übergroßen Menge von allerlei Getier böser und mitunter auch sehr sanfter Art. Diese trieben sich in dem Großballe herum wie die Kraniche, wenn sie auf und in die Höhe fliegen. Der ganze Ballen aber hing an zwei schwach aussehenden Schnüren oder besser Bändern. Die eine und etwas kleinere Hälfte des Ballens war etwas lichter als die größere andere.
GEJ|4|156|11|0|Sehr sonderbar kam es mir vor, wie da ein recht starker Frühabendwind dem sehr locker hängenden Ballon nicht die allerleiseste Störung zu bewirken imstande war. Während aber ich mir diese Erscheinung also ganz erstaunt ansah und in römischer Zunge den Vater davon benachrichtigte, bemerkte ich am Ende stets mehr Exemplare von größeren Tieren, als Ratten, Mäuse, Kaninchen, Hühner, Tauben, Enten, Gänse, Lämmer, Ziegen, Hasen, Rehe, Hirsche, Gazellen und noch eine Menge anderer Tiere, ganz vollkommen ausgebildet, in dem großen Balle herumschwärmen.
GEJ|4|156|12|0|Der Vater bemerkte mir: ,Sohn, redest du wohl die vollste Wahrheit? Denn diese Geschichte fängt denn doch an, mir ein wenig zu bunt zu werden!‘
GEJ|4|156|13|0|Ich aber beteuerte dem Vater, daß ich nun wie allzeit ihm nur das erzähle, was ich klarst vor meinen Augen sehe, nicht ein Wort mehr und auch nicht ein Wort weniger mache. Da sagte der Vater dann nichts mehr und gab auf jedes meiner Worte außerordentlich acht.
GEJ|4|156|14|0|Als ich dies sonderbarste Bild von einer je erlebten Erscheinung so immer intensiver und erregter in den Augenschein nahm, da rissen auf einmal die beiden Bänder, an denen der große Ball befestigt zu sein schien, und nun schwebten aber statt des einen großen Balles plötzlich zwei getrennte, ungefähr bei zwei Mannshöhen hoch, über dem Hause. Der stets heftiger werdende Wind vermochte ihnen nichts anzuhaben; wie gemauert fest schwebten nun die beiden Ballons über dem großen Wohnhause.
GEJ|4|156|15|0|Ich bemerkte nach der Trennung nichts mehr von den Geschmeißtieren in den getrennten Ballons, von denen einer etwas kleiner zu sein schien und auch mehr Helle hatte denn der größere; auch hatte der kleinere nur ein MIXTUM COMPOSITUM (buntes Gemisch) von lauter sanften Tieren in sich, der größere aber faßte in sich auch Wölfe, Bären und eine Menge Füchse, die aber nebst den vielen auch sanften Tieren ganz gemütlich hin und her und auf und ab schwärmten. Merkwürdig war auch das, daß ich im schon ziemlich bedeutenden Abenddunkel alles in diesen beiden Ballons so hell und klar ausnahm, als würden sie von der Mittagssonne beleuchtet.“
GEJ|4|157|1|1|157. — Die Entwicklung der Seelengestalten der zwei verstorbenen Weiber
GEJ|4|157|1|0|(Mathael:) „Gut eine halbe Viertelstunde blieb die Stellung eine ganz gleiche; aber nachher fing die Sache an, sich ganz bedeutend zu verändern. Die Veranlassung dazu war ein herbeigeflogener, ganz natürlich aussehender Elsternschwarm; denn es mochten deren wohl einige hundert gewesen sein. Diese fingen an, die beiden Ballons sehr zu beunruhigen. Das viele Getier in selben schob sich wie ineinander, und bald wurden in den beiden Ballons nur zwei recht riesengroße, grauweiße Adler ersichtlich, die ganz gewaltig nach den in sie stoßenden Elstern schnappten. Wehe der, die sie erwischten; die verschwand bald aus ihrem ballonneckenden Dasein! Es dauerte aber diese Geschichte gar nicht zu lange, – und alle die Elstern waren aufgezehrt!
GEJ|4|157|2|0|Als ich solches meinem Vater alsogleich treust erzählte, sagte er: ,Ja, das sieht denn doch also aus, als wären das die Seelen der beiden Verstorbenen!? Sieh doch die Sache genau an, und sage es mir, was immer dir zu Gesichte kommt; denn wahrlich, so eine seltsame Sterbegeschichte hast du mir noch nie erzählt!‘
GEJ|4|157|3|0|Sagte ich: ,Vater, was ich sehe, erzähle ich dir augenblicklich! – Soeben werden die Ballons kleiner, und die Riesenadler verwandeln sich in – geradeheraus gesagt – zwei Kühe, aber ohne Hörner, und ich sehe einen vollkommenen Menschen am Gerüste des Daches auf und ab steigen und in jeder Hand ein Bündel Heues tragen; er wird doch nicht die beiden Kühe damit füttern wollen? Richtig! Die beiden langen mit den Zungen danach und haben sich ganz niedergesenkt, so daß sie die vorgehaltenen Heubündel leicht erreichen können; und nun verzehren sie das Heu auch ganz gemütlich!‘
GEJ|4|157|4|0|So erzählte ich dem Vater alsogleich, wie und was ich sah. Nach dem Verzehren des Heues verschwand der Mensch vom Giebel des Daches; aber bald kam ein anderer, der dem ersten nicht im geringsten gleichsah, mit zwei Eimern Wasser und hielt den beiden Kühen das darin enthaltene Wasser zum Trinken vor, und die Kühe tranken dasselbe sichtlich bis auf den letzten Tropfen aus.
GEJ|4|157|5|0|Auf diese Erscheinung verschwand auch der zweite Mensch samt den Eimern; aber gleich darauf fingen die Kühe an, sich in einem Kreise schnell zu drehen. Die früheren Dunstballone wurden ganz unsichtbar, und vor lauter Schnellumdrehen konnte ich die Gestalt der beiden Wesen durchaus nicht mehr ausnehmen. Während dieses Schnelldrehens aber wurden die Wesen auch immer heller und erreichten endlich den Schein eines untergehenden Mondes.
GEJ|4|157|6|0|Bald darauf hörte das Drehen ganz auf, und an der Stelle der früheren Kühe schwebten nun zwei etwas magere Menschengestalten, aber ganz nackt. Da sie mit dem Rücken gegen uns gekehrt waren, so konnte ich das Geschlecht nicht wohl ausnehmen; aber so der Größe nach zu urteilen, waren das doch zwei weibliche Gestalten.
GEJ|4|157|7|0|Nach einer Weile von einer Viertelstunde sah ich abermals ein menschliches Wesen mit zwei Bündeln auf des Daches Giebel kommen und einer jeden der zwei Gestalten ein Bündel austeilen. Gleich verschwand wieder der Bündelüberbringer, und die beiden Gestalten lösten behende die Bündel auf, nahmen daraus eine jede ein lichtgraues Faltenkleid und warfen dasselbe in einem Momente über den Leib; nun erkannte ich erst mit aller Bestimmtheit, daß die beiden Gestalten die der sonderbaren Witwe und ihrer taubstummen Tochter waren. Sie kamen mir wohl magerer vor, aber dessenungeachtet waren sie es doch ungezweifelt.!
GEJ|4|157|8|0|Als sie nun so als vollkommene Weibsgestalten vollends am Dachgiebel vor meiner Sehe standen, da kamen wieder die zwei Mannsgestalten in lichtgrünen Mänteln aufs Dach zu ihnen und winkten denselben, ihnen zu folgen, was denn die beiden auch taten ohne die allergeringste Weigerung.
GEJ|4|157|9|0|Der Zug ging gen Mittag hin. Bald entschwanden sie meiner Sehe völlig; ich aber vernahm darauf sogleich die deutlichen Worte: ,Gott dem Herrn allein allen Dank und allen Preis und alle Ehre für die Rettung dieser zwei Armen!‘
GEJ|4|157|10|0|Wer etwa diese Worte ausgesprochen hatte, weiß ich nicht; aber gehört habe ich sie höchst deutlich und klar! Von den zwei Mannsgestalten konnten sie unmöglich hergekommen sein, da sie da schon lange irgendwo über Berg und Tal waren. Es muß da jemand anders irgendwo hinter mir die Worte ausgesprochen haben. Wer aber, das ist eine ganz andere Sache!
GEJ|4|157|11|0|Wer sie aber auch immer mag gesprochen haben, so geht das die ganze Geschichte äußerst wenig an; daß aber die Worte gut waren und vieles in sich fassen mögen, das ist auch gewiß! Denn beide Wesen haben im ganzen äußerst gut und züchtig gelebt, waren sehr wohltätig gegen Arme und dazu auch äußerst gottesfürchtig, woher denn etwas schwer zu begreifen ist, warum die Stimme gerade so ganz besonders für die Rettung dieser Witwe und ihrer taubstummen Tochter Gott Dank, Preis und Ehre gegeben hat. Diese Stimme muß daher etwas mehr wissen oder gewußt haben als das, was nun mein Verstand sogar zu begreifen imstande ist.
GEJ|4|157|12|0|Du, o Herr, aber weißt ohnehin, was alles uns in dieser Sterbegeschichte ein Rätsel verbleiben wird! Ich will daher übers Ganze durchaus keine besondere Frage mehr setzen, da ohnehin die ganze Erzählung von ALPHA bis OMEGA eine Frage ist; daher erkläre Du, o Herr, gleich lieber alles, denn da sehe ich nirgends aus und ein! Schon die Krankheit war an und für sich höchst rätselhaft, geschweige die Erscheinungen während und nach dem Sterben! Das Steigen des offenbar seelischen Blaudampfes übers ganze Haus, die Tiere darin, endlich die Trennung des einen großen Ballons in zwei kleinere, die neckenden Elstern, die Riesenadler, die Umwandlung derselben in ungehörnte Kühe und so weiter, – kurz, da ist alles eine Fabel, die gar nicht und von niemandem zu glauben ist, so man sie so gleich hinweg erzählen würde! So Du, o Herr, es sonach allergnädigst wollen möchtest, da mache uns diese Geschichte ein wenig durchsichtig; denn bis jetzt hängt zwischen ihr und mir mehr denn die dreifache Mosisdecke!“
GEJ|4|158|1|1|158. — Das Gift in Mineralien, Pflanzen, Tieren und Menschen
GEJ|4|158|1|0|Sagte Ich: „Ist diese Historie euch allen gleich unklar?“
GEJ|4|158|2|0|Alle bejahten diese Frage und baten um die Enthüllung.
GEJ|4|158|3|0|Und Ich sagte zu allen: „Habt ihr doch gelesen von den Kindern der Schlange und tut bei dieser Geschichte gar so lichtlos seiend! Seht, auf dieser Erde gibt es giftige Mineralien, giftige Pflanzen und ebenso auch bekannte giftige Tiere! Die giftigen Minerale sind ganz giftig, die giftigen Pflanzen zum größten Teile und die giftigen Tiere in bezug auf ihr ganzes Wesen zum mindesten Teile. Ihr habt aber auch gehört, wie die Seelen der Menschen rein von dieser Erde ein Konglomerat (Zusammengeballtes) aus den Mineral-, Pflanzen- und Tierseelen sind. Das ist eine Sache, die Ich vor euch schon zu öfteren Malen erklärt habe, nur habe Ich da mehr allgemein als speziell geredet und hatte auch bis nun keine besonderen Ausnahmen gezeigt; das aber ist ein solch besonderer Ausnahmefall, und Ich will euch alle mit ihm näher vertraut machen.
GEJ|4|158|4|0|Ihr kennet die gerechte und wahre Ordnung Gottes, kennet aber auch die Exzentrizitäten (Abweichungen) derselben; ihr könnet sie denken, fühlen und empfinden! Was aber ihr könnet, das gleiche kann auch Gott; Er kennt Seine ewige Ordnung sicher am besten und hellsten, kennt aber dahinzu auch alle die möglichen und verschiedenartigsten Aus- und Übertretungen dieser Ordnung, muß sie also auch denken und tiefst zu fühlen imstande sein.
GEJ|4|158|5|0|Ja, Gott muß in die frei und selbständig werden sollenden und frei wollenden Geschöpfe, besonders in die Engel und dieser Erde Menschen, wie ihr wisset, sogar den Reiz zur Widerordnung legen, auf daß sich daraus für die Benannten eine wahre, freitätige Sichselbstbestimmung vollkommen bewahrheite. Aus dem aber geht doch etwa klar hervor, daß Gott die möglichste Widerordnung ebenso bekannt sein muß wie die gute, wahre und lebendige Ordnung.
GEJ|4|158|6|0|Die Gedanken und die Gefühle der Widerordnung in Gott sowohl als im Menschen unter den ordnungsmäßigen Gedanken und Gefühlen sind entsprechend den Giftmineralien, Giftpflanzen und Gifttieren. Weil sie aber auch Gottesgedanken und Gottesgefühle sind, so können sie nicht vergehen, sondern bleiben auch in der feuerzüngigen Intelligenzurgestaltung, können als verwandt sich in der negativen Sphäre ergreifen und eine eigene Wesenreihe bilden.
GEJ|4|158|7|0|Aus diesem Urborne entstand eigentlich zumeist die ganze materielle und gerichtete Schöpfung. Da aber diese berufen ist, den Geistgeschöpfen nicht nur als ein prüfend Lebensgift zu dienen, sondern bei gerechtem Gebrauch auch als ein heilsamer Lebensbalsam, so ist auch eine Ordnung dahin getroffen, daß die gar zu ordnungswidrigen Ursubstantialgedanken sich von den viel weniger ordnungswidrigen scheiden und eine schon bemerkte giftige Wesenreihe in allen drei Reichen der sichtbaren, äußeren, materiellsten Natur der Dinge ausmachen.
GEJ|4|158|8|0|Zuerst stehen die Gifte in der gröbsten Materie der Minerale, dann kommen sie, schon etwas gemildert, im dafür geeigneten Pflanzenreiche vor, und schon bis auf eine Kleinigkeit gemildert machen sie sich in gewissen Tieren unterster Gattung dem bessern, also positiven äußern Leben gefährlich und können sogar unter gewissen Umständen auch das innere, ganz positive, wahre Leben, wenn auch nicht verderben, so doch sehr verletzen.
GEJ|4|158|9|0|Nun, dieser Giftwesen Seelenspezifikalpotenzen samt ihrer Intelligenzfähigkeit ergreifen sich am Ende, und es wird aus ihnen am Ende auch eine Gestalt, aber stets nur eine weibliche, gebildet, die aber dann ganz natürlich auch nicht ohne eine noch ganz besonders giftige Beigabe dasteht. Diese Seelen kommen endlich auch auf den Weg des Fleisches durch den irgendwo verübten Akt der bekannten Zeugung durch den Beischlaf.“
GEJ|4|159|1|1|159. — Die giftige Natur der beiden verstorbenen Weiber
GEJ|4|159|1|0|(Der Herr:) „Ist solch eine Seele einmal in einem Fleische wohnend, so legt sie ihr Giftiges ins Fleisch und Blut des eigenen Leibes, den das aber naturgesundheitlich eben nicht besonders in seiner Lebenssphäre beirrt, weil er schon urentstehlich also eingerichtet ist.
GEJ|4|159|2|0|Aber es ist für einen aus der positiven Ordnung hervorgegangenen Menschen dennoch nie geheuer, sich einem solchen Menschen zu sehr zu nähern; denn schadet sie seiner Seele schon auch geradewegs nicht, so schadet sie aber doch seinem zur Aufnahme eines solchen Giftes nicht geeigneten Leibe. Und nun stehen wir schon bei unserer Witwe!
GEJ|4|159|3|0|Ihre sonst ganz gute und in eine gute Ordnung übergegangene Seele hat ihr giftiges Urelement in ihres Leibes Milz und Leber niedergelegt, das sich dort so lange ganz ruhig und weiter unschädlich verhält, solange sie nicht durch irgend etwas leidenschaftlich erregt wird; ist aber eine solche wahre Giftperson erregt worden, dann ist es für jeden Mann hoch an der Zeit, sich schnell aus ihrer Giftsphäre zu ziehen.
GEJ|4|159|4|0|Denn dieses ihrem Leibe innewohnende Gift ist nervenätherischer Art und dringt in der Person Außenlebenssphäre. Wer es durchs Einatmen oder durch längeres Verweilen in solcher vom Gifte durchschwängerten Sphäre mit dem eigenen Nervenäther in eine gar leicht erfolgte Verbindung bringt, der ist leiblich verloren, besonders so er das Gegengift nicht kennt.
GEJ|4|159|5|0|Nun, das Gegengift wäre wohl, wenn alle Nerven nicht schon zu sehr irritiert sind, die gewisse Brühe; zugleich aber müßten in einem großen Gefäße solche Tiere im Olivenöle erstickt werden und dann nebst der getrunkenen Brühe der ganze Leib mit dem Schlangenöle ganz gut eingerieben werden. Dadurch erst könnte eine volle Heilung zustande gebracht werden, und das darum, weil das schon in den Nerven hausende Gift sich gleich aus den Nerven zieht und sich zum Teil mit seinem Urelemente in der Brühe im Magen oder mit jenem im Öle ruhenden verbindet und vereinigt und dadurch auf die Nerven nicht mehr rückwirken und ihnen daher auch nicht mehr schaden kann.
GEJ|4|159|6|0|Als du, Mathael, zum ersten Male zu ihr geladen warst mit deinem Vater, da war die Witwe durch ihr eigenes Gift, das ihr der griechische Arzt zu heftig erregt hatte, leidend und hätte daran damals ebensogut wie späterhin sterben können; denn äußerst selten sterben solche Giftpersonen an irgendeiner andern Krankheit als am eigenen Gifte.
GEJ|4|159|7|0|Der dir sichtbar gewordene Blaudunst, in dem mehrere dir eben nicht zu sehr liebsame Tiere herumschwammen, war so ein Auserguß des Giftäthers und zeigte durch seine ersichtliche Inwohnerschaft ganz klar und deutlich, wessen Geistes Produkt er war.
GEJ|4|159|8|0|Als dein Vater die der Witwe Inneres sehr aufregende Furcht durch seine kluge Beredsamkeit bedeutend milderte, zog sich der böse Äther in die beruhigte Milz und Leber zurück; der Überfluß aber verharrte in der Galle des Magens, ward in vier Tagen endlich von der gewissen Brühe total aufgenommen und durch den natürlichen Gang hinausgeschafft, und die Witwe ward darauf wieder vollkommen gesund. Die Stimme aber, die dir das Mittel angab, kam von einem Geiste her, der der Witwe Geisteshüter war.
GEJ|4|159|9|0|Als du mit deinem Vater aber zum zweiten Male hingerufen wurdest, hatte die Witwe einen starken Ärger wegen ihrer taubstummen Tochter, die sich in einen etwas ausgelassenen Menschen trotz ihrer Taubstummschaft denn doch recht fest zu verlieben begann. Dadurch ward der Witwe, wie auch der gleichartigen Tochter Eigengift zu heftig erregt; beide wurden wie von tausend der giftigsten Schlangen in allen ihren Lebensnerven gebissen, und es war von diesem Moment an keine leibliche Heilung mehr zu denken, – außer nur durch Meine Kraft wäre es natürlich wohl möglich gewesen. Die Seelen beider aber lösten sich infolge der großen Erregung nahezu gänzlich auf, das heißt, sie lösten sich in ihre Urelemente auf und drangen, notwendig einen größeren Raum einnehmend, sogar übers Haus, darin die beiden sterbend lagen, hoch und weit hinaus.
GEJ|4|159|10|0|Als die völlige Ablösung vom Leibe erfolgt war und sich nach erfolgter weiterer Beruhigung die Urelemente im Lebensdunstknäuel wieder als zusammengehörig zu erkennen begannen, trennten sich bald die früher ineinander verschwommenen Knäuel, von denen der große die Lebensurelemente der Witwe und der kleinere jene der Tochter faßte. Die Lebensurelemente aber, nun stets mehr beruhigt, erkannten sich auch stets mehr, ergriffen sich, und dir ward in den Ballons sogleich eine höherstehende Tiergattung ersichtlich.
GEJ|4|159|11|0|Als im Lebensknäuel, wie in seiner innern Gestalt sich wieder mehr Ruhe einfand, da erkannten sich die Seelenvorgebilde wieder inniger und gingen in zwei Adlerweiblein über. Bald ersahst du einen Schwarm Elstern die Ballons beunruhigen; dies waren die Außenlebensgeister, die sich nun auch mit den beiden Seelen zu vereinigen hatten. Als dies auf die dir erscheinliche und der Sache entsprechende Weise geschah, da wurden dir sogleich zwei Kühe sichtbar. Das wäre dem Menschen schon nahe; aber es geht nun noch etwas Urelementarisches ab.
GEJ|4|159|12|0|Die beiden Mannsseelen, die zuvor Männer der Witwe waren, erkennen diesen Abgang (Mangel) und schaffen ihn nach der guten Ordnung her. Da tritt ein neues Leben in die Kuhgestalten, alles wird durcheinandergetrieben, dadurch entsteht eine neue organische Ordnung, und bald gehen aus ihr zwei vollkommene Menschengestalten hervor. Diese werden nun von den anwesenden Mannsseelen mit Liebe erfaßt, und diese Liebe bildet gleich den gerechten Urstoff zu einer entsprechenden Bekleidung, und also werden die früher so sehr zertragenen Seelen wieder für immer vollständige Menschenformen, begabt mit der nötigen Erkenntnis, was der Abzug gegen Abend klar anzeigt.
GEJ|4|159|13|0|Die letzte Dankstimme aber, die du, Mathael, zuletzt vernommen hast, war abermals die eines und desselben Schutzgeistes, der dir um nahe zwei Jahre früher das rechte Mittel zur Heilung solch einer Krankheit angab. Der Geist aber sah die große Schwierigkeit ein, die dazu erforderlich war, aus einer direkten Widerordnung eine wahre und himmlische zu gestalten; denn auch da kann man mit wenig Gift sehr viel Balsam auch zu Gift, aber mit wenig Balsam viel Gift nahezu unmöglich zu einem heilsamen Balsam machen. Nur bei Gott allein ist alles möglich, und darum der letzte Dankruf des Schutzgeistes an Gott den Herrn!
GEJ|4|159|14|0|Verstehet ihr dies alles nun wohl? Wem irgend etwas noch dunkel ist, der frage, und es soll ihm Licht werden!“
GEJ|4|160|1|1|160. — Des Cyrenius Bedenken über die irdische Seelenentwicklungsordnung
GEJ|4|160|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, Du allein Weiser und Gerechter, was da betrifft diese Geschichte, so ist sie mir nun völlig klar; denn ich sehe dies von Dir ausgehende wahrhaft göttliche Kunstgefüge im natürlichen Werdungsfortgange, ich sehe Deine ewige Ordnung und sehe auch, daß Dir nur in solcher Ordnung alle Dinge möglich sind. Aber eines darunter bleibt mir im Ernste etwas dunkel, und ich kann da schon denken, wie ich will, so will's mir darin dennoch nicht lichter und heller werden.
GEJ|4|160|2|0|Ich begreife nämlich das noch immer nicht, warum unsere menschliche Seele denn zuvor, ehe sie in die vollintelligente menschliche Form übergeht, ganz zerteilt in tausendmal tausend Pflanzen, ja sogar Mineralien und in mehr als noch einmal soviel Tieren bestehen muß. Bevor sie also eine vollkommene Menschenseele wird, muß sie durch Blitz und Regen aus den Steinen – und wer weiß, aus was noch – vorher gewisserart herausgefeuert und endlich herausgeschwemmt werden?! Nachher geht diese Seelenwanderungs- und Seelenzusammenklaubungsgeschichte langweilig genug durch die ganze Pflanzen- und Tierwelt hindurch, und am Ende muß sie noch die Ehre haben, als eine werdende kräftige Menschenseele in wenigstens zwanzig Ochsen totgeschlachtet zu werden und daneben noch so in etwa hundert Schafen, Kälbern und Eseln?! Das nennen wir Römer eine DOCTRINA DURA! (harte Lehre)
GEJ|4|160|3|0|Wäre es denn Gott nicht möglich, gleich eine vollkommene Menschenseele zu erschaffen und sie dann zu umkleiden mit Fleisch und Blut? Wozu denn ein so langweiliges Fortschreiten? Da sehen wir unsern Raphael an! Was geht dem irgend wohl noch ab zu einem vollendeten Leben?! Was sind wir zusammengeklaubte Seelen gegen ihn?! Hat er nicht im kleinsten Finger mehr Macht und Weisheit als wir im ganzen Leibe legionenweise zusammengestellt?! Ich möchte den Untergang von tausend Legionen der bewährtesten Krieger nicht sehen; in einem Nu würde er sie alle zu Staub zermalmen! Das nenne ich eine Lebensvollendung! Kann sie dem von Dir aus verliehen werden, warum denn einer Menschenseele nicht?! Oder hat auch sein Geist als eine Seele zuvor eine so ungeheure Durchwanderung durch wer weiß wie zahllos viele Stufen machen müssen? Das, o Herr, ist so meine Nachtseite! Gib auch da ein rechtes Licht hinein, und ich will Dich weiterhin sicher mit keiner so dummen Frage mehr belästigen!
GEJ|4|160|4|0|In eurem Moses heißt es wohl: ,Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und Er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele.‘ Nach diesen freilich höchst dunklen Worten – wenn man sie so nehmen könnte, wie sie wortlautig stehen – hättest Du als Gott dem Menschen dann also wohl eine schon vollkommene Seele durch seine Nüstern eingeblasen, und der ganze Mensch wäre dann nach Deinem Bilde zur vollkommenen Seele geworden. Aber es ist da schon das eine ebenso lichtlos als das andere. Darum bitte ich Dich, uns allen nur so zur Not ein Lichtlein da hineinzustellen!“
GEJ|4|160|5|0|Sage Ich: „Ja, Mein lieber Freund Cyrenius, wenn dein Gedächtnis dich hie und da schon zuweilen zu verlassen anfängt, so kann Ich da nicht dafür; denn das, was du nun wissen möchtest, habe Ich euch ja schon lange ganz umständlich erklärt! Du hast es ja nur vergessen; Ich werde dir dein Gedächtnis ein wenig wecken, und es wird dir dann schon alles recht helle werden!“
GEJ|4|160|6|0|Sagt Cyrenius: „Ja, ja, Herr, Du hast schon allzeit recht! Ich bin nun schon ganz im klaren; auf diesem Berge und in dieser Nacht ist uns alles auf ein Haar klein erklärt worden, als wir alle durch das magische Licht der gewissen Leuchtkugel alles Werden und sogar den Ausfluß Deiner Gedanken und Ideen, ihre endloseste Vielheit und sogar unsere höchst eigenen Gedanken vor uns in Gestalt von feurigen Zungen und Zünglein haben schweben sehen! Ja, ja, das alles haben wir nicht nur schon gehört, sondern auch ordentlich gesehen!
GEJ|4|161|1|1|161. — Cyrenius kritisiert die Mosaische Schöpfungsgeschichte
GEJ|4|161|1|0|(Cyrenius:) „Mit Moses aber kann ich mich alles dessenungeachtet noch nicht so recht befreunden. Es muß viel außerordentlich Großes und Wahres darin liegen; aber wer außer Dir versteht das, was er geschrieben hat?
GEJ|4|161|2|0|Besonders dunkel ist seine Schöpfungsgeschichte gehalten! Einmal heißt es: ,Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meere, über die Vögel unter dem Himmel, über das Vieh und über die ganze Erde und über das Gewürm, das auf der Erde kriecht!‘ Und Gott schuf den Menschen Ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf Er ihn; und schuf sie ein Männlein und ein Fräulein. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: ,Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meere, über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht!‘ Und Gott sprach: ,Sehet da, Ich habe euch gegeben allerlei Kraut, das sich besamet auf der ganzen Erde, und allerlei fruchtbare Bäume, die sich besamen zu eurer Speise, und allem Getier auf Erden und allen Vögeln unter den Himmeln und allem Gewürme, das da lebet auf Erden, daß sie allerlei Grünkraut essen!‘ Und es geschah also. Und Gott sah alles an, was Er gemacht hatte, und siehe da, es war alles sehr gut! Und es ward aus dem Abend und Morgen der sechste Tag.‘
GEJ|4|161|3|0|Mit dieser Textierung sollte man nun die Erschaffungsgeschichte als abgemacht betrachten; allein, dem ist es bei weitem nicht also! Hinterdrein, nachdem Gott der Herr Seine Schöpfung allenthalben ansah und alles sehr gut fand, läßt Moses wieder von Gott den ersten Menschen aus Lehm oder einem Erdenkloße formen und ihm durch die Nase einhauchen eine Seele, und der Mensch wäre nun da als vollends fertig; nur scheint Gott vergessen zu haben, daß auch der Mensch eines Weibleins benötigen wird!
GEJ|4|161|4|0|In der früheren Textierung heißt es zwar: ,Und Gott schuf ein Männlein und ein Fräulein‘; hier aber, nachher, läßt Moses den Adam lange allein sein und läßt ihm erst dann in einem tiefen Schlafe von Gott das erste Weib aus seiner Rippe erschaffen oder machen! Nun, wer das vernünftig und sinnreich verbinden kann, der versteht offenbar mehr als ich!
GEJ|4|161|5|0|Nach der ersten Textierung zeigt Gott dem Adam und der Eva sogleich an, daß sie beherrschen sollen die ganze Erde und alle Kreatur auf ihr. Er segnet sie alsogleich; denn es heißt: ,Und Gott segnete sie.‘ Und also muß Er zuvor auch schon die Erde und alle ihre Kreatur gesegnet haben; denn es steht auch geschrieben, daß Gott Selbst alles sehr gut fand, was Er erschaffen hatte. Was aber Gott Selbst als sehr gut findet, das kann doch unmöglich anders als schon durch das allerhöchste Wohlgefallen Gottes auch höchst gesegnet sein!
GEJ|4|161|6|0|Also erscheint in der Vortextierung die ganze Erde und das erste Menschenpaar als im höchsten Grade gesegnet! Aber in der Nachtextierung bekommt alles gleich ein anderes Gesicht: Die Erde hat nur einen bewohnbaren Garten, der freilich hübsch groß sein mußte, weil in seiner Mitte gleich vier der größten Ströme Asias (Asiens) entspringen. Da ward von Gott der erste Mann allein aus Lehm gemacht und ihm darauf eine lebendige Seele durch die Nasenlöcher eingehaucht; er sah und benannte die Bäume und das Kraut, die Fische im Meere, die Vögel unter dem Himmel und alles Getier, das auf Erden umherkriecht und umherwandelt.
GEJ|4|161|7|0|Die Insekten, Fliegen, Bienen, Wespen, Hornissen, Schmetterlinge und noch eine große Menge der kleinen Luftbewohner, die man doch kein Gewürm nennen kann, hatte Moses ebensogut, wie außer den Fischen die zahllose Meeresbewohnerschaft, rein vergessen; denn er spricht in der Luft, als unter dem Himmel, nur von den Vögeln, und im Meere nur von den Fischen. Das ist auch ein wenig sonderbar!
GEJ|4|161|8|0|Aber lassen wir das noch so dahingehen; denn man kann unter dem Begriffe ,Vogel‘ am Ende ja alles im allgemeinsten Sinne verstehen, was da bewohnt die Luft, und unter dem allgemeinen Begriffe ,Fisch‘ alles Getier, das da hauset im Wasser. Ob aber Moses seine aufgestellten Begriffe auch so weit ausgedehnt hatte, wie es zu seinem Rechtverstehen nötig sein möchte, das könnte ich wohl in keinem Falle behaupten!
GEJ|4|161|9|0|Sei dem aber nun, wie ihm wolle, damit könnte man sich immerhin noch verständigen lassen; aber wie er in der Vortextierung am sechsten Schöpfungstage von Gott aus gleich nach dem Ausrufe Gottes ,Lasset uns Menschen erschaffen nach dem Bilde Gottes!‘ ein Männlein und ein Fräulein werden läßt, in der Nachtextierung aber das Männlein lange zuvor aus Lehm geformt hat, das Fräulein aber viel später aus des Männleins Rippe werden läßt, die ganze Erde bei weitem ungesegneter erscheint, von der Segnung dieses ersten Menschenpaares gar keine Rede ist, im Gegenteil ihnen von einem gewissen Baume bei Androhung der Strafe des Todes und der Verfluchung der Erde die Frucht zu essen verboten wird, und wie es später nach der Übertretung dieses Gebotes auch heißt, daß die Erde im Ernste verflucht ward und nun nur Dornen und Disteln tragen werde, und nebstdem, daß er sterben müsse, und daß er sich im Schweiße seines Angesichtes werde das Brot erwerben müssen, – ja, da ist von der Segnung, deren Moses in der Vortextierung erwähnt, sowie von der ebendaselbst erwähnten höchsten Zufriedenheit der beendeten Werke Gottes keine allerleiseste Spur irgend mehr zu entdecken! Ja, Du unser allergöttlichster Freund, das ist denn doch etwa auch eine DOCTRINA DURA [Harte, schwer zu verstehende Lehre.], und man kann sich in ihr selbst beim besten Willen nicht zurechtfinden!
GEJ|4|161|10|0|Aufrichtig gesagt: Wer Du, o Herr, bist, und was Du lehrest, das glaube ich mehr als felsenfest; aber mit dem etwas stark verwirrten Moses bleibet mir so hübsch weit vom Leibe! Ist es Dir möglich, mir darüber irgendein Licht zu geben, so ist es mir recht; ist aber das vorderhand nicht Deiner Ordnung gemäß leicht tunlich, nun, so liegt da für mich wenigstens sehr wenig oder auch gar nichts daran! Ich und wir alle haben von Dir ein vollkommenes Licht und können daher des Moses Afterlicht leicht missen. Was nützt uns eine Lehre, die wir in ihrer Urwahrheit nicht verstehen können?! Besser ein belehrend verständiges Wort als zehntausend Worte, die niemand versteht!“
GEJ|4|162|1|1|162. — Die Erschaffung Adams und Evas
GEJ|4|162|1|0|Sage Ich: „Deine Bemerkung über Moses ist gerade so übel nicht, mit dem Maßstabe des eigentlichen Weltverstandes bemessen; aber mit dem Verstande des Geistes beurteilt, ist Moses ganz etwas anderes, als was er dir dem Wortlaute nach vorkommt. Übrigens aber ist dem Wortlaute nach die Vortextierung von der Nachtextierung nicht gar so verschieden, als du es meinst; denn die Nachtextierung kommentiert vielmehr die Vortextierung und beschreibt die Art und Weise – wennschon eigentlich in geistig entsprechender Weise – näher, wie des Menschen Werdung vor sich gegangen ist.
GEJ|4|162|2|0|Wie aber das Werden naturgemäß zu verstehen ist, habe Ich euch insoweit, als es für euch vorderhand notwendig ist, schon ohnehin sogar in dieser Nacht gezeigt. Und Mathael, der mit der Wissenschaft der Entsprechungen sehr vertraut ist, hat vor einem Tage euch auch kundgetan, wie des Moses Schriften zu verstehen sind; und Ich muß dir, du Mein Freund Cyrenius, abermals die Bemerkung machen, daß du im Ernste ein ganz kurzes Gedächtnis hast! Zwar habe Ich ehedem dein Gedächtnis von neuem belebt, und du kannst dich nun schon, wenn du recht fest willst, darin ein bißchen freier bewegen; bei deinem Mosaischen Menschenschöpfungszweifel aber will Ich dir doch noch so viel Zurechtweisliches hinzuerzählen, daß du und auch noch so mancher andere daraus entnehmen könnet, wie es sich so ganz eigentlich mit der Sache verhält.
GEJ|4|162|3|0|Sehet, alles was Moses mit seiner Schöpfungsgeschichte sagt und so ganz eigentlich sagen will, bezieht sich zuallernächst nur auf die Erziehung und geistige Bildung der ersten Menschen überhaupt, und nur durch Entsprechung auch auf die des allerersten Menschenpaares.
GEJ|4|162|4|0|Übrigens ist Adam wohl dem Leibe nach aus den Ätherteilen des feinsten Erdlehms durch Meinen Willen nach der gesetzten Ordnung, wie Ich sie euch nun gezeigt habe, geschaffen und geformt worden; und als er voll gemachter Erfahrung durch Meinen Willen einmal zu jener Kraft gediehen war, durch die sich bei ihm eine äußerst intensive Außenlebenssphäre hatte bilden müssen, und als er einmal arbeits- und reisemüde in einen tiefen Schlaf verfiel, so war es denn auch an der Zeit, eine sich aus allen euch bekannten Naturstufen zusammengeklaubte Naturseele in die Außenlebenssphäre Adams zu versetzen.
GEJ|4|162|5|0|Diese Seele, in der Außenlebenssphäre sich befindend, fing sogleich an, sich aus diesen ihr sehr lieblichen Adamischen Außenlebensteilen oder aus dem reichlichsten Lebensdunste, wie es noch heutzutage Seelen Verstorbener zu tun pflegen, wenn sie den Menschen auf einige Momente erscheinen wollen, einen ihr entsprechenden Leib nach Meinem Willen und nach Meiner Ordnung zu bilden, und war mit demselben auch in drei Tagen vollkommen fertig.
GEJ|4|162|6|0|Als darauf Adam erwachte, sah er voll Staunens und voll Freude sein Ebenbild neben sich, das ihm natürlich äußerst zugetan war und sein mußte, weil es dem Leibe nach auch aus seinem Wesen herstammte.
GEJ|4|162|7|0|Er aber nahm in der Gegend des Herzens wahr, als drücke ihn etwas, aber ganz angenehm, auch fühlte er wieder zuweilen wie eine Leere – das war der Anfang der geschlechtlichen Liebe – und konnte sich nimmer trennen von dem Bilde, das ihm gleich soviel Anmut verschaffte. Wohin er ging, da folgte das Weib ihm, und ging das Weib wohin, so konnte er es sicher nicht allein gehen lassen. Er fühlte des Weibes Wert und dessen Liebe und sagte darum in einem hellsehenden Momente: Wir, ich ein Mann und du ein Weib, mir aus meinen Rippen (in der Herzensgegend) entwachsen nach dem Plane Gottes, sind sonach ein Fleisch und ein Leib; du bist meines Lebens lieblichster Teil, und es wird fürder also bleiben, und es wird der Mann Vater und Mutter (der Mannesernst und seine Sorge) verlassen und wird hangen an seinem Weibe!
GEJ|4|162|8|0|Wo es aber heißt, daß Gott beim Adam den Teil mit Fleisch bedeckte, da Er ihm die Rippe nahm, so wird von euch hoffentlich doch niemand so dumm sein anzunehmen, daß Gott den Adam im Ernste verwundet hat, um ihn um eine Rippe zu verkürzen, damit aus der kleinen Rippe ein großes Weib werde. Die Rippen sind ein äußerer, fester Schutzschild der zarten, inneren Lebensorgane.
GEJ|4|162|9|0|Wenn ein David sagt: ,Gott, unsere feste Burg und ein starker Schild!‘, – ist darum Gott dann im Ernste eine aus lauter Würfelsteinen erbaute feste Burg, oder ein großer, eherner Schild?!
GEJ|4|162|10|0|Also steht es auch mit der Rippe, aus der die Eva stammen soll! Sie, die Rippe, ist nur ein Zeichen für die Sache; die Sache aber ist Adams inneres, mächtiges Liebeleben. Und die Rippe, als der Schutz dieses Lebens, ward von Moses darum in die Schrift genommen: erstens, weil sie das Leben schützt und somit, ein äußerer Schild des Lebens seiend, auch dasselbe bildlich darstellt; zweitens ist aber später ein gutes, treues und liebbraves Weib auch als ein Schutz, Schild und Schirm des Lebens des Mannes anzusehen und kann daher entsprechend auch ganz gut als eine Rippe des Mannes angesehen werden; und drittens ist der Außenlebensäther auch ein allergewaltigster Schutz des inneren Seelennaturlebens, ohne welchen der Mensch nicht zehn Augenblicke lang leben könnte.
GEJ|4|162|11|0|Nun ist aber die Eva aus der Überfülle dieses Adamischen Außenlebensäthers, dem zarten leiblichen Wesen nach, entstanden; und da dieser Lebensäther aus der Gegend der Rippen und der Brustgrube ausdunstet und hernach den Menschen weithin allseitig umgibt, so konnte ein Moses, dem die entsprechende Bildsprache höchst geläufig zu Gebote stand, die Eva ganz richtig aus einer Rippe Adams entstehen lassen und von Gott dem Adam die Wunde mit dem Fleische der Eva zudecken oder vertreten lassen. Denn eben die Eva war ja das aus dem Außenlebensäther Adams gewordene Fleisch, mit dem Gott dem Adam den Abgang seines Außenlebensäthers ersetzte und ihm sonach die wunde Stelle mit dem dem Adam höchst angenehmen Fleische der Eva zudeckte, was denn eigentlich auch ein Fleisch Adams war.“
GEJ|4|163|1|1|163. — Der vierfache Sinn der Schöpfungsgeschichte Mosis
GEJ|4|163|1|0|(Der Herr:) „Sehet, auf diese Weise ist Moses zu lesen und dem natürlichen Verstandesteile nach auch zu verstehen! Freilich gibt es da noch ein tieferes, inneres, rein geistiges Verständnis, demzufolge unter der ganzen Schöpfungsgeschichte hauptsächlich das Menschenbildungsgeschäft Gottes, daß sie sich und Ihn als ihr Alles erkennen und lieben sollen, zu verstehen ist. In dieser Sphäre wandelt Gott mit Adam geistig und lehrt ihn, gibt ihm Gesetze, züchtigt ihn, so er fehlt, und segnet ihn abermals, so Adam oder überhaupt die erste Urmenschheit dieser Erde Gott erkennt, Ihn liebt und in Seiner Ordnung wandelt.
GEJ|4|163|2|0|Geschah das natürlich der Materie nach auch nicht so sehr, so geschah es aber dennoch geistig, und dieses auch bei noch ganz reinen, unverdorbenen und höchst einfachen Menschen wie als Natürliches sehr ersichtlich. Man kann darum Moses sogar vierfach lesen und allzeit sehr wohl und rein verstehen.
GEJ|4|163|3|0|Erstens: bloß rein naturmäßig, woraus man ein notwendiges Werden in gewissen Perioden nach der ewig unwandelbaren Ordnung Gottes ersieht. Daraus können alle Naturweisen ihren Verstand anfüllen und ihre unmöglich anders als nur immer höchst seichten Betrachtungen ziehen; sie können auf diesem Wege recht vieles eruieren, aber dabei doch niemals auf irgendeinen festen und haltbaren Grund kommen.
GEJ|4|163|4|0|Zweitens: naturmäßig und geistig gemengt. Diese ebenfalls höchst wahre Sphäre ist für die Menschen, die nach dem Wohlgefallen Gottes trachten, die beste, weil da beides, wie Hand in Hand gehend, klar in der Tat und in der Erscheinlichkeit ersichtlich und begreiflich wird. (Nota bene: In dieser Weise ist auch ,Die Haushaltung Gottes‘ gegeben.)
GEJ|4|163|5|0|Drittens: rein geistig, wobei auf die Naturerscheinungen und ihre zeitweiligen Bestände und Veränderungen nicht die allergeringste Rücksicht genommen wird. Da handelt es sich bloß nur um die geistige Bildung der Menschen, die Moses gar trefflich in den entsprechenden Naturbildern dargestellt hat. Dieses haben zu verstehen alle Gottesweisen, denen die innere Bildung der Menschen anvertraut ist.
GEJ|4|163|6|0|Und endlich viertens: rein himmlisch, wo der Herr alles in allem ist und alles auf Ihn Bezug hat. Wie aber dieses zu nehmen und zu verstehen ist, könnet ihr nicht eher fassen, als bis ihr durch die volle Wiedergeburt eures Geistes mit Mir eins geworden seid, so wie Ich auch eins bin mit dem Vater im Himmel, doch mit dem Unterschiede, daß ihr alle mit Mir eins sein werdet in gesonderter Persönlichkeit, während Ich und der Vater, der Meine Liebe ist, miteinander in ewig ungesonderter Persönlichkeit vollkommen eins sind.
GEJ|4|163|7|0|Nun aber hoffe Ich von dir, lieber Freund Cyrenius, daß du von Moses eine bessere Meinung fassen wirst; oder meinst du etwa noch, daß Moses – nach deinem Dafürhalten etwa wie ein Blinder – nicht gewußt hat, was er schrieb?!“
GEJ|4|163|8|0|Sagt Cyrenius ganz zerknirscht: „Herr, laß mich ganz beschämt nun und ganz still und stumm sein; denn ich sehe nun schon meinen großen und groben Unsinn ein. Ich will von nun an bloß hören und selbst aber kein Wort mehr reden!“
GEJ|4|163|9|0|Tritt hier Kornelius zu Mir und sagt: „Herr, nun, bevor die Sonne vollends aufgegangen sein wird, erlaube auch mir ein Wörtlein zu reden und eine vielleicht nicht zu unwichtige Frage zu stellen oder eigentlich eine Bemerkung zu machen!“
GEJ|4|163|10|0|Sage Ich: „Nur zu; was dich drückt, das muß heraus!“
GEJ|4|163|11|0|Spricht Kornelius weiter: „Mit der Schrift Mosis wird sich's schon sicher genau also verhalten, wie Du uns darüber nun die hellsten Erklärungen gegeben hast, und wir Menschen könnten da wohl den ersten, zweiten und dritten Sinn durch entsprechende Betrachtungen herausbringen; denn es muß Entsprechung zwischen allem Geistigen und Materiellen ja wohl bestehen. Aber wer außer Dir hat wohl den rechten Schlüssel dazu?
GEJ|4|163|12|0|Das, was Du uns nun erklärt hast, das verstehen wir jetzt freilich wohl; aber es hat mir bekanntermaßen Moses fünf Bücher geschrieben. Diese haben mehr oder weniger denselben Stil und denselben Geist. Wer kann sie lesen und wer verstehen?! Nun, wäre es denn nicht möglich, uns dafür nur so eine ganz allgemeine Anleitung zu geben? Denn ich für meinen Teil werde mich von jetzt an nur zumeist mit der Heiligen Schrift der Juden abgeben, da ich sie mir in guter Abschrift aus dem Tempel zu verschaffen gewußt habe, möchte aber auch verstehen, was ich darin lese.
GEJ|4|163|13|0|Ich bin der hebräischen Sprache auch vollkommen mächtig und verstehe dem Wortlaute nach die Schrift vollkommen; aber was nützet mir der Worte Laut und ihr materieller Sinn, wenn ich deren Geist nicht ergründen kann?! Gib, o Herr, uns darum eine Anleitung dahin, daß wir verstehen können, was wir lesen!“
GEJ|4|164|1|1|164. — Der Schlüssel zum Verständnis geistiger Schriften
GEJ|4|164|1|0|Sage Ich: „Ja, Mein Freund Kornelius, eine Regel und eine Anleitung dafür gibt es nicht in der Außenweltsphäre; das einzige, was dir den Schlüssel gibt und zum Verständnisse des Geistes der Schrift verhilft, ist dein eigener, aus Mir und Meiner Lehre wiedergeborener Geist. Solange du im Geiste nicht wiedergeboren bist, nützt dir keine Regel irgend etwas; bist du aber einmal das, dann bedarfst du keiner Regel mehr, denn dein geweckter Geist wird seinesgleichen auch ohne eine allgemeine Regel gar leicht und gar geschwinde finden.
GEJ|4|164|2|0|Willst du aber wenigstens den naturmäßigen Sinn der Schrift besser fassen, als es bis jetzt der Fall war, so mußt du dich mit der Sprache der Illyrier sehr vertraut machen, die da die größte wurzelrechte Ähnlichkeit mit der altägyptischen Zunge hat, und diese ist nahe eins mit der urhebräischen. Ohne die Sprachkenntnis wirst du die Schrift Mosis nie ganz richtig lesen und daher auch selbst den Wortlaut nicht richtig verstehen. Verstehst du aber schon die darin vorkommenden irdischen Bilder nicht, wie möchte es dir wohl mit dem darin verborgenen geistigen Verständnisse gehen, selbst mit vielen tausend Regeln und Anleitungen?!
GEJ|4|164|3|0|Die gegenwärtige Judenzunge ist nahezu eine ganz fremde gegen die einstige geworden, die Abraham, Noah und selbst Adam geredet haben. Bleibe du aber in Mir im Glauben und in der Liebe, so wird dir das rechte Verständnis schon von selbst hinzugegeben werden, und das in einer nicht gar zu langen Zeit! Im übrigen aber wird es dir nicht schaden, so du zu öfteren Malen liesest in der Schrift; denn dadurch wird deine Seele in der suchenden und denkenden Tätigkeit erhalten werden. – Bist du mit diesem Bescheide zufrieden?“
GEJ|4|164|4|0|Sagt Kornelius: „Allerdings, Herr und Meister! Eine gerechte und auf einem sichern Grunde ruhende Hoffnung ist mehr wert als der volle Besitz dessen, was man erhoffet. Und so will ich mich nun dessen freuen, was ich von Dir besitze. Nimm meines Herzens wärmsten Dank dafür!“
GEJ|4|164|5|0|Als damit unser Kornelius befriedigt ward, trat sogleich der alte, gewesene Oberste Stahar zu Mir und sagte: „Herr und Meister, das, was wir alle nun aus Deinem Munde vernommen haben, ist eine Lehre, die wir wohl jetzt verstehen; aber wird sie auch ein anderer verstehen, so wir sie ihm mitteilen? Was haben wir alles erfahren, gehört und gesehen, damit wir nun auch das zu fassen imstande waren; denen wir aber dieses auch mitteilen sollen, die haben zuvor noch nichts erfahren, gehört und gesehen! Wie werden diese das mit Nutzen fassen?“
GEJ|4|164|6|0|Sage Ich: „Freund, wo hattest du denn deine Ohren, als Ich gleich im Anfange sagte und sogar euch allen dahin ein Gebot gab, das, was ihr diese Nacht hindurch hier alles sehen und erfahren würdet, keinem andern Menschen zu verraten?! Dies bleibe vor aller Welt verborgen! Wer im Geiste wahrhaft wiedergeboren wird, dem wird ohnehin alles offenbar werden; wer aber in seiner Weltäußerlichkeit verharrt, dem müßte das als eine Torheit zu seinem großen Ärger werden, so er davon etwas erführe. Darum ist es denn besser, daß die Welt davon nichts erfährt; euch aber ist es eurer Stärkung wegen notwendig, des Reiches Gottes Geheimnisse zu verstehen, und das genügt für alle Welt!
GEJ|4|164|7|0|Was ihr zu lehren habt in Meinem Namen, das wisset ihr bereits zum größten Teile; alles andere ist ein Segen für euch, die ihr mehr oder minder zu Volkslehrern erwählt seid, auf daß ihr selbst ungezweifelt glaubet, daß Ich allein der Herr und Meister von Ewigkeit bin. Denn habt ihr den rechten und unwandelbar festen Glauben, so werdet ihr auch leicht in euren Jüngern den festen und lebendigen Glauben erwecken dadurch, daß ihr zuvor ihnen zeiget eure eigene Glaubensstärke. Damit ihr aber diese in aller ihrer Kraft zeigen könnet, war es notwendig, daß ihr Mich zuvor erkanntet, daß Ich vom Vater ausgegangen bin, um in eurem Fleische euch allen zu zeigen den Weg des Lebens.
GEJ|4|164|8|0|Wenn du das nun hoffentlich doch begriffen hast, da wirst du nun wohl auch wissen, was ihr alle zur Zeit, wenn ihr von Mir ausgesendet sein werdet, den Völkern zu predigen habt. Liebet Gott, euren ewigen Vater, über alles und euren Nächsten wie euch selbst und haltet die Gebote, die Gott durch Moses allen Menschen gegeben hat, dann habt ihr Meine Lehre, die ihr den Völkern zu predigen habt, schon beisammen; eines mehreren bedarf es nicht.
GEJ|4|164|9|0|Alles andere aber, das ihr hier erfahret, gehört für euch, wie Ich es dir soeben wiederholtermaßen erklärt habe. Nun weißt du hoffentlich, was du für alle Zukunft zu tun und zu beachten hast, und kannst dich darum abermals auf deinen Platz begeben!“ – Mit dem geht Stahar auf seinen Platz.
GEJ|4|164|10|0|Der König Ouran aber erhebt sich und fragt Mich, sagend: „Herr, Meister und Gott! Du weißt es, weshalb ich eine Reise unternahm! Was ich suchte, das habe ich auch gefunden. Mir tut dieser Fund überaus wohl; er wird aber sicher gar jedermann wohltun, der ihn gleich mir wird gefunden haben! Ohne Lehre kann ihn aber niemand finden! Es fragt sich darum, wer da lehren soll, und was dazu gehört, um als ein Volkslehrer fähig dazustehen! Sollen die Lehrer als Boten von Ort zu Ort reisen und ziehen von Land zu Lande, oder wäre es etwa besser, zu errichten öffentliche Schulen, sie zu versehen mit den tauglichsten Lehrern und der Menschheit Gesetze vorzuschreiben, diese Schulen zu besuchen? Herr und Meister und Gott, ich bitte Dich, mir darüber allergnädigst eine Anleitung zu erteilen; denn ich will und werde alles tun, was Du willst und wünschest, das ich tun soll!“
GEJ|4|165|1|1|165. — Die wahren Lehrer des Evangeliums
GEJ|4|165|1|0|Sage Ich: „Mir gefällt dein wahrhaft ernstguter Wille; aber auch dein Gedächtnis ist etwas kurz geworden, – denn darüber habe Ich dir, und besonders dem Mathael als deinem Eidam, ja schon die hinreichendsten Anweisungen gegeben. Denke nur ein wenig nach, und du wirst es schon finden! Übrigens versteht sich's ja von selbst, daß derjenige, der den Blinden führen will, selbst sehen muß, wenn er nicht samt demselben in eine Grube fallen will. Du kannst nicht sagen zum Bruder: ,Komme, daß ich dir den Splitter aus deinem Auge ziehe!‘, wenn in deinem Auge etwa gar ein ganzer Balken steckt.
GEJ|4|165|2|0|Also muß ein wahrer Lehrer frei sein von Mängeln, die ihm hinderlich sein können bei der Verwaltung seines Amtes; denn da ist kein Lehrer besser denn ein unvollkommener! Weil Ich euch zu Lehrern bilde, darum zeige und erkläre Ich euch auch so vieles und Unerhörtes; also muß aber auch ein jeder vollkommene Lehrer zuvor von Gott gelehrt sein, gleichwie nun auch ihr von Gott gelehrt werdet. Der Vater im Himmel muß ihn ziehen, ansonst er nicht zur Wahrheit in aller ihrer Lichttiefe kommt; wer aber nicht in diese kommt und dadurch nicht selbst Licht wird, wie soll es ihm dann möglich sein, die Nacht seines Nächsten zu erleuchten?!
GEJ|4|165|3|0|Was die Nacht erleuchten und sie umwandeln soll in den Tag, das muß ein Selbstlicht sein gleich der Sonne, die sich nun dem Aufgange naht. Wäre die Sonne aber finster und schwarz wie eine Kohle, würde sie da wohl der Erde Nacht in den schönsten Tag umwandeln? Ich meine, daß sie dann die Nacht noch schwärzer und lichtloser machen würde, als zuvor die Nacht selbst in sich schon war.
GEJ|4|165|4|0|Darum ist ein Lehrer, der nicht von Gott zu einem Lehrer erzogen ist, schlechter als gar kein Lehrer! Denn solch ein finsterer Lehrer ist nichts als ein Sack voll schlechter Samenkörner, aus dem alles Unkraut des finstersten Aberglaubens gestreut wird in die Furchen des von der Natur aus geistig stets und notwendig armseligen Menschenlebens.
GEJ|4|165|5|0|Wenn du deine Völker lesen und schreiben und rechnen lernen lassen willst, so kannst du geeignete weltliche Lehrer aufnehmen und solches schon den Kindern in den Schulhäusern beibringen lassen; aber Mein Evangelium können und dürfen nur jene mit Nutzen und Segen den anderen Menschen verkündigen, die eben jene Eigenschaften im Vollmaße besitzen, die Ich früher als zu diesem Amte erforderlich klar ausgesprochen habe.
GEJ|4|165|6|0|Dazu aber bedarf es keiner besonderen Schulhäuser, sondern ein rechter Himmelsbote gehet von Gemeinde zu Gemeinde und sagt: ,Der Friede sei mit euch; das Reich Gottes ist nun nahe zu euch gekommen!‘ Wird der Bote angenommen, so bleibe und predige er; wird er aber nicht angenommen von einer Gemeinde, die zu sehr der Welt und des Teufels ist, so ziehe er weiter und schüttle sogar zuvor den Staub von seinen Füßen! Denn solch eine Gemeinde ist auch das nicht wert, daß ein rechter Himmelsbote ihren Staub an seinen Füßen weitertrüge.
GEJ|4|165|7|0|Es soll aber diese Meine Lehre niemandem aufgedrungen werden, sondern ein oder mehrere Glieder sollen zuerst vernehmen die überschwenglich großen Vorteile Meiner Lehre aus den Himmeln. Wollen die Glieder die Lehre hören, so werde sie ihnen gepredigt in kurzer und bündiger Rede; wollen sie aber das nicht oder zeigen sie wenig Lust dazu, dann ziehe der Himmelsbote nur gleich wieder ab, – denn Schweinen sollen die kostbaren Perlen nimmer zum Fraße vorgeworfen werden!
GEJ|4|165|8|0|Nun weißt du, wie es sich mit der Ausbreitung Meiner Lehre zu verhalten hat; aber von nun an darfst du diese Meine Anweisung nicht mehr vergessen! Übrigens überlasse du besonders dies heilige und allerheiligste Geschäft nur dem Mathael und seinen vier Gefährten; denn diese wissen es nun genau, was sie in bezug auf die Ausbreitung Meiner Lehre zu tun und anzuordnen haben werden und werden in ihrem Herzen auch stets in der Zwiesprache mit Mir bleiben, was auch ein notwendigstes Erfordernis zur wahren Ausbreitung dieser Meiner Lehre ist.
GEJ|4|165|9|0|Denn wer da seine Brüder, hoch oder nieder, lehret in Meinem Namen, muß nicht aus seinem, sondern stets nur aus Meinem Brunnen schöpfen! Er soll nicht nötig haben zu denken: ,Was werde ich reden, so ich komme, vor diesem oder jenem zu reden das Wort des Herrn?‘; denn zur Zeit der Notwendigkeit wird es ihm ins Herz und auf die Zunge gelegt werden, was er zu reden hat.
GEJ|4|165|10|0|Wem aber diese Gnade zuteil wird, der bedenke sich nicht, dasselbe laut auszusprechen etwa aus Angst, Furcht oder Scheu vor einem Machthaber, als könnte er ihn damit beleidigen oder gar erzürnen! Denn wer die Welt mehr fürchtet denn Mich, der ist Meiner schier nicht wert, und ebensowenig Meiner geringsten Gnade, und tauget nimmer für einen Himmelsboten.
GEJ|4|165|11|0|Leichter jedoch wirst du in deinem Reiche es haben, allwo du ein Gesetzgeber und oberster Richter bist und deine Völker dich fürchten, weil sie die Unabänderlichkeit deiner Urteile und Aussprüche kennen; aber wo ein Lehrer als Himmelsbote an einen Ort gelangen wird, der von einem harten Fürsten beherrscht wird, so wird er schon offenbar mehr Mutes benötigen denn du als gefürchteter Fürst in deinem weiten Lande.
GEJ|4|165|12|0|Wer da aber ein rechter Himmelsbote ist oder sein will, der trage keinen Stock, noch irgendeine andere Waffe, auch habe er keinen Sack bei sich, um etwas einzustecken; denn Ich Selbst werde ihm schon Freunde erwecken, und diese werden ihm geben, dessen er als Fleisch- und Blutmensch benötigt. Also soll ein rechter Himmelsbote außer im Winter oder in des Nordens kalten Landen nicht mehr denn einen Rock tragen, auf daß niemand ihm darum einen Vorwurf machen könne, als habe er zuviel und dafür ein anderer zu wenig. So ihm aber jemand noch einen zweiten oder auch dritten schenkt, so soll er ihn nur annehmen; denn er wird Gelegenheiten zur Genüge finden, wo derlei fromme Gaben gar gut zu verwenden sein werden.
GEJ|4|165|13|0|Mit dem hast du, Ouran, nun alle Regeln, unter denen sich die wahren Lehrer zu bewegen haben; nur eines füge Ich hinzu und sage: Ein jeder rechte Himmelsbote wird von Mir aus die Fähigkeit erhalten, jeden Kranken zu heilen durch die Auflegung seiner Hände. Und es sollen die rechten Boten auch in einer Gemeinde zuvor irgend da seiende Kranke heilen; solches wird in den Gemeinden einen guten Sinn erwecken, und diese werden dann eher für die neue Lehre aus den Himmeln gestimmt werden, als durch eine noch so wohlgeordnete Rede.
GEJ|4|165|14|0|Ein jeder Mensch aber horcht ohnehin lieber auf die Worte eines Arztes denn auf jene eines noch so leuchtenden Propheten. Was Ich tue, dasselbe tue auch ein rechter Himmelsbote, als von Mir gesandt in alle Lande der Erde. Nur soll ein rechter Himmelsbote auch vor der Händeauflegung stets wohl erkennen, ob eine Krankheit nicht von einer solchen Art ist, durch die ein Mensch schon mehr jenseits als diesseits sich befindet. Wenn der wahre Himmelsbote schon einmal des Kranken Seele außer dem Leibe erschaut, da soll er ihm nimmer die Hände auflegen, sondern nur beten über ihn und in Meinem Namen segnen die von dieser Welt scheidende Seele. Kurz gesagt aber: Ein jeder rechte Himmelsbote wird es zur Stunde wohl erkennen, was er zu tun hat. – Bist du, Ouran, nun in der Ordnung mit allem, was du noch zu wissen wünschest?“
GEJ|4|165|15|0|Sagt Ouran: „Ja, Herr und Meister und Gott, der allein wahrhaftige! Meinen liebeheißesten Dank dafür! Und meine Völker sollen und werden Dich weit und breit loben und preisen, daß Du ihrem alten Könige soviel unverdiente Gnade erteilt hast, durch die auch sie eben derselben teilhaftig werden. Darum Dir noch einmal meinen liebeheißesten Dank dafür!“
GEJ|4|166|1|1|166. — Der herrliche Morgen
GEJ|4|166|1|0|Auf diesen wirklich heißgefühlten, wie mit aller Wärme ausgesprochenen Dank begab sich Ouran wieder auf seinen Platz zurück, und es fing im selben Augenblick die Sonne an, auf eine früher noch nie gesehene Weise sich dem Aufgange derart zu nahen, daß sich vor lauter Glanz des Horizontes kaum jemand hinzuschauen getraute. Tausend leichte Wölkchen im hellroten Lichte harrten, wie vor tiefster Ehrfurcht bebend, der herrlichen Tagesmutter.
GEJ|4|166|2|0|Nach einigen Augenblicken fing die große Sonne im hellsten Regenbogenlichte an, über die fernen Berge sich zu erheben. Ihr Durchmesser aber schien diesmal ein zehnfach größerer zu sein denn irgend sonst wann; zugleich bemerkten viele der Anwesenden große Scharen von Vögeln, die sich in Kreisen drehten, mehr oder minder hoch, in der Luft reinsten, lichtfarbenen Wogen, welche auch der aufgegangenen Sonne eine ganz sehenswerteste Randbewegung verliehen.
GEJ|4|166|3|0|Über der weiten Spiegelfläche des Meeres lag ein leichter Dunst, der der Sonne Regenbogenfarben auf das herrlichste reflektierte. Zugleich flog eine große Menge großer, weißer Seemöwen munter über der weiten, im Brillantlichte stehenden Meeresfläche umher, und ihre Flügel strahlten, als wären sie Diamanten und Rubine.
GEJ|4|166|4|0|Zugleich wehte ein so angenehm kühlender Morgenduft, daß Cyrenius und viele andere mit ihm laut ausriefen: „Nein, einen so herrlichen Morgen hat noch nie ein sterbliches Auge geschaut und keines Menschen Sinn je eine so erheiternde Morgenfrische empfunden!“
GEJ|4|166|5|0|Auch die Jarah, die die ganze Nacht hindurch geschwiegen hatte und mit Schauen und Anhören beschäftigt war, schrie auf einmal vor Entzücken auf: „Oh, das ist ein Morgen, wie ihn die Engel im Himmel genießen! Ach, ach, welch eine Schönheit, welch eine unbeschreibliche Anmut! Das ist auch ein entsprechender Morgen gleich dem, der uns in dieser Nacht in der allerüberschwenglichsten Fülle aufgegangen ist in unseren Herzen! Nicht wahr, o Herr, Du meine ganz alleinige Liebe, das ist wohl so ein recht bedeutungsvoller Himmelsmorgen?“
GEJ|4|166|6|0|Sage Ich lächelnd: „Allerdings, Mein allerliebstes Rosentöchterchen, so im Menschen alles himmlisch geworden ist, da wird auch schon alles himmlisch, was ihn umgibt! Die Morgen werden Himmelsmorgen, die Tage Himmelstage, die Abende wahre Himmelsabende, und die Nacht wird zu einer Ruhe der Himmel, aber nicht mehr finster, sondern voll des herrlichsten Lichtes für des Menschen reine, mit ihrem Geiste vereinte Seele. Genieße nur recht in vollen Zügen die stärkende Herrlichkeit dieses duftigsten Morgens!“
GEJ|4|166|7|0|Das Mädchen weint Freudentränen und erhebt sich von ihrem Sitze, um den ganzen Leib in diesem Morgendufte so recht schwelgen zu lassen.
GEJ|4|166|8|0|Soeben kommt auch der Wirt Markus. Da er das Morgenmahl bestellt hatte, so hatte er den Aufgang der Sonne versäumt. Aber da die Sonne im vollen und hellsten Regenbogenfarbenlichte am Himmel prangt, so fragt er Mich ganz erstaunt, was denn das für ein sonderbarer Morgen sei; denn er sei schon so ein alter Mann geworden, habe Europa, Afrika und Asien weit und breit durchwandert, aber die Sonne und die Morgenwölkchen nie in solch einem Lichte gesehen! Ich möchte ihm denn doch sagen, was das zu bedeuten habe.
GEJ|4|166|9|0|Sage Ich: „Siehe, so der Kaiser aus Rom hierher käme, so würden die ihm untertänigen Völker alle nur erdenklichen Feste bereiten, teils aus Freude, ihren Kaiser einmal zu sehen, und teils aber auch, um von ihm, so er in einer freudigen Stimmung sich befindet, so manche Gnade und Nachsicht zu erhalten. Siehe, hier in Meiner Person sitzt auch ein Kaiser und ein Alleinherrscher über alle Himmel und Welten!
GEJ|4|166|10|0|Die Bewohner der Himmel, wie unser Raphael einer ist, wissen, welche großen Eröffnungen des Lebens Ich euch Menschen in dieser Nacht gemacht habe, und daß es gestattet ist, Mich unter euch Menschen, als Vater weilend und euch lehrend, von Angesicht zu Angesicht in dieser Meiner Person zu schauen. Die höchste und seligste Freude, die sie nun empfinden, lassen sie auch durch die Tätigkeit der Naturgeister dieser Erde sehen und fühlen.
GEJ|4|166|11|0|Aber nicht nur auf dieser Erde, sondern in allen Welten der ganzen, unendlichen Schöpfung wird in dieser Zeit ein entsprechendes Fest gehalten, und zwar die Zeit von sieben Stunden hindurch. In dieser Zeit stirbt in der ganzen Schöpfung keine geschaffene Kreatur und wird auch keine gezeugt. Wenn aber die sieben Stunden werden abgelaufen sein, hat das Fest ein Ende, und alles geht den natürlichen Gang weiter.
GEJ|4|166|12|0|Nun weißt du den Grund von der Herrlichkeit dieses Morgens! Gehe aber nun und sorge für ein besonders gutes Morgenmahl; denn auch wir wollen heute ein besonderes Fest feiern!“
GEJ|4|166|13|0|Markus geht eiligst weiter; alle Anwesenden aber stimmen in die Freude der Himmel ein und loben und preisen Mich, am stärksten die Jarah.
GEJ|4|166|14|0|Nachdem Mich alle bei einer guten Stunde lang über die Maßen gelobt und gepriesen haben, kommt Markus, uns zum bereiteten Morgenmahle zu bitten. Aber viele möchten nun noch länger auf dem Berge verweilen.
GEJ|4|166|15|0|Da aber sage Ich zu allen: „Unten bei den im Freien stehenden Tischen weilet derselbe Morgen wie hier oben auf dem Berge; auf dem kurzen Wege hinab genießt ihr ihn, und unten werdet ihr ihn doppelt genießen! Unsere Leiber bedürfen einer Stärkung, und daher gehen wir behende hinab zu den Tischen!“
GEJ|4|167|1|1|167. — Vom Fasten und von der Freude
GEJ|4|167|1|0|Auf diese Meine ganz natürlichen Worte bemerkt einer der dreißig jungen Pharisäer: „Nun, endlich einmal auch ein natürliches Wort aus dem Munde Dessen, in dem der allerhöchste Geist Jehovas wohnt in aller Fülle Seiner göttlichen Weisheit, Liebe, Kraft und Macht. Aber zu trauen ist dem dennoch nicht, ob dahinter nicht auch noch ein tiefer, geistiger Sinn liegt. Wer außer Ihm ihn herausfindet, sollte mit einem Königreiche belohnt werden! Ich werde kein König.“
GEJ|4|167|2|0|Sagt zu ihm ein Gefährte: „Diese Bemerkung war schon ganz leise zu denken, geschweige sie laut der Luft zu übergeben, zu dumm! Wie kann Der etwas ohne einen inneren, tiefsten geistigen Sinn aussprechen?! Erscheint es uns auch noch so gewöhnlich, so ist und bleibt es dennoch ein Ausspruch des allerhöchsten Geistes und kann darum nicht anders als voll des allertiefsten geistigen Sinnes sein! Wir beide werden etwa wohl in alle Ewigkeit die volle Tiefe dieses so ganz leicht hingehauchten Satzes nicht ergründen; aber das fühle ich klar, daß darin etwas Unendliches verborgen sein kann. Daher hüte dich in der Folge vor solch überdummen Bemerkungen!“
GEJ|4|167|3|0|Sagt der erste: „Nun, nun, dumm war es schon von mir auf jeden Fall, das gestehe ich ja sehr gerne ein; aber es war dennoch nicht irgend etwas Böses darunter gemeint!“
GEJ|4|167|4|0|Sagt der zweite: „Na, ist dir etwa gar leid darum, daß du nichts Schalkhaftes darunter gemeint hast?! So viel der höchsten Weisheit hast du diese Nacht hindurch samt mir gehört, gesehen, gefühlt und empfunden, – und jetzt fällt dir auf einmal ein, dir eine Art lauer Glossen zu erlauben?! Siehe, weil wir eben so dumm sind und verschlagen und vernagelt wie eine allertrübste Herbstnacht, so hat uns der Herr auch nie berufen, auch so wie ein erhabenster Mathael eine wunderbare Begebenheit zu erzählen! Ein schöner Unterschied zwischen uns beiden und dem Mathael! Ich komme mir schon ohnehin als gar nichts vor; und du willst noch glosseln – in dieser unendlich erhabensten Gesellschaft!“
GEJ|4|167|5|0|Sagt der erste: „Hast ganz recht, Bruder, wasche mich nur so recht derb durch! Hab wahrlich nichts Besseres verdient! Ich werde mich aber dafür nun auch selbst strafen! Weißt, das Morgenmahl würde mir gar sehr munden; aber nein, gerade nicht! Kein Bissen soll bis an den Abend über meine Lippen kommen! Oh, ich werde meinen Bummelwitz zu züchtigen verstehen!“ – Mit dem begibt sich dieser junge Pharisäer wieder auf den Berg zurück und geht nicht zum Morgenmahle.
GEJ|4|167|6|0|Aber auch sein Gefährte sagt: „Ja, wenn du fastest, da bin ich durch meine an dich gerichtete Rüge schuld daran, und so will ich dir fasten helfen, damit du dasselbe leichter erträgst! Du hast zwar gefehlt, aber du hast deinen Fehler auch sogleich eingesehen und verdienst Vergebung und eine rechte Unterstützung in deinem dich selbst korrektiven guten Werke. Ich faste also mit dir!“
GEJ|4|167|7|0|Sagt abermals der erste: „Das sollst du aber nicht; denn es ist nicht fein, so der Unschuldige mit dem Schuldigen leidet, wie es in der Welt leider nur zu oft der wahrhaft äußerst traurige Fall ist!“
GEJ|4|167|8|0|Sagt der zweite: „Daß ich das nicht wüßte! Aber sage mir, wo diese Fälle denn gar so häufig vorkommen, daß Unschuldige meiner Art mit einem Schuldigen freiwillig leiden!“
GEJ|4|167|9|0|Sagt der erste: „Nun, derlei Fälle dürften eben gar zu häufig wohl nicht vorkommen, – aber desto mehr solche, wo die Unschuldigen unfreiwillig mit den Schuldigen leiden müssen, zum Beispiel: Irgendein Kaiser, der ein übergroßes Reich hat und mächtig ist durch seine großen Heere, wird von einem kleinerreichigen und mindermächtigen Könige beleidigt. Der Kaiser könnte sich ja für solch eine Beleidigung nur an dem Könige rächen; aber nein, er überzieht das Königsland mit seinen Kriegsheeren und verwüstet es greuelhaft! Er schont weder Vieh noch Menschen; alles muß über die Klinge springen, und Dörfer, Märkte und Städte werden durchs Feuer vernichtet. Wie viele Unschuldige müssen hier mit einem Schuldigen leiden! Ich glaube, dies Beispiel wird dir etwa doch genügen, und du wirst es einsehen, daß ich dann und wann doch auch recht habe!“
GEJ|4|167|10|0|Während diese beiden Zurückgebliebenen aber also miteinander ihre Worte tauschten, erreichten wir die Tische und setzten uns zum sehr reichhaltigen und bestbereiteten Morgenmahle. Außer Mir vermißte wohl niemand die beiden jungen Pharisäer, die nun freilich wohl keine Pharisäer mehr waren. Darum sagte Ich denn alsogleich zum Markus, daß er auf den Berg gehen und sie im Namen des Herrn zum Morgenmahle holen solle.
GEJ|4|167|11|0|Markus begab sich schnell auf den Berg und richtete beiden Meinen Willen aus. Da erhoben sich die beiden und folgten dem Markus auf dem Fuße.
GEJ|4|167|12|0|Als sie unten ankamen, sagte Ich zu beiden: „Simon und Gabi! Kommet hierher und setzet euch zu diesem Tische; denn wir wollen nach dem eingenommenen Mahle doch sehen, ob in Meiner natürlichen Beheißung auf dem Berge wegen des Heruntergehens zum Morgenmahle im Ernste kein geistiger, innerer Sinn zu finden ist! Zuerst aber heißt es nun essen und trinken; denn der Leib braucht seines zeitweiligen Fortbestandes wegen ebenso eine Nahrung und Stärkung wie die Seele, wenn sie in der Erkenntnis und in der Kraft des Willens wachsen soll.
GEJ|4|167|13|0|Darum esset und trinket nun und lasset das Fasten auf eine andere Zeit! Solange Ich bei euch bin als ein wahrer Vater eures Geistes und Bräutigam eurer Seelen, sollet ihr nicht fasten weder leiblich noch seelisch; wenn Ich aber mit der Zeit persönlich, wie nun, nicht mehr unter euch sein werde, dann werdet ihr schon wieder in allerlei zu fasten bekommen!“
GEJ|4|167|14|0|Ein übertriebenes und grundloses Fasten ist ebenso eine Torheit und kann sogar zur Sünde werden wie ein übertriebenes Schwelgen. Wer denn in einer wahren Ordnung leben will, der sei mäßig in allem; denn jedes Unmaß muß mit der Zeit für Leib, Seele und Geist nachteilige Folgen haben! Esset und trinket nun ganz wohlgemut, und seid heitern und muntern Gemütes!
GEJ|4|167|15|0|Ein heiteres und munteres Herz ist Mir um vieles angenehmer denn ein betrübtes, trauriges, klagendes, murrendes, mit allem unzufriedenes, dadurch undankbares und sicher wenig Liebe in sich fassendes; denn in einem heiteren Herzen wohnt Liebe, gute Hoffnung und ungezweifelte Zuversicht. Kommt ein aus einem gewichtigen Grunde Trauernder zu einem Heitern und Fröhlichen, so wird er bald mit heiter gestimmt, seine Seele fängt an, sich freier zu bewegen, und des Geistes Licht kann die ruhige Seele leichter durchleuchten, – während eine traurige Seele ordentlich zusammenschrumpft und am Ende ganz finster und mürrisch wird.
GEJ|4|167|16|0|Ich meine, unter der Heiterkeit und Munterkeit des Herzens werdet ihr wohl keine ausgelassene, unlautere und unsittliche Spaßmacherei verstehen – denn dergleichen bleibe ferne von euch! –, sondern jene Heiterkeit und Munterkeit, die eines ehrbaren und kerngesunden Ehepaares Herz erfüllen, oder die gottergebene Menschen nach guten und Gott wohlgefälligen Handlungen empfinden. – Habt ihr das alles wohl verstanden?“
GEJ|4|167|17|0|Alles bejaht und freuet sich in Meiner Freude. Darauf aber ward von allen Seiten ganz ordentlich in die Schüsseln gegriffen, und die großen, edlen Fische ließen wahrlich nichts zu wünschen übrig! Auch dem Weine wurde ganz ordentlich zugesprochen.
GEJ|4|168|1|1|168. — Simons Rede über Ermahnungen aus Eigenliebe
GEJ|4|168|1|0|Nach einer halben Stunde wurde es sehr lebendig in unserer großen Gesellschaft, und der Simon fing an, seinem allerdings recht geistreichen Witze Luft zu machen. Gabi, als ein mehr ernster junger Mensch von etlichen zwanzig Jahren, zupfte den Simon wohl zu öfteren Malen, sich nicht zu weit irgend zu vergessen.
GEJ|4|168|2|0|Aber Simon sagte: „Wer zupfte denn damals den David, als er, ordentlich ausgelassen, vor der Lade einhertanzte? Sein Weib wohl riet ihm aus Schamhaftigkeit mehr Mäßigung in seiner Freudenraserei; aber David kehrte sich nicht daran! Und sieh, ich werde mich nun auch nicht kehren an deine Korrektionszupfer, sondern werde nur noch heiterer werden! Zupfe mich darum nicht mehr, sonst müßte ich dich auch zupfen!
GEJ|4|168|3|0|Dort siehe hin, dort sitzt der Herr; Der allein ist nun unser Korrektor! Was wollen wir Sünder einander viel korrigieren? Denn ein jeder von uns Menschen korrigiert seinen Nächsten zumeist aus seiner Eigenliebe! Der Knicker ermahnt seine Nächsten zur Mäßigkeit, Nüchternheit und Sparsamkeit und hat seine Sittensprüche dafür. Warum tut er aber das? Er fürchtet sich, daß da jemand verarmen könnte, den er dann als ein wohlhabender Mensch, wennschon nicht aus Nächstenliebe, so aber doch schandenhalber, unterstützen müßte.
GEJ|4|168|4|0|Ein anderer, der nicht schnell gehen kann, wird seinen Begleitern ganz ärztlich die Schädlichkeit des Schnellgehens auseinandersetzen. Ein anderer, der kein besonderer Freund einer bedeutenderen Hitze ist, wird die Nützlichkeit des Schattens, sich soviel als möglich bevorzugend, hervorheben. Der Weintrinker wird seinen Freunden sicher das Wasser nicht besonders anpreisen. Ein junger, oder auch schon ein bejahrterer Mann, der selbst irgendeine Maid sehr gerne sieht, wird ihr stets von der Gefahr, mit anderen Männern Umgang zu pflegen, vorpredigen und andere Männer recht schön und moralisch gründlich vor dem unbesonnenen Umgange mit dem weiblichen Geschlechte warnen. Da wird doch in solcher Warnung ein recht nettes Stück Eigenliebe ersichtlich sein?!
GEJ|4|168|5|0|Und so habe ich bis jetzt noch stets, ich sage es ganz offen, die Bemerkung gemacht, daß bei den so oft vorkommenden Ermahnungen stets ein wenig Eigenliebe auf der Seite des Ermahners herausschaut, was sich kein Ermahner, so er nur ein wenig über sich nachdenkt, verhehlen kann. Was ihn irgend unangenehm berührt, das zu tun, wird er seinen Nächsten stets am meisten unter allerlei moralisch aussehenden Gründen warnen.
GEJ|4|168|6|0|Wenn einer in eine Maid verliebt ist, so wird er sie sicher stets bald ernst und bald liebreich warnen vor anderen Männern, die etwa, wie es zuweilen zu geschehen pflegt, auch ein Auge auf sie haben dürften. Warum warnt er denn viele andere Maiden nicht vor der Schlechtigkeit der anderen Männer? Weil bei den anderen Maiden seine Eigenliebe nicht mit im Spiele steht!
GEJ|4|168|7|0|Ich möchte sogar aus den Charakteren der verschiedenen Warnungen und Belehrungen, welche sich die Menschen gegenseitig erteilen, die sogenannten schwachen Seiten der Menschen auf ein Haar herausfinden!
GEJ|4|168|8|0|Nicht umsonst hat unser Gottmeister auf dem Berge die herrliche und gar überaus treffliche Bemerkung für die gewissen ungebetenen Korrektoren gemacht, die nicht gar sogleich zu ihrem Nächsten sagen sollen: ,Komme Freund, daß ich dir den Splitter aus deinem Auge ziehe!‘ Sie sollen zuvor so hübsch darauf achten, ob etwa nicht gar ein ganzer Balken in den eigenen Augen stecke! Hätten sie erst diesen mit vielleicht so mancher Mühe hinausgearbeitet, dann hätten auch sie ein bedächtiges Recht, zu ihrem Bruder zu sagen, ob es ihm genehm sei, sich sein Splitterchen aus dem Auge nehmen zu lassen!
GEJ|4|168|9|0|Siehst du, Freund Gabi, das ist auch Moral, die ich dir freilich nicht so, wie du mir deine Stupfer, aufdrängen will, obschon ich da nahe ganz fest behaupten möchte, daß da sehr wenig Unwahres darin stecken dürfte!
GEJ|4|168|10|0|Ich habe jetzt geredet und werde mich nun wieder über einen Fisch hermachen! Unterdessen kannst du, Freund Gabi, deiner Predigerzunge ein wenig die Zügel schießen lassen! Aber nur mit der Salomonischen Weisheit verschone mich; denn für die haben wir beide noch keine Haare auf unsern Milchzähnen! Wir beide müssen überhaupt nur darum froh sein, daß wir bewußtermaßen noch leben; aber den Salomo lassen wir beide einen ganz guten Mann sein! Und sein Hoheslied singe, wer da will; unsere Stimmen werden hoffentlich diese Höhe auf der lieben Mutter Erde nie erreichen!“
GEJ|4|168|11|0|Gabi sieht über diese Simonischen Stiche zwar ein wenig verdrießlich aus, bleibt aber dennoch stille aus purer Ehrfurcht vor Mir.
GEJ|4|169|1|1|169. — Simon kritisiert das Hohelied Salomos
GEJ|4|169|1|0|Sage Ich zu Simon: „Ist also dein Gefährte ein großer Freund des Salomo? Und was versteht er denn aus dessen Hohemliede? Sage Mir, wieweit ihr darin schon vorgedrungen seid!“
GEJ|4|169|2|0|Sagt Simon: „Herr und Meister Himmels und dieser Erde! Darf ich so, wie mir die Zunge gewachsen ist, ganz von der Leber weg reden, so rede ich gerne; wenn ich aber klauben (mühevol suchen) muß, da ist's zu bei mir, – denn da bringe ich nichts heraus!“
GEJ|4|169|3|0|Sage Ich: „Rede, wie dir die Zunge gewachsen ist; denn dein Witz und Humor entstammt einem guten Samenkorne!“
GEJ|4|169|4|0|Sagt darauf Simon: „Ach, wenn so, da werden wir schon etwas herausbringen! Aber freilich über meinen höchst einfachen Verstand hinaus wird's nicht reichen; doch soll meine Meinung keine ungesunde sein!
GEJ|4|169|5|0|Du, o Herr und Meister, fragtest, wieweit wir schon im Hohenliede vorgedrungen wären! Hilf, Elias, ich bin noch gar nicht vorgedrungen; denn da wäre mir um die Zeit leid gewesen! Aber Gabi hat bereits das ganze erste Kapitel auswendig im Kopfe. Noch immer schleckt und kauet er daran und nimmt allzeit die beiden Backen voll; aber von dem Sinne dieses Kapitels hat er ebensowenig Kenntnis wie ich vom tiefsten Meeresgrunde. Das Schönste dabei ist aber, daß man dieses Liedes erstes Kapitel stets weniger versteht, je öfter man es liest! Und wenn man es gar am Ende noch dazu auswendig kann, da versteht man es dann schon am allerwenigsten!“
GEJ|4|169|6|0|Sage Ich: „Ja, kannst du etwa das erste Kapitel auch auswendig?“
GEJ|4|169|7|0|Sagt Simon: „Der – hat es mir ja schon so oft vorgeleiert, daß ich es nun leider auch schon von Wort zu Wort auswendig kann zu meinem größten Überdrusse! Mit den Skythen [barbarisches Reitervolk] reden, ist viel unterhaltender, als sich das Hohelied Salomos vorsagen. Wer daran etwas findet, der muß ein Kind ganz kurioser Eltern sein. Ich halte es für einen Unsinn! So schön, wahr und gut die Sprüche Salomos sind und auch seine Predigten, ebenso dumm und gar nichts sagend ist dann sein Hoheslied. Wer daran etwas mehr als ein Werk eines Narren findet, der hat offenbar ein vollkommen krankes Gehirn!
GEJ|4|169|8|0|Was soll zum Beispiel das heißen: ,Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher denn Wein.‘ Wer ist der ,er‘, und wer ist der ,mich‘? Dann soll der unbekannte ,er‘ den ebenso unbekannten mich mit des ,er's‘ eignem Munde küssen!? Hat denn dieser ,er‘ auch andere fremde Munde in seinem Gesichte? Das muß dann ein sehr wunderlich sonderbares Wesen sein!
GEJ|4|169|9|0|Der Nachsatz dieses ersten Verses scheint offenbar den Grund des Verlangens im Vordersatze zu enthalten; aber da steht der ,er‘ in der zweiten Person, und man kann's nicht als bestimmt annehmen, daß unter dem Ausdrucke ,deine Liebe‘, die lieblicher denn der Wein sei, eben des ,er's‘ Liebe gemeint sei. Weiß man aber schon nicht, wer der ,er‘ und wer der ,mich‘ ist, woher soll man dann erst wissen, wer der ist, dessen Liebe in der zweiten Person lieblicher als der Wein sein soll?
GEJ|4|169|10|0|Übrigens ist da auch damit der Liebe kein besonderes Kompliment gemacht, wenn man sagt, daß sie lieblicher als der Wein sei, so der Wein zuvor nicht als ein besonders köstlicher bezeichnet wird. Denn es gibt ja auch ganz elende und schlechte Weine! Ist aber die Liebe nur köstlicher oder lieblicher als der Wein, ohne Unterschied seiner Qualität, dann ist solch eine Liebe wahrlich durchaus nicht gar weit her! Es mag über all diesem Geplauder wohl immerhin etwas Besonderes darin stecken, aber ich finde es doch auf dieser Welt nimmer heraus.
GEJ|4|169|11|0|Zum größten Überflusse zur Zeigung meines Blödsinnes will ich noch den zweiten Vers zum ersten ankleben; der lautet, so mich mein Gedächtnis nicht trügt: ,Daß man deine gute Salbe rieche; dein Name ist eine ausgeschüttete Salbe, darum lieben dich die Mägde.‘ Da paßt der zweite Vers, meinem Verstande nach, doch geradeso auf den ersten, wie ein ganzes Haus auf ein Auge hinauf! Was ist denn das für eine Salbe, und wessen? Wer soll denn diese Salbe riechen? Wie kann jemandes Name eine ausgeschüttete Salbe sein, und warum soll er gerade darum von den Mägden geliebt werden? Was sind das für Mägde?
GEJ|4|169|12|0|Darum fahre ab, großer Salomo, mit all deiner hohen Weisheit! Ein Wort von Dir, o Herr, hat für mich ja einen tausendmal tausend Male größeren Wert als alle die hohe Salomonische Weisheit! Nun habe ich von Salomo schon wieder genug! O Herr, ich bitte Dich, schenke mir die weiteren Verse; denn die gehen schon bei weitem übers Skythische hinaus!“
GEJ|4|169|13|0|Sage Ich: „Ganz gut, Mein lieber Simon, könntest du Mir nicht auch jene Mahnworte wiedergeben, die Ich auf dem Berge zu jenen gesprochen habe, die des schönsten Morgens wegen nicht vom Berge hinabgehen wollten, von welchen Worten du behauptetest, daß sie sicher keinen innern, geistigen Sinn haben würden? Wenn du dich deren noch erinnerst, so sage sie Mir noch einmal vor!“
GEJ|4|169|14|0|Sagt Simon, mit einem etwas verlegenen Gesichte: „O Herr und Meister, so mich mein Gedächtnis nicht trügt, da hießen die wenigen Worte etwa wohl also: ,Unten bei den frei stehenden Tischen weilet derselbe Morgen wie hier oben auf dem Berge; auf dem kurzen Wege hinab genießet ihr ihn, und unten werdet ihr ihn doppelt genießen. Unsere Leiber bedürfen einer Stärkung, und so gehen wir behende hinab zu den Tischen!‘ Ich glaube, daß Du, o Herr und Meister, gerade also gesprochen hast?!“
GEJ|4|169|15|0|Sage Ich: „Ganz gut, Mein lieber Simon! Du hast den Satz von Wort zu Wort vollkommen richtig wiedergegeben. Aber was sagst du dazu, so Ich es dir nun sage, daß solcher von Mir ausgesprochene Mahnsatz geistig ganz dasselbe nun als erfüllt besagt, wie deine zwei Mir aus Salomos Hohemliede vorgetragenen Verse?! Kannst du dir hierin irgendeine Möglichkeit denken?“
GEJ|4|169|16|0|Sagt Simon: „Ehe ich das begreife, eher begriffe ich, daß das bedeutende Meer sich morgen schon in die üppigsten Fluren umgestalten wird. Denn was Du, o Herr, auf dem Berge gesprochen hast, das war klar und allerdeutlichst, und wir verstanden alle nur zu gut, was wir angenehmstermaßen zu tun hatten, nämlich hinabzugehen, uns ganz wohlgemut an diesem herrlichsten Morgen zu den Tischen zu setzen und unsere Leiber mit einem bestbereiteten Morgenmahle zu stärken! Wer das etwa nicht verstanden hat, der muß nur ganz stocktaub gewesen sein.
GEJ|4|169|17|0|Wer aber versteht also auch die beiden Verse des Hohenliedes? Die sind naturgemäß, wie ich gezeigt habe, ein barster Unsinn! Sind sie aber das, wer kann dann darin im Ernste noch einen höchst weisen, geistigen Sinn suchen wollen? Das kommt mit Fug und Recht mir nun gerade so vor, als sollte ich mir von einem mehr Tier als Mensch seienden Stummtrottel die Vorstellung machen, daß er ein weiser Plato sei! Übrigens, – möglich ist alles, warum dieses nicht?! Ich gebe hier nur an, wie ich es nun fühle und empfinde.“
GEJ|4|169|18|0|Sage Ich: „Desto besser; denn je mehr Unmögliches du nun daran findest, desto wunderbarer wird dich hernach die Aufhellung berühren: Aber es ist auch das nun wunderbar, daß du und deinesgleichen mit offenen Augen noch immer nichts sehet und mit offenen Ohren nichts vernehmet! Aber lassen wir das! Weil dir das Hohelied so geläufig ist, so sage Mir zu den zwei Versen auch noch den dritten hinzu, und Ich werde dann gleich imstande sein, vor dir das dir so unentwirrbare Rätsel sicher vollkommen zu deiner Zufriedenheit zu lösen!“
GEJ|4|169|19|0|Sagt Simon: „O weh, auch den dritten Vers noch?! Dir zuliebe, o Herr, tue ich schon gerne alles, was Du von mir verlangst; aber sonst kann ich Dir versichern, daß mir das nahe den Magen umkehrt!
GEJ|4|169|20|0|Der dritte Vers ist erst recht verwirrt. So mich mein Gedächtnis nicht trügt, da lautet der berühmte dritte Vers ungefähr also: ,Ziehe mich dir nach, so laufen wir! Der König führet mich in seine Kammer. Wir freuen uns und sind fröhlich über dir; wir gedenken an deine Liebe mehr denn an deinen Wein. Die Frommen lieben dich.‘
GEJ|4|169|21|0|Da ist er nun! Wer ihn verdauen kann, der verdaue ihn! Wenn es im Anfange nur hieße: ,Ziehe mich dir nach, so laufe ich!‘; aber so heißt es im Nachsatze: ,so laufen wir!‘ Wer ist der, so da nachgezogen sein will, und wer hernach die ,wir‘, die da laufen?
GEJ|4|169|22|0|,Der König führet mich in seine Kammer.‘ Welcher König denn, der ewige oder irgendein zeitlicher und weltlicher? Der Satz ist aber übrigens noch immer einer der besten.
GEJ|4|169|23|0|,Wir freuen uns und sind fröhlich über dir.‘ Hier möchte ich nur wissen, wer da die ,wir‘ sind, und wer der ist, über den sie fröhlich sind!
GEJ|4|169|24|0|Ferner gedenken die gewissen Unbekannten des auch gewissen Unbekannten Liebe mehr denn des Weines, von dem auch nicht gesagt wird, von welcher Güte er sei!
GEJ|4|169|25|0|Wer ist am Ende der höchst unbekannte ,dich‘, den die Frommen lieben? Oh, der unbestimmtesten aller Redeweisen!
GEJ|4|169|26|0|Was ist der Mensch dieser Erde doch für ein armseligster Tropf! Mit nichts fängt er an, lebt mit nichts und hört endlich wieder mit nichts auf. Wenn er auch glaubt, etwas zu verstehen seines Lebens bessere und hellere Periode hindurch, kommt aber dann unglücklicherweise hinter Salomos Hoheslied, so ist der Narr vollkommen fertig; denn sobald der Mensch einmal durch Wort oder Schrift von seiten eines anderen Menschen aufmerksam gemacht worden ist, daß es mit seiner Weisheit vollkommen aus ist, dann ist es schon auch rein aus mit dem Menschen selbst, das heißt, er lebt wohl noch fort, aber als ein Narr, der nichts weiteres mehr zu fassen und zu begreifen imstande ist! Ist der Mensch mir gleich bis dahin gekommen, wo es gar nicht mehr weitergehen will, so kehrt er wieder um und fängt wie ein Tier an, bloß zu vegetieren. Wozu auch einer weiteren Mühe um nichts und noch tausendmal nichts?!
GEJ|4|169|27|0|Wahrlich, Herr und Meister, Du hast uns auf dem Berge diese Nacht hindurch Dinge gezeigt, wie sie auf dieser Erde noch nie den sterblichen Menschen irgendwann gezeigt worden sind! Ich begreife und verstehe nun ungeheuer vieles. Aber warum begreife ich denn Salomos Weisheit nicht? Darf sie überhaupt kein Mensch begreifen, oder ist sie wirklich – was sie dem Außen nach sehr scheint – ein frommer Wahnsinn, also durchaus nie zu begreifen? Oder sind da doch irgend Geheimnisse darin verborgen, die von größter Lebenswichtigkeit wären?
GEJ|4|169|28|0|Wenn eines oder das andere, da sage es mir! – denn Dir allein glaube ich, was Du im Ernste darüber sagest; denn Du kannst das Hohelied wohl verstehen, wenn es überhaupt zu verstehen ist! Ist aber das ganze Hohelied nur so eine letzte Salomonische Weisheitsschwindelei, so sage es mir auch, und ich werfe gleich das ganze Hohelied in eine Kloake, damit deren Einwohner aus ihm die Weisheit Salomos studieren sollen!“
GEJ|4|170|1|1|170. — Der Schlüssel zum Verständnis des Hohenliedes
GEJ|4|170|1|0|Sage Ich: „Freund, du wirst mit deinem Witze zwar ein wenig schlimm, und Ich möchte zu dir nun auch sagen, was dereinst ein berühmter Maler zu einem Schuster gesagt hat! Aber es kann bei dir jetzt noch nicht anders sein; denn nach Salomo hat ja alles seine Zeit auf dieser Erde. Fasse dich aber nun ordentlich und mit viel gutem Willen, so soll dir Salomos Hoheslied ein wenig näher beleuchtet werden, und wie es mit Meiner kurzen Mahnrede auf dem Berge völlig einstimmig ist und dasselbe besagt.
GEJ|4|170|2|0|Salomo hat in seinem Hohenliede nichts als nur Mein nunmaliges Sein prophetisch unter allerlei Bildern, die voll geistiger Entsprechung sind, den Menschen von Tat zu Tat, von Stellung zu Stellung und von Wirkung zu Wirkung dargestellt. Ich allein bin sein Gegenstand; der ,er‘ und der ,du‘, der ,ihm‘ und der ,dich‘ bin alles Ich. Wer aber aus Salomo spricht mit Mir, ist dessen Geist in der Einzahl, und in der Vielzahl sind es des Volkes Geister, die sich gewisserart in Salomos Königs- und Herrschgeiste für einen und denselben Zweck einen und alsonach eine moralische Person darstellen.
GEJ|4|170|3|0|Wo es heißt: ,Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes‘, so heißt das soviel als: Der Herr rede aus Seinem wahrhaft eigenen Munde zu mir, Salomo, und durch mich zum Volke Israel und durch dieses zu allen Menschen der Erde; der Herr rede nicht mehr pur Worte der Weisheit, sondern Worte der Liebe, des Lebens zu mir! Denn ein Wort der Liebe ist ein wahrer Kuß des Gottesmundes an das Herz des Menschen; und darum sagt Salomo: ,Er (der Herr) küsse mich mit dem Kusse seines Mundes!‘
GEJ|4|170|4|0|Nun paßt dann der Nachsatz schon ganz gut darauf, wo es heißt: ,Denn deine Liebe ist lieblicher denn Wein‘, oder: Deine Liebe ist mir und allen Menschen dienlicher als die Weisheit. Denn unter ,Wein‘ versteht man allzeit Weisheit und Wahrheit.
GEJ|4|170|5|0|Daß Salomo im ersten Bittsatze, als um das Wort der Liebe bittend, noch in der dritten Person zu Mir seufzet, bezeichnet, daß er durch die alleinige Weisheit Mir noch ferne ist; durch die zweite Person im Nachsatze, wo der Grund der Bitte des ersten Satzes ausgesprochen wird, aber bezeiget Salomo die schon größere Annäherung Gottes auf dem Wege der Liebe denn auf dem Wege der puren Weisheit. Den Kuß, die Liebe aber, um die Salomo in seinem Hohenliede gebeten hat, bekommt ihr alle soeben von Mir, und so dürfte dir, Mein lieber Simon, nun der erste Vers des Hohenliedes wohl schon ein wenig klarer sein, als er dir zuvor gewesen ist!“
GEJ|4|170|6|0|Sagt Simon: „O Herr, nun ist mir dadurch freilich auch schon der zweite Vers klar, und ich getrauete mir ihn nun zu erläutern!“
GEJ|4|170|7|0|Sage Ich: „Tue das, und wir werden es sehen, wie du den zweiten Vers aufgefaßt hast aus dem Lichte des ersten Verses!“
GEJ|4|170|8|0|Sagt Simon: „Das wird nun schon offenbar soviel heißen: Herr, so Du mich aber küssest mit dem Kusse Deines Mundes, so Dein Wort Liebe wird, also eine wahre Salbe des Lebens, so möge diese Salbe, dies Dein göttliches Liebewort, für die Menschen alle verständlich sein. Denn man sagt ja schon oft im gewöhnlichen zierlich ,riechen‘ statt ,verstehen‘. Man sagt oft: ,Riechest du, wo das hinaus will?‘ oder: ,Er hat den Braten oder die Salbe gerochen!‘
GEJ|4|170|9|0|Nun bist Du, o Herr, da bei uns, wie auf die Bitte Salomos im ersten Verse! Wir haben Deinen Namen, Dein heilig Liebewort, das wohl köstlicher ist denn Salomos pure Weisheit! Wir haben nun die vor uns ausgeschüttete Salbe, Deinen Namen, Deine Liebe, Dein heilig Lebenswort, allen verständlich, vor uns.
GEJ|4|170|10|0|Nun, die Mägde, die Dich darum lieben, sind offenbar auch wir, vom Standpunkte unserer beschränkten Einsicht und Verständnisses aus betrachtet! Denn eine Magd ist zwar ein lieblich Wesen, ist nicht ganz ohne Einsicht und Verstand, aber von einer großen männlichen Weisheit kann, wenigstens im allgemeinen angesehen, keine Rede sein. Daher sind wir offenbar die Mägde, die Dich, o Herr, über alles lieben, weil uns Dein Liebewort verständlich ist, für uns also eine ausgeschüttete Salbe ist, an deren köstlichem Geruche wir uns gar wunderbar ergötzen. – Sage mir, o Herr, ob ich denn wohl nach dem ersten Verse den zweiten richtig aufgefaßt habe!“
GEJ|4|170|11|0|Sage Ich: „Ganz vollkommen richtig und grundwahrheitlich! Es ist mit dem sehr unverständlich scheinenden Hohenliede der Fall, daß es ganz leicht begriffen werden kann, wenn jemand nur den ersten Vers richtig auf dem Wege der Entsprechung aufgefaßt hat. Da du nun aber den zweiten Vers so ganz vollkommen richtig aufgefaßt hast, so versuche dich nun noch am dritten Verse; vielleicht wirst du auch da den Nagel auf den Kopf treffen!“
GEJ|4|170|12|0|Sagt Simon: „O Herr, nun wagete ich mich schon gleich ans ganze Hohelied! Aber der dritte Vers liegt nun nach den zwei ersten doch so klar wie dieser herrlichste Morgen vor mir enthüllt!
GEJ|4|170|13|0|,Ziehe, o Herr, mich Dir nach, so laufen wir!‘ Wer kann sonst wohl geistig ziehen, als allein nur die Liebe?! Und die Folge ist, daß diejenigen, die mit und durch die Liebe unterwiesen und gezogen werden, in einem Augenblicke mehr fassen und begreifen, daher im Erkenntniswachstume wahrhaft laufen, denn durch die trockene und kalte Weisheit in vielen Jahren. Die einfache Person im ersten Satze ist also nur eine moralische und erscheint im zweiten Nachsatze geteilt in der Vielheit, was vorderhand doch offenbar wir sind, und danach ganz Israel, und am Ende gar alles, was auf der ganzen Erde Mensch heißt.
GEJ|4|170|14|0|Der König, der Ewige, der Heilige führet mich und uns alle nun wohl freilich in die allerheiligste und lichtvollste Liebe- und Lebenskammer Seines allerheiligsten Vaterherzens! Und wir freuen uns nun wohl und sind über die Maßen fröhlich über Dir und gedenken sicher Deiner Vaterliebe tausend Male mehr denn aller der trockenen und kalten Weisheit! Nur in Deiner Liebe sind wir voll Demut und einfältigen und dadurch frommen Herzens; wir sind dadurch fromm und lieben Dich, o Herr, erst vollkommen in dieser unserer Frömmigkeit.
GEJ|4|170|15|0|Der Weisheit Morgen, entsprechend dem auf dem Berge oben, ist zwar herrlich und schön; aber hier unten bei den gastfreiesten Liebesmahltischen in der großen, heiligen Kammer Deines allerheiligsten Vaterherzens weilet freilich auch derselbe Morgen des wahren Lebens. Oben auf dem Berge genossen wir, also noch in der wahren Erkenntnis Unterwiesene, den herrlichen Lebenslichtmorgen; aber es waren dort keine Tische mit den nährenden und das Leben stärkenden köstlichen Speisen bestellt.
GEJ|4|170|16|0|Wohl gefiel uns das Licht der tiefsten Weisheit; aber Du sahst auch schon in vielleicht so manchen den Keim des Dünkels, im Herzen der Furche des Lebensgärtchens entsprossen, und sagtest mit den hinreißendsten Liebeworten: ,Kinderchen, unten in der Demutstiefe weilet derselbe Morgen! Wenn ihr den kurzen Weg von der Eigendünkelshöhe, die gewöhnlich eine Folge hoher, purer Weisheit ist, hinab in der Liebe Demutstiefe steiget, so genießet ihr ja denselben Lichtmorgen! Und unten in der Tiefe der Liebe weilet er auch so wie hier, und ihr genießet ihn doppelt; denn dort ist nicht nur ganz dasselbe Licht, sondern auch in der Liebe und Demut die Quelle des Lichtes und des Liebelebens daheim! Unten stehen die vollen Tische zur Stärkung, Ernährung und Erhaltung des Lebens in seiner Ganzheit!‘
GEJ|4|170|17|0|Dahin, o Herr, hast Du uns gezogen durch den wahren Kuß Deines heiligen Mundes, und wir haben dann nicht mehr gesäumet, sondern sind Dir nachgelaufen und lieben Dich als nun Deine in aller Liebe und Demut wahrhaft Frommen! – Herr, habe ich die Sache wohl recht aufgefaßt und dargestellt und erraten den innern Sinn Deiner auf dem Berge ausgesprochenen Mahnworte?“
GEJ|4|171|1|1|171. — Simon erläutert einige Verse des Hohenliedes
GEJ|4|171|1|0|Sage Ich: „Ganz vortrefflich! Wenn Ich Selbst dir und euch allen die Verse des Hohenliedes, und damit vergleichend Meine Mahnworte, auf dem Berge erklärt hätte, so hätte Ich Mich sogar ganz derselben Worte bedient. Du hast demnach die gute Sache zu Meiner vollsten Zufriedenheit erörtert. Da du aber nun schon der Hoheliedserklärer geworden bist, so könntest du dich nun etwa wohl mit ein paar Versen des ersten Kapitels weiter versuchen! Oder ist jemand anders unter euch, der das vermöchte?“
GEJ|4|171|2|0|Sagen alle: „Herr, wir vermögen es dennoch nicht, obwohl es uns vorkommt, als vermöchten wir es!“
GEJ|4|171|3|0|Sagt Simon: „O Herr, da hat's bei mir nun gar keinen Anstand mehr; das verstehe ich nun auf einmal ganz gut, und sicher auch ganz richtig!
GEJ|4|171|4|0|Ein weiterer Vers heißt: ,Ich bin schwarz, aber gar lieblich, ihr Töchter Jerusalems, wie die Hütten Kedars, wie die Teppiche Salomos.‘ Dies nun in unsere natürliche Zunge übertragen, kann doch nichts anderes besagen als: ,Ich, der Herr, nun in der Welt bei euch blinden und vielfältigst hochmütigen Menschen, bin von euch meistens ungekannt und von eurer hohen Welt tiefst verachtet, und in Mir aber dennoch voll der tiefsten Demut und Sanftmut, Geduld und Liebe zu euch Töchtern Jerusalems!‘
GEJ|4|171|5|0|Wer sind die Töchter Jerusalems? Diese sind der Hochmut, der Stolz, die Herrsch- und Habsucht der Nachkommen Abrahams; das sind die gezierten Töchter Jerusalems, denen aber der verachtete, also vor ihnen schwarze Herr, der erste Mensch aller Menschen, doch gnädig und barmherzig ist und lieblicher und liebevoller als die von außen gar elend aussehenden Hütten Kedars (Kai-darz), die aber inwendig dennoch reichlichst ausgestattet waren mit allerlei Schätzen zum Verteilen unter die gerechten Armen und Notleidenden und auch lieblicher denn Salomos wertvollste Teppiche, deren äußere Gesichtsseite ein dunkelgrauer, härener Stoff war, das Untere und Inwendige aber die kostbarste indische Seide, mit feinstem Golde durchwebt.
GEJ|4|171|6|0|Weiter heißt es: ,Sehet mich nicht an, daß ich so schwarz bin (vor euch Töchtern Jerusalems); denn die Sonne (euer Weltstolz) hat mich verbrannt (vor eurem hochmütigen Weltangesichte)! Meiner Mutter Kinder zürnen mit mir.‘ Wer anders kann Deine Mutter in Dir, o Herr, sein als Deine ewige Weisheit, so wie der Vater in Dir Deine ewige Liebe ist?! Deine Mutter ist auch gleich Deine ewige Ordnung, deren mit Dir, o Herr, zürnende Kinder den ewig unendlichen Raum erfüllen und durch ihre Ordnung der großen Unordnung der Kinder Israels zürnen.
GEJ|4|171|7|0|Denn diese heilige Ordnung ,hat man zur Hüterin der Weinberge gesetzt‘, das heißt: Dein Wille im Vereine aller Deiner Himmelsmächte hat den Menschen diese Ordnung gegeben durch Gesetze, daß durch sie die Weinberge, das sind die Menschengemeinden, in der Ordnung der Himmel verblieben.
GEJ|4|171|8|0|,Aber meinen Weinberg, den ich hatte, habe ich nicht gehütet!‘ Das heißt soviel als: ,Meine ewige, göttliche, unzugängliche Höhe und Tiefe habe Ich außer der Hut gesetzt!‘, – wovon hoffentlich für jedermann Deine hier höchst zugänglichste Gegenwart doch das sprechendste Zeugnis gibt. Deine höchsten und unzugänglichen und lichtvollsten Himmel hast Du verlassen, um hier in der tiefsten Demut, also schwarz vor den Kindern dieser Erde, zu erscheinen und die gerechten Armen aber zu führen in Deine Kammer, in die rechte Hütte Kedars. – O Herr, sage mir nun, ob ich wohl auch die von Dir noch nachverlangten zwei Verse richtig beurteilt habe!“
GEJ|4|171|9|0|Sage Ich: „Ganz richtig; darum gib uns noch die Erklärung des sechsten Verses zu den fünfen!“
GEJ|4|171|10|0|Sagt Simon: „Dir ewig meine vollste Liebe und meinen innersten Dank, daß Du, o Herr, mich jungen Burschen würdigest durch Deine Gnade und Liebe, hier jene tiefen Geheimnisse vor denen, die Dich lieben, aufzudecken, die, seit sie geschrieben worden sind, bis jetzt noch niemand aufgedeckt hat! Meine Seele freuet sich dieser Gnade über alle die Maßen. Es ist aber dennoch kein Hochmut darob in ihr; im Gegenteile werde ich nur stets demütiger, je mehr ich Dein Alles und mein vollkommenes Nichts einsehe und begreife. Aber Du, o Herr, weißt es ja, daß ich stets mit dem guten Humor etwas zu tun habe, und der köstliche Wein stimmt mich noch mehr dazu, und so kann ich hier beim verlangten sechsten Verse schon nicht umhin, so ernst er auch immerhin ist, einen kleinen Humor anzubringen!“
GEJ|4|171|11|0|Sage Ich: „Rede du, wie dir Herz und Zunge gewachsen sind!“
GEJ|4|171|12|0|Spricht Simon weiter: „Hätte Salomo oder seine mit aller Weisheit erfüllte Seele die Gelegenheit gehabt, hier in unserer Mitte zu sein, so hätte sie den sechsten Vers sicher nicht niedergeschrieben; denn im sechsten Verse sagt Salomo: ,Sage mir an, du, den meine Seele liebt, wo du weidest, wo du ruhest im Mittage, daß ich nicht hin und her gehen müsse bei den Herden deiner Gesellen!‘ Denn da hätte Dich Salomos und durch ihn seines Volkes Seele, Deine Schafe weidend am Morgen, Mittage, Abende und auch in der Mitternacht, sicher gefunden; also stets tätig und nicht allein im Mittage ruhend!
GEJ|4|171|13|0|Ich meine, der ewige Mittag Deiner Ruhe – das ist jene unendlich lange Zeitendauer, in der Du nicht, wie jetzt, Selbst mit den Menschen umgingst, sondern sie überlassen hast Deinen Gesellen, die immer dümmer und hochmütiger geworden sind – sei nun vorbei, und ein neuer und ewiger Lebensmorgen ist uns aufgegangen, und wer Dich erkannt hat, wird Dich wohl nimmer hin und her suchen bei Deinen nun höchst dumm und träge gewordenen Gesellen.
GEJ|4|171|14|0|Wie gedenkest Du, o Herr: habe ich auch wenigstens nur so im Vorbeigehen den rechten Sinn berührt?“
GEJ|4|171|15|0|Sage Ich: „Ganz vollkommen auch hier trotz des Humors, den du hier ganz passend hineingemengt hast! Da wir aber nun gesehen haben, daß auch Salomos Hoheslied enthüllt werden kann und du, Simon, selbst davon eine ganz andere Meinung überkommen hast, so soll uns nun auch dein Korrektor Gabi etwas zum besten geben; und zwar möchte Ich Selbst aus seinem Munde den Grund vernehmen, warum er denn für das Hohelied Salomos gar so eingenommen war, ohne es jedoch nur im geringsten verstanden zu haben! – Gabi, öffne demnach deinen Mund und sage uns etwas!“
GEJ|4|172|1|1|172. — Gabi bekennt seine Dummheit und Eitelkeit
GEJ|4|172|1|0|Gabi erhebt sich, macht eine tiefste Verbeugung und sagt dann mit einer sehr wackeligen Stimme, die sogar den sonst höchst ernsten Römern ein gewisses Schmunzeln abnötigte: „O Herr und Meister! Ich habe nie Ruhm gesucht; denn das ist meine Sache nie gewesen, und darum suche ich auch hier um so weniger einen Ruhm und will eigentlich schon in meinem ganzen Leben keinen Ruhm, und weil ich keinen Ruhm suche und will, so rede ich lieber nichts und bleibe still! Bin nun mit meiner Rede auch schon zu Ende!“
GEJ|4|172|2|0|Sagt unwillkürlich darauf Simon: „Oho, ja was ist denn das? Du hast sonst ja gerne viel geplaudert, hast dich überall als ein Hauptredner hervortun wollen und gerade eine Berühmung nicht verschmäht?! Merkwürdig!“
GEJ|4|172|3|0|Sagt Gabi: „Was ich tue, das tue ich, und du brauchst dich darum eben gar nicht zu bekümmern! Unter Menschen allein ist leicht reden; hier aber ist Gott und sind Engel gegenwärtig, und da soll keines Menschen Stimme irgend zu vorlaut werden, sondern ganz demütig und bescheiden schweigen! Ich heiße Gabi, der Stille, und nicht Simon, der Vorlaute!“
GEJ|4|172|4|0|Sagt lächelnd Cyrenius: „Aha, HINC ILLAE LACRIMAE! ("Daher jene Tränen!") Schau, schau, der junge Mann sucht keinen Ruhm und scheint darob aber doch sehr ungehalten, weil sein Gefährte Simon mit der Erklärung des Hohenliedes, o Herr, Dein Wohlgefallen erworben hat! Wahrlich, das gefällt mir vom Gabi durchaus nicht!“
GEJ|4|172|5|0|Sagt sogar die Jarah: „Mir gefällt das auch nicht! Denn ich habe nur darum nun eine große Freude, so ich bei jemandem merke, wie des Herrn Liebe und Gnade in seiner Seele sich wundersam zu offenbaren beginnt; aber die Duckmauserei einer Seele ist etwas Widriges. Wer vom Herrn aufgefordert wird zu reden, will aber etwa aus falscher Scham nicht und sagt, daß er keinen Ruhm suche, der lügt sich und alle andern an, und das Lügen ist etwas sehr Häßliches!“
GEJ|4|172|6|0|Sagt nun abermals Simon: „So erhebe dich und rechtfertige dich vernünftig, und gib dem Herrn Antwort auf Seine heilige Frage!“
GEJ|4|172|7|0|Hier erhebt sich Gabi wieder und bittet um Entschuldigung, daß er ehedem so dumm seinen Mund vor dem Herrn geöffnet habe. Er wolle nun antworten, wenn es dem Herrn noch genehm wäre.
GEJ|4|172|8|0|Sage Ich: „Nun, so rede! Denn Ich habe Meine an dich gerichtete Frage noch lange nicht als ungültig zurückgenommen; im Gegenteile harren wir noch alle auf irgendeine bescheidene Antwort von dir! Rede du demnach, und gib kund, was du weißt!“
GEJ|4|172|9|0|Sagt Gabi: „Da mir die Frage in bezug auf meine Liebhaberei des Hohenliedes Salomos, trotzdem ich es auch nicht verstehe, gegeben ward, so will ich den Grund von solch meiner Liebhaberei hier wohl offen kundtun, obwohl ich am Ende selbst der Wahrheit gemäß bekennen muß, daß ich dafür eigentlich gar keinen Grund hatte, das heißt, ich meine, einen guten Grund, sobald ich von einem Grunde rede; denn etwas Dummes und eigentlich Schlechtes kann nie als ein eigentlicher Grund zu einem Sichverhalten als geltend angesehen werden, weil etwas Schlechtes ein purer Sand ist, der nie als ein haltbarer Grund zu einem Hause, geistig oder naturmäßig genommen, dienen kann. Nun, was war denn hernach der eigentliche Urgrund zu meiner Salomonischen Hohenliedsliebhaberei? Nichts als eine heimliche, nun mir ersichtlich große Dummheit und Eitelkeit!
GEJ|4|172|10|0|Ich wollte als ein weiser und der Schrift bestkundiger Mann nicht nur bei meinen Gefährten, sondern auch bei all den übrigen Menschen gelten und hatte mir darum aus der ganzen Schrift gerade das als eine Lieblingsbetrachtung auserwählt, von dem ich überzeugt war, daß es von der ganzen Schar der Schriftgelehrten ebensowenig wie von mir selbst verstanden wurde. Ich war aber sehr pfiffig und tat zum Scheine so ganz klug, ernst und weise.
GEJ|4|172|11|0|Man fragte mich oft, wenn man mich im Hohenliede mit falschfröhlicher Miene herumlesend fand, ob ich denn wirklich des Liedes unentwirrbare Mystik verstehe. Meine Antwort lautete ganz kurz: ,Welch ein Narr liest wohl anhaltend, was er unmöglich verstehen kann?! Verstünde ich die höchste Mystik des Liedes nicht, würde ich wohl auch der Narr sein, sie zu lesen, und rührete das Gelesene mein Gemüt, so ich's gleich euch nicht verstünde?!‘ Man drang in mich, man beschwor mich, ja man kam mir mit Drohungen, daß ich mein Verständnis wenigstens dem Hohenpriester kundgäbe. Aber es half all das nichts; denn ich verstand mich auf Ausreden und Entschuldigungen aller Art und war daher durch nichts zu bewegen, von meinen Geheimnissen irgend etwas zu verraten, was um so leichter war, weil ich wirklich keine besaß.
GEJ|4|172|12|0|Nur Simon, als mein intimster Freund, wußte, aber nur zum Teil, wie es mit meiner Salomonischen Weisheit aussah. Er hielt es mir oft vor und bewies es mir, daß ich mit Salomos Hohemliede entweder mich selbst oder die Welt für einen Narren halte. ,Denn‘, sagte er mir oft, ,mit deinen sonst in allen Dingen beschränkten Kenntnissen und Erfahrungen, wirst du darum etwa das Hohelied verstehen, weil du es höchst mühsam auswendig gelernt hast?!‘ Allein, ich suchte ihn aber dennoch dadurch auf einen halben Glauben zu bringen, daß ich sagte, daß ich eben für jene tiefsten, unklarsten und verworrensten Geheimnisse darum die höchste Vorliebe habe, weil ich mir dahinter etwas ungeheuer Großes vorstelle. Das glaubte mir Simon doch am Ende; aber er irrte sich dennoch ganz gewaltig. Denn bei mir selbst war ich ein Feind der Salomonischen Weisheit, durch die er am Ende ein Götzendiener ward.
GEJ|4|172|13|0|Nun wollte ich zwar wohl niemanden mehr täuschen, aber ich wollte mich gerade auch nicht unnötigerweise dahin enthüllen, als habe ich ehedem die Menschen nur stets zu täuschen gesucht, um, offen gestanden, dereinst ein tüchtiger Pharisäer zu werden, was denn für meinen erst jetzt seit drei Tagen ganz aufgegebenen Sinn sicher nichts Kleines war; denn je pfiffiger und verschlagener ein Pharisäer ist, in einem desto größeren Ansehen steht er nun beim Tempel.
GEJ|4|172|14|0|Ich wollte der ganzen Dummheit eigentlich schon ohnehin nimmer gedenken und wollte sie so ganz im stillen total fallen lassen; aber da ich von Dir, o Herr, nun aufgefordert worden bin, mich zu entäußern, nun, so habe ich mich denn jetzt auch der Wahrheit gemäß entäußert und es weiß nun ein jeder, wie es mit mir gestanden ist, und wie es nun mit mir steht. Ich war in diesem Falle wohl höchst eigensinnig, und es war mit mir da eben nicht viel anzufangen; aber jetzt bin ich ganz vollkommen in der besten Ordnung, erkenne das allein wahre Licht alles Lebens und werde auch nie je wieder jemanden zu täuschen versuchen.
GEJ|4|172|15|0|Habe ich mich aber nun in des Herrn Gegenwart etwas ungeziemend benommen, so bitte ich zuerst Dich, o Herr und Meister, wie auch alle Deine Freunde groß und klein, aus dem tiefsten Lebensgrunde um Vergebung! Denn ich wollte durch mein erstes Schweigen ja doch niemand schaden, sondern bloß nur so ein wenig meine alte Schande zudecken. Es ging dieses aber hier vor Deinem heiligen, allsehenden Auge nicht an, und also habe ich mich denn gezeigt, wie ich war, und wie ich nun bin. Und damit wäre ich aber auch mit meiner Rede wider mich vollkommen zu Ende und weiß nun von nichts weiterem mehr.“
GEJ|4|173|1|1|173. — Gabis einstige pharisäerische Grundsätze
GEJ|4|173|1|0|Sage Ich: „Das war für dich allein nun höchst gut, daß du dich nun also vollkommen entäußert hast; aber alles dessen ungeachtet mußt du noch eines sagen und treu kundgeben, – aber wieder nicht Meinet-, sondern allein deinetwegen! Siehe nun, als du dich in und für den Tempel einweihen ließest, glaubtest du denn damals an gar keinen Gott, da du dich sogleich auf den Betrug zu verlegen begannst und alle deine Sinne nur darauf richtetest, ein so recht mit allen Tücken durch- und abgedrehter Pharisäer zu werden? Hatte es dir denn niemand gesagt, daß ein Pharisäer denn doch nur ein dem Aaron folgender Priester und Gottesdiener ist und nie ein selbst- und herrschsüchtiger Menschenbetrüger? Wie hast du einen so grundbösen Sinn in deinem Herzen je aufkeimen lassen können?
GEJ|4|173|2|0|Ist denn den Menschen nützen, wo nur immer möglich, nicht schon an und für sich ein allerherrlichster Grundsatz des Lebens, den sogar die alten heidnischen Weisen stets in den größten Ehren gehalten und beachtet haben?! Sagte nicht ein Sokrates: ,Willst du, Mensch, in deiner Sterblichkeit die Götter würdigst ehren, so nütze deinen Brüdern; denn sie sind wie du der Götter köstlichstes Werk! Liebst du die Menschen, dann opferst du den Göttern allen, die gut sind, und die bösen werden dich darum nicht züchtigen können!‘ Die Römer sagten: ,Lebe ehrbar, schade niemand und gib jedem das Seine!‘ Siehe, so urteilten die Römer, die Heiden waren; wie hast denn du hernach als ein Jude einen gar so höllischen Sinn fassen können?
GEJ|4|173|3|0|Konntest du dir's denn nicht wenigstens so ein bißchen nur denken, daß es doch irgendeinen Gott geben muß, der nichts anderes denn nur das Gute wollen kann und der den Menschen nicht nur für die kurze Spanne dieses Erdenlebens, sondern für die Ewigkeit erschaffen hat?! Siehe, darüber mußt du Mir nun noch eine streng wahre Rechenschaft führen und dich dessen völlig entäußern! Und so rede nun!“
GEJ|4|173|4|0|Sagt Gabi: „Gott, Herr und Meister von Ewigkeit, hätte ich je irgendeine Gelegenheit gehabt, nur den hundertsten Teil von dem zu vernehmen, was ich hier in diesen allermerkwürdigsten drei Tagen vernommen habe, so hätte ich sicher keinen gar so elenden Sinn gefaßt; aber – EXEMPLA TRAHUNT ("Beispiele verlocken!") –, was auch die Römer erfunden haben – ich hatte ja derlei Beispiele und Muster vor mir, die schlechter als schlecht waren! Und diese schlechten Beispiele und Muster befanden sich ganz gut dabei, und zwar stets um so besser, je mehr sie die Kunst besaßen, das Volk allerdickst zu prellen und hinters Licht zu führen.
GEJ|4|173|5|0|Denn sie sagten: Die Natur – nicht etwa Gott, der nichts denn eine alte Menschendichtung sei – habe dem helleren Menschen schon von der Wiege an einen Fingerzeig gegeben, daß er sich, wenn er wahrhaft gut leben wolle, vor allem die Dummheit der Menschen zugute machen solle; wer das nicht verstünde, der bleibe ein Narr sein Leben lang und solle auch als nichts anderes als ein mit einiger Vernunft begabtes Menschenlasttier verbleiben und sich nähren von Dornen und Disteln und liegen auf Stoppeln!
GEJ|4|173|6|0|Als Volkslehrer solle man nur dahin besorgt sein, daß die gemeinen Menschenlasttiere stets im allerdicksten Aberglauben erhalten würden! Solange dies bezweckt würde, würden die eigentlichen Geistmenschen gut zu leben haben; sowie man aber jenen die Wahrheit zeigen und sie ans Licht führen würde, da würden die eigentlichen Geistmenschen selbst Haue, Pflug, Spaten und Sichel in die Hand nehmen und im Schweiße ihres Angesichtes das mühevolle, harte Brot verzehren müssen.
GEJ|4|173|7|0|Der rechte Mensch müsse es so weit zu bringen trachten, daß er von den Menschenlasttieren wenigstens als ein Halbgott angesehen werde. Habe er es dahin gebracht, so verschließe er sein Licht wie ein ägyptisches Grab und umgebe sich mit allerlei falschem Schimmer und betäubendem Dunste; da würden ihn die Menschenlasttiere bald förmlich anzubeten anfangen, und das um so mehr, wenn er ihnen von Zeit zu Zeit irgendeinen scheinbaren Nutzen erweise. Kurz, er müsse den Menschenlasttieren ganz grundvoll, aber immerhin falsch, zu beweisen imstande sein, daß es ihnen zum unschätzbaren Heile gereiche, wenn sie vom vermeinten Halbgotte blau- und mitunter sogar totgeschlagen würden!
GEJ|4|173|8|0|Man gebe ihnen harte Gesetze und setze als Sanktion darauf die schärfsten zeitlichen und allermartialischst angedrohten ewigen Strafen und verheiße dem treuen Befolger der Gesetze nur kleine irdische Vorteile, aber desto größere ewige nach dem Tode, – und man stehe dann als ein wahrer Mensch vor all den zahllosen Menschenlasttieren da! Verstünden es seine Nachfolger, den Pöbel in der Nacht des dicksten Aberglaubens zu erhalten, so würden ihn Jahrtausende nicht aufhellen; verstünden sie aber das nicht, so würden sie als Betrüger der Menschen ehest gar jämmerlich das Weite zu suchen bekommen!
GEJ|4|173|9|0|Moses und Aaron seien solche wahren Menschen gewesen, die durch ihren geweckten Verstand und durch ihre vielen Kenntnisse des israelitischen Volkes Schwächen bald abgelauscht hätten, sich als Führer und Beglücker desselben Volkes aufgeworfen und es durch eine fein ausgedachte, aber großartigste Prellerei derart vernagelt hätten, daß das Volk noch heutzutage ebenso dumm sei, wie es am Fuße des Sinai vor nahe tausend Jahren gewesen sei und vielfach noch mehrere Jahrtausende also verbleiben werde. Im Grunde aber sei das dennoch auch eine Wohltat fürs Volk; denn der Mensch sei vom Anfange an eine faule Bestie und müsse deshalb mit einem eisernen Zepter beherrscht und mit Ruten zum Guten gepeitscht werden!
GEJ|4|173|10|0|Herr, was ich hier kundgegeben habe, ist keine irgend eitle Dichtung meiner Einbildungskraft, sondern volle Wahrheit! Das ist eines jeden vollkommenen Pharisäers innere Anschauung der göttlichen Offenbarung, die stets desto wertvoller sei, je unverständlicher sie sei. Salomos Hoheslied hätte gerade so den rechten Zuschnitt; auch die Propheten samt dem Moses hätten viel des sehr Brauchbaren! Und das war denn auch ein Mitgrund, warum ich mich denn so ganz besonders auf das Hohelied geworfen habe.
GEJ|4|173|11|0|Ich bin nun wieder zu Ende und glaube, hinlänglich bewiesen zu haben, daß meine früheren Gesinnungen unmöglich anders sein konnten; denn wie der Unterricht, so der Mensch, und also auch sein Wille und seine Tätigkeit! Daß ich nun mit der tiefsten Verachtung auf solch einen echt höllischen Unterricht zurückblicken kann, versteht sich wohl von selbst! Ich erwarte aber auch nun von Dir, o Herr, daß Du mir, infolge Deiner Liebe und Weisheit, dies mein hier treu und wahr kundgegebenes Denken und Handeln gnädigst nachsehen und vergeben wirst!“
GEJ|4|173|12|0|Sage Ich: „Wie könnte Ich dir's vorenthalten, da du doch selbst all dies Höllenwerk aus dir für immer verbannt hast? Und Ich ließ ja eben aus dem Grunde dich alles dessen laut vor uns allen entäußern, auf daß dein Herz vollkommen frei würde und du nun ganz vom innersten Lebensgrunde der vollsten Wahrheit angehören kannst! Zugleich aber habe Ich damit auch den Zweck verbunden, daß alle hier Anwesenden aus dem Munde treuer Zeugen vernehmen sollen, wie das Pharisäertum in dieser Zeit durchgängig bestellt ist, und wie es sonach notwendig war, daß Ich Selbst persönlich in diese Welt kommen mußte, auf daß nicht alle Menschheit verderbe und zugrunde gehe. – Nun aber vergleichet euch, ihr beiden, auch vollkommen wieder, und Simon soll nun seine innerste Ansicht über Mich uns allen kundtun!“
GEJ|4|174|1|1|174. — Simons Ansichten über den Herrn
GEJ|4|174|1|0|Sagt Simon: „O Herr, da werde ich bald und leicht fertig! Du bist der Sohn aus Gotte im Geiste und bist hier vor uns Gott und Mensch zugleich. Du bist aus Dir Selbst der einzige im Himmel, wie auf dieser Erde. Dir ist in der ganzen Unendlichkeit niemand gleich! Ein Engel ordnet sich nie dem Willen eines Menschen unter; so Du ihm aber nur den allerleisesten Wink gibst, so vollzieht er in einem kaum denkbar schnellsten Augenblicke Deinen Willen. Was Du willst, das geschieht unvermeidbar; ein von Dir ausgesprochenes Wort ist eine vollendete Tat!
GEJ|4|174|2|0|Dein Auge durchschauet in einem Augenblick alle geistige und materielle Schöpfung. Der Engel geheimste Gedanken sind Dir so klar, als hättest Du sie Selbst gedacht, und was wir armseligen, sterblichen Menschen noch so tief in uns denken, das erschauest Du heller, als wir diese noch so herrlich strahlende Sonne. Du kennst alles, was das Meer in seinen tiefsten Gründen verborgen hält, Du kennst die Zahl des Sandes im Meere, jene der Sterne, und was sie fassen und tragen, und die Zahl des Grases auf der Erde, der Kräuter, der Gesträuche, der Bäume und der Geister im ganzen, endlosesten Raume ist Dir bekannter als mir die Zahl Eins! Wenn ich nun das nicht nur lebendigst glaube, sondern es auch allerhellst weiß, da wird es etwa doch nicht schwer sein, nun zu sagen: Herr, dies ist mein innerstes Urteil über Dich, insoweit ich Dich nun durch die drei Tage erkannt habe! Etwas anderes zu sagen wüßte ich kaum mehr!“
GEJ|4|174|3|0|Sage Ich: „Aber ihr seid ja schon mit heute mehr denn nur drei Tage bei Mir! Wie sprichst du nur von drei Tagen?“
GEJ|4|174|4|0|Sagt Simon: „Herr, was gehen mich die materiellen drei Tage an?! Ich zähle nur die drei geistigen Erkenntnistage; diese aber sind erstens die wahre Erkenntnis der Materie, zweitens die Erkenntnis des Wesens der Seelen und drittens die Erkenntnis des Reingeistigen. Das sind die wahren drei Tage des Lebens, die wir bei Dir sind!“
GEJ|4|174|5|0|Sage Ich: „Ah, das ist freilich etwas ganz anderes! Damit bin Ich mit dir auch ganz zufrieden; denn in den Entsprechungen bist du nun ganz wohl zu Hause, – aber noch nicht vollends also mit deiner inneren Selbsterkenntnis! Und so ist denn auch das Urteil, das du über Mich geschöpft hast, nicht ganz aus deinem Innersten; da hockt noch etwas darin, und dessen sollst du dich denn doch auch entäußern! Es ist zwar nur ein kleinstes Körnchen eines nur zeitweilig auftretenden Zweifels über Mich, – und siehe, dieses Körnchen muß auch aus dir, sonst fängt es mit der Weile an zu keimen und kann zu einem Walde voll des finstern Zweifels in deinem Herzen erwachsen, der dann schwer zu vertilgen und auszurotten wäre! Sieh nur so recht tief in dein Herz hinein, und du wirst das böse Zweifelskörnchen schon finden!“
GEJ|4|174|6|0|Simon sieht Mich und auch alle die andern Tischgenossen ein wenig verdutzt an, denkt über sich nach und sagt nach einer Weile: „Herr, fürwahr, ich kann suchen, wie ich nur immer will, so finde ich dennoch sozusagen nichts! Denn alle noch so leise auftauchenden Zweifel über Dich zerstäube ich in einem Augenblick, und es kann nun völlig keiner mehr stattfinden!“
GEJ|4|174|7|0|Sage Ich: „Und doch, und doch, – denke nur nach, du wirst ihn schon finden!“
GEJ|4|174|8|0|Sagt Simon: „Herr, Du machest mich bangen vor mir selbst! Sollte ich denn wohl ganz im geheimen ein Ungeheuer sein? Ich kann tun und denken, wie ich nur immer will, so finde ich dennoch von ferne nichts, das dem nur ähnlich sähe, was Du, o Herr, in mir haben willst. Worin und in welcher Art könnte ich nun wohl noch einen Zweifel haben oder wenigstens einen Grund davon?“
GEJ|4|174|9|0|Sage Ich: „Aber Freund Simon, sieh Mich an! Sehe Ich denn im Ernste so strafgierig und rachsüchtig aus, daß du dich scheuest, das nun laut und offen zu bekennen, was dir schon sozusagen auf der Zunge liegt?“
GEJ|4|174|10|0|Auf diese Meine Worte erschrickt Simon förmlich und sagt: „Aber Herr! Muß denn auch diese Kleinigkeit, deren laute Aussprechung ich rein nur für unschicksam hielt, auch laut ausgesprochen werden?
GEJ|4|174|11|0|Denken kann sich der Mensch ja doch so manches; ja, er denkt es eigentlich nicht einmal von sich selbst willkürlich! Der Gedanke kommt mir von irgendwo ins Herz hineingehaucht und bleibt dann oft einige Zeit hängen; endlich verwehet er, und man erinnert sich dann seiner wohl kaum je mehr. Und so dürfte auch dieser mein kleiner Zweifelsgedanke von irgendwoher in mein Herz hineingeflogen sein, und ich habe ihn gedacht, aber auch gleich wieder verworfen, weil ich dagegen doch Tausende der schwersten Beweise im Kopfe und Herzen trage. Dazu fand ich im Ernste die laute Aussprechung dieses Gedankens für etwas unschicksam. Wenn Du, o Herr, aber schon durchaus darauf bestehst, nun, so will ich ihn ja auch gerne aussprechen. – Liebe, große Freunde des Herrn, nehmet ihn aber also auf, wie ich ihn nun schon total verworfen habe!
GEJ|4|174|12|0|Also aber lautet dieser Gedanke: Da ich nun schon seit meinem Hiersein gleichfort das ungemein liebliche und überüppige Mägdlein an der Seite des Herrn erblickte, so drängte sich, aber wahrlich wie von selbst, in mir der freilich stark lächerliche Gedanke auf, ob der Herr etwa auch geschlechtlich verliebt sein könnte, wenigstens auf so lange, als Er auf dieser Erde auch im Fleische umherwandelt! Wenn aber das, wie sähe es dann mit Seiner ganz reinen Geistigkeit aus? Gott kann zwar wohl alle Seine Geschöpfe reinst lieben; ob aber ganz besonders irgendein überreizend schönes Mädchen nun auf der Erde auch geschlechtlich, – das zu bejahen oder zu verneinen war für meine Intelligenz etwas schwer, obwohl ich es mir zurief in meiner Seele: ,Bei Dir kann jede Liebe nur im höchsten Grade rein sein, auch eine, die wir unter uns Menschen völlig unrein nennen würden!‘
GEJ|4|174|13|0|Herr, das ist es nun, was Du von mir heraushaben wolltest! Nun aber bin ich wohl fertig mit allen Körnchen und Keimchen, und Du, o Herr, mache nun daraus, was Du willst! Oder ersieht Dein göttlich allsehend Auge noch etwas in mir? Wenn noch irgend etwas darin stecken sollte, dahin ich nicht sehe, so mache, o Herr, mich gnädigst darauf aufmerksam, und ich werde nun gleich ganz ohne alle Scheu damit herausfahren!“
GEJ|4|175|1|1|175. — Simons Gedanken über die geschlechtliche Beschaffenheit des Herrn als Mensch
GEJ|4|175|1|0|Sage Ich: „Nun bist du rein, und es ist nichts mehr in dir, das dich je in deinem Glauben an mich beirren könnte; aber nun will Ich dir und auch euch andern zeigen, welch ein dichtester Zweifelswald aus dir erwachsen wäre, wenn du dich nun dieses Zweifelskörnchens nicht entledigt hättest. Du hättest ganz einfach nach und nach also zu philosophieren angefangen:
GEJ|4|175|2|0|Was würde daraus, so Ich Mich mit einer Maid verginge und es entstünde daraus eine Frucht im Schoße der Maid? Wenn sie männlich wäre, wäre sie auch ein Gott? Und wäre sie weiblich, was dann? Würde das das Mosaische Gesetz schwächen, so Ich Mich vergangen hätte? Würde das Meinen Gottmenschen nicht zur Behaltung des göttlichen Geistes unfähig machen? Oder wäre Ich eines solchen Aktes für Meine Person wohl fähig oder nicht? Aber wie konnte Ich die Menschen für diesen Akt beleben, so Ich Selbst desselben unfähig wäre?
GEJ|4|175|3|0|Ist der Akt eine Sünde im Fleische und schwächt Seele und Geist, warum habe Ich dem Menschen zu seiner Fortpflanzung diesen sündigen Akt ins Fleisch und in die Seele gelegt? Hätte Ich nicht auf einem reineren Wege die Fortpflanzung bewerkstelligen können?! Ist aber dieser Akt der Fortpflanzung aus der Ordnung Gottes der allein gerechte und mögliche, so muß ihn Gott so gut begehen können wie der Mensch! Warum ist der Akt für den Menschen eine Sünde und für Gott keine; oder kann Gott unter gewissen Umständen auch gegen Seine Ordnung sündigen? Wie aber kann Gott die reinste Liebe sein, so Er auch einer sündigen Menschenschwäche schuldig wäre?!
GEJ|4|175|4|0|Gott als Gott kann wider Seine Ordnung unmöglich sündigen! So Er aber des Menschen Natur angenommen hat, ist Sein Fleisch einer Sünde fähig oder nicht fähig? Muß auch Er gegen alle Anfechtungen des Fleisches kämpfen? Hat Er solche, wer läßt sie über Ihn kommen? Gibt es noch irgendeinen höheren und älteren Gott, der diesen jungen, nun erst werdenden mit allerlei schweren Proben festigt und im Geiste wiedergebäret? Wenn dieser junge Gott nun sündigte wie ein Mensch, könnte er auch diesem gleich verworfen werden?
GEJ|4|175|5|0|Könnten nicht etwa die alten Ägypter recht haben mit ihrer Genealogie der Hauptgötter? Uranus erzeugte mit der Gea den Kronos (Saturn, Zeit), der seine Werke immer wieder zerstört. Der Zeus, als des Kronos Wille, wird gerettet durch die Liebe, wächst im Verborgenen groß und wird übermächtig. Des Zeus Macht versetzt den Uranus und den Kronos in den ewigen Ruhestand, herrscht ganz allein und erschafft die Menschen auf der Erde, wofür er aber nach der Bestimmung des entsetzlichen, unerforschlichen Fatums, als der urältesten Gottheit, auch mit vielem Menschlichen sehr geplagt wird. Das Fatum scheint der unbekannte große Gott zu sein; nun aber, gewisserart der Regierung müde, hat er unsichtbar und ungekannt in eine reine Dirne einen Gottfunken gelegt und hat sich nun verjüngt in diesem einen Sohn einen Regierungsnachfolger bestellt, und der stehet vor uns und macht seine ersten Gottregierungsversuche! –
GEJ|4|175|6|0|Ich könnte dir wohl noch eine große Menge solcher Auswüchse mitteilen, aus denen ein solcher Zweifelswald besteht, und in welch anderes Gestrüppe und Unkraut er hinüber degenerieren kann. Aber da nun bei dir der Same vernichtet ist, so bist du rein, und es kann von einem weiteren Aufblühen des Unkrautes keine Rede mehr sein; und da du nun als ganz gereinigt dastehest, so bist du auch ganz geeignet, einer Meiner ersten Jünger zu sein.
GEJ|4|175|7|0|Übrigens wirst du das nun einsehen, wie und warum dies Mägdlein Mir gar so in aller ihrer Liebe anhängt. Denn so sehr, wie dies Mägdlein Mich liebt, liebt Mich niemand von euch; denn eure Liebe ist mehr eine Verwunderung über Meine Weisheit und über Meine für euch unbegreiflichen Wundertaten. Dies Mägdlein aber liebt Mich ganz rein um Meiner Selbst willen, weil sie einmal weiß, wer hinter Mir daheim ist. Und das ist mehr wert, denn Mich als Gott bewundern, da es doch jedermann klar sein muß, daß bei Gott alle Dinge möglich sind. Es ist wohl das auch gut; aber das andere ist besser.
GEJ|4|175|8|0|Was wird denn dir lieber sein: ob man dich schon darum liebt, weil du ein Mensch bist, oder nur darum, weil du als Mensch ein Weiser seist und wohl kundig bist in allerlei Künsten? Die erste Liebe geht vom Leben aus und ergreift wieder das Leben; die zweite aber geht nur vom Kunstsinne aus und ergreift nur die Kunst und Wissenschaft desjenigen, der sie besitzt. Sage nun, welche Liebe du höher achten würdest?“
GEJ|4|175|9|0|Sagt Simon: „Offenbar die erste! Denn wer mich schon als einen Menschen liebt, der wird mich auch als Weisen und als Künstler dann um so mehr lieben; wer mich aber in der Meinung, daß ich ein Weiser und ein Künstler sei, lieben wird, der wird mit der Liebe bald fertig werden, so er erfährt, daß ich etwa weder ein Weiser noch ein Künstler sei! Darum ist die reinste Liebe dieses Mägdleins zu Dir, o Herr, wirklich eine Musterliebe und übertrifft uns alle in einem hohen Grade!
GEJ|4|175|10|0|Freilich, wohl liebt ein Mädchen einen Mann seiner selbst willen leichter und natürlicher, denn ein Mann wieder einen Mann; wenn aber ein Mann mit seinem Verstande und Gemüte den Wert eines Menschen, eines Bruders, tiefer betrachtet, dann wird er, seinen eigenen Wert fühlend und einsehend, auch den Nebenmenschen ohne Rücksicht auf dessen Eigenschaften achten und lieben. Und hat er in der Folge gar verborgene, sehr achtbare Eigenschaften an ihm entdeckt, so wird die Liebe zu ihm sicher desto intensiver werden! – O Herr! Jedes Deiner Worte und Lehren ist groß und erhaben und in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten Wahrheit!“
GEJ|4|176|1|1|176. — Des Menschen Einswerden mit Gott. Simons Bekenntnis seiner fleischlichen Schwächen
GEJ|4|176|1|0|(Simon:) „Ich sehe nun, daß Du, o Herr, Dich den Menschen ganz als Gott offenbarst und nirgends einen Rückhalt oder irgendein Geheimnis machst gleich den alten Propheten, die Dich dem Menschen stets nur unter einer dicksten Verschleierung offenbarten und kaum den Saum Deines Kleides den Sterblichen zeigten. Sie gründeten wohl eine Religion und eine Kirche; aber was war das für eine Religion, was für eine Kirche? Die Religion war ein kaum sichtbarer Stern, aus irgendeiner endlosen Raumestiefe einen allerspärlichsten Hoffnungsstrahl zur mit dickster Nacht umhüllten Erde herabspendend, und die Kirche ein Gebäude aus harten Steinen, ein Tempel, um den lauter Irrgänge und finstere Vorhöfe standen, in welche die Menschen gelangen konnten, aber nie in des Tempels Innerstes, wo alle die großen Lebensgeheimnisse enthüllt auf goldenen Tischen lagen.
GEJ|4|176|2|0|Hier aber wird nicht nur des Tempels Innerstes allen Menschen als vollkommen zugänglich eröffnet, sondern Gott, als der ewig Unzugängliche, offenbart Sich Selbst persönlich ganz, wie Er war, ist und sein wird ewig, den Menschen. Daher ist es aber andernteils auch notwendig, Gott nicht etwa nur teilweise, sondern ganz in sich leiblich, seelisch und geistig aufzunehmen durch die ausschließlich alleinige Liebe zu Ihm. Ein solches Entgegenkommen, wie das des Schöpfers zum Geschöpfe, also auch das des Geschöpfes zum Schöpfer, muß ja am Ende notwendig eine volle Identifizierung zwischen dem schöpferischen Ursein und dem geschöpflichen Nachsein zur Folge haben.
GEJ|4|176|3|0|Gott wird eins mit uns, und wir werden eins mit Ihm ohne die geringste Beschränkung unserer persönlichen Individualität und der vollkommensten Willensfreiheit! Denn ohne die vollendetste Identifizierung des Geschöpfes mit dem Schöpfer ist ewig nie an eine vollendetste Willensfreiheit zu denken, weil nur des Schöpfers Wille in der vollendetsten Unbeschränktheit sich befinden kann und des Geschöpfes Wille nur dann, wenn er vollkommen eins mit dem Willen des Schöpfers geworden ist.
GEJ|4|176|4|0|Wollen wir das, was der Herr will, so ist unser Wollen ein vollkommen freies, weil des Herrn Wille auch ein vollkommenst freier ist; wollen wir aber das nicht oder nur zum Teil, so sind wir die elendsten Sklaven unserer eigenen unendlichen Blindheit. Nur in Gott können wir vollkommen frei werden; außer Gott gibt es nichts als Gericht und Tod!
GEJ|4|176|5|0|Herr, Du siehst, daß ich mich nicht scheue zu reden; und ich glaube, diesmal auch wieder den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben! Du aber gib nun Deinen allmächtigen Segen dazu, auf daß dies herrlichste Weizenkorn, das Du, o heiligster Vater, Selbst aus Deinem ewigen Himmel hierher auf diese leider sehr magere Erde verpflanzet hast, im Erdreiche unserer noch blöden Herzen tausendfältige Früchte tragen möge! O heiligster Vater, werde eins mit uns, Deinen Geschöpfen, mit Deinen noch armseligen Kinderchen, auf daß wir dereinst, Dir ähnlich, auch eins mit Dir werden können!“ – Hier bricht Simon ganz ergriffen in Weinen aus.
GEJ|4|176|6|0|Ich aber erhebe Mich nun und sage zu Simon: „Komme zu Mir her, du Mein geliebter Bruder, und umarme in Mir nicht mehr deinen Schöpfer, sondern deinen Bruder, auf daß du der erste seist, der mit Mir eins geworden ist!“
GEJ|4|176|7|0|Sagt Simon ganz zerknirscht: „O Du zu Heiliger! Dieser Gnade ist der sündige Simon ewig nicht wert!“ Darauf weint er abermals. Dafür aber gehe Ich zu ihm und drücke ihn mit abermaligem Brudergruße an Mein Herz.
GEJ|4|176|8|0|Nach einer Weile, als sich Simon aus seinem Ergriffensein erholt und Ich auf sein Gemüt auch beruhigend eingewirkt hatte, sagte Simon: „Mein Herr und mein Gott! Was tat ich denn, daß Du mir nun auf einmal gar so gnädig und barmherzig bist? Sieh, ich bin ein sündhafter Mensch; denn mein Fleisch ist sehr locker. Die schönen und üppigen Jungfrauen machen auf mich einen mächtigen Eindruck, und es drängen sich von Zeit zu Zeit stets unzüchtige Gedanken in mir auf. Und gar oft willige ich mit einer Art Lust und Freude in diese Gedanken, wennschon nicht in der Tat wegen Mangel an Gelegenheit, so aber doch im Gemüte, das in solchen Brunststadien bei mir sehr bejahend sich verhält.
GEJ|4|176|9|0|Es gibt dann darauf bei mir wieder auch ganz helle Momente und vernünftige Anschauungen und Betrachtungen über diesen Punkt; aber was nützt das alles? Sehe ich dann gleich darauf wieder eine schöne Maid, so sind alle die hellen Momente, alle die vernünftigen Anschauungen und Betrachtungen in einem Augenblicke wieder verflogen, und der alte Sündenbock steht, mit allem Unzuchtssinne gewappnet, wieder auf seinem Flecke. Ich tue dabei und darauf freilich wohl nichts; aber dieses Nichtstun ist dennoch kein wahres Nichtstun, sondern bloß ein durch die schlechte Gelegenheit verhindertes Tun. Die Furcht vor zeitlicher Strafe und Schande hält einen davon ab, aber lange nicht der eigene freie Wille, der bei solchen Gelegenheiten nur sehr viel Begehrendes in sich hat und bei guter Gelegenheit sicher keine Verneinung an den Tag legen würde! Ich kenne mein lumpiges Fleisch leider nur zu gut und bin somit ein sündiger Mensch und so einer großen Gnade von Dir aus nie wert.“
GEJ|4|177|1|1|177. — Vom Zweck und Wesen der Sinnlichkeit
GEJ|4|177|1|0|Sage Ich: „Freund und Bruder, was geht dich denn das Fleisch an und was im selben vorgeht?! Würde Ich dem Fleische nicht diese Eigenschaft einpflanzen, würde da wohl je ein Mann sich ein Weib nehmen und erwecken in ihr die lebendige Menschenfrucht?!
GEJ|4|177|2|0|Hätte Ich in den Magen nicht die materielle Eßgier gelegt, würde jemand wohl jemals eine Speise zu sich nehmen? Auf welch andere Weise könnten Naturspezifikalgeister in das Blut und in andere Säfte des Leibes, von da in den Nervenäther und, in solcher Weise geläutert, in die Seelensubstanz übergehen? Durch Meine Willensmacht allerdings wohl in der primitiven Ordnung; aber wie stünde es dann mit der ewigen Bestandfähigkeit? Anders nicht, als durch ein hartes, bleibendes Gericht; wie sähe es dann aber mit der Selbständigkeit und einstigen geistigen Lebensfreiheit aus?!
GEJ|4|177|3|0|Sieh, ein Punkt in Meiner einmal gestellten Ordnung verrückt, – und mit dem Leben in aller Selbständigkeit und Freiheit ist es für ewig aus und gar. Habe nicht Ich den Augen die Sehfähigkeit, den Ohren das Vernehmungsvermögen eingehaucht, der Zunge Rede- und Geschmacksfähigkeit und der Nase den Geruch gegeben?!
GEJ|4|177|4|0|Bist du darum ein Sünder, weil es dich zuzeiten hungert und dürstet? Sündigst du, wenn du schaust, hörst, schmeckst und riechst? Alle diese Sinne sind dir ja dazu gegeben, wahrzunehmen der Dinge Formen, zu vernehmen der Rede weisen Sinn und wahrzunehmen gute und schlechte und schädliche Geister der noch ungegorenen und rohen Materie!
GEJ|4|177|5|0|Freilich, wohl kannst du sündigen mit den Augen, Ohren, der Nase, dem Gaumen und der Zunge, wenn du eben diese Sinne nicht in der Ordnung gebrauchst, wenn du deine Augen frech nur dorthin wendest, wo dem Fleische Rechnung getragen wird, wenn du nur Lästerungen, Schmähungen und unflätige Reden gerne und begierlich anhörst, wenn du bloß des Spaßes halber stinkende Dinge riechst, die das Fleisch verunreinigen und krank und zur Arbeit unfähig machen. Du sündigst auch mit dem Gaumen und mit der Zunge, wenn du die zu große Lüsternheit nach den teuersten Leckerbissen nicht bezähmst; denn warum soll dein Gaumen mit den kostbarsten Dingen prasserisch gekitzelt werden, wo neben dir viele Arme vor Hunger und Durst verschmachten?! So es dich hungert und dürstet, so sättige dich mit einer einfachen und frischbereiteten Kost; aber wenn du Fraß und Völlerei treibst, da sündigst du offenbar wider alle Ordnung Gottes.
GEJ|4|177|6|0|Nun siehe, das alles aber ist bei dir nicht der Fall; im Gegenteile hast du eben schon manchen recht glorreichen Sieg über dein Fleisch von dir aus selbst errungen! So auch bist du mäßig in allen Dingen gewesen und nüchtern in deinem Begehren. Was an dir mehr oder weniger vom Übel war, bestand in deinem Unglauben an die Schrift, die du vorher nicht verstehen konntest; aber dein Unglaube war ein redlicher, während der Unglaube des Gabi ein echt pharisäisch unredlicher war. Du verwarfst aber darum die Schrift nicht; nur Licht und Aufhellung wolltest du und studiertest darum auch alle ägyptischen und griechischen Weltweisen. Aber es wollte dir dennoch nicht helle werden; du bliebst zwar dem Äußeren nach ein Pharisäer, aber dem Innern nach warst du dennoch ein stets fleißiger Forscher nach der Wahrheit. Und weil Ich das wohl wußte, so habe Ich dich denn nun auch erweckt und dir, wie auch damit allen anderen, die Pforten zur lichtvollsten Wahrheit eröffnet.
GEJ|4|177|7|0|Nun kannst du nimmer in eine Nacht geraten und sollst darum ein Eiferer um Mein Reich des Geistes auf dieser Erde werden! Durch dich sollen die Heiden in Persien viel Lichtes überkommen! Nun iß und trinke wieder; denn du hast noch Hunger und Durst und hast deinen Fisch noch nicht einmal zur Hälfte aufgezehrt und deinen Becher auch nicht geleert! Darum nur eifrig zugegriffen, Mein junger Bruder Simon!“
GEJ|4|177|8|0|Simon ist stets bis zu Tränen gerührt, setzt sich und verzehrt nach und nach seinen Fisch mit Brot und Wein.
GEJ|4|178|1|1|178. — Über das Wesen der Engel. Herz und Gedächtnis
GEJ|4|178|1|0|Auch die anderen Gäste greifen noch zu, und ganz besonders wieder der Raphael, was den Kornelius am Ende doch zu einer etwas lakonischen Bemerkung bewegt, die er den neben ihm sitzenden Römern gewisserart zuflüstert. Diese Römer waren Faustus und Julius, und seine, das ist des Kornelius, Bemerkung lautete: „Dem Menschen von Fleisch und Blut schmecken diese höchst gut zubereiteten Fische sehr gut, und er kann eine große Menge zu sich nehmen; aber der Geist Raphael, der kein Fleisch und kein Blut hat, könnte sich mit dem Riesen Herkules und mit dem Philister Goliath messen! Merkwürdig, wie so ein Geist gar soviel verzehren kann! Nun verzehrt er bereits den zwölften Fisch, und das ist für einen Geist doch wahrlich wunderbar viel! Ich habe einen Fisch kaum weggebracht, und der Engel ist in derselben Zeit mit zwölfen fertig geworden! Nein, das ist denn doch ein wenig zu stark! Ich glaube, daß er noch einmal zwölf wegbrächte!“
GEJ|4|178|2|0|Sagt der Engel: „Nicht noch einmal zwölf, sondern zehnmal hunderttausendmal zwölf in einem Augenblick, und wären es auch lauter größte Walfische, wie der, in dessen Bauche der Prophet Jonas drei volle Tage hindurch ein etwas unbequemes Quartier genommen hatte!
GEJ|4|178|3|0|Ich bedarf der Fische zu meiner Nahrung nicht, wohl aber zur Bildung jenes naturgeistigen Äthers, aus dem ich mir nach dem Willen des Herrn diesen sichtbaren Leib bilden und zeitweilig erhalten muß, der, obschon geistig, des Fleisches und Blutes nicht ermangelt. Sieh her, sind das keine Blutadern, ist das nicht Fleisch?!
GEJ|4|178|4|0|Daß es in meiner mir vom Herrn verliehenen Macht steht, diesen Leib in einem Augenblicke wieder aufzulösen und ihn wieder zusammenzuziehen, das liegt in meiner bisher möglichst höchsten geistigen Lebensvollendung; aber ich bin nicht nur imstande, diesen meinen Leib mit meiner Willensmacht in einem Augenblicke aufzulösen, sondern auch den deinen und in einem gleichen Zeitraume auch die ganze Erde.
GEJ|4|178|5|0|Ist darum aber dein Leib nicht aus Fleisch und Blut bestehend, weil ich ihn in einem Augenblicke auflösen könnte?! Oder bestehet darum die Erde nicht aus allerlei festester Materie und aus Wasser, Luft und einer zahllosen Menge von Urstoffen, so ich sie auch mit des Herrn Zulassung in einem dir nicht denkbar schnellsten Augenblicke auflösen könnte in die urgeistigen Spezifikalteilchen, deren Volumen deinem Auge, so es auch ein materielles Etwas wäre, ein barstes Nichts wäre?!
GEJ|4|178|6|0|Darum, Freunde, denket, denket zuvor, ehe ihr ein Wort über eure Lippen fließen lasset, damit ihr als Jünger Gottes nie einen Unsinn aussprechet, mit dem ihr eurem Meister wahrlich keine Ehre antut! Ihr habt nun wohl schon so manches gesehen, gehört und erfahren; aber von der innern Geistesgröße und Macht eines – sage – nur Engelsgeistes, geschweige vom ewigen Geiste Gottes, habt ihr ja noch keine blasse und dunstige Idee! Und ihr könnet hernach spitzige Bemerkungen über das machen, was ein Erzengel zu seiner zeitweiligen, scheinleiblichen Erhaltung benötigt?!
GEJ|4|178|7|0|Meinst du wohl, daß du meine wahre Urlichtgestalt ertrügest, so ich mich dir in derselben zeigen wollte?! Siehe, das Feuer meines Urseinlichtes ist mächtig genug, um eine zahllose Menge von Urzentralsonnen zu vernichten, geschweige dich und diese ganze Erde! Damit aber das durch meine Gegenwart nicht geschieht, muß ich diesen Scheinleib nach dem allmächtigen Willen des Herrn mir bilden und mein eigentliches Wesen derart umhüllen, daß da jede Störung der Ordnung im Gerichte der Materie vermieden werde. Aber es muß dennoch zuvor die Materie durch mein inneres Lebensfeuer vorbereitet werden, um demselben als Schutzhülle dienen zu können! Und darum muß ich notwendig mehr der materiellen Kost zu mir nehmen als irgendeiner aus euch.
GEJ|4|178|8|0|Das wußtet ihr zwar nicht und konntet es nicht wissen; aber das konntet ihr schon wohl wissen, daß unsereins nicht darum vom Herrn in diese Erscheinlichwerdung berufen wurde, um vor euch zu eurem Ärger einen Vielfraß oder einen Spaßvogel oder einen Schnellzauberer zu machen, sondern um euch vielseitig zu nützen, und um euch einen tastbaren Beweis von der Anwesenheit der Engel Gottes und ihrer Macht zu geben! So ihr aber das einsehet, wie möget ihr spitzige Bemerkungen über mein Essen machen?“
GEJ|4|178|9|0|Sagt Kornelius: „Lieber, herrlichster Bote des Herrn aus den Himmeln, o zürne mir nicht darum; denn du siehst es ja, daß wir geistig nichts als kaum neugeborene Kinder in der Wiege sind und mehr ein Traumleben leben als irgendein sich schon vollends bewußtes! Iß du in der Folge, wieviel du nur immer willst; es wird sich von uns allen wohl nie jemand mehr von ferne beifallen lassen, darüber irgendeine noch so leise Bemerkung zu denken, geschweige sie auszusprechen. Zugleich aber statten wir dir hiermit auch unsern Dank für die großartige Belehrung ab, die du uns in deinem gerechtesten Ärger über unsere beharrliche Dummheit hast zukommen lassen. Wissen wir, wie jetzt, um das Warum, dann werden wir übers Darum sicher nie ein schiefes Urteil fällen! Ist uns aber das Warum fremd, wie soll uns hernach das Darum bekannt sein? Daher noch einmal meinen ganz besonderen Dank für deine nunmalige große und wichtige Belehrung!“
GEJ|4|178|10|0|Sagt Raphael: „Der Dank gebührt allein dem Herrn, der euer wie auch unser Vater ist von Ewigkeit! Laßt aber diese Belehrung auch auf alle andern im Leben vorkommenden Erfahrungen und Erscheinungen übergehen, so werdet ihr uns Engeln jüngst als würdige Brüder an der Seite stehen! Nichts sollet ihr bekritteln und belachen, außer die Lüge und den Betrug! Denn der Lügner soll allzeit zu Schanden stehen und der Betrüger an den Pranger gestellt werden, auf daß er verkoste die Frucht der Lüge und des Betrugs!
GEJ|4|178|11|0|Bei jeder andern Gelegenheit sollet ihr die irrende Menschheit sanft belehren. Richtet sie sich danach, dann ist's wohl und gut; richtet sie sich nicht danach, dann möget ihr die Saiten schon straffer spannen! Nützt das auch nichts, so sperret solche Eigensinnige in ein Korrektionshaus, und lasset sie fasten und nötigenfalls auch züchtigen mit Ruten; denn bei einer rechten und guten Zucht soll die Rute nicht fehlen! Auch wir als eure geheimen Erzieher, bedienen uns derselben bei Menschen, die eigensinnig und sehr halsstarrig sind. Also auch diese Lehre behaltet und handhabt sie, wo es notwendig ist, so werdet ihr unter Menschen wandeln; sonst aber nur unter allerlei wilden Tieren, die in menschlichen Larven stecken!“
GEJ|4|178|12|0|Sagt Cyrenius: „Herr, hat der Engel das aus sich allein – oder alles nur aus Dir geschöpft?“
GEJ|4|178|13|0|Sage Ich: „Mein Freund, dein Gedächtnis ist schon wieder irgend zu kurz geworden! Habe Ich euch ja doch vor etlichen Tagen sattsam erklärt, was die Engel sind, und wie sie denken, wollen und handeln, und nun fragst du schon wieder darum! So sie nur durch Meinen Willen belebte Formen sind, was haben sie Selbstisches dann? Welchen Gedanken können sie für sich denken, da sie doch nur ein Ausfluß Meines Willens und ein Sammelgefäß Meiner Gedanken und Meiner Ideen und Absichten sind?
GEJ|4|178|14|0|Wenn sie selbständig denken, wollen und handeln sollten, müßten sie vorher gleich euch am Kindertische speisen und in eurem Fleische diese Erde segnen! Aus dem aber geht doch etwa sonnenklar hervor, daß das, was euch der Engel Raphael nun gesagt hat, Mein Wort, Meine Rede und Mein Wille ist, den ihr ebenso zu beachten habt, als hätte Ich ihn unmittelbar Selbst ausgesprochen.
GEJ|4|178|15|0|Ihr müsset Meine Worte tiefer ins Herz fassen, so werden sie dann eurem Gedächtnisse nicht gar zu leicht untreu werden; denn alles, was einmal das Herz lebendig erfaßt hat, das bleibt dann sicher auch in der Erinnerung fest sitzen, und ihr habt es bei tauglicher Gelegenheit gut hernehmen. Wollt ihr euch aber das von Mir Gesagte nur allein im Gedächtnisse merken, so werdet ihr es zum größten Teile in einem Jahre wenigstens hundert Male vergessen; denn im Alter ist das Gedächtnis nicht mehr so saftig wie in der Jugendzeit. Es vergißt aber schon die Jugend leicht, was sie gelernt hat, geschweige das Alter. Was aber das Herz einmal ergriffen hat, das ist ins Leben übergegangen und bleibt für ewig!
GEJ|4|178|16|0|Ich sage es euch, was ihr immer auf dieser Welt nur ins Gedächtnis aufgenommen habt, davon wird im Jenseits nicht ein Jota verbleiben; darum erscheinen jenseits alle trockenen Weltgelehrten wie Taube, Blinde und Stumme, wissen gar nichts und können sich an nichts erinnern. Sie kommen jenseits nicht selten so jedes Begriffes bar an, wie ein Kind aus dem Mutterleibe in diese Welt. Sie müssen dort alles von den ersten Elementen neu zu lernen und zu erfahren anfangen, sonst blieben sie taub, blind und stumm in Ewigkeit und hätten nichts denn ein dumpfes Gefühl vom Dasein, ohne jedoch zu fühlen, daß sie es sind, die schon auf der Erde da waren. Das muß ihnen allererst so nach und nach auf die sinnigste Weise beigebracht werden.
GEJ|4|178|17|0|Wo es beim Menschen im Herzen finster ist, da ist schon gleich der ganze Mensch finster; wo es aber da licht und helle ist, da ist der ganze Mensch helle, und es kann bei ihm nimmer finster werden! Darum fasset das, was ihr vernehmet, gleich ins Herz auf, so wird es in euch bald helle werden!
GEJ|4|178|18|0|So ihr das alles begriffen habt und aufgenommen in euer Herz, so lasset uns nun auf etwas anderes vorbereiten! Was da nun bald anlangen wird, wird euch viel Denkens machen; aber ihr werdet daraus sehr vieles ablernen und zu seiner Zeit auch bestens davon Gebrauch machen können.“
GEJ|4|179|1|1|179. — Das Volk von Abessinien und Nubien
GEJ|4|179|1|0|(Der Herr:) „Die meisten von euch kennen wenigstens den Sagen nach das altberühmte Ägypterland.
GEJ|4|179|2|0|Hinter den großen Wasserfällen des Nils befindet sich ein sehr fruchtbares und großes Gebirgsland, und hat den Namen hAbi ie sin (das ist des hAbi Sohn). Dieser hAbi ist ein Nachkomme Kains und nicht Noahs; denn das Hochland, wie noch mehrere Länder der Erde, blieb zu Noahs Zeiten von der großen Flut verschont.
GEJ|4|179|3|0|Der Sohn dieses hAbi ward wie Nimrod ein mächtiger Jäger. Er erfand die Keule und den Bogen, und alle Tiere von noch so reißend grimmiger Wildheit flohen schon von weitem vor ihm; denn er war ein Riese. Seine Stimme machte Felsen beben, mit seiner mächtigen Keule zerschlug er Felsen, und mit seinem Bogen schoß er zehn Pfund schwere Pfeile tausend Schritte weit; und auf was er gezielt hatte, das traf er sicher und machte es zu seiner Beute.
GEJ|4|179|4|0|Nebstdem er aber ein Meister über alle Tiere ward, gehorchten ihm auch alle seine schwächeren Brüder und Schwestern. Er war sehr ernst, aber dabei dennoch gegen Menschen niemals grausam, ja nicht einmal hart; aber was er anordnete, das mußte geschehen.
GEJ|4|179|5|0|Er glaubte an einen irgend fernen, allmächtigen Gott, von dem ursprünglich alle Dinge herrühren. Aber dieser Gott habe unzählig viele und überaus mächtige Diener und Knechte, sichtbare und unsichtbare. Einige hätten zu gebieten über Sonne, Mond und über alle Sterne, ein Teil über das Erdreich, ein Teil übers Wasser, ein Teil übers Feuer und so weiter, ein Teil übers Gras, über Bäume und Gesträuche, ein Teil über die Gewässer über und unter der Erde, ein Teil über die Metalle, ein Teil über die Vögel in der Luft, ein Teil über alle Tiere im Wasser und ein Teil über alle Tiere, die auf der Erde umhergehen und -kriechen.
GEJ|4|179|6|0|Diese unsichtbaren Diener und oft sichtbaren Knechte müßten von den sterblichen Menschen stets in hohen Ehren gehalten werden durch Gehorsam und strenge Beachtung der Gesetze, die sie zu Zeiten den Menschen gäben. Den Ungehorsam straften sie stets auf eine allerempfindlichste Weise durch allerlei Übel, die sie über die ungehorsamen Menschen erlassen würden, die ihrer nicht achten, ihre Gesetze nicht befolgen und sich als Menschen auch gegenseitig unfreundlich betragen.
GEJ|4|179|7|0|Kurz, dieser Sohn des hAbi war der erste Regent dieses damaligen Völkleins und zugleich der erste Priester, der ihm einen notdürftigen Begriff von Gott und anderen geistigen Wesen beibrachte, und war in der Linie ein sechster Nachkomme Kains und ein siebenter Adams.
GEJ|4|179|8|0|Er lehrte es die zahmen Tiere kennen, behandeln und zum Haushalte verwenden und war somit ein rechter Gründer einer Hirtenkolonie und lehrte es auch so manche Früchte als Nährmittel erkennen, in den Gärten bauen, pflegen und veredeln; er lehrte es auch Hütten aus Steinen, Palmen und Lehm erbauen und darin eine sichere Wohnung nehmen.
GEJ|4|179|9|0|Er selbst säuberte das ganze, große Land von den reißenden, wilden Bestien. Schon seine ebenso riesig mächtigen Söhne ernteten den Segen der rastlosen Mühen ihres mächtigen Vaters. In einem Verlaufe von ein paar Jahrhunderten war dies schwarzhäutige Völklein zu einem großen und mächtigen Volke herangewachsen und hatte gute Sitten und eine recht zweckmäßige Staatseinrichtung, klüger und besser denn Ägypten selbst unter den ersten Oberhirten (Varaonen).
GEJ|4|179|10|0|Dies recht glückliche Volk aber verrammte alle irgend möglichen Zugänge derart, daß es sogar den fremden wilden Tieren nahe rein unmöglich war, die reichen Herden dieses weit und breit ausgedehnten großen Landes, das die fünffache Größe des ganzen Gelobten Landes hatte, zu besuchen und ihnen zu schaden. Aus diesem Grunde aber drang auch bis zur Stunde kein fremder Feind in dieses Landes grüne Gefilde, obwohl sich das Volk bis jetzt schon weit über die alten Grenzen ausbreitete. Jedes neuen Besitztumes Grenzen aber verrammte dieses Volk auch derart, daß es einem Feinde nicht leicht möglich würde, über diese Grenzen ins Innere des Landes zu dringen.
GEJ|4|179|11|0|Gegen Ägypten heraus, wo die letzten Ausläufer des Komrahai-Gebirges den höchst schroffen Anfang nehmen, haben sie einen einzigen Ausweg. Es ist ein ganz entsetzlicher Engpaß, der aber bei vier Stunden Weges in vielen verirrbaren Windungen zumeist unterirdisch im obersten Teile Ägyptens ausmündet und durch eine sehr enge Grotte führt, – welcher Ausweg aber erst zu den Zeiten Mosis von den Eingeborenen gefunden ward, und zwar von Flüchtlingen, die als große Staatsverbrecher vor der gefürchteten Strafe flohen. Als man sie verfolgte, flohen sie in ein Felsenloch, um sich dort zu verbergen. Als sie etwa bei fünfhundert Schritte in dem Loche vorwärtsdrangen, bewaffnet mit Bogen und Pfeil, entdeckten sie in der entgegengesetzten Richtung Tageslicht und eilten auf dasselbe los; sie erreichten es bald und waren sehr froh, ihren Verfolgern so glücklich entronnen zu sein. Diesseits in eine früher nie gesehene Freie gelangt, verlegten sie sogleich den Ausgang mit Steinen, auf daß es ihren Verfolgern ja nicht möglich sein solle, je in diese weite, schöne, freie Landschaft zu gelangen.
GEJ|4|179|12|0|Die Zahl der Flüchtigen war im ganzen siebzig Köpfe, darunter sechsunddreißig Männer und vierunddreißig Weiber; den, der kein Weib hatte, machten sie zu ihrem Anführer, weil er unter ihnen auch so der Erfahrenste war; einer aber war noch zu jung, ein Weib zu haben, und ward darum zum Diener des Anführers.
GEJ|4|179|13|0|In dieser Gegend hielten sich diese Flüchtlinge bei anderthalb Jahre auf. Sie konnten aber mit der Säuberung dieser Gegend nicht fertig werden, obwohl sie die meiste Zeit  auf der Jagd auf die reißenden Bestien standen. Sie brachen nach abgelaufener, vorbesagter Zeit auf und zogen nach dem Nil nordwärts, wie sein ganzer Zug gehet, weiter, kamen nach ein paar Wochen bis zu den Katarakten, die man nun von Ägypten aus die zweiten nennt. Da fanden sie viele Mühe und Arbeit, um da weiter vorwärtszukommen.
GEJ|4|179|14|0|Am rechten Ufer des Nils wären sie wohl leichter vorwärtsgedrungen, aber sie befanden sich am linken Ufer, und da sieht es in dieser Gegend sehr zerklüftet aus und hat keinen Mangel an allerlei Getier, das den Menschen nicht gar freundlich gesinnt ist. Sie wollten, weil die Reisebeschwerden kein Ende nahmen, schon wieder umkehren und in die frühere Gegend zurückziehen, da kam ihnen im Rücken eine große Herde Rinder und Schafe nach und zog ebenfalls nach Norden. Diese Erscheinung machte sie glauben, daß ihre Verfolger ihnen auf die Spur gekommen seien. Sie machten sich denn auf und drangen, so gut es nur immer ging, weiter und gelangten nach einer mühevollen Tagesreise endlich in eine schöne, große und überaus fruchtbare Gegend.
GEJ|4|179|15|0|Da strotzte es von Datteln und Feigen, und es gab große Herden von Schafen und Rindern, die ganz frei und ohne Besitzer umherzogen und weideten. Jene Herde aber, die unsere schwarze Menschengesellschaft zum Weiterziehen zwang, verlor sich in den Schluchten der Katarakte und kam nicht nach, was unserer Gesellschaft sehr recht war, weil sie dadurch versichert zu sein glaubte, daß ihr die vermeinten Verfolger nicht nachkommen würden.
GEJ|4|179|16|0|In dieser neuen Gegend suchte sich die Gesellschaft vorderhand einmal den möglichst besten Platz aus, befestigte ihn und ließ sich daselbst nieder. Es war ein schöner, glatter Hügel am Nil und voll bewachsen mit Datteln, Feigen und schönen Palmen; außer einigen Affen war keine Spur von einem andern reißenden Getier anzutreffen.
GEJ|4|179|17|0|Hier vermehrten sich diese Menschen und machten in ein paar hundert Jahren ein ganz bedeutendes Volk aus, das sich aller der freien Herden bemächtigte und Hütten und sogar Dörfer erbaute und ganz gut lebte. Es hatten aber alle den Glauben und alle die Sitten und Gebräuche, die der Sohn des hAbi eingeführt hatte.
GEJ|4|179|18|0|Dieses große, damals sehr schöne und fruchtbare Land benannten die schwarzen Einwohner mit dem Namen ,Noua Bia‘, das heißt verdolmetscht Neue Wohnstätte.
GEJ|4|179|19|0|Von da aus machte dieses Volk mit der Zeit auch Bekanntschaft mit den Ägyptern, die sich nachher alle Mühe gaben, diese ersten schwarzen Menschen zu unterjochen, was ihnen aber dennoch nicht völlig gelingen wollte. Es waren das auch die ersten ganz schwarzen Menschen, die die Ägypter zu sehen bekamen.
GEJ|4|179|20|0|Anfangs hielten die Ägypter diese Menschen für große Affen; allein als sie merkten, daß diese Menschen auch sogar eine ihrer Sprache nahe völlig ähnliche Zunge redeten, fingen sie an, sie für wirkliche Menschen zu halten, kauften von ihnen Rinder und Schafe, und diese Schwarzen lernten von den Ägyptern dafür allerlei Künste und Wissenschaften, die sie sehr gut brauchen konnten, besonders die Bereitung der Metalle, von der sie bisher noch keine Kenntnis hatten.
GEJ|4|179|21|0|Bei diesem Volke sind bis auf den heutigen Tag ihre alte Religion und alle die alten Sitten und Gebräuche geblieben, die sie vom Sohne des hAbi überkommen haben.
GEJ|4|179|22|0|In diesem Jahre aber ist bei diesem Volke ein Seher auferstanden und hat seinen schwarzen Brüdern und Schwestern kundgetan ein außerordentliches Gesicht, das er sieben Male hintereinander hatte. Er beschrieb ihnen den Weg, den er zu gehen hätte, um auf der Erde an den Ort zu gelangen, wo sich Der aufhalte, der die Menschen die Wahrheit und den großen unbekannten Gott kennen lehre.
GEJ|4|179|23|0|Und seht, dieser Seher aus Noua Bia wird mit einer ganz ansehnlichen Gesellschaft noch vor dem Mittage hier in der Gegend von Cäsarea Philippi anlangen; wir werden darum einen Boten hinsenden, daß er hingehe und sie bringe hierher! Sie sind auf vielen Kamelen dahin gekommen und haben viele Schätze mitgebracht und werden, was sie hier verzehren, alles mit Gold und Edelsteinen bezahlen.
GEJ|4|179|24|0|Du, Markus, sieh dich darum vor, daß diese Nubier ganz gut versorgt werden! Denn als du Mich gestern abend batest, diesen Tag über noch bei dir zu verbleiben, da gab Ich deiner Bitte nach und blieb, ansonst Ich mit Meinen Jüngern schon heute vor dem Aufgange dieser Mich suchenden Karawane entgegengezogen wäre. Ich blieb aber, und dieses Bleiben wird heute deinem Hause noch viel Arbeit machen; aber du wirst schon deine Rechnung finden.“
GEJ|4|180|1|1|180. — Der Herr sendet der nubischen Karawane einen Boten entgegen
GEJ|4|180|1|0|Fragt Mich Markus mit einem überfreudigen Gesichte: „Herr, Du Allwissender! Wie viele Personen zählt die Karawane?“
GEJ|4|180|2|0|Sage Ich: „Sie besteht genau aus siebzig Köpfen, darunter auch, wie bei ihren flüchtigen Ureltern, vierunddreißig Weiber und sechsunddreißig Männer sich befinden. Der eine Weiberlose ist der Seher, und der zweite Weiberlose ist sein Diener!
GEJ|4|180|3|0|Sehet, so wurden diese Schwarzen vor nahe tausend Jahren flüchtig, und zwar auf Grund einer Neuerung gegen die Gesetze, die freilich zu den Zeiten Mosis nicht mehr ganz das waren, was sie waren vor der Sündflut! Der alte Anführer, der flüchtig ward, wollte die alten Sitten und Gebräuche wieder beleben; allein er stieß auf lauter Feinde, die ihn samt seinem Anhange ganz jämmerlich zu verfolgen anfingen, so daß ihm am Ende nichts übrigblieb, als zu fliehen vor der blinden fanatischen Übermacht seiner gar vielen Feinde.
GEJ|4|180|4|0|Jene Flucht war demnach ein prophetisches Vorzeichen zum Empfange eines höheren Lichtes und deutete zu den Zeiten Mosis auch den besseren Nachkommen Kains an, daß in dieser Zeit auch ein Erlösungslicht aufgehen werde. Die Schwarzen werden zwar zum alten Brunnen Jakobs nicht völlig gelangen gleich den Kindern Abrahams, aber dessen herrliches Wasser sollen sie dennoch zu trinken bekommen, so es sie danach dürstet.
GEJ|4|180|5|0|Und nun werde ein Bote erwählt, welcher der oberägyptischen Zunge mächtig ist! Im Lager des Julius befindet sich ein Wachführer; den rufet Mir her, auf daß Ich ihn unterweise, wie er den Anführer sogleich erkennen werde, und was er ihm zu sagen haben wird!“
GEJ|4|180|6|0|Julius erhob sich eiligst selbst vom Tische und eilte hin ins Lager, berief den Wachführer und brachte ihn alsogleich zu Mir.
GEJ|4|180|7|0|Als dieser Stockrömer bei Mir ankam, sagte er: „Allerhöchster Sohn des allererhabensten Zeus! Was gebietest Du mir, das ich tun soll? Zwar bin ich im höchsten Grade unwürdig, von Dir einen Befehl zu erhalten – des höchsten Gottes Sohn gebietet nur den Untergöttern, diese den Fürsten der Erde, diese ihren obersten Feldherrn, diese dann erst ihren Obersten und Hauptleuten, und diese dann erst ihren Sklaven, die wir zu sein die hohe Ehre haben –; aber Du, Allerhöchster, willst hier eine Ausnahme machen, und so bitte ich Dich um Deine heiligen Befehle!“
GEJ|4|180|8|0|Sage Ich: „Ganz gut, ganz gut, Mein lieber Freund! Du bist zwar noch ein Stockrömer, aber treu und ehrlich deines Glaubens und deines Standes. Du bist längere Zeit in Ägypten gestanden, hast das Altägyptische verstehen und sprechen gelernt und sollst Mir nun einen Boten in die Gegend von Cäsarea Philippi abgeben. Du bist ein guter Reiter und wirst zu Pferde bald am rechten Orte und an rechter Stelle sein.
GEJ|4|180|9|0|In der Nähe der abgebrannten Stadt wird dir eine Karawane von siebzig schwarzen Menschen unterkommen; voran sind, auf zwei weiß umhüllten Kamelen reitend, rechts der Anführer und links sein Diener. Der Anführer wird dich grüßen schon von weitem. Er ist ganz weiß angezogen; aber sein Gesicht wirst du kohlschwarz finden. Ebenso seine Hände und Füße; aber im Herzen sieht es bei ihm um vieles heller aus denn auf seines Leibes Haut. Diesem sage: ,Du hast das Ziel deiner Mühe erreicht; folge mir! In wenigen Augenblicken wirst du vor dem Angesichte Dessen stehen, den du nach deinem sieben Male gehabten Gesichte suchtest!‘
GEJ|4|180|10|0|Solches rede du in der altägyptischen Zunge mit ihm, deren du wohl fähig bist! Gehe nun, sattle dein Tier und gehe dann schnell ab; wo sich die Hauptstraßen kreuzen, wirst du mit ihnen zusammentreffen!“
GEJ|4|180|11|0|Als der Wachführer solches von Mir vernommen hatte, machte er eine tiefste Verbeugung und sagte: „Außer nur vor den Göttern verbeugt sich ein römischer Veteran niemals; aber Dir allein gebühret alle Verehrung und alle Anbetung! Und nun an den anbefohlnen Dienst!“
GEJ|4|180|12|0|Schnell eilte der schon grau gewordene Krieger von dannen, war auch eben ganz in voller Rüstung auf seinem arabischen Gaule und sprengte pfeilschnell dem angezeigten Orte zu. Eine ferne Staubwolke gab gewisserart ein sicheres Zeichen, daß sich die starke Karawane dem bezeichneten Orte nahe. Unser Bote war in wenigen Augenblicken an der bezeichneten Stelle und wartete noch eine Viertelstunde auf die volle Ankunft der großen Karawane. Wir konnten sie, wenn wir über des Hauses Ecke hinaustraten, sehen; denn es war bis dahin nur eine schwache halbe Stunde Weges.
GEJ|4|180|13|0|Als der Anführer an den bis an die Zähne gerüsteten und bewaffneten Wachführer kam, hielt dieser ihn auf und fragte ihn zuerst nach der Römer Kriegssitte, wohin zu gehen er willens sei, und was ihn in seiner Heimat zu dieser Reise bestimmt habe.
GEJ|4|180|14|0|Der Anführer blieb stehen, sah dem Römer fest ins Angesicht und sagte in einem sehr ernst klingenden Ton: „Römer! Wer hieß dich mich hier erwarten? Wir kommen heute schon vom großen Meere her und zogen durch Steppen und Wälder. Von Alexandria weit übers Meer trugen Schiffe uns; nur Vögel konnten uns sehen von Ägypten bis hierher! Du bist der erste Mensch, der uns unterkommt auf der ganzen Reise; wie konntest du wissen, daß wir hier ankommen? Wer hat dir unsere Ankunft geoffenbart? Bist du ein Seher? Aber du trägst Waffen, die oftmals ins Menschenblut getaucht worden sind, und kannst sonach kein Seher sein; denn wisse, es gibt ein allererstes und ein allerhöchstes Gottwesen über alle eure Götter und über alle Menschen, von welcher Hautfarbe sie auch sein mögen!
GEJ|4|180|15|0|Ich hatte sieben Male dasselbe Gesicht; in diesem Gesichte sah ich stets nur diese Gegend in einem unbeschreiblichen Lichte. Ein kleines Häuflein Menschen von weißer und brauner Haut standen schon in diesem großen Lichte und leuchteten selbst wie Sonnen. Aber mitten unter diesen Lichtmenschen stand einer, der leuchtete mehr denn hunderttausend Sonnen! Von dem ging alles Licht aus; ja, es war in mir das Gefühl, als wäre die ganze Unendlichkeit voll seines allerunmeßbarsten Lichtes! Aber so unbeschreibbar helle auch sein Licht war, so tat es doch nicht wehe wie bei uns das viel schwächere Licht der Sonne.
GEJ|4|180|16|0|Am Ende des allzeitig gleichen Gesichtes vernahm ich immer die klaren Worte: ,Da ziehe hin, du Schwarzer, dort wird auch deine Nacht erhellet werden!‘ Solches gab ich kund allen meinen schwarzen Brüdern und Schwestern, und wir entschlossen uns, diese Reise gar von Nouabia aus zu unternehmen, und sind nun schon bei drei Monden lang auf dem Wege.
GEJ|4|180|17|0|Ich wußte es wohl, wohin wir zu ziehen hatten; denn mein Geist, der mich begleitete schon bei sieben Jahre lang, hatte es mir gesagt, daß der Ort, den ich in meinem Gesichte sah, sich in Asia und zwar an der Küste des großen Meeres befinde. Ich erkannte vom Meere aus die Küste sogleich als diejenige, die ich sieben Male in meinen Gesichten erschaut hatte. Als wir am rechten Punkte waren, da bestiegen wir alsbald das Land. Es zeigte sich auch gleich ein Weg, auf dem wir bis hierher gewandelt sind, – und da kommst du uns entgegen! O sage, wer verriet uns dir? O rede! Ich ahne Großes!“
GEJ|4|180|18|0|Sagt der Römer: „Du hast das Ziel deiner mühevollen Reise erreicht! Folge mir! In wenigen Augenblicken wirst du vor dem Angesichte Dessen stehen, den du nach deinem sieben Male gehabten Gesichte suchtest!“
GEJ|4|180|19|0|Der Anführer gebot sogleich allen, dem Römer zu folgen; denn dieser sei offenbar ein Bote Dessen, den sie sucheten.
GEJ|4|180|20|0|Der Römer ritt sogleich voran, und die ganze Karawane folgte ihm.
GEJ|4|181|1|1|181. — Der Herr spricht mit dem Anführer der Nubier
GEJ|4|181|1|0|Der Ritt ging hurtig vonstatten, und unser Wachführer brachte die ganze Karawane zu uns, die wir alle noch ganz wohlgemut an den Tischen saßen.
GEJ|4|181|2|0|Als Meine Jarah die kohlschwarzen Gesichter mit den förmlich blutroten Lippen und sehr weißen Augen ersah, erschrak sie ordentlich und sagte: „O Herr, tun einem diese Wesen wohl nichts? Die sehen ja doch ganz entsetzlich schwarz aus! Ich habe wohl schon Mohren gesehen, aber so entsetzlich schwarz noch nie einen, wie diese da sind! Was sie nur für ein starkes Gebiß haben! Wahrlich, Herr, wenn ich nicht bei Dir wäre, finge ich an, mich ganz entsetzlich zu fürchten! So einen Schwarzen zu lieben, wäre eine Aufgabe für ein zartfühlendes Mädchenherz!“
GEJ|4|181|3|0|Sage Ich: „Schon gut, Meine allerliebste Tochter, – aber schön gescheit, Mein Kindchen! Wer wird sich denn vor einer Farbe fürchten? Jetzt warst du wohl ein wenig kindisch, – aber es macht nichts! Gib nun nur auf alles fein acht; denn da werden jetzt gar wichtige Dinge verhandelt werden!“
GEJ|4|181|4|0|Sagt die Jarah: „Aber davon werde ich sicher nicht viel verstehen; denn mit der altägyptischen Zunge ist's bei mir Nacht, und eine andere können diese Schwarzen nicht!“
GEJ|4|181|5|0|Sage Ich: „Es wird alles verdolmetscht werden; sei daher nun ruhig, rede nichts, sondern höre!“
GEJ|4|181|6|0|Auf das wird die Jarah still, und Ich lasse sogleich den Anführer und Seher zu Mir kommen und frage ihn, was ihn und seine Gefährten die weite Reise hierher zu machen bestimmt habe. Ich wußte es natürlich gar wohl von der Wurzel aus; aber Ich mußte ihn dennoch also fragen, damit ihm Gelegenheit werde, sich zu entäußern und sein Anliegen vorzubringen.
GEJ|4|181|7|0|Auf Meine Frage, die Ich ihm in der jüdischen Zunge gestellt hatte, gab er (der Anführer) auch in unserer Sprache folgende Antwort: „Für mich namenlosester, allererhabenster Mensch dieser Erde, vergib es mir armem, schwachem Halbmenschen, so ich mir die schüchterne Bemerkung zu machen unterfange, daß ich in dir ebendieselbe Person entdecke, die ich vor vier Monden in meinen gehabten stets gleichen sieben Gesichten in einem unbeschreibbar hellsten Lichte geschaut habe, und die ich auch aufsuchen ging bis nahe ans Weltende, und in meinem Herzen tiefst ergriffen, auch nun in der Wirklichkeit gefunden zu haben glaube! Wolltest du, Erhabenster, mir denn nicht kundtun, ob ich recht habe in meinem Erkennen?“
GEJ|4|181|8|0|Sage Ich: „Es würde dir wenig nützen, so Ich dir sagete ja oder nein; du mußt es selbst erkennen! Forsche, und es wird dir schon klar werden! Bist du so weit gekommen, so wirst du auch noch weiter kommen; aber du mußt es selbst ernstlich und fest wollen! Jede äußere Belehrung ist zu nichts nütze, wenn sie nicht zugleich von innen aus gewonnen wird. Sieh, du sprichst nun gut jüdisch! Kannst du dich erinnern, daß du je irgendwann diese Sprache erlernt hast? Frage auch deine Gefährten, die nun auch diese Sprache ganz gut verstehen, ob sie irgendwann diese Sprache erlernt haben! Gehe hin und überzeuge dich!“
GEJ|4|181|9|0|Der Anführer lenkt sein Kamel sogleich zu seinen Gefährten und redet sie auf jüdisch an. Alle verstehen ihn und geben ihm auch Antworten in unserer Sprache. Darüber wird der Anführer ganz außer sich vor Verwunderung und weiß sich nicht Rat zu schaffen, wie er und alle seine Gefährten zu der Kenntnis der jüdischen Sprache gekommen sind; denn er weiß nicht, daß Ich solches vermitteln kann.
GEJ|4|181|10|0|Er (der Anführer) kehrt nach der gemachten Erfahrung zu Mir zurück, noch immer auf seinem Kamele sitzend, und sagt: „Erhabenster Mensch der Erde! Da kenne ich mich in meiner schwarzen Haut nicht aus; denn es ist dies meine erste Reise, die ich je gemacht habe! Ich habe nie mit Sprachen und Eigenschaften fremder Länder je irgendeine Bekanntschaft gemacht und bin total arm an allerlei Erfahrungen, und bei mir daheim im Lande geht es sehr einfach zu. Das Land ist zwar gut und schön, aber für uns bietet es nichts Neues. Es ist also möglich, daß dies Land die Eigenschaft innehat, daß ein Fremder, sowie er das Land betritt, auch den Geist der Volkssprache in sich aufnimmt und sogleich mit den Eingeborenen also reden kann, als wäre er selbst ein Eingeborener. Ob solches möglich oder unmöglich ist, weiß ich nicht zu beurteilen; daher wolle du mir darin eine Erklärung geben! In meinem Lande habe ich so etwas ja nie erproben können, da in dasselbe wohl noch nie ein Fremder eingedrungen ist!“
GEJ|4|181|11|0|Sage Ich: „Entlastet erst eure Kamele, führet sie auf die Trift am Meere, damit sie eine ihnen schon sehr nötige Rast nehmen, um euch dann leichter wieder in euer Land zurückbringen zu können; denn der Weg zurück ist um nichts kürzer denn hierher bis zu uns! Tut das und kommet dann wieder; es wird sich dann gleich zeigen, wieviel Lichtes ihr alle zusammen zu ertragen imstande seid!“
GEJ|4|181|12|0|Der Anführer verneigt sich und sagt: „Erhabenster Mensch der Menschen! Du hast überaus recht, so wir es nur wagen dürfen, mit unseren unheiligsten Füßen diese heilige Erde zu betreten; denn nach meinen Gesichten muß dieser Boden von einer unermeßlichen Heiligkeit sein!“
GEJ|4|181|13|0|Sage Ich: „So er für die Füße eurer Kamele nicht zu heilig ist, da wird er ja wohl auch für eure Menschenfüße nicht zu heilig sein!“
GEJ|4|181|14|0|Sagt der Anführer: „Ja wahrlich, wahrlich, wahrlich! O erhabenster Mensch der Menschen der Erde, du bist höchst gut und überweise!“
GEJ|4|181|15|0|Darauf lenkt er sein Kamel wieder zu seinen Gefährten und richtet ihnen Meinen Wunsch aus. Sogleich liegen die Kamele auf den Knien, und ihre Reiter steigen herab zur Erde. Darauf erheben sich diese wohlabgerichteten Tiere und werden auf die Trift am Meere geführt, allwo sie zu grasen beginnen und sich dabei ganz behaglich gut geschehen lassen. Zehn Neger werden bei den Kamelen zur Hut beordert, der übrige Teil aber kehrt sogleich mit dem Anführer zu Mir zurück.
GEJ|4|181|16|0|Als sie bei Mir ankommen, da frage Ich ihn (den Anführer) zuerst um seinen Namen, und er sagt: „Mein Name ist dem gleich, was ich bin; in unserer Zunge lautet er Ou bratou vishar. Bei uns hat niemand einen Namen außer den seiner Tätigkeitsweise; sonst heißen wir alle gleich Slouvi.“
GEJ|4|182|1|1|182. — Der Anführer erzählt seine Reise nach Memphis
GEJ|4|182|1|0|Ich frage weiter: „Wo bist du zu dieser deiner ganz schätzenswerten Bildung gekommen?“
GEJ|4|182|2|0|Sagt der Oubratouvishar: „Ich und mein Diener gingen vor zehn Jahren einmal den Nil entlang, begleitet von noch zwanzig der kräftigsten Unterdiener, die da eine schöne Herde Rinder nachzuleiten hatten; denn wer dort bei uns reisen will, muß eine reiche Herde mitnehmen, sonst kann er auf der Reise verschmachten. Feigen und Datteln wachsen nicht überall, sondern nur auf guten und fetten Böden; am Grase aber gibt es am Nil nirgends einen Mangel, und so hat er denn überall der Kühe nährhafte Milch, die eine Würze jeder Speise ist.
GEJ|4|182|3|0|Also ausgerüstet versuchten wir denn, wie vorbemerkt, vor zehn Jahren oder zehn Regenzeiten abwärts eine Wanderung zu unternehmen. Ein paar Tage kamen wir ohne Beschwerden ganz leicht vorwärts; aber am dritten Tage vernahmen wir schon von ferne ein mächtiges Donnern. Wir beschleunigten unsere Schritte und waren in der Zeit, in der man tausend Steine abzählen würde, an der ersten Abfallstelle des Nils. Da bot sich wenig Aussicht zum Weiterkommen. Einer unserer kecksten Kletterer erstieg einen hohen Felsen, um zu erspähen, wie es da mit der Gegend aussähe. Als er zu uns wieder zurückkam, beschrieb er mir einen Weg, der sich zwar weit nach links vom Nil entferne, aber in weiter Ferne wieder zum Nil komme. Ich beschloß darauf, diesen Weg zu verfolgen. An Klippen und andern Unwirtbarkeiten hatte dieser Umweg wahrlich keinen Mangel. Erst am Abende dieses Tages gelangten wir unter großer Hitze endlich auf eine mit vielen Palmen und Papyrusbäumen bewachsene Trift, in deren Mitte sich eine recht reiche Quelle befand, die unseren Herden und uns sehr wohl zustatten kam. Hier nahmen wir einen vollen Tag Rast.
GEJ|4|182|4|0|Am zweiten Tage brachen wir mit dem ersten Grauen des Tages auf und setzten unsere Reise fort. Mit dem Aufgange der Sonne erreichten wir wieder den Nil und eine von uns früher nie gesehene, breite Straße, auf der wir in einem halben Tage in die Nähe jener Stadt gelangten, von der uns unsere Voreltern viel zu erzählen wußten. Ungefähr bei gut zweitausend Schritte vor der Stadt lagerten wir uns; ich und mein Diener aber ritten in die Stadt, um uns eine Erlaubnis zu erbitten, in der Nähe der Stadt mit unseren nötigen Herden lagern zu dürfen.
GEJ|4|182|5|0|Als ich mit meinem Diener in die Stadt kam, ward ich von einer Menge sehr brauner Menschen umringt und befragt, wer und woher ich wäre. Andere aber rieten gleich und sagten: ,Thot e Noubiez!‘ (,Dieser ist ein Nubier!‘), und ich sagte: Ja, ich bin ein Nubier und möchte hier so manches Gute und Schöne von euch vollkommenen Menschen erfahren und erlernen!‘
GEJ|4|182|6|0|Da ließen diese Neugierigen einen alten Greis zu mir kommen, und der fragte mich um Verschiedenes klein aus, begab sich am Ende sogar in unser Lager und gab sich uns erst da so ganz zu erkennen, daß er ein oberster Priester dieser Stadt sei und zugleich ein von Rom aus bestellter Pfleger dieser Stadt und ihres weiten Bezirkes. Ich machte ihm sogleich ein Geschenk mit sieben der schönsten Kühe und zwei Stieren und mit zwanzig unserer feinstwolligen Schafe.
GEJ|4|182|7|0|Das machte den guten Alten sehr freundlich, und er sagte darauf zu mir: Unsere alte und reine Weisheit wird euch wohl recht viel nützen! Aber eignet euch ja von unseren gänzlich verdorbenen Sitten nichts an; denn diese sind schlechter als sehr schlecht! Diese Stadt war einst ein Stolz des Landes, was auch noch ihr Name Memavise (griechisch Memphis) = ,hat den höchsten Namen‘, klar und deutlich besagt; nun ist die namenlose Höchste nur ein weitläufiger Schutthaufen, wie ihr euch bald und leicht selbst überzeugen werdet!
GEJ|4|182|8|0|Das Volk, das noch hier ist, hat teils gar keinen Glauben an ein höchstes Gottwesen, und teils steckt es im finstersten Aberglauben, von dem es nimmer zu befreien ist. Nur wir wenigen leben noch in der alten, wahren Erkenntnis des einen, ewigen, wahren Gottes. Das Volk, das blinde und dumme, glaubt an etliche Tausende Götter; sogar den Tieren und ihren Überresten erweist es eine göttliche Verehrung, und wir müssen es dabei belassen.
GEJ|4|182|9|0|Es haben wohl unsere Urvorfahren schon dazu den Samen gelegt, und zwar dadurch, daß sie einigen Tieren ihrer großen Nützlichkeit wegen eine Art halb göttlicher Verehrung erwiesen, um das Volk mehr zur sorglichen Pflege dieser nützlichsten Landes- und Haustiere zu bestimmen. Die Alten wollten dadurch freilich nur die mannigfache Ausstrahlung der göttlichen Liebe und Weisheit in der Natur der Dinge dem damals noch sehr niedrig stehenden Volke beschaulich darstellen; aber mit der Zeit wird die Völkergeschichte, je tiefer sie in die Vergangenheit zurücktritt, ehrwürdiger und ehrwürdiger, stets mehr und mehr erscheint sie von einem gewissen göttlichen Hauche umdunstet, und schlechte und gewissenlose sogenannte Volkslehrer haben dann ein um so leichteres Spiel, alles im urgrauen Altertume Geschehene zu vergöttlichen und das blinde Volk im finstersten Aberglauben so tief als möglich zu begraben.
GEJ|4|182|10|0|Darum seid ja auf eurer Hut, ihr treuherzigen Nubier, und nehmet nur das, was ihr von mir hören werdet, als eine korrekte Wahrheit an; von allem aber, was ihr beim Volke sehen und hören werdet, wendet euch ab, – denn es ist schlechter als sehr schlecht! Ihr werdet es opfern und allerlei leere Zeremonie verrichten sehen; ja bei gar großen Feierlichkeiten werdet ihr sogar mich im glänzendsten Ornate an der Spitze erschauen. Stoßet euch aber dennoch nicht daran; denn mit alldem wirket nur meine Haut mit, mein Inneres aber ist und bleibt stets bei dem einen, ewigen, allein wahren Gotte, dessen Liebe mein Leben und dessen Licht mein wahres Wissen und Erkennen ist.
GEJ|4|182|11|0|Du und dein Diener aber kommet mit mir nun zu Fuß in die Stadt in meine Wohnung, allda ich dir alle näheren Anweisungen geben werde, wie du und deine Gefährten euch hier zu benehmen habt; auch werde ich euch und für eure Herden den rechten Platz zeigen, auf dem ihr als Fremde ein volles Jahr zubringen könnet, ohne von jemandem belästigt zu werden. Du und dein Diener aber werdet bei mir wohnen, auf daß ich dich in vielen Dingen unterweisen kann.‘
GEJ|4|182|12|0|Sagte ich: ,Guter Oberster! Das von dir aus meiner Hand gnädigst angenommene Geschenk aber wirst du wohl erlauben, daß wir es mit in die Stadt treiben dürfen?‘
GEJ|4|182|13|0|Sagte darauf sehr liebfreundlich der wahrhaft gute Oberste: ,Nicht jetzt, sondern in drei Tagen erst, wenn ihr eine andere Trift werdet bezogen haben! Aber dort müsset ihr eure Füße nach unserer Art beschuhen; denn zur Nachtzeit kriecht hier eine Menge kleiner Insekten und Würmchen über den stets sandigen Grasboden empor, verkriechen sich unter die Zehennägel und verursachen mit der Zeit große Schmerzen. In meinem Hause werde ich euch damit schon nach Möglichkeit bestens versehen; denn ich habe viele Knechte, Diener und Sklaven.‘
GEJ|4|182|14|0|Wir, ich und mein Diener, gingen nun mit dem Obersten in die große Stadt. Nach etwa viertausend Schritten gelangten wir in der Stadt auf einen großen Platz, der mit den großartigsten Gebäuden aus gewürfelten Steinen eingefaßt war. Mehrere dieser großen Gebäude waren schon bedeutend beschädigt, aber viele waren noch gut erhalten. Eines war aus lauter Säulen bestehend, und innerhalb der weitgedehnten Säulengänge waren riesenhaft große Statuen aller Art und Gattung ersichtlich; auch waren die Säulen mit einer Anzahl von allerlei Zeichen und Schriften versehen, die mir der Oberste hernach oft und häufig erklärte. Neben dieser Säulenhalle stand ein ungeheuer großer Palast, in welchem es sehr lebendig zuging.
GEJ|4|182|15|0|Da sagte der Oberste: ,Sehet, dies ist mein Wohnhaus; kommet nun herein und besehet alles, was darin ist!‘“
GEJ|4|183|1|1|183. — Der Fluch der Überkultur der Ägypter
GEJ|4|183|1|0|(Oubratouvishar:) „Vor diesem Palaste standen zwei ungeheuer große Säulen (Obelisken) ganz frei und waren auf allen Seiten voll beschrieben mit allerlei Zeichen, Figuren und Schriften; auch vor der großen Säulenhalle waren zwei gleiche Säulen angebracht.
GEJ|4|183|2|0|Wir gingen schüchternen Schrittes in das Haus des Obersten und hatten eine Weile zu gehen, bis wir in dessen Wohngemächer drangen. Ach, darin sah es schon so wundervoll schön aus, daß mir dabei ordentlich das Hören und Sehen verging.
GEJ|4|183|3|0|Ich verglich im Geiste meine armseligste Hütte daheim mit dieser Wohnung und sagte zu mir selbst: ,Warum sind denn wir Schwarzen gar so wunder arm in unserem Wissen und Erkennen? Warum können wir keine solchen Gebäude zustande bringen? Warum können wir noch immer nicht umgehen mit der Erzeugung der Metalle? Noch haben wir keine anderen Schneidewerkzeuge als die, die wir von den Ägyptern gegen unsere rohen Naturprodukte eingetauscht haben! Wie elend sind unsere Webestühle, wie schlecht unsere Spinnerei! Unter uns ist kein Geist, kein Talent, kein Eifer; wir sind kaum auf einer etwas höheren Stufe als unsere Affen!‘
GEJ|4|183|4|0|Als ich mich in solche Gedanken verlor, brach mir das Herz, und ich mußte zu weinen anfangen und sagte dabei laut: ,Oh, warum sind denn wir Schwarzen nicht ganz Tiere, die weder denken noch irgend etwas fühlen können?! Was Herrliches können die wirklichen Menschen, diese wahren Erdengötter, schaffen, und wir gar nichts dagegen, wir schwarzen Halbmenschen und Halbtiere! Und dennoch müssen wir gar mächtig fühlen über alles das Herrliche, was die wirklichen Menschen geschaffen haben!‘
GEJ|4|183|5|0|Da sagte der Oberste zu mir: ,Mache du dir da nichts daraus! Wir sind bereits Menschengreise geworden, denen alle diese Herrlichkeiten keine Freude mehr machen können, da wir uns schon überlebt haben; ihr aber seid noch Kinder voll Kraft und voll von stets mehr und mehr wach werdendem Eifer. Wir haben für diese Welt schon ausgelebt, unsere Kronen liegen verwelkt im Grabe der Vergessenheit, unsere Paläste stürzen ein, und unser gegenwärtiges Wissen und Erkennen ist schlechter als sehr schlecht. Wir haben hier wenige Schmiede und wenige Weber mehr; alle unsere technischen Bedürfnisse müssen wir entweder von Rom oder von Griechenland aus befriedigen.
GEJ|4|183|6|0|Ja, einstens vor ein paar tausend Jahren hausten hier in diesem Lande freilich wohl mehr Götter als Menschen und errichteten Werke, über deren Reste noch dieser Erde späteste Nachkommen staunen werden! Aber was wir nun hervorbringen, ist gleich einem Zerstören nur, sowohl in der Materie als auch in der Seele. Ihr aber seid noch ein unverdorbenes, urwüchsiges und jugendlich kräftiges Volk, könnet denken und wollen, und könnet darum bald größer werden in euren Werken, als da die Völker dieses Landes je waren.
GEJ|4|183|7|0|Wollet ihr aber als Menschen wahrhaft glücklich leben auf dieser Erde, so bleibet bei eurer alten Einfachheit! Erstens kostet diese euch wenig Mühe und Arbeit, und zweitens habt ihr nur ganz geringe natürliche Bedürfnisse, die ihr leicht decket. Eure Viehzucht auf euren fetten Gebirgstriften macht euch wenig Arbeit und Sorge, und euer Ackerbau, den ihr nur sehr wenig betreibet, ist ohnehin als nichts zu rechnen; auch eure Kleidung ist einfach und leicht zustande zu bringen. Ihr brauchet daher sehr wenig Zeit auf eure natürlichen Bedürfnisse zu verwenden und könnet euch darum mehr und ausschließlich mit den geistigen Betrachtungen abgeben! Und siehe, das ist viel mehr wert, denn mit blutigem Schweiße auf Unkosten von hunderttausendmal hunderttausend Menschenleben solche Paläste erbauen, damit der nie verwüstbare Zahn der Zeit dann Tausende von Jahren an ihnen sattsam zu nagen hat!
GEJ|4|183|8|0|Und was ist endlich so ein künstlich übereinandergelegter Steinhaufen gegen einen Grashalm nur, der vom großen Geiste Gottes erbauet ward? Ich sage es dir: gar nichts! Jeder Grashalm, jeder Baum ist ein Gebäude Gottes, wächst aus der lieben Erde ohne unsere Mühe und Arbeit, und in kurzer Zeit erquickt er unsern Gaumen mit seiner süßen Frucht. Welche Mühe und erschreckliche Arbeit aber kostet den Menschen solch ein Palast! Und was haben sie hernach, wenn ihr Werk nach vielen blutigen Jahren fertig dasteht? Nichts als eine elende Nahrung ihres Hochmutes, die Erweckung des Neides fremder Völker, mit der Zeit Krieg und allerlei Verfolgung!
GEJ|4|183|9|0|Wahrlich, du mein lieber schwarzer Freund, das ist ein elendes Glück eines Volkes, das so dumm ward, mit solchen toten Palästen seine schönsten und fruchtbarsten Triften zu überziehen, auf denen sonst viele Hunderttausende von den fruchtbarsten Bäumen ihre edlen Früchte den zufriedenen und in ganz einfachen Hütten wohnenden Menschen in ihren Schoß schütten könnten! Siehe, auf dem Flecke, da diese Stadt erbaut steht, könnten ganz leicht zehntausend Menschen nebst ihren zahlreichen Herden einen genügendsten Unterhalt finden; so aber wohnen gegenwärtig freilich noch bei hunderttausend Menschen in diesen schadhaften Mauern! Aber welch ein Leben führen die meisten!
GEJ|4|183|10|0|Vormals, wie die Geschichte lehrt, war dies Land eine Kornkammer, aus der in den Zeiten der Not fremde Völker mit Brot versorgt worden sind; nun müssen wir nicht selten das Korn von weit entlegenen Ländern und Völkern uns verschaffen! Unsere Herden befinden sich in dem elendesten Zustande. Tausende von Menschen in einer solchen Stadt arbeiten wegen ihres bißchen Goldes und Silbers gar nicht, gehen Tag für Tag müßig umher, halten sich feile Dirnen und unterhalten sich nicht selten auf eine niedrigst tierische Weise mit ihnen; das erzeugt stets eine Menge Krankheiten, – ein Etwas, das ihr gar nicht kennt. Am Tage, solange die Sonne wirkt, werdet ihr diese große Stadt wie ganz entvölkert sehen; erst wenn die kühlere Nacht gekommen ist, dann entsteigen sie gleich den Raubtieren ihren künstlichen Steinhöhlen und unterhalten sich mit allerlei, wonach sie ein Gelüste tragen. Und so siehe, du einfacher Sohn der reinen Natur, das sind die Segnungen, die die Menschen von ihrer großen Steinkultur haben!‘“
GEJ|4|184|1|1|184. — Der Segen der Urkultur des einfachen Menschen
GEJ|4|184|1|0|(Oubratouvishar:) „,Daher bleibet ihr in eurer großen und ursprünglichen Naturreinheit und habt nimmer nach solch einer elenden Landeskultur ein Gelüste! Erbauet ja keine Städte! Bleibet in euren einfachen Hütten, und ihr könnet alle Zeiten der Zeiten hindurch das glücklichste Volk der Erde sein, und das besonders, so ihr in der rechten Erkenntnis des einen und ewig wahren Gottes bleibet, Ihn allein ehret und liebet! Könnet ihr Ihn auch nicht sehen, so doch Er euch, und Er wird euch stets versehen mit jener Kraft, die euch nötig ist zur Hintanhaltung jeden dem Menschen feindlichen Elements. Nach den ursprünglichen Naturgesetzen ist der Mensch der Herr über alles, was auf, unter und über der Erde ist, lebt und atmet.
GEJ|4|184|2|0|Ihr seid es noch, was der Mensch sein soll! Vor euch flieht der grimmige Löwe, und Tiger, Panther, Hyänen, Wölfe, Bären, Schlangen und Nattern fliehen eure Nähe; nur die zahmen Herden folgen euch auf jedem eurer Tritte und Schritte! Mit solchen Eigenschaften ausgestattet, steht der Mensch noch auf jenen erhabenen Urseinsstufen, auf die ihn zu Anfang aller Kreatur der Schöpfer gestellt hat. Leget euch hin auf den Rasen, unter dem die Klapperschlange und die giftige Viper ihr loses Spiel treiben, und sie weichen von der geheiligten Stelle, über der der Mensch als Herr der Natur sein Lager genommen hat! Die böse Ameise, der Fluch so mancher Wälder und Steppen, wandert aus, sobald der Mensch in seiner Urkraft das Gebiet betritt und seine Wohnung aufrichtet. Der Löwe, der Panther, der böseste Tiger hält sich ferne von den Herden, die der echte Mensch bewacht, und das Krokodil, des Nils Drache, ist nimmer zu sehen in jenen Landesteilen, die von Menschen bewohnt werden. Der Ibis, der Storch und der Icz ne ma on (Ichneumon = Gift hat er nicht) stehen willfährigst dem Menschen zu Diensten und reinigen das Land von allem kriechenden Tiergeschmeiß, und die scharf sehenden Aare suchen auf alles Aas und verzehren es, damit davon die Luft niemals verpestet werde.
GEJ|4|184|3|0|Oh, welch ein herrliches Sein eines rechten Menschen in einer jeden Gegend, und welch ein elendes Leben der Menschen in den Städten, die voll Hochmutes und voll der stinkendsten Eigenliebe sind! In ihnen ist alle Urlebenskraft dahin; sie sind im großen Reiche der sie umgebenden Natur fremde Körper, fremde Wesen geworden, die außer allen Verband mit Gott und somit auch mit aller andern Kreatur getreten sind. Sie müssen sich erbauen feste Burgen und Schlösser, um sich darin vor der sie anfeindenden Natur zu verwahren und möglichst zu schützen!
GEJ|4|184|4|0|Ich lasse heute hundert Menschen auf jener Trift, die ich euch anweisen werde, übernachten, und nicht einer wird am Morgen des kommenden Tages mit dem Leben davonkommen; denn das sind keine Menschen mehr, sondern schwache Schattenbilder derselben, und ihre verkrüppelten Leiber sind wahre Wohnstätten aller möglichen bösen und ungegorenen Geister der Natur und Unnatur. Ihr Außenlebenskreis ist nicht mehr ihr göttliches Ich, sondern ein gemein tierisches, und darum ist keine Kraft mehr in ihnen und noch weniger außer ihnen. Die Außennatur gewahrt in ihnen nicht mehr das oberste Kulminationsziel ihres kreatürlichen Seins, sondern nur eine totale Verworfenheit und völlige Zerstörtheit derjenigen Stufe, auf der alle Kreatur in ihr höchstes Ziel übergehen soll. Darum ist aber alle Kreatur solcher Menschheit feindlichst gewogen und sucht sie auf jede mögliche Weise ganz zu vernichten, weil sie in ihr nichts mehr zu erwarten hat.
GEJ|4|184|5|0|Daher, mein edler, schwarzhäutiger Freund, sei du und dein ganzes Volk froh, daß ihr schwarz seid, und daß ihr noch in des wahren Lebens unschuldsvollen Frühlingshütten wohnet; denn eben dadurch seid ihr noch das, was der rechte Mensch nach der Ordnung des allerhöchsten Geistes Gottes sein soll! Bleibet darum aber auch fortwährend das, was ihr nun seid, auch in euren spätesten Nachkommen, so werdet ihr nie über Not und Elend des menschlichen Lebens zu klagen haben!‘“
GEJ|4|185|1|1|185. — Der Aufenthaltsort der Nubier in Ägypten
GEJ|4|185|1|0|(Oubratouvishar:) (Der Oberste) „,Und nun wollen wir hinausgehen auf den Platz, den ich euch zur Bewohnung anweisen werde! Zugleich aber werde ich euch eine Schirmwache für die ganze Zeit eures hiesigen Aufenthaltes beigeben, die dies schlechte Volk von euch abhalten wird; denn das würde sich wenig oder nichts daraus machen, euch im Grunde und Boden zu verderben, und das physisch und moralisch. Ich frage dich gar nicht, ob du mich ganz verstanden hast; denn ich weiß es, daß du mich wohl verstanden hast und mich in der Folge noch mehr verstehen wirst!“
GEJ|4|185|2|0|Auf diese Worte gab der Oberste ein Zeichen mit dem Schlage auf eine stark schallende Metallplatte, und es kamen wie durch ein Wunder eine Masse bewaffneter Männer von stark dunkelbrauner Färbung zum Vorscheine, und der Oberste gebot ihnen in einer uns fremden Zunge etwas, das wir nicht verstanden. Aber als der wahrhafte, gute Oberste mein Befremden merkte, so tröstete er mich damit, daß er mir in meiner Zunge das erklärte, was er zu den Bewaffneten gesprochen hatte. Es handelte sich um unsere möglichste Bewachung vor der Zudringlichkeit der verdorbenen Bewohner der Stadt, die ihm gar nicht mehr als Menschen vorkamen.
GEJ|4|185|3|0|Einer der Führer der Wache, der nahe also bekleidet war wie dieser Freund, der uns hierher den Weg gezeigt hatte, machte dem Obersten die Bemerkung, daß der sonst zwar äußerst üppige und grasreiche Platz eine wahre Schlangen- und Natterntrift sei, auf der kein Mensch und kein Vieh gut fortkomme.
GEJ|4|185|4|0|Sagte der Oberste: ,Verdorbene Menschen samt ihrem Vieh freilich wohl nicht; aber das sind noch echte Urmenschen, die auch noch wahre Herren der sämtlichen Natur und ihrer wie immer gearteten Kreatur sind! Diesen werden die vielen Schlangen und Nattern sicher nicht nur nichts tun, sondern sie werden ihnen samt ihrer Brut sogleich den sonst schönsten Platz räumen. Und ihr als ihre Wächter werdet mit dem Geschmeiße auch nicht die mindesten Ungelegenheiten zu bestehen bekommen, dessen ihr vollends versichert sein könnet! – Nun aber holet mir zweiundzwanzig Paare lederner Bandschuhe, mit denen wollen wir diese unverdorbenen Menschen versehen, damit sie sich auf unserm Spitzsandboden nicht ihre Füße unnötigerweise verderben!‘
GEJ|4|185|5|0|Alsbald wurden die Schuhe hervorgeholt. Mir und meinem Diener wurden gleich die bequemsten angebunden; die andern zwanzig wurden auf Befehl des Obersten durch vier Wächter zu unseren Gefährten hinausgetragen, und als diese sich auch also beschuht hatten, bekamen sie von den Wächtern die Weisung, ihnen auf die neue Weidetrift zu folgen. Der Oberste, ich und mein Diener und die anderen Wachleute aber zogen durch viele Gassen der Stadt hinaus ins Freie, wo die schöne und große Trift war, voll bewachsen mit dem schönsten Grase, einer Menge Datteln und Feigen und Pomeranzen und mit noch einer Menge anderer Früchte. Aber das sah ich auch, daß die Trift sehr wenig von Menschen besucht sein mußte; denn schon von weitem vernahmen wir das Rauschen von unzähligen Klapperschlangen.
GEJ|4|185|6|0|Bald nach uns kamen auch meine Gefährten mit den zahlreichen Herden und Kamelen. Als sie an der Trift ankamen, harrten sie ja nicht, bis etwa das Geschmeiß vor uns und unseren Herden abzöge, sondern ergriffen sogleich ohne die allergeringste Scheu den vollen Besitz von der Trift und ihren Früchten, durchwanderten gleich kreuz und quer den großen Weideplatz, und alles Geschmeiß floh dem Nil derart zu, daß dessen Spiegel bei einer halben Stunde lang ganz mit dem Geschmeiße bedeckt wurde; auch vier Nildrachen flohen jählings vor meinen Gefährten und vor meinen Herden.
GEJ|4|185|7|0|Der Oberste aber erklärte nun diese Erscheinung auch der uns mitgegebenen Wachmannschaft und sagte ihr, daß sie sich mit uns ganz ohne Furcht in alle Teile der Trift begeben dürfte; denn er sei vollkommen überzeugt, daß sich schon in der Nacht nicht mehr auch nur eine Natter oder Schlange auf der ganzen Trift befinden werde. Und also war es auch: Schon nach einer Stunde war abends die Trift rein von allem wie immer gearteten Geschmeiße.
GEJ|4|185|8|0|Am jenseitigen Ufer des Nils aber sahen wir eine ganze ägyptische Herde von Schafen fliehen vor den sie verfolgenden giftigen Auswanderern, und ihre Hirten flohen mit der Herde. Die Hirten schrien jämmerlich, entflohen jedoch auf eine Nilbrücke; aber die Herde litt Schaden, – denn etliche Lämmer wurden von den großen Bestien ereilt und verzehrt. Auch gab es am jenseitigen Ufer Massen von Kaninchen, denen dieser unerwartete Besuch auch sehr ungelegen kam; denn eine Menge der Jungen wurde von den kriechenden Bestien verzehrt.
GEJ|4|185|9|0|Der Wachmannschaft stachen die früher unerreichbaren schönsten Datteln, Feigen und Pomeranzen sehr in die Augen, und desgleichen auch die schönsten Roscize (Johannesbrot), die allda gewöhnlich als Kamelfutter gebraucht werden.
GEJ|4|185|10|0|Der Wachmeister sagte zum Obersten: ,Ehre der Isis und dem Osiriz! Endlich können wir auch hier Ernte halten, was seit Menschengedenken nicht der Fall war!‘
GEJ|4|185|11|0|Der Oberste aber sagte: ,Die Ernte werden nur diese halten ein volles Jahr hindurch, die diese Trift gereinigt haben; nur was sie euch zu nehmen gestatten, dürft ihr nehmen, sonst eigenmächtig aber auch nicht ein Blatt von einem Baume! Dazu hütet euch, vor diesen höchst unverdorbenen Menschen irgend eure nichtigen Landesgötter anzurufen; denn unter euch ist auch nicht einer, den ich nicht den allein wahren Gott hätte kennen gelehrt! Bleibet bei dem, aber ja keine Isis und auch keinen Osiriz, noch irgendeinen Apis mehr! Denn dies alles ist und bleibt ewig nichts!‘
GEJ|4|185|12|0|Nach dem sagte der Oberste zu mir: ,Wie du nun selbst siehst, so seid ihr mit Hilfe des Allerhöchsten bestens versorgt. Ich werde euch nun verlassen, aber morgen mit dem ersten Tagesgrauen bin ich wieder bei dir; da werde ich dir dann schon den rechten Unterricht erteilen hier im großen, offenen Tempel des Allerhöchsten! Und du wirst dann das von mir Gehörte auch deinen Gefährten zukommen lassen! Und nun lebet alle wohl unter dem Schutze des Allerhöchsten!‘
GEJ|4|185|13|0|Mit diesen Worten kehrte er in die Stadt zurück. Er mußte schon seit langem ein großes Ansehen bei dem ägyptischen Volke genießen; denn wer ihm nur immer begegnete, verneigte sich bis zur Erde vor ihm. Er aber tat, als merkte er von all den Ehrbezeigungen nichts, sondern ging, wie in ein tiefstes Nachdenken versunken, seinen geraden Weg ganz hurtig fort.
GEJ|4|185|14|0|Als die Sonne untergegangen war, kamen bald eine Menge Schaulustiger aus der Stadt; aber niemand getraute sich, nur auf zwanzig Schritte der berüchtigten Schlangentrift zu nahen. Mehrere riefen uns zu, uns von der Trift zu entfernen, ansonst wir unvermeidlich den größten Schaden erleiden müßten. Die Wache aber schob die Neugierigen zurück und erklärte ihnen, daß da keine Gefahr irgend mehr vorhanden sei, indem durch unsere geheime Kraft all das giftige Geschmeiß schon längst über den Nil geschwommen sei.
GEJ|4|185|15|0|Da gingen die Neugierigen bald zurück, und wir versorgten unsere Herden, die uns für diesen Abend so viel der besten und nahrhaftesten Milch gaben, daß wir sie gar nicht aufzuzehren imstande waren. Wir befragten die Wachmannschaft, ob sie auch Milch trinke. Sie bejahte das mit Freuden, und wir gaben ihr so viel der Milch zu trinken, daß sie nicht mehr imstande war, ein mehreres davon zu genießen. Den noch bedeutenden Überfluß gaben wir in die mitgenommenen Gefäße, um sie in Käse zu verwandeln.
GEJ|4|185|16|0|Ein Jahr lang wirtschafteten wir hier und haben von dem guten Obersten sehr viel gelernt, namentlich in der wahren Erkenntnis des allerhöchsten Gottwesens. Mit der größten Freundlichkeit wurden wir nach einem Jahre wieder entlassen und zogen wohlgemut in unser Land zurück.
GEJ|4|185|17|0|Bald darauf bekam ich meine Gesichte, stellte gleich eine Karawane zusammen und wollte eigentlich nur nach Memphis, um dem Obersten das gehabte Gesicht kundzutun. Dieser aber wußte bereits von dir, Erhabenster, und wies mich eigentlich hierher, zeigte mir den sehr weiten Weg bis Alexandria und vertraute mich einem kundigsten Schiffer an, daß er mich hierher brächte. Er gab mir auch einen Dolmetsch mit, den ich aber nicht hierher mitnahm.
GEJ|4|185|18|0|Nun weißt du, erhabenster Mensch der Menschen, wie ich zu meiner kleinen Weisheit kam; und nun sage du mir auch einmal bestimmt, ob ich am rechten Orte stehe, oder ob ich noch weiterziehen solle! Denn lange kann ich mich nicht aufhalten, da mein Weg nach unserer Heimat ein gar weiter ist.“
GEJ|4|186|1|1|186. — Der Schwarze verlangt Gewißheit über den Aufenthalt des Herrn
GEJ|4|186|1|0|Sage Ich: „Ich habe es dir schon gesagt, daß es dir wenig oder nichts nützen würde, so Ich es dir sagete: ,Ich bin es!‘ oder: ,Ich bin es nicht!‘ Das mußt du auf jeden Fall selbst finden; und das kannst du gar leicht, weil es dir dazu am Geiste nicht gebricht. Denke dir, was bei Menschen alles möglich und was da unmöglich sein kann! Ist dir denn noch nichts eingefallen, oder hast du noch nichts weder an dir, noch an jemand anderm wahrgenommen?“
GEJ|4|186|2|0|Sagt der Schwarze: „Wie ich schon früher bemerkte, – außer dem, daß wir mit dem Betreten dieses Landes zugleich in eure Zunge eingegangen sind, ist mir durchaus noch nichts Besonderes aufgefallen; ich rede ganz offen und klar! Als ich hierher kam, da ist mir für den ersten Moment wohl mehreres so gewisserart wunderbar vorgekommen; je länger ich aber nun hier verweile, desto mehr Natürlichkeit finde ich in euch allen.
GEJ|4|186|3|0|Die Sprache ist sonach noch immer das einzige an etwas Wunderbares Streifende, kann aber, wie ich schon vorher meine Bemerkung gemacht habe, ebensogut eine ganz natürliche, wennschon unerklärliche Folge der besonderen Eigenschaft dieses Landes sein. Denn ich habe ja Ähnliches bei meiner Reise durch das große Ägypterland erfahren: Wir kamen mit Römern und Griechen zusammen; diese redeten ihre Zunge, und wir verstanden sie ganz gut und konnten zur Not uns doch ganz gut mit ihnen verständigen. Mit dem Reden ging es freilich nicht so geläufig wie hier; aber das alles kann ja ganz gut in der Beschaffenheit des Landes, dessen Luft und Ausdünstung liegen!
GEJ|4|186|4|0|Wir sind als ganz grundeinfache Menschen aber auch um vieles empfänglicher für allerlei besondere Erscheinungen und Eindrücke. So können wir die Seelen der Verstorbenen sehen, zuzeiten auch solche, die nach ihrem eigenen Geständnisse noch nie einen Leib getragen haben. Diese Naturseelen sind auch daran leicht zu erkennen, daß sie ihre Form plötzlich ändern und sich in allerlei andere kleine Wesen auflösen und wieder in die Menschenform zusammenziehen können, was eine Erscheinung ist, die wir bei Seelen verstorbener Brüder und Schwestern noch niemals entdeckt haben.
GEJ|4|186|5|0|Wir fragten den weisen Obersten in Memphis, ob er solches mit seinen Augen auch wahrnähme. Aber er sagte: Dies sei alles nur eine Eigenschaft von ganz einfachen und schlichten Naturmenschen, die kein verkünsteltes Leben auch nur dem Namen nach kennen. Bei ihm und den Ägyptern wäre es noch nie vorgekommen. Es kämen wohl dann und wann vereinzelte Fälle vor, aber so unbestimmt und so unerklärbar als nur immer möglich, während bei uns alles bestimmt, natürlich und somit auch mehr erklärbar sei.
GEJ|4|186|6|0|Aus dem geht aber auch so ziemlich erklärlich hervor, wie wir eines Volkes ganz fremde Sprache bald verstehen und reden können. Wenn du, erhabenster Mensch der Menschen, nun das erwägst, so wirst du es mit deiner hervorragendsten Weisheit wohl einsehen, wie uns in dieser kurzen Zeit unseres Hierseins noch nichts Besonderes hat auffallen können, aus dem wir unwiderlegbar hätten entnehmen können, daß wir uns hier schon ganz bestimmt an dem Orte befänden, den ich in meinen Gesichten wahrgenommen habe.
GEJ|4|186|7|0|Es stimmt wohl vieles damit überein: am Ufer eines kleinen Landmeeres ein an einen Berg angebautes Fischerhaus; eine Menge Menschen hohen Standes und Ansehens; auch du hast im Ernste viel Ähnlichkeit mit jenem über alle Begriffe leuchtenden Menschen, den ich sieben Male in meinen Gesichten mit der höchsten Entzückung geschaut habe. Aber jener Lichtmensch brachte durch sein Wort alles zustande; er sprach's, – und es war da! Himmel und Erde waren ihm untertan, und unabsehbare Scharen harrten seiner Winke!
GEJ|4|186|8|0|Nun, erhabenster Mensch der Menschen, das ist hier doch wohl nicht der Fall! Ich fand hier an euch, so wie vor zwei Jahren an dem Obersten in Memphis, äußerst gute und weise Menschen, – aber von dem, was ich erwartete, fand ich bisher noch nichts und frage dich eben darum, ob ich am rechten Flecke bin oder nicht. Sagst du ja, so werde ich's glauben und bleiben; denn dein Wort genügt mir vollkommen, da du in jedem Falle ein Tiefweiser bist. Sagst du aber nein, oder sagst du mir wieder nichts, so werden wir uns doch wieder auf die Heimreise machen und unsere Herden, die wir gegen Gold und Silber in Memphis nach dem Rate des weisen Obersten zurückließen, wieder auslösen mit dem unverbrauchbaren Reste der Summe, die uns für den Rücklaß der Herde der Oberste dargeliehen hatte, von der er aber unterdessen die Nutzung hat.
GEJ|4|186|9|0|Du, erhabenster Mensch der Menschen, siehst, daß ich und wir alle, wenn unser Fleisch auch keine weiße Haut ziert, nichts Falsches und Hinterlistiges besitzen; wir alle suchen die volle Wahrheit, an der allein uns alles gelegen ist, und haben auch die lebendige Hoffnung, sie entweder hier oder irgendwo anders zu finden! Sind wir darum am rechten Platze, so bejahet uns solches, und wir wollen da ja gern alles tun, was ihr nur immer von uns verlanget!“
GEJ|4|186|10|0|Sage Ich zum Raphael: „Gehe und gib ihnen ein Zeichen, auf daß sie erfahren, woran sie sind!“
GEJ|4|186|11|0|Sogleich trat der Raphael zum Schwarzen (Oubratouvishar) hin und sagte: „Freund, was hast du in deiner Heimat zurückgelassen, dessentwegen du in Memphis umkehren wolltest, um es zu holen? Du wolltest damit dem Obersten ein besonderes Geschenk für seine mit dir gehabte Mühe machen und hattest es darum schon in frische Linnen eingewickelt, hast es aber nachher infolge der Schnelle eurer Abreise daheim vergessen, und zwar in einem Winkel deiner Hütte, allwo es noch liegt. So du es wünschest, schaffe ich es dir im Augenblicke her! Rede, – wie du es willst, so wird es geschehen!“
GEJ|4|186|12|0|Sagt der Schwarze: „Nicht meiner Überzeugung halber, ob ich am rechten Orte sei – denn dadurch schon, daß du mir da sagtest, was ich daheim vergessen habe, weiß ich, daß ich am rechten Orte bin, da so etwas nur ein allsehend Gottesauge erschauen kann –, sondern du tätest mir einen recht guten Dienst; denn auf dem Heimwege möchte ich damit dem guten Obersten in Memphis eine sicher recht große Freude machen, denn er ist ein großer Freund von seltenen Naturgebilden! Das ganze Ding kann an und für sich gar keinen andern als höchstens nur einen eingebildeten Wert haben, einen reellen gar nicht! Aber es ist wunderschön!“
GEJ|4|186|13|0|Hier reicht Raphael schon das in Linnen gewickelte, schöne Naturgebilde dem Schwarzen dar und fragt ihn, ob es wohl das rechte sei.
GEJ|4|186|14|0|Der Schwarze fällt bei dieser Gelegenheit nahe in eine Ohnmacht und schreit auf, sagend: „Ja, es ist's, es ist's! Aber wie möglich schafftest du mir dies Kleinod hierher, da du dich von mir auch nicht einen Augenblick entfernt hast?! Hast du es mir etwa als ein junger, mutiger Ägypter, im Dienste des Obersten stehend, auf eine mir unbegreiflich pfiffige Weise daheim entwendet? Hast du uns etwa vor einem Jahre, als wir von Memphis wieder heimkehrten, heimlich mit einigen Gefährten deiner Art begleitet bis in die Nähe unserer Hütten und hast dir gemerkt meine Wohnhütte?
GEJ|4|186|15|0|Ja, aber wozu dies mein ganz dummes Fragen?! Ich hatte es ja daheim noch wenige Augenblicke vor unserer Abreise in meinen Händen, legte es dann für die Zeit der Aufrüstung meines Kamels und der Zusammenstellung meiner Herde in den Winkel meiner Hütte und deckte es mit einer Kürbisschale zu! Mit dem Zusammenstellen der Herden und mit dem Aufrüsten meines Kamels vergaß ich des schönsten Naturgebildes; du kannst es mir nicht entwendet haben! Du hast es nun also offen wunderbar geholt; aber – wie, wie, wie ist dir, als einem Menschen sichtbar mit Fleisch und Blut, das möglich?! Denn hier, dort und wieder hier war ein schnellster Moment! Das ist eine rein nur einem Gotte mögliche Handlung! Du bist entweder selbst ein Gott oder ein rechter Diener desselben!“
GEJ|4|186|16|0|Sagt Raphael: „Das erste nicht, wohl aber das zweite! Aber sieh, ich habe dennoch bei dem Abholen deines schönen Naturgebildes etwas vergessen, und das ist die Kürbisschale, mit der du in deiner Hütte dein Kleinod zugedeckt hattest! Diese sollst du denn auch noch sogleich dazu haben! – Sieh, hier ist sie schon! Tue nun dein Kleinod hinein, und enthülle es vor uns; denn es sind viele hier, die deinen gefundenen Schatz sehen möchten!“
GEJ|4|187|1|1|187. — Die Nubier erkennen den Herrn
GEJ|4|187|1|0|Hier werden die Schwarzen ganz schwindlich vor Verwunderung über Verwunderung; denn das ist etwas für sie, was sie über alles halten. Sie sind reine, noch ganz unverdorbene Naturmenschen und vermögen als noch wahre Herren der Natur so manches zu bewirken durch die Festigkeit ihres vollen Glaubens und Willens, was einem schon tiefst herabgekommenen Menschen von der weltlichen Gewöhnlichkeit als ein großes Wunderwerk vorkommen muß, und es wäre darum ordentlich schwer gewesen, durch ein anderes Wunderwerk auf diese urnatürlichen Gemüter einzuwirken. Die Heilung einer Krankheit wäre da am schlechten Platze gewesen; denn diese echten Naturmenschen kennen keine Krankheit. Ihre Alten erreichten stets ein sehr hohes Alter, und ihr Sterben war stets nur ein ganz ruhiges und schmerzloses Einschlafen.
GEJ|4|187|2|0|Kinder starben ihnen nie, weil sie, als ganz in der Ordnung gezeugt, auch ganz vollkommen ausgereift und kerngesund zur Welt geboren wurden; sie wurden auch nachher naturgerecht genährt, und es konnte sich deshalb kein Krankheitsstoff in ihnen ansetzen. Hätte man dann vor ihnen irgendwelche Kranken geheilt, so hätte man ihnen zuvor schon erklären müssen, was eigentlich eine Krankheit ist, und wodurch sie entsteht. Damit aber würde man ihnen doch offenbar mehr geschadet als genützt haben; denn Kenntnis nehmen von den Sünden und von ihren Folgen, heißt schon soviel, als sie nahe selbst begangen zu haben.
GEJ|4|187|3|0|Da meinte jemand, daß eine Totenerweckung ihre Wirkung auch nicht verfehlt haben dürfte. Wäre auch nichts für diese Menschen! Denn sie sehen des Leibes Tod als eine große Wohltat Gottes an den Menschen an und würden solch einen Akt sogar für einen Frevel wider die Ordnung des allerhöchsten Geistes Gottes ansehen, solange sie über Mich nicht eines vollkommen Besseren belehrt werden können. Das Erwecken eines großen Sturmes würden sie mit ganz natürlichen Augen ihres höchst sensitiven Gemütes ansehen; denn sie selbst haben ja stets einen mächtigen Einfluß auf die Naturgeister der Luft, des Wassers, der Erde und des Feuers. Aber eine Bewegung, die die Geschwindigkeit ihrer abgeschossenen Pfeile ums unvergleichbare übertrifft, ist für diese Menschen ein wahres Wunder, das nur von Gott und Seinen dienstbaren höchsten Geistern verübt werden kann, nie aber von den vernünftigen schwachen und sterblichen Menschen dieser Erde.
GEJ|4|187|4|0|Als sich unsere Schwarzen so recht kreuz und quer und durch und durch verwundert hatten, da sagte der Anführer zu seinen Gefährten: „Brüder! Ich und ihr alle habt nun gesehen eine Tat, die nur von Gott allein auszuführen ist; denn wir können sogar mit unseren Gedanken nicht so schnell in unsere Heimat und von da wieder zurückkehren bis hierher, als wie schnell dieser Gottesdiener mit meinem Kleinode hin- und hergekommen ist! Wir sind sonach am rechten Platze und dürfen uns hier nur mit der größten Ehrfurcht und steter innerster Anbetung Dessen bewegen, der dort in der Mitte des großen Tisches mit der undenkbar allergöttlichst erhabensten Miene sich befindet.
GEJ|4|187|5|0|Was Er in Seiner unaussprechlichen Gnade und Huld uns sagen wird, das soll von nun an uns das heiligste Gebot sein, das wir wie die klaren Felsen unseres Heimatlandes halten werden auch in unseren Nachkommen bis ans Ende aller Zeiten, die diese Erde noch durchzumachen haben wird! Ihr wisset, was uns der weise Oberste von dieses erhabensten Gottmenschen ewiger Würde geweissagt hat! Also ist es, dessen wir nun vollkommen überzeugt sind! Weil es aber also und nicht anders ist, so wissen wir denn ja auch, was wir dagegen zu tun und zu beachten haben!
GEJ|4|187|6|0|Weit und beschwerlich war die Reise hierher; allein wenn sie noch tausend Male so weit wäre und auch um tausend Male noch beschwerlicher, als sie war, so wöge sie doch die Größe dieser unbegreiflich höchsten, von uns allen in Ewigkeit unverdienten Gnade nicht dem geringsten Teile nach auf! Denn dort sitzet jener ewige, allmächtige Geist in Menschengestalt, der Himmel und Erde und alles, was da ist, bloß durch Seinen Willen und aus Seinem Willen gemacht hat, wie uns solches der weise Oberste in Memphis sattsam erläutert hat.
GEJ|4|187|7|0|Wir stehen nun vor dem wahren, ewigen Gott, der uns gemacht und belebt hat. Jeder Augenblick unseres Lebens steht in Seiner Hand; so Er es wollte, wären wir nicht mehr da. Kurz, Er allein ist alles in allem, und alles, was da ist, ist nichts ohne Ihn! Das besagte mein Gesicht, und also hat uns auch der Oberste von Memphis belehrt, und also haben wir es anzunehmen und für ewig zu glauben. – Nun scheint der ewige Herr und Meister mit uns etwas reden zu wollen! Darum heißt es hier aufmerken, als ginge es auf eine gefahrvollste Löwenjagd hinaus, wie uns von dem Obersten in Memphis eine solche beschrieben ward!“
GEJ|4|188|1|1|188. — Von der übertriebenen Demut
GEJ|4|188|1|0|Als der Schwarze solch eine recht würdige Rede an seine Gefährten gehalten hatte, berief Ich den Anführer und fragte ihn, ob er und seine Gefährten etwa keinen Hunger und Durst hätten, und, so sie hungrig und durstig wären, was sie wohl zu essen und zu trinken wünschten. Denn die Reise am Meere zehre, und sie würden sicher des Essens und Trinkens bedürftig sein, und darum sollten sie ihre Stimme nur vernehmen lassen, und es solle ihnen sogleich geholfen werden!
GEJ|4|188|2|0|Sagt der Oubratouvishar: „O welche Gnade! Du Alles in Allem berufst einen elenden Erdwurm, daß er seine Not äußern dürfe vor Dir, Du allererhabenster, ewiger Geist! Aber der sich vor Dir im Staube der vollsten Nichtigkeit wälzende Wurm getraut sich vor zu übermächtiger Ehrfurcht vor Deiner Göttlichkeit kein Wort zu äußern, um nicht gar leicht durch ein zu ungeschicktes Wort Dir, ewig Allerheiligster, zu mißfallen und hernach von Dir mit zornigen Augen angesehen zu werden. Wir haben wohl noch von Ägypten einige Säcke voll gedörrter Feigen und Datteln, auch etwas zweimal gebackenen Brotes, das für unsern kurzen Aufenthalt hier wohl bei unserer Mäßigkeit auslangen wird! Daher bringe ich Dir mit dem dankbarsten und zerknirschtesten Herzen meinen wenig oder auch wohl gar nichts sagenden Dank für Deine uns gewähren wollende übergroße Gnade dar!“
GEJ|4|188|3|0|Sage Ich: „Ja Freund, wenn du stets in einer solch ungeheuren und mehr denn zu Dreiviertelteil unnötigen Ehrfurcht vor Mir dich bewegen wirst, da wird es Mir Selbst kaum möglich sein, dir irgendein Licht mit in dein Heimatland zu geben! Übrigens tust du Mir als dem Schöpfer durchaus keine zu große Ehre dadurch an, daß du dich als doch offenbar Mein Werk für gar nichts schätzest und tief unter die Würde eines sich im Staube aller Nichtigkeit wälzenden Wurmes setzest! Denn durch solch eine Geringstachtung deiner selbst vor Mir, deinem Schöpfer, setzest du ja auch Den, der dich aus Seiner höchsten Weisheit und Liebe geschaffen und gestaltet hat, ganz kurios herunter!
GEJ|4|188|4|0|Siehe, wenn dir ein Mensch ein Kunstwerk zeigt, das er gemacht hat, und du es ihm dann für dich ab- und ankauftest, weil es dir sehr wohlgefallen hat, wirst du dann dadurch dem weisen Künstler wohl eine Ehre erweisen, wenn du alle seine anderen Werke und über alles den Künstler selbst lobst, aber für das von dir ihm abgekaufte gleich herrliche Kunstwerk darum nicht genug des Tadels schlechteste Worte finden kannst, weil es nun dein eigen ist?
GEJ|4|188|5|0|Siehe, diese Art Demütigung vor Mir ist darum durchaus nicht weise, sondern läppisch und närrisch! Denn wenn du dich für zu schlecht und wertlos hältst, so sagst du dadurch ja doch leicht begreiflich Mir ins Gesicht, daß Ich ein elender Pfuscher mit Meiner ganzen Schöpfung bin.
GEJ|4|188|6|0|Ah, wenn du aber gerechtermaßen Meinen Wert auch in dir anerkennst und dich selbst nicht für zu unendlich gering, elend und schlecht hältst, um mit Mir über dies oder jenes dich zu bereden, so ehrest du in dir selbst Mich und erkennst Meine göttliche Vortrefflichkeit auch auf deinem eigenen Grund und Boden; und also gestellt, kannst du aus Meiner Gegenwart jenen wahren und lebendigen Nutzen ziehen, dessentwegen du eigentlich hierher gezogen bist. Es ist übrigens deine übergroße Demütigung vor Mir keine Sünde von deiner Seite Mir gegenüber; denn sie ist begründet in deiner erzfrommen Erziehung von Kindheit an.
GEJ|4|188|7|0|Aber nun hast du auch in dieser Sache eine rechte Ansicht bekommen; denn mit dieser deiner gegenwärtigen könnten wir beide wohl gar nicht auskommen; denn du hättest in einem fort eine unbegrenzte Frommscheu vor Mir, und diese würde dich nötigen, diesen für dein Frommgefühl zu unerträglich heiligen Ort nur sobald als möglich zu verlassen, um dann in Memphis und endlich daheim recht ungeheuer vieles und Außerordentlichstes von Meiner für dich unaushaltbaren Heiligkeit zu schwätzen! Und das wäre dann aber auch der ganze Nutzen, den du hier für dich, für dein Volk und deines Volkes Nachkommen abgeholt hättest! Wärest du damit wohl zufrieden?
GEJ|4|188|8|0|Sicher nicht! Denn du müßtest so bei einem helleren Augenblicke deines Lebens dir denn doch selbst laut zuzurufen anfangen und sagen: ,Ja, was ist denn das nun?! Bin ich denn wohl nur darum auf eine so weite und beschwerliche Reise eingegangen in meinem Rate mit mir selbst, um am erreichten Orte der mühsamst aufgefundenen Bestimmung vor lauter allertiefster Ehrfurcht in einem fort nahe verzweifeln zu müssen? Nein, das war eine fürchterliche Wonne und Seligkeit, von der ich mir in meinem ganzen Leben sicher keine Wiederholung wünsche!‘ Siehe, das hättest du am Ende deiner Reise bis hierher!
GEJ|4|188|9|0|Daher heißt es auch hier, die Vernunft ein wenig vorwalten lassen und denken, was in jedem Lebensverhältnisse recht und billig ist, und du wirst dann überall gut und ehrlich durchkommen und allzeit fürs Leben den lebendigen Nutzen schöpfen können. Hinweg daher mit deiner übertriebenen Ehrfurcht vor Mir! Liebe Mich als deinen Schöpfer, Vater, Meister und Herrn aus allen deinen Lebenskräften, und liebe auch deine Brüder wie dich selbst, so tust du mehr als genug! Und so du Mich anredest, da heiße Mich ganz einfach Herr und Meister, was Ich denn auch bin, – alles andere aber gehört wohl schon lange nicht hierher!“
GEJ|4|189|1|1|189. — Oubratouvishar schildert seine Heimat Nubien
GEJ|4|189|1|0|(Der Herr:) „Ich fragte dich ehedem, ob ihr Hunger und Durst habet, und ich fragte dich darum, weil Ich nur zu gut sehe, daß ihr alle voll Hungers und Durstes seid; denn der Tag währt schon vier volle Stunden, und ihr habt seit gestern mittag weder etwas gegessen noch getrunken; denn Milch konntet ihr auf dem Schiffe nicht haben, und das Wasser war schon faul und somit schlecht. Und so gehet nun Meine Sorge für euch zunächst dahin, daß ihr eine leibliche Stärkung erhaltet; denn ohne sie würdet ihr nicht jene Ruhe einnehmen können, die dazu notwendig ist, um dann die geistige Kost desto haltbarer in sich aufzunehmen. Denn jemandem, dem der Hunger und der Durst schon bei den Augen und Ohren herausschaut, ein Evangelium predigen zu wollen, bevor man ihn gesättigt hat, wäre eine Krone der menschlich eigenliebigen Torheit! Daher müsset auch ihr zuerst leiblich versorgt sein; dann erst wollen wir uns ums Evangelium umsehen!
GEJ|4|189|2|0|Aber hier werdet ihr euch schon wider eure Gewohnheit mit Meinen Tischen begnügen müssen und eure mottigen Datteln und Feigen von euren Kamelen verzehren lassen. Lasset euch darum an jenen Tischen dort nieder, die da leer stehen, und ihr sollet sogleich mit Speise und Trank versehen werden zur Genüge! Du, Oubratouvishar, setze dich hierher; denn auch du bist deinem Volke ein rechter König, und dies da ist ein Tisch der Könige, die miteinander abzumachen haben, wie ihre Völker zu leiten und zu Menschen heranzubilden sind!“
GEJ|4|189|3|0|Alle befolgen, was Ich sage, und unser Markus ist mit Hilfe unsichtbarer Helfer auch mit einem Mahle von den besten Fischen in genügender Menge in Bereitschaft; und als die Schwarzen an den Tischen sich befinden, so werden auch schon die Fische, Brot, Salz und Wein aufgetragen, und es wird den Gästen bedeutet, daß sie das Vorgesetzte verzehren sollen. Alsbald fingen diese an, die noch dampfenden Fische zu verzehren, nahmen Brot und Wein, und fanden alles sehr gut und wohlschmeckend.
GEJ|4|189|4|0|Der Anführer, der nun schon mehr Mut hatte, sagte: „Herr meines Lebens, so etwas Wohlschmeckendes hat noch nie meinen Gaumen berührt! Fische haben und essen auch wir zuweilen daheim; aber das ist eine Bußspeise bei uns. Wer sich irgend unartig benommen hat gegen die einmal bestehende Ordnung, der bekommt Fische zu essen; könnten wir sie auch also bereiten, wahrlich, da hörten sie auf, eine Bußspeise zu sein!
GEJ|4|189|5|0|Was ist denn aber das für Wasser, das wir hier zu trinken bekommen haben? Das schmeckt ja auch unbeschreiblich gut; das könnte man auch ohne Durst zu jeder Zeit trinken und also auch fortessen dieses honigsüße Brot! Ich habe in Memphis von dem Obersten auch zuweilen ein Stück Brotes zu essen bekommen, das mir aber bei weitem nicht so süß vorkam. Vor allem aber bewundere ich hier dies Wasser! Wo ist dieses Wassers Quelle? Kann man es bei euch hier zu kaufen bekommen? Ich möchte davon etwas in meine Heimat mitnehmen und dorten kosten lassen ein Wasser aus der Erde himmlischen Gebieten.
GEJ|4|189|6|0|Die Erde ist hier auch viel schöner denn bei uns! Hier ist ja eine außerordentliche Mannigfaltigkeit! Überall strotzt üppiger Wuchs der Kräuter, Gesträuche und Bäume; bei uns gibt es nur gewisse Triften, die also bewachsen sind, – sonst aber ist alles öde, wüste und leer. Hier sind die Berge zumeist bis auf die Gipfel mit den schönsten Bäumen bewachsen und sehen ganz sanft aus; bei mir daheim sind sie ein ganz kahles Gestein, selten auf mancher Stelle mit etwas graurötlichem Moose bewachsen. Sie sehen höchst zerstört und verwittert aus. Ihre Farbe ist zumeist verbrannt rot und dunkelgrau, und sie sind zumeist so steil, daß man sie nur hie und da mit der größten Lebensgefahr erklettern kann. Ist man einmal irgend auf einer Höhe, so kann man es da vor Hitze nicht aushalten, an einem Nachmittage schon gar nicht; denn da werden der Berge Gipfel ordentlich ganz glühend, so, daß über sie gelegte Fische in wenigen Augenblicken ganz durch und durch gebraten werden, auch das Fleisch der Lämmer und Ziegen. An den Nachmittagen setzt sich sogar kein Aar auf eine Bergspitze, und die Steinböcke steigen herab in die Gefilde des rauschenden Nils.
GEJ|4|189|7|0|Oh, wir bewohnen ein sehr hartes und überheißes Land, allwo es wahrlich zu Zeiten höchst schwer wird, ein Mensch zu sein und zu bleiben! Weit vom Nile entfernt wäre es besonders in der Nachsommerszeit unmöglich zu wohnen; denn da kann es solche Tage geben, die die Steine und den Sand schmelzen, – besonders, so an einem Nachmittage der Wind vom Mittage her zu wehen beginnt. Da sieht man förmlich Flammen über die weiten Sandwüsten sich hinwälzen, und den Menschen und den Tieren bleibt nichts übrig, als den guten Nil zu umarmen, der bei uns wunderbarerweise ganz kalt daherströmt.
GEJ|4|189|8|0|Gegen die drei letzten Monde des Jahres, bevor der Regenmond kommt, ist es bei uns aber schon am allerschrecklichsten, denn da kommen die Feuergewitter. Es wird ganz entsetzlich schwül. Wolken gleich ungeheuren Flammensäulen kommen hinter den Bergen heraufgestiegen und bedecken am Ende den ganzen Himmel, und zahllose Blitze mit dem furchtbarsten Donnergebrülle entstürzen der grauschwarzen Himmelsdecke und versetzen Menschen und Tiere stets in ein großes Entsetzen. Sie richten zwar wenig Schaden an, weil sie zumeist in der hohen Luft verpuffen; aber es ist und bleibt immerhin kein Scherz, oft bei vierzig Tage lang dieses Gekrache, Gebrülle, Gezische und Gebrause Tag und Nacht in einem fort anhören zu müssen und dabei auch noch in der Furcht zu sein, von einem oft dem Erdboden zu nahe kommenden Blitze auf das schmählichste verbrannt zu werden, – was dann und wann schon geschehen ist, besonders jenen Menschen, die in dieser Zeit nicht sorglichst ihren Leib mit Fett überstreichen.
GEJ|4|189|9|0|Ist dann die Feuerzeit vorüber, da fängt es an zu regnen und regnet dann gute vier bis sechs Wochen oder Mondwechselzeiten hindurch. Der Regen fällt fein und dicht, und auf den höchsten Bergspitzen schneit es wohl auch zuweilen. Gegen das Ende der Regenzeit wird es oft ganz empfindlich kalt, so daß wir dann oft beim Feuer uns erwärmen müssen. Es ist dies zwar auch nichts besonders Wohltuendes, aber doch immer besser als das Sein im Nachsommer.
GEJ|4|189|10|0|So ist unser Leben und Wohnen, und Tun und Treiben bestellt! Wir haben sehr viel Ungemach und ganz wenig Angenehmes zu bestehen. Oh, welch ein Himmel sind doch diese Gegenden gegen die unsrigen! Wie anmutig muß sich's hier in diesem wahren Himmel der Erde leben lassen, und wie öde und traurig sieht es dagegen bei uns aus! Aber Du, o Herr, hast es also gewollt, daß wir es nicht anders, in unseren schwarzen Häuten steckend, haben sollen, und es wird denn also auch schon ganz vollkommen recht sein, und es hat noch nie jemand gemurrt gegen solch eine Deiner göttlichen Einrichtungen!
GEJ|4|189|11|0|Unsere kohlschwarze Haut ist uns in mancher Hinsicht wohl eine recht schwere Bürde; denn fürs erste zieht sie nach unserer vielfach gemachten Erfahrung die Hitze bei weitem mehr an als irgendeine mehr helle Farbe, und fürs zweite sind wir stets abschreckend häßlich gegenüber eurer weißen Gestaltung. Wie schön ist zum Beispiel die himmlische Gestalt dieser hier anwesenden Jungfrau, und wie häßlich dagegen die einer Jungfrau bei uns! Wir sehen und wir fühlen das, und dennoch können wir uns nicht anders färben! Welch ein schönes Haar habt ihr, und welch eine häßliche, ganz verwickelte, schwarze Kurzwolle haben wir zum Schmucke unseres Hauptes! Aber wir murren nicht und sind zufrieden mit allem, was Du, o Herr und Meister, uns beschieden hast!
GEJ|4|189|12|0|Aber nun muß ich euch denn doch mein schönes Naturgebilde zeigen, und Du, o Herr, wirst es gnädigst bestimmen, welchen Wert es etwa wohl haben könnte!“
GEJ|4|190|1|1|190. — Der Schatz des Oubratouvishar
GEJ|4|190|1|0|Hier wickelte unser Oubratouvishar sein Kleinod aus den Baumwoll- Linnen und stellte es vor Mich hin, sagend: „Da ist es, wie ich es zwischen dem Gerölle eines Bergabhanges gefunden habe und nicht umhin konnte, es aufzulesen und aufzubewahren! Menschenhände haben damit sicher nie etwas zu tun gehabt! Es scheint somit ein reines Produkt, ein sogenanntes Spiel der Natur zu sein. Was ist es, und welchen Wert könnte es haben? Denn mit etwas Wertlosen möchte ich wohl nie einem Menschen ein Geschenk machen.“
GEJ|4|190|2|0|Sage Ich: „Es ist das ein allerwertvollster Edelstein, und zwar ein geschliffener größter Diamant. Er ist dennoch durch Menschenhände also geschliffen und geglättet worden und ist zu den Zeiten, als die Perser Ägypten bekriegt haben und bei der Gelegenheit auch bis in die Wüsten Nubiens vorgedrungen sind, von einem Feldherrn im Kampfe mit einem großen Heere hungriger Löwen und Panther verloren worden; du machst damit dem Obersten von Memphis ein irdisch ungeheuer wertvollstes Geschenk, und das seiner außerordentlichen Seltenheit wegen.
GEJ|4|190|3|0|Sieh, dieser Stein ist hundertsiebzig Jahre lang geschliffen und geglättet worden, ward dann zum Kronschmucke einiger Könige Persiens, bis endlich ein König einen seiner größten Feldherrn damit beehrte; und eben dieser Feldherr verlor ihn dann an den wüsten Grenzen eures Landes, allda es in derselben Zeit von Löwen und Panthern nur gleich gewimmelt hat. Diese Tiere habe damals auch Ich zu eurem Schutze hingestellt, sonst hätten die damals sehr kriegerischen Perser euch wohl gefunden und eure Herden gar arg gelichtet.
GEJ|4|190|4|0|Wie du aber schon bestimmt warst, sogar irdisch einen wertvollsten Schatz zu finden, der schon einige hundert Jahre unter dem Gerölle geruht hat, also bist du denn auch berufen, den größten und wertvollsten Schatz für den Geist und aus diesem für eure Seelen zu finden. Du suchtest und hast es auch ehrenvollst gefunden, was du gesucht hast! Deine schwarze Haut soll dich nicht drücken und soll Mir eine der angesehensten Farben bleiben.
GEJ|4|190|5|0|Dies Evangelium, das Ich euch nun predigen werde, wird nur bei euch ganz rein erhalten werden. Du sollst Mein Vorapostel für deine schwarzen Brüder und Schwestern werden! In Kürze der Zeiten aber werde Ich euch schon einen Nachhelfer senden, der wird euch führen in ein ganz glückliches Land eures Erdteiles und wird euch lehren den Ackerbau und andere nützliche Künste, die für das diesirdische Leben von einer großen Notwendigkeit sind.
GEJ|4|190|6|0|In jenem euch nun noch völlig fremden Lande werdet ihr ein ganz zufriedenes und glückliches Volk sein und werdet bewahren die Reinheit Meines Wortes und Meiner Lehre. Wehe aber denen, die euch in späteren Zeiten etwa aufsuchen werden, um euch zu bedrängen und zu unterjochen; gegen die werde Ich Selbst das glühende Zornschwert ergreifen und sie schlagen bis auf den letzten Mann! Und so sollet ihr Schwarzen in einem abgesperrten, ganz großen Winkel als ein stets freies Volk bis ans Ende der Zeiten verbleiben.
GEJ|4|190|7|0|Wenn ihr aber dereinst untereinander solltet uneins werden – was auch möglich bleiben muß eurer Freiheit wegen –, so werden sich unter euch die Mächtigen als Könige aufwerfen, werden euch mit harten Gesetzen plagen, und mit eurer goldenen Freiheit wird es für lange oder auch wohl gar für immer ein Ende haben! Dann werden eure Kinder in großer Not dahinzuschmachten haben und sich nach der Erlösung sehnen; aber diese wird dann recht sehr lange auf sich warten lassen. Darum ordnet euch also, daß unter euch keine Könige entstehen – außer solche, wie du einer bist! Denn du bist kein Bedrücker, sondern ein wahrer Beglücker deines Volkes, und das ist also auch in Meiner Ordnung, und es soll bei euch auch also verbleiben!“
GEJ|4|191|1|1|191. — Die nachgereisten Schwarzen
GEJ|4|191|1|0|(Der Herr:) „Mein Name ist Jesus aus Nazareth, irdisch als Mensch, und Jehova von Ewigkeit; aber von nun an wird Jesus bleiben in Ewigkeit. In diesem Namen werdet ihr alles zu tun und zu bewirken imstande sein, nicht nur für zeitlich, sondern auch für ewig!
GEJ|4|191|2|0|Liebet Mich als euren Gott und Herrn und Meister über alles und euch untereinander wie ein jeder sich selbst, so werdet ihr verbleiben in Meiner Liebe, in Meiner Kraft und Macht, und Mein Licht wird nimmerdar von euch weichen!
GEJ|4|191|3|0|Werdet ihr aber schwächer werden in der Liebe zu Mir und zu euren ärmeren Brüdern und Schwestern, dann wird es auch finster werden in euren Herzen, und Meine Kraft und Macht in euch wird schwinden und sehr geringe werden! Werdet ihr dann auch Meinen Namen anrufen und werdet wirken wollen durch ihn, so wird er euch keine Kraft und Macht mehr verleihen; denn alle Kraft, alle Macht und alles gelungene Wirken in Meinem Namen wird nur ganz allein durch die Liebe zu Mir und daraus zum Nächsten erhalten!
GEJ|4|191|4|0|Mein Name allein wirket nichts, sondern nur die Liebe in ihm, durch ihn und zu ihm, und daraus zum Nächsten! Zu wem aber da käme ein Armer und flehte ihn um irgendeine Hilfe an, dieser aber sagete zu ihm: ,Gehe und verdiene es dir!‘, wahrlich, der hat Meine Liebe nicht und wird in Meinem Namen keine Macht und keine Kraft überkommen!
GEJ|4|191|5|0|Gehe nun hin und sage das deinen Gefährten, und komme dann, und Ich Selbst werde dir ein weiteres Evangelium verkünden! Es sei!“
GEJ|4|191|6|0|Oubratouvishar verneigte sich tiefst vor Mir und ging an den Tisch zu seinen Gefährten, um ihnen das, was er von Mir vernommen hatte, mitzuteilen. Aber wie groß war sein Staunen, als er, statt den diesmal mitgenommenen etlichen zwanzig, darunter ebenfalls vierunddreißig Weiber am Tische sitzen fand. Er erkannte sie natürlich sogleich als seine Nachbarn und nächsten Anverwandten, und seine erste Frage war ganz leicht begreiflich keine andere als die: wie und wann sie ihnen nachgezogen seien.
GEJ|4|191|7|0|Und sie (die Nachgezogenen) antworteten: „Selbst sehen und hören ist besser, als davon pur aus dem Munde selbst der bewährtesten Augen- und Ohrenzeugen sich das Wunderbare vorerzählen lassen! Wir waren stets um eine halbe Tagreise hinter euch!
GEJ|4|191|8|0|Wir hätten das nicht unternommen, wenn nicht bald darauf ein gar unbeschreiblich schöner, blendend weißer Jüngling wie aus der Luft herab zu uns gekommen wäre und uns dazu förmlich angetrieben hätte. Wir stellten eine Herde Kühe, Stiere und eine kleine Herde Schafe zusammen und kamen damit bis Memphis; dort kam uns der gute Oberste schon von weitem mit seinen Leuten entgegen und sagte, daß er eben auch von einem gleichen Jünglinge Kunde von uns erhielt und uns eben darum entgegengezogen sei.
GEJ|4|191|9|0|Er gab uns Kunde von euch, nahm uns unterdessen unsere Herden in gute Verwahrung und versah uns dafür mit Gold und Silber in verschiedenen Gewichts- und Wertabteilungen zum nun überall üblichen Eintausche für allerlei Lebensmittel und andere Dinge und Sachen. Wir dankten ihm, und er gab uns bis Alexandria Begleiter mit, die uns auf dem Wege mit allem Nötigen versahen und uns in Alexandria auch einen sichern Wasserkasten besorgten, in dem wir über ein nie enden wollendes großes Wasser hierhergeschafft worden sind.
GEJ|4|191|10|0|Als wir an die Küste gesetzt wurden, haben wir eure Tritte ganz unversehrt in den Sand gedrückt gefunden und sind auf solcher Spur euch nachgezogen. Wir kamen euch endlich so nahe, daß wir den von euren Kamelen aufgewühlten Staub ganz gut ausnehmen konnten; nur als ihr hinter einen Wald und Berg euch verloren habt, konnten wir von euch nichts mehr wahrnehmen.
GEJ|4|191|11|0|Aber da kam uns eben der Jüngling entgegen und hat uns auf eine Art hierhergebracht, daß wir davon dir nichts Weiteres sagen können, als daß wir nun selbst voll Staunens hier sind! Wie wir aber von dort hierhergekommen sind, davon wissen wir nicht einmal soviel wie von einem schlechtesten Traume!
GEJ|4|191|12|0|Dir aber hat nun jener Erhabenste für uns etwas aufgegeben! Was ist es? Rede! Denn der sieht nach deinen uns vielfach erzählten Gesichten ja auf ein Haar der Gestalt nach dem gleich, dessentwegen eigentlich du und wir alle hergezogen sind! Rede, rede!“
GEJ|4|192|1|1|192. — Vom Wesen der Isis und des Osiris
GEJ|4|192|1|0|Sagt der Anführer: „Wir, meine Brüder und Schwestern, glauben es, weil wir nun Augen- und Ohrenzeugen sind von dem, was hier vor uns ist und besteht! Alle menschliche Weisheit, aller Verstand und selbst die reinste und nüchternste Vernunft kann es nicht fassen, daß das irgend möglich wäre, auch nur daran zu gedenken, was hier ist, und was hier weilet.
GEJ|4|192|2|0|Oh, ihr ahnet es nicht und könnet euch auch keinen Begriff machen von dem, was hier ist! Ich hatte mir nach meinen gehabten Gesichten etwas annähernd unermeßlich Großes vorgestellt, das mich hier erwarten werde; aber an etwas Allerunermeßlichstes und Allerunendlichstes hat sich selbst mein größter und kühnster Gedanke nicht zu erheben getraut und zu erheben vermocht, und dennoch ist es so und ist da, unverkennbar vor unseren erstaunten Augen!
GEJ|4|192|3|0|Ihr kennet, von was einzig und allein ich und der Oberste in Memphis ein Jahr lang vor euch ganz laut verhandelt haben, obwohl der Oberste oft meinte, daß es genüge, wenn ich allein in seine tiefe Weisheit eingeweiht würde. Ich aber sagte: ,Siehe, Herr, hier meine Brüder und Schwestern! Keines ist irgend minder denn ich selbst; darum sollst du, Herr, um meinetwillen vor ihnen kein Hehl machen!‘ Und er tat darauf stets laut seinen Mund auf.
GEJ|4|192|4|0|Als er uns nach etwa einem halben Jahre nach Karnag zu Korak führte, um uns dort den altberühmten Isis-Schleier zu lüften, da waret ihr auch über die Hälfte mit und habt so wie ich alles gehört und gesehen.
GEJ|4|192|5|0|Wir sahen dort zwei sonderbare Bilder: erstens das der I-sis (des Urlebens Nährsein), hinter einem dichten Schleier verborgen, und daneben das Bild Osiris (Ou sir iez; des reinen, geistigen Menschen Weide).
GEJ|4|192|6|0|Das erste Bild stellte ein kolossales Weib dar, das voll Brüste an der Brust anzusehen war; zu Zeiten soll auch eine Kuh an die Stelle des von uns gesehenen Vielbrüsteweibes gestellt gewesen sein.
GEJ|4|192|7|0|Das zweite Bild des Ou sir iez stellte ein sonderbares Wesen vor. Es stand auf einer weiten, fetten Trift ein Mann, umgeben von vielen Herden, die emsig weideten, und der sonderbare Mann stand in der Mitte von allerlei Früchten, und seine Stellung war die eines Essenden.
GEJ|4|192|8|0|Durch diese beiden Bilder stellten die Ägypter, wie ihr aus dem Munde des weisen Obersten es selbst vernommen habt, zuerst verhüllt das Ursein des schaffenden und all das Geschaffene ernährenden und erhaltenden Gottwesens – und durch das zweite, unverhüllte Bild alles das Erschaffene, Lebende und Zehrende der ganzen Schöpfung dar.
GEJ|4|192|9|0|Hier fing der Oberste an, uns allen das Wesen eines einzigen, ewigen, urschaffenden Gottes mit tiefen Worten der Weisheit zu erläutern, und wir erkannten, daß es ein allmächtigstes, allerhöchstweisestes Urwesen geben müsse, aus dem alle Wesen in der ganzen, ewigsten Unendlichkeit hervorgegangen sind und nun auch gleichfort ernährt und erhalten werden.
GEJ|4|192|10|0|Dies Urgottwesen ist für niemand irgend sichtbar oder begreiflich, da es die ganze Unendlichkeit erfüllt und allerverborgenst allenthalben zugegen und gegenwärtig ist sowohl im Raume wie auch in der Zeit, aus welchem Grunde das Bild der I-sis stets verhüllt war. Niemand konnte und durfte der I-sis gewaltigen Schleier lüften, außer nur zu gewissen, besonders heiligen Zeiten der oberste Priester, – aber selbst der nur den untersten Saum vor dem Volke.
GEJ|4|192|11|0|Ihr habt damals den ungeheuersten Respekt vor der Urgottheit bekommen, wie nicht minder auch ich. Auf dem Wege von Kar nag (nicht nackt, also umkleidet und verhüllt) zu Ko rak (demütig wie ein Krebs) wurde von nichts als von der Urgottheit gesprochen, und der Oberste erklärte uns bei jedem Baume, des Inneres auch vor jedermanns Augen verhüllt ist, das verhüllte Bild der I-sis, und unser Staunen und unsere Ehrfurcht stieg mit jedem Schritte unserer uns tragenden Kamele.
GEJ|4|192|12|0|In jedem Naturgegenstande fingen wir an, das rätselhafte Bild der verhüllten und verschleierten I-sis zu ersehen, und der Oberste hatte eine rechte Freude an uns, seinen schwarzen Jüngern, und wir sahen von Kar nag an die ganze Natur mit ganz anderen Augen an denn zuvor.
GEJ|4|192|13|0|Welche herrlichen und großen Gespräche wurden hernach zwischen uns gewechselt, und von welcher Ehrfurcht ward unser ganzes Gemüt ergriffen, wenn wir in unseren arbeitsfreien Stunden unsere Gedanken und Worte zu dem einen, ewigen Urgottwesen hinlenkten! Wie oft haben wir uns so mit dem guten und weisen Obersten in Memphis darüber besprochen, welch ein namenlos beseligendes Gefühl das im Menschen hervorbringen müßte, wenn es irgend möglich wäre, nur einmal ein Wort von dem höchsten Gottwesen – wenn auch nur ganz leise, aber bestimmt – im Gemüte zu vernehmen!“
GEJ|4|193|1|1|193. — Der große Felsentempel Jabusimbil
GEJ|4|193|1|0|(Oubratouvishar:) „Wir fragten den Obersten, ob irgend so etwas Ähnliches auf der ganzen Erde noch nie irgendeinem höchst gerechten Menschen begegnet sei.
GEJ|4|193|2|0|Der Oberste zuckte mit den Achseln und sagte: ,Unmittelbar wohl sicher noch nie; aber mittelbar hat man aus den Schriften und mündlichen Überlieferungen wahre Beispiele, daß gar sehr gerechte und fromme Menschen in eine gewisse Verzückung versetzt worden sind, in der sie den Geist Gottes als ein alle Räume der Unendlichkeit erfüllendes Licht ersahen und wahrnahmen, daß sie selbst ein Teil dieses Lichtes sind. Alle aber, denen solch eine Gnade zuteil ward, bekennen, daß sie in diesem Lichte von einem unaussprechlichen Wonnegefühl durch und durch ergriffen wurden und zu weissagen anfingen; und was sie da weissagten, das ist auch stets in Erfüllung gegangen. Noch nie aber hat ein Sterblicher den wahren Urgott unter einer andern Gestalt gesehen!
GEJ|4|193|3|0|Der Mensch als eine begrenzte Form möchte zwar den Urgott sich näherbringen, sein Herz dürstet danach, den Schöpfer einmal in einer zugänglichen Menschenform zu erschauen und mit Ihm, dem ewigen Urgeiste, Worte wie mit einem Menschen zu wechseln; aber es ist dies nichts denn ein törichtes Verlangen des schwachsinnigen Menschen, das in einer gewissen Hinsicht sehr verzeihlich ist, aber ewig nie realisiert werden kann. Denn das Endliche kann ewig nie unendlich werden – und das Unendliche nie endlich!‘
GEJ|4|193|4|0|Also sprach der weise Oberste zu uns, und wir begriffen das auch, so gut es für unsere schwache Begriffsfähigkeit möglich war.
GEJ|4|193|5|0|Aber alles dessen ungeachtet drängte sich bei jedem aus uns von selbst eine wenn auch noch so große göttliche Persönlichkeit auf, da wir uns in der göttlichen Unendlichkeit als zu verlassen dennoch nie so ganz zurechtfinden konnten. Unser Herz verlangte stets einen persönlichen, schau- und liebbaren Gott, wenn unser Verstand auch allzeit einen Krieg dem armen Herzen ankündigte, das sich denn doch viel zu klein fühlte, die göttliche Unendlichkeit mit aller Liebe zu erfassen, obwohl uns der Oberste anriet, die Urgottheit zu lieben.
GEJ|4|193|6|0|Der Oberste bekannte uns, daß es auf der Erde ein Volk gäbe, das da den Namen ,Juden‘ habe. Dies Volk sei in der richtigsten Erkenntnis des allerhöchsten Gottes. Ein Erster ihrer Weisen, ein geborener Ägypter namens Moi ie sez (das heißt: ,meine Aufnahme‘, ein Name, den ihm eine Prinzessin gab, als sie ihn aus dem Nilstrome rettete), habe bei fünfzig Jahre lang mit dem Geiste Gottes Unterredung gepflogen. Dem habe eben der Geist Gottes zu einer strengen Pflicht gemacht, Ihn sich ja nie unter irgendeinem Bilde vorzustellen! Auch dieser Weise verlangte einmal nach dem Bedürfnisse seines Herzens, Ihn persönlich zu erschauen, bekam aber zur Antwort: ,Gott kannst du nicht schauen und leben!‘
GEJ|4|193|7|0|Als aber dessenungeachtet im Herzen des Weisen die Sehnsucht, Gott zu erschauen, heftiger ward, da hieß ihn der Geist Gottes sich verbergen in eine Felskluft und hervortreten, wenn er gerufen werde. Das tat der Weise; und als er gerufen ward, trat er hervor und hat in einer Ferne Gottes Rücken strahlend mehr denn tausend Sonnen gesehen! Sein Angesicht aber soll darauf derart strahlend geworden sein, daß dasselbe sieben Jahre lang kein Mensch ohne zu erblinden ansehen konnte, weshalb dieser Weise denn auch sein Gesicht diese Zeit hindurch ganz dick verhüllen mußte. Also, wie ihr wisset, hatte uns solches alles der sehr weise Oberste kundgetan.
GEJ|4|193|8|0|Inwieweit sich das alles also oder anders verhielt, darüber wissen wir kein weiteres Urteil zu fällen; nur das wissen wir, daß über des Obersten Lippen nie ein unwahres Wort geflossen ist. Wie er es vernommen hat, genau also hat er es uns auch mitgeteilt.
GEJ|4|193|9|0|Wisset ihr, als wir ihn fragten, wo im ganzen Lande Ägypten denn je die wahre, ewige Urgottheit angebetet und höchst verehrt werde der möglichsten Wahrheit nach, wie er dann sagte: ,Nicht sehr ferne von hier, und zwar im großen Felsentempel von Ja bu, sim, bil (das heißt: ,Ich war, bin und werde sein‘)! Durch ein großes und hohes Tor führt der Weg in das Innere der großen Berghalle. Diese ist geziert mit Säulen, die alle aus dem Felsen ausgehauen sind. Zwischen einer jeden Säule steht ein gewappneter Riese von mindestens zwölf Mannshöhen also, als trüge er des Tempels Decke.
GEJ|4|193|10|0|Das Innere ist in drei Hallen durch einen Bogen getrennt; in jeder zu beiden Seiten aber stehen sieben solche Riesen, zusammen vierzehn Riesen in jeder der drei Hallen. Es sind dies Sinnbilder der von Gott ausgehenden sieben Geister. Die Halle zählt aber in ihren drei Abteilungen sechsmal sieben solcher Riesen; das bezeiget, daß Gott schon vom Anbeginne aller Schöpfung sechs Zeiträume gesetzt hatte, und daß in jedem dieser endlos langen und sich stets durchgreifenden Zeiträume dieselben sieben Geister alles getragen und überall gewirkt haben. Jede der sechs Seiten der langen, dreiteiligen Tempelhalle ist mit allerlei Zeichen und Figuren geziert, aus denen der in die alte Weisheit Eingeweihte alles entziffern kann, was der Geist Gottes den Urerzweisen dieses Landes geoffenbart hat.
GEJ|4|193|11|0|Am Schlusse der drei Hallen befindet sich abermals das verhüllte Bild der I-sis, das offene des Ou-sir-iez, und an einem Altare vor der I-sis stehen die Worte in den harten Stein gegraben: Ja-bu-sim-bil! Am Eingange zu beiden Seiten des Tempeltores befinden sich je zwei Riesen in sitzender Stellung und stellen die vier Hauptelementarkräfte Gottes in der Natur dar; daß sie sitzen, bezeichnet die Ordnung und Ruhe, in die sie von Gott aus gestellt worden sind, um aller Kreatur nach dem Willen Gottes zu dienen.
GEJ|4|193|12|0|Eine Inschrift über dem Tore mahnt den Besucher dieser geheiligten Stätte, daß er stets gesammelten Geistes die heiligen Hallen betreten solle. Wer in die erste Halle kommt, wird die zwei ersten Pfeiler mit ganz absonderlichen Zeichen und Figuren geziert finden; diese sollen auf eine Art Weltenkampf unter dem Ausdruck ,Gotteskriege‘ Beziehung haben.
GEJ|4|193|13|0|Nun, da bin ich selbst zu wenig tief in der alten Weisheit bewandert, um euch das weiter und tiefer erläutern zu können! In sieben Tagen will ich euch dahin führen, wo ihr das alles selbst in Augenschein nehmen könnet. Freilich hat der scharfe Zahn der Zeit so manches an diesem uralten Heiligtume verwüstet; aber es ist noch sehr viel ganz gut erhalten, und ihr könnet noch sehr vieles daraus lernen!‘
GEJ|4|193|14|0|Nun, welche Gefühle fingen dann in uns aufzukeimen an! Und wir konnten den Tag kaum erwarten, an welchem uns der Oberste zu dem beschriebenen Heiligtume führen würde. Als endlich der Tag kam, und wir auf unseren Kamelen dahin trabten, wie fing es an zu glühen in unseren Herzen, als wir uns nur dem kleinen Vortempel zu nahen anfingen, der nichts als eine Grabstätte einiger Urweisen sein soll! Wie aber pochte unser Herz, als wir vor das Tor des großen Felsentempels kamen! Welch einen unbeschreiblichen Eindruck machte die Ansicht der vier personifizierten Elemente, und wurden wir nicht nahe sprachunfähig, als wir mit brennenden Fackeln in des Tempels innere Hallen kamen? Warum aber ergriff uns das alles gar so mächtig? Weil wir uns dort dem allerhöchsten, wahren Gottwesen näher zu sein dünkten denn irgendwoanders bei Memphis.
GEJ|4|193|15|0|Als wir dann wieder unter vielen Tränen und Seufzern den wunderbaren Tempel verließen und der gute Oberste uns so manches aus der Urzeit der Erde mitteilte, wie ergreifend erbaute uns das alles, daß wir am Ende gleich schon die ganze Erde für einen großen Gottestempel zu halten anfingen! Ob die paar Tage heiß oder mehr kühl waren, das verspürten wir gar nicht; denn unsere Gemüter hatten zu vollauf zu tun, und zwar mit dem allem, was uns den Urgeist Gottes hätte näherbringen mögen. Und dennoch hieben wir damit ganz offenbar ins Blaue. Wir wußten wohl viel dann; aber die I-sis blieb verhüllt und verschleiert, und kein Sterblicher vermochte irgend zu lüften dies mysteriöse Gewand der ewigen Gottheit.“
GEJ|4|194|1|1|194. — Oubratouvishar zeigt den Seinen den persönlichen Gott in Jesus
GEJ|4|194|1|0|(Oubratouvishar:) „Erst daheim in unserem heißen Lande bekam ich die Gesichte! Ich erzählte sie euch so treu, wie sie mir durch die offenbare Gnade des allerhöchsten Geistes zuteil wurden, und ihr alle hattet dabei eine allergrößte Freude, daß ihr darob herumspranget wie junge Lämmer auf der Weide. So heiter und fröhlich aber ihr dabei auch waret, so beneidetet ihr mich aber dennoch ganz edel in euren Herzen darum, indem auch in euch der Wunsch stets reger ward, auch solche Gesichte zu bekommen. Als ich mit den etlichen zwanzig Gefährten nach sieben Male an mich ergangenen geheimen inneren Weisungen mich auf die Reise hierher begab, so konntet ihr es kaum einen halben Tag ohne mich daheim aushalten. Ihr zoget mir nach und habt mich hier wunderbar eingeholt.
GEJ|4|194|2|0|Nun sind wir an dem heiligsten Orte meiner gesichtlichen Weisung, und da ist unendlichmal mehr denn Memphis, Karnag zu Korak und der größte Tempel der Welt Ja bu sim bil, unendlichmal mehr als das geheimnisvollste I-sis-Bild! Denn dahin sehet – an den großen Tisch! In der Mitte desselben, mit rosenrotem Leibrocke und darüber mit einem blauen Faltenmantel bekleidet, sitzet, über dessen Schultern ein reiches, goldblondes Haar wallet, nicht bloß allerhöchst gottgeistig, sondern auch körperlich das allerhöchste Gottwesen, – das allerlebendigste Bild der enthüllten I-sis!
GEJ|4|194|3|0|Als uns der Oberste die Liebe zu dem unendlichen Gottwesen ans Herz legte, da empfanden wir, daß das kleine Menschenherz solcher Liebe ganz unfähig sei, und dachten und sprachen es auch aus, daß wir wohl irgendeine Persönlichkeit, die da trüge die Fülle des Gottesgeistes, gar wohl über alles lieben könnten, daß aber eine zu unendliche Göttlichkeit, die vom Geiste Gottes erfüllte Unendlichkeit, als etwas Unerfaßbares auch nicht geliebt werden könne, außer die Liebe zu solch einem unendlichsten Gottwesen bestehe in der wunderlichen Erdrücktheit des zu kleinen, nichtigen Menschen durch die zu endloseste urgöttliche Allheit.
GEJ|4|194|4|0|Wie sehr erquickte uns die Aussage des Obersten, dahin lautend, daß Moisez am Ende dennoch der urewigen Gottheit Rücken geschaut habe, wenn auch durch das unbeschreibbar höchste Licht sein Gesicht auf sieben Jahre lang also leuchtete, daß es kein Mensch ohne zu erblinden habe ansehen können, und der Weise darum die lange Zeit hindurch sein Gesicht mit einer dreifachen Decke verhüllt umhertragen mußte. Oh, diese Erzählung des Obersten hat uns sehr erquickt, weil wir dadurch die Möglichkeit eines persönlich wesenhaften Gottes uns haben vorzustellen angefangen! Von da an erst begannen wir den allerhöchsten Gott zu lieben, und infolge solcher unserer Liebe habe ich dann auch unfehlbar sicher meine sieben Gesichte als eine Einladung hierher bekommen, ohne welche wir wohl nie hierhergekommen wären.
GEJ|4|194|5|0|Wir haben nun den allerhöchsten Gott persönlich vor uns, und Er gebietet uns nichts anderes zu unserer Vollendung, als Ihn zu lieben über alles, uns gegenseitig aber also, wie ein jeder aus uns sich selbst notwendig liebt!
GEJ|4|194|6|0|Was saget ihr alle, meine lieben Brüder und Schwestern, nun zu alledem? Was fühlet ihr jetzt, und welche Gedanken beschäftigen denn nun eure Herzen? O redet nun und betet an den allerheiligsten, ewigen Urgeist, den Gott, den bis jetzt nahe kein Sterblicher zu denken vermochte! Redet, redet! Was denket und fühlet ihr nun? Wie ist euch zumute?“
GEJ|4|195|1|1|195. — Die gerechten Zweifel der Schwarzen an der Göttlichkeit des Herrn
GEJ|4|195|1|0|Sagen voll des möglich höchsten Erstaunens die noch irgend wortfähigen schwarzen Gefährten: „Ist denn das wohl denkbar möglich? Dieser ganz einfache, schlichte Mensch soll der Träger des allerhöchsten Gottwesens sein? Welche haltbaren Beweise hast du dafür? Denn weißt du nicht, daß man sehr auf der Hut sein muß, um nicht unvorsichtigerweise in eine finstere, aberglaubensvolle Abgötterei zu verfallen, die am Ende schlimmer werden könnte denn tausend noch so verhüllte I-sis-Bilder?! Denke dir nur die Gefahren und Abwege, in die wir verfallen könnten, wenn es denn am Ende doch nicht also wäre! Denke dir die endlos kolossalen Begriffe, die wir über das Urgottwesen in Memphis und namentlich beim großen Felsentempel über das Urgottwesen durch des weisen Obersten Mund erhielten, – und das sollte alles vereint in diesem Menschen verborgen sein?! Möglich kann bei Gott schon wohl alles sein; aber hier schaut nun nicht eine allerleiseste Wahrscheinlichkeit für uns heraus! Welche haltbaren Beweise hast du wohl dafür und darüber?
GEJ|4|195|2|0|Ja, wenn es also ist, wie du es uns mit deiner stets wahrheitsvollsten Miene nun kundgetan hast, dann hätten wir freilich das Höchste des Allerhöchsten gefunden, unser Leben hätte sein erhabenstes Ziel gefunden, sich selbst in seinem Urgrunde, und nichts Weiteres mehr bliebe uns zu forschen und zu suchen übrig! Denn wer sich selbst und Gott, den Urgrund alles Seins, gefunden hat, der hat alles gefunden und hat das vom Obersten uns gezeigte heiligste und seligste Ziel in aller Fülle erreicht!
GEJ|4|195|3|0|Daß wir aber hier alles das sollen gefunden haben, muß strenge und mehr denn handgreiflich klarst gezeigt und bewiesen werden, ansonst du und wir mit dir aus zu großer Leichtgläubigkeit, vor der uns der Oberste über alles gewarnt hat, nur zu leicht, wie wir schon ehedem bemerkt haben, in die größten Irrtümer geraten könnten!
GEJ|4|195|4|0|Siehe an das unendlich große Firmament mit den zahllos vielen Sternen, die nach einer ganz geheimen Kunde des Obersten lauter ungeheure Welten sein sollen und nur wegen ihrer unermeßlichen Entfernungen so klein aussähen! Betrachte diese unsere übergroße Erde und alles, was auf ihr lebt, ist, sich regt und bewegt! Betrachte das Meer, den mächtigen Nil, den Sand, das Gras, alle die zahllosen Gesträuche und Bäume und alle die Tiere in den Wassern, auf der Erde und in der Luft! Betrachte die Wolken des Himmels und ihre Kraft, den Mond, die Sonne! Kannst du es dir wohl nur von ferne hin denken und irgend vernünftig einbilden, daß dieser sonst sicher sehr weise Mensch von dieser eigentlich kaum handbreiten Erdfläche aus die ganze, ewige Unendlichkeit vom Kleinsten bis zum Größten übersehen, erhalten, leiten und führen soll? Ja, er kann für uns sogar Wunderdinge leisten als ein mit der Natur geheimen Kräften sehr vertrauter Mann, wie wir deren in Cahirou und Alexandria etliche gesehen haben; aber was ist alles das gegen die ewige Unendlichkeit und ihre zahllosen, uns ewig unbekannten Wesen und Dinge?!
GEJ|4|195|5|0|Gedenke der großen Worte des Obersten, wie er uns treuest gewarnt hat vor derlei feilen Gauklern und Magiern, wie er sie nannte! Ein Mensch, der mit seiner Zauberkunst auch noch eine sonstige sittliche Weisheit verbände, wie es der Oberste sagte, würde sich mit der größten Leichtigkeit zum Herrscher der Menschen der Erde und am Ende gar zu einem Gotte machen, – und dieser Mensch scheint uns bis jetzt die beste Anlage dazu in reichlichster Fülle zu besitzen! Darum heißt es hier ganz besonders auf der Hut sein und Beweise verlangen, die in jeder Hinsicht geeignet sind, um der bevorstehenden größten Sache das erforderliche Licht zu bieten! Denn je größer, heiliger und wichtiger eine Sache ist oder zu werden scheint, desto mehr muß bei ihr aller Leichtsinn entfernt werden!
GEJ|4|195|6|0|Wenn es sich um die Wegräumung eines kleinen Steines, der einen Fußsteig verunreinigt, handelt, so braucht's da eben keines besonderen Rathaltens, wie man solchen Stein aus dem Wege räumen wird. Der nächste und beste klaubt ihn auf und wirft ihn irgendwohin, allwo er niemanden behindert. Aber ganz anders verhält es sich, wenn ein gar mächtiger Fels, der von einem Berge herabgestürzt ist, einen Engweg verlegt und trennt dadurch Menschen von Menschen, Nachbarn von Nachbarn, Eltern von ihren Kindern, Brüder von Brüdern und Schwestern von Schwestern! Ah, da wird die ganze Gemeinde Rat halten, was da zu tun sein werde; denn der Weg muß wieder gangbar erhalten werden! Hier aber handelt es sich um den allerwichtigsten Moment unseres Lebens, um dessentwillen wir alle die sehr weite und höchst beschwerliche Reise unternommen haben!
GEJ|4|195|7|0|Sind wir am rechten Flecke deinen Gesichten nach, so haben wir alles gewonnen, was uns die triftigsten Beweise sicher zeigen werden; sollten wir jedoch noch lange nicht am rechten Flecke sein, so müssen wir wieder unverrichteterdinge wegen entweder heimkehren oder unsere Wanderschaft weiter beginnen, so wir zuvor dem braven Wirt werden bezahlt haben, was wir hier verzehrten. Rede aber du nun unverhohlen, ob du irgendwelche Beweise für das, was du uns von jenem Menschen ausgesagt hast, in den Händen hast, und welche!“
GEJ|4|196|1|1|196. — Oubratouvishar versucht seine Landsleute von der Göttlichkeit Jesu zu überzeugen
GEJ|4|196|1|0|Sagt Oubratouvishar: „Meint ihr denn, daß ich leichtgläubiger bin als ihr es seid? Oh, da seid ihr im ersten und größten Irrtume über mich! Habt ihr denn nicht gesehen, welche Beweise mir, nur auf einen leistesten Wink jenes Herrn, jener überschöne Junge, der offenbar ein Geist aus den Himmeln ist, auf alle meine Zweifel gegenwirkend geliefert hat?“
GEJ|4|196|2|0|Sagen die zwanzig: „Wir sahen wohl allerlei und vernahmen hie und da auch ein und das andere Wort, konnten uns aber jedoch keine Bedeutung entziffern und noch weniger irgendeinen Zusammenhang finden; denn dieser Tisch ist dafür zu entfernt vom Haupttische!“
GEJ|4|196|3|0|Sagen darauf die Neuangekommenen: „Wir kamen wirklich etwas wunderbarerweise im selben Momente erst an diesen zweiten, früher leer gestandenen Tisch, als du eben vor jenem Herrn dich tiefst verneigtest und darauf zu uns herüberzogst, und können daher von all dem, was du mit jenem holdesten Jünglinge vorhattest, unmöglich etwas bemerkt haben! Rede darum, was du weißt und gesehen hast, und wir werden daraus gleich entnehmen und sehen, woran wir sind!“
GEJ|4|196|4|0|Sagt der Anführer: „Wohl denn, und so höret mich denn noch einmal an: Euch allen ist bekannt mein jüngster Fund in einem Graben voll Gerölles. Diesen wollte ich bei unserer Abreise hierher mitnehmen und ihn in Memphis dem Obersten zu einem sicher recht angenehmen Geschenke machen; allein in der Hast unserer Abreise vergaß ich denselben rein ganz, erinnerte mich erst später dessen, und der Fund blieb darum, gut in Linnen eingewickelt, in meiner Hütte in einem Winkel, mit einer Kürbisschale zugedeckt. Als ich hier Beweise verlangte von und wegen dem, wie auch ihr sie nun von mir verlanget, da erinnerte mich jener holde Jüngling an jenen zu Hause vergessenen Fund und sagte es mir genau, wo und wann ich den schönen Stein gefunden, wo ich ihn in der Hütte versteckt hatte, und wem ich damit ein Geschenk machen wollte.
GEJ|4|196|5|0|Freunde und liebe Brüder! Das mußte mir denn doch etwas sonderbar vorkommen und mich wahrlich im höchsten Grade überraschen! Wie konnte jener Jüngling um ein Geheimnis wissen, das so weit von hier im tiefsten Winkel meiner Hütte verborgen lag?
GEJ|4|196|6|0|Freunde und Brüder, um das zu wissen, dazu gehört mehr denn alle Weisheit aller Menschen! Für mich wäre das schon ein hinreichender Beweis gewesen, weil ich das wohl zu begreifen imstande bin, was im allergrundweisesten Falle einem Menschen zu wissen möglich ist! Aber bei dem ließ es jener Jüngling nach einem erhaltenen Winke jenes Herrn dort am Tische nicht bewendet sein, sondern er fragte mich, ob es mir nicht wünschenswert wäre, so er mir den bewußten Fund aus meiner Hütte in Nouabia hierher schaffte! Dieser Antrag mußte mich denn doch wohl im höchsten Grade überraschen, und ich nahm den Antrag des holden Jungen an.
GEJ|4|196|7|0|Nun werdet ihr euch denken, daß der Junge mich darauf eine Zeitlang im Warten ließ? O mitnichten! Im selben Augenblick überreichte er mir zuerst den Stein und gleich darauf sonderlich auch noch die Kürbisschale, mit der im tiefsten und äußersten Winkel meiner Hütte der schöne Fund zugedeckt war, und es ward mir darauf handgreiflich klar erklärt, wo dieser sehr schöne Stein herrühre!
GEJ|4|196|8|0|Damit ihr aber nicht denket oder mich etwa gar der Leichtgläubigkeit beschuldiget, so betrachtet alle diesen Stein und diese Kürbisschale, ob das alles nicht dasselbe ist, was ich euch allen daheim gezeigt habe! Und hier mein Diener weiß es auch, wo ich ihn in meiner Hütte verwahrt habe und wie! Was saget ihr nun dazu? Vermag so etwas auch ein Magier der berühmtesten Art aus Cahiro? (Kahi roug = des Kahi, eines der größten Stiere dieser Gegend, Horn, das geheiligt war.) –. Ich habe nun geredet, nun ist die Reihe wieder an euch!“
GEJ|4|196|9|0|Sagen nun alle: „Wenn also, woran keiner aus uns zweifelt, dann Heil uns allen, denn hier wird dann das Unglaublichste zur belebendsten und lichtvollsten Wahrheit! Heil uns und unserem Lande und allen, die mit großer Sehnsucht daheim unser harren; denn auch unter ihrer schwarzen Haut soll es bald sonnenhelle werden!
GEJ|4|196|10|0|Aber nun sage du uns, wie du dir das zusammenreimen kannst, daß dieser Mensch zugleich das allerhöchste Gottwesen sei, von dem die ganze Unendlichkeit erfüllt ist, und das überall allmachtskräftig wirkt, leitet und alles erhält und ernährt. Wo hat in ihm solch eine ewig unbegrenzte Weisheit und solch eine allmächtigste Willenskraft Platz?! Hier, gleich uns, nur ein begrenzter Mensch, und dort durch die ganze Unendlichkeit mit der höchsten Einsicht, Weisheit und mit der allerunbeschränktesten, höchsten Kraft wirkend; hier auf und in allen den unzählbarsten Punkten der ganzen Erde, wie dort in den fernsten Tiefen der unendlichen Schöpfung gleich sehend, wissend, empfindend, berechnend und mit nie geschwächter, ewiger Kraft und Macht wirkend?! Fassest du diese unbegreiflichste Möglichkeit?“
GEJ|4|196|11|0|Sagt der Anführer: „Das fasse ich wohl ganz sicher noch nicht; aber ich fasse auch samt euch nicht, wie jener Junge mir diesen daheim vergessenen Stein in einem schnellsten Augenblick hierhergebracht hat! Gedulden wir uns aber in aller Demut und wahrer Liebe zu diesem Einzigen, und es wird uns sicher noch mehr des Lichtes werden!“
GEJ|4|196|12|0|Damit stellen sich vorderhand alle, sehr nachdenkend, zufrieden und warten, was da noch weiteres kommen werde.
GEJ|4|197|1|1|197. — Die geistigen Vorzüge und Nachteile der Mohren
GEJ|4|197|1|0|Sagt zu Mir Cyrenius: „Herr, aber bei diesen Mohren hätte ich so viel Weisheit und vollkommen klaren Verstandes nicht gesucht; nur die vielen Kenntnisse und wundersamen Erfahrungen, die sie haben, wahrlich, setzen mich in ein gerechtes Staunen! Der Oberste von Memphis, namens Justus Platonicus, ist mir als ein sehr weiser Mensch bekannt; aber daß er in alle die alten ägyptischen Mysterien eingeweiht wäre, habe ich wahrlich nicht gewußt!
GEJ|4|197|2|0|Daß er schon von jeher ein starker Platoniker war, das weiß ich. Als der Sohn eines höchst angesehenen Hauses in Rom und reich wie ein Krösus, hat er sich schon in seiner Jugend mit den griechischen und ägyptischen Philosophen sehr befreundet und hat Ägypten zum Kulminationspunkte aller seiner Studien gemacht. Bei zehn Jahre hat er im Lande der alten Weisheit zugebracht und sich dort in alles einweihen lassen. Mit einem Geleitschreiben, von meinem Bruder, dem Caesar Augustus, versehen, in der Hand, mußten ihm alle Mysterien vom Anfange bis zum Ende gezeigt werden, und so kam er zu seiner nunmaligen Weisheit. Und weil er in allen den ägyptischen Angelegenheiten so durch und durch bewandert war, so setzte ihn schon Augustus als einen mehr Zivil- denn Militärobersten nach Memphis in Oberägypten. Es liegt wohl etwas Militär in Memphis, über das unser Justus Platonicus zu gebieten hat, aber Feldherr ist er darum nicht.
GEJ|4|197|3|0|Daß er ein großer Gelehrter ist, weiß ich; aber daß er nun auch ein Weiser und ein förmlicher Priester geworden ist, das wußte ich ganz natürlich nicht! Ich muß aber nun seiner näher gedenken; denn durch seine Mühe mit den Mohren hat er sich bei mir ein großes Verdienst erworben. Der würde eine übergroße Freude haben, so er hier wäre! Was wäre so Dein Urteil über meinen Justus Platonicus? Wie verhält er sich als ein Heide samt mir zum Reiche Gottes auf Erden?“
GEJ|4|197|4|0|Sage Ich: „Was fragst du darum? Justus ist ein Mann nach Meinem Herzen, er liebt Gott über alles und die Mitmenschen mehr denn sich selbst; und wer das tut, der ist schon in Meinem Reiche, ob er ein Jude oder ein Heide ist! Ich sage es dir, daß Ich mit ihm eher zurechtkäme denn mit euch allen, aber ihr seid Mir auch recht! Zur Bewahrung Meines Wortes aber tauget niemand besser denn diese Schwarzen; denn was sie einmal haben und gefaßt haben, das bleibt so rein und unverändert wie ein geschliffener Diamant. Für sie kann jeder stehen, daß sie diese Meine Lehre nach zweitausend Jahren ebenso rein haben werden, als wie rein sie solche von Mir empfangen!
GEJ|4|197|5|0|Diese schwarze Menschenart hat das Eigentümliche, eine Lehre oder Sitte in tausend und auch noch mehr Jahren ganz kernrein zu erhalten, ganz also, wie sie solche im Anfange erhalten hat. Sie werden nichts hinwegnehmen und eben auch nichts hinzusetzen; aber es zeigt alles das nicht etwa an, als wären sie als Menschen vorzüglicher denn ihr Weißhäutler, sondern sie stehen als Nachkommen Kains auf einer niedereren Stufe und können nur sehr schwer zur Kindschaft Gottes gelangen, weil sie eigentlich rein dieser Erde angehörige Planetarmenschen sind. Sie sind pure diesirdische Geschöpfe, begabt mit Vernunft, Verstand, Gewissen, aber mit weniger freiem Willen denn ihr weißen Menschen.
GEJ|4|197|6|0|Doch aber haben sie den weniger freien Willen um vieles fester denn ihr den völlig freien! Was die Schwarzen einmal wollen, das setzen sie auch durch – und müßten sie dabei Berge abtragen! Im Verlaufe des heutigen Tages werden sie schon noch einige Proben ihres festen Willens geben, worüber ihr euch wundern werdet! Daß sie aber in allem ihrem Tun und Lassen unwandelbarer sind denn ihr Nachkommen Seths, beweist und bezeugt schon ihre Gestalt.
GEJ|4|197|7|0|Seht, der Anführer ist offenbar der Älteste unter ihnen, und sein Diener ist gut um achtundzwanzig Jahre jünger! Betrachtet sie beide, ob dem Ansehen nach einer nur ein Jahr vor dem andern vorauszuhaben scheint; sie sehen sich einander wie Zwillingsbrüder ähnlich! Das Alter werdet ihr diesen Menschen sehr schwer ankennen. Also sieht es auch mit ihrer natürlichen Kraft und Munterkeit aus. Ein Siebziger springt mit einem Jünglinge von siebzehn Jahren um die Wette!
GEJ|4|197|8|0|Ihr Weißen werdet oft krank, und eure Haut unterliegt allerlei Übeln; diese aber, so sie bei ihrer Naturkost verbleiben, kennen kein Leibesübel. Die meisten sterben an der Altersschwäche. Wie aber schon ihre Außennatur unveränderlicher ist denn die eurige, so ist auch ihr innerer Seelencharakter ein ganz anderer und um vieles fester denn der eurige; aber sie werden eben darum in der Vollausbildung ihres Geistes euch gegenüber dennoch viel geringere Fortschritte machen, weil ihnen dazu die Beugsamkeit des Willens nahe völlig mangelt. Ihr Wille läßt sich zwar wohl auch in etwas beugen; aber dazu gehört allzeit recht viel Ernst und eine große Mühe und Arbeit.
GEJ|4|197|9|0|Die Vorzüglichkeit der Seele und des Geistes in ihr aber liegt nicht in der gewissen, mehr tierischen Festigkeit des Willens, sondern in der leichten Erkenntniseigenschaft der Seele, durch die sie das Licht der Wahrheit schnell begreift und faßt, und in der leichten Beugsamkeit des Willens, so daß die Seele das Wahre und Gute einsieht und dieses auch schnell mit dem Willen ergreift und zur Tat werden läßt, ohne die keine Erkenntnis einer Seele etwas nützt.“
GEJ|4|198|1|1|198. — Die Verschiedenheit des Klimas und der Rassen auf Erden
GEJ|4|198|1|0|(Der Herr:) „Sehet, diese Menschen werden von nun an auch kommen in Länder ganz geweckter und gebildeter Völker und werden sehen den Ackerbau, die Weinkultur und große Städte mit den schönsten Palästen! Aber wenn ihr nach tausend, auch zweitausend Jahren sie sehen würdet, so werden sie noch in denselben Hütten wohnen und nicht imstande sein, sich ein regelrechtes Haus aus Holz zu zimmern, und noch weniger aus Steinen zu bauen.
GEJ|4|198|2|0|Wir wollen ihnen nicht die Fähigkeit dazu gewisserart streitig machen, sie können ganz gut die Baukunst erlernen; aber es wird ihnen der leicht beugsame Unternehmungsgeist mangeln, der dem Menschen zur Ausführung eines jeden Werkes vonnöten ist!
GEJ|4|198|3|0|Es war darum ihre Reise hierher seit ihrer Menschheit Gedenken schon eine der riesenhaftesten Unternehmungen; für euch wäre das nur ein Scherz! Es ist dahin wohl eine weite Strecke, und des Landes Hitze erschwert das Reisen sehr; aber für dieser Menschen Naturbeschaffenheit kann die Hitze schon einen sehr bedeutenden Grad erreichen, bis es ihnen einmal so recht warm wird. Sie haben ein viel trägeres Blut, in dem ganz wenig Eisenteile vorhanden sind, und so ist ihr Blut dicker und galliger denn das der Weißen und braucht einen viel größeren Wärmestand, bis es ganz gehörig flüssig wird.
GEJ|4|198|4|0|Im strengen Winter, etwa in den Nordlanden unseres Ouran, würden diese Menschen ganz entsetzlich saure Gesichter schneiden. In einem ersten Winter würde ihnen die Haut bersten, weil ihr Blut, da zu dick, in ihren äußeren Leibesteilen nicht wohl fortkäme, daher da Schoppungen entstünden, die bei einer starken Spannung des Gefäßes dasselbe zerbersten machen würden, was dann Blutungen und bedeutende Schmerzen zur Folge haben würde. Aber eine Hitze, die ein schwarzes Gestein nahe zum Glühen bringt, macht ihnen eben noch nicht gar zu absonderlich viel. Dagegen aber würde ein echter Nordskythe in Nouabia, so er im hohen Sommer dahin käme, in wenigen Tagen verschmachten und somit auch ehest sterben.
GEJ|4|198|5|0|Du denkst dir nun freilich und sagst in deinem Gemüte: ,Muß es denn auf der Erde so verschiedene Temperaturabstufungen geben? Könnte es denn nicht überall gleich kalt oder warm sein?‘ Würdest du mit der notwendigen Kugelgestalt der Erde vertrauter sein, als du es nun bist, obschon du von Mir, als Ich ein zartes Kind war, über die Gestalt der Erde belehrt worden bist, so würdest du an diese Frage sicher nun nicht gedacht haben!
GEJ|4|198|6|0|Die verschiedenen Temperaturen sind eine unvermeidbare Folge der kugelrunden Form der Erde. Die runde Form aber ist wieder darum notwendig, weil bei jeder andern Form das Licht der Sonne sich unmöglich so zweckmäßig verteilen könnte wie eben bei der Kugelform, – man müßte denn eine Erde von drei Sonnen beleuchten lassen, und zwar über den beiden Polen je eine und über dem Mittagsgürtel eine! Wer aber würde dann erstens die Hitze auf dem Erdboden ertragen, wie würde es mit der alle Kreatur stärkenden Nacht aussehen, und wie sähe es fürs zweite mit der Bewegung der Erde aus, wenn sie von der gleich mächtigen Anziehungskraft dreier ganz gleicher Sonnen abhinge?
GEJ|4|198|7|0|Ich habe dir und euch mehreren ja doch erklärt, wie groß die Sonne ist und sein muß, und wie klein dagegen die Erde! Diese muß um die Sonne in einer entsprechenden Entfernung und Geschwindigkeit kreisen, ansonst sie in dieselbe fallen oder bei übertriebener Geschwindigkeit sich von derselben ins Unendliche entfernen müßte. Im ersten Falle würde die Erde in der Lichtglut der äußersten Sonnenatmosphäre in den Urätherstand oder in die in ihrer Materie gefangengehaltenen Urnaturgeister nahezu in einem Augenblicke aufgelöst werden; im zweiten Falle aber würde sie aus Mangel an Wärme zu einem härtesten Eisklumpen gefrieren! In beiden Fällen wäre an kein Fleischleben auf der Erde Triften zu denken.
GEJ|4|198|8|0|Du siehst aus dem, wie da nach Meiner Ordnung eine Notwendigkeit die andere nach sich zieht, und daß auf dieser Erde eine gleiche Temperatur von Pol zu Pol unmöglich statthaben kann, anderseits aber doch notwendig ist, daß die ganze Erde möglichst allenthalben bevölkert sein solle, damit die aus den Vorkreaturen hervorgegangenen und freier gewordenen Seelen in einen ihrer Natur entsprechenden Leib treten können. Was bleibt dann übrig, als für die heißen Erdgegenden solche Menschen leiblich hinzustellen, deren Natur ein so heißes Klima wohl ertragen kann, und in die kalten Klimatas solche, deren natürliche Beschaffenheit eben die noch so kalten Gegenden bewohnen und einigermaßen kultivieren kann.
GEJ|4|198|9|0|Wenn du das nun nur einigermaßen einsiehst, so wirst du es wohl begreifen, warum im heißen Mittelafrika nur solche dir zuvor charakteristisch beschriebenen Menschen schwarz und von einer ganz eigenen Gemütsbeschaffenheit sein müssen. – Sage Mir, ob du das nun wohl begriffen und gefaßt hast!“
GEJ|4|198|10|0|Sagt Cyrenius: „O Herr, ich bin nun auch darin völlig in der Ordnung und danke für diese mir höchst heilsame Belehrung; denn ich sehe nun daraus, daß alle Welteinrichtung allerweisest oder zweckmäßig ist, und alles so auf ein Haar sein muß, wie es ist und nie anders sein kann! Darum Dir, Gott und Herr, allein alle Ehre, alle Liebe und aller Preis; denn die ganze Erde und alle Himmel sind Deiner Liebe und Weisheit voll!
GEJ|4|198|11|0|Was aber wirst Du, o Herr, mit den Schwarzen noch weiteres unternehmen? Denn so ganz in der Ordnung scheinen sie mir noch nicht zu sein; ich merke das aus ihren sehr nachdenkenden Stellungen.
GEJ|4|198|12|0|Ihr Anführer hat ihnen Deine Gottheit wohl auf eine wahrhaft triftigste Art und Weise vorgetragen, und das vorerzählte Wunder mit dem großen Diamantentransporte hat sie, wie es scheint, anfangs sehr stutzig gemacht; aber nun scheinen sie da allerlei Fragen an sein Gewissen zu richten, und einer, der sich nun ein paarmal nach uns umgesehen hat, hat soeben den Anführer ganz ernst gefragt, ob er den Stein nicht etwa heimlich doch selbst mitgenommen habe samt der Kürbisschale, um sie damit wunderähnlich zu berücken. Auf was diese Schwarzen doch alles kommen! Die werden schon durch ein größeres Wunder zurechtgebracht werden müssen! Der ganz gute Anführer hat offenbar seine entschiedene Not mit ihnen, was ich recht gut merke!“
GEJ|4|198|13|0|Sage Ich: „Nur noch eine ganz kleine Geduld, bis sie in eine rechte Gärung geraten werden, dann erst werden wir dem Anführer zu Hilfe kommen; denn bei dieser Menschenart geht alles langsamer als wie bei uns vonstatten! Dazu haben sie alle nun zum ersten Male ganz fremde Nahrung und einen Wein bekommen, und das macht sie nun für den Augenblick auch begriffsstutziger, als sie je irgend zuvor waren. Aber es ist gut, daß es also ist, ansonst es nicht leicht möglich gewesen wäre, sie von etwas zu überzeugen, was nun noch zu sehr wider die in Memphis eingesogenen Begriffe über Gott streitet.
GEJ|4|198|14|0|Sie können Gottes Unendlichkeit mit Meiner Persönlichkeit unmöglich unter ein Dach bringen; aber wenn sie einmal so recht durchgegärt sein werden, dann werden wir mit ihnen ganz leicht und bald fertig werden! Unterdessen aber bearbeitet sie ihr Anführer wegen des gegen ihn gefaßten Wunderbetrugsverdachtes, was auch recht ist; denn wer da immer ob eines rechten Wunderwerkes einen losen Verdacht erhebt, der soll darum allerdings auch eine ganz gediegene Zucht samt der Rute bekommen! Je mehr diese Schwarzen nun mit den Worten gezüchtigt und gedemütigt werden, desto fester und leichter werden sie für uns dann für immer bleiben!“
GEJ|4|199|1|1|199. — Vom langsamen und vom schnellen Begreifen der Wahrheitslehre
GEJ|4|199|1|0|(Der Herr:) „Es ist aber das schon eine alte Erfahrung, daß Menschen, die etwas leicht fassen und zuvor nicht recht tüchtig durchgegerbt worden sind, die leicht aufgefaßte und begriffene Sache auch gar leicht und gar bald fahren lassen, während Menschen, die gewisserart durch lauter Rippenstöße und harte Vorproben eine Lehre in sich zum Fassen und zum Begreifen bringen, dieselbe dann nicht leichtlich irgend mehr auslassen.
GEJ|4|199|2|0|Oh, es gibt welche, die da ganz gute Talente besitzen und dazu auch jedes andere Vermögen haben! Sie fassen alles bald und leicht und begreifen es wohl; aber zur Zeit dann eingetretener notwendiger Proben gedenken sie ihrer Weltvorteile, fürchten sich zuviel zu opfern und trachten dann nach Möglichkeit jener geistigen Sachen zu vergessen und loszuwerden, die, wenn für sie auch handgreiflich wahr, ihnen auf dieser Welt keine Interessen tragen. Solche Menschen gleichen jenen nahe ganz durchsichtigen Tagesfliegen, die den ganzen schönen Tag hindurch im Lichte, als selbst ganz durchleuchtet und durchglüht, spielen und voll Lebens sind; so aber dann kommt die das Leben prüfende Nacht, da hat ihr Licht und ihre Glut auch ein Ende, und damit auch ihr Leben!
GEJ|4|199|3|0|Darum taugen jene Menschen, die anfänglich irgendeine höhere Wahrheit etwas schwerer fassen, fürs Gottesreich besser denn die Leichtfasser; denn sie behalten das Gefaßte dann treu und lebenswarm, während die Leichtfasser mit dem Lichte aus den Himmeln geradeso spielen wie die Tagesfliegen mit dem Sonnenlichte, haben aber dann in der Folge keinen größeren Nutzen vom Himmelslichte als die Tagesfliegen vom Sonnenlichte.
GEJ|4|199|4|0|Es gibt aber mitunter schon auch Menschen, die eine Wahrheit leicht fassen, sie behalten und dann auch zur Nachtzeit gleich hellen Sternen fortleuchten und sich und anderen einen großen Nutzen schaffen; aber dieser Menschen gibt es wenige, und sie sind selten.
GEJ|4|199|5|0|Diese Mohren aber gehören alle zu den Schwerfassenden; aber was sie einmal erfaßt haben, das gehört ihnen, und sie werden fürder und fürder leuchten in ihren spätesten Nachkommen gleich den Sternen im Orion und gleich Sirjezc (Sirius) in der großen Weite.
GEJ|4|199|6|0|Es ist mit der gründlichen Fassung und dem richtigen Verständnisse Meiner Lehre nahe wie mit dem Erwerben eines Vermögens: Wer auf eine ganz leichte Art zu einem bedeutenden Vermögen gekommen ist, der wird auch bald und leicht damit fertig; denn an Entbehrungen ist er nie gewöhnt worden, und Sparen hat er nie versucht. Ist er einmal im Besitze eines Vermögens durch Erbschaft oder durch einen sonstig leicht zu erzielenden Gewinn, so wird er das Vermögen nicht achten; denn er denkt und fühlt es auch, daß man sich ein bedeutendes Vermögen ganz leicht erwirbt. Wer aber mit seiner Hände Fleiß sich ein bedeutendes Vermögen erworben hat, der kennt die schwere Mühe und Arbeit und weiß, wie viele Schweißtropfen ihn ein jeder Groschen gekostet hat; darum achtet er auch sein schwer erworbenes Vermögen und vergeudet und verpraßt es sicher nimmer auf eine leichtfertige Weise.
GEJ|4|199|7|0|Also aber steht es auch mit den geistigen Schätzen. Wer sie leicht gewinnt, der achtet ihrer kaum, weil er sich denkt und in sich auch fühlt, daß er sie entweder gar nie und nimmer verlieren könne, oder, verlöre er auch etwas davon oder gar alles, er alles Verlorene ganz leicht wieder gewinnen werde. Aber dem ist nicht also; denn wer da geistig etwas verliert, der gewinnt das Verlorene ein zweites Mal nicht so leicht wieder wie das erste Mal.
GEJ|4|199|8|0|Denn an die Stelle des verlorenen Geistigen tritt sogleich das Materielle, und das ist ein Gericht, und läßt sich nicht so leicht mehr verdrängen wie im Anfange. Denn wie da alles Geistige fortwährend geistiger und freier wird, so wird auch alles Materielle gleichfort materieller, weltlicher und voller des Gerichtes und des Todes; wer aber einmal im Gerichte steckt und gefesselt ist im Wollen und Erkennen, der gibt sich selbst die Freiheit schwer oder nimmer wieder.
GEJ|4|199|9|0|Wer einmal Mein Wort hat, der muß es behalten und im selben unwandelbar verbleiben nicht nur durchs Wissen allein, sondern hauptsächlich durch die Taten und Werke nach dem Worte; denn alles Wissen und Glauben ohne Werke ist so gut wie gar nichts und kann fürs Leben keinen Wert haben!
GEJ|4|199|10|0|Was nützete es jemand, der eine Reise zu machen hätte an irgendeinen ihm bloß dem Namen nach bekannten Ort, dahin er den Weg nicht kennt, so ihm ein des Weges Kundiger eine vollkommene Beschreibung machte, wie der Weg zu dem Orte sich hinzieht, wenn er, nun des Weges kundig, nicht auf demselben wandeln will, sondern sich umkehrt und in einer ganz entgegengesetzten Richtung fortzugehen anfängt?! Wird er wohl je an den Ort gelangen? Ich sage: Der kann kommen, wohin er will, – nur an den Ort seiner Bestimmung wird er nie gelangen; denn wohin man kommen will, dahin muß man auch wandeln!
GEJ|4|199|11|0|Diese Mohren sind gewiß in der Erdbeschreibung die allerunkundigsten Menschen von der Welt! Ohne den Obersten Justus Platonicus würden sie den Weg hierher wohl ewig nie infolge ihrer Kunde gefunden haben; aber nachdem ihnen der Weg vom Obersten einmal ordentlich beschrieben worden war, da wandelten sie genau nach der Beschreibung, und ihr nunmaliges Dasein bekundet zur Genüge, daß sie des Obersten Weisung allergenaust in die Ausführung gebracht haben, und dazu gehörte ein unerschütterlich fester Wille, der eben diesen Mohren in einem hohen Grade eigen ist. Wer aber etwas ganz fest will, der vollführt auch das sicher, was er fest will.
GEJ|4|199|12|0|Wer demnach Mein Wort und Meine Lehre hat und tut festwillig danach, der muß sein Ziel erreichen, und nichts kann ihn daran hindern; aber wer da wohl etwas nach Meinem Worte und daneben aber auch das tut, was die lose Welt begehrt, der gleicht einem Menschen, der einen halben Weg an einen Ort hin macht, so er aber kommt auf den halben Weg, gleichfort umkehrt und den schon begangenen Weg wieder zurückmacht.
GEJ|4|199|13|0|Auch gleicht er einem Knechte, der zwei Herren, die wider einander sind, dienen will. Wird der mit seiner Arbeit bei den zwei sich gegenseitig anfeindenden Herren zurechtkommen? Wird er beide lieben können, wenn auch nur dem Scheine nach? Welches Gesicht aber werden die beiden Herren machen, so sie erfahren werden, daß der Doppelknecht jedem der zwei Herren gleich zugetan ist? Wird nicht der eine wie der andere zum Knechte sagen: ,Ei du schalkhafter Diener, wie magst du meinen ärgsten Feind auch lieben wie mich?! Diene mir allein, oder hebe dich aus meinem Dienste!‘ Denn niemand kann zweien Herren der Wahrheit nach dienen; er muß den einen dulden und den andern verachten. Und siehe, solch ein loser und schalkhafter Knecht wird dann von beiden Herren zugleich aus dem Dienste gejagt und dann schwer mehr bei einem dritten in den Dienst aufgenommen werden, und es wird mit ihm sein, daß er zwischen zwei Stühlen auf die Erde niedersitzen wird.
GEJ|4|199|14|0|Daß aber diese Mohren nicht Diener zweier, sondern des einen Herrn sein wollen und auch werden, das entnimmst du ganz leicht aus dem, wie der Anführer zu kämpfen hat mit seinen Gefährten, denen des Obersten Worte noch zu mächtig im Herzen eingegraben und nicht so leicht herauszubringen sind!
GEJ|4|199|15|0|Das einzige, was der Oberste ihnen von einer göttlichen Persönlichkeit aus Moses angeführt hat, ist ein Anhaltspunkt und eine Brücke, auf der sie zu Mir gebracht werden können. Und auf eben dieser Brücke treibt sich nun der Anführer hauptsächlich herum und sucht die Hartnäckigsten umzustimmen. Sende Ich ihm nicht den Engel zu Hilfe, so ist er auch in einem Jahre noch nicht fertig mit ihnen; aber Ich werde ihm nun den Engel hinsenden und da wird sich diese Sache auch geben!“
GEJ|4|199|16|0|Sagt Cyrenius: „O Herr, da möchte ich wohl in der Nähe sein, um die Verhandlungen klarer und deutlicher ausnehmen zu können!“
GEJ|4|199|17|0|Sage Ich: „Wird nicht nötig sein; denn der Wind wird alles zu unseren Ohren bringen!“
GEJ|4|200|1|1|200. — Raphael überzeugt die Mohren von der Göttlichkeit des Herrn
GEJ|4|200|1|0|Gleich darauf berufe Ich den Engel und sage zu ihm, der Tischgenossen wegen laut: „Raphael, nun ist Oubratouvishar mit seinen Gefährten auf den rechten Punkt wieder zurückgekommen, und da kannst du dem Streite mit einem Hiebe helfen! Sie sind ganz geneigt, nun seine An- und Einsicht über Mich anzunehmen, wenn er's ihnen beweisen kann, daß der Stein wirklich durch dich in einem Momente aus Nouabia hierhergeschafft worden ist. Gehe denn hin und schaffe jedem, der es verlangt, das, was er verlangt, aus seiner Hütte hierher, und die ganze Streitsache wird damit vollkommen abgetan sein!
GEJ|4|200|2|0|Denn diese festwilligen, aber schwer fassenden Menschen müssen durch ein Wunder bekehrt werden, weil das Wort allein für sie zu wenig überzeugende Kraft besitzt. Diesen Menschen schadet ein Wunder auch nicht soviel wie irgend euch und ganz besonders so manchen Juden; denn sie als Naturmenschen können selbst ganz ansehnliche Wunder bloß durch ihren festen Glauben und durch ihren unbeugsamen Willen zustande bringen, was sie aber freilich als eine nahe ganz natürliche Sache ansehen. Davon werden wir uns später überzeugen. Ein großes Wunder gilt dann bei ihnen nur als ein halbes, und so können sie ohne irgendeine Ärgernisnahme durch Wunder ganz unschädlichermaßen bearbeitet werden. Gehe nun sonach hin! Was du zu reden und zu tun hast, liegt schon in dir.“
GEJ|4|200|3|0|Mit dem nun allen bekannten Bescheide begibt sich der Engel zu dem Tische, wo die Schwarzen, durch den Genuß des Weines noch lebhafter gemacht, ihre ziemlich lauten Disputationen halten. Als er dort anlangt, sagt er mit einer durchdringend lauten Stimme: „Was beschuldiget ihr diesen euren größten Freund und Wohltäter, dem ihr alles Gute zu verdanken habt, als wollte er euch betrügen und einen falschen Glauben aufdrängen?! Was verdächtiget ihr das Wunder, das ich zu seiner Überzeugung auf Geheiß des Herrn gewirkt habe, dahin, als wäre ich ein von ihm bestellter Gauner, der, um euch zu betrügen, ihm behilflich wäre! Welche Beweise wollt ihr denn, die da vermöchten, eure Zweifelsucht in euch bekämpfend, euch zurechtzubringen? Soll ich für euch aus euren Hütten etwas hierherschaffen? Verlangt, und ich werde es tun!“
GEJ|4|200|4|0|Auf diese energische Anrede wurden alle still und wußten vor Angst nicht, was sie tun sollten.
GEJ|4|200|5|0|Aber der Anführer sagte: „Das ist Gottes Hilfe! Die wird mich rechtfertigen von euren schon ganz arg gewordenen Anwürfen! Verlanget und überzeuget euch; denn nichts als das allein nur kann eure große Torheit brechen!“
GEJ|4|200|6|0|Darauf erhob sich einer, der am meisten gezweifelt hatte, und sagte: „In meiner Hütte ist ein Schatz verborgen; außer mir und meinem Weibe, das hier ist, kennt ihn wohl niemand. Schaffe mir ihn hierher, und ich werde dann vollauf glauben!“
GEJ|4|200|7|0|Sagt der Engel: „In welcher Zeit soll ich dir den Schatz, den du in Linnen und Röhricht eingewickelt und in den Winkel gen Sonnenaufgang in deiner Hütte an der Stelle, wo außerhalb der Hütte ein großer Palmbaum steht, zwei Schuh tief in den Sand verscharrt hast, und der in einem dreißig Pfunde schweren und ganz reinen Goldklumpen besteht, hierherschaffen? Sage mir an die Zeit!“
GEJ|4|200|8|0|Hier macht der Zweifler große Augen und sagt: „Aber um aller Himmel willen, wie möglich kannst du, holdester Junge, das so genau wissen? Schon damit hast du meinen Zweifel vernichtet; denn nun ist mir alles einleuchtend, was immer unser Führer und Ältester von jenem jungen Manne ausgesagt hat! Aber bei alldem wird die Sache stets fürchterlicher merkwürdig! Wenn außer allem Zweifel in jenem Manne die ganze Fülle des urewigen Gottgeistes wohnt, wie werden wir bestehen vor Ihm! Muß Ihn unser Zweifeln nicht im höchsten Grade beleidigt haben? Oh, oh, wir sind alle verloren!“
GEJ|4|200|9|0|Sagt der Engel: „O mitnichten, ihr seid nun nur alle gewonnen! Aber nun bestimme du die Zeit, in der ich dir deinen Schatz hierherholen soll!“
GEJ|4|200|10|0|Sagt der Zweifler: „O Holdester, – ist nun gar nicht mehr nötig um meines Unglaubens halber; aber so du ihn mir schon wunderbarst herschaffen willst, da lasse es dir leicht geschehen! Wenn er etwa hier für jemanden einen besonderen Wert hat, so soll er ihn mir mit anderen nützlichen Werkzeugen ablösen; denn mir ist er ja ohnehin zu nichts nütze! Er ist schön und hat Stellen, die an der Sonne sehr stark glänzen; und wenn man ihn recht aufmerksam betrachtet, so besteht er aus allerlei Figuren, die auf seiner Oberfläche ersichtlich sind. Manche sind dunkel und glanzlos, aber manche leuchten mächtig an der Sonne. Darin lag für mich der eigentliche Wert des ziemlich großen und ganz kompakten Klumpens. Wenn du, holdester, schönster Junge, ihn mir sonach herschaffen willst, so brauchst du dich bei aller deiner wundersamen Kraft nicht zu übereilen!“
GEJ|4|200|11|0|Sagt der Engel: „Sieh mich an! In diesem Augenblick hole ich deinen Schatz; zähle die Augenblicke, wie viele ich derer brauchen werde, um hin- und wieder zurückzukommen!“
GEJ|4|200|12|0|Der Zweifler und seine Gefährten richten ganz scharfe Blicke auf den Engel, um zu sehen, wann er sich entferne, und wie bald er darauf wiederkehren werde.
GEJ|4|200|13|0|Aber der Engel entfernt sich gar nicht, sondern fragt den früheren Zweifler: „Nun, hast du meine Abwesenheit bemerkt?“
GEJ|4|200|14|0|Sagt der Zweifler: „Nein; denn bis jetzt standst du noch immer felsenfest auf demselben Flecke!!“
GEJ|4|200|15|0|Sagt der Engel: „Oh, mitnichten; denn sieh nur hinab, zu deinen Füßen liegt schon ganz gesund und wohlbehalten dein Schatz!“
GEJ|4|200|16|0|Der Zweifler schaut unter den Tisch, und sein wohlerkennbarer Schatz ruht in der unversehrten Einfassung zu seinen Füßen! Darüber erschrickt der Zweifler so sehr, daß darob seine sonst ganz karminroten Lippen blaß werden und er ordentlich zu beben anfängt.
GEJ|4|200|17|0|Auch die anderen machen ein ganz absonderlich betroffenes Gesicht über diese Erscheinung und schreien: „Aber um Gottes Willens Macht! Was ist das, wie kann das sein?! Du Holdester hast dich von der Stelle ja doch nicht einen allerkürzesten Augenblick entfernt! Wie war hernach das möglich?“
GEJ|4|200|18|0|Sagt der Engel: „Bei Gott ist alles möglich, und ihr könnet daraus entnehmen, wie Gott der Herr, wenn Er auch hier als Mensch gleich einem andern Menschen anwesend ist, mit Seiner allerunendlichsten Willensmacht dennoch die ganze Unendlichkeit leitet, regiert und erhält, und wie vor Seinen allsehenden Augen es ewig nirgends etwas Verborgenes geben kann, um das Er nicht auf das allergenaueste wüßte!
GEJ|4|200|19|0|Daß der ewige Gottgeist nun auf dieser Erde das Fleisch angenommen und Selbst persönlich Mensch geworden ist, dazu bewog Ihn Seine übergroße Liebe zu euch Menschen dieser Erde vor allem, und dadurch auch zu den Menschen von all den zahllosen anderen Weltenerden, um euch für alle ewigen Zeiten ein fühlbarer, schaubarer und sprechbarer Gott und Vater in aller Liebe zu sein! Denn Er als Gott ist die mächtigste und reinste Liebe, darum sich Ihm aber auch kein Mensch und kein Engel anders als allein nur in und durch die Liebe nahen kann.
GEJ|4|200|20|0|Wollt ihr zu Ihm kommen, so müsset ihr Ihn vor allem über alles lieben und euch untereinander als wahre Brüder und treuherzige Schwestern; ohne solche Liebe ist eine wahre Annäherung zu Ihm so gut wie rein unmöglich! Nun aber hebe du, erschreckter Hase, deinen Schatz herauf auf den Tisch und betrachte ihn, ob er wohl der rechte ist!“
GEJ|4|201|1|1|201. — Der Mohr und Oubratouvishar übergeben dem Cyrenius ihre Schätze
GEJ|4|201|1|0|Hier, vom ersten Schreck ein wenig erholt, beugte sich der Mohr hinab und hob den ziemlich großen Klumpen auf den Tisch, löste das Röhricht und die Linnen ab, und in kurzer Zeit lag der Goldklumpen ganz nackt auf dem Tische; und viele gingen hinzu und betrachteten diesen reichen Schatz. Auch unser Judas Ischariot konnte seine Neugierde nicht bezähmen, besah sich den Schatz und bedauerte heimlich sehr, daß nicht er der Besitzer desselben sei.
GEJ|4|201|2|0|Als der Schatz hinreichend betrachtet und bewundert worden war, da fragte der Mohr den Engel, wem er nun wohl am füglichsten diesen Klumpen schenken dürfte, weil er ihn denn doch wohl nicht mehr den weiten Weg nach Hause tragen möchte.
GEJ|4|201|3|0|Und der Engel zeigte ihm den Cyrenius an und sagte: „Dort sieh, zur Rechten des Herrn sitzt der Oberstatthalter Roms! Der hat zu gebieten über Asien und einen großen Teil Afrikas; ganz Ägypten steht unter ihm, und somit auch der Oberste von Memphis! Dem gib diesen Schatz! Auch du, Oubratouvishar, würdest besser tun, den Stein diesem Oberstatthalter einzuhändigen, als dem Obersten in Memphis, der auf derlei Schätze wenig oder gar nichts hält! – Übrigens ist das nur mein Rat, und du kannst tun nach deinem Wohlgefallen!“
GEJ|4|201|4|0|Sagt der Anführer: „Dein weiser Rat ist mir schon ein Gebot, das ich auch um den Preis des Lebens erfüllen würde, weil du mir nur das Weiseste und Beste raten kannst!“
GEJ|4|201|5|0|Mit dem erheben sich beide – der Zweifler mit seinem Goldklumpen und der Anführer mit seinem großen Diamanten – und begeben sich damit zum Cyrenius.
GEJ|4|201|6|0|Als sie da anlangen, sagt der Anführer: „Nicht wußte ich früher, wer du bist. Ich erkundigte mich auch nicht um jemand andern, denn allein nur um den Herrn, da ich mir dachte: ,Da kann nur einer der Herr und Gebieter sein, und alle andern sind dessen Knechte und Diener!‘ Aber nun hat mir jener blendendweise Wunderjunge erst erzählt, daß du, irdisch genommen, auch ein großer Herr und Gebieter bist, und so habe ich nach dem weisen Rate jenes holdesten Wunderjungen mich samt diesem Gefährten frei entschlossen, unsere so wunderbar hierhergebrachten Schätze zu deinem Gebrauche dir zu geben, wofür du uns aber dennoch einige der nötigsten, brauchbarsten Hausgeräte möchtest zukommen lassen, auf daß auch wir mit ihnen unser Haus für die Erzeugung des Brotes, das gar so gut und wohlschmeckend ist, einrichten könnten.
GEJ|4|201|7|0|Unsere Hau- und Schneidewerkzeuge sind schlecht und werden gleich stumpf; denn sie sind sehr mühsam aus Holz und Tierknochen verfertigt. In Memphis aber haben wir allerlei Schneidegeräte kennengelernt, die sogar der Stein nicht so leicht stumpf macht, – und derlei Werkzeuge könnten wir wohl besser brauchen als unser gelbglänzendes Metall, das weich und unbrauchbar ist! – Nimm somit diese zwei Stücke gütig an!“
GEJ|4|201|8|0|Sagt Cyrenius: „Gut, Freunde, ich nehme von euch die zwei überaus wertvollen Stücke an; aber nicht für mich, sondern für dies verarmte Galiläervolk, das sich nach Rom schon in einem bedeutenden Steuernrückstand befindet! Mit diesen zwei Stücken ist Rom für dieses Land für zehn aufeinanderfolgende Jahre mit Steuern für alle Fälle zum voraus gedeckt, und das Land kann sich in der Zeit erholen.
GEJ|4|201|9|0|Wenn ihr wieder heimkehren werdet, werde ich Sorge tragen, daß euch eine gerechte Menge von allerlei nötigsten und wohl brauchbaren Werkzeugen und Gerätschaften mitgegeben werde, und wollet ihr freiwillig unter den römischen Schutz euch begeben, so würdet ihr dann von Jahr zu Jahr mit neuen Werkzeugen und Gerätschaften versehen werden! Sonst müßtet ihr denn wenigstens alle Jahre, natürlich gegen Eintausch für derlei Metalle, euch in Memphis selbst damit versehen!“
GEJ|4|201|10|0|Sagt der Anführer: „Um das zu verfügen, müßte zuvor ein allgemeiner Volksrat gehalten werden, was bei uns stets eine etwas schwere Sache ist, weil unser Land von einer großen Ausdehnung ist und die Bewohner in gar vielen, oft ganz unzugänglichen Winkeln birgt und es daher sehr schwer ist, einen Volksrat zusammenzurufen. Das Bessere wird daher schon sein, daß wir uns in Memphis von Zeit zu Zeit etwas abholen, was wir am nötigsten brauchen.
GEJ|4|201|11|0|Eure römischen Gesetze mögen sehr gut sein; aber sie würden für unser Land und Volk dennoch nicht taugen. Es hat uns auch schon der Oberste von Memphis einen gleichen Antrag gemacht, den wir aber ebensowenig wie nun diesen deinen haben annehmen können. Könntet ihr auch in unser Land dringen, so würde euch das wenig nützen! Ihr würdet dort in der glühheißen Wüste umherirren und verschmachten zu Hunderten und würdet doch keine Menschen, wohl aber Löwen, Panther und Tiger finden in Herden zu Hunderten, die euch zerreißen würden; auch würdet ihr den Kampf mit Schlangen und Nattern nicht bestehen!“
GEJ|4|201|12|0|Sagt Cyrenius: „Wie kommt denn dann ihr mit so vielen reißenden Bestien aus? Tun sie euch denn im Ernste nichts zuleide?“
GEJ|4|201|13|0|Sagt der Anführer: „Hast doch ehedem aus dem Munde des Jungen und aus dem allerheiligsten Munde des Herrn Selbst vernommen, wie wir beschaffen sind! Wie kannst du darüber hinaus auch noch mich fragen? Also ist es, wie der Herr Selbst es von uns ausgesagt hat; wie, wodurch und warum aber, – das wissen wir selbst nicht! Ich bitte dich darum, mich mit derlei Fragen zu verschonen; denn die Antworten darauf können dir nichts nützen!“
GEJ|4|201|14|0|Hierauf machten beide eine tiefste Verbeugung vor uns und gingen darauf sogleich wieder zu ihren Gefährten zurück und erzählten, was sie alles bei Mir ausgerichtet hatten.
GEJ|4|202|1|1|202. — Der Ursprung des Jabusimbil-Tempels, der Sphinx und der Memnonssäulen, dargestellt durch die Hieroglyphen der beiden ersten Perlen
GEJ|4|202|1|0|Aber die Gefährten sagten: „Wie könnet ihr beim Herrn irgend etwas ausgerichtet haben, da ihr mit Ihm doch kein Wort geredet habt?!“
GEJ|4|202|2|0|Da sagte der Anführer: „Hier, wo Er weilt, geht alles von Ihm aus, und wir haben darum stets nur mit Ihm zu tun, ob wir schon mit Seinen Jüngern verhandeln!“ – Mit diesem Bescheide waren alle zufrieden und sagten nichts mehr.
GEJ|4|202|3|0|Aber einige sagten zum Engel: „Höre, du Wunderjunge, möchtest du nicht auch uns fünfen, die wir auch ganz sonderbare Schätze in unseren Hütten verborgen halten, dieselben hierherschaffen?“
GEJ|4|202|4|0|Sagte der Engel: „Hebet sie nur von euren Füßen auf den Tisch, und wir werden sehen, was daran ist!“
GEJ|4|202|5|0|Hier schauen fünf der am Tische sitzenden Mohren unter den Tisch und ersehen zu ihrem größten Erstaunen ihre ihnen wohlbekannten, ziemlich großen Bündel, heben dieselben auf den Tisch, und es kommen da noch vier ganz tüchtige Klumpen Goldes zum Vorschein, die zusammen über hundert Pfunde wiegen; aber in einem fünften Bündel kommen sieben ziemlich große Flußgeröllsteine vor, die der neben dem Engel stehende Markus für ganz wertlos halten möchte.
GEJ|4|202|6|0|Aber der Engel sagt: „Warte nur, bald wirst du's gewahr, daß eben diese sieben Steine vom größten und unschätzbaren Werte, irdisch genommen, sind! Bringe aber einen festen, ehernen Hammer, und wir werden sie untersuchen!“
GEJ|4|202|7|0|Markus eilt, als selbst voll Neugierde, in seine Zeugkammer und kommt bald mit einem festen, eisernen Hammer zum Vorschein und überreicht ihn dem Engel. Dieser nimmt einen solchen Stein zur Hand und versetzt ihm einige vorsichtige Schläge, auf welche sogleich die weißliche, kiesartige Kruste abfällt, und eine Perle in der Größe eines Menschenkopfes kam zum Vorscheine, was alle ins größte Erstaunen setzte.
GEJ|4|202|8|0|Auf der Oberfläche dieser Wunderperle waren Hieroglyphen und andere Zeichen eingraviert. Unter andern war auch eine ganz gute Zeichnung des Tempels von Ja bu sim bil im Baumomente, und zwar in jenem ersichtlich, wo die vier riesenhaften Figuren nach einer hundertsiebzigjährigen Arbeit voll Schweiß und mancher Aufopferung beendet worden waren und man noch an den Simsungen lebhaft arbeitete und durch die Skulptierung riesige Schriften und sonstige Zeichen in die platten, großen Flächen eingravierte und zugleich aber auch das Tor in der Mitte der je zwei Riesenfiguren aufzureißen begann. Wer sich diese Zeichen und Schriften, die ganz deutlich zu sehen waren, entziffern konnte, der hatte den Ursprung dieses Tempels vor sich und den Grund, warum er von den damaligen Ägyptern errichtet worden ist, und zwar knapp am Nilstrome.
GEJ|4|202|9|0|Diese Perle hatte demnach nicht nur als eine Riesin ihrer Gattung einen unschätzbaren Wert, sondern auch einen historischen. Zugleich aber stammte sie aus einer Periode der Erde, von der an es noch gar viele Jahrtausende währte, bis ein erster Mensch im Fleische ihren Boden betrat.
GEJ|4|202|10|0|Zu der Erdzeit, als solche riesenhaften Schaltiere das Meer bewohnten, spülten über den größten Teil der niederen Lande Afrikas des großen Weltmeeres Wogen. Die Urägypter fanden die Mutterschale bei der Grundgrabung der ersten Pyramide, und als sie die Mutterschale öffneten, fanden sie darin diese sieben Perlen, von denen die eine nun der Engel von ihrer Kruste befreit hat.
GEJ|4|202|11|0|Natürlich ward nun der Engel mit Fragen bestürmt, und er erklärte den Sachverhalt auch gerade also, wie er nun hier in Kürze angeführt ward.
GEJ|4|202|12|0|Als Raphael mit der natürlich nur oberflächlichen Erklärung der zuerst enthüllten Perle zu Ende war, sagte er: „Was euch vorderhand not tut, habe ich euch nun in Kürze so verständlich als möglich gesagt; gehen wir nun zur Enthüllung der zweiten Perle über, die etwas kleiner sein wird denn die erste!“
GEJ|4|202|13|0|Hier nahm der Engel die zweite Perle und befreite sie auf die frühere Art und Weise von ihrer Kruste. Auch sie war voller Zeichen und Schriften. Auf einer der glattesten Flächen war der kleine Tempel von Ja bu sim bil ganz gut eingraviert und daneben ein Kopf, ähnlich dem der großen Sphinx. Und der Engel ward abermals bestürmt, all diese Zeichen und Schriften zu erklären.
GEJ|4|202|14|0|Und er (der Engel) sagte: „Freunde, ohne die volle Erwecktheit des Geistes in der Seele vermag das von den jetzt lebenden Menschen wohl niemand zu entwirren, was alles das besagt, was da auf dieser Perle geschrieben und gezeichnet ist!
GEJ|4|202|15|0|Obwohl diese Perle so alt ist wie die erste und größte, so ist sie aber dennoch um hundert Jahre später also beschrieben und bezeichnet worden, und zwar um die Zeit der Beendigung des kleinen Felsentempels, in der aber das Innere des großen Tempels noch nicht völlig beendet war. Darum ist hier auch der kleine Tempel schon als völlig beendet dargestellt.
GEJ|4|202|16|0|Der Kopf stellt den des damalig schon siebenten Hirtenkönigs dar, der sich den Namen Shivinz (irrig ,Sphinx‘) der Lebhafte, der Unternehmende, gab. Er hatte ein Alter von nahe dreihundert Jahren erreicht, und man hatte seinen Kopf höchst kolossal aus einem großen Granitfelsen gemeißelt, der noch heutzutage, ziemlich gut erhalten, zu sehen ist.
GEJ|4|202|17|0|Dieser Shivinz hatte große Verbesserungen in den Schulen, wie auch in der Viehzucht und Landeskultur eingeführt und genoß von seinem Volke aber auch eine nahezu göttliche Verehrung. Die Zeichen und Schriften besagen aber eben das viele Gute, was er mit seinem höchst regen Geiste alles für Verbesserungen in diesem Lande eingeführt hatte.
GEJ|4|202|18|0|Er hatte den großen Tempel nicht zu meißeln begonnen, denn das haben zwei seiner dem unsichtbaren Geiste Gottes sehr ergebene Vorfahren getan; aus großer Achtung aber ließ er sie unweit vom großen Tempel auf einer schönen Ebene in sitzender Stellung aus Stein in einer höchst kolossalen Größe meißeln und zum ewigen Gedenken nahe am Nile aufstellen. Und da die beiden keinen Namen hatten und auch aus purer Bescheidenheit irgendeinen Namen nicht führen wollten, so benannte er sie und gab ihnen den Namen ,Die Namenlosen‘ (ME MAINE ONI, schlecht in der späteren Zeit ,Memnon‘), welche beide Bildsäulen auch noch bis an den heutigen Tag recht gut erhalten zu sehen sind.“
GEJ|4|202|19|0|Sagt der Anführer: „Ja, ja, das haben wir alles gesehen und hoch bewundert! Aber wie alt mögen nun diese außerordentlichen Sachen wohl sein?“
GEJ|4|202|20|0|Sagte der Engel: „Nahe an dreitausend Jahre, und die nächstkommenden dreitausend Jahre werden ihre Spuren nicht ganz verwischen! – Wartet nun aber ein wenig, wir werden nun die dritte Perle enthüllen; an deren Oberfläche werdet ihr nebst den zwei Vorfahren des Shivinz schon als Statuen noch eine ganz andere große Denkwürdigkeit graviert ersehen, die euch sehr nachdenken machen wird!“
GEJ|4|203|1|1|203. — Das Geheimnis der dritten Perle: Die sieben Riesen und die Sarkophage
GEJ|4|203|1|0|Hier nahm Raphael die dritte Perle in die Hand und befreite sie von ihrer Kruste.
GEJ|4|203|2|0|Als sie nun nackt da war, machte Raphael die vor Wißbegierde ordentlich Brennenden sogleich auf die ganz gut gravierten Memnonstatuen aufmerksam und sagte: „Sehet, da sind sie schon, die beiden Namenlosen! Aber da oberhalb erschauet ihr, als vor den Namenlosen, sieben riesige Figuren in bekleideter Menschengestalt, und um sie her erschauet ihr eine Menge ganz kleiner Menschenfigürlein! Was hat denn der weise Shivinz, der die Perlen alle eigenhändig gezeichnet hat, damit andeuten wollen?
GEJ|4|203|3|0|Hört! Es ist in derselben Zeit, etwa hundertsieben Jahre vor dem ersten der zwei namenlosen Vorfahren, ein sehr großer Erdball im tiefen Schöpfungsraume durch die Zulassung des Herrn in viele Stücke zerstört worden. Gar viele und gar riesenhaft große Menschen bewohnten ihn.
GEJ|4|203|4|0|Bei der plötzlichen, von niemand vorgesehenen Zerstörung, obwohl sie jenen Menschen zu öfteren Malen angekündigt ward, kam es, daß sieben von den erwähnten Erdballsmenschen in Oberägypten auf mehreren offenen Plätzen des großen Landes niederfielen und durch ihren schweren Fall eine sehr starke Erderschütterung verursachten.
GEJ|4|203|5|0|Dieser Menschenregen dauerte über zehn Tage lang, das heißt vom Erstgefallenen bis zum Letzten. Die Bewohner des Landes haben dabei viel Angst und großen Schrecken zu bestehen gehabt; denn sie fürchteten sich besonders in der Nacht, daß ein solcher Riese über sie fallen und sie allesamt gar übel erdrücken werde. Darum starrten sie beklommensten Herzens stets den Himmel an, ob nicht wieder irgendein solcher ungeladener Gast ihnen aus den Wolken einen höchst unwillkommenen Besuch abstatten möchte.
GEJ|4|203|6|0|Gut bei zehn Jahre lang wurden bleibende Wachen aufgestellt, um zu sehen, ob nicht wieder so ein ganz entsetzlicher Reisender aus der Luft ankäme; aber da davon nach den zehn Tagen keine Spur mehr zu entdecken war, so wurden die Gemüter der Menschen nach und nach wieder ruhiger, und sie wagten sich sogar zu den großen, ganz vertrockneten Riesenleichnamen, die bis zu ein viertel Tagereisen weit voneinander zerstreut herumlagen.
GEJ|4|203|7|0|Die Weisen unter jenen Urmenschen Ägyptens meinten wohl, daß es die etwa vom Geiste Gottes bestraften Riesen eines großen, weit entlegenen Landes seien und gegen Gott gefrevelt haben dürften, und Gott habe sie dann in Seinem gerechten Zorne von der Erde durch Seine mächtigen Geister aufheben und hierher schmeißen lassen, um den Ägyptern zu zeigen, daß Er auch der mächtigsten Riesen nicht schone, so sie wider Seinen Willen handelten. Kurz und gut, man fing endlich gar an, diese toten Riesen stückweise zu verbrennen, und in fünfzig Jahren war von diesen toten Riesengästen keine Spur irgend mehr zu entdecken.
GEJ|4|203|8|0|Was die Ägypter aber sich von diesen riesigsten Menschengestalten dennoch merkten, war das, daß sie aus den ihnen gar sehr im Gedächtnisse gebliebenen Riesen in einen kolossalen Sinn für alles übergingen, wovon ihre ersten Skulpturen mehr als einen handgreiflichen Beweis liefern.
GEJ|4|203|9|0|Im Tempel zu Ja bu sim bil wurden in jeder der drei Abteilungen sieben Riesen als gewisserart Träger der Decke abgebildet, das heißt in Stein gehauen, und zwar in jener Tracht, in der die großen Reisenden aus der Luft angekommen sind; und die Ägypter, die vormals nahe ganz nackt herumwandelten, haben angefangen, sich auch in solcher Art zu kleiden, – aus welchem Grunde man denn auch bis auf den heutigen Tag alle die alten Überreste also bekleidet erschaut. Ihre Mumien und Sarkophage sind voll von derartigen Verzierungen.“
GEJ|4|203|10|0|Fragt der Anführer, was denn die alten Ägypter so ganz eigentlich unter den Sarkophagen verstanden und warum sie die großen und auch kleineren sehr massiven Särge also benannt haben.
GEJ|4|203|11|0|Sagt Raphael: „Das sollet ihr sogleich und ganz gründlich vernehmen! Ihr wißt, daß es mit dem Begraben der Leichname in diesem Lande zum größten Teile seine sehr geweisten Wege hat, da in dem trocknen Boden ein Leichnam schwerlich in eine Verwesung übergeht und die Fäulnis ihn nicht zerstören kann. In der feuchteren Nilnähe wollte man die Toten aus dem sehr weisen Grunde auch nicht begraben, um des Stromes Wasser nicht zu verunreinigen. Die Leichname also liegenlassen oder sie gar den Wildtieren zum Fraße vorwerfen, dazu waren besonders die alten Ägypter zu viel Mensch und achteten auch die Leichname der verstorbenen Brüder zu hoch, als daß sie ihnen eine solche Unehre hätten antun können. Was war denn aber sonst zu machen?
GEJ|4|203|12|0|Seht, sie kamen auf einen sehr gescheiten Einfall! Sie meißelten aus Stein zum Teil sehr große und später aber auch ganz kleine Särge, in welchen höchstens ein, zwei bis drei Leichname ganz bequem Raum hatten. Ein jeder Sarg ward mit einem verhältnismäßig großen und schweren Deckel versehen. Wenn dann in einen solchen Sarg ein oder mehrere Leichen hineingelegt wurden, nachdem sie zuvor mit Mum (Muma, auch Mumie, = Erdharz, Erdbalsam) gut eingesalbt wurden, so ward dann der Deckel ganz glühheiß gemacht und der Sarg mit dem glühheißen Deckel sozusagen für ewige Zeiten zugedeckt. Dadurch wurden die Leichname im Sarge ganz vertrocknet und bei sehr erhitzten großen Deckeln manchmal auch ganz verkohlt oder gar bis zu Asche verbrannt.
GEJ|4|203|13|0|Es gab in den größeren Orten und Gemeinden aber auch allgemeine Särge, die alle sieben Jahre wieder zum Teil aufgedeckt wurden. Diese wurden dann wieder mit Leichnamen nach und nach gefüllt und ganz zugedeckt, worauf dann über dem Deckel ein tüchtiges Feuer angemacht ward, wodurch die Leichname im großen Sarge natürlich zu Asche wurden. War ein solcher Sarg voll Asche, so ward er dann nicht mehr eröffnet, sondern blieb zum Gedächtnisse an die Vergänglichkeit alles Irdischen als ein verehrliches Monument stehen.
GEJ|4|203|14|0|Mit der Zeit baute man Gewölbe und Pyramiden darüber, darum man noch heutzutage in der Gegend der Pyramiden eine Menge solcher Särge in manchmal sehr engen und manchmal in weiteren Gewölben (Kai-tu comba, das heißt verborgenes Gemach) findet. Diese nun euch klar beschriebenen Särge hat man denn darum Sarkophage genannt, weil nach der Urzunge der Ägypter Sarko ,glühend‘ und vaga (Vascha) ein ,Schwerdeckel‘ heißt.
GEJ|4|203|15|0|Da hast du nun deine Sarkophage; aber nun schreiten wir zur Enthüllung der vierten Perle und wollen sehen, was uns diese alles enthüllen wird!“
GEJ|4|204|1|1|204. — Raphael erklärt die Sternbilder auf der vierten Perle
GEJ|4|204|1|0|Der Engel nimmt sie ganz behutsam in die Hand und entkrustet sie.
GEJ|4|204|2|0|Hier fragt der Anführer den Engel und sagt: „O Wunderjunge, du dienstbarer Finger des Allerhöchsten, sei nicht ungehalten, so ich dich mit einer Zwischenfrage belästige! Siehe, mich drückt bei deiner sonstigen Wundermacht der Hammer! Ist er dir abolut notwendig, oder bedienest du dich dessen bloß nur, um dich uns in einer größeren Natürlichkeit zu zeigen, auf daß wir dir etwa furchtloser und ruhiger zusehen und zuhören mögen!“
GEJ|4|204|3|0|Sagt der Engel: „Keines von beiden, – sondern das tue ich bloß darum nur, um euch zu zeigen, wie ihr bei ähnlichen Vorkommnissen mit solchen Steinen zu verfahren haben sollet, um sie zu enthüllen, so ihr irgend wieder welche vorfinden dürftet! Denn besonders in Ober- und Mittelägypten finden sich eine große Menge solcher inkrustierter Steine vor, und zwar in die Wüsten hin höchst verstreut; freilich werden solcher Perlen wenige mehr darunter sein. Aber auch die andern Steine sind mit allerlei Zeichen, Schriften und Abbildungen versehen; denn die alten Ägypter hatten noch lange kein Papier zum Schreiben. Darum wurden Steinflächen benutzt, um gar anfangs mit beinernen und später mit ehernen Griffeln allerlei zum Gedächtnisse hineinzugraben.
GEJ|4|204|4|0|Die urersten Aufzeichnungen haben freilich wohl wenig anderes aufzuweisen als die ganz einfachen Begebenheiten ihrer Herden; aber die späteren enthalten dann schon, so wie diese Perlen, große und bedeutungsvolle Begebenheiten, nicht nur für dieses große Land und Volk, sondern gleich für die ganze Erde. Denn der Herr wollte es, daß dieses Land eine ganz tüchtige Vorschule für Seine Darniederkunft sei, darum Er denn auch Sein innigst erwähltes Volk, die Hebraemiten in eine lange anhaltende Schule nach Ägypten gesandt hat. Und Moses, der große Prophet des Herrn, hatte im Horn des Kahi (Kahiro), in Theben (Thebai, auch Thebsai, = Narren-Haus, später freilich eine große, volkreiche Stadt), in Kar nag zu Korak und in den ältesten Städten Memphis, Diathira (Dia daira = Ort des Frondienstes) und zu Elephantine (El ei fanti = die Nachkommen der Kinder Gottes) seine Schulen durchgemacht und ward vom Geiste Gottes zu einer höchsten Weihe erst in einem Alter von siebenundfünfzig Jahren zum Madan über den Sues, als flüchtig vor einem grausamen Varion (Pharao), geführt, von wo aus ihr seine spätere Geschichte in der Schrift lesen könnet.
GEJ|4|204|5|0|Kurz, Ägypten war also von Gott aus zu einer Vorschule bestimmt, und die Bewohner dieses ältest bewohnten Landes der Erde waren schon vor ururalters mit vieler Weisheit begabt und trieben auch Handel und Wandel mit nahezu allen besseren Völkern der Erde. Ihr werdet es nun auch begreifen, wie und warum eben in diesem Lande alles, was da vorgefunden wird, eine oft sehr tiefgreifende Bedeutung hat.
GEJ|4|204|6|0|Und nun zu unserer enthüllten vierten Perle!
GEJ|4|204|7|0|Da erschauen wir mehrere Abgebilde von Jägern mit Köcher, Bogen und Pfeil und eine große Herde, die von Löwen umgeben ist. Dies bedeutet einen großen Kampf der Ägypter mit den Löwen, die zu Zeiten in großer Anzahl die fetten Herden Ägyptens heimsuchten.
GEJ|4|204|8|0|Und seht, mehr rechts von dieser Szene ersehet ihr die Triften schon mit Mauern umfangen, und auf ihnen liegen Stierköpfe, mit den Hörnern bald auf-, bald ab- und bald seitwärts gewendet, was alles darauf hindeutet, daß die Herden vor den gewaltigen Einfriedungen der großen Weidetriften stets in großer Gefahr ganz wehrlos sich befunden haben. In den Ecken der Mauern ersehet ihr auch einen großen Hund, wie zum Kampfe bereit, bald stehen, bald liegen; sein Name, den diesem wachsamen Tiere die alten Ägypter gaben, heißt Pas, auch Pastshier (Hüter der Weide).
GEJ|4|204|9|0|Hier, noch weiter rechts, ersehet ihr wieder den Hirtenkönig Shivinz (Sphinx), an seiner Seite einen riesenhaft großen Hund, und vor dem Hunde mehrere Stücke von dem Löwen. Noch mehr rechts aber, mehr in der Höhe, ersehen wir denselben Hund, unter ihm das Bild der Sonne und des Mondes. Was besagt das?
GEJ|4|204|10|0|Hört! Unser Shivinz hatte als ein König der Hirten im Ernste einen der größten Hunde, vor dem kein Löwe und kein Panther seines Lebens sicher war. Dieser Hund hütete lange Zeit die Herden des Shivinz. Als aber mit der Weile der Hund durch sein Alter umstand (verendete), bestimmte Shivinz, aus Achtung und zum Andenken, sich dieses Tier mit einem Sternenbilde am südlichen Himmel allzeit zu versinnbildlichen. Er benannte das Sternbild mit dem bestimmenden Namen des großen Hundes, der jahrelang des Königs Herde treu gehütet hatte. Daß der König seinen Hund unter die Sterne versetzte, ist daraus ersichtlich, daß unter des Hundes Bauche Sonne und Mond ersichtlich werden. Alles, wo unterhalb Sonne und Mond ersichtlich stehen, befindet sich unter den Sternen sinnbildlich zum Andenken an etwas von großer und gewichtiger Bedeutung.
GEJ|4|204|11|0|Ein sehr großer und wachsamer Hund ist heutzutage – besonders hierzulande, wo es nahezu gar keine reißenden Tiere gibt – wohl nicht von irgendeiner besonderen Bedeutung; aber im alten Ägypten, wo es ganze Herden von reißenden Bestien gab und teilweise noch gibt, war ein großer, starker und mutiger Hund ein überaus großes Bedürfnis. Denn fürs erste war ein solcher Hund der treueste Hüter der Herden. Seine Erhaltung war eine ganz leichte, weil diese große Hunderasse sich gewöhnlich von den unzählbar vielen Erdmäusen, an denen dies Land noch nie einen Mangel gehabt hatte, nährte; auch fraßen sie die großen Heuschrecken in einem Tage zu Tausenden. Nur einmal des Tages bekamen sie etwas Milch, und das machte, daß sie der Herde getreu blieben.
GEJ|4|204|12|0|Nebst den großen Hunden aber waren bei den alten Ägyptern auch eine Art kleinerer Hunde gut gelitten; ihr Name war Mal pas (kleiner Hund). Das waren die Lärmmacher; Poroshit heißt nach der alten Zunge ,Zeichen-‘ oder ,Lärmmacher‘. Wenn etwas Fremdes sich einem Hause oder einer Herde nahte, so fingen die kleinen Hunde schon an zu bellen; das machte die großen aufmerksam, und diese fingen dann mit ihrem gewaltigen Gebelle an, die Gegend für die wilden Bestien mit Respekt zu erfüllen, worauf sich diese auch zurückzuziehen begannen.
GEJ|4|204|13|0|Die kleinen Hunde waren vielfach auch Hüter der Hühner und der Brut, wozu sie eigens abgerichtet wurden. Das alles war eine Erfindung des Shivinz, der diese Vögel erst zu gar nützlichen Haustieren gemacht und den Ägyptern gezeigt hatte, wie gut ihr Fleisch und wie gar gut ihre gebratenen und gekochten Eier schmecken. So lehrte er die damals schon sehr großzählig gewordenen Einwohner dieses großen Landes neue Nährmittel und neue Herden kennen, deren Braten und Eier später gar nur zu gut schmeckten, – ansonst nicht späterhin einmal ein ordentlicher Hühnerkrieg ausgebrochen wäre, dessen sogar der griechische Geschichtsschreiber Herodot mythischer Weise erwähnt.
GEJ|4|204|14|0|Unser Shivinz, der den großen Hund an den Himmel heftete, verschaffte auch dem kleinen eine Stelle unter den Sternen und gab ihm den Namen Porishion (Prozion). In seiner Nähe befindet sich die alte Kokla (Gluckhenne); später hat dies Sternbild auch den Namen Peleada, auch Peleadza, und unter einer falschen Sage der Griechen von den Griechen den Namen Plejaden erhalten.
GEJ|4|204|15|0|Hier ganz zuoberst an der Perle sehet ihr auch das ganz gut aufgezeichnet und könnet daraus erkennen, was unser Shivinz für ein heller Kopf war. Ihm war es nicht so sehr darum zu tun, um durch die leicht erkennbaren Sternbilder seine Hunde und Gluckhühner seinen Jüngern stets ins Gedächtnis zu rufen, sondern sie nach den Sternen den Gang der Zeit kennen zu lehren.
GEJ|4|204|16|0|Der Shivinz war es auch, der zu Diadaira (Diathira) den ersten Zodiacus (Sa diazc = für die Arbeiter) errichtet hatte, ihn am Firmamente zuerst erfand und den Sternbildern nach den gleichzeitigen Erscheinungen und Landesvorkommnissen den Namen gab, wie wir solches sogleich an der enthüllten fünften Perle sehen werden!
GEJ|4|205|1|1|205. — Die Einteilung der Zeit auf der fünften Perle
GEJ|4|205|1|0|(Raphael:) „Gebet nun recht acht; da ist schon die fünfte Perle! Wie man derlei aufgefundene Urzeitreliquien zu benützen hat und eigentlich wie zu enthüllen, habe ich euch nun schon gezeigt, und so will ich die noch übrigen drei bloß durch meine Willensmacht enthüllen, und sehet, – da haben wir schon die fünfte Perle enthüllt vor uns!
GEJ|4|205|2|0|Sehet gleich hier einen Zodiacus von Diathira vor uns auf der Perle schönster und größter Fläche gezeichnet! Da ist ein kolossaler Tempel; 365 Säulen von der massivsten Art tragen einen ebenso massiven Bogen aus rötlichen Granitquadern, überaus baukunstgerecht und höchst fest konstruiert. Die höchste Bogenspannung ist vom Boden bei 66 Mannslängen hoch erhoben. Der ganze Bogen hat genau 365 Öffnungen, die genau so angebracht sind, daß während der Dauer eines Himmelszeichens, unter dem die Sonne sich befindet, ihr Licht auf den Mittelpunkt einer in der Mitte des Tempels aufrecht stehenden Säule genau um die Mitte des Tages fallen mußte. Das Licht durch die anderen fiel zwar auch auf den Altar zu den verschiedenen Tageszeiten, ging aber schon nimmer durch den Mittelpunkt, sondern einen oder mehrere Grade seitwärts.
GEJ|4|205|3|0|Dieser äußerst sinnreich konstruierte Bogen besteht auch noch heutigentags, wenngleich durch den Zahn der Zeit etwas zernagt, und wird noch lange bestehen und den Sternkundigen zur Richtschnur dienen.
GEJ|4|205|4|0|Ihr fraget, zu welchem Nutzen denn so ganz eigentlich der große Shivinz diesen Bogen sicher mit der größten Mühe von der Welt aufgestellt habe? – Vordem bestand keine bestimmte Zeiteinteilung. Das wenige Kürzer- oder Längerwerden des Tages merkte man kaum. Der Mond war noch der sicherste und verläßlichste Zeiteinteiler. Zu Diathira, als der Stadt der aus Zucht gemüßigten Arbeiter, mußte man eine bestimmte Zeiteinteilung haben bei Tag- wie zur Nachtzeit, und zu dem Behufe und der genaueren Ordnung halber hatte unser Shivinz denn auch diesen Bogen gemacht, hatte daran aber zehn volle Jahre hindurch mit hunderttausend Arbeitern zu tun gehabt.
GEJ|4|205|5|0|Der Bogen war natürlich sehr breit, und zu je 30 und 31 Rundöffnungen mit dem Symbole eines der zwölf Himmelszeichen bemalt, über welchem gewöhnlich rotem Gemälde die Sterngruppe weiß und ganz getreu aufgetragen war. Ihr sehet hier auf der Perle das Innere des Bogens ganz gut mit feinen Linien, die dann mit einer dunkelroten Farbe eingerieben wurden, gezeichnet, und ihr könnet euch nun wohl vorstellen, welch ein geweckter Geist unser Shivinz war, und welch eine unbegrenzte Achtung die Völker Ägyptens vor ihm hatten! Die Folge davon aber war auch eine derartige, daß er nur zu winken brauchte, und Hunderttausende von Menschen fingen an, sich mit aller Energie zu regen, und ein großartigstes Werk wurde dem Boden der Erde entzaubert!
GEJ|4|205|6|0|Die Weisesten aus dem Volke machte er zu Lehrern und Priestern und errichtete allenthalben Schulen für alle möglichen Fächer des menschlich nützlichen Tun und Treibens. Die höchste Gottesgelehrtheit aber war nur in Kar nag zu Korak und am Ende zu Ja bu sim bil im geheimen durch viele und harte Proben zu gewinnen.“
GEJ|4|205|7|0|Hier fragte der alte Wirt Markus, den Engel in seiner Erklärung unterbrechend: „Höchst lieblichster Freund, weil du schon einmal in der Enthüllung deiner Perlen begriffen stehest, möchtest du uns denn nicht auch erklären, was es denn mit jener höchst sonderbaren Sphinx für eine Bewandtnis hat, die als Halbweib und als Halbtier den Menschen das berühmte Rätsel stets auf Leben und Tod aufgab: was nämlich das für ein Tier sei, das morgens auf allen vier, mittags auf zwei und abends auf drei Füßen einhergehe? Wer das Rätsel nicht zu lösen vermochte, wurde von der Rätselsphinx getötet; wer es aber lösen würde, von dem werde sich die Sphinx töten lassen! – Ist daran wohl etwas faktisch Wahres oder nicht?“
GEJ|4|206|1|1|206. — Das Rätsel der sechsten Perle: Die Darstellung der Pyramiden, Obelisken und der Sphinx
GEJ|4|206|1|0|Sagt Raphael: „Siehe da, diese sechste Perle wird dir deine Frage beantworten! Dahier hast du sie enthüllt; was erschauest du auf den ersten Blick?“
GEJ|4|206|2|0|Sagt Markus: „Da sehe ich abermals das kolossale Ebenbild des Shivinz und etliche Pyramiden; vor der größten stehen zwei Spitzsäulen, Oubeliske genannt, und seitwärts der großen Pyramide, in der Wirklichkeit vielleicht ein paar hundert Schritte entfernt, was man aus dem Bilde wohl kaum bestimmen kann, ist ebenfalls wieder eine ziemlich kolossale Statue ersichtlich. Diese hat einen Weibskopf, weibliche Hände und eine weibliche, starke Brust. Wo die Brust aufhört, an der Stelle des Bauches, fängt ein ganz unbestimmbarer Tierleib an. Hinter dieser sonderbaren Statue ist weit gedehnt eine Kreismauer, durch die eine große Weidetrift eingeschlossen ist. Das scheint ein Ganzes und Zusammengehörendes auszumachen. – Was besagt das alles?“
GEJ|4|206|3|0|Sagt Raphael: „Das kolossale Brustbild ist eben der Shivinz, das das Volk, um den großen Wohltäter zu ehren, aus eigenem Antriebe von den besten Meißlern und auch Maurern auf höchst eigene Kosten hat ausführen lassen. Die große Pyramide mit den zwei Obelisken war ein ,Mensch, erkenne dich selbst!‘-Schulhaus. Sie hatte im Innern große Gemächer und weithin laufende Gänge nach allen Richtungen, in denen allerlei sonderbare Einrichtungen für die Selbsterkenntnis und daraus für die Erkenntnis des allerhöchsten Geistes Gottes sich vorfanden. Die Einrichtungen sahen mitunter gar grausam aus; aber sie verfehlten nur äußerst selten ihren Zweck. Die andern Pyramiden sind zumeist nur Zeichen jener unterirdischen Stellen, allwo sich eine Menge Sarkovage befanden, die übermauert worden sind, wie solches schon ehedem gezeigt wurde.
GEJ|4|206|4|0|In dieser Zeit aber finden sich im weiten und überaus langen Niltale noch eine Menge von Pyramiden und allerlei Tempeln vor, die viel später unter den Pharaonen zu Abrahams, Isaaks und Jakobs Zeiten entstanden sind; von denen ist hier nicht die Rede, sondern allein von jenen nur, die unter Shivinz gebaut wurden.
GEJ|4|206|5|0|Piramidai war der eigentliche Urname und besagte soviel als: ,Gib mir Weisheit!‘, und die beiden Spitzsäulen besagten mit dem Namen Oubeloiska: ,Der Reine sucht das Erhabene, Schöne, Reine‘. ,Belo‘ hieße eigentlich ,weiß‘; aber weil die ganz weiße Farbe bei den alten Ägyptern als ein Zeichen des Reinen, Erhabenen und Schönen galt, so bezeichnete man damit auch das Erhabene, Reine und Schöne.
GEJ|4|206|6|0|Die gute Wirkung solcher Schulen wurde bald weit und breit ruchbar, und es kamen bald Fremde zum Besuche solcher Schulen, und derer waren so viele, daß sie nicht untergebracht und versorgt werden konnten. Da ersann unser Shivinz in seiner letzten Regierungszeit ein etwas ominöses Mittel, um die Fremden abzuhalten, damit sie nicht zu häufig kämen zum Besuche der von ihm errichteten Schulen. Worin bestand aber eben dieses Mittel?
GEJ|4|206|7|0|Hier auf dieser Perle seht ihr die halb menschliche und halb tierische Statue. Sie war hohl, und inwendig konnte ein Mensch auf einer Wendeltreppe in ihren Kopf gelangen und aus dem Munde der Statue, der nach abwärts trichterförmig ausgehöhlt war, ganz stark und wohl vernehmlich reden, und es hatte der starken Stimme wegen auch den Anschein, als hätte im Ernste die kolossale Statue geredet.
GEJ|4|206|8|0|Wenn nun die Fremden dahin kamen und in die Schule aufgenommen zu werden verlangten, so wurden sie von einem Diener dieser Statue darauf aufmerksam gemacht, daß sie sich vor die erhabene Statue, die außen tot, aber inwendig lebendig sei, auf einen bestimmten Platz hinzustellen hätten, und zwar einer nach dem andern. Da bekam ein jeder, der ein Jünger der Pyramiden werden wollte, von dem erhabenen Shivinz eine rätselhafte Frage auf Leben und Tod. Hatte der Befragte das Rätsel gelöst, so wurde er aufgenommen, und es war ihm mit der Aufnahme das Gegenrecht erteilt, auch der Statue eine Gegenfrage zu stellen und im Falle, so die Statue ihm keine befriedigende Antwort zu geben imstande wäre, dieselbe zu zerstören und gewisserart zu ermorden.
GEJ|4|206|9|0|Die Frage aber ward drei Tage vorher den Klienten zum Nachdenken bekanntgegeben; am dritten Tage aber, wo sie dieselbe Frage aus dem Munde der Statue auf Leben und Tod zu bekommen hatten, ließ es sicher keiner darauf ankommen, sondern zog sich ganz bescheiden zurück, zahlte die verlangte Vorfragetaxe und reiste in seine oft sehr ferne Heimat.
GEJ|4|206|10|0|In eine spätere Zeit fallend, sagt eine Mythe, daß es einem Griechen gelungen sei, das alte Rätsel zu lösen; allein dies ist mit hunderttausend anderen wohl eine Fabel und entbehrt jeder Wahrheit! Denn das berühmte Rätsel hat Moses gelöst, aber darum die Statue nicht zerstört, indem auch diese Statue, wenn auch etwas zernagt durch den Zahn der Zeit, noch heutigentags zu sehen ist.
GEJ|4|206|11|0|Freilich kann nun die innere Einrichtung nicht mehr aufgefunden werden, weil sie ganz versandet und verschlammt ist; denn der Nil tritt gewöhnlich alle hundert, manchmal auch nach zweihundert Jahren ganz ungewöhnlich stark aus, so daß er in den engeren Talgegenden seine Wogen über dreißig Ellen hoch über den gewöhnlichen Wasserstand hinwegtreibt. Dadurch wird vieles verwüstet und unbrauchbar gemacht, weil da eine Menge Gerölles und Sandes und Schlammes über die früher schönsten Fluren abgelagert wird.
GEJ|4|206|12|0|Es hat nach der Zeit des Shivinz zwei Nilfluten gegeben, deren Wogen hoch über die Spitzen der Pyramiden hinwegtrieben. Eine solche Flut fand auch, von jetzt an gerechnet, vor 870 Jahren statt, durch die der Tempel von Ja bu sim bil nahezu bis zur Hälfte versandet und verschlammt worden ist, und man hat ihn und viele andere Denkmäler seit der Zeit nicht mehr ganz vom Sande und Schlamme zu reinigen vermocht. Und so steht es nun auch mit unserer rätselhaften Statue; sie ist inwendig voll verhärteten Schlammes und Sandes, den wohl niemand mehr ausräumen dürfte! So, mein lieber Markus, verhält es sich in Wahrheit mit der rätselhaften Sphinx! – Bist du nun darüber im klaren?“
GEJ|4|206|13|0|Sagt Markus: „Hat es denn wohl im Verlaufe von etwa tausend Jahren kein Beherzter gewagt, sich auf Kosten seines Lebens von der Sphinx das bekannte Rätsel vorsagen zu lassen? Und so er es getan hätte, was wäre ihm begegnet, wenn er ganz begreiflichermaßen das Rätsel nicht gelöst hätte?“
GEJ|4|206|14|0|Sagt Raphael: „Da war auf dem Platze, auf den der Befragte zu stehen kam, eine Versenkung angebracht, mittels welcher er in einen Brunnen schnell hinabzuversenken gewesen wäre; und wäre er einmal unten, da hätten ihn dann etliche Diener ergriffen, ihn durch unterirdische Gänge wegen seines Mutes, wenn er auch das Rätsel unrichtig gelöst hatte, in die Schule gebracht, von der er nicht eher weggekommen wäre, als bis er ein vollendeter Mensch geworden wäre. Aber es ist nie dazu gekommen; und zu den Zeiten, als das Rätsel gelöst wurde, war diese uralte Einrichtung schon derart verschlammt und versandet, daß sie völlig unbrauchbar war, und die ersten Hirtenkönige und ihr Volk sind bis dahin schon lange von einem phönizischen Volke gewisserart besiegt worden, und die Varaonen selbst zu Abrahams Zeiten waren schon Phönizier.
GEJ|4|206|15|0|Nun weißt du auch darüber einen kurzen Bescheid, und wir gehen nun darum zur Enthüllung der siebenten und letzten Perle über!
GEJ|4|207|1|1|207. — Die Sternbilder der siebenten Perle. Der Verfall der ägyptischen Kultur. Die Geschichte der sieben Perlen
GEJ|4|207|1|0|(Raphael:) „Sehet, da ist sie schon! Was erschauet ihr darauf? – Ihr erschauet wohl etwas, aber ihr kennet euch dabei nicht aus; es sind auf dieser sehr schönen Perle alle die Sternbilder gezeichnet, und mit einer braunroten Farbe eingerieben, und sie blieben unter der Kruste bis zur heutigen Stunde wohl erhalten.
GEJ|4|207|2|0|Aus dieser Perle lernen wir sonst nicht vieles und gar zu Besonderes; aber das entnehmen wir immerhin daraus, daß unser Shivinz sich am gestirnten Himmel auskannte und er ganz sicher der erste war, der die Sternbilder in ein gewisses System gebracht hat. Und wie er die Sternbilder benamste, so werden sie noch bis auf die heutige Stunde benamst!
GEJ|4|207|3|0|Vor seiner Leitung sah es bei den alten Ägyptern noch so ziemlich mager aus, sowohl mit dem Zeichnen und dem daraus hervorgegangenen Schreiben, als auch mit einer richtigen Erkenntnis seiner selbst, und noch magerer mit der Erkenntnis Gottes. Aber unser Shivinz hat mit vieler, unsäglicher Mühe das alles geordnet und aus dem früheren wilden Nomadenvolke eines der gebildetsten und weisesten Völker der ganzen Erde gemacht, was ihm freilich mit der Zeit viele Neider erzeugte. Denn die Fremden fanden nur zu bald ein zu großes Wohlgefallen an solch einer großartigsten Landes- und Volkskultur; alles, was sie ansahen, kam ihnen gar himmlisch wundersam vor, so daß sie sich, einmal dahin gelangt, nicht mehr davon trennen konnten.
GEJ|4|207|4|0|Je mehr dahin zu wallfahrten anfingen, desto mehr siedelten sich auch mit der Zeit da an, und so geschah die erste Unterjochung der Urvölker und ihrer Regenten zumeist auf einem ganz friedlichen Wege.
GEJ|4|207|5|0|Die Nachkommen des Shivinz wurden stets zartere und verweichlichtere Menschen, ließen sich's gut geschehen, pochten auf den Ruhm ihres Ahnvaters und ließen das Regierungsgeschäft einen guten Mann sein. Die Folge davon war, daß dann bald und leicht die eingewanderten Fremden, die da sehr viel Haare auf den Zähnen hatten, von den Eingeborenen sogar zu Leitern und Führern erwählt und eingesetzt wurden, und das alles ohne Schwert.
GEJ|4|207|6|0|Das war zwar in einer Hinsicht ganz gut und recht, aber die Ureingeborenen haben bei diesem Wechsel dennoch nicht gar zuviel gewonnen. Denn die fremden Hüter (Varion; schlecht Pharaon) bildeten nur zu bald eine bewaffnete Macht und wurden zu wahren Tyrannen und Volksbedrückern. Die Schulen wurden nur wenigen mehr zugänglich, und was da noch gelehrt wurde, war himmelweit verschieden von dem früher Gelehrten, warum und aus welchem Grunde sich dann auch bald aus der vormals reinsten Wahrheit die absurdesten Götzereien, verbunden mit der dicksten Finsternis, herausgebildet haben, hinter denen die Urkultur dieses Landes wohl kaum – selbst für große Weise – herauszufinden war.
GEJ|4|207|7|0|Es sind darum diese sieben Perlen von einem so unschätzbar großen Werte, weil sie noch aus einer Zeit stammen, in der Ägypten in seiner höchsten geistigen Blüte stand, und sie können darum nicht gut genug aufbewahrt werden!“
GEJ|4|207|8|0|Fragt der Mohren einer, bei welcher Gelegenheit diese Perlen denn hernach in den Sand des Nils gekommen seien und sich in des Stromes Sand verloren hätten.
GEJ|4|207|9|0|Sagt Raphael: „Habe ich euch ja doch gezeigt, wie der Nilstrom in gewissen Zeiten zu einer wahren Sündflut anwächst! Ungefähr 567 Jahre nach Shivinz bekam unser Nil eine rätselhafte Höhe; in den Engen ging er über hundertsechzig Ellen über seinen gewöhnlichen Wasserstand. Alle mehr in der Taltiefe liegenden Städte waren von der Flut auf fünf Wochen gänzlich überspült, und bei dieser Gelegenheit wurden die Perlen samt den Häusern, in denen sie aufbewahrt waren, von der Gewalt der Wogen fortgetragen und gleich den Quadern, aus denen die Gebäude erbaut waren, vom Schlamme und Sande bedeckt.
GEJ|4|207|10|0|In den nahe dreitausend Jahren ihres Begrabenseins hat sich denn auch eine solche Kruste herumgebildet, wie ihr sie gefunden habt, und von welcher ich sie nun vor euch anfangs auf eine ganz natürliche und nun später auf die mir mögliche wunderbare Art enthüllt habe.
GEJ|4|207|11|0|Nun wisset ihr auch dies und habt an diesen sieben Perlen sieben Bücher, die euch nun und für alle Zeiten eine ganz tüchtige Belehrung über das Land, welches zum Teil auch ihr bewohnet, geben können und auch immer geben werden. Bewahret sie darum wohl auf; denn da ist eine jede dieser Perlen viel mehr denn ein großes Königreich wert!
GEJ|4|207|12|0|Vorderhand soll sie der Oubratouvishar, als der offenbar Weiseste aus euch, in die Verwahrung nehmen; und wird er einst diese Erde verlassen, so soll er bestimmen, wer fürderhin würdig sein soll, diesen unermeßlichen Schatz in die Verwahrung zu nehmen. Wehe einem Unwürdigen, der sich etwa aus Habsucht seiner bemächtigen wollte!
GEJ|4|207|13|0|Ich, als ein Bote und Willensausrichter Dessen, der dort sitzet, glaube zur Belebung eures Glaubens nun des Wunderbaren zur Genüge getan zu haben; genügete euch das noch nicht, so würde euch ein mehreres und weiteres auch nicht genügen! Glaubet ihr nun, daß jener dort Sitzende Der ist, für den der große Shivinz und seine zwei Vorfahren den großen Felsentempel von Ja bu sim bil errichtet haben?“
GEJ|4|207|14|0|Sagen alle: „Ja, ja, ja, dir, du wundermächtiger Bote des Herrn, sei es hiermit vollends bestätigt aus dem tiefsten Grunde unseres Lebens!“
GEJ|4|207|15|0|Mit dem verließ sie der Engel, und Cyrenius fragte Mich, ob diese eigentlich ganz rein historische Darstellung Ägyptens denn im Bereiche des Evangeliums aus Meinem Munde auch eine Notwendigkeit sei.
GEJ|4|207|16|0|Und Ich sagte zu ihm: „Eine der größten! Denn es werden nach mehreren Jahrhunderten Forscher aller Art aufstehen und dies Land klein durchsuchen, und sie werden vieles noch vorfinden, von dem nun durch des Raphael Mund die Rede war. Das wird sie sehr verwirren, wie es euch und schon eure nächsten Nachkommen auch sehr verwirren würde; aber diese vollwahre Offenbarung wird euch auch hierin in allem zurechtweisen. In der späteren Zeit aber werde Ich schon wieder Männer erwecken, die den Menschen, den Suchenden und Forschenden, diese alten Rätsel abermals enthüllen werden. – Nun aber wollen wir selbst zu ihnen hinübergehen und ihnen geben das wahre Evangelium aus den Himmeln.“
GEJ|4|207|17|0|Wir erhoben uns nun und gingen zu den Mohren, die unser harreten.
GEJ|4|208|1|1|208. — Die Sitten der Nubier und die Sitten der Weißen
GEJ|4|208|1|0|Wir standen nun endlich, als eben die schöne Morgensonne ihren natürlichen Lichtglanz wieder annahm, von unserem Tische auf und begaben uns schnell zu den Mohren hin. Als Ich hinkam, erhoben sich alle von ihrem langen Tische und machten vor Mir ihre ehrfurchtsvollste Verbeugung mit quer über ihre Brust gelegten Händen.
GEJ|4|208|2|0|Und der Anführer sagte mit gut galiläisch-hebräischer Zunge: „Herr, Herr, Herr! Nun ist kein Ungläubiger mehr unter uns! Jedes Wort aus Deinem heiligsten Munde wird für uns eine nie ermeßbar große Gnade Deiner wahrhaftigsten Freundlichkeit und Erbarmung sein für alle Zeiten der Zeiten, ja für die Ewigkeit!
GEJ|4|208|3|0|So Du, ewig Heiligster, uns Schwarzhäute einer näheren Belehrung über uns und unsere Pflichten und dann auch über Dein Wesen für würdig hältst, so beglücke uns nur mit einigen Worten aus Deinem Munde, und wir werden uns dadurch für alle Zeiten der Zeiten auch noch in unseren spätesten Nachkommen für überglücklich fühlen, Dich als den Schöpfer und Herrn aller Sinnen- und Geisterwelt gesehen und gesprochen zu haben!
GEJ|4|208|4|0|Jener Lichtglanz, den ich in meinen Gesichten schaute als eine ewige Lebensglorie um Dein heiliges Wesen, ist nun ersichtlich in Deiner großen Liebe, Freundlichkeit, und in Deiner Weisheit, die ihresgleichen nicht hat in der ganzen Unendlichkeit.
GEJ|4|208|5|0|Wir sind nun als willige Lämmer, wenn auch mit schwarzer Wolle bewachsen; aber wie die schwarze Farbe sicher mehr Lichtes und der Wärme in sich aufnimmt als die weiße – darum wir auch weiße Kleider tragen, um die Überfülle des Lichtes und der Wärme von uns hintanzuhalten –, so glaube ich auch, daß wir Schwarzhäute auch das heilige Licht Deines Geistes tiefer und heftiger in unser Gemüt aufnehmen werden denn gar viele, deren Fleisch in eine weiße Haut gehüllt ist, aber ihr Gemüt des Geistes Licht ärger abstößt, denn unsere weißen Kleider das Naturlicht und dessen Wärme, wie wir solche Beispiele genug im großen Memphis angetroffen haben, die der Oberste ,bewegliche Lebensschatten‘ genannt hat. Diese leben gleich den Tagesfliegen, die der Morgen erschafft und der Abend wiederum tötet.
GEJ|4|208|6|0|Wir haben zwar auch nichts, dessen wir uns vor Dir, o Herr, rühmen könnten; aber das wissen wir doch, daß wir nicht mehr als Menschen sind, und daß wir alle Werke eines und desselben Schöpfers sind und uns daher auch nie einbilden können, daß einer vor dem andern etwas voraus hat, als wäre er im Ernste irgendein herrschender Halbgott, wie wir solches bei den Weißen gesehen haben, wo sich einer als ein Herr dünkte und alle andern sich bis zur Erde vor ihm beugen mußten, und die es nicht taten, sogleich mit Ruten gezüchtigt wurden. Herr, diese Tugend der Weißen gefiel uns durchaus nicht, und es schaut in solcher Zucht sehr wenig von irgendeiner Weisheit heraus!
GEJ|4|208|7|0|Wir schlagen unsere Kinder nie, auch kein Tier; aber wir haben Geduld und Ausharrung und üben unsere Kinder beständig in allem, was wir als gut, wahr und notwendig erkannt haben. Werden unsere Kinder dann groß, kräftig und verständig, so behandeln wir sie nicht mehr als unsere zeitlebigen Sklaven, sondern als unsere mit uns ganz ebenbürtigen Brüder und Menschen, die gleich uns Eltern mit allen Lebensrechten aus der Hand Gottes hervorgegangen sind. Und dennoch lieben uns unsere Kinder überaus, und nie versündigt sich irgend ein Sohn oder eine Tochter je gegen Vater und Mutter!
GEJ|4|208|8|0|Bei den Weißen sahen wir die Kinder aus Furcht kriechen und gleich Hunden winseln vor dem strengen Angesichte ihrer Eltern! Man hätte da auf den Glauben kommen sollen, daß auf diese Weise Engel erzogen werden. Wie aber dann solche Kinder bei Gelegenheiten aus den Augen der Eltern gerieten, da waren sie ausgewechselt und hätten ganz bequem für Jünger der Teufel gehalten werden können, wie wir von derselben bösesten Anwesenheit in den argen Klüften der Erde vom Obersten in Memphis Kunde erhalten haben. – Für solch eine Zucht der Menschen möchten wir uns für ewige Zeiten bedanken!“
GEJ|4|209|1|1|209. — Verstandes- und Gemütsbildung
GEJ|4|209|1|0|(Oubratouvishar:) „Bei uns besteht eine wahre Zucht darin, daß wir zuerst das Gemüt unserer Kinder soviel als möglich nach unserer Art und Weise veredeln; und ist das Gemüt einmal in der Ordnung, so bekommt dann auch der Verstand diejenige Bildung, die wir selbst besitzen. Aber die Weißen fangen an, ihre Kinder, sobald sie nur zu lallen anfangen, beim Verstande zu bilden, und meinen, wenn das Kind nur einmal einen vollkommen ausgebildeten Verstand habe, so werde dann schon dieser für das Gemüt Sorge tragen!
GEJ|4|209|2|0|O Herr, wie dumm die vielen Weißen in dieser Hinsicht doch sind, daß sie das nicht einsehen, daß ein vorausgebildeter Verstand stets ein Mörder des Gemütes ist! Denn der pure Verstand macht das Kind einbilderisch und hochmütig; wo aber Einbildung, Eigendünkel und Hochmut einmal das Gemüt in den Besitz genommen haben, da soll dann nur jemand versuchen, dasselbe umzugestalten, und er wird sich ehest überzeugen, daß sich ein alter, krummgewachsener Baum nimmer gerade machen läßt.
GEJ|4|209|3|0|Wir haben bei uns keine Gerichte, keine Gerichtshäuser und keine Gefängnisse und keine Kerker, aber auch keine anderen Gesetze als die, die ein wohlgebildetes Gemüt dem Menschen vorschreibt. Darum aber gibt es bei uns keine uns irgend bekannte Sünde und kein irgendeinen Namen habendes Verbrechen und somit auch keine Strafe, denn wie ein jeder von uns für sich denkt, geradeso und eher noch besser denkt er für seine Nebenmenschen.
GEJ|4|209|4|0|Bei den weißen Verstandesmenschen aber haben wir gerade das Gegenteil gefunden. Nahe die meisten halten nur auf sich alles und auf die Nebenmenschen nur so viel, als sie der Selbstsucht des einen irgend nützen können. Sieht der selbstsüchtige Eine, daß ein oder der andere Nebenmensch keinen Nutzen schaffen kann oder will, so ist dem einen jedes Tier lieber denn ein solcher Nebenmensch!
GEJ|4|209|5|0|Bei uns aber schätzt man den Menschen zuerst als Menschen. Kann ein Nächster mir nichts nützen, so kann doch ich ihm nützen, und so hebt sich das auf. Ich habe auch einen Diener; aber ich habe ihn nicht durch was immer mir zu dienen gedungen, sondern es ist das sein vollkommen freier Wille. Wir dienen uns gegenseitig sicher mehr, als sich je die Weißen gedient haben um den elenden Verpflichtungssold; aber keines Menschen Wille ist durch irgendein äußeres Mittel zum Sklaven eines andern gemacht worden, sondern was er tut, das tut er frei und vollkommen ungebunden!
GEJ|4|209|6|0|Wir haben darum keine Paläste und große, gemauerte Wohnhäuser, sondern ganz einfache Hütten von ganz gleichem Aussehen. Wer da noch keine hat und hat auch nicht Raum, in einer oder der andern Hütte untergebracht zu werden, der muß sich nicht etwa selbst aus seinen Kräften und Mitteln eine neue Hütte erbauen oder zu einer weit entlegenen Gemeinde darum betteln gehen, sondern wir erbauen ihm freiwillig aus Liebe und Achtung vor seiner uns ganz gleichen Menschheit sogleich eine gleiche, wie die unsrigen sind; und so besteht Friede und Einigkeit stets im gleichen Maße unter uns.
GEJ|4|209|7|0|Diese unsere Hausordnung ist den Weißen, soviel wir sie leider kennen gelernt haben, ganz fremd, und einige haben sie uns ins Gesicht geradewegs als eine aller Kultur widerstrebende Narrheit erklärt. Aber wie ist es denn hernach, daß unserem Einwillen alle Tiere und sogar die Elemente gehorchen, während die Weißen bei aller ihrer Verstandeskultur sich keiner Löwenherde nahen dürfen?! Wehe dem verwegensten Kämpfer mit dem Schwerte! Er soll es nur versuchen; schon ein Löwe wird es ihm zeigen, daß er sein und nicht der Kämpfer des Löwen Herr ist!
GEJ|4|209|8|0|Wir aber können unter Löwen und Panthern umhergehen wie unter unseren Kamelen, Rindern und Schafen und Ziegen und wissen um keinen Fall, daß sich eine solche Bestie je an einem Menschen vergriffen hätte, – aber auch an unseren Herden nie; denn sie bekommen deren Fleisch erst dann zum Fraße, wenn Tiere unserer höchst zahlreichen Herden vor Alter umgestanden (verendet) sind. Da hat eine jede Gemeinde in einer gewissen Ferne einen Ort, an den sie nahezu täglich ein oder auch mehrere umgestandene Tiere hinbringt, und da kommen dann auch gleich die scharfzähnigen Kostgänger und verzehren die toten Tiere samt Haut und Haaren und Knochen. Denn niemand bei uns ißt ein Fleisch, außer das der Fische und der Hühner, solange sie noch jung und mürbe sind; die alten werden auch den wilden Tieren überlassen.
GEJ|4|209|9|0|Was vermag ein Weißer, so er ins Wasser gefallen ist, bei aller seiner Verstandesbildung? Er sinkt unter und ertrinkt! Wir aber können, wann und wo wir wollen, über einen Wasserspiegel ebenso hinwegwandeln wie über ein trockenes Land. Nur so es jemand will, kann er auch untertauchen; aber es kostet ihn so etwas stets eine rechte Mühe und Anstrengung.
GEJ|4|209|10|0|Alle Schlangen, die da giftig sind, fliehen unsere Nähe; Mäuse und Heuschrecken haben wir erst in Ägypten kennengelernt; die bösen Ameisen scheuen unsere Nähe und unsere Hühner, und Geier und Adler sättigen sich mit dem Fleische krepierter Löwen, Panther und Füchse.
GEJ|4|209|11|0|Und so scheint bei uns Schwarzen bis jetzt noch eine solche Ordnung zu bestehen, wie sie unter Menschen, welcher Hautfarbe sie auch seien, nach dem Willen des Schöpfers von Uranbeginn sicher bestand und hatte bestehen müssen; denn wäre das erste Menschenpaar in der schlechten Ordnung der gegenwärtigen Weißhautmenschen auf diese Erde gesetzt worden, so möchte ich denn doch wissen, wie es sich gegen den Anfall von allerlei wilden und reißenden Tieren verteidigt hätte!
GEJ|4|209|12|0|Denn bevor das erste Menschenpaar diese Erde betrat, hat es von allerlei reißenden und grimmigen Tieren gewimmelt, wie uns solches der weise Oberste in Memphis ganz klar gezeigt hat. Wäre also das erste Menschenpaar nach der Lehre des Obersten so schwach in allen seinen Lebenselementen gewesen, wie da nun sind die jetzigen Weißhäute, wie oftmals wären denn sie von ganzen Herden der wildesten Bestien zerrissen und aufgefressen worden?! Sie hätten nur in den massivsten ehernen Kleidern und mit den schärfsten Waffen versehen, als überaus kräftige Riesen, etwa gleich jenen, die vor Shivinz Ägypten heimgesucht haben, aus der Luft auf diese Erde kommen müssen, so sie es in natürlicher Kraft mit diesen Bestien hätten aufnehmen wollen, – und selbst da hätten sie noch genug zu tun bekommen, um mit den riesenhaften Ungeheuern einen Kampf glücklich zu bestehen!
GEJ|4|209|13|0|Aber wenn die Urmenschen dieser Erde mit all ihren inneren Lebenselementen uns glichen, dann natürlich bedurften sie keiner Waffen und waren mit ihrer Gemütskraft Herren und Regenten aller Tier-, Pflanzen- und Elementenwelt!
GEJ|4|209|14|0|Ich meine denn, weil wir alle also sind, so dürften einige Deiner an uns gerichteten Worte des Lebens in unserem Leben ganz tiefe Wurzeln fassen! Und gibst Du, o Herr, uns irgend Gesetze oder Regeln des Lebens, so werden wir sicher ganz streng danach leben; denn darauf verstehen wir uns, eine einmal als gut und wahr erkannte Ordnung zu halten, wie vielleicht nur selten einer der Weißen.
GEJ|4|209|15|0|Da wir denn nun schon das außerordentliche Glück haben – das selbst Deinen größten Engeln ein Wunder aller Wunder sein muß –, bei Dir, o Herr, Du Ewiger, Du Schöpfer aller Geister- und Sinnenwelt, zu sein, so bitten wir Dich durch meinen Mund, eines Herzens und in allem vollkommen eines Sinnes, zu all dem Wunderbaren, das wir hier in kürzester Frist zu Gesichte bekamen, noch das Wunder hinzuzufügen, daß Du mit uns einige Worte reden möchtest!“
GEJ|4|210|1|1|210. — Der Zweck der Menschwerdung des Herrn. Die Mohren als Zeugen wahren, ursprünglichen Menschentums
GEJ|4|210|1|0|Sage Ich: „Nicht nur einige, sondern noch gar viele Worte werde Ich nun an euch richten! Ich werde euch keine neuen Gesetze geben, sondern nur bekräftigen die alten, die schon seit dem Beginne der Zeiten eures Seins Ich selbst in euer Herz mit unverwüstbarer Schrift eingegraben habe.
GEJ|4|210|2|0|Ich bin eigentlich und hauptsächlich darum in diese Welt gekommen, um die gänzlich entartete und aus aller Meiner ursprünglichen Ordnung getretene Menschheit wieder durch Lehre, Beispiele und Taten auf denjenigen Urzustand zurückzuführen, in welchem die ersten Menschen als wahre Herren aller andern Kreatur sich befanden.
GEJ|4|210|3|0|Diese Menschen mit heller Hautfarbe bedürfen sonach sehr Meiner Lehre und Meiner Taten, auf daß sie erkennen, wer Der ist, der sie lehret, und was Er will. Ihr aber befindet euch noch in dem herrlichen Urzustande. Eure Lebensschule fängt mit den rechten Mitteln auch am rechten Orte an. Ihr fanget den Menschen dort zuerst als Menschen zu bilden an, wo er zuerst und vor allem gebildet werden muß, und dies sollen in der Folge die Weißen auch; denn Ich zeige ihnen nun den Weg dazu.
GEJ|4|210|4|0|Aber es wird noch vieler Mühen, Lehren und Taten und Zeiten bedürfen, bis diese Weißen dahin kommen werden, wo ihr nun stehet. Sie sind die Verirrten, Verkehrten und Verlorenen, die zurechtgebracht werden müssen; sie sind krank und bedürfen darum des Arztes, der sie heilen kann.
GEJ|4|210|5|0|Ich hätte ja zu euch auch kommen können, da ihr nun doch ums unvergleichbare besser seid denn die Weißen; aber ihr habt Meiner Hinkunft zu euch noch nie bedurft. Aber Ich bedurfte nun euer als Zeugen Meiner Urordnung hier und ließ euch durch Meinen Willen also leiten und am Ende sogar drängen hierherzukommen, damit diese Weißen sehen sollen, was der Mensch in seinem unverdorbenen Urzustande ist und sein soll.
GEJ|4|210|6|0|Darum aber werdet ihr nun vor diesen Menschen einige Proben eures noch ganz echten Urmenschentums zur Belehrung dieser eurer vielen blinden und noch sehr verkehrten Brüder ablegen! Es gibt schon einige darunter, die der Vollendung sehr nahe sind; aber keiner von ihnen ist als Mensch so weit wie irgend der Geringste von euch! – Wollet ihr Mir zuliebe das tun?“
GEJ|4|210|7|0|Sagt Oubratouvishar: „O Herr, dessen Liebe, Güte und Erbarmung schon jetzt auch jene Räume der Unendlichkeit erfüllet, in denen erst nach verlaufenen Ewigkeiten neue Schöpfungen Deinen allerheiligsten Namen in tiefster Zerknirschung preisen werden, was sollten wir nicht sogleich mit der größten Ergebung in Deinen heiligsten Willen tun wollen? Alles, alles! O Herr, gebiete nur über uns!“
GEJ|4|210|8|0|Sage Ich: „Nun denn, so zeiget zuerst eure urmenschliche Herrlichkeit über das Element des Wassers und wandelt auf dessen Oberfläche wie auf einem trockenen, festen Boden, und zeiget auch eure große Behendigkeit auf dem feuchten Felde!“
GEJ|4|210|9|0|Sogleich berief der Anführer bei sechzig an der Zahl seiner kohlschwarzen Gefährten und fragte Mich, ob es deren genug seien. Ich bejahte, und die sechzig beiderlei Geschlechts begaben sich an das Meer und wandelten auf der Oberfläche desselben also fort wie zuvor auf trockenem Boden. Am Ende machten sie einige Ausgleitevolutionen und schossen mit einer solchen Schnelligkeit auf der ziemlich ruhigen Oberfläche umher, daß sie keine Schwalbe auch im schnellsten Stoßfluge eingeholt hätte. In einigen Augenblicken waren sie schon so weit von uns entfernt, daß wir sie nicht mehr erschauen konnten, und kamen in eben wieder einigen Augenblicken mit einem orkanähnlichen Gebrause ganz nahe ans Ufer.
GEJ|4|210|10|0|Dem Cyrenius stiegen ordentlich die Haare zu Berge, als die sechzig wie geschleudert dem Ufer zuschossen; sie kamen aber dennoch dem Gestade nur auf fünfzig Schritte nahe und blieben da plötzlich stehen. Nur der Anführer ging zu Mir her aufs Land ganz leichten Atems und fragte Mich, ob sie noch mehrere Produktionen auf dem Wasser anstellen sollten.
GEJ|4|211|1|1|211. — Die Herrschaft der Mohren über das Wasser
GEJ|4|211|1|0|Sagte Ich: „Noch etwas weniges, das ihr kennet, zum Beispiel was ihr während eines flammenheißen Windzuges auf dem Wasser tut, und wie ihr Fische fanget!“
GEJ|4|211|2|0|Der Anführer begibt sich schnellst wieder zu den sechzig und gibt ihnen Meinen Wunsch kund, und auf einmal fallen alle auf ihre Angesichter, respektive aufs Wasser, und liegen einige Augenblicke so ruhig wie trockene Stücke Holz auf demselben. Bald darauf aber werden sie sehr unruhig und fangen an, sich ganz ausgestreckt und überaus schnell um ihre Achse zu drehen.
GEJ|4|211|3|0|(Der Herr:) „Dieses geschieht darum, daß sie stets gehörig naß an allen Körperteilen verbleiben, um vom glühenden Kamb'sim (Wohin fliehe ich?) nicht verbrannt und gebraten oder zu Asche verbrannt zu werden; denn der Kamb'sim (auch Kam beshim = ,Wohin fliehe ich nun?‘) ist wohl der bei weitem heißeste Wind der Wüsten Nubiens und Abessiniens. Der Samum (,fürs Pech‘ = der Wind zum Erdpech schmelzen machen) ist bei weitem nicht so heiß wie der Kamb'sim. Noch weniger heiß ist der Giroukou (der über die Weiden her wehende Südostwind), der in Memphis, weil über die gerade in solcher Richtung von der Stadt aus gelegenen großen Weiden Giri herkommend, schon im grauesten Altertume also benannt worden ist. Aber so warm waren beide Winde außer dem Kamb'sim, daß sich die Menschen in die feuchten Höhlen vor ihnen zurückzogen.
GEJ|4|211|4|0|Was sie nun machen auf dem Wasser, das tun sie nur bei Gelegenheit des Kamb'sim; und geht er lange, und nimmt er an Heftigkeit zu, dann erst fangen sie an, unters Wasser zu tauchen, also wie sie es nun zeigen. Aber sie können nie zu lange unterm Wasser verbleiben, weil ihre starke Innen- und Außenlebenssphäre ihren Leib spezifisch leichter macht, als da ist das Wasser.
GEJ|4|211|5|0|Nun aber sitzen sie auf dem Wasser und werden uns in dieser Stellung zeigen, wie sie Fische fangen! Seht, durch die starke Macht ihres Willens treiben sie die Fische von weit her zu sich! Diese nehmen sie mit der Hand aus dem Wasser und legen deren nach ihrem Bedarf in ihre aufgebogenen Vortücher, die sie stets um ihre Lenden gebunden tragen, und fahren damit in der sitzenden Stellung schnell ans Ufer. Ihre Segel und ihre Ruder bestehen allein in ihrem Wollen; sobald sie auf dem Wasser eine Bewegung schnellerer Art machen wollen, so wollen sie das in aller ihrer ungezweifelten Glaubensfestigkeit, – und es geht alles, wie sie es wollen!
GEJ|4|211|6|0|Seht, nun haben sie schon gefischt und werden nun damit, in dieser ihrer sitzenden Stellung über des Wassers Oberfläche fahrend, pfeilschnell hier am Ufer sein! Seht, nun fahren sie schon ab und sind aber auch schon am Ufer! Sie stehen nun schnell auf und tragen ihre Beute zu uns her.
GEJ|4|211|7|0|Markus, sage es deinen Söhnen, daß sie die vielen und sehr edlen Fische sogleich versorgen mit Wasser, sonst stehen sie ab!“
GEJ|4|211|8|0|Als die Schwarzen die Vortücher voll lebender Fische zu uns bringen, führt sie Markus selbst an einen Fischbehälter, in den sie ihre Fische, bei etlichen hundert an der Zahl, hineinlassen. Sie begeben sich darauf schnell wieder zu Mir hin.
GEJ|4|211|9|0|Und der Anführer richtet sogleich folgende Worte an die Weißen und sagt: „Das, ihr weißen Brüder, was wir nun ausführten, scheint euch ganz fremd und noch nie dagewesen zu sein? Allein es ist bei uns ganz einfachen Naturmenschen alles das, was wir nun vor euch auf dem Wasser machten, etwas so ganz Natürliches wie bei euch das Schauen, das Hören, das Riechen, Schmecken und Fühlen.
GEJ|4|211|10|0|Der seelisch verhärtete und verkehrte Mensch wird auch dem Leibe nach um vieles schwerer und gleicht stets mehr und mehr einem Steine, der auf dem Wasser nicht schwimmend bleibt, weil er schwerer ist denn das Wasser. Wir aber gleichen dem Holze, dessen innere Lebensgeister schon um vieles freier sind denn jene stark gerichteten was immer für eines Steines.
GEJ|4|211|11|0|Habet acht, lasset einen Gemütsmenschen, der aber keinen Hochmut und keine herrschgierige Eigenliebe in seiner Brust gefühlt hat, herkommen; er soll sich dem Wasser überlassen, und ich stehe dafür, daß er nicht untergehen wird! Stellet aber daneben auch einen herrschsüchtigen und sehr selbstliebischen Menschen auf das flüchtige Element, und er wird untergehen wie ein Stein! Er müßte nur sehr fett sein – was bei sehr Selbstsüchtigen wohl schwerlich je der Fall ist –, da würde ihn dann das Fett eine Zeitlang so ziemlich bis allenfalls zwei Drittel seines Leibes – das heißt, wenn er sehr gemästet fett wäre! – über dem Wasser erhalten; aber im gewöhnlichen Fleischstande sinkt er unter wie ein Stein.
GEJ|4|211|12|0|Bei uns gilt das Wasser darum auch als eine gute Probe für die innere Echtheit eines Menschen. Den das Wasser nicht mehr so recht füglich trägt, dessen Gemüt hat sicher irgendeinen Schaden erlitten, und es wird ihm das Element nicht freundlich sein und ihm nicht jeden erwünschten Dienst erweisen. Wie wir nun aber sicher mit der ersichtlichsten Ungezwungenheit uns auf dem Wasser umherbewegten und auch gezeigt haben, daß die Tiere im Wasser unserem Willen untertan sind vom Anbeginne unseres Seins, so war es auch bei und mit den Urmenschen der Fall. Für sie waren Ströme, Seen und sogar das Meer kein Hindernis, über die ganze Erde hinzuwandeln; sie benötigten weder der Schiffe noch der Brücken. Ihr aber werdet oft samt euren Schiffen und Brücken vom Wasser verschlungen, und nicht eine Wassermücke gehorcht eurem Willen! Wie weit entfernt seid ihr demnach von der echten Menschheit!
GEJ|4|211|13|0|Ihr müßt allerlei Waffen haben, um einen Feind in die Flucht zu schlagen; wir haben uns deren noch niemals bedient. Bis auf diese Zeit hatten wir auch nicht ein anderes als nur ein beinernes Schneidewerkzeug, durch dessen Hilfe wir uns unsere Hütten und unsere Kleider auf eine ziemlich mühsame Art bereiteten; aber darum gingen wir doch nie völlig nackt einher, und unsere Mühe ist uns noch nie sauer geworden. Wenn wir von euch die nötigsten Werkzeuge mitbekommen werden, so werden wir uns deren aus desto gesteigerter Nächstenliebe bedienen; aber als irgendeine Waffe werden sie uns nie Dienste leisten, dessen ihr ganz versichert sein könnet!
GEJ|4|211|14|0|Nun aber machet ihr eine Probe auf dem Wasser, und zeiget, wie lebenstüchtig ihr schon seid!“
GEJ|4|211|15|0|Es rauchte diese Sprache ganz heimlich den Römern wohl so ein wenig in die Nase, aber sie drückten es, wie man sagt, so ganz gutwillig hinab.
GEJ|4|212|1|1|212. — Die Herrschaft der Mohren über die Tiere
GEJ|4|212|1|0|Der Anführer aber fragte Mich, ob sie noch etwas den weißen Menschen Ungewöhnliches leisten sollten.
GEJ|4|212|2|0|Sagte Ich: „Ja, Meine lieben, alten Freunde! Seht dort oben, etwa fünftausend Schritte gen Mittag hin am Meere ersehet ihr einen Hügel, der gegen das Meer sehr steil abfällt. Dieser ist ganz durchwühlt von sehr giftigen Schlangen und Nattern, und ihr sollet Mir diese Bestien vertreiben! Wir alle werden euch dahin geleiten!“
GEJ|4|212|3|0|Sagt der Anführer: „Herr, Du Allmächtiger! Wenn es sich nur um die Vertreibung handelt, da kostet es Dich ja nur einen Gedanken, und der Hügel ist frei von all dem Geschmeiße für alle Zeiten der Zeiten; aber so es sich auch hier nur um ein Beispiel handelt, welche Kraft in der echten Urmenschheit verborgen ist, so tun wir das wie alles nach Deinem höchst heiligsten Willen!“
GEJ|4|212|4|0|Sage Ich: „Es versteht sich ja von selbst, daß Ich das nur des Beispieles wegen von euch verlange; darum gehen wir!“
GEJ|4|212|5|0|Wir brachen auf und bewegten uns ganz schnell zu dem beschriebenen Hügel und erreichten denselben nach einer halben Stunde Zeit. Dort angelangt, ward der ziemlich ausgedehnte Hügel ganz lebendig von lauter Schlangen und Nattern; es entstand da ein Gezische und ein nahe unerträgliches Gepfeife, daß man darob kaum sein Wort verstehen konnte. Alle diese vielen tausend Bestien eilten ins Meer und schwammen pfeilschnell über das weite Wassergewoge, und in wenigen Augenblicken war der Hügel rein.
GEJ|4|212|6|0|Der Anführer aber trat zu Mir hin und sagte: „Herr, alle Schlangen und Nattern, von den ältesten bis auf die erst aus dem Ei gekrochenen, sind fort; aber noch einmal so viele stecken in den Eiern! Wer wird diese aus den vielen Löchern und inneren Nestern holen? Denn kommen diese nicht auch heraus, so ist in einem halben Jahre dieser Hügel von neuem ebenso belebt, wie er bis jetzt war! Wer wird den Hügel dann reinigen?“
GEJ|4|212|7|0|Sage Ich: „Habt ihr denn gar kein Mittel, auch diese zu vertilgen?“
GEJ|4|212|8|0|Sagt der Anführer: „Außer dem Ich nei maon (,Gift hat er keins‘) wissen wir alle um keines! Man müßte denn den ganzen Hügel lange überheizen. Dadurch wäre auf natürlichem Wege eine Zerstörung auch der Nester und Eier möglich. Aber der bessere Weg wäre natürlich Dein Wille oder auch der Deines Dieners! Wir aber besitzen vorderhand kein anderes Mittel; denn hier verbleiben, um durch unseren bleibenden Außenlebenskreis die Bestien zu ersticken, können wir nicht.“
GEJ|4|212|9|0|Sage Ich: „Lasset das gut sein! Ihr habt euer Wunder schon geleistet, und mehr forderte Ich ja nicht von euch; das werde schon Ich in die Ordnung bringen! Da aber nun dieser Hügel frei ist von seiner bösen Einwohnerschaft, so wollen wir ihn besteigen, und ihr werdet uns noch einige Proben von eurer menschlichen Tüchtigkeit ablegen!“
GEJ|4|212|10|0|Darauf bestiegen wir den Hügel, der auf seinem recht breiten Scheitel mindestens zweitausend Menschen aufnehmen konnte. Als wir auf der Höhe, etwa tausend Fuß über dem Wasserspiegel, uns befanden, da zog hoch in der Luft eine große und lange Reihe Kraniche.
GEJ|4|212|11|0|Und Ich sagte zum Anführer: „Freund, sind euch auch diese Vögel noch untertan?“
GEJ|4|212|12|0|Sagte der Anführer: „Dies ist uns ein fremdes, früher noch nie gesehenes Geschlecht; aber ich zweifle keinen Augenblick, daß auch diese unser Wollen verspüren und sich dann auch danach richten werden!“
GEJ|4|212|13|0|Hier sah der Anführer seine Gefährten an und sagte: „Wollet mit mir, auf daß wir erfüllen des Herrn Willen!“
GEJ|4|212|14|0|Sobald der Anführer solches ausgesprochen hatte, fingen die Kraniche an sich zu senken und waren in wenigen Augenblicken auf dem Hügel unter den Schwarzen; aber die Weißen mieden sie. Gleich darauf bedeutete der Anführer den Kranichen, weiterzufliegen, und sie flogen auf und davon.
GEJ|4|212|15|0|Und es flogen abermals hoch in der Luft ein Paar Geier von riesiger Größe und fingen an, zu kreisen über unseren Häuptern.
GEJ|4|212|16|0|Da sagte der Anführer zu den Weißen: „Rufet nun ihr es herab, das kreisende Paar!“
GEJ|4|212|17|0|Sagt Cyrenius zum Anführer: „Aber wozu dieses denn doch ein wenig hochmütig aussehende Auffordern an uns? Denn du weißt es nun ja ohnehin, daß wir sehr verkehrt gewordenen Menschen solcher urmenschlichen Taten nicht mehr fähig sind! Erfülle du nur des Herrn Willen; für alles andere wird schon der Herr, und nach Seiner Lehre auch wir, nach Möglichkeit sorgen!“
GEJ|4|212|18|0|Sagt der Anführer: „Du meinst, daß ich an euch Weiße die Aufforderung zur Herablockung der noch über uns schwebenden beiden Geier aus einer Art Selbsterhöhungsgefühl gemacht habe? Oh, mit solch einer Meinung von mir irrest du dich sehr! Ich machte an euch weiße Brüder die Aufforderung, um euch eurer großen Verkehrtheit, für die ihr am Ende freilich wenig oder nichts könnet, desto lebenstiefer zu erinnern, was da niemandem von euch etwas schaden kann!
GEJ|4|212|19|0|Wie sollen wir uns denn unserer natürlichen Eigenschaften rühmen können?! Oder rühmet ihr euch eurer Sehe oder eures Gehöres irgendwann?! Denn könnten wir je stolz auf unsere euch wunderbar scheinenden Eigenschaften werden, so besäßen wir sie schon lange nicht mehr; weil aber das bei uns etwas Unmögliches ist, so besitzen wir unsere wunderbar scheinenden Eigenschaften gleich fort und fort, wovon ihr Weißen sogleich wieder einen neuen Beweis haben sollet! – Herab mit euch, ihr beiden Luftbewohner!“
GEJ|4|212|20|0|Als der Anführer solches ganz laut ausgesprochen hatte, schossen die beiden mächtigen Lämmergeier wie Pfeile herab und setzten sich mit aller Zartheit und sichtlicher Freundlichkeit, als wären sie von einem Menageristen bestens gebändigt, auf die rechte Hand des Anführers.
GEJ|4|212|21|0|Es flog in dem Augenblick eine Elster vorüber, und der Anführer gebot einem Geier, sie unbeschädigt zu fangen und ihm zu überbringen. Wie ein Pfeil schoß der riesige Geier der schnell flatternden Elster nach und brachte sie in wenigen Augenblicken wiederkehrend und nicht irgend davonfliegend. Die schreiende Elster hielt der Geier in einer seiner gewaltigen Krallen zwar sehr fest, ohne sie jedoch irgend verwundet zu haben, und ließ sie erst dann los, als der Anführer sie angefaßt hatte. Darauf streichelte dieser die beiden Geier und entließ sie dann wieder, worauf die beiden großen Raubvögel sich sehr schnell wieder sehr hoch in der Luft befanden und nach einem für sie fetten Raube spähten.
GEJ|4|212|22|0|Die Elster aber gab der Schwarze dem Cyrenius zum Andenken an diese Tat, die dem Oberstatthalter und auch allen anderen Römern und Juden sehr wunderbar vorkam.
GEJ|4|212|23|0|Cyrenius übergab zur sorgsamen Pflege die Elster seinen beiden Töchtern, die anwesend waren, und sagte zu Mir: „Aber Herr, das geht ja rein ins Fabelhafte, was diese Schwarzen alles zu leisten imstande sind, – wenn Du nun heimlich nicht etwa Deinen allmächtigen Willen so ein wenig hast mitspielen lassen?!“
GEJ|4|212|24|0|Sagte Ich: „Ich sagte es dir ja doch zuvor, daß Ich sie da ganz allein werde handeln und wirken lassen! Warum zweifelst du nun denn daran?! O gedulde dich nur; Ich werde sie schon noch einiges machen lassen, daß dir selbst darob ordentlich schwindlig werden soll!“
GEJ|4|213|1|1|213. — Die Herrschaft der Mohren über Pflanzen und Elemente
GEJ|4|213|1|0|Darauf berief Ich abermals den Oubratouvishar und sagte zu ihm: „Zeiget nun, wie ihr mit der Luft und ihrer Kraft vertraut seid; denn es ist im Anfange dem Menschen in seiner Reinheit gegeben worden auch eine Herrlichkeit (Herrschaft) über die Geister der Luft, auf daß sie ihm dienstbar wären in allen Fällen, da er ihres Dienstes benötigen würde! Zeiget sonach, inwieweit ihr noch mit dieser Urlebensfähigkeit ausgerüstet seid!“
GEJ|4|213|2|0|Sogleich berief der Anführer zehn der Tüchtigsten seiner Gefährten und verlangte, daß sie ihre Hände auf ihn strecken und um ihn in einem Kreise also stehen sollten, daß je einer mit seinem rechten Fuße den linken Fuß des Nachbarn ganz gut decke. Solches geschah sogleich, und unser Anführer fing an, sich umzudrehen, verließ den Boden der Erde, schwebte nun völlig in der Luft, und zwar bei einer guten Mannslänge hoch über dem Erdboden.
GEJ|4|213|3|0|In dieser Stellung fragte er Mich, ob er sich noch höher schwingen solle, oder ob dies zu einem Zeugnisse genüge.
GEJ|4|213|4|0|Und Ich sagte: „Es genügt, darum tritt zurück!“
GEJ|4|213|5|0|Sogleich traten die zehn auseinander, und der Anführer war schnell wieder am Boden, machte eine tiefste Verbeugung vor Mir und fragte Mich, ob er noch mehreres produzieren solle.
GEJ|4|213|6|0|Und Ich sagte: „Wie entwurzelt ihr denn die Bäume, und wie schafft ihr große Steinmassen von der Stelle?“
GEJ|4|213|7|0|Sagte der Anführer: „Herr, an sehr starken und großen Bäumen hat unser Land wohl einen bedeutenden Mangel; nur die höheren Berge können sich daran erfreuen. Allwo auf den Hochtriften, dahin der Kamb'sim nicht dringt, die Herden weiden, dort stehet hie und da ein alter Bohahania-Baum als gewöhnliche Wohnstätte der Affen. Hie und da findet man auch eine Zypresse und Myrthe, wilde Datteln und Bock- und Hühnerbrot. Darin besteht dann aber schon auch die ganze Baumvegetation unseres Landes.
GEJ|4|213|8|0|In der Ebene und in den windabseitigen Landeswinkeln gedeiht nur die edle Dattel, die Feige, die Ouraniza (Pomeranze) und die Semenza (Samen- oder Granatapfel) und mehrere bedeutende Staudengattungen, die uns zu unseren Hütten das Baumaterial liefern.
GEJ|4|213|9|0|Diese zu entwurzeln, dazu gehört wahrlich nichts besonders Außerordentliches von einer Kraftanstrengung; an den stärkeren Bäumen aber haben wir unsere Kräfte noch nie versucht, obwohl wir keinen Zweifel haben, daß sich auch diese gleich den schwersten und größten Felsstücken unserem Willen fügen müßten. Hier auf diesem Berge steht wohl ein gar gewaltiger Baum, um dessen Namen wir natürlich nicht wissen können, wie auch um seine sonstige Beschaffenheit nicht; aber wir wollen einen Versuch machen, ob er sich durch unsern Willen wird entwurzeln lassen wird oder nicht!“
GEJ|4|213|10|0|Sagt der alte Markus: „Na, ganz gehorsamster Diener aller Herren der Erde! Das ist eine wenigstens fünfhundert Jahre alte Zeder! Sieben Männer dürften sie kaum umfassen, und vier sehr kräftige und geübte Holzknechte fällten diese Zeder in zwei Tagen kaum, und da gehen nun sechs Männer und sieben Weiber hin und wollen ohne Haue und Axt diesen Baum entwurzeln?! Na, diese Geschichte, wenn der Herr sie nicht heimlich mit Seinem allmächtigen Willen unterstützt, dürfte doch einmal etwas rar werden!“
GEJ|4|213|11|0|Sage Ich: „Nur Geduld, Mein alter Krieger! Ich werde mit Meinem Willen auch diesmal ganz daheim verbleiben, und doch wird der Baum in kurzer Frist mit allen seinen Wurzeln dem Erdboden entrissen werden!“
GEJ|4|213|12|0|Während Ich dem alten Markus aber diesen Bescheid erteilte, legten die Schwarzen ganz leicht ihre Hände um den Stamm, und zwar also, daß die rechte Hand eines Mohren stets die Linke seines Nachbarn oder seiner Nachbarin deckte. In solcher Stellung blieben sie etwa eine halbe Viertelstunde lang ganz ruhig am Baume stehen. Nach dieser Zeit fing der Baum an, sich anfangs ganz langsam zu drehen und krachte danebst ganz gewaltig. Da fingen alle Anwesenden an, im höchsten Grade zu erstaunen, und niemand verstand es, sich diese Erscheinung nur einigermaßen zu entziffern.
GEJ|4|213|13|0|Als der Baum sich aber nun samt den dreizehn ihn ganz leicht Umklammernden stets mehr zu drehen begann, bemerkte man bald, daß er samt dem Erdballen und samt den ihn umklammernden Mohren sich schon ganz in der Luft herumdrehte. Da fingen mehrere, besonders die Weiber, förmlich an zu schreien; denn sie meinten, daß der nun umfallende Baum mehrere der Mohren zerquetschen werde.
GEJ|4|213|14|0|Allein Ich sagte zu den Furchtsamen: „Fürchtet euch nicht; der Baum wird ganz sachte umgelegt werden und durch seinen Fall niemandem einen Schaden zufügen!“
GEJ|4|213|15|0|Damit war alles beruhigt, und im selben Augenblick ließen die den Baum umklammernden Mohren sich aus, sprangen jählings vom Berge herab und liefen zu uns herüber. Im selben Augenblick fing der Baum in der Luft an hin und her zu schwanken, neigte sich endlich nach seinem natürlichen Schwerpunkte und legte sich nach einigen Augenblicken ganz sacht auf den Boden nieder.
GEJ|4|213|16|0|Als der Baum auf diese Weise entwurzelt war, da zeigte Ich den Mohren noch einen Felsen, dessen Gewicht sicher fünftausend Zentner war, und sagte zum Anführer: „Jenen Felsen hebet auch hinweg und setzet ihn in selbiges Loch, das nun durch die Aushebung des Baumes entstanden ist!“
GEJ|4|213|17|0|Schnell bewegten sich dieselben Mohren hin zum Felsen und umklammerten ihn auf dieselbe Weise wie zuvor den Baum. Noch eher als der Baum schwebte der Fels in der Luft. Freilich ward er seines größeren Umfanges wegen von etlichen Mohren mehr denn ehedem der Baum umfaßt; aber jeder sah es ein, daß zur Bemeisterung des Gewichtes dieses Felsens tausend der kräftigsten Menschen auch noch viel zu wenig gewesen wären.
GEJ|4|213|18|0|In etwa einer ganz kleinen halben Viertelstunde stand der Fels schon mauerfest im für ihn bestimmten Loche, und die Mohren eilten darauf wieder zu uns herüber, und der Anführer fragte Mich, ob sie noch etwas tun sollten.
GEJ|4|213|19|0|Ich aber tat, als dächte Ich über etwas nach, was dem Anführer gleich auffiel, und er zu mir sich also äußerte: „Oh, da wird wieder etwas Ungeheures herauskommen, weil Du Selbst zuvor mit Dir Rat hältst! Denn sonst waren wir der Meinung, daß einem Gotte schon von Ewigkeit alles überklar ist, was Er tun will!“
GEJ|4|213|20|0|Sagte Ich: „O jawohl, das ist es auch! Aber ich gönnte euch nur eine kleine Ruhe; denn das, was ihr Mir noch tun werdet, ist stets euer zuwiderstes Geschäft, und ihr bedurftet nach zwei, eure äußere Außenlebenssphäre sehr in den vollsten Anspruch nehmenden Taten nun einer kleinen Ruhe. Ihr habt nun ausgeruht, und ihr sollet nun noch zeigen, wie ihr euch das Feuer bereitet, und wie ihr auch Herren dieses Elementes seid! Gehet und machet Feuer und zeiget darauf, daß ihr dessen Herren seid!“
GEJ|4|213|21|0|Sogleich bildeten alle anwesenden Mohren um ein großes, aber schon seit langem ganz dürres Gebüsch einen Halbkreis und streckten ihre Hände und Finger strahlenförmig nach dem dürren Gebüsche aus. In wenigen Augenblicken fing das Gebüsch an zu rauchen; der Rauch wurde stärker und stärker, und auf einmal schlugen prasselnd lichterlohe Flammen auf. Als aber das ganze Gebüsch so recht in hoch aufschlagenden Flammen stand, legten sich alle Mohren in einem geschlossenen Kreise um das Feuer auf ihre Angesichter, und in einem Augenblick erlosch das Feuer derart, daß man von dem im ganzen zur Hälfte abgebrannten Gebüsch auch nicht ein glimmendes Fünklein mehr antreffen konnte.
GEJ|4|213|22|0|Darauf kamen die Mohren wieder und fragten Mich, ob sie ihre Sache gut gemacht hätten. Und Ich gab ihnen das beste Zeugnis. Sie wollten nun von Mir gleich Worte der Belehrung für sie; aber Ich bedeutete ihnen, noch ein wenig zu warten, da Ich nun diese ihre Taten den Weißen erklären müßte. Damit waren die Mohren zufrieden, und wir begaben uns wieder an unsere Tische.
GEJ|4|214|1|1|214. — Die Selbsterkenntnis des Menschen
GEJ|4|214|1|0|Als Ich mit Meinen Jüngern, Römern und Griechen wieder an Meinem nun schon gewohnten Tische Platz nahm, trat der Anführer zu Mir hin und bat Mich, ob er mit einigen seiner Gefährten auch teil an Meinen Erklärungen nehmen dürfte.
GEJ|4|214|2|0|Sagte Ich: „Ohne allen Anstand; denn ihr müßt ja euer Leben von nun an ganz vollkommen erkennen! Wohl seid ihr noch im Vollbesitze der urzeitlichen Lebenskraft der Menschen, noch seid ihr als Menschen, Mich erfreuend, vollkommene Herren der gesamten Natur – alles das liegt in eurem vollkommensten Vertrauen und eurem ungezweifelten Glauben und festesten Willen. Aber ihr kennet solch eure Kraft ebensowenig, wie jemand die Kraft kennt, die da in Bewegung setzt des Menschen Glieder und herumtreibt das Blut in den Adern und pulsen macht das Herz und nötigt die Lunge, zu atmen die Luft aus und ein nach dem Bedarfe fürs Leben und nach ihrer inneren Tätigkeit in bezug auf mehr oder weniger Wärme, die in ihr meistens durch größere oder mindere Tätigkeit der Leibesglieder im Blute erzeugt wird.
GEJ|4|214|3|0|Also das sind doch tägliche Erfahrungen eines jeden Menschen, und doch versteht sie niemand, weil niemand sich selbst recht kennt; um wieviel weniger erst werden dann eure außerordentlichen Lebenseigenschaften begriffen, die offenbar tiefer liegen als bloß diejenigen, die in eurem leiblichen Organismus sich tätig äußern!
GEJ|4|214|4|0|Aber so Ich euch die tieferliegenden erkläre, werdet ihr sie dennoch eher fassen, als wenn Ich euch erklärte des Leibes Organismus und dessen Zusammenhang mit der Seele. Solches ist auch eigentlich gar nicht zu erklären, weil die für euch nahe zahllose Vielheit der verschiedensten Organe schon mehr als Methusalems Alter, nahezu tausend Jahre, in Anspruch nehmen würde, um sie nur vom ersten bis zum letzten zu zählen, geschweige dann erst eines jeden Organs Sonderbeschaffenheit und Bestimmung einzusehen und die allgemeine Verbindung, die Wechselwirkung und tausenderlei Verschiedenes von einem einzelnen Organe kennenzulernen.
GEJ|4|214|5|0|Zum Beispiel: Zwei Haare stehen fest nebeneinander. Da meinet ihr, daß sie die gleiche Behandlung brauchen, und sie würden umgetauscht auch wachsen. Bei den Haaren auf dem Menschenleibe geht das nicht an, als wie es da geht auf der Erde mit dem Übersetzen der Bäume, Gesträuche und Pflanzen! Ein Haar wächst mit dem ganz eigenen Organismus nur an der Stelle, da es vorkommt; an einer jeden andern Stelle würde es mit der besonderen Einrichtung seines Wurzelorganismus nicht fortkommen.
GEJ|4|214|6|0|Im menschlichen Leibesorganismus besteht eine höchst ordnungsmäßige Gewähltheit und für euch kaum glaubliche Verschiedenheit. Um den organischen Bau des Menschenleibes einzusehen und zu wissen um jedes kleinste Atom und wohl zu erkennen den Grund des ,Also und nicht anders!‘, muß man im Geiste zuvor vollendet sein.
GEJ|4|214|7|0|Wenn der Geist und die Seele eins geworden sind, dann beschauet die vollendete und lichtvolle Seele von innen heraus und hindurch ihren Leib, erkennt dann mit einem Blick den ganzen künstlichst eingerichteten Bau des Leibes und erinnert sich des Grundes und der Ursache eines jeden einzelnen noch so kleinsten Teiles eines Organs in ihrem Leibe und erkennt seine allerzweckmäßigste Einrichtung. Solange aber eine Seele ihre Lebensvollendung nicht erreicht hat, kann sie in tausend und abermals tausend Jahren nicht zur gründlichen Erkenntnis des Organismus ihres Leibes gelangen.
GEJ|4|214|8|0|Aber ganz anders verhält es sich mit dem rein geistigen Vermögen einer Seele! Das kann ihr in allgemeinen Umrissen erläutert werden, und es ist auch also notwendig, daß sie das eher und leichter erkennen muß. Denn ohne diese praktische Erkenntnis könnte die Seele ja nie zu einer wahren Verbindung mit ihrem Geiste gelangen, ohne welche aber eine innere und tiefste Erkenntnis seiner selbst unmöglich ist.
GEJ|4|214|9|0|Merket darum auf, wie Ich nun das rechte, ordnungsmäßige Urleben der ersten Menschen so klar als möglich vor euch erläutern werde!
GEJ|4|215|1|1|215. — Die Außenlebenssphäre der menschlichen Seele und die Außenlichtsphäre der Sonne
GEJ|4|215|1|0|(Der Herr:) „Das, sage, erste Menschenpaar konnte von Mir unmöglich anders als nach der rechten Lebensordnung vollendet auf diese Erde gesetzt werden. Das Gemütsleben mußte als vollkommen ausgebildet in dieser Welt auftreten, um nicht schnell eine Beute von tausendmal tausend anderen feindlichen Kreaturen und Elementen zu werden.
GEJ|4|215|2|0|Das eigentliche Ebensein mit Meinem urgöttlichen Sein war in dem ersten Menschenpaare schon als vollendet da und konnte darum die Herrlichkeit über die gesamte Kreatur vollst wirksam ausüben. Wie aber geschieht solche Wirkung? Höret!
GEJ|4|215|3|0|Die im Gemüte vollkommene Seele ist persönlich zwar auch in der vollkommenen Menschenform im Leibe vorhanden; aber ihr Empfinden, Fühlen und Wollen gehet, gleichwie die Lichtstrahlen aus und von der Sonne, nach allen denkbaren Seiten weit und wirkend hinaus. Je näher an der Seele, desto intensiver und wirksamer ist denn auch der beständige Ausfluß des Denkens, Fühlens und Wollens.
GEJ|4|215|4|0|Die Außenlichtsphäre der Sonne, in der sich diese Erde, der Mond und noch eine große Menge allerleiartiger anderer Weltkörper befinden, ist gewisserart die Außenlebenssphäre der Sonne, durch die alles, was in ihrem Bereiche sich befindet, zu einem bestimmten Naturleben erweckt wird. Alles muß sich da mehr oder weniger in die Ordnung der Sonne fügen, und diese ist dann ein Gesetzgeber und ein Herr aller andern Weltkörper, die sich nur irgendwo im Bereiche ihrer Lichtausstrahlung befinden.
GEJ|4|215|5|0|Freilich kann man von der Sonne nicht sagen, daß sie denke und wolle; aber ihr Licht ist dennoch ein gar großer Gedanke, und des Lichtes Wärme ein gar fester Wille, – aber nicht von der Sonne, sondern von Mir ausgehend und wirkend durch das organische Wesen des Sonnenkörpers.
GEJ|4|215|6|0|Je näher denn ein Weltkörper der Sonne ist, desto mehr muß er auch die lebenswirkende Kraft der Außenlebenssphäre der Sonne in sich wirkend und bestimmend wahrnehmen und muß sich fügen in alles das, was das Licht und die Wärme der Sonne in und auf ihm zeihen will.
GEJ|4|215|7|0|Wie aber da die Sonne wirket auf den Weltkörpern Wunderbares bloß durch ihre Außenlebenssphäre, also auch eine unverdorbene und in ihrer ursprünglichen Art vollkommene Seele, die da ist voll Lebens, also voll Liebe, voll Glaubens und voll des festen Willens!
GEJ|4|215|8|0|Eine solche Seele ist ganz Licht und Wärme und strahlet weithin aus, und diese Ausstrahlung bildet dann gleichfort ihre mächtige Außenlebenssphäre. Wie sich aber in der Außenlebenssphäre der Sonne Mein Wille als überall wunderbar wirkend ausspricht und keine Macht demselben widerstreben kann, ebenso spricht sich der Wille einer vollkommenen, unverdorbenen Seele, der – weil Meine Ordnung – auch Mein Wille ist, als wunderbar wirkend aus.
GEJ|4|215|9|0|Wenn aber die Sonne durch Meine Zulassung ganz zerrüttet werden würde, zerstört in ihrem höchst kunstartig und weise geschaffenen großartigen Organismus und Mechanismus und ihre große Naturseele aller Naturseelen am Ende, ganz geängstigt und verkümmert, nichts zu tun und zu sorgen hätte, als ihren kleinzerrütteten Körperorganismus zurechtzubringen oder im ungünstigsten Falle gar zu verlassen und die großen Trümmer der höchst eigenen Auflösung zu überantworten, wie würde es dann mit der allbelebenden Außenlebenssphäre aussehen? Da würde gleich in ihrem Planetengebiete die größte Unordnung eintreten; alle Vegetation und alles Fleisches Leben hätte da ehest ein Ende!
GEJ|4|215|10|0|Würden sich die Menschen auch noch eine Zeitlang mit den allerleiartigen Vorräten forthelfen, die ewige Nacht eine Weile erhellen mit Fackeln und Lampen und die Gemächer erwärmen mit dem auf der Erde vorrätigen Holze der Wälder, so würde das im günstigsten Falle bei den allervorratsreichsten Menschen dieser Erde höchstens zehn Jahre allerkümmerlichst andauern. Nach dieser Zeit aber wäre es dann schon aus mit allem vegetativen und kreatürlichen Leben auf der Erde. Alle Pflanzen würden nicht mehr wachsen und zeihen den lebendigen Samen; die Tiere fänden kein Futter mehr und müßten Hungers verenden und vor zu großer Kälte erstarren; die Erde selbst würde aus ihrer Bahn treten und dann entweder irgend mit einem andern Planeten zusammenstoßen, oder sie würde nach vielen tausend Jahren in das Lichtgebiet einer andern der zahllos vielen Sonnen hingelangen, in deren Licht und Wärme von neuem aufzutauen und in einer veränderten Ordnung wieder irgend langsam und nach und nach aufzuleben anfangen, aber in ihr jetziges, ganz glückliches, bestgeordnetes Sein sicher nimmer gelangen!
GEJ|4|215|11|0|Das alles wäre Wirkung und Folge, so die Sonne in eine große oder gar größte Unordnung in ihrem Wesen geriete. Sie wäre nicht mehr Herr und Gesetzgeber für die vielen anderen, kleineren, sie umbahnenden Weltkörper. Diese würden, wie gesagt, bald selbst in eine gräßliche Unordnung geraten und zunächst der Sonne durch ihr mächtiges Fallen auf sie feindlich werden, was die Sonne nimmer verhindern könnte, weil sie nach außen hin gar keine wirkende Außenlebenskraft besäße, um die entfesselte Schwerkraft der Planeten entweder aufzuhalten oder sie wenigstens zu mäßigen.
GEJ|4|215|12|0|Daß sich aber irgendeine, nur auf der großen Oberfläche, also nur auf der äußersten Haut der Sonne vorkommende, nicht füglich ganz vermeidbare und nur kurz dauernde örtliche Zerrüttetheit auch sogleich auf den Planeten unvorteilhaft äußert, das beweisen die nicht selten vorkommenden schwarzen Flecke, mit denen ihr dann und wann die auf- oder die untergehende Sonne behaftet gesehen habt. Sobald ihr solch einen Fleck nur wie einen Punkt groß erschauet, so dürfet ihr darauf rechnen, daß sich auf der Erde solch eine Unordnung auch bald stürmisch und böswetterig wird zu äußern anfangen.
GEJ|4|215|13|0|Aber warum denn das? Ist die Sonne doch so weit von der Erde entfernt, daß ein scharf abgeschossener Pfeil nahezu fünfzig volle Jahre benötigen würde, um in die Sonne zu gelangen; was kann dann das der lebenskräftigen Erde machen, was in solch einer Entfernung auf dem Sonnenkörper geschieht?
GEJ|4|215|14|0|Ja, das unmittelbar, was auf dem Sonnenkörper geschieht, würde auf der Erde wohl von gar keiner Wirkung sein; aber der schwarze Fleck ist auf der Sonne nicht so klein, wie er sich von dieser Erde her ausnehmen läßt! Dort in der Wirklichkeit ist er von einer um etliche tausend Male größeren Ausdehnung, als wie groß da ist die ganze Erde auf ihrer Oberfläche. Das bewirkt dann für die höchst sensitiven Lebensgeister der Erde schon einen fühlbaren Licht- und Wärmemangel. Sie werden sofort ängstlich und setzen sich in eine übermäßige Tätigkeit, und heulende Stürme, Wolken, Regen, Hagel und Schnee, zuweilen sogar in den heißen Ländern der Erde, sind die Folgen solch einer nur ganz geringsten Unordnung auf gewisserart nur einem Punkte der Sonne, weil die heimische Unordnung auch in der Sonne Außenlebenssphäre, die noch sehr weit über diese unsere Erde in den weiten Schöpfungsraum hinausreicht, übergeht und sich auf den Weltkörpern, die im Außenlebensbereiche der Sonne sich befinden, ebenso nachteilig äußern muß, wie sich sonst die ungestörte Licht- und Wärmeordnung der Sonne auch durch ihre Außenlebenssphäre auf den zur Sonne gehörigen Erdkörpern nur sehr wohltätig äußert.“
GEJ|4|216|1|1|216. — Vom Einfluß des menschlichen Charakters auf die Haustiere
GEJ|4|216|1|0|(Der Herr:) „Denket euch nun eine Menschenseele in ihrer ursprünglichen Unverdorbenheit als eine wahre Sonne unter allen den auch verschiedenartig beseelten und belebten Kreaturen, die sich alle der Menschenseele unterzuordnen haben, weil sie aus ihrer Außenlebenssphäre, wenn diese, gleich der Seele, in aller Ordnung ist, geistiges Lebenslicht und geistige Lebenswärme zur Vegetation ihrer weiter aufsteigenden Seelenlebenssphäre aufnehmen und dadurch sanft, duldsam und gehorsam gezeihet werden. Denn die Seelen der Pflanzen wie der Tiere haben ja die euch freilich noch sehr unbekannte Bestimmung, einst selbst zu Menschenseelen zu werden.
GEJ|4|216|2|0|Die Pflanzen und noch mehr die Tiere sind nichts als nach Meiner Weisheit und Einsicht taugliche Vorgefäße zur Ansammlung und sukzessiven Ausbildung und Sich-Ergreifung der im unermeßlichen Schöpfungsraume – ihr könnet sagen – allgemeinen Naturseelenlebenskraft, aus der auch eure Seelen – ob ursprünglich auf dieser oder auch auf einer andern Erdenwelt, was nahe eins ist, herangebildet – herstammen. Diese Tierseelen empfinden einer ordentlichen Menschenseele Ausströmung und die daraus gebildete Sphäre des Außenlebenslichtes und der Außenlebenswärme.
GEJ|4|216|3|0|In dieser vollkommenen Außenlebenssphäre gedeihen die Tiere, wie die Planeten im Lichte und in der Wärme der Sonne, und nicht eines Tieres Seele vermag sich da gegen den Willen einer vollkommenen Menschenseele zu erheben, sondern kreist bescheiden um diese wie ein Planet um die Sonne und bildet sich in solch geistigem Lichte und in dessen Wärme ganz vortrefflich für einen weiteren Übergang in die höhere Stufe aus.
GEJ|4|216|4|0|Um das noch praktischer einzusehen, wollen wir bloß einige Haustiere und ihre Besitzer einer näheren Betrachtung unterziehen! Höret! Begeben wir uns zu einem hartherzigen und stolzen Besitzer hin und besehen im Geiste alle seine Haustiere! Seine Haushunde sind böser und wilder als die Wölfe der Wälder, seine Rinder scheu und zum Schrecken oft ganz gefährlich wild. Seine Schafe und Ziegen fliehen vor jeder Menschengestalt und lassen sich schwer fangen. Durch den Garten seiner Schweine, die er des Fettes wegen hegt, ist nicht ratsam zu gehen, um von deren völliger Wildheit nicht mörderisch angefallen zu werden. Die Hühner und anderes Hausgeflügel sind ebenfalls scheu und lassen sich schwer fangen. Auch mit seinen Eseln, Pferden, Kamelen und Zugochsen ist nicht ein sehr vertraulicher Umgang zu pflegen; denn da bemerkt man höchst wenig von irgendeiner Tierkultur. Nur durch ein immerwährendes wildes Geschrei und Gefluche und durch ein fortwährendes Schlagen, Stoßen und Stechen können sie zu für sie bestimmte Zugarbeiten verwendet werden, und da geschieht zumeist schier irgendein Unglück dabei!
GEJ|4|216|5|0|Ja, warum sind denn bei unserem harten und stolzen Besitzer die Haustiere gar so roh und wild und so sehr ungeschmeidig? – Die Seele des Besitzers ist für sie eine in höchster Unordnung sich befindende Lebenssonne! Seine Diener und Knechte sind endlich bald wie ihr Herr, also auch schon von weitem keine Lebenssonnen für die eiskalt gewordenen Seelen ihrer ihnen zur Hut und Leitung übergebenen Tiere! Da schreit, flucht und schlägt ein jeder zu, was er nur kann! Wie sollten solch eines Besitzers Tiere in jener wohltuenden Verfassung sein, von der man sagen könnte, daß sie in der Ordnung sei?!
GEJ|4|216|6|0|Gehen wir nun aber zu einem so echt altpatriarchalisch guten und weisen Besitzer von vielen und großen Herden und beobachten wir seine Haustiere! Welch ein kaum glaublicher Unterschied! Weder Rinder noch Schafe verlassen ihren guten Hirten! Nur ein einziger Ruf von ihm, und sie laufen in aller Hast zu ihm, umringen ihn und horchen förmlich mit einer sichtlichen Aufmerksamkeit, ob er ihnen etwas sagen werde! Und tut er das, so gehorchen sie und fügen sich wundersam dem Willen des guten Hirten, an dessen Seelenlichte sie sich nun wieder erquickt haben.
GEJ|4|216|7|0|Das Kamel versteht seines guten Leiters leisesten Wink, und das mutige Pferd wird nicht scheu unter dem Sattel seines Reiters. Kurz und gut, alle Haustiere eines sanften und guten Hausherrn sind sanft, fügsam und hören auf die Stimme ihrer Hüter und ihres Herrn, und man merkt bei allen Tieren ebensoleicht eine gewisse Sanftmut, wie man es den edlen Bäumen auf den ersten Blick ankennt, daß sie edle Früchte tragen; denn da sind der Stamm, die Äste und das Laub ganz sanft gerundet, glatt und ohne scharfe Spitzen und Stacheln, und die Frucht hat einen lieblichen Geschmack.
GEJ|4|216|8|0|Der Grund von allem dem sind, wie gesagt, eine oder mehrere gesunde, unverdorbene Seelen, aus deren lichter Wesenheit sich nach außen hin eine seelische Lichtsphäre ausbreitet, die alles das in sich enthält, was die Seele als Lebenselement in sich faßt, als: Liebe, Glauben, Vertrauen, Erkennen, Wollen und Gelingen.“
GEJ|4|217|1|1|217. — Die Vorteile der rechten Seelenbildung
GEJ|4|217|1|0|(Der Herr:) „Ist aber die Seele des Menschen in allerlei weltlich materielle Sorgen begraben, oder fängt sie an, sich darein zu begraben, dann trübt sie ihr Lichtwesen, und es wird am Ende ganz dunkel und finster. Da ist dann kein Vorrat von einer mächtigen Liebe mehr vorhanden, und die höchst geringe reicht kaum für sich aus; daher kommt die Eigenliebe, die an niemand andern mehr übergehen kann. Wo aber die Liebe so gering wird, wo soll da ein mächtiger Glaube und Wille herrühren, da der Glaube doch ist das Licht aus der Flamme der Liebe und der Wille die allwirkende Kraft des Lichtes?!
GEJ|4|217|2|0|Wenn solche liebkargen Menschen am Ende in sich, wennschon ganz stumpf, nur wahrzunehmen anfingen, daß wegen der Schwäche ihrer Liebe ihnen nichts gelingen will und sie zumeist durch eine jede gemachte Rechnung einen Strich erblicken – woran sie selbst schuld sind, weil da keine Wirkung sein und entstehen kann, wo die dazu erforderliche Kraft mangelt –, so könnte ihnen wohl noch geholfen werden; aber so werden sie nur zornig und voll Bitterkeit gegen jedes Gelingen bei andern Menschen.
GEJ|4|217|3|0|Der Zorn aber ist zwar auch ein Leuchten, aber ein verderbliches. In solchem Höllenschimmer erschauen sie dann auch bald allerlei Trugmittel, mit denen sie sich in einen Wohlstand setzen könnten. Sie versuchen solche Mittel bald; sie mißlingen ihnen aber zumeist, weil sie Trugmittel sind. Aber das öftere Mißlingen belehrt sie nicht, sondern macht sie noch erboster und zorniger. Sie werden stolz und voll Hochmutes und fangen an, ihre Zuflucht zu Gewaltmitteln zu nehmen und sie auch anzuwenden. Ein manchmaliges Gelingen macht sie kecker, sie werden grausam und suchen sich alles aus dem Wege zu räumen, was sie als ein Hemmnis zu ihrem vermeinten Glücke erkennen. Sie haben sich also durch lauter schlechte Mittel in einen bedeutenden Wohlstand gesetzt und erkennen nun den Weg als den allein rechten und wahren, auf dem sie selbst zum Glücke emporgeklommen sind.
GEJ|4|217|4|0|Wenn derart Menschen dann auch Kinder wie gewöhnlich bekommen, so werden diese doch unmöglich anders erzogen als nur in der Art, durch die ihre Eltern zum Weltglücke emporgekommen sind, nämlich durch allerlei Weltklugheit. Sie lassen dann solche Kinder allerlei lernen, – aber alles nur für die Welt! Da wird auf die zuerst berücksichtigt werden sollende Bildung des Gemüts nicht die allergeringste Rücksicht genommen, kann auch nicht genommen werden, weil die Eltern und die ihnen aus Gewinnsucht gefällig und angenehm werden wollenden Lehrer und Erzieher selbst keinen Begriff von dem Gemüte einer Seele mehr haben.
GEJ|4|217|5|0|Alles wird auf früheste Bildung und Schärfung des Verstandes verwendet. Dazu wird das Kind durch allerlei Geschenke und Auszeichnungen soviel als möglich angeeifert, wird dabei schon in der frühesten Zeit in der Selbst- und Gewinnsucht mit der Bildung des Verstandes soviel als nur möglich geübt, trägt feine und geschmückte Kleider und kennt sich oft schon im zehnten Lebensjahre vor lauter Hochmut nicht. Wehe dem armen Kinde oder auch einem andern armen Menschen, der solch einem verbildeten Kinde die gewünschte Ehre nicht bezeigete oder es etwa gar verhöhnete! Denn der hat sich an solch einem verzogenen Kinde einen bleibenden Feind gezogen!
GEJ|4|217|6|0|Wo ist aber dann bei solchen Menschen noch an jene Mir ähnliche innere Lebenskraft zu denken?! Wo ist da des Menschen Herrlichkeit über die gesamte Natur und über die Elemente, aus denen am Ende alles Geschaffene besteht und bestehen muß?!
GEJ|4|217|7|0|Wird aber bei dem Menschen das Gemüt zuerst und vor allem gebildet, und kommt darauf dann erst eine ganz leicht zu bewerkstelligende und wirkungsreiche Ausbildung des Verstandes hinzu, so wird der also geweckte Verstand zum lebendigen Lichtlebensäther, der die Seele also umfließt wie der Lichtäther die Sonne umflutet, aus dem heraus dann alle jene herrlichen Wirkungen zum Vorscheine kommen, die ihr diese Erde allenthalben beleben sehet.
GEJ|4|217|8|0|Bei der rechten Bildung der Seele des Menschen ist und bleibt die Seele ein Inwendiges und ein Tätiges, und das, was ihr ,Verstand‘ nennet, ist die ausströmende Wirkung der inneren Tätigkeit der Seele. Das Außenlicht des Verstandes erleuchtet der Seele alle noch so kritischen äußeren Verhältnisse, und der Wille der Seele geht dann in dieses Außenlicht über und wirket wunderbar alles Befruchten und Gedeihen; denn weil also gestellt ist des Menschen Ordnung nach Meiner Ordnung, so ist der Wille und das Vertrauen eben auch ein aus Mir oder aus Meinem allmächtigen Wollen Hervorgehendes, dem sich doch sicher alle Kreatur fügen muß. Was dann ein solch geordneter Mensch will, das muß geschehen im weiten Umkreise, weil die Außenlebenssphäre eines Menschen eigentlich von Meinem Geiste durchwehet wird, dem alle Dinge möglich sind.
GEJ|4|217|9|0|Wird ein solcher Mensch dann erst ganz und gar von oder aus seinem Geiste wiedergeboren, so ist er Mir dann völlig ebenbürtig und kann aus sich in aller seiner Lebensfreiheit wollen, was ihm in Meiner Ordnung, die er dann selbst geworden ist, nur immer beliebt, und es muß dasein und geschehen nach seinem freien Willen. In solchem lebensvollendeten Zustande, weil Mir völlig ähnlich, ist der Mensch dann nicht nur ein Herr der Kreatur und der örtlichen Elemente dieser Erde, sondern seine Herrlichkeit erstreckt sich dann, gleich der Meinigen, über die ganze Schöpfung im endlosen Raume, und sein Wille kann den zahllosen Welten Gesetze vorschreiben, und sie werden befolgt werden. Denn seine verklärte Sehe durchdringt alles gleich der Meinigen und eigentlich mit der Meinigen, und sein klarstes Erkennen erschauet allenthalben die Bedürfnisse in aller Schöpfung und kann darauf verordnen und schaffen und helfen, wo es und was es auch sei; denn er ist ja in allem eins mit Mir.“
GEJ|4|218|1|1|218. — Die Macht einer vollkommenen Seele
GEJ|4|218|1|0|(Der Herr:) „Allein diesen Grad der allerhöchsten Lebensvollendung hatte vor Meiner Menschwerdung wohl niemand erreichen können; und Ich bin nun darum auf diese Erde gekommen, um durch die Wiedergeburt eures Geistes in eure Seele hinein euch zu Meinen wahren Kindern zu machen. Wenn Ich denn jetzt von einer vollkommenen Seele rede, so gilt das pur von der Seele, in der Mein Geist zwar auch schon tätig, aber mit derselben noch nicht völlig eins ist.
GEJ|4|218|2|0|Eine also vollkommene Seele ist demnach aus den früher angeführten Gründen nicht nur imstande, als ein Herr über die gesamte Kreatur Wunderbares zu tun, sondern auch vermöge des in ihr auf Augenblicke mehr erweckten Geistes Gesichte zu haben in die rein geistigen Sphären, und kann das Wort des Geistes Gottes vernehmen, wie solches bei allen Sehern und Propheten der Fall war, die nebst ihrer Sehergabe und der Weissagung aus Meinem Geiste auch stets eine gewisse, für alle naturmäßige Menschheit sichtlich wunderbare Herrschaft über die Elemente und über die gesamte Kreatur innehatten.
GEJ|4|218|3|0|Moses tat Wunder, sein Bruder Aaron desgleichen, ebenalso Josua und später Elias, und nach ihm noch eine Menge Propheten und Seher.
GEJ|4|218|4|0|Ein Prophet namens Daniel (,des Tages oder des Lichtes Sohn‘) ward zu Babielon (Babylon) von einem grausamen Könige, dem er eine Strafrede hielt, in eine Löwengrube geworfen, in der bei zwölf hungrige Löwen als Scharfrichter sich befanden. Sie wurden schon jahrelang mit allerlei unglücklichen Verbrechern gefüttert. Der ob der scharfen Mahnrede Daniels ergrimmte König ließ auch den Daniel, so er ihn sonst seiner Weisheit wegen auch liebhatte, ohne alle Gnade und Nachsicht in die Grube des sichern Todes werfen.
GEJ|4|218|5|0|Allein Daniels vollkommene Seele war ein Herr auch über die hungrigen Löwen! Als er von den Schergen hineingeworfen ward, taten ihm die Löwen nicht nur nichts, sondern kauerten in einer sichtbaren Ehrfurcht um ihn als um ihren natürlichen Herrn und Gebieter. Daniel, wohl wissend, wie er unter den Löwen sich befinde, verlangte seine Schreibtafel von seinen Jüngern und schrieb bei drei Tage lang die Weissagung, unversehrt in der Todesgrube mitten unter den zwölf Löwen. Als solches dem Könige berichtet ward, da gereute es ihn, solches an Daniel getan zu haben, und er ließ den Daniel in einem Korbe wieder aus der Grube ziehen und ihm die Freiheit geben.
GEJ|4|218|6|0|Ebenso gab es zu derselben Zeit drei Jünglinge, die vor dem Baal ihre Knie nicht beugen wollten. Darob ergrimmte der dumme König so sehr, daß er einen Kalkofen drei Tage hindurch übermäßig heizen ließ, in welchen die drei Jungen geworfen würden, so sie dem Gebote des Königs einen längeren Widerstand leisteten. Die seelenvollkommenen Jünglinge beharrten aber auf ihrem wohlbegründeten Vorsatze und äußerten nicht die geringste Furcht vor dem glühendsten Ofen. Die drei Tage verrannen, und die drei Jünglinge wurden auf grimmigsten Befehl des Königs von den Schergen ergriffen und über den glühenden Rand in den weiten Feuerschlund geworfen. Es ward aber diesen auch nicht ein Haar auf ihrem Haupte versehrt, während ein jeder der Schergen von der zu großen Hitze ergriffen wurde und zu Kohle verbrannte.
GEJ|4|218|7|0|Ja, was schützte denn die drei Jungen in dem Feuerofen? Die vollkommene, in Meiner Urordnung seiende Seele! Am Ende kam noch ein Engel und führte sie vollkommen unversehrt aus der entsetzlichen Glut, der sich kein anderer Mensch ohne die Gefahr, plötzlich verbrannt zu werden, auf dreißig Schritte nahen durfte!
GEJ|4|218|8|0|Dies alles sind nichts als lauter Beispiele von der herrlichen Kraft und Macht einer vollkommenen Seele!“
GEJ|4|219|1|1|219. — Die Wirkung des Sonnenlichtes. Die Einrichtung des menschlichen Auges. Die Sehe der Seele
GEJ|4|219|1|0|(Der Herr:) „Diese Mohren gaben hier abermals die sprechendsten Beweise davon, daß es also und nicht anders ist und sein kann, und die Sonne liefert tagtäglich in jeder Pflanze und in einem jeden Tiere doch den noch bei weitem handgreiflicheren Beweis, welche Kraft und Wirkung in ihrer weitgedehnten Außenlebenssphäre liegt.
GEJ|4|219|2|0|Alles das muß dem verkehrt erzogenen Welt- und Verstandesmenschen wie eine Märe vorkommen, und er ersieht darin nichts denn Dichtung einer erhitzten Phantasie, was alles ihm als eine bare Torheit vorkommt. Das sind für seine Erkenntnisse pure Torheiten, deren Effektuierung ihm unmöglich dünkt, weil ihm so etwas zu machen natürlich unmöglich ist und aus wohlweisen und notwendigen Gründen unmöglich sein muß. Denn wer sollte wohl ohne Hände eine Handarbeit verrichten können und wer ohne Füße gehen?!
GEJ|4|219|3|0|Wäre die Sonne ein ganz finsterer Klumpen, was sie trotz ihrer Größe ebensogut sein könnte wie ein schwarzer Kalkstein, so würde sie kein Naturleben auf den Welten bewirken. Aber ihre innere großartige, für euer Verständnis freilich noch unbegreifliche organische Einrichtung ist also bestellt und beschaffen, daß sich aus ihren inneren Eingeweiden fortwährend eine ungeheure Menge von feinen Luftarten (Gasen) entwickeln muß. Dadurch wird der übergroße Sonnenkörper fürs erste genötigt, sich um seine Achse zu drehen, welche Drehung dann die große Atmosphäre der Sonne mit dem auf ihr lastenden Äther (Urluft) in eine beständige Reibung bringt, durch die fürs zweite die Tätigkeit der in der großen Sonnenatmosphäre rastenden zahllos vielen Naturgeister stets von neuem erregt wird, welche Tätigkeit sich dann den im Äther ruhenden Naturgeistern derart mitteilt, daß diese, als sehr leicht erregbar, dann in einem Augenblick über zweihunderttausend Feldweges [10 Feldwege = 1 Meile / 400 000 : 10 = 40 000 Meilen = Bewegung des Lichtes in der Sekunde / 1 deutsche Meile = 7,5 Kilometer.] weit von der Sonne in gerader Linie entfernt miterregt werden und in jedem darauffolgenden Augenblick um dieselbe Entfernung weiter und weiter, und so in jedem Augenblick (soviel als eine Sekunde) noch fort und fort weiter bis in eine für euch unermeßliche Ferne von der Sonne hinweg.
GEJ|4|219|4|0|Durch diese Miterregung der Urnaturgeister im unermeßlichen Schöpfungsraum teilt sich das ursprüngliche Licht der Sonne auf die Weise, die Ich euch nun schon genügend erklärt habe, den in ihrem Bereiche um sie bahnenden Erdkörpern oder Planeten mit und bewirkt in den kleineren Atmosphären der Planeten eine gleiche Erregung der in den Atmosphären schon gediegeneren Naturgeister, die sich je tiefer herab um desto heftiger wahrnehmen und empfinden lassen muß, weil die Geister auch stets gediegener werden. Denn wenn ihr zwei Steine aneinander reibet, so wird die Reibung doch sicher eine heftigere sein, als so ihr zwei Federflaumen aneinander zu reiben beginnet, aus welchem Grunde es denn auch in den tiefen Tälern der Erde lichter und wärmer wird denn auf den höchsten Bergspitzen der Erde.
GEJ|4|219|5|0|Aber es denkt nun ein starker Rechner unter euch: ,Ja, wenn das die Fortpflanzung des Sonnen- und jedes anderen Lichtes bewirkt, so muß das Licht allenthalben ein gleichartiges sein, und man kann dann unmöglich das Bild der Sonne separiert und bei weitem stärker leuchtend denn das ganze andere Lichtfirmament ausnehmen!‘
GEJ|4|219|6|0|Ja, sage Ich euch, das würde auch unfehlbar der Fall sein, wenn Ich nicht das Auge also gemacht hätte, daß alles Licht und Rücklicht alles Erleuchteten die durch eine gewisse Rückwirkung erregtesten Konturstrahlen, als sich in einem gewissen Winkel durchschneidende Linien, durch eine ganz kleine Öffnung auf die höchst reizbare Netzhaut und von der auf den noch reizbareren Sehnerv gelangen läßt.
GEJ|4|219|7|0|Durch diese Vorkehrung werden alle nur einfach erregten Lichtausflüsse ausgeschieden, und nur die Hauptkonturstrahlen gelangen gebrochen auf die höchst empfindsame Netzhaut und von da auf den Sehnerv, durch welchen dann das Bild erst durch die geeigneten Organe auf die Gehirntäfelchen in einer dem Bilde entsprechenden Weise oder in entsprechenden Zeichen eingeprägt und der Seele zur Beschauung dargestellt wird.
GEJ|4|219|8|0|Wäre das Auge nicht also eingerichtet, so würdet ihr freilich wohl keine für sich als Lichtbild vereinzelte Sonne erschauen, sondern alles wäre ein gleichförmiges Lichtmeer gleich dem, das mehrere verzückte Menschen geistig geschaut haben, darin nicht einmal ihr Ich im allgemeinen Licht als ein Wesen zu unterscheiden vermochten.
GEJ|4|219|9|0|Ein weiser Ägyptogrieche, Plato, gibt in seinen hinterlassenen Schriften davon Zeugnis, und nebst ihm mehrere Weise der Vorzeit. Sie schliefen ein und befanden sich in einem Lichtmeere, in welchem sie sich wohl denken, aber sich nicht sehen konnten und daher auch das immerhin wonnigliche Gefühl hatten, als wären sie vollends eins mit dem Urlichte, das sie die eigentliche Gottheit nannten.
GEJ|4|219|10|0|Der Grund davon lag in der noch nicht vollkommen eingerichteten Sehe der Seele. Und diese war darum nicht vollkommen eingerichtet, weil ihre ursprüngliche Erziehung, wennschon eine strenge, dabei aber dennoch eine verkehrte war; denn wo immer man mit der Verstandesbildung der Gemütsbildung vorangeht, ist die Bildung verkehrt.“
GEJ|4|220|1|1|220. — Von der Wiedergeburt und der rechten Erziehung des Menschen
GEJ|4|220|1|0|(Der Herr:) „Was würde denn ein Baum für Früchte bringen, so an ihm nicht alle das Gemüt ergötzenden Erscheinungen der Ansetzung der ersten Frucht vorangingen? Wie nähme sich ein Herbst an der Stelle des Frühlings und ein Frühling an der Stelle des Herbstes aus, dem gewöhnlich der kalte und starre Winter zu folgen pflegt? Würde da des Winters Frost nicht das gemüterhebende Blütentum verderben und das hoffnungstrahlende Blatt töten samt der wahren Frucht, die erst von der Blüte zu einem gedeihlichen Sein und Werden gesegnet und belebt wird? Da würde wohl des Baumes Holz zunehmen, aber nimmer würde jemand von euch je eine Frucht am selben reifen sehen!
GEJ|4|220|2|0|Und so ist es gerade auch mit einem Menschen und ganz besonders mit dessen Seele! Alles wird zur groben Materie, von der keine andere Frucht kommt als jene nur, die man endlich abhauet und als Holz im Feuer des Gerichtes verbrennt, um am Ende etwa doch noch aus der Asche einen Nutzen zum Düngen und Reinigen des schlechten und mageren Erdreichs (materielle Landeskulturkenntnisse) zu gewinnen.
GEJ|4|220|3|0|Wer denn seine Kinder beim Verstande zu wecken und zu bilden anfängt, der beginnt ein Haus beim Dachgiebel zu bauen und schöpft Wasser in ein durchlöchertes Gefäß. Naß wird es wohl sein, solange sich der Schöpfer mit solch einer vergeblichen Arbeit abgeben wird; aber es wird für sich dennoch nie ein Tropfen lebendigen Wassers darin verweilen, und mit den wundervollen Äußerungen des Seelenlebens wird's wohl für alle Zeiten nichts sein. Man müßte denn das durchlöcherte Gefäß klein verstopfen mit einer unsäglichen Mühe, so möchte es dann auch wohl das Wasser halten. Aber wie leicht verfault ein zu wenig gutes und fest eingepfropftes Zäpfchen, und das Gefäß kann mit der Zeit wieder ganz lebenswasserleer werden!
GEJ|4|220|4|0|Es ist das also zu nehmen: Ein verstandesgebildeter Mensch kann es durch viele Selbstverleugnungen auch zu einer wirksamen, nachträglichen Gemütsbildung bringen; ist er aber dabei nicht äußerst sorgsam und gibt nicht gehörig acht auf die vielen Pfropfen, mit denen er sein Lebensgefäß in allen seinen vielen Löchern (irdischen Schwächen) verstopft hat, und läßt er auch nur einer Schwäche oder einem Löchlein, das nicht sorgsam genug verstopft ist, Luft, so wird er sich ehest überzeugen, wie das angesammelte Lebenswasser ihm durchgegangen ist, und wie er ganz unvermerkt wieder ganz der alte Mensch ohne allen innern Lebensgehalt geworden ist!
GEJ|4|220|5|0|Darum aber empfahl Ich euch vor allem die Nächstenliebe, die da kommt aus der Liebe zu Gott! Denn diese allein vermag aus eurer gänzlichen Verkehrtheit wieder Menschen in Meiner Ordnung zu machen. Lasset euch von der Welt nicht verblenden; denn alles, was sie euch gibt, ist Tod und Gericht, eine Frucht des puren Verstandes! Nur die Liebe allein kann euch ins Leben umgestalten!
GEJ|4|220|6|0|Darum bin Ich gekommen in die Welt, um euch zu zeigen die rechte Umkehr zu Meiner Ordnung zurück und den rechten Weg, fortzuwandeln in derselben bis zur Erreichung der wahren Wiedergeburt des Geistes in die Seele, nach der kein böser Rückfall mehr denkbar und möglich ist.
GEJ|4|220|7|0|Dieses muß bei euch nun angebahnt werden, da denen, die einmal verkehrt worden sind, mit der alleinigen geflickten Umkehr der Seele wenig geholfen wäre. Die Seele muß zwar vorher ganz umkehren, bevor die Wiedergeburt des Geistes in die Seele zu erlangen ist; aber der ausgestopfte und ausgeflickte, also auf den rechten Weg gebrachte bessere Seelenzustand ist nicht haltbar, weil durch die Macht der Welt und ihre zeitlichen Vorteile eine pur ausgeflickte Seele nur zu leicht bei der nächsten, etwas stärker lockenden Gelegenheit wieder in ihre alt angewohnte Verkehrtheit verfällt.
GEJ|4|220|8|0|Um das aber möglichst zu verhüten, habe Ich nun den neuen Weg also angebahnt, daß Mein Geist, den Ich nun als einen Funken Meiner Vaterliebe in das Herz einer jeden Seele lege und gelegt habe, durch eure Liebe zu Mir, und daraus wahrhaft und tätig zum Nächsten, genährt werde, in eurer Seele wachse und nach Erreichung der rechten Größe und Kraft sich völlig mit der gebesserten Seele vereine und eins werde mit ihr, – welcher Akt dann die Wiedergeburt des Geistes heißen soll und auch heißen wird.
GEJ|4|220|9|0|Wer diese erreicht hat, der steht dann freilich ums unvergleichbare höher als eine für sich allein noch so vollkommene Seele, die zwar auch vieles vermag, aber dessenungeachtet dennoch ewig nicht alles, was dem völlig Wiedergeborenen vorbehalten ist.
GEJ|4|220|10|0|Dieser Funke Meiner Liebe aber wird in das Herz einer Menschenseele erst dann gelegt in der Fülle, wenn ein Mensch Mein Wort vernommen und es in seinem Gemüte gläubig und mit aller Liebe zur Wahrheit angenommen hat; solange dies nicht der Fall ist, kann kein noch so seelenvollkommener Mensch zur Wiedergeburt des Geistes gelangen. Denn ohne Mein Wort, das Ich nun zu euch rede, kommt der Funke Meiner Liebe nicht in das Herz eurer Seele, und wo er nicht ist, kann er auch nicht wachsen und gedeihen in einer Seele und somit in derselben auch nicht wiedergeboren werden.
GEJ|4|220|11|0|In der Folge aber werden auch die Kindlein, so sie auf Mein Wort und auf Meinen Namen gezeichnet und getauft werden, den Geistesfunken Meiner Liebe ins Herz ihrer Seele gelegt bekommen; aber dieser wird dennoch nicht wachsen bei einer verkehrten Erziehung, wohl aber bei einer Erziehung nach Meiner euch allen nun überklar gezeigten Ordnung, nach der vor allem das Gemüt, und von dem aus erst entsprechend der Verstand, gebildet werden soll. Das Gemüt aber wird gebildet durch die wahre Liebe und durch Sanftmut und Geduld.
GEJ|4|220|12|0|Lehret früh die Kindlein den Vater im Himmel lieben, zeiget ihnen, wie gut und liebevoll Er ist, wie Er alles, was da ist, zum Besten der Menschen höchst gut, schön und weise erschaffen hat, und wie gar so sehr Er besonders den kleinen, Ihn über alles liebenden Kindlein zugetan ist! Machet sie bei jeder besonderen Gelegenheit aufmerksam, daß so etwas alles der Vater im Himmel anordnet und geschehen macht und läßt, so werdet ihr die Herzen der Kleinen zu Mir kehren, und Meine Liebe wird in ihnen ehest zu wuchern anfangen! Wenn ihr also die Kleinen leiten werdet, dann wird eure leichte Mühe euch bald die güldensten Früchte tragen, – sonst aber Dornen und Disteln, auf denen weder Trauben noch Feigen wachsen!
GEJ|4|220|13|0|Saget Mir nun aber auch offen, ob ihr jetzt wohl verstehet, wie und aus welchem Grunde diese unsere schwarzen Brüder solche Taten zustande bringen können, die euch vorderhand noch ein rätselhaftes Wunder waren und sein mußten!“
GEJ|4|221|1|1|221. — Vom rechten Verständnis und vom Gedankenlesen
GEJ|4|221|1|0|Sagt hierauf der Anführer der Mohren: „Herr, Du allmächtiger und allweisester Gott! Ich und meine Gefährten haben Dich gar wohl verstanden; aber ob Dich auch die Weißen, derentwegen Du eigentlich diese Erläuterung gegeben hast, verstanden haben im rechten Sinne und im rechten Geiste, das natürlich könnte ich durchaus nicht mit völliger Gewißheit behaupten! Wie es mir so vorkommt, dürfte manchem wohl auch noch so manches unklar geblieben sein!
GEJ|4|221|2|0|Allein, wen irgend etwas noch drückt, der wird sich wohl melden, wenn ihm an der reinen Erkenntnis mehr liegt als an der dadurch vermeintlich verwirkt geglaubten Verstandesehre! Denn es dürfte auch unter diesen Weißen welche geben, die darum um nichts weiteres fragen, um durch die Frage selbst nicht zu verraten ihres Verstandes Schwäche! Nun, denen wohl möchte ich als ein Schwarzer den Rat erteilen, lieber die nichtige Ehre des Verstandes fahren zu lassen und sich dafür für die reine Wahrheit zu erklären, die nur aus einem reinen Verständnisse erfolgen kann, ansonst eine unverstandene Wahrheit für ihre Jünger um nicht vieles besser sein kann als eine platte Lüge; denn eine unverstandene Wahrheit kann jemandem ebensowenig nützen wie eine Lüge!
GEJ|4|221|3|0|Eine erkannte Lüge wird wohl niemand in eine tatsächliche Anwendung bringen, daher sie ihm weder schaden und natürlich noch weniger irgend nützen kann; eine unverstandene Wahrheit aber kann auch niemandem nützen, weil sie als unverstanden entweder in gar keine oder höchstens in eine unrichtige und falsche Anwendung gebracht werden kann und in solcher Hinsicht für den Anwender um kein Haar besser sein kann als eine ganz ausgemachte, vollkommene Lüge.
GEJ|4|221|4|0|Das wäre so meine Ansicht; vielleicht hat jemand eine bessere, und ich will mich dann gerne schweigend auf ein weiteres alleraufmerksamstes Anhören legen!“
GEJ|4|221|5|0|Sage Ich: „Deine Bemerkung war ganz gut und sehr wahr. Ich kenne Selbst mehrere hier, die diese Meine Erklärung nicht tief genug erfaßt haben; aber sie schämen sich, die Schwäche ihres Verstandes durch eine Frage zu verraten und stellen sich darum lieber mit einem halben Verständnisse zufrieden.“
GEJ|4|221|6|0|Als Ich diese Bemerkung gemacht hatte, fragten gleich mehrere, ob sie es wären, die diese herrliche Erklärung nicht tief genug begriffen haben. Ich aber schwieg. Es fragte Mich auch sehr ängstlich Cyrenius, ob etwa auch er diese Wahrheiten nicht tief und wahr genug begreife.
GEJ|4|221|7|0|Da sagte Ich: „Nicht du allein, sondern die meisten von euch! Nur zwei Meiner Jünger haben diese Meine Erklärung über den vollkommenen Seelenzustand ganz begriffen, – alle andern, mit Ausnahme der Mohren, nicht! Ihr habet nun nur so einen Dunst von der Sache und lange keinen irgend vollkommenen Begriff, was mehreren von euch sogar der Anführer angesehen und wohl angemerkt hat, darum seine Bemerkung auch eine vollkommen richtige war.
GEJ|4|221|8|0|Ja, eine urlebensvollkommene Seele hat nebst der wunderbar wirkenden Kraft als Herrin über alle Kreatur dieser Erde auch diese besondere Eigenschaft, in besonders erregten Momenten auch die Gedanken der Menschen zu erkennen und sogar zu sehen, was in jemandes Herzen vorgeht; denn die stark gesättigte Außenlebenssphäre solch eines Menschen nimmt das in der Außenlebenssphäre eines andern Menschen auf der Stelle wahr, und es sind darum solche seelenlebensvollkommene Menschen durchaus nicht zu betrügen. Sie erkennen mit ihrer höchst intensiven Außenlebenssphäre oft schon auf sehr weite Distanzen, was sich ein Mensch, der ihnen entgegenkommt, denkt, oder was er will.
GEJ|4|221|9|0|Wenn sich ein Feind naht, so können solche seelenlebensvollkommenen Menschen durch die Vereinigung ihrer Außenlebenssphären ihn ebensogut allerweidlichst in die Flucht schlagen, als wie ihr sie durch die Vereinigung ihrer Lebenssphären habt einen mächtigen Baum aus der Erde ziehen, den gewaltigen Felsen übertragen und am Ende sogar Feuer machen sehen, das sogleich ein tüchtiges Gebüsch ergriff und zu Asche verwandelte.
GEJ|4|221|10|0|Es ärgere darum niemanden von euch, wenn euch der Schwarzen Anführer so manches sagt und euch trifft, wie ein bestgeübter Schütze sein Ziel; denn eure Außenlebenssphären verraten ihm ja, ganz hell erleuchtet, selbst eure innersten Gedanken, wenn mit ihnen nur irgendein Wollen vereinigt ist. Die puren Gehirngedanken, die eigentlich gar keine Gedanken sind, erkennen sie wohl nicht, weil solche nur aus puren Gehirntäfelchenbildern bestehen und kein Leben haben; aber die Gedanken des Herzens erkennen sie allergenaust, besonders so sie selbst in einem etwas gemütserregteren Zustande, wie nun, sich befinden.“
GEJ|4|222|1|1|222. — Die Bedeutung der Außenlebenssphäre der Seele
GEJ|4|222|1|0|(Der Herr:) „Ihr begreifet nun nur das noch lange nicht lebensklar zur Genüge, was im Grunde des Grundes so ganz eigentlich die Außenlebenssphäre der Seele ist, und wie diese Kraft wirkend, fühlend, hörend und sogar sehend sich äußern kann! Es ist dieses wohl für euer Verständnis ein bißchen schwer zu begreifen, weil sich in der äußern, für eure Fleischaugen beschaulichen Welt gar kein recht taugliches Beispiel aufstellen läßt, weil alles Geistige sich nur höchst schwer in irgendein materielles Bild einkleiden läßt. Aber da ihr diese äußerst wichtige Sache denn doch ein wenig zu schwach einsehet, so will Ich euch dies noch ein wenig mehr erhellen. Aber ihr müßt alle eure Sinne so recht kernfest zusammennehmen, sonst fasset ihr diese allerwichtigste Lebenssache abermals nicht tief genug!
GEJ|4|222|2|0|Daß dies aber ein Allerwichtigstes ist, möget ihr daraus ersehen und gar wohl erkennen, daß Ich die Erklärung dieses Urlebensgeheimnisses zur Letzt unseres hiesigen Beisammenseins erläutere. Wie Großes Ich euch aber auch schon zum voraus die sieben Tage hier und früher auch anderorts gezeigt habe, so bleibt aber dieses dennoch das Größte, und alles andere ist euch dieses bis jetzt Größten wegen gezeigt worden, weil ihr es ohne solche wunderbare Vorgänge und Vorbereitungen unmöglich nur dem geringsten Teile nach begriffen hättet.
GEJ|4|222|3|0|Warum bezeichne Ich aber eben dieses nun als ein Wichtigstes? – Das ist sehr leicht zu erraten und einzusehen! Wer sein Leben wahrhaft bessern und zum eigentlichen Leben erheben will, der muß es zuvor in allen seinen Teilen erkennen, wie es besteht, sich äußert, wie es unter gewissen Bedingungen und Vorgängen sich so oder so äußert; wie es, so es verdorben und verkehrt wurde, wieder zu bessern ist und ein vollends gebesserter Lebenszustand zu erhalten und auch auf die Nebenmenschen übergehend zu verpflanzen ist, damit am Ende ein Hirt und eine Herde werde.
GEJ|4|222|4|0|Daß aber für den wahren Menschen die volle Erkenntnis des Lebens das Allerwichtigste ist, das haben zu allen Zeiten die weisesten Männer aller Völkerschaften eingesehen und behauptet; nur fanden sie den Weg nur sehr mühsam und schwer oder zumeist auch gar nicht dazu. Nun aber bin Ich, als ein Herr und Meister alles Lebens und Seins von Ewigkeit, Selbst zu euch gekommen und habe wunderbar alles hierher auf diesen von der Welt noch zuallermeist abgetrennten Ort beschieden, um euch das wahre Lebenssein so beschaulich und handgreiflich als möglich vor die Augen zu stellen, und so werdet ihr es mit der Weile und rechter Geduld wohl begreifen; aber dann wird es auch eure Pflicht sein, das von euch Begriffene auch euren Nebenmenschen soviel als möglich begreiflich zu machen!
GEJ|4|222|5|0|Denn so in einem Lande das nur ein oder zwei Menschen für sich einsehen, begreifen und davon den Gebrauch für sich machen, so wird ihnen das ebensowenig von einem besonderen Nutzen sein wie einem Weisen in einem Narrenhause unter lauter Narren oder in einem Esel- und Ochsenstalle! Werden diese den Weisen wohl verstehen, so er ihnen aus seiner innersten Weisheitstiefe die erhabensten Lehren mit den freundlichsten Worten vortragen wird?!
GEJ|4|222|6|0|Ein Weiser kann ja nur wieder von Weisen erkannt und verstanden werden! Aus dem Leben der Tiere und der rechten Narren läßt sich nichts machen, denn was daraus zu werden hat, dafür ist schon durch Meine ewige Ordnung gesorgt; aber aus dem Leben der Menschen könnet ihr alles zeihen auf dem rechten Wege der Wahrheit, Liebe, Geduld und Weisheit!
GEJ|4|222|7|0|Und habt ihr aus den Menschen euch wahre Brüder und Freunde gezeihet, die mit der Zeit in der Erkenntnis des Lebens euch gleichen werden, so werdet ihr auch eine wahre Freude und Seligkeit untereinander genießen und stark werden in allem Guten, das ihr leicht ausführen werdet! Denn hundert Arme richten mehr aus als einer, hundert Augen, nach allen Seiten gerichtet, sehen mehr als zwei, und die Außenlebenssphäre von Tausenden vereint, ist ein ganz kurios mächtiger Hebel zur Abwendung von allerlei Gefahren und Übeln, von welcher Seite sie auch immer kommen möchten, und welches Namens sie auch seien.“
GEJ|4|223|1|1|223. — Die Kraft des liebevollendeten Menschen
GEJ|4|223|1|0|(Der Herr:) „Ihr habt doch gesehen die Macht des gemeinschaftlichen Wirkens durch den Verband der Außenlebenssphären von etlichen dieser nun unserer Mohren! Wie viele gewöhnliche Menschenkräfte wären dazu wohl erforderlich, um einen solchen Baum, wie jene alte Zeder, samt dem schweren Erdballen herauszuheben?! Wie viele natürliche Menschenkräfte hätten wohl jenen sehr großen und somit überaus schweren Fels von seiner früheren Stelle weitergeschoben oder hinweggewälzt?! Die wenigen Mohren haben ihn vor euren Augen durch die Luft geschoben oder eigentlich getragen! Aus dieser unleugbaren Tatsache mußtet ihr ja doch entnehmen, welch eine Macht und Kraft da liegt in der vereinigten Außenlebenssphäre einer naturvollkommenen Seelen!
GEJ|4|223|2|0|Wenn aber schon diese Mohren, die von der Macht und Kraft Meines Namens nichts wußten, bloß durch die Macht der vereinten Außenlebenssphären ihrer naturvollkommenen Seelen so Außerordentliches zustande gebracht haben, um wieviel Größeres müßtet dann erst ihr zustande bringen, die ihr mit den vereinten Außenlebenssphären eurer durch Mein Wort und durch den allmächtigen Geist Meiner Liebe zu euch vollendeten Seelen wirken könntet!
GEJ|4|223|3|0|Wahrlich, wahrlich, Ich sage es euch: Nicht nur solche Bäume und Felsen, sondern ganze Berge könntet ihr versetzen, so es irgend nach der klaren Einsicht eures weisen Herzens vonnöten wäre; was aber irgend not täte, das würdet ihr doch in einem jeden Augenblicke durch Meinen Geist in euch erfahren, der durch Mein stets lebendiges Wort in eurer Seelen Herzen gleichfort gegenwärtig wäre!
GEJ|4|223|4|0|Wäre das nicht ein höchst wünschenswerter Zustand eines vollendeten Menschen in Meinem Namen, und noch wünschenswerter von einer ganzen Gemeinde oder gar einem Volke?
GEJ|4|223|5|0|Seine mögliche Effektuierung (Verwirklichung) liegt vor euren Augen, und es ist daher höchst notwendig, daß ihr als nun Meine nächsten Jünger diesen allerwichtigsten Zustand in und bei euch vollkommen erkennet und ihn dann aber auch alle anderen Menschen in der rechten Art und Weise erkennen lehret! Denn wer ein Licht hat, der soll es nicht unter einen Scheffel stellen, allda es mit seinen die Finsternis erhellenden Strahlen niemand etwas nützen kann, sondern das Licht tue man auf einen freien Tisch, von dem aus es allen Anwesenden leuchten kann!
GEJ|4|223|6|0|Ein natürliches Licht ist zwar leicht auf einen Tisch gestellt! Mit der Leuchte für Herz und Seele geht es sicher ums unvergleichliche schwerer; aber ein guter und fester Wille bringt auch das zustande, und mit Meiner sichern Hilfe in solch wichtigster Lebensangelegenheit sogar mit leichterer Mühe, als ihr es glaubet. Natürlich muß jeder das, was er seinem Nächsten geben will, zuvor selbst besitzen, ansonst gleicht er einem Blinden, der einen andern Blinden führen will; kommen sie endlich an einen Graben, so fallen sie beide hinein!
GEJ|4|223|7|0|Ich habe euch nun diese größte Wichtigkeit solches Zustandes der wahren Lebenskraft einer vollkommenen Menschenseele doch hoffentlich hinreichend auseinandergesetzt und habe euch auch gezeigt die große Wichtigkeit der vollen Selbsterkenntnis, die bei den Kindern durch eine rechte Erziehung und bei den ohne ihre Schuld schon einmal verbildeten Menschen durch die rechte Demut, Geduld und hauptsächlich durch die wahre, tätige Liebe zu Gott und daraus zum Nächsten im möglich reichlichsten Maße erreicht werden kann. Die Taten der seelenlebenskräftigen Mohren, die euch zur richtigen Selbsterkenntnis führen sollen, habe Ich euch erklärt, die ihr aber dennoch nicht zur Genüge lebenstief begriffen habt. An euch liegt es denn nun, der Wichtigkeit des Gegenstandes wegen zu fragen und durch die Frage aus euch selbst kundzutun, wo und was euch noch mangelt!
GEJ|4|223|8|0|Ihr müßt das Abgängige zuvor lebendig fühlen, ansonst ihr euch mit eurem freiesten Willen nimmer darum bekümmern könntet; denn so jemand etwas verloren hat, und er weiß aber nichts davon, – wird er dann das Verlorene wohl irgendwo zu suchen beginnen? Man muß alsonach zuvor recht lebendig fühlen, daß einem etwas abgeht, und worin das besteht, was einem abgeht, und muß auch erkennen den großen Wert des Abgängigen, ansonst man es nie mit dem erforderlichen lebendigen Eifer zu suchen anfangen wird!“
GEJ|4|224|1|1|224. — Vom Hungern nach geistiger Speise
GEJ|4|224|1|0|(Der Herr:) „Der gewöhnliche Weltmensch kann sich von dem wahren und höchsten Lebenswerte freilich nichts träumen; denn, wenn nur für seinen Bauch gehörig gesorgt ist, was kümmern ihn dann alle die andern Wichtigkeiten des Lebens?! Er hat ja in Hülle und Fülle zu essen und auch zu trinken, wenn es ihn dürstet, hat eine schöne und bequeme Wohnung, eine weiche Lagerstatt, feine Kleider und noch eine Menge anderer Lebensannehmlichkeiten, und hat auch keinen Mangel an schönen und üppigen Maiden und andern Ergötzlichkeiten! Was sollte solch einem Usurpator der Erdengüter noch abgehen?!
GEJ|4|224|2|0|Die armen Schlucker müßten freilich zu allerlei Weisheit und Erkenntnissen, die ihnen ihre stets hungrige Einbildung verschaffte, ihre Zuflucht nehmen, um damit hie und da irgendeinen Reichen für sich zu gewinnen, von ihm zu leben und ihm dafür etwas vorzumachen; aber an allem dem sei nichts als Wahres anzunehmen als die Not des hungrigen Weisen und die Trägheit seiner Hände, und daß er sich darum lieber mit seiner mühelosen Einbildung und Phantasie über irgendeinen Gott und übers ewige Leben der Menschenseele seinen hungrigen Magen stopft als mit irgendeiner mühevolleren Arbeit seiner Hände!
GEJ|4|224|3|0|Sehet und erkennet aus diesem lebenstreuen Bilde, ob einem mit den irdischen Lebensgütern wohlversehenen Menschen irgend etwas abgeht! Was liegt ihm an der allerwichtigsten Selbsterkenntnis, ohne die eine wahre Gotteserkenntnis nicht denkbar möglich ist? Wird er das, was ihm doch sicher im höchsten Grade mangelt, je einmal zu suchen anfangen? Ganz sicher nicht; denn er leidet ja keinen Hunger und keinen Durst, was doch die vermeintlichen Hebel sind, durch welche die arbeitsscheuen, armen Schlucker zur Weisheit und Wissenschaft angespornt werden!
GEJ|4|224|4|0|Wie könnte er denn sonst wahrnehmen, was ihm zum wahren Leben abgeht? Nur Hunger und Durst sind – nach des wohlversorgten Prassers Meinung – die einzigen Beweggründe zu irgendeiner Tätigkeit; wer sonach weder Hunger noch Durst zu leiden hat, der brauche sich gar nicht nach irgendeiner Weisheit umzusehen! Kurz, wem nach seiner Meinung nichts abgeht, der hat auch nach nichts ein Verlangen, und wer nichts verloren hat, was sollte der suchen, als hätte er etwas verloren?!
GEJ|4|224|5|0|Also ist es auch mit einer Lehre, die vorgetragen wurde. Wer sie völlig zu verstehen wähnt, der wird sich weiter nicht näher darum erkundigen. Der Gesättigte fragt um keine Speise mehr; wenn er wieder hungrig wird, dann wird er sich freilich wieder um eine Speise umsehen. Aber was wird er tun, wenn der Speisemeister nicht anwesend ist? Wird er sich wohl selbst eine Speise bereiten können?
GEJ|4|224|6|0|Darum sehet euch alle jetzt um eine Speise um, solange der Speisemeister unter euch ist! Wenn er wieder heimkehren wird dahin, von wannen er gekommen ist, da werden viele anfangen, sich nach der rechten Speise umzusehen; aber dann wird es schwer werden, eine zu erhalten.
GEJ|4|224|7|0|Viele von euch, die ihr nun um Mich euch befindet, sind irdisch wohlversorgt und übermäßig reich an allen irdischen Schätzen und trachten nun mit allem Eifer nach den geistigen, die nicht aus den Goldschächten der Erde ans Tageslicht gefördert werden! Sie werden euch zuteil im Übermaße nun, – nur müsset ihr nicht denken, daß eine Vielheit genügt, um alles klarst einzusehen.
GEJ|4|224|8|0|Jedes von Mir zu euch gesprochene Wort verstehet ihr wohl, soweit ihr als Menschen es verstehen könnet; alles aber, was darin in einer endlosen Fülle verborgen ist, fasset ihr noch lange nicht! Ihr fraget auch nicht darum, weil ihr nicht wahrnehmet, was ihr nicht verstehet! Warum nehmet ihr aber das nicht wahr, und warum hat es der Oubratouvishar an euch wahrgenommen, daß ihr Meine Erklärung nicht völlig verstanden habt? Weil sein möglichst urvollkommener Außenseelenlebensäther euren noch ziemlich unvollkommenen sehr leicht durchfühlt, wie ihr sogar bei der stockfinstersten Nacht an jemandes Haupte wahrnehmen werdet, ob er viele Haare hat, oder ob er ein Kahlkopf ist, so ihr dessen Haupt mit euren Händen betastet!
GEJ|4|224|9|0|Bei eurer noch höchst schwachen Außenlebenssphäre fängt euer Fühlen erst dort an, wo der Leib anfängt; über diesen hinaus hat eure Seele noch kein Fünklein Gefühles!“
GEJ|4|225|1|1|225. — Die Wunderkraft der Wiedergeborenen
GEJ|4|225|1|0|(Der Herr:) „Dieser Mohren Fühlen und Wahrnehmen aber kann sich besonders in einer größeren Erregtheit viele Stunden Weges weit erstrecken, und sie können es darum leicht wahrnehmen, wessen Geistes Kinder jene sind, die sich ihnen nahen. Sie werden zwar bei jemandem ein tieferes geistiges Sein nicht wohl erkennen, – aber den eigentlichen Seelenzustand ganz gewiß!
GEJ|4|225|2|0|Als sie heute morgen hierherkamen, erkannten sie Meine Seele und ihre Weisheit und Kraft gewisserart schon von weitem; nur den Geist in der Seele konnten sie nicht erkennen, weil den Geist Gottes nur wieder ein Geist aus Gott erkennen kann. Dazu mußte Ich durch Mein Wort erst in ihr Herz den Funken legen; und als der Funke, in einer vollkommenen Seele die Fülle der rechten Nahrung findend, alsbald erstarkte, da erkannten sie auch alsbald Mich in Meinem Geiste und wissen nun schon intensiver denn ihr, mit wem sie es in Mir zu tun haben.
GEJ|4|225|3|0|Das alles ist die Folge einer vollkommenen Seele. Eure Seelen werden zwar, bis auf ein paar, als Seelen für sich zu solch einer Erkenntnis nie gelangen, aber sie werden durch Meine übergroße Liebe zu euch also geläutert werden, daß sie zur vollen Aufnahme Meines Geistes als höchst geeignet dastehen werden. Werdet ihr dann, nicht etwa durch euer Verdienst, sondern lediglich nur durch Meine Liebe, Gnade und Erbarmung geisteswiedergeboren, so werdet ihr noch Größeres leisten denn diese Mohren, – aber nicht aus der Kraft der Vollkommenheit eurer Seelen, sondern aus der Kraft Meines eure für sich nur schwachen Seelen durchdringenden Geistes, durch den dann freilich auch eure Seelen für ewig stets lebenskräftiger werden!
GEJ|4|225|4|0|Doch will Ich aus euch nicht Wundertäter, sondern wahre Wohltäter der Menschen machen! Wenn Mein in euch erweckter Geist volltätig wird, da wird es licht und helle werden in eurem Verstande, und durch den werdet ihr auf ganz natürlichen Wegen der Natur ihre Kräfte ablauschen und euch dienstbar machen ihre Geister oder respektive die seelischen Urspezifikalsubstanzen; dadurch werdet ihr erreichen große irdische Lebensvorteile, die ihr aber zu Wohltaten für die ärmere Menschheit zu verwenden haben sollet!
GEJ|4|225|5|0|Werden die großen Vorteile, in die euch mit der Zeit Mein Geist leiten wird, in Meiner Ordnung verwendet, so werden sie euch eine tausendfache Segnung in allem bringen; werdet ihr sie aber dann etwa mit der Zeit wider Meine Ordnung selbstsüchtig zu gebrauchen anfangen, so werden sie für die Menschen zu Brutanstalten alles erdenklichen irdischen Unheils werden!
GEJ|4|225|6|0|Was Ich zu euch nun rede, das rede Ich auch zu allen, die euch in tausend und noch tausend Jahren, was darüber oder was darunter, folgen werden. Nachher kommt wieder eine andere Schicht der Erde zur Durchgärung und Bearbeitung mit und ohne Menschen; denn die Erde ist groß, und ihrer Geister sind viele, die da im Gerichte harren der Löse.
GEJ|4|225|7|0|Ein jeder Wiedergeborene kann zwar auch Wunder wirken, aber nicht so wie diese Mohren ohne die Erkenntnis Meines Namens und Meines Willens, sondern mit der vollen Erkenntnis Meines Namens und Meines Willens und Meiner unwandelbaren Ordnung. Denn würde jemand etwas anderes wollen, so würde das nicht geschehen können, weil ihm dazu Mein Geist in ihm keine Kraft leihen würde; denn da würde nur die Seele für sich wollen, weil der Geist wider Meinen Willen nie etwas wollen könnte!
GEJ|4|225|8|0|Es wird aber durch des Geistes Wiedergeburt in die Seele der Seele nicht benommen ihr eigener, freier Wille und ihr äußeres Erkennen in den Reihen der großen Schöpfungen, die fort und fort hervorgehen werden aus Meiner Liebe, aus Meiner Weisheit, Ordnung, Macht und Kraft.“
GEJ|4|226|1|1|226. — Das Verhältnis zwischen Seele und Geist
GEJ|4|226|1|0|(Der Herr:) „Die Seele wird sich zum Geiste stets so verhalten, wie der irdische Leib zur Seele. Der Leib einer noch so vollkommenen Seele hat gewisserart auch einen eigenen Genußwillen, durch den die Seele verdorben werden kann, so sie in denselben eingehet. Eine recht erzogene Seele wird wohl nie in des Leibes Freßwillen eingehen und stets ein Herr über ihren Leib bleiben; aber bei den verbildeten Seelen ist solches sehr möglich.
GEJ|4|226|2|0|Zwischen Seele und Geist waltet aber dennoch nur ein solches Verhältnis wie zwischen einer urvollkommenen Seele und ihrem Leibe. Der Leib mag für sich Begierlichkeiten haben, so viele er will, und die Seele reizen zur Gewährung und Befriedigung mit allen seinen oft sehr scharfen Stacheln, so sagt die vollkommene Seele dennoch stets ein wirkungsreiches Nein dazu! Und auf ein Haar dasselbe tut Mein Geist in der Seele, in die er vollends übergegangen ist!
GEJ|4|226|3|0|Solange die Seele in des Geistes Willen vollkommen eingeht, so lange geschieht alles auf ein Haar nach dem Willen des Geistes, was da auch Mein Wille ist; wenn aber die Seele infolge ihrer Rückerinnerung etwas mehr die sinnlichen Dinge Betreffendes will, so tritt in solchen Momenten der Geist zurück und überläßt der Seele allein die Ausführung des Wunsches, aus der gewöhnlich nichts wird, besonders wenn das Vollbringenwollen sehr wenig oder oft auch gar nichts Geistiges in sich als wohlbezwecklich enthält.
GEJ|4|226|4|0|Die Seele, ihre selbstische Schwäche und Ungeschicklichkeit bald merkend, läßt von ihren Selbstlustträumereien denn auch alsbald ab, vereinigt sich wieder mit dem Geiste auf das innigste und läßt seinen Willen vorwalten. Da natürlich ist dann wieder Ordnung und Kraft und Macht in der Fülle.“
GEJ|4|226|5|0|Fragt endlich, etwas kleinlaut, doch wieder einmal Cyrenius: „Herr, durch Dein vieles nunmaliges Reden und Ermahnen bin ich nun wohl hinter eine Kluft gekommen, in der ich einen Hauptmangel in der Sphäre meiner Erkenntnisse gemerkt habe und ihn jetzt noch immer besser merke!
GEJ|4|226|6|0|Du sagtest ehedem, daß das Selbstische der Seele, wenn auch Dein Geist in ihr durch den Akt der geistigen Wiedergeburt sie ganz durchdringt und völlig einnimmt, dennoch nicht derart in den Geist übergegangen ist, daß sie es in gewissen Momenten von selbem nicht mehr sondern könnte. Sie besitzt also gleichfort noch ihr Selbstisches und kann sogar ganz für sich denken und wollen wie vor der Wiedergeburt des Geistes in ihr substantielles Wesen.
GEJ|4|226|7|0|Kann sie zuvor selbst wollen und denken, so muß sie ja auch ein freies, für sich bestehendes Erkenntnisvermögen besitzen und muß damit erkennen den namenlosesten Vorzug dessen, was ihr aus ihrem Geiste einfließt, vor dem, was ihr ihre eigenen Sinne bieten. Erkennt sie aber notwendig das, wie möglich kann sie noch je etwas für sich denken und wollen, was ihr nicht der Geist eingehauchet hat?! Muß denn nicht ihr sehnlichster und ihr ganzes Wesen beseligendster Wunsch vor allem der sein, ganz vollkommen eins mit dem Geiste für ewig zu sein und unwandelbar zu verbleiben?! – Ich finde in der bleibenden selbstischen Denk-, Wollens- und Erkennensfähigkeit eigentlich noch eine Unvollkommenheit im geistigen Sein des Menschen.
GEJ|4|226|8|0|Sonderbar aber klingt auch das, daß die in ihren Geist hinüber so ganz eigentlich neugeborene Seele – die denn doch viel kräftiger sein sollte als die pure, urvollkommene Seele eines dieser Mohren, bei denen von einer geistigen Wiedergeburt noch lange keine Rede ist und auch um so weniger früher je eine war – für sich viel weniger vermag als eine solche für sich allein dastehende pure, urvollkommene Seele eines dieser Mohren! Wenn solche Seelen etwas wollen, so geschieht es; wenn aber eine in ihrem Geiste wiedergeborene Seele – was doch sicher mehr sagen will als bloß eine urvollkommene Seele sein – etwas so aus sich wollte, so geschieht's nicht, weil es der Geist nicht will!
GEJ|4|226|9|0|Den Seelen dieser Mohren wird sicher auch jenseits die wunderbare Fähigkeit innewohnen, laut der sie wenigstens so viel Wundersames wie hier werden zu bewirken imstande sein; unsere in den Geist hinüber wiedergeborene Seele aber sollte dann für sich, gewisserart zu ihrem Privatvergnügen, gar nichts vermögen? Wahrlich, Herr, das ist mir nun zum ersten Male etwas, was ich durchaus nicht zu fassen vermag! Denn ich finde dazu weder irgendeinen Grund, noch irgendeinen für die Vernunft annehmbaren Anhaltspunkt. Wolle Du also die Gnade haben, uns Weißen diese Sache in ein etwas helleres Licht zu setzen; denn das ist eine unverdauliche Kost für uns!“
GEJ|4|227|1|1|227. — Gehirn und Seele
GEJ|4|227|1|0|Sage Ich: „Ich habe es euch schon früher einmal gezeigt, wie eine Seele und am Ende der ganze Mensch durch eine verkehrte Erziehung um alle menschlichen, Mir ähnlichen Herrlichkeitsfähigkeiten kommt! Wenn du bei einem Kinde zuerst den Verstand einer gewissen Bildung unterziehst, und es ist das Gehirn noch nicht zu zwei drittel Teilen reif ausgebildet und wird dennoch belästigt, Worte, Bilder und Zahlen in einer Unzahl auf die noch sehr weichen und auch noch wäßrigen, in der besten Ausbildung begriffenen Gehirntäfelchen entsprechend bildlich aufzunehmen, so werden diese obbenannten Täfelchen einerseits zu sehr abgehärtet und anderseits durch zu starke Memorialanstrengungen in eine gänzliche Unordnung gebracht, infolgedessen dann solche Kindlein später als Jünglinge und noch später als Männer beständig von Kopfschmerzen geplagt sind, von denen sie zeitlebens nie völlig befreit werden können.
GEJ|4|227|2|0|Das ganze Gehirn wird schon lange vorher mit allerlei Zeichen überkleistert und für die Aufnahme der ganz subtilen Zeichen, die, aus dem Gemüte zuerst aufsteigend, sich den sehr empfänglichen Gehirntäfelchen einprägen sollen, ganz unempfänglich gemacht. Wird später der Seele auch etwas vom Gemüte, irgendeine höhere geistige Wahrheit, vorgetragen, so hat diese keine Haft irgend, und die Seele kann sie nicht fassen, weil diese Wahrheit der Seele nicht irgendmehr für länger als auf einen Moment nur beschaulich dargestellt werden kann.
GEJ|4|227|3|0|Zudem hat die Seele stets eine Menge der materiellen, groben Weltbilder wie einen dichten Wald vor sich und kann unmöglich durch diese die gar zarten, kleinen, endlos vielen, nur ganz schwach eingeprägten Zeichen erschauen. Erspäht sie auf Augenblicke die ganz leise aufgetragenen Dunstbilder, die aus dem Herzen aufgestiegen sind, so erscheint ihr das als ein Zerrbild, das sie unmöglich fassen und klar genug erschauen kann, weil die groben Materiebilder vor das geistige Bild zu stehen kommen und dasselbe zum Teile verdecken und zum Teile zerstören.
GEJ|4|227|4|0|Nun würdest du meinen und sagen: ,Ja, wozu muß denn die Seele gerade auf die Gehirntäfelchen sehen? Sie befasse sich nur gleich mit dem Herzen und gehe also ein in ihres Geistes Licht!‘ Wäre alles recht, wenn man nur gleich so, das Leben unbeschadet, die einmal gestellte Lebensordnung ganz umgestalten könnte!
GEJ|4|227|5|0|Wäre es denn nicht auch wohl füglich, so man jemandem, der durch was immer für Ursachen entweder schon im Mutterleibe oder nachher auf der Welt blind geworden ist, etwa am Kinn oder auf der Stirne oder auf der Nase ein paar Augen erschaffen würde? – Das wäre ganz gut, wenn so ein paar neue, anderorts angebrachte Augen nur nicht auch einen ganz andern Leibesorganismus benötigten!
GEJ|4|227|6|0|Denn beim Mechanismus des Menschenleibes besteht eine so strenge, mathematische Ordnung, dernach alles auf seinem Platze nicht um ein Haar verrückbar steht und ohne gänzliche Veränderung des ganzen Organismus des Leibes nicht verändert werden kann. Es ist demnach ganz unmöglich, jemandem ein Sinneswerkzeug an irgendeine andere Stelle des Leibes hinzusetzen, ohne den ganzen Leib total umzugestalten, ihm zu geben eine andere Form und eine ganz andere innere Einrichtung.
GEJ|4|227|7|0|Wie man aber dem Leibe keine anderortigen Sinne anstatt der schon rechtorts bestehenden aus dem wohlgezeigten Grunde hinstellen kann, so ist das auch bei der Seele, die ein noch viel zarterer, geistiger Organismus ist, um so mehr der Fall! Sie kann nur sehen und hören durch das Gehirn des Leibes; die andern Eindrücke, die aber stumpf und unerklärbar sind, kann die Seele freilich auch mit anderen Nerven wahrnehmen, aber sie müssen dennoch mit den Gehirnnerven in einer ununterbrochenen Verbindung stehen, da sonst der Gaumen keinen Geschmack und die Nase keinen Geruch hat.“
GEJ|4|228|1|1|228. — Die rechte Bildung des Gehirns
GEJ|4|228|1|0|(Der Herr:) „Solange die Seele den Leib bewohnt, ist und bleibt das Gehirn das Hauptsehorgan der Seele. Ist dieses recht gebildet, so wird die Seele die aus dem Gemüte dem Gehirn eingeprägten Lebensbilder gut und genau erschauen und wird auch danach denken, schließen und handeln; denn kann die Seele auch in gewissen entzückten Momenten durch die Auflegung der Hände eines Glaubens- und Willensstarken aus der Magengrube für sich allein helle sehen, wie euch unser Zorel ein Beispiel abgab, so nützt ihr das fürs reelle Leben wenig oder nichts, denn es kann ihr davon in der finstern Behausung ihres Fleischleibes auch nicht die allerleiseste Rückerinnerung bleiben.
GEJ|4|228|2|0|Wo bei irgendeinem Schauen und Wahrnehmen der Seele während ihres Leibeslebens das Gehirn des Hauptes [das Gehirn des materiellen Hauptes] nicht mitbetätigt ist, da bleibt der Seele keine Erinnerung, sondern höchstens nur eine dumpfe Ahnung; denn für das, was die Seele in ihres Hauptes Gehirn [das substantiel-seelische Gehirn] aufnimmt, hat sie ebensowenig irgendeine Sehe, als der Leib irgendeine Sehe hat, die inwendig das besehen könnte, was alles sich durch die Augen und durch die Ohren in die vielen Gehirntäfelchen bildlich eingeprägt hat. Solches kann nur die Seele beschauen, die inwendig alles Fleischlichen ist.
GEJ|4|228|3|0|Was aber dann entsprechend im seelischen Gehirne haften bleibt, das kann die Seele mit ihren Augen, die so wie die des Leibes nur nach außen gerichtet sind, nicht erschauen und mit ihren Ohren nicht vernehmen, sondern das kann nur der Geist in ihr, darum ein Mensch auch erst dann etwas rein Geistiges vollends erkennen kann, so der Geist, in der Seele vollauf erwacht, in diese übergegangen ist.
GEJ|4|228|4|0|Was aber inwendig im Geiste ist, das erkenne Ich und aus Mir dann wieder des Menschen Geist, der mit Mir oder mit Meinem Geiste identisch ist; denn er ist Mein Abbild in der Seele also, wie die Sonne ihr volles Abbild legt in einen Spiegel.
GEJ|4|228|5|0|Solange demnach eine Seele den Leib bewohnt, ist ihr ein recht gebildetes Leibesgehirn zum wahren, hellen Schauen unumgänglich nötig; aber ein verbildetes Gehirn nützt ihr fürs geistige Schauen gar nichts, wie ihr auch das Schauen durch die Magengrube nichts nützt, weil sie davon, wie es gezeigt wurde, keine Rückerinnerung behalten kann. Denn wenn solches auch in ihrem geistigen Gehirne haften bleibt für ewig, so hat sie dafür doch kein Auge und kein Ohr, was erst der in ihr erwachte Geist hat.
GEJ|4|228|6|0|Wenn sonach das Gehirn aus dem Herzen richtig und recht nach Meiner Ordnung gebildet wird und die geistigen Lebensbilder, welche ein Licht sind, sich den Gehirntäfelchen eher einprägen als die materiellen, so werden dann die darauf folgenden außenweltlichen durchleuchtet und dadurch leicht in allen ihren Teilen gar wohl verständlich und der wahren Weisheit nach begreiflich und faßlich. Und das daraus durchgehende Licht erfüllt dann nicht nur den ganzen menschlichen Organismus, sondern strömt in geistig hellen Strahlen noch weit über denselben hinaus und bildet so die Außenlebenssphäre, mit der ein Mensch dann, wenn sie mit der Zeit notwendig stets dichter und kräftiger geworden ist, in die Außenwelt auch ohne die Wiedergeburt des Geistes Wunderbares wirken kann, wie ihr solches bei unseren Mohren gesehen habt.
GEJ|4|228|7|0|Ist aber beim Menschen das Gehirn verkehrt gebildet und haften auf dessen Gehirntäfelchen nur matte Schattenbilder, zu deren Beschauung die Seele am Ende all ihr Lebenslicht verwenden muß, um sie nur höchst oberflächlich nach den äußersten Formumrissen zu erkennen, so kann die Seele selbst ja nie also leuchtend werden, daß sich aus ihrem überschwenglichen Lichte ein Außenlebenskreis bilden könnte.
GEJ|4|228|8|0|Nur durch eine rechte Demut, durch die mächtigste Liebe zu Gott und zum Nächsten und durch ein besonderes Streben nach geistigen Dingen werden die materiellen Bilder im Gehirne erleuchtet und dadurch in geistige verkehrt, und das Gehirn wird dadurch zu einiger Ordnung gebracht, – aber im Leibesleben dennoch nimmer zu derjenigen, wie ihr sie bei diesen Mohren ersehet.
GEJ|4|228|9|0|Aber es macht solches nichts; denn Mir ist ein Wiedergeborener aus euch lieber denn 99 solche naturvollkommenen Seelen, die noch nie einer Buße bedurft haben. Denn Meine rechten Kinder müssen aus ihrer Schwäche stark werden!
GEJ|4|228|10|0|Hast du, Mein Cyrenius, nun solches alles wohl verstanden, und sind deine Fragen nun wohl beantwortet?“
GEJ|4|229|1|1|229. — Cyrenius bittet um Verdeutlichung der Gehirnlehre.
GEJ|4|229|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, aufrichtig gefühlt und gesprochen, um diese Deine Erklärung ganz richtig verstehen zu können, müßte man doch irgendeine Kunde vom Gehirn im Menschenkopfe haben, da man sich sonst doch unmöglich die Gehirntäfelchen, auf die entweder in der rechten Bildungsweise die seelisch-geistigen Bilder oder bei der schlechten und verkehrten Bildungsweise die materiellen, groben Weltbilder zuerst gezeichnet werden, irgend richtig vorstellen kann und noch weniger, wie auf solche Täfelchen die verschiedenartigen Lebensbilder gezeichnet werden.
GEJ|4|229|2|0|Wäre es Dir, o Herr, denn nicht genehm – da Dir doch alle Dinge möglich sind –, uns so ein Beispiel oder Ebenbild eines Gehirntäfelchens, sowohl des Vorderhauptes wie auch des Hinterhauptes, vorzustellen, auf daß wir dann auch eine richtige Vorstellung von dem, was Du Selbst als Wichtigstes zu erkennen angeraten hast, überkommen möchten?! Denn wenn man bei einer so ungeheuer wichtigsten Belehrung sich von einer dabei vorkommenden Sache keinen völlig richtigen Begriff machen kann, so muß dann offenbar auch das Ganze darunter leiden!
GEJ|4|229|3|0|Unsere Seele ist sicher noch viel zu lichtlos, um selbst des Hauptes Gehirntäfelchen sowohl ihrer Form als auch ihrer Brauchbarkeit nach richtig zu beurteilen oder gar hellseherisch zu beschauen, um sich selbst davon einen rechten Begriff zu schaffen. Es ist also notwendig, daß uns schwachseelischen Weißen wenigstens von jenem Organismus unseres Leibes eine richtige Kenntnis verschafft wird, von dessen gerechter Ausbildung des Menschen Lebenswohl oder -übel sozusagen nahezu ganz allein abhängt. Wenn, wie gesagt, o Herr, es Dir genehm wäre, so möchte ich wohl gerne so ein oder mehrere Gehirntäfelchen zu sehen bekommen; aber auch, wo tunlich, mit den rechten und dann mit den unrechten Zeichnungen!“
GEJ|4|229|4|0|Sage Ich: „Ich wußte es ja, daß Ich euch darauf hinbringen werde, wo ihr das Mangelnde an euch selbst erkennen und ein rechtes Bedürfnis fühlen würdet, die Lücken in euch auszufüllen; und siehe, dies dein Verlangen ist Mir lieber denn ein anderes, laut dessen du dich ehedem nahezu aufgehalten hast, als Ich zu erkennen gab, daß die Seele selbst eines völlig wiedergeborenen Menschen für sich in der materiellen Kreaturenwelt nimmer das Wunderbare leisten wird, das eine urunverdorbene Seele für sich und aus sich vollbringt!
GEJ|4|229|5|0|Ich sagte dir zwar wohl, daß ein Wiedergeborener das zu leisten vermöchte, was Ich Selbst zu leisten vermag, freilich nur in und durch Meine Ewigkeitsordnung; aber damit schienst du nicht so ganz zufrieden gewesen zu sein! Du beachtest aber dabei nicht, daß diese urvollkommenen Seelen sonst auch nichts vermögen als nur das, was in Meiner Ordnung zulässig und nutzbringend wohl möglich ist.
GEJ|4|229|6|0|Denn alles, was sie mit der Kraft ihrer seelischen Außenlebenssphäre als euch scheinend Wunderbares wirken, ist etwas, das ebenso natürlich ist, als wie natürlich es ist, daß hier dieser Boden mit Moos und Gras bewachsen ist und das Wasser dieses Binnenmeeres in der großen Grube stehenbleibt vermöge der ihm innewohnenden Schwere. Findest du aber diese beiden dir nun angeführten Naturerscheinungen in der Ordnung und vollen Natürlichkeit, so wirst du auch das ganz leicht in derselben Ordnung und Natürlichkeit finden, was diese urvollkommenen Seelen als für ihre irdische Lebenssphäre und für das von ihnen bewohnte Land notwendig zu leisten imstande sein müssen.
GEJ|4|229|7|0|Diese Mohren haben wohl eine sehr schwarze Haut, aber dafür eine desto lichtvollere Seele. Sie kennen auch zum größten Teile die wichtigsten Organe ihres inneren Hauptleibeslebensorganismus, und die Gehirntäfelchen sind ihnen wohlbekannt; denn ihre urvollkommenen Seelen können von innen heraus ihren Leib beschauen, und ist am selben etwas krank, so sehen sie die Stelle, wo das Übel sitzt, wie auch das, worin das Übel besteht.
GEJ|4|229|8|0|Mit ihrer Außenlebenssphäre, die in solchen Momenten sehr kräftig wirkt, finden sie auch bald das Kraut, durch dessen Gebrauch das Übel so oder so bald beseitigt wird. Nur wenn bei ihnen die Sehnen und Spannadern faul und schlaff werden und dicker das Blut, so glauben sie, daß es dann kein Kraut mehr gäbe, dem allgemeinen Gebrechen des alt und aus ganz natürlichen Gründen schwach und sehr müde und träge gewordenen Leibes abzuhelfen; dann sei es schon am besten, daß die Seele für sich sorge, sich zusammenraffe und den für weiterhin gänzlich unbrauchbar und häßlich gewordenen Leib verlasse und sich begebe, von allen irdischen Banden frei, in das Land der Wonne, das da sei zwischen Sonne, Mond und Erde für immerdar und ewig.
GEJ|4|229|9|0|Diese Menschen haben denn auch nicht die geringste Furcht vor dem Tode, wohl aber fürchten sie eine Krankheit des Leibes, weil dadurch die Seelenkräfte unnötigerweise in einen tätigsten Anspruch genommen würden und dadurch die Seele selbst nachher auf eine Zeitlang schwach und somit unvollkommen bleiben müßte.“
GEJ|4|230|1|1|230. — Die Folgen der Unkeuschheit
GEJ|4|230|1|0|(Der Herr:) „Was da aber betrifft Züchtigkeit des Fleisches und des Lebens und eine wahre jungfräuliche Keuschheit, so gibt es auf der Erde wohl kein Volk, das dieser Tugend mehr ergeben wäre als eben diese Schwarzen, und dem das Laster der Hurerei, Unzucht und Unkeuschheit weniger eigen wäre als eben wieder diesen Mohren.
GEJ|4|230|2|0|Das ist aber auch etwas von der größten Lebensbedeutung; denn würden die weißen Menschen dieses Laster meiden und den Beischlaf nur so oft begehen, als wie oft er zur Erweckung einer Frucht in eines ordentlichen Weibes Leibe notwendig ist, Ich sage es euch: Nicht einen gäbe es unter euch, der nicht mindestens ein Hellseher wäre! So aber, wie es unter euch Sitte ist, vergeudet der Mann wie das Weib die besten Kräfte durch das oft tägliche Verpuffen der alleredelsten und seelenverwandtesten Lebenssäfte und hat demnach nimmer einen Vorrat, aus dem sich am Ende ein stets intensiveres Licht in der Seele ansammeln könnte!
GEJ|4|230|3|0|Darum aber werden sie stets mehr und mehr träge und polypenartig genußsüchtige Wesen. Sie sind selten eines hellen Gedankens fähig und sind furchtsam, feig, sehr materiell, launisch und wetterwendisch, selbstsüchtig, neidisch und eifersüchtig. Sie können schwer oder oft gar nimmer etwas Geistiges begreifen; denn ihre Phantasie schweift immer im Reize des stinkenden Fleisches umher und mag sich nimmer zu etwas Höherem und Geistigem emporzuerheben. Und gibt es darunter schon auch dann und wann etwelche Menschen, die wenigstens in fleischgierlichkeitslosen Momenten irgendeinen flüchtigen Blick nach oben senden, da kommen doch gleich, wie schwarze Wolken am Himmel, fleischsinnliche Gedanken und verdecken das Höhere derart, daß die Seele dessen rein vergißt und sich gleich wieder in den stinkenden Pfuhl der Fleischeslust stürzt!
GEJ|4|230|4|0|Bei solchen Menschen nützen zumeist ihre nicht selten ganz guten Vorsätze wenig oder nichts. Sie gleichen zumeist den Schweinen, die sich mit stets erneuter Gier in die allerabscheulichsten Kotlachen stürzen und darin mit dem ganzen Leibe herumwühlen, und den Hunden, die zu dem, was sie gespien haben, wieder zurückkehren und es mit Gier wieder auffressen.
GEJ|4|230|5|0|Darum aber sei es euch auch für vollwahr gesagt, daß Hurer und Huren, Ehebrecher und Ehebrecherinnen und Unzüchtlinge aller Art und jeden Geschlechts in Mein Gottesreich schwer oder auch gar nie den Eingang finden werden!
GEJ|4|230|6|0|So du nun in deinem Herzen das für etwas zu stark hältst, da versuche du, so einen fleischsinnlichen Menschen umzugestalten! Fange an, ihn auf die Gebote Gottes aufmerksam zu machen, sage zu ihm: ,Der Friede sei mit dir, das Reich Gottes ist dir nahegekommen! Laß ab von deinem lasterhaften Leben, liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst! Suche die Wahrheit, suche das Reich Gottes in deines Herzens Tiefen! Laß ab von der Welt und ihrer losen Materie, und suche zu wecken in dir des Geistes Leben! Bete, forsche und handle in der Ordnung Gottes!‘ – und du wirst diese Worte an völlig taube Ohren gerichtet haben! Er wird dich verlachen, dir den Rücken kehren und zu dir sagen: ,Fahre ab, du frömmelnder Narr, reize mich mit deiner Dummheit nicht, sonst nötigst du mich, dich ins Gesicht zu schlagen!‘
GEJ|4|230|7|0|Sage Mir, was würdest du dann noch weiteres gegen solch einen Fleischwüstling unternehmen, vorausgesetzt, daß in deinen Händen keine Staatsgewalt läge?! Ermahnst du ihn zum zweiten Male, so hast du eine noch ärgere Grobheit zu erwarten, als da war die erste! Was nachher? –
GEJ|4|230|8|0|Du wirst ein Wunder vor seinen Augen wirken! Wird ihm das vielleicht Ohren und Augen öffnen? O siehe, das wird er für eine Zauberei ansehen und zu dir sagen: ,Noch mehr dergleichen unterhaltende Stücke!‘ – aber ohne Nachteil für ihn, sonst vergreift er sich an dir und kämpft mit dir auf Leben und Tod; und lähmst du ihm die Glieder, so wird er dich bedienen mit den gräßlichsten Flüchen!
GEJ|4|230|9|0|Darum ist ein Hurer nicht nur ein sinnlicher Sündenbock, sondern in seiner Gereiztheit auch ein gar böser Mensch; er ist voll des wilden Feuers und blind und taub für alles Gute und Wahre des Geistes. Einen Räuber bekehrest du lange eher denn einen echten Hurer und Ehebrecher.“
GEJ|4|231|1|1|231. — Der Segen einer geordneten Zeugung
GEJ|4|231|1|0|(Der Herr:) „Nun, wo unter den Menschen die Geilheit und Hurerei als eine wahre Seelenpest eingerissen ist, da hat das Predigen des Evangeliums sein Ende erreicht! Denn wie sollte man, und wie könnte man vor tauben Ohren reden und vor blinden Augen Zeichen wirken? Wo aber die Wahrheit nicht gepredigt wird und nicht mehr gepredigt werden kann, die allein die Seele stärken und frei machen kann und sie erleuchten durch und durch, weil die Seele nur durch die Wahrheit tätig, voll Liebe und sonach auch voll Lichtes wird, wie sollte da von irgendwo anders her ein Licht in die Seele kommen, und aus was anderem, als aus eben dem Wahrheitslichte der Seele, sollte sich dann die Außenlebenssphäre bilden?!
GEJ|4|231|2|0|Wo demnach Unzucht und Hurerei bei einem Volke sehr eingerissen sind, da sind die Menschen ohne alle Außenlebenssphäre, träge, feig und gefühllos und finden an nichts mehr irgendein erhebendes und beseligendes Vergnügen und keine Lust an einer schönen Form und Gestalt. Ihre Sache ist der stumme, tierische Fleischtriebsgenuß; für alles andere haben sie entweder nur einen sehr geringen oder gar keinen Sinn!
GEJ|4|231|3|0|Sorget darum vor allem, daß dieses Laster nirgends einreiße, und die Eheleute sollen nur so viel tun, als da zur Zeugung eines Menschen unumgänglich notwendig ist!
GEJ|4|231|4|0|Wer sein Weib stört während ihrer Schwangerschaft, der verdirbt die Frucht schon im Mutterleibe und pflanzt derselben den Geist der Unzucht ein; denn welch ein Geist die Gatten nötigt und reizt, sich über die natürliche Gebühr zu beschlafen, derselbe Geist geht dann potenziert in die Frucht über.
GEJ|4|231|5|0|Daher soll auch bei der Zeugung dieses wohl und sehr gewissenhaft beachtet werden, daß erstens die Zeugung nicht aus gemeiner Geilheit verübt werde, sondern aus wahrhafter Liebe und seelischer Neigung, – und zweitens, daß das einmal empfangen habende Weib noch gut sieben Wochen nach der Ausgeburt ihrer Frucht in der Ruhe ungestört belassen werde!
GEJ|4|231|6|0|Kinder, auf diese ordentliche Art gezeugt und im Mutterleibe ungestört ausgereift, werden erstens schon seelenvollkommener in die Welt kommen, weil die Seele in einem vollkommen ausgebildeten Organismus doch sicher eher und leichter für ihren geistigen Herd sorgen kann als bei einem ganz verdorbenen, an dem sie gleichfort zu bessern und zu flicken hat; und zweitens ist sie selbst reiner und heller, weil sie nicht von den geilen Unzuchtsgeistern, die durch die oft täglichen geilen Nachzeugungen in des Embryo Fleisch und auch Seele hineingezeugt werden, verunreinigt ist.
GEJ|4|231|7|0|Wie leicht kann solch eine Seele ihr Gemüt schon in der zartesten Kindheit gleich einem Samuel zu Gott erheben aus wahrer kindlicher, allerunschuldigster Liebe! Und welch eine herrliche Urlebensgrundzeichnung wird auf diese Weise aus der wahren Gemütstiefe dem jungen, zarten Gehirne vor jeder materiellen Zeichnung ganz licht und hell eingeprägt, aus welchem Lichte sich dann ein Kind die später kommenden Bilder aus der materiellen Welt in der rechten Bedeutung und Beziehung erklären wird, weil diese Bilder auf einen lichtvollen und lebenswahren Grund gewisserart eingepflanzt werden und erweitert und wie in ihre Einzelteile zerlegt und, als durch und durch besterleuchtet, von der Seele auch leicht durch und durch beschaut und begriffen werden.
GEJ|4|231|8|0|Bei solchen Kindern fängt sich schon frühzeitig eine Außenlebenssphäre zu bilden an, und sie werden bald und leicht hellsehend, und ihrem Willen wird sich alles in Meiner Ordnung Seiende zu fügen anfangen. – Was sind dagegen die schon im Mutterleibe verdorbenen Kinder? Ich sage es euch: Kaum mehr als scheinbelebte Schattenbilder des Lebens! Und was ist hauptsächlich daran schuld? Das, was Ich euch bisher sattsam als Folge der Geilheit gezeigt habe!
GEJ|4|231|9|0|Wo irgend in der späteren Zeit Mein Wort von euch gepredigt wird, soll diese Lehre nicht fehlen; denn sie bearbeitet des Lebens Grund und Boden und macht ihn frei von allen Dornen und Gestrüppen und Disteln, von denen noch nie ein Mensch Trauben und Feigen geerntet hat. Ist der Grund und der Boden einmal gereinigt, so ist es dann ein leichtes, den edlen Lebenssamen in die vom Gemütslichte durchleuchteten und von der Flamme der Liebe lebensdurchwärmten Furchen zu streuen. Nicht ein Körnlein wird fallen, ohne sogleich zu keimen und in Kürze sich zu entfalten zur Tragung einer reichlichen Lebensfrucht! Aber auf einem wilden, ungereinigten Boden könnet ihr säen, was ihr wollet, so werdet ihr damit doch niemals eine gesegnete Ernte erzielen!
GEJ|4|231|10|0|Denn ein Mensch, der Mein Wort austrägt und streuet unter die Menschen, gleicht einem Säemann, der ein schönstes Getreide nahm und streute es auf jeden Boden, dahin er immer kam.
GEJ|4|231|11|0|Da fiel etliches auf dürren Sand und auf Felsen. Als darauf ein Regen fiel, so fingen wohl die Körnchen an, ganz zarte Keime zu treiben; aber der Regen hörte bald auf, und es kamen Winde und der Sonne glühende Strahlen und verzehrten bald alle Feuchtigkeit des harten Bodens, und damit erstarben auch die zarten, kaum getriebenen Keime, und es kam zu keiner Frucht.
GEJ|4|231|12|0|Ein anderer Teil aber fiel unter Dorngestrüppe und hatte Feuchtigkeit und keimte wohl und ging auf; aber nur zu bald ward es von dem Unkraute der Weltbegierden überwuchert und erstickt, und es brachte somit auch keine Frucht.
GEJ|4|231|13|0|Ein Teil fiel aber auf den Weg der menschlichen Gemeinheit; der keimte nicht einmal, sondern ward bald teils zertreten und teils von den Vögeln der Luft verzehrt! Daß der auch keine Frucht abwarf, braucht nicht extra berührt zu werden.
GEJ|4|231|14|0|Nur ein Teil fiel auf ein gutes Erdreich; der keimte, ging gut auf und gab eine gute und reichliche Ernte.
GEJ|4|231|15|0|Dieses Bild diene euch aber dazu, daß ihr einsehet, daß man die Perlen nicht den Schweinen vorwerfen soll! Vor allem heißt es, den Boden erst reinigen und düngen und sodann erst darauf mit der Aussaat des lebendigen Wortsamens beginnen, so wird man sich mit der schweren Arbeit sicher keine vergebliche Mühe gemacht haben! Denn bei der Arbeit der Ausbreitung Meines lebendigen Wortes reicht der gute Wille allein wohl nicht völlig aus; da muß ihn eine rechte und wahre Lebensweisheit leiten, – sonst könnte ein bloß gut- und festwilliger Austräger Meines Wortes mit dem Propheten Bileam verglichen werden, dessen Esel weiser war als er!
GEJ|4|231|16|0|Siehe, du Mein Freund Cyrenius, in allem dem, was Ich dir bis jetzt gesagt habe, hast du zwar die Antwort auf dein Begehren als tatsächlich nicht erhalten, und du bist im Herzen schon immer im Zuge, Mich daran zu erinnern, – aber Ich sage dir, daß dir dein alsogleich erfülltes Verlangen eben keinen großen Nutzen gebracht hätte, so Ich das nicht vorangeschickt hätte.“
GEJ|4|232|1|1|232. — Der Bau des menschlichen Gehirns
GEJ|4|232|1|0|(Der Herr:) „Nun aber werden wir sehen, ob wir uns ein Gehirntäfelchenwerk zu eurer näheren Belehrung werden zu verschaffen imstande sein! Wir könnten uns nun zwar aus Rom durch den Raphael sogleich ein paar natürliche Menschenköpfe herschaffen lassen – denn soeben sind zwei Hauptverbrecher in Rom, sogar auf dem Kapitol, enthauptet worden! –, aber es wäre uns mit diesen Bösewichtsschädeln wenig oder nichts geholfen!
GEJ|4|232|2|0|Es soll denn geschehen, daß uns der Engel vier ganz taugliche weiße und ganz reine Kiesel aus irgendeinem Bache herbeischafft. Aus diesen werden wir ein menschliches Gehirn darzustellen suchen, so gut sich das mit der Materie nur immer tun läßt. – Raphael, gehe und besorge das Verlangte!“
GEJ|4|232|3|0|Raphael ward nun auf einmal unsichtbar, etwa sieben Augenblicke lang; dann aber stand er wieder plötzlich bei uns und legte vier ganz schneeweiße Kiesel vor uns, das ist vor Mir, auf den Tisch. Zwei waren größer und zwei kleiner, entsprechend dem großen Vorderhauptsgehirn für Lichtbilder und dem kleinen Hinterhauptsgehirn für die Zeichen der Töne.
GEJ|4|232|4|0|Als die Steine vor Mir in rechter Ordnung lagen, rührte Ich sie an, und sie wurden durchsichtig wie ein reinster Bergkristall. Darauf hauchte Ich sie an, und sie teilten sich in Millionen vierflächiger Pyramidchen, jedes bestehend aus drei Seiten oder Außenflächen und aus der Unterfläche.
GEJ|4|232|5|0|Die zwei zu Meiner Rechten aufgestellten Steine stellten das Gehirn in rechter Ordnung und die zu Meiner Linken das Gehirn in der durch die falsche Erziehung und durch andere nachträglich böse Einflüsse verkehrten Ordnung dar, wie es gewöhnlich unter den Menschen vorkommt.
GEJ|4|232|6|0|Da aber waren nicht lauter Pyramiden, sondern nebst den wenigen Pyramiden waren nahezu alle in der Meßkunst vorkommenden stereometrischen Formen, Figuren und Typen zu ersehen, was um so genauer zu ersehen war, als Ich durch einen Anhauch die vorliegenden Gehirnnachgebilde ums Zehnfache vergrößert hatte, so daß nun vier ganz große Haufen vor uns auf dem Tische, der zu dem Behufe von Raphael schnellst um ein Bedeutendes vergrößert werden mußte, vor den Augen der überaus erstaunten Jünger wohlaufgerichtet lagen.
GEJ|4|232|7|0|Ich sagte: „Nun könnet ihr die Tafelformen aller vier Gehirnhaufen wohl absonderlich und gut unterscheidbar betrachten!
GEJ|4|232|8|0|Seht, hier zur Rechten besteht das große Vorderhauptsgehirn aus lauter höchst regelrechten Pyramiden, und ebenso das kleine Hinterhauptsgehirn aus den gleichen Pyramiden, – nur sind sie ums Dreifache kleiner, aber zur Aufnahme von lauter Luftvibrationszahlen für die Seele dennoch groß zur Übergenüge.
GEJ|4|232|9|0|Besehet aber nun auch die beiden Haufen zu Meiner Linken! Da gibt es schon sehr verschiedene Formen, wie schon früher bemerkt, und sie passen nirgends gut zusammen; bald ist da, bald dort ein hohler Raum und gibt Anlaß zu allerlei falschen Abspiegelungen, wie ihr solches später tatsächlich erschauen werdet. Das Hinterhaupt, ganz dem Vorderhaupte gleichend, hat ebenfalls ums Dreifache kleinere Tafelformen denn das Vorderhaupt. – Betrachtet nun einmal die Formen!“
GEJ|4|232|10|0|Nun kommen alle, um zu betrachten das nun aus den vier Kieselsteinen künstlich im vergrößerten Maße dargestellte Gehirn – bis jetzt noch bloß nur in seinen Pyramidaltäfelchen-Formen ohne innere Kammerabteilung und ohne Verband der Gehirntäfelchen untereinander.
GEJ|4|232|11|0|(Der Herr:) „Wenn alle sich davon einen möglichst klaren Begriff werden genommen haben, werde Ich durch einen wiederholten Anhauch die Gehirntäfelchen in Kammern absondern und sie in jeder Kammer polarisch verbinden sowie die Kammern selbst und das Vorderhaupt mit dem Hinterhaupte, damit dadurch die Gehirntäfelchen, welcher Art sie auch seien, bilder- und zeichenaufnahmefähig werden.“
GEJ|4|232|12|0|Cyrenius kann sich vor lauter Staunen gar nicht erholen und sagt endlich: „Ah, nun geht mir ein Licht auf! Die Urägypter, die zuerst ihre Schulhäuser in der Gestalt der Pyramiden erbaut haben, waren sicher noch urvollkommene Seelenmenschen, also von innen voll Lichtes, und konnten beschauen ihres Leibes organischen Bau! Denen werden diese Pyramidalformen, als für das Erkennen des Menschen die wichtigsten, sicher auch beschaulich gewesen sein, und sie haben hernach denn auch diese Form bei der Erbauung ihrer großartigsten Schulhäuser gewählt. Ja, sie werden auch den Bau einer jeden einzelnen Gehirntafelpyramide möglichst genau durchschaut und durchmustert und dann einer jeden Pyramide auch innerlich eine solche Einrichtung im größten Maßstabe gegeben haben, als wie organisch eingerichtet sie eine Gehirntafelpyramide gefunden haben!
GEJ|4|232|13|0|Darum hat so eine Pyramide innerlich eine solche Menge von allerlei Gängen und Gemächern, bei und mit denen sich ein nun auch schon allervernünftigster Mensch unmöglich mehr auskennen kann, wofür das eine oder das andere gut war! – Herr, habe ich nun wohl so ganz recht geurteilt?!“
GEJ|4|232|14|0|Sage Ich: „Ganz vollkommen recht und richtig; denn also war es, und die Ägypter haben denn auch die Flächen der Pyramiden besonders von innen mit allerlei Zeichen und Schriften und Bildern bemalt, die entsprechend alles mögliche anzeigten, was ein Mensch auf dieser Erde in seinem Fleische durchzumachen und zu erkämpfen hat, wie er sich selbst zu erkennen hat, und wie die wahre Liebe der Mittelpunkt alles Lebens ist.“
GEJ|4|233|1|1|233. — Der Zusammenhang des Vorderhauptgehirnes mit dem Hinterhauptgehirn.
GEJ|4|233|1|0|(Der Herr:) „Aber nun hauche Ich unsere vier Gehirnhaufen noch einmal an, und du wirst dann auch etwas Ähnliches wie die zwei und zwei Oubeliske (Spitzsäulen) vor den Pyramiden erschauen. Die Spitzsäulen waren wohl zu einem andern Zwecke bestimmt als die je zwei und zwei Säulchen vor jeder Fläche der Gehirnpyramidentäfelchen; denn die Spitzsäulen vor den Pyramiden zeigten bloß an, daß in den Pyramiden die Weisheit zu suchen sei, wozu freilich nur ein erwiesen reiner Mensch zugelassen wurde.
GEJ|4|233|2|0|Die zwei Spitzlein vor den Gehirntäfelchenflächen, deren somit jedes Gehirnpyramidlein acht besitzt, sind die Schreibstifte, mit denen mittels der Bewegung der dazu eigenen Gehirnnerven, die mit den Seh- und Gehörnerven in einer höchst kunstvollen und organisch-mechanischen Verbindung stehen, die Täfelchen entweder nach einer gewissen Ordnung beschrieben oder mit noch anderen entsprechenden geistigen Lichtbildern bezeichnet werden.
GEJ|4|233|3|0|Gebt aber nun ganz besonders acht auf alles, was da vorkommen wird! Wir wollen nun diese Schreibstifte mit einer Lymphe füllen und zuerst unsere Betrachtungen bei dem ordentlichen Gehirne anfangen! – Ich will, daß die Täfelchen dieses Gehirnes zuerst ordentlicherweise, wie von einem Gemüte ausgehend, sowohl seh- als auch gehörseits, ganz ordentlich überzeichnet werden!“
GEJ|4|233|4|0|Nun strengten alle nach Möglichkeit die Augen an und starrten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit nach unserem Gehirnapparate. Ich mußte hier freilich die Lichtbilder auch von materiellem Grellichte entstehen lassen; denn mit dem Seelenlichte wäre für die Fleischaugen Meiner Jünger so gut wie nichts zu sehen gewesen. – Was bemerkten denn nun die aufmerksamsten Beobachter?
GEJ|4|233|5|0|Sie bemerkten, wie sich aus den Spitzen rötliche und bläuliche Sternlein über die Gehirntäfelchen ergossen, und zwar in einer solchen Ordnung, daß ein recht scharfes Auge aus diesen zahllosen Sternlein auf den Gehirntäfelchen allerlei der wundersamsten Bildchen zu entdecken begann.
GEJ|4|233|6|0|Ich bewirkte für diesen Augenblick freilich auch, daß die Augen der Beobachtenden auf einige Augenblicke die stark vergrößernde Eigenschaft eines Mikroskopes bekamen, was hier sehr notwendig war, weil sonst die Beobachter von den wunderbaren Lichtzeichenbildern und -formen nicht viel ausgenommen haben würden. Da hätte die frühere zehnfache Vergrößerung der Gehirnpyramidchen nicht ausgelangt. Da sie aber nun die Gehirntäfelchen ums Tausendfache größer ersahen, so konnten sie schon immer recht sehr vieles entdecken.
GEJ|4|233|7|0|Ich fragte denn nun auch den Cyrenius, was er nun alles sähe. Und er sagte: „Herr, Wunder über Wunder! Aus den sehr beweglichen und aus sehr vielen Organen nach der ganzen Länge und nach kreuz und quer bestehenden Vorpyramid-Obelisken strömen fortwährend eine Menge Sternlein von lichtrötlicher und lichtbläulicher Farbe. Die beiden gleichsam Fühlhörner jeder der vier Pyramidenflächen sind ununterbrochen tätig und fahren mit ihren funkensprühenden Spitzen ununterbrochen auf der ihnen gegenüberstehenden Pyramidenfläche mit aller Emsigkeit umher und bestreuen diese mit den Sternlein. Man sollte meinen, daß durch dieses scheinbar sinnlose und wie zufällige Herumfahren auf der Dreikanttafel nichts als ein Gekritzel herauskommen könne; aber es wächst wie von selbst allerlei ordentliches Gebildwerk heraus und ist gar lieblich anzusehen.
GEJ|4|233|8|0|Nur merke ich nun, daß die beiden Säulchen ganz ruhig werden, wenn eine Fläche einmal voll angezeichnet ist. Es ist aber kaum glaublich, daß diese tausendmal tausend Zeichen und Bildchen in der kurzen Zeit von den zwei lebendigen Zeichenstiften auf eine solche Dreiecktafel haben hingezeichnet werden können! Die Formen sind zwar noch sehr klein, obwohl wir so eine Fläche in der größten Manneshöhe erschauen; aber so rein stehen diese kleinen Bildchen und Zeichlein da, daß man sich schon nichts Reineres und Vollendeteres denken kann.
GEJ|4|233|9|0|Aber warum sind denn im Hinterhaupte auf den dem Vorderhaupte ganz ähnlichen Täfelchen keine Bildchen zu entdecken? Ich entdecke darauf nichts als pure Linien, Punkte und anderes hakenförmiges Zeichenwerk, aus dem ich nicht klug werden kann. Was soll denn das zu bedeuten haben?“
GEJ|4|233|10|0|Sage Ich: „Das sind Zeichen der Töne und Zeichen des Wortes; sie stehen aber dennoch nicht allein für sich da, sondern stehen stets mit einer Fläche eines Vorderhauptsgehirntäfelchens in einer polarischen Verbindung, und der Ton oder der Begriff, der auf des Hinterhauptes Täfelchen mittels Linien, Punkten und anderer hakenförmiger Zeichen aufgetragen wird, wird im selben Momente auch gewöhnlich auf die zuunterst liegende Pyramidenfläche des Vorderhauptes als ein entsprechendes Bildlein aufgezeichnet und so der Seele zur leichtere Erkennung dargestellt.
GEJ|4|233|11|0|Um das zu bewerkstelligen, müssen eine Menge von Nervenfäden von jedem Gehirnpyramidchen des Hinterhauptes zum entsprechenden Pyramidchen des Vorderhauptes gezogen sein, ansonst sich niemand von einem vernommenen Begriffe, von einer mit Worten beschriebenen Gegend oder Handlung eine klare Vorstellung machen könnte.
GEJ|4|233|12|0|Unartikulierte Töne, auch Musik, werden nicht übertragen, daher sich denn auch kein Mensch unter einem Tone oder unter einer Harmonie oder einer Melodie irgendein Bild oder irgendeine Sache vorstellen kann; denn, wie gesagt, es werden solche Töne nicht auf des Vorderhauptes Gehirntäfelchen wiedergezeichnet, sondern bleiben allein auf einer entsprechenden Pyramidenfläche des Hinterhauptes haften als Linien, Punkte und Häkchen.
GEJ|4|233|13|0|Von den mit puren Tönen angezeichneten Hinterhauptspyramidflächen gehen aber dafür Nerven durch das Rückgratmark zu den Magengrubennerven (Ganglien) und von da zum Herzen, aus welchem Grunde denn die Musik, wenn sie ganz rein ist, auch hauptsächlich nur auf das Gemüt wirkt, es ergreift und nicht selten zart und weichfühlend macht.
GEJ|4|233|14|0|Aber vom Gemüte ausgehend und aufsteigend, können die Töne dennoch durch das Licht der Liebe als die Sternlein durch zwei Obelisklein auf die Gehirntäfelchen in Formen gezeichnet werden und sind dann der Seele nicht selten wahre Wegweiser in die großen Lebenshallen des Geistes, und aus diesem Grunde kann eine rechte und ganz reine Musik der Seele sehr behilflich sein zur vollen Einigung mit ihrem Geiste. Daher lernet und lehret auch die reine Musik, wie sie dereinst David betrieb!
GEJ|4|233|15|0|Daß eine reinste Musik das vermag, könnet ihr auch daraus ersehen, daß ihr auf einem Platze Feinde und Freunde aufstellen und dann in ihrer Mitte erschallen lassen könnet die reine Musik, und ihr werdet statt der Feinde bald lauter gemütliche Freunde erblicken. Aber es bringt diese Wirkung nur eine reinste Musik zustande; eine unreine und zotige Musik bewirkt gerade das Gegenteil.
GEJ|4|233|16|0|Du hast denn nun gesehen, wie auch die Töne auf einem Umwege dennoch auch als etwas Beschauliches der Seele vorgestellt werden, wennschon nicht als Sachbilder, so doch als höhere geistige Formen in Gestalt von allerlei Zeichen, wie man ähnliche auch auf den alten Denkmälern Ägyptens antrifft. Ich meine, daß dir das bisher Gezeigte so ziemlich klar sein wird, und so setze Ich da nichts Weiteres mehr hinzu, als daß das alles nur bei einem wohlgeordneten und unverdorbenen Gehirne vorkommt in der ordentlichen Vorbildung aus dem Gemüte, wo die Gehirntäfelchen zuerst mit dem Lichte mit allerlei seelischen und geistigen Formen beschrieben werden.“
GEJ|4|234|1|1|234. — Die Verbindung der Sinnesorgane mit dem Gehirn
GEJ|4|234|1|0|(Der Herr:) „Da wir aber nun diese gar wichtigste Vorarbeit beschaut und begriffen haben, so müssen wir, um die Sache ganz zu verstehen, auch noch ganz kurz auf das einige Blicke richten, wie endlich die Seele auch die Bilder aus der materiellen Welt denselben Gehirntäfelchen einprägen läßt.
GEJ|4|234|2|0|Sehet nun her, es sollen nun denn auch Bilder, durch die Augen kommend, den Gehirntäfelchen eingeprägt werden! – Ich will es, und also geschehe es!
GEJ|4|234|3|0|Besehet nun die besonders vor zwei Flächen angebrachten Schreibstifte oder Obelisken, wie sie nun auf einmal ganz dunkel geworden sind! Es hat das Ansehen, als wären sie mit einem sehr dunklen Safte angefüllt worden, und sehet, schon sind wir alle, zum Reden getroffen, auf die Gehirntäfelchen von Zug zu Zug, nebst den Bäumen und nebst allem, was uns da zu Gesichte kommt, gezeichnet! Aber nicht nur einseitig und tot, sondern allseitig und wie lebendig!
GEJ|4|234|4|0|Jede Bewegung, die wir machen, wird hier ein wie tausendmal tausend Male wiedergegeben, und dennoch bleibt eine frühere oder auch tausend frühere Stellungen, in der Pyramide inneren Gemächern eingezeichnet, dem Auge der Seele gleichfort ersichtlich, weil vom geistig-seelischen Lichte gleichfort erhellt; und das bewirket das, was man zum Teil ,Gedächtnis‘ und zum Teil ,Erinnerung‘ nennt, weil es inwendig der Gehirnpyramiden haftet. Dieses vervielfacht sich aber auf dem Wege der vielfältigsten Reflexion so, daß man einen und denselben Gegenstand dann unzählige Male in sich tragen kann.
GEJ|4|234|5|0|So trägt ein jeder Mensch, besonders in seiner Seele und noch unaussprechbar mehr in seinem Geiste, die ganze Schöpfung vom Größten bis zum Kleinsten ihrer Teile in sich, weil er daraus genommen ist.
GEJ|4|234|6|0|Beschaut er nun die Sterne oder den Mond oder die Sonne, so wird alles das von neuem wieder in seine Gehirnorgane gezeichnet auf die euch nun gezeigte Art, und die Seele beschaut es und hat ein rechtes Wohlgefallen daran, und es wird das Geschaute durch die rechte Lust der Seele gleich in der Gehirnpyramidchen Inneres und Innerstes, natürlich in sehr verkleinertem Maßstabe, vielfach auf dem Wege der inneren Reflexion eingegraben und kann von der Seele allzeit wieder gefunden und vollkommener beschaut werden.
GEJ|4|234|7|0|Alle die Zeichnungen aus der Sphäre der äußeren Welt erscheinen zwar für sich nur als dunkle Bilder; aber die hinter ihnen stehenden Lichtbilder aus einer bessern Lebenssphäre erhellen die Naturbilder, und diese sind daher selbst und in allen ihren Teilen zur Genüge erhellt, so daß sie die Seele in ihrem Innerstgefüge gar wohl durchschauen, erforschen und begreifen kann.
GEJ|4|234|8|0|Zudem aber steht besonders das Vordergehirn mit den Geruchs- und Geschmacksnerven in einer steten Verbindung, so wie das Hinterhaupt mit den allgemeinen Gefühlsnerven. Diese hinterlassen denn auch auf den eigens dazu bestimmten Gehirntäfelchen gewisse Merkmale, aus denen die Seele gleich und ganz leicht wieder erkennt, wie zum Beispiel eine oder die andere Blume oder Salbe riecht, oder wie diese oder jene Speise, Frucht oder dieses und jenes Getränk schmeckt und auch wieder riecht; denn es ist die Einrichtung also getroffen, daß jedes Geruchs- und Geschmackstäfelchen durch sehr reizbare Nerven in strenger Verbindung mit einem oder dem andern Sachtäfelchen steht.
GEJ|4|234|9|0|Sobald nun ein bekannter Geruch die Geruchsnerven jemandes in Bewegung setzt, so repräsentiert sich das auch gleich auf einer entsprechenden Geruchs- oder Geschmackstafel, und von der aus wird sogleich die entsprechende Sachtafel angeregt, und die Seele erfährt dadurch schnell und leicht, womit sie unter jenem Geruche oder Geschmacke zu tun hat. Ebenso repräsentiert sich der Seele auch von seiten des allgemeinen Gefühls durch das Hinterhaupt die Sache, durch die irgend das Gefühl erregt worden ist, in ihrer Form und Beschaffenheit. Aber das alles geschieht wohl erkenntlich nur bei einem, wie nun gezeigt, höchst geordneten Gehirne; bei dem andern, ungeordneten Gehirne werden wir hie und da kaum entfernte Ähnlichkeiten mit diesem geordneten Gehirne finden, wie wir uns davon gleich faktisch und praktisch überzeugen werden.
GEJ|4|234|10|0|Ihr bemerket dieses zweite Gehirn in seinem Tafelgefüge und in der Unregelmäßigkeit der Haupt- und Nebenkammerabteilungen schon als ein Gemenge von allerlei stereometrischen Figuren, darunter auch Scheiben, Kugeln, Sphäroiden und sonstige breiartige Klumpen. Die Obelisken vor den Flächen sind zumeist gar nicht als daseiend ersichtlich; und wo sie noch ersichtlich sind, da sind sie wie ganz verkümmert und selten von irgend gleicher Größe und Stärke!
GEJ|4|234|11|0|Wie kann solch ein Gehirn einer Seele dienlich sein? Dies Gehirn, wie es sich nun darstellt, kam aus den gezeigten Gründen schon also zerrüttet aus dem Mutterleibe. Wir werden aber nun sogleich ersehen, welchen Verlauf es mit der gewöhnlichen Weltbildung nehmen und zu welch einem Ende und Ziele es gelangen wird. Gebet nun alle wohl acht darauf!“
GEJ|4|235|1|1|235. — Das unverdorbene und das verdorbene Gehirn
GEJ|4|235|1|0|Fragt Cyrenius etwas verblüfft: „Herr, ist denn dies nur von Dir allmächtiger- und somit wunderbarerweise hierhergeschaffene Gehirn auch schon in einem Mutterleibe seiend verdorben worden durch die sinnlich- wollüstigen Nachbeischläfe?“
GEJ|4|235|2|0|Sage Ich: „Aber Freund, welch eine Frage von dir! Sagte Ich denn nicht ehedem, daß dieses alles nur also dargestellt wird, wie es in der Wirklichkeit vorkommt? Wem könnte es denn je beifallen, daß dieses hier nur der Belehrung wegen künstlich dargestellte Gehirn je im Ernste in einem Mutterleibe wäre verdorben worden?! Es sieht nur genau also aus, und darum sagte Ich: Dies Gehirn kam schon also zerrüttet, wie es sich zeigt, aus dem Mutterleibe! Das ist nur eine etwas bestimmtere Diktion des leichteren Verständnisses wegen und darum an sich nur eine nachgebildete Wirklichkeit, aber keine genitative (erbliche), wahre Realität! – Bist du nun im klaren?“
GEJ|4|235|3|0|Sagt Cyrenius: „Herr, vergib mir meine große Dummheit; denn ich sehe sie nun schon ein!“
GEJ|4|235|4|0|Sage Ich: „Das wußte Ich wohl, daß du es einsehen wirst; aber zu deiner nun höchst albernen Frage hatte dich so ein reminiszierender (erinnernder) Weltspritzer in dein Gehirn verleitet, und du kannst daraus ersehen, welch eine Weisheit alle sogenannte Weltklugheit einer nach Wahrheit lechzenden Seele bietet oder bieten kann!
GEJ|4|235|5|0|Alle Fragen der Weltklugen sind an und für sich schon über alle die Maßen dumm; wie sieht es dann erst mit den Antworten aus, die andere Weltkluge den fragenden Weltklugen geben? So ihr Licht schon Nacht und Finsternis ist, wie sehr Nacht und Finsternis wird dann erst ihre wirkliche Nacht und Finsternis sein?
GEJ|4|235|6|0|Darum hütet euch vor aller Weisheit der Welt; denn Ich sage es euch, daß sie um vieles finsterer und böser ist als das, was die hochangesehene Weltweisheit Dummheit nennt! Denn einem Weltdummen ist leicht zu helfen, während einem so recht aus der Wurzel Weltweisen gar nicht mehr oder nur höchst schwer zu helfen ist. Ihr fragt läppischerweise, ob denn der eigentlichen Weltweisheit gar nicht mehr zu helfen wäre? Das liegt doch nun mit diesem zweiten, verdorbenen Gehirne klar am Tage vor euch!
GEJ|4|235|7|0|Seht dies rechts aufgestellte urgeordnete und ganz unverdorbene Gehirn an! Welch eine Klarheit in seinen Gebilden! Alles Licht und Licht, und alle Formen, sowohl ihrer äußern Umfassung, wie auch ihrem innern organischen Gefüge nach, sind da in höchster Klarheit rein ausgebildet zu sehen! Welch klare Begriffe und Vorstellungen muß eine solche Seele von all den Dingen und Verhältnissen bekommen! Wie weise und wie in jeder Hinsicht lebenskräftig steht ein solcher Mensch da! Wer aus der Zahl der vielen Weltkinder kann sich mit ihm messen?! Was eine urgeordnete Seele alles vermag, das habt ihr früher an den Schwarzen zu beobachten Gelegenheit gehabt!
GEJ|4|235|8|0|Nun aber haben wir ein verdorbenes Gehirn vor uns und werden es schauen, wie dieses durch eine nachträgliche, allerschlechteste und verkehrteste Erziehung noch mehr verdorben wird, und ihr werdet daraus mehr denn klar doch wohl ersehen können, wie gänzlich frucht- und weisheitslos so eine Weltweisheit gegenüber der wahren, himmlisch geordneten Weisheit sich ausnimmt! Sehet an nun dieses wahre Chaos von einem Gehirne! Nirgends ein geordneter Zusammenhang; hie und da nur ein verkrüppeltes Gehirnpyramidchen! Die ganze Geschichte sieht lange eher einem Schotterhaufen denn irgendeinem Gehirne gleich!
GEJ|4|235|9|0|Eine solche Gestalt bekommt das Gehirn schon im Mutterleibe! Was soll aus einem Menschen in der Folge werden, welche Fortschritte wird er in der wahren Lebensschule machen mit solch einem Gehirne?! Ja, wenn man es noch beließe und finge mit einer sorgfältigen Bildung des Gemütes an bei zehn Jahre lang! Aber wo bleibt die Gemütsbildung?! Es wird ihrer gar nie mehr gedacht, in den höherstehenden Volksklassen schon gar nicht! Die untere Volksklasse aber weiß ohnehin weder von einer Seelen- noch Lebensbildung irgend etwas Besseres mehr als die lieben Tiere der Wälder, und ihre Eigenschaften gleichen vollkommen jenen Urbewohnern der Wälder, die vom Raube und Blute anderer sanfterer Tiere sich ernähren und leben.“
GEJ|4|236|1|1|236. — Der Charakter des Weltweisen und sein jenseitiges Unglück
GEJ|4|236|1|0|(Der Herr:) „So schlecht aber derartige Menschen auch notwendig sind, so ist aus ihnen dennoch eher ein vollkommener Mensch zu machen als aus einem echten Weltweisen. Die Weltweisen haben zwar in mancher Hinsicht – das heißt auf einen Punkt hingezielt, meistens auf den selbstsüchtigen – einen recht scharfen Verstand, und das auf Grund dessen, weil die Pyramidalgehirntäfelchen sich zum wenigsten in der Mitte des Gehirns bei jedem Menschen teil- und zeilenweise erhalten, und das macht, daß viele Weltweise in einem gegenseitigen Rathalten mitunter, aber nur für rein irdische Zwecke, irgend etwas Besonderes herausbringen; aber alles Innere, Tiefere – Geistige bleibt ihnen dennoch fremd. Denn zwischen den Vorteilen der Welt und jenen ewig dauernden des Geistes und der Seele bleibt eine unübersteigbare Kluft, über die ewig nimmer auch der schärfste Weltverstand je eine Brücke finden wird.
GEJ|4|236|2|0|Und seht, das liegt alles in der Grundverdorbenheit des menschlichen Gehirnbaues schon im Mutterleibe und darauf in der nahe noch schlechteren Erziehung des Herzens und des Gemüts; denn würde wenigstens nach der Geburt eine rechte Erziehung des Herzens und des Gemütes erfolgen, so würde durch diese das im Mutterleibe verdorbene Gehirn zum größten Teile wieder zurechtgebracht werden, und die Menschen könnten in der Folge zu so mancher Helle und Lebenskraft gelangen, und durch eine fortgesetzte rechte Demut und wahre Herzensgüte würde sich, freilich nach Jahren, das Verlorene wieder ganz finden oder ersetzen lassen.
GEJ|4|236|3|0|Denn wer da sät auf ein gutes Erdreich, bei dem kann die Ernte nicht unterm Wege bleiben; aber so in das ohnehin ganz magere und schlechte Erdreich weder ein Dünger und noch weniger je ein Same der vollen Wahrheit des Lebens gestreuet wird, wie und von woher soll da eine Frucht oder gar eine reichliche Lebensernte zu erwarten sein?
GEJ|4|236|4|0|Ja, die Weltmenschen verstehen es wohl recht, den materiellen Boden der Erde gleich den Schweinen und Schermäusen zu durchwühlen und mit allerlei Früchten zu bebauen. Sie machen bedeutende Ernten, füllen ihre Scheuern und Getreidekästen bis obenan und werden darauf voll Stolzes und Hochmutes und darum desto härter und gefühlloser gegen die arme Menschheit, welcher die zu große Habgier der Weltreichen und darum Mächtigen keine Spanne breit Erdreichs zum sich selbst erhaltenden Eigentume zukommen ließ.
GEJ|4|236|5|0|Also das verstehen die Weltmenschen ganz vortrefflich; aber das Erdreich des Geistes, des ewigen Lebens, lassen sie gleichfort brachliegen und kümmern sich wenig darum. Ob darauf Dornen oder Disteln wuchern, das kümmert sie wenig oder nichts, und es wird darum begreiflich, wie und warum die Menschen dieser Erde anstatt besser stets schlechter und elender werden. Wenn sie sich nur prachtvolle Paläste erbauen können, liegen auf weichen Betten, und sie haben, um ihren Bauch mit den besten Leckerbissen zu stopfen und ihre Haut zu bekleiden mit weichen, königlichen Kleidern, dann haben sie genug und sind zufrieden; denn sie haben ja das, was ihr selbstsüchtigstes Fleischleben nur immer verlangen kann durch die kurze Zeit ihres irdischen Lebens.
GEJ|4|236|6|0|Wenn aber dann kommt der stark hinkende Bote, die böse Krankheit und ihr folgend, der Tod, dann geht ihre verkümmerte Seele von einer großen Angst in eine stets noch größere, endlich in die volle Verzweiflung, Ohnmacht und endlich gar in den Tod über, und lachende Erben teilen sich dann in die hinterlassenen großen Schätze und Überflüsse des verstorbenen Weltnarren. Und was hat dieser dann jenseits? Nichts als in jeder Hinsicht die größte Armut, die größte Not und das größte, für diese Welt unbeschreibbare Elend, und nicht etwa nur so auf eine kurze Zeit, sondern auf für eure Begriffe undenkbar lange Zeiten, die ihr ganz sicher mit dem Begriffe ,ewig‘ bezeichnen könnet, was aber auch ganz natürlich ist; denn woher soll eine Seele, die nie für etwas anderes gesorgt und gearbeitet hat als nur für ihren Leib, die Mittel nehmen, um sich zu vollenden in einer Welt, die in nichts anderem bestehen kann und darf als nur in dem, was eine Seele in sich hat und dann durch ihren geistigen Außenlebenslichtäther in eine sie umgebende Wohnwelt umgestaltet.
GEJ|4|236|7|0|In solch einer Welt sollte ihre neue, liebtätigste Wirtschaft in ihrem höchst eigenen Geisterreiche beginnen. Wie soll aber das möglich sein, wenn ihr Gemüt, respektive Herz, verhärtet und unempfindsam ist, stets tiefer in einen sich selbst bedauernden Ärger versinkt, Zorn und Rache brütet, und wenn in ihr der Geist wie völlig tot, taub, stumm und blind ist und somit der Seele Gehirntäfelchen nimmer beschauen und in den hellen Augenschein nehmen kann?
GEJ|4|236|8|0|Und würde ein solcher himmlischer Geist, so es möglich wäre, sich in der total verkümmerten Seele auch aufrichten, um zu beschauen und zu befühlen, was alles im Gehirne der Seele für Dinge vorhanden sind, um ihr daraus ein neues Wohn- und Wirkungsreich schaffen zu helfen, so würde er im Gehirne der Seele dennoch nichts finden, woraus er selbst, ihr helfend, das zu bewerkstelligen vermöchte. Denn von all dem Materiellen, was die Seele in dieser Welt in ihr total verdorbenes Fleischgehirn aufgenommen hatte, konnte unmöglich etwas in ihr eigenes geistiges Gehirn gelangen, weil ihr für solch eine Übertragung das Hauptlebensmittel, das Licht aus der Lebensliebesflamme zu Gott und daraus zum Nächsten, gänzlich fehlte!“
GEJ|4|237|1|1|237. — Die Folgen eines geistig finsteren Gehirns
GEJ|4|237|1|0|(Der Herr:) „Oder gebet ihr einen noch so hellen Spiegel in einen total finstern Keller, ob sich wohl die im Keller befindlichen Gegenstände darauf abbilden werden? Ihr werdet, als mit eurem Keller ganz vertraut, mit eurem Tastsinne die darin befindlichen Gegenstände nach ihrer Art wahrnehmen und zur Not auch ohne ein Licht erkennen; aber einen Spiegel werdet ihr umsonst in dem finstern Keller aufstellen, denn der wird euch ohne Licht nie ein feines Abbild von den Kellerdingen für eure Augen liefern.
GEJ|4|237|2|0|Also ist es auch bei einem Menschen mit einem weltgebildeten, verdorbenen und finsteren Gehirne der Fall. Von dem aus geht kein die entsprechenden geistigen Formen in sich tragender Lichtstrahl aus dem finstern materiellen Gehirne in das seelische, also schon geistige Gehirn über, und die gänzlich verkümmerten Gehirntäfelchen der Seele bleiben in sich selbst finster und leer; dränge dann auch des Geistes Licht auf die Täfelchen, so würde das dem Geiste und der Seele ebensoviel nützen, als so da jemand stellte ein Licht in ein vollkommen leeres, nur allein mit Kalk übertünchtes Gemach.
GEJ|4|237|3|0|Was wird er darin erschauen? Nichts als die leeren Wände! Welche Studien wird er wohl darin vornehmen? Sicher keine anderen als die der verzweiflungsvollen Langweile! Und den Sinn fassend, wird er sich selbst zurufen: ,Hinaus mit dir und deinem Lichte aus dieser leeren Kammer; denn da ist nichts! Dahin mit dem Lichte, allwo es etwas zu beleuchten gibt! Mit dem Lichte soll etwas gewirkt werden, – warum damit die leeren vier Wände erhellen, die, lichtvoll wie lichtlos, leer dastehen?!‘
GEJ|4|237|4|0|Wenn des Geistes Augenlicht in der Seele Gehirntäfelchen blickt, und sie sind leer, dann dringt kein Licht eines Geistesauges mehr hinein, und es bleibt darin finster gleich schon so gut wie nahe für ewig! Wenn aber unwiderlegbar also und nicht anders, woher soll dann jenseits eine Seele das Baumaterial zur Erbauung einer für sie bewohnbaren Welt hernehmen? Wie wird sie das anfangen? Ihr meinet, daß Ich auch solch einer armen Seele werde helfen können? O ja, aber ewig nie durch eine Art schwachen, menschlichen, zu unzeitigen Erbarmens, sondern nur nach Meiner ewig unwandelbaren Ordnung, die aber bekanntlich überlange, langmütige und der höchsten Geduld volle Arme hat!
GEJ|4|237|5|0|Erst infolge der den höchsten Kulminationspunkt erreicht habenden höchsten Not, in der die Seele durch den mächtigen Druck aller Verzweiflung in eine Art Glühleuchten übergehen wird, werden aus der höchsten Angst ihres Herzens, also aus ihrem beklommensten Gemüte wie aus einer verzehrenden Feueresse Glühfünklein in ihr Gehirn aufsteigen, und es werden sich daraus Dämmerbilder ihrer Not, ihrer Qual, ihrer Pein, ihrer Schmerzen, ihres Elends, ihrer Ohnmacht, ihrer Verlassenheit in ihre Gehirntäfelchen einprägen; dann erst wird sie selbst wieder zu einigen magersten Ideen gelangen und nach langen Zeiten imstande sein, anzufangen, aus solchen höchst kläglichen Bildern sich eine höchst magere Wohnwelt aus sich anzulegen!
GEJ|4|237|6|0|Um solch einen Besitz aber wird sie sicher wohl niemand beneiden, und es wird abermals höchst lange hergehen, bis so eine Seele aus sich eine Verbesserung ihrer Zustands-Wohnwelt bewirken wird. Dazu werden lauter Gewaltmittel zur tätigen Belebung ihres Gemüts von neuem nötig sein! Erst aus den vielen und vielen Notständen wird solch eine Seele zu einer Copia von wenigstens lauter höchst traurig aussehenden Begriffen in ihr über sich selbst gelangen und wird sich daraus also auf ihrem Grund und Boden Wege zu ordnen anfangen, auf denen sie nicht so leicht mehr in die allerhöchste Not und Verzweiflung geraten könnte!
GEJ|4|237|7|0|Nun, das könnte man dann schon mit Fug und Recht ein Kapital und eine eigene Ernte nennen; aber welch eine Beschränktheit noch darin, welche Magerkeit und welch eine Unbehilflichkeit!
GEJ|4|237|8|0|Wenn jemand unmündige Kinder in einem dichten Walde aussetzete, so wäre ein möglicher Fall, daß eines oder das andere aufkäme im Walde. Nehmen wir an, es kämen ein Männlein und ein Weiblein davon, weil sie gerade unter einem Feigenbaum ausgesetzt wurden, dessen Früchte, ihnen in den Schoß fallend, sie anfänglich ernährten bis zu einem gewissen Alter, in welchem sie, als ganz verwildert, sich dann auch eine andere Kost zu suchen anfangen würden! Sie wüchsen nun auf, erreichten ein mannbares Alter, zeugeten Kinder, und es würde aus ihnen in ein paar Jahrhunderten ein Volk; das aber bliebe ohne Unterricht und ohne Offenbarung von oben!
GEJ|4|237|9|0|Gehe hin zu solch einem Volke und erkundige dich nach seiner Bildung, und du wirst dich überzeugen, daß du statt Menschen Tiere antreffen wirst, die viel wilder und reißender sind als alle Tiger, Hyänen, Wölfe und Bären! Du wirst unter ihnen keine Sprache, sondern nur eine Nachahmung von allerlei Naturlauten antreffen, mit denen sie sich nur ihre Gier und ihren allerrohesten Willen mitteilen. Sie werden die fremden Menschen, Tiere und Früchte roh auffressen – und bei großem Hunger auch sich selbst. Ihre Beschäftigung wird in einer beständigen Jagd nach Nahrung bestehen.
GEJ|4|237|10|0|Erst wieder nach ein paar Jahrhunderten – wenn sie ihre ländergroßen Urwälder überschritten haben und an irgendein gebildetes Volk gestoßen sind, von dem sie zurückgetrieben und etliche von ihnen gefangen und einer Bildung übergeben wurden, und sage, nach öfter wiederholten solchen Fällen und nach der Rückkunft der gewitzigten und einiger zwar gefangen gewesener, aber nun mit einiger Bildung versehenen Landsleute – wird der ganze Stamm mit der Zeit zu einiger Bildung gelangen, die aber freilich von einer rein geistig menschlichen Bildung himmelweit entfernt sein wird!
GEJ|4|237|11|0|Wie lange wird so ein Volk darauf aber noch zu tun haben, bis es nur wenigstens eure äußere, weltliche Kultur erreicht haben wird, und wie lange bis zu eurer nunmaligen geistigen, das heißt, auf dem bloß sich selbst überlassenen Naturwege!“
GEJ|4|238|1|1|238. — Die Entwicklungsschwierigkeiten einer verweltlichten Seele im Jenseits
GEJ|4|238|1|0|(Der Herr:) „Natürlich durch Offenbarung von oben her dürfte es mit der Bildung solch eines Naturvolkes schneller hergehen! Eine Offenbarung kann aber einem Volke auf dieser Welt leichter gegeben werden denn jenseits einer Seele, die vorbeschriebenermaßen aber auch nicht ein Fünklein dessen mit nach jenseits hinübergebracht hat, was nur von fernehin einer göttlichen Ordnung gliche.
GEJ|4|238|2|0|Wenn eine so ganz vermaterialisierte Seele durch eine Unzahl von allerlei Notständen und unmenschlichen Bedrängnissen jenseits endlich dahin kam, daß sie zu gewissen Begriffen und Ideen gelangt ist, und aus der größeren Regsamkeit ihres Gemütes ein mattes Licht in ihr substantielles Gehirn kommt, woraus sie sich infolge ihrer sehr dürftigen Einbildung und ihres Wollens eine schimärische (trügerische) Notwohnwelt bildet, die natürlich noch lange keinen Bestand haben kann, weil noch zu ferne von der einigen Wahrheit und der göttlichen Ordnung daraus, – so ist es dann erst möglich, durch Sendlinge, die, ganz ihr ähnlich scheinend, sie besuchen, sie ganz behutsam und so unvermerkt als möglich mit mehreren und besseren Begriffen zu versehen und zu bereichern.
GEJ|4|238|3|0|Und da sind oft noch hundert Erdjahre ein zu geringer Zeitraum, um die auf dieser Welt so gänzlich verdorbene Seele in eine ganz kümmerliche Ordnung der Himmel zu bringen.
GEJ|4|238|4|0|Höher aber als bis zum untersten, ersten und puren Weisheitshimmel sie zu fördern, ist und bleibt nahezu unmöglich; denn ihr Gehirn verliert die traurigen ersten Merkmale nimmer, aus denen sich von Zeit zu Zeit stets noch eine Art Racherecht und -weisheit entwickelt, was im nun stets mehr erleuchteten Gehirne auch wieder ein Bild hinterläßt und der Seele Gemüt dahin stimmt, daß sie einsieht, daß es ihr zwar ganz gut geht, aber dies Gutgehen lange kein Ersatz ist für alles das, was sie bis dahin ausgestanden hat.
GEJ|4|238|5|0|Sie gleicht einem alten römischen Soldaten, der seines Alters und seiner vielen Wunden und Narben wegen vom Kaiser einen Bauerngrund zum Geschenk erhielt, auf dem er sich durch seiner Hände Fleiß ein ganz gutes Auskommen verschaffen kann. Aber der alte Soldat murret dennoch, wenn er seiner Wundnarben ansichtig wird, und sagt: ,Gut ist gut, aber viel zuwenig für mich, der ich für Kaiser, Volk und Vaterland so oftmals mein Leben in die Schanze geschlagen habe! Meine Nachbarn haben nie wider einen mächtigen und bösen Feind gekämpft, haben einen gesunden und geraden Leib und können ihre Felder leicht bebauen. Ich habe wohl auch Diener und Dienerinnen, die mir arbeiten helfen; aber dennoch muß auch ich selbst die Hand ans Werk legen, wenn ich etwas Ordentliches haben will. Ich brauche freilich dem Kaiser keine Steuern und keinen Zehent zu geben, solange ich lebe, und auch meine Kinder bis ins fünfte Nachkommenglied nicht, besonders so einer meiner Söhne für Kaiser und Staat die Kriegsrüstung tragen wird. Aber das ginge unsereinem noch ab, nun auch noch dem Kaiser Steuern zahlen zu müssen! Aber dennoch, auch ohne Steuern, ist dieser sehr angesehene Lohn für mich viel zuwenig!‘
GEJ|4|238|6|0|Und so auf diese Weise schmollen denn auch die Seelen des untersten Himmels in einem fort, besonders wenn sie sich erinnern, daß sie viel ausgestanden haben und nun als Selige selbst arbeiten müssen, und das mit vielem Fleiße auch noch dazu, um sich den nötigen Lebensunterhalt zu verschaffen gleichwie dereinst als Menschen auf der Erde, nur mit dem leidigen Unterschiede, daß sie sich dort keinen übermäßigen Überfluß erwerben können; denn das gibt's drüben nicht, weil solches die Vorsteher der Vereine auf das sorgfältigste zu vermeiden und zu hintertreiben verstehen. Und so sind denn diese seligen Seelen nie so ganz glücklich, weil ihnen vermöge ihrer Natur immer etwas abgeht.
GEJ|4|238|7|0|Ja, es geht ihnen freilich so hübsch viel ab; aber das Abgängige ist für die meisten von ihnen so gut wie völlig für ewig unerreichbar, weil dazu die Grundelemente in ihnen gar nicht vorhanden sind. Sie gleichen auch den Menschen, die gar so gerne gleich den Vögeln in der Luft herumfliegen möchten und darum oft ganz traurig sind, weil ihnen als Menschen solche vorzüglichen Eigenschaften versagt sind, deren sich so viele unvernünftige Tiere in einem höchst vollkommenen Grade erfreuen können.
GEJ|4|238|8|0|Aber was nützt den Menschen solch ein Trauern? Es fehlen ihnen zum Behufe des Fliegens die Grundelemente, und so können sie trotz aller Trauer und trotz alles Schmollens dennoch nicht erreichen, was die Vögel besitzen, nämlich das herrliche, freie Fliegen.
GEJ|4|238|9|0|Nun habe Ich dir, du Mein Cyrenius, und euch allen so ganz klar gezeigt, zu welchen Erfolgen eine Seele jenseits durch ihre diesseitige Verweltlichung gelangen muß, weil ihr außer Meiner ohnehin alles umfassenden Ordnung durchaus nicht zu helfen ist, – außer man müßte ihr Sein ganz aufheben und ein fremdes an seine Stelle setzen, womit aber der Seele auch sicher nicht gedient wäre!
GEJ|4|238|10|0|Eine jede Seele muß sich entweder hier leicht oder jenseits schwer einmal selbst bilden, wozu ihr die Mittel eingepflanzt sind. Versäumt sie es hier, weil sie sich zu sehr von der Welt und ihren verlockenden Schätzen hat umstricken lassen, so wird sie es jenseits tun müssen. Auf welche Art und Weise, das habe Ich euch soeben ganz klar gezeigt und eure Herzensfragen zur Genüge beantwortet. Machet ihr nun keine gar zu freundlichen Gesichter dazu, so kann Ich euch dennoch nicht helfen und kann es unmöglich anders machen, wie es gemacht und gestellt ist; denn drei mal drei kann nie sieben, sondern stets nur neun sein und ausmachen! Der Apfelbaum muß ewig Äpfel und der Feigenbaum ewig Feigen als Frucht tragen!“
GEJ|4|239|1|1|239. — Der Einfluß einer falschen Erziehung auf das Gehirn
GEJ|4|239|1|0|(Der Herr:) „Um aber alles das noch heller und handgreiflicher zu verstehen, wollen wir zu dem Behufe das Gehirn hier zu Meiner Linken mit der größten Aufmerksamkeit in seinen weiteren Ausbildungsperioden verfolgen!
GEJ|4|239|2|0|Es ist bis jetzt noch ganz unverändert also zu sehen, wie es, schon im Mutterleibe verdorben, in die Welt ausgeboren wird. Wir werden aber nun gleich sehen, welches Gesicht und was für eine Farbe es annehmen wird, wenn das Kind etwa nach fünf Jahren Alters die ersten Züge einer verkehrten Erziehung bekommt, in der man da anfängt, sein Gedächtnis mit allerlei Auswendiglernereien zu belästigen und soviel als möglich zu verwirren.
GEJ|4|239|3|0|Sehet an, Ich will, daß nun die ersten Weltbegriffe dem Gehirne eingeprägt werden! Sehet nun nur recht genau her, und ihr werdet es leicht bemerken, wie die Obelisken vor einem oder dem andern zerstreut vorkommenden Gehirnpyramidchen ganz plump und mit einer sehr trägen Bewegung anfangen, auf eine Gehirntafel von einer Sache ein sehr mageres Bild mit einer ganz dunklen Substanz zu schmieren!
GEJ|4|239|4|0|Die erste Anlage ist kaum als etwas anderes als eine pure, ganz sinnlose Schmiererei anzusehen, daher die Seele solch eines Kindes sich anfangs in dem vorgesagten Sachbegriff auch lange nicht zurechtfinden kann. Hundert Male darf es dem Kinde vorgesagt oder vorgezeigt werden, bis es sich davon wohl endlich einmal eine gemerkte, aber immer nur eine höchst dunkle Vorstellung machen kann.
GEJ|4|239|5|0|Der Grund davon liegt erstens in der Unreife der etlichen, an und für sich selbst noch ganz ordentlichen Pyramidalgehirntäfelchen. Die vor ihnen angebrachten Zeichenstifte (Obelisken), selbst noch ganz schwach und ungeübt, werden mit äußerer Gewalt genötigt, zu zeichnen ohne die gehörige, aus dem Gemüte hervorgegangene Übung und ohne Besitz der rechten Substanz, und das auf die rohen, noch lange nicht zum Daraufzeichnen gehörig präparierten Täfelchen. Daher verrinnt das Bild immer von neuem wieder und muß nicht selten von den ordentlich genotzüchtigten Obelisken zum hundertsten Male von neuem gezeichnet werden, bis einmal ein Bild, ganz schwach nur, auf der unreifen Tafel haften bleibt.
GEJ|4|239|6|0|Und welchen Gewinn hat dann eine Seele von solch einem puren Schattenbilde? Sie erschaut nun bloß die matten äußersten Umrisse. Von einem Eindringen in die Sache selbst ist bei solch einem Bilde wohl von weitem keine Möglichkeit! Wer könnte aus einem matten Schatten eines Menschen ersehen, wie er innerlich beschaffen ist?! Durch vieles und mühsames Zwingen und Nötigen werden die brauchbaren Gehirntäfelchen zum größten Teile mit schwarzer Tünche übersudelt, auch die Gotteslehre wird gleich dem Einmaleins in das Gehirn hineingekeilt, und des Gemütes Bildung besteht bloß in den Raststunden von der materiellen Verstandeskeilerei.
GEJ|4|239|7|0|Erst, wenn der junge, geplagte Mensch nach zurückgelegten sogenannten ,Berufs‘verstandesquetschereien (Studien) irgendein Amt überkommen hat, wird sein Herz um etwas freier; er sieht sich nach einer ihm wohlgefälligen Maid um, um sie zum Weibe zu nehmen. Die kurze Zeit des eigentlichen Verliebtseins ist für den jungen Menschen noch die beste, weil während ihrer Dauer der Mensch doch ein wenig in seinem Gemüte eine kleine, wennschon sehr untergeordnete Erregung überkommt, durch die so viel Licht in sein Gehirn kommt, daß er sich erst mit Hilfe dieses wenigen Lichtes in allem dem, was er jahrelang mühsam erlernt hat, doch ein wenig praktischer auszukennen anfängt und also für ein weltliches Amt ein etwas tauglicheres Individuum wird.
GEJ|4|239|8|0|Menschen aber, die sogar von dieser Liebe in ihrem Gemüte nicht irgend wärmer erregt werden, bleiben höchst selbstsüchtige und stoische Pedanten, die sich fürderhin nicht um ein Haarbreit über ihre stereotyp besudelten Gehirntäfelchen erheben und in nichts anderem herumwühlen als nur in ihren Gehirnschattenbildern, deren Zahl keine große sein kann, und was noch da ist, ist finster, schwarz und fürs Sehvermögen der Seele rein unwahrnehmbar.
GEJ|4|239|9|0|Die Seele eines solchen Stoikers ist daher so gut wie vollends blind. Wie auch ein jeder sonst noch so scharf sehende Mensch in einer stockfinsteren Nacht ebensogut als vollkommen blind ist und sich zur Not nur mit dem Greifen fortbringen kann, also kann auch die Seele so eines rechten Selbstsüchtlers nicht etwa beschauen, was auf ihren Täfelchen gezeichnet ist, sondern weil bei einer so gänzlich verkehrten Gehirnbildung, wo nur durch oft wiederholtes Besudeln einer Gehirntafel ein Bild am Ende ganz stereotyp und plastisch auf derselben haften bleibt, durch irgendeine regere Gemütsbewegung, die nicht vorkommt, gar kein Licht ins Gehirn für bleibend aufsteigt, so muß sich die Seele aufs Befühlen ihrer finsteren, aber stereotypen Gehirntafelbilder verlegen.
GEJ|4|239|10|0|Weil aber eine solche verrumpelte Seele nur durchs Betasten ihrer bezeichneten Gehirntafeln sich ihre Weisheit schafft, so wird es etwa doch auch begreiflich sein, warum eine solche Seele in allem ihrem Tun und Lassen so abgemessen pedantisch und stereotyp wird und nichts als ein Etwas annimmt, was sie nicht allergröbst und materiellst mit den Händen greifen und betasten kann. Eine solche Seele hält am Ende auch das, was sie in der Außenwelt mit ihren Augen sieht, für eine optische Täuschung, und was sie hört, für Lüge; nur was sie nach allen Seiten hin mit den Händen betasten kann, hält sie für eine reelle Wahrheit. Wie es dann mit der Weisheit und höheren geistigen Kultur einer solchen Seele aussieht, davon kann sich ein jeder leicht einen Begriff machen, der dieses von Mir nun Gezeigte und hinreichend Erklärte nur einigermaßen aufgefaßt hat.
GEJ|4|239|11|0|Besehet nun noch einmal zum Überflusse dieses Gehirn links da! Es stellt nun gerade die finstere Weisheitskammer eines so recht stereotypen Weltweisen dar, und du, lieber Freund Cyrenius, als mit sehr scharfen Augen begabt, rede, was du darin nun alles erschaust!“
GEJ|4|240|1|1|240. — Das Gehirn eines Weltweisen
GEJ|4|240|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, das Vorder- wie auch das Hintergehirn sehen dunkelgrau auf ihrer Oberfläche aus; tiefer hinein ist trotz des darauffallenden Sonnenlichtes alles schwarz und finster, und die dazwischen herausglitzernden, weißgrauen Punkte stellen gar nichts vor. Und so bin ich denn eigentlich auch schon fertig mit allem, was da zu sehen ist. Nur eine Frage erlaube, o Herr, mir noch, und diese bestehe darin: Was hat es denn in diesem verdorbenen Gehirne mit jenen anderen Gehirngebilden, die als die Meistzahl keine pyramidale Bildung haben, für eine fürdere Bewandtnis?“
GEJ|4|240|2|0|Sage Ich: „Diese sind für nichts; sie sind eine wahre Wüste im Gehirne und erzeugen in der Seele bloß das leidige Gefühl eines unendlichen Nichtwissens und Nichterkennens. Und willst du solch einer Seele gleich von höheren, überirdischen Dingen und Verhältnissen etwas vorzureden anfangen, so wirst du bald die Bitte, davon zu schweigen, bekommen; denn so sie darüber weiter nachdächte, müßte sie offenbar ein Narr werden. Es ist darum mit solchen Menschen nichts zu reden, weil sie solches, wie du nun den wahren Grund einsehen kannst, unmöglich einsehen und irgend begreifen können. Sie werden ganz natürliche, irdische Dinge schwer oder gar nie völlig begreifen, geschweige geistige und himmlische.
GEJ|4|240|3|0|Siehe, ein Ochse hat auch ein Maul, im selben eine sehr bedeutende Zunge und Zähne und hat auch eine Stimme. Die Folge davon sollte sein, daß er auch ganz wohl sollte reden lernen; allein, versuche, ob du es mit einem Ochsen in zwanzig Jahren dahin bringen wirst, daß er dir nur ein einsilbiges Wort auszusprechen imstande sein wird! Und doch sage Ich dir, daß es eher noch möglich wäre, einen Ochsen reden zu machen, als einem mit solchem Gehirne versehenen Menschen etwas Übersinnliches als begreiflich beizubringen! Denn so du mit ihm von so etwas, das zu sehr über seinen beschränktesten Wissenshorizont steigt, wirst zu reden anfangen, so wird er dich höchstens ganz gutmütig auslachen und dich für einen Narren zu halten anfangen. Und wirst du es fortsetzen, ihn mit derlei für ihn zu fabelhaften Dingen zu belästigen, so wird er toll werden und dich ganz grimmig zur Türe hinausweisen!“
GEJ|4|240|4|0|Sagt Cyrenius: „Ja, wie wird man denn hernach solchen Menschen, deren es doch eine Unzahl gibt, Dein Wort vortragen?“
GEJ|4|240|5|0|Sage Ich: „Findet ihr bei den Menschen, zu denen ihr kommen werdet, ein teilnehmendes Herz, und werden sie euch aufnehmen in ihre Wohnungen, so bleibet und suchet vor allem ihr mit einigem Leben behaftetes Gemüt soviel als möglich zu beleben! Werdet ihr das tun, so wird solcher Menschen stets tätiger werdendes Gemüt anfangen, ein Licht im Gehirne zu verbreiten, und die Wärme dieses Lichtes wird dann anfangen, die Gehirntäfelchen mehr und mehr in eine erträgliche Ordnung zu bringen, und es werden dann solche Menschen für eine höhere Lehre bald aufnahmefähiger werden und so von Stufe zu Stufe emporsteigen zum stets reineren Lichte.
GEJ|4|240|6|0|Findet ihr aber ein ganz totes Gemüt bei dem, zu dem ihr kommet, da ziehet nur schnell weiter! Denn da sollet ihr die Perlen den Schweinen nimmer vorwerfen! – Verstehet das alles nun wohl! Wer noch in etwas nicht ganz im reinen ist, nun, der frage noch, und es soll ihm eine rechte Antwort werden! Sonst sollen die beiden Gehirne weggeschafft werden.“
GEJ|4|240|7|0|Kommt der alte Markus herbei und sagt: „Herr, es nahet der Mittag! Soll ich noch nicht fürs Mittagsmahl zu sorgen anfangen?“
GEJ|4|240|8|0|Sage Ich: „Das ist schon ganz löblich von dir, daß du Mich fragest; aber das Mittagsmahl für Seele und Geist, das aus Meinem Munde kommt, hat vor deinem leiblichen Mittagsmahle einen unberechenbar großen Vorzug! Daher wollen wir noch einige geistige Gerichte vorher verspeisen, und Ich werde es dir dann schon sagen, wann es an der Zeit sein wird, für ein leibliches Mittagsmahl zu sorgen! Gut ist gut, aber besser ist besser!“
GEJ|4|240|9|0|Mit dem gibt sich Markus ganz zufrieden und bleibt mit seinen Söhnen stehen, um zu sehen und zu hören, was da Weiteres vorkommen werde.
GEJ|4|241|1|1|241. — Die Frage nach dem Ursprung der Sünde
GEJ|4|241|1|0|Zugleich aber tritt auch der Oubratouvishar zu Mir und sagt: „Herr, Herr, wußten denn die weißen Brüder das ehedem nicht, was Du ihnen nun so weise erklärt hast? Bei uns, Dir alles Lob darum, wissen das sogar unsere Kinder; denn sie können sich alle inwendig beschauen und haben allzeit eine große Freude, wenn sie uns von ihren schönen Gärten, die sie in sich von Zeit zu Zeit beschauen, etwas erzählen können. Was haben denn diese weißen Brüder getan, daß sie solcher allerwichtigsten Anschauungen unfähig geworden sind? Wenn sie solcher allerwichtigsten Fähigkeiten bar sind, da sind sie ja eigentlich keine ordentlichen Menschen, sondern große Affen, wie sie bei uns vorkommen, nur um die Sprachfähigkeit vollkommener!
GEJ|4|241|2|0|Wir alle haben große Augen gemacht, als Du da bei diesen Gehirnen mit Erklärungen zum Vorscheine kamst, die uns doch nahezu noch bekannter sind als unsere Wohnhütten daheim. Wir sind freilich im ganzen organischen Baue unseres Leibes nicht bewandert, aber unser Gehirn kennen wir von Punkt zu Punkte. Es sind bei uns wohl noch sehr viele Täfelchen leer, da wir nichts haben, sie alle vollzuzeichnen; aber die da angezeichnet sind, die stehen gerade also da, wie Du sie nun beim rechten Gehirne als ganz in Deiner Ordnung gezeigt und überhinreichend klar erklärt hast. Aber wissen möchte ich wahrlich, wie denn diese Menschen das in sich gar nicht wahrnehmen mögen, was uns Schwarzhäuten doch für immer klarst ersichtlich ist! Was haben sie denn so ganz eigentlich angestellt? Wer hat da zu solch einem Verderben den Grund gelegt? Einer muß da einmal einen schlechten Grund gelegt haben; aber wer, warum und bei welcher Gelegenheit?“
GEJ|4|241|3|0|Sage Ich: „Wer da der eigentliche Urheber ist, danach forsche du nicht! Denn so manches liegt verborgen im Rate Gottes, was die Menschen auf dieser Erde nicht völlig auf den Grund zu wissen vonnöten haben! Wenn der Mensch nur weiß und erkennt, was zu tun ihm vor allem notwendig ist in Meiner Ordnung! Tut er das, wozu er die anweisenden Gesetze hat, gegeben aus den Himmeln, so wird bei ihm alles in der besten Ordnung sein; alles andere aber wird ein jeder Mensch, der Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst liebt und dadurch im Geiste wiedergeboren wird, vollkommen erfahren.
GEJ|4|241|4|0|Es handelt sich nun bloß darum, ob alle die weißen Brüder das alles wohl verstanden haben, und daß der Mensch, so er in sich verspürt eine Leere, fragt, was ihm noch fremd ist, und es soll ihm dann solches so hell als möglich berichtet werden. Das ist nun vor allem nötig! Das aber, um was du gefragt hast, wird jedem noch früh genug bekannt werden, wenn er zur Wiedergeburt seines Geistes gelangen wird.“
GEJ|4|241|5|0|Der Oubratouvishar ist damit ganz zufrieden und bespricht sich darauf in seiner Landeszunge mit den Seinen.
GEJ|4|241|6|0|Es tritt aber nun auch einmal wieder Mathael hervor und sagt: „Herr, Du unser Leben, Du unsere Liebe, da Du das Fragen erlaubt hast, so bitte ich im Namen meines Schwiegervaters, meines lieben Weibes und im Namen meiner vier Gefährten, daß Du über einen kleinen dunklen Punkt in dieser Sache uns ein rechtes Licht verschaffen möchtest! Es ist das gewisserart eine Rechtsfrage, und ich glaube, daß diese Dir gegenüber ein jeder Mensch, so er zum Gebrauche seiner Vernunft gekommen ist, ganz bescheiden aufzustellen berechtigt ist. Ist ja doch der Mensch ursprünglich nicht sein, sondern nur Dein Werk, was mir alle Himmel ewig nie in Abrede stellen können!
GEJ|4|241|7|0|Und so scheint mir denn besonders in der jenseitigen Führung der Geister oder eigentlich Seelen von sehr verdorbener Art bei Deinen Liebe- und Allmachtsmitteln der Weg doch ein wenig zu langwierig und zu hart zu sein! Es ist zwar wahr, daß Du uns auch in dieser Hinsicht schon gar vieles zur klarsten Rechtfertigung Deiner einmal von Ewigkeit her gefaßten und fest gestellten göttlichen Ordnung gesagt, gezeigt und erklärt hast; aber über alles das drängt sich mir denn doch noch diese wahre Rechtsfrage auf:
GEJ|4|241|8|0|Kann der Apfel darum, so ihn ein Sturm vom Aste gerissen hat, oder kann ein zersplitterter Baum darum, daß er einem verderblichen Blitze zur Zielscheibe dienen mußte, oder kann das ruhige Meer darum, wenn es durch die Wut eines Orkans zu berghohen Wogen aufgestaucht wird?! Was kann die Klapperschlange darum, daß ihr Biß tötend ist?! Und die Tollkirsche hat sich nicht selbst das Gift gegeben! Es treibt überall ein Keil den andern, und es kann am Ende keiner darum, daß er getrieben wird!
GEJ|4|241|9|0|Von einer hohen Felswand stürzte ein locker gewordenes großes und schweres Stück herab und machte zufällig bei einer zuunterst der Wand entlang weidenden Herde eine große Verheerung. Welcher Schuldige wird da den Schaden ersetzen? Wenn ich über einen Stein auf dem Wege in der Nacht gestolpert und endlich auch gefallen bin, wer ist da schuld daran gewesen, – die Nacht, der Stein, oder mein augenloser Fuß? Kurz und gut, es gibt da eine Menge der kitzlichsten Kreuz- und Querfragen, in denen allen eine wahre gegenseitige Verletzung des individuellen Urnaturrechtes mit Händen zu greifen ersichtlich wird! Von wem stammt sie prinzipiell?
GEJ|4|241|10|0|Ein Gleiches entdeckte ich nun beim Menschen. Diese Schwarzen sind noch im vollen Besitze der urmenschlichen Eigenschaften, – wir Weißen haben davon keine Ahnung bis auf diesen Tag gehabt! Ja, warum denn nicht? Es heißt: wegen unserer seelischen Verdorbenheit, und die Seele wieder mußte verdorben werden, weil des Menschen Gehirn schon im Mutterleibe verdorben wurde und späterhin noch mehr durch eine ganz verkehrte Erziehung! Und ich muß da offen der vom Oubratouvishar gestellten Frage beipflichten und sage denn auch: Ja, ja, die Menschheit ist schlecht und verdorben im Grunde und Boden; wer aber hat sie ursprünglich verdorben, und wer hat sie verderben lassen? Infolge solcher Verdorbenheit können die Menschen nur etwas ganz Verkehrtes wollen und können darum nie besser, sondern nur stets schlechter und elender werden!“
GEJ|4|242|1|1|242. — Scheinbare Ungerechtigkeiten der Seelenführung im Diesseits und Jenseits.
GEJ|4|242|1|0|(Mathael:) „Nun, auf dieser Welt tut es sich für manchen noch so ziemlich! Er macht sich irgendein Paradieslein, so gut er's nur kann und mag. Freilich müssen andere zu Tausenden dafür mehr leiden, und das darum, weil sie sicher nicht so gut verstanden haben, sich ein Paradieslein zu schaffen, wie der eine Pfiffige! Diese werden darum vor Neid und Zorn in ihrer Seele zerstört – und jener Paradiesleinbesitzer vor lauter Wollust und Üppigkeit! Die ersten sind verdammt vor lauter Not und Elend – und der Reiche wegen seines Wohllebens!
GEJ|4|242|2|0|Lassen wir aber die diesseitigen Verhältnisse, denn sie seien die Frucht der nun gründlichst bekannten Seelenverdorbenheit, und wenden uns zu den allerschaudererregendsten Folgen im einstigen großen Jenseits! Die Haare sträuben sich, nur daran ernstlich zu denken, in welch einen überscheußlich erbärmlichsten Zustand solch eine so oder so verdorbene Seele gerät! Welcher Fluch kann zu solch einer Darstellung einem menschlichen Munde die gehörig gefärbten Worte leihen?! Nur die größten Qualen des Zornfeuers in der Seele selbst können sie auf dem Wege einer namenlos bösen Witzigung in einen etwas erträglicheren Zustand bringen, wozu allzeit gleich so ein bißchen was von einer Ewigkeit, der Zeitendauer nach, erfordert wird! Wie gar viele Seelen werden sonach von jetzt an in Myriaden von Erdjahren gerade so erst recht ins tiefste und schauderhafteste Elend gelangen, um erst wieder nach abermaligen Myriaden von Erdjahren sich gerade etwa um ein Haar freier und somit erträglicher zu befinden!
GEJ|4|242|3|0|Herr, ich stelle das genau nach Deinen Worten auf und setze nichts hinzu, nehme aber auch nichts hinweg! Wenn ich nun einerseits Deine Allmacht, Güte und Liebe betrachte und anderseits die gewisse prinzipiell unverschuldete Verdorbenheit einer jeden elenden Seele und die nahe ewig dauernden Folgen der haarsträubendsten Art und am Ende aller der unbeschreiblichsten Qualen einen Seligkeitshimmel, der kaum um ein Haar besser als ein ganz wohlbestellter Sklavenstand auf dieser lieben Mutter Erde aussieht, da muß ich trotz aller der Gnaden, die Du, o Herr, mir erteilet hast, Dir offen bekennen, daß ich das mit meiner Vernunft höchst sonderbar finde und als Mensch, begabt mit einem fühlenden Gemüte, eine Ungerechtigkeit darin entdecke, gegen welche alle die von den Menschen begangenen größten und himmelschreiendsten Ungerechtigkeiten eine barste Null sind. Und ich bedanke mich ganz gehorsamst für ein solches Dasein, möge es am Ende hinauslaufen, wohin es wolle!
GEJ|4|242|4|0|Es ist schon ganz richtig von Dir, o Herr, gezeigt, wie ein jeder Mensch, um vor Deiner nackten Gottheit bestehen zu können, sich selbst wesenhaft gestalten muß, und wie Du ihm dazu nur die Gelegenheit und sonst nichts bieten kannst. Kurz, das alles sehen wir nun ganz gut ein, und es bedarf dafür kein erklärend Wort mehr. Aber daß Menschenseelen, die schon seit mehr denn tausend Jahren auf die gleiche Weise eingefleischt und sodann auf dieselbe Weise erzogen werden, wie sie leider nun besteht, im Jenseits darob nahezu ewig leiden sollen, um nur um ein Haar besser zu werden, das kommt mir in jedem Falle sehr hart vor! Du lehrtest uns selbst, mild, sanft und nachsichtig mit kranken Seelen zu verfahren! Ist aber eine kranke Seele hier auf dieser Welt nicht genesen, sondern tritt als noch durch und durch krank ins große Jenseits hinüber, – so ihr da kein Funke irgendeiner Liebe und Milde mehr erwiesen und erzeiget werden kann oder darf, da meine ich denn doch, daß auch hier Gnade und Liebe an die Stelle der zu strengen Ordnung und Gerechtigkeit treten könnten!
GEJ|4|242|5|0|Ich will es ja recht gerne zugeben, daß ein vollendetes Leben der Seele, mit dem Geiste aus Gott vereint, aller Güter höchstes ist; aber die Erfahrung lehrt daneben doch auch wieder, daß ein Gut dadurch viel an seinem Werte verliert, so man es irgend zu lange und mit großen Beschwerlichkeiten suchen muß.
GEJ|4|242|6|0|Jemand wollte sich ein Weib nehmen. Er kennt schon die Erwählte seines Herzens. Als er aber um deren Hand bittet, so werden ihm da Bedingungen gemacht, die er alle erst in tausend Jahren vollkommen lösen könnte, und die damit verbundenen Beschwerden sind von nahezu unbesiegbarer Art! Ja, ist es denn da ein etwa gar zu großes Wunder, wenn so ein Mensch am Ende gar kein Begehren nach dem Besitze des gewählten vornehmen Weibes mehr in seinem Herzen trägt und sich schon lange mit einer Maid ganz geringen Herkommens verheiratet hat, zu deren Gewinnung ihm ganz erträgliche und leicht zu erfüllende Bedingungen gestellt wurden?
GEJ|4|242|7|0|Darin, o Herr, also besteht mein hoffentlich ganz wohl begründeter Anstand und vielleicht eine Schwäche meines Herzens! Ich fragte Dich darum, weil Du uns alle Selbst aufgefordert hast, über etwas noch Unverstandenes zu fragen! So es Dir genehm wäre, könntest Du mich darin wohl mit Deiner Gnade erleuchten?“
GEJ|4|243|1|1|243. — Das Wesen Gottes. Des Erdenlebens notwendige Probeschwere
GEJ|4|243|1|0|Sage Ich: „Ja ja, das ist eben der Knoten, den Ich auf die Gehirnerklärung nicht nur in dir, sondern in mehreren von euch entdeckt habe, und Ich habe euch auch eben darum zu fragen aufgefordert.
GEJ|4|243|2|0|Es versteht sich ja von selbst, daß Gott, als die höchste und purste Liebe von Ewigkeit unverändert gleich, nimmerdar irgend lieblos sein kann, und daß Sie alle Ihr zu Gebote und zu Diensten stehenden Mittel auf das allerlebhafteste anwenden wird, um irgendeine wie immer kranke Seele zu heilen. Aber der Seele ihr eigenes charakteristisches Ich kann Sie nicht nehmen, sondern muß es belassen und die Seele in solche Zustände kommen lassen, die sie, wenn sonst alles nichts nützt, durch eine Art Witzigung zurechtbringen!
GEJ|4|243|3|0|In einem äußersten Falle kann dieser Weg freilich nur ein äußerst langwieriger werden; aber es trägt dann niemand die Schuld als die zu sehr starr- und eigensinnig gewordene Seele, die freilich das zumeist nur infolge dessen wurde, was Ich euch von ihrer Unvollkommenheit ehedem erzählt und erklärt habe.
GEJ|4|243|4|0|Aber es ist das ja der vollstarke, höchst eigene Wille der Seele; sie will es also und tut immer nur, was ihr gut dünkt! Nun, da geht es mit einem allmächtigen und also gewaltigsten Entgegenwirken nicht; denn das würde der Seele erst die allerunerhörtesten Qualen bereiten! – denn schon ein leisestes Einfließen bereitet ihr die unsäglichsten Schmerzen; was würde sie bei einem allzustarken Einfließen erst auszustehen haben?!
GEJ|4|243|5|0|Gott ist in Sich das höchste Feuer alles Feuers und das stärkste Licht alles Lichtes! Wer aber kann ein Feuer ertragen, wenn er nicht selbst Feuer, und das höchste Licht, wenn er nicht selbst Licht ist?! Da siehe das linke noch hier seiende Gehirn! Ersiehst du irgendein Feuer darin oder irgendein Licht, auch nur so stark leuchtend wie ein Sonnenwendkäferlein in der Nacht? Was gehört dazu, bis dieses Gehirn ganz Feuer und hellstes Licht wird?!
GEJ|4|243|6|0|Wollte Ich aber mit aller Gewalt hier einzufließen anfangen, so wirst du diese beiden Linksgehirnhaufen nicht mehr schauen; denn sie werden sofort in jene dir noch bekannten Feuerzünglein aufgelöst werden und sich zerstreuen, bis Mein Wille sie irgend erfaßt und aus ihnen ein neues Wesen bildet. Was ist aber dann mit dieser gegenwärtigen Wesenheit?!
GEJ|4|243|7|0|Damit aber kein Wesen, das einmal besteht, ewig je irgend in seiner seelischen Sphäre zerstört und in ein anderes Wesen übergehen kann und verlieren das Ur- Ich, so ist dahin Meine als ewig unwandelbar fest gestellte Ordnung ja auch gut! Und mag eine Seele mit ihrer Vollendung noch solange zu tun haben, so bleibt sie dennoch ihr eigenstes Ur-Ich und wird sich als solches auch für ewig unwandelbar erkennen, was denn hoffentlich doch tröstender ist, als so die Seele als völlig zerteilt in ein anderes Individuum übergehen würde, allwo alle Erinnerung an ein früheres Sein notwendig verschwinden müßte und keine Spur von einem früheren konkreten Sein übrigbliebe! Wozu wäre dann ein sich selbst frei bestimmendes Vorleben gut gewesen? Wäre da ein Mensch wohl besser daran denn ein kriechender Wurm im Staube?!
GEJ|4|243|8|0|Das Vorleben ist doch zumeist mit allerlei Drangsalen gesegnet. Der Mensch, und sei er ein Königssohn, muß von seiner Geburt bis zum Grabe hin so manche sehr schwere Probe mitmachen. Er hat sich oft tausend Pläne gemacht, die er alle auf das gelungenste ausführen wollte; aber es traten bald unvorhergesehene Hindernisse entgegen, und aus allen den schönen Plänen wurde nichts. An ihre Stelle traten allerlei Plackereien, Krankheiten, Verdrießlichkeiten, – kurz, auf einen Anmutstag kommen gewöhnlich fünf Tage, von denen keiner etwas besonders Erfreuliches aufzuweisen hat, und in einem Lebensjahre hat ein Mensch sicher dreißig ganz vollendet schlechte Tage gehabt!“
GEJ|4|244|1|1|244. — Das Ich des Menschen als eigener Herr seines Geschickes
GEJ|4|244|1|0|(Der Herr:) „Wenn man denn so das Leben des Menschen selbst in seinen irdisch günstigsten Verhältnissen durchmustert, so ersieht man es leicht, daß demselben eben nichts geschenkt ist. Vom Könige bis zum Bettler hat ein jeder mit des Lebenssommers Fliegen, die voll Stacheln sind, den Kampf zu bestehen, der durchaus nichts Anmutiges in sich faßt. In der Kindheit wird der Mensch mit der Schwäche geplagt, als Mann mit allerlei Sorgen und als Greis mit beiden, und die letzte Lebensstunde hat noch nie jemand für die angenehmste seiner Zeit gefunden.
GEJ|4|244|2|0|So schleicht das irdische Leben stets zumeist zwischen Dornen und Disteln hin, und wem diese nicht gefallen, der wird sich von dem Erdfleischleben am Ende wenig Angenehmes und Beseligendes vorzuerzählen imstande sein; und je eigenliebiger jemand war, desto mehr Beleidigungen hatte er auch zu bestehen gehabt. Wer sich jedoch, als am wenigsten eigenliebig, aus all den vorkommenden Lebenssommerstechfliegen und aus all den ihn verkleinernden und verunglimpfenden Dornen und Disteln nichts gemacht hat, und wen auch allerlei körperliche Leiden, Armut, öfterer Hunger und Durst, Kälte, schlechte Kleider und ebenso schlechte Wohnung und daneben noch allerlei anderes Elend nicht aus der Fassung gebracht haben, der wird am Ende seines Lebens noch von mancher Lebensanmut zu erzählen wissen, während selbst ein König trotz all des ihm gestreuten Weihrauches am Ende seiner Erdenlebensbahn über nichts als lauter Unzufriedenheiten über Unzufriedenheiten sich wird zu beklagen haben.
GEJ|4|244|3|0|Denn wo etwa lebt der König, der alles das, was er sich beim Antritte seiner Regierung vorgenommen hatte, in eine glückliche Ausführung gebracht hätte?! Weil aber solches unmöglich war und er am Ende manchen gar groben Rechnungsfehler bei sich selbst entdeckt hat, so ist er total unglücklich, und es ist eine alte, bekannte Sache, daß die Könige zumeist aus Folgen eines geheimen inneren Grames sterben.
GEJ|4|244|4|0|So befindet sich demnach der sich selbst bestimmende und bildende Mensch die Zeit seines Erdenlebens hindurch in seinem vollkommen bestimmten Bewußtsein seiner selbst, in und unter welchem er diese Erdenlebensprobe durchgemacht hat. Ob in oder außer Meiner Ordnung, das wollen wir nun in diesem Falle als einerlei annehmen; denn in jeder Hinsicht hatte das Erdenleben ihm wenig Anmutiges, aber dafür desto mehr allerlei Bitteres erwiesen. Darum auch die großen Weltweisen der Heiden auf der Welt gar niemanden glücklich preisen wollten, und sie nur jene glücklich priesen, die wieder in den Schoß der Erde zurückgekehrt sind.
GEJ|4|244|5|0|Was hätte denn dann eine Seele für alle die ausgestandenen Mühsale, so sie nach der Ablegung des Leibes ihr Bewußtsein als das unvertilgbare Ur-Ich verlöre und entweder gar aufhörete zu sein oder ihr Ich zerteilt bekäme in tausend andere Ichs?! Wäre von euch wohl jemand zufrieden mit solch einer Einrichtung Meiner Ordnung? Sicher niemand! Daher meine Ich, daß es dennoch immer besser sein wird, die Sache bei der alten Ordnung zu belassen und vor allem darauf zu sehen, daß ja wohl ewig nie jemandes noch so schlecht bestelltes Ich irgendeinen Schaden erleiden solle in seiner Identität!
GEJ|4|244|6|0|Daß ein Ich erst dann ein vollkommen glückliches werden kann und muß, wenn es, sich selbst bestimmend, in Meine Ordnung eingegangen ist, das wisset ihr nun vollkommen; denn darum habe Ich euch ja nun seit nahe sieben Tagen in einem fort gepredigt und habe euch zurückgeführt auf die Urwurzeln aller Schöpfung der Geister- und Sinnenwelt. Daß aber im Gegenteil eine Seele auch so lange in keine wahre und dauernde Glückseligkeit eingehen kann, als bis sie nicht, sich selbst frei bestimmend, in Meine Ordnung eingegangen ist, das habe Ich euch auch schon gar vielfach gezeigt durch Worte, Taten und viele schaubare Beispiele und habe es euch wiederum durch Worte dargetan. Wie kann hernach irgendeine Lieblosigkeit, Unbarmherzigkeit, Härte und Ungerechtigkeit in Mir vorhanden sein? Oder kannst du das, was zum Sein eines Menschen notwendig ist, wohl eine Härte in Mir nennen? Ja, mit einem Grane [Gran ist eine alte, kleine Gewichtseinheit] weniger Geduld und mit um ebensoviel weniger Langmut wäre Ich hart und ungerecht; aber also durchaus nicht!“
GEJ|4|245|1|1|245. — Die selbständige Entwicklung der Menschenseele zur Kindschaft Gottes
GEJ|4|245|1|0|(Der Herr:) „Daß du, Mathael, aber sagst, daß am Ende dennoch auf Mich die Schuld falle, daß mit der Länge der Zeiten die Menschen in eine so gänzliche böse Lebensverkehrtheit übergegangen sind, in der sie offenbarst zugrunde gehen müßten, da stelle Ich dir auch gleich das entgegen und sage: Seelen, wie die dieser Schwarzen, sind bis jetzt zur Kindschaft Gottes noch nicht berufen gewesen, und als das, was sie vorzustellen haben, genügte ihnen eine mehr stereotyp fest erhaltene Vollkommenheit ihrer Seele; denn sie ist nicht etwa als eine besondere Folge ihrer vortrefflichsten Selbstentwicklung anzusehen, sondern sie ist ihnen gegeben gleichwie ihre schwarze Haut. Wenn sie aber auch die Kindschaft Gottes werden erreichen wollen, dann wird ihnen dieses alles nicht mehr gegeben werden, sondern allein die Lehre.
GEJ|4|245|2|0|Werden sie nach dieser sich selbst bestimmen und suchen, die Vollendung ihrer Seele aus eigenen Kräften zu erstreben, und dadurch erwecken in sich Meinen Geist der Liebe, sodann werden sie freilich gleich sein wie ihr nun; aber solange ihre Seelenvollkommenheit zu zwei drittel Teil eine gegebene und nur zu einem Teile eine selbsterworbene ist, können sie mit solch einer Seelenvollkommenheit den Geist in sich nimmer erwecken und bleiben auch jenseits das, was sie hier sind: ganz gute, aber mehr mechanisch selige, vollkommene Seelen, bei denen die Grenzen der Seligkeit denn sicher notwendig fest gestellt sein müssen, was nimmer anders zu denken möglich ist.
GEJ|4|245|3|0|Wo das eine und Vorhergehende gegeben ist, da kann das daraus Hervorgehende und darauf Folgende doch sicher keine freie Selbsterworbenheit sein; denn wer dir den Kopf gegeben hat, der hat dir doch sicher auch die Hände, den Leib und die Füße hinzugegeben! Oder meinst du wohl, daß diese von selbst aus dem Kopfe hervorgegangen sind?
GEJ|4|245|4|0|Ah, ganz was anderes ist es bei einer sich selbst bestimmenden und sich selbst nach dem vernommenen Gottesworte ausbildenden Seele! Was die hat, das ist ihr volles Eigentum, und sie kann sich daraus tausend Himmel erbauen und mehr; denn sie hat nun ja ihren eigenen Stoff und ihre eigene Materie und durch ihren in ihr erweckten Geist der Liebe auch die vollkommen gottähnliche Kraft, solches zu tun und so vollkommen in allem zu sein, wie auch der Vater im Himmel vollkommen ist! – Und nun weiter!
GEJ|4|245|5|0|Mit einer Seele, wie da diese Schwarzen sie zuversichtlich besitzen, ist jenseits leicht und bald fertig zu werden; denn was sie hat, das hat sie, und es bleibt ihr. Sie hat für sich ewig kein höheres Bedürfnis und ist vollkommen glücklich, gleich einer Biene, wenn sie einen reichen, mit Honig gefüllten Blumenkelch angetroffen hat; aber über diesen Honig hinaus fühlt sie für ewig kein Bedürfnis. Wenn die Biene hat, was sie gesucht, dann hat sie schon alles; alle die anderen Schätze der ganzen Unendlichkeit sind ihr eine Null.
GEJ|4|245|6|0|Aber ganz anders verhält es sich mit einer sich selbst vollkommen machenden Seele! Um das realisieren zu können, mußten ihr ja doch alle dazu nötigen Mittel vollkommen zu Gebote gestellt werden, durch die sie, wenn sie dieselben gebrauchen will, notwendig und unfehlbar die Vollendung erreichen muß; aber die dazu erforderlichen Mittel werden der Seele, die zur freien Kindschaft Gottes berufen ist, doch sicher niemals aufgedrungen, sondern ihr nur gestellt, so wie da einem weisen Baumeister die Materialien, die zum Aufbaue eines Hauses notwendig sind. Von da gebraucht sie der Baumeister nach seinem hocheigenen Gutdünken und erbaut daraus ein Haus nach seiner Ansicht und nach seinem Geschmacke, und das erbaute Haus ist dann vollkommen sein Werk und nicht etwa ein Werk dessen, der ihm das Material gestellt hat. So du aber auch das beste Material gestellt hast, um dir ein gutes Wohnhaus zu erbauen, du erbaust es aber nicht selbst, sondern berufst dir einen Baumeister, der dir das verlangte Haus erbaut, kannst du da auch sagen: ,Sehet, dies nun schöne und bestens eingerichtete Haus ist mein Werk!‘? Sicher nicht; denn das Haus bleibt immer ein Werk dessen, der es erbaut hat nach seinem Gutdünken und Erkennen!
GEJ|4|245|7|0|Und siehe, ebenso sind die vollendeten Seelen der Schwarzen nicht ihr Werk! Sie sind freilich gar sehr wohl erbaut, aber die Schwarzen haben nur wenig dazu beigetragen. Weil aber also und nicht anders, so können sie vorderhand die Kindschaft Gottes nicht erreichen; aber würde es etlichen auch erteilt werden, diese zu erreichen, dann würden ihre Seelen gleich unvollkommener auszusehen anfangen. Da aber einer zur Kindschaft Gottes berufenen Seele nur das Material zum Baue ihrer selbst zu geben ist und daneben die Lehre, wie der Bau zu führen ist, so ist es wohl sicher einsichtlich zur Genüge dargetan, daß einer jeden Seele auch jenseits nicht mehr getan werden darf, so sie in ihrer Ichheit verbleiben soll. Ist dann eine Seele noch so verdorben, so darf sie dennoch nicht mit Meiner Allmacht ergriffen werden, sondern es wird ihr nur das Material in dem Maße gestellt, als sie es zu verarbeiten imstande ist; es darf ihr auch nicht mehr aufgebürdet werden, als wie groß da ist ihre Kraft.“
GEJ|4|246|1|1|246. — Gottes Gründe für die selbständige Vollendung einer freien Menschenseele.
GEJ|4|246|1|0|(Der Herr:) „Nun ist aber eine sehr verdorbene Seele auch gewöhnlich und eigentlich immer sehr schwach, so daß sie nicht einmal ihre Menschenform aufrechtzuerhalten imstande ist und daher jenseits gewöhnlich in einem halb-, manchmal auch ganztierischen Zerrbilde erscheint. Nun, da wird ihr, nach und nach freilich, mehr und mehr Kraft, ihr unbewußt, verliehen; aber da wird die größte Vorsicht angewendet, auf daß dadurch die Seele in ihrer Ichheit ja nicht gestört werde. Zugleich verursacht solch eine Unterstützung stets große Schmerzen, weil eine solche schwache Seele äußerst empfindlich und reizbar ist.
GEJ|4|246|2|0|Würde Ich sie auf einmal mit zu viel Kraft aus den Himmeln versehen wollen, so würde solch eine himmlische Munifizenz (Freigebigkeit) die Seele in eine allergräßlichste Schmerzverzweiflung bringen, wodurch sie endlich verschlossen würde ärger denn ein Diamant und in sie nichts mehr hineinzubringen wäre, bevor man sie nicht gänzlich auflösete, wodurch ihr Ich freilich einen derartigen Stoß erleiden würde, dem dann nicht leichtlich ein selbstisches Gegengewicht, als von der Seele ausgehend, gestellt werden könnte. Es ginge dadurch das sich selbst bewußte Ich auf wenigstens eine Äone von Erdjahren verloren und müßte sich von da an wieder zu sammeln und zu erkennen anfangen, was der Seele in ihrem freien, unkörperlichen Zustande um vieles schwerer ist denn hier, wo sie den Leib als ein tauglichstes Werkzeug zu dem Behufe hat.
GEJ|4|246|3|0|Dich, Mein lieber Mathael, hat die außerordentliche Länge der Zeit allzusehr in eine Beklemmnis gebracht; aber würdest du einsehen, was dazu gehört, eine Seele derart frei darzustellen, daß sie das wird, was sie nun schon in dir ist, so würdest du an der Länge der Zeit sicher keinen Anstoß genommen haben! Was meinst du wohl, wie lange es hergegangen sein mochte, bis du als nun schon sehr vollendeter Seelenmensch diesen deinen gegenwärtigen Lebensgrad erreicht hast? Wenn Ich dir alles vorrechnen würde, da würde dich ein Grauen erfassen, und du würdest das nun noch lange nicht zu fassen imstande sein! Unser Raphael aber weiß es wohl und fasset es in der rechten Tiefe der Tiefen.
GEJ|4|246|4|0|Aber so viel kann Ich dir wohl sagen, daß hier niemandes Seele jünger ist denn die ganze sichtbare Weltenschöpfung! Du fühlst dich nun unbehaglich darob, so Ich dir der Wahrheit getreu sage, daß eure Seelen schon viel mehr als äonenmal Äonen von Erdjahren alt sind; sollte etwa Ich Selbst Mich auch darum unbehaglich zu fühlen anfangen, weil Ich ewig bin und unter Mir und aus Mir schon Äonen von Vorschöpfungen bloß um euretwillen in für euch nie denkbar langen Zeiten erfolgt sind?!
GEJ|4|246|5|0|Ja, Mein Freund, eine Sonne, eine Erde und alle die Dinge auf ihr zu erschaffen, ist eine leichte Sache! Dazu bedarf es keiner so langen Zeit. Auch gerichtete Tier- und Pflanzenseelen erschaffen, ist nicht schwerer. Aber eine Seele herzustellen, die in allem Mir völlig ähnlich sei, ist auch für den allmächtigen Schöpfer eine durchaus schwere Sache, weil Mir da die Allmacht nichts nützen kann, sondern nur die Weisheit und die größte Geduld und Langmut!
GEJ|4|246|6|0|Denn bei der Hervorbringung einer Mir völlig ähnlichen Seele, also einer zweiten Gottheit, darf Meine Allmacht nur sehr wenig, alles aber der neu werdende Gott aus Mir zu tun und zu versehen haben. Von Mir aus bekommt er nur das Material geistig und nach Bedarf auch naturmäßig. Und wäre es nicht also, und könnte es anders sein, so würde Ich wohl nicht, als der ewigste Urgeist, Mir Selbst infolge Meiner Liebe die saure Mühe aufgebürdet haben, Selbst Fleisch anzunehmen, um die bis zu einem gewissen Punkte gediehenen Seelen nicht etwa durch Meine Allmacht, sondern lediglich durch Meine Liebe weiterzuleiten und ihnen zu geben eine neue Lehre und den neuen Gottgeist aus Mir, auf daß sie nun, so sie es ernstlich wollen, mit Mir in kürzester Zeitenfrist vollkommen eins werden können.
GEJ|4|246|7|0|Ich sage es euch: für Meine ewigen Vorarbeiten fängt nun erst die Ernte an, und ihr werdet wohl Meine ersten ganz vollendeten Kinder sein, was aber noch immer bei eurem und nicht bei Meinem Willen steht. Und nun meine Ich, daß du, Mathael, Mich bei dir wohl entschuldigen wirst, da du nun hoffentlich alles das einsehen wirst, was du früher noch nicht eingesehen hast! – Bist du nun im klaren?“
GEJ|4|247|1|1|247. — Vom Besessensein. Die langsame Ausbreitung des Evangeliums
GEJ|4|247|1|0|Sagt Mathael: „Ja, Herr, darin bin ich nun vollends im klaren; aber ich war ja auch samt meinen vier Gefährten unter dem Hunde schlecht, ich war ein Teufel, und dennoch hat Dein allmächtiger Wille mich schnellst geheilt, und ich habe darum das Selbstbewußtsein und die Erinnerung an alles Frühere nicht verloren! Wie ist denn hernach das? Da hat doch Deine Allmacht uns schnellst völlig geholfen!“
GEJ|4|247|2|0|Sage Ich: „Ja, Mein Freund, das war ein ganz anderer Fall; da waren nicht eure Seelen, sondern lediglich nur eure Leiber dadurch verdorben, daß sich in deren Eingeweiden eine Menge böser Geister eingenistet hatten! Diese bemächtigten sich insoweit des leiblichen Organismus, daß sie darin schalten und walten konnten, wie sie wollten, und eure Seelen zogen sich unterdessen, als gegen die Masse der Geister noch viel zu wenig kräftig, zurück und mußten die argen Geister im Leibe schalten und walten lassen, wie diese es nur immer wollten.
GEJ|4|247|3|0|Dadurch aber litten eure Seelen nicht den geringsten Schaden; denn es werden solche Besitznahmen auch nur da zugelassen, wo einen Leib eine schon insoweit gediegene Seele bewohnt, daß ihr die argen, noch höchst unreifen Seelengeister aus dem Jenseits, so sie sich wegen ihrer vermeinten Besserung noch einmal eines Fleisches bedienen, durchaus nichts anhaben können.
GEJ|4|247|4|0|Da ist Meine leiseste Machtäußerung hinreichend, um tausendmal tausend solcher Seelen aus dem Leibe zu schaffen, wovon dich ein heute noch erfolgendes Beispiel noch mehr überzeugen wird. Sind die Geister einmal aus dem Leibe, so wirst du freilich eine bedeutende Schwäche in dem Leibe verspüren, die so lange anhält, bis die Seele sich wieder des gesamten Leibesorganismus bemächtigt hat. Ist dieser Aktus bald erfolgt, so beherrscht den Leib wieder die alte, ganz gesunde Seele; da ist also nur dem Leibe und nicht der Seele durch Meine Allmacht geholfen worden. Wo aber eine Seele in sich selbst zerstört ist durch ihr Wollen, da kann Meine Allmacht nicht helfen, sondern nur die Liebe, Lehre und Geduld, weil eine jede Seele selbst zu bauen anfangen und sich mit dem ihr verschafften Materiale selbst vollenden muß. – Verstehst du nun das? Wenn dir noch etwas unklar ist, da frage nur weiter; denn nun ist die Zeit der vollkommenen Aufklärung über alles da, und ihr bedürfet viel Lichtes, um alle andern in allen ihren finsteren Lebensgemächern bestens zu erleuchten!“
GEJ|4|247|5|0|Sagt Mathael: „Herr, Du allein Weisester und Liebevollster von Ewigkeit! Ich bin nun ganz im klarsten Lichte und glaube, in meiner Lebenskammer der Seele wenig Finsternis mehr zu besitzen; aber wie es mit manchen andern steht, das weißt Du, o Herr, natürlich ganz allein! Bei meinem Schwiegervater und bei meinem Weibe wird's wohl noch so manches dunkle Kämmerlein geben; allein da werde ich mit Deiner Gnade und Hilfe schon das Abgängige getreulichst nachtragen!“
GEJ|4|247|6|0|Sage Ich: „Tue das nur; denn dein Schwiegervater und dein Weib waren bis jetzt noch Heiden, aber Heiden von der besten Art, von denen Ich sagen kann: Da ist Mir einer lieber denn tausend Abkommen Israels zu Jerusalem und auch in den andern zwölf Städten des ganzen Gelobten Landes! Denn diese alle wollen von einem nahen Gott nichts hören und wissen; ein irgendwo unendlich weit entfernter Gott ist ihnen lieber, weil sie geheim bei sich in ihrer groben Dummheit denken, daß ein irgendwo endlos weit fern stehender Gott doch leichter zu täuschen sei als ein sehr nahe stehender!
GEJ|4|247|7|0|O des gröbsten Irrtums unter den Juden in dieser Welt! Aber was kann man da wieder anderes tun, als mit aller Geduld und selbst mit der Aufopferung des eigenen Fleischlebens, so es nötig wäre, die Menschen durch Lehre und entsprechende Taten zum Urlichte alles Seins und Lebens zurückzuführen?!
GEJ|4|247|8|0|Und das ist nun Meine Mir Selbst gestellte Aufgabe für euch, und die eure an die Nebenmenschen wird folgen! Freilich dürfet ihr euch nicht der Hoffnung hingeben, als werde das alles schon in wenigen Jahren erfolgen können! Ich sage es euch: In tausend Jahren und darüber wird mehr denn die halbe Bevölkerung der Erde von diesem Meinem Worte noch nicht eine Silbe vernommen haben!
GEJ|4|247|9|0|Aber es macht das eben nicht soviel Schädliches an der Sache; denn auch jenseits wird den Geistern aller Weltteile dieses Evangelium gepredigt werden. Seid aber hier darum dennoch voll Eifers; denn die rechte Kindschaft Gottes für Meinen innersten und reinsten Liebehimmel wird nur von hier aus zu erlangen sein! Für den ersten und auch zweiten Himmel kann noch jenseits Sorge getragen werden.“
GEJ|4|248|1|1|248. — Vom Wunderwirken zur rechten Zeit
GEJ|4|248|1|0|(Der Herr:) „Du, Mathael, bist denn nun vollkommen im klaren, das heißt insoweit eine Menschenseele im klaren sein kann, solange sie noch nicht völlig eins mit ihrem Geiste geworden ist; daher lasse dein Licht denn auch leuchten vor allen deinen Brüdern! Erwecke aber auch deinen Glauben an die Kraft Meines Namens; denn nur in Meinem Namen wirst du im Falle der Notwendigkeit auch Zeichen tun können vor den Menschen für die erste Erweckung des Glaubens an Mich!
GEJ|4|248|2|0|Denn wer Mein Wort den Menschen predigt und kann aber nichts wirken durch die Macht desselben, der ist noch ein schwacher Diener Dessen, der ihn gesandt hat, zu bringen den Völkern der Erde das neue Wort alles Lebens aus den Himmeln.
GEJ|4|248|3|0|Ich will aber damit nicht etwa sagen, als solle sich ein rechter Apostel Meiner Lehre stets und allzeit produzieren vor den Menschen, um dadurch Meiner Lehre bei den Völkern der Erde Eingang zu verschaffen. Nein, das sei ferne; denn die Wahrheit muß für sich selbst sprechen, und wo sie nicht verstanden wird, da folge eine nähere Erklärung, und das so lange, bis die Wahrheit für sich begriffen wird! Aber dennoch kommen eben bei der Erklärung Fälle vor, wo die Erklärung allein besonders bei noch sehr rohen und ungeschlachten Völkern nicht hinreicht; da ist es dann sehr notwendig, auch durch ein mäßiges Zeichen die Erklärung selbst in ein helleres Licht zu stellen.
GEJ|4|248|4|0|Doch soll ein gewirktes oder noch zu wirkendes Zeichen niemals von einer zu grellen und schlagenden Art sein, durch das die Menschen in eine große Angst und Furcht und dadurch auch in ein sie nötigendes Gericht geraten könnten; denn dadurch würde für die freie Entwicklung der Seele aus sich selbst wenig oder nichts gewonnen sein.
GEJ|4|248|5|0|Ein zu wirkendes Zeichen hat demnach stets einen solchen Charakter anzunehmen, daß es fürs erste stets in einer besonderen Wohltat besteht und stets in der Art, als folge diese auf den Glauben dessen, dem die außerordentliche Wohltat erwiesen wurde; und fürs zweite muß das Zeichen von der Natürlichkeit nie so weit abstehen, daß auch ein sogenannter Weltweiser keinen natürlich erklärenden Weg mehr übrig hätte! Bei den sogenannten Weltaufgeklärten muß das Zeichen sie wohl stutzen, aber niemals völlig glauben machen; denn diese haben schon immerhin so viel Begriffsfähigkeit, eine Wahrheit auch ohne Zeichen als das gar wohl zu erkennen, was sie ist.
GEJ|4|248|6|0|In dieser Zeit der Magier und Zauberer aber können die Zeichen schon so ziemlich stark und handgreiflich aufgetragen werden; denn wo nun auch ein Zeichen gewirkt wird, haben die Menschen zuvor schon hundert Zaubereien von persischen und ägyptischen Magiern aufführen sehen, und es macht darum ein von uns gewirktes Zeichen eben keinen besondern Eindruck bei den Weltweisen. Zudem sind wir auch von den Essäern nach allen Seiten hin umlagert, die vor dem blinden Volke mit Leichtigkeit allerlei Zeichen tun, um es mit der Zeit ganz für sich zu gewinnen. Und so machen nun unsere stärker und wunderbarer auftretenden Zeichen das Volk im allgemeinen wenigstens stutzen, wenn sie es auch nicht völlig überzeugen, und das ist gerade das rechte Maß, und es wäre dem Volke zu keinem Heile, so wir mit den Zeichen noch einen größeren Aufwand machten.
GEJ|4|248|7|0|Wenn Ich alle die Kranken heile, ja sogar die Toten auferwecke, so macht das eben vor dem Volke den Essäern gegenüber kein zu großes Aufsehen, – wohl aber bereitet das den Templern einen möglichst größten Ärger, die aber auch den ihnen gerade auf der Nase sitzenden Essäerorden schon lange zu allen Teufeln gewünscht haben. Denn seit sich dieser auch in Judäa breitgemacht hat, tragen den Pharisäern ihre Wunderkuren gar nichts mehr ein, und das macht alles der Essäer pfiffige Erweckung der Toten, ein uns zwar sehr wohlbekanntes, aber den Pharisäern total unbekanntes Geheimnis.
GEJ|4|248|8|0|Es ist aber auch ein ordentlicher Scherz, da Ich gerade ein Wasser auf die Mühle der Essäer bin, und ihr werdet es noch erleben, daß man zu euch sagen wird, daß auch Ich ein aus der Schule dieses Ordens hervorgegangener Jünger sei und arbeite nun für das Gedeihen dieses Ordens, der nun selbst der Meinung ist, daß er moralisch bald alle Welt beherrschen werde. Diesen Orden haben wir daher vorderhand nicht wider uns, und er dient uns, auch ohne uns eigentlich dienen zu wollen; denn er mildert uns unsere Zeichen vor dem Volke am meisten, und es bleibt daneben den Menschen noch immer ein großer, freier Spielraum ihrer Gedanken und mannigfachen Urteile. Ansonst dürften wir mit unseren Zeichen nicht einen so mächtigen Zug tun!
GEJ|4|248|9|0|Ich habe aber das alles für diese Zeit also vorgesehen und alles also entstehen und werden lassen, daß wir nun daneben ganz leicht und in allem unbeirrt für das wahre, freie Heil der Menschen möglichst vieles wirken können, ohne jemanden durch unser Wirken zur Wahrheit hin besonders zu nötigen. Für diese Zeit machen demnach unsere stark aufgetragenen Zeichen kein besonderes Aufsehen für den oberflächlichen Betrachter. Nur wer bei uns tiefer eingegangen ist, der wird zwischen den von Mir gewirkten Zeichen und zwischen jenen der Magier und der Essäer freilich wohl gleich einen unaussprechlich großen Unterschied finden. Aber dem wird diese Erkenntnis darum auch keinen Schaden an seiner Seele zufügen, weil er schon zuvor die Wahrheit erkennen mußte, bevor er imstande war, einen wahren Unterschied zwischen Meinen und der Essäer Zeichen zu finden. Er ist sonach schon rein, und dem Reinen ist dann alles rein.“
GEJ|4|249|1|1|249. — Das Zeichenwirken bei der Ausbreitung der Lehre des Herrn
GEJ|4|249|1|0|(Der Herr:) „Ich könnte nun auch für Jerusalem Zeichen wirken, durch die ganz Jerusalem derart breitgeschlagen würde, daß es sich sicher nicht zwei Augenblicke lang bedünken ließe, im Glauben an Mich ordentlich sich anschmieden zu lassen; aber was wäre das für ein Glaube? Das wäre Sklavenglaube aus Furcht und Angst und wäre den Menschen ein Gericht, aus dem sie sich in mehreren tausend Jahren nicht mehr zurechtfinden würden!
GEJ|4|249|2|0|Denn blinder, fanatischer Glaube, ob auf Wahrheit oder Lüge beruhend, hat einmal fürs Leben keinen inneren Wert, und ist in der Folge schwer irgendwann mehr von einem davon befangenen Volke zu entfernen. Und solange ein Volk in einem fanatischen Glauben lebt, steht es geistig im Gerichte und somit in der tiefsten Seelensklaverei, und es ist ihm nicht zu helfen, weder hier noch jenseits, außer durch einen langwierigen Unterricht durch Worte und Taten und durch eine allergründlichste und zugleich faßlichste Erklärung alles des Wunderbaren, das eigentlich des Volkes Seelen gefesselt hielt.
GEJ|4|249|3|0|Das beste Mittel aber ist das Schlecht-, Falsch- und Lügenhaftwerden der Priester, die späterhin sich noch bei jeder Gotteslehre wie Pilze aus der Erde herangebildet haben und sich dann dem Volke als Stellvertreter der Gottheiten aufdrangen, – zuerst freilich als weise und ganz sanfte Ermahner, Belehrer, Tröster und Hilfeleister, und später, wenn sie sich einmal so recht in die Gunst des Volkes gesetzt hatten, aber dann auch schon als Richter, als Bestrafer und als Herrscher über die Throne der Könige sogar!
GEJ|4|249|4|0|Nun, da geschieht es dann zumeist, daß das Volk hinter ihre argen Kniffe gelangt, und der alte, faulgewordene, fanatische Glaube fängt an, morsch zu werden und stets größere Risse und Löcher zu bekommen; und es mag da an ihm noch so emsig herumgeflickt werden, so nützt das nichts mehr, und es gibt dann schon bald wenige mehr, die nicht bei der nächsten besten Gelegenheit sogleich den alten, ganz zerflickten, engen Rock gegen einen neuen umtauscheten. Aber bis ein Volk dahin gebracht wird, dazu gehören mindestens ein paar Tausende von Jahren!
GEJ|4|249|5|0|Daher seid denn wohl äußerst vorsichtig bei der Ausbreitung Meiner Lehre, daß ihr sie ja niemandem aufdränget, weder durch das Schwert und noch weniger durch zu auffallende Zeichen! Die Wunde mit dem Schwerte ist zu heilen, aber die eines zu grellen Wunderzeichens nahezu nimmer.
GEJ|4|249|6|0|Wo ihr demnach mit dem Worte ausreichet, da wirket ja keine Zeichen; denn diese sind bis jetzt noch allzeit die Mittel der falschen Propheten gewesen, mit denen sie allezeit die blinden Völker noch blinder gemacht haben, als sie ehedem waren. Ich will aber damit freilich nicht sagen, als sollet ihr auch im Notfalle keine Zeichen wirken! Ihr werdet kommen zu allerlei Heiden, deren Priester sich gar wohl darauf verstehen, allerlei Zeichen zu wirken und allerlei Weissagungen zu machen, die entweder infolge einer feingestellten, doppelsinnigen Diktion oder durch weitverzweigte, verabredete Mittel allzeit in die Erfüllung gehen, was da alles eine Eingebung des Satans und seiner Engel ist, und was alles sich in dem bösen Willen und Wollen des Menschen kundgibt.
GEJ|4|249|7|0|Also solchen erzfalschen Propheten gegenüber ist es am rechten Platze, entweder ein tüchtiges Gegenzeichen zu wirken oder dem besseren Teile des Volkes die falschen Wunder seiner Priester so recht augenfällig zu erklären; dadurch fängt wenigstens der bessere Teil des Volkes an, starken Verdacht gegen seine Priester zu schöpfen, und ihr habt dann schon so gut wie ein gewonnenes Spiel.
GEJ|4|249|8|0|Darauf erst könnet auch ihr ein aber stets nur wohltätiges Zeichen wirken, als etwa allerlei Kranke heilen durch die Auflegung der Hände in Meinem Namen, und hie und da sättigen die Hungrigen und Durstigen, auch hie und da abwenden einen verheerenden Sturm durch die bloße Nennung Meines Namens gegen die unheilschwangeren Wolken in der Luft, die bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich voll der zotigsten und ärgsten Geister sind. Dadurch werdet ihr keines Menschen Seele wie mit Ketten gefangennehmen, sondern sie also ganz freien Ganges führen, wie da führet ein guter Hirte seine Lämmer, die ihm auf jedem Schritt und Tritt freiwillig gerne folgen, weil sie stets nur lauter Gutes von ihm zu erwarten haben.
GEJ|4|249|9|0|Nun weißt du, Mein lieber Mathael, auch, wie du vollkommen Meinem Willen gemäß mit der Ausbreitung Meiner Lehre durch Wort und Tat bei den Völkern, über die du künftighin gebieten wirst, vorzugehen hast, und desgleichen auch deine vier Gefährten!“
GEJ|4|250|1|1|250. — Schwierigkeiten beider Verbreitung der reinen Lehre
GEJ|4|250|1|0|(Der Herr:) „Du wirst aber besonders in den nördlichsten Teilen deines Reiches, das dereinst wohl der Erde größtes werden wird, gar überaus finstere Heiden antreffen, bei denen es sehr schwer sein wird, das Licht der Wahrheit unter sie zu bringen; tue ihnen aber von deiner verliehenen Macht keine irgend zu harte Gewalt an! Du kannst sie schon, wo es nötig ist, irgend mit einem rechten Ernste angehen, aber ja nicht mit dem Schwerte oder mit zu auffallenden Zeichen; denn das Schwert würde ihnen nur äußerlich den alten, tief eingewurzelten Aberglauben nehmen, ihn innerlich aber noch um so bitterer befestigen. Mit gar zu grellen Zeichen aber würdest du bloß einen Umtausch eines Fanatismus für den andern bewirken! Denn jene Völker, die deine Zeichen sähen, würden bald die größten Feinde ihrer noch ungläubigen Nachbarn verbleiben und sie verfolgen mit Feuer und Schwert, und die Altgläuber würden den Neugläubern dasselbe tun. Was wäre dann damit gewonnen?
GEJ|4|250|2|0|Da aber Meine Lehre eine wahre Friedensbotschaft aus den Himmeln ist, so soll sie nicht Zwietracht, Unfrieden und Krieg stiften unter den Menschen und Völkern der Erde! Das soll soviel als nur immer möglich vermieden werden. Um von Mir aus das zu vermeiden, brauchte Ich euch bloß fest unter die Macht Meines allmächtigen Willens zu nehmen, wonach ihr freilich unfähig würdet, anders zu denken und zu handeln, als es gerade Mein gemessener Wille wäre; aber wie sähe es da mit eurer eigenen Willensfreiheit aus?! Und hätte Ich das gewollt, so hätte Ich Selbst nie notwendig gehabt, ins Fleisch dieser Welt zu treten; denn Meine ewige Allmacht hätte euch auch ohne dies Fleisch ergreifen können und nötigen, dies und jenes zu reden und zu handeln, gleichwie sie dereinst die Propheten dazu anzutreiben verstand. Wäre das aber für euch ein Nutzen? Ihr würdet dadurch wohl gleich diesen Schwarzen zu vollkommenen Naturseelenmenschen geworden sein, aber schwerlich je vollkommene Kinder Gottes.
GEJ|4|250|3|0|Darum aber, daß ihr selbst vollkommen freie Verkünder Meines Wortes würdet für alle Zeiten der Zeiten, kam Ich ja ins Fleisch zu euch auf diese Erde, allwo Ich die Pflanzschule Meiner Kinder für die ganze Unendlichkeit aufgerichtet habe, auf daß ihr als Meine freien Kinder auch frei aus Meinem Munde die Lehre vernehmet, sie beurteilen und dann auch weiter ausbreiten könnet unter den Völkern der Erde; und wer sie in ihrer Reinheit auch frei annehmen wird, der wird damit auch frei überkommen die Anwartschaft auf die allerbeseligendste Kindschaft Gottes.
GEJ|4|250|4|0|Wer aber diese Meine nun an euch ergangene Lehre nicht frei, sondern mit was immer für Gewalt aufgedrungen überkommt, wird so lange keinen Anteil an der Anwartschaft zur wahren Kindschaft Gottes haben können, bis er sich frei aus höchst eigenem Antriebe entweder hier oder auch jenseits um Mich und Mein reines Wort allerlebendigst zu bekümmern anfangen und es freiwillig zu seiner Lebensrichtschnur machen wird.
GEJ|4|250|5|0|Ich sehe es leider, wie es auch mit dieser Meiner Lehre in wenigen Jahren, nachdem Ich wieder heimgegangen sein werde, gar recht sehr traurig im allgemeinen aussehen wird. Aber Ich sehe auch, wie sie sich in kleinen Gemeinden sonnenrein bis ans Ende der Zeiten dieser Erde erhalten wird! Und das ist eine große Erquickung Meinem wahrhaftigsten Vaterherzen. Aber das Allgemeine kümmere euch Reine wenig oder auch gar nicht; denn aus den vielen Schweinen werdet ihr nie Philosophen bilden. Für diese Geschöpfe ist dann auch bald ein Futter gut genug. Wohl rufe Ich: ,Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, denn Ich will euch alle erquicken!‘; aber dieser Mein Lebensruf wird von gar vielen unerhört und unbefolgt bleiben!“
GEJ|4|251|1|1|251. — Das Schwert als Züchtigungsmittel bei ungläubigen Völkern
GEJ|4|251|1|0|(Der Herr:) „Es werden Zeiten kommen, wo die Weisen aus Meinem Worte rufen werden: ,Herr, nun ist es wahrhaftig schwer, Mensch zu sein; die Wahrheit darf man bei angedrohter Strafe nicht reden, sondern höchstens ganz geheim! Das aber, was die falschen Propheten wollen, ist offenbare Lüge und somit Gotteslästerung! Herr, so rüste Dich doch einmal und ziehe aus gegen Deine Feinde, bevor sie ganz verderben Deinen Lebensacker!‘
GEJ|4|251|2|0|Ich aber werde noch und noch verziehen und sagen zu jedermann, der Mich also fragend anrufen wird: ,Geduldet euch noch eine kurze Weile, bis voll wird das gegebene Maß! Verharret bis ans Ende, und ihr werdet selig sein; denn der Zwang der Welt wird euch Reinen von keinem Schaden sein an euren Seelen, und ihr als Meine jüngsten Kinder, die ihr in allerlei Drangsal, Not und Elend den Weg des Fleisches durchgemacht habt, werdet desto näher ruhen an Meinem Herzen in Meinem Reiche, und euch werde Ich zu Richtern machen der Welt und derer, die euch mit Not und Drangsalen aller Art gepeinigt haben ohne Grund und Recht von Mir aus!‘
GEJ|4|251|3|0|Kurz, daran werden allzeit Meine wahren Jünger zu erkennen sein, daß sie sich untereinander lieben werden also, wie Ich euch alle liebe, und daß sie Meinen Namen und Mein Wort niemals mit dem Schwerte verkünden!
GEJ|4|251|4|0|Ja, wenn einmal ein Volk ganz in Meinem Lichte stünde, und es wäre bedroht durch hartnäckige, blinde, äußere heidnische Völker, die den Glauben an Mich durchaus nicht annehmen wollten, wohl aber verfolgen mit aller Hast und Wut Meine Lämmer, dann ist es Zeit, das Schwert zu ergreifen und die Wölfe von den frommen Herden für immer zu verscheuchen. Wird aber einmal gegen die Wölfe in Meinem Namen das Schwert ergriffen, dann soll es aber auch mit allem Ernste ergriffen sein, auf daß die Wölfe des Schwertes gedenken, das sie in Meinem Namen ergriffen hat. Denn wo einmal ein Gericht in Meinem Namen auftritt, soll es nicht das Aussehen eines nur kaum halben Ernstes haben!
GEJ|4|251|5|0|Gegen blinde Heiden, deren Seelen zu weit noch von Meiner Ordnung entfernt sind und Mein Wort unmöglich verstehen können, aber ihrem Glauben sonst mit einem besonderen Eifer obliegen, soll das Schwert bloß als ein Hüter der Grenzen auf so lange aufgestellt sein, bis die nachbarlichen Heiden sich nach und nach in Meine Ordnung zu fügen angefangen haben; ist dieses erfolgt, dann vertrete des Schwertes Stelle das Zeichen der brüderlichen Eintracht und Liebe.
GEJ|4|251|6|0|Aber ganz was anderes ist es, wenn fürder Menschen, die vom Anbeginne das ,Volk Gottes‘ genannt und belehrt und beschützt wurden, – ah, wenn die anhaltend sich dieser Meiner Lehre widersetzen werden und werden sie verfolgen mit ihrem allerbösesten und selbstsüchtigsten Eifer, ja, gegen die wird es wohl kein anderes Mittel mehr geben denn das allerschärfste und unnachsichtigste Schwert! Wehe ihnen, wenn es losgelassen wird; dann wird es keinen Stein auf dem andern lassen, und die Kinder im Mutterleibe werden nicht verschont werden! Und wer da fliehen wird wollen, den werden die Pfeile des Bogens ereilen und ihn töten, darum er aus Selbstsucht wider seine innere Überzeugung ein Mörder Meines Wortes und Meiner hatte werden wollen; denn gegen die Ich mit den Meinen ins Feld ziehen werde, die werden einen schweren Kampf zu bestehen haben, aus dem sie ewig nimmer als Sieger hervorgehen werden!
GEJ|4|251|7|0|Nun habt ihr auch die Regel, wie und wann ihr in Meinem Namen das Schwert zu gebrauchen habt! – Habt ihr das alles ganz wohl und richtig aufgefaßt?“
GEJ|4|251|8|0|Sagt Mathael: „Herr, Du meine einzige Liebe, nach allem dem, was bisher von Dir allergnädigst gesagt und erklärt ward, finde ich nichts Dunkles mehr in mir, und ich sage Dir nun aus dem tiefsten Grunde meines Herzens den allerlebenswärmsten Dank dafür und auch schon zum voraus den Dank aller jener Menschen und Völker, die ich durch meinen Eifer für Dein Wort und für Dein Reich gewinnen werde!“
GEJ|4|251|9|0|Sagt Cyrenius: „Herr, den ganz gleichen Dank bringe auch ich Dir dar und wage vor Dir, o Herr, nun einen schwachen Propheten zu machen aus dem, was Du eben der Erklärung des Schwertgebrauches beigefügt hast, über das bekannte Volk Gottes: dieses dürfte sehr in Jerusalem vertreten sein! Über dieses Volk möchte ich schon jetzt mit dem allerschärfsten Schwerte ein unmenschlich großes Kreuz schlagen; denn das scheint mir fürs Schwert schon überreif zu sein!“
GEJ|4|251|10|0|Sage Ich: „Noch nicht ganz; es fehlen ihm noch drei Meisterstücke der allerunmenschlichsten Bosheit! Wenn es auch diese trotz aller Lehren und Warnungen verübt hat, dann erst, Freund, soll über diese Stadt und alle ihre Bewohner dein unmenschlich großes Kreuz mit dem schärfsten Schwerte geschlagen werden! Wir wollen aber mit dem Volke noch eine Geduld von vierundvierzig Jahren und noch etwas darüber haben und wollen es vor dem Untergange noch sieben Jahre lang durch allerlei Boten, durch Erscheinung der Toten und durch viele und große Zeichen am Firmamente warnen lassen! Und, Freund, sollte auch das alles vergebens sein, dann erst wird dein unmenschliches Zeichen im größten Maße und mit dem schärfsten Schwerte über sie geschlagen werden! Ich wollte, daß es zu verhindern wäre!
GEJ|4|251|11|0|Aber was da noch geschehen wird, das weiß der Vater allein und sonst kein Wesen in der ganzen Unendlichkeit! Wem es aber Der noch zur rechten Zeit offenbaren wird, der wird es auch wissen!“
GEJ|4|251|12|0|Da sagt Cyrenius: „Aber Du, o Herr, wirst wohl ganz genau darum wissen; denn in Deinem Geiste bist Du ja der Vater Selbst!“
GEJ|4|252|1|1|252. — Der »Vater« und der »Sohn« in Jesus
GEJ|4|252|1|0|Sage Ich: „Hast ganz wohl geredet! Der Vater ist in Mir in aller Fülle; aber Ich als der äußere Mensch bin dennoch nur ein Sohn von Ihm und weiß in Meiner Seele auch nur das, was Er Mir offenbart! Ich bin wohl die Flamme Seiner Liebe, und Meine Seele ist das Licht aus dem Feuer der Liebe des Vaters; ihr aber wisset ja, wie das Licht wirket allzeit und allenthalben wunderbar!
GEJ|4|252|2|0|Die Sonne, von der das Licht ausgeht, hat eine wundersame innere und allerinnerste Einrichtung; diese aber ist nur dem Innersten der Sonne selbst bekannt. Das äußere, obgleich alles belebende Licht weiß nichts darum und zeichnet auch nirgends ein Bild hin, aus dem man der Sonne innere und innerste Einrichtung erschauen könnte.
GEJ|4|252|3|0|Ja, der Vater ist in Mir schon von Ewigkeit; aber Sein Innerstes offenbart sich auch nur dann in Meine Seele, wenn Er es Selbst will. Ich weiß aber dennoch um alles, was von Ewigkeit her im Vater war; aber der Vater hat dennoch gar vieles in Seinem Innersten, darum der Sohn nicht weiß. Und will Er darum wissen, so muß auch Er den Vater darum bitten!
GEJ|4|252|4|0|Aber es kommt bald die Stunde, in der der Vater in Mir auch mit Seinem Allerinnersten vollends eins wird mit Mir, dem einzigen Sohne von Ewigkeit, gleichwie auch des Vaters Geist in euren Seelen jüngst völlig eins wird mit den Seelen in euren Leibern noch; und erst dann wird euch durch des Vaters Geist in euch alles offenbar werden, was euch jetzt noch unmöglich offenbar gemacht werden könnte! Und so weiß nun der Vater in Mir noch um so manches, um das der Sohn nicht weiß! – Verstehet ihr dieses wohl?“
GEJ|4|252|5|0|Sagen nun mehrere Jünger: „Ei doch, ist das wieder einmal eine so recht steinharte Lehre! Da würden wir wohl wieder um eine Erklärung bitten! Denn wenn Du und der Vater eines seid, wie kann der Vater in Dir denn hernach mehr wissen denn Du? Und doch bist Du nach Deinen nachträglichen Lehren der Vater Selbst?! Ei, das begreife, wer es kann und mag, – wir begreifen das nicht! Es kommt immer dicker und dicker! Es mag schon etwas dahinter sein; aber was nützt das? Wir verstehen es nicht! Herr, wir bitten Dich darum, daß Du uns dieses heller und klarer sagst; denn mit dem ist uns sonst wohl um nichts geholfen!“
GEJ|4|252|6|0|Sage Ich: „O Kinder, o Kinder! Wie lange werde Ich euch noch zu ertragen haben, bis ihr Mich fassen werdet?! Ich rede nun als Mensch zu euch Menschen, und ihr verstehet den Menschen nicht; wie wollet ihr für späterhin ein reines Gotteswort verstehen?! Um euch aber dafür dennoch fähiger zu machen, so will Ich euch die Sache etwas näher auseinandersetzen, und so höret Mich denn gar sehr wohl an!
GEJ|4|252|7|0|Stellet euch unter dem ,Vater‘ dieser unserer Sonne eigentlichen Körper vor, in welchem alle Bedingungen vorhanden sind, durch die die euch sichtbare, außerordentlich stark leuchtende Lichthülle in einem fort gleich und gleich erzeugt wird. Die Lichthülle ist um den Sonnenkörper ungefähr das, was bei dieser Erde die atmosphärische Luft ist, die auch die ganze Erde auf einige tausend Mannshöhen hoch gleichmäßig umgibt und somit mit der Erde, etwa vom Monde aus besehen, eine ziemlich stark leuchtende, große, scheinbare Scheibe bildet.
GEJ|4|252|8|0|Wie wird aber die Luft der Erde gebildet? Aus dem innersten Lebensprozesse der Erde! Der Erde Inneres ist sonach zuerst voll Luft, und nur das sehr bedeutende Superplus sammelt sich stets im gleichen Maße um die Erde. Damit aber das Innere der Erde gleichfort die Luft erzeuge, so muß darin ein immerwährendes Feuer tätig sein, das sich aus der großen Tätigkeit der inneren Geister erzeugt.
GEJ|4|252|9|0|Stellet euch nun also vor: Das inwendigste Feuer entspricht dem, was Ich ,Vater‘ nenne, und aus allen durch das innere Feuer aufgelöst werdenden Elementen wird die Luft erzeugt, welche aber dem entspricht, was wir ,Seele‘ nennen.
GEJ|4|252|10|0|Das Feuer aber könnte ohne die Luft nicht bestehen, und die Luft könnte ohne das Feuer nicht erzeugt werden. Das Feuer ist demnach auch Luft, und die Luft ist auch Feuer: denn die Flamme ist wahrlich auch nur Luft, deren Geister sich in der größten Tätigkeit befinden, und die Luft in sich ist auch pur Feuer, aber im Zustande der Ruhe ihrer Geister, aus denen sie besteht. Es ist daher nun leicht einzusehen, daß im Grunde des Grundes Feuer und Luft eines sind. Aber bevor die Luftgeister nicht bis auf einen gewissen Grad erregt werden, bleibt die Luft immer nur Luft, und es ist daher zwischen der erregten Feuerluft, als schon Feuer, und zwischen der noch ruhigen eigentlichen Luft ein großer Unterschied.
GEJ|4|252|11|0|Im Feuer selbst ist das Licht und somit, geistig genommen, das reinste und höchste Wissen und Erkennen; in der Luft, die vom Lichte des Feuers durchdrungen ist, ist dann ebenfalls ein volles Wissen und Erkennen vorhanden, jedoch offenbar in einem schon minderen Grade. Wird aber die ruhigere Luft auch also erregt, daß sie selbst Feuer und Licht wird, so ist dann auch in ihr allenthalben das höchste Wissen und Erkennen vorhanden.
GEJ|4|252|12|0|Die Erde mit solcher ihrer Einrichtung gleicht demnach einem Menschen. Das innerste Feuer ist der Liebegeist der Seele in seiner Tätigkeit, und die Luft ist gleich der Seele, die durchaus auch ein Feuergeist sein kann, wenn sie von der Liebe des Geistes, das ist von seiner Tätigkeit, ganz durchdrungen wird, wo sie dann ganz eines ist mit dem Geiste! Und das wird die Seele durch die Wiedergeburt des Geistes.
GEJ|4|252|13|0|Und sehet, ganz das gleiche Verhältnis findet ihr in der Sonne. In ihrem Innersten ist ein allerheftigstes Feuer, dessen Lichtkraft die Lichtstärke der äußeren Lichtatmosphäre ums unaussprechliche übertrifft. Aus diesem Lichte entfaltet sich gleichfort die reinste Sonnenluft, und diese Luft wird auf ihrer Oberfläche selbst Feuer und Licht, jedoch in einem Mindergrade, als da ist das Feuer und dessen allermächtigstes Licht im Großzentrum der Sonne. Aber die äußere Sonnenlichtatmosphäre ist darum dem Wesen nach doch ganz gleich dem Feuer im Zentrum der großen Sonne! Sie bedarf nur derselben höchsten Erregung, dann wird sie auch ganz dem innersten Feuer gleichen.
GEJ|4|252|14|0|Nun, dieses innerste Feuer der Sonne ist also gleich dem Vater in Mir, und Ich bin das aus dem Grundzentralfeuer stets gleich hervorgehende Licht und auch Feuer, durch das alles, was da ist, erschaffen ward, lebt und besteht. Also bin Ich in Meinem gegenwärtigen Sein das Äußere und Auswirkende des innersten Vaters in Mir, und es ist sonach alles des Vaters Mein und wiederum alles Meine des Vaters, und Ich und der Vater müssen da ja notwendig vollkommen eins sein, nur mit dem Unterschiede, daß in dem innersten Feuer stets ein tieferes Wissen und Erkennen vorhanden sein muß als in dem äußeren Lichte, das von dem inneren Feuer nur stets in dem Grade erregt wird, als es notwendig ist.
GEJ|4|252|15|0|Ich könnte Mich aber auch alsogleich miterregen; aber dann wäre es um euch geschehen, gleichwie es um alle die Weltkörper, die um diese Sonne bahnen, geschehen wäre, so einmal der Sonne Außenlichtatmosphäre sich entzünden würde in der Kraft des innersten Sonnenfeuers und Lichtes, dessen Macht alle Geister im weiten Schöpfungsraume derart erregen würde, daß er augenblicklich zu einem alle Materie urplötzlich auflösenden, unendlichen, allermächtigsten Feuermeere würde! Nun, das Innere der Sonnenmaterie ist freilich also eingerichtet, daß es dieses Feuer aushält, und die fort und fort auf dasselbe strömenden mächtigen Gewässer infolge des beständigen Kreislaufes – wie beim Menschen der Kreislauf des Blutes – geben dem Feuer fortwährende Beschäftigung zur Auflösung und zu neuer Bildung der Luft und daraus wieder des Wassers, und es kann darum den eigentlichen Sonnenkörper nicht zerstörend angreifen; und werden davon auch immer Teile aufgelöst, so ersetzen sie sich bald wieder durchs hinzuströmende Wasser. Und es muß also alles in der beständigen Ordnung verbleiben.
GEJ|4|252|16|0|Wenn ihr nun dieses Bild ein wenig näher betrachten wollet, so muß es euch ja doch einigermaßen klar werden, was eigentlich der ,Vater‘ und was der ,Sohn‘ ist, und was die Seele und was der Geist in ihr! – Saget Mir's nun, ob ihr denn jetzt auch noch nicht im nahe völlig klaren seid!“
GEJ|4|253|1|1|253. — Die Erscheinungen bei der Taufe des Herrn. Die Ewigkeit des Herrn
GEJ|4|253|1|0|Sagt Simon Juda: „Herr, als Du Dich vor mir im Flusse Jordan vom Johannes mit dem Wasser taufen ließest, da sahen wir alsbald eine Flamme in der Art einer Taube über Deinem Haupte schweben, und man sagte, dies sei Gottes heiliger Geist! Und man vernahm damals auch eine Stimme wie aus der Luft: ,Seht, dies ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich ein Wohlgefallen habe; den sollet ihr hören!‘ Was war denn das? Woher kam jene heilige Flamme, und von wem wurden die deutlich vernommenen Worte gesprochen? Wie sollen wir solches fassen und verstehen?“
GEJ|4|253|2|0|Sage Ich: „Von wo anders her konnte das wohl kommen, als allein nur von Mir her und von Mir aus?! Oder meinst du, daß etwa hinter den Sternen ein Vater im endlosen Raume wohnt, der die Flamme über Mein Haupt herabkommen ließ und dann etwa auch aus der unendlichen Höhe die gewissen Worte herab auf diese Erde geredet hat? O du schöne blindeste Blindheit der Menschen! Wenn der ewige Vater in Mir, Seinem ebenso ewigen Sohne, wohnt in der Art, wie Ich sie euch nun klar genug gezeigt habe, von woher kann da die Flamme und die Stimme gekommen sein? Da siehe her, und wieder wirst du dieselbe Flamme über Meinem Haupte erschauen! Und horche, und du sollst dieselben Worte abermals vernehmen!“
GEJ|4|253|3|0|Da ersahen alle die Flamme in der Gestalt eines flammenden Kreuzes oder irrig so ziemlich in der Gestalt einer Taube, die im Grunde auch ein Kreuz darstellt, schweben, und gleichzeitig vernahmen auch alle die schon bekannten Worte.
GEJ|4|253|4|0|Ich aber sagte: „Das war die Stimme des Vaters in Mir, und die Flamme entstand aus Meiner unendlichen Außenlebenssphäre, die da ist Mein auswirkender heiliger Geist! – Verstehst du, Simon Juda, nun auch dieses wohl?“
GEJ|4|253|5|0|Und alle sagten: „Ja, Herr, nun ist uns auch das klar, obwohl wunderbar über wunderbar!“
GEJ|4|253|6|0|Sagt darauf Mathael: „Herr, Herr, Du Weisester von Ewigkeit, unerforschbar große Dinge hast Du uns erklärt und gezeigt Deine Ordnung, wie sie ist und war von Ewigkeit! Ich kann nun denken hin und her, und siehe, es ist mir alles hell und klar, was alle die unwandelbaren Verhältnisse zwischen Dir, dem Schöpfer, und uns, Deinen Geschöpfen, betrifft! Alle Deine Einrichtungen sind so weise gestellt, daß auch der schärfste Verstand und die hellste Vernunft nirgends etwas finden können, das in sich und mit sich selbst nur im geringsten Widerspruche stünde.
GEJ|4|253|7|0|Nur wenn ich mich mit meinen Gedanken so recht in den tiefsten Hintergrund aller Zeit und Ewigkeit versetze, so muß ich mir denken, daß alles das Geschaffene, was da ist, alle Urerzengel, alle Himmel, alle Welten – als Sonnen, Erden, Monde, alle die Sterne, die nach Deiner Erklärung auch nichts anderes sind als Sonnen, Erden und deren Monde, die wir Sterblichen mit unseren Fleischaugen wegen der zu großen Ferne freilich nie wahrnehmen können –, denn doch einmal einen Anfang habe nehmen müssen, ansonst die Möglichkeit ihres Daseins wenigstens für mich nicht so recht gut denkbar wäre! Denn ich denke es mir da in gewissen positiven Beziehungen also: Ein Wesen, Ding oder eine Sache, die zu sein nie angefangen hat, kann eigentlich auch gar nicht dasein! Oder könnte ein Ding wohl aus nichts entstehen, das Du als Schöpfer Dir Selbst nie gedacht hast?!
GEJ|4|253|8|0|Also muß eine daseiende Sache, wie zum Beispiel eine Urzentalsonne, doch einmal von Dir zuvor gedacht worden sein in Deiner gradativen (stufenweisen) Ordnung, bevor sie, freilich erst dann, als eine konkrete Ursonne in ihrer Sphäre zu wirken begann. Sie könnte aber, nach meinem Verstande gerechnet, nicht dasein, so Du zuvor auch nicht eines Atoms ihrer Wesenheit gedacht hättest! Kurz, sie könnte nicht dasein, wenn sie zu sein nie angefangen hätte! Sie kann wohl äonenmal Äonen Säkula (unermeßliche Jahrhunderte) alt sein, auch noch tausendmal tausend älter, das macht nichts; so sie unleugbar da ist, hat sie auch müssen einmal dazusein anfangen. Wann, das ist hier gleich und ein Etwas, um das man sich weiter gar nicht zu kümmern hat!
GEJ|4|253|9|0|Nun könnte man den Satz umgekehrt freilich auch auf Dich anwenden, und es fiele demnach Deine ganz vollkommenst solide Ewigkeit ohne einen genommenen Anfang auch in ein allerschönstes Nichts! Allein, da sagt mir mein klarer Verstand und meine helle Vernunft wieder ganz etwas anderes! Ich kann mir, wenn ich mich in meinen Gedanken auch in Ewigkeiten der Ewigkeiten zurückversetze, kein Ende denken. Es bleibt der unendliche Raum und mit ihm die ebenso unendliche Zeitendauer.
GEJ|4|253|10|0|In diesem also notwendig ewigen, unendlichen Raume muß denn doch auch jene urewige Kraft gegenwärtig gewesen sein, die die unendliche Ausdehnung des Raumes ewig gleichfort bedingt, ohne die der Raum ebensowenig als diese Kraft ohne ihn denkbar wäre. Diese Kraft kann nur eine sein, wie der Raum auch nur einer ist; sie muß in sich ebenso irgendein Zentrum und gewisserart einen Schwerpunkt haben wie der unendliche Raum selbst. Weil aber der Raum als solcher da ist, so muß auch in ihm sich das unendlichste und somit freieste Sein, als sich selbst fühlend, aussprechen; denn wie könnte er sein, so er nicht in seiner höchsten Ungebundenheit wahrnähme, daß er ist?!
GEJ|4|253|11|0|Was aber vom Raume gilt, das gilt auch von der in ihm enthaltenen Kraft; auch sie muß sich notwendig als solche daseiend fühlen, ansonst sie unmöglich da wäre. Kurz, das sind in sich begriffene, derartig durch sich selbst bedungene Notwendigkeiten, daß eine ohne die andere gar nicht dasein kann! Das alles ist aber ja ursprünglich und allereigentümlichst Dein geistigstes Ursein Selbst und kann demnach Deinem Geiste nach nie und nimmer hinweggedacht werden!
GEJ|4|253|12|0|Du bist also nach meinem Verstande ebenso notwendig ewig, als wie notwendig alles andere, wenigstens in seinem formellen Bestande, nur zeitlich sein kann! – Aber nun kommt erst eine ganz andere Frage!
GEJ|4|253|13|0|Weil alle diese sichtbare und auch unsichtbare Schöpfung denn doch einmal vor noch so undenklich langen Zeiten einen Anfang genommen hat, was hast Du, o Herr, vor diesem Anfange Ewigkeiten hindurch getan? Ich merke zwar aus Deinem freundlich lächelnden Antlitze, daß ich meine Frage etwas dumm gestellt habe; aber dessen bin ich doch sicher, daß sie nicht ganz gehaltlos ist! Und Du, o Herr, wirst uns auch hierin ein kleines Lichtlein anzünden! Meine forschende Seele will nun einmal schon völlig im klaren sein.“
GEJ|4|254|1|1|254. — Die Größe der Schöpfung
GEJ|4|254|1|0|Sage Ich: „Mein lieber Freund Mathael, der unübersteigbare Unterschied zwischen Gott und dem geschaffenen endlichen Menschen, selbst der allervollkommensten Art und Gattung, bestehet dennoch gleichfort, und es kann nicht aufgehoben werden in alle Ewigkeit, daß Gott in Seinem Urwesen durchgängig ewig und unendlich in allem ist und sein muß, während der Mensch wohl ewig hinfür stets vollkommener in seinem Geistwesen bestehen wird, aber dem unendlichen Urwesenmaße nach Gott doch nimmer erreichen kann und erreichen wird.
GEJ|4|254|2|0|Der Mensch kann Gott ähnlich werden in der Form, auch in der Liebe und in ihrer Kraft, aber dennoch ewig nie völlig im wesenhaften Ausmaße der endlosesten Weisheit in und aus Gott; und so könnten die langen Ewigkeiten in ihren zahllosen Ewigkeitsperioden wohl so manches fassen, das im endlosesten Raume sicher Platz findet, wovon sogar einem Urerzengel sicher noch nie etwas geträumt hat! Denn auch ein Urerzengel hat dafür noch eine zu ungeheuer beschränkte Fassungskraft; erst wenn ein jeder Urerzengel gleich Mir den Weg des Fleisches wird durchgemacht haben, dann wird er auch mehr zu fassen imstande sein, – aber alles in der ganzen, ewig nie endenden Unendlichkeit unmöglich je wann!
GEJ|4|254|3|0|Ja, ihr werdet ewig fort und fort für euch neue Wunder kennenlernen und euch zu finden anfangen in denselben, aber das Ende derselben dennoch ewig nie und nimmer erreichen, – wofür ihr aber auch daraus euch den Grund leicht einleuchtend machen könnet, so ihr euch denket, ob es wohl möglich wäre, so lange zu zählen, bis man erreicht das Ende der Zahlen! So Ich aber dem Geiste nach von aller Ewigkeit her als immerwährend ein und derselbe Gott bestehe, denke, will, handle und wirke aus der stets gleichen Liebe und Weisheit, die in sich durch jede Schöpfungsperiode sich freilich durch das für alle künftigen Ewigkeiten vollendet gelungene Werk auch vollendeter und gediegener selig fühlen müssen, so könnet ihr Weiseren es euch wohl von selbst denken, daß Ich, wie der Vater nun in Mir und aus Mir spricht, bis zu dieser Schöpfungsperiode sicher nicht in irgendeinem Unendlichkeitspunkte im ewigen Raume eine Art Winterschlaf gehalten habe! Möge eine Schöpfungsperiode von ihrem Urbeginn an bis zur gesamten endlichen geistigen Vollendung auch tausendmal Tausende von äonenmal Äonen [GEJ, Bd. 5, Kap. 112,5: Dezilionen mal Dezilionen von Erdenjahren.] von Tausenderdjahrszyklen andauern, so ist solch eine Schöpfungsperiode dennoch nichts gegen Mein ewiges Sein, und ihre für euch unmeßbarste Ausdehnungsgröße ist dem Raume nach ein Nichts im unendlichen Raume!
GEJ|4|254|4|0|Du, Mathael, kennst die Sternbilder der alten Ägypter wohl, und der Regulus im großen Löwen ist dir wohlbekannt! Was ist er deinem Auge? Ein schimmerndes Pünktchen, – und ist dort, wo er ist im Raume, dennoch ein so großer Sonnenweltkörper, daß ein Blitz, der doch in vier Augenblicken eine Strecke von 400000 Feldwegen [10 Feldwege = 1 Meile / 400 000 : 10 = 40 000 Meilen = Bewegung des Lichtes in der Sekunde. Anm.v.J.L. – 1 deusche Meile = 7,5 Kilometer, also 40 000 Meilen = 300 000 Kilometer / siehe "Robert Blum", Bd. 2, Kap. 299,8.] durchmacht, nach dir, Mathael, wohlbekannten altarabischen Zahleneinteilungen über eine Trillion von Erdjahren zu tun hätte, um die Strecke von seinem Nord- bis zu seinem Südpole zurückzulegen! Sein eigentlicher Name ist Urka, besser Ouriza (die erste oder der Anfang der Schöpfung von äonenmal Äonen Sonnen in einer nahe endlos weit umhülsten Schöpfungsglobe); sie ist die Seele oder der Zentralschwerpunkt einer Hülsenglobe, die aber an und für sich nur einen Nerv im großen Weltenschöpfungsmenschen ausmacht, deren der gedachte Großmensch freilich ungefähr so viele hat als die Ganzerde des Sandes und des Grases, – welcher Großweltenmensch aber eigentlich nur eine Schöpfungsperiode ausmacht von seinem Anfange bis zu seiner geistigen Vollendung.
GEJ|4|254|5|0|Eine solche Urka und noch mehr eine ganze Hülsenglobe sind sonach schon ganz respektabel große Dinge, und noch unnennbar größer ist ein solcher Weltenschöpfungs-Großmensch! Aber was ist er gegen den ewigen, unendlichen Raum? Soviel als nichts! Denn alles notwendig Begrenzte, wenn an und für sich für eure Begriffe auch noch so endlos Große, ist im Verhältnisse zum unendlichen Raume soviel als nichts, weil es mit demselben in gar kein je berechenbares Verhältnis treten kann.
GEJ|4|254|6|0|Nun frage Ich dich, Mein lieber Mathael, ob du nun aus dem Gesagten schon so ein bißchen zu spannen angefangen hast, wo's eigentlich da hinausgehen wird!“
GEJ|4|254|7|0|Sagt Mathael: „O Herr, ja wohl, ja wohl spanne ich; aber bei dieser Spannung fange ich an, mich so ziemlich ganz zu verlieren und mich aufzulösen ins Nichts! Denn Deine ewige Macht und Größe, der unendliche Raum und die ewige Zeitendauer verschlingen mich völlig. So dunstig wird's mir wohl und – ob ich's recht verstanden habe, was Du, o Herr, so gewisserart hingehaucht hast, weiß ich natürlich kaum oder eigentlich auch schon gar nicht – so kaum aussprechlich schimmerig hell, daß Du solcher Schöpfungsperioden nicht etwa – um auch nach arabischer Art zu zählen – nur dezillionen- oder äonenweise hinter Dir hast, sondern unzählige! Denn wenn ich, nach rückwärts der Zeitendauer nach zählend, bei dieser gegenwärtigen anfange, so würde ich mit dem Zählen sicher nie fertig werden und ewig nie zu der kommen, von der man sagen könnte, sie wäre Deine erste!
GEJ|4|254|8|0|Kurz, Dein Anfang ist keiner, und so haben auch Deine Schöpfungen unmöglich je einen Anfang gehabt, und soviele derer auch der ewige Raum fassen kann, so ist darunter doch keine, von der man sagen könnte: ,Sieh, das war die erste! Vor dieser ist nichts erschaffen worden!‘ Denn hinter solch einer sein sollenden ersten steckt ja doch wieder eine vollkommen ganze Ewigkeit! Was hättest Du diese hindurch dann gemacht bei Deiner stets gleichen Wesenheit? Platz haben im endlosen Raume auch endlos viele Schöpfungen; wenn ihre Distanzen auch noch so endlos groß sind, so macht das nichts! Der endlose Raum hat Platz genug für alle die ewig endlos vielen und wird ewig noch Platz für äonenmal Äonen viele und so ewig fort und fort für noch zahllose neue haben, und diese künftigen werden die schon von Ewigkeit her vorhandenen auch gewisserart um nichts vermehren; denn ein end- und zahllos Vieles kann darum nie ein Mehreres werden, weil es ohnehin ein endlos Vieles ist.
GEJ|4|254|9|0|Ja, wenn ich diese Periode mit eins zu zählen anfange, so wird sie um eine, wie in den künftigen Äonen-Zeiten oder -Ewigkeiten sicher stets um eins und eins und eins weiterhin vermehrt werden können; aber wo die Hinterzahl schon ohnehin eine endloseste ist, da ist keine Vermehrung derselben mehr denkbar! Die neuen Schöpfungen zählen wohl für sich noch etwas, – aber zur Anzahl der Vorschöpfungen gar nichts!
GEJ|4|254|10|0|So lautet meine mich nun ganz vernichten wollende Spannung. Aber hinweg mit solchen Gedanken, die wegen ihrer endlosen Größe meine dafür zu kleine Seele gänzlich erdrücken und zunichte machen! Wenn ich nur ein ewiges Leben habe, die Liebe und Gnade dazu und eine solche Gegend, wie diese da ist, so werde ich es mir fürder nimmer wünschen, auch nur den Mond oder gar unsere Sonne näher kennenzulernen! Ich sehe nun auch ein, wie dumm es von mir war, Dich um etwas zu fragen, was sich für einen beschränkten Menschen zu wissen ganz und gar nicht ziemt! Herr, vergib Du mir meine große Dummheit!“
GEJ|4|255|1|1|255. — Die Menschwerdung des Herrn in unserer Schöpfungsperiode und auf unserer Erde. Die Allgegenwart des Geistes
GEJ|4|255|1|0|Sage Ich: „Nein, Mein Freund, Dummheit ist das eben keine, aber so ein für dieses Erdenleben nun etwas zu weit und tief gehender Vorwitz; denn solange die Seele nicht völlig eins mit Meinem Geiste in ihr geworden ist, kannst du derlei Dinge unmöglich in der rechten Tiefe fassen und begreifen. Wirst du jüngst auch zur geistigen Wiedergeburt gelangen und sogar drüben im Reiche Gottes dich geistig als eine vollendete Wesenheit befinden, so wirst du vieles wohl bis auf den tiefsten Grund einsehen, aber freilich nur insoweit, als es diese gegenwärtige Schöpfungsperiode betrifft, in deren Ordnung jede vorhergegangene ihren Bestand hatte und als irgend vollendet jetzt und immerfort bestehend geistig noch hat. Dennoch aber besteht zwischen dieser und all den vorangegangenen Schöpfungsperioden, gleichwie zwischen dieser Erde und all den andern zahllosen Weltkörpern des Urschöpfungsmenschen, ein allergewaltigster Unterschied.
GEJ|4|255|2|0|Bei all den ewig zahllos vielen Vorschöpfungen, die alle einen Urgroßweltenmenschen darstellten und ausmachten, bin Ich nicht auf irgendeiner Erde derselben als ein Mensch ins Fleisch gehüllt worden durch die Kraft Meines Willens, sondern korrespondierte mit ihren Menschengeschöpfen nur durch für jene Schöpfung geschaffene reinste Engelsgeister. Nur diese Schöpfungsperiode hat die Bestimmung, auf irgendeinem kleinen Weltenerdkörper, welcher gerade diese Erde ist, Mich für alle die vorhergehenden wie für alle in der nie endenden Ewigkeit nachfolgenden Schöpfungen in Meiner ewig urgöttlichen Wesenheit im Fleische und in engster Form vor sich zu haben und von Mir Selbst belehrt zu werden.
GEJ|4|255|3|0|Ich wollte für alle künftigen Zeiten und Ewigkeiten Mir wahre und wirkliche, Mir völlig ähnliche Kinder nicht nur wie gewöhnlich erschaffen, sondern durch Meine väterliche Liebe wahrhaft zeihen, damit sie dann mit Mir beherrscheten die ganze Unendlichkeit.
GEJ|4|255|4|0|Um aber das zu erzielen, nahm Ich, der unendliche, ewige Gott, für das Hauptlebenszentrum Meines göttlichen Seins Fleisch an, um Mich euch, Meinen Kindern, als schau- und fühlbarer Vater zu präsentieren und euch Selbst aus Meinem höchst eigenen Munde und Herzen zu lehren die wahre, göttliche Liebe, Weisheit und Kraft, durch die ihr dann Mir gleich beherrschen sollet und werdet nicht nur alle die Wesen dieser gegenwärtigen Schöpfungsperiode, sondern auch die vorangegangenen und alle die noch künftig folgenden.
GEJ|4|255|5|0|Und es hat demnach diese Schöpfungsperiode vor allen anderen den für euch noch lange nicht hell genug zu erkennenden Vorzug, daß sie in der ganzen Ewigkeit und Unendlichkeit die einzige ist, in der Ich Selbst die menschliche Fleischnatur vollkommen angezogen und Mir im ganzen, großen Schöpfungsmenschen diese Hülsenglobe, in dieser des Sirius Zentralsonnenallgebiet, von den zweihundert Millionen ihn umbahnenden Sonnen eben diese und von ihren sie umkreisenden vielen Erdkörpern gerade diesen, auf dem wir uns nun befinden, erwählt habe, um auf ihm Selbst Mensch zu werden und aus euch Menschen Meine wahren Kinder für die ganze Unendlichkeit und Ewigkeit nach vor- und rückwärts zu zeihen. Und so du, Mathael, als einer der gediegensten Rechner das so recht ins Auge fassest, so wird dich dann die Ewigkeit und des Raumes Unendlichkeit nicht mehr gar so stark drücken.
GEJ|4|255|6|0|Für die noch so weise, endliche und begrenzte Seele sind die Unendlichkeits- und Ewigkeitsbegriffe freilich etwas sie notwendig immerwährend drückend Unbegreifliches; aber nicht mehr also für den einmal vollkommen erweckten Geist in ihr. Denn der ist frei und in allem Mir gleich, und seine Bewegung ist schon einmal von der Art, daß alle Räumlichkeitsverhältnisse für ihn eine barste Null sind, und das, Freunde, ist schon eine gar gewichtigste Eigenschaft des Geistmenschen!
GEJ|4|255|7|0|Stellet euch alle die noch so schnellen Bewegungen der Körper vor, wie Ich sie euch schon bei einer früheren Gelegenheit hinreichend erklärt habe, und ihr werdet es bald finden, daß die allerschnellsten euch bekanntgemachten Bewegungen der Zentralsonnen, in ihrer Schnelligkeit dazu noch veräonfacht oder zur äonsten Potenz erhöht, gegen die Schnelligkeit des Geistes eine wahre Schneckenpost sind, weil sie, um eine überaus große Raumesferne zu durchwandern, dennoch gleichfort einer Zeit nach Verhältnis der Entfernung bedürfen, während dem Geiste jede noch so unermeßbare Raumferne gleich ist; denn für den Geist ist hier und noch so unermeßlich ferne irgendwo ,dort‘ eins, während die Verschiedenheit der Raumferne für jede andere Bewegung einen gar sehr wesentlichen Unterschied macht.
GEJ|4|255|8|0|Ferner mache Ich dich darauf aufmerksam, wie vom Geiste des Menschen, wenn solcher auch noch nicht völlig eins geworden ist mit der Seele, dennoch ein eigentümliches Gefühl in die Seele überfließt und sich dadurch als ein rein Geistiges bemerkbar macht, daß es sich alle Fakta (Ereignisse) – und mögen diese eine Ewigkeit hinter dieser Gegenwart geschehen sein! – stets also vorstellt, als geschähen sie jetzt, oder als wäre der Geist damals auch schon als ein Augen- und Ohrenzeuge dabeigestanden. Das Fernestehen solcher längst geschehenen Fakta malt sich hernach erst die beschränkte Seele selbst in ihrem Gehirne aus. In der Seele tritt die Erinnerung an die Stelle dieses geistigen Gefühls; aber diese vergegenwärtigt das Faktum nicht, sondern stellt es dem Zeitraume nach dahin, wann es begangen wurde. Der Geist aber stellt sich ganz als gegenwärtig in die Handlungsperiode zurück und vergegenwärtigt sich auch eine künftige derart, als wäre sie schon gegenwärtig vor ihm, entweder als begonnen oder auch schon als lange vollendet.
GEJ|4|255|9|0|Die Weltweisen nennen dieses rein geistige Gefühl der Vergegenwärtigung entweder längst vergangener oder auch erst künftig zu erfolgen habender Fakta die Phantasie des Menschen. Allein das ist es nicht, weil man Phantasie nur das nennen kann, was die Seele selbst aus dem Vorrate ihrer Bilder als etwas Neues zusammenstellt und also eine sonst irgend in der freien Naturwelt nicht vorhandene Form oder ein Werk zustande bringt. Aus diesem pur seelischen Vermögen sind hervorgegangen alle Gerätschaften, alle Gebäude und Kleidung des Menschen und Fabeln und allerlei Dichtungen, deren Hintergrund sicher entweder sehr selten eine volle Wahrheit, zumeist aber nur eine barste Lüge und eigentlich gar nichts ist.
GEJ|4|255|10|0|Das ist demnach das, was man Phantasie nennen kann; aber das vorerwähnte Vergegenwärtigungsgefühl entweder vergangener oder auch erst künftiger Fakta ist eine Lebenseigentümlichkeit des Geistes, und der rein denkende Mensch kann daraus entnehmen, wie der Geist im Menschen weder mit dem Raume und ebensowenig mit der Zeit etwas zu tun hat und dadurch über beiden herrschend steht.
GEJ|4|255|11|0|Für den Geist gibt es sonach nur dann einen Raum, wenn er einen schafft und haben will, und unter ganz denselben Bedingungen auch eine Zeit. Will er keine Zeit, so tritt an ihre Stelle sogleich die ewige Gegenwart des Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen.
GEJ|4|255|12|0|Endlich könntet ihr noch eine dritte rein geistige Eigenschaft in euch bemerken, wenn ihr so recht aufmerksam darauf wäret! Diese Eigenschaft aber besteht darin, daß ihr euch irgendeine noch so große Sache als plötzlich in allen ihren Teilen vollendet vorstellen könnet und mit einem Blicke überschauen ein ganzes Sonnengebiet. Die Seele mit ihrem Sinnenwahrnehmungsvermögen muß eine Sache nach allen Seiten hin langsam und zeitweilig betrachten, betasten und behorchen und muß sie zergliedern, um sich von ihr erst nach und nach eine Totalvorstellung machen zu können. Der Geist aber umfliegt eine ganze Zentralsonne von aus- und inwendig in einem kaum denkbar schnellsten Augenblick und ebensoschnell auch eine Unzahl von solchen Sonnen und aller ihrer Planeten; und je mächtiger der Geist ist durch die Ordnung der Seele, desto heller und bestimmter ist eben des Geistes Über- und Durchblick der größten und noch endlos komplizierten Dinge der Schöpfung.
GEJ|4|255|13|0|,Ja‘, saget ihr und mit Recht sogar, ,wie ist dem Geiste denn solch ein schnellster Totalüberblick möglich?‘ Und Ich sage und antworte euch: In einer vollkommensten Art eben auf die Weise, wie einer vollkommenen, naturordnungsgemäß gediehenen Seele das Fern- und Durchfühlen mittels ihres Außenlebensäthers möglich ist, – wie ihr solches an den Schwarzen hinreichend erprobt habt. Aber bei der nur substantiellen Seele ist solch eine Eigenschaft immerhin bei aller ihrer noch so großen Intensität gegen die ähnliche des Geistes in keinen rechten Vergleich zu stellen, weil sie notwendig noch räumlich beschränkt und da nur unter gewissen transzendent-naturmäßigen Urelementen außer ihrer Grundform zu denken und zu fühlen imstande ist, und das, je näher ihrer eigentlichen Menschenlebensform, desto fühlbarer und gediegener. Nach sehr weit weg gelingt es ihr dann selbst in ihrem vollkommensten, natürlich bloß seelischen Zustande schlecht; und mag eine Seele eine noch so kräftige Außenlebenssphäre besitzen, so wird sie, als von hier ausstrahlend, bis nach Afrika hin schon gar nichts mehr wahrzunehmen imstande sein.“
GEJ|4|256|1|1|256. — Die Außenlebenssphäre der Seele und die des Geistes
GEJ|4|256|1|0|(Der Herr:) „Ah, wenn zu Zeiten eines gewissen Verzücktwerdens auf einige Augenblicke der Geist mit seinem Urlebensfeueräther in die vollkommene Seele überstrahlt, dann wird das Fernfühlen, Fernwirken und – schauen sehr potenziert, und der Seele ist es dann in solchen Momenten möglich, sogar bis zu den sehr weit abstehenden Sternen zu reichen und sie dort mit einer großen Genauigkeit zu überblicken; aber wie der Geist sich in der Seele wieder ordnungsmäßig zurückzieht, so kann die Seele mit ihrer puren Außenlebenssphäre nur so weit wirksam reichen, als wieweit sie im günstigsten Falle noch etwas ihr elementar Entsprechendes findet. Es gleicht ihre Außenlebenssphäre der Ausstrahlung eines irdisch ersichtlichen Lichtes. Je weiter von der Flamme abstehend, desto matter und schwächer wird sie, bis am Ende von ihr gar nichts mehr übrigbleibt als Nacht und Finsternis.
GEJ|4|256|2|0|Aber nicht also steht es mit der Außenlebenssphäre des Geistes. Diese ist gleich dem Äther, der den ganzen, endlosen Raum als völlig gleich verteilt erfüllt. Wenn der Geist denn einmal, als in der Seele frei auftauchend, sich erregt, so erregt sich auch seine Außenlebenssphäre im selben Augenblick endlos weit hinaus, und sein Schauen, Fühlen und Wirken geht dann ohne die geringste Beschränkung so endlos weit hinaus, als der Äther zwischen den Schöpfungen und in denselben den Raum durch und durch erfüllt; denn dieser Äther ist – unter uns gesagt – eigentlich ganz identisch mit dem ewigen Lebensgeiste in der Seele. Dieser ist nur ein kondensierter Brennpunkt des allgemeinen Lebensäthers, der die ganze Unendlichkeit erfüllt. Und wie er als ausgewachsen durch die Seele mit dem Außenäther in die Berührung kommt, so vereint sich sein Fühlen, Denken und Schauen augenblicklich mit dem unendlichen Außenlebensäther in die endlosesten Fernen hin ungeschwächt, und was der große Lebensäther im endlosen Raume allenthalben alles umfließend und durchdringend fühlt, sieht, denkt, will und wirkt, das fühlt, sieht, denkt, will und wirkt auch im selben Augenblick der Sondergeist in einer Seele, und das sieht, fühlt, denkt, will und wirkt dann auch die Seele, solange sie von ihrem Geiste durchdrungen wird und dieser im Verbande steht mit dem ihm innigst verwandten unendlichen und allgemeinsten Außenlebensäther.
GEJ|4|256|3|0|Der Unterschied zwischen der Außenlebenssphäre einer noch so vollkommenen Seele für sich und dem Außenlebensäther des Geistes ist demnach gar leicht begreiflich ein endlos und unaussprechlich großer, und ihr werdet nun etwa wohl schon so einen kleinen Dunst davon zu bekommen anfangen, wie es einem Geiste dann so ungefähr möglich ist, sich fühlend, sehend, denkend, wollend und wirkend in eine noch so große Ferne hin zu versetzen, ja die ganze Unendlichkeit für sich zu durchdringen, weil er in der ganzen, ewigen Unendlichkeit als völligst ununterbrochen auf allen Punkten des ganzen, ewigen Raumes ungeschwächt einer und derselbe ist.
GEJ|4|256|4|0|Wenn denn durch die Inwohnung in den Seelen Teile des allgemeinen Geistes als abgesondert da sind, so bilden sie aber dennoch gleichfort ein vollkommenes Eins mit dem Allgeiste, sobald sie die Seele infolge der bedungenen Geisteswiedergeburt ganz durchdringen. Sie verlieren dadurch ihre Individualität aber ganz und gar nicht, weil sie als Lebensbrennpunkte in der Menschenform der Seele auch dieselbe Form besitzen und dadurch mit ihrer Seele, die eigentlich ihr Leib ist, als gleich alles sehende und fühlende Geister auch notwendig das fühlen und höchst klar wahrnehmen, was alles als besonders individuell in ihren sie umfassenden Seelen vorhanden ist. Aus diesem Grunde aber kann dann auch eine Seele, die von ihrem Geiste einmal durch und durch erfüllt ist, alles das sehen, fühlen, hören, denken und wollen, weil sie also denn vollends eins ist mit ihrem Geiste.
GEJ|4|256|5|0|So euch bei dieser nun schon handgreiflichen Erklärung noch kein Licht über das Wesen des Geistes und seiner Fähigkeiten aufgehen sollte, da wüßte Ich Selbst für die Folge wahrlich nicht mehr, auf welche Weise Ich euch das vor eurer Geisteswiedergeburt in eure Seele noch klarer machen könnte! Darum redet ihr nun alle ganz offen, ob ihr Mich nun endlich in diesem allerwichtigsten Punkte wohl verstanden habt!“
GEJ|4|257|1|1|257. — Die Allwissenheit Gottes
GEJ|4|257|1|0|Sagen Mathael und mehrere andere: „O Herr, nun wohl, nun sind wir vollends im klaren und wüßten kaum noch, um was Weiteres wir Dich noch fragen könnten oder sollten! Herr, frage Du nun uns um Verschiedenes; denn Du wirst es am besten wissen, wo es uns noch irgend abgeht!“
GEJ|4|257|2|0|Sage Ich: „Das ist wohl etwas Ungeschicktes, so Ich euch eigentlich fragete um irgend etwas also, als müßte Ich solches erst von euch erfahren, da Ich doch alles weiß und sehe, was da vorgeht in euch! Ja, sogar eure geheimsten Gedanken, um die ihr kaum wisset, sind Mir, wie euch die Sonne am Himmel, klarst ersichtlich, und Ich sollte euch da noch um etwas fragen, als wüßte Ich's zuvor nicht?! Wäre das nicht ungeschickt oder zum wenigsten eine unnütze, zeitvergeuderische Mund- und Zungenwetzerei?!“
GEJ|4|257|3|0|Sagt hier der danebenstehende Schwarze: „Herr, das kommt mir nicht folgerichtig vor; denn meines Wissens hast Du nun vor einer kurzen Zeit doch Selbst Deine weißen Jünger gefragt, ob sie dies oder jenes wohl verstanden haben! Das ist ja doch auch eine Frage, mittels welcher man von jemandem etwas erfahren will, von dem man früher noch nicht die rechte Aufhellung erhalten hatte! Warum fragtest Du da die Jünger? Wußtest Du denn nicht, ob sie Deine großen und weisesten Enthüllungen wohl verstanden oder auch nicht verstanden haben?“
GEJ|4|257|4|0|Sage Ich: „O du Mein schätzbarer schwarzer Freund! In bezug auf das Fragen erkundigt man sich lange nicht allzeit nur um das, was man zuvor etwa selbst nicht weiß, sondern man fragt gar oft, und das aus gutem Grunde, prüfend, um durch die Frage seinen Nebenmenschen zum Nachdenken zu bewegen.
GEJ|4|257|5|0|So fragt ein Lehrer seine Schüler um Dinge aus, die er auch ohne die Antwort der kleinen Jünger zuvor gar gut weiß und wissen muß. Und der Richter fragt den Sünder am Gesetze, was er verschuldet habe, nicht etwa, um nun erst zu erfahren, was dieser wider das Gesetz getan hat – darum weiß der Richter schon lange! –, sondern er will von dem Inquisiten nur das Eigengeständnis und züchtigt den verschmitzten Sünder, wenn er beharrlich alles das ableugnet, von dem der Richter durch die gleichen Aussagen mehrerer Zeugen schon lange in die hellste Überzeugung gelangt ist!
GEJ|4|257|6|0|Und so kann auch wohl Ich, als ein rechtester Lehrer und als ein allergerechtester Richter, an euch Menschen allzeit Fragen stellen, nicht etwa, um von euch etwas zu erfahren, das Ich zuvor etwa nicht gewußt hätte, sondern um euch dadurch zum Nachdenken und Sichselbstprüfen zu nötigen! Also in der Art kann Ich wohl jedermann fragen; aber so Ich jemanden von euch also fragen würde, als wollte Ich Mich überzeugen, ob dieser oder jener von den Jüngern Meine Lehre wohl verstanden hätte oder nicht, so wäre das von Mir aus ein eitles und ungeschicktes Fragen, da Ich das auch ohne alle Fragen als Gott ohnehin schon seit Ewigkeiten her habe wissen können, wer und wie er Mich in dieser Zeit auf dieser Erde wohl verstehen wird! – Bist du nun darüber auch im hellen!“
GEJ|4|257|7|0|Sagt der Schwarze: „Ja Herr, und ich bitte Dich um Vergebung darum, daß ich nun Dich, o Herr, mit meiner höchst ungeschickten Frage belästigt habe! In der Folge werde ich so etwas sicher nicht mehr tun, wenn es mir vergönnt sein sollte, mich mit den Meinigen noch länger in Deiner heiligen Nähe aufhalten zu dürfen!“
GEJ|4|257|8|0|Sage Ich: „Solange du willst, kannst du dich bei Mir aufhalten und auch fragen! Wenn du noch irgend etwas hast, was dir nicht helle genug ist, da hast du, so wie jeder andere, das freie und volle Recht zu fragen! Denn nun gebe Ich Mich ganz offen an diesem Orte; späterhin wird eine Zeit kommen, in der Ich auf eine Zeitlang von niemandem eine Frage anhören werde. Es ist in dir noch etwas Lückenhaftes; erforsche dich und frage, und es soll dir auch darin Licht werden!“
GEJ|4|257|9|0|Sagt der Schwarze: „O Herr, da bedarf es nicht, daß ich mich lange erforschete; denn meine Lücken kenne ich schon seit langem! Und siehe, es ist das eine Hauptlücke, daß ich mir Gottes Allwissenheit am allerwenigsten erklären kann! Wie kannst Du denn gar so um alles in der ganzen Unendlichkeit wissen?“
GEJ|4|257|10|0|Sage Ich: „Ja, wenn du das nun noch nicht verstehst, so hast du ehedem eben Meine Enthüllungen vom Außenlebensäther des Geistes nicht tief genug aufgefaßt! Das wirst du doch begriffen haben, wie der ewige Schöpfungsraum ewig und unendlich ist, und wie er mit nichts anderem erfüllt ist als nach allen Seiten ewig fort und fort mit Meinem Geiste, welcher da ist pur Liebe, also Leben, Licht, Weisheit, klarstes Selbstbewußtsein, ein bestimmtestes Fühlen, Gewahrwerden, Schauen, Hören, Denken, Wollen und Wirken.
GEJ|4|257|11|0|In Mir ist zwar dieses ganz einen und ewig gleichen Geistes Brennpunkt, der aber eins ist mit seinem unendlich großen und alle Unendlichkeit erfüllenden Außenlebensäther, der bei Mir mit dem Hauptlebensbrennpunkte stets mit allem, was er faßt, in der innigsten Verbindung steht. Dieser Mein Außenlebensäther aber durchdringt alles und umfaßt alles in der ganzen, ewigen Unendlichkeit und sieht, hört, fühlt, denkt, will und wirkt überall auf eine und ganz dieselbe Weise.
GEJ|4|257|12|0|Auf eine gewisse Ferne vermag das ja deine Seele auch, und es würde jemandem schwer sein, in deiner Nähe einen bösen Gedanken zu fassen, ohne daß du solchen sogleich erkennetest. Wie du solches aber vermagst mittels der kräftigen Außenlebenssphäre deiner Seele, die mit ihr stets im innigsten Verbande steht und somit dein klares Ich weit über dich hinaus ausbreitet, – also ist es auch bei Meinem Geistesaußenlebensäther der Fall, nur mit dem Unterschiede, daß deiner Seele Außenlebenssphäre nur auf einen gewissen Raum beschränkt ist, weil sie als Substanz, wegen der Verschiedenheit der ihr begegnenden fremden Elemente, sich nicht weiter ausbreiten kann.
GEJ|4|257|13|0|Des Geistes Außenlebensäther aber kann ewig auf keine fremden Elemente stoßen, weil im Grunde alles er selbst ist; und so kann er auch allerfreiest und ungehindertst endlos über alles alles sehen, fühlen, alles hören und bestens verstehen. Und siehe, darauf basiert denn ganz klar und leicht faßlich die dir so schwer begreifliche Allwissenheit Gottes! – Sage, bist du nun darüber im klaren?“
GEJ|4|258|1|1|258. — Die Sprache der Tiere
GEJ|4|258|1|0|Sagt der Schwarze mit ganz aufgeheitertem Gesichte: „Ja, ja, ja, – nun sehe ich auch das völlig ein und glaube, daneben nun noch so manches einzusehen, was ich früher auch nie so recht klar eingesehen habe! So verstehen wir offenbar die Sprache der Tiere ganz und gar, und wer sich die Mühe geben will, die wenigen Laute der Tiere nach der Art der inneren Empfindung und der naturseelischen Intelligenz zu modulieren – wozu freilich eine kleine Übung erforderlich ist –, der kann mit den Tieren wie mit den Menschen ganz förmlich reden und von ihnen so manches erfahren, was in vollem Ernste oft von keiner geringen Bedeutung ist. Ich habe selbst mich versucht, habe es aber dennoch nie zu einer allen Tieren verständlichen Sprache bringen können, weil meine Organe nicht danach eingerichtet waren und auch jetzt nicht eingerichtet sind; aber verstehen kann ich alles, was irgendein Tier mit seinesgleichen abmacht.
GEJ|4|258|2|0|So habe ich einmal daheim zwei Ichneumone ganz deutlich am Nil in meiner von ihnen unbemerkten Nähe folgendes miteinander abmachen hören: Das wohlkennbare Männchen sagte zum Weibchen: ,Du, mir wird bange um unsere Kinder, die eine Tagereise von hier am Unterstrome Jagd nach des Mokels (Krokodil) Eiern machen! Ich fürchte, daß unser ältester Sohn, wenn er am Ufer träge und voll angefressen ruhen wird, von einem bösen Aar gepackt, in die Luft getragen und darauf auf einem Felsen jämmerlich zerfleischt und bis auf die Beine aufgezehrt wird! Wenn wir beide sehr behende eilen, so könnten wir diesem Unglücke noch vorbeugen! Gegen Abend kommen die Löwen und Panther zum Nil zur Tränke, da wäre die Reise für uns gefährlich; verlassen wir aber nun schnell diesen Platz, an dem ohnehin nicht viel zu gewinnen ist, so haben wir keine Gefahr auf der weiten Reise dahin zu bestehen, und wir retten unsern ältesten Sohn!‘ Da richtete sich das Weiblein auf und sagte nichts als: ,So eilen wir denn in der uns gewohnten Hast!‘ Und als das Weibchen das aussprach, da ging es gleich pfeilschnell über Stock und Stein dem Nil entlang.
GEJ|4|258|3|0|Nach etwa vierzehn Tagen kam ich wieder an jene Stelle, weil ich in mir wahrnahm, daß sich dort nun eine ganze Ichneumonfamilie aufhalte. Ich eilte leisen Trittes hinzu und fand sieben Ichneumone auf einer Sandbank sich herumtummeln und miteinander schäkern und sich gegenseitig freundlich necken. Diesmal aber nahm ich auch meinen Diener mit, weil er ganz besonders gut mit vielen Tierarten zu reden verstand.
GEJ|4|258|4|0|Als wir beide uns ganz ruhig und still hinter einem Busche der Stelle am Strome nahten und ihr Geschwätze ganz gut vernehmen konnten, da sagte das mir recht wohl bekannte Weibchen zu ihrem Männchen: ,Du, sieh dich um nach jenem Busche; hinter ihm lauern zwei Menschen! Fliehen wir; denn diesen ist nie und nimmer zu trauen!‘ Darauf schnupperte das Männchen etliche Male gegen uns beide herüber und sagte darauf zum Weibchen: ,Sei ruhig, Weiblein! Diese beiden kenne ich; das sind keine bösen Menschen, und sie werden uns schon am wenigsten irgendein Leid zufügen. Sie verstehen uns, und einer könnte sogar reden mit uns, so er wollte. Wir werden uns mit ihnen noch recht gut unterhalten, und sie werden uns dann Milch und Brot zu essen geben!‘
GEJ|4|258|5|0|Auf das ward das Weibchen ruhig und fing an, freudenvoll wieder herumzuhüpfen und -zutanzen; denn es hatte eine große Freude daran, seinen in großer Gefahr schwebenden Sohn gerettet zu haben. Der Sohn aber war auch ein ganz besonders wohlgestaltetes Tier und verriet eine Art von Selbstgefühl, was man in unserer menschlich moralischen Sphäre Stolz nennen könnte.
GEJ|4|258|6|0|Mein Führer meinte, daß wir uns nun dieser muntern Gesellschaft der Ichneumone ohne Bedenken ganz ruhig nähern könnten und sie würden nicht fliehen vor uns. Wir taten das, und siehe, das alte Männchen erwies uns sogar eine Art Höflichkeit und wies uns einen ganz bequemen Platz zum Zuschauen an, sagte aber, die Sandbank möchten wir nicht betreten, weil in ihr viele Mokeleier verscharrt wären und er nun beschäftigt sei, seine Jungen im Aufsuchen dieser bösen Eier zu üben.
GEJ|4|258|7|0|Wir taten das, und mein Diener gab dem Männchen die volle Versicherung, daß er und seine Gesellschaft nicht nur nichts zu befürchten hätten, sondern daß wir sie die ganze Zeit ihres dasigen Aufenthaltes reichlich mit Milch und Milchbrot (Käse) versehen würden. Da sagte das Männlein: ,Das wird sehr gut sein, und ich werde dir darum den Strom von allen Mokeleiern reinigen. Aber warte mit deiner Wohltat noch zwei volle Tage; denn meine Jungen müssen zuvor durch Hunger genötigt werden, Mokeleier zu vertilgen, dann erst wird am dritten Tage der süßschmeckende Lohn am rechten Platze sein!‘
GEJ|4|258|8|0|Darauf fragte der Diener das Männchen abermals, wie denn in diese Gegend Mokeleier verpflanzt würden, da man in diesem Stromgebiete doch noch nie eine Mokel gesehen habe. Da sagte das Männchen: ,Die Mokel sind ganz gescheit und sehr naturkundig. Sie wissen es aus ihrer Natur und Erfahrung, daß ihre Eier in diesen Hochgebieten des Stromes besser und gesünder gedeihen als in des Stromes Niedergebieten. Daher schleichen sie gleich nach der Regenzeit in den Nächten schwimmend hierher und noch etliche Tagereisen weiter von hier aufwärts bis in das Gebiet der harten Wasser des Stromes und verscharren da eine Unzahl Eier in den warmen Sand. Sind sie mit dieser Arbeit gerade in der Zeit fertig, in welcher ihr großen Menschen euch vor Schlamm den Ufern des Stromes samt uns nicht leichtlich nahen könnet, so begeben sie sich eben wieder zur Nachtzeit schwimmend nach den Unterlanden, wo es reiche Herden gibt, auf die sie zur Nachtzeit eine stets sehr erfolgreiche Jagd machen können. Wenn aber die Jungen hier ausgebrütet werden, so steigen sie auch sogleich dem Wasser zu und schwimmen ganz bequem dorthin, wo ihre Alten sich gewöhnlich aufhalten. Dort finden sie auch gleich Nahrung und gedeihen sehr schnell. Da wir aber wohl wissen, wo sich ihre kräftigsten Eier befinden, so ziehen wir denselben nach, suchen sie nach Möglichkeit zu vernichten und nähren uns von dieser unseren Gaumen sehr wohlschmeckenden Kost. Nur mit dem Auffinden geht es im Anfange etwas schlecht, und dazu belästigen uns oft noch ein paar Feinde; der eine ist ein mächtiger Bewohner der Luft, der Aar, und der zweite ist die verwünschte Klapperschlange. Aber wenn wir unser mehrere beisammen sind, da mögen uns beide nichts anhaben. – Nun aber gebet acht, wie wir die Eier suchen, finden und sogleich auch vernichten werden!‘
GEJ|4|258|9|0|Hierauf sprang das Männchen von uns und quitscherte fürs menschliche Ohr einige eintönige, unartikulierte Laute, deren Sinn ich nicht sehr genau verstand; aber mein feinhöriger Diener sagte, daß das Männchen nun den Befehl zum Aufsuchen der Eier gegeben habe. Und richtig, die Tierchen fingen an, in den Sand hineinzuschnippern, und sowie sie eine Stelle fanden, an der sich im Sande eine Lage Eier befand, gaben sie einen ganz eigenen Laut von sich, gruben sich höchst schnell in den Sand hinein und stellten die Eier frei, worauf es dann gleich ans Vertilgen der vorgefundenen Beute herging. Sie verzehrten aber nur die kleineren; die großen zerbissen sie wohl, warfen sie dann aber höchst behende mit den Vorderpfoten ins Wasser. Darauf aber ging die Jagd gleich wieder von neuem an.
GEJ|4|259|1|1|259. — Beispiele von der Intelligenz der Tiere
GEJ|4|259|1|0|(Der Schwarze:) „Wir sahen ihnen einen halben Tag ganz ungestört zu und unterhielten uns recht gut, da wir bei jedem Schritte und Tritte dieser Tierchen eine gewisse Ordnung und einen ganz wohlberechneten Plan ganz klar und deutlich abnehmen konnten und zugleich uns stets sehr hoch über die besondere Geschicklichkeit verwundern mußten, mit welcher diese wahrlich übermenschlich intelligenten Wesen ihr Werk ausführten. Ich dachte an eine Ermüdung dieser Arbeiter; aber keine Spur davon. Je länger die Arbeit dauerte, mit einem desto größeren Eifer wurde sie stets von ganz neuem wieder begonnen.
GEJ|4|259|2|0|Etwa so nach drei Stunden nach eurer Zeitmessung kam das Männlein wieder und sagte: Mit dieser Sandbank würden sie in vier Tagen kaum fertig, dann wäre gegenüber am linken Ufer auch eine bedeutende Sandlehne, in der auch viele Mokeleier verscharrt seien. Dieselben müßten sie auch vertilgen, sonst würde es in einem Jahre nur wimmeln von lauter Mokels, und in zehn Jahren würden sie sich so sehr vermehren, daß kein Mensch einen Schritt im ganzen Unterlande tun könnte, ohne irgend auf einen Mokel zu stoßen. Die Menschen dieser Länder könnten ihnen, den Ichneumonen, daher nicht zur Genüge dankbar sein für die stetige Vernichtung der bösen Mokel im ganzen Unter- und Oberlande zu beiden Seiten dieses Stromes.
GEJ|4|259|3|0|Mein Diener aber fragte das muntere Männchen, wie es denn bei solchem ihrem Fleiße doch immer kommen mag, daß sich noch immer Mokel in dem Strome aufhalten und fortkommen. Da sagte das Männchen, sich ganz ernst stellend: ,Das will der große Geist aller Natur, daß die Mokel für diesen Strom nie ganz ausgerottet werden dürfen; denn auch ihre Bestimmung ist, der Erde und ihren Bewohnern zu nützen. Nur überhandnehmen dürfen sie nicht; dafür sind wir da, um ihre Vermehrung in den rechten Schranken zu halten. Der große Geist hat das alles also weise vorgesehen, und es muß das alles also geschehen, damit ein Leben in dem andern seine Vervollkommnung finden kann. Die Übergänge sind stets bitter, aber dafür ist dann das höhere Sein ein angenehmes!‘
GEJ|4|259|4|0|Der Diener fragte es, wie's denn zur Kenntnis eines höchsten Geistes gelangt sei. Da fing das Männchen an zu kichern, und es war das eine Art des Lachens. Als sich das Männchen ausgekichert hatte, sagte es zum Diener: ,Sehen wir doch täglich Seine Sonne am Himmel, und wie aus derselben allerart gute Geister zu uns herüberströmen! Woher sollen sie denn anders kommen als vom großen Lichtgeiste aus der Sonne?!‘
GEJ|4|259|5|0|Und wieder fragte der Diener das Männchen: ,Verehret ihr auch solchen großen Lichtgeist?‘ Sagte das Männchen: ,Ist aber das für einen großen Menschen doch eine seltsame Frage! Ihr werdet doch nicht dümmer sein als wir schwachen Tiere? Wenn wir das allzeit gerne und unverdrossen tun, was uns Sein Wille in unser Naturleben gelegt hat, dann ehren wir ja am besten den großen Geist! Oder könnet ihr euch gegenseitig besser ehren, als so einer freudig tut den Willen seines Nächsten?! Sieh, darin liegt alles, daß man den Willen Dessen tut, den man wahrhaft ehrt!‘ Mit dem verließ das Männchen uns wieder und ging wieder mit allem Fleiße seiner Arbeit nach. Wir aber verließen darauf den Ort und gingen wieder nach Hause zur Bestellung unserer Hausgeschäfte.
GEJ|4|259|6|0|Ein paar Tage darauf versahen wir die Tierchen mit Milch und Käse, welche Kost sie mit großem Wohlgefallen verzehrten, aber darauf richtig einen ganzen Tag von ihrer Arbeit ruhten.
GEJ|4|259|7|0|Der Diener fragte das Männchen, ob für Menschen Mokelfleisch auch zu essen wäre, freilich zuvor beim Feuer gebraten. Da sagte das Männchen: das Bauchfleisch wohl, weil solches verdaulich sei; aber mit dem andern Fleische wäre nichts zu machen, es sei unverdaubar hart. Das Nilpferd wäre besser, und noch besser das Nilkalb, das sich aber stets mehr in der Nähe des Meeres zumeist in der Tiefe aufhalte und sich nur zu Zeiten der unterwässerlichen Stürme auf die Oberfläche begebe und da mit den Fahrzeugen der Menschen spiele.
GEJ|4|259|8|0|Nach dieser Erklärung sprangen wieder alle sieben von uns und setzten übers Wasser ans jenseitige Ufer, wohin wir ihnen dann nicht mehr folgten, weil wir nun ihre Natur und ihren Charakter hinreichend hatten kennengelernt.
GEJ|4|259|9|0|Ich habe hier bloß darum dieses Beispiel von Ichneumonen erzählt, weil es für mich etwas ganz Neues war, und weil ich so viel Klugheit in gar keinem mir bekannten Tiere gefunden habe.
GEJ|4|259|10|0|Es gibt auch unter den Vögeln ganz weise Charaktere. Vor allem gehören dazu die Ibisse und Störche, die Kraniche, die Wildgänse und die Schwalben. Unter den vierfüßigen Erdtieren aber sind das Kamel und noch mehr der große Elefant, der Esel, der Hund, der Affe, die Ziege, dann der Fuchs, der Bär und der Löwe sicher die intelligentesten und führen eine recht deutliche Sprache. Der anderen Haustiere Intelligenz ist schwächer, und ihre Sprache ist mehr unverständlich und dumm. Unter den kaltblütigen Tieren aber steht die große Eidechse obenan; denn diese wird bei uns als ein ordentlicher Prophet angesehen und verkündet uns oft mehrere Tage zum voraus, was da alles kommen werde. Daher werden bei uns diese Tiere auch besonders gepflegt und mit Milch und Käse gefüttert.
GEJ|4|259|11|0|Es ist im höchsten Grade zu verwundern, woher diese Tiere ihre Wissenschaft nehmen. Nun, ich erzählte hier durchaus keine Fabel, obwohl dies von mir nun Erzählte den unerfahrenen Weißen als eine Fabel vorkommen muß. Wenn sie es aber durchaus nicht glauben können, daß sich alles das also verhält, so führet des praktischen Beispieles halber etwa einen ganz fremden Esel her, und mein Diener wird an ihn Fragen richten und dem Esel auftragen, etwas Bestimmtes zu tun, und das Tier wird das auch sicher ganz pünktlich tun, was der Diener von ihm begehren wird!“
GEJ|4|260|1|1|260. — Des tiersprachkundigen Nubiers Unterhaltung mit dem Esel des Markus
GEJ|4|260|1|0|Sagt der alte Markus zu Mir: „Herr, soll ich wohl einen Esel, aber einen von meinen ganz natürlichen, hierherstellen? Denn die zwei neugeschaffenen könnten da zu einem Vorurteile Anlaß geben!“
GEJ|4|260|2|0|Sage Ich: „Ja ja, tue das; denn es wird daraus noch eine gar wichtige Lehre gefolgert werden!“
GEJ|4|260|3|0|Schnell entfernte sich Markus, brachte ein Eselmännlein zu uns und sagte etwas lächelnd zum Schwarzen: „Da wäre so ein Weltweiser; tue nach deinem Gutdünken mit ihm!“
GEJ|4|260|4|0|Da berief der Schwarze seinen Diener. Dieser richtete sogleich in seiner dem Eselsgeplärre ähnlichen Weise allerlei Fragen an das Tier, und siehe da, das Tier gab ihm eine Menge Dinge von dem Haushalte des Markus kund, wie auch von seinem früheren sehr rohen Besitzer, dessen Namen und noch so eine Menge der überraschendsten Daten, um die sonst der schwarze Diener nicht leichtlich hätte wissen können, was den Markus im hohen Grade frappierte. Endlich gebot der Diener dem Esel, ihm zu Gefallen dreimal um unsern Tisch zu laufen und am Ende siebenmal recht laut sein ,i-a‘ hören zu lassen. Und sogleich befolgte das der Esel und entfernte sich darauf von selbst.
GEJ|4|260|5|0|Darauf fragte der schwarze Anführer unsere Gesellschaft, ob das nun wohl auch eine kaum glaubbare Fabel wäre.
GEJ|4|260|6|0|Da sagte der nicht genug staunen könnende Cyrenius: „Nein nein, Freund, Fabel ist das keine; aber beinahe möchte ich nun schon zu glauben anfangen, daß auch unser berühmter Fabeldichter Äsop mit den Tieren hat reden können! Herr, da ist ja schon wieder eine neue Tugend der Schwarzen, von der wir früher keinen noch so schwachen Dunst hatten! Ja, wenn das so fortgeht, da werden wir mit den Schwarzen noch lange nicht fertig werden! Es kommt immer besser, immer unglaublicher und unerklärlicher! In den Büchern eurer Schrift las ich wohl einmal von einem Esel, der mit seinem ihn zu sehr mißhandelnden Propheten namens Bileam geredet habe; aber was ist das gegen das, wo dieser Schwarze sich nun von diesem ganz harmlosen Esel dessen ganze Biographie ganz klassisch hererzählen läßt! Und daß es keine Dichtung des Schwarzen war, das bezeugte der alte Markus!
GEJ|4|260|7|0|Es ist das, dies und jenes, schon ganz gut und recht, und ich habe da gar nichts dawider, wenn ich bei all dem, was ich nun schon alles für weise Lehren vernommen habe, mir diese neue wunderbare Erscheinung nur ein wenig versinnlichen könnte, wie es möglich ist, sich mit den Tieren sprachlich zu verständigen! Es wird an solcher Kunde des Menschen Heil wohl auch nicht gelegen sein; aber da die höchst sonderlich wunderbare Erscheinung, von rein menschlicher Seite ausgehend, einmal da ist, so möchte ich das Wie- und Wodurchmöglich denn doch ein wenig näher erkennen! Wie können sich die Tiere mit dem Menschen sprachlich verständigen, und wie der Mensch mit den Tieren? – Herr, gib uns darüber nur so einige ganz kurze Winke!“
GEJ|4|260|8|0|Sage Ich: „Menschen, die so etwas vermögen, sind darum nicht vorzüglicher denn ihr, die ihr das nicht vermöget; denn je näher irgendeines Menschen Seele den Tierseelen steht, desto mehr solches Vermögens, mit denselben sich zu verständigen, besitzt sie natürlich in ihrem lebensordnungsmäßigen, vollreinen Zustande. Verfleischt sie sich zu sehr, so ist es dann auch aus mit den besonderen Eigenschaften, und die finsteren Gesetze der Materie treten dann an ihre Stelle, und der Seele schadet dann auch alles, was nur immer dem Fleische schaden kann.“
GEJ|4|261|1|1|261. — Das Wachstum der menschlichen Außenlebenssphäre
GEJ|4|261|1|0|(Der Herr:) „Aber es bedarf zu dem Vermögen, sich mit den Tieren vollkommen zu verständigen, nicht gerade der Mohren. Auch die Weißen können das erlangen, wenn sie sich vollkommen gereinigt haben. Ist einmal eine Seele ganz rein und somit auch ganz gesund und kräftig, so fängt sie an, den Überfluß ihrer Außenlebenssphäre gewisserart über die Grenzen ihres Leibes hinauszuschieben, und das stets um so weiter, je lebensgediegener sie in sich selbst geworden ist.
GEJ|4|261|2|0|Es ist dies ungefähr also zu nehmen, als so sich jemand von euch eine noch matt glühige Kohle vorstellte in einer ganz finsteren Kammer. Die Kohle wird nun kaum so viel Lichtes in ihrer allernächsten Nähe um sich verbreiten, daß man sie mit genauer Not ersehen wird, wo sie liegt. Bläst man die sie verfinsternde Asche als gewisserart Seelenmaterie von ihrer Oberfläche hinweg, so wird ihr Licht um sie schon so stark und so weithin ausströmen, daß man ihre nächste Umgebung schon ganz gut wird ausnehmen können. Verstärkt man das Gebläse noch mehr und mehr, so wird aus ihrer schon lichtglühenden Oberfläche sich schon so viel Lichtes auszubreiten anfangen, daß man schon zur Not in der ganzen Kammer die darin befindlichen Gegenstände recht klar wird auszunehmen anfangen. Wird die Kohle dann erst ganz weißflammenglühig gemacht, so wird es dadurch schon in der ganzen Kammer ganz gut helle werden, und man wird nun schon alle Sachen in derselben zur Genüge erleuchtet auch ihren Farben nach reiner ausnehmen können.
GEJ|4|261|3|0|Also steht es auch mit der puren Seele. Die glühige, mit Asche umlagerte Kohle gleicht einer ganz ins Fleisch verwachsenen Seele. Sie braucht all ihr mattes Lebensfeuer nur zur Bildung ihrer sie umlagernden, finsteren Materie; da ist es sonach mit der Bildung einer Außenlebenssphäre soviel als nichts! Und solch eine sehr materielle Seele kann unmöglich je von einer besonderen und höheren Eigenschaft etwas verspüren. Da ist es nichts mit der Meisterschaft über alle Kreatur, ebenso nichts mit dem Schauen in die Sphären des seelischen Lebensbereiches, nichts mit dem Vernehmen einer innern Geistesstimme und noch viel mehr nichts mit einem Verstehen der Tier- oder gar Pflanzensprache, – lauter Dinge, die den Altvätern so bekannt waren wie euch die allerbekannteste Außenform eines Dinges oder irgendeiner Sache. Denn was sollte doch der Seele geistige Außensphäre als lebendig beleuchten, wenn sie als selbst leuchten sollend nicht so viel des Lebensleuchtäthers über sich hinausbringt, daß sie sich selbst erschauete, daß und wie sie ist?!
GEJ|4|261|4|0|Solch eine Seele weiß am Ende von ihrem eigenen Dasein kaum etwas, kennt ihre Unterlage durchaus nicht, und hört sie irgend Geistiges über sich, so widert sie solches an; sie erschrickt bis zu einer Art Ohnmacht, so sie nur etwas erschaut, das irgend eines Abgeschiedenen Seele ähnlich sieht, und verzagt beim Anblick großer Wunder. Was soll es mit solch einer Seele?
GEJ|4|261|5|0|Ah, wenn aber eine Seele, nachdem sie von irgendwoher entweder durch eine verbürgte Nachricht oder durch Selbstüberzeugung geistig angeweht worden ist und gleich der vorbezeichneten Kohle lebensglühig wird, da fängt sie auch schon an, sich fürs erste einmal als Seele seiend zu fühlen und ihren Grund zu erkennen, auf dem sie basiert. Werden die Anwehungen stärker und stärker, so wird sie, als selbst stets mehr Licht und Licht, ihr Selbstisches stets heller, reiner und von der Materie unterscheidlicher erkennen, und es wird ihr Licht schon anfangen, über sie hinauszureichen und ihre Außenlebenssphäre zu erhellen.
GEJ|4|261|6|0|Je heftiger und unausgesetzter aber dann die geistigen Lebenswinde die Seele anfachen, desto lebensweißglühender und weiter über sich hinaus leuchtender und heller wird auch die Außenlebenslichtsphäre der Seele, und was dann in solche seelische Außenlebenslichtsphäre tritt, das wird auch seelenlebensdurchleuchtet und von der leuchtenden Seele bald und leicht völlig erkannt und bestens beurteilt.
GEJ|4|261|7|0|Hat es eine Seele einmal für sich zum möglich höchsten Lichte, also vergleichlich zur flammenden und weißglühenden Kohlenglut gebracht, so wird ihre Außenlebenslichtsphäre, als allein von der Seele ausgehend, auch die möglich weiteste und intensivste Ausbreitung erreicht haben, mittels welcher sie dann schon als Beherrscherin aller Kreatur dasteht, weil sie sich mittels solcher ihrer Außenlebenslichtsphäre schon in eine vollkommen intelligente und kräftigst wirksame Korrespondenz mit aller ihr in rechter Nähe stehenden Kreatur setzen kann.“
GEJ|4|262|1|1|262. — Die Außenlebenslichtsphäre des Moses und der Patriarchen
GEJ|4|262|1|0|(Der Herr:) „Die alten, frommen Patriarchen hatten eine so starke Außenlebenslichtsphäre, daß sie in der Nacht leuchteten, auch von irdischen Augen gesehen. Des Moses Seele leuchtete am Tage vor Liebeglut zu Gott, nachdem er auf dem Sinai mit Ihm zu tun hatte, so hell, daß sein Angesicht herrlicher und heller strahlte denn das Licht der Sonne am Mittage und Moses sich sein Gesicht mit einer dreifachen Decke verhüllen mußte, damit die andern Menschen ihn anschauen konnten. Des Moses Seele hatte hernach auf dieser Erde unter den Menschen wohl die überschwenglichste Vollendung erreicht; daher mußte ihm aber auch alle Kreatur auf das allerpünktlichste gehorchen. Er befand sich in der allerintelligentesten Korrespondenz mit allen kreatürlichen Wesen, fand dadurch auch Meinen Willen überall, zeigte ihn den blinden Menschen und zeichnete ihnen auch die Wege genau vor, auf denen ein jeder Mensch, so er nur fest will, zur Vollendung seiner Seele gelangen kann. Er errichtete zu dem Behufe auch eine eigene Prophetenschule, die in dieser Zeit zwar noch besteht, aber in der Art freilich wie die neue, falsche Bundeslade, da die echtmosaische schon lange ohne Kraft und Wirkung geworden ist.
GEJ|4|262|2|0|Hätte Moses zu seiner höchst vollendeten Seele auch des Geistes Eingeburt erreichen können, die ihm auch dann erst zuteil wird, wenn Ich aufgefahren sein werde nahe gleich einem Elias, doch ohne einen Feuerwagen, so hätte dieser größte aller Propheten dieser Erde allen Sternen neue Bahnen bestimmen können, und die großen Sonnen hätten sich seinem Willen gleich den Wogen des Roten Meeres fügen müssen, und gleich wie der harte Granitfels gerade an der Stelle eine reiche Wasserquelle entstehen lassen mußte, wo sie Moses haben wollte; denn er gebot es den gebannten Geistern des Steines, und diese verstanden wohl die Zunge Mosis und wurden tätig nach seinem von ihnen erkannten Willen.
GEJ|4|262|3|0|Daß die alten Weisen aber zumeist nicht nur mit den Tieren, sondern mit allen Pflanzen und sogar mit Steinen und Metallen, mit dem Wasser, mit der Luft, mit dem Feuer und mit allen Geistern der Erde korrespondieren konnten, davon sprechen als laute und sicher ganz glaubwürdigste Zeugen aus der gesamten Schrift namentlich das Buch der Richter, der Propheten, die fünf Bücher Mosis und noch eine Menge anderer Bücher und Aufzeichnungen und einige freilich schon stark entstellte Traditionen im Volke. Die künstlich konstruierte Gras-, Baum-, Fels- und Wasserrederei der Essäer in ihren Wundergärten ist nichts als eine bloße Nachahmung dessen, was dereinst in lebendiger Wirklichkeit bestand!
GEJ|4|262|4|0|Diese Schwarzen aber haben es euch nun vielseitig gezeigt, in welcher Kraft sich eine unverdorbene Menschenseele befindet, und Ich Selbst habe euch nun den Grund vielfältig sonnenhell erklärt, und so meine Ich nun, daß ihr solches jetzt gar wohl als eine ausgemachte Wahrheit annehmen könnet, und das um so mehr, so Ich euch noch hinzusage, daß solches bei den Menschen stattgefunden hat, noch jetzt stattfindet und noch fürderhin stattfinden wird.
GEJ|4|262|5|0|Zugleich habt ihr an euren Hirten noch heutzutage darin einen laut sprechenden Beweis dafür, daß sehr sorgsame Hirten durch gewisse eigentümliche Namen und Laute ihre Herden leiten, ihnen ihren Willen zu erkennen geben und die Herden sich plötzlich danach richten. Oder versteht der Esel oder Ochse, wenn auch etwas mühsam, nicht völlig den Wink seines Herrn und Führers? Wem ist es unbekannt, daß sogar der grimmige Löwe seinen Wohltäter allzeit erkennt und ihm nimmer, selbst in seinem grimmigsten Zorne, etwas zuleide tut? Das beweist, daß die Tiere nach ihrer Art auch ein Verständnis, eine Beurteilung und oft ein sehr scharfes Erkennen besitzen und bei vielen Gelegenheiten dem Menschen durch allerlei Gebärden und Bewegungen und oft auffallende Widersetzlichkeiten eine ihn erwartende Gefahr andeuten und den Menschen retten, wenn er darauf achtet.
GEJ|4|262|6|0|Woher wohl stammen die noch heutzutage unter den Heiden seienden Haruspices (Opferdeuter), die da aus dem Gesange und Fluge der Vögel und aus der Gebärdung der anderen Tiere allerlei erkennen wollen? Sie sind Schatten jener einst gewesenen Wirklichkeit, von der wir soeben reden.“
GEJ|4|263|1|1|263. — Der Grund der Erklärungen des Herrn
GEJ|4|263|1|0|(Der Herr:) „Ich erkläre euch das aber nicht darum etwa, als wollte Ich euch in jene Urzustände der ersten Menschen der Erde zurückführen, sondern nur darum, um euch bei solchen noch immer möglichen Vorkommnissen auf jenen reinen Wissensstand zu stellen, von dem aus ihr alles das nicht mehr abergläubisch wunderlich, sondern der vollen und ganz natürlichen Wahrheit gemäß beurteilen und euch danach richten sollet. Denn kämet ihr ohne diese Meine Erklärung einst bei der Weiterverbreitung Meiner Lehre zu Völkern, wie diese Schwarzen nun da vor uns sind, und ihr sähet sie Handlungen begehen, wie ihr sie nun sattsam gesehen habt, so würdet ihr dadurch bald so sehr befangen werden, daß ihr euch dann von solchen wundertätigen Völkern ein anderes Evangelium vorpredigen ließet und bald von Meinen Wegen abwichet und dadurch schwerlich je zur Wiedergeburt Meines Geistes gelangen könntet, anstatt daß ihr den fremden Völkern Mein Evangelium überbrächtet.
GEJ|4|263|2|0|Wisset ihr aber nun um alles, wie es in der Welt war und geschah und noch ist und geschieht, so ist bei euch dann von einer Gefahr, verführt zu werden, so leichtweg keine Rede mehr, außer ihr müßtet euch höchstens durch einen in jemand neuerwachten Eigennutz dazu verleiten lassen, was aber dann auch ganz natürlich, richtig gefolgert, euer Untergang wäre.
GEJ|4|263|3|0|Ihr brauchet eure Seelen nun aber nicht mehr darum zu vollenden, um euch in alle jene euch nun treu bekanntgegebenen Eigenschaften der Alten zu versetzen – denn das gibt keiner Seele ein wahres, seliges ewigstes Leben –, sondern von nun an hat ein jeder von euch den ganz neuen Grund, seine Seele möglichst zu vollenden und zu reinigen, um aus der tatsächlichen Befolgung Meines Wortes zur dadurch bedingten Wiedergeburt des Geistes in seine gesamte Seele zu gelangen. Denn wer das erreicht hat, der hat dann auf einmal mehr der wundervollsten Fähigkeiten in sich, als alle alten Väter bei aller ihrer Seelenvollkommenheit je besaßen! Er wird in einem Augenblick leichter alle Sternenwelten und Sonnen durchschauen und sogar deren noch so entfernteste Sprache hören und verstehen, als die alten Seher und Wundertäter ihre nächste Landesnähe zu durchschauen und zu beurteilen vermochten.
GEJ|4|263|4|0|Ja, sie verrichteten Wunder, – aber verstanden dieselben nicht. Sie waren kräftig, vermochten aber die Kraft nicht wohl zu erkennen und konnten dieselbe nur dann richtig und nützlich anwenden, wenn sie von Meinem sie zuzeiten durchdringenden Geiste dazu erweckt wurden. Sonst aber bedienten sie sich ihrer Kraft auch oft, wo es gar nicht notwendig war, nahe den Kindern gleich, die bei ihren Spieltätigkeiten auch oft eine höhere Kraft dazu anwenden, wovon sie doch nie und nimmer einen Nutzen haben können, außer höchstens den einer Übung ihrer Naturkraft.
GEJ|4|263|5|0|Aber ganz anders verhält es sich mit der Allkraft des Geistes, so er einmal vollkommen in die Seele herüber wiedergeboren, eigentlich eingeboren, ist; denn dadurch tritt er in die volle Gemeinschaft Meiner unendlichen und ewigen Allmacht, Meiner Liebe und Meiner Weisheit, Einsicht, Erkenntnis und Meines Willens! Ist er aber im Vollbesitze alles dessen als Mein dadurch erst wahrhaftigstes Kind, wie sollte er dann noch einen Wunsch in sich haben können, Dinge bewerkstelligen zu können, die einst die Alten, wie noch jetzt diese Mohren, nur stückweise und das nur unvollkommen haben verrichten können?!
GEJ|4|263|6|0|Daß solches ihr zwar nun nicht mehr vermöget, daran schuldet nicht euer Wille, sondern die Zeit und ihre verkehrten Sitten. Darum aber bin Ich ja nun Selbst gekommen, um euch für das kleine verlorene Paradieslein den ganzen Himmel des reinsten und mächtigsten Geistes aus Mir Selbst zu geben, – und da meine Ich an eurer Statt, daß ihr da schon vollkommen zufrieden sein könnet!
GEJ|4|263|7|0|Freilich braucht ihr, um die Durchgeistung eurer Seele zu erreichen, auch viele Mühe und Tätigkeit; allein, wo es sich um eine bestimmte und höchst gewisse Erreichung des allergrößten und allerhöchsten Lebensgutes handelt, da könnet ihr euch so ein bißchen was gefallen lassen! Denn alle die wunderbaren Eigenschaften einer für sich vollkommenen Menschenseele und alle die Schätze dieser Erde sind ja nicht ein kleinster Tautropfen zu nennen gegen das große Weltmeer dessen, was euch aus der genauen Beachtung Meines Wortes und Willens um vieles sicherer erwartet als der einstige Materietod euren Leib, der euch aber im Grunde ebensowenig genieren wird, als es euch genieret ein altes, morsches und alle Stund zum Zusammenfallen bereites Haus zu verlassen und dafür ein neues zu beziehen für immer und ewig, – ein Haus, dem keiner Zeit Stürme etwas anzuhaben vermögen werden!
GEJ|4|263|8|0|Denn wahrlich, sage Ich es euch: Alle aus Meinem Worte und der Tat danach Wiedergeborenen werden des Leibes Tod weder fühlen noch ihn gleich den Weltmenschen und manchen Tieren ängstlich ahnen, sondern sie selbst werden ganz freiwillig den Körper verlassen, wenn Ich, sie zu höheren Zwecken benötigend, sie von dieser Welt in Mein Haus berufen werde! – Habt ihr nun dieses alles wohl beherziget und begriffen?“
GEJ|4|263|9|0|Sagen alle: „Ja, Herr, Du unsere höchste Liebe, Du unser alles! Alles, alles geben wir um Deine Liebe, um Deine so unendlich große Gnade, die Du uns hier erweisest! Nun wüßten wir auch wahrlich um nichts mehr zu fragen!“
GEJ|5|1|1|1|Jesus in der Gegend von Cäsarea Philippi
GEJ|5|1|1|1|1. — Das wunderbare Mahl
GEJ|5|1|1|0|Sage Ich: „Es ist aber nun auch schon eine Stunde über den Mittag, darum sorge du, Markus, für ein Mahl; Mein Raphael helfe dir! Nach dem Mahle wollen wir dann sehen, was uns der Tag noch alles bringen wird. Ordnet euch alle an die Tische, und du, Raphael, aber schaffe die beiden Gehirnhaufen von unserem Tische, dann erst hilf dem Markus!“
GEJ|5|1|2|0|Raphael tat das in einem Augenblick und sagte dann zum Markus: „Soll ich dir nach eurer Menschenart behilflich sein oder nach meiner Art? Sage, wie es dir lieber ist! Weniger Aufsehen würde es offenbar machen, wenn ich dir nach menschlicher Weise helfe; aber nach meiner Art ersparten wir viel Zeit, und diese ist denn doch etwas sehr Kostbares! Was du demnach willst, das werde ich tun, und du wirst nirgends etwas auszustellen haben, als wäre irgend etwas versäumt worden.“
GEJ|5|1|3|0|Sagt Markus: „Ja, Freund aus den Himmeln, deine Art, die Speisen schnellst auf die Tische zu bringen, wäre freilich sehr vorteilhaft – denn trotz der Hilfe der Dienerschaft des Cyrenius geht es doch so hübsch lange her, bis die Speisen für so viele Menschen auf die Tische gebracht werden; aber es hat hier einen andern Haken! Die Speisen sind in genügender Vielheit noch gar nicht völlig bereitet! Wenn da deine überirdische Gewandtheit etwas vermag, da wäre sie wohl vorderhand am allerrechtesten Platze; sonst wird es wohl noch einer guten halben Stunde benötigen, bis alles zum Auftragen bereitet sein wird!“
GEJ|5|1|4|0|Sagt Raphael ganz gemütlich zum Markus: „Das meine ich ja auch: schnellst bereiten und ebenso schnell die Tische mit den geziemenden Speisen und Getränken versehen! Ich sage dir, man muß nur wollen, und es geht dann alles! Wenn du willst, so kostet es mich nur einen allerkürzesten Augenblick, und alle Speisen stehen allerbest bereitet auch schon auf den Tischen vor den Gästen!“
GEJ|5|1|5|0|Sagt Markus: „Wäre schon alles recht; aber dann werden die Menschen das für eine himmlische Zauberei halten und vielleicht eine ganz erklärliche Furcht vor den Speisen bekommen und werden sich kaum getrauen, dieselben zu genießen, – besonders die Schwarzen, die hier ohnehin auf alles so aufmerken, daß ihnen sicher gar nichts entgeht!“
GEJ|5|1|6|0|Sagt Raphael: „Oh, denen macht es gerade am wenigsten; denn diese sind ans Wunderbare schon gewöhnt! Spät ist es auch schon, und der Herr wird etwa nach dem Mahle etwas von großer Wichtigkeit vorhaben, was nur Er allein wissen kann, und so ist es offenbar besser, wir machen es mit meiner geistigen Schnelligkeit, und es wird sich daran niemand stoßen! Zugleich ist dies das letzte Mittagsmahl, das der Herr hier einnimmt, und es schadet darum nichts, wenn es so ein wenig wunderbar aussieht! – Bist du da nicht auch meiner Ansicht?“
GEJ|5|1|7|0|Sagt Markus: „Ganz vollkommen; denn du als ein erster Geist aus den Himmeln wirst es wohl besser wissen und verstehen als ich, was hier schicksamer und vorteilhafter ist! Daher tue du nun nur ganz vollkommen nach deinem Gutdünken!“
GEJ|5|1|8|0|Als Markus solches dem Raphael kundgab, begaben sich beide in die Küche, in der wie gewöhnlich des Markus Weib, seine Töchter und Söhne und noch etliche Diener des Cyrenius alle Hände voll zu tun hatten, und dennoch war das Mahl für so viele nur kaum erst bis zur Hälfte fertig.
GEJ|5|1|9|0|Da sagte Markus: „Oh, da wird's noch eine Stunde hergehen, bis da alles fertig wird!“
GEJ|5|1|10|0|Sagt dessen Weib: „Ja, mein lieber Gemahl, wir beide können keine Wunder wirken, und es läßt sich da nichts übers Knie brechen. Da heißt's geduldig ausharren, bis man alles herrichten kann!“
GEJ|5|1|11|0|Sagt Markus: „Weißt du was, laß du nun samt den Töchtern das Kochen, Sieden und Braten stehen; der Raphael als ein wahrer Schnellkoch wird damit bald zu Ende sein!“
GEJ|5|1|12|0|Sagt das Weib: „Das wäre wohl gut; denn es sind alle schon recht müde von der vielen Arbeit!“
GEJ|5|1|13|0|Mit dem traten alle Köche und Köchinnen zurück, und Raphael sagte darauf: „Nun könnet auch ihr an euren Tisch gehen! Alles ist bereits auf den Tischen, und alle Gäste nehmen bereits das Mahl ein. Komm, alter Markus, und setze dich als mein Mitarbeiter zum Tische und iß nun einmal von meiner Küche, und beurteile, ob ich wohl auch zu kochen verstehe! Dein Weib und deine Kinder und die Köche des Cyrenius aber haben ohnehin einen eigenen Tisch vor dem Hause, der mit denselben Speisen und Getränken bestens bestellt ist.“
GEJ|5|1|14|0|Sie gehen nun alle aus der Küche, und als sie die Hunderte von Gästen an den Tischen essend und trinkend ersehen, da sagt Markus, höchst erstaunt über diese Erscheinung: „Ja, wie ist denn das möglich? Du hast mich ja doch nicht einen Augenblick verlassen, und alle Tische sind voll, und das, wie man's sieht, in großem Überfluß! Du hast auch nicht eine Speise bereiten und noch weniger auf die Tische stellen können! Ich bitte dich, sage mir doch nur ein bißchen was, wie du das zustande gebracht hast; denn wahrlich, alles begreife ich eher als deine ganz verzweifelt unbegreifliche Schnelligkeit, besonders in Handlungen, die doch an eine gewisse zeiträumliche Ordnung für diese Erde notwendig gebunden sind! Ich bitte dich nochmals, mir darüber nur so einen kleinen Wink zu geben, wie du die Speisen bereitet hast und woher sie genommen! Denn von den in meiner Küche halbbereiteten ist nichts auf diese vielen Tische gekommen, weil ich sie soeben noch ganz wohlbehalten darin ruhend und ihrer Bestimmung harrend gesehen habe!“
GEJ|5|1|15|0|Sagt Raphael: „Da hast du nicht gut genug geschaut; denn dein ganzer Vorrat ist erschöpft! Sieh nur nach, ob es nicht also ist!“
GEJ|5|1|16|0|Markus macht schnell einen Nachblick und findet Küche und Speisekammer rein ausgeräumt. Nun kommt er mit noch größerem Staunen heraus und sagt: „Ah, Freund, da ist es aber mit dir rein nicht mehr auszuhalten! Wahrlich, ich mag keinen Bissen drei Tage lang über meine Lippen kommen lassen, so du mir nicht irgendeinen Wink gibst, wie du das angestellt hast!“
GEJ|5|1|17|0|Sagt Raphael: „Gehen wir nun auch an den Tisch; dort wollen wir davon einige Worte miteinander tauschen!“
GEJ|5|1|18|0|Auf das begibt sich Markus mit dem Raphael zu unserem Tische, an dem es schon recht lebhaft herging. Raphael greift gleich zu, legt auch dem Markus einen schönen Fisch vor und nötigt ihn zu essen. Markus mahnt ihn zwar zur Erklärung der Schnellkocherei und der ebenso schnellen Bedienerei; aber Raphael sagt ganz freundlich: „Jetzt, lieber Freund, iß und trink! Wenn wir beide für den Leib wieder die erforderliche Stärkung durch die gesegnete Speise und den gesegneten Trank bekommen haben werden, dann wollen wir auch ein paar Wörtchen über meine Schnellkocherei und Schnellbedienerei miteinander verplaudern!“
GEJ|5|1|19|0|Markus folgt nun dennoch dem Raphael und ißt und trinkt recht wacker.
GEJ|5|2|1|1|2. — Wie Wunder bewirkt werden
GEJ|5|2|1|0|Als das Mahl etwa nach einer Stunde vollends verzehrt ist, sagt Markus wegen der Erklärung abermals zum Raphael: „Nun, Himmelsfreund, wirst mir doch etwas sagen?!“
GEJ|5|2|2|0|Sagt Raphael: „Ja sieh, Freund, ich möchte es dir wohl erklären; aber es wird vorderhand trotz alles Erklärens die Sache dennoch eine sehr wunderbare bleiben, solange du nicht auch mit dem Heiligen Geiste aus den Himmeln wirst getauft sein! Wird des Herrn Geist einmal in deiner Seele ganz erstanden sein und eins sein mit ihr, dann wirst du alles das auch ohne eine Erklärung sonnenhell einsehen; jetzt aber wird dir selbst die triftigste Erklärung ganz entsetzlich wenig Licht geben können! Denn selbst die vollkommenste Seele für sich begreift das nimmer, was da rein geistig ist; nur der Geist in ihr kann das begreifen und die Seele endlich durch ihren Geist! Weil du aber denn doch so einen Wink haben willst, so sieh dich ein wenig um und sage mir, was du gesehen!“
GEJ|5|2|3|0|Markus sieht sich ganz verwundert nach allen Seiten um und ersieht bei jedem Tische eine Menge dem Raphael ganz ähnliche Jungen, die da die vielen Gäste bedienen und stets mit allem versehen, und mehrere holen sogar ganz frische Fische aus dem Meere, eilen damit in die Küche und gleich wieder mit schon zubereiteten zu den Tischen; denn die Mohren haben viel Hunger, und zudem reizte sie auch noch der Speisen Wohlgeschmack.
GEJ|5|2|4|0|Nun fragte Raphael den Markus: „Begreifst du nun, wie so manches mir schnellst zu bewerkstelligen möglich und gar leicht ist, zumal wenn du bedenkst, daß ein Geist, als das alles Innerste der Wesen und Dinge durchdringende Prinzip, mit aller Materie auch am wirksamsten und allzeit am gelungensten schalten und walten kann, wie er will und mag, und nichts kann ihm ein Hindernis legen?! Zudem habe ich als ein Erzengel äonen Mitdiener, die alle von meinem Willen in jedem Augenblicke abhängen. So ich aus dem Herrn heraus zunächst etwas will, so erfüllt dieser Wille auch schon zahllose mir unterstehende Diener, die sogleich in die vollste Tätigkeit treten und eine verlangte Tat denn auch leicht möglich in einen dir kaum denkbar schnellsten Vollzug setzen! Ich selbst gleichsam persönlich tue freilich nichts; aber durch meinen Erzwillen werden Äonen zur Tätigkeit vom innersten Seinsgrunde heraus bestimmt, und eine verlangte Tat wird denn auch auf diese Weise leicht schnellst in Vollzug gebracht, und das um so sicherer, weil vom Herrn und dann von uns aus schon lange alles zu irgendeiner Tat vorgesehen und vorbereitet ist, was dann für euch im Notfalle als schon lange vollendet schnellst in die äußerlich ersichtliche Tat übertragen werden kann.
GEJ|5|2|5|0|Hast du doch gesehen, wie oben auf dem Berge eine Eselin entstanden ist; und siehe, so entsteht alles, wenn unser Wille die aus unseren Gedanken hervorgehenden Urnaturgeister zu einer bestimmten so oder so geordneten Tätigkeit innerlichst anregt und zur Tätigkeit nötigt! Und das allein, Freund, diene dir zur Erklärung, die du von mir gewünscht hast! Mehr kann ich dir mit den höchst beschränkten Welt- und Zungenworten nicht sagen! Frage auch nicht weiter; denn bis du in deiner Seele nicht selbst Geist wirst, wirst du von all dem nie mehr verstehen, als du nun verstehst! Denn in des reinen Geistes Wissen und Erkennen kann keine Kreatur je für sich dringen! – Verstehst du nun etwas mehr?“
GEJ|5|2|6|0|Markus aber war mit dieser Erklärung ganz zufrieden und sagte: „Ich danke dir für diese ganz gute Erklärung; denn nun verstehe ich denn doch, wenn ich so alles zusammennehme, was ich gesehen und gehört habe, so ganz zu meiner vollen Zufriedenheit, wie du, liebster himmlischer Freund, deine Wunder verrichtest, und besonders den schnellsten Vollzug der von dir verlangten Taten. Und ich kann nun ganz offen die Behauptung aufstellen, daß bei einem jeden Wunder es dennoch so ein bißchen natürlich zugeht und es immer auf einen Verein von Kräften ankommt, so irgendwo eine Tat entweder sehr schnell oder mit periodenmäßiger Einteilung in den Vollzug gesetzt werden soll. Ja, ich finde nun zwischen euren geistigen Wundertaten und zwischen den Zaubereien der irdischen Magier eine gewisse leise Ähnlichkeit, und diese besteht in dem, was du als Vorsehung und Vorbereitung benanntest!
GEJ|5|2|7|0|Weißt du, mein himmlischer Freund, ich rede nun schon einmal so ganz geradeheraus, wie ich mir's denke! So ganz plötzlich ohne alle Vorbereitung und Vorsehung dürfte es euch vielleicht ebenso schwer werden, eine so recht exsekrable [im Sinne von: schwierige] Wundertat zustande zu bringen, wie einem Magier ohne irgendeine Vorbereitung und ohne vorangegangene Einverständnisse mit andern Menschen, die den Magier zu unterstützen haben. Freilich dürfen davon alle andern Menschen nichts wissen, sonst sähe es mit der Zauberei etwas schlecht aus! Ich ziehe für mich diesen sicher schwer zu widerlegenden Schluß heraus: Dem Herrn und euch durch Ihn sind alle Dinge möglich, aber nie unvorhergesehen, sondern vielleicht ewigkeitenlang vorbereitet und geistig also schon lange in einen periodenweisen Vollzug gesetzt! Was demnach als äußere Tat hier nun in Vollzug kommt, das ward schon lange geistig vorgesehen und vorbereitet!
GEJ|5|2|8|0|Darum kann eine Erde, wie diese unsrige da ist, nicht mit einem puren allmächtigen ,FIAT‘! [FIAT = "Es geschehe!"] in ein solch vollendetes Dasein treten, sondern mit der Zeit erst nach langen vorangegangenen Vorbereitungen, auf welche diese gegenwärtige Erde, wie sie nun ist und besteht, als eine notwendige Folge ins Dasein treten mußte. Aus demselben Grunde kann dann auch so gut wie ganz unmöglich irgend etwas plötzlich in ein vollendetes und haltbares Dasein treten. Was denn immer irgend schnell entsteht, das vergeht auch ebenso schnell. Der Blitz zum Beispiel entsteht schnell, vergeht aber auch ebenso schnell. Eine andere Gegenfolge ist aber dann auch das, daß etwas einmal in einem haltbaren Dasein Befindliches auch so gut als unmöglich mehr irgend plötzlich vergehen kann, sondern nur periodenweise, wie es entstanden ist. Etwas, das noch nie vorgesehen und vorbereitet ward, kann sonach nie durch irgendeinen, selbst mit dem festesten Willen unterstützten Machtspruch ins Werk gesetzt werden, weder im Falle der Entstehung noch im Falle der Auflösung und Vergehung. Es ist demnach alles nur als ein zeitweiliges Wunderwerk anzusehen, und jedes Geschehen ist eine notwendige Folge von vielen, periodenweise weiligen Vorgängen!
GEJ|5|2|9|0|Siehe, du mein Freund aus den Himmeln, dem Herrn allein alles Lob; aber wie es mir vorkommt, so habe ich deine mir gemachte Erklärung vielleicht tiefer aufgefaßt, als du es dir anfänglich magst vorgestellt haben! Ja, mein liebster Raphael, siehe, ganz so auf den Kopf gefallen sind die alten Römer nicht, als wie sich's so manche vorstellen! Na, was meinst du, Freund, nun? Habe ich dich verstanden oder nicht?“
GEJ|5|3|1|1|3. — Die Vorsehung Gottes und des Menschen Willensfreiheit
GEJ|5|3|1|0|Sagt Raphael lächelnd: „So einen kleinen Dunst hast du wohl bekommen; aber mit deinen ,notwendigen Folgen‘ und mit unseren ,notwendigen Vorsehungen‘ und ,langwierigen Vorbereitungen‘ bist du sehr auf dem Holzwege, – wovon dich sogleich ein paar recht handgreifliche Beispiele vollkommen überzeugen sollen! Da sieh irgend hin, bestimme mir einen Platz und verlange von mir ganz nach deiner freiesten Willkür, wo du einen und was für einen oder auch mehrere vollkommen ausgebildete und reichlichst mit vollreifen Früchten bestbestellte Bäume haben willst! Oder willst du verschiedene Gattungen? Kurz, sprich es aus, und sie werden auch unvorgesehen und unvorbereitet für bleibend dasein, und ein Jahrtausend soll ihre Daseinsspuren nicht völlig zu vertilgen imstande sein! Also sprich du aus, was du willst, und du sollst alsbald ein wahres Wunder sehen, das noch nie irgend vorbereitet und vorgesehen worden ist!“
GEJ|5|3|2|0|Sagt Markus: „Ja ja, das wäre, du mein Freundchen, schon alles recht, so du mir darin eine volle Überzeugung verschaffen kannst, daß nun mein Wollen und Begehren ganz in meiner freiesten Gewalt steht! Das aber dürfte dir selbst denn doch am Ende vielleicht noch um vieles schwerer fallen als die von mir verlangten verschiedenartigen Fruchtbäume auf einer beliebigen Stelle! Du hast mir einen starken Zweifelswurm in den Kopf gesetzt bezüglich dessen, daß selbst ihr allermächtigsten Geister ohne Vorsehung und Vorbereitung, gewisserart aus nichts, ein blankes Wunderwerk zustande zu bringen fähig seid! In eine volle Abrede will ich die Sache gerade nicht stellen; aber nach all dem zu urteilen, was auf dieser Erde je war, ist und auch sein wird, ist das wohl sehr schwer anzunehmen, weil dagegen schon die göttliche Allwissenheit ein starkes bißchen zu laut ihre Stimme erhebt und man dagegen mit der etwaigen leeren Behauptung, als hätte Gott geflissentlich für etwas nicht wollend und nicht wissentlich Seine Allerkenntnis angestrengt, wohl nicht kommen kann. Hat sich aber Gott nicht auch in diesem Punkte von Ewigkeiten her völlig unwissend erhalten können, daß in einer Zeit Sein Engel Raphael hier nach dem Wunsche eines Menschen Bäume herwundern wird, so wird es auch ebenso schwer zu erweisen sein, daß dieses Wunder nicht auch schon von Ewigkeiten her vorgesehen und vorbereitet war! Ganz geistig vorgesehen war es sicher ganz gewiß!“
GEJ|5|3|3|0|Sagt Raphael: „Das macht aber ja auch nichts, wenn es nur bis zum materiellen Sich-Ergreifen nicht vorbereitet ist! Zudem ist ja aber doch der Wille des Menschen derart frei, daß weder der Herr noch wir je denselben durch ein Vorsehen und noch weniger durch ein Vorbereiten im allergeringsten zu stören uns in eine Tätigkeit versetzen. Du kannst sonach vollkommen versichert sein, daß dein freiester Wille in seiner Art weder vorgesehen und noch weniger irgend vorbereitet ist. Darum verlange, und du wirst es sehen, daß der Herr entweder ganz für Sich allein oder durch mich als Seinen Altknecht sicher ohne alle Vorbereitung dir die von dir frei verlangten Fruchtbäume für bleibend hinwundern wird!“
GEJ|5|3|4|0|Markus denkt hier ein wenig nach und sagt nach einer Weile: „Freundchen, müssen es denn gerade lauter Fruchtbäume sein? Ich könnte zufälligerweise ja auch etwas anderes wollen?! Könnte auch das hergewundert werden?“
GEJ|5|3|5|0|Sagt Raphael: „O allerdings, uns macht eins wie's andere eine ganz gleiche Mühe! Verlange, was du willst, und es wird dasein!“
GEJ|5|3|6|0|Auf diese Versicherung denkt Markus noch eine Weile hin und her, ob ihm nicht etwas beifiele, womit er den Engel so ein wenig in die Enge treiben könnte. Da ihm aber gerade kein Einwurf mehr einfällt, so sagt er zum Raphael: „So stelle mir ein besser bewohnbares und festeres Haus her, das ist eine ganz förmliche Herberge für Fremde und Einheimische, einen gut umzäunten Garten, bestellt mit allerlei wohlgenießbaren Obstbäumen, und solle nicht fehlen die Dattel, und im Garten fließe eine frische Brunnquelle!“
GEJ|5|3|7|0|Sagt der Engel: „Aber Freund, wird das nicht ein wenig zu viel sein auf einmal?“
GEJ|5|3|8|0|Sagt Markus: „Aha, gelt, mein Freundchen, da hat's dich schon ein wenig? Ja, ja, ohne Vorsehung und Vorbereitung wird sich's etwa doch nicht recht tun lassen! Ich will dich aber dennoch zu nichts zwingen; was du nun hervorwundern kannst, das wundere her, das andere von mir Verlangte lasse hinweg!“
GEJ|5|3|9|0|Sagt der Engel: „Das wird ganz, wie du's verlangt hast, hergestellt. Und im Namen des Herrn sei alles da, was du von mir verlangt hast! Gehe hin und besieh dir alles, was da ist, und sage mir danach, ob dir alles also recht ist! Hast du irgend etwas auszustellen, so tue das; denn sieh, jetzt kann daran noch so manches abgeändert werden! Morgen würde es zu spät sein, weil wir sicher nicht mehr dasein werden. Gehe also hin und besieh dir alles wohl!“
GEJ|5|4|1|1|4. — Das neue Anwesen des Markus, ein Wunderwerk Raphaels
GEJ|5|4|1|0|Markus sah sich um und ward ganz betroffen von dem Anblicke dessen, was da alles in einem Nu entstanden war. Es stand ganz vollendet ein schönes aus Backsteinen gemauertes Haus rechts gen Nordost vom alten Fischerhaus und reichte mit der südöstlichen Front nahe ganz ans Meer hinaus. Es hatte ein Stockwerk mit einem bequemen Gang ums ganze Haus herum, und zu ebener Erde bestand es aus einer geräumigen Küche, aus einer großen Speisekammer und noch aus achtzehn Räumen, darunter fünf Wohnzimmern und dann dreizehn großen Gemächern zu allerlei landwirtschaftlichen Zwecken, als allerlei Getreidekammern, Fleischkammern, Kammern für Obst, Gemüse, für Hülsen- und Wurzelfrüchte. Eine große Kammer stellte einen mit weißem Marmor ausgemauerten Wasserbehälter dar, der gut seine zwanzig Quadratklafter maß und im ganzen durchgängig eine Wassertiefe von sechs Fuß hatte; das Wasser stand aber nur viereinhalb Fuß hoch, was zur Behaltung von Edelfischen tief genug war.
GEJ|5|4|2|0|Dieser innere Fischbehälter bekam sein reinstes Wasser aus einer ganz neuen reichlichen Quelle; es drang von unten durch kleine, aber viele Öffnungen einer Steinplatte in den Behälter bis zur bestimmten Höhe. Von da lief eine Abzugsröhre hinaus ins Meer, konnte aber, so man etwa den Behälter voll Wasser haben wollte, von außen zugestopft werden. Um den Wasserbehälter ging ein sehr schönes, durchbrochenes, zweieinhalb Schuh hohes Geländer, ebenfalls aus weißem Marmor angefertigt, und auf einer Seite war, für den Fall, daß der Wasserbehälter mit Wasser voll angelassen würde, ein sehr zierlicher Abzugskanal angefertigt, der natürlich durch die Mauer des Hauses ging und ebenfalls unfern der tieferen Abzugsröhre ins Meer mündete. Die Wände und der Fußboden waren ebenfalls mit weißem Marmor verkleidet, des Gemaches Decke aber bestand aus Zedernholz reinster und festester Art ohne Ast und Splint. Dies Gemach ward durch fünf Fenster erhellt, die alle eine marmorne Einrahmung hatten, und jedes maß eine Höhe von fünf und eine Breite von drei Schuh. Die Fenster waren mit höchst reinen Kristalltafeln versehen und zum Auf- und Zumachen eingerichtet, wie im gleichen auch alle andern Fenster des Hauses.
GEJ|5|4|3|0|Das Haupttor war aus goldähnlich schimmerndem Erz, alle Zimmertüren aber aus bestem Zedernholz gar zierlich und nett gearbeitet und mit guten Riegeln und Schlössern zweckmäßigst versehen. Der erste Stock aber war durchgängig mit Zedernholz höchst zierlich ausgetäfelt, und jedes Gemach gewährte einen wundervollsten Anblick. Zugleich aber waren zu ebener Erde wie im ersten Stockwerk alle Gemächer mit allem möglichen, was eine beste Herberge erfordert, auf das reichhaltigste eingerichtet und versehen, und die Getreidekammer war voll Getreide, die Speisekammer voll von allem möglichen, was man in einer Küche braucht. Kurz, es war nicht nur das verlangte Haus ganz nach der schon lange innegehabten luftschlösserbaulichen Idee des Markus auf das solideste hergestellt, sondern mit allen Mund- und andern Vorräten auf das reichlichste für Jahre ausgestattet.
GEJ|5|4|4|0|Hinter dem Hause waren noch Stallungen für allerlei Vieh, und mehrere Fischergerätehütten waren aufs geschmackvollste und zugleich zweckmäßigste erbaut und mit allem Erforderlichen eingerichtet und reichlichst versehen, und um alle die neuen Gebäude zog sich ein bei zwanzig Joch großer, ganz dicht eingezäunter Garten, vormals eine herrenlose Sandsteppe, nun der fruchtbarste Boden, bestellt mit allerlei von den besten Fruchtbäumen. Ein paar Joch aber waren ganz mit den besten Weinreben bestellt, die alle von den schönsten und saftreichsten und schon vollreifen Trauben strotzten. Auch an Gemüse hatte es keinen Mangel.
GEJ|5|4|5|0|In der Mitte des Gartens war noch ein bestes Gesundheitsbad mit einem Tempel aus Marmor errichtet. Es hatte zwei gesonderte Becken: das eine zur Heilung der Gichtbrüchigen mit sehr warmem Quellwasser und das zweite zur Heilung der Aussätzigen mit lauen Schwefel- und Natronquellen versehen, die durch Raphaels Macht nach Meinem Willen erst aus dem Innersten der Erde dahin geleitet wurden. Zugleich ersah er auch einen mit lauter Geviertsteinen eingefaßten Seehafen und fünf große, bestkonstruierte Schiffe mit Segeln und Rudern im sehr geräumigen Hafen, dessen Eingang, obwohl sechs Klafter breit, zur Nachtzeit mit einer ehernen Kette ganz abzusperren war. Es war dieser Hafen genau nach der oft gehabten Idee des alten Markus, der bei der Besichtigung alles dessen, was da wunderbar entstanden war, sich immer die Augen ausrieb, da er gleichfort der Meinung war, daß er schlafe und diese Dinge also im Traume sähe.
GEJ|5|4|6|0|Als er mit der Besichtigung, die nahe eine Stunde andauerte, fertig war, kam er (Markus) nahe ganz schwindlig zurück und sagte voll Staunens: „Ja, ist denn das wohl alles Wirklichkeit oder sehe ich das alles nur in einer Art beseligender Träumerei? Nein, nein, das kann keine Wirklichkeit sein! Denn so habe ich schon mehrmals mir in meiner müßigen Phantasie eine Herberge ausgemalt und auch schon etliche Male in Morgenträumen geschaut, – und du, Freund aus den Himmeln, hast mich in einen künstlichen Schlaf versetzt, und ich habe meine eigenen Ideen nun einmal wieder im Traume beschaut!“
GEJ|5|4|7|0|Sagt Raphael: „Du kleingläubiger Römer du! Wenn das alles ein Traumgesicht wäre, so würde es nun nicht mehr zu sehen sein, und das wirst du denn doch nicht mehr behaupten wollen, daß du noch schläfst und gleichweg träumst? Sende nun dein Weib und deine Kinder hin, daß sie auch nachsehen, was alles da ist, und sie werden dann kommen und dir aus dem Traume helfen!“
GEJ|5|4|8|0|Sagt Markus, sich noch einmal nach dem neuen Hause umsehend: „Oh, es ist kein Traum, es ist lautsprechende Wirklichkeit! – Wird sie aber wohl bleiben?“
GEJ|5|5|1|1|5. — Die Kinder der Welt und die Kinder des Herrn
GEJ|5|5|1|0|Spricht Raphael: „Sagte ich dir's denn nicht, daß dies alles, das heißt, was da fest gebaut ist, ein Jahrtausend nicht völlig verwischen wird? Nur die verschiedenen Obstbäume, Edelgesträuche und die Pflanzen, wie auch die fünf Schiffe werden nicht solange anhalten; aber das Mauerwerk wird bestehen gar lange und sehr lange! Auch sogar nach zweitausend Jahren werden davon noch Spuren zu entdecken sein; aber freilich wird da niemand mehr an überirdische Erbauer dieser Mauern halten. Sogar in der Jetztzeit werden die nächsten Nachbarn, so sie alles dessen ansichtig werden, sagen, daß solches alles die anwesenden Römer aufgebaut hätten, da viele und kräftige Hände auch Wunder zuwege brächten! Du aber laß es den Weltmenschen gelten; denn so in einem Lande zehn mal zehn mal hunderttausend Menschen leben in der jetzigen Art, so wirst du in allem kaum fünftausend Menschen antreffen, die dir nach vielen Besprechungen das vernunftgemäß glauben würden. Einen blinden Glauben aber könntest weder du und noch weniger wir Himmelsgeister brauchen. Es liegt auch gar nichts daran, ob da viele oder wenige glauben; denn der Herr kam nur Seiner wenigen Kinder wegen in die Welt und nicht der Weltmenschen wegen. Und es wird also bleiben bis ans Ende dieser Welt und ihrer Zeiten!
GEJ|5|5|2|0|Wann immer der Herr Sich auf dieser Erde wieder offenbaren wird, entweder durchs Wort allein oder zuweilen auch persönlich auf Momente, so wird Er das allzeit nur Seinen wahren Kindern, die von oben her sind, tun! Die Welt und ihre Kinder werden von Ihm wenig oder auch nichts zum Genusse bekommen! Für die ist die Ewigkeit lang genug, um sie zu irgendeinem höchst untergeordneten Lichte zu bringen.
GEJ|5|5|3|0|Glaube du ja nicht, daß dies höchste Licht aus den Himmeln je alle Menschen der Erde durchdringen wird! Nur die wahren Kinder, allzeit in geringer Anzahl, werden damit rein und reichlichst versehen werden, und der Welt Kinder werden sich nur aus ihrem Unflate Tempel und Götzenhäuser erbauen und sie mit ehernen Gesetzen und blind-dummen Regeln umzäunen, aber darum den wenigen wahren Kindern doch nie etwas anhaben können, wofür der Herr allzeit auf das getreueste Sorge tragen wird. Es soll darum unter den Weltmenschen kein Jeremias mehr seine Klagelieder anstimmen! – Gehe aber nun hin zum Herrn und bedanke dich für solch ein Großgeschenk!“
GEJ|5|5|4|0|Hier kommt Markus zu Mir und will Mir mit einem Pomp von den allerausgesuchtesten Worten zu danken anfangen.
GEJ|5|5|5|0|Ich aber sage zu ihm: „Erspare deiner Zunge die Mühe; denn Ich habe den Dank deines Herzens schon vernommen und brauche darum den der Zunge nicht! Ist denn nicht ein jeder ehrliche Gastwirt seines Lohnes wert? Du bist auch ein ehrlicher Gastwirt und hast uns unverdrossen nahezu acht Tage lang auf das beste bewirtet; das können wir von dir ja doch nicht umsonst verlangen! Diese Herberge wird dir und deinen späteren Nachkommen eine beste Versorgung bereiten! Aber du sorge dafür, daß Mein Name an diesem Orte, das heißt bei deinen Nachkommen, fest stehenbleibt; denn mit dem Verluste Meines Namens aus ihren Herzen würden sie dann auch bald alles andere verlieren! Wer zwar alles verlöre in der Welt, behielte aber dessenungeachtet Meinen Namen, der hätte immerhin noch gar nichts verloren, sondern nur alles gewonnen; aber wer da verlöre Meinen Namen aus seinem Herzen, der hätte alles verloren – und besäße er auch alle Güter auf der Erde!“
GEJ|5|6|1|1|6. — Verhaltensgebote des Herrn für den Gastwirt Markus
GEJ|5|6|1|0|(Der Herr:) „Darum sei vor allem um die Erhaltung Meines Namens im Herzen besorgt! Wem der bleibt, dem bleibt alles; wem aber der nicht bleibt, den hat dann aber auch alles verlassen!
GEJ|5|6|2|0|Wer Mich aber wahrhaft liebt und seinen Nächsten wie sich selbst, der trägt Meinen Namen wahrhaft und lebendig in seinem Herzen und daran einen Schatz, den ihm alle Ewigkeiten nicht zu nehmen imstande sein werden; denn Gott wahrhaft in aller Tat lieben, ist mehr denn ein Herr aller Schätze nicht nur dieser, sondern aller Welten in der ganzen Unendlichkeit sein.
GEJ|5|6|3|0|Aber es genügt nicht, Mich nur zu bekennen der Weisheit gemäß, sondern der vollwahren Liebe gemäß im Herzen.
GEJ|5|6|4|0|Es werden zu dir kommen allerlei Arme; was du denen tun wirst ohne irdisches Entgelt, das hast du Mir getan, und Meine Liebe wird es dir entgelten.
GEJ|5|6|5|0|Wenn jemand zu dir kommt, der nackt ist, den bekleide! Wer ohne Geld zu dir kommt, dem enthalte es nicht vor, so er dessen benötigt in der Welt!
GEJ|5|6|6|0|Ich wollte zwar, daß alle Menschen als Brüder ohne dieses verderbliche Tauschmittel untereinander lebeten; aber da sie solches zur größeren Bequemlichkeit ihres Handels und Wandels als Weltmenschen in der Welt schon von alters her eingeführt haben, so will Ich es denn auch belassen, – aber Segen wird es den Menschen erst durch Meine Liebe bringen!
GEJ|5|6|7|0|Lege nie einen andern Wert als nur den Meiner Liebe darauf, so wird es dir auch Meine Liebe und Meinen Segen bringen! Wer eines Groschens benötigt, dem gib zwei, auch drei, und Meine Liebe wird es dir anderseitig zehn- und dreißigfach ersetzen!
GEJ|5|6|8|0|Kurz, in was du jemanden als arm erschaust, und du hilfst ihm für Meine Liebe mit freudigem Herzen, so wirst du allzeit auf Meine Entgeltung rechnen können, die nimmer unterm Wege verbleiben wird!
GEJ|5|6|9|0|Es komme zum Beispiel zu dir ein sonst vermöglicher Mensch ins Bad, der aber von der Gicht behaftet ist, so rechne ihm nach dem Maße der Billigkeit die Herberge und die Verköstigung; aber das Bad lasse ihm frei!
GEJ|5|6|10|0|So aber jemand kommt bloß des Vergnügens wegen ins Bad, dem rechne Bad, Herberge und Verköstigung teurer an denn einem andern! Will er aber die Wahrheit von dir, so gib sie ihm unentgeltlich; denn darin ist er ein Armer!
GEJ|5|6|11|0|So aber da kommt ein Weltkluger und will von dir die Wahrheit hören, dem gib sie nicht umsonst, sondern lasse dir bezahlen für ein jedes Wort einen Groschen; denn für solch einen Wahrheitssucher hat die Wahrheit erst dann einen Wert, so er durch vieles Geld zu ihrem Besitze gekommen ist!
GEJ|5|6|12|0|Wenn ein Armer hungrig zu dir gekommen ist, dem gib zu essen und zu trinken und entlasse ihn nicht als einen Armen von dir; kommt aber einer, dem es ein Vergnügen macht, bei dir zu Tische zu sein, der zahle auch das, was neben ihm ein Armer verzehrt hat!
GEJ|5|6|13|0|Jede Armut unterstütze umsonst, und jedes bloße Vergnügen lasse dir bezahlen! – Hast du Mich wohl verstanden?“
GEJ|5|6|14|0|Sagt Markus, vor Freude weinend: „Ja, Herr!“
GEJ|5|6|15|0|Sage Ich: „So gehe und zeige alles den Deinen!“
GEJ|5|6|16|0|Markus ging zu seiner über alle Maßen staunenden Familie hin und gab ihr den Wink von Mir kund, und alle gingen eiligen Schrittes hin zum neuen Hause und natürlich auch in dasselbe, und besichtigten alles klein durch. Das Weib und die Kinder wurden ganz schwach vor lauter Seligkeit und Wonne und wußten vor lauter Freude nicht aus und nicht ein. Es fragten Mich aber nun alle am Tische Sitzenden, ob auch sie dieses auffallendste Wunderwerk in Augenschein nehmen dürften.
GEJ|5|6|17|0|Sagte Ich: „Liebe Freunde! Dieses Werk wird bleiben, und ihr werdet es dann noch oft genug besehen und bewundern können; Ich aber werde nicht bleiben, außer durch die Liebe in euren Herzen.
GEJ|5|6|18|0|Bleibet darum hier bei Mir, dieweil Ich noch bei euch verbleibe; denn Ich bin ja doch mehr denn jenes Wunderwerk, dem zahllos gleiche Ich in einem Augenblicke zustande bringen könnte!“
GEJ|5|6|19|0|Sagen alle: „Ja, ja, ja, o Herr, wir bleiben, wir bleiben alle bei Dir, o Herr; denn Du allein bist mehr denn alle die ganze Unendlichkeit erfüllenden Wunderwerke Deiner Macht, Weisheit und Güte!“
GEJ|5|7|1|1|7. — Vom römischen Oberpriester. Eine Kritik am Heidenpriestertum in Rom
GEJ|5|7|1|0|Sagt Cyrenius: „Herr, Du kennst mein wichtiges und schweres Regierungsamt; aber nun kommt es mir vor, als läge gar nichts daran und als täte es sich von selbst auch ohne mich und besorgte sich von selbst ohne mein Zutun! Ich komme mir nun schon ordentlich also vor wie ein fünftes Rad am Wagen; denn ich weiß, daß Du, o Herr, nun alle Geschäfte für mich besorgst und in meiner Regierung noch nie eine größere Ordnung bestanden hat als eben jetzt, da Du, o Herr, für mich sorgest!
GEJ|5|7|2|0|O du glückliches Kaiserreich! Rom, du mein Vaterhaus, wie sehr kannst du dich im geheimen freuen darum, daß der Herr Sein gnädiges Auge dir zugewandt hat und Sich auch aus deinen alten Mauern und Burgen und Hütten Kinder zeihen will! Herr, ich stehe Dir mit meinem Leben: Wärest Du statt hier in Rom und hättest vor den Römern ein solches Zeichen gewirkt, nicht ein Mensch bliebe übrig, der Dir nicht zollte die höchste göttliche Verehrung! Aber Du kennst Deinen Plan und kennst Deine Wege, und es ist darum schon so am besten, wie Du es angeordnet und bestimmt hast!“
GEJ|5|7|3|0|Sagte endlich auch Meine Jarah, die bisher wie eine Maus geschwiegen hatte: „Wegen Rom sei du, hoher Statthalter, ganz ruhig! Die eigentlichen Römer wohl, die lasse ich mir schon noch gefallen; aber in Rom gibt es auch sehr viele Götzenpriester, die alle unter einem sogenannten PONTIFEX MAXIMUS [Oberpriester bei den alten Römern.] stehen! Diese haben das Volk im Sacke und mit ihren Hades- und gar Tartarusstrafen, welch letztere nur gleich ewig in einer allergräßlichsten Art fortbestehen sollen, beim Gewissenskragen! Wehe dem, der sich erkühnte, in solch ein Wespennest hineinzustechen! Wahrlich, dem würde es wohl ehest ganz erbärmlich schlecht ergehen! Ich glaube, daß eure Priester da noch um tausend Male ärger wären denn unsere Templer, die doch noch den Moses und die Propheten auf dem Rücken und an der Brust tragen, wennschon zumeist nur auswendig. Die euren aber haben auch auswendig nichts; all ihr Tun und Treiben ist die höchste Selbstsucht und unbezwingbare Lust, zu herrschen gleich nur über alles.
GEJ|5|7|4|0|Haben mir doch einmal zwei bei uns Herberge nehmende untergeordnete Priester Roms erzählt und gesagt, daß der Pontifex maximus ein so hohes Wesen sei, daß sogar Zeus selbst, der alljährlich ganz gewiß einmal den P. m. besuche, sich sicher drei bis sieben Male vor ihm verneige, bevor er sich getraue, mit seinem allerhöchsten Stellvertreter auf Erden ein Wort zu reden und ihm in größter Ehrfurcht irgend neue Gesetze für das sterbliche Volk der Erde zu geben. Freilich ehre Zeus den P. m. nicht gerade seinetwegen, sondern nur der dummen Sterblichen wegen, die aus dem erkennen sollen, welch eine unaussprechliche und unermeßliche Hoheit und Majestät den allerhöchsten Stellvertreter des allerhöchsten Gottes auf Erden umkleidet.
GEJ|5|7|5|0|Er sei ein Herr auf Erden über alle Kaiser, Könige, Fürsten, Feldherren und viele andere größte Herrlichkeiten. Dann habe er alle Elemente in seiner ausschließlichen Gewalt. Wenn er mit seinem heiligsten Fuße zornig auf die Erde stampfe, so bebe sie gleich vor Furcht wie das Laub einer Espe im wütendsten Sturme, und die Berge der Erde fingen an Feuer auszuspeien und unterstützeten so den erzürnten Pontifex maximus, damit er desto ergiebiger kühle seine allzeit gerechte Rache im Namen des Zeus.
GEJ|5|7|6|0|Von ihm allein hingen gute und schlechte Jahre ab. Segne er die Erde, so gebe es gleich überreiche Ernten auf der ganzen Erde; segne er die Erde aber nicht, so werde es auf der Erde mit den Ernten schon sehr mager aussehen, – und möchte er gar einen Fluch über die Erde aussprechen, da wäre aber dann schon alles rein hin, und über die Erde kämen Krieg, Hungersnot, Pestilenz und noch tausend andere allerunerhörteste Plagen! Außer dem Zeus müßten ihm alle anderen Götter gehorchen; im Verweigerungsfalle könnte er sie auf hundert Jahre von der Erde verbannen, – was aber nie geschähe und nie geschehen werde, weil alle Götter von der unaussprechlichsten Hoheit des Pontifex maximus zu sehr und zu lebenstief überzeugt seien.
GEJ|5|7|7|0|Es habe demnach ein Pontifex maximus eine dreifache Hauptgewalt: erstens über alle Götter bis auf den Zeus, mit dem er natürlich auf einer ganz gleichen Rangstufe stehe, zweitens über die ganze Erde und deren Elemente, und endlich drittens über alle Menschen, Tiere und Bäume, Gesträuche und Pflanzen. Nebst dem aber gebiete er noch über alle Planeten und über alle Sterne, habe die Wolken, Winde, Blitze, den Donner, Regen, Hagel und Schnee in seiner Hand, und das Meer bebe in einem fort vor seiner unendlichen Macht!
GEJ|5|7|8|0|Und so in dieser Weise haben mir die zwei römischen Priester noch eine Menge von ihrem Pontifex maximus vorgesagt. Ich dachte eine Weile, daß sie sich mit mir nur einen unzeitigen Spaß erlaubt hätten; aber ich überzeugte mich leider nur zu bald, daß die beiden Narren solches ganz ernstlich nahmen. Denn, als ich ihnen darauf von dem allein wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu vermelden begann und von Seinen Taten, da fingen sie an, mich recht brav auszulachen, und versicherten mir auf das lebendigste, daß ich total irrig und falsch daran wäre; denn sie hätten tausend Beweise für einen, daß es also sei, wie sie es mir kundgetan hätten.
GEJ|5|7|9|0|Ich fragte sie, ob sie nicht wüßten, ob der Pontifex maximus sterblich oder unsterblich sei. Darauf hatte sich der eine etwas voreilig verschnappt und sagte, daß der P. m. zwar für die Erde wohl noch sterblich sei; sowie er aber sterbe, da nehme ihn Zeus sogleich ins höchste Elysium, allwo er dann hundert Jahre hindurch am Tische des Zeus speise und dadurch endlich auch im Reiche der Götter selbst eine wirkliche Gottheit werde. Diese Erzählung war dem andern gar nicht recht; denn er korrigierte gleich also: ,Du hast nun wieder einen germanischen Stiefel zusammengeplaudert! Seit wann ist denn ein P. m. sterblich gewesen?! Was du von ihm aussagtest, das gilt ja nur von uns Unterpriestern, besonders, so wir uns nicht ganz und gar des P. m. Gunst haben zu erwerben verstanden; der P. m. stirbt nie und kann nicht sterben, weil ihm Zeus für alle Zeiten die Unsterblichkeit verliehen hat! Siehe‘, sagte er weiter, ,ich kenne nun schon bereits den vierten, und von allen vieren ist noch keiner je gestorben, und dennoch sitzt stets nur ein Unsterblicher auf dem Throne und nicht vier, obwohl sie alle vollkommen unsterblich sind, da kein P. m. je sterben, wie auch des allerhöchsten Thrones auf Erden nie verlustig werden kann!‘
GEJ|5|7|10|0|Sagte endlich einmal wieder ich: ,Aber das ist ja rein unmöglich! Wie können denn vier einer sein und einer vier?! Das kommt mir wohl wie ein germanischer Stiefel vor! Kurz‘, sagte ich, ,euer Pontifex maximus ist durch euch zu einem Weltnarren gestempelt und ist sonst ebensogut ein sterblicher Mensch wie unsereiner, und seine Macht besteht vor allem in den Waffen des Kaisers, in der großen Dumm- und Blindheit des verwahrlosten Volkes und endlich in einer Art schlechtester Zaubereien; denn vor sehr dummen und geistig blinden Völkern ist leicht Wunder wirken! gehet, laßt mich mit euren Dummheiten gehen! Es wird wohl genug sein, daß ihr so recht blitzdumm seid! Warum soll auch noch ich an eurer Seite es werden?‘
GEJ|5|7|11|0|Darüber wurden die beiden ganz grimmig auf mich und auch unter sich und fingen bald an, sich gegenseitig die bittersten Vorwürfe zu machen, und prügelten sich gegenseitig zur Tür hinaus. Ich aber fragte sie noch zum Fenster hinaus, als sie sich wie ein paar Hunde herumbalgten, ob das auch der Pontifex maximus verordnet hätte durch ein neues Zeus'sches Gesetz aus dem Elysium. Aber sie vernahmen zum Glück meine Stimme nicht und bewiesen einander gegenseitig pro und contra stets mehr die Unsterblichkeit des Pontifex maximus, bis endlich einige unserer Hausknechte sie auseinanderbrachten.
GEJ|5|7|12|0|Nun aber bitte ich dich, du lieber, hoher Cyrenius, wie hätte sich bei solch einer dümmsten Volksfanatik der Herr in Rom ausgenommen? Ohne Feuer und Schwefelregen sicher schlechter als schlecht! Oh, der liebe Herr wußte es schon von Ewigkeit her, wo es zu dieser Seiner Zeit auf der Erde noch immer am besten und am zweckmäßigsten sein werde, und ist darum auch gerade dahier und nirgends anderswo in die Welt unter Seine Menschen getreten! Siehe, das ist so meine Ansicht; wie lautet dagegen etwa die deinige? Was hältst denn du oder der Kaiser in Rom von dem so ominösen Pontifex maximus?“
GEJ|5|8|1|1|8. — Die religiösen Verhältnisse in Rom zur Zeit Jesu
GEJ|5|8|1|0|Sagt Cyrenius: „Mein Kindchen, du hast schon ganz recht; es steht in Rom, natürlich nur populärerweise, mit dem Pontifex maximus schon gerade also, und es läßt sich vorderhand auch nichts daran ändern! Aber ich kann dir auch ganz gut die Versicherung geben, daß nur der allergemeinste und aller höheren Bildung lose Pöbel noch so einen halben Glauben daran hat; vom besseren Volksteile glaubt wohl niemand mehr daran, und es ist darum mit uns Römern schon immer noch etwas zu machen.
GEJ|5|8|2|0|Es wird des niedersten Volkes wegen dereinst die Verbreitung dieser reinst göttlichen Wahrheiten wohl manchen unliebsamen Kampf herbeiführen, aber auch Bekenner, die nach echt römischer Sitte Gut, Blut und Leben für diese Lehre mit Freuden einsetzen werden. Denn nicht leichtlich gibt es irgendein Volk auf der Erde, das sich vor dem Tode noch weniger fürchtet als eben die Römer! Ist ein wahrer Römer einmal für etwas sehr eingenommen, so setzt er auch allzeit sein Leben daran! Das tut ein anderes Volk nicht, dessen kannst du ganz versichert sein!
GEJ|5|8|3|0|Unsere Priester sind nun gerade ein fünftes Rad am Wagen, und ihre Volksfeste und Predigten dienen nur noch zur Belustigung des Volkes. Mit den Sitten kehrt sich niemand mehr daran. Dafür sorgt unsere alles umfassende Rechtslehre, die ein Auszug von den besten und weisesten Philosophen ist, die als Menschen irgendwo und irgendwann diese Erde betreten haben.
GEJ|5|8|4|0|Der Pontifex maximus wird vom Staate aus nur des gemeinsten Volkes wegen erhalten und ist in seinem vormals freien Wirken sehr beschränkt worden. Ja, vor etwa ein paar Jahrhunderten ging es noch ganz rar zu; da war der P. m. wohl sozusagen eine Art Gott unter den Menschen! Er für sich war stets ein sehr wissensreicher Mensch und mußte es sein, weil er sonst nicht leichtlich zu solch höchstem Amte hätte gelangen können. Er mußte bewandert sein in den Mysterien Ägyptens und mußte völlig bekannt sein mit allen Orakeln und ihren Geheimnissen. Auch mußte er ein vollendeter Magier sein, worüber er in einem geheimsten Kollegium vor den ältesten Patriziern Roms stets eine strengste Prüfung ablegen mußte. Hat er alle die erforderlichen Eigenschaften besessen, so wurde ihm das Pontifikat erteilt mit allen seinen Rechten, Vor- und Nachteilen.
GEJ|5|8|5|0|Nun konnte er freilich so manches unternehmen dem Volke gegenüber, mußte aber geheim vor den Patriziern stets den gebührenden Respekt haben und auch tun, was diese verlangten. Wollten diese Krieg, so mußte er seine prophezeilichen Sachen stets so einrichten, daß daraus das Volk die Notwendigkeit des Krieges aus dem Willen der Götter ersah; aber die eigentlichen Götter waren dennoch nur die Patrizier des Reiches und mit ihnen die ersten und gebildetsten Bürger, Künstler und Dichter, die zuerst von der Idee ausgingen, daß man nur der Phantasie der Menschen eine zwar reichhaltige, aber dennoch bestimmte Richtung geben müßte, um sie vor den schmählichsten Abirrungen zu bewahren.
GEJ|5|8|6|0|Denn ein jeder Mensch hat eine Naturphantasie. Wird diese verwahrlost, so kann durch sie aus dem edelsten Menschen eine reißendste Bestie werden; wird aber seine Phantasie geregelt und auf edlere Formen hingeleitet, unter denen sie sich ganz geordnet zu bewegen beginnt, so wird sie auch selbst edlere Formen zu schaffen anfangen, in ein reineres Denken und Trachten übergehen und für das Beste ihrer inneren Schöpfungen den Willen beleben.
GEJ|5|8|7|0|Und so ist also die ganze Götterlehre nichts als ein stets mehr und mehr geordnetes Phantasiegebilde, zur Regelung der gemein menschlichen Phantasie ausgedacht und soviel als möglich mit allen humanen Mitteln praktisch ins ersichtliche und wirkende Werk gesetzt worden. Für uns weise und kundige Patrizier aber legte sich von selbst die leicht begreifliche Notwendigkeit auf, daß wir das zu sein scheinen mußten, als was seiend wir das Volk haben wollten.
GEJ|5|8|8|0|Wie es aber damals war, also ist es auch jetzt noch, nur mit dem Unterschiede, daß nun auch schon das Proletariat in vieles eingeweiht ist, in was ehedem nur wir Patrizier eingeweiht waren, und darum ans ganze Pontifikat ganz verzweifelt wenig mehr glaubt. Die meisten glauben wohl an ein höheres Gottwesen, viele aber glauben an gar nichts mehr, und ein gebildeterer Teil sind Platoniker, Sokratianer und sehr häufig Aristoteliker.
GEJ|5|8|9|0|Jene Priester aber, die dir den Pontifex maximus beschrieben haben, sind zum Teil ihrer Art nach oft wirklich so dumm, daß sie das alles auf ein Wort glauben, was ihnen eingebleut wurde; oft aber sind sie ganz fein abgedrehte Stricke, die vor dem Volke einen ganz entsetzlichen Lärm schlagen und tun, als spielten sie mit den Göttern gleich alle Tage am persischen Schachbrette! Aber für sich glauben sie nichts als bloß die Worte des Epikur, die ungefähr also lauten: EDE, BIBE, LUDE! POST MORTEM NULLA VOLUPTAS; MORS ENIM EST RERUM LINEA. [Iß, rinke, spiele! Nach dem ode gib es kein Vergnügen; denn der od ist das Ende der Dinge.] 
GEJ|5|8|10|0|Wenn du, meine sonst allerliebste, für dein Alter wunderbar weise Jarah, uns nach den zwei Unterpriestern schätzen möchtest, da tätest du uns sehr unrecht; denn wir Römer sind genau also, wie ich uns dir nun beschrieben habe. Alles andere kann nur eine verbrannte Aussage eines Laien sein, der das Wesen Roms so wenig kennt, als du es vor dem gekannt hast, was ich als ein Mitbeherrscher Roms nun enthüllt habe. Da du aber nun solches weißt, so mußt du uns Römer schon ein wenig nachsichtiger beurteilen und behandeln! – Was meinst du, ist meine Anforderung an dich gerecht oder nicht?“
GEJ|5|9|1|1|9. — Des Herrn Voraussage über das Schicksal Roms und Jerusalems
GEJ|5|9|1|0|Sagt die Jarah: „Das versteht sich ja von selbst! Wenn es offenbar nur also ist, wie du mir's nun ganz offen enthüllt hast, dann habe ich gegen euch auch gar nichts einzuwenden. Habt ihr einen guten Willen, so kann auch dessen Erfolg im Grunde des Grundes nicht schlecht sein, auch dann nicht, wenn er sich vor den Augen der Welt auch nicht als vorteilhaft herausstellt. Ich lasse mich durch den Schein sicher am allerwenigsten täuschen; aber das sehe ich auch ein, daß man von Natur aus viel eher zu einem ganz ehrlich guten Willen denn irgend zur reinsten Wahrheit gelangen kann, die dann erst dem guten Willen zu einer wahren und wirksamsten Lebensleuchte wird. Den guten Willen habt ihr deiner Kundgebung nach schon unverändert im allgemeinen immer gehabt; einzelne Trübungen haben am Ganzen wenig oder nichts zu ändern vermocht.
GEJ|5|9|2|0|Nun bekommet ihr zu eurem guten Willen aber auch noch der ewigen Wahrheit reinstes Licht hinzu, durch das euer schon vom Ursprunge an guter Wille auch die richtigen Wege und wahren Mittel zur sicheren Erreichung der besten Erfolge überkommen muß, und es läßt sich von euch dann ja offenbar nichts als nur das Allerbeste erwarten! – O Herr, segne Du diese meine schlichten Worte, daß sie zur für alle Zeiten bleibenden Wahrheit würden!“
GEJ|5|9|3|0|Sage nun Ich: „Ja, du Meine tausendgeliebteste Jarah, sie sollen gesegnet sein, deine wunderschönen und sehr wahren Worte!
GEJ|5|9|4|0|Rom soll so lange der beste Aufenthaltsort Meiner Lehre und Meiner besonderen Gnaden verbleiben, und es soll diese große Kaiserstadt ein Alter in der Welt erreichen, wie ein gleiches nur sehr wenige Städte Ägyptens erreichen werden, jedoch nicht so unversehrt wie Rom. Die äußeren Feinde sollen dieser Stadt wenig je etwas zuleide tun; wenn sie schadhaft wird, so wird sie das nur der Zeit und ihren wenigen inneren Feinden zu verdanken haben!
GEJ|5|9|5|0|Aber in der Folge wird leider auch in dieser herrschenden Stadt diese Meine Lehre in eine Art Abgötterei übergehen; aber ungeachtet dessen wird Mein Wort und noch immer der beste Sinn der Lebenssitten im allgemeinen darin erhalten werden.
GEJ|5|9|6|0|Gar in die späten Zeiten hinaus wird der Geist dieser Meiner Lehre dort sehr verschwinden. Die Menschen werden an der äußersten Rinde kauen und sie fürs geistige Brot des Lebens halten; aber da werde Ich schon durch die rechten Mittel sie wieder nach und nach auf den rechten Weg zurückführen! Und hätte sie noch soviel Hurerei und Ehebruch getrieben, so werde Ich sie schon wieder reinigen zur rechten Zeit!
GEJ|5|9|7|0|Im übrigen aber wird sie stets eine Verkünderin der Liebe, Demut und Geduld verbleiben, darum ihr viel durch die Finger nachgesehen wird zu allen Zeiten, und die Großen der Erde werden sich vielfach um sie scharen und aus ihrem Munde die Worte ihres Heiles vernehmen wollen.
GEJ|5|9|8|0|Ganz rein aber wird sich auf dieser Erde im allgemeinen nie etwas für eine zu lange Dauer erhalten, somit auch Mein Wort nicht; aber am reinsten für den Zweck des Lebens und als Geschichtsreliquie noch immer in Rom!
GEJ|5|9|9|0|Diese Versicherung gebe Ich dir, du Mein liebster Freund Cyrenius, und nun hier als volle und wahre Segnung der schönsten und wahrsten Worte unserer allerliebsten Jarah!
GEJ|5|9|10|0|Ein Jahrtausend ums andere wird es dir zeigen und sagen, daß dieser Mein Ausspruch bezüglich Roms Dauer und Stellung in die volle Erfüllung übergehen wird!
GEJ|5|9|11|0|Jerusalem wird also zerstört werden, daß man schon von jetzt an gar nicht wissen wird, wo es dereinst gestanden ist. Wohl werden die späteren Menschen allda eine kleine Stadt gleichen Namens erbauen; aber da wird verändert sein Gestalt und Stelle. Und selbst dies Städtchen wird von anderwärtigen Feinden viel Schlimmes zu bestehen haben und wird fürder ohne Rang und Bedeutung verbleiben ein Nest von allerlei Gesindel, das ein kümmerliches Dasein vom Moose der Steine aus der Jetztzeit fristen wird.
GEJ|5|9|12|0|Ja, Ich wollte wohl diese alte Gottesstadt zur ersten der Erde machen; aber sie hat Mich nicht erkannt, sondern behandelt wie einen Dieb und Mörder! Darum wird sie fallen für immer und wird sich fürder nicht mehr erheben aus dem Schutte des alten wohlverdienten Fluches, den sie sich selbst bereitet und mit dem eigenen Munde ausgesprochen hat! – Bist du, Meine tausendallerliebste Jarah, nun mit dieser Meiner Segnung zufrieden?“
GEJ|5|9|13|0|Sagt die Jarah, ganz zu Tränen weich gemacht: „O Herr, Du meine ganz alleinige Liebe! Wer sollte auch nicht zufrieden sein mit dem, was Du, o Herr, aussprichst, und besonders mit solch einer großen, in die fernsten Zeiten weit und tief hineinreichenden Verheißung? Auch mein lieber, hoher Cyrenius scheint damit sehr zufrieden zu sein und ebenso der Kornelius, der Faustus und unser Julius. Ob aber auch die Kinder aus Jerusalem, deren auch mehrere an diesem Tische und noch mehrere an anderen Tischen um uns sitzen, mit Deinen Verheißungen bezüglich Jerusalems auch so zufrieden sein werden, das scheint mir eine ganz andere Frage zu sein; denn aus ihren Gesichtern strahlt nicht jene Heiterkeit wie aus den Gesichtern der Römer.“
GEJ|5|9|14|0|Nach dieser ganz triftigen Bemerkung erhoben sich etliche, die aus Jerusalem waren, und sagten: „Man soll wohl seinem Vaterhause keinen Untergang wünschen, solange es nicht Dieben und Räubern zur Wohnstätte ward; ist es aber einmal das, da soll es auch nicht mehr geschont bleiben! Der Nachkomme hat da – ohne Furcht, eine Sünde zu begehen – das Recht, es mit eigener Hand über den Häuptern der darin hausenden Bösewichter zu zerstören und jede Spur von einem einstmaligen Dasein für ewig zu verwischen.
GEJ|5|9|15|0|Wenn Jerusalem nun unseres getreuesten Wissens aber nichts ist als ein barstes Raubmördernest, wozu sollen wir trauern, so der Herr diesem Neste den schon lange wohlverdienten Lohn geben will und auch sicher geben wird?! Das Traurige daran ist nur, daß diese so höchst begnadigte Stadt Gottes es endlich trotz aller Warnungen zu einem dritten Male dahin gebracht hat, von Gott Selbst ausgehend auf das allerempfindlichste gezüchtiget zu werden! Aber Seine bekannte Langmut und Geduld ist uns auch ein sicherster Beweis, wie sehr sich eine solche Stadt einer strengsten Züchtigung verdient gemacht hat und darum wahrlich nicht im geringsten zu bedauern oder gar zu betrauern ist.
GEJ|5|9|16|0|VOLENTI NON FIT INIURIA! [Dem Wollenden geschieht nicht Unrecht, d.h.: Wer es so haben will, dem geschieht es recht!] Wer es selbst will, bei allem noch so hellen Sonnenlicht in eine Grube sich zu stürzen, wird den wohl jemand bedauern oder betrauern? Wir nicht! Für echte dümmste Esel und Ochsen empfanden wir noch nie Mitleid, besonders wenn sie vor aller Welt als Weiseste glänzen wollen; und noch viel mehr ganz besonders verdienen sie kein Mitleid, wenn ihre vorgeschützte Hochweisheit, die aber im Grunde nur krasseste Eselei ist, sich durch allerlei Bosheit und durch eine allerabgefeimteste Verschmitztheit als reell geltend machen will.
GEJ|5|9|17|0|Es ist schon ganz richtig, daß auch eine kranke Menschenseele mehr Mitleid verdient als eines kranken Menschen gebrechlicher Leib. Wenn aber zu einem leibeskranken Menschen, der noch bei vollster Vernunft ist, ein grundgescheiter und bestbewährter Arzt kommt, die Krankheit wohl erkennt und dem Kranken nur zu gewiß helfen könnte und würde, der Kranke aber, statt mit aller Freude den heilsamen Rat des Arztes anzunehmen, denselben durch seine Knechte zur Tür hinauswerfen läßt, – wer, fragen wir, wird mit solch einer kranken Seele auch noch ein Mitleid haben? Wir nicht, und sonst sicher auch nicht jemand anders! Solch ein reines Vieh von einem Menschen soll dann nur in eine möglich allerbitterste und schmerzvollste Krankheit verfallen und erst aus seinen Schmerzen lernen, wie dumm es war, den allergeschicktesten Arzt zur Tür hinauszuwerfen!
GEJ|5|9|18|0|Dummheit für sich verdient Mitleid, weil ein Dummer nicht dafür kann, daß er dumm geblieben ist schon von der Wiege an; aber es gibt Menschen – wie da sind die allermeisten Hohenpriester, Pharisäer und Schriftgelehrten –, diese sind nicht dumm, machen sich aber geflissentlich dumm, um die arme, durch sie dumm gemachte Menschheit dann desto leichter für ihre schändlichen, im höchsten Grade selbstsüchtigen Zwecke gebrauchen zu können! Derlei Menschen haben keine kranken Seelen, sondern sie sind nur ganz kräftige und gesunde Wölfe in Schafspelzen und verdienen nicht mehr, als mit den schärfsten Pfeilen niedergeschossen zu werden; denn da wäre ein jedes Mitleid eine grobe Dummheit irgendeines menschlichen Herzens.
GEJ|5|9|19|0|Wem auf der ganzen Erde sollte es wohl leid sein um die Nacht, der die aufgehende Sonne den Garaus macht? Oder welcher Narr wird um den lästigen Winter, um einen rasenden Sturm, um eine aufgehört habende Pestilenz und um verschwundene schlechte Jahre weinen? Und wir glauben, daß es eine noch um sehr vieles größere Dummheit wäre, darum zu trauern, so der Herr uns jüngst einmal die größte Seiner Gnaden erweisen will. Ja, sehr traurig ist es, daß Jerusalem das hellste Geisteslicht nicht erkennen und annehmen will; denn da heißt es, sich ganz dem Satan der Welt einverleibt haben! Wo aber das, da nur Feuer und Schwefel vom Himmel! Sodom und Gomorrha ruhen lange gut im Grunde des Toten Meeres; wer würde beweinen wollen die Verruchten? Und so wird man auch Jerusalem nicht beweinen!
GEJ|5|9|20|0|Und du, holdeste Jarah, hast dich mit deinem Urteile über uns denn auch ein wenig getäuscht! Siehe, der Schein ist nicht immer ein Abglanz der Wahrheit und trügt uns dann und wann! Meinst du nicht, daß es also ist und wahrscheinlich auch für immer also verbleiben wird? Haben wir recht oder nicht recht?“
GEJ|5|9|21|0|Sagt die Jarah: „Aber Herr, Du meine Liebe, warum muß es mir denn geschehen, daß ich die Menschen stets falsch und nicht recht zu beurteilen imstande bin? Es ist geradewegs schon nahezu ärgerlich! Vorher habe ich vom Cyrenius einen freilich nur sanften, aber immerhin einen Verweis bekommen, jetzt aber gleich von einer Menge! Sie haben alle recht, – nur ich offenbar nicht, weil sie der Wahrheit nach recht haben und ich aber nicht. O Herr, gib mir doch eine bessere Einsicht, damit ich mit meinen Urteilen nicht in einem fort aufsitze!“
GEJ|5|10|1|1|10. — Ein Evangelium fürs weibliche Geschlecht
GEJ|5|10|1|0|Sage Ich: „Nur schön sachte, Mein liebes Töchterchen! Du mußt dich darum nur mehr zurückhalten und nicht vorlaut sein gegenüber vielerfahrenen Männern! Dann mußt du nie nach der Äußerlichkeit gleich irgendein Urteil schöpfen, sondern allzeit schön abwarten, was zuerst die welterfahrenen Männer über eine oder die andere Erfahrung sagen werden!
GEJ|5|10|2|0|Hat sich möglicherweise irgend jemand ein wenig verirrt, dann erst ist es Zeit, ihn ganz zart und sanft daran zu erinnern, wie und wo er etwa einen Seitenhieb ins Blaue gemacht hat, – aber ja nicht früher!
GEJ|5|10|3|0|Denn es wäre gar nicht fein, wenn Mädchen den erfahrenen Männern die Wahrheit zuerst sollten kennen lehren; aber wenn die Männer dann und wann vom rechten Wege irgendeinen unweisen Seitentritt machen, dann wohl ist es an der rechten Zeit, daß ein Weib gar zart und sanft hinzutritt und sagt: ,Mein Freund, sieh dich vor; denn du hast da einen falschen Weg eingeschlagen! Die Sache verhält sich so und so!‘ Das wird den Mann sehr freuen, und er wird gerne der holden, zarten und sanften Stimme Folge leisten.
GEJ|5|10|4|0|Aber mit dem Vorlautwerden ist es nichts, und es macht den Mann leicht mürrisch und verdrießlich, und er achtet dann oft gar nicht auf die schöne und sanfte Stimme eines noch so geschmeidigen Weibchens.
GEJ|5|10|5|0|Siehe, das ist auch ein Evangelium, aber bloß nur für dein Geschlecht! Welches Weibchen solches achtet, welches wird auf der Erde stets gute Tage haben, aber dieses Evangelium nicht achten wird, wird sich's selbst zuzuschreiben haben, wenn es von den Männern nicht geachtet wird.
GEJ|5|10|6|0|Ein rechtes Weib ist ein Symbol des höchsten Himmels – und ein unrechtes, eigensinniges und dominieren wollendes Weib ein Ebenmaß des Satans, der da ist schon gleich eine schlechteste, unterste und allertiefste Hölle.
GEJ|5|10|7|0|Dann darf ein rechtes Weiblein schon gar nie gegen einen Mann je völlig ärgerlich werden; denn im weiblichen Wesen muß ja die größte Geduld, Sanftmut und Demut vorherrschen. In ihm muß der Mann erst die rechte Ruhe seines Sturmgemütes finden und selbst sanft und geduldig werden! Wenn aber am Ende das Weib vor dem Manne zu poltern begänne, was soll dann ein Mann erst tun, bei dem es ohnehin stets mehr stürmisch denn friedlich aussieht?!
GEJ|5|10|8|0|Darum also nur nie vorlaut, Mein sonst gar allerliebstes Töchterchen, – sonst würdest du noch öfter in die Gelegenheit kommen, dich ärgern zu müssen, so dich wieder jemand zurechtwiese! – Hast du mich wohl verstanden?“
GEJ|5|10|9|0|Sagt Jarah: „Verstanden wohl, – aber es geschieht mir nun schwer beim Herzen darum, daß ich dumm und vorlaut war. Ich habe nun doch schon mehrere Stunden lang geschwiegen, und es war gut; es hat mich aber nun gelüstet, auch ein bißchen was zu reden, und da wäre es besser gewesen, so ich noch fort geschwiegen hätte. Aber von jetzt an soll meine Zunge einen Rasttag bekommen wie keine zweite in einem weiblichen Munde!“
GEJ|5|10|10|0|Sage Ich: „Das, Mein liebes Töchterchen, ist gerade auch nicht gar so strenge notwendig, sondern du schweigst, wenn du zu reden nicht aufgefordert wirst! Wirst du aber aufgefordert zu reden, und du schweigst, so wird der Mann das für einen recht dicken Eigensinn, für Bosheit und Verschlagenheit ansehen und sein Herz von dir wenden.
GEJ|5|10|11|0|Also: reden zur rechten Zeit, und schweigen zur rechten Zeit, aber allzeit voll Sanftmut, Liebe und Ergebung, das ist eines Weibes schönster Schmuck und ist ein gar liebliches Lebensflämmchen, ganz geeignet, jedes Mannes Herz zu beleben und ihn gleich sanft und weich zu machen!
GEJ|5|10|12|0|Es gibt aber bei den Jungfräuleins eine oft sehr grell auftauchende Unart, und diese heißet Eitelkeit, welche nichts als ein recht gesundes Samenkorn des Hochmutes ist. Läßt ein Fräulein solches in sich aufschießen, so hat es schon seine himmlische Weiblichkeit verwirkt und sich der Gestalt des Satans sehr genaht. Ein eitles Fräulein ist kaum des Auslachens wert, ein stolzes und hochmütiges Weib aber ist ein Aas unter den Menschen und wird darum von jedermann mit Recht tief verachtet.
GEJ|5|10|13|0|Daher sei du, Mein Töchterchen, weder je auch nur ein wenig eitel und noch weniger je stolz und hochmütig, so wirst du unter vielen glänzen wie ein schönster Stern am hohen Himmel! – Hast du das alles wohl aufgefaßt und begriffen?“
GEJ|5|10|14|0|Sagt die Jarah: „O ja; aber nur werde Du mir nicht gram darum, weil ich wirklich recht dumm war!“
GEJ|5|10|15|0|Sage Ich: „Sei nur ruhig darum! – Nun kommt Markus wieder und die Seinen, und wir werden sehen, was die uns allen erzählen werden!“
GEJ|5|10|16|0|Als die Jarah sich zufrieden gibt und besonders über den Punkt Eitelkeit sehr nachzudenken beginnt, kommt Markus abermals mit seiner ganzen Familie zu Mir, und sein Weib und seine Kinder fangen an, Mich über alle die Maßen zu loben und zu preisen.
GEJ|5|10|17|0|Ich aber segne sie und heiße sie sich zu erheben vom Boden, und sage zum Weibe und zu den Kindern: „Worin das bestehet, wodurch ihr euch Meines Wohlgefallens für immer werdet versichern können, sowie auch Meiner jedesmaligen Hilfe, so ihr deren irgend besonders benötigen werdet, wisset ihr und ganz besonders Markus, der euch nachderhand in allem unterweisen wird.
GEJ|5|10|18|0|Aber da ihr euch die ganze Zeit hindurch um Mein und Meiner Jünger materielles Wohl gar so unverdrossen und angelegentlichst bekümmert habt, so habe Ich euch alles, was ihr nun gesehen habt, zu einem Gegengeschenke gemacht und habe alles also eingerichtet, wie es zu eurem großen zeitlichen und auch ewigen Vorteile dienen kann. Aber nun lasset euch auch von dem Raphael alles zeigen, wie es zu gebrauchen ist; denn zu solch einem Besitze gehört auch das Wissen, ihn zweckdienlich gebrauchen zu können!“
GEJ|5|10|19|0|Hier berufe Ich den Raphael und sage zu ihm: „Gehe mit ihnen hin und zeige ihnen, alles ordentlich zu gebrauchen; und den zwei Söhnen zeige auch, wie sie die fünf besegelten Schiffe zu gebrauchen haben, und wie sie sich damit auch jeden Wind zunutze machen können! Dadurch sollen sie die ersten und besten Schiffahrer auf diesem ganzen Meere werden, und nach ihrer Art werden dann bald alle die Schiffe am großen Meere einzurichten sein, was den Römern gut zustatten kommen wird.“ – Darauf geschah schnell das, wozu Ich den Engel beauftragt hatte.
GEJ|5|10|20|0|Ich sagte aber auch zum Cyrenius: „Laß du einige deiner offensten Diener mitgehen, auf daß sie auch etwas lernen für euren weltlichen Bedarf! Denn Ich will, daß alle, die Mir nachfolgen, in allen Dingen weise und tüchtig sein sollen.“ – Darauf beorderte Cyrenius sogleich nach Meinem Rate einige seiner Diener und ließ auch den Knaben Josoe mitgehen, weil der eine große Vorliebe zur Wasserfahrt hatte.
GEJ|5|11|1|1|11. — Der Nubier Ansichten über das Wunderwirken
GEJ|5|11|1|0|Als auch dieses in der Ordnung war, trat wieder der Oubratouvishar zu Mir und sagte: „Du allein bist allmächtig über allmächtig! Siehe, ich und meine Brüder und Schwestern haben nun das Heil aller Menschen gesehen, die redlichen Herzens und eines guten Willens sind, die da sehen auf die Bildung des Herzens und des Gemütes und nicht vor der Zeit auf die des Verstandes, der eigentlich nur ein rechter Arm des Herzens sein soll. Dies ist und bleibt der allein richtige Weg des wahren Lebens und dessen Heiles, was wir Schwarzen alle wie ein geweckter Mann wohl einsehen und begreifen.
GEJ|5|11|2|0|Aber bei aller unserer Lebensreife und Einsicht plagt uns nun dieses Wunder gar sehr, und es ist darum unter uns ein Hin- und Herraten darin entstanden, daß einige von uns meinen, solch ein Wunder könnte auch ein durch Deinen Geist ganz vollendeter Mensch zustande bringen. Andere wieder meinen: Solche Dinge hervorzubringen, sei für ewig nur Gott allein möglich; denn dazu gehöre ein allmächtiger Gotteswille, den nie ein geschaffener Geist für sich haben könne, weil er kein unendlicher, sondern nur ein höchst beschränkter Geist ist.
GEJ|5|11|3|0|Sie sagen weiter und meinen, man merke das schon an den Kreaturen dieser Erde. Je größer sie würden, mit desto mehr Kraft und Macht träten sie auf, und je kleiner sie seien, desto geringer sei auch ihre Kraft. Man erzählt sich bei uns von einstigen Riesenelefanten, gegen welche die auf Erden nun vorkommenden nur kleine Affen wären. Diese Tiere sollen eine solche Kraft innegehabt haben, daß sie mit ihrem Rüssel die stärksten Bäume zu entwurzeln gar leicht imstande waren. Wenn denn aber schon auf dieser Erde eine Kreatur, je größer sie ist, in einer desto größeren Kraft auftrete, um wieviel mehr des Unterschiedes müßte man dann erst bei den Geistern, als der Grundbedingung der Kraft in den mannigfachen Kreaturen, merken! Was demnach Dir als dem urewigsten Geiste möglich sei, weil Du allein von der allerunendlichsten Größe seist, das sei keinem endlich geschaffenen Geiste möglich, und daher also auch nicht möglich, solch ein Haus, solch einen Garten und solche herrlichen Schiffe hierherzuschaffen aus nichts!
GEJ|5|11|4|0|Meine Meinung ist da selbst ein wenig gespalten; denn ich sagte zu ihnen, mich an die Meinung der ersteren haltend: In einem Momente ein Werk hervorzurufen, das aber auch Menschen – wenn auch mit vieler Mühe und Zeit – zustande brächten, dürfte Gott denn doch leichter möglich sein als ein anderes, das den Menschen für immer unmöglich bleiben wird und bleiben muß.
GEJ|5|11|5|0|So können Menschen gar wunderbar herrliche und überaus große Gebäude mit der Zeit zustande bringen; aber alle Menschen der Erde können nicht einmal auch nur ein Moospflänzchen erschaffen, daß es wüchse, blühete und Samen trüge ganz tauglich zur Fortpflanzung, geschweige irgendeinen Fruchtbaum oder gar ein Tier, das sich frei bewegen, seine Nahrung suchen und seinesgleichen zeugen kann.
GEJ|5|11|6|0|Solche Dinge aus nichts allein durch den allmächtigen Willen hervorzubringen, wird durch einen noch so vollendetsten Menschen wohl schwerlich je hervorzubringen möglich sein; denn dazu gehört mehr als die endliche Kraft eines sowohl der Zeit als dem Raume nach endlichen Menschengeistes. Aber Dinge, die er schon einmal als endliche, wenn auch mühsam, geschaffen hat, dürften dem ganz vollendeten Geiste eines Menschen wohl ganz füglich möglich sein, sie in einem Momente ins Dasein zu rufen. Es bliebe nur noch die Frage übrig, ob für bleibend oder ob nur auf wenige Augenblicke allein für die Erscheinlichkeit bei einer Gelegenheit, bei der man ohne alle Selbstliebe bloß zur Verherrlichung Deines Namens den Blinden ein rechtes Licht zu geben bemüht wäre!
GEJ|5|11|7|0|Wolltest Du, o Herr, mir darüber nicht einen ganz richtigen Bescheid geben? Habe ich recht, oder die andern? Ich würde dich mit dieser Frage sicher nicht belästigt haben, wenn ich nicht gemerkt hätte, daß Dir nun eine kleine Muße – natürlich ganz durch Deinen höchst eigenen Willen – gegönnt ist. So Dein heiliger Wille es demnach Dir gestattete, mir auf meine Frage einen für ewig gültigen Bescheid zu erstatten, so wäre uns allen auch das eine übergroße Gnade, für die wir Dir nie zur Genüge danken könnten.“
GEJ|5|12|1|1|12. — Von der Rechthaberei
GEJ|5|12|1|0|Sage Ich: „Ja, du Mein sehr lieber Freund, da wird es Mir sehr schwer werden, dir oder deinen etwas anders meinenden Gefährten recht zu geben! Denn stelle dir einen Stock vor, der etwas locker in der Erde steckt; dieser soll, um dann etwas fest anhängen zu können, mittels einiger Holzschlägelschläge fester ins Erdreich getrieben werden. Es kommen aber zwei etwas ungeschickte Zimmerleute, noch sehr Jünger ihrer Kunst, hinzu, und einer, der sich für tüchtiger erachtet, sagt zu seinem Gefährten: ,Bruder, gleich ist zwar unsere Kunstfertigkeit; aber dennoch gib mir den Schlägel, auf daß ich den ersten Hieb führe auf des Stockes Haupt! Denn mir ist das sehr eigen, den Nagel auf den Kopf zu treffen!‘ – ,Gut‘, sagt der andere, ,laß sehen, wie du der Nägel Köpfe gar so treffend zu behandeln imstande bist!‘ Darauf nimmt der erste den Schlägel und führt einen kräftigen Hieb. Er trifft den Stock, aber nur auf der linken Seite streifend, was den Stock durchaus nicht fester gemacht hat. Darüber lacht sein Kollege und sagt: ,Gib nur wieder mir den Schlägel; denn mit solcher Bearbeitung seines Kopfes wird der Stock wohl nimmer fester als zuvor in der lieben Mutter Erde stecken!‘ Spricht der, der den Stock nicht auf den Kopf getroffen hatte: ,Da, nimm den Schlägel und versuche du dein Glück!‘ Nun führt auch dieser einen allerkräftigsten Hieb, trifft des Nagels Kopf aber auch nicht, sondern streift ihn auf der rechten Seite. Und es entspinnt sich nun unter beiden ein Streit darum, welcher von ihnen etwa doch den besseren Hieb geführt habe. Daß darüber die beiden nicht leicht einig werden, ist begreiflich; denn wo zwei untereinander zu streiten anfangen, da nimmt der Streit nicht eher ein Ende, als bis ein Stärkerer und Geübterer hinzukommt und den beiden Streitern ums Recht zeigt, wie man den Nagel auf den Kopf trifft. Nachher geht es bei den beiden auch; aber ohne den dritten hätten die beiden wohl noch einige Zeit lang bloß darum gestritten, wer von ihnen den besseren Hieb geführt habe, ob der Streifhieb nach links besser war denn der nach rechts.
GEJ|5|12|2|0|Und siehe, gerade also steht es mit eurem Streite, und Ich muß am Ende der dritte sein, der eurem Weisheitsstreite dadurch ein Ende macht, daß er den Nagel vor euch auf den Kopf trifft, ansonst ihr unterwegs zu einem blutigen Streite gelangen könntet, und das alles darum, ob der verfehlte Streifhieb nach links besser war als der ebenso verfehlte nach rechts!
GEJ|5|12|3|0|Also weder du noch deine Gefährten habt in bezug auf das zustande gebrachte Wunder, und ob ein solches ein geistig ganz vollendeter Mensch auch zu bewirken imstande wäre, die Wahrheit gefunden, sondern kaum nur an dieselbe nach links und rechts gestreift!
GEJ|5|12|4|0|Nun, daß Ich den Nagel wohl auf den Kopf treffen werde, das ist sicher und gewiß; aber bevor Ich noch darin für euch den sichern Hieb führen werde, mußt du hingehen zu deinen Gefährten und ihnen sagen, daß da weder die links noch die rechts meinende Partei recht hat, sondern eine jede kaum an die Wahrheit gestreift ist. Ihr müßt euch zuvor darin vergleichen, daß ihr völlig nichts wisset und verstehet in dieser Angelegenheit. Dann erst komme, und Ich werde dir dann kundtun, was da wahr und recht ist zu wissen und zu denken in dieser Sache!“
GEJ|5|12|5|0|Mit dem geht der schwarze Anführer wieder zu seinen Gefährten und sagt ihnen alles. Diese aber sagten recht klug: „Es ist ganz recht, wohl und gut, daß der Herr Selbst uns gegeben hat diesen Bescheid; denn er taugt nicht nur für jetzt, sondern für alle künftigen Zeiten. Wie oft kam es schon unter uns vor, daß einer eine Sache so, und ein zweiter anders und ein dritter noch verschiedener anders beurteilte! Wer von den dreien hatte denn der vollen Wahrheit gemäß recht geurteilt? Gar keiner hatte den Stock auf den Kopf getroffen, vielleicht oft kaum gestreift! Es mußte endlich durch einen allgemeinen Rat und durch die Mehrheit der Stimmen entschieden werden, wer da in der Beurteilung einer Sache oder einer Handlung recht habe; und da geschah es sicher nicht selten, daß gerade derjenige von der Stimmenmehrheit das Recht zuerkannt bekam, der seinen Hieb am fernsten vom Stocke geführt hatte. Hätten wir damals schon solch weisesten Wink von jemandem erhalten, wie viele unnötige Zänkereien wären da hintangehalten worden! Aber so hatten wir diesen heiligen Wink nicht und gerieten oft in Zank und Hader bloß darum, weil ein jeder von uns der Weiseste sein wollte.
GEJ|5|12|6|0|Aber es hatte das doch auch wieder sein Gutes; denn dieses ewige Zanken hat unsern Durst nach einer reinen Wahrheit stets mehr und mehr geweckt. Ohne diesen hätten wir fürs erste dich, Oubratouvishar, sicher nie zu unserem Wegweiser erwählt; ohne dich aber wären wir nie nach Memphis, und ohne Memphis noch weniger je hierher gekommen, wo wir nun gar die allerreinste Wahrheit aus dem Munde Dessen vernehmen können, der der ewigste Urgrund alles Lebens, alles Seins und aller Dinge ist. Gehe nun hin und entrichte unser aller innigsten Dank für den an uns alle gerichteten göttlich weisesten Wink, den wir durch die Tat von Nachkommen zu Nachkommen allerlebendigst und wahrhaftigst ehren wollen und werden! Keinen Zank darum unter unverkennbaren Brüdern!“
GEJ|5|13|1|1|13. — Die Möglichkeit, Größeres zu wirken als der Herr
GEJ|5|13|1|0|Mit diesem Bescheide kam der Anführer, begleitet von seinem Diener, zu Mir und wollte Mir buchstäblich kundtun, was seine Gefährten zu ihm geredet hatten.
GEJ|5|13|2|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, dessen bedarf Derjenige, der der Menschen Herzen und Nieren prüft, nicht! Ich weiß schon so um alles, was deine Gefährten dir recht sehr klug anvertraut haben, und du kannst nun aus Meinem Munde erfahren, was da vollkommen Rechtens ist in eurer strittigen Sache. Siehe, höre und verstehe!
GEJ|5|13|3|0|Wenn ein Mensch auf dieser Erde oder auch erst jenseits, was zumeist der Fall sein wird, die höchste geistige Lebensvollendung wird erhalten haben, so wird er bloß auch nur durch seinen freien Willen nicht nur das, was Ich nun tue vor euren Augen, und was da in allen Schöpfungssphären ist und geschieht, auch tun und entstehen und bestehen lassen können, sondern noch viel Größeres! Denn ein vollendeter Mensch ist erstens als Mein Kind eins mit Mir in allem, und nicht etwa nur im gewissen Sonderheitlichen, und muß, weil Mein Wille ganz auch der seine geworden ist, ganz natürlich auch alles das zu leisten imstande sein, was Ich Selbst zu leisten vermag.
GEJ|5|13|4|0|Zweitens aber verliert deshalb kein noch so vollendeter Mensch seinen eigensten freien Willen, wenn er auch noch so willenseins mit Mir geworden ist, und kann deshalb nicht nur alles aus Mir heraus wollen, sondern auch ganz ungebunden frei aus sich heraus, und das wird dann ja doch ein offenbares Mehr über Meinen Willen hinaus sein.
GEJ|5|13|5|0|Es klingt dir solches nun zwar ein wenig fabelhaft, und dennoch ist es also und wird auch für ewig dann also verbleiben. Damit du aber das ganz klar einsehen magst, will Ich die Sache noch ein wenig heller machen durch die Aufmerksammachung auf eine Sache, die dir von Memphis aus nicht mehr völlig fremd ist.
GEJ|5|13|6|0|Du hast in Memphis bei eurem ersten Dortsein, und zwar beim Obersten, dem weisen Justus Platonicus, mehrere Arten Spiegel gesehen, aus deren höchst geglätteter Oberfläche dir dein Ebenbild entgegenstrahlte.
GEJ|5|13|7|0|Der Oberste aber zeigte dir am Ende auch einen sogenannten magischen Spiegel, in welchem du, dich über Hals und Kopf verwundernd, dich selbst um vieles größer erschautest, als du für deine Größe in der Natur bist.
GEJ|5|13|8|0|Der Oberste zeigte dir aber auch noch eine andere Eigenschaft dieses Spiegels. Er ließ nämlich die Sonne hineinscheinen und zündete dann im überaus lichten Brennpunkte, der so beiläufig eine gute halbe Mannslänge außerhalb der von allen Seiten gegen die Mitte eingebogenen Fläche sich befand, allerlei brennbare Dinge an, was dich in ein noch höheres Erstaunen versetzt hat.
GEJ|5|13|9|0|Nun frage Ich dich, wie denn das möglich war? Wie ging denn das zu, daß der vom sogenannten magischen Spiegel zurückgeworfene Strahl der Sonne eine viel größere Wirkung zustande brachte als die Sonne mit ihren geraden, ungebrochenen Strahlen? Und doch war der Strahl aus dem magischen Spiegel kein anderer als einer aus einer und derselben Sonne!
GEJ|5|13|10|0|Der Spiegel blieb dabei sicher ganz kalt! Ja, woher nahm denn hernach der Strahl solche das natürliche, freie Sonnenlicht so weit übertreffende Wirkung? Du siehst doch so manches ein und wirst mir da auch irgendeinen Grund angeben können, wenigstens insoweit, als dir solchen der Oberste anzugeben imstande war!“
GEJ|5|13|11|0|Sagt der Anführer: „O Herr, Du weißt wahrlich, wahrlich um alles! Ja, es ist wahr, der Oberste in Memphis hatte uns solche Spiegel gezeigt und auch ihre mannigfache Wirkung; aber mit seinen Erklärungen darüber war ich, geradeheraus gesagt, am allerwenigsten zufrieden. Er schien da stark neben Deinem Stocke, denselben nicht einmal streifend, den Hieb geführt zu haben. Kurz, je länger er mir zwar mit allem Eifer die Sache aufzuhellen suchte, desto dunkler war es bei ihm und mir.
GEJ|5|13|12|0|Nur das einzige schien mir richtig, daß solch ein eingebogener Spiegel die Eigenschaft habe, die von der Sonne ausgehenden Strahlen zu verdichten, und täte dasselbe in einem viel dichteren und gediegeneren Grade, als so man viele ganz ebene Spiegel, die die Sonne in ihrer ganz natürlichen Größe, wie sie unserem Auge erscheint, zeigen, also aufstellen würde, daß aller Strahlen auf einem und demselben Flecke zusammenkommen müßten, welcher Fleck dann auch um vieles heller leuchten würde, als der Lichtfleck nur aus einem einzigen Ebenspiegel gehend. Und das sei denn eine offenbare Verdichtung des Sonnenlichtstrahles, und die Erfahrung zeige es, daß die Steigerung des Lichtes auch eine gleiche Steigerung der Wärme und Hitze zur Folge habe. So etwas ließe sich zwar nach der Meinung des Obersten nimmer genau berechnen; aber es ist dennoch das von ihm Gesagte der vielfachen und wohlerprobten Erfahrung nach sicher.
GEJ|5|13|13|0|Das, o Herr, ist nun aber auch schon alles, was ich als Besseres aus des Obersten Munde vernommen habe. Was ich aber daraus etwa für einen weiteren guten Schluß ziehen sollte oder könnte, dazu sind die Erkenntniskräfte meiner Seele zu gering, und ich bitte Dich darum abermals, daß Du mir Lichtlosem ein wahres, verdichtetes Licht in meine Seele gießen möchtest, sonst wird es in ihr ebenso dunkel sein, als wie dunkel und schwarz da ist meines schlechten Leibes Haut durch und durch an meinem Fleische!“
GEJ|5|14|1|1|14. — Das Wunderwirken des in Gottes Willen eingegangenen Geistesmenschen
GEJ|5|14|1|0|Sage Ich: „Nun wohl denn, und so höre Mich! Ich bin die Sonne aller Sonnen und aller Geisterwelten und der auf ihnen befindlichen Wesen aller Art und Gattung.
GEJ|5|14|2|0|Wie aber diese irdische Sonne mit ihrem Lichte und mittels desselben erregter Wärme in alle auf einem Erdkörper wohnenden Wesen und auf den Erdkörper nur in einer gewissen abgemessensten Ordnung einfließt und dadurch den ganzen Erdkörper sichtbar naturgemäß belebt, ebenso auch fließe Ich in der ewig strengsten, und gemessensten und von Mir aus unwandelbarsten Ordnung in alles, was von Mir geschaffen ist, ein; und es kann darum die Erde nicht mehr Erde sein und werden, als sie ist, der Feigenbaum nicht noch mehr Feigenbaum, der Löwe nicht noch mehr Löwe, und so bis zum Menschen herauf kann keine Kreatur mehr oder auch weniger in ihrer Art und Gattung werden, als wie und was sie ist.
GEJ|5|14|3|0|Nur der Mensch allein kann seelisch und geistig noch fort und fort mehr und mehr Mensch werden, weil ihm von Mir aus das unvertilgbare Vermögen erteilt ist, stets mehr von Meinem geistigen Lebenslichte durch die Befolgung Meines ihm kundgemachten Willens in sich aufzunehmen und für alle Ewigkeiten zu behalten.
GEJ|5|14|4|0|Nun, wenn der Mensch so ganz ordentlich nach dem Gesetze lebt, aber dabei weder nach etwas besonders Höherem strebt, sich aber aus seiner einmal angenommenen Ordnung auch nicht für etwas Niedereres gebrauchen läßt, also für die Welt so ein ganz tadelloser Mensch ist, da gleicht er einem Ebenspiegel, der das Bild der Sonne auf seiner Glattfläche weder vergrößert noch irgend verkleinert. Er wird darum auch jede Sache so ganz natürlich einsehen und damit ein ganz gewöhnliches Gedeihen in allen Dingen erzielen.
GEJ|5|14|5|0|Ein Mensch aber, der wegen ein bißchen Lichtes, das er sozusagen gerade irgendwo erschnappt hat, unter den ganz Lichtlosen in einer oder der andern Sache viel Aufhebens macht und tut, als wäre schon gerade er selbst der erste Erfinder der Urweisheit, und alle andern für dumm über dumm hält, – ein solcher Mensch bläht sich auf und gleicht einer Kugel, deren Oberfläche sehr glatt poliert ist und dadurch eine nach außen hinausgebogene Spiegelfläche abgibt.
GEJ|5|14|6|0|Auf einer solchen Fläche wirst du zwar das Bild der Sonne auch noch widerstrahlend erschauen, aber ganz klein, und du wirst nichts mehr merken von einer Wärme. Bei diesem zurückstrahlenden Schimmerlichte wird sich ewig nichts entzünden, und wäre es selbst ein allerleichtest entzündbarer Naphthaäther! Das tut der Hochmut der Seele, so sie sich auf etwas höchst wenig Sagendes sehr viel einbildet. Und je mehr eine solche Seele da ihre Einbildung erhöht, desto ordentlich spitzrunder wird ihr Spiegel und desto kleiner das Abbild der geistigen Sonne auf solcher nahe spitzrunden Erkenntnis- und Wissensspiegelfläche.
GEJ|5|14|7|0|Diese zwei nun bezeichneten Menschengattungen werden nicht stets mehr Mensch, sondern die letztbezeichnete nur stets weniger.
GEJ|5|14|8|0|Aber nun kommt eine dritte, freilich etwas selten gewordene Menschenart! Sie ist äußerlich äußerst gefällig, dienstfertig, geduldig, sanft, bescheiden und voll Demut und Liebe gegen jedermann, der ihrer Dienste benötigt.
GEJ|5|14|9|0|Diese Art gleicht unserem magischen, nach innen eingebogenen Spiegel. Wenn das Licht des Lebens und des Erkennens aus Mir auf solch einen Seelenspiegel fällt, so wird dessen ins irdische Tatenleben herüber zurückstrahlendes Licht das Gemüt und den eigenen freien Willen für alles Gute, Liebe, Schöne, Wahre und Weise erbrennen machen, und alles, was unter den Brennpunkt des vielfach verdichteten Geisteslichtes fällt, wird höchst klar erleuchtet und durch des innern Lebens hohen Lebenswärmestand schnell in seiner ganzen Fügung entfaltet. Und der Mensch mit solch einem Seelenspiegel erkennt dann bald in größter und lebendigster Klarheit Dinge, von denen ein gewöhnlicher Mensch wohl nie einen Traum haben kann.
GEJ|5|14|10|0|Ein solcher Mensch wird dann auch stets mehr und mehr Mensch; und je mehr und mehr Mensch er wird, desto vollendeter wird er auch in sich. Und wenn mit der gerechten Weile sich sein Lebensspiegelumfang oder – durchmesser mehr und mehr ausgedehnt und an Tiefe gegen das Lebenszentrum zugenommen hat, so wird der nach außen wirkende und um vieles größer und lichtdichter gewordene Brennpunkt auch sicher noch um vieles Größeres bewirken als Mein für alle Kreatur genauest abgegrenztes Sonnenlicht, von dem auf dem ordnungsmäßigen und natürlichen Wege nie ein gewisses außerordentliches Mehr zu erwarten ist und man nicht annehmen kann, daß der Sonne ganz natürliches auf diese Erde fallendes Licht je einen Diamanten schmelzen wird, wohl aber der verdichtete Lichtstrahl aus einem großen sogenannten magischen Spiegel.
GEJ|5|14|11|0|Gerade also aber verhält es sich denn auch mit einem höchst vollendeten Menschen, von dem Ich früher gesagt habe, daß er noch Größeres leisten werde denn Ich. Ich leiste nur alles nach der von Ewigkeit her genauest abgewogenen Ordnung, und es muß die Erde in der bestimmtesten Entfernung von der Sonne ihre Bahn halten, in der sie im allgemeinen stets unter einem gleichen Lichtgrade steht.
GEJ|5|14|12|0|Ich kann somit wohl leicht einsichtlich nie irgendeinmal des Wissens oder etwa gar eines Scherzes halber mit Meines Willens Allmacht diese oder eine andere Erde ganz knapp an die Sonne hinsetzen; denn ein solcher Versuch würde diese ganze Erde ehest in einen puren weißlichblauen Dunst verwandeln.
GEJ|5|14|13|0|Aber ihr Menschen könnet durch derlei Spiegel auf dieser Erde der Sonne zerstreutes Licht auf einen Punkt zusammenziehen und dessen Kraft an kleinen Teilen der Erde versuchen und tuet dadurch schon, nur ganz naturmäßig betrachtet, mit dem Lichte aus der Sonne ein Mehreres und Größeres denn Ich, – um wieviel mehr mit Meinem Geisteslichte aus dem vollkommensten Demutshohlspiegel eurer Seele!
GEJ|5|14|14|0|Ja, Meine wahren Kinder werden Dinge zustande bringen und Taten vollziehen in ihren kleineren Bezirken, die an und für sich offenbar in dem Verhältnismaße Meinen Taten gegenüber größer sein müssen, weil sie nebst der vollendeten Erfüllung Meines Willens auch nach ihrem freiesten Willen, in dem sich Mein Licht bis zu einer unaussprechlichen Potenz verdichten kann, zu handeln vermögen und dadurch in einem kleinen Bezirke mit der allerintensivsten Feuermacht Meines innersten Wollens Taten verrichten können, die Ich der Erhaltung der ganzen Schöpfung wegen nie verrichten darf, wenn Ich es freilich wohl auch könnte.
GEJ|5|14|15|0|Kurz, Meine wahren Kinder werden sogar mit jenen Kräften Meines Herzens und Willens ordentlich herumspielen können, die Ich in engster Beziehung noch so wenig je in eine tatsächliche Anwendung gebracht habe, als Ich je diese Erde einmal darum ganz knapp an die Sonne hingeschoben habe, um einige Bergspitzen des Scherzes wegen an ihrer für euch unaussprechlichen Hitze abzuschmelzen, was nicht möglich wäre, ohne gleich die ganze Erde mit in den alten Äther zu verwandeln. Was Ich sonach weder im Großen und noch weniger im Kleinen tun darf, das können Meine Kinder mit den magischen Spiegeln einmal schon natürlich und dann um so mehr geistig verrichten!
GEJ|5|14|16|0|Verstehest du, Mein lieber Freund, nun so ganz gut, wahr und recht, was Ich dir nun über deine Fragen Erklärliches gesagt habe? Bist du nun zufrieden, oder hast du noch irgendwo einen Zweifel unter deiner schwarzen Haut?“
GEJ|5|15|1|1|15. — Der Herr tröstet die nicht zur Gotteskindschaft berufenen Nubier
GEJ|5|15|1|0|Sagt der Anführer: „Ja, Herr, mir ist nun alles klar, und meine Seele fühlt sich nun wie ganz in allem völlig daheim zu sein! Aber ich merke es bei Deinen Jüngern, wie sie zumeist alle dieses Bild von den drei Spiegelgattungen durchaus nicht recht zu fassen scheinen! Ich danke Dir innigst für solche Deine Aufhellung, die allen meinen Lebensgefühlen vollkommen entspricht; aber wie gesagt, es ist mir unangenehm zu sehen, wie gerade diejenigen dies alles am wenigsten zu verstehen scheinen, die es als eigentlich zur Kindschaft Berufene am meisten verstehen sollten!“
GEJ|5|15|2|0|Sage Ich: „Das kümmere dich wenig oder gar nicht! So du es verstehst, was kümmert's dich weiter? Diese werden es dann schon verstehen, wenn es an der Zeit für sie sein wird; denn sie werden noch länger um Mich sein, während ihr morgen in euer Land ziehen werdet!
GEJ|5|15|3|0|Es ist ja doch wohl eine gute Sitte von alters her bei allen Völkern, daß der fremde Gast eher bedacht werde denn die Kinder des Hauses. Die Kinder werden darum nicht zu kurz kommen! Euch war diese Sache vorderhand leicht verständlich zu machen, weil ihr mit dem Wesen der Spiegel schon bekannt waret; aber von Meinen wahren Jüngern und Kindern hat noch nie einer einen andern Spiegel gesehen als allein den einer ruhigen Wasseroberfläche. So Ich ihnen aber diese Sache näher werde erläutern wollen, da werde Ich Mir wegen der leichteren Verständlichung ebenso leicht die betreffenden Spiegel zu verschaffen verstehen, als wie Ich Mir das Menschengehirn zu verschaffen verstand, und wie Ich es verstand, dem alten Markus dieses neue Haus mit allem Zubehör zu verschaffen.
GEJ|5|15|4|0|Es sei dir darum Meiner Jünger und Meiner wahren Kinder wegen nicht bange; denn Ich Selbst gebe dir die Versicherung, daß sie alle nicht zu kurz kommen werden. Denn die Fremden kommen wohl und gehen wieder; aber die Kinder bleiben im Hause! – Hast du auch dieses verstanden?“
GEJ|5|15|5|0|Sagt der Anführer: „Ob ich's verstanden habe, – aber heiterer ist darum meine Seele nicht geworden; denn es klang aus Deinem Munde gar so entfernt, mit dem Namen ,Fremde‘ benamset zu werden! Aber wir werden es ewig nicht ändern können, was Du von Ewigkeit her schon einmal also bestimmt hast, und sind Dir als Fremde aber dennoch aufs liebeglühendste dankbar für alle diese auch nie verdienten übergroßen Gnaden, die Du uns nun erwiesen hast!“
GEJ|5|15|6|0|Hier treten dem Anführer Tränen in die Augen, wie auch seinem Diener, und die Jarah sagt zu Mir ganz heimlich: „Herr und Vater aller Menschen, siehe, die beiden Schwarzen weinen!“
GEJ|5|15|7|0|Ich aber sage: „Das macht nichts, Mein liebstes Töchterchen; denn eben dadurch werden sie zu Kindern Meiner Kinder, die auch nicht aus dem Hause des Großvaters gestoßen werden!“
GEJ|5|15|8|0|Als die beiden Schwarzen solche Worte aus Meinem Munde vernommen hatten, sanken sie vor Mir auf ihre Knie und schluchzten laut, aber nur aus Freuden.
GEJ|5|15|9|0|Und nach einer Weile rief der Anführer laut aus: „O Gott voll Gerechtigkeit, Weisheit, Liebe, Macht und Erbarmung, mit der größten Zerknirschung meines ganzen Wesens danke ich Dir in meinem und in meines Volkes Namen, daß wir uns wenigstens Kinder Deiner Kinder nennen dürfen!“
GEJ|5|15|10|0|Sage Ich: „Sei ruhig, du Mein Freund! Den Ich annehme, der ist Mir kein Fremder mehr! Du siehst die Erde, wie sie voller Berge ist, und es gibt darunter hohe und niedere. Die hohen sind zwar die ersten und eigentlichen Ursöhne der Erde, und die niederen sind erst nach und nach als Absitzlinge der hohen entstanden, – und siehe, während die allerersten und allerhöchsten ihre Häupter mit ewigem Schnee und Eise schmücken, säugen die niederen Nachkömmlinge fortwährend die Milch der Liebe aus der Brust der großen Mutter!
GEJ|5|15|11|0|Ich sage es euch: Wer Liebe hat und Liebe tut, der ist Mein Kind, Mein Sohn, Meine Tochter, Mein Freund und Mein Bruder! Wer aber die Liebe nicht hat und also auch nicht nach ihr tut, der ist ein Fremder und wird als solcher behandelt. So Ich dich aber Meinen Freund nenne, da bist du kein Fremder mehr, sondern gehörst zu Meinem Hause durch Mein Wort, das du in dein Herz treulichst aufgenommen hast. Gehe aber nun getrost hin und verkünde das alles deinen Brüdern!“
GEJ|5|15|12|0|Der Anführer begibt sich nun mit seinem Diener hin zu den Gefährten und verkündet ihnen alles, was er nun von Mir vernommen hat, und alle fangen förmlich an zu jauchzen vor Freude über solch eine für sie so übertröstliche Nachricht. Wir überlassen sie nun ihrer gerechten Freude. Aber Cyrenius, der die Erklärung mit den Spiegeln auch nicht eben zu klar aufgefaßt hatte, obwohl er von den verschiedenen Spiegelgattungen einen ganz guten Begriff hatte, fragte Mich, ob Ich ihm darüber nicht etwas Näheres sagen wollte. Ich aber beschied ihn, sich darob ein wenig zu gedulden, da wir sogleich mit einer etwas traurig aussehenden Deputation aus Cäsarea Philippi zu tun bekommen würden. Und Cyrenius stellte sich damit zufrieden.
GEJ|5|16|1|1|16. — Die Deputation von Cäsarea vor Cyrenius
GEJ|5|16|1|0|Als Ich solches kaum ausgeredet hatte, kamen schon ums alte Haus gebogen zwölf Männer daher; es waren sechs Juden und sechs Griechen. Die nun in einigen Hütten kampierenden Cäsaräer hatten nämlich durch ihre Hirten und Fischer die Nachricht überkommen, daß dem alten Fischer Markus ein großer Teil Landes vom römischen Statthalter wäre geschenkt und als sein volles Eigentum mit einer unüberwindbaren Mauer wäre umgeben worden. Die Cäsaräer hielten aber allen Grund weit und breit um die Stadt für ein Gemeindegut und wollten vom Cyrenius nun erfahren, mit welchem Rechte er sich am Eigentume der Stadt habe vergreifen können, da die Stadt davon stets sowohl an die Römer wie auch nach Jerusalem den Tribut entrichtet hätte. Ich hatte dem Cyrenius aber schon vorher geheim einen Wink ins Herz gelegt, und er wußte denn auch schon zum voraus, um was es sich da handeln werde, bevor noch jemand von der Deputation den Mund aufgetan, und war darum auch zur Genüge vorbereitet in dem, was er der höchst unbescheiden traurigen Deputation zu erwidern hatte.
GEJ|5|16|2|0|Es trat denn nach allen gemachten Verbeugungen ein feiner Grieche namens Roklus zum Cyrenius hin, tat seinen Mund auf und sprach: „Allergerechtester, gestrengster und allerdurchlauchtigster Herr, Herr, Herr! Wir nahen uns dir in Anbetracht dessen, daß dem alten Krieger und nun Fischer Markus durch deine Munifizenz (Freigebigkeit) ein bedeutender Teil von unseren mit starkem Tribut belegten Gemeindegründen zum eingefriedeten Eigentume ist eingeantwortet worden. Dies haben wir vor einer Stunde durch unsere um das schöne Stück Landes traurigen Hirten in unsere noch trauriger aussehende Erfahrung gebracht.
GEJ|5|16|3|0|Welch ein Unglück uns sonst so wohlhabende Cäsaräer getroffen hat, davon zeugen die hier und da noch dampfenden Ruinen. Wir sind nun im vollen Sinne des Wortes die elendsten Bettler von der Welt. Wohl dem, der bei dem mächtigen Brande etwas von seiner Habe zu retten vermochte! Uns armen Faunen ist solch ein Glück nicht möglich gewesen; denn das Feuer griff so schnell um sich, und wir und noch viele von uns mußten den Göttern noch sehr dankbar sein, daß wir mit dem nackten Leben davongekommen sind. Etwas Vieh ist nun unsere ganze Habe, wir sind nun wieder Nomaden geworden; aber wie selbst diese letzte Habe erhalten, wenn deine Munifizenz gegen eingeborene Römer uns unsere besten Gründe wegnimmt und sie denen als volles, unantastbares Eigentum einfriedet, die das Glück haben, in deiner hohen Gunst zu stehen?!
GEJ|5|16|4|0|Wir wollen dich demnach nur bittend fragen, ob der nun so überglücklich gewordene Markus an uns eine Entschädigung zu leisten haben wird oder nicht! So ganz ohne Entschädigung wäre in dieser unserer gedrücktesten Lage diese Wegnahme wohl etwas, was die Geschichte der Menschheit schwerlich irgendwo und -wann aufzuweisen hätte. – Allerhöchster Herr, was haben wir Armen zu erwarten?“
GEJ|5|16|5|0|Sagt Cyrenius: „Was redet ihr, und was wollet ihr unverschämten Halbmenschen?! Dieser Grundanteil hat seit fünfhundert Jahren zu diesem Berge und zu dieser Fischerhütte gehört und war völlig wertlos, weil er eine pure Sand- und Schottersteppe war. Es gehörten aber noch zwanzig Morgen Landes hierher, die nicht eingefriedet und somit der Stadtgemeinde zur freien und beliebigen Benutzung überlassen wurden. Zudem habt ihr euch als komplette Arme und Bettler nun bei mir aufgeführt, die aller ihrer Habe bar geworden sind! Was soll ich aber nun zu solch eurer boshaften Lügenhaftigkeit sagen?! Wohl weiß ich, daß euch eure Stadthäuser durchs Feuer zerstört worden sind, und weiß genau, wie hoch sich euer Schaden beläuft; aber ich weiß auch um eure großen Besitzungen in Tyrus und Sidon, und weiß, daß eben du, Roklus, dort so viel der Schätze besitzest, daß du dich mit mir ohne weiteres messen könntest! Und ebenso sind alle die elf, die nun mit dir hierhergekommen sind!
GEJ|5|16|6|0|Ihr zwölfe habt noch so viel der Schätze und Reichtümer, daß ihr allein die durchs Feuer zerstörte Stadt wenigstens zehnmal von neuem aufbauen könntet; und doch kommet gerade ihr, beklaget euch der Armut und wollet mich eines Unrechtes beschuldigen, weil dem alten Markus, der in jeder Fiber seines Lebens ein Ehrenmann ist, sein blankes und rechtmäßigstes Eigentum von dem eurigen abgesondert wurde! Saget, mit welchen Namen ich euch belegen soll!
GEJ|5|16|7|0|Gehet hin und besehet den Grund, der über der Gartenmauer noch als volles Eigentum des Markus sich befindet! Es sind noch gut über zwanzig Morgen Landes. Ich verkaufe ihn an euch um zehn Silbergroschen. Wenn ihr findet, daß er es wert ist, dann erleget die zehn Groschen, und der Grund gehört euch! Ein schlechteres Klebah (Erdscholle) gibt es außer auf Saharia in Afrika nicht auf der lieben, weiten Erde; denn außer Sand und taubem Steingeröll und hie und da eine verkümmerte Distelstaude werdet ihr nichts finden!
GEJ|5|16|8|0|Ihr aber seid reiche Leute, könnet Erde von weit her bringen lassen und damit diese kleine Wüste überlegen und zum fruchtbaren Lande machen! Auch könnet ihr von weit her eine sehr kostspielige Wasserleitung anlegen, um das also kultivierte Landstück in hier gewöhnlich trockenen Sommern recht tüchtig bewässern zu können, und ihr habt dadurch ein recht ertragbares Stück Landes in euren rechtmäßigen Besitz gebracht! Aber mit solch euren allerunbegründetsten Ansprüchen werdet ihr bei mir ewig nichts ausrichten, und ich werde es euch faktisch beweisen, daß nach eurer gegenwärtig allerungerechtesten Petition stets nur der Mächtigere das Recht für sich hat! – Was wollet ihr nun tun?“
GEJ|5|16|9|0|Sagt Roklus, stark eingeschüchtert durch die energische Sprache des Oberstatthalters: „Herr, Herr, Herr! Wir sind es nicht selbst, die da sucheten ein Recht für sich, sondern wir sind nur Repräsentanten derjenigen, die in der zerstörten Stadt im vollsten Ernste ein gar jämmerliches Dasein fristen. Wir haben für sie schon viel getan, und die ganze, nun ganz verarmte Stadtgemeinde hat uns aus Dankbarkeit nur alle die umliegenden Gründe zum vollen Eigentum eingeantwortet und sagte uns, daß auch diese Gründe am Meere ihr Gemeineigentum seien!
GEJ|5|16|10|0|Wenn also, dachten wir, da kann es uns durchaus nicht gleichgültig sein, daß sich unbefugtermaßen jemand einen Teil davon nimmt, kultiviert und den kultivierten Teil gleich mit einer unüberwindlichen, allerfestesten Mauer einfrieden läßt, und das in einer wahrhaft zauberhaften Schnelligkeit, – was natürlich euch kriegsgeübtesten Römern möglich sein kann, weil ihr im Felde nicht selten in wenigen Augenblicken ein Lager für hunderttausend Mann zu errichten verstehet!
GEJ|5|16|11|0|Nun sich aber die Sache ganz anders verhält, so stehen wir ganz einfach von unserer Forderung ab und begeben uns nach Hause! Die noch übrigen, außerhalb der Mauer liegenden zwanzig Morgen Landes kann sich der alte Biedermann auch noch dazu einfrieden lassen, und wir geben hiermit unsere Erklärung dahin ab, daß er weder je von uns noch von der Stadtgemeinde aus in seinem freien Besitze soll gestört werden. Aber das glauben wir doch, daß er an die Stadt wegen seines ausschließlichen Fischerrechts den altherkömmlichen Zehent fortan zu entrichten haben soll!“
GEJ|5|16|12|0|Sagt Cyrenius: „O ja, aber ihr müßt es erweisen, in welcher Zeit die Stadt dieses Recht ersessen hat! Mir ist in dieser Hinsicht kein Dokument bekannt, da ich seit meiner hiesigen, nun schon bei fünfunddreißig Jahre langen Dienstzeit davon nie etwas zu Gesichte bekommen habe. Denn erst unter mir ist der frühere Flecken zu einer Stadt erhoben worden, und zwar zu Ehren meines Bruders, der Rom über vierzig Jahre lang beherrscht hatte. Mir sind sonach alle die noch so kleinen Verhältnisse dieser eurer Stadt ungemein bekannt! Von einem von dieser Stadt rechtlich zu fordern habenden Fischzehent weiß ich nichts; wohl aber weiß ich, daß man solchen widerrechtlich von der Stadt aus gefordert hatte und mein Markus genötigt war, euch solchen stets zu entrichten, wofür er, so er schlecht wäre, eine vollgültige Rückerstattung verlangen könnte, was er jedoch nicht tun wird, weil er ein zu ehrlicher und zu echt guter Mensch ist. Aber daß er in der Folge an euch keinen solchen ganz widerrechtlichen Zehent entrichten wird, dafür stehe ich euch!
GEJ|5|16|13|0|Anstatt euch nun irgendein Recht einzuräumen, mache ich euch Deputierte dieser Stadt damit bekannt, daß ich laut meiner Macht, vom Kaiser ausgehend, den alten Markus zum Obersten über die Stadt und über ihr weites Umgebiet, mit aller Macht, die mir selbst eigen ist, ausgerüstet, setze, und daß in der Folge er allein über euch und alle eure Angelegenheiten das volle Recht zu sprechen haben soll und ihr alle an ihn den pflichtigen Tribut zu entrichten haben werdet! Das sage ich euch nun mündlich, er aber wird sich vor euch mit der Schrift, mit dem Stabe und mit dem Schwerte und mit der goldenen Waage der Gerechtigkeit ganz vollkommen gesetzlich ausweisen! Nur in ganz besonderen Fällen wird eine Berufung an mich zulässig sein, sonst aber wird er völlig alles zu schlichten haben! – Seid ihr damit zufrieden?“
GEJ|5|17|1|1|17. — Die weise Gesetzgebung in Mathaels Königreich am Pontus
GEJ|5|17|1|0|Sagt Roklus: „Zufrieden oder nicht zufrieden, – was wollen wir gegen eure Macht? Den ohnmächtigen Würmern muß ja alles recht sein; denn wehe ihnen, wenn sie sich nur ein wenig in ihrem Nichtigkeitsstaube zu rühren anfangen, so werden sie sogleich von den lustigen Vögeln aus der Luft bemerkt, gefangen und gefressen! Der Schwache muß ja dem Mächtigen gehorchen, wenn er leben will, und so werden auch wir dem nun Herrn Herrn Markus gehorchen müssen, so wir nicht gefressen werden wollen. Aber angenehm – um ganz aufrichtig zu reden – ist es uns durchaus nicht, daß dieser alte, schroffe Krieger über uns gebieten wird; denn das ist der allerrücksichtsloseste Mensch, der uns noch je vorgekommen ist. Rechtlich ist er, das kann niemand in Abrede stellen, und er hat laut seiner vielen Erfahrungen auch ein stets ganz gesundes und richtiges Urteil; aber im übrigen ist er der ungesellschaftlichste Mensch, und von einer Humanität ist bei ihm gar keine Rede! Na, na, es sei uns gratuliert, daß der unsere Behörde geworden ist! Wahrlich, da werden wir, unsere Kinder und Kindeskinder von guten Zeiten zu erzählen wissen! Auswandern wäre hier freilich das beste, – aber wohin?“
GEJ|5|17|2|0|Hier erhebt sich Mathael und sagt: „Gut, so ihr auswandern wollet, da wandert in nun mein Reich, das über Kleinasien hinaus am weiten Pontus liegt! Es ist ein großes Reich und von zwei großen Meeren begrenzt, im Westen vom Pontus und im Osten vom MARE CASPIUM (Kaspische Meer). Dort werdet ihr unter meinen aber wohl allerstrengsten Gesetzen ganz sicher und recht sehr ruhig zu leben haben. Nur das sage ich euch, daß in meinem Reiche auch nicht einmal ein Schein von einer ungerechten Handlung vorkommen darf, und eine jede Lüge wird auf das allerschärfste und unnachsichtlichste bestraft; aber der vollkommen rechtliche, wahrheitsliebende und von aller Selbstsucht freie Bürger soll unter meinem ehernen Zepter das beste Leben haben!
GEJ|5|17|3|0|Niemand soll bei mir tributfrei sein; denn wer da eine Kraft zu einer oder der andern Arbeit hat, der soll nur arbeiten und sich etwas verdienen! Wer sich aber etwas verdient, der kann auch einen Tribut an den König entrichten, der stets für das Wohl des ganzen Reiches zu sorgen hat und daher stets mit vielen und großen Schätzen versehen sein muß, um eine Wehrmacht zu unterhalten, die stark genug ist, um irgendeinem kecken Feinde die Spitze bieten zu können.
GEJ|5|17|4|0|Er, der mächtige König, muß Schulen und Zuchthäuser unterhalten und muß die Grenzen des Reiches mit starken, unüberwindlichen Festungen versehen, über die irgendein Feind nicht gar zu leicht springen kann, – wozu aber sehr viel Geld erfordert wird.
GEJ|5|17|5|0|Ihr sehet aus dem, wie ein König gar strenge darauf sehen muß, daß ein jeder Mensch ihm den pflichtigen Tribut zahlt; und so könnet ihr nun schon in mein Reich überwandern, so euch die Verpflichtungen, die ich von jedem Untertan mit aller unnachsichtlichsten Strenge fordern werde, behagen! Meine Bewilligung habt ihr; sollte euch das Joch Roms unter der Verwaltung des alten Markus zu sehr drücken, dann wisset ihr nun schon, wohin ihr auszuwandern habt!
GEJ|5|17|6|0|Um euch aber mit allen meinen Einrichtungen im allgemeinsten bekannt zu machen, so sage ich euch noch das, daß bei mir kein unbeschränktes Erwerbsrecht je jemandem gestattet wird. Jedermann steht es zwar offen, sich ein Vermögen zu sammeln; das aber die Zahl ,zehntausend Pfunde‘ niemals, sogar bei Todesstrafe, übersteigen darf. Alles, was jedermann irgend darüber erwerben würde, müßte er allergewissenhaftest an die allgemeine Staatskasse abführen; im Gegenfalle, der sich nach meiner Einsicht schnellst auffinden und erweisen läßt, wird der Übertreter dieses für das allgemeine Staatswohl aller meiner Völker so überaus heilsamen Gesetzes seines ganzen Vermögens verlustig erklärt und dazu noch mit anderen schärfsten Strafen belegt werden.
GEJ|5|17|7|0|Zudem wird es auch niemandem gestattet, sich in einer zu kurzen Zeit die erlaubten zehntausend Pfunde zu erwerben; denn es ist nur zu einleuchtend, daß ein solcher Gewinn in einer zu kurzen Zeit ohne allerlei Betrug und andersartige gewaltsame Erpressungen nicht denkbar möglich ist, außer durch ein Geschenk oder durch eine Erbschaft oder durch einen möglichen Fund.
GEJ|5|17|8|0|Bei Schenkungen, Erbschaften und Auffindungen aller Art aber besteht in meinem Reiche folgende höchst weise Anordnung, daß davon stets die Hälfte an die Staatskasse abzuliefern ist, aus welcher fürs erste die unmündigen Kinder erzogen und ernährt werden, wie auch andere arme, jeder Arbeit unfähige Menschen. Kurz, in meinem Reiche ist die Anordnung also getroffen, daß darin niemand Not leiden, aber auch niemand einen unnötigen Überfluß haben soll! Er müßte denn ein gar außerordentlich guter, weiser und allerrechtlichster Mensch sein, dann soll er auch über zwanzigtausend Pfunde zu gebieten haben, – über mehr aber schon niemand in meinem ganzen Reiche, außer mir und meinen allervertrautesten Beamten und Feldherrn!
GEJ|5|17|9|0|Wenn ihr mit dieser meiner Staatseinrichtung zufrieden seid, so packet eure Sachen zusammen und übersiedelt in mein Reich!“
GEJ|5|17|10|0|Sagt Roklus: „O du feiner König des Pontus und des Mare Caspium, wir wünschen dir sehr viel Glück in deinem Reiche, werden aber von deinem löblichen Antrage dennoch keinen Gebrauch machen! Da sind wir schon lieber römische Sklaven denn deine allerersten Reichsuntertanen. Nein, so eine Staatseinrichtung könnte uns etwa so ein bißchen gestohlen werden! Die Mohren dort haben sicher eine menschlichere! Ist etwa noch so ein König irgend hier, der uns so einen herrlichen Antrag machete?!
GEJ|5|17|11|0|Es mag sich zwar deine Regierung recht gut machen, so man sich derselben einmal so angewöhnt hat wie der Ochse an sein Joch; aber jetzt? Höre, da sollen noch eher zehn Städte über unsern Häuptern zusammenbrennen und zwanzig Markusse über uns gesetzt werden! Lebe wohl, du weiser König des eisgrauen Nordens!“
GEJ|5|18|1|1|18. — Des Cyrenius und Roklus Rechtsstreit
GEJ|5|18|1|0|Hierauf wendet sich Roklus wieder an den Cyrenius und sagt: „Herr, Herr, Herr, wo ist der Markus, nun unser Herr und Gebieter, auf daß wir ihm darbrächten unsere Huldigung?“
GEJ|5|18|2|0|Sagt Cyrenius: „Dessen hat es keine Not; denn mit einer Huldigung voll leerer Worte ist ihm nicht gedient, und anderer Schätze benötigt er nicht, da er mit derlei mehr denn zur Übergenüge ausgerüstet ist.
GEJ|5|18|3|0|Die beste Huldigung aber wird ihm sein, daß ihr allzeit redlichen und offenen Herzens zu ihm kommet und ihm euer Anliegen vortraget; da wird er euch auch anhören und euch ein volles Recht verschaffen! Jede Lüge aber, die sein Scharfsinn augenblicklich entdeckt, wird er auf das strengste und unnachsichtlichste ahnden! Denn es ist des Kaisers und auch mein vollernstlicher Wille, die Lüge und den Betrug aus dem ganzen Reiche zu verbannen und nur allein die reine Wahrheit, gepaart mit der ebenso reinen und uneigennützigen Liebe, herrschen zu lassen über alle Menschen, die weit und breit Rom angehören; denn nur unter dem Zepter der Wahrheit und der Liebe können Völker wahrhaft glücklich leben. Und wer weiß es, ob es mir nicht gefallen wird, des nordischen Königs überaus weise Regierungsmaximen auch im römischen Reiche einzuführen; denn ich habe sie zu wahrem, brüderlichem Gedeihen der Menschen eines großen Reiches für überaus weise und zweckmäßig gefunden.
GEJ|5|18|4|0|Durch solche weisen Beschränkungen muß Wahrheit und Liebe in einem Staate den Menschen zur zweiten, wahren und bessern Natur werden! Denn nach meiner nunmaligen Ansicht gibt nichts so sehr der Lüge, dem Betruge und der Selbstsucht Vorschub als der unbeschränkte Erwerb. Eine weise Beschränkung dieses wahren Vaters der Lüge, des Betrugs, der Selbstsucht, des Hochmuts, der Herrschgier und der geizigsten Hartherzigkeit ist wahrlich mit keinem Golde zu bezahlen, und ich werde diese Ansicht jüngst dem Kaiser zur Prüfung einsenden. Unterdessen aber werde ich wenigstens in meinem unumschränkten Regierungsgebiete diese nordische Regierungsweise sobald als tunlich einführen; denn wahrlich, sie ist wie von einem Gott gegeben weise!“
GEJ|5|18|5|0|Sagt Roklus: „Unweise ist sie gerade nicht, wo sie schon, wenn auch nur annäherungsweise, seit mehreren Hunderten von Jahren besteht; aber sie nun hier einführen wollen in diesen an allerlei Fürsten und Vierfürsten verpachteten Ländern, das wird sich so leicht nicht tun. Mit der absoluten Macht kann man zwar sehr viel ausrichten, aber alles dennoch lange nicht, weil ein Kaiser denn doch auch die Verträge, die er mit auch nicht ganz machtlosen Fürsten geschlossen hat, nicht von heute bis morgen umstoßen kann, sondern sie als ein von ihm ausgehendes und festgestelltes Recht respektieren muß so lange, bis ihre stipulierte (vereinbarte) Zeit abgelaufen ist oder die Kontrahenten die bedungenen Verbindlichkeiten entweder böswillig oder als leistungsunfähig nicht eingehalten haben, was nach der Art des gemachten und geschlossenen Vertrages denselben entweder ganz oder wenigstens zum Teil aufhebt! Solange sonach aber der Kaiser die Länder an gewisse Fürsten verpachtet und diese in ihren Landen auch für ihre Untertanen Gesetze zu geben das Recht haben, weil sie es teuer genug bezahlen, so lange muß der Kaiser das festgesetzte Recht auch respektieren. Wir alle leben wohl in einer gewissen Hinsicht unter römischen Gesetzen, so wir uns eines Verbrechens gegen den Staat schuldig machen, was bei uns wahrlich nicht der Fall ist; in allem übrigen aber sind wir unter den Gesetzen eines jeweiligen Pachtfürsten stehend, der uns in der bedungenen Pachtzeit gegen willkürliche Eingriffe des Kaisers in vollen Schutz zu nehmen hat.
GEJ|5|18|6|0|Weißt du, hoher Herr, Herr, Herr, wir kennen den Standpunkt genau, auf dem wir stehen, und benötigen diesfalls keines Kommentars! Wir kennen unsere Verpflichtungen gegen Rom und die gegen unsere Fürsten. Bevor wir bei euch ein Recht suchen, gehen wir zu unserem Fürsten. Bescheidet der uns nach Rom, dann erst kommen wir zu euch. Daher glauben wir, daß es dir vorderhand etwa doch nicht zu leicht werden sollte, hier in ganz Palästina des nordischen Königs weise Regierungsnorm einzuführen!“
GEJ|5|18|7|0|Sagt Cyrenius, nun schon ein wenig in eine Art Hitze gebracht: „Du hast zwar einesteils recht, daß die Kontraktpunkte einzuhalten sind; aber an eines hast du nicht gedacht, daß sich nämlich der Kaiser in einem jeden Länderpachtkontrakte die unbedingte und augenblickliche Auflösung des Vertrages stets weislich vorbehalten hat, wenn er selber seiner Ansicht nach als der Regierung förderlich, für nötig erachten würde. Der Pächter hat in solchem Falle bloß eine einjährige Vergütung vom Kaiser anzuflehen, und dem Kaiser fällt von dem Augenblick der Bekanntmachung solches seines Willens an das Regiment des früher verpachteten Landes anheim, und jedermann hat sich dessen Gesetzen zu fügen. Es steht zwar dem Pächter das ihm gnädigst gewährte Recht zu, dem Kaiser eine Vorstellung dahin zu machen, daß er bei ihm belassener Pachtung sich jedes Rechtes entschlage, ein von ihm ausgehendes Gesetz zu geben, sondern ganz nach dem gegebenen kaiserlichen Gesetze seine Regierung fortführen werde, worauf der Kaiser ihm dann freilich den Pachtvertrag als fürder geltend erklärt, so er will; aber Zwang ist da keiner denkbar möglich, wohl aber die pure, freieste Gnade des Alleinherrschers.
GEJ|5|18|8|0|Für Palästina bin sogar ich mit denselben Vollmachten gegen jeden Pächter versehen und kann jede Pacht sogleich völlig auflösen! Du bist demnach sehr irre, so du meinst, ein Kaiser werde sich irgend eines Rechtes begeben und also sich selbst die Hände binden. Oh, so weise ist sicher ein jeder Monarch, daß er niemandem ein Recht erteilt, das heißt in seinem Reiche, das er nach Umständen nicht bloß durch sein Wort schon im nächsten Momente gänzlich aufheben könnte!
GEJ|5|18|9|0|Ein Kaiser kann alles, was er will, ausführen! Nur Wunder kann er natürlich nicht wirken und keine Welt erschaffen; sonst aber kann er schon alles zustande bringen, die alten Gesetze verwerfen und neue dafür schaffen, – ja er kann sogar die alten Götter samt ihren vielen Tempeln zerstören und dafür dem einen, wahren Gott einen neuen und allerherrlichsten Tempel erbauen, und niemand wird zu ihm sagen dürfen: ,Herr, Herr, Herr, was tust du?!‘ Und so kann er morgen schon des weisen Königs Gesetze in seinem ganzen Reiche ausrufen lassen. Wer wird sich denselben widersetzen wollen und können, ohne daß er erreicht würde von des mächtigen Kaisers Zorn?!“
GEJ|5|19|1|1|19. — Die eigentliche Absicht des Roklus und seiner Gefährten
GEJ|5|19|1|0|Sagt Roklus: „Ich sage ja nicht, daß des nordischen Königs Gesetze unweise oder gar ungerecht und grausam seien; nur für unsereinen wären sie nun denn doch ein wenig unbequem! Und ich meine darum doch, Rom, dir und dem alten Markus keine Unehre anzutun, so ich ganz festweg behaupte, daß mir Roms gegenwärtige Gesetze um sehr vieles lieber sind denn die sicher nicht unweisen des nordischen Königs, dessen Reich einer alten Sage zufolge gar bis ans Ende der Welt reichen soll und somit wohl das größte Reich der Erde sein wird. Ob es ihm aber möglich sein wird, seine weisen Gesetze allen Völkern seines weitesten Reiches nur zu verkünden, das ist eine ganz andere Frage! Wohl ihm und seinen Völkern, so er dazu imstande sein wird! – Nun erlaube mir aber noch eine ganz harmlose Bemerkung; denn so ich schon einmal offen sein muß, da bin ich gerne ganz offen und scheue jede Verdecktheit!
GEJ|5|19|2|0|Du, hoher Herr, Herr, Herr, hast ehedem die Bemerkung gemacht, daß ein Kaiser keine Wunder wirken könnte und keine Welt erschaffen; aber dem scheint es wenigstens mir nicht völlig also zu sein. Denn dies neue Prachthaus des alten Markus, die große Gartenmauer, woran hundert der besten Maurer mindestens fünf Jahre vollauf zu bauen hätten, wenn man die Behauung der schönsten Granitquadersteine und ihre Herbeischaffung mit in den Anschlag nimmt, und endlich sogar die Versetzung eines so großen Gartens in den vollsten Kulturstand, und gar am Ende noch, wie ich nun erst bemerke, die Erbauung eines sehr großen und sicheren Hafens und mehrerer ganz neuer, großer Segelschiffe, was nach unserer genauen Bemerkung von einem Hügel der Stadt aus alles wie durch einen Zauberschlag auf einmal fix und fertig dastand, – ja, wenn das nicht Wunder wirken heißt, dann leiste ich auf alles Verzicht, was bei mir Mensch heißt, und will ein Krokodil sein!
GEJ|5|19|3|0|Und weil ich denn nun schon einmal ohne Schiffbruch diesen zwar kleinen, aber dennoch sehr kitzligen Punkt berührt habe, so muß ich nun schon im Namen meiner elf Gefährten offen eingestehen, daß mein ganzes früheres, tolles Verlangen eigentlich bloß eine reine Finte war, um durch sie zu diesem Geheimnisse zu gelangen und zu erfahren, wie solches möglich war! Denn auf einem natürlichen Wege ist das alles unmöglich entstanden! Und so sage ich dir nun erst die Wahrheit, daß uns die Neugier auf Leben und Tod hierhergezogen hat! Wir alle dachten einstimmig, als wir das alles in Blitzesschnelle entstehen sahen: Da muß entweder ein Gott oder ein urindischer großer Magier zugegen sein, da so etwas mit natürlichen Menschenkräften doch unmöglich auszuführen ist! Wir entschlossen uns denn auch schnell, unter irgendeinem Vorwande hierherzueilen, um hinter das Wunder und dessen Meister zu gelangen.
GEJ|5|19|4|0|Alle unsere früher vorgeschützte Rechtsangelegenheit ist eine reine Null, eine pure, nichtige Finte, um doch irgendeinen Anhaltspunkt zu haben, der sich ganz knapp um das entstandene Wunder dreht. Und siehe, die Finte war gut, da wir durch sie doch zum eigentlichen Grunde unseres Hierherkommens gelangten! Wir ersuchen dich nun demnach flehentlichst, uns darüber ein kleines Lichtlein zu geben, – koste es, was es wolle! Wir wollen dem guten, biedern, alten Markus nicht nur nichts wegnehmen, sondern verpflichten uns noch obendrauf, für ihn den andern, noch brachliegenden Grundanteil in den besten Kulturzustand auf unsere Kosten – und müßten wir das Erdreich aus Europa herbeischaffen! – zu setzen; aber nur hinter dies Wundergeheimnis laß uns blicken!“
GEJ|5|19|5|0|Sagt Cyrenius: „Ja, das hat nun mit euch freilich ein ganz anderes Gesicht, bei dem ihr offenbar besser fortkommen werdet als mit eurer früheren, höchst ungerechten Anforderung, mit der ihr bei mir wahrlich schlecht zum Teile gekommen wäret!“
GEJ|5|19|6|0|Sagt schnell Roklus: „Das wußte ich und wir alle recht gut, und das aus vieler Erfahrung! Du bist nun schon stark über die dreißig Jahre unser allergerechtester und zugleich gütigster Gebieter, und wir kennen dich und alle deine schwachen Seiten. Man muß dich zuvor ja allzeit in einen gewissen Eifer versetzen, wenn man von dir etwas Außerordentliches erfahren will, und so war es denn auch hier, was du uns sicher der guten Sache wegen gerne verzeihen wirst!“
GEJ|5|19|7|0|Sagt Cyrenius: „Ja, aber auf was stützet ihr denn eure Behauptung dafür, daß dies alles auf eine wunderbare Weise entstanden sei? Ihr habt es wohl heute als fertig entdeckt, habt aber die sieben Tage hindurch wahrscheinlich wenig oder auch gar nicht darauf geachtet, wie meine Soldaten und Krieger daran gearbeitet haben!“
GEJ|5|19|8|0|Sagt Roklus: „Herr, Herr, Herr, lassen wir das gut sein! Seit du mitten unter einer bedeutenden Streitmacht dich uns wohlbekanntermaßen hier aufhältst, haben wir unsern Hügel wohl Tag und Nacht nicht verlassen, um von weitem zu erspähen, was etwa doch von hier aus alles von euch Römern unternommen werden möchte. Heute hatte uns der wunderherrlichste Morgen um so früher herausgelockt. Unsere Blicke waren natürlich fortwährend auf diese Gegend gerichtet. Bis vor einer kleinen Stunde sahen wir nichts, als was, seit wir diese Gegend kennen, zu sehen war; aber, wie gesagt, vor einer kleinen Stunde entstanden hier Haus, Garten, Hafen und Schiffe, wie gerade vom Himmel herabgefallen! – Und höre, – das sollte kein Wunder sein?!
GEJ|5|19|9|0|Haben wir doch vor drei Stunden die ganze Legion, oder wie viele ihrer waren, von Mohren hierherziehen sehen und haben auch bemerkt, wie ihr heute morgen vom Berge herabgegangen seid; denn wir haben ziemlich scharfe Augen! Es ist dies also unbestreitbar ein Wunder der allerkolossalsten Art, und wir möchten darum denn doch nur ein ganz kleines Lichtlein haben, wie und durch wen solches bewirkt worden ist!“
GEJ|5|19|10|0|Sagt Cyrenius: „Nun also denn, – wenn ihr es besser wisset denn ich, so bleibet beim Wunder! Das ,Wie‘ aber und ,Durch wen‘ brauchet ihr gar nicht zu erfahren; denn dazu wird ein mehreres erfordert, als bloß hierherzueilen und schlauerweise hinter solch ein Geheimnis zu gucken!
GEJ|5|19|11|0|Wenn ein kluger Staatsmann gleich aller Welt seine besonderen Geheimnisse auskramen wollte, da würde er mit seiner Politik ganz verdammt kurze Sprünge machen, und seine Untertanen würden ihn nur zu bald bei der Nase nach rechts und nach links herumziehen! Weil aber ein Staatsmann schon zumeist durch Politik sein Reich und seine Untertanen regieren muß, weil sie als jedes für sich selbständig das allgemeine Staats- und Völkerwohl nicht zu erkennen imstande sind, so würden die Einzelstände, die außer sich niemanden sehen und kennen, sich dazu kaum herleihen, und es wäre damit für irgendein armes Volk schlecht gesorgt.
GEJ|5|19|12|0|Ein rechter Regent muß daher eine rechte Macht, Wissenschaft in allen Dingen und eine gar feine Klugheit besitzen, – und also ist er erst ein rechter Herr, Gebieter und Leiter von vielen tausendmal Tausenden von blinden Menschen, die gar nicht zu berechnen imstande sind, welch ein großer Wohltäter ihnen ein rechter Herrscher ist! Daß ein rechter Herrscher aus gar sehr weisen Gründen seine Untertanen nicht allzeit in die Karte blicken lassen kann und also vor der Zeit verraten seinen guten Plan, das ist ganz klar und sehr begreiflich, und so wird es auch euch sehr klar und ganz begreiflich sein, warum ich euch dieses Geheimnis nun nicht näher enthülle; denn das werdet ihr wohl einsehen, daß ein Regent mehr zu leisten imstande sein muß denn ein anderer Mensch, ansonst er sicher ein ganz magerer Regent wäre! Welchen Respekt hätten seine Untertanen wohl vor ihm, so er ihnen gegenüber im Notfalle nicht auch so ein bißchen allmächtig wäre? Gehet nun hin und besehet euch euer Wunderwerk näher, und kommet dann erst wieder; vielleicht wird sich dann mit euch ein etwas vernünftigeres Wörtlein reden lassen! Aber für jetzt sind wir fertig!“
GEJ|5|20|1|1|20. — Roklus besichtigt den Wunderbau
GEJ|5|20|1|0|Darauf eilen die zwölfe freudigst in den Garten und besehen mit der größten Verwunderung alles, was der Garten enthält, und werden auch vom Markus selbst ins Haus eingeführt, wo sie alles in den verwundertsten Augenschein nehmen. Aber Markus sagt ihnen so wenig wie Cyrenius etwas Näheres, trotz alles ihres noch so artigen Fragens; denn Ich habe solches alles dem Cyrenius eingegeben, wie auch zuvor dem Mathael, was sie zu reden hatten, und so ward hier die Möglichkeit angebahnt, auch diese Erzkäuze zur Wahrheit des Geistes zu bekehren, die nun nach einer halben Stunde samt Markus wieder voll Neugier zu uns kommen.
GEJ|5|20|2|0|Als Markus mit dem Raphael, der ihm die Zwecklichkeit alles dessen gezeigt hatte, was sich im Hause vorfand, und mit den zwölf Deputierten ankam an Meinem Tische, sagte der Raphael geheim zu ihm: „Erspare dir diesmal ein lautes Mundlob an den Herrn, der solches ohnehin laut genug aus deinem Herzen vernimmt; denn es handelt sich nun darum, daß möglicherweise diese zwölf Cäsaräer, die eigentlich gar keinen Glauben haben, sondern pure Atheisten aus der schönen Schule Epikurs, eines Hauptgründers des lieben Essäergremiums (Körperschaft), sind, auch zum Herrn bekehrt werden!
GEJ|5|20|3|0|Es sind sechs Griechen und sechs Juden, die aber alle vollkommen eines Sinnes und einer Ansicht sind und geheim dem Orden der lieben Essäer angehören. Kurz, es sind das zwölf so rechte Mordskerle, mit denen durchaus nicht leicht zu verhandeln sein wird. Sie sind sehr reich und besitzen unermeßliche diesirdische Schätze, aus welchem Grunde sie mit dem Oberstatthalter auch so ganz leichtweg reden, als wären sie ihm ebenbürtig.
GEJ|5|20|4|0|Es wird schwerhalten, sie zu bekehren! Aber wenn es gelingt, sie – nicht so sehr durch irgend auffallende Wunder als vielmehr durch Worte – zur Wahrheit zu führen, so ist damit sehr viel gewonnen; denn von diesen zwölfen hat ein jeder gut über hunderttausend Menschen als ein Herr zu verfügen.
GEJ|5|20|5|0|Der Herr darf ihnen vorderhand gar nicht verraten werden. Der Mittelpunkt bleibt nun Cyrenius, und nach ihm, wenn es not tun sollte, kommst du; und wenn sich's gut fügt, dann komme erst ich, und am Schlusse erst der Herr Selbst! Bleibe aber nun nur hier; denn es wird das eine Haupthetze werden! Aber nun stille!“
GEJ|5|20|6|0|Fragt Cyrenius den Roklus: „Nun, wie gefiel euch mein Wunderbau? Könntet ihr auch einen gleichen aufführen?“
GEJ|5|20|7|0|Sagt Roklus: „Höre du mir auf mit dem Wunderbaue, wie aus deiner Hand hervorgehend! Du bist zwar ein mächtigster Herr, Herr, Herr durch die große Anzahl deiner Soldaten und ihrer scharfen Schwerter; aber das Haus und den Garten und den Hafen und die großen Schiffe hast du ebensowenig wie wir erbaut!
GEJ|5|20|8|0|Du hättest sie wohl erbauen können mit vielen Bauleuten in 5-10 Jahren, das lasse ich dir sehr gerne gelten; denn des Schwertes und des Geldes Macht ist groß in dieser Welt. Einer eurer sehr berühmten Dichter, den ich gelesen habe, sagt von den Menschen: ,Nichts ist den Sterblichen zu schwer; sogar den Himmel will erklimmen der Mensch in seiner Tollkühnheit!‘ (Horaz) Und es ist also mit dem Menschen, diesem nackten Wurme des Staubes! Man gebe ihm Mittel, Macht und Zeit, und er wird dir bald ganze Berge zu versetzen anfangen und Meere und Seen austrocknen und wird geben den Strömen ein neues Rinnsal! Das ist demnach aber alles zusammen kein Wunder, sondern ein ganz natürliches Handeln der Menschen mit vereinten Kräften zu einem und demselben Zwecke.
GEJ|5|20|9|0|Aber das Haus hier, der Garten und sein allerüppigster Kulturzustand, die ihn umfassende und schützende Mauer, die wie gegossen dasteht und das Ansehen hat, als wäre sie aus einem Marmorstücke, ebenso die große und hohe Hafenmauer, die hie und da wohl eine Tiefe von 10-20 Mannshöhen haben dürfte, und gar die fünf großen Flaggschiffe mit dem vielen Tauwerk! Mein sonst sehr weiser und mächtigster Gebieter, das zaubert die tollkühne Menschheit, wie auch das ,Tischchen deck dich!‘ der persischen Zauberer, in einem Augenblicke nicht daher, wie es hier vor uns der Fall war und ist und auch sicher bleiben wird; denn das ist keine morganische Sinnentäuschung durch leere und nichtige Gebilde der Luft, sondern die allergediegenste Wahrheit, die da ein jeder empfinden wird, so es ihn gelüsten sollte, mit dem Kopfe durch diese Mauern rennen zu wollen.
GEJ|5|20|10|0|Ich habe noch nie gesehen bei all den hundert von mir gesehenen Magiern, daß irgendeines ihrer Werke für bleibend stehengeblieben wäre. Es geschieht wohl etwas, wovon man nicht weiß wie und mit welchen Mitteln, und es kommt auch allzeit etwas zur Sicht; aber bald vergeht es wie eine Schaumblase auf dem Wasser, und ist es einmal weg, so ruft es kein Magier mehr ins Dasein zurück! Ich möchte aber den Zauberer sehen, der mir diese Werke auch so mir nichts dir nichts hinwegblasen könnte! Bei dir möchte ich ohne weiteres mein ganzes Vermögen daransetzen, daß es dir nimmer gelingen würde, das alles bloß so mit einem Gedankenstriche hinwegzuhauchen!“
GEJ|5|21|1|1|21. — Das gottesleugnerische Glaubensbekenntnis des Roklus
GEJ|5|21|1|0|(Roklus:) „Daher ist nun mein Gedanke von der Art: Ich habe zwar an keine Gottheit mehr geglaubt, sondern an eine geheime, rein geistige Allkraft der Natur, die allenthalben ganz ernstweise und dabei dennoch freundlich sich zeigt und nach den ihr zugrunde liegenden Gesetzen in einer bestimmten Ordnung gleichfort wirkt und sich sicher nie darum kümmert, was die vergänglichen Menschen machen. Sie kennt kein Gutes und kein Böses; denn das bewirken nur die argen Menschen unter sich. Die große, heilige Natur weiß nichts davon!
GEJ|5|21|2|0|Es ist ein großes Unglück für den Menschen, ein Sklave zu sein; aber wer hat ihn zum Sklaven gemacht? Die großheilige Natur sicher nicht, sondern nur der zufällig stärkere Mensch hat aus lauter Lust fürs höchsteigene Nichtstun und dennoch dabei Gut- und Bequemleben den Schwächeren zu seinem Lasttiere gemacht, und im gleichen Maße auch das Vieh. Wer warf an den Nacken des Ochsen das harte und schwere Joch, wer belastete den Esel, das Kamel und das mutige Pferd, und wer erbaute sogar Türme auf dem Rücken des geduldigen Elefanten? Wer erfand das Schwert und wer die Ketten, die Kerker und gar das allerschmählichste Kreuz, an das ihr Römer die unfolgsamsten und eigensinnigsten Menschen, die auch herrschen und morden möchten, festknebelt und sie unter den größten Schmerzen den Tod erleiden laßt? – Alles, alles das Elend stammt vom Menschen her!
GEJ|5|21|3|0|In der großen Natur ist alles frei; nur der Mensch ist gleichsam ein Fluch für sich und für die gesamten anderen freien Werke der großen Meisterin, der Natur. Müßige Menschen fingen einst an, sich Luftburgen zu erbauen und erfanden die nichtigen Götter, die sie ganz nach sich und mit allen den menschlichen bösen Leidenschaften ausgerüstet sich dachten und auch also gestalteten. Mit diesen Göttern errichtete also der Mensch sich neue Plagegeister, die für sich dem Menschen sicher nie etwas zuleide tun würden; aber der Mensch erbaute diesen von ihm erfundenen Göttern, die in der Wirklichkeit nie irgend waren und auch nie irgend sein werden, Tempel und weihte sich selbst zu ihren Stellvertretern, versehen mit allerlei Treib- und Schreck- und Plagemitteln, und führte dadurch nebst seiner Herrschaft über die schwache Menschheit auch die allerunerbittlichste Tyrannei der von ihm erfundenen unsichtbaren Wesen ein. Die in der Wirklichkeit nie irgend existiert haben, existieren nun fort und fort zur Qual der armen Menschheit, aber dafür desto mehr zum Nutzen und Frommen der Mächtigen, weil diese durch ihre vorgeschützte mächtige Einflußnehmung viel leichter denn durch das ledige Schwert die Menschheit im blinden Gehorsam erhalten. Und so kann man naturgerecht mit der reinen Vernunft denken wie man will, so steht überall der starke und mächtige Mensch für alles alles, was nur immer irgend vorkommen kann, da und herrscht bald als ein mit Schwert und Lanze wohlversehener König und gleich daneben aber auch als ein schon allmächtigster Stellvertreter der Götter. Wehe dem, der da sich als ein uneingeweihter Mensch erkühnen würde, hinter den von Menschen gewebten Schleier der Isis zu blicken! O weh, o weh, o weh, – den würden die Götter schön zurichten!
GEJ|5|21|4|0|Das war bis jetzt mein freier Glaube, der aber nun durch diese Erscheinung einen ganz jämmerlichen Rippenstoß erhielt, und ich fange nun an, denn doch an ein höheres Gottwesen ganz leise zu glauben, weil ich nur zu auffallend einsehe, daß so ein Werk kein Mensch mit seinen bekannten Kräften zuwege bringen kann und auch nie zuwege bringen wird. Das kann denn nur eines Gottes Werk sein, der zwar auch nur eine Art Mensch sein kann, aber ein Mensch, dem die Kräfte der großen Natur leicht und allzeit sicher derart gehorchen wie die gemeinen Krieger einem erprobt einsichtsvollen Feldherrn, von dem sie wohl wissen, daß er noch niemals irgendeine Schlacht verloren hat.
GEJ|5|21|5|0|Aber diesen Gottmenschen möchte ich hier nun kennenlernen! Du, hoher Cyrenius, bist es in keinem Falle. Denn wäre dir das möglich, so wäre das große römische Kaiserreich schon lange mit einer berghohen Mauer umfangen, über die zu fliegen selbst einem Adler grauen müßte. Gib uns, du hoher Herr, Herr, Herr, darüber nur einigen Bescheid, und wir wollen dann ganz ruhig von hier wieder heimkehren!“
GEJ|5|21|6|0|Sagt Cyrenius: „Wäre schon alles recht, wenn dies nur gleich so mir und euch nichts gang und gäbe sein könnte; aber dem ist nicht also, als wie ihr es euch etwa vorstellet! Ihr könnet wohl einen Feldhüter fragen, um welche Zeit es sei, und er wird euch, wenn die Sonne scheint, nach seinem in die Erde gesteckten Pfahle genau und ohne Anstand kundtun des Tages Stunde, wofür ihr ihm dann einen Stater zu entrichten habt; aber hier geht das nicht gleich also! Geduldet euch, vielleicht kommt am Ende denn doch noch etwas heraus; aber es wird das schon etwas mehr kosten als einen Feldhutstater!“
GEJ|5|21|7|0|Sagt Roklus: „Nun, für so etwas können wir auch ein Pfund Goldes und zehn Pfunde Silbers, ja auch noch mehr, in die Schanze schlagen!“
GEJ|5|21|8|0|Sagt Cyrenius: „Ja, wenn man so etwas um viel Gold und Silber erkaufen könnte, so wäre das freilich etwas anderes! Aber ich kann euch diesfalls dahin die allerbestimmteste Versicherung geben, daß das um gar keine Schätze der ganzen Welt erreicht werden kann! Wofür es aber erreicht werden kann, darüber müßt ihr erst belehrt und durch noch so manche Proben aus euch selbst geläutert werden! Vom größten Unglauben an einen Gott der Person nach und an andere persönliche, gottähnliche Wesen durchdrungen und im selben förmlich erzogen, wollet ihr, um dann eine recht derbe Lache über uns alle in eurem Alleinbeisammensein erheben zu können, nun gleich von mir eine Anzeige Dessen erfahren, dem es möglich war, alles bloß durch Seinen allmächtigen Willen im schnellsten Momente hervorzurufen! Da sage ich: Halt, meine Lieben, wir werden erst sehen, ob ihr irgendeines Glaubens fähig seid! Kann bei euch gar kein Glaube mehr Eingang finden, so kann an euch auch die von mir verlangte Mitteilung nicht gemacht werden! Ist bei euch aber noch ein Glaube möglich, so werdet ihr mit dessen Lebendigwerden auch alles andere zu erhalten imstande sein! – Habt ihr mich wohl verstanden?“
GEJ|5|21|9|0|Sagt Roklus: „Verstanden ganz sicher; denn keiner von uns ist vernagelten Gehirnes! Aber es ist für uns dein Verlangen vorderhand so gut wie rein unmöglich, wofür wir dir zum Teil unsere Gründe schon dargetan haben und dir, so du sie zu hören wünschest, noch weiter dartun wollen und können!“
GEJ|5|21|10|0|Sagt Cyrenius, durch Mein ihm auf die Zunge gelegtes Wort angetrieben: „So tut solches, und ich werde daraus entnehmen, wie weit ihr euch vom Wege der Wahrheit entfernt habt! Lasset denn hören eure Gründe, und ich werde daraus ganz wohl zu entnehmen imstande sein, ob ihr einer wahren, geistigen Bildung fähig seid, und ob man euch euren Wunsch wird gewähren können! Denn seid ihr keiner reingeistig wahren Bildung mehr fähig, dann möget ihr wieder in Frieden von hier ziehen und leben nach den Lehren eures Epikur, der für mich einer der allerletzten Weltweisen ist!
GEJ|5|21|11|0|Ja, man kann nach Epikur als ein reicher und physisch kerngesunder Mensch mit dieser Welt am besten auskommen; denn der Grundsatz: ,Man sei seiner selbst willen ehrlich und wohlverträglich gegen jedermann, – aber stets gegen sich selbst am ehrlichsten!‘ läßt sich zwar mit weltlichen Ohren anhören, aber eines Menschen von Gottes Odem erweckte Seele schaudert davor, weil so ein Epikuräer doch stets nur ein abgefeimter Egoist ist und nur für seine Haut sorgt! Was kümmern ihn alle Menschen? Kann er von ihnen keinen Vorteil ziehen, so können sie alle vom Blitze getötet werden.
GEJ|5|21|12|0|Das sind so die Hauptzüge eines Epikuräers! Wieviel Geistiges in solch einem steinernen Gemüte Platz hat, das wird hoffentlich wohl schon sogar für jeden Blinden mit Händen zu greifen sein. Ja, zum Reichwerden auf dieser Erde taugen des Epikur Lehren am meisten, besonders wenn sie mit dem stoischen Zynismus unterspickt sind, wie es bei euch der Fall ist; aber zum Geistig-Reichwerden taugen sie am allerwenigsten, weil sie die reine Liebe zu Gott und zu dem armen Nächsten gänzlich ausschließen. So viel zu eurer Selbstbeleuchtung! Und nun lasset eure Gründe für euer recht essäisches Atheistentum hören!“
GEJ|5|22|1|1|22. — Roklus beweist seinen Atheismus
GEJ|5|22|1|0|Sagt Roklus: „Du hast recht, wir sind das alles, wie du soeben einen echten Epikuräer gezeichnet hast, und befinden uns diesirdisch ganz wohl dabei! Für unsern Atheismus aber haben wir so viele der allertriftigsten Beweise, daß wir damit das ganze, große Meer ausfüllen könnten. Ich will dir nur über die dir schon bekanntgegebenen noch welche hinzufügen, und ich hoffe, daß du daran genug haben wirst, und du wirst uns auch mit oder ohne deinen Willen recht geben müssen! Und so wolle mich denn gnädigst anhören!
GEJ|5|22|2|0|Sieh, alles, was irgend ein wie immer geartetes Dasein hat, äußert sich stets zu Zeiten auf eine für alle Menschen ohne Ausnahme fühlbare Weise! Ist das daseiende Wesen ein mit irgendeiner Art Vernunft begabtes, so wird diese aus seinen Werken gar leicht und bald ersichtlich sein; ist aber ein Wesen, wie zum Beispiel eine Bildsäule, mit gar keiner Vernunft begabt, so werden vom selben entweder gar keine oder nur solche Werke ersichtlich sein, die der blindeste Zufall an dem Wesen verübt oder demselben angefügt hat. Wo demnach irgendeine wenn noch so beschränkte Intelligenz vorhanden ist, da wird sie sich auch ehest durch die von der innern Intelligenz ausgehenden ordentlichen Erscheinungswerke äußern.
GEJ|5|22|3|0|Zum Beispiel: Eine noch so einfache Moospflanze beschafft sich selbst einmal eine ganz ordentliche Form und bildet dafür auch ihren Organismus aus, aus dem sie sich dann im weiteren Verfolge Blüte, Samenkorn und mit diesem die Fortpflanzungsfähigkeit beschafft. Bei höherstehenden Pflanzen ist nach einer gewissen Stufenfolge eine größere und entschiedenere Intelligenz noch um vieles ersichtlicher und erkennbarer.
GEJ|5|22|4|0|Gar entschieden tritt dann erst bei den Tieren eine innere Intelligenz auf, deren Werke, wennschon in der Anzahl und im Wechsel noch sehr beschränkt, die des Menschen in vielfacher Hinsicht übertreffen. Des Menschen Werke zeugen wohl von seiner äußerst umfangreichen Intelligenz; aber nirgends ist eine von innen ausgehende Vollendung ersichtlich, ein Etwas, das den Werken der Tiere durchaus nie und nirgends abzusprechen ist. Also stehen auch eines Tieres Außenwerke inniger mit seinem Wesen und Charakter im Verbande, als wie das beim Menschen, diesem Gotte der Erde, der Fall ist.
GEJ|5|22|5|0|Des Menschen Werke sind eigentlich nur eine Nachäfferei und bestehen aus plumpen, bloß äußeren Formierungen, die jedes eigentlichen inneren reellen Wertes bar sind. Der Mensch kann zwar aus allen möglichen fügbaren Stoffen eine Art von Bienenwachszellen nachäffen, ja er kann sie auch nachzeichnen und nachmalen, – aber welche Plumpheit, abgesehen des Stoffes, aus dem die Biene ihre Zellen baut, waltet da vor! Es scheint überhaupt, daß die Natur mit dem Menschen sich einen nahe mit Händen zu greifenden Scherz erlaubt hat! Es wohnt ihm eine umfassendste Intelligenz wohl offenbar inne und ebenso auch der Sinn für eine wahre Vollendung; aber er kann da schon tun, was er nur immer will, so erreicht er diese doch nimmer und nimmer!
GEJ|5|22|6|0|Wenn wir denn annehmen, daß alle organischen Wesen auch beseelt sind und die Seele überall das handelnde Prinzip ist – ob mehr oder weniger vollkommen, das ist hier ganz einerlei –, so kann diese Annahme dadurch zur evidenten Wahrheit erhoben werden, daß man logisch richtig von der Wirkung auf die Ursache zurückschließt oder von den Werken auf die Kraft, die wir denn die Seele nennen wollen. Nach dem Grade der Vollendung und Ordnung der Werke einer Seele schließt man denn auch folgerichtig erstens auf ihr Dasein und zweitens auf ihre Tüchtigkeit. Finden wir aber irgendein chaotisches Gemenge wild und ordnungslos durcheinanderliegen ohne eine Regung und Bewegung, also ohne alle Spuren irgendeines Lebens, so denken und sagen wir: Da waltet der sich selbst gänzlich unbewußte Tod, dessen Fürgehen ein volles Zunichtewerden ist, – eine Erscheinung, die man im Herbste an gar vielen Bäumen und Gesträuchen bemerken kann, von denen das früher so schöne und bestgeordnete Blätterwerk der Baumseele in der wildesten Unordnung herunterfällt, verdorrt und den Winter hindurch nahe völlig zunichte wird.
GEJ|5|22|7|0|Wer aber ist der Feinfühler, der in der totalsten Ordnungslosigkeit auch noch eine wirkende Seele erblicken wollte?! Ein Entfliehen und Zunichtewerden derselben – ja, – aber kein neues und etwa gar ein vollendeteres Werden! Wohl wird durch das verweste Laubwerk der Boden der Erde fetter und empfänglicher für die Feuchtigkeit aus der Luft und durch diese ernährungsfähiger für die darauf wachsenden Pflanzen; aber das herabgefallene Laub wird daraus nimmer als eines und dasselbe wieder erstehen, weil dessen Seele so gut wie gar keine mehr ist.
GEJ|5|22|8|0|Man kann demnach füglich den Satz also feststellen, daß man sagt: Je geordneter und vollendeter ein Werk ist, desto vollkommener ist auch die dasselbe hervorbringende Kraft, die man ,Seele‘ oder auch ,Geist‘ nennt. Man kann also ganz folgerichtig von den Produkten oder Werken auf das Dasein einer Seele oder eines Geistes schließen und auf ihre Tüchtigkeit.
GEJ|5|22|9|0|Wo finden wir aber jene Werke und jene Ordnung in ihnen, die uns nur mit einiger Wahrscheinlichkeit auf ein allerhöchstes, allerweisestes und zugleich allmächtiges Wesen der Gottheit schließen ließen? Nur zu bekannt ist der Lehrsatz aller Theisten und Theosophen [Gottesgläubige und Gottesweise]. Sieh an die Erde, ihre Berge, Felder, Meere, Seen und Flüsse und alle die zahllosen Kreaturen, die sie bewohnen! Alles das weiset hin auf das Dasein von höheren Gottwesen!‘ –, oder wie bei den blinden Juden auf nur einen Gott, was im Grunde um ein Haar vernünftiger ist und zugleich denn doch auch bequemer, als gar so viele unsichtbare Herren zu haben, wo man sich mit dem einen offenbar verfeinden muß, so man dem andern huldigt und opfert. Ich möchte den kennen, der mit der Juno und mit der Venus zugleich gut auskäme, oder mit dem Mars und Janus, oder mit Apollo und Pluto!
GEJ|5|22|10|0|Auch da sind die Juden wieder um ein Haar besser daran; denn sie haben einen Jehova, der auch ein Herr über ihren Pluto, den sie ,Satan‘ nennen, ist. Nur ist der Juden Pluto ein höchst dummes Luder, weil er seine Diener, statt sie auszuzeichnen und zu belohnen, gar böse und übel mitnimmt; und es läßt sich daher kein ehrlicher Jude darum ein graues Haar wachsen, seinen Herrn Pluto nach aller Möglichkeit auf das tiefste zu verachten, und er erscheint dann dem Jehova um so angenehmer, mit je mehr Energie er den Judenpluto verachtet und dessen Willen zuwiderhandelt, was ich keinem echten Römer und Griechen raten möchte! Wer dies täte, der käme dann den allerbösartigsten Plutopriestern recht. Da heißt es, dem Pluto so gut Opfer bringen wie dem Zeus, sonst sitzt einem armen Sünder der liebe Pluto im Genicke, und Zeus kann da von Rechts wegen gegen Pluto nichts tun und irgend etwas ausrichten; denn das SUUM CUIQUE (jedem da Seine) steht als ein Satz des Fatums obenan, gegen das selbst Zeus kein Urteil fällen kann, ohne sich der Gefahr auszusetzen, mit allen andern Göttern in eine Kollision zu geraten.“
GEJ|5|23|1|1|23. — Des Roklus Ansichten über Götter und Priester
GEJ|5|23|1|0|(Roklus:) „Wir haben mit einigen kleinen Seitensprüngen nun zwei Gottheitsbegriffe, von denen eine nur einigermaßen geweckte menschliche Vernunft rein zum Lachen genötigt wird. Bei den Ägyptern, Griechen und Römern wimmelt es von großen, kleinen, guten und bösen Göttern; bei den Juden sitzt nur einer auf dem Throne, der sehr ernst und streng gerecht, aber dabei dennoch gut und zuweilen barmherzig ist. Aber böse machen dürfen ihn die Juden, die er sein Volk nennt, auch nicht; denn geht ihm einmal die Geduld aus, dann hat bei ihm aller Scherz rein aufgehört. Er taucht dann gleich die ganze Menschheit unters Wasser auf ein Jahr lang, und läuft dann – Gott weiß wohin – das Wasser ab, so sind Millionen geheilt und fühlen sicher keinen Kopfschmerz mehr! Oder er läßt gleich Blitz-, Schwefel- und Pechfeuer vom Himmel herab über ein lasterhaftes Völkchen einen halben Monat lang regnen, und das Völkchen ist samt dem Laster von der Erde verschwunden! Auch mit Pestilenz und andern Übeln ist der Eingott der Juden sehr freigebig; und fängt er einmal an, seine Zuchtrute über ein Völklein zu schwingen, dann ist von einem baldigen Aufhören schon lange gar keine Rede! Bei den Juden kommt sonach alles Gute und Schlimme von einem und demselben Gotte, während bei uns Griechen viele Götter eines oder das andere zu besorgen haben. Wer nun mit seiner Götterei besser daran ist, dürfte hier sehr schwer zu entscheiden sein.
GEJ|5|23|2|0|Aber was Götter entweder im Himmel oder im Orkus und Tartarus!? Das ist alles ein blauer Nebeldunst! Die müßigen und arbeitsscheuen Priester sind die Götter, und der Juden Eingott ist der Hohepriester zu Jerusalem! Diese Menschen sind mit mannigfachen Erfahrungen und Wissenschaften wohl ausgerüstet, von denen sie ja weislich nichts ins blind gemachte und fürder mit aller möglichen Gewalt blind gehaltene Volk übergehen lassen. Nur in ihrer böswilligen Kaste werden die oft sehr breiten Erfahrungen vieler Jahrhunderte und die mannigfachsten Künste und Wissenschaften aufbewahrt, und das als stets unantastbare, heilige Geheimnisse. Damit treiben sie loses Spiel mit den Menschen, die ihnen dafür recht dick opfern müssen, daß sie von ihnen dann um so leichter so breit als möglich betrogen und nach allen Lebensseiten hin mißhandelt werden können. Mein ganzes Vermögen und selbst den letzten Funken meines Lebens gebe ich dem, der mir das Gegenteil faktisch beweisen kann!
GEJ|5|23|3|0|Es mag hie und da in den Urzeiten wohl ehrlichere und biederere Menschen gegeben haben, die, mit einer besonderen Geistesschärfe schon von Geburt an ausgerüstet und mit der Zeit durch mannigfache und viele Erfahrungen bereichert, gerne und mit aller Liebe ihre geistigen Errungenschaften mit ihren nicht so hoch geweckten Mitmenschen teilten und am Ende auch die Segnungen an ihren Brüdern von den besten und nachhaltigsten Erfolgen begleitet ersahen. Es muß sich gar herrlich haben leben lassen in einer Volksgemeinde, in der kein Mensch vor dem andern irgendein selbstsüchtiges Geheimnis barg und alle in alles eingeweiht waren zu ihrem Frommen, was der eine Erfahrenste unter ihnen wußte! Aber wie lange konnte ein solch glücklicher Zustand dauern?
GEJ|5|23|4|0|Ein solcher erster Wohltäter seiner Mitmenschen ward von ihnen sicher auf den Händen getragen, und nicht minder sein Nachfolger. Das erweckte bei so manchen den Müßiggang Liebenden den Neid und die Sucht, auch von den Nebenmenschen auf den Händen getragen zu werden. Sie suchten sich auch mit Erfahrungen einer und der andern Art zu bereichern, fingen aber damit schon an, stets mehr und mehr geheimzutun, um sich dadurch bei ihren Nebenmenschen wichtig zu machen. Da sagte einer, der es längere Zeit über sich vermocht hatte, stumm wie ein Fisch, aber dabei mit erhabener Miene einherzuschreiten, so er natürlich von vielen Neugierigen auf das dringlichste befragt ward, warum er stets so stumm und tiefsinnig einherwandle: ,Wüßtet ihr das, was ich weiß, und hättet das gesehen, gehört und erfahren, was ich gesehen, gehört und erfahren habe, dann würdet ihr vor lauter innerem Staunen noch stummer und tiefsinniger euch ergehen denn ich!‘
GEJ|5|23|5|0|Wenn die vor Neu- und Wißbegier ordentlich brennenden, noch ganz einfachen Menschen so etwas von einem listigen Gauner und Tagediebe hören, so geben sie ihm schon gar keine Ruhe auf so lange mehr, bis er ihnen Bedingungen zu machen anfängt, unter denen er ihnen nur etwas Weniges von seinem unendlichen Vorrate mitteilen will. Die Bedingungen werden bereitwilligst eingegangen, und der pfiffige Gauner hat sich dadurch zu einem Propheten und Priester unter seinen Mitmenschen emporgeschwungen, denen er dann allerlei mystische Dinge vorzumalen anfängt, die weder er und noch weniger jemand anders versteht und verstehen kann, weil sie sonst nirgends vorhanden sind als nur im ziemlich phantasiereichen Gehirne unseres Gauners, der durch solchen seinen listigen Betrug am Ende alle die wirklichen alten, redlichen Naturweisen zum Schweigen bringt, und zwar hauptsächlich dadurch, daß er das Volk an sich zieht und demselben begreiflich macht, daß er allein mehr weiß und versteht denn zehntausend ihrer alten Weisen.
GEJ|5|23|6|0|Um seinen Truglehren aber bei dem Volke den vollsten und bleibendsten Eingang zu verschaffen, darf er nur etliche Zauberstücklein hinzufügen, und das arme, gute Volk läßt sich von ihm, dem herz- und gewissenlosen Gauner, gleich mit tausend scharfsichtigen, scharfhörigen und gewöhnlich allmächtigen Göttern auf das allerfesteste vernageln!
GEJ|5|23|7|0|Und wehe dem ehrlichen und wohlmeinenden Biedermanne, der aus wahrer Einsicht und reiner, uneigennütziger Liebe zum Volke sagete: ,Glaubet diesem falschen Propheten nicht; denn jedes Wort aus seinem Munde ist eine bergdicke Lüge, aus der nichts als eine brennendste Eigenliebe und die tyrannischste Herrschsucht herausschaut, die eure jetzt noch freien Glieder ehest mit den schwersten Ketten belegen wird! Er wird euch unerträgliche Gesetze unter dem Titel ,Götterwille‘ aufbürden und auf die Übertretung derselben die schwersten Strafen, ja sogar den Martertod bestimmen. Dann werdet ihr und eure Kinder unter dem mächtigsten Drucke eines solchen Falschlehrers seufzen und wehklagen und werdet laut rufen um Abhilfe! Aber euer Rufen wird ein völlig vergebliches sein; denn gegen die Macht des Tyrannen, der weder ein Herz noch irgend eine humane Nächstenliebe besitzt, wird sich schwer etwas ausrichten lassen!‘
GEJ|5|23|8|0|Solch einer Gegenbelehrung, die in den Anfängen der Volksknechtungen sicher häufig wird stattgefunden haben, kann doch keine rechtliche und gesunde Menschenvernunft etwas entgegen haben! Aber das Volk ließ sich durch etliche Wunder breitschlagen und glaubte entweder an einen oder gar an eine Menge von allerlei Göttern und ließ sich von ihnen, das heißt von ihren allerstolzesten und allerhochmütigsten und allergrausamst herrschsüchtigsten und eigennützigsten Stellvertretern, auf das allerunbarmherzigste mißhandeln, als selbst nachzudenken anzufangen und zurückzukehren zur alten, naturreinen Menschenvernunft. Wenn man, gleich mir und auch meinen elf Gefährten, die Sache so ziemlich genau kennt, so wird es etwa wohl begreiflich sein, warum ich ein Atheist bin.“
GEJ|5|24|1|1|24. — Roklus sucht seinen Atheismus als die wahre Weltanschauung zu begründen
GEJ|5|24|1|0|(Roklus:) „Wenn nun auf diese schwer widerlegbare Weise mehr denn handgreiflich klar dargetan ist, wie sicher alle Götter entstanden sind, und wie ihre Priester nach und nach die eigentlich mächtigsten Gebieter über Leben und Tod ihrer Brüder geworden sind, so wirst du, hoher Herr, Herr, Herr, auch begreifen, wie und warum wir Atheisten geworden sind! Siehe, wir wenigen haben den klaren Weg zur alten, reinen Menschenvernunft gefunden und sind zur großen und heiligen Mutter Natur wieder zurückgekehrt, die uns eine sichtbare und stets gleich in der schönsten Ordnung wunderwirkende Gottheit ist, während alle sonstigen durch irgendeines Menschen Mund sich offenbarenden Gottheiten nichts als eine Phantasie eines gehirnkranken und arbeitsscheuen Faulenzers sind, der von irgend jemandem ein paar magische Künste erlernt oder selbst erfunden hat, um vor den Blinden sich als ein von Gott erwähltes Werkzeug zu offerieren und dessen Willen ihnen kundzutun.
GEJ|5|24|2|0|Die Natur hat noch nie eines Stellvertreters bedurft, und der Sonne ist es auch noch nie etwa in den Sinn gekommen, sich einen Stellvertreter zu wählen aus der Zahl der elenden Menschen; sie wirkt selbst, leuchtet und erwärmt alles auf eine allerunvergleichbarste Weise! Kurz, es ist in der ganzen, großen Natur bis auf den Menschen alles in der Ordnung. Auch der Mensch, diese größte und vollkommenste Affengattung, was seine Natur anbelangt und was da betrifft seine Form, läßt sicher nichts zu wünschen übrig.
GEJ|5|24|3|0|Aber der Mensch, besser das wortbefähigte, aufrecht gehende, also vollkommenste Tier, hat denn auch eine Vernunft und einen daraus sich frei entwickelnden Verstand. Durch diesen kann und soll er die Herrschaft über die gesamte, ihm unterstehende Wesenreihe betreiben. Aber es ist solch ein von der Natur dem Menschen erteilter Vorzug ihm nicht genug; er will auch seinesgleichen in seinem Gottähnlichkeitsdünkel mit seinen Füßen treten! Und da ist der kritische Punkt dann, wo der Mensch über seine Schranken hinaustritt und sich zu einem Gotte macht. Da aber weiter doch ein jeder Mensch, wenn er nicht ein Taubstummer oder gar ein gänzlich Irrsinniger ist, sich denn selbst in seinem Fleische als ein gleicher Fleischmensch mit allen andern Fleischmenschen doch nicht unmittelbar zu einem Selbstgotte machen kann – was er sicher auch täte, so er sich nicht fürchtete, vom ganzen Volke darob ausgelacht und gar gezüchtiget zu werden –, so begnügt er sich mit der bloßen Gottesstellvertreterschaft auf dieser Erde; denn ist diese nur schlau genug begonnen und auf festem Grunde erbaut, so steht sie für viele Jahrhunderte fest.
GEJ|5|24|4|0|Man gebe mit der Errichtung irgendeiner Gottesstellvertreterschaft nur auch einige ersichtlich weise und bürgerlich nützliche Anordnungen hinzu, und man hat es mit dem von Natur aus stets kindlich guten und sanften Menschengeschlechte auf ein Jahrtausend gewonnen! Auf ein weises Gesetz kann man dann den Aberglaubenden schon tausend der absurdesten Lügen und Dummheiten anhängen, und sie werden von der gutwilligen, aber dabei sehr blinden, armen Menschheit mit einer allerehrfurchtsvollsten Bereitwilligkeit angenommen. Vom Verstehen kann da natürlich keine Rede sein, weil solche divinative Mysterien als Hirngespinste eines Schlaukopfes nie zu verstehen sein können. Aber das macht eben nichts; denn die Menschheit betrachtet das ja stets am liebsten, was ihr am unerklärlichsten, unbegreiflichsten und am allerfremdartigsten ist.
GEJ|5|24|5|0|Wer die Menschheit langweilen will, der trage ihr nur recht gute, bekannte und leicht faßliche Wahrheiten vor, und ich stehe dafür, daß er gar bald allein am Flecke sich befinden wird! Kann er aber so recht aus dem Salze lügen und aus seiner Phantasie erzählen, daß er zum Beispiel im weiten Indien Tiere gesehen habe, die gleich berggroß einhergehen, hundert Köpfe haben, und zwar jeden Kopf einem andern Tiere vollkommen ähnlich, und in der Mitte der hundert verschiedensten Tierkopfgattungen rage auch ein riesigster Menschenkopf auf einem langen und dicken Halse sitzend empor, der alle Sprachen der Welt ganz deutlich, nur aber mit einer donnerähnlichen Stimme spricht und den Menschen sogar Gesetze vorschreibt, wie sie sich gegen das ganze andere große Heer von seinen Tierköpfen zu benehmen haben. – –! Ja, er kann ihnen, den ihn alleraufmerksamst anhörenden Menschen, ganz keck hinzu erzählen, daß auf dem großen Rücken dieser wundersamen, größten Tiere die schönsten Städte und Gärten angelegt seien, in denen Menschen und Tiere wohnen und ein gar angenehmes Leben führen, wenn sie des menschlichen Mittelkopfes Gesetze an diesem riesigsten Tiere genau handhaben; versündigen sie sich aber, so werden sie vom Tigerkopfe dieses Tieres sogleich aufgefressen! Zu dieser sicher allerabsurdesten Lüge kann er noch eine Menge anhängen, und sie werden alle fest geglaubt; und wehe dem, der nun sagen möchte: ,Aber was höret ihr diesen Hauptlügner an?! Ich war doch selbst mehrere Male in Indien und habe nie nur von ferne hin etwas Ähnliches weder gesehen noch davon reden gehört!‘ Das nützt alles nichts! Er wird als ein Verleumder solch einer wunderbaren Sache zum für ihn heilsamen Schweigen gebracht, und der Hauptlügner, der Indien nie gesehen hat, behauptet das Feld. Das habe ich selbst zu öfteren Malen erfahren, wie die Menschen eine noch so kolossalste Dummheit um vieles eher annehmen und sie auch glauben denn eine noch so erwiesen nützliche Wahrheit.
GEJ|5|24|6|0|Und ist es bei solch bekannten Eigenschaften der Menschen denn zu verwundern, daß wir nun schon mit lauter Göttern ordentlich eingesalzen und einbalsamieret sind? Und ist es nicht vielmehr hoch zu verwundern, wie unter so vielen dümmsten Menschen noch Menschen von meiner Art bestehen können? Und kannst du, hoher Herr, Herr, Herr, dich wundern, so wir zwölf tieferfahrenen Griechen und Juden notwendig Atheisten sein müssen, und zwar aus dem ganz einfachen Grunde, weil es doch alleroffenbarst keinen nach solcher menschlich dummen Weise gearteten Gott geben kann, der von den Menschen die oft allerlächerlichsten Dinge, sage, zu seiner Ehre verlangen würde, auch den Ankauf des Tempelmistes und – dreckes zur Segnung der Felder, Äcker, Gärten und Wiesen und noch tausend ärgere Absurditäten dazu, was alles der noch immer weisere Eingott der Juden verlangt, – geschweige der gar allerdümmsten und allerabgeschmacktesten, die Menschenwürde entehrendsten Dinge, Opfer, Sitten und Gebräuche, die von unseren griechischen, gut bei zehntausend Göttern verlangt und mitunter sogar strenge geboten werden?
GEJ|5|24|7|0|O wehe, wehe, wehe dem, der es wagte, auch nur einer der geringsten hölzernen Gottheiten einen Nasenstüber zu versetzen! Der würde als ein SACRILEGUS MALEDICTUS (verdammter Tempelschänder) auf das allerübelste bedient werden von den Stellvertretern Gottes! Die Zerstörung oder auch nur eine zugefügte Beleidigung einer in Holz geschnitzten Lüge wird nun noch immer als ein höchstes, unverzeihliches Verbrechen mit dem Schwerte auf das schärfste bestraft. Aber wenn Tausende von den arbeitsscheuen Völkerbetrügern jede noch so reine Wahrheit und die wahre Ehre der Menschheit mit Füßen treten, sie überall verfolgen und jedes irgend emporkeimende Gute mit aller Gewalt und mit den grausamsten Mitteln unterdrücken, so ist das vollkommen recht und, – DICO (ich sage) – den weisen und allmächtigen Göttern im hohen Grade wohlgefällig. Ah, da bedankt sich die wahre Menschheit allergehorsamst für alle die Götter und Gottheiten! Kannst du als ein bekannt wahrhaft weiser Herr und Völkerregent es mir verargen, daß es mir zum Speien eklig wird, wenn irgend von einem Gotte nur etwas noch so leise als möglich angezogen wird?!
GEJ|5|24|8|0|Als ich als Handelsmann zum dritten Male nach Indien kam, habe ich recht viel Gescheites und Gutes angetroffen, aber danebst auch wieder so gräßliche Dummheiten gefunden, daß man sich darob gerade selbst kreuzigen könnte, um nur nicht mehr mit solch kolossalsten Gottheitsdummheiten jemals in Berührung zu kommen. Nach dem, was ich dort aus ihrer Theosophie vernahm, erweise der höchste Gott Lama, der auch den Beinamen Delaih hat, alljährlich einmal seinem höchsten Stellvertreter, der auch unsterblich sei, die höchste Ehre und zeige sich ihm und auch seinen Oberpriestern, aber nur auf einer hohen Bergesspitze! Da muß der Stellvertreter dann auf des allerhöchsten Gottes Geheiß auf ein reinstes, weißes Tuch hostieren (Kot lassen), den Kot dann trocknen und ihn nachher zu Pulver machen. Dieses ,Pulver Gottes‘, wie es die Indier benamsen, wird dann granweise in hölzerne, sehr kleine Schächtelchen getan und wohlverwahrt an die Häupter der Völker gegen ein großes Lösegeld gesandt, welche hohen Häupter dann nach vorgeschriebener gewirkter Buße dieses Dreckpräsent Gottes allerehrerbietigst zu verzehren haben. Das und noch eine große Menge der allerabsurdesten Dummheiten mehr sind Tatsachen, von denen ein jeder dahin Reisende sich selbst überzeugen kann.
GEJ|5|24|9|0|Was aber soll ein nüchterner Mensch im Besitze einer reinen Vernunft und eines gesunden Verstandes dazu sagen, so er von dem indischen höchsten Gotte solch eine echteste Schweinerei vernimmt, mit der er höchst verehrt sein will? Ja, da möchte man ja gleich wieder aus der Haut fahren vor Ärger über solch eine kolossale Dummheit der Menschen, an der sie vielleicht schon etliche Tausende von Jahren mit Leib und Leben hängen und durch gar keine vernünftige Vorstellung mehr abzubringen sind!
GEJ|5|24|10|0|Ja, lasse du mich einmal mit einem vernünftigen Gotte zusammenkommen, und ich will aufhören, ein Atheist zu sein, wozu mich diese wunderbare Tatsache, die sich vor meinen Augen zutrug, sehr mächtig reizen könnte und auf den Glauben bringen, daß es trotz allen den von Menschen ausgeheckten allerdümmsten Gottheiten denn doch noch eine wahre und der reinsten Vernunft entsprechende Gottheit geben könne, was ein hoher und schönster Gedanke des Menschen wäre! Wäre aber die Gottheit am Ende auch irgend also geschwollen, wie das bisher mit allen mir bekannten Gottheiten noch immer der Fall war, so mag sie mir noch tausend solche Wunder vor meiner Nase verüben, und ich werde ihr wahrlich keine Ehre antun!
GEJ|5|24|11|0|Da hast du mich nun ganz, wie ich bin, denke und handle! Und so kannst du mir nun schon etwas anvertrauen, wenn du etwas noch Besseres und Wahreres weißt, und ich werde es gewiß nicht undankbar annehmen! – Wie ist also des alten Markus neue Behausung entstanden? Wer rief sie ins Dasein?“
GEJ|5|25|1|1|25. — Des Roklus Wesen, vom Herrn beleuchtet
GEJ|5|25|1|0|Cyrenius ist auf alles das, was er nun vom Roklus vernommen hat, sehr nachdenkend geworden und weiß durchaus nicht, was er ihm darauf für eine Antwort geben soll. Er wendet sich darum an Mich und sagt mit halblauter Stimme: „Herr, unrecht hat der Mensch im ganzen nicht, und es kommt mir vor, daß er trotz seines Atheismus ein ganz gutes Herz für die echte Menschheit haben muß. Wäre er zum wahren Theismus zu bewegen, so wäre er bei seiner enormen Verstandesschärfe und durch seine vielseitigsten Erfahrungen ja gerade eine Goldperle für Deine rein göttliche Sache. Aber weil er eben so viele Erfahrungen besitzt und eine Urteilsschärfe dazu, als wie scharf da sein muß der Blick eines Adlers, so ist es wenigstens für mich schwer, ihm nun eine Antwort zu geben, von der man bei ihm einen besten Erfolg erwarten könnte. Wie wäre es denn, so Du Selbst ihn nun in Bearbeitung nähmest? Du könntest ihm mit wenigen Worten sicher mehr sagen als ich. Herr, tue das an diesem Menschen; denn seine Ansichten kommen mir ganz kerngesund vor!“
GEJ|5|25|2|0|Sage Ich: „Du hast den Menschen ganz richtig beurteilt, und es stehet also mit ihm; denn so viel natürlich gesunde Welterfahrung hat wohl niemand von euch allen wie dieser Roklus und durch ihn auch seine elf Gefährten. Aber weil er in dieser Zeit und häufig durch seine bedeutenden irdischen Schätze auf lauter List und Betrug gekommen ist und die Gottheit überall durch die größten und abgefeimtesten Betrüger vertreten fand, so kann man sich denn auch gar nicht wundern, daß er am Ende notgedrungen das Kind samt dem Bade wegschütten mußte.
GEJ|5|25|3|0|Er suchte Gott wohl recht emsig und machte darum auch seine großen Reisen. Aber je weiter er kam, desto mehr Unsinn, Narrheit und mit Händen zu greifenden Betrug fand er. Er ließ sich am Ende sogar bei den Essäern einweihen und fand deshalb Wohlgefallen daran, weil diese ihren Divinationsbetrug doch wenigstens zum ersprießlichen Nutzen der Menschheit zusammengestellt haben und dabei unter sich sehr gute und kluge Menschen sind, bei denen einer dem andern ein offener Bruder ist und nichts vor seinem Nächsten voraushaben will; denn dieser Sekte Grundsatz ist: ,Gleichviel wissen, gleichviel haben, gleichviel sein, und an keinen Laien das Geheimnis der hohen und dicken Mauern verraten, aus denen für keinen Menschen der Erde irgendein Unheil, sondern nur ein möglichstes Heil hervorgehen soll!‘
GEJ|5|25|4|0|Das ist an und für sich gewiß ganz löblich, aber mit dem Glauben an einen Gott hat es einen ungeheuren Haken; denn das ist bei ihnen die allerausgemachteste Sache, daß es außer den geheimen Kräften in der Natur ewig nirgends einen Gott gebe und geben könne. Und darum ist es schwer, so einen echten Erzessäer zum Glauben an einen Gott umzustimmen. Man muß ihm zuvor noch viel mehr Gelegenheit geben, sich so ganz nach seiner Herzenslust frei zu entäußern in allem und jedem. Erst wenn er sich vor dir ganz enthüllt hat, wird mit ihm schon noch etwas ganz Besonderes zu machen sein. Aber jetzt ist er noch nicht reif dazu, weil in ihm noch vieles steckt, mit dem er infolge eines Mißtrauens gegen deine römische Schwertgerechtigkeitspflege noch lange nicht zum Vorscheine gekommen ist.
GEJ|5|25|5|0|Solange aber ein Mensch zu jemandem nicht ein vollstes Vertrauen zu fassen sich getraut, wird er auch nie ein wahrer Freund von ihm. Solange er aber nicht ein wahrer, volltrauigster Freund von jemandem wird, da wird er sich ihm auch nicht völlig eröffnen. Eröffnet er sich aber jemandem nicht völlig, so fällt die notwendig völlige Entäußerung von selbst notwendig in den Bach. Du mußt demnach trachten, dir diesen Roklus zu einem volltrauigsten Freunde zu machen, und er wird dir dann noch ganz sonderbare Dinge kundtun, über die du ganz erstaunen wirst!
GEJ|5|25|6|0|Aber deine hochrichterlich römische Miene und Tugend mußt du vor ihm in die eines rechten Freundes umwandeln, und zwar so offen und aufrichtig als möglich, sonst wirst du nichts ausrichten mit ihm! Hast du ihn aber dahin gewonnen, dann wird mit ihm leicht zu unterhandeln sein, und Ich kann dann erst ein Weiteres mit zu reden anfangen; aber jetzt würde er bei der vollen Belassung seines freien Willens Mir nicht einmal Rede stehen, sondern Mir ganz einfach sagen: ,Freund, ich kenne nur den Oberstatthalter und habe nur mit ihm zu verhandeln; denn dich kenne ich nicht und weiß darum auch nicht, wieviel ich dir anvertrauen kann!‘ Und Ich könnte ihm vorderhand dagegen nichts anderes erwidern als: ,Freund, du hast ganz richtig und gut geurteilt!‘ Suche du darum ihn vorerst ganz freundlichst zu gewinnen und leite ihn sodann erst zu Mir, und wir werden dann die ganze Sache bald abgemacht haben!“
GEJ|5|25|7|0|Sagt Cyrenius: „Versuchen will ich's wohl; aber ich ahne es, daß mir mein Vorhaben eben nicht zu sehr nach meinem Wunsche gelingen wird!“
GEJ|5|25|8|0|Sage Ich: „Fasse es nur bei der rechten Seite an, dann wird es schon ganz gut gehen!“
GEJ|5|26|1|1|26. — Des Cyrenius freundliche Entgegnung an Roklus. Die Ursachen des Verfalls des Priestertums
GEJ|5|26|1|0|Hierauf wendet sich Cyrenius wieder an den Roklus und sagt: „Nun höre, Freund, ich habe alles das, was ich von dir vernommen habe, reiflichst überdacht und hin und her überlegt, habe deine Gründe zwar sehr wahr und triftig gefunden und kann nicht umhin, dir zu sagen, daß du in vieler Hinsicht recht hast, – aber ganz in allem dennoch nicht, da du denn doch bei allen deinen gesunden Ansichten den Fehler eines übertriebenen Eifers hast und das Kind samt dem Bade ausschüttest, deine Urteile nach der Gegenwart richtest und ein Gebäude aufführst, das keinen soliden Grund hat, auf dem Sande steht und von den Stürmen leicht zerstört werden kann.
GEJ|5|26|2|0|Es ist wohl wahr, daß die Priester, besonders die hohen, zumeist höchst herrschsüchtige und darum auch zumeist herzlose Menschen sind und die Unterpriester zumeist nach ihrer Pfeife tanzen müssen, besonders jene, die in der unmittelbaren Nähe der Großen und Hohen ihr Amt zu versehen haben; aber ganz so leer und als ein purster Betrug stehen denn die Sachen doch nicht da, als wie du es dir vorstellst und nimmst!
GEJ|5|26|3|0|Denke dir nun den Unterschied in der Sprache zwischen jetzt und der Vorzeit! Vor tausend Jahren sprach man in lauter Bildern und entsprechenden Gleichnissen. Die ganze Sprache war eine rechte Poesie, aus welchem Grunde die Alten denn auch alles in Versen geschrieben und auch gemeinhin miteinander geredet haben; denn die sogenannte elende Prosa kam erst dann zum Vorscheine, als die Menschen grundverderbt ins rein materiellste Fleischleben übergegangen sind.
GEJ|5|26|4|0|Es mögen demnach die alten Propheten und Seher immerhin den Menschen den wahren und den rechten Gott beschrieben und gezeigt haben, und die ersten Menschen haben sie auch sicher besser verstanden, als wir sie nun verstehen; aber durch die damals strikte Befolgung der bekannten weisesten Gebote Gottes kamen schon die jüngsten Nachkommen in einen großen Wohlstand. Dieser machte sie bald übermütig, sinnlich und gemein. Derlei Menschen hatten nur gar zu bald mit der bildlichen Seelensprache nichts mehr zu tun und verstanden die Sprache der alten Propheten und Seher ehest darauf gar nicht mehr.
GEJ|5|26|5|0|Man fing an, am Buchstabensinne, der nicht belebt, sondern nur tötet, zu kleben, und kam auf diese Weise nur zu bald um den Lichtkern der Wahrheit. Wir alle, wie wir hier sind, bis auf zwei unter uns, wußten samt und sämtlich von einem inneren, geistigen Wahrheitssinne nichts, und es kam uns, wie dir, alles als eine blankste Torheit vor, was wir von allen den Sehern und Orakeln vernommen haben. Aber die beiden, die auch unter uns sind, und besonders der Eine, haben uns eines Bessern belehrt und gezeigt, wie ganz und gar entsetzlich irrig wir alle die alten Seher und Propheten verstanden haben.
GEJ|5|26|6|0|Aus solch irrigem Verständnisse mußten am Ende ja auch ganz verkehrte Lebensgrundsätze herauswachsen, und aus diesen andere Torheiten in einer Unzahl, und die Gotteslehren konnten am Ende ja auch kein besseres Gesicht haben als alles andere, was der Mensch tat und zustande brachte.
GEJ|5|26|7|0|Weil aber die Menschheit in ihrer inneren geistigen Lebenssphäre gar so sehr ins Trübe gekommen ist und sich von dem höheren, göttlich geistigen Einflusse wie total verlassen fühlen mußte, so fing die Selbstsucht an, sich zu steigern, umpanzerte sich, witterte allenthalben Feinde und rüstete sich gegen ihren allfälligen Angriff mit lauter äußeren Waffen gleich einem Menschen, den im dichten Walde die Nacht überraschte, und der aus Furcht vor irgend feindlichen Kreaturen auch alles mögliche aufbietet, um sich einen Schutz gegen seine vermeintlichen, auf ihn eindringen wollenden Feinde zu bereiten.
GEJ|5|26|8|0|Ja, mancher treibt es mit seiner Furcht so weit, daß er die Möglichkeit vom Dasein eines ihm freundlichen Wesens in die vollkommenste Nullität zieht und setzt, sich gegen jedermann verschließt und ein vollendetster Geizhals ist, der alles zu seiner Sicherung zusammenrafft und niemanden neben sich aufkommen läßt! Er umgibt sein Haus mit hohen und dicken Mauern, seine Schätze verschließt er in ehernen Särgen und verscharrt sie obendrauf oft unter die Erde, gewöhnlich an einem solchen Orte, der von Menschen schwerlich irgendwann betreten wird.
GEJ|5|26|9|0|In solchem Zustande wird der Mensch dann auch sehr herrschsüchtig, umgibt sich mit allerlei Macht und sucht dann auf die schonungsloseste Weise sich alles zuzueignen, aus Furcht, irgendeinmal zuwenig haben zu müssen.
GEJ|5|26|10|0|Gehe hin und frage so einen echten Geizhals, für wen er denn alles also zusammenraffe, da er ja doch selbst für seine Person das in tausend Jahren nicht verzehren könne, was er sich zusammengeknickert hat. Da wird er dich gleich als seinen Erzfeind ansehen und dir sicher keine Rede und Antwort geben. Und also sind nun in geistiger Beziehung namentlich vor allem die Priester.
GEJ|5|26|11|0|Sie sind zwar im äußeren Besitze der alten prophetischen Überlieferungen und lesen und betrachten sie auch am meisten; aber eben dadurch geraten sie auch zuerst und zumeist in einen dichtesten Wald voll Finsternis und Zweifel, aus denen sie sich nimmer zurechtfinden können. Weil sie aber schon einmal Priester sind, so müssen sie sich vor dem Volke durch allerlei törichtes Außengepränge den Schein geben, als wüßten und verstünden sie etwas; aber sie wissen und verstehen nichts, außer das – aber nur geheimst bei sich selbst –, daß sie total nichts wissen, verstehen und erkennen!
GEJ|5|26|12|0|Sie verwenden daher ihre Zeit nur darauf, wie sie immer wirksamer ihre totalste Unwissenheit vor dem Volke verbergen und demselben einen recht dicksten blauen Dunst vormachen könnten, was ihnen, die es mit ihrem Denken doch so weit gebracht haben, daß sie bei sich selbst gar nichts wissen – wozu schon sehr viel gehört –, eben eine nicht zu schwierige Aufgabe ist.
GEJ|5|26|13|0|Manche kommen hinterdrein freilich oft durch ein Ungefähr zu einem Lichte rechter Art; aber sie können nun das einmal aufgebaute Gebäude, leider voll Trug und Lug, nicht mehr des einmal verfinsterten Volkes wegen umstoßen. Sie müssen nun einmal mit dem Strome fortschwimmen und höchstens ganz geheim bei sich die bessere Überzeugung behalten.
GEJ|5|26|14|0|Glaube du mir sicher, daß es unter den Priestern von was immer für einer Gotteslehre Männer gibt, die ihre total falsche Außenlehre nur zu gut kennen und ganz tüchtige Kenntnisse von einem wahren und einigen Gotte haben, dem sie in ihrem Herzen auch völlig anhängen; aber sie können ein für alle Male am alten, irrsäligen Gebäude dennoch nichts ändern! Sie überlassen das ganz geduldig Dem, der die Macht hat, die Tempel des Truges umzuschmeißen, wann es Ihm beliebt und Er es für gut finden wird. Denn Er werde es auch schon am allerbesten wissen, warum Er es zugelassen habe, allerlei Truggöttern und Götzen Tempel zu erbauen und sie mit Mauern und Schwertern zu befestigen!
GEJ|5|26|15|0|Wenn du nun das so recht reiflich überlegst, so muß es dir denn schon wenigstens darin ein wenig heller zu werden anfangen, daß du bei aller deiner Verstandesschärfe und bei allen deinen vielen Erfahrungen als ein kompletter Atheist nicht in allen deinen angeführten Gründen durchaus recht hast und von der reinen, inneren Wahrheit noch sehr ferne stehst!
GEJ|5|26|16|0|Nun ist wieder die Reihe an dir, dich zu rechtfertigen, wie du magst und kannst; denn nun stehen wir uns als Freunde gegenüber, und es ist dir das freieste Wort ohne die geringste richterliche Ahndung gestattet! Du kannst dich nun ganz offen aussprechen, wie es dir ums Herz ist, und ich werde dich darauf nicht als ein erster Gewaltträger Roms, nicht als ein oberster Richter, sondern als Mensch und Bruder auf den rechten Weg zu bringen trachten durch Wort, Rat und Tat! Willst du aber das nicht, so kannst du nach deinem freiesten Willen dich allerungehindertst von hier begeben und hinziehen, dahin du magst und willst! Es wird mir zwar sehr leid sein, dich in deinem Wahne von hinnen ziehen zu lassen; aber dessenungeachtet sollst du schon wegen deiner Verstandesschärfe, die ich zu achten verstehe, von mir nicht den allerleisesten Zwang irgend zu erleiden bekommen. – Rede sonach nun weiter ganz frei und offen mit mir, deinem Freunde!“
GEJ|5|27|1|1|27. — Das künstliche Allerheiligste im Tempel zu Jerusalem. Indische Bußgreuel
GEJ|5|27|1|0|Sagt Roklus: „Herr, Herr, Herr, ganz gut und weise war dein Gegenwort, das ich von Silbe zu Silbe reiflichst erwogen und gar wohl überlegt habe! Ich fand so manches Wahre und Gute darin, wie auch, daß du mir kaum begreiflichermaßen ein ganz vollkommen echter Kosmopolit bist, wie es leider besonders in deiner Höhe nun wohl ganz verzweifelt wenige mehr gibt.
GEJ|5|27|2|0|Es wäre die Idee von einem einigen, allerweisesten, aber dabei auch allerhumansten Gotte gar schön und höchst löblich; aber wo existiert solch eine Gottheit anders als eben in der schönen Idee eines poetisch geweckten Menschengemütes? Denn wäre irgend anders eine göttliche Realität, so müßte sie sich ja doch durch irgend etwas Besonderes äußern! Aber da kann man schon tun, was man nur immer will, und suchen und forschen mit dem höchsten Fleiße von der Welt und mit aller der intensivsten Aufmerksamkeit und Verstandesschärfe, und das stets mit dem besten Willen von der Welt, so nützet das alles aber dennoch nichts!
GEJ|5|27|3|0|Überall, wohin man sich auch suchend wendet, steht ein vermummter Mensch im Vordergrunde, so wie im Tempel zu Jerusalem vor dem kostbaren Vorhange Wächter stehen, damit ja kein Laie je hinter den mysteriösen Vorhang treten könne. Unsereiner aber kam durch sein Gold als Nichtjude auch hinter solchen Isisschleier und fand hinter demselben nichts, als was Menschenhände erzeugt haben: einen sarkophagähnlichen Kasten aus schwarzem und braunem Holze, und in der Mitte dieses Kastens war ein ehernes Becken befestigt, aus dem Naphtha in heller und hoher Flamme brannte, welche Flamme die Gegenwart des allerhöchsten Gottes darstellte!
GEJ|5|27|4|0|Ich aber frage, wieviel Blindheit und Dummheit dazu erfordert wird, um das glauben zu können! Wo ist da der Gott und nicht der Mensch, der alles das zusammengesetzt hat zur Illusion seiner Nebenmenschen, denen er alle Kenntnisnahmen auf Leben und Tod vorenthält, auf daß sie gleichfort so dumm und blind als möglich bleiben sollen und mit bluttriefenden Händen Tag und Nacht arbeiten, auf daß die arbeitsscheuen Stellvertreter Gottes sich recht mästen können auf Kosten der armen, dummen Faune. Was kümmert so eine menschgöttliche Hoheit auch das Leben von Millionen? Diese müssen, um sich nicht alle Furien an den Hals zu ziehen, alle Augenblicke bereit sein, ihr Leben irgend in die Schanze zu schlagen, um ihren Gottes Stelle vertretenden, unvertilgbaren Quälgeist, der eigentlich ihr größtes Übel ist, zu erhalten!
GEJ|5|27|5|0|Freund, wenn ich dich also nennen darf, gehe nach Indien und besieh dir dort die Menschheit, und dir werden die Haare zu Berge stehen! Da wirst du Büßer antreffen, von denen deiner Phantasie noch nie irgend etwas hat träumen können! Hier hat man gegen Verbrecher Strafen, die von den Richtern verhängt und von den Gerichtsvollstreckern im schlimmsten Falle längstens einen Tag lang an den Sündern wider's Gesetz vollzogen werden. Dort dauert die leichteste Bußstrafe mindestens ein bis zwei Jahre, die der Sünder an sich selbst ohne alle Gnade in den bestimmtesten Vollzug setzen muß, und da ist die leichteste aber schon derart grausam, daß eine römische Kreuzigung als ein förmliches Nichts dagegen anzusehen ist. Ich werde dir nur so einige leichteste Beispiele kundgeben, und du wirst an denen sicher vollkommen genug haben!
GEJ|5|27|6|0|Ich sah einen solchen leichten Büßer! Dieser hatte durch die Waden drei eherne Nägel gezogen, mußte aber dennoch eine bedeutende Last um einen Baum ziehen. Wollte sein Fleisch ermüden, so nahm er eine mit ehernen Spitzen versehene Peitsche und versetzte sich selbst die gewaltigsten Hiebe. Sein tägliches Büßeressen bestand aus sieben Feigen und einem Kruge Wasser. Dieser Büßer verrichtete seine Buße schon im zweiten Jahre und war noch am Leben.
GEJ|5|27|7|0|Einen andern, auch leichten Büßer, sah ich am ganzen Leibe mit Stacheln gleich einem Stachelschweine besteckt, nur mit dem Unterschiede: Bei dem Stachelschweine sind die scharfen Spitzen nach außen gekehrt, bei dem Büßer aber waren sie nach innen gekehrt und staken mindestens zwei Daumen dick im Fleische. Diese Stacheln, entweder aus hartem Holz, Bein oder auch aus Erz, muß sich der Büßer nach Vorschrift des freundlichsten Bußpropheten selbst ins Fleisch stoßen, und zwar an jedem Tage um einen mehr die ganze zweijährige Bußzeit hindurch, so daß er am Ende seiner verzweifelten Bußzeit ebenso viele heilige Bußstacheln im Leibe und Fleische stecken hat, als wie viele Tage zwei volle Jahre enthalten. Hat der Büßer noch mit Beibehalt des Lebens seine Buße überstanden, so beginnt dann erst die freiwillige Nachbuße des Verdienstes wegen vor den allsehenden Augen Lamas; denn der erste Pflichtteil der Buße war nur da, um vom Lama die Vergebung einer Sünde zu erlangen. Erst durch die Nachbuße kann der Sünder sich ein Verdienst vor dem Lama erwerben.
GEJ|5|27|8|0|Ich fragte den sonst sehr freundlichen Bußverkünder, worin denn die Nachbuße dieses bestachelten Büßers bestehen werde. Da sagte dieser: ,In zwei-, auch dreierlei! Entweder: er behält die Stacheln bis an sein Lebensende im Fleische steckend, was mit sehr vielen Unbequemlichkeiten verbunden ist, besonders bei der Nachtruhe; denn dergleichen Büßer können dann nur auf dem Flugsande oder mit angebundenen Schläuchen, die mit Luft gefüllt sein müssen, im Wasser die Nachtruhe halten. Fürs zweite aber können sie sich die Stacheln schon wieder aus dem Fleische ziehen; aber an einem Tage nicht mehr als nur einen, und so haben sie mit dem Ausziehen dann ebenso lange zu tun wie früher mit dem Hineinstoßen. Sie können sich aber fürs dritte auch alle Stacheln auf einmal herausziehen lassen und darauf ein Balsambad nehmen. Das heilet schnellst die Wunden, und der Büßer ist darauf gleich wieder ein brauchbarer und arbeitsfähiger Mensch; aber er muß dafür entweder ein tüchtiges Opfer dem Lama verabreichen oder vier Jahre lang der Sklave eines Priesters sein und dessen Äcker, Wiesen und Gärten bestellen, wobei er sich aber ganz aus eigenen Mitteln zu verpflegen hat. Daß es ihm dabei eben nicht am besten ergeht, läßt sich wohl von selbst denken!‘
GEJ|5|27|9|0|Das gab mir so ein freundlicher Bußverkündigungspriester zur Kunde, worauf ich ihn dann fragte, was so ein Sünder denn verbrochen haben müsse, damit ihm solch eine Marterbuße auferlegt werden könne. Da sagte der Bußverkünder: ,Es ist dazu oft gar kein eigentliches Verbrechen notwendig, sondern das alles liegt in der nie erforschbaren weisen Willkür des ewigen Lama! Er offenbart seinen heiligen Willen nur allein seinem obersten Priester auf Erden. Dieser verkündet ihn dann uns Unterpriestern, und wir unterrichten darauf dann erst das Volk, das uns blindest zu gehorchen hat. Denn sind wir auch unendlich klein und wenig vor des Lama höchstem Priester, so sind wir aber dennoch unendlich viel und groß und willensmächtig vor dem Volke! Ein Wort aus unserem Munde ist dem Volksmenschen ein unwandelbares Gesetz, weil das Volk es wohl weiß, daß des Lama und unser Wort eins ist!‘
GEJ|5|27|10|0|Ich fragte ihn, ob Lama denn nie einen Grund angäbe, warum er über so einen Menschen solch ein entsetzlich grausames Bußwerk verhänge. Sagte der Priester abermals mit der freundlichsten und mit der demutsvollsten Miene von der Welt: ,Sagt Lama auch je einem Menschen, wie, wann und warum er ihn mit einer schmerzlichsten Krankheit behaftet? Lama ist höchst weise, allmächtig und gerecht. Er tut, was er will, und fragt nie jemanden um Rat, und der Menschen Urteil ist ihm ein Greuel! Wer aber kann sich dem Willen Lamas widersetzen, der da allmächtig ist? Es wäre das Entsetzlichste des Entsetzlichen und das Schrecklichste des Schrecklichen, ihn gar zornig zu machen! Es ist darum dem Menschen heilsamer, auf dieser Welt, auf der alles sein Ende hat, sich alle Martern anzutun, als in der andern Welt ewig im erschrecklichsten Zornfeuer Lamas zu brennen.‘
GEJ|5|27|11|0|Darauf fragte ich den freundlichen Mann, der mit der größten und frömmst aussehenden Gemütsruhe jahrelang zuschauen konnte, wie hundert Büßer auf das unerträglichste nach dem ihnen kundgemachten Willen Lamas ihr Fleisch peinigten und abtöteten, warum denn unter den Büßern kein junges Weib, noch weniger ein Mädchen, ebenso auch gar kein Priester sich vorfinde. Man sähe bloß so mehr bejahrte Menschen, zumeist Mohren, und ganz alte, gewöhnlich sehr häßliche Weiber! Darauf sagte der fromme Priester nichts als: ,Lieber, wißbegieriger Fremdling, jede Erklärung liegt in dem ,Lama will es also!‘ Weiß man das, so ist jedes weitere Fragen überflüssig!‘“
GEJ|5|28|1|1|28. — Die indische Priesterwirtschaft
GEJ|5|28|1|0|(Roklus:) „Diese Antwort ärgerte mich, einen römischen Bürger, und ich sagte zu ihm: ,Freund, würdest du mir auch dann also antworten, wenn ich an der Spitze von zehnmal hunderttausend Kriegern mit schärfster Miene auf Leben und Tod diese Frage gestellt hätte und dir geboten haben würde, alle diese armen Faune von Büßern augenblicklich ihrer Buße zu entheben?‘ Hier stutzte der fromme Mann ein wenig, sah mich mit einem sehr fragenden Blicke an und schien sehr nachzudenken, was er mir auf diese Frage antworten solle.
GEJ|5|28|2|0|Ich aber sagte zu ihm mit einem ganz ernsten Gesicht: ,Ja, ja, betrachte mich nur, damit du mich später an der Spitze eines mächtigsten Kriegsheeres desto eher und leichter erkennen wirst, wenn ich die böse und feste Burg eures grausamsten Gottes und seines Oberpriesters angreifen und zerstören werde!‘ Da raffte sich mein vorher gar so freundlicher Seelenhirte zusammen, machte ein grimmiges Gesicht und sagte zu mir: ,Du irrsinniger Sterblicher, eher zerstörest du den Mond denn Lamas festeste Burg! Aber wo steht dein Heer?‘
GEJ|5|28|3|0|Sagte ich: ,Das werde ich dir nicht auf die Nase binden! Es bedarf aber nur eines Winkes von mir, und du böser Mensch wirst es dann schon noch früh genug erfahren, wo sich mein Kriegsheer aufgestellt hat! Ich sage dir: Wenn du mir nun über den Lama und über seinen Oberpriester und über euren Verband mit ihm und den Grund dieser schändlichsten Menschenmißhandlung nichts mitteilst der vollsten Wahrheit gemäß, so laß ich dich ergreifen und dich martern mit allem, was mir meine Phantasie eingeben wird, zwanzig Jahre lang, damit auch du es verkosten magst, wie es diesen armen Büßern zumute sein muß unter solchen unerhörten Qualen und Martern!‘
GEJ|5|28|4|0|Jetzt sah der fromme Mann, daß mit mir allenfalls kein Scherz zu treiben wäre, und fing an, obwohl sichtlich ungern, mit der Wahrheit herauszukommen, aber wohl mit der Vorbemerkung und Bitte, daß er dann mit mir fortkomme, da er sonst seines Lebens nicht mehr sicher wäre, was ich ihm denn auch zusagte, worauf er gleich also auszukramen anfing:
GEJ|5|28|5|0|,Es gibt bei uns wohl eine Schrift, die noch von den Erzvätern dieser Erde herrühren soll. Die Verfertiger derselben sollen nach dem Geheiß des höchsten Gottes, dessen rechten Namen nur der Oberpriester kennt, ein gewisser Kienan, Jared und Henoch sein. Auch vom Nohai und Mihihal sind gedehnte Berichte im großen Weltbuche der Bücher vorhanden; aber wir kennen deren Inhalt nicht und können auch nie einen Blick hineintun, weil darauf die qualvollste Todesstrafe gesetzt ist.
GEJ|5|28|6|0|Es hat von uns Unterpriestern nie je einer den Lama gesehen! Man kann schon von sehr viel Gnade und Glück reden, so man im Leben nur einmal des Lama Oberpriester zu Gesichte bekam. Vom Lama selbst ist schon gar keine Rede! Der Oberpriester hat Kenntnis von den Lebensverhältnissen aller seiner Untertanen und aller der ihm untergeordneten Fürsten, mit denen er also gebietet wie sonst ein Herr mit seinen Dienern. Sie müssen ihm in allem, was er will, gehorchen, ansonst kostet es ihn bloß ein Wort an seine Völker, die an ihn blindlings und allerfestest glauben und alles Wohl und Wehe einzig und allein nur von ihm erwarten, und diese erheben sich und bringen alle die Fürsten mit der größten Freude von der Welt um, weil sie sich dadurch Lamas höchstes Wohlgefallen aneignen würden. Das wissen die Fürsten recht genau und tun demnach aus eigenem Interesse dem Oberpriester alle erdenklichen Ehren an und opfern ihm jährlich große Summen Goldes und Silbers und bereichern ihn noch obendrauf mit den schönsten Herden.
GEJ|5|28|7|0|Diktiert er einem oder dem andern eine Leibesbuße, von der auch nicht ein Fürst ausgenommen ist, so können die Fürsten dieselbe entweder mit Gold und mit den kostbarsten Edelsteinen und Perlen lösen, oder sie können bittlich um die Bewilligung einkommen, der zufolge dann jemand anders, wenn er ein ganz frommer Mensch ist und noch nie eine Buße zu verrichten bekam, für einen Fürsten eine Bußwirkung als für den Fürsten gültig übernehmen kann, so er will; denn das ist des frommen Menschen ganz freiem Willen überlassen, wie auch die Bestimmung der Stellvertretungsgebühr, die bei solchen Gelegenheiten nie gar zu gering ausfällt. Denn dergleichen fromme Stellvertreter holen sich schon vorher bei den Bußverkündern des sichern Rates und können die einem Fürsten diktierte schmerzlichste Leibesbuße in eine beliebige leichtere umgestalten, die vom Oberpriester Lamas als für den Fürsten gültig angenommen wird, so er dem Bußsubstituten eine genügend große Summe dafür entrichtet hat, von welcher der jeweilige Substitut (Stellvertreter) zwei Drittel an uns Priester abzuliefern hat.
GEJ|5|28|8|0|Es ist bei den Bußverhängungen überhaupt diese geheimgehaltene Norm anzunehmen, daß die Bußen höchst selten über die armen Menschen verhängt werden; und werden sie schon verhängt, so gehören sie schon allzeit den allerleichtesten Bußarten an. Große und schwere Bußen werden gewöhnlich nur den Reichen und Wohlhabenden auferlegt, die sich entweder zum Teil oder aber auch ganz von der Bußübung loskaufen können, so sie gerade wollen. Ganz aber kauft sich außer den Fürsten schon selten jemand los, weil so ein voller Loskauf ihn seines ganzen Vermögens berauben würde. Der Geizige verrichtet die Buße dann schon selbst und tut sich eher die größten Martern an, ehe er sein Gold und Silber ausliefern würde. Hat der, dem eine Buße diktiert ward, etwa eine sehr schöne Tochter oder auch einen sehr schönen und wohlgebildeten Sohn, so kann er diese an der Stelle des Goldes und Silbers dem Oberpriester zum Opfer bringen, freilich mit einer kleinen Mitgift und wohlgeschmückt und reichlichst gekleidet; denn dergleichen kann der Oberpriester und seine zahllos vielen Diener auch gut gebrauchen und zu allerlei Dienst verwenden. Denn er besitzt ein ungeheuer großes Ländergebiet für sich zumeist in den Bergen und Höhen, die eine solche Ausdehnung haben, daß ein Mensch jahrelang umherzugehen hätte, um alle die Ländereien gesehen zu haben, die dem Hohenpriester als ein Geschenk vom Lama gehören.‘“
GEJ|5|29|1|1|29. — Die Residenz des Lamaoberpriesters
GEJ|5|29|1|0|(Roklus:) „,Die Stadt, in der er residiert, hat keinen Namen, ist sehr groß und für die Ewigkeit fest erbaut. Sie steht, umgeben von lauter unübersteigbar höchsten Gebirgen, selbst auf einem hohen Berge, über dessen Felswände wohl niemand zu klettern imstande sein dürfte, wenn er sich auch dem umfangreichen Berge nahen könnte, was aber dadurch zur barsten Unmöglichkeit wird, weil der ganze große Berg, auf dem die namenlose Stadt erbaut steht, in der Hochebene, die eine große Ausdehnung hat, mit einer dreifachen Ringmauer umgeben ist, durch die nirgends ein Tor geht; man kann über die Mauern nur mittels von oben herabgelassener Strickleitern gelangen.
GEJ|5|29|2|0|Ist man aber auf diese Art auch über die drei gewaltigen Mauern glücklich gekommen, so steht man nun an den kahlen Felswänden des Berges. Man geht dann fleißig einen ganzen und guten halben Tag um den Berg herum und sucht vergeblich einen möglichen Aufgang, den man aber unmöglich findet, weil es äußerlich keinen gibt. Nur die Wächter der dritten Ringmauer kennen das Tor in einen Felsen, zu dem man aber auch nur wieder über eine herabgelassene Strickleiter gelangt. Ist man einmal auf dem Felsvorsprunge oben, der vom Boden gut bei zwölf Manneshöhen absteht, so hat man noch nichts erreicht, wenn die Wächter dieses Vorsprunges, der oben einen Flächenraum von gut zwei Morgen innehat, einem das Tor nicht öffnen und einen mittels eines Fackellichtes durch einen langen, unterirdischen Gang hin auf des Berges Höhe führen.
GEJ|5|29|3|0|Ist jemand nach einer starken Stunde auf unterirdischen Treppengängen einmal auf der vollen Bergeshöhe angelangt, so kann sich sein Auge nicht satt sehen an den großen Naturherrlichkeiten, die es da erblickt. Der obere Flächenraum ist mehrere Hunderte von Morgen groß und besteht aus den üppigsten Gartenanlagen. In der Mitte der Hochfläche befindet sich auch ein bei zwei Morgen großer See, der zwar nicht sehr tief ist, aber das reinste und wohlschmeckendste Wasser enthält und alle Einwohner der großen und heiligsten Bergstadt mit seinem unentbehrlichsten Elemente bestens versieht.
GEJ|5|29|4|0|Man geht nun stundenlang auf der hohen Bergfläche umher und bemerkt keine Spur von einer Stadt. Will man in diese kommen, so muß man erst einen ziemlich gedehnten Wald passieren, kommt dann wieder zu einer Ringmauer von großem Umfange, durch die man aber durch Tore und Zugbrücken gelangen kann. Kommt man also nach vielen Mühen und Beschwerden in die große Stadt, so ist da eine Herrlichkeit zu sehen, von der sich kein Sterblicher einen Begriff machen kann. Man kann da alles sehen bis auf den Palast des Oberpriesters.
GEJ|5|29|5|0|Dieser befindet sich in der Mitte der großen Stadt auf einem noch höheren Felsen, der einen Umfang von gut dreitausend Schritten hat und noch bei dreißig Mannshöhen über die anderen Gebäude der großen Stadt ragt. Man gelangt in diesen heiligsten Palast auch nur durch unterirdische Treppen. Wie es aber darin aussieht, kann ich dir nicht sagen, weil ich erstens selbst nie darin war und mir auch niemand davon je eine Beschreibung gemacht hat; denn außer den Hochdienern des Oberpriesters darf bei Lebensstrafe niemand jemals es wagen, sich auch nur der Eingangspforte zu nahen.
GEJ|5|29|6|0|Es soll wohl zu öfteren Malen der Oberpriester verkleidet in die Stadt herabkommen, auch in den Gärten Lustwandlungen vornehmen und sich besprechen mit den anderen Priestern als den einzigen Bewohnern dieser Stadt; aber es darf ihn da ja niemand erkennen oder ihn gar als Oberpriester begrüßen. Wer von den Priestern das tun würde, würde sich sehr bedenklichen Unannehmlichkeiten aussetzen. Nur viermal im Jahre ist ein Tag bestimmt, an dem er sich im vollsten Ornate den Bewohnern der Stadt zeigt. Das sind aber dann auch die höchsten Feiertage. Drei Nächte vor- und drei Nächte nachher erbrennt der ganze Berg von zahllosen Lichtern, so daß davon alle die Umgebirge weit und breit wie glühend erscheinen, was stets einen furchtbar schönen Anblick gewährt.
GEJ|5|29|7|0|Zu dieser Hochebene, in deren Mitte sich der nun beschriebene Berg mit der heiligen Stadt befindet, gelangt man aber auch nicht so leicht, wie du dir's vielleicht vorstellst; denn man muß da zuvor tagereisenlang viele Berge, Täler, Gräben und Schluchten passieren. Am Ende kommt noch ein Engpaß, wie es keinen zweiten irgend in der Welt mehr geben kann! Um endlich in die Hochebene zu gelangen, muß man über Leitern steigen, ohne die es unmöglich wäre, auf die Hochebene zu kommen. Da kannst du mit aller deiner Macht unmöglich vorwärtsdringen; denn diese Naturfestungen sind für keine irdische Kriegsmacht einnehmbar, weder durch Belagerung, noch durch was immer für andere Gewaltmittel. Du kannst zwar die Völker auf eine Zeitlang von ihrem Lamaoberpriester abschneiden, – aber sie von ihm abwendig machen nimmer! Denn dafür sorgen schon seine mächtigen Fürsten, von denen dir ein jeder deine Kriegsmacht verdoppeln kann. Ich rate es dir demnach nicht, dich am großen Indien zu vergreifen; denn es würde dir dabei sehr schlecht ergehen!‘ – Hierauf schwieg er wieder, und ich hatte Zeit, mir meinen schönsten Teil zu denken. Daß der Indiergott abermals ein Mensch ist und sich sehr wohl zu befestigen verstanden hat, das habe ich herausbekommen und wußte nun eben das, was ich hatte wissen wollen.“
GEJ|5|30|1|1|30. — Roklus kritisiert die indische und die jüdische Religionslehre
GEJ|5|30|1|0|(Roklus:) „Ja, ich hatte früher mich dahin ausgesprochen, daß die Idee des Menschen von einem einigen Gotte, dem von Ewigkeit her schon gleichfort die größte Intelligenz, der klarste Verstand, die höchste Weisheit und der beste und allmächtigste Wille innewohnte, wohl zu den schönsten und des Menschen würdigsten zu zählen wäre. Aber der Begriff von einem also überaus vollkommenen Gottwesen müßte dem Wesen angemessen auch ein höchst reiner sein, fände er im geistigst transzendentalen Hintergrunde schon eine Realität oder auch keine! Aber unter was für allerlei dümmsten und materiellsten Begriffen wird so ein Gottwesen bekennet, und mit welch allerleiartiger List und oft grausamster Gewalt wird dasselbe den andern noch nüchternen Naturmenschen zur Anbetung und tiefsten Verehrung aufgedrungen!
GEJ|5|30|2|0|Da heißt es, wenn man sich als ein erfahrener Denker dagegen sträubt: Ein Gott muß sein, gleichviel, was er für ein Gesicht macht; ob ein eines Gottes würdiges oder ob ein noch so fratzenhaft dummes, das ist dem stockblinden Menschen im allgemeinen stets gleich gewesen! Kann aber das auch einer gebildeten, reinen Vernunft gleich sein? Ich glaube es nicht; denn eine reine Vernunft basiert auf einer mathematisch richtigen, logischen Ordnung und kann sich bei allem Zwange nimmer vorstellen, daß ein Meister, von dem seine kunstvollsten und geordnetsten Werke zeugen, welche vielen Kenntnisse und gediegensten Erfahrungen er besessen haben muß, um solche großartigsten und geordnetst künstlichen Werke ins Dasein zu rufen, noch um vieles dümmer und stupider gewesen sei als der allerdümmste Fisch im Wasser!
GEJ|5|30|3|0|Woher aber, sagt man, könnte ich das vermuten, daß eine von Millionen Menschen tiefst verehrte Gottheit gar so entsetzlich dumm sein sollte? Nein, höre, du hoher Freund, dazu gehört wahrlich nicht gar soviel! Ich rede nun ganz offen, wie es mir auch ganz offen aus dem Herzen im Munde liegt. Gehen wir die Gebote der uns bekannten Gottheiten durch, und betrachten wir ihre uns allein sichtbaren, bildlichen Vorstellungen, und wir haben genug! Mehr braucht man darüber gar nicht zu sagen.“
GEJ|5|30|4|0|Sagt hier Cyrenius: „Na, gegen das Mosaische der Juden wirst du hoffentlich doch nichts einzuwenden haben?“
GEJ|5|30|5|0|Sagt Roklus: „Das ist allerdings noch das beste von allen Geboten, die mir als von Göttern herstammend vorgekommen sind. Die Einheit Gottes hat viel für sich, und die Gesetze, wenn schon nicht erschöpfend, sind möglichst human und haben eine große Ähnlichkeit mit jenen des alten Ägypten; nur hat er ein gar weises Gesetz der alten Ägypter nicht wiedergegeben! Es ist sehr schön und löblich, daß die Gottheit Mosis ein Gesetz den Kindern gibt, wie sich diese gegen ihre Eltern zu benehmen haben; aber die Isis der Ägypter hatte auch ein recht weises Gesetz den Eltern gegeben, wie sich diese gegen ihre Kinder zu benehmen haben sollen, da auch die Kinder Menschen sind und von ihren Erzeugern etwas Gewisses mit allem Rechte zu verlangen haben sollen, das ihnen gebührt; denn sie haben sich nicht selbst in diese Welt hineingezeugt und sind vorher nicht gefragt worden, ob es ihnen wohl recht sein werde, unter oft sehr bitteren Bedingungen in diese Welt gesetzt zu werden. Kurz, die kleinen, schwachen Erstlingsmenschen haben beim Moses wohl ein Gesetz für den Verhalt gegen ihre Alten; aber diese haben keines gegen die Kinder, und so stehen diese rechtlos vor ihren Eltern, gleich den Sklaven gegenüber ihren Herren. Es sind von Moses wohl spätere und nachträgliche Anordnungen auch in dieser Hinsicht gegeben worden; aber im anfänglichen Gesetze, das auf dem Berge von Gott gegeben worden sei, kommt darin nichts vor.“
GEJ|5|31|1|1|31. — Roklus preist die Gottlosigkeit und das Nichtsein
GEJ|5|31|1|0|(Roklus:) „Ich habe viel mit Juden verkehrt und kenne alle ihre Gesetze vielleicht besser als so mancher von ihnen; denn mir lag daran, sie genauest kennenzulernen. Ein altes Sprichwort sagt zwar: ,Wer sucht, der findet!‘, – aber bei mir hat sich dieser Spruch bisher noch nicht bewahrheiten wollen; denn ich fand stets nur das, was ich nicht gesucht habe. Ich habe die echte und wahre Gottheit gesucht, und das mit vielem Fleiße und mit vielen Aufopferungen von Geldmitteln, Mühen und Strapazen aller Art, und das auch stets nüchternen Geistes und Verstandes, – fand aber nichts, gar nichts als Menschentrugwerk aller Art und Gattung, wo von einer wahren Gottheit nicht ein Sonnenstäubchen groß herausgeschaut hat. Überall fand ich im besten Falle entweder den patriarchalischen Autoritätsglauben, aber stets in einen ganzen Urwald von Mystik eingehüllt, oder im schlimmeren Falle den leichtsinnigsten Aberglauben oder im gar allerschlimmsten Falle den tollsten Glauben aus politisch knechtischem Zwange, unter dessen Ägide (Schutz) es am Ende selbst einem von Natur aus mit den hellsten Anlagen versehenen Geiste nicht mehr möglich wird, sich über dem Schlamme der krassesten Dummheiten zu erhalten. Er wird euch ein Heuchler und ein Scheusal in seinen höchst eigenen Augen werden; denn etwas Scheußlicheres und Elenderes kenne ich nicht gegen die hohe Würde eines Menschengeistes, auf ein von seiten eines mächtigen Tyrannen sanktioniertes Gesetz hin annehmen zu müssen, daß am Tage nur stets der Mond leuchtet und den Tag bewirkt und in der Nacht aber die Sonne; und wer das nicht glaubt, dem werden die Augen ausgestochen, Nase und Ohren abgeschnitten und die Zunge aus dem Munde gerissen. Das ist der erste Grad der Strafe für den Unglauben.
GEJ|5|31|2|0|Glaubt ein so verstümmelter Mensch dann noch nicht, was ihm zum Glauben vorgestellt wird, so wird der Ungläubige auf ein rauhstes Querholz ganz nackt an Händen und Füßen – sage – angenagelt, darauf wird ihm der Bauch nach kreuz und quer aufgeschlitzt, und es werden dann ausgehungerte Hunde hinzugelassen, die dem Ungläubigen bei noch völlig lebendigem Leibe Gedärme und Eingeweide aus dem Leibe herausreißen und auffressen! Wer das etwa nicht glauben könnte, der reise nach Indien, und er wird nicht nur das, sondern noch tausendfach Ärgeres antreffen, was sich die Menschen selbst antun müssen. Und würde sich jemand weigern, sich selbst die scheußlichste Marter als Büßer anzutun, dem wehe, wehe, wehe, – dem ist der Tod mit tausend Eiden geschworen, natürlich der allergrausamsten und verzweiflungsvollsten Art! Und, Freund, dahinter solle irgendeine höchst weise, höchst gute, gerechteste und allmächtige Gottheit verborgen sein? So ich ein zehnfacher Narr würde, so wäre mir so etwas anzunehmen dennoch unmöglich!
GEJ|5|31|3|0|Darum höret mir auf mit allem Göttertume! Die Menschen benötigen ewig keines Gottes, wohl aber der wahren philanthropischen Philosophie und einer auf Vernunftprinzipien gegründeten Humanität, und sie werden dadurch selbst ganz vollendet vollkommene Götter. Mit der reinen Vernunft und mit ihrem geweckten Forschungsgeiste werden die scharf sehenden und fein fühlenden Menschen der großen Schöpferin Natur bald recht viele und wichtige Geheimnisse ablauschen und wunderbare Taten zustande bringen, von denen keinem von uns noch je etwas geträumt hat, und die Menschen werden ohne die alten, dummen Götter ganz überaus glücklich untereinander im Handel und Wandel leben, und der physische Tod, hinter dem sie zwar weder ein Elysium, noch weniger irgendeinen allerwahnsinnigsten Tartarus in ihrer reinen Phantasie schauen und erwarten werden, wird ihnen sicher eine viel geringere Angst machen denn so, wo sie nach der Ablegung des Leibes erst die rechte und allerscheußlichste Kalamität für ewig dauernd erwartet.
GEJ|5|31|4|0|Ich war Ewigkeiten nicht; fühle ich etwa eine Traurigkeit deshalb, daß ich nicht war? Also werde ich um dies tolle Sein sicher noch weniger etwas von einer lästigen Traurigkeit fühlen im Zustande meines abermaligen und völligen Nichtseins. Ich halte das völlige Nichtsein für den glücklichsten Stand eines einmal dagewesenen Menschen; das Sich-daseiend-Fühlen selbst in den glücklichsten Zuständen ist schon an und für sich schlechter, weil mit dem glücklichsten Dasein auch die Furcht mit da ist, entweder in ein unglückliches Dasein gar leicht geraten zu können oder mit dem Tode dereinst den höchst glücklichen Zustand doch offenbarst und sicherst verlieren zu müssen.
GEJ|5|31|5|0|Das vollkommene Nichtsein hat weder das Glück zu genießen, noch desselben sicher kommenden Verlust schon im voraus zu betrauern. Einen rechten Philosophen meiner Art wird daher kein Tod, den die Natur gibt, schrecken, wohl aber ein Martertod! Denn darum hat die liebe Natur den Menschen ja etwa doch nicht hervorgebracht aus irgendeinem in ihrem Erdhumus erzeugten Stoffe, damit er sich martern lassen solle von seinesgleichen!? Kurz, ich sehe in dem Wirken der Natur sehr viel Weises, obwohl ich gerade auch nicht jede Wirkung der rohen Naturkraft für unbedingt allerweisest und zweckmäßigst halte; aber ich werde darüber nie eine Klage erheben.“
GEJ|5|32|1|1|32. — Die Naturphilosophie des Roklus
GEJ|5|32|1|0|(Roklus:) „Die rohen und dabei dennoch gewaltigsten Kräfte der Natur können nicht anders als nur höchst roh wirken, und ihr sogestaltiges Wirken ist ein notwendiges; denn ihr tobendes Wirken ruft die Kleinkräfte ins Leben, und diese gestalten sich dann erst zu etwas, wenn sie durch das gewaltigste Wirken der großen Rohkräfte gewisserart ins Leben gerufen werden. Durch gegenseitiges Anziehen und Abstoßen werden die kleinen Kräfte erst gestaltig und fangen an, die angenommenen Formen auszubilden, treten also in ein gefühltes Dasein, das sie so lange behalten, als sie in ihrer Abgesondertheit einer andern, mächtiger auf sie einwirkenden Kraft zu widerstehen vermögen. Hat diese die Kleinkraft überwältigt, so ist es mit der abgesonderten Kleinkraft völlig gar. Es löst sich da sogleich die Form mit ihr auf, und alles wird von der Großkraft wieder verschlungen, wie solches auch das sicher von einem Weisen der Urzeit ausgedachte Bild des Kronos recht treffend zeigt, wie er als Genitor der Götter seine Kinder wieder verschlingt. Die Zeit und die in ihr wirkenden Kräfte sind eben der besagte mythische Urgott Kronos. Die Zeit bringt alles hervor; immerwährend erzeugt sie lachende Fluren und zugleich die dürren Stoppelfelder. Werden und Vergehen, Leben und Tod, Sein und Nichtsein wandeln stets gleichzeitig miteinander einher. Keine Ruhe, keine Rast; eine Woge ruft die Nachbarin ins Dasein, – aber zwischen ihnen gehet auch gleich die Furche, das Grab, einher! Was da trägt den Stempel des Lebens, das trägt auf der Kehrseite auch den Stempel des Todes.
GEJ|5|32|2|0|Das alles aber ist für den sorglichen Beobachter der Dinge, wie sie kommen und vergehen, eine notwendige Folge von der beständigen Wechselwirkung der verschiedenen Einzel- und Sonderkräfte in der großen Natur. Diese erwecken sich gleichfort gegenseitig und zerstören sich also wieder kämpfend, wie sie sich kämpfend ins Dasein gerufen haben. Ich sehe allenthalben ein fortwährendes Wogenspiel, und die oft fabelhaften Gebilde der in der Hochluft schwebenden Wolken liefern uns einen ganz handgreiflichen Beweis dafür, in welche höchst verschiedenen Formen sich die gegenseitig wirkenden Kräfte hineinzwängen. Bald kommt ein Löwe, bald ein Drache, bald ein Vogel, ein Fisch, ein Hund, ja sehr oft sogar ein Menschenkopf, manchmal sogar ein zerfratzter ganzer Mensch zum Vorschein! Aber wie lange dauern diese oft recht schön ausgebildeten Formen? So lange, als keine stärker auf sie einwirkende Kraft sie vorerst um die schöne Form und endlich gar ums Dasein bringt!
GEJ|5|32|3|0|Ist es denn aber mit unserer Form und mit unserem Dasein etwa sehr viel anders? Durchaus nicht! Wie sehr verändert sich diese beim Menschen von der Geburt an bis in sein Greisenalter, wenn er ein solches erreicht! Und wo ist der stolze Mensch, der vor tausend Jahren die ganze Erde zu erobern sich vornahm? Dort, wo die Schneeflocke weilt, die mit ihren Millionen Geschwistern die ganze Erde in Eis zu verwandeln bemüht war! Wo ist der Orkan, dem gestern noch die stärksten Zedern im Wege standen, und der ihrem Dasein ein völliges Ende zu machen drohte? Eine mächtigere Gegenkraft hat ihn, wie der Kronos seine Kinder, verschlungen! Nur in unserer auch nur zeitweiligen Erinnerung besteht er sehr mattgeistig noch fort; in der Wirklichkeit aber hat er für die ganze Ewigkeit zu toben aufgehört!
GEJ|5|32|4|0|Als ich durch Persien reiste, ward ich Zeuge einer höchst merkwürdigen Naturerscheinung. Es war ein glühheißer Tag, so daß wir mit unserer Karawane unter großen, schattigen Bäumen Schutz vor den zu glühend heißen Sonnenstrahlen suchen mußten. Etwa ein paar Stunden vor dem Sonnenuntergange bemerkten wir von Osten her ein starkes, kohlschwarzes Gewölke aufsteigen und die Zugrichtung gegen uns nehmen. Unsere Führer prophezeiten uns einen mächtigen Sturm und rieten uns, den Wald nicht eher zu verlassen, als bis der Sturm vorübergesaust sein werde. Wir taten das, und in einer halben Stunde war der Sturm mit Blitz und Donner über uns. Es krachte und tobte ganz entsetzlich in den Bäumen, und mancher starke Ast hat da sein Dasein eingebüßt, und das arme Laub der Bäume hat gewaltig gelitten. Es fing an zu regnen, aber eben nicht zu reichlich; doch ward es finsterer und finsterer. Als der Regen aber einige Augenblicke anhielt, da fingen unter den stets reichlicher fallenden Regentropfen auch ganz vollkommen ausgebildete Kröten millionenweise aus den Wolken mit dem Regen auf die Erde zu fallen an. Die ins Wasser fielen, die schwammen ganz gut herum, während nur wenige die auf den harten Erdboden fielen, mit dem Leben auf einige Augenblicke davonkamen. Merkwürdig war es, daß wenige Augenblicke nach diesem sonderbaren Sturm, der eine starke Viertelstunde anhielt, als die dem Untergange sich nahende Sonne wieder ihre heißen Strahlen auf den Erdboden schießen ließ, auch unsere Kröten verschwanden und nichts als ein schleimiger Schimmel von ihnen übrigblieb, und das auch nur hier und da.
GEJ|5|32|5|0|Nun frage ich, von woher diese zahllos vielen Kröten gekommen sind, und wer sie also gebildet hat? Wer anders als die Naturkräfte, die sich wie zufällig in der Art begegnet sind, daß aus ihrem gegenseitigen Anstreben gerade die Kröten entstehen mußten! Diejenigen, die ins Wasser kamen, fanden wahrscheinlich eine ihnen zusagende Nahrung in ihrem Hauptelemente, und es dürften viele erhalten worden sein; aber die da auf den glühheißen Erdboden fielen, trafen ein ihrem Wesen feindliches Element und ihnen sehr entgegenstrebende Kräfte, und die Folge war die völlige Auflösung ihrer für die Kürze ihres Seins noch zu wenig gediegenen Existenz. Die Natur wirkt, wie man aus gar vielen Erscheinungen gar deutlich abnehmen kann, allzeit blind ohne irgendwelche ökonomische Berechnung; sie erzeugt Dinge von einer oder der andern Art stets in einer solchen Unzahl, von der gewöhnlich kaum der hundertste Teil zu einer gediegenen und dauernden Existenz gelangt. Man betrachte nur einen Baum, der im Frühjahre seine Blüten ansetzt! Wer wollte oder könnte die tausendmal tausend Blüten zählen? Man gehe aber nur acht Tage nach der Blütezeit unter dem Baume herum, und man wird da schon eine große Menge herabgefallener Blüten samt den Nährstengelchen am Boden finden; darauf aber geht dann das Herabfallen des zu vielen Ansatzes in einem fort bis zum vollen Reifwerden des am Baume Gebliebenen.“
GEJ|5|33|1|1|33. — Der Gott der Naturphilosophen
GEJ|5|33|1|0|(Roklus:) „Wäre nun irgendein höchst weiser Gott der Schöpfer des Baumes und seines Fruchtansatzes, so würde er doch sicher ökonomischer zu Werke gehen, weil denn eine weise Ökonomie doch auch in die Sphäre der Weisheit gehört! Aber aus dem oft höchst unwirtschaftlichen anfänglichen Ansatze der Dinge leuchtet ja doch mehr als klar hervor, daß die aus den rohen Naturkräften in ihrem gegenseitigen, sich zumeist auf dieselbe Art stets wiederholenden Kampfe hervorgehenden Dinge in einer Unzahl angesetzt werden, von der dann nur so viele zu Vollendung gelangen, als inwieweit die streitenden Kräfte sich gegenseitig nicht zum Schweigen gebracht haben; denn mit solchem Schweigen hört die wirkende Ursache des Werdens und Erhaltens auf und mit ihr notwendig das hervorgebrachte Werk selbst. Insoweit aber der einmal angefangene Kampf sich noch forterhält und fortwährt, wird auch sein Werk mit ihm fortbestehen, gedeihen und zu einer bestimmten Reife gelangen.
GEJ|5|33|2|0|Würde eine ihrer selbst und jeder ihrer Handlungen klarst bewußte Gottheit mit aller Weisheit und mit aller der beharrlichsten Willensfestigkeit auch also handeln können? Ich sage: Nein, das müßte ihr noch um vieles unmöglicher sein, als so ich mir einen allerweisesten Herrscher denken sollte, der mit dem größten Fleiß und Kostenaufwand Städte und Paläste erbauete, um sie hernach wieder übern Haufen zusammenzuschmeißen, und der es so treiben würde fort und fort! Würde es da wohl noch irgendeinen noch so blöden Menschen geben auf der Erde, dem es einfiele, ihn weise zu nennen?! Nun soll aber der denkende und vielerfahrene Mensch einen Gott weise nennen, der dasselbe in einem noch viel komplizierteren Maße tut, der Werke von höchster innerer organischer Vollendung zum größten Teile bloß darum ins Dasein ruft, um sie gleich wieder zu verderben und zu vernichten! Nein, das stelle sich vor, wer sich in der großen Beschränktheit seiner Erkenntnisse und Erfahrungen so was in seiner großen Blindheit vorstellen kann; mir ist das unmöglich!
GEJ|5|33|3|0|Beim höchst weisesten Gotte muß zwei und zwei so gut die Summe vier geben wie beim im Rechnen kundigen Menschen. Sagte ein irgend bestehender Gott aber: ,Du, mein lieber Mensch, bei mir ist zwei und zwei fünf, auch sieben!‘, so würde ich selbst zu solch einem Gotte sagen: ,Entweder bist du ein Narr, oder es beliebt dir, mich für einen zu halten; denn mit solch einer Rechnungskunde wird sich von dir schwer eine ganze Welt erschaffen und erhalten lassen! Eher wird ein Blinder einer der berühmtesten Kunstmaler, als bis du mir mit solcher deiner Weisheit den schlechtesten Pilz dem Erdboden entlockst!‘ Wir Griechen hatten einen Maler namens Apelles, der malte Menschen und Tiere derart naturgetreu, daß die Natur, man konnte sagen, übertroffen war. Nun, dieser berühmte Maler tat gewiß keinen Strich umsonst, sondern hat jeden gar wohl berechnet; wie viele Striche aber macht solch ein weisest sein sollender Gott, bei dem aus ganz besonderen, weisen Gründen zwei und zwei auch sieben sein kann oder gar muß, umsonst!
GEJ|5|33|4|0|Da steht oft im Frühjahre alles so schön und hoffnungsreich! Die Menschen freuen sich schon auf eine gute Ernte, um ihre Arbeit und Mühe belohnt zu bekommen. Sie danken schon im voraus dem unsichtbaren Wesen, das sie nach ihrem ihnen von Kindheit an eingepflanzten Glauben als den allmächtigen Gott oder auch als mehrere Götter anbeten. Aber gerade ein paar Wochen vor der Ernte kommt ein gewaltigster Sturm und verheert ein ganzes Land derart, daß die guten Menschen nicht so viel von der angehofften Ernte bekommen, als sie hinter einem Nagel verbergen könnten! Das ist eine Erscheinung, die sich auf der Erde, soweit wir sie kennen, alle Jahre sicher in den verschiedensten Ländern regelmäßig bald hier und bald dort wiederholt.
GEJ|5|33|5|0|Nun eilen die blinden, abergläubischen Schafe von Menschen zu ihren bodenlos habgierigen Priestern und fragen diese, was sie denn doch verschuldet hätten vor Gott oder vor den Göttern, daß diese sie gar so hart heimgesucht hätten! Stehet den Priestern wohlbekannt das Volk so da, daß diese Gesetzgeber an Gottes Statt durchaus nicht gegen die gesetzliche und also von den Göttern geforderte Lebensweise etwas einzuwenden haben, dann nehmen die Priester ein ganz gutmütiges und mitleidiges Gesicht an und vertrösten die armen Schafe, so gut sie's nur können und mögen, ermahnen sie mit gar sanften Worten zur Geduld und erklären ihnen auch so eindringlich als möglich, daß Gott dadurch bloß ihre Geduld, die Stärke ihres Glaubens und die zufriedenheitsvolle Ergebung in seinen Willen, ihretwegen selbst, auf eine Probe des ewigen Lebens nach des Leibes Tode gestellt habe!
GEJ|5|33|6|0|Den weinenden Juden wird allzeit bei solchen Gelegenheiten der stark mythische Hiob vorgehalten, was eine recht gute Fabel ist; und für die Heiden gibt es in ihren Religionsbüchern auch eine Menge solcher die Traurigkeit der armen Völker niederschlagenden Anekdötchen. Mit solchen Vertröstungen kehren die Völker dann wieder ganz getröstet und gewisserart vergnügt nach Hause zurück und ergeben sich ganz voll der Hoffnung auf bessere Zeiten, und daß sie Gott darum doch nicht werde ganz zugrunde gehen lassen!“
GEJ|5|34|1|1|34. — Roklus vergleicht die Taten der Menschen mit denen Gottes
GEJ|5|34|1|0|Ich aber frage hier bloß, was die weltlichen Gerichte mit einem Menschen tun würden, der sich mit mehreren Helfershelfern den bösen Spaß erlauben würde, etwa in einer Nacht die gesegneten Felder nur einer kleinen Gegend soviel als möglich zu verheeren? Ich glaube, solch einen mutwilligen Bösewicht würden die Römer wenigstens zehnmal kreuzigen, wenn sie seiner habhaft würden, oder sie würden ihn nach einem etwaigen ärztlichen Befunde in eine Irrenanstalt auf lebenslänglich verbannen. Aber einen Gott betet man darum noch an und hält ihn für endlos weise! Auch nicht übel, wenn man sich dabei nur glücklich fühlt! Denn der Götter höchste Weisheit hat ja das unbesiegbare Vorrecht in der ganzen Schöpfung, die allertollsten Streiche auszuüben; sie kann nach Gutdünken rauben, morden und verderben, und es wird niemandem beifallen, sich auch nur zu denken, daß sie da einen böstollen Streich ausgeführt habe. Nur das getrauen sich die abergläubischen Menschen aber doch zu denken, daß die vorbesprochene Verheerung der Saaten eben nichts Gutes war; denn wäre sie etwas Gutes, so hätten sich die armen, guten Menschen den Gang zu den Stellvertretern der Götter sicher erspart.
GEJ|5|34|2|0|Was geschieht denn einem Menschen, der einem andern sein Haus anzündet und ihm dadurch nicht nur das Haus, sondern auch alles, was im selben aufbewahrt war, zerstört und also aus einem wohlhabenden Bürger einen Bettler macht? Meines Wissens gehört der Mordbrenner nach dem Gesetze ans Kreuz. Wenn aber der Herr Gott Zeus den verheerenden Blitz in jemandes Haus schleudert und ihm dadurch alles durchs Feuer verheeren läßt, so ist das undenkbar anders als höchst gut und höchst weise! Wehe dem, der das nicht also nähme und eisenfest daran glaubete; den würde der Pontifex maximus dann schon den Zorn des Gottes Zeus auf eine Art fühlen lassen, gegen die das Abbrennen eines Hauses als eine enorme Wohltat anzusehen wäre! Ich aber bin so frei, hier die Frage aufzustellen, und sage: Wenn die Gottes Stelle vertretenden Menschen die häuserabbrennerische Tat als vom Zeus ausgehend für so weise und höchst gut und gerecht ansehen, warum sehen sie dann eine gleiche Tat, von einem Menschen verübt, für so höchst verworfen schlecht an, daß sie es für nötig finden, ihn dafür mit dem martervollsten Tode zu bestrafen?
GEJ|5|34|3|0|Ich urteile da freilich also und sage: Das wahrhaft Gute und wahrhaft Weise muß, von wem immer verübt, ewig gut und weise bleiben und verdient darum keine Strafe! Weil aber die auf Erden die Götter vertretenden pfiffigen Menschen es geheim bei sich, gleich uns gutmütigen Essäern, wohl wissen, daß es keine Götter, sondern nur eine urrohe allgemeine Naturkraft gibt, deren Wirken ein pur zufälliges ist, das im weiteren Verlaufe und in den verschiedensten Auszweigungen erst in notwendig edlere Formen ausartet, so haben Gottesvertreter mittels ihrer Phantasie die Naturkraft als einen Gott allegorisch personifiziert und den anderen Menschen, die selbst nie etwas dachten, zur Verehrung und Anbetung gewöhnlich bildlich vorgestellt.
GEJ|5|34|4|0|Der auf solche Art ausgeheckte Gott mußte sich denn auch zu rühren anfangen, und das natürlich so wundertätig als möglich! Hatte das Volk einmal den Gott durch mannigfache Wundertaten wahrgenommen, so mußte es sich auch bald scharfe Gesetze von ihm gefallen lassen. Wehe den Übertretern derselben! Damit die Menschheit in ihrer blinden und dummen Furcht vor dem einmal ungezweifelt angenommenen wundertätigen Gotte aber nicht nach einer leicht verübbaren Sünde in eine völlige Verzweiflung übergehen möchte, so haben die pfiffigen Gottesvertreter an Wiederaussöhnungsmittel mit der beleidigten Gottheit gedacht und haben dafür Opfer und andere peinliche Bußarten erfunden, durch die der Sünder wieder zur Freundschaft seines beleidigten Gottes gelangen kann. Und so gibt's nun schon überall auf der lieben Erde nebst den bürgerlichen Landesgesetzen auch von einem oder dem andern Gotte ausgehende Gesetze, die so gestellt sind, daß sich selbst ein in allem noch so keuscher und tugendvoller Mensch ohne weiteres täglich mindestens zehnmal dagegen versündigen muß, wodurch er sich der Gnade und des Wohlgefallens seines Gottes ein wenig unwürdig gemacht hat. Er muß sich am Abende, noch vor dem Untergange der Sonne, durch vorgeschriebene Mittel reinigen, ansonst er gleich in ein größeres Übel verfallen kann.
GEJ|5|34|5|0|Ich kann und will das durchaus nicht schlecht nennen; denn es schadet nicht, so die Menschheit ein zartes Gewissen hat, und gewisse Waschungen und Reinhaltungen des Leibes haben noch keinem Menschen je geschadet. Aber mir und meinesgleichen darf man sie nicht als Anordnungen eines Gottes, der nirgends existiert, aufbürden! Ich und meine Gefährten wissen das, was wir wissen, und niemand kann uns nachsagen, daß wir für unser reinstes Wissen jemals Jünger geworben haben. Aber das wird uns etwa doch geheim wenigstens erlaubt sein, daß wir für uns kein X für ein U halten dürfen?! Wir werden nie jemandem zu nahe treten, da wir sämtlich Menschenfreunde sind; aber wir bitten auch uns ungeschoren zu lassen. Wozu keulen die Priester Jerusalems nun in einem fort auf uns Essäer? Sie sollen sein, was sie sind, und wir, was wir sind; denn sie sind vor dem Forum der reinen Vernunft nicht um ein Haar mehr als wir, – wir im Grunde auch nicht mehr denn sie. Wir verfluchen sie aber nicht, sondern bedauern sie nur ihrer groben Blindheit wegen. Wer aber gibt ihnen das Recht, uns zu verfluchen, da wir doch uns selbst das schwere Problem gestellt haben, nie einen Menschen zu richten und zu verderben, sondern nur jedermann zu helfen mit Rat und Tat?!
GEJ|5|34|6|0|Verüben wir auch falsche Wunder – denn wahre hat es nie gegeben –, so geschieht das darum, um der blinden und blind bleiben wollenden Menschheit desto leichter zu helfen, weil ihr auf einem hellen, rein menschlichen Wege nicht mehr zu helfen ist. Das aber sollte von solchen Priestern, die sich Schriftgelehrte nennen und doch auch wissen müßten, wie sie daran sind, doch auch eingesehen werden! Sie sollten sich mit uns vereinen und mit uns gemeinsam wirken, und in wenigen Jahren schon würde es mit der Menschheit ganz anders aussehen denn jetzt.“
GEJ|5|35|1|1|35. — Roklus zeigt das Herz als Sitz der wahren Gottheit
GEJ|5|35|1|0|(Roklus:) „Aber diese Gottesstellvertreter in Jerusalem sind erstens dumm wie die Nachteulen am Tage, dabei gefräßig wie die Wölfe und herrsch- und eifersüchtig wie ein roter Hahn, und dabei aber dennoch roh, ungeschlacht und unverträglich wie die Wildschweine! Wer kann da mit solchen Nachbarn in Frieden und Einigkeit leben?! Wer muß bei so bewandten Umständen in seiner gerechten Erbitterung nicht gegen sie zeugen?! Solchen Auswürflingen der Menschheit gegenüber muß man ja dann und wann mit der reinen Wahrheit vor allen Menschen auftreten und diesen wohlmeinend zeigen, mit welchen allerschändlichsten Lumpen sie zu tun haben! Wir nehmen dadurch der Menschheit gewiß nichts anderes weg als ihre alte Blindheit!
GEJ|5|35|2|0|Daß das den alten, an Herz und Seele versteinerten Schoßkindern Abrahams eben nicht sehr angenehm ist, läßt sich ganz wohl denken; aber wir können da wahrlich nichts dafür, und es wäre nun wohl schon hoch an der Zeit, diesen alten Augiasstall einmal zu reinigen! Diese Kerle verschreien uns als gottlos und nennen uns Lästerer des Allerheiligsten. Wo ist denn ihr Gott, den wir verlästerten, und was ist ihr Allerheiligstes?! Etwa ihr Tempel, der Vorhang in demselben, oder die halbeherne und halbhölzerne Bundeslade mit der Naphthaflamme oder vormals mit einer Rauchsäule, die freilich etwas schwerer herzustellen war als die Naphthaflamme?! Oder sollen etwa die riesigen sogenannten Cherubs das Allerheiligste darstellen, oder das alte Manna in der Lade, der Stab Aarons, oder die alten Ochsenhornposaunen, durch deren Schall Jerichos Mauern eingestürzt sind, die goldene Harfe Davids und seine Krone, oder die gesamte sogenannte heilige Schrift, die die Pharisäer nicht mehr lesen, sondern bloß nur anbeten dürfen?! Kurz, ich möchte der Juden Gott und sein Allerheiligstes denn doch einmal anderswo sehen oder in etwas anderem wahrnehmen als in solch einem antiken Gerümpel, darin nichts anderes ersichtlich und wahrnehmbar ist als eine alte, ägyptisch typische Plumpheit menschlicher Künstlerhände, die von etwas rein Göttlichem aber noch um vieles weiter entfernt ist als das Blaue des Himmels von der Erde! Wenn man aber das verlästert, was an und für sich nichts als eine alte, allerschmählichste Lüge ist, – was Arges tut man denn da?!
GEJ|5|35|3|0|Oder soll man etwa so einem alten und verrosteten Menschenbetruge gar noch einen Lobredner machen, um der jüdischen Gottheit, die gleich dem römischen Zeus eine barste Null ist, einen angenehmen Dienst zu erweisen?! Nein, so etwas wird ein ehrlicher Essäer wohl nie tun! Wir kennen ein anderes Allerheiligstes, und das ist ein ehrliches und biederes Menschenherz! Darin ist der Sitz der wahren Gottheit! Diese soll ein jeder wahre und ehrliche Mensch in sich, wie auch in seinem Nebenmenschen, anerkennen! Tut er das, so achtet er seine Menschenwürde auch in seinem Nächsten; tut er das aber nicht, so gibt er sich selbst ein ganz erbärmlich schlechtes Zeugnis und würdigt sich unter das allervernunftloseste Tier herab. Ja, es kann einen Gott geben; aber den findet der Mensch nur in der wahren Lebenstiefe seines eigenen Herzens, und dieses wahren Gottes Name heißt ,Liebe‘! Das ist die einzige und wahre Gottheit; außer dieser gibt es ewig keine irgendwo! Wer diese so recht gefunden hat, der hat das Prinzip des Lebens gefunden und wird dann mit diesem noch ein mehreres finden, vielleicht sogar ein ewiges, unverwüstbares Leben!
GEJ|5|35|4|0|Man sammle in sich durch Liebe die Liebe und mache sie dadurch mächtiger und mächtiger! Durch solch eine konzentrierte Lebenskraft wird man vielleicht ganz leicht und gewiß jenen feindlichen anderen Kräften mit Erfolg die Spitze bieten können und wird sich dadurch als ein Sieger seinen Lebensfortbestand inmitten von tausend feindlich, auf ihn blind einwirkenden Kräften für ewig sichern können, wennschon nicht leiblich, so doch gewisserart geistig, was an und für sich doch ursprünglich eine jede Kraft ist und sein muß; denn das, was wir einmal zu Gesichte bekommen, ist nicht mehr die wirkende Kraft selbst, sondern nur das von ihr Gewirkte. Wenn wir aber die Werke der allgemeinen Naturkraft mit einem aufmerksamen Blicke betrachten, so finden wir gar bald und leicht, daß sich irgend Kräfte, als Teile der allgemeinen Urkraft, unter irgend von selbst aufgefundenen Bedingungen konsolidiert haben müssen, ansonst sie, als stets die gleichen daseiend, es nicht vermöchten, die stets gleichen Wirkungen an das Tageslicht der Welt zu liefern. Gleiche Wirkungen setzen auch die stets gleichen Ursachen voraus. Eine Kraft aber, die sich aus den stets unverändert gleichen Wirkungen als eben auch unverändert daseiend offenbart, muß in sich ein volles Bewußtsein und eine für ihr Wirken ganz genügende und helle Intelligenz haben, durch die sie sich tunlichst mit den ganz gehörigen Waffen versieht, mittels welcher sie allzeit siegreich aus einem Kampfe mit andern, noch roheren Kräften hervorgehen kann und auch wird; denn könnte sie irgend besiegt oder völlig aufgelöst werden, so würde das, was sie durch ihr Wirken hervorgebracht hatte, auch sicher nie und nimmer zum Vorscheine kommen. Nehmen wir nur an, daß die unsichtbare Kraft, aus deren Wirken zum Beispiel die Feige hervorgeht, irgend von andern Kräften aufgelöst werden könnte, so würde auch keine Feige je irgend mehr zum Vorscheine kommen!
GEJ|5|35|5|0|Wenn wir aber durch solche Beobachtung schon eine zahllose Menge von Kräften in ihren verschiedenen Wirkungen von stets gleicher Art als notwendig unzerstörbar konsolidiert erkennen müssen und auch sehen, wie selbst wir Menschen unserer Form und ursprünglichen Beschaffenheit nach gleichfort regenerieren, so können wir auch als ganz bestimmt annehmen, daß jene Kraft, aus der wir hervorgegangen sind, sich selbst notwendig als ein bleibendes Lebensprinzip für ewig konsolidiert hat. Hat sich aber diese erhalten, so kann sich auch jedes Menschenleben, wenn es sein Lebensprinzip wahrhaft gefunden und mit den rechten Mitteln kultiviert hat, für sich konsolidieren und nachher geistig für immer und ewig fortbestehen. Denn ich meine, daß eine einmal ihrer selbst bewußte und denkende Lebenskraft, wenn sie sich einmal ordentlich selbst gefunden hat, sich und auch ihre Umgebung ganz erkennt, so dürfte es ihr eben gar zu schwer nimmer werden, Mittel zu erfinden, mittels welcher sie einer übermächtigen, aber nur roh und blind wirkenden Kraft für ewig den entschiedensten Trotz bieten kann, wie solches auch die Menschen auf dieser Welt zeigen. Laßt alle Orkane und eine ganze Million Blitze los über die Pyramiden Ägyptens! Werden sie den in ihren innersten Katakomben weilenden Menschen wohl etwas anhaben können? Kurz, schon auf dieser Welt zeigen die Menschen, daß sie sich vor den allerrohest und bösest wirkenden Kräften ganz gut zu schützen verstehen. Wer lehrte sie das? Die Erfahrung, ihre scharfe Vernunft und die Notwendigkeit!
GEJ|5|35|6|0|Kann das der im allgemeinen noch sehr wenig gebildete Mensch, um wieviel mehr wird er solches als ein konsolidiertes Geistleben vermögen! Also haben wir auf wissenschaftlichem Felde auch eine gegründete Aussicht auf das Fortleben des Geistes des Menschen nach dem Abfalle des Leibes und benötigen dazu weder eines Zeus und ebensowenig eines Lama der Indier und eines Jehova der Juden; die reine Vernunft gibt uns dasselbe im reinsten und hellsten Lichte.
GEJ|5|35|7|0|Und so, mein hoher Freund, habe ich dir nun die Gründe meines bisherigen Atheistentums klar und deutlich gezeigt und auch, daß meine Gründe sicher nicht aus den Fingerspitzen gesogen sind, sondern auf dem soliden Boden vieler Erfahrungen stehen! Ich wollte mich aber dadurch gar nicht vom Theismus für immer entheben! Zeige mir andere Gründe, und ich bin ein Theist! Wie sieht es nun aus mit diesem wunderbar entstandenen Hause für Markus und seine Familie? Gib mir davon doch nur einige Winke; denn nun kennest du mich ja doch schon ganz!“
GEJ|5|36|1|1|36. — Roklus wird an Raphael verwiesen
GEJ|5|36|1|0|Cyrenius wußte vor lauter Staunen über des Roklus Erfahrungen und über dessen richtige Beurteilung der Erscheinungen – sowohl im Gebiete der moralisch- politischen Lebensverhältnisse der Völker, ihrer mannigfachen Sitten und Lebensweisen, ihrer Religionskulte, wie auch im noch ausgedehnteren Gebiete der Naturerscheinungen aller Art – nicht, was sich nun darauf mit nur irgendeinem haltbaren Grunde erwidern ließe; denn alle Darstellungen des Roklus basierten auf dem festen Grunde der Erfahrungen, dagegen sich streng genommen nichts einwenden ließ. Das Priestertum kannte der Cyrenius nur zu gut und wußte, auf welchem Grunde es sein altes, finsteres Wesen trieb. Zudem erkannte er im Roklus noch einen guten und höchst uneigennützigen Menschen, der nur darum ein Essäer ward, um durch jedes Mittel, das mit der Humanität und wahren Nächstenliebe gegen alle ohne ihr Verschulden blinden Menschen in keinem Widerspruche steht, der stets und überall leidenden Menschheit zu helfen. Kurz, Cyrenius ward für Roklus stets mehr und mehr eingenommen.
GEJ|5|36|2|0|Auch alle andern anwesenden Gäste konnten sich nicht genug erstaunen über dieses Essäers Verstandesschärfe und bedauerten nur in einem fort, daß Roklus mit Mir noch keine Bekanntschaft gemacht hatte. Alles war nun schon im höchsten Grade gespannt, was Ich am Ende zu all dem sagen werde. Aber für Mich war es noch immer nicht an der Zeit, Mich mit dem Roklus in eine Art Verhandlung einzulassen, da er denn doch noch so einiges in seinem Herzen barg, was er bei dieser sehr offenen Gelegenheit noch nicht ans Tageslicht stellte; aber für den weiteren Verfolg wäre Cyrenius dem Roklus doch nicht mehr gewachsen gewesen.
GEJ|5|36|3|0|Ich berief daher geheim den Raphael und gab auch dem Cyrenius den Wink, von nun an dem Roklus den Raphael vorzustellen und ihm zu sagen, daß ein Weiteres nun dieser Jüngling mit ihm abhandeln werde, weil er (Cyrenius) sich für zu schwach und zu erfahrungsarm halte, um für des Roklus allerdings gediegenste Verstandesschärfe solche Gegensätze hervorzubringen, die das Atheistentum des Scharfdenkers zunichte machen würden; aber dieser Jüngling werde ihm, dem Roklus nämlich, schon die allergegründetsten Gegensätze aufzustellen vermögen, dessen er völlig versichert sein könne.
GEJ|5|36|4|0|Cyrenius wandte sich denn darum nun abermals an den Roklus und tat ihm solches kund.
GEJ|5|36|5|0|Roklus aber sagte darauf gleich zum Cyrenius: „Liebster, hoher Freund, wenn du als ein weiser Greis von königlichem Abkommen, der so lange schon das Regierungswerk treibt, dich mir mit dem großen Reichtume deiner vielen Erfahrungen und Kenntnisse nicht Rede zu stehen getrauest, was wird dann dieser zarte Jüngling mit mir machen, der offenbar noch nicht zwanzig Jahre zählt? Oder hältst du meine Gründe für zu schwach und gehaltlos, als daß du mir darauf eine Erwiderung gäbest?“
GEJ|5|36|6|0|Sagt Cyrenius: „Nein, nein, das durchaus nicht, sondern es verhält sich die Sache genauest also, wie ich sie dir kundgetan habe! Den Jüngling aber verkoste erst, und urteile dann!“
GEJ|5|36|7|0|Sagt Roklus: „Nun denn, so wollen wir sehen, auf welchem Platze er den Stein der Weisen gefunden hat!“
GEJ|5|36|8|0|Darauf wandte sich Roklus an den schon neben ihm stehenden Raphael: „Nun, so gib denn kund, was du verstehest! Kannst du zunichte machen meine Erfahrungen oder mit Blindheit schlagen meinen Verstand, dann kannst du an mir ein schwaches Schilfrohr finden, das von allerlei Winden nach allen beliebigen Seiten leichtlich gebogen wird; läßt du mich aber, wie ich bin, so wird es dir schwer gelingen, mich umzugestalten aus deinen Erfahrungen heraus! Denn du kannst kaum mehr als Rom gesehen haben und das, was dir auf der Reise hierher alles untergekommen ist! Du warst sicher noch niemals in Ägypten, dem Lande der alten Weisheit, und hast lange nicht aus der Erfahrung kennengelernt, wie viele Arten von Glauben an einen oder mehrere Götter und Göttinnen die verschiedenen Völker haben, und du willst es mit uns zwölf Riesen in den Dingen der Erfahrung aufnehmen? Nun wohl denn, ich habe ja eben auch nichts dawider; wir werden es ja sehen, wie stark behaart etwa deine Zähne sind! Mache dich also auf und widerlege meine rein atheistischen Gründe, und zeige mir den Gott, der sich mit der reinen Vernunft eines Menschen verträgt und mit des Menschen innerstem Lebensprinzip, das offenbar die Liebe ist! Aber mit einem andern Gotte komme uns ja nicht; denn der wird schon von vornhinein verworfen, weil es keinen andern geben kann und auch nie geben wird! Ist ihm das recht, so beginne er, an uns zu fegen!“
GEJ|5|37|1|1|37. — Raphael schildert Gottes Wesen
GEJ|5|37|1|0|Sagt Raphael: „Lieber Freund, du hast dich ein wenig zu früh gegen mich in einen leeren Eifer gesetzt! Laß mich erst auch ein paar Worte mit dir reden, und es wird sich dann schon zeigen, ob ich dir gewachsen bin!
GEJ|5|37|2|0|Höre, du hast gleich von vornherein ein förmliches Interdikt dahin an mich erlassen, dir keinen andern Gott aufzubürden als allein einen solchen, den deine Vernunft gutheißt! Und siehe, ich selbst kenne wahrlich auch keinen andern als Den, welchen du mit deiner Vernunft gefunden hast! Der Unterschied zwischen uns beiden ist nur der, daß du dir einen solchen Gott wünschest, den ich wahrhaft persönlich zu kennen die allerhöchste Ehre habe, und habe zugleich auch noch diese hohe Ehre, Sein allzeit bereitwilligster Diener zu sein.
GEJ|5|37|3|0|Dieser allein wahre Gott ist pur Liebe und aus der Liebe heraus erst die vollste Weisheit und durch diese Weisheit allmächtig.
GEJ|5|37|4|0|Dieser Gott ist zugleich die höchste Ordnung, Wahrheit, Gerechtigkeit und alles Licht und Leben Selbst, und alle Wesen und Dinge auf dieser Erde – die Erde selbst mit allen ihren Geistern und Elementen, der Mond, die Sonne und alle die zahllos vielen anderen Sterne, die nichts anderes als eben auch ungeheure Weltkörper sind, manche um unaussprechbar viele Male größer als diese Erde, die so gut eine Kugel ist, als wie du den Mond und die Sonne nie anders denn als Kugeln gesehen hast, von denen die letzte, die Sonne nämlich, um eine ganze Million Male größer ist denn diese Erde –, alles das sind Werke eines und desselben Gottes, der ganz so beschaffen ist in Seiner ureigentlichsten Wesenheit, als wie Ihn deine wahrlich sehr geläuterte Vernunft sich vorstellt!
GEJ|5|37|5|0|Er weiß um alle die schlechten und falschen Vorstellungen von Ihm und erweckt auch gleichfort Menschen, die von Ihm einen wahren Begriff bekommen; aber sie werden von den trägen und blinden Menschen gewöhnlich auf dieser Welt nie recht verstanden, und diese bleiben bei ihren alt angewohnten Torheiten.
GEJ|5|37|6|0|Du meintest freilich, daß ein solch reeller Gott denn doch unmöglich so lange die Greuel der Menschen ansehen und dulden könnte. Ihm, als dem allmächtigen Gebieter, müßte es ja doch wohl möglich sein, all den argen und falschen Quark über den Haufen zu schmeißen. Da hast du im Grunde durchaus nicht unrecht.
GEJ|5|37|7|0|Ich fühle und denke da geradeso wie du, und es geschieht mir dabei um so schwerer, weil auch ich, als ein schon lange vollkommen konsolidiertes Geistlebenswesen, ganz die Macht habe, durch meinen Willen, wenn es darauf ankäme, in einem Augenblicke alle jene Berge, die dort über dem Meere emporragen, in ein für deine Sinne blankstes Nichts zu verwandeln; denn etwas können und nicht dürfen, ist bitterer gewiß, denn etwas mögen und nicht können!
GEJ|5|37|8|0|Daß man aber trotz der innehabenden Macht nicht dreinschlagen darf, wenn es einen auch noch so gelüstete, rührt daher, weil es auf dieser Welt für jeden Menschen darauf ankommt – wie du es ganz gut gegen das Ende deiner Besprechung mit dem Cyrenius bemerket hast –, daß sich nämlich ein rechter Mensch selbst finden und als eine konkrete Lebenskraft konsolidieren soll, ansonst er sich gegen die beständige und feindliche Einwirkung der großmächtigen Kräfte unmöglich als ein freies und selbständiges Wesen für ewige Dauer erhalten könnte! Wenn du auch nicht mit eben diesen meinen Worten dich ausgedrückt hast, so hast du aber doch denselben Sinn hineingelegt.
GEJ|5|37|9|0|Nun wirst du es schon einsehen, daß beim Menschen hier auf dieser Erde, wo er sein innerstes Lebensprinzip selbst, ohne irgendeine fremde, gewaltsame Beihilfe, rein nach seinen Erkenntnissen und ganz nach seinem freiesten Willen, zu konsolidieren hat, sich nicht mit den dicksten Prügeln dreinschlagen läßt. Solange irgendwo die Menschen aus sich eine solche Lebensordnung herausgefunden haben, unter der sowohl eine moralische wie auch physische Existenz denkbar ist, so läßt man sie darin so lange bestehen, als sie nicht in zu große Ausartungen übergehen. Geschieht bei einem Volke aber das, so ist der Herr Himmels und der Erde auch allzeit da und führt das entartete Volk wieder in die rechte Lebensordnung zurück, wie es soeben beim Judenvolke der Fall ist.“
GEJ|5|38|1|1|38. — Zweck der Bußwerke in Indien
GEJ|5|38|1|0|(Raphael:) „Du warst wohl in Indien und hast so manche Mißbräuche gesehen, namentlich die starken Bußen. Es ist so etwas für den puren Verstandesmenschen eine offenbare Narrheit, verbunden mit wenigstens einer scheinbar grausamen Willkür der dortigen Priesterkaste. Allein dem ist doch nicht ganz also, wie es gerade den Anschein hat. Dieses Volk lebt in einem Lande, das auf der Erde die größte Vegetationsfähigkeit besitzt für Pflanzen sowohl als für Tiere und Menschen. Gehe du in diesem Lande in die Wälder der Berge, und du wirst tagelang umhergehen können, um auf einem noch so alten Baume auch nur ein dürres Zweiglein zu finden, und brichst du von einem Baume einen Zweig ab und legst ihn ganz frei und offen irgend sogar auf sandigen Boden hin, so kannst du nach einem Jahre kommen, und du wirst den Zweig sicher noch ganz grün antreffen, ja sehr oft sogar mit neu ins Erdreich getriebenen Wurzeln.
GEJ|5|38|2|0|Also ist die Lebensfähigkeit, besonders in den Mittelgebirgsregionen, sowohl bei den Pflanzen wie bei den Tieren eine übergroße. Man kann dort einem Tiere oder auch einem Menschen schon eine bedeutende Wunde beibringen, und es wird diese eben keine so großen Schmerzen verursachen, weil die sie deckende Luft dort schon heilsamer wirkt als hier das heilsamste Pflaster. Versetzt dir hier jemand einen Schlag mit einem Stocke oder mit einer Rute, so wird es dich etliche Tage lang schmerzen; dort kannst du dir tausend Rutenstreiche geben lassen, und du fühlst kaum einen Streich bis zum nächsten. Versuche dir hier einen Nagel ins Fleisch zu stecken, so wirst du schon einen Schmerz fühlen, der unerträglich wird! Du wirst geschwollen werden, eine brennendste Entzündung, ja sogar ein tödlicher Brand kann hinzutreten, oder die Wunde wird zu eitern anfangen und dir unsägliche Schmerzen verursachen; in den vorgenannten Gebieten Indiens gar nicht! Jahrelang kannst du mit einem ins Fleisch gesteckten Nagel umhergehen, so wirst du davon nahe gar keinen Schmerz bald nach dem Hineinstecken mehr wahrnehmen, weil die Luft dort so balsamisch heilsam ist, daß bei Verwundungen nahe gar nie eine Entzündung entstehen kann. Entsteht diese aber nicht, so ist von einem Schmerze, am wenigsten von einem unerträglichen, schon gar keine Rede.
GEJ|5|38|3|0|Zugleich aber sind dort die Menschen, weil von zu viel Naturlebenselementen beseelt, immer sehr aufgeregt und würden besonders in der Sphäre des Begattungstriebes in Ausartungen übergehen, die ihresgleichen auf der Erde nicht hätten. Die scharfen Bußwerke halten sie am meisten davon ab. Durch die starken Kasteiungen wird ihr Fleisch gewisserart abgetötet, und dazu bewegt sie die ihnen stark eingeprägte Furcht vor dem Feuer der Hölle, das ihnen von den Priestern auf eine so lebendige Weise als nur immer möglich vorgemalt wird, daß es sie schon durch die Beschreibung ordentlich zu brennen anfängt; denn das Feuer fürchtet der Indier am meisten, weil ihm dieses schon hier den größten Schmerz bereitet, den sein Fleisch zu empfinden fähig ist. Durch die scharfen Bußwerke, die Gott der Herr bis jetzt und noch für länger hin bei den Indiern zuläßt und duldet, wird doch die Seele dieser Menschen erhalten in ihrer Menschenlebensform und ist dann fürs ewige Jenseits fähig, in eine höhere Lebensvollendung überzugehen.
GEJ|5|38|4|0|Du wirst mir dagegen freilich einwenden und sagen: ,Man lasse dies Volk nur recht wissenschaftlich bilden, und es wird dann etwa sicher nicht in alle möglichen Unzuchtsausartungen übergehen!‘ – Tut's nicht, mein schätzbarster Freund, trotz deiner noch so reinen Vernunft! Völkern, bei denen die Phantasie von Natur aus zu geweckt ist, ist die Wissenschaft ein wahres Lebensgift! Nehmen wir an, die phantasiereichen und einbildungskräftigen Indier besäßen die Wissenschaften Griechenlands, Roms und Alexandriens, so wäre die ganze Erde nicht sicher vor ihnen! Ihnen würden allerlei Künste und Wissenschaften nur die Mittel in die Hände liefern, eines der furchtbarsten und entartetsten Völker der Erde zu werden; denn sie würden bald Dinge ans Tageslicht fördern, die alles, was einst Babylon und Ninive und ganz Ägypten, Athen und Rom gemacht haben, im höchsten Grade überbieten würden. Die Berge würden ihrem Mutwillen weichen müssen, Städte würden sie erbauen, die gleich über ganze fruchtbarste Länder reichten, Flüsse und Ströme würden sie eindämmen, auf daß dann ungeheure Seen entstünden. Kurz und gut, die in alle Wissenschaften eingeweihten Indier würden zu einem fürchterlichsten Volke der ganzen Erde, wenn sie jetzt auch ein noch so sanftmütiges Gemüt und Gesicht besitzen!“
GEJ|5|39|1|1|39. — Die Gefahren hoher wissenschaftlicher Bildung
GEJ|5|39|1|0|(Raphael:) „Übrigens aber wird ein Volk, das eine große Phantasie besitzt, schon auch darum nie zu tief wissenschaftlich gebildet, weil die zu mächtige Einbildungskraft und die daraus hervorgehende Phantasie stets hinderlich dagegen wirken. Es behagt diesen Menschen besser, allerlei läppische Bilder in ihrer Phantasie zu schauen, als logisch richtig über eine oder die andere Erscheinung nachzudenken; übrigens kommen die von dir gesehenen strengen Bußen eben nicht gar so häufig vor, wie du es meinst und man es dir gesagt hat. Denn ein Reicher löst sich auch los, und der Arme wird nur dann dazu berufen, wenn er wirklich ein schon bedeutendes Vergehen wider die bestehenden Gesetze sich hatte zuschulden kommen lassen. Es besteht demnach in Indien bis jetzt noch eine solche patriarchalische Ordnung, gegen die man noch nicht gleich mit Blitz und Feuer aus den Himmeln dreinschlagen kann. Wohl gibt es eine krasseste Masse des tollsten Aberglaubens, dem gesteuert werden sollte; aber da solcher Aberglaube stets eine sicher reichste Frucht bei allen jenen Völkern ist, die eine sehr rege Phantasie besitzen, so kann man dagegen auch nicht sogleich mit den allergewaltigsten Prügeln dreinschlagen!
GEJ|5|39|2|0|Denn es ist noch immer besser, das Volk im Aberglauben zu belassen, als es in alle die Wissenschaften einzuweihen; denn der Aberglaube heftet den Indier auf seinen Boden, während ihn die Wissenschaft nur zu bald mit Aarsflügeln versehen würde, sich gleich über die ganze Erde verderblich auszubreiten. Ja, wenn es möglich wäre, das gesamte Indiervolk mit einem Schlage in die reinste Wissenschaft ohne ihre Mühe zu versetzen, so würden sie eine Weile staunen darüber, wie sie so lange die große und sinnlose Torheit über sich haben herrschen lassen können. Bald darauf würden sie aber von Zorn und Grimm über ihre Priester derart entbrennen und im gleichen auch über sämtliche andervölkerliche Persönlichkeiten, daß diese alle über die allerschärfsten Klingen springen müßten. Sie würden eine Purifikation vornehmen, über der die ganze Erde ehestens blutrot aussehen müßte. Und was wäre am Ende damit gewonnen? Der dumme Menschenteil würde natürlich niedergemetzelt werden, und aus den wissenschaftlich geweckten Menschen würden lauter blutdurstige Tiger hervorgehen!
GEJ|5|39|3|0|Daß aber dies also ginge, beweisest du als ein rein vernünftiger Mensch durch deinen großen Ärger über alle die Gottheiten und besonders über ihre sogenannten Stellvertreter. Wenn dir so meine Macht zu eigen wäre! O weh, wie geschwinde würdest du allem Priestertume auf der ganzen Erde ein Ende machen! Aber was hernach mit den anderen Menschen, die mit Haut und Haaren an ihren Priestern hängen und sich von ihnen nach allen Seiten wie die Lämmer von ihren Hirten leiten lassen?! Würdest du sie wohl auch alle durch einen Machtspruch in deine reine Vernunft übersetzen können? Ich sage es dir: Das wäre eine schwere Aufgabe! Denn, so dann ein jeder gleich viel wüßte, so müßte auch ein jeder gleich viel an materiellen Mitteln besitzen, so er nicht verhungern wollte. Denn käme er zu seinem Nachbarn und trüge ihm seine Dienste an und sagete: ,Ich verstehe nun dieses und jenes!‘, so würde der Nachbar sagen: ,Dasselbe verstehe ich auch, habe mich schon lange danach eingerichtet und brauche von niemandem etwas! Ein jeder sorge nun für sich!‘
GEJ|5|39|4|0|Wenn ein Vater sagete zu seinen Kindern: ,Tut und lernet dies und jenes!‘, so würden die Kinder sagen: ,Was sollen wir noch tun und lernen? Können und verstehen wir doch alles, was du kannst und verstehst, und tun danach! Was weiteres verlangst du von uns?‘
GEJ|5|39|5|0|Würdest du im Alter, wo ein jeder Mensch schwächer und gebrechlicher wird, eines Dieners benötigen und zum nächsten Besten, der dir etwas tun könnte, sagen: ,Siehe, ich bin schwach geworden und benötige deiner Hilfe, die ich dir gut bezahlen will und werde; sterbe ich, so will ich dich als meinen Erben einsetzen!‘, – weißt du, was der Angeredete dem Hilfsbedürftigen sagen würde? Höre, er würde gerade das sagen, was du selbst zu jemandem sagen würdest, so er dich anredete um einen beständigen leiblichen Dienst! Du würdest diesem sagen: ,Freund, ich habe nicht nötig, jemandem einen Knecht und Diener zu machen, denn ich bin selbst so wohlhabend wie du und habe nicht nötig, Dienste zu nehmen, um mir meinen Lebensunterhalt im Schweiße meines Angesichtes zu verdienen! Wer es nötig hat, der plage sich für seinen Nächsten; ich lasse das bleiben!‘ – Siehe, das, was ich dir nun sage, war viele hundert Jahre im alten Ägypten der Fall! Die Menschen wurden alle stockweise, und ein jeder war reich.“
GEJ|5|40|1|1|40. — Entstehung der Sklaverei
GEJ|5|40|1|0|(Raphael:) „Was für eine Folge hatte das? Sieh und höre: Keiner wollte mehr seines Nächsten Knecht sein, ein jeder arbeitete und lebte am Ende für sich, und für den Nutzen seines Nächsten war um keinen Preis jemand zu haben. Die Menschen sahen aber am Ende doch ein, daß ein solch versorgtes Leben im Grunde doch ein ganz gehörig elendes ist. Und die Ältesten des Volkes sahen diesen Übelstand zunächst ein, denn sie hatten eine Bedienung vor allem vonnöten, und hielten Rat, wie ihnen da zu helfen wäre. Ein Weisester unter ihnen sagte: ,Die Erde ist groß; gehen wir aus und erproben, ob es denn nirgends Leute gibt, die arm sind und uns um einen guten Lohn gerne dieneten!‘ Sie gingen nach Asien und fanden bald, was sie suchten. Die nahen Völklein Asiens aber merkten es bald, was den überreichen Ägyptern abging, zogen weiter in den asiatischen Ländern umher und kauften die Diener an sich, um sie dann noch teurer nach Ägypten zu verkaufen. Und siehe, so entstand die Sklaverei und der Sklavenhandel, der leider heutzutage nahezu schon überall gang und gäbe ist. Kannst du preisen solch eine Frucht der einstigen, überhohen allgemeinen Weisheit der alten Ägypter?
GEJ|5|40|2|0|Aber die eigentlich alten weisen Ägypter wurden dabei aus der Erfahrung klug und weihten ihre Diener ja um keinen Preis in ihre tiefe Weisheit ein; denn diese würde ja leicht aus ihren Dienern bald reiche Menschen gemacht haben, denen das Dienen und Arbeiten nicht mehr schmecken würde, und sie, die alten Weisen, hätten dann ja abermals niemanden, der sie ganz treu und nach Wunsch bedienete und für sie arbeitete.
GEJ|5|40|3|0|Hast du aber auch in Indien Sklaven gesehen, das heißt angekaufte? Sicher nicht! Es gibt wohl Sklaven des eigenen Aberglaubens, was auch schlimm ist, aber doch nicht so schlimm wie das Kaufsklaventum! Die verkauften und angekauften Sklaven werden bloß als Lasttiere behandelt und lange ferngehalten von jeglicher Geistesbildung. Ihre Sache ist: blind gehorchen, stumm dulden und überviehisch leiden, im Gegenfalle die willkürliche, größte und vor keinem Weltgerichte verantwortliche Mißhandlung derselben! Sogar die Tötung eines Sklaven, wenn sie von seinem Herrn ausgeht, unterliegt keiner gesetzlichen Ahndung! Nur so dein Nachbar dir einen Sklaven getötet hätte, ist er dir einen Schadenersatz zu erstatten verpflichtet.
GEJ|5|40|4|0|Und siehe, dieser Jammer an der Menschheit ist und bleibt noch immer als eine Folge jener Zeitepoche Ägyptens, in der die Menschheit allgemein in hohem Grade weise und sehr wohlhabend war und niemand für eine begangene Sünde irgendeine Strafe zu erdulden hatte, weil wahrlich niemand gegen seinen Nachbarn sich zu versündigen auch nur den kleinsten Grund hatte, da ein jeder so viel selbst hatte von allem, was ihm zum Leben nötig war, und seinem Nachbarn jahrelang um nichts zu kommen brauchte! Als dann aber die Sklaverei aufkam, da erfand man Gesetze, laut derer sich ein Sklavenbesitzer gegen seine Sklaven auch bei aller seiner Grausamkeit nie versündigen konnte. Wo aber keine Sünden begangen werden können, für was sollen da die Bußwerke gut sein?!“
GEJ|5|41|1|1|41. — Die egoistische Haushaltung der alten Ägypter und deren Übelstand
GEJ|5|41|1|0|(Raphael:) „Als aber später durch die Arbeit der Sklaven die Herren des Landes verschieden reich wurden, so daß einige sehr bedeutend reicher wurden denn einige andere, da meldete sich bald der Neid, Zank und Hader, und man fand es dann erst für notwendig, bürgerliche Gesetze zu entwerfen, denen sich ein jeder fügen mußte, selbst der Var (Pharaon = Hirte) nicht ausgenommen. Da fing man dann auch an, die Sklaven dadurch zu kultivieren, daß man ihnen – natürlich sehr verdeckte – Begriffe von der Gottheit beibrachte und sonach für jede einzelne von Gott ausgehende und ersichtliche Wirkung gleich eine allegorische Persönlichkeit hinstellte, die die Sklaven als eine Gottheit zu verehren bekamen. Dadurch wurden die mit der Zeit mächtig gewordenen Sklaven zahmer und sanfter und ertrugen ihr Los mit einer größeren Geduld; denn sie fürchteten die unsichtbaren Machthaber sehr, weil sie durch die geheimen Künste der Ägypter zu einer Art Überzeugung kamen, daß es im Ernste solche Götter gäbe und mit ihnen kein Scherz zu machen sei.
GEJ|5|41|2|0|Wären, wie schon bemerkt, die Sklaven nicht mächtig geworden – sowohl durch ihre Vermehrung, als durch zweimal jährlich erneute Ankäufe –, so hätten die alten Ägypter sie nie irgendwelche falschen und noch weniger irgendwelche mehr rechten Götter kennen gelehrt; nur die Furcht vor der rohen physischen Gewalt und Kraft der Sklaven zwang die alten, urweisen Ägypter dazu, den Sklaven irgendwelche Begriffe von den Gottheiten beizubringen.
GEJ|5|41|3|0|Nun denke dir aber selbst die Lage der alten, weisen Ägypter! Sie waren weise und reich; was der eine hatte und verstand, das verstand auch ein jeder andere, hatte auch denselben Reichtum und hatte also durchaus nicht not, bei seinem Nachbarn zu dienen ums Brot; ein jeder besorgte zumeist nur sein Eigentum mit seinen Kindern. Solange die Menschen noch jünger und kräftiger waren, ging es mit solcher weise egoistischen Haushaltung wohl an; als aber die Menschen älter wurden und schwächer und gebrechlicher, da erwachte in ihnen die Sehnsucht nach Bedienung. Aber wer hätte sie bedienen sollen? Du sagst: ,Ihre Kinder!‘ Wäre alles recht; aber in jener Zeit hatte Moses die Gebote Gottes den Menschen noch sehr lange nicht verkündet gehabt. Nach ihren naturweisen Gesetzen aber waren die Kinder ihren Alten gegenüber auch nichts anderes als ein jeder andere freie Mensch. Die Kinder dienten und gehorchten den Eltern nur bis zu ihrer Mannbarwerdung. Nach dieser wurden sie frei und hatten keine Verpflichtung mehr gegen ihre Alten; denn ihre reine Vernunft hatte ihnen solchen weisen Grundsatz aufgestellt, demnach die Kinder als Werke ihrer Alten ihnen ebensowenig verpflichtet seien, als wie da ein Haus gegen seinen Baumeister für irgend etwas verpflichtet sei, außer daß man darin wohne, – das Wie ist Sache des Bauführers und Erbauers. Ist das Haus gut gebaut, so wird sich darin auch gut und angenehm wohnen lassen; ist das Haus aber schlecht und fahrlässig erbaut, so wird es auch zu einer schlechten Wohnung dienen, woran dann nicht das Haus, sondern der Baumeister selbst die Schuld trägt.
GEJ|5|41|4|0|Nun, die Alten hätten ihre Kinder wohl gerne so erzogen, daß sie ihnen dann durch ihr ganzes Leben gedient hätten; aber die Kinder hatten auch die fünf Sinne bekommen durch den Unterricht ihrer Alten, oft mehr praktisch denn theoretisch, und so wurden sie wie ihre Alten weise Egoisten, und die Alten wurden dadurch genötigt, sich um fremde Diener umzusehen. Diese kamen und dienten; und die reine Vernunft der alten Weisen sagte zu ihnen: ,Wollen wir, daß diese Menschen unsere beständigen Diener bleiben, so dürfen sie von unserer Weisheit nicht das geringste erfahren, sonst würden sie am Ende wie unsere Kinder, die uns auch nicht dienen wollen, weil sie in alle unsere Weisheit eingeweiht sind!‘
GEJ|5|41|5|0|Die Sklaven blieben sonach langehin sehr dumm und bekamen keinen andern Unterricht außer den, was sie zu tun hatten als Diener und Knechte. Aber die Sklaven mehrten sich sehr und fingen an, ihre Kraft zu erkennen, die die alten Weisen geheim sehr zu fürchten begannen! Da sagte die reine Vernunft den Weisen: ,Machet bald Menschen aus ihnen, sonst werden sie als große Herden der reißendsten Tiere euch zerreißen!‘ Darauf erst erfand man für die gefürchteten Sklaven das bekannte Göttertum und ließ von den Göttern im Angesichte der Sklaven allerlei Wunder wirken. Dadurch wurden die Sklaven eingeschüchtert und dienten nun den alten Ägyptern als eine eigene Kaste der Menschen mit doppeltem Fleiße freiwillig. Dadurch erst wurde Ägypten im höchsten Grade blühend, lockte viele Fremde an, unter denen sich auch mitunter Neider und Verräter befanden, durch die in den späteren Zeiten große Verlegenheiten bereitet wurden.
GEJ|5|41|6|0|Siehe, das sind lauter Werke der menschlichen, reinen Vernunft, die mir vorkommt wie ein Mensch, der über einen hohen und steilen Berg herabzulaufen anfängt und den Lauf, wenn er einmal so recht darin ist, nimmer einstellen kann! Die Folge davon kannst du dir leicht vorstellen.“
GEJ|5|42|1|1|42. — Die Staatsordnung der alten Indier
GEJ|5|42|1|0|(Raphael:) „Da haben die Indier ihre Sache bei weitem klüger eingerichtet! Das Volk bleibt bei seinem an und für sich harmlosen Aberglauben, glaubt aber dabei dennoch an ein allerhöchstes Gottwesen und an dessen weltliche Stellvertreter, die für die Aufrechterhaltung der alten stereotypen Ordnung gleichfort dahin die eifrigste Sorge tragen, daß ja nichts Neues hinzugefügt wird, aber auch nichts hinwegkommen darf, was die alten Bücher enthalten. Und so wird der Indier in tausend Jahren auch noch ganz das sein, was er jetzt ist und schon vor etlichen tausend Jahren war. Das Schlimmste bei ihm sind seine Bußen und das, daß er sich selbst einen Richter zu machen hat.
GEJ|5|42|2|0|Gegen sich selbst kann er streng sein über alle menschlichen Begriffe, weil dem selbst frei Wollenden kein Unrecht geschieht; aber dafür ist bei den Indiern wieder das Gute, daß es bei ihnen keinen bösen Leumund und keinen Verräter gibt. Niemand verklagt seinen Nächsten, und es gibt unter den vielen Millionen Menschen auch nicht einen schadenfrohen! Darin aber liegt auch der Grund, demzufolge die Indier in ihrer Art und Weise ein so altes Volk geworden sind und noch älter werden. Mit den Zeiten, wenn etwa fremde Völker zu ihnen kommen und ihnen eine andere Religion, andere Sitten und Gebräuche beibringen werden, dann werden sie auch unruhiger und unzufriedener werden, werden sich selbst nicht mehr richten und keine Bußen mehr verrichten; aber dafür werden sie die anderen richten, verfolgen und ihnen die schwersten Bußen auferlegen. Sie werden bald sein wie die Pharisäer zu Jerusalem, die ihren Gläubigen auch die unerträglichsten Lasten aufbürden und jedermann richten; aber über sich dulden sie ja keinen Richter und rühren keine Last und Bürde, auch nicht mit der Spitze des kleinsten Fingers, an! – Findest du das gut oder besser als das, was du bei den harmlosesten Indiern also gefunden hast?“
GEJ|5|43|1|1|43. — Der religiöse Verband Indiens mit China
GEJ|5|43|1|0|(Raphael:) „Siehe, über Indien, jenseits der höchsten Berge dieser Erde, gibt es noch ein gar großes Kaiserreich, das wenigstens fünfmal so viele Menschen zählt als das römische. Alle jene Menschen haben nahe dieselbe Gotteskunde wie die Indier. Sie leben in der größten Ruhe und Ordnung, sind sehr mäßig, nüchtern, genügsam, arbeitsam, unverdrossen und voll des blindesten Gehorsams gegen ihre Lehrer und Leiter, und ihr Kaiser ist ihr vollkommener Herr und sorgt allerwachsamst dafür, daß ja nirgends irgendein Fremdling in sein großes Land dringen kann. Es ist zu dem Behufe auch sein ganzes Land, wo es mehr flache Begrenzungen hat, mit einer kolossalsten Mauer von den angrenzenden Ländern der Erde abgeschnitten, über die kein feindliches Heer zu dringen vermag. Diese Mauer ist auch gleichwegs mit Türmen versehen, innerhalb welcher eine starke Wache auf der beständigen Lauer ist, und die stark genug ist, jede fremde Annäherung auf das entschiedenste zurückzuweisen.
GEJ|5|43|2|0|Nur ein Bote des Bramah (Brau ma = hat Recht) aus dem Hochindien hat alle Jahre einmal das zugestandene Recht, über diese Mauer ins Land zu kommen, weil er, der Überbringer des Lobes oder auch des Tadels vom Lama aus, unmittelbar dem Kaiser selbst es zu überbringen hat in einer schweren, goldenen Büchse. Dieser Bote kommt zwar mit großem und glänzendstem Gefolge zur bestimmten Zeit an den bestimmten Platz bis zu der Mauer und fängt an, unten einen großen Lärm zu machen. Darauf wird ein Korb über die hohe Mauer herabgelassen. Der Bote allein nur darf in den Korb steigen, in dem er dann hinaufgezogen wird; sein Gefolge aber muß dann so lange harren, bis der Bote wieder zurückgekommen ist.
GEJ|5|43|3|0|Der Bote aber wird von der Mauer weg die weite Strecke von etlichen zwanzig Tagereisen in einer Sänfte getragen, aus der er nichts als nur den Himmel sehen kann. Erst in der großen Kaiserstadt, die mehr als ganz Palästina Einwohner hat, wird er auf freien Fuß gestellt und mit allen Ehren zum Kaiser geleitet. Dort übergibt er die goldene Büchse mit ihrem Inhalte und gibt dem Kaiser den Wunsch des großen Lama zu erkennen, worauf er vom Kaiser ansehnlichst beschenkt und in Gnaden entlassen wird. Darauf beginnt sogleich seine Rückreise, die der früheren Herreise stets auf ein Haar gleicht.
GEJ|5|43|4|0|Bei einer solchen Gottesbotenreise zum Kaiser und vom Kaiser wieder nach Hause strömt stets eine große Menge Menschen an die Straße, auf der der Gottesbote, den natürlich außer den vertrauten Trägern beim Ein- und Aussteigen niemand zu sehen bekommt, mit einer unbeschreiblich großen Zeremonie zum Kaiser getragen wird.
GEJ|5|43|5|0|Fragst du das Volk, warum es den Gottesboten niemals zu sehen und noch weniger zu sprechen bekommt, so wird dir das Volk, ganz voll der höchsten Demut, zur Antwort geben: ein solches Verlangen wäre schon eine nie verzeihbare Sünde. Es ist der Gnade des großen Gottes schon ohnehin in höchster Überfülle, den heiligen Boten des großen Gottes von ferne hin tragen zu sehen, wodurch ein jeder so etwas Sehende so viel des Segens überkommt, daß er damit gut für noch zehnmal hunderttausend andere Menschen des großen Reiches, von dem sie meinen, daß es gerade in der Mitte der Welt sich befindet, in Überfülle auf zehn Jahre auslangt. Nun, das wird dem harmlosen Volke also beigebracht, und es glaubt steinfest daran.
GEJ|5|43|6|0|Der Bote selbst weiß von diesem Glauben zwar auch; aber er weiß noch etwas anderes, nämlich, daß er das Land und dessen Einrichtungen bei Strafe mit dem Tode gar nicht sehen darf, um es irgend möglicherweise zu verraten. Denn der Landesverrat ist in diesem Lande das höchste Verbrechen, das selbst wegen einer kaum achtbaren Kleinigkeit gleich auf das schärfste bestraft wird. Das Volk dieses Reiches ist aber bei aller seiner Dummheit dennoch sehr treu, wahrhaft und überaus gehorsam. Kannst du dich ärgern, wenn das Volk von den Leitern in der Dummheit erhalten und gepflegt wird und dabei ganz glücklich ist, wenn auch der Kaiser und seine ersten Diener für sich ganz etwas anderes wissen? Oder ist das alles nicht gleich eurem Essäerorden? Ist dann Gott unweise und ungerecht, wenn Er alles dieses zuläßt und duldet, solange das Volk irgend voll Geduld und Demut verbleibt, und daß Er auch duldet euch wollüstige Essäer? – Rede nun, mein Freund, ob nun du mir etwas einzuwenden hast!“
GEJ|5|44|1|1|44. — Roklus erzählt von den Zaubereien eines indischen Magiers
GEJ|5|44|1|0|Roklus, dessen Augen stets größer wurden, je länger er den vermeinten Jüngling anhörte, rief in großverwunderlicher Aufregung zum Raphael: „Aber höre, Junge! Du zählst kaum sechzehn Jahre und trittst mir mit Kenntnissen und Erfahrungen entgegen, die ein anderer ehrlicher Mensch sich kaum in sechzig Jahren bei allem Fleiße angeeignet haben würde. Ich will nun nicht davon reden, daß du mich im Ernste zu der Annahme eines wahren Gottes, der geradeso aussieht, wie ihn mein Herz schon lange heimlich sich gewünscht hat, umgewendet hast und ich dir nun gar nichts dagegen einzuwenden habe, sondern lediglich davon, wie und wann du zu solchen Kenntnissen und Erfahrungen gekommen bist.
GEJ|5|44|2|0|Du kennst ein Reich noch hinter Indien, von dem ich kaum ein paar Male, und zwar nur in Indien, habe faseln hören; denn ein Indier hat mir davon so wunderliche Dinge ganz treuherzig erzählt, daß ich mich dabei des Lachens kaum erwehren konnte. Jetzt erst komme ich durch deinen Mund zu einer richtigeren Vorstellung dieses fabelhaften Reiches, dessen Einwohner etwa die größte Kultur bezüglich der Industrie, Künste und Gewerbe besitzen sollen. Ja, du hast freilich durchgängig recht und scheinst auch in der Magie aller Völker großartigst bewandert; denn sonst hättest du von einer gewissen Allmacht, die dir eigen sei, wohl sicher nimmer eine Erwähnung gemacht!
GEJ|5|44|3|0|Ich sehe nun, wenn auch noch etwas dunkel, wohl ein, daß die Gottheit aus wahrlich höchst weisen Gründen alles, wie es nun ist, auf der Erde sein und geschehen läßt, da es ihr nur um die Bildung der Seele, nicht aber um die Wohlfahrt der Leiber der Menschen zu tun sein kann! Aber um meine volle Ein- oder Nichteinsicht in dieser Sache handelt sich's jetzt auch gar nicht, auch fällt mit einem Schlage keine alte Zeder des Libanon um, – sondern es handelt sich nun, für mich vom höchsten Interesse seiend, ganz einfach nur einzig und allein darum, wie du zu dem allem gekommen bist!
GEJ|5|44|4|0|Du brauchst mir nun auch gar nicht mehr zu erzählen, wie des alten Markus neues palastartiges Haus samt Garten und samt dem Hafen und seinen ganz neuen Schiffen entstanden ist; denn du stehst als der zauberische Baumeister ja offenbar vor mir und hast dich als solcher schon verraten, wahrscheinlich absichtlich, um mich zu erproben, ob ich nicht trotz meines geweckten Verstandes zu dumm sei, um solche deine hingeworfenen Worte zu verstehen
GEJ|5|44|5|0|Das Feld der Magie ist ein ungeheures und unbegrenztes, und selbst der größte Meister darin ist und bleibt nichts anderes als ein schülerhafter Anfänger. Wir Essäer, unter uns gesagt, verstehen uns gewiß darauf, da wir doch persische und ägyptische Magier in unserem Solde haben, die Wundertaten zu verrichten imstande sind, vor denen unsereinem ganz ordentlich zu schwindeln anfängt, obwohl auch ich selbst in dieser Sphäre nicht als ein Laie dastehe; aber abgesehen von dem habe ich in Indien Magier gesehen, die da Dinge verrichtet haben, gegen die unsere ganze Magie als ein purstes Kinderspiel anzusehen ist! Ich hätte tausend Pfunde Goldes darum gegeben, wenn mich der Königsmagier von Thiba nur einige seiner unübertrefflichen Zaubereien gelehrt hätte; aber er war um kein Geld dazu zu bewegen.
GEJ|5|44|6|0|Und so kannst du ebenfalls irgend in Geheimnisse eingeweiht sein, von denen mir noch nie etwas geträumt hat, und kannst deine unsichtbaren Helfershelfer und dienstbaren Naturgeister verwenden, wie du sie nur immer willst, und es ist dir also ein leichtes, einen ganzen Berg, und um so leichter ein solches Haus usw. in einem Augenblicke herzustellen. Denn ich habe von dem früher erwähnten Magier zu Thiba gesehen, wie er in einem Augenblicke aus einer vor uns stehenden weitgedehnten Landschaft einen See gebildet hat, aus dem mehrere Inseln emporragten und auf dessen Oberfläche mehrere Schiffe herumschwammen. Mehrere Augenblicke lang war dieser See zu sehen; darauf machte der Magier einen Wink, und die frühere Gegend war wieder unversehrt zu sehen.
GEJ|5|44|7|0|Freilich hat er uns zu dem Behufe in ein ganz dunkles Kabinett geführt und ließ uns durch ein Fenster die Gegend schauen, die ganz dieselbe war, wie sie außer dem Kabinett frei zu sehen war. Darauf schloß er das Fenster, machte einige Zeichen, öffnete darauf das Fenster abermals, und von der früheren, natürlichen Gegend war keine Spur mehr, sondern wir sahen die vorher beschriebene Seegegend weit und weit ausgedehnt, und das alles so natürlich, wie nur etwas natürlich sein kann. Nur merkte ich dabei ein eigenes Ziehen in den Augen, wovon der Grund offenbar in der großen Überraschung lag.
GEJ|5|44|8|0|Der Magier sagte dann, daß er uns durch dasselbe eine Fenster noch eine Menge der wunderbarsten Gegenden vorzaubern könnte, – aber so was würde uns viel Goldes kosten; wir ließen uns daher die weitere Neugierde vergehen. Ich fragte ihn, ob er solch eine Gegend auch fixieren könnte, daß sie bliebe. Er bejahte solches und verbarg sich dann plötzlich. Als wir darauf ins Freie kamen, war von der Seegegend keine Spur mehr.
GEJ|5|44|9|0|Ich frage, wie solches möglich, beantworte mir aber die Frage dahin selbst, daß jener Magier von Thiba offenbar mit den geheimen Kräften der Natur um noch vieles vertrauter war. Wie wäre es sonst möglich gewesen, durch ein und dasselbe Fenster, durch das ich vorher ganz gut die wirkliche Naturgegend geschaut habe, eine Seegegend herzuzaubern und die frühere Naturgegend ganz vergehen zu machen? Er machte dann freilich wieder die Seegegend verschwinden und wieder entstehen die erste Naturgegend; aber er hätte auch für immer die Seegegend können stehen lassen, – was er aber nicht wollte, weil die frühere Gegend schon sehr lange zu einer der fruchtbarsten gehörte und so schöne Äcker, Wiesen und Gärten der Menschheit doch offenbar von größerem Nutzen sind als ein meerähnlicher und unabsehbar weit ausgedehnter See mit etwelchen Inseln und Schiffen.
GEJ|5|44|10|0|Für dies Zauberstück hätte ich ihm gerne zweihundert Pfunde Goldes gegeben; aber er wollte davon nichts hören und wissen. Sein Haus mußte ganz voll von allerlei der allermächtigsten Naturgeister gewesen sein, ohne deren Beihilfe der Magier die besagte Seegegend nimmer zustande gebracht hätte!
GEJ|5|44|11|0|Und so hast denn auch du, junger Zauberer, dieses zustande gebracht, dessen plötzliches Auftauchen uns eigentlich hierher gelockt hat! Es ist ein ganz dem zu Thiba von mir und diesen elf Gefährten gesehenen vollkommen ähnliches Zauberstück, dessen Hervorbringungsgeheimnis ich mit viel Gold bezahlen würde; aber ich weiß es, daß dir das so wenig feil ist wie jenem Magier von Thiba. Denn du bist noch jung und wirst dir damit viel Geldes und andere Schätze verdienen.
GEJ|5|44|12|0|Du siehst auch aus dem nun wohl sicher ein, daß ich dir nicht einmal das Geheimnis entlocken will; aber nur das einzige möchte ich aus deinem Munde erfahren, wie, wo und wann du zu solcher Weisheit und zu solcher magischen Kunst gelangt bist! Du hast mich samt meinen Gefährten zur Annahme eines wahren, höchsten Gottwesens gebracht, und es wird dich demnach auch gar nicht beirren, so du es mir sagst, wenigstens nur das, wo du hinter alles das in so früher Jugend gekommen bist!“
GEJ|5|45|1|1|45. — Raphael erklärt die Zaubereien des indischen Magiers
GEJ|5|45|1|0|Sagt Raphael: „Du bist doch ein sonderbarer Mensch! Deine vielen Erfahrungen haben dir den Kopf derart verrückt, daß du nun das Falsche vom eigentlich Wahren gar nicht zu unterscheiden verstehst! Hättest du den zu Thiba weilenden Magier nur aufgefordert, daß er dir ohne Kammer und Fenster eine Seegegend hinzaubern solle, so würde er dir das um eine ganze Welt voll Goldes nicht getan haben, weil ihm solches ganz unmöglich gewesen wäre; aber in der bewußten Kammer hätte er dir durch das gewisse Fenster noch mehrere andere Gegenden vorzaubern können!
GEJ|5|45|2|0|Jener Magier solle nur draußen in der nackten Natur so ein solides Haus sogleich für bleibend, mit allem versehen, herzaubern! Das wird er aber, wie gesagt, schön bleiben lassen! Darum ist das, offen gesagt, ein Gotteswerk, – und jenes nur das eines Menschen, der im Grunde nur ein naturkundiger Maschinist und durchaus kein sogenannter Magier ist.
GEJ|5|45|3|0|So das aber ein Gotteswerk ist, da ist auch meine Weisheit ein Gleiches! Alles, was du an mir entdeckest, ist aus Gott! Darum frage ja nicht mehr, wie, wo und wann ich zu all dem gekommen bin!
GEJ|5|45|4|0|Fürs Auge der Menschen können wohl auch die Menschen wunderähnliche Taten zuwege bringen; aber es sind das durchaus keine Wunder, sondern mit ganz natürlichen Mitteln auch ganz natürlich hervorgebrachte Dinge, die nur darum dem Laien als Wunder erscheinen, weil er weder von den Mitteln noch von der Art und Weise, dieselben zu einem bestimmten Zwecke zu gebrauchen, irgendeine Ahnung hat. Sagt man ihm aber die Mittel und ihren Gebrauch mit den daraus entspringenden Erfolgen an, so wird er sogleich dasselbe Wunder zu wirken imstande sein wie derselbe Magier, den er früher für einen Wundertäter gehalten hat.“
GEJ|5|45|5|0|Sagt Roklus: „Auch die Gegendherzauberung des Magiers zu Thiba?“
GEJ|5|45|6|0|Sagt Raphael: „Allerdings, aber die Mittel dazu sind etwas schwer zu bekommen; denn jener Magier hat ein Mittel selbst erfunden, und das andere auch. Diese beiden gibt er freilich nicht preis, und so ist es dir schon schwer, dasselbe zu bewirken, was dort er bewirkt und sich dadurch das Ansehen eines Hauptmagiers gibt.
GEJ|5|45|7|0|Verstündest du aber den reinen Kiesstein zu schmelzen und daraus zu bereiten ein reines Glas und endlich dasselbe zu schleifen und zu polieren, wie man Edelsteine schleift und poliert – eine den Indiern ganz wohlbekannte Arbeit –, so würdest du das Wunder bald und ganz klar einsehen, und das um so klarer, wenn du dazu noch so eine Art Apelles wärest, dem es möglich war, das Wasser mit Farben so täuschend zu malen, daß er damit sogar die Vögel täuschte.
GEJ|5|45|8|0|Dein Magier ist ein berühmter Edelsteinschleifer, kann das Glas aus Kies machen, ebenfalls schleifen und polieren, und ist dazu noch einer der besten Maler von ganz Indien, besonders im Nachzeichnen und Nachmalen der Gegenden im natürlich sehr verjüngten Maßstabe. Er hat sich eine eigene Vorrichtung konstruiert, seine gemalten Gegenden durch solch ein eigens geschliffenes Glas ansehen zu lassen, und es wird dadurch eine derartige Sehtäuschung bewirkt, wie du sie mit deiner Seegegend selbst angeschaut hast.
GEJ|5|45|9|0|Das ist nun eine ganz verborgene Wissenschaft, die die Phönizier und durch sie auch die Ägypter entdeckt haben, und die sie, sie außerordentlich geheim haltend, zu ihren außerordentlichsten Zaubereien gebraucht haben. In ein paar Jahrtausenden werden alle Völker davon die klarste Einsicht haben; dann wird es aber auch keinen Menschen mehr geben, der, mit der reinen Vernunft begabt, solch eine Erscheinung irgend mehr für ein Wunder, und das gar von der außerordentlichsten Art, halten wird.“
GEJ|5|46|1|1|46. — Das Priestertum als Feind des Lichtes
GEJ|5|46|1|0|(Raphael:) „Ich sage dir, daß es kommen wird, daß Menschen auf Eisenstraßen so schnell, wie da fliegt ein abgeschossener Pfeil, dahinfahren werden und werden reden mit der Zunge des Blitzes von einem Ende der Welt bis zum andern, und werden in der Luft herumfliegen wie die Vögel, weithin über Meere, Länder, – und doch wird sie niemand für Magier und noch weniger für Götter halten! Wohl wird sich die allzeit bestehende Priesterschaft stets alle Mühe geben, beim Volke solch eine Aufklärung zu verhindern; aber es wird ihre Mühe auch allzeit eine völlig vergebliche sein!
GEJ|5|46|2|0|Je mehr sie sich vornehmen wird, das Volk in die Nacht und alle Finsternis zu führen, desto mehr wird sie dadurch die allzeit daseienden Lichtgeister wecken zur desto größeren Gegentätigkeit, und es wird dadurch stets ein größeres und intensiveres Licht unters Volk ausgebreitet werden, bis am Ende die Priesterschaften selbst werden genötigt sein, in den für sie äußerst sauren Apfel des Lichtes zu beißen und Apostel des Lichtes zu werden; aber es wird dazu viel Kampfes benötigen.
GEJ|5|46|3|0|Es wird kommen, daß die Magier höchst verfolgt werden, und der Keim zu diesen Verfolgungen besteht bereits schon zum Teil im Pharisäertume, das den Magiern sehr ungeneigt ist, und zum größten Teile aber bei euch Essäern, die ihr euch nun von aller Welt die Zauberkünste zusammenkaufet. Ihr sehet nun schon mit heimlich sehr eifersüchtigen Augen auf jeden Wundertäter, besonders wenn er etwa irgendein Wunder bewerkstelligt, das ihr schon zu eurem volkstäuschenden Erwerbe in eure Mauern eingereiht und eingeschlossen habt.
GEJ|5|46|4|0|Es ist aber Gott dem Herrn nun also gefällig, nach und nach nicht die Priester, sondern ganz unscheinbare Menschen ganz außerordentliche Erfindungen machen zu lassen, durch die die Menschen in einen außerordentlichen Kulturzustand versetzt werden.
GEJ|5|46|5|0|Dagegen werden die Priesterschaften freilich überlaut und gar mit Feuer und Schwert zu eifern anfangen, aber es wird ihnen das alles nichts nützen; denn je heftiger sie dagegen zu kämpfen beginnen werden, desto nackter werden sie ihre selbst- und herrschsüchtigen, bösen Begierden vor die Augen des Volkes stellen und sich dadurch jedes Glaubens und Vertrauens verlustig machen.
GEJ|5|46|6|0|Denn bei dem man einmal nur gemerkt hat, daß er jemanden hat betrügen wollen, auf den wird man künftighin auch kein Vertrauen setzen, ja sogar dann nicht, wenn er mit einer ganz reellen und wahren Sache zum Vorscheine käme; denn man fürchtet dabei irgendeine, auf böser Lauer im Hintergrunde steckende, schlechte Absicht. Daher wird es mit einer Priesterschaft, die durch ihren argen Eifer sich einmal zu sehr entblödet hat, nicht nur teilweise, sondern ganz aus sein.
GEJ|5|46|7|0|Solches aber hat Gott der Herr aus Seiner Ordnung schon für immer also eingerichtet, daß alles Schlechte und Falsche sich allzeit selbst zerstört; und je mehr dieses nach einer Alleinherrschaft zu streben anfängt, desto eher wird es sich selbst zerstören.
GEJ|5|46|8|0|Es gleicht alles Argtun der Menschen dieser Erde einer losen Maschine, die um so eher ganz unbrauchbar wird, je unausgesetzter und emsiger sie gebraucht wird. Auch des Menschen Leib nützt sich selbst ab und zerstört sich um so eher, je leidenschaftlicher er in seinem habgierigen Bestreben tätig wird.
GEJ|5|46|9|0|Es ist daher für einen wahren Lebensphilosophen nimmer ein Grund, darum an keinen wahren Gott zu glauben, weil er alle die Priesterschaften Arges wirken und Dinge begehen sieht, darob sich seine Vernunft ganz umkehren möchte. Denn alles das läßt der Herr also zu: erstens, daß dabei die wahre, reine Vernunft desto geweckter werde zur wahren Tätigkeit, und zweitens, daß sich das Arge dadurch desto eher selbst zerstöre und gänzlich zugrunde richte.
GEJ|5|46|10|0|Am Tage sucht niemand ein Licht und achtet nicht einmal den wahren Wert desselben; denn es drückt ihn ja nirgends die Bürde der Nacht. Am Tage läßt sich gut wandeln, weil man da jedem Graben, jedem Steine auf der Straße und jedem Abgrunde ausweichen kann, da man alles das schon von weitem sehen kann. Aber in einer stockfinstern Nacht ist das ganz anders; da kann man nur mühsam und höchst vorsichtig vorwärts kommen!
GEJ|5|46|11|0|Wie willkommen ist dem Wandler da auch nur ein kleines Lichtflämmchen, das ihm den Pfad zur Not nur auf einige Schritte weit erleuchtet, und mit welcher Sehnsucht wird der lichtfreundliche Wanderer in der Wüste dem kommenden Morgen entgegenharren!
GEJ|5|46|12|0|Und siehe, gerade also ergeht es den geistigen Lichtfreunden in der Mitte einer geistigen Nacht, die zum größten Teile die schnöde Hab- und Herrschgier der Priester unter die oft zu leichtgläubigen Menschen gebracht hat; aber je finsterer es wird, desto mehr wird auch stets der Lichtmangel wahrgenommen und desto höher geschätzt der volle Wert des geistigen Lichtes.
GEJ|5|46|13|0|Menschen, die einmal durch die Erziehung schon von der Wiege an völlig verfinstert sind, die merken den geistigen Lichtmangel freilich nicht und fühlen sich ganz behaglich unter den blinden Tröstungen ihrer Priester, die ihnen stets eine Menge erbaulicher Geschichten zwar schon lange verstorbener, aber nach den Satzungen der Priester dereinst fromm und treu gelebt habender Menschen zu erzählen verstehen, und das mit der möglichst frischesten Färbung. Das beruhigt die total Blinden ganz und gar; sie weinen dabei oft vor lauter Rührung und werden ganz gemütlich gestimmt, was natürlich dem Priester niemals einen Schaden bringt.
GEJ|5|46|14|0|Solche Menschen, wie gesagt, verspüren den Druck ihrer geistigen Nacht ebensowenig, wie da ein Stockblindgeborener von dem Drucke einer noch so finstern Nacht je etwas verspürt hat; ihm geht nie eine Sonne auf noch unter! Aber ganz anders drückt die Nacht den, der fortwährend im Lichte des ewigen Wahrheitstages zu wandeln gewohnt war und dann als ein bester Sänger mit den Wölfen mitzuheulen anfangen muß, wenn er seine gesunde Haut erhalten will!
GEJ|5|46|15|0|Stelle dir eine Lage vor, wo einige wenige Sehende sich unter einer Gemeinde befänden, in der jeder ein Blinder ist! Es finge nun aber einer der Sehenden an, eine Beschreibung von der großen Herrlichkeit des Lichtes zu machen und von seinem herrlichsten Farbenspiele. Die Blinden würden ihm aber sogleich zu schweigen gebieten und ihn einen frechen und böswilligen Lügner schelten, während er von der hellsten Wahrheit doch mehr als handgreiflich überzeugt wäre! – Sage mir oder denke dir es, wie's da den Sehenden nach und nach zumute werden müßte, und besonders, so die Sehenden die besten Mittel besäßen, die meisten Blinden der ganzen Gemeinde sehend zu machen, so diese es nur wollten! Wie würde es dir da mit deiner reinen Vernunft zumute werden?“
GEJ|5|47|1|1|47. — Die Früchte der Nacht und die Früchte des geistigen Lichtes
GEJ|5|47|1|0|Sagt Roklus: „Das wäre ein allerverzweifeltster Zustand, für einen sehenden Arzt auch noch dazu! Da wäre es ja tausend Male besser, schon gar nicht zu bestehen, denn als Sehender unter den Blinden, die voll Mißtrauens, Eigendünkels und Hochmutes sind, zu leben! Aber du hast recht, lieber wohl- und hochweiser Junge! Es ist in der Welt einmal so und nicht anders; daher ist es meines Erachtens besser, die Blinden zu verlassen und jeden Zusammenstoß mit ihnen soviel als möglich zu vermeiden. Werden sie dadurch jedes sehenden Führers bar, so müssen sie alle endlich über kurz oder auch der Zeit nach etwas länger an den Rand eines Abgrundes gelangen, der sie alle unvermeidbar verschlingen wird. Ihr Ende ist zwar ein trauriges, aber ein sicheres, und niemand kann sie bewahren vor demselben!“
GEJ|5|47|2|0|Sagt Raphael: „Nun hast du einmal ganz gut geurteilt, und siehe, also handelt der Herr mit den Menschen auch gleichfort aus Seiner Ordnung heraus! Wann immer irgendeine Menschengemeinde oder auch ein ganzes Volk frei- und böswillig der Wahrheit und dem Lichte aus den Himmeln feind wird, so läßt der Herr es dann auch zu, daß solch ein Volk in die vollkommenste Lebensnacht übergeht. In dieser begeht es dann bald eine schreiende Unklugheit um die andere und offenbart dadurch allen nur ein wenig Sehenden die eigene böse Blindheit und Lüge in allem Wollen, Streben und Handeln. Solch ein unheilbares Volk muß dann ja endlich an den Rand eines Abgrundes kommen, der es ohne alle Gnade und Erbarmung verschlingen muß. Die Sehenden aber werden sich auszubreiten und mit ihrem Lichte zu segnen anfangen, den Erdboden geistig und körperlich.
GEJ|5|47|3|0|Aber der Herr läßt ein Volk, solange es nur einen ganz leisen Schimmer des wahren Lichtes unter sich hat, sicher nicht an den Rand des Abgrundes gelangen, weil im Schimmer doch noch eine warnende Ahnung vor dem Verderben wohnt.
GEJ|5|47|4|0|Aber wo bei einem Volke einmal ein förmlicher Haß gegen das Licht der Wahrheit eingetreten ist und das Volk und seine Priester einmal die Sehenden auf jede mögliche Weise anzufeinden und zu verfolgen anfangen, wie es nun, ich sage es dir, soeben schon seit langem bei den Juden der Fall ist, da hat dann auch des Herrn Geduld ein Ende, und solch ein Volk entgeht seinem Untergange nimmer.
GEJ|5|47|5|0|Da ist es dann, daß der Herr aus den Himmeln Selbst zur Erde kommt und ein Gericht hält über die bösblinden Frevler, wie es nun auch soeben auf der Erde, und zwar im schönsten Lande der Juden, dem einstigen Volke Gottes, der Fall ist!
GEJ|5|47|6|0|Der Herr aber wird nun noch die wenigen Treuen und Sehenden um Sich versammeln und ihnen geben ein vollstes Licht aus den Himmeln; aber neben diesem Lichte wird alles Lichtlose nicht bestehen können, sondern getrieben werden an den vollsten Rand des unvermeidlichen Abgrundes. Da nützet dir vor den Sehenden kein falsches Wunder mehr, sondern nur ein solches, das ganz wahrhaftigst aus der Kraft Gottes hervorgeht, die Er in eines jeden Wahrheit sehenden Menschen Herz gelegt hat.
GEJ|5|47|7|0|Denn wie der falsche und der blinde Glaube, der eigentlich ein Aberglaube ist, sich nur zu bald erweist durch allerlei Lüge und Trugwerke und durch eine stets steigende Lieblosigkeit, also erweist sich ein wahrer, lebendiger Glaube durch die vollste Wahrheit in allen Dingen ohne irgendeinen Rückhalt und durch eine stets steigende Liebe unter den Menschen und zu Gott und aus solcher Wahrheit und Liebe in der Gotteskraft und Macht, die Gott in eines jeden wahrsehenden Menschen Herz gelegt hat.
GEJ|5|47|8|0|Was nützet dem Menschen dann alle seine geheime Kunst und Wissenschaft, wenn sogar am Ende die sehenden Sperlinge von den Dächern herab es dem falschen Propheten vor aller Welt zurufen: ,Du bist ein stets eigennütziger, arger Betrüger und machst deine Wunder so und so vor den Blinden! Aber die wahren, sehenden Kinder Gottes täuschest du nimmer; denn diese vermögen etwas anderes aus der Gotteskraft in ihren Herzen, welche da ist der Geist der ewigen Liebe, und durchschauen dein elend Machwerk und deine schnöde Absicht auf das allergenaueste. Packe daher zusammen deine alten Trugmittel und werde ein sehender Mensch in der wahren Kraft Gottes, – oder wir Sperlinge werden dich noch des bißchen Schimmers, den du besitzest, berauben!‘ – Sage! Könntest du den Sperlingen darum gram werden? Wohl ist dem Betrüger sicher nichts ärgerlicher, als so man ihm mit dem Vollichte der Wahrheit entgegentritt; aber anerkennen muß er sie am Ende dennoch auf Gnade oder Ungnade!
GEJ|5|47|9|0|Da sieh an das unverkennbare Wunderwerk, hervorgegangen aus der wahren Kraft Gottes! – Du bist ein Essäer und dazu ein Hauptmagier dieses Ordens. Du machst Tote lebendig, den Mond ziehst du den geistig blinden Staunenden nahezu gerade vor ihre Nasen herab, machst Bäume und Gras und Wasser, Felsen und Mauern reden. Was möchtest du dazu sagen, so diese Sperlinge von Menschen aller Rassen und Klassen es dir nun ganz laut zu erklären anfingen, wie du und deine Helfershelfer, wenn euch eure Dienstzeit ins Kloster ruft, eure Toten erwecket und eure Bäume, Gras, Wasser, Felsen und Mauern reden machet, und brächten dir dann einen Toten her und forderten dich auf, ihn ins Leben zurückzurufen? Was würde deine reine Vernunft und dein scharfer Verstand dazu sagen?“
GEJ|5|48|1|1|48. — Roklus verteidigt das Essäertum und seine Trugwunder
GEJ|5|48|1|0|Sagt Roklus: „Ich müßte es mir sicher ohne alle Widerrede gefallen lassen; denn Wahrheit bleibt Wahrheit, ob sie mir schadet oder nützt! Ich weiß aber nun, was du mir damit so ganz eigentlich etwa sagen willst, und das dürfte allenfalls wohl darin bestehen, daß auch unser Orden etwas Schlechtes sei und endlich seinem Untergange so bald anheimfallen wird, als wie bald das reine Gotteslicht aus den Himmeln der Menschen Herzen durchleuchtet haben wird. Freund, das ist zwar eine Wahrheit, gegen die sich nichts einwenden läßt – denn wenn alle Menschen oder wenigstens nur ein großer Teil derselben in alle unsere Geheimnisse von Gott aus eingeweiht werden, so hat unser Handwerk freilich wohl für immer ein Ende erreicht –; aber man wird uns wenigstens nie nachsagen können, daß wir solches alles mit auch nur einem Funken irgendeines selbstsüchtigen, bösen Willens getan haben, da uns in dieser höchst trüben Zeit nichts als nur wenigstens das irdische allseitige Wohl der Menschen am Herzen lag und unser Kloster an und für sich nichts anderes ist als eine Liebe- und Freundschaftsbezeigungsanstalt. Wir wählten dazu auch nicht ein schlechtes Mittel!
GEJ|5|48|2|0|Freilich, wohl könnte man sagen: Jeder Betrug ist schon ein schlechtes Mittel! Aber da erwidere ich auch einem Gotte ganz entschieden und sage: Ja, ein Betrug ist sicher stets ein schlechtes Mittel, wenn ich mit demselben nur im geringsten irgendeine böse Absicht verbinde aus was immer für einem selbstsüchtigen Grunde! Wenn ich aber sehe, daß der Mensch auf keine andere Weise zu heilen ist als nur durch einen offenbaren Betrug, und ich dann auch aus purer Liebe zum leidenden Bruder dieses einzige Mittel ergreife und dem Menschen damit unfehlbar helfe, so ist und bleibt selbst der allerdickste Betrug kein schlechtes, sondern nur ein höchst gutes und gerechtes Mittel, gegen das kein Gott mir etwas einzuwenden imstande sein kann. Ich will dir zur Bekräftigung dessen nur ein Beispiel aus meiner essäischen Lebenserfahrung mitteilen, und du wirst mir recht geben müssen, und wärest du selbst ein zehnfacher Gott.
GEJ|5|48|3|0|Es kam zu mir ein weinender Mann, dem sein liebes, junges und äußerst braves Weib in einer Art krank wurde, von welcher Krankheit sie nur durch ein einziges, mir wohlbekanntes Mittel einzig und allein und mathematisch sicher geheilt werden konnte. Jedes andere Heilmittel hätte offenbar den Tod gebracht und den Gatten zum unglücklichsten Menschen der Welt gemacht. Das Weib aber hatte gegen das bekannte Mittel eine solche Antipathie, daß es lieber zehnmal sterben wollte, als sich dieses Heilmittels für seine sichere Heilung zu bedienen. Da half alles Zureden nichts, und der Mann verfiel dabei aus einer Verzweiflung in die andere. Ich aber, um einen guten Einfall bei solchen Gelegenheiten noch nie verlegen gewesen, sagte sogleich ganz ernst und entschieden vor dem Manne zum Weibe: ,Oh, sei du da ganz ruhig, da weiß ich noch um hundert andere Mittel, die solche Krankheiten noch um vieles eher und sicherer heilen denn das benannte!‘ Mit dem aber hatte ich schon im Grunde gelogen wie ein Bär; denn ich wußte wahrlich um alle Schätze der Erde für sie kein anderes. Diese wahre Kardinallüge war demnach schon ein erster Betrug zum Besten der Kranken.
GEJ|5|48|4|0|Der zweite und somit noch größere bestand darauf notwendig darin, daß ich dem bekannten Mittel einen andern Namen gab, etwas Gleichgültiges daruntermengte und ihm dadurch die Gestalt, Farbe und in etwas auch den Geschmack veränderte, und es auch auf einen sehr namhaften Betrag stellte. Drei Pfunde Goldes änderten die Sache ganz gewaltig. Das Weib nahm mit vielen Freuden die Arznei ein und ward darauf in etlichen Stunden nicht nur vollkommen gerettet, sondern sogleich frisch, heiter und auch vollkommen gesund! Ich selbst habe mich über diese gute Prellerei kaum des Lachens enthalten können, und es erfuhr darauf bis zur Stunde weder das Weib noch der Mann von solchem meinem für beide heilsamen Betruge auch nur eine Silbe!
GEJ|5|48|5|0|Nun frage ich dich, ob dieser Betrug an und für sich gut oder schlecht war? – Du schweigst und kannst mir da nichts einwenden! Ich werde dir aber noch ein anderes Beispiel auftischen und dich darüber dann um dein Urteil angehen.
GEJ|5|48|6|0|Siehe, vor einem Jahre geschah es, daß einem höchst achtbaren und überaus wohlhabenden Elternpaare seine einzige, dreizehnjährige Tochter an einem bösen Aussatze verstarb. Ich bekam zufällig davon Kunde und eilte jählings in das Haus der großen Trauer. Vater und Mutter waren untröstlich um solchen Verlust. Ich besah mir das vollkommen tot daliegende Mädchen genau und fand, daß es eine große Ähnlichkeit hatte mit einem Mädchen in unserer großen Menschenhege- und -pflegeanstalt, und dachte mir: ,Diesem trauernden Paare kann und soll geholfen werden!‘
GEJ|5|48|7|0|Ich berief sogleich den Vater zu mir und sagte zu ihm: ,Traure nicht! Ich bin ein wahrer Essäer und sage dir, daß ich diese Schlafende wieder beleben kann durch mein Arkanum im Kloster! Laß sie hineinbringen mit allem, was sie je besaß, und mache mir eine genaueste Beschreibung ihres ganzen Charakters, ihrer Sympathien und Antipathien, kurz, von allem, was sie je umgeben hat, und ich stehe dir dafür, daß ich diese deine nun tote Tochter dir längstens binnen zwei Monaten in deine Arme zurückbringen werde!‘
GEJ|5|48|8|0|Daß bei meinem Ernste sich die beiden Eltern dazu nicht lange besannen, versteht sich von selbst, da sie mich schon im voraus jedes Betruges für rein unfähig hielten. Was sonach je des Mädchens war von der Wiege an bis zu ihrem Tode, mußte mit ins Kloster gebracht werden. Da ich in meiner Dienstzeit sehr oft in dies Haus kam und das Mädchen sehr gut kannte, und da das schon früher erwähnte Hegemädchen der Verstorbenen sehr ähnlich sah und zugleich sehr viel Kapazität (Aufnahmefähigkeit) besaß, so war da eine Auswechslung sehr leicht möglich. Nach der abgelaufenen Zeit von ein paar Monden war das Hegemädchen schon ganz die wiedererweckte Tochter der beiden gläubig auf deren Wiederkunft harrenden Eltern.
GEJ|5|48|9|0|Ich selbst nahm die Überbringung der Erweckten ins elterliche Haus vor. Als mich die beiden Eltern schon von weitem ersahen und wohl erkannten, so liefen sie mir mit vor Freude aufgehobenen Händen entgegen, und die Pseudotochter tat auf mein Geheiß und früheren Unterricht, wie sie sich zu benehmen habe, dasselbe. Da hättest du Zeuge von der Glückseligkeit der beiden Eltern sein sollen, und du hättest samt mir mitgeweint vor Freuden!
GEJ|5|48|10|0|Durch diesen sicher höchst feinen, aber dabei dennoch kolossalen Betrug sind drei Menschen vollkommen glücklich geworden; die zwei Trauernden, Vater und Mutter, haben ihre verlorene Tochter ungezweifelt wieder, und das sonst höchst arme Mädchen ist zu einem Paare Wohltäter gekommen, wie sie sein Herz nur je wünschen konnte. Und was habe ich davon gehabt? Ich sage es dir, so wahr, als ich hier stehe: Nichts als das angenehme Bewußtsein, drei Menschen ganz glücklich gemacht zu haben!
GEJ|5|48|11|0|Nun frage ich dich, ob dieser Betrug auch schlecht zu nennen ist! Ja, ich selbst heiße jeden Betrug schlecht, der von einem Menschen aus Selbst- und schnöder Gewinnsucht gegen seine harmlosen Mitmenschen unternommen wird; aber so ich nur dann zu einem recht feinen Betruge meine Zuflucht nehme, wenn ich die vollste Überzeugung habe, daß irgendein sehr unglücklicher Mensch auf gar keine andere Weise zu heilen ist, da ist ein noch so dicker Betrug etwas sehr Gutes und kann von keinem vernünftigen und weisen Gotte als schlecht bezeichnet werden, und man muß dem erfinderischen Menschengeiste noch obendrauf höchst dankbar sein, der in unserem Orden allerlei Mittel ersann, die leidende Menschheit glücklich und gesund zu machen!
GEJ|5|48|12|0|Oder hatte nicht auch euer Gott nach eurer Schrift sich gegen den alten und blinden Vater Isaak eines offenbaren Betrugs bedient, um seinem Volke in Jakob einen besseren Stammvater zu geben, als da war der erstgeborene, rauhe Esau? Ich pflichte dir wohl bei in dem, daß jeder böse Trug, wenn er einmal den Kulminationspunkt erreicht hat, sich selbst zugrunde richten muß, aber ein Betrug zum Guten für die Menschheit sicher durch sich selbst nie, – nur durch irgendeinen mutwillig bösen Verräter, ja! Aber da ist dann doch offenbar der unseren guten Trug verratende Wahrheitsfreund um tausend Male schlechter als der schlechteste Volksbetrüger unseres Ordens! – Widerlege mich, wenn du es vermagst! Ich bin bereit, mit dir jeden Kampf in dieser Hinsicht zu bestehen.“
GEJ|5|49|1|1|49. — Der Unterschied zwischen Lebensklugheit und Betrug
GEJ|5|49|1|0|Sagt Raphael: „Lieber Freund, ich muß dir offen gestehen, daß mit dir wahrlich etwas schwer zu reden ist; denn du gehst einmal von dem Grundsatze aus, daß ein jedes Mittel nur durch die Absicht und den Zweck geheiligt wird, und ich kann dir dazu unmöglich etwas anderes sagen, als daß du bei allem guten Willen und bei aller deiner Verstandesschärfe auf dem Holzwege bist, und daß du von allem von mir dir Gesagten mit aller deiner noch so reinen Vernunft noch durchaus nahe nichts eingesehen hast!
GEJ|5|49|2|0|Du siehst nur die irdischen Vorteile und das irdische Glück der Menschen, weil du von den geistigen Verhältnissen eigentlich noch gar keine Ahnung hast.
GEJ|5|49|3|0|Man kann einen Menschen auf dieser Welt wohl ganz glücklich machen durch allerlei Täuschungen; aber man hat ihm dadurch für seine Seele und seinen Geist gar nichts Gutes, sondern nur zu oft im Ernste etwas sehr Schlechtes erwiesen.
GEJ|5|49|4|0|Du hast mir ein paar Beispiele aus deinem Leben erzählt, wo ich beim ersten eben nichts einzuwenden habe; denn die Behandlung der Kranken war im Grunde kein Betrug, sondern nur eine Lebensklugheit.
GEJ|5|49|5|0|Als Betrug gilt vor Gott jede verdeckte Handlung und Verlockung der Menschen, durch die sie notwendig in einen physischen und moralischen Schaden geraten müssen. Wenn du aber eine Rede, eine Anlockung oder eine Handlung nur darum verdeckst, um deinem Bruder, der gar oft mit allerlei Schwächen behaftet ist, und dem man auf einem geraden Wege schwer oder auch gar nicht beikommen kann, auf diese Weise unfehlbar physisch und moralisch zu helfen, da ist das nur eine gute und sehr anempfehlenswerte Lebensklugheit und durchaus kein Betrug.
GEJ|5|49|6|0|Wenn du immer mit einer Handlung, Rede oder Verlockung eine wahrhaft edle Absicht vereinigst, da hast du nichts denn eine Lebensklugheit ausgeübt, für die dir der Lohn aus den Himmeln nicht unterm Wege verbleiben wird. Und in diese Kategorie gehört dein erstes Beispiel; denn durch solche deine Klugheit hast du durchaus nichts anderes erreichen wollen als das, was du für die Kranke als vollkommen gut und nützlich erkannt hast.
GEJ|5|49|7|0|Aber dein zweites Beispiel, obwohl es auch einen gleichscheinend gutmütigen Charakter hat, ist von einer ganz andern Art. Damit ist auf lange Zukunftszeiten der Menschheit für die wundertätige Kraft dieses eures Klosters ein falscher Beweis geliefert worden, durch den bei der allgemeinen Blindheit der Menschen sich diese Anstalt alle Goldquellen der ganzen Erde eröffnen und in einer nicht zu langen Zeit zu fabelhaften Reichtümern gelangen muß.
GEJ|5|49|8|0|Was macht aber der irdische Reichtum, und was erzeugt er stets? Er macht die Menschen hoffärtig und herrschgierig und erzeugt Hartherzigkeit, Lieblosigkeit und stinkendsten Hochmut und dadurch Verachtung, Haß und Verfolgung der Nebenmenschen.
GEJ|5|49|9|0|Du hast dich doch schon zum Cyrenius gehörig unlöblich über alle die Priesterschaften expektoriert (geäußert) und gezeigt, wie sie als Stellvertreter eines Gottes die arme Menschheit nicht selten auf eine allerunmenschlichste Art plagen, für sich arbeiten lassen, selbst nichts als nur den allerkrassesten Müßiggang pflegen, aber dafür die laie Menschheit mit geistigen und leiblichen Foltern zwingen, für sie zu leben, zu arbeiten und zu sterben! Du hast solche Lebensverhältnisse gehörig beleuchtet und ihre Schändlichkeit ans helle Tageslicht gestellt.
GEJ|5|49|10|0|Ich aber sage dir ganz unverhohlen, daß alle die jetzt allenthalben noch bestehenden Priesterschaften auf viel reineren Füßen stehen denn euer Kloster; denn ihr Fundament war feste und reine göttliche Wahrheit aus den Himmeln und ward von den Menschen doch so verkehrt, daß du nun nahe nichts anderes mehr erschauen kannst als Lüge und allerlei Betrug. Was kann denn dann erst aus eurem Institute werden, das nun prinzipiell schon auf nichts als auf lauter Lüge und Trug erbauet ist?!
GEJ|5|49|11|0|Meinst du wohl, daß eure Nachfolger sich stets ganz strikte an eure nunmaligen aufgestellten Normen halten werden? Schon in fünfzig Jahren wird darin alles ein ganz anderes Gesicht erhalten! Die Betrügereien und allerlei Zauberkünste werden noch vermehrt und verfeinert werden. Ihr werdet euch auch an die Wiederbelebung alter Personen wagen, wovon manche mehr, die andern weniger gelingen werden.
GEJ|5|49|12|0|Ihr werdet auf den Verrat eurer Geheimnisse die grausamsten und unerbittlichsten Strafen setzen; ja, ihr werdet sogar eine Frage, wie ein und das andere eurer Wunderwerke möglich sei, als strafbar erklären! Euer Ausspruch wird sein: ,Du, Volk, hast um nichts zu fragen; nur ein ungezweifelter Glaube ist deine Sache! Fehlt dir etwas, so komme, und es wird dir geholfen gegen ein vorschriftsmäßig entrichtetes Opfer! Alles Weitere hat dich ewig nicht zu kümmern!‘
GEJ|5|49|13|0|Dadurch aber werden wißbegierige Gemüter geheim erbittert werden, allerlei Forschungen anstellen und von außen her hinter eure Geheimnisse dringen. Das wird euch mit geheimer Wut erfüllen, und Rache von der fürchterlichsten Art wird den Frevlern an eurem Heiligtume geschworen und womöglich auch ohne Schonung in die vollste Ausführung gebracht.“
GEJ|5|50|1|1|50. — Die Gefahren der Trugwunder des Essäerordens
GEJ|5|50|1|0|(Raphael:) „Du hast dich aufgehalten über die Bußwerke der Indier! In fünfzig Jahren schon werdet ihr noch zehnfach ärgere einführen; denn habt ihr möglicherweise es nur dahin gebracht, daß des Volkes größte Anzahl fest an euch hängt in seinem Glauben, zu dem es durch eure Pseudowunder gar leicht zu bringen ist, dann mag da kommen, was nur immer wolle, und das Volk bequemt sich bald und ohne alle Widerrede dazu. Denn es kann euch in seiner Dummheit für nichts anderes als für Knechte der Götter auf der Erde halten, die mit allerlei geheimen, göttlichen Allmachtskräften ausgerüstet sind, gegen die kein irdischer Wille und keine weltliche Menschengewalt etwas auszurichten vermag.
GEJ|5|50|2|0|Durch solche Wunder könnet ihr das Volk ganz sicher in die vollste Zügelgewalt bekommen. Ist aber das einmal geschehen, so dürft ihr zu einem oder zu dem andern Menschen sagen: ,Du arger Sünder! Was du Arges gedacht, gewollt und auch schon nahezu getan hast, wir, ja wir sehen schon die bösen Gedanken und Begierden in deinem Herzen keimen, die du erst im künftigen Jahre dir bewußt denken und dir dadurch den vollen Fluch und Zorn der Götter über dein loses Haupt ziehen wirst! Wir vermahnen dich, daß du dich aller argen Gedanken und Wünsche für die Zukunft entschlagest und zur diesmaligen Besänftigung der Götter fürs erste ein dir möglichst größtes Opfer zu unseren Füßen niederlegest und danebst noch volle drei Jahre hindurch dich täglich über den nackten Rücken mit einem Stricke nahe blutig kasteiest! Wehe dir für ewig, wenn du diese Buße nicht in den pünktlichsten Vollzug bringst!‘
GEJ|5|50|3|0|Der arme Mensch, der eigentlich nie einen argen Gedanken, noch weniger je einen bösen Willen in sich hatte aufkommen lassen, wird euch ganz ohne Widerrede glauben, daß er ein großer und aller Verdammung würdiger Sünder sei und sich allem dem willigst unterziehen müsse, was ihr als allmächtige und allwissende Gottesknechte ihm aufgebürdet habt. – Ich aber frage dich nach dem Urteile deiner reinen Vernunft, ob dieser Endzweck, den ihr am Ende doch erreichen müsset, gut und gerecht ist, und ob da auch das Mittel durch den sicher folgenden Endzweck geheiligt wird!“
GEJ|5|50|4|0|Sagt Roklus: „Ja, diese Absicht aber haben wir alle noch nie gehabt, sondern stets nur eine nützende für die arme, leidende Menschheit, – und so sehe ich noch immer nicht so recht ein, wie mein Mittel, das in der falschen Wiederbelebung des verstorbenen Mädchens bestand, schlecht sein kann! Denn von dem, was du meinst, das wir dadurch erreichen müßten – und am Ende unser ganzes Streben, wenn nun noch so verdeckt, dahinaus geht, solches zu erreichen, – davon kann ich mir bei aller meiner noch so reinen Vernunft durchaus keine Vorstellung machen! Denn man muß ja doch irgendeinen Willen für etwas Schlechtes haben, so man es erreichen will. Bei uns allen ist meines Wissens schnurgerade das allerblankste Gegenteil! Woher sollte das Schlechteste des Schlechten in unser Institut kommen?“
GEJ|5|50|5|0|Sagt Raphael: „Freund, nimm du den reinsten Weizen und streue ihn auf einen noch so reinen Acker, und wenn er aufgehen wird, so wirst du immer noch des Unkrautes in die schwere Menge unter demselben antreffen! Nun du und deine Gefährten aber nichts als nur allerlei Unkrautsamen in die Erde streuet, wie wollet ihr da Weizen ernten?
GEJ|5|50|6|0|Zu allen Zeiten und in allen Landen der Erde ist ursprünglich von Gott aus den Menschen die allerreinste Wahrheit gepredigt worden durch den Mund der vom Geiste Gottes durchdrungenen Propheten. Sieh nun nach etwa ein paar tausend Erdenjahren diese Wahrheiten an! Was sind sie? Zum allergrößten Teile Unkraut, Menschensatzungen, Lügen und bergdicke Betrügereien aller Art! Ihr aber habt euer Institut auf nichts denn Lüge gegründet und meinet dadurch, Wahrheit in den Herzen der Menschen zu wecken? Wohin mit der Welt?!
GEJ|5|50|7|0|Was nützt es dir denn, ein großes und tiefes Loch in die Erde auf einer offenen Straße zu schlagen und nicht die entfernteste Absicht dabei zu haben, daß da je ein Mensch hineinfallen solle?! So dann aber zur Nachtzeit die Menschen diese Straße wandeln werden, sage, werden sie nicht ebenso in dieses Loches Abgrund stürzen und darin zugrunde gehen, als so ihr das Loch eben in der Absicht in die Erde gemacht hättet, daß eben die Menschen da hineinfallen und zugrunde gehen sollen?!
GEJ|5|50|8|0|Oder es kommt zu dir ein Kranker, dessen Krankheit du bei aller deiner noch so reinen Vernunft verkennst, und du gibst ihm dann ein Mittel, das für seinen Zustand gerade ein Gift ist! Er geht daran zugrunde. Kann das Mittel da gut genannt werden, wenn du als Arzt dabei auch die beste Absicht gehabt hast?!
GEJ|5|50|9|0|Die auf der Straße, da es sehr morastig ist, ein Loch oder einen tiefen Abzugsgraben machten, ohne eine darüber führende Brücke mit guten Geländern zu versehen, hatten auch eine gute Absicht sogar, nämlich die Straße trockenzulegen; aber ihre Kurzsichtigkeit gewährte ihnen nicht so viel Voraussicht, dernach sie doch unfehlbar einsehen mußten, daß solch ein Loch oder ein Graben jenen, die zur Nachtzeit diesen Weg macheten, sehr gefährlich werden müßte.
GEJ|5|50|10|0|Das Mittel der Straßentrockenlegung war sonach auch bei der besten Absicht ein schlechtes, weil die Gutabsichtler gar nicht berechnet hatten, wie das Loch oder der Graben zur Nachtzeit den Reisenden doch offenbar allergefährlichst werden mußte. Ah, hätten die Wegverbesserer den Sumpf mit Steinen und Holz ausgefüllt und die Straße also ausgetrocknet, oder über den Graben wenigstens eine gute und feste Brücke gemacht, dann wäre das Mittel samt der Absicht gut. Weil sie aber nur dachten: ,Nun, am Tage wird das Loch oder den Graben wohl ohnehin ein jeder Reisende früh genug bemerken und ihm ausweichen, – zur Nachtzeit aber soll so niemand reisen!‘, also war das Mittel schlecht und kann durch eine gut sein sollende Absicht nicht geheiligt werden!
GEJ|5|50|11|0|Und ebenso ist euer Falschwunderinstitut zum Heile der Menschheit ein kernschlechtes Mittel, weil ihr bei seiner Errichtung gar nicht berechnet habt, welche gar nicht auszusprechenden Nachteile daraus für die Menschheit erwachsen müssen. Was nützt dir die falsche Belebung der Tochter deines Freundes, so er durch jemanden, dem er vollen Glauben schenken könnte, erführe, daß seine eigene Tochter ganz gut begraben wurde und er ein total fremdes Kind als seine sein sollende neubelebte Tochter in seine Obsorge erhielt? Meinst du wohl, daß dein Freund mit solch einem Betruge sich auch fürderhin zufriedenstellen wird? Oder kannst du es dir nicht vorstellen, daß ein derartiger Verrat auf euer ganzes Institut ein ganz absonderlich verheerendes Licht werfen und es um allen Glauben und um alles Vertrauen bringen würde?!
GEJ|5|50|12|0|Überdenke du dir solch eines Verrates beiderseitige Folgen, und du wirst es dann schon zu begreifen anfangen, ob schlechte Mittel wohl, im Ernste betrachtet, durch eine unberechnete, total blinde gute Absicht und durch die Erreichung eines doch bloß nur scheinguten Zweckes als gut und geheiligt angesehen werden können vor dem Forum des heiligen Richteramtes der wahren und allein gerechten Weisheit Gottes und Seiner lichtvollen Geister!
GEJ|5|50|13|0|Oder heißt das nicht die wahrhaftige Kraft des Gottesgeistes, mit dem nicht selten Menschen auf dieser Erde erfüllt wurden, schwächen oder gar zunichte machen wollen, teils aus einer ganz falschen Ehrsucht und teils aus Neid und großer Eifersucht und aus Furcht vor der Erwerbsverkürzung oder gar voller Zugrunderichtung desselben?! Wie muß es einem ganz pikfesten Essäer zumute sein, wenn er hier dieses offene Wunder, das am hellen Tage vor aller Menschen Augen bewirkt wurde, so recht in den Augenschein nimmt und sich am Ende selbst vollwahr im geheimen denken muß: ,Sieh, so etwas zu bewirken wirst du für ewighin unfähig sein! Wie nehmen sich da der Essäer Wunderwerke gegen dieses aus!‘?!“
GEJ|5|51|1|1|51. — Die wahren und die falschen Wundertäter
GEJ|5|51|1|0|Sagt Roklus: „Für uns Denker ist da freilich wohl ein unendlicher Abstand zu entdecken, aber für den Laien ist bald etwas gut! Wenn ein Wundertäter aus seiner inneren Geisteskraft uns nur nicht vor dem Volke herausfordert und demselben unsere ganz natürliche Magie entdeckt, so können meines Erachtens wir Naturmagier neben dem wahren Magier aus seiner innern Gottgeisteskraft recht gut bestehen und er neben uns, wenn ihn etwa nicht die Eifersucht plagt!“
GEJ|5|51|2|0|Sagt Raphael: „So, sonst hast du kein Leiden in deinen Eingeweiden?! Meinst du denn, daß der wahre Wundertäter aus der in ihm wohnenden Gotteskraft auch auf eine weltliche Ehre und auf einen irdischen Erwerb schaut?! Gibt es denn für den Menschen keine höhere und endlichere Bestimmung als die weltliche, möglich beste Leibesversorgung und die Personsehre im Angesichte dieser materiellen Erde? Höre und fühle!
GEJ|5|51|3|0|Ein jeder Mensch hat eine unsterbliche Seele und in der Seele einen noch unsterblicheren Geist. Auf daß aber die Seele als ein aus der Materie sich entwickelnder Geist mit dem Urgeiste Gottes, der ,Liebe‘ heißt, vollends eins werde, muß die Seele selbsttätig dahin all ihr Streben richten, fürs erste sich der Materie und ihren wie immer aussehenden Anforderungen zu entziehen und all ihr Trachten, Tun und Treiben allein nach dem rein Geistigen zu richten, und fürs zweite fortwährend allein dafür besorgt sein, eins zu werden mit dem in ihr ruhenden Geiste der reinen Liebe Gottes, indem Gott Selbst in Seinem Urgrundwesen die allerpurste Liebe ist.
GEJ|5|51|4|0|Wie aber kann ein Mensch es denn erfahren, daß seine Seele eins geworden ist mit dem wahren Geiste Gottes in ihr? – Das erfährt er aus sich überaus leicht! Wenn du in dir keinen Hochmut, keinen unnötigen Ehrgeiz, keine Ruhmsucht, keinen Neid, keine Hab- und Glanzsucht, keine Eigenliebe, aber dafür desto mehr Liebe zum Nächsten und zu Gott lebendig und wahr fühlen wirst und es dir eine wahre, dich tief rührende Herzensfreude machen wird, dein ganzes Hab und Gut im Notfalle an arme und sehr notleidende Brüder und Schwestern verteilt zu haben, ja, wenn du ein ordentliches Leid in deinem Herzen fühlen wirst, irgend einem Armen nicht helfen zu können, wenn dir Gott alles und die ganze Erde mit allen ihren Schätzen und Schätzen nichts sein werden, dann ist deine Seele schon völlig eins mit dem Geiste Gottes in ihr, hat das vollkommene, ewige Leben erreicht, ist weise und wo nötig durch ihr pures Wollen wundertatkräftig!
GEJ|5|51|5|0|Um die Menschenseelen aber dazu zu bestimmen, ist von Gott aus so mancher frommen, in sich und mit Gott eins gewordenen Seele eben die göttliche Wundertatkraft verliehen in einem besonders hohen Grade, damit sie ein Zeuge sei für die Schwachen und Kleingläubigen, dafür, wozu von Gott aus die Menschen bestimmt sind, wie sie zu leben haben und wie zu handeln, um solche Bestimmung in sich selbst zur vollsten Wahrheit zu bringen.
GEJ|5|51|6|0|Und es tut ein wahrer Wundertäter sicher kein Wunder, um sich von der dummen und blinden Welt anstaunen zu lassen oder gar etwas zu gewinnen, worauf nur die materielle Welt einen Wert legt, sondern um seinen Nebenmenschen den wahren Lebensweg zu zeigen, ihnen Mut und Vertrauen zu geben zum Kampfe mit der Welt in ihren bösen Leidenschaften, ihnen zu zeigen des Lebens wahren Grund, Wert und Zweck und sie auf diese Weise auf einem ganz kurzen Wege dahin zu bringen, wozu sie alle von Gott aus berufen sind, nämlich zum wahren, ewigen Leben und zu dessen höchster Glückseligkeit.
GEJ|5|51|7|0|Frage du nun dich und dein ganzes Institut, ob ihr auch eure falschen Wunder je in dieser Absicht verrichtet habt! Ihr seid wohl weltkluge und gerade eben nicht von Hause aus böse Menschen; aber ihr seid bei eurem Jagen nach den Gütern dieser Welt selbst ganz blind in der innern Lebenssphäre geworden. Die Welt und ihre Glückseligkeit ist euch alles! Um diese so vollkommen als möglich zu erreichen, ist vor allem notwendig, sich durch taugliche und sicher wirksame Mittel ein möglich größtes Ansehen zu verschaffen. Mit dem Schwerte in der Hand geht es nicht immer am besten; aber damit, sich durch allerlei Zauberkünste irgendein gottähnliches Ansehen zu verschaffen, geht es eben nicht schwer, weil alle Menschen von Natur aus viel mehr wunder- als kriegssüchtig sind. Es gehört dann nur noch dazu, daß mit Hilfe solcher falschen Wunder für die Schaulustigen irgendein materieller, wenn auch nur scheinbarer Nutzen heraussieht, und das Spiel ist gewonnen.
GEJ|5|51|8|0|Eure Tendenz ist demnach keine andere als folgende, die ich dir nun zum besten geben will: ,Wir uns in aller Welt umgesehen habende Menschen haben die Erfahrung gemacht, daß der Mensch über dieses Erdenleben hinaus gar kein Leben mehr hat und haben kann. Weil man aber schon einmal auf der Welt leben muß, so suche man wenigstens so gut als möglich zu leben. Um das zu können, erfinde man etwas, wodurch man sich dem Volke unentbehrlich und scheinbar mit der leichtesten Art und Mühe von der Welt nützlich machen kann. Dann wird das Volk selbst für uns alle schwere Arbeit verrichten, wir werden dabei sehr gut leben, und das uns ganz versorgende Volk wird dabei der Meinung sein, Gott dadurch einen wohlgefälligen Dienst zu erweisen, so es für uns alles und alles tut! Wir präsentieren uns aber dafür dem Volke infolge unserer Wunderleistungsfähigkeit als fortwährende und unverwüstbare Stellvertreter der Götter auf Erden, und wir werden dafür auch leben wie die Götter. Aber nur ewig keinen Verräter! Können wir uns nur fünfzig Jahre ohne einen Verrat erhalten, so werden Fürsten samt ihren Völkern vor lauter Demut vor uns im Staube kriechen.
GEJ|5|51|9|0|Um die Sache aber so wirkungsreich als möglich zu machen, dürfen wir im Anfange keine Kosten scheuen, um alles also einzurichten, wie es am effektvollsten nur immer gedacht werden kann. Dann müssen wir vor dem Volke uns stets als die liebe- und teilnahmevollsten und von den Göttern wahrhaft begeisterten Menschen darstellen, und wir werden von den Völkern auf den Händen getragen werden! Die alten Religionsstifter waren zwar klug in dem, daß sie sich ein Volk zurichteten, wie sie es am besten brauchen konnten; aber wir erfahrungsreichsten Essäer wollen eine Religion aufstellen, zu der am Ende alle Völker samt ihren Herrschern werden kommen müssen! Denn wie es nahe überall anderwärts zugeht, das wissen wir und werden künftig noch ein mehreres erfahren und wissen, und wir werden unser gelungenstes Institut stets verbessern und mit allem und jedem, was uns dienlich ist, im höchsten Grade bereichern und es so für alle Zeiten der Zeiten als völlig unzerstörbar allen unseren Feinden gegenüberstellen!‘
GEJ|5|51|10|0|Nun, wenn die wahren Wundertäter aus dem Geiste Gottes sich etwa auch noch mit euch vereinen möchten, so wäre euer menschenbetrügerisches Institut freilich etwas völlig Unbesiegbares, und ihr würdet bald über alle Weltschätze dieser Erde zu gebieten haben; aber die wahren Wundertäter sind, wie sie waren und auch fürder stets also bleiben werden, immer die größten Feinde alles Betruges und aller Lüge gewesen und werden sich demnach mit euch nie vereinen, sondern euch überall entlarven und den Völkern zeigen alle Einrichtungen eures von euch aus betrachtet gar löblichen Institutes! Dadurch werden eure gar so schön grün aussehenden Hoffnungen nur zu bald welk werden und vor niemandem irgendeinen Wert mehr haben. Wirst du da dann auch noch behaupten, daß euer Falschwunderinstitut sich neben den Rechtwundertätern aus Gott so ganz gemütlich und einträchtlich vertragen könnte? Sieh, ich allein wäre ganz wohl imstande, euer Institut mit einer einzigen Wundertat schon derart zu entkräften, daß fürder sicher kein Mensch mehr zu euch irgendeine hilfesuchende Zuflucht nehmen würde! – Glaubst du mir das, oder glaubst du mir es nicht?“
GEJ|5|52|1|1|52. — Des Roklus Zweifel an Raphaels Macht
GEJ|5|52|1|0|Sagt Roklus: „Wenn du auch so tat- wie wortmächtig bist, da könnte dir so etwas allerdings möglich sein; aber bis jetzt habe ich bei allen Menschen noch die Erfahrung gemacht, daß die wortkräftigsten Weisen auch stets die tatschwächsten waren. Ich gestehe es dir demnach offen, daß ich vor deiner etwas hochtrabend gehaltenen Tatmacht eben keine gar zu absonderliche Furcht habe! Möglich ist jedoch gar vieles, wennschon nicht allzeit wahrscheinlich!
GEJ|5|52|2|0|Gehe hin zu dem Elternpaare und sage es ihnen, daß die neu vom Tode erweckte Tochter nicht die wahre, sondern nur eine wegen der großen Ähnlichkeit unterschobene ist, und du wirst es sehen, ob du einen Glauben finden wirst! Ja, man wird dir wohl die Türe weisen, aber glauben wird man es dir nimmer, und wäre es dir auch möglich, mit einer zweiten, noch ähnlicheren Kopie zustande zu kommen. Denn mit der Erweckung der wirklichen Tochter dürfte es dir denn doch etwa nicht gelingen wollen; denn fürs erste dürfte es dir wohl kaum bekannt sein, wo sie begraben ist, und fürs zweite dürfte ihr Körper von den Würmern schon so ziemlich zernagt sein.
GEJ|5|52|3|0|Dies wäre meiner Meinung nach noch das einzige Mittel, die beiden Eltern wenigstens auf eine Zeitlang stutzen zu machen; im äußersten Falle würde das gute Elternpaar die wirklich wiedererweckte Tochter wegen der großen Ähnlichkeit als eine Ziehtochter annehmen. Doch lassen wir nun all dieses nichtssagende Wortwechseln und wenden uns zu etwas anderem!
GEJ|5|52|4|0|Du bist auch von dieser Gesellschaft einer? Was ist denn so ganz eigentlich der Zweck eures Hierseins? Erteilet hier etwa der Oberstatthalter, wie es schon zu öfteren Malen der Fall war, dem Volke öffentliche Audienzen, nimmt Bitten an und vernimmt allerlei Beschwerden vom Volke und seinen Vertretern, oder hält er etwa hier eine Art Gericht oder einen Kriegsrat? Denn ich bemerke hier ja Menschen von allen Enden und Orten der mir bekannten Erde. Sogar die schwärzesten, von mir früher noch nie so schwarz gesehenen Mohren sind hier äußerst reichlich vertreten; Perser, Armenier, Taurer, Griechen, Römer und Ägypter fehlen nicht!
GEJ|5|52|5|0|Ich würde darum aus Bescheidenheit und gebührendster Hochachtung vor dem weisen und greisen Cyrenius wohl diese Frage nie ans Tageslicht gebracht haben; aber weil wir nun schon gut bei zwei Stunden miteinander Worte gewechselt haben, so faßte ich Mut und habe nun vor dir die Frage laut werden lassen! Sage mir etwas darüber, wenn es dir genehm ist, und sage mir auch etwas von dem, wie denn doch so ganz eigentlich dieses Haus samt Garten, Hafen und Schiffen entstanden ist! Ich weiß wohl noch, was du mir in dieser Hinsicht schon gesagt hast; aber mit der puren Gottesgeisteskraft im Menschen kann es denn ja doch nicht so ganz sein! Diese Kraft kann dem Menschen wohl die allertauglichsten Mittel zur Hervorbringung eines solchen Werkes anzeigen; aber ohne dieselben aus der Purluft wird sich das wohl etwa nicht zustande bringen lassen! Geh, lieber, weiser, junger Freund, sage mir doch aufrichtig, was du irgend davon weißt!“
GEJ|5|52|6|0|Saget Raphael: „Gedulde dich nur noch ein wenig; denn wir sind noch mit der früheren Verhandlung nicht ganz am Ende, und warum hier diese Völker versammelt sind, darf ich vor der Zeit nicht aus der Schule schwätzen! Du wirst späterhin schon noch mehreres erfahren; vorderhand aber bleiben wir nur schön bei dem: ob ich selbst nicht imstande wäre, eurem Institute einen ganz mörderischen Rippenstoß zu versetzen, ohne mir eine zweite Kopie der falschwundersam erweckten Tochter von irgendwoher zu verschaffen! Du zweifelst daran, und dennoch könnte ich dir augenblicklich eine Überzeugung verschaffen, vor der dir die Haare zu Berge steigen würden! – Was würdest du dann sagen?“
GEJ|5|53|1|1|53. — Roklus rechtfertigt die Gründung des Essäerordens
GEJ|5|53|1|0|Sagt Roklus etwas betroffen: „Freund, kein wie immer geartetes Verbrechen macht erbangen mein Gewissen! Ich lebte stets streng gesetzlich; was sollte mir die Haare gen Berg steigen machen? Ist aber unser Institut schon so ein Greuel in den den Menschen nie sichtbaren Augen eines Gottes, dessen Dasein ich nun freilich nicht mehr leugnen kann nach all dem von dir Vernommenen, so sollte der allwissende, allsehende und allmächtige, höchst urweise Gott denn ja doch irgendein Mittel haben, durch das Er die Errichtung von derlei Instituten gar leicht verhindern könnte! Wir und eigentlich unsere Vorfahren aber haben weder vor noch bei und nach der Errichtung dieses Institutes von gar keiner Seite her irgendein Hemmnis verspürt; auch der Staat, dem doch der Plan offen vorgelegt ward, hat mit aller Bereitwilligkeit die Errichtung dieses ihm allernützlichst scheinenden Institutes bewilligt und seine Verschwiegenheit für alle Zeiten uns treulichst zugesagt und auch versprochen, uns nötigenfalls mit den Waffen zu schützen und zu schirmen. Das Volk, zu dessen sichtlichem Wohle das Institut errichtet ward, hat auch keine Einsprache erhoben. Von keiner Seite also, weder von der göttlichen noch von der staatlichen und bürgerlichen, ist bei der Errichtung irgendeine Widersprache geschehen, und es war somit rein unmöglich, sich mit der Errichtung dieses Institutes gegen jemandes Willen zu versündigen, und wir Glieder dieses Institutes können daher jedermann und auch einem Gotte mit einem ganz ruhigen Gewissen unter die Augen treten, und ich wüßte daher wahrlich nicht, womit du mir die Haare rechtlichermaßen gen Berg treiben solltest!
GEJ|5|53|2|0|Du hast zwar nach deinen Worten eine besondere Macht inne, bist am Ende selbst eben derjenige, der dies Wunder verübt hat, kannst vielleicht auch so bloß durch Wort und Willen Tote erwecken, wie nun in unsere Stadt die Sage von einem Nazaräer gekommen ist, der solches vor aller Welt Augen etwa gar wohl vermöchte, was ich auch gar nicht in einem zu hohen Grade bezweifle; denn die Menschen sind inwendig Geister von sehr verschiedenen Größen, und da erfindet bald einer entweder aus sich oder durch einen Zufall etwas, wovon Millionen vor ihm und Millionen mit und nach ihm gar keine Ahnung haben, und er übt es aus und setzt dadurch oft den halben Erdkreis ins größte Erstaunen. Und da ist ja eben wieder unser Institut mit keinem Golde zu bezahlen, das eben solche Erfinder aufsucht und sich alle Mühe gibt, sie für sich zu gewinnen und ihre vereinzelten Erfindungen zu einem Gemeingute der Menschen zu machen!
GEJ|5|53|3|0|Wir Essäer werden nie einen Menschen von außerordentlicher Art verfolgen oder ihm auf seinen Wegen Hemmschuhe anlegen, sondern wir leisten ihm noch allen möglichen Vorschub und suchen ihn womöglich für uns zu gewinnen, was uns schon mehrfach gelungen ist. Daß es ihm dann bei uns nicht schlecht geht, dafür steht das ganze Institut wie ein Mann! Siehe, so denken wir, so stehen und so auch handeln wir, ohne Hinblick auf irgendeine Belohnung weder diesseits noch jenseits! Wir tun das, was wir nach einem allgemeinen Rate als gut erkennen, seiner selbst wegen! Vor welch einem Richter sollen wir wohl noch erbeben?
GEJ|5|53|4|0|Bist du am Ende gar jener wunderbare Nazaräer selbst? Auch gut, und eigentlich noch besser; denn da lernen wir den Mann oder Jüngling am Ende doch selbst kennen, von dem wir schon so vieles und überaus Außerordentliches vernommen haben! Nur etwas zu jung siehst du mir für den Nazaräer aus, der nach der Beschreibung mindestens dreißig Jahre haben soll! Aber es macht das nichts, du brauchst der berühmte Nazaräer auch gar nicht zu sein; denn du besitzest ja auch einen sehr regen und strebsamen Geist, bist weit und breit herum gewesen und hast dir allerlei Erfahrungen sammeln können. Warum solltest du dadurch nicht auch zu Fähigkeiten gelangen können, von deren Größe ich gar keinen Dunst haben kann? Oh, ich bin da nicht im geringsten etwa eifersüchtig auf dich! Auch leugne ich nicht, daß es neben unseren Scheinwundern auch wahre geben könnte; denn es müssen den Scheinwundern allzeit wahre vorangegangen sein, ansonsten die falschen von den Menschen nicht leichtlich je hätten erfunden werden können. Aber nur das eine lasse ich dir durchaus nicht gelten, daß wir mit Willen durch unsere Scheinwunder je etwas eigentlich anerkannt Böses haben erreichen wollen.
GEJ|5|53|5|0|Freilich, wohl wußten wir nicht, daß durch solch trügliche Wunder die moralische Seelensphäre der Menschen total zugrunde gerichtet werden muß, was für den Menschen ein großes Übel ist; aber wir waren ja samt und sämtlich Atheisten und konnten ja keine andere Lebensglückssphäre der Menschen vor uns haben als die irdische, da wir an ein Leben nach dem Leibestode nicht glaubten, wenigstens an ein seiner selbst bewußtes nicht! Was uns aber von dem Dasein eines Gottwesens abgelenkt und zum vollkommensten Atheismus geführt hatte, habe ich dir bereits auf die möglich vernünftigst anschauliche Weise PER LONGUM ET LATUM [des langen und breiten] dargestellt und glaube nun, vor dir, und wenn du auch Gott Selbst wärest, so rein als möglich dazustehen.
GEJ|5|53|6|0|Einen irgend geheim gehaltenen kranken Gewissenspunkt gibt es nicht in meinen Eingeweiden, und so stehe ich dir hier ganz mutig entgegen! Den Tod fürchte ich nicht, obwohl ich wahrlich kein Freund von Schmerzen und Leiden bin. Mit was sonst könntest du einem Manne, der auch von sich sagen kann: ,SI TOTUS ILLABATUR ORBIS, IMPAVIDUM FERIENT RUINAE!‘ [Wenn auch der ganze Weltkreis einstürzt, so werden doch die Trümmer den Unerschrockenen tragen!], vor Angst die Haare gen Berg treiben? Bleiben wir nun lieber gute Freunde und unterstützen wir uns in allem Guten und Wahren, was sicher allen Menschen sowieso frommen muß, und wir werden dann meines Erachtens gar nicht nötig haben, uns gegenseitig die Haare gen Berg zu treiben! Übrigens aber magst du tun, was du willst, so wird die Welt im allgemeinen dennoch nie besser werden, als sie nun ist und auch allzeit also war!
GEJ|5|53|7|0|Am liebsten aber wäre es mir nun schon, mit meinen Gefährten mich wieder zu entfernen! Denn ich bemerkte soeben mehrere Pharisäer hier, und – vergib es mir, Freund! – mit diesen komme ich sehr ungern irgendwo zusammen, weil diese jedem Fortschritte EX DIAMETRO (schnurstracks) entgegen sind. Ich schenke dir alle weiteren Erklärungen und Mühen! Ich weiß nun, woran ich bin, und wie ich mich geistig zu richten habe, um zu erreichen das ewige Leben aus Gott; mehr benötige ich nicht vorderhand, und die weitere Erklärung dieses Hauswunders erlasse ich dir auch, obschon ich sie gerne fundamentalisch vernommen hätte! Aber die mehreren Pharisäer, sogar der echt stierbeinige Oberste aus Cäsarea Philippi auch hier?! Oh, da werden wir bald unsichtbar werden!“
GEJ|5|53|8|0|Sagt Raphael: „Oh, wegen dieser könnet ihr schon bleiben; denn diese sind so wenig mehr Pharisäer, als wie du einer bist! Wer immer hier wandelt, ist ein reiner Mensch bis auf einen, der unterdessen der Schrift wegen geduldet wird. Also die hier seienden Pharisäer hast du nicht mehr zu scheuen! Aber du willst von dem wundervollen Nazaräer etwas gehört haben? Erzähle mir etwas davon, und ich will abgehen von dem, dir die Haare gen Berg zu treiben! – Willst du das?“
GEJ|5|53|9|0|Sagt Roklus: „Warum nicht? Viel weiß ich zwar nicht; aber was ich weiß, hat Kopf, Hand und Fuß und verdient allen Glauben. Nur eine ganz kleine Geduld bitte ich mir zu meiner Fassung aus!“
GEJ|5|54|1|1|54. — Des Roklus Erfahrungen und Ansichten über den Nazaräer
GEJ|5|54|1|0|Nach einer kurzen Pause Zeit sagt Roklus zum Raphael: „Liebster, junger, wahrhaft weiser Freund! Ich bin nun da völlig beisammen, um dir zu erzählen, was ich aber auch erst seit kurzem von einigen Handelsleuten aus Nazareth und Kapernaum vernommen habe, denen ich unbedingt wahrlich in bezug auf die Fakta allen Glauben geschenkt habe, weil das Männer sind, denen man glauben kann. Mehr aber weiß ich natürlich auch um keine Silbe, als was ich eben von diesen meinen Geschäftsverwandten als treu und wahr vernommen habe, – und so wolle du mich vernehmen!
GEJ|5|54|2|0|Im Städtchen Nazareth, am oberen Jordan gelegen, nicht im Flecken gleichen Namens im Gebirge, lebte ein Zimmermann und hatte mit seinem zweiten Weibe einen Sohn gezeugt, den er ,Jesus‘ benamsete. Dieser war bis zu seinem dreißigsten Jahre auch ein Zimmermann und stets ein stiller, viel denkender, aber wenig redender Mensch. Er war sonst ein äußerst gesitteter Mann; man hörte ihn nie zanken und sah ihn auch nie huldigen weder irgendeiner reizenden Venus und ebensowenig dem Bacchus.
GEJ|5|54|3|0|Eine stete und bescheidenste Nüchternheit war seines Lebens vorherrschender Charakterzug. Daneben war er stets sehr demütig und barmherzig gegen die Armen und verlangte für seine stets ausgezeichnete Zimmermannsarbeit einen nur ganz kleinen Lohn, den er stets höchst gewissenhaft an seine Eltern abführte. Mit dem Tage aber, als er genau dreißig Jahre alt wurde, legte er alles Werkzeug zur Seite und rührte weder Axt noch Säge mehr an.
GEJ|5|54|4|0|Seine Brüder und seine etwa noch lebende Mutter, alle vollkommen ehrliche Leute, fragten ihn um den Grund, und er soll ihnen folgende höchst mystisch klingende Antwort gegeben haben: ,Es ist die Stunde gekommen, von der an ich den Willen meines Vaters im Himmel erfüllen muß, darum ich denn auch in diese Welt gekommen bin!‘
GEJ|5|54|5|0|Darauf verließ er bald das elterliche Haus, zog in die kleine Wüste unweit des Ausflusses des Jordans aus dem See, an dem wir uns soeben befinden, nahm dort Jünger an und lehrte Gott und den Nächsten lieben und warnte sie vor dem alten Sauerteige der Pharisäer, ein Etwas, das mir den Mann sehr wert machte, obschon ich noch nicht das Glück hatte, mit ihm irgend persönlich zusammenzukommen; denn ein Gegner der Pharisäer ist stets unser Freund und kann von uns jede Unterstützung haben.
GEJ|5|54|6|0|Mit solcher seiner höchst achtbaren Lehre verbinde er etwa eine fabelhafte magische Willenskraft und verübe Wundertaten, von denen es bis jetzt noch keinem Sterblichen etwas geträumt hat. Er soll zum Beispiel jeden Toten ohne alle irdischen Mittel bloß nur durch Wort und Willen wieder ins Leben zurückrufen; so unglaublich und fabelhaft dieses auch immerhin klinge, so sei es dennoch vollkommen wahr! Kurz, er gehe von einem Orte zum andern, lehre die Menschen sich und Gott erkennen auf eine ganz faßliche Weise, und jeder Schritt und Tritt sei von Wundern der außerordentlichsten Art begleitet!
GEJ|5|54|7|0|Seine etwa schon sehr zahlreichen und stets mit ihm ziehenden Jünger halten ihn für einen Gott, da ein wirklicher Gott mit allen seinen wunderbaren Eigenschaften unmöglich mehr zu leisten imstande wäre. Lassen wir aber das; denn ein Gott, wie wir ihn unter allerlei Formen und Gestalten uns vorstellen, ist ja ohnehin nichts als eine lockerste Ausgeburt einer menschlichen Phantasie mit lauter angedichteten Fähigkeiten, die nichts sind gleichwie ihr nichtiger Träger, der erdichtete Gott nämlich!
GEJ|5|54|8|0|Wenn es sich aber mit dem Wundermanne aus Nazareth also verhält, woran ich durchaus nicht zweifle, da sehe ich gar nicht ein, warum man ihn nicht für einen Gott halten könnte oder sollte! Ich denke mir da also: Dieser Mensch, durch seine Naturanlage sicher befähigter als je irgendein anderer auf der ganzen Erde, hat durch seinen Lebenseifer das Zentrum seines Liebelebens in sich gefunden, hat dann dieses Zentrum allersorgfältigst gepflegt, genährt, gestärkt und ausgebildet.
GEJ|5|54|9|0|Mit diesem wahren Leben, das ihn als vollends herangebildet ganz durchdringt, setzt er sich in Verbindung mit der allgemeinen Lebenskraft der Natur, und es muß sein Wille dann nicht nur sein eigenes Lebensorgan leiten, sondern alle Organe in der gesamten Natur, weil er durch sein Leben die Leitfäden alles andern Teillebens in den Wesen in sich vereint und dadurch nach seinem Belieben mit allen Wesen schalten und walten kann.
GEJ|5|54|10|0|Ich hatte dir schon zuvor als noch ein vollkommener Atheist die Bemerkung fallen lassen, daß und wie es ein Mensch nur durch das Auffinden des Lebensprinzips in sich zu einem wirklichen Gotte und zum ewigen Leben bringen kann, vielleicht schon mehrere in der Vorzeit es dahin gebracht haben, in der Folge noch mehrere es dahin bringen werden; und da haben wir den Mann aus Nazareth, der keine Fabel ist, und der meine Behauptung vollkommen rechtfertigt! An den habe ich denn auch gedacht, als ich dir die Bemerkung gemacht habe. Ich gäbe was darum, wenn ich ihn irgendwo auffinden könnte! Ich würde selbst sein Jünger und würde, wenn sich mit ihm alles also verhält, wie ich es vernommen habe durch einige meiner Kollegen, ihn sogar ohne alles weitere Bedenken für einen wahren Gott halten und ihn aus allen meinen Lebenskräften lieben und anbeten, und wenn du mir auch tausend jüdische Jehovas und hunderttausend ägyptische Zeuse entgegenhieltest!
GEJ|5|54|11|0|Ich sage es dir: Alle Jehovas und alle Zeuse, die ägyptischen, griechischen und römischen, und alle Athmas und Lamas der Indier sind Nullen gegen den einzigen Nazaräer, der ein wahrer Wundermann ist, und den wir Essäer gar nicht fürchten, indem sogar etliche von uns sich unter seinen Jüngern befinden und uns schon mehrere Male brieflich benachrichtigten, wie der Mann ist, was er lehrt, und was alles er tut! Ja, wenn der Mann etwa zufällig hier wäre, dann würde ich dich gar nicht fragen, wie dieses Wunderhaus entstanden ist; denn da würde ich zu dir sagen: ,Siehe, das ist ein wahres Gotteswerk!‘
GEJ|5|54|12|0|Einem Gotte ist es möglich, auch eine neue Welt hierher zu erschaffen; denn er hat die Zentrallebensfäden in sich, mit denen er alle Wesen und alle Elemente der ganzen Natur vollkommen in seiner Gewalt haben muß. Er darf nur irgend etwas fest wollen, und es muß sich gestalten nach seiner allerklarsten und vollendetsten Intelligenz. Archimedes, ein großer Weiser, der mit gar manchen Kräften vertraut war, sagte: ,Einen festen Punkt über der Erde gebt mir, und ich hebe euch die ganze Welt aus ihren Angeln!‘ Das war ein keckes zwar, aber immerhin ein großes Wort; er hätte aber mit seinen Schraubenhebeln schon zu tun gehabt, die ganze Erde aus ihren Angeln zu heben.
GEJ|5|54|13|0|Der Nazaräer aber bedarf keiner materiellen Schraubenhebel, sondern eines Willenszuges, und die ganze Welt samt uns liegt in Atome aufgelöst vor uns, das heißt, insoweit wir uns für uns nach der Auflösung auch noch ein Dasein denken können!
GEJ|5|54|14|0|Der Nazaräer hat erst den rechten Hebel gefunden und bedarf keines festen Punktes außerhalb der Erde, sondern bloß nur seines Willens, und alle sichtbare Natur hat zu sein aufgehört! Und siehe, dieser Nazaräer gehört gewissermaßen auch unserem Institute an, das heißt dem Institute der wahren, uneigennützigen Nächstenliebe, und wir haben darum keinen größeren und noch wahreren Wundertäter zu fürchten, da wir überzeugt sind, daß es mit ihm auf dieser Erde wohl niemand aufnehmen wird.
GEJ|5|54|15|0|Oder hättest du etwa Lust, es mit ihm aufzunehmen, der du mir die Haare gen Berg treiben wolltest? Siehe, mein liebster und sonst sehr schätzenswerter Junge, nur immer schön bescheiden! Du kannst sehr vieles wohl vermögen, aber alles noch hübsch lange nicht; aber der Nazaräer vermag gar alles! Mit dem würdest du sehr hart Kirschen essen, du mein Lieber du! Ich werde aber mit dem Nazaräer schon noch selbst irgendwo zusammenstoßen und werde ihm dich vorstellen; gib aber dann ja acht, wie du vor ihm bestehen wirst! – Na, kennst du nun den Wundermann aus Nazareth?“
GEJ|5|54|16|0|Sagt Raphael: „Na, sollte ich ihn nicht kennen? Stehe doch schon eine höchst geraume Zeit in seinen Diensten!“
GEJ|5|55|1|1|55. — Die von Roklus geforderte Wundertat Raphaels
GEJ|5|55|1|0|Sagt Roklus lachend: „O du Hauptwindmacher! Wenn du noch nie eine Unwahrheit geredet hast, so hast du das jetzt getan! Läßt sich der junge Schlingel von mir den herrlichen Nazaräer zuvor so recht klar beschreiben und sagt nun, daß er schon eine geraume Zeit in seinen Diensten stehe. Nicht übel, gar nicht übel! Früher weiß er noch so gut wie nichts von ihm, und nun ist er sein Diener sogar! Nein, jetzt aber fordere ich dich auf, mir das zu beweisen, sonst mache ich dir deine blonden Locken gen Berg stehen! Hast du mich verstanden?! Also nur her mit dem Beweise!“
GEJ|5|55|2|0|Sagt Raphael: „Ja, mein Freund, mit dieser deiner Aufforderung machst du mir nicht bange, und ich werde dir alles zu tun imstande sein, was du nur immer verlangst, vorausgesetzt, daß du etwas Vernünftiges und denkbar Mögliches verlangst; denn für etwas Dummes und Unmögliches besitze ich keine Kraft und keine Macht. Stelle mir somit rasch die Beweisaufgabe, und ich werde sie auch ebenso rasch in den Vollzug setzen!“
GEJ|5|55|3|0|Hier sah Roklus dem Raphael scharf ins Gesicht und sagte: „Nun wohl, du mein lieber, junger Freund, da habe ich einen bei fünf Pfunde schweren Stein vom Boden gehoben. Es ist ein brauner Granit, der mit keinem mir bekannten Metalle irgendeine Verwandtschaft hat. Mache aus ihm Gold, aber im gleichen Gewichte!“
GEJ|5|55|4|0|Sagt Raphael: „Kurzsichtiger Mensch, wenn daraus Gold wird, so wird der Klumpen wohl dreimal schwerer werden! Das Gewicht kann daher nicht dasselbe bleiben, wenn an der Form und Größe nichts abgeändert werden darf! Was willst du nun, das da verändert würde?“
GEJ|5|55|5|0|Sagt Roklus: „So lassen wir Form und Gestalt, und das Gewicht verändere sich zum Vorteile des Wunders!“
GEJ|5|55|6|0|Sagt Raphael: „So halte nun fest den Stein, daß er dir als ein über dreimal schwerer gewordener Goldklumpen nicht aus der Hand falle; denn die urplötzliche Gewichtserhöhung ist stets nahe so fühlbar, als so dir ein etwa zehn Pfunde schwerer Stein aus der Luft auf die Hände fiele! Du könntest sonach ganz leicht mit dem ganzen Goldklumpen umfallen!“
GEJ|5|55|7|0|Sagt Roklus: „Dieses Unglück wird mich wahrscheinlich nicht treffen!“
GEJ|5|55|8|0|Dieses sagte Roklus nur aus einer Art Zweifel am Gelingen des Beweises. Aber im selben Augenblicke will Raphael den Stein in Gold verkehren. Der Stein wird auch im Momente ganz Gold und wirft durch die plötzliche Gewichtsvermehrung den Roklus zu Boden, und zwar auf eine ganz heftige Weise, so daß sich Roklus sehr wehe tat und sich kaum wieder zum Aufstehen zusammenraffte.
GEJ|5|55|9|0|Als er (Roklus) wieder auf den Beinen sich befand, fing er an, des Raphael Mutwillen zu tadeln, und sagte: „Höre, du wunderbarer, mutwilliger Junge, zehn solche Goldklumpen sind nicht wert, daß man sich ihnen zuliebe einen solchen Schmerz solle gefallen lassen! Hättest du mir denn nicht sagen können: ,Jetzt geschieht die Verwandlung!‘? Ich habe mich ja am Kopfe und mit den Händen am Boden so stark angestoßen, als wäre ich von einem hohen Baume herabgefallen! Mich schmerzt der Kopf noch ganz gewaltig! O du mutwilliger Wunderjunge, heile mich nun auch zum größeren Beweise für die Wahrheit deiner Aussage von meinem sehr heftigen Kopfschmerze!“
GEJ|5|55|10|0|Hier blies Raphael den Roklus an, und im Augenblicke fühlte Roklus keinen Funken Schmerzes mehr, und Raphael sagte zu ihm: „Klaube nun auch den Goldklumpen vom Boden auf und besieh ihn, ob er nicht ganz gediegen Gold ist!“
GEJ|5|55|11|0|Roklus tat das, rief aber zugleich auch seine elf Gefährten herbei und sagte: „Da sehet her und urteilet selbst!“
GEJ|5|56|1|1|56. — Der Essäer Mutmaßungen über die Person Raphaels
GEJ|5|56|1|0|Alle kamen und sagten: „Freund, das ist reinstes Gold, und der ganze Klumpen dürfte einen kaum schätzbar hohen Wert haben! Und das hat dieser unbeschreibbar schönste Junge bloß durch seinen Willen bewirkt, daß aus dem braunen Kornsteine nun ein ebenso großer Goldklumpen wurde? Das kann kein Magier! Das ist sonach ein reines Wunder, nur einem Gotte möglich, – was wir alle bisher zwar für eine Fabel hielten, aber dieses Faktum sagt uns offenbar etwas anderes. Der herrlichste Junge ist ein Gott und sonst nichts mehreres und nichts wenigeres! Der muß von uns ja angebetet werden, und wir müssen ihm opfern, was wir nur können, auf daß er uns nicht gram werde und uns ja gar verlasse!“
GEJ|5|56|2|0|Sagt Roklus: „Er behauptet von sich, nur ein Jünger und Diener des stets berühmter werdenden Nazaräers zu sein. Er ist sonach kein Gott; aber desto klarer tritt hier die unbestreitbare Gottheit des Nazaräers in den Vordergrund! Auch habt ihr die Heftigkeit meines Falles zuvor gesehen, der mir sehr heftige Kopfschmerzen erzeugte, und mit einem ganz leisen Hauche aus des Jungen Munde waren sie buchstäblich weggeblasen. Also ist der Jüngling seiner eigenen Aussage zufolge nur ein Jünger und Diener des Nazaräers, verdient zwar alle unsere Achtung, jedoch keine Anbetung und kein Opfer! Da er aber nun ungezweifelt das ist, so lasset uns nun allein nach dem Nazaräer forschen; haben wir den, so haben wir alles!“
GEJ|5|56|3|0|Sagen die Gefährten: „Am Ende ist aber eben dieser Junge der Nazaräer selbst?“
GEJ|5|56|4|0|Sagt Roklus: „Nein, nein, das ist er nicht! Fürs erste fehlt ihm das Alter; dreißig Jahre, – wo denket ihr hin?! Der Junge hat kaum sechzehn! Und fürs zweite kommt des Jungen höchsteigenes Geständnis! Der mutwillige Junge ist zwar etwas schlimm, aber von einer Lüge ist bei ihm keine Spur, dafür stehe ich euch, – Keine Spur von einer Lüge bei ihm; denn insoweit habe ich ihn wohl kennen gelernt! Wahrhaft ist er ohne weiteres, aber mitunter auch etwas schlimm, was wir seiner Jugend recht gerne nachsehen wollen, zumal er ein gar so schöner Junge ist, wie ich in meinem Leben noch keinen gesehen habe! Man sollte gerade glauben, daß er ein verkleidetes schönstes Mädchen sei; aber er sieht mir zuweilen doch viel zu ernst aus, daher ich ihn denn auch trotz seiner allerweiblichsten Schönheit dennoch für etwas Männliches halten muß. Auch ist er für ein Mädchen viel zu weise; denn die noch so schönen Mädchen sind stets etwas dumm und mögen sich nie und nimmer zur Weisheit eines Mannes erheben. Aber in diesem steckt eine ganz kuriose Weisheit, mit der es unsereiner nicht aufnehmen kann. Das alles aber beweist auch, daß er nicht der Nazaräer selbst, sondern ein rechter Diener desselben ist. Er führe uns irgend zum Nazaräer!“
GEJ|5|56|5|0|Hierauf wendet sich Roklus wieder an den Raphael und sagt: „Höre, du liebster, obschon ein wenig mutwilliger Diener des Nazaräers! Wir beide sind miteinander fertig, und ich und meine Gefährten ersuchen dich nun nur bloß um das, uns anzuzeigen, wo wir den allerberühmtesten Nazaräer finden und treffen können!“
GEJ|5|56|6|0|Sagt Raphael: „Ja, jetzt kann und darf ich es dir schon etwas weitwendig sagen, daß der allerberühmteste Nazaräer sich eben hier befindet! Die rechte Person kannst du dir mit deiner Verstandesschärfe schon selbst heraussuchen aus den etlichen hundert Gästen! Sieh, hättest du nicht einen gar so scharfen Verstand, so hätte ich dir die Person des Nazaräers auch angezeigt; aber deine Verstandesschärfe hindert mich daran! Darum gehe und suche recht und du wirst wohl das Rechte finden!“
GEJ|5|56|7|0|Sagt Roklus: „Nur zugestichelt, – macht nichts; mein Verstand ist dennoch nicht zu verachten! Was er nicht finden mag und kann, das wird mein Herz finden; denn das gehört doch auch nicht gerade zu den letzten auf dieser Welt. Sorge dich nicht um mich, mein junger, hochweisester Freund, ich werde nicht lange suchen und alsbald das Rechte finden und haben!“
GEJ|5|57|1|1|57. — Des Roklus Rede über die Wichtigkeit eines ausgebildeten Verstandes
GEJ|5|57|1|0|Hier ermahnt Raphael den Roklus, zuvor den kostbaren Goldklumpen zu versorgen, mit dem er (Raphael) ihm (dem Roklus) ein Geschenk mache.
GEJ|5|57|2|0|Sagt Roklus etwas erbost: „Freund, wenn ich im Suchen des höchsten Gutes der Menschen begriffen bin, da lasse ich den gefährlichsten Unflat dieser Welt ruhen! Verstanden, du nun schon etwas naseweis werden wollender junger Freund?! Ich kann dir die vollwahrste Versicherung geben, daß ich diesen Kothaufen auch mit keinem Finger mehr anrühren werde, und du kannst ihn zu deinem Privatvergnügen wieder in das verkehren, was er früher war!
GEJ|5|57|3|0|Glaubst denn du, daß ich nach Gold giere, weil ich ein Grieche und ein Essäer bin? Oh, da irrst du dich gewaltig! Fürs erste besitze ich als ein irdisches Erbgut daheim hundertmal so viel des gelben Erdkotes, als dieser ungeschickte Klumpen da ist, und kann darum diesen neugebackenen schon entbehren, und fürs zweite ist mein Herz noch nie daran gehängt; denn hätte ich je nach den Erdengütern gegeizet, so wäre ich wohl nie zu meiner Verstandesschärfe gelangt, die, wennschon nicht das Allerhöchste selbst zu begreifen vermögend, doch ein Stückchen Weges dazu ist und auch darum allein schon einen tausendmal größeren Wert hat denn hunderttausend solcher Goldklumpen.
GEJ|5|57|4|0|Wohl weiß ich nun, daß der Mensch beim Erforschen der höchsten geistigen Lebensdinge mit dem puren Verstande, wenn dieser auch noch so rein und scharf ist, nie auslangen wird; aber in völliger Ermangelung dieses Seelenlichtes wird der Mensch noch schwerer zu den höher und tiefer liegenden Wahrheiten des Lebens gelangen! Ein recht gebildeter Verstand des Menschen ist meiner Ansicht nach immerhin ein ganz tüchtiges Stück Weges zu der ewigen und unvergänglichen Lebenswahrheitsfülle aus Gott und ist, von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, sicher auch schon von einem sehr hohen Werte, und es ist daher durchaus nicht recht, daß du, junger Freund, gar so kneipisch von meiner Verstandesschärfe sprichst!
GEJ|5|57|5|0|Siehe, in der abgebrannten Stadt irren noch gar viele Menschen herum, über deren Verstandesschärfe du dich sicher nimmer beklagen würdest; warum kommen sie denn nicht hierher, diese Schafe und Lämmer, um zu suchen des Lebens tiefere Wahrheiten? Sie sahen alle hierher und mochten dies neue Wunderhaus wohl auch entdeckt haben; aber denen ist das eins!
GEJ|5|57|6|0|Was kann einem Menschen, der des Denkens rein unfähig ist, irgendein Interesse ablocken? Ich sage: Gar nichts, außer daß sein etwa hungriger Magen einem ihn sättigenden Bissen gar emsigst nachrennen wird! Stelle du diesen stets hungrigen Menschenlasttieren ein Gericht Speisen auf und wirke neben ihnen die großartigsten Wunder, – und diese Verstandeslosen werden fressen und nicht im geringsten achten deiner Wunderwerke! Und haben sie ihre Magen gefüllt, so werden sie träge und schläfrig und werden wieder nicht achten auf deine Wunder! So etwas fällt nur dem gebildeten Verstande auf, und er fängt an, zu denken und allerlei Vergleiche zu machen, und ruhet nimmer, bis er nicht zu irgendeiner Erklärung des Wunders vorgedrungen ist!
GEJ|5|57|7|0|Wenn aber unwiderlegbar sich die Sache also verhält, warum machst du denn immerfort gegen meine Verstandesschärfe spitzige Bemerkungen? Sieh, da bist du trotz aller deiner Wunderkraft rein auf dem allerholprigsten Holzwege von der Welt!
GEJ|5|57|8|0|Wenn ich einen Gott wahrhaft erkennen will, so muß ich dabei, und zwar zuerst, auch denken und dann erst fühlen! Was soll mir aber ein besseres und geistiges Gefühl im Herzen erwecken, wenn ich als ein verstandesloser Ochse dastehe?! Du verwiesest mich, den göttlichen Nazaräer nur mit meiner Verstandesschärfe zu suchen und zu finden; ich werde es aber auch tun, um dir zu zeigen, daß ein rechter Verstand auch zu etwas gut ist! Kurz und gut und vortrefflich, ich bin dir recht vielen Dank schuldig und habe dich recht sehr lieb – denn du hast mich einen wahren Gott kennen gelehrt und hast mir darum einen unermeßlichen Schatz, den ganze Goldberge nicht aufwiegen, gegeben –; aber daß du noch stets gegen meinen Verstand etwas zu sticheln hast, das gefällt mir nicht von dir!
GEJ|5|57|9|0|Denn das muß mir sogar eines Gottes höchste Weisheit gutheißend zuerkennen, daß der Verstand dem Menschen wegen der Erkenntnis seiner selbst und hauptsächlich wegen der daraus hervorgehenden Erkenntnis Gottes so notwendig ist, wie ihm die Augen zum Sehen notwendig sind! Ich weiß es wohl, daß ein Mensch mit seinem noch so geweckten Verstande gar endlos vieles nicht begreifen kann und wird, was die göttliche, höchste Weisheit alles verordnet hat, was sie entstehen ließ, und was da immer ist und geschieht; aber ohne eine gewisse Verstandesschärfe, die da zu prüfen und zu unterscheiden vermögend ist, begreift der Mensch gleichweg ewig nichts!
GEJ|5|57|10|0|Man sagt, daß nur der Glaube die Leuchte des Menschen sei! O du lieber Himmel, was ist denn ein Glaube ohne Verstand? Er ist die Wiegenweisheit der unmündigen Kinder, die nach dem Monde langen etwa in der Meinung, daß er ein rundes Stück Honigbrotes sei! Und es gibt wirklich erwachsene Menschen auf dieser lieben Erde, die den Mond für einen in der Luft herumschwimmenden Laib Brotes halten, der allmonatlich von den Paradiesvögeln aufgezehrt wird, aber dann gleich wieder von neuem zu wachsen beginnt! Ja, Freund, sage, was ist dir, mir und einem Gotte mit solchem Glauben wohl geholfen? Ist es denn nicht besser und des Menschen- und eines Gottesgeistes im Menschen würdiger, nachzudenken und mit der Zeit zu finden, daß der Mond denn doch irgend etwas anderes sein muß denn ein Brotlaib zum Essen für die Paradiesvögel?
GEJ|5|57|11|0|Mein Grundsatz ist: Alles prüfen und davon das Gute und das einer Wahrheit wenigstens am nächsten Kommende behalten auf so lange, bis man darüber nicht ein besseres und stärkeres Licht von irgendwoher erhalten hat. Ist doch in einer stockfinstern Nacht ein leuchtend Würmchen besser denn gar kein Licht; und also ist das Lichtfünklein der Seele – Verstand genannt – ja doch auch besser denn ein aller noch so fernen Wahrscheinlichkeit barer stockfinsterster Aberglaube!
GEJ|5|57|12|0|Ich setze aber den Fall, daß ich eine mir vorerzählte vollste Wahrheit glauben soll, ohne mich aber doch nur im geringsten überzeugen zu können, daß das wirklich eine Wahrheit sei, weil dazu der Verstand und dazu gehörige Erfahrungen mangeln. Was ist auch solch ein Glaube anderes als ein blindester Aberglaube? Denn was kann mir die geglaubte Wahrheit nützen, wenn ich sie nicht verstehe, ja mich gar nicht überzeugen kann, daß sie eine Wahrheit ist? Zu was wäre das Gold wohl gut, wenn es der Menschenverstand nicht unterscheiden könnte von einem andern, gemeinen und wertlosen Metalle? Wenn der Mensch sonach etwas glaubt, so muß er es doch mit einigem Verstande glauben, sonst müssen bei ihm ja Lüge und Wahrheit völlig eins sein!
GEJ|5|57|13|0|Wenn du mir sagst: ,Weit hinter jenen blauen Bergen ist eine Stadt, die aus lauter allerkostbarsten Edelsteinen erbaut ist, und die darin wohnenden Menschen sind lauter Riesen!‘, so werde ich, wenn ich blind und dumm genug bin, dir das aufs Wort glauben und werde mich darin sogar begründen; so aber dann ein anderer kommt und zu mir sagt: ‚Du, hinter jenen blauen Bergen gibt es gar keine Stadt, und noch weniger irgend riesenhaft große Menschen!‘, was werde ich als ein verstandesloser, dummer Finsterling tun? Ich werde bei dem ersten bleiben, obwohl es eine schreiendste Lüge ist, und werde mit frechem Hohne die Wahrheit des zweiten von mir weisen! Kann aber das einem höchst weisen Gotte einerlei sein?
GEJ|5|57|14|0|Wenn der Nazaräer ein Gott ist voll der höchsten Weisheit, was ich nun nicht mehr bezweifle, weil ich das mit meinem Verstande erkenne, so wäre es ja nachgerade dumm von ihm, so er die Menschen lehrete, zu erkennen die Lüge und ihr Falsches und dafür anzunehmen das Licht der Wahrheit und deren Gutes ohne irgendeine Verstandesschärfe!
GEJ|5|57|15|0|Du siehst, daß du hierin gegen mich nicht aufkommst, auch mit tausend gewirkten Wundern nicht; daher wolle mir in der Folge nicht mehr witzeln über meinen Verstand, sondern laß ihn als das gelten, was er ist, und zeige mir darum nur, wo sich etwa nun der göttliche Nazaräer befindet, auf daß ich vor ihm geziemend meine Knie beuge und ihn auch anbete!“
GEJ|5|58|1|1|58. — Der Liebe Einfluß auf den Verstand
GEJ|5|58|1|0|Sagt Raphael: „Aber Freund, du hältst dich gewisserart über etwas auf, das nur du mir unterschiebst; wie kannst du von mir denken, daß ich ein Gegner des richtigen Verstandes der Menschen sei?! So ich dir sage, daß du mit deiner Verstandesschärfe nun hier den Nazaräer ausfindig machen sollst, so wollte ich dir damit nur andeuten, daß da auch ein noch so heller Verstand bei weitem nicht ausreicht, sondern vor allem muß da das Gemüt, also die Liebe, das Such- und Erkennungsgeschäft Dessen übernehmen, der Selbst die höchste und reinste Liebe ist! Der Verstand darf da freilich nicht fehlen; aber voraus muß die Liebe sein! Ohne die richtet da der pure Verstand für sich nichts aus!
GEJ|5|58|2|0|An der Person des Nazaräers ist lange nicht alles gelegen, wie an dem nicht, daß du Ihn in deinem Magierenthusiasmus zu einem Gotte machst, sondern alles liegt da an dem, was dein Herz dazu sagt!
GEJ|5|58|3|0|Hättest du den rechten Grad Wärme dazu und dafür, so hättest du den Nazaräer schon erkannt und hättest nicht nötig, mich zu fragen nach Ihm; denn die Liebe findet die Liebe bald und leicht. Aber es war bei dir bis jetzt noch immer der kalte, wennschon ganz nüchterne Verstand vorherrschend, und so mußt du noch immer nach Dem fragen, der dir so nahe ist! Meinst du, daß ich damit dem blinden Aberglauben, den ihr Essäer nun gerade am meisten kultivieret, ein Wort reden will? Oh, wie grob irrest du dich da an mir!
GEJ|5|58|4|0|Wenn ich sage, daß da der pure Weltverstand nicht hinreichet, so ist ja damit so viel gesagt, als daß zu dem Weltverstande, selbst in seiner reinsten Sphäre, noch eine viel höherstehende, rein geistige Erkenntnis hinzutreten muß, um das Allerhöchste erkennen zu können. Wenn ich dir aber doch mit Händen zu greifen das andeuten wollte, wie kannst du als ein Helldenker mir den Vorwurf machen, daß ich ein Gegner des Verstandes sei und für eine höhere Erkenntnis nur die wahren Esel und Ochsen als befähigt ansehe?! Merkst du nicht, wie weit fehl wieder dein purer Weltverstand vom Ziele geschossen hat?!
GEJ|5|58|5|0|Siehe, in allen wichtigen bürgerlichen Lebensverhältnissen haben die Menschen mitunter recht weise Gesetze erfunden und sie auch sanktioniert; darunter gibt es aber auch welche, die ein sehr grausames Gesicht haben, wie zum Beispiel die meisten Strafgesetze.
GEJ|5|58|6|0|Irgendein Individuum hat sich an einem Gesetze, zum größten Teile aus Unkenntnis solch eines Gesetzes, vergangen. Der Arm des Gerichtes ergreift ihn und führt ihn vor den strengen Stuhl des alle Gesetze wohl kennenden Richters. Wenn dieser dann nach dem puren Weltverstande urteilt, so wird er ohne alle Gnade den Inquisiten (Angeklagten) nach dem CODEX POENITENTIARUM (Strafgesetzbuch)) zum Tode verurteilen.
GEJ|5|58|7|0|Hat der Richter aber nebst seinem geweckten Welt- und Gesetzverstande auch ein liebewarm fühlendes Herz, so wird dieses dem kalten Weltverstande folgende Einsprache machen und sagen: Das Gesetz, vielleicht mehr aus tyrannisch herrscherischer Leidenschaft gar so rücksichtslos gestellt, kann hier doch nicht eine völlige Anwendung finden!? Denn eine erweisbare völlige Unkenntnis irgendeines bestehenden Gesetzes muß hier berücksichtigt werden!
GEJ|5|58|8|0|Denn wenn ein Mensch auf dem Dache steht und einen andern Menschen unten am Boden liegend ersieht, mit bösem Willen auf ihn herabspringt, um ihn zu töten oder ihm mindestens einen großen Leibesschaden zu bewirken, so ist ein solcher Mensch mit aller Schärfe zu bestrafen für seinen argen Mutwillen. So aber ein Mensch bloß nur aus Unvorsichtigkeit vom Dache fällt, aber dabei auch einen unten am Boden liegenden oder zufällig vorübergehenden Menschen tödlich verletzt, so ist er an solcher Kalamität ja doch völlig unschuldig, und eines Richters Sache ist es da, wohl zu unterscheiden, welche Umstände da der Hebel waren, durch die ein Mensch zu einem Übeltäter gemacht ward!
GEJ|5|58|9|0|Wenn ein Fremdling, unserer Schrift, Sprache und unserer Gesetze völlig unkundig, sich gleich beim Eintritt in unsere Länder bald und leicht an einem unserer Gesetze vergeht, so haben wir ihn wohl anzuhalten und ihn mit unseren Gesetzen durch einen Dolmetsch bekannt zu machen. Erst wenn er sich dann abermals an den ihm bekanntgemachten Gesetzen vergeht, so kann er dann auch schon füglich dafür bestraft werden. Es ist da unfein zu sagen, Unkenntnis eines Gesetzes, das einmal in einem Lande als sanktioniert besteht, entschuldige niemanden; denn wie soll jemand ein Gesetz beachten, von dem er erwiesenermaßen noch nie etwas vernommen hat?!
GEJ|5|58|10|0|Siehe und urteile nun selbst: Welcher der beiden Richter hat da nach Recht und Wahrheit geurteilt, – der erste, der bloß den Gesetzesbuchstaben mit seinem kalten Verstande zur Richtschnur nahm, oder der zweite, der im Herzen als Mensch ein gerechtes Erbarmen mit dem Sünder trug und dadurch des Gesetzes Mängel und Dummheit ans Tageslicht förderte?“
GEJ|5|58|11|0|Sagt Roklus: „Offenbar der zweite!“
GEJ|5|58|12|0|Sagt Raphael: „Gut! Was aber erhöhte des zweiten Richters Einsicht und Verstandesschärfe?“
GEJ|5|58|13|0|Sagt Roklus: „Offenbar die Liebe in seinem Herzen, die ihn zur Erbarmung mit dem Sünder weckte! Er wollte den Sünder nicht verdammen, darum er denn auch alles schärfer zu prüfen begann und dadurch auf eine Menge Umstände kam, die dem Sünder zugute kamen.“
GEJ|5|58|14|0|Sagt Raphael: „Gut und richtig gesprochen! Was folgt aber daraus nun für jeden Menschen anderes, als daß ein durch allerlei Wissenschaften und Erfahrungen schon sehr geweckter Verstand in allen Dingen, Verhältnissen und Richtungen erst dann den rechten Scharfblick erhält, wenn er von der Liebe im Herzen erwärmt und von der stets heller auflodernden Liebesflamme auch stets heller erleuchtet wird. Machte ich da denn einen Verstandeswidersacher, so ich dich nur durch gewisse Winke darauf aufmerksam machte, wie deinem scharfen Verstande noch die eigentliche Schärfe sehr bedeutend abgeht und du sie mit der wahren Liebe zu Dem erhöhen sollest, den du nun erst suchst und früher nicht gesucht hast gar so sehr, als wie du jetzt vorgegeben hast?!“
GEJ|5|59|1|1|59. — Raphael enthüllt des Roklus innerste Gedanken über den Herrn
GEJ|5|59|1|0|(Raphael:) „Es ist wohl wahr, daß du von dem berühmten Nazaräer so manches vernommen hast, was dir unglaublich schien, und du gerne mit Ihm eine Zusammenkunft, wenn es ohne viele Mühe sein könnte, gehabt hättest; aber gerade gesucht hast du das nicht und dachtest dir: ,Wir haben ohnehin einige Brüder gegen ihn abgesandt, und diese werden uns schon berichten, was er lehrt und tut!‘ Aber die etlichen sind dann von euch völlig geschieden und sind Seine Jünger geworden und haben euch gar keine Nachricht über Ihn hinterbracht, und es machte euch das hie und da bangen, und erst dadurch seid ihr dann von Tag zu Tag neugieriger geworden, den Nazaräer persönlich kennen zu lernen.
GEJ|5|59|2|0|Allein, Freund, solche pure Neugier ist noch lange keine Liebe! Denn gestehe es nur selber, ob nun deine Liebe zum Nazaräer nicht so ungefähr der gleicht, wie ein besiegter Kämpfer sich seinem Sieger aus purer, in sich erkannter Schwäche allerfreundlichst ergibt, damit dieser ja keine weiteren Kraftbeweise an ihm in Vollzug setzen soll! Du hast eigentlich vor dem Nazaräer geheim eine ganz besondere Furcht und tust nur also, als wenn du gar so sehnlichst mit Ihm zusammenkommen möchtest; aber ich sehe in deinem Gemüte einen ganz andern Wind ziehen. Und weißt du, wie der Wind, in Worte gekleidet, spricht? Höre, ich werde ihn dir verdolmetschen!
GEJ|5|59|3|0|Der Wind lautet also: ,O du ganz verzweifelter Nazaräer! Gerade jetzt hat er auftauchen müssen! Unseres feinen Institutes Sache war nun schon im besten Gange! Jetzt muß der Plunder gerade den Nazaräer dahergebracht haben, der – wer kann's wie er?! – nun Wunder verrichtet, gegen die alle unsere Werke rein Asche sind und durch ihn noch am ehesten verdächtigt und wertlos werden können. Der ist uns erst als eine wahre Laus in unser Pelzwerk gekommen, die nicht mehr hinauszubringen sein wird. Nun aber heißt es zum bösesten Spiele auch sogleich eine allerbeste Miene machen. Es werde alles darangesetzt, daß er uns ja nicht feind werde. Denn wird er uns feind, so ist's auf einmal aus mit unserem ganzen Institute. Was nachher! Wohin, und was anfangen? Zu besiegen ist der nimmer; somit heißt es hier klug zu Werke gehen und ja sogar von weitester Ferne nichts Unfreundliches gegen ihn merken lassen, sondern ihn stets mit der größten Aufmerksamkeit behandeln und sich ihm so liebreich und dienstfertig wie nur immer möglich erweisen, so wird er als ein sein sollend guter Mensch gegen uns sicher nie ein Schwert erheben und wird uns zum wenigsten ungeschoren lassen!‘
GEJ|5|59|4|0|Siehe, Freund, das und noch so manches enthält euer innerer Lebenswind, gegen den du mir wohl kaum etwas anderes einwenden kannst, als nur alles von mir nun Gesagte für eine Lüge zu erklären, was aber auch nicht gehen wird, weil ich dir da sogleich mit von deiner Hand geschriebenen Dokumenten entgegentreten würde, deren sehr schlüpfriger Inhalt hier wahrlich sehr viel Aufsehen machen würde. Und das wäre eben das Stückchen, das dir deine schon ziemlich grauen Haare gen Berg treiben könnte! Hatte ich nun recht, so ich zu dir sagte, daß du also nur versuchen sollest, mit solch deinem scharfen Verstande den berühmten Nazaräer zu suchen? Was sagst du nun zu allem dem?“
GEJ|5|59|5|0|Sagt Roklus ganz betroffen: „Ja, lieber Freund, wenn du auch meine innersten Gefühle lesen kannst, dann hat mit dir jede weitere Besprechung aufgehört, und ich muß nun allen Ernstes vor dir, Junge, niederknien und dich für alles um Vergebung bitten, was ich nur immer dir entgegengesprochen habe!“
GEJ|5|59|6|0|Sagt Raphael: „Siehe, auch das mußte aus dir, und du bist jetzt erst fähig, dem Nazaräer vorgestellt zu werden, und so folge mir nun!“
GEJ|5|59|7|0|Sagt Roklus mit sehr stark verlegen klingenden Worten: „Ja, Freund, es ist das alles sehr schön und sehr erhaben! Ja, ja, darin liegt eine – wie sage ich nur gleich? – ja, ja, es liegt darin eine große Würde und eine gar unmenschlich große Ehre, dem mächtigsten und erhabensten Menschen der ganzen Erde vorgestellt zu werden! Ja ja, das ist es! Aber wenn so ein vollends göttlicher Mensch zu allen seinen unergründlichen Wundertatkräften auch die sonderbare Fähigkeit besitzt, unsereinen durch und durch zu schauen und einem Menschen, wie ich einer bin, gleich seinen ganzen Lebenslauf vor aller Welt herzuerzählen, – weißt du, da ist dann die nähere Bekanntschaft mit solch einem Gottmenschen durchaus nichts Angenehmes mehr! Und ich möchte nun schon lieber von hier laufen, als mich noch länger allhier aufhalten! Zudem ist es schon so hübsch nahe gegen den Abend gekommen, und wir alle haben noch für heute so manche Geschäfte daheim zu verrichten, – und du wirst uns daher schon für entschuldigt halten, wenn ich nun deinen mir sonst sehr werten Antrag ablehne, das heißt, so es eben nicht gerade sein muß, daß wir mit dem Berühmtesten aller Berühmtesten bekannt werden. Natürlich, so du aber das als etwas Gutes und Notwendiges für uns ersiehst und verlangst, so versteht es sich von selbst, daß wir uns gegen dich als unsern geistig größten Wohltäter sicher nicht widersetzlich erweisen werden; aber aufrichtig gesagt, es ist mir nun wirklich nicht sehr angenehm, einer gar so ungeheuren menschlichen Macht- und Weisheitsgröße gerade ganz knapp unters Gesicht gestellt zu werden, weil man sich daneben gar zu sehr als ein purstes Nichts zu fühlen anfängt! Man wird zu einem tausendfachen Nichts, während der Gegenpart mit seinem unerforschbaren Alles-in-Allem sich in solcher seiner Allheit nur stets mehr und mehr potenziert. So ein Nichtigkeitsgefühl schmerzt und tut dem Herzen wehe; daher habe ich denn nun auch keine so ganz absonderliche Freude mehr, dem berühmten Nazaräer vors Gesicht gestellt zu werden.“
GEJ|5|59|8|0|Sagt Raphael: „So ihr Den nicht kennen lernet, so verwirket ihr eurer Seelen ewiges Leben! Zudem hast du ehedem doch selbst ganz gut bemerket, daß du, um alles zu haben, nur den Nazaräer allein zu haben brauchst! Nun ist dazu noch die Gelegenheit, aber nur noch bis gen Morgen vorhanden; am frühesten Morgen ist unabänderlich Seine Abreise von hier festgesetzt. Wohin weiß außer Ihm gar niemand! Daher habt ihr ja nichts zu versäumen, so ihr leben wollt für ewig!“
GEJ|5|59|9|0|Sagt Roklus: „Nun, so führe uns denn hin zu ihm! Umbringen wird er uns bei solchen Umständen ja etwa doch nicht?!“
GEJ|5|59|10|0|Sagt Raphael: „Das wahre Leben euch geben, ja das wird Er, – aber von diesem eurem nunmaligen Scheinleben euch kein Härchen krümmen! Darum folge mir, wie ich dir schon früher den Antrag gemacht habe!“
GEJ|5|60|1|1|60. — Vom Wesen der Liebe
GEJ|5|60|1|0|Nun erst entschloß sich Roklus, dem Raphael zu Mir hin zu folgen und mutig die etlichen dreißig Schritte zurückzulegen. Da Ich aber noch beim Cyrenius so wie früher am Tische saß und Mich mit ihm über so manche Regierungsmaßnahmen besprach und Raphael den Roklus in der Richtung zum Cyrenius hin führte, so sagte dieser (Roklus) nach zurückgelegten etwa zwanzig Schritten: „Ja, nun führst du mich ja eben wieder zum Oberstatthalter hin, mit dem ich schon früher alles abgemacht habe?! Der mir nun zu wohlbekannte Cyrenius wird etwa doch nicht der gesuchte Nazaräer sein?“
GEJ|5|60|2|0|Sagt Raphael: „Das sicher nicht; aber der fest neben ihm zur Rechten sitzende, ganz schlicht aussehende Mann ist es! Du kennst Ihn nun und kannst nun schon selbst dich zu Ihm hinbegeben!“
GEJ|5|60|3|0|Sagt Roklus: „Wäre leicht, – nur etliche zehn Schritte mehr, und ich stehe knapp bei ihm! Aber was soll ich dann sagen, wie soll ich ihn anreden?“
GEJ|5|60|4|0|Sagt Raphael: „Aber mit deinem Verstande, mit deinen Kenntnissen und Erfahrungen da noch sich in einem Wirrsale befinden?! Das wird am Ende mir selbst ein wenig unklar! Gehe hin und sage: ,Herr und Meister, hier vor Dir steht ein Hungriger und Durstiger, sättige seine Seele!‘, so wirst du darauf schon gleich eine geziemende Antwort erhalten!“
GEJ|5|60|5|0|Roklus tat das mit vielem inneren Bangen, und Ich wandte Mich mit einem ernst- freundlichen Blicke zu ihm und sagte: „Freund, von Tyrus und Sidon bis nach Cäsarea Philippi und von da bis hierher ist offenbar näher als von hier bis nach Hinterindien, wo die morgenländischsten Sihiniten über Indias höchste Gebirge weit hinaus eine mächtige Mauer gezogen haben! Du suchtest dort die Wahrheit – und wieder nicht die Wahrheit; denn hättest du die Wahrheit auch gefunden, so hättest du die Wahrheit dennoch nicht erkannt! Hättest du sie aber erkannt, so wäre sie dir gar nicht angenehm gewesen; denn ist die Wahrheit nicht völlig geeint mit Liebe, so gleicht sie dem Sonnenlichte im Norden. Es erleuchtet auch die Erde; aber da das Licht ohne Wärme ist, so belebt es nicht den Boden und alles ist wie im Tode erstarrt!
GEJ|5|60|6|0|Ein Richter sucht nach dem Gesetze auch die volle Wahrheit. Es wird der Verbrecher mit allen Mitteln zum Geständnisse der vollen Wahrheit genötigt, und es werden Zeugen unter den strengsten Eid genommen. Es stellt sich am Ende die volle Wahrheit heraus; aber zu wessen Frommen und Nutzen? Es ist das auch eine Wahrheit ohne Liebe, also ein Licht ohne Wärme, und gehet aus aufs Töten! Und siehe, eine solche Wahrheit hast denn auch du gesucht und sie großenteils auch gefunden, – freilich nicht zu deiner inneren Belebung, sondern zur Tötung deines Geistes, welcher da ist die Liebe in eines jeden Menschen Herzen.
GEJ|5|60|7|0|Weil aber dein Geist durch die Masse der starren und materiellen Wahrheit wie zu Tode erdrückt war, so mußtest du ja notwendig jede Spur vom Dasein eines Gottes verlieren, da Gott auch nur pur Liebe ist in Seinem Urgrunde und nur durch die Liebe wieder begriffen werden kann!
GEJ|5|60|8|0|Du wußtest zwar so dunkel ahnend wohl, daß die Liebe das Grundelement aller Wesen und Dinge ist; aber was die Liebe in sich ist, das wußtest du nicht und konntest das auch nicht wissen, weil davon dein Gefühl und deine Sinne der Seele nie angeregt worden sind.
GEJ|5|60|9|0|Dein Wissen von dem Wesen der Liebe glich dem, das du von dem Wesen der Sterne hast. Sie leuchten, aber ihr Licht erzeugt keine Wärme, und du kannst es unmöglich durch irgend etwas nur deinem Verstande Bekanntes erfahren, ob ihr Licht etwa auch von einem Feuer herrühre.
GEJ|5|60|10|0|Bei der Sonne aber fühlst du die Wärme und urteilst, daß dieselbe ein Feuer sein müsse, und das ein unberechenbar mächtiges, weil es von einer dir nicht ganz unbekannten, überaus großen Ferne die Erde noch so sehr bedeutend zu erwärmen vermag.
GEJ|5|60|11|0|Vom Monde behauptest du das blanke Gegenteil, weil du von diesem Gestirne noch nie irgendeine Wärme empfunden hast. Von den anderen Sternen behauptest du schon gar nichts, da du von ihrem Einflusse noch nie etwas anderes als nur ihr spärliches Licht empfunden hast.
GEJ|5|60|12|0|Weil du aber von den dir klein scheinenden Sternen gar so wenig für dein Wahrnehmungsvermögen bekommen hast, so bist du auch nie aus einer Region deines Lebens gewisserart aufgefordert worden, darüber nachzudenken, was etwa doch die Sterne sind, und ob ihr Leuchten ein Feuer ist oder nicht, oder ob sie Körper oder nur bloß so irgend wärme- und gewichtlose Lichtpunkte sind.
GEJ|5|60|13|0|Um von einer Sache aber zu irgendeiner Vorstellung zu kommen, muß man ja doch über dieselbe notwendig einmal nachzudenken anfangen. Um aber über eine Sache mit einem gewissen Eifer nachdenken zu können, muß sie als dessen wert erachtet werden; der Wert aber hängt stets von der Liebe ab, die man zu einer Sache gefaßt hat.“
GEJ|5|61|1|1|61. — Die Erkenntniskraft der Liebe. Die Unzulänglichkeit des Verstandes und der Vernunft
GEJ|5|61|1|0|(Der Herr:) „Die Liebe aber ist abermal eine Folge der Erregung des inneren Lebens, auf das eine Sache eingewirkt hat.
GEJ|5|61|2|0|Das innere Leben ist Liebe, also ein Feuer mit aller Wärme. Wird dieses Feuer von der Einwirkung einer Sache, die selbst Feuer in sich hat, genährt gleichwie das Feuer auf dem Herde durch die Hinzulage von gutem Brennholze, so wird es lebhafter zu brennen anfangen, und es wird stets lebenswärmer und reger für die selbst brennbare Sache. Die Flammen werden dichter, ihr Licht heller, und die Seele wird bald viel Licht über eine früher ihr ganz unbekannte Sache erhalten. Dadurch aber wird die Liebe zu der Sache stets größer und größer, und man wird von der Sache nicht mehr ablassen, bis sie einem durch und durch bekannt wird und man vollends im klaren sein wird, was man an ihr hat, und was alles in ihr enthalten ist. Das geschieht aber nur, wenn die Liebe zu der Sache stets größer und intensiver wird.
GEJ|5|61|3|0|Wenn aber das Leben von einer Sache gar nicht angeregt wird, so bleibt es kalt und kümmert sich um die ganze an und in sich noch so denkwürdige Sache nicht im geringsten, gleichwie da auch die Flamme nach jenen Holzscheiten nicht leckt, die ihr zu ferne liegen.
GEJ|5|61|4|0|Der Mensch muß sonach von etwas angeregt werden, um über dasselbe in lebenswarme Gedanken zu geraten. Durch die kalte Wahrheit, die ein Leuchten der fernen Sterne ist, kann das innere Leben nie erregt werden, weil seine innere Wärme dabei keine Erhöhung, sondern nur eine Erniederung findet.
GEJ|5|61|5|0|Du aber hast bis jetzt alles mit dem eiskalten Verstande gesucht, und der Hebel zu deinem Suchen war deine ebenso kalte Vernunft, die nichts als wahr annahm, was sich nicht irgend mit einem Sinne wahrnehmen ließ.
GEJ|5|61|6|0|So suchtest du Gott mit der Rechentafel in der Hand, mühtest dich das A zu finden, fandest aber nicht einmal die Grundlinien zu diesem vielsagenden Buchstaben. Du suchtest auf Nordens Schnee- und Eisflächen Pflanzen, fandst aber nichts, obschon des Schnees Leuchten dich beinahe blind machte.
GEJ|5|61|7|0|Ich meine hier unter den Schnee- und Eisflächen den kalt urteilenden Verstand und die noch kälter rechnende Vernunft, die keiner inneren geistigen Anschauung fähig sein kann, weil sie als grobmateriell unmöglich sich hat können erregen lassen von etwas rein Geistigem.
GEJ|5|61|8|0|Es fiel dir manches auf, wie zum Beispiel die Wiederkehr der stets gleichen Formen in der dir schöpferisch vorkommenden Natur. Du dachtest an eine permanente Konsolidierung (ständige Verstärkung) einer ihrer selbst bewußten und potenziert intelligenten Lebenskraft, die, als alles durchdringen und ergreifen könnend, aus den Rohkräften dann die stets gleichen Formen wieder hervorzaubert. Die ganze Erde, Mond, Sonne und auch die Sterne betrachtetest du als einen Tempel, worin am Ende nun schon lauter unsichtbare Magier hausen. Indien gab dir dazu noch so manche scheinbare Bestätigung, und du wardst dann aus dem Grunde ein Haupteinrichter eurer Zauberkammer zu Essäa.
GEJ|5|61|9|0|Aber da du das alles mit dem kalten Verstande tatest und dein Gemüt dabei nie erwachen ließest, so fandst du auch den Grund des Lebens nicht, so nahe du demselben mit deiner Vernunft auch gekommen bist, und versenktest dich wieder in die kalte und tote Materie, suchtest in derselben dein Heil und wolltest darin auch das Heil aller andern Menschen begründet erschauen.
GEJ|5|61|10|0|Deine Sache ging schon jetzt eine geraume Zeit mit entschiedenen Erfolgen vorwärts; denn du warst und bist noch ein Haupt dieses Instituts, das ganz geeignet ist, die laie Menschheit in den finstersten Aberglauben und die bessere und denkende aber in den größten und allerdicksten Materialismus zu versenken. Du zerstörtest wohl schon gar manchen lebendigen Götzentempel, aber stelltest nichts Besseres an dessen Stelle. In dir war der Tod, und du fandst an ihm sogar einen willkommenen Gast; denn das Nichtsein ging bei dir über alle Lebensgrößen himmelhoch hinaus.
GEJ|5|61|11|0|Warum aber ist mit dir all das also geworden? Weil du nie in deinem Herzen irgendeine Liebe hast erkeimen lassen! Du hattest das innere Lebensfeuer in dir nicht bis auch nur zu einer mäßigen Flamme angefacht! So du aber sogar die Außenflächen deines Herzens noch nie in eine größere Tätigkeit versetzt hast, wie hättest du dann erst die inneren und sogar allerinnersten Lebenselemente des geistigen Herzensteiles in irgendeine Erregung versetzen können, aus der heraus bald das ganze Herz in der Flamme des wahren Lebens schneller gepocht und dein Bewußtsein erleuchtet hätte zur klaren Erkenntnis deiner selbst und zur daraus hervorgehenden Erkenntnis Gottes?!“
GEJ|5|62|1|1|62. — Die Liebe und ihr Erkenntnislicht
GEJ|5|62|1|0|(Der Herr:) „Du wirst daraus nun wohl entnehmen können, daß der Mensch mit seiner puren Vernunft und mit seinem noch so klaren und scharfen Verstande von all dem, was geistig ist, nichts fassen kann. Er kann nicht begreifen das Leben und dessen Grund-Endzweck; denn die Vernunft und der Verstand haben ihren Grundsitz im Gehirne und im Blute, das das Gehirn in einer gewissen tätigen Spannung erhält, wodurch dieses die Fähigkeit beibehält, die Eindrücke und Bilder der materiellen Außenwelt aufzunehmen, sie zu vergleichen in ihren Formen und Wirkungen und sich endlich daraus einen Kreis von allerlei Schlüssen zu bilden.
GEJ|5|62|2|0|Aber alles das sind Dinge und Abbilder der Materie, in der des Kopfes Sinne nimmer etwas Geistiges zu entdecken imstande sind. Weil aber das Leben doch nur etwas Geistiges sein kann, so kann es auch nur in und durch sich selbst begriffen werden.
GEJ|5|62|3|0|Es müssen im Menschen sonach noch andere Sinne vorhanden sein, durch die er auch das geistige Lebenselement in sich erfühlen und erschauen und also nach und nach auch begreifen kann in allen seinen Tiefen, Verbindungen und Beziehungen.
GEJ|5|62|4|0|Welches sind aber solche inneren Sinne? – Siehe und höre! Da gibt es eigentlich nur einen einzigen Sinn, und der heißet Liebe, die da wohnt im Herzen. Dieser Sinn muß vor allem gestärkt, gebildet und geläutert werden, und alles, was der Mensch tut, was er will, was er denkt, und was er urteilt, muß von der lebensheißen Lichtflamme aus dem Feuer der reinen Liebe erleuchtet und durchleuchtet sein, damit da alle Geister erwachen am Morgen des im Menschenherzen werdenden Lebenstages.
GEJ|5|62|5|0|Werden alle Lebensgeister in den Gedanken, Worten, Taten und Werken wach, so werden sie sich zu regen anfangen, und der des innern geistigen Lichtes volle Mensch wird bald und leicht ihrer gewahr, weil sie schon in dem ersten Beginne ihrer Regungen sich unter allerlei Formen zu äußern beginnen. Diese Formen aber sind keine zufälligen und leeren, sondern alle entsprechen irgendeiner sehbaren geistigen Tätigkeit aus der Sphäre der Ordnung aus Gott.
GEJ|5|62|6|0|Solches aber kann der Mensch mit seinem Verstande und mit seiner eitlen Vernunft nimmer erschauen, sondern nur mit den lebensflammenden Augen seines Geistes, der die Liebe ist.
GEJ|5|62|7|0|Darum kannst du das als eine feste Norm annehmen und der nach sagen: Kein äußerer Weltverstand kann es je ergründen und erschauen, was im Menschen ist; das kann allein nur der Geist im Menschen. Und also kann auch niemand Gott erkennen als nur der erweckte und vollauf tätig gewordene Geist Gottes im Menschenherzen, der gleich wie Gott Selbst die reinste Liebe ist und ein ewiger Sabbat im Menschenherzen.
GEJ|5|62|8|0|Siehe, diesen alleredelsten Teil in deinem Herzen hast du noch nie gepflegt und hattest auch keine Ahnung von seinem Werte, und es ist darum sehr begreiflich, wie du ein festester Gottesleugner geworden bist und alles deines Suchens ungeachtet der ewigen, alles erschaffen habenden, alles durchdringenden und erhaltenden Gottheit nimmer auf die Spur kommen konntest!
GEJ|5|62|9|0|Nun aber wird es auch nicht gar so leicht sein, daß du die Gottheit in ihrem wahren Sein und Walten so ganz aus dem Fundamente erkennen werdest, weil dein Gehirn mit all seinen Gebilden schon zu verhärtet ist. Du müßtest nur ein gar gewaltiges Liebefeuer in deinem Herzen anfachen, dein Essäertum ganz aufgeben und dich demütigen in allen deinen Lebenssphären und – verbindungen und müßtest total ein ganz neuer Mensch werden; denn alle deine bisherigen Lebenstheorien und Lebensanschauungen sind der inneren und einzigen Wahrheit nach grundirrig und falsch, so daß du mit denen niemals auch nur in den Vorhof des innersten Gottlebens in dir gelangen wirst!
GEJ|5|62|10|0|Aber es ist an dir noch nicht alles verloren, ja du könntest sogar noch Großes erreichen; aber du müßtest da aus deinem freiesten Willen heraus als selbsttätig und ganz selbst wollend ein neuer Mensch werden und aus deiner innern Überzeugung nach deinen Kräften dazu beitragen, daß eures Institutes loses Treiben ein Ende nehme, ansonst es dir unmöglich würde, je zum wahren Leben deines innern Geistmenschen zu gelangen. Denn das innerste Leben im Menschen ist die höchste Wahrheit, in die du ganz überzugehen hast; diese aber kann nicht, nie und nimmer gedeihen, wenn sie durch die Tätigkeit der Lüge und des dicksten Betruges genährt werden soll.
GEJ|5|62|11|0|Jeder Schritt und Tritt von dir muß von der höchsten und tiefsten Wahrheit im Denken, Wollen, Reden und Handeln begleitet sein, wenn das wahre, innerste Leben in dir selbst zur lichtesten Wahrheit werden soll; ist aber das nicht der Fall vom Alpha bis zum Omega, so, merke es wohl, ist das innerste Leben in dir selbst eine barste Lüge!
GEJ|5|62|12|0|Nun weißt du so ungefähr, wie es mit deiner reinen Vernunft und mit deinem scharfen Verstande steht! An dir liegt nun die freie Wahl, ob du erreichen willst das ewige Leben oder den ewigen Tod! Ich aber bin Der, der Ich bin! Ich kann dir geben das ewige Leben, aber dir auch belassen den ewigen Tod!
GEJ|5|62|13|0|Von dem aber, was Ich dir nun gesagt habe, wird nicht ein Häkchen je nachgelassen werden! Diese Erde und dieser sichtbare Himmel werden vergehen in dieser Gestalt, Form und Wesenheit, – diese Meine Worte jedoch ewig nimmer! Tue nun, was du willst! Ich bin noch da eine kurze Zeit!“
GEJ|5|63|1|1|63. — Roklus und seine Gefährten beraten sich
GEJ|5|63|1|0|Roklus und alle seine elf Gefährten fangen sich ganz gewaltig hinter den Ohren zu kratzen an und wissen nicht, was sie Mir nun erwidern sollen.
GEJ|5|63|2|0|Roklus geht hin und bespricht sich mit ihnen folgendermaßen, sagend: „Das habe ich mir also schon zum voraus gedacht, als mich der Junge zum Nazaräer hinbeschied, daß er sich da vor allem auf die Zunichtemachung unseres Völkerwohlinstitutes hinwerfen wird; dieses scheint den wundertätigen Nazaräer vor allem am meisten zu genieren! Aber gar zu leicht wird er uns immerhin nicht in das Bockshorn treiben mit allen seinen theosophischen Phrasen!
GEJ|5|63|3|0|Es scheint wohl recht viel Wahres in seinen Worten zu liegen; aber unser wohleingerichtetes Institut wird er dennoch nicht leicht zu Falle bringen! Doch will ich euch aber mit dem nichts vorschreiben; ihr könnet tun, was ihr wollet, – denn ihr seid Herren der Sache so gut wie ich!“
GEJ|5|63|4|0|Sagt ein anderer, der auch mittlerweile aus Cäsarea Philippi herübergekommen war: „Freund Roklus, ich habe vom Anfange bis nun die ganze Verhandlung mit dem aufmerksamsten Gemüte angehört und alles genau beobachtet, was da alles vor sich gegangen ist, und muß dir nun offen gestehen, daß du mit deinen Behauptungen sehr unrecht hast, und es ist zum Rasendwerden mit dir deiner geistigen Blindheit wegen! Du redest offen also, und heimlich denkst du aber ganz anders! Dem Jüngling gegenüber vergötterst du den berühmten Nazaräer, und bei dir selbst hältst du ihn für einen Magier der ältesten und geheimsten Schule Ägyptens! Wir wissen nun doch, auf welchen Füßen alle Magie und die Aussprüche beinahe aller uns bekannten Orakel stehen!
GEJ|5|63|5|0|Denke wohl nach, ob du um eine Zauberart weißt, mittels der man in einem Augenblick einen Granitstein ins reinste Gold umgestalten kann! Dieses Wunder allein hebt ja alle die unseren auf, die auf nichts anderem als auf einem allerpursten Betrug basiert sind! Betrachte danebst dieses neue Prachthaus, den Garten mit seiner weiten Ringmauer, den Hafen mit seinen Schiffen, sieh an die Menge der herrlichsten Fruchtbäume im Garten, die Rebengewinde voll der köstlichsten Trauben! Vor vier Stunden war dieser Fleck noch eine Wüste und ist als solche um dieselbe Zeit von mir betreten worden, weil ich am See etwas zu tun hatte. Betrachte du nun diese Wüste! Welch eine Üppigkeit, welch ein Segen!
GEJ|5|63|6|0|Kann das ein Mensch durch irgendeine Art der uns doch durch und durch bekannten Magie bewerkstelligen? Ich sage dir: da hört alles uns bisher Bekannte auf; unser sämtliches Wissen ist Lüge und Trug, es tauget zu nichts mehr! Wollen wir fürder neben diesen Gottmenschen bestehen, so müssen wir alleroffenkundigst das tun, was der Nazaräer dir mit aller Freundlichkeit angeraten hat!
GEJ|5|63|7|0|Ich gehöre zwar nicht zu eurem geheimen Rate und bin erst vor ein paar Stunden zu euch gekommen; aber das kann ich euch aus dem von mir treu Beobachteten sagen, daß wir mit unserem noblen Lug- und Truginstitut allerreinst verlesen sind! Es wäre hier die größte Torheit, unter solchen Umständen dem Gott aus Nazareth einen gewissen Trotz zu bieten!
GEJ|5|63|8|0|Zudem sehen wir ja doch alle mit den offensten Augen von der Welt, daß alle die römischen Großwürden- und Machtträger seine intimsten Freunde sind! Er braucht ja nur zu sagen: ,Schaffet mir dieses Institut weg!‘, und wir sind vernagelt für alle Zeiten der Zeiten! Was aber nachher mit uns?! Ich bin daher der hier sogar sehr maßgeblichen Meinung, daß wir das annehmen und befolgen sollen, was der Gottmensch aus Nazareth dir in aller Freundlichkeit angeraten hat!
GEJ|5|63|9|0|Übrigens ist das eine recht schlechte Vermutung von dir – ich sage es dir ganz offen und ohne irgendeine Scheu ins Gesicht –, daß du den mit Händen zu greifenden Gottmenschen vor uns ansinnen wolltest, als würde er dich nur darum also zugerichtet haben, weil er unser Institut etwa als eine hindernde Wegschranke für seiner Unternehmung Sache ansähe! Das ist ja doch lächerlich über lächerlich! Dem wird unser lumpiges Institut ein Hemmschuh auf seinen Wegen sein?!
GEJ|5|63|10|0|Ich sage es dir und euch allen: So wenig wir den Mond in seinem Aufgange zu stören imstande sind, wenn wir gegen ihn noch so gewaltig blasen und schreien, ebensowenig wird unser luftiges Institut den Wegen dieses allmächtigen Gottmenschen ein Hindernis sein! Er braucht ja nicht einmal hinzublasen, sondern bloß nur so ein wenig zu wollen, und alle unsere Dinge, wie Gebäude, Mauern, Katakomben und alle unsere Zauberapparate sind zu Luft geworden! Was nachher mit uns? Daher ist jetzt die höchste Zeit, daß ihr euch eines Bessern besinnet!
GEJ|5|63|11|0|Gehe daher hin zu ihm und sage – aber treu und wahr –, daß du und wir alle das fest wollen, was er dir angeraten hat! Denn verlieren können wir bei diesem Tausche unmöglich etwas, so wir dann unser Institut ganz so einrichten, wie es ihm genehm ist. Dadurch wird er dann Herr und Meister unseres Institutes, und wir wollen und werden seine allergetreuesten Jünger sein. – Seid ihr damit nicht einverstanden?“
GEJ|5|63|12|0|Sagen die meisten: „Ganz vollkommen, – wenn nur er uns zu seinen Jüngern annehmen möchte!“
GEJ|5|63|13|0|Sagt der gute Redner, der Ruban hieß: „Das wird er, dafür bürgt mir sein gar überaus menschenfreundliches Gesicht! – Was meinst denn du, noch immer etwas recht Dummes ausbrüten wollender Roklus?“
GEJ|5|64|1|1|64. — Ruban spricht bei seinen Gefährten für den Herrn
GEJ|5|64|1|0|Sagt Roklus: „Ja, ja, du hast recht, auch ich bin der Meinung! Aber wenn er solches uns etwa nur unter der Bedingung tun würde, daß wir am Ende alle unsere offenbaren Lügen dem Volke offenbaren sollen und demselben ersetzen so manchen irdischen Schaden, den wir ihm durch unsern Zauberbetrug verursacht haben?! Wer aus euch Lust und Liebe hat, in diese Nuß zu beißen, der beiße; ich habe vorderhand noch sehr wenig Lust dazu, mich darauf vom Volke ordentlich zerreißen zu lassen! Es ist das eine sehr kitzliche Sache!
GEJ|5|64|2|0|Ich will aber vorerst vernehmen, was er von uns in dieser Hinsicht so ganz eigentlich verlangen wird! Und so will ich denn noch einmal zu ihm hingehen und sehen und hören, was er in dieser Hinsicht an uns alles für ein Verlangen stellen wird; denn von einer Entblödung vor dem Volke kann als von uns ausgehend gar keine Rede sein!“
GEJ|5|64|3|0|Sagt Ruban: „Solches wird er von uns sicher nicht verlangen; denn er selbst wird es besser wissen denn wir alle! Es leidet nichts einen grellen Sprung; eines muß aus dem andern hervorgehen in der ganzen uns bekannten Natur! Daß wir manchmal Sprünge gemacht haben mit unseren Trugmitteln, ist nicht als Folge anzunehmen, daß auch er also handeln werde mit uns! Gehe daher nur hin und tue ganz offen das, was ich dir nun angeraten habe.“
GEJ|5|64|4|0|Sagt Roklus: „Ja, ich tue es aber nur, weil ich es tun will, nicht weil ihr andern es wollt, und weil du, Ruban, es mir angeraten hast!“
GEJ|5|64|5|0|Sagt Ruban: „Das ist mir gleich, aus welchen Beweggründen du etwas tust, wenn du nur das Rechte tust! Aber weißt du, erster Unterdirektor und Leiter der auswärtigen Angelegenheiten des Institutes, das ist noch immer deine alte, hochmütig klingende Weise zu reden und zu handeln, daß du beim besten Rate, den dir ein anderer erteilt hat, sagst: ,Oh, das habe ich schon lange eingesehen, mit mir beraten und werde es nun darum auch tun, weil ich selbst es also will!‘ Ob für immer der göttliche Nazaräer damit auch zufrieden sein wird, weiß ich kaum; denn er scheint ein Hauptfeind auch schon bloß nur des Scheines von einem Hochmute zu sein! Ich habe mich, verstehst du, offen gesagt, mit meiner Vernunft und mit der besonderen Schärfe meines Verstandes noch nie gebrüstet; aber das Gute habe ich in meinem Gemüte, daß ich mich bei einem Menschen schnell auskenne, wie er in seiner Sinnes- und Denkungsweise beschaffen ist.
GEJ|5|64|6|0|Und so kenne ich mich nun auch mit dem göttlichen Nazaräer insoweit schon ganz prächtig aus, wie er in seinem Wollen und Begehren beschaffen ist. Demut scheint er allem vorzuziehen, ohne die wahrlich weder an eine Liebe und noch weniger an eine volle Wahrheit zu denken ist. Wir aber stehen ja auf einem Standpunkte, wo von uns aus ein jeder Blick, Tritt, ein jedes Wort und eine jede Handlung unseren Nebenmenschen gegenüber ein allerdichtester Betrug und eine allerabgefeimteste Lüge ist und nach unseren Ordensregeln auch sein muß, weil unser Wahlspruch dahin lautet, daß alle Welt darum von uns aus betrogen und belogen werden soll, weil sie selbst es also will.
GEJ|5|64|7|0|Das ist aber nicht auch ein Grundsatz des göttlichen Nazaräers. Bei ihm heißt es sicher nur: ,Die vollkommenste und reinste Wahrheit und ihre Gerechtigkeit um jeden Preis, auch um den des Bestandes der ganzen Welt!‘ Darum nimm dich zusammen; denn du stehest vor einem Richter, dessen Sehkraft auch bis zu deinen innersten Gedanken langt! Daher nimm dich in allem zusammen, sonst ist es um gar sehr vieles gefehlt!“
GEJ|5|64|8|0|Sagt Roklus: „Ja, weil du, mein guter Bruder Ruban, dich denn gar so gut auskennest, so gehe du an meiner Statt zum Nazaräer hin und mache alles nach deinem Gutdünken mit ihm ab, und uns allen wird dann auch alles recht sein müssen; denn gegen einen so gewaltigen Strom läßt sich nicht schwimmen! Gehe und tue du das, und ich werde dir sogar obendrauf noch sehr dankbar sein!“
GEJ|5|64|9|0|Sagt Ruban: „Warum nicht? Wenn ihr alle mich dazu bevollmächtiget, will ich euch den Gefallen recht gerne erweisen, – ja um vieles lieber, als noch länger mit ein abgeschmackter Volksbetrüger sein!“
GEJ|5|64|10|0|Sagen alle zwölf: „Ja, wir bevollmächtigen dich dazu, und es wird uns ganz vollkommen recht sein, was du mit dem Nazaräer ausmachen wirst; denn unser Roklus ist wohl ein ganz vortrefflichster Direktor unserer auswärtigen Lug- und Trugangelegenheiten und ist ein feiner Politiker; aber die lichten Sphären der Wahrheit sind seine Sache nie gewesen, er würde sich sehr ungeschickt darin bewegen. Es ist darum besser, daß du an seiner Statt hingehest und mit dem göttlichen Nazaräer alles gut und zweckmäßig abmachest!“
GEJ|5|65|1|1|65. — Rubans Rede an den Herrn
GEJ|5|65|1|0|Auf diese erteilte Vollmacht bewegt sich nun Ruban zu Mir hin und sagt, als er vollends bei Mir anlangt: „Herr und Meister voll der wahren Gotteskraft! Da der Roklus aus Dir sicher nicht unbekannten Gründen sich nicht zu Dir hierhergetraut hat, wie auch keiner von seinen elf Gefährten, so haben sie mich bevollmächtiget, mit Dir, Du Allerwahrhaftigster, alles in bezug unseres stark unlöblichen Institutes abzumachen. Es wird dann alles sicher geschehen, was Du nur immer wollen wirst, und wir möchten sogar Dir das ganze Institut zu Deiner Verfügung stellen und sämtlich Deine Jünger werden! Sprich nun denn ein gnädig Wort Deines uns allen sicher heiligen Willens aus, und wir werden strenge danach handeln! Willst Du das Institut aber ganz aufgehoben haben, so äußere Dich auch darüber; denn wir alle sind auch darin übereingekommen, daß das Institut gänzlich aufgehoben wird, wenn Du es verlangst!“
GEJ|5|65|2|0|Sage Ich: „Du bist eine ehrliche Seele, darum dein Haus auch von den Flammen verschont blieb! Aber siehe, so Ich euer Institut aufgehoben haben wollte, da könnte Ich es mit ihm ebenso machen, wie mit jenem bedeutenden Felsen im See, an dem schon so manches Schiff im Sturme zerschellt wurde! Siehst du den Fels noch?“
GEJ|5|65|3|0|Sagt Ruban: „Ja, Herr, ich sehe ihn und kenne ihn leider nur zu gut; denn ich wäre an seinen Wänden einmal selbst beinahe verunglückt!“
GEJ|5|65|4|0|Sage Ich: „Er werde zunichte und hinfort keinem Schiffer mehr Gefahr bringend!“
GEJ|5|65|5|0|In dem Augenblick war der Fels, der im ganzen über zehntausend Kubikklafter festen Inhalt hatte, bis in den Grund des Sees derart aufgelöst, daß von ihm nicht nur keine Spur übrigblieb, sondern auch an der großen Stelle keine Wassertrübung bemerkbar war. Wohl aber bemerkten alle mit übergroßem Staunen an der Stelle einen starken Wellenschlag, welcher natürlich daher entstand, weil das früher den großen Felsen umgebende Wasser in den hohlen Raum zusammenstürzte und von nun an eine kontinuierliche Wassermasse bildete.
GEJ|5|65|6|0|Als unser Ruban solches ersah, da ward er voll Angst und sagte mit bebender Stimme: „Es ist schon gerade also, wie ich's zu Roklus gesagt habe! Da hört alle Magie auf, und es tritt die nackte Wahrheit an ihre Stelle! Was Du, o Herr und Meister, nun mit dem bösen Felsen gemacht hast, das könntest du wohl etwa auch ebenso leicht mit der ganzen Erde tun, und um so sicherer mit unserem schlechten Institute! Daher kann ich nun nichts anderes sagen als: Herr und Meister, Dein Wille geschehe! Denn Du bist kein Mensch, sondern Gottes Geist wohnt in aller Fülle in Dir! Sei uns allen armen Sündern gnädig und sehr barmherzig! Du allein bist alles in allem, und Du allein vermagst alles, Dir ist nichts unmöglich!“
GEJ|5|66|1|1|66. — Des Herrn Rat und Rede an die Essäer
GEJ|5|66|1|0|(Ruban:) „Aber was sollen wir mit unserem Lug- und Truginstitut machen?“
GEJ|5|66|2|0|Sage Ich: „Es erfüllen mit Liebe und Wahrheit und glauben an Meinen Namen und befolgen Meine Lehre! Denn werdet ihr vollernstlich das tun, so werdet ihr nicht mehr mit Trug und Lüge, sondern mit aller Wahrheit und echten Liebe der Welt zu nützen imstande sein; aber alle die Werkzeuge der Trugmagie müssen von euch verworfen werden. Ist aber eines und das andere darunter, das, in sich besserer Art – als Elektrophoren (Elektrizitätserzeuger) und andere derartige Maschinen –, sich als naturnützlich erweist, so treibet damit keinen verkehrten, sondern einen wahren und der Natur der Sache angemessenen Gebrauch und belehret das Volk, was es ist, und wie die Maschine irgend wirkt der Natur nach, wie sie gebaut ist, so werdet ihr damit wahrhaft viel Gutes zu bewirken imstande sein!
GEJ|5|66|3|0|Nie aber achtet auf das Urteil der Welt; denn die Welt ist und bleibt arg und böse, und Lüge, Trug und Hochmut sind ihre Hauptelemente!
GEJ|5|66|4|0|Ich sage es euch, daß ihr in Meinem Namen werdet Berge versetzen können und noch Größeres tun, als Ich Selbst nun tue; aber nie soll der Gedanke in euch aufsteigen, als hättet ihr etwas getan aus eurer Kraft und Macht; denn deren gibt es nicht auf dieser Welt! Nur durch die Kraft des Geistes Gottes werden euch alle Dinge, die den Menschen zum Nutzen gereichen können, möglich sein!
GEJ|5|66|5|0|Alle Kraft wird einem wahrhaft gottergebenen Gemüte eigen sein, und das so lange, als sich jemand dabei nicht übernehmen wird. Wird aber jemand dafür eine Ehre und einen Lohn nehmen aus Eigennutz, so wird er aber auch im selben Augenblicke die gottesgeistige Eigenschaft in sich völlig verlieren!
GEJ|5|66|6|0|Vor nichts aber fliehet mehr als vor dem Reichtume der Welt und seinen Verehrern; denn schlechter ist kein Mensch auf der ganzen Erde als einer, der nach irdischen Schätzen giert und geizt; denn der verflucht in der Tat die Liebe und alle Wahrheit des Herzens, die da kommt aus Gott.
GEJ|5|66|7|0|Wenn solche zu euch kommen, so weiset ihnen die Türe und zeiget es ihnen, daß Gottes Wort und dessen Kraft nimmer den ungebärdigen Erdschweinen solle zum eitlen Fraße vorgeworfen werden! Ihr sollet ihnen zwar darum nicht fluchen und sie auch nicht verwünschen, denn aller Zorn und alle Rache ist des Geistes Gottes! – aber sie werden dadurch zur Genüge gestraft werden, so sie von eurer Türe und Freundschaft ernstlich hintangewiesen werden!
GEJ|5|66|8|0|Wenn solche zu euch kommen werden in einem sie heimgesucht habenden Unglücke, so erhöret sie nicht; denn eine Hilfe wird nicht besser machen ihr Herz, – im Gegenteil: sie werden hernach noch vorsichtiger und klüger handeln für ihre Goldsäcke; euch aber werden sie verlachen und verspotten und eure Hilfe für eine leere Windbeutelei erklären und werden euch ausschreien als faule Maulmacher und Betrüger! Das aber sei ferne; denn Gottes Kraft aus euch soll nur denen allein zugute kommen in Worten wie in Handlungen, die sich in aller Demut ihrer Herzen derer würdig gemacht haben!
GEJ|5|66|9|0|Auf daß ihr aber wisset, was alles ihr künftighin in Meinem Namen zu kennen und zu tun haben sollet, so gehet hin zu jenem Jünglinge; der wird euch ein Buch geben, darin ihr alles Nötige finden werdet! – Nun aber soll noch Roklus zu Mir kommen; denn Ich habe mit ihm noch so manches zu besprechen! Gehe hin und hinterbringe ihm solchen Meinen Willen!“
GEJ|5|66|10|0|Roklus machte zwar ein sehr saures Gesicht, als ihm Ruban den von Mir ausgesprochenen Wunsch hinterbrachte. Aber er ging dennoch, kam zu Mir und verbeugte sich tiefst vor Mir.
GEJ|5|66|11|0|Ich aber sah ihn freundlichst an und sagte zu ihm in einem fragenden Tone: „Nun, du Mein scharfverständiger Freund, wie denkst du nun von Mir? Was findet an Mir dein scharfer Verstand, und was fühlt daneben dein Herz? Hast du doch früher dem Jungen gestanden, als du Mich noch suchtest, daß Ich ein rechter Gott sei, daß du Mich auch ohne alle persönliche Bekanntschaft liebest und den Lebensdrang in dir stets lebendiger wahrnehmest, vor Mir deine Knie zu beugen und Mich sogar im Ernste als einen wahren Gott anzubeten!
GEJ|5|66|12|0|Nun kennst du Mich persönlich und wirst auch keinen Zweifel haben, daß Ich der berühmte Nazaräer – wie du dich ausgesprochen hast – der vollsten Wahrheit nach bin. Aber noch hast du deine Knie vor Mir nicht gebeugt – was Ich von dir auch nie verlangt haben würde –, und dein Herz scheint noch sehr wenig Liebe zu Mir zu empfinden. Warum hast du, großer Freund der Wahrheit, denn also geredet zu dem Jungen, das da nicht wahr ist?“
GEJ|5|67|1|1|67. — Roklus sucht vor dem Herrn seine Unwahrhaftigkeit zu rechtfertigen
GEJ|5|67|1|0|Sagt Roklus: „Erhabenster der Erhabensten! Solange ich an keinen Gott glauben konnte, war das eine abgemachte Geschichte, der bisher noch alle verständige Welt gehuldiget hat, und diese Geschichte, die eigentlich für sich gar keine Geschichte ist, durch die aber die meiste Weltgeschichte gemacht wird, heißt Politik, Staatsklugheit. Diese fordert, daß man einem Menschen, den man nicht genau kennt, nicht sogleich alles auf die Nase bindet, was man innerlich vorhat. Man braucht aber durchaus nichts Böses vorzuhaben mit jemandem, mit dem man sich in irgendeine Verbindung stellt, und es ist da doch stets geraten, mit der reinen Wahrheit im Hintergrunde zu verbleiben, weil es sich nach vielen Erfahrungen nur schon zu oft erwiesen hat, daß man mit der nackten Wahrheit bei den Menschen mehr Unheil als irgendein Heil angerichtet hat.
GEJ|5|67|2|0|Man muß den Menschen zuvor stets auf allerlei Seitenwegen erst so ganz durch und durch kennen lernen – was keine leichte Aufgabe und Arbeit ist –, bevor man ihn in alle Wahrheit leitet; denn sonst kann man ja nicht wissen, wo bei ihm die Seite ist, an der er zugänglich ist für die Wahrheit! Denn kein Mensch ist, besonders in bezug auf sich selbst, ein besonderer Freund der lichtvollen Wahrheit. Ein um ihn herum verbreitetes Dunkel ist ihm bei weitem lieber, und darin liegt denn auch der Grund, warum ich beim Jünglinge mit meiner innern Wahrheit ein wenig hinter dem Zaune gehalten habe. Im übrigen ist es aber ja eine bekannte Sache in aller Welt, daß die Kinder durch allerlei Unwahrheiten erst zur Wahrheit hingeleitet werden, und das ist auch eine Klugheit der Eltern; denn würden diese ihren Kindern gleich die Wahrheit zu verkünden anfangen, so würden sie aus den Kleinen wenig Gutes und Gesittetes ziehen.
GEJ|5|67|3|0|Es ist wahr, daß ich mich dem Jungen anders zeigte, als ich war; aber ich verursachte ihm dadurch keinen Schaden und konnte ihm keinen verursachen, weil ich dazu nie einen Willen gefaßt habe, und somit glaube ich dadurch nichts Schlechtes begangen zu haben. Habe aber ich dadurch gesündigt, so sündigen auch alle Eltern gegen ihre Kinder, die ihnen mit einem gewissen Ernste sogar fest beteuernd sagen, daß es auf den weiten und hohen Bergen gewisse Bäume gebe, auf denen die Kinder gleich den Pflaumen blühen und wachsen. Dort beständen gewisse Sammler dieser Früchte und trügen sie dann zum Verkaufe in alle Welt. Dann und wann kämen diese Früchte auch auf Bächen und Flüssen, die in jenen hohen Bergen entspringen, einhergeschwommen, wo sie dann auch aufgefangen würden.
GEJ|5|67|4|0|Das ist ja etwa doch eine mörderische Lüge, wie man sie sich nimmer großartiger und dümmer vorstellen kann; aber die Eltern haben dabei sicher den besten Willen, durch solche rein aus der Luft gegriffenen Dichtungen ihre Kleinen vor allen unkeuschen Gedanken zu bewahren und sie also frisch und gesund an Leib und Seele dem männlichen Alter zuzuführen, und das wird doch hoffentlich nichts Unrechtes sein?! Und so bin ich denn auch der Meinung, daß eine Lüge, der nicht nur keine Spur von einer schlechten Absicht, sondern oft nur, nach unserer menschlichen Erkenntnisfähigkeit, eine ganz allerbeste Tendenz zugrunde liegt, eher als eine Tugend denn als irgendeine Sünde anzusehen ist!
GEJ|5|67|5|0|Und so ist unser Institut im Grunde zwar voll Lügen und Truges; aber bis jetzt haben wir noch durchaus keine böse und eigentlich herrschsüchtige Absicht damit vereinigt, das heißt, insoweit wir mit unseren Erkenntnissen ausreichten. Was sich aber daraus in den späteren Zeiten alles entwickeln kann, dafür fehlt uns die prophetische Berechnungsweise, und wir können dafür keine Bürgschaft leisten, weil unsere Nachkommen ebenso freiwillige Menschen sein werden, wie wir es nun sind.
GEJ|5|67|6|0|Ich behaupte sogar, daß im Anfange alle Stifter irgendeiner Religion, in der alle bessere Gesittung eines wie des andern Volkes zugrunde gelegt ist, es mit ihrem Volke ganz gut und ehrlich gemeint haben; aber die späteren Nachkommen, und besonders die unberufenen, sich selbst geschaffen habenden Priester, die lächerlich schlechten Stellvertreter der Götter auf dieser Erde, haben die nie recht verstandenen Lehrsätze falsch zu erklären angefangen, haben zu ihrem selbst- und herrschsüchtigen Besten neue hinzugefügt und sie unter dem Titel ,Götterwille‘, ,Götterwort‘ scharf sanktioniert, haben damit die arme Menschheit oft auf das gräßlichste geplagt, wie uns sogar jetzt noch gar viele Beispiele nur zu handgreiflich überzeugen!
GEJ|5|67|7|0|Besehen wir nur die mir gar wohl bekannten Geschichten aus dem Tempel zu Jerusalem und gleich daneben die Tempelgeschichten Roms, und wir haben der Beweise zur Übergenüge, wohin es mit Moses und wie noch weiter es mit aller Urweisheit Ägyptens gekommen ist! Und – ich will keinen bösen Propheten machen –, ich getraue es mir aber, vor dir zu behaupten, daß deine reinste und göttlichste Lehre, deren Hauptpunkte der Junge wunderbar schnell schon an meine Gefährten übergeben hat, und soviel ich von ihr Herrliches gehört habe, schon in einigen Jahrhunderten ein ganz anderes Gesicht haben wird!
GEJ|5|67|8|0|Aus deinen Jüngern werden Sendlinge und Ausbreiter solcher deiner göttlichen Lehre. Diese werden nicht überall hinkommen können; sie werden wieder Jünger wählen und werden sie zu Lehrern und mitunter zu geistigen Vorstehern deiner Lehre machen, und damit ist der Grund zum Priestertume und mit dem zum allerartigen Aberglauben gelegt, wofür ich tausend auf eins wetten könnte!
GEJ|5|67|9|0|Wenn aber da mit der Zeit überall also, warum sollte da gerade unser Institut eine Ausnahme machen? Überall walten Menschen. Wenn nun ein wahrer Gott an ihrer Spitze lehrend und leitend stehet, werden sie wohl in der Ordnung bleiben; stellt er sie aber auf die notwendige Freiheitsprobe, so werden sie gleich wieder mit einem goldenen Kalbe fertig werden gleich den alten Israeliten in der Wüste, als sich Moses von ihnen auf den Sinai begab, zu holen die Gebote des Allerhöchsten!“
GEJ|5|68|1|1|68. — Das Priestertum als stärkstes Hindernis für die Ausbreitung der Lehre des Herrn
GEJ|5|68|1|0|(Roklus:) „Du, als ein vollkommenster, von allen göttlichen Geistern vollsterfüllter Prophet und begabt mit aller Macht und Kraft wie noch nie ein Mensch auf der Erde, wirst das sicher auch zum voraus sehen! Aber wer kann darum? Es ist nun einmal also, war schon stets also und wird auch also bleiben, und wir werden die Sache nicht ändern!
GEJ|5|68|2|0|Solange den Menschen ihr Fleisch und ihr freier Wille belassen wird, so lange werden sie im allgemeinen auch das bleiben, was sie sind, und werden sich einrichten mit allerlei nach den klimatischen Landesverhältnissen. Je weiter von uns weg, desto schlimmer, wie ich das auf meinen vielen Reisen nur zu häufig in die vollste Erfahrung gebracht habe! Je weiter ich von diesem nun einzigen geistigen Lichtpunkte mich entfernt hatte, desto blinder und dümmer fand ich auch die Menschen schon früher in meinem Atheistentume, und es würde mir das noch auffallender sicher allenthalben begegnet sein, wenn ich um alles das gewußt hätte, um was ich nun weiß.
GEJ|5|68|3|0|Es ist zwar sehr wahr, daß es keine Finsternis geben kann, die durch ein entsprechendes Licht nicht augenblicklich zunichte gemacht werden könnte. In der Natur ist es einmal ganz sicher also. Ob aber das geistige Licht die geistige Nacht auch so plötzlich vertreiben kann, das ist natürlich eine ganz andere Frage! In einer gewissen Hinsicht war meine Geistesnacht sicher nicht unbedeutend zu nennen, und der Junge hatte sie mit wenigen Lichtworten verscheucht; allein er hatte an mir aber auch einen Menschen, der in so mancher wissenschaftlichen Sphäre nicht zu den gar Letzten zu zählen ist, und der gar viele Erfahrungen in der Welt durchgemacht hat.
GEJ|5|68|4|0|Man stelle sich ein in den absurdesten und finstersten Aberglauben versunkenes Volk vor! Bei dem werden etliche Worte von noch so großer Helle und selbst mehrere noch so auffallende Zeichen kaum irgendeine Lichtwirkung hervorbringen! Ein solches Volk wird dann noch finsterer, zornig und wird sich eben in Gegenwart des Lichtes als ein größter Feind desselben erweisen, worauf es dann erst recht finster bei einem solchen bestialen Volke wird.
GEJ|5|68|5|0|Wir brauchen da gar nicht weit zu greifen. Richten wir unsere Blicke nur nach dem Tempel zu Jerusalem und betrachten da das in- und auswärtige Pharisäertum, und wir haben der geistigen Nacht so viel vor uns, daß wir uns darüber allerhöchlichst werden erstaunen müssen! Versuche aber zu denen mit einem rechten innern Geistlichte zu kommen nur ungefähr also, wie früher der Junge mir gekommen ist, und er ist binnen kurzem ein Kind des Todes!
GEJ|5|68|6|0|Was haben diese wahren Knechte und Diener der allerdicksten Nacht schon alles gegen unser Institut unternommen! Wären wir nicht in jeder Beziehung so gestellt, und könnten sie uns von irgendeiner Seite zu, so wären wir schon lange nicht mehr! Es sollte jetzt ein Moses und Aaron aufstehen und die Wahrheit also lehren, wie sie dieselbe zu ihrer Zeit gelehrt haben, und sie werden sogleich ergriffen und mit Steinen beworfen werden, oder man wird ihnen als Widersachern das verfluchte Wasser zu trinken geben, und ganz sicher das echte; denn sie haben zweierlei, nämlich ein echtes, das den sichern und unvermeidlichen Tod nach sich zieht, und ein unechtes, das niemandem etwas schaden kann, weil es gar kein Gift in sich enthält.
GEJ|5|68|7|0|Wenn sie denn einem Sünder gegen sich oder vielmehr gegen ihr Tempelwesen irgend aus einer geheimen Ursache wohlwollen, so geben sie ihm das unechte verfluchte Wasser zu trinken. Wer ihnen aber zu gewaltig irgend entgegenträte, der kann sich bei der nächsten und besten Gelegenheit den Durst schon mit dem echten Fluchwasser löschen für alle ewige Zeiten. Daß die Pharisäer aber das tun zu Jerusalem, wie auch in den andern Orten, ist nun doch schon unter allen Menschen von nur einiger Bildung eine so bekannte Sache, daß sie nahezu niemanden mehr in ein Erstaunen setzt. Aber ich frage, wie dann ein rechtes Wahrheitslicht solch eine pharisäische Nacht erhellen kann?
GEJ|5|68|8|0|Wie es aber unter und mit den Pharisäern steht, so stehet es überall, wo sich irgendein Priestertum befindet. Wenn irgend alle Menschen ein wahres Licht annehmen, weil sie dessen Wohltat bald und leicht erkennen, so wird sich das Priestertum dennoch mit allen Mitteln und Kräften gegen dieselbe stemmen und sie nicht annehmen, weil es vor lauter Hochmut und Herrschsucht so dumm und blind ist, daß es die Wohltat des reinen Wahrheitslichtes gar nicht zu erkennen imstande ist.
GEJ|5|68|9|0|Solange aber das Priestertum von Gott wie auch von den weltlichen Regierungen aus geduldet wird, ist es mit allem geistigen Lichte nahe so gut wie nichts! Denn diese allzeit höchst selbstsüchtige und herrschgierige Menschenart wird stets bemüht sein, alles höhere Licht zu verdächtigen und den eigenen alten Unflat als reines Gold anzupreisen und den ihnen unterstehenden Menschen aufzudringen.
GEJ|5|68|10|0|Daher ist es meine in dieser Hinsicht sogar maßgebliche Ansicht, daß man vor allem alles, was nur einen Dunst von einem Priestertume hat, vollends wegschaffen, also den alten Augiasstall ausmisten und alsdann erst die wahre Sonne des Geistes über alle Völker zugleich aufgehen lassen muß; sonst erstirbt jeder noch so gute Same, bevor er noch irgend nur so halbwegs feste Wurzeln im Erdreiche des Lebens hat fassen können.
GEJ|5|68|11|0|Ich erkenne in dir, du erhabenster Meister, die volle Gotteskraft, ohne die es dir völlig unmöglich sein müßte, Werke zu verrichten, die nur einem Gotte möglich sein können, weil in ihm alle die zahllosesten Spezialkräfte sich vereinen und ihren ewigen Urstützpunkt haben, von dem aus sie allein nur einer Wirkung fähig sind. Und weil ich das in dir gefunden habe, so ist es wohl auch sicher, daß ich dich gar sehr unbegrenzt achte und liebe, was du mit deines Geistes Augen in meinem Herzen und Gehirne noch klarer erschauen wirst als jener Junge dort.
GEJ|5|68|12|0|Aber das sage ich dennoch ohne irgendeine Scheu, daß diese deine Mühe und sicher große Aufopferung so gut wie rein vergeblich ist und den Menschen wenig Segnungen bringen wird, solange nur irgendeines Priesters Fuß den Boden der Erde betreten wird! Du müßtest denn nur mit deiner Allmacht alle Menschen und so auch die sämtlichen Priester auf der ganzen Erde plötzlich also umwandeln wie jenen alten Fels im Meere, dann könnte es vielleicht einmal ganz löblich auf der Erde werden! Es ist nur ewig schade für deine Mühe und Arbeit! Würdest du noch zimmern mit Säge und Axt, so würden dich die Pharisäer sicher unangefochten lassen; aber so werden sie dich trotz aller deiner von mir unbezweifelten Göttlichkeit hassen und auf allen deinen Wegen wütend und zornglühend verfolgen! Auch werden sie die herrlichste Saat, die du nun säest, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln zu verderben trachten.
GEJ|5|68|13|0|Denn das Pharisäervolk kennt irdisch kaum wer besser denn gerade ich, der ich wegen unseres Institutes am meisten mit ihnen zu kämpfen hatte! Sie sind zwar nun von uns aus total geschlagen und besiegt und können mit aller ihrer Wut gegen uns nichts mehr ausrichten; denn unsere Ringmauern sind stärker als die um ihren Tempel, und alle Kranken weit und breit suchen nun ihr Heil bei uns, weil wir die Menschheit mit reellen Heilmitteln wieder gesund machen, während die Templer durch nichtige Sprüche und mystische Zeichen und mit allerlei Reliquien – von Gott weiß woher – heilen, aber die Kranken dabei gar keine Wirkung von irgendeiner Besserung verspüren.
GEJ|5|68|14|0|Das ist nun mein nacktes Bekenntnis vor dir, o Herr und Meister; du aber wirst nun tun, was dir gefällig ist, – nur stoße unser Institut nicht früher um als den Tempel zu Jerusalem! Das ist nun meine inständigste Bitte an dich; am liebsten aber wäre es uns allen, so du ganz nach deiner Weisheit unser Oberster und Leiter werden möchtest!“
GEJ|5|69|1|1|69. — Der wahre Lebensweg
GEJ|5|69|1|0|Sage Ich: „Mein Wort habt ihr und Meine Lehre; tut und handelt danach, dann bin Ich euer Meister und Oberster!
GEJ|5|69|2|0|Es bedarf da Meiner Person gar nicht in den Mauern eures Klosters, sondern allein nur Meines Wortes und Meines Namens – aber nicht etwa nur trocken geschrieben und ausgesprochen mit kaltem, gleichgültigem Munde, sondern in der Tat voll Glaubens und voll Liebe zu Gott und zum Nächsten –, dann werde Ich sein mitten unter euch, und was ihr da wollen werdet in Meinem Namen, das wird auch geschehen, und ihr werdet also noch Größeres tun denn Ich.
GEJ|5|69|3|0|Was Ich tue, das tue Ich vor euren Augen, um von Mir Selbst ein gültiges Zeugnis abzulegen, auf daß ihr Menschen daraus erkennen möchtet, daß Ich Ebenderselbe bin von Ewigkeit ausgehend vom Vater, von dem alle Weisen und Patriarchen geweissagt haben.
GEJ|5|69|4|0|Ihr sollet und werdet zeugen von Mir aller Kreatur, die blind und taub ist, und werdet zu dem Behufe ein mehreres benötigen denn Ich Selbst nun vor euch, die ihr doch scharfsehend und wohlhörig seid!
GEJ|5|69|5|0|Aber eure Trugwunder müssen aus eurem Institute gänzlich ausgewiesen werden; denn aller Trug ist mehr oder minder eine Eingebung des Satans und kann daher nie zu irgend etwas führen, das man wahrhaft gut nennen könnte! Solange man aber irgendein Trugmittel in einem Heilinstitute gebraucht, da kann daneben in Meinem Namen keine Wundertat zum Gelingen gebracht werden!
GEJ|5|69|6|0|Wollt ihr aber wirken in Meinem Namen, so muß Ich auch in aller Fülle der Wahrheit ganz in euch sein durch die Liebe und durch den lebendigsten Glauben.
GEJ|5|69|7|0|Seid ihr aber das, so möget ihr zu jenem Berge sagen: ,Hebe dich und stürze dich ins Meer!‘, – und es wird geschehen nach eurem Willen! Aber wohl gemerkt, ohne Mich vermöget ihr nichts!
GEJ|5|69|8|0|Ich aber werde bei euch sein immer fort und fort, solange ihr getreust Mein Wort, Meine Liebe und den lebendigsten Glauben an Mich bewahren und einhergehen werdet ohne Falsch in eurer Seele! – Sage, ob du Mich nun wohl verstanden hast!“
GEJ|5|69|9|0|Sagt Roklus: „Nicht ganz, um vor dir ein vollends aufrichtiges Geständnis abzulegen; denn ich vernahm etwas von einer Eingebung des Satans! Das ist derselbe böseste Geist, der nach der jüdischen Lehre der stets unsichtbare Urheber alles Bösen und Verderblichen auf der Erde sein soll. Ich habe das bisher als eine Allegorie (sinnbildliche Darstellung) der Juden betrachtet und kann mich nun auf einmal nicht zur Genüge erstaunen, diesen Namen nun aus deinem Munde zu vernehmen!
GEJ|5|69|10|0|Wahrlich, ich halte dich für den weisesten aller Menschen und glaube nun auch fest, daß es einen allweisesten und allmächtigen Gott gibt, von dem alles, was der endlose Raum faßt, erschaffen ist, und daß du nun ein Hauptträger des Gottesgeistes bist; aber daß du mir nun mit der alten jüdischen Fabel vom Satan und am Ende gar noch mit allerlei Teufeln und etwa auch mit der jüdischen Hölle kommst, das nimmt mich sehr wunder. Ist denn der Satan im Ernste etwas oder irgendein Teufel oder die Hölle? Darüber bitte ich mir wahrlich eine nähere Erklärung aus!“
GEJ|5|70|1|1|70. — Das Wesen Satans und der Materie
GEJ|5|70|1|0|Sage Ich: „Wie alles dies dir nun noch Unverständliche zu verstehen ist, wirst du finden in dem Buche, das dir der Junge durch Ruban gegeben hat; im übrigen dürften dir die Gegensätze, als da sind Geist und Materie, Leben und Tod, Liebe und Haß, Wahrheit und Lüge, doch schon einen kleinen Fingerzeig geben, daß alles das irgendeinen Entstehungsgrund haben muß, ansonst es nimmer in irgendeine fühlbare Erscheinlichkeit kommen könnte!
GEJ|5|70|2|0|Wenn das Böse nicht irgendeinen Entstehungsgrund hätte, woher sollte es dann wohl kommen in den Sinn der Menschen? Du wirst daraus etwa doch bei deiner geübten Denkkraft wahrzunehmen anfangen, daß sich alles – wie: Wahrheit und Lüge und dergleichen Gegensätze mehr – dem höchsten und besten Gottwesen nicht in die Schuhe schieben läßt!
GEJ|5|70|3|0|Oder kannst du das annehmen, daß Gott, als die höchste, tiefste Wahrheit Selbst, dem Menschen einen lügenhaften Sinn ins Herz gelegt hat, auf daß er dann sündige wider die Ordnung Gottes und unflätig würde in allen seinen Reden und Handlungen? Oh, das sei ferne! Gott schuf den Menschen geistig nach Seinem Ebenmaße, also rein, wahrhaft und gut.
GEJ|5|70|4|0|Da der geistige Mensch aber auch zu seiner ferneren Existenz bedinglich den Weg des Fleisches durchzumachen bekam, so mußte er dieses aus der Materie der Erde entlehnen nach der Anordnung des allerhöchsten Geistes Gottes; und in das Fleisch ist für den Geist des Menschen ein denselben probendes Gegengewicht gelegt und heißet Versuchung!
GEJ|5|70|5|0|Diese rastet aber nicht nur im Fleische des Menschen, sondern in aller Materie; und weil die Materie das nicht ist, als was sie dir erscheint, so ist sie dem sich selbst probenden Menschen gegenüber Lüge und Trug, also ein Scheingeist, der da ist und nicht ist. Er ist da, weil die verlockende Materie da ist fürs Fleisch des Menschen; er ist aber auch nicht da, weil die Materie nicht ist, was sie zu sein scheint.
GEJ|5|70|6|0|Und sieh und fasse es recht! Dieser Truggeist, als durch und durch Lüge in sich selbst, ist eben der Geist aller Welt der Materie und eben das, was da ,Satan‘ oder ,aller Teufel Oberster‘ heißt. Die ,Teufel‘ aber sind die Spezialbösgeister aus dem dir nun gezeigten allgemeinen Bösgeiste.
GEJ|5|70|7|0|Ein Mensch, der sonach allerlei Materie mit der Liebe erfaßt und sich darin tätig begründet, der sündigt wider die Ordnung Gottes, die ihm nur darum die Materie zeitweilig unter sein Dasein legte, daß er mit ihr kämpfe und sich zur Unsterblichkeit kräftige mit dem Gebrauche des ganz frei gestellten Willens. Und die Folge der Sünde ist der Tod oder das Zunichtewerden alles dessen, was sich des Menschen Seele aus der Materie angeeignet hat, weil alle Materie, wie Ich dir's gezeigt habe, in dem, als was sie erscheint, nichts ist.
GEJ|5|70|8|0|Liebst du demnach die Welt und ihr Getriebe und willst dich bereichern mit ihren Schätzen, so gleichest du einem Narren, dem ernstlich eine wohlgeschmückte Braut vorgestellt ist, die er aber nicht will und nach ihr auch kein Verlangen trägt; wohl aber wirft er sich mit aller Glut eines blindesten Fanatikers auf den Schatten der Braut und koset denselben über alle Maßen! So aber dann die Braut den Narren verlassen wird, so wird etwa ja auch ihr Schatten mit ihr ziehen! Was aber wird dann dem Narren übrigbleiben? Offenbar nichts!
GEJ|5|70|9|0|Wie wird dann wehklagen der Narr, daß er verloren hat, was er so sehr liebte! Aber da wird man zu ihm sagen: ,Blinder Tor, warum erfaßtest du denn nicht die volle Wahrheit anstatt deren Schatten, der doch offenbar nichts war?!‘ Was kann der Schatten auch irgend anderes sein als ein Lichtmangel, den eine jede dichte Form geben muß nach irgendeiner dem Lichte gegenüberstehenden Seite, weil der Lichtstrahl nicht durch den festen und dichten Körper dringen kann?
GEJ|5|70|10|0|Was aber dein Schatten ist zu dir, so du irgend im Lichte stehest oder gehest, dasselbe ist alle Materie und ihre Schätze gegenüber dem Geiste! Sie ist ein notwendiger Trug und in sich selbst eine Lüge, weil sie das nicht ist, als was sie den Sinnen des Leibes erscheint.
GEJ|5|70|11|0|In dem aber liegt eben ein Gericht der Lüge und des Truges, daß sie vor den Augen des Geistes als etwas Vergängliches und nur als ein äußeres, entsprechendes Schattenbild einer innern, tiefen Wahrheit sich offenbaren muß, während sie nach der blinden Weltliebe der Seele lieber das in einer Realität verbliebe, was sie zu sein scheint.“
GEJ|5|71|1|1|71. — Das jenseitige Schicksal der materiell gewordenen Seele
GEJ|5|71|1|0|(Der Herr:) „Wenn aber also, was nützt es dann der Seele, so sie für den Fleischmenschen gewönne alle materiellen Schätze der Erde und sich also versenkte in das Fleisch und seine gemeine, tierische Gier, in ihrer geistigen Sphäre aber dann Schaden litte und verlöre des wahren Lebens Realität?! Woher wird sie dann jenseits etwas nehmen, daß sie dann als ein mit dem Nichts der Materie selbst gewordenes Nichts nun ein wahres Etwas werde?!
GEJ|5|71|2|0|Ja, Freund, wer da hat, dem ist jede Gabe ein Gewinn, daß er dann allzeit noch mehr hat! Aber ganz anders verhält es sich mit dem, das an und für sich nichts ist und nichts hat! Wie soll man denn dem etwas geben können, das sich zuvor von der Lüge hat gefangen und zunichte machen lassen?!
GEJ|5|71|3|0|Oder kannst du in ein Gefäß eine Flüssigkeit hineintun, das bloß in deiner Idee und sonst nirgends da ist, oder – wenn auch ein Gefäß da ist – aber so viele Löcher nach allen Seiten hat, daß man sie kaum zählen könnte? Wird es wohl auch nur einen Tropfen behalten?
GEJ|5|71|4|0|Ach, wäre die Materie für sich also, wie sie ist, eine bleibende und unwandelbare Realität – was aber unmöglich ist –, so wäre sie als das, was sie ist, eine Wahrheit, und der sie gewönne und besäße, wäre dann im Besitze einer Wahrheit; und würde die Seele übergehen in die Materie, so würde sie zu einer wahren und bleibenden Realität!
GEJ|5|71|5|0|Weil aber die Materie nur ein Gericht des Geistigen ist, welches nicht bleiben kann und darf, sondern nur so lange, als das geistige Urelement sich im selben ansammelt, erkennt und dann bei einiger entsprechenden Kraftgewinnung die Materie um sich auflöst und sie ins entsprechende Geistige verkehrt, so muß ja eine weltliche und materiell gewordene Seele am Ende das Los der Materie teilen.
GEJ|5|71|6|0|Wird die Materie aufgelöst, so geschieht das auch der Seele. Sie wird, wenigstens zum größten Teile, in die substantiellen, psychoätherischen Urkraftatome aufgelöst, und es bleibt dabei der eigentlichen Seele nach dem Abfalle des Fleisches nichts als etwa ein oder der andere licht- und oft nahe völlig lebenslose tierskelettartige Grundtypus übrig, der mit dem Wesen eines Menschen keine leiseste Ähnlichkeit hat.
GEJ|5|71|7|0|Eine solche Seele befindet sich dann in einem Zustande, den die mit dem geistigen Sehvermögen begabten Urerzväter She oul a (Hölle = Durst nach Leben) nannten und auch sehr wahr und richtig bezeichneten.
GEJ|5|71|8|0|Demnach ist aber auch die ganze Erde und kurz alles, was du mit deinen materiellen Sinnen nur immer wahrzunehmen imstande bist, eine wahre Sheoula. Es ist das der Seele, die ein Geist ist oder vielmehr werden soll, Tod; denn wer immer als das, was er war, zu sein aufgehört hat, der ist auch als das, was er war, völlig tot.
GEJ|5|71|9|0|Eine Seele ist dann nach dem Abfalle des Leibes auch tot, so sie aus vorbeschriebenen Gründen ihr Menschwesliches nahezu total verloren hat und von ihr höchstens ein Tierskelett übrigblieb. Für dich undenkliche Zeitenläufe werden wieder verstreichen müssen, bis solch eine sich in alle Materie versenkt habende Seele zu einem menschähnlichen Wesen wird, und wie lange wird es hergehen, bis aus solch einer Seele erst völlig ein Mensch wird!
GEJ|5|71|10|0|Du denkst nun freilich, daß bei Gott solches alles auch in einem Augenblicke möglich sein muß. Ich aber sage dir darauf, daß bei Gott freilich wohl alle Dinge möglich sind. Wenn Gott Puppen und Automaten haben will, so ist dazu ein Augenblick hinreichend, um damit den ganzen sichtbaren Raum voll anzufüllen!
GEJ|5|71|11|0|Aber alle diese Wesen werden keinen eigenen und freien Willen haben und kein eigenes, für sich dastehendes, selbsttätiges Leben. Sie werden sich regen und bewegen nur nach dem sie durchströmenden Willen Gottes. Ihre Sehe wird die Sehe Gottes und ihre Gedanken werden die Gedanken Gottes sein. Solche Geschöpfe werden sein gleich wie die einzelnen Glieder deines Leibes, die sich ohne dein Erkennen und Wollen durchaus nicht für sich bewegen und tätig sein können.
GEJ|5|71|12|0|Verhält es sich aber nicht ganz anders mit deinen Kindern, die auch aus deinem Fleische und Blute hervorgegangen sind? Diese warten nicht mehr auf deinen Willen; sie haben ein völlig eigenes Leben, Erkennen und Wollen. Sie werden dir wohl folgen und werden Lehre und Gebote von dir annehmen, aber dennoch nicht nach deinem, sondern stets nur nach ihrem höchst eigenen Willen, ohne den du sie so wenig in irgend etwas belehren könntest als irgendein gemeißeltes Bild oder einen Stein!
GEJ|5|71|13|0|Und siehe, Geschöpfe mit freiem Erkennen und Wollen, die sich selbst zu bestimmen und zu vervollkommnen haben, um dadurch denn auch für ewig freie und sich selbst bestimmende Wesen zu bleiben, müssen von Gott aus auch also geschaffen sein, daß ihnen solches zu erreichen möglich wird!
GEJ|5|71|14|0|Von Gott aus darf da nur gewisserart der Same, versehen mit allen erdenklichen Lebensfähigkeiten, wie in einer Hülse eingeschlossen, geschaffen werden; die weitere, freiere Lebensentwicklung und die Ausbildung desselben muß dem Samen selbst überlassen werden. Er muß das ihn auch nach außen umströmende Leben aus Gott selbst an sich zu ziehen anfangen und daraus ein eigenes, für sich dastehendes Leben bilden.
GEJ|5|71|15|0|Und sieh, so etwas geht nicht so schnell, wie du es meinst, weil das Embryoleben in sich nicht so mächtig und tatkräftig sein kann wie das von Ewigkeiten her allervollendetste Leben in Gott!
GEJ|5|71|16|0|Und weil eine jede noch so verdorbene Seele immer die gleiche Bestimmung hat, so kann ihr auch jenseits zu ihrem Lebensheile nicht möglich auf eine andere Art geholfen werden, als sie sich mit wenigen, ihr noch zu Gebote stehenden Mitteln selbst helfen kann und nach der ewigen Ordnung Gottes auch selbst helfen muß.
GEJ|5|71|17|0|Ich habe dir nun hoffentlich klar und deutlich zur Genüge erklärt, was so ganz eigentlich Satan und was die Hölle und was der eigentliche ewige Tod ist, und du wirst nun wohl kaum mehr eine Frage übrig haben über etwas, das dir nicht klar wäre zur Genüge. Sollte dir aber noch etwas unklar sein, so frage; denn sieh, die Sonne neigt sich dem Untergange zu, und wir werden dann ein Abendmahl einnehmen!“
GEJ|5|72|1|1|72. — Die Erklärung des Wortes SHEOULA (Hölle). Vom Hellsehen
GEJ|5|72|1|0|Sagt Roklus: „Herr und Meister, ich habe nun gesehen, daß deine Weisheit und allergediegenste Einsicht in allen Dingen von einer nie ergründbaren Tiefe ist, und ich muß hier offen bekennen, daß du als ein purer Mensch solches unmöglich wissen und einsehen könntest, so du deinem Geiste nach an aller Schöpfung nicht den größten Anteil genommen hättest, – und mir ist nun gar sehr vieles licht und überhelle geworden, was ich mir je vorher auch nie hätte denken können! Aber da du schon so gütig warst, mir so außerordentliche Dinge zu erklären, so ersuche ich dich, mir den Ausdruck ,Sheoula‘ und, sage, den ewigen Tod noch ein wenig näher zu erörtern; denn darin bin ich noch nicht völlig im klaren. Das heißt, ich verstehe die Sache so zur Not wohl; aber daß ich behaupten könnte, daß ich darin schon so ganz zu Hause sei, da würde ich mich selbst anlügen! Erkläre mir demnach diese erwähnten zwei Dinge ein wenig näher!“
GEJ|5|72|2|0|Sage Ich: „Nun so höre! She', auch shei oder shea heißt: ,es dürstet‘; oul auch voul: ,der in sich selbst verlassene Mensch‘, man könnte sagen: ,Tiermensch‘ (Ochse); a: ,nach der Konsistenz dessen, was da ausmacht die innere Weisheit und Erkenntnis‘.
GEJ|5|72|3|0|Daß unter dem Buchstaben a aber solches zu verstehen ist, bezeiget die Form der alten ägyptischen Pyramiden, die eine großmaßstäbige Nachbildung der Gehirnpyramiden sind, und deren Bestimmung es war, den Menschen zu Weisheitsschulhäusern zu dienen, wovon noch heutzutage ihr Name und ihre innere Einrichtung Zeugenschaft geben. Denn Pira mi dai heißt doch offenbar: ,Gib mir Weisheit!‘ Und die innere Einrichtung war auch also bestellt, daß der Mensch, darin von der Außenwelt ganz abgeschlossen, in sein Inneres hat zu schauen anfangen müssen und finden sein innerstes Lebenslicht. Darum war es in den weiten inneren Gängen einer solchen Pyramide stets kohlpech- und rabenfinster, und es ward nicht eher helle, als bis der Mensch mit seinem innern Lebenslichte alles zu beleuchten anfing.
GEJ|5|72|4|0|Dieses klingt dir freilich etwas seltsam; allein es ist alles das dennoch also! Denn so einem Menschen die innere Gemütssehe geöffnet wird, da gibt es für ihn auf der Erde keine Nacht und keine Finsternis mehr. Einen sozusagen handgreiflichen Beweis liefern alle die sehr sensitiven und in einer Entzückung sich befindlichen Menschen. Diese sehen mit vollkommen geschlossenen Augen um sehr vieles mehr als sonst tausend Menschen mit den allerbesten, gesündesten und schärfsten Augen; denn diese sehen durch die noch so feste und undurchsichtigste Materie, sie schauen leicht durch die ganze Erde hindurch, und selbst die Sterne sind nicht so weit, daß sie, die recht verzückten (magnetischen) Menschen, sie nicht klein zu durchschauen vermöchten.
GEJ|5|72|5|0|Wie aber Menschen in den seligen Zustand der Verzückung kommen können – und das am Ende, wann und wie oft sie wollen –, das ward eben innerhalb der Pyramiden gelehrt und hauptsächlich sehr tätig geübt.
GEJ|5|72|6|0|Weil denn die Pyramiden dazu dienten, so gab man ihnen auch den sehr richtigen und alles bezeichnenden Namen SHE' OUL A. Davon nahm der alte Hebräer sein abgekürztes SHEOL', der Grieche sein SCHOLE, der Römer seine SCHOLA, und der Perser und Indier sein SCHEHOL. [Meine Bemerkung: Sicher auch der deutsche seine "Schule". Jakob Lorber.] 
GEJ|5|72|7|0|Weil denn aber die alten Weisen in ihren verzückten Gesichten gar gut wußten, in welch einen sehr bedauerlichen Zustand die sehr materiellen, die Welt und sich selbst über die Maßen liebenden Seelen jenseits nach dem Abfalle des Leibes gelangen, so nannten sie eben solch einen bedauerlichen Zustand auch She oul a, Hölle!
GEJ|5|72|8|0|Daß ein solcher Zustand gegenüber dem Lebenszustande eines wahren Weisen in der Ordnung Gottes mit dem Ausdrucke ,Tod‘ bezeichnet ward, ist doch sicher ganz der Wahrheit gemäß. Und weil das eine ewig stets und notwendig gleiche und bleibende Eigenschaft alles dessen ist, was da ,Welt‘ und ,Materie‘ heißt, so wird es auch klar sein, warum man solches den ,ewigen Tod‘ genannt hat!
GEJ|5|72|9|0|Solange denn eine Seele hier oder jenseits in solch einem Zustande verbleibt, ist sie auch offenbar im Zustande des ewigen Todes, von dem sich loszuwinden sicher eine höchst schwierige Lebensaufgabe ist! Manche Seele dürfte wohl ein Weltenalter zu tun haben, bis sie aus sich selbst wieder zu etwas kommen dürfte! – Sage Mir nun, ob du nun im klaren bist!“
GEJ|5|72|10|0|Sagt Roklus: „Ja, Herr und Meister über alles, nun ist mir auch das wahrhaft völlig klar; aber nun noch eine kleine Frage, und diese besteht darin, wie sich nämlich ein Mensch in den verzückten, allsehenden Zustand versetzen kann! Wenn ich das noch wüßte, wenn nur die Wege dazu, so würde ich alles Erdenkliche aufbieten, um mich selbst auch von Zeit zu Zeit in einen solchen sicher höchst beseligenden Zustand zu versetzen! Herr und Meister über alle Dinge, habe die Güte und gib mir auch darin einige gute Winke!“
GEJ|5|72|11|0|Sage Ich: „Die Schulen Ägyptens sind eingegangen und bestehen in der Art und Weise schon gar lange nicht mehr; denn zu Mosis Zeiten hat es darin sehr zu hapern angefangen. Schon damals fing man an, nur einen äußerlichen Unterricht zu erteilen, und ein Plato und ein Sokrates waren so ziemlich schon die letzten, die von der innern Lebensschule noch einen leisen Begriff hatten.
GEJ|5|72|12|0|Ich aber bin ja nun darum in das Fleisch dieser Welt gekommen, um euch Menschen eine noch bessere Lebensvorschrift zu geben, nach der ein jeder sich in die höchste Lebensweisheit versetzen kann. Und diese Vorschrift lautet ganz kurz: ,Liebe Gott aus allen deinen Kräften über alles und deinen Nächsten wie dich selbst!‘ Wer das übt und vollauf tut, der ist Mir gleich und wird auch eben dadurch in alle Weisheit und ihre Kraft und Macht geleitet werden!
GEJ|5|72|13|0|Denn wer voll Liebe zu Gott ist, in dem ist auch Gott mit Seiner unendlichen und unbegrenzten Liebe und mit deren höchstem Lichte gegenwärtig. Die Seele und ihr Geist schwelgen dann in allem Weisheitslichte aus Gott, und sie muß dann ja auch alles das schauen und erkennen, was das Licht Gottes sieht und erkennt. Und weil alle die ewigste Allmacht und Allkraft Gottes eben in Seiner unbegrenzten und unendlichen Liebe besteht, so darf die Seele in solcher göttlichen Liebe ja nur wollen mit dem Willen der in ihr herrschenden Liebe des Geistes Gottes, und es muß geschehen, was die Seele will! – Das ist so klar und wahr, als nur irgend etwas klar und wahr in dieser Welt sein kann.
GEJ|5|72|14|0|Aber solches nur zu wissen und noch so lebendig zu glauben, genügt bei weitem noch lange nicht, sondern man muß das vollauf tun in allen noch so schwierigen Lebensverhältnissen und muß sich darin zu jeder Zeit üben; denn nur eine unausgesetzte fleißige Übung macht aus dem Jünger erst einen Meister!“
GEJ|5|73|1|1|73. — Wie man Gott über alles liebt. Die wahre, gottgefällige Arbeit des Men sehen
GEJ|5|73|1|0|Sagt Roklus: „Herr und Meister, wie kann ich aber dahin kommen, Gott, den unsichtbaren, ewigen Geist, aus allen Lebenskräften über alles zu lieben? Denn es kommt mir vor, als wäre das Herz eines Menschen zu klein und zu unfähig, den unendlichen und ewigen Geist Gottes, von dem man sich unmöglich eine Vorstellung machen kann, über alle die Maßen zu lieben.
GEJ|5|73|2|0|Mit der Nächstenliebe ist es ein leichtes; aber mit der Liebe zu Gott, so in das Allerendloseste hin, hat es doch sicher für uns sehr kleine Menschen eine höchst hinkende Bewandtnis! Wie ist sonach das anzustellen, daß man Gott über alles lieben kann?“
GEJ|5|73|3|0|Sage Ich: „Leichteres gibt es wohl nicht in der ganzen Welt! Man betrachte die Werke Gottes, Seine Güte und Weisheit und halte gewissenhaft Seine Gebote, liebe seinen armen Nächsten wie sich selbst, und man liebt dadurch auch schon Gott über alles!
GEJ|5|73|4|0|Kannst du dir aber von Gott keinen dich ergreifenden Begriff machen, so sieh nun Mich an, und du hast dann auch jene für ewig gültige und bleibende Form vor dir, unter der allein du dir deinen Gott und Schöpfer vorstellen kannst! Denn Gott ist auch ein Mensch, aber der in und aus Sich ewig vollendetste! Siehst du Mich, so siehst du auch alles! – Hast du Mich nun auch darin wohl verstanden?“
GEJ|5|73|5|0|Sagt Roklus: „Herr und Meister über alle Dinge, nun habe ich alles, und ich will Dein Diener sein! Aber nun laß mich in Frieden ziehen! Denn länger zu weilen bei Dir bin ich nicht wert.“
GEJ|5|73|6|0|Sage Ich: „Wer den inneren Frieden hat, der kann ziehen, wohin er nur immer will, so ziehet er in Frieden! Du hast den inneren Frieden aber nun erreicht, und so du ziehest wohin, so ziehest du im Frieden. Doch nun kannst du mit deinen Gefährten wohl noch verziehen (bleiben) eine Weile hier, allwo du mit den Deinen noch so manches vernehmen wirst zu euer aller Belehrung!
GEJ|5|73|7|0|Es ist nun zwar schon stark an der Neige des Tages, und die Sonne, die den Tag hindurch ungetrübt der Erde geleuchtet hat, hat bereits den Saum der Berge erreicht und wird in einigen Augenblicken nicht mehr zu sehen sein, und wir alle können es sagen, daß dieser Tag gut zugebracht ward. Wir haben tüchtig gearbeitet und mehr verrichtet in Stunden, als was pure Menschenhände in Jahren zustande gebracht hätten. Wer aber arbeitet, der soll auch essen und stärken seine Glieder! Ihr habet auch gearbeitet und sollt darum auch essen mit uns! Darum auch möget ihr hier verbleiben und halten mit uns ein Abendmahl!“
GEJ|5|73|8|0|Sagt Roklus: „Herr und Meister über alle Dinge! Was wohl habe ich mit meinen Gefährten allhier nun getan, das man als eine Arbeit bezeichnen könnte? Reden und Meinungen und Erfahrungen austauschen ist alles, was wir hier, als sonst ganz müßig stehend, gemacht haben, – und das wird etwa doch keine Arbeit zu nennen sein?“
GEJ|5|73|9|0|Sage Ich: „Wo und wann immer ein Mensch wahrhaft für das Heil seiner Seele gearbeitet hat, dort und dann hat er auch am meisten und wahrhaft und am alleruneigennützigsten gearbeitet; denn eine rechte Tätigkeit zum Wohle und Heile der eigenen Seele schließt ja ohnehin alle andere selbstsüchtige Tätigkeit ganz vollständig aus, weil die Selbstsucht und Eigenliebe die Liebe zu Gott und zum Nächsten völlig ausschließt.
GEJ|5|73|10|0|Wer irdisch für seinen Leib sorgt, der sucht die Schätze dieser Welt, wühlt in der Materie und vergräbt seine Seele also ins Gericht und in den Tod. Wenn ein solcher Mensch auch den ganzen Tag hindurch auf dem Felde mit Pflug und Haue gearbeitet hat mit solchem Eifer, daß er am Abend im eigenen Schweiße ganz ordentlich gebadet war, so war er dem gegenüber, was Ich Arbeit nenne, dennoch ein Tagedieb, ein fauler Knecht für das Feld des Reiches Gottes.
GEJ|5|73|11|0|Denn wer für den wahren, von Gott ihm gestellten Zweck nicht arbeitet im Geiste nach Recht und Gebühr in der Ordnung Gottes, der arbeitet sicher auch zum zeitlichen und ewigen Wohle seines Nächsten nicht, und Gott zu suchen und näher zu erkennen findet er nicht der Mühe wert. Wer aber Gott zu finden und wahrhaft zu erkennen sich keine Mühe gibt, der gibt sich noch weniger eine rechte Mühe zum Wohle seines Nächsten, und so er schon für ihn etwas tut, da tut er das nur seiner selbst willen, damit der Nächste irgend fähig werde, ihm mehrfach dafür zu nützen, als was er ihm bloß einfach Gutes getan hat.
GEJ|5|73|12|0|Du hast aber nun Gott gesucht und dich selbst – und Gott und dich gefunden; und siehe, das war eine rechte Tätigkeit von dir, und Ich sage es dir, daß du nun in den etlichen Stunden mehr getan hast als sonst durch dein ganzes Leben! Und darum kannst du nun auch schon hier verweilen, dir nehmen eine rechte Ruhe und mit uns halten ein Abendmahl!“
GEJ|5|74|1|1|74. — Fragen über Krankheiten und deren Heilung
GEJ|5|74|1|0|Sagt Roklus: „Herr und Meister über alle Dinge! Jedes Wort aus Deinem Munde ist mehr denn reinstes Gold, und eine Wahrheit erhebt die andere! Auch ist keines Deiner Licht- und Lebensworte bei mir auf unfruchtbaren Boden gefallen, und ich fühle es nun in mir, daß daraus sicher die segensreichsten Früchte für die Scheunen des wahren Lebens erwachsen werden; aber da ich nun schon einmal die Gnade habe, mit Dir zu reden, so möchte ich denn auch in der Hinsicht eine Aufklärung von Dir haben, ob wir in der Folge die Kranken durch unsere natürlichen Heilmittel von ihren Krankheiten heilen sollen oder bloß nur im möglich festesten Vertrauen auf Deinen Namen? Denn mir kam nun der Gedanke, daß es etwa nicht allzeit Deinem göttlichen Willen gemäß wäre, gerade jeden Kranken zu heilen. Denn es gibt darunter ja welche, denen Deine göttliche Liebe und Weisheit eine leibliche Krankheit oder auch irgendeine Seelenkrankheit zukommen ließ zur Besserung eben ihrer Seele.
GEJ|5|74|2|0|Es ist eine nur zu bekannte Sache, daß oft die leiblich gesündesten Menschen eben nicht die sittlich tugendhaftesten sind. Ja, die leibliche Gesundheit macht den Menschen gar oft mutwillig, weltsüchtig und genußgierig, während Kranke, besonders die an einem chronischen Übel Leidenden, gewöhnlich geduldig, sanft und ergeben in den göttlichen Willen dahinsiechen; man hört sie selten klagen, sie sind voll Demut und haben kein neidisches Herz. Würde sich ihr guter Seelencharakter etwa nicht ändern, wenn man sie auf einmal ganz kerngesund machte?
GEJ|5|74|3|0|Dann kommt aber noch eins: Sicher ist es jedem Menschen einmal bestimmt, dem Leibe nach zu sterben, – und wäre dieses nicht der Fall, so müßten Menschen von Adams Zeiten her noch leiblich leben. Wenn wir aber alles, alt und jung, was als krank, auch todeskrank, uns unterkommt, alsogleich wieder völlig gesund machen, und uns selbst auch gegenseitig, so dürfte nach und nach das Sterben auf dieser Welt im Ernste etwas selten werden, besonders, so durch Deine Lehre mit der Zeit etwa auch die Kriege überflüssig würden!
GEJ|5|74|4|0|Heilen wir jemanden nicht, der bei uns Hilfe gesucht hat, so werden wir als harte und mitleidslose Menschen gescholten werden; läßt Du es aber einmal nicht zu, daß jemand, der schon zu öfteren Malen von uns geheilt ward, etwa zum zehnten Male wieder geheilt wird, trotz unseres Willens und unserer Bestrebung, so wird entweder die Kraft Deines Namens oder unser eigenes Vertrauen auf denselben verdächtigt und lückenhaft, und des Volkes Glaube wird Schiffbruch leiden! Denn dahin bringen wir die einmal in der Materie lebenden Menschen nicht, daß sie zur Gewinnung eines höheren Lebens im großen Jenseits dies irdische Leben so gering zu achten beginnen möchten, in Erkrankungsfällen nichts mehr für selbes zu tun.
GEJ|5|74|5|0|Selbst der Greis von hundert Jahren und darüber wird nach der Arznei zur Verlängerung seines Lebens sogar dann noch greifen, so er auch wüßte, daß die Ablegung seines morschen Leibes mit der möglich höchsten Anmut verbunden wäre. Daß der Menschen Gier, gesund und so lang als möglich, selbst in oft ganz schlechten Verhältnissen, auf dieser räudigen Welt zu leben, eine unersättliche ist, das lehrt uns im allgemeinen eine mehr als tausendjährige Erfahrung; und werden das die Menschen allgemeiner wissen, daß bei ihnen allein durch die Gewalt Deines Namens jedes Übel geheilt werden kann, ja daß im Notfalle sogar Verstorbene ins Leben zurückgerufen werden können, da werden wir eine Belagerung durch das Volk um die andere zu bestehen haben!
GEJ|5|74|6|0|Es wäre meines Erachtens für uns und auch für wen anders immer in dieser Hinsicht eine nähere Instruktion wohl durchaus nicht zu den überflüssigen zu zählen! Oder hast Du für jene Menschen, die völlig in Deiner Ordnung leben werden, etwa von jetzt an den alten Fleischestod ganz aufgehoben, so daß von jetzt an die Menschen mit schon verklärten Leibern gleich fortan leben werden, der Fleischestod aber nur ein Anteil der Sünder wider Deine Lehre und wider Deine Gesetze bleiben wird?
GEJ|5|74|7|0|Herr und Meister über alle Dinge! Sieh, der untergegangenen Sonne Strahlen vergolden noch sehr mächtig den Abendhimmel, und des Mondes Sichel und der Abendstern wetteifern ordentlich, das Licht der untergegangenen Tagesmutter zu ersetzen. Es ist so überherrlich der Anblick Deiner leuchtenden Werke, o Herr; aber noch ums endlose herrlicher ist das Gefühl des innern Lichtes, das aus Deinem Munde unsere finsteren Lebenswinkel erhellet! Da es somit noch Zeit ist, so erkläre mir noch vor dem Abendmahle das, was ich mir selbst nimmer zu erklären imstande bin!“
GEJ|5|75|1|1|75. — Schmerz, Krankheit und Tod
GEJ|5|75|1|0|Sage Ich: „Mein Freund, da forschest du nach etwas, was zu wissen eigentlich weder dir noch jemand anderm irgend not tut, weil das ganz allein Meine Sache ist, was soviel sagen will als: Es ist das die Sache des ewigen Vaters im Himmel, also eine Ordnung, von der in Hinsicht des Fleisches sogar Ich Selbst keine Ausnahme machen darf, machen kann und werde!
GEJ|5|75|2|0|Was das Fleisch angezogen hat, wird dasselbe auch wieder ausziehen müssen, ob nun mit oder ohne Schmerz, das ist eine ganz gleichgültige Sache; denn nach der Trennung hat aller diesweltliche Schmerz aufgehört. Denn die Luft, die des Menschen Seele einatmen wird in der andern Welt, wird eine ganz andere als die Luft dieser materiellen Welt hier sein. Wo es keinen Tod mehr gibt, da gibt es auch keinen eigentlichen Schmerz, weil des Fleisches Schmerz stets nur eine Folge einer teilweisen Losschälung der Seele vom Fleische ist.
GEJ|5|75|3|0|Es ist aber damit gar nicht gesagt, als wäre eine Seele in ihrem reinen Zustande etwa ohne Gefühl und Empfindung – denn ohne das wäre sie ja offenbar tot; aber sie wird in der ihrem Wesen entsprechenden Welt nur nichts finden, das sie drängte, drückte, kneipte und preßte und dadurch ein schmerzliches Gefühl erzeugte, und so wird sie auch keinen Schmerz je wahrnehmen.
GEJ|5|75|4|0|Oder ist ein ganz kerngesunder Mensch selbst in seinem Fleische fürs Gefühl des Schmerzes unempfänglich, weil er noch nie das Unglück hatte, krank zu sein, und noch nie von jemandem einen Schlag oder Stich erhielt?! Es mangelte bei ihm also nur ein schmerzerzeugender Grund.
GEJ|5|75|5|0|Der Hauptgrund zu einem Schmerze, den stets nur die Seele, nie aber das Fleisch empfindet, liegt also im Drucke, den irgendein zu träg und somit auch zu schwer gewordenes Fleisch auf irgendeinen Lebensteil der Seele ausübt.
GEJ|5|75|6|0|Es ist daher zeitweilig jede Krankheit zu heilen, wenn man die Fleischmasse zu erleichtern versteht; aber fürs Alter des Fleisches gibt es keine Erleichterung mehr, obwohl ein in guter Ordnung lebender Mensch noch bis in ein sehr hohes Alter im ganzen wenig von einem Schmerze zu erzählen wissen wird. Sein Fleisch wird bis zur letzten Stunde noch ganz fügsam und geschmeidig verbleiben, und die Seele wird sich nach und nach ganz sachte ihrem Fleische entwinden können in der eigentlichen, besten und wahren Ordnung. Sie wird zwar auch nicht wünschen, gerade selbst im höchsten Erdalter sich vom Fleische zu trennen; wenn aber an sie der ihr wohl vernehmbare, beseligendste Ruf aus den Himmeln ergehen wird: ,Komme du aus deinem Kerker ins freieste, ewige, wahre Leben!‘, so wird sie aber auch keine Sekunde Zeit Säumens machen, zu verlassen ihr morsches Erdhaus und hinauszutreten in die Lichtgefilde des wahren, ewigen Lebens.
GEJ|5|75|7|0|Nun, dieses werdet ihr mit keinem Kräutersafte und auch nicht durch die Macht Meines Namens je zu verhindern imstande sein, weil das nicht Meines Geistes Wille sein kann. Mit der Kraft Meines Namens aber werdet ihr nur nach Meinem in euren Herzen sich klarst zu erkennen gebenden Willen und nie wider denselben wahrhaft Wunder zu wirken imstande sein. Daher müsset ihr auch vor allem Meinen Willen, der ein wahrer Wille Gottes ist, vollkommen zu dem euren machen, und es wird euch dann unmöglich etwas mißlingen, das ihr aus Mir und somit aus Meiner ewigen Ordnung heraus wollen werdet.
GEJ|5|75|8|0|Es kann daher davon keine Rede sein, als könnte etwa jemand, der euch verliehenen Heilkraft wegen, in und durch Meinen Namen niemals sterben. Wohl sollet ihr die Heilung niemandem vorenthalten, wo euch mein Geist sagen wird im Herzen: ,Dem werde geholfen!‘; wird aber der Geist sagen: ,Den lasse in der Plage seines Fleisches, auf daß seine Seele satt bekomme, zu frönen den Gelüsten des Fleisches!‘, so lasset den und heilet ihn nicht von seinem Fleischübel – denn er soll es erdulden zum Heile seiner Seele!
GEJ|5|75|9|0|Und also sieh du nun, daß deine Besorgnis eine etwas eitle war! Gehe also ein in Meine rechte Ordnung, und es wird dir dann schon alles klar werden! Hast du etwa noch einen Anstand, so rede, bevor unser Wirt aus der neuen Küche mit dem Mahle kommen wird!“
GEJ|5|76|1|1|76. — Die Freiheit des menschlichen Willens
GEJ|5|76|1|0|Sagt Roklus: „Ja, Herr und Meister über alle Dinge, wenn wir nur das als Wunder effektuieren können, was Du allein willst, und zwar alles in Deiner ganzen urweltlich-natürlichen, ewigen Ordnung, da ist uns ja unser eigener freier Wille rein zu nichts, und mit den hie und da doch sehr nötigen Wundern als den besten und wirksamsten Beweisen für die Macht und Kraft Deines Namens wird es dann gar sehr mager auf der Erde auszusehen anfangen!
GEJ|5|76|2|0|Deines Willens Wunder geschehen Tag für Tag ohnehin, ob wir mit wollen oder nicht, und unser Wille ist gegen den Deinen allzeit gleich einer barsten hohlen Nuß. Die Sonne, der Mond und die Sterne gehen auf und unter ohne unsern Willen; und ebenalso grünet die Erde und bringt ihre Früchte; und die Wolken ziehen, und die Winde spielen mit den Wogen des Meeres; und es wird Winter und Sommer, und die Zeiten vergehen und kommen nimmer wieder, ganz ohne unsern Willen! Ob wir nun das mit wollen oder nicht, so ist das einerlei! Aber wie sieht es dann mit den oft auch notwendigen besonderen Wundern aus?“
GEJ|5|76|3|0|Sage Ich: „Ja, lieber Roklus, mit dir ist noch immer ein wenig schwer zurechtzukommen, weil in deinem Gemüte noch zu viele irdische An- und Rücksichten walten!
GEJ|5|76|4|0|Siehe, wer seine Hände an den Pflug legt und dabei nach rückwärts schaut, der ist noch nicht geschickt zum Reiche Gottes! Meinst denn du, daß Gott in Seinem hellsten Denken und Wollen etwa auch so einförmig und eintönig ist wie das starre Eis des Nordens?
GEJ|5|76|5|0|O Mensch, erkenne erst Gott recht und Seinen allmächtigen Willen, und du wirst dann schon auch erkennen, ob ein Mensch, dessen Herz voll des Geistes aus Gott ist, nichts anderes mehr wollen und tun kann, als bloß nur so ganz stumm und geduldig mit dem ewigen Willen Gottes einen Tag um den andern werden und vergehen zu lassen und ganz glückselig zuzusehen, wie die verschiedenen Kräuter wachsen und blühen und dann wieder verdorren!
GEJ|5|76|6|0|Wenn es Gott mit den Menschen nur um das zu tun gewesen wäre, so hätte Er ihnen nie einen eigenen Willen zu geben vonnöten gehabt, sondern Er hätte sie bloß nur den Meerespolypen gleich, wenn auch in Menschenform, wie die Pilze aus der Erde herauswachsen lassen können mit im Erdboden haftenden Saug- und Nährwurzeln; diese hätten dann gleich Tag und Nacht können zusehen, wie die Sterne nach dem Willen Gottes wenigstens dem Anscheine nach auf- und untergehen, und wie schön das Gras um sie herum wächst! Eine freie, ortsveränderliche Bewegung wäre ihnen gar nicht nötig; denn einen eigenen Willen hätten sie ja ohnehin nicht, und den stets gleichen und stereotpyen Willen Gottes könnten sie als Statuen noch um vieles besser durch sich gehen und walten lassen als irgendein noch so frommer und gottergebener Mensch mit seinem Willen!
GEJ|5|76|7|0|Denn einem Menschen, der denn doch immer noch einen eigenen Willen und eine freie Bewegung hat, kann es ja doch noch bei aller seiner Ästhetik einmal in den Sinn kommen, einige Schritte über einen schönen Grasboden zu machen; und wie unvermeidlich muß er da das nach dem Willen und nach der ewigen Ordnung Gottes aufrecht gewachsene und stehende Gras zu Boden drücken und danebst noch so mancher Blattmilbe das Lebenslicht vor der Zeit ausblasen! – Merkst du nun schon so ein wenig das Alberne deiner Besorgnis?
GEJ|5|76|8|0|Nun aber denke dir erst, daß der freiwillige Mensch zu seiner physischen Nahrung nicht nur allerlei herrliche, mit Fruchtsamen wohlversehene Früchte mit seinen Zähnen zermalmt und sie dann als Speise für seinen Leib ohne alle Gnade und Schonung verschlingt, sondern sich sogar über allerlei Tiere hermacht, sie tötet und endlich auch ihr gebratenes Fleisch mit einer wahren Gier verzehrt. Hie und da sucht er sich große Plätze aus, auf denen zuvor viele Jahrtausende hindurch das schönste Gras, andere heilsame Kräuter, Gesträuche und Bäume in der schönsten und allerungestörtesten Ordnung Gottes gewachsen sind, und baut dann tote Häuser und Städte darauf. Ja, Freund, kann das nach der von dir gedachten Ordnung Gottes wohl recht sein?
GEJ|5|76|9|0|Oder, so du dir deine mit der Zeit zu lang gewachsenen Nägel, Bart und Haare abkürzest, handelst du da nicht wider die Ordnung Gottes, nach dessen stereotypem Willen Nägel, Bart und Haare gleich wieder fortwachsen und nicht so kurz bleiben wollen, als ihr ihnen mit der Schere das Maß vorgeschrieben habt?
GEJ|5|76|10|0|So es Gott denn durchaus nicht wollte, daß irgendein frei denkendes und frei wollendes Wesen wider die Stereotypie Seines Schöpfungswillens handelte und zerstörende Eingriffe wider die bestehende, stets unwandelbar gleiche Ordnung im großen wie im kleinen machte, würde Er wohl weise gehandelt haben, sich Wesen zu erschaffen, die schon ihrer Existenz wegen genötigt sind, allerlei zerstörende Eingriffe in die Urschöpfungsordnung, die doch auch ein Werk desselben allmächtigen und höchst weisen Gottes ist, zu machen?!
GEJ|5|76|11|0|Wenn aber Gott, der Herr und Schöpfer aller Dinge und Wesen, es zuläßt, daß die lebenden Wesen, und zwar namentlich die frei denkenden Menschen, die mit einem freien Willen begabt sind, Ihm die Wälder zerstören, Bäume umhauen, Hütten und Häuser daraus bauen und den größten Teil davon verbrennen, Ihm das schöne Gras zertreten, abmähen und als Heu den Kühen, Ochsen, Eseln, Schafen und Ziegen verfüttern, und auch niemandem auf die Hand schlägt bei zahllos vielen anderen Eingriffen in Seine stereotype Ordnung, um wieviel weniger wird Er dort Sich mit Seinem allmächtigen Willen entgegenstemmen, wo es sich darum handelt, des Menschen kleinste Willensfreiheit zur größten göttlichen heranzuziehen!
GEJ|5|76|12|0|Hast du denn nicht gesehen, wie zuvor der Junge, der im Grunde auch nur ein Geschöpf Gottes ist, den Stein wider die Stereotypie des urgöttlichen Willens in Gold umwandelte? Hat ihn jemand darum zur Rede gestellt, weil er einen so gewaltigen Eingriff in die Grundordnung Gottes gemacht hat? Im Gegenteil, es hat nur der göttliche Wille, vereint mit dem des Jungen, solches zuwege gebracht!
GEJ|5|76|13|0|Wenn du die leichten Gebote Gottes hältst und Gott wahrhaft über alles liebst, so wirst du ja doch offenbar stets einiger mit dem Erkennen und Wollen Gottes. Du wirst sonach weiser und weiser und im gleichen Maße auch mächtiger und einsichtsvoller im Wollen. Dein inneres Licht aus Gott wird zu einer Allsehe erhoben werden, mittels der du im sonst noch Lebensdunkeln nicht nur fühlen, sondern schauen wirst die wirkenden Lebenskräfte und durch die Inhabung des freiesten Willens Gottes sie auch wirst bestimmen können, so oder so tätig zu werden. Eben dadurch aber, daß du die zahllos vielen, von Gott stets ausgehenden Kräfte speziell und individuell erkennst und erschaust, kannst du als ein Besitzer des göttlichen Willens sie ergreifen und sie auch bestimmen und verbinden zu irgendeinem weisen Tatzwecke, und sie werden sofort auch ebenalso tätig sein, als so Gott sie unmittelbar Selbst zu irgendeiner Tätigkeit bestimmt hätte.
GEJ|5|76|14|0|Denn alle die durch die ganze Unendlichkeit von Gott ausströmenden Kräfte sind gleich wie zahllos viele Arme eines und desselben allmächtigen Gottes und können ja unmöglich irgend anders tätig werden und sein als allein nur durch die Anregung des göttlichen Willens, weil sie im Grunde nichts als pure Ausstrahlungen des göttlichen Willens sind.
GEJ|5|76|15|0|Wenn der Mensch denn seine winzigste Willensfreiheit mit der endlos großen göttlichen vereint, sage Mir, ob es da nur denkbar möglich ist, einen puren stummen Zuschauer des pur göttlichen Willens zu machen, oder ob der also groß frei-willig gewordene Mensch mit solch einer Willensfreiheit aus Gott nicht so manches zustande zu bringen vermögend sein wird!“
GEJ|5|77|1|1|77. — Vom rechten und vom unrechten Eifer
GEJ|5|77|1|0|Sagt Roklus: „Ja, Herr und Meister über alle Wesen und Dinge, jetzt, durch diese Deine gnädigste Erklärung hat freilich bei mir alles ein anderes Licht bekommen, und es ist mir nun so manches früher unentwirrbare Rätsel völlig aufgelöst! Ja, nun fange ich auch so ein wenig an zu begreifen, was so ganz eigentlich ein Mensch ist, und was er in dieser Welt zu suchen und zu erreichen hat und nach Deinem Worte auch erreichen kann und eigentlich erreichen muß! Ja, nun ist es dann ein freilich höchst beseligend Leichtes, Deine Gebote zu halten und buchstäblich zu erfüllen Deinen Willen; denn jetzt sieht man und kann es sogar mit Händen greifen, was man von Dir aus notwendig erhalten muß! Denn so ich einen Ort noch so weit vor mir sehe und in der geradesten Richtung auf den Ort los- und zuwandle, so muß ich ihn endlich doch einmal erreichen!
GEJ|5|77|2|0|Ich kann aber nun nichts anderes tun als vor allem für solche Deine Mühe mit mir Dir danken aus allen meinen Lebenskräften und Dir versichern, daß ich Dein allergewissenhaftester Jünger sein und bleiben werde. Ich gebe Dir auch die vollste Versicherung, daß ich alles aufbieten werde, um unser Institut von allen den alten Welt- und Lügenschlacken zu reinigen, und es soll in der Folge nichts mehr im selben vorgenommen werden als allein das nur, was sich mit Deiner Lehre, o Herr und Meister, vereinbaren läßt!
GEJ|5|77|3|0|Schon jetzt fühle ich eine früher nie empfundene Kraft in mir, vor der im festen Vertrauen auf Dich alle Berge weichen und durch die alle Toten aus ihren Gräbern erstehen müßten! Was wird darauf erst dann folgen, so mein künftiges Leben ganz Dein Wille sein wird, und zu welcher Kraft wird unser Institut sich erheben, wenn alle Glieder desselben eines Sinnes und eines Willens sein werden?!
GEJ|5|77|4|0|Darum nun keines Säumens mehr! Auf, und alle Hände in die Tätigkeit für dies neue Werk aus Gott gelegt! Wer da Säumens macht, begeht eine gröbste Sünde an dem Heile der gesamten Menschheit der ganzen Erde!“
GEJ|5|77|5|0|Sage Ich: „Dein Eifer ist nun schon recht, und du wirst das, was du dir nun vornahmst, auch durchsetzen; aber dieser dein gegenwärtiger Eifer ist noch sehr ähnlich einem Strohfeuer, das auch gleich in gar gewaltiger Flamme auflodert, daß man meinen sollte: wenn das so fortgeht, so brennt in wenigen Augenblicken schon gleich der ganze Erdboden! Aber in wenigen Augenblicken ist es mit dem großen Strohfeuer zu Ende, und man merkt es nachher kaum noch, wo der lockere, große Strohhaufen abgebrannt ward!
GEJ|5|77|6|0|Der rechte Eifer steigert sich wie das Licht und die Wärme der aufgehenden Sonne. Würde das Licht und die Wärme der Sonne gleich mit einer afrikanischen Mittagsglut auftauchen am Morgen, so würde sie sehr verheerend wirken auf alle Pflanzen und Tiere, was ein jeder gute und erfahrene Landwirt schon aus den sogenannten Sonnenblicken ersehen kann.
GEJ|5|77|7|0|Einen Sonnenblick aber nennt man, wenn bei einem Gewitter das Firmament dicht mit Regenwolken bedeckt ist und es bereits auch regnet; auf einmal aber, so bereits die Erde und ihre Früchte etwas abgekühlt sind, zerreißen die Wolken infolge irgendeiner Luftströmung, und der Sonne Licht und Wärme fällt plötzlich auf die Pflanzen und Bäume und auf allerlei zartes Getier, und sieh, der dadurch angerichtete Schaden ist dann größer, als so es eine Stunde lang so ganz tüchtig gehagelt hätte! – Ich führte dir dieses Beispiel nur darum vor, um dir so recht praktisch zu zeigen, wie ein gewisserart oft unzeitiger Eifer viel mehr verdirbt als irgend gut macht.
GEJ|5|77|8|0|Daher wolle du in eurem Institute nun auch nicht alle alten und sehr morsch gewordenen Bäume gerade mit einem Hiebe aushauen, sondern mit einem redlichen Eifer ganz wie unvermerkt so nach und nach, und du wirst also erst den wahren Segen in deinem Institute verbreiten! Aber mit einem Schlage, mein Freund, geht das nicht! Dazu gehören noch mancherlei Besprechungen unter euch selbst und darauf erfolgte Erweisungen der neuen Wunderwerke in Meinem Namen! Und wenn so erst alle, nicht du allein, in dies neue Licht eingeführt wurden, dann erst läßt sich alles Alte mit dem besten Erfolge ausjäten.
GEJ|5|77|9|0|Wenn ein recht weiser Landmann es merkt, daß da Unkraut mit dem reinen Weizen aufgehet, so läßt er das angehen bis zur Ernte. Beim Schnitte erst läßt er sondern das Unkraut von dem Weizen, und es bleibet ihm dadurch gesund der Weizen, und das Unkraut wird getrocknet und verbrannt auf dem Acker, und der Boden wird damit gedünget. Siehe, das nenne Ich Selbst weise und der Wahrheit gemäß gehandelt!
GEJ|5|77|10|0|Glaube du es Mir, daß Ich mit ganz Jerusalem und seinen Pharisäern ebensoschnell fertig würde wie zuvor mit jenem Felsen im Meere; aber dieser Eifer würde Mir schlechte Früchte tragen! Dadurch würden dann alle, die erführen, daß Ich durch Meine göttliche Allmacht solch eine Verheerung angerichtet habe, wohl Mir zufallen, aber auf dem Wege der innern Überzeugung sicher nicht, sondern auf dem Wege des Selbstgerichtes. Aus Furcht und Zagen würde sich keiner mehr zu rühren getrauen; ein jeder würde maschinenartig das tun, was Ich von ihm verlangte!
GEJ|5|77|11|0|Wäre aber dann das eine Bildung des freien Willens als des Hauptgutes jeder Menschenseele und ein Erheben desselben zur höchsten Potenz des göttlichen, allerfreiesten Willens, in dem allein nur eine allerhöchste Lebensseligkeit besteht und bestehen kann?!“
GEJ|5|78|1|1|78. — Die Ausbildung des freien Willens. Die Nachteile des übertriebenen Eifers
GEJ|5|78|1|0|(Der Herr:) „Daß aber des Lebens allerhöchste Seligkeit eben im Besitze der allerungebundensten Willensfreiheit und ihrer stets erfolgvollsten, tatsächlichen Wirksamkeit besteht, davon geben alle die Selbstsüchtler und herrschgierigen Menschen schon auf dieser Erde den allerstärksten Beweis!
GEJ|5|78|2|0|Um nur ein bißchen so etwas Machthabendes zu sein, gibt ja so mancher gerne sein Hab und Gut her! Wer haßt etwa Krone, Thron und Zepter, besonders wenn er sich selbst hinaufschwingen kann!?
GEJ|5|78|3|0|Aber warum denn haben diese drei effektiven Herrscher in sich einen so unaussprechlichen Wert in den Augen der Menschen? Die Antwort liegt ganz nahe und ganz in der Natur der Sache. Weil der, welcher auf dem Throne sitzt, von seinem Willen unter Millionen von Menschen den allerfreiesten und in der Welt wirksamsten Gebrauch machen darf und kann!
GEJ|5|78|4|0|Nach dem aber, der auf dem Throne sitzt, wird dann schon ein jeder gar überaus glücklich, wenn er von dem Herrscher nur mit irgendeinem Amte betraut wird, in welchem er dann auch, wenngleich nur im Namen des Herrschers, einen kleineren Herrscher spielen und etwas mehr seinem freiheitsdurstigen Willen Luft lassen kann. Er unterdrückt zwar auf das kräftigste seinen grundfreien Willen und macht dafür vollends des Herrschers Willen zu dem seinigen, wenn er bei sich mit demselben auch oft gar nicht einverstanden ist; aber das alles tut er, um nur so ein bißchen auch mitherrschen zu können und zu irgendeiner effektiven Geltung zu bringen seinen Willen. Denn bei besonders Hochstandsstaatsbeamten gibt es ja doch immer hie und da Gelegenheiten, vom ganz eigenen, freien Willen Gebrauch zu machen, und das ist dem Menschen schon auf dieser Erde eine allerhöchste Seligkeit.
GEJ|5|78|5|0|Was kann sie aber im Vergleiche zu jener Seligkeit sein, die aus der Einigung des hier immer höchst beschränkten Menschenwillens mit dem Willen Gottes für die ganze Unendlichkeit und Ewigkeit hervorgehen wird und hervorgehen muß?!
GEJ|5|78|6|0|Aber bevor solches erfolgen kann, wirst du selbst einsehen, daß dazu eine ganz allerernstlichste Hauptbildung eben des menschlichen Willens durch alle Lebensstadien allerweisest geführt werden muß, ansonst es sicher höchst gefährlich wäre, des Menschen freien Willen mit einer effektiven Machtvollkommenheit auszustatten!
GEJ|5|78|7|0|Um aber den Willen der Menschen dafür fähig zu machen, muß man dahin wirken, daß der Mensch völlig freiwillig sich auf die Wege des Lichtes begebe und auf denselben so lange mit aller Liebe und weltlicher Selbstverleugnung sich fortbewege, bis er das rechte Ziel durch seine eigene Tätigkeit und vollkommene Selbstbestimmung erreicht hat.
GEJ|5|78|8|0|Dazu aber dient weder ein äußerer noch ein innerer Zwang, von denen ein jeder ein Gericht ist, durch das nie ein Menschengeist in seinem Willen frei werden kann. Solange er aber das nicht kann, da kann auch von der Vereinigung seines Willens mit dem allerfreiesten Willen in Gott ewig keine Rede sein!
GEJ|5|78|9|0|Es sind daher die Menschen nur durch einen allerweisesten Unterricht vorerst zur wahren Erkenntnis ihrer selbst und des einig wahren Gottwesens zu führen, und das mit aller möglichen Güte, Geduld und größten Sanftmut; nur hartnäckig widerspenstige Charaktere, bei denen im Hintergrunde ein in sich nahe ganz zweckloser böser Mutwille und eine wahrhaft teuflische Schadenfreude steckt, sind durch ein weltliches äußeres Strafgericht zu Paaren zu treiben, aber ja nicht so bald durch einen sie strafenden Wunderakt.
GEJ|5|78|10|0|Denn es muß dabei stets darauf die nie aus den Augen und Herzen zu lassende Rücksicht genommen werden, daß der zu Bestrafende auch ein Mensch ist, der ebenfalls zum rechten Gebrauche seines freien Willens geführt werden soll, und daß leichtlich ein arglistiger und rachgieriger Dämon sein Fleisch so und so beherrsche und also aus dem sonst vielleicht ganz harmlosen Menschen ein wahres Scheusal zeihe!
GEJ|5|78|11|0|Daher muß ein jeder übertriebene Eifer selbst in der besten Sache so lange hintangehalten werden, bis er jene bescheidene Reife erlangt hat, die alles mit einer ruhigen und liebevollen Überlegung und klugen Berechnung unaufhaltsam und beharrlich ins Werk zu setzen trachtet mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln, und zwar mit steter Berücksichtigung jenes lebendigen Gegenstandes in allen seinen Stadien und Verhältnissen, den sie zu behandeln hat.
GEJ|5|78|12|0|Daß Mir euer Institut, wie es nun noch ist, sicher nicht gefallen kann, das wirst du nun wohl aus allen Lebenswurzeln heraus einsehen! Aber stünde es noch auf hundert schlechteren Prinzipien, als es nun steht, so wäre es ebenso unklug, es plötzlich zu verdächtigen und zu vernichten, als so man nun Jerusalem oder das vielfach arge heidnische Rom in einem Nu von der Erde schaffete.
GEJ|5|78|13|0|Trachte du demnach von nun an nur dahin, daß so nach und nach, wie sich die Sache gewisserart von selbst gibt, alles Falsche aus eurem Institute entfernt werde, so wird nach und nach das Institut und das ihm anhängende Volk gebessert sein der vollen Wahrheit nach! Würdest aber du nun mit deinen Gefährten gleich das Oberste zuunterst und das Unterste zuoberst kehren wollen, so würden dich die gar vielen Institutsgenossen für wahnsinnig und aberwitzig erklären und dich auf jede mögliche Weise dem Institute, das sie für höchst zweckmäßig eingerichtet betrachten, unschädlich zu machen trachten, und dir würde dadurch alle Gelegenheit benommen, nur so ganz sachte und unbemerkt alles Falsche aus dem Institute zu entfernen und an seine Stelle die vollste Wahrheit zu stellen.“
GEJ|5|79|1|1|79. — Andeutungen des Herrn über Sein letztes Abendmahl und Seinen Kreuzestod
GEJ|5|79|1|0|(Der Herr:) „Du hast an Mir hier ja selbst das sprechendste Beispiel! Du kennst nun Mich, Meine Lehre und die wahre Lebenstendenz derselben. Du kennst auch Meine Macht, mittels welcher Ich diese ganze Erde ebenso schnell und so leicht ins Nichts umgestalten könnte wie zuvor jenen dir wohlbekannten alten Felsen im Meere! Aber da müßte Ich Mir am Ende ja Selbst zurufen: ,So Du nichts statt einer Welt voll Deiner Herzenskinder haben wolltest, denen Du ihre Natur und Beschaffenheit gabst, so hättest Du ja lieber gleich anfangs gar keine Erde ins Dasein rufen sollen!‘ Aber die Erde und die Menschen sind nun einmal da, und es heißt dann, alles mit aller Liebe und Geduld erhalten und leiten nach der Weisheit aus Gott, damit da von allem, was diese Erde trägt und in sich selbst enthält, auch nicht ein Sonnenstäubchen groß verloren gehe!
GEJ|5|79|2|0|Ja, Ich sage es dir: die Mir allerwiderwärtigsten und sicher schlechtesten Menschen auf der ganzen Erde sind offenbar die Pharisäer und Schriftgelehrten zu und in Jerusalem; aber bevor Ich sie richte und ans Kreuz hängen lasse, eher noch will Ich dasselbe von ihnen an Mir Selbst tun lassen!“
GEJ|5|79|3|0|Da springt Roklus ordentlich auf und sagt: „Nein, nein, Herr und Meister! Das hieße die Geduld viel zu weit ausdehnen! Wegen der Handvoll Lumpen zu Jerusalem – wenn sie auch alle zu nichts aufgelöst würden – wird das Reich Gottes weder auf dieser Erde und noch weniger jenseits je irgendeinen Schiffbruch erleiden; daher hinweg mit der schwarzen Drachenbrut, und Du bleibest!“
GEJ|5|79|4|0|Sage Ich: „Wie du diese Sache nun verstehst, also redest du auch! Doch nach etwa drei Jahren, von nun an, wird dich dein eigener Geist eines andern und Bessern belehren; darum lassen wir nun das und bereiten uns zum Abendmahle vor! Dieser Tisch wird etwas verlängert werden, und ihr, nun mit Ruban dreizehn an der Zahl, werdet daran schon ganz gut Platz finden und ein Bild eines künftigen Abendmahles darstellen, das mit Meinem letzten auf dieser Erde eine entsprechende Ähnlichkeit haben soll!“
GEJ|5|79|5|0|Sagt Roklus: „Herr und Meister! Du wirst nun auf einmal mystisch und rätselhaft; woher und warum das?“
GEJ|5|79|6|0|Sage Ich: „Freunde, Ich hätte euch noch gar vieles zu sagen; aber ihr könntet es nun noch nicht ertragen! Wenn aber nach jenem letzten Abendmahle der Heilige Geist in eure Herzen fahren wird, so wird er euch in alle Fülle der lebendigsten Wahrheit leiten, und du wirst dann erst ganz verstehen, was Ich nun zu dir geredet habe. – Aber nun kommt Markus schon mit den Schüsseln; daher ordnen wir uns zum fröhlichen Abendmahle! Euer Tisch ist bereits fertig und gedeckt.“
GEJ|5|79|7|0|Mit diesen Meinen Worten macht Roklus eine tiefe Verbeugung vor Mir, geht dann zu seinen Freunden und Gefährten hin und sagt: „Vom Fortgehen nun ist keine Rede, wir müssen zuvor das Abendmahl, das soeben aufgetragen wird, und zwar am Herrentische dort, mitmachen! Der Herr und Meister will es also haben, und da findet kein Ablehnen statt! Darum kommt nun schnell mit mir und nehmet mit mir Platz am freien Tischteile dort, wo die Herren bereits schon lange sitzen!“
GEJ|5|79|8|0|Sagt Ruban: „Oh, das wird sich eben nicht gar zu absonderlich gut für uns ausnehmen! Wir Nichtse neben dem Großherrn aller Herren der Erde!“
GEJ|5|79|9|0|Sagt Roklus: „Nehme sich die Sache aus, wie sie wolle! Der Herr und Meister über alle Dinge will es einmal also, und wir haben nichts anderes dabei zu tun, als zu gehorchen, und das mit dem freudigsten Herzen von der Welt! Daher gehen wir, auf daß da niemand auf uns warte! Zugleich aber habe ich auch schon im Ernste einen recht tüchtigen Hunger und freue mich so recht von Herzen auf ein recht reichliches und sehr wohlbereitetes Mahl! Auch ganze Krüge und große Becher voll Weines sehe ich mit den Speisen auf die Tische setzen, und der holde Junge scheint besonders für unsern Tisch recht viel Sorge zu tragen; daher gehen wir nur schnell hin!“
GEJ|5|80|1|1|80. — Raphael als Vielesser
GEJ|5|80|1|0|Auf diese Anrede des Roklus begeben sich nun alle hin zum für sie bestimmten Tische, machen vor der hohen Gesellschaft eine dreimalige Verbeugung, und Raphael weist sogleich einem jeden seinen Platz an und setzt sich am Ende als vierzehnter zu ihnen an den neuen Tisch. Roklus ersieht vor sich eben jene Speise, die ihm unter allen für sein Leben die liebste war; es war ein gebratenes Lamm mit der Beispeise, bestehend in den allerbesten und vollkommen reifsten Pomeranzen. Er konnte sich da nicht genug verwundern, wie möglich man in der Küche gar so genau seinen Geschmack hatte erraten können. Aber er ermahnte sich bald und bedachte sich, in welcher Gesellschaft er sich befinde, und das erklärte ihm alles. Ebenso bekam ein jeder der dreizehn Gäste gerade das, was er seine Lieblingsspeise mit allem Fug und Recht nannte; nur Raphael hatte vor sich auf einer großen Schüssel acht große und sehr wohlzubereitete Fische, mit denen er, wie bekannt, nicht viel Säumens machte, was den dreizehn sehr auffiel.
GEJ|5|80|2|0|Und der Roklus konnte sich nicht enthalten, den vermeinten Jüngling ganz freundlich zwar, aber dabei doch sehr verwundert zu fragen, wie es ihm denn wohl möglich wäre, acht so große Fische so hastig und so schnell zu verzehren, und ob er nun noch etwas essen könnte.
GEJ|5|80|3|0|Und Raphael erwiderte auch ganz freundlich lächelnd: „Oh, nur her noch mit zehnmal soviel, und ich werde mit ihnen ganz leicht und ohne alle Anstrengung fertig werden; aber ich bin nun auch mit diesen ganz gut und vollkommen gesättigt!“
GEJ|5|80|4|0|Sagt Roklus: „Dein Magen muß in deiner Kindheit überschoppt worden sein, sonst könnte ich mir das unmöglich erklären! Kannst du mir vielleicht auch mein Lamm verzehren helfen? Denn sieh, ich habe da mit einem achten Teile mehr als übergenug!“
GEJ|5|80|5|0|Sagt Raphael: „Nur her damit, ich werde mit sieben Achteln ganz leicht fertig!“
GEJ|5|80|6|0|Roklus, der nur einen hintern Fußkeil zum Verzehren nahm, gab alles andere dem Raphael, und dieser war mit Fleisch und Knochen in einem Augenblicke fertig.
GEJ|5|80|7|0|Das nun war dem Roklus denn doch ein wenig zu bunt, und er sagte ganz verdutzten Angesichtes: „Nein, du mein sonst allerholdester und allerweisester Junge, das geht bei dir durchaus nicht mit natürlichen Dingen zu! Ich wollte vom Verzehren des Fleisches im Grunde gar nichts sagen; aber daß du über einen Wolf auch mit Knochen, die doch sonst kein Mensch genießt, so schnell fertig warst, – weißt du, das geht bei mir nun schon ins Dunkelblaue über, und du mußt mir jetzt diese Sache schon näher erklären!“
GEJ|5|80|8|0|Sagt Raphael: „Nun, so gib mir einen Stein, und du sollst da auch dein Wunder sehen!
GEJ|5|80|9|0|Roklus hob schnell einen recht tüchtigen Stein vom Boden und gab ihn dem Raphael.
GEJ|5|80|10|0|Dieser aber sagte: „Sieh nun her, ich werde auch diesen Stein verzehren wie ein allerbestes Stück Brot!“
GEJ|5|80|11|0|Hierauf nahm Raphael den Stein, führte ihn zum Munde, und wie der Stein mit dem Munde Raphaels in Berührung kam, verschwand er auch aus dem irdischen Dasein!
GEJ|5|80|12|0|Als Roklus und seine Gefährten solches sahen, entsetzten sie sich, und Roklus sagte: „Nein, junger Freund, mit dir ist nicht gut Gast sein; denn am Ende könntest du dich auch über deine Mitgäste hermachen! Erlaube du mir die ganz zarte Bemerkung, durch die ich dir nichts anderes kundtun will als das: Willst du auch uns fressen, so tue das lieber geschwinde, auf daß wir auf unsern Untergang nicht lange ängstlich zu harren haben! Nein, ich wollte von den acht Fischen größter Gattung, die Galiläas Meer in sich faßt, nichts sagen, auch von meinen sieben Achteln Lamm samt Knochen nichts, obwohl das schon – erlaube es mir – eine ganz entsetzliche Freßabnormität ist; aber das Verzehren des wenigstens bei zehn Pfund schweren Steines ist ein Etwas, das uns alle mit völlig gerechtem Entsetzen gefangennehmen muß! Wo soll diese Geschichte denn am Ende hinaus? Uns zwar geht das wenig oder gar nichts an; aber, obschon du im Namen aller Götter alle Berge der Erde verschlingen kannst, wir wollen gerade dennoch nicht Zeugen von deiner ungeheuren Gefräßigkeit sein! Verstanden, mein lieber junger Vielfraß?“
GEJ|5|81|1|1|81. — Raphaels Person und Wesen im Unterschiede zum Erdenmenschen
GEJ|5|81|1|0|Sagt Raphael: „Mein Freund, du mußt also reden, weil du mich nicht kennst; würdest du mich kennen, so würdest du das alles so natürlich finden, als wie natürlich du es findest, daß du nur deinem Hunger nach kaum einen achten Teil des Lammes verzehrt hast!
GEJ|5|81|2|0|Ich bin wohl auch ein Mensch wie du, und es fehlt mir vorderhand kein Sinn und kein Glied auch dem Leibe nach; aber mein Leib ist ein ganz anderer als der deine; deiner ist noch sterblich, der meine nicht! Du kannst als Seele und Geist deinen Leib nicht ausziehen, wann du willst, ihn auflösen und im Nu verwandeln in dein geistiges Element; ich aber kann und vermag das wohl. Ich bin so ganz eigentlich pur Geist, trotz dieses meines Scheinleibes; du aber bist noch nahezu pur Fleisch und wirst noch sehr zu tun bekommen für dich selbst, bis du dich als eine reife und freie Seele in deinem Fleische zu fühlen anfangen wirst.
GEJ|5|81|3|0|Hast du etwas gegessen, so braucht es eine Zeit, bis das Gegessene zum Blute und Fleische in deinem Leibe wird, und du weißt es nicht und nimmer, wie solche Verwandlung in dir zugeht. Du kennst deines Leibes organischen Bau nicht dem allerkleinsten Teile nach; mir aber ist jedes Atom meines und auch deines Leibes derart allerhellst bekannt, daß es in der ganzen Welt nichts Helleres geben kann! Denn ich muß mir diesen meinen nunmaligen Leib von Atom zu Atom, von Nerv zu Nerv, von Fiber zu Fiber und von Glied zu Glied selbst bilden und erhalten; du aber weißt es von Anbeginn an nicht, aus was dein Leib besteht, und wer ihn gleich fort und fort bildet und erhält.
GEJ|5|81|4|0|Dein Leib ist ein gezeugter, geborener und wider dein Erkennen und wider deinen Willen gewachsener, – der meine ein erschaffener nach meinem Erkennen und Wollen! Dein Daseinsbewußtsein ist noch ein Schlaf, und dein Wissen, Erkennen und Wollen ist ein Träumen in deinem Daseinsschlafe; ich aber befinde mich im hellsten und allerwachesten Leben des vollkommensten ewigen Lebenstages. Ich weiß, was ich rede und tue und kenne davon den wahren und tiefsten Grund, – und du weißt nicht einmal wie, durch was und warum allerlei Gedanken in dir entstehen! Und so denn weiß ich auch, warum ich, solange ich unter den Sterblichen wandle, um ein bedeutendes mehr Speisen zu mir nehmen kann und muß als du und alle deine Gefährten zusammen. Ja, ich kann dir den Grund davon jetzt noch gar nicht klarmachen, weil du solchen mit deinen gegenwärtigen Kenntnissen gar nicht fassen würdest; aber es wird später schon eine Zeit kommen, in der du alles das gar gut fassen und begreifen wirst, was ich dir nun nur so hingeworfen habe.
GEJ|5|81|5|0|Aber daß du mir zumutest, ich möchte wegen meiner zu großen Freßgier mich am Ende gar auch an euch gleich einer Hyäne oder gleich einem Wolfe vergreifen, das ist ein wenig läppisch von dir! Ich meine, daß meine geistige Bildung und meine für euch ersichtliche Weisheit euch doch eines Bessern belehren sollte! Ich kann nicht nur einen Stein also verzehren, wie ihr euch nun überzeugt habt; das Manöver könnte ich auch mit ganzen Bergen und Weltkörpern ausführen, wozu ich eine hinreichende Macht besäße! Allein, wäre ich unweise und würde die Macht haben, die mir eigen ist, dann würde ich handeln nach irgendeiner blinden Leidenschaft, und ihr wäret an meiner Seite dann freilich eures Daseins und Lebens nicht sicher! Aber die urewige Weisheit Gottes, aus der eigentlich mein ganzes Wesen gebildet ist, gebietet mir vor allem die Erhaltung aller durch die Kraft und Allmacht Gottes erschaffenen Dinge, von denen ewig kein Atom verlorengehen darf, auch nicht verlorengehen kann, weil Gottes Wille und Sein allsehend Lichtauge gleichfort den ganzen ewigen und unendlichen Raum vom Größten bis zum Kleinsten klein durchdringt und durchwirkt; und so ist deine Furcht vor meiner von euch vermeinten Freßgier eine völlig eitle! – Hast du, Roklus, diese Worte wohl in ein wenig nur verstanden?“
GEJ|5|81|6|0|Sagt Roklus: „Von einem eigentlichen Verstehen kann da keine Rede sein; aber so viel entnehme ich daraus, daß wir an deiner Seite für unsere Existenz gerade nichts zu befürchten haben, und das ist schon sehr viel für uns vorderhand! Aber wohin verschlingst du denn solche Massen? Hast du denn so eine Art Straußenmagen, der meines Wissens etwa auch die härtesten Steine verdaut? Sogar die härtesten Metalle sollen für ihn eine ordentliche Lieblingskost sein! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, – du bist und bleibst einmal ein wundersames Wesen!
GEJ|5|81|7|0|Die Juden reden von gewissen urgeschaffenen Himmelsboten (Engeln), wir Griechen und Römer haben unsere Genien und die sogenannten Halbgötter; vielleicht bist du so ein verkappter Engel oder zum mindesten so ein Genius oder Halbgott?! Es ist mir für einen Erdenmenschen auch dein ganzes Aussehen zu zart und subtil; denn es könnte keine noch so keusche Vestalin [altrömische Priesterin der Vesta.] bezüglich der körperlichen Zartheit und Schönheit mit dir einen Vergleich aushalten. Du bist mir schon früher sehr aufgefallen, und ich irrte mich nicht, so ich dich geheim gleichfort für eine Art zauberisches Phantom hielt! Es kam mir immer vor, als wärest du einerseits denn doch etwas, anderseits aber doch sonst nichts als nur so ein redendes Lichtbild eines allerhöchsten Gottwesens, das dir nur für eine bestimmte Zeit Form, Bestand und die nötige Weisheit und Macht verleiht. Bist du ihm aber nicht mehr nötig, dann ist es aber auch vollkommen aus mit dir! – So wenigstens habe ich in mir gedacht, gefühlt und empfunden.“
GEJ|5|81|8|0|Sagt Raphael: „Bis aufs vollkommene Aussein mit mir bist du der Wahrheit so ziemlich nahe gekommen! Nur mit dem völligen Aussein mit mir hat es einen unendlich starken Haken; denn siehe, dir nicht begreifbar lange früher, als je noch eine Welt im endlosesten Raume zu schweben und zu leuchten begann, war ich schon ein ganz vollendeter Diener des allerhöchsten Geistes Gottes! Das bin ich noch und werde es auch für ewig bleiben, wenn vielleicht etwas verändert nach dem Maße des Herrn, dem nach nun wohl alle noch so vollendeten Geister streben und fortan streben werden. Aber darum werde ich dennoch stets das verbleiben, was ich bin, nur in einem noch vollendeteren Maße, aus welchem Grunde ich mich denn nun auch in diese Vorschule des materiellen Lebens begeben habe durch die Gnade des Herrn. Aber für jetzt bleibe ich noch, wer, wie und was ich bin! – Hast du mich jetzt schon ein wenig besser verstanden?
GEJ|5|81|9|0|Sagt Roklus, ganz große Augen machend: „Ah so, nun ja, wie ich's mir gedacht habe! Du bist also – wie man sagt – nur ein AD INTERIM (einstweilen) scheinverkörperter Geist, und zwar aus den Himmeln, hier, um dem Herrn der Herrlichkeit zeitweilig zu dienen und in Vollzug zu bringen Seinen Willen?! Ja, so, aha, aha, ja, da ist freilich wohl ein ungeheurer Unterschied zwischen uns, und es läßt sich mit dir so ganz eigentlich kein irdisch Wort mehr reden!“
GEJ|5|81|10|0|Fragt Raphael schnell: „Und warum denn nicht?“
GEJ|5|81|11|0|Spricht Roklus, nun ein ganz ernstes Gesicht machend: „Ich mute es deiner sicher unbegrenzten Weisheit zu, daß du den Grund auch ohne meine wenig sagende Erklärung noch besser einsehen wirst als ich; aber weil ihr geheimnisvollen Geistwesen von uns armseligen, sterblichen Menschen denn schon stets eine Entäußerung verlanget, so muß ich dir's sagen, – ob du auch ohnehin schon ein jedes Wort zum voraus weißt, das ich aussprechen werde! Und so wolle mich vernehmen:
GEJ|5|81|12|0|Es gibt auch auf dieser Erde gewisse Verhältnisse und Stände, die nebeneinander sich nie löblich ausnehmen. So ist zum Beispiel ein Maulwurfshügel neben dem hohen Ararat sicher ein sehr lächerlich mißliches Verhältnis, ein Schweinestall neben dem Kaiserpalaste in Rom, ein Fliegenhaus neben einer ägyptischen Pyramide, eine Mücke neben einem Elefanten, ein Tropfen Wassers neben dem großen Weltmeere! Aber diese erwähnten Verhältnisse nehmen sich noch um vieles besser aus als das Verhältnis zwischen uns und dir; auch ein nächtlich schimmerndes Leuchtwürmchen neben der Sonne nähme sich noch offenbar besser und behaglicher aus! Was ist meine Rede vor dir? Ein allerdümmstes Dreschen eines vollkommen leersten Strohes; denn das, was ich dir nun sage, hast du schon vor einer ganzen Ewigkeit von Wort zu Wort gewußt! Aber ich rede hier nicht deinet-, sondern meinet- und meiner Gefährten wegen, auf daß sie es laut erfahren, wie ich in dieser unserer Stellung nun denke! Gleiches taugt zum Gleichen: der gemeine Mensch zum gemeinen Menschen und der Hohe und Mächtige zum Hohen und Mächtigen.
GEJ|5|81|13|0|Die Waage gibt uns hier das richtigste Maß. Ein Sonnenstäubchen hat sicher auch noch irgendein Gewicht, ansonst es mit der Zeit nicht zur Erde fiele. Aber müßte da nicht sogar ein wirklicher Ochse zum Lachen kommen, so jemand vor seinen Augen ein Sonnenstäubchen gegenüber von zehntausend Pfunden auf die Waage legte, um zu sehen, um wieviel das Stäubchen leichter ist als das große Gewicht von zehntausend Pfunden?! Und also ist es, daß du zu unserer Gesellschaft ebensowenig taugst wie wir zu der deinigen.
GEJ|5|81|14|0|Du bist nach der Juden Schrift einer der Größten im Himmel, und wir stehen auf dieser Erde noch kaum am Rande des Wiegenlebens, und es geht uns noch ganz entsetzlich viel ab, bis wir nur auf dieser Erde das geistige Mannesalter erreichen werden! Wir bitten dich darum, daß du uns verlassest, weil wir uns nun an deiner Seite zu sehr für nichts ansehen müssen! Du kannst bei uns sicher nichts gewinnen und wir bei dir im Verhältnisse, was du bist und zu leisten imstande bist, auch soviel als nichts!“
GEJ|5|82|1|1|82. — Das Wunderwirken Raphaels
GEJ|5|82|1|0|Sagt Raphael: „Daß ich in eurer Gesellschaft bin, ist nicht mein, sondern des Herrn Wille, und dem müssen wir ebensogut gehorchen wie ihr und alle erschaffenen Wesen, welcher Art und Gattung sie auch sein mögen. Ein kleiner Unterschied besteht nur darin, daß wir dem Willen des Herrn nicht als Blinde, sondern als Sehende gehorchen, während alle andere Kreatur dem Willen des Herrn ganz blindlings gehorchen muß.
GEJ|5|82|2|0|Und zwischen mir und euch aber besteht der Unterschied, daß ich als ein ebenfalls mit freiestem Willen begabter Geist den Willen des Herrn ganz wie zu meinem höchst eigenen gemacht habe; ihr aber habt bisher noch kaum erkannt, daß es einen Herrn gibt. Von der Erkenntnis Seines Willens kann nun doch noch keine Rede sein; denn diesen werdet ihr erst aus jener Schrift näher kennenlernen, die ich selbst euch früher nach dem Willen des Herrn zusammengeschrieben und euch übergeben habe.
GEJ|5|82|3|0|Habt ihr daraus den Willen des Herrn vollends erkannt, ihn in eure Herzen aufgenommen, und werdet ihr dann nur allein nach diesem neuen Willen in euch tätig sein, so wird zwischen euch und mir aber dann auch gar kein Unterschied sein; im Gegenteil, ihr werdet nur noch Größeres zu leisten imstande sein, weil ihr den Weg des Fleisches schon durchgemacht habt, während solcher mir noch einmal durchzumachen bevorsteht, wenn auch ich meine nunmalige pure Gottesdienerschaft mit der Gotteskindschaft umgetauscht haben will. Ich wollte nun lieber schon das sein, was ihr seid; aber es kommt da allein auf den Willen des Herrn an, wie, was und wann Er es will!
GEJ|5|82|4|0|Ich aber verlange das nicht, obwohl ich es wünsche; denn ich bin auch also für mich im höchsten Grade glücklich und kann nichts als ,Heilig, heilig, heilig!‘ singen Dem, der nun Mensch mit Fleisch geworden ist, um alle Menschen dieser Erde und alle Bewohner der Himmel umzugestalten zu Seinen Kindern, – das heißt, so die Bewohner der Himmel solches wollen und den Herrn darum bitten in ihrem Herzen! Denn auch in den Himmeln schlagen zahllose Herzen Gott dem Herrn voll der heißesten Liebe entgegen und finden auch stets die Gewährung ihrer Bitten.
GEJ|5|82|5|0|Das aber merke dir vor allem ja höchst wohl: Je mehr des erkannten reingöttlichen Willens du in dein Herz als unablässige Richtschnur deines Lebens – in dein Herz, wohlverstanden – aufgenommen hast, desto wunderbar mächtiger werden die Wirkungen deines Willens aus Gott sein!
GEJ|5|82|6|0|Das Wissen, Erkennen und das Loben des erkannten göttlichen Willens nützt dir gar nichts; denn es ist das alles ein leerer Beifall alles des großartigen und wunderbaren Geschehens vor deinen Augen. Du erkennst daran das Gute, Schöne und Erhabene und weißt es recht gut, daß es von dem Erkennen und Wollen des Künstlers ausgeht. Setzen wir aber den Fall, du hättest auch die Kenntnisse davon, aber natürlich bei weitem den Willen des Künstlers nicht dazu, – würdest du mittels des Erkennens allein wohl etwas leisten? Oder du hättest zwar wohl so ungefähr des Künstlers Willen, aber seine Einsicht und durch Mühe und Fleiß errungene Fertigkeit nicht, würdest du da auch etwas zu leisten imstande sein?
GEJ|5|82|7|0|Ich sage dir: Da muß ein wahrstes Erkennen, ein von Gott ausgehender fester Wille und eine große Fertigkeit in der Anwendung desselben vorhanden sein! Sodann kannst du freilich zu einem oder dem andern Berge sagen: ,Hebe dich und stürze dich ins Meer, da es am allertiefsten ist!‘, – und es wird unfehlbar geschehen, was du gewollt hast!
GEJ|5|82|8|0|Aber mit dem Erkennen und mit dem festen Wollen allein ist nichts oder nur sehr wenig ausgerichtet! Die Fertigkeit in der Anwendung des Willens Gottes im eigenen Herzen erlangt man aber einzig durch die Macht der reinen Liebe zu Gott und dadurch zum Nächsten; denn solche allein rechte Liebe schafft in der Seele den lebendigen Glauben und ein unerschütterlich allerfestestes Vertrauen, ohne das auch der Allergeläutertste nichts oder nur wenig vermag.
GEJ|5|83|1|1|83. — Lebensvollendung und Wunderkraft durch Gottes- und Nächstenliebe. Wahre und falsche Propheten
GEJ|5|83|1|0|(Raphael:) „Ich setze hier den beispielsweisen Fall, du wolltest einem Blinden das Augenlicht wiedergeben durch die Kraft des göttlichen Willens in dir, möchtest aber danebst doch so nur ein wenig am Gelingen zweifeln, so ist das schon überaus gefehlt; denn darauf wird der Blinde nicht zu seinem Augenlichte gelangen. Wenn du dich aber in der Liebe zu Gott allermächtigst erregst, so wird dieses höchste Liebe- und Lebensfeuer nicht nur deine Seele selbst allermächtigst beleben, sondern es wird geistig weit über deine Formsphäre hinausdringen mit einer unwiderstehlichen Allgewalt und wird dort ganz konzentriert wirken, wo dein Gotteswille natürlich mit aller Weisheit und Klugheit etwas ergriffen hat. Wird da dann der Blinde von deinem Gotteswillen ergriffen und sogleich in den Brennpunkt der allmächtigsten Liebe Gottes, deren deine Seele voll ist, gestellt, so muß er ja auch augenblicklich als vollkommen sehend dastehen; denn im höchsten Liebe- und Lebenslichte und -feuer aus Gott muß jeder Tod weichen, auch der eines lichtabgestorbenen Auges, das natürlich ohne Licht so gut tot ist wie der ganze Leib ohne Odem und Pulsschlag. Dadurch ist dann auch die Erweckung eines Verstorbenen augenblicklich ermöglicht; denn wenn der dein Herz erfüllende göttliche Wille und dessen Weisheit einer Wiedererweckung irgendeines Verstorbenen nicht entgegen sind, so brauchst du den Toten nur unter den Brennpunkt deiner Liebe zu Gott dem Herrn zu stellen, und er lebt vollkommen wieder!
GEJ|5|83|2|0|Das aber braucht für euch Menschen eine starke Mühe und ausharrliche Übung; denn man muß das Herz wohl im höchsten Grade also beugsam machen, auf daß es sich in jedem Augenblicke beliebig ins höchste Vollmaß der Liebe zu Gott stürzen kann. Kann es das, dann ist der Mensch als Mensch auch vollendet, und es muß da geschehen, was es, aus Gott heraus, will! Willst du also ausgerüstet eine Welt erschaffen, so muß sie da sein nach deinem Gotteswillen und nach der Macht der göttlichen Liebe, deren Vollmaß dein Herz in ein höchstes Lebensfeuer und deine Außenlebenssphäre in ein höchstes, weithin leuchtendes und wirkendes Lebenslicht versetzt. Was da dein aus Gott weises Erkennen deinem Willen vorzeichnet, das wird aus der Substanz deines mächtigst ausströmenden Liebelebenslichtes auch gleich in die von dir zuvor durchdachte und wohlerkannte Form sich fügen, und in wenigen Augenblicken hast du dann sogestaltig eine ganze Welt vor dir, die du dann sogar fixieren und erhalten kannst, so du im reinsten Vollbesitze des göttlichen Willens und der göttlichen Liebe bist.
GEJ|5|83|3|0|Natürlich aber kannst du schon gleich uranfänglich zum Vollbesitze des göttlichen Willens in dir nicht gelangen, so du zuvor nicht Gott in dein Herz durch die reine, wahre, alles andere ausscheidende Liebe in aller Fülle aufgenommen hast; denn ist Gott nicht völlig in dir, so kann Er auch nicht völlig in dir wollen.
GEJ|5|83|4|0|Gott über alles aus allen Lebenskräften lieben aber ist eben nicht so leicht, wie du es dir vorstellst! Dazu gehört vor allem ein nach den Mosaischen Gesetzen vollkommen reiner Lebenswandel. Wo dieser durch allerlei unordentliche Lebensfehler (Sünden) zerstört wurde, da litten notwendig alle die zum Leben erforderlichen Kräfte, die dadurch vermateriesiert und somit wie völlig totgemacht wurden.
GEJ|5|83|5|0|Ein auf solche Weise lebensverkrüppelter Mensch kann dann Gott unmöglich aus allen seinen ordentlichen Lebenskräften über alles lieben, weil solche oft schon mehr denn zu zwei Drittel tot sind. Ein solcher Mensch muß dann durch eine oft mehrere Jahre lange allereifrigste Selbstverleugnung aller seiner alten Leidenschaften und Gewohnheiten die erstorbenen Lebenskräfte in sich neu beleben und so erst nach und nach in die höchst möglichste Liebe zu Gott übergehen, was natürlich für einen schon sehr verweltlichten Menschen keine leichte Aufgabe ist!
GEJ|5|83|6|0|Denn wenn schon ein ganz gesunder Mensch beim Besteigen eines hohen Gebirges sich sehr abmüht und ihm die Sache sehr beschwerlich vorkommen muß, um wieviel mehr einem Gichtbrüchigen, der noch kaum die Fähigkeit besitzt, sich in der Ebene auf Krücken fortzuschleppen! Wenn es aber ein gichtiger Mensch dennoch sehr ernst wollte, einen hohen Berg zu ersteigen, so müßte er sich vor allem nach einem sehr gesunden und starken Führer umsehen, der ihm gehörig unter die Arme greifen könnte; der Gichtbrüchige würde die Besteigung des hohen Berges sicher dann mit vielem Nutzen durchmachen.
GEJ|5|83|7|0|Er würde zwar dabei in einen starken Schweiß geraten, und das, je höher, desto stärker; aber dadurch würde er seine alten Glieder vom Gichtstoffe befreien und die abgestorbenen Teile wieder beleben und so am Ende die höchste Spitze des Berges, freilich nach einer mehrtägigen, mühevollen Reise, schon völlig gesund erklimmen. Aber welch ein fabelhafter Entschluß für einen Gichtbrüchigen gehörete dazu, sich zum Beispiel nach der höchsten Kuppe des Ararat zu begeben! Dieses aber wäre immer noch leichter als für einen recht verweltlichten Menschen die Besteigung des geistigen Gebirges, das da heißet: vollkommene Demut und gänzliche Selbstverleugnung!
GEJ|5|83|8|0|Du machst da freilich große Augen und sagst bei dir selbst: ,Na, na, bei diesen Aussichten werden wohl nur die allerwenigsten Menschen die Spitze der wahren Lebensvollendung auf dieser Erde erreichen, und mit den Wunderwerken wird es fortan seine geweisten Wege haben!‘ Ja, ja, da sollst du eben nicht ganz unrecht haben; aber es sind in dieser Zeit höchst lebenstüchtige Führer bei der Hand, mit deren Hilfe es nun keine gar zu übermäßig starke Aufgabe ist, als ein Seelengichtbrüchiger sich auf des geistigen Ararat höchste Lebensspitze, allertüchtigst unterstützt, führen und geleiten zu lassen.
GEJ|5|83|9|0|Jetzt ist es für jedermann, der nur irgend eines guten Willens ist, ein leichtes, sich in alle Lebensvollendung hineinzuarbeiten; denn es hat dem Herrn wohlgefallen, in dieser Zeit nicht nur gar lebenskräftige Führer aus den Himmeln auf diese Erde zu berufen, um durch sie die Menschen vorbereiten, führen und leiten zu lassen, sondern Er nahm Selbst Fleisch an und kam, euch gichtbrüchige Menschen zu heilen und euch zu zeigen Seinen reinst göttlichen Willen, euch zu lehren, Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst zu lieben.
GEJ|5|83|10|0|Von nun an kann es für niemand mehr ein Zweifel sein, zu erkennen den ganz reinen Willen Gottes und auch zu erfahren, wie man Gott über alles zu lieben hat, und wie man zu solcher Liebe sein Herz erheben kann. Jetzt werden die Wege reinst gezeigt, und wer sie wandeln will, kann nun unmöglich irregehen. Aber in den späteren Jahren und Jahrhunderten wird es dann schon wieder schwerer werden, sich mit dem ganz allerreinsten Willen des Herrn zu befreunden; denn es werden neben den rechten Propheten auch viele falsche Propheten aufstehen, werden in eurer bisherigen Weise Wunder tun und dadurch gar vielen ganz falsche Begriffe von Gott und Seinem reinsten Willen sogar mit Zwang beibringen. Da wird dann eine große Trübsal unter den Menschen dieser Erde entstehen, und keiner wird dem andern zu einem verläßlichen Führer dienen können, weil der eine sagen und lehren wird: ,Siehe, hier ist die Wahrheit!‘ und ein anderer: ,Siehe, da oder dort ist sie!‘ Aber alle, die also schreien werden, werden nicht sein in der Wahrheit, sondern im Falschen über und über!
GEJ|5|83|11|0|Es wird aber der Herr dessenungeachtet noch immer von Zeit zu Zeit Knechte erwecken, die jenen, die eines guten Willens sind, den reinen Willen Gottes zeigen werden also, wie wir ihn nun euch zeigen. Wohl denen, die sich völlig danach richten werden; denn sie werden dadurch eben das erreichen, was ihr nun gar überleicht erreichen könnet! Nur mit der Wundertätigkeit wird es da etwas spärlich aussehen; denn des Herrn Geist wird die Seinen lehren, damit vorsichtig zu sein, um dadurch nicht ein ganzes Heer von pur falschen Propheten gegen sich zu hetzen und dann mit dem Schwerte mit der Hölle kämpfen zu müssen.
GEJ|5|83|12|0|Die wahren Wahrheitspropheten wird der Herr stets ganz in aller Stille erwecken, und sie werden wie ganz stille Wasser in der Welt nie einen Lärm noch irgendein fühlbares Geräusch machen; die aber irgendein Geräusch und einen Lärm machen werden, in denen wird die Wahrheit und das Wort des Geistes nicht sein.
GEJ|5|83|13|0|Die von Gott erweckten echten Propheten werden in aller Stille wohl auch sehr wohl imstande sein, Wunder zu wirken; aber es wird davon die Welt nichts merken, sondern allein dann und wann die wahren Freunde Gottes zu ihrem eigenen stillen Troste.
GEJ|5|83|14|0|Nun geschehen Wunder der verstockten Juden und Heiden wegen, auf daß dann am Ende ja niemand sagen kann, als seien bei der Offenbarung dieser nun ganz neuen Lehre keine Beglaubigungszeichen aus den Himmeln geschehen. In jenen späteren Zeiten aber werden die Menschen mehr nach der vollen Wahrheit fragen und nicht so sehr mehr nach den wunderbaren Beglaubigungszeichen, von denen die Weisen sagen werden, daß sie ihnen nicht das Weiße für schwarz malen können und die Wahrheit auch ohne die Wunderzeichen Wahrheit bleibet.
GEJ|5|83|15|0|Du mußt nun aus diesem Gesagten entnehmen, daß ich trotz meiner Vielesserei dennoch kein zu fürchtendes Wesen bin, und daß zwischen uns eben kein so großer Unterschied obwaltet, als du ihn dir ehedem vorgestellt hast, sondern daß wir nun schon auf einer so ziemlich gleichen Stufe stehen, ja, daß du als nun schon ein Mensch im Fleische eine sehr bedeutende Stufe vor mir hast! Sage mir nun, ob ich neben dir mich noch also ausnehme wie ein Elefant in der Gesellschaft einer Mücke! Soll ich noch, als dir widrig, euch verlassen, oder soll ich als dreizehnter wohl noch etwa verbleiben als Lehrer unter euch?“
GEJ|5|84|1|1|84. — Die Bedeutung der Gotteskindschaft auf dieser Erde
GEJ|5|84|1|0|Sagt Roklus, der nun den Raphael wieder ganz außerordentlich liebgewonnen hatte: „Oh, bleiben, bleiben! Denn jetzt kannst du eine Welt vor uns verzehren, unsere Liebe wird darum nicht geringer zu dir und unsere Furcht nicht größer vor dir; denn nun wissen wir, wer du bist, und was wir an dir haben.
GEJ|5|84|2|0|Aber nun etwas anderes! Zwar weiß ich, daß du es ohnehin wissen wirst, was ich dir nun sagen werde; aber meine Gefährten wissen es nicht, und dererwegen allein trage ich dir die Sache laut vor, auf daß auch sie es erfahren, was ich von dir haben möchte! – Sage es mir, ob es dir denn durchaus nicht tunlich wäre, so auch du ein Mitglied unseres Institutes würdest, auf so lange wenigstens, bis wir zu jener Lebensvollendung gelangeten, die uns jene Stufe gäbe, deren wir zum wahren Heile der Menschheit gar so nötig hätten!“
GEJ|5|84|3|0|Sagt Raphael: „Das kann vorderhand nicht sein, dieweil ich nun noch anderwärtige Verpflichtungen dem Herrn und den Menschen gegenüber habe! Aber in irgendeinem Notfalle werde ich stets wie gerufen unter euch sein. Übrigens habt ihr die Verheißung des Herrn, zu wirken in Seinem Namen, – und der allein ist mächtiger als zahllose Myriaden meinesgleichen! An diesen Namen, der da heißet: Jesus = Gottes Kraft, haltet euch, und es müssen Berge weichen vor euch und Stürme und Orkane verstummen, vorausgesetzt, daß euer Lebenswandel ein derartiger ist, daß ihr dieses Namens würdig seid! Denn dies ist Gottes wahrhaftester Name in Seiner Liebe von Ewigkeit, vor dem sich alles beuget im Himmel, auf Erden und unter der Erde!
GEJ|5|84|4|0|Ich meine hier nicht etwa: unter dem Boden dieser materiellen Erde, die im ganzen eine Kugel wie ein anderer Planet ist, und unter der, also uns gerade entgegen, es geradeso Länder, Berge, Seen und Meere gibt wie hier; auch meine ich nicht das Innere der Erde, das da ist ein großartiger tierisch gearteter Organismus zur Entwicklung des für einen ganzen Weltkörper nötigen Naturlebens; sondern mit dem Ausdruck ,unter der Erde‘ bezeichne ich den lebensmoralischen Zustand aller instinktmäßig Vernünftigen auf den zahllos vielen anderen Weltkörpern, auf denen es auch Menschen gibt; aber sie haben gegen euch Menschen dieser Erde eine nur sehr beschränkte Bestimmung.
GEJ|5|84|5|0|Sie gehören auch zum ganzen endlos Großen und stellen gleichsam die Glieder einer Kette dar; aber ihr seid die Angeln, die ihr als wahre Kinder Gottes bestimmt seid, mit Gott und mit uns zu tragen die ganze, unendliche Schöpfung Gottes vom Kleinsten bis zum Größten! Und darum ich euch auf oder über dieser Erde gleich nach uns bisherigen Bewohnern der Himmel Gottes setze!
GEJ|5|84|6|0|So ihr nun auch das ordentlich verstehet, so habt ihr denn auch um so mehr zu achten auf den Namen des Allerhöchsten von Ewigkeit, indem ihr daraus nun gar wohl entnehmen könnet, daß Gott euer Vater und ihr Seine Kinder seid; und wäret ihr das nicht, würde Er wohl zu euch herab aus den Himmeln gekommen sein und euch Selbst erziehen zu Seinen ewig größten Absichten, die Er schon von Ewigkeiten für euch, Seine Kinder, vorgesehen und vorbedacht hat?!
GEJ|5|84|7|0|Darum aber sollet ihr nun alle frohlocken über alle die Maßen, daß Er als der Vater von Ewigkeit Selbst zu euch gekommen ist, um euch ganz dazu zu machen, wozu Er euch schon von Ewigkeit her berufen und bestimmt hat!
GEJ|5|84|8|0|So ihr aber unbestreitbar Seine Kinder seid und Er zu euch gekommen ist, ohne von euch Unmündigen berufen worden zu sein, so wird Er von nun an wohl noch eher und sicherer zu euch kommen, wann immer ihr Ihn in der vollen Liebe eurer Herzen rufen werdet und sagen: ,Abba, lieber Vater, komme, wir haben Deiner not!‘ Ihr habt also die Verheißung aber aus dem Munde und Herzen des Vaters Selbst bekommen, und ich brauche darum und also auch keine zweite zu machen. Denn es wird schon diese eine für ewig wahr verbleiben, und ihr könnet daher mich für euer Institut ganz leicht entbehren; denn wo der Herr Selbst wirket, da sind Seine Himmelsboten gar wohl entbehrlich.
GEJ|5|84|9|0|Übrigens aber, so ihr mich dann und wann so als Freund unter euch haben wollet, so brauchet ihr mich nur zu rufen, und ich werde sofort bei euch sein, wenn ihr in der Liebe und Ordnung des Herrn verbleibet. Würdet ihr aber je aus irgend schmutzigen, irdischen Rücksichten die Ordnung des Vaters verlassen, dann natürlich würde ich auch auf ein tausendmaliges Rufen nicht zu euch kommen, und selbst des Vaters allmächtiger Name würde sich als leer und wirkungslos erweisen. Habt ihr nun noch etwas auf dem Herzen, so traget es vor, und es soll euch Rat geschaffet werden!“
GEJ|5|85|1|1|85. — Die Übergänge im Reiche der Naturgeister
GEJ|5|85|1|0|In dem Moment, als Raphael dem Roklus die weitere Konzession erteilt, wie danebst auch seinen Gefährten, ihn, so sie noch etwas auf dem Herzen hätten, noch weiterhin zu befragen, erhebt sich plötzlich ein starker Wind von der Seeseite her und versucht seine Kraft besonders an den nahe am Meere stehenden Prachtzelten des noch unter uns weilenden Ouran. Auch vernimmt man das Geschrei einer Menge von Kranichen, die wüst und in großer Verwirrung in der Luft herumfliegen.
GEJ|5|85|2|0|Die neuen Schiffe im neuen Hafen fangen auch ganz gewaltig zu knarren an; denn der Wind wird beim sonst heitersten Wetter stets heftiger und heftiger, so daß Cyrenius zu Mir sagt: „Herr, der Sturm nimmt von Minute zu Minute zu, und wenn das so fortgeht, so werden wohl auch wir genötigt sein, unsern Standpunkt zu ändern! Die wüst durcheinanderfliegenden Kraniche bedeuten auch nichts Erfreuliches! Die Tiere müssen durch irgend etwas sehr erschreckt worden sein, ansonst sie nicht ihre nächtliche Ruhestätte verlassen hätten! Nein, nein, es wird bald nicht mehr auszuhalten sein! Der Wind wird immer mächtiger und für das Gefühl auch ganz empfindlich kalt! Sollen wir uns etwa doch in die Gemächer des neuen Hauses begeben?“
GEJ|5|85|3|0|Sage Ich: „Solange Ich bei euch bin, habt ihr weder einen Wind, noch seine Kühle und auch kein schreiend Getier zu fürchten! In der Luft, wie in der Erde und im Wasser gibt es ja eine Menge von ungegorenen Naturgeistern; diese haben ihre Perioden und Zeiten, sich nach ihrer Art tätig zu erweisen, auf daß sie dadurch in eine neue und höhere Tätigkeitssphäre zu treten imstande sind.
GEJ|5|85|4|0|Solche naturgeistigen Übergangsperioden sehen dann stets etwas naturstürmisch aus; das ist alles ebenso notwendig zur Erhaltung und Fortpflanzung des Ganzen, wie dir das Atmen zur Erhaltung deines leiblichen Naturlebens im höchsten Grade notwendig ist. Bist du schnell gegangen und hast dadurch deines Fleisches und Blutes Geister in eine größere Erregung gebracht, so vereinen sich dann diese und betreten dadurch schon eine höhere Seinsstufe; aber dafür werden die unteren Tätigkeitsstufen gewisserart arbeiterleer, und würden sie nicht schon im nächsten Moment durch neue Arbeiter besetzt werden, so würdest du alsbald wie ganz ohnmächtig dahinsinken und im schnell fortschreitenden und sich auch sehr schnell vermehrenden Untätigkeitszustande der unteren Naturlebensstufen auch ehest das ganze Leibesleben verlieren.
GEJ|5|85|5|0|Siehe, durch des Tages Licht und Hitze sind zahllose Myriaden von den aus der Materie erlösten Naturgeistern in der Pflanzen- und in der Tierwelt in eine höhere Seinsstufe übergegangen, und bei sehr hohen Temperaturen des Tages oft mehr, als da aus der groben Materie der unterststufigen Naturgeister frei gemacht werden konnten! Und du wirst es gleich merken, wie dabei alles so träge, so lebensunlustig und die Pflanzenwelt welk und oft ganz dürre wird. Der Grund davon liegt darin, daß da viel mehr der Naturlebensgeister in eine höhere Lebensstufe übergegangen sind, als von unten her ihre Stellen haben in den tätigen Besitz nehmen können.
GEJ|5|85|6|0|Es geht die Sache ungefähr also wie bei einem Strome, der nichts als eine fließende Wasseransammlung von vielen tausend kleinen Quellen ist. Könntest du also die fünfhunderttausend Quellen des Euphrat versiegen machen, so würdest du sein Bett ganz leer und in kurzer Zeit völlig ausgetrocknet haben. Es treibt da wahrlich ein Keil den andern, und erst im vollendeten Menschen haben alle von unterst aufsteigenden Naturlebensgeister ihre Endbestimmung erreicht, das heißt, was da betrifft des Menschen Seele und Geist; aber das Fleisch ist und bleibt noch lange Materie und zerfällt am Ende in allerlei Lebensformen, die endlich wieder aufsteigen bis dahin, wo ihnen das Ziel gesetzt ist.
GEJ|5|85|7|0|Wenn du das nun so ein wenig überdenkest und beherzigest, so wird dich dieser nun so ziemlich heftig ziehende Wind durchaus nicht wundernehmen, und auch das Geschrei der Kraniche nicht, die als Vögel auf einer höheren Intelligenzstufe stehen und am ersten wahrnehmen, wenn von unten her zu wenig der prinzipiellen Naturlebensgeister in sie aufsteigen.
GEJ|5|85|8|0|Des Tages sehr bedeutende Hitze hat gar viele Naturlebensgeister nach höher hinauf befördert, und es ist von unten her im allgemeinen ein bedeutender und fühlbarer Mangel eingetreten, und zwar gerade in dieser Gegend der Erde; dafür ist aber im Nordosten der Erde eben durch den heutigen und auch schon gestrigen und vorgestrigen Tag ein wahres Superplus der Naturgeister von ganz allerunterst her frei geworden aus der Materie. Am Entstehungs- und Freiwerdungsorte haben sie keine Unterkunft zu gewärtigen und ziehen oder ergießen sich hernach in jene Gegenden, die an ihnen einen bedeutenden Mangel verspüren. Die Wandervögel, und namentlich die Kraniche, besitzen in dieser Beziehung ein außerordentlich gefühlvolles und äußerst empfindsames Leben, nehmen am ersten unter allen Tieren sowohl die Überfülle wie auch den Mangel an benannten untersten Naturgeistern wahr, werden unruhig, fliegen auf, und ein jedes sucht in der Luft Schichten, in denen es ein Plus des Abgängigen findet, das es sich dann durch ein fleißiges Einatmen aneignet und durchs Geschrei kundgibt, daß es das Mangelnde gefunden; dies Geschrei der Kraniche ist demnach sowohl ein Zeichen des Behagens, aber freilich auch des Mißbehagens.
GEJ|5|85|9|0|Dieser Wind zieht nun gerade von Nordosten her und ist durch und durch vollauf gesättigt von jenen hierorts schon sehr in Abgang gekommenen ersten und untersten Naturgeistern, die die Apotheker den Sauer- oder Salzstoff nennen. Seine Kühle ist darum vorderhand niemandem schädlich, weil sie nur belebend wirkt und unsere schon sehr schlaff gewordenen Glieder stärkt und gar lieblich erfrischt. Dieser Wind aber dauert bei einer Stunde lang und wird sich sodann legen, und ihr alle werdet heiter und munter sein, und der Wein und das Brot wird euch schmecken.“
GEJ|5|86|1|1|86. — Vom Wesen des Diamanten und des Rubin (Thummim und Urim)
GEJ|5|86|1|0|Cyrenius war mit dieser Erklärung vollkommen zufrieden und fragte Mich nun bezüglich der Neger, die ihm seit einer Stunde aus dem Gesichte gekommen waren, und die er auch nicht an irgendeinem Tische hatte nachtmahlen sehen.
GEJ|5|86|2|0|Sagte Ich: „Diese sind, mit allem Nötigen versehen, schon vor mehr denn einer Stunde von hier abgereist und werden nun schon gute drei Stunden Weges von hier entfernt sein! Ich ließ solches der Essäer wegen geschehen, weil diese vor allen gar so wundertatsüchtig sind und sich gleich welche in ihr Institut bestellt hätten, wodurch das Gute, was Ich mit diesem Institute vorhabe, bedeutend hätte vereitelt werden können. An die Stelle eines oder des andern Negers, mit dem wenigstens der sehr weltläufige Roklus bald angebunden haben würde, habe Ich den Raphael hingestellt, der den Scharfverständigen sicher zu beschäftigen verstand und ihn noch gleichfort beschäftiget zu seinem Besten und zum Besten des bekannten Instituts und zum Besten der leidenden Menschheit.“
GEJ|5|86|3|0|Sagt Cyrenius: „Ach, ist mir doch recht leid um Oubratouvishar; denn das war wirklich ein Ausbund von einer menschlichen Naturweisheit! Ich möchte nur dabei sein und sehen den Justus Platonicus, wenn der Oubratouvishar in Memphis zu ihm kommen und ihm sicher genau kundgeben wird, was alles er hier erlebt hat!“
GEJ|5|86|4|0|Sage Ich: „Na, da würdest du alles das, was hier in den etlichen Stunden des Hierseins der Neger sich zugetragen hat, und was da gesprochen wurde, auf ein Haar richtig und genau wiedererzählen hören! Denn diese Art Menschen haben fürs erste ein sehr starkes Gedächtnis, und fürs zweite – was eine große Hauptsache ist – kennen sie die Lüge nicht und haben keinen Hinterhalt; daher werden sie dem Obersten von Memphis auch nichts verhehlen. Im übrigen hast du immerhin ein schönstes und kostbarstes Angedenken von ihnen, nämlich den großen Diamanten, der einen unschätzbaren Wert hat für diese Welt.
GEJ|5|86|5|0|Aber da Ich schon des Steines erwähnt habe, so muß Ich dir auch etwas von der besonderen Eigenschaft dieses Steines kundgeben. Weil der Stein eine überaus spiegelglatte Oberfläche hat, so entwickelt sich auf seiner Oberfläche auch gleichfort eine Art elektromagnetisches Feuer, oder für dich nun verständlicher gesagt: es spielen um seine überglatten Flächen gleichfort eine Menge Naturgeister der edelsten Art. Sie drängen sich haufenweise hin und umlagern ihn nach allen Seiten und erzeugen durch ihre beständige Tätigkeit auch ein gewisses, besonderes Leuchten seiner Flächen, was diesem Steine denn auch in den Augen der Menschen einen besonderen Wert verleiht.
GEJ|5|86|6|0|Einen nahezu gleichen Wert hat aber auch der Urim (Rubin), der auch eine Abart des Diamanten ist; nur ist der Diamant ein schwer trennbares, trugloses Bündel von einer Äone Weisheitsnaturgeistern, daher auch seine überaus große Härte, – während der Urim ein Bündel von Naturliebegeistern ist, daher er auch rot ist, etwas weniger Härte hat und um seine Flächen, besonders wenn er sehr gut und sehr fein geglättet ist, sich stets eine große Menge von Naturliebegeistern scharen, was denn auch diesem Steine einen ganz besonderen Lichtglanz verschafft, der nicht selten sogar in einer stockfinsteren Nacht noch, einer matten Glut gleich, sogar dem fleischlichen Auge ersichtlich ist.
GEJ|5|86|7|0|Wenn du nun die erwähnten zwei Steingattungen an die Brust hängst, so setzest du dadurch eine Menge Naturliebe- und Naturweisheitsgeister mechanisch in die nächste Verbindung mit deiner seelischen Außenlebenssphäre; diese Geister werden da von deinem seelischen Lebensdufte angeregt, werden sehr tätig und erzeugen dadurch in deiner Seele ein größeres Licht, in welchem Lichte der Naturgeister Spezialintelligenzen denn auch in der Seele einen spiegelartigen Reflex erzeugen, wodurch die Seele momentan in ein höheres und tieferes Wissen übergehen muß und auf diese Art hellersehend wird denn sonst in ihrem diesirdischen Normalzustande.
GEJ|5|86|8|0|Aus dem Grunde hat denn auch schon Moses durch seinen Bruder Aaron dem Oberpriester die Thummim- und Urim-Tafeln auf der Brust zu tragen anbefohlen, und zwar zur Zeit seiner Amtshaltung, allwann er dann auch zu weissagen imstande war.
GEJ|5|86|9|0|Aber von nun an wird anstatt der erwähnten Tafeln die wahre Liebe zu Gott und ihre Weisheit dasselbe bewirken, und das in einem viel höheren und lebendigeren Maße; aber ungeachtet alles dessen habe Ich dir bloß nur die besondere Eigenschaft dieser erwähnten beiden Edelsteingattungen deines Wissens wegen kundgegeben.“
GEJ|5|87|1|1|87. — Vom Gold- und Edelsteinschmuck der Herrscher
GEJ|5|87|1|0|(Der Herr:) „Es könnte eine solche Eigenschaft und Wirkung auch bei anderen Körpern erzielt werden, so sie zu einer außerordentlichen Glätte könnten gebracht werden; da aber solches bei den andern Körpern wegen ihrer zu geringen Härte nicht wohl tunlich ist, so können dafür nur der Thummim und Urim verwendet werden. Die alten Ägypter wußten gar wohl darum und verwendeten diese beiden Steingattungen auch zu dem Zwecke. Es trugen darum die alten Weisen und Pharaonen stets solche Steine auf ihrer Brust und in einem Goldreif auch auf ihrem Haupte.
GEJ|5|87|2|0|Wer demnach zu jenen Zeiten solche Steine trug, wurde vom Volke stets als ein Patriarch und als ein Weiser gehalten. Es hatte sonach damals ein königlicher Schmuck einen echten und wahren Grund. In dieser Zeit ist er aber nichts Weiteres als ein eitles Aushängeschild des irdischen Reichtums, des Hochmutes, so auch der Prachtliebe, der Selbstsucht und der über alles verdammlichen Herrschsucht. Wohl sind noch die Kaiser, die Könige und Fürsten und Heerführer mit diesen alten Weisheitsinsignien geschmückt; aber wo ist der alte, wahre Grund?! – Darum ist das, was dereinst bei den Alten eine Haupttugend war, nun zu einem Hauptlaster geworden!
GEJ|5|87|3|0|So war in den alten Zeiten auch das Herrschen eine Haupttugend; denn fürs erste waren in einem Lande eben nie zuviel wahrhaft weise und erfahrungsreiche Menschen vorhanden, und es hatte der, dem man die Last der gesamten Volksleitung übertrug, stets einen sauren Standpunkt und mußte stets der Lehrer und Ratgeber von Tausenden sein!
GEJ|5|87|4|0|Niemand riß sich um solch eine Stellung. Das Volk, von der Notwendigkeit eines weisen Leiters überzeugt, erbaute ihm die herrlichste Wohnung und schmückte die Gemächer mit allerlei Edelsteinen, mit Gold, Perlen und kostbaren Muscheln, und versah den Leiter mit allem, was er zum angenehmen Leben nur immer vonnöten hatte, und jedes Wort war dem Volke ein Gesetz. Darauf gründet sich noch heutigentags das große Ansehen der Herrscher, – doch mit dem großen Unterschied:
GEJ|5|87|5|0|Damals brauchte der Herrscher keine Waffen; sein Wort war schon alles in allem. Was er riet, und was er haben wollte, ward mit vereinten Kräften ins Werk gesetzt, und alles mit großer Liebe und Freude. Wer irgendeinen Schatz fand oder sonst etwas besonders Kunstvolles erzeugte, das brachte er dem Leiter des Volkes. Denn es war bei den Alten die weise Sitte, also zu urteilen: ,Was irgend dienlich ist, des Leiters Weisheit zu erhöhen, muß ihm gegeben werden; denn des Leiters Weisheit ist der Völker Ordnung und Glück!‘
GEJ|5|87|6|0|Aber nun ist das alles zu Grabe gegangen, und an die Stelle der alten Tugend ist nun eine wahre Sünde der Sünden der Menschheit gekommen. Wo sind die Patriarchen? O Babel, du große Welthure, du hast verpestet die Erde! Aber darum bin Ich nun gekommen, um die Menschen vom alten Erbübel zu erlösen, zu legen einen Fluch auf alle die Kostbarkeiten der Erde und zu segnen die Herzen, die eines guten Willens sind.
GEJ|5|87|7|0|Von nun an wird sein Mein Wort ein erster Edelstein dem Menschen und wahres und reinstes Gold Meine Lehre und ein wahrer, lebendiger Palast und ein Tempel ein jedes Menschenherz, das da erfüllt sein wird mit der reinen Liebe zu Gott, und aus dieser heraus zum Nächsten, und der wird sein ein wahrer König in Meinem Reiche, dessen Herz am liebeerfülltesten sein wird!
GEJ|5|87|8|0|Darum: Kein klingend Metall und kein geglätteter Diamant wird euch mehr dienen als Krone des Lebens, sondern Mein Wort und ein Handeln nach dem Worte! Denn von nun an soll keine Materie für eure Herzen mehr einen Wert haben, sondern allein Mein Wort und die freie, selbstwillige Handlung nach Meinem Worte.
GEJ|5|87|9|0|Wohl sollen die Kaiser und Könige sich nebst dem schmücken mit dem alten Schmucke; aber wollen sie weise und mächtig sein, so müssen sie dennoch keinen Wert darauf legen, sondern allein auf Mein Wort! Die das nicht tun werden, die werden auch bald von vielen Feinden umlagert sein!
GEJ|5|87|10|0|Wer aber schon einen Wert legt auf die Edelsteine und aufs Gold, der lege ihn auf die besonderen, in ihrer Natur begründeten Eigenschaften, die eine wahre Realität sind, nie aber auf den eingebildeten Wert, der eine Lüge ist!
GEJ|5|87|11|0|Wenn ein Fürst sein Wohngemach mit blankem und wohlgeglättetem Golde durch und durch darum austäfeln ließe, um im selben durch die Einwirkung der reineren Naturgeister, die am Golde, das dem Lichte entstammt, und namentlich an seiner hellen Glanzfläche sich stets in größter Anzahl ansammeln, in einen prophetisch hellsehenden Zustand zu geraten, in dem er so manches in seinem schweren Völkerleitungsgeschäfte ersehen könnte, was ihm sonst kein noch so feiner Spion hinterbringen kann, so täte er wohl daran; denn das reine Gold hat solche Einwirkung als ganz entschieden gewiß, und es liegt der Wert dieses Metalles auch einzig und allein nur darin.
GEJ|5|87|12|0|Aber freilich müßte dann solch eine Einrichtung auf eine reine und einsichtige Erkenntnis, nie aber aufs bloße Hörensagen, also völlig abergläubisch, gegründet sein; denn darum hat der Mensch den Verstand bekommen von Gott aus, daß er alles zuvor prüfen soll und wohl erkennen den wahren Grund, und dann erst behalten das Gute und Zweckdienliche in stets fürs Einzelne wie fürs Allgemeine bester Absicht. Wer das tut, der handelt in Meiner Ordnung recht und wird in keinem seiner Handlungszweige auf irgendwelche Abwege geraten.
GEJ|5|87|13|0|Aber so jemand, bloß aufs Hörensagen und auf den blinden Glauben, der ein eigentlicher Aberglaube ist, gestützt, eine solche Einrichtung trifft und würde davon auch einige Wirkungen verspüren, weiß aber nicht, woher sie rühren, welchen Wirkungskreis sie naturgemäß haben, bis wieweit sich dieser erstreckt und er notwendig seine Grenzen hat, – so wird ein solcher Mensch, der vermöge seiner ersten Grundlebensbildung auch gar leicht die Empfänglichkeit für derlei subtile Einwirkungen besitzt, leicht seine törichten, materiellen Phantasien und Einbildungen aller Art und Gattung als Wirkungen naturgeistiger Eindrücke ansehen und dadurch sich zu einem gräßlich falschen Propheten erheben und ganz viel Arges anrichten, besonders so er gar als ein machthabender Fürst die Gewaltmittel in seinen Händen hat; und da sind dann auch tausend der finstersten Abwege möglich.“
GEJ|5|88|1|1|88. — Glaube und Verstand
GEJ|5|88|1|0|(Der Herr:) „Darum soll ein rechter Jünger Meiner Lehre niemals etwas leichtfertig ohne eine vorangegangene genaue Prüfung annehmen. Erst wenn er von allem, was darin vorkommt, sich eine gründliche Einsicht und Überzeugung verschafft hat, soll er dann das Gute und Wahre als lebenswahr annehmen und darauf klug und weise danach handeln; und er wird dadurch ganz sicher zu jenen Resultaten gelangen, die man mit allem Fug und Recht als aus den Himmeln herab gesegnet anpreisen kann.
GEJ|5|88|2|0|Ich bin doch der Herr und der Meister von Ewigkeit, und ihr erkennet Mich als solchen nun vollkommen. Ich könnte zu euch nun sagen dies und jenes, krumm oder gerade, weiß oder schwarz, und ihr würdet es Mir glauben, da ihr nun lebensinnerlichst überzeugt seid, wer Ich bin. Da wäre sonach ein sogenannter Autoritätsglaube sicher am rechten Platze!? Aber wer von euch kann sagen, daß Ich solchen von jemandem verlange oder je verlangt habe?! Ja, Ich verlange Glauben, aber keinen blinden und keinen toten, sondern einen vollauf lebendigen! Ich lehre euch Wahrheiten, von denen der Welt nie etwas in den Sinn gekommen ist; aber Ich sage dabei nicht: ,Glaubst du das?‘, sondern: ,Hast du das wohl verstanden?‘ Und so du sagst: ,Herr, dies und jenes ist mir dabei noch unklar!‘, da erkläre Ich dir die Sache durch alle Mir zu Gebote stehenden Mittel so lange, bis du es vom tiefsten Grunde aus völlig begriffen hast, und gehe dann erst wieder um einen Schritt weiter.
GEJ|5|88|3|0|Ich könnte jedem wohl gleich anfänglich eine solche Erklärung geben, daß er eine von Mir neu vorgetragene Lehre alsogleich vollauf begreifen müßte; aber Ich kenne auch, was und wieviel er auf einmal zu ertragen fähig ist, und gebe auf einmal nur so viel, als es jemand von euch zu ertragen imstande ist, und lasse dem Samen Zeit, zu keimen und Wurzeln zu fassen, und binde Mich Selbst darauf, nicht eher etwas Neues zu bringen, als bis das eine auf den Grund begriffen worden ist. Ich lasse euch Zeit zur Prüfung des Vorgetragenen und Gezeigten!
GEJ|5|88|4|0|Ich Selbst sage zu euch: ,Prüfet alles und behaltet das Gute und somit auch Wahre!‘ Tue Ich Selbst aber das, um wieviel mehr ihr, die ihr der Menschen Gedanken nimmer zu durchschauen vermöget gleich Mir!
GEJ|5|88|5|0|Verlanget ja von niemandem einen blinden Glauben, sondern zeiget jedem den Grund! Und sollte er nicht fähig sein, solchen zu erfassen mit seinem Verstande, so lasset es euch der Mühe nicht gereuen, ihn von Stufe zu Stufe hineinzuleiten mit aller Liebe und Geduld, bis er fähig wird, eure gute Lehre vom Grunde aus zu begreifen; denn mit einem finstern Verstande soll niemand euer Jünger sein in Meinem Namen! Denn Ich gebe euch ein helles Licht und Leben, und ihr sollet darum keine Apostel der Finsternis und des Todes sein!
GEJ|5|88|6|0|Wer da sucht, der soll es finden; wer da bittet und fragt, dem werde eine rechte Antwort gegeben, und wer da pocht an die verschlossene Pforte, dem werde sie völlig aufgetan!
GEJ|5|88|7|0|Es gibt nichts Undienlicheres als eine halbe Antwort auf eine gestellte Frage; da ist gar keine Antwort geben besser um vieles! Und es gibt nichts Unpraktischeres als eine halbe Erklärung über eine Sache, von deren genauer Erkenntnis oft eine große Lebenswichtigkeit abhängt.
GEJ|5|88|8|0|Daher soll derjenige, der ein Lehrer sein will, dasjenige überaus gründlich erkennen in allen Wurzel- und Urkeimstiefen, was er seinen Bruder lehren möchte, da ansonst ein Blinder den andern führt, und kommen sie an einen Graben, so fallen dann beide, Führer und Führling, hinein.“
GEJ|5|89|1|1|89. — Die Gefahren des Goldes
GEJ|5|89|1|0|(Der Herr:) „Du kennst nun den wahren Wert des Goldes und der Edelsteine; gebrauche sie auch in der Art und Weise, wie Ich sie dir nun angezeigt habe, so wirst du ganz in Meiner Ordnung stehen wie ein Patriarch der Urzeit!
GEJ|5|89|2|0|Auch die Patriarchen der Urzeit kannten das Gold und gebrauchten es echt und gerecht; die aber anfingen, es nach dem eingebildeten Werte zu gebrauchen, die kamen auch ehest in ein großes Unglück. Denn aus dem eingebildeten Werte des Goldes, der Perlen und der Edelsteine erstanden erst die Diebe und die Straßenräuber, und ein König ward des andern Feind, sobald er in Erfahrung gebracht hatte, daß sein Nachbar etwa gar zuviel des gelben Metalles aufgehäuft hatte.
GEJ|5|89|3|0|Also nur die Narrheit der Menschen erzeugt gegenseitige Verfolgungen! Aus ihr entstehen am Ende alle erdenklichen Laster, als da sind: Neid, Geiz, Habsucht, Stolz, Hochmut, Herrschgier, Fraß, Völlerei, Unzucht und allerlei Hurerei, – und am Ende Totschlag, Mord und alle Grausamkeiten, die sich die Menschen gegenseitig bereiten. Und was schuldet hauptsächlich daran? Zuallermeist die gänzliche Verkennung des Goldes und der vielen Edelsteine und Perlen! Die Menschen haben sich nach dem Maße des Goldbesitzes voneinander zu unterscheiden angefangen! Der Stärkere brachte viel zusammen, und der Schwächere ging leer aus. Der nun am Golde Reiche hatte einesteils wohl bald eine bedeutende Anzahl interessierter Freunde, und der Arme wurde alsbald zum wenigsten ein halber Dieb, dem man nicht trauen darf, angesehen und daher verachtet! Was Wunder, so er bei solch einem Fingerzeig ehestens ein wirklicher Dieb ward?!
GEJ|5|89|4|0|Ich aber will diese ärgerliche Sache nun nicht weiter verfolgen, da du, Mein Freund Cyrenius, dir alles Weitere von selbst ganz und gar leicht denken kannst! Aber das setze Ich noch hinzu: Wollt ihr mit der Zeit frei sein von allerlei Feinden, Dieben, Räubern und Mördern, so schätzet das Gold und alle die Edelsteine nach ihrem eigenschaftlichen Werte, und ihr werdet dadurch die Anzahl eurer Feinde um ein sehr bedeutendes vermindern; denn durch eure Weisheit werden dann viele selbst weise werden und Gottes Ordnung in allen Dingen erkennen! Und werden sie das, so werden sie auch edle und liebe Menschen werden, vor denen ihr euch nicht zu fürchten haben werdet.
GEJ|5|89|5|0|Aber wenn ihr, oder zum mindesten eure Nachkommen, dem Golde, dem Silber und den Edelsteinen wieder den eingebildeten Wert werdet beizulegen anfangen, so werdet ihr wieder in die alten Feindschaftsverhältnisse treten, in denen ihr euch jetzt befindet. Ich sage es dir: Unter gewissen, wahren Verhältnissen ist alles gut auf der Erde und bringet Segen durch den wahren Gebrauch für Leib, Seele und Geist, und es ist dem Reinen alles rein, und für den, der selbst ein Licht geworden ist, kann es keine Nacht mehr geben; aber durch einen dummen, verkehrten und also ordnungswidrigen Gebrauch muß am Ende selbst das Beste schlecht werden und statt Segen und Heil – Fluch und Unheil bringen!
GEJ|5|89|6|0|Du weißt, daß das Wasser die mannigfachsten und allerbesten Eigenschaften besitzt und zum physischen Leben der Menschen, Tiere und Pflanzen das allerunentbehrlichste Element ist; aber so der Mensch sich eine Wohnung wollte errichten in der Tiefe des Meeres, um darin zu hausen mit den Fischen, so wird er in solcher Wohnung schnell den Tod seines Leibes finden. – Also ist das Feuer gleich dem Wasser ein notwendigstes Element zum Leben; wer sich aber in ein Feuer stürzete in der Meinung, darin eine noch größere Masse des Lebens sich anzueignen, der wird bald als Asche keinen Funken Naturlebens mehr besitzen!
GEJ|5|89|7|0|Und so geht es mit allen Dingen durch die Bank hindurch! Ja, selbst die giftigsten Pflanzen und Tiere haben ihren großen Segen für diese Erde; denn sie saugen den bösen Giftstoff aus der Luft an sich; ihre Natur ist also eingerichtet, daß ihnen das Gift, das in den ganz ungegorenen Naturlebensgeistern besteht, keinen Naturlebensschaden bringen kann.“
GEJ|5|90|1|1|90. — Die Hauptaufgabe des Menschen: ein vollkommenes Ebenbild Gottes zu werden
GEJ|5|90|1|0|(Der Herr:) „Lasset darum diese Dinge in ihren für die Erde nützenden Bezirken unangefochten; trachtet vor allem, vollkommene Menschen zu werden, – ja, werdet so vollkommen, wie da euer Vater vollkommen ist, so wird euch alles Gift der Pflanzen und der Tiere nichts anhaben können!
GEJ|5|90|2|0|Werdet, wozu ihr berufen seid, doch einmal wieder das, was die Erzväter waren, denen alle Kreatur gehorchte; werdet durch die Beachtung Meiner Lehre Herren der Schöpfungen eures Vaters in Seiner Ordnung, in welcher Hinsicht euch die Neger einen kleinen Beweis lieferten, und es wird bei so bewandten Umständen keine Feindschaft mehr bestehen, weder unter euch noch zwischen euch und den euch untergeordneten Kreaturen! Aber so ihr aus solcher Ordnung tretet, so werdet ihr euch den alten Fluch und Unfrieden wieder müssen gefallen lassen.
GEJ|5|90|3|0|In dieser Zeit wird zwar Mein Reich auf dieser Erde viel Gewalt bedürfen, und die es sich nicht mit Gewalt aneignen, werden es nicht in ihren Besitz bekommen. Später wird es jedoch leichter gehen; aber ohne einen gewissen Kampf, wenigstens mit sich selbst, wird sich Mein Reich schon auf dieser Erde nicht gewinnen lassen. Denn so schon das diesirdische Leben nur ein Kampf ist, um wieviel mehr das wahre, geistige Leben aus dem Jenseits, besonders wenn es als ein erwünschter Bürger schon in dieser Welt sich äußern soll. Aber der Kampf wird dennoch für jeden, der Gott wahrhaft liebt, durchwegs ein leichter sein! Denn dies sei einem jeden Meiner wahren Freunde gesagt, daß Mein Joch sanft und Meine Bürde leicht ist!
GEJ|5|90|4|0|Daß du und ihr alle das alles ganz wohl werdet verstanden haben, das sehe Ich und sage zu euch darum denn nun auch, daß ihr bereits mit allem wohl versehen seid, was ihr zur Weiterverbreitung Meines Wortes und Meines Willens benötiget. Nach der Weissagung des Propheten Jesajas ist hier nun alles erfüllet worden in den etlichen Tagen, und so wäre nun hier ein Tagewerk vollendet.
GEJ|5|90|5|0|Wer dies alles erkennt und es treu beachtet, der wird unfehlbar des Lebens Vollendung erreichen und wird den Tod nimmer fühlen, noch irgend auf was immer für eine Art wahrnehmen; denn wer schon im Leibe sich das ewige Leben des Geistes erweckt hat, der wird im Abfalle des Fleisches nichts als eine ihn über alles beseligende Befreiung im höchst klaren Bewußtsein seines vollkommensten Seins vollwahr und allerrichtigst wahrnehmen, und sein Sehkreis wird erweitert werden ins Unendliche hin.
GEJ|5|90|6|0|Aber den Unvollendeten wird es im Scheidungsmomente wohl etwas anders ergehen! Sie werden fürs erste in ihrem Fleische große Schmerzen zu ertragen bekommen, die sich natürlich zumeist bis zu jenem Momente steigern, den man den Trennungsmoment nennt. Nebst diesen unvermeidlichen Schmerzen des Fleisches aber werden auch in der Seele Furcht, Angst und am Ende sogar eine Art Verzweiflung sich kundgeben und die Seele noch mehr peinigen denn die noch so brennenden Schmerzen des Fleisches. Und wird die Seele frei von ihrem Fleische, so wird sie jenseits nicht selten viele Jahre nach der Zeitrechnung dieser Welt zu tun haben, um nur zu einem einigermaßen menschlichen Bewußtsein zu gelangen; von einer völligen Vergeistigung aber wird vielleicht in Äonen von dieser Erde Jahren keine Rede sein.
GEJ|5|90|7|0|Daher werdet ihr an euren Brüdern Groß-Gutes tun, so ihr euch mit ihnen auch dieselbe Mühe und Geduld nehmet, die Ich Mir Selbst nun mit euch genommen habe.
GEJ|5|90|8|0|Wohl euch und euren Brüdern, so auch ihr am Ende der Mühe werdet zum Bruder sagen können: ,Bruder, ich habe an dir mein Tagewerk vollendet, handle nun danach, und vollende dich selbst nach der dir gezeigten Ordnung Gottes, des Herrn alles Lebens und Seins von Ewigkeit!‘“
GEJ|5|91|1|1|91. — Alles hat seine Zeit
GEJ|5|91|1|0|(Der Herr:) „Ich habe aber bei euch einen vollen Tag über Meine Zeit zu eurem Heile hinzugegeben, und dazu bestimmte Mich Meine große Liebe zu euch.
GEJ|5|91|2|0|Seid und bleibet aber dessen wohl eingedenk und tut desgleichen, so ein Bruder zu euch sagen wird: ,Erleuchteter Bote des Herrn, bleibe noch bei mir; denn mein Herz findet einen mächtigen Trost und eine große, beseligende Stärkung an deiner Gegenwart!‘ Da verweilet auch, und wäre es auch um vieles über die euch vom Geiste vorgezeichnete Zeit! Denn wahrlich sage Ich euch: Ein solches freiwilliges Werk der Nächstenliebe wird von Mir hoch angerechnet werden!
GEJ|5|91|3|0|Es versteht sich von selbst, daß man das einem Freunde nur ein-, zwei-, dreimal tun kann; bittet er aber dann noch wieder um ein längeres Verweilen, so vertröste man ihn mit der Versicherung des baldigen Wiedersehens und eifere ihn an zur unverdrossensten Tätigkeit nach dieser Meiner euch allen nun gegebenen Lehre, segne ihn dann in Meinem Namen und ziehe des Weges weiter nach der Berufung des Geistes, der nun in euch aus Mir als ein lebendiges Wort wohnet und euch selbst führt und leitet zum ewigen Leben hin!“
GEJ|5|91|4|0|Sagt Cyrenius: „Herr, wie ist es denn nun? Du sagtest in der gestrigen Nacht, daß Du nach diesem Tage von hier abreisen werdest! Ist das schon ganz als unabänderlich bestimmt anzunehmen? Wäre es denn nicht tunlich, so Du, o Herr, denn noch einen Tag uns schenken möchtest?“
GEJ|5|91|5|0|Sage Ich: „Salomo, der Weise, sagte dereinst: ,Es hat alles seine Zeit!‘, und so habe auch Ich Meine gute und sehr genau eingeteilte Zeit und werde darum diesmal deinem Verlangen nicht nachkommen können; denn sieh, im großen Lande der Juden gibt es gar viele Städte, Flecken und Dörfer, die allenthalben von Menschen bewohnt werden! Die allermeisten wissen noch nichts von Mir, sind auch Meine Kindlein und harren schon vielfach auf die Ankunft des Vaters aus den Himmeln und werden auch eine gar übergroße Freude haben, wenn Er von ihnen, so wie nun von euch, erkannt wird. Aber ganz durchfallen sollst du, Mein innigster Freund, mit deinem Verlangen auch durchaus nicht! Und weil ihr Mich denn schon gar so liebhabt, so will Ich noch diese ganze Nacht und des morgigen Tages drei Stunden unter euch verweilen, da es auch Mir unter euch gar wonniglich ums Herz ist; aber über die drei Stunden hinaus geht es dann wohl um keinen Augenblick Zeit mehr! Denn wie gesagt: Es hat auf dieser Welt alles seine Zeit und seine Ordnung!“
GEJ|5|91|6|0|Sagt Cyrenius: „Aber Du bist ja auch ein Herr der Zeit und kannst sie sogar aufhalten oder gar vernichten!“
GEJ|5|91|7|0|Sage Ich: „Da hast du recht und richtig gesprochen! Aber es ist dabei nur das zu bemerken, daß Ich eben darum, weil Ich ein Herr der Zeit bin und die Zeit aus Mir verteilet und bestimmet habe und in einer gewissen Hinsicht die Zeit eigentlich Selbst bin, weil diese nichts anderes ist als Meine höchst eigene, unwandelbare Ordnung, wider die zu handeln Mir Selbst nahezu rein unmöglich ist; denn so Ich Mich Selbst gegen Meine Ordnung vergriffe, da würdest du bald sehr wenig von allen jenen Kreaturen erblicken, deren Dasein in Meiner ewig unwandelbaren Ordnung bedingt ist.
GEJ|5|91|8|0|Nimm nur einen Augenblick die Bedingung hinweg, so geht im selben Augenblicke auch das Bedungene unter! Oder stelle dir vor eine feste Burg auf einem Felsen festesten Gesteins! Du sagst, diese Burg sei wie für eine Ewigkeit erbaut. So Ich es aber zulassen würde, daß der mächtige Fels zu Butter erweicht würde, würde sich auch dann die feste Burg behaupten?! Oder du führest auf einem guten und festen Schiffe übers Meer; würde dein Schiff und sogar der beste Wind dir etwas nützen, so Ich das Wasser versiegen ließe bis auf den Grund?! Daß Mir solches wohl möglich wäre, wirst du nicht bezweifeln! Und es ist sonach ausgemacht, daß mit der Bedingung auch das durch sie Bedungene in den Bach fällt.
GEJ|5|91|9|0|Ich regle die Zeit überall und bin das ewige Gericht in ihr; aber in der heiligen Sphäre der Liebe gibt es eigentlich keine Zeit mehr, und Ich kann der Liebe allein schon noch immerhin etwas hinzugeben. Aber es bleibt bei dem genau, was Ich nun gesagt habe! Aber nun bringe Markus uns mehr Weines, auf daß wir der Nacht Kühle leichter ertragen; denn wir bleiben auch diese Nacht im Freien!“
GEJ|5|92|1|1|92. — Der Pharisäer Anstoß und Arger über das fröhliche Mahl des Herrn
GEJ|5|92|1|0|Markus hatte von Meinem Verlangen nach Wein nur so in der Ferne etwas halbwegs vernommen, so eilte er schon, einem echten Wirte gleich, in den Keller und brachte mit seinen beiden Söhnen gleich mehrere Krüge voll des allerbesten Rebensaftes. Unsere Becher wurden bis an den Rand gefüllt; alle tranken auf das Wohl des Gedeihens der neuen Lehre aus den Himmeln und konnten die Güte des Weines nicht genug loben, rühmen und preisen.
GEJ|5|92|2|0|Daß Roklus und seine Gefährten, die gleichsam an unserem Tische saßen – wenn auch am neu hinzugefügten, querüberstehenden Teile –, auch mit demselben Weine versorgt wurden, so wie nach und nach auch alle andern Gäste, versteht sich von selbst; wir alle griffen recht wacker nach den Bechern, und das gute Brot ward dabei auch nicht geschont.
GEJ|5|92|3|0|Es bemerkte aber solches der Pharisäertisch, der dem unsrigen zunächst stand, an dem die fünfzig Pharisäer mit ihrem Hauptredner Floran und ihrem Obersten Stahar aus Cäsarea Philippi saßen, daß auch Ich Selbst ganz gut dem Weine wie dem Brote zusetzte.
GEJ|5|92|4|0|Und Stahar machte dem Floran ziemlich laut die Bemerkung, sagend: „Da sieh doch einmal hin, wie ist dieser mit dem Geiste Gottes erfüllt sein wollende und sollende Prophet doch ein Vollsäufer und ein ganz ordentlicher Vielfraß! Auch scheint er gar kein Feind des weiblichen Geschlechtes zu sein; denn die gewisse, sehr anmutige Dirne sitzt ihm doch immer ja so fest am Leibe wie die beiden Ohren am Kopfe! Bedenken wir dagegen unsere moralischen Satzungen, die von Moses herrühren, was den Menschen alles verunreinigt! Ist er wirklich vom Geiste des Allmächtigen erfüllt, so kann er ja doch unmöglich nun selbst demselben Geiste, von dem auch Moses erfüllt war, durch die Tat widersprechen!? Hm, hm, das bedünket mich sehr!
GEJ|5|92|5|0|Seine Lehren und Taten zeugen offenbar, daß ihm von Gott aus eine höhere Befähigung verliehen ist, als sie je einem Menschen verliehen war, und wer nach seiner Lehre lebt, kann vor Gott nicht verlorengehen; aber wer also säuft und isset wie er, der wird ins Paradies dereinst nach dem Jüngstgerichte, von dem Daniel weissagte, schwerlich eingehen! Denn es stehet geschrieben: ,Hurer und Vollsäufer werden in das Reich Gottes nicht eingehen!‘ Was bedünket da dich, du mein stets hochgeachteter Floran?“
GEJ|5|92|6|0|Sagt Floran, mit den Achseln zuckend: „Das jetzige, ordentliche Saufgelage kommt mir auch ein wenig sonderbar vor! Es kommt mir die ganze Sache nun kleinweg so vor, als ob ich so ein wenig von einer Art ganz wohl verdeckter Teufelei etwas zu riechen anfinge! Mit so ganz rein göttlichen Dingen scheint es da nicht zuzugehen! Hm, hm, sieh hin, er füllte sich schon wieder seinen Becher! Ah, ah, das ist im Ernste etwas schon mehr als sonderbar! Und jetzt den Keil Brotes nach dem Trunke! Na, na, wir werden sehen, wenn er so recht betrunken sein wird, was er dann für eine Lehre seinen Jüngern geben wird!“
GEJ|5|92|7|0|Sagt Stahar: „Deine Bemerkung, besonders die von der Teufelsriecherei, kam mir sehr triftig vor, und es kommt mir nun schon diese ganze Komödie sehr sonderbar vor! Wir haben uns zwar alle zu seinen Jüngern umgestalten lassen; aber bei so bewandten Umständen wäre es meiner Meinung nach sehr zeitgemäß angezeigt, uns von solcher Ehre wieder mit aller Energie loszusagen, denn es kommt mir nun schon alles wie ein wohlberechnetes Blendwerk des Satans vor! Es spricht ja doch Daniel klar und deutlich aus, daß in einer Zeit ein mächtiger Widersacher Gottes unter den Menschen auftreten wird und wird tun solche Zeichen, durch die sogar die auserwählten Engel Gottes könnten verlocket werden, so Gott so etwas zuließe! Am Ende ist eben der nun der beschriebene Widersacher Gottes!? Freunde, wenn das, da wäre es sehr angezeigt, uns so schnell als möglich auf und davon zu machen, sonst holt uns der lebendige Satan mit Haut und Haaren vielleicht schon in der nächsten Stunde!“
GEJ|5|92|8|0|Mit solchen Reden und Illustrationen unterhielt sich der Fünfzig- Pharisäertisch schon seit dem Augenblicke, als Ich den ersten Becher Weines austrank. Es merkten aber das Roklus und seine Gefährten, die zusammen die Pharisäer ohnedies im Magen hatten.
GEJ|5|93|1|1|93. — Des Roklus scharfe Rede an die Pharisäer
GEJ|5|93|1|0|Roklus, der sich von Meiner Göttlichkeit vollauf überzeugt hatte, konnte dieser argen Rederei kein geduldiges Ohr mehr leihen; er stand auf, mit einem auch schon ganz bedeutenden Weinmute ausgerüstet, und sagte laut: „In einer so seltensten Gesellschaft auf Erden, wo Gott, Engel und wir, Seine vernünftigen Geschöpfe, wie Brüder beisammen kampieren, sollen Schweine keinen Tisch und keinen Platz haben! Zwar sind sicher auch die Schweine Gottes Geschöpfe, nur gehören sie nicht zu der Gesellschaft der Menschen! Was für ein wahnwitziges, allertollstes Geplauder! Wenn irgend hungernde Schweine zu grunzen beginnen, so liegt darin sicher bei weitem mehr Weisheit verborgen als in solch einem Gerede! Kurz und gut, das Dümmste, Ekelhafteste und dabei Herrschsüchtigst- Böswilligste war, ist und bleibt ein Pharisäer, besonders so ein Oberster und ein allererbärmlichster Schriftgelehrter der Juden!
GEJ|5|93|2|0|Diese Unmenschen wittern überall den Teufel! Sie finden und lehren sogar, daß die Teufel immerwährend auf der Erde gleich den Spürhunden im geheimen Jagd auf alle Menschenseelen machen und jeder Mensch unbedingt des Teufels und verloren ist, so er nicht geweihte Amulette aus dem Tempel bei sich trägt und sie alle Jahre mindestens zweimal erneuert; aber von dem merken sie nichts, daß eben sie selbst die allereigentlichsten Teufel auf dieser Welt sind! Sie sollten sich daher auch gar nicht verwundern, wenn sie unter sich von einem Teufelsgestank etwas in ihren Nüstern verspüren; denn das wäre doch erst recht des Teufels, selbst ein wahrhaftigster, eingefleischter Teufel sein und nicht verspüren von Zeit zu Zeit, daß man wirklich ein Teufel ist!
GEJ|5|93|3|0|Du Junger (Raphael), du hast doch früher einen Stein weggeputzt, – wäre es denn dir nicht auch möglich, die fünfzig räudigen Schweine wegzuputzen?! Denke es dir, was diese Kerle sich laut auszusprechen getrauten! Er, der alleinige Schöpfer des Weines und des Brotes, sündige nun, weil Er Selbst Wein trinket, und weil ein sicher allerunschuldigstes Engelchen von einem Mädchen an Seiner Seite sitzet! Ah, erlaube mir, das geht hier, solange ich hier bin, der ich den Herrn erkannt habe, durchaus nicht an! Die müssen fort! So vieles haben sie gehört und gesehen, – und nun sagen sie laut: ,Es könnte sein, daß dies alles ein Blendwerk des Satans wäre!‘ Mein Freund aus den Himmeln, ich bin nur von dieser Erde; aber das dulde ich selbst um den Preis meines Lebens nicht, daß solche Schweine den Heiligsten aller Heiligkeit so schändlich mit ihrem schmutzigsten und stinkendsten Geifer besudeln sollen! Hinweg mit ihnen!“
GEJ|5|93|4|0|Jetzt erst wurden die fünfzig aufmerksam auf die Ausbrüche des Roklus, und der Oberste Stahar erhob sich und fragte den Roklus mit ernster Miene: „Freund Roklus, gehet dein Wort etwa uns an?“
GEJ|5|93|5|0|Sagt Roklus: „Wen sonst etwa? Ihr seid ja eben des Satans schwarze Brut und könnet darum kein Licht ertragen! Wie könnet ihr es wagen, den Herrn und Meister von Ewigkeit, der euch dafür schon so viele der außerordentlichsten Beweise mit Wort und Tat geliefert hat, mit eurem alten, allerekelhaftesten Geifer so schändlich zu besudeln?! Fürchtet ihr euch denn nicht, daß darob sogar der Erdboden Rache nähme an euch?! Wer kann Der sein, der dem Berge im Meere zuruft: ,Vergehe und werde zunichte!‘, und der Berg vergeht im selben Augenblicke?! Kann ein Teufel – nach eurem Begriffe – je Demut und die höchste Liebe zu Gott und dem Nächsten predigen?! Oh, ihr ungeheuersten Ochsen und Esel zugleich, wie erschrecklich wüste und verwirrt muß es in eurem Gehirne aussehen, daß ihr das nicht einsehet, daß ein Teufel, so es je einen nach euren Begriffen gegeben hat, Gott dem Herrn gegenüber das allerohnmächtigste und darum allerarmseligste Wesen nach dem Maße sein muß, je weiter es von der vollen Gottesordnung entfernt ist!
GEJ|5|93|6|0|Wenn aber dem weisesten und wahrsten Worte des Herrn zufolge alle Kraft und Macht nur in der Liebe zu Gott dem Herrn besteht, welche Kraft und Macht hat denn hernach euer Beelzebub, der voll des bittersten Hasses gegen Gott sei, aus solcher seiner schmählichsten Eigenschaft? Wenn aber schon wir Menschen aus Mangel an rechter und wahrer Erkenntnis Gottes, und nur dadurch auch sicher aus Mangel der wahren und alles ausschließenden Liebe zu Ihm, schwache und nichts vermögende Wesen sind, um wieviel mehr dann erst eure Teufel, die Gott sehr wohl kennen sollen, Ihn aber dabei doch hassen über alle die uns begreiflichen Maßen! Jetzt –, wie das möglich ist, daß ein Wesen, Gott vollauf erkennend, Ihn dennoch über alles haßt, – wahrlich, um das zu begreifen und zu verdauen, gehört ohne weiteres ein pharisäischer Schweinsmagen dazu! So ein Magen nimmt zwar kein Schweinefleisch in sich auf; aber der Grund scheint naturgemäß darin zu liegen, daß ein Schwein das andere nicht frißt!
GEJ|5|93|7|0|Ich liebe nun Gott den Herrn mehr als alles in der Welt, wo ich Ihn erst so ein ganz wenig nur erkannt habe, und fühle, wie meine Liebe zum Allmächtigen mit meiner stets zunehmenden Erkenntnis mit im Wachsen ist, und ich fühle es lebendigst in mir, wie dadurch auch meine Willenskraft effektiv mächtiger wird. Wie ich nun dastehe, nehme ich's ganz allein mit tausendmal tausend Legionen von pharisäischen Teufeln auf! Alle zusammen tragen mir keinen Strohhalm von der Stelle, – und die Kerle behaupten, daß dieser Heilige der Heiligsten Gottes Seine Werke mit Hilfe ihrer eingebildeten Teufel zustande bringe!? Oh, ihr heilloses Lumpengepack, ich werde euch eure allmächtigen Teufel schon hinaustreiben! Ist gerade recht, daß mir die Kerle in die schon lange erwünschte Quere gekommen sind!“
GEJ|5|94|1|1|94. — Raphael erklärt Roklus die Begriffe "Satan" und "Teufel"
GEJ|5|94|1|0|Sagt Raphael: „Mein liebster Freund Roklus, mäßige dich; denn diese waren wohl pikfeste Pharisäer, sind aber nun unsere Jünger geworden und werden ihren Irrtum einsehen! Und in bezug der Teufel hast du eben noch eine zu geringe Kenntnis, um über deren Einfluß auf die Menschen wahr und gültig zu reden. Wenn du davon erst eine nähere Kenntnis haben wirst, dann wirst du davon auch reden können!
GEJ|5|94|2|0|Sieh, das, was man ,Satan‘ und ,Teufel‘ nennt, ist die Welt mit aller ihrer verführerischen Pracht. Freilich wohl ist alle Materie, aus der die Welt besteht, auch nur ein Werk Gottes, und es liegt in ihr Göttliches verborgen; aber daneben liegt in ihr auch Lüge, Trug und Verführung, woraus dann entsteht Neid, Geiz, Haß, Hochmut, Verfolgung und daraus hervorgehend allerlei Laster ohne Zahl und Maß.
GEJ|5|94|3|0|Und siehe, eben dieses Falsche, die Lüge und der Trug, ist geistig genommen der ,Satan‘, und alle die einzelnen, daraus notwendig hervorgehenden Laster sind eben das, was man ,Teufel‘ nennt; und eine jede Seele, die irgendeinem der zahllos vielen Laster als begründet ergeben ist, ist ein Teufel in Person und ein tätiger Ausdruck eines oder des andern Schlechten und Bösen, und es ist in einer solchen Seele ein schwer zu erlöschender Trieb, nur gleichfort Böses zu tun in der Art, in der sie sich lebensbegründet hat in der Zeit ihres fleischlichen Seins.
GEJ|5|94|4|0|Da aber eine jede Seele auch nach dem Leibestode fortlebt und sich in der Region dieser Erde aufhält, so ist es gerade eben nichts Seltenes, daß eine solche Seele sich auch in die Außenlebenssphären der Menschen begibt und durch diese mit ihrer irgend bösen Begierlichkeit auch in jenem Menschen Böses zu erwecken strebt, in dessen Lebenssphäre sie eine ganz willkommene Nahrung dadurch findet, daß der noch im Fleische wandelnde Mensch einen nicht unbedeutenden natürlichen Hang und Zug für ein gleiches Laster in seinem Fleische trägt, gewöhnlich infolge einer schlechten und vernachlässigten Grunderziehung.
GEJ|5|94|5|0|Solche Seelen bemächtigen sich öfters sogar des Fleisches der Menschen und quälen dadurch gar eine hie und da schwache Seele, und der Herr aber läßt solches zu, um eben bei der Seele solch ein Leck auszubessern; denn dadurch bekommt die geplagte Seele dann erst einen wahren und lebendigen Widerwillen gegen eine lasterhafte Schwäche ihres Fleisches und verwendet am Ende alle Tätigkeit darauf, darin stark zu werden, worin sie ehedem schwach war, wozu ihr des Herrn Gnade auch zeitgerecht zu Hilfe kommt.
GEJ|5|94|6|0|Siehe, das ist vernunftgemäß richtig und wahr, – was der Jude freilich sehr ferne von der Wahrheit des eigentlichen Sachverhaltes unter dem Ausdrucke ,Satan‘ und ,Teufel‘ so ganz eigentlich verstehen sollte; weil er es aber nicht versteht, so hält er aber unter ,Satan‘ und ,Teufel‘ eine geistig personifizierte böse Willensmacht, die darin ihr größtes Wohlgefallen findet, die Menschen von dem Wege, in der Ordnung Gottes zu wandeln, abwendig zu machen.
GEJ|5|94|7|0|Allein, diese verkehrten Seelen haben dabei durchaus keine gottesgegnerischen Absichten; denn fürs erste kennen sie Gott nicht von der fernsten Ferne, und fürs zweite sind sie zu blind, dumm und blöde, um irgendeine Absicht fassen zu können. Denn außer sich erkennen sie gar kein Bedürfnis und handeln nur aus purer Selbstsucht. Sie reißen nur das an sich, was ihrer Selbstsucht frönt, und sind unter sich selbst höchst mißtrauisch; daher ist bei ihnen eine Kommunkraft (gemeinsame Kraft) gar nie denkbar, und du hast darin dann ganz recht, daß ihre Kraft null und nichtig ist.
GEJ|5|94|8|0|Ja, sie ist null und nichtig für Menschen, die einmal völlig in die Liebe und in den Willen des Herrn eingegangen sind; aber für Menschen, die noch so halb hin halb her sind, oder wenn du ihr Geistiges und ihr Materielles in die Waagschale legst und auf keiner Seite einen Fürschlag merkest, da gibt dann in irgendeiner seelischen Leidenschaftssache eines in der gleichen Leidenschaftssache steckenden Dämons Zutat auf die materielle Seite der moralischen Waage schon ein recht merkliches Übergewicht, und die Seele windet sich dann von selbst schon schwerer aus dem Materiellen ins Geistige hinüber.
GEJ|5|94|9|0|Verweilt aber die Seele im Materiellen, so hängen sich dann auch nach und nach stets mehrere gleichgesinnte Dämonen an die materielle Lebenswaagschale, der Fürschlag wird stets merklicher, das Materielle wird also denn stets gewichtiger und das Geistige natürlich geringer. Und siehe, da zeigt es sich dann, daß die ,Teufel‘ der Juden oder die ,Dämonen‘ der Griechen am Ende einer Seele in der Zeit ihrer Selbstbildung doch einen sehr bedeutenden Schaden zufügen können, ohne den eigentlichen Willen gehabt zu haben, ihr zu schaden!“
GEJ|5|95|1|1|95. — Des Roklus Einwände
GEJ|5|95|1|0|Sagt Roklus: „Wie kann ein intelligentes Wesen jemandem ohne Willen schaden?! Ein Dämon muß doch wenigstens noch immer so viel Selbstgefühl und Selbstbewußtsein haben, daß er weiß, was er will; weiß er aber das, so ist er sträflich für den bösen Willen! Und die Zulassung solcher geheimen Einflüsterungen der argen Dämonen in eine harmlose Menschenseele finde ich auch nicht ganz in der besten Ordnung; werden sie aber schon aus irgendeinem geheimen Weisheitsgrunde zugelassen, so kann da doch die arme Seele keine Schuld haben, wenn sie von den Herren Teufeln verdorben wird!
GEJ|5|95|2|0|Haben aber die Teufel weder eine Intelligenz, und darum noch weniger irgendeinen freien Willen, so können sie der Seele auch nicht schaden, – und schaden sie ihr schon, so hat da weder die Seele, die beschädigt wurde, noch der intelligenz- und willenlose Teufel irgendeine Schuld; die fiele dann bloß dem anheim, der so etwas zuließ! So urteile da ich ganz frei von der Leber weg und scheue mich durchaus nicht, solches hier offen auszusprechen!
GEJ|5|95|3|0|Haben aber die Teufel, wie man sagt, sogar eine sehr scharfe Intelligenz – was zu vermuten ist, weil sie bei einer armen Seele sogleich auswittern, wo sie in der materiellen Sphäre schwach ist –, so haben sie auch einen Willen, ihr zu schaden; in diesem Falle bleibt die Seele abermals schuldlos, und nur die Teufel und der, der sie zuließ, tragen da wiederum allein die Schuld!
GEJ|5|95|4|0|Gib mir Waffen und zeige mir den Feind, und ich werde es dann schon sicher verhüten, daß er mir so leicht an den Leib kommt! Aber wenn ich den Feind, der mir sonach einen ganz bedeutendsten Schaden zufügen kann, dem er mich zu den scheußlichsten Lastern ganz geheim und unsichtbar verlocken kann, nicht kenne und dazu hernach aber auch noch die Schuld davon tragen muß samt ihren schwerbösen Folgen, – ah, da bedanke ich mich für ein solches Leben!
GEJ|5|95|5|0|Das heißt dann einen schwachen Menschen nackt hinausstellen unter eine Herde von hungrigen Wölfen, Hyänen, Löwen, Tigern und Panthern. So er sich hat von ihnen zerreißen und auffressen lassen, so trägt dann er die Schuld auch noch und muß darum von dem Richter dann noch dazu verdammt werden, weil er sich als ein völlig wehrloses, schwaches Wesen erstens von bewaffneten, starknervigen Schergen hinaus in die Wildnis hat schleppen lassen müssen, und zweitens, weil er dann von den wilden Bestien zerrissen und gefressen worden ist!
GEJ|5|95|6|0|Wie gefällt deiner himmlischen Weisheit solch eine Justiz zum Beispiel?! Freund, wenn die Sache sich so verhält mit den Dämonen oder Teufeln, und die arme, leidige Menschenseele bleibt da allein die Schuld- und Folgenträgerin mit oder ohne Intelligenz und Willen der sie verderbenden Teufel – dann, dann gibt es keinen weisen und liebgerechten Gott, sondern vielleicht nur so ein zauberisch blindallmächtiges Wesen, also eine Art Fatum, das da stets, gleich den hohen Römern, seine größte Freude an allerlei Tierhetzereien und wütendsten Stiergefechten hat, und gegen das sich ein Mensch nur dann versündigen kann, wenn er selbst sich der Weisheit durch die gerechten Mittel beflissen hat!
GEJ|5|95|7|0|Ich sage es dir fürwahr: Wenn deine Worte unfehlbar Realität haben, dann haben bald die Pharisäer recht! Ich aber habe den Herrn Selbst über so manches reden hören und kann, mich darauf stützend, sagen, daß du, schöner Bote der Himmel Gottes, diesmal so ein bißchen in den Bach gefallen bist; und ich bleibe dabei stehen, daß ich allein mit meiner nunmaligen Liebe zum Herrn die früher ausgesprochene Anzahl der pharisäischen Teufel total aus dem Felde schlage!“
GEJ|5|96|1|1|96. — Die Dämonen und ihr Einfluß
GEJ|5|96|1|0|Sagt Raphael sanft lächelnd: „Siehe, du mein Freund, auch du hast schon drei volle Becher Weines im Kopfe, das heißt, den Geist davon, und darum bist du nun noch kritischer in deinem Verstande als ehedem! Du hast deinesteils ganz recht, wenn du behauptest, daß die Dämonen über einen Menschen, der völlig in der Liebe zu Gott sich befindet, in noch so großer Anzahl durchaus keine Gewalt auszuüben imstande sind; denn von einer Kommunalkraft kann bei ihnen keine Rede sein, da von ihnen ein jeder in der größten Selbstsucht und Eigenliebe ist und es daher ja keinem beifällt, seinen Nachbar in irgend etwas zu unterstützen aus Furcht, der Nachbar könnte heimlich und ganz verkappt wieder einen Vorteil gewinnen, der ihm dann sicher eine fruchtlose Reue abnötigen würde.
GEJ|5|96|2|0|Wenn sie miteinander gewisserart auf den Raub ausgehen, so verrät ja keiner dem andern seine höchst geheim gehaltene Absicht, und kommen sie wie zufällig am Orte des Raubes zusammen, so gibt es da unter ihnen selbst den oft bittersten Krieg. Denn der erste sich auf eine Beute Werfende ist ein Feind eines jeden, der sich neben ihm auch auf die Beute wirft, und sucht ihn zu verdrängen. Ein Dritter benützt schadenfroh diese Gelegenheit und stiehlt für sich dann; und fängt ein Vierter neben ihm auch an, für sich zu stehlen, so kommen diese zwei auch zum Raufen, und ein Fünfter stiehlt dann ganz ruhig wieder für sich. Kommt ein Sechster hinzu, so entsteht gleich ein neuer Kampf, und ein Siebenter hat dann wieder so lange gut stehlen, bis ein Achter in seine Nähe kommt. Alle kämpfen nun, und keiner läßt sich vom andern die Stelle des Raubes und den schon gemachten Raub selbst nehmen.
GEJ|5|96|3|0|Du siehst, daß da sicher kein Teufel dem andern in irgend etwas hilft; aber durch ihren höchst selbstsüchtigen Andrang vermehren sie dennoch das Gewicht an der allgemeinen Beute, und es geht dann ungefähr also, als wenn du zwei ganz gleiche Gewichte in die Schalen einer Waage legest, die gegenseitig für sich gar keinen Ausschlag gäben. Du bestreichst aber ein Gewicht mit nur einem höchst ungewichtigen Tropfen Honigs, und sogleich wird der süße Geruch Tausende von Bienen anlocken; diese werden sich ans Gewicht setzen und sogleich einen Ausschlag ganz unwillkürlich bewirken.
GEJ|5|96|4|0|Kannst du Gott darum der Unweisheit beschuldigen, so Er der Biene den Geruch und die Gier nach Honig und dem Honige selbst die duftende und anlockende Süße gegeben hat?! Oder ist der Herr unweise, so Er Seine Geschöpfe nicht nur höchst zweckmäßig, sondern auch höchst schön, jegliches in seiner Art, gestaltet hat?! Ist es etwa unweise von Ihm, der Jungfrau jene höchst reizende und anziehende Form gegeben zu haben, daß sie vor den Sinnen des schrofferen Mannes auf dieser Welt den allerhöchsten Wert haben muß, er Vater und Mutter verläßt und allervergnüglichst seinem zarten und lieben Weibe anhanget?!
GEJ|5|96|5|0|Wie es aber schon in der Außenwelt sich erkennen läßt, daß ein Wesen das andere in irgend etwas anzieht, um so mehr ist solches erst in der Welt der Geister der Fall; und wäre dies nicht also, wie bestände da eine Erde, ein Mond, eine Sonne und wie die zahllos vielen anderen Weltkörper im unermeßlichen Schöpfungsraume?! Ein Atom hat Sympathie mit seinem Nachbarn; beide ziehen sich an. Was die beiden tun, das tun dann zahllose Äonen, sie ziehen alles Gleiche und Gleiche an, und es entsteht daraus am Ende eine Welt, wie es der Herr in der vergangenen Nacht allen Seinen Jüngern gar handgreiflich gezeigt hat und du solches in dem euch überreichten großen Buche auch vollauf beschrieben finden wirst.
GEJ|5|96|6|0|Wenn aber also, ist es dann unweise vom Herrn, so Er allernotwendigstermaßen einer jeden Seele die allerunbedingteste Willens- und Erkenntnisfreiheit läßt und danebst natürlich auch die daraus entspringenden Folgen?! Oder würdest du Gott dann als höchst weise preisen können, wenn da irgend jemand von hier nach Jerusalem reisen wollte und setzete dafür seine Füße auch in Bewegung, aber er käme damit doch bei allem seinem Willen und bei der besten Wegkenntnis nicht nach Jerusalem, weil es Gott nicht so haben wollte, daß jemandem von seinem Wollen und Können eine entsprechende Folge werden solle, sondern der Mensch käme statt nach Jerusalem, wo er wichtige Geschäfte abzumachen hätte, nach Damaskus, wo er gar nichts zu tun hat?! Sage es mir, ob du solch eine göttliche Einrichtung für weise finden würdest! Oder findest du es ungereimt, wenn dich am Tage Bienen, Wespen, Hornissen und allerlei Fliegen ordentlich zudecken und auffressen werden, wenn du ganz mit Honig bestrichen dich hinaus ins Freie begibst?!
GEJ|5|96|7|0|Wenn aber nun deine Seele irgendeinen sündigen Leidenschaftsduft in ihre Außenlebenssphäre streut und die schon vom Fleische befreiten, aber noch in einem gleichen Lieblingsdufte stehenden Seelen solchen in deiner Außenlebenssphäre gewisserart riechen, endlich auf dich losstürmen und sich an deinem Überflusse sättigen, ohne eigentlich zu wissen, was sie tun, sondern rein nur deshalb sich stets zahlreicher um dich versammeln, weil sie in deiner Sphäre die erwünschte Kost finden, so ist das gewiß nicht unweise vom Schöpfer, der nichts so sehr für ewighin respektiert als die unbedingteste Freiheit einer jeden Seele. Hat ja doch eine jede Seele stets Mittel genug in den Händen, sich der ungeladenen Gäste zu entledigen, wie oft und wann sie es will!
GEJ|5|96|8|0|Willst du in der Freie nicht von den stechenden Insekten belästigt werden, so wasche und reinige dich von dem törichten Honiganstrich, und du wirst Ruhe haben; und willst du keine deine Seele schwächenden und belästigenden Dämonen in deiner Außenlebenssphäre, so erwähle dir des Herrn dir bekannte Ordnung zu deiner Lebensmaxime und ich stehe dir dafür, daß kein Dämon in die Nähe deiner Lebenssphäre kommen wird!
GEJ|5|96|9|0|Glaube es mir, wenn du mit irgendeiner in und aus dir selbst entstandenen Lebensverkehrtheit die Dämonen nicht anlockst und anziehst, so werden sie dich sicher nicht anziehen, verlocken und verführen; hast du sie aber angezogen, so mußt du es dir dann selbst zuschreiben, wenn sie deine Seele in einer und derselben Leidenschaft durch ihren Andrang noch mehr verhärten werden, ohne es eigentlich zu wollen.“
GEJ|5|97|1|1|97. — Der freie Wille des Menschen. Die Hilfe der göttlichen Gnade
GEJ|5|97|1|0|(Raphael:) „Ich sage es dir: Ein jeder Mensch wird zuerst aus sich selbst schlecht und der göttlichen Ordnung abtrünnig! Dazu wird er freilich wohl zumeist durch eine ganz verkehrte Erziehung präpariert und gerät also in allerlei üble Leidenschaften und aus diesen in allerlei wahre Sünden. Durch diese aber öffnet er dann auch allen argen fremden Einwirkungen die Türen und kann also im Grunde und Boden des seelischen Lebens verdorben werden und auch bleiben, – aber doch immer nur, wenn er es also will.
GEJ|5|97|2|0|Will er sich ändern, so steht ihm vom Herrn aus nichts im Wege; denn ein Bedrängter darf ja nur den leisesten Wunsch in sich äußern, und es wird ihm alsbald Hilfe gegeben. Aber so er sich in seiner Bosheit ganz wohl und zufrieden befindet und nie einen bessern Wunsch von sich und in sich vernehmen läßt, da freilich wird ihm in seinem Willen keine besondere Einstreuung gemacht.
GEJ|5|97|3|0|Wohl wird es in seines Herzens Sensorium, das man ,Gewissen‘ nennt, eingeflüstert, und er bekommt von Zeit zu Zeit ganz tüchtige Mahnungen von uns aus. Kehrt er sich nur einigermaßen daran, so ist da von einem Verlorengehen und Verdorbenwerden keine Rede mehr. Da kommt dann die geheime Hilfe unablässig von oben und verleiht der Seele stets Einsicht und Kraft, sich aus dem großen Gewirre mehr und mehr loszumachen; und es gehört dann nur so ein wenig guten Willens dazu, und es gehet dann schon recht hurtig vorwärts, – wenigstens bis dahin, wo der Mensch, für eine höhere Offenbarung geeignet, vom Geiste Gottes Selbst ergriffen und weiter im wahren Lebenslichte geführt wird.
GEJ|5|97|4|0|Aber wo sich natürlich der Mensch in seiner groben Verblendung und in seinem Weltsinnenrausche an die gar sanften und leisen Mahnungen, von uns ausgehend und sich im Herzen kundgebend, gar nicht im geringsten kehrt, sondern schon gleich tut, als wäre er ein Herr der ganzen Welt, – ja, da hat dann doch wohl niemand anders die Schuld am unverbesserlichen Zustande der eigenen Seele als eben die höchst eigene Seele für sich selbst!
GEJ|5|97|5|0|Glaube es mir, und merke wohl auf, was ich dir nun sage! Es gibt in der ganzen Natur- und Geisterwelt keine sogenannten Urteufel, sondern nur solche, die schon früher als unverbesserlich schlechte und lasterhafte Menschen einmal auf der Welt gelebt haben und schon da als die ganz eigentlichen, eingefleischten Teufel die andern Menschen zu allerlei Lastern und Schändlichkeiten nicht nur verlockten, sondern auch mit allen ihnen zu Gebote stehenden Zwangsmitteln dazu nötigten, – wodurch sie sich aber in sich selbst eine desto größere Verdammnis bereiten, aus der sie sich schwer je völlig herauswinden werden. Du magst hier nun denken, wie du magst, kannst und willst, so wird es dir nicht möglich sein, dem Herrn auch irgend im geringsten nur eine Schuld beilegen zu können.
GEJ|5|97|6|0|Daß aber dann auch jenseits vom Herrn in der ordnungsmäßigen Art alles Mögliche zugelassen wird, um eine verdorbene Seele zu heilen, kannst du dir wohl denken; denn der Herr hat keine Seele fürs Verderben, sondern nur für die möglichste Lebensvollendung erschaffen. Aber das kannst du dir auch merken, daß da im ganzen, unermeßlichen Schöpfungsraume keine einzige Seele durch ein irgend unvermitteltes, ganz unbedingtes Erbarmen zu einer Lebensvollendung gelangen kann, sondern nur durch ihren höchst eigenen Willen! Der Herr läßt dem Menschen wohl allerlei Hilfsmittel in die Hände spielen; aber dann heißt es beim Menschen, diese als solche erkennen, sie mit dem eigenen Willen ergreifen und selbst wie ganz eigenmächtig gebrauchen!
GEJ|5|97|7|0|Ja, wenn dann ein Mensch frei aus sich ruft und sagt in seinem Herzen: ,Herr, ich bin zu schwach, mir mit den von Dir mir dargereichten Mitteln zu helfen; hilf Du mir mit Deinem Arm!‘, – ah, da hat der Mensch selbst die höhere Hilfe begehrt mit dem eigenen Willen und aus der eigenen Erkenntnis und Innewerdung der unzulänglichen Kraft! Da kann dann der Herr auch sogleich mit aller der erforderlichen Macht und Kraft einwirken und einer schwachen Seele augenblicklich helfen.
GEJ|5|97|8|0|Aber es muß da des Menschen Wille wie sein Erkennen und Vertrauen von der vollsten Entschiedenheit durch und durch begleitet sein. Denn es bleibt sonst bei der Ordnung, dernach sich eine jede Seele mit den dargebotenen Mitteln selbst helfen muß, weil jede fremde Einstreuung in das Hauselement des Eigenwillens eine offenbare Auflösung des Wesens der Seele zur notwendigen Folge haben müßte. Denn wenn die Seele sich selbst bilden muß nach der ewig notwendigen Anordnung des Herrn, so muß sie sich auch selbst bilden und vollenden mit den dargebotenen Mitteln, gleichwie auch ein jeder Mensch auf der Erde sich selbst des Leibes Nahrung suchen, sie erkennen und genießen muß, so er sein irdisches Leben fristen will.
GEJ|5|97|9|0|Da steigt kein Gott und kein Engel auf die Erde und saget allenthalben: ,Seht, dies und jenes esset, so es euch hungert!‘, sondern es kommt der Hunger und der Mensch kostet mit seinem Gaumen die überall wachsenden Früchte, und die ihm munden, die ergreift er und stillt sich mit ihnen ganz behaglich seinen Hunger. Dürstet es ihn, so eilt er zu einer frischen Quelle, und friert es ihn, so wird er sich bald aus allerlei feinsten Stoffen, die seine Haut nicht reizen und stechen, eine Hülle zur Not zusammenflechten und seine Haut also verwahren vor der Kälte der Luft. Und will er geschützt vor Regen und wilden Tieren sein, so wird er auch bald mit einer Hütte fertig sein; denn es sind ihm dazu ja allerlei Mittel geboten. Wo er sich nur hinwendet, findet er gleich eine Menge Gaben, die er als solche leicht erkennen und auch mit den ihm dafür verliehenen Kräften ebenso leicht gebrauchen kann.“
GEJ|5|98|1|1|98. — Die Selbstbestimmung der Seele
GEJ|5|98|1|0|(Raphael:) „Wenn der Herr aber den Menschen schon für die äußeren Lebensbedürfnisse selbst sorgen läßt, um die Seele in der Selbsterkenntnis und Selbsttätigkeit zu üben, um wieviel mehr ist dann das für die Seele selbst der notwendige Fall!
GEJ|5|98|2|0|Sogar den Tierseelen ist ein ihnen ganz zu eigen gegebener Trieb (Instinkt) wie eingepflanzt, nach dem sie, und zwar jegliches in seiner Art, zu handeln pflegen. Es wäre ganz irrig anzunehmen, daß diese scheinbar sprach- und vernunftlosen Kreaturen ihre Handlungen wie von einer äußeren Kraft belebte Maschinen verrichten. Wäre das der Fall, so könnte auch das allerbeste Haustier zu keiner noch so einfachen Arbeit abgerichtet werden und würde dem Rufe des Menschen sicher keine Folge leisten.
GEJ|5|98|3|0|Weil aber auch ein jedes Tier eine eigene Seele hat, die in sich eine für sich abgeschlossene Lebenskraft besitzt, aus der heraus die Tierseele nach ihrer Willkür ihren Leibesorganismus in Bewegung setzt, so ist ein Tier auch verschiedentlich abrichtbar. Ein bloß von außen her belebtes Wesen hat weder ein Gedächtnis, noch irgendeine Art von einer Beurteilung. Sein ganzes Leben ist ein mechanisches und sein Bestreben ein so abgemessenes und gerichtetes, daß von einer Veredlung durch irgendeine Art von einem Unterrichte gar keine Rede sein kann; da muß solche auch nur auf eine mechanische Art von außen her geschehen.
GEJ|5|98|4|0|Du kannst einem Baume tausend Jahre lang vorreden, daß er so und so stehen und edlere Früchte zum Vorschein bringen soll, – so wird das alles vergebens sein! Da mußt du Messer und Säge in Bewegung setzen, mußt dem Wildling die Zweige abnehmen, die Rümpfe vorsichtig spalten, in dieselben edlere frische Zweige stecken und sie dann wohl mit den wilden, gespaltenen Rümpfchen verbinden, so wird dir dann der also rein mechanisch veredelte Baum mit der Zeit auch edlere Früchte bringen!
GEJ|5|98|5|0|Das Tier aber kannst du schon durch Worte und durch gewisse Handgriffe abrichten, und es wird dir dann bei erforderlichen Gelegenheiten dienen und sich ganz nach deinem Willen richten. Dies aber gibt dir das untrügliche Zeugnis, daß die Tiere selbst auch eine Art Willensfreiheit haben, ohne die sie dir ebensowenig gehorchen und dienen könnten wie ein Stein oder ein Baum.
GEJ|5|98|6|0|Wenn aber schon die Tiere sichtlich eine für sich abgeschlossene Seele, begabt mit einiger Erkenntnis und Willensfreiheit, besitzen, die sich nach der ihr eigenen Lebensart selbst bestimmen muß, um wieviel mehr und um wieviel ausschließlicher muß das dann erst bei einer Menschenseele der Fall sein! Da kann vorderhand von irgend von außen her kommenden fremden Einflüssen schon gar keine Rede sein, weder von guten und noch weniger von schlechten.
GEJ|5|98|7|0|Die Seele hat ja ohnehin alles, was sie für den ersten Lebensaufschwung nur immer irgend vonnöten hat. Hat sie sich in sich selbst durch ihre höchst eigene Willenskraft und durch die freiwillige Liebe zu Gott in ein mächtigeres Lebenslicht gesetzt, so wird sie auch bald inne, was ihr noch alles abgeht, wird sich dann denn auch freiwillig bestreben, aus allen ihren Lebenskräften das zu erreichen, was ihr eben noch abgegangen ist, und wird die Wege und die Mittel gar wohl erkennen, und sie mit ihrem höchst eigenen Willen auch verlangen und ergreifen und sich bereichern mit den Schätzen des stets höheren, geistigeren und vollendeteren Lebens.
GEJ|5|98|8|0|Was die Seele sich denn auf diesem Wege, der ein rechter Weg nach der Ordnung Gottes ist, erwirbt, ist und bleibt dann völlig ihr zu eigen, und keine Zeit und keine Ewigkeit kann es ihr mehr entreißen. Was sich aber die Seele niemals selbst, durch ihren Willen und durch ihr Erkennen, hat erwerben können, wie zum Beispiel den äußern, organischen Leib und mit ihm so manche äußeren, irdischen Vorteile, das kann ihr auch nicht bleiben, sondern es wird ihr genommen, wie es ihr gegeben ward.
GEJ|5|98|9|0|Wenn aber das alles also ist, wie es einen jeden Menschen die tagtägliche Erfahrung lehrt, so kann da auch von keinen die Seele ziehenden und bestimmenden bös-dämonischen Gewalttaten eine noch so ferne Rede sein; denn alles hängt von dem Willen und Erkennen und endlich von der Liebe der Seele ab. Wie du es willst, erkennst und liebst, eben also wird es dir – und nicht denkbar je anders!
GEJ|5|98|10|0|Willst, erkennst und liebst du das Rechte nach der Ordnung Gottes, so wirst du auf diesem Wege auch allzeit zur Realität gelangen; willst, erkennst und liebst du aber solcher Ordnung, in der allein Realität und Wesenheit geboten ist, entgegen, so gleichst du einem Menschen, der auf einem Acker ernten will, auf dem nie ein Getreide ausgesäet ward, und du mußt es dir am Ende nur selbst zuschreiben, wenn deine Lebensernte gleich einer Null geworden ist. – Sage du mir nun, ob du jetzt in der Ordnung bist!“
GEJ|5|99|1|1|99. — Floran verweist den Pharisäern ihre lieblose Kritik am Herrn
GEJ|5|99|1|0|Sagt Roklus: „Das sicher; denn du hast mir alles das ja doch so handgreiflich klar dargestellt, daß ich in meinem ganzen Leben noch nichts Klareres in dieser Hinsicht vernommen habe! Aber nun ärgere ich mich erst noch mehr über jene Pharisäer dort, die wieder ganz zu den alten, gewöhnlichen Pharisäern werden, je öfter sie den Herrn den Becher in die Hand nehmen sehen, und je gemütlicher der Herr Sich mit dem Cyrenius und Kornelius bespricht! Siehst und hörst du nicht, wie diesen schwarzen Kerlen nun schon alles ein Greuel wird, was der Herr nun nur immer tut und spricht?! Haben sie doch solche Zeichen von Ihm gesehen, essen nun an Seinem Tische und loben und preisen Ihn mit der Zunge der Schlangen! – Ja, was sagst denn du dazu?“
GEJ|5|99|2|0|Sagt Raphael: „Laß du das ganz gut sein; denn glaube du es mir, daß dem Herrn das durchaus nicht entgeht! Er Selbst wird sie zur rechten Zeit schon ganz gehörig zurechtweisen, und eine vom Herrn ausgehende Zurechtweisung sieht immer ganz besonders bitter aus für den, dem sie stets bestverdientermaßen zuteil wird. Siehe, auch der Cyrenius und Kornelius und Julius und Faustus merken das, was du merkst, und ich habe es schon lange gemerkt! Aber des Herrn Wille hat mich geheim zur Geduld ermahnt, und so tue auch ich, als ob ich's nicht merkete, was die fünfzig untereinander verhandeln. Aber sie werden nun bald dahin gelangen, wo man ihnen entgegentreten wird! Sei darum nun noch eine ganz kurze Zeit vollends ruhig!“
GEJ|5|99|3|0|Roklus ward nun stille und wartete ab, was da kommen werde. Aber die fünfzig Pharisäer warteten nicht, sondern hielten ihre Beratungen fort.
GEJ|5|99|4|0|Floran, ihr bekannter Hauptredner, war aber mit den sehr schlüpfrigen Ansichten des Obersten Stahar nicht einverstanden und sagte: „Des Meisters Essen und Trinken gilt mir noch als kein Beweis wider Seine Göttlichkeit! Es kommt mir Sein ganzes Benehmen mehr wie eine stumme Frage vor, ob wir in unserem Glauben nicht wankend werden, so wir etwa dies oder jenes an Ihm bemerketen.
GEJ|5|99|5|0|Ist Er der von David so herrlich vorbesungene Messias Jehova Zebaoth, so kann Er tun, was Er will, und es ist von Ihm noch immer recht getan; denn wie sollen wir arme, ohnmächtige, sterbliche Menschen Dem Verhaltungsregeln vorschreiben wollen – da es doch nur von Ihm abhängt, daß wir sind und leben –, der Himmel und Erde gemacht und allen Tieren und Menschen ihre Glieder und verschiedenen Lebensorgane geschaffen, eingerichtet und gegeben hat! Da bist du, Stahar, und ihr alle rein auf dem allerschmutzigsten und sogar lebensgefährlichsten Wege!
GEJ|5|99|6|0|Was kümmert es denn uns, daß Er nun etwas mehr Weines trinkt und Brotes ißt?! Ist ja doch Er der Schöpfer von beiden! Wahrlich, das beirrt mich nicht im geringsten; im Gegenteile freut es mich nur ganz eigens, so auch Er, als der Allerhöchste und Allerweiseste, sich in unserer menschlichen Weise bewegt!
GEJ|5|99|7|0|Ich muß es offen gestehen, daß es von euch im höchsten Grade unklug ist, sich hier im Angesichte der höchsten Herrschaften der Welt so zu benehmen, als ob deren Heil von eurem Wohlwollen abhinge! Was und wer seid ihr denn? Nichts als arme, kriechende Erdwürmer vor der Macht eines solchen Menschen, der den Elementen gebietet, – und diese gehorchen Seinem Willen!
GEJ|5|99|8|0|Der Wein hat auch eure Gemüter erhitzt und umnebelt euren Verstand; daher bringet ihr denn nun auch Urteile zum Vorscheine, die ich der übergroßen Dummheit wegen geradewegs klassisch nennen möchte. Was wollt ihr dadurch bezwecken? Oder könnet ihr aus dem Moses heraus erweisen, daß das dann und wann etwas reichlichere Trinken des Weines verboten sei? Könnet ihr behaupten, daß Noah gesündigt hat, als er vom Safte der Trauben ein wenig zuviel zu sich nahm? Ja, der Sohn hat gesündigt und sich des Fluches würdig gemacht, der den Vater dem Spotte preisgab; jener Sohn aber, der des Vaters Scham bedeckte, ward voll des Segens!
GEJ|5|99|9|0|Daher sage ich euch: Was der Herr tut, ist allzeit und ewig recht getan! Und würde Er hier mehrere Schläuche Weines zu Sich nehmen, so hat uns das nicht zu kümmern; und würden Ihn tausend Jungfrauen umlagern, welchen Standes und Rufes sie auch wären, so hat uns auch das nicht im geringsten zu kümmern; denn Er ist ihr Schöpfer und Erhalter so gut wie der von uns! Was kann uns das kümmern, so Er Sich Seinen wie immer gearteten Werken nahet und das an ihnen etwa Schadhafte und Kranke heilt?! Seid um Jehovas Willen denn doch billig und dankbar bescheiden in euren Urteilen!“
GEJ|5|100|1|1|100. — Der Segen der römischen Herrschaft für das jüdische Volk
GEJ|5|100|1|0|Sagt Stahar: „Du glaubst also, wie es mir scheint, fest an seine Gottheit?!“
GEJ|5|100|2|0|Antwortet Floran: „Was soll mich daran beirren?! Hat Gott zu Mosis Zeiten etwa große Zeichen getan?! So aber ein Mensch hier, ausgerüstet mit der höchsten Weisheit, solche nie erhörten Zeichen tut, die zu tun nur der göttlichen Allmacht allein möglich sind, – was soll mich dann abhalten, solch einen Menschen als vom wahrsten Geiste Gottes vollst erfüllt anzusehen und ihn unmittelbar für den allein wahren Gott zu halten?! Meine Ansicht, meine Annahme und mein darauf gegründeter Glaube stehen da fester als die undenkbar alten Pyramiden Ägyptens!
GEJ|5|100|3|0|Ich glaube aber nun nicht nur, daß es also und nicht anders ist, sondern ich bin davon bis in meine innerste Lebensfiber überzeugt, und mich kann in solcher meiner lebendigsten Überzeugung nichts mehr wanken machen, und du, wetterwendischer Stahar, schon am allerwenigsten!
GEJ|5|100|4|0|In dieser Hinsicht kann ich auch mit dem besten Gewissen von der Welt mit den Römerhelden ausrufen: SI TOTUS ILLABATUR ORBIS, IMPAVIDUM FERIENT RUINÆ! [Wenn auch der ganze Weltkreis einstürzt, so werden die Trümmer den Unerschrockenen tragen!]  Denn ich weiß, was ich sehe und was ich glaube, und ich bin da keine Windfahne und kein Schilfrohr in einem Teiche voll Schlammes und Morastes. Wohl aber bin ich zu einem Marmorfels im Meere geworden, an dessen harter Stirne sich Orkane und Wogenbrandungen weidlichst zerschellen müssen!“
GEJ|5|100|5|0|Sagt Stahar: „Auch die Gottesgerichte des Tempels zu Jerusalem?“
GEJ|5|100|6|0|Sagt Floran: „Wer diesen Herrn und Meister und die Gebieter Roms zum Schilde hat, der hat keine Furcht vor den sogenannten Gottesgerichten, die Gott nie eingesetzt hat. Wahrlich, keine noch so geringe Furcht könnte mich vor Jerusalems höchsten Androhungen anwandeln, – auch alle Donnerflüche des Hohenpriesters gingen an meinen Ohren spurlos vorüber! Denn wer am Tage wandelt, hat meiner Ansicht nach die Schrecknisse der Nacht nicht zu fürchten, und so habe auch ich keine Furcht vor dem Tempel zu Jerusalem!
GEJ|5|100|7|0|Wenn man diese sonnenhelle Lehre vergleicht mit den mir nur zu wohlbekannten Satzungen des Tempels, so erkennt man ja doch auf den ersten Augenblick, daß in dieser Lehre des Geistes höchster Tag und im Tempel des Geistes tiefste Nacht waltet. Ja, die der Nacht noch angehören, die werden noch vieles zu befürchten haben, und namentlich den Tod ihrer Seelen; mich aber erwartet höchstens der Tod des Leibes, der eigentlich gar kein Tod ist!
GEJ|5|100|8|0|Das ewige Leben meiner Seele aber kann mir niemand mehr rauben; denn ich sehe und fühle es schon lebendigst in mir und empfinde auch solches Lebens ewig unberechenbare Vorteile. So ich aber demnach auch nicht die geringste Furcht vor dem Abfalle des Leibes in mir fühle, wie sollte ich da irgendeine Furcht vor den sogenannten Gottesgerichten des Tempels in mir empfinden?! Darum sage ich und bleibe lebendigst fest dabei: Wer am Tage wandelt, hat die Schrecknisse der Nacht nicht zu scheuen!“
GEJ|5|100|9|0|Sagt Stahar mit einer bedeutend, so recht templerisch finsterernsten Miene: „Warum und wie kannst du den Ort Nacht nennen, wo die Schrift und das Wort Gottes dem Volke gelehrt wird?!“
GEJ|5|100|10|0|Sagt Floran: „Die Schrift, die wir beide als – sage – Schriftgelehrte ebensowenig verstehen wie einer, der sie noch nie zu Gesichte bekam, und das aus lauter niedrigen Menscheninteressen zusammengestellte sein sollende Wort Gottes kenne ich nur zu gut. Daher erwähne mir davon nur keine Silbe mehr! Welche Wunder haben denn wir je mittels des allmächtig sein sollenden Wortes Gottes geleistet? Was anderes etwa wohl haben wir mit gutem Gewissen aufzuweisen als das nur, daß wir mit den freiwilligen, taxierten und mit Gewalt erzwungenen Opfern unsere Säckel und Kassen voll gemacht haben und haben mit allen Mitteln, darunter auch das schlechteste nicht zu schlecht befunden ward, jedes Fünklein bessern Lichtes zu erdrücken uns auf das allereifrigste bestrebt?
GEJ|5|100|11|0|Ist es nicht eine himmelschreiende Schande, daß wir als das alte Volk Gottes uns von den Heiden weise Gesetze und Staatshaltsnormen haben vorschreiben lassen müssen? Und wären diese nicht gekommen, bei uns doch irgendeine menschlichere und bessere Rechtspflege einzuführen, so befände sich unser Volk nun in einer solchen Unordnung, daß es unter den wildesten Tieren keine elendere mehr geben könnte.
GEJ|5|100|12|0|Was war denn unser Recht vor den Römern? Nichts als die blindeste Willkür eines jeden, der irgendeine Gewalt auf was immer für eine Weise sich zu eigen gemacht hatte!
GEJ|5|100|13|0|Solch ein Reicher hatte so wie gestern etwas geboten; heute aber gereute es ihn, weil er seiner Meinung nach kein für ihn recht vorteilhaftes Gebot gegeben hatte. Er ward darob zornig, bestrafte zuerst seinen Ratgeber, dann alle jene, die das gestrige Gesetz beachtet hatten; denn sie hätten hingehen, sich vor dem Gesetzgeber in den Staub werfen und ihn aufmerksam machen sollen, daß das gegebene Gesetz mehr zu ihren als zu seinen Gunsten gestellt war! Wer zum Mächtigen aber gesagt hatte: ,Höre, du mächtiger und weisester Gebieter, das gegebene Gesetz ist nicht zu befolgen! Und wird es befolgt, so gehest dadurch du und alle deine Untertanen zugrunde; denn dieses Gesetz rührt von einem verräterischen und arglistigen Ratgeber her, der sicher von einem deiner neidigen Nachbarn dazu bestochen worden ist!‘ –, was geschah nun? Der, der den Gesetzgeber auf solchen Gesetzesmangel oder -fehler aufmerksam gemacht hatte, ward wegen unverschämter Dreistigkeit zur scharfen Strafe gezogen; der böse Ratgeber wurde auch gestraft, und die, die bekanntlich das schlechte Gesetz beachtet hatten, wurden auch zur Verantwortung gezogen, und das oft schon zuvor, ehe noch ein neues Gesetz verkündet worden war. – Wie gefällt euch ein solches Rechtssystem?
GEJ|5|100|14|0|Es hatte aber vor den Römern das große Land der Juden eine Menge solcher Kleinherren, von denen ein jeder ein ausgemachter Tyrann seiner wenigen, in der größten physischen und geistigen Not schmachtenden Völkerchen war und sie von Tag zu Tag hetzte nach seinen Launen und nach seiner vor gar niemandem verantwortlichen Willkür. Waren da die Römer als Heiden nicht wahre Himmelsboten, als sie kamen mit großer Macht und zum Plunder trieben alle die Hunderte der gewissenlosesten Kleintyrannen?! Sie gaben dann vernünftige und bleibende Gesetze, unter denen ein jeder Mensch ganz gut Herr seines Gutes war; er bezahlte seine mäßige Steuer und konnte dann ungehindert Handel und Wandel treiben, wie es ihm nur immer beliebte, – es versteht sich von selbst – auf dem Wege des gesetzlichen Rechtes.
GEJ|5|100|15|0|Daß der Tempel kein Freund der Römer war und ist, das wissen wir, und der Grund ist uns auch nicht unbekannt; denn die mächtigen Römer verlangten auch vom Tempel den Tribut, während ehedem die kleinen Tyrannen an den Tempel den Tribut zahlten, damit seine Priester das Volk in der Finsternis erhielten und demselben stets den allerunbedingtesten Gehorsam predigten.
GEJ|5|100|16|0|Oh, wann hat man noch den Juden von einem unbedingten Gehorsam gegen die Herrschaft Roms predigen hören? Man sagt dem Volke wohl, daß die Römer eine Rute in der Hand Gottes seien, die man sich müsse gefallen lassen; aber die hundert scheußlichsten Tyrannen, die das arme Volk ärger denn die Teufel in einem fort quälten, waren keine Gottesrute, sondern lauter von Gott bestellte Prüfungsengel. Wer sich ihnen widersetzte, ward alsbald als ein Widersacher Jehovas erklärt und verdammt.
GEJ|5|100|17|0|Oh, das waren für den Tempel freilich glückliche Zeiten, vor denen der Herr die arme Menschheit in der Folge wohl für immer bewahren möge! Des Tempels Gottesgerichte sind noch so ein kleines, aber noch ein hinreichend böses Überbleibsel, vor dem ich aber nun – dem Herrn allein alles Lob! – gar keine Furcht habe; denn ich bin nun des Herrn und Roms, und das genügt, um vor den Drohungen des Tempels nimmer erbeben zu dürfen! – Bist du mit dieser Erklärung zufrieden?“
GEJ|5|101|1|1|101. — Roklus und Floran im Gespräch über Stahar
GEJ|5|101|1|0|Stahar macht darob ein finsteres Gesicht und sagt darauf kein Wort; denn des Floran Worte haben den Alten doch wieder ein wenig auf heimlich bessere Gedanken gebracht.
GEJ|5|101|2|0|Aber Roklus, der diese Verhandlung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit angehört hatte, erhob sich und eilte schnurstracks zum Floran hin, klopfte ihm auf die Achsel und sagte: „Ich lobe dich! Du bist ganz mein Mann! Ich nehme dich auf in unser Institut, das da nun steht unter dem wahren Schutze Gottes und unter dem Schutze Roms. Was du nun geredet, das hat dir der Herr eingegeben; es war wie aus meiner Seele gesprochen! Ah, solche Worte tun meinem Gemüte, das den Menschen nur wohl will, überaus wohl! Ich begreife nur das nicht, wie Stahar, der mir wohlbekanntermaßen sonst doch auch gerade nicht aufs Gehirn gefallen ist, bei von ihm gesehenen so außerordentlichen Taten und gehörten und verstandenen Lehren des Herrn noch irgendeinen Zweifel in seiner Brust mag aufkeimen lassen?!
GEJ|5|101|3|0|Für mich, der ich nun nur etliche Stunden hier verweile, ist das bisher Gesehene und Gehörte viel zuviel, – und Stahar hat so viel gesehen und gehört, und es konnte ihm doch beifallen, den Herrn der ganzen Unendlichkeit der Teufeleien zu beschuldigen! Wein hin, Wein her, ich habe den Wein auch genossen und nehme sehr wahr in mir, daß auch mein Mut um ein bedeutendes gesteigert worden ist; aber meine einmal gefaßten Überzeugungen wanken nicht und würden auch dann nicht wanken, wenn auch meine Glieder ein wenig zu wanken anfingen. Aber beim alten Weißkopf Stahar möchte etwa wohl der alte Römerspruch: ,IN VINO VERITAS!‘ ["Im Weine ist Wahrheit!"] in Anwendung gebracht werden; denn der Wein hat sonderbarerweise die Wirkung, daß er häufig bei den Menschen den dunklen Schleier der Politik lüftet und einem Menschen wider sich selbst die Zunge löst. Und bei solchen Gelegenheiten hat man schon oft so manches erfahren, was sonst aus sehr wohlberechneten, selbstsüchtigen, klugen Gründen mit einem Menschen wäre zu Grabe getragen worden.
GEJ|5|101|4|0|Stahar war vorher sicher, trotz seines diamantfesten Pharisäertums, sehr in die Enge getrieben worden. Er sah sich mit seinen Gegensätzen für verloren an und ergab sich endlich, weil er kein Loch, irgend zu entwischen, offen fand; aber tief in seinem Allerinnersten blieb er ganz für sich noch immer der alte, diamantfeste Pharisäer. Nun hatte er aber die große Unklugheit begangen, ein wenig zu viel vom edlen Rebensafte zu genießen, und der hat den alten, verstockten Pharisäer aus seinem innersten Versteck herausgeholt und ihn für sich selbst reden gemacht. Wenn bei dem Alten der Weindunst wird verraucht sein, da wird es ihm sicher sehr leid sein, daß er sich selbst so schön verraten hat.
GEJ|5|101|5|0|Nicht umsonst dichteten die Menschen von den Bacchantinnen, daß sie nicht selten den Menschen zukünftige Dinge und Ereignisse vorhersagten, und man hielt große Stücke auf ihre Aussagen. Bei ihnen machte auch der Wein die wunderliche Wirkung. Auch vom großen Judenkönig David erzählt man sich, daß er viele seiner Psalmen nach genossenem Weine geschrieben und selbst gesungen habe.
GEJ|5|101|6|0|Wenn der Wein demnach eine solch besondere Wirkung hat, so ist es als ganz sicher anzunehmen, daß sich der alte Oberste der Pharisäer nun selbst zu unserem allgemeinen Besten und trotz seiner früher vorgeschützten totalen Bekehrtheit doch wieder als der stets gleiche und unwandelbare echte Pharisäer geoffenbart hat, eine Menschengattung, vor der selbst die wildesten Bestien der Wälder ihren gehörigen Respekt haben, geschweige ein unter ihrem Joche stehender armer Sünder! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|5|101|7|0|Sagt Floran: „Ja, liebster Freund, du hast in einer gewissen Hinsicht ganz recht; aber doch gibt es dabei noch einen Punkt, der hier in eine berücksichtigende Erwägung gezogen werden kann! Sieh, wenn du einen jungen Baum, der krumm gewachsen ist, beugen willst, so wird der Erfolg bald deine Mühe segnen; machst du dich aber über einen alt gewordenen, krummen Baum her, so wirst du fürs erste allerlei Kraftmaschinen in Anwendung bringen müssen, um den schon sehr steif gewordenen älteren Baum gerade zu machen, und fürs zweite wird es dir nicht an der rechten Geduld fehlen dürfen! Nur von Tag zu Tag wirst du einen ganz kleinen Druck ausüben dürfen, und das so lange fort, bis der Baum ganz gerade geworden ist; wolltest du ihn aber mit aller Kraft auf einmal geradebeugen wollen, so würdest du den Baum abbrechen und somit töten, was doch sicher kein gesegneter Erfolg deiner großen Mühe wäre. – Das scheint auch des Herrn Liebe und Weisheit bei dieser Gelegenheit zu beachten.
GEJ|5|101|8|0|Unser Stahar wird nun in eine Stellung gebracht, in der er sich in seinem altjüdischen Jehovaeifer sehr geärgert fühlen wird. Was hält sein Aberglaube noch alles für eine Sünde, was nach der reinen Vernunft nie eine Sünde, weder vor den Menschen und noch weniger vor Gott, sein kann! Dazu gehört nach seiner Moral ein reichlicherer Genuß des Weines und das Reden mit einer Jungfrau, die nach seiner Idee noch nicht völlig reif sein könnte! Nun, ist er ganz nüchtern, so geht er offenbar über derlei Kleinigkeiten hinweg; aber er hat ja selbst mehrere Becher Weines vertilgt, und des Weines Naturgeister haben in seinen Eingeweiden nun noch so recht alte, verhärtete Überreste des alten, stockblinden Pharisäertums gefunden, haben sie belebt und zu einem gewissen Aufstande gebracht. Allein, es ist im Grunde die ganze Erscheinung kaum wert, daß wir darüber ein Wort verlieren!
GEJ|5|101|9|0|Ich habe dem Alten aber schon ohnehin meine ganz wohlgegründete Meinung auf eine sehr verständliche Weise gesagt, und er denkt darüber nun in seinem Halbschlafe nach. Morgen ist er sicher ein ganz anderer Mensch, – und wäre es nicht also, wie ich dir's nun gesagt habe, so hätte schon der Herr Selbst ihm etwas entgegengesagt; aber der Herr, wohl wissend, was an dieser Sache ist, scheint davon gar keine noch so kleine Notiz zu nehmen. Wenn aber Er und die hohen Häupter Roms das Ganze völlig ignorierten, so können auch wir beide völlig versichert sein, daß an dieser Erscheinung nicht mehr gelegen war, als wie ich sie dir nun soeben dargestellt habe. Über das hinaus aber muß ich dir für deinen sehr freundlichen Antrag von ganzem Herzen danken, und zwar mit der für mich sehr erquicklichen Versicherung, daß ich vom selben einen ganz unbedingten Gebrauch machen werde.
GEJ|5|101|10|0|Denn was Beseligenderes kann's für einen ehrlichen Menschen auf dieser Erde wohl nicht geben, als zu leben und zu wirken in einer wahren Menschengesellschaft, deren Motto ,Liebe und Wahrheit‘ heißt, wo des Menschen Menschenwert gegenseitig als das heiligste Unterpfand unseres Seins und also völlig als das anerkannt wird, was er von Gott aus ist, und wo alle Glieder wie aus einem Herzen den Herrn lebendigst erkennen, Ihn lieben und Ihm allein alle Ehre geben und auch wie aus einem Munde sagen: ,Der Herr allein ist alles in allem, und wir aber sind untereinander lauter Brüder, von denen sich keiner auch nur von ferne einbildet, mehr und vorzüglicher zu sein denn sein Nächster; und soll es schon in der Gesellschaft irgend Unterschiede geben, so sollen diese nur darin bestehen, daß einer dem andern ein größerer Freund zu sein trachtet, um mit vereinten Kräften allen Menschen in der vollsten Wahrheit zu nützen!‘
GEJ|5|101|11|0|Ja, Freund Roklus, das ist des Menschen wahrster und so ganz eigentlich himmlischer Beruf auf dieser Erde: allen Bedrängten und Notleidenden physisch und geistig zu helfen, wo eine Hilfe irgend nur immer noch möglich ist! Und das ist auch der überklar ausgesprochene Liebewille des Herrn; wer dem treulich nachkommt, der wird selbst sicher auch nicht leer ausgehen! – Bist du nicht auch völlig meiner Meinung?“
GEJ|5|102|1|1|102. — Roklus beleuchtet das Pharisäertum
GEJ|5|102|1|0|Sagt Roklus: „Ganz mein Leben, mein Herz, mein Gefühl, mein allzeitiges Denken und Trachten und ganz mein Wille also schon von jeher, – und jetzt um so mehr, da ich den Herrn erkannt und Sein ganzes Wesen in mein Herz und in mein Wollen aufgenommen habe für immer und immer! Auch bin ich in bezug auf den alten Stahar nun ein bedeutendes billiger zu reden und zu urteilen denn der im Lichte wandelnde Mensch hat ein leichtes, über die Nacht zu reden. Es gibt am Tage wohl auch Schatten; aber es ist unter jedem Baume heller um vieles denn in der noch so hellen Nacht. Wie aber in der Natur, also auch im Geiste! Bei dem es im Herzen und in der Seele taget, der hat sich gut ärgern über seines Nebenmenschen Nacht; denn seine tartarusfinstersten Gedanken sind noch immer helles Licht gegen die Nacht des lichtesten Himmelsgedankens eines echten Pharisäers.
GEJ|5|102|2|0|Denn weißt du, bei uns Griechen besteht schon seit sehr lange das Sprichwort über einen Menschen, der so etwas recht Blitzdummes herredet oder verrichtet: ,Der ist ja noch dümmer als ein jüdischer Pharisäer!‘ Ich will damit aber gar nicht sagen, als wären gerade die meisten oder gar alle Pharisäer dumm; aber sehr viele aus ihrer großen Anzahl sind es in jedem Falle. Ich will aber geradewegs noch von der Dummheit nicht soviel reden; aber daß die meisten Pharisäer äußerst böse und unversöhnbar rachsüchtige Menschen sind, das ist eine ausgemachte Wahrheit, die durch eine zahllose Reihe der traurigsten und bittersten Erfahrungen eine nur zu unwiderlegbare Bestätigung findet. Und aus diesem Grunde allein bin ich eigentlich ein abgesagtester Feind dieser Menschen; denn mit ihnen hört jede Gemeinschaft und jeder Handel und Wandel rein auf, – da ist nichts, nichts mehr!
GEJ|5|102|3|0|Ah, mit den Samaritern ist gut reden und gut handeln, obschon sie auch nach der Lehre Mosis leben! Auch mit den Sadduzäern ist es nicht völlig aus; aber mit den Erzjuden, wie sich die Pharisäer nennen, ist gar nichts anzufangen! Man wird von ihnen nur dann geachtet, wenn man sich von ihnen allzeit auf das alleraußerordentlichste hat breitschlagen lassen. Gib alles, was du hast, den Pharisäern und stirb dann vor ihren fetten Türen Hungers, so bist du dann ein wahres Gotteskind und von den Pharisäern als ein heiliger und hochgeachteter Mensch benamset! Wehe dem, bei dem sie nur einigen Verstand merken, – der wird schon allzeit mit scheelen Blicken angesehen und wird bei den Eifersüchtigen nimmer zu irgendeinem Ansehen gelangen, außer er brächte ihnen ein großes Opfer und ließe sich dann mit seinem hellen Verstande zu den niedrigsten Zwecken zum Wohle der Pharisäer gebrauchen!
GEJ|5|102|4|0|Was gibt aber alles das zusammengenommen dem Forscher nach Licht und Wahrheit für einen Aufschluß über die Erzjuden, die da den Amtstitel ,Pharisäer‘ führen? Keinen andern als den, welchen ich einmal ganz unbemerkt von zwei miteinander dahinschlendernden und sehr wohlgenährten Pharisäern mit meinen höchst eigenen Ohren vernommen habe! Ich will sie mit A und B nur des Unterschiedes in der Rede wegen bezeichnen.
GEJ|5|102|5|0|A sagte zum B mit einer etwas verschleimt rauhen Stimme: ,Höre du, die dumme Fabel von Moses, der nie bestand, ist durchaus nicht übel! Von einer Wahrheit ist darin wohl keine Spur, und Jehova ist ein leerer, dichterischer Gedanke, und alles das in unserer Schrift Gebotene ist ein Werk der Menschen, wie diese ein Werk der Natur sind, die gleichfort schafft und wieder zerstört!
GEJ|5|102|6|0|Gott und Götter aber sind nur die Menschen, die Kraft und Energie genug dazu besitzen, sich selbst dazu zu machen. Dazu ist nur der Anfang schwer; ist die Sache einmal nach vielen Jahren recht aus- und durchgebildet, so ist dann alles nur eine Spielerei. Mit einigen Scheinwundern läßt sich die ganze Welt breitschlagen. Man erbaue dann nur recht bald berggroße Tempel und schmücke sie von außen und ganz besonders von innen mit allerlei mystischem Quark und lehre die blinde Menschheit einen irgendwo seienden allmächtigen Gott kennen, dessen Diener und Willensvollstrecker natürlich niemand anders als nur wir Priester sein dürfen!
GEJ|5|102|7|0|Man muß, um angesehener zu bestehen, die Menschheit auch mit allerlei schwer oder wohl auch gar nicht möglich zu haltenden Gesetzen, als von Gott, unter der schärfsten Sanktion belasten und die Übertreter stets rücksichtslos strafen! Dadurch wird Gehorsam, Furcht und Schwäche des Volkes erzeugt und erhalten; und hat man einmal das durchgesetzt, dann hat man überall gut Herrgott sein.
GEJ|5|102|8|0|Aber man muß dabei dennoch stets die größte Aufmerksamkeit dahin wenden, daß im Volke ja keine weitere Aufklärung zustande komme als bloß insoweit nur, daß der Mensch zur Not nur so viel reden kann, daß er unsere Worte versteht. Nur einen Schritt darüber hinaus, und es werden sich gleich Frager vorfinden, die sich nach allerlei erkundigen werden! Wenn aber die Menschen zu fragen anfangen, so beweist das, daß sie auch schon zu denken angefangen haben; Priester und ein von ihnen moralisch beherrschtes, denkendes Volk taugen aber ewig nie füreinander!
GEJ|5|102|9|0|Die Menschen dürfen nicht viel mehr Geist besitzen als ein abgerichteter Ochse oder ein folgsamer Esel; über diese Schranken hinaus, – und der Priester Ansehen gleicht bald einem leck gewordenen Schiffe! Das Volk darf ja nie auch nur eine Ahnung von unserem inneren Wissen bekommen; denn wenn das der Fall ist, so wird es darauf mit unserem eigentlichen Sein bald aus sein!
GEJ|5|102|10|0|Daher heißt es besonders in dieser Zeit, in der sich allerlei verdammliche Volkserleuchter einzustellen anfangen, ja vor allem darauf schauen, daß sie von der Erde weggeputzt werden! Obwohl da eine Schwalbe noch lange keinen vollen Sommer bringt, so ist sie aber doch ein Fingerzeig, daß ihr ehest mehrere folgen werden. Allein, die Schwalben können kommen, so viele ihrer wollen, so können sie höchstens den Sperlingen gefährlich werden; aber die Aufklärer werden uns gefährlich, – daher nur gleich nieder mit gar einem jeden!‘
GEJ|5|102|11|0|Das war die löbliche Rede des A, und der B, ein kleiner, pausbackiger Kerl, gab dem A vollkommen recht; nur zuckte er dabei mit den Achseln und beteuerte: ,Dieses dürfte nun sehr schwer sein wegen der sehr geweckten Römer, durch die unsere Juden bereits ums unglaubliche für uns verdorben worden sind! Und zum größten Überflusse mußte ein wahrer Satan uns noch die überaus lästigen Essäer auf die Nase gesetzt haben, und dazu noch unter dem Schutze Roms stehend! Wenn wir uns nun nicht durch die allerschlauesten und allerfeinsten Betrügereien bei dem Volke von neuem zu insinuieren (einzuschmeicheln) beginnen, so wird es bald aus sein mit uns!
GEJ|5|102|12|0|Wir müssen uns nun mit allerlei Wunderwirkerei ausrüsten, weil damit selbst ein schon aufgehellter Mensch noch am allerfüglichsten breitgeschlagen werden kann; aber die Wunder müssen ganz auserlesen und ganz neu und nicht leichtlich je dagewesen sein, sonst sitzen wir auf, und die verwünschten Magier, von allen Seiten Jerusalem zuströmend, machen uns verdächtig und am Ende gar lächerlich, – besonders jetzt, wo zum größten Überflusse auch die Essäer vor unseren Augen Wunder wirken, daß es eine helle Schande ist, und wo noch in Galiläa ein neuer, alleraußerordentlichster Wundertäter aufgetreten ist und etwa schnurstracks gegen uns mit aller Energie zu Felde zieht und uns um jeden Preis verderben will! Der muß aber auch um jeden Preis von uns vernichtet werden, so wie der gewisse Täufer im Jordan auch vernichtet werden muß; denn der hat uns schon unberechenbar geschadet! Kurz, derlei Aufklärer müssen vernichtet werden, sonst kommen unsere alten Volksbetrügereien in der nacktesten Weise ans Tageslicht und mit uns und mit unserem Wohlleben hat es ein immerwährendes Ende erreicht. – Was meinst du da?‘
GEJ|5|102|13|0|Sagte abermals der A: ,Bin ganz mit dir einverstanden, wenn die gar zu lau und dabei doch überaus geizig gewordenen Vorsteher des Tempels von ihren schon ins Unermeßliche gehenden Schätzen einen Teil opfern möchten! Aber sie denken: ,Wir haben das Unsrige; gehe dem nun, wie ihm wolle, wir werden mit unseren Schätzen überall gar gut bestehen! Solange die Kuh eine Milch gibt, werden wir sie melken; gibt sie hernach einmal keine Milch mehr, so schlachten wir sie gleich lieber selbst und verschaffen uns aus ihrem Fleische am Ende noch einen ganz wohlschmeckenden Braten!‘ Sie haben die Sachen schon zu weit kommen lassen, und es wird nun schwerhalten, die Menschen so zu umdunsten, daß sie uns allein glaubeten.
GEJ|5|102|14|0|Ja, hätten wir die Römer auf unserer Seite, da wäre es ein leichtes; aber so haben wir aus einiger Politik bloß nur den Herodes einigermaßen für uns! Mit dem Pilatus ist kein Wort zu reden; denn der hat den größten Römerstolz und läßt niemand von einem auch noch so hohen Judenstande vor sich kommen, außer in den allerernstesten römischen Rechtssachen, – und selbst da zieht ein Jude gegen einen Römer schon allzeit das kürzere!‘
GEJ|5|102|15|0|So in der Weise besprachen sich die beiden, hinter denen ich einherging, noch eine Weile fort, und es wird seitdem etwa bei drei Wochen sein, als ich solchem löblichen Gespräche zufällig zuhörte, und zwar in der Nähe von Bethlehem, wo ich damals zu tun hatte. Und dieses Gespräch bestärkte mich noch mehr in meinem Atheismus; denn daraus entnahm ich, daß auch jene, bei denen ich noch den meisten Glauben an einen Gott vermutete, aber auch gar keinen Funken von einem Glauben an ein höheres Gottwesen hatten. Ich fand da meine schon lange vorher gefaßte Meinung, daß sämtliche Gotteslehren nichts als ein allerschalster und boshaftester Betrug seien, vollkommen bestätigt.“
GEJ|5|103|1|1|103. — Roklus ereifert sich über Stahars geistige Blindheit
GEJ|5|103|1|0|(Roklus:) „Erst hier lernte ich wieder einen wahren Gott in einem vollendeten, besten und weisesten Menschen kennen, und Dieser allein ist es und außer Ihm keiner mehr; denn in Ihm allein finde ich alle jene Eigenschaften vereint, die nach dem Urteile der reinen Vernunft ein Gott haben muß, ansonst Er unmöglich ein Gott sein kann. Das erkannte und erkenne ich nun als ein Heide und als ein früherer Atheist lebendigst vollkommen in mir, – und dieser alte, strenge jüdische Gottesdiener mag solches nicht erkennen! Warum aber erkennt er das nicht? Weil er je weder die Wahrheit und noch weniger je den wahren Gott gesucht hat!
GEJ|5|103|2|0|Ich habe beinahe die halbe Erde bereist, um die Wahrheit und einen möglich wahren Gott zu finden; aber alle meine großen Opfer waren vergebens! Ich gab alles fernere Suchen auf und warf mich der Weltweisheit in die Arme und fand bei meinem heroischen Geiste bald eine Befriedigung darin und so viel des innern, immerhin sehr schätzbaren Lichtes aus den Schriften des Sokrates, Plato und Aristoteles, daß ich daraus wahrzunehmen anfing, daß ein Mensch durch die innere Liebe und Weisheit sich erst ein transzendentales Leben bilden kann, das fürderhin nicht so leicht zerstörbar sein wird wie das Leben des durch und durch morschen Fleisches.
GEJ|5|103|3|0|Hier aus dem Munde des Herrn alles Lebens vernahm ich dieselbe Lehre, nun mit dem klarsten Lebenslichte durch und durch erleuchtet! Der Herr Selbst also kam mir so lange vergebens Suchendem entgegen und gab mir somit hier in meiner eigentlichen Heimat nächster Nähe alles das, was ich so lange vergebens in aller Welt mit vielen Opfern und Mühen gesucht habe.
GEJ|5|103|4|0|Habe ich aber die ewige und lebendigste Wahrheit so schnell hier finden und als solche erkennen können, warum denn der alte jüdische Gottesdiener nicht? Weil er, wie ich solches nicht nur aus dem Gespräche der beiden miteinander wandelnden Pharisäer, sondern bei tausend andern nur zu klar erfahren habe, keine Wahrheit je wieder für sich und noch um vieles weniger für jemand anders gesucht hat!
GEJ|5|103|5|0|Er war aus den selbstsüchtigsten und herrschgierigsten Absichten ja stets nur ein größter Feind aller Wahrheit und jeder Aufklärung eines Volkes, kam aber nun auch hierher und befand sich gleich in einem wahren Ozean von Wahrheiten höchster und allertiefster Art. Seine Haut konnte sich unmöglich dagegen sträuben; aber sein nun durch den Weindunst ein wenig aus der alten Lethargie geweckter Geist zeigte uns allen nun klar und deutlich, daß er in sich noch ein ganz eingefleischter Pharisäer ist!
GEJ|5|103|6|0|Freilich schon ein altkrummgewachsener Baum, der schwerer geradezubiegen ist denn ein junger; aber bei dem wird auch eine langsame und mit aller Vorsicht vorgenommene Geradebeugung etwa wohl eine völlig vergebliche Arbeit sein! Ich will dir, mein lieber Freund Floran, aber damit nicht in Abrede stellen, daß am Ende auch dieser alte Krummstamm ein gerader wird! Aber vom Weine wird er sich festweg enthalten müssen, sonst wird mit der Geradebeugung seines Erzjudenstammes nicht viel Ersprießliches zum Vorscheine kommen!“
GEJ|5|104|1|1|104. — Stahars Selbstbekenntnis und Lebenserfahrungen
GEJ|5|104|1|0|Erhebt sich nun Stahar und sagt etwas grämlich zum Roklus: „Du hast wohl im allgemeinen das gegenwärtige Pharisäertum eben nicht unrichtig beurteilt; aber was dein Urteil über mich betrifft, so hast du dich sehr bedeutend geirrt! Denn ich habe geheim ebensogut wie du offenbar die Wahrheit des Lebens gesucht und habe solche auch erst jetzt hier im Übermaße gefunden, und niemandem tat sie wohler denn mir, – und vielleicht auch hatte geheim niemand von euch eine so große Freude daran wie eben ich selbst! Für mich war und ist sie ein unschätzbarer Edelstein, den ich fürder um eine ganze Erde nicht vertauschen möchte!
GEJ|5|104|2|0|Ich war und bin noch überselig in solchem Lebenslichte; aber es kam ein Wölkchen über mein Gemüt, als ich den Herrn so recht wacker den Becher ergreifen sah. Warum? Das habt ihr bereits heraus, und Floran hat mir mit seinem Lebenswinde das schwarze Wölkchen ganz hinweggeweht und hat dadurch an mir ein sehr gutes Werk verrichtet, wofür ihm der Lohn nicht ausbleiben wird; aber du, Freund Roklus, hast mich ganz rücksichtslos und im Grunde auch ein wenig falsch beurteilt!
GEJ|5|104|3|0|Auf daß du aber siehst, daß ich nicht jetzt und auch früher nie so ganz zu jenen Pharisäern gehört habe, wie du zuvor ein paar hast auftreten lassen, will ich dir dadurch beweisen, daß ich dir fürs erste deine über mich gelassene ganz falsche Beurteilung von ganzem Herzen vergebe und fürs zweite dir den freundlichen Antrag stelle, auch mich samt dem Floran in euer Institut aufzunehmen!
GEJ|5|104|4|0|Bei dieser Gelegenheit mache ich dir denn auch bekannt, daß ich zu öfteren Malen im Rate zu Jerusalem wider euer Institut sogar den Vorsitz geführt habe und das Institut mir viel zu danken hat! Denn nach dem alten Sprichworte, daß viele Hunde des Hasen Tod sind, wäre auch das Institut, wenn von uns alle Mittel in Tätigkeit gesetzt worden wären, zugrunde gerichtet worden; aber meiner sicher sehr gediegenen Einsprache ist es endlich gelungen, euer Institut in unserer Nähe zu dulden. Denn ich machte den Templern begreiflich, daß das Institut der Sache des Tempels mehr förderlich als hinderlich ist, indem dadurch viele, die an den Tempel schon lange allen Glauben verloren haben, eben durch die Wunder eures Institutes wieder ihre Augen zu den alten Zinnen des Tempels richten werden, von dem sie aus der Schrift und mündlichen Tradition noch gar wohl wissen, was Außerordentliches sich alles in und außer dem Tempel zugetragen hat.
GEJ|5|104|5|0|Ich war es auch, der es dem Tempel widerriet, wider die Wunder eures Institutes ins Feld zu ziehen, weil der Tempel dadurch seine eigenen verdächtigen würde. Und siehe, mein Rat wurde von dem Tempel aus bis jetzt noch immer sehr respektiert, und du kannst es nicht behaupten, daß vom Tempel irgend etwas Wesentliches wider euch wäre unternommen worden! Wenn ich mich aber gegen euch schon als noch ein Erzjude seiend also benommen habe, so werde ich als euer Mitglied mich wohl auch nicht gegen euch verhalten, und das nun um so weniger, nachdem wir alle hier die größte Lebenswahrheit gefunden haben und einen und denselben Herrn und Meister von Ewigkeit! Ist dir mein Antrag genehm, so bejahe solches, und ich bin mit allen meinen nicht unbedeutenden Schätzen der eurige im Namen des Herrn!“
GEJ|5|104|6|0|Hier reichte Roklus ganz gerührt dem Stahar die Hand und sagte: „Sei mir tausend Male willkommen, Bruder Stahar! Du sollst an meiner Seite das Institut leiten!“
GEJ|5|104|7|0|Sagt Stahar: „Ja, was da in meinen Kräften steht, werde ich auch unfehlbar tun; aber wie du selbst es recht gut merken wirst, so sind meine Kräfte nicht mehr irgend weit her, – denn mit etlichen siebzig Jahren Alters kehrt man keine Häuser mehr um! Wohl bin ich sonst noch ganz rüstig und fühle mich noch so recht jugendkräftig, besonders an schönen, heiteren Tagen; aber es verhält sich mit der jugendlichen Springkraft eines Greises ungefähr also wie mit der Anmutsdauer eines schönen und warmen Spätherbsttages. Einige Stunden läßt er nichts zu wünschen übrig; aber gleich darauf erhebt sich ein schaurig kalter Wind, und mit der Anmut des Tages hat es sein Ende!
GEJ|5|104|8|0|So ist es auch mit mir. Heute fühle ich mich so kräftig wie ein junger Löwe, und morgen kann ich gleich so elend und schwach dastehen, als hätten mir die Vampire jeden Blutstropfen entzogen! Und daher darfst du dir von meiner Hilfeleistung eben nicht gar zu besonders viel versprechen.
GEJ|5|104|9|0|Aber meine vielen Erfahrungen sollen samt meinen irdischen Schätzen dein Eigentum sein! Du wirst sie noch langehin recht wohl brauchen können, da du erst etliche fünfzig Jahre zählst, die gegen die meinigen ein wahres Jünglingsalter zu nennen sind. An allerlei Erfahrungen aber fehlt es bei mir wahrlich nicht, und vielleicht vermache ich dir mit meinen vielen und sehr wichtigen Erfahrungen einen größeren und fürs Leben wertvolleren Schatz denn mit meinem vielen Golde, Edelsteinen und Perlen!
GEJ|5|104|10|0|Auch ich war im Anfange ein emsiger Sucher nach Wahrheit. Ich habe auch viele Länder und Städte durchwandert und gesucht Wahrheit und Menschen und muß offen bekennen, daß mein Suchen eben kein ganz erfolgloses war. Ich gewahrte in mir oft ganz helle Momente. Aber wie es in dieser Welt den Menschen schon allzeit ergeht, so erging es auch mir. Heute ist man ganz hell, morgen aber stellen sich allerlei dumme, irdische Sorgen ein und verdunkeln des Menschen Gemüt ganz und gar, und es nützt da kein Sich-Sammeln im Geiste.
GEJ|5|104|11|0|Die Welt stürmt auf unser Gemüt ohne alle Schonung und Rücksicht ein und zerstört nicht selten jede Spur eines höheren und inneren Lebenslichtes. Und betrachtet man sich nach solchen allerleiartigen Weltstürmen, so sieht es dann im Herzen gerade also aus wie auf der großen Sandwüste Sahara in Afrika; alles höhere Leben liegt wie tot darnieder, und fängt man an, es abermals zu rütteln und aufzurichten, so kommt es einem dabei gerade so vor, als wollte man auf einer wüsten Steppe Äcker, Gärten und Wiesen anzulegen anfangen!
GEJ|5|104|12|0|Ja, es gehört wohl gerade nicht zu den unmöglichen Dingen, auf der Welt auch aus einer Sandsteppe ein fruchtbares Land zu machen; aber da gehört viel Arbeit und Geduld dazu! Man müßte zuerst gute Brunnen graben, dann fremdes und gutes Erdreich von weit her holen und damit den Sand weit und breit und tief zur Genüge überdecken; dann müßte man aus den Brunnen Wasserleitungen nach allen Richtungen hin machen und das über dem Sande liegende Erdreich fleißig bewässern, so würde dadurch eine frühere Sandsteppe sicher bald zu einem Eden sich umgestalten. Aber wer hätte zu solch einer Arbeit die rechte Zeit und Lust und die dazu erforderlichen Mittel?
GEJ|5|104|13|0|Und, Freund, ebenso geht es bei einem Menschen, der durch die verschiedenartigen Weltstürme zu einer wahren Lebenssandsteppe geworden ist! Es mangelt nicht gerade an der Möglichkeit, ein voller Lichtmensch zu werden; aber wo hat der Mensch da die Kräfte, die Geduld und die dazu erforderlichen Mittel, besonders wenn er nahe ganz allein für sich dasteht?! Ja, hier bei dieser außerordentlichen, noch nie dagewesenen Gelegenheit wird freilich wohl leicht eine noch so wüste Sandsteppe zu einem blühendsten Eden physisch und geistig! Das macht des Herrn Allmacht, die aus Wasser den besten Wein und aus Steinen das wohlschmeckendste Brot darstellen kann!
GEJ|5|104|14|0|Ich aber habe fünfzig Jahre an mir fleißig gearbeitet und damit bis jetzt doch nichts erreicht; jetzt aber habe ich nichts mehr gearbeitet und wollte auch von keiner Arbeit irgend mehr etwas hören, und eben jetzt in meinem müßigen Zustande hat mir der Herr mehr gegeben, als ich je gesucht habe! Es ist dadurch aus meiner alten Lebenssandsteppe nun wohl ein üppigster Lebensgarten geworden; aber da habe ich nichts mitgewirkt, sondern der Herr hat es freiwillig getan! Wie's aber hier bei mir und den neunundvierzig Gefährten der Fall nun ist, so war es der Fall auch mit vielen andern, von denen du selbst keine Ausnahme machst!
GEJ|5|104|15|0|Ich habe mich gar oftmals überzeugt, daß die Menschen gerade das, was sie oft am alleremsigsten suchen, am seltensten finden, und dann schon gar am allerseltensten, wenn sie es gerade suchen. Wenn ein Mensch auf einem Wege etwas verloren hat und kehrt um und sucht mit allem Fleiße das Verlorene, so findet er sicher alles eher als gerade das, was er verloren hat. Ein ganz fremder Mensch, der später desselben Weges zieht, der findet ganz zufällig leicht den Verlust seines ihm sicher ganz unbekannten Vorgängers. Warum fand das Verlorene einer, der es sicher nie gesucht hat, und warum derjenige nicht, der es verloren und darauf gleich mit allem Fleiße gesucht hatte? Da haben die Heiden nahezu recht, so sie solche Erscheinungen ,Tücken des Schicksals‘ nannten!“
GEJ|5|105|1|1|105. — Die unbegreiflichen Wege der Vorsehung. Stahars Gründe für die dem Herrn gegenüber geäußerten Zweifel
GEJ|5|105|1|0|(Stahar:) „So sucht ein junger Mensch sich eine Braut. Er klopft hie und da an und findet nichts als Abweisungen über Abweisungen. Er wird darob ganz erbost und sagt: ,Nein, jetzt habe ich's satt! Ich bleibe ledig und werde meine Wirtschaft selbst, so gut es nur immer gehen mag, betreiben!‘ Wie er nun ganz ernsten Willens von aller Brautwerberei absteht, so bekommt die Sache aber geschwind ein anderes Gesicht! Es kommen nun die Bräute dutzendweise, für jeden Finger zehn, wenn er sie nur versorgen könnte! Ja, warum denn jetzt, und warum nicht früher, als er die Bräute gesucht hatte?
GEJ|5|105|2|0|Ein dritter geht fischen, gerade in einer Notzeit, weil er Fische für den Markt braucht. Er müht sich, mit allen Kniffen und andern Kunstgriffen für die Fischerei bestens ausgerüstet, eine ganze Nacht ab, und seine Netze bleiben leer. Am Morgen gibt er ganz verdrossen die ganze Fischerei weidlichst auf, wirft aber seine Netze bloß des Scherzes wegen dennoch noch einmal aus, und zwar mit der vollen Überzeugung, auch nicht einen Fisch zu fangen. Und siehe, die ausgeworfenen Netze fangen an, vor lauter Menge der gefangenen Fische von der schönsten Art und edelsten Gattung zu reißen! Ja, warum denn jetzt auf einmal so viel – und früher die ganze Nacht hindurch nichts?
GEJ|5|105|3|0|So schmachteten die Menschen etliche Jahrtausende unter dem Joche der dicksten Finsternis des allerartigen Aberglaubens. Tausendmal Tausende suchten das vollwahre Lebenslicht. Aber was fanden sie? Gerade das, was wir beide bis jetzt gefunden haben, nämlich – nichts! Was blieb am Ende mir und dir, und also auch vielen Tausenden, übrig? Nichts, als politischermaßen schön fein bei dem zu verbleiben, was wir hatten, und was wir uns durch allerlei Erfahrungen zu eigen gemacht haben! Jetzt, an der Neige unserer irdischen Lebenstage aber haben wir nichts mehr gesucht, und siehe, wie durch einen Zauberschlag hat sich die Pforte des alten Gotteslichtes geöffnet, und wir atmen nun Ströme des Lichtes ein! Warum denn jetzt, und warum früher nicht? – Sieh, so geht es in der Welt, und so will es offenbar der Herr! Warum es aber gerade also und nicht anders ist und sein kann, das wird der Herr auch ganz allein wissen!
GEJ|5|105|4|0|Dort unten am Tische des Herrn sitzen Seine Hauptjünger. Wer sind sie denn? Ich kenne sie alle! Sie sind Fischer, darunter kaum einige des Lesens und Schreibens kundig, – sonst ehrliche und strebsame Leute! Von ihnen hatte gewiß keiner, uns beiden gleich, je eine höhere und tiefere Lebenswahrheit gesucht, – und siehe, sie haben ein Licht erhalten vor uns allen, die wir unser Leben lang gesucht haben! Glaube es mir, unsere Namen werden untergehen wie das Licht eines Fallsternes und wie das eines Blitzes; aber ihr Licht und ihre Namen werden glänzen bis ans Ende aller Zeiten und die Ewigkeit hindurch! – Wer ist nun besser daran, einer, der sonst wie ein ganz ehrlicher Mensch auf der Erde gelebt und gehandelt hat, oder einer, der sein ganzes Leben dem Forschen nach den inneren, tiefen Lebenswahrheiten geweiht hat?
GEJ|5|105|5|0|Die Hausordnung des Herrn ist und bleibt dem sterblichen Menschen gleichfort ein unauflösbares Rätsel. Aber was kann der ohnmächtige Mensch da anders tun, als die Sache mit aller Geduld also nehmen, wie sie kommt; denn von uns aus läßt sich da nichts bestimmen und ändern! Oder können wir nun oder je früher etwas darum, daß wir jetzt so zufällig als nur immer möglich zum allerkolossalst intensivsten Lebenslichte gelangt sind? Wir suchten lange genug mit allen Laternen, von einem wahren Gotte nur wenigstens insoweit uns einen Begriff zu verschaffen, daß wir mit voller und überzeugender Einsicht hätten annehmen können, daß es irgendeinen Gott, der alles leitet und beherrscht, geben muß. Aber umsonst!
GEJ|5|105|6|0|Was wir suchten, rückte immer tiefer und tiefer in den nichtigen Grund zurück, und wir standen dann der vollen Wahrheit nach bald ganz ohne einen Gott auf der weiten Erde. Du wardst ein Essäer und als solcher ein Magier in OPTIMA FORMA. Ich hingegen blieb dem Außen nach ein nagelfester Pharisäer und leistete als solcher ordentliche Wunder der scheinbaren Frömmigkeit vor dem blinden Volke. Und so lebten wir beide nun eine geraume Zeit ganz harmlos dahin.
GEJ|5|105|7|0|Den Weg hierher zum alten Fischer Markus haben wir beide zum Vergnügen gar oft gemacht. Haben wir aber je auch nur eine allerleiseste Anmahnung von dem wahrgenommen, daß uns beiden hier einmal das größte Lebenslicht aufgehen werde, daß wir eben hier den allein wahren Gott, von dem wir nicht einmal trotz alles Suchens ehedem einen allerleisesten Begriff bekommen konnten, nicht nur begriffsmäßig, sondern – INCREDIBILE DICTU ["unglaublich zu sagen!"] – sogar vollkommen persönlich kennen lernen, und das auf eine Art, die keinen noch so geringen Zweifel hinter sich läßt? Sieh, so geht es in allen Dingen von Gott aus! Wenn man eigentlich gar nichts mehr sucht, dann findet man oft tausendmal mehr, als man gesucht hatte!
GEJ|5|105|8|0|Du hast dich zwar ehedem über mich aufgehalten, als ich gewisse Äußerungen von mir ließ, die des Herrn unbezweifelbarste Gottheit in einen Zweifel zogen. Mir gefiel heimlich dein Ernst, und wäre es mir mit meinem vorgeschützten Zweifel ernst gewesen, – glaube es mir, daß ich dir schon auch etwas entgegnet haben würde! Aber ich hatte heimlich eine rechte Freude über dich; denn ich dachte mir: ,Wüßtest du, warum ich so ganz eigentlich einen Zweifel erhob, so hättest du im Herzen jubeln müssen!‘ Mich wunderte es nur, daß du dabei den heitern Gleichmut des Herrn übersehen hast, und daß du des Raphael an dich gerichtete Worte viel zu wenig in ihrer wahren Tiefe erfaßt hast. Darum sage ich dir nun noch einmal, daß meine gemachten vielen Erfahrungen einen großen Wert haben! Freund, wer Albions (Englands) Küsten gesehen hat, der hat sicher schon so manches erfahren!
GEJ|5|105|9|0|Wähle du dir nur zwanzig noch so bewährte und alleraufrichtigste Freunde, und du darfst darauf rechnen, daß unter ihnen sicher ein Verräter lauert, der bei der nächstbesten Gelegenheit einen Schurken machen kann! Ich stehe hier an der Spitze von neunundvierzig, kannst du da mit Sicherheit annehmen, daß darunter gar keiner sei, der zwei Zungen hätte?! Aber SAPIENTI PAUCA!, ["Dem Weisen genügt weniges!"] – du verstehst mich hoffentlich; denn gar zu laut braucht man noch immer nicht davon zu reden! Ich stand darum auch vom Tische auf, um hier in einiger Entfernung von meinem Tische ein paar freiere Worte mit dir tauschen zu können. Mein Floran, ja, auf den kannst du Häuser bauen; aber es bleiben dann noch achtundvierzig übrig, von denen es sehr notwendig ist, sich vorher ihrer innern Stimmung völlig zu versichern, ehe man mit ihnen ein ganz neues Feld will zu bebauen anfangen!
GEJ|5|105|10|0|Du warst ein vollkommener Atheist, ich nicht minder! Aber etliche aus den neunundvierzig waren stets zu dumm dazu; die glaubten an des Tempels mit Händen zu greifende Betrügereien. Sie können daher nur abergläubische, blinddumme Fanatiker sein! Und glaube es mir, daß solche Menschen stets gefährlicher sind uns wahren Menschen gegenüber denn eine ganze Herde Löwen! Darum ist hier eine feine Klugheit sicher am rechten Platze. Aber sieh, mein scheinbares Auflehnen gegen den Herrn war von guter Wirkung! Die meisten gaben mir unrecht und halten es mit dem weisen Floran; nur so ein paar dürften nun noch darunter sein, die es eher mit mir als mit dem Floran hielten. Aber selbst diese meinen, daß ich etwa möglicherweise denn doch ein wenig zu weit gegangen bin! Und nun, lieber Freund Roklus, urteile du nach Recht und Gebühr, erstens, ob ich recht gehandelt habe, und zweitens, ob ich deiner Freundschaft, einem Floran gleich, wert bin!“
GEJ|5|106|1|1|106. — Der Engel begrenzte Einsicht in das Denken des Herrn
GEJ|5|106|1|0|Sagt Roklus: „Mein allerschätzbarster Stahar, es hätte dazu so vieler Worte wahrlich nicht bedurft; denn ich habe mich mit dir ja ohnehin gleich ausgekannt, und ich bin der lebendigen Meinung und vollsten Hoffnung, daß wir beide, einem und demselben Zwecke dienend, die sicher gesegnetsten Erfolge zustande bringen werden. Der Herr wird uns mit Seiner Hilfe nicht verlassen, und somit gehen wir einer sicher schönsten Zukunft entgegen, die, wenn hier auf Erden nie völlig, aber doch jenseits auf das glänzendste erfüllt wird. – Aber nun begeben wir uns wieder auf unsere Plätze! Der etwas fatale Wind läßt nach, und dennoch bleibt das Firmament mit seinen unzählbar vielen Sternen völlig rein. Wenn ich mich nicht irre, so macht der Herr Miene, wieder etwas zu tun oder eine neue Lehre uns zu verkünden, – und da heißt es ganz Aug und Ohr sein!“
GEJ|5|106|2|0|Stahar bemerkt solches auch und sagt: „Ja ja, du hast recht, da geschieht etwas, und wie ich's merke, so weiß auch Seine nächste Umgebung nicht, wie sie daran ist! Cyrenius fragt Ihn wohl heimlich, was Er vorhabe; aber diesmal scheint der Herr mit der rechten Antwort nicht recht herauszuwollen! Ja, ja, mein liebster Cyrenius, ein Gott ist noch ein bißchen mehr denn so ein Cäsar Roms!“
GEJ|5|106|3|0|Sagt Roklus: „Ein bißchen hast du die Römer, wie es mir so vorkommt, noch immer im Magen! Aber es macht das nichts; denn hie und da haben sie wohl übertrieben die Herren der Welt gespielt! Aber nun auf unsere Plätze!“
GEJ|5|106|4|0|Beide begeben sich nun zu ihren Tischen. Als Stahar wieder seinen Platz einnimmt, fragen ihn gleich mehrere, was er etwa doch mit dem Griechen alles verhandelt habe; Stahar aber verweist ihnen solche weibische Neugierde und sagt vorderhand nichts.
GEJ|5|106|5|0|Den Roklus aber nimmt Raphael ein wenig in die Arbeit und sagt: „Nun, geschieht es dir nun leichter?“
GEJ|5|106|6|0|Sagt Roklus: „Allerdings; denn nun weiß ich doch auf dem Wege der eigenen Erfahrung, wie ich mit dem alten Stahar daran bin, und es freut mich ganz ausnehmend, auch mit dem Stahar dahin meine Meinung vollständig bestätigt gefunden zu haben, daß nahe kein Priester, von welcher Lehre er auch immer sein mag, für seine Person das glaubt, was er die andern Menschen mit Feuer und Schwert glauben macht! Denn auch der Stahar war gleich mir ein vollkommener Atheist und ist erst hier, samt mir, ein wahrer Gottesgläubiger geworden. Aber nun kein Wort mehr davon! Du Freund aus den Himmeln, merkst du nicht, daß der Herr etwas vorhat? Entweder kommt eine Tat, oder Er wird etwas reden!“
GEJ|5|106|7|0|Sagt Raphael: „Allerdings; denn der Herr ruhet nimmer und hat stets unendlich vieles vor! Warum sollte Er jetzt auf einmal irgend weniger etwas vorhaben als sonst immer?!“
GEJ|5|106|8|0|Sagt Roklus: „Mein himmlischer Freund, das weiß ich so gut als du; es handelt sich hier aber nun nur darum, ob Er nun nicht etwas ganz Besonderes vorhat!“
GEJ|5|106|9|0|Sagt Raphael: „Nun ja, du wirst es schon sehen, was da zum Vorscheine kommen wird. Allzeit offenbart uns der Herr denn auch nicht, was Er zu tun willens ist, obwohl wir der personifizierte Ausdruck Seines Erzwollens sind. Wir sind als Ausfluß Seines urgöttlichen Lebens, Wollens und Seins Ihm am nächsten und sind im Grunde nichts als der Ausdruck des göttlichen Willens und der göttlichen Kraft, aber nicht in Seiner persönlichen Wesenheit, sondern außerhalb derselben seiend und wirkend. Wir sind um Gott herum so ungefähr das, was das aus der Sonne ausfließende Licht ist, das auch überall, wohin es nur immer kommt, alles belebt, bildet, erzeugt, reift und vollendet.
GEJ|5|106|10|0|Wenn du der Sonne einen Spiegel entgegenhältst, so ersiehst du im Spiegel das Abbild der Sonne genau, und der aus dem Abbilde der Sonne dir zuströmende Lichtstrahl wird dich so gut erwärmen wie der unmittelbare Strahl aus der Sonne selbst, und fängst du den Sonnenstrahl mit einem Alexandrinischen Spiegel auf, der auch ein Hohlspiegel genannt wird, so wird der zurückgeworfene Strahl eine viel größere Licht- und Wärmeentwicklung äußern als das aus der Sonne unmittelbar ausfließende Licht. Und das sind wir Erzengel geistig; ein jeder geistig vollendete Mensch wird dasselbe in einem noch viel höheren Grade sein.
GEJ|5|106|11|0|Aber wie alles dessen ungeachtet dennoch kein Spiegel, auch kein Alexandrinischer, das in sein Abbild aufnehmen kann, was alles in der gesamten inneren Sonne ist und geschieht, so kann auch ich nicht in mir das wahrnehmen, was der Herr in Sich denkt und beschließt. Zur rechten Zeit wird dann Sein Wille schon nach außen hinaus zu strahlen anfangen, und ich und alle meinesgleichen werden denselben alsogleich in uns völlig aufnehmen und ihn befördern in alle Unendlichkeit hinaus; darum führen wir auch eigenschaftlich den Namen ,Erzboten‘, weil wir die Austräger und die Auswirker des göttlichen Willens sind. Und siehe, du mein allerschätzbarster Freund Roklus, eben jetzt beschließt der Herr auch irgend etwas in Sich; aber ich weiß nicht, worin es besteht, weil das der Herr noch in Sich festhält und nicht ausfließen läßt!
GEJ|5|106|12|0|Oh, es gibt im Herrn noch gar endlos vieles, das wir nicht kennen und auch nie kennen werden aus unserem Forschungstriebe heraus! Wenn aber Er es wollen wird, dann werden wir dessen inne und danach vollauf tätig werden. Übrigens habe nur auch du selbst acht darauf! Kommen wird etwas Tüchtiges; aber was, das wird die sicher baldige Folge zeigen!“
GEJ|5|106|13|0|Roklus verstand die Worte Raphaels und bewunderte dessen Bekanntschaft auch mit den Alexandrinischen Spiegeln, von denen er bei seinen Reisen in Ägypten einige gesehen und erprobt hatte und einen auch für das Institut anschaffte.
GEJ|5|107|1|1|107. — Eine Voraussage des Herrn über die Zukunft: Die Völkerwanderung
GEJ|5|107|1|0|Es trat nun gegen die Mitte der sehr hellen Sternennacht eine große Stille ein. Aller Augen und Ohren waren in größter Spannung auf Mich gerichtet; denn alle erwarteten irgendeine Lehre oder irgendeine Tat von Mir. Ich aber beließ sie eine Zeitlang in solch einer für ihre Seelen höchst wohltätigen Gespanntheit.
GEJ|5|107|2|0|Nach einer Weile von etwa einer guten halben Stunde erhob Ich Mich rasch und sagte mit lauter Stimme: „Meine Kinder und Freunde und Brüder! Ich sehe es, daß ihr alle in einer sehr gespannten Erwartung da harret, ob Ich nicht etwas tun oder reden werde. Wahrlich aber sage Ich es euch, daß Ich eben diesmal nichts Weiteres zu reden und zu tun habe unter euch; denn Ich habe, den Zeitraum von sieben Tagen unter euch seiend, nahe alles erschöpft, was euch vorderhand not tut zur nachkommenden völligen Aufnahme Meines Reiches in eure Herzen. Aber eure große Gespanntheit nötigt Mich, vor euch immer noch etwas zu reden und zu tun, obwohl auch Meine Fleischglieder ein wenig müde geworden sind. Aber was tut die Liebe der Liebe nicht alles?! Und so habet denn ein aufmerksames Ohr, und tuet weit auf eure Augen!
GEJ|5|107|3|0|Morgen trennen wir uns auf eine längere Zeit, und Ich werde kaum in einem Jahre diese Gegend wieder besuchen und mit Meinen Füßen betreten; aber da Ich hier einen so großen Sieg erfochten habe und darum ein bleibendes Denkmal in diesem Badhause und in dem neuen Hafen aufgerichtet habe, das nicht leichtlich je gänzlich zerstört werden wird – außer zu einer Zeit, wann der Glaube an Mich verschwinden wird und mit ihm die Liebe –, so will Ich denn auch noch etwas tun. Dann aber freilich, wenn Glaube und Liebe unter den Menschen nicht mehr sein werden, werden Barbarenhorden in diese Lande einfallen und werden zerstören alle Denkmale dieser großen Zeit, die seit Moses bis zu Mir herab sich über diese Länder ergossen hat.
GEJ|5|107|4|0|Es könnte solches wohl gar leicht verhütet werden; aber es wird dennoch nicht verhütet werden. Es wird dieses Badhaus wohl noch bestehen und der Hafen und wird nicht zerstört zur Zeit, wann Jerusalem fallen wird; dennoch aber wird es keine fünfhundert Jahre alt werden. Denn Ich sage es euch, mit Jerusalem wird der Anfang gemacht werden; aber es werden sich die Menschen nicht kehren nach der Mahnung, die an Jerusalem ergehen wird, und werden verfallen in allerlei Arglist, Welttümlichkeit, Bosheit, Stolz, Lüge, Selbst- und Herrschsucht und Hurerei und Ehebruch. Dann soll erweckt werden ein Volk aus dem tiefen Morgenlande und soll diese Lande überströmen gleich einem großen ägyptischen Heuschreckenzuge und soll zerstören alles: Menschen, Vieh und alle Städte, Flecken, Dörfer und einzelne Wohnhäuser, und soll dann knechten die Völker der Erde weit und breit in Asia, Afrika und Europa, und das so lange, bis über alle Gottlosen ein größeres und allgemeineres Gericht ergehen wird!
GEJ|5|107|5|0|Aber alle, die Mir treu verbleiben werden im Glauben und in der Liebe, sollen von dem Gerichte verschont bleiben; denn Ich Selbst werde Mich für sie mit einem Schwerte umgürten und vor ihnen ins Feld ziehen. Meinem Schwerte wird aber jeder Feind weichen müssen! Das Schwert aber wird heißen ,Immanuel‘ (Gott der Herr mit uns), und seine Schärfe wird sein die Wahrheit und seine große Schwere die Liebe aus Gott, dem Vater Seiner getreuen Kinder. Wer da kämpfen will, der kämpfe mit der Schärfe der Wahrheit aus Gott und mit der Schwere der Liebe aus dem Herzen des Vaters von Ewigkeit! Mit dieser Waffe ausgerüstet, wird er siegen über jeden Feind Meines Namens, und somit Feind des Lebens und der Wahrheit!“
GEJ|5|108|1|1|108. — Das Zeitalter der Technik
GEJ|5|108|1|0|(Der Herr:) „Aber es wird kommen am Ende eine Zeit, in der die Menschen zu einer großen Klugheit und Geschicklichkeit in allen Dingen gelangen werden und erbauen werden allerlei Maschinen, die alle menschlichen Arbeiten verrichten werden wie lebende, vernünftige Menschen und Tiere; dadurch aber werden viele Menschenhände arbeitslos, und die Magen der armen, arbeitslosen Menschen werden voll Hungers werden. Es wird sich dann steigern der Menschen Elend bis zu einer unglaublichen Höhe. Alsdann werden abermals von Mir Menschen erweckt werden, und sie werden verkünden die Wahrheit Meines Namens über zweihundert Jahre lang. Wohl denen, die sich daran kehren werden, obwohl ihre Zahl nur eine geringe sein wird!
GEJ|5|108|2|0|Wenn aber auch die Zahl der Reinen und Guten wie zu den Zeiten Noahs sich sehr verringern wird, dann soll die Erde abermals beschickt werden mit einem allgemeinen Gerichte, in welchem weder der Menschen noch der Tiere, noch der Pflanzen geschont wird. Es werden da den stolzen Menschen nichts mehr nützen ihre feuer- und todspeienden Waffen, nichts ihre Burgen und ehernen Wege, auf denen sie mit der Schnelligkeit eines abgeschossenen Pfeiles dahinfahren werden; denn es wird ein Feind aus den Lüften angefahren kommen und wird sie alle verderben, die da allzeit Übles getan haben. Das wird sein eine wahre Krämer- und Wechslerzeit.
GEJ|5|108|3|0|Aber was Ich erst jüngsthin einmal zu Jerusalem im Tempel den Wechslern und Taubenkrämern tat, das werde Ich dann im Großen tun auf der ganzen Erde und werde zerstören alle die Kramläden und Wechselbuden durch den Feind, den Ich aus den weiten Lufträumen der Erde zusenden werde wie einen dahinzuckenden Blitz mit großem Getöse und Gekrache. Wahrlich, gegen den werden vergeblich kämpfen alle die Heere der Erde; aber Meinen wenigen Freunden wird der große, unbesiegbare Feind kein Leids tun und wird sie verschonen für eine ganz neue Pflanzschule, aus der neue und bessere Menschen hervorgehen werden!
GEJ|5|108|4|0|Fasset dieses wohl! Denket aber ja nicht, daß Ich das alles also haben wolle, und es wäre darum etwa das alles schon also bestimmt! Das alles sei ferne von Mir und euch! Aber es wird also sein, wie vor den Zeiten Noahs: Die Menschen werden von ihren vielen Weltkenntnissen und erworbenen Fertigkeiten einen stets böseren Gebrauch machen und werden ganz freiwillig allerlei Gerichte aus den Tiefen Meiner Schöpfung über sich und am Ende über die ganze Erde heraufbeschwören. Da aber sage auch Ich dann mit euch, Meinen biederen Römern: VOLENTI NON FIT INIURIA! [Dem Wollenden geschieht nicht Unrecht!] 
GEJ|5|108|5|0|Ja, es sollen die Menschen mit Maß und Ziel ja alles haben und sich errichten die mannigfachen Bequemlichkeiten fürs irdische Leben und sollen schonen ihre Hände vor schweren Arbeiten, um desto mehr Zeit zu gewinnen für die Bearbeitung und Veredlung ihrer Herzen und Seelen, und sollen sein alle gleich voll Freudigkeit in Meinem Namen durch ihr ganzes Leben; aber unter ihnen soll es keinen Leidenden und Traurigen geben, außer einen mutwilligen Sünder wider jede gute bestehende Ordnung in Meinem Namen!
GEJ|5|108|6|0|Aber wenn mit der natürlich zunehmenden Geschicklichkeit der Menschen auch ihre Selbstsucht, Habgier und Herrschsucht zunehmen wird und also die Verfinsterung der Menschengemüter, dann natürlich können davon auch die schlimmen Folgen nicht unterm Wege verbleiben! Denn so ihr einen Fuß um den andern schnell weiter und weiter setzet, so kann die Folge des schnellen Weiterkommens nicht ausbleiben. Wer aber mit dem Weitersetzen seiner Füße zaudert, muß sich auch gefallen lassen, so ihm sogar eine Schnecke vorkommt. Von einer Höhe herabfallen, bringt dem Leibe offenbar den Tod; wenn aber jemand das aus der Erfahrung weiß und springt aber dennoch von einer großen Höhe in eine Tiefe hinab, – was ist dann das?
GEJ|5|108|7|0|Seht, das ist blinder Mutwille, und die arge Folge davon nicht Mein Wille, sondern das unwandelbare Gesetz Meiner ewigen Ordnung, das weder örtlich speziell und noch weniger irgend allgemein aufgehoben werden kann! Oder meinet ihr, daß Ich etwa darum dem Feuer seine zerstörende Hitze nehmen soll, auf daß ein Narr, der in ein Feuer sich stürzt, keinen Schaden leide?! Oder soll Ich dem Wasser das nehmen, daß es ein Wasser ist und der Mensch im selben ehestens ersticken muß, so er entweder unvorsichtig oder mit Gewalt eines andern oder mutwillig in dasselbe fällt?!“
GEJ|5|109|1|1|109. — Vom Selbstgericht der Menschen
GEJ|5|109|1|0|(Der Herr:) „Sehet an die Berge voll Wälder und Gesträuche! Sehet, diese saugen alle die ihnen zusagenden Naturgeister (Elektrizität, magnetisches Fluidum) im entsprechend gerechten Maße auf! Gehet hin und entwaldet alle die Berge, und ihr werdet die Folgen davon gar sehr bitter schmeckend allerjüngstens schon verspüren! Es werden dadurch gar große Massen von freien und rohesten Naturgeistern die über die ganze Erde lagernde Luft stets mehr und mehr zu erfüllen anfangen. Diese werden, weil sie keine für sie entsprechend tauglichen Wohn- und Tätigkeitsstätten finden, anfangen sich massenhaft zu ergreifen und werden durch ihre Unruhe und durch ihren Hunger und Durst (Assimilationstrieb) die bösesten und alles verheerenden Stürme verursachen und ganze Länder derart gänzlich zugrunde richten, daß darauf in hundert, oft tausend Jahren nichts als hie und da ein Moospflänzchen zum Vorscheine kommen wird, wie es auf der weiten Erde noch heutzutage solche viele Tagereisen weit gedehnten Plätze und Flächen gibt, die ebenso vegetationsleer dastehen wie ein wüster und tauber Kalkstein an den Ufern des Toten Meeres in Unterpalästina, dahin der Jordan fließt.
GEJ|5|109|2|0|Ja, ist das etwa Mein Wille also? O nein! Denn wo die Menschen frei wollen und auch frei handeln müssen, um Menschen zu werden auch im Geiste, da will Ich für Mich – und stellen es die Menschen noch so toll an – ganz und gar nichts, sondern Ich lasse es nur zu, daß die Menschen ganz unbeirrt das erreichen, um was sie sich so eifrig bestrebt haben, als hinge alle ihre Lebensglückseligkeit daran. Mögen dann die Folgen gut oder schlecht sein, das gilt bei Mir ein ganz Gleiches! Selbst schaffen, – selbst haben! Weiß Ich auch, was in der Folge geschehen wird, so kann und darf Ich dennoch nicht hindernd dazwischenwirken mit Meiner Allmacht; denn tue Ich das, so hört der Mensch auf, ein Mensch zu sein. Er ist dann bloß eine belebte Maschine und sonst nichts und kann für sich und für Mich ewighin keinen Wert haben. Denn er gleicht einem Schreiber, der für sich keine Silbe zu schreiben imstande ist, so er aber dennoch schreiben soll, ein Schreibkundiger ihm die Hand vom A bis zum Z führen muß; und hat er auf diese Weise einen Aufsatz geschrieben, so versteht er ihn dennoch nicht. Und hat er auf diese Art auch hunderttausend Briefe geschrieben, so ist er dennoch ebensowenig selbst ein Schreiber wie der Griffel, mit dem er geschrieben hat. Ebensowenig wäre auch der Mensch dieser Erde ein Mensch, wenn ihm nicht durchgängig der freie Wille unangetastet und ebenalso das Handeln danach belassen würde.
GEJ|5|109|3|0|Es kann der Wille wohl durch allerlei Lehre und Gesetze geregelt werden; aber weder Lehre noch irgendein Gesetz ist dem freien Willen ein Hemmschuh in der Ausübung dessen, was er will. Will der Wille des Menschen eine Lehre und ein Gesetz zur Richtschnur seiner Handlungen annehmen, so wird er sich selbst ohne irgendeinen innern Zwang danach richten; will er aber das nicht, so kann ihn keine Macht der Welt und der Himmel dazu zwingen – und darf es auch nicht! Denn, wie gesagt: Ohne den freien Willen ist der Mensch kein Mensch mehr, sondern eine pure, naturbelebte Maschine, wie die Menschen mit der Zeit auch solche Maschinen erfinden werden, die dieselben künstlichsten Arbeiten verrichten werden, die nun kaum irgendein Mensch zu verrichten imstande ist. Aber eine solche Maschine wird dennoch kein Mensch sein, weder der Form und noch weniger der innern freiwirkenden Realität nach; denn die hat keinen freien Willen und kann daher auch ewig keine für sich selbständige Handlung verrichten. Was des Menschen Wille in sie gelegt hat, das wird sie auch verrichten, und nie und nimmer irgend etwas anderes.
GEJ|5|109|4|0|Der Mensch aber kann aus sich heraus alles, was er nur immer will, und niemand kann ihn daran hindern. Und so kann der Mensch mit der Erde, die seinen Leib trägt und nährt, tun, was er will, und muß sich dann zumeist erst durch die Folgen belehren lassen, ob sein Wille gut oder böse war.
GEJ|5|109|5|0|Es hat aber darum ein jeder Mensch die Vernunft und den daraus hervorgehenden Verstand. Er kann darum durch Lehre, durch äußere Gesetze und durch allerlei Erfahrung klug gemacht werden und kann dann das Gute, Rechte und Wahre allein wählen und sich selbst danach zur Tätigkeit bestimmen; aber er erleidet dabei dennoch keinen Zwang, da er das ja selbst frei wählt, was er als gut, recht und wahr erkennt.
GEJ|5|109|6|0|Daß aber Menschen zumeist aus zeitlichen Interessen gar oft alles erkannte Gute, Rechte und Wahre dennoch mit den Füßen treten und im Handeln gerade umgekehrt sich erweisen, können wir nun schon Tag für Tag an Hunderten nur zu handgreiflich erfahren, und es geht aus dem wieder hervor, daß die Freiheit des menschlichen Willens durch gar nichts gefährdet und beschränkt werden kann. Und so ist es schon möglich, daß mit den Zeiten die Menschen große Dinge erfinden können und also auch auf die Natur der Erde also einzuwirken anfangen können, daß diese am Ende ordentlich leck werden muß. Die Folgen davon werden freilich keine angenehmen sein und werden als eine sichere Strafe des schlecht verwendeten Willens erscheinen, aber nicht von Mir aus irgend gewollt, sondern durch den Willen der Menschen hervorgebracht.
GEJ|5|109|7|0|Wollen die Menschen eine abermalige Sündflut, so dürfen sie nur fleißig die Berge ab- und durchgraben, und sie werden dadurch den unterirdischen Wässern die Schleusen öffnen! Wollen sie die ganze Erde in Flammen sehen, so dürfen sie nur fleißig alle Wälder vernichten, und die Naturgeister (Elektrizität) werden sich derart vermehren, daß die Erde auf einmal in ein Blitzfeuermeer eingehüllt sein wird! Werde dann etwa auch Ich die Erde durchs Feuer heimsuchen wollen?! Darum lehret die Menschen weise sein, ansonst sie selbst die Gerichte über sich heraufbeschwören werden! Ich weiß es aber, daß es also kommen wird, und dennoch kann und darf Ich nicht hindernd dagegen auftreten durch Meine Allmacht, sondern nur durch die Lehre. – Verstehet ihr das?“
GEJ|5|110|1|1|110. — Die zukünftige Heimsuchung der Erde. Das Geborgensein der Gotteskinder
GEJ|5|110|1|0|Sagt Cyrenius: „Verstanden hätten wir es sicher; aber dies Verständnis hat sehr wenig Tröstendes für die Menschen dieser Erde! Was nützet da die beste Lehre, so die Menschen mit der Zeit von ihr wieder abfallen können und dann beitragen zum Verderben der ganzen Erde! Ja, hätten wir, als nun Deine Zeugen, ein wenigstens tausend Jahre langes Leben und unsere jüngsten Jünger dann abermals ein so langes, so genügete das, um die Lehre rein zu erhalten; aber so Du Selbst erstens, nach Deiner nicht unklaren Andeutung, diese Erde körperlich verläßt und zweitens die Zeichen auch seltener werden, – ja, dann weiß ich nicht, wer dann daran Schuld tragen wird, so die Erde durch die pure Dummheit der Menschen am Ende ganz und gar zugrunde gerichtet wird! Was nützet das, so sie auch von jetzt an mit genauer Not noch ein paar Tausende von Jahren erhalten, dann aber dennoch offenbar zugrunde gerichtet wird?!“
GEJ|5|110|2|0|Sage Ich: „Freund, wirst du in jener Zeit auch nicht also grobmateriell fortleben, wie du jetzt lebst, denkst und sprichst, so wirst du aber doch als Geist, deiner um sehr vieles heller bewußt, kräftiger und mächtiger für ewig fortleben und wirst Augen- und Ohrenzeuge sein von allem, was da geschehen und von Mir notgedrungen zugelassen wird; aber es wird dir dann sicher alles recht sein, und du wirst noch selbst dazu so manches beitragen zur Züchtigung der Menschen und wirst Mich mit Millionen anderen Geistern gar viele Male angehen, der Erde eine neue Einrichtung und Gestalt zu geben! Aber Ich werde euch dann allzeit zur Geduld und Liebe ermahnen.
GEJ|5|110|3|0|Und wenn es auf der Erde einmal so recht toll durcheinanderzugehen anfangen wird, so wirst du in Meinem Reiche eine große Freude haben und sagen: ,Na, endlich läßt der Herr einmal wieder der schreiendsten Ungerechtigkeit der Menschen auch auf der materiellen Erde Seine Zuchtrute fühlen!‘ Denke du nur auch daran, daß Ich es an von Meinem Geiste erfüllten Männern nie habe mangeln lassen, auch unter den finstersten Heiden nicht! Es durften nie fünfzig Jahre vergehen, – und es standen schon wieder Männer da, die den Menschen den rechten Weg zeigten! Jetzt kam Ich Selbst als Mensch auf diese großbestimmungsvollste Erde; nach Mir werden gleichfort Männer bis ans Ende der Welt zu den Kindern der Welt gesandt werden und werden stets auch viele bekehren zum wahren Lichte.
GEJ|5|110|4|0|Es wird von dieser euch nun gegebenen Lehre kein Häkchen verlorengehen, und dennoch wird das für die große Weltallgemeinheit von keinem großen Belange sein; denn diese wird, solange es eine Materie gibt und geben muß, mit dem rein geistigen Elemente in stetem Kampfe stehen. Aber es sei darum niemand bange; denn allzeit werden viele Berufene sein, aber darunter auch stets wenige Erwählte!
GEJ|5|110|5|0|Die sich nach den Erwählten richten werden, für die wird die Erde noch immer ein sicheres Plätzchen haben; aber die zu sehr Tauben und Blinden im Herzen werden von Zeit zu Zeit stets wie das Unkraut vom reinen Weizen gesondert werden.
GEJ|5|110|6|0|Die Erde wird darum also fortbestehen, wie sie nach Noah fortbestanden ist, und wird tragen Meine helleren Kinder; nur der zu sehr überhandgenommen habende Unflat wird von ihr entfernt werden und in eine andere Reinigungsanstalt kommen, an denen es in Meinem ewig großen Reiche wahrlich keinen Mangel hat und auch ewig nie einen Mangel haben wird. Aber Meine Kinder werden solche Wesen nimmer; denn dazu gehört, daß man Mich wohl erkennt und über alles liebt.
GEJ|5|110|7|0|Denn nun rede Ich nicht als der Wunderarzt Jesus aus Nazareth, sondern als Der, der in Mir wohnt von Ewigkeit, – als der Vater voll Liebe und Erbarmung rede Ich zu euch und als der einige Gott, der da spricht: ,Ich bin das Alpha und das Omega, der ewige Anfang und das endlose, ewige Endziel der ganzen Unendlichkeit; außer Mir gibt es keinen Gott irgend mehr!‘“
GEJ|5|111|1|1|111. — Das Ende der Erdmaterie
GEJ|5|111|1|0|(Der Herr:) „Darum sage Ich zu euch: Wer Mich suchen, finden und erkennen und dann über alles lieben wird und seinen Nächsten mit aller Geduld wie sich selbst, schon hier oder zum mindesten doch jenseits, aus allen Kräften, der wird Mein Kind, also Mein Sohn und Meine Tochter sein! Wer aber Mich nicht suchen, nicht finden, nicht erkennen und somit auch nicht lieben wird und wird auch voll Lieblosigkeit sein gegen seine Nebenmenschen, der wird ewig nie auch zu Meiner Kindschaft gelangen! Denn Meine Kinder müssen also vollkommen sein, wie Ich als ihr wahrer Vater Selbst vollkommen bin!
GEJ|5|111|2|0|Die später sehrmöglicherweise geläuterten Weltkinder aber werden geistige Bewohner jener Weltkörper und jener ihnen entsprechenden Vereine verbleiben, auf und in denen sie geläutert wurden; aber in des ewigen Vaters Hause in des allerhöchsten Himmels Mitte werden sie nimmer aus und ein gehen gleich Meinen wahren Kindern, die mit Mir stets die ganze Unendlichkeit richten werden ewig fort und fort.
GEJ|5|111|3|0|Diese Erde aber wird nach der vorhergesagten letzten, großen Läuterung so wie nun Menschen und Menschen tragen; aber diese künftigen Menschen werden sein um sehr vieles besser denn die jetzigen und werden haben fort und fort Mein lebendiges Wort.
GEJ|5|111|4|0|Wenn aber einst die Erde, nach für euch undenklich vielen Jahren, alle ihre Gefangenen wird hergegeben haben, so wird sie dann selbst im Lichtmeere der Sonne in eine geistige umgewandelt werden. Denn das allerunterste Hüls- und Schotenwerk, darin früher die lebendigen Geister und Seelen hausten, gleicht einem Bimse, der, obschon kein eigentliches Lebenselement mehr seiend, doch immer noch eine plump und zerrissen organische Materie ist und eine allerunterste Art gerichteter Geister in sich birgt.
GEJ|5|111|5|0|Was soll's mit dem Substrate, wenn sich alles intelligente Leben aus ihm frei gemacht hat? Soll es als ein gewisserart ausgebrannter Bimsklumpen, aller weiteren Bestimmung bar, als völlig tot im endlosen Raume herumschwimmen? Oder sollte oder könnte es dennoch in den Sphären der lebenden und in vielfachster Art vollendeten Geister etwas sein? Ja, es soll etwas sein; denn nichts kann im endlosen Raume, der auch Mein Reich ist und Mein ewiges Wohnhaus, als völlig tot und bestimmungslos sich irgendwo als bestehend vorfinden! Um aber von einer Bestimmung zu reden, muß man doch unfehlbar von einer geistigen für ewig dauernd reden, da es eine materiell-ewige Bestimmung nimmer irgendwo geben kann.
GEJ|5|111|6|0|Jede Materie, als etwas räumlich und zeitlich für sich abgeschlossen Begrenztes, kann ja nur eine zeitliche Bestimmung haben. Hat sie aber solcher in einer gewissen Periode vollends entsprochen, und ist mit ihr als einem Medium ein höherer Lebenszweck erreicht worden, und ist sie, die Materie, als ein früher für einen bestimmten Zweck brauchbares und gesundes Gefäß morsch, locker, löcherig und somit für irgendeinen ähnlichen weiteren Zweck völlig unbrauchbar geworden, – was sollte dann aus dem Bimse weiteres noch werden?
GEJ|5|111|7|0|Sehet einen Eimer bei einem Brunnen an! Was wird aus ihm, der viele Jahre lang zum Wasserschöpfen gedient hat? Kann er als völlig morsch und durchlöchert noch fernerhin zum Wasserschöpfen gebraucht werden? Nein; daher wird er abgenommen und verbrannt werden und wird dadurch vollends aufgelöst in Rauch, Luft und etwas wenig Asche, die aber mit der Zeit von der Feuchtigkeit der Luft ebenfalls in eine einfache Luftart aufgelöst wird und im aufgelösten Luftzustande dann erst wieder als eine gute Unterlage des reellen geistigen Seins dienlich werden kann. Und wird schon aus ihr nicht ein und derselbe Wassereimer mehr, so kann aus ihr dennoch wieder ein höchst zartes und subtiles Hülswerk bereitet werden, das ein Träger des lebendigen Wassers aus Mir werden kann.“
GEJ|5|112|1|1|112. — Die dereinstige Verwandlung der materiellen Welten in geistige Gotteskinder und Gottesgeschöpfe
GEJ|5|112|1|0|(Der Herr:) „Was aber mit dem alten Wassereimer durch die Vernunft der Menschen geschieht oder doch wenigstens zuverlässig geschehen kann, das wird dereinst auch mit der Erde wie mit allen anderen Weltkörpern, selbst mit den Urzentralsonnen, geschehen, und es werden aus ihnen dann vollkommen geistige Weltkörper zur Tragung und Bewohnung der seligen Geister.
GEJ|5|112|2|0|Aber es werden solche Weltkörper dann nicht nur auswendig, sondern viel mehr inwendig bewohnt sein in allen ihren den früheren organisch- materiellen Formen entsprechend ähnlichen inneren Lebenstempeln.
GEJ|5|112|3|0|Da werden die Menschen als vollendete Geister erst die innere Beschaffenheit der sie einstens tragenden Welten vollkommenst kennenlernen und sich nicht genug in aller Freudigkeit wundern können über ihre überaus wundervoll komplizierte innere organische Einrichtung von den kleinsten bis zu den größten Organen.
GEJ|5|112|4|0|Die für sich lichtlosen kleinen Planeten, wie diese Erde, ihr Mond, die sogenannte Venus, der Merkur, Mars, Jupiter und Saturn und noch mehrere gleiche Planeten, die zu dieser Sonne gehören, samt den vielen Bartsternen – die späterhin auch Menschenwesen tragende Planeten werden, teils durch eine jeweilige Vereinigung mit einem schon Menschen tragenden Planeten, und teils in ihrer reif gewordenen planetarischen Selbstheit –, werden nach für eure Begriffe undenkbar vielen Erdenjahren in der Sonne ihre Auflösung finden.
GEJ|5|112|5|0|Die Sonne und ihre höchst vielen Gefährtinnen in ihrer Spezialmittelsonne; diese Mittelsonnen, die schon eines überaus hohen Alters fähig sind, und für die eine Äone (dezillionmal Dezillionen) von Erdenjahren gerade das ist, was für diese Erde ein Jahr ist, werden ihre Auflösung in den Sonnengebietszentralsonnen finden, die natürlich in allen ihren Seinsverhältnissen – um nach der arabischen Art zu sprechen – ums millionenmal Millionenfache größer dastehen denn ihre Vordersonnen. Diese Sonnengebietszentralsonnen werden wieder in den im gleichen Verhältnisse größeren Sonnenallzentralsonnen, und diese endlich in der einzigen Urzentralsonne, deren körperliche Größe für eure Begriffe von einer wahren Unermeßlichkeit ist, ihre endliche Auflösung finden.
GEJ|5|112|6|0|Aber wo wird denn dann diese ihre endliche Auflösung finden? Im Feuer Meines Willens, und aus dieser endlichen Auflösung werden dann alle die Weltkörper, aber geistig, in ihre früheren Ordnungen und Dienstleistungen zurücktreten und dann geistig ewig fortbestehen in aller ihrer Pracht und Größe und Wunderbarkeit.
GEJ|5|112|7|0|Natürlich dürft ihr euch die Zeit nicht etwa so vorstellen, als würde alles das etwa schon morgen oder übermorgen vor sich gehen, sondern so ihr für jedes Sandkörnchen, so viele deren die ganze Erde fassen könnte, ein Erdenjahr Zeit nähmet, so reichete das kaum für den Zeitraum des materiellen Erdbestandes aus. Da ist des viel längeren Bestandes der Sonne gar nicht zu gedenken, und natürlich noch weniger des Bestandes einer der ersteren Zentralsonnen, der tieferen Sonnengebietszentralsonnen, und noch um gar außerordentlich weniger ist der für euch nun nie berechenbaren Dauer der Sonnenallzentralsonnen und gar einer Urzentralsonne zu gedenken, – und das auch darum um so weniger, als wie lange die Sonnen noch immer neue Weltkörper, die Zentralsonnen auch noch stets neue Planetarsonnen und die Urzentralsonnen auch noch stets ganze Heere von Sonnen aller Art ausgebären werden.
GEJ|5|112|8|0|Aber trotz solcher für euch unermeßlichen Dauer der großen Weltkörper wird dereinst ihre Zeit dennoch aus sein und damit abermals eine Schöpfungsperiode durchgemacht und abgeschlossen sein, wonach dann in einem endlos weit entlegenen Schöpfungsraumgebiet zu einer neuen Schöpfung fortgeschritten wird, an der, wie an zahllosen noch neu erfolgenden, ihr auch euren Tätigkeitsanteil nehmen werdet, begabt mit einer stets größeren Machtvollkommenheit, – aber nur als Meine wahren Kinder!
GEJ|5|112|9|0|Denn wer auf dem vorgezeichneten Wege die Kindschaft Gottes nicht erreicht haben wird, der wird als ein zwar vollendetes, vernünftiges und immerhin glückseliges Geschöpf auf seiner geistigen Erde bleiben, leben und handeln und wandeln und wird sogar andere nachbarliche Geistwelten besuchen – ja, er wird seine ganze Hülsenglobe durchwandern können! –, aber darüber hinaus wird es ewighin nicht kommen, und es wird in ihm auch das Bedürfnis nicht erbrennen zu einem lebenstätigen Verlangen nach etwas Höherem.
GEJ|5|112|10|0|Aber Meine Kinder werden stets bei Mir sein und mit Mir wie aus einem Herzen denken, fühlen, wollen und handeln! Darin wird der endlos große Unterschied sein zwischen Meinen wahren Kindern und den mit Vernunft und Verstand begabten glückseligen Geschöpfen. Sehet euch daher wohl vor, daß ihr dereinst als Meine Kinder für tauglich und würdig befunden werdet!“
GEJ|5|113|1|1|113. — Die Menschen der Sternenwelten und die Gotteskindschaft
GEJ|5|113|1|0|(Der Herr:) „Ich sage es euch, daß im für euch unermeßlichen Raume zahllos viele Hülsengloben sind! In jeder Hülsenglobe, die für sich schon einen für eure Begriffe nie ermeßbaren Raum einnimmt, da sie die Trägerin von äonenmal Äonen Sonnen und Sonnengebieten ist, leben sicher allerzahllosest viele Menschengeschöpfe, entweder noch im Leibe oder aber schon pur geistig, und haben in ihrer Art gewöhnlich eine sehr helle Vernunft und einen feinst berechnenden Verstand, der oft eine solche Schärfe erreicht, daß ihr euch vor ihm langehin verstecken müßtet.
GEJ|5|113|2|0|Diese haben auch dann und wann traumähnliche Ahnungen, daß es irgendwo Kinder des allerhöchsten, ewigen Geistes gibt, und hegen ganz geheim auch eben nicht zu selten den Wunsch, um jeden Preis des Lebens Meine Kinder zu werden; aber es geht so etwas zuallermeist ganz und gar nicht. Denn es muß alles in seiner Ordnung bleiben und bestehen gleichwie bei einem Menschen, bei dem auch die Teile und Organe des Kniegelenkes nicht zu den edlen Augen des Hauptes umgestaltet werden können und die Zehen der Füße nicht leichtlich allenfalls zu den Ohren. Alle Glieder am Leibe müssen das bleiben, was sie einmal sind; und möchten die Hände noch so sehr wünschen, auch sehend zu sein, so nützt das nichts, – sie bleiben ganz gesund und glücklich blinde Hände, bekommen aber dennoch ein überaus hinreichendes Licht durch die edlen Augen im Haupte.
GEJ|5|113|3|0|So braucht die Erde auch keine Sonne zu sein, um ihren sonst finsteren Boden zu erleuchten; denn sie bekommt ja ein hinreichendes Licht von der einen Sonne. Von der Nahrung, die ein Mensch zu sich nimmt, müssen alle Teile seines Leibes in ihrer Art ernährt werden, also auch die Augen und das Herz. Aber nur die allerlichtverwandtesten und reinsten Teilchen werden zur Nahrung der Augen erhoben, und die liebelebensverwandtesten seelischen Teilchen assimilieren sich mit der Lebenssubstanz des Herzens; die mehr und mehr gröberen Teile gehen als entsprechende Nahrung an die verschiedenartigsten Leibesbestandteile über. Es würde da dem Auge sehr übel bekommen, wenn Teile, die nur zur Ernährung eines Knochens geeignet sind, in dasselbe kämen.
GEJ|5|113|4|0|Und so würde es auch in der allgemeinen großen Schöpfungsordnung von einem sehr schlechten Erfolge sein, so Ich die Menschengeschöpfe anderer Welten zur Werdung Meiner allereigensten Herzenskinder zuließe. Ja, es ist wohl dann und wann eine solche Zulassung möglich; aber da gehören große Läuterungen und weitgehende Vorkehrungen und Vorbereitungen dazu! Am ehesten kommen entweder die Seelen dieser Sonne zu dieser Gnade oder die Urerzengel, denen die Pflicht obliegt, ganze Hülsengloben zu beherrschen und zu leiten und in der besten Ordnung als gerichtet zu erhalten. Aber so ungeheuer groß sie auch sind in allem, ebenso klein müssen sie sich gleich Mir hier zu sein begnügen und sich jede Demütigung gefallen lassen.
GEJ|5|113|5|0|Auch aus der Zentralsonne dieses Systems, zu dem auch diese Sonne gehört, können Seelen auf diese Erde zur Erreichung Meiner Kindschaft übersetzet werden, ebenso aus der weiteren Sonnengebiets- und Sonnenallzentralsonne. Aber nur aus dem Bereiche desselben Sonnenalls, in dem sich diese Erde befindet, können auch noch Seelen hierher kommen, – aber aus der allgemeinen Urzentralsonne nicht leichtlich mehr, weil jener notwendig allerriesenhaftesten Menschen Seelen schon zu ungeheuer viel Substanz in sich enthalten, als daß sie von dem kleinen Leibe eines diesirdischen Menschen könnte aufgenommen werden.
GEJ|5|113|6|0|Aber obwohl es auf jener allerriesenhaftest großen Weltensonne auf manchen ihrer Großlande derartig körperlich große Menschen gibt, deren Kopf schon für sich mindestens um tausendmal so groß ist als diese ganze Erde, so ist aber doch ein schwächstes Meiner wahren diesirdischen Kinder durch Meinen Geist in seiner Seele Herzen schon ums endlose mächtiger als Myriaden jener überweltengroßen Urzentralsonnenmenschen.
GEJ|5|113|7|0|Bedenket daher wohl, was es heißt, ein Kind des allerhöchsten Gottes sein, und welch eine allergrößte, ungerichtetste und unangetastetste Willensfreiheitsprobe dazu erforderlich wird, auf daß die Seele eins wird mit Meinem Geiste in euch, wodurch allein ihr dann erst vollkommen Meine Kinder werden könnet!“
GEJ|5|114|1|1|114. — Der Große Schöpfungsmensch und die Erde
GEJ|5|114|1|0|(Der Herr:) „Es läßt sich freilich wohl von euch nun mit Grund fragen, wie denn gerade diese kleine Erde und ihre kleinen Menschen zu dieser Ehre und Gnade gekommen sind, da es doch im endlosen Schöpfungsraume eine unzählbare Menge der größten und herrlichsten Lichtwelten gibt, die viel geeigneter wären, Gottes Kinder zu tragen, zu ernähren und mit allem dazu Erforderlichen bestens zu versehen. So wären die weltengroßen Menschen der Urzentralsonne ja doch ansehnlicher als Kinder Gottes denn die bestaubten Würmer dieser kleinen Erde! – Dem äußern Anscheine nach wäre dieser Frage freilich gerade nichts oder wenigstens nicht viel entgegenzusetzen; aber bei den inneren Verhältnissen der Dinge des Lebens wäre das sogar eine Art Unmöglichkeit.
GEJ|5|114|2|0|Eines jeden Menschen Organismus hat nahe in der Mitte des Herzens seinen Lebensnerv, ein kleinstes Klümpchen, von dem aus der ganze andere Leibesorganismus belebt wird. Dieses einen Herzensnervklümpchens Teile haben eine solche Einrichtung, den Lebensäther aus dem Blute und aus der eingeatmeten Luft derart an sich zu ziehen, daß sie dadurch fürs erste selbst überaus lebenstätig verbleiben und dann fürs zweite diese Lebenstätigkeit dem ganzen Organismus mitteilen und dadurch den ganzen Leib beleben auf dem geeigneten Wege.
GEJ|5|114|3|0|So Ich dir den Fuß abhauen möchte oder die Hand, so würdest du fortleben, wie du solches an vielen alten Soldaten ersehen kannst, denen in den Schlachten Hände, Füße, Ohren und Nasen abgehauen wurden, und die doch noch, wenn auch als Krüppel, fortleben; aber die geringste Verletzung des Herzens, in dem sich der kleine Hauptlebensnerv befindet, zieht den augenblicklichen Leibestod nach sich.
GEJ|5|114|4|0|Wie aber diese Einrichtung getroffen ist im menschlichen Leibe wie auch in den warmblütigen Tieren, ebenalso ist die Einrichtung auch im größten Weltenschöpfungsraume getroffen: Alle die zahllos vielen Hülsengloben stellen in ihrer Gesamtheit einen ungeheuer, für eure Begriffe endlos großen Menschen dar. In diesem Menschen ist diese Hülsenglobe, in der wir uns befinden, das Herz, und eben diese Erde ist der für den ganzen, großen Menschen überaus kleine Lebensnerv, der sich gerade nicht im Zentrum des Herzens, sondern mehr an der linken Seite desselben befindet.
GEJ|5|114|5|0|Im Zentrum des Herzens befindet sich zwar auch ein sehr großer Nervenkomplex, aber es ist darin nicht der Hauptlebenssitz. Es ist das nur eine Werkstätte zur Aufnahme und Bewahrung des Lebensnährstoffes aus dem Blute und aus der Luft. Von da aus nimmt ihn erst der Hauptlebensnerv auf und befruchtet oder segnet ihn erst als eine zum Leben taugliche Substanz, das heißt für das einstweilige Mitnaturleben der Seele, die ohne diesen Nerv mit dem Organismus des Leibes in gar keine Verbindung treten könnte.
GEJ|5|114|6|0|Es ist sonach der in Rede stehende Lebensnerv irgend an der linken Herzseite ein gar höchst unansehnliches, überaus kleines Wärzchen, ähnlich einem kleinsten Gefühlswärzchen am untersten Ballen des kleinen Zehens am linken und eines korrespondierenden am rechten Fuße. Diese Gefühlswärzchen, nur durch die Epidermis gedeckt, sind die Hauptgefühlsleiter der Füße, – und wer achtet ihrer, und wer weiß es, daß sie das sind?!
GEJ|5|114|7|0|So jemand leiblich das Unglück hätte, die kleinen Zehen seiner Füße einzubüßen, der würde dann sehr schwer gehen, – um vieles schwerer, als so er die großen Zehen eingebüßt hätte. Wer kann da aufstehen und fragen: ,Aber warum hast Du, Herr, denn gerade auf die kleinsten Dinge in Deiner unermeßlichen Schöpfung zumeist das höchste Wirkungsgewicht gelegt?‘
GEJ|5|114|8|0|Da frage Ich aber entgegen und sage: ,Warum ist denn schon bei euch Menschen der Grundstein zu einem Hause oft um mehr als ums Tausendfache kleiner denn das ganze Haus, das eben an dem gut gelegten Grundsteine seinen Hauptstützpunkt hat? Warum gibt es denn der Lügen so viele, aus dem Reiche der Wahrheiten aber eigentlich nur eine Grundwahrheit? Warum ist die Eiche ein so großer Baum, und der Keim in ihrer Frucht, in welchem schon zahllos viele Eichen von der riesigsten Art eingeschlossen sind, ist so klein wie ein allerkleinstes Sandkörnchen?‘
GEJ|5|114|9|0|Es gibt, Meine lieben Kindlein und nun Freunde, in der großen Schöpfung noch gar manche Dinge, deren Zweck und Beschaffenheit euch etwas sonderbar vorkäme, so ihr alles in der Schöpfung kennetet. Wollte Ich euch nun auf nur wenige solcher Sonderbarkeiten aufmerksam machen, so würdet ihr eure Hände über dem Haupte zusammenschlagen und sagen: ,Nein, Herr, das kann denn doch unmöglich sich also verhalten; denn es widerstreitet zu sehr der nur einigermaßen reinen Vernunft!‘ Kurz, ihr alle könntet es nun nicht fassen; und um nur einen sehr kleinen Teil davon aufzuzählen, würden der Zeit nach mehr Jahrtausende vonnöten sein, als es des Sandes im Meere gibt!
GEJ|5|114|10|0|Wenn ihr aber, so Ich wieder werde heimgegangen sein, Meinen Geist überkommen werdet, so wird dieser euch dann schon von selbst in alle Wahrheit leiten, und ihr werdet dann nicht mehr nötig haben zu fragen und zu sagen: ,Herr, warum dies und warum jenes?‘ Es wird die Binde von euren Augen genommen werden, und ihr werdet dann im hellsten Lichte schauen, was ihr nun kaum überaus dunkel ahnet. Darum begnüget euch vorderhand mit dem, was ihr nun vernommen habt! Es ist dies nur ein in euer Herz gelegter Same, dessen Früchte ihr erst dann als reif einernten werdet, wenn in euch selbst die Sonne Meines Geistes aufgehen wird.
GEJ|5|114|11|0|Habt ihr wohl einiges von dem, was Ich nun zu euch geredet habe, so nur einigermaßen verstanden? Seid offenen Herzens und bekennet es; denn von jetzt an bleibe Ich noch sieben volle Stunden unter euch! Redet nun und saget, wo irgend jemand noch im Dunkeln ist, und Ich will ihn ans Hellere führen, wenn nun schon nicht in des Geistlebens vollstes Licht!“
GEJ|5|115|1|1|115. — Wesen und Inhalt einer Hülsenglobe
GEJ|5|115|1|0|Sagt endlich wieder einmal unser Mathael: „Herr, das sind für uns wohl noch stark Skythendörfer, die nahe so gut wie nirgends bestehen, und von denen man sich darum auch keinen Begriff machen kann! Du hast von Deiner endlos großen Schöpfung freilich gut reden; aber uns, die wir nicht einmal so recht wissen, wie groß unsere Erde ist, und welche Gestalt sie hat, ist das von Dir uns Mitgeteilte nicht so gut und verständlich anzuhören.
GEJ|5|115|2|0|Ich verstand in meiner sehr regen Phantasie wohl so manches, aber nur wie in einem flüchtigen Traume etwas Großes ahnend. Doch gar viele meiner Gefährten halten das für eine Art unbegreiflicher Faselei, aus der kein natürlicher, noch so gesunder Menschenverstand je klug werden kann. Denn um derlei Dinge nur einigermaßen heller begreifen zu können, müßten wir im Rechnen und in der altägyptischen Astronomie ganz gründlich bewandert sein und ihr großes Zahlensystem vollkommen innehaben! Da uns aber die wissenschaftlichen Elemente nahezu gänzlich fehlen, so kann uns solche Deine nunmalige allergroßartigste Erklärung in keinem Falle klar sein.
GEJ|5|115|3|0|Es ist wohl wahr, daß Du uns früher bei einer Gelegenheit schon ein wenig in Deinen großen Schöpfungsraum Blicke zu machen gegönnt hast; aber es blieb wenigstens mir noch um so manches zu fragen übrig. Jetzt hast Du Dich namentlich über den materiellen Teil Deiner Schöpfungen näher ausgelassen; aber es nützt uns das eben nicht sehr und besonders viel. Denn es ist ja ganz klar und leicht anzunehmen, daß wir solches unmöglich völlig begreifen können, da uns dazu alle Vorbegriffselemente fehlen.
GEJ|5|115|4|0|Um dieses alles nur ein wenig besser zu verstehen, müßten wir ebenfalls wenigstens von einer der benannten Hülsengloben und der verschiedenen Gattungen der in ihr dominierenden Sonnen und Zentralsonnen Kenntnis haben. Wäre das der Fall, so könnten wir uns dann schon die zahllos vielen anderen Hülsengloben und Zentralsonnensysteme, -gebiete und -alle ein wenig heller vorstellen; aber es hat da mit der einen Hülsenglobe schon einen ungeheuren Haken, geschweige mit den vielen andern, von denen sicher eine jede eine ganz andere Einrichtung und einen ganz andern Zweck hat.
GEJ|5|115|5|0|Wie verhält sich's denn sonach und so ganz eigentlich mit den Planetarsonnen und weiter mit den Sonnensystemzentral-, Sonnengebietszentral-, Sonnenallzentral- und endlich gar Urzentralsonnen-Geschichten, von denen es dem altberühmten Ptolemäus und dem Julius Cäsar, der etwa auch ein Astronom war, nichts geträumt hatte?“
GEJ|5|115|6|0|Sage Ich: „Mein lieber Mathael, Ich merke, daß du ein wenig ärgerlich wirst, teils, weil Ich euch nun Dinge gezeigt habe, die ihr entweder gar nicht oder nur sehr wenig verstehet, und teils über dich selbst, daß du, der du in sonst sehr vielen Dingen eine große Belesenheit und sonstige sehr achtbare Erfahrungen und Anschauungen hast, das nun von Mir Gesagte durchaus nicht so recht verstehen kannst. Aber siehe, es ist alles das nicht ganz recht von dir; denn der Mensch wird nicht allein von dem weise, was er hört und sogleich ganz vollkommen versteht, sondern zumeist von dem, was er auch hört, und nicht versteht!
GEJ|5|115|7|0|Darüber, was einmal jemand versteht, wird wohl niemand weiter nachdenken und -forschen; denn was man einmal hat, das sucht man nicht mehr irgendwo zu gewinnen oder mühsam zu erwerben und ruht ganz gemächlich über das schon im vollen Besitze Habende. Aber was man noch nicht hat, besonders aus dem Bereiche des irgend höchst Wertvollen, das sucht man sicher mit allem Eifer so lange, bis man wenigstens nur etwas davon in den Besitz bekommt.
GEJ|5|115|8|0|Siehe, läge es Mir daran, aus euch am Ende ganz denkträge Menschen zu zeihen, so wäre es Mir ein leichtes, vor euren Augen eine Hülsenglobe in die Luft hin zu zeichnen, und ihr würdet das ganze System einer in Rede stehenden Hülsenglobe ganz so leicht verstehen wie das, daß 2 Stater und noch einmal 2 Stater ganz gewiß 4 Stater ausmachen! Aber Ich will euch denktätig erhalten und habe euch darum in Meiner an euch ergangenen Erklärung etwas gezeigt, das euch weckt und den Schlaf benimmt.
GEJ|5|115|9|0|Ich aber habe euch davon schon ehedem einmal etwas gesagt, das ihr freilich aus dem ganz gleichen Grunde eben nicht gar zu klar begriffen habt, und so könnte Ich euch nun auch das sagen, ohne gerade darauf zu rechnen, daß ihr es völlig verstehen werdet, sondern daß ihr darüber so recht vielfach bei guten Gelegenheiten, besonders in sternenhellen Nächten, darüber nachdenken werdet.
GEJ|5|115|10|0|Um euch aber das Denken ein wenig nur zu erleichtern, will Ich euch auf ähnliche Erscheinungen auf dieser Erde aufmerksam machen. Sehet eure Militäreinrichtung an, und ihr habt schon so ungefähr die Einrichtung einer Hülsenglobe mit ihren Zentral- und Urzentralsonnen! Dort steht so ein Führer von nur zehn bis dreißig Soldaten, – dort wieder steht ein anderer, schon größerer Führer, der über zehn Führer der ersten Ordnung zu gebieten hat. Der erste Führer gleicht einer Planetarsonne, und die zehn bis dreißig ganz gemeinen Soldaten sind gelegentlich gleich den Planeten, die um eine Sonne kreisen. Der zweite, höhere Führer von zehn früher benannten Rotten gleicht schon einer ersten Systemallzentralsonne, um die sich in verschiedenen Abständen eine Menge Planetarsonnen mit ihren oft vielen Planeten bewegen. Diese um eine große Zentralsonne sich bewegenden Planetarsonnen machen mit ihrer einen Zentralsonne ein Sonnengebiet aus, was ihr euch vorderhand zu merken habt, um das Nachfolgende klarer verstehen zu können.
GEJ|5|115|11|0|Nun gehen wir zu einem Heeresführer dritter Klasse über! Dieser hat abermals etwa zehn Führer der zweiten Art unter sich und hat sie zu ordnen und gesamt zu leiten. Dieses dritten Führers Befehle, den wir einen ,Hauptmann‘ nennen wollen, werden nur den unterstehenden Kohortenführern gegeben, und diese verkünden sie dann den kleinen Rottenführern, und diese dann erst den einzelnen Gemeinen. Wir haben ehedem von einem Sonnengebiete gesprochen, und es versteht sich von selbst, daß es im Schöpfungsraume auch mehrere Sonnengebiete geben wird, die wiederum einen gemeinsamen noch größeren Leitkörper haben müssen.
GEJ|5|115|12|0|Nennen wir die Militärmannschaft unter einem Hauptmann eine Gesellschaft und stellen uns nun zehn bis zwanzig Gesellschaften wieder unter einem höheren Gebieter vor, der zum Beispiel ein Oberster ist und gewöhnlich über eine Legion zu gebieten hat, die zumeist aus zehn bis zwanzig Gesellschaften besteht! Eine solche Legion ist dann schon eine ganz ansehnliche Streitmacht und macht schon einen ganz gewichtigen Teil einer ganzen Armee aus. Eine Legion können wir nun füglich mit einem Sonnenall vergleichen. Wie aber mehrere Legionen abermals unter den Befehlen eines Feldherrn stehen, so stehen dann auch die Sonnenalle unter einer abermalig noch größeren und mächtigeren Zentralsonne, die wir, um sie von den früheren zu unterscheiden, ,Sonnenallzentralsonne‘ benennen wollen.
GEJ|5|115|13|0|Nun aber stehen alle die vielen Armeen unter einem einzigen Monarchen, und ebenso die überaus vielen Sonnenalle unter der allgemeinen Hauptzentralursonne, die natürlich von einer allerkolossalsten Größe sein muß, um alle die vielen Sonnenalle, ebenso wie die Planetarsonne ihre einzelnen Planeten samt deren Monden, an sich zu ziehen und in für euch unermeßbar weiten Bahnen um sich kreisen zu lassen. Eine solche wahre Sonnenmonarchie heiße Ich aus guten Gründen eine Hülsenglobe.
GEJ|5|115|14|0|Eine Globe ist sie ihrer immerhin völlig runden Gestalt wegen, – Hülsen (Schoten) aber sind alle Weltkörper in ihr, weil sie alle ein gerichtetes geistiges Leben umhülsen, und weil am Ende diese Trägerin (Globe) selbst eine Universalhülse ist, da in ihr äonenmal Äonen Sonnen zur Haltung einer bestimmten Ordnung als total eingehülst erscheinen. – Sage Mir, du Mathael, nun, ob du Mich jetzt reiner verstanden hast als ehedem!“
GEJ|5|116|1|1|116. — Die Unzulänglichkeit der menschlichen Erkenntnis. Der Trost in der göttlichen Liebe
GEJ|5|116|1|0|Sagt Mathael: „Ich danke Dir, o Herr, für diese weitere Erklärung; denn durch sie allein bekam ich nun erst einen so ziemlich hellen Begriff von einer Hülsenglobe, und ich bin vorderhand ganz damit zufrieden. Was die zahllos vielen anderen ähnlichen Nachbarn im weiten Schöpfungsraume betrifft, so kümmern sie mich nun eigentlich gar nicht; denn ich bin der Meinung, daß ein Menschengeist mit der einen schon auf alle Ewigkeiten der Ewigkeiten völlig genug haben wird.
GEJ|5|116|2|0|Ich supponiere (nehme an) nun nur diese unsere kleine Erde. Wie lange hätte ein Mensch zu tun, um sie nur von Punkt zu Punkt nach der ganzen Oberfläche zu Land und zu Wasser zu bereisen?! Ich glaube kaum, daß man es damit in fünf- bis sechstausend Jahren dahin brächte, um sagen zu können: ,Nun gibt es auf der ganzen, weiten Erde keinen Punkt mehr, den mein Fuß nicht betreten hätte!‘ Wenn man dazu dann auch die Zeit der ernstlichen Nachforschungen rechnen würde und zugleich die damit notwendig verbundenen Ruhe- und Vergnügungsstunden mit in Anschlag brächte, die wahrlich doch auch nicht ausbleiben können bei der stets hocherbaulichen Betrachtung Deiner großen Wunderwerke, der hie und da himmlisch reizend schönen Gegenden und Landschaften, und da man zu oft in einer gar zu anmutigen Gegend auch gerne jahrelang verweilte, – ja, da brauchte man schon für diese Erde allein mehrere Hunderttausende von Jahren!
GEJ|5|116|3|0|Wie lange aber würde man sich erst dann bei dieser Erde allein aufhalten, so es einem möglich wäre, alle die zahllos vielen inneren Gemächer dieser Erde zu durchschauen?! Oh, dazu würde eine ganze Million von Jahren nicht hinreichen, besonders wenn man sich in den inneren großen Werkstätten der Natur und ihrer Geister beobachtend hinstellen und bei den zahllos vielen Werken die Einsicht nehmen könnte, wie sie prinzipiell bis zu ihrer ganzen Entwicklung entstehen, werden und dann wieder in ganz andere Dinge und Formen übergehen!
GEJ|5|116|4|0|Ja, wenn man das auch in Anschlag nähme, da hätte man ja schon mit dieser Erde allein – um nach arabischer Art zu zählen – viel über tausend Millionen von Erdenjahren, natürlich als ein durch Zeit und Raum beschränkter Mensch, zu tun, um dann mit gutem Gewissen sagen zu können: ,Die Erde ist mir nun von Punkt zu Punkt wesenhaft und allerverschiedenartigst tatkräftig allerbestens bekannt von Organ zu Organ!‘
GEJ|5|116|5|0|Der Erde zunächst müßte dann vor allem der Mond berücksichtigt werden. Der nähme zu seiner Totalbekanntschaft auch wieder einige Hunderttausende von Erdenjahren in Anspruch. Darauf kämen dann erst die anderen und oft um sehr vieles größeren Planeten an die Beschauungs- und Erforschungsreihe, von denen, weil sie ganz fremdartig und sicher noch wundervollere Weltkörper denn diese Erde sind, man sich am Ende schon wegen ihrer Großwunder eine Unzahl von Jahrtausenden gar nicht trennen könnte.
GEJ|5|116|6|0|Jetzt käme dann erst die große Sonne mit allen ihren zahllos vielen allergroßartigst wundervollst herrlichsten Lichtgefilden! Ich meine, da verbliebe man dann schon gleich eine Ewigkeit hindurch und bekäme sicher fort und fort etwas Neues zu schauen und zu erforschen. Nimmt man noch dazu an, daß ihre Menschen etwa höchst schöne, weise und freundliche Menschen sind, ja, ja, so wäre da von einem Weiterfortkommen keine Rede mehr! Das ganze, große arabische Zahlensystem hätte da wahrlich keine Ziffern mehr, mit denen man die Aufenthaltszeiten aussprechen könnte, die man bei dem Durchforschen und Durchkosten der großen Sonne vonnöten hätte!
GEJ|5|116|7|0|Nun, da wäre man dann erst mit einer kleinen Planetarsonne fertig! Es blieben einem dann noch äonenmal Äonen Sonnen übrig, und darunter noch die übergroßen Zentralsonnen. Hören wir auf! Nur um eine volle Bekanntschaft mit dieser einen Hülsenglobe zu machen, gehörten schon ganze und volle Ewigkeiten dazu! Wer möchte und könnte nun noch der Durchforschung irgendeiner zweiten Hülsenglobe gedenken?! Ich habe daher an der einen mehr als für ewig genug und überlasse die zahllos vielen andern gewiß sehr gerne den anderen höheren Geistern zur Durchforschung! Mich wenigstens fängt es stets mehr zu schwindeln an, so ich nur der einen so recht gedenke!
GEJ|5|116|8|0|O Herr, Deine Liebe ist mir der größte Trost, und ich finde mich in ihr zurecht; aber Deiner Macht und Weisheit Größe verschlingt mich wie der ungeheure Rachen eines Walfisches ein winzigstes Würmchen, das da war und gleich darauf nicht mehr ist! In Deiner Größe bist Du, o Herr, ein allererschrecklichstes Feuermeer; aber in Deiner Liebe bist Du ein Honigseim! Daher bleibe ich bei Deiner Liebe; Deine Macht- und Weisheitsgröße aber ist für mich wenigstens so gut wie gar nicht da. Denn ich fasse sie nicht und werde sie auch nimmer und nimmer erfassen; aber die Liebe erfasse ich, und sie erquicket gar wonniglich mein Herz und machet angenehm mir mein Leben.
GEJ|5|116|9|0|Ich begreife nun freilich gar viele und große Dinge; aber wer wird sie nach mir wieder fassen?! Da ich aber sehe, daß alle diese vielen, von Dir, o Herr, uns erklärten großen Dinge für tausendmal tausend und abermals tausendmal tausend Menschen völlig unbegreiflich sein müssen, so habe ich nicht einmal eine rechte Freude daran, daß ich nun so manches Übergroße recht wohl verstehe und einsehe, es aber wohl niemandem wieder verständlich machen kann, weil die Menschheit im allgemeinen auf einer zu niederen Stufe der geistigen Entwicklung steht!
GEJ|5|116|10|0|Ich sehe es wohl so mehr dunkel ein, daß es gerade nicht zu den unmöglichen Dingen gehört, die Menschen zum größten Teile dahin zu stimmen, daß sie Dich zur Not nur so weit- und auswendig hin erkennen, daß Du als ein Gott bist, der alles erschaffen hat und nun alles erhält, und daß sie Dich dann auch zu lieben, zu fürchten und anzubeten anfangen werden; aber Dich ihren verkrüppelten Begriffen näher anschaulich zu machen, das kommt mir nun so gut wie rein unmöglich vor.
GEJ|5|116|11|0|Denn wo man etwas bauen will, muß man doch irgendeinen festen Grund haben; denn auf einem lockersten Sandboden oder gar auf einem Sumpfe läßt sich keine feste Burg erbauen. Daher will ich in der Folge, sowohl für mich als für mein Volk, nur allein bei der Liebe verbleiben; was diese mir geben und enthüllen wird, das soll in den Bereich meiner Weisheit für immer aufgenommen werden! – Habe ich da nicht recht?“
GEJ|5|117|1|1|117. — Die Erkenntnis der Gottheit Jesu als Vorbedingung zur wahren Gottesliebe
GEJ|5|117|1|0|Sage Ich: „Allerdings, – denn wer in Meiner Liebe ist, der ist in allem, was aus Mir ausgehet! Aber aus Meiner Liebe ganz allein wirst du Mich wohl schwer als das erkennen, was Ich bin! Denn siehe, sehr und gar mächtig lieben kannst du auch dein Weib und VICE VERSA (umgekehrt) dein Weib auch dich; aber darum wirst weder du deinem Weibe, noch dein Weib dir ein Gott sein!
GEJ|5|117|2|0|So du Mich nur als einen puren, wennschon sehr guten und verständigen Menschen liebst und Ich dich ebenalso, da können wir Äonen von Jahren miteinander wandeln, und du wirst Mich dabei ebensowenig als einen Gott erkennen und begrüßen als Ich dich, der du sicher kein Gott, sondern nur ein Geschöpf desselben bist.
GEJ|5|117|3|0|Willst du Mich aber als das erkennen, als was Ich vor dir stehe, so muß Ich Mich dir als derjenige durch Wort, Rede und Tat zu erkennen geben. Hast du Mich aber daraus wahrhaft erkannt und aus Meiner Macht und Weisheit einsehen gelernt, daß Ich offenbar mehr denn ein pur guter und verständiger Mensch bin, dann erst wird dein Herz demütig vor Mir in den Staub zurücksinken und in solcher gerechten Demut dann erst recht allerlebendigst zu Mir in aller Liebe erbrennen; und du wirst darin dann erst den lebendigsten Grund, Mich, deinen Gott und Schöpfer, über alles zu lieben, treu und wahr finden. Was aber dir gilt, das gilt auch jedem andern Menschen.
GEJ|5|117|4|0|Wer Mich nicht als Gott erkennt, der kann Mich auch nicht als einen Gott wahrhaft über alles lieben! Hättest du Mich aber je als Gott erkennen können, so du von Mir nur rein menschliche Handlungen und Taten und Reden beobachtet hättest? Sicher nicht! Und wäre deine Liebe zu Mir so mächtig geworden, so du kein Göttliches an Mir entdeckt hättest?! Dadurch aber, daß Ich dich bloß nur mit aller Liebe und Neigung erfaßt hätte wie allenfalls ein Bräutigam seine Braut, hättest du nicht erfahren können, daß der Geist des allerhöchsten Gottes wohne und wirke in Rat, Wort und Tat in Mir, sondern Meine Weisheit und Meine Macht haben dir das erst verkündet, und es ist somit eben nicht ganz recht, so du Meine Weisheits- und Machtgröße ein erschrecklichstes Feuermeer nennest und der Meinung bist, daß damit die Menschen nie etwas zu tun haben sollen. Gerade das Gegenteil!
GEJ|5|117|5|0|Die Menschen sollen mit aller Gier Mein Reich in allem und vor allem suchen und sollen sich als Meine werdenden Kinder stets mehr und mehr in ihres Vaters großem Hause in jeder Sphäre und Beziehung auszukennen anfangen. Dadurch werden sie dann auch in der wahren Liebe voll Demut wachsen, und sie werden dadurch am Vater, und der Vater auch an ihnen, eine stets größere, mit aller Liebe erfülltere Freude haben.
GEJ|5|117|6|0|Wenn die Menschen also tun und leben werden ein wahres Leben in und durch Meine Weisheit, Liebe und Macht, dann werden sie auch ganz das sein, was sie alle eigentlich sein sollen. Sie werden dadurch erst als Meine wahren Kinder ebenso vollkommen werden, wie Ich da Selbst vollkommen bin, und werden dann Meine göttliche Weisheit, Macht und Größe nimmermehr als ein erschreckliches Feuermeer finden. Ich meine, daß dir das nun auch klar sein wird!
GEJ|5|117|7|0|Doch aber sage Ich euch allen hinzu, daß ihr alle vorderhand die Völker nicht alles das lehren sollet, was Ich euch nun gezeigt habe. Lehret sie vor allem Gott erkennen und lebendig an Ihn glauben und Ihn lieben über alles! Alles andere wird ihnen nach dem Bedarfe der Geist selbst enthüllen.“
GEJ|5|118|1|1|118. — Goldene Richtlinien für die Verbreitung des Evangeliums
GEJ|5|118|1|0|(Der Herr:) „Wohl liegt nun die Menschheit in einer allerdicksten Nacht begraben und schläft einen Schlaf der Toten; all ihr Wissen ist ein eitles Träumen, und niemand weiß dem andern einen Bescheid zu geben. Es gibt wohl eine Menge von Lehrern und Führern aller Art, – aber was nützen sie?! – Denn sie alle sind ebenso blind wie ihre Führlinge; kommen sie an eine Grube, so fallen Führer und Führling hinein, und keiner findet einen Ausweg aus der verderbenbringenden Grube.
GEJ|5|118|2|0|Aber darum denke man ja nicht, daß sich die Menschen nicht gern einem rechten Führer anvertraueten! Was ist einem Blinden wohl erwünschter als ein sehender Führer, und dann noch um so mehr, so der Führer zum Blinden sagen kann mit einem guten und reell wahren Gewissen: ,Freund, nun bist du zwar noch blind; aber so du treu und gläubig mir folgst, so sollst du in Kürze selbst sehend werden!‘ Und wenn dann traurig der Blinde mit dem sehenden Führer wandelt und in kurzer Zeit seine Augen anfangen, einen nicht unbedeutenden Tagesschimmer wahrzunehmen, – wie wird sein Herz in aller Freude anzuschwellen anfangen!
GEJ|5|118|3|0|Oh, Ich sage es dir, es ist nicht gar so schwer, wie du es meinst, einem wahrhaft lichtbedürftigen Blinden ein rechter Führer zu werden! Schwer wird dieses Geschäft erst dann, so der zu führende Blinde von dem ein Irrlicht erzeugenden Wahne beseelt ist, daß er selbst ein Sehender sei. Solche Blinde sind unsere Pharisäer und Schriftgelehrten; auch der Heiden allerlei Priester sind davon nicht ausgenommen. Aber was ist da zu tun? – Ein kurzes Beispiel soll dies Verhältnis, und was da zu tun ist, näher bezeichnen!
GEJ|5|118|4|0|Es zog ein Feldherr mit seinem Heere aus wider einen sehr lästigen, bösen Nachbarfürsten, der sein Reich mit vielen Festungen und festen Burgen wohl versehen und befestigt und alle mit Kriegern und allerlei Kriegswaffen wohl bespickt hatte. Als der Feldherr sich mit seinem Heere den Grenzen des feindlichen Gebietes zu nahen begann, da sprachen seine Unterfeldherren und – führer zu ihm: ,Herr, da werden wir alle nichts oder nur sehr wenig ausrichten; denn der Feind hat sich ganz kurios befestigt, bis an die Zähne bewaffnet, und wir werden mit aller unserer großen Heeresmacht nichts ausrichten gegen ihn und werden mit Mann und Maus in seinem Lande zugrunde gehen! Daher wäre es etwa doch vernünftiger, diesmal diesen Feldzug ganz aufzugeben und irgendeine günstigere Zeit abzuwarten!‘
GEJ|5|118|5|0|Darauf entgegnete der große Feldherr: ,Bei dem wird die Zeit nie günstiger, und alle die vielen Ermahnungen sind an seinen tauben Ohren und an seinem Herzen stets total abgeprallt. Da heißt es mit bewaffneter Hand ihm zeigen, daß nicht er allein der Mensch ist, alle Güter der Erde für sich in Beschlag zu nehmen. Er hat in seinem Lande wohl eine Menge Festungen und Burgen erbaut und sie bis an die Zähne bewaffnet; allein die gehen uns nichts an! Wir dringen dort ins Land, wo keine Festungen und Burgen stehen, ziehen mit leichter Mühe seine mit ihm höchst unzufriedenen Völker an uns, geben ihnen Licht und weise Gesetze, und er soll da sehen, was ihm alle seine Festungen und Burgen nützen werden. Greift er uns aber an, die wir vom Kopfe bis zur kleinen Zehe bestens gewappnet sind und das Schwert, die Lanze, die Pfeile und die Wurfspieße wohl zu gebrauchen verstehen, so reiben wir ihn durch unsere große Übermacht und durch unseren Mut und durch unsere anerkannt größte Waffengebrauchsgeschicklichkeit bis auf den letzten Kriegsmann auf!‘
GEJ|5|118|6|0|Als die Unterfeldherren solchen weisen Angriffsplan von ihrem Oberfeldherrn bekamen, da bekamen sie nicht nur die sehr löbliche Einsicht, daß es also sicher am allerbesten gehen werde, sondern auch den rechten Kriegsmut und die volle Überzeugung für ein sicheres Gelingen ihres Kriegsplanes. Sie kamen an des Feindes Landesgrenze, allwo keine Festungen und Burgen standen, und drangen also ohne einen Schwertstreich ins Land. Das Volk strömte ihnen mit weißen Fahnen haufenweise entgegen und begrüßte sie als seine Lebensretter.
GEJ|5|118|7|0|Als des Tyrannen Kriegsleute aus ihren Burgen das sahen, wie alles Volk sich um das fremde Heer stets mehr und mehr zu scharen begann, da fingen sie an, sehr ernstlich zu beraten, was da nun zu tun sein werde. Der Tyrann gebot ihnen, alles aufzubieten, um den Feind aus dem Lande zu treiben; aber seine Feldherren sagten zu ihm: ,Das ist zu spät! Was nützen uns unsere Festen und Burgen?! Der Feind hat alles Volk für sich und daher schon eine ungeheuer große Macht. Unser Kampf gegen sie wäre wie ein Mann gegen tausend. Wir sind total besiegt, und unsere Festen und Burgen nützen uns nichts mehr; denn die festeste Burg ist das Volk, und dieses ist in den Händen der Feinde, und uns bleibt daher nichts übrig, als ganz ehrlich zu kapitulieren!‘ Der Tyrann rümpfte hier freilich ganz entsetzlich die Nase; aber was wollte er tun?! Er mußte sich am Ende dennoch nach dem Rate seiner Feldherren richten.
GEJ|5|118|8|0|Sehet, desgleichen tuet auch ihr als kluge Ausbreiter Meiner Lehre! Lasset stehen die Tempel und die vielen Priesterhäuser; bearbeitet nur das Volk! Ist das mit leichter Mühe einmal auf eurer Seite, dann werden die alten Götzentempel ehestens von selbst allen Wert verlieren und zusammenstürzen. Und ihre Diener werden, aus eigenem Antriebe und durch die Not gedrungen, zu euch übergehen und die neue Lehre annehmen und mit ihr zu handeln und zu wirken anfangen.
GEJ|5|118|9|0|Und du, Mathael, wirst daraus hoffentlich auch so klug geworden sein, um einzusehen, daß die Ausbreitung dieser Meiner Lehre eben nicht zu schwer ist, wenn man sie nur klug genug auszubreiten anfängt; aber greift man etwas plump an, so wird die Wirkung auch gleichen dem Angriffe! – Hast du, und ihr alle, das nun wohl begriffen und verstanden?“
GEJ|5|119|1|1|119. — Der Unterschied zwischen einem wahren und einem falschen Führer
GEJ|5|119|1|0|Sagt Mathael: „Ja, Herr und mein Gott, nun ist mir schon alles klar, wie auch sehr klar, daß man an einen Gott erst glauben muß, bevor man Ihn lieben kann! Der Glaube aber darf kein blinder, sondern muß ein lichtvoller sein, das heißt, man muß einsehen, wer und was ein Gott ist. Man muß von Seiner Weisheit, Macht und Größe und Dauer einen klaren und vernunftgerechten Begriff bekommen, um dann daraus erst in die volle Liebe zu dem also angenommenen Gott übergehen zu können.
GEJ|5|119|2|0|Es ist dies freilich kein gar zu leichtes Stück Arbeit bei einem Menschen, der von allerlei Irrtümern schon durch und durch gefangengenommen ist; aber so man selbst ein wahres Licht hat, so kann man dem Lichtbedürftigen auch bald ein wahres Licht geben, und es ist ein ganz anderes Ding, von jemandem etwas erlernen, der das, was er lehrt, vom tiefsten Grunde aus allerbestens versteht, als wie von jemand anders, der sich wohl auch das Ansehen eines Kundigen gibt und von der Sache wohl so ganz weitwendig etwas säuseln gehört hat, aber am Ende als Lehrer von der Sache im Grunde ebensoviel versteht wie sein Jünger.
GEJ|5|119|3|0|Der tiefkundige Lehrer wird mit allerlei tauglichen und wohlentsprechenden Bildern und Gleichnissen den schwer faßlichen Lehrgegenstand mit leichter Mühe faßlich machen, während der Afterlehrer, um so recht tiefweise zu scheinen, sich nur alle Mühe geben wird, den zu lehrenden Gegenstand in derartig dunkle und mystische Phrasen einzuhüllen, daß dadurch der Jünger nach dem Unterrichte dann noch ums gut Zehnfache verwirrter wird, als er ehedem war.
GEJ|5|119|4|0|Ich stelle mir die Sache also vor: Der wirklich kundige Lehrer kommt zu seinem Jünger wie jemand mit einer großen, verschlossenen Laterne bei der stockfinstern Nacht zu einem Menschen, der weiterziehen will in der Wüste eben in der Nacht, um nicht am Tage die große Qual der Hitze erleiden zu müssen. Der Reisende fragt dann wohl gleich den Führer mit der verschlossenen Laterne: ,Wie werden wir uns bei der Finsternis ohne eine Leuchte in der Wüste zurechtfinden? Unsere Kamele und Saumrosse werden in solcher Finsternis stutzig werden und keinen Schritt vorwärts zu bringen sein!‘
GEJ|5|119|5|0|Da aber sagt der rechte Führer: ,Laß dir darum kein graues Haar wachsen! Siehe, in dieser nun noch verschlossenen Laterne befindet sich schon ein Licht, das, sobald ich die Flügel der Laterne öffne, über die ganze Wüste gleich einer aufgehenden Sonne den hellsten Tag verbreiten wird! Keines unserer Lasttiere wird stutzig werden!‘
GEJ|5|119|6|0|Und so wird im besten Vertrauen die Reise angetreten. Am Anfange der Reise macht der Führer nur ein ganz kleines Flügelchen seiner wundersamen Laterne auf und alsogleich kommt daraus so viel Licht zum Vorscheine, daß dadurch schon allen Steinen des Anstoßes auf dem Wege recht gut ausgewichen werden konnte. Da meint der Reisende: ,Ja, mit solch einem Lichte läßt sich freilich gut reisen, und die Wüste wird uns keine Sorgen machen!‘
GEJ|5|119|7|0|Aber was macht der Reisende nun erst für Augen, als der Führer alle Lichtsperrflügel der großen Laterne öffnet und ein wahres Sonnenlicht im Augenblick über die ganze Wüste eine vollkommene Tageshelle verbreitet, so daß selbst die wilden und reißenden, hie und da auf eine gute Beute lauernden Tiere die weidlichste Flucht ergreifen und dafür die friedlichen Vögel des Himmels erwachen und ihre heiteren Liedchen zu singen beginnen, als wäre im Ernste schon die Sonne selbst aufgegangen! – Das wäre das Licht des rechten Führers!
GEJ|5|119|8|0|Aber nun kommt der Afterführer mit einer wahren Nachtlampe in der Hand und sagt zum Reisenwollenden: ,Komm und laß uns ziehen durch die Wüste!‘ Spricht der Reisenwollende: ,Werden wir mit diesem deinem Lichte in der stockfinstern Nacht wohl auslangen?‘ Und der Führer spricht mit einem mystischen Pathos: ,Freund, wohl einen nur sehr schwachen Schimmer scheint mein Lämpchen zu verbreiten; aber es ist das ein magisches Licht, mit dem man sich in einer noch um vieles finstereren Nacht ganz überaus wohl zurechtfinden kann!‘
GEJ|5|119|9|0|Die Reise beginnt. Die Kamele werden alle Augenblicke stutzig und wollen nicht weiter; denn mit solcher Beleuchtung werden ihre Augen nur noch mehr verblendet, so daß sie darauf erst ganz und gar nichts mehr sehen. Sie legen sich und sind um keinen Preis mehr weiter zu bringen.
GEJ|5|119|10|0|Da spricht der Reisende: ,Aber ich habe es ja zum voraus gewußt, daß es mit solch einem Lichtchen durch die selbst noch so kleine Wüste nicht gehen wird! Was ist nun zu tun? Auf dem traurig aussehenden Wege sind wir einmal!‘ Sagt wieder gravitätisch der in sich selbst sehr verdutzte Führer: ,Die Tiere sind müde und haben – in wenn noch so großer Ferne – Reißwild gewittert und gehen zu unserem Glücke nicht weiter!‘ Sagt der Führling: ,Was dann aber, so die Reißtiere uns auswittern und uns in solcher Nacht einen sehr unliebsamen Besuch abstatten werden?‘ Da versichert dem ängstlichen Führling der bei sich noch um vieles ängstlichere Führer: ,Oh, in solcher Nacht sind wir davor sicher; denn man hat noch nie erlebt, daß je ein Reisender in solcher Nacht wäre von den Reißtieren belästigt worden!‘ – Es kommt wohl glücklicherweise kein solches Tier, besonders am Anfange der Wüste, zum Vorscheine. Und Führer und Führling harren des beginnenden Tages und vertrösten sich, so gut es geht, bis dahin.
GEJ|5|119|11|0|Ebenso, scheint es mir, geht es auch bei der geistigen Führung, welche von seiten eines Afterführers unternommen wird. In der Wüste und in der Nacht dieses irdischen Lebens, wo Lehrer und Schüler zugleich nichts sehen, vertröstet auch der weise sich zeigende Lehrer seinen Schüler damit, daß dereinst alle die geheimnisvollen Dinge jenseits werden offenbar werden. Aber dabei fürchtet sich der ,weise‘ Lehrer noch mehr vor dem Tode des Leibes als sein unerfahrener Schüler; denn der Schüler hat doch noch zum wenigsten einen blinden Traumglauben, während sein weise sein wollender Lehrer auch diesen schon lange nicht mehr besitzt.“
GEJ|5|120|1|1|120. — Die Zukunft und Reinerhaltung der Lehre des Herrn
GEJ|5|120|1|0|(Mathael:) „Ich glaube nun mit einer festen Überzeugung, daß wir mit der Ausbreitung dieser Deiner rein göttlichen Lehre eben keine gar zu große Mühe haben werden, und wir Gebieter und irdischen Machthaber schon gar nicht; aber eine ganz andere und mir höchst wichtig vorkommende Frage besteht darin, wie diese Lehre für die Menschheit rein und ohne irgend von den Menschen gemachte Zusätze oder Wegnahmen zu erhalten sein wird. Denn wir sind unser nun viele, die wir diese neue Lehre nicht nur für uns, sondern auch für unsere gar vielen Brüder und Schwestern erhalten haben und sie auch mit allem Eifer auszubreiten suchen! Aber schon wir werden vielleicht in manchen Stücken ganz verschieden den Menschen dies wahrste und reinste Evangelium verkünden, was da schon in der Natur der Sache liegt.
GEJ|5|120|2|0|Denn man wird mit dem Juden anders, mit dem Griechen und Römer anders und mit dem Perser, Indier, Ägypter und gar mit dem Skythen sehr anders reden müssen, weil ein jeder von ganz anderen Vorbegriffen beseelt ist. Es werden dadurch offenbar allerlei Mischungen geschehen und auch allerlei Färbungen entstehen. Wenn dann etwa nach ein paar Jahrhunderten die Menschen von den verschiedensten Nationen ihre von uns empfangenen Lehren, die offenbar von vielen werden aufgezeichnet werden, miteinander vergleichen werden, – werden sie sich wohl noch so ziemlich gleichschauen?! Oder werden nicht bald die Juden sagen: ,Wir allein haben die ganz reine und wahre Lehre!‘?! Und die Griechen werden erwidern: ,Nein, wir haben die allein wahre Lehre, wie sie aus dem Munde des Herrn geflossen ist!‘ Und werden die Römer nicht dasselbe behaupten und die Armenier wiederum dasselbe?! Ich will hoffen, daß sie im wesentlichen wohl alle nicht zu weit auseinander sein werden; aber im speziellen dürften hie und da denn doch bei dem vollkommen freien Willen der Menschen gar gewaltige Varianten, Klüfte und Falten vorkommen!
GEJ|5|120|3|0|Wenn das etwa doch mit einiger Sicherheit zu erwarten wäre, so wäre meiner freilich unmaßgeblichen Meinung nach nun wohl dafür irgendeine Fürsorge zu treffen, auf daß am Ende aus dieser herrlichen Lehre nicht ein wahres Chaos werde, aus dem fürder niemand leichtlich klug würde. – Was wäre, o Herr, da Deine Meinung?“
GEJ|5|120|4|0|Sage Ich: „Mein lieber Freund, obwohl deine Sorge deinem ganz redlichen, bekümmerten Herzen entstammt, so muß Ich dir aber dennoch die Bemerkung machen, daß diese deine Fürsorge ein wenig verfrüht ist! Daß diese Lehre bei allen Nationen in den späteren Zeiten nicht so rein verbleiben wird, wie sie nun aus Meinem Munde zu euch gekommen ist, das kann als etwas ganz Bestimmtes schon zum voraus angenommen werden.
GEJ|5|120|5|0|Es werden auch gar bald nach uns eine Menge geschriebener Evangelien zum Vorscheine kommen, von denen ein jedes behaupten wird, die reine Wahrheit zu enthalten, und von denen ein jedes einem andern, dasselbe behauptenden geschriebenen Evangelium gar nicht gleichsehen wird. Ja, es wird noch ein viel Widrigeres geschehen: Der wider Mich zeugende Fürst der Lüge wird auch noch dazukommen und wird sogar große, wenn auch nur falsche Zeichen tun! Er wird in den Acker, darein Ich nun den reinsten Samen gestreut habe, den argen Samen von allerlei Unkraut legen, um zu ersticken den edlen Weizen.
GEJ|5|120|6|0|Aber es wird das alles Meiner wahren und reinsten Lehre an und für sich gar keinen Eintrag machen; denn das hier von Mir zu euch gesprochene Wort wird von euch auch wieder weitergesprochen und -besprochen werden, und ihr selbst werdet euch nicht buchstäblich genau mehr Meiner Worte bedienen, was auch durchaus nicht mehr nötig ist. Aber der innere Geist wird dennoch verbleiben.
GEJ|5|120|7|0|Wer an Mich glauben und in Meinem Namen aus dem Wasser und aus dem Geiste getauft wird, der wird auch Meinen Geist überkommen und dann wandeln im Lichte der reinsten Wahrheit für zeitlich und ewig. Bei dem wird dann auch diese Lehre sich in aller ihrer Reinheit wie von neuem wieder finden. Wer aber zu solcher Gnade nicht vordringen wird, der wird das reine Licht der ewigen Wahrheit Meiner Lehre ohnehin nie fassen und begreifen, und es wird da einerlei sein, mit welcher Kost er seinen geistigen Magen vollstopfen wird.
GEJ|5|120|8|0|Glaube du es Mir! Und so da jemand jedes Wort buchstäblich innehätte gerade also, wie Ich es ausgesprochen habe, hätte aber den Geist dazu nicht empfangen, um durch ihn dann erst in die Tiefen zu dringen, allwo in Meinen Worten Licht, Kraft und Leben walten, so nützeten ihm Meine Worte ebensowenig, als jemandem die langen Gebete der Pharisäer etwas nützen!
GEJ|5|120|9|0|Hat aber jemand den Geist Meiner Worte in sich, so benötiget er des Buchstabens nimmer. Wer aber den Geist hat, der hat auch die Lehre rein. Ich aber werde im Geiste verbleiben bei Meinen stets nur wenigen, aber wahren Bekennern bis ans Ende der Zeiten dieser Erde. Und so, Freund Mathael, wird schon dafür gesorgt sein, daß Meine Lehre auch stets ganz rein erhalten wird!“
GEJ|5|121|1|1|121. — Ohne Täter des Wortes — keine Kenner des Wortes!
GEJ|5|121|1|0|(Der Herr:) „Was dem äußern Menschen nötig zu wissen und zu glauben ist, das wird ohnehin – dort siehe hin! – von Meinen zwei Schreibern auf Mein Geheiß aufgezeichnet (Matthäus und Johannes. Anmerkung J. Lorbers). Wer das annehmen und danach tun wird, der wird auch zum Empfange Meines Geistes vordringen. Hat er den, so braucht er dann fürs Weitere nichts mehr.
GEJ|5|121|2|0|Bleibet er aber bei dem, was er von Mir vernommen hat, lau und beeifert sich nicht, danach vollkommenst tätig zu werden, nun, so wird er wohl den Buchstaben haben, so wie ihn Meine beiden Schreiber aufzeichnen, und wie ihn auch für dich und für noch etliche der Raphael aufgezeichnet hat; aber zum Geiste, der tief innerhalb des Buchstabens rastet und ruht, wird er nimmer vordringen.
GEJ|5|121|3|0|Es wird da niemand etwas nützen, nur gläubig zu rufen: ,Herr, Herr!‘; denn vor Mir werden solche Bekenner stets ebenalso dastehen wie Wesen, die Mich nicht kennen und auch von Mir nicht erkannt werden.
GEJ|5|121|4|0|Ich sage es euch für alle Ewigkeiten als von Gott aus wahr: Wer nicht vollkommen ein Täter Meiner Lehre wird, sondern bloß nur ein Hörer und dann- und wanniger Bewunderer und Lobpreiser derselben verbleibt, der bekommt Meinen Geist nicht, und Meine ganze Lehre nützt ihm also im Grunde wenig oder nichts! Denn wird er nach der Ablegung des Leibes endlich ganz nackt als Seele dastehen, so wird er von Mir und von Meiner Lehre ebensoviel wissen, als hätte er auf der Erde auch nie eine Sterbenssilbe davon vernommen, was aber auch eine ganz lebensnatürliche Erscheinung ist.
GEJ|5|121|5|0|So zum Beispiel jemand von der großen Kaiserstadt Rom auch so manches und sogar vieles hat reden hören, weiß auch den Weg dahin und hat auch die Mittel und die Gelegenheit, dahin zu reisen, um sich die große Stadt nach Muße anzusehen und alles darin kennenzulernen – ja, er wird zu solchem Unternehmen sogar zu öfteren Malen von seinen Freunden, die schon in Rom waren, aufgemuntert! Allein er hat fürs erste nie eine rechte Zeit dazu, dann ist er zu bequem und scheut die möglicherweise vorkommen könnenden Reiseungemächlichkeiten und sagt am Ende: ,Ei, wozu die Reise nach Rom? Meine Freunde haben mir diese große Stadt ohnehin schon so haarklein beschrieben, daß ich sie nun in meiner Phantasie so ganz erschauen kann, als wäre ich selbst schon viele Male in Rom gewesen!‘
GEJ|5|121|6|0|Das bildet sich unser Mann wohl so recht gut ein. Lassen wir ihm aber heute nur ein möglich ganz getreues Abbild von der Stadt Rom vorlegen, aber ohne eine Unterschrift, was es sei und vorstelle, – und unser die Stadt Rom ganz zu kennen Vorgebende wird das Abbild ebenso ansehen wie ein Ochse ein ganz neues, ungewohntes Tor! Und lassen wir ihn jahrelang raten, so wird er mit voller und überzeugender Bestimmtheit dennoch nie angeben können, daß dies ein gelungenes Abbild der Stadt Rom ist!
GEJ|5|121|7|0|Ich sage aber noch mehr: Lassen wir diesen Menschen zufällig wirklich nach Rom kommen, – aber allein, und so, daß ihm in Rom selbst auch niemand sagete, daß er sich nun in Rom, sondern in einer ganz andern Stadt befinde –, so wird er das am Ende glauben und somit den ganzen, großen Wald vor lauter Bäumen nicht sehen!
GEJ|5|121|8|0|Es ist sonach durchaus nicht genug, daß der Mensch etwa vom Hörensagen oder durchs Lesen von allerlei Beschreibungen sich irgend Kenntnisse verschafft von was immer. Alle diese Kenntnisse bleiben stumm und ohne einen Lebenswert, so sie nicht durch die Tätigkeit mit dem Leben der Seele in einen Verband gebracht werden.
GEJ|5|121|9|0|Wenn jener Mensch, so er von der Stadt Rom gar viele ihm merkwürdige Dinge vernommen hat, sich dann zur Reise dahin anschickt und dann auch wirklich dahin reist und dort alles in Augenschein nimmt, was er nur immer in Augenschein nehmen kann, so wird er darauf die volle Wahrheit tiefst eingeprägt auch in seiner Seele haben und wird sich darauf nimmer eine andere Vorstellung von Rom machen können, als wie er diese Stadt selbst geschaut hat.
GEJ|5|121|10|0|Hätte er aber Rom nie selbst geschaut, so würde sich seine Vorstellung auch mit einer neuen und veränderten Erzählung über die Gestalt der Stadt Rom allerweidlichst verändert haben; ein phantastisches Bild würde das andere verdrängen, und das so lange fort, bis er am Ende sich von der Stadt schon gar keine nur einigermaßen haltbare Vorstellung zu machen imstande wäre.
GEJ|5|121|11|0|Hat er aber einmal, wie gesagt, Rom selbst gesehen, so mögen nun Hunderte von Schwätzern zu ihm kommen und ihm ganz neue und seltsame Beschreibungen von der Gestalt der Stadt Rom machen, so wird er darüber nur lachen und sich zuweilen über die lügenhafte Unverschämtheit einiger sich berühmt zu machen bestrebender Tagediebe und müßigen Pflastertreter nur ärgern und sie alle zur Türe allerweidlichst hinausweisen; denn in ihm lebt nun die wahre Gestalt Roms tatsächlich und kann durch gar keine andere, bloß erdichtete Vorstellung verdrängt werden.
GEJ|5|121|12|0|Aber wie möglich nun also? Weil er durch seine Mühe und Arbeit sich die volle Wahrheit in seine lebendige Seele und nicht bloß in sein Gehirn eingeprägt hat! Er hat sonach den wahren Geist der Sache in seine Seele aufgenommen; das treuwahre Bild lebt nun in ihm und kann durch kein äußeres Irrbild mehr getötet und zerstört werden, weil es ein wahres Lebensbild geworden ist.
GEJ|5|121|13|0|Wie aber dieses Gleichnis sehr klar den Unterschied zwischen dem trügerischen Scheine und der vollen Wahrheit in jeder Hinsicht und Beziehung zeigt, woraus ein jeder auch gar leicht und gründlich ersehen kann, daß auch eine noch so ganz richtige Beschreibung Roms dennoch die eigentätige Überzeugung weit hinter sich läßt, weil die dadurch hervorgerufene Vorstellung doch nur eine eingebildete ist und durch eine andere, anders begründete ganz gut verdrängt werden kann, weil sie zu keinem lebendigen Bilde in der Seele geworden ist, – eben- und geradealso geht es mit Meiner Lehre.“
GEJ|5|122|1|1|122. — Die Wichtigkeit des Tatchristentums
GEJ|5|122|1|0|(Der Herr:) „Ihr möget sie von Wort zu Wort mit ehernen Schriftzeichen für alle Zeiten der Zeiten aufzeichnen, so daß kein Häkchen davon abgeht, und könnet sie also predigen und vorlesen allen Völkern, und alle Völker sollen aus vollem Halse rufen: ,Ah, siehe da, das ist eine gar sehr vortreffliche Lehre und ist eines Gottesmundes würdig!‘, aber es will dennoch niemand Hand ans Werk legen und vollauf nach ihren Grundsätzen und Forderungen tätig werden, – nützet da dann diese Meine noch so rein aufbewahrte Lehre jemandem etwas? Ich sage es euch: Gar nichts nützt das! Oder nützt jemandem, der krank ist, eine Arznei etwas, wenn er sie nicht einnimmt und gebraucht nach der Vorschrift des wohlerfahrenen Arztes?!
GEJ|5|122|2|0|So aber jemand nur einiges Wenige weiß von dieser Meiner Lehre und tut aber sogleich danach, so wird er davon schon offenbar einen größeren und lebendigeren Nutzen haben als der andere, der zwar mit aller Ehrfurcht von Mir und Meiner Lehre spricht, aber nie bei sich selbst sich zur Tat danach entschließen kann. Denn der erstere wird durchs Handeln nach dem Wenigen, das er vernommen hat, eben das Vernommene in seiner Seele beleben, und es wird aus dem kleinen Samenkorn bald eine große Ernte aus dem lebendigen Geiste erfolgen, die keine böse Macht je mehr zu zerstören imstande sein wird, während der zweite Lobredner und treue Aufbewahrer Meiner Lehre, vom geistigen Hunger geplagt, auch alle andern Lehren zusammenscharen und dabei dennoch des geistigen Hungers sterben wird. Wird Mich dann drüben seine Seele erkennen, wenn sie hier durch ihre Tätigkeit sich den wahren Geist Meiner Worte nicht in aller Wahrheitsfülle zu eigen gemacht hat?
GEJ|5|122|3|0|Ich setze nun den Fall, es wüßte jemand von Meiner Lehre nicht mehr als das nur, daß man Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll, und dächte darüber also ganz ernstlich: ,Sieh, das ist eine gute Lehre! Es muß ein allerhöchstes Gottwesen geben, das nach allem dem, was da von Ihm erschaffen ist, als sehr gut und überaus weise dasteht, lebt und sich bewegt. Dieses sonach überaus gute, weise und allmächtige Wesen muß man also auch mehr achten, schätzen, ehren und lieben als alles andere in der Welt. Mein Nebenmensch ist so gut wie ich ein Mensch und vom Schöpfer mit den gleichen Rechten in diese Welt gesetzt. Er darf daher nicht unterschätzt werden, sondern ich bin durch die Vernunft sogar genötigt, ihm das zu erweisen, was ich mir selbst erweise. Denn unterschätze ich ihn, so unterschätze ich auch mich, weil ich auch nur ein Mensch und nichts Weiteres mehr bin. Ich erkenne das als einen obersten Lebensgrundsatz und will ihn daher auch vorerst für mich selbst strenge tatsächlich beachten!‘
GEJ|5|122|4|0|Dieser Mensch tut nun das und sucht auch seine Umgebung dazu zu bewegen, teils durch sein Beispiel und teils durch seine ganz einfache und schlichte Lehre, und bildet so sein Haus zu einem wahren Muster wahrer und gottergebener Menschen aus. Was sind aber in Kürze die Früchte solch eines löblichsten Unternehmens? Die Menschen leben in Frieden. Keiner erhebt sich über den andern. Der Verständige gibt sich in aller Geduld die ernste und mit aller Liebe erfüllte Mühe, den Unverständigen zu sich heraufzubilden, und macht ihn auf alle die ihm bekannten Wunder in der Schöpfung aufmerksam und freut sich, den Schwächeren gestärkt zu haben.
GEJ|5|122|5|0|Weil solches alles aber da in der Tat geschieht, so wird das auch ins Leben der Seele aufgenommen; die Seele wird dadurch dann offenbar stets tätiger und lebenskräftiger.“
GEJ|5|123|1|1|123. — Die Weisheit als Wirkung der Liebetätigkeit
GEJ|5|123|1|0|(Der Herr:) „Je tätiger es aber in der Seele zuzugehen anfängt, desto heller wird es auch in ihr; denn das Grundelement des Seelenlebens ist das Feuer. Je heftiger aber irgend dieses Element zu wirken beginnt, desto mehr Licht verbreitet es auch in und aus sich. Wird sonach die Seele stets lebensfeuriger, so wird sie auch lebenslichter und -heller und fängt an, aus solchem ihrem erhöhten Lebenslichte auch stets mehr und mehr die inneren Lebensgeheimnisse zu durchschauen und zu begreifen.
GEJ|5|123|2|0|Dieses tiefere Schauen und Begreifen verschafft der Seele wieder einen neuen Mut, Gott noch viel inniger zu lieben und zu bewundern, und diese Liebe ist dann schon ein erster Funke des Gottesgeistes in der Seele; diese wächst und mehrt sich gewaltig, und kurze Zeit darauf werden die Seele und der Geist Gottes völlig eins, und die Seele wird dann durch den Geist Gottes in alle Wahrheit und Weisheit geleitet.
GEJ|5|123|3|0|Wenn nun so ein Mensch dann in alle diese Weisheit gelangt, wie Ich euch nun mehrere Tage hindurch in einem fort gepredigt und tatsächlich gezeigt habe, saget Mir, ob daran wohl etwa das die Schuld war, daß der Mensch etwa jegliches dieser Meiner an euch ergangenen Worte von Häkchen zu Häkchen genau und unverändert überkommen hatte! O nein! Ihm kam nichts zu Ohren als bloß die beiden Gesetze der Liebe; die genaue, gewissenhafte und tatsächliche Beachtung derselben nur hat ihm alles andere erworben!
GEJ|5|123|4|0|Da sind nun welche unter euch, die da bei sich, trotzdem Ich euch die Sache doch gewiß sehr handgreiflich klar dargestellt habe, fragen und sagen: ,Ja, wie möglich kann denn die tatsächliche Beachtung der beiden Gebote die Seele zu einer solchen Weisheitshöhe erheben?‘ Und Ich sage es euch: Darum, weil die Seele schon von Anbeginn an also eingerichtet ist!
GEJ|5|123|5|0|Wie wird denn eine Traube reif und süß und geistig – und ist doch nur ein ganz schlichtes Naturgewächs? Der Sonne Licht und Wärme bewirken das. Durch das Licht und durch die Wärme werden die Naturgeister in der Rebe stets tätiger und tätiger. Dadurch aber, daß sie stets tätiger werden und gewisserart stets emsiger sich durcheinander reiben und treiben, werden sie in sich selbst auch stets feuriger und in sich leuchtender. Dadurch aber, daß sie auch in sich stets heller und leuchtender werden, steigert sich auch offenbar ihre gegenseitige Spezialintelligenz; je heller aber ihre Intelligenz wird, desto mehr erkennen sie sich als einer und derselben Ordnung angehörig und fangen an, sich zu ergreifen, zu ordnen und zu einigen. Ist dieses geschehen im Vollmaße, so ist die Traube auch reif und wohl genießbar geworden.
GEJ|5|123|6|0|Hat man den Saft dann gesammelt und in einem Gefäße wohl aufbewahrt, so werden seine wohlgeordneten Naturgeister nun nicht mehr dulden, daß irgendein fremder Körper, der in sich Naturgeister einer ganz andern Ordnung birgt, die einmal angenommene gute Ordnung der geordneten Naturgeister des Traubensaftes störe. Sobald sich etwas Fremdes, einer andern Ordnung Angehöriges, im Moste befindet, so gärt und braust er so lange, bis das Fremde aus ihm geschafft ist oder sich völlig in seine Ordnung gefügt hat. Ist das geschehen, so erwacht dann erst des inneren Lichtes und der inneren Wärme Geist aus der guten Ordnung der gesamten Naturgeister des rein gewordenen Rebensaftes, und aus dem früher noch sehr unreinen Moste ist dadurch ein geistig starker und reiner Wein geworden.
GEJ|5|123|7|0|Das alles ist demnach eine Wirkung der Sonne, das heißt ihres Lichtes und ihrer Wärme. Und ebenalso geht es mit dem Menschen und seiner Seele! Kann er durch die Beachtung eines Gesetzes der besten Ordnung aus Gott seine Seele in eine stets größere Tätigkeit versetzen, so wird es in ihr auch in allen ihren Sphären des Lebens heller und lebenswärmer werden. Sie wird dadurch sich selbst stets heller und reiner erkennen und ebenso die göttliche Kraft, die in sie stets mehr und mehr einfließt und in ihr auch ein stets erhöhteres Leben zeihet.
GEJ|5|123|8|0|Erkennt sie aber diese Kraft, so erkennt sie auch Gott, von dem diese Kraft ausgeht. Wenn sie das aber notwendig erkennen muß, so muß sie Gott auch stets mehr und mehr lieben. Mit dieser Liebe scheidet sie dann selbst alles Fremdartige aus ihrer stets reineren und vollkommeneren Lebensordnung und wird stets einiger mit der Ordnung des Geistes Gottes in ihr; wie aber das der leichtbegreifliche Fall ist und ganz sicher eintreten muß, so versteht es sich dann ja schon von selbst, daß solch eine Seele dann als vom Geiste Gottes ganz durchdrungen in jeglicher Art, Kraft und Stärke zunehmen muß und so unfehlbar ein wahres Kind des allerhöchsten Gottes wird.
GEJ|5|123|9|0|Wenn solch eine Seele dann endlich einmal den Leib verläßt und im großen Jenseits mit dem notwendig allervollendetsten Bewußtsein anlangt, so wird sie auch Gott sicher sogleich erkennen, da sie schon hier völlig eins mit Ihm geworden ist und Ihn zum vollsten und lebensklarsten Bewußtsein in sich gebracht hat, und das aus dem handgreiflichen Grunde, weil des Geistes Gottes doch ewig sicher allerklarstes Bewußtsein nun gewisserart zum hellsten und vereinigten Bewußtsein der Seele selbst geworden ist.“
GEJ|5|124|1|1|124. — Vom Vielwissen ohne Lebenstat
GEJ|5|124|1|0|(Der Herr:) „Wenn sich aber das alles nur also und ewig nie anders verhalten kann, wie läppisch erscheint da eure Sorge um die Reinerhaltung eines an euch ergangenen Wortes! Nur sehr weniges davon bedarf der Mensch, ein kleinstes Senfkörnlein nur; wenn er es ins Lebenserdreich seines Herzens legt und es dann emsig und tätig pflegt, so wird daraus ein Baum erwachsen, unter dessen Ästen auch die Vögel der Himmel ihre Wohnung nehmen werden.
GEJ|5|124|2|0|Haben die Pharisäer etwa nicht die Bücher Mosis und die Propheten noch ganz rein, daran kein Häkchen mangelt?! Was nützt ihnen aber das? Sie sind dennoch reißende Wölfe, die in Schafspelzen einhergehen, um desto mehr Verheerung auf den friedsamen Lämmerweiden anzurichten!
GEJ|5|124|3|0|Ich sage es euch: Alles Äußere, wenn an und für sich noch so rein, tötet; nur der Geist hat das Leben und belebt alles, was er durchdringt. Ihr werdet Meine Lehre darum auch ganz kurz und leicht zusammenfassen, insoweit sie den Menschen im allgemeinen nötig ist. Wer danach tätig sein wird, der wird auch nach dem Maße seiner Tätigkeit den Geist aus Gott in sich erwecken, und dieser wird dann erst beleben im Lichte und Feuer aller Wahrheit die Seele, und diese wird geleitet werden in alle Wahrheit und Weisheit aus Gott und wird das und noch unaussprechbar mehreres, was Ich euch nun gezeigt habe, in und aus sich allerklarst erfahren.
GEJ|5|124|4|0|Denket euch nun, Ich wollte euch Meine ganze Schöpfung so ganz analytisch vom Größten bis zum Kleinsten damit wunderbarst enthüllen, daß Ich viele tausend Meiner Engel beriefe und ihnen geböte, alles auf die ihnen mögliche blitzschnellschreiberische Weise aufzuschreiben! Fürs erste braucheten wir so viel des weißen Schreibleders, daß dasselbe wahrlich in einer ganzen Hülsenglobe bei weitem nicht Platz hätte; fürs zweite aber, wären alle die endlos vielen Häute klein beschrieben, saget, bis wann ihr mit dem Durchlesen aller solcher Schriften zu Ende kämet! Ich hoffe nun, daß ihr eure Torheit schon so ein wenig werdet einzusehen anfangen!
GEJ|5|124|5|0|Gehet hin nach Memphis, nach Theben, nach Karnag und nach Alexandrien! Alldort werdet ihr Bibliotheken antreffen, alle möglichst echt und richtig; aber Ich stehe euch dafür, daß kein Mensch sie in fünfhundert Jahren aus- und durchzulesen imstande ist! Es gehörte dazu wahrlich Methusalems Alter, um alle die Schriften und Zeichen nur einmal zu überlesen! Und was hätte dann der davon, der sich die allererstaunlichste Mühe genommen hätte? Er würde das Gelesene endlich schon fleißig von Tag zu Tag, ja am Ende, so er schon so recht verwirrt wäre, von Stunde zu Stunde und von Minute zu Minute ganz rein vergessen und daraus für sein Leben aber auch nicht den allergeringsten Gewinn ziehen.
GEJ|5|124|6|0|Merket ihr nun, was Ich euch mit dieser Meiner Lehre für einen ganz andern Weg zeigen will, auf dem man in der kürzesten Zeit, so man es nur recht will, sich in alle Weisheit der Himmel versetzen kann?!
GEJ|5|124|7|0|Dieser Weg bin Ich, und die Wahrheit und das Leben. Wer Mich wahrhaft liebend in seine Seele aufgenommen hat, aber nicht nur gläubig bloß dem vernommenen Worte nach, sondern vollkommen der Tat nach, zu dem werde Ich allzeit im Geiste kommen und werde Mich ihm offenbaren und werde ihn erleuchten wie eine hell aufgehende Sonne die früher finsteren Gefilde der Erde.
GEJ|5|124|8|0|Mit einem innern geistigen Blicke wird er mehr vom tiefsten Grunde aus kennenlernen denn durchs Lesen in zehnmal hunderttausend Jahren, so es einem Menschen gegeben wäre, so lange zu leben.
GEJ|5|124|9|0|Ihr selbst habt nun seit mehreren Tagen, die Ich stets lehrend und handelnd unter euch zugebracht habe, doch so manches vernommen und gesehen, und es sind eure Seelen dadurch sehr geweckt worden, und in eure Herzen ist Liebe, Glaube und volles Vertrauen eingezogen; aber so ihr es bei dem allein bewenden ließet, da hättet ihr fürwahr noch wenig Nutzen für eure Seelen, und euer Erkennen und Wissen würde bei dem, was ihr nun habt, verbleiben.
GEJ|5|124|10|0|Ihr müsset von nun an erst selbsttätig werden nach Meiner Lehre, dann wird eure Seele lebendiger und lichtvoller werden und dann erst wird Mein Geist in euren Seelen Wohnung nehmen und wird euch leiten in alle Weisheit.
GEJ|5|124|11|0|Darin also bestehet die neue Schule des wahren Lebens und die allein wahren Erkenntnisse Gottes und seiner selbst, und darum heißt Meine Lehre ein wahres Evangelium (deutsch = "Gute, frohe Botschaft", weil sie die Menschen lehret gehen auf dem allein rechten und wahren Wege zur Erreichung des wahren, ewigen Lebens und zur Erreichung der einzigen, wahren Liebe und Weisheit aus Gott.
GEJ|5|124|12|0|Klein zwar ist die Lehre, und so sie in ein Buch geschrieben wird, so kann sie von jedermann, der des Lesens kundig ist, in sehr wenigen Stunden durchgelesen werden. Das noch so eifrige Durchlesen allein aber wird auch niemand irgend zu mehr etwas nützen, als daß er sich bloß mit Meiner Lehre dem Außen nach bekannt gemacht hat, – was wohl vor allem zu geschehen hat.
GEJ|5|124|13|0|Denn es ist dieser Akt gleich einem notwendigen ersten Schritt bei einer Reise; denn sollte Ich von hier etwa nach Damaskus reisen, mache aber nie einen ersten Schritt, so versteht es sich von selbst, daß Ich auch den zweiten Schritt nicht machen kann und darauf die vielen künftigen noch weniger, die Mich bis nach Damaskus bringen sollen. Aber mache Ich auch den ersten Schritt noch so kernfest und etwa darauf auch den zweiten, dritten und vierten, so nützet Mir das doch nichts, so Ich darauf stehenbleibe und es für zu mühevoll finde, die Schritte so lange fortzusetzen, bis Ich Damaskus erreicht habe.
GEJ|5|124|14|0|Ich habe es euch nun allerklarst gezeigt, was ihr zu tun habt, um wahrhaft das ewige Leben und alle seine Gerechtigkeit zu erreichen. Tut also danach, so wird Meine Verheißung an euch allen in die vollste Erfüllung gehen; denn aus all dem vielen, das Ich euch bisher geoffenbart habe, ist das wohl das Größte und am meisten Beachtenswerte für euer Leben, was Ich euch nun gesagt und geoffenbart habe.
GEJ|5|124|15|0|Ich habe euch ja gezeigt und geoffenbart gar viele Wunder Meiner Schöpfungen, und ihr habt von Mir sonach überaus viel gelernt; aber ihr wisset nun nur das, was ihr gehört und was ihr gesehen habt. Weiter hinaus wisset ihr aber dennoch nichts. Aber mit der gegenwärtigen Offenbarung habe Ich euch haarklein und handgreiflich klar gezeigt, was ihr und ein jeder zu tun habt, um zur unbegrenzten Selbstanschauung aller der Wunder der endlos großen Schöpfung Gottes zu gelangen, die dann nicht mehr vergehen, sondern ewig bestehen wird.“
GEJ|5|125|1|1|125. — Die Notwendigkeit der Selbstprüfung
GEJ|5|125|1|0|(Der Herr:) „So tut denn nun emsigst danach; nehmet euch alle Mühe und prüfet euch, ob ihr nichts unterlasset, auf daß ihr am Ende nicht sagen müsset: ,Da, sieh her, nun habe ich volle zehn bis zwanzig Jahre hindurch alles getan, was mir die neue Lehre vorschrieb, und dennoch stehe ich stets gleich auf einem und demselben Flecke, verspüre noch immer nichts von einer besonderen Erleuchtung in mir, und vom sogenannten ewigen Leben empfinde ich auch noch ganz blutwenig in mir! Woran fehlt es denn noch?‘
GEJ|5|125|2|0|Ich aber sage zu euch darum: Prüfet euch sorgfältig, ob nicht noch irgend starke weltliche Vorteilsgedanken euer Herz beschleichen, ob nicht zeitweiliger Hochmut, eine gewisse, zu überspannte Sparsamkeit – eine jüngste Schwester des Geizes –, die Ehrsucht, richterlicher Sinn, Rechthabelust, fleischlicher Wollustsinn und dergleichen mehreres euer Herz und somit auch eure Seele gefangenhalten! Solange das bei dem einen oder dem andern der Fall ist, wird er zu der Verheißung, das heißt zu ihrer vollen Erfüllung an ihm, nicht gelangen.
GEJ|5|125|3|0|Denn betrachtet nur den Most und den reinen, geistvollen Wein in einem Fasse oder Schlauche! Solange sich grobe und fremde Bestandteile im Moste befinden, wird er gären und zu keiner Reinheit gelangen, sind aber diese samt und sämtlich einmal hinausgeschafft, so wird es ruhiger und ruhiger im Fasse, der Most klärt sich und wird zum reinen, vollgeistigen Weine.
GEJ|5|125|4|0|Es wird oft so manchem gar nicht vieles fehlen von der vollen Besitznahme des Gottesreiches in seiner Seele, und dennoch wird er es nicht einnehmen, weil er sich zu wenig prüft und nicht acht darauf hat, was etwa noch Irdisches an seiner Seele klebt. Wird er sich aber sorgfältiger prüfen, so wird er bald finden, daß er entweder noch sehr empfindlich ist und ihn gar bald eine Kleinigkeit beleidigt.
GEJ|5|125|5|0|,Ja‘, sagt da jemand, ,soll ein Mensch denn gar kein Ehrgefühl haben?‘ O ja, sage Ich, der Mensch kann allerdings ein Ehrgefühl haben, aber das muß von der edelsten Art sein! Hat dich irgendein noch schwachgeistiger Mensch beleidigt, so werde ihm darum nicht gram, sondern gehe hin und sage zu ihm: ,Freund, mich kannst du mit nichts beleidigen; denn ich liebe dich und alle Menschen! Die mir fluchen, die segne ich, und die mir Übles tun, denen tue ich nach allen meinen Kräften nur Gutes! Aber es ist nicht fein, daß ein Mensch den andern beleidigt; darum unterlasse das für die Folge zu deinem höchst eigenen Heile! Denn du könntest bei deiner stets wachsenden Beleidigungssucht einmal an einen kommen, der dir die Sache sehr übelnähme und dir dann große und gewiß sehr unliebsame Ungelegenheiten bereiten könnte, und du müßtest es dann nur dir selbst zuschreiben, daß dir Unangenehmes begegnet ist!‘
GEJ|5|125|6|0|Werdet ihr mit einem, der euch beleidigt hat, ohne den geringsten Groll im Herzen also reden, so habt ihr das edle und göttliche Ehrgefühl in eurem Herzen vollkommen gerechtfertigt. Sowie ihr aber darob noch so eine Art kleinen Grolles in euch merket und werdet auf den Menschen bitter und unfreundlich, so ist das noch eine Folge eines kleinen, in eurer Seele verborgenen Hochmutes, der allein noch lange gut genügt, die Vereinigung eurer Seelen mit Meinem Lichtgeiste in euch zu verhindern.
GEJ|5|125|7|0|Oder es spricht einen von euch mehrere Male ein und derselbe Arme um ein namhafteres Almosen an. Ihr habet es wohl und könntet dem Armen noch tausendmal soviel geben, als ihr ihm schon gegeben habt; aber es berührt euch seine gewisserartige Unverschämtheit bitter, und ihr weiset ihm die Tür mit dem Bedeuten, er solle nicht so oftmals kommen und denken, daß man ihm allzeit, so oft es ihm einfällt, ein Almosen verabreichen wird!
GEJ|5|125|8|0|Ja sehet, das ist für einen Weltmenschen wohl eine ganz vernünftige Rede, und es geschieht dem Bettler so eine kleine Zurechtweisung recht; aber derjenige, der dem Armen also begegnet, ist dennoch noch lange nicht reif zu Meinem Reiche, der Ich Meine Sonne alle Tage aufgehen und scheinen lasse über gute und böse Menschen und zum Frommen aller Kreatur.
GEJ|5|125|9|0|Derselbe Strahl, der die vergoldeten Paläste der Könige verherrlicht und in der Rebe den edelsten aller Säfte reinigt, reift und sehr versüßt, leuchtet auch über Pfützen und Kloaken und ärgert sich nicht an dem Gequake der Frösche und an dem Gezirpe der Grillen. Eine solche Zurückhaltsamkeit hat hinter sich noch etwas Karges, und die Kargheit und die zu ökonomische Sparsamkeit ist eben nicht sehr weit vom Geize entfernt und trübt den Lebensmost der Seele; und solange das noch ununterbrochen der Fall ist, wird aus der Seele kein reiner und geistvoller Lebenswein.
GEJ|5|125|10|0|Wer aber als wohlhabend im Geben nur eine recht große Freude findet und den Armen gar nicht ansieht darum, daß er ihm schon zu öfteren Malen eine kleine Gabe verabreicht hat, der ist dann in diesem Punkte schon fähig, in Mein Reich überzugehen, so er etwa keines andern kleinen Fehlers in seiner Seele gewärtig ist.
GEJ|5|125|11|0|Darum sagte Ich zu euch, daß ihr euch stets in allem genau erforschen und euch auf den Lebensstandpunkt erheben sollet, auf welchem ihr es in euch hell und lebendig wahrnehmet, daß ihr von allen irdischen Schlacken frei seid.“
GEJ|5|126|1|1|126. — Die Nächstenliebe als Regler der Sparsamkeit
GEJ|5|126|1|0|(Der Herr:) „,Ja‘, sagt wieder einer von euch bei sich, ,es wäre schon alles recht mit der Selbstprüfung; aber woher das allzeit richtige Maß des reinen Gefühls und Gewissens? Der Mensch wächst von der Wiege in die volkssittlichen Gefühle hinein und findet alles recht, was er als solchen Gefühlen vollkommen Rechnung tragend tut; ja, täte er denselben zuwider, so vermeinete er eine Sünde zu begehen.‘
GEJ|5|126|2|0|Es sei bei einem Volke die Sparsamkeit eine anempfohlene und angepriesene Hauptsitte und laute: ,Wer in der Jugend und Manneszeit spart, der darf im Alter nicht darben, und wer da nicht arbeitet und spart, der soll auch nicht essen!‘
GEJ|5|126|3|0|Meine lieben Freunde! Diese an sich durchaus nicht unlöblichen Grundsätze sind mir recht wohl bekannt. Sie können und sollen überall, wo ein Volk in Gemeinden zusammen lebt, bestehen und aufrechterhalten werden, aber stets im lebensedelsten Sinne. Damit sie aber nur in solchem Sinne unter den Menschengesellschaften bestehen und nie unter- und nie übertrieben werden, so muß ihnen ein haltbarer und sehr verläßlicher Regulator an die Seite gestellt werden. Was aber soll diesen Regulator abgeben? Nichts und niemand als allein die wahre und reine Nächstenliebe, deren vernünftiger oberster Grundsatz darin zu bestehen hat, daß man dem Nächsten gerade alles das von Herzen wünsche und tue, was man natürlich vernünftiger- und weisermaßen wünschen und wollen kann, daß die andern es auch unsereinem tun und erweisen möchten.
GEJ|5|126|4|0|Wer diesen Grundsatz so recht betrachtet, der wird daraus bald gewahr werden, daß er wie kein anderer alle Menschen zu einem gewissen Fleiße und auch zur wahren und lebensedlen Sparsamkeit anspornen wird; denn ist es mir unangenehm, daß ein anderer an meiner tätigen Seite einen Müßiggänger macht, so soll ich auch an seiner Seite keinen Müßiggänger machen!
GEJ|5|126|5|0|Wird dies ein jeder aus wahrer, lebensedler Nächstenliebe tun, so wird es in einer Gemeinde bald sehr wenige geben, die man ,Arme‘ nennen könnte. Außer den Lahmen, Bresthaften, Blinden, Tauben und Aussätzigen wird es wenige mehr geben, die der Gemeinde zur Last würden; aber die sollen dann wohl mit dem freudigsten Herzen zuvorkommend verpflegt werden.
GEJ|5|126|6|0|Dann wird es in einer Gemeinde einen oder auch mehrere Lehrer geben, die da nicht Zeit haben, sich mit ihrer Hände Arbeit den Lebensunterhalt zu verschaffen. Diese sollen denn von der Gemeinde dahin versorgt sein, daß sie nicht nötig haben sollen, die Zeit, die für den Unterricht eurer Kinder und euer selbst bestimmt ist, mit der Feldarbeit zuzubringen! Das ist auch ein Akt einer besonderen Nächstenliebe, der hoch obenan steht. Denn der, der euch allertätigst mit den geistigen und somit wahrsten Lebensschätzen versorgt, den sollet ihr wohl nicht in seiner leiblichen Sphäre darben lassen.
GEJ|5|126|7|0|Wer aber eine solche Gnade von Mir hat und berufen ist, den Menschen in Meinem Namen ein Lehrer zu sein, der bedenke aber, daß er die Gnade von Mir umsonst überkommen hat und sich daher für die Weiterausteilung nicht soll ein Entgelt bezahlen lassen! Ein echter Lehrer wird auch das, was er von Mir umsonst überkommen hat, auch umsonst weitergeben. Aber die Beteilten sollen dann aus wahrer Liebe zu Mir den Lehrer, den Ich zu ihnen gesandt habe, wohl aus ihrem eigenen Antriebe mit aller Liebe aufnehmen und ihn in keiner Art darben lassen; denn es versteht sich ja von selbst, daß das, was sie einem Gesandten von Mir tun, also angesehen wird, als hätten sie es gerade Mir Selbst getan!
GEJ|5|126|8|0|Aber was sie da tun, das sollen sie stets mit großer Freude tun, auf daß das Herz des Lehrers nicht traurig werde ob der Härte der Herzen der Gemeindeglieder, und er sehe mit freudigem Herzen, wie Mein Wort aus seinem Munde sogleich anfängt, die edelsten Früchte des wahren, innern Lebens zu tragen.
GEJ|5|126|9|0|Ihr sehet nun, daß die wahre, edle und – sage – vernünftige Nächstenliebe für dies irdische Leben der allerverläßlichste Visierstab ist, um zu erforschen, ob und wie rein es in der Seele aussieht. Gebrauchet ihn daher vor allem, und ihr werdet davon ehest die segensreichsten Früchte für die Scheunen des ewigen Lebens im Lichte Meines Geistes in euch ernten! – Was meinst du, Mathael, nun wohl in bezug auf die Reinerhaltung dieser Meiner nun an euch ergangenen Lehre? Ist sie so allen Menschen bis ans Ende der Zeiten rein zu erhalten oder nicht?“
GEJ|5|126|10|0|Sagt Mathael, ganz ergriffen von der Wahrheit Meiner Worte: „Herr, nur eine kurze Rast, und ich will Dir danken auch mit der Zunge für diese zu großwichtige Aufhellung und Zurechtweisung aller meiner Bedenken! Ja, dies Lob muß laut ausgesprochen werden! Aber nun ist mein Herz noch zu ergriffen und zerknirscht, darum nur eine kleine Rast meiner Seele, o Herr, Du ewig Weisester!“
GEJ|5|127|1|1|127. — Die Liebe als wahrstes Gotteslob. Des Herrn Gleichnisse von der Erde und von der Anpflanzung
GEJ|5|127|1|0|Nach einer Weile hatte sich unser Mathael wieder gesammelt und wollte so ein recht großartigstes dithyrambisches Lob Mir vorzudeklamieren anfangen.
GEJ|5|127|2|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, was du hier offen aussprechen willst, weiß Ich vom Alpha bis zum Omega schon lange und zum voraus; daher magst du das wohl unterlassen! Ich bin kein Freund von solchen großartigen Lobessprüchen. Der Mir allerangenehmste Lobesspruch ist der, daß du Mich wahrhaft liebst in aller Lebenstiefe deines Herzens!
GEJ|5|127|3|0|Wenn du bei deinem Volke sein wirst, da kannst du schon in aller Begeisterung groß reden von Mir, und Ich werde es dir vergelten mit allerlei Gnadengaben für Herz, Seele und Geist; aber hier in Meinem Angesichte ist so etwas um so weniger nötig, als alle die andern Anwesenden Mich ohnehin ebensogut erkennen wie du und Mir auch, dir ganz gleich, die Ehre geben.
GEJ|5|127|4|0|Glaube du es Mir: Etwas Größeres, Erhabeneres und Gottes Würdigeres als da sind Davids Psalmen und Salomos Hoheslied, ist seit Noah auf der Erde nicht geschrieben und gesungen worden. Aber darum sind Mir David und Salomo nicht werter und angenehmer geworden! Salomo ist am Ende gar aus aller Meiner Gnade durch sich selbst gekommen, und den David machten nicht seine Psalmen zum Manne nach dem Herzen Gottes, sondern nur das, daß er Meinen Willen erkannt und freiwillig danach gehandelt hat. Weil er aber das tat, so bekamen seine Psalmen erst dadurch auch einen Wert vor Mir. Du siehst also nun, was allein vor Mir einen Wert hat. Tue sonach das, und du wirst Mich dadurch am meisten ehren zu Meiner wahren Freude und zum wahren Nutzen deiner Seele!
GEJ|5|127|5|0|Nun aber muß Mein Roklus einmal her; denn Ich sehe, daß er noch etwas auf dem Herzen hat und davon eine nähere Erklärung möchte, die ihm denn auch zuteil werden soll. Roklus, komme Mir näher, denn Ich habe mit dir noch so manches abzumachen!“
GEJ|5|127|6|0|Als Roklus solchen Ruf vernahm, eilte er schnell zu Mir hin und sagte: „Herr und Meister, hier stehet schon allerdienstfertigst vor Dir dein letzter und allernutzlosester Knecht! Gebiete, o Herr, und ich werde alsogleich allergenauest danach handeln! Denn ich habe Deine früheren Worte allergenauest vernommen, habe sie im Liebefeuer meines Herzens geprüft und fand darin sogar alles naturgemäß wahr, was Du, o Herr, gelehrt und allertreuest und klarst gezeigt hast. Wissen und Erkennen muß freilich wohl das erste sein, – aber dann kommt sogleich das Handeln danach; denn alles Wissen und Erkennen hat ohne das Handeln gar keinen Wert! Davon bin ich nun so vollkommen überzeugt, daß mich alle Weisen der ganzen Erde auf keine andere Überzeugung nur um ein Haarbreit hinüberleiten könnten. Darum gebiete, o Herr, nur, und ich werde eiligst meine Hände ans Werk legen!“
GEJ|5|127|7|0|„Ja, ja“, sage Ich, „wohl haben wir eine große Arbeit vor uns, und der Arbeiter gibt es noch wenige! Groß könnte die Ernte ausfallen, die Saaten sind reif geworden; aber der Schnitter und Ährenleser gibt es wenige nur. Darum ist es hoch an der Zeit, die Hände ans Werk zu legen, daß das Weizenkorn in Meine Scheuer gebracht wird, ehe da kommen die Stürme und ausschlagen und zerstreuen das edle Lebenskorn und die Vögel dann kommen und ihren Heißhunger damit stillen.
GEJ|5|127|8|0|Wohl steht noch so manche Zeder auf Libanon, unter deren Ästen einst Samuel gebetet hat. Damals waren diese Bäume noch Jünglinge voll Kraft und Üppigkeit, und die wutentbrannten Stürme versuchten vergeblich ihren Unmut an ihnen zu kühlen. Doch das Alter wird gebrechlich und morsch die Sehnen seines gebleichten Lebens! Darum haben die alten Zedern Libanons nun wohl hier und da in manchem Aste noch eine Kraft und trotzen noch so manchem Sturme mit ihrem gesunden Teile; aber mehr denn zwei Dritteile der Äste sind schon abgefallen, und die jetzt noch seienden – kaum ein Drittel – sind nur zur Hälfte mehr gesund und gewähren nur noch den Affen eine notdürftige Unterkunft und einen schwachen Schutz vor den Stürmen, die am Libanon daheim sind. Nun hast du eine überreife Saat zum Einernten und als ein einsichtiger Forstmann den Libanon neu zu bepflanzen mit jungen Zedern; aber wie es anstellen, um fertig zu werden vor der Zeit der großen Stürme? – Verstehest du Mich wohl, Mein Freund?“
GEJ|5|127|9|0|Roklus macht große Augen und sagt: „Herr, daß Du diesmal ganz rein griechisch gesprochen hast, das habe ich wohl verstanden; aber vom eigentlichen Sinne Deines Wortes nicht eine Silbe! Wo hast denn Du, o Herr, auf der Erde einen Acker, der nun voll reifen und schnittbaren Weizens wäre? Sage mir ihn an, und morgen sollen sich schon tausend Schnitter und Ährenleser auf demselben alleremsigst herumtummeln, und die kommenden Stürme werden dann ganz gut über die dürren Stoppeln dahinzubrausen haben!
GEJ|5|127|10|0|Was geht uns aber der nun schon sehr zedernarme Libanon an? Die ihn besitzen, sollen sehen, wie sie ihn neu beforsten werden, und die vielen Affen haben lange gut herumspringen auf den dicken und noch sehr starken Ästen und Zweigen der alten Schutz- und Samenzedern Samuels, Davids und Salomos! Ich meine, daß es da schon besser wäre, sich viel eher der wahren Kultur der Menschen möglichst zu befleißigen und den Libanon in der Ruhe zu lassen. Deinen allenfalls irgend bei Nazareth im Besitz oder etwa bloß nur in der Pacht habenden Acker nehme ich gleich über mich, und morgen am Abende steht kein Halm mehr auf offenem Felde einem kommenden Sturme preisgegeben! Darum gebiete Du, o Herr, nur, und in etlichen Stunden setze ich gleich und leicht sechstausend Hände in Bewegung.“
GEJ|5|128|1|1|128. — Der geistige Sinn der beiden Gleichnisse
GEJ|5|128|1|0|Sage Ich: „Mein Freund, sieh, die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher; aber Ich, als nun des Menschen Sohn, habe auf dieser Erde auch nicht einmal einen Stein, den Ich als weltgesetzlich eigen unter Mein Haupt legen könnte, – geschweige ein irdisch mit Weizen vollbebautes Feld, das nun der Schnitter bedürfte!
GEJ|5|128|2|0|Der ,Acker‘, den Ich meine, ist diese Welt, und der reife ,Weizen‘ auf demselben sind die Menschen, und die ,Schnitter‘ sollen sein, die Ich Meine Jünger nenne. Diese sollen hinausgehen in alle Welt und bekehren die Menschen und auf den rechten Weg bringen alle, die auf Ab- und Irrwegen wandeln und ein sicheres Asyl mit dreimal verbundenen Augen suchen, aber keines finden können.
GEJ|5|128|3|0|,Reif‘ sind sie, weil in ihnen das Streben nach einem höheren Ziele wach und lebendig geworden ist. Alle suchen die lebendige, mit aller Seligkeit gekrönte Ruhe – aber auf irreführenden Wegen – und erreichen somit trotz ihres Suchens nichts als am Ende des Leibes Tod; darüber nach jenseits hinaus ist bei jedem tiefste Nacht.
GEJ|5|128|4|0|Solange der Mensch in sich ein solches Bedürfnis nicht fühlt, sondern ganz einem Tiere gleich unbekümmert für seine Lebenssphäre, in was sie auch übergehe, fortlebt und ißt wie ein Polyp auf dem Meeresgrunde, in dem ist noch keine Reife für eine höhere Offenbarung vorhanden; aber Menschen, wie es nun deren überaus viele gibt, sogar unter den Heiden, auf nahe ein Drittel der bewohnten Erde, daß sie suchen allerlei, sich auch voll Gier nach dem Besitze einer wenn auch geträumten Seligkeit sehnen, oft begraben in allerlei Leidenschaft, sind eine für eine höhere Sehe, für die Wahrheit, also für Mein Reich, reife ,Saat‘, und es bedarf da vieler Schnitter, Lehrer aus Meiner Schule, ausgerüstet mit aller Liebe, Geduld, Sanftmut, Weisheit und Kraft.
GEJ|5|128|5|0|Und siehe, solcher gibt es nun noch wenige; außer euch gibt es keine irgend mehr, außer den Mohren, die hier waren und sich für ihren Stamm das nötige Licht geholt haben und in ihrem Lande auch damit gut wirken werden! Darum sollet ihr wenigen von nun an eure Hände nicht in den Schoß legen, sondern arbeiten ohne Rast und Ruhe, auf daß sich stets mehre die Zahl der Schnitter auf dem großen Lebensacker Meiner Saat! – Das ist es, was Ich dir damit habe sagen wollen, als Ich zuvor sprach von Meinem Acker, von der reifen Frucht und von der dafür zu kleinen Anzahl der Schnitter.
GEJ|5|128|6|0|Was aber den alten ,Libanon‘ mit seinen Zedern betrifft, so stellt er dar die Schrift von Moses bis auf diese Zeiten her. Sie besteht wohl noch, aber ihre Bilder sind alt und morsch geworden gleich den früher so herrlichen Zedern, aus denen der alte Tempel zu Jerusalem, zuallermeist innerlich, ist erbaut worden, und aus deren Holze schon lange früher die wunderbare Arche des Bundes ist erbaut worden.
GEJ|5|128|7|0|Die ,Zedern‘ bezeichnen sonach die Worte und die Gesetze in der Schrift. Einst, als die Zedern auf dem Libanon noch jung und kräftig waren, schafften sie viel Nutzen den Menschen, und ein Richter Samuel konnte wahrhaft beten unter ihren Ästen. Aber die irdische Gewinnsucht der Menschen hat den schönen Libanon nahe ganz entzedert, und es wuchs an der alten und vollgesunden Zedern Stelle nur zu bald allerlei wildes Gesträuch, und selbst die alten, noch übriggebliebenen Zedern mit ihren vielen morsch gewordenen Ästen dienen nun nur mehr den Affen als den Menschen zum Schutz und Gewinne, – aber das natürlich nur wie zufällig; denn der Affe kann den Wert einer Zeder nicht erkennen und somit auch nicht schätzen und weiters zweckdienlich bestimmen.
GEJ|5|128|8|0|Und so ergeht es nun der alten Schrift und den Propheten. Man verehrt das alte Buch auf einem Altare und betet es wie eine Gottheit haarsträubend dumm und blind an und kümmert sich weiter um den Inhalt gar nicht, und noch weniger und noch seltener, um danach zu handeln. Da gleicht ein solcher Mensch (ein Pharisäer) ja ganz dem Affen, der ganz munter auf den dicken Ästen herumhüpft und den, der ihn davon vertreiben wollte, gleich mit den dicksten Prügeln bewirft und ihn zur Flucht nötigt, weil der Affe ein Affe ist und den kostbaren Baum zu einem ganz andern Zweck gebraucht, als welcher im Baume selbst von der Natur aus zu suchen und zu finden ist.
GEJ|5|128|9|0|Und also ist die Schrift den Menschen nichts mehr, als eine morsche Zeder den Affen, und der ganze Libanon ist nun wucherisch überwachsen mit allerlei wilden und oft giftigen Gesträuchen. Diese gleichen den verderblichen und überaus schlechten Menschensatzungen, die da an die Stelle der Gesetze Gottes getreten sind, und gleichen ferner noch den fein und geschmackvoll übertünchten Gräbern der Propheten, die inwendig voll Todes, Moders und Ekelgeruches sind, während das in den Büchern aufgezeichnete lebendige Wort der Propheten unbeachtet bleibt in der Sphäre, in der es eben beachtet werden sollte. Man betet es als ein Heiligtum an und reibt dem, der da unwürdig das Buch der Propheten anrührt, die Hände mit Salz blutig; aber daß man die Worte der Propheten beherzigte und danach handelte, – oh, davon ist keine Spur irgend wahrzunehmen! Was ist da dann die sogenannte Heilige Schrift? Nichts als der mit wildem Gestrüpp überwachsene Libanon, nun eine Wohnstätte der Affen und nicht mehr gottbegeisterter Menschen!
GEJ|5|128|10|0|Es kann mit der Weile mit der Lehre, die Ich nun gebe, wohl auch so werden, daß man sie als eine heilige Reliquie wie einen Götzen anbeten wird und wird gar leichten Sinnes und Gewissens sich weiter gar nicht kümmern um den inneren Sinn und Geist eben dieser Meiner Lehre, sondern man wird sich richten nach den Satzungen der Menschen und wird sagen: ,Was Weiteres brauchen wir?‘
GEJ|5|128|11|0|Aber dann wird auch kommen jene große Trübsal, von der der Prophet Daniel geweissagt hat, als er auf der heiligen Stätte stand, indem er sagte: ,Es wird aber in jener Zeit eine Trübsal unter den Menschen sein, wie sie nicht war vom Anbeginne der Welt!‘ – Ich meine nun, daß du Meine früheren zwei Bilder wohl verstehen wirst!“
GEJ|5|129|1|1|129. — Die geistige Reife der Schnitter des Herrn
GEJ|5|129|1|0|Sagte Roklus: „Ja Herr, nun verstehe ich's auf ein Haar; aber mir macht dieses Verständnis nun ein gar wehmütiges Gefühl! Was aber die gegenwärtig zu geringe Anzahl der gewissen Schnitter betrifft, so hast Du, o Herr, sicher noch der Raphaele in schwerster Menge im Hintergrunde. Diese könnten ja in der Gestalt des Raphael zu den Menschen treten und sie gleich also bekehren, wie der Raphael mich von meinem Atheismus auch ganz radikal bekehrt hat, und die ganze Sache wäre binnen wenigen Stunden auf der ganzen Erde abgemacht! Ich bin ja doch auch ein Mensch, und es hat mir diese Unterweisungsart nicht im geringsten geschadet; also wird sie auch allen andern Menschen ebensowenig oder vielleicht noch weniger schaden.“
GEJ|5|129|2|0|Sage Ich: „Ganz gut, Mein Freund, das wird zum Teil von nun an auch sehr häufig geschehen, aber nur an Menschen von deinen Kenntnissen, Erfahrungen und von deinem ganz nüchternen Gerechtigkeitssinne. Allein solcher Menschen gibt es eben nicht gar viele auf der Erde. Die möglich reinsten und besten von der ganzen Erde befinden sich nun samt und sämtlich hier; denn Ich habe es also gewollt, daß sie alle von weit und nah sich hier um Mich versammeln sollen.
GEJ|5|129|3|0|Ich Selbst habe schon lange vorher ihre sämtlichen Umstände also vorgesehen und eingeleitet, daß sie denen zufolge gerade um diese Zeit allhier eintreffen mußten, um von Mir Selbst und von Meinen Engeln unterrichtet zu werden. Sie haben auch alle, gleich wie du, den Unterricht LINEA RECTA (geraden Weges) aus den Himmeln empfangen; aber das sind nun auch schon alle beisammen!
GEJ|5|129|4|0|Für alle andern würde diese allerhöchste und geistig allernötigendste Unterrichtsweise gar nicht taugen und würde ihnen offenbar mehr schaden als nützen, weil sie alles das, was hier gelehrt wurde, als notwendige Folge der dabei geschehenen Wunder glauben müßten, wodurch es dann mit der freien Erkenntnis und mit dem freien Willen entweder für immer oder zum mindesten für sehr lange gar wäre. Bei euch fällt diese Sorge hinweg, weil ihr in gar vielen Dingen eine sehr wohlgegründete Erkenntnis und eine übergroße Erfahrung habt.
GEJ|5|129|5|0|Sage, ob dich auch nur ein Wunder gewisserart in eine Verwirrung brachte! Du gingst bei deiner eigenen Wundermacherei lediglich von dem Grunde aus, daß es auf der ganzen Welt kein übernatürliches Wunder geben könne; aber es gäbe Menschen, die durch ihre Talente und Fähigkeiten so manches den geheimen Kräften der Natur abgelauscht haben, es dann selbst ins Werk setzen und also die andern Schafe von Menschen notwendig in ein höchstes Erstaunen setzen müssen, weil die von der allerweitesten Ferne hin gar keine Ahnung haben können, wie ein gesehenes Wunder mit ganz natürlichen Kräften stattfinden kann.
GEJ|5|129|6|0|Für einen Menschen, wie du einer bist, ist gar kein Wunder bindend; denn er wird sich nur gar bald ganz geheim zu erkundigen anfangen und sagen: CUR, QUOMODO, QUANDO, QUIBUS AUXILIIS?, ["Warum, auf welcher Weise, wann, mit welchen Hilfsmitteln?"] wie es auch bei dir der Fall war. Es nahm dich die plötzliche Herstellung des ganz neuen Hauses, Gartens, des Hafens und der fünf Schiffe gar nicht ganz besonders wunder; denn du hast ja in Indien einen Magier kennen gelernt, der gleich ganze Gegenden auf einen Wink daherzauberte. Warum sollte es hier nicht jemand geben, der einen Garten samt Haus und den Hafen samt den Schiffen auf einen Wink herstellen sollte?!
GEJ|5|129|7|0|Raphael hatte mit dir zu tun, um dich eines möglichen Bessern zu belehren; aber du warst damit dennoch nicht völlig zufrieden, sondern fingst gleich an, weiter zu forschen, und es mußte dir der geistige Grund ganz aufgedeckt werden, wie auf dem also rein geistigen Willenswege solch eine Tat als denkbar möglich sei. Solches ward dann dir und allen, die hier anwesend sind, bis auf den innersten Grund gezeigt, und du warst damit sicher zufrieden; denn sonst hättest du sicher nicht selbst den Beisatz beinahe nach einer jeden Erklärung gemacht und gesagt: ,Das ist mir nun handgreiflich klar!‘ Und was du also beteuertest, das war dir auch klar; denn mit einer Unklarheit und mit einem Mysterium hattest du dich nie begnügt! Und sieh, wie du, so auch die ziemlich vielen hier; alle waren nicht zufrieden, nur die Oberfläche des Meeres zu schauen, sondern sie wollten es auch erfahren, was es in seinem tiefen Grunde birgt!
GEJ|5|129|8|0|Und das ist recht also, denn nur solche Menschen, die schon eines höchst geweckten und hellen Verstandes sind, können solch eine tiefere Lebensoffenbarung erfassen und begreifen und dabei dennoch frei bleiben in ihrem Erkennen und Wollen, und nur solche Menschen kann Ich dann auch als wahre Schnitter auf dem großen Acker Meiner Menschensaat brauchen. Aber zähle du sie nun selbst, und du wirst für die große Erde ihrer wahrlich nicht zu viele finden!
GEJ|5|129|9|0|Wenn Ich denn sage, daß die Ernte reif und groß ist, es aber der Schnitter nur sehr wenige gibt, so wirst du nun hoffentlich den Grund davon schon auch ganz leicht einsehen. Für euch Fähigen habe Ich auch nichts im Hintergrunde behalten und habe euch gezeigt und enthüllt die ganze Unendlichkeit und die Ewigkeit in ihren Hauptzügen, so weit und so tief, als es für eure eben nicht sehr scharf verständigen Begriffe nur immer möglich war, und habe euch auch gezeigt bis zur Handgreiflichkeit klar, was euch dann erst Mein Geist in euch alles enthüllen wird.
GEJ|5|129|10|0|Das alles aber konnte Ich, wie gesagt, nur euch zeigen und sonst nun wohl keinem Menschen mehr auf der ganzen lieben Erde, weil sie dazu die erforderliche vorurteilsfreie Fähigkeit gar nicht besitzen und noch gar lange nicht besitzen werden, weil sie einesteils noch zu sehr von allerlei Aberglauben gefangen gehalten sind und andernteils zu tief in den allerselbstsüchtigsten und schmutzigsten Weltgewinnsinteressen herumwühlen, und weil ihnen darum alle noch so rein geistigen Erscheinungen fürs erste gar kein Bedürfnis und fürs zweite nur etwas zum Leben gar nicht Nötiges sind und zumeist auch nur als etwas sehr Lästiges, den freien Handel und Wandel Hemmendes sich darstellen.
GEJ|5|129|11|0|Willst du etwa zu denen einen Engel Raphael senden?! Ich sage es dir, eine und die andere Art dieser Menschen haben für solch außerordentliche Erscheinungen erstens keine Fähigkeit, zweitens keinen Sinn, und drittens würde ihnen so etwas um vieles mehr schaden als nützen!
GEJ|5|129|12|0|Die Aber- und Blindleichtgläubigen würden das alles freilich wohl nur zu schnell glauben, sich aber von Mir und dem Raphael und am Ende sogar auch von euch, als Meinen Freunden, Abbilder machen, ihnen Tempel erbauen und uns dann gleich ihren Götzen verehren und anbeten. Die eigentlichen Weltsudelmenschen aber würden uns als Betrüger und arbeitsscheue Faulenzer hinwegtreiben, und würden wir sie mit der göttlichen Macht und Kraft zu behandeln anfangen, so würden sie uns dennoch nicht anhören, sondern als nach ihren Begriffen der menschlichen Gesellschaft sehr schädliche Feinde zu töten und auszurotten suchen, wie es Mir Selbst am Ende noch begegnen wird.
GEJ|5|129|13|0|Du siehst nun aus dem ganz leicht, wie viele der tauglichen Schnitter wir nun auf der lieben, großen Erde zählen! Was anderes ist dann da wohl zu tun, als selbst Hand ans Werk zu legen und fest zu arbeiten, solange es nur immer des Tages heitere Helle gestattet; denn ist einmal die Nacht völlig hereingebrochen, so wird darin wohl niemand leicht zu arbeiten vermögen. Wir sind daher hier schon alle beisammen und werden heute bald nach dem Aufgange der Sonne samt und sämtlich unsere Hände an das große Werk legen.“
GEJ|5|130|1|1|130. — Lehrwinke des Herrn für die Ausbreitung des Evangeliums
GEJ|5|130|1|0|(Der Herr:) „Wir wollen auch durchaus nicht laut im vorhinein sagen und behaupten: ,So und so wird es gehen!‘; denn soll das große Werk gelingen, so darf selbst Ich nicht einen scharfen Blick in die zweite Zukunft tun, auf daß zwischen Mich und die von Mir geschaffenen Menschen ja nicht das Geringste trete, das da irgendeinen Einfluß auf der Menschen freiesten Willen zu nehmen imstande wäre.
GEJ|5|130|2|0|Wir haben darum unserseits nichts zu tun als bloß nur zu lehren den Menschen die volle Ankunft des Reiches Gottes, der reinen Liebe und Wahrheit, im nötigen Falle mit einer kleinen Zutat irgendeines Wunders, das sich aber stets nur als eine Wohltat und nie als irgendeine Strafe oder gar zornsprühende Rache zu erweisen hat, und das sogar dann nicht, so wir von den blinden und somit auch sicher sehr undankbaren Menschen das größte Ungemach zu erdulden bekämen. Wer von euch das täte, der würde statt des Guten nur Böses erzeugen, und Ich wäre genötigt, ihm alle Meine Gnade zu entziehen und ihn am Ende mit zornigen Augen anzusehen.
GEJ|5|130|3|0|Diese Meine Lehre ist sonach ganz ohne allen äußeren und noch weniger durch einen inneren Zwang den Menschen und Völkern in der ganzen Welt zu geben, und die Wunder sind nur dort zu wirken, wo die Menschen fürs erste einen lebendigen, das ganze Herz überzeugend festen und durch gar keine äußeren Zweifel mehr unterspickten Glauben haben und sonst viele Erfahrung und viele Kenntnisse in den verschiedenen Dingen besitzen.
GEJ|5|130|4|0|Vor sehr leicht- und abergläubischen Menschen haben keine Wunder zu geschehen, weil ihnen diese sogleich jeden Funken ihres ohnehin schwachen freien Willens raubeten! Und da wäre für sie dann diese Meine neue Lehre aus den Himmeln um gar nichts dienlicher als ihr alter Aberglaube; denn sie fingen alsbald an, den Worten aus den Himmeln eine besondere, göttlich-magische Wirkung unterzuschieben, sie auf sich einwirken zu lassen und sich ganz passiv in allen Dingen und Stellungen zu verhalten und alle Handlung nach der Lehre einen ganz frommen und guten Mann sein zu lassen.
GEJ|5|130|5|0|Ja, am Ende würden sie gerade also träge werden, wie es da heutzutage gar viele der wohlhabenden Juden gibt, die sogar zu träge sind, selbst zu Gott zu beten, sondern sie zahlen die Pharisäer und auch andere Leute, daß diese für sie beten, da sie selbst viel zu wenig Zeit dazu hätten und es auch viel zu unbequem für sie wäre, die vielen, viele Ellen langen Gebete selbst herunterzumurmeln.
GEJ|5|130|6|0|Wenn es aber einmal mit dieser Meiner Lehre so elend weit gekommen sein sollte, dann freilich kann ein alles auf den alten Wahrheitszustand zurückführendes, allgemeines Gericht, wie zu den Zeiten Noahs, nicht mehr ferne sein.
GEJ|5|130|7|0|Darum lehret alle Menschen die reinste Wahrheit und lasset alles Mystische und Wundermagische himmelweit beiseite, ansonst da alles weit gefehlt wäre! Denn so ein Mensch aus der Tätigkeit seines freien Willens kommt und in eine Art frommer Trägheit übergeht, so hört er ja auf, ein Mensch zu sein, sondern steht unter der Würde eines Tieres und gleicht einem tauben und wilden Gesträuche, das da unter der äußeren Einwirkung des Lichtes der Sonne und ihrer Wärme bloß nur als ein Wildling fruchtlos vegetiert und nahezu gar keiner erforderlichsten Selbsttätigkeit mehr fähig ist.
GEJ|5|130|8|0|Bei solchen Menschen erkaltet dann auch die Liebe, und der arme Nächste ist ihnen am Ende eine lästige Fliege geworden, die sie in ihrem weltlichen Behaglichkeitsschlummer stört. Und was aber die Liebe zu Gott betrifft, so zahlen sie dafür dann allerlei Opfer und Gebete. O sage, wie sieht's dann bei solchen Menschen mit dem Reiche Gottes in ihrem Herzen aus?! Ich sage nicht, daß dieser Zustand gerade notwendig bei späterhin Beteiligten dieser Meiner Lehre also, wie nun bei den Pharisäern und Juden, eintreten werde; aber er kann eintreten, und das nicht in von jetzt zu ferner Zukunft, so ihr als die Austräger dieser Lehre nicht völlig klug zur Genüge zu Werke gehet.
GEJ|5|130|9|0|Denn Ich mache euch ja auch zu keinen gebundenen, sondern zu ganz freien Boten zur Verkündigung des Reiches Gottes auf Erden. Wohl sollet ihr von Mir allzeit die Weisung, was da oder dort zu tun und zu reden sein soll, überkommen, – aber niemals eine Willensnötigung dazu, da ja ihr vor allem auch Meine lieben und nun völlig ganz ersten Kindlein seid!
GEJ|5|130|10|0|Ich werde weder euch noch jemand andrem je Meinen Willen nach Meiner Weisheit aufdrängen, sondern ihn nur bekanntgeben durch Worte und durch Rat; da müsset ihr ihn erst selbst durch euren Willen und durch die Tat zu dem eurigen machen, und zwar durch allerlei Selbstverleugnung in den verschiedenen Dingen dieser Welt.
GEJ|5|130|11|0|Denn ihr wisset es nun ja doch, daß alle Welt und ihre mannigfache Materie des Geistes und der Geist ewig nicht der Materie wegen da ist; und so wäre es denn auch mehr als höchst dumm von euch, so ihr euch, als schon mehr denn zur Hälfte eures Seins in den Geist übergegangene Menschen, für die Materie entscheiden möchtet. Aber irgend von Mir genötigt werdet ihr zu einer völligen Entscheidung für den Geist durchaus nicht; denn jede Nötigung ist und bleibt eines jeden Menschen höchst eigene Sache, weil eben davon sein ewiges Leben abhängt.
GEJ|5|130|12|0|Das Wissen und das noch so ungezweifelte Glauben allein hilft niemandem etwas, sondern nur das Handeln danach! Darum sollet ihr auch die Menschen, die in der Folge von euch die Wahrheit aus Mir werden kennenlernen, vor allem zur Tätigkeit danach ermahnen; denn ohne solche könnten die in der Lehre enthaltenen Verheißungen ebensowenig je erfüllt werden, als ein Mensch sicher niemals nach Damaskus kommen wird – wenn ihm der Weg dahin auch noch so bekannt ist und er auch den allerfestesten und überzeugendsten Glauben hat, daß der ihm wohlbekannte Weg nahe ganz geradlinig nach Damaskus führt –, so er nie einen Schritt auf demselben machen will, oder wenn er sich auch öfter vornimmt, die Reise werktätig in der Wahrheit zu unternehmen, aber, im Grunde durch allerlei kleine Geschäfte verhindert, dennoch nie zum Betreten des Weges nach Damaskus kommt.“
GEJ|5|131|1|1|131. — Das Handeln nach der Lehre und Gottes Verheißungen. Vom Zeremoniendienst
GEJ|5|131|1|0|(Der Herr:) „Es ist also vor allem von euch bei euren künftigen Jüngern darauf zu sehen, daß sie nicht eitel Hörer und Glauber der neuen Lehre, sondern allereifrigste Täter nach der empfangenen und als überzeugend wahr angenommenen Lehre werden; denn erst dadurch wird dann diese Lehre in jedem Menschen zur Vollwahrheit werden, wenn er an sich auch die Erfüllung der in ihr stehenden Verheißungen wahrzunehmen anfängt und sich dann endlich selbst zuzurufen anfangen muß und sagen: ,Ja, die Lehre ist wahrhaft aus Gott, weil sich bei mir durch die tatsächliche Beachtung eine darin vorkommende Verheißung um die andere in aller Tat und Wahrheit zu erfüllen anfängt!‘
GEJ|5|131|2|0|Hat es jemand einmal dahin gebracht, so hat er es schon gewonnen und mit ihm Meine Lehre auch als Beispiel für viele andere, die noch im Probieren stehen, aber noch zu keiner Wirkung haben gelangen können. Sie werden, dadurch ermuntert, selbst eifriger Hand ans Werk zu legen anfangen, was ihnen erst die Früchte, wenn anfangs auch noch so spärlich, wird zu tragen anfangen.
GEJ|5|131|3|0|Darum also seid in der Verbreitung und Austragung Meiner Lehre ja schlau und klug wie die Schlangen und Füchse, aber dabei stets so sanft wie die Tauben, deren oft zornscheinendes Girren und Murren nichts als eine verhüllte Liebe ist, darum denn auch den Alten die Taube schon als ein Symbol der Liebe galt.
GEJ|5|131|4|0|Es kommt nun hauptsächlich auf euch an; wie ihr es anlegen werdet, so wird es dann auch fortbestehen. Werdet ihr nur irgendeinen kleinen Fehler bei der ersten Anlegung begehen, so wird daraus in einigen Jahrhunderten schon ein ganzer Berg von einer Sünde wider die rechte Ordnung sich herausstellen.
GEJ|5|131|5|0|Daher laßt euch ja durch nichts irgend altgebräuchlich Venerables (Ehrwürdiges) irreleiten! Weder der Sabbat noch der Neumond, noch die Schrift, noch der Tempel, noch die Gräber der Propheten, noch die Orte, an denen Ich Selbst mit euch wirkte, noch die pure Magie Meines Namens, noch die Tempel, noch die Häuser der Patriarchen oder gewisse Stunden des Tages und dergleichen äußeres tolles Zeug mehr führe euch auf irgendeinen Abweg von der hier vernommenen Wahrheit!
GEJ|5|131|6|0|Denn das alles war bis jetzt nur ein vorbildlich Entsprechendes von dem, was nun vor euch stehet im hellsten Lichte und als die reinste und unverhüllteste Wahrheit; es war nur eine große Zeichenschrift, über den weiten Boden der Erde hin geschrieben, und ein großer Brief des Vaters im Himmel an Seine Kinder auf dieser Erde, der aber nun entsiegelt vor euch offen liegt, und den ihr nun alle gar wohl habt lesen können. Aber dieser Brief hat nun für weiterhin weder einen Wert, noch eine das Leben bedingende Bedeutung.
GEJ|5|131|7|0|Alles ist nun die Liebe zu Gott und zum Nächsten, aber etwa nicht nur in der Theorie, sondern wahrhaft in der Tat, und dazu bedarf es weder eines Sabbats noch eines Neumonds, noch eines Tempels, noch einer besonderen Zeit oder irgendeines verbrämten Kleides, noch irgend langer unsinniger Gebete, noch irgendeines unsinnigen Sühnopfers, keiner Ochsen, Kälber und Böcke zur Schlachtung und Verbrennung, sondern allein der Liebe, die Ich euch nun schon so oft enthüllet habe.
GEJ|5|131|8|0|Werdet also als die Ausbreiter dieser Meiner Lehre nirgends und niemals schwach in was immer für einer alten Satzung, nicht einmal in der Wahl der Speisen; denn was zum Munde hineingeht mit Maß und Ziel, verunreinigt den Menschen niemals, sondern nur das verunreinigt den Menschen, was vom Herzen durch den Mund zum Schaden des Nebenmenschen herauskommt! So werdet ihr mit dieser Lehre den wahren Segen und das wahre Heil den Menschen geben für bleibend, das in tausend Jahren und abermals tausend Jahren ebenso rein dastehen wird, wie Ich Selbst es nun euch gebe und gegeben habe!
GEJ|5|131|9|0|Werdet ihr aber nur irgendeine alte Zeremonie mit dieser Meiner Lehre verbinden und zu halten anfangen gewisse Gedächtnistage und irgendeine Kleinigkeit nur aus dem Tempel, so wird sich das dann von Jahr zu Jahr vergrößern und in mehreren Jahrhunderten zu einem wahren euch bekannten Augiasstalle werden, der am Ende wieder durch ein allgemeines Gericht wird gereinigt werden müssen.“
GEJ|5|132|1|1|132. — Die Erlösung vom Joche des Zerernoniendienstes und des Gesetzes
GEJ|5|132|1|0|(Der Herr:) „Ich gebe euch damit eine Gottes- und Lebenslehre, die von jeder Zeremonie so ferne ist wie ein Himmelspol vom andern; da bedarf es keines Sabbats, keines Tempels, keines Bethauses, keiner Faste, keines eigenen Aaronsstabes und -rockes, keiner zweihornigen Kopfbedeckung, keiner Bundeslade, keines Rauchfasses und keines gebenedeiten und noch weniger eines verfluchten Wassers! In dieser Lehre ist der Mensch in sich alles in allem und braucht sonst nichts als nur sich selbst.
GEJ|5|132|2|0|In den alten, vorbildlichen Lehren war der Mensch nur ganz teilweise als sich mehr und mehr veredelnd und zum wahren Geistmenschen heranbildend noch ganz materiell dargestellt, und es war darum denn auch nötig, ihn in allerlei dem Geiste entsprechenden Formen, Gefäßen und zeremoniellen Handlungsweisen darzustellen.
GEJ|5|132|3|0|In dieser Meiner neuen Lehre aber ist der Mensch, wie auf einen Punkt, in eins vollkommen vereint in sich und mit sich, so wie auch Ich Selbst mit aller Meiner früheren urewigen und unendlichen Gottheit hier wie auf einem Punkt vereint vor euch stehe und Selbst zu euch sage, daß von jetzt an das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit nicht mehr im Tempel zu Jerusalem oder auf Garizim zu suchen und alldort Gott anzubeten sein wird, sondern solchen Gottesdienst wird man tun können überall, da ein Mensch ist!
GEJ|5|132|4|0|Des Menschen Herz wird sein der lebendige Tempel des wahren, einigen und einzigen Gottes, und die werktätige Liebe wird sein der allein wahre Gottesdienst, und die Liebe zu Gott wird sein dessen ganz allein wahre Anbetung!
GEJ|5|132|5|0|Da aber weder eine wahre Liebe zu Gott ohne die werktätige Nächstenliebe und diese nicht ohne die wahre Liebe zu Gott denkbar ist, so sind die beiden Lieben im Grunde des Grundes auch nur eine Liebe und somit eine und dieselbe wahre Anbetung Gottes. Wer das in sich hat, der hat alles, alles Gesetz und alles Prophetentum, im eigenen Herzen vereint und hat weiter durchaus nichts irgend mehr vonnöten.
GEJ|5|132|6|0|Ich hebe hiermit denn alles Alte samt dem Gesetze Mosis auf, nicht etwa, als wäre es fortan nicht mehr zu beachten – das sei ferne –, sondern nur insoweit, als es da bis jetzt war eine äußere, mit irdischen Strafen belegte Nötigung, so und so zu handeln; denn also war das Gesetz ein jedem Menschen im Genicke sitzender Richter und war ein bleibendes Gericht, dessen sich kein Mensch entschlagen konnte. Ein Mensch aber, der gedrückt unter der Gesetzeslast steht, stehet dadurch ja auch offenbar im fortwährenden Gerichte; der aber im Gerichte steht, ist geistig tot und verflucht von der inneren, göttlichen Lebensfreiheit.
GEJ|5|132|7|0|Nur wenn das Gesetz sein eigen wird und der Freiheit des eigenen freiesten Willens untersteht, dann hat alles Gericht und aller Fluch und Tod beim Menschen ein Ende, und Ich bin eben darum hauptsächlich in diese Welt gekommen, um allen Menschen die Erlösung vom Joche des Gesetzes, des Gerichtes, des Fluches und des Todes zu bringen, und darum auch nehme Ich von nun an alles Äußere weg, gebe euch somit wahrhaft euch selbst zurück und mache euch eben dadurch erst wahrhaft zu wahren Gotteskindern und zu Herren über alles Gesetz und Gericht.
GEJ|5|132|8|0|Werdet ihr, und also auch eure Jünger, gleichfort unverändert in dieser Norm verbleiben, so wird auch nie ein Gericht über euch zu kommen imstande sein, weil ihr ja über dem Gerichte stehet; sowie ihr aber nur in einem oder dem andern Stücke euch ein altes, äußeres Gesetz werdet anfügen lassen und irgend noch anhangen einem alten, äußeren Formenkleckse, so werdet ihr euch auch wieder einem Gerichte unterstellen, und der Tod wird so weit in euch greifen, als wieweit ihr euch selbst einem alten Formengesetze unterstellt habt!“
GEJ|5|133|1|1|133. — Das Verhältnis der Kinder Gottes zu den politischen Staatsgesetzen
GEJ|5|133|1|0|Sagt hier Roklus: „Ja, Herr, wie sieht es denn dann mit der Haltung der politischen Staatsgesetze aus? Denen muß man sich doch fügen, wenn man einerseits noch so sehr Herr über sich geworden ist? Oder kann man auch mit diesen Gesetzen es also machen wie mit denen des großen Propheten Moses?“
GEJ|5|133|2|0|Sage Ich: „Aber Freund, wie kann man Anordnungen eines Staates Gesetze nennen? Gesetze sind ja nur der kundgemachte Wille Gottes; deine Staatsgesetze aber sind bloß nur der höchst wandelbare Wille eines Menschen und können nie mit etwas anderem zu tun haben als mit den alleräußersten und materiellsten Leibeslebensdingen. Wenn sie gut sind, so wirst du sie auch billigen und annehmen mit deinem freiesten Willen, und hast du das, dann bist du schon ein Herr der Staatsgesetze und kannst durch sie in kein Gericht mehr kommen. Sind sie aber schlecht, so steht es dir ja frei, dich davon loszumachen und dahin zu ziehen, wo es weisere Gesetze gibt, oder den Gesetzgeber allersanftest auf das Mangelhafte einiger Gesetze aufmerksam zu machen und ihm einen rechten und guten Rat zu geben. Wird er den Rat annehmen, so werdet ihr gut zu bleiben haben; nimmt er in seinem herrscherischen Hochmute den Rat aber nicht an, dann ziehet weiter! Denn die Erde ist groß und hat viele Länder und Völker und Reiche und Könige und Fürsten.
GEJ|5|133|3|0|Seid ihr einmal rein in eurem Innern, dann wird euch auch alles rein sein; denn dem Reinen sind alle Dinge darum rein, weil er den Grund von allem erschauen kann, was soviel sagen will als: Dem Sehenden ist am Tage alles erleuchtet, und selbst die Nacht ist für den Scharfsehenden nicht lichtlos, während dem Blinden alles finster ist und der Tag bei ihm keinen Vorzug vor der Nacht hat.
GEJ|5|133|4|0|Wer also in seinem Innern einmal in der völligen Ordnung ist, der ist auch ein Herr über alle Unordnung, die nur irgend in der Welt so oder so vorkommen kann. Weil er aber ein Herr ist und in sich in keine Unordnung mehr geraten kann, so mag und kann er im Grunde wohl in jeder politischen Gesellschaft bestehen, möge sie so oder so bestellt und beschaffen sein; denn er sieht es ja klar, wohin er seine Schritte zu stellen hat.
GEJ|5|133|5|0|Ich Selbst bin ja nun auch auf dieser Erde und füge Mich, Meiner äußeren Persönlichkeit nach, in die von dem römischen Kaiser vorgeschriebene Ordnung und lehne Mich nirgends, nicht einmal dem Anscheine nach, wider dieselbe auf! Verliere Ich etwa dadurch in Meines innersten Gottwesens Ordnung? O mitnichten, – Ich bin, der Ich bin, unverändert, und Mein Rat wird auch von denen angenommen, die des Herrschers Macht in ihren Händen tragen, und bin darum ein Meister und Herr über sie, und niemand fraget Mich und saget: ,Herr, wie tust Du das?‘
GEJ|5|133|6|0|Glaubet es Mir, daß einer, der wahrhaft ein Herr seiner selbst geworden ist, auch gar leicht ein Herr über ein ganzes Volk werden kann; und niemand wird zu ihm sagen: ,Freund, wie magst du solches tun?‘ Denn die Menschen werden ihn selbst dazu machen, indem sie scharenweise zu ihm hineilen werden und werden sich Rates erholen. Was ist aber ein weiser Ratgeber anderes als ein weiser Gesetzgeber? Wer aber Gesetze gibt, der wird doch ein Herr sein über die, die von ihm die Gesetze überkommen haben! Oder sind Ouran, Mathael, hier Mein edler Freund Cyrenius, Kornelius, Faustus und Julius nicht Machthaber und Gebieter und haben dennoch Gesetze von Mir angenommen und nennen Mich ihren Herrn? Warum taten sie denn das? Weil sie die Wahrheit und ihre Kraft und Macht an Mir mehr denn zur Genüge haben ganz hellst kennengelernt! Was Ich aber nun rede und tue, das und noch ein Mehreres und Größeres werdet auch ihr in jüngster Zeit schon tun und werdet somit auch auf der ganzen lieben Erde ganz dieselben Wirkungen hervorbringen müssen.
GEJ|5|133|7|0|Freilich gehört dazu auch jener entschiedene Mut, der sich vor dem Tode des Leibes nicht fürchtet; wie aber sollte sich der davor auch fürchten, der in der höchsten Klarheit das ewige Leben in sich trägt und ganz vollkommenst ein Herr des Lebens in sich selbst geworden ist und gar wohl wissen muß, daß erstens diejenigen, die wohl den Leib töten können, der Seele und ihrem ewigen Lebensgeiste durchaus keinen Schaden mehr zuzufügen vermögen, und daß zweitens die Seele mit dem Wegfalle des schweren Leibes für ewig einen nie aussprechbaren Gewinn macht, den alle Schätze dieser Erde ewig nimmer aufzuwiegen irgend imstande wären!
GEJ|5|133|8|0|Wer aber solches in sich selbst in höchster und tiefster Lebensgrundklarheit erschaut, nun, der wird dann ja doch etwa keine Furcht vor dem Tode des Leibes haben?! Und hätte er dann noch welche, so gliche er ja doch offenbar einem Toren, der darum weinen möchte, daß man ihn von der Zwangsjacke befreie und ihn an Stelle derselben bekleide mit dem Kleide der höchsten und ungezwungensten Freiheit und Klarheit des ewigen Lebens! Das aber ist nicht denkbar möglich, daher es euch auch zur rechten Zeit am erforderlichen Mute sicherst nicht gebrechen wird.
GEJ|5|133|9|0|Sehet also vor allem vollkommen Herren über euch selbst zu werden, so werdet ihr auch Herren sein über alle Gesetze und über alles Gericht und fern von jedem Fluche irgendeines dummen Weltgesetzes!
GEJ|5|133|10|0|Das, was ihr aber selbst werdet, das suchet auch emsigst, daß es auch alle diejenigen werden, die von euch die innerste Ordnung des Lebens werden kennenlernen, – dann werden sie eure wahren Freunde und Brüder werden und werden keine andern Gesetze mehr geben, weil sie gleich euch einsehen werden, daß das innerste Lebensgesetz alle andern aufwiegt und völlig unbrauchbar macht!“
GEJ|5|134|1|1|134. — Grundzüge der Kindererziehung
GEJ|5|134|1|0|Sagt Roklus: „Herr, das ist alles allerreinstes Gold, und die Wahrheit alles dieses läßt sich nun schon mit Händen greifen! Also muß in alle Ewigkeit der Ewigkeiten diese Lehre ja diamantrein verbleiben und wird in der Fortpflanzung meines Institutes auch also verbleiben, wofür ich und meine Gefährten alle Sorge verwenden werden!
GEJ|5|134|2|0|Aber nun habe ich an der Seite noch so ein ganz kleines Häkchen; weiß ich da auch noch, was ich zu tun habe, dann ist alles in der diamanfestesten und allerreinsten Ordnung, wie ich mir dieselbe nun einmal nicht anders vorstellen kann! Es fragt sich bezüglich der Erziehung der Kinder in deiner Lehre! Soll man bei ihnen auch jede bildliche Versinnlichung einer ihnen beizubringenden Sache möglichst vermeiden?“
GEJ|5|134|3|0|Sage Ich: „Allerdings, denn bildliche Vorstellungen bleiben nirgends so fest haften als eben im Gemüte der Kinder und sind nachher schwer ganz aus ihnen zu entfernen!
GEJ|5|134|4|0|Lehret sie nur zuerst ganz mechanisch lesen, schreiben, rechnen; dann enthüllet vor ihnen noch die Gestalt der Erde und zeiget ihnen gleich überall den wahren Grund, insoweit sich dieser für sie geziemt, und insoweit sie denselben zu fassen imstande sind! Bereichert sie mit allerlei nützlichen Kenntnissen, und lasset sie auch mit euch allerlei kleine Erfahrungen machen, und begeistert sie für alles Gute und Wahre.
GEJ|5|134|5|0|Und glaubet es Mir, daß die Kinder das Gute und Wahre viel eher begreifen als alle die oft sinnlosen und weitwendigen Foppereien, aus denen sie dann erst selbst irgend tiefliegende Wahrheiten herausentziffern sollen, was sie ermüdet und am Ende untätig machen muß! Übrigens werdet ihr alles das, so Mein Geist in euch selbst euch in alle Wahrheit leiten wird, im hellsten Lichte schauen und erkennen, was da zu tun sein wird! – Hat jemand von euch nun noch etwas zu fragen, so frage er; denn der kommende Tag Meiner Weiterreise naht, und Markus fängt an, für das Morgenmahl zu sorgen!“
GEJ|5|134|6|0|Sagt Roklus: „Herr und Meister von Ewigkeit! Ich weiß nun, um ganz aufrichtig zu reden, wie ich's auch nun nimmer anders kann, mag und will, wahrlich um nichts mehr, darum ich Dir noch mit irgendeiner Frage zur Last fallen sollte; denn nun ist mir schon einmal alles klar dadurch, daß mir der Weg klar geworden ist. Freilich könnte ich nun noch um zahllos vieles fragen, was mir bis jetzt ein undurchdringliches Rätsel ist; aber ich weiß nun ja aus Deiner Verheißung, daß mir das alles werden wird, und so wäre nun ein weiteres Fragen um so Mannigfaches noch ein wahrhaft leeres Strohdreschen!
GEJ|5|134|7|0|Das Größte ist nun, daß uns der Weg völlig bekannt ist, den wir zu gehen haben, um zu der lange ersehnten Herrschaft über uns selbst zu gelangen. Haben wir diese, so haben wir dann ohnehin alles; haben wir aber diese nicht, so nützt uns auch das stückweise Wissen wenig oder nichts. Ich für meinen Teil wüßte es wahrlich nicht, wonach ich nun noch fragen sollte! Ich will aber damit nicht etwa auch jemand anderem sagen oder raten, daß er nun auch um nichts Weiteres mehr fragen solle!
GEJ|5|134|8|0|Ich aber danke Dir, o Herr, für dieses übergroße Licht, das Du mir nun gnädig hast zukommen lassen; Dir von nun an ganz allein alle meine Liebe und alle Ehre! Ich trete mit Deiner gütigsten Erlaubnis nun gleich wieder zu meinen Gefährten und werde mich mit ihnen sehr beraten, wie wir nun in Deinem Namen unser Institut regenerieren werden. Denn darinnen muß alles das Jetzige ausgemerzt und Dein Wort tatsächlich eingeführt werden!“
GEJ|5|134|9|0|Hier wollte Roklus gehen; aber Ich sagte zu ihm: „Weile noch; denn Ich habe noch einiges mit dir abzumachen!“
GEJ|5|135|1|1|135. — Die Verlegenheit des Essäerinstitutes
GEJ|5|135|1|0|Sagt Roklus: „O Herr, da gibt es vielleicht wohl keinen zweiten, der noch lieber bei Dir verweilte denn eben ich! Was es auch sei, alles, von Dir ausgehend, ist meinem Herzen stets die höchste Wonne und Seligkeit! Ich brenne vor Begierde, noch ein mehreres von Dir, etwa gar wegen der Restituierung (Erneuerung) unseres Institutes, zu erfahren!“
GEJ|5|135|2|0|Sage Ich: „Ja, Freund, du hast es wohl erraten! Da klebt noch so manches, das dir bei deiner Arbeit einige Bedenken erzeugen würde, und ihr dadurch in eurem Rate uneins werden könntet; daher wird es gut sein, wenn Ich Selbst dir darüber einige Winke mitteile!
GEJ|5|135|3|0|Vor allem gebe Ich dir die einstweilige Zusicherung, daß Mein Diener Raphael zuzeiten zu dir kommen und euch behilflich sein wird mit Rat und Tat. Für die anderen Zeiten hat er schon ohnehin seine allerbestimmtesten Weisungen und weiß, was er in der Zeit Meines Verweilens auf dieser Erde zu tun hat, und wo er sich zeitweilig aufzuhalten hat. Diese Meine dir gemachte Zusicherung gilt aber nur für die außerordentlichsten Fälle, die sich in eurem Institute in der Restitutionszeit ereignen könnten.
GEJ|5|135|4|0|Was du aber selbst zu tun haben sollst, das werde Ich dir nun noch so in ganz kurz gehaltenen Winken mitteilen. Ihr habt eure unterdessen äußerst pfiffig eingerichtete Totenerweckungsanstalt noch, wie sie war und noch ist; zugleich befinden sich dort jetzt gerade hundertsieben Kinder von drei bis vierzehn Jahren, darunter etwas über die Hälfte Mädchen. Ihr seid nun in einer großen Verlegenheit, da ihr in allen euren Menschenpflanzungsanstalten kaum zwanzig Ähnlichkeiten habt und nun Boten mit gemalten Ebenbildern in alle Weltgegenden ausgesandt habt, daß sie um jeden Preis ähnliche Kinder ankaufeten. Aber diese Boten machen schlechte Geschäfte; denn wenn sie auch irgendwo etwas Ähnliches antreffen, so wird es ihnen um keinen Preis verkauft, und etwas Unähnliches können sie doch nicht brauchen. – Was sagst du zu solch einer Bescherung?“
GEJ|5|135|5|0|Hier kratzt sich Roklus ganz gewaltig hinter den Ohren und sagt: „Ja, Herr, wenn so – was sehr leicht begreiflich ist –, dann ist das Institut in einer Hauptklemme! Es war freilich eine große Torheit, und zwar wider meinen Willen, auf einmal so viele verstorbene Kinder aufzunehmen; aber unser erster Geschäftsführer, namentlich in der Sphäre der Wiederbelebung der Kinder, gab mir die Versicherung, daß es ganz gut gehen werde. Allein es sah die Geschichte nur zu bald ganz anders aus! Kaum zwanzig Ähnlichkeiten; und die andern?! Die können wir mit der Laterne suchen, mit der dereinst der Zyniker die Menschen am hellen Tage gesucht hat!
GEJ|5|135|6|0|Der Geschäftsleiter sandte freilich gleich nach allen Richtungen wohldotierte Boten aus; aber wenn die Sache also geht, so sind wir mit unserem ganzen Institute verlesen und müssen zum fröhlichen Hohngelächter der neidischen und allereifersüchtigsten Pharisäer in die größte Verlegenheit geraten, zumal sich eben diesmal mir wohlbewußtermaßen einige Kinder der Pharisäer darunter befinden sollen, mit denen uns die Eifersüchtigen gewiß nur auf den Zahn zu fühlen sich vorgenommen haben!
GEJ|5|135|7|0|Ei, ei, das ist wahrlich eine sehr schlimme Sache und kann mir in meinen nun fest gefaßten Absichten, fürderhin bloß nur in Deinem Namen zu wirken, sehr hinderlich werden! Was ist da nun vernünftigermaßen zu machen? Mir bleibt da schon der Verstand stillestehen! Du, o Herr, könntest uns da freilich aus der Verlegenheit helfen, so es Dein heiliger Wille wäre, und könntest es auch tun, zumal wenigstens wir mit dem Institut nie wissentlich und mit Willen nur im geringsten irgendeine eigentlich böse Absicht verbunden haben!
GEJ|5|135|8|0|Unsere unverschuldete Unwissenheit aber kannst Du als ein allerliebevollster Gott, Herr und Meister uns ja doch nicht zur Last legen? Und sollte auch Deine ewig nie ermeßbare Weisheit an uns selbstverschuldete Flecken finden, für die wir wahrlich nicht können, so ist ja Deine noch unermeßlichere Liebe mächtig endlos mehr denn zur Genüge, um dieselben hinwegzufegen! Ich und alle meine Hauptgefährten setzen nun einmal alle unsere Hoffnungen auf Dich und vertrauen festest darauf, daß Du uns diesmal aus der allerriesenhaftesten Verlegenheit helfen wirst, wofür wir Dir aber auch das glühendste Versprechen dahin machen, daß es zu allen Zeiten unsere Sorge sein wird, Dein heiliges Wort für alle Zeit so rein zu erhalten, wie wir es nun von Dir unter der größten Dankbarkeit unserer Herzen vernommen haben!“
GEJ|5|135|9|0|Sage Ich: „Aber warum nennst du denn das eine gar so große Verlegenheit, da du doch treuwahr genug Meine möglichste Hilfezusicherung auf das allerhandgreiflichste überkommen hast?! Denn was Ich jemandem verheiße, das halte Ich auch gewisser noch, als wie gewiß die Sonne täglich aufgehen muß und stets eine Hälfte der Erde erleuchtet, ob die Oberfläche der Erde heiter oder mit Wolken und Nebeln getrübt ist! – Bis wann sollten denn die hundertsieben Kinder wieder lebend in die Häuser ihrer Eltern zurückkehren?“
GEJ|5|135|10|0|Sagt Roklus: „Herr, was soll, was kann ich Dir anderes darauf antworten als: O Herr, Dir sind alle Dinge nur zu wohl bekannt und somit gewiß auch unsere Torheiten!“
GEJ|5|135|11|0|Sage Ich: „Jawohl, da hast du Mir eine ganz gute Antwort gebracht! Da habt ihr wahrlich eine große Torheit dadurch begangen, daß ihr für eure fingierten Wiederbelebungen viel zu kurze Fristen gesetzt habt! Ihr seid dazu wohl durch einige glückliche Versuche ermuntert worden und habt natürlich die Erfahrung machen müssen, daß für euer Institut eine möglichst kurze Wiederbelebungsfrist nicht nur die am wenigsten kostspielige, sondern auch sicher die anzuempfehlendste ist, weil die ganze Sache an Wunderbarkeit gewinnt, – versteht sich von selbst, nur dem Ansehen nach!
GEJ|5|135|12|0|Hättet ihr der ähnlichen Kinder zur Genüge, so ließe sich nach eurer Art die Sache wohl noch etwa ausführen; aber weil euch zu dem Behufe gerade die Hauptsache zu eurem feinen Betruge fehlt, so ist es wohl begreiflich, daß ihr dadurch in eine riesenhafteste Verlegenheit geraten seid. Ich könnte euch für diesmal freilich wohl aus der großen Verlegenheit helfen; aber dann müßte Ich euch ja doch offenbar betrügen helfen, und sehet, das ginge denn doch wohl nicht an, so überlieb ihr Mir nun alle seid! Es muß da, als der Sache angemessen, ganz etwas anderes geschehen!“
GEJ|5|136|1|1|136. — Das Verbot der betrügerischen essäischen Totenerweckungen
GEJ|5|136|1|0|(Der Herr:) „Sieh dort an der linken Seite des Cyrenius, der nun ein wenig schlummert, den Knaben; sein Name ist Josoe! Der lag schon stark über ein Jahr im Grabe, und seine Knochen waren ohne Fleisch. Er lag unweit von Nazareth in einer Gruft, und Ich gab ihm das Leben wieder, und niemand sieht es ihm nun an, daß er im Grabe schon ganz verwest gelegen ist!
GEJ|5|136|2|0|Was Ich dem tun konnte, das könnte Ich schon wohl auch deinen hundertsieben Kindern tun, und zwar nun auf der Stelle und im schnellsten Augenblick! Aber es wäre euch damit eben auch nicht viel gedient; denn dadurch kämen die Kinder vor dem anberaumten Termin in die Häuser ihrer Alten. Es müssen darum die Termine genau eingehalten werden, auf daß nun bei dieser Sache ja keine neue Lüge mehr kreiert werde. Dann aber soll Mein Diener zu euch kommen und die wirklichen Kinder, freilich etwas wider Meine Ordnung, ins irdische Leben zurückrufen, und zwar in Gegenwart ihrer zu dem Zwecke dahin zu berufenden Alten, auf daß auch sie dadurch wie durch einen mächtigen Stoß in ihrer großen Blindheit erkennen mögen, daß nun das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist.
GEJ|5|136|3|0|Was du aber bei jener Gelegenheit zu sagen haben wirst, werde Ich, wo Ich auch leiblich sein werde, dir schon in den Mund legen; aber darauf mache Ich dich für jetzt und für die Folge ganz ernstlich aufmerksam, daß du, und niemand aus deinem Institute, irgend mehr verstorbene Kinder zur Wiederbelebung annimmst, auch um die Schätze aller Welt nicht.
GEJ|5|136|4|0|Denn so Ich ein Kind sterben lasse, so hat das sicher seinen höchst gewichtigen Grund, und es wäre da wider Meinen Willen und wider Meine Ordnung, solche Kinder wieder irdisch zu beleben. Nun, was diese nunmaligen hundertsieben Kinder betrifft, so habe Ich das schon seit gar langem vorgesehen, und es geschieht demnach das nicht wider Meinen Willen und im weiteren Sinne auch gerade nicht wider Meine Ordnung; aber für die Folge darf, höchst selten, so etwas nur geschehen, so du oder irgend jemand deiner Nachfolger unmittelbar von Meinem Geiste dazu aufgefordert wird.
GEJ|5|136|5|0|Kranke heilen ein-, zwei-, auch dreimal könnet ihr, soviel ihr nur immer wollt; aber mit der Erweckung der durch den Tod des Fleisches Verstorbenen gebet euch ja nicht mehr ab! Denn ihr machet dadurch unter den vom Fleische freigewordenen Seelen ein viel ärgeres Ungetümswesen als der ärgste Mörder und Straßenklepper unter den Menschen, die noch auf dieser Welt ihre Zeit zu leben haben.
GEJ|5|136|6|0|Für welch ein größtes Unglück hält man's auf dieser Welt, so da jemand getötet wird! Aber für ein viele tausend Male ärgeres Unglück wird's jenseits angesehen, so eine schon dort seiende, freie Seele wieder in ihren sterblichen, stinkenden und schwerfälligen Leib irgend zurückzukehren genötigt wird! Daher tätet ihr niemandem etwas Gutes, so ihr ihn wieder in dies irdische Leben zurückriefet.
GEJ|5|136|7|0|Es gibt dort wohl arge Seelen, die man geradeweg Teufel nennen kann. Diesen geht es drüben sicher um zehntausend Male schlechter, als es einem noch so armen und verfolgten Bettler auf dieser Erde ergeht; aber unter allen den vielen, deren Zahl ganz gut bis jetzt zu zehntausend Millionen nach arabischer Zählweise angenommen werden kann, ist keine, die noch einmal den Weg des Fleisches durchmachen möchte. Wenn aber schon die Unglücklichen nimmer zurück auf diese Erde wollen, um wie vieles weniger die jenseits Glücklichen! Daher lasset euch das wohl gesagt sein, und erwecket Mir ja keine Toten mehr! – Hast du das nun auch verstanden?“
GEJ|5|136|8|0|Sagt Roklus: „Ja, Herr, das habe ich ganz wohl verstanden, und ich kann Dir auch ewig nie zur Genüge dankbar sein für die außerordentliche Abhilfe unserer großen Verlegenheit; wir aber haben uns eigentlich mit dem wahren Wiederbelebungsgeschäfte ja ohnehin nie abgegeben, da unsere Wiederbelebungen ja im Grunde nichts anderes waren als ganz geheime Betrügereien zum Besten der trauernden Menschheit nur, das heißt, insoweit wir früher mit unserem beschränkten Verstande ein Bestes der Menschen uns denken konnten! Wir hatten im Grunde äußerst wenig Nutzen davon, da uns die Erhaltung der Menschenpflanzungen und deren zuweiliger Ankauf, das heißt von Menschenkindern, stets ganz entsetzlich viel kostete.
GEJ|5|136|9|0|Bei unseren Wiederbelebungen haben die Menschen im großen Jenseits ganz gewiß keine Störung erlitten, und so meine ich, daß, den kleinen Betrug abgerechnet, wir damit fürs Seelenreich gar wenig irgend störend Arges angerichtet haben; denn die Seelen der Verstorbenen sind von uns aus ja nie genötigt worden, in diese Fleischwelt zurückzutreten!
GEJ|5|136|10|0|Sage Ich: „Das ist zwar wohl wahr; aber etwas Störendes hat solche eure Manipulation für die Geisterwelt denn doch auch noch immerhin bewirkt. Denn das verstorbene Kind ist einmal ganz gut zu einem Bürger der Geisterwelt geworden. Nun sind aber nach der Zeit auch seine Eltern für diese Erde gestorben, und das falsche Kind auch; da kamen sie bei günstigen Umständen wie gewöhnlich drüben auch bald zusammen.
GEJ|5|136|11|0|Nun, was mußten sich die überraschten Eltern in der andern Welt von eurer Wiederbelebungsweise wohl denken, so sie dort mit einem rechten und mit demselben falschen Kinde, das sie auf der Welt als unwiderruflich für das echte hielten, offenbarst nur zu bald zusammenkamen? Denke darüber selbst so ein wenig nach!
GEJ|5|136|12|0|Denn drüben wird alles auf dieser Welt noch so verborgen Gehaltene bis auf die kleinsten Kleinigkeiten offenbar werden. Was jemand hier noch so geheim und verborgen tut, wird ihm jenseits dennoch von den Dächern herab, wie man zu sagen pflegt, geoffenbart werden, und das höchst laut vor Millionen Augen und Ohren! Nun denke du, als ein falscher Wiederbeleber, dich aber auch in die Sphäre solch einer Offenbarung! Wie gedenkest du dich dabei dann auszunehmen und zu befinden?
GEJ|5|136|13|0|Wenn Menschen mit ihren höchst beschränkten Wahrnehmungssinnen in dieser Welt so manchen Unfug recht gut erkennen, beurteilen, ihn richten und endlich auch ganz gehörig bestrafen, wo ihnen eigentlich doch noch zumeist die innere Wahrheitskraft mangelt, um wieviel mehr dort, wo die Wahrheit stets als eine der allerunbesiegbarsten Kräfte ganz allein den Herrn über alle seienden Dinge macht!
GEJ|5|136|14|0|Siehe, unter den kleinen Raubvögeln gibt es einen, der den Namen von seinem Gesange hat und somit Kuckuck heißt! Diesem Vogel ist die Brutträgheit instinktmäßig angeboren. Er legt daher seine Eier, wo er nur mag und kann, in die Nester verschiedener anderer Vögel und verschont da sogar die Nester der Sperlinge nicht. So diese ärmeren Vöglein nun sehen, daß statt ihresgleichen nur Kuckucke zum Vorscheine kommen, so machen sogar sie als unvernünftige Tiere ganz verdutzte Augen und fangen an, sich vom Neste stets mehr und mehr fernzuhalten, und vernehmen sie dann irgendeinen Kuckuck schreien, so fliegen sie ihm in Scharen und Scharen zu und nach und verfolgen und necken ihn auf alle mögliche Art.
GEJ|5|136|15|0|Nun, so sich schon die vernunftlosen, bloß nur mit einer instinktmäßigen Intelligenz begabten Tiere an einem Betrüger rächen, um wieviel mehr ist das bei den vernünftigen Menschen der sicher zu erwartende Fall, und um noch wie vieles mehr bei den Geistern, vor denen kein Betrug mehr statthaben kann, da ihre Einsicht und Erkenntnis eine zu klare geworden ist!“
GEJ|5|137|1|1|137. — Die Grundsätze des neugeordneten essäischen Institutes
GEJ|5|137|1|0|(Der Herr:) „Du siehst daraus, daß drüben alles offenbar werden wird und auch werden muß, ansonst die zahllos vielen und verschiedenen Vereine der Geister unmöglich bestehen könnten. Und nun fragt sich's denn, was der drüben für ein Gesicht machen wird, der hier bei den Menschen in einem großen Ansehen gestanden ist ob seiner wunderbaren Verrichtungen, und bei dem es sich jenseits sogleich nur zu klar zeigen wird, daß alle seine Wundertaten ein an und für sich ganz gemeiner Betrug waren; und war der Betrug selbst noch so gut gemeint, so mußte er aber dennoch bezahlt werden und ward dem blinden Käufer als eine echte Ware verkauft – und das um ein oft sehr großes Geld!
GEJ|5|137|2|0|Und siehe, das und nichts anderes war denn auch eure bisherige Wiederbelebungsweise, besonders der Kinder! Eure monatlichen öffentlichen Wiederbelebungen in den bewußten unterirdischen, katakombenartigen Gewölben sind eine schon zu dicke Betrugskombination, um davon zu reden; denn da habt ihr ja Menschen in eurem Solde, die sich allmonatlich einmal auf den gewissen Särgen als tot seiend zu verstellen haben und auf euer ihnen bekanntes Kommandowort sich im Angesichte mehrerer blindgläubiger Zuseher von den Särgen zu erheben und sich dann aber auch sogleich also zu verlaufen haben, daß sie von keinem der oft vielen Zuseher und Bewunderer um ihr Befinden und um ihren allfälligen Namen und Wohnort befragt werden könnten.
GEJ|5|137|3|0|Weißt du, dieser vögellockerische Betrug ist zu gemein, um davon weiter irgendein Wort zu verlieren; aber da dadurch doch viele bewogen worden sind, euch ein ihnen verstorbenes, liebes Kind zur Wiederbelebung zu übergeben, so kommt er dennoch auch in die Betrachtung und ist sehr geeignet, euch auch jenseits noch sehr lästige Mucken zu machen.
GEJ|5|137|4|0|Aber wie gesagt, was bei euch bis jetzt geschah, das will und werde Ich auf Meine Schultern nehmen und alles gutmachen für euch; aber für die Zukunft darf weder das eine noch das andere, was nur den allerleisesten Zug und Geruch nach einem Betruge hat, in eurem Institute um keinen Preis der Erde mehr vorkommen, so ihr wollt, daß Ich, als beständig mit Händen zu greifen wirkend, im selben verbleiben soll im Geiste bis ans Ende der Zeiten dieser Erde.
GEJ|5|137|5|0|Die vollkommenste Liebe und Wahrheit herrsche darin, und kein noch so kleiner Betrug komme je vor, so wird dieses Institut bleiben für alle Zeiten; und sollte es auch dann und wann neidische und finstere Verfolger haben, so werden sie ihm dennoch nichts anhaben können!
GEJ|5|137|6|0|Es wird zwar in diesem Lande auch von keinem langen Bestande mehr sein, so wie auch diese Meine Lehre nicht – denn dies Land wird zertreten werden von den allerfinstersten Heiden –; aber in Europa wird dereinst ein Hauptsitz aller derer werden, die an Meinen Namen glauben und hoffen werden, und da werdet ihr euch auch in mehreren Filialinstituten befinden, unter manchen Herrschern beliebt und sehr angesehen, unter manchen bloß geduldet; nur wenige Blinde werden euch treiben über die Grenzen ihres Reiches. Aber die das tun werden, die werden sicher von einem oder dem andern Ungemache gedrückt und von selbem fürder nicht leichtlich los werden. Aber auch jene Reiche, die euch bloß so hin nur dulden werden, werden sich in keinem zu blühenden Wohlstande befinden.
GEJ|5|137|7|0|Das binde Ich nun als eine Segensgabe an euch, daß ihr stets die rechten Baumeister bleiben werdet, und wo man euch mit Liebe und Ehren aufnehmen wird, wird das Reich eine gute und haltbare Grundfeste bekommen. Nicht zu Ärzten will Ich euch für künftighin machen, sondern zu Bauleuten, die da überall aus den allerfestesten Edelsteinen die Mauer eines neuen, himmlischen Jerusalems aufführen sollen und viele der herrlichsten Wohnungen in dieser Stadt, die nun wohl einen Anfang genommen hat, aber nach der Anfangsmauer ewigfort weiter und weiter erbauet werden soll.
GEJ|5|137|8|0|Da ihr aber nun Meine Maurer und freien Bauleute seid und Ich Meine Stadt aus den festesten Edelsteinen erbauet haben will, so werdet ihr und du, Mein Freund Roklus, ja doch sehr leicht einsehen, daß Ich keine gemeinen Kalk-, Sand- und Backsteine brauchen kann; darunter verstehe Ich aber eben allerlei Lug- und Trugwerke, die nicht bleiben können für ewig. Nur die reinste und aller Makel barste Wahrheit ist derjenige Diamantstein, der aller Ewigkeit den steten und gleichen Trotz bieten kann.
GEJ|5|137|9|0|Ihr werdet wohl vielfach in die Versuchung kommen, oft eine andere Miene zu machen, als wie ihr sie der Wahrheit eurer Gefühle nach machen solltet; aber lasset euch da ja nicht verlocken und trüget auch niemanden mit euren Augen, – sondern die vollste Wahrheit spreche sich in allem aus, was ihr seid, und was ihr tut, so werdet ihr auch stets Meiner Gnade, Macht und Weisheit gewärtig sein.
GEJ|5|137|10|0|Verheißet nie jemandem etwas, das ihr etwa späterhin nicht erfüllen könntet oder aus gewissen Gründen nicht wollt; denn wahrlich sage Ich es euch: Nichts kommt einem Menschen bitterer und ihn bedrängender vor als eine ihm gemachte Verheißung, die aber späterhin ganz stillschweigend nicht gehalten wird! Denn wäre ihm keine Verheißung gemacht worden, so hätte er sich auch nicht darauf verlassen, hätte etwas anderes unternommen, womit er sich irgendeine Hilfe oder einen anderweitigen Nutzen verschafft hätte. Da er sich aber auf die Verheißung fest verlassen hat, die ihm gemacht, aber nicht gehalten ward, so ist er ja dadurch in eine verzweiflungsvolle Lage versetzt und sitzt dann traurig enttäuscht zwischen zwei Stühlen auf dem blanken Sande und verwünscht zumeist jene, die ihn durch ihre Verheißung nun ins größte Unglück gestürzt haben.
GEJ|5|137|11|0|Was ihr demnach jemandem verheißen habt, das müsset ihr sogar auf Kosten eures irdischen Lebens halten, ansonst Ich kein bleibendes Mitglied eures Institutes sein könnte! Bedenket aber wohl, Wer Der ist, der euch dieses Gebot gibt! Er ist ein ewiger Herr über alles, was Leben und Tod heißet; und würde Ich nichts ahnden noch in dieser Welt, so doch das ganz gewiß, so ein Mensch dem andern etwas verspricht, dann aber aus irgendeinem gewöhnlich selbstsüchtigen Grunde es nicht hält!
GEJ|5|137|12|0|So du dem, der dir einen Dienst erwiesen hat, den verheißenen Lohn vorenthältst, so begehst du eine größere Sünde, als so du jemanden bestohlen hättest! Hat er seinen Dienst lau und schlecht verrichtet, so kannst du ihn wohl daran erinnern und ihm sagen, daß er ein künftiges Mal einen solchen Lohn nicht mehr zu gewärtigen habe, so er nicht mit dem erforderlichen Fleiße seinen bedungenen Dienst verrichten werde; aber für den noch so lau verrichteten Dienst mußt du ihm dein Wort halten, auf daß er erfahre, daß in dir der Geist der vollen Wahrheit lebt und wirkt!
GEJ|5|137|13|0|Aus diesem Grunde helfe auch Ich euch eure hundertsieben toten Kinder in der vollsten Wahrheit erwecken, auf daß ihr nicht als Lügner und treulose Versprecher vor jene zu stehen kommt, denen ihr das Wiedererwecken ihrer verstorbenen Lieblinge auf das allerheißest Wahre verheißen habt; aber für die Folge nehmet euch ja ganz vollkommen ernstlich zusammen! Denn alles, was ihr wider diesen Meinen leicht zu erfüllenden Rat tun oder unternehmen würdet, würde euch ganz unausbleiblich sehr schlechte Früchte tragen.
GEJ|5|137|14|0|Kommt euch all das etwa zu schwer vor, weil du dabei eine ganz bedenkliche Miene zu machen anfängst? Sage es Mir nur ganz laut und offen, so du Mir dabei etwas einzuwenden hast! Nun sind wir noch persönlich beisammen und können noch so manches erörtern, was in der Folge offenbar etwas schwieriger würde, da wir uns dann persönlich nicht so bald wieder begegnen dürften! Rede nun, und Ich will dich hören!“
GEJ|5|138|1|1|138. — Des Roklus Versuch, Notlügen zu rechtfertigen
GEJ|5|138|1|0|Sagt Roklus: „Alles, was Du, o Herr, nun geredet hast, ist nur zu wahr, und es läßt sich dagegen nichts einwenden! Aber da Du allem, was nur den allerleisesten Anschein eines Betruges an sich trägt, auch sogar dann streng entgegen bist, wenn dadurch einem Menschen im vollsten Ernste physisch und geistig geholfen werden könnte, so macht mich das offenbar nun sehr nachdenkend, da bei mir der durch tausend Erfahrungen bewährte Grundsatz feststeht, daß nun gar vielen Menschen durchaus nicht anders als nur auf dem Wege eines feinen Betruges geholfen werden kann, – was ich aber freilich keinen Betrug, sondern eine pure Staatsklugheit nenne.
GEJ|5|138|2|0|Aufrichtig, Herr, nach meinen auf dieser Erde gemachten Erfahrungen gesprochen, ist gar oft so manchen Menschen nicht anders zu helfen als allein durch einen wohlgemeinten kleinen Betrug! Die Kinder muß man anfangs ja doch immer betrügen, ansonst man mit ihnen ja doch rein nichts ausrichten kann; und was würde man ihnen denn wohl nützen, so man ihnen sogleich mit der reinsten Wahrheit ins Gesicht führe?! Ich habe Dir ja bei einer früheren Gelegenheit die Sache doch auch als ein Mensch klar und deutlich auseinandergesetzt, daß es mir nie darum zu tun war, je einen Menschen zu seinem Nachteile zu hintergehen, sondern allzeit nur zu seinem so oder so gestaltigen Vorteile! Und das tat ich nur, weil ich zu klar zum voraus einsah, daß diesem oder jenem Menschen auf eine andere Weise durchaus nicht beizukommen war. Wenn nun das bei Dir auch als eine Sünde gilt, – ja, Herr, dann wird es wahrlich höchst schwer, ein Mensch zu sein!
GEJ|5|138|3|0|Zum Beispiel: Ich gehe irgendwohin und treffe auf dem Wege als ein Heide einen stockblinden Erzjuden an, dessen überzelotischer Tempelfanatismus in einem jeden gleich eine ganze Legion der allerärgsten Teufel prognostiziert. Wenn ihn ein Heide anrührete mit seinem Wissen, so ist er ja unrein gleich auf ein ganzes Jahr und ist in solcher seiner eingebildeten Lage der unglücklichste Mensch, weil er da keinen Teil an den vielen Gütern des Tempels nehmen kann und darf. Wenn ich ihm sage, daß ich ein Heide sei – so er mich fragt, wer ich sei –, da läßt er sich eher alle Martern antun als sich von mir über einen höchst lebensgefährlichen Teil des Bergweges führen. Sage ich ihm aber so ganz fest, daß auch ich ein Jude aus Jerusalem sei, so wird er mir mit Freuden die Hand reichen und sich dann ganz allerdankbarst über die höchst gefährliche Wegesstelle führen lassen. Hab' ich den armen Blinden dahin gebracht, wo es für ihn zum Weiterkommen keine Gefahr mehr gibt und ihn schon der Duft seiner nun schon sehr nahen Heimat anzieht und er sich nimmer verirren kann, so empfehle ich mich bei ihm und ziehe frohen Mutes meinen Weg weiter. Der blinde Jude erfährt dann sein ganzes Leben lang von mir nicht eine Silbe mehr, und es wird ihm auch so leicht niemand sagen, daß derjenige Mensch, der ihn einst über die sehr gefährliche Wegesstelle geführt hatte, ein Heide war.
GEJ|5|138|4|0|Nun sage mir ein vernünftiger und ehrlich wohlmeinender Mensch, ob denn die gewiß höchst unschädliche Lüge nicht klüger und besser war, als so ich dem armen Menschen die Wahrheit gesagt hätte, daß ich nämlich ein Heide sei! Da sage ich Dir und jedermann tausend Male ins Gesicht, daß so eine Notlüge nur ein gelbsüchtiger und völlig gehirnkranker Narr aus dem schwärzesten Pharisäergremium für eine Sünde erklären kann, – aber ein nur einigermaßen vernünftiger Mensch nimmer und ein Gott sicher noch um so weniger! Denn so hoch und weit verschieden können die diesseitigen und jenseitigen Lebensansichten ja doch nicht sein, daß man als rein geistig das, was alle reine Vernunft auf dieser Erde für gut und billig erkennen muß, als das geradeste Gegenteil ansehen müßte! Denn wenn jenseits für den reinen Geist das schwarz und finster ist, was hier eine stets wohlwollende Seele für weiß und lichthell ansieht, da gehört entweder dieses oder das jenseitige Leben platterdings in ein Narrenhaus.
GEJ|5|138|5|0|Herr, Du kennst mein ganzes Leben von der Wiege an und wirst mir schwerlich einen Moment in meinem ganzen Lebenslaufe anzeigen, in dem ich's mit jemandem je böse gemeint habe oder gar gewollt habe, jemandem einen noch so kleinen Schaden zuzufügen! Tausendmal will ich aus Deinem allmächtigen Gottesmunde verflucht sein, so mir das erweisbar ist! So ich aber dennoch ein Sünder dadurch geworden bin, daß ich bei besonders geistesschwachen Menschen gar sehr oft zur Politik meine leidige Zuflucht habe nehmen müssen, um ihnen nach meinem Herzensdrange und nach meiner menschlichen Erkenntnis etwas Gutes tun zu können, so muß ich offen gestehen, daß es mir dann sehr unangenehm ist, ein Mensch zu sein; da gestalte Du, o Herr, mich nach Deiner Allmacht nur zu einem Esel um, und Du sollst meinen Dank dafür haben!
GEJ|5|138|6|0|Meine freilich nur menschlich vernünftige Ansicht ist diese: Ein jeder Mensch tue nach seinem besten Wissen, Erkennen und Gewissen, was ihm Rechtens als das Beste dünkt, sei friedsam und versöhnlich und tue der armen, leidenden Menschheit nach seinen Kräften Gutes, so muß seine Handlung auch von einem Gott als recht und gut und ordnungsgemäß angesehen und anerkannt werden, und kein Gott kann von dem Menschen als unfehlbar Seinem Geschöpfe und Werke mehr verlangen, als wozu und welche Fähigkeiten Er Selbst in ihn hineingelegt hat! Oder ist es möglich, daß ein höchst weiser Gott noch mehr von Seinem Werke fordern kann, als was und wieviel Er in dasselbe gelegt hat? Ich glaube, daß dies so hübsch schwer hergehen möchte und ungefähr das Gesicht hätte, als wenn jemand allen Ernstes aus einem ganz kleinen, kaum einen Eimer haltenden Fasse oder Schlauche zehn Eimer herausgießen wollte. Ich bitte Dich darum, o Herr und Meister, Dich in dieser Hinsicht wohl klarer auszudrücken; denn also, wie ich Dich ehedem verstanden zu haben glaube, ist nach Deiner Lehre gar keine nur einigermaßen vernünftige menschliche Existenz auf dieser Erde denkbar!
GEJ|5|138|7|0|Ja, die Wahrheit, die heilige, muß den Menschen werden; sie müssen das Haus und seine Ordnung und Gerechtigkeit genauest kennenlernen, darin sie wohnen und eigentlich nach Deiner Verheißung ewig wohnen sollen. Aber die nackte, wenn auch noch so reine Wahrheit kommt mir wenigstens wie eine zwar sehr heilsame, aber sonst überaus bittere Arznei vor, die jeder nur einigermaßen mehr empfindsame Gaumen gleich wieder ausspuckt, wie sie ihn nur berührt hat. Was tut man aber? Man umhüllt die bittere Arznei mit etwas Süßem und Angenehmem, und der Kranke wird sie dann leicht hinabschlucken und ohne ein Fieber in seinen Magen bekommen, wo sie dann bald ihre heilsamen Wirkungen beginnen wird! Und das, meine ich, sollte auch mit dem Mitteilen der Wahrheit sein! Man gebe sie nie, besonders anfänglich, je anders denn verhüllt und enthülle sie erst so nach und nach! Da wird sie meines Erachtens eine beste Wirkung sicher nie verfehlen. Gibt man sie aber gleich enthüllt und nackt, so wird man gar oft und zuallermeist mehr Schaden verursachen als irgendeinen wahren Nutzen bezwecken.
GEJ|5|138|8|0|Ich will hier kein Wort etwa zur Beschönigung unserer natürlichen Wunder fallen lassen und bin selbst der vollkommen überzeugten Meinung, daß wir uns da zu weit gewagt haben; aber das kann ich immer mit meinem besten Gewissen hinzufügen, daß wir selbst damit nie jemandem geschadet, sondern, nach unserem wohlerwogenen Wissen, stets nur, gewöhnlich doppelt, genützt haben. Erstens haben wir damit nur die Tränen oft gar zu trauriger Eltern getrocknet, was doch ganz gewiß nichts Schlechtes ist und sein kann, und zweitens haben wir damit Kinder ganz blutarmer Eltern allerbestens für die ganze Zeit ihres Erdenlebens versorgt und sie auf den Standpunkt gesetzt, daß sie in Häusern reicher Menschen den besseren Sitten der gegenwärtigen Weltordnung gemäß auch eine bessere Erziehung erhielten, während sie sonst in der größten Armut ohne alle Bildung zu wahren menschenähnlichen Tieren herangewachsen wären, wie es in dieser Zeit an solchen Beispielen wahrlich keinen Mangel gibt. Da entsteigt kein Engel den lichtvollen Himmeln und nimmt sich unterweisend solcher ärmsten Halbtiermenschen an; und tun wir doch offenbar besseren und gebildeten Menschen nach unserem besten Wissen, Erkennen und Gewissen solchen in einer möglichen Art und Weise etwas, so laufen wir Gefahr, vor Gott zu sündigen und von Ihm als Betrüger der Menschen erklärt zu werden!
GEJ|5|138|9|0|Herr und Meister, Du hast gut lehren und reden, denn Dein Wille ist der Direktor der ganzen Unendlichkeit! Aber wir schwachen Menschen, wir Nichtse gegen Dich, fühlen nur stets den Druck, aber selten oder nie eine Erleichterung, und haben noch obendrauf die allerschiefsten Erwartungen dereinst im Jenseits.
GEJ|5|138|10|0|Herr und Meister, wahrlich, Deine Lehren haben mich ehedem ganz aufgerichtet, und ich war voll der beseligendsten Erwartungen; nun aber bin ich ganz niedergedonnert und weiß mir nicht zu helfen, weil Du von mir Dinge verlangst, für deren Erfüllung ich mich mit meiner Vernunft nicht aussehe (auskenne), und wider meine Vernunft kann ich nicht handeln!“
GEJ|5|138|11|0|Hierauf ward Roklus still und redete gar nichts.
GEJ|5|139|1|1|139. — Die Berechtigung der Vernunft und der Klugheit
GEJ|5|139|1|0|Hier fragte Mich Cyrenius: „Ja, was ist denn das nun auf einmal? Roklus war bis jetzt schon wie ein wahrer Grundstein zur neu zu erbauenden heiligen Stadt, und nun ist er auf einmal wie total umgewendet, trotz dem, daß Du ihm alle Hilfe verheißen hast!“
GEJ|5|139|2|0|Sage Ich: „Das ist und bleibt er, trotzdem er Mich nun nicht ganz richtig aufgefaßt hat! Aber Ich sah das noch in ihm und versetzte ihn in den Zustand, das noch aus sich zu schaffen. Aber es wird nun die Sache gleich ein ganz anderes Gesicht bekommen, wie du dich davon gleich überzeugen wirst!“
GEJ|5|139|3|0|Hier wandte Ich Mich ganz freundlich an den Roklus und sagte: „Aber, Mein lieber Freund, wenn du die Sache nahe ganz verkehrt auffassest, so kann dir da kein Gott helfen, solange du dein eigenes Verständnis von früher her einer nachträglichen höheren Erleuchtung entgegenstellst! Das Schönste an der Sache aber ist das, daß du gerade das ganz lebensernstlich behauptest, was Ich von dir eigentlichst haben will! Wenn Ich dir zuvor Selbst die Klugheit der Schlangen und Füchse anempfohlen habe, wie könnte es Mir darauf beifallen, sie dir nun zu verbieten?!
GEJ|5|139|4|0|Wie die Kinder zu behandeln und zu unterweisen sind, habe Ich am gestrigen Tage doch hinreichendst gezeigt; und bist du auch nicht bei allem zugegen gewesen, so hast du es doch durch Meinen Schnellschreiber geschrieben in den Händen! Da gibt es dann ja schon gar nichts mehr, was dich in irgendeiner Sache beirren könnte, von der man, was nur irgendeinen Unterricht anbelangt, sagen könnte: ,Siehe da, das ist unverständlich!‘ oder: ,Es taugt für diesen und jenen nicht!‘
GEJ|5|139|5|0|So auch, wenn ihr mittels natürlicher Arzneien einen Kranken heilen möchtet und auch könntet, der Kranke aber oft eine entschiedene Antipathie gegen ein Medikament hat und solches um keinen Preis der Welt einzunehmen vermag, ihr aber vollkommen überzeugt seid, daß dem Kranken nur einzig und allein das gewisse Medikament sichere und schnelle Heilung verschaffen muß, so versteht es sich ja von selbst, daß ihr dann ein solches Medikament ohne weiteres anders benamsen und es auch mit etwas anderem vermengen könnet, auf daß es der Kranke nicht als das ihm Widerwärtige erkennt und zu seinem großen Nachteile von sich weist.
GEJ|5|139|6|0|Was aber weiter die Beibringung dieser Meiner Gottes- und Lebenslehre betrifft, da sage Ich euch noch ganz eigens hinzu: Seid äußerlich mit allen alles, was sie sind, um sie euch alle zutraulich zu machen und zu gewinnen für Mein Reich! Seid mit den Juden Juden, mit den Heiden Heiden, lachet mit den Lachenden, und weinet mit den Weinenden, seid schwach und voll Geduld mit den Schwachen, und zeiget es dem Starken, daß auch ihr stark seid, auf daß ihn das Bewußtsein seiner Stärke nicht aufblähe und hochmütig mache! Nun, das wird dir, Mein lieber Freund, ja etwa doch genügen, um zu wissen, was Gottes allerhöchste Weisheit, als auch die Schöpferin eurer reinen Vernunft, von euch haben will!
GEJ|5|139|7|0|Glaube du Mir, Meine Weisheit ist nie irgend wider eines Menschen ganz gesunde, nüchterne und vorurteilsfreie Vernunft! Denn diese muß es ja beurteilen, was da irgend vollkommen Rechtens ist!
GEJ|5|139|8|0|Eine Wahrheit, wenn auch noch so verhüllt, ist und bleibt für sich dennoch ewig Wahrheit und wird dereinst als solche offenbar werden. Freund, eine Wahrheit, so es irgend die Notwendigkeit erheischt, kannst du verhüllen und ummänteln, wie du nur immer magst und kannst; das hängt alles von der Fassungskraft desjenigen ab, dem die Wahrheit gepredigt wird. Kinder werden mit Milch und Honig und gar weichem Brote gesättigt, während man dem Manne schon eine festere Manneskost reichen kann. Das ist dann ja schon alles in der besten Ordnung, wenn nur das Innere Wahrheit ist; auf die nötige Hülle wird da wenig oder auch gar nicht geschaut noch geachtet. Das wäre auch wahrlich höchst unweise und aller bessern Vernunft zuwider, so irgendein Mensch Meiner Hilfe bedürfte und Ich wohl wüßte, daß er ehrlich ist, ihn aber darum nicht ansehen würde, weil er einen persischen Rock anhat! Eine Wahrheit nötigenfalls verhüllen ist keine Sünde; aber eine offenbare Lüge und einen offenbarsten Betrug in das Kleid der Wahrheit stecken, das ist Sünde und ist von Mir für ewig verpönt!
GEJ|5|139|9|0|Wenn du nun deine früheren Totenerweckungen betrachtest, so waren sie denn trotz deines guten Willens eine große, aber sehr wohlverhüllte Lüge, da dabei von einer wahren Totenerweckung keine Spur war, und so noch eine Menge, was ihr in eurem Institute alles betrieben habt. Ihr habt es von den Ägyptern und Arabern gelernt, zu berechnen, wann da eine Sonnen- und da eine Mondfinsternis eintreten kann; allein das blieb dem Volke ein Geheimnis. Ihr aber sagtet dann zum Volke: ,Weil du, Volk, unsere Stimme nicht hören willst, so wird der Oberste – der nun du bist! – den Göttern auftragen, an dem und dem Tage die Sonne oder den Mond zu verfinstern!‘ Das Volk versank darauf gleich in eine große Angst, bat und opferte unsinnig, und ihr gabet ihm am Ende nur den Trost, daß die Drohung zwar in jedem Falle vor sich gehen werde, doch werde man sie so unschädlich als möglich zu machen versuchen. – Siehst du, das war denn etwa doch eine allerbarste Lüge, verhüllt in ein ehrwürdiges Kleid der vollen Wahrheit!“
GEJ|5|140|1|1|140. — Verhüllte Wahrheiten und verhüllte Lügen. Falsche Propheten und ihre Wunder
GEJ|5|140|1|0|(Der Herr:) „Stelle du dir aber nun eine plötzliche Enthüllung vor! Was würde zum Beispiel das Volk mit euch gemacht haben, so Ich Selbst etwa plötzlich demselben dahin ein Lichtlein gegeben hätte und es darauf den wahren Grund einer Sonnen- oder Mondfinsternis ebenso klar wie ihr eingesehen hätte? Die Wirkung davon kannst du dir leicht selbst denken.
GEJ|5|140|2|0|Hast du aber jemanden mit einer noch so verhüllten Wahrheit auf den rechten Weg gebracht, und er bekommt dann auch ein Licht und sieht nun, daß nur die vollste Wahrheit, wenn auch noch so verhüllt, ihn auf die Linie des wahren Lebens gestellt hat, – was wohl wird dann so ein Mensch dir für alles Gute tun? Ich meine, daß du als ein Mensch voll hellen Verstandes nun den Unterschied wohl einsehen wirst, der da besteht zwischen einer verhüllten Wahrheit und einer verhüllten Lüge.
GEJ|5|140|3|0|Was Ich dir als eine in eurem Institute nie statthaben sollende Handlung oder Rede bezeichnete, ist eine verhüllte Lüge, aber niemals irgendeine aus wohlweisen Gründen verhüllte Wahrheit.
GEJ|5|140|4|0|Wenn der Lüge auch eine noch gute Folge zuteil wird und der Wahrheit eine wenigstens scheinbar üble, das heißt, was die Menschen mit ihrem Weltverstande übel nennen, so ist die Wahrheit der Lüge dennoch vorzuziehen; denn die Endwirkung der Lüge wird stets für bleibend eine schlechte und die Endwirkung der Wahrheit eine gute werden.
GEJ|5|140|5|0|Es sind dem Außenscheine nach die Unterschiede von einer verhüllten Lüge und von einer verhüllten Wahrheit freilich nicht leicht merkbar, gleichwie da auch ein echtes Wunderwerk von einem falschen für den puren, wenig erfahrenen Weltverstand schwer oder auch gar nicht zu unterscheiden ist, weil ein echtes Wunder für den Weltverstand gar nicht zu prüfen ist und die Magier und die falschen Propheten ihre Wunder vom Volke ebensowenig prüfen lassen, als ihr die eurigen habt prüfen lassen. Aber eben darum soll bei euch nimmer irgendeiner noch so geringen Lüge oder irgendeinem noch so kleinen Betruge Raum gelassen werden, auf daß es auf der Erde doch für bleibend ein Institut gebe, in dem allein nur die Wahrheit herrschete und darin ein bleibender Probierstein der Welt gegeben wäre, um am selben das echte Gold aller Wahrheit vom falschen Golde wohl und leicht zu erkennen!
GEJ|5|140|6|0|Wird das nicht gehandhabt, so wird es in wenigen Jahren nach Mir schon eine ganz erstaunliche Menge von allerlei falschen Propheten und Wundertätern geben, die diese Meine Lehre gänzlich verunstalten werden. Sie, die Falschen, werden sich zwar auch Meines Namens bedienen; aber ihre Lehre wird der Meinen nicht im geringsten gleichen, und ihre Wunderwerke werden von der dir bekannten betrügerischen Art sein und gar viele zu festen Anhängern der falschen Propheten machen.
GEJ|5|140|7|0|Darum warne Ich euch frühzeitig davor! Horchet darum nicht auf jene, die umherziehend rufen werden: ,Sieh, hier oder da ist der Gesalbte Gottes, – das ist die Wahrheit!‘ Wahrlich sage Ich es euch allen: Die da also reden und schreien und sogar Zeichen tun werden in Meinem Namen, sind nichts denn pur falsche Propheten! Diese höret nicht und kehret ihnen den Rücken! Und kommen sie zu euch, so bedrohet sie, und wollen sie nicht weichen, so bedrohet sie in Meinem Namen, und wirket vor ihren Augen ein wahres Zeichen; sonst aber enthaltet euch soviel als möglich der Wunderwirkerei, die wohl das Auge und das Ohr des dummen Menschen besticht und gefangennimmt, sein Herz aber auf Kosten des Wunders zumeist zu einem fühllosen Steine verhärtet! Die Wahrheit muß für sich zeugen und sprechen und bedarf keines weiteren Zeichens mehr.
GEJ|5|140|8|0|Das einzig wahre Wunderzeichen aber bestehe in der Selbsterfahrung, die ein jeder machen wird dadurch und darin, daß ihn eben die Wahrheit wahrhaft frei in allem seinem Denken, Wollen und Handeln gemacht hat und geöffnet seine innere Sehe, zu schauen alle Dinge und Verhältnisse, wie sie in der Wahrheit sind, und nicht, wie sie im zerrütteten Gehirn irgendeines angesehen sein wollenden Weltweisen nach Belieben zusammengestellt worden sind. Und nun sage du Mir, Mein Roklus, ob dir die Sache nun klarer ist denn früher!“
GEJ|5|140|9|0|Sagt Roklus: „Ja, Herr und Meister, jetzt ist mir alles so völlig klar und einleuchtend helle, daß mir in meinem ganzen Leben noch nie etwas klarer war! Ich habe es mir ja immer gedacht und sogar lebendig gefühlt, daß ein Gott der reinen Menschenvernunft gegenüber nichts aufstellen kann, das ihr ein offenbarer und handgreiflicher Widerspruch sein müßte. Nun aber ist ein jedes dieser Deiner Worte der Vernunft so ganz vollkommen gemäß wie das Licht der Sonne zur Erzeugung des Tages auf der Erde. Ich bin nun ganz im klaren, und unser Institut soll es auch also verbleiben bis ans Ende aller Zeiten!“
GEJ|5|140|10|0|Sage Ich: „Nun wohl denn, und so gehe nun hin und sage das auch deinen Gefährten! – Nun wird noch etwas geschehen, dann das Morgenmahl und dann Meine Abreise von hier auf eine Zeit!“
GEJ|5|141|1|1|141. — Demut und Bruderliebe. Roklus und seine Gefährten in Verlegenheit
GEJ|5|141|1|0|Roklus machte nun eine sehr tiefe Verbeugung und eilte zu seinen Gefährten, die sich unterdessen über allerlei wichtige Hauseinrichtungen ihres Institutes besprochen hatten, die aber genau den Sinn hatten, welchen Ich dem Roklus in Meinen Belehrungen zu seiner Lebensrichtschnur gab.
GEJ|5|141|2|0|Roklus verwunderte sich auch nicht wenig, als er von seinen Gefährten alles dasselbe vernahm, was er ihnen als etwas ganz Neues und höchst Allerwichtigstes mitteilen wollte – und das aufs von Mir vernommene Geheiß, um dadurch zu zeigen, wie Ich als der Herr ihn zur Verwaltung des so höchst wichtigen Amtes mit ganz besonderen Aufträgen betraut habe. Er wollte als der Chef des Institutes seinen Untergebenen nun denn doch so ein bißchen zeigen, daß er darüber mit Mir Selbst gar sehr vieles und Außerordentliches abgemacht habe und er ihnen das nun alles mitteilen wolle.
GEJ|5|141|3|0|Aber die Gefährten sagten: „Diese Mühe kannst du dir schon füglichermaßen ersparen; denn wir sind von allem unterrichtet und haben eigentlich noch mehr denn du, trotzdem du mit dem Herrn Selbst verhandelt hast! Da sieh her! Sieh, eine tüchtige Anzahl von Blättern, alle voll angeschrieben! Darin kannst du alles getreu wiederfinden, was der Herr zu dir geredet hat. Du aber machst, wie es uns vorkommt, eben nicht das wohlgefälligste Gesicht darüber; was hast du denn?“
GEJ|5|141|4|0|Sagt Roklus: „Ah, ich habe dagegen oder darüber – gar nichts; aber wenn mich der Herr Selbst dazu gewisserart auffordert, mit euch das zu besprechen und abzumachen, was Er mir anvertrauet hat wegen der gänzlichen Restituierung des gesamten Institutes, und ihr nun aber schon zum voraus in allem beinahe besser unterrichtet seid denn ich, so muß ich denn nun ja doch so ein bißchen nachdenken, was der liebe Herr durch diese kleine und freilich sehr unschädliche Fopperei bei mir hat erzwecken wollen!“
GEJ|5|141|5|0|Sagt Raphael, der unter den Gefährten sich herumtummelte: „Freund, das werde ich dir gleich erklären; wolle mich nur ganz kurz anhören! Siehe, das sind zwar deine allernächsten Staatsbeamten in, sage, deinem Institute! Der Herr Selbst konnte der vollsten Wahrheit gemäß dir keinen andern Titel geben als den, welchen du vom Staate aus hast und auch haben kannst, da dir deine großen Geldmittel dazu das Recht einräumen müssen. Der Herr aber will, daß alle Menschen sich als Brüder umarmen sollen und nur Ihn allein als den wahrsten Herrn und Meister anerkennen.
GEJ|5|141|6|0|Dieweil du aber nun schon einmal ein Herr deines Institutes bist, so war es auch ganz in der Ordnung, daß der Herr Selbst dir die Weisung gab, was du künftighin tun und welche Einrichtungen du treffen sollst. Aber ebenso in der Ordnung war es, daß der Herr durch mich deine Gefährten in allem dem gleichzeitig unterweisen ließ, erstens, um dir die unnötige Mühe des Unterrichts zu ersparen, und zweitens, um das gewisse prophetische Hochgefühl, das gar leicht zu einem Hochmütlein werden könnte, in dir zu dämpfen, und drittens, um dir die anbefohlene Besprechung mit diesen deinen Gefährten so leicht und wirksam als nur immer möglich zu machen.
GEJ|5|141|7|0|Denn der Herr hat damit, daß Er zu dir sagte: ,So gehe hin und sage das auch deinen Gefährten!‘, an dich ja nicht eine Art Aufforderung gemacht, daß sie von dir erst erlernen sollen, was du vom Herrn alles gehört und erlernt hast, sondern, daß du ihnen nur zu sagen hast, daß du selbst das richtig erlernt und vollkommen begriffen hast, was da in der Folge in dem Institute für Veränderungen vorzunehmen sein sollen. Da kommt von dem ja doch wohl nichts vor, daß du, als nun etwa allein in die Sache eingeweiht, die Gefährten erst unterweisen sollst!? Und du brauchst darum ja durchaus keine bedächtige Miene zu machen, so du selbst den Auftrag des Herrn ganz krumm aufgefaßt hast! – Verstehst du mich wohl nun, oder stößt dir etwa noch irgendeine Bedenklichkeit auf?“
GEJ|5|141|8|0|Sagt Roklus: „Ja, jetzt bin ich auch da schon wieder ganz in der Ordnung und denke nun über diesen Punkt schon gar nicht mehr nach; aber ganz etwas anderes beschäftigt nun mein Gemüt! Alles werden wir leicht in eine ganz gute Ordnung bringen, – nur mit der Abstellung des Volksglaubens an das, daß wir die Sonnen- und Mondfinsternisse in unserer Gewalt haben, wird es uns ein wenig schwer werden! Denn diese werden immer erscheinen, und wir werden nicht mehr sagen können und dürfen zu jemandem: ,Siehe, dieweil du und dein Volk nicht tun und glauben wolltet strenge und genauest, was wir dir geboten haben, so werden die Götter in der und der Zeit den Mond oder die Sonne verfinstern!‘ Wie werden wir uns aus dieser Verlegenheit helfen? Alles andere ist gut, – nur da finde ich keinen rechten Ausweg! Was meint denn ihr in dieser alleinigen Hinsicht, und was du, mein Freund Raphael?“
GEJ|5|141|9|0|Sagt Raphael: „Beratet nur ihr zuerst untereinander; mein Rat wird dann noch immer, so etwa bei euch alle Stricke reißen sollten, zur rechten Zeit eintreffen!“
GEJ|5|141|10|0|Sagt einer der Gefährten: „Ja, das ist ein ganz kitzliger Punkt! Da werden wir mit dem Volke eben nicht zum besten auskommen! Das Volk ist nun schon seit einer ziemlichen Reihe von Jahren daran gewöhnt, und so da die Vornehmen nach einer gesehenen Finsternis des Mondes oder gar der Sonne zu uns kommen und uns sicher ganz ernst um den Grund fragen werden, warum wir die Verfinsterung von den Göttern begehrt und warum wir ihnen solches nicht angezeigt hätten, – was werden wir dann auf solche Fragen auf dem Grunde der Wahrheit für Antwort geben, auf daß wir nicht gar zu gewaltig zuschanden werden vor dem Angesichte der Fragenden?“
GEJ|5|141|11|0|Sagt ein dritter: „Mit einer so ganz kleinen Hauslüge könnte man sich da schon aus der Pfütze machen; ohne die sehe ich trotz alles Denkens keinen ehrsamen Ausweg. Aber es wird uns nicht allein da, sondern noch an gar manchen anderen Punkten auch haben, und nicht minder als eben bei den Finsternissen! Wir sitzen nun schon ganz ordentlich in der Wäsche! Wir werden an die Schwierigkeiten erst stoßen, so wir an dem alten Gebäude werden zu rütteln und zu bessern anfangen! Wie ein Heuschreckenheer aus Arabien werden uns die unüberwindbaren, zahllos vielen Hindernisse den Weg verrammen von allen Seiten, und wir werden dann nimmer wissen, wo aus, wo ein! Diese Stätte verlassen und sehr weit von hier uns irgendwo niederlassen, das dürfte noch am allergeratensten sein!“
GEJ|5|141|12|0|Sagt Roklus: „Ja, ja, wäre schon alles recht; aber was mit diesen unseren Besitzungen und Einrichtungen machen, die man doch auch nicht so ganz leichten Sinnes unseren Widersachern zur freien Einsichtnahme überlassen kann?! Wahrlich, euer Rat würde besonders mir sehr teuer zu stehen kommen! Wir haben Gott den Herrn nun für uns, der ganz allein uns am sichersten aus aller weiters völlig unnötigen Verlegenheit erlösen wird, – dessen ich ganz vollkommen sicher bin! Wohl werden wir noch so manches zu bestehen haben; aber – wie es mir nun so vorkommt – wir werden dadurch sicher eine gar gewichtige Schule durchmachen, aus der wir erst die praktische Einsicht schöpfen werden, was man aus seinem Erdenleben alles hinwegräumen muß und wie, um zum wahren, innersten Leben aus Gott in uns zu gelangen.
GEJ|5|141|13|0|Darum werden wir dennoch hier bleiben! Wegen all der andern Dinge aber habe ich durchaus keine Furcht; denn da sage ich selbst zu jedermann: Von nun an bleiben die Erweckungen ein für alle Male weg! Warum? Antwort: Gott will es nicht mehr, weil die Menschen nicht danach leben, solch einer besondern Gnade wert zu sein!
GEJ|5|141|14|0|Die aber nach dem Willen Gottes leben, die werden auch die Einsicht haben, warum ihnen Gott ein oder das andere Kind hat sterben lassen, und werden sich von Seinem Geiste fürder selbst können unterweisen lassen. Dagegen wird niemand etwas einwenden können!“
GEJ|5|142|1|1|142. — Des Roklus Reformvorschläge für das Essäerinstitut
GEJ|5|142|1|0|(Roklus:) „Was die andern wissenschaftlichen Spielereien betrifft, so können sie ja bleiben; denn davon haben wir ja ohnehin nie einen andern Gebrauch gemacht, als dann und wann den Gästen eine ganz unschuldige Unterhaltung zu verschaffen. Wir können sie aber auch zerstören, so wird niemand etwas dagegen haben können. Vor allem aber muß der künstliche Vollmond weg; denn der ist fürs erste zu plump und taugt nicht einmal mehr zum optischen Betruge für die dümmsten Leute. Die redenden Bäume, Gesträuche, Statuen, Säulen, Quellen und Brunnen werden ausgerottet und an ihre Stelle etwas Besseres gesetzt. Die elektrischen Sachen aber können bleiben, sowie die verschiedenen Brennspiegel; denn diese Dinge gehören in das Fach der Wissenschaft, und man kann mit ihrer Hilfe verschiedene Krankheiten heilen. Dahin gehören auch unsere apothekerischen Künste und die Kunst, Glas zu machen, es zu schleifen und zu glätten.
GEJ|5|142|2|0|Kurz, was bei uns als irgendeine rein wissenschaftliche Sache der Wahrheit nach besteht, das bleibe, und alles andere hört auf! Und so es aufhört, sind wir darum doch sicher niemandem irgendeine Rechenschaft schuldig; denn das Institut ist unser Eigentum, womit wir nach unserem Belieben zu walten und zu schalten das unbestreitbare Recht durch die Gesetze Roms haben. Wollen wir dem Volke etwas tun, so tun wir es, weil wir es selbst tun wollen, da wir in niemandes Solde oder Dienste stehen. Wir sind Menschen und Herren für uns und haben als selbst Römer und Untertanen den gesetzlichen Schutz so gut wie jeder Römer für uns; dazu besitzen wir noch so viel Schätze und Vermögen, daß wir selbst bei einer krösusartigen Lebensweise unsere Schätze in tausend Jahren nicht aufzehren könnten. Da sehe ich denn sogar in rein weltlicher Hinsicht nicht ein, vor wem wir da schamrot werden sollten! Vor dem Herrn haben wir nun keine weiteren Geheimnisse. Der aber wäre eigentlich der einzige, vor dem wir uns zu schämen hätten; mit Dem aber haben wir die Sache ausgeglichen. Ist Er uns aber nun gut, da Er es sicher zum voraus weiß, daß wir Seinen Willen bis ans Ende der Zeiten so rein, wie wir ihn bis jetzt erhalten haben, in die Erfüllung setzen werden, so wird Er uns auch gut bleiben nicht nur bis ans Ende aller Zeiten, sondern auch ewig jenseits.
GEJ|5|142|3|0|Sehet und denket es euch, wie höchst töricht es für jeden von uns wäre, so wir etwa darum mit einem Blinden rechten wollten, so er auf einem ihm unbekannten Wege über einen Stein stolperte und also zur Erde fiele und sich beschädigte. Ah, wäre er sehend, da könnte man freilich sagen: ,Freund, wozu hast denn du zwei Augen im Kopfe?‘ Aber dem Blinden kann man nicht solch einen Vorwurf machen; denn er hat die Leuchte des Lebens nicht, und für ihn gehet keine Sonne auf noch unter. Also waren ja auch wir geistig blind, und es konnte uns auch niemand unter die Arme greifen und führen einen rechten Weg! Sind wir aber auf dem Wege, den wir nicht sahen, auch oftmals gefallen, wer kann uns da zu einer uns beschämenden Rechenschaft ziehen?! Wußten wir denn, was wir nun wissen? Von wem hätten wir das wohl erfahren sollen? Nun wir aber wissen, werden wir auch danach handeln, so wie wir bis jetzt nach dem gehandelt haben, was wir wußten.
GEJ|5|142|4|0|Es handelt sich nun auch gar nicht darum, ob wir nun unsertwegen bei der neuen Umgestaltung des Institutes mit Ehren davonkommen oder nicht, sondern es handelt sich nur darum, daß wir nicht als betrugsverdächtig vor den Augen der Welt erscheinen, weil wir für die Zukunft zum Wohle der Menschen auf dem Felde der Wahrheit arbeiten wollen und werden, und dazu gehört ein gutes Vertrauen und eine gewisse gute Ehre von seiten der von uns zu belehrenden und zu führenden Menschen, was wir um keinen Preis vergeben dürfen, wenn unsere Mühe gute Früchte tragen soll.
GEJ|5|142|5|0|Es ist demnach schon alles in der ganz guten Ordnung, und wir können alles abschaffen, so wird das eben nichts Auffallendes sein. Nur einzig die Mond- und Sonnenverfinsterungen werden uns, wenigstens im Anfange, ein wenig haben, weil diese sicher fortbestehen werden! Dann wird bald eine Menge von allerlei Menschen kommen, und sie werden sagen: ,Warum lasset ihr denn solche Schrecknisse über uns kommen?! Sind wir Sünder vor euch und den Göttern, warum ermahnet ihr uns denn nicht, auf daß wir Buße wirketen und Opfer brächten euch und den Göttern?!‘ Was werden wir ihnen dann für eine Antwort geben?
GEJ|5|142|6|0|Seht, da steckt der eigentliche Haken und Spieß! Nun, da ohne eine Notlüge sich mit der reinsten, göttlichen Wahrheit aus der Schlinge zu ziehen, das wird sich sehr schwer machen! Eine Notlüge aber soll nach dem Willen des Herrn wohl nimmer über unsere Lippen kommen! Was ist dann zu machen?! O du ganz verzweifelte Geschichte! Wie gesagt, da stehen einmal meine Ochsen fest am Berge an und mögen das Fuhrwerk nicht weiter hinaufziehen über die steilen Felswände!“
GEJ|5|142|7|0|Sagt einer aus der Gesellschaft: „Nun, so frage nun noch den Herrn und Meister über alle Dinge! Der wird dir wohl auch in dieser Hinsicht einen rechten Bescheid geben! Wir können uns darüber schon gleich jahrelang im Kopfe herumtreiben und werden aus ihm dennoch nie etwas Weises herausbringen! Nun aber sind wir noch an der Quelle und können uns da des besten Rates erholen. Wären wir nicht Narren, so wir in solch einer wichtigen Angelegenheit nicht beim allerhöchstweisesten Urheber aller Dinge uns erkundigen möchten, was da zu tun sei, damit wir zum Besten des Reiches Gottes auf Erden vor der blinden Weltmenschheit nicht zuschanden werden?!“
GEJ|5|142|8|0|Sagt Roklus: „Du hast wohl allerdings recht, und ich kann das natürlich zum Besten der Ausbreitung Seiner göttlichen Lehre auf jeden Fall tun; aber nur müssen wir denn zuvor ganz ehrbarermaßen wohl auch das bedenken, daß unser eben hierin gestelltes Ansuchen an Seine göttliche Liebe und Weisheit nicht etwa eine an sich selbst schon zu große Torheit ist, mit der wir Ihm füglichermaßen denn etwa doch nicht kommen sollten, indem wir dadurch entweder unsere noch zu große Torheit oder eine viel zu geringe Achtung vor Seiner unbestreitbarsten Göttlichkeit an den Tag legeten!“
GEJ|5|142|9|0|Sagt wieder ein anderer aus der Gesellschaft: „Ja, ja, du denkst da ganz recht und billig; aber weißt du, uns allen nützt das nichts! Wenn einer einmal im Wasser um Hilfe ruft, so wird sich da wenig darauf sehen und achten lassen, ob er durch einen unglücklichen Zufall oder aus eigener, selbstwilliger Dummheit hineingefallen ist, – sondern der, dem das Wasser einmal in den Mund zu rinnen anfängt, denkt wahrlich nicht mehr daran, was ihn eigentlich ins Wasser gebracht hat, sondern ,Hilfe! Hilfe!‘ ist sein Angstruf. Ob ihm geholfen werden kann oder nicht, das ist nun denn freilich wohl eine andere Sache und hängt lediglich von der Klugheit derer ab, die der Unglückliche um Hilfe angerufen hat. Das ist so meine Ansicht!“
GEJ|5|142|10|0|Sagt Roklus: „Ganz den Nagel auf den Kopf getroffen! Darum werde von mir nun denn auch der Meister aller Meister gefragt! Ich eile zu Ihm hin und werde Ihm unsere Not vorlegen!“
GEJ|5|143|1|1|143. — Des Herrn Rat an Roklus
GEJ|5|143|1|0|Mit dem begibt sich nun Roklus noch einmal eiligst zu Mir hin und bringt sein bekanntlich etwas mißliches Anliegen bei Mir ganz offen an.
GEJ|5|143|2|0|Und Ich sage zu ihm: „Nun, nun, wie Ich sehe, so fängst du schon so ein wenig an einzusehen, wie was immer für ein Betrug früher oder später einem Menschen auf jeden Fall gewisse Verlegenheiten bereiten muß! Darum sage Ich euch: Nur die vollste Wahrheit um jeden Preis; denn diese währt am längsten und bereitet niemandem je irgendeine besondere Verlegenheit!
GEJ|5|143|3|0|Es kann schon sein und ist es auch, daß von solchen Menschen, die nur vom Betruge ihr Leben und Ansehen fristen, die Wahrheit sehr gehaßt und gefürchtet und darum auch verfolgt wird mit Feuer und Schwert! Aber was nützt den Verfolgern aller solcher Wahrheit ihr böser Eifer?! Nur zu bald bricht sich die Wahrheit Bahn, und ihre Feinde liegen beschämt und von jedermann verachtet und gemieden im Pfuhle, aus dem es schwerlich eine Auferstehung zu gewärtigen geben wird! Nun, deine Sache ist ein wenig dumm und läßt sich so leicht nicht also beilegen, daß dir dabei ein Weltexamen ganz erspart werden könnte! Aber es gibt schon dennoch ein Mittel, dieses mit den notwendigen Ehren zu bestehen.
GEJ|5|143|4|0|Ihr habt dem Volke weisgemacht, daß euch die Götter die Gewalt gegeben haben, die Sonnen- und Mondfinsternisse zu beherrschen. Nun aber saget dem Volke, daß die Götter aufgehört haben zu sein und zu regieren, und daß der eine, wahre, große Gott, dem alle Heiden unter dem Namen ,Dem unbekannten großen Gott‘ auch einen Tempel erbaut haben, nun Selbst in diese Welt, sogar körperlich, gekommen ist und euch solch eine Macht genommen habe und werde fürderhin alles Selbst beherrschen und lenken und niemandem mehr die Leitung der Welt- und Himmelskörper anvertrauen!
GEJ|5|143|5|0|Auf das werden die Menschen freilich große Augen machen, und es werden welche meinen, daß ihr so ein Amt schlecht gepflegt und euch versündiget habt. Wieder andere werden meinen, zu wenig geopfert zu haben. Noch andere, ein wenig heller Denkende, werden sagen: ,Die geben ganz leicht ein Amt dem großen, unbekannten Gott zurück; denn sie haben sich dasselbe nur eigenmächtig angemaßt, um dadurch desto leichter das blinde Volk im Zaume zu halten, – und die Götter, die ihnen solche Macht eingeräumt haben sollen, waren die Machthaber Roms! Nun ist aber sicher ein Wahrhaftiger irgend heimlich aufgetreten, der sie bedrohet hat, und so legen sie nun leicht ein Götteramt in den Schoß des großen, allein wahren Gottes zurück, das sie als von Gott ihnen anvertraut der Wahrheit nach nie besessen haben. Da sie nun aber schon so ehrlich sind und solches offen bekennen, so ist zu erwarten, daß sie noch mehreres offen bekennen werden, was sehr gut sein wird, da wir dadurch hinter manche Wahrheit gelangen werden. Der Wind, der sie dazu getrieben hat, muß offenbar ein guter Wind sein!‘ Also werden die Helleren denken und sich dabei heimlich in die Faust lachen.
GEJ|5|143|6|0|Die Pharisäer werden auch ganz geheim jubeln und dem Volke sagen: ,Sehet, das muß Jehova Selbst diesen ärgerlichsten Heiden durch einen mächtigen Propheten angetan haben; der hat sie genötigt, an sich selbst den Völkern gegenüber Verräter zu werden!‘
GEJ|5|143|7|0|Aber dann saget ihr: ,Da haben die Pharisäer auch einmal die Wahrheit gesprochen! Dieser mächtige Prophet aber ist kein anderer als der ihnen schon recht wohl bekannte Prophet aus Nazareth! Jesus ist Sein Name, und Er ist irdischermaßen ein Sohn des vielbekannten Zimmermanns Joseph – der aber nur sein Nährvater war –, geboren aus der Maria, der ebenfalls weit und breit bekannten Jungfrau aus dem Hause Joachim und Anna in Jerusalem!‘ Und es sei dies Derselbe, der zu Ostern dieses Jahres alle die schnöden Wechsler und Verkäufer aus dem Tempel mit Stricken in der Hand getrieben habe. Dieser Prophet sei aber offenbar mehr als ein Prophet! Johannes, der ihnen allen bekannte Täufer in der Wüste, habe von Ihm ein rechtes Zeugnis abgelegt, das ihnen auch sehr bekannt sein werde.
GEJ|5|143|8|0|Und dieser Gesandte Gottes habe euch zwar die euch selbst angemaßte Macht über Sonne, Mond und Sterne abgenommen, aber euch dafür mit einem viel wichtigeren und größeren Amte der Wahrheit nach betraut. Und dieses hohe Amt bestehe darin, daß ihr nun den Völkern allen Ernstes und aller Wahrheit nach verkünden sollet und sagen, daß nun das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist und daß alle, die an den Namen Jesus glauben werden, das wahre, ewige Leben haben sollen!
GEJ|5|143|9|0|Wenn ihr also reden werdet, dann werdet ihr den Pharisäern, die bis jetzt freilich eure größten Feinde waren, ganz gehörig den Mund stopfen, und sie werden es weislich vermeiden, über eure eingegangene Macht über die Sonnen- und Mondfinsternisse auch nur ein Wort mehr zu verlieren, und das um so mehr, da sie wohl wissen werden, daß ihr gleichfort unter dem Schutze Roms stehet!
GEJ|5|143|10|0|Nun habe Ich dir dies hoffentlich klar zur Genüge auseinandergesetzt, und du wirst es auch einsehen, daß du darauf nichts Weiteres mehr zu befürchten haben wirst! Da du aber nun den Rat und die Einsicht hast, so gehe nun hin und verkünde das auch deinen Freunden und Gefährten! – Oder hast du etwa noch etwas im Hintergrunde, das dich noch drückt?“
GEJ|5|143|11|0|Sagt Roklus: „Nein, Herr und Meister von Ewigkeit, nun drückt mich nichts mehr, und mein Herz ist voll Freudigkeit! Denn nun bin ich mit meinem Institute ganz geborgen, und die Schwarzröcke sollen sich freuen über das Wetter, das wir ihnen machen werden!“
GEJ|5|143|12|0|Sage Ich: „Ganz gut; aber gehe nun hin und verkünde das deinen Freunden und Brüdern, damit auch sie deiner Freude teilhaftig werden! Aber es wird euch allen dennoch viele Mühe und Arbeit kosten, dessen ihr vollauf versichert sein könnet. Aber wo es keinen Kampf gibt, da gibt es auch keinen Sieg, und wo keinen Sieg, da auch keine Siegesfreude, die alle Menschen als die höchste preisen! Darum vor allem Mut und Ausharrung, und der Sieg wird nicht unterm Wege steckenbleiben! Dafür stehe Ich als doch gewissest der glaubwürdigste Zeuge und der allersicherste Bürge! – Oder bedünket dir das nicht als genügend?“
GEJ|5|143|13|0|Sagt Roklus: „Wem, der Dich, o Herr, wie ich kennt, sollte das nicht genügen?! Ich sage Dir hier nichts als meinen allerinnigsten Dank und gehe nun sogleich zu meinen Gefährten und werde ihnen auch dieses wahrhaftigste Evangelium hinterbringen.“
GEJ|5|143|14|0|Mit dem verneigt er sich und eilt fröhlichst zu seinen Gefährten, die unterdessen die Neugierde über die gute oder schlimme Art des Bescheides schon sehr zu quälen angefangen hat.
GEJ|5|144|1|1|144. — Das zukünftige Verhältnis der Essäer zum Priestertum
GEJ|5|144|1|0|Als Roklus das von Mir Vernommene den Gefährten mitteilt, da sind diese darüber höchst erfreut, und der ehedem Redende sagt: „Siehst du, mein Freund, wie gut es war, daß ich dir diesen Einschlag gab, dir darüber beim Herrn Selbst, da Er noch hier ist, des Rates zu erholen! Nun wissen wir, woran wir sind, und was wir zu tun haben, und benötigen keiner Notlüge, – sondern wir treten mit der nacktesten Wahrheit auf und machen doch alle, die uns zur Rede stellen werden, mit wenigen Worten verstummen! Oh, das ist ein großer und heiliger Rat! Ja, ja, wem der Herr Hilft, dem ist wahrhaft geholfen, und es ist ihm somit auch für alle Zeiten wahrhaft geholfen!“
GEJ|5|144|2|0|Sagt der noch immer anwesende Raphael: „Ja, da hast du wohl ganz und völlig recht! Es ist euch sehr geholfen durch diesen Rat; aber dessenungeachtet wird es sich mit der Zeit an allerlei Anständen und Versuchungen nicht mangelhaft erweisen in eurem Institute, und ihr werdet zu allen Zeiten – merket euch dies recht wohl! – recht viele Freunde zählen, aber daneben auch stets tausendmal so viele Feinde, die euch zu allen Zeiten verfolgen werden zu einem Zeugnisse wider sie, und auch dafür, daß der Herr Selbst auf dieser Erde von den blindbösen Menschen in einem fort verfolgt worden ist.
GEJ|5|144|3|0|Denn Ihn hassen alle die Magier von Profession und alle die Priester, welcher Konfession sie auch nur immer angehören mögen, und am allermeisten aber die Templer zu Jerusalem. Da aber eben das Priesterwesen eine stets allerbequemste Lebenskaste der Menschen auf der Erde ausmachte und zu vorteilhaft gestellt war, so wird sich diese wohl nie ganz ausrotten lassen; und es wird gar nicht so lange hergehen, daß selbst Bruchstücke dieser nun neuesten Gotteslehre von allerlei Gaunern und Müßiggängern aufgegriffen werden, und es wird daraus ein Priestertum erwachsen, gegen das selbst das Tempeltum kaum ein leises Schattenspiel ist.
GEJ|5|144|4|0|Und diesem Priestertume gegenüber werdet ihr stets einen harten Stand haben. Es wird euch zwar nichts tun und nicht irgend etwas anhaben können; aber verfolgen wird es euch auf allen Wegen und Stegen, gleichwie nun die Pharisäer den Herrn verfolgen auf allen Wegen und Stegen. Allein, das wird euch ein rechtes Wahrzeichen sein, daß ihr vollkommen des Herrn seid und Sein Wort in der Schrift und in der Tat rein bewahret; und eben darum werdet ihr euch ob solch eines Zeugnisses auch allzeit hoch zu erfreuen haben.
GEJ|5|144|5|0|Ihr aber werdet eure Verfolger nicht und nie fürchten, weil ihr allzeit leben werdet unter dem sichtlichen Schutze des Herrn; aber eure Widersacher werden euch fürchten über die Maßen und werden euch darum auch verfolgen. Alle ihre Verfolgung aber wird ihnen so wenig nützen, als es den Templern nützt, daß sie nun den Herrn verfolgen nach allen ihren Kräften, wie ihr sogleich ein Pröbchen hier erleben werdet. Der Herr hat es dir, mein Roklus, schon zum voraus gemeldet, daß da nun noch etwas vor dem Morgenmahle geschehen werde! Was aber, – höre!
GEJ|5|144|6|0|Die Argen haben es durch einen argen Flüchtigen aus Cäsarea Philippi erfahren, daß der Prophet aus Nazareth Sich hier aufhalte und Sein ,Unwesen‘ treibe, und auch, daß der Oberstatthalter zu Seinen Gunsten sich hier aufhalte. Daher haben sie in aller Eile einen gar verschmitzten Plan entworfen, um dadurch den Herrn zu fangen, indem sie Ihn dem Cyrenius als einen Volksaufwiegler aus tatsächlichen Gründen anzeigen und verhaßt machen wollen. Der Plan ist ganz satanisch fein angelegt, so daß du dich darüber wundern wirst.
GEJ|5|144|7|0|Sie werden damit, namentlich beim Cyrenius, schlechte Geschäfte machen; aber es wird diese Erscheinung hier eine große Aufregung zustande bringen, abgesehen, daß solch ein Unternehmen hier gleich auf das allerweidlichste breitgeschlagen wird. Ihr werdet dabei selbst ein wenig ins Spiel kommen, aber nicht zum Nachteil, sondern nur zum Vorteil der guten Sache. Darum seid nur fein auf alles gefaßt; eine kleine Viertelstunde noch, und die Geschichte wird losgehen! Unterdessen aber wollen wir uns ganz ruhig verhalten; Cyrenius selbst hat noch keine Ahnung davon, weil es also des Herrn Wille ist! Aber die Geschichte wird eben darum um so auffallender werden. Darum Ruhe nun!“
GEJ|5|144|8|0|Es ward nun alles ohne einen Aufruf ruhig, wozu wohl auch der sehr nahe bevorstehende Aufgang der Sonne sehr vieles beitrug; aber hauptsächlich erwarteten da alle etwas Besonderes und horchten darum mit einer gewissen ängstlichen Gier, was da kommen werde.
GEJ|5|145|1|1|145. — Pharisäer klagen den Herrn als Staatsaufwiegler bei Cyrenius an
GEJ|5|145|1|0|Bald aber entdeckten die Söhne des Markus ein Schiff noch so hübsch auf der Höhe herumlavieren, als wüßte der Bootsherr nicht, ob er sich wohl an der rechten Stelle befände, was auch seinen ganz natürlichen Grund hatte, da sich am Ufer des Meeres von Galiläa seit dem gestrigen Tage sehr vieles ganz gewaltig verändert hatte. Der gewaltige Fels im Meere, als ein Hauptsignal, bestand nicht mehr; einen starken Fels und einen gar mächtigen Baum auf dem Schlangenvorberge hatten bekanntlich die Neger nahezu aus dem Dasein geschafft; dazu kam noch das prachtvolle Neuhaus, der Garten und der schöne Hafen mit den fünf neuen, beflaggten Schiffen, – und so kannte sich der Lotse, der das Schiff gen Cäsarea Philippi hätte lenken sollen, nicht aus, wo er sich so ganz eigentlich befand, und lavierte darum schon eine längere Zeit auf und ab und hin und her, um zur Einsicht zu gelangen, wo er wohl wäre.
GEJ|5|145|2|0|Es fing aber ein starker Ostwind zu wehen an und trieb das Schiff mit unwiderstehlicher Gewalt gerade unserem Ufer zu. In wenigen Augenblicken konnten die scharfsichtigen Söhne des alten Markus schon ganz gut ausnehmen, daß das Schiff Römer und ein paar Pharisäer an Bord trüge. Sie kamen auch gleich zum Cyrenius und gaben ihm solches bekannt. Als Cyrenius solches vernahm, kommandierte er sogleich den Julius, das nach und nach sich dem Ufer stets schneller nahende Schiff in die allerstrengste Sichtung zu nehmen. Als Julius solches vernahm, war er auf einen Pfiff nahezu pfeilschnell mit fünfzig Mann unter Waffen am Ufer und erwartete das Schiff, das auch gar nicht lange auf sich warten ließ.
GEJ|5|145|3|0|Als die im Schiffe der Römer ansichtig wurden, steckten sie gleich eine weiße Fahne aus zum Zeichen, daß sie keine Feinde seien, und daß man sie ganz unbeirrt ans Ufer steigen lassen könne. Julius aber, als er zwei ihm nicht unbekannte Erzpharisäer unter den Römern wahrnahm, sandte sogleich einen Boten an Mich und an den Cyrenius ab mit der Frage, was da mit den Angekommenen zu tun sei. Land oder Wasser? Die Menschen kämen ihm sehr verdächtig vor. Es scheine, als ob auch die Römer nur vermummte Pharisäer oder doch sicher Herodianer wären.
GEJ|5|145|4|0|Und des Cyrenius Antwort lautete ganz kurz: „Wer's auch sei! Land!“
GEJ|5|145|5|0|Auf dies Kommando wurden die Herangereisten ans Land gesetzt, und Julius erkundigte sich schnell nach den damals üblichen Reisezeichen, die ganz in der gesetzlichen Ordnung von Pilatus in Jerusalem gefertigt waren. Als dieser kurze Legitimationsakt vorüber war, fragte ein Römer den Julius, ob sich der hohe Oberstatthalter noch in dieser Gegend aufhalte. Ein donnerndes ,Ja!‘ war von seiten des schon ganz ergrimmten Julius auf die vorlaute Frage die ehrfurchterweckende Antwort.
GEJ|5|145|6|0|Hier trat ein Zenturio, der mit im Schiffe war, ganz ernst dem Julius entgegen und fragte ihn: „Was berechtigt dich, uns in solch einem Tone zu antworten?“
GEJ|5|145|7|0|Julius, noch ernster als früher: „Hätte ich nicht die gemessensten Gründe dafür, so würde ich dir wohl anderstönend geantwortet haben! Aber dein asiatisch blödes Gesicht sagt es mir, daß du kein Römer, sondern ganz etwas anderes bist! Daher kann dich meine Antwort bei dir selbst eben nicht zu sehr wundernehmen!“
GEJ|5|145|8|0|Sagt der Zenturio: „Was bin ich denn, so kein Römer?“
GEJ|5|145|9|0|Sagt Julius: „Davon werden wir schon noch nachher reden! Nun bist du einmal in meiner Gewalt und hast dich strengstens meiner Anordnung zu fügen! Mein Name ist Julius, der gestrengste Kommandant Roms in dieser Gegend, und ich bin ein naher Verwandter des hohen Oberstatthalters Cyrenius! Das mußte ich dir ja sagen, dieweil du kein Römer bist; denn wärest du nur von weitem ein Römer, so hättest du mich auch schon von weitem erkannt!
GEJ|5|145|10|0|Siehst du, so pflegen wir Römer die schlauen Füchse zu fangen! Aber nun nur vorwärts, das Bessere wird schon noch nachkommen! Gelt, die Gegend, nun ein wenig kultiviert, ist euch etwas fremd vorgekommen, – sonst hättet ihr uns schon vor einer Stunde mit eurem unvermuteten Besuche beehrt? Macht aber nichts, ihr seid nun trotz der Fremdartigkeit dieser Gegend gerade auf dem rechten Flecke angekommen!
GEJ|5|145|11|0|Siehst du, wie ich schon zum voraus alles weiß! Ja, in das Gebiet des Julius kommt man nicht so leicht unangemeldet wie man glaubt! Es geniert euch das zwar ein wenig, daß mir euer ganzes Erscheinen schon verraten ist; aber es macht das ja für so schlaue Köpfe, wie ihr seid, vielleicht eben nicht gar zu besonders viel, was sich natürlich bald zeigen wird! Darum nun nur vorwärts, hin zum hohen Oberstatthalter!“
GEJ|5|145|12|0|Hier sagt der Zenturio, sichtbar sehr verlegen: „Was weißt du von uns?! Wer konnte dir etwas verraten haben, das nicht ist?“
GEJ|5|145|13|0|Sagt Julius: „Nun kein Wort weiter! Dort befindet sich der Hohe! Darum vorwärts mit euch falschen Römern, – dort das Weitere!“
GEJ|5|145|14|0|Der Zenturio, mit seinen etwa acht untergeordneten Kriegsknechten, und zwei ganz ordentliche, wohlgenährte und erzkernfeste Hauptpharisäer begaben sich darauf zu Cyrenius und übergaben ihm dort ein Schreiben, das von Herodes unterfertigt war. In diesem Schreiben stand weiter nichts, als daß in ganz Cölesyrien und einem großen Teile Galiläas und Samarias eine sehr umfangreiche Verschwörung gegen alle Römer entdeckt worden sei. An der Spitze derselben stehe als ein Hauptagitator der berüchtigte Prophet Jesus aus Nazareth, der im geheimen Bunde mit den immer höchst geheim tuenden Essäern zur Verblendung des Volkes allerlei für das gemeine Volk unbegreifliche Wunder wirke und sich dadurch eine Art göttlich-prophetischen Anstriches gebe und sogar die allerfluchwürdigste Dreistigkeit haben solle, sich dem Volke als ein wahrer Gottessohn zu offerieren.
GEJ|5|145|15|0|(Herodes:) ,Es ist ferner durch mehrere ganz gleichlautende Zeugen aus verschiedenen Gegenden treu und wahr ausgesagt worden, daß dieser heilloseste Volksaufwiegler sich sogar den allerhöchsten römischen Staatsdienern bis zur größten Freundlichkeit genähert habe, samt seiner schon etwa ganz tüchtigen Schar sogenannter Jünger. Aber die geheime Fama verkündet, daß der Ruchlose das bloß darum täte, um sie alle an einem bestimmten Tage gar jählings umzubringen, wonach er sich dann selbst zum Könige aller Juden erheben werde. Nachdem aber nun solches durch den Ratschluß der hohen Götter an mich Sachkundigen verraten wurde, so mache ich dich pflichtschuldigst darauf aufmerksam und hoffe, daß du das deinige zu verordnen und zu tun wissen wirst! – In tiefster Ergebenheit Herodes, Vierfürst – – – nun in Jerusalem.‘
GEJ|5|145|16|0|Es ist hier des Raumes wegen der ganze Brief mit seinen vielen Schmähungen nicht wiedergegeben, was auch wahrlich ganz unnötig ist; aber der Hauptsinn ist ganz dargestellt.
GEJ|5|146|1|1|146. — Die Entlarvung der falschen Ankläger
GEJ|5|146|1|0|Als Cyrenius diesen Brief ganz aufmerksam ernstesten Angesichtes durchgelesen hatte, wandte er sich mit mitleidig-freundlichem Blicke zu Mir und sagte: „Aber Herr, ist das auch noch möglich, Dich mir auf eine solch allerschändlichste Weise zu verdächtigen?! Was sagst Du dazu? Denn Du weißt es sicher, was darin enthalten ist!“
GEJ|5|146|2|0|Sage Ich: „Berufe den Raphael und den Roklus; denn es wäre nicht fein, daß Ich Mich bespräche mit diesen Sendlingen des Fürsten der Lüge!“
GEJ|5|146|3|0|Sogleich berief Cyrenius den Raphael und den Roklus, welch letzteren die Gesandten des Herodes nur zu gut zu kennen schienen; denn sie wandten schnell ihre Angesichter von ihm ab.
GEJ|5|146|4|0|Als Raphael zum Cyrenius kam, überreichte er ihm ebenfalls eine Rolle und sagte: „Da hast du das Duplikat des angeblich Herodischen Schreibens; lies es und erkenne daraus, daß ich und durch mich auch Roklus schon früher von dieser echt pharisäischen Schändlichkeit unterrichtet waren! Nach der Unterschrift des Herodes, die er aber nicht zu Gesichte bekam, so wie er auch von diesem schmählichsten Plane keine Silbe weiß, befindet sich noch eine ganz kurze Anmerkung, die dich über den ganzen Sachverhalt aufklären wird, und die du darum auch lesen mußt. Hast du aber alles gelesen, dann übergib es den Sendlingen und laß es auch sie lesen! Das Weitere wird sich dann schon von selbst machen.“
GEJ|5|146|5|0|Cyrenius nahm diese Rolle in die Hand und las sie schnell durch, auch die Anmerkung, über die er sich nicht genug wundern konnte, da sie gerade das enthielt, was er sich selbst sogleich gedacht hatte. Als er dieses alles gelesen hatte, gab er eben diese Rolle auch dem falschen Zenturio und sagte: „Nun lies auch du dieses vor deinen Gefährten!“
GEJ|5|146|6|0|Der Zenturio nahm mit einer sichtlichen Verlegenheit diese Raphaelsrolle und las sie mit einem stets länger werdenden Gesichte, und beim Durchlesen der Anmerkung überfiel ihn sogar ein förmliches Fieber, und alle die Sendlinge fingen an, ganz bedeutend die Farbe zu wechseln, was natürlich dem Scharfblicke des Cyrenius und aller Anwesenden nicht entging. Als der falsche Zenturio die Rolle ganz durchgelesen hatte – und zwar so laut, daß das Gelesene auch seine Gefährten vernehmen mochten –, gab er unter einer tiefen Verbeugung die Raphaelsrolle dem Cyrenius wieder zurück, sagte aber wohlweislich kein Wort dazu; denn er wie seine Gefährten waren durch diese Erscheinung zu enorm betroffen, und ihr Ochsenfuhrwerk stand diesmal knapp an einer Felswand, über die hinüber auch nicht ein allerschlechtester Fußsteig zu entdecken war.
GEJ|5|146|7|0|Nach einer kurzen Weile des totalsten Stillschweigens unterbrach Cyrenius dasselbe und fragte den Zenturio: „Also, Herodes rät mir, daß ich alles aufbieten soll, des gewissen Propheten habhaft zu werden, und daß ich ihm, wie auch seinen Jüngern, gleich so mir und dir nichts die Köpfe vom Rumpfe schlagen lassen soll?“
GEJ|5|146|8|0|Auf diese Frage erfolgte keine Antwort.
GEJ|5|146|9|0|Da ward Cyrenius erbittert und sagte: „Antwort! – oder ihr sollt mir diesen Frevel auf eine beispiellose Weise büßen! Von wem aus geht der Brief, wer hat ihn verfaßt, wer erfrechte sich, mich mit solch einer kolossalsten Lüge zu traktieren, und welch eine schändlichste Absicht lauert da im Hintergrunde?“
GEJ|5|146|10|0|Auf diese sehr energische Frage verloren beinahe alle die Sendlinge die Besinnung; denn sie wußten es, daß sie es mit dem unerbittlichsten römischen Oberstatthalter zu tun hatten. Alle fingen an, wie von einem panischen Schrecken ergriffen zu schlottern und zu fiebern, und von einer Antwort war keine Rede.
GEJ|5|146|11|0|Da sagte Julius: „Hoher Gebieter, wie wäre es denn, so wir diesen Sendlingen gleich den vom Gesetze bestimmten Lohn – für günstigen Verrat – auszahleten und sie dann nach Sidon ins feste Gewahrsam brächten bis zur Zeit, da die Revolution nach ihrem angezeigten Termine losgehen wird, an welchem Tage ihnen dann der ganze Verratslohn ausbezahlt wird, entweder am Kreuze oder auf dem Blocke? Diesen Römern sieht man's etwa doch schon auf eine ganze Stunde Weges nur zu klar an, daß sie nichts als ein Bündel der allerschlechtesten Pharisäer sind, die ums Geld zu allen Schändlichkeiten käuflich sind!“
GEJ|5|146|12|0|Sagt Cyrenius: „Du hast ganz recht; aber da wir hier nicht allein die Herren sind und hier noch jemand anders eine Bemerkung zu machen hat, so wollen wir das mit der möglichsten Ruhe abwarten!“
GEJ|5|147|1|1|147. — Die Verhandlung mit den Pharisäern
GEJ|5|147|1|0|Hier trat Roklus vor und sagte: „Hoher Gebieter, erlaube mir, daß auch ich diesen Unholden und Kobolden etwas ins Ohr raunen darf; denn in dem Briefe ist auch mein Institut sehr arg angegriffen, was ich als ein Vorsteher desselben unmöglich auf sich beruhen lassen kann! Ich muß sie fragen, wie und wann der von ihnen so berüchtigte und ruchloseste, böse Prophet aus Nazareth die Zauberkünste, mit denen er nun das Volk berücke und verführe, von uns erlernt hat! Bei Gott, wenn sie mir hier auf dieser Stelle diese kolossale Verunglimpfung nicht gutmachen, so vergreife ich mich an ihnen und drehe ihnen allen die Hälse ab, so wahr mir Gott der Herr sicher helfen wird!“
GEJ|5|147|2|0|Hier tritt einer der beiden Pharisäer vor und sagt: „Was können denn wir darum, so etwa die ganze Sache nur eine böswillige Erdichtung sein sollte?! Wir haben sie ja nicht geschrieben und noch weniger irgend verfaßt! Sehet diese an, die uns gesandt haben; wir, als pure Boten, sind ja etwa doch wohl niemandem eine Rede und Antwort schuldig! Wir erwarten bloß eine rechte Antwort, die wir denen zurückzubringen haben, die uns hierher gesandt haben. Das, glaube ich, sollte der langen Rede kurzer Sinn sein!“
GEJ|5|147|3|0|Sagt Roklus, durch Raphael animiert: „Gut; aber was hat denn dann zu geschehen, so wir's euch an den Fingern erweisen können, daß eben nur ihr die Verfasser eures schnöden Briefes seid, und daß ihr, so euch dies Werk gelänge, aus der großen Goldkasse des Tempels eine Vergütung von tausend Pfunden Goldes AD PERSONAM zu gewärtigen habt?“
GEJ|5|147|4|0|Sagt der Pharisäer, laut aufschreiend: „Wer kann uns einer solchen Schändlichkeit zeihen? Der Brief ist von Herodes unterfertigt!“
GEJ|5|147|5|0|Hier beruft Roklus den Zinka und sagt: „Wie kein zweiter in der Welt kennst du deines Gebieters Schrift. Sage, ist das sein Namenszug?“
GEJ|5|147|6|0|Zinka betrachtet den Brief und sagt: „Nicht von der allerweitesten Ferne! Denn Herodes kann eigentlich gar nicht schreiben, sondern zur Not nur griechisch lesen. Für die Unterfertigung seines Namens hat er eine Art Siegel, das er den Urkunden aufdrückt; somit muß diese Unterschrift falsch sein! Dafür meinen Eid bei allem, was ihr nur wollt!“
GEJ|5|147|7|0|Sagt darauf Roklus: „Nun, du weiser, gottesgelehrter und allerwahrhaftigster Pharisäer im Namen Mosis und Aarons, wie wird's dir denn nun zumute? Gelt, jetzt wäre es dir schon lieber, du säßest daheim bei einem fetten Mahle, als hier unter so glorreichen Auspizien (Vorzeichen)! Ja, ja, es ist schon nicht anders: Wenn der Mensch mit dem nicht zufrieden ist, was ihm Gott der Herr beschert hat, da muß er sich dann schon fügen in das Schicksal und seine Tücken!
GEJ|5|147|8|0|Ja, ja, der verruchte Prophet aus Nazareth will euch denn schon durchaus nicht gefallen, weil Er durch Seine heiligsten Wahrheitslehren euch einen starken Eintrag zu machen droht! Da steckt der Faun begraben! Aber es ist nun einmal also geworden und wird schon ewig nimmer anders werden, auch dann nicht, so es Ihm einmal wohlgefiele, um euch dadurch einen Gefallen zu erweisen, Sich von euch so ganz gemütlich töten zu lassen, wenigstens PRO FORMA, denn Er, als das Leben Selbst von Ewigkeit, kann unmöglich je getötet werden. – Ich habe nun geredet; jetzt ist die Reihe an dir! Was sagst du nun zu allem dem?“
GEJ|5|147|9|0|Der Pharisäer stand nun wie versteinert da, und niemand von den Sendlingen getraute sich mehr, auch nur eine Silbe zu reden.
GEJ|5|147|10|0|Nach einigen Augenblicken beschied Cyrenius, der dazu geheim einen Wink von Mir erhielt, die beiden Erzpharisäer allerschlauestermaßen zu sich und sagte zu ihnen: „Beruhiget euch nun! Der Sturm ist vorüber; stoßet euch nicht an unserem anfänglich stets gleichen römischen Ernst! Es kommt nun die zweite Besprechungsphase, in der ich von euch nicht Fiktionen mit falschen Unterschriften, sondern die reine, volle Wahrheit vernehmen will. Nur durch die Wahrheit könnet ihr aus meiner sonst unerbittlichen Gewalt befreit werden, – sonst ist Kerker, Kreuz und das Beil unfehlbar so gewiß euer Los, als wie gewiß ich Oberstatthalter von allen asiatischen Provinzen Roms bin.
GEJ|5|147|11|0|Redet ihr aber die Wahrheit, wie sie auch lauten mag, und welchen Sinnes sie auch sei, so möget ihr auf mein römisches vollstes Ehrenwort rechnen, daß ich euch ganz frei und unbeanstandet abziehen lasse. Wählet nun, was ihr wollet! Wollt ihr bei dieser Lüge beharren, so wisset ihr's nun aus meinem Munde, was euch unfehlbar erwartet; denn hier in Asien bin ich im Namen des Kaisers vollkommen unumschränkter Gebieter, und zweihundertsechzigtausend Krieger harren jede Stunde des Tages auf meine Befehle. So euch das früher etwa noch fremd war, da wisset ihr es nun, wie die Sachen stehen. Wer wird mich zur Verantwortung ziehen, so ich bloß aus Laune alle Juden durchs Schwert hinrichten ließe?! An Macht und Gewalt fehlt es mir nicht! – Wo kann sich in ganz Asien eine Verschwörung anzetteln, von der ich nicht binnen längstens acht bis vierzehn Tagen die vollste Kunde hätte?! Dann aber das schrecklichste ,Wehe!‘ den Aufständischen!
GEJ|5|147|12|0|Wäre nach euren Aussagen irgendeine noch so geringe Emeute (Meuterei) noch so geheim vorbereitet, so wüßte ich wahrlich darum, und meine vielen Büttel würden sogleich vollauf zu tun bekommen. Es ist demnach solche eure mir hier gemachte Denunziation ebenso wie die Unterschrift des Herodes, eine arge Lüge, durch die ihr mich, wenn ich ein Blinder wäre, zu einem ganz andern Zwecke benutzt haben würdet. Allein, daß das bei mir durchaus nicht angeht und nie angehen wird, davon habt ihr nun hoffentlich schon eine ganz gediegene Überzeugung. Darum heißt es nun: mit der Wahrheit heraus, auf daß ich allerklarst sehe, auf welchem Grunde und Boden ich mit euch stehe! Aber nur ganz wohl gemerkt: Seht, so rein, wie nun die Sonne über den Bergen jenseits des Meeres aufgeht, ebenso rein muß die Wahrheit dessen sein, was ihr mir nun sagen werdet, – so werde ich euch auch mein Wort halten! Redet nun!“
GEJ|5|147|13|0|Hier machten die beiden Pharisäer, sowie auch die falschen Römer, die auch zur Hälfte Pharisäer und zur Hälfte Herodianer waren, ganz entsetzlich verzweifelte Gesichter; denn nichts kommt einem Menschen verwünschter vor, als so er sich selbst anklagen und offen seine allerschnödest bösen Absichten bekennen muß. Und so war es nun auch mit diesen Pharisäern der Fall. Aber was wollten sie tun? Des Cyrenius Unerbittlichkeit, wie auch seine strengste Gerechtigkeit, war bekannt, und es ließ sich demnach hier offenbar nichts machen, als die volle Wahrheit zu beichten.
GEJ|5|148|1|1|148. — Das Geständnis des Pharisäers
GEJ|5|148|1|0|Demnach faßte der eine Pharisäer den Mut und fing an, also zu reden: „Allerhöchster und unerbittlich gestrengster Herr und Gebieter über alle Lande Asiens und Afrikas zum größten Teile! Da uns denn nun nichts anderes übrigbleibt, als die volle Wahrheit zu bekennen, so muß ich im Namen aller meiner Gefährten denn doch offen bekennen, daß der Brief eine pure Fiktion war, und daß wir den berüchtigten Propheten aus Nazareth des bloßen Brotneides wegen auf das entschiedenste als unsern größten Feind verfolgen. Denn er wirkt Zeichen, die alles bisher Dagewesene im allerhöchsten Grade übertreffen; dazu lehrt er schnurstracks wider den Tempel und seine Gesetze, die doch nicht von uns sind.
GEJ|5|148|2|0|Auf dem Berge Sinai empfing vor ungefähr tausend Jahren Moses Gesetze aus der feurigen Hand Gottes, und nachträglich noch eine Menge staatlicher Lebensverordnungen. Unter den Gesetzen ist Nummer eins ein allerwichtigstes, dahin lautend: ,Du sollst nur an Mich, deinen alleinigen und einigen wahren Gott, glauben und keine fremden Götter neben Mir anbeten und verehren; denn Ich allein bin dein Gott und dein Herr!‘ Der Prophet (aus Nazareth) aber gebe vor, daß er eben und niemand anders ein wahrer Sohn Gottes und gar ein Gott Selbst sei, und berufe sich dabei auf die Aussagen der Propheten, die er ganz willkürlich auf sich bezieht, und auf das Zeugnis seiner Taten.
GEJ|5|148|3|0|Wenn das so ganz ungestraft dahingehend gelassen wird, so ist es mit der als göttlich erweisbaren Anstalt zu Jerusalem in wenigen Jahren vollkommen am Ende! Was dann? Wie werden wir von Gott Bestellte vor dem Volke dastehen und von was fürderhin leben, da wir von Gott aus gesetzlich nie einen Acker noch einen Weinberg besitzen durften? Auf der einen Seite haben wir die von uns abgefallenen Samariter, die Sadduzäer und die Halbheiden, auf der andern Seite die Essäer, die nun bald schon das halbe Volk für sich haben, – und nun kommt auch noch der Galiläer dazu! Das muß uns denn am Ende doch ein wenig zuviel werden!
GEJ|5|148|4|0|Auf Sinai, unter Blitz und Donner, hat Jehova durch Moses und Aaron uns Gesetze gegeben, hat sie sanktioniert und hat, sage, mit uns einen ewigen Bund errichtet und uns strengst verpflichtet, diesem Bunde treu zu verbleiben. Er, der Allmächtige, verhieß uns die größten Lebensvorteile, so wir dem Bunde und dem Gesetze treu verbleiben, aber auch die größten Nachteile, wenn wir den Bund leichtsinnig brechen. Er gab uns aber auch das Recht, unsere Widersacher mit Feuer und Schwert zu verfolgen, wie solches auch Josua bei Jericho und später der große König David mit den Philistern gemacht haben, wo sogar nach Jehovas Geheiß der Kinder im Mutterleibe nicht geschont werden durfte.
GEJ|5|148|5|0|So aber Jehova nun wider Seine Verheißungen und Beteuerungen, vielleicht ob unserer Sünden und unserer Lauheit und Duldsamkeit gegen unsere Widersacher, den alten Bund auflösen und uns schon völlig verlassen wollte, so würde Er das doch sicher auf eine Ihm leicht mögliche großartige Weise tun, auf welche Er mit uns vor ungefähr tausend Jahren den Bund errichtet hat, auf daß dann jedermann bestimmt und ungezweifelt wüßte, wie er daran ist! Nun aber ist das bisher noch lange nicht geschehen; wie kann sich dann ein noch so außerordentliche Dinge leistender Magier je unterfangen, gegen uns als eine stets gleichfort bestehende Satzung Gottes auf das allerschmählichste zu agieren anzufangen?!
GEJ|5|148|6|0|Er solle die Kranken gesund machen, so viele er will, und solle zur Belustigung der Menschen auch Berge versetzen und andere noch so großartige Dinge verrichten; aber gegen den Tempel und seine heiligen Geheimnisse solle er nicht losziehen! Er aber tut solches stets mehr, untergräbt den Glauben und das Vertrauen des Volkes, nun besonders der Galiläer, zum Tempel gänzlich, so, daß uns diese gar häufig den Zehent nicht mehr geben wollen und uns obendrauf noch als größte und abgefeimteste Menschen- und Volksbetrüger verschreien. Sind wir das, so zeige es uns Jehova durch den Mund eines ordentlichen Propheten an, nicht durch einen galiläischen Zauberer, der sich für einen der größten Propheten, ja sogar für einen Sohn des Allerhöchsten ausgibt, da es doch geschrieben steht, daß aus Galiläa, das zu sehr von den Heiden unterspickt ist, nie ein Prophet aufstehen kann, und um so weniger ein Sohn Gottes, aus den Himmeln kommend!
GEJ|5|148|7|0|Wenn wir aber, erstens durch Gottes Gesetz und zweitens durch den offenbarsten Drang der Umstände, genötigt sind, solch einen der alten Sache Gottes höchst gefährlichen Menschen zu verfolgen und wo möglich mit allen Gottesrechten mit unseren Händen aus dem Wege zu räumen und von der Erde zu vertilgen, tun wir da unrecht, wenn wir uns hierzu in dieser Zeit leider so manchen politischen Mittels bedienen müssen, um das uns überaus gefährliche Subjekt zu vertilgen?! Ich meine, daß du an der vollen Wahrheit dieses unseres wohlbegründeten, offenen Bekenntnisses nun keinen Zweifel mehr hegen wirst!“
GEJ|5|149|1|1|149. — Des Cyrenius Zeugnis für den Herrn
GEJ|5|149|1|0|Sagt Cyrenius: „Das nun wohl ganz und gar nicht; denn diesmal hast du die vollste Wahrheit, die sonst dem Munde eines Pharisäers nicht leichtlich entkommt, geredet und hast mein Gemüt wieder so recht heiter gestimmt! Übrigens aber muß ich dir denn bei der Sache, die deinen gar so gefährlichen Propheten oder gar Gottes Sohn betrifft, doch fürs erste die Bemerkung machen, daß Er bei euch leumundlich sehr verleumdet sein muß, und fürs zweite dir offen bekennen, daß ich den Höchstdenkwürdigen sehr wohl kenne und dir die offene Versicherung geben kann, daß Er ein höchst unschädlicher Mensch ist, der sich alle Mühe gibt, seinen Nebenmenschen nur zu nützen und sogar seinen allerärgsten Feinden, die offenbar ihr seid, trotzdem ihm alle eure großen Betrügereien, von denen weder einem Moses noch einem Aaron je etwas geträumt hat, nur zu wohl bekannt sind.
GEJ|5|149|2|0|Oh, Er ist ganz Jude, aber nur im reinsten und echt mosaischen Sinne! Wo aber ist Moses, und wo ihr mit euren neuen Menschensatzungen? Er ist also wider das Nichtmosaische an euch, aber nicht wider euch selbst! Zu mir sind vom Volke aus schon eine so große Menge der empörendsten Klagen wider eure schnödesten Handlungen und Betrügereien gekommen, daß ich es mir wahrlich schon einige Male vorgenommen habe, euch mit bewaffneter Hand für alle Zeiten das Handwerk zu legen. Nur Er hat mich davon abgehalten! Wäre Er, der Sich meiner höchsten und vollsten Freundschaft bewußt ist, euer Feind, so hätte Er sicher nur eine größte Freude daran, so Er euch durch meine Hand in kürzester Frist ganz vom Schauplatze dieser Erde vertilgt haben könnte; allein gerade das Gegenteil!
GEJ|5|149|3|0|Er bedauert eure große Verblendung, die ihr aber selbst angelegt habt. Er möchte euch nur zu der Wahrheit und zu dem einen, wahren Gott zurückführen, von dem ihr euch durch eure zahllosen Weltgelüste abgewendet habt, und mit euch den alten Bund erneuern; aber verderben will Er euch durchaus nicht. Wenn aber das Sein allerregster Wunsch und Wille ist, wie ist Er dann euer Feind? Hättet ihr Seine Mittel in euren Händen, wie oftmals hättet ihr Ihn schon getötet! Tut Er an euch etwas Ähnliches, wo Ihm doch dazu tausend der allerkräftigsten Mittel alle Stunden des Tages zu Gebote stehen?! Wie es in meiner Gewalt ist und steht, so habe ich auch Ihn einem höchst scharfen Examen unterzogen, welches Er auf das allerglorreichste bestanden hat.
GEJ|5|149|4|0|Ich habe in Ihm eben jenen Menschen gefunden, den ich vor – sage – dreißig Jahren vor der grausamsten Verfolgung des alten Herodes gedeckt habe, und Er ist Ebenderselbe, der vor dreißig Jahren, als mein Bruder Augustus die Volksbeschreibung und -zählung im ganzen, weiten Römerreiche und somit auch im Judenlande einführte, zu Bethlehem in einem Schafstalle von des Zimmermanns Joseph jungem Weibe unter allerlei wunderbaren Erscheinungen geboren, von den Weisen des Morgenlandes durch einen sie dahin führenden großen Schweifstern erkannt und als ein künftiger König der Juden begrüßt und beschenkt, schon damals als eine ganz besondere Erscheinung für die Menschen dieser Erde von den erstaunten Hirten besungen ward, dessen ihr euch wohl noch ein wenig erinnern dürftet!
GEJ|5|149|5|0|Sollte euch davon, obwohl ihr schon die sechzig Jahre Alters zählen dürftet, nichts zu Ohren gekommen sein, so steht hier mein Bruder Kornelius, der damals eben in Bethlehem das römische Beschreibungsgeschäft leitete, als ein sogar noch sehr wohl lebender Zeuge vor euch und nebst ihm ich selbst, der ich auch schon an dem kaum vierzehn Tage alten Kinde derartige Göttlichkeitsindizien wahrzunehmen und zu erfahren die höchst unerwartete Gelegenheit fand, die mich unter dem größten und ehrfurchtsvollsten Staunen keinen Augenblick in einem Zweifel ließen, daß dies Kind alleroffenbarst mehr als irgendein noch so vollkommenes Menschenkind sei.
GEJ|5|149|6|0|Als ich nun in meinem Greisenalter das damalige Kindlein als einen Mann voll Geist und göttlicher Wunderkraft wiederfand, fand ich auch bald und leicht, daß Er eben aus dem besprochenen Kinde hervorgegangen ist, und es wird hoffentlich nicht schwer zu begreifen sein, daß ich dann selbst vor Ihm mein greises Haupt in der allertiefsten Ehrfurcht und Liebe zu beugen genötigt war, und das durch mein höchsteigenes Gefühl.
GEJ|5|149|7|0|Und diesen Mann verfolget ihr so hastig und wollet Ihn gänzlich verderben und vernichten?! Oh, ihr allerunsinnigsten und blindesten Toren! Hat denn nicht Moses von Seiner Ankunft geweissagt und nach ihm nahezu alle großen und kleinen Propheten, die eure Väter in ihrer allererbärmlichsten Dummheit auch mit Steinen erschlugen, so wie ihr nun Diesen auch erschlagen möchtet?! Ihn, der allein euch allen helfen kann und auch will, verfolget ihr nun sogar schon mit aller List, heißet Ihn ein Scheusal, sprechet über Ihn den ärgsten Fluch aus und wollet Ihn dazu noch töten?!
GEJ|5|149|8|0|Ihr habt diese Gegend, die ihr suchtet, nicht erkannt, weil der große, gefürchtete Fels aus dem Dasein verschwunden ist und diese ganze, ehedem überaus wüste Bucht in ein wahres Eden umgestaltet ward. Wer aber bewirkte das? Ich und alle hier Anwesenden sind Zeugen, daß dabei keine Menschenhand auch nur mit einem Finger betätigt war. Er war und ist unter uns und bewirkte solches Wunder bloß durch Seinen Willen!
GEJ|5|149|9|0|Hier an meiner Seite steht ein Knabe; Josoe ist sein Name. Er lag schon beinahe zwei Jahre im Grabe, und nichts als die in Verwesung übergehenden Knochen waren von ihm noch vorhanden. Und dennoch war es dem von euch so bitter und hartnäckig verfolgten Manne ein leichtes, ihn bloß durch ein Wort also zu gestalten und wiederzubeleben, wie er nun da vor euch steht!
GEJ|5|149|10|0|Dahier am Tische sitzen meine beiden Töchter, die mir durch arge Sklavenhändler geraubt wurden. Sie fielen bei einer Überfahrt übers Meer durch einen Sturm ins Wasser und schwammen, von den Unmenschen geknebelt, vollkommen tot auf der weiten Oberfläche des Meeres umher. Bei einem vorgestrigen Fischfangzuge, den wir alle mitmachten, wurden sie aufgefunden und hierhergeschafft. Eures Feindes Wort gab – Ihm allein alle meine Ehre! – ihnen also, wie ihr sie da sehet, das Leben wieder!
GEJ|5|149|11|0|Nun frage ich euch, ob das wohl auch ein Magier zustande brächte, oder ob diese Zeichen in sich nicht schon großartiger sind als jene, die zur Zeit Mosis in der Wüste vollführt wurden! Was ich euch sage, das ist so streng wahr, wie ich selbst Cyrenius heiße, und es kann solches mit vielen hundert Zeugen noch mehr bekräftigt werden; und den Täter solcher Werke nennet ihr gewisserart ein Scheusal, verfolget Ihn und wollet Ihn sogar töten?! Welch ein kaum begreiflicher Grad von der allerblindesten Dummheit gehört doch wohl dazu!“
GEJ|5|150|1|1|150. — Die Dummheit und Blindheit der Pharisäer
GEJ|5|150|1|0|Sagt der Pharisäer: „Allerhöchster und gestrengst gerechter Gebieter! Wir sind Schriftgelehrte und haben die Chronik studiert; daher glaube ich, daß wir denn doch nicht gar so dumm sein sollten!“
GEJ|5|150|2|0|Sagt Cyrenius: „Seht, selbst diese eure Bemerkung war so dumm als möglich, und ebenso dumm eure Art und Weise, den Heiligen aus Nazareth zu fangen! Denn das hättet ihr euch bei einem Quentchen Verstand denn doch wohl denken können, daß wir Römer einen in sogar schlecht gemachter römischer Kleidung vermummten Juden von einem wirklichen Römer unterscheiden werden und nur zu geschwinde begreifen, daß dahinter eine so recht abgefeimte Lumperei steckt! Also hättet ihr euch wohl auch denken können, daß ich des Herodes Unterschrift wohl etwa nur zu gut kennen werde! Also hättet ihr euch wohl auch vorstellen können, daß ihr von mir auf der Stelle durchschaut und erkannt werdet in eurer gar argen Absicht, und daß darum euer Unternehmen ein höchst dumm gewagtes war, das euch um alles, sogar um euer bißchen Fleischleben, das euer größtes Heiligtum ist, hätte bringen können! Ich sage es euch: Wahrlich, das hätte ein Kind, von einigem Mutterwitze beseelt, euch mit Bestimmtheit voraussagen können, wie es euch mit eurem Unternehmen ergehen wird! Aber nein, – es ist ja gerade zum Schwindligwerden! Ihr hochweisen Schriftgelehrten habt das nicht zum voraus einzusehen vermocht!
GEJ|5|150|3|0|Wisset ihr aber, worin das seinen Grund hat? Ich werde ihn euch sagen: Der schwelgende Prasser, dessen Magen noch nie eine Leere verspürt hat, kann sich unmöglich die Empfindung eines hungrigen Magens vorstellen; dem Tauben kommt es gar nie in den Sinn, wie es dem zumute wird, der die Harmonie einer rein gestimmten Äolsleier vernimmt; also kann sich auch der Stockblinde keinen Begriff von dem Eindrucke des Sehens und Schauens machen, und es ist in seinem Gefühle, als wären alle Menschen blind. Und ebenso und eigentlich noch ärger ergeht es dem geistig blinden und in der Wahrheit dummen Menschen! Er hält nicht nur alle Menschen für ebenso dumm, wie er selbst es ist, sondern für noch viel dümmer; denn sich hält er ja gar nicht für dumm, sondern für sehr weise nur. Er kann es gar nicht begreifen, wie möglich auch der B ebenso verständig und weise sein könnte, wie er selbst als A sich fühlt. Und darin liegt dann eben der Grund, warum solche höchst eingebildet dummen Menschen bei irgendeinem Unternehmen die Sache schon so dumm als möglich angreifen, wie ihr das soeben nur zu handgreiflich klar hier vor mir an den Tag gelegt habt.
GEJ|5|150|4|0|Weil ihr aber eben so dumm seid, so begreifet ihr ja auch unmöglich die unnennbar großen Zeichen dieser Zeit, wie ihr auch trotz aller eurer so hoch gepriesenen Schriftgelehrtheit gar keinen Dunst von dem habt, was Moses und alle die andern Seher von dieser jetzigen Zeit, und namentlich von dem Messias der Juden und Seinem Reiche auf Erden geweissagt haben. Es ist daher das wie dies euer Unternehmen nur eurer zu großen und groben geistigen Blindheit zuzuschreiben; denn bei einigem Geisteslichte müßtet ihr denn ja doch um eures Jehova willen einsehen, daß gegen eine Macht, wie da ist die unsrige, von eurer Seite wohl ewig nichts mit Erfolg auszurichten sein wird, und noch weniger gegen einen von dem allmächtigsten Geiste Gottes erfülltesten Manne, der es nur ganz leise zu wollen braucht, – und die ganze Erde ist in einem Augenblick aus dem Dasein verschwunden!
GEJ|5|150|5|0|Wahrlich, sage ich es euch: fünfmal hunderttausend solche Menschen, wie ihr es seid, fürchte ich mit hunderttausend Mann geübter Krieger nicht; aber was würden mir tausend Male soviel Krieger gegen den allmächtigen Willen solch eines Mannes nützen? Ein Gedanke von Ihm, und sie sind nicht mehr! Und ihr wollt mit eurer List und Staatsklugheit solch einen Gottmenschen fangen und gar töten, – und das ohne irgendeinen haltbaren Grund auch noch dazu? Saget es mir nun aber ganz aufrichtig, ob ihr nun eure gar zu große und grobe Dummheit noch nicht einsehet und nun schon ordentlich mit den Händen greifet!“
GEJ|5|150|6|0|Sagt der Pharisäer: „Wenn ich offen zu dir reden dürfte, wollte ich dir auch einiges sagen, was vielleicht dir, höchster Gebieter, in dieser Sache auch ein wenig die Augen öffnen möchte; aber man kann mit dir nicht reden und rechten, wie solches wir Weisen des Tempels unter uns zu tun pflegen! Dürfte ich aber ungestraft mit dir so ganz von der Leber weg reden, so würdest du dann vielleicht auch sehr große Augen zu machen anfangen!“
GEJ|5|150|7|0|Sagt Cyrenius, sogar mit einer Art verhaltenem Lächeln: „Wahrlich, dir gestatte ich ganz frei zu reden; keine Strafe soll deinen Worten folgen!“
GEJ|5|151|1|1|151. — Die Tempelmoral des Pharisäers. Die Wunder Mosis in pharisäischer Beleuchtung
GEJ|5|151|1|0|Hier nahm der Pharisäer einen ordentlichen Anlauf, stellte sich ganz gerade auf und fing an, folgendermaßen zu reden: „Höchster Gebieter! Du weißt viel, und dein Verstand erglänzt wie ein reinster Diamant im Sonnenlichte; aber ich weiß auch etwas, so ich es nach unserer Sitte auch nicht immer zur Schau trage und eigentlich auch nicht tragen darf! Wo es aber not ist, da soll es auch offenbar werden! So der Mensch einem Institute einmal auf dieser lieben Erde angehört und leider durch Geburt, Sitte, Gesetz und durch den irdischen Drang der Umstände genötigt ist, des lieben Magens wegen zu seiner Standarte zu schwören, so ist man dadurch auf dieser Welt geistig schon so gut wie gestorben. Im Anfange freilich wohl noch nicht ganz; aber so nach und nach immer mehr!
GEJ|5|151|2|0|Denn wenn man vor den Augen der Menschen ohne Unterschied mit allen Mitteln irdischer Gewalt fort und fort genötigt wird, ein X für ein U zu machen, dann hört alles Denken auf! Man muß sich selbst eines jeden helleren Gedankens wegen ordentlich zu verfluchen anfangen und sagen: ,Fahre hin, du reines Licht der Himmel! Bin ich verdammt, ein Teufel zu sein, so sei ich auch ein Teufel! Ob listig oder dumm, darauf kommt's dann wahrlich nicht mehr an! Muß ich ein X statt ein U sein, so bin ich's; ich kann derlei alte Verhältnisse unmöglich ändern!‘
GEJ|5|151|3|0|Mit der Zeit lebt sich der Mensch in seine Teufeleien so ganz gemütlich hinein und denkt sich: ,Weil du schon zu einem Narren geboren bist, auch als ein solcher erzogen warst, so bleibe, was du bist! Ist dein Magen gut, so ist dann aber auch schon alles gut! Iß und trink und genieße das Leben, solange und wie es sich nur immer bestens genießen läßt!‘ Kommt dann der letzte Tag, die letzte Stunde, dann sind alle Fesseln gelöst, und alle Gesetze haben für den für ewig aufgehört, der in sein Nichts zurückgekehrt ist!
GEJ|5|151|4|0|Lüge und Wahrheit reichen sich da allerfreundlichst die Hände, wo die volle Nichtigkeit alles Seins zu Hause ist. Unter solchen allersichersten und vollwahrsten Aussichten ist es dann wohl höchst gleich, unter welcher Narrenkappe man das Leben auf dieser Erde durchgemacht hat. Solange man aber lebt, sollte man dennoch des eigenen irdischen Wohles wegen sorglichst alles hintanzuhalten trachten, was einem das bißchen Leben verbittern und unangenehm machen kann; alles andere ist Fabel und Schimäre. Wer das Leben aber für etwas Höheres ansieht, der betrügt sich nur selbst.
GEJ|5|151|5|0|Diese Ansicht stelle ich aber nicht als eine in der Natur der Dinge begründete Sache, sondern nur als Folge auf, da nahezu ein jeder Mensch, der fix irgendeiner Weltnarrenkaste angehört, zu dieser Ansicht gelangen und sich endlich ganz hineinleben muß, weil er nicht anders denken, reden und handeln darf, als wie es ihm die stereotypen Kastengesetze vorschreiben. Ich kann ein oder tausend Male allerhellst überzeugt sein, daß es sich mit dem Nazaräer gerade so verhält, wie dein hoher Mund es mir ehedem bekannt gemacht hat; was nützt mir das dann? Solange ich ein geschworenes Mitglied der Kaste bin, bleibt mir doch sicher nichts übrig, als mit ihr aus vollem Halse zu heulen: ,Nieder mit ihm! Denn er ist ein Gefährder unseres Institutes und beschränkt dessen notwendige Einkünfte!‘
GEJ|5|151|6|0|Ich kann mir, ganz bei mir heimlichst, freilich denken: ,Die Gesamtkaste will es und hat durchs Los dich zu ihrem Werkzeuge gemacht! Und so ziehe ich denn auch aus und handle blind nach den erhaltenen Vorschriften, über die hinaus oder unter die ich nichts irgend nach meiner Privatansicht unternehmen kann und darf!‘ Ferner denke ich mir aber noch geheimer: ,Ist an dem zu Verfolgenden etwa im Ernste etwas, so wird er mit uns bald fertig werden, und wir werden als die Besiegten unsere geweihten Gemächer wohl kaum mehr zu sehen bekommen; ist aber weiter nichts an ihm als eine neue Maulmacherei, wie sie uns schon tausend Male vorgekommen ist, dann ist er ganz gut weg, wenn man seiner nur habhaft werden kann! Denn was bezweckt er? Nichts als die Gründung eines neuen und vielleicht noch ärgeren Kastentums!‘
GEJ|5|151|7|0|Oh, im Anfange sieht alles gar so göttlich aus! Sehen wir an das Leben Abrahams und seiner ersten Nachkommen! Man sieht die Gottheit mit ihnen gar oft sichtbar umgehen und sie den Weg der Gerechten führen, – nota bene, wir waren freilich nicht dabei! Aber zu der Zeit Mosis, – wie haben da die Kinder Abrahams ausgesehen! Moses war wieder einmal einer, der die alten Weisen Ägyptens ganz gehörig durchstudiert haben muß! Er war in alle Schwächen des ägyptischen Hofes eingeweiht, hatte wahrscheinlich den Durst bekommen, selbst Herrscher dieses Reiches zu werden und räumte sich zu dem Behufe die legitimen Prinzen des Pharao aus dem Wege.
GEJ|5|151|8|0|Der erste Plan mißlang. Er ergriff die Flucht und ersann einen andern Plan, um sein stammverwandtes, aber sonst unters Tierreich gesunkenes Volk durch geheime Propagandisten gegen den von der Wollust entmannten Pharao gehörig aufzustacheln. Als er erfuhr, daß sein Volk schlagfertig dastehe, da kam er selbst, mit großer Zaubermacht ausgerüstet, und fing an, dem Könige zu diktieren. Seinem Volke aber, das vielleicht noch so einen Dunst hatte von den früheren divinativen (göttlichen) Zuständen der Altpatriarchen, stellte er sich als einen Sendling Jehovas vor, machte ihnen allerlei dem Volke gar leicht begreiflich unbegreifliche Wunder vor, und so folgte ihm das Volk wie die Schafherden dem Leithammel.
GEJ|5|151|9|0|Er wußte um die Eigenschaft des Meeres gar wohl, daß es täglich zweimal steige und wieder falle. Er hat den möglichen Durchgangspunkt lange vorher ausgespäht. Nur kaum zwei mäßige Stunden Weges ist die ganze Bucht breit. Zur Zeit des Niederstands des Meeres wird in der Mitte durch die Bucht ein über eine Stunde Weges breiter, fester Steinboden stets und gut auf drei Stunden Dauer vollkommen von Wasser frei und dient den Reisenden, wenn das Meer von keinem Sturme bewegt wird, als eine beste Übergangsbrücke. Schnellen Schrittes kann man ihn sogar in etwa einer starken Stunde Dauer durchmachen und befindet sich also auf dem kürzesten Wege gleich in der arabischen Wüste, die man sonst zu Lande, da sich das Meer über dieses Riff noch mehrere Stunden weit ausbreitet und ziemlich tief ist, kaum in vier bis sechs Tagen erreicht.
GEJ|5|151|10|0|Moses berechnete das sehr klug, da er, wie sonst niemand von Pharaos Hofe, eine ganz gediegene Territorialkenntnis besaß. Er führte seine Massen schnellsten Schrittes über das Riff in die arabische Wüste und allerschroffsten Gebirgsgegenden, in denen, außer seinen Schwiegereltern etwa, wohl niemand etwas besaß. Ihm war darum diese Gegend und deren andere naturwunderlichen Eigenschaften, die unser Prophet sicher zu benutzen verstand, wohl sicher bekannt.
GEJ|5|151|11|0|Aber lassen wir nun das und sehen uns noch ein wenig nach den übers Meer ziehenden Israeliten um, und wir sehen sie wie auf den Flügeln des Windes gerade den Weg vollenden, als Pharao, nun von Wut und Grimm entbrannt, seinem Heer auf demselben Wege den Israeliten nachzustürmen befiehlt. Wäre Pharao früher gekommen, so wäre unser guter Moses sicher nicht mit ganz heiler Haut davongekommen; aber seine Saumseligkeit und die Wegräumung der mannigfachsten Hindernisse haben sein Heer aufgehalten. Moses bekam einen bedeutenden Vorsprung und entkam seinem ihm nachsetzenden Feinde ganz glücklich. Als nun Pharao, dem Moses durch dasselbe Riff nachjagend, kaum eben des besagten Riffes Mitte erreichte, da fing das Meer wie gewöhnlich an, sehr rasch zu steigen und seine Wogen über des Pharao Heer zu treiben, und dieses fand da leicht begreiflich seinen sichern Untergang in den Fluten.“
GEJ|5|152|1|1|152. — Weitere Erklärungen von alttestamentlichen Wundern
GEJ|5|152|1|0|Hier unterbrach Cyrenius den Erzähler und sagte zu ihm: „Gar so dumm, wie ich anfänglich glaubte, bist du wohl mitnichten; aber weil du die Sachen denn gar so gut ganz aus der Natur heraus zu verstehen scheinst, so möchte ich denn doch von dir erfahren, wie du mir die bekannte Erscheinung aus der Bundeslade, und zwar deren tägliche Rauch- und deren nächtliche Feuersäule, erklären wirst. Wie entstand denn hernach diese auf deinem so ganz natürlichen und wunderlosen Wege?“
GEJ|5|152|2|0|Spricht der Pharisäer ganz leichten Gemütes: „Hoher Gebieter! Nur einen kleinen Blick in die alte Kriegführung gemacht, – und die berühmte und so sehr vergöttlichte Bundeslade ist fertig! Der Kasten selbst war nach der altägyptischen Art ein wohlkonstruiertes, Elektrizität im größten Maße erzeugendes Instrument. Hinter dem höchst komplizierten Kasten waren eherne Karren zum Rauchmachen. Man füllte sie mit allerlei stark rauchenden und zumeist aber auch sehr stinkenden Sachen, wie Federn, Haaren von allerlei Tieren und auch Menschen, bestreute solche Rauchingredienzien mit Schwefel, Pech und Salniter (Salpeter) und zündete dann einen solchen Karren an. Das gab einen dickmächtigen Rauch, der in kurzer Zeit hinter sich, besonders bei einem schnellen Karrenzuge, den Weg, einem dichten Nebel gleich, verhüllte und dem nachziehenden Feinde die Aussicht auf die Wendungen und Stellungen des verfolgten Heeres benahm, zugleich aber auch, als den Kamelen, Pferden und Elefanten zu unausstehlich widrig, diese Kriegstiere zur Umkehr und zum Rückzuge brachte, was für den verfolgenden Feind sicher keine wünschenswerte Sache war. Daß hinter einem flüchtigen Heere oft mehrere der nun beschriebenen Karren gezogen wurden, läßt sich wohl von selbst denken. – Da wäre nun im wahren Bilde die so wundervolle und gar überheilige Bundeslade Mosis, und ich kann zu dir, allerhöchster Gebieter, auch mit gutem Gewissen sagen: SAPIENTI PAUCA!“ [Dem Einsichtsvollen genügt weniges!] 
GEJ|5|152|3|0|Sagt Cyrenius: „Gut, lassen wir also das! Wie aber erklärst du mir dann den Einsturz der Mauern der alten, großen Stadt Jericho? Die Bundeslade ward herumgetragen um die Mauern der Stadt, begleitet von den mächtig schallenden Posaunen nach der Art, wie sie schon bei den alten Ägyptern in den Tempeln üblich waren, und ich glaube, schon beim dritten Umzuge stürzten die Mauern wie Brei zusammen. Wie war denn das möglich? Der Schall von einer Million Posaunen hätte das für sich wohl nimmer zu bewirken vermocht! Erkläre mir denn auch das auf deine natürliche Weise!“
GEJ|5|152|4|0|Sagt der Pharisäer, einen hübsch lauten Lacher voranschickend: „Na, das wird etwa doch mit den Händen zu greifen sein! Man erzählt sich von den alten Ägyptern mit der größten Bestimmtheit, daß sie mittels der rechten Benutzung der Elektrizität die Schiffe der Feinde zertrümmerten und verbrannten. Hier sehen wir die gewisse Lade mehrere Male um Jerichos Mauern wandern, – und Josua wird es wohl der Wahrheit nach gewußt haben, warum er das getan hat! Er muß mit der Behandlung und Wirkung der Lade sehr vertraut gewesen sein! Ich meine da auch wieder: Sapienti pauca!“
GEJ|5|152|5|0|Sagt Cyrenius: „Ja, die Sache läßt sich hören; aber so die Lade nichts als so eine pure Elektrizitätsmaschine war, so müßte sie ja noch heutzutage das sein!? Warum macht sie denn heutzutage nicht dieselbe Wirkung?“
GEJ|5|152|6|0|Sagt der Pharisäer: „Nun, davon wird der Grund wohl etwa doch auch ein sehr begreiflicher sein? Besehen wir uns ein Haus, das ungefähr tausend Jahre Alters zählt, oder ein Schiff, oder einen Rock; der wird von solch einem Alter wohl etwa auch ein schon sehr stark anderes Aussehen haben! Sogar Steine verwittern oft in tausend Jahren sehr merklich, – um wieviel mehr ein altes Holz und die unedleren Metalle, als etwa das Kupfer und das Eisen; sogar dem Golde kennt man tausend Jahre recht gut an!
GEJ|5|152|7|0|Wir sind noch im Besitze der alten, kunstvollen Lade, die aber mit der Zeit schon derart schadhaft geworden ist, daß sie von der ursprünglichen wirkungmachenden Einrichtung ebensoviel mehr besitzt wie ein Greisenmund der gesunden Zähne, die er schon lange losgeworden ist. Zudem haben die Babylonier ganz gut verstanden, den Tempel samt der Lade zu plündern. Wir aber verstehen es nicht, wie die Lade einst eingerichtet war. Der Form nach haben wir wohl eine ganz gleiche anfertigen lassen; aber die Wirkung der alten kann sie unmöglich haben, weil ihr die erforderliche innere Einrichtung gänzlich mangelt und mangeln muß, weil in dieser Zeit bei uns wenigstens niemand mehr sie einzurichten versteht. – Ich meine, höchster Gebieter, daß ich mich auch darüber möglichst klar ausgedrückt habe!“
GEJ|5|152|8|0|Sagt Cyrenius: „Ja, wenn denn aber also schon alles so gewisserart auf einem feinen, frommen Betruge basiert ist, wie kannst denn hernach du mit deiner ganz kerngesunden Ansicht und Einsicht ein wohlkonditioniertes Mitglied solch einer Truganstalt verbleiben?“
GEJ|5|152|9|0|Sagt der Pharisäer: „Das ist ja eben des Satans Kern! Weil man als noch ein Blinder zum Mitgliede der Kaste geworden ist! Als ein Sehender hätte man sich etwa wohl schwerlich je dazu bekannt! Ist man aber nun schon einmal dabei und sieht, daß die ganze Welt ein Narrenhaus ist, nun, so macht man denn notgedrungen einen Narren des lieben Magens wegen mit, wie auch der Heilsamkeit der gerne gesund sein wollenden Haut wegen! Eine Desertion wird bei unserer Kaste aus wohlweisen Gründen noch immer mit dem keineswegs angenehmen Tode der Steinigung ohne alle Nachsicht bestraft! – Ich meine, daß diese Antwort auch sehr begreiflich und hinreichend verständig gegeben ist.“
GEJ|5|153|1|1|153. — Die Naturphilosophie des Pharisäers
GEJ|5|153|1|0|Sagt Cyrenius: „Aus allem dem, was du mir nun erzählt und erörtert hast, geht aber auch klar hervor, daß du als ein frommer Gottesdiener noch nie an einen Gott geglaubt hast; wie kann man aber ein sogar strenger Diener eines Wesens sein, das für euch gar nicht besteht?“
GEJ|5|153|2|0|Sagt der Pharisäer: „Nun, das erklärt sich auch ganz leicht aus dem früher angeführten äußerst triftigen und für alle Zeiten gültigen Grunde! Was vermag ein noch so gewecktes Kind gegen die Macht und physische Stärke seiner Eltern und oft überdummen Lehrer? Es muß sich fügen! Ich setze den Fall: Ihr Römer habt mit eurer unwiderstehlichen Macht uns unterjocht. Wer von uns konnte eurer Macht Widerstand leisten? Ihr hättet uns aber statt eurer sehr weisen und gerechten Gesetze zum Beispiel die dümmsten zur strengsten Beachtung auferlegt. Könnten wir Schwache etwas anderes tun, als sie ebenso genau beachten, wie wir diese nunmaligen weisen beachten? Die äußere Macht wirkt mit unwiderstehlicher Kraft, und man muß sich ihren Anordnungen fügen. Auf dieser Erde ist ja nur alles ein Schein und kein wahres Sein.
GEJ|5|153|3|0|Man sucht die Wahrheit, man sucht Gott. Wo und was aber ist da die Wahrheit, und wo und wer ist da Gott?! Jedes Volk erkennt und hat einen andern Gott und bestimmt danach die Sätze, die demselben Volke als eine heilige Wahrheit aufgetischt werden. Sind sie darum etwa auch für uns eine Wahrheit? Wir lachen darüber und können gar nicht begreifen, wie möglich ein Volk solch unlogisches, allerdümmstes Zeug zusammenglauben kann! Gehen wir aber zu jenem Volke und befragen es um das Urteil über unsern Glauben, so es vom selben etwas weiß, und es wird auch nicht begreifen, wie wir alles das Unsrige glauben und halten können! Etwas Gutes für die Aufrechterhaltung der allgemeinen Ordnung liegt überall darin, – aber darum noch lange keine Wahrheit und noch weniger eine wirklich irgendwo seiende Gottheit!
GEJ|5|153|4|0|Dort die Sonne ist eine Wahrheit und die wirkende Gottheit für sich und auch für uns, obwohl wir uns bloß nur mit ihrem Scheine begnügen müssen, darum es auch etwa hier auf dieser Erde durchaus mehr einen Schein als irgendein wahres Sein gibt. Oder bewirkt hier etwa nicht alles der Sonne Schein? Alles, was da ist, entsproß durch des Sonnenlichtes Schein und seine wunderbare Wärme, und solange es besteht, besteht und lebt es durch den Schein der wirklich allmächtigen Sonne; denn es wird von einer Seite her stets zur Hälfte beschienen, die andere Hälfte hat den Schatten.
GEJ|5|153|5|0|Am Firmamente prangt in großer Majestät also die wirkliche Lichtsonne als vollkommene Wahrheit. Die Erde und alles auf ihr ist ein Werk ihres Lichtes oder Scheines, also schon selbst mehr Schein als Sein. Hinter dem Scheinsein der ganzen Erde und aller Dinge befindet sich unvertilgbar der Schatten als eine komplette Lüge; und gerade der Schatten ist es, den alle Wanderer suchen und meistens lieben, und der Schlaf unter dem allgemeinen Schatten der Erde, den wir ,Nacht‘ zu nennen pflegen, ist und bleibt nach des Tages Arbeiten und Mühen die größte, stärkendste und angenehmste Erquickung des Lebens!
GEJ|5|153|6|0|Und darum scheint es mir auch, daß die Menschen unter der Herrschaft der möglich reinsten Wahrheit moralisch genommen ebensowenig bestehen könnten wie ihr leibliches Wesen ohne Schlaf. Was alsonach der Schlaf dem Leibe ist, das ist eine wohlkonditionierte Lüge dem ganzen moralischen Menschen Und da kommt es dann freilich nicht darauf an, was für eine Gestalt eine Lüge haben soll! Verschafft sie dem moralischen Menschen nur die gewisse befriedigende und sehr erquickliche Hoffnungsruhe und eine halbbeschienene und leicht annehmbare Zuversicht, so ist die Lüge gut, und die reinste Wahrheit kann zu ihr ums Brot betteln gehen.
GEJ|5|153|7|0|Solange Menschen auf der Erde wohnen, war es so; jetzt ist es auch so und wird auch so bleiben bis an ein mögliches Ende aller Zeiten. Die Menschen werden gleichfort die Wahrheit suchen, aber dabei aus der Schüssel der Lüge essen und leben. Stets wird es unter den gar vielen dummen Menschen auch Weise geben, die den Menschen ein Licht der Wahrheit vorhalten werden. Aber je heller sie die Menschen immer nur auf der einen Seite beleuchten werden, desto bestimmter und ausgeprägter wird sich hinter den von vorne hellst erleuchteten Menschen der Schatten als stete Folge des Lichtes ausnehmen lassen!
GEJ|5|153|8|0|Wie aber das Licht stets auch den Schatten bewirkt, ebenso bewirkt die reinste Wahrheit auch stets die vollkommenste Lüge. Denn ohne Wahrheit gäbe es ja auch keine Lüge und ohne Lüge nicht leichtlich eine Wahrheit. Jede Wahrheit aber birgt ja wenigstens die Fähigkeit in sich, eine Lüge zu erzeugen, so wie das Licht den Schatten. Was nun von beiden das Bessere ist für den Menschen, darüber richte ein jeder Mensch eine Frage an sich, aber treu und offen und sich nichts verhehlend! Ein gerechter Richter richtet den Lügner und Betrüger nach dem Gesetze und lebt von seinem Amte; wo aber ist derjenige, der mir für allgemein begreiflich machen kann, daß das Gesetz selbst eine Wahrheit ist? Es ist ein angenommener und sanktionierter Satz, hier so, an einem andern Orte anders! Wo ist da die Wahrheit, wo eine Lüge die andere straft? – Ich meine auch hier wieder: Sapienti pauca!“
GEJ|5|153|9|0|Mit dem hatte Cyrenius vorderhand genug, ließ die Pharisäer abtreten und sagte zu Mir: „Nein, hörest Du? – So etwas ist mir noch nie vorgekommen! Roklus hat auch zu reden verstanden in seiner rein vernünftigen Sphäre; aber ich bin ihm in meinem Innern stets Meister geblieben. Dieser Pharisäer aber hat mich nun so eingerahmt, daß ich ihm darauf gar nichts einzuwenden vermag! Ich habe mir die Pharisäer stets um sehr vieles dümmer vorgestellt; aber der hat es mir bewiesen, daß sie gar nicht dumm sind! – Was soll aber nun mit ihm unternommen werden?“
GEJ|5|154|1|1|154. — Der Hinweis des Cyrenius auf des Herrn Wunder
GEJ|5|154|1|0|Sage Ich: „Laß dir aber nun von ihm Meine Wunder erklären, und du wirst dich überzeugen, daß er sie dir ebenso natürlich zu erklären wissen wird wie jene des Moses! Darauf erst werden wir ihm zeigen, in welch einer großen Irre er sich befindet. Rufe ihn zurück und tue das; denn das ist ein Saftiger!“
GEJ|5|154|2|0|Cyrenius tat schnellst, was Ich ihm angeraten hatte, und die Gesellschaft der Pharisäer kam tiefst gebeugt vor Ehrfurcht vor den Oberstatthalter, und der das Wort führende Pharisäer fragte in tiefster Gebeugtheit, was sie nun etwa nach seinem hohen Ratschlusse zu gewärtigen hätten.
GEJ|5|154|3|0|Sagt Cyrenius: „Nichts anderes, als daß wir also weiter die Sache des Göttertums, des Menschenglaubens, der Propheterei und der dabei doch oft vorkommenden Wundertätigkeiten nach deiner mir stets mehr einleuchtenden Weise verfolgen werden; denn Klarheit muß mir werden, entweder so oder so!
GEJ|5|154|4|0|Du hast mir vorhin die Geschichte von Moses und den alten Wundern wahrlich sehr begreiflich gemacht, und ich kann mir nun schon eher die Erscheinungen nach deiner Erklärung als wahr denken denn nach irgendeiner andern. Natürlich hat das des Volkes wegen streng unter uns zu verbleiben! Aber sieh, trotz deiner Erklärung drückt es mich wie eine schwere Sorge und Verantwortung! Das, was ich hier wahrlich auf die wundersamste Weise von der Welt mit meinen höchst eigenen Augen gesehen und vernommen habe, für alles das stehen hier Zeugen beinahe von allen Weltgegenden: Heiden und Juden, Essäer, der Skythenkönig Ouran mit seinem Gefolge, selbst an Persern fehlt es nicht, – lauter Autoritäten ersten Weisheitsranges, wie in dieser Zeit nun die Weisheit vertreten ist.
GEJ|5|154|5|0|Betrachte dies herrliche Badehaus und erst seine innere, überköstliche und unschätzbare Einrichtung, den Garten mit der weithin gehenden Einfassungs- und Schutzmauer! Betrachte die herrlichen Früchte im Garten von allen edelsten Arten und Gattungen! Es strotzt alles vor Üppigkeit, und viele Früchte stehen schon vollreif da. Betrachte ferner die herrlichen Wasserquellen, wie sie nicht leichtlich irgend besser bestehen! Dann führe deine Augen ans Meer! Betrachte den Hafen und seine in den tiefen Grund des Sees hinabreichende überaus feste Schutzmauer, die fünf herrlichen Schiffe, die Sperrkette! Danach sieh nach der Stelle hin, wo ehedem der große, den Schiffern oft sehr gefährliche Fels gestanden ist! Sieh, keine Spur mehr davon bis in die tiefste Tiefe hinab!
GEJ|5|154|6|0|Sieh dort weit übers Meer in die Gegend von Genezareth! Hat dort nicht einmal erst vor ein paar oder längstens vier Wochen ein furchtbar hoher Fels gestanden, der seine senkrechten Wände tief ins Wasser hinabstreckte und dessen Scheitel früher wohl nie von einem Sterblichen betreten ward? Jahrtausende zogen an seiner trotzigen Stirn vorüber, und der Zeiten Zahn vermochte an seinen Granitmassen nichts auszurichten. Aber vor der früher benannten Frist von etwa vier Wochen kam eben der von euch verfolgte Prophet aus Nazareth dahin und verrichtete dort nebst vielen andern Wunderwerken auch das, daß Er jenen Felsberg also sanft und besteigbar gestaltete, daß er nun von allen Seiten ohne alle Gefahr sogar von Kindern mit der größten Leichtigkeit bestiegen werden kann.
GEJ|5|154|7|0|Wer kannte nicht die höchst ungesunde Fiebergegend von Genezareth? Alles litt an einem das Leben verzehrenden Fieber, besonders die Fremden, die nicht selten siechend dort jahrelang zubringen mußten, um durch die Angewöhnung des Klimas zu so viel Gesundheit zu gelangen, um dann weiterreisen zu können. Selbst unsere Soldaten von kerngesundester und festester Art wurden dort oft sterbenskrank und füllten die Krankenhäuser. Der Prophet aus Nazareth kam hin, segnete die Gegend, und nun ist sie eine der gesündesten von ganz Galiläa, und alle die Kranken wurden im Augenblick gesund.
GEJ|5|154|8|0|Nun, das sind Tatsachen, die vor unseren Augen geschahen, und uns kann wahrlich niemand beschuldigen, als wären wir leichtgläubige Menschen, denen ein jeder Gaukler aus Ägypten, Indien oder Persien seine Wunder als eine bare Münze anbinden kann. Da ist es, wo einem aller Verstand stillestehen bleibt. Ich lasse es gelten, daß sich alle die auf Moses Bezug habenden Dinge auf eine ganz natürliche Weise erklären lassen; denn fürs erste tragen sie – so bei deinem Lichte betrachtet – wohl ziemlich stark das Gepräge der Natürlichkeit, und fürs zweite haben wir außer den schwerverständlichen Büchern, die von seiner Hand herrühren sollen, keine anderen Zeugen, die uns davon irgend bessere Daten angeben könnten. Die griechischen Chronisten wissen wenig oder nichts davon.
GEJ|5|154|9|0|Sei ihm nun aber schon, wie ihm wolle; lassen wir das lange Vergangene und beschäftigen wir uns nun mit dieser überaus großartigst wunderbar glänzende Gegenwart! Wie möchtest du mir denn nun diese neuen Wunder erklären? Wahrlich, ich will dich überköniglich belohnen und auszeichnen, so du mir da auf eine gleiche Weise aus meinem divinativen Traume zu helfen vermagst, und ich verspreche dir sogar meinen tätigsten Beistand zur Verfolgung und Vernichtung deines berüchtigten Propheten!“
GEJ|5|155|1|1|155. — Die Belehrung der Pharisäer durch ein Weinwunder
GEJ|5|155|1|0|Sagt der Pharisäer: „Wann war dieser Nazaräer hier, und wie lange hat er sich allda aufgehalten, und ist er schon früher einmal dagewesen?“
GEJ|5|155|2|0|Hinter dem Cyrenius stand auch der alte Markus und nahm das Wort, sagend: „Dieser göttliche Mann war früher niemals je in dieser Gegend, kam mit Seinen etwelchen Jüngern erst vor etwa acht Tagen hierher und brachte nichts als allein Seinen allmächtigen Willen mit, und Seine Jünger waren stets wie Lämmer um Ihn.
GEJ|5|155|3|0|Das erste Wunder aber war, daß Er mir befahl, alle meine ziemlich vielen Weinschläuche mit Wasser zu füllen, was ich denn auch sobald durch meine Kinder tun ließ. Und siehe da, kaum waren die Schläuche gefüllt, so war das Wasser, wie es der See enthält, auch schon in den allerköstlichsten Wein umgewandelt! Hier ist noch ein voller Becher eben des wunderbaren Weines! Verkoste ihn und gib dann dein Urteil ab!“
GEJ|5|155|4|0|Der Pharisäer nahm den Becher, kostete den Wein beinahe bis zum Boden des Bechers aus und sagte: „Wahrlich, einen bessern Wein habe ich noch nie über meine Zunge gelassen! Ist deine Aussage, du alter Krieger, aber auch wohlverläßlich wahr?“
GEJ|5|155|5|0|Sagt Markus: „Wer mich kennt, wird wissen, daß meine Zunge noch nie durch eine Lüge verunreinigt worden ist. Wer aber da noch fragt, dessen Glaube ist noch immerhin kein starker. Um dir aber ein wenig die Sache näherzubringen und deinem bunten Naturverstande einen Stoß zu versetzen, ersuche ich dich, mit mir an den See mit diesem ganz leeren Kruge zu gehen und ihn selbst mit Wasser zu füllen, und ich stehe dir dafür, daß der noch unter uns weilende Prophet bloß durch Seinen Willen das Wasser augenblicklich in den Wein verkehren wird! Oder sollte es dich bedünken, daß etwa der Krug schon also zu dem Behufe präpariert wäre, so nimm eines deiner Gefäße und gehe hin an den See, schöpfe dort das Wasser an einer beliebigen Stelle, und wie es im Gefäße sein wird, so wird es auch in den Wein, wie du ihn nun verkostet hast, in einem Augenblicke umgewandelt werden! So ich lüge, da soll dies neue Haus samt dem Garten und samt allen meinen übrigen großen Schätzen völlig zu deinem Eigentume werden!“
GEJ|5|155|6|0|Hier zog der Pharisäer einen Goldbecher aus einem Rocksacke und sagte: „Ich werde es sehen. So das Seewasser darin zu solchem Weine wird, dann gehört dieser kostbare Becher dir!“
GEJ|5|155|7|0|Mit diesen Worten eilte der Pharisäer samt seinen Gefährten hinaus an den See und schöpfte Wasser, und das Wasser im Becher ward stets zu Wein.
GEJ|5|155|8|0|Als sich auch alle die Gefährten überzeugt hatten von dieser großen und wunderbarsten Wahrheit, da eilten sie, sich hoch verwundernd, wieder zum alten Markus hin, und der Pharisäer sagte: „Da, nimm den Becher; denn du hast die Wette gewonnen! Ja, da bleibt nun wahrlich auch mir der Verstand stecken! Was soll ich nun dazu sagen? Da geht es nicht mit natürlichen Dingen zu! Es ist sehr merkwürdig: Nicht nur der Geschmack, sondern auch der Geist des Weines war im reichlichen Maße dabei, so daß wir alle beinahe berauscht worden wären! Da kann wahrlich nichts anderes wirken als der Wille des Nazaräers, und es dient uns das als ein Beweis, daß im Ernste auch seine anderen Wunderwerke auf dieselbe Weise zustande gebracht wurden!
GEJ|5|155|9|0|Wenn man die immerwährende Natürlichkeit der Erscheinungen auf dieser Erde vor sich hat und von einem Wunder – außer den persischen Gaukeleien und den geschriebenen, die aber stets in einen großen Mystizismus verhüllt sind – in seinem ganzen Leben selbst nie etwas zu Gesichte bekommen hat, so wird einem am Ende sogar das ordentlich unglaubbar, was man am Ende nun selbst wirklich und ungezweifelt erlebt hat.
GEJ|5|155|10|0|Aber was nützet da auch dieses alles, so man den Grund davon nicht einsehen kann? Ja, höchster Gebieter, bei diesen Erscheinungen, die zweifelsohne sich also verhalten, hört alles natürliche Erklären auf! Denn das ist wahrhaft ein Wunder! Dieses kann ebensowenig je natürlich erklärt werden wie die Schöpfung der Welt aus einem für unsere Begriffe und Wahrnehmungen ursprünglichen Nichts. Die ganze Schöpfung ist demnach nichts anderes als ein fixierter Wille der göttlichen Urkraft und des Urseins alles Seins.“
GEJ|5|156|1|1|156. — Die Zweifel des Pharisäers am Dasein Gottes
GEJ|5|156|1|0|Sagt nun wieder Cyrenius: „Ganz gut, ich bin mit euch vorderhand auch also zufriedengestellt, und wir haben also dabei zu verbleiben; aber es ergibt sich nun eine andere Frage, und diese besteht darin: Weil diese Werke hier nun einmal unfehlbar ganz bestimmt allerpurste Wunder sind und Moses und die vielen andern Seher und Propheten diesen Mann, der nun vor uns solche nie erhörten Dinge wirkt, genau zum voraus beschrieben und derart haarklein gezeichnet haben, daß es nicht möglich ist, anzunehmen, sie hätten noch irgendeinen andern meinen können, so kommt es wenigstens mir vor, daß ihre entsprechungsvollen Vorhandlungen denn doch wunderbarer Art sein mochten! Daß dabei auch so manches Natürliche benutzt wurde, läßt sich nicht in Abrede stellen; aber im ganzen war denn doch das meiste sicher ein großes Wunder, das ebenfalls, so wie diese Wunder hier, nur durch den allmächtigen Willen Gottes, der als Gottes Geist durch den Menschen sich offenbarte, bewirkt wurde. Das ist so meine Meinung. – Was ist da die deinige?“
GEJ|5|156|2|0|Sagt der Pharisäer: „Nun ja, wenn die Sachen sich also verhalten, dann läßt sich gegen diese deine hohe Meinung meines Wissens eben nicht vieles einwenden; nur das einzige läßt sich dabei schwer oder gar nicht begreifen: warum denn Gott, so Er irgend einer ist, die Menschheit eine geraume Zeit hindurch stets gar so tief sinken läßt und endlich erst wieder einmal einen Seher und Propheten erweckt, der die ganz erblindete Menschheit wieder ein wenig sehend zu machen hat, aber dabei am Ende selbst ein Opfer entfesselter wilder Leidenschaften der entarteten Menschheit wird. Gott verleiht dem Propheten wohl unfehlbare Wunderkräfte, an denen ich nun nicht mehr zweifeln kann; am Ende aber unterliegt der Prophet gewöhnlich dennoch der rohen Faustmacht der Menschen. Beinahe die meisten mir bekannten Propheten wurden am Ende gewaltsam ums irdische Leben gebracht. Warum schützte sie denn da der allmächtige Geist Gottes nicht?
GEJ|5|156|3|0|Ich will aber damit der Gottheit keinen Vorwurf machen und sagen: ,Es war nicht klug, so einen vom Geiste Gottes erfüllten Menschen in der rohen, allermateriellsten Gewalt der Menschen irdisch untergehen zu lassen!‘; aber es war seine Erweckung dadurch eine sehr beeinträchtigte im Angesichte der stets selbstsüchtigen Menschheit. Denn es ist offenbar höchst sonderbar anzusehen, wie ein Mensch, der ehedem durch den bloßen Willen ganze Berge zu versetzen imstande war, in kurzer Zeit von Menschen gefesselt, in einen Kerker geworfen und wenige Tage oder Wochen darauf auf eine oft allerempörendste Weise ums Leben gebracht wird. Dadurch werden seine innigsten Anhänger und Verehrer dann selbst entmutigt und kehren vielfach zu ihrer alten, aber wenigstens die irdische Lebenssicherheit verbürgenden Dummheit zurück.
GEJ|5|156|4|0|Wie lange ist's denn her, daß ein gewisser Johannes in der Wüste am Jordan allerlei wahrhaft große Zeichen zur Zeugenschaft seiner Gottbegeisterung ablegte?! Herodes ließ ihn gefangennehmen und bald darauf allerweidlichst und schnödest im Kerker ganz geheim enthaupten. Er zählte wahrlich schon eine Masse Jünger, und viele Tausende haben sich zum Zeugnisse der Annahme seiner wahrlich ganz reinen Lehre von ihm im Jordan taufen lassen; denn er hatte durch beinahe ganz Galiläa und Judäa am Jordan seinen Streifzug gemacht. Als aber dann seine vielen Anhänger erfuhren, was mit ihrem Meister geschehen war, da wurden sie voll Angst und Furcht und ließen es ja nicht leichtlich merken, daß sie vom Johannes die Wassertaufe genommen hatten; denn sie fürchteten, das traurige Schicksal ihres Meisters ganz unvermutet irgend teilen zu müssen. Dies einzige finde ich mit meinem Verstande, der bis jetzt durchaus noch nie vernagelt war, im Ernste etwas unkonsequent, und es schaut da zum Wohle der Menschheit wenig Klugheit und ein nach unseren Begriffen viel zu wenig guter Wille heraus.
GEJ|5|156|5|0|Unter der unsichtbaren Herrschaft eines blinden Fatums der Heiden läßt sich so etwas ganz gut denken, – doch sehr schwer unter der Herrschaft eines allweisen, allgütigen, allgerechten und allmächtigen Gottes! Das war auch zumeist der Grund, warum ich bei mir selbst ganz von dem Glauben an einen Gott abgegangen bin. Ein wahrer Prophet sollte bis zu seinem Ende eine nie besiegbare Verteidigungsfähigkeit innehaben, gegen die alle Mächte und Gewalten der Erde nichts auszurichten vermögend sein sollten, – dann würde sich daraus das wahre, göttliche Element schon für alle Zeiten wohl erkennen und auch behalten lassen; aber so nehmen irdisch die meisten Seher und Propheten ein übles Ende und verdächtigen dadurch wieder alles das Göttliche, was sie ehedem ausgesäet haben. So durfte Moses selbst nicht das Gelobte Land betreten, und um seinen Leib mußte der Erzengel Michael mit dem Satan drei volle Tage kämpfen und am Ende noch sieglos abziehen. Ja, wozu denn das? Warum muß denn das böse Prinzip auf dieser Erde nahe allzeit den Sieg über das gute Prinzip davontragen?
GEJ|5|156|6|0|Wir sagen – und eben mit Recht –: Die sämtliche Menschheit, oder die moralische Welt, liegt im argen und ist böse. Aber forschen wir nur nach dem Grunde, und wir werden ihn ungefähr in dem finden, was ich soeben aufgestellt habe! Wir Menschen können da tun, was wir nur immer wollen, so werden wir weder uns selbst noch die andern bessern; denn da halten uns die Mächte der Welt stets in den Schranken, und überall heißt es: ,Nur bis daher, – dann aber auch keine Handbreit mehr weiter!‘ Wir dürfen weder forschen noch grübeln. Das eherne Gesetz zwingt alle Köpfe unter einen Hut. Wer sich da zu rühren wagt, der ist für die Welt verloren; ob er aber dadurch für eine andere Welt gewonnen ist? Nun, davon haben wir noch um vieles weniger irgendeine überzeugende Gewißheit als von dem, was nach uns in hundert Jahren mit den Menschen geschehen wird!
GEJ|5|156|7|0|Wahre Seher und Propheten allein könnten diesem Übel abhelfen. Die Menschen würden dadurch die nie besiegbare Kraft und Macht Gottes stets vor Augen haben, den wahren Glauben behalten und dadurch ordentliche, gute Menschen sein. Aber so wird von Zeit zu Zeit wohl hie und da, wenn die Menschen vorher schon unter das Tierreich herabgesunken sind, ein Prophet erweckt, der eine Zeitlang weise Lehren predigt und durch allerlei erstaunliche Wunderkraft den Menschen für die Göttlichkeit seiner Sendung ein vollgültiges Zeugnis ablegt; aber wie lange dauert das?
GEJ|5|156|8|0|Weil ihm die nach Gott und Wahrheit lechzenden Menschen in großen Mengen zuströmen, so werden die alten Orakel und höchst materiell-egoistischen Priesterkasten, weil sie Verrat ihrer falschen Sache und eine gewaltige Schmälerung ihres Ansehens und ihrer großen Einkünfte befürchten, ergrimmt eifersüchtig und fangen an, den Propheten zu verfolgen. Eine Zeitlang richten sie nichts gegen ihn aus, weil er sie mit der ihm eigenen göttlichen Kraft in den Staub zurückdrängt.
GEJ|5|156|9|0|Aber in einigen Jahren, wenn er schon viele Tausende sehend gemacht hat, zieht sich die göttliche Kraft von ihm zurück, und er wird zur Beute der gemeinsten menschlichen Rache! Da stehen dann seine Bekehrten voll Furcht da, wissen nicht wo aus und wo ein und wohin. Angst, Furcht, Schrecken und Zweifel ergreift die Jünger, so sie ihrer nicht gar viele sind; bilden sie aber schon ein förmliches Heer, so gibt es dann gewöhnlich einen allergrausamsten Glaubens- und Meinungskrieg, der eher kein Ende nimmt, als bis eine Partei die andere ganz aufgezehrt hat.
GEJ|5|156|10|0|Nun frage ich aber und sage: So man als ein erfahrener und vernünftig denkender Mensch solche Dinge und solch ein Treiben nüchtern betrachtet, kann man dabei und dadurch zu einem lebendigen Glauben an einen Gott gelangen?! Oder muß man sich nicht vielmehr denken: ,Sieh, lauter Menschenwerk!‘?! Gott aber ist ein ewig Ferner und kein Naher nach den Worten der Schrift! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|5|156|11|0|Sagt Cyrenius: „In der Art, wie du zu denken pflegst, dürfte deine Meinung so manches für sich haben, – aber bloß nur in der diesweltlichen, menschlich- gesellschaftlichen Beziehung. Wir aber sind nun in die allerweisesten Pläne Gottes mit der Menschheit dieser Erde schon ein wenig tiefer eingeweiht und kennen das große göttliche Warum! Ich kann dir darum nichts anderes sagen, als daß deine Meinung eine ganz grundirrtümliche ist. Aber ich hoffe, daß auch du noch anders denken wirst. Nun aber gehe mit deinen Gefährten wieder hin, und komme, wann du gerufen wirst! Besieh dir zuvor die Wunder, denke darüber nach, und es wird dir daraus klar werden, wie töricht und gewagt deine Verfolgung des großen Meisters aus Nazareth war!“
GEJ|5|156|12|0|Die Pharisäer verneigten sich tief und zogen sich gegen das neue Haus des Markus, um es zu besichtigen. Auf einen Wink von Mir begleitet sie Markus selbst ins neue Wunderhaus, in den Garten und dann ans Meer, um ihnen alles zu zeigen und zu erklären.
GEJ|5|157|1|1|157. — Die Erde, eine Übungsschule für Gotteskinder
GEJ|5|157|1|0|Cyrenius aber sagt abermals zu Mir: „Herr, ich weiß zwar nun aus Deinem göttlichen Munde, warum auf der Welt alles also ist und geschieht, und kenne nun Deine göttlich weisesten Pläne in bezug auf die Erziehung der Menschen in allen Zeiten und in allen Zonen dieser Erde; aber daneben muß ich dennoch ganz offen gestehen, daß irdisch genommen dieser Pharisäer im Grunde in seinen Ansichten recht viel für sich hat. Es ist das wahrlich von Alpha bis Omega keine Welt der Liebe und der Wahrheit, sondern eine recht arge Welt voll Hasses und voll Lüge und Falschheit und Unrechts! Sie könnte aber wohl auch anders sein! Aber es ist einmal also und wird nie anders werden, und die Erde ist dazu verdammt, ein Haus des Jammers zu verbleiben, und ihre Menschenkinder müssen stets verschmachten auf ihrem Boden! Aber es könnte ja anders sein!“
GEJ|5|157|2|0|Sage Ich: „Ja, ja, es könnte wohl anders sein, so wie es auch auf zahllos vielen andern Weltkörpern anders ist; aber dann wäre eben diese Erde nicht ausersehen für die Zucht jener Menschen, die bestimmt und berufen sind, Meine Kinder zu werden!
GEJ|5|157|3|0|Kann die wahre, mächtige Liebe sich als solche je völlig erkennen unter Menschen, die selbst pur Liebe sind?! Welchen Probierstein soll man zur Übung in der Geduld, Demut und Sanftmut den schon von Geburt an mit aller Liebe erfüllten Menschen geben?!
GEJ|5|157|4|0|So Ich aber schon jedes Menschen Natur also gestellt hätte, daß er schon von der Geburt an in der höchsten Vollendung ohne sein Zutun dastünde, welche Übung des Lebens und Selbstfortschreitens wäre für ihn da wohl noch denkbar?!
GEJ|5|157|5|0|Zu welcher Tätigkeit könnten dann endlich solche Geister verwendet werden? Ich sage es dir: Da wären ja die Bäume des Waldes und die Felsen der Gebirge in der zum freien Leben allerunentbehrlichsten Selbsttätigkeit ums gar Vielfachste bevorzugter als ein schon von der Geburt an in jeder Beziehung ganz vollendeter Mensch!
GEJ|5|157|6|0|Ein Mensch, der einmal physisch völlig ausgebildet wäre und stets einen gedeckten Tisch mit allerlei der köstlichsten Speisen und Getränke vor sich hätte, daß alsonach bei ihm von einem Hunger oder Durste nie die Rede sein könnte, der dazu aber auch ein allerherrlichstes Wohnzimmer hätte, nebstdem auch alle die vollendetsten Geistesfähigkeiten, alles bis ins kleinste Detail, das Nahe wie das Ferne zu schauen und zu vernehmen, wie auch zu genießen und sich allenthalben mit allem zu verständigen, und dem nie irgendeine noch so kleine Unannehmlichkeit in die Quere kommen würde, ein solcher würde wohl sicher kaum seine Ruhestätte einen Augenblick lang verlassen!
GEJ|5|157|7|0|Ich sage es dir: Solch einem Menschen würden selbst Meine größten Wunderwerke ebenso gleichgültig sein wie der Schnee, der zu Adams Zeiten die Berge mit dem Kleide der ewigen Unschuld umhüllte! Oder meinst du, daß Mir Selbst Meine unendlichste, ewige Lebensvollendung zu etwas frommte und Mir eine Seligkeit abgäbe? Wahrlich nicht!
GEJ|5|157|8|0|In dem zahllos vielen Mitwachsen in Meinen natürlich ebenso zahllos vielen unvollendeten Kindlein, in ihrem zunehmenden Erkennen und Vollkommenerwerden und in ihrer daraus wachsenden Tätigkeit liegt auch Meine eigene höchste Seligkeit. Ihre Freude über eine mühsam errungene, vollendetere Fähigkeit ist auch Meine stets jüngste Freude, und Meine unendliche Vollkommenheit bekommt ja erst dadurch den unschätzbarsten Wert, so sie von den noch unmündigen Kindlein stets mehr und mehr angestrebt wird und sich teilweise auch in ihnen unverkennbar wachsend zu erkennen gibt. Du verstehst Mich, was Ich dir damit sagen will?!
GEJ|5|157|9|0|Wäre es nicht also, meinst du, daß Ich je eine Welt und irgendein lebendes Wesen auf ihr gestaltet hätte? Alles das war Mir schon von Ewigkeiten her ein unerläßliches Bedürfnis gewesen, ohne welches nie eine Erde erschaffen und mit allerlei Wesen belebt worden wäre.
GEJ|5|157|10|0|Wie es also ist, so muß es bleiben! Ich bin nicht gekommen, um der Erde den Frieden und eine tote Ruhe, sondern das Schwert, den Kampf im höheren Tätigkeitsmaße zu geben. Denn erst dem Hasse gegenüber wird die Liebe zur wahren und lebendigen Tatkraft, und der ruhige Tod muß fliehen vor ihr. Die die Menschheit verfolgende Not macht sie tätig, mit der Zeit geduldig, sanft und in Meinen Willen ergeben. Gäbe es keine Lüge mit ihren bitteren Folgen, welchen Wert hätte da die Wahrheit für sich?! Wer zündet am Tage sich ein Licht an, und wer achtet den Wert einer brennenden Öllampe beim Lichte der Sonne?!“
GEJ|5|158|1|1|158. — Die Not als Erziehungsmittel
GEJ|5|158|1|0|(Der Herr:) „Alles, was demnach als zugelassen einmal da ist, muß dasein als ein Triebkeil zum Besserwerden der Menschen. Jedes Werden aber setzt eine Tätigkeit voraus und diese den Beweggrund und den Hebel, der aber natürlich der Art und Weise der Tätigkeit allzeit völlig entsprechen muß.
GEJ|5|158|2|0|Es ist demnach alles, was man als moralgesetzwidrig, also auch als arg und schlecht bezeichnet, nur als ein zugelassenes Hebelwerk zu betrachten, und dem Reinen ist demnach alles rein und gut. Dem Schwachen und Unreinen ist und muß es anders sein, weil er noch so manches Tätigkeitshebels benötiget.
GEJ|5|158|3|0|Als die Kinder Abrahams zu den Zeiten Mosis, Aarons, Josuas und noch unter den ersten Richtern sich einer sichtbaren Gottesführung, einer unbegrenzten Weisheit und dabei eines allergrößten irdischen Wohlstandes erfreuten, wurden sie träge gleich den Polypen und Austern im Meeresgrunde. Sie wurden von Mir aus durch den Mund der Propheten oft zur Tätigkeit und Wachsamkeit aufgemuntert und sogar aufgefordert; aber ihre Antwort war: ,Tun wir etwas, so können wir gar auch eine Sünde begehen, die dann all das von uns Gutgetane verzehrt; tun wir aber nichts, so können wir auch nicht sündigen und stehen dann als sündefrei gerecht vor Dir, o Herr!‘ – Also verphilosophierten sie sich stets mehr und mehr in allerlei Trägheit hinein. Die Folge davon war eine zunehmende Not und mit der Weile die physische und endlich auch moralische Schwäche.
GEJ|5|158|4|0|In solchem Zustande wandten sie sich dann gleichwohl wieder an Mich und gelobten Mir, in der rechten Lebensordnung tätig zu sein. Eine Zeitlang ging es auch wieder recht gut und recht vorwärts; als sich aber da wieder, als eine Frucht der Tätigkeit, der gesegnete Wohlstand einstellte, da fing der alte Trägheitstanz gleich wieder von vorne an. Man war reich an allem und wollte glänzen und verlangte einen irdischen König als den Repräsentanten des physischen Reichtums und Wohlstandes.
GEJ|5|158|5|0|Es wurde ihnen ein König gegeben und gesalbt. Aber auch der Vertrag zwischen König und Volk blieb nicht unterm Wege; und so war das Übel, das das Volk verlangte und erhielt, wieder nichts anderes als ein fürs Volk schmerzlicher Hebel zur neuen und erhöhteren notgedrungenen Tätigkeit.
GEJ|5|158|6|0|Als bald darauf der König samt dem Volke in eine Lethargie verfiel, war es sogleich notwendig, ihm äußere, sehr drohend aussehende Feinde in den roh und mächtig gewordenen Philistern zu erwecken. Da ward Krieg und allerlei denselben begleitende Not ins Land Meines Volkes gedrungen, weckte es, machte es tätig und dadurch stark.
GEJ|5|158|7|0|In der großen Not und Bedrängnis fand es wieder den Weg zu Mir und nahm zu an Gnade, Weisheit und Wohlstand im kaum denkbaren Maße. Dieser aber bewirkte schon zu der Regierungszeit Salomos eine starke Abspannung der früheren Tätigkeit, und das Reich ging unter den ersten Nachkommen Salomos förmlich in Trümmer. Und so mußte dieses Volk stets durch allerlei Elend und Not in einem fort bedrängt werden, damit es sich nur in einiger Tätigkeit erhielt.
GEJ|5|158|8|0|Es ist nun im allgemeinen abermals tief unter dem Tierreiche, besonders der Priester- und Lehrstand. Darum aber bin Ich Selbst im Fleische gekommen, um eben dem trägsten Teile des Volkes die größte Verlegenheit und Verwirrung zu bereiten; und sie suchen Mich darum auch zu fangen und zu töten, weil sie fürchten, durch Mein regstes Tun und Treiben ihres Faulbrotes los zu werden. Aber ihre Mühe ist natürlich eine vergebliche.
GEJ|5|158|9|0|Es ist in ihnen der Keim zur völligsten Trägheit schon zu stark wurzelnd geworden. Daher muß das Trägheitsgefühl ihnen erst genommen werden, und sie müssen nach allen Winden sich zerstreuen und ein Wanderleben führen oder in den neuen, von Mir nun gegründeten Lebens- und Tätigkeitsbund treten, in dem niemand seine Hände wird im faulen Schoße halten dürfen, um leben zu können.
GEJ|5|158|10|0|Wer es nicht tun wird, der wird hungern und dürsten und in den wertlosesten und schmutzvollsten Lumpen, auf einen Bettelstab gestützt, einhergehen müssen, und man wird ihm hartherzig zurufen: ,Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen!‘ Denn ein jeglicher Arbeiter ist seines Lohnes wert.
GEJ|5|158|11|0|Oh, da wird sich dann schon ein jeder bestreben, so tätig als möglich zu sein! Wird jemand aber dennoch irgend träge und faul, so wird er, zum Muster für viele andere, die Zuchtrute sogleich zur Schau zu tragen anfangen.
GEJ|5|158|12|0|Und Ich sage es dir: Jedes träg gewordene und verweichlichte Volk wird, so wie ein jeder Mensch für sich, die bleibende Zuchtrute über den Rücken zu tragen bekommen und für immer verlieren seinen Namen aus dem Buche des Lebens und seine Größe, Macht und Ansehen! Das wird die Menschen stets mehr und mehr stutzig machen und sie antreiben zu allerlei ordentlichen Taten, was gut sein wird. – Hast du dieses alles nun wohl verstanden?“
GEJ|5|159|1|1|159. — Die wahre und die falsche Art weltlicher Tätigkeit
GEJ|5|159|1|0|Sagt Cyrenius: „Jawohl, Herr und Meister von Ewigkeit; aber es fragt sich hier noch um eines, und dieses besteht darin: So die Menschen aber so recht tätig und arbeitsam werden in den mannigfachsten Zweigen des mit tausend Bedürfnissen versehenen Lebens, da ist aber auch wohl einsichtlich, daß sie dadurch von den geistigen, in sich nur beschaulichen Lebenswegen zu sehr in den puren Weltmaterialismus übergehen werden, und da wird von einer Wiedergeburt des Geistes wenig mehr die Rede sein.
GEJ|5|159|2|0|Zugleich aber habe ich aus Deinem Munde die Lehre, derzufolge man sich eben nicht sorgen soll ums Fortkommen des irdischen Lebens nach der Art der Heiden, sondern man suche vor allem das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, – alles andere werde dann schon von selbst hinzukommen.
GEJ|5|159|3|0|Wie verhält sich nun diese Lehre mit dieser Deiner neuen, nach der man stets alle Hände voll zu tun haben soll? Siehe, Herr, dieses kann ich in mir nicht so recht unter ein und dasselbe Dach bringen! Es wäre demnach gut, so Du, o Herr, mir das ein wenig begreiflicher machen möchtest.“
GEJ|5|159|4|0|Sage Ich: „Noch haben wir eine und eine halbe Stunde Zeit, und Ich kann dir diese Frage wohl beanworten. Merke aber wohl auf das, was Ich dir hierüber in einem Bilde sagen werde!
GEJ|5|159|5|0|Sieh, zwei Menschen gingen hin zu einem Meister einer überaus nützlichen und schönen Kunst! Der A tat das, um die Kunst zu erlernen, um sich durch sie mit der Zeit selbst sein Brot zu verdienen. Er lernte fleißig und hatte wohl acht auf alles, was zur Handhaftwerdung der Kunst erforderlich war, und war endlich über die Maßen froh, als er vom Meister ein Zeugnis erhielt, in welchem es geschrieben stand, daß er nun die Kunst vollends erlernt habe und nun selbst ein Meister sei. Es gab zwar wohl noch so manche Geheimnisse in der Kunst, von denen er nichts wußte. Allein, das kümmerte ihn nun wenig mehr; denn er hatte nun das Zeugnis, durch das er zu gutem Brote ohne große Mühe gelangen wird und muß.
GEJ|5|159|6|0|Der Beweggrund aber, der den B zum Meister trieb, war ein ganz anderer und mußte daher bei selbem auch eine ganz andere Wirkung zur Folge haben. Dem B lag es nicht am Brote, an das er gar nicht dachte, sondern lediglich an der Kunst, um ihrer selbst willen. Sein alles andere hintansetzendes Streben war nur, mit allen Geheimnissen der zu erlernenden Kunst auf das allerinnigste vertraut zu werden.
GEJ|5|159|7|0|Der Meister aber, der da sah, daß es diesem Schüler durchaus nicht ums Brot, sondern pur um die volle Kenntnis der göttlichen Kunst zu tun war, hatte selbst eine große Freude an diesem Schüler, nahm sich mit ihm alle Mühe und führte ihn gründlichst in alle möglichen Geheimnisse der Kunst ein. Und die Folge war, daß der B nachher als ein vollendetster Meister der Kunst ein derartig unübertreffliches Kunstwerk zustande brachte, daß davon der Ruf und das Lob sogar zu den Ohren eines Königs kam und der König dann den Künstler berief, daß er auch ihm zeige sein Kunstwerk. Der Künstler tat das aber etwa ja nicht des anzuhoffenden Gewinnes wegen, sondern um dem König dadurch eine sicher recht große Freude zu machen.
GEJ|5|159|8|0|Als der König dann das große Kunstwerk zu sehen bekam und sich von der hohen Zwecklichkeit desselben überzeugte, da sagte er: ,Was willst du, großer Meister, daß ich dir tun soll? Verlange einen Lohn von mir, und er soll dir nebst dem werden, daß du von nun fortan ein Günstling meines Hofes verbleibst und dahier deine Kunst ausübst!‘
GEJ|5|159|9|0|Und der Künstler sprach, tief gerührt von des Königs Gnade: ,Höchster Herr und weisester Herrscher und Gebieter! Deine Gnade und dein Wohlgefallen an diesem meinem Kunstwerke sind mir schon der höchste Lohn! Denn nicht aus irgendeiner Gewinnsucht, nicht einmal des täglichen Brotes wegen, sondern pur aus reiner Liebe zu dieser Kunst habe ich sie mit allen meinen Kräften so recht in die Seele hinein erlernt und habe nun eben darum schon die höchste Freude und den höchsten Lohn, daß sie nun auch vor den Augen des weisesten Königs eine so ausgezeichnete Anerkennung gefunden hat.‘
GEJ|5|159|10|0|Was meinst du wohl, was nun der noch mehr erfreute König darauf mit dem Künstler tat? – Sieh, er sprach: ,Jetzt ersehe ich erst, daß du ganz ein vollendeter Künstler deines Faches bist! Denn hättest du diese an sich noch so herrliche Kunst bloß des Verdienstes und des Brotes wegen erlernt, so hättest du es darin nie zu einer solchen Vollendung gebracht. Denn wer etwas lernt, um dabei sein Fortkommen zu finden, der denkt nur immer ans Fortkommen und begnügt sich bald mit dem seicht und wenig Erlernten und berechnet danebst nur, wie er etwa den Abgang des Wissens mit einem falschen Schein bedecken könnte, damit die Menschen nicht merketen seine Schwäche und ihn dennoch hielten für einen großen Meister. Aber es wird ihm das für die Folge wenig nützen; denn eben seine schlechten und mangelhaften Werke werden seine Verräter sein.
GEJ|5|159|11|0|Du aber, der du die Kunst um ihrer selbst willen erlernt hast, hattest nur gerechnet, wie du in alle ihre noch so großen und tiefen Geheimnisse eindringen könntest. Dir lag es an der vollsten Wahrheit der Kunst, und du bist eben darum auch ein seltener, wahrer Künstler geworden, den ich brauchen kann. Und dieweil du dich nicht gesorgt hast bis zur Stunde um Brot und Verdienst, so sollst du aber nun denn bei mir ein wahres, bestes und bleibendstes Brot und Verdienst bekommen! Denn für wahre Künstler und für wahre Gelehrte und Weise habe ich als König stets der Stellen und des damit verbundenen Brotes und Verdienstes in Menge.‘ – Da hast du nun die handgreifliche Erklärung deines Einwurfs.“
GEJ|5|160|1|1|160. — Der egoistische Streber nach der Wiedergeburt
GEJ|5|160|1|0|(Der Herr:) „Das ausschließliche Streben nach dem Reiche Gottes setzt die größte Tätigkeit voraus. Hat dann ein wahrer Jünger sich dasselbe vollends zu eigen gemacht, so wird sich schon auch jener König finden, der das wahre Verdienst auch wahrhaft belohnen wird, und so bleibt es durch alle die guten Sphären des menschlichen Lebens wahr, daß – wo immer und in was immer ein Mensch das Gute und das Wahre des Guten und Wahren selbst wegen tut und darin nach der wahren Vollendung streben wird – ihm die gerechte Anerkennung und das Verdienst von selbst hinzukommen wird und muß.
GEJ|5|160|2|0|Es ist zum Exempel ein Mensch, dem es daran liegt, nach dieser Meiner Lehre zu erreichen die Wiedergeburt des Geistes, die wahrlich für niemanden unterm Wege verbleiben wird, der wahrhaft mit allem Eifer und gerechter Liebe ihr nachgestrebt hat. Dieser Exempelmensch weiß es, daß die Liebe zu Gott und zum Nächsten dazu der einzige und alleinige Weg ist. Er hält nun alle Gebote Gottes streng, liebt in seinem Herzen nach Möglichkeit Gott, erweist allen nach seinen guten Kräften nur Gutes und unterstützt die Armut reichlich, und wo er einen wahrhaft Gottesweisen weiß, begibt er sich zu ihm, unterstützt ihn reichlich und macht sich ihn zum Freunde.
GEJ|5|160|3|0|Er tut das jahrelang; aber die verheißene und täglich mehr angehoffte, verlangte Wiedergeburt des Geistes erfolgt dennoch nicht. Er merkt wohl hie und da lichte Momente, aber es sind das nur Blitze, deren Leuchten keinen Bestand fassen will. Da spricht der jahrelang eifrige Bewerber um des Geistes Wiedergeburt: ,Nun fange ich aber an, die ganze Sache von der Wiedergeburt des Geistes für eine reine Fabel zu halten! Zwanzig volle Jahre habe ich nun bis zur Stunde alles getan, was nur immer die Lehre von mir verlangte, und dennoch stehe ich auf demselben Flecke, auf dem ich angefangen habe, danach zu leben und zu streben! Zu erreichen ist dabei der erfahrlichen Wahrheit gemäß nichts; also ist es am allergescheitesten, ich lebe als ein ordentlicher Mensch wieder weltlich fort und ziehe mich von allen den trüglichen geistigen Konnexionen (Verbindungen, Beziehungen) zurück!‘
GEJ|5|160|4|0|Nun kommt hier die Hauptfrage: Ja, warum konnte denn dieser recht ehrlich strebende Mensch nicht zur Wiedergeburt des Geistes gelangen? – Eben darum, weil er alles Gute nur darum tat, um sie zu erreichen!
GEJ|5|160|5|0|Wer Gott und den Nächsten eines anderen Motives wegen als Gott um Gottes und den Nächsten um des Nächsten willen liebt, der kommt nicht zur völligen Wiedergeburt, weil diese ein allerunmittelbarster Verband zwischen Gott und dem Menschen ist.
GEJ|5|160|6|0|Durch ein solches Motiv setzt der Mensch stets eine wenn auch noch so dünne, aber dennoch das geistige Licht nicht durchlassende Scheidewand zwischen sich und Gott und kann darum nicht völlig eins werden mit dem Geiste Gottes. Solange aber diese Einung nicht vor sich geht, kann von der völligen Wiedergeburt keine Rede sein.
GEJ|5|160|7|0|Ich sage es dir: Es muß aus der Seele jede Art irgendeines Eigennutzes weichen, und der Mensch muß als vollkommen frei dastehen, sodann erst kann er das Höchste erreichen! – Und nun sage du Mir, ob dir die Sache nun klar ist!“
GEJ|5|160|8|0|Sagt Cyrenius: „Ja, nun bin ich auch darin ganz hellsehend in der Ordnung! Ja, zwischen Tun und Tun eines und desselben ist wahrlich ein ungeheurer Unterschied! Wenn man es aber weiß, dann kann man schon auch vollends recht tun, so man dazu nur den festen Willen hat, und an dem kann es wahrlich auch nicht fehlen bei einem Menschen, der den hellen und allein wahren Grund erkannt hat und den Weg, den er zu wandeln hat. Aber bis jemand eben das erkannt hat, dazu wird viel Zeit und Mühe erfordert; denn wenn man auch glaubt, die ganze Sache zu haben, so zeigt sich aber dennoch nur zu bald, daß einem noch so manches und sogar Allerwichtigstes abgegangen ist. Aber nun glaube ich, daß mir nun eben nicht gar zu viel mehr abgehen dürfte! Geht mir aber dennoch irgend etwas ab, so hoffe ich, daß Deine Liebe, o Herr, mir dasselbe zur rechten Zeit verschaffen wird.
GEJ|5|160|9|0|Aber nun kommen, wie ich sehe, unsere Pharisäer schon wieder zurück, und ihr Hauptanführer ist mit dem Markus in einem Hauptdiskurse begriffen. Bin selbst recht neugierig, welchen Effekt der tiefere Einblick in diese Deine Wunderwerke gemacht hat!“
GEJ|5|161|1|1|161. — Der Eindruck der Wunderwerke des Herrn auf die Pharisäer
GEJ|5|161|1|0|Sage Ich: „Einen außerordentlichen ganz gewiß, aber sie finden das für unmöglich, daß so etwas bloß durch eine Gott ähnliche Willensmacht in einem Augenblicke könnte zustande gebracht werden. Sie beraten demnach nun, ob da dennoch nicht irgend ganz verborgen gehaltene natürliche Mittel seien angewendet worden.
GEJ|5|161|2|0|Und der Hauptanführer sagt darum zum schon etwas ärgerlich gewordenen Markus: ,Ja, wir waren einmal nicht dabei, und alle Hierseienden können als Einverstandene uns ganz leicht einen allergrößten Bären anhängen! Wir wissen es recht gut, wie die Essäer ihre großartigsten Wunder zustande bringen, können aber gegen den einmal breitgeschlagenen Aberglauben oder Glauben des Volkes nichts mehr ausrichten. Tausend miteinander Einverstandene können die größten Wunder zuwege bringen und zehnmal tausendmal tausend Menschen breitschlagen. Ihr könnt in diesem verborgenen und abseitigen Erdenwinkel an diesem Wunderwerke, von niemand als nur von euch selbst beobachtet, zehn Jahre gebaut haben! Als es fertig war, ludet ihr dann Fremde ein und sagtet dann verabredetermaßen, dies Gebäude hätte dieser oder jener Wundermann in einem Augenblicke werden lassen, und so den Garten und den Hafen. Und aufs ernste Zeugnis von Tausenden muß der Fremde das Wunder zu glauben anfangen, will er's oder will er's nicht. Es muß ein Wunder vor unseren Augen geschehen, – dann erst werden wir auch an dieses glauben!‘
GEJ|5|161|3|0|Sieh, so äußert sich nun der Fuchs von einem Pharisäer! Ich sagte dir das nun darum, auf daß bei seiner Hierherkunft du ihm das gleich wörtlich vorhalten kannst, was er wenigstens dreihundert Schritte von uns entfernt zu Markus geredet hat, und das wird ihn und seine Kollegen ganz entsetzlich stutzen machen, weil das als ein offenbares Wunder gegen seine Behauptung wie ein scharfes Schwert zeugen wird. Er wird zwar noch ein Wunder verlangen; aber es soll ihm kein anderes zuteil werden als dieses, daß wir ihm einige seiner ganz geheimen Sachen hier enthüllen werden, was ihn sehr betroffen machen wird. Sei darum gefaßt, Ich werde nicht reden, sondern dir alles eingeben und dich reden und verhandeln lassen! Und nun halte dich gefaßt; denn er wird nun sogleich hier sein!“
GEJ|5|161|4|0|Cyrenius macht sich nun vollends mit vielem Eifer gefaßt und freut sich, den Pharisäer so recht zu verarbeiten.
GEJ|5|161|5|0|Die Pharisäer nähern sich nun mit großehrerbietigen Mienen dem Cyrenius, und der Anführer, sich tief verneigend, sagt: „Hoher Gebieter! Wir haben alles in Augenschein genommen und konnten uns darüber nicht genug verwundern; denn da ist Pracht mit der zwecklichsten Brauchbarkeit so eng verbunden, daß man nahe geradewegs davon sagen muß: Das ist nicht mit Menschenhänden gemacht, sondern das ist erschaffen worden! Leider hat die Menschheit aus gar keiner Zeitperiode irgendein Beispiel, daß je irgend auf der ganzen bis jetzt bekannten Erde so etwas stattgefunden hat. Zudem sind in dieser unserer Zeit die Menschen namentlich in der Baukunst zu weit vorgeschritten, als daß man es ihnen nicht zumuten sollte, auch so ein wahres Baukunstwerk herzustellen. Seit das Wunderland Ägypten vielfach seiner Baukunstwerke wegen bis tief nach Nubien den Griechen und Römern bekannt sein soll, ist es eben kein zu außerordentliches Wunder, wenn sie auch mit ihren vereinten Kräften so etwas zustande brächten. Denn ob das alles, was da zu sehen ist, wirklich in einem Augenblick oder dennoch zeitweilig entstanden ist, ist immerhin auch eine Frage, die sich stellen und anhören läßt. Denn gar vieles können viele vielerfahrene Menschen zustande bringen und mit mächtig gewappneter Hand sagen: ,Dies und jenes ist so und so geworden!‘ Und die kleinen, ohnmächtigen und schwachen Menschen müssen es dann glauben, weil ein zu lauter Widerspruch ihnen sehr bedeutende Unannehmlichkeiten unfehlbar bereiten würde.
GEJ|5|161|6|0|Sehen wir die feinen Essäer an! Da gibt es rein gar nichts mehr, was sie nicht zu machen imstande wären. Man sage es nur, daß das alles kein Wunder ist, sondern alles auf dem natürlichsten Wege zustande gebracht wird, und man wird bald einen Bescheid bekommen, der einem wahrlich keine Freude machen wird! Ich will aber damit freilich nicht sagen, daß es also auch hier der gleiche Fall sei, obwohl er mit jenen essäerischen Wundern eine sehr bedeutende Ähnlichkeit hat. Übrigens sei ihm nun, wie ihm wolle; du hast uns dieses Werk als ein reinstes Wunder zur Betrachtung anempfohlen, und wir glauben es, weil uns der Unglaube ganz unglaublich teuer zu stehen kommen dürfte. Wenn du, hoher Gebieter, es uns befehlen würdest, an den Zeus und seine wunderbaren Göttertaten zu glauben, so würden wir's auch äußerlich sogleich völlig glauben; ob auch innerlich, das ist dann freilich wieder eine ganz andere Frage. Vergib, hoher Gebieter, mir diese meine ganz offene Sprache!“
GEJ|5|162|1|1|162. — Cyrenius enthüllt des Pharisäers Ansichten über die Wunderwerke des Herrn
GEJ|5|162|1|0|Sagt Cyrenius, ein wenig unwillig scheinend: „Hättest du ganz offen geredet, da hättest du mit mir ebenso reden sollen, wie du dort am Meere geredet hast mit dem alten Markus und mit deinen Kollegen! Wohl konntest du dein Inneres nicht ganz verbergen vor mir, und es entfiel dir so manches deiner innern Gesinnung; aber du denkst noch ganz anders in deinem Innern, wie du auch ganz anders mit dem Markus und deinen Kollegen geredet hast.
GEJ|5|162|2|0|Es wird dir freilich sehr unangenehm sein, so ich dir nun das vorsagen werde, was du gesprochen, und noch mehr, was du so ganz eigentlich gedacht hast, aber mag dir die Sache noch so unangenehm sein, so wirst du sie nun aus meinem Munde dennoch vernehmen müssen! Und so höre du samt deinen lieben Gefährten mich an!
GEJ|5|162|3|0|Als du am Meere die Schiffe und den Hafenbau bewundertest und dich der alte, biedere Markus fragte, was du nun zu all dem sagen würdest, da zucktest du bedenklich deine Achseln und sagtest: ,Da läßt sich entweder sehr viel, aber auch in einer gewissen Hinsicht sehr wenig darüber sagen. Sehr viel, so das am Ende denn doch trotz aller hohen Beteuerungen und Zeugenschaften kein Wunder, sondern ein ganz natürliches Werk ist; und natürlich sehr wenig oder auch gar nichts, wenn alles das dennoch im Ernste ein Wunderwerk sein sollte! Daß ich und meine sämtlichen Gefährten das aber trotz all der hohen Versicherungen nicht als ein Wunderwerk annehmen können, mag ein jeder denkende Mensch daraus handgreiflich ersehen, daß eben wir selbst dabei nicht Zeugen waren und diese Gegend seit gut zehn Jahren nicht mehr gesehen und noch weniger je irgend betreten haben. Was hat seit der Zeit in diesem abgelegenen Winkel durch die Staatsklugheit der Römer alles geschehen können! Durch Spione wußte man, daß wir in diesem Lande eine Bewegung machen, um zu erforschen, was da alles wider uns unternommen wird, und auch, um auszukundschaften die Personen, die gegen uns in der tätigsten Bewegung sind. Man wußte sicher, daß wir am Galiläischen Meere uns befinden, sandte Lotsen nach uns aus und zog uns hierher, wo ein Hauptlager der Römer aufgeschlagen ist.
GEJ|5|162|4|0|Daß uns das sehr überraschen mußte, wird hoffentlich wohl sehr leicht begreiflich sein, so man bedenkt, daß die Römer durchwegs keinen Scherz verstehen und irgend Ernstes mit ihnen nicht auszurichten ist. Wir merken es schon seit einer geraumen Zeit, daß die Römer uns nur kaum so halbwegs hin dulden des Volkes wegen, im geheimen aber den Essäern allen Vorschub leisten, die sich natürlich das größte Vergnügen daraus machen, uns nach allen Seiten hin zu untergraben. Wir kennen die Blindfechtereien der Essäer und wissen um ihre Wunderbetrügereien; aber wir dürfen uns nicht rühren und müssen uns Dinge gefallen lassen, die schnurgerade wider unsere Religionsinstitutionen sind, wie zum Beispiel die Volkszählung, die personale Besteuerung und die Einführung der Zölle und Wegmauten. Und obwohl es in ihrem Kodex heiße, die Kinder Abrahams wären im Lande frei, so wird aber darauf dennoch keine Rücksicht genommen, und die Kinder Abrahams werden vor den Mautschranken ebensogut angehalten wie die Fremden.
GEJ|5|162|5|0|Sogar wir Priester müssen den Mautstater bezahlen, die wir doch von Moses von jeglicher Zahlung freigesprochen sind und selbst das Recht haben, den Zehent zu nehmen von den Kindern Abrahams, Isaaks und Jakobs, dieweil wir nie einen Grund und Boden haben dürfen! Die Essäer, als unsere entschiedensten Feinde, aber sind allenthalben frei und dürfen weder irgendeinen Tribut und noch weniger irgendeine Wegmaut bezahlen! Nun, wer daraus die entschiedenste Antipathie der Römer gegen uns nicht herausfinden sollte, der müßte wahrlich mit der siebenfachen Blindheit geschlagen sein! Da wir also bei der Oberherrschaft Roms durchwegs keine Freunde mehr haben und keine Macht, um diese allerdrückendste Last abzuschütteln, so bleibt uns am Ende ja doch nichts übrig, als uns gleich den zertretenen Würmern zu rühren und zu suchen, uns so viel, als einigermaßen Rechtens nur immer möglich ist, vor den zu deutlich signierten Feinden unseres Institutes zu verwahren und wo möglich sie zum Schweigen zu bringen.
GEJ|5|162|6|0|Der fragliche Nazaräer, offen ein ganz wohlbestellter Schüler aus der geheimen Schule der Essäer, ist uns nur zu wohl bekannt ein Hauptwidersacher unseres Kollegiums und ein entschiedener Gegner des Tempels, – zudem der Sohn eines Baumeisters. Er hat uns schon eine Menge Kollegen, die hie und da in Galiläa exponiert waren, total abtrünnig gemacht, teils durch die Macht seiner Rede, und noch mehr durch seine verkappten Wunder, – vom Volke gar nicht zu reden, das ihm heerweise nachrennen soll. Es wird demnach von einem vernünftigen Menschen wohl gar nicht zu verwundern sein, so wir uns endlich auf die Beine stellen und danach zu trachten beginnen, wie solch einem Elende für uns Einhalt zu machen wäre.
GEJ|5|162|7|0|Man hat uns selbst hier Fallen gelegt, um auch uns durch Gewalt oder durch List von der Sache des Tempels loszumachen, und zeigt uns zu dem Behufe ein Wunder des Augenblicks, zu dessen Herstellung man aber im geheimen ganz gut etliche Jahre hat verwenden können, und sucht uns damit nun zu übertölpeln; da wir aber auch Leute von so manchen Erfahrungen sind, so wird das ernstlich etwas schwer herhalten! Vor dem blinden Volke ist leicht Wunder wirken, – aber sehr schwer vor einem scharfsehenden Pharisäer! Wir wissen, was wir sind, und was die Welt ist, und wie sie allenthalben zu ihrem Vorteil mittels allerlei Mitteln zu handeln versteht, und sagen darum: Dies Badhaus samt den überaus herrlich eingerichteten Gärten und diesem Hafen macht den Herren Römern als Non- plus-ultra- Architekten auch so alle Ehre, ohne von uns als ein Wunderwerk des Augenblicks angesehen zu werden!‘“
GEJ|5|163|1|1|163. — Der materialistische Glaube des Pharisäeranführers
GEJ|5|163|1|0|(Cyrenius:) „Hier suchte dich Markus durch seine aufrichtigsten Beteuerungen von deiner vagen Idee abzubringen; du aber sagtest zu ihm ganz freundlich lächelnd, ihm dabei auf die Achsel klopfend: ,Ja, ja, lieber Freund, ich verarge es dir ja nicht, daß du also sprichst; denn fürs erste bist du selbst ein ausgepickter, altfeiner Römer, und fürs zweite ist ein gewisses Muß da, dem dawider zu reden und zu handeln sehr unratsam wäre! Daher bleibe du nur bei dem, bei dem du zu deinem großen Vorteile zu bleiben hast; wir aber bleiben vorderhand noch immer bei dem, was uns einen sichern Vorteil abwirft, und werden dem erst dann völlig ungetreu, wenn uns anderseitige größere Vorteile für bleibend angeboten werden! Versessen sind wir auf unsere Sache, die schon sehr in allerlei Mißkredit geraten ist, gerade nicht; wenn uns aber anderseitige größere Vorteile – wie gesagt – für bleibend geboten werden, dann können auch wir ebensogut, wie es uns bekanntermaßen schon viele unserer Kollegen dem Tempel gegenüber treulos getan haben, unserem alten, morschgewordenen Institute den Rücken kehren und, so es sein muß, auch mit vielen andern den Zimmermeister aus Nazareth als einen Gott anbeten!
GEJ|5|163|2|0|Aber wir benötigen dazu wahrlich keiner Wunder, sondern allein reeller irdischer Vorteile, und sind dann aber auch für alles zu haben und zu gebrauchen, und das um so mehr, weil wir als welterfahrene Menschen es nur zu gut und zu klar aus zahllosen Erfahrungen wissen, was man im Grunde des Grundes von jeder Gotteslehre zu halten hat. Wunderwerke sind ein altes Mittel, die unerfahrenen Kinder der Erde breitzuschlagen. Warum sollen sie in dieser Zeit, in der es der Blinden noch eine übergroße Menge gibt, außer Wert gekommen sein, besonders, so sie auf eine feinere Weise als im Altertume betrieben werden, und noch mehr besonders, wenn die höchsten Machthaber daran sich sicher nicht ohne geheimst gehaltene Gründe beteiligen?! Denn eine recht festest innegehaltene Gotteslehre ist für die Regenten ja stets mehr wert als zehntausend der größten Festungskerker und zwanzigtausend Legionen der tapfersten Krieger.
GEJ|5|163|3|0|Die gutkonstruierten Gotteslehren beleben die blinden Menschen zur Tätigkeit, durch die ein Staat und dessen Regent erst recht reich und mächtig werden kann, während die vielen Kerker und die scharfen Schwerter alle Menschen, die sie treffen, untätig machen müssen. Nachdem sich also ein in einem Staatsverbande lebender Mensch zu einer Götterlehre aus staatsklugen Gründen bekennen muß – so er kein Narr und kein Feind seiner selbst ist –, so ist es wohl am Ende ganz gleichgültig, ob man einen Jehova, einen Zeus oder gar den Zimmermann von Nazareth als Gott anbetet; denn die besseren Gesetze geben die Machthaber ja immer unter dem bleibenden Titel ,Gottes Gebote‘ heraus! Sie für sich können dann noch tun, was sie wollen, und stellen sich im Notfalle auch gleich über alle die schönen Göttergebote.
GEJ|5|163|4|0|Kann ich mit meinem Gottesbekenntnis einen vorteilhaften Tausch machen, so tausche ich, wie jeder von uns, gleich; soll uns aber in der noch leidlich vorteilhaften Sphäre, in der wir uns jetzt befinden, etwas ohne Entgelt entzogen werden, – ah, da werden wir uns auch mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln zur Wehr zu stellen wissen! Denn es handelt sich da ums Sein oder Nichtsein.
GEJ|5|163|5|0|Sind wir mit unserer Einrichtung der Regierung von keinem besondern Nutzen mehr, so entschädige sie uns aber entsprechend, und wir schauen den ganzen Tempelplunder sicher nimmer an! Es wird uns dann wenig kümmern, was der Kaiser aus dem Tempel machen wird. Für die Essäer wäre er ganz gut zu gebrauchen. Sie könnten ihn leicht mit ihren neuen, indischen Wundern zu einer zehnfach größeren Rente umgestalten! Wir verstehen uns ohnehin nicht mehr so recht darauf und werden von den Essäern ohnemaßen allenthalben jedes schmählichsten Betruges verdächtigt. Wo aber ein theokratisches Institut einmal durch und durch von einer andern Partei in seinen Mysterien verdächtigt wird, da hat sich an seinem noch so festen Gemäuer auch schon der fressende Krebs angesetzt, der es, wenn auch langsam, aber nach und nach dennoch sicher zerstören und zugrunde richten wird und muß.
GEJ|5|163|6|0|Ein solches Institut gleicht einem Menschen, der ein Magier ist. Es darf nur ein zweiter, neidischer Magier kommen und nur einigen helleren Köpfen in die Ohren raunen: ,So und so übt der betrügerische Magier seine Künste aus!‘ und ihnen dann aber auch praktisch zeigen, daß seine Verdächtigung eine reelle ist, – und der verratene Magier kann sich aber auch schon bald aus dem Staube machen, bevor noch die Sache allgemein ruchbar wird, sonst kann es ihm übel ergehen! Wohl ihm, wenn er irgendeinen Mächtigen zum Beschützer hat! Ohne den ist er in wenigen Tagen mit aller seiner Zauberei fertig und kann bei noch sehr günstigen Umständen am Hungertuche zu nagen anfangen. Er wird sich natürlich auch solange als möglich wehren – aber retten vom Zugrundegehen nimmer!
GEJ|5|163|7|0|Denn was einmal verdächtigt ist, das kommt auf kein grünes Plätzchen mehr, was aber auch ganz natürlich ist; denn ein Magier kann seine Stücke nur mit natürlichen Mitteln zustande bringen, in welcher Art sie aber dann auch notwendig als völlig wertlos erscheinen müssen und zu schlecht sind, als daß an ihnen ein allerbarster Narr ein Vergnügen finden sollte, und natürlich noch weniger ein weiser Mensch. Derjenige aber, dem der effektive Grund nicht bekannt ist und auch nicht bekannt sein kann, der muß sie als reine Wunder ansehen und staunen und zahlen; denn er muß es sich selbst eingestehen, daß es dabei nach seinen Begriffen nicht mit natürlichen Dingen zugehen kann. Wird er aber dann von jemand Kundigem überwiesen, daß sein angestauntes Wunder, das er so teuer als etwas Außerordentliches bezahlt hatte, dennoch ganz auf dem allernatürlichsten Wege zustande gebracht ward, dann hat für ihn der frühere Magier aufgehört, ein Wundermann zu sein, und steht nun als ein ganz gemeiner Betrüger vor seinen früheren Bewunderern. Kann der sich je vor dem früheren Gönner reinwaschen? Ich sage: Nein und nimmer! Aus ist es mit ihm für alle Zeiten!
GEJ|5|163|8|0|Und da ein theosophisch-theokratisches Institut im Grunde nichts anderes als eine wohlkonditionierte Zauberei ist, umhüllt mit allerlei mystischer, aber in sich gar nichts sagender Zeremonie und einer Legion von allerlei weisen Sprüchen, Lehren und Gesetzen, so steht ihm auch dasselbe dekretative (bestimmte) Los unvermeidsam bevor, das ein jeder etwas flau gewordene Magier alle Tage für sich zu gewärtigen hat. Aus dem aber wirst du, mein alter Freund Markus, leicht den reinen Grund einsehen, aus dem mir für meine Person jede wohlbestellte Götterkunde ganz einerlei ist, so ich in ihr die besseren Lebensvorteile ersehe; aber so diese nicht evident (augenscheinlich) in den Vordergrund treten wollen, wie es hier der Fall zu sein scheint, da kann mir's doch niemand verargen, wenn ich mit aller Kraft und Klugheit mein Institut so lange verteidige, als es mir eine gute Existenz bietet. Daß die Verteidigung nur in den Grenzen des bescheiden Möglichen verbleiben muß, davon wird der Grund im Angesichte der allermächtigsten Römer dir hoffentlich nicht schwer begreiflich sein. Ich meine nun auch, daß du mir diese Geschichten da im Ernste nicht mehr als ein reines Wunder wirst aufbürden wollen?!
GEJ|5|163|9|0|Ah, kannst du mir aber dafür, wenn ich dir's glaube und dir sehr schmeichle, entschiedene Vorteile bieten, dann kannst du zu mir sagen: ,Siehe, jener Nazaräer hat nicht nur dies alles, sondern auch dies Meer mit allen seinen Fischen bloß durch seinen Willen urplötzlich ins Dasein gerufen, und überhaupt diese ganze Erde erst vor zwei Jahren erschaffen!‘ – und ich werde es dir glauben! Was ich dir damit sagen will, wirst du auch ohne alle nähere Erörterung sicher ganz wohl verstanden haben.‘“
GEJ|5|164|1|1|164. — Die Religionsphilosophie des Pharisäers
GEJ|5|164|1|0|(Cyrenius:) „Da sagte Markus zu dir: ,Freund, ich ersehe aus dieser deiner langen Rede, daß du eines schon überaus verhärteten Herzens bist und dir schwer zu raten und zu helfen sein wird! Denn so ein Mensch nicht mehr den größten Wahrheitsautoritäten einen reellen Glauben schenken kann und alles auf der Erde für einen Betrug hält und erklärt, dann hat bei ihm alles aufgehört, was ihm auf dem Lebenswege zu einer besseren Leuchte hätte dienen können! Sage mir, oder denke es bei dir selbst: Welchen Nutzen hätten wir, so wir dich in ein besseres Licht setzten? Wir haben Schätze der kolossalsten Art in einer unbeschreibbaren Menge; am Golde, Silber und an den kostbarsten Edelsteinen hat es bei uns keinen Mangel; also sind auch unsere Kammern voll Getreides und die Keller voll des edelsten Rebensaftes, wie ihr schon wunderbarerweise einen verkostet habt, – wovon ihr nun nichts mehr zu wissen scheint! Wir haben von euch also gar nichts zu gewinnen vonnöten und reden als selbst durch und durch erstaunte Zeugen unmöglich etwas anderes als die reinste Wahrheit! Warum wollt ihr denn uns nicht glauben?
GEJ|5|164|2|0|Sieh, es hält dich und deine Gefährten allein der allerverächtlichste Eigennutz ab, demzuliebe ihr euch sogar zu den größten menschlichen Scheusalen gebrauchen ließet nach deinen Worten: ,Um einen bleibend größeren Lebensvorteil sind wir für alles zu gebrauchen!‘ Also auch zum Morden und Rauben? Nein, ich muß es sagen: Wahrlich, dein offenes Bekenntnis ist gar nicht übel und ganz geeignet, selbst einem ärgsten Teufel in seiner Art die größte Ehre zu machen! Und solche Menschen sind Volkslehrer und -erzieher! Nun, da wird es etwa doch für jeden nur einigermaßen menschlicheren Denker leicht begreiflich sein, warum wir wahrheitssuchende und – liebende Römer eurem Institute stets mehr und mehr abgeneigt und stets feindlicher gesinnt werden müssen. Was soll bei solch einer Erziehungsweise in kurzer Zeit aus der Menschheit, die unter euch steht, werden? Ja, ja, Freund, es ist die höchste Zeit, eurem argen Getriebe einmal ganz gehörige Schranken zu setzen, – sonst versinkt ehestens ganz Judenland in den Schlamm des Todes!‘
GEJ|5|164|3|0|Auf diese sehr triftige Bemerkung des alten, biedern Markus aber sagtest du für weiterhin eine Weile gar nichts, – dachtest aber bei dir also: ,Verdammt! Jetzt habe ich mich schon verbrannt! Das ist's mit der lumpigen Wahrheit! Solange man lügt wie ein Bär, kommt man überall gut durch die Welt; aber nur ein wahres Wort unter eine sonst recht wohlbestellte Lüge gemengt, – und die Hyäne sitzt einem schon im Genicke! Was tue ich aber nun, um diesem Römer seine Schärfe zu benehmen? Ich werde mir nun wie ein Chamäleon gleich eine andere Färbung geben, und es soll da schon mit allen Teufeln hergehen, so ich den alten römischen Fuchs nicht zu einer besseren Überzeugung von uns bringe, ansonst uns diese dumme Plauderei in die größten Verlegenheiten stürzen kann! Er werde nun von mir mit der ehrlichsten Miene von der Welt allerarmdickst kreuz und quer angelogen, und ich wette, daß er uns als seine neugewonnenen Freunde allerfreundlichst begrüßen wird! Aber es fragt sich nun nur, – wie ihm wieder ins Wort fallen?! Schwer soll's eben nicht werden; denn auch er scheint nachzudenken, wie er uns mit noch triftigeren Beweisen für seine Sache etwa gewinnen und umgestalten könnte!‘
GEJ|5|164|4|0|Sieh, das waren deine Gedanken im Hafen, und zwar auf einem der fünf großen und neuen Schiffe! Bald faßtest du Mut und sagtest zum Markus: ,Du scheinst grämlich zu sein ob meiner ehemaligen Äußerungen! Sieh, wollte ich unehrlich und dabei fuchsartig klug sein, da hätte ich offenbar nicht von der Leber weg mit dir gesprochen und mich dir auch nicht also gezeigt, wie ich eigentlich denke und in meinem Innern auch eben also bin! Denn wir Pharisäer verstehen uns sehr wohl darauf, den Mantel nach dem Winde zu kehren; aber da du nach unserem Merken und nach deinem vielleicht noch von deinen Kinderjahren her etwas beschränkten Erkennen es dennoch ehrlich mit uns meintest, so wäre es denn doch wahrlich zu schmählich, wenn ich vor dir mich in Gott weiß was für einer frommen und gläubigen Maske gezeigt hätte! Wäre es uns denn etwa ein Schweres gewesen, dem Scheine nach alles aufs Wort zu glauben, was du uns von dem Nazaräer ausgesagt hast? Sieh, du wärest damit zufrieden gewesen und hättest uns dann also dem Cyrenius als völlig bekehrte Menschen vorgeführt! Allein, eine Ehrlichkeit fordert die andere; ich redete darum ganz von der Leber weg, und es blieb dir von meinem innern Denken und Urteilen nicht ein Jota verschwiegen.
GEJ|5|164|5|0|Dinge, wie sie hier sollen vor sich gegangen sein, zu glauben, ohne selbst dabei Zeuge gewesen zu sein, ist für eines Menschen geweckten Verstand wohl etwas überaus Schweres, zumal dies so einzig allein als etwas Niedagewesenes dastünde, daß man dabei alle gemachten besseren Erfahrungen rein in das Meer werfen müßte. Denn bis jetzt ist von keinem Menschen auf der ganzen bekannten Erde durch alle Zeiten hindurch etwas Ähnliches zustande gebracht worden, und die bekannten Wunder und Zauberstücke kennen wir, und auch, wie sie verübt wurden. Überall waren Menschen, die sich durch ihren Scharfsinn unter vielen Hunderttausenden ihrer Mitmenschen auszeichneten. Sie erkannten tiefer die Kräfte der großen Natur, machten sich dieselben zum Nutzen und wurden danebst erst noch hinzu als Menschen höherer Art, als Propheten oder Halbgötter, verehrt und förmlich angebetet. Solch ein Geniemensch hatte auch bald und sicher eine Menge wissensdurstiger Jünger um sich, die sich alle Mühe gaben, in die Fußstapfen ihres geistreichen Meisters zu treten. Zu seiner Zeit waren das nur Jünger, später notgedrungen selbst Lehrer und Nachmeister, die samt ihren Jüngern dem Urmeister auch nach seinem diesirdischen Ableben eine große Ehre bezeigten, und das um so mehr, als die Lehren und Werke des Urmeisters sich den Menschen stets wohltätiger erwiesen. Mit der Weile wurden aus den Nachmeistern Priester, die ihren Urmeister zu mindestens einem Halbgotte machten.
GEJ|5|164|6|0|Wir Juden machten aus solchen Ur- und Erzmeistern Propheten, und die Ägypter, Griechen und Römer ihre Halbgötter und dichteten den sicher allerehrenwertesten Urmeistern mit der Zeit übernatürliche Wundertaten hinzu, um sie dem blinden Menschentrosse leichter und bequemer als Wesen höherer Art vorzustellen und Opfer zu bekommen, die dann oft viele Jahrhunderte fortbestanden, bis wieder irgendein noch größeres Genie dem Schoße einer geweckten Mutter entschlüpfte und das lose Tun und Treiben eines Priestertums auf eine solche Art vor den Augen eines lange betrogenen Volkes enthüllte, daß dasselbe ohne weiteres zu der ungezweifelten Ansicht gelangen mußte, daß es kreuz und quer betrogen ist, und daß seine Priester und gleichsam Gottesdiener als die allerderbsten Tagediebe und Menschenbetrüger dastehen, die die wahren Lehren ihres Urmeisters entweder selbst kaum mehr in der ursprünglichen Reinheit kennen oder selbst das, was sie noch davon kennen, aus staatsklugen Gründen den armen, trost- und wissensdurstigen Menschen vorenthalten, sie also statt mit Gold und Perlen mit allem möglichen Unrate füttern.
GEJ|5|164|7|0|Ja, wenn ein solcher neuer Großmeister dem Volke, das ohnehin schon vielfach mißtrauisch gegen seine Priester geworden ist, die Augen eben nicht zu schwer öffnet, so sind die alten Priester so gut wie fertig und können sich nur durch allerlei politische Gewaltgriffe und – kniffe eine Zeitlang halten; aber in den Gemütern des Volkes sind sie so gut wie vollauf gestorben. Das droht uns nun auch sehr. Der Großmeister ist bereits in die für uns traurige Wirksamkeit getreten, und Tausende kehren uns für immer den Rücken. Daß uns, über die der Sturm sich erhoben hat, das durchaus nicht gleichgültig sein kann, wirst du sicher einsehen, und auch, daß wir bemüht sein müssen, noch zu retten, was zu retten ist. Und es wäre sonach wahrlich seltsam von dir, sonst einem so biedern Manne, wenn du uns darum gram werden wolltest, so wir mit dir einige ganz entschleierte Worte gewechselt haben, da es uns doch auch ganz freigestanden wäre, dich so dick als möglich zu hintergehen!‘“
GEJ|5|165|1|1|165. — Des Markus Rede über den Glauben und den Unglauben
GEJ|5|165|1|0|(Cyrenius:) „Hierauf sagte Markus schon im Hergehen: ,Von gram sein ist da keine Rede; aber gefallen kann es mir von euch auch nicht, so ihr es mir ganz trocken beweisen wollt, daß ich nur, um euern Sturz zu fördern, mir ein Vergnügen daraus mache, euch mit diesen Wunderdingen einen bergdicken Bären anzuhängen. Ich bin kein Lügner und kein Betrüger, sondern – mehr, denn ihr es je waret – ein größter Freund der getreuesten Wahrheit. Was wohl hätte ich davon, so ich euch einen Bären anhängte?! Daß ihr das schwer glauben werdet, trotzdem es der allerstrengsten Wahrheit nach sich also verhält, das wußte ich wohl zum voraus; denn ich kenne ja so manche Tugenden der Pharisäer, und darunter auch die ihres totalen Unglaubens in allen göttlichen Dingen.
GEJ|5|165|2|0|Wie sollte auch bei Menschen der allergröbst materiellen Art, deren inneres Seelenauge schon lange am allerdicksten Stare leidet, ein Glaube sich vorfinden?! Und doch ist der Glaube das Auge der Seele, durch das sie die geistigen Bilder in sich aufnimmt und nach und nach erst über ihren Wert und Zweck in ihrem Geiste zu urteilen anfängt, in gleicher Weise wie auch das Fleischauge die Bilder der Außenwelt erst aufnimmt und sich zuerst kein Urteil über den Wert und Zweck des Geschauten machen kann, was oft erst lange nachher durch den erwachten göttlichen Geist im Herzen der Seele geschieht. Aber ein Stockblinder, dessen Auge zur dicksten finstern Materie geworden ist, empfängt keine Bilder von der Außenwelt, bringt somit seiner Seele nichts zur Beurteilung und kann kein Urteil über den Wert und Zweck der Farben abgeben, weiß nichts vom Schatten und vom Lichte und noch weniger von den Formen der Dinge.
GEJ|5|165|3|0|Wer sonach nicht glauben kann, der hat eine blinde Seele, die er durch seine vielen Sünden geblendet hat! Und das ist nun, wie auch schon lange, bei allen Pharisäern der Fall. Daher können sie auch nichts glauben, als was sie mit den Händen greifen, wie ein fleischlich Blinder sich von der Form einer Sache nur durch Betasten irgendeinen immerhin schlechten Begriff schaffen kann.
GEJ|5|165|4|0|Aus dem Gesagten könnet ihr wohl abnehmen, wie ich zum voraus wissen konnte, daß ihr in eurer Seelenstockblindheit das schwer glauben werdet, was ihr gesehen und darüber gehört habt. Aber ich dachte mir, daß die Blinden einem sehenden Führer mehr Vertrauen schenken würden, weil sie eines Führers gar sehr bedürftig sind. Aber ihr nennt euch als Stockblinde sehend und haltet mich – wennschon nicht gerade für blind, so doch, was weit ärger ist, für schlecht. Und das ist es eben, was mir an euch durchaus nicht gefällt und zeigt, daß eben euer Herz ein recht schlechtes sein muß und ihr selbst die größten Betrüger sein müsset, weil ihr durchwegs kein wie immer geartetes Vertrauen mehr selbst zu einem allerehrlichsten Menschen fassen könnet.
GEJ|5|165|5|0|Daß man derlei Menschen unmöglich ganz besonders gut sein kann, das werdet ihr hoffentlich einsehen; denn solche Menschen mißbrauchen allzeit die Güte derer, die ihnen etwas unbesonnenermaßen oft über die Gebühr gut sind. – Nun gehet aber wieder zum Oberstatthalter hin und besprechet euch mit ihm über das, was ihr gesehen und gehört habt!‘
GEJ|5|165|6|0|Da sagtest du zum Markus: ,O Freund, da wird es uns schlecht ergehen! Der wird den festen Glauben von uns verlangen; und doch ist es wahrlich unmöglich, das zu glauben, daß das alles, was wir nun geschaut haben, bloß nur Augenblickswerk des puren Nazaräerwillens ist, und doch haben wir hie und da noch an den behauenen Steinen die deutlichen Spuren des Meißels wahrgenommen! Das ist ja doch etwas Ungeheures, so wir so etwas auf Leben und Tod zu glauben genötigt sein werden!‘
GEJ|5|165|7|0|Sagte darauf der Markus: ,Hier wird niemand genötigt! Aber ich glaube, daß ihr durch ein anderes Zeichen frei von selbst auch das glauben werdet! Wir sind nun wieder bei der erhabenen Gesellschaft. Gehet nun denn hin zum Cyrenius, der wird das Weitere mit euch verhandeln!‘“
GEJ|5|166|1|1|166. — Der Pharisäer Bekehrung
GEJ|5|166|1|0|(Cyrenius:) „Nun, mein Freund, kannst du mir auch das ableugnen, daß du zuvor mit dem alten Markus dich wortgetreu also besprochen hast und bei dir selbst auch also gedacht, aber darauf doch ganz anders notgedrungen geredet hast?! Was ist nun dein Wort und deine Meinung?“
GEJ|5|166|2|0|Hier steht der Pharisäer wie versteinert dem Cyrenius gegenüber und weiß ihm mit keiner Silbe zu antworten.
GEJ|5|166|3|0|Hinter ihm aber steht Markus und sagt zu ihm: „Nun, du hochweiser Naturphilosoph, möchtest du mir dieses Wunder nicht auch auf eine ganz natürliche Weise erklären? Ich wäre wahrlich sehr neugierig, so etwas von dir zu vernehmen, was etwa die staatsklugen Römer hier für eine geheime List angewendet haben, um sich sogar deiner geheimsten Gedanken zu bemächtigen!“
GEJ|5|166|4|0|Nach einer kleinen Weile sagte endlich der Pharisäer: „Ja, da geht es wahrlich nicht mit natürlichen Dingen zu! Ich wollte von dem, was ich offen zu Markus im Hafen gesprochen habe, nichts reden – denn es könnte ja jemand ein so scharfes Gehör besitzen, von noch weiter her unser Gespräch zu vernehmen –; aber auch das zu vernehmen, was ich in mir allergeheimst gedacht habe, das übersteigt den Horizont alles noch so tiefen menschlichen Wissens! Das ist ein Wunder; wo aber ein Wunder der höchsten Art möglich ist, da ist dann schon auch die Möglichkeit für alles andere vorhanden, und ich fange nun schon auch im Ernste an zu glauben, daß dies herrliche Haus auf eine wunderbare Weise entstanden ist! Mehr kann ich nun nicht sagen. Wenn aber das alles durch die Macht des berühmten Nazaräers geschah und noch geschieht, da muß er offenbar ein höheres Wesen sein, ein Gott im vollsten Ernste, dem alle Geister der Luft, der Erde, des Wassers und des Feuers alleruntertänigst gehorchen, und keine Menschenmacht kann sich ihm da widersetzen.
GEJ|5|166|5|0|Aber wir Pharisäer sind fertig und werden jüngst nichts anderes mehr zu tun haben, als uns ins Grab zu legen und darin gleich einem Tiere zu verenden! Was sollen wir mit unserem alten Betrugskrame, wo solche hierortige Wahrheiten allseits gleich Bergen sich über uns aufzutürmen anfangen? Wie das Wild der Wälder werden wir gehetzt und verfolgt werden und zugrunde gehen im Schlamme unserer Nacht und Finsternis! Allein, es kam also, und wir können nicht darum, daß auf dieser lieben Erde stets Nächte und Tage miteinander abwechseln. Wie der Tag die Nacht verzehrt, ebenso verzehrt dann wieder die Nacht den Tag, und bald folgt auf eine lange Nacht ein nur ganz kurzer und kalter Tag, – und bald wieder umgekehrt. Auf den Winter folgt der Sommer, und auf den wieder der Winter; es ist auf der lieben Erde alles einem beständigen Wechsel unterworfen. Wer heute lacht, kann morgen trauern, weinen und wehklagen!
GEJ|5|166|6|0|Es ist einmal also und wird nie anders auf dieser Erde werden. Hat ein Mensch lange etwas noch so Herrliches, Gutes und Erhabenes, so wird es ihm am Ende so gleichgültig, als nur immer einem etwas gleichgültig werden kann, das man lange in Hülle und Fülle besessen hat. Verliert man aber endlich den lange innegehabten Besitz, dann weiß man erst, was man besaß, und lernt den Wert desselben schätzen.
GEJ|5|166|7|0|Wir Menschen sind dumm und begreifen noch immer nicht, wie und warum das alles so kommt und ist, und sind darum auch nie mit etwas vollkommen zufrieden, mit dem Guten nicht – und mit dem Schlechten noch weniger! Das Grab scheint mir ein wahrer Glückshafen zu sein; in ihm verändert sich nahezu nichts mehr, und sein Bewohner fühlt kein Bedürfnis mehr nach was immer, und so bleibt für uns Erdenwürmer doch noch bei all den tausend Verlusten der Trost, daß auch wir jüngst ganz zufriedene Bewohner der Gräber werden, und die an unseren Grabstätten Vorübergehenden werden sagen: ,Hier ruhen sie im Frieden!‘
GEJ|5|166|8|0|Ja, es ist hier, wie ich's sehe, fühle und glaube, ein großes und noch nie dagewesenes Licht; aber die ebenso große Nacht, die solchem Lichte folgen wird, wird nicht ausbleiben! Wohl denen, die an diesem Tage sich sonnen können; aber desto mehr wehe denen, die von der auf diesen Tag folgenden Nacht ereilet werden! Sie werden ein großes Geschrei nach Licht erheben, werden dadurch wecken die Geister der Nacht und übel zugerichtet werden. Ich habe nun geredet, und euch Machthabern steht es selbstverständlich zu, mich zu richten nach eurem Willen!“
GEJ|5|166|9|0|Sagt Cyrenius: „Ich habe in deinen Reden nichts gefunden, das irgend vor einen Richterstuhl zu bringen wäre. Daß du für dein Haus geredet hast, ist eine ganz begreifliche Sache; aber du kamst hier, wennschon etwas mühsam, dennoch zu einer besseren Überzeugung und hörtest auf, ein Feind und Verfolger Dessen zu sein, den du ehedem gar gerne vernichtet hättest. Und mehr wollte ich von dir und von deinen Gefährten nicht, und somit möget ihr von hier wieder in Frieden abziehen! Wollet ihr aber mehr, so habt ihr euch auszusprechen, und es soll euch alles Billige gewährt werden!“
GEJ|5|166|10|0|Sagt der Pharisäer: „Was sollen wir nun? Wir haben daheim im Tempel einen Eid in die Hände des Hohenpriesters legen müssen, nicht eher zu ruhen und heimzukehren, als bis wir den Nazaräer völlig unschädlich gemacht haben würden. Nun, das ist nun vielfach unmöglich geworden! Erstens seid ihr mächtigen Römer, wie wir's alle nur zu deutlich vernommen haben, seine Freunde, gegen die wir nichts unternehmen können und werden; zweitens ist er selbst nach allem dem, was sich hier von seiner Macht zeigt, so unüberwindlich in allen Dingen und auf allen seinen Wegen, daß ihm keine Macht der Erde etwas anhaben kann; und drittens sind wir alle aus dem innersten Lebensgrunde seiner so unvergleichbar hohen und nie dagewesenen Eigenschaften wegen ihm selbst zu Freunden geworden, so daß bei uns von einem weiteren Verfolgen seiner Person schon von weitem her keine Rede sein kann.
GEJ|5|166|11|0|Aber was nun anfangen? Seine Jünger möchten wir am liebsten sein, damit wir den Tag, dessen Morgenröte wir hier erblickten, in seiner Fülle zu schauen bekämen und in seiner Wege Geleise treten könnten! Nun, das wird uns kaum gewährt werden! Unverrichteterdinge nach Hause kehren dürfen wir auch nicht! Was ist da hernach zu tun? Wir müssen, so wir für Magen und Haut versorgt sein wollen, dennoch gleichfort – wenigstens scheinbare Verfolger desjenigen bleiben, den wir lieber auf unseren Händen herumtragen möchten! Hier ist also ein guter Rat, wennschon teuer, aber dennoch sehr vonnöten!“
GEJ|5|166|12|0|Sagt Cyrenius: „So das euer Ernst ist, woran ich nun kaum mehr zweifle, so wird sich da bald Rat schaffen lassen. Ob ihr nun gleich Seine Jünger werden könnet, das steht offenbar bei Ihm allein und nicht bei mir. Aber da ihr, wie ich aus euren Reden entnommen habe, sonst recht kluge und erfahrene Leute seid, so kann ich selbst euch brauchen und euch bediensten, und das um so mehr, da ihr auch der griechischen und römischen Zunge mächtig seid. Ich aber habe Seine Lebenslehre in einem Buche geschrieben, aus dem ihr allen Seinen Willen erkennen könnet! Es wird sich dann schon wieder einmal eine Zeit fügen, in der ihr Seine nähere Bekanntschaft werdet machen können, und zwar in einem würdigeren Gewande denn jetzt. Der Pharisäer Röcke liebt Er nicht, weil sie mit dem schlechten und faulen Öle zur Ausübung des Betruges gesalbt sind. – Also lautet mein werktätiger Rat. Wollt ihr auf ihn eingehen, so saget es mir, und es soll euch geholfen sein!“
GEJ|5|166|13|0|Sagt der Anführer zu seinen Gefährten: „Ihr habt es vernommen so gut wie ich! Seid ihr mit diesem überaus freundlichen Antrage zufrieden, so äußert euch, da ein jeder von euch einen vollkommen freien Willen hat! Ich für meine Person habe gegen ihn nichts einzuwenden.“
GEJ|5|166|14|0|Sagen alle: „Wir auch nicht; nur, so es anständig wäre, möchten wir noch zuvor den erhabenen Nazaräer persönlich kennen lernen!“
GEJ|5|166|15|0|Sagt Cyrenius: „Diesmal nicht; aber wenn ihr einmal in Seiner Lehre näher bewandert sein werdet, dann ja! Für jetzt aber übernimmt euch mein Leibdiener; dem folget, und er wird euch mit guter Gelegenheit nach Sidon bringen, wo ihr andere Kleider und eine euren Kenntnissen gemäße Stellung bekommen werdet! Gehet und folget ihm!“
GEJ|5|166|16|0|Mit diesen Worten kam ihnen schon ein Leibdiener des Cyrenius, deren er viele hatte, entgegen, verschaffte ihnen eine gute Gelegenheit und reiste mit ihnen selbst gleich nach Sidon ab.
GEJ|5|167|1|1|167. — Des Herrn Abschiedsstunde bei Markus
GEJ|5|167|1|0|Als diese Sache so schnell als möglich geschlichtet war, fragt Mich Cyrenius, ob er wohl vollkommen Meinem in sich wahrgenommenen Willen gemäß gehandelt habe.
GEJ|5|167|2|0|Sage Ich: „Ja, ganz vollkommen! Mich zu sehen und zu sprechen aber waren sie dennoch bei weitem nicht reif zur Genüge! Wann sie aber wohl reif werden, das wird dir Mein Raphael anzeigen, so wie auch Josoe.
GEJ|5|167|3|0|Es naht aber nun auch die Stunde Meines Abzuges von hier. Fraget aber nicht, wohin Ich Mich wenden werde! Ein jeder kehre von hier wieder zu seinem Tagwerke und bestelle sein Haus wohl, auf daß, so Ich in der Bälde wieder zu euch komme, Ich alles in der Ordnung finde! Nur eine ganz kleine Stunde werde Ich noch unter euch verweilen, um euch durch und durch zu segnen; dann aber muß Ich noch zu vielen andern bedrängten Kindern dieser Welt, um ihnen zu bringen den rechten Trost und die rechte Hilfe.
GEJ|5|167|4|0|Forschet aber nicht nach der Gegenwart Meiner Person, sondern lebet im Geiste Meiner Lehre, und Meine Person wird euch nicht ferne verbleiben! Wer da noch etwas wissen will, der komme und forsche!“
GEJ|5|167|5|0|Hier fragte Cyrenius: „Herr, darf Dir auch niemand ein Geleite geben bis irgendwohin auf einen nächsten Ort?“
GEJ|5|167|6|0|Sage Ich: „Außer Meinen Zwölfen diesmal niemand, auch Raphael nicht, der einstweilen bis zu Meiner Auffahrt wechselweise bei dir und bei Meiner lieben Jarah weilen wird! Doch dürft ihr ihn der Welt gegenüber ja nicht irgend verraten; denn das würde seinen augenblicklichen Verlust bewirken! – Wer von euch hat noch irgendein Anliegen? Der komme und forsche!“
GEJ|5|167|7|0|Bringt Markus sein Weib und seine Kinder und sagt: „O Herr, segne sie alle, so Du sie dazu als würdig erachtest!“
GEJ|5|167|8|0|Und Ich sagte: „Die sind schon lange voll Meines Segens, und du auch! Wohl werde Ich, weil du es gar so wünschest, jüngst wieder einmal zu dir kommen. Von nun an wirst du aber viele Gäste bekommen! Denn die sich in deinen Bädern baden werden, werden geheilt von der noch so bösen Gicht; und die da trinken werden aus der sprudelnden Quelle im Garten, werden los von jeglicher Art Fieber. Die Aussätzigen sollen sich jedoch draußen vor der Gartenmauer im See baden, allwo das Badewasser hinaus in den See fließt, und sie werden ihres Aussatzes ledig.
GEJ|5|167|9|0|Es werden darum viele kommen und hier das Heil ihres Fleisches suchen und auch finden. Mit deinen Kindern wirst du die vielen nicht zur Genüge zu bedienen vermögen; daher wirst du dir dienstbare Helfer aufnehmen müssen. Da wird dir im Anfange Mein lieber Freund Cyrenius an die Hand gehen. Für späterhin wirst du der dienstbaren Geister in Hülle und Fülle haben, denn alle die Dienst- und Brotlosen werden dich zu finden wissen. Wer da kommt und Arbeit sucht, dem gib sie nach seinen Kräften; aber allen soll auch dies Mein Evangelium gepredigt werden, auf daß aus den dienenden Sklaven auch freie Menschen werden.
GEJ|5|167|10|0|So Ich dich jüngst einmal wieder besuche, wirst du wohl kaum Zeit finden, mit Mir zu reden; aber es wird das nichts machen. Denn nach Meinen Worten handeln ist mehr wert, als noch so viel reden und predigen.
GEJ|5|167|11|0|Denn wer Mein lebendiges Wort, dies zu euch gesprochene Evangelium, nur allein beifällig anhört, aber nicht völlig danach handelt, dem nützt es nichts, und er bleibt der alte und gleiche Weltnarr und kommt nie auf einen grünen Lebenszweig, geschweige auf einen Baum des Lebens!
GEJ|5|167|12|0|Wer viel hat, wie du nun, der gebe viel, und wer wenig hat, der gebe wenig, auf daß der Nichtshabende auch etwas habe!
GEJ|5|167|13|0|So du aber siehst einen Geizigen unter deinen Dienern oder unter deinen Gästen, so treibe beide hinaus; denn der Geizige ist ein fressender Krebs in einer bessern Menschengesellschaft und verpestet die Herzen der Menschen mit Zorn und Grimm! Wo aber ist der Mensch, der gegenüber einem Geizigen nicht zornig wird des Guten wegen?! Er wird ihn verachten und schelten! Aber sein Herz wird in solch einer Stimmung nicht besser! Daher treibe jeden Geizigen weit von dir weg und laß ihn nicht wiederkommen, außer er habe seine böseste Leidenschaft ganz besiegt!“
GEJ|5|168|1|1|168. — Über Geiz und Sparsamkeit
GEJ|5|168|1|0|(Der Herr:) „Alle Laster, die je von Menschen auf dieser Erde sind begangen worden, haben aus der Habgier einzelner Menschen ihren Ursprung genommen. Der Geiz ist ein Vater aller Sünden, die nahe nur zu denken sind. Denn zuerst geizt man sich ein großes Vermögen zusammen, und das durch jedes noch so schlechte und verruchte Mittel; Betrug, Diebstahl und Raub sind bei dieser Gelegenheit ganz mit einzuverstehen. Ist man einmal reich, so wird man hochmütig und herrschsüchtig, wird so sich zu verschanzen und zu befestigen anfangen, dingt Diener und Knechte, daß sie davontreiben jeden, der sich unberufen der Wohnung eines groß und hoch gewordenen Geizigen nähert. Der Reiche kauft sich nachher bald ein ganzes Land zusammen, wird zum förmlichen Herrscher darin, erpreßt oft alles Gut von seinen Untertanen und behandelt sie als ein echter Tyrann.
GEJ|5|168|2|0|Ist der Geizige einmal schon ganz übermäßig reich, so wirft er sich allem möglichen sinnlichen Wohlleben in die Arme, verlockt die Mädchen, treibt Hurerei und Ehebruch und noch andere Schändlichkeiten ohne Zahl und Maß. Und weil er ein Erster seines Landes ist, so verführt er bald ein ganzes Volk durch sein schlechtes Beispiel; denn es sagt: ,Der Herr muß es doch besser wissen als wir; tut er's, so können wir es auch tun!‘ Und so fängt endlich in einem solchen Lande alles an zu stehlen, zu rauben, zu morden und zu huren, und von einer Gotteserkenntnis ist da keine Spur mehr!
GEJ|5|168|3|0|Gehe hin in die Länder und Reiche der Erde und schlage nach in deren Chronik, und du wirst es finden, wie zuallermeist deren Herrscher anfänglich höchst geizende und hab- und großgewinnsüchtige, gewöhnlich handeltreibende Menschen waren und sich mit ihren erworbenen Schätzen mit der Zeit Länder und Völker kauften und sich dieselben dann zunutze machten durch allerlei Gewaltmittel, sogar der ihnen untertan gewordenen Völker oft ganz gute Sitten und Religionen derart umgestalteten, daß an ihnen kaum noch eine Spur der alten Reinheit zu entdecken ist.
GEJ|5|168|4|0|Darum habe du, Markus, vor allem wohl acht darauf, daß sich in dieser deiner schon in der jüngst kommenden Zeit von Menschen sehr besuchten Heilanstalt kein Geiz einschleiche! Ja, es soll von da aus sogar eine übertriebene Sparsamkeit verpönt bleiben; denn sie ist gewöhnlich der Keim des Geizes!
GEJ|5|168|5|0|Jeder habe so viel, als er zum Leben nötig hat; das Mehr soll in deinem Hause bei niemandem stattfinden! Die Privatgeschenke, die von den Gästen nicht selten deinen Dienern werden gegeben werden, nimm du in die sichere Verwahrung und gib sie mit Zinsen erst dann den Dienern, wenn sie alt und zum Dienen schwach geworden sind! Und sterben sie, so sollen das Ersparte ihre Kinder und Kindeskinder haben.
GEJ|5|168|6|0|Dieser Rat gilt natürlich dir zuerst, dann aber auch allen deinen Nachkommen. Ist unter deinen Dienern aber ein Verschwender, so ermahne ihn zur gerechten Sparsamkeit, und entziehe ihm auf eine Zeitlang deine Gunst, und zeige ihm, daß ein Verschwender auch vielfach ein Selbstlieber ist, der mit der Zeit seinen Brüdern zur Last fällt, anstatt daß er nur mit dem gerecht Ersparten zur Zeit der Not seinen ärmeren Brüdern beispringen würde.
GEJ|5|168|7|0|Wer nur für sich allein spart und im weitern Sinne auch für seine Angehörigen, der spart nicht in Meiner Ordnung; sondern wer da spart, damit er etwas habe, um zur Zeit der Not auch für arme Brüder etwas zu haben, den lobe Ich und segne seine Ersparnisse, und er wird niemals eine Not haben.
GEJ|5|168|8|0|Ich sage nicht, daß jemand nicht sparen soll für seine Kinder und für sein Haus; denn es ist das ja jedes Elternpaares erste Pflicht. Aber es sollen dabei die fremden Armen nicht ausgeschlossen bleiben; denn Ich lasse Meine Sonne ja auch im gleichen Maße über jene leuchten, die nicht Meine Kinder sind!
GEJ|5|168|9|0|Wer da tun wird, wie Ich es tue, der wird auch sein wie Ich und wird dereinst auch dort sein, wo Ich ewig sein werde. Wer aber seinen Brüdern gegenüber knickert, dem gegenüber werde auch Ich knickern und sehr sparsam sein.
GEJ|5|168|10|0|Diese Lehre beachte du fortan in deinem Hause, so wird Mein Segen nie von ihm genommen werden! – Nun, hat noch jemand irgendein Anliegen, der komme und forsche!“
GEJ|5|169|1|1|169. — Eine Verheißung für Hilfesuchende. Des Herrn Abschied vom Hause des Markus
GEJ|5|169|1|0|Tritt zu Mir Ebahl, der Vater Jarahs, und spricht: „Es gibt nun wohl nichts, worüber man Dich noch fragen könnte; denn wir haben der Wahrheiten und der Wunderdinge hier in den etlich sieben Tagen in solcher Menge erlebt, daß, sie auf siebentausend Jahre verteilt, auf ein jedes Jahr ein tüchtiger Teil käme und die Menschheit denn auch in jedem Jahre genug zu staunen und darüber nachzudenken bekäme. Wir sind nun an den allergrößtwertesten Schätzen des Geistes überreich geworden; es hängt nun nur davon ab, diese Schätze auch tatsächlich ins Leben zu übertragen, – denn sonst sind sie wertlos für unsere Seelen, um deren Heil es sich da in diesem Leben einzig und allein handelt. Hier allein fragt es sich: Werden wir sonst nur schwachen Menschen stets die hierzu hinreichende Willenskraft besitzen? Was werden wir tun, wenn uns mit der Zeit Schwächen aller Art überfallen werden, die selbst den oft Bestwilligen nicht verschonen?“
GEJ|5|169|2|0|Sage Ich: „Ich werde jedes ernsten Strebens Hilfe, Kraft und Stütze sein! In der Zeit der Not werde Ich niemanden verlassen, der sonst stets treugläubig und Mich liebend auf Meinen Wegen gewandelt ist. Ist er aber durch allerlei Lockungen der Welt von Meinen Wegen abgewichen, da muß er es sich dann schon selbst zuschreiben, so für ihn Meine Hilfe zur Zeit der Not unterm Wege verbleiben wird, und das so lange, als der Gefallene nicht voll Ernstes und reuig und vollgläubig sich an Mich wenden wird!
GEJ|5|169|3|0|Ich werde zwar ewig ein und derselbe treue Hirte verbleiben und nachgehen den Schafen, die sich irgend verloren haben; aber das Schaf muß irgend zu blöken anfangen und sich finden lassen nach dem ihm eigenen und unantastbaren freien Willen.
GEJ|5|169|4|0|Wer da irgend belastet ist mit einer für seine Kraft zu großen Lebensbürde, der komme im Herzen zu Mir, und Ich werde ihn stärken und erquicken! Denn Ich gebe eben darum manchem eine größere Bürde zu tragen, auf daß er fühle seine Schwäche und zu Mir käme dann im Herzen und Mich bäte um hinreichende Kraft zur leichteren Ertragung seiner größeren Lebensbürde; und Ich werde ihn stärken in jeglicher Not seines Lebens und ihm ein rechtes Licht geben, zu durchwandeln die finsteren Wege des Lebens dieser Welt. Wer aber diese zu große Bürde wohl fühlt, aber nicht zu Mir kommt im Herzen, der muß sich's selbst zuschreiben, so er erliegt unter der zu großen Last des Erdenlebens.
GEJ|5|169|5|0|Da hast du den Bescheid auf deine Frage, Mein Freund Ebahl! – Wer noch einen Anstand hat, komme und forsche!“
GEJ|5|169|6|0|Kommt in tiefster Ehrfurcht zu Mir Schabbi, der Redner der eben auch noch anwesenden zwanzig Perser, und sagt: „Erlaube, o Herr, mir auch noch ein Wort!“
GEJ|5|169|7|0|Sage Ich: „Rede, Schabbi! Darum habe Ich zu allen gesprochen: Komme und forsche!“
GEJ|5|169|8|0|Spricht Schabbi: „Daß Du, o Herr, jemandem helfen wirst, der Dich darum anrufen wird, das ist ganz sicher und gewiß; aber was sollen da jene Menschen tun, die ohne ihr Verschulden von Dir, o Herr, unmöglich etwas wissen können, noch lange von Dir nichts erfahren und wissen werden, nun in der größten Lebensfinsternis leben und unsägliche Lebensbürden ertragen müssen? Zu wem sollen diese sich wenden, der ihnen Hilfe brächte und Stärkung in ihrer unbeschreibbar großen Not?“
GEJ|5|169|9|0|Sage Ich: „Kein Fleck auf der Erde, dahin nicht käme das Licht der Sonne, und so gibt es auch keinen Menschen, der nicht zum wenigsten eine Ahnung hätte von einem allmächtigen Gottwesen. Er bitte, verlange und hoffe nach seinem Glauben, und er wird auch eine Hilfe finden! Aber es gibt nur gar so viele Menschen nun, die gar keinen Glauben haben. Diese helfen sich selbst und machen sich auf Kosten der andern ihre Lebensbürde so leicht als nur immer möglich; die brauchen von uns dann wahrlich keine Hilfe. Wer einmal des Satans sein will, der sei es; denn einem Selbstwollenden geschieht kein Unrecht! Übrigens denke du nur zurück, was Ich über die mannigfachen Lebensverhältnisse aller Menschen auf der ganzen Erde, und das für alle Zeiten, geredet habe, und du wirst darin alles klar erleuchtet finden!
GEJ|5|169|10|0|Und nun ist Mein Stündlein, unter euch zu sein, abgelaufen. Ihr möget nun in Meinem Namen noch länger hier beisammen verweilen; Ich aber werde mit Meinen Jüngern Mich notgedrungen von dannen begeben. Frage Mich jedoch niemand von euch, wohin! Denn vorderhand weiß Ich als ein purer Menschensohn es Selbst nicht; nur der Vater in Mir weiß es, und Der spricht: ,Nun hebe Dich und gehe! Auf dem Wege werde Ich es Dir offenbaren, wohin!‘ – Der Friede und Meine Liebe sei mit euch!“
GEJ|5|169|11|0|Darauf sagte Ich zum Markus: „Mache das große neue Schiff los! Ich und Meine Jünger werden es besteigen. Und ihr, Meine Jünger, erhebet euch und folget Mir! Eines Schiffsmannes bedürfen wir nicht; das Schiff wird jedoch unversehrt zur rechten Zeit von selbst ohne Steuermann in den Hafen zurückkommen.“
GEJ|5|169|12|0|Alle fingen an zu weinen, als Ich mit den Aposteln in das Schiff ging. Ich aber stärkte ihre betrübten Herzen, fuhr schnell auf die hohe See hinaus und entschwand bald ihren Blicken. Sie blieben aber noch den ganzen Tag und die ganze Nacht beisammen und besprachen sich über Mich, Meine Lehren und Taten. Erst am nächsten Morgen zogen sie in ihre Orte, und Cyrenius machte Anstalten, alle die vielen hier bekehrten Pharisäer ihren neuen Bestimmungen zuzuführen. Mehrere wollten Mir nachfahren; doch Raphael hielt sie davon ab und sagte, daß Ich ohnehin bald wieder nach Kis, Genezareth und auch hierher kommen werde. Da wurden alle ruhig und lobten Gott, daß Er sie solcher Gnaden gewürdigt hatte. In wenigen Tagen kamen schon eine Menge Gäste von Tyrus und Sidon, um hier die Wunder zu schauen und die Heilquellen zu genießen, und Markus nahm auch gleich eine Menge Diener auf.
GEJ|5|170|1|1|170. — Des Petrus blinder Eifer und Sorge um den Herrn. Ev. Matth. 16, 20-23
GEJ|5|170|1|0|Als wir aber schon weit draußen auf dem Meere uns befanden, sagte Ich abermals zu den Jüngern: „Wohin wir nun auch kommen mögen, da schweiget und verratet Mich nicht, daß Ich Jesus, der Christ, sei!“ (Matth.16,20)
GEJ|5|170|2|0|Und Petrus trat zu Mir und fragte Mich, ob Ich noch nicht wüßte, wohin uns das Schiff bringen werde; denn er führte das Steuerruder und hätte gerne erfahren, wohin er lossteuern solle.
GEJ|5|170|3|0|Ich aber sagte: „Laß es gehen, wohin es geht; der Vater weiß es schon, wohin wir diesmal zu kommen haben! Nun sind wir noch auf dem Lehrwege, und unsere Fahrt geht in die untere große Bucht, wo man der Stadt Cäsarea Philippi in den Rücken kommt, und dort werden wir uns einige Ruhe gönnen. Aber in ein paar Jahren werden wir auf diesem Schiffe gen Jerusalem hinauffahren, und da wird es sich um ganz etwas anderes handeln. – Nun aber kommen wir in einen Ort ganz nahe der vorbenannten Stadt, allda trotz unseres mehrtägigen Aufenthalts auf der Gegenseite der benannten Stadt dennoch kein Mensch von uns etwas vernommen hat. Selbst der große Brand der Stadt hat die Bewohner dieses Ortes nicht aus ihrer Fassung zu bringen vermocht. Aber es mußte das also sein, damit ihr bei dieser Gelegenheit wieder eine andere Art Offenbarung erfahret.“
GEJ|5|170|4|0|Petrus aber trat zu Mir und sagte: „Herr, um was wohl wird es sich handeln in Jerusalem, im Orte des großen Verderbens? Denn von dort aus ist noch nie etwas Gutes und die Menschheit Beglückendes gekommen, und noch nie hat ein Ehrlicher in dieser Stadt etwas Tröstliches erfahren. Hochmut und Verfolgung sind darin stets vor allem zu Hause. Daher meine ich, es wäre besser gewesen, Du, o Herr, hättest Jerusalem also gezüchtiget wie diese kleine Stadt, die freilich die Strafe schon lange wohl verdient hatte. Vor acht Monaten ungefähr waren wir ohnehin in Jerusalem und haben uns überzeugt, daß mit seinen Bewohnern rein nichts zu machen ist bis auf ein paar Menschen, die aber als einzelne Schwalben auch noch lange keinen Sommer ausmachen. Daher wäre meine Meinung, wir sollen mit jener stolzen Greuelstadt, in der Johannes vor kurzem erst enthauptet ward, nicht viel Aufhebens machen und sie für alle Zeiten meiden. Denn solch eine Stadt ist ja doch ewig nicht würdig, daß Du sie betrittst mit Deinen heiligen Füßen. Das ist freilich nur so meine Meinung; gib mir auch die Deine kund!“
GEJ|5|170|5|0|Von dieser Zeit an fing Ich an, ernstlicher mit Meinen Jüngern davon zu reden, daß Ich nach des Vaters Willen wohl werde nach Jerusalem gehen müssen und werde dort viel leiden von den Ältesten, Hohenpriestern und Schriftgelehrten, werde von ihnen getötet werden, aber am dritten Tage wieder vom Tode auferstehen. (Matth.16,21) Als ein Sieger über allen Tod und über alle Feinde des Lebens werde Ich dastehen dann für ewig, wie Ich schon auf dem Berge des Markus davon Erwähnung tat.
GEJ|5|170|6|0|Da erschrak Petrus förmlich und sagte zu Mir, Mich beiseite ziehend, in einem gewissen gebieterisch-mahnenden Tone: „Herr, das geschehe Dir ja nicht, und Du bist uns und allen Menschen gegenüber verpflichtet, Deiner zu schonen!“ (Matth.16,22)
GEJ|5|170|7|0|Aber Ich wandte Mich schnell um und sagte auch in einem ganz ernsten Ton: „Hebe dich, Satan, von Mir! Du bist Mir ärgerlich; denn du meinst nicht, was da göttlich, sondern nur, was da ganz gemein weltmenschlich ist!“ (Matth.16,23)
GEJ|5|170|8|0|Hier erschrak Petrus ganz gewaltig, fiel vor Mir nieder, bat Mich um Vergebung und setzte weinend hinzu: „Herr, als wir auf eben diesem Meere dahin steuerten, wo wir uns nun mehrere Tage aufhielten, sagtest Du zu mir ob meines Glaubens: ,Simon Juda, du bist Petrus, ein Fels, auf dem Ich Meine Kirche bauen werde, und alle Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen! Dir will Ich geben des Himmelreiches Schlüssel. Was du auf Erden lösen wirst, das soll auch im Himmel gelöst sein, und was du binden wirst auf Erden, das wird auch gebunden sein im Himmel!‘ Das, o Herr, waren buchstäblich Deine heiligen Worte aus Deinem heiligsten Munde, an mich armen Sünder gerichtet. Ich aber habe mich darum dennoch nie erhoben, und mich stets nur für den Geringsten unter uns gehalten, – und wegen einer freilich nur menschlichen, aber dennoch nur aus meiner großen Liebe zu Dir erkeimenden Warnung hast Du mich zum Fürsten der Hölle gemacht! Herr, sei doch gnädig und barmherzig dem armseligen Fischer Petrus, der zuerst sein Netz ins Meer warf, Weib und Kinder verließ und Dir nachfolgte!“
GEJ|5|171|1|1|171. — Das Wesen Satans und der Materie. Ev. Matth. 16, 24-28
GEJ|5|171|1|0|Da wandte Ich Mich wieder freundlichst zu Petrus und sagte: „Darum habe Ich dich nicht im geringsten herabgesetzt, so Ich dir in der scharfen Anrede gezeigt habe dein Menschliches! Alles, was diesweltlich Menschliches am Menschen ist – als sein Fleisch und dessen verschiedenartige Bedürfnisse aus puren diesirdischen Rücksichten –, ist im Gerichte, darum Hölle und Satan, der da ist ein Inbegriff alles Gerichtes, alles Todes und aller Nacht und alles Truges; denn alles scheinbare Leben der Materie ist nur ein Trugleben, und all ihr Wert ist soviel wie gar keiner.
GEJ|5|171|2|0|Welch ein Mensch immer in einen Sinn der Materie zurückfällt, ist insoweit dann auch Satan, inwieweit er irgend ein Heil in der Materie und in ihrem Scheinleben vertritt.
GEJ|5|171|3|0|Will jemand aber des Satans noch in seinem Fleische ledig werden, so muß er das Kreuz, das Ich schon jetzt im Geiste trage, auf seine Schulter nehmen und Mir nachfolgen! (Matth.16,24) Denn Ich sage es euch: Wer sein (irdisch) Leben erhalten will, der wird es (das geistige) verlieren; wer aber sein (irdisch) Leben um Meinetwillen verlieren wird, der wird es (das geistige) finden! (Matth.16,25)
GEJ|5|171|4|0|Was hülfe es denn einem Menschen, so er gewönne die ganze Welt mit allen ihren Schätzen, litte aber dabei Schaden an seiner Seele? Oder was kann ein Mensch geben, daß er dann wieder löse seine Seele aus den Banden der Materie, des Gerichtes und des Todes? (Matth.16,26)
GEJ|5|171|5|0|Wohl wird es je einmal geschehen, daß Ich, als nun des Menschen Sohn, wiederkommen werde in der Herrlichkeit des Vaters mit allen Engeln, deren Macht ihr kennet, aber Er wird auch dann wie jetzt nur tun, helfen und vergelten können jedermann nach seinen höchsteigenen Werken. Wer tot befunden wird, der wird auch tot verbleiben bis zur Zeit jener großen Erweckung auch aller derer, die in den Gräbern des Gerichtes verblieben sind, und auch da wird eines jeden Liebe, Willen und Gewissen Richter sein für immerdar! (Matth.16,27)
GEJ|5|171|6|0|Aber die da leben nach Meinen Worten und verrichten die Werke der wahren Selbstverleugnung und innern freien Liebe, die werden den Tod nicht sehen und fühlen jemals. Wahrlich, zu Meiner und eurer großen Freude kann Ich euch sagen, daß von euch etwelche dastehen, die keinen Tod schmecken und fühlen werden und Zeugen sein werden von allem, bis da sogar auch vorbesprochenermaßen kommen wird des Menschen Sohn in Sein Reich, den sie sehen werden und mit dem sie herrschen werden ewig! Aber dazu wird sehr viel Liebe zu Gott und dem Nächsten erfordert.“ (Matth.16,28)
GEJ|5|171|7|0|Wahrlich, so da ist irgend ein Vater oder eine Mutter, die da nur sorgen darum, daß ihre Kinder in dieser Welt wohl versorgt werden möchten, und achten nicht höher den Wert des Lebens der Seele ihrer Kinder, die haben sich und ihren Kindern ein Grab zum ewigen Tode gegraben; denn was immer der Welt ist, das ist des Satans, also des Gerichtes und des Todes der Materie!
GEJ|5|171|8|0|Wohl ist die Materie ja bestimmt, erweckt zu werden durch die Kraft eines jenseitigen, reinen Geistes zur Auferstehung aus den langen Gerichten; aber dann muß die Materie nach der ihr wohl eingeprägten freien Intelligenz übergehen in die rechte Form und Wesenheit ihres jenseitigen Geistes, der ein Licht ist aus Gott. Geschieht das von der Materie nicht, so kehrt der jenseitige Geist in seinen Urquell zurück, und die für immer belebt werden sollende Materie fällt abermals in ihr altes Gericht und wird im selben lange zu harren haben, bis etwa einmal abermals ein jenseitiger Geist sie erwecken wird zu einer neuen Lebensprobe.
GEJ|5|171|9|0|Weil die Sache aber einmal so und nicht anders ist und sein kann, so kam denn ja auch Ich Selbst von oben herab zu euch Menschen dieser Erde und zeige euch nun die volle Wahrheit aller Lebensgestaltungen und deren gute oder schlechte Verhältnisse. Und du, Mein Petrus, wirst nun hoffentlich auch im klaren sein darin, warum Ich ehedem zu dir gesagt habe: ,Hebe dich von Mir, Satan!‘ – Nun in die große Bucht gesteuert!“
GEJ|5|172|1|1|172. —  Der Herr mit Seinen Jüngern im Fischerdorf bei Cäsarea
GEJ|5|172|1|0|Gut bei zwei Stunden Weges unterhalb des nunmaligen Markusbades befand sich die große Bucht, die von den Fischern auch der ,Weiße See‘ genannt ward; in diese wurde hineingesteuert. Sie war des Sees seichtester Teil und war darum mit einem größeren Schiffe etwas schwer zu befahren, weil man da die tieferen Wasserwege gut kennen mußte, um nicht auf einer Sandbank steckenzubleiben. Aber unser Schiff ging dennoch ganz in die Bucht und fuhr nirgends auf, worüber sich sogar die zwölf Apostel sehr zu wundern anfingen, da niemand weder die Treibruder noch das Steuerruder führte. Das Schiff ward also durch eine unsichtbare Macht geführt und als ganz gut geleitet von allen schiffahrtkundigen Aposteln anerkannt.
GEJ|5|172|2|0|Wir kamen darum aber auch schon noch vor dem Mittage am Orte unserer neuen Bestimmung an und kehrten dort bei einem armen Fischer ein, der uns alle herzlich aufnahm. Der Ort hatte keinen eigenen Namen, man nannte ihn bloß ,Fischerdorf bei Cäsarea‘. Es kamen bald eine Menge der armen Fischer und Fischerinnen zu uns und fragten uns, was wir eigentlich hier suchten, und was wir in diesem überarmen Orte machen würden.
GEJ|5|172|3|0|Ich aber beruhigte sie und sagte: „Das werdet ihr schon noch erfahren! Vor allem aber saget es Mir, ob wir dreizehn hier einige Tage ganz in aller Stille verweilen können!“
GEJ|5|172|4|0|Und unser Wirt sagte: „Von mir aus ohne allen Anstand! Nur muß ich euch, liebe Freunde, die Bemerkung voraus machen, daß ich wohl einen ganz guten Willen, aber keine Mittel habe, euch auch nur einen notdürftigen Unterhalt zu verschaffen; denn mir geht es besonders seit dem Brande von Cäsarea ganz erbärmlich schlecht! Der tägliche kleine Verkauf von unseren Fischen hat natürlich ganz aufgehört, und sonst gibt es bei uns armen Bewohnern dieses Dörfchens auch keinen Verdienst. Wir sind sonach samt und sämtlich am Bettelstabe, haben außer unseren Fischen gar keine Nährmittel und können euch daher auch nichts anderes bieten als nur Fische, wie wir sie haben, bereiten und essen. Aber die Bereitung ist höchst einfach bei uns. Die Fische werden bloß gesotten und ohne Salz und Brot und ohne alle andere Würze verzehrt. Denn offen gesagt: wir sind durch den Brand von Cäsarea mehr denn die abgebrannten Cäsaräer selbst zu den offenbarsten Bettlern herabgesunken und haben nicht so viel irgendeines Geldes, um uns das Salz anschaffen zu können! Ah, uns geht es nun ganz erbärmlich schlecht; so ihr mit mir und meinen Angehörigen ein paar Tage hindurch Hunger leiden wollt, so seid ihr mir herzlich willkommen!
GEJ|5|172|5|0|Aber nun saget ihr mir doch gütigst, was euch denn in diese nahezu nie von einem Fremden besuchte und für große Schiffe schwer befahrbare Bucht getrieben hat! Ein Sturm gewiß nicht; denn in diesem Winkel, von allen Seiten mit Hochgebirgen umlagert, findet auch dieser den Weg nicht. Oder seid ihr etwa gar Verfolgte, die hier auf so lange ein Asyl suchen, bis irgendeine gewisse Gefahr vorüber sein werde? Allein, alles das ist mir ganz einerlei! Kann ich euch sonach einen Dienst erweisen, so wird es mir nur eine ganz besondere Freude machen. Meine Fragen sind zwar etwas vorlaut, – aber ihr lieben Freunde müsset sie mir vergeben! Ich bin einmal schon von Natur aus neugierig und weiß es gerne, wer der ist, dem ich eine Herberge gebe. Daß ihr keine Armen seid, das zeigt mehr als zur Genüge euer großes, nahezu ganz neues Schiff, das ganz sicher bei hundert Silbergroschen gekostet hat. Für uns ist es offenbar eine große, überraschende Seltenheit, so sich irgend Fremde zu uns verirren; und wenn uns schon so ein Glück zuteil wurde, so hat es mit den Besuchern dieser allermagersten und abseitigsten Gegend sicher allzeit irgendeinen Anstand gehabt. Darum wollet es mir, als dem Vorstande dieses Betteldörfchens, doch sogleich angeben, was ich vor allem von euch, aber nur ganz der Wahrheit gemäß, treust erfahren möchte!“
GEJ|5|172|6|0|Sage Ich: „Nun denn, so dich die Neugierde schon gar so plagt, da wisse, daß wir einmal dir ganz gleich Galiläer sind, und noch einmal, daß wir bis hierher durchaus von gar niemandem verfolgt worden sind, sondern freiwillig uns hierher begeben haben, um fürs erste diese sehr merkwürdige Gegend zu besichtigen, einen dieser hohen Berge zu besteigen und, so etwa tunlich, euch in eurer Mir sehr wohlbekannten großen Not zu helfen! – Bist du damit zufrieden nun, so rede!“
GEJ|5|172|7|0|Sagt der Vorstand: „Ganz vollkommen; denn daß ihr offenbar Galiläer seid, das wird kein Mensch in Abrede stellen, und daher kann man eurer Aussage auch schon einen ganz vollen Glauben schenken, was man natürlich den Griechen und Römern nicht tun kann, weil sie nahe allzeit anders reden, als sie denken, was bei uns ,lügen‘ heißt. Ruhet hier unter dem Schatten dieses meines einzigen Baumes unterdessen aus, und ich werde in meine Hütte gehen und sehen, wie ich mit einem erklecklichen Mittagsmahle zustande kommen werde!“
GEJ|5|173|1|1|173. — Der Stoizismus der Bewohner des Fischerdörfchens
GEJ|5|173|1|0|Der Wirt eilt mit Weib und schon erwachsenen Kindern in seine Hütte, kommt aber bald voll Freude und Dank zurück und sagt im freudigsten Tone: „Wer von euch hat mir denn geheim das getan? Meine Speisekammer ist ja doch so vortrefflichst ausgestattet, daß wir alle ein volles Jahr daran zu zehren haben! Ja, nun möget ihr euch ein Jahr lang hier aufhalten, und wir werden mit dem großen Vorrate nicht zu Ende kommen! Wo ich und die Meinen aber nur unsere Augen gehabt haben müssen, daß da niemand bemerkt hat, wie ihr meine Kammer mit so viel Speisen angefüllt habt?! Ja, jetzt werden wir keine bloß im ungesalzenen Wasser gesottenen Fische essen, da wir des Salzes in einer großen Menge haben! Aber nun zur guten Arbeit!“
GEJ|5|173|2|0|Als alles Volk dieses Dörfchens sich des Mittags wegen in die Hütten begab, sagte Ich zu den Zwölfen: „Was haltet ihr von diesen Menschen hier?“
GEJ|5|173|3|0|Sagte Petrus: „Ja, was soll man von ihnen eigentlich halten?! Sie scheinen ganz ehrliche Leute zu sein; daß sie arm sind, nun, dafür können sie nicht. Das Fischerhandwerk und ein steiniger Boden haben noch nie jemanden reich gemacht, was ich aus einer vieljährigen Erfahrung der Wahrheit gemäß vollauf beweisen kann. Und solche Fischer sind auch diese; sie haben vielleicht am ganzen Meere die schlechteste Bucht. Ihre Hütten stehen zwar auf Felsen; aber es wächst auf solchem Boden und Grunde oft nicht ein Grashälmlein. Woher sollte ihnen da ein Reichtum erwachsen?
GEJ|5|173|4|0|Also müssen sie auch ehrlich verbleiben; denn in dieser Gegend gibt's weder etwas zu stehlen und noch weniger irgend etwas zu rauben. Und so einen Dieb und einen Räuber nur die Gelegenheit zeiht da müssen diese Menschen dann ja schon für ihr ganzes Leben ehrlich bleiben; denn bei diesen Menschen kann das alte Sprichwort ,Gelegenheit macht Diebe!‘ niemals in Anwendung kommen. – Das ist so meine Meinung über diese Menschen, die sicher keine Schriftgelehrten sind, und unter denen sicher auch kein Pharisäer ist.“
GEJ|5|173|5|0|Sage Ich: „Für diese Welt ist dein Urteil ganz richtig; aber hinter dem diesweltlichen Stande eines Menschen gibt es, wie ihr nun schon vielfach wisset und erfahren habt, einen seelischen und am Ende einen rein geistigen. Wie meinst du, daß diese Menschen da bestellt sind?“
GEJ|5|173|6|0|Petrus zuckt da mit seinen Achseln und sagt: „Herr, darüber aus sich selbst ein endgültiges Urteil zu schöpfen, wird etwas schwer hergehen! Doch insoweit sie als höchst einfache und notwendig ganz ehrliche Leute dastehen, da dürften sie zum mindesten ein recht fruchtbarer Boden für eine geistige Aussaat sein! Denn wie es ein leichteres ist, für einen wohlgebauten Leib einen gutpassenden Rock zu machen als für einen verkrüppelten und verhöckerten, so sind auch solche einfachen und naturreinen Seelen sicher schmiegsamer für ein geistiges Gewand als die höchst verkrüppelten und verknöcherten Seelen der Pharisäer und Schriftgelehrten. Ich meine, so man bei guter Gelegenheit diesen Menschen vom Reiche Gottes auf Erden etwas vortrüge, so würden sie auch bald im reinen sein. – Nun, das ist wiederum so meine ganz natürliche Meinung; kommen darin auch keine Glanzworte vor, so dürfte aber damit doch der Nagel so ziemlich auf den Kopf getroffen sein!“
GEJ|5|173|7|0|Sage Ich: „Ganz gut geurteilt; daher werden wir ihnen auch nachher auf den Zahn fühlen und sehen, inwieweit sie für etwas Höheres zugänglich sind! Ich aber werde hier nicht als Lehrer auftreten, sondern das werdet ihr tun als Ausgesandte und selbst Jünger des Weisen aus Nazareth. Erst so sie euch angehört und das Wort von der Ankunft des Reiches Gottes auf Erden angenommen haben werden, dann erst möget ihr auf Mich also hinweisen und sagen, daß Ich eben Derjenige bin, von dem ihr gepredigt habt.
GEJ|5|173|8|0|Und so werden wir hier auf diesem kleinsten und unansehnlichsten Orte der ganzen Erde ein ganz großes Werk verrichten! Aber für zu leicht müßt ihr die Arbeit zum voraus nicht ansehen; denn so einfach diese Menschen auch zu sein scheinen, so kompliziert und dabei sehr verwirrt sind sie in ihrem Innern!
GEJ|5|173|9|0|Sie dünken sich für Weltweise und stecken bis über die Ohren im sogenannten Stoizismus, der am schwersten zu bekämpfen ist. Ich habe euch darum eigens hierher geführt, um euch eine Gelegenheit zu verschaffen, auch mit derlei Menschen euch nun zu versuchen, indem ihr beim alten Markus gar sehr vieles in der wahren, innersten Weisheit gewonnen habt.
GEJ|5|173|10|0|Aber das sage Ich euch zum voraus, daß ihr euch werdet sehr zusammennehmen müssen! Denn niemandem ist schwerer ein Gesetz wirksam zu geben als einem, der vor den sogar größten Unannehmlichkeiten des Lebens, ja sogar vor dem schmerzhaftesten Tode des Leibes, nicht die allergeringste Furcht besitzt und jede noch so große Glückseligkeit des Lebens für gar nichts achtet. Und das sind eben solche Helden, die sich aus allem nichts machen, aber auch auf keine andere Tugend etwas halten als allein auf die, ihre Bedürfnisse so klein zu machen als möglich, und die bloß deshalb leben und etwas tun, weil sie die Natur, die bei ihnen alles in allem ist, einmal ins Leben gerufen hat.
GEJ|5|173|11|0|Solche, wie diese hier, sind uns noch gar nicht untergekommen! Daher ist hier sich zusammenzunehmen! Wenig Worte, – aber da darf keines ohne einen Kern vor sie gebracht werden! Das Beste an ihnen ist, daß sie bei allem ihrem Stoizismus sehr neugierige Vögel sind und die Wissenschaft eines Menschen allein für etwas halten. – Jetzt aber kommt schon unser Wirt samt seinen Angehörigen und bringt in einem Korbe Fische und Brot. Wir werden sonach das Mittagsmahl hier unter dem Schatten dieses Baumes zu uns nehmen.“
GEJ|5|173|12|0|Hier kommt der Fischer, sein Weib und seine Kinder und setzen den Speisekorb vor uns nieder.
GEJ|5|173|13|0|Beim Niedersetzen des Korbes sagt der Fischer: „Hier, meine unbekannten Freunde, ist das verlangte Mittagsmahl! Tische, Bänke und Stühle, Schüsseln und mehrere zum Essen dienliche Werkzeuge besitzen wir nicht, und unsere Bedürfnisse, die sehr klein sind, können auch ohne derlei ganz gut befriedigt werden. Zugleich aber waren auch unsere Mittel stets derart gering, daß wir derlei immerhin etwas unnötiges Zeug nie hätten anschaffen können. Wir essen nur, wenn es uns sehr hungert, und da sind ein Korb und unsere Hände hinreichend; das andere versteht sich von selbst! Ich wünsche, daß euch dies einfache Mittagsmahl wohl bekomme.“
GEJ|5|174|1|1|174. — Der wunderwirkende Glaube
GEJ|5|174|1|0|Sage Ich zum Fischer: „Aziona, hast du doch einen neuen Krug in deiner Wohnung; laß ihn mit Wasser füllen und hierher bringen!“
GEJ|5|174|2|0|Aziona macht, als Ich ihn also anrede, große Augen und sagt ganz erstaunt: „Meinen Namen konntest du wohl irgend erfahren haben, – aber woher weißt du denn, daß ich einen neuen Krug, der mein wahrlich größter Reichtum ist, besitze? Das wissen nicht einmal meine Nachbarn, und du als ein total Fremder weißt es? Ah, erlaube mir, das geht bei mir nun schon ins Fabelhafte über! Hat etwa eines meiner Kinder euch geheim meinen Krug verraten? Es liegt weiter gar nichts am ganzen Kruge, – er ist von Stein, wie es bei uns in diesem Lande zahllos viele gibt; aber an dem liegt ungeheuer viel, daß du es weißt, daß sich ein neuer Krug wohlverwahrt in meiner Wohnung befindet!“
GEJ|5|174|3|0|Sage Ich: „Auch daran liegt nichts, da man so etwas ja doch erfahren kann! Aber daran liegt mehr, daß du gehst und Mir Durstigem Mein Verlangen erfüllst!“
GEJ|5|174|4|0|Jetzt geht Aziona schnell und bringt den Krug voll frischen Wassers. Der Krug aber war einer von der größten Gattung und faßte gut einen viertel Eimer Wassers, daß man zu heben hatte, um ihn zum Munde zu bringen. Als der gefüllte Krug vor uns auf einer Steinplatte stand, segnete Ich das Wasser, und es ward zu Wein.
GEJ|5|174|5|0|Ich trank daraus, reichte ihn dann den Jüngern, und als diese getrunken hatten, reichte Ich den Krug auch dem Aziona und sagte: „Trinke auch du daraus, auf daß du auch wahrnimmst die Güte des Wassers, das du uns in deinem neuen Kruge hierhergebracht hast!“
GEJ|5|174|6|0|Sagt Aziona: „Sollte es schlecht und faul sein?! Den Krug habe ich dreimal ausgeschwemmt, und meine Felsenquelle liefert das reinste und beste Wasser im ganzen Orte! Will es aber dennoch verkosten, ob's nicht etwa einen Geschmack vom neuen Kruge angenommen hat!“ – Er kostet es, macht mehrere starke Züge und sagt dann ganz erstaunt: „Ja, aber was ist denn das schon wieder für eine Hexerei?! Das ist ja kein Wasser, das ist ja ein allerbester Wein, wie ich noch nie einen bessern auf meiner Zunge hatte! Sagt mir doch, wie ihr das angestellt habt! Nein, Wasser zu Wein machen, ah, das ist ja noch nie dagewesen! Ihr seid wahrlich keine Galiläer, sondern entweder Ägypter oder Perser; denn unter allen Juden hat es noch nie irgendeinen solchen Zauberer gegeben, daß er es vermocht hätte, Wasser in den besten Wein zu verwandeln. O sagt mir es doch, wie solches möglich ist! Ich will darum zwanzig Jahre euer Sklave sein!“
GEJ|5|174|7|0|Sagt Johannes, dem Ich den Wink zu reden gab: „Mein Freund, dazu ist gar nichts nötig als allein der festeste Glaube und Wille! Wer einen solchen Glauben hat, der keinen Zweifel zuläßt, der kann auch zu jenem hohen Berge dort sagen: ,Hebe dich und stürze dich ins Meer!‘, und es wird geschehen, was er geglaubt und gesprochen hat! Da hast du die ganze kernwahre Erklärung und Anweisung, wie und durch welche Mittel derlei Dinge bewerkstelligt werden können! Eine andere zu geben ist darum unmöglich, weil es durchaus keine andere gibt.“
GEJ|5|174|8|0|Hier macht Aziona noch größere Augen und sagt: „Freund, ich weiß gar nicht, was der Glaube ist, – wie könnte ich dann etwas glauben?! Was nennt ihr denn Glauben?“
GEJ|5|174|9|0|Sagt Johannes: „So wir irgendeinen wahrhaftigsten Mann vor uns haben, und er sagt uns bald dies und bald jenes, von dem wir früher nie etwas gehört und erfahren haben, und wir nehmen seine Aussagen als völlig wahr an und zweifeln an der Wahrheit keines seiner Worte, so glauben wir dem wahrhaftigsten Manne; und weil das, was wir glauben, sicherst eine vollste Wahrheit ist, so werden wir auch das, was wir glauben, ins Werk übertragen, und das ist dann eben der werktätige, wundervolle Glaube, dem kein Ding unmöglich ist, was sich in der Sphäre seiner in sich selbst ausgesprochenen Wahrheit befindet, das allzeit realisierbar sein muß. – Weißt du nun, was der Glaube ist?“
GEJ|5|174|10|0|Sagt Aziona: „Ja, wissen würd' ich's nun wohl, – aber wie anstellen, daß ich wisse, daß derjenige, der mir etwas zu glauben vorstellt, auch im vollsten Ernste ein wahrhaftigster Mann ist? Bloß zu glauben, daß er es sei, weil er ungefähr also aussieht, wäre unklug und verriete eine sträfliche Leichtgläubigkeit, die nach meiner Meinung noch um vieles schlechter wäre als gar kein Glaube! Wie stellt man hernach das an, um seinen Mann, dem man glauben soll und möchte, so zu erkennen, daß er ein vollendetst Wahrhaftiger ist und man ihm alles vom Munde allerungezweifeltst glauben kann?“
GEJ|5|174|11|0|Sagt Johannes: „Dazu hat ja jeder Mensch von nur einigem besseren Willen Vernunft und Verstand zur Genüge, um eine geziemende Prüfung mit seinem Manne vorzunehmen; denn nur ein Tor kann eine Katze im Sacke kaufen! Du fragst mich nach dem Probemittel – und wendest es selbst soeben an mir an! Von dir bin ich schon lange zum voraus überzeugt, daß du keine Katze im Sacke kaufen wirst!“
GEJ|5|174|12|0|Sagt Aziona: „Ja, ja, Freund! Das ist schon wohl alles sehr wahr und sehr schön, und es hat ein Mensch wahrlich sonst nichts als seinen Verstand, mit dem er seine Umgebung prüft; aber wo liegt der Maßstab, mit dem ich vorher meinen Verstand selbst als zu einer Prüfung der Umgebung für tüchtig und scharf zur Genüge erkennen könnte?“
GEJ|5|174|13|0|Sagt Johannes: „Da sind wir eben auf den allerkitzligsten Punkt geraten! Wer da meint, daß er einen hellsten Verstand besitze, der geht überall am meisten hohl aus; wer aber da einsieht, daß seinem Verstande noch gar manches abgeht, der wird es durch Übung bald dahin bringen, daß er mit großer Schärfe alles wird beurteilen können, was um ihn her ist und geschieht!
GEJ|5|174|14|0|Ein eingebildet hoher Verstand gleicht einer Bergspitze, die sehr prunkt in ihrer schwindelerregenden Höhe, und je höher sie in die eitle Luft hinaufragt, desto öfter wird sie von allerlei Wolken und Nebeln umhüllt. Die kleine Spitze einer Nadel, mit der man die Kleider zusammenheftet, ist, was die Größe und das Ansehen betrifft, nahe soviel wie nichts; aber sie dringt überall durch, und man könnte mit ihr so viele Matten zusammenheften, daß man damit die größten Bergspitzen tief herab bedecken könnte. – Mit den großen und stolzen Bergspitzen wird sich sicher nie ein Gewand zusammenheften lassen!
GEJ|5|174|15|0|Es ist dieses Gleichnis wohl etwas extrem; aber es bezeichnet dir dennoch ganz das Verhältnis eines sich über alles hoch und weise dünkenden Verstandes und eines demütigen, der ganz unscheinbar vor den Augen der hochweisen und weltklugen Menschheit erscheint. Während aber der hohe Verstand weit in die Lüfte hinausstarrt und bei seiner reinsten Aussicht gleich dick umnebelt wird, da wirkt der demütige Verstand in einem fort Gutes und wird nach einer jeden Arbeit heller und feiner und für die Folge immer brauchbarer. Bei euch, wie es mir so vorkommt, scheint der Verstand eine große Ähnlichkeit mit den allerhöchsten Bergspitzen zu haben, die nur höchst selten wolkenfrei sind, und da dürfte es dir denn auch etwas schwerfallen, die volle Wahrhaftigkeit dessen genau prüfen zu können, von dem du eine Wahrheit als volle und ungezweifelte Wahrheit annehmen sollst! – Welcher Meinung bist du da?“
GEJ|5|175|1|1|175. — Des Fischers Aziona stoische Weltanschauung
GEJ|5|175|1|0|Sagt Aziona: „Na, das käme jetzt erst darauf an, ob es völlig in meinem Willen läge! Freilich nehmen wir nicht leichtlich etwas an, so wir zuvor nicht irgend auffallende Wirkungen gesehen haben. Nun, an der ersichtlichsten Wirkung aus dem von dir mir offen angegebenen Grunde fehlt es hier durchaus nicht; meine Speisekammer ist voll Eßwaren, und nun hier der Wein aus reinstem Wasser! Das wären denn doch, wie man sagt, so hübsch handgreifliche Beweise dafür! Aber jetzt kommt es nur darauf an, klar zu wissen, ob ihr denn nicht doch so ganz geheim irgendein Spezifikum besitzet, durch dessen noch so geringe Beigabe jedes reine Wasser zu Wein werden müßte! Es wird das wahrscheinlich der Fall nicht sein; aber man kann sich bei der Betrachtung dieses reinen Wunders eines solchen Gedankens nicht ganz erwehren; solange man aber das nicht kann, ist es mit der gänzlichen Zweifellosigkeit wie mit der Wirkung des von dir gut gezeichneten Vollglaubens nichts! Und ich sehe darum schon zum voraus nur zu gut ein, daß wir sämtlichen Bewohner dieses Ortes nie auch nur einem Tropfen Wassers den Geschmack des Weines werden zu verschaffen imstande sein!
GEJ|5|175|2|0|Wir sind hier zwar so armselig wie möglich plaziert – unsere Nahrung besteht nur aus Ziegenmilch, Fischen und Wasser; denn etwas anderes gedeiht in dieser reinen Wüste nicht –; aber wir sind damit zufrieden in unserem allerpursten Naturzustande. Dieser schließt die von uns allerorten vielfach gemachten Erfahrungen nicht aus. Weit und breit in aller Welt sind wir herumgekommen; denn wir waren Sänger und Magier, und ich habe in Athen die Apothekerkunst gelernt, gewisse geheime Spezifika zu bereiten, mittels welcher man für die vielen Laien eine Menge Wunder hat zustande bringen können.
GEJ|5|175|3|0|Kurz und gut, ich bin, so einfach ich auch hier aussehe, mit einer großen Menge von allerlei Wissenschaften und Erfahrungen ausgestattet! Ich kenne das Lebenskraut der Königsschlange und kenne den Wunderstein Bezoar. Ich kenne Asien bis tief nach Indien, kenne Europa, war in Hispania, im Lande der Gallier und war auch in Britannien, kenne dieser Länder Sitten und Zungen, kam wieder nach Griechenland und lernte dort Weise kennen aus der Schule des großen Weisen Diogenes und sagte dann: ,Oh, ein wie großer Narr ist doch der Mensch! Länder und große Reiche durchwandert er des dummen Geldes wegen; Diogenes, der größte Weise, war glücklich in seinem Fasse, weil er die volle Nichtigkeit der Welt, ihrer Schätze und die vollste Wertlosigkeit des vergänglichen Erdenlebens ganz klar wie kein anderer eingesehen, begriffen und bewiesen hat!‘
GEJ|5|175|4|0|Ich verließ mit meiner Gesellschaft dann vor zehn Jahren Athen und zog von aller Welt fort in diese Wüste. Hier erbauten wir uns diese Hütten, die wir nun ganz zufrieden bewohnen. Unsere mitgenommene kleine Ziegenherde und die hier reichlich vorkommenden Fische, mit deren Überfluß wir bloß nur des Salzes wegen einen kleinen Handel nach der Stadt Cäsarea unterhielten, ernähren uns.
GEJ|5|175|5|0|Da nun aber diese Stadt vor wenigen Tagen eine Beute der Flammen geworden ist, so hat auch natürlich dieser Handel sein Ende erreicht, und wir alle haben nun schon vier Tage hindurch zu unserer großen Freude die Erfahrung gemacht, daß man auch ohne Salz leben kann, weil man schon von irgendeiner unsichtbaren Macht der Natur zum Leben verdammt ist.
GEJ|5|175|6|0|Denn ich und wir alle halten das Leben für eine Strafe für die von der großen allgemeinen Natur losgetrennte kleine Natur, die wir belebten Wesen vertreten. Das denkende, sich selbst bewußte Wesen muß alle Reize des Lebens fühlen, um sich dann am Ende desto schmerzvoller durch den sichern Tod von ihnen trennen zu müssen. Daher ist des wahren Weisen Sache, von der wir alle ganz durchdrungen sind, diese: Das Wertloseste frühzeitig vollkommen verachten lernen, und den Tod als die Versöhnung mit der großen Natur betrachten und für das größte Glück eines jeden lebenden Wesens halten! Ist ein Mensch einmal darin groß und tüchtig geworden, so hat er damit auch das allein wahre und größte Lebensglück erreicht. Er lebt dann ganz zufrieden und sehnt sich ganz durch und durch nach dem Tode, der eines jeden lebenden Wesens größter Freund ist.
GEJ|5|175|7|0|Wir haben eine rechte Freude an jedermann, dem wir mit unseren kleinsten Mitteln einen Dienst erweisen können; aber wir bemitleiden auch aus gutem und tiefwahrem Grunde jeden Menschen, der sich alle Mühe gibt, in der Welt etwas zu erreichen. Wozu sich plagen und sorgen für etwas, das buchstäblich nur von heute bis morgen besteht? Wer uns aber etwas anderes weismachen will, dem zeigen wir bloß die Gräber der Toten, aus denen noch kein Wesen neubelebt hervorgegangen ist! Was man war, das wird man wieder, nämlich Erde zur Nahrung der glücklichen Pflanzen, die da sind und nicht fühlen, daß sie sind, und nicht denken, daß sie vergehen werden. Oh, wie groß und heilig ist das Nichtleben gegenüber dem sich klar bewußten Leben!
GEJ|5|175|8|0|Ihr scheint allem Anscheine nach auch so eine ganz bestbestellte Künstlergesellschaft zu sein und zu versuchen, euch ein sogenanntes Erdenglück zu erringen!? Wir ganz Glücklichen können euch nur bedauern, so ihr das wahre Lebensglück auf irgendeinem andern Felde suchen wollet als allein auf dem, auf welchem es allein für bleibend zu finden ist. Bleibet da und erbauet euch kleine Wohnhütten gleich den unsrigen! Begnüget euch für dies nichtige, gar nichts sagende und ebenso gar nichts bedeutende Leben mit dem möglich Wenigsten, und ihr werdet es erst nach und nach einsehen und kennenlernen, wie sehr recht und wahr das ist, was ich soeben zu euch geredet habe!
GEJ|5|175|9|0|Und du, Hauptredner, wirst es auch begreifen, daß dies mein reellstes Wissen um sehr vieles mehr wert ist als dein fester, ungezweifelter Vollglaube! Was nützt es dir, so du mit deinem Vollglauben auch ganze Bergreihen versetzest, am Ende aber doch sterben und in die nimmer endende Vernichtung übergehen mußt? Wir alle sind nichts als ein Spiel der großen Natur zwischen Erde, Mond und Sonne! Zwischen diesen dreien bilden sich zufällig Gesetze, und ihre Folgen beleben momentan den Erdboden. Die blinden Schwachbelebten sehen das freilich wohl nicht ein; aber wir, die wir durch gar viele Strahlen der Sonne hindurchgewandert sind, haben das kennengelernt und können es mit dem besten Gewissen von der Welt jedermann kundtun, was das Leben ist, und was man vom selben zu erwarten hat!“
GEJ|5|175|10|0|Hierauf schwieg Aziona.
GEJ|5|176|1|1|176. — Johannes enthüllt das Leben des Aziona
GEJ|5|176|1|0|Aber Johannes sagte: „Ich staune über deine Beredsamkeit und über deine Lebensansichten, die teilweise wahrlich gar nicht zu verwerfen sind; aber in der Hinsicht, daß du meinst, dies Leben habe gar keinen Wert und sei bloß nur ein Spiel der großen Natur, – wahrlich, da bist du sehr irre daran! Hast du denn nie etwas von einem Gott gehört, der Himmel und Erde und alles, was da ist, aus Sich heraus erschaffen hat? Man bemerkt ja doch auch mit Leichtigkeit eine gewisse Ordnung in allem, was da ist: Die Zwecklichkeit der Glieder eines Tieres und noch mehr eines Menschen! Wie wohlberechnet das Auge und das Ohr!
GEJ|5|176|2|0|Kannst du bei nur einigem höheren Denken wohl annehmen, daß das alles allein nur ganz tote und lebensstumme Gesetze getan haben?! Oh, da bist du trotz deiner vermeinten größten Weisheit noch sehr armselig daran, und es ist mir sehr leicht begreiflich, warum du dies Erdenleben gar so verächtlich und wertlos findest! Du hast zwar mit deiner Gesellschaft viele Länder mit manchen beträchtlichen Beschwerden durchwandert, hast viel gesehen und erfahren, – aber um den besten Teil des Lebens hast du dich noch nie bekümmert!
GEJ|5|176|3|0|Im Anfange hast du dich nur fürs materielle Heil des Lebens geopfert. Es wollte dir aber, wie es schon so manchmal in der Welt sich fügt, die Sache nicht glücken; denn ein gar besonders ausgezeichneter Magier warst du nicht und besaßest dazu auch viel zu wenig derjenigen äußeren Weltklugheit, durch die allein man die Welt vom Aufgange bis zum Niedergange so recht breitschlagen kann. Du konntest dir also dein früher sooft geträumtes Erdenlebensglück mit Hilfe deiner Kunst, die, wie gesagt, nicht zu sehr weit her war, nicht erringen, trotz deiner weiten Reisen. Ich werde dir aber den ganz einfachen Grund auch noch dazu sagen, damit du erfahrest, wie man durch den festen Glauben auch das Innerste und Verborgenste eines Menschen herausbringen kann.
GEJ|5|176|4|0|Siehe, du warst dir so in deinem Herzen sehr wohl bewußt, daß du in allen deinen Künsten und Wissenschaften nur ein purer Stümper warst und auch nicht hast wagen dürfen, in irgendeiner großen Stadt im Angesichte sehr gebildeter, wohlerfahrener und verständnisvoller Menschen deine nichtssagenden Künste zu produzieren, und doch hättest du nur in den Großstädten dir reichliche irdische Schätze zu sammeln vermocht! Du mußtest dir also stets nur so ein recht dummes Volk aufsuchen, das sich leichter über den Daumen drehen ließ. Ein solches hast du auch zuweilen gefunden; aber da ein dummes Volk auch stets ein armes ist, so konnte da für dich nie ein Gewinn herausschauen.
GEJ|5|176|5|0|Darauf wurdest du toll, als du nach Illyrien kamst und durchaus schlechte Geschäfte gemacht hattest. Da kam im Dorfe Ragizan ein Grieche zu dir, pries dir Athen an und versprach dir dort goldene Berge. Dieser Grieche war aber ein gewöhnlicher Küstenfahrer mit seinen Booten, und es war ihm nur darum zu tun, Fahrgäste nach Griechenland für seine leeren Boote zu bekommen. Ob du in Athen etwas gewinnen werdest oder nicht, das war ihm ganz einerlei. Kurz, du verdingtest dich mit dem Griechen nach Athen und kamst nach einer langweiligen, dreiwöchigen Fahrt ganz glücklich und wohlbehalten in Athen an, allwo du in der alten, kunstklassischen Stadt gleich bei der ersten Produktion weidlichst ausgepfiffen worden bist.
GEJ|5|176|6|0|Das ärgerte dich und deine Gesellschaft sehr, und du fingst infolge deiner Erfahrungen an, mit den Griechen als ein Weiser zu verkehren, und fandest bald recht viele Zuhörer, die dich für deine Erzählungen gerne sogar groschenweise zahlten; denn niemand hört so gerne von gemachten Reisen erzählen wie eben die reiselustigen Griechen. Als du also mit den Griechen eine Zeitlang verkehrt hattest, machtest du Bekanntschaft mit einer Art Weisen nach der Lehre eines gewissen Diogenes. Diese gefielen dir, weil sie trotz ihrer ersichtlichen Armut sehr heiter und voll guter Dinge waren. Dir kam das sonderbar vor, daß Menschen, in der tiefsten Armut steckend, weise Reden führend und im Essen und Trinken stets höchst mäßig seiend, so heiter und zufrieden sein können. Du fingst an, dich stets näher und näher um den Grund zu erkundigen, und er wurde dir gezeigt.
GEJ|5|176|7|0|Als du und deine Gesellschaft in solche Lebenszufriedenheitslehre eingeweiht waret, beschlosset ihr bald, hierher heimzukehren, von wo ihr ausgegangen seid, und irgend in der Nähe der Stadt Cäsarea in einer herrenlosen Gegend euch niederzulassen und da eine zwar arme, aber möglichst glückliche Menschenkolonie zu gründen. Und wie ihr vor ungefähr zehn Jahren hier angekommen seid und euch allhier angesiedelt habt, so seid ihr noch.
GEJ|5|176|8|0|Ihr habt als geborene Juden die Lehre eurer Väter, die ihr freilich nie ernstlich gehandhabt habt, weil ihr euch an den Handlungen der Pharisäer gestoßen habt, verlassen und habt jene euch weiser dünkende der Heiden angenommen. Auf diese Art seid ihr aber dann vollends gottlos geworden und habt an Gottes Stelle die Macht der großen Natur gesetzt. Mit dem meinet ihr den Stein der Weisen gefunden zu haben!? Aber ich sage es dir und kann es mit dem besten Gewissen von der Welt sagen, daß ihr euch dadurch vom selben nur stets weiter und weiter entfernt habt!
GEJ|5|176|9|0|So du ein wahrhaft Weiser bist, da zähle nun du mir auf, was ich von meiner Jugend an getan habe, was ich gelernt habe, was ich war, und was ich nun so ganz eigentlich bin! Ich aber habe dir ganz kurz, doch offenbar nicht mit einer Silbe unrichtig, dargestellt, wie es dir nahe von deiner Geburt an in der Welt ergangen ist, und so es die Zeit gestatten würde, hätte ich dir auch haarklein dein ganzes Leben beschreiben können! Urteile nun aber selbst, wer von uns beiden der Weisere ist, ich mit meinem ungezweifelten Vollglauben, oder du mit deinem vollen Unglauben!“
GEJ|5|177|1|1|177. — Der wahre, lebendige Glaube
GEJ|5|177|1|0|Hier sah Aziona den ganz gemütlichen Johannes groß an und sagte: „Höre, du mein übrigens höchst schätzbarer Freund! Das, was ich nun aus deinem Munde vernommen habe, ist mehr als meine gefüllte Speisekammer und bei weitem mehr als der aus reinem Wasser hergestellte Wein; denn was du mir gesagt hast, ist buchstäblich von Alpha bis Omega wahr! Du hast mich zuvor nie gesehen und gesprochen und kennst meine und meiner ganzen Gesellschaft Lebensverhältnisse so genau, als hättest du das alles mit uns durchgemacht! Das ist viel – und etwas, das mich sehr stutzig zu machen beginnt. Daß dein Kollege, der zuerst den Redner machte, um meinen Namen wußte, fiel mir durchaus nicht auf, da um den ganz Cäsarea weiß, von wo aus ihr habet hierher beschieden werden können; aber meine Lebenserfahrungen sind von gar keinem von uns irgend jemandem bekanntgegeben worden, und du hast sie daher auch von niemandem in Erfahrung bringen können, – und du weißt um jede Kleinigkeit, ja sogar um meine damals gehabten Gedanken, Beschlüsse und inneren, oft nicht einmal irgend jemandem aus meiner Gesellschaft mitgeteilten Absichten! Freund, das ist etwas, das sich auf gar keinem natürlichen Wege erklären läßt!
GEJ|5|177|2|0|Wohl soll es einst in Ägypten Weise gegeben haben, die da aus den Linien der Hand und der Stirne einem Menschen weissagen konnten, was er getan hat, und was er zu erwarten habe; auch gab es gewisse Tempelschläfer, die in einer Art Schlafekstase so manche Dinge weissagten, die entweder irgend so bestanden oder erst geschehen und bestehen werden. Aber mit welchen mystischen Bildern wurde all dergleichen Orakelzeug an das Tageslicht gefördert! Es bedurfte da wieder neuer Weiser, die da solche höchst unverständlichen Orakelsprüche den Laien zumeist auf eine witzige und sehr pfiffige Weise erklärten, nach welchen oft sehr pomphaften und kostspieligen Erklärungen der Fragende eben das wußte, was er entweder gar nie zu wissen begehrte, oder was er schon lange früher gewußt hatte. Aber bei dir ging die Sache ohne allen Tempelschlaf, ohne alle Besichtigung meiner Hände und ohne allen mystischen Wortkram ganz linieneben heraus! Ja, so eine Weissagung lasse ich mir gefallen! Aber jetzt kommt der hinkende Fragbote und sagt: Wie, wie ist so etwas möglich? Außer einer allsehenden und allfühlenden Götterkraft ist das vollkommen undenkbar! Sollte sich so etwas im Ernste allein durch den Vollglauben erreichen lassen?“
GEJ|5|177|3|0|Sagt Johannes: Jawohl, Freund; aber freilich kommt es sehr darauf an, was man glaubt! Es könnte dir jemand eine Lüge vorsagen, und du glaubtest sie fest, so würde solch ein noch so ungezweifelter Glaube keine Wirkung haben, weil man darauf, wo es keinen wahrhaft festen Kerngrund gibt, kein Haus bauen kann.“
GEJ|5|177|4|0|Sagt Aziona: „Das ist alles in der Ordnung; aber wo ist der Probierstein, mittels welchem ich zur vollsten Überzeugung gelangen könnte, daß das eine vollste Wahrheit sei, was mir jemand zu glauben vorgestellt hat?“
GEJ|5|177|5|0|Sagt Johannes: „Über dies Kapitel haben wir zwar schon gesprochen; allein, um dir noch einen näheren Fingerzeig zu geben, sage ich dir, daß Gott, der Herr Himmels und dieser Erde, einem jeden nach der Wahrheit strebenden Menschen ein Gefühl in sein Herz gelegt hat, das die Wahrheit noch viel eher erkennt und erfaßt als ein noch so durchgebildeter Verstand.
GEJ|5|177|6|0|In diesem Gefühle weilt auch die Liebe zur Wahrheit, die sie als solche wahrnimmt, bald mit ihrer Lebenswärme durchdringt und also lebendig macht. Wird der Glaube als eine von der Liebe durchdrungene Wahrheit aber einmal lebendig, dann wird er auch sich zu regen, zu bewegen und am Ende selbst zu handeln anfangen. In solchem zuversichtlichen Handeln liegt dann erst auch das volle Gelingen dessen, was man im Herzen, und nicht etwa im Gehirn des Kopfes, als ungezweifelt glaubt.
GEJ|5|177|7|0|Im Gehirne hat die Seele nur ihre Augen, Ohren, ihren Geruch und Geschmack; von diesen geht aber kein Leben aus, da sie selbst nur Wirkungen des Lebens sind.
GEJ|5|177|8|0|Soll denn ein Glaube wirken, so muß er eins sein mit dem Leben selbst und nicht, gleich den Augen und Ohren, der Nase und dem Gaumen, als eine bloße Wirkung des Lebens für sich einzeln dastehen ohne einen tieferen Verband als allein den des nötigen äußeren Gebrauchs. Ist aber dein Wahrheitsglaube einmal eins geworden mit deinem Leben, so hat er schon von selbst jeden Zweifel aus sich ausgeschieden, und er darf dann nur wollen, und es wird geschehen, was solch ein Lebensglaube will.“
GEJ|5|178|1|1|178. — Der Weg zum wahren Glauben
GEJ|5|178|1|0|(Johannes:) „Der echte, wahre Glaube gleicht bei einem Menschen, der zu glauben anfängt, dem Weinmoste, der in die Schläuche getan wird. Da fängt er bald an zu gären, so er ein echter Traubenmost ist. Durch diese Gärung wirft er alles von sich hinweg, was nicht völlig Wein ist. Hat er alles aus sich entfernt, was nicht seiner Art war, so wird er dann ein reiner und kräftiger Wein, der beim Genusse alles belebt, weil er selbst gewisserart Leben ist. Tust du aber eine andere Flüssigkeit in die Schläuche, so wird sie entweder in gar keine Gärung oder höchstens in eine faule gelangen und in eine stinkende Verwesung übergehen, durch die auch der Schlauch angegriffen und zerstört wird.
GEJ|5|178|2|0|Gleich dem Schlauche aber ist des Menschen Herz, das durch die Wahrheit stets lebendiger und kräftiger wird, durch Lüge und Trug aber am Ende selbst als sonstiger Träger des Lebens in den vollen Tod übergehen muß.
GEJ|5|178|3|0|Glaubst du an einen Gott im Herzen, so wirst du Ihn auch lieben, weil im Herzen alles mit der Liebe durchdrungen wird. Liebst du aber Gott, so ist Gottes höchste Kraft in dein Herz und also in dein Leben selbst eingedrungen.
GEJ|5|178|4|0|Gottes Kraft aber ist keine irgend begrenzte, sondern durchdringet die ganze ewige Unendlichkeit. Wirst du aber also im Verbande mit der göttlichen Kraft irgend in deinem Lebensgrunde angeregt, so wird zugleich auch die göttliche Kraft in dir angeregt, und so dann diese in dir will, so geschieht unfehlbarst, was sie will.
GEJ|5|178|5|0|Ich bin zwar äußerlich ganz so ein Mensch wie du; aber in meinem Herzen bin ich nicht mehr als nur für mich selbst daseiend, sondern Gottes Kraft ist durch meine große Liebe zu Ihm eben in meinem Herzen wohnend und ist eins geworden mit meiner Liebe. Darum konnte ich auch aus der Kraft Gottes heraus alles erschauen und wahrnehmen, was da alles mit dir und deiner Gesellschaft auf deinen Reisen sich zugetragen hatte. Hierin liegt alles!
GEJ|5|178|6|0|Du mußt Gott erstens erkennen, und dazu hast du einen geordneten Verstand. Aber beim Verstande allein hat es nicht zu verbleiben. Was du verstehst, mußt du ehest in dein Herz oder in dein Leben aufnehmen, es damit beleben, und du wirst dann schon auf dem rechten Wege sein! – Hast du mich aber wohl auch verstanden?“
GEJ|5|178|7|0|Sagt Aziona: „Verstanden habe ich dich wohl; aber was ist dann zu tun, so das Herz schon mit allerlei Unflat von Lüge und Trug erfüllt ist? Wie das vorher hinausschaffen?“
GEJ|5|178|8|0|Sagt Johannes: „Nimm du nur die Wahrheit an; sie wird das ihrige auch ohne deine Hände tun! Wenn du in der Mitternacht die Finsternis betrachtest, kannst du dir auch ängstlich denken, wie diese vor dem werdenden Tag etwa doch weichen wird. Wer wird sie hinwegfegen? Ich aber sage dir: Sorge dich nicht darum! Laß nur erst die Sonne des Tages kommen, die wird mit der noch so dichten Finsternis gleich fertig werden! Wie aber Gott wirket in der großen Außennatur der Welten, ebenso wirket Er auch durch Seine Lebensgnadensonne im Menschenherzen. – Verstehst du das?“
GEJ|5|178|9|0|Sagt Aziona: „Ja, ich verstehe es nun; aber nun lasse mich zu einigen Nachbarn gehen, daß ich ihnen offen sage, was ich hier erfahren habe!“
GEJ|5|178|10|0|Darauf empfahl sich unser Aziona und eilte hastig zu seinen Nachbarn, rief laut und schnell alle zusammen und erzählte ihnen haarklein alles, was er nun erfahren, gesehen und gehört hatte.
GEJ|5|179|1|1|179. — Der Traum des Hiram
GEJ|5|179|1|0|Diese erstaunten höchlichst über alles das, und einer sagte: „Merkwürdig, ich halte zwar nichts auf die Träume, – aber mein Traum, der mir in dieser Nacht vorkam, scheint sich mit dieser höchst sonderbaren Begegnung sehr als wahr zu bestätigen!“
GEJ|5|179|2|0|Fragt ihn gleich Aziona in seiner hastigen Weise: „Nun, nun, erzähle nur geschwind, was dir alles geträumt hat! Aber laß ja nichts aus; denn es kann alles von großer Wichtigkeit sein!“
GEJ|5|179|3|0|Sagt der Nachbar: „Nur eine kleine Geduld, mein Freund Aziona; denn man muß sich den Traum erst so recht aus allen den Lebenswinkeln seines Gemütes ein wenig geordneter zusammensuchen, weil man dir mit keiner ungeschickten Erzählung je kommen darf. Aber nun habe ich ihn schon so ziemlich beisammen, und so wolle du ihn ganz geduldig vernehmen.
GEJ|5|179|4|0|Ich stand am Ufer unserer für jedes größere Schiff nahe unbefahrbaren Bucht. Da ersah ich im Morgen einen großen Glanz aufsteigen, stärker leuchtend denn die Mittagssonne. Ich forschte mit meinen Augen hin und her und auf und ab, doch es wollte sich nichts zeigen als etwa irgend etwas der Sonne Ähnliches, von dem der große Glanz hätte ausgehen können!
GEJ|5|179|5|0|Ich betrachtete diesen großen Glanz mit einer stets größeren Lust und entdeckte bald darauf ein großes Schiff, das gerade in diese Bucht einlenkte. Dieses Schiff aber war so leuchtend, daß ich bald gewahrte, daß der vorhergehende große Lichtglanz allein nur von diesem Schiffe herrühren konnte. Ich bemerkte auch bald Menschen in diesem Lichtschiffe, unter denen besonders einer mehr denn die Mittagssonne leuchtete. Aber auch die andern, bis auf einen, leuchteten stark, aber dennoch so, als wären sie gleich den weißen Sonnenwölkchen von dem einen beleuchtet. Das Schiff näherte sich schnell unserer Kolonie. Mich ergriff ob des stets stärker werdenden Lichtes ein großes Bangen, daß ich mich eiligst in meiner Hütte zu verbergen suchte. Aber da ward ich wach und sah erst ein, daß es nur ein Traum war.
GEJ|5|179|6|0|Obwohl ich aber, wie auch jeder von uns, auf einen Traum nichts halte, so hat mich aber dennoch dieser sonderbare Lichttraum bis jetzt beschäftigt und ich rief mir zu öfteren Malen zu: ,Nein, das ist kein gewöhnlicher, leerer Traum! Der wird auf irgendeine ganz entsprechende Weise in Erfüllung gehen!‘ Und siehe, da ist sie schon vor uns!
GEJ|5|179|7|0|Jetzt aber nur gleich hin; denn ich brenne vor Begierde, das Schiff zu sehen, ob es mit dem von mir im Traume gesehenen zum wenigsten eine formelle Ähnlichkeit hat! Auch die Menschen habe ich in größerer Nähe schon so deutlich ausgenommen, daß ich mir die Physiognomien recht gut habe merken können. Es wäre wahrlich höchst merkwürdig, so das Schiff und auch die Menschen, die ich auf dem Schiffe in meinem Traume geschaut habe, mit deinen wunderbaren Gästen eine Ähnlichkeit hätten! Gehen wir daher nur gleich zu ihnen, auf daß sie uns nicht vorher etwa abfahren!“
GEJ|5|179|8|0|Darauf erhob sich gleich die ganze Nachbarschaft und eilte zu uns.
GEJ|5|179|9|0|Als sie nun vor uns standen, rief gleich der Träumer laut aus: „Ja, ja, Bruder Aziona, das ist auf ein Haar dasselbe Schiff, und das sind auch ebenso ganz dieselben Menschen, nur alles ohne den Lichtglanz!“
GEJ|5|179|10|0|Hier rief Ich Selbst ihn beim Namen und sagte: „Hiram, was hältst denn du demnach nun von deinem Traume? Und was du, Aziona?“
GEJ|5|179|11|0|Sagte Hiram: „Ja, ihr lieben, wunderbaren Freunde! Darüber weiß ich gar nichts anderes zu sagen, als daß er mit euch, was die Form betrifft, ganz vollkommen in die Erfüllung gegangen ist! Nur das Licht ist nun nicht ersichtlich; vielleicht aber werden wir alle es auch wieder zu sehen bekommen, so dieser helle Sonnentag sich mit dem Sternenmantel der Nacht umhüllen wird!“
GEJ|5|179|12|0|Sagt Aziona: „Ich aber meine, daß es da keines äußeren Leuchtens bedarf, weil diese lieben Freunde des unbegreiflichen innern Lebensweisheitslichtes gar so strotzend voll sind! Und ich möchte da schier meinen, daß du, Freund Hiram, in deinem wahrhaft merkwürdigen Traume nur dieser Männer geistiges Leuchten geschaut hast! Jedoch darüber werden dir erst eben diese lieben Männer und unbekannten Freunde den rechten Aufschluß geben!“
GEJ|5|180|1|1|180. — Das Schauen der Seele im Traume
GEJ|5|180|1|0|Sagt hierauf Johannes: „Siehst du, Freund Aziona, wie es bei dir schon geistig zu dämmern beginnt? Denn du hast deinem Freunde und Nachbarn Hiram über das Leuchten seines Traumgesichtes eine ganz vollkommen richtige Erklärung gegeben; denn es verhält sich gerade und ganz genau also! Im Traume schauet nur die Seele geistig mit ihren geistigen Augen und kann demnach auch nur das Geistige sehen, – und so hast du uns zum voraus auch nur geistig sehen können, das heißt nicht du, Aziona, sondern der Hiram.“
GEJ|5|180|2|0|Sagt Aziona: „Aber Hiram sah nicht nur das Licht allein, sondern auch die Materie der Form nach, wie sie hier ist! Nun, mit welchen Augen sah er diese?“
GEJ|5|180|3|0|Sagt Johannes: „Als wir heute vor etwa drei Stunden ankamen, da warst du und noch mehrere deiner Nachbarn zugegen; nur Hiram war nicht da. Als der Mittag kam, eilte alles in die Hütten des kargen Mittagsmahles wegen; du allein nur bliebst uns zu unserer Bewirtung. Wäre Hiram auch unter denen gewesen, die uns mit dir hier empfangen haben, so hättest du eher noch eingesehen, wie man mit den geistigen Seelenaugen zuweilen auch materielle Formen sehen und wahrnehmen kann. Aber nun muß dir das erst nach und nach gezeigt werden; denn da kommt es nun auch auf das alte Sprichwort an, daß mit einem Hiebe noch lange kein Baum fällt.“
GEJ|5|180|4|0|Fragt Aziona: „Ja, lieber, weisester Freund, warum aber hätte ich das dann früher eingesehen, so bei eurer Ankunft auch Hiram zugegen gewesen wäre?“
GEJ|5|180|5|0|Sagt Johannes: „Ja, das hat, weißt du, schon so alles seine sehr geweisten Wege! Hiram hätte uns sogleich als dieselben erkannt, welche er in seinem Lichttraume gesehen hatte, und da hätte unser Gespräch sicher auch gleich eine andere Wendung genommen, und wir wären da offenbar früher über diesen Punkt zu reden gekommen. Nun aber sind wir später erst darauf gekommen, und so kannst du auch aus ganz natürlichen Ursachen nur später hinter dies Geheimnis kommen!“
GEJ|5|180|6|0|Sagt Aziona: „Ja, das ist freilich etwas ganz Natürliches; denn das geht mit allem in der Welt also! Je später man mit einer Arbeit, die eine bestimmte Zeit erfordert, anfängt, desto später wird man auch damit fertig!“
GEJ|5|180|7|0|Sagt Johannes: „Aber es ist hier doch auch noch ein anderer Grund vorhanden, den du aber jetzt noch nicht so geschwind einsehen kannst; mit der Zeit jedoch wirst du auch darin ins klare kommen, nur mußt du dir vor allem ein wenig mehr Geduld aneignen! Denn nur mit Geduld kann man endlich die ganze Welt in sich und auch außer sich besiegen.“
GEJ|5|180|8|0|Sagt Aziona: „Geduld, wahrlich, die ist meine schwache Seite nicht, – denn an der hat es mir stets stark gemangelt; aber so es sein muß, so kann ich schon auch geduldig sein!“
GEJ|5|180|9|0|Sagt Johannes: „Du hast eigentlich sagen wollen, daß die Geduld bei dir keine starke, sondern wirklich nur eine sehr schwache Seite ist, die bald und gerne reißt, – nicht wahr, mein Freund Aziona?“
GEJ|5|180|10|0|Sagt Aziona: „Gediegene Sprachkenntnis müßt ihr bei uns nicht suchen; denn wir reden nur so nach altem Sprachgebrauche, und der ist, was den Sinn betrifft, fast überall ein anderer. Aber weil du schon gerade von starken und schwachen Saiten gesprochen hast, so möchte ich fast meinen, daß ihr auch Musiker und Sänger seid!“
GEJ|5|180|11|0|Sagt Johannes lächelnd: „Ja, ja, du möchtest nicht so ganz unrecht haben; denn Musik und Gesang ist bei den Juden ja von jeher unter allen Völkern der Erde am stärksten vertreten gewesen, obwohl wir denn so ganz eigentlich doch weder Musiker noch Sänger sind, wie sie nun bei uns in Galiläa sehr häufig vorkommen. Auch meinte ich mit dem Ausdrucke ,schwache und starke Seite‘ nicht etwa die Saiten eines musikalischen Instrumentes, sondern nur die moralische Seite des menschlichen Gemütes; aber dessenungeachtet sind wir dennoch auch Musiker und Sänger, aber nur so recht tief geistig! – Verstehst du solches?“ –
GEJ|5|180|12|0|N.B. Hier muß zum Verständnisse der Deutschen das wohl bemerkt werden, daß in der althebräischen Sprache die Saite eines Musikinstrumentes und die Seite eines Menschen noch gleichlautender waren als in der gegenwärtigen deutschen Sprache; denn Saite hieß Strana, auch Strauna, und die ,Seite‘ hieß ebenfalls Strana, auch kürzer Stran oder Stranu, und es kann daraus leicht entnommen werden, warum Aziona uns für Musiker und Sänger zu halten anfing. (Anmerk. v. J. Lorber)
GEJ|5|181|1|1|181. — Hirams stoisch-naturalistische Weltanschauung
GEJ|5|181|1|0|Sagt darauf Aziona: „Wahrlich, nein, das verstehe ich noch ganz und gar nicht! Wie soll ich denn das verstehen?“
GEJ|5|181|2|0|Sagt Johannes: „Indem du ein Jude bist, so wirst du doch auch einmal von den Psalmen Davids, von dem Hohenliede Salomos und von den Klageliedern des Propheten Jeremias gehört haben?“
GEJ|5|181|3|0|Sagt Aziona: „O ja, das gewiß, obwohl ich davon noch wenig gehört und viel weniger verstanden habe!“
GEJ|5|181|4|0|Sagt Johannes: „Siehe, das ist geistige Musik und geistiger Gesang, weil er den erwähnten Sängern durch den Geist Gottes eingegeben worden ist! Nun, verstehst du diese Sache schon besser?“
GEJ|5|181|5|0|Sagt Aziona: „Nun ja, so etwas dämmerlicher wird es mir offenbar; aber irgendeiner klaren Einsicht brauche ich mich noch lange nicht zu rühmen anzufangen! – Wie verstehst denn du, Hiram, diese Sache?“
GEJ|5|181|6|0|Sagt Hiram: „Geradeso wie du! Es wehet hier wohl so eine Art geistigen Duftes; aber so uns diese lieben und wunderbaren Freunde etwa das Hohelied Salomos sollten vorzusingen anfangen, da werde ich gehen. Denn mit dem Liede kann mich jemand wie eine Gemse über alle Bergspitzen hinaushetzen; das ist nach dem dir bekannten Apothekerausdruck eine wahre Quintessenz der menschlichen Dummheit, abgesehen davon, daß Salomo sonst einer der weisesten Judenkönige gewesen sein soll.
GEJ|5|181|7|0|Von den Psalmen Davids und von den Klageliedern Jeremiä will ich gerade nichts sagen; denn es sollen darin viele ganz gute und erhabene Dinge vorkommen und allerlei so hübsch dunkel gehaltene Weissagungen von einem einst kommen sollenden Messias der Juden, etwa nach der Art der Ilias der Griechen. Aber das ist alles eine recht schöne Poesie, hinter der aber nicht einmal mein heutiger, schöner und hier auch in die Erfüllung gegangener Lichttraum steckt! Die armen, sterblichen Menschen vertrösten sich, so gut es gehen kann, stets mit lauter guten Dingen; aber wo ist da die effektive Wirklichkeit? Die bleibt ewig unterm Wege stecken, und ein jeder Mensch mit all seinen schönsten Hoffnungen findet endlich da unten in der kühlen Erde die Erfüllung! Das ist und bleibt die ewige und gleiche Wahrheit; alles andere zerstäubt ins alte, eitle Nichts!
GEJ|5|181|8|0|Es ist wahr, Aziona hat mir ehedem so manches und sehr Beachtenswertes gesagt, hinter dem wohl irgendeine geheime, von uns noch gar nicht gekannte Wahrheit steckt; aber es hat die liebe Erde seit Moses, Sokrates und Plato schon so manche überaus weise Männer, die man ganz gut schon für Götter hätte halten können, getragen. Sie waren sicher da, und alle Kräfte der Natur gehorchten ihren Winken! Allein, sie wurden dennoch älter und schwächer und gebrechlicher, und am Ende ihrer Tage zeigte sich's dennoch, daß sie auch nur sterbliche und vergängliche Menschen waren, und sie sind in das ganz gleiche Nichts übergegangen wie diejenigen uns ganz gleichen menschlichen Wenigkeiten, denen es nie eingefallen ist, auf der Welt etwas sein zu wollen. Darum ist alles eitel in dieser todvollen Welt!
GEJ|5|181|9|0|Man sagt wohl so ziemlich allgemein von einem irgendwo befindlichen jenseitigen Seelenreiche; allein, wo ist dieses, wer hat je eine Seele und wer je ihr künftiges Wohnland gesehen? Ja, Dichtungen und Sagen gibt es überall in Mengen darüber! Wir sind unser viele hier, das heißt für diesen ganz verlassensten Ort der Erde; aber darunter ist auch nicht einer, der es mit Bestimmtheit sagen könnte, daß er selbst je einmal eine Seele gesehen oder nur so recht lebhaft gefühlt hätte! Was sich aber nicht jedermann, der als Mensch doch auch ein Recht darauf haben sollte, in seinem Leben zu erkennen gibt, sondern zumeist allein nur den verschiedenen Priesterschaften und andern ihnen sehr ähnlichen Individuen, nun, da ist es hoffentlich für einen wahrhaft nur einigermaßen unbefangen helldenkenden Menschen doch nicht schwer zu erraten, auf welchem Grund und Boden und zu wessen Frommen derlei Sagen, Dichtungen und sogar Lehren entstanden sind! Wohl denen, welchen solche luftigen Wortgebilde irgendeinen Trost und eine Beruhigung gewähren können! Wir, liebe Freunde, haben etwas Besseres hell erkannt und erfaßt, nämlich die uralte, stets gleiche Wahrheit in ihrer tiefsten Tiefe, und finden eben darin unsern größten Trost und zugleich unsere größte Beruhigung, ehest ins ewig uralte Nichts wieder zurückzukehren; denn im Nichtsein liegt ja doch offenbarst die größte und allerseligste Ruhe.
GEJ|5|181|10|0|Daß wir nun da sind, leben, denken und fühlen, das ist schon so ein eigenes, unbegreifliches Spiel der Natur. Die Winde spielen mit den Meereswogen, und diese toben, sausen und brausen, als wollten sie schon gleich die ganze Erde samt ihren Bergen verschlingen; allein, bald legen sich die Winde, und alle noch so tobende Macht der Wogen ist dahin. So auch steigen Wolken auf, ganz entsetzlich gewitterschwanger. Man sollte glauben, daß das der Erde ein Ende bereiten werde; aber nur zu bald hat der Sturm ausgetobt, und ihm folgt wieder die alte Ruhe. Und so wechselt die große Spielerei der Natur. Alles vergeht und kommt auch wieder; nur die große Natur bleibt sich stets gleich. Sonne, Mond, Sterne und diese Erde sind stets dieselben, und die Erscheinungen und ihre Spielereien auch.
GEJ|5|181|11|0|Seht, liebe und sehr achtbare Freunde, möget ihr machen, was ihr nur wollt und könnt, und ebenso allerlei Weisheit reden, schreiben und lehren, so ist das alles eitel! Nur das, was ich euch aus meiner sicher schlichten und uneigennützigsten Armseligkeit gesagt habe, ist und bleibt wahr. Denn das lehrt den Menschen die tägliche Erfahrung, und diese kennt als die urälteste Lehrerin aller Kreatur durchaus keine Ausnahme, da sie aller Kreatur so eigen ist, wie diese beiden Augen, solange ich lebe, mein eigen sind. Alle andern Weisen und Propheten hatten ihre Weisheit und ihre Kenntnisse wieder von ihren Vorgängern geschöpft und wollten damit der alten Erfahrung Trotz bieten; aber es ist alles rein umsonst und eitel! Da unten sind sie schon lange zunichte geworden, und nichts ist von ihnen übriggeblieben als ihre eitel weisen Lehren und so manche ihrer Großtaten. Nur schwache, an diesem nichtigsten Leben stark hängende Geister können an derlei Gehirnverwirrtheiten noch irgendein Wohlgefallen, ja mitunter sogar einen leeren Trost finden.
GEJ|5|181|12|0|Das ist nun meine Lebensansicht. Habt ihr vielleicht eine bessere, so lasset sie los, und ich werde es sehr gerne sehen, so ihr uns noch etwas Wahreres zu sagen imstande seid! Doch ich weiß es schon wie zum voraus, daß ihr mir mit nichts Wahrerem und Gediegenerem kommen könnet, weil es dergleichen nirgends gibt und geben kann.“
GEJ|5|181|13|0|Sagte heimlich Petrus zu Mir: „Herr, na, der spricht so ein bißchen hebräisch! Wahrlich, wenn ich nicht mit Dir schon so außerordentliche Erfahrungen gemacht hätte, so wäre der noch der erste, der mich ganz schwach reden könnte!“
GEJ|5|181|14|0|Sagte Ich: „Oh, wartet nur, das ist noch lange ihr Kern nicht; sie werden schon noch dichter kommen! Ich habe es euch ja darum zum voraus gesagt, daß ihr euch da sehr werdet zusammennehmen müssen, um diese Menschen zu einer andern Überzeugung und, was aber die Hauptsache ist, zur Liebe zum Leben zu bringen. Johannes, fahre du nun nur fort!“
GEJ|5|181|15|0|Sagte Johannes hier etwas kleinlaut: „Herr, aber nur lege Du mir gleichfort Worte in den Mund; denn vorhin hast Du mich einige Augenblicke allein reden lassen, und ich war gleich – wer weiß es wo! Ich habe zwar gerade nichts Unpassendes geredet; aber kurz, ich merkte es, daß ich nicht auf der Linie geblieben bin!“
GEJ|5|181|16|0|Sagte Ich: „Mein lieber Johannes, sei darum ganz ruhig! Was du geredet hast, war alles in der größten Ordnung, denn es mußte alles genau also kommen. Daher fahre du nun nur ganz mutig fort, und wir werden uns noch eines der schönsten Siege zu erfreuen haben!“
GEJ|5|181|17|0|Das machte dem Johannes Mut, und er begann sogleich wieder zu reden, und zwar mit noch mehr Geist und Mut denn früher.
GEJ|5|182|1|1|182. — Die Gestaltungskraft der menschlichen Seele im Traume
GEJ|5|182|1|0|Also aber fing Johannes an und sagte: „Mein Freund Hiram! Du hattest diese Nacht einen von dir so genannten Lichttraum und gabst vor, uns alle samt dem Schiffe schon hier einlaufen gesehen zu haben, und dein nunmaliges höchsteigenes Geständnis gab unaufgefordert an, daß wir dieselben waren, welche du in deinem Lichttraume gesehen hast. Nun erkläre du mir das nach deiner Weisheit, die in ihrer Art durchaus nicht zu verachten ist, wie das möglich war! Denn so wir nur bloß die Leiber allein und keine Seelen hätten, die am Ende denn doch auch ohne einen Leib fortleben könnten, wie möglich hätten wir uns als Seelen deiner in deinem Leibesschlafe ebenfalls wachen und tätigen Seele zeigen können, während diese unsere Leiber sich um jene Zeit noch ganz gut in der oberen Nähe von Cäsarea befanden?“
GEJ|5|182|2|0|Sagte Hiram: „Ja, ganz gut! So aber das im Ernste eure Seelen waren, die, frei von ihrem Leibe, schon zum voraus in dieser Bucht herumgeschwärmt sind, da möchte ich denn doch auch wissen, ob denn euer Schiff auch eine Seele hat! Siehst du, Freund, da sind wir wieder auf dem alten, etwas strittigen Punkte, worüber mein Freund Aziona schon früher eine Aufklärung hat haben wollen, von dir aber zur Geduld verwiesen worden ist. Nun aber bin ich sehr neugierig, wie du diese stark kitzlige Frage beantworten wirst!“
GEJ|5|182|3|0|Hier nimmt Johannes den Krug und sagt: „Du, Freund, bist durstig, ich sehe es dir an! Da nimm und trinke zuvor, dann erst wollen wir weiterreden!“
GEJ|5|182|4|0|Sagt Hiram: „Ist das etwa so ein indischer Zaubertrank, von dem man berauscht wird und dann in alle Narrheiten der Menschen eingeht?“
GEJ|5|182|5|0|Sagt Johannes: „Neben dir steht Aziona; frage ihn, ob das ein Zaubertrank aus Indien ist!“
GEJ|5|182|6|0|Sagt gleich Aziona: „Trinke nur daraus, es wird dir darauf ganz wohl werden!“
GEJ|5|182|7|0|Sagt Hiram: „Auf deine Verantwortung, Bruder!“ Hiram nahm darauf den Krug und machte daraus einige ganz kräftige und ausgiebige Züge, da er auch ein sehr kräftiger und starker Mann war. Als er seinen Durst gelöscht hatte, sagte er ganz erstaunt zum Aziona: „Ah, da sieh einmal! Aus welcher Quelle hast du denn dieses herrliche Wasser geschöpft?“
GEJ|5|182|8|0|Sagt Aziona: „Das habe ich dir schon bei deiner Hütte erzählt! Das ist dasselbe von diesen Wunderfreunden zum Weine umgestaltete Wasser aus meiner dir ohnehin sehr bekannten Quelle!“
GEJ|5|182|9|0|Sagt Hiram: „Nun wahrlich, diese Kunst möchte ich auch können; denn so ein Trank könnte unsereinem dann und wann dies vergängliche Leben denn doch so ein wenig würzen. Wahrlich, das ist noch der allerbeste Wein, der je über meine Lippen geflossen ist. So einem Weine zuliebe könnte der Mensch schon ohne Überdruß so ein paar tausend Jahre leben! Geh und laß mich noch einmal ein paar Züge tun!“
GEJ|5|182|10|0|Aziona gab dem Hiram den Krug, und dieser machte noch ein paar so recht kernfeste Züge, dankte dann dem Johannes und sagte darauf: „Das, lieber Freund, ist wahrlich sehr gut gegangen; ob es dir aber nun mit dem Seelenbeweise des Schiffes auch so gut gehen wird, das ist eine andere Frage!“
GEJ|5|182|11|0|Sagt Johannes: „Lieber Freund, noch um vieles leichter! Aber du mußt zuvor wissen, daß eine jede schon geistig vollendete und mit dem Geiste Gottes enger verbundene Seele auch so ein bißchen allmächtig ist, und daß es ihr daher ein ganz leichtes ist, sich so ein Schiff im Momente zu erschaffen und es einer fremden Seele, wenn es gerade sein muß, als ein Produkt ihrer schöpferischen Kraft auch wie in der Natur bestehend zu zeigen. Und siehe, das war denn auch in dieser vergangenen Nacht der Fall, und so hast du als Seele denn auch ein uns tragendes Schiff erschauen können, ohne daß darum unser Schiff irgendeine Seele zu haben brauchte. Du ersahst uns auch also bekleidet, wie wir nun da vor euch in der Natur zu sehen sind; da müßten unsere Kleider ja auch eine Seele haben! Aber diese sind ein nur gewisserart zeitgemäßes, schöpferisches Produkt der mit dem Geiste Gottes in enger Verbindung stehenden Seele.
GEJ|5|182|12|0|Du hast also uns, wie wir sind, in deinem Traume offenbar mit den geistigen Augen deiner Seele gesehen, und wir wußten wohl darum, daß du, als eben der Hartnäckigste deines Glaubens, uns werdest sehen müssen, und wollten es also, um vorderhand etwas zu haben, wodurch dir die Augen zuerst ein wenig geöffnet werden können; denn wären wir gar nie in der Welt oder überhaupt nie dagewesen, – wahrlich, so hättest du uns auch in einem noch so hellen Traume nie zu Gesichte bekommen können! Weil wir aber da sind und bestehen, und zwar dem Geiste nach in Gott schon von Ewigkeit her, so war es uns auch ein leichtes, deine Seele zu dem schon lange vorgesehenen Behufe in dieser deiner Traumnacht einige Augenblicke lang aus ihrem Leibe zu erwecken, damit sie das, was da kommen werde, im großen Lichte zum voraus erschauen möchte. Kannst du das auch ein Spiel der großen Natur nennen?“
GEJ|5|182|13|0|Sagt Hiram: „Lieber Freund, du mußt es mir nicht für ein Übel anrechnen, so ich gewohntermaßen ebenso rede, wie ich denke! Siehe, daß du in deiner Weise ein großer Weiser und ein Meister der Rede bist, das habe ich aus deinen ersten Worten schon herausgefunden! Deiner Rednergabe ist es ein leichtes, aus einem Bären einen Wolf zu machen, wie so bei uns das Sprichwort gang und gäbe ist.
GEJ|5|182|14|0|Ich habe dir meinen wirklich gehabten Traum einmal ganz treu und offen erzählt, und du hast nun ein leichtes, daraus zu machen, was du willst. Weißt du, hinterdrein einen Propheten machen, ist wahrlich keine so große Kunst; denn man kann als ein guter Dialektiker alle Umstände ganz fein benutzen und daraus gleich so – wie man sagt – aus dem Stegreife eine Idee herstellen, die in ihrer Art nichts zu wünschen übrigläßt. Leichtfertige, seichtdenkende und mit wenig Erfahrung begabte Menschen wären da schon fertig und gefangen; doch der ganz kalte, ruhige und aller Leidenschaft und Furcht bare Verstand eines vielerfahrenen Mannes braucht mehr als bloß eine ausgezeichnete Dialektik eines jungen und sonst sicher auch sehr biederen, talentvollen Menschen.
GEJ|5|182|15|0|Es ist, offen gesagt, das, was du mir über meinen Traum gesagt hast, durchaus nicht zu verwerfen, und es ist sehr der Mühe wert, darüber tiefer nachzudenken; aber ich werde dir da aus meinen vielen Erfahrungen und Kenntnissen etwas entgegenstellen. Kannst du mir das auf eine genügende Art und Weise erklären, so dürften wir miteinander bald handelseins werden!“
GEJ|5|182|16|0|Sagt Johannes: „Warte, Freund, um dich von der innergeistigen Lebenskraft der Seele im Menschenleibe triftiger zu überzeugen, werde ich dir, aus deiner Seele schöpfend, nun auf ein Haar dasselbe erzählen, was du mir soeben als einen Gegenbeweis für meine dir dargestellte Behauptung und als eine deiner Meinung nach hart aufzuknackende Erklärung deines Gesichtes erzählen wolltest! Für jedes unwahre Wort kannst du mir ganz keck eine Maulschelle verabfolgen!“
GEJ|5|182|17|0|Sagt Hiram: „So erzähle! Wahrlich, darauf wäre ich höchst neugierig, jedoch ohne die von dir petierte Maulschelle bei einer Unrichtigkeit; denn alle derlei Rechtfertigungen und Zurechtweisungen sind uns fremd und niemals eigen gewesen, außer in Fällen der dringendsten Notwehr! Erwähle mir also ganz guten und heitern Mutes, was du von meinen geheimen Erfahrungen und Erlebnissen weißt!“
GEJ|5|183|1|1|183. — Hirams magische Erlebnisse
GEJ|5|183|1|0|Sagt Johannes: „Nun, so höre mich denn geduldig an! Siehe, du als selbst so ein bißchen ein Magier, wie auch alle deine Gefährten, hast einige Jahre früher schon, ehe du später in Griechenland mit dem Apotheker Aziona in die Gesellschaft tratest, mit einer Zauberin namens Klia eine Reise nach Ägypten unternommen, bei welcher Gelegenheit du wegen der zu großen Seichtheit deiner und deiner Gehilfin Zauberkünste nur eine sehr schwache Rechnung gefunden hast!
GEJ|5|183|2|0|In Alexandria haben auch die Gassenjungen eure Zaubereien gleich nachgemacht – und mitunter auch noch bessere und gelungenere! Ihr hattet also da gar wenig gemacht und zoget nach Kahiro. Dort angelangt, wolltet ihr euch produzieren; allein, man sagte zu euch: ,Laßt sehen, was ihr alles vermöget!‘, und ihr gabet einige Proben von eurer Kunst. Man bedauerte euch und sagte: ,Liebe Leute, da habt ihr einige Groschen auf die Reise! In Städten lasset euch damit nicht sehen; in manchen kleinen Orten könnt ihr vielleicht noch ein Abendbrot damit verdienen!‘
GEJ|5|183|3|0|Dann zoget ihr weiter nach Karnak, wo ihr auch nichts gemacht habt, ebenso in Elephantine nichts, und ihr wagtet euch dennoch sogar nach Memphis. Allein, da wurdet ihr völlig begraben! Hätte sich dort nicht ein römischer Landpfleger eurer Not erbarmt, so wäre es euch sehr schlecht ergangen. Allein, der gutmütige römische Landpfleger gab euch wegen der sonst sehr schönen Klia auf drei Monde lang Herberge und machte dich dort mit einer schon sehr wohlhabenden persischen Magiergesellschaft bekannt, damit du von derselben etwas hättest erlernen können oder sollen.
GEJ|5|183|4|0|Nun, diese Magiergesellschaft aber wollte sich um keinen Preis anders dazu verstehen, als du hättest neben der bedeutenden Lehrtaxe noch volle zehn Jahre gleichsam ihr handlangender Sklave verbleiben sollen! Da hast du dann die Geschichte also berechnet: ,Zehn Jahre ihr Sklave und die große Taxe von hundert Pfunden?! Bin ich neun Jahre ihr Sklave, – im zehnten, als letzten Jahre, können sie mich als Sklaven totschlagen, damit ihr Geheimnis in Griechenland nicht verraten werde, und so wären dann meine hundert Pfunde samt mir weg! Die hundert Pfunde hätten die Magier gefressen – und mich die Krokodile des Nils! Nein, das tue ich mir nicht an!‘
GEJ|5|183|5|0|Das war sonach dein guter und fester Entschluß so ganz geheim bei dir selbst. Aber gegenüber den Magiern sagtest du: ,Meine hochweisen Künstler, wenn ich erst gelegenheitlich nahezu alle eure größten und geheimsten Stücke als Gast mit angesehen haben werde, dann werde ich mich auch in einen vielleicht noch vorteilhafteren Kontrakt mit euch einlassen!‘ Hier aber sind dir dann die Magier aufgesessen und haben bei ihren Produktionen, die wöchentlich zweimal erfolgten, ihre größten und kühnsten Stücke zur Aufführung gebracht.
GEJ|5|183|6|0|Ich will die vielen andern Stücke, die nicht zu unserer Sache gehören, der kostbaren Zeit wegen nicht erwähnen, sondern lediglich jene nur, die dich eigentlich aus aller deiner Fassung gebracht haben. Und diese bestanden darin: Es trat ein lebenskräftiger, etwa dreißig Jahre alter Araber hervor und kündigte mit ganz ernsten und ehrfurchtgebietenden Worten an, daß er eine Jungfrau bloß mit der Kraft seines Willens und durch die Auflegung seiner nackten Hände dahin vermögen werde, daß sie jedermann sogar seine Gedanken und eine Menge geheimer Dinge auf Verlangen erraten werde. Auch werde sie jedermanns Alter, und so es jemand wünschen sollte, auch seine künftigen glücklichen oder unglücklichen Schicksale genau und allerunfehlbarst voraussagen.
GEJ|5|183|7|0|Das war ein wahrer Blitz und Donnerschlag für dich. Die Jungfrau ward nun vorgeführt und auf ein Ruhebett hingesetzt. Der Magier legte ihr die Hände auf, worauf sie einschlief. Bald darauf kam die Jungfrau in eine Art Ekstase und fing mit dem Magier an zu reden, worauf dieser sagte: ,Wem es nun beliebt, sich um etwas zu erkundigen, der komme, aber nur allzeit bis höchstens drei Menschen, allein mit dem Bemerken, daß Menschen, denen sie anzeigt, sich zu entfernen, diesem Winke auch sogleich Folge leisten möchten, weil ihnen sonst Unangenehmes begegnen könnte! Sollte es jemand mit einem nicht sehr reinen Gewissen geben, der komme der Jungfrau ja nicht in die Nähe, sondern stelle durch einen Mittelsmann die Frage nur an mich, und es wird ihr dann schon durch mich ganz geheim die Antwort werden! Der Zustand der Jungfrau wird eine und eine halbe Stunde dauern!‘
GEJ|5|183|8|0|Auf diese Eröffnung kamen mehrere und stellten die sonderbarsten Fragen, und jede erhielt ihre wundersame Antwort. Auch du fragtest um dein Alter und um dein künftiges Los. Und was die Jungfrau dir gesagt hat, ist alles bis jetzt auf ein Haar eingetroffen. Und was noch nicht eingetroffen ist, das scheint sich eben jetzt und für die Folge an dir erfüllen zu wollen! – Sage mir, ob es sich mit dir nicht gerade also verhalten hat!“
GEJ|5|183|9|0|Sagt Hiram, ganz über und über verblüfft: „Nein, das ist mehr als zuviel, und mehr denn tausend jener verzauberten Jungfrauen; denn davon habe ich selbst dir, Freund Aziona, sehr wenig und eigentlich schon beinahe gar nichts gesagt, und sonst jemandem noch weniger! Wie möglich also kannst du das aber auf das allergenaueste wissen? Nein, nein! Hörst du, du bist mir ein höchst sonderbarer Mensch! Mir wird es wahrlich ganz entsetzlich unheimlich in deiner absonderlichen Nähe!“
GEJ|5|183|10|0|Sagt Johannes: „Ei, laß das nur gut sein; denn wir sind nicht da, um euch je irgendeinen noch so geringen Schaden zuzufügen, sondern um euch nur aber, besonders geistig, so glücklich wie möglich zu machen! Denn ohnedem, daß ihr zuvor geistig glücklich seid, nützt euch auch kein irdisches Glück etwas! – Soll ich dir nun auch die Traummacherei des bekannten Magiers zu Memphis erzählen, die dich noch am allermeisten breitgeschlagen hat, und welche Zauberkunst du vorhin ob deines Lichttraumes uns in die Schuhe schieben wolltest?“
GEJ|5|183|11|0|Sagt Hiram: „O lieber Freund, laß das alles gut sein! Obwohl ich zwar keine Ahnung davon habe, wie jener Magier seinen Schläfer bestimmte Träume hat träumen lassen können, so bin ich aber dennoch schon zum voraus überzeugt, daß dir das alles haarklein bekannt ist und du dasselbe auf eine tausendmal gelungenere Weise zustande bringen könntest, so du es gerade wolltest. Denn wie deine Augen – oder weiß der Himmel welche deiner Sinne – in mir die verborgensten Dinge wie aus einem offenen Buche herauslesen, das ist und das wird mir ein Rätsel bis ins Grab bleiben!“
GEJ|5|183|12|0|Sagt Johannes: „Nicht also, mein Freund! Es liegt durchaus nicht an dem, daß ich dir die ägyptische Traummacherei etwa zu deiner Wissenschaft erklären wollte, damit du dir damit etwa später als ein besonderer Magier dein besseres Brot verdienen könntest – denn da darfst du nur zu den Essäern gehen, die werden dir dasselbe machen und vielleicht auch zeigen! –; aber daran liegt es mir, dir den großen Unterschied zu zeigen, wie wir jemandem in einem hellen Traume wahrhaft geistig erscheinen können, und wie jener Magier, der später zu den Essäern gegangen ist und sich noch bei ihnen befindet, den gewissen Schläfern die Träume machte.“
GEJ|5|183|13|0|Sagt Hiram und auch der unendlich aufmerksame Aziona: „Nun, darauf wären wir wahrlich mehr denn auf unsern Tod neugierig! Wir bitten dich inständigst darum, uns das so auf eine begreifliche Art zu erklären!“
GEJ|5|183|14|0|Sagt Johannes: „Nun gut denn, so höret mich an! Seht, wie wir deinen Traum von uns und unserer Ankunft in dir hervorgerufen haben, das habe ich ganz so getreu und wahr erklärt, als wie wahr und getreu meine nunmalige Erzählung deiner ägyptischen Kunstreise mit deiner holden Klia war, die dich dann allein nach Griechenland heimkehren ließ, weil es ihr in Memphis besser behagte! Das brauche ich dir demnach nicht mehr zu wiederholen, da du sonst wie denn auch jetzt ein starkes Gedächtnis besitzest. Es handelt sich sonach nur darum, wie der Magier seinen Schläfern die Träume gemacht hat!
GEJ|5|183|15|0|Sieh, die ganze Magiergesellschaft war sehr groß! Der offen Wirkenden gab es nur wenige, aber der mit ihnen einverstandenen Gäste sehr viele, die aber nie zu gleicher Zeit mit den Hauptmagiern in eine große Stadt einziehen durften. Sie kamen erst so nach, teils als Handelsleute, teils als andere Reisende und teils als Neugierige, die von den großen, wunderbaren Künstlern, die sich in dieser Stadt etwa jüngst produzieren sollten, schon die seltensten Dinge vernommen hatten und sie hier sehen wollten. Das waren die sogenannten Volkslärmschlager, lebten aber alle gut von einem und demselben Gewerbe, weil sie in einer großen Stadt stets Tausende von Pfunden davontrugen.
GEJ|5|183|16|0|Nun, diese geheimen Mitglieder der Magiergesellschaft waren bei den Produktionen nur ganz honette Zuschauer, wußten aber auf ein gegebenes Zeichen genau, wann sie zur größeren Volkstäuschung sich mochten gebrauchen lassen. Darunter waren denn auch mehrere, die bei der Traummacherei ihren geheimen Dienst zu versehen hatten. Jeder wußte schon lange, was ihm träumen werde, so er auch auf Verlangen des Magiers wie zufällig aus der Mitte der Zuschauer hervortrat und ganz pathetisch laut behauptete, daß er tausend Pfunde wette, daß ihm der Magier trotz seines magischen Ernstes, keinen Traum machen werde.
GEJ|5|183|17|0|Die Wette ward gewöhnlich angenommen, und der Polterer bestieg die Tribüne und mußte pro forma einen Schlaftrunk nehmen, bei dem sicher nicht ein Tropfen Mohnsaftes sich vorfand. Kurz, der Mann geriet auf einem Ruhebett bald in einen tiefen Schlaf, aus dem er mit aller Lärmerei nicht mehr zu erwecken war. Wenn unser Mann nun einmal – aber versteht sich, nur scheinbar – so recht fest schlief, so trat der Magier mit einem großen ehrfurchtgebietenden Pathos hervor und sagte zum Volke: ,Ist nicht jemand unter den vielen Zuschauern, der es wünschen möchte, was da diesem meine Kunst mit Füßen treten wollenden Schläfer träumen soll?‘
GEJ|5|183|18|0|Es meldete sich bald einer aus der Zahl der vielen anwesenden Eingeweihten, etwa in der Form eines von Gold strotzenden, reichen Kaufmannes aus Rom oder aus Persepolis, oder in der Form eines andern stets sehr angesehenen Gastes, und sagte: ,Laß es mich versuchen, ob dem das träumen wird, was ich mir denke und von ihm geträumt haben will!‘
GEJ|5|183|19|0|Darauf sprach der Magier mit aller Artigkeit: ,Hochachtbarster Herr Gast und Besucher dieser unserer großen Produktion, habe nun die Güte und teile ganz geheim deine Gedanken den andern hochverehrten Herren Gästen zum Zeugnisse mit, aber mir nicht; denn ich werde sie durch diesen Zauberstab aus der Luft einsaugen und sie sodann diesem Schläfer in einem Helltraume erscheinen lassen!‘
GEJ|5|183|20|0|Darauf geschah das natürlich unter der allergespanntesten Aufmerksamkeit von allen Seiten. Der Magier steckte dann seinen Zauberstab in seinen Mund und tat, als sauge er im Ernste etwas aus der Luft ein. Endlich setzte er den Stab auf sein Haupt und berührte mit dem andern Ende des Stabes das Haupt des Schläfers nur einige Augenblicke lang.
GEJ|5|183|21|0|Darauf ward der Schläfer, um die Sache noch auffallender zu machen, durch einen mächtigen Posaunenruf erweckt, rieb sich einige Zeit die Augen, als wüßte er nicht recht, wo er sich nun befände. Allein, er kam dennoch bald vollends zu sich und wurde mit aller Artigkeit gefragt, ob er nicht wüßte, was ihm geträumt habe; denn es stünden tausend Pfunde in der Wette, die er offenbar verliere, so er nur das geträumt habe, was der Magier von ihm geträumt haben wollte. Habe er jedoch einen andern Traum gehabt, so würden ihm vom Magier augenblicklich die tausend Pfunde ausgezahlt. Aber er werde strengstens daran erinnert, die reinste Wahrheit kundzugeben, ansonst die wundersame Jungfrau gerufen und er vor Tausenden Lügen gestraft werden würde.
GEJ|5|183|22|0|Darauf begann der Schläfer, scheinbar etwas verlegen, seinen Traum zu erzählen, und als er zu Ende kam, bezeugten schon alle Gäste laut, daß das eben derselbe Traum sei, den sie schon eher gekannt hätten, als ihn noch der Magier durch seinen Zauberstab aus der Luft in sich eingesogen habe und solchen dann erst von ihm, dem Schläfer, träumen ließ.
GEJ|5|183|23|0|Hierauf stellte sich der Schläfer wie ganz zerknirscht von der Macht des Magiers, und der Magier spielte da gewöhnlich den Großmütigen und gab dem mutwilligen und unerfahrenen Wetter die tausend Pfunde mit dem Bemerken zurück, daß er ein nächstes Mal bei einem so kühnen Auftreten nicht mehr so nachsichtig behandelt werden würde, was dann natürlich noch mehr wohlgewogenen Beifall bei den Zuschauern erweckte.
GEJ|5|183|24|0|Da hast du nun umständlich das Ganze von der ägyptischen Traummacherei! Wie gefällt dir nun das Kunststück, und welchen Unterschied findest du zwischen ihm und unserer Traummacherei?“
GEJ|5|183|25|0|Sagt Hiram: „Aber genau so, wie es du nun ganz umständlich erzählt hast, ist es zu Memphis vor sich gegangen! Ah, das ist ja eine infame Betrügerei! Ah, ah, – nein, das ist zu dumm, daß ich das nicht schon damals gleich kapiert habe! Na, die Geschichte mit der wahrsagenden Jungfrau wird wohl auch ganz auf der gleichen Weise basiert sein!“
GEJ|5|183|26|0|Sagt Johannes: „Ja, ganz auf der gleichen Weise – bis auf das, was sie dir vorausgesagt hatte; aber da steckte ein ganz unsichtbarer Magier hinter ihr, der schon seit langem sein allsehend Auge auf dich gerichtet hatte! – Hast du mich nun schon etwas besser verstanden?“
GEJ|5|184|1|1|184. — Die Vor- und Nachexistenz der menschlichen Seele
GEJ|5|184|1|0|Sagte Hiram: „Mein unendlich geachteter Freund, dich zu verstehen, da gehört wahrlich mehr dazu als der eherne und sehr begrenzte Verstand eines Kynikers! Ihr setzet uns mit eurem sonderbaren, nie vermuteten Erscheinen schöne Flöhe in die Ohren, und ich fange beinahe an wahrzunehmen, daß es im Menschen offenbar ein höheres Wesen geben müsse denn das nur, was wir uns höchst beschränkt als Mensch vorstellen. Und es ist mir nun also, als so ich mir's nahe denken müßte, daß dies höhere Wesen im Menschen sowohl eine Vor- als auch Nachleibesexistenz haben müßte; denn sieh, als ich in Ägypten war, kannst du nahe noch kaum auf der Welt gewesen sein!
GEJ|5|184|2|0|Es muß aber dein innerer Geist dennoch schon lange vorher bestanden haben, damit er als ein unsichtbarer Zeuge bei allen meinen ihn vielleicht aus mir unbekannten Gründen näher angehenden Handlungen zugegen sein konnte. Auf diese Weise allein kann ich mir deine Allkenntnis und Alleinsicht in alle meine Lebensverhältnisse so ein wenig versinnlichen! Freilich wußtest du auch um die Lebensverhältnisse des Aziona ebensogut wie um die meinen. Allein, das macht hier eben nicht viel Unterschiedes; denn du hast als ein noch reiner Urgeist sicher auch auf ihn, so wie auf mich, deine allsehenden geistigen Augen gelenkt! Eine Präexistenz deines inneren Geistes läßt sich sonach nicht leichtlich mehr in Abrede stellen, deine leibliche Mitexistenz auch nicht; aber wie sieht es etwa mit der Nachexistenz aus? Dafür scheinen bis jetzt doch noch alle Riegel und Tore verschlossen zu sein!“
GEJ|5|184|3|0|Sagte Johannes: „Viel weniger als für die Präexistenz! Es ist mit dieser schon auch etwas, aber eben nicht so frei individuell wie mit der Nachexistenz; denn damit eben das Geistessein nicht fortwährend ein an und in den Urgeist der ewigen und unendlichen Gottheit schroffst gebundenes bleibe, hat eben die Gottheit Selbst zwischen Sich und den Mensch werden sollenden Geist die Materie gestellt, daß der ursprünglich göttliche Menschgeist, so er zu einer gottähnlichen Selbständigkeit gelangen will, sich aus den mehr ätherisch- seelischen Teilen ein ihm ähnliches Wesen schaffe, es mit einer substantiellen, aber dennoch auch geistig-intelligenten Seele belebe und diese dann ganz unvermerkt fortbilde in der möglichsten Freiheit ihres Willens. Und hat diese Seele in aller guten Erkenntnis und daraus erfolgten Tätigkeit also sehr zugenommen, daß sie ihrem urgöttlichen Geiste ähnlich geworden ist – hauptsächlich durch die wahre Erkenntnis des einig wahren, ewigen Gottes, in der Liebe zu Ihm wie auch daraus zum Nächsten – und dabei voll Demut, Geduld und Bescheidenheit ist, dann geschieht eine für Ewigkeiten untrennbare Einigung der Seele mit ihrem urewigen Geiste.
GEJ|5|184|4|0|Dadurch aber geschieht dann das: Die aus der Materie entstammende Seele wird dann selbst ganz Geist; der Geist aber wird dann zur Seele in der Seele und ist dadurch ein ewig freies, selbständiges und ganz gottähnlich frei selbsttätiges Wesen, begabt mit allen jenen Eigenschaften, die der urewigen Gottheit eigen sind.
GEJ|5|184|5|0|Daß hernach der Leib nichts mehr dabei zu tun hat und haben kann, das versteht sich ja doch leicht von selbst ohne weitere Erklärungen! Denn die Speise, die ein Mensch täglich zu sich nimmt, macht ja auch eine Zeitlang einen periodischen Nährteil des menschlichen Leibes aus, aus dem der schon gediegenere Leib und aus ihm dann auch die Seele ihre substantiell- spezifische Nahrung und Ergänzung nehmen. Wenn aber der periodische Nährleib das seinige getan hat, so wird er als für weiterhin unbrauchbar aus dem mit der Seele noch eng verbundenen gediegeneren Leibe geschafft. Bliebe er als ein gar grobmaterieller Teil des Leibes im gediegeneren und mit der Seele schon näher verwandten Leibe, so würde er offenbar den unvermeidlichen Tod des gediegeneren Leibes herbeiführen.
GEJ|5|184|6|0|Ist aber einmal die Seele im Leibe gehörig ausgebildet, das heißt in ihrem Formwesen sowohl, als auch im freien wie immer gearteten Erkennen, Lieben, Wollen und Handeln, so kommen nun zwei Fälle vor: Entweder ist die Seele damit auch schon für ihren göttlichen Geist ganz reif, das heißt sie ist schon ganz geistig, oder die Seele ist wohl schon für sich als ein geistiges Wesen ausgebildet und sozusagen konsistent, aber das innere, geistige Element steht noch sehr in Frage, und sie zeigt zufolge ihrer großen und notwendig ganz freien Bestimmung viel mehr Neigung, wieder ganz in die Materie überzugehen, als sich in ihr geistiges Element frei hinüberzuschwingen; so wird sie in beiden Fällen des Leibes ledig gestellt.
GEJ|5|184|7|0|Im ersten und natürlich glücklichsten Falle hat der göttliche Menschgeist mit ihr schon seinen Zweck erreicht und benötigt sodann wohl für ewig keines materiellen Mittels mehr, weil er einmal durch dasselbe seinen Zweck schon auch für ewig vollkommen erreicht hat. Oder der allsehende und allfühlende Geist merkt es, daß seine von ihm hervorgerufene und aus der Materie gebildete Seele sich mit der Zeit wieder zu dem Elemente zu neigen beginnt, von dem sie eigentlich genommen ward, – dann reißt sie ihr urgöttlicher Geist, wenn auch unter den größten Schmerzen, aus dem Leibe und bildet sie dann erst jenseits, also im Reiche der Seelen, für sich aus, aber stets so unvermerkt als möglich; denn jede unfreie und gerichtete Ausbildung einer Seele wäre schlechter noch als gar keine.
GEJ|5|184|8|0|Dennoch aber ist hier wohl diese Bemerkung als sehr zu beherzigen zu erwähnen, daß eine erst jenseitige Ausbildung einer Seele erstens um vieles länger dauert und dennoch nie jenen ganz allerhöchsten Grad erreichen kann, als so die Ausbildung der Seele schon diesseits, noch im Leibe, geschehen ist; denn dadurch wird auch der edlere Teil des Leibes mitgeheiligt, und nahezu alles Fleisch erreicht mit der Seele und mit ihrem mit ihr vereinigten Geiste eine Art Verklärung und sogleiche Auferstehung und bildet dann für ewig ein mit Seele und Geist vollends vereintes Wesen. Allein, das erreichen auf Erden nur höchst wenige, – aber kurz nach dem Leibestode recht viele. – Und sieh, also wie eine geradeste Linie genau der tiefsten Wahrheit nach hast du nun die Nachexistenz eines jeden Menschen vor dir!
GEJ|5|184|9|0|Ist dir noch etwas fremd und schwer verständlich, so hast du hier ein leichtes, darüber an mich neue Fragen zu stellen. Darum hast du nun wieder zu reden oder auch der Freund Aziona. Denket und redet, und ich werde euch dann schon wieder eine rechte Antwort geben!“
GEJ|5|185|1|1|185. — Hirams Bedenken gegen die ewige Fortexistenz des Menschen
GEJ|5|185|1|0|Sagt Hiram als der gewandtere Redner: „Liebster Freund, von einer klaren Einsicht in das, was du geredet hast, ist bei uns noch keine Rede, – aber wir glauben es dir zufolge deiner zu großen Weisheit; denn wer einmal in allen möglichen Erscheinungen auf dieser Erde eine so alles durchdringende Kenntnis und Einsicht hat und sogar der Menschen geheimste Gedanken wie aus einem offenen Buche herlesen kann, der muß auch in allen möglichen Sphären und Wegen des Lebens tiefst und wahrhaftest bewandert sein, worüber auch nicht der allergeringste Zweifel mehr obwalten kann.
GEJ|5|185|2|0|Das von dir Gesagte glauben wir nun steinfest. Wohl läßt die rein geistige Präexistenz und die diesweltliche materielle Seelenentwicklungs- Probeexistenz nach deiner Darstellung nahe keine weiteren Fragen mehr zu, weil die Sache nur so und unmöglich anders gedacht werden und irgend bestehen kann – denn die bestimmten und stets gleichen Wirkungen müssen ja notwendig auch stets die gleichen Ursachen haben; das ist nun bei uns schon eine ausgemachte Sache! –; was aber die Nachexistenz betrifft, da lassen sich wohl noch eine Menge äußerst gewichtige Fragen stellen, deren gründliche Beantwortung dir denn doch ein wenig schwerer fallen dürfte.
GEJ|5|185|3|0|Siehe, ich kann mir vor allem noch den Grund einer – wie du gesagt hast – sogar ewigen Existenz nach dem Abfalle dieses Leibes nicht vorstellen! Was sollen wir denn hernach die nie mehr endende Ewigkeit hindurch machen? Welch eine entsetzliche Langweile wird am Ende sich dazugesellen müssen, selbst im Genusse der höchsten, unbeschreibbaren Seligkeiten! Und am allerschlechtesten wird ein höchst vollendeter Geist daran sein, der natürlich nichts mehr zu erlernen haben wird! Bei dem wird ja eine Lebensmonotonie eintreten müssen, von der wir uns gar keinen Begriff machen können.
GEJ|5|185|4|0|Ich lasse mir meinetwegen ein zehntausend Jahre langes Leben unter sehr günstigen Lebensverhältnissen gefallen, aber leiblich auf dieser Erde; denn da wird niemand auslernen und sagen können: ,Jetzt gibt es auf der ganzen Erde nichts mehr, das mir nicht vollends bekannt wäre!‘ Aber jetzt stelle ich einen höchst vollendeten, nur mit deiner höchst wunderbaren Allwissenheit begabten Geist auf diese Erde! Mit einem einzigen Scharfblicke hat er alle ihre Geheimnisse auf alle künftigen und auch vergangenen Zeiten weg! Was nachher, so er strikte auf dieser Erde bleiben müßte? Er müßte sich nur an den Dummheiten der Menschen weiden und sich selbst mit seiner Macht durch allerlei die Völker durcheinanderhetzende Spektakel die Zeit vertreiben, – sonst müßte ihm ja bis über alle nur denkbare Verzweiflung hinaus langweilig werden!
GEJ|5|185|5|0|Mit meiner Vernunft sehe ich da den eigentlichen und über alles beseligenden Grund einer ewigen Nachexistenz nicht ein. Am Ende fängt unsereinen noch die Raum- und Platzfrage sehr zu ängstigen an. So zum Beispiel auf dieser Erde hunderttausendmal hunderttausend Jahre fort Menschen wie jetzt gezeugt werden und nicht alles Meer zu Land wird, wo – wo sollen dann alle Menschen Platz haben und ihre Nahrung finden? Und welchen Raum werden alle die ewig fortlebenden Geister brauchen? Denn innerhalb irgendeines Raumes müssen auch die Geister sein, weil außer dem Raume, der nach Plato unendlich sein soll, nirgends eine Existenz denkbar ist.
GEJ|5|185|6|0|Es ist daher meines Erachtens viel logischer und der reinen Vernunft gemäßer, nur eine temporäre Nachexistenz anzunehmen denn eine ewige, die sich weder mit dem Lebensgefühle noch mit dem Raume in irgendein günstiges Verhältnis stellen läßt. Uns wenigstens, so wir die Sache beim rechten Lichte betrachten, hat das endliche Zunichtewerden eines zeitlich belebten Wesens noch immer den größten Vorzug vor jeglichem noch so günstigen Fortbestehen, und ein inneres Gefühl sagt es mir immer: Trotz aller selbst der höchsten menschlichen Weisheit ist und bleibt der leibliche Tod dennoch die letzte Linie aller Dinge! – Was sagst du, edler und wunderbarster Freund, nun dazu?“
GEJ|5|186|1|1|186. — Unendlichkeit, Ewigkeit und Seligkeit
GEJ|5|186|1|0|Sagt Johannes: „Ja, meine lieben Freunde, das kommt freilich nur darauf an, von welchem Standpunkte man überhaupt das Leben ganz besonders aber das Geistesleben betrachtet, und daß man dabei eine richtige Erkenntnis seiner selbst, dadurch eine richtige und wahre Erkenntnis Gottes und Seiner zahllos vielen Wunderwerke und Schöpfungen hat, die schon im endlosen Bereiche der Materie euch Dinge aufzuweisen haben, mit deren überstaunender Betrachtung ihr in einer Äone von Jahren nimmer fertig würdet, geschweige dann erst die reinen geistigen Schöpfungen, von denen man sagen kann: Bis jetzt ist es noch in keines Menschen Sinn gekommen, nur ahnend im kleinsten Teile zu fühlen, was Gott denen für Seligkeiten bereitet hat, die Ihn wahrhaft erkennen und Ihn dann aber auch über alles lieben und aus Liebe zu Ihm auch, wo tunlich, mit Rat und Tat ihre Nebenmenschen. Wie kann da von einer Langweile je eine Rede sein, wo der möglichst vollendete Geist erst einzusehen anfängt, daß er nur am Anfange der Enthüllung der zahllosen Wunder der ewigen Macht und Weisheit und der höchsten Liebe Gottes des Herrn und des Vaters von Ewigkeit steht? Oh, welche Gedanken bemächtigen sich doch eurer großen Beschränktheit in jeder tieferen Erkenntnis des Lebens!
GEJ|5|186|2|0|Da sehet nur die Sonne an, die dieser Erde den Tag gibt! Was wisset ihr von diesem herrlichen Gestirn? Nichts! Ja, ihr wisset nicht einmal um ihre Ordnung und um ihr Verhältnis zu dieser Erde! Ihr meinet und glaubet nur das, was ihr mit euren Sinnen wahrnehmet; aber es ist die Sache ganz anders. Nicht diese Erde steht wie in einem ewigen Zentrum, und die Sonne geht nicht und niemals um sie, ob es gleich also scheint, sondern die Sonne gibt für diese samt dem Monde und den andern euch bekannten Planten das Zentrum, und diese Erde samt ihrem Monde, sowie alle übrigen Planeten bewegen sich in verschiedenen Zeiträumen um die Sonne. Den täglichen Auf- und Untergang der Sonne bewirkt der beinahe 25 Stunden dauernde Umschwung der Erde um ihre Polarachse.
GEJ|5|186|3|0|Ihr möget das nun freilich nicht wohl einsehen ob der Beschränktheit eurer Erkenntnisse; aber spätere Völker, denen Gott der Herr ein rechtes Licht geben wird, werden das auf ein Haar berechnet einsehen.
GEJ|5|186|4|0|Ihr könnet es mir nun glauben, da ihr wisset, daß ich darin eine ganz tiefst begründete Kenntnis aller Wahrheit nach haben kann. Aber da wir nun schon die Sonne berührt haben, so sage ich, daß sie schon um tausendmal tausend größer ist denn diese Erde. Welche von euch nie geahnten Wunder decken ihren weiten Boden! Welche Unzahl der wunderbarsten Geschöpfe Gottes wandeln dort in der größten Harmonie auf ihren überweit gedehnten Lichtgefilden und freuen sich ihres seligen Daseins! Ihre Schönheit ist von einer solchen Größe schon, daß ihr eine Menschengestalt von dorther hier auf Erden eine Ewigkeit lang betrachten und anstaunen könntet, ohne euch an ihr je satt schauen zu können! Was ich euch sage, ist durchgängige und höchste Wahrheit und nicht im geringsten irgendeine Übertreibung.
GEJ|5|186|5|0|So dir aber schon auf dieser magern Erde nach deinem Geständnisse ein zehntausend Jahre langes Leben in erträglich guten Lebensverhältnissen eben nicht unangenehm wäre, da möchte ich dann erst von dir die Zahl der Jahre vernehmen, die du so ganz anständig in der Sonne verleben möchtest!
GEJ|5|186|6|0|Aber es ist das etwa nicht die einzige Sonne im endlosen Schöpfungsraume, sondern es gibt deren zahllos viele und darunter viele von einer solch unermeßbaren Größe, daß selbst diese schon für eure Begriffe ungeheuer große Sonne gegen jene Urriesensonnen kaum wie eine Schneeflocke gegen die Größe dieser Erde zu betrachten wäre.
GEJ|5|186|7|0|Wenn aber so schon im Reiche der materiellen Schöpfungen, wie dann erst im unendlichen Reiche der geistigen Schöpfungen Gottes des Herrn und Vaters von Ewigkeit! Und du kannst da von einer Langweile der ewigen Nachexistenz eines ganz zu einem vollkommenen Geiste gewordenen Menschen reden?!
GEJ|5|186|8|0|Und wenn du schon äonenmal Äonen Erdenjahre als reiner, selbständiger und freier Geist in der sicher allerhimmlischsten Gesellschaft von dir verwandten reinen Geistern wirst die stets größeren Wunder Gottes betrachtet haben, so wirst du endlos lange noch nicht am rechten Anfange derselben stehen! Wenn du dir das so recht zu Gemüte nimmst, so mußt du ja eine stets steigende Freude am Leben und keinen Abscheu vor demselben bekommen! – Rede nun wieder du, wie dir dieses behagt!“
GEJ|5|187|1|1|187. — Drei Einwände gegen das Fortleben nach dem Tode
GEJ|5|187|1|0|Sagt Hiram: „Ich muß staunen über deine Kenntnis der Dinge. Das hat dir keine Weltschule und deine Phantasie auch nicht gegeben! Es möchte schier also sein, weil du das hier vor uns so leicht und wie dir schon seit undenklichen Zeiten her als etwas sehr Bekanntes entwickelt hast; denn wahrlich, so etwas läßt sich aus den Fingern nicht heraussaugen! Wir sagen dir nun nur das, daß wir von allem zwar soviel als nichts dem Grunde nach verstehen und begreifen; aber wir glauben es nun vollkommen, weil du es uns sagst, der du uns nun in der kurzen Zeit unseres Beisammenseins doch die allerungeheuersten Proben deiner Allwissenheit und deiner unbestechlichsten Wahrhaftigkeit auf die einfachste und klarste Weise von der Welt abgelegt hast.
GEJ|5|187|2|0|Dennoch aber habe ich bezüglich der Nachexistenz noch drei wichtige Fragen an dich zu stellen. Kannst du uns auch da eine befriedigende Lösung geben, so wollen wir dir zuliebe unsere ganze kynische [Kyniker nannte man in Griechenland Angehörige einer Philosophenschule, die den Verzicht auf alle Kulturgüter erstrebte.] Weisheit fahrenlassen und dich dann bitten, uns eine bessere zu lehren. Die Fragen aber sind ganz kurz und einfach diese:
GEJ|5|187|3|0|Was sind das für Geister, die ihre ihnen gleich zu bildenden Seelen in Leiber von Taubstummen und in von Geburt an ganz vertrottelte und Narren-Leiber setzen? Welch eine geistige Heranbildung einer Menschenseele läßt sich in solchen Leibern nach unseren Vernunftgrundsätzen erwarten? – Das ist die erste Frage.
GEJ|5|187|4|0|Was ist mit den Seelen der Kinder, die sterben, noch lange bevor sie eigentlich ihres Bewußtseins fähig sind, wobei von einer geistigen Heranbildung gar keine Rede sein kann? Von welchen jenseitigen vollkommen reinen Geistern aus Gott stammen diese ab? – Siehe Freund, das ist die zweite sehr gewichtvolle Frage!
GEJ|5|187|5|0|Und die dritte Frage laute: Was ist mit jenen Seelen, die auf der Erde in ihrem Fleische zwar zu so mancher Weltbildung und Intelligenz gelangt sind, aber dann eigenwillig und ganz eigenmächtig zu wahren Scheusalen der besseren menschlichen Gesellschaft werden? Warum haben das ihre sie ins Dasein setzenden, sicher aus Gott dir gleich weisen Geister zugelassen, und warum kümmerten sie sich nicht mehr um jene durch sie hervorgerufenen und mit ihnen eins werden sollenden Seelen? Oder ist das dem reinen Geiste etwa gar eines, welche Bildungsstufe eine Seele in dieser Welt und in ihrem Leibe erhält?
GEJ|5|187|6|0|Siehe, Freund, da stecken noch so einige Widersprüche deiner früheren Diktion, die wir selbst beim besten Willen nicht unter ein Dach bringen können! Denn entweder ist der Akt solch einer Lebenseinigung ein höchst ernster, von dem das Wohl oder Wehe dann die ganze Ewigkeit hindurch abhängt – und dem mächtigen jenseitigen Geiste kann es unmöglich einerlei sein, ob seine durch seine Macht und Intelligenz aus Gott gebildete oder aus der Materie entwickelte Seele selbst ihm gleich ein vollendetes Geistwesen oder ein wahres Scheusal wird –, oder dieser vorerwähnte Akt ist kein höchst und sogar heilig ernster, sondern nur so eine launige Spielerei. Dann haben wir über alle deine noch so hohe Weisheit hinaus unbestreitbar recht, so wir behaupten, daß da in der großen Naturwelt alles nur eine eitle Spielerei ihrer Kräfte ist, und wir leben nur als ein vorübergehender Scherz der großen Natur, und mit dem Tode hat es sein Ende für immerdar, unbekümmert, was irgendwo unsterbliche, sich um alle Natur nie kümmernde, vollkommene Geister machen!
GEJ|5|187|7|0|Denn soll zum Beispiel mich auch irgend so ein jenseitiger Urgeist aus Gott ins Dasein gerufen haben, will sich aber dann gar nicht mehr um mich kümmern, so ist er dann ja kein nütze, und so ich als Seele ganz mich selbst für ihn bilden soll, ohne daß er doch etwas Merkliches dazu beihilft, da kann mich dann ein solch lauer Geist aber auch schon für die ganze Ewigkeit meiden! – Nun, Freund, wie sieht es da mit einer guten und weisen Antwort aus?“
GEJ|5|187|8|0|Sagt geheim zu Mir Petrus: „Herr, jetzt wäre ich mit meiner Weisheit aber auch schon am Ende! Bin nun recht ängstlich darum, wie sich da Johannes herauswinden wird!“
GEJ|5|187|9|0|Sage Ich: „Sei unbesorgt! Durch Mich und mit Mir geht alles!“
GEJ|5|188|1|1|188. — Die notwendige Verschiedenheit der Wesen und Verhältnisse auf Erden
GEJ|5|188|1|0|Hierauf fing Johannes wieder an zu reden und sagte: „Meine lieben Freunde, wenn eure Einsicht nur halb soweit gediehen wäre, so wäre die Sache mit wenigen Worten abgetan; aber so wird es freilich eines mehreren benötigen. Damit ihr aber das begreifet, muß ich euch zuvor eine ganz neue Enthüllung machen. Und wie da eines das andere hervorruft und gibt, und bevor ihr noch daran dachtet, mit den drei kritischen Fragen mir zu kommen, wußte ich schon darum und habe in meiner früheren euch gemachten wahren Darstellung der materiellen Schöpfung dafür vorgebaut. Oh, ihr kommt mir ja sicher ewig mit keiner Frage, um die ich nicht schon lange voraus gewußt hätte! Habe ich aber um die kommende Frage schon lange vorher gewußt, so wie um eure Reisegeschichten, so könnet ihr es euch wohl auch leicht denken, daß mir darauf eine endgültige Antwort auch eben nicht gar zu schwer fallen wird. – Was meinst du, Hiram, da?“
GEJ|5|188|2|0|Sagt Hiram: „O ja, das sieht dir sehr ähnlich! Ich habe dir aber die drei Fragen auch nicht darum gestellt, um damit deine tiefsterprobte Weisheit noch tiefer zu versuchen; aber weil da schon eines das andere gibt, so möchte ich von dir in dieser allerernstesten Sache denn auch einen endgültigen Aufschluß haben, den mir außer dir sicher niemand mehr zu geben imstande sein dürfte, ohne dadurch der sicher auch triftigsten Weisheit deiner Gefährten zu nahe zu treten. Habe die Güte und rede, – wir wollen dich mit der gespanntesten Aufmerksamkeit anhören!“
GEJ|5|188|3|0|Sagt Johannes: „Nun wohl denn, so höret! Es gibt Unterschiede in allem, was ihr nur immer ansehet auf der Erde. Was würdet ihr wohl sagen, wenn auf dieser Erde alle Geschöpfe einander ebenso ähnlich sähen wie zum Beispiel die Sperlinge auf dem Dache, da man das Weiblein und Männlein nicht unterscheiden mag?“
GEJ|5|188|4|0|Sagt Hiram: „Das wäre etwas unerträglich Langweiliges!“
GEJ|5|188|5|0|Sagt Johannes: „Gut! Also wäre es auch unerträglich fade, so alle Menschen eine haargleiche Gestalt, eine gleiche Stärke, ein gleiches Alter, eine ganz gleiche Stimme und Sprache und einen ganz gleichen instinktmäßigen Verstand besäßen!“
GEJ|5|188|6|0|Sagt Hiram: „Ah, das wäre ja etwas ganz Entsetzliches!“
GEJ|5|188|7|0|Sagt weiter Johannes: „Wäre die Erde so anmutig und erfreulich anzusehen entweder ganz ohne Berge oder ohne Verschiedenheit derselben, und so auf der Erde nur eine einzige Baumgattung und nur eine Grassorte vorkäme, und so es kein Meer gäbe, sondern lauter kleine, seichte und ganz auf ein Haar gleiche Teiche, keine größeren tiefen Seen, keine großen Flüsse und Ströme, sondern lauter liniengerade dahinrieselnde, handbreite Bächlein und dazu noch lauter haargleiche viereckige Wölklein am Himmel, die immerfort nur nach einer und derselben Richtung ganz langsam dahinzögen?! Wäre es angenehm, so du am Firmament anstatt der verschiedenen Gestirne entweder lauter Sonnen oder lauter Monde ohne Wechsel des Tages mit der ruhigen Nacht sähest?!“
GEJ|5|188|8|0|Sagt Hiram: „Ich bitte dich, Freund, höre mir nur mit derlei bald auf; denn da treibt einen Menschen unserer Art schon der Gedanke daran zur Verzweiflung! Denn nur die großartigste Verschiedenheit in allem kann dem Leben ein Vergnügen geben!“
GEJ|5|188|9|0|Sagt auch Aziona: „Bruder Hiram, spannst du noch nicht, wo's hinausgehen wird, und wie schön du schon gefangen bist?“
GEJ|5|188|10|0|Sagt Hiram: „Ein bißchen so etwas von einem lichten Dunste fange ich schon auch sehr zu verspüren an! Aber lassen wir den edelsten und weisesten Freund zu unserem Besten nur ganz ungestört fortreden!“
GEJ|5|188|11|0|Fährt nun Johannes weiter fort zu reden und sagt: „Gut Freunde, so euch schon auf der Erde die höchstmögliche Einförmigkeit in allem eine allerentsetzlichste Langweile bereiten müßte und euch nur die großartigsten und zahlreichsten Unterschiede und Veränderungen vergnügen, – wie wollet ihr dann meinen wollen, daß noch endlos vollendetere Geister als Hauptlebensintelligenzen in der höchsten Einförmigkeit ewig fortleben sollen und einer auf ein Haar so sei wie der andere durch die ganze, ewige Unendlichkeit?! O seht, wie seicht und höchst einseitig ihr da Gott Selbst und Sein unendliches Geisterreich aufgefaßt habt!
GEJ|5|188|12|0|Es muß dort wie hier Unterschiede geben, und das nie zählbar viele, ansonst ja ein jedes vollendetere Wesen nie möglich eine Seligkeit und Wonne über die geschaffenen Wunder Gottes haben könnte, wie es unter euch Menschen auf der Erde kaum denkbar viele Unterschiede gibt, damit ihr euch gegenseitig dienlich notwendig werden möget. Was liegt hernach daran, ob ein – sage – jenseitiger Geist sein hier unternommenes Werk ganz vollendet oder nicht? Die Ewigkeit ist doch hoffentlich lang genug, um das hier nur scheinbar Versäumte nachzuholen!
GEJ|5|188|13|0|Zudem – wohlgemerkt! – ist ja eben diese Erde eine von Gott eigens erwählte und dazu bestimmte, daß eben auf ihr, wegen der hier allein möglich erreichbaren Kindschaft Gottes, unter den auf ihr vorkommenden verschiedenartigsten Menschenarten und -charakteren eben auch so eine große Verschiedenheit obwalte, die nach dieser Erde aber schon in der ganzen Unendlichkeit auf keinem der zahllos vielen Weltkörper in einem so hohen Grade anzutreffen ist.
GEJ|5|188|14|0|Da aber hier allein die wahre und einzige Kindschaft Gottes zu erreichen ist, was alle reinen Urgeister in der ganzen Unendlichkeit gar wohl wissen und tiefst erkennen, so könnet ihr es euch wohl vorstellen, daß gar viele Geister mit Seelen aus anderen Weltkörpern auch zu dem Behufe auf diese Erde kommen, um eine fremdweltliche Seele auch in der Materie dieser Erde durchgären zu lassen. Nun, vielen gelingt es beim ersten Versuche, und gar vielen nicht! So die fremde Seele in dem Leibe aus dieser Erde denn durchaus schon gleich zu Anfang ihres Eintritts in dieser sie sehr drückenden Materie nicht bestehen kann, nun, so wird sie von ihrem Geiste gleich wieder dahin gebracht, von wo sie gekommen ist.
GEJ|5|188|15|0|Manche Seelen, zumeist aus anderen Weltkörpern, können den Anblick dieser allermagersten und am wenigsten schönen Welt gar nicht ertragen. Da werdet ihr ihre Sinne auch gewöhnlich sehr vernachlässigt ausgebildet sehen. Sie halten hier wohl oft eine längere Zeit aus und machen so manches, aber gewöhnlich nur weniges den wirklichen Menschen dieser Erde nach und kehren nach solchem für sie immerhin eine tiefe Bedeutung habenden Leben, das auch gewöhnlich nie zu lange dauert, wieder in ihre Heimat – und das oft nach etlichen Dezennien, von den Menschen dieser Erde natürlich ungekannt – mit oft bestem Erfolg ihrer großen Mühe zurück und erreichen da schon sicher, was sie ein erstes Mal suchten.
GEJ|5|188|16|0|Manche solcher fremden Seelen durchwandern oft sogar viele andere Weltkörper, bis sie sich dann erst, durch ihre Geister geleitet, auf diese Erde wagen. Etliche sind aus Sonnenwelten. Darunter sind welche bald sehr vollkommen; manche aber bekommen oft auch einen großen Zorn auf alles, was nur auf dieser Erde vorkommt. Daraus werden für diese Erde gewöhnlich sehr böse Individuen, die rauben, morden und stehlen, was ihnen nur unterkommt. Auch haben sie gewöhnlich keine Liebe zu den Menschen dieser Erde und suchen ihnen nur auf alle mögliche Weise zu schaden. Solche entgehen hier nur selten der gerechten Strafe für ihre Vergehen wider die erdbürgerlichen Ordnungsgesetze. Sie kehren dann oft wohl auch in ihre alte Heimat zurück, wo es ihnen dann auch nicht am allerbesten geht; denn ihr Geist fängt dann mit ihnen oft eine ganz entsetzlich scharfe und sehr schmerzliche Disziplin an, die, je nachdem eine Seele für sich stolzer, verhärteter und selbstsüchtig eigensinniger ist, oft ganz entsetzlich lange dauert.
GEJ|5|188|17|0|Ja, mitunter geschieht sogar Bürgern dieser Erde ein Gleiches, so sie sich von den Fremden dazu verlocken lassen, auch möglichst viel Böses auszuüben. Solche Seelen, deren es leider nicht wenige gibt, sind dann eben das, was man ,Teufel‘ nennt; aber ihre jenseitigen Geister sind dann so lange ihre sie sehr peinigenden Leiter, bis sie sich gänzlich bessern. Und siehe, darum eben auf dieser Erde die große Verschiedenheit, und darum solche absonderlichen Zustände der Menschen auf dieser Erde. – Ich meine nun, daß ihr, so ihr offenbar schärfer zu denken vermöget denn andere gewöhnliche Alltagsmenschen dieser Erde, über eure Fragen nun schon vollends im klaren sein solltet! Oder geht euch nun noch etwas ab?“
GEJ|5|189|1|1|189. — Die Messiasfrage
GEJ|5|189|1|0|Sagt Hiram: „Das ist nun ganz gut, und wir haben dir nun nichts mehr dagegen einzuwenden; denn nun glauben wir es dir, der du es sicher allein wissen und hell genug begreifen kannst, daß es also und nicht anders ist. Wir natürlich können das weder einsehen noch begreifen, da wir nicht wissen um die zahllos vielen fremden Weltkörper und noch weniger um die Art ihrer höchst rätselhaften Bewohner, wer sie sind, wie sie aussehen, und wessen Geistes Kinder sie sind. Aber nur das meine ich dabei dennoch, daß wenigstens einige bessere Menschen dieser Erde noch bei ihren Erdenlebenszeiten davon Kunde erhalten sollten von oben, um sich danach gegen solche Menschen richten und rüsten zu können!“
GEJ|5|189|2|0|Sagt Johannes: „Höre! Solche Menschen hat es auf der Erde noch zu allen Zeiten gegeben, und sie haben solches und ähnliches durch allerlei entsprechende Bilder den Menschen dieser Erde kundgetan – im Hohenliede Salomos finden sich solche Andeutungen mehrmals vor –; aber die Menschen, respektive ihre Seelen, haben ihre Sinne zu sehr hinaus in die Materie der Welt versenkt und so ihrem jenseitigen Geiste den Rücken zugewandt, daher können sie von den höchsten und reingeistigen Dingen auch nichts mehr fassen und verstehen. Eben darum aber sind nun wir in diese Welt gekommen, um die durch ihre höchsteigene Schuld verwahrlosten Seelen wieder aufzurichten und ihnen die rechten Wege zu ihrem geistigen und ewigen Lebensheile zu zeigen.
GEJ|5|189|3|0|In der Folge nach uns wird das alles Tausenden durch den heiligen Geist Gottes noch tausendmal heller geoffenbart werden, als ich es nun euch offenbaren konnte. So aber dann auch über euch der Geist Gottes kommen wird, da wird er euch leiten in alle Tiefen seiner urgöttlichen Weisheit, und dann erst werdet ihr das auch vollkommen klar einsehen, was ihr jetzt erst so ganz schwach zu glauben angefangen habt. Bis dahin glaubet und forschet in den Schriften und auch in aller Natur; sie werden es euch sagen, daß es also und nicht anders ist! Den vollen Grund aber werdet ihr, wie gesagt, erst später vollends einsehen. – Habt ihr nun noch irgend etwas einzuwenden?“
GEJ|5|189|4|0|Sagt Hiram: „Nein, mein edelster und weisester Freund! Nun waltet bei uns durchaus kein Zweifel in diesen Dingen mehr ob! Aber da wir nun denn schon gegen die Neige dieses schönsten Tages von so manchem geredet haben, so möchte ich dich denn doch noch um eines fragen. Ich bin zwar nur ein reiner Grieche, aber dessenungeachtet habe ich mir mit der Zeit vom Judentume so manches zu eigen gemacht, das mich sehr ergötzte, namentlich aber ihre Behauptung von einem Messias, der nichts weniger als gleich nur das höchste Gottwesen Selbst sein werde. Er werde sie alle natürlich gleich unsterblich machen und zu Jerusalem als ihr ewiger, unüberwindlicher König residieren und von dort aus gleich die ganze Welt und zugleich natürlich auch die ganze, ewige Unendlichkeit beherrschen.
GEJ|5|189|5|0|Man lacht uns wegen unserer mythischen Götterlehre nun schon nahezu allerorten aus und erklärt sie für einen allerbarsten alten Unsinn; was soll man aber dann erst zu den Juden wegen ihres Messias sagen? Beim Himmel! Eine solch grenzenlose Dummheit und Wirre des menschlichen Geistes ist mir wahrlich denn doch noch nirgends in aller Welt, die ich bereist habe, je untergekommen! Sage mir, was denn da für ein loser Witz dahinterstecken soll! Das ist ja doch eine wahrhaft scheußlichste Großtuerei der besonders ganz vornehmen Juden hauptsächlich gegen uns Griechen und Römer, und sie freuen sich schon, wie uns ihr Zeus aus ihrem Lande hinaustreiben wird mit einem ungeheuren flammenden Schwerte, dem auf jeden wohlgeführten Hieb mindestens hunderttausend der verheerendsten Blitze entsprühen werden über alle Heiden! Nun, das ist denn doch ein bißchen zu stark! – Was sagst denn du als selbst Jude zu diesem alten, närrischen Judenwitze?“
GEJ|5|189|6|0|Sagt Johannes: „Diese Sache ist auch nicht so ganz ohne, wie du als ein reiner Grieche meinen dürftest; und vielleicht liegt sie dir näher, als du etwa meinen könntest! Aber natürlich in der Art, wie du sie aus dem Munde der Juden vernommen hast, ist sie offenbarst eine der allerkolossalsten Lächerlichkeiten, hinter der auch nicht ein Funke von einer nur scheinbaren Wahrheit waltet! Das aber, was die Juden in der höchst dümmsten Weise erwarten und nachher noch bis ans Ende der Welt vergeblich erwarten werden, ist bereits, verborgen vor ihren blinden Augen und tauben Ohren, schon lange da, – aber nicht zur Vertreibung der den Juden höchst lästigen Heiden, sondern gerade umgekehrt: Die Juden werden aus dem Lande vertrieben werden, und den Heiden wird das Wort Gottes gegeben werden für immerdar! Doch über dieses Thema wollen wir später ein allbedeutsames Gespräch anfangen; jetzt aber wollen wir für ein Abendmahl und für ein Nachtlager zu sorgen beginnen! Denn wir bleiben morgen auch noch hier, und dann etwa noch ein paar Tage, und da wird sich noch gar manches besprechen lassen.“
GEJ|5|189|7|0|Sagen die beiden, ganz erfreut über diese Zusicherung: „Es wird sogleich von allen unseren Seiten nach Möglichkeit für alles auf das beste gesorgt werden!“
GEJ|5|189|8|0|Mit dem gehen beide ganz heiter ab, und Ich belobte den Jünger für seine unermüdliche Ausharrung und für seine wahrlich sehr große Geduld.
GEJ|5|190|1|1|190. — Johannes bangt es vor Hirams Verstandesschärfe
GEJ|5|190|1|0|Während diese beiden Fischer mit ihren Weibern und Kindern uns das Abendmahl bereiteten, fragte endlich wieder der ganz kleinlaut gewordene Judas Ischariot, wer das Schiff dem alten Markus zurückstellen werde, so wir dessen nicht mehr benötigten.
GEJ|5|190|2|0|Sage Ich: „Kümmere du dich um etwas Besseres denn um solche Weltkleinigkeiten; denn Der dem Markus dieses Schiff wunderbar gebaut hat, Der wird es schon wissen, wie Er es ihm zurückstellen wird! Daß du aber doch nie um etwas Geistiges dich kümmern kannst, sondern sicher allzeit nur um etwas Weltliches! Was hast denn du von der Welt, oder was hättest du, so du gewönnest die ganze Welt, aber dabei den größten Schaden littest an deiner Seele? Was kannst du dann geben zur Löse deiner verdorbenen Seele?!
GEJ|5|190|3|0|Da sieh diese armen Fischer an! Sie sind die nüchternsten und sonst aber doch freundlichsten Menschen, erwarten keinen Lebenslohn nach des Leibes Tode, und dennoch ist ihnen alle Welt mit ihren vergänglichen Schätzen ein Greuel, und sie haben sich darum von aller Welt in diesen verlassensten und ödesten Erdenwinkel zurückgezogen. Nun haben sie zum ersten Male von etwas höher Geistigem vernommen, und schon sind sie voller Zufriedenheit, – und das sind gut zur Hälfte Heiden; du aber bist ein echter Jude und gehörst samt Mir dem Stamme Juda an, und dennoch macht auf dich das Geistige wenig oder oft gar keinen Eindruck! Sage Mir nun ganz offen, warum du so ganz eigentlich mit Mir herumziehest von Ort zu Ort!“
GEJ|5|190|4|0|Sagt Judas etwas verlegen: „Nun ja, jetzt ist schon wieder alles hoch gefehlt, weil ich mich wegen des Schiffes erkundigt habe! Ich habe dabei ja doch keine schlechte und unehrliche Meinung gehabt! Vergib es mir, so ich dadurch gefehlt habe!“
GEJ|5|190|5|0|Sage Ich: „Ja, ja, dir wird noch viel vergeben werden müssen! Sieh zu, daß am Ende nicht die Welt dein Meister wird!“
GEJ|5|190|6|0|Darauf wollte auch Thomas dem Judas Ischariot noch einige Wörtlein ins Ohr flüstern; aber Ich blickte den Thomas an, und er blieb stille in aller Geduld.
GEJ|5|190|7|0|Da aber trat Johannes, Mein Liebling, zu Mir und sagte: „Herr, sind wir mit diesen nun wohl schon so ziemlich in der Ordnung? Denn wenn sie uns etwa noch ärger kommen sollten, da möchte ich Dich wohl bitten, daß Du ganz Selbst ihnen die Stirne bieten wollest; denn ich werde mitunter doch beklommen darum, als möchte mein Herz etwa möglicherweise doch etwas aus Dir Kommendes nicht richtig und schnell genug erfassen und dann leicht etwas Eigenes fürs Deine hingeben, womit ich dann bei diesen Scharfdenkern augenblicklich in der heißesten Brühe säße! Denn die passen doch auf ein jedes Wort und auf eine jede dasselbe begleitende Miene so auf wie ein schlauester Fuchs auf seine Beute! Nur ein unrichtiges Wörtlein, und rein aus wäre es mit ihnen!
GEJ|5|190|8|0|Ein Philopold zu Kane bei Kis war auch beinahe so ein Ähnlicher; aber man redete mit ihm dennoch um ein bedeutendes leichter. Bei diesen aber geht es um ein bedeutendes schwerer, weil sie wahrlich viel Erfahrung besitzen und dazu eine solche Verstandesschärfe, wie sie mir bis jetzt noch nicht vorgekommen ist! Mathael war auch ein außergewöhnlicher Geist; aber mit dem Hiram hier würde er zu tun gehabt haben! Also bitte ich Dich, o Herr, noch einmal, daß bei einem etwa noch schärferen Anlaufe Du Selbst es mit ihm aufnehmen möchtest!“
GEJ|5|190|9|0|Sage Ich: „Mein lieber Johannes, das wird nun nicht so sehr mehr nötig sein! Hiram wird bezüglich des Messias wohl noch so manche Entgegnung vorbringen, die dich ein wenig verlegen machen wird; aber wir beide werden ihn auch da nun bald auf den rechten Weg bringen. Gehe du aber nun in die Hütte und mache ihnen ein Feuer; denn sie mühen sich nun, schon seit sie uns verließen, mit der Erzeugung des Feuers mittels der Stein- und Holzreiberei, bringen aber keines zustande!“
GEJ|5|190|10|0|Johannes begab sich in die Hütte und sagte: „Liebe Freunde, mir scheint, daß euch heute das Feuermachen nicht gelingen will; denn ich habe jetzt schon eine Weile die Hütte beobachtet, aber noch kein Feuer entdecken können, und mein Freund sagte zu mir: ,Gehe hin und mache den guten, besorgten Menschen ein Feuer!‘ Und so bin ich denn nun da, euch ein Feuer machen zu helfen!“
GEJ|5|190|11|0|Sagten Hiram und Aziona: „Da bist du uns dann auch äußerst willkommen; denn unsere besseren Steine geben kein Feuer, und die Reibhölzer sind uns in der Hütte etwas feucht geworden, und so haben wir mit dem Feuermachen nun eine eigene Not. Auch den Nachbarn geht es nicht besser!“
GEJ|5|190|12|0|Sagte Johannes: „Leget nur das Holz auf den Herd, und das Feuer wird dann gleich herbeigeschafft sein!“
GEJ|5|190|13|0|Sie legten das Holz auf den Herd, und Aziona sagte: „Nun, lieber Freund, läge das Holz schon auf dem Herde! Bin nun wahrlich neugierig, auf welche neue Art du nun das Feuer machen wirst!“
GEJ|5|191|1|1|191. — Das Feuerwunder des Johannes
GEJ|5|191|1|0|Sagt Johannes: „Seht, – also!“
GEJ|5|191|2|0|Johannes sprach bloß: „Es brenne dieses Holz auf dem Herde hier und in den andern Hütten!“, und im Augenblicke brannten die Feuer in den Hütten lichterloh.
GEJ|5|191|3|0|Da schlugen die beiden ihre Hände vor Verwunderung über dem Haupte zusammen und sagten: „Nein, das kann nur einem Gotte möglich sein! Wir haben wohl schon von den Magiern mittels der Händereibung Feuer erzeugen sehen, aber bloß durchs Wort noch nie! Du müßtest nur irgendein geheimes Pulver haben, mit dem du in echt magischer Schnelle das Holz bestreutest – was aber ich und auch jemand anders nicht bemerkt hat –, und das Pulver müßte in Berührung mit dem Holze sich dann bald entzünden; die alten Ägypter sollen ein solches Pulver gehabt haben? Ansonst ist das ein reinstes, allerunbegreiflichstes Wunder!“
GEJ|5|191|4|0|Sagte Johannes: „Mit dem gewissen Pulver ließe sich diese Sache naturgemäß noch am besten erklären; aber ich war so frei und habe dieser Not nun unter einem in allen euren Hütten abgeholfen, wie ihr euch sogleich überzeugen werdet, – und so möchte es mit dem gewissen ägyptischen Feuerpulver nun hier wohl seine sehr geweisten Wege haben!“
GEJ|5|191|5|0|Als Johannes solches kaum ausgeredet hatte, kamen die Nachbarn schon teils mit Angst und teils mit Freuden herbeigeeilt und erzählten hastig, was in ihren Hütten geschehen sei.
GEJ|5|191|6|0|Allein Aziona beruhigte sie und sagte: „Kehret nur ganz ruhig und getrost in eure Hütten zurück; denn wir wissen es schon, was euch begegnet ist!“
GEJ|5|191|7|0|Auf das eilten die Nachrichtbringer nach Hause und bereiteten sich auch ihr spärliches Mahl.
GEJ|5|191|8|0|Es sagte aber nun auch Hiram: „Ja, meine lieben und wunderlichen Freunde, nun werde ich mich auch auf eine kurze Zeit nach Hause begeben, um meine sicher schon gesottenen Fische ohne Salz und sonstige Würze zu verzehren; dann aber werde ich sogleich wieder zu eurem Dienste dasein!“
GEJ|5|191|9|0|Sagte Johannes: „Bleibe du hier und sei mit dem Hause Azionas unser Gast!“
GEJ|5|191|10|0|Sagte Hiram: „Edelster Freund, das wäre mehr denn viel zuviel von eurer mir stets mehr unbegreiflichen Güte! Ich aber muß für euch ja doch auch für ein Nachtlager sorgen, und so ist es doch notwendig, daß ich ein wenig nach Hause gehe und in meiner Hütte wenigstens für einen von euch, wegen der Beschränktheit des Raumes, ein ersprießliches Nachtlager herrichte!“
GEJ|5|191|11|0|Sagte Johannes: „Auch das ist nicht vonnöten, denn unser Schiff, auf dem wir alle ganz gut übernachten können, ist dafür schon eingerichtet; vielleicht aber bleiben wir gewohntermaßen die ganze Nacht über gar im Freien unter dem Baume auf dem schönen Rasen, und so hast du dich um nichts Weiteres mehr zu kümmern.“
GEJ|5|191|12|0|Sagte Hiram: „Ja, wenn so, da bleibe ich freilich wohl gleich und ohne weiteres hier! Nur das einzige etwas Unangenehme dieser Gegend, besonders zur Nachtzeit, ist der große Überfluß an allerlei bösen Schnaken und andern fliegenden Insekten; dann gibt es hier auch eine große Menge Nattern, die sich zur Nachtzeit aus ihren Löchern ins Freie machen und uns oft sehr belästigen. Es gibt hier freilich auch eine große Menge Störche und Kraniche, welche da scharenweise angeflogen kommen und da ihre sehr ergiebige Mahlzeit halten; aber dessenungeachtet vermehrt sich das Geschmeiß so zusehends, daß es allabendlich noch zur Sättigung für gut zehnmal soviel Störche und Kraniche ausreichte. Aus dem Grunde ist hier das Übernachten im Freien immerhin eine eben nicht zu angenehme Sache. Ich wäre dafür, lieber auf dem Schiffe die Nacht zuzubringen, wo man sich in den Kammern weder vor den Insekten, noch den Schnaken und noch weniger vor den Nattern in acht zu nehmen braucht!“
GEJ|5|191|13|0|Sagte Johannes: „Seid wegen all dem ganz unbesorgt; denn weder das eine noch das andere soll euch heute, noch fernerhin je mehr belästigen!“
GEJ|5|191|14|0|Mit dem verließ Johannes die Hütte und kam wieder zu uns und wollte Mir erzählen, was nun alles vor sich gegangen sei.
GEJ|5|191|15|0|Ich aber belobte ihn und sagte: „Alles war für diese Leute ganz in der besten Ordnung aus Mir! Aber Ich sage euch nun etwas anderes!“
GEJ|5|192|1|1|192. — Das wunderbare Nachtmahl
GEJ|5|192|1|0|(Der Herr:) „Wir werden heute gegen Mitternacht einen förmlichen Krieg zu bestehen haben! Denn eine zweite Aussendung von Jerusalem, weil die unter Zinka nichts mehr von sich hören ließ, ist gestern von Jerusalem abgesandt worden, – von wem, könnet ihr euch leicht denken! Sie ist zu Schiffe und ist durch einige Fischer, die euch kannten, benachrichtigt worden, daß wir heute gen Mittag in diese Bucht eingefahren sind. Sie werden sich in der Nacht zwar schwer in dieser Bucht zurechtfinden, aber am Ende durch ein paar kundige und gut bezahlte Fischer dennoch hierher gelangen. Es sind auch zwei Erzpharisäer darunter und ein Hauptschildführer des Herodes. Saget aber unterdessen diesen Fischern nichts davon, weil wir ihnen dadurch eine ganz unnötige Angst bereiten würden, weil sie uns noch nicht vollends kennen und uns so ganz geheim noch immer für Magier der außerordentlichsten Art halten!
GEJ|5|192|2|0|Aber diesen Verfolgern soll es nicht so gut ergehen wie denen unter Zinka! Diese verfolgen Mich mit einer Eigengier und Wut, was bei dem Zinka nicht der Fall war; daher soll sie ihr Unternehmen sehr sauer zu stehen kommen! Denn man muß verirrte und mit Zwang belegte Menschen anders und die ausgemachten Teufel auch wieder anders behandeln! Heute sollet ihr an Mir einmal einen unerbittlichen Richter erschauen, dem für diesen Augenblick keine Liebe innewohnen soll! Aber nun ganz stille von dem; denn unsere Wirte bringen soeben das recht gut bereitete Nachtmahl!“
GEJ|5|192|3|0|Als Aziona mit seinem Speisekorbe ankommt, da sagt er: „Liebe göttliche Freunde! Es wäre schon alles recht; aber keinen Tisch, keine Bänke und kein Licht! – und doch ist es schon so ziemlich dunkel geworden!“
GEJ|5|192|4|0|Sage Ich: „Das macht alles nichts! Hört, Magier wie wir kommen darum nie in eine Verlegenheit! Wir brauchen nur zu sagen: ,Tisch, Bänke und Licht her!‘, und sehet, es ist schon alles zu unserer nötigen Bequemlichkeit da!“
GEJ|5|192|5|0|Es stand sonach im Augenblicke ein großer, gedeckter, langer Tisch, mit guten Bänken umgeben, da, und auf dem Tische stand eine große Naphthalampe mit hellem, sonnenweißen Lichte, so daß davon die ganze Gegend ringsherum nahe tageshell erleuchtet war. Aziona und Hiram ließen vor Schreck und Verwunderung beinahe den Speisekorb fallen, ermannten sich aber doch bald und setzten, etwas behutsam noch, denselben auf den wunderbaren Tisch.
GEJ|5|192|6|0|Hiram sah bald Mich und bald wieder Johannes mit verwunderten, aber dabei sehr prüfenden Augen an, als frage er sich selbst: ,Nun möchte ich aber doch wissen, wer von den beiden der Erste und der eigentliche Meister der Gesellschaft ist!‘, und sagte endlich laut: „Wahrlich, so das auch ins Reich der Magie gehört, so würde das in Alexandria ganz allein für sich mit zehntausend Pfunden reinsten Goldes bezahlt werden!“
GEJ|5|192|7|0|Hier konnte auch Judas Ischariot seinen Mund nicht mehr halten und sagte so ziemlich laut vor sich hin: „Oh, wenn ich das könnte, – keine Stunde mehr bliebe ich im dummen gelobten Lande, wo man alle fingerlang nichts als verfolgt wird!“
GEJ|5|192|8|0|Hier gab ihm einmal Jakobus einen Deuter und erinnerte ihn an Meine frühere Mahnung. Da ward er stille und sagte kein Wort mehr.
GEJ|5|192|9|0|Aziona aber rief alle die Seinen aus der Hütte und zeigte ihnen das neue Wunder, und sein Weib rief aus: „Mann, das sind keine Magier, das müssen Götter sein; denn so was ist etwas Unerhörtes!“
GEJ|5|192|10|0|Sagte Aziona: „Du möchtest wohl sehr recht haben; nur ist die Frage, ob die hohen Götter Olymps sich wohl mit unseren Fischen begnügeten!“
GEJ|5|192|11|0|Sagte das Weib, das eine Griechin aus Athen und somit eine noch recht feste Heidin war: „O Mann, derlei habe ich von den hohen Göttern zu öfteren Malen gehört! Denn die Götter lieben nur in ihren hohen Himmeln die allerhöchste Pracht; auf der Erde aber kehren sie stets nur bei den schlichtesten und einfachsten Menschen ein und begnügen sich mit der allereinfachsten Kost. Ja, ja, mein lieber Mann, also ist es ganz gewiß und sicher!“
GEJ|5|192|12|0|Sagt Aziona: „Nun, nun, es wird schon also sein; aber es ist jetzt schon wieder gut! Geht nun nur wieder in die Hütte und bringet alles in die beste Ordnung!“
GEJ|5|193|1|1|193. — Das nahende Schiff mit den Häschern
GEJ|5|193|1|0|Mit diesem Winke begab sich das Weib samt den etlichen Kindern wieder in die Hütte und fing sogar bei ihrer Arbeit mit den Kindern an, den großen Zeus für solche übergroße Gnade zu preisen, bemerkte aber dennoch den Kindern, daß da für das Land, in dem die Götter erscheinen, nichts Gutes zu erwarten sei, sondern lauter schlimme Sachen als: Krieg, Hungersnot, Pest und große Länderüberschwemmungen.
GEJ|5|193|2|0|Die Kinder aber sagten: „Aber diese Götter sehen ja doch gar freundlich aus! Wir werden sie morgen bitten, daß sie nicht gar zu schreckliche Übel über die Erde verhängen sollen!“
GEJ|5|193|3|0|Sagte die Mutter: „Seid nun nur ruhig und stille! Das werden mit ihnen schon die Väter ausmachen; denn wir verstehen das zuwenig.“
GEJ|5|193|4|0|Darauf wurde es dann stille in der Hütte, und wir verzehrten mit Aziona und Hiram unser Abendmahl, das den beiden gar überaus wohlschmeckte, ganz besonders aber der Wein und das Brot, welch beides Hiram nicht genug loben konnte. Als die Fische verzehrt waren, schaffte Aziona den Korb weg, kam wieder zu uns, und wir blieben sodann bei Brot und Wein gleich beim Tische sitzen und niemanden wandelte nur im geringsten ein Schlaf an. Bis eine Stunde vor Mitternacht verbrachten wir die Zeit mit allerlei mehr gleichgültigen Erzählungen.
GEJ|5|193|5|0|Erst nach dieser Zeit erhob sich Hiram, starrte eine Weile hinaus in die Bucht und sagte dann mit einer gewissen Beklommenheit: „Meine Freunde, mir kommt es nicht geheuer vor; uns allen droht eine große Gefahr! Ich bemerke ein mit Kriegern und Häschern stark bemanntes Schiff in die Bucht hereinsteuern! Wahrlich, die haben nichts Gutes im Sinne! Du, Freund, der du dies Licht ordentlich erschaffen hast, lösche es aus, daß sie die Richtung verlieren und in der Nacht auf eine Sandbank geraten! Morgen wollen wir sie dann fragen, was sie hier suchten, und sie sollen uns zu einer guten Prise werden, so sie in feindlicher Absicht uns einen Besuch abstatten wollten.“
GEJ|5|193|6|0|Sagte Ich: „Lassen wir das Licht nur leuchten! Bald sollst du Wunder unserer Macht schauen! Aber zuvor müssen sie ganz zu uns kommen; dann erst werden wir ihnen zeigen, was nach eurem Ausspruche die Götter vermögen!“
GEJ|5|193|7|0|Mit dem stellte sich Hiram zufrieden; aber Aziona sagte: „Seht, liebe Freunde, ich hatte euch noch gefragt, ob ihr etwa von einem Feinde verfolgt werdet! Aber ihr sagtet: ,Mitnichten!‘ Hättet ihr uns nur etwas davon gesagt, – wahrlich, wir hätten denen das Einlaufen in diese Bucht schon auf eine Art versäuert, daß sie dreißig Jahre lang genug daran zu denken gehabt hätten!“
GEJ|5|193|8|0|Sagte Ich: „Ich wußte es wohl, was ohne unser Verschulden kommen werde; hätte Ich es euch aber gleich gesagt, so wäret ihr um eure notwendige Ruhe gebracht gewesen. Ihr hättet euch mit der Verrammung der Einfahrt in diese Bucht gar entsetzlich viel Mühe gemacht, – und wozu denn? Habe Ich doch der höchsten Macht in Hülle und Fülle für mehr denn hunderttausend solcher Feindesschiffe! Wozu also noch solche Vorbereitungen? Die Prise samt dem Schiffe gehört dann ohnehin euch zu, und die wird nicht unbedeutend sein! Sie führen große Summen Bestechungs- und andere Gelder zu ihrer guten Verpflegung mit sich und noch eine Menge anderer irdischer Kostbarkeiten, die euch in eurer großen Armut sehr wohl zustatten kommen werden. Ich habe ganz geheim in Mir solches alles vorgesehen und habe euch zuallermeist eben darum nichts gesagt.
GEJ|5|193|9|0|Hättet ihr das Schiff durch eure List und Gewalt, was auch ganz leicht hätte möglich sein können, als Prise genommen, so hättet ihr darauf in Kürze einen zehnmal größeren, feindlichsten Besuch eben wieder von Jerusalem aus bekommen und wäret samt und sämtlich als Raubmörder behandelt worden. Allein, das habt ihr nun nicht im geringsten zu befürchten; denn Ich Selbst werde euch im Geiste, wenn Ich auch nicht in der Person bei euch sein werde, allzeit beschirmen und euch nichts Übles zustoßen lassen.
GEJ|5|193|10|0|Nun aber nähern sich die wahrhaft elenden Wüteriche schon so ziemlich und werden nun gleich samt den beiden uns allein verratenden Fischern ans Land steigen; da gebet fein Achtung darauf, was ihnen begegnen wird!“
GEJ|5|193|11|0|Sagte Aziona: „Wenn sie nur keine Wurfgeschosse bei sich führen!“
GEJ|5|193|12|0|Sagte Ich: „Oh, mitnichten, nur einige Spieße, Lanzen, Schwerter und Ketten führen sie mit sich; aber jetzt Ruhe, Meine Lieben!“
GEJ|5|194|1|1|194. — Das Gericht über die Häscher
GEJ|5|194|1|0|In dem Augenblicke hörte man rauhe Stimmen höhnisch lachend ausrufen: „Hurra! Hahahaha, da sitzen die lustigen Vögel bei griechischer Beleuchtung ja alle schön beisammen, und wir haben sie einmal in unsere Gewalt bekommen!“
GEJ|5|194|2|0|Sogleich traten die zwei Erzpharisäer mit dem Burgvogt des Herodes und mehreren Häschern mit ganz grimmigen Gesichtern an unseren Tisch und sagten: „Wollt ihr nicht in schweren Ketten nach Jerusalem gebracht werden, so folget uns gutwillig! Beim geringsten Sträuben werdet ihr alsogleich gebunden und mit den schwersten Ketten belegt werden!“
GEJ|5|194|3|0|Ich aber sagte: „Ist bei euch denn durchaus keine Gnade und Rücksicht wenigstens bis morgen mehr möglich? Denn ob ihr heute oder morgen mit uns ganz Unschuldigen, um eure Rache zu kühlen, abfahret, das wird doch alles eins sein!“
GEJ|5|194|4|0|Schreien der Vogt und die beiden Pharisäer: „Nein, jetzt gleich ohne alle Gnade muß es sein! Nur auf, und vorwärts!“
GEJ|5|194|5|0|Sagte nun Ich mit mächtiger und ernstester Stimme: „Gut denn! Da in euch kein Funke von einer Barmherzigkeit vorhanden ist und ihr zu wahren Erzteufeln geworden seid, so ist auch aus Meinem Herzen alle Erbarmung für euch gänzlich dahin! Euch geschehe nach euren Herzen, Gesinnungen und namenlos bösesten Taten!“
GEJ|5|194|6|0|Mit diesen Meinen Worten wurden plötzlich alle steif und von den unerträglichsten Schmerzen ergriffen, fingen an zu heulen und zu bitten und versprachen, alles zu tun, was Ich nur immer von ihnen verlangen möchte, – aber nur von solch einer unerträglichen Qual möchte Ich sie befreien! Sie wollten lieber tausendmal sterben, als solch unerträglichste Schmerzen noch einen Augenblick lang ertragen!
GEJ|5|194|7|0|Ich aber sagte: „Ich habe euch auch gebeten um Gnade und Erbarmung nur bis morgen und fand keine; darum sollet nun auch ihr keine Gnade und Erbarmung bei Mir finden! Die einzige Gnade, die Ich euch antun werde, bestehe darin, daß die reißenden Bestien dieser Gebirge eurem schlechtesten Leben ein Ende machen und euch das tun, was ihr schon vielen unschuldigen Menschen getan habt! Ja, sogar die Kindlein blieben vor eurer unbeschreibbaren und nie erhörten Grausamkeit nicht verschont!
GEJ|5|194|8|0|Ihr waret als damals noch junge Wichte die Eifrigsten beim bethlehemitischen Kindermorde, weil ihr schon damals Mich darunter auch zu töten wähntet. Aber Jehovas ewiger Geist, der allzeit Mich erfüllet hat mit aller Macht und Kraft, hat das wohl zu verhindern gewußt. Nach jener Tat aber habt ihr noch zahllose und unerhörte Greuel an der armen Menschheit verübt, für die der menschliche Verstand noch gar keine Namen erfunden hat; darum habe Ich Selbst es also gewollt, daß ihr gerade hierher kommen mußtet, um als Teufel in Menschengestalt euren lange schon wohlverdienten Lohn zu überkommen!“
GEJ|5|194|9|0|Hierauf heulten sie noch mehr und baten um Gnade und versprachen die vollkommenste Besserung ihres bösen Lebens. Nur dies einzige Mal möchte Ich ihnen Gnade für Recht ergehen lassen. Dabei aber wurde ihr Schmerzgeheul stets ärger, so daß Aziona und Hiram und sogar einige Meiner Jünger für sie zu bitten begannen.
GEJ|5|194|10|0|Sagte Ich: „Glaubet es Mir: Sobald Ich sie nun nur auf zehn Augenblicke von ihren allerwohlst verdienten Qualen losmache, so werden sie gleich den wütendsten Tigern über uns herfallen und uns zerfleischen wollen! Oh, Ich weiß es am besten, wie man mit Engeln, Menschen und echten Teufeln zu verfahren hat! Wahrlich, für diese unter Meine Menschenkinder eingeschmuggelten Erzteufel gibt es in Meinem Herzen gar kein Erbarmen mehr!“
GEJ|5|194|11|0|Die Bösewichte aber heulten noch immer mehr und baten um Erbarmen.
GEJ|5|194|12|0|Ich aber sagte: „Sogleich werden die da sein, die euren Leibesqualen ein Ende machen werden, und eure schwarzen Seelen sollen die Drachen der heißesten Wüsten Afrikas auf zehntausendmal tausend Jahre bewohnen, begraben im glühenden Sande, Amen!“
GEJ|5|194|13|0|Nun erdröhnte von allen Seiten von dem Gebirge her ein mächtiges Gebrüll, so daß sich alle die armen Bewohner dieses Ortes sehr zu fürchten anfingen.
GEJ|5|194|14|0|Ich aber vertröstete sie und sagte zum Aziona: „Die beiden Fischer sollen nun von den Schmerzen befreit sein; du aber nimm sie gefangen und führe sie in die Hütte!“
GEJ|5|194|15|0|Aziona tat das. Als die beiden durch Geld Verführten in Gewahrsam gebracht waren und Aziona wieder an unseren Tisch kam, da sprangen sogleich eine ganze Herde von Tigern und großen Bären auf die nun schon ganz entsetzlich heulenden Wüteriche, packten sie mit ihren Zähnen und sprangen mit ihnen, als hätten sie nur Sperlinge in ihren Rachen, hastigst von dannen ins Gebirge. Und bald verstummte alles Geheul; denn die Bestien, die Ich schon voraussichtlich gar vom Ganges zu dem Zwecke hergetrieben hatte, waren mit dieser Mahlzeit bald fertig und begaben sich dann schnell wieder in ihre Heimat.
GEJ|5|194|16|0|Ich aber sagte nun zu jedem: „Davon komme nie ein Wort auswärts über jemandes Lippen; denn es würde ihm so etwas höchst übel bekommen! Die beiden Fischer aber werden erst morgen ihren Auftrag erhalten und werden auf dieser Welt keinen Verrat mehr begehen.“
GEJ|5|194|17|0|Hier erst bekam Hiram wieder Mut zu reden und sagte nun zu Mir: „Nun erst weiß ich, wer unter euch der Herr ist, und muß gestehen, daß ich dich nun offenbar für einen wahrsten Gott halte! Du bist zwar die Güte selbst; aber dein Zorn ist das sicher Schrecklichste in der ganzen Welt und unter allen Sternen! Was müssen doch das für gar elende Wichte gewesen sein, daß du mit ihnen nicht die allergeringste Erbarmung haben wolltest und mochtest!“
GEJ|5|195|1|1|195. — Die Lebensgeschichte der Häscher
GEJ|5|195|1|0|Sagte Ich: „Ich sage es dir: In dieser Zeit gibt es auf der ganzen Erde nichts Elenderes! Ich sage es dir: Es gibt nun auf der ganzen Erde sehr viele, ganz entsetzlich viele äußerst schlechte und böse Menschen, die aber leider durch ihre Erziehung von ihrer Geburt an zumeist schlecht geworden sind. Bei diesen aber hat es wahrlich nie an der besten Erziehung gemangelt, und sie wurden unterrichtet in aller guten Lehre; allein schon in ihren Kinderjahren haben sie durch allerlei Heucheleien sich zu verstellen gewußt, daß man sie überall hervorzog und sie stets nach Möglichkeit auszeichnete. Dadurch kamen sie schon in ihren früheren Jahren zu sehr angesehenen Ämtern, fingen aber mit oft gröbsten Mißbräuchen ihrer Amtsgewalt bald nur zu sehr die Menschen zu bedrücken an und wurden so stets gefühl- und gewissenloser. Aber ihre List half ihnen überall durch, und so kamen sie, namentlich die drei Hauptanführer als Schulkollegen, zu ganz hohen Ämtern und waren so erst am rechten Platze, ihrer wahren Satansgier die größtmöglichste Ausdehnung zu verleihen, und alles, was ihnen nur ihr erzböser Sinn eingab, wurde um jeden Preis ins Werk gesetzt.
GEJ|5|195|2|0|Wie viele zarte Mägdlein und Knäblein von acht bis zwölf Jahren haben sie bis zu Tode, sogar unter den größten Martern, geschändet, sodann ihr Fleisch ihren vielen Hunden zum Fraße vorgeworfen! Und haben etwa die traurigen Eltern es gewagt, nur weitschichtig nachzuforschen, was etwa mit ihren Kindern geschehen sei, so durften sie schon im voraus darauf gefaßt sein, daß ihre letzte Stunde bald abgeronnen sein dürfte. Und ihre Häscher und geschworenen Diener trieben es für sich nicht um ein Haar besser, sondern wo möglich noch grausamer. Wenn du das alles und noch tausendfach anderes noch Schlechteres dir dazu denkst, so wirst du hier Meinen Zorn ganz gut zu begreifen imstande sein.
GEJ|5|195|3|0|Sie wußten aber auch sehr, daß sie bei den Römern niemand so leicht verraten könnte wie Ich, weil sie von Mir schon vieles gehört hatten. Sie sandten darum auch stets Häscher ab, nach Meiner Person zu fahnden, aber stets ohne Erfolg; darum wollten sie nun selbst das gewünschte Werk ausführen. Aber da sagte Mein Geist in Mir: ,Bis hierher nur, und nimmer weiter!‘ Und so haben sie nun hier den schon lange verdienten Lohn ganz vollmäßig empfangen.
GEJ|5|195|4|0|Ihre Waffen und Ketten klaubet zusammen; denn ihr werdet sie zu nützlichen Hausgeräten und im Winter zum Fischfange gebrauchen können! Dort unter jener Felsenwand im Walde werdet ihr ihre zerrissenen Kleider finden, weil sie dort von den Tieren verzehrt wurden, auch abgenagte Knochen. Aber begebet euch dahin erst nach einem Monde, bis zuvor auch die Ameisen das ihrige werden getan haben! Ihr werdet dort noch eine Menge irdischer Kostbarkeiten finden, die ihr mit der Zeit und bei guter Gelegenheit an griechische Handelsleute gut werdet verwerten können; aber vorderhand laßt euch damit noch Zeit!
GEJ|5|195|5|0|Das Schiff enthält fünfhundert Pfunde Goldes, Silbers und noch eine Menge anderer Kostbarkeiten, – das gehört alles euch samt dem Schiffe; aber seid bei der Teilung gerecht und uneigennützig, und behelfet euch nach eurer Notdurft! Das Schiff ist hier so gut wie gestrandet, steht herrenlos da und gehört nach dem römischen Strandrechte – PRIMO OCCUPANTI IUS ["Der erste hat das Recht der Besitzergreifung."] – vollkommen euch zu eigen! Seid ihr damit zufrieden?“
GEJ|5|195|6|0|Sagen Aziona und Hiram: „Herr und Meister in aller Macht, Weisheit und Kraft des vollkommenen Geistes einer allerhöchsten Gottheit! Wer soll da nicht zufrieden sein?! Und das um so mehr, weil wir es nun einsehen, daß das wahrhaftest nur ein Geschenk von oben ist!“
GEJ|5|196|1|1|196. — Die Geldgier des Judas. Die Vorzüge der Nachtruhe auf Liegestühlen
GEJ|5|196|1|0|(Aziona und Hiram:) „Wir beide sind nun schon ganz in der Ordnung zu glauben, daß du vor allem ein Halbgott bist, und dieser junge Mann (Johannes) auch; die andern haben uns zwar von ihren götterhaften Eigenschaften nichts merken lassen, werden aber sicher auch so etwas sein, weil sie zu euch beiden gehören! Nur der eine dort mit einer ziemlich finstern Miene hat noch ein stark menschliches Aussehen und wird unter euch nur etwa ein etwas besserer Mensch sein, weil wir ehedem bemerkt haben, als das feindliche Schiff sich dem Ufer näherte, wie er sehr besorgt seine Geldbörse unter dem Unterrocke gar emsig zu verbergen suchte; denn Götter bedürfen dieses Erdmistes nicht!“
GEJ|5|196|2|0|Hier kam es einigen Jüngern nahe zum Lachen, und Thomas klopfte dem Judas Ischariot hübsch fest auf die Achsel und sagte: „Gut geschossen, Hirte! Deine Pfeile gehen nach der Linie! Das war einmal ein Hieb zur rechten Zeit! Ich hätte dir dein Liebäugeln mit dem Schiffe und mit jener Felsenwand dort gerne ganz laut verwiesen; aber ich dachte es mir: ,Solches wird vielleicht schon jemand anders tun!‘ Und richtig, ich habe mich in meiner wahrhaft sehnlichsten Erwartung nicht getäuscht! Schau, du hättest dich vorhin leicht von einem gefälligen Bären gleich mit unter jene Felsenwand hintragen lassen können! Wenn du zufälligerweise nicht mit den andern von echt indischen Leckmäulern mit verspeist worden wärest, so hättest du morgen früh ganz schön alle die dortigen Kostbarkeiten dir zu eigen machen können! Aber jetzt sieht die Geschichte schon ein wenig bedenklich aus!
GEJ|5|196|3|0|Nun, weil du nur dein Scherflein bei der herannahenden Gefahr ins Trockne unter den Unterrock gebracht hast, so bist du als ein guter Wirt und Ökonom ja ohnehin sehr zu loben! Aber weißt du, mit dem heimlichen Absammeln, wie du es in Kis – weißt, im großen Hofe! – und beim Markus bei den Zelten des Ouran versucht hast, wird es hier nichts tragen! Ja, bei dieser Gelegenheit scheint für dich Armen wahrlich kein Weizen zu blühen! Ich an deiner Stelle hätte dieser Gesellschaft schon lange den Rücken gekehrt!“
GEJ|5|196|4|0|Hierauf weiß Judas Ischariot eigentlich gar nichts zu erwidern und steckt alles ganz ruhig ein; denn er hat bei Meiner unerbittlichen Bestrafung der Wüteriche eine große Furcht vor Mir bekommen. Aber er legte sich darauf bald auf den Rasen nieder und fing an zu schlafen.
GEJ|5|196|5|0|Hierauf sagte erst Hiram: „Ja, ja, jetzt habe ich mir den Mann erst so recht gut angesehen! Er ist derselbe, den ich in meinem euch bekannten Lichttraume ganz dunkel und ohne alles Licht gesehen habe; du, Herr und Meister, aber warst der Leuchtendste! – Aber sagt mir nun, ihr himmlischen Freunde, habt ihr denn nach unserer menschlichen Weise keinen Schlaf und keine Müdigkeit? Wir würden uns nun gleich um allerlei Matten, die wir haben, und sonstiges Lagerzeug umsehen!“
GEJ|5|196|6|0|Sage Ich: „Oh, laß das alles gut sein! Man ruht bei diesem Tische und auf diesen sogar mit guten Lehnen versehenen Bänken ganz gut aus. Ich sage euch sogar in leiblich-ärztlicher Beziehung, daß die Menschen ihr Leibesleben gut um ein Drittel verlängern würden, so sie sich statt ihrer ebenen Nachtlager gute Ruhebänke und Ruhestühle herrichten würden in der Art, wie du sie hier siehst! Denn mit den Ebenlagern erleidet der Blutstand und -gang zwischen Tag und Nacht eine zu starke Veränderung, von der allein schon frühzeitig allerlei Hemmnisse und Veränderungen in den Verdauungs- und Ernährungsorganen eintreten. Aber in dieser Nachtruheart wird alles viele Jahre in der größten Ordnung verbleiben.
GEJ|5|196|7|0|Abraham, Isaak und Jakob schliefen nur in gewissen Ruhe- und Lehnstühlen, kannten keine Ebenlager und erreichten darum bei sonstiger Lebensnüchternheit jeglicher ein sehr hohes Alter bei vollster Seelenkraft; als aber später die Menschen nicht mehr darauf achteten, fiel ihre Lebenszeit mehr als um die Hälfte der Jahre herab.
GEJ|5|196|8|0|Am meisten nachteilig aber ist das Ebenliegen den schwangeren Weibern; denn fürs erste werden dadurch die Kinder schon im Mutterleibe verkrüppelt und geschwächt, und fürs zweite rühren ihre schweren und oft sehr verkehrten Geburten zumeist von den Ebenlagern her. – Das sei euch in leiblich- gesundheitlicher Hinsicht gesagt! Wer sich danach kehren wird, der wird die leiblich-guten Folgen davon verspüren.
GEJ|5|196|9|0|Dann sollet ihr des Sommers die Nachtruhe auch wo möglich mehr im Freien als in den Gemächern und dumpfigen Hütten nehmen, und ihr würdet die guten Folgen davon bald wahrnehmen! Nur im Winter kann man die mäßig erwärmten, aber stets reinen und trockenen Gemächer benutzen. Wer also der ursprünglichen Ordnung gemäß und sonst in Speise und Trank nüchtern lebt, der wird wenig mit Ärzten und Apotheken zu tun haben.“
GEJ|5|196|10|0|Sagen Hiram und Aziona: „O du wahrer, göttlicher Herr und Meister des Lebens, auch dafür sind wir dir einen wahrhaft nie endenden Dank schuldig, und wir werden solchen deinen überaus weisen Rat auch nach unseren Kräften und Einsichten ins Werk setzen!“
GEJ|5|196|11|0|„Ich möchte hier schon für mich“, sagt Hiram, „dazusetzen: Der Meister alles Lebens muß es ja am besten einsehen, was eben allem Leben am meisten frommt! Aber nachdem auf dieser Erde doch einmal allererste Menschen müssen bestanden haben, so fragt es sich, wie diese in der naturmäßigen Hinsicht etwa gelebt haben!“
GEJ|5|197|1|1|197. — Die Urgeschichte der Menschen
GEJ|5|197|1|0|Sage Ich: „Ja, da, Meine lieben und mit recht vielen Erfahrungen und Wissenschaften versehenen Freunde, wird uns eine für euch verständliche Antwort schwer! Denn fürs erste ist diese Erde schon ein ganz entsetzlich alter Weltkörper für eure Zeitmaßbegriffe; da gibt es für euch keine begreifliche Zahl, durch die man die Vielheit der Jahre ihres Bestehens dartun könnte.
GEJ|5|197|2|0|Jedoch Menschen, wie sie nun der Boden der Erde trägt, bestehen numerisch wirklich erst etwas über viertausend Jahre. Die damals lebenden ersten wahren Menschen aber zerfielen infolge ihrer Handlungsweise in zwei Klassen, nämlich in die Kinder Gottes, weil ihr Herz und Gemüt Gott erkannte und Ihm treu blieb, und in die Kinder der Welt, weil sie Gott stets mehr und mehr vergaßen und in allem nur der Welt dienten, so wie nun die meisten Menschen. Sie haben Städte erbaut und allerlei Götzentempel; ihr Hauptgott aber war, wie nun, der Mammon. Sie lebten ganz so wie jetzt; darum war ihr Leben aber auch nur ein ganz kurzes, so wie jetzt.
GEJ|5|197|3|0|Aber ganz anders stand es mit den Kindern Gottes. Diese bewohnten nur die Berge, kamen nur höchst selten in die Tiefen hinab und lebten ganz einfach und naturgemäß. Da gab es keine Städte, keine Flecken, keine Dörfer und auch keine gezimmerten Häuser, sondern nur gewisse mit lebenden Bäumen ganz umfangene reine Rasenplätze. Gegen die Bäume zu war ein bankartiger Erdwall gemacht und, wo es nötig war, gegen die Baumstämme hin dick mit Moos belegt, und so bildete dieser innere Rundwall zugleich eine ganz bequeme Tagesruhebank und zugleich ein gutes Nachtruhelager.
GEJ|5|197|4|0|Ihre Kost bestand zumeist in guten und stets reifen Baumfrüchten, allerlei geschmackvollen Wurzeln und Milch. Mit der Zeit lernten sie, durch innere Offenbarung belehrt, bald auch sich nötige Hausgerätschaften aus Eisen und anderen Metallen anfertigen und betrieben dann auch schon den Ackerbau, bereiteten Mehl und verstanden ein recht gutes Brot zu bereiten und so noch gar manches und vieles, aber alles ohne Prunk, – der Zweck einer Sache entsprach ihnen vollkommen –, und so lebten sie bei zweitausend Jahre lang in vieler Einfachheit und erreichten dabei ein überaus hohes Alter.
GEJ|5|197|5|0|Nur als sie sich nach und nach auch von der Pracht und großen Schönheit der Weltkinder berücken ließen, wurden sie dann zur Strafe häufig von denselben unterjocht und förmlich zu Sklaven gemacht bis auf einen sehr geringen Teil, der bis auf Noah und dann noch fort und fort Gott treu blieb; aber damit änderte sich auch alles bei ihnen. Sie wurden leiblich kleiner und schwächer, und ihr Leben erreichte nur selten hundert Jahre, während sie früher oft nahe an die tausend Jahre alt wurden.
GEJ|5|197|6|0|Wie aber bekannt, so wurden alle rein zu Weltmenschen gewordenen Menschenerstlinge der Erde zu Noahs Zeiten eigenverschuldet von der übergroßen Flut ersäuft; denn die Flut deckte den größten Teil der damals bevölkerten Erde also unters Wasser, daß die mächtigen Wogen, durch die Stürme und Orkane erzeugt, nicht selten sogar mehrere Ellen hoch von Zeit zu Zeit über nahe die höchsten Bergspitzen schlugen und daher auch alles Leben in ihrem Bereich erstickten bis auf Noah und dessen kleine Familie, und so auch alles Getier bis auf das, was Noah in seiner Arche beherbergte. Mit Noah aber fing, wie bekannt, eine ganz neue Epoche der Erde an. [Ausführlich in der "Haushaltung Gottes"] 
GEJ|5|197|7|0|Damit habt ihr nun auch ein ganz kurz gefaßtes, aber getreues Bild von den Urmenschen dieser Erde und möget daraus noch lebhafter ersehen, daß Mein euch gegebener Rat ein ganz guter und richtiger ist.“
GEJ|5|197|8|0|Sagt Hiram: „Aber du allein überweiser und mächtigster Meister des Lebens und Herr aller Menschen! Wenn aber die Erde schon gar so entsetzlich alt ist, was war denn dann vor den eigentlichen, uns gleichen Menschen für ein Geschlecht auf eben dieser Erde? Denn sie konnte sich ja doch nicht nahezu eine halbe Ewigkeit hin bis auf deine ersten Menschen vor viertausend Jahren ganz öde und leer, also umsonst um die große Sonne kreisend, befunden haben! Oder war sie bis dahin wirklich nur ganz öde und leer? Es ist zwar sehr ungebührlich von mir, dich um so etwas zu fragen; aber ich sehe, daß in dir und diesem jungen Manne wahrlich eine Art Allwissenheit unverkennbar vorhanden ist, und so wirst du mir schon auch in dieser Hinsicht meine wißbegierliche Zudringlichkeit zugute halten.“
GEJ|5|198|1|1|198. — Die Urgeschichte der Lebewesen der Erde
GEJ|5|198|1|0|Sagte Ich: „Oh, frage du nur zu, an Antworten soll es bei uns nie einen Mangel haben, und das stets an solchen, die allein die stete und unverwüstbarste äußere und innere Lebenswahrheit in sich bergen! Gib sonach nur recht fein acht darauf, was Ich dir auf deine Frage antworten werde!
GEJ|5|198|2|0|Sieh, vor den erwähnten ersten wahren Menschen gab es wohl auch – wie auf zahllosen dieser Erde ähnlichen Welt- respektive Erdkörpern – Wesen, die mit den gegenwärtigen Menschen der äußeren Form nach eine sehr bedeutende Ähnlichkeit hatten! Es gab gar viele Epochen auf dieser Erde, in denen ein früheres Geschlecht ganz unterging und nach und nach ein anderes und stets in irgend etwas vollkommeneres an seine Stelle trat.
GEJ|5|198|3|0|Gar lange vorher, ehe solche Geschlechter, gewöhnlich von 7000 Jahren zu 7000 Jahren einander ablösten, ganz sicher aber von 14000 Jahren bis zu wieder 14000 Jahren, ward die Erde nur von allerlei Vegetabilien auf den wasserlosen Teilen und darauf erst von allerlei, aber immer erst nach und nach entstandenen großen und kleinen warmblütigen Tieren belebt. Das Reich der Wassertiere und nachher der Amphibien aber war schon vor der großartigsten Vegetation der Trockenländer überaus stark und mächtig vertreten, sowie das Reich von allerlei fliegenden Insekten wie der Fliege und tausenderlei ihrer Gattungen, und mit diesen nahe gleich einige Urgattungen der Vögel, die nun freilich nicht mehr bestehen, obwohl die Fliege als das erste lebende Geschöpf und als Anfang alles Geflügels eines jeden Weltkörpers noch zur Stunde dasselbe ist und auch fortan verbleiben wird.
GEJ|5|198|4|0|Erst als die Erde also stets humusreicher ward und durch häufige innere, großartigste Feuerausbrüche, durch die der verhärtete unterwässerliche Boden gewaltsam auf vielen tausend Punkten zu langen und weitgedehnten Bergreihen aufgewühlt ward und auch durch andere gewaltigste Stürme in der Luft und in den Gewässern einmal so gestaltet war, daß sowohl infolge der größeren und trockeneren Räumlichkeiten, wie auch infolge derer gediegeneren Vegetationsfähigkeiten schon auch vollkommenere und mit mehr Intelligenz begabte Wesen darauf ihr Fortkommen finden konnten, so wurden sie, die geschöpflichen Menschen, dann auch erst ins individuelle Dasein gerufen durch den weisesten, ewigen und allmächtigen Geist Gottes.
GEJ|5|198|5|0|Von da an wechselten sie, wie ehedem gezeigt, durch für euch undenklich viele Zeiten der Erde miteinander ab, und stets verdrängte ein um etwas vollkommeneres Geschlecht das frühere minder vollkommene.
GEJ|5|198|6|0|Sieh, über diesem trockenen Punkte, der doch sicher über zwanzig Mannshöhen sogar über dem Wasserspiegel dieses kleinen Meeres erhoben steht, ist das Meer gar viele tausendmal tausend Male gestanden. Er ist freilich dann in einer stets oft stark veränderten Form ebenso wie jetzt trocken gelegen. Und bevor von nun an nur 6000 Jahre vergehen werden, wird er sich wieder unter dem Meere und sodann in einer Zeit von abermaligen etwa 9-10000 Jahren wieder so wie jetzt im Trockenen befinden. Das wird auf der Erde stets so lange miteinander abwechseln, bis die Erde, oder vielmehr ihre Materie, ganz ins Leben übergegangen sein wird.“
GEJ|5|198|7|0|Sagt Hiram: „O Herr und einziger Urmeister alles Lebens und Seins! Wie wird es denn bei einer abermaligen Überflutung mit dem Bestande der dann sicher auch noch bestehenden Menschen aussehen? Die werden dann ja alle wieder jämmerlich ersäuft werden!“
GEJ|5|198|8|0|Sage Ich: „O mitnichten; denn solche periodischen Überflutungen des Meeres gehen ja immer höchst langsam und ganz unvermerkt vor sich, so daß alle Menschen gar lange die hinreichendste Zeit finden können, dem Meere in jene südlichen Erdteile zu entgehen, in denen das Meer durch seinen Rücktritt wieder gar übergroße Ländereien trocken geben wird, weil es sich in solcher Periode wieder mehr gegen den Norden ergießen wird. Und so wird es dann auch bei seinem Rücktritt nach dem Süden wieder sein.
GEJ|5|198|9|0|Also dabei haben die Menschen durchaus keine Gefahr mehr zu befürchten, und es wird sie da schon Mein Geist leiten, daß sie dazu schon lange vorher die rechten Vorkehrungen treffen werden. – Hast du das nun so ein wenig begriffen?“
GEJ|5|198|10|0|Sagt Hiram: „Ja, es kommt mir wohl so vor, als ob ich's begriffen hätte; aber um da in eine ganz klare Anschauung dieser vorher nie geahnten und noch weniger je gehörten wunderbaren Verhältnisse zu gelangen, die irgend in der ungeheuerst großartigen Natur der großen Welten und ihrer Ordnung liegen, da gehört mehr denn mein unendlich beschränkter Verstand dazu! Verstehen vom Grunde aus kann ich das sonach unmöglich; aber ich glaube es dir aufs Wort; denn du bist weise genug dazu, um das alles ganz genau zu wissen und einzusehen, da dein Geist, wie es mir am Tage noch Aziona kundgab, ganz eins in der Macht, im Schauen und im höchst vollkommensten Erkennen mit dem Geiste einer allerhöchsten Gottheit sein soll, was ich zwar auch nicht einsehe, wie das möglich ist, aber ich glaube es, weil du uns nun schon so überaus gewaltige Proben davon unaufgefordert abgelegt hast. Vielleicht kommt für uns auch noch eine Zeit, in der wir derlei Dinge besser denn jetzt einsehen werden; aber für jetzt müssen wir es nur glauben.“
GEJ|5|199|1|1|199. — Die Verschiedenheit der Welten
GEJ|5|199|1|0|Sagt hier Aziona: „Sage mir aber, du unbegreiflicher Weiser, gibt es im endlosen Schöpfungsuniversum denn noch mehrere solcher Welten, auf denen die, sage, Menschen einen uns in allem völlig gleichen Beruf haben?“
GEJ|5|199|2|0|Sage Ich: „Freund, sieh nur einmal deinen Leib mit einer rechten Aufmerksamkeit an, und du wirst eine Menge verschiedener Glieder und Teile daran bemerken! Können diese nur eine einzige Bestimmung haben? Kann das Gehirn und der Magen eine und dieselbe Bestimmung haben, oder das Auge und die Ohren, die Hände und die Füße, oder die Nase und der Mund? Sieh, aus so zahllos vielen kleinsten Teilen der menschliche Leib allerkunstvollst auch zusammengesetzt ist, so haben doch selbst die zwei allernächsten und haargleichsten Teile, ein und dasselbe Organ bildend, nicht die ganz gleiche Eigenschaft und Bestimmung!
GEJ|5|199|3|0|Zum Beispiel: Fest nebeneinander sitzen zwei einzelne Nerven. Beide erhalten dieselbe Nahrung und werden vom selben Lebensfluidum belebt, und ihre Wirkung ist, zwei fest nebeneinanderstehende Haare auf dem Haupte zu unterhalten und wachsen zu machen. Nun, diese zwei allerunbedeutendsten Nerven sollten einander doch als gleiche Ursachen von haargleichen Wirkungen auch bestimmungsweise völlig ähnlich sein! Ich aber sage: O mitnichten! Diese zwei Nervchen sind sich einander bestimmungsweise ebensowenig ähnlich wie Mann und Weib, und es ist darum auch ihr innerer Organismus ein durchgängig verschiedener.
GEJ|5|199|4|0|Aber du meinst nun und sagst bei dir: Ja, da müssen aber doch zwei männliche und zwei weibliche Nerven einander völlig ähnlich sein! Und Ich sage es dir: Auch nicht so völlig, wie du es dir vorstellst! Denn wäre das der Fall, so müßten alle Haare auf einem und demselben Punkte am Haupte hervorwachsen, oder eine ganz gleiche nächste männliche Nervenorganisation würde, nur um eine Linie weiter als schon über einem anders beschaffenen Hauptesplatze stehend, gar kein Haar mehr zum Wachsen bringen. Ja, es kann sogar geschehen, daß der notwendige und von aller Natur bedungene Assimilationsdrang (Angleichung, Annäherung) auch in den Nerven der Haarwurzeln stärker wird, als es in der Ordnung ist. Was wird aber die Folge davon sein? Du wirst dadurch deine Haare auf dem Haupte bald und leicht zählen können!
GEJ|5|199|5|0|Es ist eine solche Erscheinung am Leibe des Menschen freilich eine unwillkürliche; aber sie rührt dennoch zumeist als Postulat (sittliche Forderung, norwendige Folge) von den unordentlichen Bestrebungen einer sinnlichen und materiellen Seele her. Der Assimilationstrieb ist zwar zur Fortpflanzung und Erhaltung des Naturlebens ein notwendiger, aber in seiner Stärke über oder unter dem in der Natur selbst vorgeschriebenen Maße ist er ein Tod derselben.
GEJ|5|199|6|0|Nehmen wir an, es bestünde zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlechte nicht der allergeringste Assimilationsreiz, wie desgleichen auch bei den Tieren, so hätte es mit der Fortpflanzung des Naturlebens ganz sicher ein Ende. Den Grund davon werdet ihr beide gar wohl einsehen. Der gänzliche Mangel dieses Reizes wäre sonach auch der offenbare Tod alles Naturlebens. Aber ebenso ist ein seine Grenzen überschreitender Assimilationsreiz und eigentlich -trieb ebensoviel wie der offenbare Tod des Naturlebens und mit ihm auch gar leicht des Lebens der Seele.
GEJ|5|199|7|0|Zum Beispiel: Das Auge hat den Assimilationsreiz nach dem Lichte. Wird dieser nicht in den rechten Schranken gehalten, und ein Mensch fängt an, unverwandt in die Sonne zu schauen, so wird das Auge durch solch eine mächtige Überreizung bald tot und somit blind. Und so geht es allen menschlichen Sinnen.
GEJ|5|199|8|0|Der gegenseitige Assimilationsreiz aber kann nur dadurch in seinen heilsamen Schranken gehalten werden, daß der freien Seele Gesetze gegeben werden, nach denen sie sichern Schrittes den Gang ihres Naturlebens einrichten kann. Natürlich können solche Gesetze nur von Dem als in der Fülle wirksam und segenbringend gegeben werden, der Himmel, Geister, Sonne, Sterne, den Mond, diese Erde und alles, was in ihr, auf ihr und über ihr ist, atmet und lebt, erschaffen hat. Und das ist von seiten des Schöpfers auch zu allen Zeiten geschehen; nur gab es immer nur wenige, die solche Gesetze ernstlich in allem beachtet haben. Die aber nach solchen Vorschriften lebten, haben auch allzeit den wahren zeitlichen und ewigen Segen davon geerntet; die Trägen, die Geringschätzer und die Ungläubigen aber haben das Gegenteil an sich wie auch sogar an andern ihresgleichen erfahren.
GEJ|5|199|9|0|Aus all dem Gesagten aber geht für deine Hauptfrage klarst erwiesen hervor, daß es im ganzen, unendlichen Schöpfungsuniversum auch nicht einen Erdkörper mehr gibt, der ebendieselbe und – Ich sage – allerhöchste Bestimmung und zur Erreichung derselben dieselbe innere und äußere Einrichtung hätte wie eben diese Erde.“
GEJ|5|200|1|1|200. — Der Unterschied zwischen den Menschen dieser Erde und denen der anderen Welten
GEJ|5|200|1|0|(Der Herr:) „Du wirst zwar überall Tiere nach ungefähr der Art wie auf dieser Erde finden, also auch Menschen, – aber nirgends in solcher Reichhaltigkeit in der Mannigfaltigkeit; sondern da gibt es überall nur wenigere Gattungen, sowohl im Reiche der Pflanzen, wie auch im Reiche der Tiere, und die Menschen leben in keiner freien, sondern mehr in einer gerichteten Ordnung und handeln nach einer mehr instinktartigen als nach irgendeiner freien, aus sich selbst und aus den Erfahrungen geschöpften Erkenntnis.
GEJ|5|200|2|0|In den weiten, großen Sonnenerdkörpern ist im Grunde gürtel- oder flächenweise wohl alles entsprechend vertreten, was dann speziell auf den sie umkreisenden Planeten vorkommt, – auch gibt es da viel Weisheit unter deren verschiedenen sprachfähigen Menschen; aber es ist dort auch die Sprache und die oft höchst bedeutende Weisheit nur mehr eine instinktartige und gegebene, als eine freie und irgend durch die Mühe der freien, eigenen Tätigkeit erworbene.
GEJ|5|200|3|0|Darum ist aber dort auch kein Verdienst, wie es auch hier auf der Erde für die Biene kein Verdienst ist, sich die kunstvolle Zelle zu erbauen und sich dazu den Stoff aus den Blumen zu holen und zu bereiten; denn die Biene erscheint doch sicher jedem Denker nur mehr als Werkzeug einer jenseitigen geistigen Intelligenz denn als ein irgend sich selbst bestimmendes, freitätiges Wesen. Und nahe also geht es auf allen andern Weltkörpern mit den geschöpflichen Menschen, wenn ihre äußeren Formen auch oft um das unvergleichbare schöner und edler sind denn auf dieser Erde.
GEJ|5|200|4|0|Wohl aber haben alle die anderwärtigen, geschöpflichen Menschen, die die verschiedenen andern Weltkörper bewohnen, dennoch viel voraus vor dem Instinkt der Tiere dieser Erde; denn sie haben danebst doch auch ein gewisses Lebenskämmerlein, in welchem sie eine Art freier Erkenntnis haben und dadurch einen höchsten Gottgeist erkennen und auch nach ihrer Art verehren, die aber natürlich auf den sehr verschiedenen Erd- und Weltkörpern auch sehr verschieden ist.
GEJ|5|200|5|0|Es haben wohl nahezu die meisten Tiere dieser Erde auch mehr oder weniger so eine Art Freiheitsspurkämmerlein in ihren Seelen, aus welchem Grunde sie auch gezähmt und zu manchen Arbeiten abgerichtet werden können, – sie stehen aber dennoch in keinem Vergleiche mit jenen anderweltlichen Menschen, – und es ist das Tierlebensfreiheitsspurkämmerlein sonach nicht zu vergleichen mit dem Freierkenntniskämmerlein der Menschen anderer Weltkörper. – Und nun meine Ich, dir deine Hauptfrage für deine Erkenntnis zur Genüge beantwortet zu haben. Seid ihr beide nun wohl so ziemlich im klaren?“
GEJ|5|201|1|1|201. — Ein Blick in den Saturn
GEJ|5|201|1|0|Sagt Hiram: „Es wäre nun schon alles in der ganz guten Ordnung, da wir dir, o großer, erhabenster Weiser, nun schon alles aufs Wort glauben. Aber nachdem dir schon gar alles möglich zu sein scheint, so dürfte es dir ja auch eben nicht unmöglich sein, uns so einen näheren Blick nur auf eine solche total andere Erdwelt machen zu lassen, – aber uns beide zugleich, auf daß wir hernach den andern ein gültiges Zeugnis geben können!“
GEJ|5|201|2|0|Sage Ich: „Oh, nichts leichter als das! Aber mit euren fleischlichen Augen allein wäre das wohl unmöglich. Ich werde somit eures Geistes, eurer Seele und eures Leibes Auge auf eine kurze Zeit vereinen, und da oben am Firmamente ersehet ihr einen ziemlich großen und mäßig stark leuchtenden Stern, – es ist gerade der sogenannte Planet Saturn. Richtet nun eure Augen gerade auf ihn, und ihr werdet ihn schnell größer und größer werden sehen, und das so lange, bis ihr euch wie völlig auf ihm befinden werdet! Dann möget ihr es euch erzählen, was ihr gesehen habt! Tut nun das!“
GEJ|5|201|3|0|Hier fingen die beiden an, den Stern zu fixieren, und schnell wird er größer und größer. Schon ersehen sie seinen sogar geteilten Ring und mehrere seiner Monde. Bald werden die Monde so groß wie der Erdmond und auch schnell größer; der Planet selbst aber steht schon in einer ehrfurchtgebietenden Größe und Majestät vor ihren Blicken. Ihre laute Verwunderung fängt schon an, alle Grenzen zu übersteigen; denn während sie das alles stets vollkommener schauen, sprechen sie mit dem Munde alles laut aus, was sie sehen.
GEJ|5|201|4|0|Sie sind nun dem ersten, vom Planeten aber eigentlich entferntesten Monde schon ganz in vollster Nähe, und Hiram ruft laut aus: „Ah, das ist eine ganz große, aber leider sehr öde Erde! Es gibt da wahrlich Menschen und Tiere und Pflanzen; aber es ist alles wie sehr verkümmert, und aus den Menschen schaut wenig Geist heraus, – auch sind sie durchaus nicht schön. Die Tiere sind auch sehr schwach vertreten und sehen ganz absonderlich aus. Die Pflanzenwelt sieht auch sehr einförmig und stark verkümmert aus. Nein, da gefällt es uns schon durchaus nicht!
GEJ|5|201|5|0|Ah, da kommt auch so eine Welt auf uns zu! Oh, die heißt noch weniger! Da eine dritte, heißt auch nichts, – das wäre so eine rechte Welt für den weisen Diogenes! Gesehen haben wir sie! He, da ist eine vierte und sieht auch um nichts besser aus! Nur weiter darum! Da kommt schon eine fünfte, da ist ja alles sehr in einem kleinen Maße; aber der bewohnte Teil sieht dennoch um etwas besser aus als bei den früheren. Die Kleinen springen ja den Affen gleich ganz munter herum! Von einer Wohnung ist jedoch nirgends etwas zu entdecken. Auch das Tierreich scheint da sehr einfach und sehr spärlich vertreten zu sein, und ebenso die liebe Pflanzenwelt! Aber da kommt schon eine sechste und noch kleinere Welt, und da sogar eine siebente! Oh, diese sind ganz entsetzlich unansehnlich!
GEJ|5|201|6|0|Aber nun, oh, alle Blitze, Hagel und Donnerwetter! Jetzt kommt eine ungeheure Welt uns entgegen! Oh, die hat ja gar kein Ende! (NB.: Es ist der äußere Ring.) Ah, die scheint ja gleich ohne Ende in geradester Linie ewig fort zu dauern! Oh, da sieht es schon ganz herrlich aus! Überaus lange Bergreihen scheinen sich ewig fortzuziehen, und eine Menge Seen und Ströme sind ersichtlich, und Menschen und Pflanzen haben mehr Ähnlichkeit mit den unsrigen. Aber von einer bemerkbaren Kultur scheint auch da keine Spur zu sein. Die Menschen, die ganz sonderbar aussehen, scheinen keine Heiterkeit zu kennen und sind riesig groß. Aber da gibt es keine Häuser und noch weniger irgend Städte.
GEJ|5|201|7|0|Aha, da kommt uns schon wieder eine zweite so große Welt entgegen! Das ist ja geradeso, als ob eine übergroße Welt in der anderen stäke! Aber es ist sonst eben nicht viel Unterschiedes zwischen dieser und der früheren Großerde, – und da, da kommt schon eine dritte beinahe ganz ähnliche! Nun, nun, wie viele Erden stecken denn da ineinander?! Aber da scheinen die etwas kleineren Menschen ja ganz gespensterartig, und alles ist sehr öde, – und nahe gar keine Kultur! Nein, auf dieser Welt möchten wir auch nicht wohnen!
GEJ|5|201|8|0|Aber da kommt uns ja schon wieder so eine Art Weltlein entgegen! Na, na, nun ganz in der Nähe sieht es dennoch ganz ansehnlich aus; aber da ist von einer Kreatur nichts zu entdecken! Aber, o alle Elemente! Da kommt uns erst eine Erde entgegen, vor der man allen Respekt bekommen muß!“
GEJ|5|201|9|0|Hier dauerte die mit allen möglichen Verwunderungsexklamationen verbundene Betrachtung beinahe eine halbe Stunde lang, und Ich rief die beiden nun wieder in ihren Naturzustand zurück und beließ ihnen die vollste Erinnerung an das Geschaute in ihren Seelen und sogar im Gehirne und fragte sie dann, wie ihnen der Saturnus gefallen habe.
GEJ|5|202|1|1|202. — Die Messiasfrage
GEJ|5|202|1|0|Und Hiram antwortete: „O Herr voll Allmacht und Weisheit! Das war etwas Unaussprechliches! Die letzte und eigentlich inwendigste, übergroße Erde war wahrlich eine Welt voll der großartigsten Wunder. Nur war alles von einer so kolossalen Größe, daß wir uns gegenüber den dortigen, übrigens sehr gut aussehenden Menschen gerade wie die Mäuse gegen einen Elefanten vorkamen. Und so in dem Verhältnisse war alles, besonders auf den halben Berghöhen; aber ganz in den Tälern sah es der Kultur unserer Erde etwas ähnlicher aus. Alles aber zu beschreiben, was wir da gesehen haben, da gehörten hundert Jahre und mehr noch dazu!
GEJ|5|202|2|0|Jetzt sehen wir denn auch schon ganz gründlich ein, daß die Erde einzig und allein die Bestimmung hat, wahre Menschen nach dem Ebenmaße des allerhöchsten Gottes zu tragen, und sehen nun auch ein, daß du ganz von solch einem allerhöchsten Geiste Gottes erfüllt sein mußt; denn sonst wäre es ja doch unmöglich, uns jenen Saturnstern also großartigst zu enthüllen und zur vollnächsten Anschauung zu bringen. Ja, Herr und Meister, wer solche Dinge erschaffen hat, der muß groß, mächtig und weise über alle unsere denkbaren Begriffe sein! Den Selbst näher zu erkennen, wäre freilich bei weitem mehr, als so wir die gehabte wunderbarste Sehkraft gleichfort innebehalten könnten und anschauen alle die zahllosen Sterne in ihrer nächsten Nähe!
GEJ|5|202|3|0|Wir werden dich und auch diesen jungen Mann demnach nun wohl von ganzem Herzen bitten, uns den eigentlichen Schöpfer aller Geister- und Materiewelt nur insoweit wahrhaft kennen zu lehren, daß wir uns von Ihm einen ganz ordentlichen Begriff machen können, und auch, daß wir – als nach deinen Worten die vollkommensten Menschen und respektive als förmlich Kinder von Ihm – wissen, was wir Ihm gegenüber zu tun haben, um als das, was wir durch Seinen Willen schon sind und noch mehr sein sollen, so würdig als möglich dazusein. Denn wir sind ernste Menschen und haben einen schwer beugsamen Willen; was wir aber einmal annehmen und vertreten, das wird dann auch von felsenfesten Männern und von keinen Wetterwendlingen vertreten.“
GEJ|5|202|4|0|Sagte Ich: „Nun sehet, wir sind nun ja so ganz eigentlich an den Punkt gekommen, dessentwegen allein wir zu euch gekommen sind, und ihr sollet von uns eben den Schöpfer von allen den zahllosen Wunderwerken nicht nur näher, sondern so vollkommen als möglich kennen lernen, wie auch Seinen leicht zu erfüllenden Willen, weil ein jeder Mensch erst durch die vollkommene Erfüllung des erkannten göttlichen Willens zu einem wahren, mit allen Weisheits- und Kraftgaben versehenen Kinde des allerhöchsten und allein wahren Gottes wird. – Wir haben aber schon früher einmal einige Worte über den kommen sollenden Messias der Juden fallen lassen! Ich möchte aber nun von euch eine so ganz freie Meinung über diese Angelegenheit der Juden vernehmen! Redet darum ohne Scheu!“
GEJ|5|202|5|0|Hiram besann sich einige Augenblicke lang und sagte dann: „Ja, ja, du Herr und Meister in allen Dingen und Erscheinungen, wir haben früher, noch am Tage, davon eine kleine Erwähnung gemacht! Ich habe aus den jüdischen Büchern beinahe alles gelesen, was darauf Bezug hat; allein, alles klang so selten und war so voll von allerlei mystischen, unverständlichen Bildern, daß wenigstens ich daraus durchaus nicht klug werden konnte! Ich fragte darüber auch bei guter Gelegenheit sehr gescheite Juden und überzeugte mich nur zu bald, daß sie darüber auch nicht mehr wußten als ich, und so muß ich aus meinem bisherigen Verstande euch eben nur das sagen, was teils ich selbst und teils auch andere recht klar denkende Menschen darüber geurteilt haben.
GEJ|5|202|6|0|Nun, ein jedes Volk auf der Erde ist mehr oder weniger, abgerechnet einige höhere Offenbarungen, wenigstens bis jetzt Selbstschöpfer seiner Religion, seiner Sitten und Gebräuche und seiner positiven Hoffnungen gewesen und wird es wahrscheinlich auch zum größten Teile bleiben! Und das scheint denn auch mit den Juden der Fall zu sein.
GEJ|5|202|7|0|Es geht mehr oder weniger bei einem größeren Volke neun Zehntel Menschen kümmerlich oder gar schlecht, und nur so ein Zehntel kann sagen: ,Es ist bis aufs Sterben gerade schon noch so zum Aushalten!‘ Was bleibt da übrig, als irgend den Glauben des armen Volkes zu beleben und es durch allerlei aus der angeborenen menschlichen Poesie entsprungene Hoffnungen zu vertrösten, entweder mit einem Elysium jenseits oder mit einem wunderbaren, mit einem einer ersten Gottheit ganz identischen Messias (Retter). Darüber gehen natürlich in solcher Hoffnung voll seliger Erwartung Generationen auf Generationen zu Grabe und ruhen dann ganz ruhig ohne Glauben und Hoffnung in der freundlichen, kühlen Mutter Erde. Ich meinesteils tadle die Sache gar nicht; aber so, wie sich die Menschen dieselbe vorstellen, ist sie bei aller meiner Aufrichtigkeit nicht!“
GEJ|5|203|1|1|203. — Hirams Messiasbegriff
GEJ|5|203|1|0|(Hiram:) „Ja, ein wahrer Völkermessias wäre eine reine Lehre, durch die die Menschen sich selbst ihrem ganzen Wesen nach und daraus erst Gott als den allweisesten, allmächtigen und liebevollsten Grund alles Seins erkenneten und in solcher Erkenntnis dann auch ihre Nachkommen über alles hinaus zu erhalten trachten sollten! Aber das ist eben der große Weltkrebsschaden, daß sich keine noch so reine Lehre fünfhundert Jahre nur rein erhalten kann, und zwar aus dem Grunde, weil sie durch die nur zu vielen falschen und unlauteren Lehren zu bald getrübt wird, und weil sich bei jeder neuen, noch so reinen und lebenswahren Lehre auch nur zu bald gewisse Älteste und Vorsteher bilden, aus denen eine Priesterkaste entsteht, die keinen Pflug und keinen Spaten mehr anrühren, sondern bloß lehren, dadurch dann auch stets mehr und mehr herrschen und sorglos sehr gut leben will. Nun, wie eine solche privilegierte Kaste dann die reine Lehre handhabt, das zeigen uns die Beispiele aller uns nun bekannten Völker, und es wäre schade, darüber auch nur ein Wort mehr zu vergeuden! Und so bin ich der deiner Weisheit gegenüber freilich unmaßgeblichen Meinung, daß ein Mensch, wie du einer bist oder auch wie dieser junge Mann da, die eigentlichen rechten Völkermessiasse sein könntet, weil ihr dazu der rechten lebenswahren Weisheit und der aus ihr hervorgehenden Macht mehr denn zur Übergenüge besitzet.
GEJ|5|203|2|0|Aber dazu müßte so manche großartige Vorkehrung getroffen werden! Erstens eine Sichtung aller im Grunde und Boden verdorbenen Menschen, dann zweitens eine totale Vertilgung aller jetzigen Tempel, Schulen, Bethäuser, Priester und Lehrer! Nicht eine Spur von dem jetzt bestehenden Kulturzustande dürfte irgend übrigbleiben! Nur Menschen wie ihr und hie und da so manche noch sollten fortbestehen und vor allem für die reine Erhaltung und Fortpflanzung – sage – deiner Lehre die größte und alles andere Diesirdische nach unserem Beispiele auf die Seite setzende Sorge tragen. So könnte durch solch eine wahre Messiade mit der Zeit allen Menschen wahrhaft geholfen sein. Aber alles andere gewisserartige Ausbessern und Ausflicken ist und bleibt zum Wohle der Menschheit im allgemeinen eine fruchtlose Mühe.
GEJ|5|203|3|0|Ja, es werden sich wohl hie und da größere und kleinere Gesellschaften bilden, die deine Lehre annehmen, fassen und auch eine Zeitlang rein erhalten werden; aber bald werden entweder, so wie wir hier vor ein paar Stunden gesehen haben, mächtige Weltwüteriche über sie herfallen und sie verderben, oder die Gesellschaften werden neue Lehrer und Hüter dieser Lehre aufstellen, aus denen mit der Zeit ganz dieselben Priester sich entwickeln werden, wie wir sie nun zu vielen Tausenden allerorten betrachten können.
GEJ|5|203|4|0|Vor allem aber gehört zur fruchtbaren Annahme deiner Lehre eine gänzliche Abwendung des menschlichen Gemütes von allen wie immer gearteten materiell- weltlichen Vorteilen. Über den Pflug, Spaten, Axt und Säge zur Bereitung der notwendigsten Lebensbedürfnisse sollen die Menschen sich nie erheben wollen und sollen auf nichts einen Wert legen als allein nur auf die rein geistige, innere Lebensbildung; dann könnte es gehen. Aber wo ist das nunmehr bei der gegenwärtigen Weltkultur der Menschen möglich?! Wer räumt die zahllosen materiellen Weltinteressen auf die Seite?
GEJ|5|203|5|0|So aber deine noch so göttlich wahre und reinste Lehre in solchen alten Weltsumpf gesäet wird, da möchte ich doch sehen die Masse des Unkrautes, das da mitten unter den edelsten Trieben deines gesäten Lehrsamens emporschießen wird! Bei uns, ja, so wir ein eigenes, irgend von allen andern Menschen weit entferntes und abgeschlossenes Land haben könnten, würde sich die Lehre sicher am längsten rein erhalten; aber in der andern Welt dürfte es ihr nicht so günstig ergehen!
GEJ|5|203|6|0|Das ist nun so, wie schon bemerkt, meine Ansicht über den Messias, auf den namentlich die Juden in ihrer Art vergeblich hoffen. Ich kann mich auch da bedeutend geirrt haben; aber da nach deinem Wort ein jeder Mensch zu seiner Lebensvollendung nur durch seine höchsteigene Tätigkeit in der Bearbeitung und Führung seines inneren Gemütslebens gelangen kann, so hat er auch keines andern Messias vonnöten als eines solchen nur, wie gerade du einer bist, nämlich eines wahrhaftigsten und in allen Lebenssphären kundigsten und eben dadurch weisesten Lehrers. Alles andere ist eine dichterische Schimäre und steht ohne alle Spur einer Wahrheit wie ein blüten- und dornenreicher Rosenstrauch da, dessen Frucht so gut wie gar keine ist, weil sie dem Menschen keine Nahrung gibt und zu etwas anderem wenig oder gar nicht frommt. – Was wäre nun wohl deine Meinung über diese meine Ansicht?“
GEJ|5|204|1|1|204. — Messias und Erlösung
GEJ|5|204|1|0|Sage Ich: „Ich bin mit deiner Meinung in der Hauptsache ganz einverstanden, nur in ihren sonderheitlichen Ausfällen über die Gründung, Ausbreitung und Erhaltung einer solchen Lehre nicht so ganz, obschon in einer gewissen Hinsicht auch darin deine Ansicht so manches für sich hat.
GEJ|5|204|2|0|Was deine Meinung hinsichtlich der Sichtung der Menschen und aller ihrer Weltkulturwerke betrifft, so ist zu Noahs Zeiten eine solche über die damals bewohnte Erde mit einer geringen Ausnahme vor sich gegangen, wie sie auch von Moses beschrieben ist, obwohl bildlich, woraus aber ein wahrer Weiser und Entsprechungskundiger dennoch den reinen geschichtlichen Stand herausfinden kann.
GEJ|5|204|3|0|Wie war aber die Menschheit, obwohl nur von dem überfrommen und weisen Noah abstammend, schon nach einigen hundert Jahren?
GEJ|5|204|4|0|Zu den Zeiten Abrahams schon wieder ward Sodom und Gomorra mit den übrigen zehn Städten wegen der zu allergröbsten Laster durch Feuer und Schwefel aus dem Firmamente herab samt Menschen und Vieh derart vertilgt, daß von ihnen keine Spur mehr übrigblieb. An der Stelle dieser Städte hast du nun das Tote Meer, darin bis zur Stunde kein Tier leben kann, und auch die Vögel vermeiden es, darüber hinwegzufliegen.
GEJ|5|204|5|0|Zu den Zeiten Mosis ist das entartete Ägypten jahrelang durch die bekannten sieben Plagen über zwei Dritteile an Menschen und Vieh gesichtet worden, und die sämtlichen Israeliten, die anfangs als wenige Brüder Josephs um ein paar hundert Jahre früher dahin aus Not eingewandert waren und eben unter dem grausamen Pharao sich alle Bedrückung und Verfolgung gefallen lassen mußten, wurden als die besten Arbeiter dieses Reiches hinweggeführt, so daß dadurch das ganze Reich in eine größte Armut und zugleich Anarchie verfiel. Aber es erhob sich nach und nach wieder, ward reich und mächtig und übermächtig und deshalb auch wieder durch Krieg, Hungersnot und Pest gezüchtigt. Sieh es jetzt an, und du wirst es also finden wie alle andere Welt!
GEJ|5|204|6|0|Aus diesen wenigen wahren dargetanen Tatsachen wirst du wohl begreifen, daß eine Sichtung der sündigen Menschheit durchaus lange nicht von einer so ersprießlichen Wirkung ist, wie du sie dir vorstellst; denn die Verschlimmerung eines Menschen wie auch eines ganzen Menschengeschlechtes liegt nicht so sehr in einem grundbösen Willen der Menschen, wie du es dir vor uns nun denkst, sondern sie liegt vielmehr in der zum Leben notwendigen Reizbarkeit der Seele, in der Trägheit, sich ernstlich auf den erkannten Wegen des Lichtes zu bewegen.
GEJ|5|204|7|0|Weil aber der Seele die Ruhe und Untätigkeit gar so gut gefällt, so sucht sie Helfer und Diener, die für sie arbeiten oder ihr wenigstens helfen. Dadurch wird sie bald wohlhabend, reich und mächtig und fängt zu ihren Gunsten an zu herrschen, gibt Gesetze und ordnet zu ihrem Besten allerlei Dinge an. Und siehe, so wird sie dann zumeist eine feine Seele, die zur Tätigkeit keine Lust hat, und dies ist der Grund zur Verschlimmerung der Sitten ganzer Völker, die durch sie stets mehr und mehr vom Geistigen ins Materielle herübergedrängt werden.
GEJ|5|204|8|0|Also die Trägheit oder die stets steigende Lust zum Müßiggang ist und bleibt stets der Anfang zu allen Lastern, und diese Eigenschaft der menschlichen Seele ist eben jener böseste Geist, den die Schrift ,Satan‘ nennt. Und darin besteht eben auch das Erbübel, an dem alle Menschen leiden, und von dem sie niemand befreien kann als eben nur ein wahrer Messias, der da kommt aus den Himmeln des vollsten Lebens und der höchsten Tätigkeit desselben.
GEJ|5|204|9|0|Denn daß es unter den Menschen dieser Erde ein Erbübel gibt, das haben bereits alle Weisen der bekannten Erde ersehen und erkannt; aber worin es besteht, und wodurch es zu bekämpfen ist, haben sie nicht ergründet. Und eben das wird die Sache des Messias sein, durch Lehre und Tat die Menschen von diesem Übel, dessen Frucht der Tod der Seele ist, für ewig zu erlösen!
GEJ|5|204|10|0|Aber es wird die Erlösung für den Menschen nur dann eine wahre und wirksame sein, so er die dazu angezeigten Mittel ganz genau und getreu anwenden wird, – sonst wird er nach der Ankunft des Messias ganz derselbe schlechte Mensch sein, der er vor derselben war; denn der aus den Himmeln angekommene Messias wird niemanden befreien von seinem Erbübel als allein den nur, der nach Seiner Lehre in allem genau also leben wird, wie es die Lehre vorschreiben wird. Niemand erhoffe sich von Ihm irgendeine gewisse magisch-wunderbare Wirkung in bezug auf die Erlösung von dem bekanntgegebenen Erbübel!
GEJ|5|204|11|0|Wohl wird der Messias zum Zeugnisse dessen, daß Er es ist, große Wunderwerke verrichten; aber diese werden zu niemandes Seele Nutz und Frommen sein an und für sich, sondern nur dadurch, daß sie wecken werden den Glauben und aneifern die Seele zur Tat nach der Lehre, die gegeben wird.
GEJ|5|204|12|0|Es wird sonach der Messias gleichen einem reichen und guten Haus- und Gastwirte, der ein großes Gastmahl bereitet und aussendet seine Knechte und Diener nach allen Orten, Wegen, Straßen und Gassen und läßt alle gar freundlich einladen, zu kommen und teilzunehmen am großen Gastmahle. Arme und Reiche, Kleine und Große und Schwache und Starke, und auch Ohnmächtige und Mächtige werden die Einladungsstimme aus dem Munde der Boten vernehmen. Die da kommen werden, die werden auch gesättigt werden; die aber nicht werden kommen wollen, denen wird darum keine Gewalt angetan werden, daß sie kommen müßten. Ob sie kommen oder nicht kommen, das wird dem Gastwirte eins sein; den Segen der großen Mahlzeit aber werden natürlich nur jene überkommen, die der Einladung gefolgt sind.
GEJ|5|204|13|0|Das Gastmahl aber wird eben die Lehre des Messias sein. Wer sie anhören wird und dann danach tun, der wird ein rechter Teilnehmer am großen Gastmahle sein und den Segen davon in Fülle überkommen; wer die Lehre aber nur wohl anhören, aber sie nicht durch alle Tätigkeit ins Werk setzen wird, für den wird sie sein wie ein wohlgedeckter Tisch für jemanden, der aber nichts isset von all den guten Speisen, und für den es dann einerlei ist, ob er als Geladener zum Gastmahle kommt oder nicht. Nun, da hast du nun den Messias, wie Er ist und sein und bleiben wird! – Was sagst du nun zu solch einem wahren Messias?“
GEJ|5|205|1|1|205. — Die Erklärung des Messiasbegriffes
GEJ|5|205|1|0|Sagt Hiram: „Nun ja, das ist ja eben auch meine Rede! Die Menschheit muß der vollsten Lebenswahrheit nach ganz vom Grunde aus belehrt und dann zur Tat streng nach der Lehre angeeifert werden, so wird sie dann auch leicht erlöst werden von dem leider größten Erbübel, das den Namen ,Trägheit‘ führt, und dadurch auch von allen andern daraus entspringenden kleineren Übeln am Leibe und an der Seele.
GEJ|5|205|2|0|Und dazu wärest eben Du ja ein gar nichts mehr zu wünschen übriglassender Messias, da Du eben das Erbübel von der Wurzel an am besten kennst! Nun, ich mag darin mich vielleicht auch irren; doch aber bin ich wieder der Meinung, daß ein anderer Messias auch keine andere Lehre den Menschen zu geben imstande sein wird als Du, dem wahrlich alle Dinge, Sachen und Verhältnisse aller Menschen und Kreaturen bekannt sind, und dem auch alle Kräfte der Natur und alle Geister und Götter aller Zonen bestens und treu gehorsamst untertan sind. Für uns hier, aufrichtigst gesprochen, bist einmal Du und der junge Mann da ein vollwahrster Messias; was die andern vielen Menschen der Erde betrifft, so gehen sie uns noch weniger als nichts an. Bist Du ihnen nicht genügend, so mögen sie sich einen aus Indien, Persien oder Ägypten herüberbringen lassen!
GEJ|5|205|3|0|Was aber so Deine Lehre als eine wahre Hauptlebensmaxime für den Fleisch- und Seelenmenschen dieser Erde anbelangt, so glaube ich diese in ihrem Grundelemente so hübsch herauszuhaben! Liebe zu Gott, respektive zu Dir, und daraus die wahre, uneigennützigste Liebe zum Nächsten, die keine Ausnahme finden darf, in welcher Sphäre irgendeines Bedürfnisses auch immer ein Mensch einer reellen Hilfe bedarf, ist und bleibt ewig der Grundstein, auf dem das ganze System des Lebens zu beruhen scheint. So man auf diesem Grunde unverwandt stehenbleibt und danach aus allen Kräften tätig wird, so kann's ja durchaus nicht fehlen, in kürzester Zeit wenigstens von dem Haupterbübel erlöst zu werden! – Habe ich recht geredet oder nicht?“
GEJ|5|205|4|0|Sage Ich: „Ich wußte es ja, daß du dich zurechtfinden wirst; denn ein rechter Weiser ist dem unweisen Naturmenschen sicher stets ein wahrer Messias, das heißt, er ist ein Mittler (Mesziaz) zwischen der puren Menschenvernunft und der göttlich-geistigen Weisheit, und die Vernunft findet sonach erst durch den Mesziaz den Eingang in die göttliche Weisheit und wird eins mit ihr.
GEJ|5|205|5|0|Je weiser nun der Mittler ist, desto bessere Erfolge wird er auch sicher bei seinem Führlinge erzielen. Und wandelt dann der Führling unverwandt die Wege des inneren Geistlichtes, so wird er auch im Lichte verbleiben und das Leben des Lichtes sich aneignen, dem kein Tod folgen kann, weil das Leben des Geistlichtes die ewige, unwandelbare und unvergängliche Wahrheit ist, die als das, was sie ist, auch ewig bleiben muß; denn zwei und abermals zwei wird in alle Ewigkeit die Summe vier geben.
GEJ|5|205|6|0|Wie es sich aber mit dieser nur beispielweisen Wahrheit verhält, so verhält es sich mit allen göttlich-geistigen Wahrheiten aus den Himmeln. Sie sind und bleiben ewig, und sie selbst sind allein das eigentlich wahre Leben, weil sie ohne Leben auch keine Wahrheiten wären. So kann eine Seele, die einmal ganz in solche Wahrheiten eingegangen ist, nimmer in den Tod gelangen und hat als selbst Licht und Wahrheit auch das Leben in sich und für sich ganz zu eigen, und das ist dann natürlich eine Folge eines wahrhaftigen Mittlers.
GEJ|5|205|7|0|Da hast du, Mein lieber Hiram, denn schon auch ganz recht, daß du Mich für einen rechten Mittler und Erlöser hältst. Aber in der Schrift steht es, daß der verheißene Mittler ein Sohn des allerhöchsten Gottes sein werde! Demnach könnte also zum rechten, großen Mittler zwischen der gefallenen Menschheit der Erde und dem allerhöchsten Geiste Gottes denn doch nicht ein pur noch so weiser Erdensohn genügen! Er müßte da etwa doch eine volle Gottesnatur und – eigenschaft in sich bergen und solche, wo es not täte, auch offen zur Schau tragen! – Was wäre da deine Meinung?“
GEJ|5|206|1|1|206. — Hirams Zeugnis über den Herrn
GEJ|5|206|1|0|Sagt Hiram: „Nun, ist das etwa bei Dir nicht der Fall?! Wer wie Du faktisch mit allen göttlichen Eigenschaften ausgerüstet ist, dem fehlt auch die göttliche Natur nicht; wer aber diese hat, der ist auch ein wahrer Sohn des Allerhöchsten. Und der Allerhöchste muß auch eine allerhöchste Freude an solch einem Sohne haben und durch solch eine Freude auch so völlig eins sein mit Ihm.
GEJ|5|206|2|0|Denn Gott als ein reinster und allmächtigster Geist, von der tiefsten Weisheit erfüllt, kann ja auch nur Seine Freude an dem haben, was Ihm möglichst im höchsten Grade ähnlich ist, und nicht an dem Fleischdampfe verbrannter Ochsen, Kälber und Schafe. Du bist Ihm aber höchst ähnlich und im Geiste gleich gar schon so gut wie Er Selbst! Was braucht es da noch mehr, um als ein zeitweiliger Miterdensohn auch zugleich ein vollendeter Gottessohn zu sein?! Bei Dir, Herr und Meister, ist das aber schon ganz unverkennbar der Fall, und so kannst Du auch der Mittler aller Völker zu Gott hin sein, ganz abgesehen von dem, daß Du uns in diesem verborgenen Erdwinkel also besucht hast, als wären wir die einzigen Menschen der Erde, die Du zu Deinem Geiste zu erheben Dir vollernstlich vorgenommen hast.
GEJ|5|206|3|0|Nun, Herr und Meister, wäre meine Ansicht über den Messias im Allgemeinen, wie im Besondern und in der Anwendung auf Deine Person dargetan, und ich, wie auch Aziona, sind nun darin vollkommen einig.
GEJ|5|206|4|0|Ich, von Geburt an ein Heide, weiß von der jüdischen Gotteslehre nur so viel, als ich teils von Aziona und teils auch von andern Juden in Erfahrung gebracht habe. Am meisten wird besonders in dieser Zeit bei den Juden von einem Messias geredet, weil ihnen der römische Druck nicht gefallen will und auch stets weniger gefallen wird, und es ist darum begreiflich, daß sie unter allerlei lächerlichen und wunderlichen Bildern Denselben sich vorstellen und Ihn in diese Welt treten lassen. Allein, wegen der Römer braucht noch lange kein Messias zu den Juden zu kommen; denn die Römer sind in so mancher Hinsicht selbst so eine Art kleine Messiasse für die Juden, namentlich für die Armen, denen ohne römischen Schutz die Templer schon längst den letzten Blutstropfen ausgesogen hätten.
GEJ|5|206|5|0|Aber eben wegen der zu frechen und alles Höhere, Reinere und Wahre mit den schmutzigsten Füßen tretenden Tempeljuden und wegen der durch sie verfinsterten und verdummten Judenvölker ist ein Messias Deiner Art nun schon im höchsten Grade notwendig und für die Armen ein wahres Heil aus den Himmeln. – Ich habe nun geredet, Herr und Meister; wolle Du nun auch uns wieder ein paar Worte zukommen lassen!“
GEJ|5|206|6|0|Sage Ich: „Ja, Ich muß es offen gestehen, daß Ich euch hier gar nicht viel mehr werde zu sagen haben; denn ihr beide fasset nun alles von einem so richtigen Standpunkte auf, daß sich darüber wenig oder nichts Weiteres mehr sagen läßt! Wahrlich, so viel richtigen Verstandes habe Ich in ganz Israel nicht gefunden! Ich bin darum auch in aller Wahrheit das, für was ihr beide Mich erkannt habt. Aber nun habt erst ihr allein das Heil eures Lebens erkannt; es sind aber eurer mehrere in diesem Orte. Wie werdet ihr das ihnen beibringen? Plötzlich dürfet ihr das nicht, sondern erst so nach und nach, weil sonst ihre Willensfreiheit einen großen Schaden leiden würde; aber es fragt sich noch einmal, wie ihr das anfangen werdet.“
GEJ|5|206|7|0|Sagt Aziona: „Diese Sache wird freilich ein wenig kritisch sein; denn die andern sind noch mehr Kyniker denn wir! Aber es kommt Zeit und Rat, und die Sache wird sich schon machen. Ich bin da der Meinung, daß auch im Fache des Glaubens mit den intelligenten Menschen um etwas leichter zu verkehren ist als bloß mit Leichtgläubigen, die wohl bald etwas ganz als wahr annehmen, aber nachher gar nicht zu beurteilen imstande sind, was sie angenommen haben. Aber diese Menschen hier kaufen nie eine Katze im Sacke, sondern sie besehen sich die Ware beim Lichte nach allen Seiten; und können sie darüber ein günstiges Urteil fällen, so nehmen sie dann eine echte und gute Sache schon auch um jeden Preis an. Und so glauben wir, daß wir mit unseren Angehörigen und Gefährten schon auch ganz leicht und wohl fertig werden.
GEJ|5|206|8|0|Es fängt nun auch vom Morgen her an, schon recht sehr dämmerlich zu werden, und bald wird es in der Bucht recht lebhaft werden, – denn man muß hier vor dem Aufgange sich ans Fischen machen, so man etwas bekommen will; die Tagesfischerei lohnt da die viele Mühe und Arbeit nicht. Die Nachbarn fangen bereits an sich zu rühren, um die Fischergerätschaften zusammenzurichten. Auch wir beide werden uns bald dazu bequemen müssen, damit wir ein frisches Morgenmahl bekommen. Da wir diese Nacht hindurch so viel Herrlichstes für unsere Seelen von Dir erbeutet haben, so ist es nun für uns auch eine erste Pflicht, dafür zu sorgen, daß ihr hier eine ordentliche Bewirtung finden möget, nicht bloß als Folge eurer wunderbaren Munifizenz (Freigebigkeit) sondern als Folge unserer erhöhten Tätigkeit.“
GEJ|5|206|9|0|Sage Ich: „Lasset das nur gut sein! Daß ihr Fische zur Genüge haben sollet, dafür wird schon gesorgt werden! So ihr nun aber schon etwas tun wollet, so sammelt zuerst die hier herumliegenden Lanzen, Spieße, Schwerter und Ketten, und bringet sie in Verwahrung; dann räumet auch das Schiff, und nehmet seine Schätze in Empfang! Alsdann werdet ihr das Schiff zu einer größeren Fischerei gar wohl gebrauchen können. Die beiden Fischer aber, die hier weilen, bringet nun her, auf daß sie von Mir die Weisung erhalten, wie sie sich künftighin allzeit zu benehmen haben werden!“
GEJ|5|207|1|1|207. — Die Sammlung und Bergung des Strandgutes. Die Neugier der Dorfbewohner
GEJ|5|207|1|0|Hier gingen Hiram und Aziona in die Hütte und brachten gleich die beiden Fischer zum Herrn. Darauf weckten sie ihre Angehörigen in ihren nachbarlichen Hütten und machten sich an die anbefohlene Arbeit. Ihre Weiber und Kinder konnten freilich nicht genug staunen über solch reiche Bescherung und waren voller Fragen und Gedanken.
GEJ|5|207|2|0|Aber Aziona und Hiram sagten: Jetzt heißt es bloß arbeiten; hernach kommt erst die nötige Erklärung!“
GEJ|5|207|3|0|Darauf ward munter geräumt, und die Arbeit erreichte bald ihr Ende. Sodann wurde gleich mehreres Fischergerät ins Schiff geschafft, und die schon ziemlich erwachsenen Kinder Azionas und Hirams machten sich gleich ans Fischen und fingen in kurzer Zeit eine große Menge der edelsten und größten Fische, so daß sie ihre im Wasser eingezäunten Behälter beinahe ganz voll machten.
GEJ|5|207|4|0|Ich aber hatte unterdessen den beiden Fischern dahin Meine Meinung also eindringlichst ans Herz gelegt, daß sie sich darauf auch vollernstlich ins Herz schrieben, in ihrem ganzen Leben nie mehr, auch um alle Schätze der Welt, einen noch so kleinen Verrat an jemandem zu begehen. Ich wies ihnen darauf ein altes, aber noch gut brauchbares Fischerboot des Aziona an und gebot ihnen, sich von dannen zu machen und niemandem zu sagen, von wannen sie kämen, und wo das große Schiff geblieben sei. Denn denen es ein Eigentum war, die seien nicht mehr, und denen es nun gehöre, die besäßen es als ein strandrechtliches Eigentum mit allem, was es trug.
GEJ|5|207|5|0|Darauf dankten die beiden, versprachen alles auf das heiligste ihr Leben lang zu halten, bestiegen dann ihr Boot und eilten nach Möglichkeit davon. Sie hatten aber mehrere Stunden zu tun, um in ihre Heimat zu gelangen, wo sie schlecht empfangen wurden, weil sie gar keine Bezahlung nach Hause brachten; denn beide hatten schlimme Weiber und mußten dann eine Woche lang angestrengtest fischen, um das Versäumte einzuholen. Sie wurden zwar mit allerlei Fragen – als: wo sie waren und was sie getan – bestürmt; aber sie blieben stumm wie die Fische im Wasser und gaben niemand Rede und Antwort.
GEJ|5|207|6|0|Hiram und Aziona aber kamen, nachdem sie alles untergebracht hatten, und dankten aus vollem Herzen für die große und reiche Strandbeute und fragten Mich wegen des Morgenmahles.
GEJ|5|207|7|0|Ich aber sagte: „Was ihr habet, Fische, die frisch sind und heute morgen gefangen wurden, bringet her, dann Brot und etwas Wein! Machet aber so viel, daß auch eure besseren Nachbarn daran teilnehmen können, wozu ihr sie einladen möget! Beim Morgenmahle wollen wir dann mehrere gar überaus große und wichtige Dinge besprechen und erörtern. Ich werde euch eine gute Einleitung zum Bekehrungsgeschäfte eurer Nachbarn geben und euch so eure Arbeit sehr erleichtern. Nun möget ihr gehen und eure Sache ordnen! Ich aber werde nun mit Meinen Jüngern eine Stunde ruhen.“
GEJ|5|207|8|0|Hier gingen die beiden, ordneten in der Küche alles an und gingen dann selbst zu den teilweise noch mit dem Fischen beschäftigten Nachbarn und machten an sie die bewußte Einladung zum Morgenmahle. Die Nachbarn waren ganz erstaunt und zugleich sehr freudig angeregt über solche Einladung, erzählten aber zugleich ihr Staunen über ihren ungemein reichen Fischfang, der sie für einen Monat lang aller weiteren Arbeit überhebe, und sie nun Zeit gewännen, ihre Wohnungen ein wenig auszubessern.
GEJ|5|207|9|0|Aziona aber sagte: „Solches wird nun um so leichter gehen, weil wir in dieser Nacht, während ihr wohl und gut ruhtet, eine Menge zum Bauen nötiger Werkzeuge als gute Prise in unsern Besitz bekommen haben!“
GEJ|5|207|10|0|Fragten die Nachbarn, was es denn in dieser Nacht gegeben hätte; denn sie hätten in ihren Hütten sogar im Schlafe ein starkes Heulen und Schreien vernommen. Auch wäre es ihnen vorgekommen, als sei es die ganze Nacht über so halb taghelle gewesen. Es seien von ihnen wohl etliche aus den Hütten gegangen, um nachzusehen, was es denn gäbe, – sie hätten aber über die kleinen Hügel und Geröllhaufen, die zwischen den Hütten liegen, nicht ausnehmen können, was es sei. Sie hätten sich ganz ruhig verhalten, teilweise nur ihre Hütten, Weiber und Kinder bewacht und auch in aller der gewohnten kynischen Gemütsruhe dabei gedacht: „Nun, der bald kommende Tag wird uns darüber schon die nötige Aufklärung bringen!“
GEJ|5|207|11|0|Da sagte Hiram: „Ja, das wird er auch! O Brüder, das war heute eine Nacht, wie wir noch nie eine erlebt und wahrscheinlich auch nie wieder eine erleben werden! Aber nun nichts Weiteres mehr davon; beim Morgenmahle an den Tischen Azionas wird euch so manches klar werden! Für jetzt aber richtet euch gleich zusammen; denn das Morgenmahl wird nicht lange auf sich warten lassen!“
GEJ|5|207|12|0|Hier fragt einer, sagend: „Aber es sind ja gestern Fremde, etwa Juden und Griechen, zum Aziona zu Schiffe angekommen! Was sind das für Menschen? Sind sie noch da, oder sind sie schon wieder fort? Haben diese Menschen in der Nacht etwa so einen Spektakel gemacht?“
GEJ|5|207|13|0|Sagt Hiram: „Lasset das alles nur gut sein! Die gewissen Fremden sind unser vielseitiges Glück, sind Menschen der edelsten und vollendetsten Art und bleiben heute und wahrscheinlich noch etliche Tage bei uns und werden heute das Morgenmahl mit uns halten. Sie sind überaus weise und wunderbar willensmächtig. Kurz, sie sind zumeist das, was man sonst im vollwahrsten Sinne von den vollkommensten Göttern aussagte, daß sie nämlich höchst weise sind, und daß alle Gesetze der Natur sich unter der Macht ihres Willens unbedingt beugen müssen. Da habt ihr in aller Kürze eine Beschreibung von den Fremden! Ihr brauchet aber ja keine Furcht vor ihnen zu haben; denn sie sind überaus gute und gemütliche Leute, die jedermann nur alles Beste und nie etwas Arges zufügen! Und nun machet, daß ihr fertig werdet!“
GEJ|5|208|1|1|208. — Die Vorbereitungen zum Morgenmahle
GEJ|5|208|1|0|Als die Nachbarn das vom Hiram vernommen hatten, machten sie sich gleich zusammen und gingen mit Aziona und Hiram zu uns herüber.
GEJ|5|208|2|0|Als sie vor der Hütte Azionas uns aber noch schlafend fanden, sagte einer von ihnen: „Ah, die schlafen noch; da können wir noch einmal nach Hause einen Sprung machen und unseren Angehörigen anzeigen, was sie für den ganzen Tag zu tun haben sollen!“
GEJ|5|208|3|0|Sagt Aziona: „Oh, lasset das! Die Leute werden schon wissen, was sie zu tun haben; denn meine Fremden werden dafür schon sorgen, so wie sie auch gestern abend gesorgt haben, daß überall Feuer zum Absieden der Fische auf die Herde gekommen ist und in jedes Haus Salz zur Genüge.“
GEJ|5|208|4|0|„Was“, sagt ein Nachbar, „die Fremden hätten das getan?! Ah, das müssen ja ganz außerordentliche Magier sein! Die haben uns sicher irgendwo in unserer Not auf unseren Reisen kennen gelernt, haben uns durch die Römer irgend etwa in Cäsarea Philippi erfragt und sind gekommen, uns zu besuchen und uns vielleicht auch so ein wenig aufzuhelfen!“
GEJ|5|208|5|0|Sagt Aziona: „Wohl wissen sie um unser ganzes Treiben und Sein; aber irgend auf unseren Reisen haben sie uns persönlich nie gesehen oder irgendwo besucht, und sie sind alles eher denn Magier, für das auch ich sie anfangs gehalten habe. Was sie und besonders ihr Meister aber sind, das werdet ihr im Verlaufe dieses Tages noch hinreichend kennenlernen. Kurz, besonders der Meister ist ein Etwas, das noch nie da war, solange die Menschen auf dieser Erde denken und ihre Taten aufgezeichnet haben auf die ehernen Tafeln der großen Weltbegebenheiten! Für jetzt genug; denket darüber nach! Ich will aber in der Küche nachsehen, wie es mit dem Morgenmahle steht.“
GEJ|5|208|6|0|Aziona geht in die Hütte und trifft seine Leute sich sehr geschäftig mit dem Herrichten und Zubereiten herumtummeln, und auf dem Herde brennt es ganz lebhaft, und alle Roste, Bratspieße und Töpfe und Pfannen sind vollgepfropft mit Fischen, denen auf die morgenländische Art die Gräten ausgezogen sind. Auch an wohlduftenden Kräutern gibt es keinen Mangel, mit denen die Fische schmackhafter gemacht werden. Aziona sieht auch in der Speisekammer nach, wie es etwa mit dem verlangten Brote aussähe. Er findet alles voll, und mehrere große Krüge und andere kostbare Gefäße, eine Beute des Schiffes, sind voll des besten Weines.
GEJ|5|208|7|0|Und Aziona ruft ganz entzückt laut aus: „Dir allein alles Lob und alle Ehre, o Herr; denn das alles ist Deine alleinige Güte und Macht!“
GEJ|5|208|8|0|Es hörte aber dies sein Weib, und sie fragte ihn, was für einen Herrn er denn meine; denn bis jetzt meinte sie, daß sie ganz freie und herrenlose Menschen wären.
GEJ|5|208|9|0|Aziona aber sagte: „Du bist ein Weib, daher dumm, und verstehst nichts, außer die Fische recht gut zuzurichten! Wer hat uns denn hier mit allem also versorgt? Siehe, der das getan, Der ist auch unser Herr und unser größter Wohltäter! Und nun frage nicht weiter, sondern mache gut dein Geschäft!“
GEJ|5|208|10|0|Da ward das Weib gleich mäuschenstill; denn sie wußte, daß mit ihrem Manne bei solchen Gelegenheiten nicht viel zu reden und zu machen war. Aber dennoch ging ihr das Wort ,Herr‘ nicht mehr aus dem Herzen, und sie dachte sehr darüber nach bei sich.
GEJ|5|209|1|1|209. — Aziona und Hiram im Gespräch mit ihren Nachbarn
GEJ|5|209|1|0|Aziona aber kam wieder zu den Nachbarn, die sich unterdessen zum größten Teile schon auf den Rasen gelagert hatten. Hiram fragte ihn, ob das Mahl schon bald fertig sein werde, und ob man zu den noch Schlafenden etwas dergleichen tun solle, daß sie aufwacheten und sich zum Morgenmahle begäben.
GEJ|5|209|2|0|Sagt Aziona: „Ich meine, daß dies bei diesen Menschen rein unnötig sein wird; denn ihr über alles wacher Geist schläft sicher ewig nie und weiß um gar alles, was da ist und geschieht, und so wird es ihm auch sicher nicht entgehen, wenn das Mahl vollends bereitet sein wird!“
GEJ|5|209|3|0|Sagt Hiram: „Ja, ja, da hast du recht; die wachen im Schlafe mehr denn wir, so wir am Tage noch so wach sind! Warten wir daher nur, bis sie wach werden; Zeit haben wir ja zur Genüge dazu!“
GEJ|5|209|4|0|Sagt ein anderer Nachbar: „Meinst du, Hiram, daß diese nun im Schlafe auch alles hören und sehen, was um sie herum geschieht?“
GEJ|5|209|5|0|Sagt Hiram: „Nicht nur, was hier ist und geschieht, sondern auch, was nun in der ganzen Welt, ja was nun in der ganzen Unendlichkeit ist und geschieht, vor Ewigkeiten geschehen ist und nach Ewigkeiten geschehen wird!“
GEJ|5|209|6|0|Sagt der Nachbar: „Freund Hiram, hat nicht etwa die Sonnenhitze zu stark auf dein Gehirn eingewirkt? Diese deine Worte sind ja doch so ganz außerordentlich verwirrter Art, daß wir alle dich im Ernste sehr zu bedauern anfangen. Wer von allen sterblichen Menschen kann sich je einen Begriff von der Unendlichkeit des Raumes, wer von der ewigen Dauer des Zeitenstromes machen? Diese Menschen sicher ebensowenig wie wir, – und im Schlafe schon sicher am allerwenigsten! Ja, sie mögen recht weise und willensmächtig sein; aber die volle Erkenntnis der Unendlichkeit des Raumes, der ewigen Zeit, der Kräfte, des Lichtes und des Lebens Wesen erfaßt kein begrenzter Weiser auf dieser Erde, und so auch diese Fremdlinge sicher nicht!
GEJ|5|209|7|0|Ob es aber im Ernste irgend ein solches Gottwesen gibt, das in seinem Erkennen über diese Begriffe vollends im klaren ist, das ist eine große Frage, die bis jetzt auch sicher noch gar kein sterblicher Weiser beantwortet hat zur genügenden Einsicht der anderen Menschen, auf daß sie von sich sagen können: ,Nun haben wir auch davon wenigstens einen Dunst!‘
GEJ|5|209|8|0|Ja, lieber Hiram, über diese Begriffe ist in Athen auf der hohen Schule, die auch ich besucht habe, viel gesprochen worden, aber stets ohne das geringste nur irgend genügende Resultat! Was kam am Ende der vielen Besprechungen und Reden heraus?: Dies sei eines Weisesten größter Siegestriumph, daß er einsieht, daß er gar nichts wisse und als selbst Weisester nicht einmal an der untersten Stufe jenes Tempels stehe, in dem die große Göttin der Weisheit ihre Schätze unter starken Schlössern und Riegeln verwahre!
GEJ|5|209|9|0|Ja, du mein liebster Freund, mit mir ist in diesem Punkte etwas schwer reden! Aber lassen wir nun das; die Fremden fangen an sich zu rühren, und sie sollen uns bei ihrem Erwachen nicht beim Verhandeln über die Begriffe des Unmöglichen antreffen!“
GEJ|5|209|10|0|Sagt Hiram: „Du bist nun zwar der steinfeste alte Grieche und meinst, daß mein Gehirn an der Sonne Schaden genommen habe; aber da irrest du dich gewaltig! In zwei Stunden wirst du hoffentlich anders urteilen und reden! Denn was da hinter diesen Menschen alles steckt, von dem wirst du dir erst dann einen etwas bessern Begriff zu machen anfangen, so du mit ihnen selbst einige Zeit verkehrt haben wirst. Ich bin doch auch keine Wetterfahne, und ebensowenig unser Direktor Aziona; aber wir sind nun beide ganz andere Menschen geworden und haben den ganzen Diogenes über Bord geworfen. Dasselbe wird auch sicher bei dir und bei allen andern der Fall werden. – Aber nun erhebt sich der Meister und auch Seine Jünger, und es heißt, Ihn sogleich befragen, ob Er schon das Morgenmahl will.“
GEJ|5|209|11|0|Sage Ich: „Wartet noch, bis die Sonne über den Horizont herauftauchet, dann setzet das Mahl auf!“
GEJ|5|209|12|0|Hierauf fangen auch die Jünger an, sich zu rühren und sich von dem Rasen und von den Bänken aufzurichten. Einige steigen gleich zum See und waschen sich; Ich aber tue das nicht, und Aziona eilt zu Mir und fragt Mich, ob Ich ein Waschwasser benötige.
GEJ|5|209|13|0|Ich aber sage zu ihm: „Freund, aus Mir kam all dies Gewässer; wie sollte Ich es nehmen, um Mich zu waschen? Aber damit man niemandem ein Ärgernis gebe, so bringe mir einen Krug voll Quellwassers!“
GEJ|5|209|14|0|Aziona beeilt sich nun und sucht einen leeren Krug, findet aber keinen; denn alle Krüge und anderen Gefäße sind bis an den Rand voll des besten Weines!
GEJ|5|209|15|0|Ganz verlegen kommt er wieder und sagt: „O Herr, vergib es mir! Nicht ein Gefäß ist in der ganzen Hütte, das da nicht bis oben mit Wein gefüllt wäre!“
GEJ|5|209|16|0|Sage Ich: „Nun, so bringe mir ein mit Wein gefülltes Gefäß, und Ich werde Mich einmal auch mit dem Weine waschen!“
GEJ|5|209|17|0|Schnell war Aziona mit einem Gefäße Weines da, und Ich wusch Mich damit.
GEJ|5|209|18|0|Da drang aber der köstliche Weingeruch in die Nasen der Gäste und es sagten einige: „Na, das heißen wir doch herrlicher denn ein Patrizier Roms leben! Denn das ist uns noch nicht bekannt, daß sich je einer in einem so köstlichen Weine gebadet hätte, obschon sonst in andern wohlriechenden Ölen und Wässern!“
GEJ|5|209|19|0|Als Ich aber dem Aziona das Gefäß wieder in die Hände gab, war es ebenso voll, wie es früher war, obschon es beim Waschen den Anschein hatte, als hätte Ich daraus jeden Tropfen verbraucht. Aziona zeigte das gleich den Nachbarn, und diese wurden stumm vor lauter Verwunderung.
GEJ|5|210|1|1|210. — Epiphan der Philosoph
GEJ|5|210|1|0|Einer, der früher oben mit dem Hiram über die Begriffe ,Unendlichkeit‘, ,Ewigkeit‘ und so weiter Worte getauscht hatte und Epiphan hieß, sagte nun zum Hiram: „Na, das wäre schon so ein echt persisches Stückchen, das ihm sehr gelungen ist! Aber nur eines begreife ich nicht, und das besteht darin: Woher nahm Aziona den köstlichen Wein und das kostbare Gefäß?“
GEJ|5|210|2|0|Sagt Hiram: „Ja, mein Freund Epiphan, ich sage dir, das sind lauter Willenswunder des Einen, der Sich soeben mit dem Weine gewaschen hat! Hörtest du nicht, was Er dem Aziona für eine Antwort gab, als dieser Ihn fragte, ob Er ein Wasser benötige?“
GEJ|5|210|3|0|Sagt Epiphan: „Ja, die vernahm ich; die hatte aber auch ganz den indopersischen Magiercharakter! Denn die verstehen es auch, sich gleich als Schöpfer des Feuers, des Wassers und dieser und jener Dinge mit den großmächtigsten Phrasen den Laien vorzuführen, und schreiten dann in einem Nimbus daher, den sich kaum ein Zeus selbst geben würde, so er einer wäre und die Erde beträte. Nun, du hast es ja in Memphis selbst gesehen, mit welch furchtbarem Pathos die dortigen Magier ihre Vorstellungen gaben! Am Ende hatten sie sogar unsern Verstand auch gut zu dreiviertel vernagelt, und wir selbst hatten sie schon beinahe anzubeten angefangen. Wer immer etwas Außerordentliches hervorzubringen versteht, kann von sich auch mit gutem Gewissen groß reden; und bei dem wird das wohl nicht minder der Fall sein! Was mir hier nun aber im Ernste auffallend ist, das ist, wie ich schon bemerkte, der Wein. Wo hat Aziona diesen hergenommen?“
GEJ|5|210|4|0|Sagt Hiram: „Ich habe es dir eben früher sagen wollen; aber du bist mir zu früh ins Wort gefallen. Sieh, eben Dieser hier, der zum Aziona sagte: ,Alles Gewässer der Erde und auch der Himmel ist aus Mir; wie sollte es Mir zum Waschen dienen?‘, hat den Wein bloß durch Seinen Willen aus dem Wasser geschaffen, und nun sogar aus der Luft; denn das Gefäß hatte Er zuvor ganz ausgeleert! – Und nun, was sagst du dazu?“
GEJ|5|210|5|0|Sagt Epiphan: „Ja, das wäre, wenn es also ist, freilich sehr viel! Es sollen wohl gewisse Indomagier eine außerordentliche Kraft in ihrem Willen und Blicke haben, so daß sie die wildesten Tiere im Augenblicke derart bannen können, daß diese wie leblos an einer Stelle müssen stehenbleiben und mit sich machen lassen, was ein solcher Magier will; auch den Winden, Wolken und Blitzen sollen sie wirksam gebieten können! Das ist also schon dagewesen. Nun, ob sie aus Wasser oder Luft auch den besten Wein machen können, das weiß ich wahrlich nicht; nur so viel weiß man von den alten Magiern wohl, daß sie das Wasser in Blut und den Regen in lauter Frösche und Schlangen haben verwandeln können. Allein, da gehört freilich auch ein starker Glaube dazu; denn wir haben noch nie so etwas gesehen. Aber das haben wir nun selbst gesehen und können uns allenfalls also denken: Wenn dies möglich ist, so kann auch das andere möglich gewesen sein. Allein, wir wollen nun darüber nicht weiter urteilen. Aziona kommt schon mit dem Mahle, und wir verspüren schon einen Hunger, und so wollen wir die weiteren Verhandlungen auf späterhin lassen!“
GEJ|5|210|6|0|Hier wird zum Mahle gerufen. Alle lagern sich an dem erweiterten Tische und fangen auf Mein Geheiß an, wacker zuzugreifen und zu essen. Die Fische sind bald aufgezehrt, und es wird darauf Brot und Wein aufgetragen.
GEJ|5|210|7|0|Als die noch laien Nachbarn das überaus wohlschmeckende Brot und den ebenso ausgezeichneten Wein verkosten, da erst werden sie munter, und Epiphan sagt mit forschender Miene: „Nun, jetzt fange ich selbst an zu glauben, daß es hier mit keiner gewöhnlichen und natürlichen Magie hergeht; denn so etwas ist meines ziemlich umfangreichen Wissens unter den Menschen noch nie erhört worden! Ah, der Wein ist ja gerade unendlich gut!“
GEJ|5|210|8|0|Sage Ich: „Gerade recht, daß du mit dem Begriffe ,unendlich‘ gekommen bist! Denn du hattest darüber schon früher dem Hiram vorgeworfen, er hätte ein verbranntes Gehirn, weil er mit dir darüber zu reden begann, daß Meine Willensmacht eine die ganze Unendlichkeit dem Raume nach und die ganze Ewigkeit der Zeit nach durchwirkende sei, und wie auch in Mir alle Kraft, alles Licht und alles Leben vereinigt ist, und wie denn auch alles, was den unendlichen Raum geistig und naturmäßig erfüllt, lediglich aus Mir hervorging. Was denkst du nun bei dir darüber? Was verstehest du unter den Begriffen: Unendlichkeit, Ewigkeit, Raum, Zeit, Kraft, Licht und Leben?
GEJ|5|210|9|0|Denn weißt du, lieber Freund, so man zu jemandem sagt, daß er ein sonnverbranntes Gehirn habe, wenn er sich mit derlei großen und vielsagenden Begriffen etwa gar auf einen außerordentlichen Menschen bezüglich befasse, so muß man darüber noch bessere Begriffe haben; denn nur dann kann man zu seinem Nachbarn sagen, daß er verwirrt sei, so man selbst in einer Sache die besseren Einsichten hat. Gib du Mir denn nun darum kund, was du von den obenerwähnten Begriffen denkst!“
GEJ|5|210|10|0|Epiphan wird auf diese Meine Frage etwas verlegen, ermannt sich aber dennoch bald und sagt: „Ja, guter Meister, darüber jemandem klare Worte zu geben, dürfte für jeden Sterblichen wohl eine der größten Unmöglichkeiten sein; denn hier kommt es wohl buchstäblich wahr darauf an, daß niemand das einem andern geben kann, was er selbst gar nicht besitzt!
GEJ|5|210|11|0|Wie kann der begrenzte, kleine Mensch den unendlichen Raum je fassen? Er mag mit seinem Gedankenfluge noch so sehr nach allen Richtungen in die Tiefen des ewigen Raumes dringen, so bleibt er gegen die unbegrenzte Gesamtheit des Raumes dennoch stets auf demselben Punkte, der gegen die Gesamtheit des ewig unendlichen Raumes dennoch soviel als gar nichts ist; und ebenalso kann ein Mensch die Zeit nach vorwärts oder nach rückwärts nie ermessen, weil er auch seinem Werden, Sein und Vergehen nach ebenso begrenzt ist wie im Raume.
GEJ|5|210|12|0|Daß man wohl über einen begrenzten Raum und über eine abgemessen begrenzte Zeit etwas sagen kann, das ist eine alte Erfahrungssache; denn das Begrenzte kann ein ihm Ähnliches schon fassen, aber etwas ihm im höchsten Grade Unähnliches nie. Und nahe gleich verhält es sich mit der Verständlichkeit der Begriffe ,Kraft‘, ,Licht‘ und ,Leben‘. Wohl besitzt der Mensch eine Kraft, ein Licht und ein Leben; aber darüber eine klare und erschöpfend verständliche Definition hat bis jetzt noch kein Weiser zu geben vermocht, und somit auch ich nicht, da ich wohl alles mehr denn irgend ein Weiser bin. Du, guter Meister, hast mich gefragt, und ich habe dir geantwortet. Kannst du uns aber über diese Begriffe eine vollends befriedigende Lösung geben, so werden wir dir darum sehr dankbar sein.“
GEJ|5|211|1|1|211. — Der Mensch als unvergängliches Wesen
GEJ|5|211|1|0|Sage Ich: „Gut denn, Ich will's versuchen, und so habet wohl acht darauf! Deine Behauptung gehet dahin, daß nämlich das In-sich-Begrenzte das Unbegrenzte nicht und nie fassen kann; und doch sage Ich dir, daß ein jeder Mensch, so wie der ewige ihn umgebende Raum, Unendliches und Ewiges in sich birgt, und zwar in jeder Fiber seines materiellen Leibes, geschweige in seiner Seele und ganz besonders in seinem Geiste.
GEJ|5|211|2|0|Denke dir die ins Unendliche gehende Teilbarkeit jedes noch so kleinen Bestandteiles deines Leibes! Wo hat diese ein Ende?! Dann denke dir die ins Unendliche gehende Zeugungsfähigkeit des Menschen, der Tiere und der Pflanzen! Wo hört diese auf?
GEJ|5|211|3|0|Hast du schon einmal die Grenzlinie entdeckt, bis zu welcher eine geweckte Seele ihre Gedanken erheben kann? Hat aber die Seele schon ein unendliches Gedankengebiet, was wollen wir dann erst von dem ewigen, göttlichen Geiste in ihr reden, der in sich die Kraft, das Licht und das Leben selbst ist?
GEJ|5|211|4|0|Ich sage es dir: Dieser Geist ist es, der alles im Menschen schafft und ordnet; die Seele aber ist gleichsam nur sein substantieller Leib, gleichwie der Fleischleib ein Behälter der Seele ist so lange, bis sie in ihm irgend eine Solidität erreicht hat. Ist das erfolgt, dann wird sie mehr und mehr übergängig in den Geist und somit auch ins eigentliche Leben, das in und für sich eine wahre Kraft, ein wahrstes Licht ist und gleichfort aus sich den Raum, die Formen, die Zeit und der Formen Dauer in ihr erschafft, sie belebt und sie selbständig macht. Und wie sie hervorgehen aus des vollwahren Lebens Unendlichkeit und Ewigkeit, so fassen sie davon auch das Unendliche und Ewige für alle Zeiten der Zeiten und Ewigkeiten der Ewigkeiten für und in sich selbst.
GEJ|5|211|5|0|Es kann da also niemand sagen und behaupten und dafürhalten, er sei als Mensch ein begrenztes Wesen. Es ist in allen seinen kleinsten Teilen noch Unendlichkeit und Ewigkeit vorhanden, und weil das, so kann er auch Unendliches und Ewiges fassen.
GEJ|5|211|6|0|Wer da meint, daß er nur eine sehr begrenzte Zeit hindurch lebe, der irrt sich allergewaltigst. Nichts am Menschen ist vergänglich, wennschon notwendigerweise dem bloß materiellen Leibe nach veränderlich, wie das auch alle Materie der Erde ist und sein muß, weil es ihre einstige Bestimmung aus der Macht des reinen Lebens ist, selbst ins reine Leben und ins für fürderhin unveränderbare Leben überzugehen.
GEJ|5|211|7|0|Wenn also die vielen, verschiedensten Teile und Glieder der Materie und also auch des Menschenleibes verändert werden, so hören sie darum dennoch nicht auf zu sein, sondern bestehen ewig fort in einer geistigeren und somit edleren Form und Art. Oder wer von euch kann da sagen, daß er als Kind gestorben sei, weil er nun in seinem schon greisen Mannesalter von seiner ersten Kindesform nichts mehr in sich behalten hat?
GEJ|5|211|8|0|Da habt ihr ein Weizenkorn. Leget es in die Erde! Es wird verfaulen und als das, was es jetzt ist, ganz unfehlbar vergehen; aber aus der Verwesung werdet ihr einen Halm erwachsen sehen, und zuoberst desselben wird sich eine Ähre ausbilden, versehen mit hundert Körnern. Wer von euch aber sieht nun solche Kraft in diesem Korne, die aber doch darin sein muß, da sonst aus diesem nur einen Korne nicht eine Ähre mit hundert Körnern derselben Art hervorgehen könnte?
GEJ|5|211|9|0|Wir haben aber nun 100 Körner, die wir auch in die Erde legen wollen! Daraus werden wir schon 100 Ähren, jede mit 100 Körnern, also zusammen 10000 Körner erhalten. Und sehet, die 10000 Körner, die 100 Halme und Ähren müssen auch schon in dem einen Korne geistig vorhanden gewesen sein, so wie dieses Korn selbst schon mitbegriffen in jenem einen Korne vorhanden sein mußte, das aus der Hand Gottes als ein erstes in eine fruchtbare Furche dieser Erde fiel, da sonst wohl keine Fortpflanzung als möglich gedacht werden könnte. Ihr habt da abermals einen Beweis, wie sogar Unendliches und Ewiges in einem solchen Korne daheim ist.
GEJ|5|211|10|0|Ihr meinet wohl und saget bei euch: ,Ja, das ist wohl mit einem Korne der Fall, das wieder als Same ins Erdreich gesät wird; was aber geschieht mit dem, das zu Mehl gemahlen und dann als Brot von Menschen oder auch von Tieren verzehrt wird?‘ Ich sage es euch: Wahrlich, das ist noch besser daran; denn es geht dadurch schon in ein vollkommeneres Leben über, in dem es als ein integrierender Teil eines höheren Lebens sich dann ebenso und noch mehr aber in sich in zahllosen Ideen und lebendigen Begriffsformen vervielfältigen kann und nur das gar materielle Schotenwerk als Exkrement ausgeschieden wird, wo es aber dann auch schon zu einem edleren Fruchthumus der Erde wird, aus dem sich der Keimgeist in den verschiedenen Samenkörnern bildet und die Unsterblichkeit anzieht. Was aber mit dem Stroh und Schotenwerk der Pflanzen geschieht, das geschieht auf eine noch um vieles edlere Weise mit dem Fleischleibe des Menschen.
GEJ|5|211|11|0|Und so findet ihr nichts Vergängliches und Begrenztes am Menschen, sondern nur bis zu einem gewissen geistigen Ziele hin Veränderliches, und es ist somit wohl möglich, daß ein Mensch Unendliches und Ewiges, Zeit, Raum, Kraft, Licht und Leben recht wohl begreife, weil solches alles in ihm ist.
GEJ|5|211|12|0|Aber freilich kommt es da vor allem auf den Unterricht an, der eine Leuchte der Seele ist. Fehlt diese, wie es nun bei den meisten Menschen der Fall ist, dann fehlt auch wohl alles, und des Menschen Seele sieht und begreift ohne solches geistige Licht dann freilich wohl noch weniger von dem, was in ihr ist, als ein Blinder in der Nacht das, was um ihn ist und sich ihm irgend naht.
GEJ|5|211|13|0|Und nun sage Mir eben du, Epiphan, wie du diese Meine Ansicht verstanden und aufgenommen hast! Nachher will Ich dir erst sagen, ob Ich mit Meinem Geiste wohl den unendlichen Raum und die Ewigkeit durchdringe. Rede nun ganz frei und ohne Scheu!“
GEJ|5|212|1|1|212. — Epiphans Zweifel und Fragen
GEJ|5|212|1|0|Sagte Epiphan: „Guter Meister, diese deine Erklärung kommt mir vor wie die Blitze in der Nacht! Im Momente ist wohl der Weg und die Gegend erhellt, will man aber darauf weitergehen, so sieht man dann erst recht gar nichts. Etwas dämmerlich aber wird es mir nun dennoch, und ich entnehme aus deinen Worten, daß du ein ganz tüchtiger Naturkundiger und ein großer Anthropologe (Menschenkundiger) bist.
GEJ|5|212|2|0|Nach deiner Ansicht birgt der Mensch allerdings Unendliches in sich und somit auch Ewiges; ob er aber darum auch beim besten Unterricht das Unendliche und Ewige, die wesenhafte Kraft, das Licht und das Leben selbst fassen kann, das ist noch eine gar sehr bedeutend andere Frage. Ich will zwar nicht von der Unmöglichkeit dessen reden, als sollte einem sehr geweckten Menschengeiste so etwas ganz unerreichbar sein – denn die Talente der Menschen sind verschieden, und einer begreift etwas ganz leicht, was einem andern durch jahrelanges Mühen, Denken und Trachten dennoch gleichfort verschlossen bleibt –; aber daß das nichts Leichtes ist, sich in diesen Begriffen zurechtzufinden, das wird mir ein jeder zugeben, der sich nur so ein wenig je über den alten Schranken des gewöhnlichen menschlichen Tierlebens auf der Erde herumgetummelt hat.
GEJ|5|212|3|0|Der Mensch kann vieles begreifen und zeitweilig erlernen; aber sich über Begriffe, zu deren voller Erörterung auch eine Ewigkeit erforderlich sein dürfte, ein klares Licht zu verschaffen, das möchte ich denn doch so ein wenig in eine sicher nicht unbegründete Abrede stellen. Der Mensch erlernt nur eins nach dem andern und braucht dazu eine Zeit. Lernt er vieles, so wird er auch viel Zeit dazu brauchen, und soll er unendlich vieles erlernen, so wird er auch unendlich viel Zeit dazu benötigen. Des Menschen Leben aber ist nur ein kurzes, und es wird darum schon seine sehr geweisten Wege mit dem Unendlich-viel-Erlernen ganz offenbar haben müssen.
GEJ|5|212|4|0|Du hast freilich etwas von einem urgöttlichen Geiste gesprochen, der etwa also in der Seele stecke wie die Seele im Leibe, und daß dieser Geist als Schöpfer des Menschen im Unendlichen und Ewigen als selbst identisch mit solchen Begriffen ganz zu Hause sei und alles durchdringe mit seinem Lichte und mit seinem ewigen Leben. Nun, das klingt wohl sehr weise und auch sehr mystisch – ein Etwas, das aber noch allzeit allen Theosophen, Weisen, Priestern und Magiern eigen war, was aber übrigens hier gar nichts zur Sache hat –; aber wo und wie kann ein Mensch sich mit solchem seinem Geiste in eine ihm wohl und klar bewußte und gemeinsam wirkende Verbindung bringen, auf daß er dadurch als ein vollendeter Gottgeistmensch dastehe, alles klarst einsehe und fasse und mit der Macht seines Urwillens ein wahrer Herr und Meister aller Natur sei? Das, lieber Meister, ist eine ganz andere Frage!
GEJ|5|212|5|0|Wer mir diese Frage rein, wahr und gleich wirksam fürs Leben beantworten kann, vor dem werde ich eine große Achtung haben. Aber mit den gewissen mystischen Floskeln und Phrasen darf er mir nicht kommen; denn aus denen hat noch nie ein Mensch etwas ganz Gutes und ganz Wahres gelernt, und die gesamte Menschheit ist eben darum nie weiter und höher, sondern in ihrer spirituellen Intelligenz nur stets tiefer herabgekommen. Darum rede ein jeder, der seinen Nebenmenschen etwas Höheres lehren will, klar und wohlverständlich, sonst tut er um vieles besser, so er schweigt. Wer ein Magier ist und wunderbare Dinge zustande bringen kann, der tue das zum Vergnügen der laien Menschheit mit noch so großmystischer Geheimtuerei; denn da ist sie am rechten Flecke und schadet niemandem. Will der Magier in seiner Kunst aber Schüler bilden, die mit der Zeit dasselbe leisten sollen, was er selbst leistet, da heißt es mit der Geheimtuerei beiseite, und an ihre Stelle muß die allerpurste und rückhaltloseste Wahrheit treten.
GEJ|5|212|6|0|Warum haben Plato und Sokrates so wenig praktische Nachahmer gefunden? Weil sie Mystiker waren, sich selbst sicher nicht verstanden und daher noch um so weniger je von jemand anderm verstanden wurden! Diogenes und Epikur haben klar und deutlich nach ihrem Verstande gesprochen und haben darum auch ehest eine große Menge der praktischsten Jünger gefunden, und das für eine Lehre, die dem Menschen hier auf dieser Erde nahe gar keine Annehmlichkeiten gewährt und nach dem Leibestode den Menschen ganz aufhören macht.
GEJ|5|212|7|0|Epikur war reich und empfahl das zeitlebentliche Wohlleben, weil nach dem Tode alles gar sei. Diogenes wollte mit seiner Lehre allgemeiner nützlich werden, weil er wohl einsah, daß Epikurs Lehre nur die Reichen beglücken kann, die Armen aber noch unglücklicher machen muß. Er lehrte darum die möglichste Entbehrung und Beschränkung der menschlichen Bedürfnisse, und sein Anhang war und ist noch der viel stärkere, weil ein jeder Mensch in seinen klar dargestellten Grundsätzen sich sicher ohne alle Mystik ehest zurechtgefunden hat.
GEJ|5|212|8|0|Aristoteles ward sehr bewundert wegen seiner kräftigen und markigen Redeweise und war ein großer Philosoph. Aber seine Jünger haben sich nie zu sehr vermehrt, und selbst die wenigen waren fortwährende Forscher und Konkludisten (logische Denker) und ihre Möglichkeitstheorien gingen oft auch schon ins Lächerliche über; denn was bei ihnen irgend logisch als möglich erschien, das konnte unter gewissen Umständen auch physisch möglich sein. Wahrlich, für Magier eine ganz brauchbare Lehre, und die Essäer befinden sich schon lange sehr wohl dabei, obwohl sie für sich und für den eigenen Herd Epikuräer und teilweise auch Kyniker sind!
GEJ|5|212|9|0|Wo aber steckt die große Wahrheit des Lebens, das in seinem Verlaufe denn doch so manche Momente aufweist, aus denen man wenigstens die Frage stellen möchte und sagen: Sollte das alles im Ernste eine Launenspielerei des leidig herrschenden Zufalls sein? Sollte die Ursache als hervorbringendes und ordnendes Prinzip wohl dümmer sein denn seine Werke, oder kann eine vollkommen todblinde Kraft ein seiner selbst bewußtes und reif denkendes Wesen gestalten?
GEJ|5|212|10|0|Die Mystiker stellen einen allmächtigen und höchstweisen Gott auf, – und Millionen fragen: ,Wo ist Er, und wie sieht Er aus?‘ Aber auf diese Fragen erfolgt nirgends eine haltbare Antwort. Doch die Menschen helfen sich bald mit der Poesie, und auf einmal wimmelt es von großen und kleinen Göttern auf der Erde, und die trägen, denkscheuen Menschen glauben daran, und solch ein Glaube ist beinahe ein doppelter Tod des Menschen; denn er macht ihn physisch und moralisch faul, träge, untätig und somit tot.
GEJ|5|212|11|0|Wer aber ein rechter Weiser ist, der trete mit dem Kern der Wahrheit an das offene Tageslicht der Menschen und zeige ihnen klar das Urfundament und den Zweck ihres Seins, so wird er sich dadurch ein ewiges Monument in den Herzen von Millionen Menschen für alle Zeiten der Zeiten setzen; denn ein rechter Mensch wird stets die reine Wahrheit im höchsten Grade willkommen heißen.
GEJ|5|212|12|0|Du, lieber Freund, willst, wie es scheint, ein reiner Wahrheitslehrer sein, und an Fähigkeiten dazu scheint es dir auch nicht zu mangeln; also beantworte du mir diese Fragen, die meines Wissens bis jetzt noch kein Mensch zur Genüge hell, klar und wahr beantwortet hat, und du wirst unseren Herzen ein übergroßes Labsal bereiten! Aber mit einer Halbheit komme uns nicht; denn daran gibt es bei uns ohnehin durchaus gar keinen Mangel!“
GEJ|5|213|1|1|213. — Die Notwendigkeit des wahren, lichten Glaubens
GEJ|5|213|1|0|Sage Ich: „Mein lieber Epiphan, wenn Ich darüber dem Aziona und Hiram nicht schon die hellsten und klarsten Antworten und Lehren gegeben hätte, so möchte Ich deinem ganz gerechten Verlangen sogleich willfahren; aber so habe Ich das bereits getan, und die beiden wissen es genau, woran sie mit Mir sind. Sie werden es euch schon auf eine ebenso einleuchtende Weise kundtun, wie Ich es ihnen kundgetan habe, und dann brauchet ihr nur danach zu leben, und euer Geist selbst wird euch dann alles offenbaren, was ihr auf dem gerechten Wege zu wissen notwendig habt.
GEJ|5|213|2|0|Aber ganz verwerfen müsset ihr den Glauben nicht; ohne den würdet ihr viel mühsamer zum Ziele gelangen.
GEJ|5|213|3|0|Es gibt aber, wohl von selbst verständlich, einen zweifachen Glauben; der wahre Lichtglaube besteht vor allem aber darin, daß man einem wahrhaftigen und tieferfahrenen Menschen sich ohne welche Zweifel anvertraut im Gemüte und das von ihm Gesagte dann auch als eine volle Wahrheit annimmt, wenn man dessen Tiefen auch nicht auf den ersten Moment überklar einsieht.
GEJ|5|213|4|0|Denn sieh, wer die höhere Rechenkunde erlernen will, der muß im Anfange seines Erlernens einmal alles glauben; erst nach und nach, wenn er schon so recht in den Wert der Zahlen und Größen eingedrungen ist, fängt ein Beweis um den andern an, ihm so recht hell und klar zu werden. Und sieh, also ist es auch hier!
GEJ|5|213|5|0|Wenn dir ein überaus wahrhaftiger Mensch etwas aus dem Bereiche seiner Erfahrungen mitgeteilt hat, so kannst du das Vernommene anfänglich nur allein glauben, aber nach dem Glauben auch gleich auf die angezeigte Art tätig werden, und du wirst dann aus der Tätigkeit in jenes Licht selbsterfahrlich eindringen, das dir nie durch eine noch so geordnete mündliche Erörterung hätte erschaulich werden können.
GEJ|5|213|6|0|Es könnte sich jemand wohl die größte Mühe und Geduld nehmen und dir zum Beispiel die Stadt Rom beschreiben vom Kleinsten bis zum Größten, so würdest du dir dennoch nie von jener großen Weltstadt einen ganz anschaulich wahren Begriff zu machen imstande sein. Aber du hast den Worten des Erzählers einen vollen Glauben geschenkt, sie erweckten in dir einen gar mächtigen Trieb, Rom persönlich zu sehen, und du suchtest nun mit allem Fleiße und Eifer eine Gelegenheit, nach Rom zu kommen. Die Gelegenheit ergab sich bald, du kamst nach Rom und stauntest nun ganz über die Stadt, sie zwar übereinstimmend mit der dir gemachten Beschreibung gefunden zu haben, – aber wie ganz anders als wie du es dir nach deiner Phantasie ausgemalt hattest, sah hernach das wirkliche Rom aus!
GEJ|5|213|7|0|Aber hatte der Glaube an die dir früher gemachte getreue Beschreibung Roms bei der nachherigen wirklichen Anschauung dieser Stadt geschadet oder genützt? Offenbar nur überaus genützt! Denn fürs erste würdest du ohne solch eine vorhergehende Beschreibung wohl kaum je den Sinn, Rom zu besuchen, in dir haben wach werden lassen; und wärest du schon so etwa einmal ohne alle Vorkenntnis in diese große Stadt gekommen, so wärest du darin wie ein Blinder umhergegangen, hättest dich kaum jemanden zu fragen getraut, was etwa dieses und jenes sei, und hättest aus lauter Furcht und Langweile nur getrachtet, so schnell wie möglich diese Weltstadt hinter dem Rücken zu haben. Hättest du aber der getreuen Beschreibung gar keinen Glauben geschenkt, nun, da wäre sie ohnehin so gut wie gar keine gewesen, und ein halber Glaube ist um nicht viel besser als gar keiner; denn er belebt niemanden zur wahren und lebendigen Tat.
GEJ|5|213|8|0|Und so siehst du, daß man beim Anhören einer neuen Lehre den Glauben wenigstens anfangs nicht missen darf. Man kann die Lehren und ihre Gründe wohl sehr prüfen, – aber es gehört dazu, daß man sie zuvor auf Grund der Autorität der Wahrhaftigkeit des Lehrers als Wahrheiten hohen Wertes angenommen hat, auch ohne sogleiches Verständnis bis auf den Grund; denn dieses kommt erst mit der Erfüllung dessen, was die Lehre als Bedingung in sich selbst aufgestellt hat. Kommt es nicht zum Vorschein, da erst könnte man achselzuckend sagen: ,Entweder war die Lehre aus der Luft gegriffen, oder die gestellten Bedingungen sind von mir noch nicht völlig erfüllt worden!‘ Da ist es Zeit, sich mit dem Meister erst näher zu besprechen und Erkundigungen einzuholen, ob die getreue Beachtung der Grundsätze der neuen Lehre auch bei niemand anderm eine gehoffte Wirkung hervorgebracht hat.
GEJ|5|213|9|0|Hat sie bei einem andern aber doch gewirkt, nur bei dir nicht, so läge die Schuld doch offenbar auch nur an dir, und du hättest dann so manches Versäumte und Unterlassene emsigst nachzuholen, um auch ebendasselbe zu erreichen, was dein Nachbar erreicht hat. Hätte aber durch eine noch so strenge Beachtung der durch die neue Lehre auferlegten Pflichten gar niemand etwas erreicht, nun, so wäre dann erst Zeit, solch einer falschen Lehre den Rücken zuzuwenden.“
GEJ|5|214|1|1|214. — Der Leicht- und Aberglaube
GEJ|5|214|1|0|(Der Herr:) „Aber neben dem wahren, notwendigen Glauben gibt es leider gleichwohl auch einen Leichtglauben, demzufolge gewisse träge, gar nichts denkende Menschen gleich alles für wahr halten, was ihnen jemand oft sogar nur scherzweise vorgesagt hat, oder häufiger noch aus purem Eigennutze. Nun, derart Gläubige gibt es jetzt wohl bei weitem eine größte Anzahl auf der Erde!
GEJ|5|214|2|0|Mit solchen Leichtgläubigen ist aber eigentlich auch nicht viel zu machen; denn ob sie durch ihren Glauben etwas erreichen oder nicht, das ist ihnen nahe eins. Sie glauben nur und verwundern sich dann und wann auch ganz gleichgültig darüber und tun auch äußerlich, aber ohne allen innern Lebenswert, was eine Lehre ihnen zu tun auferlegt; ob sie damit auch nie etwas, außer dann und wann eine Langweile, erreichen, das ist ihnen gleich. Sie sind zu träge, kennen und haben keinen Lebensernst und sind darum ganz jenen Ephemeriden zu vergleichen, die bloß darum am Tage im Sonnenlichte pro forma herumschwirren, damit sie von den Schwalben desto leichter als Fraß gefangen werden. Über solche Glaubenshelden wollen wir denn auch kein Wort mehr verlieren.
GEJ|5|214|3|0|Aberglaube und Leichtglaube sind aber ohnehin gleich; nur darin ist ein Unterschied, daß der Aberglaube stets aus dem Leichtglauben entspringt und eigentlich eine Frucht desselben ist.
GEJ|5|214|4|0|Die unberechenbar argen Folgen, die aus dem Aberglauben entspringen, sind nun leider auf der ganzen Erde nur zu sicht- und fühlbar; alle tausendmal tausend Götzentempel hat der Aberglaube erbaut, und oft mit großen und schweren Opfern.
GEJ|5|214|5|0|Aber nun ist die Zeit da, daß er vernichtet werde, und es ist also eine große Arbeit da; aber es fehlt noch sehr an tüchtigen und mutigen Arbeitern. Ich habe also ein großes Feld vor Mir, das nun zu bestellen ist, und dinge nun Arbeiter. Ihr wäret, so euch die rechten Wege wohleinsichtlich bekannt wären, schon auch ganz rechte Leute zu diesem Geschäfte; aber es versteht sich von selbst, daß ihr selbst zuvor in Meine neue Lebenslehre völlig eingeweiht sein müsset. Seid ihr aber das, dann wäret ihr vermöge eurer sonstigen Welterfahrungen ganz wohl zu gebrauchen. Daß der Lohn hier und besonders aber jenseits kein geringer sein wird, dessen könnet ihr schon zum voraus vollkommenst gewärtig sein. – Was sagst du, Mein Freund Epiphan, nun zu diesem Meinem für euch alle sicher ganz unvermuteten Antrage?“
GEJ|5|214|6|0|Sagt Epiphan: „Hm, warum nicht? Wenn ich einmal von einer Wahrheit selbst gründlich und überzeugend durchdrungen bin, dann mache ich auch ohne Lohn, allein der Wahrheit zuliebe, einen Lehrer und habe gar keine Furcht, dabei Hungers sterben zu müssen. Denn obwohl die Menschen in dieser Zeit zwar sehr verdorben sind und in einer dicksten Selbstsucht leben, so sind sie einer guten neuen Lehre aber dennoch nicht abgeneigt; wenn nur ein rechter Lehrer zu ihnen kommt, so nehmen sie ihn noch immer auf, hören seine Lehren an, und wenn sie darin nur etwas Höheres und Wahres zu ahnen anfangen, dann lassen sie bald ihre Selbstsucht fahren und werden lieb und freigebig.
GEJ|5|214|7|0|In dieser Hinsicht ist ein kleiner Grad von Leichtgläubigkeit bei den Menschen auch nicht schlecht; denn ohne den wäre es oft schwer, den Menschen einen Lehrer abzugeben. Nur aber soll der rechte Lehrer dann vor allem bemüht sein, seine Jünger darauf nicht im unbegründeten Leichtglauben sitzen und stecken zu lassen, sondern so lange mit ihnen arbeiten und sie führen, bis sie ins hellste Licht seiner Lehre ganz auf den Grund gedrungen sind. Hat er das durch seinen Eifer bezweckt, dann hat er etwas wahrhaft Gutes den Menschen erwiesen und kann darauf rechnen, daß sie ihm nicht undankbar verbleiben werden.
GEJ|5|214|8|0|Wie viele Wohltaten genießen von den leichtgläubigen Menschen ganz falsche Lehrer, die da vorgeben, als verstünden sie etwas, und sogestaltig bald eine Menge Zuhörer finden, die sie anstaunen und ordentlich wetteifern, sich bei dem Lehrer durch allerlei Geschenke bemerkbar zu machen! Um wie vieles mehr werden sie das einem Lehrer tun, der ihnen die größten Lebensgeheimnisse und – verhältnisse gründlich und wohleinsichtlich erweisen und erörtern kann, theoretisch und natürlich, wo nötig, auch praktisch. Da bin ich schon dabei und allzeit zu haben; aber natürlich muß ich selbst zuvor gründlichst wissen, um was es sich bei dieser ganzen Geschichte handelt. Nun, harthörig bin ich nicht, auch nicht begriffsstutzig; was Aziona und Hiram begreifen, das werden auch ich und alle meine Nachbarn begreifen. Aber natürlich – im Sacke wird bei uns nie eine Katze gekauft und in der Nacht kein Handel um Schafwolle abgeschlossen! Nun, Freund und Meister, worin besteht denn so ganz eigentlich deine Sache und deine – sage – neue Lehre?“
GEJ|5|215|1|1|215. — Die Mission des Herrn. Epiphans Zweifel am Verständnis der Menschen für die Lehre des Herrn
GEJ|5|215|1|0|Sage Ich: „Um dir mit wenigen Worten die Sache zu zeigen, so sage Ich dir: Meine Sache und Lehre besteht einfach darin, dem Menschen zu zeigen, wo er eigentlich her ist, was er ist, und wohin er kommen soll und auch kommen wird der vollsten und evidentesten Wahrheit nach.
GEJ|5|215|2|0|Schon die Griechen, das heißt die Weisen, haben gesagt: ,Das schwerste, wichtigste und höchste Wissen liegt in der möglich vollkommensten Selbsterkenntnis!‘ Und sieh, das eben ist nun Meine Sache; denn ohne diese Erkenntnis ist es unmöglich, ein allerhöchstes Gottwesen als den Grund alles Werdens, Seins und Bestehens zu erkennen!
GEJ|5|215|3|0|Wer aber das nicht erkennt und sein Leben, sein Sinnen und Trachten nicht für diesen allein wahren Lebenszweck einrichtet, sich und ein allerhöchstes Gottwesen als den ewigen Urgrund alles Seins und Werdens vollkommen zu erkennen, der ist so gut wie verloren.
GEJ|5|215|4|0|Denn wie ein jedes Ding, das in seinem Innern keine sich durch und durch ergreifende und in allen seinen Teilen festhaltende und stets mehr und mehr unwandelbare Konsistenz hat, bald zerfällt und respektive als das, was es war, vollends zunichte wird, ebenso auch der Mensch, der in sich, mit sich und in und mit Gott nicht völlig eins geworden ist.
GEJ|5|215|5|0|Das kann der Mensch aber nur eben dadurch werden, daß er einmal sich und dadurch dann unerläßlich auch Gott als seinen Urgrund vollends erkennt und nach solchem Erkennen tätig wird in allen seinen Lebenssphären.
GEJ|5|215|6|0|Ist ein Mensch also in sich reif und gediegen geworden, so ist er dann auch ein Herr aller der von Gott ausfließenden Kräfte und durch diese auch ein Meister aller Kreatur geistig und materiell geworden, ist in und für sich durch gar keine Kraft mehr zerstörbar und stehet dann also im ewigen Leben.
GEJ|5|215|7|0|Und sieh, das ist aber nun auch der totale Inbegriff Meiner gesamten neuen Lehre, die aber im Grunde des Grundes eigentlich eine allerälteste Lehre seit Anbeginn des Menschen auf dieser Erde ist! Sie ist durch die Trägheit der Menschen nur verlorengegangen und wird von Mir als das verlorene uralte Eden (Je den = es ist Tag) den Menschen, die eines guten Willens sind, nun wieder als neu gegeben. – Sage du, Epiphan, Mir nun, ob du Mich wohl so recht verstanden hast, und was da deine Meinung ist!“
GEJ|5|215|8|0|Sagt Epiphan: „Ja, verstanden habe ich dich allerdings und muß auch dazu noch offen gestehen, daß eine solche Erkenntnis als unter den Menschen möglich für allgemein angenommen das Allerwünschenswerteste und Höchste wäre, was je ein Sterblicher auf dieser Erde erreichen könnte, und es können dir und deinen Gefährten die instruktiven Wege dazu ganz überaus wohl und klar bekannt sein! Aber nur erinnere ich mich bei dieser Gelegenheit eines alten Römerspruches, der wahrlich sehr weise ist und vielseitige Auslegung und Vergleichung ganz gut verträgt. Der Spruch aber lautet: QUOD LICET IOVI, NON LICET BOVI! – PROPHETA, POETA ET CANTORES NASCUNTUR, – RHETOR FIT! ["Was dem Jupiter erlaubt, ist nicht erlaubt dem Ochsen! Zum Propheten, Poeten und Sänger wird man geboren, zum Redner wird man gemacht!"] Für kleine, nichtige Dinge und Arbeiten kann sogar ein Ochs ganz gut abgerichtet werden, aber ewig nie wird er mit Schlegel und Meißel dem harten Marmor eine Minerva entlocken!
GEJ|5|215|9|0|Die Weisesten der alten Ägypter und Griechen haben doch sicher allen Fleiß auf die Erkenntnis ihrer selbst und eines göttlichen Grundurwesens verwendet; wie weit aber sind sie gekommen? Gerade so weit, daß sie eingesehen haben, daß zu einer solchen notwendig umfassendsten Erkenntnis zu gelangen für den beschränkten Menschen eine allerpurste Unmöglichkeit ist, und der Spruch: ,Quod licet Iovi, non licet bovi!‘ fand auch da seine vollste Geltung!
GEJ|5|215|10|0|Nun, es mag übrigens bei dir so manche Ausnahme stattfinden, was ich aus deinen anderen Worten und besonders Taten vernommen habe; aber ob auch der gewöhnliche Mensch von zum Beispiel meinem Schlage davon und darin sich irgendeinen haltbaren Begriff wird machen können, das ist eine andere Frage! Denn so manche, freilich seltenen Menschen, die sogenannten Genies, besitzen oft gar eigentümliche Fähigkeiten in sehr vielen und verschiedenen Richtungen. Der eine ist schon in der Wiege ein Hellseher und ein Prophet, ein zweiter ist ein Sänger von außerordentlicher Art, der dritte ein Bildner, ein vierter ein Rechner und ein Magier nahe schon im Mutterleibe. Der eine hat ein ungeheuer starkes Gedächtnis, ein anderer ein paar so scharfe Augen, daß er auf etliche Stunden weit einen Menschen ausnehmen und zur Not sogar erkennen kann.
GEJ|5|215|11|0|Und so gibt es noch gar manchen unter den Menschen von großen Talenten; aber alles das, was nur den Genies eigen ist, das läßt sich ewig nimmer so ganz gründlich nachlernen, daß es dann von einem Jünger auch in jener Vollendung wiedergegeben werden könnte, wie es der geniale Meister in sich besaß. Es ist und bleibt so etwas dennoch stets nur eine nahe, wertlose Stümperei.
GEJ|5|215|12|0|Und so bin ich denn auch der nahe maßgeblichen Meinung, daß wir dich in solcher deiner neuen Lehre wohl so halbwegs verstehen werden, was du uns sagen wirst, aber zur durchgreifenden praktischen Darstellung in uns werden wir es nimmer bringen. Doch, nun, du bist auf jeden Fall ein seltenster Meister deiner Sache und wirst dich wohl auskennen, was du in uns für Leute vor dir hast; wir aber werden es dann sehen, was wir zu begreifen und zu tun imstande sind! Wir sind wohl für eine reine Wissenschaft sehr eingenommen, obwohl wir sie auch leicht missen können, da unsere bisherige Lebensansicht – wie Figura unseres hiesigen Standes zeigt – sich mit dem Minimum der zur Erhaltung des Lebens erforderlichen Bedürfnisse mehr denn vollkommen begnügt; aber – wie gesagt – darum sind wir keine Feinde der reinen Wissenschaft.
GEJ|5|215|13|0|Hiram und Aziona haben mir wohl die aufrichtigste Nachricht von dir gegeben, der ich Glauben schenken mußte, weil ich die beiden als zu überaus wahrhaftige Menschen kenne. Aber nun kommt es erst auf die Überzeugung von all dem auf dem theoretischen und praktischen Wege an; habe ich diese, dann sollst du an mir keinen schlechten und trägen Ausbreiter deiner neuen Lehre haben! – Ich habe nun geredet, und nun rede du!“
GEJ|5|216|1|1|216. — Von der Wunderkraft des Wortes. Lehren ist besser als Zeichenwirken
GEJ|5|216|1|0|Sage Ich: „Lieber Epiphan, Ich habe es dir zwar gesagt, daß dir darüber deine beiden Brüder eine gute, wahre Erklärung geben werden; aber da du im vollsten Ernste ein ganz selten offener Geist bist, so will Ich Selbst dir zum wenigsten eine gute Einleitung dazu geben, auf die dann Hiram und Aziona leicht werden bauen können.
GEJ|5|216|2|0|Du siehst es mit deinen scharfen Augen, daß Ich allen andern wie auch dir gleich nur ein ganz schlichter und einfacher Mensch bin. Ich esse, trinke, trage Kleider nach Art der Galiläer und rede mit denselben Worten, mit welchen du redest. Darin kannst du keinen Unterschied zwischen Mir und dir finden; aber so du redest und füllest deine Worte auch mit deinem allerfestesten Willen, so werden sie dennoch nur Worte bleiben, denen nötigenfalls mühsam auch eine Handlung, aber sicher nur mit höchst mageren Effekten folgen wird. Und siehe, da ist es bei Mir himmelhoch anders! So ich eines Meiner Worte oder auch nur Meiner Gedanken, der eigentlich auch nur ein Wort des Geistes ist, mit Meinem Willen erfülle, so muß auf das Wort auch ohne den allergeringsten Handgriff schon auch die vollendetste Tat folgen!
GEJ|5|216|3|0|Und was Ich mit Meinem Worte vermag, das muß auch jeglicher Meiner rechten Jünger für sich vermögen, weil sein Inneres am Ende von demselben Geiste geleitet wird wie Mein Inneres!
GEJ|5|216|4|0|Und siehe, das ist eben ein Etwas in Meiner neuen Lehre, das in solcher Fülle und Vollendung vom Anbeginn der Welt noch nie unter den Menschen ist bemerket worden! Sieh her, Ich habe kein Werkzeug bei Mir und keine geheimen Salben und Pulver, in Meinem Rocke und Mantel findest du keinen Sack, und desgleichen auch bei Meinen Jüngern nicht, – ja, wir haben und tragen sogar keine Stöcke und gehen gleichfort barfuß einher!
GEJ|5|216|5|0|Wort und Wille ist sonach unsere ganze Habe, und dennoch haben wir alles und leiden keine Not, – außer wir wollen sie wegen Erweichen der harten Menschenherzen selbst freiwillig tragen. Nun, warum vermag Ich denn gar alles mit Meinem Wort und Willen, und warum denn nicht auch du?“
GEJ|5|216|6|0|Sagt Epiphan: „Ja, da wird es bei mir sehr schwer werden, dir darüber eine rechte Antwort zu bringen! Ich habe zwar dasselbe über dich schon von Hiram und Aziona vernommen und habe auch den Wein, den du aus dem Wasser kreiertest, genossen, der wahrlich nichts zu wünschen übrigließ. Nun, so das dein bloßes mit dem Willen gesättigtes Wort ohne irgendein anderes noch so geheimes Mittel zu bewerkstelligen imstande ist, und so solches ,Wie‘ auch von dir gelehrt wird, da müßte man vor dir, vor deiner Lehre und vor deinen Worten freilich wohl den höchsten Respekt bekommen! Denn so etwas ist meines ziemlich ausgedehnten Wissens noch gar nie dagewesen.
GEJ|5|216|7|0|Ich könnte zu dir nun wohl sagen: ,Freund und Meister, gib mir nun ein Pröbchen von solch einer deinem willensschwangeren Worte innewohnenden Kraft!‘; aber es hat bei mir wenigstens so etwas keine Not, weil ich mich stets lieber durch klare, weise und kräftige Worte denn durch Zeichen belehren lasse. So du mir aber schon einmal gerade so ein Extrapröbchen geben willst, da wird es mir, wie auch meinen Nachbarn, nicht schaden. Doch betrachte du das nur als einen Wunsch und durchaus als keine wie immer geartete Forderung!“
GEJ|5|216|8|0|Sage Ich: „Lehre ist besser denn Zeichen; denn die Zeichen zwingen, die Lehre aber führt und erweckt die zu erlangende Kraft in sich selbst, und es ist dann das erst des Menschen wahrstes und völligstes Eigentum, was er sich selbst durch die eigene Tätigkeit erworben hat. Aber natürlich bei Menschen, wie ihr es seid, die sich schon lange über alle Glaubenszwangssachen und deren gemessene Schranken hinausgesetzt haben, haben selbst die großartigsten Zeichen keine zwingende Kraft mehr, weil sie für Beobachter wie ihr so lange keine Zwangskraft bekommen, als sie nicht von eurer Lebenstheorie in bezug auf das ,Wie‘ als klar einleuchtend und wohl ersichtlich aufgenommen worden sind. Und so kann ich dir auch schon ohne Schaden für dein und deiner Nachbarn Gemüt ein Pröbchen aufführen.
GEJ|5|216|9|0|Aber Meine Zeichen, die Ich zur Bestätigung der Wahrheit Meiner neuen Lehre wirke, sollen stets so gestellt sein, daß sie den Menschen nebst dem großen moralischen Nutzen auch den physischen abwerfen, und so glaube Ich für euch und gleichsam in euch, daß es euch für die Folge von großem Nutzen wäre, so ihr euch als nun Meine sehr geachteten, neuen Jünger nicht so ganz und gar in einer allermagersten Wüste befändet, sondern so diese Gegend sogleich in eine sehr fruchtbare umgewandelt würde. – Bist du und seid auch ihr alle damit einverstanden?“
GEJ|5|216|10|0|Sagt Epiphan: „O Meister, so dir das möglich sein sollte, da würdest du wahrlich ein höchst wohlverdienstliches Zeichen gewirkt haben! Aber wahrlich, so dir das möglich sein sollte, dann wärest du ja doch offenbar mehr denn alle die größten Weisen und jüdischen Propheten der Welt, ja dann wärest du schon so ganz eigentlich im Ernste ein Gott, und deine neue Lehre müßte die vollste Wahrheit sein! Denn sehe sich ein Mensch einmal diese wahre Dabuora (Pech- und Naphthawüste) an! Nichts als nackte Felsen, bis zu den Wolken hinaufreichend; nur der Fuß dieses echten Pechberges ist mit spärlichem Gestrüpp hie und da bewachsen. Nur wenige Quellen sprudeln aus seinem Innern an das Tageslicht hervor, und dort unter den schroffsten Felsabhängen vegetiert ein magerer Zedernwald als ein wahres Heiligtum dieses Pechgebirges; alles sonstige weit und breit ist nackt und kahl wie die Oberfläche des Wassers!
GEJ|5|216|11|0|Nun, das soll jetzt durch dein Willensmachtwort in eine fruchtbare Gegend der Erde verwandelt werden?! Es ist so etwas zum voraus wohl ein wenig schwer zu glauben; aber du hast es in der Einleitung deiner Lehre gesagt, die, obschon eines sehr rätselhaften Klanges, dennoch in Rücksicht dessen wahr sein muß, weil du ein Mann bist, der erstens zu rein denkt, um sich mit Menschen, wie wir da sind, einen Scherz zu machen, und der zweitens schon so manches außerordentliche Zeichen hier geleistet hat. Ich ersuche dich darum, wenn es dich im Ernste sonst nichts kostet als ein einziges Willenswort!“
GEJ|5|217|1|1|217. — Die wunderbare Verwandlung der Gegend. Willensfreiheit und Aufgehen in Gottes Willen
GEJ|5|217|1|0|Sage Ich: „So habe denn acht, und Ich sage dir weiter nichts als: Ich will es also! – Und nun betrachte du, Mein sehr lieber Epiphan, diese Gegend, und sage es Mir, wie sie dir gefällt!“
GEJ|5|217|2|0|Epiphan mit Aziona und Hiram und alle die hier Anwesenden schlagen sich auf die Brust und werden ganz stumm vor Verwunderung, und Epiphan betrachtet mit großen Augen bald die nun sehr herrliche Gegend – das Gebirge voll Wald und die Ufergegend, die doch ein Flächenmaß von nahe tausend Morgen hatte und mit sonst nichts als nur mit spärlichem Gras zur Weide für wenige Ziegen und Schafe bewachsen war und nun in der fruchtreichsten Üppigkeit dalag – und bald wieder Mich mit forschendem Blicke.
GEJ|5|217|3|0|Nach einer geraumen Weile des Staunens öffnet er erst wieder den Mund und sagt (Epiphan): „Ja, um so etwas in einem Moment bewerkstelligen zu können, muß man schon nahe mehr denn ein Gott sein! Denn ein Gott, wie ich deren aus den verschiedenen Gotteslehren der Ägypter, Griechen, Römer, Juden und sogar Perser und Indier kenne, läßt sich Zeit und wirkt seine Tageswunder ganz gemach und scheint sich dazu einer Menge großartiger Mittel und Apparate zu bedienen. Da muß eine Sonne sein, ein Mond, mehrere Planeten, eine zahllose Menge anderer Sterne. Diese helfen ihm unter gewissen Umständen, Stellungen und Verhältnissen die Wunder auf dieser Erde verrichten, – wo aber außer einem Blitze aus den Wolken alles so hübsch zeitlässig vor sich geht.
GEJ|5|217|4|0|Du aber hast hier in einem Augenblick etwas bewirkt, wozu sich ein Gott, wie ich mehrere aus den Büchern und Schriften kenne, sicher selbst mit allem Mitfleiße von Menschen noch ein paar Hunderte von langweiligen Jahren Zeit gelassen hätte. Daraus ziehe ich den untrüglichen Schluß, daß du offenbar mehr Gott sein mußt denn alle andern Götter, von denen ich vieles gehört und gelesen habe! Herr und Meister aller Meister der Erde! Wie, wie – und noch einmal – wie ist Dir das möglich? Und sollte das mit der Zeit sogar auch unsereinem möglich sein, so man sich ganz in Deine neue Lehre hineingelebt hat?“
GEJ|5|217|5|0|Sage Ich: „Ja, Mein lieber Freund Epiphan, ansonst hätte Ich es dir nicht gesagt! Wie aber das möglich ist, habe Ich dir schon ehedem gesagt und auch sogar klar gezeigt, – und sage dir aber auch noch das dazu, daß Meine rechten Jünger mit der Zeit auf dieser Erde noch Größeres tun und wirken werden, als Ich nun getan und gewirkt habe. Aber natürlich soll es dann bei allen Meinen rechten Jüngern stets dabei bleiben, zu erkennen und zu wissen, daß sie solches alles nur dann werden zu wirken imstande sein, wenn sie im Geiste mit Meinem Geiste vollends eins sein werden und so bei jeder Gelegenheit in ihrem Geiste mit Meinem Geiste sich beraten werden, ob solches auch zur Erreichung irgendeines guten Zweckes notwendig sein werde. Denn so jemand, auch noch so genau in Meiner Lehre lebend, sich, von irgend jemand Mächtigem aufgefordert, selbst zu seiner Leibeslebensrettung veranlaßt fühlte, ein Zeichen zur Bestätigung seiner höchsten Sendung wirken zu sollen, und Ich würde ihm im Geiste sagen: ,Tue es nicht; denn es ist nun nicht Mein Wille!‘, so wolle dann auch der Jünger gleich also, wie Ich es will; möchte er sich aber trotzdem anschicken, ein Zeichen zu wirken, so wird er es nicht vermögen, dieweil Mein Wille nicht eins war mit dem seinen.
GEJ|5|217|6|0|Nur mit Mir, das heißt im steten Vereine mit Meinem Geiste und Willen, werdet ihr alles zu bewirken imstande sein, ohne den aber nichts; denn der Herr bin Ich und werde es ewig bleiben. Und siehe, das gehört auch zu Meiner Lehre! – Hast du Mich verstanden?“
GEJ|5|217|7|0|Sagt Epiphan: „Jawohl, Herr und Meister aller Meister! Aber ich finde da etwas, das sich nach meiner Beurteilung mit der eigentlichen vollsten Freiheit des Menschengeistes nicht so recht einen will. Denn so ich zum Beispiel nur dann ein Zeichen wirken kann, so Du solches zu bewirken mitwillst, dann ist mein Wille ja ein von dem Deinen ewig abhängiger, gebundener und somit nicht freier.“
GEJ|5|217|8|0|Sage Ich: „Oh, da bist du sehr in der Irre! Gerade das Gegenteil! Je enger ein Menschengeist mit Meinem Geiste in Verbindung steht, desto freier ist er im Geiste und Willen, da Ich Selbst die allerhöchste und unbegrenzteste Freiheit und Macht in Mir berge. Nur der wird sich selbst in seiner Freiheit insoweit beschränken, inwieweit er sich mit Mir nicht einet; der aber ganz eins sein wird mit Mir, der wird auch alles das vermögen, was Ich vermag. Denn außer Mir gibt es ja nirgends eine unbeschränkte Macht und ein unbeschränktes Wirkungsvermögen.
GEJ|5|217|9|0|Die vollste Vereinigung mit Mir aber benimmt niemandem irgend auch nur ein Atom von seiner Selbständigkeit. Welch größeren und seligeren Lebensvorteil aber kannst du dir wohl denken als den, mit Mir, das heißt, mit Meinem Geiste, gleich Mir allmachtsvoll tatkräftig und dabei doch vollkommenst selbständig zu sein?! – Sage es Mir nun, wie dir diese Sache gefällt!“
GEJ|5|217|10|0|Sagt Epiphan: „Größter Herr und Meister! Mich darüber so recht triftig zu äußern, dazu bin ich in solch ein ganz neues und früher nie erhörtes Lebensverhältnis noch viel zu wenig eingeweiht und kann mir, wie jedermann leicht begreiflich, da unmöglich einen klaren Begriff schaffen und daher darüber auch kein Urteil schöpfen; aber soviel ich eben aus Deinen Worten nun meinem Begriffe näherbringen kann, so wäre ein solches Leben freilich ein sehr vorteilhaftes. Denn mit einem allmächtigen Gottgeiste mitallmächtig sein und dabei dennoch die vollste Lebensselbständigkeit innehaben, das ist freilich wohl das Höchste, was man sich von einer Lebensvollkommenheit denken kann, und es wird die Sache schon auch also sein können, weil Du es mir und uns allen nun also verkündet hast.
GEJ|5|217|11|0|Um das ,Wie‘ aber wollen wir uns nun gar nicht kümmern; denn das wäre eine eitle Sache, da uns als den jüngsten Schülern Deiner Lehre noch gar zu sehr alle die dazu nötigen Begriffe völlig mangeln. Zudem sind wir alle jetzt wegen des zu unerhört großen Meisterwunderwerkes auch zu verblüfft und zu zerstreut, um in uns zu einem ruhigen Urteile gelangen zu können. Daher lasse, o Herr und göttlicher Meister, uns nun ein wenig ausruhen und uns in uns sammeln, damit wir dann in einer größeren Gemütsruhe Dir, o Herr und Meister, eine bessere Antwort werden geben können, als wie ich sie Dir soeben gegeben habe!“
GEJ|5|218|1|1|218. — Wichtigkeit der Gemütsruhe
GEJ|5|218|1|0|Sage Ich: „Ja, ja, da hast du ganz recht und völlig gut geredet; Ruhe, die wahre, innere Gemütsruhe ist für jeden Menschen das notwendigste geistige Element, ohne das er nichts wahrhaft Inneres und geistig Großes zu fassen vermag, und darum gewähre Ich euch auch gerne das, was du soeben verlangtest.
GEJ|5|218|2|0|Es ist aber solch eine Ruhe, in der dem Leibe und seinen Gliedern die Tätigkeit vorenthalten wird, dennoch keine Ruhe, sondern vielmehr eine innere große Tätigkeit der Seele danach und darin, sich mit ihrem Geiste, den sie wahrzunehmen angefangen hat, mehr und mehr zu einen. Und so du eine solche Ruhe verlangst, so tust du, wie auch ein jeder andere, wohl daran, und nach fortgesetzter und täglich einmal vorgenommener solcher innerer Ruhe, oder besser Seelentätigkeit, wirst du erst zu fühlen anfangen, welch einen großen wahren Lebensnutzen du daraus gewonnen hast.
GEJ|5|218|3|0|Nun aber möget ihr alle euch in eure Hütten, die sich mit diesem früher wüsten Boden nun auch um etwas gebessert haben, zurückziehen und besehen, was euch alles zugute geworden ist. Dann kommt gen Abend wieder!
GEJ|5|218|4|0|Ich aber werde unterdessen Mich mit dem beschäftigen, was Mir von Meinem Vater auferlegt ist, der da wohnt im Himmel und völlig eins ist mit und in Mir. Wer aber hier bei Mir den Tag über verweilen will, der kann auch das tun; denn es ist kein Muß, daß sich darum jemand von hier entferne, sondern nur wer es will, und es wird ihm eins wie das andere zum großen Nutzen sein. Und nun tuet, was euch euer Wille gibt!“
GEJ|5|218|5|0|Hierauf erheben sich bis auf Hiram und Epiphan alle und eilen voll Begierde in ihre Hütten, um da zu erfahren, was daheim alles vor sich gegangen ist und sich da alles verändert hat. Und als sie daheim anlangen, können sie sich nicht genug erstaunen und verwundern über die gar stattlichen Häuser, die nun die Stellen ihrer früheren, elendsten Hütten einnehmen, und über die vielen Fruchtbäume, Weingärten, Äcker und Wiesen, und sie loben Gott den Vater, von dem Ich ihnen Meldung gab, daß Er einem Menschen der Erde solch eine Macht gegeben habe.
GEJ|5|218|6|0|Epiphan aber ermannt sich und sagt: „O Herr und Meister aller Meister! Ich aber ziehe es dennoch vor, hier zu bleiben; was den andern geworden ist durch Deine Güte und göttliche Macht, das wird auch mir geworden sein, – eine Wohltat, für welche wir alle und unsere Kindeskinder Dir nie zu irgendeiner Genüge werden zu danken und Dich zu loben und zu preisen imstande sein.
GEJ|5|218|7|0|So unschätzbar groß aber auch diese von Dir uns erwiesene Wohltat ist, so steht sie dennoch in keinem Vergleiche zu der, die durch Deine Lehre unseren Seelen geworden ist. Denn nur durch sie sind wir als ehedem ganz verwilderte wahre Menschentiere zu eigentlich wahren Menschen geworden. Du hast uns erst das rechte Leben gezeigt, und hast uns seinen Wert kennen gelehrt.
GEJ|5|218|8|0|Früher hatten wir nur Liebe für den Tod, nun aber haben wir eine wahre und große Liebe fürs Leben, das einer übergroßen Vollendung nach allen Richtungen hin fähig ist, während der Tod ewig Tod bleibt und nie irgendeine gradatime (schrittwese) Vollendung zulassen kann. Und eben darum ziehe ich es nun vor, bei Dir, o Herr und Meister, zu verbleiben, damit mir nichts entgeht, was Dein – sage – wahrhaftest heiliger Mund noch weiteres verkünden wird.“
GEJ|5|218|9|0|Sage Ich: „Was die andern taten, ist gut; aber was du tust, ist besser. Denn jedes Wort, das aus Meinem Munde geht, ist Licht, Wahrheit und Leben; fassest du Meine Worte in deinem Herzen und tust danach, so überkommst du mit dem vernommenen Worte schon auch das wahre, ewige Leben.
GEJ|5|218|10|0|So aber jemand Meine Worte hört, aber sodann nicht danach tut und handelt, den wird Mein Wort nicht lebendig machen, sondern ihm nur dienen zum Gerichte und zum Tode. Ist das auch schon nicht Mein Wille also, sondern nur Gottes ewige Ordnung, so kann Ich ihm aber dennoch nicht helfen, dieweil er nur sich selbst helfen soll.
GEJ|5|218|11|0|Denn so einem Hungernden eine Speise gereicht wird, und er ißt sie nicht, sondern betrachtet sie bloß, so ist da der Speisegeber nicht schuld, wenn der Hungernde dabei verhungert und stirbt, sondern offenbar der Hungernde selbst, dieweil er keine Speise zu sich nehmen wollte. Und ebenalso steht es mit dem, dem Ich Mein Wort als das wahrste Brot aus den Himmeln vorsetze, der es aber bloß anhört und nicht danach tätig werden will. Darum sei niemand ein purer Hörer, sondern auch ein Täter Meines Wortes, so wird er dadurch wahrhaftest gesättigt werden mit dem Brote aus den Himmeln in seiner Seele und wird fürder nimmer sehen, fühlen und schmecken einen Tod, da er sonach selbst ganz zum Leben aus Gott geworden ist. – Fassest du dieses?“
GEJ|5|219|1|1|219. — Epiphans Mut
GEJ|5|219|1|0|Sagt Epiphan: „Oh, das ist die allervollkommenste Wahrheit und ist mir ganz klar auch ohne irgendeine weitere Erläuterung! Angenommen, ich oder ein anderer wollte sich ein neues Wohnhaus aufrichten. Er zieht darüber einen Baukundigen zu Rate, daß er ihm erkläre mit Wort und Bild, wie er als Bauunternehmer sein Haus erbauen solle. Der Bauunternehmer tut aber hernach nicht nach dem Rate des verständigen Baumeisters, sondern weil ihm das zu mühsam und zu zeitraubend vorkommt, so fügt er lieber selbst Steine und Balken ohne alle Verbindung zusammen, verfügt sich dann in seine neue Wohnung und wohnt, keine Gefahr ahnend, eine kurze Zeit ganz behaglich darin. Alsdann kommt aber ein großer Sturm zur Nachtzeit und stößt an des Hauses lockere Wände, und diese stürzen alsbald zusammen und erschlagen den Eigentümer und zugleich Baumeister. – Was hat dieser nun dabei gewonnen, da er sich nicht nach dem Rate des verständigen Baumeisters richten wollte?!
GEJ|5|219|2|0|Und so, meine ich, ist fast der ganz gleiche Fall zwischen Dir und uns blinden und nichts wissenden Menschen. Du bist offenbar derjenige Baumeister, der die Welt, das ganze All und auch den Menschen, wie er ist, geistig und materiell gewisserart aufgebaut hat und somit auch am besten wissen muß, was demselben frommt, und was er als ein vernünftiges, denkendes, selbsturteilendes und sich selbst bestimmendes Wesen zu tun und zu unterlassen hat. Und so Du ihm, dem Menschen, denn nun durch Worte und Taten zeigst, daß Du unwiderruflich Derselbe bist, dem er sein Dasein verdankt, und ihm ferner zeigst, was er zu tun hat, um das zu erreichen, für was Du ihn erschaffen hast, so ist der blinde und dumme Mensch dann nur selbst schuld, so er sich aus irgend nichtigen, materiellen Gründen das ewige Leben verwirkt und dafür den Tod überkommt. Und so meine ich, daß ein jeder Mensch, der von Dir Selbst einmal belehrt ward und Dich als Den erkannt hat, der Du bist, unmöglich mehr unterlassen kann, mit aller Liebe und Freude allergenauest also zu leben und zu handeln, wie Du ihm befohlen hast.
GEJ|5|219|3|0|Wohl möchten bei der nun sehr argen, total blinden und über alle Grenzen selbstsüchtigen, stolzen und herrschsüchtigen Menschenwelt sich so manche Hindernisse und Schwierigkeiten dem Befolger Deiner Lehre entgegenstellen, da es der argen Menschengeister um gar sehr viel mehr gibt als der guten; aber so man einmal weiß, was man an Deiner Lehre hat, und was man durch ihre Befolgung zu gewärtigen hat, da mögen sich die Berge dagegenstemmen und alle Stürme dagegenwüten, so wird man ihnen dennoch allen mit dem beharrlichsten Mute von der Welt Trotz bieten können. Denn verteidigt sich der von Feinden überfallene Wanderer doch nicht selten mit einem Löwenmute, um nicht zu verlieren dies kurze und ohnehin ehest vergängliche Leben, an dessen Verluste wahrlich ohnehin nicht gar zuviel gelegen ist, – warum dann nicht mit einem wahren Tausendlöwenmute sich verteidigen gegen Feinde, die dem durch dies Leben wandernden Menschen das ewige Leben zu nehmen drohen?! Ich meine, daß ich in dieser Hinsicht ganz der rechten Ansicht bin.
GEJ|5|219|4|0|Ja, Menschen, die an dieser eitlen Welt hängen, ihr ganzes Heil im Kote dieser Erde suchen und von Deiner Lehre nicht mir gleich durchdrungen sind und ihren Lebenswert nicht einsehen und begreifen mögen, wollen oder können, die werden bei Gefahren freilich allen Mut verlieren und bald wieder in den alten Kot zurücksinken; aber Menschen wie unsereiner werden sich so leicht nicht ins Bockshorn treiben lassen.
GEJ|5|219|5|0|Ich sage es Dir, o Herr und Meister: Wer keine Furcht vor dem Leibestode hat, für den dürften die Kaiser und Könige schwer Gesetze zu machen haben! Laß nun die ganze Erde in Trümmer gehen, und ich werde nicht erschrecken vor dem sicheren Untergange meines Leibes; denn ich weiß ja nun aus Deinen Worten, daß meine Seele mit Deinem Lebensgeiste in ihr nicht zugrunde gehen wird! Unter dieser Zuversicht mögen denn Feinde kommen, woher und wieviel ihrer wollen, und sie werden mir, dem Aziona und dem Hiram wahrlich keinen Schreck bereiten; ihr Veto wird unangehört und ihre Drohung unbeachtet bleiben. – Und nun sage uns Du, o Herr und Meister des Lebens, ob ich recht habe oder nicht!“
GEJ|5|219|6|0|Sage Ich: „Ganz vollkommen recht hast du, und das um so mehr, weil du auch im Notfalle dich also verhalten würdest, gleichwie auch ihr alle in diesem Orte. Aber da wir nun schon also im Vertrauen beisammen sind und uns gegenseitig wohl haben kennen gelernt, Mir aber sicher sehr daran liegt, daß ihr bei allerlei Vorkommnissen und Versuchungen nicht wankend werdet, so muß Ich euch nun schon auch mit noch so mancherlei bekannt machen. Und so höret Mich!“
GEJ|5|220|1|1|220. — Der Zweck der Kreuzigung des Herrn
GEJ|5|220|1|0|(Der Herr:) „Dem Leibe nach bin auch Ich, gleich wie ihr, ein sterblicher Mensch, und die Folge davon ist, daß auch Ich diesen Leib ablegen werde, und zwar am Kreuze zu Jerusalem zum Zeugnisse wider die argen Juden, Hohenpriester und Pharisäer und zu ihrem Gerichte. Denn dieses allein wird für immerdar ihre Macht brechen, und der Fürst der geistigen Finsternis, der nun die Menschenwelt beherrscht hat, wird machtlos werden und die Menschen nicht mehr so sehr wie bis jetzt verführen und sie ins Verderben stürzen können.
GEJ|5|220|2|0|Der Fürst aber heißt ,Satan‘, das ist Lüge, Trug, Stolz, Habsucht, Eigenliebe, Neid, Haß, Herrschgier und Mordlust und allerlei Hurerei.
GEJ|5|220|3|0|Der höchste Hochmut kann nur durch die tiefste Demut zugrunde gerichtet werden, und es ist alsonach notwendig, daß an Mir solches verübt werde. Wenn ihr aber solches vernehmen werdet, so entsetzet euch nicht darob; denn Ich werde nicht im Grabe verbleiben und verwesen, sondern am dritten Tage wieder auferstehen, und also, wie Ich nun da bei euch bin, also werde Ich wieder zu euch kommen! Und erst das wird euch allen das größte und wahrste Zeugnis von Meiner göttlichen Sendung in eure Seelen geben und vollends stark machen euren Glauben. Ich habe euch nun das darum zum voraus gesagt, auf daß, wann es dahin kommen wird, ihr euch an Mir nicht ärgert und Meine Lehre verlasset. – Wie gefällt dir, du Mein lieber Epiphan, dieses?“
GEJ|5|220|4|0|Sagt Epiphan: „Herr und Meister, Du bist weiser und mächtiger denn alle Weisen und Mächtigen der ganzen Erde! So Du solches über Dich zu kommen zulässest, so mußt Du sicher einen guten Grund dazu haben, den wir nun nicht zu durchblicken vermögen; aber zur gänzlichen und unerhörtesten Demütigung und Züchtigung für den gewissen, verworfenst ärgsten Teil der Menschen zu Jerusalem und in ganz Palästina und überhaupt im ganzen Judenreiche müßte offenbar das sein, so sie den ihnen verhaßtesten Menschen sogar am schimpflichsten Kreuze nicht völlig tot zu machen vermöchten und er nach drei Tagen als ganz Derselbe wieder dastünde, der Er zuvor war! Das sehe ich nun schon auch recht gut und klar ein. Aber doch scheint es mir, als ob das, von Deiner Weisheit und Macht wohl erachtet, denn doch auch noch anders verfügt werden könnte!
GEJ|5|220|5|0|Ich setze den Fall, die Priester und andern Gewaltigen Jerusalems sähen ein solches Zeichen von Dir wirken wie das, welches Du soeben hier gewirket hast, so müßte es denn doch mit allen Tartarusfurien hergehen, so sie Dich nicht erkenneten als das und als Den, was und wer Du bist! Und da müßte ihr Haß gegen Dich sich ja gleich in die höchste Ehrfurcht gegen Dich und in die heißeste Liebe zu Dir umgestalten, und es versteht sich von selbst, daß Du da nicht nötig hättest, Dich ans schimpflichste Kreuz, das nur für die ärgsten Missetäter bestimmt ist, hängen zu lassen!“
GEJ|5|220|6|0|Sage Ich: „Ja, wenn es also wäre, da hättest du schon ganz recht; aber es ist leider nicht also, sondern himmelhoch ganz anders! Glaube es Mir: Dies Natterngezücht und die Schlangenbrut der Templer von Jerusalem weiß genau, was Ich lehre und was Ich wirke; aber das vermehret eben ihren Grimm, und sie werden eben darum gegen Mich nur erbitterter von Stunde zu Stunde, wie dir davon beispielhalber Aziona und Hiram die gestrig- vormitternächtlichen Begebungen treulich kundgeben können. Sie sind alle erzverstockt, blind und taub im Herzen, dabei voll des höchsten und unbegrenztesten Hochmutes, voll Habgier und voll der höchsten Herrschsucht. Und siehe, solch einer Kreatur ist kein Evangelium zu predigen und vor ihren Augen kein Zeichen zu wirken! Denn Meine Lehre und Meine Zeichen zerstören ihr altes Ansehen und vernichten ihr großes Einkommen, und darum können die Templer sie nicht brauchen und sind eben darum Meine unversöhnlichsten Feinde.
GEJ|5|220|7|0|Ich hätte allerdings die Macht, sie alle auf dem ganzen Erdkreis in einem Augenblicke zu vertilgen, wie solches, von Meinem Vatergeiste, der in Mir wohnt, verordnet, schon einmal zu den Zeiten Noahs und zu den Zeiten Abrahams mit Sodom und Gomorra und ihren zehn Nachbarstädten geschehen ist; aber was hat es genützt?!
GEJ|5|220|8|0|Heutzutage zeugt das umfangreiche Tote Meer noch von jenem Gericht, und die Schrift weiset mit den Fingern dahin; wer aber beachtet das noch und läßt es sich zu einer gerechten Warnung dienen? Sage einem echten Pharisäer nunmehr etwas davon, und du läufst Gefahr, von ihm verhöhnt und bitter zurechtgewiesen und sogar mit einer starken Strafe auf das eindringlichste bedroht zu werden! Wo aber also, da läßt sich weiter nichts mehr tun als das nur, was Ich dir ehedem zum voraus verkündet habe. Das wird sein für jene Widerspenstigen ein allerärgstes Gericht und für die Meinen der Kulminationspunkt Meiner Liebe, und Meine Auferstehung wird sein auch eine Auferstehung für alle, die Meines Sinnes und Willens sind.“
GEJ|5|221|1|1|221. — Epiphans Vorschläge zur Vermeidung des Todes des Herrn
GEJ|5|221|1|0|(Der Herr:) „O Freund, dir sage Ich es: Wenn es möglich wäre, den Leidenskelch auf die Seite zu schieben, so würde es auch unverzüglich geschehen; aber es ist solches leider unmöglich, und darum lassen wir nun das! Du weißt es nun, daß solches geschehen wird und auch warum, und eines mehreren bedarf es wohl nicht. Wenn Ich aber werde auferstanden sein, dann erst werde Ich Selbst euch taufen mit dem Heiligen Geiste aus Mir, und der wird euch dann erst führen in alle Weisheit und Macht, und ihr werdet dann, so ihr in Meiner Lehre verblieben seid, alles das als Meine wahren Kinder vermögen, was Ich nun vermag. Und nun sage du Mir wieder, wie dir dieser Antrag und diese Verheißung gefällt!“
GEJ|5|221|2|0|Sagt Epiphan: „Dem nach, was wir und alle Guten daraus nach Deinem Worte zu erwarten haben, ganz natürlich überaus gut; aber was Du, o Herr und Meister, von der unverbesserlichen Dummheit und Bosheit zu erwarten hast nach Deinen Worten, das gefällt mir ganz und gar nicht! Aber wenn es schon ein für alle Male durchaus nicht anders möglich ist, so geschehe es immerhin nach Deinem Willen!
GEJ|5|221|3|0|Daß Du Deinem wahren, innern Wesen nach nicht sterben wirst, das ist mir nun nur zu klar; denn wer sollte Dich vom Tode des Leibes erwecken außer Du Selbst mit der Macht Gottes, die in Dir ist?! Diese ist also unzerstörbar; was liegt dann am Sterben eines Leibes, den Du allzeit wieder erwecken kannst, wann Du willst?! Aber das mit der Tötung Deines Leibes offenbar verbundene große Leiden ist mir dennoch eben nicht ganz angenehm!“
GEJ|5|221|4|0|Aber Du bist einmal der Herr, voll der höchsten Weisheit, Macht und Liebe, und weißt Dir am besten zu raten und zu helfen, und so wird alles immerhin nur nach Deinem höchsteigenen Rate und Willen geschehen, wie es auch Dein Wille ist, daß wir Menschen auf dieser Erde einen oft glühheißen Sommer und einen eiskalten Winter zu ertragen haben, was eben auch nichts Angenehmes ist, und zum Beschluß dieses Erdenlebens einen oft sehr schmerzvollen, bittern Tod, und wir können, da das einmal Dein Wille ist, daran nichts ändern. Und so, meine ich, ist auch da Dein Wille, was Dein allerhöchstes Selbst betrifft, nun von uns schwachen Erdenwürmern um so weniger zu ändern! Und so sei und geschehe es, was Du willst!
GEJ|5|221|5|0|Was aber unsereiner doch noch immerhin tun könnte zur Verhinderung dessen, daß du also leiden sollst, wie Du es mir hier zum voraus angekündet hast, wäre das, daß zum Beispiel etwa ich, Aziona und Hiram hingingen nach Jerusalem zu den Templern und würden als wohlberedte Heiden etwa die Finsterlinge mit ganz gewählten Worten über Dich eines Bessern belehren, und sie würden ihren Grimm über Dich sicher fahrenlassen; und geschähe dies, so könntest Du auf diese Weise den vermeinten Leidenskelch wohl auf die Seite schieben.“
GEJ|5|221|6|0|Sage Ich: „Ja, Mein Freund, da bleibt Mir wohl nichts anderes übrig, als allein deinen guten Willen fürs Werk anzunehmen; denn siehe, so wenig du eine alte Zeder zu beugen imstande bist, ebensowenig wird ein solcher Großpharisäer oder gar ein Hoherpriester irgendeine Lehre von dir annehmen! Aber was er tun würde, das kann Ich dir ganz genau sagen:
GEJ|5|221|7|0|Siehe, er würde dich recht freundlich anhören, würde sich von dir mit der besten Miene und größten Freundlichkeit alles über Mich haarklein erzählen lassen! Er würde dir sogar mit kleinen Einwürfen und scheinbaren Zweifeln entgegentreten, – aber das nur darum, um dich in einen größeren Redeeifer zu bringen; und er würde dann aber auch gleich ein anderes Gesicht machen, sowie er sähe, daß er von dir schon so beinahe alles heraushaben dürfte! Auf ein geheimes Zeichen würden dann vermummte Männer in reichlicher Anzahl zu Wege kommen, dich festnehmen, und es wäre schon sehr viel, so du dann noch an ein Tageslicht kämest! Dann aber würde darauf so ein Hoherpriester in Vereinigung mit Herodes sogleich ein ganzes Heer mit großen Prämienverheißungen für Meine Habhaftwerdung aussenden und alles Judenvolk in ganz Galiläa um Meinetwillen quälen lassen – allenthalben, wo man Mich mit Meinen Jüngern nur immer aufgenommen hat.
GEJ|5|221|8|0|Siehe, das wäre wahrlich nicht, was wir alle als wünschenswert ansehen könnten! Das siehst du ein, und es ist also schon besser: einer für alle mit Effekt, denn alle für einen ohne Effekt! – Siehst du das nun sicher ein?“
GEJ|5|221|9|0|Sagt Epiphan: „Ja, Herr, nun ist mir alles ganz klar! – Aber nun ist das Essen bereitet, und wir wollen von dem abbrechen und dann mit etwas anderem die Zeit ausfüllen!“
GEJ|5|221|10|0|Sage Ich: „Ja, das ist auch gut; aber gehe hin und wecke vom Schlafe Meine Jünger!“
GEJ|5|222|1|1|222. — Die Verwunderung der Jünger über die veränderte Gegend. Vom Fasten
GEJ|5|222|1|0|Es hatten sich nämlich die Jünger, da sie den Abend zuvor zu wenig geschlafen hatten, nach dem Morgenmahle unter dem schattigen Baume niedergelegt, schliefen ganz fest ein und wußten sohin nichts von der Verhandlung zwischen Mir und Epiphan. Dieser aber ging nun auf Mein Geheiß hin und weckte sie vom Schlafe.
GEJ|5|222|2|0|Als sie aber munter wurden, machten sie große Augen und fragten einander ganz erstaunt, wo sie nun wären; denn die Gegend sah nach ihrer Verwandlung so sehr verschieden von der früheren Wüste aus, daß sie sich in ihr nimmer zurechtfinden konnten. Früher war Azionas Hütte zum Teil aus unförmlichen Steinen und zum Teil aus Lehm und Schilf höchst unarchitektonisch erbaut, und nun stand an ihrer Stelle ein stattliches Haus, umgeben mit Fruchtbäumen und einem schönen Garten; und eine ganz gute Stallung für die Haustiere und eine große Scheuer fürs Getreide waren unweit des Wohnhauses ganz gut hergestellt. Dazu war das früher ganz kahle Gebirge nun dicht bewaldet, und die ehedem ebenso kahlen Seeufer waren in üppige Fluren umgestaltet, und es war somit begreiflich, daß sich Meine Jünger nicht sobald zurechtfanden.
GEJ|5|222|3|0|Petrus, Jakobus und Johannes fragten nach Mir, und Epiphan sagte, daß Ich ins Haus gegangen sei, um das Tagesmahl zu bestellen. Wieder fragten sie den Erwecker, wo sie nun wären, und er sagte: „Am alten Flecke, der aber durch die Macht des Einen nun freilich ein ganz anderes Aussehen bekommen hat!“
GEJ|5|222|4|0|Aber die Jünger schenkten dem Epiphan eben nicht den stärksten Glauben und dachten bei sich vielmehr, der Herr habe sie wie auf dem Gebirge des Kisjonah durch die Luft in eine ganz fremde Gegend versetzt. Erst als Ich Selbst zu ihnen kam und ihnen kundmachte, daß es sich also verhalte, wie der Freund Epiphan es ihnen gesagt hatte, dann erst glaubten sie, daß es sich also verhalte, und fingen an sich zu erstaunen über die Kraft und Macht Gottes in Mir.
GEJ|5|222|5|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Wie wundert es euch denn nun gar so sehr ob dieses Zeichens? Habe Ich beim Markus nicht ein Gleiches gewirkt?! Aber zu wundern wäre hier eigentlich nur das, wie ihr mitten in Meinen Besprechungen mit diesen Griechen hier habet gar so gut einschlafen können! Aber das Fleisch, das Blut bedarf wohl auch der Ruhe, und so wachet denn jetzt, auf daß niemand von euch in eine Versuchung falle!
GEJ|5|222|6|0|Nun aber ist es schon stark Mittag geworden, die Speisen stehen auf dem Tische, und so wollen wir denn gehen und unseren Leibern eine mäßige Stärkung geben, auf daß da niemand sage, jemand hätte bei Mir Not gelitten. Es gibt wohl welche zu Jerusalem, die da haben und streng halten allerlei Fasttage in der Meinung, sich dadurch das Himmelreich zu verdienen; diese aber werden sich sehr irren, da sie erwarten ein Reich nach dem Leibestode, das wahrlich nirgends vorhanden ist.
GEJ|5|222|7|0|Ich aber will nicht sagen, daß ihr darum Schwelger, Prasser und Vollsäufer werden sollet; sondern ihr sollet allzeit nüchtern und mäßig sein in allem und euch lieben untereinander, so wird die Welt daraus entnehmen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid! – Und nun gehen wir zu Tische!“
GEJ|5|223|1|1|223. — Feindliche Kundschafterschiffe in Sicht. Der Sturm als Abwehr
GEJ|5|223|1|0|Der Tisch war wohlbesetzt mit den besten Fischen, mit Brot und Wein und allerlei wohlschmeckenden Früchten. Am Tische aber saß Ich mit den Zwölfen und Hiram und Epiphan. Aziona diente uns, nahm aber nach dem Mahle dennoch Platz am Tische. Als wir so beisammensaßen, unsere Blicke auf die schöne Wasseroberfläche hinausrichteten, da entdeckte der scharfsichtige Epiphan, wie in der großen Bucht mehrere Schiffe lavierten. Sie wollten die große Bucht befahren; da sie aber die Gegend ob ihrer gewaltigen Veränderung nicht mehr als diejenige, die ihnen von früher her wohlbekannt war, erkennen konnten, so lavierten sie hin und her und entsandten nur ein Kundschafterboot in die Bucht.
GEJ|5|223|2|0|Es waren aber diese Schiffe so eine Nachhut auf dasjenige, das hier als eine gute Strandprise in der vorhergehenden Nacht von den Fischern auf Mein Geheiß genommen ward. Diese Nachhutschiffe hatten wohl schon die ganze Nacht und auch diesen starken halben Tag herumlaviert, fanden aber nirgends eine Spur mehr. Sie waren darum der Meinung, daß dies Schiff sich etwa wohl in diese schwer zu befahrende Bucht verloren und vielleicht gar irgend Schaden gelitten hätte. Aber diese Bucht sah der früheren nimmer gleich, und so wußten die Nachhutschiffer nicht, wie sie daran waren, und entsandten darum ein leichtes Auskundschaftungsboot in die Bucht.
GEJ|5|223|3|0|Als Ich solches also den dreien erklärte, da sagte Aziona: „Na, wenn die das große Schiff hier finden, dann dürfen wir das Weite suchen, sonst sind wir alle verloren!“
GEJ|5|223|4|0|Sage Ich: „Sei ruhig; dies Kundschaftsboot wird bald umkehren! Ich werde einen Wind entsenden, der des Bootes Rückzug sicher sehr beschleunigen wird.“
GEJ|5|223|5|0|Im Augenblick kam ein großer Sturmwind und trieb das Kundschafterboot samt den etlichen Nachhutschiffen pfeilschnell hinaus aufs hohe Wasser.
GEJ|5|223|6|0|Aber Aziona sagte: „Herr, sieh, nun sind sie wohl aus der Sicht gekommen; aber sie werden wiederkommen, so der Wind sich legen wird! Oh, diese Menschen sind wie das böse Gewissen und hartnäckig wie eine böse Krankheit! Die verlassen ihre Absicht und ihr Ziel nimmer, und sind es diese nicht – die von ihrem Suchen kaum abstehen dürften –, so werden dann in einer jüngsten Zeit schon wieder andere kommen und das gleiche Ziel verfolgen; und finden sie das Schiff hier, dann geht es uns schlecht, denn gegen die Gewalt der Mächtigen gibt es kein Recht! Ich möchte das ganze Sünderschiff lieber ganz zerstören und vernichten, als mit seinem Besitze in einer steten Angst sein!“
GEJ|5|223|7|0|Sage Ich: „So Ich es dir aber sage, daß du deshalb durchaus keine Angst zu haben brauchst, so kannst du wohl ruhig sein! Diese, die nun zu sehen waren, werden niemals wiederkehren, und eine zweite oder gar dritte Nachhut noch weniger; denn in dieser Zeit ist allbekannt das Galiläische Meer sehr stürmisch und wird außer von etwelchen Fischern wenig befahren, da man den Stürmen nicht traut, – und in etlichen Monden ist diese ganze Begebenheit so gut wie ganz vergessen!
GEJ|5|223|8|0|Denn wird es auch sicher nach Jerusalem also berichtet, daß die nach Mir ausgesandten Fahnder irgend am Meere verunglückt sein werden, da man ungeachtet alles Suchens von ihnen nichts mehr auffinden kann, so wird im Tempel bloß zeremoniell von den dazu eigens bestimmten Tempeldienern männlichen und weiblichen Geschlechts drei Stunden lang gewehklagt, und nachher denkt niemand im Tempel mehr an die Verunglückten, sondern man hebt wieder andere für denselben Zweck aus, versieht sie mit Vollmachten, Geld und den nötigen Waffen und sendet sie unter allerlei strengsten Aufträgen, und diese ziehen dann aus und kehren zumeist unverrichteterdinge wieder nach Hause zurück, oder öfter auch gar nicht, wie die, die uns gestern besuchten. – Und so hast du nun das ganze Verhältnis aufgedeckt und kannst das ohne Scheu fest behalten, was Ich dir gebe, sichere und schütze.“
GEJ|5|223|9|0|Sagt nun Epiphan: „Freund Aziona, unter solchen Versicherungen würde ich mich nicht scheuen, sogar von ganz Rom Besitz zu ergreifen, so dieser Herr und Meister zu mir sagen würde: ,Gehe hin und sage: ,Der Herr hat mir die ganze Stadt gegeben, und ich zeige es hiermit an, daß von nun an alles, was da steht, lebt und wächst, mein vollstes Eigentum ist!‘‘ Und sieh, kein Mensch in der Welt könnte mir solch ein vom Herrn mir eingeräumtes Recht streitig machen, und jeder müßte sich fügen nach der Allmacht des göttlichen Willens!
GEJ|5|223|10|0|Und dasselbe ist auch hier der Fall! Welche irdische Macht wird mit dieser Gottesmacht einen Kampf bestehen wollen? Denn ehe sie zum Kampfe die Hand an den Griff des Schwertes legete, wäre sie ja auch schon vernichtet! Ja, wenn der Herr und Meister es zulassen wird, daß Seine Feinde Hand an Ihn legen werden, so werden sie Ihn auch wohl dem Leibe nach sogar töten können; aber solange Er Selbst das unerforschbar geheime ,FIAT!‘ nicht in Sich ausgesprochen haben wird, solange wird es auch niemand wagen, auch nur den Saum Seines Gewandes anzutasten, – und der es wagen wird, dem dürfte es ergehen, wie es den gestrigen Frevlern ergangen ist! Also für die, welche mit diesem wahren Gottmenschen als wahre Freunde durch alle die größten Gefahren der Welt wandeln, ist für die höchste Sicherheit schon gebürgt.
GEJ|5|223|11|0|Sehet an diese unsere nun allerherrlichste Gegend! Vor kaum einer Stunde war sie eine unwirtlichste, starre Wüste, ein wahres Bild des Todes – gleich uns in unserem früheren Seelenzustande, den auch Er durch Sein Wort in einen lebendigen umgestaltet hat –, und nun treibt die unerforschlich-wunderbare Macht Seines Wortes selbst aus dem harten Steine, den sie zuvor in ein gutes, fettes Erdreich zermalmt und umgestaltet hat, das üppigste Pflanzenleben hervor.
GEJ|5|223|12|0|Vor Dessen Hauche sich die Steine beugen und alle zahllosen Naturgeister tätig werden müssen, vor Desselben Hauche beugen sich der Erde Völker, – und was sollen wir als nun sicher Seine Freunde uns noch mit irgendeiner Furcht in unseren Gemütern abgeben, als könnte uns im Ernste unter Seinem Schutze noch irgend etwas Übles begegnen?! Ich hoffe, daß du, dies überlegend, aller eitlen Furcht ledig wirst.“
GEJ|5|223|13|0|Sagt Aziona: „Freund, du hast nun ganz wohl und richtig gesprochen, und ich bin früher, wie auch jetzt, sicher deiner Ansicht mit meinem ganzen Leben gewesen; aber der Mensch bleibt denn doch immer ein Mensch, besonders wenn irgend Gefahren sich ihm zu nahen anfangen! Man vergißt in einer Art Gemütsverwirrung nicht selten das Wichtigste, denkt nicht mit der innern, ruhigen Seelenverfassung, sondern überstürzt sich von oben nach unten und gerät dadurch in eine derartige Angst, daß man dabei sogar der besten Schutzwaffen nicht mehr gedenkt, die man doch offenbarst bei sich hat.
GEJ|5|223|14|0|Und so erging es mir soeben, als ich die Bedeutung des diese Bucht herauffahrenden Auskundschafterbootes erfuhr aus dem Munde unseres Gottes und unseres Herrn und Meisters. Aber nun bin ich schon wieder in aller Ordnung, wozu deine Worte recht viel beigetragen haben.“
GEJ|5|224|1|1|224. — Azionas Frage nach dem Leben der Seele nach dem Tode
GEJ|5|224|1|0|(Aziona:) „Aber da wir nun so recht gemütlich beisammensitzen bei Brot und Wein, so möchte ich denn doch aus Deinem Munde, o Herr, vernehmen, wie es mit dem Seelenleben nach dem Abfalle des Leibes steht!
GEJ|5|224|2|0|Man hat nach den Sagen fast aller sogenannten Götterlehren stets mit wenig Varianten einen zweifachen Zustand – als nämlich bei uns, sage, Heiden –: ein Elysium, allwo gute und würdige Seelen in einer unbeschreiblichen Wonne ewig fortleben, und dann einen Tartarus, wo die schlechten und bösen Seelen mit allerlei unerhörten Plagen und Martern eben auch ewigfort gepeinigt werden.
GEJ|5|224|3|0|Die Juden haben ihren Himmel und ihre Hölle, was alles gewisserart ganz dasselbe ist wie bei den Heiden das Elysium und der Tartarus. Ebenso haben unter gewissen Formen, Namen und Abweichungen die Indier ein zweifaches Allmachtswesen, ein gutes und ein böses. So sind die elysäischen Götter alle gut und die des Tartarus alle böse.
GEJ|5|224|4|0|Und bei den Juden gibt es einen höchst guten und weisesten Jehova und zu seinen Diensten Myriaden von ebenso guten Geistern, die da ,Engel‘ genannt werden und bereit sind, dem Menschen die besten Schutzdienste zu leisten; dem guten, allmächtigen Jehova und seinen Engeln schnurgerade gegenüber gibt es aber dann auch einen nahe nicht minder mächtigen Satan, auch ,Leviathan‘ genannt, und ihm zur Seite eine zahllose Menge der allerbösesten Geister, die man ,Teufel‘ nennt.
GEJ|5|224|5|0|Es ist zwar der gute Jehova in einem fort bemüht, die Menschen gut zu machen und an sich zu ziehen. Aber es hilft ihm das nicht gar zu besonders viel; denn der Satan versteht sich besser darauf, die Seelen für sich zu fangen, und treibt dem guten Jehova stets Scharen auf Scharen ab. Wohl drohe der gute Jehova dem Satan in einem fort mit allerlei Strafen und Gericht; aber dazu lache der Satan stets und tut dennoch, was er will. – Nun, Herr, was soll man von solchen Sagen halten? O Herr, gib uns darüber einen richtigen Aufschluß!“
GEJ|5|224|6|0|Sagt vor Mir noch Epiphan: „Da sehe man einmal unsern Direktor Aziona an! Er ist wahrhaft denn doch noch gescheiter als wir alle! Wir haben nun schon um so manches gefragt, und dieser wichtigste Lebenspunkt ist nur ihm eingefallen! Ja, Herr und Meister, solche Dinge habe ich selbst in allerlei Schriften schon vielmals gelesen und habe mir auch allzeit mein gutes Teil dabei gedacht! Entweder haben die sonst in vieler Hinsicht weisen Alten alles, was sie wußten, in einer für uns unverständlichen Bildersprache niedergeschrieben, oder sie haben gleich den Kindern und Narren bloß rein nach ihrer noch höchst unkultivierten Phantasie gefabelt und gefaselt.
GEJ|5|224|7|0|Ich als ein ganz einfacher Mensch von beschränktem Verstande, mit einem – wie man sagt – menschlich guten Herzen versehen, kann mir wohl vernünftigerweise ein jenseitiges Fortleben der Seele, weil sie einmal entweder zufällig gut oder sicherer schlecht zu leben begonnen hatte, nur also vorstellen, daß es wenigstens bis zu einem gewissen, möglichst höchsten Grade der Vollendung sich fortwährend in einer Progression (Höerentwicklung) befindet, und daß es für ein hier schon aus mannigfachen Ursachen und Gründen schlecht begonnenes und sicher noch schlechter beendetes Leben jenseits nur weise und entsprechend zweckmäßige Korrektionen gibt, damit auch eine hier ihr Leibesleben schlecht durchgeführt habende Seele dort, wenn auch später, zu einem besseren Erkennen ihrer selbst und eines wahren, allerhöchsten Gottwesens und auch ihrer wahren Lebensverhältnisse und Pflichten gelange.
GEJ|5|224|8|0|Aber für ein kurzes, leider schlecht durchgeführtes Leben dort dann ewige Strafen in einer unbeschreiblichsten Härte und allerunmenschlichsten Schärfe zu erleiden und zu erdulden bekommen, und das rein zu gar keinem anderen Zwecke, als daß sich ein allmächtiger Gott an dem ohnmächtigsten Wesen ewig seine nimmer endende Rache kühle, – nein, das kann ich mir von einem Gott, wie Du, o Herr, wenigstens für uns doch offenbar einer bist, auch in einer bösesten Fieberhitze, die schon an den derbsten Wahnsinn grenzt, dennoch nicht träumen lassen!
GEJ|5|224|9|0|Ein Löwe ist doch sicher eine sehr böse Bestie, desgleichen eine Hyäne, ein Tiger, ein Wolf oder ein Bär; aber sie können dennoch gezähmt werden und werden dann oft Wächter der Menschen und somit nützliche Geschöpfe. Lassen sich aber Ungetüme der erwähnten Art noch bändigen und zu etwas Nützlichem abrichten, warum nicht eine sehr oft ohne ihr eigentlichstes Verschulden schlecht gewordene Seele?! – Also, liebster Herr und Meister, sage es uns, wie es denn aussieht mit den sonderbaren Dingen und Verhältnissen, um die Aziona weislichermaßen Dich gefragt hat!“
GEJ|5|225|1|1|225. — Kinder Gottes (von oben) und Kinder der Welt (von unten)
GEJ|5|225|1|0|Sage Ich: „Seht, Meine Lieben! Das, was die heidnischen Bücher davon sagen, ist nur ein höchst verstümmelter Widerhall dessen, was den Urmenschen dieser Erde hell und klar durch denselben Geist, der nun in Mir wohnt, ist geoffenbart worden.
GEJ|5|225|2|0|Nur die Schrift der Juden enthält allein die volle Wahrheit, allein nicht enthüllt, sondern in entsprechenden Bildern verhüllt, und zwar aus dem wohlweisen Grunde, damit die Heiligkeit der darin enthaltenen Wahrheit von den eigentlichen, schmutzigen Kindern dieser Erde nicht verunreinigt und entheiligt werde.
GEJ|5|225|3|0|Denn es wohnen auf dieser Erde oder Welt zweierlei Art Menschen. Die eigentlichen und meisten sind nach der geordneten Stufenfolge des geschöpflichen Emporklimmens der Seele und dem Leibe nach pur von dieser Erde, und man kann sie ,Kinder der Welt‘ nennen.
GEJ|5|225|4|0|Ein viel geringerer Teil der Menschen dieser Erde aber ist nur dem Leibe nach von eben dieser Erde, der Seele nach aber entweder aus den verschiedenen Sternenwelten oder mitunter sogar als reinste Engelsgeister aus den reinen Geisterhimmeln. Das sind jedoch bisher die seltensten.
GEJ|5|225|5|0|Diese zweite und viel edlere Art der Menschen dieser Erde kann man ,Gotteskinder‘ nennen, und diesen allein ist es auch vorbehalten, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu fassen, zu verstehen und nach Bedarf und nach Fähigkeit der Auffassung solche den Kindern der Welt zu lehren und ihnen zu zeigen den Weg, auf dem auch sie zu Kindern Gottes und zu Bürgern Seines Reiches werden können.
GEJ|5|225|6|0|Nun, diese eigentlichen Weltmenschen, als erst aus dem Schlamme dieser Erde entwachsen, sind natürlich noch sehr sinnlicher Art, da ihre Seelen noch nie eine irgendwie menschliche Vorschule eines freien, sich selbst bestimmenden Lebens durchgemacht haben. Sie können daher anfänglich auch nur durch pur sinnliche Bilder zu der Erkenntnis eines allerhöchsten und ewigen Gottesgeistes hingeleitet werden.
GEJ|5|225|7|0|Und sehet, der meisten Menschen dieser Erde wegen sind auch die Offenbarungen über die Reiche der Geister in lauter gewisserart sinnliche Bilder eingehüllt, die nur von den Kindern Gottes von Zeit zu Zeit mehr und mehr, nach der Fassungsfähigkeit eben der Weltkinder, denselben enthüllt werden können, – aber nie zuviel auf einmal, sondern gerade nur so viel, als selbige zu vertragen und in ihrem seelischen Magen zu verdauen vermögen. Aus dem Gesagten aber könnet ihr nun schon so manchen Schluß fassen.
GEJ|5|225|8|0|Der Menschen Seelenleben nach dem Abfalle des Leibes ist, wie ganz leicht von selbst verständlich, ein fortwährend progressives, da die Vollendung desselben unmöglich das Werk eines Momentes sein kann, und das aus dem Grunde, weil die Seele ein gleich ihrem früheren materiellen Leibe räumlich wie auch zeitlich begrenztes und in die bestimmte, schöne Menschenform gewisserart eingezwängtes Wesen ist und deshalb das Unendliche und das Ewige sowohl dem Raume und der Zeit nach, wie auch der allerunbegrenztesten Macht des Geistes Gottes und seiner Werke nach nur nach und nach in sich aufnehmen und fassen kann.
GEJ|5|225|9|0|Es kommt nun auf den Standpunkt der inneren Gesittung an, in welchem eine Seele ihren Leib verließ. Ist dieser den irgend bestehenden guten Gesetzen gemäß, so wird der jenseitige Zustand der Seele sicher sogleich auch ein solcher sein, von dem aus sie sich sofort auf eine höhere Vollendungsstufe des freien Lebens setzen und immer und immer auf eine höhere Stufe fortschreiten kann.
GEJ|5|225|10|0|Hat aber eine Seele entweder aus Mangel an einer Erziehung oder im schlimmeren Falle aus Mangel an irgendeinem guten Willen bei sonst guter Bekanntschaft mit den bestehenden Gesetzen den Leib verlassen müssen, ohne sich früher im Leibesleben und dessen Verhältnissen nur ein wenig zum Wahren und Besseren gekehrt zu haben, nun, da wird es ja für einen nur einigermaßen helleren Denker doch auch leicht begreiflich sein, daß eine solche ganz verkümmert elende Seele jenseits nur in einen solchen, sicher nicht beneidenswerten Zustand gestellt werden muß, in dem sie nach der höchsten Liebe und Weisheit Gottes von ihrer tierischen Crudheit (Roheit) einmal gereinigt und geheilt werden und mit der Weile sich zu einer höheren Lebensstufe erheben mag, von der sie dann schon immer leichter und leichter zu einer noch höheren übergeht.“
GEJ|5|226|1|1|226. — Das Leben der Weltmenschen im Jenseits
GEJ|5|226|1|0|(Der Herr:) „Nun gibt es aber auf dieser Erde auch Menschen, die als Kinder überaus reicher Eltern alle mögliche Erziehung und Bildung genossen haben. Als sie aber älter wurden und zu großen Ämtern und hohen Ehrenstellen gelangten, da fuhr der Hochmutsteufel in ihr Herz. Sie fingen an zu herrschen, die Nebenmenschen zu hassen, zu betrügen und zu bedrücken und frönten nur ihrer Sinne Lust. Ihr Himmel, nach dem sie mit aller Gier trachteten, hieß äußerstes Wohlleben in aller Weichlichkeit, Pracht und Üppigkeit. Was ihnen nicht dienen wollte, das wurde auf das oft schauderhafteste verfolgt und ohne alle Schonung zugrunde gerichtet.
GEJ|5|226|2|0|Nun kommt aber die Zeit und die Stunde, in der solcher Menschen Seelen auch ihren gar so geliebten Leib nach der Anordnung des allmächtigen Gottes verlassen müssen. Was nun?
GEJ|5|226|3|0|Seht, dieser Art Seelen haben sich denn doch etwa strafbar gemacht, was ein jeder nur einigermaßen rechtlich denkende Mensch zugeben muß! Und dennoch werden sie von Mir aus nicht gerichtet, sondern gerade in einen solchen Zustand und in ein solches Leben versetzt, das ganz gleich ist dem auf dieser Welt gehabten, nur mit dem Unterschied, daß weit und breit ihre Nachbarn ganz dasselbe haben, sind und wollen wie die erst jüngst dahin Gekommenen. Und da stehet es dann gar nicht lange bis zum erbittertsten Kriege an; denn ein jeder dünkt sich der Höchste und Mächtigste zu sein, will alle beherrschen und hält jeden für einen strafbaren Meuterer, der sich nicht seinen Befehlen und Gesetzen fügen will.
GEJ|5|226|4|0|Würde nur einer, zwei oder auch drei also denken und sich fühlen, die andern aber wären mehr demütige und sich fügende Geister, so würde das eine Art Monarchie im Reiche der Geister geben, allwo einer gebietet und Millionen ihm gehorchen. Aber da ist es nicht also; denn da will ein jeder ein Monarch sein und ganz tyrannisch seine ebenso herrschsüchtigen Nachbarn beherrschen. Und solch arge Leidenschaft gebiert dann einen nahezu unlöschbaren Haß gegenseitig, einen steten Hader, Zank, Streit, Verfolgung und einen förmlichen Krieg, wobei zwar niemand getötet werden kann, – aber der gegenseitige, grenzenlose Haß und Zorn gestaltet sich wie ein wütend verheerendes Feuer, welches aus den Kämpfern hervorlodert, mit welchem Feuer sie sich dann gegenseitig quälen und bekämpfen.
GEJ|5|226|5|0|Da kommt es nun darauf an, wenn solch ein böser Klub wieder zu einer Art Ruhe gelangen soll, daß ein mächtiger Geist aus den Himmeln dahin entsendet wird und Ruhe schafft durch ein noch mächtigeres Feuer, das solchen Seelen wohl fühlbare, unsägliche Schmerzen, teils nur momentan, teils aber auch längere Zeiten während, bereitet. Sind dadurch solche Seelen zu einer völligen Ruhe gelangt, dann verstummen auch mehr und mehr ihre dummen Leidenschaften, das sie quälende Feuer verlischt, und der Engelsgeist belehrt sie dann über ihre große Blindheit, Verstocktheit und Torheit.
GEJ|5|226|6|0|So eine oder die andere unglückliche und sicher unselige Seele sich daran kehrt, so wird sie auch gleich in einen besseren Zustand übergehen; will sie das infolge ihres innern, geheimen Hochmutes aber nicht, nun, da bleibt sie der alte Narr und wird bei einer jüngsten Gelegenheit wieder das gleiche zu gewärtigen überkommen. Und man kann da mit den Römern sagen: VOLENTI NON FIT INIURIA, [Dem Wollenden geschieht kein Unrecht!] – und wenn solche nahezu unverbesserlichen Seelen sich auch Äonen von Erdjahren also abquälen wollten!
GEJ|5|226|7|0|Ich meine, daß ihr nun schon ziemlich über das belehrt sein dürftet, um was ihr Mich so ganz eigentlich gefragt habt; aber alles dessen ungeachtet will und werde Ich euch dennoch so manches hinzufügen, – und so höret Mich denn noch weiter an!“
GEJ|5|227|1|1|227. — Die Nichtigkeit einer Kraft ohne Gegenkraft
GEJ|5|227|1|0|(Der Herr:) „So da jemand von einer derartigen Riesenstärke hier wäre, daß er mit seinen Händen die stärksten Eichen und Zedern zu entwurzeln vermöchte, hätte aber keinen Widerstand, sondern um seine zu entwurzelnden Bäume nur Schlamm und Wasser, würde er da wohl einen Baum, der etwa um ein paar Klafter tiefer seine Wurzeln wohl in festem Erdreiche stecken hätte, zu entwurzeln imstande sein? Ich sage: Nein; denn sowie er sich anschickte, mit seinen mächtigen Armen den Baum aus der Erde zu reißen, da würde er einsinken in des Wassers und Schlammes Tiefe und somit mit aller seiner Riesenkraft gar nichts ausrichten.
GEJ|5|227|2|0|Wenn also ein Riese die große Muskelstärke seiner Hände als wirksam darstellen will, so müssen auch seine Füße einen sehr festen Boden als eine notwendige Stütze haben, was sicher jedem von euch wohl einleuchtend sein wird. Ich setze aber hier noch einen Mir gar wohl möglichen und für euch noch einleuchtenderen Beispielsfall.
GEJ|5|227|3|0|Nehmen wir an, hier vor uns befänden sich etwa ein paar hundert allerkräftigster Kämpfer, hundert auf der einen und hundert auf der andern Seite. Sowie sie aufeinander loszugehen anfangen, hebe Ich sie mit Meiner innern Macht hoch in die Luft empor und lasse sie durch einen heftigen Wind in alle Gegenden und Richtungen zerstreuen. Frage: Wie werden diese ohne allen festen Stützpunkt nun ihren Kampf beginnen und vollführen? Wird einer selbst mit den kräftigsten Füßen in der Luft sich auch nur um einen Schritt weiterbewegen können oder so einen recht gewaltigen Hieb mit der Hand tun und dabei seine aufrechte Stellung behalten können?
GEJ|5|227|4|0|Ich sehe, daß ihr da nun so ein wenig zu studieren anfanget, wie etwa solches möglich wäre. Es steht aber in Meiner Macht, einem von euch das praktisch zu zeigen, und so saget Mir nur, wer von euch sich wohl einer solchen Probe unterziehen will! Willst du, Epiphan, etwa eine Mannshöhe über der Erde dich von der Wahrheit Meiner Aussage überzeugen?“
GEJ|5|227|5|0|Sagt Epiphan: „O ja, Herr und Meister; denn es kann mir unter Deiner Obhut ja unmöglich etwas Übles begegnen! Ich bin demnach schon entschlossen dazu.“
GEJ|5|227|6|0|Sage Ich: „Nun gut, erhebe dich eine Mannshöhe vom Boden der Erde in die freie Luft, und erzähle es den andern, wie du dich befindest!“
GEJ|5|227|7|0|Epiphan befand sich nun ganz freischwebend in der Luft, und zwar ganz ruhig in aufrechter Stellung, und Ich sagte zu ihm: „Mache nun etwelche Bewegungen, und tue, als ob du irgendwohin kommen oder dich gegen irgendeinen Feind verteidigen wolltest, und erzähle es uns, was du empfindest, und wie es dir zumute ist!“
GEJ|5|227|8|0|Epiphan versuchte das, verlor aber natürlich sogleich die bequeme, aufrechte Stellung, und je mehr er mit Händen und Füßen arbeitete, desto mehr kam er in allerlei höchst unbequeme Stellungen. Am Ende drehte er sich wie ein in der Luft schwebendes Blatt herum, und ein nur ganz leiser Lufthauch fing an ihn weiterzuschieben, und zwar nach Meinem Willen gegen des Aziona Haus, an dessen Wänden er einen festen Stützpunkt fand, seine unbequeme Stellung wieder in die bequeme aufrechte umwandelte und sich dann, die Extremitäten der Wand erfassend, bis zur Erde gewisserart herabschob.
GEJ|5|227|9|0|Als Epiphan mit den Füßen wieder den Erdboden erreichte, da war er, Mich lobend, über alle Maßen froh, kam schnell zu uns an den Tisch und sagte: „O Herr, alles, was Du willst, – aber nur keine solche verzweifelte Probe mehr! Ich hätte euch wohl von der Luft herab erzählen sollen, was ich empfand und fühlte! Ja, das hätte ich in der aufrechten Stellung, die von einem ziemlich angenehmen Gefühle begleitet war, wohl erzählen können, wie ich mich eben recht angenehm fühle und sehr anmutiglich befinde; aber als ich mich dann auf Dein Geheiß zu bewegen anfing und alle Stellungen mir mußte gefallen lassen, weil ich sie nicht zu ändern vermochte, da war es mit der Sprache aus. Ich hätte allenfalls, so ich mich nicht geschämt hätte, ein angstvolles Zetergeschrei beginnen können, aber von einem verständigen Worte wäre da gar keine Möglichkeit gewesen! Von tausend Schwindeln ergriffen und sich ohnmächtiger denn eine Mücke fühlend, – da rede, wer da wolle; für mich war das die allerplatteste Unmöglichkeit!
GEJ|5|227|10|0|Nur eine Mannshöhe vom festen Boden in die freie Luft entrückt, und man ist im Augenblick das aller Macht und aller Kraft barste Wesen! Der leiseste Lufthauch, der kaum ein Blättchen an einem Baume zu rühren vermag, trägt einen ohne irgend möglichen Widerstand fort, und das in einer zumeist sehr unbequemen Stellung. Nein, alles, wie gesagt, – aber nur keine solche Probe mehr! Aber der Satz aus Deinem Munde, o Herr, ist nun als eine glänzendste Wahrheit bestätigt, daß nämlich die größte Kraft ohne einen festen Stützpunkt, den ich als eine notwendige Gegenkraft betrachte, so gut wie gar keine Kraft ist. Das ist nun so meine lebendigste und wahrste Überzeugung.
GEJ|5|227|11|0|Was und worin bestehend nach Deiner früheren Erklärung der Orkus, Tartarus oder die Hölle in sich ist, das wäre mir nun schon so ziemlich klar; aber mit dem Satan und seinen Helfershelfern, den sogenannten Teufeln, weiß ich jetzt noch nichts zu machen! Weil Du, o Herr und Meister, uns schon das eine so gut erklärt hast der vollsten und vernunftgerechten und -gemäßen Wahrheit nach, so erkläre uns auch noch das, so es Dein heiliger Wille ist!“
GEJ|5|228|1|1|228. — Der Gegenpol Gottes
GEJ|5|228|1|0|Sage Ich: „Darum habe Ich euch ja die Beispiele gegeben, damit ihr die nachfolgende Erklärung vom Satan und seinen Engeln leichter zu fassen imstande sein sollet; und alsodenn vernehmet Mich nun weiter!
GEJ|5|228|2|0|Daß nach eurer nun gemachten Erfahrung der allerstärkste Riese ohne einen sehr festen Gegenstützpunkt, den wir eine Gegenkraft oder einen Gegenpol nennen wollen, nichts zu wirken vermag, das sehet ihr nun ganz gut ein. Das gleiche Verhältnis aber dehnt sich, wennschon ins endlos Große gehend, bis zum allerhöchsten Gottwesen aus!
GEJ|5|228|3|0|Wenn der ewige, allerfreiest weiseste und allmächtige Geist Gottes Sich nicht eben auch schon von Ewigkeit aus Sich heraus einen Gegenpol gesetzt hätte, so wäre es ihm als pur positivem Gott nie möglich geworden, Sonnen, Welten und all die zahllos vielen Wesen auf ihnen ins Dasein zu rufen.
GEJ|5|228|4|0|Wie aber sieht dieser Gottesgegenpol aus, und worin besteht er? Ist er ein dem positiven, freien Gotteslebens- und Machtpole ganz fremder oder ein in einer gewissen Hinsicht gleichartiger? Ist er ein Selbstherr, oder hängt er in allen seinen Teilen nur von dem positiven Gottesmachtpole ab?
GEJ|5|228|5|0|Seht, diese gar wichtigen Fragen werde Ich euch nun so lichtvoll als möglich beantworten, und ihr werdet dann gleich einsehen, wer der sogenannte Satan, und wer so ganz eigentlich seine Teufel sind! Und so habet nun acht!
GEJ|5|228|6|0|Wenn ein Mensch zum Beispiel etwas darstellen will, so fängt er an zu denken, und es werden eine Menge flüchtige Bilder als einzelne Gedanken sein Gemüt durchstürmen. Wenn sich der Denker eine längere Zeit mit der Beschauung seiner inneren Geistbilder, die man ,Gedanken‘ nennt, abgibt und sie auch mehr und mehr festzuhalten beginnt, so wird er bald und leicht gewahr, daß sich einige bessere Gedanken angezogen und gewisserart schon zu einer lichteren Idee verbunden haben. Solch eine Idee behält dann die Seele wie ein ausgeprägtes Bild festhaftend in ihrem Gedächtnissensorium, und man könnte das eine Grundidee nennen.
GEJ|5|228|7|0|Nun geht aber der Gedankenflug fort, gleichwie das Wasser eines Stromes, und unter den vielen vorüberströmenden Gedanken kommt denn wieder so etwas Gediegeneres, wird von der Grundidee sogleich angezogen und vereint sich mit derselben, wodurch die Grundidee dann schon heller und noch bestimmter ausgeprägt wird.
GEJ|5|228|8|0|Das geht dann eine Zeitlang sogestaltig fort, bis neben der Grundidee sich mehrere nachfolgende, mit der ersten harmonierende Seitenideen gebildet haben und dadurch schon den Begriff von irgendeiner konkreten Sache oder vorzunehmenden Handlung und deren Erfolgen darstellen.
GEJ|5|228|9|0|Ist der Denker einmal zu solch einem gänzlich ausgeprägten, klaren Begriffe gekommen, da findet er ein Wohlgefallen an ihm und erfaßt und durchdringt ihn sofort mit dem Lebensfeuer seiner Liebe. Die Liebe erweckt den Willen und die Tatkraft des Denkers, und es wird sodann ungehalten der innere Begriff zur materiellen Verwirklichung erhoben.
GEJ|5|228|10|0|Nun steht der frühere, pur geistige Begriff nicht mehr allein nur als ein geistiges Bild in seiner vollen Klarheit im Sensorium der Seele, sondern auch als ein gleichsam gerichtetes festes Ebenmaß des innern, geistigen Bildes in der materiellen Natur und ist gestellt zur Benutzung dessen, der es früher erdacht hatte.
GEJ|5|228|11|0|Die einzelnen Gedanken und Ideen, aus denen dann ein vollständig konkreter Begriff gebildet ward, sind noch ganz geistiger Art und machen mit dem Geiste einen und denselben Pol aus, und wir wollen ihn den Haupt- und Lebenspol nennen.
GEJ|5|228|12|0|Der konkrete, aus vielen verschiedenen Gedanken und Ideen bestehende Gesamtbegriff – wenn auch noch als ein pures, geistiges Bild in der Seele – ist, weil er schon ein gewisses fixiertes Bestehen hat, nicht mehr dem Hauptpole angehörig, sondern dem Gegenpole, weil er gewisserart so wie ein ausgeschiedenes Ganzes für sich der Seele gegenüber beschaulich in allen seinen Teilen dasteht und durch die weitere Tätigkeit ganz als materielle Sache hinausgestellt werden kann und also als ein gerichtetes und fixiertes Ding nicht mehr der Lebenssphäre des Geistes und der Seele angehören kann. – Jetzt höret Mich nur noch weiter an!“
GEJ|5|229|1|1|229. — Die beiden Pole des Daseins
GEJ|5|229|1|0|(Der Herr:) „Du, Epiphan, dachtest dir wohl, daß auch eine aus mehreren Einzelgedanken zusammengestellte Idee schon ein begriffsartiges Bild sein und daher wohl auch dem Gegenpole angehören kann, ja, sogar ein einzelner für und in sich dastehender, ganz ausgeprägter Gedanke! Da hast du ganz recht; wenn so, da ist aber der also fixierte Gedanke und desgleichen eine solche Idee eben keine eigentliche Idee mehr, sondern schon ein für sich dastehender Einzelbegriff, weil er der Seele gegenüber als ein wohlgeformtes Bild oder als eine schon geordnete Handlung dasteht und daher den Gegenpol zum Pole des Lebens ausmacht.
GEJ|5|229|2|0|Im ersten (positiven) Pole ist Leben, Tätigkeit und Freiheit, im zweiten (negativen) oder Gegenpole der Tod, die Trägheit und das Gericht; und seht, darin besteht dann auch die Hölle, der Satan und die Teufel, – also entsprechende Bezeichnungen eben dessen, was Ich nun als Gegenpol bezeichnete!
GEJ|5|229|3|0|Seht, die ganze Schöpfung und alles, was ihr mit euren Sinnen nur immer wahrnehmet, sind fixierte Gedanken, Ideen und Begriffe Gottes, – auch ihr Menschen eurem sinnlichen Leibe nach; und inwieweit die Seele mit dem Leibe durch seinen Nerven- und Blutäther verbunden ist, ist auch sie im Gerichte und somit im Tode desselben haftend, von dem sie sich aber dadurch, daß sie durch ihren freien Willen nach den Gesetzen Gottes dem rein Geistigen nachstrebt, befreien und ganz eins werden kann mit ihrem Geiste aus Gott, wodurch sie sonach als selbsttätig und selbständig von ihrem alten Tode in das freie, ewige Leben übergegangen ist.
GEJ|5|229|4|0|Nun merket aber etwas gar Wichtiges! – Erkenntnis und Liebe bestimmen den ganzen Menschen zu irgendeiner guten oder auch schlechten Tätigkeit. Ist das Erkennen ein geistiges und zu Gott hinlenkendes, so wird die Liebe auch zu dem Geistigen und sonach zu Gott sich hinneigen und auch also tätig werden, und diese Tätigkeit ist eine gute, und ihre Folgen sind der Segen aus den Himmeln des Lebens.
GEJ|5|229|5|0|Wird aber ein Mensch schon von der Wiege an mit nichts anderem in seinem Erkennen bereichert als mit solchem nur, was dem Leibe dient, so wird auch seine Liebe ganz der Materie sich zuwenden und bald über Hals und Kopf danach tätig werden, um sich desto mehr materielle Schätze zu sammeln und durch sie dem Fleische desto mehr Annehmlichkeiten zu bereiten. Bei dieser Gelegenheit geht dann die Seele ganz in die Materie, als in den Gegenpol des freiesten Gottesgeistes, über und bildet also mit dem Gegenpole, als vom selben gefangen, eben auch den Gegenpol. Die notwendige Folge davon ist das Gericht in und durch sich selbst, der Fluch vom Leben in den Tod und also gewisserart der ewige Tod selbst. Und wer schuldet daran – als eben der Mensch selbst, der sich aus seinem Erkennen, Lieben, Wollen und Tun selbst das angetan hat!
GEJ|5|229|6|0|Merket euch das! Wo ihr mit Menschen reden werdet, da forschet, ob sie nichts wissen von der Seele in sich und nichts vom ewigen Leben derselben! Wenn sie mit den Achseln zu zucken anfangen und gewisserart nur so mitleidig sagen: ,Ja, davon reden haben wir wohl schon zu öfteren Malen gehört; daß aber daran blutwenig oder wohl am gewissesten keine wahre Silbe hängt, das lehrt die tagtägliche Erfahrung, – was darüber ist, ist nichts als eine hohle Schwärmerei von gewissen arbeitsscheuen Hungerleidern!‘, da könnet ihr mit Sicherheit den Schluß ziehen, daß solcher Menschen Seelen von ihrer Fleischmaterie schon so gut wie ganz aufgezehrt sind und sich samt und sämtlich schon im Gerichte befinden.
GEJ|5|229|7|0|Da wird es viel kosten, sie wieder aus ihrem Gerichte und ihrer gegenpolischen Gefangenschaft zu erlösen, – diesseits schon sehr schwer und jenseits noch schwerer, obschon gerade nicht unmöglich. Aber dazu wird eine sehr lange Abödung in ihrem eigenen Gerichte und Tode nötig sein, bis das immerhin noch ein bißchen Geistige der Seele das eigene oft weltengroße Materielle in sich ganz aufgezehrt hat und endlich durch den Hunger genötigt wird, nach einer geistigen Nahrung eine große Sehnsucht zu empfinden. Das wird wohl allzeit werden, aber nach einer für euch undenklich langen Zeitenfolge.“
GEJ|5|230|1|1|230. — Der Weg zur Erlösung
GEJ|5|230|1|0|(Der Herr:) „Ihr sehet daraus, daß selbst Gott, so Er nicht aus Sich Sich Selbst den für eure Begriffe endlos großen Gegenpol gestellt hätte, keine Schöpfung als materiell bestehend aus Sich hätte hervorrufen und hinstellen können, weil eben der große Gegenpol die Schöpfung selbst ist. Diese muß also gerichtet, fest, so gut wie tot und beharrlich sein, so sie ihrem vom Schöpfer gestellten Zweck entsprechen soll. Und weil sie das ist, was sie ist und wie, so ist sie auch gut Gott gegenüber. Böse der Wirkung nach ist sie nur den Menschen gegenüber, weil diese der Seele und teilweise sogar dem Fleische nach die Bestimmung haben, als aus dem Tode erweckte Wesen sich für ewig mit dem reinen, positiven Geiste aus Gott zu vereinen mit Gott, ohne dadurch je mehr ihre absoluteste Freiheit und Selbständigkeit einzubüßen.
GEJ|5|230|2|0|Es stellt sich nun freilich wohl die wichtigste aller Lebensfragen von selbst und lautet: Was hat denn hernach ein Mensch zu tun und zu beachten, um seine Seele vor dem Rücktritt ins alte Gericht der Materie, die tot ist, zu bewahren? –
GEJ|5|230|3|0|Er halte die zehn Gebote, durch Moses den Menschen gegeben, genau, die aber ganz kurz darin bestehen, daß man zuerst an einen wahrhaftigen Gott fest glaube, Ihn über alles aus allen Lebenskräften liebe, seine Brüder und Schwestern aber wie sich selbst und im Notfalle sogar mehr!
GEJ|5|230|4|0|In diesen eigentlich nur zwei Geboten liegt aber dann auch das ganze Mosaische Gesetz, sowie alle die Propheten, die des größeren Verständnisses halber nichts anderes als nur das mit vielen Worten gelehrt haben.
GEJ|5|230|5|0|Wer das tun wird, der wird sicher sein Herz und somit auch seine Seele vor jeglichem Hochmute, vor jeglicher Härte, vor Zorn, Haß, Selbstsucht, Neid, Geiz, Habgier, Herrschsucht und Weltwohlleben und Weltliebe bewahren und sodann leicht eingehen in den Gottesgeisteslebenspol; denn die Liebe zu Gott erfüllt eben den ganzen Menschen mit dem Gotteslebensgeiste, und die Nächstenliebe verkörpert und befestigt denselben in der Seele, wodurch sie dann notwendig in allem identisch wird mit Gott Selbst durch den Liebegeist Gottes in ihr.
GEJ|5|230|6|0|Ist sie aber identisch mit Gott, so wird sie auch identisch sein mit dem euch nun bekanntgemachten positiven Lebenspole in Gott und wird herrschen mit Ihm über alle Materie, von der sie nie mehr möglich wird gefangen und verschlungen werden können.
GEJ|5|230|7|0|Wer immer dieses befolgen wird, der wird auch das euch nun klarst Gezeigte ernten und ewig in steter Steigerung behalten. – Nun sage du, Mein lieber Epiphan, wie du dieses verstanden und aufgenommen hast!“
GEJ|5|231|1|1|231. — Die Frage nach der Erlösung der Unwissenden
GEJ|5|231|1|0|Sagt Epiphan: „Großer Herr und Meister! Groß war Dein früheres Wunderwerk zu unserem leiblichen Besten, – aber noch größer ist Deine Weisheit in dieser Deiner uns gegebenen Lehre; denn sie beweist uns Deine Göttlichkeit noch um ein Unvergleichbares intensiver. Mit dem Wunderwerke zeigtest Du uns wohl unverkennbar, daß Du mit der Kraft und Macht Gottes erfüllt sein mußt, ansonst Dir ein solches Werk unmöglich wäre; aber mit dieser Belehrung hast Du uns gezeigt, daß Du unmittelbar Selbst Derjenige bist, dessen Gedanken und Ideen den gewissen, gerichteten, festen Gegenpol bilden!
GEJ|5|231|2|0|Ich und sicher auch Aziona und Hiram haben das nun ganz wohl begriffen, was Du, o Herr, uns über unsere gewiß sehr wichtige Frage gesagt hast, und sehen nun ein, wie sich die Sache verhält und eigentlich nie möglich anders verhalten kann. Aber eben dieser Punkt zieht eine andere für die gesamte Menschheit dieser Erde wichtige Frage nach sich.
GEJ|5|231|3|0|Siehe, großer Herr und Meister! Wir wissen nun, was der Mensch zu tun hat, um nicht von Deinem Gegenpole der Seele nach verschlungen zu werden, was gewiß ein höchst trauriges Los für jeden ist, der sich davon nicht hat retten können. Wir wissen durch Deine Gnade und übergroße Güte den rechten Weg und werden solchen ganz gewiß und sicher wandeln. Aber was geschieht mit all den andern, zahllos vielen Menschen, die diese große Erde bewohnen? Diese wissen nichts von dem, was Du uns nun enthüllt hast! Wie zahllos viele sind schon seit dem Beginne der Menschen auf dieser Erde vor uns hinübergewandelt, und welche zahllosen Mengen werden erst nach uns hinüberwandeln!
GEJ|5|231|4|0|Die vor uns waren, haben von dieser Lehre sicher nichts gewußt und lebten nach ihren materiellen Gelüsten. Was anders wohl kann ihr jenseitiges Los sein als die traurige Gefangennehmung von seiten Deines Gegenpols? Wer wird, wer kann sie daraus erlösen, und wann? Was zählen etwa im Ganzen die etlichen Menschen, die, weil sie schon ursprünglich geistiger waren, sich auch leichter dem rein Geistigen zugewandt haben und darum nach der leidigen Ablegung dieses materiellen Leibes ganz leicht und unaufgehalten in Deinen Hauptpol übergegangen sind? Wenn ich nach den Büchern, in denen die frommen und rein geistig großen Menschen verzeichnet stehen, auch alle zusammenzähle, so erreiche ich vielleicht kaum die Summe hunderttausend! Was ist aber das gegen die Unzahl derer, die alle von dem Gegenpole für undenkbar lange Zeiten verschlungen worden sind? Da frage ich denn doch jeden nur einigermaßen vernünftigen und verständigen Menschen, ob es für die Unglücklichen nicht besser wäre, nie geboren worden zu sein?
GEJ|5|231|5|0|Ebenso wird es auch mit denen sein, die vielleicht noch eine halbe Ewigkeit nach uns das Licht der Welt erblicken werden. Sie werden wohl auch irgend schon ganz verworrene Begriffe von dieser Deiner Lehre zu Gesichte bekommen; wer aber wird sie so, wie Du Selbst nun uns, darüber des nähern klar belehren? Ist aber eine solche außerordentliche Lehre nicht in der lichtesten Klarheit gegeben, so wird sie auch schwer von jemandem mit einem lebendigen Eifer zur Handelnsrichtschnur genommen werden, und die Materie wird so wie bisher stets den größten Sieg davontragen.
GEJ|5|231|6|0|Deine gegenwärtige größte Lehre an uns ist zwar übergroß und heilig; aber diese Lücke ist an ihr unvermeidbar da, die ich eben durch Deine gütige Beantwortung dieser meiner sicher ganz gewichtigen Frage für mein Gemüt möchte ergänzt haben! So es Dein guter und heiliger Wille ist, da gib uns auch darüber einen rechten Aufschluß!“
GEJ|5|232|1|1|232. — Jenseitsführung und Wiederverkörperung
GEJ|5|232|1|0|Sage Ich: „Wenn die Sache mit den fremden Nationen und Völkern sich gerade also verhielte, wie du in deiner Frage sie aufgestellt hast, so wäre es wahrlich etwas traurig aussehend um das Seelenheil der Menschen auf Erden; aber da sieht es denn doch noch ein bißchen anders aus, und somit ist jedem Menschen die Gelegenheit gegeben, sich, welch eines Glaubens auch immer seiend, mehr dem Geistigen als dem Materiellen zuzuwenden. Ist das der Fall, so kann eine Seele jenseits schon nicht mehr so ganz vom materiellen Pole angezogen werden, sondern bleibt mit ihrem immer vollkommen freien Willen in einer Art Schwebe, in der sie weder dem einen noch dem andern Pole angehört. Ich bezeichne diesen Zustand der Seelen als ein Mittelreich, in welchem die Seelen von den schon vollendeten Geistern geleitet und zuallermeist dem bessern Pole zugeführt werden.
GEJ|5|232|2|0|Freilich geht die Sache der vollen Umkehr etwas langsam vor sich; aber es macht das immerhin nichts, weil von einem gänzlichen Verlorengehen einer Seele ohnehin nie eine Rede sein kann. Und sollte sie auch vollends einer zu großen Verstocktheit halber von dem vollen Gegenpole verschlungen werden – was freilich wohl sehr schlimm wäre –, so wird sie nach einem Kreislauf der Zeiten es sich denn wieder gefallen lassen müssen, entweder auf dieser Erde oder auch auf einer andern, deren es im endlosen Raume zahllose gibt, eine abermalige Fleischlebensprobe durchzumachen, ohne zu wissen und auch nur zu ahnen, daß sie schon einmal eine Fleischlebensprobe durchgemacht hat. Es wäre ihr eine solche Wissenschaft auch zu nichts nütze, weil sie dadurch als notwendig sinnlich sogleich wieder in ihr Urübel fiele und dadurch eine zweite Lebensprobe eine rein vergebliche und vereitelte wäre. Um das leichter einzusehen, gebe Ich euch ein Beispiel:
GEJ|5|232|3|0|Es wäre vor etwa zweitausend Jahren irgendein höchst herrschsüchtiger und grausamer König gewesen, der vor lauter Mordlust Tausende von Menschen auf die grausamste Weise hatte hinrichten lassen und auch sonst allen möglichen Lastern gefrönt hatte. Wohin dessen Seele nach dem Leibestode gekommen ist, das wird leicht zu erraten sein!
GEJ|5|232|4|0|Wie Ich euch aber schon früher gezeigt habe, so kann solch eine Seele dort nirgends anderswohin gelangen als nur zu ihresgleichen. Wie es ihr nach kurzer Zeit da ergehen kann, wo ihre Gesellschaft auch geradeso beschaffen ist wie sie selbst und mit der Weile noch um etwas ärger, weil durch einen gewissen Zeitraum hin sich ihr Zorn und ihre Rachewut stets steigert, das kann sich ein jeder von euch leicht vorstellen; denn alles hat seine Grenzen noch bei den materiellen Seelen, nur der Hochmut und die Herrschsucht nicht, was schon so mancher König in der Vorzeit bei Lebzeiten nur zu klar an den Tag gelegt hat, da er sich seinem Volke als ein Gott vorstellte und vom selben verlangte, ihn als den allein wahren Gott anzubeten und ihn mit allerlei Opfern, die er verlangte, allerhöchst zu verehren. Die bekannte Geschichte des einstigen Königs Nebukadnezar von Babylon zeigt das nur zu klar.
GEJ|5|232|5|0|Das aber geschieht dort in einem noch um vieles höheren Grade. Eine jede solche Seele offeriert sich der andern alsbald als den allerhöchsten und allmächtigen Gott, nimmt dabei gleich eine furchtbar gebietende Stellung an und verlangt gleich gar alles von den andern gleichgesinnten und gleichbeschaffenen Seelen.
GEJ|5|232|6|0|Mit welch einer Wut da die anderen gleichen Seelen, die schon längere Zeit sich aus demselben Grunde untereinander zerzaust haben, über so eine anmaßende Seele herfallen und sie die fürchterlichsten Proben ablegen lassen, davon könnet ihr euch freilich keinen Begriff machen; aber so eine überdumme Seele läßt sich sogar eine Zeitlang auch noch alle erdenklichen Martern und Qualen gefallen, weil sie in der blinden Meinung ist, daß sie nach allen überstandenen wahren Höllenproben von den andern als ein Gott und Herrscher über alles anerkannt und angenommen werde.
GEJ|5|232|7|0|Aber da sie mit der Länge der Zeiten, die darüber hinwegstreichen, denn doch einzusehen anfängt, daß sie nur die Gefoppte war, so ergrimmt sie vor Zorn und Wut über ihre Peiniger, und da gibt es dann Kampf und Feuer im höchsten Übermaße, und diese Seelen lösen sich in solchem Zornfeuer dann ordentlich auf, ja, sie würden sich am Ende ganz vernichten, wenn so etwas möglich wäre!
GEJ|5|232|8|0|Aber es hat ein solcher zugelassener Sturm, so gräßlich er auch tobt, immer darin sein Gutes, daß er in solchen Seelen einen großen Teil der schädlichsten Materie zerstört und somit die Seele um etwas reiner macht. Nach vielen ähnlichen Stürmen wird hie und da so manche Seele nüchterner und sucht sich von solch einer tumultuarischen Gesellschaft loszumachen und sucht sich einen Ausweg; – und da wird es dann gewöhnlich zugelassen, daß sie zu einer bessern Gesellschaft kommt, oder sie wird wieder in ein Fleisch eingezeugt.
GEJ|5|232|9|0|Und nun sind wir wieder bei unserem Beispielskönige, dessen Seele so einen Weg durchgemacht hat, den Ich euch nun so in aller Kürze genau beschrieben habe. Die in diese Welt zurückgekehrte Seele eines einstigen Vorzeitkönigs, der etwa im äußersten Hinterasien sein arges Wesen trieb, kommt nun in einem ganz andern Weltteile auf dem gewöhnlichen Fleischeswege in eines Kindes Leibe zur Welt, natürlich geboren aus irgendeinem armen Weibe. Da ist eine solche Seele dann wieder ganz Kind und weiß von ihrem Vorzustande nicht das mindeste, und es wäre hoch gefehlt, so sie nur die leiseste Erinnerung daran hätte.
GEJ|5|232|10|0|Das Kind, wieder wie zuvor des männlichen Geschlechts, wächst nun in der Armut zum Manne heran und wird mit dürftiger Erziehung und anderer Ausbildung ein ganz ehrlicher und tüchtiger Tagelöhner in was immer für einer Haus- oder Landarbeit, erkennt Gott und betet zu Ihm und dankt Ihm für das tägliche Brot. Er findet am Ende eine rechte Lust, den anderen Menschen um einen kargen Lohn zu dienen und nützlich zu sein. Am Ende wird unser Arbeiter alt, schwach, mühselig und krank und stirbt wie alle Menschen auf Erden.
GEJ|5|232|11|0|Was geschieht nun mit seiner Seele? Sie kommt jenseits eben wieder zu den recht guten, arbeitsamen und tätigen Seelen und hat ihre Freude, recht niedrig zu stehen und allen nach Bedarf zu dienen. Solch eine gute Richtung ihres Gemütes bewirkt die baldige Erweckung ihres Geistes aus Gott, der ihr jenseitiges Alter ego (zweites Ich) ist.
GEJ|5|232|12|0|Ist das einmal der sichere Fall, so wird die volle Vereinigung mit ihm auch nicht lange auf sich warten lassen. Ist diese erfolgt, so kehrt in solch einer Seele erst das volle Bewußtsein wieder zurück und mit ihm die klare Erinnerung an alle ihre Vorzustände, und sie lobt da Gottes Weisheit, Macht und Liebe, die sie sogar aus den jammervollsten Zuständen wieder zum wahren ewigen Leben zurückgeführt hat.
GEJ|5|232|13|0|Aus dem aber könnet ihr nun zur Genüge klar entnehmen, wie Gott auf Seinen für keinen Sterblichen erforschbaren Wegen jede euch noch so verworfen dünkende Seele zum wahren Leben und Lichte zu führen vermag.“
GEJ|5|233|1|1|Jesus in der Gegend von Kapernaum Ev. Matth. Kap. 17
GEJ|5|233|1|1|233. — Das Vergehen und Entstehen der materiellen Schöpfungen
GEJ|5|233|1|0|(Der Herr:) „Gott, als in Sich Selbst die reinste Liebe, kann nicht anders denn Seine Gedanken und Ideen lieben, wenn sie auch Seinen Gegenpol als Geschöpfe ausmachen. Und so kann selbst ein Stein nicht ewig Stein verbleiben, und in für euch undenkbar vielen Jahren wird auch diese Erde, wie auch alle die zahllosen anderen Sterne, sehr veralten und mürbe werden wie ein altes Kleid. Und es wird da alles umgestaltet werden in Gott verwandtes, selbständiges Geistiges, dafür aber werden wieder hervorgehen neue materielle Schöpfungen und werden, jegliches in seiner Art, fortgeführt und fortgebildet werden.
GEJ|5|233|2|0|Aber freilich wird dazu noch eine überaus lange Zeit von mehr denn äonenmal Äonen von Erdjahren erforderlich sein. Es ist aber das nicht also zu verstehen, als würde einmal diese gegenwärtige Schöpfung urplötzlich aufhören und dafür eine ganz neue ins Dasein gerufen werden, sondern das geschieht nur teilweise, so wie da in einem Urwalde zwar die alten Bäume aussterben, verfaulen und am Ende ganz zu Wasser, Luft und Äther werden, also in ein anderes, geistigeres Sein übergehen, aber an ihrer Stelle stets wieder eine Menge anderer Bäume dem Boden entwachsen. Wie aber der Geist Gottes wirkt im Kleinen, ebenso wirkt er im Großen, wenn man Gott gegenüber überhaupt etwas ,groß‘ nennen kann.
GEJ|5|233|3|0|Nun habe Ich euch alles klar gezeigt, ohne Mich dabei einer Bildersprache bedient zu haben, wie solches die alten Weisen getan haben. Aber Ich habe das nun auch nur euch gezeigt, weil ihr dazu die nötige Fassungskraft besitzt; der andern Weltmenschheit aber brauchet ihr das nicht wiederzugeben, sondern nur, daß sie glaube an Meinen Namen und die Gebote Gottes halte, die da sind wahrhafte Gebote der Liebe. Alles andere wird dem bekehrten Menschen schon ohnehin sein eigener geweckter Geist, der aus Gott ist, nach Bedarf der Seele offenbaren. Die Kinder dürfen nur mit Milch gesättigt werden; wenn sie einmal männlich und stark sind, dann werden sie auch festere Speisen verdauen können.
GEJ|5|233|4|0|Denket nun über alles das in euren Herzen nach, und sollte euch noch irgend etwas unklar sein, so bleibe Ich nun noch bei fünf Tage als Gast bei euch, und ihr könnet Mich oder auch einen Meiner Jünger darum fragen, und es soll euch Licht werden! Ich aber werde euch von jetzt an keine neue Lehre mehr geben, da Ich euch ohnehin alles gezeigt und gelehrt habe; aber als euer Freund werde Ich Mich noch bei fünf Tage, wie Ich schon gesagt habe, bei euch aufhalten und euch gelegentlich noch so manches irdisch Gute und Nützliche zeigen. Jetzt aber gehen wir besichtigen alle die neuen Anlagen und Fruchtgärten, Äcker, Wiesen und Haustiere!“
GEJ|5|233|5|0|Alle dankten Mir aus ganzem Herzen für diese Lehre, erhoben sich und zogen mit Mir zu den Nachbarn. Als sich diese drei neuen Jünger von allem überzeugt hatten, was da alles geschehen war, konnten sie sich nicht genug erstaunen und belehrten ihre Nachbarn über Mich und über den hohen und heiligen Zweck Meiner Dahinkunft, und die Nachbarn glaubten nun ganz ohne irgendeine Einwendung ihren Worten und wurden voll Freude darüber.
GEJ|5|233|6|0|Ich Selbst aber belehrte sie über den Gebrauch der vielen Dinge und Sachen, die sie nun hatten, und machte sie dadurch zu recht tüchtigen Landleuten, was sie früher nicht waren. Daß sie alle auch darüber eine große Freude hatten, versteht sich von selbst. Und so wurden die bewußten, noch übrigen fünf Tage in diesem Orte zugebracht.
GEJ|5|234|1|1|234. — Die Verklärung des Herrn auf dem Berge Tabor. Ev. Matth. 17, 1-2
GEJ|5|234|1|0|Am sechsten, eigentlich aber am siebenten Tage sagte Ich zu den Jüngern: „Wir haben nun sechs Tage ehrlich gearbeitet und haben eine gute Ernte gemacht auch in dieser Wüste. Nun aber ist es an der Zeit, daß wir uns wieder weiterbegeben; denn anderorts gibt es noch eine Menge brachliegender Felder und Wüsten, die wir bebauen, segnen und fruchtbar machen wollen.
GEJ|5|234|2|0|Aber bevor wir von hier noch weiterziehen werden, sollet ihr etliche hier verharren, bis Ich mit Petrus, Johannes und Jakobus von diesem hohen Berge, an dessen Fuße wir nun stehen, und den Ich sogleich mit den benannten dreien besteigen werde, wieder hierher zu euch zurückkommen werde!“
GEJ|5|234|3|0|Es fragten Mich aber die, die da zurückzubleiben hatten, warum denn sie nicht auch mit auf den Berg dürften.
GEJ|5|234|4|0|Und Ich sagte: „Weil Ich es nun also haben will!“
GEJ|5|234|5|0|Da wurden sie stille, und niemand getraute sich, Mich irgend um etwas weiter zu fragen.
GEJ|5|234|6|0|Aziona nur sagte so für sich hin: „Der höchste Berg hier ist dieser da, der gerade vor uns liegt; aber er ist seiner steilen Wände wegen unsäglich schwer zu besteigen!“
GEJ|5|234|7|0|Sagte Ich: „Glaube es Mir, daß für Mich kein Berg zu steil ist, und keiner je zu hoch! In wenigen Stunden kommen wir wieder hierher, und du halte ein Mittagsmahl in Bereitschaft!“
GEJ|5|234|8|0|Darauf nahm Ich die drei bewußten Jünger zu Mir, und wir machten uns auf den Weg. (Matth.17,1) Auf einer Seite war der Berg gut zu besteigen, und wir erreichten die höchste Spitze in etlichen Stunden; der Berg aber könnte vermöge seiner Höhe von gewöhnlichen Bergsteigern erst in zwölf bis dreizehn Stunden erstiegen werden, und es war daher auch diese unsere Bergbesteigung eine Art Wunder.
GEJ|5|234|9|0|Nun waren wir auf der höchsten Kuppe, von der aus man beinahe ganz Galiläa, Judäa und Palästina übersehen konnte, auch einen Teil des wirklichen, großen Meeres. Als so die drei Jünger vor lauter Entzückung über die großartigst herrliche Aussicht ordentlich verklärt wurden und Mir von ganzer Seele für den so großartigst herrlichen Genuß dankten, da wurde denn auch Ich derart verklärt, daß darob Mein Angesicht leuchtete gleich wie die Sonne und Meine Kleider so lichtweiß wurden wie ein von der Sonne beleuchteter frischgefallener Schnee. (Matth.17,2) Da wurden die drei Jünger ganz verblüfft und konnten kaum reden vor lauter Staunen.
GEJ|5|234|10|0|Nach einer Weile erst ermannte sich Petrus und sagte: „Herr, sind wir nun schon im Himmel oder bloß nur im Paradiese? Es kommt mir ja gerade also vor, als vernähme ich ganz leise lispelnde Engelsstimmen um mich herum!“
GEJ|5|234|11|0|Sagte Ich: „Weder im Himmel noch im Paradiese IN SPECIE (insonderheit), sondern ganz einfach und natürlich auf der Erde! Aber indem wir sowohl den Himmel als auch das Paradies durch die Kraft des Wortes Gottes in uns haben, so es da in sich fasset Wahres und Gutes, da sind wir der Tat nach auch im Himmel und im Paradiese zugleich. Das ist es aber auch, was euer Gemüt verklärt, und dieweil ihr in eurem Gemüte verklärt seid vor Mir, so wurde auch sogar Ich nach außen vor euren Augen verklärt, auf daß ihr in der Tat gewahret, daß ihr im Paradiese und im Himmel zugleich seid, indem euer Inneres voll ist des Glaubenswahren und daraus des Liebeguten; denn nur das ist der rechte Himmel und das wahre Paradies, daß ihr an Mich glaubet und das tuet, was Ich euch lehre, und endlich in der Tat Mich aus vollstem Herzen liebet und also das wahre Reich Gottes in euch selbst habt, ohne das es aber sonst irgend örtlich auch nirgends eines gibt. Ist es aber einmal in euch, dann ist es auch örtlich überall durch die ganze Unendlichkeit, und wo ihr da sein möget örtlich, ob hier auf dieser Erde oder im Monde oder auf einem der vielen Sterne, die pur Weltkörper sind, so seid ihr von euren seligen Brüdern umgeben, wenn ihr sie eures Leibes wegen auch nicht sehen könnet mit euren fleischlichen Augen.“
GEJ|5|235|1|1|235. — Der Herr im Gespräch mit Moses und Elias. Ev. Matth. 17,3
GEJ|5|235|1|0|Sagte Petrus: „Herr, es soll irgend in der Schrift heißen: ,Die Seelen der verstorbenen Menschen aber werden in aller Ruhe im Schoße der Erde aufbewahrt bis zum Jüngsten Tage, allwann sie dann wieder von ihrer langen Ruhe erweckt werden durch die mächtigen Posaunen der Engel. Da werden die Guten auferstehen zum ewigen Leben im Himmelreiche Gottes, die Bösen aber werden verstoßen auf ewig ins Reich der Hölle und fortan gepeinigt werden von den Teufeln.‘“
GEJ|5|235|2|0|Sagte Ich: „Wie diese Prophetenrede zu verstehen ist und alle ihresgleichen, habe Ich euch schon so oftmals erklärt, daß es nun höchst überflüssig wäre, euch darüber noch weitere Erklärungen zu geben. Um euch aber tatsächlich von solcher eurer höchst irrigen Ansicht zu heilen, so werde Ich euch nun euer inneres Seelenauge erschließen, und ihr werdet da selbst sehen, wie es mit der gewissen Ruhe der Seelen schon lange verstorbener Väter aussieht, und was der Schoß der Erde für ein Gesicht hat!“
GEJ|5|235|3|0|Darauf sagte Ich laut: „Epheta!“, das heißt, „Tue dich auf!“
GEJ|5|235|4|0|Und siehe, da erschienen zwei Propheten, Moses und Elias, und redeten klar mit Mir von dem, was sich in ein paar Jahren mit Mir zutragen werde, und ob solches nicht abgeändert werden könnte. (Matth.17,3) Ich aber beteuerte ihnen, daß Ich unmöglich etwas anderes tun könne als das nur, was der Vater, der in Mir ist und wohnt, will.
GEJ|5|235|5|0|Da verneigten sich tief die beiden Propheten und sagten wie mit einer Stimme: „O Herr, Dein Wille ist allein heilig und geschehe allzeit und ewig wie bei uns in den Himmeln also auch bei allen Menschen und Geistern auf Erden! Wir beide waren zu unseren Erdenlebenszeiten groß und angesehen um Deines Namens willen; doch wollten wir lieber nun mit Dir auf Erden sein, was diese drei und noch die andern, die nicht hier weilen, sind, obwohl sie jetzt und noch langehin um Deines Namens willen verachtet und verfolgt werden!“
GEJ|5|235|6|0|Sagte Ich zu Elias: „Du warst in jüngster Zeit doch auch mit Mir auf der Erde, – hat dir des Herodes Werk an deinem Fleische wohlgetan?“
GEJ|5|235|7|0|Sagte Elias: „Auf Erden nicht, aber um so wohler hier, und ich möchte trotz aller der größten Seligkeit, die nun für ewig mein Teil ist, Dir zulieb noch hundertmal den Fleischesweg durchwandeln, so elend und dornig er auch ist!“
GEJ|5|235|8|0|Hier übermannte die Jünger ein mächtiger Schlaf, daß sie zu Boden sanken und auf eine kurze Zeit ganz fest einschliefen.
GEJ|5|235|9|0|Ich aber redete mit den beiden Propheten und sagte zu Elias: „Am Ende der Zeiten dieser Erde wirst du wohl noch einmal im Fleische zu den Menschen der Erde gesandt werden, aber nicht mehr mit verdeckter innerer Geistessehe, sondern also und noch heller denn die beiden früheren Male unter den Namen ,Sehel‘ und später ,Elias‘, und der Bruder Moisez (Moses) wird dich geleiten, aber pur im Geiste; denn sein Fleisch bleibt bis ans Ende der Zeit ein Eigentum der Erde.
GEJ|5|235|10|0|Aber dann wird alles Fleisch dieser Erde ins Geistige umgewandelt werden; du wirst dessen aber nimmer bedürfen, indem Ich dir ohnehin einen neuen Leib gab für ewig. Wache Mir aber wohl über die Kinder Israels, bis Ich heimkehren werde in Kürze, so Mein größtes Werk vollendet sein wird! Alsdann auch werde Ich dir geben einen festen Stuhl in Meinem neuen Reiche. Denn siehe, es ist nun die Zeit da, die Ich dir dereinst auf Erden gezeigt habe, da Ich alles neu schaffe: zuerst Meine Geisterwelten, und später einmal wird dasselbe auch mit der Materie geschehen, bis sie den rechten Grad der Vollgärung erlangt haben wird! – Nun aber lasset uns die drei wieder vom Schlafe erwecken!“
GEJ|5|236|1|1|236. — Die drei Jünger im Verkehr mit den Jenseitigen. Der Geist Gottes im Menschen als Führer in alle Wahrheit. Ev. Matth. 17, 4-9
GEJ|5|236|1|0|Hier wurden die drei wieder wach, erhoben sich vom Boden und ersahen Mich, Moses und Elias ohne Lichtglanz, was ihnen ganz angenehm war, da sie vom früheren zu starken Lichte überaus mächtig geblendet wurden. Sie erzählten, wie sie in ihrem Traume mit gar vielen Propheten aus der Vorzeit über alle Zustände des jenseitigen Lebens, gerade also wie auf Erden seiend und handelnd, gesprochen hätten und über viele geheime Dinge aufgeklärt worden seien.
GEJ|5|236|2|0|Moses und Elias aber belehrten sie noch weiter über die mannigfachsten Verhältnisse des großen Jenseits.
GEJ|5|236|3|0|Da wurden die drei so entzückt und glücklich, daß Petrus darauf laut ausrief: „Herr, hier ist gut sein! So Du willst, wollen wir hier drei Hütten aufrichten: Dir eine, Moses eine und dem Elias eine!“ (Matth.17,4)
GEJ|5|236|4|0|Und als er noch also von dem Bau der Hütten redete, da überschattete sie plötzlich eine dichte, lichte Wolke, so daß sie nicht eine Spannelang über sich hinaus irgend etwas sehen und wahrnehmen konnten.
GEJ|5|236|5|0|Und siehe, eine Stimme sprach aus der Wolke: „Sehet, dies ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Mein Wohlgefallen habe, – diesen sollet ihr hören!“ (Matth.17,5)
GEJ|5|236|6|0|Da das die drei hörten gleich dem mächtigen Rollen eines starken Donners, erschraken sie gewaltig und fielen darob auf ihr Angesicht. (Matth.17,6)
GEJ|5|236|7|0|Ich aber trat alsbald zu ihnen hin, rührte sie an und sagte zu ihnen: „Stehet auf und fürchtet euch nicht!“ (Matth.17,7)
GEJ|5|236|8|0|Als sie darauf ihre Augen vom Boden erhoben, sahen sie niemanden mehr denn nur Mich allein und fingen an, sich stark zu wundern über alles das Gesehene und Geschehene. (Matth.17,8) Die drei aber wollten Mich nun noch um so manches fragen, und namentlich um die Bedeutung alles dessen, was sie in ihrem Traum gesehen hatten.
GEJ|5|236|9|0|Aber Ich sagte: „Das alles wird euch euer Geist, der eigentlich Mein Geist in euch ist, in eurer Seele selbst offenbaren, und ihr werdet es sodann lebendig in euch haben; denn erkläre Ich es euch jetzt, so werdet ihr das Erklärte in euer Wissen aufnehmen und dann glauben, daß es also sei, weil Ich es euch eben also erklärt habe. Aber da seid ihr noch lange nicht in der vollen Wahrheit, und das darum, weil das Erklärte nicht euer Eigentum ist, sondern nur Dessen, der es euch erklärt hat aus Seinem lebendigen Schatze; aber wenn euer Geist es euch in eurer Seele offenbart, dann ist die Offenbarung euer Eigentum, und ihr seid also dann erst in der vollen Wahrheit.
GEJ|5|236|10|0|Der Geist aber, von dem Ich sage, daß er euer Geist sei, ist eben auch Mein Geist in euch und weiß um alle Dinge und Verhältnisse gleichwie Ich Selbst und kann euch in alle Weisheit leiten. Aber jetzt ist er in euch noch nicht wach und vollwirkend, das heißt, er ist zwar für sich wohl wach und wirkend, aber sein Wachsein und Wirken ist für euch, wennschon für euch, noch wie etwas Fremdes und euch nicht Angehöriges, weil eure Seele noch nicht rein genug ist, um sich mit Meinem Geiste völlig zu einen.
GEJ|5|236|11|0|Aber so Ich nach Meinem euch schon bekanntgegebenen Leiden werde aufgefahren sein in Meine Himmel, so werde Ich erst den heiligen Geist aller Wahrheit über eure Seelen ausgießen und sie mit ihm vereinen. Dieser Geist, der dann in euch mit euch völlig eins sein wird für ewig, wird euch dann in alle Wahrheit und Weisheit leiten.
GEJ|5|236|12|0|Von diesem hier gehabten Gesichte aber saget vor Meiner euch bekanntgegebenen Auffahrt niemandem etwas, wie auch nichts, was Ich gewirkt habe bei Cäsarea Philippi und hier unten bei diesen Fischern! – Und nun begeben wir uns wieder vom Berge hinab ins Dorf unserer Fischer!“
GEJ|5|236|13|0|Und wir traten den Rückweg an, und auf dem Wege warnte Ich auch die drei, daß sie von dem Gesichte auch den andern Brüdern nichts mitteilen sollten bis zur bestimmten Zeit, das ist, bis nach Meiner Auferstehung und Auffahrt. (Matth.17,9)
GEJ|5|237|1|1|237. — Johannes des Täufers Inkarnationen. Ev. Matth. 17, 10-13
GEJ|5|237|1|0|Petrus aber trat zu Mir, als wir noch auf dem Wege vom Berge herab waren, und fragte Mich, was das zu bedeuten habe, so die Schriftgelehrten sagen, es müsse vor der Ankunft des Messias der Elias kommen und alles zurechtbringen und also bereiten dem Herrn die Wege. (Matth.17,10)
GEJ|5|237|2|0|Darauf sagte Ich zu Petrus: „Da haben die Schriftgelehrten recht, und du nun auch mit deiner Frage! Elias sollte wohl zuvor kommen und alles zurechtbringen (Matth.17,11), doch sage Ich euch: Elias ist schon dagewesen, aber sie haben ihn ebensowenig erkannt wie nun Mich und haben an ihm getan, was sie wollten. Geradealso werden sie auch an Mir, dem Menschensohne, tun, wie Ich es euch schon zum voraus mehrere Male kundtat. (Matth.17,12) Ich sage es euch: Diese ganz verkehrte Art wird nicht eher ruhen, als bis sie erreicht hat das Ziel ihrer Rache und dadurch dann aber auch ihr Gericht!
GEJ|5|237|3|0|Johannes, in dem Elias Geist wohnte, tat Zeichen, lehrte und taufte und bereitete also das Volk für Mich vor. Was geschah ihm dafür? –
GEJ|5|237|4|0|Ich Selbst lehre nun eine reinste Lebenslehre und wirke Zeichen, die auf dieser Erde noch nie gewirkt worden sind und hinfort auch nicht mehr gewirkt werden in solcher Größe und Ausdehnung; darum haben sie noch um so mehr Zorn und Rache über Mich und werden mit Zulassung von oben an Mir das tun, was Ich euch schon voraus angedeutet habe.
GEJ|5|237|5|0|Es regt sich in eurer Brust freilich stets die alte Frage von neuem, warum Ich Selbst über Mich von den Menschen so etwas kommen lasse. Aber auch darüber seid ihr schon mehr denn zur Genüge belehrt worden, und so lasset uns nun hinabziehen ins Tal zu den Unsrigen!“
GEJ|5|237|6|0|Als Ich diese Rede beendet hatte, da erst ersahen die drei, daß Johannes der Täufer eigentlich der Elias war. (Matth.17,13)
GEJ|5|237|7|0|Als wir aber noch also fortgingen ins Tal hinab, da fragte Mich abermals Petrus und sagte: „Herr, aber es ist doch etwas Sonderbares mit dem Elias! Er war also vollernstlich schon dreimal auf dieser Erde und allzeit – sage – im Fleische?
GEJ|5|237|8|0|Die ersten zwei Male, als Sehel und später als Elias, ist er nicht gestorben, sondern nur gleich mit dem höchst sicher ganz verklärten Leibe in die Himmel aufgefahren, obwohl er ebenalso wie das letzte Mal aus einem Weibe ist zur Welt geboren worden; dies letzte Mal aber mußte er wirklich entleibt werden. Was ist mit seinen früheren zwei Leibern geschehen, und was wird nun mit diesem geschehen? Wird er in Deinem Himmelreiche, wenn alles vollendet sein wird, mit drei Leibern einhergehen? Denn es heißt ja, daß am Jüngsten Tage auch die Leiber auferstehen werden und wieder mit ihren Seelen vereinigt werden! Wie sollen wir das verstehen?“
GEJ|5|237|9|0|Sagte Ich: „Was die Auferstehung des Fleisches und was der Jüngste Tag besagt, habe Ich schon zu Cäsarea Philippi und da unten im Dorfe mehr denn zur vollsten Anschauung erläutert. Hast du dir denn nicht Meine Reden gemerkt? Wie soll Ich dir eines und dasselbe wiederholen? Du aber weißt wohl etwas davon, doch ohne Zusammenhang, und daran schuldet dein noch sehr starkes Judentum, daß du trotz aller Meiner vielen Erklärungen in deiner alten, verschrobenen Phantasie noch immer alles wörtlich nimmst!
GEJ|5|237|10|0|Nimm die rechte Ansicht an und werde in diesem Meinem wahrhaft reinsten Lichte verständig, so wirst du nicht mehr um derlei Dinge fragen, die dir vor jedem andern schon lange verständlich sein sollten!
GEJ|5|237|11|0|Ist denn nicht ein Tag, in welchem ein Kind zur Welt geboren wird, dessen jüngster Tag? Oder ist nicht selbst ein jeder Tag, den du erlebst, ein jüngster, und dagegen dein Geburtstag, der dir einst ein jüngster war, nun dein ältester?
GEJ|5|237|12|0|Das Fleisch, aus dem nun dein Leib besteht, das wird verwesen, übergehen in Würmer und Pflanzen und in deren Seelen, und es werden aus ihm ganz fremde Wesen, die dann ewig mit deiner Seele und mit deinem Geiste nichts mehr zu tun haben werden. Verstehe! Der jüngste Tag für deine Seele wird aber nach dem dir nun Erklärten offenbar der sein, an dem du aus deinem Leibe wirst genommen werden.“
GEJ|5|238|1|1|238. — Die Auferstehung des Fleisches
GEJ|5|238|1|0|(Der Herr:) „Unter der Auferstehung des Fleisches aber verstehe du die guten Werke der wahren Nächstenliebe! Diese werden sein das Fleisch der Seele und sogleich mit ihr an ihrem geistweltlich jüngsten Tage nach dem wahren Posaunenrufe dieser Meiner Lehre zum ewigen Leben als gediegener ätherischer Leib auferstehen. Ob du hundert Male auf der Erde getragen hättest einen Leib, so wirst du jenseits aber nur einen Leib, und zwar nur den bezeichneten haben. – Hast du das nun verstanden?“
GEJ|5|238|2|0|Sagte Petrus: „Ja, Herr und Meister, das ist mir nun klarer denn je! Aber ich kann mich noch eines Textes aus einem Propheten erinnern, der da etwa also lautet: ,In deinem Fleische wirst du dereinst deinen Gott schauen; darum halte es rein und verunreinige es nicht durch allerlei Sünde! Mit einem sündigen Fleische wirst du Gottes Angesicht nimmer schauen!‘ So ungefähr lautet der Text, und es ist für den Menschenverstand da schwer, etwas anderes herauszufinden. Wie soll man denn hernach das im wahren Sinne nehmen?“
GEJ|5|238|3|0|Sagte Ich: „So wie das Frühere! ,In deinem Fleische wirst du Gott schauen‘ heißt soviel als: In deinen guten Werken nach dem wohlerkannten Willen Gottes wirst du deinen Gott schauen, weil nur die Werke es sind, die die Seele mit ihrem Leibe, der ihr bloß zu einem Werkzeuge gegeben ist, ausübt, und die einer Seele entweder den Adel vor Gott oder auch das Gegenteil geben. Reine Werke geben das Reine, unreine das Unreine. Das reine Denken nach der reinen Wissenschaft und das auch sonst keusche und reine Sich-Verhalten allein ohne Werke der Nächstenliebe oder mit zuwenig derselben verschafft einer Seele noch lange keinen geistigen Leib und somit auch keine Anschauung Gottes.
GEJ|5|238|4|0|Denn wessen Seele noch in so lange hin derart blind ist, daß sie nicht einsieht, daß nicht das pure Wissen allein, sondern nur vor allem die Werke nach dem reinen Wissen und Glauben der Seele die wahre Lebensfestigkeit geben, der ist noch sehr armselig daran und gleicht einem Menschen, der ganz gut ein Haus aufzubauen versteht und auch des besten Baumaterials in großer Menge besitzt, aber sich nicht dazu entschließen kann, seine Hände ans Werk zu legen. Saget, wird der wohl einmal ein Haus besitzen und sich, so da kommen Stürme und der Winter, darin verbergen und schützen können vor der wilden Elemente entfesselter Gewalt?
GEJ|5|238|5|0|Was nützet dir im Sturme das allerbegründetste Wissen und Kennen darin, daß die wohlgebauten Wände eines Hauses den Stürmen Trotz bieten können, demzufolge der im Hause Wohnende vor ihrer Macht völlig sicher ist, so du kein Haus besitzest und auf deiner Wanderung über die noch starke Wüste deines Lebens auch kein fremdes mehr irgend erreichen kannst?
GEJ|5|238|6|0|Ja, Meine Lieben, das noch so reine Wissen und Glauben hat keine festen Wände, die euch schützeten zur Zeit der Stürme; wohl aber sind und haben das die Werke der wahren Nächstenliebe. Sie sind der wahre, bleibende Leib der Seele, ihr Wohnhaus, ihr Land und ihre rechte Welt. Dieses merket euch wohl, nicht allein euretwegen, sondern auch vor allem deretwegen, denen ihr das Evangelium predigen werdet nach Mir! So sie einmal wissen und glauben werden das Wort des Heils, so ermahnet sie, zu tun die wahren Werke der von Mir so oft gebotenen Nächstenliebe!
GEJ|5|238|7|0|Denn wahrlich sage Ich euch: So da jemand sagt, er liebe Gott über alles, dabei aber nicht achtet der Not seines armen Bruders, der wird Gott nimmer in seinem Fleische schauen! Denn die Pharisäer und Schriftgelehrten sagen es auch, daß sie Gott dienen im reinsten Maße und Sinne und durch ihre Gebete und Opfer in einem fort die sündige Menschheit mit Gott versöhnen; dafür aber ziehen sie das Volk ganz aus, und es ist bei ihnen von keiner Nächstenliebe je eine Rede. Was nützet dann solches? Es nützt weder den Pharisäern noch dem Volke!
GEJ|5|238|8|0|Denn fürs erste hat Gott noch nie irgendeines Menschendienstes bedurft, und noch weniger irgendeines Brandopfers geschlachteter Tiere. Aber das Opfer, das die wahre Nächstenliebe Gott darbringt in guten Liebeswerken, das siehet Er an mit wohlgefälligen Augen, und Sein Lebenssegen wird da auch nicht unterm Wege verbleiben. – Verstehest du, Petrus, nun, was das heißt: ,in seinem Fleische Gott schauen‘?“
GEJ|5|238|9|0|Sagt Petrus: „Ja, Herr, nun bin ich schon völlig im klaren; denn Du, o Herr, hast uns das nun ja doch so klar gezeigt, daß wir es schon ganz ordentlich mit Händen und Füßen begriffen haben. Wir danken Dir darum! – Aber nun sind wir auch schon wieder im Orte; doch anstatt Mittag wird es nun schon nahe Abend sein!“
GEJ|5|238|10|0|Sage Ich: „Das tut nichts! Wir werden etwas Brot und Wein nehmen und uns dann sogleich weiterbegeben! Darum gehen wir das kleine Stückchen Weges nur recht behende!“
GEJ|5|239|1|1|239. — Der Segen der Mäßigkeit. Die Zubereitung des Fleisches unreiner Tiere
GEJ|5|239|1|0|Wir verdoppelten unsere Schritte und erreichten bald Azionas Wohnhaus, allwo die anderen Jünger unser harrten und Aziona, Hiram und Epiphan schon ein gutes Mahl für uns in Bereitschaft hielten, bestehend aus Fischen, Brot und Wein.
GEJ|5|239|2|0|Petrus sagte freilich beiseits zu Mir: „Herr, Du hast unterwegs zu uns nur vom Brot und Wein geredet, und nun sind auch Fische da! Dürfen wir nun auch Fische essen?“
GEJ|5|239|3|0|Aber Ich verwies ihm solch eine echt tempeljüdische, kleinliche Bedenklichkeit und sagte: „Was dir vorgesetzt wird, das iß, und es wird weder deinem Leibe, noch irgend deiner Seele schaden; nur vor der Unmäßigkeit hat sich jedermann, und somit auch ihr, zu hüten.
GEJ|5|239|4|0|Was übers Maß ist, das ist für den Menschen vom Übel. Unmäßigkeit im Essen erzeugt Magenkrankheiten, – Unmäßigkeit im Trinken aber erzeugt neben den Magen- und Brustübeln auch die Geilheit des Fleisches und gebiert die Unzucht aller Art und Gattung.
GEJ|5|239|5|0|Darum seid in allem mäßig und nüchtern, und ihr werdet in einem stets gesunden Leibe auch eine gesunde und heitere Seele haben! Wer aber da Speise für sich und für andere bereitet, der bereite sie frisch und gut, so wird sie ihm nicht schaden! Dies merket euch auch zu dem vielen andern hinzu!“
GEJ|5|239|6|0|Petrus aber fragte noch und sagte: „Herr, sündigen die sonst oft sehr achtbaren Heiden nicht, so sie das Fleisch der unreinen Tiere essen? Denn uns Juden ist es untersagt, und wer es äße, würde eine grobe Sünde gegen das Gesetz Mosis begehen.“
GEJ|5|239|7|0|Sagte Ich: „Im Notfalle kannst auch du als ein strenger Jude aller Tiere Fleisch essen, und es wird dir gut dienen; denn alle Nahrung, die zu nehmen ein Mensch durch die Not gezwungen wird, ist von Mir aus gereinigt, – nur muß er dabei eine noch größere Mäßigkeit beachten!
GEJ|5|239|8|0|Das Fleisch der Schweine ist gut; aber es muß das geschlachtete Tier sehr gut ausbluten, dann bei sieben Tage lang in Salz und Essig mit Thymiankräutl eingeschwert liegen. Darauf nehme man es aus solcher Beize, trockne es mit Linnen gut ab und hänge es dann einige Wochen lang in den Rauch von gutem Holze und Kräutern, bis es völlig hart und ganz trocken wird. So man es dann genießen will, so siede man es zuvor in halb Wasser und halb Wein mit Thymian und Steinwürzlein (Petersilie), und man wird damit ein gutes und gesundes Nährmittel auf dem Tische haben; doch müssen diese Tiere stets im Winter geschlachtet werden.
GEJ|5|239|9|0|Wie da aber mit den Schweinen, so ist auch mit den andern unreinen Tieren zu verfahren, so ihr Fleisch bei mäßigem Genusse dem Menschen nicht schaden soll. Wie aber mit den Landtieren, ebenso auch mit dem verschiedenartigen Gevögel der Luft und mit dem mannigfachen Getier in den großen Meeren!
GEJ|5|239|10|0|Und nun wirst du, Petrus, etwa wohl wissen, was du essen darfst und wie, damit du nicht sündigest wider deinen Magen und auch nicht wider deine Seele! Nun aber laßt uns schnell das Mahl nehmen und darauf sogleich weiterziehen!“
GEJ|5|239|11|0|Wir setzten uns zu Tische und nahmen das Mahl.
GEJ|5|239|12|0|Es kam aber Aziona und sagte: „Herr und Meister, wolltest Du denn nicht lieber morgen in der Frühe fortziehen denn jetzt am Abende?! Es ist von hier nach jedem mir bekannten Orte Stunden Weges weit hin, und es wird Dich eher die Nacht ereilen, als bis Du an irgendeinen Ort kommst!“
GEJ|5|239|13|0|Ich aber sagte: „Bleibet im Herzen bei Mir und in Meiner Lehre, und Ich werde auch also bei euch sein hier in eurer Erdenzeit und jenseits ewig! Aber nun muß Ich von hier ziehen; denn es harren unfern von hier viele Meiner. Dahin muß Ich eilen und ihnen helfen. Ich aber werde in der Winterszeit euch also wie jetzt schon wieder einmal einige Tage lang besuchen; denn Ich werde unfern von hier, etwa in Kis in der Nähe von Kane, den Winter zubringen. Nun aber löset Mir unser Schiff ab vom Stocke, und Ich werde sodann mit Meinen Jüngern Mich sogleich von hier begeben!“
GEJ|5|239|14|0|Hierauf geschah schnell, wie Ich's befohlen hatte. Ich bestieg das Schiff und stieß schnell ins Wasser und fuhr ab mit gutem Winde. Wir umfuhren den nördlichen Teil des Gebirgsfußes und kamen bald in eine kleine Bucht, die gerade der, wo wir uns nun die etlichen Tage aufgehalten hatten, über das von Mir bestiegene Gebirge gegenüberlag.
GEJ|5|239|15|0|An den Ufern der Bucht lag ein Dorf, wo recht viel Volkes wohnte und zusammenkam; denn es war das ein Handelsplatz, wo man das beste Salz zu Markte brachte, auch das reinste Bergöl, Bauholz, Kochgeschirre und allerlei andere Hausgerätschaften. Und es war darum dieser Ort ein recht wohlhabender und stets von vielen Menschen aus allen Gegenden und Orten häufig besuchter, und zugleich war das auch der Ort, dahin Meine Jünger gekommen waren, als Ich sie vor etwa ein paar Monden auf eine kurze Zeit vor Mir ausgesandt hatte, damit sie die Menschen auf Mich vorbereiten sollten, und von wo Ich sie auf eine wunderbare Weise dann wieder zu Mir auf das Gebirge bei Kis berief; und so war Ich allda schon gewisserart bekannt, und noch mehr Meine Jünger, die sich bei der soeben angegebenen Gelegenheit mehrere Tage allda aufgehalten hatten.
GEJ|5|240|1|1|240. — Die Heilung eines besessenen Knaben. Ev. Matth. 17,14-21
GEJ|5|240|1|0|Wir landeten, befestigten unser Schiff und stiegen noch bei hellem Tage ans Land. Es war aber an diesem Tage ein großer Jahrmarkt und viel Volkes anwesend.
GEJ|5|240|2|0|Als wir aber zum Volke kamen, da wurden wir von vielen Menschen alsbald erkannt, und einer kam, fiel Mir zu Füßen (Matth.17,14) und sagte: „Herr, erbarme Dich über meinen Sohn, er hat ein schweres Leiden; denn er ist mondsüchtig, wie die Ärzte sagen, und hat darin eine große Qual, daß er oft ins Feuer und ins Wasser fällt! (Matth.17,15) Als erst vor nicht gar langer Zeit Deine Jünger hier waren und durch Auflegung ihrer Hände viele recht schwer Kranke geheilt haben, da brachte ich auch meinen Sohn zu ihnen; aber sie konnten ihm nicht helfen.“ (Matth.17,16)
GEJ|5|240|3|0|Da sagte Ich zu eben jenem Teile Meiner Jünger, dessen Glaube noch zu keinem Fels geworden war, und der eben vor ein paar Monden allda in Meinem Namen gewirket hatte: „O du ungläubige und verkehrte Art! Wie lange soll Ich denn noch bei euch sein und wie lange euch dulden? Bringet Mir den Kranken hierher!“ (Matth.17,17)
GEJ|5|240|4|0|Da erhob sich der Vater des kranken Sohnes, eilte in sein Haus und brachte ihn alsbald zu Mir. Als der Knabe bei Mir war, da machte er ein erbärmlich verzerrtes Gesicht; denn der arge Geist, von dem der Knabe besessen war, riß ihn noch ein paarmal vor Mir und stieß dabei durch den sehr verzerrten Mund des Knaben mehrere arge Flüche und Verwünschungen aus, die hier wiederzugeben eine unnütze Sache wäre. Ich aber bedrohte den argen Geist sehr und hieß ihn, augenblicklich zu verlassen des Knaben Leib und zu fahren hinab zur Hölle. Da fuhr der Arge sichtlich aus dem Knaben, und der Knabe ward sogleich völlig gesund. (Matth.17,18)
GEJ|5|240|5|0|Der arge Geist aber hatte die Gestalt einer großen, schwarzen, zottigen Katze und bat Mich, sagend: „Du Sohn des Allerhöchsten, erlasse mir die Hölle und bestrafe mich durch sonst etwas!“
GEJ|5|240|6|0|Ich aber sagte: „Hebe dich von hier und büße deine vielen Greuel, die du vor achtzig Jahren hier auf Erden, im Fleische seiend, verübt hast, in den kahlen Talschlünden des Mondes, allwo du ehedem warst!“
GEJ|5|240|7|0|Da bekam der Arge die Gestalt eines mit großen Fledermausflügeln versehenen Affen und flog sogleich auf und pfeilschnell davon. Da wunderten sich die Menschen, und viele entsetzten sich über solchen Anblick.
GEJ|5|240|8|0|Ich aber beruhigte sie und sagte: „Fürchtet euch nicht; denn Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel wie auf dieser Erde, und dieser Geist, der sieben Jahre lang den Knaben gepeinigt hat, wird fortan nimmer dieser Erde nahe kommen!“
GEJ|5|240|9|0|Da fragte Mich aber der Vater des nun ganz kerngesunden Knaben: „Herr, warum mußte denn diesem meinem Sohne das geschehen, da er bisher noch nie irgend auf eine nur scheinbare Weise gesündigt hat, so wie sich überhaupt auch mein ganzes Haus stets streng nach dem Gesetze verhalten hat? Und doch mußte gerade der Allerunschuldigste solch eine geraume Zeit hindurch gar elendig gemartert werden! So etwas kann ja doch nur durch die Zulassung Gottes geschehen! Warum aber läßt Gott so etwas zu?“
GEJ|5|240|10|0|Sagte und antwortete Ich: „Den Gott besonders liebhat, den prüft Er, und so der Geprüfte die Prüfung wohl bestehet, dann hat er aber auch für ewig sein Heil gefunden!
GEJ|5|240|11|0|Es ist aber deines Knaben Seele aus einer jener großen Welten, deren zahllos viele über dieser und unter dieser Erde erfüllen den endlos großen Himmelsraum. Ihr war um ihres Heiles willen nebst der Probe des Fleischtragens auch diese notwendig, durch welche sie nun schon in der Jugend jene Kraft erhielt, die so manche andere Seele nicht erlangt, so sie auch hundert Jahre lang den Druck ihres schweren Fleisches zu ertragen hätte.
GEJ|5|240|12|0|Glaube es Mir: Die Menschen wissen es nicht und können es auch nicht wissen, warum da irgend etwas ist und geschieht; aber Gott weiß ganz und gar um alles!
GEJ|5|240|13|0|Der arge Geist aber war vor achtzig Jahren ein gar wucherischer Schweinemäkler und trieb einen großen Handel, ward sehr reich und trieb als Jude am Ende sogar den Sklavenhandel, wobei er großer Grausamkeiten sich bediente. Er starb endlich eines elenden Todes, und sein Los war, zu gelangen in das Reich der Teufel als selbst Teufel.
GEJ|5|240|14|0|Und weil es ihm da schlecht behagte, so fing er an, in sich zu gehen und gedachte in seinem Innersten: ,Warum muß ich denn ein Teufel geworden sein? Daran schuldete mein schlechter, gefräßiger Leib. Laßt mich noch einmal zurückkehren in das gute, nüchterne Fleisch eines unschuldigen Knaben, und ich will darin zu einem Engel werden! Und so des Knaben Fleisch nur irgendeine kleinste Begierde nach einer Gefräßigkeit verspüren sollte, so soll es von mir aber auch sogleich gezüchtigt werden!‘
GEJ|5|240|15|0|Und siehe, da dies der zwar sehr argen Seele ein ganz ernster Entschluß war, so ward er ihr faktisch gewährt. Der Erfolg davon aber ist nun für den Knaben ein guter, und die früher sehr arge Seele hat nun für sich schon eine bessere Richtung und schon etwas mehr Menschliches angenommen. Das Weitere werden die höchst kahlen und unwirtlichen Talschlünde des Mondes tun!“
GEJ|5|240|16|0|Hierauf fragte Mich der Mensch weiter und sagte: „Ist denn der Mond auch eine Welt? Und wie ward denn mein Sohn mondsüchtig? Denn er mußte nebst der Besessenheit das sein, weil der Vollmond auf sein Leiden einen großen Einfluß hatte.“
GEJ|5|240|17|0|Sagte Ich: „Daß der Mond auch eine Art Erde und Welt ist, das wirst du nun noch schwer oder gar nicht begreifen, obwohl es also ist; aber Meine Jünger begreifen das, und die späteren Nachkommen werden es nur zu gut begreifen und einsehen. Daß aber dein Knabe stets eine so große Furcht vor dem Vollmonde hatte, das lag nicht in seiner Natur, sondern in der seines Plagegeistes, der ursprünglich aus jener sehr magern und höchst unwirtlichen Welt herstammte. Alles Weitere brauchst du nicht zu wissen.“
GEJ|5|240|18|0|Als viele Umstehende das auch mit anhörten, sagten sie: „Das ist doch ein sonderbarer Mensch! Er leistet Wunder wie irgend ein großer Prophet, gleich darauf fängt er aber an zu faseln und redet gleich einem Irrsinnigen!“
GEJ|5|240|19|0|Aber der Mensch trat zu ihnen hin und sagte ganz ernstlich: „Er ist sicher nicht irrsinnig, – aber wir sind es, weil wir seine Weisheit gar nicht zu fassen imstande sind!“
GEJ|5|240|20|0|Da entstand ein kleiner Wortstreit unter ihnen, den aber der geheilte Knabe durch einige sehr triftige Worte zu Ende brachte.
GEJ|5|240|21|0|Darauf traten Meine Jünger zu Mir und fragten Mich, sagend: „Herr, sage nun aber uns, warum wir eben diesen Geist nicht haben auszutreiben vermocht; denn wir haben ja doch mehrere andere in Deinem Namen ausgetrieben?“ (Matth.17,19)
GEJ|5|240|22|0|Sagte Ich: „Vorerst um eures Unglaubens willen! Denn Ich sage es euch: Wahrlich, so ihr des festen, ungezweifelten Glaubens habet nur wie ein Senfkörnlein groß, so möget ihr zu diesem hohen Berge sagen: ,Hebe dich von hinnen dorthin übers Meer!‘, so wird er sich auch sogleich heben, und euch wird nichts unmöglich sein! (Matth.17,20) Aber diese Art fährt dennoch nicht anders aus denn durch Beten und Fasten. (Matth.17,21)
GEJ|5|240|23|0|Als ihr hier waret, da hatte der Knabe noch nicht den höchsten Grad des Fastens und Betens erreicht, wie das sein Besitzer verlangte. Nun aber ist dieser Fall eingetreten, und da hätte der Gläubigste von euch ihn auch auszutreiben vermocht, obschon der Geist sich sicher noch sehr hartnäckig erwiesen hätte. Aber jetzt war es also besser. – Nun wird es aber schon Abend, da die Sonne sich unter den Horizont senkt, und so wollen wir in das Haus des Menschen gehen, dessen Knaben Ich geheilt habe!“
GEJ|5|241|1|1|241. — Des Herrn Aufenthalt in Jessira und Einkehr in des Petrus Fischerhütte bei Kapernaum
GEJ|5|241|1|0|Der Mensch aber vernahm das und ward überfroh, daß Ich bei ihm Herberge zu nehmen bestimmt hatte. Der Mensch bereitete ein Abendmahl und war sehr freundlich mit uns, sowie auch sein ganzes Haus. Nur widerriet er uns, nach Jerusalem zu gehen; denn er sei erst jüngst des Handels wegen dort gewesen und habe nur zu klar vernommen, welch einen unversöhnlichsten Haß die Pharisäer besonders auf Mich hätten.
GEJ|5|241|2|0|Ich aber sagte: „Freund, Ich kenne ihre geheimsten Gedanken! Und was sie Mir antun wollen und auch noch werden, das weiß Ich auch sehr genau. Aber so sie Mich auch töten werden, so wird ihnen das dennoch nichts nützen; denn nach drei Tagen werde Ich den Tod besiegen und auferstehen und wieder bei den Meinen sein bis ans Ende der Welt! – Aber nun nichts mehr davon, sondern gib du uns ein gutes Nachtlager, und wir wollen uns zur Ruhe begeben, da unsere Glieder sehr müde geworden sind!“
GEJ|5|241|3|0|Der Wirt tat das sogleich, und wir begaben uns zur Ruhe. Die Nacht wurde bald durchgeschlafen, und wir waren vor dem Aufgange schon auf den Füßen. Und unser Wirt beschäftigte auch schon sein ganzes Haus und ließ für uns ein Morgenmahl richten. Als das eingenommen war, fragten Mich die Jünger, was da nun Weiteres zu tun sein werde.
GEJ|5|241|4|0|Und Ich sagte: „Jetzt wird weitergefahren; denn hier gibt es nicht viel zu tun!“
GEJ|5|241|5|0|Da fragte der Wirt, sagend: „Ich wäre aber der Meinung, daß es eben hier sehr viel zu tun gäbe; denn es gibt in diesem Flecken ja doch eine große Anzahl Menschen!“
GEJ|5|241|6|0|Sagte Ich: „Das ist wohl wahr; aber es sind das zumeist pur Handelsleute, und die haben entweder wenig oder gar keinen Sinn für uns. Daher wollen wir uns irgendwo anders hinbegeben, wo es nicht so viele Handelsleute und Wechsler gibt.“
GEJ|5|241|7|0|Hierauf erhob Ich Mich mit den Jüngern, und wir bestiegen unser Schiff und fuhren schnell ab. Gegen die Mitte des Tages kamen wir bei unserer diesmal etwas langsamen Fahrt längs dem Ufer in unser altes Jesaira. Als uns hier die Menschen ersahen, liefen sie uns scharenweise entgegen und baten Mich, daß Ich ihre Kranken heilen möchte.
GEJ|5|241|8|0|Ich aber sagte: „Ich bin nicht gekommen darum nur, daß Ich heilete eure Kranken, sondern vielmehr darum, euch zu verkünden, daß das Reich Gottes nahe zu euch gekommen ist, wie Ich es schon einmal getan habe vor einer nicht gar langen Zeit; aber ihr achtetet damals nicht viel darauf, weil ihr Mich kanntet von Nazareth aus, und jetzt haltet ihr erst so recht gar nichts darauf! Und so bleibe Ich auch nicht bei euch und heile auch eure Kranken nicht! Gehet zu euren Ärzten; sie werden mit euren Kranken schon fertig werden!“
GEJ|5|241|9|0|Auf das wurden einige mürrisch, andere aber blieben und baten gleichfort, daß Ich heilete ihre Kranken.
GEJ|5|241|10|0|Ich aber sagte: „Wohl denn, wer von euch glaubt, daß Ich der verheißene Messias bin, der lege seinem Kranken in Meinem Namen die Hände auf, und es soll besser mit ihm werden, mit welchem Übel er auch behaftet sei!“
GEJ|5|241|11|0|Da schrien viele: „Wir glauben, wir glauben!“
GEJ|5|241|12|0|Darauf verließen sie hastig das Ufer und eilten zu ihren Kranken, von denen etliche sogleich frisch und gesund wurden. Aber jene, die nicht recht im Herzen glaubten, legten ihren Kranken vergeblich die Hände auf und liefen wieder ans Ufer, um sich mit Mir zu beraten, woran es fehle, darum ihnen nicht gelinge, was doch mehreren ihrer Nachbarn gelungen sei. Aber Ich war nicht mehr an Ort und Stelle, sondern schon weit weg, und zwar nahe einem Orte, allda eben Petrus seine Fischerhütte hatte, unfern Kapernaum.
GEJ|5|241|13|0|Da blieben wir ein paar Tage lang und ruhten von unseren Mühen ein wenig aus und halfen der Familie Petri fischen. Hier ließen wir auch das Schiff und machten dann zu Fuß Reisen in Galiläa und besuchten eine Menge Orte, Dörfer und Flecken. Ich und die Jünger verkündeten das Evangelium, fanden vielfach eine gute Aufnahme, aber auch viele Gegner. Denn auf dieser Reise tat Ich wenig Wunder, denn es fand sich dazu wenig Glauben. Überhaupt aber gesagt, war das nördliche Galiläa damals zu viel von Griechen und Römern unterspickt und stets von einer Menge Zauberer und Magier durchzogen, die da ihr Wesen trieben, daher allda die Wunder auch eben nicht viel besagten und in keinem großen Ansehen standen. Es war darum besser, hier unterdessen nur den guten Samen auszustreuen, ihn aufgehen zu lassen und erst etwa um ein Jahr später dahin zu gehen und eine weitere Pflege zu unternehmen.
GEJ|5|242|1|1|242. — Der Herr spricht über Sein bevorstehendes Leiden. Ev. Matth. 17,22-23
GEJ|5|242|1|0|Als wir mit unserer Reise durch das nördliche Galiläa zu Ende waren, da fragten Mich die Jünger und sagten: „Herr, wir sind nun ein paar Monde lang in Obergaliläa umhergezogen von Ort zu Ort und beinahe von Haus zu Haus und haben gepredigt Deine Lehre, und viele haben sie mit viel Liebe und Glauben angenommen und haben sich also vom Heidentume zum Judentume bekehrt. Wir sind nun mit Galiläa nahe fertig; was sollen oder was werden wir nun beginnen? Sollen wir etwa gar in das Dir und uns allerfeindlichst gesinnte Judäa, Ituräa, Trachonitis oder nach Kleinpalästina ziehen?“
GEJ|5|242|2|0|Sagte Ich: „So ihr die Menschen lehret Mein Wort, da ist eure Rede gut und weise; wenn ihr aber solches und der Dinge der Welt Dümmstes redet mit Mir, da seid ihr ganz gewöhnlichen Menschen gleich und denket und redet gleich wie sie! Wenn Meine Zeit Meines euch schon zu öfteren Malen vorhergesagten Leidens kommen wird, da wird sie auch unabänderlich dasein; solange sie aber nicht da ist, können wir hundertmal nach Jerusalem und Bethlehem ziehen, und es wird niemand Hand an uns legen! – Habt ihr Mich verstanden?“
GEJ|5|242|3|0|Sagte Petrus: „Ja, Herr; denn nun hast Du wieder einmal ganz klar geredet! Aber nun sage uns einmal denn auch ganz klar heraus, wie Dein Leiden beschaffen sein wird!“
GEJ|5|242|4|0|Sagte Ich: „Ich habe es euch ja doch schon beim alten Römer Markus und wieder bei den armen Fischern kundgetan und auch schon früher, als wir nach Cäsarea hinzogen, was sich mit Mir etwa von nun an in ein paar Jahren zu Jerusalem zutragen wird. Wie fraget ihr denn jetzt dennoch wieder darum? Ja, ihr habet eine große Angst darin, und so fraget ihr um eurer Angst willen; aber damit sich eure Seelen daran gewöhnen, so sage Ich euch nun wieder:
GEJ|5|242|5|0|Es wird dann in jener Zukunft sein, daß Ich, aber nur als ein Menschensohn, überantwortet werde in der Weltmenschen Hände. (Matth.17,22) Sie werden an Mir zwar das, was des Menschensohnes ist, töten; aber am dritten Tage wird der getötete Menschensohn – sage – mit Haut und Haaren wieder auferstehen und mehr denn jetzt lebendig hervorgehen aus dem Grabe als ein ewiger Sieger über Tod und Hölle, und ihr werdet Mich wieder so wie nun in eurer Mitte haben. (Matth.17,23) Euch aber wird darum kein Haar gekrümmt werden! – Verstehet endlich einmal, wie diese Sache steht!“
GEJ|5|242|6|0|Sagten alle: „Ja, Herr, von nun an verstehen wir es und sehen auch so ziemlich, und es kommt uns vor, als vernähmen wir also lautende Worte in uns: Man muß zuvor sogar auch einen unsterblichen Leib haben, so man den sehr sterblichen, blinden und bösen Menschen die Augen zum Leben öffnen kann in vollster Weise.“
GEJ|5|242|7|0|Und Ich sagte dazu: „Amen, also ist es; denn wer nicht selbst ganz durch und durch geistig lebendig ist, kann dem andern nicht das volle ewige Leben sichern! Ich aber bin darum in diese Welt gekommen, um das zu bewirken durch Wort und Tat, und so muß auch das geschehen. Denn auch Mein Leib ist nun noch so gut sterblich wie der eurige; er wird aber dadurch unsterblich werden, und Ich werde danach auch euch das vollste ewige Leben vollkommenst sichern können. – Habt ihr das nun verstanden?“
GEJ|5|242|8|0|Nun verstanden die Jünger das schon besser und wurden beruhigter.
GEJ|5|243|1|1|243. — Petrus und der Zöllner. Ev. Matth. 17,24-27
GEJ|5|243|1|0|Unter noch manchen Gesprächen dieser Art, durch die die Jünger aus ihrer Betrübtheit kamen, kamen wir aber auch in die Nähe von Kapernaum. Und da war eine Wegmaut; diese stand in der Nähe des Galiläischen Meeres und forderte von jedermann den Wegzinsgroschen.
GEJ|5|243|2|0|Es ging daher der Mautner, dem wir gar wohl bekannt waren, zu Petrus hin und sagte: „Pflegt euer Meister nicht den Zinsgroschen zu zahlen?“ (Matth.17,24)
GEJ|5|243|3|0|Und Petrus antwortete: „O ja, so jemand von Ihm welchen verlangt; aber wir sind fürs erste keine Fremden, die allein nach dem Gesetze den Zinsgroschen zu entrichten haben, und fürs zweite hat keiner von uns samt dem Meister ein Geld. Du weißt, daß dort am Meere, kaum zweihundert Schritte von hier, mein Haus steht. Wir gehen nun dahin und werden sicher einige Tage dort verweilen, und ich werde dir sogleich den Zinsgroschen herüberbringen.“
GEJ|5|243|4|0|Da sprach der Zöllner: „Es hat damit ja keine Eile; außer eurem Meister, der kein Kapernaumer ist, seid ihr andern ja ohnehin frei, weil ihr Hiesige seid.“
GEJ|5|243|5|0|Auf diese Abfertigung zogen wir dann heim in des Petrus Haus, und als wir da waren, fragte Ich den Jünger und sagte: „Was dünkt dich nun, Simon Petrus? Von wem nehmen denn so ganz eigentlich die Könige auf dieser Erde den Zoll oder Zins? Von ihren heimischen Kindern oder nur, wie Mir wohl bekannt, allein von den Fremden?“ (Matth.17,25)
GEJ|5|243|6|0|Sagte Petrus: „Wie ich schon beim Zollhause mit dem Zöllner verhandelt habe – gesetzlich nur von den Fremden!“
GEJ|5|243|7|0|Da sagte Ich weiter: „Alsonach sind wir als Kinder frei! (Matth.17,26) Aber auf daß wir diese Habgierigen nicht ärgern, und da du nach der Beteuerung deiner Angehörigen auch im Hause keinen Pfennig Geldes besitzest, so nimm eine starke Angel, gehe ans Meer hin und wirf die Angel, und der erste Fisch, der dir herauffährt, den nimm; und so du seinen Mund auftust, wirst du einen Stater (Zweigroschenstück) darin finden! Diesen nimm, trage ihn hin und gib ihn dem Zöllner für Mich und dich!“ (Matth.17,27)
GEJ|5|243|8|0|Petrus tat nun sogleich, wie Ich es ihm befohlen hatte. Und siehe, ein siebenpfündiger Lachs bekam die Angel, brachte den Stater – und uns ein gutes Mahl; denn diese Art Fische sind die besten und gesündesten eines Binnenmeeres. Als Petrus vom Zollhause heimkam, da erzählte er, daß sich der Zöllner sträubte, den ganzen Stater anzunehmen, sondern nur den halben annehmen wollte; er, Petrus, aber habe ihm bedeutet, daß sie alle Zwölfe doch auch so viel Weges werden breitgetreten haben wie der Meister allein für Seine Person. Das fand der Zöllner gut berechnet und nahm endlich den ganzen Stater an.
GEJ|5|243|9|0|Ich aber sagte: „Nun, laß nur den Fisch zurichten, und lassen wir den Zöllner sein, was er ist!“
GEJ|5|243|10|0|Es fragte Mich aber Jakobus, wie der Stater in des Fisches Mund gekommen sei.
GEJ|5|243|11|0|Und Ich sagte: „Die Römer aus Kapernaum unterhielten sich damit, daß sie ihren sehr schwimmkundigen Schiffsjungen Stater ins Meer warfen und diese sie dann herausholten. Diesen aber schnappte unser Lachs auf und kaute eine Zeitlang daran. Da sich aber das Metall weder zerkauen und darum auch nicht verschlingen ließ, so blieb es im Munde des Fisches kleben, und Petrus fing eben denselben gefräßigen Lachs um so leichter, weil er sehr gefräßig war. Das Wunderbare für Menschen daran ist nur das, daß Ich darum wußte. – Aber nun sehet, daß wir Wein und Brot bekommen und dazu den Fisch!“
GEJ|5|243|12|0|Alles beeilte sich nun, das Verlangte herbeizuschaffen. Der Wein mußte freilich wieder auf die bekannte, wunderbare Weise hergestellt werden. In der Bälde war alles fertig, und wir setzten uns an den Tisch.
GEJ|5|244|1|1|Der Herr im Hause des Simon Petrus. Ev. Matth. Kap. 18
GEJ|5|244|1|1|244. — Vom Größten im Himmelreich. Von den Ärgernissen. Ev. Matth. 18,1-9
GEJ|5|244|1|0|Als wir aber also aßen und tranken und am Ende voll guter Dinge wurden, was bei einer Stunde lang währte, da erhoben sich etliche Jünger von ihren Sitzen, traten zu Mir hin und fragten Mich: „Herr, Du hast uns nun viel erzählt von der eigentlichen Gestalt des Himmelreiches, und wie es dort verschiedene Stufen der ewigen Glückseligkeit gibt, von denen einige Gott am nächsten, andere von Gott entfernter und wiederum welche gewisserart von der Gnadensonne am entferntesten abstehen. Wir fanden das ganz richtig und jeder reinen Vernunft gemäß; denn es muß auch in den Himmeln Unterschiede geben, sowohl in der Form, als in den verschiedenen Stufen der Seligkeit und der Seligen. Wir möchten aber nun von Dir erfahren, wer denn einst in Deinen Himmeln der Erste sein wird und, wie man sagt, natürlich nach Gott der Größte.“ (Matth.18,1)
GEJ|5|244|2|0|Es waren aber in Simon Petrus Hause mehrere kleine Nachbarskinder; von denen rief Ich eines zu Mir und stellte es sogleich in die Mitte der fragenden Jünger (Matth. 18, 2) und sagte zu ihnen: „Wahrlich, so ihr euch nicht umkehret von solchen weltlich hochtrabenden Gedanken und nicht werdet ebenso demütig wie diese Kinder, da kommet ihr selbst, obwohl ihr nun Meine Jünger seid, nicht in das Himmelreich hinein! (Matth.18,3)
GEJ|5|244|3|0|Wer sich selbst erniedrigt wie dieses Kind und keine Spur irgendeines Hochmutes in sich verspürt, der ist der Größte im Himmelreiche; denn nur die wahre Demut eines reinen Herzens bestimmt allein den Seligkeitsgrad in den Himmeln. (Matth.18,4)
GEJ|5|244|4|0|Wer aber ein solch armes Kind aufnimmt in Meinem Namen, wahrlich, der nimmt Mich Selbst auf! (Matth.18,5) Wer aber durch was immer ärgert dieser noch so geringen Kinder eines, die nun mehr denn ihr selbst an Mich glauben, dem wäre es besser, so ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er dann ersäuft würde im Meere, da es am tiefsten ist. (Matth.18,6) Wahrlich sage Ich euch: Wehe der Welt der Ärgernisse willen; denn sie wird eben an denen, die durch sie geärgert worden sind, ihre unerbittlichsten Richter finden!“
GEJ|5|244|5|0|Hier wendete ein Jünger Mir ein und sagte: „Herr, bei solcher Deiner Rede und nach ihrem Sinne wird es im Himmelreiche sehr mager aussehen; denn wo lebt auf Erden der Mensch, der, ohne es zu wollen, nicht ein oder das andere Kind irgend geärgert hat? Und ich setze den möglichen Fall, daß ein solches Kind auch nie von jemand geärgert würde, so wird es aber dennoch in seinem mannbareren Alter durch seine eigenen erwachten Triebe ganz instinktartig geärgert und zum Teil durch die notwendige Bekanntschaft mit den Gesetzen Mosis. Sage uns demnach klar, was Du uns mit solcher Rede, die sehr hart ist, hast sagen wollen!“
GEJ|5|244|6|0|Sprach Ich weiter und sagte: „Seid nicht blöde in eurem Denken! Welcher nur einigermaßen weise Mensch wird es dir zu einer Sünde rechnen, so du, ohne zu wissen und zu wollen, dennoch jemanden geärgert hast?! Es kommen und müssen zwar gewisse Ärgernisse in die Welt kommen, aber da sind sie eine Zulassung von oben; Ich aber sage hier nur: Wehe dem, durch den sie böswillig und vorsätzlich kommen!“ (Matth.18,7)
GEJ|5|244|7|0|Hier nahm ein anderer Jünger wieder das Wort und sagte: „Was ist aber dann, so mich meine eigene Natur ärgert? Wer wird da zur Verantwortung gezogen werden? Da schuldet doch offenbar der, der mir solch eine ärgerliche Natur gegeben hat!“
GEJ|5|244|8|0|Auf diese etwas zu freie und ziemlich kecke Frage von seiten des etwas erregten Jüngers ward Ich denn auch etwas erregt und sagte: „Gut, so dich deine Hand oder dein Fuß ärgert, so haue beides ab und wirf es von dir! Denn es ist dir besser, daß du lahm und als ein Krüppel eingehest ins Himmelreich, als daß du mit beiden Händen und Füßen ins ewige Feuer geworfen werdest! (Matth.18,8) Und so dich ärgert dein Auge, da reiße es aus und wirf es von dir; denn es ist dir besser, daß du einäugig eingehest ins Himmelreich, denn daß du mit zwei Augen geworfen werdest ins Höllenfeuer!“ (Matth.18,9)
GEJ|5|244|9|0|Hier erhob sich Petrus, dem diese Lehre auch nicht so recht munden wollte, und sagte: „Aber Herr, gedenkest Du jener Worte nimmer, die Du bei den armen Fischern geredet hast über das Wesen der Hölle, über das Gericht und über die ewigen Strafen der verlorenen Seelen? Ja, das waren Lehren, die jede gesunde Menschenvernunft mit den höchsten Freuden begrüßen mußte! Aber was Du nun in einer Art Aufregung gelehrt hast, verwischt alles Frühere, und die alte Hölle mit ihren ewigen Strafen und ihren Satanen und Teufeln und Feuern steht wieder so wie früher in der völlig unveränderten Gestalt vor uns, und einen allerunversöhnlichsten Gott haben wir auch wieder vor uns! Ich habe es ja gewußt, daß wir sicher wieder auf das Alte zurückkommen werden, und die Indier mit ihren schaudererregenden Leibesverstümmlungsbußen haben sonach die allein wahre und richtige Lebens- und Gotteslehre!
GEJ|5|244|10|0|Sieh, ich setze nun den Fall, daß eben jetzt diese meine linke Hand mich geärgert hat! Auf daß sie mich aber nicht irgend möglicherweise noch einmal ärgern kann, so nehme ich nach Deinem Verlangen ein Beil und haue mir die mich ärgernde Hand ab, was mir ohne einen schnellen ärztlichen Beistand offenbarst den Tod geben wird. Ich setze aber den günstigen Fall, daß ich geheilt werde und dann wieder ganz heiter einhergehe. Aber es geschieht, daß mich da einmal die noch übrige Rechte zu ärgern anfängt. Nach deiner jetzigen Lehre soll ich sie um des Himmelreiches willen auch abhauen, was nun aber rein unmöglich ist. Es fragt sich nun, was ich in diesem Falle zu tun habe, um nicht des Himmelreiches verlustig zu werden!
GEJ|5|244|11|0|Mein lieber Herr und Meister! Mit dieser Lehre wird es nicht also gehen, wie Du sie nun ausgesprochen hast! Ob aber irgendein anderer Sinn dahintersteckt, das ist eine Frage, deren Beantwortung sicher jedem noch so weisen Menschen sehr schwerfallen dürfte. Ehe er sie also nackt, wie Du sie nun ausgesprochen hast, als wahr und als gesetzlich ernst annimmt, wird er sich sehr Zeit lassen und sicher bei seiner alten Lehre verbleiben. Ich selbst, so wertvollst auch Dein Himmelreich ist und sein kann, will dasselbe wohl durch alle mögliche Selbstverleugnung mir verdienen, aber durchs Hände- und Füßeabhauen und Augenausreißen nimmer! Statt dessen nehme man sich lieber gleich das ganze Leben, und man ist dann ganz sicher vor allem Ärgernis!“
GEJ|5|245|1|1|245. — Die Erklärung der Bilder von den Ärgernissen
GEJ|5|245|1|0|Mit diesen Worten des Petrus waren bis auf Johannes auch alle die andern Apostel einverstanden. Dieser aber nahm das Wort und sagte: „Aber, liebe Brüder, wie möget ihr euch nun darüber gar so entsetzen, als hätte der Herr uns damit eine ganz neue Lehre aufgestellt! Erinnert ihr euch denn nicht an des Herrn Worte auf dem Berge zu Samaria! Da redete der Herr über die Ärgernisse nahe ebenalso und hat uns dazu auch das rechte Licht gegeben. Damals habt ihr das alles im rechten Sinne verstanden; wie denn jetzt nicht?“
GEJ|5|245|2|0|Sagte Petrus: „Es kommt mir nun wohl vor, als sei davon schon einmal eine Erwähnung geschehen; aber von dem, wie das zu nehmen und zu verstehen ist, weiß ich so wie sicher auch die andern Brüder keine Silbe mehr, und es wäre sehr zu wünschen, daß uns das noch einmal erklärt würde.“
GEJ|5|245|3|0|Sagte Ich: „Es sind solche Worte sogar aufgezeichnet worden, so wie nun eben diese Worte, die Ich über den Nachteil der Ärgernisse nun gesprochen habe, aufzuzeichnen sind, auf daß ihr sie nicht so leicht wieder vergesset.
GEJ|5|245|4|0|Was aber entspricht der Hand des Menschen? Die Tätigkeit, – ob gut oder schlecht, so ist es eine Tätigkeit, was in der rechten Entsprechung durch das Wort und Bild ,Hand‘ dargestellt wird; der feste Wille aber ist das Beil, mit dem allein du deine schlechte Tätigkeit auf immer von dir trennen kannst. Wie aber kannst du nun noch so blöde sein und meinen, daß Ich damit die leibliche Verstümmelung befohlen habe?
GEJ|5|245|5|0|Ich habe desgleichen auch von einem dich ärgernden Fuße befehlend geredet. Wer wohl wird es je vermögen, sich einen Fuß wirklich abzuhauen? Und wie dumm müßte Ich Selbst sein, um solch eine grausame Verstümmelung am selbstischen Leibe zu gebieten, auf daß sich dadurch rettete die Seele aus der Hölle!
GEJ|5|245|6|0|Gleichwie aber der Leib Füße haben muß, um weiterzukommen und am rechten Orte tätig werden zu können, so muß die Seele eine Liebe und Begierde haben zu irgend etwas, damit sie danach und zum Zwecke ihres wie immer gearteten Wohlbehagens tätig werde.
GEJ|5|245|7|0|Ist nun die Liebe und Begierde der Seele nicht nach Meiner Lehre, was etwa wohl zu erkennen ist, so ist sie schlecht und dein ganzes Wesen ärgernd, und da nimm du abermals das scharfe Willensbeil und haue dir ab solche Liebe und Begierde und wandle und handle dann allein mit der guten Liebe und Begierde, und du wirst dann auf diesem neuen Wandelfuße der Seele ganz leicht ins Himmelreich eingehen!
GEJ|5|245|8|0|Es ist also das im Grunde also zu verstehen: Ein jeder Mensch auf dieser Welt hat notwendig eine zweifache Liebe und daraus hervorgehende Begierde. Die eine ist materiell und muß es sein, da ohne sie niemand die Erde bearbeiten und sich auch nicht nehmen würde ein Weib. Damit der Mensch auf dieser Erde aber auch das tue, so muß er auch eine materielle Liebe und Begierde nach außenhin haben, die ihn zu solch einer Tätigkeit bewegt und trägt. Wird solche Liebe und Begierde zur Außenwelt zu mächtig, so ärgert sie ja den ganzen Menschen und macht verkümmern die Seele, weil diese zu sehr in die Materie hinausgedrängt wird. Da ist es dann an der Zeit, sich sehr zu ermannen und mit dem festesten Willen sich von solcher Liebe und Begierde ganz loszumachen und allein pur dem, was rein des Geistes ist, mit allen Kräften nachzustreben. Ist das der Fall, so genügt das allein auch zur Gewinnung des Reiches Gottes, obwohl man sonst nach der rechten Ordnung der Dinge beides tun soll der Liebe des Nächsten wegen.
GEJ|5|245|9|0|Es gibt nun schon und wird fürder solcher noch mehr geben, die sich gänzlich von der Welt und ihrer Arbeit abwenden werden und allein dem nachstreben, was da ist des Geistes. Aber Ich sage nicht, daß sie dadurch dereinst als ganz gerechtfertigt dastehen werden; nur sind sie, wie gesagt, dennoch um vieles besser daran, als so sie als verärgert materielle Menschen in den euch bekannten Lebensgegenpol, von dem Ich bei dem Fischer Aziona gesprochen habe, geraten würden, was soviel heißt, als so ganz eigentlich in die Hölle kommen oder geworfen werden.
GEJ|5|245|10|0|Unter dem Ausreißen und Von-sich-Werfen des Auges aber ist der Weltverstand des Menschen zu verstehen. Er ist ein Auge der Seele, zu besehen und zu beurteilen die Dinge der Welt und sie zu vergleichen mit den Dingen des Geistes. Wenn dieses zu sehr die Richtung nach der Welt nimmt und von dem aber, was des Geistes ist, sich ganz abwendet und kaum eines Gottes gedenkt, so ärgert das die Seele sehr, darum, da sie dadurch auch ganz in die Materie übergeht, und es ist dann sehr an der Zeit, der puren Weltweisheit ganz zu entsagen und allein in dem zu denken anzufangen, was da ist Gottes, des Geistes und der Seele, des Himmels willen.
GEJ|5|245|11|0|Wer das tut, der wird auch als gerechtfertigt dastehen und anschauen das Angesicht Gottes; aber es werden derlei selige Geister denjenigen, die ihre Weltweisheit auch durch Worte und Taten zu einer göttlichen erhoben haben, um ein sehr Bedeutendes nachstehen.
GEJ|5|245|12|0|Ich meine nun, daß ihr das jetzt doch werdet begriffen haben, und so Ich fürderhin wieder einmal auf dieses Thema geraten sollte, da fraget Mich nicht mehr um den Sinn solcher Lehrbilder, die Ich eben darum also verhüllt gebe, weil sie pur für die Seele gestellt sind, die nun bei jedem Menschen auf dieser Erde auch durch das Fleisch verhüllt ist vor dem Leibesauge! Denn es ist ein anderes um eine Lehre, die den ganzen Menschen betrifft, und ein anderes um die Lehre, die allein die Seele angeht. – Verstehet ihr nun dieses alles?“
GEJ|5|246|1|1|246. — Die Kinder als Vorbilder für die Jünger. Gott und Mensch im Herrn. Ev. Matth. 18,10
GEJ|5|246|1|0|Sagte nun Petrus: „Ja, Herr und Meister, jetzt sind wir darüber ganz vollkommen im klaren; ich bitte Dich aber darum für die Folge, uns bei wieder vorkommenden ähnlichen Lehren auch sogleich die Erklärung mitzugeben, damit wir uns nicht zu ärgern notwendig haben über unseren eigenen Unverstand!“
GEJ|5|246|2|0|Sagte Ich: „Das werde Ich tun, wo es nötig sein wird; aber wo Ich eure eigene Denkkraft stärken und eure Seele tätiger machen will, da enthülle Ich die Bilder nicht sogleich. Denn wer ein rechter Lehrer sein will, der muß seine Lehren also stellen, daß seine Jünger dabei stets viel zu denken und zu suchen haben, sonst macht er sie zu faulen und trägen Forschern nach allerlei Wahrheiten.
GEJ|5|246|3|0|Noch aber sage Ich euch: Der Meister, der da lehrt, muß stets sein ein Weiser und muß vom tiefsten Grunde aus selbst wohl verstehen, was er lehrt. Aber die Jünger sollen, solange sie Jünger sind, gleichfort sein wie diese Kleinen hier, die eine ihnen gegebene Lehre annehmen und befolgen, so sie auch noch lange nicht einsehen ihren innern Sinn; die rechte Einsicht wird ihnen in ihren reiferen Jahren schon werden.“
GEJ|5|246|4|0|Hier aber dachten einige der Jünger still unter sich, daß es da noch lange dauern werde, bis sie selbst weise und wohlverständig würden, so sie sich jetzt noch für ebenso dumm und unverständig halten sollten, als wie dumm, unverständig und unerfahren da wären die zerlumpten Kinder, von denen noch keines in irgendeiner Schule weder das Alpha und noch weniger das Omega hatte kennengelernt!
GEJ|5|246|5|0|Ich aber sagte: „Sehet zu, daß ihr niemand von diesen Kleinen verachtet! Denn Ich sage es euch: Ihre Engel im Himmel sehen allzeit das Angesicht Meines Vaters im Himmel!“ (Matth.18,10)
GEJ|5|246|6|0|Sagte Petrus: „Haben denn wir keine Engel mehr im Himmel, die auch allzeit sehen das Angesicht Deines Vaters im Himmel? Auch sagtest Du einmal, daß Dein Vater in Dir wohne und völlig eins sei mit Dir, und bald versetzest Du Ihn wieder in den von hier endlos weit entfernten Himmel! Ja, das bringen wir nun schon wieder nicht zusammen! Wie sollen wir denn nun das schon wieder verstehen? Ist denn Dein Vater nur so wechselweise bald in Dir und bald wieder in den Himmeln? Und wie bist denn Du Selbst bald der Vater Selbst und bald wieder nur Sein Sohn? – Darüber wolle Du uns auch ein etwas helleres Licht geben, als wir es bis jetzt hatten!“
GEJ|5|246|7|0|Sagte Ich: „Ihr habt freilich auch eure Engel im Himmel, und hättet ihr sie nicht, da wäret ihr Meine Jünger nicht! Aber die Kleinen haben sie auch, und ihr sollet sie darum nicht verachten; denn sie sind euch völlig ebenbürtig! Ich sagte euch aber das, weil Ich es nur zu gut weiß, daß ihr keine Kinderfreunde seid.
GEJ|5|246|8|0|Könnet ihr diese zarten, lieben und engelreinen Kinderchen nicht lieben, wie werdet ihr erst eure Nächsten und wie euren Gott lieben?
GEJ|5|246|9|0|Wollet ihr Menschen bilden nach Meinem Sinne, da müsset ihr schon bei den Kindern anfangen; denn wahrlich sage Ich euch: Der Unterricht in der Wiege ist mehr wert denn alle Hochschulen der Welt! Wer aber aus den Kindern Menschen bilden will, der muß sie lieben und muß mit ihnen eine rechte Geduld haben. Ein solches Kind ist von Natur aus mehr denn hundert Bettler arm; denn es ist arm am Geiste, arm an physischen Kräften und arm an Besitztümern.
GEJ|5|246|10|0|Darum sage Ich euch und durch euch allen Menschen, denen dieses Evangelium gepredigt wird, noch einmal: Wer ein solches Kind aufnimmt in Meinem Namen, der nimmt Mich auf, und hat er Mich also in aller Liebe aufgenommen, so hat er auch den Vater im Himmel aufgenommen, und in seinem Hause wird es da am Segen nicht fehlen. Denn solche Kinder sind der echte und wahre Segen Gottes selbst in einem Hause, da sie sind und gepflegt, genährt und zu wahren Menschen gebildet werden, und es ist da das Geschlecht einerlei, ob Knabe oder Mägdlein; in ihrer Jugend sind sie gleich den Engeln des Himmels.
GEJ|5|246|11|0|So du, Petrus, aber fragest ob Meines Vaters im Himmel, und wie es sei, daß Ich bald sagete, Er sei im Himmel und bald wieder, daß Er in Mir wohne und eins sei mit Mir, da muß Ich rein nur mit deinem Gedächtnisse eine Geduld haben, ansonst Ich dir am Ende doch gram werden müßte!
GEJ|5|246|12|0|Was der Himmel ist, und wo er ist, das habe Ich euch, und noch ganz besonders dir, auf dem Berge erst jüngst genau gezeigt und vollends lichtklarst erklärt, wie auch über das unteil- und untrennbare Verhältnis zwischen Mir und Meinem Vater schon nahe mehr denn zu viel und zu oft gesprochen, und nun, siehe da, weißt du schon wieder nichts mehr davon!
GEJ|5|246|13|0|Ist der Vater denn nicht die ewige Liebe in Mir? Wo aber die ist und hauset, ist da nicht der Himmel und das wahre Gottesreich?
GEJ|5|246|14|0|Bin Ich als Mensch nicht der Sohn eben dieser Liebe, die in Mir Selbst wohnet, die alles, was da ist und die Unendlichkeit erfüllt, erschaffen hat von Ewigkeiten her? Und weil diese ewige und allmächtige Gottliebe in Mir ist, bin Ich da nicht völlig eins mit ihr? – Nun rede, ob du das noch nicht einsiehst!“
GEJ|5|246|15|0|Sagt Petrus: „Ja, ich sehe es nun ganz sicher besser ein, als ich es früher eingesehen habe; aber dennoch befindet sich darunter noch so mancherlei, das mir, aufrichtig gesagt, noch nicht völlig klar ist! Und das, was mir noch nicht so ganz klar ist, besteht in dem, daß ich noch immer das nicht einsehe, warum Du einmal von Dir sagst, daß Du des Menschen Sohn, ein andermal wieder Gottes Sohn und wieder ein andermal Jehova Selbst seiest! Willst Du mir darüber noch ein kleines Licht geben, so wirst Du wohl tun an uns allen; denn ich meine, daß darin noch keiner von uns eine rechte Einsicht hat!“
GEJ|5|246|16|0|Sage Ich: „Auch das habe Ich euch schon bei Gelegenheiten, wo Ich von Meinen bevorstehenden Leiden sprach, ganz deutlich beleuchtet; aber so euch eine Sache nicht mindestens zehnmal derart erklärt wird, daß ihr sie ganz mit Händen und Füßen begreifen könnet, so verstehet ihr sie nicht! Ich sage es euch nun aber den noch einmal:
GEJ|5|246|17|0|Weder Jehova in Mir, noch Ich Seele als Dessen ewiger Sohn, sondern allein dieser Leib als des Menschen Sohn wird getötet werden in Jerusalem, aber am dritten Tage als völlig verklärt auferstehen und dann für ewig eins sein mit Dem, der in Mir ist und Mir alles offenbart, was Ich als Menschensohn zu tun und zu reden habe, und den ihr noch immer nicht völlig kennet, obwohl Er schon eine geraume Zeit unter euch redet und wirkt. – Und nun rede du, Simon Juda, wieder!“
GEJ|5|247|1|1|247. — Das Geheimnis von Golgatha. Ev. Matth. 18,11-14
GEJ|5|247|1|0|Sagt Simon Juda: „Ja, Herr und Meister, da wäre noch so manches zu besprechen, was von Deinem Munde kommt, aber selbst der gesündesten Menschenvernunft nicht so rechtswichtig und lichtkräftig einleuchten will. Und da steht eben im Hintergrund wie ein Ungeheuer grinsend, die strikte und unabweisbare Notwendigkeit der dem Menschensohne bevorstehenden Leiden, und ich getraue es mir, fest zu behaupten, daß solch eine Notwendigkeit nie eines noch so gesunden und guten Menschen Vernunft ganz klar einsehen wird!
GEJ|5|247|2|0|Es solle solch ein Akt noch so nötig sein zur Erreichung eines von Dir schon von Ewigkeiten her gestellten Hauptzweckes; aber es nützt das alles wenig oder nichts zur beruhigenden Aufhellung der menschlichen Vernunft, und sie wird zu allen Zeiten die Frage stellen und sagen: ,Warum mußte denn der Allmächtige also von Seinen Geschöpfen zugerichtet werden, um ihnen die Seligkeit und das ewige Leben geben zu können? Genügte die pure reinste Lehre und Sein rein nur Gott mögliches Wundertun nicht? Bessert das die Menschen nicht, wie wird sie dann Sein Leiden und Sterben bessern?‘
GEJ|5|247|3|0|Ich als einer Deiner getreuesten Anhänger sage es da ganz offen: Dein Leiden wird vielen guten Menschen zum Steine des Anstoßes werden, und sie werden wankend werden in ihrem Glauben. Darum frage ich Dich auch jetzt schon um ein rechtes Licht darüber, auf daß wir dann zur rechten Zeit den fragenden Menschen auch eine rechte Aufklärung zu geben imstande sind zu ihrer Beruhigung.“
GEJ|5|247|4|0|Sagte Ich: „Du fragst hier nun um eine ganz gute und gerechte Sache, die du, so Ich sie dir auch ganz recht erkläre, dennoch immerhin nie als pur Mensch ganz recht und richtig begreifen wirst; erst nach Meiner Auferstehung, wenn du wiedergeboren wirst im Geiste, wirst du auch ganz rein und klar einsehen das große Warum.
GEJ|5|247|5|0|Ich als der alleinige Träger alles Seins und Lebens muß nun auch das, was von Ewigkeiten her durch die Festigkeit Meines Willens dem Gerichte und dem Tode verfallen war, erlösen und muß eben durch das Gericht und durch den Tod dieses Meines Fleisches und Blutes in das alte Gericht und in den alten Tod eindringen, um so Meinem eigenen Gottwillen jene Bande insoweit zu lockern und zu lösen, wegen der in sich reif gewordenen Materie der Dinge, auf daß darauf alle Kreatur aus dem ewigen Tode zum freien und selbständigen Leben übergehen kann.
GEJ|5|247|6|0|Und es ist darum des Menschen Sohn in diese Welt gekommen, um das, was gewisserart von Ewigkeit her verloren war, aufzusuchen, es zu erlösen und also für die Seligkeit fähig zu machen. (Matth.18,11)
GEJ|5|247|7|0|Was dünket euch: Wenn irgendein Mensch hundert Schafe hätte und eines derselben sich verirrte irgendwo im Walde, läßt er nicht die neunundneunzig stehen auf dem Berge und geht hin und sucht das verlorene? (Matth.18,12) Und so es sich dann begibt, daß er es findet, wahrlich sage Ich euch: Wird er da nicht mehr Freude haben über das wiedergefundene denn über die neunundneunzig, die nie verloren waren? (Matth.18,13)
GEJ|5|247|8|0|Und sehet, es ist denn auch also bei Gott, obwohl Er durch Seinen allmächtigen Willen alles, was da fasset der unendliche Raum, erschaffen hat aus der ewigen Fülle Seiner ewig zahllosen Gedanken, Ideen und Begriffe und wie außer Sich gestellt hat durch die Festigkeit Seines Willens! Wenn das alles für ewig also bleiben müßte, wie es nun ist im starren Gerichte und Tode, so wäre das alles gleich dem verlorenen Schafe, das aber nimmer irgendwo mehr zu finden wäre. Und welches Vergnügen und welche Freude böte Gott wohl eine ewig tote, materielle Kreatur?
GEJ|5|247|9|0|Ich aber kam ja hauptsächlich eben darum als nun Selbst materiell in diese Welt, um dies verlorene Schaf zu suchen und es der seligen Bestimmung zuzuführen.
GEJ|5|247|10|0|Gottes Geist und Wille wird nun in diesem Meinem Leibe, also in der Materie, gesänftet und gleichsam beugsam und lösbar gemacht. Ist das geschehen, dann muß diese Meine Materie in der möglich größten Erniedrigung und Demütigung gebrochen und zuerst gelöset werden, und der Geist Gottes, der in aller Seiner Fülle in Mir wohnt und eins ist mit Meiner Seele, muß diese gebrochene Materie, als durch Sein Liebefeuer geläutert, erwecken und beleben, und sie wird dann auferstehen als ein Sieger über alles Gericht und über allen Tod.
GEJ|5|247|11|0|Daß ihr es nun noch nicht ganz klar einsehen werdet, wie und warum dieses also geschehen muß und auch wird, das habe Ich euch zum voraus gesagt; aber das könnet ihr nun schon daraus schließen, daß solch ein Akt, so abschreckend er auch für ein pures Menschenauge aussehen mag, doch notwendig ist, um alle Kreatur mit der gerechten Länge der Zeiten zum freien, unabhängigen und reinen Gottleben zurückzuführen.
GEJ|5|247|12|0|Und so Ich da euch nun solches für euer Verständnis genügend enthüllt habe, so werdet ihr daraus innerlich – so ihr nun sehet, wer da so ganz eigentlich die Kleinen sind – auch einsehen, wie es nun des Vaters Wille also ist, daß auch nicht selbst der Allerkleinste und Geringste von ihnen je verlorengehe. (Matth.18,14)
GEJ|5|247|13|0|Und Ich habe euch darum auch diese Kinder vorgestellt und zeigte euch in einer wohlgeordneten Entsprechung den Willen Dessen, der in Mir wohnt und ein Herr ist für ewig über alle Kreatur in der ganzen Unendlichkeit. Und da Ich solches nun zu euch geredet habe und wir Zeit und Muße zur Genüge haben, so möget ihr nun abermals reden und zeigen, wo es euch noch irgend fehlt. – Petrus, hast du noch etwas?“
GEJ|5|247|14|0|Sagte der Jünger: „O Herr und Meister, da gäbe es wohl noch so manches! Aber ich muß dieses nun so um etwas mehr noch verdauen; denn wie ich nun gleich mit etwas Neuem käme, so entginge mir das nun Vernommene gleich wieder, und Du hättest uns das große Licht umsonst gegeben.“
GEJ|5|247|15|0|Hierauf entstand ein kurzer Stillstand im Reden, und die Jünger dachten sehr über das vor ihnen von Mir Gesagte nach.
GEJ|5|248|1|1|248. — Vom Vergeben. Ev. Matth. 18,15-22
GEJ|5|248|1|0|Es entstand aber außerhalb des Hauses Petri zwischen einigen heimkehrenden Fischern ein lauter Zank, und Petrus meinte, daß wir hinausgehen sollten, um den bösen Streit zu schlichten.
GEJ|5|248|2|0|Sagte Ich: „Ja, tue du das denn, es ist das auch ein gutes Werk, den Streit zwischen den Menschen zu schlichten und zu machen, daß sich lege ihr Zorn; denn dieser ist eine Geburt der Hölle und verpestet auf Jahre das Herz und machet finster die Seele. Gehe denn und schlichte den Streit!“
GEJ|5|248|3|0|Hier ging Petrus hinaus und fragte die noch vor seines Hauses Flur Streitenden, um was es sich handle, darum sie in den argen Streit geraten seien.
GEJ|5|248|4|0|Da sagte einer, der etwas gemäßigter war, daß eines Bürgers Knecht aus der Stadt, der kein Fischerrecht besitze und eben da in ihrer Mitte stehe, mit Angeln auf einer der besten Fischstellen gefischt habe, eine recht reiche Beute machte und, als sie als berechtigte Fischer ihn dabei erwischt, ihn zurechtgewiesen und nach allem Rechte ihm die Beute abgenommen hätten, er sich ihnen entgegengesetzt und mit den gröbsten Ausdrücken angefangen habe zu beweisen, daß auch er das volle Recht habe und fischen könne, wo er wolle. Er habe jedoch keinen Pachtbrief und maße sich das Recht nur gleich so an, was sie aber nicht dulden könnten und dürften.
GEJ|5|248|5|0|Da Petrus solches vernahm, sagte er: „Der Mensch ist zwar ein Dieb; aber lasset ihn nun dennoch gehen. Wagt er seinen Frevel noch einmal, so übergebet ihn dann erst den Gerichten; denn ihr wisset es ja selbst, daß wir nach dem Gesetze dem Feinde zuvor sieben Male vergeben sollen!“
GEJ|5|248|6|0|Da sagten die Fischer, die den Fischdieb festhielten: „Wir haben ihm aber schon sieben Male seine Frevel verziehen; von achtmal vergeben aber spricht das Gesetz nicht, und wir wollen ihn daher nun vor das Gericht stellen.“
GEJ|5|248|7|0|Sagte Petrus: „Da habt ihr nun zwar das volle Recht dazu; aber tuet hier nun mir zuliebe das Bessere und vergebet ihm auch dies letzte, obwohl schon achte Mal! So ihr ihn aber ein neuntes Mal beim Frevel erwischet, dann übet an ihm erst euer gutes Recht!“
GEJ|5|248|8|0|Auf diese Worte ließen sie den Dieb frei, nachdem er ihnen zuvor gelobte, den Frevel nimmer zu begehen, und es war also der arge Streit geschlichtet, und die Streitenden kehrten ruhig in ihre Wohnungen zurück.
GEJ|5|248|9|0|Als Petrus wieder zu uns ins Zimmer kam, da sagte er: „Herr und Meister, der Streit ist zwar geschlichtet, da ich meine Nachbarn dazu bewogen habe, dem Fischdieb seinen Frevel auch zum achten Male nachzusehen; aber gesetzlich wäre er dies achte Mal freilich schon dem Gerichte zu überliefern gewesen. Es wäre da, o Herr, wohl auch gut, so Du uns in diesem irdischen Rechtsbereiche die Gesetze Mosis etwas genauer erklären möchtest, besonders in dieser Zeit, wo auch die Gesetze Roms in der Juden Lebensverhältnisse stark einzugreifen begonnen haben und man nicht mehr so recht weiß, ob man sich mehr an das mosaische oder an das römische halten soll. In manchen Beziehungen ist das römische Gesetz offenbar humaner denn das mosaische, das als Staatsgesetz in gar vielen Fällen buchstäblich gar nicht mehr anzuwenden ist. Was wäre da nun nach Deiner größten Liebe und Weisheit Rechtens?“
GEJ|5|248|10|0|Sagte Ich: „Ich weiß es, daß die Sachen nun also stehen und es für einen Richter schwer ist, zwischen den zweierlei Gesetzen zu richten und auch schwer zu bestimmen, wie und wann sich ein Mensch gegen den andern versündigt hat, weil zum Beispiel das eine Gesetz das gut heißt, was nach dem anderen Gesetz eine Sünde ist.
GEJ|5|248|11|0|Um da für euch und auch durch euch für alle Menschen eine Bestimmung zu geben, nach der sich dann ein jeder zu richten hat, so merket euch das und zeichnet es auch auf:
GEJ|5|248|12|0|Sündigt irgend ein Bruder an dir, so gehe hin und stelle ihm das bloß zwischen dir und ihm mit sanften Worten vor und ersuche ihn, solches nicht mehr an dir zu tun. Hat er dich angehört und erhört, so hast du mit ihm schon gewonnen. (Matth.18,15) Hört er dich aber nicht an, so nimm nach der Gestalt der an dir begangenen Sünde einen oder zwei Zeugen, auf daß dann die Sache auf zweier und im Notfalle sogar dreier Zeugen Mund beruhe. (Matth.18,16) Hört er, der an dir gesündigt hatte, dich in Gegenwart der mitgebrachten Zeugen auch nicht, so sage solches in Gegenwart der mitgenommenen Zeugen der Gemeinde, der der Sünder angehört. Hört er auch diese nicht und bleibt auch dieser gegenüber halsstarrig, so werde er von dir, von den Zeugen und von der ganzen Gemeinde als ein Heide und arger Zöllner erklärt und dafür gehalten. (Matth.18,17)
GEJ|5|248|13|0|Und das genüge dir und jedermann; was darüber, ist schon vom Übel und erzeugt von neuem abermals noch größere Übel. Diese Bestimmung aber ist genommen aus Meiner göttlichen Ordnung und gilt nicht nur für hier, sondern auch fürs große Jenseits. Denn wahrlich sage Ich euch: Was ihr auf dieser Erde also binden und lösen werdet, das soll auch jenseits sogar im Himmelreiche gebunden oder gelöst sein. (Matth.18,18)
GEJ|5|248|14|0|Und weiter sage Ich euch, auf daß ihr allen Streit und alles Ungemach auf Erden noch leichter begleichet: Wenn nur zwei darin untereinander einig werden, um was sie bitten wollen den Vater in Meinem Namen, das soll ihnen auch gewährt werden, eben von Meinem Vater, im Himmel und also auch auf Erden. (Matth.18,19)
GEJ|5|248|15|0|Hat demnach jemand gesündigt an dir, so vergib du ihm von ganzem Herzen und bitte in Meinem Namen den Vater, daß Er des Sünders Herz zurechtrichten wolle, so wird das auch nach dem Maße deines Glaubens und nach dem Maße dessen, wie du etwa zuvor dem, der an dir sich versündigt hatte, vergeben hast, geschehen.
GEJ|5|248|16|0|Ich sage es euch noch einmal: Wo zwei oder gar drei in irgendeiner Angelegenheit, die gut und in Meiner Ordnung ist, in Meinem Namen sich versammeln, da werde Ich im Geiste unter ihnen sein und werde erhören das, um was sie Mich bitten werden. (Matth.18,20)
GEJ|5|248|17|0|Und Ich meine, daß ihr und jedermann euch in allen möglichen kritischen Lebensverhältnissen und auch inmitten von tausenderlei sich oft noch so widersprechenden Weltgesetzen bei solchen Meinen euch nun gegebenen Bestimmungen ganz leicht zurechtfinden werdet!“
GEJ|5|248|18|0|Hier trat abermals Petrus zu Mir hin und sagte: „Herr, es ist das nun alles gut und recht, und es versteht sich von selbst, daß wir solche Deine Bestimmungen gewiß lebendigst selbst beachten und sie auch den andern Menschen zur getreuen Beachtung ans Herz legen werden; aber es handelt sich nun um einen einzigen kritischen Punkt, und der besteht darin: Wie oft soll ich oder ein anderer dem, der an mir gesündigt hat, nach Deinen uns nun gegebenen versöhnlichen Bestimmungen verzeihend entgegenkommen? Ist es genug nach dem Gesetze Mosis sieben Male?“ (Matth.18,21)
GEJ|5|248|19|0|Da sagte Ich: „So das schon nach einer Zahl geschehen soll, da ist die mosaische Zahl Sieben zu wenig, sondern siebzigmal siebenmal hat das zu geschehen! (Matth.18,22) Denn eben darin besteht ja hauptsächlich das Himmelreich, daß unter den Menschen dieselbe Liebe, Eintracht und Versöhnlichkeit herrsche, wie sie herrscht in den Himmeln unter Meinen Engeln, deren etliche ihr schon habt kennengelernt.“
GEJ|5|249|1|1|249. — Das Gleichnis vom Schalksknecht. Ev. Matth. 18,23-35
GEJ|5|249|1|0|(Der Herr:) „Um euch aber das Himmelreich in seinem richtigsten Verhältnisse noch anschaulicher darzustellen, will Ich es euch in einem entsprechenden Bilde darstellen. Und es ist demnach das Himmelreich gleich einem Könige, der einmal mit seinen Dienern Rechnung halten wollte. (Matth.18,23) Und als er anfing zu rechnen, da kam einer, der ihm zehntausend Pfunde schuldete. (Matth.18,24) Da dieser Knecht und Diener des Königs nun nicht hatte, damit er demselben die große Schuld hätte abtragen können, so befahl der König, den faulen Diener selbst, sein Weib, seine schönen Kinder und alle andern Besitztümer zu verkaufen, um sich selbst aus dem Erlös alles das bezahlen zu können, was ihm der Knecht und Diener schuldete. (Matth.18,25)
GEJ|5|249|2|0|Da das der Diener sah, daß er nun samt all den Seinen als ein Sklave verkauft sei, da fiel er vor dem noch anwesenden Könige nieder und betete ihn vollends an dadurch, daß er weinend sagte: ,O du großer, mächtigster König und Herr, habe doch noch eine kurze Geduld mit mir! Hebe auf den Verkauf, laß mich nur noch einige Zeit frei, und ich werde nach aller Möglichkeit trachten, dir die ganze Schuld zu bezahlen!‘ (Matth.18,26) Als das der König vernommen hatte, da ward auch erweicht sein Herz. Es jammerte ihn desselben Dieners, und er hob den ganzen Verkauf auf, erließ dem Diener die ganze Schuld und ließ ihn frei. (Matth.18,27)
GEJ|5|249|3|0|Bald darauf aber ging dieser Knecht hinaus in die Stadt des Königs, da er allda und alldort so manches zu tun und zu bestellen hatte. Und siehe, da traf es sich, daß er einen seiner Mitdiener traf, der ihm seit kurzem gelegenheitlich hundert Groschen schuldete! Als der Mitdiener aber ihn ersah, bat er ihn um nur noch eine kurze Nachsicht, und er werde ihm die Schuld abtragen. Aber unser vom König so hoch begnadigter Diener hörte ihn nicht an, sondern ergriff ihn mit aller Wut, würgte ihn und schrie: ,Bezahle mir nun sogleich, was du mir schuldest; denn ich habe dir schon lange zugewartet, und meine Geduld ist nun völlig zu Ende!‘ (Matth.18,28)
GEJ|5|249|4|0|Da fiel der Mitdiener abermals nieder und bat mit Tränen: ,Habe doch nur noch eine kleine Geduld mit mir, und ich werde dir alles bezahlen!‘ (Matth.18,29) Aber des Königs Diener und Knecht wollte von keiner Geduld irgend mehr etwas wissen, sondern ließ den armen Mitknecht von den Schergen ergreifen und ihn ins Gefängnis werfen auf so lange, bis aus seinen in Beschlag genommenen Einkünften bezahlt war die ganze Schuld. (Matth.18,30)
GEJ|5|249|5|0|Da aber die andern Mitknechte solches erfuhren und ersahen, wurden sie sehr betrübt und voll Ärgers über den gar so sehr unbarmherzigen Diener des Königs, gingen hin und brachten alles, was sich da begeben hatte, vor seine Ohren. (Matth.18,31)
GEJ|5|249|6|0|Als der König aber solches erfuhr, da forderte er sogleich den unbarmherzigen Diener vor sich und sprach zu ihm mit zornigem Angesichte: ,Höre, du Schalksknecht! Habe ich dir nicht alle Schuld erlassen, dieweil du mich darum gebeten hast? (Matth.18,32) Warum hast denn du dich über deinen Mitknecht nicht auch also erbarmt, wie ich mich deiner erbarmt habe?‘ (Matth.18,33)
GEJ|5|249|7|0|Da ward der Knecht stumm vor Schreck und Angst, da er ersah, wie gut und gerecht der König ist, und daß er den Frevler an seiner Gnade und Liebe streng zu züchtigen pflegt. Darauf ward der König erst recht zornig und übergab den Unbarmherzigen den ebenso unbarmherzigen Peinigern auf so lange, bis nun auch aus seinen mit Beschlag belegten Einkünften bezahlt ward die ganze, große Schuld. (Matth.18,34)
GEJ|5|249|8|0|Und sehet, ebenalso wird euch Mein himmlischer Vater auch tun, so ihr den Menschen nicht vergeben werdet von ganzem Herzen die Sünden und Fehler, die sie an euch begangen haben! (Matth.18,35) Und eben darin besteht auch das eigentliche Himmelreich im Größten wie im Kleinsten, daß da unter den Seligen nirgends besteht irgend eine Feindschaft oder ein Neid oder gar Haß, sondern es muß da sein die größte Harmonie, die größte Eintracht und die größte gegenseitige Liebe.
GEJ|5|249|9|0|Es ist eben darum nicht nötig, daß auf dieser Welt irgend ein Schutzgericht besteht, das da das Recht zu bestimmen hat zwischen den Beleidigern und Beleidigten, sondern euer vor Mir allein gültiges Schutzgericht sei euer gutes und versöhnliches Herz, und ihr werdet bei diesem Gerichte ganz gut und mit den wenigsten Unkosten und richterlichen Rechtsspruchtaxen darauskommen, und der Sünder an euch wird um vieles eher euer Freund der Wahrheit nach werden, als so er durch einen richterlichen Spruch wäre dazu genötigt worden. – Und nun saget es Mir, ob ihr das alles so recht aus dem Grunde verstanden habt!“
GEJ|5|250|1|1|250. — Die Notwendigkeit weltlicher Gerichte. Die Ursachen der Verbrechen und ihre Verhütung
GEJ|5|250|1|0|Sagt Petrus: „Herr und Meister! Das gewiß, und es wäre so wohl schon am allerbesten; aber so wir auch das alles genauest beachten werden, wie auch noch gar viele andere Menschen, die von uns solche Lehre überkommen werden, so fragt es sich aber dennoch sehr darum, ob die weltlichen Gerichte deshalb keinen Bestand mehr haben werden.
GEJ|5|250|2|0|Siehe, so da jemand an mir in irgend etwas sich versündigt hat, so werde ich ihm das ganz sicher vergeben auch siebzigmal siebenmal, so es mein Beleidiger im Ernste sollte darauf ankommen lassen; aber so er dann als ein arger und schadenfroher Mensch noch nicht genug hat und seine Beleidigungen über die große Zahl von siebzigmal siebenmal treibt, – was dann mit einem solchen Menschen? Da, bin ich nun der Meinung, dürfte es doch an der Zeit sein, solch einen Frevler dem weltlichen Gerichte zu überliefern, wie auch Dein barmherziger König am Ende, da seine große Langmut nichts fruchtete, den unbarmherzigen Knecht denn doch dem Peiniger überantwortete. – Was sprichst Du, Herr, zu solcher meiner Meinung?“
GEJ|5|250|3|0|Sage Ich: „Mein lieber Petrus, da sage Ich eben nicht gar viel, weil Ich euch für einen solchen unverbesserlichen Fall gleich nach dem Fischerstreit vor deinem Hause schon ohnehin ganz offen die vollgültige Weisung gegeben habe und ein jeder von euch denn doch sicher begriffen hat, was da zu tun und zu verfügen ist!
GEJ|5|250|4|0|Es versteht sich aber von selbst, daß in dieser Welt für große und grobe Verbrecher an den Rechten der Menschen auch gewaltige und große Weltgerichte sein und bestehen müssen, ansonst am Ende niemand seines Lebens mehr sicher wäre. Aber was da die kleineren Verirrungen betrifft, die sich nicht selten ereignen unter euch Menschen, so sollen diese an dem Richterstuhle des barmherzigen und versöhnlichen Herzens geschlichtet werden, auf daß aus den kleinen Verirrungen der Menschen untereinander nicht große und schwere Verbrechen werden; denn wahrlich sage Ich: Raub, Totschlag und Mord sind am Ende dennoch nichts anderes als Folgen der anfänglichen kleinen Verirrungen der Menschen unter sich aus lauter kleinen, weltlichen Eigennutz- und Eigendünkelrücksichten und -bezugnahmen. – Es soll euch das nun noch ein kleines Gleichnis heller erleuchten:
GEJ|5|250|5|0|Es ist ein reicher und angesehener Vater im Besitze einer sehr schönen und lieben Tochter, in die ein junger, aber armer, wennschon recht gut gebildeter Mann sterbensverliebt wird, und das um so mehr, da die liebe Tochter ihm schon einige Male durch allerlei freundliche Winke und Zeichen nur zu klar zu verstehen gab, daß sie ihm im Herzen geneigt ist. Nun, dieser sonst ehrliche und biedere junge Mann faßt endlich den Mut und geht in einer ganz natürlich guten Absicht zum Vater der schönen Tochter und verlangt, daß sie ihm zum Weibe gegeben würde. Allein der Vater, ob seines großen Reichtums überstolz und hart, läßt dem ehrlichen, armen Bewerber um der Tochter Hand die Tür weisen durch seine Knechte und ihn aus dem Hofraum hetzen mit seinen Hunden.
GEJ|5|250|6|0|Diese ungebührliche Aufnahme des armen Mannes hat nun dessen Herz erfüllt mit Zorn, Grimm und Rachgier, und je mehr er nun nachdachte über die reinste Unmöglichkeit, ein Schwiegersohn des reichen Mannes zu werden, desto mehr auch wuchs der Rachegedanke, den harten und stolzen Menschen auf das empfindlichste zu demütigen. Und als der arge Gedanke vollends reif geworden war, da waren Plan, Entschluß, und Wille und Tat auch schon da, und der junge Mann ward zum Mörder des reichen Mannes.
GEJ|5|250|7|0|Er wäre aber das sicher nicht geworden, wenn er von dem reichen Manne wäre als ein Mensch behandelt worden. Der reiche Mann glaubte in seiner stolzen Größe nicht einmal viel zu tun, so er den armen Bewerber auf die besagte Weise aus dem Hause wies; aber für den Ausgewiesenen war es zuviel, und er ward dadurch ein Verbrecher, ein Mörder, verbarg sich dann aus Furcht vor den Weltrichtern ins Dickicht der Wälder und ward da zu einem Schrecken der Menschen.
GEJ|5|250|8|0|Und sehet nun aus diesem kleinen Bilde, daß nur die Härte der Menschen zuallermeist ihre ärmeren Nebenmenschen zu Verbrechern macht. Darum beachtet allenthalben das an denen, die sich durch irgend etwas an euch versündigt haben, was Ich euch anbefohlen und klar gezeigt habe, so werden große Verbrecher selten werden auf Erden, und die guten Menschen werden dann herrschen über die Armen der Erde. – Habt ihr alle das wohl verstanden und begriffen?“
GEJ|5|250|9|0|Nun bejahten alle, daß sie diese Lehre wohl begriffen hätten. Die Jünger, die diese Lehre nach ihrer eigenen Aussage nun wohl begriffen, dachten aber dennoch über so manches nach, was darin enthalten war, und Johannes und Matthäus zeichneten die Hauptsache auf, und Jakobus und Thomas zeichneten auch für sich, aber mehr die Erklärungen, auf. Sie hatten wohl bei zwei Stunden damit zu tun.
GEJ|5|250|10|0|Und als da all das Nötigste aufgezeichnet war, da sagte Petrus: „Nun kann uns diese Lehre nicht mehr verlorengehen, und damit ist schon vieles gewonnen! Aber es wird nun Abend, und ich werde doch dafür zu sorgen anfangen müssen, daß wir ein Abendmahl bekommen.“
GEJ|5|250|11|0|Sagte Ich: „Aber wer sagte es dir denn, daß es nun schon Abend werde? Sieh hinaus nach dem Stande der Sonne! Ich sage es dir, so wir uns nun erheben und mit gutem Winde über die ganze Länge des Meeres fahren, so kommen wir noch vor dem Untergange sicher an die Grenzen des jüdischen Landes jenseits des Jordan!“
GEJ|5|250|12|0|Darauf sah Petrus nach dem Stande der Sonne und fing an, sich sehr zu wundern, und zwar darüber, wie er sich in der Beurteilung der Zeit gar so gewaltig habe irren können; denn die Sonne hatte noch bei drei Stunden Weges bis zum Untergange.
GEJ|5|251|1|1|251. — Ein Heuschreckenzug
GEJ|5|251|1|0|Petrus aber ermannte sich bald und fragte Mich um den Grund solcher seiner Täuschung, und Ich sagte zu ihm: „Gehe du hinaus ans Meer, und du wirst des Grundes bald gewahr werden!“
GEJ|5|251|2|0|Petrus tat, was Ich ihm befohlen hatte, und er sah, soweit seine Augen reichten, die Wasserfläche ganz mit Heuschrecken bedeckt. Sogar unser Schiff, das im Hafen des Petrus lag, war ganz voll von diesen Insekten. Petrus entsetzte sich vor diesem Anblicke, kam eiligst zu Mir ins Zimmer und fragte Mich, ob die Myriaden von Heuschrecken, die nun das Meer bedeckten, die Ursache seiner Zeitirrung gewesen wären.
GEJ|5|251|3|0|Und Ich antwortete und sagte: „Allerdings! Als sie aus Ägypten dahergeflogen kamen, da verfinsterten sie gleich einer dichtesten Wolke die Sonne so sehr, daß du hier im Zimmer offenbar dir denken mußtest, daß es schon Abend geworden sei. Ich aber sah in Mir die Ursache des so früh hereingebrochenen Abends und machte dich darauf aufmerksam, – und das ist nun aber auch schon alles, was Ich dir darüber zu sagen habe!“
GEJ|5|251|4|0|Petrus war damit ganz zufrieden und ging abermals hinaus, zu schauen das große Naturspektakel.
GEJ|5|251|5|0|Andreas und Philippus aber waren so ein wenig Naturforscher und fragten Mich, wie denn solche ungeheuren Heuschreckenmassen entstehen könnten, wo denn so ganz eigentlich ihr Entstehungsort sei, und wozu sie gut seien.
GEJ|5|251|6|0|Sagte Ich: „Meine Lieben, es ist wohl ganz löblich, sich in der Natur ein wenig umzusehen – denn sie ist ein großes Buch, geschrieben von der allmächtigen Hand Gottes, und gibt jedem biederen Forscher die schönsten Beweise von der Liebe und Weisheit und Macht des Vaters im Himmel –; aber ein zu verpickter Forscher kann bei seinen zu emsigen Forschungen sehr leicht auf Irrwege geraten, auf denen er von Gott ganz abkommt und am Ende alles Werden und Sein allein von den blinden und stummen Kräften der Natur ableitet.
GEJ|5|251|7|0|Und sehet, eben derlei Erscheinungen können die puren Naturforscher zuerst ganz von Gott abbringen; denn sie erblicken da in der Natur eine plan- und zwecklose, überschwengliche Lebensreproduktionsfähigkeit, die irgendeines weisen Gottes ganz gut entbehren könnte. Sie können auf dem Wege bloß äußerer Forschungen freilich wohl nie einen innern Grund solcher Erscheinungen erschauen, weil sie mit ihrer ganz nur in die Materie vertieften Seele nimmer den Licht- und Liebegeist Gottes berühren und ergreifen können.
GEJ|5|251|8|0|Wer aber in seiner Seele den Geist Gottes berührt und vollends ergriffen hat, dem wird es dann sein Geist selbst lehren, wie solche Begebnisse entstehen und warum, – und es soll dann erst ein solcher im Geiste geweckter Mensch die Dinge der Natur erforschen und sie also enthüllt zeigen seinen unkundigen und unmündigen Brüdern, auf daß sie dadurch desto eifriger werden in der Erweckungstätigkeit ihres Geistes in ihrer Seele.
GEJ|5|251|9|0|Um aber auf unsere Heuschrecken zurückzukommen, so entstehen sie zwar allenthalben auf den wärmeren Erdstrichen, aber zumeist zu gewissen Zeiten in Ägypten und im südlichen Asien. Da ist durch die Beschaffenheit des Klimas die stärkste Naturlebensgeisterproduktion, oder sie entwickeln sich dort am ehesten und häufigsten, weil da der materielle Boden der Erde, die Wärme der Sonne, ihr starkes Licht, der stets mächtige Tau und noch eine Menge anderer Umstände so mächtig einwirken, daß stets eine große Menge früher noch gebundener Erdgeister frei werden, sich ehest mit den Luftgeistern verbinden, dann in eine leichte Materie gewisserart sich einpuppen und weiter in der Puppe sich sodann mit einem Leibe bekleiden und in das tierische Erdenleben eingehen.
GEJ|5|251|10|0|Auf diese Art und Weise entstehen in den sehr warmen Ländern der Erde auch die Heuschrecken, und zwar sehr oft, obwohl sie auch aus ihren eigenen Eiern ausgebrütet werden können.
GEJ|5|251|11|0|Ich sage euch: Alles, Bäume und Pflanzen und alles Getier der Erde, ist bestimmt, die gerichteten Geister aus der harten Materie zu erlösen, und das geht von Stufe zu Stufe bis zum Menschen. Was dann mit dem Menschen geschieht, das wisset ihr nun schon ohnehin, und so habe Ich über das vor uns liegende Naturereignis nichts mehr zu erklären. – Aber nun rufet Mir Petrus herein; denn Ich werde ihm und euch etwas kundtun!“
GEJ|5|251|12|0|Andreas und Philippus tun sogleich, was Ich ihnen geboten habe, und Petrus, kaum ins Zimmer tretend, fragte sogleich, was es sei, das Ich ihnen zu verkünden willens wäre.
GEJ|5|252|1|1|Jenseits des Jordan am Galiläischen Meere. Ev. Matth. Kap. 19
GEJ|5|252|1|1|252. — Die Überfahrt des Herrn und der Seinen zum jenseitigen Seeufer. Ev. Matth. 19,1
GEJ|5|252|1|0|Und Ich sagte: „Machet euch alle reisefertig; Ich will und muß noch heute von hier abgehen, und zwar ganz aus Galiläa hin in das Land, das über dem Jordan liegt und an das Land der Juden grenzt! (Matth.19,1) Dort waren wir noch nicht, und es gibt dort eine große Menge sehr wißbegieriger Menschen, und wir werden dort darob noch heute gute Geschäfte machen.“
GEJ|5|252|2|0|Sagte Petrus: „Herr, dahin müssen wir zu Wasser reisen, und unser Schiff ist voll des Heuschreckengeschmeißes; um es zu reinigen, brauchen zwei fleißige Menschen einen halben Tag zu solch einer Arbeit!“
GEJ|5|252|3|0|Sagte Ich: „Da hast du wahr gesprochen, auch einen ganzen Tag dürften zwei Arbeiter zu tun haben; aber Ich werde mit solch einer Arbeit schneller fertig! Begeben wir uns nur behende hinaus ans Meer, und es wird das Schiff schon gereinigt sein!“
GEJ|5|252|4|0|Und als wir ans Meer zu unserem Schiffe kamen, siehe, da war es ganz rein, und es war keine Spur von einer Heuschrecke mehr irgendwo zu entdecken!
GEJ|5|252|5|0|Als die Jünger solches ersahen, verwunderten sie sich sehr darüber, und Petrus sagte: „Du bist wahrlich ein größter Meister in allen Dingen; auch die Heuschrecken müssen sich Deinem Willen gehorchend erweisen! Sollen wir nun sogleich das Schiff besteigen und abfahren, oder sollen wir zuvor ein Nachmittagsbrot mit etwas Wein verzehren, da die Reise eine ziemlich weite ist?“
GEJ|5|252|6|0|Sagte Ich: „Was benötigen wir alles dessen? Bis jetzt haben wir noch nirgends, wo wir auch immer waren, Hunger gelitten, und so werden wir auch in dem Lande, dahin wir nun ziehen werden, weder Hunger noch Durst zu erleiden haben. In deinem Hause hast du ohnehin alles geordnet, und so besteigen wir das Schiff! Spannet das Segeltuch aus, dann löset das Schiff ab vom Stocke, und einer mache sich allein ans Steuerruder! Ich werde einen guten Wind kommen lassen, und wir werden bald an Ort und Stelle sein, dahin Ich ziehen will.“
GEJ|5|252|7|0|Petrus aber fragte Mich noch, ob er wegen der Versorgung und Bewahrung des Schiffes am fernen, jenseitigen Ufer nicht etwa ein paar seiner Fischerknechte mitnehmen solle.
GEJ|5|252|8|0|Und Ich sagte: „Ja, tue das; denn wir kommen so bald nicht wieder hierher zurück!“
GEJ|5|252|9|0|Da berief Petrus zwei seiner Fischerknechte. Diese brachten das Schiff alsbald in Ordnung; der Wind fing auch an zu gehen, und wir fuhren nahezu mit Pfeilesschnelle ab.
GEJ|5|252|10|0|Als wir so mit einer wahren Sturmesschnelligkeit über die weite Wasserfläche dahinglitten und diese trotz des starken und heftigen Windes nur von ganz kleinen Wellen bewegt ward, da fiel das den zwei Knechten des Petrus auf, und sie fragten ihn, worin da etwa der Grund zu suchen wäre. Denn als sehr erfahrene, alte Fischer und Schiffer hatten sie so etwas noch nicht erlebt.
GEJ|5|252|11|0|Petrus aber sagte zu ihnen: „Wie möget ihr jetzt noch um so etwas fragen! Habt ihr denn schon vergessen, was der große Meister aus Nazareth als unser Messias alles kann und vermag?!“
GEJ|5|252|12|0|Da sagten die Knechte: „Das wußten wir schon, daß er große Wunder wirkt; aber daß ihm auch Wind und Meer gehorcheten, das wußten wir nicht! Der muß wahrlich ein großer Prophet sein, so groß wie Moses und so groß wie Elias!“
GEJ|5|252|13|0|Und Petrus sagte: „Endlos mehr denn Moses und Elias! Aber jetzt fraget nicht weiter, sondern gebet acht auf das Schiff; zur rechten Zeit werdet ihr schon ein mehreres über die Göttlichkeit des Herrn in eure Erfahrung bringen! Wir kommen nun bald zum Ausfluß des Jordan, und da heißt es aufpassen, daß wir nicht in die Strömung geraten, aus der herauszukommen ohne einen günstigen Gegenwind schwer ist.“
GEJ|5|252|14|0|Hier griffen die beiden recht wacker nach den Rudern, und wir waren pfeilschnell über die ein wenig gefährliche Stelle gekommen und hatten aber auch schon das Ufer erreicht nach einer kaum eine Stunde dauernden Fahrt.
GEJ|5|252|15|0|Es war allda, ein Ort, wo wir ans Ufer stiegen, und der Ort war bewohnt zumeist von Fischern, zum größten Teile wohl aus Juden bestehend, aber so um ein Dritteil war er auch von Griechen bewohnt, die da mit allerlei Handel trieben. Als wir ans Ufer kamen und dasselbe mit unseren Füßen betraten, da war viel Volkes da, dieweil etliche Pharisäer aus Jerusalem anwesend waren und ihren Zehent in diesem Orte nahmen. Daß uns das Volk zulief und einige Bessere von den vielen Menschen auch bald fragten, wer wir wären, was wir hier machen würden, und ob wir etwa so manches einkaufen möchten, versteht sich von selbst.
GEJ|5|252|16|0|Petrus aber ermannte sich und sagte zu den Neugierigen: „Lasset uns zuvor eine Herberge finden, dann werdet ihr früh genug erfahren, wer wir so ganz eigentlich sind, und was wir allhier wollen!“
GEJ|5|253|1|1|253. — Die Heilung des Blindgeborenen und anderer Kranker. Ev. Matth. 19,2
GEJ|5|253|1|0|Als Petrus solches kaum ausgesprochen hatte, trat sogleich ein angesehener Gastwirt zu ihm und sagte: „Kehret bei mir ein; denn ich habe wohl die größte Herberge im ganzen Ort und bin ein billiger Wirt, obwohl ich ein Grieche bin! Ihr seid zwar Juden allem Ansehen nach, aber das tut nichts zur Sache; denn es wohnen ja auch etliche Pharisäer aus Jerusalem, die hier den Zehent von den Juden nehmen, bei mir nun schon etliche Tage lang.“
GEJ|5|253|2|0|Sagte Petrus: „Das ist uns eben das Angenehmste nicht! Übrigens kommt es da rein auf unsern Herrn an; was Er will, das wird geschehen!“
GEJ|5|253|3|0|Sagte der Wirt: „Welcher von euch ist denn hernach der Herr, daß ich zu ihm hintrete und mit ihm selbst rede?“
GEJ|5|253|4|0|Petrus zeigte auf Mich und sprach: „Dieser da ist es!“
GEJ|5|253|5|0|Da trat der Wirt mit einer Verbeugung zu Mir hin und sagte: „Willst du mit den Deinen bei mir Herberge nehmen? Mein Haus ist groß und sehr geräumig und hat viele Gemächer; zudem bin ich einer der allerbilligsten Wirte im ganzen, nicht unbedeutenden Orte.“
GEJ|5|253|6|0|Sagte Ich: „Das bist du wohl, – aber wir haben nicht, um dich zu bezahlen; daher werden wir diese Nacht lieber auf unserem Schiffe zubringen! Zudem hast du Kranke im Hause und auch einen Arzt, der deinen Kranken nicht helfen kann, obwohl du ihn aus Jerusalem hast kommen lassen und er dich viel Geld kostet. Und siehe, wie man sagt, es ist in einem Hause nicht gut Wohnung nehmen, das mit allerlei böser Krankheit behaftet ist!“
GEJ|5|253|7|0|Als der Wirt solches von Mir vernahm, da erschrak er ordentlich und fragte Mich ganz erstaunt, wie Ich als ein in diesem Orte ganz Fremder das wissen könne.
GEJ|5|253|8|0|Sagte Ich: „Ich könnte dir noch gar manches andere sagen, was dich noch mehr befremden würde; aber davon nun nichts Weiteres!“
GEJ|5|253|9|0|Hier ward der Wirt sehr verlegen und fing an zu bitten, daß Ich dennoch bei ihm möchte Herberge nehmen; denn es habe die Sonne ja bereits den Horizont erreicht, und der Abend stehe vor der Tür.
GEJ|5|253|10|0|Darauf sagte Ich: „So gehe denn hin und bringe Mir deinen blinden Sohn, und wir werden sehen, ob Ich ihn werde heilen können!“
GEJ|5|253|11|0|Hierauf verließ der Wirt schnell das Ufer, eilte nach Hause und brachte den vierzehn Jahre alten, gänzlich blinden Sohn, stellte ihn vor Mich hin und sagte: „Hier, lieber Freund, ist mein blinder Sohn! Er ward also blind, wie er jetzt da vor dir stehet, geboren. Alle Ärzte und Zauberer haben schon ihre Kunst an ihm versucht; aber da war alles rein vergebens! Nun, wie du ehedem bemerkt hast, ist ein ordentlicher Wunderarzt aus Jerusalem bei mir im Hause; aber er kann auch geradesoviel wie die früheren! Nun kommt es auf dich, lieber Freund, an! Wahrlich, so du ihn heilest, da gehört mein halbes Vermögen dir!“
GEJ|5|253|12|0|Da sagte Ich: „Kannst du glauben, daß Ich diesen deinen blinden Sohn sehend mache, so wird er auch sehend!“
GEJ|5|253|13|0|Und der Wirt sah Mich fest an und sagte: „Ja, Freund, dir kann ich's glauben! Es liegt ja in deinen Augen etwas so Entschiedenes, daß sie mir sagen: Durch diesen Mund kam noch nie ein lügenhaftes Wort! Und so glaube ich denn nun auch fest, daß du meinen Sohn heilen wirst.“
GEJ|5|253|14|0|Sagte Ich: „Die andern Ärzte haben ihre Salben, und die Magier ihre Zauberstäbe, – Ich aber habe weder eine Salbe und noch weniger irgendeinen Zauberstab; Mein Wille ist alles, und so Ich es nun will, da werde dein Sohn alsogleich sehend!“
GEJ|5|253|15|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da ward der Blinde im Augenblick vollkommen sehend und schrie vor Freuden laut auf, da er nun ersah die Menschen, das Meer, die Gegend und alles, was da war.
GEJ|5|253|16|0|Der Wirt aber trat völlig zu Mir hin und sagte: „O du großer und wahrhaftigster Heiland, wie soll ich dir denn nun gebührend danken für solche deine wahrhaftigste Gnade? Denn wahrlich, der das kann, was du kannst, der allein kann Gnaden austeilen; denn was nützen einem Blinden tausend Gnaden und Wohltaten von seiten der Machthaber dieser Erde, so sie ihm bei aller ihrer sonstigen Macht und Güte das Licht der Augen nicht geben können!? Du aber hast ihm aus einer innern, mir gänzlich unbegreiflichen Macht das Augenlicht gegeben und hast dadurch mir und meinem liebsten Sohne eine unaussprechlich große Gnade erwiesen. Aber als Lohn dafür ist das, was ich dir ehedem versprochen habe, viel zuwenig! Oh, sprich du es aus, was ich dir nun schulde, und ich werde mit aller Liebe und Freude deinem Wunsche Gewähr leisten!“
GEJ|5|253|17|0|Sagte Ich: „Heute gib uns Herberge, tue den Armen Gutes und mache sonach das wieder gut, was du oft Schlimmes an ihnen getan hast!“
GEJ|5|253|18|0|Der Wirt versprach, solches alles strengstens zu beachten und zu tun und bat Mich inständigst, ihm in sein Haus zu folgen. Und Ich und die Jünger und auch die zwei Fischerknechte des Petrus gingen nun mit dem Wirte, und alles Volk, das da Zeuge von der Heilung des Blinden war, folgte uns auf dem Fuße nach.
GEJ|5|253|19|0|Auf dem Wege aber schrien viele aus dem Volke: „O du wahrhaftigster Heiland, heile du auch unsere Kranken, deren wir viele haben! Denn siehe, wer bei uns einmal krank wird, der wird nimmerdar gesund; er siecht so langsam bis zum Grabe hin! Es ist das eine wohl recht böse Eigenschaft dieser sonst schönen Gegend. O du lieber Heiland, erweise auch uns Armen eine solche Heilsgnade, wie du sie dem blinden Wirtssohne erwiesen hast! Dein Wille geschehe!“
GEJ|5|253|20|0|Und Ich sprach: „Nun wohl denn, also geschehe nach eurem Wollen und Glauben! Gehet aber nun zu euren vielen Kranken und überzeuget euch, ob in euren Häusern und Lagern sich noch irgendwo ein Kranker vorfindet!“ (Matth.19,2)
GEJ|5|253|21|0|Auf diese Meine Worte eilten bis auf wenige, die keine Kranken hatten, alle davon, um sich daheim zu überzeugen, ob ihre Kranken wahrhaft geheilt worden seien. Als sie in ihren Häusern, schon stark gegen Abend, ankamen, da fanden sie keinen Kranken, sondern alle, mit was für Krankheiten und Gebrechen sie auch behaftet waren, waren derart geheilt, als wären sie nie mit irgendeiner Krankheit behaftet gewesen waren.
GEJ|5|253|22|0|Die Geheilten aber wußten nicht, was da vorgefallen war, daß sie alle auf einmal gesund geworden waren, und fragten alsbald nach der Ursache solch eines nie erhörten Vorkommens. Da erzählten ihnen die Ihrigen von Mir, und wie Ich schon vor ihnen am Meeresufer des reichen Wirtes blindgeborenen Sohn sehend gemacht habe, und wie nun auch sicher alle andern Kranken des Wirtes gesund geworden seien.
GEJ|5|253|23|0|Als die Geheilten das vernommen hatten, da eilten sie aus den Häusern und kamen vor des Wirtes Haus. Da verlangten sie bittend, Mich zu sehen und Mir ihren Dank abzustatten.
GEJ|5|253|24|0|Da ging Ich unter sie und sagte zu ihnen: „Gehet nun nach Hause und sündiget nachher nicht mehr; denn so ihr abermals in eure alten Sünden verfallet, so werdet ihr dadurch auch wieder in eure alten Krankheiten verfallen! Haltet die Gebote, welche Moses gegeben hat, so wird von euch alles Übel fernbleiben.“
GEJ|5|253|25|0|Hierauf entließ Ich sie alle, und unser Wirt, der nun über alle Maßen froh und heiter ward, da auch alle seine anderen Kranken geheilt worden waren, wußte nun gar nicht, was er uns alles zugute tun sollte für unsere ihm erwiesene Wohltat.
GEJ|5|254|1|1|254. — Der Herr und die Seinen im Hause des griechischen Herbergswirtes. Wahrheit macht frei
GEJ|5|254|1|0|Da der Wirt aber ein Grieche und auch noch ein Heide war, aber doch recht wohl wußte, wie die Juden nicht alles essen dürfen, was die Griechen als hienoch Heiden aßen, so fragte er Mich, sagend: „O du großer Herr und Meister, was pflegst du und was pflegen sicher diese deine Jünger am Abende zu essen? Ob ich auch ein Heide bin, so weiß ich dennoch aus meinen gemachten Erfahrungen, daß die Juden gar manches nicht essen, was wir zu essen pflegen, und so frage ich dich denn, womit ich euch, ihr lieben Männer, dienen könnte. Denn nun seid ihr ganz Herren in diesem Hause und ich nur euer gehorsamster Knecht, und sonach wollet mir nur gnädigst befehlen, und ich werde jeden eurer Wünsche auf das möglichste zu befriedigen eifrigst beflissen sein!“
GEJ|5|254|2|0|Sagte Ich: „Gib uns etwas Brot und Wein und darauf ein gutes Nachtlager! Mehr bedürfen wir nicht.“
GEJ|5|254|3|0|Da wurde der Wirt beinahe traurig, dieweil Ich nicht etwas Mehreres und Besseres verlangt hatte. Aber er ging dennoch hinaus in seine Speisekammer und brachte uns selbst Brot und Wein, und das in gerechter Menge. Wir nahmen Platz an einem großen Tische, und der Wirt nahm mit seinen Kindern auch am selben Tische Platz, aß und trank mit uns, und als ihm der Wein ein wenig die Zunge löste, da fing er an, uns so manches aus seinen Erlebnissen zu erzählen, und es kamen darum auch die Wunderwerke der Essäer und die der Pharisäer zur Sprache, sowie auch die zehn Hauptgesetze Mosis.
GEJ|5|254|4|0|Da meinte der Wirt, daß diese Gesetze wohl recht gut wären, – aber sie würden nicht gehalten, und am allerwenigsten von den jüdischen Priestern, die doch ihren Glaubensgenossen allzeit mit einem guten Beispiel vorangehen sollten. Da Ich ein so großer und sicher höchstweiser Heiland sei, da dürfte Ich ihm auch da einen rechten Aufschluß zu geben imstande sein. Hauptsächlich aber möchte Ich ihm darin einen rechten Rat geben, ob er nach schon mehrmals erfolgten Aufforderungen von seiten der Pharisäer zum Judentum übertreten oder beim Griechentum verbleiben solle. Es gefiele ihm der Juden Lehre im Grunde besser denn die seine, die eigentlich nur ein poetisches Phantasiegebilde sei, dahinter nur sehr wenig Wahres sich berge.
GEJ|5|254|5|0|Darauf antwortete Ich ihm, sagend: „Bleibe du dem Außen nach, was du bist, innerlich aber sei ein wahrer Jude, was du um so leichter sein kannst, weil du dabei keinem Priester als irgend verpflichtet dastehst! Daß die Pharisäer dich deiner großen Reichtümer wegen lieber zu den Ihrigen hätten, als daß du für sie ein Fremder bist, das wirst du wohl einsehen! Daher bleibe du, was du bist, und suche die Wahrheit und den Grund des Lebens und Seins! Denn nur die Wahrheit wird dich frei machen, und mit ihr wirst du hoch über allem Priestertume stehen und über allem, was die Welt Weisheit nennt. – Hast du Mich nun wohl verstanden?“
GEJ|5|254|6|0|Sagte der Wirt: „Ich habe dich verstanden; nur ist da noch eine besondere Frage zu stellen, nämlich: Was ist die Wahrheit? Ja, die reine Wahrheit machete den Menschen schon allersicherst frei, – aber wo ist sie, wer kann sie mir zeigen, wer geben?“
GEJ|5|254|7|0|Sagte Ich: „Das kann Ich und jeder dieser Meiner Jünger, – aber Ich Selbst am sichersten; denn Ich Selbst bin die Wahrheit und das Leben, dieweil Der, welcher in Mir wohnt, von Ewigkeit her eben das ist!“
GEJ|5|254|8|0|Sagte der Wirt: „Herr und Meister, das verstehe ich nicht! Wie soll ich das nehmen?“
GEJ|5|254|9|0|Sagte Ich: „Dahier um Mich herum sitzen Meine Jünger, diese frage darum, sie werden dir das schon erklären; denn es ist besser, von sich reden zu lassen, denn selbst zu reden! Ich Selbst aber werde unterdessen hinausgehen und Mich erquicken an der kühlen Abendluft.“
GEJ|5|254|10|0|Hier erhob Ich Mich und ging ganz allein ins Freie. Die Jünger aber unterrichteten den Wirt nun von dem Wichtigsten, was Mich anbelangt. Und als der Wirt darauf ins klare kam, wer und was Ich bin, da kam er auch bald hinaus ins Freie zu Mir und dankte Mir samt seinen Kindern inbrünstigst für die ihm erwiesene große Gnade. Die Kinder taten desgleichen. Ich segnete sie alle, und wir begaben uns darauf zur Ruhe; denn es war schon so ziemlich spät in der Nacht geworden.
GEJ|5|255|1|1|255. — Das Verbot der Ehescheidung. Ev. Matth. 19,3-9
GEJ|5|255|1|0|Als wir am Morgen als wohlausgeruht uns gestärkt von unseren Ruhestätten erhoben und ins Freie hinaustraten, da war unser Wirt auch schon auf den Füßen, und die beiden Knechte des Petrus befanden sich auch schon auf dem Schiffe, um alsbald abzufahren. Aber wir hießen sie noch warten auf ein Morgenbrot, das ihnen unser Wirt auch sogleich verabfolgen ließ. Dann fuhren sie ab, da wir des Schiffes nun eine längere Zeit nicht benötigten.
GEJ|5|255|2|0|Darauf begaben auch wir uns infolge der Einladung unseres Wirtes zum Morgenmahle. Als wir noch kaum mit demselben fertig waren, da kamen auch schon andere Menschen, um Mich, den Wundermann, wie sie sagten, zu sehen und auch zu sprechen. Darunter aber waren Juden und Griechen, und sie erzählten sich gegenseitig, was Ich durch Meinen puren Willen alles gewirkt habe.
GEJ|5|255|3|0|Da aber, wie schon erwähnt, sich auch Pharisäer in ebendiesem Hause aufhielten, so erfuhren sie denn auch, was sich gestern am Abende alles zugetragen hatte, und errieten bei sich bald, daß Ich der ihnen schon bekannte Zimmermannssohn aus Nazareth sein würde. Sie traten darauf in unser Zimmer und fingen an, Mich mit allerlei Fragen zu versuchen, die Ich ihnen stets auf das sicher triftigste beantwortete, und ihnen den Mund stopfte.
GEJ|5|255|4|0|Es lebten aber hier etliche, die mit ihren Weibern unzufrieden waren. Diese begehrten von den hier anwesenden Pharisäern die Scheidung.
GEJ|5|255|5|0|Da fragte Mich wieder einer der Pharisäer: „Höre, du wunderbarer und allweiser Meister! Ist es wohl recht, daß ein Mann sich scheiden lasse von seinem Weibe aus irgendeiner gegründeten Ursache?“ (Matth.19,3)
GEJ|5|255|6|0|Da sah Ich ihn fest an und sagte: „Was fraget ihr denn Mich nun darum? Habt ihr in der Schrift denn nicht gelesen, daß Der, welcher im Anfange die Menschen gemacht hat, es auch also machte, daß sie da nur ein Männlein und ein Weiblein waren?! (Matth.19,4)
GEJ|5|255|7|0|Und als das erste Menschenpaar dastand vor Dem, der es gemacht hatte, und Dieser wohl sah, daß dem Manne das schöne Weib sehr wohl gefiel, da sprach dieser Eine, den ihr noch nie erkannt habt: ,Sieh, darum wird in der Zukunft ein Mensch Vater und Mutter verlassen und wird anhangen seinem Weibe, und es werden die zwei also ein Fleisch sein!‘ (Matth.19,5) Wenn sich aber das nach dem Worte Gottes also verhält, so sind sie nun nicht zwei, sondern nur ein Fleisch. Was aber Gott also zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht trennen!“ (Matth.19,6)
GEJ|5|255|8|0|Darauf sprachen die Pharisäer: „Wenn du schon so ein Schriftkundiger bist, so wirst du auch wohl wissen, daß uns ebenderselbe Moses, der die Erschaffung des Menschen beschrieb, einen förmlichen Scheidebrief so gut als völlig gesetzlich hinterließ und geboten hat, daß man sich scheide vom Weibe einer gegründeten Ursache wegen.“ (Matth.19,7)
GEJ|5|255|9|0|Darauf erwiderte Ich: „Moses hat euch wohl einen Scheidebrief gegeben, laut dessen ihr euch scheiden könnet von euren Weibern; aber er tat solches nur um der Härte eurer Herzen willen. Vom Anbeginne der Menschheit auf dieser Erde aber war es nicht also, sondern wie Ich es euch ehedem gesagt habe. (Matth.19,8)
GEJ|5|255|10|0|Ich sage euch aber noch weiter hinzu: Wer sich von seinem Weibe, und sei es auch um der argen Hurerei willen, scheidet und freiet eine andere, der bricht die Ehe. Und wer die Abgeschiedene freit, der bricht auch die Ehe. (Matth.19,9) Was aber der Ehebruch für eine Sünde ist, das wisset ihr ohnehin, und Ich brauche euch darüber keine weitere Aufhellung zu geben.“
GEJ|5|255|11|0|Hier verließen Mich ohne ein weiteres Wort die Pharisäer.
GEJ|5|256|1|1|256. — Ausnahmefälle in ehelichen Dingen. Ev. Matth. 19,10-12
GEJ|5|256|1|0|Dafür aber traten Meine Jünger zu Mir und sagten: „Herr, wenn die Sache eines Mannes mit seinem Weibe also stehet, dann ist es wahrlich nicht gut, ehelich zu werden! (Matth.19,10) Denn es gibt dann und wann ja doch Weiber, die gegen den Mann wahre Satane sind, und so denken wir, daß es denn für Deine Ordnung doch nicht gar so unpassend wäre, sich von einem solchen Weibe zu scheiden und des Haushaltes wegen um eine andere zu freien. Denn behält ein Mann ein böses, hurerisches Weib, so gibt es da in einem solchen Hause ja einen ewigen Zank und Hader und viele böse Worte, was im Hause selbst und bei den Nachbarn stets einen bösen Ärger erregen muß. Läßt aber ein solcher Mann sich von einem solchen Weibe scheiden, so wird bald volle Ruhe im Hause herrschen. Und in dem Falle glauben wir denn doch, daß der Scheidebrief Mosis vor aller bessern Menschenvernunft seine volle Rechtfertigung findet.“
GEJ|5|256|2|0|Darauf sagte Ich zu den etwas verlegenen Jüngern: „Das Wort (was vor den Pharisäern gesprochen ward) fasset nicht ein jeder Mensch, sondern nur die, denen es gegeben ist, es zu fassen (Matth.19,11), und bis jetzt habt ihr es auch nicht gefaßt, obwohl es euch gegeben ist, es zu fassen; aber ihr sollet es dennoch fassen und werdet es auch!
GEJ|5|256|3|0|Fürs erste verweise Ich euch auf das zurück, was Ich über diesen Gegenstand schon zu öfteren Malen geredet habe, und das in einer erschöpfenden Weise.
GEJ|5|256|4|0|Fürs zweite aber versteht es sich von selbst, daß Ich durch Moses nie einen Scheidebrief euch beschieden hätte, so Mir in so manchen Fällen, die sich wohl begründen lassen, dessen Notwendigkeit etwa nicht ersichtlich gewesen wäre. Aber wisset ihr denn nicht, welchen verderblichen Mißbrauch die Pharisäer in dieser Zeit und schon lange her mit den Ehescheidungen treiben?! Sie selbst stiften geheim allerlei Unfrieden in einer sonst noch so guten Ehe und bringen es endlich dahin, daß sich die Eheleute scheiden lassen müssen. Nun, die Ehescheidung wird von den Priestern vorgenommen und kostet viel Geld, und darin eben liegt der Grund, warum in dieser Zeit so häufig Ehescheidungen vorkommen, und warum Ich in dieser Hinsicht den Pharisäern die Urgesetze Gottes vor Augen gestellt habe. Meine Macht kennen sie, und so sind sie daher auch mit geheimen Grimme abgezogen.
GEJ|5|256|5|0|Fürs dritte aber sage Ich euch noch etwas, und darauf habet acht und zeichnet es sogar auf! Sehet, es gibt unter den Menschen beiderlei Geschlechtes welche, die da verschnitten sind schon vom Mutterleibe aus, andere, aber nur Männlein, die von den Menschen aus was immer für einer Ursache verschnitten worden sind, und es gibt endlich solche Verschnittene, die sich selbst des Himmelreiches wegen verschnitten haben! Wer das fassen kann, des fasse es! (Matth.19,12)
GEJ|5|256|6|0|Kurz, diese sind für keine Ehe mehr, und jede mit solchen Verschnittenen geschlossene Ehe ist völlig ungültig und kann ohne alle weiteren Bedenken vollkommen geschieden werden, und der unbeschnittene Teil kann ohne Begehung des Ehebruchs von neuem freien.
GEJ|5|256|7|0|Ist aber jemandes Weib unfruchtbar, da tue er im gerechten Sinne, was die alten Väter getan haben, damit sie sich einen Samen erweckt haben, und er wird deshalb vor kein Gericht gestellt werden. – Ich meine nun, daß ihr das endlich werdet gefaßt haben.“
GEJ|5|256|8|0|Sagte Petrus: „Bis auf eines wohl; aber wenn jemand ein Weib hat, das aus angeborener purer Geilheit trotz aller Ermahnungen und liebreichen Vorstellungen dennoch in einem fort hurt und also gänzlich unverbesserlich ist, soll man sich von solch einem Weibe auch nicht scheiden lassen? Oder was soll man da nach Deinem Willen Rechtens tun?“
GEJ|5|256|9|0|Sagte Ich: „Du kannst dich von solch einem Weibe, das offenbar eine Ehebrecherin ist, ohne weiteres scheiden lassen, – aber du darfst, so sie irgend lebt, um kein anderes Weib freien! Denn du kannst es nicht wissen, ob das Weib sich in der Folge nicht bekehrt und voll Reue in dein Haus zurückkehrt und du dann ein gebessertes, treues Weib hast. Hast du aber unter der Zeit eine andere gefreit, und das frühere Weib käme dann gebessert und voll Reue zu dir zurück, so würdest du es des neues Weibes wegen nicht mehr annehmen können, und siehe, das wäre dann ja doch etwas Schlimmes für dich und noch etwas Schlimmeres für deine nun beiden Weiber; denn dem älteren könntest du keine Barmherzigkeit erweisen und von dem jüngeren dich nicht scheiden, und doch sollst du also barmherzig sein, wie der Vater im Himmel barmherzig ist. Wenn aber du die Barmherzigkeit nicht üben kannst, was bist du dann, und was willst du tun, um in Meiner Ordnung zu verbleiben? Hast du aber einen Drang und viel Natur, da blicke auf die Altväter zurück; aber in deinem Herzen sei Gott getreu und hüte dich vor der Geilheit und Unzucht und der Hurerei! Denn Hurer und Ehebrecher werden in das Gottesreich nicht eingehen. – Hast du das nun wohl verstanden?“
GEJ|5|256|10|0|Sagte Petrus: „Ja, Herr, nun bin ich auch da im klaren!“
GEJ|5|257|1|1|257. — Der Herr segnet die Kinder. Ev. Matth. 19,13-15
GEJ|5|257|1|0|Hier trat aber sogleich der Wirt zu Mir hin und sagte: „Herr, gilt das auch für uns Heiden?“
GEJ|5|257|2|0|Sagte Ich: „Allerdings! Denn es gibt nur einen Gott und Herrn; Der will alle Menschen gleich erzogen haben, und Ich bin darum in diese Welt gekommen, um auch den Heiden das Tor zum Licht und Leben zu öffnen. Und es wird einst die Zeit kommen, und ist eigentlich schon da, wo den Juden das Licht genommen und den Heiden gegeben werden wird.“
GEJ|5|257|3|0|Da sprach der Wirt: „Ganz gut, Herr und Meister, es ist gut, daß ich das nun weiß; ich werde meine Genossen schon dahin anhalten, daß sie in Deiner Lehre bleiben und handeln werden. Denn ich errate es jetzt schon, mit wem ich es nun zu tun habe! Du bist ein Gott und kein Mensch; denn Deine Taten hat noch nie je ein Mensch verrichtet, und Worte, wie Du sie geredet hast, sind auch noch nie aus eines Menschen Mund geflossen. Solches alles ist nur einem Gott möglich!
GEJ|5|257|4|0|Aber nun habe ich noch eine Bitte an Dich, der Du nun ein wahrer Gott für mich geworden bist. Siehe, wir haben in diesem Orte eine Menge Kinder, und ich meine, so Du sie segnen würdest in Deiner wahrlich allmächtigen Art und Weise, so müßte ihnen das für die Folge in ihrer Reife ja von einem großen sittlichen Nutzen sein! Herr und – sage – mein Gott, habe ich ein rechtes Verlangen an Dich gestellt?“
GEJ|5|257|5|0|Sagte Ich: „Nun, so gehe und lasse die Kleinen zu Mir kommen!“
GEJ|5|257|6|0|Hierauf sandte der Wirt eiligst seine vielen Diener in den ganzen Ort aus, um allen zu verkünden, daß sie ihre Kleinen zu ihm bringen sollten, allwo sie der wunderbare Heiland segnen und stärken werde.
GEJ|5|257|7|0|Bald darauf wurden eine Menge Kindlein zu Mir gebracht, auf daß Ich ihnen die Hände auflegete und über sie das Segnungsgebet richtete.
GEJ|5|257|8|0|Da die Kinder sich zu Mir hindrängten, weil einige lebhaftere die Ersten bei Mir sein wollten, so fuhren die Jünger sie des unartigen Drängens halber an und verwiesen ihnen solche Unart. (Matth.19,13) Da wurden die Kleinen schüchtern und trauten sich nicht zu Mir hin.
GEJ|5|257|9|0|Ich aber ermahnte die Jünger und sagte zu ihnen: „Ei, so lasset doch diese Kleinen; denn ihrer ist das Himmelreich!“ (Matth.19,14)
GEJ|5|257|10|0|Darauf ermunterte Ich die Kleinen, zu Mir zu kommen ohne Furcht und Scheu. Da bekamen die Kleinen wieder Mut und eilten zu Mir hin. Ich aber legte ihnen allen die Hände auf und segnete sie.
GEJ|5|257|11|0|Als diese Handlung vollzogen war, da ging alles nach verrichtetem Danke wieder nach Hause. (Matth.19,15)
GEJ|5|257|12|0|Darauf trat abermals der Wirt zu Mir und sagte: „Herr und mein Gott! Möchtest Du wohl meinem Hause noch die große Gnade erweisen und Dich noch etliche Tage oder Wochen und Monde lang hier aufhalten?“
GEJ|5|257|13|0|Sagte Ich: „Solange du bei Meiner von den Jüngern vernommenen Lehre verbleiben wirst, solange wird Der, den du in Mir Gott nanntest, bei dir verbleiben; verläßt du aber diese neue Lehre im Glauben und im Tun danach, so wird dich auch dieser dein Gott verlassen. Aber Ich, als nun auch noch ein Leibesmensch, muß nun alsbald von hier ziehen; denn mit den Pharisäern unter einem Dache wohnen, wäre eben nicht besonders gut – weder für den einen noch für den andern Teil.
GEJ|5|257|14|0|Ich habe nun ungerufen deinem Hause und diesem ganzen Orte sicher eine große Wohltat erwiesen! Gedenket dieses Tages, und so euch wieder irgendeine Not drücken sollte, berufet Mich nur volltrauig in euren Herzen, und es soll euch geholfen werden!“
GEJ|5|257|15|0|Darauf erhoben wir uns schnell und zogen aus diesem Orte.
GEJ|5|258|1|1|258. — Der reiche Jüngling. Ev. Matth. 19,16-26
GEJ|5|258|1|0|Als wir eine kleine Stunde Weges vom Orte, wo wir waren, entfernt waren, da kam uns ein junger Mensch aus ebendemselben Orte auf dem Wege entgegen. Er war auch am gestrigen Abende Zeuge gewesen von Meinen Taten und Lehren und war dazu für seine Jugend sogar ein ganz tüchtiger Schriftgelehrter, aber nicht von Profession. Als er Mich ersah und erkannte, da trat er Mir entgegen, hielt Mich auf und bat Mich, ihm zu erlauben, eine Frage an Mich zu stellen.
GEJ|5|258|2|0|Ich tat das, und er sprach: „Guter Meister, was soll ich denn alles für Gutes tun, um dasjenige ewige Leben, von dem gestern deine Jünger bei dem griechischen Wirte Rauris gar soviel Wunderherrliches und sicher sehr Wahres erzählten, zu erlangen auf einem kürzeren Wege, als ihn deine Jünger bezeichneten? (Matth.19,16)
GEJ|5|258|3|0|Ich aber sah ihn ernst an und sagte zu ihm: „Wie kannst du Mich, der Ich dir bekannt nur ein Mensch bin, als selbst ein Schriftgelehrter gut heißen? Weißt du denn nicht, daß außer Gott niemand gut ist? – So du aber zum ewigen Leben eingehen willst, da halte die Gebote!“ (Matth.19,17)
GEJ|5|258|4|0|Hier fragte der Mensch weiter und sagte: „Welche Gebote denn?“ – Diese Frage aber stellte er darum, weil er meinte, daß Ich dafür etwa ganz neue und völlig unbekannte Gesetze habe.
GEJ|5|258|5|0|Ich aber sagte zu ihm: „Die, welche Moses gegeben hat, als: Du sollst nicht töten; du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht stehlen; du sollst kein falsches Zeugnis geben! (Matth.19,18) Ehre Vater und Mutter; und: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ (Matth.19,19)
GEJ|5|258|6|0|Hierauf fragte der Jüngling: „Wen aber soll oder kann ich als meinen Nächsten ansehen?“
GEJ|5|258|7|0|Hierauf erzählte Ich ihm das bekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter, und er begriff nun, wer als sein Nächster anzusehen sei.
GEJ|5|258|8|0|Als er aber solches von Mir vernommen und auch eingesehen hatte, da sagte er darauf: „Wenn also, da gebe ich dir die volle Versicherung, daß ich das alles schon von meinem Knabenalter an getan habe! Was fehlet mir noch?“ (Matth.19,20)
GEJ|5|258|9|0|Und Ich erwiderte ihm: „So du aber ganz vollkommen sein willst, da gehe hin und verkaufe alle deine irdischen Güter und verteile sie unter die Armen, so wirst du dir damit einen Schatz im Himmel gründen! Darauf komme und folge Mir nach; da werde Mein Jünger und lerne von Mir die Geheimnisse des Himmelreiches kennen!“ (Matth.19,21)
GEJ|5|258|10|0|Als der junge Mann aber solches von Mir vernommen hatte, da ward er traurig, dieweil er viele und große Güter hatte, kehrte Mir den Rücken und ging seines Weges weiter. (Matth.19,22)
GEJ|5|258|11|0|Des wunderten sich die Jünger, und sie sagten: „Das ist aber doch sonderbar! Der Mensch schien recht gut dessen innezusein, daß aus Dir ein Gottesgeist redet; aber der eitlen Weltschätze wegen kehrte er dem allmächtigen Gottgeiste lieber den Rücken, als daß er Seiner Mahnung Folge geleistet hätte! Sonderbar, überaus sonderbar! Was ist dereinst mit einem solchen Menschen?“
GEJ|5|258|12|0|Sagte Ich: „Ein Reicher wie dieser wird schwerlich ins Himmelreich kommen! (Matth.19,23) Habet acht darauf, was Ich euch da noch weiteres sage! Wahrlich, es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein solcher Reicher komme ins Reich Gottes!“ (Matth.19,24)
GEJ|5|258|13|0|Da aber die Jünger auf dem Wege solches von Mir vernahmen, da entsetzten sie sich sehr und sagten: „O je, o weh, – wenn also, wer kann da ins Himmelreich kommen und selig werden?! (Matth.19,25)
GEJ|5|258|14|0|Ich aber sah die sehr verlegen gewordenen Jünger freundlich an und gab ihnen damit einen Trost, daß Ich zu ihnen sagte: „Bei den Menschen wäre so etwas wohl freilich unmöglich; aber bei Gott sind alle Dinge möglich!
GEJ|5|258|15|0|Ich habe aber schon ohnehin bei dem Fischer Aziona ausführlich über diesen Gegenstand gesprochen, wie es möglich ist, daß die Seelen noch ärgerer Menschen auf Gottes geheimen Wegen noch selig werden können, und so wäre es hier ganz überflüssig, noch ein mehreres darüber zu sagen. Ihr werdet davon wohl noch etwas wissen?“
GEJ|5|259|1|1|259. — Die Frage der Jünger nach dem himmlischen Lohn. Ev. Matth. 19,27-30
GEJ|5|259|1|0|Sagte Petrus: „O ja, das ist mir und sicher auch allen andern noch sehr wohl im Gedächtnisse! Aber ich nehme mir hier die Freiheit, im Namen unser aller Dich zu fragen, was dereinst uns dafür wird, die wir alles verlassen haben und sind Dir treulich gefolgt?“ (Matth.19,27)
GEJ|5|259|2|0|Darauf antwortete Ich und sagte: „Wahrlich, Ich sage es euch, die ihr Mir nachgefolgt seid: In eurer vollen Wiedergeburt, so Ich auferstanden sein werde und sitzen auf dem Stuhle Meiner ewigen Herrlichkeit, werdet auch ihr neben Mir, und gleich Mir, sitzen auf zwölf Stühlen und richten die zwölf Stämme Israels (Matth.19,28), was soviel sagen will als, daß ihr dereinst in Meinen Himmeln mit Mir zum ewigen Wohle aller Menschen dieser Erde und auch der anderen Welten stets Mir gleich tätig sein werdet und als den Erdenmenschen unsichtbare Schutzgeister eben diese Menschen hier und auch noch jenseits bewachen, leiten und führen! Denn nur in einer stets sich mehrenden, wahren Liebetätigkeit besteht das wahre Himmelreich und dessen wachsende Seligkeit.
GEJ|5|259|3|0|Und noch sage Ich euch hinzu: Wer da verläßt Häuser, Brüder oder Schwestern, oder Vater oder Mutter, oder sein Weib, seine Kinder, oder seine Äcker, oder Gärten und Wiesen und Herden um Meines Namens willen, der wird alles das in Meinem Reiche hundertfach wiedererhalten und dadurch erben das wahre, ewige Leben. (Matth.19,29)
GEJ|5|259|4|0|Aber das merket euch auch: Die da nun sind die Ersten, werden gar leicht dort sein die Letzten, und die da werden sein die Letzten, werden dort auch leicht sein die Ersten!“ (Matth.19,30)
GEJ|5|259|5|0|Das verstanden die Jünger nicht, und Petrus fragte: „Was soll das, was willst Du damit gesagt haben? Denn was Du aussprichst, das hat seine Realität für die ganze Ewigkeit, und wir wollen da alles genau wissen und verstehen, was da kommt aus Deinem Munde! Dieses scheint auf uns einen Bezug zu haben, und es wäre das eben nicht sehr fein, so wir eben darum die Letzten im andern Reiche sein sollten, dieweil wir allhier die Ersten waren!“
GEJ|5|259|6|0|Sagte Ich: „Mein lieber Simon Juda, darum sicher nicht; aber so da jemand von euch sich darum für besser dünken möchte, weil Ich ihn zuerst erwählt habe, der wäre dadurch ja schon in einen Hochmutsdünkel verfallen, mit welchem er im Himmelreiche wohl nimmer ein Erster sein könnte. Da wäre einer, den Ich nach mehr denn tausend Jahren erweckt und erwählt hätte, doch sicher ein Letzterer der Erwählung nach; so er aber im hohen Grade demütig wäre in seinem Berufe, so daß er sich dabei stets für den solcher Gnade Unwürdigsten hielte, aber dabei dennoch treu und ausharrend wäre in seinem Berufe, obwohl er nicht solche Beweise von der vollen Echtheit dessen hätte, was ihm gegeben würde, sondern sich nur mit dem alleinigen Glauben fortbringen müßte, – wäre dann ein solcher Berufener nicht ein Erster im Himmelreiche?
GEJ|5|259|7|0|Ich hätte euch aber diese Bemerkung nicht gemacht, so ihr euch nicht schon hier um den Lohn für das, was ihr nun für Mich zu tun glaubet, erkundigt hättet! Das war, du Simon Juda, auch nicht fein von dir und euch allen, da Ich euch dadurch, daß Ich euch erwählt habe, nur eine größte Wohltat geistig und leiblich erwiesen habe, daß ihr euch darum noch um eine Belohnung zu erkundigen begonnen habt! Hatte Ich da dann etwas Unrechtes an euch getan, so Ich euch einen kleinen Rippler gab?“
GEJ|5|259|8|0|Sagte Petrus: „O mitnichten, Herr und Meister; wie ich es nun einsehe, so war er viel zu gering gegenüber unserer großen Dummheit! – Aber es fragt sich nun um etwas anderes, und das ist das: Wohin wir nun ziehen werden!“
GEJ|5|259|9|0|Sagte Ich: „Wir werden einen sehr verborgenen Ort besuchen und eben in solchem Orte eine Ruhe nehmen; denn wir haben bisher fleißig gearbeitet. Auf eine fleißige Arbeit aber gehört auch eine Ruhe; darum schreiten wir nur mutig vorwärts, und wir werden den verborgenen Ort bald erreichen! Dort werdet ihr wahrhaft Meine Engel auf- und niederfahren sehen; darum also nur mutig vorwärts geschritten!“
GEJ|5|260|1|1|260. — Der Herr besucht mit den Seinen einen Ort im Gebirge
GEJ|5|260|1|0|Nach ein paar Stunden Weges erreichten wir den verborgenen Ort, der so, wie viele andere, keinen Namen hatte. Die Juden wie die Griechen benannten ihre bewohnten Orte oft deswegen nicht, auf daß sie wegen der Besteuerung von den Römern und den Lehnsfürsten nicht so leicht aufgefunden werden konnten; denn so ein solcher Ort einmal aufgefunden, beschrieben und benamset war, so war er auch tributpflichtig.
GEJ|5|260|2|0|Nebstbei aber war auch noch ein anderer Grund der allda so oft vorkommenden Namenlosigkeit der kleinen Ortschaften vorhanden, und der bestand darin: Es war bei den Römern wegen der schnelleren und leichteren Kolonisierung und Kultivierung der unwirtbaren und wüsten Gegenden gebräuchlich, daß eine neue Kolonisation samt ihren neuerbauten Orten zwanzig, dreißig, vierzig bis fünfzig Jahre hindurch unbesteuert blieb, je nachdem eine oder die andere Gegend mehr oder weniger Zeit zu ihrer vollen Kultivierung benötigte. Nun, daß die Juden und Griechen, die nie gar besondere Freunde vom Steuerzahlen waren, dieses humane römische Gesetz sehr zu ihrem Nutzen auszubeuten verstanden, daran wird sicher niemand irgendeinen Zweifel haben. Sie gaben darum einem neuerbauten Orte keinen Namen, und wurden sie irgendwann von einem römischen Kommissarius befragt, so war der Ort erst zehn Jahre alt, wenn er auch schon längst über ein halbes Säkulum auf dem Rücken hatte. Darauf bekam der also von einem Kommissarius besehene Ort eine Nummer, aber noch keinen Namen; erst von diesem Zeitpunkte angefangen, ward der neue Ort nach der abgelaufenen gesetzlichen Frist steuerbar und bekam einen Namen.
GEJ|5|260|3|0|Und also war denn dieser kleine Ort, den wir soeben erreichten, ein namenloser, aber darum auch ein noch steuerfreier Ort. Dieser Umstand kam aber auch uns oftmals zugute; denn die Bewohner von solchen neuen oder besser noch unbesteuerten Orten waren um vieles freigebiger und zugänglicher. Und so war es abermals hier wieder der Fall. Wir kamen gerade mit dem Untergange der Sonne an einem Vorsabbat in diesem wahrlich sehr verborgenen Orte an.
GEJ|5|260|4|0|Der Ort aber lag in einem Hochgebirgstal, das da recht fruchtbar und besonders zur Viehzucht geeignet war; aber es war nur von einer Seite, und selbst da sehr schwer zugänglich. Menschen, die dem Kopfschwindel unterworfen sind, würden es wohl kaum wagen, sich über diese steilen Pfade hinaufzubegeben. Das Tal selbst lag nach der jetzigen Messung über viertausend Fuß über dem Meere, was in Asien freilich wohl eben nicht gar zuviel sagen will, dieweil es da noch viel höher gelegene, bewohnte Orte gab und noch gibt.
GEJ|5|260|5|0|Als wir also in diesem Orte ankamen, da ersahen uns alsbald mehrere Einwohner und beriefen schnell ihren Ältesten und Vorsteher, daß er käme und uns ausforschen solle, warum wir dahin gekommen wären. Der Vorsteher, ein schon ergrauter Jude, war gleich bei der Hand, besah uns und fragte uns darauf, was wir hier zu tun willens wären, und was uns genötigt habe, diesen von aller Welt schroffst abgeschiedenen Ort zu erklimmen.
GEJ|5|260|6|0|Ich aber sagte zu ihm: „Der Friede sei mit dir und mit diesem ganzen, wahrlich nicht unbedeutenden Orte. Das Reich Gottes ist nahegekommen, was ihr schlichten und einfachen Leute während Meiner Ruhe, die Ich bei euch nehmen will, schon noch zur Genüge werdet einsehen lernen! Für jetzt aber frage Ich dich, ob wir bei dir nicht eine kurze Zeit hindurch eine Herberge haben können?“
GEJ|5|260|7|0|Sprach der Vorsteher: „Ihr seid keine argen Menschen, das habe ich auf den ersten Augenblick herausgehabt; aber ihr seid so Abenteurer, und das macht nichts, und so könntet ihr schon unter meinem Dache Wohnung haben. Aber ihr müsset mir recht vieles erzählen, wie es etwa nun in der Welt so zugeht; denn ich bin nun schon bei zwanzig Jahre lang nicht von da in die lose Welt hinabgekommen und weiß sonach wenig oder gar nichts von ihr! Auch die Bewohner dieses Ortes gehen nur von Zeit zu Zeit in das nahegelegene Städtchen oder Flecken Nahima, des Salzes wegen, das wir hier nicht haben. In Jerusalem aber waren wir, obwohl wir feste Juden sind, schon bei zwanzig Jahre lang nicht. Denn da herrschte schon damals nichts als Lug, Trug, Herrschsucht und der allerstinkendste Hochmut vom Tempel aus durch alle Volksschichten hinab. Wie wird es erst jetzt aussehen?
GEJ|5|260|8|0|Ich zog mich als ein echter Jude darum auch hierher aus wahrer Liebe zu Gott zurück mit noch einigen, die ebenso gesinnt waren wir ich, und wir stifteten hier somit eine zwar freie, aber möglichst reine, Gott, dem alleinigen Herrn, treu ergebene Gemeinde, und Er hat uns dafür schon recht reichlich gesegnet.
GEJ|5|260|9|0|Ihr seid auch Juden und werdet noch eure großen Stücke fürs Seelenheil auf den Tempel zu Jerusalem halten? Aber ihr waret nie Schriftgelehrte und Diener des Tempels und könnet daher auch gar keine Ahnung haben, welch ein schauderhafter, jedes bessere Menschengemüt empörender Unfug da mit den heiligen Rechten der Menschen innerhalb der heiligen Mauern getrieben wird! Das hat mich und mehrere meiner Freunde empört! Wir gingen durch und fanden dieses Tal, in dem wir sogleich die nötige Leibesnahrung fanden.
GEJ|5|260|10|0|Mit der Zeit erbauten wir uns hier diese recht artigen Häuser und leben jetzt so recht gemütlich und friedlich beisammen und geben allzeit Gott allein die Ehre. Nur um das einzige bitte ich euch, daß ihr bei eurer Wiederkehr in die lose Welt hinab uns gegen niemanden verratet! Ansonst seid ihr uns sehr willkommene Gäste. Nun begeben wir uns in mein Haus, das nun Gott dem Herrn sicher wohlgefälliger ist als der Salomonische Tempel zu Jerusalem. Im Hause bei einem guten Mahle werden wir noch so manches besprechen, und ihr sollet uns da erst so recht kennenlernen!“
GEJ|5|261|1|1|261. — Im Hause des Ortsvorstehers. Der Wunderwein
GEJ|5|261|1|0|Wir gingen nun ins recht niedliche und geräumige Alpentalhaus und wurden sogleich mit Brot, Salz und frischer Milch bedient. Der Vorsteher entschuldigte sich, daß er uns keinen Wein aufwarten könne; aber er hätte mehrere Schläuche von Waldbeerensaft, der nicht minder wohl schmecke als irgendein Wein. So wir ihn versuchen möchten, würde er uns mit vielem Vergnügen ein paar Krüge voll davon aufsetzen lassen.
GEJ|5|261|2|0|Ich sagte: „Tue das; wir wollen deinen Waldwein versuchen! Schmeckt er uns, dann werden wir dich schon noch um ein paar Krüge angehen.“
GEJ|5|261|3|0|Da ging der Hauswirt in seinen Keller und brachte uns ein paar Krüge voll des Waldbeerensaftes, der ganz wie Wein schmeckte, da er im Grunde auch Wein war; denn das Träublein, jetzt auch Johannisträublein genannt, gehört ja auch zu den verschiedenen Rebengattungen, deren Frucht ungefähr die kleinste Gattung Trauben ist. Kurz und gut, wir tranken mit etwas Wasser vermengt diesen Waldwein recht gerne, und der Wirt hatte eine große Freude daran, daß uns sein Wein also wohl schmeckte.
GEJ|5|261|4|0|Als die beiden Krüge leer geworden waren, da wollte sie der Wirt sogleich wieder anfüllen gehen; aber Ich sagte zum nun schon sehr beredt gewordenen Waldbeerweinerzeuger: „Höre, lasse du nun das und fülle die Krüge statt mit dem Waldweine jetzt lieber mit ganz frischem Wasser, und Ich werde das Wasser sogleich in einen allerbesten Wein verwandeln!“
GEJ|5|261|5|0|Da machte der Wirt große Augen und sagte: „Na, auf dies Kunststück bin ich wahrlich sehr neugierig!“
GEJ|5|261|6|0|Die beiden großen Krüge wurden sogleich, mit Wasser vollgefüllt, auf den Tisch gestellt, und der Wirt sagte: „Nun steht schon auf dem Tische, was du verlangt hast, und du, Freund, zeige uns, was du kannst und vermagst!“
GEJ|5|261|7|0|Und Ich sagte zu ihm: „Nimm einen oder den andern Krug in die Hand und versuche den Inhalt!“
GEJ|5|261|8|0|Der Wirt versuchte den Inhalt und war dabei so überrascht, daß er sogleich sein ganzes Hausvölkchen zusammenberief und einen jeden verkosten ließ. Alle behaupteten, noch nie einen so überaus guten Wein über ihre Lippen gebracht zu haben. Nun wollte aber auch ein jeder wissen, wie denn das zuging, daß da aus dem pursten Wasser ein so himmlisch guter Wein wurde.
GEJ|5|261|9|0|Der Wirt aber sagte zu den vielen Fragenden: „Ja, meine Lieben, da fraget ihr den dort in der Mitte! Mir ist das selbst das größte Rätsel! So etwas ist seit Menschengedenken noch nicht dagewesen und ist gänzlich unerhört!“
GEJ|5|261|10|0|Hier wandte sich der Wirt an Mich und sagte: „Meister der Meister in deiner mir unbegreiflichen, wunderbaren Kunst! Gib uns doch einen ganz kleinen Aufschluß, wie und auf welche Art dir so etwas möglich war! Und kannst Du noch mehrere solcher Kunststücke?“
GEJ|5|261|11|0|Sagte Ich: „Lieber Freund, auf deine erste Frage kann Ich dir für jetzt keine Antwort geben; morgen aber wirst du schon ohnehin von selbst darauf kommen! Aber auf die zweite Frage kann Ich dir das sagen, daß Mir eigentlich gar nichts unmöglich ist und Ich dir bloß durch die alleinige Macht und Kraft Meines Willens zahllose Wundertaten vorführen könnte! Bist du damit einverstanden?“
GEJ|5|261|12|0|Sagte der Wirt: „Du redest viel von dir, da du doch nur ein Mensch bist! Bedenkest du nicht, daß nur Gott allein allmächtig ist?! So dir alle Dinge möglich wären, so müßtest du ja Gott selbst sein, oder du müßtest solches mit Hilfe des Beelzebub, welcher aller Teufel Oberster ist, bewirken, wozu du mir aber ein viel zu ehrliches, frommes und offenes Gesicht hast, von dem man sagen kann: Siehe, das ist ein wahres Ebenmaß Gottes!
GEJ|5|261|13|0|Ich aber will gar nicht irgend maßgebend reden und denke an die Zeit zurück, in der ich zu Jerusalem und auch in den andern Städten, besonders einst in Damaskus, war, wo ich auch einen indischen Magier habe kennengelernt, der auch mit der ungeheuersten Übertreibung von sich kundgab, daß ihm auch gar nichts unmöglich sei. Er hat im Ernste Dinge geleistet, deren Möglichkeit mir ebensowenig ersichtlich war wie die Art, wie du nun das Wasser in den besten Wein umgewandelt hast. Aber es ist bei allen Magiern und Künstlern das Übertreiben ihrer immerhin besonders uns Laien wunderbaren Fähigkeiten schon so eine altübliche Sache, die man ihnen gerne zugute hält, weil sie im Grunde denn doch außergewöhnliche Menschen sind. Etwas aber möchte ich an diesem Abende denn doch noch von dir, Meister der Meister, sehen!“
GEJ|5|261|14|0|Sagte Ich: „Siehe, ein jeder Mensch urteilt nach seinem Verstande, und also auch du, und es wäre da gar nicht fein von Mir, dir darüber etwas zu entgegnen! So du zu einer tieferen Anschauung gelangen wirst, dann wirst du auch anders urteilen; darum davon nun nichts Weiteres! Du hast Mich für heute noch um ein sogenanntes Kunststücklein ersucht, und Ich will es auch tun. Aber damit du dir nicht etwa denkst, Ich könne nur, was Ich kann, so sage an, was Ich dir tun soll!“
GEJ|5|262|1|1|262. — Die Heilung der verkrüppelten Tochter des Wirtes
GEJ|5|262|1|0|Sage der Wirt: „So dir gar nichts unmöglich ist, da mußt du auch einen sehr kranken Menschen gesund zu machen imstande sein?!“
GEJ|5|262|2|0|Sagte Ich: „O ja, hast du einen?“
GEJ|5|262|3|0|Sagte der Wirt: „Ja leider, – eine meiner liebsten Töchter; – aber der wird schwer zu helfen sein! Sie ist nun zwanzig Jahre alt und war ein munteres und emsiges Kind. Sie ging vor einem Jahre mit diesem meinem ältesten und stärksten Sohne nach Nahim um Salz. Auf dem Rückwege, da er am steilsten ist, glitt sie aus und fiel über fünf Mannshöhen tief auf einen vorspringenden Felsen und brach sich durch solchen Fall Hände und Füße. Mehr denn dreiviertel Jahre litt sie die größten Schmerzen; nach der Zeit ließen die Schmerzen zwar nach, aber sie schrumpfte dennoch zu einem derartigen Krüppel zusammen, daß sie das Lager nimmer wird verlassen können. Meister der Meister, wenn du diese meine Tochter zu heilen vermagst, dann möchte ich schier zu glauben anfangen, daß dir nahe kein Ding mehr unmöglich ist!“
GEJ|5|262|4|0|Sagte Ich: „Bringe sie hierher!“
GEJ|5|262|5|0|Sagte der Wirt zu den starken Brüdern der kranken Schwester: „Gehet hin in ihr Gemach und bringet sie samt ihrem Lager daher!“
GEJ|5|262|6|0|Da beeilten sich die Brüder und brachten die arme und wahrlich sehr kranke Schwester und stellten sie vor Mich hin.
GEJ|5|262|7|0|Ich sah die arme Kranke an und sagte zu ihr: „Tochter, möchtest du wohl wieder also gesund sein, wie du noch vor einem Jahre gesund warst?“
GEJ|5|262|8|0|Spricht mit schwacher Stimme die Kranke: „Ach ja, das wäre eine große Wohltat für mich; aber mich zu heilen vermag kein Heiland mehr, – sondern nur Gott, dem Allmächtigen, ist so etwas möglich!“
GEJ|5|262|9|0|Sagte Ich: „So du solches einmal denkst und glaubst, da stehe du nun auf und wandle, und gib Gott die Ehre!“
GEJ|5|262|10|0|Im Augenblick ward das Mädchen also gesund, als hätte ihr nie etwas gefehlt.
GEJ|5|262|11|0|Als der Wirt und alle, die im Hause waren, solches sahen, da fingen sie an, ganz ehrfürchtige Gesichter zu machen, und alle wurden beinahe sprachlos vor Staunen, und erst nach einer Weile sagte der Wirt mit einer ehrerbietig verwundersamen Stimme: „Nein, das liegt nicht mehr im Bereiche dessen, was ein noch so geistreich talentierter Mensch auf dieser Erde erlernen könnte, sondern das ist eine äußerst seltene Gabe und Gnade von Gott, und wir müssen darum Gott, dem alleinigen Herrn unser allgemeines und höchstes Lob darbringen, daß Er einem Menschen auf Erden wieder einmal zum vielfachen Heile der Menschen solch eine rein göttliche Kraft, Macht und Gewalt gegeben hat, wie sie in der grauen Vorzeit nur die großen Propheten besessen haben!
GEJ|5|262|12|0|Jetzt verstehe ich aber auch schon dieses unseres lieben, wunderbaren Gastes ersten Gruß: ,Der Friede sei mit dir!‘ und ,Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen!‘ Höret, ihr alle meine Hausgenossen, das ist ein seltener Liebling Gottes, ein neuer, großer Prophet! Den müssen wir hoch verehren um Gottes willen und müssen ihn hören!“
GEJ|5|262|13|0|Hierauf wandte sich der Wirt zu Mir und sagte: „Du erhabener Freund und Meister aller Meister, ich habe keine Worte, durch die es mir möglich wäre, mein Dankgefühl gegen Gott und gegen dich, seinen wahrhaftigsten, großen Propheten, nur einigermaßen auszudrücken! Oh, vergib es mir, so ich mich etwa im Anfange unseres Zusammenseins irgend ungebührlich gegen dich ausgedrückt habe! Nachdem du aber ohnehin eine Zeitlang bei uns zu verweilen dir vorgenommen hast, so werde ich aus allen meinen Kräften bestrebt sein, mich dir und deinen Jüngern schon möglichst dankbar zu erweisen.
GEJ|5|262|14|0|Oh, du hast mir mein liebstes Kind wiedergegeben und dadurch mehr, als wenn du mir alle Reiche der Welt gegeben hättest! Darum gebührt dir nach Gott von mir aus auch die höchste Dankbarkeit!“
GEJ|5|262|15|0|Sagte Ich: „Sei nun ruhig, Barnabe, und sieh, daß deine Tochter Elisa etwas zu essen bekommt; denn sie ist nun vollkommen gesund und muß nun auch vollkommen essen und trinken, damit sie wieder vollends kräftig werde!“
GEJ|5|262|16|0|Dies geschah, und die Geheilte stand auf von ihrem Lager, kleidete sich schnell zur Not an, eilte dann auch zu Mir hin, ergriff hastig Meine Hand und drückte sie mit Dankestränen an ihren schönen Mund und an ihr Herz und sagte dann, vor Dank und großer, seliger Freude schluchzend: „O du wahrhaft allmächtiger Freund und Meister! Da dir alles möglich ist, so wird es dir auch nicht unmöglich sein, in mein Herz zu schauen; dort wirst du mit der glühendsten Liebeschrift den Dank gezeichnet finden, den ich dir ewig schulden werde!“
GEJ|5|262|17|0|Sagte Ich: „Bleibe in solcher Liebe, und sie wird dir vielen Segen bringen! Aber nun setze dich an unsern Tisch, iß und trink und sei heitern Mutes! Wenn du aber wieder nach Nahim gehen wirst, dann mußt du nicht so hüpfen wie eine Gazelle, sondern recht bescheiden den etwas gefährlichen Fußsteig fortwandeln, so wirst du keinen solchen Leibesschaden mehr zu erleiden haben! Merke es dir nur, du Meine sonst wohl allerliebste Tochter Elisa! Nun setze dich, sei ruhig, und iß und trink!“
GEJ|5|263|1|1|263. — Barnabe erinnert sich des zwölfjährigen Jesus im Tempel
GEJ|5|263|1|0|Hier ging die Elisa zu ihrem Vater, der sie unter vielen Dankestränen an sein Herz drückte, ihr dann zwischen sich und seinem Weibe einen Platz anwies und ihr zu essen und zu trinken gab von allem, was da war; besonders aber schmeckte ihr Mein Wein, gemacht aus Wasser.
GEJ|5|263|2|0|Als die Tochter da nun so ganz gesund aß und trank, da fragte Mich mit aller Ehrfurcht der Wirt: „Herr und Meister aller Meister! Es ist zwar sehr dumm von mir, dich zu fragen, woher du es wissen kannst, daß ich ,Barnabe‘ heiße, und daß diese meine Tochter ,Elisa‘ heißet; denn so dir, von Gott gegeben, solche Dinge möglich sind, warum sollte es dir denn nicht auch ebenso leicht möglich sein, zu wissen, wie ich und auch alle andern heißen mit ihren Namen? Aber ich dachte mir nur, daß du mich vielleicht schon von Jerusalem aus bei irgendeiner Gelegenheit gesehen und erkannt hast. Und so das ein leicht möglicher Fall wäre, so wäre das für Mich von einem doppelten Interesse!“
GEJ|5|263|3|0|Sagte Ich: „Rede, was dich nun auf diesen Gedanken gebracht hat!“
GEJ|5|263|4|0|Sagte der Wirt: „Vergib es mir nur schon zum voraus, so ich mich irgend ungebührlich ausdrücken sollte, – denn ich habe nun schon etwas Wein genossen, und der hat mir die Zunge vielleicht schon etwas locker gemacht; aber ich werde mich nach Möglichkeit schon derart noch zusammennehmen, daß meine Zunge mir keine zu große Schande machen wird!
GEJ|5|263|5|0|Siehe, vor ungefähr zwanzig Jahren war ich zu Jerusalem noch Levite und eigentlich schon angehender Pharisäer (VARIZAR = Hirte, auch Hirtenvorstand). Da begab es sich einmal – wie vor- und nachher nicht wieder –, daß bei der gewöhnlichen Prüfung der zwölfjährigen Knaben ein Knabe namens Jesus aus Nazareth in Galiläa uns vorgeführt ward. Dieser Knabe wußte schon damals mehr denn alle Templer zusammen und war eigentlich der Hauptgrund, warum ich bald nachher den Tempel für alle Zeiten verließ.
GEJ|5|263|6|0|Ich muß aber nun dahinzu noch hier offen bekennen, daß eben du, Meister der Meister, mit jenem wahrsten Wunderknaben namentlich im Gesichte eine ganz außerordentliche Ähnlichkeit hast. Ich will damit aber durchaus nicht behaupten, als seiest du als nunmaliger Mann aus jenem Knaben herausgewachsen, was da gerade auch nicht etwas Unmögliches wäre; aber nur wollte ich damit bemerkt haben, daß es nämlich höchst merkwürdig ist, wie sich ähnliche große Geister, wenn sie eine und dieselbe Tendenz verfolgen, auch sehr oft in ihren Gesichtern ähnlich sind.
GEJ|5|263|7|0|Jener denkwürdige Knabe hat uns drei Tage hindurch im Tempel haarklein bewiesen, daß eben er selbst der verheißene Messias sei! Ich kam aber hernach aus verschiedenen Gründen selbstwillig aus dem Tempel in diese Einsamkeit und bin nachher nie wieder dahin gekommen, auch nicht irgendwoandershin, und ich kann denn auch nicht wissen, was doch etwa aus jenem Knaben geworden ist. Ich war zwar damals ein Gegner von ihm; aber es dauerte gar nicht lange, so wurden mir die Behauptungen jenes Knaben immer einleuchtender, dafür aber der Tempel von Tag zu Tag widerwärtiger und unerträglicher.
GEJ|5|263|8|0|Ja, jenes Knaben Worte waren mein Retter aus der wahren Hölle des Tempels! Und da möchte ich denn nun von dir auch noch das erfahren, was etwa doch aus jenem Knaben geworden ist! Was mich damals von den alten, eingefleischten Tempelhelden am allermeisten erbittert hat, war das, daß sie ganz geheim einen Preis jenem bestimmten, der den Knaben bei irgendeiner guten Gelegenheit aus der Welt befördern würde. Solange ich noch im Tempel war, ist so etwas wohl nicht geschehen; aber nun es denn doch schon beinahe zwanzig Jahre sind, daß ich hier bin, – wer weiß es, was alles hernach vom Tempel aus gegen diesen Knaben unternommen worden ist! Du, Meister der Meister, wirst das alles sicher wissen, und so bitte ich dich darum, daß du mir darüber eine Aufklärung geben möchtest!“
GEJ|5|263|9|0|Sage Ich: „Siehe, eben auf Grund dessen bin Ich nun zu dir gekommen; denn Ich Selbst bin eben jener Knabe, der damals im Tempel den Ältesten, Pharisäern und Schriftgelehrten stark zugesetzt hat! Und dieweil du nun das weißt, so wird es dir nun auch gar leicht klarer werden, warum ich gleich bei Meiner Ankunft zu dir sagte: ,Friede sei mit dir und deinem Hause! Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!‘ Aber erst morgen wollen wir davon eine weitere Verhandlung anstellen! Heute aber laß uns gute Lager bereiten, damit wir von unserer kleinen Müdigkeit los werden und morgen wieder tatkräftig dastehen mögen!“
GEJ|5|263|10|0|Hierauf befahl der Wirt Barnabe seinen Dienern, daß sie uns sogleich gute Lager bereiten sollten, und sie taten, wie es ihnen befohlen war.
GEJ|5|263|11|0|Als wir vom Tische aufstanden, da trat die geheilte Tochter noch einmal zu Mir hin und dankte Mir auf das inbrünstigste für die Heilung ihrer Leiden, und desgleichen tat auch der Wirt, sein Weib und seine anderen Kinder; denn sie alle hatten die schöne und muntere Elisa sehr gern und freuten sich eben darum so sehr, da sie nun wieder ihre Elisa ganz frisch und gesund vor sich hatten. Ich erteilte ihnen allen Meinen Segen und begab Mich dann mit Meinen Jüngern schnell zur Ruhe.
GEJ|5|264|1|1|264. — Die Heiligung des Sabbats
GEJ|5|264|1|0|Als wir frühmorgens erwachten, fanden wir schon das ganze Haus voll Tätigkeit, und auf dem Herde brannte schon ein munteres Feuer, um das mehrere Töpfe standen, in denen allerlei würzhafte Speisen für uns und für die Hausleute gekocht wurden; auch Fische waren da, und zwar die besten und schönsten Gebirgsforellen. Die geheilte Tochter war die Alleremsigste am Herde und tummelte sich sehr, um uns ein gutes Morgenmahl so bald als möglich zu bereiten. Als sie Meiner ansichtig ward, da stürzte sie ordentlich mit einer Liebehast auf Mich hin und dankte Mir abermals für ihre Heilung.
GEJ|5|264|2|0|Ich aber sagte zu ihr, wie sie heute, als an einem Sabbat, also arbeiten möge?
GEJ|5|264|3|0|Darauf antwortete Elisa und sagte: „Herr und Meister, es stehet aber in der Schrift ja nirgends ein Gesetz, das dem Menschen verbieten würde, an einem Sabbat Gott zu dienen!“
GEJ|5|264|4|0|Sagte Ich: „Ganz gut, – am Sabbat soll man wohl vorzüglich Gott allein dienen; aber du dienest nun mit deinem Fleiße ja nur Mir und Meinen Jüngern! Sind wir denn Götter?!“
GEJ|5|264|5|0|Sagte die emsige Tochter: „O Herr, Deine Jünger sind wohl nur Menschen gleich wie unsereins; aber Du bist Gott durch und durch, was ich jetzt nur zu klar einsehe! Und so ich und alle im Hause durch ihre Tätigkeit nun Dir dienen, da entheiligen wir den Sabbat sicher nicht!“
GEJ|5|264|6|0|Sagte Ich: „Aber sage Mir, du Meine allerliebste Elisa, wer es dir da gesagt hat, daß Ich ein Gott sei! Denn sieh, so Ich ein Gott wäre, und Jehova im Himmel ist doch auch ein allerwahrhaftigster Gott, da gäbe es dann ja doch offenbar zwei Götter; in der Schrift aber heißt es doch ausdrücklich: ,Ich allein bin dein Gott und Herr; darum sollst du keine andern und fremden Götter neben Mir haben!‘ Nun, wie reimt sich dann das, wenn auch Ich ein Gott sei, zusammen?“
GEJ|5|264|7|0|Sagte Elisa neben ihrer fleißigen Zurichtung der Fische: „O Herr, das reimt sich sehr gut zusammen!“
GEJ|5|264|8|0|Sagte Ich: „Ja wieso denn?“
GEJ|5|264|9|0|Sagte sie: „Weil Du und der Vater im Himmel nicht zwei, sondern ganz vollkommen eins seid und der Himmel allzeit und ewig nur dort ist, wo Du, o Herr, bist!“
GEJ|5|264|10|0|Sagte Ich: „Wer aber hat dir das gesagt, und wer hat dich darin unterwiesen?“
GEJ|5|264|11|0|Sagte sie: „Zuerst Du Selbst, o Herr! ,Der Friede sei mit dir und deinem Hause!‘ und ,Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen!‘, das sind Worte, die nur einem Gottesmunde entströmen können! Darauf kamen Deine Wundertaten, die außer Gott niemand verrichten kann! Dann habe ich gestern, als Du, o Herr, Dich zur Ruhe begeben hast, noch viel von dem zwölfjährigen Jesus im Tempel mit meinem Vater gesprochen und im Jesajas alle die auf Dich Bezug habenden Texte durchgeschaut, und da hat sich's denn doch mehr als sonnenhell herausgestellt, daß Du als der verheißene Messias niemand anders bist und sein kannst als eben in Deinem Geiste der Jehova Zebaoth Selbst! Sieh, o Herr, das sind meine Gründe, Dich nun für das zu halten, was Du offenbar bist!“
GEJ|5|264|12|0|Sagte Ich: „Nun, du sollst recht haben, wie auch dein Erdenvater; aber ihr dürfet Mich an eure Nachbarn nicht vor der Zeit verraten! Und da ihr also Mich erkannt habt und durch euren Fleiß heute als an einem Sabbat nur Mir dienet, so arbeitet; aber sehet zu, daß ihr dadurch nicht etwa jemanden von euren Nachbarn ärgert!“
GEJ|5|264|13|0|Sagte Elisa: „Oh, da habe Du keine Sorge! Wir alle sind über diesen Punkt weit hinaus. Wir verrichten an einem Sabbate zwar keine schwere, knechtische Arbeit; aber was da not tut, das verrichten wir auch an jedem Sabbat. Wir stehen nun nicht mehr unter des Tempels Gleisnerei und seinen eigennützigen Gesetzen, von denen sich ein jeder Reiche auf eine gewisse Zeit loskaufen kann, sondern unser Gesetz ist die Wahrheit und ihr Gutes, und die verbietet niemand, an einem Sabbat das Nötigste für sein Haus zu besorgen.
GEJ|5|264|14|0|Wenn aber schon das gänzlich tatenlose Herumgehen und – stehen zur Gewinnung des ewigen Lebens so etwas Notwendiges wäre, so würdest Du, o Herr, allen Menschen dadurch sicher mit einem guten Beispiele vorangehen, daß Du am Sabbate keine Sonne, keinen Mond und keine Sterne auf- und niedergehen ließest, was da sicher auch in Deiner Allmacht stünde. Also dürfte da auch kein Wind gehen, keine Wolken und Nebel aufsteigen, kein Bach fließen, kein Meer sich regen, und auch sogar die Tiere müßten als Beispiele für uns Menschen die völlige Sabbatruhe instinktmäßig beachten! Aber so man die gesamte, große Schöpfung nur einigermaßen genau beobachtet, so ersieht man nur zu bald, daß Du an den Sabbaten ebenso tätig bist wie an allen andern Werktagen, und da wir schon Gottes Kinder nach der Schrift sind, so tun wir doch sicher nichts Unrechtes, so wir in allem den guten, heiligen und lieben Vater nachahmen!“
GEJ|5|264|15|0|Sagte Ich: „Wahrlich, so viel Klugheit hätte Ich in dir als Mensch kaum gesucht! Darum bleibe, wie du bist, und gehe allen mit einem guten Beispiele voran, wie der Vater im Himmel stets allen Menschen mit dem besten Beispiele vorangehet!“
GEJ|5|265|1|1|265. — Das Zeugnis der geheilten Elisa für den Herrn. Die Verwandlung der Zugänge zum Gebirgsdorf
GEJ|5|265|1|0|Hierauf ging Ich mit Barnabe und etlichen Meiner Jünger ins Freie, und Barnabe zeigte uns seine Besitzungen. Wir durchzogen den ganzen etwa aus zwanzig Häusern bestehenden Ort, der recht niedlich und überall sehr reinlich aussah.
GEJ|5|265|2|0|Als die Bewohner aber unser ansichtig wurden, da bekamen sie Furcht, als wären wir Kommissare, die nun von ihnen Steuern und vielleicht gar irgendwelche Strafen abverlangen würden. Da vertraute Ich geheim den Grund solcher ihrer eitlen Furcht dem Barnabe an, und der berief etliche zu sich und gab ihnen die vollste Versicherung, daß ihre Furcht eine völlig leere sei, und daß im höchsten Gegenteile diesem Orte nur überaus Glück zu wünschen sei, daß eben Ich ihn besucht habe und als ein allererster und bester Heiland seine sonst von niemand in der ganzen Welt heilbare Tochter in einem Augenblicke so vollkommen geheilt habe, daß sie nun hundertmal gesünder, regsamer und frischer sei, als sie je früher war.
GEJ|5|265|3|0|Als sie solches von ihrem Vorsteher vernahmen, da wich ihre Furcht, und sie verwunderten sich alle hoch darüber; nur etliche Weiber sagten: „Das können wir nicht eher glauben, als bis wir die Elisa werden selbst gesehen haben; denn der könnte nur ein Engel Gottes aus den Himmeln geholfen haben, – einem Menschen wäre das unmöglich, und wäre er selbst ein allererster Heiland der ganzen Welt!“
GEJ|5|265|4|0|Während aber die Weiber noch solches untereinander redeten, da kam uns Elisa auch schon ganz behende nach und lud uns zum Morgenmahle. Als die Weiber die Elisa ersahen, da erschraken sie förmlich und trauten ihren Augen kaum; endlich aber gingen sie doch zu ihr hin und befragten sie, wie denn das doch zugegangen sei.
GEJ|5|265|5|0|Elisa aber sagte, auf Mich hinzeigend: „Da steht der göttlich-erhabene Heiland; Den fraget! Daß ich nun ganz vollkommen gesund bin, das weiß und fühle ich, und das sehet ihr auch; um alles andere, und wie etwa das möglich war, weiß ich nicht.“
GEJ|5|265|6|0|Darauf kehrten wir wieder um und gingen nach Barnabes Hause, wo ein reichliches Morgenmahl unser harrte. Daß uns sowohl die Männer, als auch die Weiber und Kinder dahin folgten, das versteht sich von selbst; aber sie blieben denselben ganzen Tag allda, und die Jünger belehrten sie über Mich und über Meine Sendung aus den Himmeln zur Erde hernieder, und alle glaubten nun an Meinen Namen.
GEJ|5|265|7|0|Nach dem eingenommenen Morgenmahle aber führte Mich der Wirt zu der stets sehr gefährlichen Stelle hin, allwo seine Tochter den Sturz gemacht hatte, und fragte Mich, ob Ich da mit Meiner Allmacht nicht dahin helfen könnte und wollte, daß diese Strecke Weges nur um ein wenig leichter zu passieren wäre.
GEJ|5|265|8|0|Sagte Ich: „Du weißt nun schon, daß Mir nichts unmöglich ist; aber für jetzt lassen wir noch diese Stelle, – denn sie ist zu eurem Schutze! Wäre diese Stelle nicht, so wäret ihr schon lange entdeckt. Daher meine Ich also, daß ihr diese Stelle lassen sollet, wie sie ist, und so Ich euch da schon etwas tue, so mache Ich diese Stelle noch unwegsamer, und zwar also, daß in der Folge keine Katze darüberzugehen imstande sein soll. Dafür aber zeige Ich euch einen andern Abweg, der schon besteht, aber den ihr alle bis jetzt noch nicht entdeckt habt.“
GEJ|5|265|9|0|Als Barnabe solches von Mir vernahm, da bat er Mich, daß Ich solches wohl tun möchte, und Ich sagte: „Nun denn, also sei es!“
GEJ|5|265|10|0|Da löste sich tiefer unten eine große Steinmasse, und es entstand dadurch eine sogar überhängend steile und hundert Mannshöhen hohe Wand, über die kein Mensch mehr zu klettern imstande war. Allda aber, wo wir standen, entstand eine Art Brüstung, über die man wohl hinwegschauen, aber nicht so leicht darübersteigen konnte, was ohnehin eine eitle Mühe gewesen wäre, verbunden mit großer Lebensgefahr. Mit dieser Bescherung war unser Wirt nun ganz voll Verwunderung zufrieden.
GEJ|5|265|11|0|Aber er fragte Mich auch sogleich um den bequemeren und weniger gefährlichen Abweg, und Ich sagte: „Den wollen wir erst des Nachmittags aufsuchen! Er ist wohl um ein weniges weiter, um auf ihm nach Nahim zu gehen, aber er ist um vieles bequemer zu begehen, und ihr könnet auf ihm alle Haustiere ohne allen Anstand aus- und ein- und auf- und abtreiben, und das ist für euch ja doch ein wesentlicher Vorteil.“
GEJ|5|266|1|1|266. — Das geistige Schauen
GEJ|5|266|1|0|(Der Herr:) „Denn sieh, Ich will es also, daß diejenigen, die nach den Gesetzen Mosis wandeln, auch in ihren Erdengütern nicht gar so verkümmert dastehen sollen.
GEJ|5|266|2|0|Und so bin Ich denn auch zu euch hierher gekommen, erstens, um euch allen zu verkünden, daß das Reich Gottes und also alle Himmel zu euch auf diese Erde herabgekommen sind in und durch Mich, was nun schon eine große Anzahl der früher festesten Heiden erkennen und offen bekennen, auf daß da erfüllet sei, was Daniel weissagte: ,Auch die in den Gräbern werden Seine Stimme vernehmen!‘ Denn die Heiden sind es eben, die da schon von der Wiege an begraben waren im Grabe der Nacht, des Gerichtes und des Todes.
GEJ|5|266|3|0|Zweitens aber will Ich euch und eure Kinder und Kindeskinder auch irdisch also stellen, daß ihr euren leiblichen Bedürfnissen nach keine Not leiden sollet. Ich will zwar nicht, daß ihr im großen Überflusse schwelgen sollet, aber ihr sollet auch keine zu große Not leiden, wie es bis jetzt bei euch recht oft der Fall war.
GEJ|5|266|4|0|Und der dritte Grund Meines Hierherkommens aber ist dir schon ohnehin bekannt, da Ich es Mir vorgenommen habe, mit Meinen Jüngern hier in dieser stillen Gegend auf etwelche Tage Ruhe zu nehmen. – Und nun, da wir mit diesem für euch notwendigen Geschäfte zu Ende sind, so wollen wir uns wieder nach Hause begeben und sehen, was da allen geschehen ist!“
GEJ|5|266|5|0|Unterwegs sagte der Wirt: „Herr und Meister! Wäre es Dir nicht genehm, so wir da über diese kleine Höhe und somit auf einem kleinen Umwege nach Hause zögen? Denn von dieser Höhe genießt man wahrlich eine überaus herrliche Aussicht; man sieht von da sogar nach Jerusalem, sieht auch einen Teil des Galiläischen Meeres, und bei einem sehr heitern Wetter kann man sogar das große Griechische Meer sehen! So Du, o Herr, es wolltest, so möchte ich Dir nun diesen meinen wahren Seligkeitsplatz zeigen!“
GEJ|5|266|6|0|Sagte Ich: „Da bin Ich schon dabei; denn auch Ich bin ein Freund der Berge und der recht weiten Aussichten, und so besteigen wir diese kleine Höhe!“
GEJ|5|266|7|0|Wir bestiegen demnach die kleine Höhe, und es war recht anmutig, oben zu sein, und Barnabe war da nahezu unerschöpflich in der Anpreisung der schönen Gegend geworden.
GEJ|5|266|8|0|Aber Ich ermahnte ihn und sagte: „Es ist nicht zu leugnen, daß die Gegend, hier von dieser Anhöhe aus betrachtet, recht anmutig anzusehen ist, – das macht das Gesamtbild; aber stelle dir nun jedes einzelne, das du hier in der Gesamtheit schauest, so recht nahe zu dir, und du wirst bald der Schönheit dieser Gegenden satt werden!
GEJ|5|266|9|0|Nur das, was da ist der Seele und des Geistes, das ist wahrhaft und für ewig bleibend schön. So dir nun nur das Bild dieser Gegend gefällt und ihr duftiges Farbenspiel, dann hast du immerhin noch bedeutend mehr Wohlgefallen an der Materie und ihren Formen als an dem Geistigen, das dir die starren Formen wie in einer großen Schrift darstellen. Ah, wenn du aber alle diese Formen wirst mit den inneren Geistesaugen zu schauen und zu lesen und zu verstehen imstande sein, dann wirst du auch mit David ausrufen können: ,O Herr, wie groß und herrlich sind alle Deine Werke! Wer ihrer achtet, hat eitel Lust daran!‘
GEJ|5|266|10|0|Sieh, das wahre Achten der sämtlichen Werke Gottes ist das Besehen derselben mit den Augen des Geistes, woraus dann die Seele ihr wahres Verständnis schöpft, und das gibt dem Menschen erst die wahre Freude, die nicht mehr vergänglich ist, sondern für immer und ewig bleibend der Seele eigen bleibt. Und willst du dann auch schauen die Geisterwelt, so wirst du sie zuerst auch nur geistig erschauen durch das Verständnis zuerst der Formen allein dieser Welt, und dann stets mehr durch das Erkennen der verschiedenen Tätigkeiten, Bestrebungen und wechselseitigen Verhältnisse dieser Formen, die dir nun ohne ihr weiteres und tieferes Erkennen auch so schon sehr gefallen.
GEJ|5|266|11|0|Das geistige Schauen ist zuerst nur ein Erkennen der äußeren und inneren Entsprechungsverhältnisse; so man sich aber dann gleichfort übt mit einem reinen, möglichst sündenfreien Gemüte in der reinen Liebe zu Gott und daraus zum Nächsten, so geht dann das Erkennen und Verstehen in ein helles Schauen über und liefert dann dem Seher den Beweis, daß er eins geworden ist in sich und erreicht hat die wahre Wiedergeburt seines Geistes und die Auferstehung der Seele aus dem materiellen Totengrab ihres Fleisches. – Verstehest du Mich wohl?“
GEJ|5|266|12|0|Sagt der Wirt: „O Herr und wahrlich mein Gott! Wenn ich das so recht in der Tiefe verstünde, so wäre ich offenbar einer der glücklichsten Menschen dieser Erde; aber so bin ich da mit meinem Verständnisse sehr weit zurück, obwohl ich nun so gewisse halbdunkle Ahnungen von dem bekommen habe, was Du mir so ganz eigentlich hast sagen wollen! Meine Elisa, die ohnehin so eine halbe Geisterseherin ist, würde diese Deine Erklärung offenbar besser aufgefaßt und verstanden haben denn ich; aber etwas habe auch ich verstanden! Nur gehört da äußerst viel dazu, um in den äußeren Formen die inneren, rein geistigen Entsprechungen zu finden und sie in ihren zahllosen Beziehungen richtig zu verstehen. Herr, könntest Du mir das nicht durch irgendein passendes Bild etwas mehr anschaulich machen?“
GEJ|5|266|13|0|Sage Ich: „O ja, das sicher, und so höre du Mich an!“
GEJ|5|267|1|1|267. — Die Entsprechungen zwischen Materie und Geist
GEJ|5|267|1|0|(Der Herr:) „Als du und deine freundlichen Nachbarn in diese Gegend gekommen seid, da habt ihr nichts als Steine und Holz gefunden. Ihr legtet sogleich eure Hände ans Werk, sammeltet das Beste und Tauglichste zusammen, darauf ginget ihr in euch und habt recht tüchtig darüber nachzudenken angefangen, nach welchen Regeln der Baukunst ihr euer zusammengebrachtes Material zu einer Hütte oder gar zu einem Wohnhause verbinden solltet.
GEJ|5|267|2|0|Als ihr aber noch tiefer in euch forschtet, da zeigten sich euch Bilder. Aus diesen Bildern entwarfet ihr dann bald einen Plan und finget dann nach diesem Plane an, ein und das andere Haus aufzubauen, und bald standen ganz niedliche Häuser in eurem Gebirgstale. Hättet ihr da kein taugliches Baumaterial gefunden, so hättet ihr aus eurem inneren Verstande auch nie einen geistig dem Material entsprechenden Plan entwerfen können; da ihr aber ein solches gefunden habt, so fandet ihr auch bald ein demselben entsprechendes Wohnhausbild und fügtet darauf das Material also zusammen, daß es dann etwas ganz anderes darstellte, als was ihr ursprünglich vor euch fandet.
GEJ|5|267|3|0|Obwohl das nur ein materielles Bild ist, so ist es aber dennoch ein Anfang, um einem Menschen die ersten Begriffe von den Entsprechungen zwischen der ganz rohen Materie und dem, was ein Geist aus ihr machen kann, beizubringen. Hat ein Mensch das gewürdigt und verstanden, so geht es dann schon ganz leicht weiter und tiefer, und so ist dann das da, daß wer da sucht, der findet, wer da bittet, dem wird gegeben, und wer da anklopft, dem wird aufgetan.
GEJ|5|267|4|0|Sieh, je geistiger gebildet irgendwo die Menschen sind, desto geordneter, kunstvoller werden auch ihre Werke und Produkte sein. Warum denn also? Weil bei ihnen ihre Seele schon in einem näheren Verbande mit ihrem Geiste steht. Je näher und inniger sich aber die Seele mit ihrem Geiste, der aus Gottes Herzen kommt, verbindet, desto höher wird sie auch in der Ordnung alles Erkennens und Bewußtseins emporsteigen und stets mehr und mehr Entsprechung finden zwischen Materie und Geist. Und es ist da denn auch leicht einzusehen, daß ein Mensch, der es in der Kunde der Entsprechungen zwischen Materie und Geist am weitesten gebracht hat, sich dadurch auch die Materie am meisten dienst- und zinsbar machen muß. Am meisten aber wird das erst jenseits bei vollendeten, in ihrem Geiste wiedergeborenen Seelen der allerseligste Fall sein, alldort ihnen nichts mehr unmöglich sein wird. – Nun sage du Mir, ob du Mich jetzt schon um etwas besser verstanden hast!“
GEJ|5|267|5|0|Sagt der Wirt: „Ja, Du mein Herr und Gott in Dir Selbst, jetzt fange ich schon an, auch einen Lichtdunst zu erschauen! Die alten Völker, wie zum Beispiel die Ägypter, müssen in der Entsprechungswissenschaft sehr bewandert gewesen sein, da ihre Werke jetzt noch eine Ordnung zeigen, von der sich nun in unseren Zeiten beinahe kein Mensch mehr einen rechten Begriff machen kann.“
GEJ|5|267|6|0|Sage Ich: „Allerdings, – denn nur die geistige Gewecktheit zeigt der Seele stets mehr und mehr Ordnung und lehrt sie erkennen zu erforschen die Verhältnisse zwischen der Materie und wieder Materie und zwischen Materie und Substanz, zwischen Substanz und Seele und zwischen Seele und Geist; und der Geist durchdringt am Ende alles, und alles muß ihm dienen in der möglichst höchsten und tiefsten Ordnung. – Verstehest du das?“
GEJ|5|267|7|0|Sagt der Wirt: „Ja, jetzt verstehe ich das schon immer heller und werde es mit der Zeit hoffentlich noch besser verstehen! Aber jetzt nur noch eine Frage! Sieh, ich kenne doch die Schrift; darin las ich oftmals von Engeln Gottes, die da purste Geister sein sollen! Sind etwa das jene Geister, die sich mit unseren Seelen vereinen sollen, um sie dadurch erst vollends gottähnlich zu machen?“
GEJ|5|267|8|0|Sagte Ich: „Zu einem sehr geringen Teile dann und wann ja, wenn Meine Ordnung sie aus ganz besonderen Gründen dazu bestimmt; aber es geschieht so etwas stets äußerst selten. Was aber zu öfteren Malen geschieht und hinfür noch öfter geschehen wird, das besteht darin, daß auch gar viele Engel den Weg des Fleisches also durchmachen werden, wie Ich Selbst als der höchste Geist Gottes ihn nun durchmache, auf daß sie dann Gottes wahre Kinder werden können.
GEJ|5|267|9|0|Aber da werden sie sich selbst eine rechte, noch nie in einem Fleische gewesene Seele erwählen und sie in das Fleisch einer reinen Mutter geben, und sie werden dann sorgen für das Weitergedeihen und für die rechte Lebensbildung nach ihrem Lichte und nach ihrer Kraft, auf daß eine solche Seele erstarke für die ewige Einigung mit ihnen.
GEJ|5|267|10|0|Nun, das wirst du jetzt freilich noch nicht fassen; aber es wird schon noch eine Zeit kommen, wo du auch solche geheime Himmelsdinge fassen wirst. Aber nun können wir uns hinab ins Haus begeben; denn siehe, es ist einem deiner Nachbarn ein kleines Ungemach zugestoßen, und wir müssen dahin gehen und die Sache wieder gutmachen!“
GEJ|5|267|11|0|Das war dem Wirte sehr recht, und wir gingen und waren bald an Ort und Stelle.
GEJ|5|268|1|1|268. — Die Heilung des von der Giftschlange Gebissenen. Der Wunderwein
GEJ|5|268|1|0|Als wir aber vor dem Hause des verunglückten Nachbars waren, da kamen dessen Weib und Kinder heraus und baten uns um Hilfe.
GEJ|5|268|2|0|Ich aber sagte: „Gehet nur hinein zu ihm; denn Ich habe ihm schon geholfen!“
GEJ|5|268|3|0|Da eilten Weib und Kinder hinein zum Hausvater, der ihnen schon ganz gesund entgegenkam. Er hatte zuvor barfuß einen Weg durch ein Gebüsch gemacht und ward von einer bösen Natter gebissen, schwoll bald sehr auf und stand in Lebensgefahr. Ich aber kam und heilte ihn.
GEJ|5|268|4|0|Als er aber herauskam, um Mir zu danken, da sagte Ich: „Ein anderes Mal spare nicht deine Schuhe, so du in einem Gebüsche etwas zu tun hast! Aber es soll von nun an keine solche Natter diese Gegend bekriechen! Amen.“
GEJ|5|268|5|0|Darauf gingen wir nach Hause, wo das Mittagsmahl samt den Jüngern unser harrte. Das Mittagsmahl war diesmal sehr reichlich bestellt, nur mit dem Weine sah es etwas spärlich aus; darum fragte Mich der Wirt, ob er wieder den Waldbeerensaft aufsetzen solle.
GEJ|5|268|6|0|Ich aber sagte zu ihm: „Tue auch heute wie gestern abend, und wir werden auch am Weine keinen Mangel haben!“
GEJ|5|268|7|0|Da ließ er die etlichen großen Krüge mit Wasser füllen und Ich wollte, – und es ward Wein.
GEJ|5|268|8|0|Da aber diesmal auch einige Nachbarn zum Tische des Barnabe geladen waren und mit uns das Mittagsmahl einnahmen, so bemerkte ein Nachbar, sagend: „Ich meine, es würde sich für solch seltene Gäste der Waldwein, der bei dir recht gut und kräftig ist, doch besser schicken denn das pure Wasser!“
GEJ|5|268|9|0|Sagte der Wirt: „Aber, liebe Nachbarn, das weiß ich so gut wie irgendeiner von euch; aber ich weiß es auch, daß ihr euch vom Morgen an bis jetzt mit den Jüngern besprochen habt, sicher auch dahin, wer dieser Meister aller Meister so ganz eigentlich ist, und daß Ihm nichts unmöglich ist! Und so dürftet ihr auch in Erfahrung gebracht haben, wie Er nicht nur gestern abend hier, sondern auch schon an mehreren anderen Orten in Galiläa das Wasser bloß durch Seinen Willenssegen in den allerbesten Wein verwandelt hat und dann die erstaunten Gäste allzeit den allerbesten Wein zu trinken bekamen. Mir wenigstens hat gestern geheim einer der Jünger anvertraut, wie solches ihr Herr und Meister schon gar oftmals bewerkstelligt hat, und ich weiß nun darum. Haben euch die Jünger davon nichts gemeldet?“
GEJ|5|268|10|0|Sagte der um den Waldwein sich kümmernde Nachbar: „Ja, davon haben die Jünger uns wohl mehreres erzählt; aber eben, weil wir nur zu gut wissen, wer dieser Herr und Meister ist, so getrauten wir als Sünder uns nicht, den Heiligen Jehovas darum anzugehen; aber wir sind jetzt auch schon vollkommen überzeugt, daß das hereingeschaffte Wasser in den – sage – besten Wein verwandelt ist. Halte mir darum meine etwas zu vorlaute Sorge um den Waldwein diesmal zugute!“
GEJ|5|268|11|0|Sagte der Wirt: „Es ist ja schon alles wieder gut; esset und trinket nun nach eurem Hunger und Durste!“
GEJ|5|268|12|0|Darauf aßen und tranken wir ganz wohlgemut, und es ward bei dieser Mahlzeit viel von verschiedenen guten Dingen gesprochen, so wie solches bei ähnlichen Gelegenheiten auch anderorts der Fall war.
GEJ|5|268|13|0|Als wir aber so bei zwei Stunden lang am Tische saßen, da kam ein etwas entfernterer Nachbar, der von Meiner Anwesenheit noch nichts erfahren hatte, mit einer ganz verzweifelten Miene in des Vorstehers Haus und sagte: „Barnabe, Barnabe, wir sind so gut wie verloren! Wie das geschehen ist, weiß ich nicht; aber es ist tatsächlich wahr: Unser einziger und notwendigster Weg nach Nahim ist nicht mehr! Man kommt zu einer Art gemauerter Brüstung; über die sieht man in eine große Tiefe, daß einem davor schaudert! Da hinabzukommen ist nur einem Vogel, aber keinem Menschen mehr möglich! Einen andern Abweg aber kenne ich nicht, da dieses Gebirge nach allen Richtungen hin nichts als nur höchst steile Felswände hat. Was tun wir nun, so wir irgend des Salzes benötigen? Mein Vorrat ist zu Ende, und der eurige wird es werden; was nachher? Wer muß uns das angetan haben?“
GEJ|5|268|14|0|Sagte der Wirt: „Sei darob nicht ängstlich! Wenn du auch bis jetzt noch keinen bessern Abweg gefunden hast, so gibt es aber dennoch andere Menschen hier, die einen viel bequemeren Abweg kennen, und den werden wir in der Zukunft auch wandeln. Denn du siehst hier fremde Gäste bei mir; das sind gar wunderbare Menschen, diese wissen schon um den bessern Weg und werden ihn uns zeigen. Wir werden ihn aber von nun an eben nicht zu oft zu bereisen haben, da uns der Meister, dieser große Meister aller Meister der Welt, auch in diesem unserem Gebirge ein noch besseres Salz zeigen wird, als das zu Nahim ist. Jetzt aber setze dich her und iß und trinke mit uns!“
GEJ|5|268|15|0|Der Nachbar ließ sich das nicht zweimal sagen, setzte sich alsbald an den Tisch und aß und trank mit uns und konnte sich über die Güte des Weines nicht genug verwundern; er fragte den Wirt, wo er den Wein herbezogen hätte.
GEJ|5|268|16|0|Der Wirt aber sagte: „Da sieh hin! Der Meister der Meister, der da mit uns am Tische sitzt, und der, wie du siehst, auch meine Tochter Elisa bloß durch Sein allmächtiges Wort also in einem Augenblicke geheilt hat, wie du sie hier an meiner Seite sitzen siehst, hat für uns auch diesen nun herrlichsten Wein aus Wasser geschaffen und wird auf dieselbe Art und Weise sicher auch dafür sorgen, daß wir ein eigenes Salz haben werden. Sage nun, ob du des noch ängstlich bist, weil eben dieser wahre Herr und Meister pur durch Sein allmächtiges Wort uns den stets sehr gefährlichen Abweg für alle Zeiten verrammt hat und dafür eröffnet einen verborgenen und bequemen, auf welchem wir auch unsere nötigen Haustiere ganz gefahrlos werden auf- und abtreiben können! – Bist du damit einverstanden?“
GEJ|5|268|17|0|Sagte der ferne Nachbar: „Ja, wenn so, wie ich's nun nicht im geringsten bezweifle, dann ist es freilich sehr gut für uns; denn ich war schon seit langher in einer großen Angst darum, daß die Nahimer uns am Ende doch einmal auswittern und an die Römer oder Jerusalemer Juden verraten dürften, was uns durchaus nicht zum Glücke gereichen würde. So aber können wir noch lange die Segnungen dieses seltenen Hochtales genießen, ohne davon den schnöden Weltprassern einen Tribut entrichten zu müssen. Aber nun möchte ich denn doch etwas Näheres über diesen außerordentlichen Wundertäter erfahren! Seid so gut und saget mir etwas!“
GEJ|5|268|18|0|Sagte der Wirt: „Laß du das nun nur noch gut sein! Dieser göttliche Meister wird mit Seinen Jüngern noch eine längere Zeit in unserer Mitte verharren, und da wird sich schon noch eine gute Zeit finden, in der du mit Ihm eine nähere Bekanntschaft wirst machen können!“
GEJ|5|269|1|1|269. — Vom rechten Wege und vom rechten Salze
GEJ|5|269|1|0|Sagte Ich: „Hört! Nachdem wir unsere Glieder nun mit Speise und Trank gestärkt haben, so lasset uns nun aufstehen vom Tische, und wir wollen gehen und sehen, wo sich der neue Weg hinab nach Nahim befindet! Auch werde Ich euch, so ihr alle nichts dawider habt, daß man auch an einem Sabbate Gutes tue, die Salzquelle dieses Gebirgesanzeigen, die sehr mächtig ist, dieweil du, Barnabe, schon davon Erwähnung gemacht hast. Gehet aber alle, die ihr hier seid, mit; denn das, was Ich euch hier zeige und beschere, soll ein Gemeingut aller sein, die in diesem Tale wohnen!“
GEJ|5|269|2|0|Hierauf erhoben wir uns und gingen eine ziemliche Strecke talauf- und taleinwärts. Da kamen wir zu einer Felswand, die etwa eine gute Mannshöhe vom Boden eine starke Spalte hatte, in die man über einige schnell herbeigewälzte Steine leicht gelangen konnte. Wir waren sonach bald in der sehr geräumigen Kluft, hinter der eine große, grottenartige Höhle sich zeigte.
GEJ|5|269|3|0|Und Ich sagte nun zu den Mitgegangenen: „Sehet, durch diese Höhle gehet ganz bequem und völlig gefahrlos! Gehet Mir nach und überzeuget euch selbst! Nur gegen das Ende wird die Höhlung um ein weniges enger, sie ist aber immer noch breit genug, um einen Ochsen durch sie gehen lassen zu können. In der Mitte des Hohlganges wird es freilich etwas dunkler werden denn hier; aber so viel Licht kommt dennoch hinein, daß von euch ein jeder recht gut die Stelle wird bemerken können, wohin er seinen Fuß zu setzen hat.“
GEJ|5|269|4|0|Wir wanderten nun ohne alles Ungemach durch die Höhle, und als wir am Ende derselben waren und heraustraten ins Freie, da zeigte sich ein ganz leicht und völlig gefahrlos zu begehender, mit spärlichem Grase und Moose bewachsener Abhang bis in die Ebene, die freilich sehr wüst aussah, was aber eben sehr gut war, weil sie nur selten von irgendeinem Wanderer betreten wurde und darum unsere Hochtalbewohner desto unbemerkter ins tiefe Tal hinabkommen konnten.
GEJ|5|269|5|0|Als Barnabe und alle, die da mit waren, das ersahen, da fielen sie vor Mir nieder und sagten: „Wir danken Dir, o Herr, aus allen Tiefen unserer Herzen; denn Du hast uns hierdurch, daß Du uns diesen neuen und sicheren Weg gezeigt hast, eine unaussprechlich große Wohltat erwiesen und hast uns erlöst von der großen Qual, die uns der frühere, entsetzliche Weg verursachte!“
GEJ|5|269|6|0|Ich hieß sie aufstehen und sagte zu ihnen: „So wie Ich euch hier einen neuen, sichern und auch bequemeren Weg zu wandeln gezeigt habe, also zeige Ich euch allen auch einen allein wahren, guten und sichern Weg zum ewigen Leben!
GEJ|5|269|7|0|Diesen Weg zeige Ich euch mit sehr wenigen Worten an, und diese lauten: Seid von ganzem Herzen sanftmütig und demütig! Liebet Gott über alles und jeder seine Nächsten wie sich selbst; denn darin bestehet das ganze Gesetz und alle Propheten! Dann glaubet, daß eben Ich Derjenige bin, der verheißen ward von Gott und geweissaget von den Propheten, so habt ihr die Pforte und den Weg in das Reich Gottes, das nun zu euch gekommen ist, ebenalso geöffnet, wie euch nun ein anderer Weg geöffnet und gezeigt ward aus diesem Hochtale hinab in die Niederung der Erde!
GEJ|5|269|8|0|Daß da alle Gesetze Mosis in den zwei Geboten der Liebe beisammenstecken, versteht sich von selbst; denn wer Gott über alles liebt, der wird sicher alles, was da sündhaft ist, meiden und nicht sündigen wider das eine oder das andere Gebot Gottes, und wer seinen Nächsten liebt wie sich selbst, der wird ihm nichts Übles wollen und noch weniger etwas Übles tun.
GEJ|5|269|9|0|Daß ihr aber diese Meine Worte beherziget und danach tun werdet, das ist dann das rechte Salz des Lebens, und Ich will denn euch nun darum auch ein natürliches Salz anzeigen und auch geben. Darum verlassen wir nun denn auch diese Stelle, kehren zurück in euer Tal, und wir werden dort in einem euch allen noch ganz unbekannten Winkel dieses Tales ein ganz reines und gutes Salz finden! Und so wollen wir unsere Wanderung dahin machen!“
GEJ|5|269|10|0|Alle dankten Mir mit wahrer Inbrunst, und wir begaben uns auf den Rückweg.
GEJ|5|270|1|1|270. — Der Salzfelsen. Das wundervolle und gesegnete Abendmahl
GEJ|5|270|1|0|Als wir wieder im Tale vor der Wandkluft standen, da legten alle Merkzeichen von dort bis zu den nächsten Häusern, auf daß sie für die künftigen Fälle diesen Ausweg wiederfinden möchten. Wir gingen nun ganz entgegengesetzt bis zu dem fernen Nachbar, der sein Haus auf einem recht hohen Hügel hatte und von den anderen Häusern bei einer halben Stunde Weges entfernt war.
GEJ|5|270|2|0|Allda angelangt, sagte Ich zum Besitzer dieses Hauses: „Siehe, gerade in der Richtung, wo nun bald die Sonne untergehen wird, ersiehst du in geringer Ferne von hier eine weiße Felswand von einer bedeutenden Ausdehnung; sieh, das ist pur Salz, und ihr alle könnet es gleich ohne alle vorhergehende Reinigung gebrauchen! Nur etwas weniger müsset ihr zu euren Speisen nehmen; denn dieses Salz ist kräftiger als das Nahimer, obgleich auch das Nahimer Salz – aber freilich schon sehr in der Tiefe – von diesem Stocke gewonnen wird. Wer von euch dahin gehen will, der gehe und bringe eins herüber!“
GEJ|5|270|3|0|Der Besitzer dieses Hauses erbot sich gleich, dahin zu eilen, da es nur kaum einer Viertelstunde Weges bedurfte, um mit geläufigen Füßen dahin zu gelangen. Er nahm eine Schaufel und ein Gefäß mit, löste leicht mehrere Stücke von der Wand ab, füllte damit das Gefäß und brachte es ebensobald zu uns herüber. Alle versuchten das Salz und fanden es überaus vortrefflich. Darauf ward Mir wieder gedankt. Ich segnete dieses hochgelegene Haus, und wir begaben uns darauf alle auf den Rückweg; auch der ferne Nachbar ging mit uns und nahm sogar sein Weib und etliche erwachsene Kinder mit.
GEJ|5|270|4|0|Als wir wieder beim Hause Barnabes ankamen, da erwartete uns schon die ganze Einwohnerschaft des Ortes und wünschte sich laut Glück, Mich wiederzusehen und unter sich zu haben.
GEJ|5|270|5|0|Und der Nachbar, den Ich am Mittage von dem Natternbiß geheilt hatte, schrie laut auf: „Hosianna in dieser Höhe Dem, der zu uns gekommen ist! Dahier ist nun das wahre, neue Jerusalem, von dem schon ein Prophet geweissagt hat; das alte und schlechte aber wird in Kürze zugrunde gehen!“
GEJ|5|270|6|0|Diesem Spruche ahmten alle nach, und zwar mit einer solchen Begeisterung und Stimmenkraft, daß solche von den vielen weiten und hohen Felswänden in tausend Echos widerhallte. Die Bewohner, denen solch ein Naturspiel noch fremd war, meinten, Ich müsse schon darum ein höchster Geistmensch sein, weil nun sogar die Luft- und die Berggeister in ihr Lob eingestimmt hätten.
GEJ|5|270|7|0|Doch Ich Selbst erklärte ihnen solch eine Erscheinung, und sie nahmen auch solche Meine Erklärung dankbar auf, versuchten aber ihre kräftigen Stimmen noch einmal und bekamen die gleiche Rückwirkung auch ohne das Hosianna.
GEJ|5|270|8|0|Und sie glaubten darauf alle und sagten: „Du bist ein allein Wahrhaftiger; denn ein Templer hätte uns nun schon gesteinigt, so wir es nicht geglaubt hätten, daß dies ganz wahrhaftige Berg- und Luftgeister gewesen wären!“
GEJ|5|270|9|0|Ich aber sagte zum Wirte, daß er sich nun umschauen solle, wie alle diese vielen Gäste, bei zweihundert an der Zahl, mit einem Abendmahle versorgt würden.
GEJ|5|270|10|0|Der Wirt aber sagte: „Herr, was und wieviel ich habe, soll hergerichtet und hergegeben werden; nur befürchte ich, daß es kaum für alle auslangen wird!“
GEJ|5|270|11|0|Ich aber sagte: „So gehe hinein und sieh nach!“
GEJ|5|270|12|0|Und der Wirt ging hinein und sah nach und fand alle seine Speisekammern voll mit Brot, Wein, Milch, Honig und frischen Fischen und noch einer großen Menge des feinsten Mehles für Semmeln und andere Speisen.
GEJ|5|270|13|0|Da kam er alsbald zurück, schlug sich auf die Brust und sagte: „Oh, das geht nun schon über alle die Maßen! Ich weiß genau, was sich früher in meinen Speisekammern vorfand; sie waren nur spärlich für meinen Hausbedarf gefüllt, und nun strotzen sie vom höchsten Überflusse! Das warst schon wieder Du, o Herr! Ja, jetzt kann für Tausende gekocht werden, nicht nur für die Zweihundert! Aber wo nun so viele Köche hernehmen? Die lieben Nachbarn müssen heute schon alle Hand ans Werk legen; denn meine Leutchen würden damit bis morgen nicht fertig!“
GEJ|5|270|14|0|Als die Weiber und Töchter der Nachbarn das vernahmen, da eilten sie schnell in die große Küche und machten sich an ihr Werk, und so ward ein großes Mahl in einer Stunde fertig.
GEJ|5|270|15|0|Das Mahl war jetzt zwar fertig; aber da kam ein ganz anderer Umstand zum Vorscheine. Der Wirt hatte nun viel zuwenig Tische und Bänke, und seine Zimmer waren für zweihundert Gäste auch zu klein. Kurz und gut, es fehlte ihm an allem für solch ein Vorkommnis. Er trat daher zu Mir hin und bat Mich um einen Rat, was da zu machen wäre.
GEJ|5|270|16|0|Sagte Ich: „Ja, du Mein Freund Barnabe, auf einem natürlichen Wege wird da nicht viel zu machen sein! Wenn es nicht so kühl wäre hier auf dieser Höhe, da könnten wir uns hier im Freien niederlassen; aber es werden nun die Abende schon sehr kühl und finster, und so tut es sich im Freien wohl nicht mehr. Es haben in einem Schafstalle freilich wohl viele friedliche Schafe Platz; aber da es dir auch an Bänken und Tischen fehlt, so ist die Sache dennoch etwas schwer. Auch mit der Beleuchtung wird es in deinem Hause sicher ein wenig spärlich aussehen! Das ist Mir bekannt. Aber wir werden dennoch Mittel treffen, durch die wir alle recht gut untergebracht werden. Sieh du im Hause nach, wie es mit den Tischen und Bänken aussieht, und komme dann und sage es Mir!“
GEJ|5|270|17|0|Hier ging der Wirt ins Haus, besah nun alles und kam bald voll Verwunderung zurück. Ich fragte ihn, wie es aussehe.
GEJ|5|270|18|0|Und Barnabe erwiderte wieder voll Verwunderung: „O Herr, Du Allgütiger, nun erst sehe ich es überaus klar ein, daß Dir gar kein Ding unmöglich ist! Die Zimmer nach rückwärts sind mehr denn um die Hälfte erweitert, und Tische und Bänke gibt es mehr denn zur Genüge, und auch an den schönsten Lichtern hat es keinen Mangel. Auf allen Tischen stehen schon die Speisen bereit und harren unser, und so meine ich armer Sünder, daß wir uns nun in die Zimmer begeben sollten und einnehmen das wunderbare Abendmahl“
GEJ|5|270|19|0|Sagte Ich: „Ja, das tun wir nun, und so folget Mir alle; denn an euch habe Ich eine gute Ernte gemacht!“
GEJ|5|270|20|0|Hierauf ging Ich voran, und alles folgte Mir. In wenigen Augenblicken saßen alle in bester Ordnung an den Tischen.
GEJ|5|270|21|0|Bevor aber einer einen Bissen in den Mund führte, erhob sich der Wirt und sprach: „Höret mich, meine lieben Nachbarn alle! Dieses Mahl ist ein wahres Gottesmahl im Paradiese, das verlorenging durch die Schuld der Menschen. Der große, heilige Gott und Herr hat es uns Selbst wiedergebracht. Er sitzet, o Wunder aller Wunder, nun leibhaftig in unserer Mitte und hat uns Selbst dieses wahre paradiesische Mahl bereitet! Dieses Mahl ist daher ein höchst gesegnetes und heiliges. Wir aber sind sündige Menschen – und möchten nun aber doch dieses Mahl genießen als Unwürdige. Bitten wir daher zuvor alle den Herrn, daß Er uns vergeben möchte unsere Sünden und uns dann für nur ein wenig würdiger halten, mit Ihm zu genießen dies heilige Mahl! Erhebet euch und sprechet mit mir: O Herr, Du Wunderbarer! Vergib uns unsere Sünden, auf daß wir würdiger werden, mit Dir zu Tische zu sitzen!“
GEJ|5|270|22|0|Hierauf sagte Ich: „Ich bin ein Arzt und komme, um da zu heilen die Kranken. Ein Sünder aber ist auch ein Kranker, und so waret denn auch ihr krank an Seele und Leib. Und Ich habe euch darum aufgesucht und völlig geheilt, und ihr seid darum nun keine Sünder mehr; darum setzet euch wohlgemut zu Tische, und esset und trinket nach Herzenslust! Deine Worte, du Mein Barnabe, aber haben Mir eine rechte Freude gemacht, und ihr alle sollet darum noch mehr denn bis jetzt an Mir der Herrlichkeit Gottes gewahr werden! Und nun esset!“
GEJ|5|270|23|0|Hierauf setzten sich alle, dankten Mir und fingen an, mit einer wahren Herzenslust zu essen und zu trinken; und Ich und die Jünger taten dasselbe. Während des Essens und Trinkens aber wurde wenig geredet; nur nach Beendung des Mahles erhoben sich alle die Nachbargäste, legten ihre Hände auf die Brust und dankten Mir laut für dies paradiesisch gute Abendmahl. Als sie aber mit ihrem Danke zu Ende waren, da wollten sie nach Hause gehen; Ich aber bedeutete ihnen, daß sie noch eine Zeitlang verweilen und sich ein wenig besprechen sollten über dieses vergangenen Sabbates Begebenheiten.
GEJ|5|271|1|1|271. — Von der Bescheidenheit, Sanftmut und Demut. Die goldene Mittelstraße
GEJ|5|271|1|0|Da sagte einer aus ihrer Mitte: „O Meister und Herr! Siehe, so man in seinem Gemüte voll ist von tausendmal tausend Gedanken über Dich, über Deine Taten und über Deine Lehre und man in sich noch lange nicht völlig zu der klaren Ruhe gelangen kann, da wird einem das Reden schwer, weil man gar nicht weiß, wo man anfangen und wo man enden soll! Zu dem aber kommt hier noch das, daß eben Du Selbst da gegenwärtig bist, der Du auch sicher jeden unserer Gedanken schon eher kennst, als er in uns noch aufgetaucht ist und von uns empfunden ward. Was können wir da in Deiner persönlichen Gegenwart dann reden und worüber uns besprechen? Ja, so Du hier noch etwas reden wolltest, da möchten wir Dich wohl anhören, solange Du auch immer reden möchtest; aber mit unserem Reden würde es nun wohl sehr mager aussehen!“
GEJ|5|271|2|0|Sagte Ich: „Höret! Die Bescheidenheit ist eine schöne Tugend, und man kann sie den Menschen nur sehr anempfehlen; aber zu bescheiden sein ist nicht selten unklug, weil man durch eine zu große Bescheidenheit seinem Nächsten gar zur Überschätzung seiner wenn auch noch so guten Fähigkeiten und nach und nach sogar zum Hochmute verhilft, was eben nicht gut, sondern im Gegenteile recht schlimm ist. Bei Mir euch gegenüber kann das freilich wohl nie der Fall sein, aber bei andern euch gegenüberstehenden Menschen gar leicht.
GEJ|5|271|3|0|Sehet, die gar oft zu große Bescheidenheit der sonst ganz ehrlichen Menschen gegen jene, die ihnen mit besonderen Talenten und Fähigkeiten gegenüberstanden, und die ihnen darum zu groß erwiesene Bewunderung und Verehrung hat aus ihnen Könige und am Ende allerhochmütigste Tyrannen gemacht, sowie auch das allerhochmütigste Priestertum! Daher sollet ihr auch in den Tugenden, als da sind die Demut, die Sanftmut und die Bescheidenheit, stets die goldene Mittelstraße beachten, ansonst ihr, und wäret ihr jetzt noch so frei, unter euch mit der Zeitenfolge euch selbst solche Menschen bilden würdet, die euch dann mit aller Härte behandeln würden, und ihr dann seufzen würdet unter ihrem Druck.
GEJ|5|271|4|0|Ich weiß es wohl, daß euch Meine Taten und Meine Worte den Mut, etwas vor Mir zu reden, benommen haben; aber es ist daran dennoch nicht soviel wie an dem, daß ihr in eurem Herzen glaubet, daß Ich eben Derjenige bin, der aus Gott durch den Mund der Propheten verheißen ward zunächst den Juden und durch sie allen Völkern der Erde.
GEJ|5|271|5|0|So ihr das so recht lebendig glauben und in der Tat Meine Lehre und Meine leichten Gebote beachten werdet, da werdet ihr auch aufnehmen Meinen Geist und durch denselben noch Größeres tun, als Ich nun vor euch getan habe; denn so ihr Kinder eines und desselben Vaters im Himmel seid, so seid ihr auch Erben Seiner Vollkommenheiten, wozu ihr berufen seid. Ihr könnet dann auch handeln und tun, wie nun diese Meine Jünger auch schon tun und handeln können, wenn es not tut. So ihr nun solches wisset, da könnet ihr nun auch ohne Furcht und Scheu vor Mir wie vor diesen Meinen Jüngern reden.
GEJ|5|271|6|0|Denn würde solches zu leisten nie möglich werden können, da hätte Ich sicher keine Jünger bei Mir, darum, daß sie also vollkommen sein sollen, wie der Vater im Himmel und in Mir vollkommen ist; denn als einen Diener brauche Ich doch sicher keinen Menschen, da Ich Selbst allen Menschen dienen kann und auch allzeit diene. Wollte Ich aber schon Wesen haben, die Mir dieneten, da dürfte Ich nur wollen, und im Augenblick stünden Mir zahllose Scharen der mächtigsten Engel zu Gebote und würden horchen auf Meine Winke. Aus dem aber könnet ihr schon den alleruntrüglichsten Schluß ziehen, daß Ich nur darum Jünger zu Mir genommen habe, auf daß sie von Mir alles erlernen sollen, was Ich Selbst kann, und daß Ich auch aus ganz demselben Grunde zu euch gekommen bin. – Saget Mir nun, ob ihr euch vor Mir jetzt auch noch nicht zu reden getrauet!“
GEJ|5|272|1|1|272. — Die Entsprechungssprache der Propheten
GEJ|5|272|1|0|Sagte der ferne Nachbar: „O Herr, zu reden getrauten wir uns nun gerade schon, wenn wir nur wüßten, von was! Zu dem aber kommt noch das, wie von selbst leicht begreiflich, daß wir alle noch viel zu voll von Gedanken sind über das, was alles wir heute gehört, gesehen und erfahren haben. So ich aber bloß nur für meine Person Dich um etwas fragen dürfte, so bestünde das darin, daß Du uns allen oder bloß nur mir allein sagetest, was dereinst nach dem sichern Tode dieses Leibes mit mir werden wird.
GEJ|5|272|2|0|Wird die pure Seele ihr Bewußtsein fortbehalten, oder wird sie erst nach der durch die Propheten verkündeten Auferstehung des Fleisches ins Bewußtsein wieder erwachen? An einem Jüngsten Tage soll diese allgemeine Auferstehung geschehen; wann aber dieser Tag kommen wird, das ist im höchsten Grade unbestimmt. An diesem Schreckenstage sollen die Gerechten vor Gott dann empfangen ihren ewigen Lohn im Himmel und die Sünder ihre ewige Strafe in der Hölle.
GEJ|5|272|3|0|Nun, das sind wahrlich Lehren, mit denen sich mein Gemüt und auch mein Verstand nie völlig haben befreunden können! Wie ist das in der Wahrheit zu verstehen, oder wird das wortgetreu also geschehen?
GEJ|5|272|4|0|Wahrlich, wenn das wortgetreu alles also geschieht, so steht es um die Menschheit sehr traurig, und es wäre bei solchen Umständen ja doch um viele tausend Male besser, so man nie geboren und ein Mensch geworden wäre! Wie viele tausendmal tausend Menschen wissen nichts von unserer Lehre, sind finstere Heiden, und ihr unverschuldetes Los wird dann sein die ewige Strafe im schrecklichsten Feuer der Hölle!
GEJ|5|272|5|0|Wahrlich, so ich Gottes Weisheit, Liebe und Güte so recht betrachte, so kommt mir solch eine endliche Verfügung mit den Menschen beinahe unmöglich vor! O Herr, Du wirst uns darüber sicher eine bessere Erklärung zu geben vermögen! Ist es aber also, dann sind wir Menschen die unglücklichsten Geschöpfe auf der ganzen Erde!“
GEJ|5|272|6|0|Sagte Ich: „Ja, Meine Lieben, diese Sache ist jetzt für diesen Augenblick euch mit wenigen Worten schwer zu erklären; aber Ich habe dieses alles Meinen Jüngern in die kleinsten Punkte erklärt, und diese werden es euch wieder erklären.
GEJ|5|272|7|0|Was die Propheten davon geschrieben haben aus ihrer inneren Eingebung, das haben sie in Bildern geschrieben, die pur Entsprechungen sind von den in ihnen verborgenen nackten Wahrheiten. Wer demnach die alte Lehre von den Entsprechungen versteht, dem wird es bald klar werden, was alles die Bilder der Propheten zu bedeuten haben.
GEJ|5|272|8|0|Ihr habt von den Entsprechungen nie etwas gehört, und so kennet ihr auch von der Schrift nur den groben, naturmäßigen Sinn; aber es gibt in den Bildern der Prophetenschrift stets einen dreifachen Sinn: erstens den naturmäßig-geistigen, zweitens den pur geistigen und drittens den rein himmlischen aus dem Herzen Gottes.
GEJ|5|272|9|0|Nach dem ersten bestimmt sich das sittliche Leben des Menschen alsogestaltig, daß er als naturmäßiger Mensch also denkt infolge einer rechten Erziehung und auch also handelt, daß er nicht an der Materie klebenbleibt, sondern sich von ihr abwendet und sie nur insoweit benutzt, um durch sie in das rein Geistige stets tiefer und heller einzudringen. Wer das tut, wenn er dazu unterrichtet ist, der findet dann bald die Entsprechung zwischen Materie und Geist. Hat er das, dann wird er aus dem Geistigen in das Himmlische eingehen, oder in das Reingeistige. Von da gehet es dann leicht in das rein göttlich Himmlische über. Da wird ihm dann erst vollends klar werden, was im Grunde des Grundes die Schrift der Propheten alles als vollends Enthülltes in sich enthält.
GEJ|5|272|10|0|Wer aber in der Schrift nur die puren Materiebilder schon für alles hält, der beweist, daß er selbst noch pur Materie ist, die gerichtet ist und sein muß, und daß er ihr Gericht in seinem Bewußtsein und in seinem Gefühle zeit seines diesirdischen Lebens fortbehält und in der steten Furcht und Angst schwebt, auch mit seiner Seele nach dem Abfalle des Leibes in jenen rein materiellen Zustand zu geraten, in welchem die Schrift bildlich den Zustand der Materie darstellt und beschreibt.
GEJ|5|272|11|0|Ich aber sage es dir und euch allen, daß jenseits sich alles anders verhält, als wie es in den Bildern der Schrift dargetan ist.
GEJ|5|272|12|0|Die Worte der Schrift sind gleich der Schale eines Eies, innerhalb welcher sich auch ein Dreifaches birgt, nämlich das Weiße und das Gelbe und in der Mitte des Gelben erst das rötliche Lebensknäulchen, welches den Lebenskeim birgt.
GEJ|5|272|13|0|Diese Umhülsung aber muß in der materiellen Welt überall da sein, wo nur immer etwas ist, auf daß das Innerste, Göttliche nirgends, nie und von niemandem je kann verunreinigt werden. Weil aber überall in allem Naturmäßigen Geistiges, Himmlisches und Göttliches steckt, was doch offenbar die Allgegenwart des göttlichen Willens beweist, so besteht auch Entsprechung zwischen allem, was in der Welt, im Geisterreiche, im Himmel und endlich gar in Gott Selbst sich vorfindet.
GEJ|5|272|14|0|Meine Jünger aber, die nun schon von gar vielem die Kenntnisse haben, werden euch bei Meinem längeren Aufenthalte in eurer Mitte schon das Nähere davon klar zeigen und euch auch bei manchen Gelegenheiten zeigen, daß sie Meine Jünger sind – bis auf einen, der bis jetzt eben noch nicht gar zuviel begriffen hat wegen seines noch immer weltgewinnlich habsüchtigen Herzens. Aber die andern elf und der Schreiber Matthäus sind schon ganz tüchtige, gottweise Männer geworden, und ihr werdet von ihnen vieles erlernen und erfahren können; höret sie nur!“
GEJ|5|272|15|0|Hier sagte Petrus: „Herr, Dein göttliches Zeugnis gehet wohl über alle Zeugnisse dieser Welt; aber nur sind wir dessen noch lange nicht würdig!“
GEJ|5|272|16|0|Sagte Ich: „Es bestehet in der Welt unter den Menschen keine Würde außer der, daß sie Ebenbilder Gottes sind, und das ist auch der Grund, darum ein Mensch den Nebenmenschen zu lieben und zu achten hat. Und so jemand Mein Wort hört, glaubt und danach tut, so ist er auch würdig, daß Ich ihm ein rechtes Zeugnis gebe; denn wer da Mein Zeuge ist, dessen gültigster Zeuge bin auch Ich vor Meinem Vater im Himmel alles Lebens. So Ich aber jemand ein Zeugnis gebe auch vor der Welt, da tue Ich das nicht, um ihn vor der Welt zu rühmen, sondern Ich zeige dadurch an, daß die Wahrheit aus Gott in ihm ist. Und sogestaltig möget ihr Mein Zeugnis schon ertragen!“
GEJ|5|273|1|1|273. — Die Geldgier des Judas Ischariot
GEJ|5|273|1|0|Da dankten Mir die Jünger alle bis auf den einen, was ihm Thomas heimlich sehr verwies.
GEJ|5|273|2|0|Der eine aber sagte (Judas Ischariot:) „Ich danke Ihm im stillen für alles, was ich empfangen habe; ihr aber habt nach Seinem Zeugnisse mehr empfangen als ich, – daher ist es ja nun auch recht, daß ihr um das Mehrempfangene dem Herrn danket. Ihr könnet schon allerlei Wunder wirken; mir gelingt nicht eines, wenn ich auch noch glaube, daß es mir gelingen solle, – und euch gelingt schon beinahe alles! Was ich somit noch nicht empfangen habe, für das kann ich nicht danken, sondern nur darum bitten. Ich habe zwar schon sehr oft im stillen darum gebeten, aber bis jetzt außer Speise, Trank und Lehre noch immer nichts erhalten und habe darum nur um das zu danken, – aber um die Gabe, Wunder zu wirken, sicher nicht! Verstehet mich, so ihr mich verstehen wollt!“
GEJ|5|273|3|0|Solches hatte der eine freilich nur so mehr still gesprochen, wurde aber von den andern Jüngern und von Mir ganz gut vernommen.
GEJ|5|273|4|0|Und Ich sagte zu ihm: „Du, Judas Ischariot, hast da ganz recht, daß du Mir nicht dankest um das, was du nicht so recht in der Fülle gleich den andern Jüngern empfangen hast. Aber als Ich euch vor einigen Monden einmal vor Mir hinaussandte, um in Galiläa die Menschen auf Mich vorzubereiten, da gab Ich dir so gut die Macht, Wunder zu wirken, wie den andern; aber du fingst damit als ein geldsüchtiger Mensch an, ein ordentliches Geschäft zu treiben, und ließest dich für deine gewirkten Wunder hoch und teuer bezahlen. Dadurch hast du dir in wenigen Wochen eine große Summe Goldes und Silbers erworben, an dem dein Herz hing. Weil aber dein Herz eben nur am größten Miste der Erde so sehr hing und an der Wundertatsgabe nur des Mistes wegen, – weil dies der tatsächliche Fall bei dir war, so ist aus weisem und gutem Grunde solche Gabe dir wieder genommen worden, aber die Lehre nicht, und somit kannst auch du wohl einen Unterricht über die Ankunft des Reiches Gottes auf Erden den Menschen erteilen, wenn du willst; willst du's aber nicht, so kannst du es auch bleiben lassen! Ich aber meine: So es dich nicht verdrießt, zu essen und zu trinken, so soll es dich auch nicht verdrießen, ein wenig zu arbeiten für dich und für Mich!“
GEJ|5|273|5|0|Sagte ganz betroffen Judas Ischariot: „Ah, das tue ich ja ohnehin gerne, aber die Brüder lassen es mich nicht immer, – – ich will nicht hadern, und so bin ich dann wieder ruhig und schweige!“
GEJ|5|273|6|0|Sagte Ich: „Ja, da hast du schon wieder recht, – bis dahin aber nur, daß die Brüder dich erst dann nicht wollen weiterpredigen lassen, so du anfängst, gegen den Schluß deiner Predigt schmutzige Absichten an den Tag zu legen. Laß also das in der Folge, und du wirst dann ungehindert predigen können und dürfen! Wozu ist das, ein Almosen bei den Zuhörern erbetteln wollen, da bei Mir noch keiner von euch einen Tag irgendeine Not gelitten hat?! Daher tue also, wie Ich es haben will, so wirst du alles recht tun, und niemand wird dich bei deinem Tun je beirren! – Hast du Mich wohl verstanden?“
GEJ|5|273|7|0|Judas Ischariot sagte: „Ja, Herr und Meister, ich werde mich auch bemühen, Deinem Willen zu genügen! Aber nun lasset mich ein wenig ins Freie gehen; denn mich drängt es nun ordentlich hinaus!“
GEJ|5|273|8|0|Hierauf erhob er sich schnell und ging ins Freie. Er tat dies aber, weil er sich verraten und beschämt fühlte.
GEJ|5|273|9|0|Der Wirt fragte Mich, wie es denn komme, daß der hinausgegangene Jünger noch nicht so vollkommen sei wie die andern.
GEJ|5|273|10|0|Sagte Ich: „Lieber Freund, das kommt von seinem zeitweiligen Eigennutze her! Er ist seiner Profession nach ein Töpfer und hat sich damit auf den Märkten viel Geld erworben. Aber als er von Mir hörte, da kam auch er zu Mir, hörte Meine Worte und sah Meine Taten. Da bat er Mich, daß er auch Mein Jünger würde. Ich gestattete ihm das, und so wurde auch er Mein Jünger. Aber er ist noch, was er war, ein Kaufmann, und das Geld hält er für eine fürs irdische Leben unentbehrliche Sache; darum möchte er denn auch für immer und eigentlich nur für sich Wunder wirken und sich gleich den Magiern dafür bezahlen lassen. Da aber das mit Meinen Wundertaten sich nie vereinen kann und darf, so verlor er durch eigenes Verschulden die schon innegehabte Fähigkeit und ist darum nun stets geheim bei sich etwas unzufrieden. Aber er weiß sonst um alles und ist ein guter Redner, und wenn er jemanden über Mich und Meine Sendung aus den Himmeln belehrt, so machen seine Worte stets eine gute Wirkung, und er ist darum gleich den andern ein aus Meinen anfänglichen zweiundsiebzig Jüngern auserwählter Apostel. – Nun weißt du ganz, wer er ist, und was du von ihm zu halten hast.“
GEJ|5|273|11|0|Sagte der Wirt: „Ah, da ist er immer sehr zu achten, und ich werde mich noch sehr oft mit ihm besprechen! Aber nun möchte ich doch wissen, was denn aus den andern sechzig Jüngern geworden ist! Haben sie nicht den Sinn und Willen fassen mögen, um Dir, gleich diesen Zwölfen, auf allen Wegen und Stegen zu folgen, um da noch gar vieles zu hören und zu sehen, was für sie sicher von größtem Nutzen gewesen wäre?“
GEJ|5|273|12|0|Sagte Ich: „Sie haben so viel gehört und gesehen, daß sie genau wissen, was sie zu tun haben, um das ewige Leben zu erreichen, und eines mehreren bedarf es für sie nicht. Sie wollten ihrer häuslichen Verhältnisse wegen Mir auch nicht stets und überallhin folgen, und so entließ Ich sie für einstweilen; aber sie werden schon wiederkommen und Mir folgen auf allen Wegen und Stegen, – denn sie haben Mein Wort angenommen, leben und handeln nun danach, und es dränget sie nun schon sehr, ehest wieder zu Mir zu kommen. Sie sind zumeist Galiläer so wie auch Ich und diese Meine zwölf Hauptjünger. – Nun weißt du auch das der vollsten Wahrheit nach; so du aber noch etwas wissen willst, da frage!“
GEJ|5|274|1|1|274. — Von den Essäern und ihren Wundern
GEJ|5|274|1|0|Sagte der Wirt: „Ich möchte Dich wohl um noch etwas fragen; aber Du dürftest mir darum nicht gram werden!“
GEJ|5|274|2|0|Sagte Ich: „Frage, um was du willst!“
GEJ|5|274|3|0|Sagte der Wirt: „Nun gut denn! Sieh, als ich im Tempel noch ein Levite war, da trug es sich einmal bei einer Mission wegen eines Zehentrückstandes zu, daß ich da mit etlichen Essäern zusammenkam! Diese waren sehr freundlich und erzählten mir mit der größten Wahrheitsversicherung, daß in ihrem Tempel, größer als jener zu Jerusalem, die größten Wunderwerke verrichtet werden.
GEJ|5|274|4|0|Da werden alle Kranken geheilt, ja sogar die Verstorbenen wieder ins Leben zurückgerufen. Sogar die Elemente und Kräfte der gesamten Natur haben sie in ihrer vollen Gewalt, und Sonne, Mond und alle die Sterne müssen sich fügen ihrem Willen, und so erscheine in und bei ihnen der Mensch erst als ein wahrer Herr der Natur, so, wie es einst der Urvater Adam war, bevor er gesündigt hatte. Bei ihnen müssen sogar die Bäume, das Gras, die Steine, das Wasser, die Luft und alle Kreaturen reden und ihnen das Zeugnis der vollsten Wahrheit geben, und wenn ich solches nicht glauben könne, da solle ich nur mit ihnen gehen und mich selbst von allem dem persönlich überzeugen.
GEJ|5|274|5|0|Nun, mein dem Tempel dienliches Geschäft hatte eben keine Eile; denn was man bei uns in einer Woche nicht verrichten kann, das kann man ganz bequem in der dritten Woche auch ohne irgendeinen Anstand zustande bringen. Ich hatte sonach Zeit und folgte der sehr freundlichen Einladung der beiden Essäer. Wir kamen mit Hilfe von drei schnellfüßigen Kamelen, die die beiden bei sich hatten, bald an Ort und Stelle an, weil mein Zehenteinhebungsgeschäft ohnehin nicht ferne von der Essäer Besitzung zu verrichten war.
GEJ|5|274|6|0|Ich ward von den beiden bald ihrem Obersten, einem äußerst freundlichen Manne, vorgestellt, der mich mit vieler Liebe empfing und es mir an nichts abgehen ließ. Seine Bewirtung ließ wahrlich nichts zu wünschen übrig! Ich hielt mich dabei acht Tage lang auf und überzeugte mich von allem dem, was mir die beiden vorher angezeigt hatten, selbst der vollsten Wahrheit nach. Oft dachte ich daran und wäre selbst gerne zu ihnen übergegangen; aber ich ward nicht angenommen meiner Jugend wegen, was mir wahrlich sehr leid tat.
GEJ|5|274|7|0|Nun, da möchte ich nun von Dir erfahren, was denn Du von dieser Anstalt sagst. Denn ihre Wundertaten sind ganz den Deinen ähnlich, so daß ich geheim nun immer der Meinung war, daß Du vielleicht auch ein Essäer seist. Denn auch sie sagten mir, daß aus ihnen der Weltmessias hervorgehen werde. Kläre mich darin mehr auf!“
GEJ|5|274|8|0|Sagte Ich: „Lasset euch von den Essäern nicht berücken; denn ihre Worte sind Lügen, ihre Taten Betrug, und ihre Freundschaft ist die purste Heuchelei! Bei ihnen heiligt der Zweck das Mittel, durch das er erreicht wird; sei dieses an und für sich noch so elend und schlecht, so werde es dadurch gut und geheiligt, wenn für die Menschheit nur ein guter Zweck erreicht werde. Sie tun den Menschen natürlich nur fürs Geld viel Irdisch- Gutes; aber das Gute ist kein Gutes, weil es ein purster Betrug ist.
GEJ|5|274|9|0|Denn käme ein Mensch, was denn doch eben in einer aufgeklärten Zeit nichts Unmögliches wäre, irgend erwiesen schon hier in diesem Leben dahinter, so wäre er dann doppelt unglücklich – einmal, weil er um viel Geld auf das schmählichste hintergangen worden ist, und zum zweiten Male, daß er dazu noch schweigen müßte, auf daß ihm nicht ein ärgeres Übel zugefügt würde.
GEJ|5|274|10|0|Denn diese so gepriesenen und von allen Weltgegenden überaus gesuchten Essäer haben allenthalben eine große Menge Spione, die unter allerlei menschlichen Charakteren sich in vielen Ländern umhertreiben. Durch diese erfahren die Hauptleiter und Vorstände der großen Anstalt alles, was irgendwo etwa Besonderes ist und geschieht. Und so ist es gar nicht ratsam, irgendwo gegen sie zu Felde zu ziehen, weil sie das sicher bald erfahren und Rache nehmen würden an ihrem Widersacher.
GEJ|5|274|11|0|Damit sei du, Barnabe, ganz zufrieden; ein Weiteres darüber werden dir eben auch Meine Jünger kundtun. Es ist sogar einer unter Meinen Jüngern, der noch vor kurzem ein Hauptessäer war; der wird dir ihre Wundertaten am besten beschreiben, und du wirst dann sehr staunen über deine damalige Blindheit.
GEJ|5|274|12|0|Für jetzt aber wollen wir uns noch ein wenig ins Freie begeben und draußen uns ein wenig erheitern an der Betrachtung des heute sehr sternreichen Himmels!“
GEJ|5|274|13|0|Das war allen recht, und wir erhoben uns von den Bänken und Tischen und waren bald darauf im Freien.
GEJ|5|275|1|1|275. — Ein Blick in den Sternenhimmel
GEJ|5|275|1|0|Alle staunten über die große Pracht des Himmels, und der Wirt fragte Mich, was etwa doch diese zahllos vielen großen und kleinen Sterne seien. Und Ich erklärte ihnen das gerade also, wie Ich solches auch schon bei anderen gleichen Gelegenheiten getan habe; ja, Ich tat hier noch mehr.
GEJ|5|275|2|0|Nachdem Ich bei zwei Stunden lang allen das Notwendigste davon klar erörtert hatte und dadurch geheim in ihren Gemütern der Wunsch rege wurde, sich von der Wahrheit des Gesagten, so es möglich wäre, noch um vieles heller und tiefer zu überzeugen, da versetzte Ich sie alle, ohne daß sie es ahnen konnten, was da mit ihnen geschah, in den geweckt rein geistigen Zustand, und sie schauten nun mit im höchsten Grade verklärten Blicken nach den Sternen und konnten einen um den andern so wie ganz in der Nähe betrachten.
GEJ|5|275|3|0|Da entstand plötzlich ein größter Jubel, der immer heftiger geworden wäre, so Ich die Gesellschaft noch länger in solcher geistigen Gewecktheit gelassen hätte; aber Ich rief sie alle wieder zurück in den naturmäßigen Zustand, und keiner von ihnen begriff, was da mit ihm vorgegangen ist, daß er solche unerhörten Wunderdinge in den Sternen hat schauen können.
GEJ|5|275|4|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Wundert euch dessen doch nicht zu sehr! Ich habe durch Meine Willensmacht nur euer inneres Geistesauge geöffnet, und so waret ihr denn auch imstande, diese fernen Welten wie ganz in der Nähe zu beschauen; denn für den Geist ist eine jede irdische und also räumliche Ferne so gut wie gar keine. Denket aber nun darüber zu Hause nach, und morgen wollen wir darüber noch so manches verhandeln! Für jetzt aber begebet euch nach Hause zur Ruhe, und des Sabbats Ruhe und Feier sei damit beendet!“
GEJ|5|275|5|0|Hierauf dankten Mir alle und begaben sich dann in ihre Wohnungen. Nur der ferne Nachbar blieb bei uns die kurze Nacht hindurch. Ich begab Mich mit den Jüngern auch zur Ruhe, und es ist sonach abermals ein Sabbat mit lauter guten Werken zugebracht worden.
GEJ|5|275|6|0|Die Nacht verging bald, und am Morgen früh waren schon die meisten Nachbarn samt Weibern und Kindern vor dem Hause des Barnabe versammelt, und das ganze Haus des Barnabe war schon voll Tätigkeit, um ein gutes Morgenmahl zu bereiten.
GEJ|5|275|7|0|Ich kam mit Meinen Jüngern auch bald ins Freie hinaus zu den Harrenden, und Barnabe brachte Mir einen recht herrlichen Morgengruß, sowie nebenbei auch Meinen Jüngern. Darauf taten dasselbe auch alle andern hier anwesenden Nachbarn und frohlockten hoch, daß sie Mich in ihrer Mitte hatten, und sie konnten sich noch immer nicht zur Genüge erstaunen über den gestrigen Anblick des gestirnten Himmels.
GEJ|5|275|8|0|Einer, der ganz auf die Oberfläche eines fernen Wandelsternes im Geiste versetzet ward, und zwar auf den Uran (Uranus), der fragte Mich, ob jene vielen und sehr kräftigen Menschen, die er dort ganz gut gesehen hatte, schon eine Art Selige wären. Er wenigstens habe sie dafür gehalten; nur das hätte ihn etwas wundergenommen, daß er sie noch viel emsiger habe arbeiten sehen als selbst die fleißigsten Menschen auf dieser Erde. Viele und gar große Gebäude hatte er auch gesehen und viele, die erst mit allem Eifer erbaut wurden. Nun meinte er, ob denn im Himmelreiche sich die Seligen auch also, wie hier auf Erden die Menschen, ihre Häuser erbauen müßten.
GEJ|5|275|9|0|Da sagte Ich zu ihm: „Zum Teile wohl auch; aber die Menschen, die du auf jener Welt gesehen hast, die sind eben noch lange keine Geister und somit auch keine Seligen, sondern sie sind für jene Welt ebenso materielle Menschen wie ihr hier auf diesem Weltkörper, nur mit dem Unterschiede, daß ihr Erdenmenschen allein die Berufung habt, Kinder Gottes zu werden, während alle Menschen auf allen den zahllosen Myriaden von Weltkörpern im allgemeinen diesen Beruf nicht haben, obwohl sie davon gerade nicht gänzlich ausgeschlossen sind. Aber es gehört dort viel mehr dazu denn hier auf dieser Erde, die schon vom Anbeginne an dazu bestimmt ward.
GEJ|5|275|10|0|Wohl gab es noch eine gar große Erde, die von dieser Sonne das Licht empfing. Die hatte auch dieselbe Bestimmung, aber ihre Menschen hatten sich zu gewaltig übernommen, und es geschah darum, daß über sie ein gar großes Gericht kam, wie es auch schon einmal dieser Erde um nicht gar vieles besser ergangen ist. Jene Erde wurde ganz zerstört und zertrümmert, und mit ihr auch ihre über alle die Maßen stolz und lasterhaft gewordenen Menschen.
GEJ|5|275|11|0|Ein Weiteres darüber könnet ihr von diesen Meinen Jüngern erfahren; das Ganze aber wird euch mit der Zeit, so ihr ganz getreu und tätig in Meiner Lehre verbleiben werdet, euer Geist, so er eins wird mit eurer Seele, zeigen und euch in alle die wunderbarsten Wahrheiten leiten.“
GEJ|5|275|12|0|Da wunderten sich wieder alle über Meine Allwissenheit und dankten Mir und lobten und priesen Mich darum, daß Ich sie Meines Besuches gewürdiget habe.
GEJ|5|275|13|0|Nun aber kam auch schon ganz munter die Elisa, die sich an der Bereitung des Morgenmahles am eifrigsten beteiligt hatte, und lud uns zum Morgenmahle. Die Nachbarn aber entschuldigten sich, daß sie ein solches schon daheim eingenommen hätten.
GEJ|5|275|14|0|Aber Barnabe sagte: „Nun ist schon alles eins! Bereitet ist für alle, so wie das gestrige Abendmahl, und sie sollen sich darum nur ganz wohlgemut an die Tische machen!“
GEJ|5|275|15|0|Darauf ging denn alles wieder ins Haus, und es ward fröhlich das Morgenmahl eingenommen. Nach dem Mahle, das eingenommen ward, bekamen die Jünger viel zu tun; denn die Nachbarn fingen sie einmal wegen der Essäer zu fragen an, und da gab ein Wort das andere. Und es dauerte das Befragen und das Erklären nahe bis auf den Abend hin, und es wurde kein Mittagsmahl genommen, außer etwas Brot und Wein. Bei dieser Gelegenheit führten einige Jünger auch einige Proben ihrer Wunderkraft aus, worüber sich die Nachbarn höchlichst erstaunten und desto mehr Eifer bekamen, sich ganz genau nach den vernommenen Lehren zu verhalten.
GEJ|5|275|16|0|Ich aber war stets mit unserm Barnabe beschäftigt, bei welcher Gelegenheit er auch Erwähnung tat von den zwei Wundern, die Ich als zwölfjähriger Knabe im Tempel gewirkt habe, und daß diese beiden Wunder auf ihn zwar einen ungeheuren Eindruck gemacht hätten, er aber dessenungeachtet noch stets bei der Meinung geblieben wäre, daß Ich aus der Schule der Essäer wäre, wovon er aber nun das schroffste Gegenteil einsehe und Mich vollkommen als das erkenne, als was Ich Mich schon damals im Tempel Selbst vorgeführt habe. Kurz, die ganze Gemeinde samt Barnabe war nun ganz gewonnen, und wir bekamen nun sehr viel Muße, um über verschiedene Dinge zu reden, und es kam also auch bald der Abend herbei, an dem es natürlich an einem Abendmahle nicht gemangelt hat.
GEJ|5|276|1|1|276. — Des Herrn Abschied vom Gebirgsdorfe
GEJ|5|276|1|0|Am nächsten Tag ward zu dem fernen Nachbar gegangen und allda der ganze Tag wie auch die ganze Nacht zugebracht. Hier geschah es, daß Ich Mich, allen sichtbar, von den Engeln des Himmels bedienen ließ und auch die andern Gäste. Da gab es des Staunens schon gar kein Ende mehr, und die Bewohner fühlten sich ganz in die Himmel versetzt. Sie besprachen sich auch vielseitig mit den reinen Himmelsgeistern und lobten deren große Weisheit und deren große Macht; denn es wurden in dieser Nacht gar viele Wunder vollbracht, und zwar zum Besten dieser sehr braven Gebirgsbewohner.
GEJ|5|276|2|0|Unter den vielen Wundern war auch das, daß der ferne Nachbar ein ganz neues und sehr zweckmäßiges Haus erhielt und noch einiges in Hülle und Fülle und Eßwaren und Weine von der besten Art. Also wurden auch den sämtlichen Bewohnern eine Menge nützlicher Haustiere beschafft und ihre Gärten bestbestellt, auch wurden ihre sämtlichen Wohnhäuser ganz gut hergestellt und mit Wirtschaftsgebäuden versehen, ein jegliches nach seinem Bedarf. Daß darob diese Menschen vor lauter Verwunderung und Dankbarkeit ordentlich zerflossen, bedarf wohl keiner näheren Erwähnung mehr.
GEJ|5|276|3|0|Am Morgen endete diese nächtliche Szene, und alle Nachbarn kehrten an Meiner Seite überfroh, überaus erbaut und von höchster Dankbarkeit erfüllt nach Hause zurück, und alle betrachteten voll der seligsten Bewunderung ihre viel verbesserten Häuser und Gärten und Äcker. Aber bei all dem konnten sie sich von Mir denn doch nicht trennen, und Ich mußte bald in einem und bald wieder in einem anderen Hause ihr Gast sein samt den Jüngern, wo da allzeit viel von allerlei Weltzuständen gesprochen ward.
GEJ|5|276|4|0|Und so wurde diesem ärmsten Völklein doppelt geholfen, nämlich physisch und moralisch. Als Ich aber nach der abgelaufenen Zeit davon zu reden anfing, daß Ich denn jüngst von da abreisen und nach Jerusalem zu einem Feste ziehen werde, da wurden alle sehr traurig, und Barnabe fragte Mich, wie es Mir denn wohl möglich sein könne, in diese höchst demoralisierte, gottlose Stadt zu ziehen.
GEJ|5|276|5|0|Da sagte Ich: „Freund, wo es der Kranken am meisten gibt, dort ist auch ein Arzt am allernotwendigsten!“
GEJ|5|276|6|0|Ich blieb aber auf vieles Bitten noch etliche Tage daselbst und habe sie noch über so manches Gute und Nützliche belehrt wie auch Meine Jünger, die eben auch nicht sehr damit einverstanden waren, daß Ich zu diesem Herbstfeste Mich nach Jerusalem begebe.
GEJ|5|276|7|0|Aber Ich sagte zu ihnen: „Es ist also der Wille des Vaters, und da kann es nimmer anders sein!“
GEJ|5|276|8|0|Als sie solches vernahmen, da willigten sie ein und hatten nichts mehr einzuwenden.
GEJ|5|276|9|0|Es war an einem Vorsabbat, an dem wir uns auf den Weg machten. Denn wir wollten am Sabbate, an dem das Fest begann, in Jerusalem eintreffen, und so mußten wir am Vorsabbate schon unsere mehrwöchige Ruhestätte verlassen, um am Sabbat morgens in Jerusalem zu sein; denn es war von da noch eine gute Tagereise dahin.
GEJ|5|276|10|0|Nach einem Morgenmahle segnete Ich den Ort und seine Bewohner und begab Mich, von allen begleitet, durch den neuen Ausgang, den zuvor noch nie jemand begangen hatte, auf die Reise. Bei dem Ausgang durch die Grotte beschied Ich die Begleiter zum Rückzug und empfahl ihnen noch einmal den vollen Glauben an Mich und die Liebe zu Gott. Ich sagte ihnen auch, daß sie nie wankend werden sollten in diesem Glauben, dann würde Ich verklärt nach ein paar Jahren wieder zu ihnen kommen und ihnen allen erteilen die Kraft Meines Geistes. Dafür dankten Mir alle und baten Mich, daß Ich auch ferne von da ihrer ja nicht vergessen möchte.
GEJ|5|276|11|0|Ich aber sagte: „Meine lieben Freunde! Bei Mir gibt es kein Vergessen; das gibt es nur bei den Menschen. Wer Meiner nicht vergißt, dessen vergesse auch Ich ewig nicht. Darum bleibet Mir getreu, solange ihr im Fleische wohnet, und Ich werde euch geben, wie Ich euch zu mehreren Malen versichert und sogar gezeigt habe, das unvergängliche, ewige Leben in Meinem Reiche. Amen!“
GEJ|5|276|12|0|Hierauf trat Ich schnell die Reise an, allwo uns die Begleiter noch bei einer Stunde lang nachsahen und ihre Grüße und guten Wünsche nachsandten.
GEJ|5|276|13|0|Darauf begaben sie sich zurück, voll der besten Vorsätze und des besten Willens; zugleich aber beschlossen sie, da sie nun mit allem möglichen versorgt waren und nicht mehr Not hatten, des Salzes wegen nach Nahim zu gehen, auch diesen Ein- und Ausgang so zu verlegen, daß sie ja von niemand irgendmehr aufgefunden werden könnten. Und was sie beschlossen hatten, das führten sie auch genau mit vereinten Kräften an diesem Vorsabbate aus und waren sonach ganz von aller Welt abgeschlossen und führten da ein strenges Leben genau nach Meiner Lehre.
GEJ|6|1|1|1|Der Herr und die Tempelpriester. (Ev. Joh. Kap. 5)
GEJ|6|1|1|1|1. — Die Heilung eines Kranken am Teiche Bethesda (Ev. Joh. 5,1-13)
GEJ|6|1|1|0|Ich aber zog mit Meinen Jüngern an diesem Tage bis in die Nähe von Jerusalem, allwo wir in einer Mir und den Jüngern wohlbekannten Herberge die Nachtruhe nahmen. Der Wirt hatte eine große Freude an uns und erzählte uns viel von dem nunmaligen argen Treiben in Jerusalem und ließ uns ein recht gutes Abendmahl zurichten.
GEJ|6|1|2|0|Ich aber sagte zu ihm: „Komme du morgen nur hinauf zum Tempel, und du wirst da sehen, was Ich mit den Pharisäern für ein Wesen haben werde! Morgen sollen sie es genau und ohne allen Vorbehalt erfahren, mit wem sie es in Mir zu tun haben!“
GEJ|6|1|3|0|Dessen war unser Wirt sehr froh und brachte uns noch Brot und Wein zur Genüge. Er hatte zwar schon vieles von Mir gehört, aber auch er wußte noch nicht, wer Ich so ganz eigentlich sei, obwohl ihm Meine Jünger so einige Winke gaben, die er gut aufnahm. – Bald darauf begaben wir uns zur Ruhe.
GEJ|6|1|4|0|Am Morgen des Sabbats zogen wir hinauf nach Jerusalem. (Joh.5,1) Warum denn hinauf? Weil die große Stadt und vor allem der Tempel auf einem ziemlich weitgedehnten, klippigen Bergrücken lag und nahe zuhöchst der Tempel mit seinen weiten Hallen, Ringmauern und Hochgärten. Daß uns der Wirt, dessen Haus in einem Tale stand, hinaufbegleitete, versteht sich von selbst.
GEJ|6|1|5|0|Als wir in die Nähe des Tempels kamen, da mußten wir zuerst an dem Teiche Bethesda (Vedes da = er gibt Erweckung oder Genesung) vorübergehen, der zunächst bei dem Schafstalle des Tempels sich befand und ringsum fünf Hallen hatte. (Joh.5,2) In diesen Hallen lagen stets viele Kranke, wie Blinde, Lahme, Dürre und noch mit allerlei anderen Krankheiten Behaftete, und warteten, bis sich das Wasser bewegte. (Joh.5,3) Nach einer sehr alten Sage seit Melchisedeks Zeiten und nach dem festen Glauben, besonders des armen Volkes, fuhr ein Engel von Zeit zu Zeit vom Himmel herab und bewegte das Wasser. Die Menschen sahen zwar den Engel nicht und schlossen auf seine Gegenwart nur aus der eigentümlichen Bewegung des Wassers.
GEJ|6|1|6|0|Die gelehrten Pharisäer glaubten selbst zwar nicht an die Niederfahrt des Engels, sondern hielten den Teich nur für eine besondere Heilquelle, sowie desgleichen auch die Römer und Griechen; aber sie verstanden es zu ihrem Vorteile dennoch, das Volk bei dem frommen, alten Glauben zu erhalten.
GEJ|6|1|7|0|Wenn aber das Wasser sich bewegte – was etwa alle Wochen ein- bis zweimal der Fall war –, so hatte es wahrlich eine so außerordentliche Heilkraft, daß ein jeder mit was immer für einer Seuche Behaftete geheilt war, so er das Glück hatte, als der erste ins Wasser zu kommen. (Joh.5,4) Es versteht sich von selbst, daß da auch nur die reichen und wohlhabenden Kranken den Vorzug hatten, und daß die Armen, weil sie nichts zahlen konnten, oft viele Jahre da vergeblich warteten, bis irgendein etwas barmherzigerer Wärter einen solchen Armen zuerst ins Wasser tauchte, worauf er dann auch gesund wurde.
GEJ|6|1|8|0|Der uns begleitende Wirt hielt sich darüber sehr auf und erklärte dieses Treiben für eine höchst schmutzig-ungerechte Sache. Er zeigte Mir auch einen sehr alten, armen Menschen, der bereits achtunddreißig volle Jahre da auf die Heilung warte (Joh.5,5); aber noch nie sei es einem schmutzigen Wärter eingefallen, ihn nach so vielen Jahren doch endlich einmal in das bewegte Teichwasser als ersten steigen zu lassen.
GEJ|6|1|9|0|Mich erregte das offenbar sehr, und Ich sagte zum Wirt: „Obwohl heute ein Sabbat ist, so soll diesem Menschen dennoch sogleich geholfen werden!“
GEJ|6|1|10|0|Da Ich zuerst Selbst wußte und auch von dem biedern Wirte vernommen hatte, wie es mit dem Menschen stand, da trat Ich sogleich hin zu ihm und sagte: „Willst du gesund werden?“ (Joh.5,6)
GEJ|6|1|11|0|Da antwortete mit trauriger Miene der Kranke: „Bester Herr! Ich habe keinen Menschen, der mich zuerst in den Teich ließe, wenn das Wasser bewegt wird; und wenn ich selbst komme, so steigt ein anderer, der begünstigt ist, vor mir ins Wasser. (Joh.5,7) Wie möglich kann ich da gesund werden?!“
GEJ|6|1|12|0|Darauf sagte Ich: „So stehe auf, nimm dein Bett und gehe hin, von wannen du gekommen bist!“ (Joh.5,8)
GEJ|6|1|13|0|Und alsbald ward der Kranke gesund, hob sein mageres Bett auf und ging nach der Sitte hin zu einem Priester als Genesener, und das an einem Sabbat, an dem das Wasser nach vielen Erfahrungen nahezu gar nie bewegt ward. (Joh.5,9) Daher war es den Juden gleich auffallend, wie dieser Mensch an einem Sabbat gesund geworden war.
GEJ|6|1|14|0|Sie (die Juden) hätten aber eben zu dem Gesundwerden nicht soviel gesagt; aber da er an einem Sabbat sein Bett trug, so war das bei ihnen schon ein großer Fehler, und sie sagten: „Es ist heute Sabbat, und es ziemet sich nicht, das Bett zu tragen!“ (Joh.5,10)
GEJ|6|1|15|0|Er (der Geheilte) aber entgegnete ihnen: „Höret! Der mich gesund machte, der auch sagte zu mir: Nimm dein Bett, und gehe hin! (Joh.5,11) Der aber solch eine Macht hat und Der mir solch eine Wohltat erwies, dem gehorchte ich auch an diesem Sabbat! Denn volle achtunddreißig Jahre hindurch hat mir niemand solch eine Wohltat erwiesen wie jener Mensch! Warum sollte ich ihm dann nicht gehorchen auch an einem Sabbat?!“
GEJ|6|1|16|0|Da fragten die Juden ihn: „Wer ist denn hernach jener Mensch, der zu dir sagte als heute an einem Sabbat: Nimm dein Bett, und gehe hin!?“ (Joh.5,12)
GEJ|6|1|17|0|Der Gesundgemachte und Gefragte aber wußte nicht, wer Ich war und welchen Namen Ich führte. Er konnte auch nicht mit dem Finger nach Mir hindeuten, da Ich die Stelle schnell verließ des vielen Volkes wegen, das hier versammelt war. (Joh.5,13)
GEJ|6|2|1|1|2. — Der Herr zeugt von Sich und Seiner Mission als Messias (Ev. Joh. 5, 14-27)
GEJ|6|2|1|0|Ich ging etwa nach einer Stunde Zeit mit den Jüngern in den Tempel, nachdem wir zuvor mit der Familie des Lazarus von Bethanien, mit der Ich schon von Meinem zwölften Jahre an bekannt war, und die Ich alljährlich bei unseren Wallfahrten nach Jerusalem zu besuchen pflegte, zusammentrafen und so manches besprachen über die Führung Meines Lehramtes. Die Familie wie auch unser bekannter Wirt geleiteten uns in den Tempel, und als wir in den Tempel kamen, da fand Ich den Geheilten, und der drängte sich, als er Mich ersah, zu Mir hin und fing von neuem an, zu loben und zu danken.
GEJ|6|2|2|0|Ich sagte zu ihm: „Sieh zu, so du nun gesund geworden bist, daß du in der Folge nicht mehr sündigest, auf daß dir nicht noch etwas Ärgeres widerfahre!“ (Joh.5,14)
GEJ|6|2|3|0|Er beteuerte das und erfuhr bei dieser Gelegenheit Meinen Namen, was eben ein leichtes war, da Mich viele von früheren Zeiten her kannten. Da verließ uns der Mensch und ging zu den scharfen Tempeljuden und verkündigte es ihnen, daß Ich, Jesus, es war, der ihn geheilt hatte. (Joh.5,15)
GEJ|6|2|4|0|Da ergrimmten alsbald diese Tempeljuden, fingen an, Mich verfolgend, sich zu Mir hinzudrängen, um Mich sogleich zu ergreifen und zu töten, weil Ich solches – an einem so großen Sabbat noch dazu! – getan habe. (Joh.5,16)
GEJ|6|2|5|0|Der Wirt ersah die grimmige Bewegung der ihm über alles verhaßten Juden und riet Mir, so schnell als möglich zu entweichen, ansonst Mir leicht etwas Übles begegnen könnte.
GEJ|6|2|6|0|Ich aber vertröstete ihn und sagte: „Fürchte dich nicht; denn bevor Ich Selbst es nicht will, werden sie Mir nichts tun können! Aber Ich werde ihnen, sowie sie Mich zu fragen anfangen werden, eben erst ganz unverhohlen sagen, wer Ich bin, und da wirst du dann erst ihren Grimm sehen, vor dem sich aber nun niemand zu fürchten hat!“
GEJ|6|2|7|0|Während Ich solches privatim zum Wirte geredet hatte, waren die Ergrimmten auch schon bei Mir und fuhren Mich an: „Warum tatest du solches an einem hohen Sabbat und hast ihn vor allem Volke geschändet? Hättest du das nicht morgen tun können, und dem Kranken wäre noch früh genug geholfen gewesen, und der hohe Sabbat wäre nicht geschändet worden?!“
GEJ|6|2|8|0|Da sah Ich die Ergrimmten sehr ernst an und sagte ganz einfach zu ihnen: „Mein Vater (im Himmel) wirket bisher, und Ich wirke auch!“ (Joh.5,17)
GEJ|6|2|9|0|Da ergrimmten die Tempeljuden noch mehr und trachteten Mich zu ergreifen und gleich zu töten; denn sie schrien zum Volke: „Nicht genug, daß er den hohen Sabbat geschändet hat, sondern er lästerte auch Gott, indem er Ihn seinen Vater nannte und sich Ihm ganz gleichstellte! Darum ergreifet und erwürget ihn sogleich!“ (Joh.5,18)
GEJ|6|2|10|0|Da entstand ein förmlicher Tumult im Tempel, und es machten einige Miene, Mich zu ergreifen. Ich aber erregte Mich und gebot Ruhe.
GEJ|6|2|11|0|Alsbald ward auch alles ruhig, und Ich sagte zu den ergrimmten Juden: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage es euch: Ich als der Sohn kann nichts von Mir Selbst aus tun – außer nur das, was Ich sehe den Vater tun! Was demnach Mein Vater tut, dasselbe tue auch Ich! (Joh.5,19) Der Vater aber hat den Sohn lieb und zeigt Ihm alles, was Er Selbst tut, und wird Ihm noch größere Werke zeigen, daß ihr selbst euch darob höchlichst verwundern werdet! (Joh.5,20) Denn gleich wie der Vater die Toten auferweckt und macht sie lebendig, also macht auch der Sohn lebendig, welche Er will. (Joh.5,21) Ich sage es euch, ihr Blinden: Der Vater im Himmel richtet nun niemand; denn alles Gericht hat Er Mir, Seinem Sohne, übergeben (Joh.5,22), auf daß alle Menschen – Juden und Heiden – den Sohn ebenso ehren sollen, wie sie den Vater ehren. Wer aber den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, der Ihn gesandt hat.“ (Joh.5,23)
GEJ|6|2|12|0|Als Ich also redete, da war die größte Ruhe und die ergrimmten Juden schwiegen; denn Ich wollte es also.
GEJ|6|2|13|0|Und Ich redete darum weiter und sagte: „Wahrlich, wahrlich, wer Mein Wort hört und glaubt wahrhaft an Den, der Mich zu euch Menschen auf diese Erde gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt seiner Seele nach nimmer in ein Gericht, das der Tod der Materie ist, sondern er ist durch solchen ernsten und lebendigen Glauben vom Tode zum wahren, ewigen Leben durchgedrungen! (Joh.5,24)
GEJ|6|2|14|0|Und wieder sage Ich euch: Wahrlich, wahrlich, es kommt die Stunde und ist schon jetzt da, wo die Toten an Leib und Seele die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie gläubig hören werden, die werden dadurch auch leben ewiglich! (Joh.5,25) Denn wie der Vater das Leben hat in Sich Selbst, ebenalso hat Er auch dem Sohne gegeben von Ewigkeit her, das Leben zu haben in Sich Selbst. (Joh.5,26) Auch hat Er Ihm die Macht gegeben, das Gericht zu halten über alle Menschen, und das darum, weil der ewige Sohn Gottes nun für diese Zeit auch ein Menschensohn ist.“ (Joh.5,27)
GEJ|6|3|1|1|3. — Der Herr spricht von dem Zeugnis Seiner Werke (Ev. Joh. 5,28-39)
GEJ|6|3|1|0|Hier machten viele große Augen und fingen an, sich über solche Meine Worte sehr zu verwundern. Einige meinten, das sei eine Frevelei, die noch nie dagewesen sei.
GEJ|6|3|2|0|Andere wieder sagten: „Nein, wahrlich, da muß etwas daran sein; denn so etwas hat noch nie ein Mensch von sich geredet!“
GEJ|6|3|3|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Denn es kommt die Stunde, in welcher alle, sogar die in den Gräbern sind (hier wurden die Heiden gemeint, was die Juden nicht verstanden), Meine Stimme hören werden und werden hervorgehen, die danach Gutes getan haben, zur wahren Auferstehung des Lebens, – die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes, das da ist der wahre Tod der Seele.“ (Joh.5,29)
GEJ|6|3|4|0|Da fingen wieder einige an zu murren, und andere wieder sagten: „Der Mensch hat sich übernommen und fängt nun ganz ordentlich zu faseln an! Er redet von sich ja gerade also, als so er und Gott ganz eins wären!? Wer hat je so etwas gehört?!“
GEJ|6|3|5|0|Ich aber sagte: „Ihr irret euch sehr, so ihr über Mich also urteilet; denn Ich kann als Mensch auch nichts von Mir Selbst tun. Ich höre aber allzeit die Stimme des Vaters in Mir, und wie Ich sie höre, ebenso handle, rede und richte Ich, und Mein Gericht ist sodann recht, weil Ich nicht Meinen Menschenwillen, sondern nur den Meines Vaters erfülle, der Mich in diese Welt gesandt hat. (Joh.5,30) So Ich als Mensch von Mir Selbst zeugen würde, so wäre solch Mein Zeugnis unwahr (Joh.5,31); aber ein Anderer, den ihr nicht kennet und noch nie erkannt habt, ist es, der durch Meine Taten, die schon allbekannt sind, von Mir zeuget, und darum weiß Ich nur zu bestimmt, daß das Zeugnis, das Er Mir allzeit gab und gibt, vollwahr ist. (Joh.5,32)
GEJ|6|3|6|0|Ihr schicktet hinaus zu Johannes dem Täufer und sahet, daß er von der Wahrheit zeugte. (Joh.5,33) Ich aber nehme, wie ihr sehet, kein Zeugnis von den Menschen; denn Ich zeuge von Mir Selbst vom Vater aus, und das tue Ich, damit ihr alle wahrhaft selig werden sollet. (Joh.5,34) Warum mag euch solches denn nicht gefallen?“
GEJ|6|3|7|0|Da sagten einige: „So Johannes nach deinem Worte von der Wahrheit zeugte, so war sein Zeugnis ja ohnehin gut und genügend; wozu sollte uns nun noch dein sonderliches Zeugnis dienen?! Denn nach dem Zeugnisse des Johannes können wir ja ohnehin selig werden.“
GEJ|6|3|8|0|Sagte Ich: „Johannes war wohl ein brennendes und hell scheinendes Licht; aber ihr ginget nur darum hinaus, weil ihr euch bei seinem Lichte nur so ein wenig fröhlich machen wolltet. (Joh.5,35) Ich aber habe ein größeres Zeugnis für Mich, als da war das Zeugnis des Johannes; denn die Werke, die Mir Mein Vater zu verrichten gegeben hat, daß nur Ich allein sie vollende, diese Werke also, die Ich allein tue vor aller Welt Augen, zeugen aller Wahrheit gemäß, daß Mich der Vater als Seinen Sohn zu euch gesandt hat. (Joh.5,36)
GEJ|6|3|9|0|Und eben dieser Vater, der Mich nun zu euch gesandt hat, hat schon lange durch den Mund der Propheten von Mir gezeugt, obwohl keiner von euch je Seine Stimme gehört und Seine Gestalt gesehen hat. (Joh.5,37) Ihr habt zwar Sein Wort aus der Schrift der Propheten wohl vernommen; aber ihr habt es nicht in euch, weil ihr nun Dem nicht glaubet, den Er zu euch gesandt hat. (Joh.5,38)
GEJ|6|3|10|0|Suchet es selbst in der Schrift, von der ihr meinet, daß euer ewiges Leben darin sei! Und sehet, gerade sie ist es, die hundert- und tausendfältig von Mir zeugt! (Joh.5,39)
GEJ|6|3|11|0|„Was habt ihr wider Mich? Ist es denn nicht recht also, daß Ich ohne irgendein äußeres Ansehen zu euch komme, um euch nicht kleinmütig und verzagt und sehr furchtsam zu machen?! Hat Elias, als er eine Weissagung von Meiner Ankunft im Geiste, also auch geistig, erhielt, Jehova etwa im Sturmwinde oder im Feuer vorüberziehen sehen, als er in der Höhle verborgen war? Nein, in einem sanften Säuseln zog Jehova vorüber! Und sehet, das ist nun hier vor euren Augen! Warum wollet ihr es denn nicht glauben? Geben Mir denn nicht Meine Werke, die Ich unter tausend und abermals tausend Zeugen schon gewirkt habe, das wahrhafteste Zeugnis dafür? Hat denn je jemand auf der Welt solche Taten verübt?“
GEJ|6|4|1|1|4. — Von der Verstocktheit der Tempeljuden (Ev. Joh. 5,40-47)
GEJ|6|4|1|0|Sagten einige Juden: „Deine Taten sind wohl stark außergewöhnlich, aber du selbst hast doch nicht das entfernteste Ansehen dazu, und zudem wirken die Essäer ebendasselbe, obwohl sie unsere Feinde sind, aber dennoch den Juden angeben, daß der Messias aus ihnen hervorgehen werde.“
GEJ|6|4|2|0|Sagte Ich: „Oh, Ich kenne euch nur zu gut! Ihr wisset nicht erst jetzt, sondern schon seit lange her, wie die Essäer ihre Wunderwerke wirken, und habt dagegen auch schon mit Recht geeifert und habt dem Volke die essäische Blindfechterei auch schon zu öfteren Malen mit gutem Erfolg gezeigt; denn auf derlei Künste und Kniffe versteht ihr euch ebensogut wie die Essäer, und das Ansehen Meiner Person ist gerade auch nicht das letzte unter euch. Also darin liegt es gar nicht, darum ihr Mich als das, was Ich allerwahrst bin, nicht anerkennen und annehmen wollt, – sondern ihr wollet, ganz einfach gesagt, nicht zu Mir kommen, daß ihr von Mir und aus mir das ewige Leben haben möchtet. (Joh.5,40)
GEJ|6|4|3|0|Ich nehme freilich – irgendeines größeren und äußeren Ansehens wegen – nicht Ehre von den Menschen (Joh.5,41), da sie Mir ohnehin ewig nie eine größere geben können, als die in Mir wohnt; aber Ich kenne euch von einer ganz andern Seite! Eures Hochmutes, eurer Welt- und Selbstliebe wegen ist die Liebe Gottes schon lange nicht mehr in euch, – und darum nehmet ihr Mich nicht an!“ (Joh.5,42)
GEJ|6|4|4|0|Sagten abermals einige Juden: „Das sind wohl recht feine und kluge Worte, aber sie beweisen noch lange nicht, daß nun auf einmal eben du der verheißene Messias bist! Du kannst, was wir allenfalls annehmen können, wenn wir wollen, ein Weissager in Seinem Namen sein, obwohl es geschrieben steht, daß aus Galiläa kein Prophet ersteht; aber von einem Messias wird bei dir wohl noch lange keine Rede sein! Haben wir recht oder nicht?“
GEJ|6|4|5|0|Sagte Ich: „Mitnichten; aber Ich will euch allerwahrhaftigst sagen, wie sich die Sache verhält! Und so höret: Ich bin nicht als ein Weissager im Namen des kommenden Messias, sondern als Selbst der verheißene Messias im Namen Meines Vaters, mit dem Ich völlig eins bin, zu euch gekommen, wofür Mir die Werke und Taten, die Ich wirke, das wahrhaftigste Zeugnis geben, und ihr nehmet Mich dennoch nicht an! Wenn aber ein anderer mit großem Pomp kommen wird in seinem eigenen, höchst eigennützigen Namen, den werdet ihr sicher ohne Bedenken annehmen! (Joh.5,43) Aber wie könntet ihr Mir auch glauben, die ihr alle die Ehre voneinander nehmet und euch auch von aller Welt ehren lasset, aber jene bescheidene Ehre, die von Gott ist, nie gesucht habt und nun auch nicht suchet!“ (Joh.5,44)
GEJ|6|4|6|0|Sagten die Juden: „Nun gut, – du sagst ganz frei heraus, daß der allmächtige Gott dein Vater ist! So wir denn nun unrecht tun, daß wir dir nicht glauben, da verklage uns bei deinem Vater, und es wird sich dann schon zeigen, was uns dafür begegnen wird!“
GEJ|6|4|7|0|Sagte Ich: „Oh, meinet ja nicht, daß Ich euch bei Meinem Vater verklagen werde! Es ist ein anderer, der euch verklagen wird, und das ist Moses, auf den ihr hoffet, daß er zuvor noch einmal kommen wird mit Elias. (Joh.5,45) Und er ist auch gekommen, aber von euch ebensowenig erkannt worden wie nun Ich Selbst. (Notabene: Mosis Geist war in Zacharias und Elias' Geist in Johannes.)
GEJ|6|4|8|0|Hättet ihr in eurem Weltsinne je an Moses geglaubt, so glaubtet ihr auch Mir; denn Moses hat von Mir gezeugt. (Joh.5,46) Da ihr aber seinen Schriften noch nie geglaubt habt, wie könnet ihr nun Meinen Worten glauben?!“ (Joh.5,47)
GEJ|6|4|9|0|Sagten die Juden: „Wie kannst du sagen, daß wir, die wir auf seinem Stuhle sitzen, Moses nicht geglaubt hätten?“
GEJ|6|4|10|0|Sagte Ich: „Was der Mensch glauben soll, das muß er zuvor wissen, Ich aber sage euch, daß ihr nur ums Geld Priester geworden seid und seit eurer Kindheit es nicht einmal der Mühe wert gefunden habt, Mosis Schriften durchzulesen. Warum auch; denn es ist euch ja ohne solche Mühe immer sehr gut gegangen! Wisset ihr, wer zu allen Zeiten euer Moses und eure Propheten waren? Ich sage es euch: Das war euer Bauch!“
GEJ|6|4|11|0|Da machten die Judenpriester etwas verdutzte Gesichter, und einer sagte: „Wird uns denn nicht allwöchentlich die Schrift in der gewissen Tageszeit vorgelesen?! Wir besitzen nur fünf Exemplare und die Urschrift, die als Heiligtum außer dem Hohenpriester niemand anrühren darf, ohne mit dem Tode bestraft zu werden. Wie kannst du da sagen, wir wüßten nicht, was Moses und die Propheten niedergeschrieben haben?! Selbst können wir's freilich wohl nicht lesen, aber wir hören sie allzeit, wenn sie gelesen wird!“
GEJ|6|4|12|0|Sagte Ich: „Mit den Ohren höret ihr wohl, so ihr mit euren vollen Bäuchen während des Lesens nicht einschlafet; aber mit dem Herzen habt ihr sie noch niemals angehört, weil dieses stets in aller Welt herum zerstreut ist mit seinen Begierden. Die Gebote beachtet ihr ohnehin nur zum Scheine vor den Augen der Welt, weil ihr in priesterlichen Gewändern einhergehet; für euch aber haltet ihr nichts darauf! Das sage Ich euch, dieweil Ich euch um vieles besser kenne als je jemand in der Welt.“
GEJ|6|4|13|0|Hier fingen viele aus dem Volke, die das mit angehört hatten, ganz gewaltig an zu schmähen und über diese Judenpriester zu murren, und diese zogen sich alsbald in ihre Gemächer zurück. Ich aber ging mit den Meinen ebenfalls aus dem Tempel und begab Mich mit den Jüngern und dem Wirte zufolge der Einladung mit Lazarus nach Bethanien hin, das ein Flecken war, ungefähr fünfzehn Feldweges (nach jetzigem Maße nahezu an sieben viertel Stunden gemächlichen Schrittes) von Jerusalem entfernt. Daß wir dort überaus gut aufgenommen waren, versteht sich von selbst.
GEJ|6|5|1|1|5. — Die Pharisäer in Bethanien
GEJ|6|5|1|0|Ich aber konnte Mich allda diesmal nicht lange aufhalten, da aus Jerusalem stets zu viele angesehene Juden hinkamen, und darunter auch solche, die an Mich nicht glaubten. Ich nahm hier bloß auf drei Tage die freundliche Pflege an, lehrte aber nichts und tat auch nichts der ungläubigen Juden wegen.
GEJ|6|5|2|0|Es sind wohl etliche zu Mir getreten und wollten Mich über so manches ausfragen, aber Ich sagte ganz einfach zu ihnen: „Hier ist kein Ort und keine Zeit! Was ihr aber da zu wissen nötig habt, das habe Ich allen im Tempel gesagt, und eines mehreren bedürfet ihr vorderhand nicht!“
GEJ|6|5|3|0|Darauf kehrte Ich ihnen den Rücken und ging mit Lazarus und mit dem Wirte ins Freie, allwo wir viel über den Unfug der Templer und über ihr Gebaren mit dem Volke sprachen, und der sehr gläubig gewordene Wirt konnte Mich darob nicht genug loben, daß Ich diesen Tempelheuchlern so ganz unverhohlen die reinste Wahrheit ins Gesicht gesagt habe. Auch Lazarus, der schon lange wußte, wer hinter Mir steckt, war dessen auch überaus froh.
GEJ|6|5|4|0|Als wir so unter verschiedenen Besprechungen unter uns im Freien umherwandelten, da kam zu uns der Jünger Johannes, Mein Liebling, und sagte: „Herr, was sollen wir nun machen? Die Juden, die Du früher im Hause so ganz kurz abgefertigt hast, und denen Du dann schnell den Rücken kehrtest, sind nun darob sehr aufgebracht, brüten Rache und sagen: ,O warte, wir werden dir deinen stolzen Messias bald austreiben!‘ Wir versuchten sie zu beschwichtigen, allein da ward es noch ärger, und sie drohten, sogleich um Wache nach Jerusalem zu schicken!“
GEJ|6|5|5|0|Sagte Ich: „Gehe hin und sage es ihnen, daß Meine Zeit, von der Ich euch in Galiläa schon zu öfteren Malen geweissagt habe, noch nicht da sei; daher mögen sie immer die Wache holen lassen und bei solcher Gelegenheit noch mehr die Macht und Ehre des Sohnes Gottes kennenlernen! Gehe und richte ihnen das aus!“
GEJ|6|5|6|0|Voll Freude lief Johannes zu den stolzen und übermütigen Juden hin und richtete das auch ganz wortgetreu aus. Diese aber entbrannten darauf vor Wut und schrien (die Juden): „Wir werden sehen, wie weit dieses Nazaräers Macht reicht!“
GEJ|6|5|7|0|Darauf eilten bei zwanzig zur Tür hinaus, um die Wache von Jerusalem zu holen.
GEJ|6|5|8|0|Ich aber wollte nicht, daß solches dem freundlichen Hause des Lazarus widerfahren möchte; daher ließ Ich die Wüteriche nur genau hundert Schritte vom Hause eilen und dann auf der Stelle ihrer Füße Glieder erstarren. Sie gaben sich nun alle Mühe, vom Flecke zu kommen; aber es war solches gegen Meinen Willen wohl sicher die reinste Unmöglichkeit. Da fingen sie an zu schreien und zu heulen und um Hilfe zu rufen. Da merkten das die Besseren, die schon im Tempel sich auf Meine Seite geneigt hatten, gingen hin und fragten sie, warum sie denn da nun stehenblieben und gar so jämmerlich um Hilfe schrieen.
GEJ|6|5|9|0|Da riefen die Gebannten, mit den Zähnen knirschend: „Höret, wir sind an den Boden, da wir stehen, festgebannt, und unsere Beine sind plötzlich also fest geworden wie Erz! Welcher böse Geist hat uns das angetan? O helfet uns aus dieser allererbärmlichsten Not!“
GEJ|6|5|10|0|Die Guten aber sagten: „Ihr habt den, der heute am Sabbat den Kranken heilte, einen Sabbatschänder und Gotteslästerer gescholten, was er nicht verdient hat! Wäret ihr nun aber nicht zu tausendmal größeren Sabbatschändern geworden, so ihr eures bösen Hochmutes wegen als Priester sogar selbst die Wache geholt hättet, auf daß sie Hand an diesen Unschuldigen legete und dadurch das allerehrbarste Haus des Lazarus in einen mißlichen Ruf brächte?! Wir Bürger und nicht Priester Jerusalems aber sagen es nun euch schlechten Priestern: Dafür hat euch hier wahrhaft Gottes Strafe sichtbar ereilt! Jetzt erst glauben wir fest, daß der erhabene Galiläer eben das ist, was er heute nur zu wahr im Tempel von sich ausgesagt hat! Der allein kann euch helfen als der Sohn Dessen, der euch hier gestraft hat, und sonst aber niemand in der ganzen Welt mehr! Den bittet, und bekehret euch einmal zum Guten und Wahren, ansonst ihr bis zum Jüngsten Tage gleich dem Weibe Lots hier stehenbleiben könnet!“
GEJ|6|5|11|0|Diese Anrede wirkte, und die Gebannten schrien: „So bringet ihn her, und wir wollen ja tun, was er von uns verlangt!“
GEJ|6|5|12|0|Da gingen die Bürger wieder zurück in des Lazarus Haus und trafen Mich noch daselbst und erzählten Mir schnell die ganze Begebenheit.
GEJ|6|5|13|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Diese, die Meinetwegen die Wache aus der Stadt holen wollten, sollen nun nur eine Weile selbst Wache stehen, und es wird ihnen für fernerhin der Sinn schon vergehen, ein künftiges Mal ihrem starren Hochmute auf eine ähnliche Weise zu frönen! Wir werden nun noch vor dem Untergange der Sonne ein stärkendes Mahl einnehmen und dann erst sehen, was mit den von Gott aus Gebannten geschehen kann. Denn der Mensch soll auch am Sabbat essen, wenn es ihn hungert, und nicht erst nach dem Untergange der Sonne; denn was hat wohl die Sonne mit dem Sabbat zu tun und was der Juden dummer Sabbat mit der Sonne?! Ist denn die Sonne an einem Sabbat besser und ehrbarer denn an irgendeinem andern Tage, da doch ein jeder Tag ein Tag des Herrn ist, nicht nur der Sabbat allein?! Gehen wir daher zu den Tischen und lassen wir uns dabei recht gut geschehen!“
GEJ|6|5|14|0|Lazarus und seine beiden Schwestern waren darob völlig außer sich vor Freude, und es wurde auch sogleich reichlich aufgetragen, und wir fingen an zu essen und zu trinken und waren dabei voll guter Dinge.
GEJ|6|5|15|0|Erst nach ein paar Stunden, als wir alle vollends gespeist waren, sagte Ich zum Lazarus: „Bruder, jetzt erst gehen wir zu den Gebannten hin und wollen sehen, was mit ihnen zu machen sein wird! Wahrlich, bei nur einiger Widerspenstigkeit sollen sie Mir bis morgen zum Aufgange hin dort stehenbleiben und dabei einsehen lernen, daß der Gottessohn nicht nötig hat, von den Menschen Zeugnis und Ehre zu nehmen! Und so wollen wir uns denn hin zu ihnen begeben!“
GEJ|6|5|16|0|Wir standen auf von den Tischen und gingen hin zu ihnen.
GEJ|6|6|1|1|6. — Das Bekenntnis der Pharisäer
GEJ|6|6|1|0|Als sie Mich kommen sahen, da fingen sie alsbald zu schreien an (die Gebannten): „Herr, hilf uns aus unserer wunderbaren Not, und wir wollen an deinen Namen, wie an deine göttliche Sendung vollauf glauben! Wir haben uns versündigt an Gott, indem wir an Seinen Geheiligten die Hände legen wollten. Wir bekennen offen, daß wir in unserer großen Blindheit gesündigt haben; darum erlöse uns, o Herr, von diesem Übel!“
GEJ|6|6|2|0|Sagte Ich: „Eure Worte klingen wohl gut; aber in euren Herzen klingt es anders!“
GEJ|6|6|3|0|Da fragten die Gebannten: „Wie klingt es denn in unseren Herzen?“
GEJ|6|6|4|0|Sagte Ich: „So ihr der Wahrheit nach bekennet, so soll euch geholfen sein, und zwar sogleich nach dem offenen und wahrhaftigen Bekenntnisse; so ihr aber leugnet, da sollet ihr harren bis morgen!“
GEJ|6|6|5|0|Sagte einer: „Aber wie können wir wissen, was ein jeder von uns für sich denkt?“
GEJ|6|6|6|0|Sagte Ich: „Da ist in euren Gedanken gar kein Unterschied! Redet darum, so ihr wollet!“
GEJ|6|6|7|0|Hier fing einer an zu reden und sagte: „Herr, du weißt es, daß man in dieser Welt aus Klugheit gar oft anders reden muß, als man denkt! Denn reden kann man so und so, und die Gedanken sind dennoch verdeckt und, wie man sagt, zollfrei; aber so du auch in unseren Herzen die Gedanken liesest, da bleibt uns freilich wohl nichts übrig, als genau nach unseren Gedanken zu reden. Du wirst uns schon vergeben, daß wir dich in unseren Gedanken nur so für einen außerordentlichen Zauberer hielten und gegen dich auch die gröbsten Verwünschungen ausgestoßen haben, dieweil wir darauf hielten, daß du uns solches angetan habest; denn wir haben einmal vor zehn Jahren in der Tat in Damaskus einen indischen Zauberer gesehen, der nicht nur Menschen, sondern sogar Tiere an den Boden gebannt hat. Nun, bei so vielen Erfahrungen, die wir in unserem Leben schon durchgemacht haben, ist es wahrlich schwer, ein rechtes Wunder von einem falschen zu unterscheiden, und du mußt es uns darum schon ein wenig zugute halten, so wir aus so manchen Rücksichten dich nicht sogleich als das anerkennen, als was du dich bei uns im Tempel vorführtest.
GEJ|6|6|8|0|Dazu steht es auch in der Schrift, daß man nur allein an einen Gott glauben und nicht irgend mehrere fremde Götter neben Ihm haben soll. Du stelltest dich uns aber als ein rechter und gleicher Gott mit dem alten Gotte dar, da du offen sagtest, daß du Sein Sohn seiest und ganz die gleiche Macht habest wie Er, und das Gericht noch darüber. Wer kann dir – als dem Anscheine nach nur ein Mensch, aus Galiläa auch noch, wo ohnehin mehr Heiden als Juden wohnen – auf ein noch so feines Wort gleich glauben, daß du wirklich der bist, als den du dich vorgeführt hast?! Wir vermochten das auch nicht trotz deines tüchtigen Zeichens, welches du dazu noch heute als an einem Festsabbat ausgeübt hast, das uns deine vorgegebene Göttlichkeit noch mehr in einen Verdacht ziehen mußte. Jetzt geht uns freilich ein anderes Licht auf, und es wird uns noch mehr aufgehen, so du uns nun hoffentlich von dieser großen Plage erlösen wirst. Wir bitten dich darum!“
GEJ|6|6|9|0|Hier sagte Ich: „So seid denn frei!“
GEJ|6|6|10|0|In dem Augenblicke wurden sie frei und konnten wieder gehen, und dankten Mir.
GEJ|6|6|11|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Ihr seid nun frei; aber das sage Ich euch und allen: daß von dem, was sich hier zugetragen hat, gegen niemand anders auch nur ein Wort verraten wird! Denn Ich wirke Zeichen, die jedermann sehen und wissen darf, aber auch solche, die nur für wenige Menschen taugen, und diese müssen vorderhand vor der Allgemeinheit verschwiegen bleiben. Das wichtige Warum kenne Ich. Dann aber dürft ihr heute nicht nach Jerusalem zurück; denn Ich will eben heute noch so manches verhandeln mit euch.
GEJ|6|6|12|0|Denn Der einst auf Sinai dem Moses die Gesetze unter Blitz und Donner gab, und dessen Geist vor Adam über den Wassern schwebte, Der steht in dieser schlichten Person vor euch. Möget ihr es nun glauben oder nicht, die Folge wird das Licht geben! Gehen wir nun nach Hause, und ihr zwanzig, die ihr noch nüchtern seid, werdet zuvor ein stärkendes Mahl einnehmen!“
GEJ|6|6|13|0|Hier wurden alle stumm und getrauten sich nicht, ein Wort miteinander zu tauschen.
GEJ|6|6|14|0|Als wir aber ins Haus des Lazarus kamen, da sagte Petrus zu Mir: „Herr, das hast Du uns, Deinen beständigen Jüngern, noch nicht gesagt!“
GEJ|6|6|15|0|Sagte Ich: „Mit Händen zu greifen schon oft genug; aber euer Verstand war bis jetzt noch stets zu kurz und wird noch eine Zeitlang sicher also verbleiben! – Aber nun beschäftiget euch mit etwas anderem; Ich habe mit den Juden noch so manches abzumachen!“
GEJ|6|6|16|0|Damit waren die Jünger zufrieden und gingen ins Freie.
GEJ|6|6|17|0|Die Speisen für die zwanzig aber standen schon auf dem Tische, nur war die Sonne noch nicht untergegangen; darum getrauten sie sich nichts anzurühren und blickten öfters nach der Sonne, ob sie noch nicht bald untergehen werde.
GEJ|6|6|18|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Höret! Wer ist denn mehr: die Sonne, der Sabbat oder Ich, der Ich in Meinem Geiste der Herr beider bin und schon von Ewigkeit her war?“
GEJ|6|6|19|0|Da sagten sie: „Ja, so du im Ernste das bist, als was du dich uns vorführtest, so bist du sicherlich allerhöchst mehr als die Sonne und der Sabbat!“
GEJ|6|6|20|0|Sagte Ich: „Setzet euch, und esset und trinket wohlgemut! – Einst hieß es: ,Gott kann niemand sehen und behalten das Leben; denn Gott ist ein alles verzehrend Feuer.‘ Nun aber könnet ihr Gott schauen und essen und trinken und dabei noch sogar das ewige Leben ernten!“
GEJ|6|6|21|0|Da sagten sie: „Es wäre schon alles recht, wenn nur das Gesetz Mosis nicht wäre!“
GEJ|6|6|22|0|Sagte Ich: „Wo Ich bin, da ist auch Moses und alle die andern Propheten; darum tut das, was der Herr will!“
GEJ|6|6|23|0|Da saßen endlich alle zu Tische und aßen und tranken noch vor dem Untergange der Sonne. Und als sie gegessen und getrunken hatten, führte Ich sie alle auf einen kleinen Hügel hinter dem Hause des Lazarus, allwo wir so manches verhandelten, wovon die nächste Folge einiges dartun wird.
GEJ|6|7|1|1|7. — Der Herr mit den Seinen auf einem Hügel bei Bethanien
GEJ|6|7|1|0|Als wir alle auf dem Hügel versammelt waren, der, wie bekanntgegeben, hinter dem Hause des Lazarus sich befand und auf seiner Höhe eine schöne Ebene hatte und mit vielen Ruhebänken wohl versehen war, da ließen wir uns bei der vollmondhellen Nacht nieder; und, obwohl wir unser aller zwar bei fünfundfünfzig Köpfe stark an der Zahl waren und doch völlig Raum zur Genüge hatten, so fingen dennoch einige Juden darüber zu wörteln an, daß man die Sitze nicht völlig der Rangordnung gemäß eingeteilt habe.
GEJ|6|7|2|0|Lazarus aber bemerkte dagegen und sagte: „Meine Freunde! Nach dem, was wir gehört, gesehen und erfahren haben, gebührete der allererste Vorrang nur dem Einen unter uns, und Der hat Sich gerade den schlechtesten Platz ausgesucht! Wie mögen wir denn gar so vorrangsüchtig sein, da wir im Grunde als pur sterbliche Menschen vor Ihm doch gar nichts sind?!“
GEJ|6|7|3|0|Diese Anrede des Lazarus als des allgemein geachteten Hausherrn machte eine gute Wirkung und beseitigte die lästige und völlig nichtige Wörtlerei.
GEJ|6|7|4|0|Als sogestaltig alles zur Ruhe und zur Ordnung gebracht war, da sagte Ich: „Vor allem gebiete Ich euch hier, daß ihr das, was ihr nun hören und sehen werdet, strenge für immerdar bei euch behaltet, auf daß da niemand dadurch mit einem Willens- und Gewissenszwang genötigt werden soll, an Mich und Meine Sendung zu glauben, denn allein durch die dafür bestimmte neue Lehre und durch die durch Meine Weisheit dazu gewählten Zeichen.
GEJ|6|7|5|0|Jeder innere, moralische Zwang ist schon an und für sich ein Gericht; denn was ein Mensch nicht annimmt und tut mit seinem freiesten Willen und aus seiner völlig selbsteigenen Erkenntnis und Überzeugung, das gereicht ihm nicht zum Leben, sondern nur zum Gerichte. Soll der Mensch ganz gut und voll des wahren, geistigen Lebens werden, so darf er dazu durch gar kein anderes Zwangsmittel genötigt werden als allein durch seinen eigenen, ganz freien und festen Willen.
GEJ|6|7|6|0|Weder Gesetz noch Lohn oder Strafe dürfen ihn irgend dazu bestimmen, sondern allein sein freier Glaube, seine innere Überzeugung, sein reines Erkennen, dann seines Außenmenschen Gehorsam und sein freier Wille, der aus der reinen Liebe zu Gott und zu allem Guten und Wahren hervorgehen muß.
GEJ|6|7|7|0|Ich sage es euch als eine allerlichteste Wahrheit darstellend: Ebenso leicht und eigentlich noch leichter hätte Ich in Menschengestalt, und zwar in der riesenhaftesten Größe, begleitet von zahllosen Engelscharen und unter Feuer, Blitz und Donner und Sturm, zur Erde Mich herablassen und mit Berge zertrümmernder Donnerstimme euch verkünden können das neue Wort der Gnade. Da wäre sicher keiner unter euch gewesen, der in sich nur den allergeringsten Zweifel hätte können emporkommen lassen. Denn der höchste Schreck und die höchste Angst hätten ihn augenblicklich derart geknebelt, daß er dabei nicht einmal eines allerbeschränktesten Gedankens fähig gewesen wäre. Würde aber jemandem das zu seiner innern, wahren Freiwerdung etwas genützt haben? Oh, mitnichten! Das wäre ein Gericht für jedes Menschen Seele gewesen und eine Gefangennehmung aller Gemüter, derart, daß sie ordentlich zu den härtesten Steinen geworden wären!
GEJ|6|7|8|0|Sehet, darum bin Ich in dieser Niedrigkeit ganz unvermerkt in diese Welt gekommen, wie Ich Mich auch durch den Mund der Propheten also angekündigt habe, auf daß keines Menschen Herz gefangen würde und sie allein durch die segensreiche Macht der Wahrheit Meiner Worte und Lehren Mich liebend erkennen und dann ganz frei ihren Lebenswandel einrichten!
GEJ|6|7|9|0|Meine Zeichen sollen nur zur Bekräftigung dessen dienen, daß Ich wirklich Der bin, als der Ich Mich den Menschen darstelle. Darum verwarne Ich euch noch einmal, von dem, was ihr in dieser Nacht alles hören und sehen werdet, ja niemandem etwas zu sagen, damit in seinem Gemüte ja keines Menschen Herz gefangen werde! Ihr selbst aber sollet euch davon auch nicht gefangennehmen lassen in euren Herzen, sondern euch allein leiten lassen durch Mein Wort und dessen Wahrheit.
GEJ|6|7|10|0|Denn so ihr frei aus euch heraus allen Meinen Zeichen widersprechet und euch frei füget nach der Wahrheit Meiner Worte, so habet ihr dennoch das ewige Leben in euch und dessen vollste Freiheit; lasset ihr euch aber nur von den Zeichen bestimmen und achtet auf die Wahrheit Meiner Worte nicht, so seid ihr gefangen, stehet im Gerichte, seid nichts als pure Maschinenmenschen ohne inneres, wahres Geistesleben und somit tot, so wie ein Stein tot ist.
GEJ|6|7|11|0|Damit ihr euch auch nun danach benehmen könnet in eurem Gemüte, habe Ich als der alleinige Herr und Meister alles Lebens und Seins euch allen solches zum voraus gesagt. Richtet euch danach, so werdet ihr leben!“
GEJ|6|7|12|0|Diese Meine Rede hatte alle tief erschüttert, und es fing viele darob zu bangen an, was da nun alles kommen werde.
GEJ|6|7|13|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Ja, Meine lieben Kinder, wenn es euch darob schon jetzt bange wird und euch allerlei Furcht zu übermannen anfängt, da werde Ich vor euren Augen eben nicht gar zu viel tun können!“
GEJ|6|7|14|0|Sagte Lazarus: „O Herr, mich banget es nicht und Deine Jünger auch nicht! Wem es aber nun bangen wird, nun, dem soll es nur bange werden, – es wird ihm das auch nicht schaden!“
GEJ|6|7|15|0|Sagte Ich: „Nun wohl denn, so wollen wir denn hören und sehen!“
GEJ|6|8|1|1|8. — Moses und Elias erscheinen auf des Herrn Geheiß. Mosis Anklage wider die Tempeljuden
GEJ|6|8|1|0|Hierauf wandte Ich Mich zu den Juden und sagte: „Ihr wolltet nicht glauben, daß Moses und Elias schon jüngst vor Mir da waren; darum sollen sie selbst wohlkenntlich hierher treten und euch selbst sagen, wessen Geistes Kinder ihr seid!“
GEJ|6|8|2|0|Sogleich standen die beiden Propheten mitten unter uns und beugten sich zuerst tief vor Mir.
GEJ|6|8|3|0|Und Elias sagte laut: „Vor Dir und Deinem Namen müssen sich beugen alle Knie und Herzen im Himmel, auf Erden und unter der Erde!“
GEJ|6|8|4|0|Hierauf sprach Moses zu den Juden: „Ihr Frevler im Tempel Salomos, ihr Kinder der Schlange, welcher Teufel hat denn euch gezeugt, daß ihr sagen möget: Abraham sei euer Vater, und ihr säßet auf meinem und Aarons Stuhle?! So ihr aber schon euch im höchsten Grade unberufen darauf gesetzt habt, um darauf das von Gott mir gegebene Gesetz den Völkern zu verkünden, wie möget ihr denn nun den Allererhabensten nicht erkennen, der mir eben auf Sinai das Gesetz auf zwei steinernen Tafeln gegeben hat?!
GEJ|6|8|5|0|Ihr saget, daß ich und dieser Bruder Elias hätten zuvor kommen sollen, – und sehet, wir beide waren da! Wer von euch aber hat uns erkannt und wer an uns geglaubt?! Und habt ihr uns nicht ganz dasselbe angetan, was ihr beinahe allen Propheten und Heiligen des Herrn angetan habt?! Was ist denn das hernach, so ihr argen Heuchler euch vor meinem Namen bis zur Erde niederbeuget und mich selbst aber verfolget und zuletzt zwischen dem Altare und dem Allerheiligsten erwürget? Redet und gebet Antwort!“
GEJ|6|8|6|0|Da sagte einer mit bebender Stimme: „O – großer Prophet –, der, – der – da – erwürget worden ist –, der hieß ja nur Zacharias!“
GEJ|6|8|7|0|Sprach Moses: „Du nun leibesalter Bösewicht warst aber Augen- und Ohrenzeuge, was ich da zu der Priesterversammlung, als Ich aus dem Allerheiligsten zurückkam, gesagt habe! Siehe, die Worte lauteten also: ,Höret, Brüder, Gott der Herr hat in Seiner großen Gnade und Erbarmung mir mein Inneres aufgetan, und Mosis Geist trat in mich, und nun ist meine Seele und Mosis Geist ein Mensch, der nun vor euch steht, wie er einst vor Pharao und auf Sinai vor Gott stand! Ich war der erste, der diesen Stuhl gestellt und auf Gottes Geheiß sich darauf gesetzt hat, – und nun sitze ich als von Gott also beschieden als der Letzte darauf; denn in Zukunft wird der Herr allein, der schon in dieser Welt wunderbarsterweise das Fleisch der Menschen angenommen hat, mit diesem Stuhle machen, was Er wird wollen nach Seinem nie erforschlichen Rate!‘ Da ergrimmtet ihr ob solcher meiner wahrsten Weissagung, risset mich vom Stuhle und erwürgtet meinen Leib. Ist es nicht also geschehen?“
GEJ|6|8|8|0|Sagte ein anderer, ebenfalls schon alter Jude noch kleinlauter: „Ja – also war es – fürwahr –; aber – wer hätte da so etwas glauben können?!“
GEJ|6|8|9|0|Sagte Moses: „Warum haben es denn etliche Fromme geglaubt, die ihr darum aus dem Tempel in ferne Lande unter die Heiden vertrieben habt, deren etliche noch am Leben des Fleisches sind und wider euch zeugen können?“
GEJ|6|8|10|0|Sagte wieder ein anderer alter Jude: „Ja, das mag schon sein, – diese müssen dafür ein Gesicht gehabt haben; aber wir haben kein Gesicht jemals gehabt!“
GEJ|6|8|11|0|Sagte Moses: „Oh, du redest falsch und belügst dich selbst! Denn solches ist im Geiste allen bis zum allergeringsten Tempelknechte sieben Male nacheinander klar und verständlich in hellen Träumen angezeigt worden, und ihr alle habt sie euch untereinander noch wochenlang in der Zeit, als ich stumm war, ausgelegt. Wie kannst du nun sagen, daß ihr kein Gesicht dafür gehabt habt?“
GEJ|6|8|12|0|Sagte abermals derselbe Jude: „Ja – war denn der Traum auch ein Gesicht? Da seht nun, da seht nun! Ja, – wer hätte damals so etwas ahnen können!?“
GEJ|6|8|13|0|Sagte Moses: „O ihr weltschlauen Weltfüchse, ihr wußtet recht wohl aus vielen Exempeln aus der Schrift, was die lichten Träume zu bedeuten haben! Zum Beispiel Jakobs Traum, Josephs Träume, des Pharao Traum und dergleichen noch gar viele, diese haben euch gar wohl ins Ohr geraunt, was eure siebenmaligen Visionen zu bedeuten haben; aber euer Weltsinn, euer priesterlicher Hochmut, eure Lust zum unbeschreiblichen Wohlleben und zum stinkendsten Müßiggange und zur Hurerei aller Art und Gattung haben euch geblendet und betäubt, und so habt ihr euch sehr gefürchtet, laut solcher meiner Weissagung alle eure gar so angenehmen irdischen Lebensvorteile zu verlieren, habt, anstatt euch in den Willen Gottes zu fügen, lieber alles gegen ihn aufgeboten und habt bis zur Stunde, bis zu diesem Augenblicke, völlige Meuterer gegen Gott gemacht. Wie gefällt euch, ihr Würmer des Staubes, diese allerhöchst wahre Geschichte?!
GEJ|6|8|14|0|Sehet, der Herrliche und der Allerhöchste, dessen Antlitz ich, Moses, nie würdig sein kann anzuschauen, hat es euch Selbst im Tempel gesagt: ,Nicht Ich, sondern Moses, auf den ihr hoffet, wird euch beim Vater anklagen!‘ Und seht, es ist seit der Zeit noch lange kein Tag vergangen, und des allerhöchsten Herrn Voraussage gehet bereits in Erfüllung, und ich, Moses, im Namen des Herrn euer aller Hauptprophet, klage euch nun vor Seinem heiligsten Angesichte alles dessen an, dessen ihr euch in der allerhimmelschreiendsten Weise schuldig gemacht habt! Was könnt ihr nun zu eurer Rechtfertigung sagen?“
GEJ|6|8|15|0|Hier fangen die total in die engste Enge getriebenen Juden vor lauter Furcht und Entsetzen ganz wie sprachlos bloß nur bebend zu stammeln an, ohne ein verständliches Wort mehr über ihre armseligen Lippen zu bringen.
GEJ|6|8|16|0|Nur ein Jüngerer unter ihnen sagte mit sehr bebender Stimme: „Mein Gott und Herr, fängt denn heute schon das erschrecklichste Jüngste Gericht an?“
GEJ|6|8|17|0|Sagte Moses: „Meine Anklage stehet jeden Augenblick in meiner Hand; der Zorn und die Rache aber liegt in der Hand des allmächtigsten Herrn! Euer jüngster Tag aber ist dem Endziele nun schon um ein bedeutendes näher gerückt; aber nun hängt alles von dem Herrn ganz allein ab. Redet nun, wie ihr das alles versteht!“
GEJ|6|8|18|0|Sagte ein alter Jude, vor Angst mit den Zähnen klappernd: „O du großer Prophet Moses, sage es uns doch, ob wir etwa gar unrettbar in die Hölle kommen werden, und ob denn ein jeder Mensch seinen eigenen Jüngsten Tag hat!“
GEJ|6|8|19|0|Sagte Moses: „Was die Hölle anbelangt, so brauchet ihr in eurer gegenwärtigen Lebensweise gar nicht zu fragen, ob ihr hineinkommen werdet; denn eure Denk- und Handlungsweise war ja schon seit lange her eine derartige, daß ihr bis jetzt in der Hölle waret, und ihr habt auch alles getan, was ihr (der Hölle) tauget. Ihr könnt daher nicht mehr in die Hölle kommen, weil ihr eigentlich schon darinnen seid.
GEJ|6|8|20|0|Was aber den Jüngsten Tag betrifft, so werdet ihr nach der Ablegung eures Leibes in der andern Welt ebensogut einen jüngsten Tag haben, als ihr in dieser Welt auch einen letzten und ältesten haben werdet. Allein, solange ihr noch in dieser Welt lebet, könnet ihr, so ihr wollet, noch leicht aus der Hölle einen Ausweg finden; denn hier sitzet unter euch der große Führer und Erlöser, den höret, und handelt danach! – Ich habe geredet vor Dir, o Herr, und nun mag Elias an meine Stelle treten!“
GEJ|6|9|1|1|9. — Die Anklage des Elias
GEJ|6|9|1|0|Sagte Ich: „Elia, du Vorbereiter und Ebner Meiner Wege! Was weißt du vorzubringen gegen diese Diener des Tempels?“
GEJ|6|9|2|0|Sagte Elias: „Herr, Moses hat alles gesagt! Mit ihm hat der Tempel aufgehört, ein Gotteshaus zu sein; er ist nun nichts denn eine Räuber- und Mördergrube geworden. Ich habe diesen das am Jordan haarklein und sonnenhell gezeigt und mit richtiger Rechnung bewiesen. Als sie aber sahen, daß sie mir nichts von nur irgendeiner Haltbarkeit entgegenzustellen imstande waren, und als sie wohl merkten, daß sie auf die unwiderlegbarste Weise vor dem Volke verraten und waren angeklagt jeder möglichen Ungerechtigkeit gegen Dich, o Herr, und gegen das Volk, da lachten sie offen, erklärten mich für einen frommen Narren, den man wohl, um sich zu erheitern, ein paar Stunden lang anhören kann, bedrohten aber dennoch das Volk geheim, meine Lehre für etwas mehr als nur für eine lächerliche Raserei zu halten.
GEJ|6|9|3|0|Heimlich aber wurden sie voll Grimmes, da sie wahrnahmen, daß das Volk mich denn doch für einen Propheten hielt und ehrte, Buße tat und sich taufen ließ. Diese argen Frevler im Heiligtume Gottes merkten nur zu bald, daß ihnen durch mich die Axt an die Wurzel gelegt war und dadurch ihrer schnöden Herrschaft Ende vor der Türe stehe. Da umringten sie den Herodes und bewiesen mit allerlei grundfalschen Gründen und schlechtesten Winkelzügen, wie seiner Herrschaft durch mich die größte Gefahr drohe. Herodes konnte das zwar nicht einsehen, da er in festen Kontrakten mit Rom stand, denen er stets pünktlich nachkam, und daher bei was immer für widrigen Vorkommnissen unbedingt sogar so als bedingt auf den römischen Schutz rechnen konnte. Allein, das half aber alles nichts; sie bestürmten den Herodes so lange, bis er mich gefangennahm.
GEJ|6|9|4|0|Als ich einmal gefangen war, aber meine Jünger dennoch den freien Zutritt zu mir hatten, da konnten sie den Herodes nicht mehr belästigen; doch aber merkten sie, daß meine Lehre durch meine Jünger gewaltig fortwuchere. Da stieg ihr Groll und Grimm von Stunde zu Stunde, und sie steckten sich hinter die arge Mutter der schönen Herodias, daß diese, so ihr Herodes sich eine Gnade von ihm zu erbitten bei seinem gewöhnlichen Eide das Fürstenwort geben werde, nichts als mein Haupt begehren solle. Dafür aber werde die Mutter geheim zehntausend Pfunde Goldes aus dem Schatze des Tempels erhalten. Der schönen Herodias aber dünkte diese Forderung zu arg, weil sie wohl wußte, daß Herodes geheim mich liebte; aber es fuhr ein böser Geist in die Alte und enthüllte ihr, daß ich dem Herodes das unlautere Verhältnis nicht billige und ihn davon abbringen wolle. Das machte denn auch die Herodias arg gegen mich also, daß sie dann am Feste auf ein nochmaliges Zureden ihrer geheim bestochenen Mutter mein Haupt verlangte, was zwar den Herodes sehr betrübte, – aber dieweil er einmal den Eid geschworen hatte, so mußte er ihn auch halten, und ich ward denn auch im Gefängnisse enthauptet.
GEJ|6|9|5|0|Als die Templer das erfuhren, da brach bei ihnen ein großer Jubel aus, und sie fingen gleich an, das Volk, das an mich glaubte, nach Möglichkeit zu verfolgen. – Das, o Herr, ist, mit Hinweglassung aller Dir ohnehin nur zu bekannten Nebenumstände, der ganz einfache Grundzug ihrer gänzlichen Verworfenheit, und ich klage sie dessen nun vor Dir an! Du allein aber bist der Herr von Ewigkeit; Du richte sie nach Deiner unendlichen Macht, Weisheit und Gerechtigkeit! Dein allein heiliger Wille geschehe!“
GEJ|6|9|6|0|Hierauf sagte Ich: „Ja, also ist es! Es gab dabei zwar noch so manche anderen Umstände, deren Ich Selbst bei Gelegenheit erwähnt habe, wie davon auch andere Augen- und Ohrenzeugen gesprochen haben vor Meinem Angesichte; aber das ist der eigentliche, innerste Kern ihrer überhöllischen Bosheit! Aber nun sage Ich zu euch, ihr Meine getreuesten Propheten und nun Engel Meiner Himmel, und frage euch, ob ihr diesen großen Frevlern in Meinem Heiligtume vergeben könnet die große Unbill, die sie an euch begangen haben.“
GEJ|6|9|7|0|Sagten beide: „Ja, Herr; denn Du allein bist ja unser aller Versöhnung! Nur wolle Du nach Deiner großen Barmherzigkeit sie erleuchten, auf daß sie einsehen mögen, wie groß ihr Arges ist!“
GEJ|6|9|8|0|Hierauf verschwanden die beiden auf Meinen geheimen Wink, und wir waren wieder allein.
GEJ|6|10|1|1|10. — Die Selbstanklage der Priester
GEJ|6|10|1|0|Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sich jemand getraute, auch nur ein Wörtlein zu sprechen; denn die Erscheinung der beiden Propheten hatte alle tief ergriffen und die anwesenden Juden besonders tief erschüttert.
GEJ|6|10|2|0|Nur der Wirt, der neben Mir auch ganz durch und durch ergriffen saß, sagte so halblaut zu Mir: „Herr, Herr, das zeigt mehr denn alles, daß Du in der höchsten Wahrheit das bist, als was Du Dich im Tempel vor dem ganzen Volke dargestellt hast!
GEJ|6|10|3|0|Jetzt liegt es klar am Tage, daß die verheißene große Zeit der Zeiten herbeigekommen ist mit allen Gnaden, aber auch mit allen Gerichten aus den Himmeln. Oh, wenn ich doch nur würdig wäre, an den Gnaden einen kleinsten Teil zu nehmen!“
GEJ|6|10|4|0|Sagte Ich: „Nicht nur einen kleinsten, sondern einen allergrößten Teil kannst du dir nehmen! Das kommt nur allein auf deinen Willen an, mit Freude und Lust zu wandeln nach Meiner Lehre, mit der du in Kürze vollauf vertraut werden wirst. – Aber nun wollen wir die Juden fragen, wie ihnen diese wahre Erscheinung gefallen hat!“
GEJ|6|10|5|0|Hierauf wandte Ich Mich an die zwanzig Judenpriester und fragte sie, was sie zu dieser Erscheinung nun sagen.
GEJ|6|10|6|0|Da erhob sich einer vom Sitze und fing an, also zu reden: „Daß die Erscheinung kein irgend hergezaubertes Blendwerk war, davon sind wir alle vollkommen überzeugt; denn eine pure Blenderscheinung, wie ich etliche einmal in Damaskus gesehen habe, hat keine Sprache und weiß nicht um die geheimsten Daten von Begebenheiten, die sich irgend vor kurz oder lang zugetragen haben. Aber weil die Erscheinung eben kein Blendwerk war, so hat sie auf uns alle sicher einen höchst unheilvollen Eindruck machen müssen, und das darum, weil wir daraus nur zu klar ersehen haben, daß wir ob unserer bösen Taten von Gott unmöglich je mehr eine Vergebung unserer zu großen Sünden zu erwarten haben.
GEJ|6|10|7|0|Es ist wahrlich eine höchst schwere Sache, auf der Welt ein Mensch zu sein! Man ist allen Verlockungen der Welt und der Teufel ausgesetzt, zweier Feinde des menschlichen Lebens, von denen man den minder schädlichen wohl sieht, aber den zweiten, der den Menschen in die Welt hinein verlockt und mit aller Gewalt zieht, sieht niemand, und es kann sich daher auch sehr schwer jemand ihm zur Gegenwehr stellen.
GEJ|6|10|8|0|Daß wir zu großen Sündern geworden sind, das sehen wir nun klar ein; aber wie wir so nach und nach dazu gekommen sind, das ist uns völlig unbegreiflich. Wir können nun nichts anderes sagen als: Herr, wenn es für uns in Dir noch eine Barmherzigkeit gibt, so erbarme Dich unser und richte uns wenigstens nicht zu hart!
GEJ|6|10|9|0|Hätten wir damals das so eingesehen wie jetzt, so wäre Zacharias und nun später Johannes nicht also behandelt worden. Aber wir waren ja alle stockblind, von der Welt und vom Teufel geblendet, und so handelten wir denn auch rein nach unserer wahrlich echt teuflischen Blindheit und nach dessen ärgstem Willen.
GEJ|6|10|10|0|Wie uns aber nun Moses und Elias ganz gerecht vor Dir, o Herr, angeklagt haben, so klagen wir denn nun vor Dir auch den Teufel, diesen ärgsten Feind der Menschen an, und Du wolle auch ihn vor Deinen Richterstuhl ziehen!“
GEJ|6|10|11|0|Sagte Ich: „Was an euch des Teufels Anteil ist, das steht schon lange an seiner Rechnungstafel; aber Ich sage euch, daß es nun etliche im Tempel gibt, die schon lange den Teufel übertreffen und also mit der Menschheit handeln, daß sie darin von keinem Teufel übertroffen werden können.
GEJ|6|10|12|0|Noch sage Ich euch, daß eben an den Verlockungen von seiten der Teufel lange nicht so viel liegt, als ihr in eurem törichten Glauben meinet! Der eigentliche Teufel ist der Mensch mit seinen Weltgelüsten selbst! Aus denen geht hervor die Selbstliebe – das ist ein Teufel –, die Sucht zum Wohlleben – ein zweiter Teufel –, die Ehrsucht, der Hochmut, die Herrschsucht, der Zorn, die Rache, der Neid, der Geiz, die Hoffart, die Hurerei und die Geringschätzung seines Nebenmenschen – das sind lauter Teufel, auf eigenem Grunde und Boden erzeugt! Darum sollet eben ihr keine so große Furcht vor dem Teufel haben und ihn auch nicht anklagen; aber euch selbst klaget in eurem Gewissen an, und bereuet es recht, und fasset den festen Entschluß, ganz andere Menschen zu werden, und werdet es dann auch!
GEJ|6|10|13|0|Liebet Gott wahrhaft über alles und den armen Nächsten wie euch selbst, so werden euch auch eure vielen und großen Sünden vergeben werden! Denn so ein Mensch die Sünde nicht völlig verläßt, so kann sie ihm auch nicht erlassen werden. Denn die Sünde ist ja des Menschen eigenstes Werk, weil sie hervorgeht aus seinem Fleische und aus dem Willen seiner Seele.
GEJ|6|10|14|0|Die guten Werke nach dem Willen und nach dem Worte Gottes sind und bleiben eigentlich, wenn der Mensch sie auch tut aus freier Selbstbestimmung, eine Gnade von oben, ein Verdienst des Geistes Gottes im Menschenherzen, und der Mensch wird dessen teilhaftig eben durch die Gnade Gottes. – Nun wisset ihr, wie die Sachen stehen. Ihr seid frei und könnet tun, was ihr wollet!“
GEJ|6|11|1|1|11. — Die guten Vorsätze der neubekehrten Judenpriester
GEJ|6|11|1|0|Sagte der Jude: „O Herr, verlasse nur Du uns in dieser Welt nimmer, – dann sind wir alle geborgen! Freilich, wohl zählt der Tempel noch bei siebenhundert, die uns gleichen; aber die sind noch um vieles verhärteter denn wir, – die mögen für sich sorgen, wie es ihnen ergehen wird! Wir werden aber schon morgen unsere Sachen nehmen und unseren Überfluß an die Armen verteilen. Dann ziehen wir ein anderes Gewand an und werden Dir nachfolgen, – und solltest Du uns auch mit Blitz und Donner zurücktreiben! Haben wir erst Deinen Willen vollends erkannt, dann werden wir auch als alte Juden zeigen, daß sich auch alte Bäume noch ganz gut biegen lassen. Wir haben nun gesehen, daß es außer Dir, o Herr, kein Heil und kein Leben geben kann; darum soll uns von Dir, o Herr, auch ewig nichts mehr abwendig machen!
GEJ|6|11|2|0|Siehe, o Herr, wir waren im Grunde uranfänglich so grundböse nicht; denn wir suchten im Tempel nur die Urwahrheit, als wir uns demselben einverleiben ließen! Aber was gab es da? Nichts als tiefe Geheimnisse über Geheimnisse! Fragten wir jemand um ein Licht, so hieß es: ,Ihr braucht nichts denn allein den Glauben! Was euch der Tempel zum Glauben vorstellt, das glaubet ungezweifelt, und käme es euch noch so widersinnig, unvernünftig und unnatürlich vor; denn der Hohepriester hat allein den Schlüssel zu den Geheimnissen Gottes, und das genüge euch! Er allein opfert für euch und für das ganze Volk!‘ Nun, das waren so recht anziehende Worte, die aber leider durch die traurige Geschichte mit dem Hohenpriester Zacharias für unser Gemüt einen gar sehr bedeutenden Stoß erlitten haben; denn darauf sahen wir es bei uns erst so recht fest ein, daß an Moses, an allen Propheten und an der ganzen Schrift aber schon gar nichts sein könne. Denn wäre da irgend etwas daran, so könnten unsere Vorgesetzten unmöglich gar so gewissenlos handeln!
GEJ|6|11|3|0|Da wir uns denn doch also überzeugt hatten, daß an der Schrift auf solche Weise nicht ein sterbenswahres Wörtlein hängt, da erst entzügelten denn auch wir alle unsere argen Leidenschaften und wurden im Grunde dann ärger denn eine ganze Legion der ärgsten Teufel. Denn diese weichen vor dem Namen des Allerhöchsten; wir aber wichen nicht, sondern wurden darauf noch erboster und boshafter. Siehe, Du allweisester, allgütigster und gerechtester Herr und Meister, da wir eigentlich denn doch nur zuallermeist durch unsere Vorgesetzten in diesen Zustand, in welchem wir uns nun befinden, versetzt worden sind durch ihre bösen Beispiele, so erhoffen wir von Dir um so mehr die Vergebung unserer Sünden, als wir alle nun den festesten Vorsatz gefaßt haben, alle Sünde zu verabscheuen und rein nach Deiner Lehre zu leben, – und sollte es selbst dies unser irdisches Leben kosten!“
GEJ|6|11|4|0|Sagte Ich: „Gut denn; es sollen euch denn nun alle eure Sünden erlassen sein, – aber nur auf so lange, als keiner von euch je wieder eine Sünde begeht! So ihr aber im Ernste Mir als Jünger nachfolgen wollet, da machet es im Tempel klug, auf daß es die schlauen Füchse nicht merken, was ihr im Sinne habt! Denn Meine Zeit ist noch nicht da, in der Ich Mich der Sünden der Welt wegen will von den argen Füchsen verfolgen lassen; denn es muß auch noch das geschehen, auf daß ihr Maß voll werde. – Jetzt aber habet acht darauf, was da nun kommen wird, und nehmet es euch alle wohl zu Herzen!“
GEJ|6|12|1|1|12. — Der nächtliche Gewittersturm
GEJ|6|12|1|0|Hierauf erhob sich ein großer und starker Wind, und im Osten stiegen schwere und wie glühend aussehende Wolken auf. Diese Erscheinung fiel allen um so mehr auf, als sie hier zu den großen Seltenheiten gehörte. Man sah nun auch schon eine Menge Blitze in dem schweren Gewölke hin und her und auf und ab fahren und vernahm auch ein fernes, aber gewaltiges Rollen des Donners.
GEJ|6|12|2|0|Da wurde allen ein wenig ängstlich zumute, und Lazarus sagte zu Mir: „Herr, siehe das starke Gewitter! Es scheint die Richtung gerade gegen uns her nehmen zu wollen! Wie wäre es denn, so wir etwa doch lieber ins Haus gingen; denn solche Nachtgewitter sind oft sehr böse!“
GEJ|6|12|3|0|Sagte Ich: „Sei ruhig, Lazarus; denn dies Gewitter käme ohne Meinen Willen nicht! Warum Ich es aber kommen lasse, das wirst du nachher schon erfahren.“
GEJ|6|12|4|0|Auf das ward Lazarus ruhig; aber die Juden, als das Gewitter stets näher und näher kam, fingen an, zaghaft zu werden und heimlich die Jünger zu fragen, ob Ich Mich denn vor dem starken, schnell herannahenden Gewitter wohl nicht scheuete.
GEJ|6|12|5|0|Die Jünger aber sagten: „Er ist auch ein Herr über die Stürme und Gewitter, und alle Elemente müssen gehorchen Seinem Willen; darum brauchen wir uns in Seiner Gegenwart vor keinem Gewitter zu fürchten.“
GEJ|6|12|6|0|Die Juden nahmen diesen Trost gut auf und wurden ruhiger. Aber die zwanzig Judenpriester wurden ganz entsetzlich unruhig und voll Furcht, besonders als ein Blitz mit großem Gekrache dem andern in jedem Augenblicke folgte. Sie erhoben sich von ihren Sitzen, traten zu Mir hin und sagten: „Herr, dem alle Dinge möglich sind, gebiete doch dem argen Gewitter, sonst gehen wir alle übel zugrunde; denn das ist ein böses Gewitter! Wir haben in unserem ganzen Leben nur drei solche erlebt, und da sind an einem gleichen Spätabende viele Menschen und Tiere dabei ums Leben gekommen. Es hat damals, so wie jetzt, Blitze und Donnerkeile geregnet, und wer getroffen ward, der war auch schon ein Kind des Todes. Nur die, die sich in die gut gebauten Häuser flüchteten, blieben am Leben. Besonders heftig war das große Gewitter vor zwanzig Jahren in Damaskus. Wer da im Freien war, der kam schwerlich mit dem Leben davon. Darum wäre es auch vielleicht hier besser, so wir uns dennoch ins Haus begäben; denn hier kann es uns allen gar sehr übel ergehen, so das böse Gewitter über uns zu stehen kommen wird. Auch der Wind wird nun schon so heftig, daß man ihn wohl kaum mehr ertragen kann!“
GEJ|6|12|7|0|Sagte Ich: „Lasset das, denn auch in diesem Gewitter sollet ihr die Kraft und Macht Gottes im Menschensohne kennenlernen!“
GEJ|6|12|8|0|Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da stand das Gewitter, weithin nach allen Seiten ausgedehnt, gerade über uns, und tausend Blitze entfuhren in jedem Augenblick dem schweren Gewölk. Mehrere schlugen ringsherum mit großem Gekrache in den Hügel.
GEJ|6|12|9|0|Da fingen die Juden ganz gewaltig zu schreien an: „O Herr, hilf uns, sonst sind wir alle verloren!“
GEJ|6|12|10|0|Ich aber sagte: „Hat denn jemanden schon ein Blitz getroffen, daß ihr gar so schreiet?! Die bei Mir sind, denen droht keine Gefahr. Lernet aber nun die Macht des Vaters im Sohne kennen; denn dieses Gewitter ist auch ein Gericht und stehet in Meiner Macht! Ich habe es hervorgerufen und kann es auch wieder vergehen lassen, wann und wie Ich es will. Für euch, ihr zwanzig Priester, aber ist es ein Symbol eures Gemütes; denn geradeso hat es vor kaum noch drei Stunden in euren Herzen ausgesehen und ärger noch, als es jetzt da über uns aussieht.
GEJ|6|12|11|0|Doch – glaubet es Mir – ist es Mir ein leichteres, diesem Gewitter zu gebieten, daß es verstumme samt dem starken Sturmwinde, als zu gebieten eurem Herzen mit seinen bösen Leidenschaften! Da hat es viel Redens und großer Zeichen benötigt, um eures innern Ungewitters Meister zu werden; bei diesem losen und heftigsten Gewitter bedarf es bloß eines Wortes, und es wird nicht mehr da sein!
GEJ|6|12|12|0|Aber wie nach der Vertreibung eures innern bösesten Ungewitters euch Meine Gnade zu leuchten begann, so soll auch hier nach der Vertreibung dieses bösen Ungewitters dasselbe symbolisch am Firmamente ersichtlich werden. Sehet, es ist bereits eine große Anzahl Blitze dem schweren und weithin ausgebreiteten Gewölk entfahren, aber es hat solche Anzahl noch lange nicht die Zahl eurer Sünden erreicht! Hieraus könnet ihr nun wieder ersehen, wie ihr beschaffen waret! Ich müßte das Gewitter noch eine volle Stunde währen lassen, um die Anzahl der Blitze mit der Zahl eurer Sünden auszufüllen; aber es hätte solches für euer Inneres weiter keinen Wert, und so lassen wir denn dies euch alle nun schon sehr beängstigende Gewitter vergehen! Und so gebiete Ich dir, du Ungetüm, daß du dich auflösest und vergehest! Amen.“
GEJ|6|12|13|0|Im Augenblick verstummte das Gewitter samt dem Sturmwind, das Gewölk verrann, die Sterne erglänzten in ihrer alten Pracht und Majestät, und gerade über uns leuchtete ein großer Stern, der allen fremd war.
GEJ|6|13|1|1|13. — Der neue Stern mit dem Neuen Jerusalem. Die Bedingung fürs ewige Leben
GEJ|6|13|1|0|Da fragte Lazarus: „Herr, es ist das ein fremder Stern, den ich zuvor noch niemals gesehen habe! Was ist das für ein Stern, und was hat er zu bedeuten?“
GEJ|6|13|2|0|Sagte Ich: „Sei du nur ruhig; denn ihr alle werdet diesen Stern bald näher kennenlernen!“
GEJ|6|13|3|0|Hierauf öffnete Ich allen Anwesenden auf einige Augenblicke die innere Sehe, und der Stern ward zu einer Welt voll Lichtes, und in seiner Mitte stand ein neues Jerusalem, das zwölf Tore hatte, und die Ringmauern im Viereck waren aus ebenso vielen Gattungen von Edelsteinen erbaut, als wie viele Tore die Stadt hatte. Durch alle Tore gingen Engel aus und ein; auch zeigten sich abermals Moses und Elias und viele andere Propheten. Da staunten die Juden darob über alle Maßen und fingen an, Mich zu loben und zu preisen, dieweil Ich ihnen so große Gnaden erwiesen und gezeigt habe. Ich aber rief sie wieder in ihren natürlichen Zustand zurück, und sie sahen wieder nur den hellen Stern, der sich nach und nach, stets kleiner werdend, gänzlich verlor.
GEJ|6|13|4|0|Als sonach die ganze Szene zu Ende war, da fragten Mich beinahe alle auf einmal, was wohl das gewesen wäre.
GEJ|6|13|5|0|Sagte Ich: „Da war zu sehen diese Meine neue Lehre, die Ich euch aus den Himmeln gebe! Sie ist das wahre, neue Jerusalem aus den Himmeln; denn das alte, irdische ist nichts nütze mehr. Die zwölf Tore bezeichnen die wahren zwölf Stämme Israels, und die zwölf Edelsteingattungen der Ringmauern bezeichnen die zehn Gesetze Mosis, und die obersten zwei Reihen als Diamant und Rubin bezeichnen Meine zwei Gebote der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten. Die Engel, die bei den Toren aus und ein gingen, bezeichneten die vielen Wahrheiten, die den Menschen offenbar werden durch die getreue Beachtung Meiner Lehre. Die aus der Stadt Wandelnden zeigten an die große Weisheit dieser Meiner Lehre, und die vielen in die Stadt Wandelnden bezeichneten, wie die Menschen diese Meine Lehre als pur Liebe auch in ihre Herzen sollen eingehen lassen und danach handeln, so werden sie dadurch zur wahren Wiedergeburt im Geiste gelangen und dadurch in alle Wahrheit und Weisheit geleitet werden.
GEJ|6|13|6|0|Das ist die Bedeutung dieser Erscheinung, und das ist denn auch die wahre Gnadensonne für jeden, der Mein Wort hört und danach lebt, und in dieser werden auch alle, die an Mich glauben und glauben werden, für ewig bei Mir sein und wohnen und mit Mir leiten und führen alles, was da geschaffen ist im ewigen Raume.
GEJ|6|13|7|0|Dieses verstehet ihr jetzt zwar noch nicht und könnet es auch nicht verstehen; aber so ihr bleibet im Glauben an Mich und tut nach dieser Meiner Lehre, so werdet ihr in eurer Glaubens- und Liebereife getauft werden vom Heiligen Geiste, den Ich allen senden werde, die lebendig an Mich glauben und an Den, der Mich aus Sich im Fleische als einen Menschensohn in diese Welt gesandt hat; denn das ist das eigentliche wahre, ewige Leben, daß ihr an Mich als an den wahrhaftigen Sohn des Vaters im Himmel glaubet und lebet nach Seiner Lehre.
GEJ|6|13|8|0|So aber der Geist, von dem Ich nun zu euch geredet habe, zu euch kommen und euch durchdringen wird, dann werdet ihr aus euch selbst alles begreifen, was ihr nun alles sehet und höret, aber nun in eurer puren Naturmäßigkeit nicht begreifen könnet; denn das Fleisch kann den Geist nicht fassen und ist in sich ohnehin tot und hat kein anderes Leben als allein nur das zeitweilige Mitleben aus der Lebenskraft der Seele, die mit dem Geiste verwandt ist und ihm ganz ähnlich und eins mit ihm werden kann, so sie sich von der Welt ganz abwendet und ihre Sinne allein dem Innersten, Geistigen zuwendet nach der Ordnung und Weise, wie es euch zeigt Meine Lehre und Mein höchsteigenes Beispiel.
GEJ|6|13|9|0|Darum suche ein jeder von euch, seine Seele durch ihre eigene Kraft zu retten; denn so sie ins Gericht kommt, wird sie sich dann wohl retten können ohne Mittel dazu, so sie hier mit so vielen Mitteln, die ihr zu Gebote stehen, sich nicht retten kann, ohne zu bedenken, daß sie sich selbst ein unschätzbares Gut sein sollte, das, so es verlorengeht, aus sich mit nichts wieder erkauft oder erworben werden kann?!
GEJ|6|13|10|0|Jeder suche daher vor allem zu retten seine Seele! Denn Ich sage es allen, daß es jenseits also sein wird: Wer da hat die Liebe, die Wahrheit und also die rechte Ordnung Gottes in sich, dem wird dort alsogleich noch gar vieles hinzugegeben werden; wer aber das nicht hat oder viel zuwenig hat, dem wird auch noch das, was er allenfalls noch hat, genommen werden, auf daß er dann gar nichts habe und nackt, mittellos und somit ohne Hilfe dastehe. Wer wird sich da seiner erbarmen und für ihn geben eine Löse?! Wahrlich, sage Ich euch: Hier zählt eine Stunde mehr denn dort tausend Jahre! – Diese Worte schreibet euch tief ins Herz; aber vorderhand behalte sie ein jeder bei sich!“
GEJ|6|14|1|1|14. — Bekenntnis eines Judenpriesters
GEJ|6|14|1|0|Sagte ein Jude aus dem Priesterstande: „O Herr, Du bist allzeit wunderbar, voll Liebe, Erbarmung, Gerechtigkeit und Weisheit, und was Du sagst oder auch nur bloß denkst, das ist schon unwiderruflich für ewig eine vollbrachte Tat, und es kann darum ein Mensch schwer mit Dir reden! Aber dessenungeachtet will ich denn doch der Brüder wegen ein Wort mit Dir reden; wolle mich also gnädigst anhören! Siehe, o Herr, wer den Weg genau kennt, der zu einem erwiesen sicheren Ziele führt, das dem Wanderer auch erwiesen den größten Lebensvorteil geben kann und muß, so er nur das Ziel erreicht, der wird auch ganz sicher nichts anderes tun, als auf dem wohlbekannten Wege das Ziel verfolgen und auch sicher erreichen; nur ein ganz blinder Narr könnte daneben aus purster Dummheit und gänzlicher Unkunde einen andern Weg einschlagen.
GEJ|6|14|2|0|Nun, wir kennen jetzt den Weg und das Ziel und können darum denn auch leicht aller Welt und ihren Lockungen den Rücken zukehren und als wahre Helden über Dornen und Schlangen sogar auf diesem Wege das wahre und sichere Lebensziel verfolgen; selbst gegen ein Heer von Teufeln würden wir nun kämpfen und unaufhaltsam dem Ziele nachstreben! Ja, wir alle haben es nun leicht; denn wir haben es nicht nur gehört, sondern auch gesehen und mit allen unseren Sinnen empfunden, daß es also ist und ewiglich nicht anders sein kann. Aber wie viele sind unser hier, denen von Dir diese unbegreifliche Gnade zuteil ward?!
GEJ|6|14|3|0|Was ist aber mit den zahllos vielen anderen Menschen, die seit Adam überall zerstreut auf dieser Erde ungemessen weitem Boden in aller Geistesfinsternis gelebt haben, jetzt leben und noch leben werden? Wer wird denen die Augen öffnen, und wer ihre Seelen jenseits erlösen? Selbst wir Juden und – sage – Priester als Lehrer und Führer des Volkes haben wohl Moses und die Propheten; aber was nützten sie uns? Wo lagen die Beweise, daß sie wirklich einmal da waren? Bloß nur im blinden Glauben! Denn die gewissenhaftest Frommen starben vor unseren Augen nicht selten eines gar bittern und schmählichen Todes, und nie kam jemandes noch so fromm Verstorbenen Seele zurück und gab uns über das Jenseits irgendeinen Aufschluß. Alles, was wir davon wußten, war nur eine dunkle, unverständige und mit den besseren Grundsätzen der Vernunft ganz entsetzlich kontrastierende Mythe, mit der man halbwegs nur den ungebildetsten Pöbel noch im Zaume halten konnte.
GEJ|6|14|4|0|Was Wunder, daß wir und gar viele mit den griechischen Weisen Bekanntschaft machten und dann zwar das Judentum predigten, selbst aber als Epikureer lebten! Denn der Mensch hat einmal einen unverlöschbaren Trieb nach einer Seligkeit und wenigstens halbwegigen Zufriedenheit; von einer ewigen, jenseitigen konnten wir uns auf keine Art und Weise nur irgendeine noch so geringe Wahrscheinlichkeit verschaffen und noch weniger irgendeinen sichern und haltbaren Beweis. Wir waren gesunde und rüstige Leute, die Welt lag evident mit allen ihren Freuden und Üppigkeiten vor uns; es ist da ja augenscheinlich, daß wir da nicht Säumens machten, danach zu gieren und zu greifen! Denn warum sollten wir uns für unsere Mühe, das Volk mit allen Mitteln in den blinden Glauben an Gott und Unsterblichkeit ordentlich hineinzulügen und -zubetrügen, nicht auch eine Seligkeit bereiten, da wir für die jenseitige doch, wie schon gesagt, nirgends einen Beweis ausfindig machen konnten?!
GEJ|6|14|5|0|Siehe, o Herr, das war unsere Geheimlehre für uns, nahe ganz ähnlich der der Essäer, obwohl wir aus bekannten Gründen keine Gemeinschaft mit ihnen unterhielten! Wir verfolgten auch die Sadduzäer wegen ihres Zynismus, aber nicht um unser selbst willen, sondern des gläubigen Volkes wegen; denn wäre das Volk zur Sekte der Sadduzäer übergegangen, so hätte dann unsere irdische Glückseligkeit bald ihr Ende erreicht. Jetzt aber, da wir endlich einmal die überzeugendsten Beweise über das Jenseits durch Deine pure Gnade erhalten haben, da ist uns freilich alles Irdische nun zu einem wahren Ekel geworden! Aber was geschieht mit den andern, die diese Gnade nicht hatten und auch schwerlich je haben werden?“
GEJ|6|14|6|0|Sagte Ich: „Darum habt ihr euch nicht zu kümmern! Sorget ihr vorderhand nur für euch, für alle andern wird noch hinreichend gesorgt werden! Wer dann, euch gleich, will, der wird so wie ihr gerettet sein; wer aber dann nicht wollen wird, der wird es sich selbst zuschreiben müssen, so er verlorengeht.
GEJ|6|14|7|0|Denn eine jede Seele wird auch jenseits fortleben ganz aus ihrer Liebe und aus ihrem Glauben und daraus nach der vollen Freiheit ihres Willens. Ist die Liebe rein und gut, so wird auch ihr jenseitiges Leben ein reines, gutes und seliges sein; ist aber ihre Liebe schlecht und unrein und für keinen Nebenmenschen eine Seligkeit bereitend, so wird auch ihr jenseitiges Leben ein unreines, schlechtes und seligkeitsloses sein.
GEJ|6|14|8|0|Einer Seele aber ihre Liebe nehmen und ihr eine andere geben, hieße sie vernichten und an ihrer Stelle eine ganz andere Seele schaffen. Das aber wäre wider die ewige, göttliche Ordnung; denn was Gott einmal ins Dasein gerufen hat, das kann nicht mehr vergehen, sondern nur stets in ein Edleres und Besseres übergehen. Es wird demnach auch jenseits für solche verlorenen Seelen gesorgt werden; aber das sage Ich, wie Ich schon früher gesagt habe: Hier ist eine Stunde besser denn dort tausend Jahre!
GEJ|6|14|9|0|Allein darum geschieht keiner Seele ein Unrecht; denn so man einer Seele ihre Liebe und ihren Willen unbeschadet beläßt und sie nur insoweit von den andern abscheidet, daß sie den Guten nicht schaden kann, übrigens aber in ihrer ihr ganz entsprechenden Geisterweltsphäre tun kann, was sie will ihrer Lebensliebe und Intelligenz zufolge, so tut man da sicher keiner Seele ein auch nur scheinbares Unrecht.
GEJ|6|14|10|0|So wie ihr nun bisher gelebt habt, so leben auch alle bösen Teufelsseelen in der Hölle, deren arges Feuer eben ihre böse, nie zu sättigende Selbstliebe und Herrschsucht ist, und ihr saget es selbst, daß es euch dabei ganz gut ergangen ist. Aber dennoch nagte an jedem Tage mehr und mehr der Wurm des Todes in euch und verbitterte euch unsäglich das Dasein! Was hattet ihr dann von eurem Wohlleben?!
GEJ|6|14|11|0|Und so wird es jenseits vielen gar lange gehen, woran aber nur sie allein schuld sind. Denn sie werden dort nicht einmal, sondern gar oftmals die Schrecken des Todes zu erdulden haben, was aber auch sein muß; denn ohne diesen wäre jede solche Seele wahrlich für ewig ganz verloren.
GEJ|6|14|12|0|Für heute wisset ihr genug, und da es nun bald um die Mitternacht ist, so wollen wir denn nun ins Haus gehen und dort Ruhe nehmen. Was der morgige Tag alles bringen wird, das werden wir sehen, und so gehen wir!“
GEJ|6|14|13|0|Hier verließen wir alle den Hügel und begaben uns ins Haus, wo schon für unsere Ruhe bestens gesorgt war. Die Juden aber hatten ein eigenes, großes Gemach. Da saßen sie um die Tische und besprachen sich beinahe die ganze Nacht, was sie tun wollten, um vom Tempel los zu werden. Das sicherste Mittel fanden sie im Sich-Auskaufen. Dann ward Ruhe auch bei ihnen.
GEJ|6|15|1|1|15. — Die Judenpriester werden des Herrn Jünger
GEJ|6|15|1|0|Am Morgen noch vor dem Aufgange waren wir, das heißt Ich, die Jünger, unser Wirt und Lazarus mit dem ganzen Hause schon auf den Füßen. Des Lazarus Schwester Martha war mit ihren Helferinnen schon auf das emsigste beschäftigt, um uns ein reichliches und gutes Morgenmahl zu bereiten; Maria aber ging mit uns ins Freie und war nur Aug und Ohr wie immer, um von Mir etwas für ihr Herz und ihre Seele zu erbeuten.
GEJ|6|15|2|0|Als wir schon bei einer Stunde lang im Freien umhergewandelt waren, da wurden erst die Juden wach, wuschen sich nach ihrer Sitte und fragten dann eiligst, ob Ich noch schliefe.
GEJ|6|15|3|0|Martha aber sagte: „Oh, der Herr ist schon vor einer Stunde mit Seinen Jüngern, mit meinem Bruder, meiner Schwester und dem Wirte hinaus ins Freie gegangen und wird wahrscheinlich bald wieder zurückkehren, weil das Morgenmahl auch bald bereitet sein wird!“
GEJ|6|15|4|0|Sagte ein Priester: „Wohin hat Er Sich gewendet, auf daß wir Ihm nacheileten und Ihm die Nachricht brächten von dem bereiteten Morgenmahle?“
GEJ|6|15|5|0|Sagte Martha: „Oh, dessen hat's beim Herrn wohl nicht vonnöten; denn Er weiß es um den Augenblick, in welchem das Morgenmahl bereitet sein wird!“
GEJ|6|15|6|0|Als die Juden solches vernahmen, fragte einer von ihnen die Martha, sagend: „Also mußt du Ihn wohl schon länger kennen, weil du mit Seinen unverkennbar göttlichen Eigenschaften schon so sehr vertraut bist?“
GEJ|6|15|7|0|Sagte Martha: „Ich kenne Ihn wohl seit einer geraumen Zeit; aber es ist eben nicht sehr löblich von euch, daß ihr Ihn bis jetzt noch nicht erkannt habt!“
GEJ|6|15|8|0|Sagten die Juden: „Jawohl, jawohl, dieser dein Vorwurf trifft uns ganz gerecht, und wir bedauern es nun selbst, daß wir in unserem Weltgetümmel uns noch nie näher nach Ihm erkundigt haben, obwohl wir schon so manches von Seinem Treiben aus Galiläa erfahren haben. Auch kommt es uns vor, daß Er auch am Osterfeste hier in Jerusalem war und merkwürdigermaßen alle Käufer und Verkäufer aus dem Tempel trieb und den Wechslern und Krämern ihre Buden umstieß!“
GEJ|6|15|9|0|Sagte Martha: „Ja, ja, Er ist Derselbe, aber damals waren eure Augen noch sehr geblendet und eure Ohren und Herzen verstopft; darum habt ihr Ihn nicht erkannt!“
GEJ|6|15|10|0|Sagten die Juden: „Jawohl, jawohl, du hast recht; aber da wir Ihn nun erkannt haben, so werden wenigstens wir zwanzig gar nicht mehr von Seiner Seite weichen, und wir haben uns fest vorgenommen, in anderen Kleidern als Jünger mit Ihm zu ziehen, auf daß uns die Templer und andere überall zerstreute Judenpriester, Pharisäer und Schriftgelehrte nicht vorwerfen können, als hätten auch wir Tempelpriester uns von Ihm als einem Neusektenstifter und Volksverführer verleiten lassen. Wir wollen hernach gleich nach Jerusalem ziehen und uns auskaufen zu einer vorgeschützten Reise nach Persien und Indien, was uns gerne und nur zu gerne gewährt werden wird. Haben wir das in wenigen Stunden abgemacht, dann kommen wir noch heute wieder und werden Ihm als Seine Schüler auf unsere Unkosten überallhin nachfolgen.“
GEJ|6|15|11|0|Sagte Martha: „Das ist von euch ein ganz löblicher Entschluß und wird euch Seine Segnungen bringen! Aber sehet nur hinaus; Er kommt schon, dieweil ich völlig fertig bin mit der Bereitung des Mahles, und wir wollen Ihn mit der Ihm allein gebührenden höchsten Achtung und Liebe empfangen, Ihm noch einmal aus dem tiefsten Grunde unserer Herzen danken für die gestrigen großen Tröstungen, die Er uns bereitet hat, und wollen Ihn dann bitten, daß Er gnädigst dieses Morgenmahl segnen und mit uns verzehren möchte!“
GEJ|6|15|12|0|Während Martha noch also mit den Juden sprach, die sie ganz andächtig anhörten, trat Ich schon ins Zimmer ein und sagte: „Meine liebe Martha, dessen hat es mit dem Munde nicht vonnöten; wer es in seinem Herzen tut, der tut wohl und gut daran. Der Lippengruß kann dann da schon ganz füglich unterbleiben; denn Ich sehe nur allein auf das Herz und seine inneren Gedanken. Aber es haben bei dir schon auch deine Worte einen rechten Wert vor Mir, weil sie ganz genau aus deinem Herzen kommen.“
GEJ|6|15|13|0|Darüber war die Martha sehr beruhigt und wurde voll Fröhlichkeit.
GEJ|6|15|14|0|Ich aber wandte Mich zu den Juden und sagte zu ihnen: „Ihr wollt also im Ernste Meine Jünger werden?“
GEJ|6|15|15|0|Sagten nun gar alle, auch die Nichtpriester, die da nur ganz wohlhabende Bürger Jerusalems waren: „Ja, Herr, so Du uns nur für würdig hältst, Deine Jünger sein zu dürfen! Wir wollen sogar alles aufbieten, um desto ruhiger und sicherer auf allen Deinen Wegen und Stegen Dir, o Herr, folgen zu können!“
GEJ|6|15|16|0|Sagte Ich: „Da tut ihr wohl daran; aber eines muß Ich euch bemerken, und das besteht darin: Seht, die Vögel der Luft haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher, aber Ich, als purer Menschensohn Meinem Leibe nach, besitze nicht einmal einen Stein, den Ich mir als Mein irdisches Eigentum unter Mein Haupt legen könnte!“
GEJ|6|15|17|0|Sagten die Juden: „Darum ist dennoch der Himmel und die ganze Erde Dein Eigentum! Für diese Welt aber haben schon wir für Dich, für Deine Jünger und für uns genug auf zehn und noch mehrere Jahre! Laß uns nur mit Dir ziehen und vernehmen Deine Worte des Lebens, um alles andere werden wir uns nach Deinem Willen überall sorgen und kümmern!“
GEJ|6|15|18|0|Sagte Ich: „Nun wohl denn, so gehet nach dem Mahle nach Hause, und bestellet eure Sachen gut! Dann kommet wieder, und Ich werde euch dann sagen, was wir dann tun und unternehmen werden! Nun aber zum Mahle!“
GEJ|6|15|19|0|Darauf setzten sich alle zu den Tischen, sprachen ihre Danksagung und aßen und tranken dann gleich Mir.
GEJ|6|16|1|1|16. — Die bekehrten Priester sagen sich vom Tempel los
GEJ|6|16|1|0|Als das Mahl verzehrt war, dankten alle wieder, und die Juden begaben sich dann nach Jerusalem. Die Templer samt dem Hohenpriester machten anfangs freilich große Augen, als die zwanzig schon sehr bejahrten Priester vorgaben, nun eine weite Reise machen zu wollen; aber weil diese ihnen dafür viel Goldes und Silbers hinterließen, so willigten sie endlich doch ein und wünschten ihnen viel Glück auf die Reise. Die zwanzig empfahlen sich schnell und verliefen sich in der großen Stadt, daß man ihnen nicht so leicht nachspionieren konnte, welchen Weg sie eigentlich einschlugen. Sie kannten aber außerhalb der Stadt einen Griechen, der griechische Kleider stets in großem Vorrate hielt und damit Handel trieb. Zu dem gingen sie hin, kauften ihm griechische Kleider ab und ließen die ihrigen dort, was den Griechen sehr wundernahm, darum er sie aus Neugier denn doch ganz bedächtig zu fragen anfing, was denn diese Verkleidung etwa wohl zu bedeuten hätte.
GEJ|6|16|2|0|Sie aber sagten (die Priester): „Freund, in diesen Kleidern läßt sich besser allerlei Handel treiben, und da dem Tempel nun von Jahr zu Jahr die früheren Einkünfte ausbleiben, so muß nun ein kluger Handel mit den auswärtigen Heidenvölkern das ersetzen.“
GEJ|6|16|3|0|Mit dieser Erklärung war unser Grieche ganz zufrieden, bekam sein Geld und dazu noch die ganz guten und teuren Priesterkleider, war damit ganz vollkommen zufrieden und sagte darauf kein Wort mehr. Nur haben ihm die zwanzig streng aufgetragen, davon gegen niemand je eine Erwähnung zu machen, da er dadurch in große Unannehmlichkeiten geraten könnte. Und der Grieche schwieg dann auch wie eine Mauer.
GEJ|6|16|4|0|Die zwanzig aber begaben sich auf einem bedeutenden Umwege als Griechen wieder zu uns hin und kamen nachmittags bei uns an, etwa zwei Stunden nach dem Mittage. Als sie bei uns ankamen, als wir noch am Tische saßen und noch kaum unser Mittagsmahl verzehrt hatten, da wunderten sich Lazarus, der Wirt und auch Meine Jünger darüber, wie diese ihr Geschäft doch so bald abgemacht hatten.
GEJ|6|16|5|0|Da sagte einer aus ihrer Mitte: „Ja, hochliebe Freunde, ums Geld geht bei uns alles sehr schnell; aber ohne Geld oder um zuwenig Geld heißt es warten, und das auf einer sehr langen Bank, und nachher geschieht dann auch blutwenig! Aber wir ließen hübsch viel Gold und Silber zurück, und unser Geschäft war darum auch leicht und bald abgemacht. Der Tempel trägt jetzt bei weitem nicht mehr das, was er einstens getragen hat, als die Samariter, die Sadduzäer und nun auch schon ein großer Teil der Essäer, die man im Anfange gar nicht beachtet hatte, von uns noch nicht getrennt waren, und so sind die Haupttempler nun schon recht froh, wenn sich von Zeit zu Zeit ihre inneren Kostgeher vermindern.
GEJ|6|16|6|0|Wir kamen darum so ganz leicht durch; aber wir dachten wohl auch sehr daran, der Herr, der uns gestern unsere Bande wieder löste, werde uns nach Seinem heiligen Willen wohl behilflich sein, daß wir unser Vorhaben so anstandslos als möglich durchführen könnten. Und sehet, es ging gerade also, wie wir uns dachten, und daher auch unseren innersten Dank Dir, o Herr! Aber wo harren denn noch unsere Bürger? Es waren ihrer doch auch bei zwölf oder dreizehn! Können die bei ihren Familien denn nicht wenigstens so leicht abkommen, wie wir mit den Templern abgekommen sind?“
GEJ|6|16|7|0|Sagte Ich: „So leicht nicht, dieweil sie Familienväter sind! Aber sie werden nicht lange auf sich warten lassen; denn es sind das wahre Ehrenmänner von Jerusalem, wie es deren wenige gibt. Aber nun setzet euch zu uns, und esset und trinket nun als Griechen, und seid heitern und fröhlichen Mutes!“
GEJ|6|16|8|0|Da dankten die zwanzig Pseudogriechen, saßen zum Tische, allda wir saßen, und fingen mit aller Lust zu essen und zu trinken an und erzählten uns viele heitere Dinge aus dem gegenwärtigen Zustande des Tempels, von der neuen und falschen Bundeslade, weil die alte merkwürdigermaßen seit dem grausamen Tode des damaligen Hohen- und Oberpriesters Zacharias ihre ganz wunderbare Kraft gänzlich verloren habe. Die neue aber sei darum nun schon beinahe dreißig Jahre alt, und es sei mit ihr in diesem Zeitraume gar kein Wunder mehr verrichtet worden, und dennoch bete das dumme Volk die neue für die alte an.
GEJ|6|16|9|0|Es ward auch viel über offenbare Aufhebung der Mosaischen Satzungen und An-ihre-Stelle-Setzung von neuen, allerwidersinnigsten Gesetzen, Strafen und Bußen geredet, und wie sich statt der früheren, wahren Wunder Gottes nun die indischen, persischen und ägyptischen breitmachten, aber mit wenig Glück, weil überall verkappte Essäer sie dem Volke dann bei Gelegenheit wieder auf eine ganz natürliche Art so erklärten, daß es selbst der dümmste Mensch am Ende ordentlich mit Händen greifen müsse, daß das ganze Wunder nichts als ein sogar plump und ungeschickt ausgeführter Betrug sei. Die Folge davon sei, daß der Tempel in seinem Ansehen von Tag zu Tag tiefer heruntersinke, was sie selbst nur zu gut gemerkt hätten. Denn was komme da heraus? Heute werde von einem Oberpriester ein einverstandener, gut bezahlter Blinder, der aber sonst so gut sieht wie unsereiner, vor dem Volke sehend gemacht, – in ein paar Tagen wirkten die Buben auf den Gassen und Straßen zu Dutzenden solche Wunder.
GEJ|6|16|10|0|Sie hätten darum im Hohen Rate des Tempels das Petitum (Antrag) gestellt, daß man wegen der steten Profanation solcher Verrichtungen mit eben solchen Verrichtungen einen längeren Einhalt tun solle; denn dafür ließe sich ja doch irgendein vernünftiger und glaubbarer Grund ermitteln. Aber das sei alles zu tauben Ohren gesprochen worden. Wunder gewirkt müsse sein, wenigstens des gemeinen Volkes wegen, – dann aber schon oft im Tempel ausgelacht werden auch dazu! Was nütze da ein priesterliches Ansehen, eine ernste Miene und der falsche Aaronsstab, wenn das Wunderwerk an und für sich so dumm sei, daß das schon die gemeinsten Gassenbuben zu belachen anfangen?!
GEJ|6|16|11|0|Und so in dieser Weise erzählten unsere Griechen noch so manches, worüber sich Lazarus, seine beiden Schwestern und mitunter sogar unser Wirt, der auf den Tempel schon lange nichts mehr hielt, zu wundern anfingen, und Lazarus, der noch so manche Stücke auf den Tempel hielt, sagte: „Nein, das hätte ich vom Tempel nicht geglaubt! Denn ich muß es offen gestehen, ich habe den Tempel noch stets als ein echter Jude besucht, und so eben nicht selten mich die Tempelherren besuchten, so konnte ich ihren guten Reden und Lehren gerade nichts anhaben und gestand mir selbst gegenüber oft, daß es sehr wünschenswert wäre, so die Menschen nach solchen Lehren lebten.
GEJ|6|16|12|0|Aber nun bekommt die Sache ein ganz anderes Gesicht! Was nützen da Wort und Lehre, wenn sie eine pure Heuchelei sind und der fromm scheinende Lehrer bei sich selbst ein verächtlicher Halunke ist?! Solche Lehrer kommen mir gerade so vor wie nach einer guten, alten Fabel die Wölfe in Schafspelzen, die, weil sie die schnellbeinigen Schafe als offene Wölfe nur mühsam erhaschen konnten, sich dann mit Schafspelzen bekleideten, um mit weniger Mühe sie zu erhaschen und zu zerreißen. Na, das werde ich mir wenigstens geheim sehr zum guten Merkzeichen machen! – Was sagst denn Du, o Herr, dazu?“
GEJ|6|17|1|1|17. — Das selbstsüchtige Treiben der Priester im Tempel
GEJ|6|17|1|0|Sagte Ich: „Meinst denn du, diese haben uns etwas Neues gesagt?! Oh, mitnichten! Das ist Mir schon sogar als einem Menschensohne sehr lange bekannt! Erinnerst du dich noch an Mein zwölftes Jahr, wo Ich als Knabe drei Tage hindurch mit den Pharisäern und Schriftgelehrten und Ältesten verkehrte?! Siehe, schon damals sah es im Tempel geradeso aus wie jetzt, und schon früher auch; aber es waren doch wenigstens einige würdige und wahrhaftige Nachfolger Mosis und Aarons wirklich aus dem Stamme Levi auf dem Stuhle Mosis und seines Bruders Aaron. Zacharias aber war der letzte, und jetzt sind im Tempel gleich schon alle Stämme vertreten, da sich ein jeder darin ein Amt nach Belieben ums Geld erkaufen kann.
GEJ|6|17|2|0|Kurz und gut, Mein Haus – wie der Prophet sagt – haben sie zu einer Mördergrube gemacht, und daher ist darin kein Heil mehr zu suchen! Aber dennoch sage Ich euch allen: Die Lehren derer, die auf dem Stuhle Mosis und Aarons sitzen, wenn sie Gottes Wort predigen, möget ihr noch immer anhören; aber auf ihre argen Werke sehet nicht, und machet sie ihnen noch weniger nach, denn diese sind ein allerabscheulichster Betrug!
GEJ|6|17|3|0|Daß sie aber nun so sind, wie sie sind, das ist das Gericht Gottes über sie, dieweil sie von Ihm abgewichen sind und sich gewendet haben zum Mammon, der nun ihr Gott ist. Wer weiß es nicht, daß früher die Erstlinge aus jeder Ehe im Tempel als Opfer Gott dem Herrn bis zu ihrem vierzehnten Jahre frei und bestens erzogen worden sind, und daß solche Erstlinge gar oft sichtbar von den Engeln des Himmels bedient und belehrt worden sind?“
GEJ|6|17|4|0|Sagen alle: „Ja, das ist eine buchstäbliche Wahrheit!“
GEJ|6|17|5|0|Rede Ich weiter: „Wo geschieht so etwas jetzt?“
GEJ|6|17|6|0|Sagte ein Jude: „O ja, das geschieht jetzt auch noch, aber freilich auf eine ganz andere Art! Anstatt der Erstlinge als Opfer für Gott den Herrn nimmt der Tempel lieber das Geld; wer aber kein Geld hat, der kann den Erstling entweder selbst behalten ohne allen Anstand, und es werden um ein paar Groschen zum künftigen Wohle desselben etliche Gebete in den Gotteskasten hineingemurmelt, oder, wenn die Eltern des Erstlings sich als noch echtgläubige Juden auf die alte Satzung versteifen, so wird der Erstling wohl angenommen mit der vorgeschriebenen Zeremonie, aber sodann gleich irgendeiner Hebamme um ein geringes Geld übergeben. Wenn das Kind am Leben bleibt, so wird es dann als ein Dienstbote an irgendeinen Landmann ordentlich veräußert, wo es dann aufwächst ohne Lehre und Unterricht wie ein Tier, und verlangen es die Eltern dann nach dem zurückgelegten vierzehnten Jahre zurück, so wundern sie sich dann freilich nicht wenig, daß ihr Erstling im Tempel so wenig Gnade gefunden hat, und haben dann erst ihre rechte Not mit ihm.
GEJ|6|17|7|0|Darum geben die Armen nun ihre Erstlinge auch gar nicht mehr in den Tempel, sondern halten sich lieber an die neue Satzung, von der wir früher geredet haben. Bei den Reichen ist es freilich anders; die werden wohl im Tempel, natürlich ums Geld, ganz ordentlich gepflegt und mit der Zeit auch zuweilen von Pseudoengeln besucht, bedient und auch mit einigen auswendig gelernten Schrifttexten unterwiesen, die aber die Engel ebensowenig verstehen wie ihre frommen Zöglinge.“
GEJ|6|17|8|0|Sagte Ich: „Nun ist's aber auch schon ganz gut mit diesen leider nur zu wahren Kundgaben; denn es kommen nun unsere Bürgerjuden, und wir wollen sie nicht über die Maßen ärgern. Sie wissen zwar auch manches, aber das alles natürlich nicht, und so wollen wir sie zum voraus nicht zu tief in die inneren, bösen Geheimnisse einweihen. Auch ihr alle redet nicht viel davon; denn sonst könntet ihr euch in große diesirdische Verlegenheiten stürzen, die dann auch eurer Seele Schaden bringen könnten! Denket vielmehr: ,Wir sind in unseren Herzen frei und haben das rechte Licht und den rechten Weg zum Leben gefunden!‘ Solange aber Ich sie noch dulde, damit ihr böses Maß voll werde, so lange duldet auch ihr sie, und haltet euch an ihre guten Lehren; von den schlechten aber wendet Augen und Ohren ab! Und nun genug von diesem Kapitel; denn unsere Bürger stehen schon an der Flur und haben auch noch nichts gegessen; darum sollen sie auch hier etwas zu essen und zu trinken bekommen.“
GEJ|6|18|1|1|18. — Ein Evangelium des Frohsinns
GEJ|6|18|1|0|Darauf eilten Martha und auch Maria sogleich in die Speisekammer, brachten Brot und Wein und gebratenes Hammelfleisch und setzten alles auf einen Nebentisch, weil an dem unsrigen kein Platz mehr war.
GEJ|6|18|2|0|Als die Bürger mit großer Ehrfurcht zu uns ins Zimmer traten, da sagte Ich gleich ganz freundlich zu ihnen: „Lasset nun eure zu große Ehrfurcht fahren! Ihr seid hungrig und durstig, darum esset und trinket frohen Mutes! Sind doch die Kinder der Nacht, des Gerichtes und des Todes fröhlich bei ihren Schmäusen, – warum sollen da die Kinder des Lichtes und des Lebens in Gegenwart ihres himmlischen Vaters es nicht sein?! Denn Ich sage es euch: Wo Ich bin, da ist auch der Vater. Also seid alle fröhlich und heiter, und esset und trinket!“
GEJ|6|18|3|0|Da dankten die Bürger, setzten sich und fingen an, recht wacker zu essen und zu trinken, und erzählten uns, wie sie sich auf eine Zeit von etlichen Monden von ihren Angehörigen ganz gut davongemacht hätten. Ich belobte sie darum und empfahl ihnen den rechten Mut und die rechte Ausharrung, ohnedem sie Mir mit wenig Erfolg nachfolgen würden. Sie versprachen das und hielten auch ihr Versprechen, wie es sich später einmal schon noch zeigen wird.
GEJ|6|18|4|0|Während dieser Besprechung mit den Bürgern Jerusalems aber bemerkte heimlich die Martha dem Lazarus, sagend: „Du, Bruder, stelle dir vor: schon wieder ein Wunder! Wir haben gestern und heute für so viele Menschen doch hübsch was verbraucht, und siehe, es fehlt in unserer großen Speisekammer nicht nur nichts, sondern es ist nun von allem zehnmal mehr da, und in unserem großen und kleineren Weinkeller sind alle Schläuche voll Weines! Das kann niemand anders als nur allein der Herr in Seiner zu großen Güte und Liebe uns getan haben, und so hat Er nicht von uns Speise und Trank genommen, sondern wir alle speisten nur an Seinem Tische!“
GEJ|6|18|5|0|Da ward Lazarus ordentlich verlegen und wußte nicht, was er darauf hätte erwidern sollen.
GEJ|6|18|6|0|Ich aber merkte seine Verlegenheit und sagte auch ganz leise zu ihm: „Mache dir nur nichts daraus; denn siehe, wir wollen uns nahe den halben Winter so hübsch im stillen in dieser Gegend aufhalten, und da werden wir noch oft deine Gäste sein und bald wieder Gäste dieses Meines Wirtes! Es wird in dieser Winterszeit gar viele Kranke in diesen Gegenden um Jerusalem geben, und die werde Ich bei dieser Gelegenheit heilen, auf daß sie erfahren sollen, daß nun der gekommene Messias ihnen geholfen hat, und sie werden an Seinen Namen glauben.
GEJ|6|18|7|0|Nach dem halben Winter werde Ich auf eine kurze Zeit den biedern Galiläer Kisjonah besuchen, darauf einige Tage vor dem Osterfeste wieder hierherkommen, aber noch vor dem Feste wieder nach Galiläa abgehen. Siehe, wir werden uns sonach recht lange bei dir aufhalten und auch recht viel brauchen; und darum segnete Ich also sehr deine Speisekammern und Weinkeller! Seid aber stille und saget niemandem etwas davon!“
GEJ|6|18|8|0|Lazarus dankte Mir im stillen und beruhigte darauf seine Schwestern; und diese, als sie das vernahmen, wurden so sehr voll Freude, daß sie beinahe zu weinen anfingen und auf eine kurze Zeit ins Freie zu gehen genötigt waren, um sich da so recht ihrer Freudentränen entledigen zu können, ohne von jemandem bemerkt zu werden. Darauf kamen sie wieder zu uns und freuten sich mit uns. Als die Bürger sich denn auch gesättigt hatten, da dankten sie und erhoben sich von ihren Plätzen.
GEJ|6|18|9|0|Ich aber sagte zu ihnen: „So ihr sonst nichts zu tun habt, da bleibet sitzen, und wir wollen miteinander fröhlich sein; zum zeitweiligen Traurigsein wird die Zeit noch früh genug kommen!
GEJ|6|18|10|0|Meine Jünger dürfen keine Kopfhänger sein und nicht mit gleisnerischen und Frömmigkeit heuchelnden Gesichtern einhergehen, auf daß die Menschen glauben sollen, sie beträten nur noch mit den Füßen der Erde Boden, mit dem ganzen andern Leibe aber steckten sie schon ganz in den Himmeln und seien ganz erfüllt von dem Geiste Gottes, – sondern ihr müßt vor jedermann mit offenem und heiterem Gesichte einhergehen, damit ein jeder Mensch ein gutes Vertrauen zu euch fassen kann, und ihr werdet also viel des Segens aus den Himmeln unter den Menschen verbreiten.
GEJ|6|18|11|0|Sehet, in Mir wohnt alle Fülle des wahrhaftigsten Geistes Gottes, und ihr habt Mich noch nie mit hängendem Kopfe und frömmelnden Augen einhergehen sehen, sondern Ich gehe offenen und ganz natürlichen Gesichtes einher, und Mein Weg ist stets ein gerader, und Ich bin mit Ehrlichen und Heiteren freundlich und heiter, und die Trauernden und Ängstlichen mache Ich fröhlich und mutig, und ihr müsset als Meine Jünger nach eurem höchst freien Willen ganz dasselbe sein!
GEJ|6|18|12|0|Darum sage Ich euch allen noch einmal, daß ihr ganz freien Geistes sein und fröhlich und heiter durch die Welt gehen sollet, ohne an ihr zu hängen. Denn wie Ich Selbst nur darum in die Welt gekommen bin, um allen Menschen eine fröhliche und höchst beseligende Kunde aus den höchsten Himmeln zu überbringen, die jedermann den höchsten Trost derart geben muß, daß sogar ein größter Martertod ihn nicht unheiter stimmen wird – weil er es sieht und sehen muß, daß es für ihn keinen Tod mehr gibt und geben kann, und daß für ihn in Meinem ewigen Reiche weder diese Erde noch der ganze sichtbare Himmel je mehr verloren gehen kann, sondern daß er noch dazu eine große Herrschaft über gar vieles überkommen wird –, also werde auch Ich euch, wenn ihr tüchtig werdet im Geiste und in der Kraft Meiner Lehre, hinaussenden in Meinem Namen, allen Völkern der Erde zu überbringen diese frohe Kunde aus den Himmeln.
GEJ|6|18|13|0|Wer wird aber eine so überfrohe Kunde mit einem traurigen, zaghaften, furchtsamen, ängstlichen und kopfhängerischen Gesichte überbringen wollen oder können? Daher weg für immer mit allem dem, und weg mit der übertriebenen Ehrfurcht selbst vor Mir; denn mit all dem würdet ihr nie fähig sein, zu etwas Großem berufen und erwählt zu werden, und noch weniger, etwas Wichtigstes und Größtes zu vollführen!
GEJ|6|18|14|0|So ihr Mich liebet aus dem Grunde eurer Herzen, so genügt Mir das vollkommen; alles, was darüber ist, ist dumm, ist zu nichts nütze und macht aus dem Menschen, der Mein Ebenmaß ist, eine feige und zu nichts Großem brauchbare und taugliche Kreatur.“
GEJ|6|19|1|1|19. — Die Reinigung von der Sünde
GEJ|6|19|1|0|Sagte ein Bürger: „O Herr, das wäre also wohl schon alles recht, wenn wir nur in unserem ganzen Leben nie gesündigt hätten! Die Sünden brennen uns nun in unseren Herzen vor Dir, der Du unsere Herzen und Nieren durchschauest und heilig bist durch und durch, und wir sind aber gerade das Gegenteil! Daher ist es für uns schwer, nun so ganz heiter und fröhlich zu sein!“
GEJ|6|19|2|0|Sage Ich: „Glaubt ihr denn, daß Ich das früher nicht gewußt habe, als Ich euch angenommen habe?! Ich aber habe euch eure Sünden vollkommen erlassen, dieweil ihr euch selbst von aller Sünde abgewendet habt und hinfort nimmer sündigen wollet und auch sicher nicht werdet, und so seid ihr keine Sünder mehr, sondern nun vollkommen frei von aller Sünde, und so meine Ich, daß ihr desto mehr Grund haben solltet, aus ganzem Herzen fröhlich zu sein!“
GEJ|6|19|3|0|Sagte einer von den Bürgern: „Herr, was ist denn mit den Sündenflecken an der Seele? Denn wir haben gehört, daß, so jemand einmal gesündigt hat und ihm bei seiner Besserung durch Bußwerke die Sünde auch erlassen ward, an seiner Seele noch immer ein schwarzer Fleck haften bleibt, durch den sie gebrandmarkt wird dahin, daß ihr dann ob des Fleckes jede ganz reine Seele im andern Leben ausweicht und keine Gemeinschaft mit ihr pflegt, und daß eine solche befleckte Seele so lange nicht zur Anschauung Gottes gelangen kann, bis sie den Fleck im schlimmen Hadesfeuer (Scheol) ganz verloren hat.“
GEJ|6|19|4|0|Sagte Ich: „Ja, ja, der Fleck bleibt so lange an der Seele, bis der Mensch der Sünde völlig entsagt hat! Wer aber der Sünde vollernstlich darum entsagt hat, weil sie böse ist und den Menschen verdirbt und von Gott und von allem Guten und Wahren abwendet, der hat auch gar keinen Fleck mehr an seiner Seele und hat Scheols schlimmes Feuer gar nicht mehr zu fürchten. So ihr aber vor euren Seelensündenflecken so einen Respekt habt, wie möglich konntet ihr denn Mich anschauen, da ihr doch nun auch wisset, wer hinter Mir und eigentlich in Mir ist?! Sehet darum, wie schwach und albern ihr noch seid!
GEJ|6|19|5|0|Ich sage es euch: So ihr Meine Jünger sein wollet, da müsset ihr euren alten Menschen ganz ausziehen wie ein altes Kleid und einen ganz neuen anziehen; denn Ich und die überaus zerlumpten und verrosteten Tempellehren dieser Zeit taugen durchaus nicht mehr füreinander. Dieses beachtet, und seid vernünftig, edel, heiter und voll guten Mutes!“
GEJ|6|19|6|0|Diese Meine für sie sehr tröstliche Belehrung hatte auf unsere Bürger eine gute Wirkung gemacht, und sie griffen nun wacker zum Weine, wurden bald recht heiter und fingen auch bald eine Menge ganz heiterer Geschichten zu erzählen, und die Griechen fingen an, ihnen zu sekundieren, und so verging bis zum Untergange die Zeit.
GEJ|6|19|7|0|Lazarus bekam bei dieser Gelegenheit auch so manches zu hören, was ihm einen ordentlichen Stoß versetzte, so daß er alle Achtung vor dem Tempel verlor und zu Mir im stillen sagte: „Herr, nun bin ich ganz vom Grunde aus geheilt, und meine Tempelbesuche werden stets seltener werden!“
GEJ|6|19|8|0|Sagte Ich: „Da wirst du sehr recht tun; aber tue das mehr im Herzen denn mit der äußeren Tat, auf daß du dir bei den Füchsen keinen argen Verdacht an den Hals ziehest, dieweil du im Tempel bis jetzt noch in einem großen Ansehen stehst! Ein plötzliches Sichzurückziehen würde weder dir noch Meiner Sache zu irgendeinem Vorteile dienen, und Ich sehe ja nur auf den inneren Menschen; denn der äußere ist nichts nütze.“
GEJ|6|20|1|1|20. — Die Vergänglichkeit der Materie
GEJ|6|20|1|0|(Der Herr:) „Nun aber bringe du Mir einen Stein, so groß und so hart du irgendeinen hast und hereinbringen kannst, und Ich werde euch allen dann etwas zeigen!“
GEJ|6|20|2|0|Hierauf erhob sich Lazarus schnell vom Sitze und brachte bald einen bei zehn Pfund schweren und sehr harten Quarzstein herein und legte ihn vor Mich hin auf den Tisch und sagte: „Herr, da ist ein äußerst harter Stein!“
GEJ|6|20|3|0|Da sagte Ich: „Der ist ganz recht, weil er ebenso hart ist wie die Herzen der Templer zu Jerusalem und die alten Mauern des Tempels; den kann Ich nun ganz gut gebrauchen!“
GEJ|6|20|4|0|Alle waren nun voll der gespanntesten Aufmerksamkeit, was Ich mit dem Steine machen werde.
GEJ|6|20|5|0|Ich aber sagte: „Höret! Wir sind heute als am Nachsabbat recht heiter und fröhlich beisammen, und warum sollten wir es auch nicht sein?! Denn ihr habt Mich begriffen und erkannt, wennschon mit mancher Mühe und Opferbringung, und so habe denn auch Ich euch anerkannt! Ihr seid alles Gerichtes dadurch losgeworden, dieweil ihr euch selbst zum allein Wahren und Guten gerichtet habt durch euren schließlich ganz freien Willen. Und so kann Ich euch nun weiter, ganz unbeschadet eurer freien Erkenntnis und eures freien Willens, hier ein Zeichen Meiner inneren Göttlichkeit wohl schon geben, und so habt denn nun auf alles gar wohl acht! Was meinet ihr wohl, was da leichter wäre: entweder diesen Stein bloß durch Meinen Willen in einem Augenblicke zunichte zu machen – oder den Tempel samt allem, tot und lebend, was immer darin ist, auf dieselbe Weise zu vernichten? Prüfet noch zuvor den Stein, auf daß da niemand sage, er sei schon irgend zuvor dafür vorgerichtet worden!“
GEJ|6|20|6|0|Da sagten alle: „O Herr, das tut hier nicht not; denn diesen Stein kennen wir schon lange! Er ist aus dem Flusse Jordan von einem Fischer wegen seiner schönen, runden Form hierher gebracht worden.“
GEJ|6|20|7|0|Sagte Ich: „Nun gut; saget denn, was für Mich da leichter wäre: diesen Stein – oder den Tempel zu vernichten!“
GEJ|6|20|8|0|Sagte einer von den – nun Griechen: „Herr, wir meinen, daß Dir das ziemlich einerlei sein dürfte; denn uns kommt eines wie das andere für eine pur menschliche Kraft gleich unmöglich vor! Wir haben zwar zu verschiedenen Malen von ägyptischen Magiern auch Steine verschwinden machen sehen; aber da wurden wir bald inne, wie die Sache vor sich ging, als wir dieselben Steine darauf wieder zu sehen bekamen, und es dauerte auch gar nicht lange, daß wir ganz dasselbe mit vielem Geschicke nachmachten und uns dann, uns selbst gegenseitig auslachend, fragten, wie es nur möglich war, daß wir anfangs selbst daran glaubten, daß das ein wahres Wunder sei.
GEJ|6|20|9|0|Aber das hier ist etwas ganz himmelhoch anderes! Das ist ein wirklicher Stein und ein härtester, der nur immer irgend bei uns vorkommt. Die Griechen verstehen zwar die Kunst, diesen Stein im Feuer zu schmelzen und das kostbare Glas daraus zu bereiten, was vor ihnen zu den Zeiten der ersten Pharaonen schon die Phönizier verstanden haben sollen, – aber da wird aus dem Steine nur eine veränderte Materie. Aber solchen Stein bloß durch den puren Willen gänzlich zu vernichten, dazu gehört eine göttliche Kraft, von der wir schwachen Menschen uns nie einen wahren und klaren Begriff werden zu machen imstande sein!“
GEJ|6|20|10|0|Sagte Ich: „Also – gut! Gebet nun alle wohl acht, daß Ich den Stein nicht anrühre, sondern bloß zu ihm sage: Werde zunichte, du altes Gericht!“
GEJ|6|20|11|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da war in demselben Augenblick von dem Steine keine Spur mehr vorhanden.
GEJ|6|20|12|0|Da schlugen alle die Hände über den Köpfen zusammen und schrien förmlich: „Ja, ja, das kann nur einer rein göttlichen Kraft möglich sein! So etwas ist noch nie erhört worden!“
GEJ|6|20|13|0|Sagte Ich: „So, wie nun dieser Stein bloß durch Meinen Willen aufgelöst wurde in seine Urelemente, ebenso könnte Ich es mit dem Tempel, mit allen Bergen, mit der Erde, mit Sonne und Mond und mit allen Sternen tun und sie auflösen in ihr ursprüngliches, förmliches Nichts, das heißt in pure Gedanken Gottes, die so lange auch keine Realität haben, bis sie nicht durch die Liebe und durch den allmächtigen Willen Gottes ihre reelle Form und Feste bekommen. Aber in Gott herrscht nicht das Prinzip des Zerstörens und Vernichtens, sondern in Seiner ewigen Ordnung steht die Erhaltung aller einmal erschaffenen Dinge, aber freilich nicht im beständigen Gerichte der Materie, sondern ungerichtet frei im Geiste und Leben, aus welchem Grunde auch keine Materie in dieser Gerichtswelt eine Beständigkeit hat und haben darf, sondern alles nur eine gewisse Zeit hindurch dauert, dann sich allmählich auflöst und nach der Ordnung ins Geistige, Beständige und Unvergängliche übergeht.
GEJ|6|20|14|0|Die Materie ist ein Grab des Gerichtes und des zeitweiligen Todes, und die toten Geister in diesen Gräbern müssen auch Meine Stimme hören und gehorchen Meinem Willen, wie ihr es nun erfahren habt. Und so wie dieser Stein nun plötzlich aufgelöst worden ist, dasselbe wird nach und nach mit der ganzen Erde geschehen, und es wird dann aus ihr hervorgehen eine neue, geistige und unvergängliche Erde voll Leben und Seligkeit für ihre geistigen Bewohner, und kein Gericht und kein Tod wird herrschen auf ihren himmlischen Gefilden; denn sie wird hervorgehen aus dem Leben aller, die aus ihr hervorgegangen und auf ihr geboren worden sind.“
GEJ|6|20|15|0|Ihr habt nun gesehen die Macht des göttlichen Willens in Mir, und Jerusalem und der Tempel hätten es lange verdient, daß Ich mit ihm das täte, was Ich nun mit dem Steine getan habe. Aber nein, er soll sein und walten bis zu seiner Zeit. Durch sein Walten wird er sich selbst zerstören, aber nicht also, wie Ich nun diesen Stein zerstört habe, der dadurch von seinem alten Gerichte nur in ein freieres, seelengeistig freies spezifikales Sein übergegangen ist, sondern wie sich ein Selbstmörder zerstört, dessen Seele dann dadurch in ein noch härteres Gericht und in einen vielfachen Tod übergeht. Darum lassen wir sie bis zu ihrer Vollmaßzeit, auf daß sie dereinst nicht sagen können: ,Ihr habt uns keine Kunde gegeben und habt uns dennoch zerstört!‘ – Begreifet ihr nun dieses Zeichen, das Ich nun vor euren Augen gewirket habe?“
GEJ|6|20|16|0|Sagten die Griechen: „Herr, das ist ein sehr vielsagendes Zeichen, das wir teilweise wohl begreifen, – aber es vom Grunde aus zu durchschauen, das ist nur Dir allein möglich; uns aber wird es vielleicht erst jenseits durch Deine Gnade möglich werden! Wahrlich, das war ein Zeichen höchst ernster Art und enthält in sich eine unendlich große Bedeutung, so klein es im Anfange auch aussah! – Aber da Du, o Herr, heute gerade schon so gut aufgelegt zu sein scheinst, so möchten wir Dich ja nicht etwa versuchsweise, sondern also nur freundlichst bitten, uns zu sagen, wie Du es denn machst, um so gewisserart aus nichts etwas ins Dasein zu rufen.“
GEJ|6|21|1|1|21. — Ein Weinwunder. Die Arbeit im Weinberge des Herrn
GEJ|6|21|1|0|Sagte Ich: „Ihr möchtet euch wohl so an Meinen Wunderzeichen ergötzen?! Aber sehet, Ich bin nicht wie irgendein Magier, der seine falschen Zeichen und Wunder zustande bringt, daß sich darüber die blinden und dummen Weltmenschen wundern und sich daran höchlich ergötzen, sondern Ich wirke Meine Zeichen nur dem Willen Dessen gemäß, der Mich als einen Menschen mit Fleisch und Blut in diese Welt gesandt hat und nun auch in Mir wohnt; und so Ich denn ein Zeichen wirke, so muß es zur tiefen inneren, geistigen Belehrung der Seele dienen und daneben aber zu allerlei Gutem dem Menschen frommen! Aber das von euch zwar in keiner unreinen Absicht gewünschte Zeichen hat hier keinen rechten Zweck, keinen Nutzen und kein Frommen, und es ist darum besser, so Ich es nicht wirke; denn das könnet ihr euch nun schon auch so vorstellen, daß bei Gott alle Dinge möglich sind.“
GEJ|6|21|2|0|Sagte derselbe Judgrieche: „Herr, Du mußt uns schon unsere noch große Blindheit vergeben, derzufolge allein wir es nur wagen konnten, Dich noch um ein Zeichen anzureden! O Herr, vergib uns unsere zu vorlaute Dreistigkeit!“
GEJ|6|21|3|0|Sagte Ich: „Nein, nein, Meine Freunde! Euer Verlangen war in der ganz natürlichen Ordnung; denn Der etwas ganz ins materielle Nichts befördern kann, Der muß auch das Gegenteil bewerkstelligen können! Also habt ihr es euch gedacht und genau also auch ausgesprochen, und das war ja gut und recht! Es wäre das nur dann nicht recht gewesen, wenn ihr anders gedacht und anders geredet hättet. Daß aber das verlangte Zeichen schnell auf das bereits gewirkte nicht völlig in der Ordnung gewesen wäre, das konntet ja ihr nicht wissen, sondern nur Ich allein! Und so habt ihr durch euren Wunsch durchaus keinen Fehler begangen, aber auch Ich nicht, daß Ich eurem Wunsche nicht sogleich nachgekommen bin. Aber da ihr nun von eurem Verlangen in euren Herzen völlig abgegangen seid und dennoch auch ohne ein Zeichen glaubet, daß Ich auch ein Gegenzeichen bewirken kann, so will Ich denn nun erst auch ein solches bewerkstelligen! – Sehet nach, ob ihr in euren Krügen noch Wein habet!“
GEJ|6|21|4|0|Sie sahen nach, und sieh, die Krüge waren leer.
GEJ|6|21|5|0|Da sagte der Sprecher: „Herr, sie sind alle leer!“
GEJ|6|21|6|0|Und Ich sagte: „Nun, so sollen sie alsogleich alle voll sein!“
GEJ|6|21|7|0|Und sieh, alle Krüge waren bis oben voll des besten Weines!
GEJ|6|21|8|0|Da staunten die Judgriechen und sagten: „Da sehet an die Wunderkraft des Herrn! Kaum das Wort ausgesprochen, und schon stehen die Krüge alle voll des köstlichst duftenden Weines! O möchten wir durch Deine Lebensworte doch auch so voll Deines Lichtes und Deiner Gnade werden! O Herr, habe Geduld mit unserer großen Schwäche!“
GEJ|6|21|9|0|Sagte Ich: „Das kann und darf Ich mit dem Menschen nicht also wie mit diesen Weinkrügen tun; denn das steht allein bei eurem Eifer und eurem eigenen freien Willen. Aber an Meiner Hilfe sollet ihr keinen Mangel haben. Soviel ihr selbst vermöget nach dem Maße eurer Kraft, soviel müsset ihr auch selbst tun; was darüber ist, das wird dann schon Meine Sache sein. Denn wahrlich, sage Ich euch: Um was ihr den Vater in Meinem Namen und in Meiner euch bekannten Ordnung bitten werdet, das wird euch auch gegeben werden in dem Maße, wie es euren Seelen frommen kann. Jetzt aber trinket, da es bereits wieder Abend geworden ist!“
GEJ|6|21|10|0|Die Judgriechen hoben nun die Krüge auf, dankten und sagten: „Auf ein allgemeines Gedeihen des großen Glückes, das wir gestern gefunden haben, für alle Juden und alle Völker der Erde! Dein Wort, Deine Lehre und Deine Gnade möge sie alle also durchdringen, wie unsere Eingeweide und Glieder dieser köstlichste, geistigste und süßeste, ganz frei und neu geschaffene Wein durchdringen und beleben wird! Herr, Dein Wille geschehe!“
GEJ|6|21|11|0|Hierauf sagten alle Amen, und Ich erhob Mich vom Sitze und sagte: „Das war ein wahrer und guter Wunsch; darum trinken wir alle von dieser Gottesgabe auf das sichere Gedeihen dieses Wunsches, und auch Ich sage dazu Mein Amen! Es wird zwar noch sehr viele Mühe und Arbeit geben; denn der Weingarten Gottes ist groß und hat jetzt noch wenig Reben. Darum heißt es graben und neue edle Reben setzen ohne Ruhe und Rast, damit der Weinberg voll edler und fruchtbarer Reben werde, dann wird die große Ernte uns den tausendfachen Lohn für unsere Mühe und Arbeit geben!
GEJ|6|21|12|0|Wir werden bei dieser Arbeit wahrlich viel Ungemach aller Art zu bestehen haben, wir werden noch auf das äußerste von groß und klein verfolgt, verachtet und verspottet werden; aber da wir wohl wissen, was wir haben, und was wir geben, so werden wir die blinde Bosheit der Welt auch leicht in aller Geduld, Demut und Sanftmut ertragen. Denn der Vater will es also, daß die Seinen in dieser Welt so recht bis auf das äußerste sollen zuvor gedemütigt werden, ehe sie erhoben werden zu der unvergänglichen Ehre, die ihnen ewig niemand mehr nehmen wird.
GEJ|6|21|13|0|Auch dieser Mein Fleischmensch wird davon nicht ausgenommen sein, wie Ich solches Meinen Jüngern schon zum voraus gesagt und gezeigt habe. Aber alles dessen ungeachtet werden wir den großen Zweck doch sicher erreichen und siegen über alles Gericht, Tod und Hölle. Und ist dieser Sieg erfochten, dann werden die lange versperrten Pforten der Himmel den neuen Kindern Gottes für ewig geöffnet werden, und der Sieg wird bleiben für immerdar.
GEJ|6|21|14|0|Wohl werden die Widersacher auch noch in allerlei Gestalt und Form fortwuchern, und es wird unter dem Weizen auch das Unkraut gedeihen, und im Weinberge werden sich Wildlinge ansetzen und fortwuchern, aber stets nur bis zu einer gewissen Zeit; dann werden sie aber ausgeschieden und ins Feuer des Gerichtes geworfen werden, wo es dann viel Heulens und Zähneklapperns geben wird.“
GEJ|6|21|15|0|Da fragten einige: „Herr, was wolltest Du denn damit sagen?“
GEJ|6|21|16|0|Ich aber sagte: „Wie Mosis reine Lehre mit der Zeit verunreinigt ward durch die Habsucht der Menschen und durch ihren Weltsinn, also wird es auch mit dieser Meiner reinsten Lehre gehen. Sie, die Weltmenschen, werden wieder Tempel bauen und werden sie zur Gewinnung von Geld und anderen irdischen Gütern benützen und werden dabei die Gewinnung Meines Reiches gar nicht achten. Sie werden einhergehen stolzer denn die größten Fürsten und Könige der Erde, in Gold und Edelsteine gehüllt. – Sehet, das wird sein das Unkraut unter dem Weizen und die Wildlinge in Meinem Weinberge!“
GEJ|6|22|1|1|22. — Die falschen Lehrer des Evangeliums
GEJ|6|22|1|0|Fragten die Jünger nun: „Herr, wie wird das möglich sein? Denn wir werden es geben, wie wir es empfangen haben, und die es von uns empfangen werden, die werden es nicht verunreinigen. Dazu wird Deine Gotteshilfe aus den Himmeln ja doch das meiste vermögen!“
GEJ|6|22|2|0|Sage Ich: „Das verstehet ihr jetzt noch nicht! Es gibt in der Erde, auf der Erde und in der Luft ungegorene böse Geister, die stets darauf ausgehen, sich des Menschen Fleisches zu bemächtigen. Sie sind notwendige Ausgeburten des alten Gerichtes der Erde, suchen ihresgleichen unter den Kindern dieser Welt und beschleichen ihre Sinne. Das tut den Kindern dieser Welt wohl, und sie folgen den geheimen Lockungen solcher Geister.
GEJ|6|22|3|0|Solche Kinder der Welt aber ergreifen dann alles, was irgend in der Welt Aufsehen macht. Da sie aber den wahren Geist nicht haben, weil sie eben Kinder dieser Welt sind, so richten sie sich das, wodurch sie viele irdische Güter zu gewinnen wähnen, nach ihrer geistigen Blindheit und nach ihrer Weltklugheit ein, alles mit äußerem Pomp und äußerer Würde und Majestät und verlocken dann viele, auch bessere Geister, zu sich.
GEJ|6|22|4|0|Und siehe, das ist dann schon eine große und grobe Verunreinigung einer noch so reinen Lehre! Und weil die reine Lehre nur höchst geringe irdische Vorteile bietet, sondern nur geistige, die unreine aber nebst den vorgeschützten geistigen Gütern hauptsächlich große irdische Vorteile ihren Bekennern in sichere Aussicht stellt, da könnet ihr es dann schon so halbwegs begreifen, wie da mit der Zeit eine Verunreinigung in die reinste Lehre kommen kann.
GEJ|6|22|5|0|Darum seid auf eurer Hut! Denn es werden mit der Zeit noch bei eurer irdischen Gegenwart viele falsche Propheten und Lehrer aufstehen und mit großem und keckem Geschrei sagen: ,Sehet, hier ist Christus (Wahrheit aus Gott) und dort ist Er!‘ und werden sogar nach Art der Essäer große Zeichen tun, mitunter derart, daß sie, so Ich es zuließe, sogar euch auserwählte erste Jünger berücken könnten. Aber höret sie ja nicht an, sondern strafet sie durch Meinen Namen ihrer Lüge wegen, und verweiset sie zur Demut und zur Annahme der Wahrheit aus Gott, so werdet ihr und eure rechten Jünger eines reinen Weges wandeln!
GEJ|6|22|6|0|Die Zeichen, an denen ihr sie ganz leicht erkennen werdet, aber sind Großsprecherei, große und grobe Anmaßung von göttlichen Kräften, die sie nie hatten und auf dieser Welt nie haben werden, dann großer Glanz, große Pracht, ein mystischer Pomp wie bei den Heiden und die möglich größte Herrschsucht, wie auch eine nimmer zu sättigende Gier nach den größten Schätzen und Gütern dieser Welt. An diesen doch so hübsch handgreiflichen Merkmalen werden sie hoffentlich eben nicht schwer zu erkennen sein.“
GEJ|6|22|7|0|Sagten alle samt den Jüngern: „Oh, da werden wir sie wohl erkennen, solange wir auf der Welt sein werden; dann aber mögen sie unsere Nachjünger selbst auf die gleiche Weise beurteilen und wohl erkennen, und Du wirst Deine wahren Jünger nicht verlassen!“
GEJ|6|22|8|0|Sagte Ich: „Ich werde im Geiste bleiben bei ihnen bis ans Ende dieser Welt! Für heute aber genügt es an Zeichen und Lehren.
GEJ|6|22|9|0|Von jetzt an werde Ich außer den Heilungen der Kranken keine anderen Zeichen wirken den ganzen Winter hindurch und keine Lehren geben; denn jetzt habt ihr an den bereits empfangenen zur Genüge. So ihr für euch irgend etwas nicht verstehet, so bin Ich bei euch. Ihr, Meine Jünger, aber unterweiset in dieser Zeit gelegentlich diese neuen Jünger!
GEJ|6|22|10|0|Morgen und die andern Tage bis zum Sabbat hin werden wir uns hier in diesem Hause ausruhen; aber am Sabbat werden wir gen Bethlehem gehen und dort mehrere Kranke heilen. Dann werden wir einige Tage bei unserem Wirte zubringen und dann auch bei Meinem Lazarus, und so wechselweise bis zum halben Winter. Dann besuchen wir den Kisjonah und kommen vor dem Osterfeste wieder hierher. Sodann erst werden wir mit vielen Begleitern und neuen Jüngern wieder nach Galiläa ziehen, allwo Ich wieder neu zu lehren und zu wirken anfangen werde.
GEJ|6|22|11|0|Jetzt aber bringet Lichter, und wir wollen bei Brot und Wein fröhlich sein und wollen auch an diesen Tischen sogleich die Nachtruhe nehmen!“
GEJ|6|22|12|0|Dieser Antrag war allen recht, niemand aber verspürte irgendeinen Schlaf, und so wurde nahe über die Mitternacht hinaus von allerlei gesprochen, was aber keinen öffentlichen Wert für die allgemeine Menschheit hat und haben kann; denn Ich Selbst habe oft mit Menschen, die Mir lieb waren, so manches besprochen und habe ihnen Rat in allerlei häuslichen Dingen gegeben, die natürlich nicht ins Evangelium gehören, was auch Meine Jünger taten, und was sie bei den Menschen oft sehr angesehen und beliebt machte. Denn auch das ist Nächstenliebe, daß man den bedrängten und unkundigen Menschen in allerlei guten und nützlichen Dingen mit gutem Rate beisteht.
GEJ|6|22|13|0|Am Morgen waren wir schon eine halbe Stunde vor dem Aufgange auf den Füßen. Es ward bald ein kleines Morgenmahl eingenommen, und nach demselben ward ins Freie gegangen und da über verschiedenes gesprochen. Und so ging es bis zum Sabbat.
GEJ|6|22|14|0|Wir besuchten auch mehrere Nachbarn des Lazarus, die eine große Freude hatten, Mich zu sehen und zu sprechen; aber unter diesen Nachbarn fanden wir auch nicht einen, der da ein Freund des Tempels gewesen wäre.
GEJ|6|22|15|0|Die zwanzig Judgriechen wurden aber nicht erkannt, obwohl sie viel von des Tempels Umtrieben sprachen und sich dadurch bei den Nachbarn sehr beliebt machten.
GEJ|6|23|1|1|23. — Der Herr und die Seinen in Bethlehem. Heilung und Versorgung vieler Kranker
GEJ|6|23|1|0|Am Sabbat frühmorgens aber brachen wir auf und zogen nach Bethlehem. Es war dort ein Fest, und da gab es eine große Menge armer, bresthafter und mit allerlei Übeln behafteter Menschen, die außerhalb der Tore der Stadt umherlagen und um ein Almosen baten.
GEJ|6|23|2|0|Da sprach Lazarus, der mit uns gezogen war: „Herr, da sieh hin, diese Menge Armer! Und wie elend diese Menschen doch aussehen!“
GEJ|6|23|3|0|Da sagte Ich: „Da sind viele darunter, die von den Pharisäern in dieses Elend und in diese Armut gestürzt wurden; dafür aber dürfen sie nun betteln. Strafen, Traurigkeit, Ärger und heimlicher Zorn und Grimm haben sie endlich auch zu solchen Krüppeln gemacht. Ich aber bin eben darum nun hierher gekommen, um ihnen leiblich zu helfen, damit sie sich in der Folge doch ihr Brot mit ihren Händen verdienen können.“
GEJ|6|23|4|0|Da baten uns einige um ein Almosen.
GEJ|6|23|5|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Möchtet ihr euch nicht lieber mit euren Händen euer Brot verdienen, als hier so elend betteln?“
GEJ|6|23|6|0|Da sagten alle: „O Herr, wer du auch sein magst, um tausend Male lieber, so wir, wie einst, gesund wären! Aber da sieh unsere Füße und Hände an, und urteile selbst, ob wir möglicherweise einer Arbeit fähig sind!“
GEJ|6|23|7|0|Sagte Ich: „Ja, das sehe Ich wohl; Ich wollte aber damit nur fragen, ob ihr nicht lieber vollkommen gesund werden möchtet und dann lieber arbeiten, denn hier so elend betteln!“
GEJ|6|23|8|0|Da sagten alle: „O Mensch, wenn das möglich wäre, da stünden wir sogleich auf und zögen von dannen und suchten uns Arbeit und Brot!“
GEJ|6|23|9|0|Sagte Ich: „Aber wisset, es ist heute Sabbat, und da wird es etwa wohl nicht so recht geziemend sein, euch von euren vielen alten Übeln zu heilen!“
GEJ|6|23|10|0|Sagten die Armen: „Herr, wir sind gut unterrichtete Juden, – aber wir wissen nichts davon, daß Moses noch irgendein Prophet es je verboten hätten, am Sabbat ein gutes Werk zu tun! Wenn man am Sabbat sogar einem kranken Tiere beistehen darf, ohne dadurch den Sabbat entheiligt zu haben, warum sollte man denn da einem Menschen nicht helfen dürfen, so ihm noch zu helfen ist?! Und warum rennen die Pharisäer, wenn sie zugleich Ärzte sind, auch an den Sabbaten zu den reichen Kranken?! Die sollten doch zunächst wissen, ob sie dadurch den Sabbat entheiligen oder nicht!“
GEJ|6|23|11|0|Da sagte Ich zu ihnen: „Eure Antwort ist ganz gut, und nun will Ich und sage: Werdet alle völlig gesund!“
GEJ|6|23|12|0|Da erblickten sie ihre verkrüppelten Glieder wieder ganz gerade und gesund, und einer darunter, dem seine rechte Hand vom Ellbogen an fehlte, bekam auch diese Hand wieder. Das war den Geheilten denn doch etwas zu wunderbar stark. Es fragte darum einer, wer Ich denn sei, daß Mein Wort solches vermöge, was keines Arztes Kunst mehr vermöchte.
GEJ|6|23|13|0|Da sagte Ich: „Das werdet ihr schon noch einmal erfahren, – für jetzt aber erhebet euch, und gehet und suchet Arbeit und Brot!“
GEJ|6|23|14|0|Da sagte Lazarus zu ihnen: „Wenn ihr sonst keine Arbeit findet, da ziehet nur nach Bethanien hin; der Herr des großen Gutes hat Arbeit für Hunderte!“
GEJ|6|23|15|0|Da erhoben sich alle, dankten und zogen hin.
GEJ|6|23|16|0|Dasselbe Zeichen der Heilung wurde noch an den andern sechs Toren der Stadt ausgeübt; denn die alte Stadt Davids hatte sieben Tore, davon drei große und vier kleine. Beim letzten großen Tore aber wurden wir von drei vorüberziehenden Pharisäern angehalten und beanstandet, daß sich solches nicht zu tun gezieme an einem Sabbat.
GEJ|6|23|17|0|Aber die Geheilten erhoben sich schnell und sagten zu ihnen mit sehr drohender Miene: „Zehn Jahre hindurch lagerten wir Elenden vor den Toren, und noch nie hat einer von euch uns gefragt, was uns fehle, und noch weniger hat uns je einer von euch ein Almosen gegeben, – und ihr wollt nun diesen wahren Wunderheiland beanstanden darum, daß er uns unsere geraden und sogar teilweise fehlenden Glieder wiedergab?!
GEJ|6|23|18|0|Hat denn Moses nicht sogar geboten, auch am Sabbat sogar einem kranken Vieh Hilfe zu leisten?! Um wieviel mehr wird es dann erst geboten sein, am Sabbat einem leidenden Menschen zu helfen?! Jetzt seht, daß ihr weiterkommt – sonst werden wir euch den Moses besser verstehen und begreifen lehren!“
GEJ|6|23|19|0|Hier sahen die drei, daß es eben nicht sehr rätlich wäre, mit den Geheilten sich in einen weiteren Wortwechsel einzulassen, und sie machten sich schnell davon. Die Geheilten aber dankten und entfernten sich dann schnell auch nach Bethanien hin, nachdem sie Lazarus zuvor beteilt hatte. Und so bekam Lazarus, dem es bei seinen sehr ausgedehnten Besitzungen schon lange an Arbeitern fehlte, auch bei hundertzwanzig Arbeiter, die er alle gar gut verwenden konnte, und mit denen er nicht in der Gefahr war, daß sie ihm, wie es schon oft der Fall war, von den Templern abgelockt werden möchten.
GEJ|6|23|20|0|Wir entfernten uns aber auch schnell und zogen in einen andern Ort, der von Bethlehem bei zwei Stunden entfernt lag und zumeist von Griechen und Römern bewohnt war. Wir suchten uns da eine gute Herberge und traten ein.
GEJ|6|24|1|1|24. — Die Heilungen des Herrn in einem Orte bei Bethlehem
GEJ|6|24|1|0|Der Hauswirt, ein biederer Römer, der auch recht gut hebräisch sprach, sagte: „Ja, meine lieben Gäste, euer zahlreicher Besuch freut mich gewiß sehr, aber es ist in dieser, meiner großen und mit allem reichlichst versehenen Herberge ein wahres MALUM OMEN [schlechtes Zeichen, im Sinne von Mißgeschick] eingetreten. Es liegen nämlich mein braves und in der Küchenwirtschaft sehr bewandertes Weib und auch meine zwei ältesten ebenso brauchbaren Töchter schon acht Tage hindurch an einem bösen Fieber danieder. Weder griechische noch jüdische Ärzte können ihnen helfen, und so sieht es nun in meiner Küche sehr schlimm aus. Brot und Wein habe ich wohl, aber mit anderen Speisen sieht es nun sogar für mich selbst sehr mager aus!“
GEJ|6|24|2|0|Sagte Lazarus, der den Wirt seit langem kannte: „Mache dir aus diesem deinem Hausübel nichts daraus; deinem Hause ist nun ein Großheil widerfahren! Siehe, der große Wunderheiland ist hier unter uns, von dem du aus Galiläa durch Reisende vieles wirst erfahren haben! Den bitte, und mit deinen Kranken wird's auf der Stelle besser sein!“
GEJ|6|24|3|0|Fragte der Wirt: „Welcher ist es? Ich habe Unaussprechliches von ihm schon mehrere Male vernommen!“
GEJ|6|24|4|0|Lazarus sagte: „Dieser da fest an meiner Seite ist es!“
GEJ|6|24|5|0|Als der Wirt solches von Lazarus vernahm, da fiel er förmlich vor Mir nieder und bat Mich, seinen drei Kranken zu helfen; denn er glaubte fest, was ihm Lazarus anzeigte.
GEJ|6|24|6|0|Ich aber sagte zu ihm: „Stehe auf und gehe hin; denn mit deinen Kranken geht es schon völlig besser, und sie mögen uns nur ein gutes Mahl bereiten!“
GEJ|6|24|7|0|Da erhob sich der Wirt eilig und eilte zu den Kranken, und diese sagten zu ihm ganz heiter: „Siehe, wir sind plötzlich so gesund geworden, daß wir eigentlich noch nie gesünder waren! So du willst, so stehen wir auf und besorgen die Küche!“
GEJ|6|24|8|0|Sagte der Wirt: „Tut das; denn ich weiß es, daß ihr völlig gesund seid! Das Weitere werdet ihr erfahren!“
GEJ|6|24|9|0|Die Weiber aber fragten dennoch den Wirt, daß er ihnen nur kurz sage, wer der große Wohltäter wäre, daß sie zu ihm gingen und ihm zum voraus den schuldigsten Dank abstatteten.
GEJ|6|24|10|0|Der Wirt aber sagte, er sei mit etlichen fünfzig Gästen angekommen, und sie alle möchten vor allem ein gutes Mittagsmahl. Es sei nahezu die fünfte Stunde nach dem Mittage, und er könne ihnen nichts geben denn Brot, Wein und Salz. Daher sollten sie ihre Dankbarkeit an den großen Wohltäter vor allem in der Küche ausrichten, für das andere wäre auch nach dem Mahle noch Zeit zur Genüge.
GEJ|6|24|11|0|Diese Rede wirkte, und die Köchinnen waren in Windesschnelle in der Küche, und die vielen Dienstleute mußten sich gleich nach allen Ecken hin tummeln und den dreien beim Abkochen nach allen Kräften behilflich sein. Darauf kam der Wirt ganz frohen Mutes in das große Gastzimmer und dankte Mir mit Tränen in den Augen für diese ihm erwiesene große Gnade, wie er sich ausdrückte.
GEJ|6|24|12|0|Ich aber sagte zu ihm: „Mache kein Aufhebens davon; dir ist geholfen, und eines Weiteren bedarf es nicht!“
GEJ|6|24|13|0|Sagte der Wirt: „O Meister und Freund, da bedarf es noch sehr eines Weiteren! Erstens bin ich dein offenbarster großer Schuldner, und zweitens muß ich nun offen bekennen, daß ich dich für mehr halte denn für einen puren Menschen! Und da wäre es wohl sehr in der guten Ordnung, solch einem wahrsten Gottmenschen ein Opfer zu bringen!“
GEJ|6|24|14|0|Sagte Ich: „Lasse das alles gut sein! Ich bin jetzt nur ein Mensch wie ein anderer mit Fleisch und Blut; ein Weiteres wirst du schon noch früh genug erfahren! Jetzt aber sei heiter und fröhlich, so wie wir alle es sind!“
GEJ|6|24|15|0|Das freute den Wirt sehr, und er nahm Krüge und brachte uns gleich den allerbesten Wein aus seinem Keller, den er sonst nur den höchsten Römern, wenn sie diese Gegend bereisten – was eben an dieser Hauptheeresstraße nichts Seltenes war –, vorzusetzen pflegte.
GEJ|6|24|16|0|Unser Judas griff gleich nach einem Kruge und leerte ihn mit starken Zügen nahe bis auf den Boden. Das bemerkten die andern Jünger und fragten ihn, wem denn unter ihnen der Vorrang gebühre, den ersten Trunk von dem besten Weine des Wirtes zu machen.
GEJ|6|24|17|0|Da erwiderte er (Judas Ischariot): „Es hat mich sehr gedürstet, und der Vorwein war mir zu gering; so es aber nicht recht ist, so wird es mir schon Der verweisen, und ihr habt mir nichts darum vorzuwerfen!“
GEJ|6|24|18|0|Ich aber sah Mich um und sagte zu den Jüngern: „Lasset ihn; denn den zu bessern, hieße mit aller Gewalt einen Mohren weiß waschen!“
GEJ|6|24|19|0|Als Judas solches vernahm, da schämte er sich, ging hinaus und verlief sich irgendwohin, so daß wir ihn dann drei Tage lang nicht zu Gesichte bekamen. Er suchte sich aber eine andere Herberge aus, in der er um sein Geld zehrte; denn er wußte sich auf den Reisen heimlich immer irgend ein Geld zu verdienen.
GEJ|6|24|20|0|Es waren aber alle froh, daß er sich entfernt hatte, und wir brachten bei dem Wirte unter guter Bewirtung noch volle acht Tage zu, und Ich heilte in diesem Orte noch mehrere Kranke.
GEJ|6|24|21|0|Als aber bald nachher der Zudrang von Menschen zu stark wurde, da machten wir uns frühmorgens auf den Weg und zogen in eine andere Gegend, wo wir desgleichen wieder gut aufgenommen wurden und die Kranken heilten. Da mußten auch, mit Ausnahme des Judas, die Jünger den Kranken die Hände auflegen, und es ward besser mit allen, denen die Jünger die Hände auflegten. Ich Selbst aber tat da wenig Zeichen, sondern unterhielt Mich mit dem noch immer mit uns ziehenden Lazarus und mit dem andern Wirte.
GEJ|6|24|22|0|Mittlerweile kamen wir wieder nach Bethanien zu Lazarus und zu unserem Wirte. Und beide, obwohl sie bei vier Wochen lang mit Mir umhergezogen, fanden zu Hause alles in der schönsten Ordnung. Bei dem Wirte brachten wir wieder bei acht Tage zu, und darauf wieder beim Lazarus, der eine große Freude hatte an seinen zu Bethlehem aufgenommenen Arbeitern, denen in seinem Dienste nichts abging.
GEJ|6|24|23|0|Als Mich die Geheilten ersahen, fielen sie vor Dank förmlich vor Mir auf die Knie nieder und wollten Mich ordentlich anbeten; denn sie hätten es schon durch Martha und Maria erfahren, wer Ich so ganz eigentlich wäre.
GEJ|6|24|24|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Schweiget vorderhand! Es wird jüngst schon noch eine Zeit kommen, wo auch ihr werdet reden können!“
GEJ|6|24|25|0|Da erhoben sie sich bald, versprachen zu schweigen und gingen sofort an ihre ihnen zugewiesenen Arbeiten.
GEJ|6|25|1|1|25. — Die Reise des Herrn zu Kisjonah
GEJ|6|25|1|0|Wohl aber hatte uns die Martha erzählt, wie schon unter der Zeit mehrere Templer zu ihr gekommen wären und sich sehr angelegentlich erkundigt hätten, wo denn Lazarus hingereist sei, und woher nun auf einmal die vielen braven Arbeiter gekommen seien. Da habe sie ihnen erwidert, Lazarus, der Bruder, sei wichtiger Geschäfte halber vielleicht gar nach Ägypten verreist und habe bald nach seiner Abreise irgendwo diese notwendigen Arbeiter gedungen und sie nach Bethania gesandt.
GEJ|6|25|2|0|Ein Pharisäer aber habe sie gefragt und gesagt: „Kannst du uns nicht zwanzig dieser Arbeiter überlassen?“
GEJ|6|25|3|0|Martha aber sagte: „Redet selbst mit ihnen, – denn ich weiß gar nicht, ob sie Juden, Griechen oder Römer sind; denn sie reden untereinander allerlei Zungen!“
GEJ|6|25|4|0|Da ging der Pharisäer bald hinaus und fing mit einigen der Arbeiter zu unterhandeln an. Aber diese schienen ihn zu kennen und sagten, daß sie erstens nicht mehr Juden seien, und so sie es wären, da dürfte er versichert sein, daß sie keinem Pharisäer mehr dienen würden.
GEJ|6|25|5|0|Da seien die Templer heimgezogen, und es wäre seit der Zeit noch keiner wieder in Bethanien gewesen; sie würden wahrscheinlich des Bruders Rückkunft abwarten.
GEJ|6|25|6|0|Da fragte Mich Lazarus, was da in dem Falle zu machen wäre.
GEJ|6|25|7|0|Und Ich sagte zu ihm: „Tue, was deine Schwester tat! Sie werden mit den Arbeitern nichts ausrichten, und dir können sie darum keine Schuld geben.“
GEJ|6|25|8|0|Und so war es auch gut, und Lazarus hatte dann mehr Ruhe in seinem Haushalte.
GEJ|6|25|9|0|Wir aber blieben, da es schon ziemlich winterlich geworden war und Ich wenige Kranke mehr zu heilen hatte, wie gesagt, nun so bis Mitte Winter noch wechselweise bald bei Lazarus und bald wieder bei unserem Wirte, in welcher Zeit die neuen Jünger von den alten Jüngern die ganze neue Lehre mit vieler Liebe und festem Glauben annahmen und sogar die neue Taufe verlangten.
GEJ|6|25|10|0|Aber Ich sagte zu ihnen: „Es genügt vorderhand, daß ihr die Taufe der Wahrheit angenommen habt; wenn aber, so ihr bei der Lehre verbleibet und nach derselben lebet und handelt, die wahre, lebendige Taufe über euch kommen wird, da werdet ihr auch die Taufe des Johannes nehmen können. Es wird aber jüngst eine Zeit kommen, in der viele eher die wahre Lebensfeuertaufe des Heiligen Geistes erhalten werden denn die Taufe mit dem Wasser.“
GEJ|6|25|11|0|Damit waren die neuen Jünger ganz zufrieden.
GEJ|6|25|12|0|Um die bestimmte Zeit an einem Montage aber verließen wir mit Segen Bethanien und unseren Wirt und zogen ganz wohlgemut hinauf gegen das Galiläische Meer. Allda trafen wir ein gutes Schiff und dingten es nach Kis. Da es aber schon Abend war, so getrauten sich die Schiffer nicht, in der Nacht über das Meer zu fahren, da sie vorgaben, daß um diese Zeit gen Mitternacht hin das Meer sehr stürmisch werde.
GEJ|6|25|13|0|Aber die Jünger sagten: „Ihr seid doch aus Genezareth – und kennet die Macht des Herrn Jesus aus Nazareth nicht?“
GEJ|6|25|14|0|Sagten die Schiffer: „Was? Jesus aus Nazareth ist hier?“
GEJ|6|25|15|0|Und Ich sagte: „Ja, Ich bin es!“
GEJ|6|25|16|0|Da sagten die Schiffer: „Ja, wenn Du es bist, dann mögen die Wogen zu den Wolken hinansteigen, so fahren wir noch! Besteiget nur das geräumige Schiff; denn es hat guten und sicheren Raum für zweihundert Menschen!“
GEJ|6|25|17|0|Wir bestiegen nun das Schiff und fuhren bei einem guten Wind ab, und obwohl gegen Kis hin die Wogen hochgingen, so achteten ihrer die Schiffer doch nicht, und wir erreichten bei mäßigem Mondlichte dennoch ganz gut die ruhige Bucht von Kis.
GEJ|6|25|18|0|Als wir in den Hafen des Kisjonah einliefen, da waren sofort seine Diener und Zöllner bei der Hand und befragten uns emsig und amtlich, was uns hierher gebracht hätte, was wir hier machten und wohin unsere Reise ginge, und ob wir mautbar seien.
GEJ|6|25|19|0|Ich aber sagte: „Heißet Mir den Kisjonah her, und dann werdet ihr es gleich erfahren, was wir hier zu machen haben!“
GEJ|6|25|20|0|Sogleich wurde Kisjonah geholt.
GEJ|6|25|21|0|Er kam alsbald, mit Fackeln beleuchtet, ans Ufer, und als er Meiner ansichtig ward, da schrie er völlig vor Freuden (Kisjonah): „O Herr, wie würdigest du mich sündigen Menschen, noch in so später Nacht zu mir zu kommen?! Oh, so sei mir mit allen, die mit Dir sind, tausendmal willkommen! Kommet alle herein in mein großes Haus, auch ihr Schiffer; denn heute werdet ihr nicht weiterfahren! Ich will euch mit allem und dem Besten bedienen! Oh, diese höchste Freude, die mir nun so unerwartet zuteil ward, ist geradezu unbeschreiblich! O kommet, kommet, kommet!“
GEJ|6|25|22|0|Wir stiegen rasch aus dem Schiffe ans Ufer und gingen sogleich in Kisjonahs Haus, in dessen großem Zimmer es recht warm war, da es durch vier gute Kamine, in denen ein reges Feuer loderte, ganz wohl erwärmt war. Das ganze Haus ward gleich in eine volle Tätigkeit versetzt, und ehe eine halbe Stunde verging, waren schon eine Menge bestbereiteter Edelfische auf den Tischen und des Brotes und des Weines bester Sorte in Hülle und Fülle, was uns allen sehr gut zustatten kam; denn wir hatten von Lazarus' Hause an seit frühmorgens nichts gegessen und getrunken.
GEJ|6|25|23|0|Ich Selbst fühlte nach einer so langen Reise das Bedürfnis nach einer Leibesstärkung auf einem natürlichen Wege, und um so mehr die Jünger, und diese ward uns hier im reichsten Maße zuteil. Wir aßen und tranken ganz wohlgemut, und nahe die ganze Nacht wurde viel erzählt von unseren Reisen und Begebenheiten, was alles den Kisjonah und seine Familie im höchsten Grade interessierte, und worüber er sein Lob und seine Verwunderung nicht genug aussprechen konnte. Nur bedauerte er, daß Maria, die nahezu den ganzen Sommer bei ihm zugebracht hatte, nun auf einige Tage nach Nazareth verreist sei, aber bald wieder zurückkehren werde. Sie habe aber dennoch vieles gehört von Meinen Reisen und Taten und könne nicht begreifen, wie sie von Gott einer solchen Gnade wert sei. Sie wisse wohl um alle die wunderbaren Vorgänge; aber daß denen das folgen würde, davon konnte sie sich vorher keine so recht klare Vorstellung machen.
GEJ|6|25|24|0|Und so erzählte uns Kisjonah noch so manches aus dem Leben und Verhalten Mariens in Meiner Abwesenheit, wie auch von den zwei Söhnen Josephs, nämlich von Joel und Joses, die daheimblieben und das Werk Josephs fortführten. Allein solches alles hier wiederzugeben, wäre nutzlos, und so sei es unterlassen.
GEJ|6|25|25|0|Wir gingen auch in dieser Nacht in kein eigentliches Ruhebett, sondern blieben auf den weichen Kanapees sitzen und ruhten uns im warmen Gemache ganz wohl aus, und das um so mehr, da wir unserer Ruhe über die Morgenstunde pflegten. Wir nahmen darum auch kein Morgenmahl zu uns; dafür aber war das Mittagsmahl desto ergiebiger, zu dem auch unser bekannter Philopold aus Kane an der Grenze Samarias geladen ward und noch einige andere Freunde von Mir und von Kisjonah.
GEJ|6|25|26|0|Nun, auch das ist alles Nebensache; aber weil dabei eine Haupterörterung über Gottes Geisturwesen im Gegensatze zu aller Kreatur, über Zeit und Raum, Unendlichkeit und Ewigkeit, über Gottes Dasein und Sein und über das Dasein und Sein aller Kreatur in Zeit und Raum, von Philopold angeregt, von Mir ganz klar erfolgte, die bis in die späte Nacht dauerte und sogestaltig das Mittags- und Abendmahl vereinte, so kann diese Erörterung hier wohl angeschlossen werden, weil sie jedem Denker einen vollkommenen Aufschluß über das materielle und geistige Sein des Menschen und über das reinst-geistige Ursein Gottes gibt und geben muß.
GEJ|6|26|1|1|26. — Philopolds philosophische Fragen
GEJ|6|26|1|0|Unser Philopold, der Mich auch mit Kisjonah beim alten Markus besuchte, hatte zwar über diesen Gegenstand gar manches und vieles vernommen und glaubte auch, daß es also sich verhalte; aber er war einmal ein Weltweiser, zwar bester und reinster Art, und begnügte sich darum nicht mit dem puren Glauben allein, sondern er wollte das auch wie einen mathematischen Grundsatz erwiesen haben.
GEJ|6|26|2|0|Er legte darum seine Erkenntnismängel an den Tag und sagte gleich nach dem Mittagsmahle (Philopold): „Herr, alles, was ich erfahren, gesehen und gehört habe, glaube ich fest; aber gründlich einzusehen und zu begreifen vermag ich bei aller Schärfe meiner Denkkraft das wenigste, und das beklemmt oft gar sehr meine Seele! Ich habe mir daher fest vorgenommen, mit Dir Selbst bei einer glücklichen Zusammenkunft, die soeben erfolgt ist, darüber näher zu reden, und so es Dir eben nicht unangenehm wäre, da möchte ich mich eben jetzt von Dir näher und begreiflicher belehren lassen.“
GEJ|6|26|3|0|Sagte Ich: „Ich habe euch wohl allen verheißen, jüngst Meinen Geist zu senden und ihn über euch auszugießen, der euch dann in alle Wahrheit und Weisheit leiten wird, und sagte auch, daß ihr euch bis dahin gedulden sollet; aber einem redlichen Bestreben wie dem deinigen will Ich auch also mit Meinem Munde helfen, und das jetzt in dieser Winterszeit um so eher, da Ich sie der Winterruhe wegen versprochenermaßen ohnehin bis nahe gegen die Osterfeste allhier zubringen will und werde, und so kannst du deine Zweifel schon auftischen, und was sich heute nicht alles erörtern lassen wird, dafür werden wir schon der Zeit in Menge finden. Nach beendetem Mahle, da wir ohnehin wieder am Tische sitzen bleiben, kannst du dein Anliegen schon anbringen.
GEJ|6|26|4|0|Morgen, so Meine Jünger es selbst wollen, können sie auf einige Tage zu ihren Familien heimkehren; die aber keine Familie haben, die bleiben hier, vor allem Johannes und Matthäus, denn die haben hier noch manches ins reine zu schreiben.“
GEJ|6|26|5|0|Hier fragte auch Judas, ob er auch gehen oder bleiben solle.
GEJ|6|26|6|0|Sagte Ich: „Du hast ja den größten Besitz unter allen Jüngern, hast Weib und Kinder und mehrere Diener; daher hast du auch am nötigsten, nach Hause zu gehen, und kannst erst gegen Ostern, so du willst, wiederkehren!“
GEJ|6|26|7|0|Mit diesem Bescheide war zwar Judas nicht gar absonderlich zufrieden; da ihn aber niemand bleiben hieß, so fügte er sich des andern Tages dennoch Meinem Ausspruche. Die andern Jünger gingen zwar auch, aber sie kamen alle in etlichen Tagen wieder und blieben dann mit wenigen Unterbrechungen bei Mir.
GEJ|6|26|8|0|Kisjonah brachte nach der Mahlzeit noch einen Extrawein, den er ,Noahs Liebling‘ nannte, und kredenzte ihn herum. Der begeisterte den Philopold sehr, und er fing mit seinen Skrupeln bald an auszupacken, – aber alles in der besten und bescheidensten Ordnung.
GEJ|6|26|9|0|Was sagte er denn eigentlich, und um was fragte er? Hier folgte eine Frage um die andere!
GEJ|6|26|10|0|„Herr“, sagte er (Philopold), „wenn ich nach Deinen Lehren beim alten Markus so recht nachdenke, so sind Zeit und Raum wie hier auf Erden durch gewisse Perioden und Fakta und in den Formen, die im Raume vorkommen, begrenzt und meßbar; aber an und für sich sind sie ewig und unendlich, was im Grunde ein und dasselbe ist.
GEJ|6|26|11|0|So aber Zeit und Raum das sind, so verstehe ich die Schriften der alten Gottesgelehrten und Weisen durchaus nicht, die da fest behaupten und sagen: Gott als das Ursein alles Seins und Daseins befinde sich außer Zeit und außer Raum.
GEJ|6|26|12|0|Wie ist das möglich bei einer ewigen Zeitendauer, die ohne Anfang und Ende ist, und bei der Existenz eines unendlichen Raumes, der auch nirgends einen Anfang und nirgends ein Ende hat?
GEJ|6|26|13|0|Wenn demnach aber Gott für sich gänzlich außer Zeit und Raum besteht, so kann sich selbst die reinste menschliche Vernunft unmöglich von Gott einen anderen Begriff machen als: Entweder gibt es gar keinen Gott, weil es außer der ewigen Zeit und außer dem ewig-unendlichen Raume unmöglich etwas geben kann, oder Gott besteht so wie wir alle in der Zeit und im Raume, und die alten Gottesweisen haben mit ihren Definitionen den größten Wahnsinn niedergeschrieben.
GEJ|6|26|14|0|Zu dieser meiner Behauptung dienst mir sogar nun Du; denn, daß in Dir eine Fülle der Gottheit wohnt, das kann niemand leugnen, der Dich reden gehört und wirken gesehen hat. Welcher Gottesweise aber kann nun von Dir behaupten, daß Du nicht mit uns in Zeit und Raum seiest?!
GEJ|6|26|15|0|Und behauptet er das, so bist Du Selbst damit vollkommen entgöttlicht! Du bist dann kein Gott mehr, sondern nur ein höchst seltener Mensch, der durch Geburt, Genius, außergewöhnliches Talent, Übung in der Festung des Willens und am Ende auch durch Erlernung von allerlei geheimen Künsten und Wissenschaften es dahin gebracht hat, daß Dich notwendig die Menschen von echtem Schrot und Korn für einen Gott ansehen müssen.
GEJ|6|26|16|0|Aber Deine Eigenschaften, besonders in Deinem Wirken, sind dennoch von einer solchen Art, daß man zu ihrem Besitze nahe unmöglich durch obige Voraussetzungen gelangen kann. Und somit möchte ich denn nun aus Deinem Munde vernehmen, was da Rechtens ist.“
GEJ|6|27|1|1|27. — Die Reifeentwicklung des Menschen
GEJ|6|27|1|0|Sagte Ich: „Du hast deine Frage gut und die Sache ganz richtig und wahr gestellt, insoweit ein fein denkender Mensch so etwas nur immer stellen kann; aber dennoch sage Ich dir, daß die alten Weisen ebenso und noch mehr recht haben denn du!
GEJ|6|27|2|0|Glaubst denn du nicht, daß man in Zeit und Raum und auch zugleich ohne Zeit und Raum sein und ganz vollkommenst bestehen kann?“
GEJ|6|27|3|0|Sagt Philopold: „Ja, glauben kann man das schon, besonders so man es aus Deinem Munde vernimmt! Aber ich habe das ja schon gleich beim Eingange meiner Vorfrage und Bitte gesagt, daß alles von Dir Gesagte und auch Gezeigte bei mir gar keinen Anstand findet; es handelt sich hier pur ums Begreifen. Denn ein purer, sogenannter frommer Glaube kommt mir wie eine Verhöhnung aller menschlichen Vernunft, alles Verstandes und alles Denkens vor, die doch auch sicher von Gott dem Menschen gegeben wurden als ein geistiges Licht, durch das allein er sich, alle die Dinge außer sich und endlich sogar Gott erkennen kann.
GEJ|6|27|4|0|Und so bin ich der ganz festen Meinung, daß es einem reellen Menschen nicht genügen soll, bloß nur blindhin zu glauben, was ihm irgendein Weiser oder sonstiger außerordentlich befähigter und faktisch in allen Sphären und Dingen wohlkundiger Mensch gesagt hat, sondern er soll dabei auch, und zwar am allermeisten, um ein rechtes Verständnis des in seinen Glauben Aufgenommenen sich emsigst erkundigen.“
GEJ|6|27|5|0|Sage Ich: „Da hast du wieder ganz vollkommen recht; nur hat es dabei noch so manchen Haken, der da auch sehr in die volle Berücksichtigung zu ziehen ist!
GEJ|6|27|6|0|Siehe, zu allem in dieser Welt und sogar auch in der Geisterwelt gehört eine gewisse Reife und zu der Reife eine gewisse Zeit!
GEJ|6|27|7|0|Sieh dir einen Apfelbaum oder eine Rebe im Winter an! Wo ist da die reife, süße Frucht?! Aber es kommt dann das Frühjahr, – das Licht und die Wärme der Sonne werden ergiebiger, die Knospen werden voller und saftiger, darauf merkst du bald zarte Triebe und endlich Blätter und Blüten. Nach kurzer Zeit fallen die Blüten als weiterhin zur Erreichung des höheren Zweckes gar nicht mehr nötig ab, und du kannst bald darauf den Ansatz der werdenden Frucht schon bemerken.
GEJ|6|27|8|0|,Was ist denn das für ein Vergleich?!‘, fragst du nun in dir. Siehe, Knospen, ihr Saftigerwerden, ihre ersten Triebe, Blätter, Blüten und die ersten Fruchtansätze entsprechen alle dem kindlichen, frommen Glauben des Menschen; aber von einer Reife kann da noch keine Rede sein. Denn Gott ist die höchste Ordnung Selbst, und was da irgend in aller Welt geschieht, das muß seine Zeit haben, welche da entspricht der göttlichen Ordnung.
GEJ|6|27|9|0|Das Kind lallt zuerst; aus dem Lallen kommt nach und nach die Sprache. Ist die Sprache etwas gebildeter, so fängt man an, dem Kinde etwas vorzusagen, und es merkt sich bald die kurzen Sprüche. Und was man ihm ferner sagt, das glaubt es nahezu unbedingt; es fragt noch um kein Wie und Warum. Auf der Basis des frommen Glaubens erlernt es dann bis zum Schlusse des Jünglingsalters eine Menge und fängt in diesem Alter schon oft recht scharf zu denken an und den Grund von so manchem Gelernten und Innegehabten zu suchen; aber es hat noch zuwenig der vollen inneren Lebenswärme in sich und gleicht da völlig dem ersten Fruchtansatze.
GEJ|6|27|10|0|Wenn aber dann im vollen Sommer die volle Kraft des Lichtes und der Wärme aus der Sonne kommt, so kommt auch der erste Fruchtansatz zur innerem, allbelebenden Wärme. Diese dehnt dann die junge Frucht stets mehr und mehr aus und verkocht die in die neue Frucht strömenden Säfte. Dadurch wird die Frucht größer und voller der stets reineren Säfte. Da kann dann auch das Licht stets mehr und mehr die Frucht durchdringen, und so erfolgt dann erst die Reife der Frucht.
GEJ|6|27|11|0|Und sieh, also geht es auch beim Menschen! Bevor seine innere Liebelebenswärme nicht den möglichst vollsten Grad erreicht hat und das Licht dieser Wärme ihn nicht ordentlich durch und durch durchdringt, da wird er trotz der besten äußeren Erklärung die inneren, geistigen Wahrheiten schwer oder am Ende gar nicht verstehen; wenn er aber durch die innere zunehmende Lebenswärme und von ihrem Lichte wie eine reife Traube recht durchdrungen wird, dann ist er reif und hat die beste Erklärung aller seiner früheren Zweifel schon in sich.
GEJ|6|27|12|0|Aber da du dich schon so ziemlich der Reife näherst, so kann man dir schon aus der großen Gnadensonne, von der alle Himmel und ihre Bewohner, wie auch alle materiellen Welten und was in ihnen, auf ihnen und über ihnen ist, lebt und atmet, ihr Leben und Dasein haben, ein wenig mehr Licht und Wärme zukommen lassen. Und so gib denn acht!“
GEJ|6|28|1|1|28. — Zeit und Raum
GEJ|6|28|1|0|(Der Herr:) „Sieh, du warst von Mir vor einem halben Jahre deiner Seele nach in einen Zustand versetzt, vermöge dessen du in eine von hier äußerst entfernte Sonnenerdwelt versetzt worden bist, wie Ich solche Zeichen nachher auch bei anderen Gelegenheiten und Orten gewirkt habe, was alle Meine Jünger hier treulichst bezeugen können. Dann warst du beim Markus selbst schon zugegen, als der Engel die kostbare Leuchtkugel aus der sehr fernen Mitte von Afrika holte.
GEJ|6|28|2|0|Siehe, so ein Pfeil in seiner größten Schnelle von dieser Erde abginge, so hast du als ein Hauptrechner gar keine so große Ziffer, durch die die Zahl der Erdenjahre bezeichnet werden könnte, die dazu erforderlich wären, damit der Pfeil jene Sonnenerdwelt erreicht, – und dein Übergang war hier und dort eins! Also hast du da mit dem irdischen Raume nichts zu tun gehabt und warst sonach deiner lebendigen Seele nach ganz sicher außer Zeit und Raum!
GEJ|6|28|3|0|Von Markus weg nach Afrika hättest du auf einem gut gebahnten Wege sogar über zwei volle Jahre zu gehen nötig bis dahin, von wo der Engel den Leuchtstein geholt hat. Bei ihm war hin und zurück völlig eins. Konnte da für ihn Zeit und Raum etwas sein?!
GEJ|6|28|4|0|Und weiter! Denke dir eine noch so schnelle Bewegung eines irdischen Gegenstandes, der zum Beispiel die Entfernung von dieser Erde bis zu der gewissen Sonnenerdwelt in einem Augenblicke zurücklegt, so könnte ein Geist in ein und demselben Augenblick eine tausend Male größere Entfernung für dich zahllose Male durchmachen; Ich sage zahllose Male, weil du für eine große Vielheit des Hinbewegens und Zurückkehrens keine so große Zahl kennst.
GEJ|6|28|5|0|Aus dem aber geht hervor, daß selbst die größte diesirdische Bewegungsschnelligkeit mit der geistigen ewig in kein Verhältnis treten kann. Daher ist das Irdisch-Materielle ein Eigenes und alles Geistige wieder ein ganz Eigenes. Beide haben nur entsprechungsweise Beziehungen zueinander, aber der Wesenheit nach sind sie endlos weit voneinander unterschieden.
GEJ|6|28|6|0|Wie du aber solchen Unterschied zwischen allem Irdischen und Geistigen nun sicher klar wirst wahrgenommen haben, so besteht derselbe und gleiche Unterschied zwischen allem, was sich dir diesirdisch als begreifbar, fühlbar, hörbar und beschaulich darstellt.
GEJ|6|28|7|0|In Hinsicht der den Raum nicht beachtenden geistigen Bewegung kann Ich dir noch die Schnelle des Gedankenfluges deiner Seele als ein gutes Beispiel dartun. Siehe, du denkst dir nun Rom, wo du schon warst, und dessen Entfernung von hier du wohl kennst, wie auch die Gestalt dieser großen Heidenstadt! Mit dem Gedanken bist du auf eins schon in Rom und siehst gewisserart die Stadt, ihre Plätze, Gassen und Straßen und Umgebungen. Also, dein Gedanke hat sonach bis nach Rom hin auch keiner Zeit bedurft, weil der Raum für ihn gleich Null war!
GEJ|6|28|8|0|Aus dem kannst du abermals den sicheren Schluß ziehen, daß deine Seele, als ein geistiges Wesen, samt ihrer Tätigkeit sich auch außer Zeit und Raum befindet, und du kannst dich mit deinem Gedanken auch in der gleichen Schnelle in den dir bekannten Stern hin versetzen und wieder hierher zurück, und du wirst auch nicht mehr Zeit zum Durchfluge solch eines ungeheuer weiten Raumes bedürfen.
GEJ|6|28|9|0|Da wirst du denn doch einsehen, daß es für den reinen Geist weder eine Zeit noch einen Raum geben kann!
GEJ|6|28|10|0|Der Geist Gottes und alle Engel bestehen freilich auch im unendlichen Raume und dauern fort und fort durch alle ewigen Zeitenläufe; denn ohne Solchen gäbe es keine Kreatur, gäbe es auch keinen irdischen Raum, noch eine irdische Zeit. Aber diese rein geistigen Mächte und höchsten Intelligenzen stehen in allem endlos weit über Zeit und Raum.“
GEJ|6|29|1|1|29. — Das Maß der Kraft
GEJ|6|29|1|0|(Der Herr:) „Nun nehmen wir noch das Maß einer rein geistigen Kraft gegen das Maß der größten irdischen Kraft in die Betrachtung. Was wird sich wohl da ergeben? Siehe, es gibt im unendlichen Weltenraume so ungeheuer große Sonnenweltkörper, gegen deren Größe im guten Verhältnisse diese ganze, große Erde sich geradeso verhielte wie die Größe eines kleinsten Sandkörnchens gegen die Größe der ganzen Erde! Siehe, wenn hier über die Sandsteppen ein Wind weht, so hebt er solchen Sand schon in die Höhe und führt ihn mit großer Leichtigkeit fort, und ein Orkan desto leichter in großen Massen! Nun denke dir aber einen verhältnismäßig starken Wind auf jenem großen Sonnenweltkörper! Der würde doch offenbar mit solchen Erden, wie diese da ist, ein ganz gleiches Spiel treiben! ,Ja‘, würdest du in deiner Weltweisheit sagen, ,wenn dort so mächtige Winde wehen, da sollte man davon ja bis zur Erde herab etwas verspüren!‘ Und Ich sage es dir, daß dies sogar nicht selten der Fall ist, und auch noch um sehr vieles weiter!
GEJ|6|29|2|0|Du wirst schon die fliegenden Sterne gesehen haben. Manche von ihnen sind nicht selten so groß, daß man sie eine kleine Erdenwelt nennen könnte. Das ist mehrfach durch unterirdische Sturmausbrüche von den Sonnenweltkörpern in den weiten Ätherraum hinausgewehter Weltenstaub, der nach und nach infolge der starken Anziehungskraft eines solchen Sonnenweltkörpers wieder dahin zurückfällt, von wo er hinweggeweht worden ist, wenn er nicht etwa einem andern Weltkörper zu nahe gekommen ist und von diesem angezogen wurde, was jedoch seltener der Fall ist.
GEJ|6|29|3|0|Du ersiehst da die ungeheure Potenzierung der diesweltlichen, im endlosen Raume waltenden sogenannten Naturkräfte; du kannst aber nun diese und noch andere dir bekannten Naturkräfte ohne Aufhören noch tausend und tausendmal tausend Jahre hindurch potenzieren, so wird die von dir gefundene letzthöchste Kraftpotenz gegen die göttliche Allkraft dennoch stets in einem solchen Verhältnisse stehen wie ein bares Nichts zu etwas Wirklichem oder wie eine Lüge zur Wahrheit.
GEJ|6|29|4|0|Wie aber jede noch so allerhöchst potenzierte Naturkraft zu der göttlichen in gar keinem Verhältnisse steht, ebenso steht sie auch zu der Kraft jedes reinen Engelsgeistes.
GEJ|6|29|5|0|Da aber sonach im Raume und in der Zeit nimmer eine Kraft besteht, die sich auch nur mit der Kraft eines Engels messen könnte, so muß sie als geistige Kraft auch außer oder über allem Raum und über aller Zeit stehen, obschon als eigentümlich in sich abgeschlossen selbständig im Raume und in der Zeit seiend, aber von den beiden überall frei und unabhängig und mit diesen nur durch eine innere und lebendige Entsprechung alles leitend in Verbindung stehend.
GEJ|6|29|6|0|Um das unendlich Überwiegende der göttlich-geistigen Kraft über alle noch so großen Naturkräfte noch klarer zu zeigen, so brauche Ich dir bloß das zu sagen: Wenn alle die größten diesirdischen Kräfte durch die weiten Schöpfungsräume wüteten Myriaden und Äonen von Erdenjahren lang, so würden sie in der ganzen Schöpfung wider die Kraft des Gotteswillens auch nicht ein Atom zu vernichten imstande sein; aber mit der göttlichen Zulassung vermöchte das ein Engelsgeist in einem Augenblicke derart, daß er nur wollen dürfte, so wäre schon der ganze endlose Raum aller materiellen Kreatur völlig bar, und keine Sonne und keine Erde bestünde mehr im selben.
GEJ|6|29|7|0|Sage Mir, Philopold, ob du nun schon so ein wenig einzusehen anfängst, wie Gott und alles Himmlische und Reingeistige völlig außer Zeit und Raum enthalten ist und also für sich bestehend da ist und da sein muß, weil ohne das ewig keine materielle Kreatur hätte entstehen können!“
GEJ|6|30|1|1|30. — Die Stärke des Lichtes
GEJ|6|30|1|0|Sagt Philopold: „Herr, es fängt in mir nun wohl schon so zu dämmern an; aber mir fängt es vor Deiner zu ungeheuren Weisheit auch schon ordentlich zu schwindeln an! Dennoch bitte ich Dich aber, daß Du also fortfahren wollest!“
GEJ|6|30|2|0|Sage Ich: „Das werde Ich schon tun; aber nimm dich nur zusammen, daß du es auch fassest und es dir ordentlich in deine Seele einprägst!
GEJ|6|30|3|0|Gehen wir nun auf das Licht über! Siehe das Licht dieser helleuchtenden, reinen Naphthalampe an! Es beleuchtet dieses große Zimmer derart zur Genüge, daß wir alle uns recht gut zu sehen und wohl zu erkennen vermögen. Was deucht dich: Würden hundert solche hellbrennende Lampen nicht auch ein hundertfach stärkeres Licht im Zimmer verbreiten? Du sagst: ,Allerdings; denn man kann sich davon bei großen Festbeleuchtungen mehr denn zur Genüge überzeugen!‘ Gut, sage Ich; denke dir aber nun tausendmal tausend solcher Lichter irgendwo auf einem freien Berge! Würden sie gemeinschaftlich nicht eine recht große Gegend recht hell erleuchten? Ganz sicher! Aber obwohl sie eine Gegend weithin erleuchten würden, so wären sie aber dennoch nicht im geringsten zu vergleichen mit dem Lichte des Vollmondes, der, obwohl er dem Auge eben nicht zu groß erscheint, dennoch auf einmal die halbe Erde noch ganz gut erleuchtet. Was ist aber das Licht des Mondes dann gegen das Licht der Sonne?!
GEJ|6|30|4|0|Nun denke dir aber das ganze Firmament mit dem Sonnenlichte überzogen! Würde da ein Sterblicher imstande sein, auch nur einen Moment so ein mächtigstes Licht zu ertragen, augenblicklich gleich einem Tropfen Wassers auf glühendem Erze zerstört und aufgelöst zu werden? Ich sage es dir: Die Wirkung des Lichtes und seiner unbeschreibbaren Hitze wäre da schon so groß, daß es selbst dieser ganzen Erde in wenigen Augenblicken nicht besser erginge, und vielen Hunderttausend solcher Erden auch nicht!
GEJ|6|30|5|0|Siehst du da den ungeheuer großen Unterschied zwischen diesem Lampenlichte und einem so sehr ausgedehnten Sonnenlichte?!
GEJ|6|30|6|0|Aber es gibt im weiten Schöpfungsraume Urzentralsonnen, die Myriaden Male größer sind denn unsere Tagessonne, obwohl unsere Sonne auch gut um tausendmal tausend Male größer ist denn diese ganze Erde. Solche Urzentralsonnen haben im Verhältnis dann auch ein ebenso vielfach größeres und stärkeres Licht, in dessen größerer Nähe dann solche Sonnen, wie da die unsrige ist, auch dem Wassertropfen auf glühendstem Erze gleich in einem Momente aufgelöst würden.
GEJ|6|30|7|0|Nun potenziere du diese irdische Lichtstärke, so weit du willst, nahe ins Endlose hin, und du wirst mit all solchem potenzierten Lichte der Raumes- und Zeitsonnen im Vergleiche mit dem Gotteslicht dasselbe Verhältnis finden, welches du gefunden hast bei der Bewegung und Kraft.
GEJ|6|30|8|0|Und da das Gotteslicht im Raume und in der Zeit ewig nie erreicht werden kann, so folgt daraus klar, daß das rein geistige Licht Gottes, so wie dessen nie meßbare Liebelebenswärme, aus dem Lichte hervorgehend, nicht in Zeit und Raum, sondern außer diesen zweien allein nur enthalten sein kann.
GEJ|6|30|9|0|Daß aber dennoch eine lebenswahre und stets wirkende Entsprechung besteht zwischen dem Urlichte Gottes und dem nur partial geschaffenen Lichte der Sonne, kannst du aus dem leicht ersehen, daß auch das Licht der Sonne die belebende Kraft für die Kreatur auf den Weltkörpern und Erden hat, wovon dich jedes Frühjahr hinreichend überzeugen kann. – Kennst du dich nun schon besser aus, wie und auf welche notwendige Weise alles Reingeistige außer Zeit und Raum enthalten ist und sein muß?“
GEJ|6|31|1|1|31. — Die göttliche und die menschliche Wesenheit des Herrn
GEJ|6|31|1|0|Sagte Philopold: „Das Beispiel mit dem Lichte hat mir in dieser Sache sehr viel Licht verschafft; aber es bleibt dennoch so manches im Hintergrunde noch stark umhüllt, und zu dem stark Umhüllten gehört vor allem Deine jetzige allervollendetst göttliche Gegenwart, von der ich augenscheinlichst nun nichts anderes sagen kann als: So Du vor Deiner Menschwerdung irgendwo in einem höchsten, außerzeitlichen und außerräumlichen Himmel mit Deinen reinen Engeln als Jehova gewohnt hast, so muß dieser Himmel nun Deiner gewisserart menschlich-persönlichen Gegenwart ledig sein, indem Du nun ganz in Zeit und Raum unter uns wohnst! Wie kannst Du nun in Zeit und Raum, aber als Gott auch zugleich außer Zeit und Raum bestehen? Herr, das ist für meinen Verstand noch eine ungeheure Kluft, über die ich mich selbst nicht hinüberzuschwingen vermag; darum bitte ich Dich auch darüber um ein rechtes Licht!“
GEJ|6|31|2|0|Sagte Ich: „Dieweil du ein echter Weltweiser nach Plato, Sokrates und Aristoteles bist, so muß Ich schon auch zum Teil nach ihrer Weise mit dir reden, damit du Mich leichter verstehst.
GEJ|6|31|3|0|Sieh, zwischen ,von Ewigkeit her‘, ,früher‘ und ,jetzt‘ ist eigentlich in Meinem Bestehen, wie in Meinem Sein und Dasein gar kein Unterschied, was Mein rein göttliches Ich betrifft! Und wäre es nicht also, wahrlich, da hätte Ich in diesem Menschenleibe keine Macht und Gewalt über die gesamte materielle Naturschöpfung; denn alle Kreatur samt ihrer Zeit und ihrem Raume verhält sich nur subjektiv zu Mir, ihrem Objekte; da alles aus mir ist und nicht Ich aus dem allem.
GEJ|6|31|4|0|Darum bin Ich stets das alleinige Vorangehende und Voranliegende, also das ewige Objekt, und kann nie und nirgend je Mich irgend der Kreatur gegenüber in ein subjektives Verhältnis stellen.
GEJ|6|31|5|0|Jedoch, da eben alles aus Mir ist und Ich durch Meinen Willen in allem das Inwendigste bin als das alles erhaltende, führende, leitende, ordnende und belebende Prinzip, so bin Ich der Macht Meines Willens und Meiner Weisheit nach auch ein Subjekt und bin sonach das Alpha und das Omega oder der Anfang und das Ende, wie auch das Erste und Letzte in aller Kreatur, und infolge solcher Meiner zugleich objektiven und in allem auch subjektiven Eigenschaft kann Ich hier unter euch ganz wohl als Mensch nach der Macht Meines Willens und Meiner Weisheit bestehen und dennoch dabei das ewige, allein lebendige und schaffende Objekt aller Kreatur gegenüber sein.
GEJ|6|31|6|0|Als nunmaliges, fleischmenschengestaltliches Subjekt aber bin Ich Selbst minder und untertan dem eigenen ewigen Objekte in Mir, obwohl eben durch Meine strenge Untertänigkeit eigentlichst völlig eins mit dem ewigen Objekte; denn ohne solche strengste Subjektivität dieser Meiner nun äußeren Persönlichkeit wäre eine solche innigste Einigung nie möglich.
GEJ|6|31|7|0|Und das bewirkt Meine unmeßbare Liebe zum Objekte und Seine gleich unmeßbare Liebe zu Mir, und also bin Ich und der Vater eine Liebe, eine Weisheit, ein Wille, ein Leben und eine Macht, außer der es in der ganzen ewigen Unendlichkeit keine mehr gibt und geben kann.
GEJ|6|31|8|0|Ich bin daher hier ebenso in Zeit und Raum, wie auch außer Zeit und Raum gegenwärtig.
GEJ|6|31|9|0|Daß Ich nun mit euch in Zeit und Raum bestehe, das sehet ihr; daß Ich aber zugleich Meinem Innern nach auch außer Zeit und Raum bestehe, das lehren euch Meine Werke, die Ich nicht zu wirken vermöchte, so Ich Mich auch mit Meinem Göttlichen nun in Zeit und Raum befände. Denn das Zeitliche und das Räumliche ist und bleibt ewig fort und fort begrenzt, ist somit nicht vollkommen und vollendet; nur das Außerzeitliche und Außerräumliche ist in allem unbegrenzt, somit vollkommen und vollendet. Daß es aber also ist und nie möglich anders sein kann, will Ich dir das Gesagte noch durch mehrere Beispiele erläutern, und so habe denn wohl acht darauf!“
GEJ|6|32|1|1|32. — Das Geistige im Natürlichen
GEJ|6|32|1|0|(Der Herr:) „Siehe, da ist ein Weizenkorn in seiner ganzen Einheit und Einfachheit! Seine Bestimmung ist offenbar eine zweifache. Erstens dient es als Nahrung dem Menschen, und zweitens ist es als Samenkorn sich selbst dienend zu seiner eigenen Fortpflanzung und Vermehrung. Als Nahrung teilt es dem menschlichen Leibe und durch ihn dann auch dem formell substantiellen Leibe der Seele seine vielfachen Spezifika mit und vegetiert sogestaltig in ein höheres und freieres Sein hinüber. Wie dieses ist und geschieht, das werdet ihr erst in eurer Wiedergeburt im Geiste genauest erfahren, wenn hier auch nicht ganz vollkommenst – weil unter dem Einflusse dieser Sonne nichts völlig Vollkommenes existieren kann und jedes Wissen und Erkennen mehr oder weniger ein Stückwerk ist –, aber desto vollkommener dann jenseits, wo auch ihr euch eurem Geiste nach außer dem Einflusse der Zeit und des Raumes befinden werdet und euer Schauen, Erkennen und Wissen kein Stückwerk mehr sein wird.
GEJ|6|32|2|0|Aber wir wollen hier dieses Weizenkorn bloß als Samenkorn ein wenig näher in Augenschein nehmen und daraus ersehen, wie das Göttlich-Geistige, wenn gewisserart auch subjektiv scheinend, aber im Grunde dennoch objektiv außer Zeit und Raum seiend sich eben in diesem Korne befindet.
GEJ|6|32|3|0|Sieh, das ist ein Weizenkorn, das auf einem Halme gewöhnlich 3 Ähren, jede mit etlichen 30 Körnern, zum Vorscheine bringt! Nun, legst du dieses Korn in ein gutes Erdreich, so wird es dir im nächsten Erntejahre schon sicher 100 Körner der ganz gleichen Art und Gattung als Lohn für deine Mühe bringen. Du nimmst aber nun diese neugeernteten 100 Körner und legst sie wieder in ein gutes Erdreich, und du wirst im nächsten Erntejahre offenbar schon 10000 ganz gleiche Körner ernten. In wieder einem nächsten Jahre wirst du schon 100 mal 10000, also 1000 mal 1000 Körner ernten, was schon eine bedeutende Masse dieses Getreides ausmachen wird.
GEJ|6|32|4|0|Um alle diese vielen Körner weiter für ein künftiges Jahr in die Erde zu setzen, wirst du schon ein bedeutendes Stück Feld nötig haben. Zur Ernte wirst du dann offenbar schon hundertmal soviel Körner erhalten, als du erhalten hast in der Vorjahresernte. Um aber noch weiters für ein nächstes Jahr das ganze große Körnerquantum wieder fruchtbringend auszusäen, wirst du erstens schon eines hundertmal größeren Ackers bedürfen und darauf schon zehn volle Milliarden von gleichen Körnern ernten; und setzest du das noch also zehn Jahre fort, so wirst du dadurch schon eine solch ungeheure Masse von Körnern erhalten, daß du für ihre künftige Aussaat schon nahezu einen halberdgroßen Acker vonnöten hättest.
GEJ|6|32|5|0|Die weiter ins Endlose gehende, im stets gleichen Verhältnisse sich mehrende Vervielfachung der Körner kannst du dir selbst auf weitere hundert, tausend und noch mehr Jahre ausdehnen, und du wirst durch die Rechnung finden, daß nach nur etlichen hundert Jahren schon mehr denn tausendmal tausend Erden viel zuwenig wären, um der ungeheuerst großen Menge von Weizenkörnern als Acker zu dienen. Und siehe, solch eine Vermehrung kann bis ins Allerunendlichste fortgesetzt werden! Wäre aber das wohl möglich, wenn in diesem einen Korne, und gleichermaßen auch in allen andern Körnern, nicht schon diese endloseste Anzahl durch das innewohnende Göttlich-Geistige, Außerzeitliche und Außerräumliche vorhanden wäre?! Sicher nicht!
GEJ|6|32|6|0|Was aber in diesem Weizenkorne vorhanden ist, das ist in allen Samen und Gewächsen, in allen Tieren und ganz besonders gottähnlichst im Menschen vorhanden, darum er denn auch vernünftig und verständig werden kann, eine Sprache hat und Gott als seinen Schöpfer anfangs ahnen und später reiner und reiner erkennen, lieben und seinen eigenen Willen dem erkannten göttlichen völlig unterordnen kann.
GEJ|6|32|7|0|Und das ist dann als das Reingeistige im Menschen und als Gottähnliches ebenfalls außer Zeit und Raum; denn wäre es ein Zeitliches und Räumliches, so könnte der Mensch weder sich noch Gott je erkennen, und der Mensch wäre da jeder Bildung gänzlich unfähig, käme nie zu einer Vernunft, zu einem Verstande, er bekäme nie und nimmer eine noch so allerleiseste Ahnung von Gott, könnte Ihn noch weniger je erkennen, Ihn lieben und seinen Willen Ihm unterordnen, und er wäre dann bloß die äußerste, tote Schale des Eies, hätte kein Leben in sich und am allerwenigsten ein außerzeitliches und außerräumliches ewiges Leben.
GEJ|6|32|8|0|Ich meine nun, diese Sache, die dich gar so gedrückt hat, insoweit sie für den puren Verstand erklärbar ist, hinreichend klar erläutert zu haben. Es kommt nun auf dein Urteil an, ob du alles das auch so ganz im rechten Lichte aufgefaßt zu haben glaubst, oder ob dir noch etwas Unklares dabei vorkommt. Sollte dir noch etwas dunkel sein, so kannst du reden; hast du aber alles richtig verstanden, da lassen wir die weiteren Erörterungen darüber beiseite, trinken Wein und essen dazu etwas Brot.“
GEJ|6|33|1|1|33. — Himmel und Hölle
GEJ|6|33|1|0|Da sagte Philopold: „Herr, ich und sicher wir alle danken Dir aus dem innersten Grunde unseres Herzens für diese gar so großartige, allerherrlichste und mir nun völlig klar gewordene Aufklärung über die Lehren der alten Weisen! Ja, jetzt ist mir die Sache einleuchtend, klar und verständlich, während sie mir früher offenbar als ein barster Unsinn vorkommen mußte! Freilich werde ich das alles erst dann ganz klar einsehen und begreifen können, wenn ich allen materiellen Elementes bar sein werde.
GEJ|6|33|2|0|Es ist aber nun genug, daß ich es einsehe, wie man, zwar mit in Zeit und Raum seiend, dennoch völlig außer Zeit und Raum gar wohl und eigentlich der vollsten Wahrheit nach sich befinden kann. Nur eines möchte ich von Dir noch erfahren mit ganz wenigen Worten, und das bestünde darin, wo sich denn dann örtlich der Himmel und wo ebenso die leidige Hölle, von der ich auch schon vieles gehört und gelesen habe, befinden. Es heißt: Die werden auffahren in die Himmel, und die werden hinabgeworfen werden in die Hölle. Wo und wie ist das ,Hinauf‘, und wo und wie das höchst bedauerliche ,Hinab‘?“
GEJ|6|33|3|0|Sagte Ich: Siehe, hier auf dem Stuhle, auf dem du nun sitzest, kann irdisch ganz fest nebeneinander Himmel und Hölle sein; im Reiche des Geistes aber trennt sie dennoch eine unabsehbare Kluft! – Siehe noch mehr:
GEJ|6|33|4|0|Hier, wo Ich nun bin mit euch, ist der höchste Himmel, und das heißt ,oben‘, und eben hier auch die tiefste und böseste Hölle, und das heißt ,unten‘.
GEJ|6|33|5|0|Die materielle Räumlichkeit macht keinen Unterschied, sondern allein die geistige, die mit der materiellen, wie du gesehen hast, durchaus nichts gemein hat; denn im Reiche der Geister macht nur das Lebenszuständliche eine rechte und wahre Entfernung aus. Das Irdisch-Räumliche kann da nie eine Bedeutung bekommen. Um euch das noch mehr verständlich und anschaulich zu machen, will Ich euch einige Bilder geben.
GEJ|6|33|6|0|Seht, hier auf einer und derselben Bank säßen zwei Menschen beisammen! Der eine ist ein frommer Weiser, dessen heller, lichtvoller Geist in gar sehr viele Geheimnisse der Wirkungen der Gotteskräfte in der Naturwelt eingeweiht ist; der andere aber ist ein verstockter Bösewicht und ruht seine Glieder nur darum auf derselben Bank aus und läßt sich wie ein ehrlicher Mensch auch Wein und Brot geben zur Stärkung seiner Kräfte, damit er im Freien dann wieder desto leichter etwas Böses verrichten kann. Wie nahe sind irdisch-räumlich die beiden Menschen da beisammen, und wie unendlich weit sind sie im Geiste voneinander entfernt!
GEJ|6|33|7|0|Es sei aber, daß da unser Weiser bei uns hier auf dieser Bank sitze, und gleicherweise aber säße irgend tausend Tagereisen weit von hier ein anderer, so wären diese beiden gleichen Weisen irdisch-räumlich doch sicher sehr weit voneinander entfernt; aber im Reiche des Geistes wären sie dennoch zuallernächst beisammen, wie es auch in Meinem Reiche buchstäblich also der Fall ist.
GEJ|6|33|8|0|Aus dem aber geht wieder ganz klar hervor, daß der Himmel für jeden guten Menschen gerade da sein wird, wo er sich eben befindet, und alle Guten und Reinen seinesgleichen werden sich sofort in seiner nächsten Nähe befinden. Denn da heißt es nicht: ,Siehe, hier oder dort, etwa über allen Sternen, ist der Himmel und etwa tiefst irgend unter der Erde ist die Hölle!‘ Solches alles hängt nicht von dieser Zeit und von diesem Raume ab und hat kein irgend äußerliches Schaugepränge gleich einer eitlen Tempelzeremonie, sondern es ist inwendigst im Menschen selbst.
GEJ|6|33|9|0|Wie hiernach des Menschen Inneres beschaffen sein wird, so auch wird jenseits beschaffen sein die Welt, die er sich aus sich selbst schaffen und dann in ihr und auf ihr leben wird, gut oder schlecht.
GEJ|6|33|10|0|Alle, die in der Wahrheit sind und also im wahren Lichte aus Meinem Worte durch den lebendigen Glauben und durch ihr Tun danach, deren dieser Erde im vollendetsten Maße ähnliche Welt in Meinem Reiche wird dann auch Licht und Wahrheit sein für ewig im zunehmenden Verhältnisse; die aber eigenwillig im Falschen und daraus im Bösen sein werden, deren Welt wird dann auch gleich sein ihrem Innern im zunehmenden Verhältnisse. Denn gleichwie ein recht guter Mensch stets besser wird, ebenso wird ein böser Mensch stets schlechter und dadurch zuständlich entfernter von dem Guten, wie solches schon auf dieser Welt ganz klar zu ersehen ist.
GEJ|6|33|11|0|Sehet hin nach jenen Menschen, die ihr Hochmut stets mehr und mehr erfüllt mit der brennenden Herrschsucht! Wenn sie durch ihre tyrannische Macht viele tausendmal tausend Menschen zu den elendsten Sklaven gemacht haben, dann sammeln sie noch größere Kriegshorden zusammen, fallen in die Reiche der anderen Könige ein, besiegen sie und nehmen ihnen Land, Völker und Schätze. Und haben sie sogestaltig eine ganze halbe Welt erobert und unglücklich gemacht, so dünken sie sich dann schon Gott gleich und erheben sich wohl sogar über Denselben, lassen sich anbeten und bedrohen jeden mit den peinlichsten Strafen, der es wagte, einen anderen Gott als nur so einen zcar anzubeten und ihm allein zu opfern, wie wir davon an dem babylonischen Könige Ne bouch kadne zcar (,Es gibt keinen Gott außer mir, dem Könige!‘) ein sprechendes Beispiel haben und nun an den Hohenpriestern, Pharisäern und Schriftgelehrten, die sich nun auch für die alleinigen Götter halten und Mir nach dem Leben trachten, daß es in einer Zeit sogar zugelassen wird, daß sie diesen Meinen Leib töten werden, – aber freilich nur auf drei Tage lang; dann aber werde Ich aus Meiner höchst eigenen Macht wieder auferstehen, und über sie wird dann erst fallen das Gericht und ihr Ende.
GEJ|6|33|12|0|Aus dem könnet ihr alle mit den Händen greifend klar ersehen, daß der Böse auch stets böser wird, gleichwie der Gute stets besser, nur mit dem Unterschiede, daß dem Bösen ein Maß gesetzt ist, wo es heißt: ,Nur bis hierher, und dann um kein Haar weiter!‘ Denn dann muß stets ein großes Strafgericht folgen, durch das die Bösen wieder zu einer Besinnung gebracht werden können, und daß möglicherweise doch einer und der andere eine bessere Richtung einschlagen könne.
GEJ|6|33|13|0|Wie es aber also, wie Ich es euch nun gezeigt habe, in dieser Welt zugeht, ebenso geht es in der Hölle zu, nur mit dem Unterschiede, daß dort – im allgemeinen Geisterreiche – die Guten, Demütigen, Geduldigen und auf Gott Vertrauenden ausgeschieden sind für ewig, und somit allein die Bösen in der Hölle durchgängig ihr falsches, arges, wennschon gänzlich nichtiges Getriebe haben; nichtig darum, weil ihr Licht Falschheit, Trug und ein vollkommen nichtiger, leerer Schein ist gleich dem Traume eines besoffenen reichen Schwelgers und Prassers.
GEJ|6|33|14|0|Ich meine, daß ihr alle auch in dieser Sache nun im reinen seid, und so wollen wir den noch übrigen Teil dieser Nacht ganz heiter und fröhlich zubringen! Hat jemand noch irgendein Anliegen, so haben wir nun bis gen Ostern Zeit; denn bis dahin will Ich bei Meinem Freunde Kisjonah verbleiben. – Bist du, Philopold, nun im klaren?“
GEJ|6|33|15|0|Sagte Philopold: „Jetzt wohl; denn Du hast uns das Unbegreiflichste derart klar und begreiflich gemacht, daß mir nun in dieser Hinsicht gar keine Frage mehr übriggeblieben ist, und ich meine, daß das auch alle hier Anwesenden gar wohl begriffen haben. Ja, das hast aber auch nur Du, o Herr, uns also erklären können; denn alle Weisen würden sich dabei wohl ihre Weisheitszähne stark beschädigt haben. Unseren Dank kannst Du ohnehin in unseren Herzen lesen.“
GEJ|6|33|16|0|Hier sagten auch unsere Judgriechen: „Wahrlich, das kann nur Der also erklären, der mit Seinem Geiste alles durchdringt und eigentlich alles in allem ist! Das ist für uns noch der größte und stärkste Beweis für Deine rein göttliche Sendung. Die Zeichen wirken zwar vieles, so sie in Deiner Art gewirkt werden, aber nur für schon vielerfahrene Menschen; aber sie nehmen sie dennoch gefangen. Das Wort aber belebt und macht die Seele frei und ist darum mehr wert denn tausend Zeichen, die nicht beleben, sondern nur gefangennehmen das Gemüt, das sie mit Angst erfüllen. Darum Dir auch unsern Dank für diese Deine weiseste Lehre!“
GEJ|6|33|17|0|Sagte Ich: „Ganz gut geurteilt! Morgen wird sich noch manches finden lassen; aber jetzt trinket und seid heiter bis zum Aufgange! Des Schlafes werden wir alle in dieser Nacht nicht bedürfen.“
GEJ|6|34|1|1|34. — Ein großer Fischfang
GEJ|6|34|1|0|Es wurde darauf zwischen den etlichen zurückgebliebenen Jüngern, den Judgriechen und dem Philopold noch viel geredet; auch Ich und Kisjonah haben über so manches geredet: über das alte Priestertum, über die alten patriarchalischen und darum besten Regierungsweisen im Vergleiche mit der damaligen, als zu Meiner Erdenzeit gegenwärtigen, und es kam so der Morgen, und niemand war in der ganzen Gesellschaft, dem es vorgekommen wäre, als hätte er zuwenig geschlafen. Kurz, am Morgen war alles vollauf heiter, und wir gingen hinaus ans Meer und sahen eine Weile den munteren Fischern Kisjonahs zu, wie sie sich auf dem Wasser in ihren Fischerbooten herumtummelten, aber eben keinen gar zu reichen Fang machten.
GEJ|6|34|2|0|Ein paar Fischer kamen ans Ufer und sagten es dem Kisjonah: „Herr, heute sieht es mit unserem Fange etwas mager aus! Seit Mitternacht schon arbeiteten wir sehr fleißig; aber der fatale Ostwind treibt die Fische in den Grund, und es ist da nahezu nichts zu machen!“
GEJ|6|34|3|0|Fragte Kisjonah, wieviel sie gefangen hätten.
GEJ|6|34|4|0|Sagten die Gefragten: „Ein paar kleine Lägel dürften wohl voll sein; aber was ist das für zwanzig Fischerbarken und noch einmal soviel Boote?!“
GEJ|6|34|5|0|Sagte Ich zu den beiden Fischern: „Gehet nur noch einmal hinaus, und werfet eure Netze aus; denn bei aufgehender Sonne ist es am besten zu fischen!“
GEJ|6|34|6|0|Sagten die Fischer, da sie Mich nicht kannten: „Freund, das wissen wir wohl; aber beim stark gehenden Ostwind sieht auch da nicht viel heraus! Es ist zwar jeder Wind unserer Arbeit nicht günstig; aber der Ostwind ist der ungünstigste, besonders zur Winterszeit.“
GEJ|6|34|7|0|Sagte Ich: „Tut nur, was Ich euch sagte, und ihr werdet einen reichen Fang machen!“
GEJ|6|34|8|0|Da ruderten sie hinaus und sagten das den andern Fischern. Diese zuckten zwar mit den Achseln; aber da sie vernahmen, daß es Kisjonah also haben wollte, so warfen sie dennoch die Netze aus und fingen eine solche Menge von den besten und edelsten Fischen, daß beinahe die Netze zu reißen anfingen, und sie hatten zu tun, die große Menge der Fische in die großen Fischbehälter zu bringen. Natürlich fingen die Fischer, sich darüber höchlichst zu verwundern an, da sie noch nie einen so reichen Fang gemacht hätten. Späterhin wurde es ihnen vom Kisjonah wohl beigebracht, Wer an diesem reichen Fange die wunderbare Ursache war. Und sie glaubten dann alle an Meinen Namen, obwohl Mich dann mehrere von den Fischern als den Sohn des Zimmermanns Joseph erkannten.
GEJ|6|34|9|0|Und so verstrich der halbe Winter unter allerlei nützlichen Belehrungen und kleinen Taten, die besonders anzuführen für niemand von einer erheblichen Wichtigkeit wäre, weil sich das alles mehr um das Wohl des irdisch-bürgerlichen Lebens handelte.
GEJ|6|34|10|0|So hat auch die nach einigen Tagen erfolgte Ankunft der Maria als der Mutter Meines Leibes wenig derartiges, das sich für eine Aufzeichnung eignete, außer, daß sie überaus froh war, Mich persönlich wiederzusehen, und daß sie sich von den Jüngern vieles erzählen ließ, was Ich alles getan und gelehrt hatte, was sie alles tief in ihrem Herzen behielt und danach dachte, wollte und auch handelte. Auch die beiden ältesten Brüder, respektive Söhne Josephs, kamen nach Kis und hatten da einen Bau, bei welchem Ich Selbst ihnen natürlich mit Rat und Tat behilflich war.
GEJ|6|34|11|0|Und so kamen die Osterfeste in die Nähe, und viele fingen an, die Vorbereitungen zu machen, um zu den Festen nach Jerusalem zu ziehen.
GEJ|6|34|12|0|Kisjonah fragte Mich auch, ob Ich Selbst hinauf nach Jerusalem ziehen würde.
GEJ|6|34|13|0|Und Ich sagte zu ihm: „Ich werde versprochenermaßen wohl hinaufziehen, aber Mich diesmal beim Feste und im Tempel schon gar nicht sehen lassen und bald wieder nach Galiläa kommen, wo Ich dann Mein Amt von neuem beginnen werde.“
GEJ|6|34|14|0|Sagten die Judgriechen: „So Du, o Herr, Dich aber dennoch im Tempel sehen ließest und wieder eine ähnliche Rede hieltest, so würden vielleicht von neuem wieder mehrere Templer stutzig werden und an Dich glauben gleich uns?“
GEJ|6|34|15|0|Sagte Ich: „Oh, sorget euch darum nicht, denn Ich werde noch oft im Tempel lehren; aber von den nunmehr darin seienden Pharisäern, Ältesten und Schriftgelehrten wird darob keiner stutzig werden und sich danach kehren, auf daß auch er selig werden möchte, sondern sie werden alle nur dahin trachten, Mich zu ergreifen und zu töten! Und dazu ist jetzt Meine Zeit noch nicht da; darum weiß Ich gar wohl, was Ich zu tun habe.“
GEJ|6|34|16|0|Mit diesem Bescheide waren alle zufrieden und richteten darum keine weitere Frage in solcher Hinsicht an Mich.
GEJ|6|34|17|0|Nur eine Episode kann hier noch vor unserer Abreise nach Jerusalem erwähnt werden, und das ist die Wiederankunft des Judas Ischariot.
GEJ|6|35|1|1|35. — Judas Ischariot im Hause Kisjonahs
GEJ|6|35|1|0|Alle waren schon der ganz frohen Meinung, daß dieser Jünger nicht mehr wiederkehren werde, weil er sich den ganzen halben Winter hindurch gar nirgends hatte sehen lassen, das heißt bei jemand Bekanntem. Aber siehe da, auf einmal überraschte er uns gerade während eines recht fröhlichen Mittagsmahles. Er grüßte uns alle sehr freundlich, und Kisjonah lud ihn sogleich zu Tische, was der Jünger mit allem Danke und aller Freundlichkeit auch sogleich annahm.
GEJ|6|35|2|0|Kisjonah, ein äußerst freundlicher und aufrichtiger Mann gegen jeden Menschen, fragte denn auch unseren Jünger, was er diese Zeit hindurch zu Hause gemacht habe, und wie es ihm und seiner Familie ergangen sei.
GEJ|6|35|3|0|Da fing der Jünger an, ein langes und breites über die Vorteile zu erzählen, die er in der kurzen Zeit für sein Haus durch seinen besonderen Kunstfleiß errungen hätte, wie er für diese und jene großen Herren sehr viel ausgezeichnetes Geschirr für Küche und Tisch hätte zu machen bekommen, und wie er dafür überaus gut bezahlt worden wäre und sein Haus und seine Familie wenigstens auf einige Jahre bestens versorgt habe. Und dergleichen ans Unglaubliche Grenzende erzählte er noch mehreres.
GEJ|6|35|4|0|Da brach den andern Jüngern die Geduld, und sogar unser Petrus, der sonst nicht leicht zum Reden kam, sagte endlich zu ihm: „Höre, wenn von all dem nur die Hälfte wahr ist – was ich sehr bezweifle –, so bist du nun ja ohnehin schon nahe so wohlhabend wie hier der Freund Kisjonah, und ich sehe gar nicht ein, wie du dich nun hast entschließen können, wieder zu uns zu kommen und etwa gar noch weiter mit uns zu ziehen! Wäre es denn für dich nicht weit klüger, auch jetzt daheim zu bleiben und dich durch deinen Kunstfleiß noch mehr zu bereichern?“
GEJ|6|35|5|0|Sagte Judas Ischariot: „Das verstehst du nicht! Ich bin zwar gerne fleißig bei der Arbeit, so ich einmal dabei bin; aber ich kann nicht umhin, so mich bei allem Fleiße die Erinnerung an all das Gehörte und Gesehene wieder von der Arbeit treibt und zu euch führt, um da noch mehr zu hören und zu sehen. Denn gar so geistlos, als für was und wie ihr Brüder mich haltet, bin ich nicht! Und wäre ich es, so befände ich mich sicher nicht unter euch! Aber mich gelüstete schon sehr nach euch, und natürlich am meisten nach unserem Herrn, und so mußte ich gehen, wie durch eine unsichtbare Macht gezogen, und bin nun da. So ich euch jedoch unangenehm bin und euch irgend im Wege stehe, so dürfet ihr es ja nur sagen und besonders der Herr, und ich gehe wieder dahin, woher ich gekommen bin, und wir werden deshalb auch noch gute Freunde verbleiben!“
GEJ|6|35|6|0|Sagte Petrus: „O nein, das werden wir nie tun, und du kannst bei uns sein, wie du warst, und wie du willst; was ich dir verweise, besteht nur in dem, daß du ohne alle Rücksichtnahme auf des Herrn oft erwiesenste Allwissenheit uns allen über deine großen Gewinste so ganz keck und frech ins Gesicht lügen kannst, während du es vom Herrn so gut wie wir wissen solltest, daß über unsere Lippen nie ein unwahres Wort kommen soll. So dir das nicht unbekannt sein kann, warum denn dann solche Lügen aus deinem Munde, da du doch uns gleich vom Herrn zu einem Apostel bist erwählt worden?“
GEJ|6|35|7|0|Sagte Judas Ischariot: „Wie kannst du mir denn beweisen, daß ich gelogen habe?“
GEJ|6|35|8|0|Sagte Petrus: „Ganz leicht! Denn fürs erste hat der Herr durch Seine Gnade mein Inneres derart erleuchtet, daß ich es genau weiß und wissen kann, ob da jemand lügt oder die Wahrheit spricht; zudem wird, was ich nun soeben durch die Gnade des Herrn innewerde, gar bald ein anderer, noch handgreiflicherer Beweis hier eintreten, von dem alle, die dich nun angehört haben, es nur zu klar erfahren werden, wie sehr du uns alle nun angelogen hast, was von dir wahrlich nicht löblich war! Wir haben zwar durch deine ganz leere Großtuerei weder einen Schaden noch einen Nutzen; aber bedenke du es selbst, ob so etwas sich unter uns geziemt, und ganz besonders in Gegenwart des Herrn, an den du gleich uns allen zu glauben und zu hoffen vorgabst!“
GEJ|6|35|9|0|Hier ward unser Jünger sehr verlegen und wußte nicht, was er nun dem Petrus erwidern sollte, da er sich sehr getroffen fühlte.
GEJ|6|35|10|0|Es dauerte aber gar nicht lange, da kamen einige ins Haus des Kisjonah und baten um Almosen, und Kisjonah ließ sie nach seiner Art ins Zimmer treten. Als sie ins Zimmer traten, waren es vier schon ziemlich erwachsene Kinder, in ganz dürftigste Lumpen gehüllt. Als Judas Ischariot derer ansichtig ward, da wandte er sein Gesicht ab, um von den vier Eingetretenen nicht erkannt zu werden; denn es waren dies seine älteren vier Kinder, eine Maid und drei Jungen.
GEJ|6|35|11|0|Kisjonah aber befragte sie beiseits, wer und woher sie wären, wer ihr Vater wäre, und wie er heiße.
GEJ|6|35|12|0|Die Kinder aber sagten alles und gaben ihrem Vater gar kein absonderlich gutes Zeugnis.
GEJ|6|35|13|0|Kisjonah aber bemerkte, daß er vernommen habe, daß sich eben ihr Vater in dem halben Winter durch seinen Kunstfleiß gar soviel Geldes erworben hätte.
GEJ|6|35|14|0|Aber die Kinder verneinten das und sagten: „Der Vater hatte wohl etwas für einen Markt vorbereitet, – als er aber auf den Markt kam, da entstand eine große Rauferei zwischen jüdischen und griechischen Handelsleuten, und dem Vater wurden alle seine Töpfe und Geschirre zerbrochen, und wir alle sind dann als pure Bettler heimgekehrt, worauf dann der Vater sehr traurig ward und uns mit den Worten verließ: ,Kinder, ich kann für euch nun nichts mehr tun! Geht zu barmherzigen Menschen hin, und ihr werdet schon noch Unterstützung finden! Ich aber werde zu dem wunderbaren Meister, von dem ich vieles erzählt habe, gehen; vielleicht bewege ich Ihn, daß Er wenigstens euch und eurer armen Mutter hilft, so schon mir nicht mehr zu helfen sein sollte!‘ Dann ging er traurig fort, und wir gingen auch, wie wir hier sind, ein Almosen für uns, für die Mutter und für unsere noch jüngeren Geschwister zu suchen, haben aber bis jetzt noch wenig ausgerichtet. Darum bitten wir dich, daß du dich unser erbarmen möchtest!“
GEJ|6|35|15|0|Hierauf sagte Kisjonah: „Wie lange ist es denn schon, seit euch euer Vater verließ?“
GEJ|6|35|16|0|Da sagten die Kinder, es werde das schon acht Tage her sein, daß sie den Vater nicht mehr gesehen hätten.
GEJ|6|35|17|0|Hierauf führte Kisjonah die Kinder in ein anderes Gemach, ließ ihnen andere Kleider geben und sie reinigen und gab ihnen dann zu essen und zu trinken. Als die vier also vorderhand versorgt waren, da gaben sie sichtbarlich zu erkennen, daß es sie jammere des Elends ihres Vaters, dessentwegen auch daheim die arme Mutter sehr traurig wäre, da nun niemand wisse, wohin er gekommen sei.
GEJ|6|35|18|0|Da vertröstete sie Kisjonah, daß sie sich darum nicht sorgen sollten, da ihr Vater auch bei ihm vorderhand ganz gut aufgehoben sei und sie ihn bald sehen würden.
GEJ|6|35|19|0|Da wurden die Kinder überfroh und blieben ganz ruhig in ihrem Gemache.
GEJ|6|35|20|0|Kisjonah aber kam heraus, ging zu Judas Ischariot hin und sagte: „Freund, weit entfernt, als wollte ich dir, einem erwählten Jünger des Herrn, deiner Großrederei wegen irgendeinen Vorwurf machen, – aber da du mich hoffentlich ebensogut kennst, wie mich weit und breit alles, was arm ist, kennt, warum kamst du denn nicht alsbald zu mir, und warum gestandest du mir nicht deine sehr bedauernswerte Lage? Siehe, deine Kinder sind da weit aufrichtiger als du und sind höchst besorgt um dich, und du bogst bei ihrem Eintritte dein Angesicht von ihnen weg, um von ihnen, die dich trauernd suchen, ja nicht erkannt zu werden! Ich wenigstens finde das denn doch ein wenig sonderbar von dir! Was sagst du selbst nun zu dem allem?“
GEJ|6|35|21|0|Sagte Judas Ischariot, tief aufseufzend: „Ach, Freund, ich wollte durch meine freilich sehr unzeitigen Großredereien nur mein ganz gebrochenes Herz betäuben! Aber es hat mir das schlechte Früchte getragen; denn die Strafe folgte meiner Bosheit gegen mich selbst alsogleich auf der Ferse wie eine giftige Natter nach, und nun stehe ich da enthüllt zuschanden vor aller Augen. Geh und lasse mich zu meinen Kindern gehen, sie trösten und bei ihnen meinen Schmerz ausweinen!“
GEJ|6|35|22|0|Da sagte Ich: „Jetzt noch nicht! Esse und trinke nun, und in der Folge lüge nicht mehr, sonst wird dir noch Ärgeres widerfahren!“
GEJ|6|35|23|0|Da blieb Judas Ischariot und fing wieder an zu essen und zu trinken, und alle sprachen mit ihm nun weiter ganz freundlich, und Kisjonah versprach ihm, für die Armen zu sorgen, weil sie an seinem Unglücke ganz unschuldig seien, wohl aber mehr oder weniger er als Vater an dem ihrigen.
GEJ|6|35|24|0|So war diese Episode ganz ruhig und gut beigelegt worden, und sie ist hier nur darum wiedergegeben worden, um den Jünger wieder etwas näher zu bezeichnen, wessen Geistes Kind er war.
GEJ|6|36|1|1|36. — Abfahrt von Kis und Ankunft beim Wirte des Lazarus
GEJ|6|36|1|0|Auch Meine Leibesmutter Maria sagte bald darauf zum Judas Ischariot: „Wenn du so fortfährst und nimmer änderst dein Gemüt, dann wird dein Ende ein Grauen sein für viele und wird im Angedenken bleiben bei den Menschen bis ans Ende der Welt. Daher nimm dich in der Zukunft wohl in acht, daß du bestehest vor den Augen des Herrn! Ich habe von dir noch nie einen guten Traum gehabt und sehe nun auch den Grund ein. Darum noch einmal gesagt: Sieh zu, daß du bestehest vor den Augen des Herrn!“
GEJ|6|36|2|0|Diese Worte faßten alle Jünger tief in ihr Herz.
GEJ|6|36|3|0|Nach dem Mahle besuchten wir noch das Haus der Maria und ihre von Kisjonah ihr eingeräumte Besitzung. Alles war in der schönsten Ordnung. Auch war eine kleine Schule erbaut, in der die Mutter den dürftigen Kindern in allerlei nützlichen Dingen Unterricht erteilte und so die Zeit recht vielfach nützlich zubrachte und darum von allen Menschen des Ortes und der Umgegend sehr geliebt und geachtet ward. Sie heilte dadurch auch viele Kranke, daß sie ihnen in Meinem Namen die Hände auflegte oder über sie betete. Und so war sie denn auch ein Segen für diese Gegend und war dem Kisjonah ein wahres Kleinod.
GEJ|6|36|4|0|Am nächsten Tage als an einem Donnerstage, noch gut bei drei Wochen vor Ostern, empfahlen wir uns bei Kisjonah mit dem Versprechen, ihn bald wieder zu besuchen. Er ließ sogleich eines seiner besten Schiffe herrichten, das wir nach dem Morgenmahle alsbald bestiegen und dann bei gutem Winde abfuhren. Kisjonah, Philopold und Maria aber gaben uns das Geleite über das Meer bis an das Ufer des Galiläischen Meeres an der Stelle, wo der Jordan dasselbe verläßt und sich dann links dem Toten Meere zuwendet durch ein langes und stark nach Osten hin gebogenes Tal. Von da geht man dann auch guten und wohlgebahnten Weges hinauf nach Jerusalem, von welchem Wege aber heutzutage freilich wohl nichts mehr zu entdecken ist, wie von all den Orten am Galiläischen Meere, das heutzutage auch schon gut um ein starkes Dritteil kleiner geworden ist.
GEJ|6|36|5|0|Am Landungsplatze war bloß ein Mauthaus, bei dem man einen kleinen Zoll zu entrichten hatte, aber nur dann, so man etwas zum Verkaufe mittrug oder -führte. Wir stiegen da ans Land, segneten die uns Begleitenden und setzten unseren Weg schnell fort, ohne irgend eine Rast zu nehmen, und erreichten so ziemlich spät in der Nacht das Haus unseres bekannten Wirtes, der noch auf war, da einige Gäste bei ihm waren.
GEJ|6|36|6|0|Als wir da ankamen und der Wirt uns erkannte, da ward er voll Freude und setzte gleich sein ganzes Haus in Bewegung, um uns zu versorgen; denn wir hatten seit frühmorgens nichts mehr genossen. Auch unsere Glieder waren von der weiten Fußreise müde, und das Bedürfnis für Ruhe war ihnen sehr fühlbar geworden. Während der Wirt durch seine Leute für uns ein Nachtmahl bereiten ließ, erzählte er uns gar manches, was sich in Meiner Abwesenheit alles zugetragen hatte, – unter anderem auch, daß der gute Lazarus einen ganz ernsten Auftritt mit den Templern zu bestehen hatte wegen der Arbeiter, die Ich ihm aus Bethlehem verschafft hatte.
GEJ|6|36|7|0|(Der Wirt:) „Die Templer kamen gleichfort hin und gaben sich alle Mühe, die Arbeiter des Lazarus auf ihre Seite zu bringen; allein die Arbeiter begegneten den Templern mit Drohungen, so sie keine Ruhe von ihnen zu gewärtigen hätten. Auf das wurden die Templer stutzig und beschuldigten Lazarus, daß er seine Arbeiter heimlich gegen sie aufgewiegelt habe, und machten darum eine förmliche Anklage beim römischen Landpfleger. Dieser berief den Lazarus zu sich und befragte ihn um den wahren Sachverhalt und verhörte hernach auch alle die Arbeiter, und zwar jeden für sich allein. Aber da stellte sich die Sache also heraus, daß Lazarus samt seinen Arbeitern von aller Schuld freigesprochen ward und den Templern geheim bedeutet wurde, dem Lazarus, der nun ein Ehrenbürger Roms sei, seine Diener in Ruhe zu lassen, widrigenfalls er genötigt wäre, dem Lazarus zu seinem Schutze eine gute Anzahl Soldaten zur Verfügung zu stellen. Das wirkte, und Lazarus hat nun schon bei sechs Wochen lang volle Ruhe von seiten der Templer. Ob sie ihm aber gerade innerlich ganz besonders geneigt sind, das bezweifle ich sehr, obwohl sie ihm ins Gesicht recht freundlich sind und ihm versichern, daß sie nur gegen seine Arbeiter und nicht gegen ihn die für sie bedrohliche Sache vor den Landpfleger gebracht hätten. Und so lebt Lazarus wenigstens zum Scheine auf einem guten Fuße mit den Templern.“
GEJ|6|36|8|0|Sagte Ich: „Ich wußte es wohl, daß es also kommen werde; aber es hätte auch noch anders kommen können, wenn die Sache noch um ein paar Wochen länger angedauert hätte. Denn da wäre es zwischen den Arbeitern und den Templern zu ernsten Tätlichkeiten gekommen, die Ich vorausgesehen habe, und darum Ich auch durch Meinen Willen die Sache eben also geleitet habe, wie sie gekommen ist, und das war gut. Die Templer haben nun freilich einen heimlichen Groll auf den Lazarus; aber der hat nichts zu bedeuten, denn sie haben auch einen Groll auf alle Römer und Griechen und auf die Essäer, Sadduzäer und Samaritaner. Aber all dieser ihr Groll ist dem eines sehr törichten Menschen gleich, der auf einen großen Strom beinahe wütend zornig ward, weil er über ihn keine Brücke fand, über die er das jenseitige, schöne Uferland hätte erreichen können. Der Strom blieb Strom trotz des großen Zornes des törichten Menschen. Und wahrlich, geradeso geht und steht es mit dem Grolle und Zorne der Templer! Es ist ein Sich-Krümmen und -Sträuben eines Wurmes im Staube gegen die Tritte der vorüberziehenden Kamele. Darum lassen wir diese Sache nun ganz gut sein, und du, lieber Freund, sieh nach, ob wir bald zu einem Nachtmahle kommen werden!“
GEJ|6|37|1|1|37. — Die Weisen aus Persien
GEJ|6|37|1|0|Da eilte der Wirt in die Küche, und es war bereits schon alles fertig. Es ward sogleich aufgetragen, und wir aßen und tranken ganz wohlgemut.
GEJ|6|37|2|0|Es erfuhren aber die anderen Gäste, die als Reisende teils aus Galiläa, Griechenland, Samaria, teils aus verschiedenen Ländern hier die Nachtherberge nahmen, weil der Wirt bekannt war als ein sehr billiger Mann und auch ein großes Unterkommenshaus besaß, daß eben Ich, von dem sie schon so vieles vernommen hatten, nun auch in dieser Herberge Mich befinde. Da befragten sie des Wirtes Dienerschaft, ob sie Mich sehen könnten. Ein Diener aber kam darum zu uns und steckte solches dem Wirte, der sich mit uns über so manches besprach.
GEJ|6|37|3|0|Der Wirt aber sagte dem Diener: „Da kann ich weder ja noch nein sagen; denn dieser Herr ist ein Alleinherr, und es darf nur das geschehen, was Er will!“
GEJ|6|37|4|0|Ich aber sagte zum Wirte: „Es sind unter den Reisenden auch vier Magier aus Ägypten, geboren aber in Persien nahe an der Grenze von Indien. Drei darunter sind Hauptmagier und schon hohen Alters, der vierte aber ist nur ein Jünger. Sie haben wohl noch ein größeres Gefolge, das aber größtenteils in andern Orten in der Herberge ist; hier haben sie nur die nötige persönliche Dienerschaft. Nun, diese vier Magier, die nun etliche Jahre in Ägypten ihr Wesen trieben, kannst du hereinkommen lassen, und wir wollen ihnen auf den Zahn fühlen, wessen Geistes Kinder sie sind.“
GEJ|6|37|5|0|Da ging der Wirt hinaus in das Gemach, in dem die Magier sich befanden, und sagte ihnen, daß Ich es gestattet habe, zu Mir zu kommen.
GEJ|6|37|6|0|Darüber waren die Magier sehr erfreut, indem sie von Mir schon so vieles sogar bis über die Grenzen Kanaans vernommen hätten. Sogleich erhoben sie sich und eilten zu Mir, vom Wirte geleitet. Als sie bei uns als ehrwürdige Greise ankamen, da verneigten sie sich tief und grüßten höflichst nach ihrer Sitte. Da sie der hebräischen Sprache kundig waren, so konnten sie auch von den Jüngern allen wohl verstanden werden.
GEJ|6|37|7|0|Ich sagte gleich zu ihnen: „Der, welchen ihr gerne näher kennen- lernen möchtet, der bin Ich; nun aber setzet euch zu uns, und wir werden uns dann erst ein wenig näher verständigen!“
GEJ|6|37|8|0|Die Magier nahmen an unserem Tische Platz, und Ich fragte sie: „Nun saget ihr Mir ganz offen, was ihr so für allerlei Künste und Zaubereien treibet; dann sollet ihr auch von Mir erfahren, was Ich alles treibe! Vielleicht können wir uns dann gegenseitig sehr nützlich sein!“
GEJ|6|37|9|0|Hier verneigten sich die Magier, und der eine Magier sagte: „Meister, dieser ist unser Ältester und Weisester, sein Name ist HAHASVAR (Caspar) - (Hüter der Gestirne), der wird für uns reden! Er zählt volle dreimal dreißig Jahre. Ich Redner nun zähle erst achtzig und dieser neben mir siebzig volle Jahre, und in den Gestirnen steht es geschrieben, daß ein jeder von uns von jetzt an noch dreißig Jahre leben muß. Mein Name ist MEILIZECHIORI (Melchior) - (Habe das Gesicht oder die Wissenschaft, die Zeit zu messen), und der Name dieses meines Nachbars OU LI TESAR (Balthasar) - (Willensbeschwörer oder -nötiger). Der vierte unter uns ist noch jung, hat noch keinen bestimmten Namen, da er noch ein Jünger ist. Nun mag unser Ältester reden!“
GEJ|6|37|10|0|Nun fing also der Älteste an und sagte: „Wir drei waren schon einmal vor dreißig Jahren hier und sind weiten Weges aus dem fernen Morgenlande hierhergereist; denn wir sind durch einen besonderen Stern erweckt worden, und in der Schrift der Sterne stand es geschrieben: ,Im tiefen Westen ist dem entarteten Volke Gottes ein neuer König geboren worden. Seines Leibes Mutter ist eine Jungfrau und nie von einem Manne berührt worden; denn das Kind in ihr ist gezeuget durch des großen Gottes Kraft, und sein Name wird groß sein unter allen Völkern der Erde, und er wird ein Reich gründen und im selben als ein allermächtigster König ewig herrschen. Und wohl allen, die in seinem Reiche leben werden; denn über sie wird der Tod keine Macht mehr haben!‘
GEJ|6|37|11|0|Als solches wir lasen, da machten wir uns auf, folgten dem Laufe des Sternes und fanden im Ernste zu Bethlehem, und zwar in einem alten Schafstalle, ein neugeborenes Kind gar wunderbarlich und opferten ihm unsere Gaben. Wir wollten versprochenermaßen wieder über Jerusalem in unser eigenes Land ziehen, wurden aber im Traume gewarnt durch einen lichten Geist, daß wir eines andern Weges nach Hause ziehen sollen und nicht verraten dem bösen Fürsten den neugeborenen König. Das taten wir denn auch. Was hernach mit jenem wunderbaren Kinde geschehen ist, konnten wir trotz unseres Forschens nicht mehr in irgendeine Erfahrung bringen.
GEJ|6|37|12|0|Wir vernahmen von alten Leuten, daß von seiten des alten, grausamen Fürsten Herodes zu Bethlehem wegen jenes neugeborenen Königs ein Kindermord angeordnet ward, wobei alle Knaben von 1-2 Jahren mit dem Schwerte umgebracht worden sind; aber die Eltern hätten mit dem Wunderkinde noch zur rechten Zeit die Flucht nach Ägypten ergriffen und seien also der Grausamkeit des tollen Fürsten entronnen. Wir aber forschten nun mehrere Jahre in Ägypten nach demselben Kinde und Könige und konnten nicht das geringste erfahren.
GEJ|6|37|13|0|Erst unlängst zu Memphis in Ägypten erfuhren wir, daß in Galiläa ein großer Wundermann aufgetreten sei, der Zeichen und Werke verrichtet habe, die auf dieser Erde nie erhört worden seien, und dabei so überweise Reden halte, gegen die sich alle die größten Weisen der Erde rein in den Staub verkriechen müßten. Gar viele glaubten und hielten daher an ihn, daß er offenbar Gott Selbst sein müsse, weil sonst sein Tun und Treiben ganz unerklärlich wäre.
GEJ|6|37|14|0|Auf solche Nachricht sind wir denn eigens wieder hierher nach Kanaan oder nach dem gesamten Judenlande gezogen, um irgendwo mit solch einem außerordentlichen Menschen zusammenzukommen, und zwar aus einem doppelten Grunde: erstens, um uns selbst von allem persönlich zu überzeugen, und zweitens, um zu erforschen, ob etwa dieser Mann nicht aus jenem zu Bethlehem geborenen Kinde hervorgegangen ist.
GEJ|6|37|15|0|Freilich sei zwar der berühmte Wundermann noch kein König, – aber das macht gerade gar nichts aus; denn wir sind nur Weise, Sternkundige, durch die Kenntnis der Naturkräfte vor den Augen der blinden Menschheit auch ganz außerordentliche Magier und sind darum auch Könige mit Land und viel Volk hinter Persien in den weiten Hochländern und haben keinen Feind zu fürchten, da ein jeder nachbarliche Fürst uns hochachtet und vor unserer geheimen Macht die größte Ehrfurcht hat. Und doch ist unsere Macht nur eine ganz natürliche, die ein jeder Mensch erlernen kann; um wieviel mehr kann der so berühmte Mann Judenlands ein König sein, der bloß durch seinen Willen Berge und Felsen vernichten, den Toten das Leben wiedergeben und den Elementen gebieten kann!
GEJ|6|37|16|0|Wir kamen schon heute morgen hier in dieser Gegend an und erkundigten uns nach dem Manne, und es hieß, daß er erst unlängst hierherum sein Wesen hatte, und daß er in kurzer Zeit wieder hier eintreffen dürfte. Und nun spätabends ging es im Hause von Mund zu Mund, der berühmte Mann sei mit seinen Jüngern angekommen.
GEJ|6|37|17|0|Nun kannst du, Meister, es dir wohl denken, von welcher Begierde wir alle zu glühen anfingen, in dir den Mann zu ersehen, von dem wir so Wundergroßes gehört haben, und dich dann auch in tiefster Bescheidenheit zu fragen, ob du doch etwa aus jenem Wunderkinde, das zu Bethlehem geboren ward, hervorgegangen bist.“
GEJ|6|38|1|1|38. — Das Können und Wirken der drei Weisen
GEJ|6|38|1|0|Sagte Ich: „Das ist alles sehr schön und löblich von euch; aber es hieß ja einmal, daß jene drei Weisen, die das zu Bethlehem geborene Wunderkind besucht haben, nachher – vor etwa fünfzehn Jahren schon – verstorben seien. Wie kommt es denn, daß ihr als dieselben noch lebet und euer Wesen in aller Welt herum treibet?“
GEJ|6|38|2|0|Sagte der Älteste: „Edler Freund, bei uns in unserem Lande kannst du fünf-, auch sieben Male sterben und dann neu belebt wieder fortleben. Das bewirkt dort die Luft, die Erde und ihre Geister, die wunderbaren Kräuter und unsere Kräfte, geschöpft aus den geheimen Kräften der Natur.
GEJ|6|38|3|0|Aber als wir damals in Bethlehem waren, da waren in uns noch drei Geister aus der Urzeit der Menschen dieser Erde [Adam, Kain und Abraham – gemäß der "Geistige Sonne" Bd. 2, 15-18.]; diese sind nun nicht mehr in und mit uns im Verbande, sondern wir sind nun ledig und allein.
GEJ|6|38|4|0|Als jene Geister uns verließen, da hatte es gleichwohl das äußere Ansehen, als wären wir verstorben; aber es belebten uns wieder unsere Geister, und wir leben nun wieder ganz gut fort für uns selbst und werden noch eine geraume Zeit fortleben. Wenn dieser Leib aber dann ganz unbrauchbar werden wird, dann werden wir aber auch nicht sterben, wie die armen Menschen hierzulande gar elendiglich sterben, sondern wir werden mit vollem Bewußtsein selbst freiwillig aus unseren Leibern treten und dann als Geister fortleben und auch -wirken unter unseresgleichen. Siehe, edler, großer Meister, so verhalten sich bei uns die Sachen, dieweil wir noch ein unverdorbenes Ur- und Naturvolk sind.“
GEJ|6|38|5|0|Sagte Ich: „Darum weiß Ich wohl und weiß es auch, daß es auf dieser Erde noch einige solche Völker gibt, wogegen Ich durchaus nichts einzuwenden habe, und Ich lasse es denn auch gelten, daß ihr jene drei Weisen aus dem fernen Morgenlande seid, die das zu Bethlehem in einem Schafstalle neugeborene Wunderkind besucht haben, und nun auch wiedergekommen seid, den dem Kinde entwachsenen Wunderkönig aufzusuchen, um ihm wieder eure Achtung zu bezeigen, was von euch unstreitig sehr löblich ist.
GEJ|6|38|6|0|Aber Ich fragte euch auch, was ihr denn so auf euren weiten Reisen alles für Künste und Werke verrichtet, und was sie euch denn für einen Nutzen abwerfen. Davon müsset ihr Mir auch etwas sagen, damit wenigstens diese Meine Jünger auch von euch etwas gewinnen können. Dann werde Ich euch schon von Mir Selbst etwas Näheres kundgeben.“
GEJ|6|38|7|0|Sagte der Älteste: „Ja, großer Meister, wenn du alles das leistest, was wir von dir vernommen haben, werden deine Jünger von uns eben nicht gar besonders viel gewinnen; aber dieweil du solches wünschest, so kann ich dir schon so die Hauptsache mitteilen. Unser Erstes und die eigentliche Hauptsache ist es, den Menschen aus den Sternen so manches für sie Nützliche zu weissagen, was zumeist dann auch eintrifft. Freilich, aufrichtig gesagt, kommt es da mehr auf die künstliche Stellung der Worte als auf die Stellung der Sterne an, die bis auf die der wenigen Planeten ohnehin immer die ganz gleiche bleibt.
GEJ|6|38|8|0|Nur bei der Geburt des jüdischen Wunderkindes, allwann wir noch von den gewissen Geistern mehr oder weniger bewohnt waren, da haben wir gegen den Westen wohl ganz sonderbare Stellungen der Sterne gesehen und einen Stern von besonderer Größe, der gegen Westen hin eine lange Rute hatte, und da wir auch wohl merkten, daß er sich eben gegen Westen hin schneller bewegte denn die anderen Sterne, so dachten wir, daß sich im Abendlande etwas Großes müsse zugetragen haben. Und bald lasen wir es aus den Sternen wie eine Schrift: ,Den Juden ist ein neuer König geboren, der ein Reich gründen wird, das nimmer ein Ende nehmen wird in Ewigkeit, und er wird herrschen über alle Völker der Erde!‘
GEJ|6|38|9|0|Nun, diese Schrift war völlig wahr, und wir schlugen dann unsere Reise gerade nach der Bewegung des Sternes ein, der uns am rechten Orte und an rechter Stelle stehenzubleiben schien, und wir fanden da wirklich eine Geburt, die von allen möglichen Wundern begleitet war, so daß wir auch nicht einen Augenblick im Zweifel sein konnten, ob wir wohl am rechten Orte wären. Da war demnach unsere Sterndeuterei voll Wahrheit; inwieweit die nachträglichen und späteren auch mehr oder weniger Wahres in sich enthielten, dafür könnten wir, offen gesagt, keine volle Bürgschaft leisten. So steht denn die Sache mit unserer Sternenweisheit.
GEJ|6|38|10|0|Was aber unsere Magie betrifft, so zerfällt diese in drei Teile. Der erste Hauptteil geht aus unserer durch viele Proben, Versuche und Erfahrungen hervorgehenden Kenntnis und Vertrautheit mit den geheimen Kräften der Natur hervor, wodurch wir imstande sind, tausenderlei Dinge und Sachen zu bewerkstelligen, die bei der blinden und nichts wissenden Menschheit natürlich das größte Staunen erregen müssen und uns ein großes Ansehen und auch einen großen Gewinn abwerfen.
GEJ|6|38|11|0|Wir sind zurzeit im Besitze eines Geheimnisses, eine Art Körner zu erzeugen, die überaus leicht entzündbar sind, bei ihrem schnellen Entzünden in einem geschlossenen Raume aber eine solche Kraft entwickeln, daß dadurch der stärkste und festeste Fels, so man zuvor durch eine gemachte Öffnung in denselben ein paar Pfunde von den erwähnten Körnern bringt und durch einen unsichtbaren Brandfaden entzündet, mit einem großen Knalle in tausend Trümmer zerrissen wird. Zum Scheine fürs Volk tun wir das wohl also, als geböten wir dem Felsen, daß er sich lösen müsse; aber im Grunde bewirken das nur unsere Sprengkörner, die wir schon etliche Tage zuvor ganz unbemerkt an einer geeigneten Stelle unterzubringen verstehen.
GEJ|6|38|12|0|Und so in der Art haben wir noch eine Menge Dinge, deren Experimentierung dem unkundigen Volke eine große Verwunderung abnötigen muß. Dazu gehören auch unsere Feuerkünste, bei denen wir auch den Blitz und seine Wirkungen ganz täuschend nachzumachen verstehen. – Darin also besteht der erste Teil unserer Magie.
GEJ|6|38|13|0|Der zweite Teil ist ein rein mechanischer, wobei wir durch gewisse bisher noch unbekannte Maschinen auch gewisse Wirkungen hervorbringen, die gleichwohl auch jeden Laien ins größte Staunen setzen müssen, weil die Ursache der Wirkung fremd ist und außer von uns von sonst niemand erklärt werden kann.
GEJ|6|38|14|0|Der dritte Teil unserer Magie ist der eigentlich nichtssagende, weil er bloß durch gewisse geheime Einverständnisse bewerkstelligt wird. Der macht bei dem blinden Volke beinahe das meiste Aufsehen, obwohl hinter ihm gar nichts steckt außer einer gewissen eingeübten Geschicklichkeit und Fertigkeit. – Das sind nun unsere drei magischen Teile.
GEJ|6|38|15|0|Endlich aber sind wir auch Ärzte und können durch geheime Mittel mit dem besten Gewissen von der Welt gar viele Krankheiten heilen, böses Ungeziefer aller Art vertilgen, und alle Arten der bösen Tiere müssen vor uns die Flucht ergreifen oder sich von uns bändigen lassen, – mit welcher unserer Fähigkeit wir den Menschen auch schon gar manchen guten Dienst erwiesen haben. – Und nun hast du, großer Meister, in Kürze unsere ganze Kunst vor dir aufgedeckt. Aber nun bitten wir denn auch dich, daß du uns über dich eine nähere Auskunft geben möchtest.“
GEJ|6|39|1|1|39. — Ein guter Zweck heiligt nicht die schlechten Mittel
GEJ|6|39|1|0|Sagte Ich: „Eure Kunst ist insoweit, als sie sich bei dem Experimentieren der Naturkräfte, der Mechanik und der Heilmittel bedient, in sich ganz gut, und es kann mit der Zeit für die Menschen so mancher irdische Vorteil daraus erwachsen. Aber alles, was dabei im Angesichte der Menschen, die vor Gott einen gleichen Wert haben, mehr als gewinnbringendes Blendwerk erscheint, ist schlecht und Gott, dem alleinigen Herrn aller Welt und Kreatur, nicht wohlgefällig, wie Ich solches auch den Essäern, die Ähnliches tun, bei einer Gelegenheit gesagt und gezeigt habe. Denn so der Zweck im Grunde ein noch so guter wäre, den man aber nur durch ein lügenhaftes und somit an sich schlechtes Mittel erreichen könnte, so wird dieses durch den an und für sich guten Zweck nie geheiligt und auch nie gut.
GEJ|6|39|2|0|Zum Exempel: Es wäre ein sehr schmerzlichst kranker Mensch, und die besten Ärzte wüßten kein Mittel mehr, den Menschen von seinen großen Schmerzen zu heilen. Nun aber fiele es einem ein, und er sagete zu den andern Ärzten: ,Da diesem Menschen durch nichts mehr zu helfen ist, so geben wir ihm ein schnell tötendes Gift, und er ist auf einmal alle seine Leiden los!‘ Gesagt, getan, – und der Leidende war im Moment dahin. Ja, diese Ärzte haben den Kranken richtig von allen seinen Schmerzen befreit; aber sie haben ihn getötet, ohne zu bedenken, warum Gott ihm ein solches Leiden zukommen ließ, und wie es dann jenseits mit seiner Seele stehen möchte. Und so war das Mittel schlecht, was darum auch nie einen ganz rein guten Zweck nach sich ziehen kann.
GEJ|6|39|3|0|Und sehet, also steht es mit allen solchen falschen Wundern! Und werden sie auch sogar mit guten, moralischen Lehren zu manchem Frommen der Menschen begleitet und als göttliche Wirkungen erklärt, so bezwecken sie aber im Grunde dennoch nichts Gutes; denn sie erwecken in den Gemütern des Volkes den genötigten Leichtglauben, aus dem allerlei bösen Aberglauben und am Ende einen fanatischen Haß gegen jeden Andersglaubenden. Und kommen sie aber endlich durch jemanden hellen Geistes hinter den Betrug, und wie das von ihnen geglaubte, angeblich göttliche Wunder ein ganz plump-natürliches war, so fallen sie denn auch von allen darauf gestützten an und für sich guten Lehren ab, glauben dann gar nichts mehr und werden zu Tigern und Hyänen gegen ihre Lehrer und Wundertäter.
GEJ|6|39|4|0|Aus dem aber läßt sich dann leicht entnehmen, wie durch ein schlechtes Mittel eigentlich auch nie ein guter Zweck zu erreichen ist; denn ist die Stütze schlecht und gebrechlich, wie kann darauf ein vollkommen festes Gebäude bestehen?!
GEJ|6|39|5|0|Auf einem schlechten und lockeren Grunde läßt sich nie eine feste Burg erbauen, und so läßt sich mit falschen Scheinmitteln auch nie eine wahre und den Menschen durch und durch bessernde und belebende Erziehung erzielen.
GEJ|6|39|6|0|Auch die größten Staaten in dieser Welt, vor denen einst der halbe Erdkreis erbebte, zerfielen am Ende wie lockere Spreu, weil das Fundament, auf dem sie erbaut waren, selbst nichts als ein eitles, spreuartiges Blendwerk war.
GEJ|6|39|7|0|Daher aber bin Ich denn in diese Welt von oben herabgekommen, um den Menschen die volle Wahrheit in allem zu zeigen und zu geben. Und wer in solcher Wahrheit bleiben und leben wird, der wird wahrhaft frei sein und in sich haben das ewige Leben, das nie durch irgendein Scheinmittel, sondern allein nur durch die reinste und gediegenste Wahrheit zu erreichen ist.
GEJ|6|39|8|0|Und eben darin bestehet das Reich, das Ich nun soeben gründe. Es ist ein Reich der Liebe, des Lichtes und daraus der reinsten und gediegensten Wahrheit. Sein König wird wohl nie einen irdischen Thron besteigen, und kein goldenes Zepter in die Hände nehmen und wird keine andere Waffe führen denn allein die Wahrheit; aber diese Waffe wird ihm dennoch den glänzendsten Sieg über alle Völker der Erde und über alle ihre Kreatur für ewig geben, und wohl jedem, der sich von dieser reinsten Himmelswaffe wird besiegen lassen!
GEJ|6|39|9|0|Und nun erst sage Ich euch auch, daß Ich eben ganz Derselbe bin, den ihr suchtet, und dem ihr schon als einem neugeborenen Kind die Ehre erwiesen habt.
GEJ|6|39|10|0|Aber Ich sage es euch nun auch, daß Ich jetzt und fürder keine Ehre von den Menschen nehme, sondern es ist Einer, der eins ist mit Mir, der allein Mich ehrt, und der heißt: Liebe, Licht, Wahrheit und Leben. Er ist der Urgrund aller Dinge und das ewige Sein und Dasein Selbst, und alles, was da ist und besteht, ist und besteht aus Ihm. – Wisset ihr nun, wie ihr daran seid?“
GEJ|6|40|1|1|40. — Der Einfluß der Lichtgeister
GEJ|6|40|1|0|Sagte, ganz von der Wahrheit Meiner Rede durchdrungen, der Älteste: „Großer Meister! Aus dieser deiner lichtvollen Rede haben wir mehr denn sonnenklar entnommen, daß du mehr als ein purer Mensch sein mußt; denn also gar so durchdringend wahr haben wir noch nie einen Menschen reden hören, und wahrlich, solche Worte wirken mehr denn tausend der wunderbarsten Zeichen, die zwar die Menschen wohl auf eine Zeitlang berücken, aber ihr Herz noch mehr verhärten und verfinstern! Darum verlangen wir auch gar kein anderes Zeichen von dir; denn dies dein Wort genügt uns vollkommen, und wir wissen nun schon, was wir künftighin zu tun und zu halten haben. Unser Volk daheim soll fürder nicht mehr im Finstern umherwandeln!“
GEJ|6|40|2|0|Sagte Ich: „Das wird von euch sehr wohlgetan sein; aber alles Gute und Wahre braucht auch seine Zeit. Daher müsset ihr denn auch bei allem redlichen Tun und Handeln die Klugheit zu Rate ziehen. Denn ein einmal verfinstertes Volk kann ein plötzlich aufgehendes grellstes Licht nicht ohne Schaden seiner Sehe vertragen; es wird dann wie wahnsinnig, lichtscheu und suchet dann Schatten und Nacht. Darum muß das Licht erst ganz sparsam zugelassen werden, daß sich die Menschen nach und nach an dasselbe gewöhnen. Mit der Zeit werden sie dann auch sogar ganz behaglich das stärkste Licht vor ihren Augen vertragen. – So ihr denn wahre Weise aus dem fernen Morgenlande seid, so müßt ihr auch diese Weisheitslehre treu beachten, so ihr euren Völkern ein wahrer Segen werden wollet.“
GEJ|6|40|3|0|Sagte der Älteste: „Auch dieses werden wir und unsere Jünger getreu beachten; denn wir sehen, daß du in allem recht hast und durch und durch wahrhaftig bist. Aber nun möchten wir denn von dir auch noch erfahren, was es mit den uns leitenden Geistern zur Zeit deiner wunderbaren Geburt für eine Bewandtnis hatte; denn wir nahmen es in uns ganz genau wahr, daß sie nicht wir und wir nicht sie waren. Aber wenn sie in uns herrschten, da konnten wir nicht tun, was wir wollten, sondern nur das, was sie wollten, und es kam uns dabei vor, als ob sie unser eigenes besseres Ich wären. Denn da waren wir auch sehr weise und lernten so erst die inneren Naturkräfte und ihre Benutzung kennen; aber wenn sie wie aus uns wichen, dann waren wir wieder ganz dumm und konnten gar nicht begreifen, wie wir die großen Kraftgeheimnisse in der Natur kennengelernt hatten. Was wir des Besseren nun kennen, das ist uns durch jene Geister kundgegeben worden, die wir in hellen Träumen auch zu sehen bekamen. Nun, was mag nach deiner Weisheit wohl dahinter stecken und sein?“
GEJ|6|40|4|0|Sagte Ich: „Das ist bei euch darum nichts Besonderes; denn alle von Natur aus besseren Menschen werden von Geistern auf eine manchmal mehr und weniger fühlbare Weise unterwiesen in allerlei geistiger und natürlicher Wissenschaft, und so war es denn auch bei euch auf eine mehr fühlbare Art der Fall.
GEJ|6|40|5|0|Und je naturgemäßer, einfacher und in sich gekehrter die Menschen irgend in der Welt leben, desto mehr und lebhafter stehen sie auch mit den besseren und guten Geistern aus dem Jenseits in Verbindung. Und das war denn auch bei euch und mit euch der Fall.
GEJ|6|40|6|0|Als ihr aber dann durch eure vielen Reisen weltläufiger geworden seid, da haben euch auch eure Lehr- und Leitgeister verlassen und euch euren eigenen Erkenntnissen, eurer Vernunft, eurem Verstande und eurem eigenen freien Willen anheimgegeben. Aber dennoch weckten sie die Begierde in euch, daß ihr Mich suchen und nun auch finden mußtet, und das war von den drei Geistern ganz wohl gesorgt für euch und eure Kinder und Völker.
GEJ|6|40|7|0|Jene Geister aber waren einst auch Menschen auf dieser Erde, und zwar für alle jetzt lebende Menschheit von der größten Bedeutung für diese Erde; doch jenseits hören alle die irdischen Unterschiede von ,erst‘, ,groß‘ oder ,klein‘ gänzlich auf, und der letzte Mensch der Erde wird ihrem ersten nicht nachstehen, vorausgesetzt, daß er den Willen Gottes erkannt und nach dessen Vorschrift und Ordnung gehandelt hat.
GEJ|6|40|8|0|Der Wille Gottes an alle Menschen aber lautet ganz kurz also: Erkenne Gott und liebe Ihn über alles und deinen Nächsten, das heißt deinen Nebenmenschen aber wie dich selbst. Sei wahrhaft und getreu gegen jedermann, und was du vernünftigerweise willst, daß man dir tue, das tue du auch deinem Nebenmenschen, so wird Friede und Einigkeit zwischen euch sein und Gottes Wohlgefallen wird über euren Häuptern strahlen wie ein rechtes Licht des Lebens!
GEJ|6|40|9|0|Das genüge euch. Aus dem wird euch dann schon alle andere und weitere Weisheit gegeben werden. Und nun möget ihr euch zur Ruhe begeben, denn es ist bereits um die Mitte der Nacht geworden.“
GEJ|6|40|10|0|Da dankten die Weisen und baten Mich, am kommenden Tage noch in Meiner Nähe verharren zu dürfen, was Ich ihnen auch gerne gestattete. Darauf begaben wir uns alle zur Ruhe.
GEJ|6|40|11|0|Und als wir am nächsten Tage erwachten, da war ein gutes Morgenmahl schon in voller Bereitschaft, und unsere Weisen warteten auch schon mit der größten Sehnsucht von der Welt, Mich wiederzusehen und etwa auch sprechen zu hören; denn Meine Worte haben sie sich sehr zu Herzen genommen.
GEJ|6|40|12|0|Als Ich mit all Meinen Jüngern beim Morgenmahle saß, aß und trank und Mich mit dem Wirte über dies und jenes besprach, da horchten die Weisen schon an der Tür. Da sie aber nur über mehr gleichgültige, irdische Dinge Worte wechseln vernahmen, da sagten sie unter sich: „Siehe, heute redet er nicht so weise denn in der Nacht! Er muß sehr vielseitig sein in seinem Wissen! Aber da strahlt nicht viel von göttlicher Weisheit heraus!“
GEJ|6|40|13|0|Als sie aber noch also unter sich hin und her urteilten, da kam plötzlich ein Schwerkranker in das Vorzimmer; denn er war ein Nachbar des Wirtes und erfuhr durch dessen Leute, daß Ich beim Wirte angekommen sei und nun daselbst weile. Als er durch die Türe Meiner ansichtig ward, da schrie er: „O Jesus von Nazareth, du wahrer Heiland, erbarme dich meiner und heile auch mich, der du schon so viele geheilet hast!“
GEJ|6|40|14|0|Da ging Ich hinaus und sagte: „Wie lange plagt dich denn deine Gicht?“
GEJ|6|40|15|0|Und er sagte: „Herr, schon sieben Jahre! Ich aber ertrug die Schmerzen dennoch geduldig, als sie nicht gar so arg wüteten; nun aber werden sie mir unerträglich, und so ließ ich mich zu dir herführen.“
GEJ|6|40|16|0|Sagte Ich zu den Weisen: „Nun, ihr seid auch Ärzte! Möget ihr diesem Menschen nicht helfen mit eurer Kunst?“
GEJ|6|40|17|0|Sagte der Älteste: „Meister, derlei Kranke sind bei uns als unheilbar erklärt, und da hilft auch keine Arznei etwas mehr! Wenn solch einen Gichtbrüchigen die Sonne nicht mehr zu heilen vermag, da hilft ihm auf der Welt nichts mehr.“
GEJ|6|40|18|0|Sagte Ich: „Nun, so will Ich denn sehen, ob er nicht mehr zu heilen ist!“
GEJ|6|40|19|0|Darauf sagte Ich zum Kranken: „Sei geheilt und wandle; aber sündige fortan nicht mehr, auf daß dir dann nicht noch etwas Ärgeres begegne!“
GEJ|6|40|20|0|Darauf ward der Kranke urplötzlich völlig gerade und gesund, dankte und verließ voll Freuden das Haus.
GEJ|6|40|21|0|Da erschraken die Weisen und wollten Mich förmlich anzubeten anfangen. Ich aber verwies ihnen solches, und Ich und die Jünger zogen darauf gleich nach Bethanien zum Lazarus, und die Weisen zogen auch noch am selben Tage in ihr fernes Land zurück.
GEJ|6|41|1|1|Am Galiläischen Meere. (Ev. Joh. Kap. 6)
GEJ|6|41|1|1|41. — Die Speisung der Fünftausend (Ev. Joh. 6,1-45)
GEJ|6|41|1|0|Daß Lazarus über Meine Ankunft eine übergroße Freude hatte, braucht kaum erwähnt zu werden. Aber Ich war kaum drei Tage allda, so erfuhr durch die Arbeiter die ganze, weite Umgegend Meine Anwesenheit, und es kam da täglich mehr Volk zusammen, und sie brachten allerlei Kranke, die allda alle geheilt wurden. Es machte dies aber ein großes Aufsehen um ganz Jerusalem, und es kam das auch zu den Ohren der Pharisäer, daß sie darum unter sich bald Rat zu halten begannen, wie sie Mich fangen und aus der Welt schaffen könnten.
GEJ|6|41|2|0|Aber Ich wußte darum und sagte am zehnten Tage Meines Aufenthaltes in Bethania zu Lazarus und zu den Jüngern: „Wir werden uns von dannen begeben wieder nach Galiläa; denn die Pharisäer halten wider Mich einen bösen Rat. Ich will aber nun kein weiteres Aufsehen machen, damit auch dein Haus um das Fest herum Ruhe habe. Ich werde darum heute noch von hier abziehen.“
GEJ|6|41|3|0|Da sprach Lazarus ganz betrübt: „Herr, Du bist ja allmächtig und kannst die böse Brut mit einem Gedanken vernichten, was für alle besseren Juden eine große Wohltat wäre.“
GEJ|6|41|4|0|Sagte Ich: „Das könnte Ich wohl; aber es ist der Wille des Vaters nicht also, sondern sie sollen handeln, bis ihr Maß voll wird. Dann erst wird kommen das große Gericht über sie; denn sie werden sich durch ihre alle Schranken übersteigende Herrschsucht selbst das Schwert in den Leib stoßen. In ihrem Hochmute werden sie sich gegen die Römer empören, und diese werden ihnen den vollen Tod geben. Ich sage es dir: Kein Stein wird auf dem andern verbleiben, und die Nachkommen werden die Stelle nicht mehr finden, wo Jerusalem gestanden, und so sie auch etwas finden werden, da werden sie sich aber dennoch nicht danach richten können und keine Stelle sicher zu bestimmen imstande sein. Das wird geschehen von der Welt der Welt wegen. Aber jetzt ist es noch nicht an der Zeit, und dazu bin Ich nicht gekommen, um etwas zu zerstören, sondern nur um aufzurichten das Gebrochene und zu suchen und zu finden das Verlorene. Und es ist also nun besser, daß Ich auf eine Zeitlang von hier gehe, auf daß Ich und du Ruhe haben; denn sie werden Mich hier bald suchen, aber nicht finden, – und das wird gut sein.“
GEJ|6|41|5|0|Darauf nahmen wir ein Morgenmahl und machten uns auf die Reise. Lazarus aber begleitete uns nahe bis an das Galiläische Meer hin, und es zog uns eine große Menge Volkes nach. Am Meere aber, dahin wir schon ziemlich spät abends kamen, hielt Ich an und blieb daselbst die Nacht hindurch in einer Herberge. Am Tage darauf empfahl sich Lazarus und ging mit seinen Leuten nach Hause.
GEJ|6|41|6|0|Ich aber bestieg mit den Jüngern, deren Zahl nun schon von neuem über siebzig ausmachte, ein großes Schiff und fuhr nahe an der Stadt Tiberias über das Meer. (Joh.6,1) Da das Volk aber sah, daß Ich abfuhr, mietete es gleich auch eine Menge Schiffe und zog Mir also unaufhaltsam nach, weil es die Zeichen sah, die Ich an den vielen Kranken tat. (Joh.6,2) Wir landeten aber, mit den vielen uns begleitenden Schiffen etwa eine Stunde Weges von der Stadt Tiberias entfernt, an einer ganz unbewohnten Stelle, hinter der sich sogleich ein hoher Berg erhob.
GEJ|6|41|7|0|Ich aber sagte zu den Jüngern: „Gehen wir auf diesen Berg! In der halben Höhe will Ich eine Rast nehmen, ohne von den aus der Stadt dieses Weges Ziehenden bemerkt zu werden; denn die Menschen dieser Stadt haben wenig guten Sinn und noch weniger Glauben; denn es ist das ein Handelsvolk, und sein Sinn ist Geld und Gewinn.“
GEJ|6|41|8|0|Da gingen wir sogleich auf den Berg an die bezeichnete Stelle, wo es sehr anmutig war und viel Grases gab, das uns für unsere Ruhe sehr wohl zustatten kam. Allda setzte Ich Mich mit den Jüngern nieder. (Joh.6,3) Aber auch die vielen Menschen, die uns begleitet hatten, zogen uns mit ihren mitgenommenen Brotkörben nach und lagerten sich um uns. Denn es war nun schon nahe an die Ostern, das Hauptfest der Juden (Joh.6,4), und da war es Sitte, in den Körben neues, ungesäuertes Brot mitzunehmen, auch gebratene Fische, desgleichen Eier und Lämmerfleisch.
GEJ|6|41|9|0|Ich hielt Mich aber bei fünf Tage hier auf und wir alle hatten vier Tage hindurch genug zu essen und zu trinken, da an unserer Ruhestelle auch eine gute und frische Wasserquelle sich befand. Aber als am fünften Tage der Vorrat aufgezehrt war, da machte Mich Petrus aufmerksam auf die beinahe jeden Tag mehr angewachsene Volksmenge, und daß sie nichts mehr zu essen habe.
GEJ|6|41|10|0|Da hob Ich Meine Augen auf und überschaute die große Volksmenge und sah, daß da eine große Volksmenge zu mir gekommen war. Da sagte Ich zu Philippus, der gewöhnlich unser Zechmeister und als ein Jude gewordener Grieche manchmal noch etwas glaubensschwach war: „Ja, wo kaufen wir nun Brot für so viele, daß sie alle etwas zu essen bekommen?“ (Joh.6,5) Das sagte Ich aber nur, um den glaubensschwachen Jünger ein wenig zu versuchen, da Ich ohnehin wohl wußte, was Ich tun wollte. (Joh.6,6)
GEJ|6|41|11|0|Und unser Jünger saß richtig auf und antwortete Mir (Philippus): „Unsere ganze Barschaft besteht nun in zweihundert Pfennigen, und um diesen Wert Brotes wird zuwenig sein, daß ein jeder von ihnen nur ein wenig für sich nehme.“ (Joh.6,7)
GEJ|6|41|12|0|Spricht ein anderer, eben auch nicht ein allerstärkster Glaubensheld, obwohl ein Bruder des Simon Petrus (Joh.6,8): „Herr, es ist wohl ein Knabe hier, der noch fünf Gerstenbrote und zwei Fische in seinem Korbe hat; aber was ist das für so viele?“ (Joh.6,9)
GEJ|6|41|13|0|Sagte Ich: „Bringet Mir den Knaben, und schaffet, daß sich das Volk in guter Ordnung lagere!“
GEJ|6|41|14|0|Da an dieser Stelle viel Grases war, so lagerten sich auch bald bei fünftausend Mann, die Weiber und Kinder gar nicht gerechnet. (Joh.6,10) Da nahm Ich die Brote, dankte dem Vater und segnete sie. Darauf übergab Ich die Brote und Fische auszuteilen an die, die sich gelagert hatten, und bemerkte allen Jüngern, daß sie sowohl von den Broten als auch von den Fischen jedem so viel geben sollten, als wieviel er zu seiner Sättigung haben wolle. (Joh.6,11) Da aßen alle und wurden satt.
GEJ|6|41|15|0|Da sie aber nicht alles aufessen konnten, so sagte Ich abermals zu den Jüngern: „Gehet hin und sammelt die übriggebliebenen Brocken, damit davon nichts verderbe und umkomme!“ (Joh.6,12)
GEJ|6|41|16|0|Da nahmen die Jünger die größten Körbe, gingen hin und sammelten die übriggebliebenen Brocken von allen, die da gespeist worden waren, und füllten damit zwölf große Körbe voll – sage – von den fünf kleinen Gerstenbroten. (Joh.6,13)
GEJ|6|41|17|0|Da sagten die Jünger: „Wahrlich, diese Volksspeisung übertrifft die zwei früheren! Aber was soll nun mit den gefüllten zwölf Körben geschehen?“
GEJ|6|41|18|0|Sagte Ich: „Sie gehören dem Volke; das wird schon wissen, was es damit zu machen hat. Wir bedürfen ihrer nicht, da wir fürs erste nun auch gesättigt sind und fürs zweite aber heute ohnehin nach Kapernaum von hier abreisen werden.“
GEJ|6|41|19|0|Da gaben die Jünger die vollen Körbe dem Volke, und jeder nahm sich einen Teil davon und keiner konnte klagen, als wäre er irgend zu kurz gekommen.
GEJ|6|41|20|0|Da aber nun die Menschen das Zeichen sahen, das Ich gewirkt hatte, so sprachen sie: „Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll! (Joh.6,14) Was ist es denn? Wenn er also mächtig ist wie keine Macht der Welt und weiser denn Salomo, da ist es wohl an der Zeit, daß wir ihn mit Gewalt zu unserem Könige machen!“
GEJ|6|41|21|0|Da Ich aber das wohl merkte, daß sie Mich mit Gewalt zum Könige zu machen stark im Sinne hatten, so sagte Ich im stillen zu Johannes: „Du hörst, was das Volk im Sinne hat; darum werde Ich nun schnell und unbemerkt höher auf diesen Berg entweichen. (Joh.6,15) Ihr aber bleibet bis gen Abend hier. So sich das Volk verlaufen sollte, da werde Ich wieder zu euch kommen; verläuft es sich aber nicht, so gehet hinab ans Meer. Da wird ein gutes Schiff euer harren; mit dem fahret nach Kapernaum, allwo Ich euch dann schon einholen werde!“
GEJ|6|42|1|1|42. — Die Jünger fahren über das Meer nach Kapernaum (Ev. Joh. 6,16-21)
GEJ|6|42|1|0|Solches merkte sich Johannes wohl; aber da er am meisten mit den geistigen Entsprechungen sich abgab und überall die Ursache, Wirkung und den Endzweck sehen wollte, so fragte er Mich noch um den Grund dieses Zeichens.
GEJ|6|42|2|0|Und Ich sagte zu ihm: „Du sollst wohl vor allem das Geheimnis des Reiches Gottes recht tief fassen, und so merke denn schnell: Diese Menschen sind die Welt, die allen ihren geistigen Nährvorrat aufgezehrt hatte. Nur bei einem einfältigen Knaben war noch ein reines, unverdorbenes Gemüt, ein wenig kindlichen Glaubens; darum fand sich bei ihm auch ein Vorrat von fünf Gerstenbroten und zwei Fischen.
GEJ|6|42|3|0|Die fünf Brote bezeichneten, daß seine fünf Sinne noch rein und unverdorben sind und darum auch sein Gemüt und seine Seele, was sich auch dadurch gleich zeigte, daß er mit der größten Freude in Mein Verlangen willigte. Die zwei Fische aber, sich wie der Liebe Gutes und des Glaubens Wahres verhaltend, oder wie Liebelebenswarmes, wie ein Feuer und Lebensweisheitslicht, zeigten seinen kindlichen Glauben, sein Vertrauen und seine Liebe an. Zugleich aber stellte seine Einheit und persönliche Wenigkeit auch das dar, wie schwach und wie wenig nun in der Welt das Gute und Wahre aus den Himmeln mehr unter den Weltmenschen vertreten ist.
GEJ|6|42|4|0|Noch aber bezeichnen die fünf Brote Meine Lehre an die Menschen. Sie scheint viel zuwenig zu sein für alle Menschen der Erde; aber sie wird sich vermehren wie diese Brote, und dennoch wird daraus selbst für die Weisesten, die im Geiste von Mir belehrt und gesättigt werden, für die ganze Ewigkeit stets neue und tiefere Weisheiten zu erforschen und zu erkennen endlos vieles übrigbleiben. Denn die zwölf Körbe entsprechen den zwölf Stämmen Israels und diese der Gesamtheit der göttlichen, nie erreichbaren Vollkommenheit in allem.
GEJ|6|42|5|0|Das, Mein lieber Johannes, ist die Entsprechung dieses Zeichens, und dieser Menschen Sinn, Mich zu einem Weltkönige zu machen, ist ihr finsterer und verdorbenster Weltsinn, weil sie ein mächtigstes und gefürchtetstes Weltvolk sein möchten, und aufs Haupt schlagen allen ihren vermeinten Feinden, was der Tendenz Meiner Lehre schnurgerade dawider wäre. Und so denn werde Ich nun auch schnell entweichen. Ihr aber tuet, wie Ich es euch gesagt habe!“
GEJ|6|42|6|0|Darauf versteckte Ich Mich hinter der Schar der Jünger in ein Gebüsch und drang durch dasselbe schnell bis zur vollen Höhe des Berges; denn für Mich fand sich bald ein gebahnter Weg vor, – nur für die Mir Nacheilenwollenden nicht. Hierauf machte sich das Volk an die Jünger und wollte sie ordentlich zur Verantwortung ziehen darum, daß sie Mich hätten fortgehen lassen.
GEJ|6|42|7|0|Da trat Johannes hervor und sagte: „Ihr seid euer doch mehr, denn wir da unser sind! Warum mochtet denn ihr Ihn nicht aufhalten? Haltet auf den Sturm und den Blitz! Gebietet den Wogen des Meeres, wenn sie empört euch zu verschlingen drohen! Und ich, nur ein Jünger, vermag es euch kundzutun: Leichter und wirksamer möget ihr den empörten Elementen Ruhe gebieten als den Willen des Gottmenschen beugen! Lasset euch darum belehren, und seid nicht so törichten Sinnes! Wie wollet ihr Den zu einem eitlen Weltkönige machen über die Juden, dessen Geist ein ewiger Herr ist über alles im Himmel und auf Erden! Solches habet ihr ja doch aus den vielen Zeichen, die Er vor euren Augen verrichtete, klar entnehmen können. Er braucht nur zu wollen, und es ist und geschieht, was Er will. Aber Seine Allsehe und Sein Wille reicht noch bis her, wie auch endlos weiter; daher seid nicht unsinnig, und begebet euch zur Ruhe, damit euch nicht etwas Unangenehmes begegne!“
GEJ|6|42|8|0|Auf diese Rede des Johannes begaben sich viele zur Ruhe; aber einige murrten und wollten Mich um jeden Preis suchen gehen auf den Berg. Aber sie stießen bald auf derartige unübersteigbare Hindernisse, die zu besiegen die reinste Unmöglichkeit war, kamen bald ganz erschöpft von ihrer fruchtlosen Mühe zurück und konnten nun nicht begreifen, wie Ich über die fürchterlichsten Felswände emporgeklettert sei. Abwärts aber könnte Ich nirgends entwichen sein, da die möglichen Abgänge von diesem Rasenplatze alle von ihnen besetzt waren und sie Mich irgend hätten ersehen müssen. Kurz, sie sahen, daß sie nichts auszurichten vermochten, und fingen dann an, Rat zu halten, was da zu machen sein werde. Einige fragten die Jünger, was sie nun ohne den Meister tun werden, oder ob er wieder zurückkommen werde.
GEJ|6|42|9|0|Die Jünger aber sagten: „Was werden wir nun sonst wohl machen als ziehen in unsere Heimat gen Kapernaum! Daselbst wird Er wohl wieder zu uns kommen, wie und wann Er will.“
GEJ|6|42|10|0|Darauf fingen die Ärgsten an, sich davonzumachen; aber viele warteten noch und wollten erst sehen, was die vielen Jünger tun würden. Als es aber schon gegen Abend hin zu werden begann, da erhoben sich die Jünger und gingen eilig hinab ans Meer (Joh.6,16), wo schon ein großes Schiff ihrer harrte – wie Ich es ihnen zuvor gesagt hatte –, das sie schnell bestiegen und noch eher abfuhren, als die vielen Menschen vom Berge herab an das Meer gelangen konnten; denn der Abweg war ziemlich beschwerlich und für die ungeübten Bergsteiger nur mit mancher Mühe und Vorsicht zurückzulegen. Da aber ging es nun nach der Stadt Tiberias, und viele mieteten da auch Schiffe nach Kapernaum. Einige fuhren gleich ab, andere wieder harrten, ob Ich nicht vom Berge käme und dann mit ihnen nach Kapernaum führe. Da Ich jedoch nirgends zum Vorscheine kam, so fuhren sie erst am Morgen dahin.
GEJ|6|42|11|0|Die Jünger aber fuhren mit gutem Winde schnell über das Meer in der Richtung gen Kapernaum. (Joh.6,17) Die Jünger aber meinten, daß Ich ihnen mit einem andern Schiffe nachfahren und sie leicht einholen werde; denn die Fahrstrecke war eine ziemlich weite, und so war es schon ganz finster geworden, als sie noch eine ziemlich weite Strecke nach Kapernaum zu segeln und zu rudern hatten, weil sie da einen Gegenwind eine zeitlang zu bekämpfen hatten. Sie schauten immer um sich, ob und von woher Ich etwa zu ihnen käme; aber Ich war noch nirgends zu ersehen und wahrzunehmen und war somit trotz ihrer großen Sehnsucht noch nicht zu ihnen gekommen. Da wurden sie traurig und sagten unter sich, Ich werde sicher erst morgens zu ihnen kommen.
GEJ|6|42|12|0|Als sie so dachten, da erhob sich plötzlich ein starker Wind, und das Meer fing an, hohe Wellen zu werfen. (Joh.6,18)
GEJ|6|42|13|0|Da sagten die Schiffsleute: „Die Segel schnell ganz einziehen, und alles greife kräftig zu den Rudern, sonst haben wir Unglück, so wir nicht bald in den Hafen kommen!“
GEJ|6|42|14|0|Da griff alles zu den Rudern. Und als sie also gerudert hatten bei 25-30 Feldweges weit, da ersahen sie Mich auf dem stark wogenden Meere dahergehen bis an ihr Schiff; aber trotzdem sie das schon einmal bei einem ähnlichen Falle von Mir erlebt hatten, so übermannte sie dennoch eine große Furcht. (Joh.6,19)
GEJ|6|42|15|0|Da Ich das wohl sah, redete Ich sie alle an und sagte: „Was fürchtet ihr euch alle denn? Sehet ihr denn nicht, daß Ich es bin?“ (Joh.6,20)
GEJ|6|42|16|0|Da wollten Mich die Jünger in das Schiff aufnehmen, da noch eine weite Strecke bis ans Land sich zeigte; aber als sie das wollten, siehe, da war das Schiff auch in demselben Augenblicke fest am Lande! (Joh.6,21)
GEJ|6|42|17|0|Es machte aber das bei den neuen Jüngern, da sie so etwas noch nicht erlebt und auch nie gesehen hatten, ein übergroßes Aufsehen. Auch die Schiffer kamen ganz außer sich und meinten noch immer, Ich sei irgendwo gestorben und wandle nun als ein Geist sichtbar umher, vielleicht verwunschen von einem Zauberer, oder Ich sei selbst einer und habe den Wassergeistern befohlen, Mich übers Meer zu tragen. Denn die Schiffer waren Griechen und somit auch Heiden, und konnten natürlich nicht anders urteilen, da sie vom wahren, geistigen Judentume wohl nur sehr wenig und wohl auch gar nichts wußten, darum sie denn auch bei ihrer Meinung bis auf ein späteres belassen wurden.
GEJ|6|42|18|0|Wir aber begaben uns bald in eine uns wohlbekannte Herberge, allwo Ich schon einen Gichtbrüchigen, der samt dem Bette durch eine Dachöffnung zur Heilung ins Zimmer vor Mich hinabgelassen ward, geheilt hatte. Da wurden wir gut aufgenommen und auch sogleich bestens bewirtet.
GEJ|6|43|1|1|43. — Das Brot des Lebens (Ev. Joh. 6,2-35)
GEJ|6|43|1|0|Des andern Tages aber, als wir nach dem Morgenmahle ins Freie hinausgingen, um uns da umzusehen, was es da gäbe, da trafen wir am Ufer eine große Menge Volkes, das uns von Tiberias noch in der Nacht mit großen Beschwerden nachgefahren war. Es war aber das eben dasselbe Volk, das gestern abend jenseits des Meeres am Ufer stand und wohl sah, daß die Jünger ohne Mich allein übers Meer hinwegfuhren. Und diese Menschen sahen nun auch, daß außer ihren wohl kennbaren Schiffen kein anderes Schiff da war als allein das, in welchem sie die Jünger allein wegfahren sahen, wie auch, daß Ich durchaus nicht mit ihnen bei der Abfahrt in das Schiff getreten war, sondern daß ganz allein nur Meine Jünger weggefahren waren. (Joh.6,22)
GEJ|6|43|2|0|Als wir aber also da am Ufer umhergingen, da kamen noch andere Schiffe an, die erst frühmorgens von Tiberias abgefahren waren. Sie fuhren aber zuerst noch an die Stelle hin, stiegen aus und besuchten noch die Stätte, wo sie durch Meine Danksagung das Brot gegessen hatten, um sich zu überzeugen, ob Ich etwa doch noch da wäre. (Joh.6,23) Da sie aber weder Mich noch die Jünger allda fanden, so eilten sie schnell zurück zu den Schiffen, die ihrer harrten, und fuhren bei gutem Winde nach Kapernaum; denn sie wußten es, daß die Jünger nach Kapernaum gefahren waren. Als sie gen Mittag hin in Kapernaum ankamen, so suchten sie sogleich die Jünger und vor allem Mich, ob Ich wohl allda wäre. (Joh.6,24)
GEJ|6|43|3|0|Und als sie Mich nach längerem Suchen fanden, und zwar in einer Schule zu Kapernaum, wie davon noch später eine Erwähnung gemacht wird, und nun offenbar sahen, daß Ich von Tiberias nach Kapernaum auch offenbar übers Meer habe kommen müssen, da Ich auf dem weiten Umwege zu Lande über die vielen Berge und Gräben wohl gut ein paar Tage dazu benötigt hätte, bis Ich nach Kapernaum käme, da fragten sie (die Nachgereisten) Mich und sagten: „O Rabbi (Meister), wie bist du denn übers Meer gekommen?“ (Joh.6,25)
GEJ|6|43|4|0|Ich aber gab schnell den Jüngern einen Wink, daß sie dieses niemandem sagten, da Ich es Mir vornahm, diesen Königshelden eine Lehre zu geben, die ganz geeignet sein werde, die Spreu von dem reinen Weizen zu fegen.
GEJ|6|43|5|0|Und Ich sagte darum zu den Fragenden: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage es euch: Ihr suchet Mich nicht darum, weil ihr die vielen Zeichen, die Ich gewirket habe, gesehen habt, sondern nur darum, weil ihr als Hungrige auf dem Berge das Brot gegessen habt und davon recht satt geworden seid! (Joh.6,26) Ihr habt Mich deshalb aus Dank auch einen großen Propheten genannt und wolltet Mich endlich gar zu eurem Könige machen, dieweil ihr bei euch dachtet: ,Siehe da, der hat Macht genug wider unsere Feinde, derentwegen wir zuallermeist arbeiten müssen, und dazu kann er uns stets also Brot verschaffen, und wir haben dann nicht mehr nötig zu arbeiten!‘
GEJ|6|43|6|0|Ich aber sage es euch: Die Speise, die wirket nicht zum geistigen Leben der Seele, sondern nur zum vergänglichen Leben des Fleischleibes. Ich – als nun auch des Menschen Sohn aber will und werde euch eine andere Speise zeigen und geben, die da bleibet und wirket für ewig in der Seele. Denn dazu hat der Vater im Himmel Mich gesiegelt und bestimmt. (Joh.6,27) Und diese Speise besteht darin, das ihr wahrhaft Gottes Willen und dadurch auch Gottes Werke verrichtet.“
GEJ|6|43|7|0|Da sagten die Frager zu Mir: „So sage uns denn, was wir tun sollen, daß wir nach deinem Worte Gottes Werke wirken! (Joh.6,28) Wir sind nur Menschen und keine Propheten und können nur nach dem Gesetze Mosis leben.“
GEJ|6|43|8|0|Sagte Ich: „Ja, so ihr das Gesetz Mosis hieltet, so hättet ihr Mich schon lange erkannt! Aber ihr haltet aus Furcht vor den weltlichen Strafen mit geheimem Grimm die Satzungen der Welt und erkennet Mich darum nicht, trotz dem, daß Ich solche Zeichen vor euren Augen gewirkt habe, die noch nie ein Mensch vor Mir gewirkt hat.
GEJ|6|43|9|0|Ich will euch aber nun sagen, was von jetzt an Gottes Werk ist. Das ist von jetzt an Gottes Werk, das von euch dadurch gewirkt werden kann, daß ihr an Mich als an Den glaubet, den Gott durch die Propheten verheißen und nun zu euch in diese Welt gesandt hat!“ (Joh.6,29)
GEJ|6|43|10|0|Da machten sie alle große und verblüffte Augen und sagten: „Was wirkest denn hernach du noch für Zeichen über die von uns gesehenen? Sage und zeige sie uns, auf daß wir sie auch sehen und dir dann glauben das, was du von dir aussagest! Also, welche andern Zeichen wirkest du noch? (Joh.6,30) Bis jetzt wissen wir nur, daß du allerlei Kranke geheilt hast, und daß du uns wahrlich wunderbarerweise mit viel Brot aus den wenigen Broten auf dem Berge ganz satt gespeiset hast. Allein, ähnliche und mitunter sogar größere Zeichen haben auch, von Moses an, andere Propheten gewirkt. Haben nicht unsere Väter in der Wüste Manna gegessen, wie es geschrieben steht: ,Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.‘?!“ (Joh.6,31)
GEJ|6|43|11|0|Darauf sagte Ich zu ihnen: „Wahrlich, wahrlich! Moses hat euch nicht Brot vom wahren, sondern nur vom sichtbaren, irdischen Himmel aus der Luft gegeben (Joh.6,32); nur Mein Vater im wahren, geistigen Himmel gibt euch nun durch Mich das wahre Brot vom Himmel! Denn dies ist das wahre Brot vom Himmel in Mir, das der Welt das Leben gibt!“ (Joh.6,33)
GEJ|6|43|12|0|Sie aber verstanden nicht, daß Ich unter dem wahren Brote, das der Seele das ewige Leben gibt, nur Mein Wort und Meine Lehre, die aus der ewig lebendigsten Liebe und Weisheit Gottes hervorgeht und dadurch selbst Leben und Weisheit ist und der Seele das wahre Leben gibt, verstanden und gemeint habe.
GEJ|6|43|13|0|Darum sie, weil sie darunter nur ein Brot, das sie am Berge gegessen hatten, verstanden, denn auch sagten: „Herr und Meister, so gib uns allewege solches Brot zu essen, und wir verlangen nichts Weiteres!“ (Joh.6,34)
GEJ|6|43|14|0|Darauf sagte Ich: „Was redet ihr, und was verlanget ihr? Habt ihr denn nicht verstanden, was Ich sagte? Ich Selbst bin das wahre Brot des Lebens! Wer zu Mir kommt, den wird es nicht hungern, und wer an Mich glaubt, den wird es nimmerdar dürsten!“ (Joh.6,35)
GEJ|6|43|15|0|Da sagten sie: „Herr, sind wir nun doch bei dir! Und da wir seit heute morgen nichts zu uns genommen haben, so fängt es uns an dennoch zu hungern und auch zu dürsten, obwohl wir glauben, daß du ein großer Prophet bist, vielleicht größer denn Moses, von dem man nicht einmal mehr mit großer Bestimmtheit sagen kann, daß er wahrhaft einmal da war. Moses haben wir nie gesehen; dich haben wir gesehen und sehen dich noch, und so bist du uns auch offenbar mehr denn Moses und alle alten Propheten. Aber dennoch sind wir nun schon recht hungrig und durstig. Wie ist denn hernach dein Wort zu deuten?“
GEJ|6|43|16|0|Sagte Ich geheim zu Johannes: „Siehst du, was Ich dir gestern geheim am Berge sagte, war es nicht wahr?! Diese Menschen sind noch ganz auf der Stufe der Tiere, und Ich rede darum also verdeckt, auf daß sie ganz unsinnig werden und sodann sich entfernen von Mir; denn ihre Zeit ist noch lange nicht da.“
GEJ|6|44|1|1|44. — Des Herrn Mission auf Erden. Das Fleisch und das Blut des Herrn (Ev. Joh. 6,36-58)
GEJ|6|44|1|0|Hierauf wandte Ich Mich wieder zu den Menschen und sagte: „Aber was redet ihr?! Habe Ich denn je gesagt, daß ihr Mich nicht gesehen habt?! Ich Selbst weiß, sage und sagte es euch, daß ihr Mich und Meine Zeichen gesehen habt, und dennoch glaubet ihr nicht (Joh.6,36), daß alles und jedes, was Mein Vater im Himmel Mir gibt, zu Mir kommt, und daß Ich den, der zu Mir kommt, sicher nicht hinausstoßen werde. (Joh.6,37)
GEJ|6|44|2|0|Merket es denn, was Ich euch sage: Ich bin nicht gleich euch von dieser Welt, sondern Ich bin vom Himmel herab gekommen, – aber nicht darum, daß Ich gleich euch täte Meinen eigenen Willen, sondern nur den Willen Dessen, der Mich hierher in diese Welt gesandt hat.“ (Joh.6,38)
GEJ|6|44|3|0|Da fragten sie und sagten: „Was ist denn hernach der Wille dessen, der dich vom Himmel aus zu uns in diese Welt gesandt hat?“
GEJ|6|44|4|0|Sagte Ich: „Für taube Ohren ist schwer predigen und für die Blinden schwer schreiben. Das aber ist der Wille des Vaters, der Mich gesandt hat: daß Ich nichts verliere von allem, was Er Mir gegeben hat, sondern daß Ich alles wiederbringe und zum Leben auferwecke am Jüngsten Tage.“ (Joh.6,39)
GEJ|6|44|5|0|Da sagten etliche: „Der Mensch redet sonderbar; uns deucht es, daß er verwirrt ist.“
GEJ|6|44|6|0|Andere aber sagten: „Rede klar und erkläre dich deutlich! Was ist da mit dem Jüngsten Tage?“
GEJ|6|44|7|0|Sagte Ich: „Wenn ihr Mich erkennen und an Mich glauben werdet, dann wird ein jüngster, wahrer Tag in eurer Seele werden, an dem Ich euch durch die Macht der Wahrheit Meiner Lehre auferwecken werde. So ihr aber an Mich nicht glaubet und Mich nicht erkennet, so wird in eurer Seele wohl schwerlich je ein jüngster Tag werden.“
GEJ|6|44|8|0|Sagten abermals die Menschen: „So sage uns denn klar, was da ist der Wille des Vaters!“
GEJ|6|44|9|0|Sagte Ich: „So höret denn! Das ist der Wille des Vaters, der Mich gesandt hat, daß der, welcher den Sohn sieht, an Ihn glaubt und Ihn erkennt als den wahren Messias der Welt, das ewige Leben habe, – und Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage! (Joh.6,40) Was der jüngste Tag aber ist, das habe Ich euch schon gezeigt.“
GEJ|6|44|10|0|Auf das fingen die Juden an, besonders darob zu murren, daß Ich gesagt hatte: ,Ich bin das Brot des Lebens, das vom Himmel gekommen ist.‘ (Joh.6,41)
GEJ|6|44|11|0|Und sie sagten: „Ist dieser etwa nicht der Zimmermann Jesus, des Zimmermanns Joseph Sohn?! Wir kennen doch ihn, den Vater und die Mutter nur zu gut! Wie kann dieser hernach sagen, daß er vom Himmel gekommen sei?! (Joh.6,42) Sein Verstand und seine sonstigen seltenen Eigenschaften können ihm allerdings vom Himmel aus gegeben sein, da ohne einen göttlichen Anhauch kein großer und berühmter Mann noch jemals irgendwo existiert hat; aber er selbst für seine Person kann vor uns doch nicht festweg behaupten, daß er sogar als ein wahrstes Nährbrot zum ewigen Leben vom Himmel herab zu uns gekommen sei!“
GEJ|6|44|12|0|Sagte Ich: „O murret nicht untereinander! (Joh.6,43) Ich sage es euch noch einmal: Es kann niemand zu Mir kommen (Mich erkennen), es sei denn, daß ihn ziehe der Vater (die Liebe aus Gott und zu Gott), der Mich gesandt hat, und nur Ich (Mein Wort und Meine Lehre) werde ihn auferwecken am jüngsten Tage! (Joh.6,44)
GEJ|6|44|13|0|Es steht aber sogar geschrieben in den Propheten: ,In jener Zeit aber, die da kommen wird – und nun da ist –, werden sie alle von Gott gelehret sein!‘ Und Ich sage es euch nun eben darum: Wer es nun lernet vom Vater (Gottes Liebe), der kommt zu Mir (der auch wird Mich wohl erkennen). (Joh.6,45)
GEJ|6|44|14|0|Ich sage euch aber das nun nicht etwa unter der Voraussetzung, als habe von euch jemand je den Vater gesehen, – sondern eben allein Ich, der Ich vom Vater ausgegangen bin, habe den Vater gesehen zu aller Zeit. (Joh.6,46) Darum sage Ich euch trotz eures Murrens: Wahrlich, wahrlich, wer an Mich glaubt, der hat schon in sich das ewige Leben (also Meine volle Erweckung am jüngsten Tage)! (Joh.6,47) Und Ich Selbst bin vollwahr das Brot des Lebens! (Joh.6,48)
GEJ|6|44|15|0|Eure Väter haben wohl Manna in der Wüste (sinnliches Fleischleben) gegessen, aber sie sind gestorben, ihrer gar viele auch in ihren Seelen. (Joh.6,49) Dies Brot aber, das Ich in Mir Selbst vorstelle, und das wahrhaft vom Himmel alles Seins und Lebens gekommen ist, wirket, daß jeder, der davon isset (die Lehre gläubig annimmt und danach tut), nimmerdar sterbe. (Joh.6,50)
GEJ|6|44|16|0|Wahrlich! Ich bin als das lebendige Brot vom Himmel gekommen! Wer von diesem Brote essen (die Lehre werktätig annehmen) wird, der wird fortan leben in Ewigkeit! Und sehet, das Brot, das Ich geben werde, ist Mein Fleisch, das Ich geben werde für das Menschenleben dieser Welt!“ (Joh.6,51) (Darunter ist zu verstehen die äußere, materielle Umhülsung Meines Wortes, innerhalb dessen sich das lebendige, geistige Wort befindet wie der lebendige Keim in seiner toten Umhülsung.)
GEJ|6|44|17|0|Das war nun für die von einem geistigen Sinne nicht den geringsten Begriff habenden Juden zu viel, und sie fingen an, förmlich zu zanken unter sich.
GEJ|6|44|18|0|Ein Teil sagte: „Lassen wir ihn doch reden, und am Ende werden wir schon sehen, was da noch alles herauskommen wird!“
GEJ|6|44|19|0|Die weniger Gemäßigten aber sagten: „Ei was, das sieht und merkt man nun ja auf den ersten Blick, daß der Mensch von Sinnen ist! Früher war er doch noch ein Brot aus den Himmeln, das wir essen sollen, um das ewige Leben zu erlangen; jetzt verlangt er gar, daß man sein Fleisch essen solle! Narrheit! Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben? (Joh.6,52) Und wie viele würden sich an seinem Fleische wohl ins ewige Leben hinein sättigen können?! Wenn das die Bedingung zur Erlangung des ewigen Seelenlebens ist, da werden blutwenige dasselbe erlangen!“
GEJ|6|44|20|0|Sagte Ich: „Ihr möget streiten und zanken, wie ihr wollet, und es ist dennoch also, wie Ich es euch gesagt habe. Und Ich sage euch nun noch bei weitem mehreres: Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken Sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch!“ (Joh.6,53) (Was das Fleisch bedeutet, ist bereits gezeigt worden; das Blut als das eigentlich physische Lebensfluidum, das dem Leibe das Leben gibt, ihn erhält, ernährt und ihm den fortpflanzenden Lebenskeim gibt, ist das eigentliche, innere Lebensgeistige im äußeren Buchstabenworte.)
GEJ|6|44|21|0|Jetzt war es bei einigen Juden noch mehr aus.
GEJ|6|44|22|0|Einige fingen ordentlich an zu lachen, die Gemäßigteren aber sagten: „So lasset ihn doch ausreden! Wer weiß, was da am Ende noch alles herauskommen wird! Wir wissen es ja, daß er sonst oft gar recht weise geredet hat.“ Und sie wandten sich an Mich und sagten: „Lieber Meister, wir ersuchen dich, daß du vernünftig redest!“
GEJ|6|44|23|0|Sagte Ich: „Wie kann Ich das wohl?! Ich rede nun als das, als was ihr Mich erkanntet am Berge; Ich rede denn vor euch als ein großer Prophet! Zeiget Mir aber einen Propheten, der je auf eine andere Weise zum Volke geredet hätte! Und Ich sage euch darum noch einmal: Wer Mein Fleisch isset und trinkt Mein Blut, der hat das ewige Leben, und Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage. (Joh.6,54) Denn Mein Fleisch ist die rechte Speise, und Mein Blut ist der vollrechte, belebende Trank. (Joh.6,55)
GEJ|6|44|24|0|Noch sage Ich euch zu dem allem hinzu: Wer da Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm. (Joh.6,56) Wie Mich aber wahrhaft gesandt hat der ewig lebendige Vater und Ich derzeit hier lebe um des Vaters willen, desgleichen wird also auch derjenige, der Mich ißt, leben um Meinetwillen. (Joh.6,57) Und eben dies ist dasjenige Brot, das vom Himmel, wie schon früher gesagt, gekommen ist, das nicht die Eigenschaft hat wie das Manna in der Wüste, das eure Väter gegessen haben und gestorben sind, wie Ich schon früher gezeigt habe, sondern wer dieses Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit.“ (Joh.6,58)
GEJ|6|45|1|1|45. — Urteile des Volkes über die Rede des Herrn (Ev. Joh. 6,59-64)
GEJ|6|45|1|0|Da Ich solches geredet in einer Schule zu Kapernaum (Joh.6,59), so waren natürlich nebst Meinen nun vielen Jüngern und nebst der großen Menge Mir von Jerusalem gefolgten Volkes auch noch eine Menge Juden zugegen, und so machte diese auch von Meinen ersten Jüngern nicht verstandene Lehre vieles und wunderliches Aufsehen und gab zu vielen Disputationen Anlaß.
GEJ|6|45|2|0|Einige sagten: „Er kann da seines Leibes Fleisch und Blut nicht gemeint haben.“
GEJ|6|45|3|0|Andere wieder sagten: „Ja, was anderes sollen wir denn darunter verstehen? Wenn er ein Weiser ist und das Volk belehren will – in einer öffentlichen Schule auch noch dazu –, so rede er zu den Menschen also, daß sie ihn verstehen können; denn wir Menschen sind nun einmal Menschen und keine Geister, und ein rechter Weiser muß das wohl wissen und klar einsehen, mit welchen Zuhörern er zu tun hat. Aber das war ja eine derart unsinnig harte Lehre, die wahrlich kein menschlich vernünftiger Mann anhören kann! (Joh.6,60) Uns hat es nur gewundert, wie ihn viele so lange haben anhören können. Hätte er diese Lehre in der indischen Zunge vorgetragen, so hätten wir den gleichen Nutzen davon gehabt!“
GEJ|6|45|4|0|Sagten wieder die Gemäßigteren: „Das ist vorderhand wohl wahr, aber wir sind denn doch der Meinung, daß dahinter ganz etwas anderes steckt, und daß er vielleicht nur geflissentlich also geredet hat, um unsere Seelen in ein regeres und tieferes Denken zu nötigen, – und so wir ihn um eine nähere Aufklärung dessen bäten, vielleicht gäbe er sie uns?!“
GEJ|6|45|5|0|Sagten die andern: „Haben wir das etwa nicht getan?! Als er uns näher hätte erklären sollen, wie er denn, als ein wahres Brot vom Himmel herkommend, zu verstehen sei, da kam er dann gar auf sein eigenes Fleisch und Blut, das man essen und trinken solle, um das ewige Leben zu bekommen! Das sind entweder geflissentlich so artig gegebene Rätsellehren, die kein Mensch je verstehen soll, oder der sonst gute Mensch hat sich mit uns auch einmal einen Scherz erlaubt. Sei ihm nun aber, wie ihm wolle, so kann eines wie das andere für uns keinen Wert haben! Wer aber so gesunder Vernunft ist wie wir, der folge uns und gehe seine Wege!“
GEJ|6|45|6|0|Darauf gingen viele aus der Schule, und es blieben nur noch die vielen Jünger, wie natürlich auch die zwölf erwählten Apostel; denn diese harrten noch auf eine nähere Erklärung. Aber unter sich murrten auch diese und sagten: „Es ist doch sonderbar mit Ihm! Heute hätte Er mit einer klaren und der Menschenvernunft angemessenen Lehre Tausende zu festen Anhängern Seiner Lehre machen können; so aber hat Er Sich auf langehin geschadet! Denn wer wird Ihn von nun an noch länger anhören und ertragen können?!“
GEJ|6|45|7|0|Auch die Judgriechen sagten unter sich: „Das ist ein gewaltiger Sprung und Unterschied zwischen den Lehren in Bethania und nun dieser hier! Die Juden, die nun fortgegangen sind, haben die Sache, wie sie nun steht, ganz richtig beurteilt. Aber vielleicht wird Er Sich später einmal darüber doch noch klarer ausdrücken, – und jetzt sind die alle weg, die Ihn am Berge zu einem Könige haben machen wollen, und so wird Ihn jetzt weniger mehr etwas behindern, mit uns ein offenes Wort zu reden.“
GEJ|6|45|8|0|Da Ich aber das bei Mir wohl merkte, daß sich darob auch viele Jünger ärgerten und untereinander murrten, so sagte Ich zu ihnen: „Wie mag denn euch das ärgern?! (Joh.6,61) Sagte Ich denn nicht zu einem Meiner Jünger, daß diese Menschen noch lange nicht reif sind zur inneren Aufnahme des Reiches Gottes?! Ich aber habe nun allen einen guten Stoß versetzt, der sie nun viel beschäftigen und sie reifer machen wird für die Folge. Denn Ich muß Mir die Menschen ja erst zurichten, damit sie in der Folge die tieferen Geheimnisse des Reiches Gottes desto leichter sollen zu fassen imstande sein. Ich frage euch nun nur, was ihr denn dann dazu sagen werdet, so ihr Mich als den nun vor euch seienden Menschensohn wieder dahin auffahren sehen werdet, wo Er von Ewigkeit zuvor war?“ (Joh.6,62)
GEJ|6|45|9|0|Sagten die Jünger: „Ja, ja, das kann alles sein und wird auch sicher sein; denn dafür sprechen Deine zu wunderbaren Zeichen. Aber daß man zur Gewinnung des ewigen Lebens, Herr und Meister, Dein Fleisch essen und Dein Blut trinken soll, das ist doch selbstverständlich ein Etwas, das nach der Art Deines Vortrages rein unausführbar ist! Uns allen liegt sicher sehr viel daran, dem Tode zu entgehen – und wenn es sich nur allein um das sofortige Seelenleben handelt, weil der Leib ohnehin Erde und Staub ist, der schwerlich je wieder belebt wird –; aber wenn solches nur auf Unkosten Deines Leibesfleisches und -blutes möglich ist, das ohnehin nur für sehr wenige hinreichen würde, so verzichten wir auch auf das ewige Leben der Seele und wollen so als ehrliche Menschen unser Leben für ewig auf dieser Erde beschließen. Verstehst Du aber etwas anderes darunter, so würdest Du wahrlich wohl daran tun, so Du uns darüber ein näheres Lichtlein gäbest. Wenn Du jüngst einmal gar wieder dahin auffahren wirst, von wo Du nach Deiner Aussage gekommen bist, wo und wie wird man denn dann Dein Fleisch und Blut haben können? Also, mit dieser heutigen Lehre ist es ohne eine nähere Beleuchtung offenbar vollkommen nichts!“
GEJ|6|45|10|0|Sagte Ich: „Habe Ich denn nicht gesagt, daß für die Tauben schwer zu predigen und für die Blinden schwer zu schreiben ist?! Ist es denn nicht nur der Geist, der lebendig macht, während das Fleisch nichts nütze ist?! Die Worte aber, die Ich zu euch geredet habe, sind Geist und Leben und nicht ein irdisch Fleisch und Blut. (Joh.6,63)
GEJ|6|45|11|0|Aber Ich sage es euch nun auch ganz offen, daß es mehrere unter euch gibt, die entweder keinen oder nur einen sehr geringen Glauben haben, und es gibt sogar unter Meinen ältesten Jüngern noch welche, die Ich vom Anfange kannte, daß sie wenig Glauben hatten, und einer darunter ist gar ein Geizhals, ein Dieb und ein Verräter!“ (Joh.6,64)
GEJ|6|46|1|1|46. — Eine Prüfung für die Jünger des Herrn (Ev. Joh. 6,65-70)
GEJ|6|46|1|0|Das wirkte wie ein Donnerschlag, so daß sich darob viele sehr entsetzten, und etliche sagten: „Herr, warum sagtest Du denn das nicht schon lange früher?! Wahrlich, wir hätten solch einen Unwürdigen unter uns schon lange entdeckt und für immer von uns entfernt, so Du in Deiner großen Geduld schon nicht Selbst an ihn Deine Hände legen wolltest!“
GEJ|6|46|2|0|Sagte Ich: „Ich habe es euch schon oft gesagt, daß auf dieser Welt alles seine Zeit und sein Maß hat. Zur Zeit der Ernte aber wird kein kluger Hauswirt das Unkraut mit dem reinen Weizen einsammeln, sondern allein die reinen Weizenähren, und er wird alles Unkraut, das auch wucherisch unter dem Weizen aufwuchs, von seinen Knechten in Bündeln zusammensammeln lassen, um es dann zu verbrennen zum Düngen des Ackers.
GEJ|6|46|3|0|Ich sagte es euch aber ja eben darum früher schon, daß wahrhaft niemand zu Mir kommen kann, außer es ist ihm solches gegeben vom Vater (Joh.6,65), welcher ist die Liebe und das Leben und die Wahrheit in Sich also, wie Ich es bin vom Vater aus und also im gleichen auch von Mir aus, da Ich im Vater und der Vater in Mir ist.
GEJ|6|46|4|0|Glaube ja niemand von euch, daß jemand darum schon wahrhaft bei Mir ist, weil er mit Mir nun umherzieht, Meine Worte hört und Meine Zeichen bewundert, – sondern nur allein der ist wahrhaft bei Mir, den eine innere, ganz reine Liebe zu Mir zieht, und der ohne alles Bedenken das vollauf glaubt, was Ich lehre, und daß Ich als nun zeitweiliger Menschensohn vom Vater ausgegangen bin und im Geiste eins bin mit Ihm.“
GEJ|6|46|5|0|Da sagten die Jünger, bis auf die Judgriechen inbegriffen und bis auf die Zwölfe: „Ja, wenn so, da nützt uns unser Umherziehen mit Ihm so wie so nichts! Das Harte und Unglaubliche verstehen wir nicht – und können es darum auch nicht glauben. Ihn vollauf ganz rein lieben ist auch so eine Sache, da Er Sich gegen uns nun fürwahr auf eine Art benimmt, die uns wenig Neigung für Ihn einflößen kann. Daher ziehen wir uns nur fein wieder zu unserem Moses zurück; denn der ist uns klarer und verständlicher. Gott lieben aber heißt ohnehin nur, Seine Gebote halten, und so hoffen wir, dereinst auch ohne den Glauben an diese rätselhaften Lehren selig zu werden.“
GEJ|6|46|6|0|Darauf gingen dann viele hinter sich und wandelten hinfort nicht mehr mit Mir, obwohl sie später viel über solche Meine Worte nachdachten. (Joh.6,66) Da Ich aber zu niemandem der Fortgehenden ein Wort sagte, daß er etwa bleiben und Geduld haben solle, so fingen auch die Gebliebenen an, ganz betrübte Gesichter zu machen, und wußten nicht, wie sie daran waren, – ob auch sie gehen oder bleiben sollten.
GEJ|6|46|7|0|Da sagte Ich zu ihnen in einem freundlich-fragenden Tone: „Wollt denn auch ihr nun weggehen? (Joh.6,67) Ihr seid von Mir aus ebenso frei wie ein jeder Mensch auf dieser Erde.“
GEJ|6|46|8|0|Da sagte zu Mir Simon Petrus: „Herr, wohin sollen wir nun gehen? Du allein nur hast ja Worte des Lebens, wenn wir sie auch nicht sogleich in aller ihrer Tiefe zu fassen imstande sind. (Joh.6,68) Zur rechten Zeit wirst Du sie uns schon wieder näher beleuchten, wenn wir Deines höheren Lichtes würdiger sein werden denn jetzt. Und dazu haben wir ja gleich anfangs geglaubt und erkannt, daß Du Christus und der lebendige Sohn Gottes bist, und da können wir dich, o Herr, ja unmöglich mehr verlassen! (Joh.6,69) Herr, verstoße nur Du uns nicht, und habe Geduld mit unseren noch immer großen Schwächen!“
GEJ|6|46|9|0|Sagte Ich: „Also ist es gut und recht, und also bleibe es auch! Aber da wir noch hier in dieser offenen Musterschule zu Kapernaum weilen, so kann Ich nicht umhin, euch noch etwas zu entdecken. Ihr wisset, wie Ich vorigen Jahres in dieser Gegend aus den vielen Jüngern euch Zwölfe erwählt habe, – und sehet, dennoch ist unter euch einer ein Teufel!“ (Joh.6,70)
GEJ|6|47|1|1|47. — Judas Ischariot (Ev. Joh. 6,71)
GEJ|6|47|1|0|Ich aber meinte hier offenbar den Judas Ischariot, da Ich schon von Anfang an gar wohl erkannte, wessen Geistes Kind er war. (Joh.6,71) Aber er hatte dennoch vielen Eifer, war vollauf tätig und konnte gut reden und die Lehre vortragen, und so wurde er denn auch der guten und nicht der schlechten Sache wegen von Mir zu einem Vorsendling mit den andern elfen erwählt. Da er aber als solcher durch seinen ernsten Eifer und durch seine Beredsamkeit mehr ausrichtete in derselben Zeit denn die andern elfe zusammen, so fing er denn auch an, sich viel darauf einzubilden.
GEJ|6|47|2|0|Als aber dann seinem Hochmute durch manches begegnet wurde, da nagte in ihm immer mehr und mehr ein geheimer Groll, und er wurde darum von Tag zu Tag verschlossener und hatte ein scharfes Auge auf die andern elf Jünger, um bei ihnen einmal etwas zu erspähen, um sie dann vor Mir zur Rede zu stellen. Da aber so etwas nicht vorkam, das ihm zur Kühlung seines Grolles hätte dienen können, so ward er im geheimen stets bitterer und sah sich stets emsiger nach einer Gelegenheit um, seine Brüder irgendeinmal in eine Verlegenheit zu bringen; um ein passendes Mittel nur sann er oftmals bei sich.
GEJ|6|47|3|0|Er war ein geiziger und geldsüchtiger Mensch, der selbst oft mit aller Beredsamkeit den Besitz des Geldes für etwas höchst Notwendiges fürs irdische Leben darstellte, weil die Weltbeherrscher es eben zur Erleichterung des sonst mühsamen Tauschverkehrs eingeführt hätten.
GEJ|6|47|4|0|Er sagte auch einmal zum weisen Nathanael, mit dem er noch am meisten sich besprach: daß Ich zum irdischen Leben nun offenbar keines Geldes bedürfe, das sei ganz klar und rein einzusehen; denn mit der göttlichen Allmachtspotenz ausgerüstet, könne man allenthalben ohne Geld durchkommen. Aber Menschen ohne diese Potenz und ohne das Glück zu haben, Meine Jünger zu sein, müßten zum irdischen Lebensunterhalte so gut und notwendig Geld haben wie der Kaiser selbst, um damit zu bezahlen seine Soldaten und andere Staatsdiener.
GEJ|6|47|5|0|Nathanael bewies ihm zwar immer, daß das Geld dennoch ein großes Übel unter den Menschen sei, obwohl es wie jedes irdische Gut in der Hand eines Gerechten auch zu vielem Guten der Grund sein könne. Aber das Üble werde es stets bei sich behalten, daß es die Gier der Menschen danach sehr erwecken und zumeist die Ursache sein werde von Lastern und Freveln aller Art im Kleinen wie im Großen.
GEJ|6|47|6|0|Das ließ zwar unser Judas Ischariot wohl gelten, erklärte aber das Geld dennoch also für ein notwendiges Übel, wie auch der Leib für die Seele ein notwendiges Übel sei. Wenn aber die Seele den Leib weise benütze, so sei der Leib für sie auch ein Tempel des Heils, durch den allein sie zum ewigen Leben gelangen und die wahre Kindschaft Gottes erreichen könne.
GEJ|6|47|7|0|So wußte er durch seine Beredsamkeit überall einen sogenannten Rechtshaken zu finden, und es war schwer, mit ihm zu rechten. Aber er brachte es mit seinen Rechtssophismen (spitzfindige Scheibenweise) so weit, daß er gleich den Spartanern und Kretensern sogar den Diebstahl als eine im Notfalle gerechte Sache darstellte und den Moses der Schwachsinnigkeit beschuldigte, daß er jeden Diebstahl als eine bare Sünde darstellte. Er bedachte aber nicht, daß selbst der erlaubte, selbst notfälligste Diebstahl mit der Zeit die Menschen zur größten Trägheit verleitet und niemand mehr etwas gearbeitet und gespart hätte, wenn er gewußt hätte, daß, so er irgendeinen Vorrat hätte, solcher bald verraten und ihm von den Notleidenden alsbald abgenommen werden würde. So aber solche Sitte bei den Menschen als erlaubt eingeführt würde, wie sähe es dann mit der Nächstenliebe aus und wie mit einer Erkenntnis Gottes?!
GEJ|6|47|8|0|Nathanael zeigte dem Judas wohl, daß sich seine Diebstahlsrechtfertigung mit seinen höchst ökonomischen Bestrebungen nicht vertrage und der erlaubte Diebstahl jede noch so gerechte Sparsamkeit zunichte mache. Aber da war er schon wieder mit seiner Versteckklugheit da, und so war mit ihm nichts zu machen. Nur wenn Ich ihm einen Verweis gab, da ließ er dann auf eine Zeitlang von seinen Ideen ab und überließ sich geheim besseren Betrachtungen. Darum gab Ich ihm in der Schule auch noch diesen Stoß, den er wohl bei sich verstand, obwohl die andern Jünger nur mutmaßten, aber dennoch nicht bestimmt mit den Fingern auf ihn zeigen mochten, weil Ich das eben auch nicht wollte, obwohl Ich wußte, was er alles noch tun werde; denn zu seinem Falle mußte auch sein Maß voll werden, und er mußte sich am Ende selbst in sich lebendig überzeugen, daß alle seine irdischen Handlungstendenzen zum abschreckenden Beispiele für alle Menschen grundböse waren, ansonst für seine Seele auch jenseits keine Besserung möglich gewesen wäre.
GEJ|6|47|9|0|Das ist nun als das Charakteristische dieses Jüngers darum wiedergegeben, um den Grund mehr einzusehen, warum Ich ihn diesmal einen Teufel nannte; denn ihm war es auch am meisten geheim nicht recht, daß Ich in der Schule eine solche Rede hielt, an der sich so viele ärgerten und darum von Mir sich entfernten; denn er hatte mit ihnen schon allerlei Spekulationen geheim bei sich beschlossen und ärgerte sich darum auch geheim am meisten. Ja er machte sogar geheim dem Nathanael die Bemerkung, daß Ich im Hause des Petrus über das Übel der Ärgernisse Mich sehr scharf ausgesprochen hätte, nun Selbst aber Tausende bis zum Grünwerden ärgere, und wie solches hernach mit Meiner Lehre zusammenhinge.
GEJ|6|47|10|0|Nathanael sagte freilich, daß Ich damals hauptsächlich nur von dem bösen Ärgernis der kleinen Kinder geredet hätte.
GEJ|6|47|11|0|Aber unser Sophist wußte auch da etwas zu entgegnen, und als Ich etwa um die vierte Stunde des Nachmittags mit den Jüngern die Schule verließ und wieder in unsere gute Herberge zog, da ging Judas Ischariot nicht mit, sondern verlief sich in die Stadt zu einigen Bekannten, wo viel über Meine unverstandene Rede geredet wurde. Aber da zeigte er sich wieder als Mein Jünger und als ein guter Redner und machte ihnen durch allerlei rednerische Kniffe Meine Rede erträglicher, wennschon nicht im rechten Lichte. Wir sahen ihn bei sieben Tage lang nicht, welche Zeit wir uns in und um Kapernaum aufhielten. Aber dann kam er wieder zu uns.
GEJ|6|48|1|1|48. — In der Herberge des Wirtes von Kapernaum
GEJ|6|48|1|0|Wir aber, als wir aus der Schule in unserer Herberge ankamen, fanden schon einen bestbestellten Tisch mit Wein, Brot und Fischen, und der Wirt hatte eine große Freude, Mich und Meine nun bedeutend wenigeren Jünger bei sich zu Gästen zu haben.
GEJ|6|48|2|0|Erst als wir alle schon vollauf gegessen und getrunken hatten, fragte uns der Wirt, sagend: „Herr, diesmal scheint Deine geheimnisvolle Lehre den vielen einheimischen und fremden Zuhörern in der großen, offenen Schule nicht recht gemundet zu haben; denn sie gingen alle ärgerlich hinaus und davon. Einige schimpften mehr, die andern weniger, und die Fremden und auch viele, die gestern noch als Jünger bei Dir waren, sagten, Du habest allda nur geflissentlich also geredet, um sie auf eine feine Art loszuwerden, was von Dir nicht schön gewesen sei, da sie sich schon selbst mit ihren Geldmitteln verköstigt hätten.
GEJ|6|48|3|0|Bei mir waren mehrere, die sich darob sehr aufhielten und auch sagten, daß sie auf Dich die größte Hoffnung gesetzt hätten sie seien aber nun auf eine sehr unangenehme Art enttäuscht worden, und sie sagten auch, daß Du auf diese Art trotz Deiner höchst wunderbaren Zeichen bei den Menschen mit solcher Deiner Lehre sehr wenig Eingang finden würdest. Ich ließ sie reden und sagte gar nichts dazu. Sie bezahlten dann ihre Zeche, bestiegen ihre Schiffe und fuhren ab.
GEJ|6|48|4|0|Mir aber war das ganz angenehm zu vernehmen, daß diese großsprechenden Weisen durch Dich, o Herr, einmal mit ihrem Verstande so ganz zu kurz gekommen sind. Denn schon gestern in der Nacht, als Du nach dem eingenommenen Mahle Dich zur Ruhe begeben hattest, wurde über Deine Brotvermehrung und wegen Deiner etwa wunderbaren Hierherkunft übers Meer viel pro und contra gewortwechselt. Der eine machte sich mit seiner Weisheit so und der andere so breit. Aber ich dachte mir: ,Na wartet nur, ihr weisen Juden! Der Herr wird zur rechten Zeit eurer Weisheit sicher eine Schranke setzen, über die euer gar so heller Verstand sicher nicht springen wird!‘ Und heute ist mein geheimer Wunsch schon in die vollste Erfüllung gegangen!
GEJ|6|48|5|0|Ich war wohl auch selbst in der Schule und habe den Hauptteil Deiner Rede gar wohl vernommen; aber ich fand gar nichts darin, was mich nur im geringsten hätte befremden können. Denn daß Du, obwohl jetzt in voller Menschenform, der Herr bist über Himmel und Erde und über alle Geister- und Sinnenwelt, das war mir schon längst klar. Wer außer Dir kann schaffen für alle Menschen und Tiere das Nährbrot, und wer außer Dir gibt den Geistern wie nun auch unseren Seelen das ewige Leben, ihre Liebe und ihre Weisheit, was ich für das wahre und lebendige Brot, aus den Himmeln kommend, ansehe?! Ich habe das noch einigen Besseren in der Weise klarer machen wollen; aber ihr dummer und sehr aufgeblähter Verstand begriff es dennoch nicht.
GEJ|6|48|6|0|Desgleichen tat ich auch, als Du gar handgreiflich von Deinem Fleische und Blute zu reden begannst, weil sie mich fragten, wie ich denn das verstünde. Nun sagte ich: ,Das ist ja noch klarer als das Frühere und erklärt und bestätigt meine frühere Ansicht! Irdisch genommen, ist die Erde nicht gewisserart ein wahrer Gottesleib und all das befruchtende Gewässer sein Blut?! Wo kommt denn alles irdische Nährbrot sonst etwa noch her? Und ist in geistiger Beziehung Gottes Liebe zu uns unwürdigen Menschen etwa nicht ein wahrster Erdboden für uns, der uns leiblich und geistig trägt, duldet und nährt, und ist die Gabe der Vernunft und des Verstandes und nun Seine Lehre dazu nicht etwa das wahrste und lebendigste Blut Gottes, das unsere nach Weisheit dürstenden Seelen erquicket, stärkt und wahrhaft lebendig macht?!‘
GEJ|6|48|7|0|Da sagten etliche: ,Ja, das ist alles recht schön gesagt; aber warum schickt denn er selbst keine solche Erklärung seiner Rede nach?‘
GEJ|6|48|8|0|Da sagte ich: ,Er wird schon Seinen guten Grund haben! Wahrscheinlich wird Er also denken: ,Wer an Mich wahrhaft glaubt, der wird Mich auch verstehen; wer aber bei den vielen Zeichen und bei der Weisheit Meiner Lehren noch nicht glaubt, daß Ich der Herr Jehova Zebaoth bin, der soll wieder in seine Welt zurückgehen und soll gleich den dummen Schweinen im Kote der Erde herumwühlen!‘‘
GEJ|6|48|9|0|Da wurden sie toll und gingen. – Herr, habe ich dadurch doch etwa nicht unrecht gehandelt?“
GEJ|6|48|10|0|Sagte Ich: „Oh, mitnichten! Denn fürs erste hast du Meine Worte ganz vom Grunde aus gut verstanden und hast sie den Blinden auch ganz gut erklärt, und fürs zweite war deine Schlußbemerkung ganz am rechten Flecke! Denn es sind derartige Menschen wahrlich mit den Schweinen zu vergleichen, die, je heller und wärmer die wahre Sonne der Himmel zu scheinen beginnt, desto gieriger und eifriger zu den schmutzigsten Schlammpfützen der Welt rennen und sich ganz vollglücklich fühlen, so sie in ihrem alten Kote herumwühlen können. Sagte Ich ihnen am Ende doch klar heraus, daß das Fleisch und das Blut, das sie meinen, nichts nütze sei, und daß Meine Worte Geist und Leben sind! Aber die Ochsen und Schweine faßten es dennoch nicht, und deshalb war deine Schlußbemerkung ganz am rechten Flecke, und Ich bleibe darum nun mehrere Tage bei dir.
GEJ|6|48|11|0|Aber nun bringe noch Wein; denn wir wollen heute und die anderen Tage recht heiter sein! Ich habe nun eine rechte Freude an dir; denn du hast Mich besser verstanden als irgendeiner Meiner Jünger. Gen Abend hin wollen wir fischen gehen, damit dir ein Vorrat werde für dich und für uns. In der Stadt aber machet Mich nicht ruchbar; denn da hätten wir wenig Ruhe. – Und nun bringe uns Wein und Brot!“
GEJ|6|49|1|1|49. — Des Herrn Duldsamkeit gegen Judas Ischariot
GEJ|6|49|1|0|Wir tranken nun den Wein und aßen das Brot dazu; denn wir waren unser bei zweiunddreißig Personen und hatten so noch eine Nachstärkung vonnöten.
GEJ|6|49|2|0|Während wir also noch den Nachtisch fröhlich hielten, sagte einer der Judgriechen: „Herr und Meister! Dieser unser äußerst freundlicher Wirt wäre ja sehr tauglich, die Stelle des Dich stets ärgernden Jüngers einzunehmen und dem andern, so er auch wieder käme, das römische CONSILIUM ABEUNDI (den Rat, abzugeben) zu erteilen. Denn soviel wir gemerkt haben, so geht er noch ärger aufs Geld denn jeder Templer, und all sein Sinnen ist Welt- und Wohlleben. Nebstdem besitzt er noch eine sehr üble Leidenschaft, und diese besteht im leeren Großtun und Lügen, und mit solch einem Jünger ist Dir und der Menschheit wenig gedient. Dieser Wirt aber ist wahrlich mit einem eigens hellen Geiste begabt und versteht selbst Deine geheimsten Reden wahrlich besser denn Deine alten Jünger; daher wäre er ja ein ganz vortrefflicher Stellvertreter für den Abwesenden.“
GEJ|6|49|3|0|Sagte Ich: „Ich werde Mich nun von jetzt an bis zum Laubrüstfeste in Galiläa aufhalten und werde selbst dann Mich noch sehr überlegend verhalten, ob Ich nach Jerusalem zum Feste ziehen werde, und da haben wir Zeit zur Genüge, in der uns unser Wirt Matthias (Mai oder Moi diaz = ,mein Arbeiter‘, auch ,mein Knecht‘ oder ,Diener‘) überallhin geleiten kann und auch wird, bei welcher Gelegenheit er noch gar vieles für Ohr und Aug und für Herz und Seele erfahren wird. Dann aber wird er eben für diesen Ort ein ganz guter und tüchtiger Ausbreiter Meiner Lehre werden; denn auch diese Menschen sind Mir gegeben zur Belebung und nicht zum Tode.
GEJ|6|49|4|0|Was aber den Abwesenden betrifft, so mag er kommen, wenn er will, – kann aber auch ausbleiben, so er will; denn ein jeder Mensch, gut oder böse, verhält sich gegen Mich dem Geiste nach wie gegen die Sonne dem Leibe nach. Will er sich von den Strahlen der Sonne beleuchten und erwärmen lassen, so kann er es tun – ob er ein guter oder ein böser Mensch ist, so wird ihm das nicht verwehrt –; will er es nicht, so wird er von Gott aus dazu auch nicht gezwungen werden, darum es denn auch heißt: ,Gott läßt Seine Sonne scheinen über Gute und Böse.‘ Und sehet, also ist es auch bei Mir in der lebendig-geistigen Hinsicht! Wer Mir folgen will, der kann es tun, und Ich werde ihn nicht von Mir weisen, und sollte er ein noch so großer Sünder sein! Denn Ich bin ja nur der Verlorenen und Seelenkranken wegen in diese Welt gekommen; denn die Gesunden bedürfen des Arztes nicht.
GEJ|6|49|5|0|Und so mag denn auch der Abwesende mit Mir ziehen, wie er will, gleichwie Ich die Judäer heute nicht von Mir gewiesen habe; weil sie aber von selbst gegangen sind, so habe Ich sie auch nicht aufgehalten und zu bleiben geheißen. Auch habe Ich nicht darum also für sie unverständlich geredet, als hätte Ich sie dadurch von Mir entfernen wollen, sondern Ich redete also, weil Ich, vom Vater aus genötigt, also reden mußte. Sie ärgerten sich aber darob und gingen, und das war ihre und nicht Meine Schuld, – und es war somit auch gut, daß sie gegangen sind. Sie können wiederkommen und bleiben, so sie wollen; wollen sie aber nicht, so wird darum Meine Sendung und Meine Lehre nicht weniger wahr sein, gleichwie auch das Licht und die Wärme der Sonne nicht weniger und schwächer wird irgend aus dem Grunde, so etliche Toren sich nicht von ihr bescheinen und erwärmen lassen wollen. – Verstehet ihr solches?“
GEJ|6|49|6|0|Sagten die Judgriechen: „Ja, Herr, das haben wir sehr wohl verstanden! Was Du, o Meister, sprichst und sagst, das hat wahrlich alle Wahrheit, Kraft und Leben! Oh, wenn doch alle Menschen das einsähen!“
GEJ|6|49|7|0|Sagte Ich: „Das wird in dieser Welt wohl nie ganz der Fall sein; aber es wird dennoch viele geben, die es einsehen, danach tun und das ewige Leben ernten werden.“
GEJ|6|50|1|1|50. — Der reiche Fischzug. Die wohlschmeckenden Edelfische
GEJ|6|50|1|0|(Der Herr:) „Aber nun wird es an der Zeit sein, daß wir uns zum Fischen fertig und bereit machen; denn nun ist eben die beste Zeit dazu.“
GEJ|6|50|2|0|Sagte der Wirt: „Weil Du, o Herr, es sagst, darum wird nun wohl die beste Zeit sein; aber sonst nach unserer Fischerregel wäre jetzt eigentlich die ungünstigste Zeit, weil die Fische nun gleich mit der Sonne untergehen und sonach auf der Oberfläche nicht viele Fische mehr vorhanden sind.“
GEJ|6|50|3|0|Sagte Ich: „Eben darum wollen wir jetzt uns an das Fischen machen, und es soll sich da zeigen, daß wir uns auf das Fischen auch besser verstehen denn die andern Fischer. Am Tage und auf windlosem Meere kann jedermann fischen; aber am Abende und bei sehr unruhigem Meere fischen, kann außer Mir jetzt wohl gar kein Fischer mehr. Und so gehen wir und richten uns unser Fischzeug zu!“
GEJ|6|50|4|0|Darauf verließen wir das Zimmer, nahmen das Fischzeug, das in mehreren großen Zugnetzen bestand, machten die Fischerboote los, bestiegen sie und fuhren bei drei Feldweges [griech. Feldweg 192 m] weit vom Ufer.
GEJ|6|50|5|0|Da sagte Ich: „Nun werfet die Netze aus, spannet sie gut aus, und die Ruderer steuern gemach dem Ufer zu, und am Ufer wird sich zeigen, ob die untergehende Sonne uns zu unserer Arbeit ein Hindernis war!“
GEJ|6|50|6|0|Solches geschah nach Meiner Anordnung, und als wir ans Ufer kamen, da waren die Netze so voll von den edelsten Fischen, daß sie beinahe zu reißen anfingen. Als die Fischer anfingen, die Fische aus den Netzen in die Fischbehälter zu klauben, da hatten sie nicht Raum genug, um alle aufzunehmen; beinahe ein gutes Dritteil mußte in den Netzen eingebündelt, also im Wasser zwischen den Booten hängend, verbleiben.
GEJ|6|50|7|0|„Nein“, sagte der Wirt, „so ein Fang um diese Zeit gehört zu den unerhörtesten Dingen! O Meister, wenn Du mit noch zehnmal soviel Jüngern volle zehn Jahre in meinem Hause wohntest und zehrtest, so könnte ich Dir dadurch nicht vergüten diesen Gewinn, den Du mir heute durch diesen Fischzug bereitet hast! Siehe, mein großes und gut gebautes Haus samt den vielen und zweckmäßigen Wirtschaftsgebäuden und samt allem, was darin ist – auch mit allen Äckern, Wiesen, Waldungen, Hutweiden und Weinbergen –, hat lange nicht den Wert wie diese beinahe zahllos vielen und großen Edelfische, die sonst nur zur Winterszeit selten hie und da gefangen werden. Wenn man da nur etwa im glücklichsten Falle zehn fangen kann, so ist man ohnehin schon ein reicher Mann; denn Fische dieser Gattung werden fürs Stück um hundert Silbergroschen von den Römern und Griechen reißend aufgekauft, eingesalzen und an die Höfe der Könige sicher um dreihundert Silbergroschen verkauft. Wenn es Dir, o Meister, genehm wäre, so würde ich meine Knechte mit einigen Stücken in die Stadt zu den Römern und Griechen senden, und ihr werdet euch überzeugen, mit wieviel Geld beladen sie ehest heimkehren werden!“
GEJ|6|50|8|0|Sagte Ich: „Tue das immerhin; aber nur das sage allen deinen Leuten, daß sie Mich nicht ruchbar machen; denn da würden wir in kurzer Zeit alle die großen Römer und Griechen am Halse haben! Aber für unser Abendmahl werde auch mit diesen edelsten Fischen gesorgt, und du selbst mußt wacker mitessen; denn bis jetzt hast du von dem Wohlgeschmacke dieser Art Fische nur reden hören, selbst jedoch nie einen verkostet. Wenn du nun erst selbst einen verkosten wirst, dann wirst du auch erst selbst erfahren, warum man diese Fische so teuer bezahlt. Und nun magst du deine Knechte mit den Fischen schon aussenden; aber sie sollen die aus den Netzen nehmen. Auch für uns sollen die aus den Netzen genommen werden; denen in den Behältern werde Ruhe gegeben!“
GEJ|6|50|9|0|Da ging der Wirt, machte die Sache mit den vielen Knechten ab, und bei fünfzig an der Zahl nahm ein jeder zwei Fische, da er einen dritten nicht mehr zu tragen imstande gewesen wäre, und trug sie gemeinschaftlich in die Stadt. Die Knechte begaben sich schnell zu den Römern und Griechen, und als diese der bekannten Edelfische ansichtig wurden, da entstand eine förmliche Verkaufsversteigerung derart, daß ein Fisch von nur 40- 50 Pfund Gewicht um zweihundert Silbergroschen aufgekauft wurde.
GEJ|6|50|10|0|Es fragten wohl die Römer und Griechen, wie etliche reiche Juden, wie sie denn in dieser für derlei Edelfische ganz ungewöhnlichen Zeit zu ihnen gekommen seien.
GEJ|6|50|11|0|Aber die Knechte sagten, sie seien durch einen fremden Fischer auf ein Geheimnis gekommen, derlei Fische auch außer der Winterszeit zu bekommen, und die Fische seien die sichersten Zeugen, daß sich das Geheimnis bewähre. Da wurden sie nicht weiter befragt und brachten dem Wirte bald eine große Menge Geld als Erlös für die Fische, so daß er kaum Behälter zur Genüge fand, um all das Geld unterzubringen und zu verwahren.
GEJ|6|50|12|0|Mittlerweile wurde auch unser Nachtmahl fertig, und wir setzten uns zum großen Tische.
GEJ|6|50|13|0|Als die Judgriechen der wohl zubereiteten Fische ansichtig wurden, sagten sie: „Von dieser edelsten Gattung haben wir nur einmal einen zu verkosten bekommen, und jetzt liegt eine solche Menge vor uns! Oh, das ist des Guten wahrlich zu viel! O Meister, das ist auch Dein Fleisch und Blut nach der guten Erklärung des Wirtes; denn ohne Dein Wort und ohne Deinen Willen wären wir zu solch einer Mahlzeit wohl nimmer gekommen! Ja, da sieht man es klar, was alles die Liebe, Weisheit und Allmacht Gottes vermag! O wie gar nichts ist doch der Mensch gegen Dich, o Herr und Meister!“
GEJ|6|50|14|0|Sagte Ich: „Es ist dem nicht gerade also; denn es ist dies ja eben der Wille des Vaters, daß ein jeder Mensch also vollkommen werden soll, wie Er Selbst im Himmel vollkommen ist. Und die Zeit wird es zeigen, daß Meine wahren Jünger noch Größeres tun werden, als wie Ich nun tue! Aber die Zeit ist jedoch noch nicht da, wird aber nicht gar lange mehr auf sich warten lassen. – Nun aber lassen wir das und essen und trinken nach Lust und Not!
GEJ|6|50|15|0|Solange die Hochzeitsleute den Bräutigam unter sich haben, sollen sie keine Not leiden; denn sie werden, so der Bräutigam aufgefahren sein wird dahin, von wo Er gekommen ist, der Not noch genug zu erleiden bekommen. Der wahre Bräutigam aber bin Ich, und die an Mich glauben, sind die wahren Bräute und Hochzeitsleute zugleich. Darum nun nur heiteren und fröhlichen Mutes!“
GEJ|6|50|16|0|Darauf griffen alle wacker zu und aßen und tranken mit großer Lust und wurden dabei voll guter und heiterer Dinge.
GEJ|6|50|17|0|Ein Judgrieche sagte beim Genusse des Fisches: „Zu Kis beim Kisjonah haben wir auch Edelfische gegessen, die sehr gut waren; aber sie stehen in gar keinem Vergleiche mit diesen Fischen, und es ist doch hier auch dasselbe Meer und Wasser?!“
GEJ|6|50|18|0|Sagte Ich: „Das sicher, – aber nicht derselbe Grund! Diese Art Fische sind selten und kommen natürlich nur in dieser Gegend vor. Aber sie sind zumeist nur im tiefen Grunde zu Hause, wo sie denn auch ihre Nahrung finden, die in einer Art unterseeischer Pflanzen besteht. Die Pflanzen aber kommen nur hier vor, und zwar in einer Strecke von tausend Acker Landes; dann ist der Grund des Meeres weithin taub, und diese Fische kommen dort nicht vor. – Aber nun nur gegessen und getrunken!“
GEJ|6|51|1|1|51. — Vom Fasten und Bulle tun. Das Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner (Ev. Luk. 18,9-14)
GEJ|6|51|1|0|Die Fische schmeckten gut und der Wein nicht minder. Ich Selbst aß und trank ganz wacker, so daß es einigen Judgriechen auffiel, wie Ich denn als ein so ganz vom Geiste Gottes durchdrungener Mensch ebensoviel essen und trinken könnte wie irgendein anderer Mensch.
GEJ|6|51|2|0|Als Ich aber solches wohl merkte, da sagte Ich: „Der Leib braucht das seinige – und der Geist das seinige; wir sind nun aber unseren Gliedern eine rechte Stärkung zu geben schuldig, und dann werden wir des Geistes nicht vergessen.
GEJ|6|51|3|0|Glaube ja keiner, daß er Gott einen wohlgefälligen Dienst erweist, so er fastet und für seine begangenen Sünden in härenen Kleidern vor aller Welt Augen Buße tut, – sondern nur der ist Gott angenehm, der da dankbar ißt und trinkt, was ihm Gott zukommen ließ, um dadurch seine irdischen Kräfte zur nützlichen Arbeit zu stärken, wodurch er sich und seinem Nächsten viel nützen kann, und so er irgendeine Sünde beging, sie als solche erkennt, bereut, verabscheut, sie nicht mehr begeht und sich also wahrhaft bessert.
GEJ|6|51|4|0|Freilich gibt es leider gar viele, die da ihre Lebenszeit mit lauter Essen und Trinken zubringen. Sie sorgen nur für ihren Bauch und für ihre Haut. Die Nächstenliebe ist ihnen fremd, und vor dem armen Menschen spucken sie aus und lassen ihn nicht an ihres Hauses Schwelle kommen. Ihr stets voller Bauch läßt sie nie fühlen den Schmerz des Hungers und des Durstes. Das sind die echten Schwelger, Prasser und Vollsäufer, um dadurch ihren Leib stets bereit zu allerlei Geilheit, Unzucht, Hurerei und Ehebrecherei zu halten. Das ist dann Fraß und Völlerei, mit denen niemand je ins Reich Gottes eingehen wird.
GEJ|6|51|5|0|Im gleichen sind aber auch alle jene Gleisner, die da fasten und in härenen Kleidern Buße wirken und für ihre Sünden ansehnliche Opfer dem Tempel darbringen, damit sie von dem Volke als Gerechtfertigte angesehen und gelobt werden, sie selbst aber dann jeden Menschen über die Achsel ansehen, ihn als einen vermeintlichen Sünder verachten und ihm schon von weitem ausweichen, dieweil sie nicht irgend sahen, wie er gefastet, in härenen Kleidern Buße gewirkt und dem Tempel geopfert hat.
GEJ|6|51|6|0|Ich aber sage es euch: Derlei Menschen sind ebenfalls ein Greuel vor Gott; denn ihr Herz ist verhärtet, und so ihr Sinn und Verstand. Sie richten ihre Nebenmenschen ohne alle Schonung und Nachsicht, sie kehren vor des Nachbars Tür und bemerken den großen Haufen Unflates vor der eigenen Hausflur nicht. O wahrlich sage Ich euch: Wie diese Tempelheiligen und -gerechten nun ausmessen, geradeso wird ihnen drüben wieder zurückgemessen werden!
GEJ|6|51|7|0|Ich sage es euch: Wer hier richtet, der wird auch jenseits gerichtet werden; wer aber da niemanden richtet außer sich allein, der wird auch jenseits nicht gerichtet werden sondern sofort aufgenommen werden in Mein Reich!
GEJ|6|51|8|0|Ich aber will euch hier ein Bild geben, wie die menschliche Selbstrechtfertigung in ihrer Reinheit und vor Gott als allein gültig beschaffen sein soll. Und so höret! (Luk.18,9)
GEJ|6|51|9|0|Es gingen hinauf in den Tempel zwei Menschen, der eine ein reicher, aber sonst streng nach dem Gesetz lebender Jude, und der andere ein Zöllner. (Luk.18,10) Als der Jude in den Tempel kam, stellte er sich ganz zum Altare hin und sagte laut: ,O Gott, ich danke Dir hier vor Deinem Altare, daß ich nicht also bin wie viele andere! (Luk. 18,11) Denn Du, o Herr Herr, hast mir gegeben den guten und festen Willen und auch alle die anderen irdischen Güter hinzu, durch welche Mittel es mir allein möglich ward, Deine Gebote alle vollkommen zu erfüllen, und wie wohl tut es nun meiner Seele, als vollkommen gerecht an der Neige meiner Tage vor Dir zu stehen!‘ (Luk.18,12) Als er noch eine Menge seiner gerechten und also gesetzlich guten Handlungen Gott also vorgetragen hatte, legte er ein reiches Opfer auf den Altar und ging dann, im höchsten Grade mit sich zufrieden und mit dem besten Gewissen von der Welt, aus dem Tempel und dann nach Hause, wo sich alle seine Hausleute wegen seiner strengen Hauszucht eben nicht sehr auf ihn freuten, da sein reines Gewissen, sein strenger Ordnungssinn und seine gesetzliche Gerechtigkeit an ihnen nichts als lauter Sünden und Fehler entdeckten.
GEJ|6|51|10|0|Unser sündiger Zöllner aber ging im Tempel reuig in sich, blieb ganz rückwärts stehen, sich nicht getrauend, seine Augen aufzurichten zum Altare, indem er bei sich selbst sagte: ,O Herr, Du allgerechter, allerheiligster und allmächtiger Gott, ich bin ein zu grober Sünder und also gar nicht würdig, meine Augen zu Deinem Heiligtume empor zu richten; sei Du mir aber dennoch gnädig und barmherzig!‘ (Luk.18,13)
GEJ|6|51|11|0|Nun, was meinet ihr, wer von den zwei Menschen gerechtfertigt aus dem Tempel nach Hause zog?“
GEJ|6|51|12|0|Die Judgriechen sahen einer den andern an und wußten nicht so ganz recht, was sie Mir nun für eine Antwort geben sollten; denn gerechter konnte in ihren Augen doch wohl niemand sein als der das Gesetz bis aufs letzte Häkchen erfüllende Jude. Der sündige Zöllner konnte nach ihrer Beurteilung doch nicht als ein mehr Gerechtfertigter den Tempel verlassen denn der erwähnte Jude!
GEJ|6|51|13|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Ihr irret euch in eurem Urteile! Der Jude ging ganz und gar nicht gerechtfertigt aus dem Tempel; denn er belobte sich selbst laut vor allem Volke, zog aller Augen, Ohren, Lob und Bewunderung auf sich und belohnte sich somit selbst. Ist aber solch ein Selbstgefühl nicht auch eine sogar recht böse Art des Hochmutes?! Seine Früchte sind am Ende Haß und Verachtung und eine stete Verfolgung aller, die von ihm nicht als ebenbürtig erkannt und beurteilt werden. Ist so ein Mensch dann wohl ein Gerechtfertigter vor Gott? Oh, mitnichten! Der hat noch sehr weit bis dahin!
GEJ|6|51|14|0|Aber der Zöllner ist ein Gerechtfertigter vor Gott; denn er ist voll Demut und hält sich für schlechter um vieles denn die anderen Menschen. Er haßt und verachtet niemanden und ist froh, daß man ihn nur nicht noch mehr verachtet und flieht, als es schon ohnehin der Fall ist. – Nun, was saget ihr? Habe Ich recht geurteilt?“ (Luk.18,14)
GEJ|6|51|15|0|Sagten nun alle: „O Herr, Du ganz allein hast recht in allen Dingen, und wir alle sind finstere und sündige Menschen! Unsere Urteile sind daher nicht anders, als wie da wir selbst sind. Oh, das war ein vollkommen wahrstes Bild; denn wir hatten oft Gelegenheit, solche Rechtfertiger zu beobachten, die sich so rein wie die Sonne darzustellen wußten, und man konnte auch nicht sagen, daß sie im Tempel geheuchelt hätten, indem sie nur zu gewissenhaft alle die Gesetze beachteten. Aber sie waren eben darum dennoch ganz unverdauliche Menschen; denn sie beachteten das Gesetz nicht etwa, weil sie in selbem den Willen und die Ordnung Gottes erkannt hätten, sondern nur, als wäre das Gesetz ihr Werk, und auf daß sie als streng gesetzliche Menschen auf ihre Diener und Hausleute desto ergiebiger einwirken und erfolgreicher derselben Fehler und Untugenden rügen könnten. Da wir viele solche Beobachtungen haben machen können, so sehen wir nun auch um so mehr die vollste Wahrheit Deines aufgestellten Bildes ein und danken Dir, o Herr, für diese allerwahrheitsvollste Belehrung.“
GEJ|6|51|16|0|Sagte Ich: „Nun denn, also seid nicht kleinmütig, und esset und trinket, so ihr noch Lust dazu habet! Ich Selbst werde von diesem Fische noch etwas nehmen.“
GEJ|6|51|17|0|Darauf nahmen alle noch von dem Fische und ließen sich auch den Wein recht wohl schmecken.
GEJ|6|52|1|1|52. — Von der Versuchung und den Schwächen. Übe das Denken!
GEJ|6|52|1|0|Als wir alle zur Genüge gegessen und getrunken hatten, da fragte Mich der Wirt, ob wir uns etwa zur Ruhe begeben wollten, da es schon ziemlich spät in der Nachtzeit geworden sei.
GEJ|6|52|2|0|Ich aber sagte: „Wen es nach Ruhe gemahnt, der gehe ruhen; Mich aber gemahnt es nicht, und somit werde Ich Mich jetzt auch noch zu keiner Ruhe begeben. Zudem ist es dem Leibe auch durchaus nicht zuträglich, gleich nach einem Mahle sich zur Ruhe zu begeben; daher wollen wir uns noch ein paar Stunden wach erhalten. Aber wen es nach Ruhe gemahnt, der mag sich auch zur Ruhe begeben!“
GEJ|6|52|3|0|Sagten alle: „Nein, nein, o Herr, wir wollen mit Dir wachen bis an den Morgen, so Du es wünschest! Denn wir wissen es nur zu bestimmt, daß bei Dir alles eine innerste, unerforschliche Bedeutung hat, und so steckt da auch sicher etwas dahinter, und so bleiben wir wach!“
GEJ|6|52|4|0|Sagte Ich: „Ihr habt recht; wachet und sorget, daß niemand von euch in eine Versuchung falle!“
GEJ|6|52|5|0|Fragten Mich Meine alten Jünger: „Herr, was sollte uns an Deiner Seite wohl in eine Versuchung zu führen imstande sein?! Denn wir haben an Deiner Seite doch schon so manches erlebt, und es hat uns noch sehr weniges in irgendeine augenblickliche Versuchung geführt.“
GEJ|6|52|6|0|Sagte Ich: „Oh, rühmet euch dessen nicht; denn der Versuchung Geist geht umher wie ein hungriger, brüllender Löwe und sucht die Menschen zu verschlingen! Ihr könnet nicht wach genug sein und nicht genug achten auf jeden Zug eines noch so leisen Anregungswindes! Hat solch eine Anregung den Menschen in seinem Gemüte nur um ein Haarbreit auf ihre Seite gebracht, so wird er sich schon eine recht große Willensgewalt antun müssen, um auf seinen früheren Stand zu gelangen. Merket euch das alle wohl; denn solange der Mensch in dieser Welt lebt, denkt, will und handelt, wiegt sein Fleisch schwerer denn seine Seele.“
GEJ|6|52|7|0|Sagte Philippus: „Das ist wohl sehr wahr, und ich habe das alles an mir sehr wahrgenommen; aber in diesen meinen vorgerückten Jahren richtet bei mir keine Versuchung mehr etwas aus. Ich habe nur einen Fehler, und der besteht in einer Art von Zeit zu Zeit eintretender Glaubensschwäche, das heißt, ich glaube im Grunde wohl alles, was da kommt aus Deinem Munde, o Herr, – aber wenn dann und wann mein Verstand nicht alles gleich einsieht, so wird da mein Glaube auch schwach, und ich verfalle gleich in allerlei bedenkliche Fragen, auf die von irgendher eine helle Antwort sich in mein Gemüt senkt, und ich fange darauf bald an, in kleine Zweifel zu fallen. Das ist die einzige Versuchung, die mich noch immer dann und wann beschleicht. Du, o Herr, aber könntest mich davon wohl befreien und würdest mich dadurch zum glücklichsten Menschen machen!“
GEJ|6|52|8|0|„So Ich dir das täte durch die Mir innewohnende Kraft, da wärest du kein freier Mensch mehr, gerietest in eine große Trägheit und wärest dadurch mit der Übung zur stets höheren Gewinnung der wahren Lebenskraft deiner Seele bald am Ende.
GEJ|6|52|9|0|Darum trage ein jeder seine Bürde willig und übe sich gleichfort in allen guten Dingen des innern Lebens! Zur rechten Zeit wird dadurch auch sein Lebensmaß voll werden, und er wird dann erst eben über das Brot, das er sich selbst im Schweiße seines Angesichtes erworben hat, eine rechte und unverwüstbare Freude haben.
GEJ|6|52|10|0|Denke dir einen sehr verweichlichten Menschen, der von der Wiege an gar nie zu irgendeiner Tätigkeit angehalten wurde. Er aß und trank die besten Speisen, lernte zur Not nur allein das Reden und trug außer seinen Kleidern nie irgendeine Last. Wenn so ein Mensch dann eine Last von nur einigen Pfunden irgendeine Strecke weit tragen soll, so wird er das kaum imstande sein, weil er dazu seine physischen Kräfte nie nur im geringsten geübt hat. So er aber dann dennoch anfängt, seine Leibeskräfte durch eine nach und nach steigende Tätigkeit zu üben, so wird er es in einigen Jahren auch dahin bringen, größere Lasten mit Leichtigkeit zu heben und weiterzuschaffen. Würde er aber auch dann zu einer höheren derartigen Leibeskraft gelangt sein, so er gleichfort die anderen Menschen für sich hätte Lasten heben und tragen lassen?!
GEJ|6|52|11|0|Und siehe, geradeso steht es auch bei dir mit deiner Denkkraft! Du hast sie von deiner Jugend an viel zuwenig geübt, sie auch erst nun in den späteren Jahren ein wenig mehr zu üben angefangen, und es nehme dich darum nicht wunder, wenn du so manches nun nicht so schnell wie mancher andere fassest und begreifest.
GEJ|6|52|12|0|Ich aber bin ein rechter Lehrer und Führer und trage Meine Jünger nicht über alle noch so schroffen und holperichten Wege und Fußsteige auf den Händen, sondern Ich lasse sie selbst gehen, auf daß sie stark werden, ohne Anstoß fürderhin zu wandeln auf allen noch so knorrigen Wegen.
GEJ|6|52|13|0|Stellt sich aber jemandem auf irgendeinem Wege ein gar zu großes Hindernis in den Weg, so werde Ich ihm dann schon ein Licht und eine Kraft geben zur sicheren Besiegung auch solch eines großen Hindernisses. Aber vor allem muß ein jeder Mensch selbst so viel tun, als in seinen Kräften liegt; was darüber not tut, wird ihm gegeben werden zur rechten Zeit. – Hast du das nun wohl begriffen?“
GEJ|6|52|14|0|Sagte Philippus: „Ja, Herr, das habe ich nun wohl begriffen, und ich werde mir alle erdenkliche Mühe geben, um in meinem Denken und Glauben so stark als nur immer möglich zu werden!“
GEJ|6|53|1|1|53. — Die Bestimmung der Geschöpfe
GEJ|6|53|1|0|Hierauf sagte der Wirt: „Ich kenne in mir selbst auch einen solchen Menschen und weiß nun auch, was ich zu tun habe. Ich will nicht reden von all den Propheten und von dem Hohenliede Salomos, – was alles ich bis jetzt noch sehr wenig oder auch gar nicht verstanden habe; aber das habe ich beim Durchlesen solcher Weisen der Vorzeit wohl oft gedacht, daß sie eben durch ihre mystische Sprache den Menschen sehr im Denken üben und ihn dadurch zu einem stets tieferen In-sich-Gehen ordentlich zwingen, und das finde ich für sehr gut. Ist man dann so recht tief in sich gedrungen, so kommt dann ein Lichtlein ums andere, und man kommt dann über so manches ins klare, was einem früher ein unentwirrbares Rätsel schien. Aber wie gesagt, ich rede hier nicht von der Unverständlichkeit der Schriften der alten Weisen und Seher, sondern von ganz natürlichen Dingen.
GEJ|6|53|2|0|So zum Beispiel über die wahre Bestimmung irgendeines Geschöpfes auf dieser Erde, und da haben wir gleich unsere Edelfische. Sie sind seltene und sogar sehr lebensmuntere und schöne Tiere des Wassers. Der Mensch erst erfand es, durch seinen Hunger getrieben, sie zu fangen und zu essen. Nun, ist das ihre wahre Bestimmung, von uns Menschen gefangen, getötet und sodann als ordentliche Leckerbissen gegessen zu werden?! Wenn das ihre wahre Bestimmung ist, so weiß ich nicht, was dann damals ihre Bestimmung war, als der Mensch es noch nicht erfunden hatte, die Fische zu fangen, zu töten und dann wohlzubereitet zu essen.
GEJ|6|53|3|0|Dergleichen Fragen hätte ich zu tausenden, und je mehr ich darüber nachdenke, desto verwirrter werde ich und entferne mich vom Lichte nur stets mehr, anstatt demselben näher zu kommen, und bei eben solchen Nachforschungen und Grübeleien kann ich über die sicher höchst weise Absicht des Schöpfers mit diesen und zahllos vielen anderen Geschöpfen nie so recht ins reine kommen. Es wäre so etwas eigentlich für uns Menschen auch gar nicht nötig; denn die Geschöpfe sind einmal da, und der gute und höchst weise Schöpfer wird es schon wissen, warum Er sie erschaffen hat.
GEJ|6|53|4|0|Aber der Mensch ist und bleibt ein Denker und kann in sich zu keiner Ruhe mehr gelangen, wenn er einmal so recht gedankenwach geworden ist. Und so geht es mir! Wenn ich auch weiß, daß mir all solch eitles Denken zu gar nichts nützt, so denke ich aber dennoch fort und fort, und dafür möchte ich denn auch von Dir ein wahres Heilmittel bekommen; denn mir wird ein solches Denken nun schon ordentlich lästig, und ich gäbe etwas darum, so ich davon für immer befreit werden könnte.“
GEJ|6|53|5|0|Sagte Ich: „Ja, du Mein lieber Freund, da ist dir freilich wohl ein wenig schwer zu helfen; denn da müßte Ich gar lange mit dir reden, um dir von allen den vielen Geschöpfgattungen den wahren Zweck ihres Daseins zu erhellen. Nur im Allgemeinen kann Ich dir so viel sagen, daß alles für den Menschen sichtbar und fühlbar Erschaffene ein gerichtetes Geistiges ist und die Bestimmung hat, durch eine lange Reihe von allerlei Formen endlich in ein freies und selbständiges Leben überzugehen.
GEJ|6|53|6|0|Die Formen aber beginnen schon vom Steine angefangen durch alle Mineralreiche hindurch übergängig zum Pflanzenreich, durch das gesamte Pflanzenreich wieder übergehend ins Tierreich und durch dieses hindurch bis zum Menschen und sind Aufnahmegefäße vom Leben aus Gott.
GEJ|6|53|7|0|Jede Form entspricht einer gewissen Intelligenz. Je einfacher jene ist, desto einfacher und geringfügiger ist auch die ihr innewohnende Intelligenz; je ausgebildeter und ausgebreitet zusammengesetzter aber du dann eine Form erschaust, desto mehr Intelligenz wirst du in derselben auch finden.
GEJ|6|53|8|0|Nimm zum Beispiel einen nackten Regenwurm an, und du wirst aus seinem Tun leicht erkennen, daß seine höchst geringe Lebensintelligenz mit seiner Form ganz im Einklange steht; betrachte dagegen die schon sehr komplizierte Form einer Biene, und du wirst daraus auch die um sehr vieles höhere Intelligenz in der Lebensform dieses Tierchens finden! Und so steigert sich das bis zum Menschen herauf.
GEJ|6|53|9|0|Da diese Formen aber nur zeitweilige Sammler und Träger eines sich stets mehr befestigenden und intelligenter werdenden Lebens sind, und da dieses im steten Aufsteigen begriffene Leben auch nach dem Maße und Verhältnisse der größeren Vereinigung der früheren, einfacheren Lebensintelligenzen die früheren Formen verläßt, so liegt nach dem wohl wenig daran, was mit der lebensleeren Form, die nichts als eine organisch-mechanische und für den Zweck der ihr innewohnenden Lebensintelligenz wohleingerichtete Hülse war, fürder geschieht. Ob also nun diese Fische von uns Menschen oder von anderen Tieren verzehrt werden, so beirrt das die große Absicht des Schöpfers nicht im geringsten, und der Endzweck des Lebens wird dennoch unvermeidbar erreicht.
GEJ|6|53|10|0|Daß aber in den lebensleeren Hülsen Nährteile sich befinden, ist bekannt, und es geht durch das wechselseitige Aufzehren der lebensleeren Formen auch das Edlere wieder in ein anderes Leben über, und so siehst du hier auf dieser Erde durch den ganzen, großen Kreis der Geschöpfe einen fortwährenden Kampf und Lebensumtausch bis zum Menschen herauf.
GEJ|6|53|11|0|Aber selbst des Menschen äußere Form, die da ist sein Leib, hat nur so lange einen Wert, solange sie von der allein lebendigen Seele bewohnt wird. Ist die Seele einmal reif geworden, dann verläßt sie für ewig den Leib, und dieser wird verzehrt. Da ist es dann ganz gleichgültig, von wem oder durch was. Was an ihm noch Substantielles und der Seele Angehöriges ist, das wird der Seele auch wieder gegeben; alles andere geht wieder als Nährstoff in tausend andere geschöpfliche Lebensformen über. Da hast du in aller Kürze eine gründliche Darstellung alles dessen, worüber du dir so viele Gedanken vergeblich gemacht hast. – Verstehst du dieses nun wohl?“
GEJ|6|54|1|1|54. — Die Auferstehung des Fleisches
GEJ|6|54|1|0|Sagte der Wirt: „Ja, ich verstehe es nun wohl so ziemlich, obwohl ich es hier offen gestehen muß, daß mir diese Sache nun etwas ganz Neues und gewisserart Unerhörtes ist. Da ist es dann mit der endlichen Auferstehung des Fleisches nichts, an die doch alle Juden fest glauben und darum die Leichname auf den bestimmten Friedhöfen begraben und des Glaubens sind, daß sie am Jüngsten Tage von den Engeln wieder erweckt und mit ihren Seelen werden vereinigt werden. Das von Dir nun Gelehrte werden die Juden schwer glauben! Ich glaube es wohl, weil Du, o Herr, es uns nun also gesagt und ganz gründlich erklärt hast, – aber wenn mir das jemand anders erklärt hätte, so würde ich ihm schwerlich geglaubt haben; denn das weicht zu gewaltig von dem bestehenden Glauben ab. Und dennoch muß ich nun offen bekennen, daß alles das sich nach den gemachten Erfahrungen nicht anders als nur also verhalten kann. – Was saget denn ihr alten und neuen Jünger dazu?“
GEJ|6|54|2|0|Sagte einer der Judgriechen: „Was da uns betrifft, so sind wir ganz deiner Meinung! Wir sehen wohl auch die Wahrheit des Gesagten ein, aber auch die Schwierigkeit, diese ganz neue Lehre den Menschen in dieser Zeit als begreiflich wahr darzustellen.“
GEJ|6|54|3|0|Sagte Ich: „Darum habe Ich diese Lehre aber auch nicht gegeben, daß ihr sie den Juden wiedergeben sollet! So ihr jemand anders damit belehren wollet, da könnet ihr das immerhin tun; ob er es aber glaubt oder nicht, so ist das vorderhand ganz einerlei. Nach der Zeit aber werden Meine wahren Bekenner schon ohnehin von Meinem über sie ausgegossenen Geiste in alle Wahrheit und Weisheit geleitet werden.
GEJ|6|54|4|0|Es ist aber das ja von selbst leicht verständlich, daß der irdische Leib, so er einmal entseelt worden ist, nimmerdar auferstehen und in allen seinen Teilen wieder belebt werden wird; denn wenn solches der Fall wäre, so müßten an dem gewissen Jüngsten Tage auch alle durch das ganze, manchmal recht lange zeitliche Leben von dem Leibe abgelegten Teile, als die Haare, die Nägel, die verlorenen Zähne und alle durch das Waschen weggeschafften groben Hautteile, wie auch die in manchen bitteren Fällen vergossenen Blutstropfen, Schweißtropfen und noch so mancherlei, was der Leib mit der Zeit ablegte, mit erweckt und belebt werden. Nun stellet euch daneben so eine am Jüngsten Tage wiederbelebte Menschengestalt vor, – welch ein lächerlichstes Aussehen müßte sie haben.
GEJ|6|54|5|0|Der Mensch aber hat zu verschiedenen Zeiten auch einen verschiedenen Leib; so ist zum Beispiel der Leib eines Kindes ein anderer als der eines herangewachsenen Knaben, ein anderer der eines Jünglings, ein anderer der eines Mannes und ein ganz anderer der eines Greises. Nun, bei vollkommener Wiederbelebung der verstorbenen Menschenleiber an einem Jüngsten Tage müßte da ja notwendig gefragt werden, ob alle die von der Kindheit bis ins hohe Greisenalter innegehabten Leibesformen zugleich oder eine nach der andern oder gar nur eine allein wiederbelebt werden soll.
GEJ|6|54|6|0|Dann erhebt sich da noch eine gar gewichtige Frage, und die besteht darin: Bei den Römern und Griechen, Ägyptern und bei noch vielen anderen Völkern dieser Erde werden die Leichen verbrannt bis zur Asche. Anderorts werden sie ins Meer geworfen und von den Meeresungeheuern verzehrt und dadurch zu Leibesteilen der Meeresungeheuer, und verendet einmal solch ein Ungeheuer, so wird es wieder von andern Tieren des Meeres verzehrt. Was soll am Jüngsten Tage von diesen Leibern erweckt werden? Bei dem Verbrennen ist der größte Leibesteil in Rauch und Dampf aufgelöst worden und hat sich mit der Luft vereint, und bei den ins Meer geworfenen Leibern ist das Fleisch und alles zum Mitbestandteil der Meerestiere geworden und also in eine ganz andere Wesenheit übergegangen. Wer sollte da dann die früher menschlichen Leibesbestandteile von zahllos vielen Tierleibern, vom Wasser, von der Luft, von den Mineralien und den Pflanzen und Würmern heraussuchen und dann wieder zusammenfügen?!
GEJ|6|54|7|0|Und so sogar das bei Gott nichts Unmögliches wäre, so fragt es sich aber, zu welch einem Nutzen und Frommen so etwas einer freien Seele dienen könnte. Wahrlich, da würde sich jede vom schweren Leibe einmal erlöste Seele sicher im höchsten Grade unglücklich fühlen, wenn sie wieder in einen schweren Leib – und das gleich für ewig – treten müßte!
GEJ|6|54|8|0|Dazu wäre das auch noch eine Sache, die sich mit der ewigen Ordnung Gottes nie vertragen könnte, indem Gott Selbst ein reinster Geist ist und am Ende die Menschen auch ausschließlich nur die Bestimmung haben, zu gottähnlichen reinen Geistern für ewig zu werden. Wozu sollen ihnen dann die Leiber dienen?!
GEJ|6|54|9|0|Ja, sie werden auch dort mit Leibern angetan sein, aber nicht mit diesen irdischen, grobmateriellen, sondern mit ganz neuen, geistigen, die da hervorgehen werden aus ihren diesirdischen guten Werken nach Meiner euch nun gegebenen Lehre.
GEJ|6|54|10|0|Wenn sich diese Sachen also verhalten, wie kann da jemand meinen, daß unter der Auferstehung des Fleisches die einstige Wiederbelebung dieser irdischen Leiber verstanden werde?! Die Auferstehung des Fleisches sind nur die der Seele allein das wahre, ewige Leben gebenden guten Werke, welche die Seele in diesem Fleische den Nebenmenschen hat angedeihen lassen.
GEJ|6|54|11|0|Wer demnach Meine Lehre hört, an Mich glaubt und danach tut, den werde Ich Selbst auferwecken an seinem jüngsten Tage, der alsogleich nach dem Austritt der Seele aus diesem Leibe erfolgen wird, und zwar also, daß da die Kürze der Umwandlungszeit niemand merken wird; denn in einem schnellsten Augenblick wird die Umwandlung geschehen.
GEJ|6|54|12|0|Und nun meine Ich, daß ihr alle auch in diesem Stücke ganz im klaren seid. Hat aber jemand noch irgendeinen Anstand oder einen Zweifel, so lasse er ihn vernehmen!“
GEJ|6|55|1|1|55. — Von den Krankheiten und vom frühzeitigen Tode
GEJ|6|55|1|0|Sagte ein Judgrieche: „Herr und Meister, das ist uns allen nun ganz klar; aber dennoch ist eines noch, wovon ich mir keinen ganz rechten Grund erklären kann. Warum müssen denn auch so viele Kinder in der zartesten, noch ganz unentwickelten Jugend dahinsterben, und warum muß dem Leibestode nahe allzeit eine böse Krankheit vorangehen, die den Leib schwächt und tötet? So ein Mensch einmal reif ist, so könnte er als Seele dann ja ganz leicht und schmerzlos aus dem Leibe treten, und die Kinder sollten vor einer bestimmten Reife gar nie und niemals sterben. Es geschieht aber das dennoch in einem fort: Kinder sterben in allen Jahren, und die bösen Krankheiten hören nicht auf und sind eine fortwährende Plage der Menschen. O Herr und Meister, warum muß denn das sein auf dieser Erde?“
GEJ|6|55|2|0|Sagte Ich: „Das müßte gar nicht sein und war es auch nicht in der Vorzeit; denn liesest du in einer Chronika von schweren Krankheiten unter jenen Menschen, die Gott ergeben waren und nach Seinen Geboten lebten?! Sie erreichten alle ein hohes Alter, und ihr Sterben war ein sanftes, schmerzloses Einschlafen. Da starb auch kein Kind; denn es ward von ganz gesunden Eltern gezeugt und der gesunden, einfachen Natur gemäß genährt und auferzogen.
GEJ|6|55|3|0|Als aber später bei den Menschen allerlei Hoffart und mit ihr ein ganzes Heer von tollsten Sünden wider die Gebote Gottes und wider die Gesetze der Natur Eingang fand, da erst kamen aus eigenem Verschulden allerlei böse Krankheiten unter die Menschen. Die also geschwächten Menschen konnten dann auch keine gesunden Kinder mehr erzeugen. Solche schon vom Mutterleibe an verkümmerten Kinder mußten nach und nach auch stets mehr und mehr von allerlei Krankheiten befallen werden und zu sterben anfangen in allen Stadien ihres Alters.
GEJ|6|55|4|0|Daß nun solches also geschieht, müßt ihr euch nicht denken, als hätte solches Gott aus irgendeiner unerforschlich-geheimen Absicht unter die Menschen verordnet; aber zugelassen hat Er es, damit die Menschen fürs erste durch die Krankheiten vom zu vielen Sündigen abgehalten werden, und fürs zweite, daß sie durch die bitter-schmerzlichen Krankheiten mehr von der Welt abgezogen werden, in sich gehen, ihre Sünden erkennen, sie verabscheuen und so in Geduld und Ergebung in den göttlichen Willen selig werden können.
GEJ|6|55|5|0|Also ist das auch bei den Kindern der Fall. Was soll aus einem körperlich ganz verkümmerten Kinde auf dieser Erde werden, und besonders bei Eltern, die selbst in allen Sünden geboren worden sind?! Wer wird sie erziehen, und wer wird sie heilen von ihren Übeln?! Ist es da nicht besser, daß sie von dieser Welt zurückgenommen werden und sodann dort im eigens für sie bestehenden Kinderreiche von den Engeln großgezogen werden?!
GEJ|6|55|6|0|Ich sage es euch: Gott weiß um alles und sorgt auch für alles! Aber da die meisten Menschen in dieser Zeit Gott gar nicht mehr kennen und nichts von Ihm wissen, wie sollen sie dann darum wissen, was Gott tut, und was Er verordnet zu ihrem möglichen Heile?!
GEJ|6|55|7|0|Würde Gott auf die Sünden der Menschen nicht die entsprechenden Krankheiten zugelassen haben, so ginge mehr denn die halbe Menschheit gänzlich zugrunde, und die Erde würde ganz zur Hölle werden und müßte zerstört und in toten Trümmern im endlosen Weltenraume umherirren, wie dieser sichtbare Sternen- und Weltenraum auch schon ähnliche Beispiele aufzuweisen hat, wovon euch Meine Jünger schon etwas Näheres sagen können. – Und nun frage Ich euch, wie ihr das begriffen und aufgefaßt habt.“
GEJ|6|55|8|0|Sagen die Judgriechen: „Ja, Herr und Meister, jetzt ist uns diese Sache auch ganz klar, und wir können uns auch ganz und gar nicht mehr aufhalten, so auch wir schon zu öfteren Malen sehr krank waren und höchstwahrscheinlich am Ende auch durch eine recht arge Krankheit von dieser Welt in die andere befördert werden; denn wir haben unser Leben hindurch auch sehr oft und sehr arg gesündigt! Aber nun möchten wir von Dir nur noch das vernehmen, durch welche Sünden so die meisten und bösesten Krankheiten in diese Welt kommen; denn es muß auch darin Unterschiede geben.“
GEJ|6|56|1|1|56. — Die Hauptursachen der Krankheiten
GEJ|6|56|1|0|Sagte Ich: „Von allen Lastern ist das böseste die Hurerei, die Unzucht und Geilerei aller Art und Gattung. Zu diesem Laster aber werden die Menschen verleitet durch Müßiggang, durch die Hoffart und durch den Hochmut. Denn dem Hochmute ist nichts mehr heilig; er sucht nur alle ihm zu Gebote stehenden Mittel auf, um durch sie seine weltsinnlichen Leidenschaften zu befriedigen.
GEJ|6|56|2|0|Wenn dann von solch einem Menschen Kinder gezeugt werden, – welch elende und mit wie vielen Krankheiten behaftete Menschen kommen dadurch in diese Welt! – Also, diese Sünde ist eine Hauptquelle, durch die alle die ärgsten Krankheiten in diese Welt kommen.
GEJ|6|56|3|0|Dann kommen aber auch Fraß und Völlerei, der Zorn und allerlei Ärger, durch welche genannten Laster sich auch allerlei Krankheiten bei den Menschen entwickeln und sie dann auf eine jämmerliche Weise quälen.
GEJ|6|56|4|0|Sagte Ich nicht zu dem Kranken in Jerusalem, der volle achtunddreißig Jahre am Teiche Bethesda harrte, um geheilt zu werden, als Ich ihn geheilt hatte: ,Gehe hin und sündige nicht mehr, auf daß dir nicht noch etwas Ärgeres widerfahre!‘?! Seine böse Gicht war demnach auch eine Folge seiner früheren, vielen Sünden. Und so ist es beinahe bei den meisten von Mir Geheilten der gleiche Fall gewesen. Wären sie durch ihre vielen Sünden nicht krank geworden, so wäre es auch um ihre Seelen geschehen gewesen. Nur eine recht schwere und bittere Krankheit hat sie nüchtern gemacht und zeigte ihnen, wie die Welt ihre Huldiger lohnt. Sie verloren durch die Krankheit ihre Liebe zur Welt und sehnten sich, von ihr bald erlöst zu werden. Dadurch ward ihre Seele freier, und es kam ihnen dann auch zur rechten Zeit die Heilung ihres Leibes.
GEJ|6|56|5|0|Neben diesen Hauptursachen, aus denen die meisten Krankheiten bei den ohnehin, von der Geburt her angefangen, geschwächten Menschen entstehen, gibt es wohl noch andere, durch die der schwache Mensch auch sehr arg krank werden kann, – aber Ich sage es eigens noch einmal: Nur dem schon von der Geburt an Geschwächten kann das begegnen! Die Ursachen aber will Ich euch ganz kurz gefaßt zeigen:
GEJ|6|56|6|0|Einmal steht da im Vordergrunde das Essen schlechter, unreiner und schlecht und nicht frisch zubereiteter Speisen und auch schlechter Getränke, – dann das Essen von allerlei unreifem Obst. Dann haben viele den argen Brauch, sich in einem erhitzten Zustande schnell abzukühlen. Wieder andere setzen sich, ganz unbewußt ihrer angeborenen Schwäche, allerlei Gefahren aus, in denen sie entweder gar zugrunde gehen, oder sie tragen einen lebenslang dauernden Schaden davon.
GEJ|6|56|7|0|Ja, dafür kann Gott nicht, und das um so weniger, da Er dem Menschen den Verstand, den freien Willen und die besten Lebensgesetze gegeben hat!
GEJ|6|56|8|0|Gegen die Trägheit des Menschen aber gibt es kein anderes Mittel als eben allerlei zugelassene Übel, die notwendig auf die Nichtbeachtung des göttlichen Willens folgen müssen. Diese wecken des Menschen in ihrem Fleische fest schlafende Seele und zeigen ihr die leidigen Folgen ihrer Trägheit, und sie wird darauf vorsichtiger, klüger, emsiger und gefügiger in den erkannten göttlichen Willen. Und somit haben die verschiedenen Krankheiten, mit denen nun die Menschen behaftet sind, auch ihr entschieden Gutes.
GEJ|6|56|9|0|Freilich sind sie auch eine Art Gericht, das die Seele zum Guten nötigt; aber es ist der Seele dadurch dennoch der freie Wille nicht gänzlich benommen, und sie kann sich in und nach einer Krankheit noch ganz ordentlich bessern, obschon sie ihre weitere Vollendung erst jenseits einzuholen haben wird.
GEJ|6|56|10|0|Es gibt aber wohl auch kranke Menschen, die wegen der Sünden ihrer Eltern oder auch Voreltern schon vom Mutterleibe aus krank in diese Welt gekommen sind. Solcher Kranken Seelen sind zumeist von oben her und machen nur eine zeitweilige Fleischprobe auf dieser Erde durch; für diese ist aber jenseits im Reiche der Geister schon ohnehin bestens gesorgt, und jeder, der sie pflegt und sie mit Liebe und Geduld behandelt, den werden sie auch jenseits mit der gleichen Liebe und Geduld in ihre himmlischen Wohnungen aufnehmen.
GEJ|6|56|11|0|Und damit habe Ich euch nun auch darüber ein volles Licht gegeben; wenn aber der Geist in euch völlig wach werden wird, da wird er euch auch darin in alle Weisheit führen. – Versteht ihr auch dieses nun?“
GEJ|6|56|12|0|Sagten alle: „Herr und Meister, wir verstehen das nun vollkommen und danken Dir abermals für dieses große Licht! Denn weil man nun als ein werden sollender Lehrer mit allerlei Kranken zu tun hat, so ist es auch sehr notwendig, ihnen durch solche Vorstellungen Glauben, Mut und alle Geduld einzuflößen, um bei ihnen, so es nötig und möglich wäre, auch eine Linderung ihrer Leiden zu bewirken; denn wer geduldig leidet, der leidet offenbar schon weniger, als wer da mit aller Ungeduld leidet. Und darum nennen wir diese Deine nunmalige Lehre an uns eine gar vortreffliche; denn niemandem ist ein wahrer Trost mehr vonnöten als einem wie immer gestaltig Leidenden, und wir halten das auch für ein ganz besonderes gutes Werk, so man einem leidenden Menschen geistig und leiblich helfend beispringt. – Haben wir recht oder nicht?“
GEJ|6|56|13|0|Sagte Ich: „Allerdings; denn nur dem muß die Nächstenliebe unter die Arme greifen, der ihrer bedarf, und diese hat vor Gott einen Wert. Darum sage Ich euch aber noch hinzu: So jemand irgendein Gastmahl gibt und ladet dazu seine reichen Nachbarn und Freunde, so hat er dadurch zwar nicht gesündigt, aber im Himmel wird er darum auch keinen Lohn zu erwarten haben, dieweil ihm solches seine Freunde hier entgelten können. Daher ladet die Armen zu Gaste, und es wird euch das vergolten werden im Himmel; denn die Armen können es euch hier nicht vergelten!
GEJ|6|56|14|0|So ist es auch mit denen, die ihr vieles Geld gegen Zinsen ausleihen und nach einer bestimmten Zeit das Kapital auch wieder zurückbekommen. Sie begehen dadurch, so sie keinen Wucher treiben, eben auch keine Sünde; aber im Himmel werden sie darum keine Zinsen zu beheben haben, – wohl aber darum, so sie auch den Armen in ihrer Not Geld ohne Zinsen und auch ohne Rückzahlung des Kapitals leihen. Also, den Armen aller Art auf jede mögliche gute Weise helfen, ist das wahre Werk der Nächstenliebe.
GEJ|6|56|15|0|Für diesen Abend aber wollen wir des Guten genug getan haben, und so wollen wir uns nun zur Ruhe begeben. Der morgige Tag wird schon wieder das seinige geben.“
GEJ|6|56|16|0|Auf diese Meine Worte begab sich alles zur Ruhe, und alle dankten Mir nochmals für die gegebenen Lehren.
GEJ|6|57|1|1|57. — Die Springflut
GEJ|6|57|1|0|Am Morgen des Nachsabbats aber standen wir früh auf, und Ich ging mit einigen Jüngern ins Freie, wie Ich das gewöhnlich beinahe überall zu tun pflegte. Es war ein heiterer und schöner Frühlingsmorgen, und es war zu verwundern, wie das Meer bei einer nahezu völligen Windstille so hohe Wogen trieb.
GEJ|6|57|2|0|Der Wirt, der auch bald zu uns kam, fragte Mich, selbst ganz erstaunt, über die Ursache solch einer mächtigen Bewegung des Wassers, da doch nirgends von einem Winde etwas zu merken sei.
GEJ|6|57|3|0|Ich aber sagte zu ihm: „Glaube es, Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden, und so geschieht auch hier nun diese starke Wasserbewegung, weil Ich sie also haben will! Ich aber habe einen Grund dazu, von dem du dich später selbst überzeugen wirst.“
GEJ|6|57|4|0|Sagte der Wirt, nun noch mehr erstaunt: „Herr, daß Dir alle Kräfte und Mächte der Natur untertan sind, das weiß ich ganz klar und gut; aber daß Du mit dieser Aufregung des Meeres auch einen geheimen Grund verbunden hast, das ist mir neu, zumal in dieser sonst so heiterschönen Morgenstunde. Die Wogen kommen immer mächtiger und höher! Es wird beinahe notwendig werden, daß ich die Schiffe besser verwahre und auch die Fischbehälter, ansonst da wahrlich ein Schaden geschehen kann!“
GEJ|6|57|5|0|Sagte Ich: „Laß das nur gut sein; denn es wird weder deinen Schiffen noch deinen Fischen etwas Schadenbringendes begegnen. Aber denen, die in einer argen Absicht nun zu Schiffe auf dem Wasser sind, denen wird es nicht gar behaglich zumute werden. Sie sollen zwar nicht von den Wogen verschlungen werden, aber ihr böser Mut soll sich nach der sehr mühsamen Erreichung eines Ufers sehr abgekühlt gestalten!“
GEJ|6|57|6|0|Fragte der Wirt: „Wer wohl sollten die Argen sein, und was haben sie im Sinne?“
GEJ|6|57|7|0|Sagte Ich: „Du weißt es, daß Ich voriges Jahr am Laubhüttenfest in Jerusalem war und da im Tempel gelehrt habe von Meiner Sendung das Volk, nachdem Ich zuvor noch den 38 Jahre lang krank gewesenen Menschen am Teiche Bethesda geheilt hatte, und nachher noch eine Menge um Jerusalem und Bethlehem. Viel Volkes ward darum gläubig, was die Templer wohl erfahren haben, wie auch, daß Mir viel Volkes nachgefolgt ist. Deshalb haben sie in ihrem Grimme nun wieder beschlossen, Mir nachzustellen, Mich zu ergreifen und auch sogleich zu töten. Sie stellen alsonach Mir nach dem Leben. Aber Meine Zeit ist noch nicht da, und so bereite Ich ihnen nun ein Hindernis, Mir nachzukommen, Mich zu ergreifen und zu töten. Und darin liegt der Grund dieser nun so großen und starken Wogenbewegung des Meeres. – Kennst du dich nun aus?“
GEJ|6|57|8|0|Sagte der Wirt: „O ja, wenn also, da solle das Meer nur noch mehr zu wüten beginnen! Es solle dazu auch ein recht mächtiger Sturmwind sich gesellen, da würden die Argen erst so recht zu verspüren anfangen, wie Gott ihre arge Mühe zu lohnen versteht!“
GEJ|6|57|9|0|Sagte Ich: „Oh, ein Sturmwind käme ihnen, da sie ein sturmsicheres Schiff haben, gerade recht gut zustatten; denn der würde sie gar bald an ein sicheres Ufer bringen. Aber diese windlose Springflut bringt sie erst ganz vollkommen zur Verzweiflung; denn sie kommen da sogar mit dem kräftigsten Rudern nicht vom Flecke, weil jede Woge das Schiff wieder auf seinen früheren Standpunkt zurückwirft und es ihnen dabei so ergeht wie einem Wanderer, der über ein Geröll auf die Höhe eines Berges kommen will. Bei jedem Schritte gibt es nach, und der Wanderer gleitet dahin zurück, wo er zuvor gestanden ist. Daher ist diese Art Meeresbewegung für Meine Verfolger schon ohnehin die beste und dienlichste. – Aber lassen wir nun das und gehen nachsehen, was unser Morgenmahl macht!“
GEJ|6|57|10|0|Sagte der Wirt: „Herr, es wird schon bereitet sein; aber ich habe den Dienern aufgetragen, uns zu rufen, wenn alles bereitet ist, und sieh, da kommt schon einer vom Hause herab und bringt uns den Ruf, uns zum Morgenmahle zu begeben, und so wollen wir denn auch gehen!“
GEJ|6|57|11|0|Sagte Ich: „Du irrst dich, – der bringt uns nur die Nachricht, daß die Jünger sich nach Mir erkundigt hätten und erfahren möchten, wohin Ich gegangen sei. Denn es ist unter ihnen eine kleine Meinungsverschiedenheit ausgebrochen, und da soll Ich sogleich einen Schiedsrichter machen unter ihnen. Aber nun lassen wir sie nur noch ein wenig wortwechseln; es ist hernach noch Zeit zur Genüge, sie alle auf den rechten Weg zu führen.“
GEJ|6|57|12|0|Sagte der Wirt: „Über was mögen sie denn doch in eine Meinungsverschiedenheit geraten sein?“
GEJ|6|57|13|0|Sagte Ich: „Oh, über etwas ganz Kleines! Die etlichen Meiner alten im Hause gebliebenen Jünger wurden von den zwanzig neuen um die Ursache dieser starken Meeresbewegung befragt, und die alten Jünger sagten, daß diese windlose Meeresbewegung sicher wunderbarerweise allein von Mir veranlaßt sein werde irgendeines geheimen Grundes wegen. Allein das wollen ihnen die neuen Jünger nicht so recht gelten lassen und sagen: ,Wir wissen es wohl, daß alles Geschehen und Werden allein von Gott dem Herrn abhängt; aber dessenungeachtet hat Er in der Natur geheime Kräfte bestellt aus Seiner Ordnung, Gerechtigkeit und Weisheit, die da wirken nach Seinem Willen. Er regt die Kräfte durch Seinen Willen freilich zuerst an; aber da wirken die bestellten Kräfte unmittelbar und Gott durch sie nur mittelbar. Daß alles Schwere in die Tiefe falle, das hat ursprünglich Gott also angeordnet; aber nun treibt die also bestellte Kraft die eigene Körperschwere von selbst in die Tiefe. Also hat Gott ursprünglich das Wasser schwer und flüssig gemacht. Diese von Ihm gegebene Eigenschaft ist nun eben auch die geheime Kraft des Wassers, die es von der Höhe gegen die Tiefe unaufhaltsam fortfließen macht, ohne daß Gott dabei stets Hand ans Werk legen und das Wasser in den Bächen, Flüssen und Strömen fortschieben müßte. Und also wird es nun auch bei dieser windlosen Meeresbewegung sein; nur ist sie eben wegen der gänzlichen Windstille auffallender denn eine durch einen starken und mächtigen Orkan erregte.‘ Sie fragten darum eben die schon um vieles erfahreneren Jünger, durch welch eine geheime Kraft Gott nun diese Meeresbewegung hervorgerufen haben möge.
GEJ|6|57|14|0|Die alten Jünger aber behaupten steinfest, daß diese Bewegung nicht mittelbar, sondern ganz unmittelbar durch die Macht Meines Willens hervorgerufen sei. Nun aber haben die Neujünger in ihrer Art recht und die Altjünger auch, und dafür brauchen sie Mich als einen entscheidenden Schiedsrichter. Und daher wollen wir uns denn auch zu ihnen begeben und sie einen in Recht und Wahrheit!“
GEJ|6|57|15|0|Darauf begaben wir uns sogleich ins Haus, von dem wir ohnehin höchstens bei tausend Schritte entfernt waren.
GEJ|6|57|16|0|Als wir ins Haus kamen, da begrüßten Mich alle Jünger und trugen Mir sogleich ihren Streit vor.
GEJ|6|57|17|0|Ich aber sah sie alle freundlich an und sagte: „Ihr streitet um den Wert einer Schafwollocke! Ihr Neujünger habt recht, – aber nun die Altjünger auch; denn im allgemeinen habt ihr Neujünger recht, und nun in diesem besonderen die Altjünger. Denn diese euch nun so ganz sonderbar vorkommende Meeresbewegung rührt nicht von einer Mittelskraft her, sondern unmittelbar von Meinem Willen.
GEJ|6|57|18|0|Auf daß ihr aber das noch fühlbarer merken möget, so sehet hinaus auf das Meer, das nun in einer durchaus gleich starken Bewegung ist! Ich werde einem kleinen Teile hier in der Ufernähe gebieten, in eine vollkommene Ruhe zu treten, und ihr werdet dann doch einsehen, daß Gottes Wille auch unmittelbar etwas zu bewirken vermag.“
GEJ|6|57|19|0|Ich stillte bloß durch den Willen einen zweihundert Acker großen Teil des Meeres also, daß es spiegelglatt dalag, während außerhalb dieses Spiegels das Meer noch ärger tobte denn zuvor. Als die Neujünger das ersahen, fielen sie vor Mir nieder und wollten Mich anzubeten anfangen.
GEJ|6|57|20|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Lasset das nur gleich ganz gut sein! Denn darum bin Ich nicht in diese Welt gekommen, um Mich von den Menschen ehren und anbeten zu lassen, sondern nur, um ihnen zu zeigen die Wege der Wahrheit und des Lebens und zu helfen allen, die da Not leiden und mühselig und mit allerlei argen Bürden beladen sind.
GEJ|6|57|21|0|Wollt ihr aber Gott, der in Sich ein reinster Geist ist, wahrhaft anbeten, so müsset ihr Ihn durch die Liebe in euren Herzen auch im Geiste und in der Wahrheit anbeten, und zwar in der Tat durch allerlei gute Werke. Denn wahrlich, was ihr den Armen tut aus der Liebe zu Gott, das tut ihr Gott! Und daß ihr an Mich glaubet, daß Ich aus Gott gesandt zu euch gekommen bin, in diesem allein besteht die wahre Anbetung Gottes. Alles leere Lippengebet aber ist ein Greuel vor Gott und ist völlig wertlos. Wer Gott mit den Lippen ehrt, und sein Herz ist dabei kalt und untätig, der macht aus Gott einen Götzen und treibt dadurch eine wahre geistige Hurerei. Solches stehet in einem Propheten, der da spricht: ,Siehe, dieses Volk ehret Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!‘
GEJ|6|57|22|0|Wahrlich, sage Ich euch: Wo das Herz durch die wahre und reine, uneigennützige Liebe Gott in der Tat nicht anbetet, da ist jedes Gebet ein leerer und nichts werter Schall, der in der Luft verhallt und völlig zunichte wird. Ich bin nun euer Meister, und ihr seid Meine Jünger. Was Ich euch sage, das glaubet, und was Ich euch heiße, das tuet, und folget Mir nach! Eines Weiteren bedarf es unter uns nicht.“
GEJ|6|57|23|0|Hierauf ließen die Neujünger von ihrer Anbeterei ab, und wir begaben uns zum wohlbereiteten Morgenmahle, das allen ganz wohl schmeckte.
GEJ|6|58|1|1|58. — Petrus und der reiche Bürger von Kapernaum
GEJ|6|58|1|0|Unter dem Mahle ward wenig geredet, aber nach dem Mahle desto mehr; denn es kamen bald eine Menge Gäste aus der Stadt, teils um zu besehen das wütende Meer, und teils aber auch, um allda einzunehmen ein gutes Fischfrühstück; denn unser Wirt hatte nämlich in dieser Hinsicht einen guten Ruf in der ganzen Stadt. Es war nicht leicht zu vermeiden, mit diesen Gästen in eine Berührung zu kommen, und so fragten viele, ob Ich nicht auch zugegen wäre; denn sie sahen etliche Meiner ihnen wohlbekannten Jünger und schlossen daraus, daß Ich auch nicht gar zu weit von ihnen entfernt sein würde.
GEJ|6|58|2|0|Ein gar vornehmer Kapernaumer, der den Simon Petrus gar wohl kannte, rief ihn zu sich und sagte: „Lieber Freund! Du weißt, daß ich stets von dir Fische nahm und dein Haus nach Kräften unterstützt habe; allein es ist jetzt schon über ein Jahr, daß du und mehrere recht brave und solide Leute mit dem Nazaräer Propheten für nichts und wieder nichts umherziehet und euch dadurch eine Menge Feinde unter den Juden zügelt (ziehet). Zugleich vernachlässiget ihr euer Hauswesen und eure Familien, und das kann nach den Gesetzen Mosis doch Gott nicht angenehm sein! Es ist wohl wahr, daß der Nazaräer zuweilen ganz außergewöhnliche Zeichen wirkt und man beinahe versucht wird, ihn für einen von Gott gesalbten Propheten zu halten; aber hört man ihn hernach reden, so weiß man nicht, ob es ihm im Gehirne mangelt, oder ob er nicht geflissentlich einen Unsinn zusammenredet, den kein gesunder Mensch anhören kann, wie zum Beispiel gestern in der Schule. Man war allgemein gespannt, was er da vorbringen werde, da man sonst von seinen wahrlich außerordentlichen Fähigkeiten doch schon so manches selbst erlebt und mehreres von sehr glaubwürdigen Augenzeugen vernommen hatte; allein seine gestrige Rede war doch so etwas Hirnloses, daß sich alles darob weidlichst ärgern mußte! Wahrlich, wenn ihr von ihm nichts Besseres lernet, so seid ihr um euretwillen und noch mehr eurer braven Familien wegen sehr zu bedauern! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|6|58|3|0|Sagte Petrus etwas erregt: „Freund, wenn du über unsern Meister ein gültiges Urteil fällen willst, so mußt du Ihn gleich mir näher kennen! Ich bin nun über ein Jahr stets um Ihn und weiß darum auch um ein bedeutendes mehr, als du irgend wissen kannst. Ich bin auch nicht aufs Gehirn gefallen, kenne die Schrift und kann daher auch so manches ganz gründlich beurteilen; aber ich habe aus Seinem Munde noch nie ein Wort vernommen, in welchem sich nicht die tiefste, göttliche Weisheit sonnenhellst bekundet hätte. Selbst die gestrige Rede war voll des innersten, göttlichen Lebens und Geistes. Daß sie nur von sehr wenigen verstanden wurde, dafür kann Er wahrlich nicht! Wenn Er Sich klar offenbart und endlich ausspricht, wer Er so ganz eigentlich ist, und niemand glaubet es Ihm, wie möglich könnte da von solchem harten Unglauben Seine gestrige Rede verstanden werden?!
GEJ|6|58|4|0|Da sieh hinaus! Das Meer, wie es unerhört tobt und wütet! Und sieh aber auch diese bedeutende Uferstrecke an, wie spiegelruhig sie ist, und keine mit aller Gewalt an sie stoßende Woge vermag sie aus ihrer Ruhe zu rütteln! Und siehe, daß dieses also ist und geschieht, das ist des Nazaräers Wille! Vor kaum einer halben Stunde waren die Wogenstürme auch hier am Ufer ebenso mächtig wie dort in der hohen See; aber Er gebot dieser Strecke Ruhe, und sie ruhte im Augenblicke, wie sie nun noch ruht. Wer aber mag wohl Der sein, dem auch die stummen Elemente augenblicklich gehorchen?!
GEJ|6|58|5|0|Er hat es euch aber gestern einmal frei und unumwunden herausgesagt, wer Er ist. Warum habt ihr Ihm denn nicht geglaubt und gebeugt eure Knie und eure Herzen vor Ihm?! War es wohl klüger von euch, Ihn für einen Narren zu erklären, als hinzutreten vor Ihn und zu sagen: ,O Herr, der Du, als das Leben und alle Macht aus Gott Selbst, Worte des Lebens uns verkündest, sei uns armen, blinden Sündern gnädig und barmherzig!‘ Siehe, ich kenne und sehe, wer Er ist, und bleibe darum bei Ihm und werde allein nur von Ihm darum ernten das ewige Leben, dessen ich schon jetzt um vieles gewisser bin, denn daß ich jetzt lebe und rede! Und wäre es nicht also, da, glaube es mir, würde ich schon lange nicht mehr Sein Jünger sein; denn so viel Verstand als so mancher Bürger dieser Stadt habe ich auch!
GEJ|6|58|6|0|Aber ich habe übereinstimmend mit allen Propheten der Schrift erkannt, daß nur Er allein der verheißene Messias, der große Gesalbte Gottes von Ewigkeit sein kann und auch ist, und so bleibe ich bei Ihm und halte es für den höchsten Ruhm der Welt, von Ihm Selbst als ein Jünger berufen worden zu sein. Gehe hin zu meiner Familie und frage sie, ob ihr seit meiner Abwesenheit je irgend etwas abgegangen ist! Wer außer Ihm aber sorgt für sie?! Und sie hat Brot und Wein zur Genüge! Er geht nicht hin und bebaut ihre Äcker und fängt für sie die Fische; das alles tut Sein allmächtiger Wille, durch den allein auch der ganze Erdboden bebaut wird! Und du sagst, daß es nicht fein sei, dieses Nazaräers wegen sein Haus und seine Familie zu verlassen! O du blinder Freund du!
GEJ|6|58|7|0|Sieh, ich brauche wahrlich von dir und von gar keinem Menschen eine Belehrung; denn ich habe für ewig an der Belehrung des Einen genug! So du aber nicht gar so blöde wärest, wie du in aller Wahrheit bist, so würdest du uns fragen, was dein Nazaräer lehrt und tut, und du würdest um sehr vieles weiser tun denn also mit deinen weltklugen Selbstsuchtsreden! Ich weiß, was ich weiß, und die andern Jünger wissen es auch und sind samt mir Zeugen von der großen Liebe und Wahrheit Gottes des Vaters, die nun in unserem Herrn Jesus, dem von Gott Gesalbten, zu uns in diese Welt gekommen ist zum Heile aller, die an Ihn glauben, und zum Gerichte für die, welche Ihn nicht annehmen wollen und allzeit mit Rat und Tat wider Ihn sind und wider Ihn zu zeugen sich alle Mühe nehmen.
GEJ|6|58|8|0|Aber wir maßen es uns doch nicht an, jemanden von euch für dumm und blind und für leichtsinnig zu erklären; aber ihr tut das an uns und haltet uns für arbeitscheue Müßiggänger und luftige Abenteurer, ohne daß wir euch nur den allergeringsten Anlaß dazu geben! Sage mir offen, ob das recht ist vor Gott und vor jedem biedern Menschen!“
GEJ|6|58|9|0|Sagte der reiche Bürger: „Na, na, mein lieber Simon Juda, ich habe es ja nicht gar so arg gemeint, daß du darob Ursache hättest, dich gar so zu ereifern über mich! Wenn du den wunderlichen Nazaräer besser kennst denn ich, so ist das ja nicht meine Schuld; denn ich habe nicht die Gelegenheit gehabt, dir gleich beständig bei ihm zu sein, und zu sehen alle seine Werke und zu hören alle seine Worte. Ich beurteilte ihn nur nach dem, was ich wohl selbst gesehen und was ich über ihn von anderen Menschen gehört habe. Als ein purer Mensch kann ich von einem Menschen auch beim besten Willen nicht anders als nur menschlich urteilen; und weil ich als dein alter Freund solches nun dir gegenüber tat, so wäre es dir als einem viel erfahreneren und weisen Menschen etwa doch nicht übel angestanden, so du mit etwas gemäßigteren Worten mir meinen Irrtum vorgetragen hättest! Ich bin dir aber darum nicht gram, weil ich dich allzeit liebgehabt habe.
GEJ|6|58|10|0|Das aber muß sogar die göttlichste Weisheit mir offen zu Recht bekennen, daß niemand von einem Menschen mehr verlangen kann, als dieser zu leisten imstande ist. Ich möchte den Gott kennen, der zu mir gebietend und gleich strafdrohend sagen möchte: ,Da, du elender Erdenwurm, diesen Berg hebe auf und trage ihn von hier bis ans Ende der Welt, ansonst verfluche Ich dich ins ewige Elend!‘ Würdest du solch eine irgend göttliche Anforderung für weise halten?! Könnte ein weiser Gott, der meine Kräfte kennen muß, eine solche Tat von mir verlangen?! Ich frage dich, ob es so ganz weise von dir war, von mir über meine geistigen Kräfte ein Erkennen, Verstehen und Glauben zu verlangen, mich aber meines wackeligen Glaubens und Erkennens wegen auch gleich des Gerichtes zu versichern.
GEJ|6|58|11|0|Die geistige Kraft steht aber offenbar noch höher denn jede natürliche. Wem sie nicht eigen ist, dem ist sie einmal nicht eigen, und man kann dann ohne die Innehabung der größeren und höheren geistigen Kraft denn auch ebensowenig tiefere und geheimere Wahrheiten verstehen und sie als solche gläubig erkennen, als wie wenig man mit zu wenig Naturkraft einen Berg aufheben und weitertragen kann. Ich meine aber, daß man überall mit Liebe und Geduld mehr ausrichtet bei den Menschen denn mit solch einem Ernste, wie du ihn nun ohne Not mir gegenüber entwickelt hast. – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|6|58|12|0|Sagte Petrus etwas verlegen: „Ja, ja, du kannst schon auch in deiner Art recht haben, und ich kann dieser deiner Ansicht gerade nichts entgegenstellen; aber das mußt du auch einsehen, daß es von deiner Seite durchaus nicht fein war, mich gleich gewisserart für einen leichtsinnigen Menschen zu halten, dieweil ich mein Haus, mein Gewerbe und meine Familie verließ und bin nachgefolgt dem Heiligen Gottes aus Nazareth!
GEJ|6|58|13|0|Ich weiß es wohl, daß es dir hier, wie nun gar vielen, an der geistigen Kraft mangelt, die tiefen Geheimnisse Gottes auf den ersten Blick zu verstehen; aber es ist da noch ein ganz guter Mittelweg, und dieser lautet von mir aus ungefähr also: Wenn ich von außerordentlichen Dingen höre oder sie sogar selbst sehe, so bleibe ich bescheiden und halte mit meinem Urteile so lange inne, bis ich nicht von irgendeiner Seite her möglicherweise ein helleres Licht darüber erhalte; und bin ich dadurch auch noch nicht so ganz im klaren, so forsche ich noch weiter, und kommt mir darüber kein höheres und stärkeres Licht, so bin ich erst berechtigt zu sagen: ,Das verstehe ich nicht und überlasse es andern, die fähiger sind denn ich, darüber ein Urteil zu fällen!‘ Aber über eine unverstandene Sache gleich den Stab zu brechen, ist doch sicher noch unweiser denn mein Eifer gegen dich!
GEJ|6|58|14|0|Du hast sicher das Hohelied Salomos gelesen und auch sicher samt mir keine Silbe davon verstanden! Wäre das klug, es darum zu verwerfen, weil man es nicht versteht?! Wir haben dennoch eine große Hochachtung vor diesem Liede, obwohl wir es nicht verstehen und wahrscheinlich in dieser Welt auch nie völlig verstehen werden. Hätten wir zu den Lebzeiten des mit so hoher Weisheit begabten Königs mit unserem gegenwärtigen sehr beschränkten Verstande gelebt, da hätten wir bei uns über das Hohelied wahrscheinlich kein besseres Urteil geschöpft, als ihr es gestern über die vom Herrn und Meister gehaltene Rede geschöpft habt; aber weil des Königs Lied schon sehr alt ist, so achtet man es des Alters wegen, wenn man es auch gar nicht versteht.
GEJ|6|58|15|0|Unser Herr und Meister leistet Taten, von denen einem Salomo nie etwas geträumt hat, und Seine Weisheit und respektive vollste Allwissenheit verhält sich gegen die Salomonische Weisheit gerade also wie die Unendlichkeit zu einem kleinsten Punkte in ihr; weil sie aber nicht nahe tausend Jahre alt ist, und hier vor euren Augen und Ohren ist, wirkt und leuchtet, so ist sie für euch eine Torheit. Denke selbst nur ein wenig reiflich nach, und sage es mir, ob das von Männern von einigem Verstande klug ist!
GEJ|6|58|16|0|Ich bin wohl dir gegenüber in einen Eifer gekommen, aber in einen gerechten, da ich dir denn doch zeigen mußte, daß ich wie auch die andern Brüder deshalb keine arbeitscheuen Toren sind, so wir alles verlassen haben und sind Ihm nachgefolgt; aber ihr alle seid es, die ihr das nicht einsehet, erkennet und dasselbe tut, was wir tun. Denn jetzt ist die Zeit vor unseren Augen da, in der ein jeder, der es will, unmittelbar von Gott belehrt und gezogen werden kann; denn wahrlich, ich sage dir als dein alter Freund: In diesem von euch so genannten Propheten aus Nazareth wohnt nicht nur der erweckte Geist eines Propheten, sondern die ganze Fülle der Gottheit körperlich und sonach um so mehr im Geiste! Aber ihr seid alle blind und möget das nimmer erkennen und um so weniger glauben zu eurem eigenen größten Schaden, und es ist darum schwer zu reden mit euch.“
GEJ|6|58|17|0|Sagte der reiche Bürger: „Aber – lieber, alter Freund, du redest stets ein und dasselbe! Bedenke doch einmal mit nüchternen Sinnen, daß fürs erste noch nie irgend jemand als ein völlig Weiser vom Himmel auf unsere Erde herabgekommen ist – und namentlich als ein Mensch unseresgleichen schon gar nie! Woher hätten wir es denn nehmen sollen, daß wir wüßten, daß hinter dem uns persönlich nur zu wohl bekannten Zimmermannssohne, der bei uns mit seinem Vater Joseph und seinen Brüdern mehrmals gearbeitet hat, nun auf einmal die ganze Fülle der Gottheit sich befinden solle?!
GEJ|6|58|18|0|Ja, wäre er etwa aus Ägypten oder aus Persien zu uns mit seinen Wundertaten herübergekommen, da hätte sein ganzes Wesen vor uns kurzsichtigen Menschen offenbar mehr für sich und würde uns auch sicher leichter und stärker anziehen; aber so ist er uns schon von seiner Kindheit an bekannt und hat früher, solange sein Vater lebte, nie etwas nur im geringsten merken lassen, daß er irgend etwas mehr wäre denn ein ganz gewöhnlicher, stiller, fleißiger und höchst gut gesitteter Mensch! Nun auf einmal hat er sich erhoben zu einem Lehrer und außerordentlichen Heilande für Kranke und sogar scheintote Menschen, was um so auffallender ist und sein muß, weil er früher von all dem nie irgend etwas hat merken lassen und wir recht wohl wissen, daß er zuvor niemals eine Schule besucht hat und nie in einer Fremde war, in der er sich so etwas hätte zu eigen machen können.
GEJ|6|58|19|0|Auf einmal steht er aber mit so außerordentlichen Fähigkeiten ausgerüstet vor uns, über die ein jeder Mensch mit Recht sein höchstes Staunen ausdrücken muß! Was bleibt uns mit unserem natürlichen Verstande zu urteilen übrig als: er ist einmal in einer Nacht vom Geiste Gottes als ein frommer Mann zu einem Propheten erweckt worden, und wir tun darum nichts Unbilliges, so wir ihn für einen Propheten aus Nazareth erklären, was auch die Nazaräer selbst tun. Von dir erfahre ich erst jetzt ganz andere Dinge, die freilich für mich noch etwas seltsam klingen müssen; aber auch das macht nichts, weil ein jeder Mensch von einer Sache zuvor doch etwas vernehmen muß, bevor er sie beurteilen, prüfen und dann erst als eine volle Wahrheit gläubig annehmen kann.
GEJ|6|58|20|0|Ich habe von dir nun zum ersten Male darüber etwas vernommen, was eigentlich hinter unserem Nazaräer stecke, und siehe, so großartigst deine Aussage von ihm auch ist, so finde ich sie dennoch durchaus nicht verdammlich, sondern sogar sehr ernstwürdig, darüber nachzudenken, sie zu prüfen und auch anzunehmen, so man alle dazu erforderlichen Bedingungen in der vollen Ordnung gefunden hat! Ich finde daran nichts Unmögliches, und es spricht nun der Umstand sehr dafür, weil wir alle es nur zu gut wissen, daß der Nazaräer sich solche außerordentlichen Fähigkeiten nie in irgendeiner geheimen Prophetenschule hat zu eigen machen können, weil er nie eine besucht hat. Nach der Behauptung seines Vaters soll er sogar niemals lesen und schreiben derart gelernt haben, daß man sagen könnte, er sei dessen völlig kundig. Und so ist seine plötzlich aufgetauchte Fähigkeit um so auffallender und um so bewunderungswürdiger die unbegreifliche Macht seines Willens, dem sogar, wie ich's vernommen habe, buchstäblich wahr die härtesten Steine weichen sollen. Ich halte das alles für wahr, weil ich im vorigen Jahre selbst Zeuge war von einer solchen Tat, die er offenbar nur durch seinen Willen vollführt hat. Aber du, mein alter Freund, mußt mir darum nicht gram werden, wenn ich als ein einfacher und schlichter Mensch nur menschlich mit dir rede!“
GEJ|6|58|21|0|Sagte Petrus: „Vom Gramwerden kann bei mir schon lange keine Rede sein; aber einem alten Freunde die volle Wahrheit zu sagen, dessen werde ich mich auch nicht scheuen. Für jetzt aber vergnüge dich wohl im Namen meines Herrn und rein göttlichen Meisters! Ich muß nun zu Ihm ins anstoßende Zimmer gehen; denn ich habe in mir Seinen Ruf vernommen.“
GEJ|6|58|22|0|Hier verließ Petrus seinen alten Freund und kam wieder zu uns in unser Gemach.
GEJ|6|59|1|1|59. — Das Wesen der Weltmenschen
GEJ|6|59|1|0|Als er zu Mir kam, sagte er (Petrus): „Herr, ich habe in mir Deinen Ruf vernommen! Was ist Dein mir stets über alles heiliger Wille?“
GEJ|6|59|2|0|Sagte Ich: „Nichts anderes, als daß du dem alten, reichen Kauze ganz genug gesagt hast! Wenn ihn das nicht zu einem helleren Erkennen bringt, so wird ihn etwas anderes noch weniger dahin bringen. Aber es war nun des Redens auch schon genug. Es ist da in seinem Vaterlande wohl schwer, die Menschen in die reine Wahrheit zu führen! Denn man hat gleich die alte Frage: ,Woher kommt diesem das? Wir kennen ihn von seiner Kindheit an!‘ Und da ist es dann mit einer weiteren Belehrung schon zu Ende. Denn wen die Person des Lehrers beirrt, den beirrt auch mehr oder weniger seine Lehre. Und solche Menschen, die im Grunde doch nicht böse sind, mit Wundern und außerordentlichen Zeichen zu einem Glauben zwingen, hieße ihnen mit einem Schlage alle Freiheit ihrer Seelen und ihres Willens rauben; daher ist es besser, sie so lange gehenzulassen, bis sie am Ende selbst kommen und um eine weitere Aufklärung bitten.
GEJ|6|59|3|0|So aber da in den etlichen Tagen unseres Hierverweilens dennoch welche kommen sollten, die da verlangeten eine weitere Auskunft über Mich, so saget ihnen über Meine Zeichen, und besonders von den geheim zu haltenden, nicht vieles, sondern nur Andeutungen; aber vor allem gebet ihnen kund, was sie tun sollen, um zu erreichen das ewige Leben. Sind sie mit dem nicht zufrieden, da lasset sie gehen; denn es ist nicht fein, den Schweinen die edlen Perlen als Futter vorzuwerfen. Wer eine kleine Gabe nicht ehrt, ist wahrlich der großen nicht wert!
GEJ|6|59|4|0|Es gibt hier Menschen, die so von Zeit zu Zeit über geistige Dinge und Verhältnisse recht gerne stundenlang plaudern, dabei mitunter auch recht erbaut werden und voll guter Dinge und Vorsätze sind; sowie sie aber dann wieder nach Hause in ihre altgewohnten Weltgeschäfte kommen, da ist alles wie abgeschnitten! Ist nur irgend etwas ihnen in die Quere gekommen, so werden sie bei allem früher empfangenen geistigen Troste voll der drückendsten weltlichen Sorgen und wollen sich gar nicht mehr erinnern an die gehabten rein geistigen Tröstungen. Wozu waren diese dann gut?!
GEJ|6|59|5|0|Und so, siehst du, Mein Simon Juda, waren auch deine guten Unterredungen mit deinem alten Freunde! Siehe, er denkt schon jetzt nicht mehr daran, weil ein Handelsmann aus Kana zu ihm getreten ist und die beiden nun einen ganz vorteilhaften Kauf von verschiedenen Handelsartikeln abzumachen haben! Er weiß recht wohl, daß Ich Selbst hier bin, und hätte auch zu Mir hereinkommen können, um sich mit Mir Selbst zu besprechen über Meine von ihm für so außerordentlich erklärten Fähigkeiten. Ich hätte ihn wahrlich nicht zur Türe hinausgewiesen! Aber nein, da steht der Kaufmann aus Kana viel höher, und du darfst nun gar keine Angst haben, daß er noch etwas Weiteres über Mich mit dir besprechen werde!
GEJ|6|59|6|0|Daher sind solche Menschen noch gar lange nicht tauglich und geschickt fürs Reich Gottes. Sie gleichen jenen Ackerbauleuten, die beim Pflügen ihre Augen nicht nach vorwärts, sondern nach rückwärts richten und daher nach vornehin nicht sehen können, wie der Ochse zieht den Pflug, und ob dieser wohl die rechten Furchen schneidet und aufwirft. Solche Leute sind darum noch lange nicht tauglich zum Reiche Gottes. Es ist auch besser, solche Leute stehen zu lassen, wo sie auch stehen mögen, weil sie mit allen Zeichen und mit lichtvollsten Worten von ihren Weltsorgen nicht abwendig zu machen sind.
GEJ|6|59|7|0|Ich sage euch auch das: So ihr dereinst als vollendete Jünger Meine Lehre den Menschen in Meinem Namen werdet zu predigen anfangen, da habet darauf acht: Wird man euch irgendwo in einem Orte oder in einem Hause wohl aufnehmen, so bleibet daselbst und unterrichtet die Menschen wohl und gut, und taufet sie dann in Meinem Namen mit Wasser, wie es Johannes getan hat, und Ich werde sie dann taufen mit Meinem Geiste von oben her!
GEJ|6|59|8|0|Wo man euch aber nicht aufnehmen wird oder nur also, wie dein alter Freund nun deine Worte aufgenommen hat, da schüttelt sogar den Staub von euren Füßen, der an einem solchen Orte oder in einem solchen Hause an ihnen klebend ward, auf daß von ihnen ja nichts Weltliches an euch haften bleibt! Denn ihr wisset, daß Mein Reich nicht von dieser Welt ist, sondern geschaffen werden muß durch die Erkenntnis und durch die Beachtung Meines Wortes im Innern des Menschen. Aber es ist die Erschaffung dieser inneren, geistigen Lebens- und Himmelswelt so lange hin stets eine schwierige Sache, solange an einem Menschen noch irgend etwas Weltsinnliches haftet.
GEJ|6|59|9|0|Ich meine unter dem erwähnten Staube an euren Füßen aber nicht etwa den natürlichen Zimmerstaub oder den Staub auf den Straßen, sondern der Staub, den Ich meine, das sind jene weltklugen Reden solcher Menschen, die deinem alten Freunde ganz ähnlich sind. Sie klingen recht artig, freundlich und dem Weltverstande ganz angemessen; aber sie sind dennoch nichts als ein leerer Staub, weil sie nur Welttümliches befürworten und selbst darin von einem Wahrheitsernste keine Spur vorhanden ist. Wie aber der leere, nichtige Staub der Straßen keinem Wanderer zu etwas nütze werden kann, so auch derlei weltstaubige Reden solcher reichen und weltklugen Bürger.
GEJ|6|59|10|0|Obschon aber solch ein Staub niemandem zum Nutzen werden kann, so kann er einem Wanderer aber dennoch mehr oder weniger schädlich sich gestalten. So ein Wind kommt und den Staub in die Luft hebt, da heißt es die Augen schließen und den Mund zuhalten, ansonst kann man erblinden und ersticken. Auch muß man so lange stehenbleiben oder sich gar, mit dem Gesichte zur Erde gekehrt, auf den Boden legen, bis der Wind den lästigen Staub weithin getragen hat. Und das hat den Wanderer sicher auch Zeit gekostet, infolgedessen er notwendig später an den Ort seiner Bestimmung gelangt, als er ohne die Staubbescherung gelangt wäre.
GEJ|6|59|11|0|Was aber der Straßen- und Gassenstaub dem irdischen Wanderer ist, das ist der eitle, weltkluge Wortstaub dem Lebenspilger auf Meinen euch gezeigten Lebenswegen. Er trübt leicht die innere Sehe und kann sogar sehr erstickend auf das wahre, innere, geistige Seelenleben einwirken. Und mindestens verzögert er bei aller angewandten Vorsicht doch den geistigen Fortschritt! Darum sagte Ich, daß ihr auch sogar den Staub, der an euren Füßen kleben geblieben ist, abschütteln sollet, auf daß gar nichts Welttümliches an euch sei; denn wahrlich sage Ich euch: Solange an einer Seele noch ein welttümliches Atom klebt, kann sie nicht völlig in Mein Reich eingehen; denn alles Welttümliche ist das für die Seele, was das Gift für den Leib ist. Ein kleinster, kaum sichtbarer Tropfen von einem starken Gifte kann dem Leibe den Tod geben, und ebenso kann auch ein Atom Welttümlichkeit eines Menschen Seele ganz verderben oder wenigstens derart zu Schaden bringen, daß sie dann lange zu tun haben wird, um völlig geheilt zum ewigen Leben zu erstehen. Die Erfahrung wird euch darüber die vollste Bestätigung geben.“
GEJ|6|59|12|0|Sagte Petrus: „Herr, da wird es für uns eben nichts Leichtes sein, Dein Wort den andern Menschen zu verkünden! Denn wie werden wir's erfahren, ob ein Mensch geeignet ist, Dein Evangelium aufzunehmen? Der Alte draußen wäre für mich einmal schon ein ganz geeigneter Mensch gewesen, da er sonst von einer ganz guten Gemütsart ist und sich gerne in seinen Mußestunden über höhere und geistige Dinge bespricht und, soviel mir bekannt ist, auch gerne armen Menschen Gutes erweist. Nun, wenn derlei Menschen auch noch zu den Bedenklichen gehören, mit denen man nicht viel zu tun haben soll, da wüßte ich dann wahrlich nicht, wen man für die Mitteilung Deines Evangeliums für tauglich erachten soll.“
GEJ|6|59|13|0|Sagte Ich: „Seid ihr denn auch noch blind und merket nichts von dem, was Ich euch sage? Hast du im vorigen Jahre nicht den reichen Jünglingsmann gesehen? Er fragte Mich, was er tun solle, um das ewige Leben zu erreichen. Und Ich sagte zu ihm, daß er die Gebote halten und Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst lieben solle. Da sagte und beteuerte der junge Mann, daß er das schon seit seinen Kinderjahren getan habe. Ich aber sagte darauf: ,Nun gut, – willst du mehr, so verkaufe alle deine Güter, teile den Erlös unter die Armen, und komme dann und folge Mir nach, so wirst du dir dadurch einen großen Schatz im Himmelreiche bereiten!‘ Alsbald ward der junge Mann traurig, kehrte uns den Rücken und zog seines Weges weiter. Ich aber machte euch dann die Bemerkung, dernach ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr gehe denn ein Reicher in den Himmel. Damals stauntet ihr darüber und meintet, da dürften äußerst wenige ins Himmelreich gelangen. Und Ich sagte zu euch, daß bei dem Menschen wohl gar vieles als unmöglich erscheine, was aber bei Gott noch immer gar wohl möglich ist.
GEJ|6|59|14|0|Damals sahet ihr diese Sache nicht völlig ein; aber nun dürfte sie euch wohl schon um vieles begreiflicher sein. Was hätten wir zum Beispiel gewonnen, so wir damals jenem jungen Manne so recht zuzureden angefangen hätten, daß er dennoch das tun solle, was Ich ihm angeraten habe? Gar nichts! Er hätte uns mehrere Tage hindurch seine weltklugen Gründe vorgetragen, derentwegen er selbst beim besten Willen Meinem Rate vorderhand nicht nachkommen könne, und wir wären nach mehreren Tagen mit ihm auf demselben Flecke gestanden wie im ersten Augenblicke unseres Zusammentreffens. Wir aber zogen lieber recht schnell weiter und fanden bald eine Gelegenheit, wo wir recht viel Gutes haben wirken können. Sehet, da haben wir auch den Staub, den uns der junge Mann offenbar bereitet hatte, schnell abgeschüttelt und zogen ungehindert unseres Weges weiter!
GEJ|6|59|15|0|Die da draußen im Vorzimmer sind lauter solche Menschen, die an und für sich ganz rechtliche und sehr weltkluge Menschen sind, welche Eigenschaft sie auch sehr weltreich machte; aber für Mein Evangelium sind sie noch lange nicht reif und werden es in dieser Welt auch schwerlich je ganz werden. Daher sollet ihr in der Folge solchen Menschen auch Mein Wort nicht predigen; denn es wird bei ihnen nicht wurzeln und noch weniger je zu einer guten Frucht reifen.
GEJ|6|59|16|0|Du, Petrus, hast dem reichen Bürger wahrlich ganz tüchtige Wahrheiten gesagt, so, als hättest du sie aus Meinem Munde geredet! Welche Wirkung aber haben sie bei ihm gemacht? Sieh, gar keine! Er redet nun so frei und unbeirrt mit seinem Geschäftsfreunde, als ob du nie ein Wort von Mir zu ihm gesprochen hättest! Er weiß, daß Ich hier bin; es sollte ihn wenigstens die Neugierde zu Mir führen, auf daß er sich mit Mir Selbst über das besprechen möchte, was du von Mir ihm kundgetan hast! Allein, das alles ist dem reichen Manne so gleichgültig wie eine auf dem Wege von seinem Fuße zertretene Mücke. Er steht auf uns und unsere für ihn zu geringfügige Hilfe gar nicht an, indem er ja ein sehr reicher und weltkluger Mann ist, – und noch gar viele sind seinesgleichen.
GEJ|6|59|17|0|Sehet, das sind so die rechten Weltwühlschweine, denen ihr Meine Perlen nicht vorwerfen sollet; denn diese kümmern sich um nichts anderes als nur um das, ob und was bei einer Sache materiell zu gewinnen ist. Darum hatte der reiche Mann dir denn auch vorgehalten, daß du dein gewinntragendes Gewerbe verlassen habest und Mir gewisserart um nichts und wieder nichts gefolgt seiest.
GEJ|6|59|18|0|Diese Menschen sind sonst recht artig und beachten gegen jedermann eine feine Sitte; aber das alles ist gleich der feinen und zierlichen Tünche eines Grabes, das dadurch äußerlich recht erbaulich anzusehen ist, – aber inwendig ist es dennoch voll Totenmoders und pestilenzialischen Ekelgeruches. Solange so ein Mensch ganz ruhig seinen Gewinn einstecken kann und ihn kein Geschäftsunglück ereilt, wird er stets in der besten und mitunter sogar freigebigen Laune sich befinden; lassen wir ihn aber bei irgendeiner Spekulation nur einmal so recht tüchtig eingehen, da schaue dir dann deinen freundlichen Mann an, und fange an, mit ihm über innere, geistige Wahrheiten zu reden, und Ich stehe dir dafür, daß du noch eher hinausgeschafft wirst, als du den Mund so recht aufgemacht hast! Und sieh, darin liegt auch hauptsächlich der Grund, warum Ich dich von deinem sonst sehr löblichen Eifer abberufen habe; denn bei derlei Menschen ist jedes innere, geistige Wort ein beinahe völlig vergebliches!
GEJ|6|59|19|0|Du hast ihm doch enthüllt, daß diese große Meeresbewegung allein durch Meinen allmächtigen Willen bewirkt wird, daß Ich überhaupt nur wollen darf, und alle Elemente gehorchen Mir. Das ist sicher doch nichts Geringes! Siehe aber nur hinaus, und du wirst dich gleich selbst überzeugen, welch einen nichtigen Eindruck solche deine Kundgebung auf ihn gemacht hat! Er ist nicht einmal nachsehen gegangen, ob das Meer noch in seiner großen Bewegung steht, und ob irgendein Teil desselben ganz ruhig ist!
GEJ|6|59|20|0|Du hast ihm auch zu schmecken gegeben, daß die Ungläubigen Mein Gericht treffen werde. Das kostete ihn höchstens ein kleines Lächeln, und er dachte sich: ,O du armer Hungerleider, siehe nur du zu, daß dich nicht nächstens das Gericht des leeren Magens und der nackten Haut ereilt!‘ – Sage Mir nun, ob solchen Menschen Mein Wort zu predigen ist!“
GEJ|6|59|21|0|Sagte ganz ärgerlich Petrus: „Ah, wenn also, da wäre ich ja um vieles lieber eines Griechen Schweinehirt denn solchen Menschen ein Prediger! Jetzt begreife ich erst so ganz recht Deinen vorjährigen Eifer im Tempel! Denen muß man ein anderes Wort mit Stricken und Knütteln predigen, wie Du es im Tempel getan hast! Diese Brut ist am Ende noch schlechter denn der eifersüchtigste Pharisäer im Tempel; denn jener hat doch wenigstens einen geistigen Schein – der zwar auch zu nichts gut ist –, aber diese Brut hat gar nichts als die purste und allermateriellste Welt! Oh, das ist gut, daß Du, o Herr, uns alle darauf sehr aufmerksam gemacht hast! Wahrlich, mit diesem Gassenstaube sollen unsere Füße nimmerdar beklebet werden! Aber was machen wir nun?“
GEJ|6|59|22|0|Sagte Ich: „Wir wollen nun ein wenig ins Freie gehen, auf daß ihr euch alle von der Gleichgültigkeit dieser Menschen überzeugen möget; dann wollen wir wieder hierher zurückkehren. Ich werde aber dann einen recht tüchtigen Regen kommen lassen, und wir werden diese lästigen Gäste bald los sein. Und so gehen wir denn hinaus ins Freie, wie Ich gesagt habe! Gebet aber besonders acht auf alle, die uns begegnen werden! Hier werden wir dann noch weiter darüber reden und dann unsere Verfügungen machen.“
GEJ|6|60|1|1|60. — Die Gleichgültigkeit der Kaufleute auf geistigem Gebiet
GEJ|6|60|1|0|Es fehlten noch nahe drei Stunden bis zur Tagesmitte, als wir nach Meiner Beheißung unser Zimmer verließen und durch eine Menge von Gästen ins Freie hinausgingen. Der Wirt, der mit den Gästen viel zu tun und zu reden hatte, bat Mich um Vergebung, daß er Mir wegen der vielen Gäste so wenig Aufmerksamkeit habe widmen können.
GEJ|6|60|2|0|Ich aber sagte zu ihm: „Mache du dir nur nichts daraus! Wer mit seinem Herzen bei Mir ist, der kann mit seinen Gliedern unbeirrt sein nötiges Tagewerk verrichten, wie er mag und kann, und wie es sein Gewerbe erfordert, und er widmet Mir dennoch die vollste und wahrste Aufmerksamkeit; jede andere aber hat vor Mir ohnehin keinen Wert.
GEJ|6|60|3|0|Wir werden nun bis zum Mittage hin ins Freie gehen und werden längs dem Ufer des Meeres Tätigkeit in Augenschein nehmen. Bevor wir aber selbst zurückkommen werden, wird ein von Mir verordneter, recht tüchtiger Regen kommen, der diese Mir lästigen Kaufleute vor uns nach Hause treiben wird, wie Ich zuvor dessen schon erwähnt habe; denn vor einem Gewitter haben diese Weltmenschen die größte Furcht. Wenn sie ein Gewitter werden herannahen sehen, da werden sie sich auch sogleich und allereiligst in die Stadt zurückbegeben. Siehe nur, daß dir keiner mit der Zeche durchgeht!“
GEJ|6|60|4|0|Sagte der Wirt: „O Herr, ich danke Dir für diesen Rat und gar besonders für das verheißene Gewitter; denn diese Gäste sind mir die allerlästigsten!“
GEJ|6|60|5|0|Darauf gingen wir, weil der Wirt von einem Gaste gerufen ward, was ihm sehr unlieb war.
GEJ|6|60|6|0|Als wir im Freien waren, fragte Ich den Petrus: „Nun, hast du deinen alten Freund bemerkt?! Wie gefiel er dir?“
GEJ|6|60|7|0|Sagte Petrus ganz ärgerlich: „Ah, da höret alles auf zu sein! Wenn uns diese Menschen aber auch nur eines Blickes gewürdigt hätten oder wenigstens einer den andern gefragt hätte, wer wir wären! Aber nein, nicht einmal eines Blickes haben sie uns gewürdigt, obwohl sie Dich kennen und schon gar vieles von Dir gehört haben! Wahrlich, derlei ganz stumme und gleichgültigste Menschen sind mir noch gar nie vorgekommen! Wenn wir heute unter eine Schweineherde kommen, so werden diese Tiere uns sicher anschauen und uns anzugrunzen anfangen; aber für diese Menschen sind wir so rein gar nichts, als wären wir im Ernste gar nicht da. O du schlechte, taube und stockblinde Welt! O Herr, laß nur ein recht allerheftigstes Gewitter mit zahllos vielen Blitzen über sie losbrechen, auf daß ihnen ihr überstoischer Gleichmut vergeht! Ja wahrlich, das sind vollwahrst die Schweine, denen man Deine Lebensperlen nicht vorwerfen soll!“
GEJ|6|60|8|0|Sagte Ich: „Ich habe es dir zuvor gesagt, daß es sich also mit diesen Kaufleuten verhält! Sie kennen nur ihre Ware und ihr Geld. Wer ihnen gegenüber keine Ware und kein Geld hat, der ist ihnen gegenüber auch so gut wie gar kein Mensch. Was sie über einen Menschen unserer geldlosen Art noch zu denken sich herabwürdigen, besteht bloß in dem, daß sie bei sich rechnen und sagen: ,Siehe, was könnte dieser Tropf als ein Sklave wert sein?‘ Nur als eine schlechte Ware könnten wir alsonach für sie noch irgendeinen Wert haben; denn da gibt es viele darunter, die geheim den Sklavenhandel betreiben, und dein alter Freund ist einer der stärksten unter den andern und hat seine Geschäfte alljährlich in Ägypten, in Rom, in Griechenland und auch in Persien. – Was sagst du dazu, wenn ein Jude solches tut?“
GEJ|6|60|9|0|Sagte Petrus: „Der solle gesteinigt werden! Aber ich und eigentlich schon wir alle begreifen das noch immer nicht so ganz recht, wie Du, o Herr, solchen Freveln der garstigen Menschen mit so vieler Geduld und Langmut zusehen kannst; denn das geht ja schon über Sodom und Gomorra hinaus. Wenn das die Heiden tun, so sind sie zu entschuldigen, – aber ein Jude nimmermehr!“
GEJ|6|61|1|1|61. — Über Reinkarnation. Die Erde als Gotteskinderschule
GEJ|6|61|1|0|Sagte Ich: „Werde nur nicht gar zu hitzig; denn du weißt es noch lange nicht klar genug, was alles für Gäste auf dieser Erde einherwandeln, und was dazu nötig ist, um sie nach und nach in die Sphäre der Kinder Gottes zu bringen! Wenn ihr aber durch Meinen Geist, den Ich euch nach Meiner Auffahrt senden werde, vollends gekräftigt sein werdet, dann werdet ihr auch das klar einsehen und Mir die Ehre geben darum, daß Ich eben so geduldig und langmütig bin.
GEJ|6|61|2|0|Wer aber von euch etwas zu fassen imstande ist, der wisse, daß auch von anderen Welten Seelen auf dieser Erde ins Fleisch getreten sind und auch die Kinder der Schlange auf dieser Erde. Sie sind wohl einmal gestorben, und manche schon etliche Male, nahmen aber zu ihrer Vollendung wieder Fleisch an sich.
GEJ|6|61|3|0|Ihr habt schon oft von einer Wanderung der Seelen gehört. Das ferne Morgenland glaubt noch heutzutage fest daran. Aber es ist solcher Glaube bei ihnen sehr verunreinigt, weil sie die Menschenseelen wieder in ein Tierfleisch zurückkehren lassen. Allein dem ist nicht von ferne also.
GEJ|6|61|4|0|Daß sich eines Menschen Seele von dieser Welt wohl aus dem Mineral-, Pflanzen- und Tierreiche zusammensammelt und sich bis zur Menschenseele emporschwingt, das ist euch schon zum größten Teile gezeigt, und auch, wie das in der gefesteten Ordnung geschieht. Aber rückwärts wandert keine noch so unvollendete Menschenseele mehr, außer im geistigen Mittelreiche der äußeren Erscheinlichkeit nach zum Behufe ihrer Demütigung und der daraus möglich hervorgehenden Besserung. Ist eine solche bis zu einem gewissen Grade erfolgt, über den es dann wegen Mangel an höheren Befähigungen nicht weitergehen kann, so kann solch eine Seele dann in eine bloß geschöpfliche Beseligung auf irgendeinem andern Weltkörper, das heißt in dessen Geistiges, übergehen oder aber auch, so sie es will, noch einmal ins Fleisch der Menschen dieser Erde treten, auf welchem Wege sie sich höhere Befähigungen aneignen und mit ihrer Hilfe sogar die Kindschaft Gottes erreichen kann.
GEJ|6|61|5|0|Also wandern auch von anderen Welten Seelen ins Fleisch der Menschen dieser Erde, um im selben sich jene zahllos vielen geistigen Eigenschaften anzueignen, die zur Erreichung der wahren Kindschaft Gottes notwendig sind.
GEJ|6|61|6|0|Weil aber diese Erde solch ein Schulhaus ist, darum wird sie auch von Mir mit so vieler Geduld, Nachsicht und Langmut behandelt. Wer von euch das fassen kann, der fasse es; aber er behalte es für sich, da es nicht allen gegeben sein soll, alle die Geheimnisse des Gottesreiches zu fassen. So ihr aber dennoch jemanden findet, der eines ja möglich rechtesten Geistes Kind ist, dem könnet ihr nach und nach ein und das andere Geheimnis offenbaren, aber auch nur für ihn selbst; denn Ich will es, daß ein rechter Mensch sich solches alles durch den eigenen Fleiß nach Meiner Lehre erwerben soll.
GEJ|6|61|7|0|Weiß ein Mensch einmal, was er zu tun hat, um zu erreichen das ewige Leben und seine Schätze, so tue und lebe er danach, und er wird dann schon in sich selbst die volle Erfüllung Meiner Verheißung vonstatten gehen sehen, hören und lebendigst fühlen.
GEJ|6|61|8|0|Dem Menschen viel von solchen außerordentlichen Geheimnissen kundzugeben durch den Mund, hat entweder gar keinen oder nur einen ganz geringen Nutzen und Wert; denn fürs erste fasset er es nicht, und fürs zweite stört ihm so etwas für ihn zu Unbegreifliches gar leicht den Glauben, den er zur Not doch schon angenommen hat. Denn um das in der wahren, inneren, geistigen Lebenstiefe zu fassen, dazu gehört offenbar mehr als bloß der tote Buchstabe des Gesetzes und der Propheten.“
GEJ|6|62|1|1|62. — Die große Seeschlange
GEJ|6|62|1|0|(Der Herr:) „Aber nun sind wir am Ufer des Meeres so weit gekommen, daß wir von der Stadt kaum mehr irgend etwas wahrnehmen, und die Wogen des Meeres schlagen da mächtig an das steinige Ufer. Da vor uns ist eine Fischerhütte! In diese wollen wir eintreten und darin das verheißene Gewitter abwarten. Sehet hin dort gegen Mittag! Von dorther wird es allgewaltigst kommen, und es wird da an Blitzen keinen Mangel haben. Es erhebe sich und ziehe schnell gegen Kapernaum hin!“
GEJ|6|62|2|0|Als Ich solches noch kaum ausgesprochen hatte, da fingen plötzlich ganz furchtbar schwere Gewitterwolken an, sich aus dem Meere und über alle die Berge zu erheben, was die Gäste bei unserem Wirte zu Kapernaum bald merkten. Als das bös aussehende Gewitter sich aber mit großem Getöse und mächtigem Donner gegen die Stadt stets schneller zu bewegen anfing, da zahlten die Gäste schnellstens ihre Zechen, und ein jeder lief davon, was er nur laufen konnte. Alle Handelsreden hatten auch plötzlich ihr Ende erreicht, und unseres Wirtes Haus war auf einmal alle seine lästigen Gäste los. Als aber das Gewitter über uns hinzog, da ward es auch unseren Judgriechen bange, da auch sie als alte Juden eine angeborene Scheu vor solchen Gewittern hatten.
GEJ|6|62|3|0|Ich aber ermahnte sie zum Mute und zu aller Furchtlosigkeit und sagte: „Seht ihr denn nicht, daß die Geister dieses Ungewitters auch Meinem Willen untertan sind?! Fürchtet euch nicht, – es wird da niemandem ein Haar gekrümmt werden! Ich habe es nicht so sehr der Kapernaumer wegen berufen, sondern vielmehr jener Sendlinge Jerusalems wegen, damit sie um so mehr verspüren sollen, wie Gott die treuen Diener des Mammon lohnt und beschützt.“
GEJ|6|62|4|0|Als Ich aber also redete, da schlug gerade vor uns ein Blitz mit gewaltigstem Gekrache in die Erde.
GEJ|6|62|5|0|Die Judgriechen prallten vor Angst zurück, und einer sagte zu Mir: „O Herr, treibe dies Ungetüm von hier, sonst kommen wir alle übel um!“
GEJ|6|62|6|0|Und Ich bedrohte das Gewitter, und es zog von dannen, und wir standen unter freiem, hellblauem Himmel, worüber die Judgriechen sehr froh waren und Mich darum sehr zu loben anfingen.
GEJ|6|62|7|0|Als wir aus der Hütte aber nahe an das Meer traten, da bemerkte einer der Juden, daß sich in einer Entfernung von etwa zweihundert Schritten ein Ungetüm in gewaltigen Krümmungen herumbewegte und eine Menge Seevögel auf dasselbe aus der Luft herabstießen. Er fragte Mich, was das für ein Ungeheuer wäre.
GEJ|6|62|8|0|Und Ich sagte: „Das ist eine große Seeschlange, die im Sturme nun wie gewöhnlich auf ihren Raub ausgeht; sonst aber ist sie beständig in der Tiefe des Meeres. Wenn sie sich aber sattgefressen hat, dann sinkt sie wieder auf den Grund und liegt daselbst oft mehrere Wochen lang. Ist sie dann wieder hungrig geworden, so hebt sie sich wieder zur Oberfläche herauf und macht da Jagd auf ihren Fraß. Wenn sie im Wasser zu wenig zu ihrer vollen Sättigung findet, so bekriecht sie auch die Ufergegenden und raubt da Lämmer und Ziegen, auch Schweine, Kälber und Eselsfüllen. Wenn sie den Schiffen in die Nähe kommt, so haben sie ihre Not mit ihr, weil sie in einem hungrigen Zustande auch Menschen verschlingt. Und mit dem wisset ihr nun, was für ein Tier ihr seltenerweise gesehen habt.“
GEJ|6|62|9|0|Fragte hier Petrus: „Herr, solch ein Ungeheuer habe ich als Fischer einmal gesehen und dachte: ,Sieh, das ist ein Riesenaal; dessen sollte man mittels eines guten Köders habhaft werden!‘ Ich bereitete mit meinen Gehilfen einen Köder und legte ihn; aber das Tier wich demselben aus und verschwand darauf plötzlich und kam mir bis jetzt nicht mehr zur Sicht. Wie möglich könnte man denn solch ein Tier fangen?“
GEJ|6|62|10|0|Sagte Ich: „Das wäre für Menschen, wie sie jetzt bestellt sind, nahe eine pure Unmöglichkeit! Denn fürs erste ist solch eine Schlange sehr schlau und weiß alle ihr drohenden Gefahren zu vermeiden, fürs zweite ist sie sehr schnell in ihrer Bewegung, so daß sie auch das beste Segelschiff nicht einholen könnte, und fürs dritte ist sie für euch kaum glaubbar stark. Würde sie irgend in eine für sie gefährliche Enge getrieben, so würde sie sich über den Feind stürzen und ihn in einem Augenblick erdrücken. Es wäre daher eben nicht rätlich, sie im Ernste zu verfolgen. In diesem Meere sind nur zwei solche Tiere, und wenn sie ausgestorben sein werden, wird dieses Gewässer vollends frei sein von solchen Ungetümen. Diese zwei noch bestehenden aber sind schon sehr alt und gehören der vorweltlichen Tierepoche an, obwohl sie erst das Alter Noahs haben, das heißt von dessen Geburt an bis in diese Zeit.
GEJ|6|62|11|0|Diese Tiere gehören eigentlich dem großen Meere an; aber zur Zeit der großen Flut Noahs sind sie in dieses Binnenmeer verschlagen worden und bestehen seit derselben Zeit hier und werden noch ein paar Hunderte von Jahren allda fortbestehen.
GEJ|6|62|12|0|In solchen Großtieren sammelt sich der allerroheste Weltseelenlebensstoff und wird in ihnen gemildert und gewisserart zu einem besseren Übergange reifer gemacht. Wenn das Tier dann endlich einmal verendet, so geht sein gesammeltes Leben in viele tausendmal tausend höhere Lebensformen über, in denen es schon in einer kürzeren Frist eine höhere Lebensreife erhält, entweder noch im Wasser, in der Luft oder auf dem Erdboden, und das geht dann also alle Lebensformen hindurch bis zum Menschen herauf. Aber die Menschenseelen, die sich auf diesem Wege entwickelt haben, stehen dennoch auf einer sehr niederen Stufe und sind bei den alten Weisen ,Kinder der Schlangen und Drachen‘ benamset worden; denn die alten Weisen wußten in ihrer Einfalt mehr von der Seelengenitur (Seelenursprung) denn die Weisen heutzutage.
GEJ|6|62|13|0|Das sind also die Kinder dieser Welt; sie sind in ihrer Art sehr klug und irdisch reich und mächtig, – aber zur Aufnahme des höheren, geistigen Lebens noch lange nicht fähig.
GEJ|6|62|14|0|Von einer ganz gleichen seelischen Abkunft sind denn auch unsere Kapernaumer Kaufleute. Sie gehen stets noch auf den Handelsraub aus und haben ihre größte Freude, wenn sie so einen recht riesenhaften Gewinn gemacht haben. Sie haben daher noch sehr vieles von der gefräßigen Natur solch einer Schlange und sammeln fort und fort Schätze auf Schätze, gleichwie da dieses Tier in sich allerlei Lebenssubstanzen sammelt bloß durch seine unersättliche Freßgier.
GEJ|6|62|15|0|Aber wie dem Tiere bei seinem Verenden alles genommen und in die höheren Lebensformen verteilt wird, also wird auch nach dem Leibestode solchen reichen und selbstsüchtigen Käuzen alles genommen, und sie werden jenseits durch eine große Armut und durch Hunger und Durst von ihrer alten Schlangennatur geläutert werden müssen. Es ist zwar bitter und schlimm, daß es also ist; aber es kann für derlei allerunterste Lebensformen nicht anders sein.“
GEJ|6|63|1|1|63. — Der Grund der Menschwerdung Gottes
GEJ|6|63|1|0|(Der Herr:) „Erschaffen ist leicht; aber die aus sich hinausgestellten Geschöpfe zu einem freien, ungerichteten und selbständigen Sein hinleiten, das ist selbst für die göttliche Allmacht keine leichte Sache. Doch mit Geduld und Langmut kann man am Ende dennoch alles erreichen, und ist eine Sache in bestzwecklicher Hinsicht einmal erreicht, da gedenkt man nicht mehr der Zeit, die zur Erreichung vonnöten war.
GEJ|6|63|2|0|Es geht uns da wie einem schwangeren Weibe, das auch in seiner Schwangerschaft viel Furcht, Angst und Wehen zu bestehen hat; aber wenn das Kind aus dem Weibe in der gewissen Zeit zur Welt geboren worden ist, dann hat bei dem Weibe alle Furcht und Angst aufgehört, und es gedenkt nicht mehr der Wehen und Schmerzen, denn es sieht vor sich die lebendige Frucht, die aus ihm in ein freies und selbständiges Leben hervorgegangen ist.
GEJ|6|63|3|0|Wäre es aber mit der freiesten Selbständigmachung eines Geschöpfes eine leichter zu bewerkstelligende Sache, da hätte Ich als der Schöpfer aller Dinge und alles Seins wahrlich nicht nötig gehabt, nun Selbst als ein Mensch in diese Welt zu kommen, um die möglich vollendetste Freigestaltung des Menschen durch Lehre und Tat zu bewerkstelligen.
GEJ|6|63|4|0|Wenn euch das jemand anders gesagt hätte, so würdet ihr zu ihm gesagt haben: ,Mensch, was faselst du, und welch einen Unsinn redest du da durcheinander!‘ Ich Selbst aber sage euch hier solches, und so möget ihr es wohl glauben, daß es also ist; denn um einer Kleinigkeit willen hätte Ich nimmer das Fleisch dieser Welt, und sogar seinen Tod, angezogen und ginge nicht mit euch, Meinen Geschöpfen, wie ein rechter Vater mit seinen Kindern um.
GEJ|6|63|5|0|Ihr saget nun wohl bei euch, das sei wohl nun höchst wahr, aber warum geschehe solches denn gerade jetzt, und was sei da mit der ganzen schon verflossenen Zeitenewigkeit, in der Gott ebenso endlos vollkommen bestand wie eben jetzt, – was sei mit jenen Geschöpfen geschehen, die diese gegenwärtige Lebensvollendung nicht haben erreichen können, indem Ich zuvor niemals einen fleischlichen Leib gleich einem geschaffenen Menschen angenommen habe.
GEJ|6|63|6|0|Ja, Meine Lieben, das ist eine gar gewichtige Frage! Aber zum Teile habe Ich sie vor euch, Meinen alten Jüngern, beim alten Markus zu Cäsarea Philippi schon erörtert, und ihr wisset davon noch so manches; aber ihr wisset noch nicht völlig, warum aus der unendlichen Zeitendauer gerade diese Periode genommen ward, um den Menschengeschöpfen von nun an die volle Gottähnlichkeit für ewighin zu geben.
GEJ|6|63|7|0|Sehet, mit der ganzen, endlos großen Schöpfung beachtet Gott sowohl der Zeit als dem Raume nach stets ein und dieselbe allerweiseste Ordnung! Sollte es Gott denn etwa unmöglich sein, einen Menschen mit aller Weisheit und Kraft ohne eine Zeugung und ohne einen Mutterleib zu erschaffen, gleichwie es Ihm möglich ist, im Augenblicke den Blitz aus der Luft zu rufen?! Ganz sicher nicht, und Ich Selbst habe euch dafür die hinreichendsten Beweise gegeben!
GEJ|6|63|8|0|Wenn aber Gott das möglich ist, warum läßt Er es denn zu, daß der Mensch erst in einen weiblichen Leib eingezeugt werden, dann im selben von Periode zu Periode und von Teil zu Teil wachsen und sich ausbilden muß? Ist er im Mutterleibe in der ziemlich geraumen Zeit ausgereift, so kommt er zur mühseligen Ausgeburt, wo ihm noch gar vieles an den Leibesteilen mangelt. Nach und nach ergänzen sich diese stets mehr und mehr; die Zunge wird beugsamer und fängt an, Worte zu lallen, die Organe kommen in eine stets größere Ordnung, und die kräftiger und mündiger werdende Seele kann sich ihrer mehr und mehr bedienen, und so geht das von Stufe zu Stufe auf- und vorwärts so lange hin, bis der Mensch, etwa nach dreißig bis vierzig Jahren, als ein kräftiger und erfahrungsreicher, verstandesvoller Mann dasteht. Alle Kenntnisse und Erfahrungen hat er sich durch eigene Mühe und Tätigkeit aneignen müssen, damit er seinen Nebenmenschen als ein nützlicher Mitbürger wert und achtbar sein kann. Ja, aber warum das alles mit dem Menschen, wenn Gott allmächtig ist und sogleich ohne Geburt und Erziehung völlig weise und kräftige Menschen aus der Luft oder gar aus nichts herstellen kann?
GEJ|6|63|9|0|Das kann Gott allerdings; aber was wären solche Menschen? Ich sage es euch: nichts als Maschinen, die nie einen eigenen, freien Willen, nie ein eigenes, selbstisches Bewußtsein und nie eine selbständige, freie Tätigkeit weder im Denken noch im Fühlen und Handeln haben könnten, sondern Gottes allmächtiger Wille müßte sie in jedem Augenblicke aus Sich neu beleben, in ihnen Selbst denken und wollen und ihre Glieder zu irgendeiner Tätigkeit anregen und anziehen. Würde aber Gott das nicht tun, so wäre so ein Mensch dann offenbar völlig tot und müßte auch augenblicklich aus dem Dasein gänzlich verschwinden.
GEJ|6|63|10|0|Damit aber der einmal geschaffene Mensch wie aus sich frei fortbestehe, sich selbst ausbilde und festige, dann wie aus eigener Kraft frei werde im Denken, Wollen und Handeln, so ward von Gott schon von Ewigkeit eine Ordnung gestellt, derzufolge die einmal aus Gott hinausgestellten Ideen sich selbst nach und nach stets mehr und mehr von Gott isolieren müssen, endlich sich als ein von Gott getrenntes Sein und Leben gewisserart finden und fühlen müssen und nach ihren eigenen Gedanken frei wollend und frei tätig zu werden haben, auf daß sie dadurch als vollends lebensgefestet dann durch äußere Lehre von Gott als selbst werdende Götter geführt und zur Lebensvollendung wie auf eigenem Grund und Boden gebracht werden können.
GEJ|6|63|11|0|Dazu aber bedarf es einer sehr langen Zeit, die von Gott aus wohl berechnet und in gar viele Perioden eingeteilt ist, in denen dies und jenes Fortschreitende vorgenommen werden kann.
GEJ|6|63|12|0|Wie aber bei jedem ganz ordentlich sich fortbildenden Menschen einmal der Moment eintreffen muß, in dem er zur Aufnahme für höhere Weisheit befähigt wird, so ist nun dieser Moment für die ganze Schöpfung vor euren Augen, von Gott wohlberechnet, gekommen, durch den nun allen gereiften Geschöpfen die Gelegenheit geboten wird, aus ihren alten Gerichtsgräbern zur vollen Gottähnlichkeit überzugehen, und es heißt darum auch in der Schrift, daß nun alle, die in den Gräbern waren und noch sind, die Stimme des Menschensohnes hören werden und, so sie aus sich reif geworden sind, hervorgehen aus eigener Kraft zum ewigen, wahren und völlig gottähnlichen Leben.
GEJ|6|63|13|0|Und weil dieser von Gott schon von Ewigkeit her wohl und klar berechnete Moment eben jetzt gekommen ist, in welchem alle Geschöpfe die gewisse ganz selbständige Reife erlangt haben, die sich wahrlich am meisten dadurch erkennen läßt, daß die meisten von Gott beinahe nichts mehr wissen und von Gott vollends isoliert sind, so bin Ich als Gott denn auch da, um die Menschen nicht mehr durch Meine Allmacht zu führen, sondern allein durch die Lehre, die Ich ihnen nun also gebe, als wäre Ich Selbst nichts mehr und nichts anderes denn sie selbst.
GEJ|6|63|14|0|Ich kann nun als eine Person mit ihnen wie ein Fremder mit einem Fremden verkehren, und der alte Grund hat nun völlig aufgehört, demzufolge niemand Gott schauen könne und dabei behalten das Leben. Nun könnet ihr Mich anschauen, wie ihr wollt, und behaltet dennoch unversehrt euer Leben!“
GEJ|6|64|1|1|64. — Der Unglaube als Reifezeugnis für eine neue Offenbarung. Vergleich zwischen den Menschen zu Noahs Zeiten und zur Zeit Jesu. Der geistige Zustand der Menschen
GEJ|6|64|1|0|(Der Herr:) „Ich aber sehe jetzt noch eine gar sonderbare Frage in euch Neujüngern, die darin besteht, daß ihr saget: ,Ja, wenn gerade der beinahe gänzliche Mangel des Glaubens an einen wahren Gott der eigentliche Reifheitsgrund der Menschen Gott gegenüber sein soll, so begreifen wir nicht, warum Gott zu den Zeiten Noahs, allwann der Glaube an einen wahren Gott von den Menschen auch gänzlich entschwunden war, nicht zu ihnen wie jetzt zu uns gekommen ist und ihnen eine Lehre zur freien Gewinnung des ewigen Lebens auf eigenem Grund und Boden gegeben hat! Warum ließ da Gott lieber die böse Sündflut kommen und die gottvergessene Menschheit vertilgen?‘
GEJ|6|64|2|0|Ich sage es euch, daß auch diese Frage eine eben nicht geistlose ist, und ihre Beantwortung muß ein großes Licht in das Verhältnis zwischen Gott und Seiner Kreatur bringen. Habet denn wohl acht!
GEJ|6|64|3|0|Die Menschheit war zu den Zeiten Noahs nicht so gottlos, als ihr eben meinet; sie war aber gegen den ihr nur zu wohlbekannten Gott stolz und sehr hochmütig geworden und wollte sich ganz ernstlich gegen Ihn auflehnen und Ihn Seiner Macht verlustig machen. Sie tat, was sie wollte; und so ihr sogar vom Himmel aus noch so weise Gesetze gegeben wurden, so trat sie solche mit den Füßen und tat gerade das Gegenteil.
GEJ|6|64|4|0|Diese Menschen haßten den ihnen wohlbekannten Gott und feindeten alles an, was nur von Gottes Allmacht und Weisheit herrührte. Sie verfluchten alles, was von Gott herrührte, sogar die ganze sichtbare Schöpfung, am Ende sogar die Erde, und faßten auch im Ernste den Entschluß, die ganze Erde mit ihren Sprengkörnern zu zerstören. Sie wurden von den Menschen der Höhe oft und zu verschiedenen Malen gewarnt und auch gezüchtigt für ihre Frevel.
GEJ|6|64|5|0|Es wurden Völker von ihnen getrennt und in ferne Lande geführt, deren Nachfolger noch heutzutage leben und noch die alte Lehre haben, freilich wohl leider nicht mehr rein. Aber es nützte das alles nichts. Sie wurden abermals mächtig, namentlich die Hanochiten, deren Stadt am Ende um vieles größer war denn das ganze, große Gelobte Land. Sie unterjochten am Ende die Kinder der Höhe bis auf die Familie Noahs, die allein noch Gott völlig treu blieb.
GEJ|6|64|6|0|In der Zeit Noahs fingen sie aus purem Übermute an, die Berge zu zerstören, obwohl sie von den Weisen der Bergbewohner dahin gewarnt wurden, daß sich unter den Bergen die größten Wasserschleusen befänden, und daß sie, so sie in ihrer Tollkühnheit nur einen großen Berg bis auf seinen Grund abgraben und seine Masse in die Tiefe des Meeres versenken, dadurch mehrere unterirdische Wasserschleusen öffnen würden, durch die in kurzer Zeit so viel Wasser auf der Erde Oberfläche geleitet werde, daß es bis über die hohen Berge steigen werde und sie alle darin ersäuft würden. Allein, alle solche Warnungen halfen nicht nur nichts, sondern eiferten sie nur noch mehr an, an der Zerstörung der Berge mit einer kaum beschreibbaren Energie zu arbeiten.
GEJ|6|64|7|0|Noah sah nun, daß alle Ermahnungen und Belehrungen fruchtlos seien, und bat Gott um ein Mittel zur Rettung von wenigstens einigen guten Menschen und Tieren und Lebensmitteln; denn er sah die traurigen Folgen der bös-törichten Arbeit der damaligen Weltmenschen nur zu klar ein. Da erst ward er vom Geiste Gottes dahin belehrt, sich einen Kasten zu erbauen, wozu ihm Plan und Maß von den Himmeln gegeben ward.
GEJ|6|64|8|0|Als die bösen Toren mit der unsäglichsten Mühe einen bedeutenden Berg zum größeren Teile nur an seinen Füßen weggeschafft hatten, da zeigte sich auch schon der Lohn für ihre Arbeit. Die große Schwere des eigentlichen Hochberges, dessen Stützen hinweggeschafft wurden, fing an, in die Tiefe zu sinken, und trieb die fürchterlichsten Wassermassen in mächtigen Strömen auf die Oberfläche der Erde. Natürlich mußte dadurch auch die Luft, namentlich durch die vielen Heißwasserströme, ganz dick mit Dünsten und Wolken erfüllt werden, der Regen ordentlich in Strömen herabzufallen beginnen und das Steigen des Wassers bis über die Berge hinaus fördern. Mehr denn ein Dritteil des ganzen Erdteils Asia stand unter der Flut, und sämtliche Hanochiten, die sich schon für die gesamte Menschheit der ganzen Erde hielten, gingen da zugrunde, und ihre Stadt sank ebenfalls in die Tiefe der Erde.
GEJ|6|64|9|0|Aus dieser Meiner ganz kurz gefaßten, aber wahrsten Darstellung jener vornoahschen Menschen aber geht hervor, daß sie Gottes nicht unkundig waren, wohl aber wollten sie sich nur über Ihn erheben, und dieser Umstand beweist gerade, daß sie Seiner nicht unkundig waren.
GEJ|6|64|10|0|Ihr Haß gegen Gott aber rührte einfach daher, weil sie sterben mußten, und das oft schon nach dreißig bis vierzig Jahren, während sie von den Bewohnern der Berge, die damals ein sehr hohes Alter erreichten, meinten, daß sie gänzlich unsterblich seien. Aus dem Grunde ergrimmten sie gar so sehr über Gott und nahmen sich ganz ernstlichst vor, weil sie sterben müßten, so solle auch alles zugrunde gerichtet werden, Gott zum Trotze.
GEJ|6|64|11|0|Wenn aber also und nicht anders, könnet ihr in euch dann behaupten, daß die Menschen damals auch schon also reif waren wie jetzt?! Sehet nun die Menschen der Erde an! Wie viele gibt es selbst unter den Juden, die wahrhaft an einen Gott glauben und lebendig wahrhaft auf Ihn vertrauen? Sie haben beinahe alle nur einen Gewohnheitsglauben, im Herzen aber sind sie gänzlich gottlos, und es kommt ihnen gar nicht vor, daß es wahrhaft irgendeinen Gott geben könne, – und gebe es irgendeinen, so kümmere Er Sich um die sterblichen Menschen, um ihre Gebete und um ihre Opfer gar nicht. Er habe die Menschen nur etwa darum erschaffen, daß sie Seine Erde bebauen und kultivieren. Das ist so der eigentliche Glaube selbst der besseren Juden, – die schlechteren glauben ohnehin gar nichts.
GEJ|6|64|12|0|Wieder andere, die noch zu den Altjuden gehören, wie es deren in Samaria welche gibt, sagen: Die Satzungen Mosis sind gut, und man muß sie halten, ob sie von Gott oder ob sie bloß nur von Moses herrühren. Wer die Satzungen hält, der fehlt nicht, ob es einen Gott oder auch keinen geben sollte. Man sollte das Gute allein deswegen tun, weil es gut ist, und das Schlechte des Schlechten wegen meiden.
GEJ|6|64|13|0|Aus solcher Weisheit aber geht ja doch auch wieder klar hervor, daß es mit dem lebendigen Glauben an Gott seine sehr geweisten Wege hat. Wie aber der Glaube an einen Gott im Tempel beschaffen ist, das wisset ihr selbst nur zu gut, und es bedarf darüber keines weiteren Wortes mehr. Denn wo man sich kein Gewissen macht, die Gebote Gottes wegzustreichen und an deren Stelle weltliche Satzungen als heilig und wie von Gott gegeben hinzustellen, da ist aller Glaube an einen wahrhaftigen Gott vollends zu Ende. Da habt ihr den Gottesglauben der Juden! Und endlich fraget euch selbst, wie stark euer selbsteigener Glaube an einen wahren Gott war! Ihr suchtet vor Mir wohl noch etwas Göttliches im Tempel und kamet seinen Satzungen nach Möglichkeit nach, – aber an dem wahren Dasein eines Gottes zweifeltet ihr selbst, und euer Glaube war eben nur eine schon von der Wiege her angenommene Gewohnheit, welche abzulegen euch schier recht schwer geworden wäre, weil ihr dafür nichts Besseres zu setzen wußtet und euer alter Gewohnheitsglaube zu einem Teile eurer Lebensnatur geworden war. Demnach aber war denn auch euer Glaube so gut wie gar keiner.
GEJ|6|64|14|0|Also bei den Juden als dem erwählten Volke Gottes ist nun gar kein Glaube mehr; wenn aber schon da kein Glaube mehr zu suchen und zu finden ist, wie soll er bei all den Heiden zu suchen und zu finden sein?! In den früheren Zeiten glaubten sie doch noch an ihre Götzen und Orakel; allein jetzt glauben sie auch nichts mehr. Sie machen zwar die äußeren Zeremonien und Gebräuche mit, aber von einem Glauben ist da auch schon lange keine Rede mehr.
GEJ|6|64|15|0|Nur in Ägypten gibt es noch einige Schüler des Plato, des Sokrates und des Aristoteles, die noch die Möglichkeit eines höchsten, aber niemand bekannten Gottwesens annehmen; aber sie meinen auch, daß der Mensch durch ein äußerst strenges Leben es dahin bringen könne, den göttlichen Geist in gewissen geheiligten Momenten zu fühlen und in solchem Fühlen dann helle Blicke in die Zukunft zu tun. Weiter aber vermöge es kein Sterblicher zu bringen. Was aber mit dem Menschen nach seinem Leibestode geschähe, das sei ein nie zu entwirrender gordischer Knoten. Es beständen darüber wohl sehr viele Sagen und Meinungen, die im Menschen ein leises Hoffen rege machen, aber von einer Gewißheit sei da nirgends eine Rede.
GEJ|6|64|16|0|So denkt nun der beste Teil der Heiden. Wenn aber also, wie ihr nun leicht sehen und begreifen könnet, so ist es ja auch klar, daß eben jetzt jene Reife zwischen Schöpfer und Geschöpfen eingetreten ist, von der aus die Menschen erst vollends in den Zustand gekommen sind, von Gott aus, unbeschadet ihrer Lebensselbständigkeit, belehrt und zu ihrer gottähnlichen Lebensvollendung geführt und gebracht zu werden. – Verstehet ihr nun das wohl?“
GEJ|6|65|1|1|65. — Die jenseitige Führung der Seelen, die vor Jesus Mensch waren. Vom Himmelreich
GEJ|6|65|1|0|Sagte Petrus: „Herr, das verstehen wir nun sehr wohl; aber es fragt sich nun nur: Was wird mit jenen geschehen, die vor dieser Deiner Herniederkunft gelebt haben, und das von Adam an? Können sie auch noch zu einer wahren Lebensvollendung gelangen, und wie?“
GEJ|6|65|2|0|Sagte Ich: „Das ist doch ganz natürlich! Ich habe nun die Tore zum Leben nicht nur für die nun auf der Erde Lebenden eröffnet, sondern auch für alle, die schon lange hinübergegangen sind. Und viele der alten Sünder werden noch einmal irgendeine kurze Fleischlebensprobe von neuem durchzumachen bekommen, wie Ich euch solches schon gezeigt habe.
GEJ|6|65|3|0|Jenseits aber gibt es Schulen in einer endlosen Menge, in denen die Seelen auf die allerpraktischste Weise unterwiesen werden können. Aber freilich geht es drüben nicht so leicht wie hier, weil dort eine jede Seele keine andere Welt und Umgebung hat als nur die, die aus ihrem Denken, Fühlen und Wollen entsteht und der Seele alles das bietet, was sie liebt und will.
GEJ|6|65|4|0|Nun, da ist es dann offenbar schwerer, günstig auf eine Seele, die voll Irrwahnes ist, einzuwirken denn hier, wo sie auf einem fremden und festen Boden steht und eine große Masse von ebenfalls ganz fremden Umgebungen um sich zählt. Aber dessenungeachtet gibt es auch dort noch immer Mittel genug, durch die fruchtbringend auf eine Seele eingewirkt werden kann. Doch davon soll euch bei einer andern Gelegenheit ein Näheres gezeigt werden.
GEJ|6|65|5|0|Das jedoch diene niemandem zu einem besonderen Troste; denn so jenseits eine Seele in sich und also in ihrer Welt statt besser nur immer schlechter und böser wird, so wird natürlich im gleichen Maße auch ihre Scheinwelt und ihre Gesellschaft und Umgebung schlechter. So wie die Seele in sich wahrheitsloser und lichtloser wird, so wird desgleichen auch ihre Welt und ihre Umgebung, was sie sehr zu drücken und zu quälen beginnt. Mit der Steigerung der Qual steigt auch ihr Zorn und ihre Rachgier, und das ist dann schon der Eingang in die Hölle, und diese ist ein wahrer zweiter Tod der Seele, aus dem dann höchst schwer wieder herauszukommen ist.
GEJ|6|65|6|0|Es sind das freilich nur pure Mittel, durch die eine Seele mit der großen Länge der Zeiten gerettet werden kann; aber sie sehen wahrlich sehr traurig aus! Denn es kann das so manche erzböse Seele wohl Milliarden von Erdenjahren Zeit kosten, bis sie durch solche qualvollen Mittel zu einiger Besserung aus sich heraus kommen wird. Darum ist hier ein Tag mehr wert denn jenseits hundert Jahre, nach der Erdenzeit gerechnet. – Verstehet ihr das?“
GEJ|6|65|7|0|Sagten nun wieder alle: „Ja, Herr, wir verstehen das; aber es drängt sich im Hintergrunde denn doch noch eine Frage auf, und die besteht ungefähr in dem: So eine von hier abgeschiedene Seele, als noch nicht vollendet, nur in einer pur erscheinlichen Welt wohnt, die aus ihrem Denken, Fühlen und Wollen entspringt – was man auch eine Phantasiewelt nennen könnte – woraus besteht denn hernach die Welt der vollendeten Seelen? Wie sieht das Himmelreich aus, und womit läßt es sich in einen guten und wahren Vergleich bringen?“
GEJ|6|65|8|0|Sagte Ich: „Es ist zwar nun schon an der Zeit, zum Wirte zurückzukehren, – aber weil das eine eben nicht unwichtige Frage ist, so will Ich sie euch unterwegs beantworten. Gehen wir denn, und ihr höret Mich an!
GEJ|6|65|9|0|Sehet, mit dem eigentlichen Himmelreiche, das da ist ein Reich der Wahrheit, des Lichtes und der Liebe, was Ich euch schon bei verschiedenen Gelegenheiten gezeigt habe, hat es folgende wahrste Bewandtnis: Dieses Reich ist nicht ein äußeres Schaugepränge und kommt in den Menschen nicht mit irgend äußeren Zeichen und Attributen, sondern es entwickelt sich ganz innen in euch, ist dann in euch, wächst in euch, durchdringt euch und wird also zu eurer Wohnstätte und eurer allerseligkeitvollsten Welt.
GEJ|6|65|10|0|Aber hier gleicht das Himmelreich einem Säemann, der den guten Samen ausstreute. Da fiel einiges auf einen Weg; von dem ward ein Teil von den Vögeln der Luft aufgezehrt und ein Teil von den Wanderern zertreten. Da ging der Same also nicht auf und brachte auch keine Frucht. Ein Teil aber fiel auf steinigen Grund. Es ging zwar anfangs, solange die Steine einige Feuchtigkeit in sich hatten, auf, konnte aber keine Nährwurzeln in den Stein treiben; die Feuchtigkeit langte zur größeren Ernährung des Halmes auch nicht aus, und so vertrocknete es und brachte auch keine Frucht. Ein anderer Teil aber fiel unter Dornen und Gestrüpp. Der ging anfänglich zwar sehr gut auf, aber als er sich völlig hätte entwickeln sollen, da ward er von den Dornen und dem wilden Gestrüppe überwachsen, verkümmerte dann und brachte auch keine Frucht. Nur ein Teil fiel auf ein gutes Erdreich, ging auf und brachte eine reichliche Frucht.
GEJ|6|65|11|0|Und sehet, also steht es nun auch mit dem Himmelreiche auf dieser Erde! Ich Selbst bin der Säemann, und Mein Wort ist der gute Same, aus dem für jeden das Himmelreich als Frucht erwachsen soll. Wo es auf gutes Erdreich fallen wird, da wird es auch bringen eine hundertfältige Frucht; aber so es fallen wird auf die Wege dieser Welt oder auf Steine oder zwischen Dornen und wildes Gestrüpp, da wird es keine Frucht bringen. Unter den Menschen aber, die Ich mit dem Wege verglich, sind zu verstehen die eigentlichen Weltmenschen, wie wir heute deren mehrere bei unserem Wirte gesehen haben. Die Wanderer auf dem Wege, die den Samen zertreten, sind ihre Handels- und Gewinnsmühen, und ihre nach allen Richtungen fliegenden Handelsgedanken sind die bezeichneten Vögel, die auch den noch nicht zertretenen Samen auffressen, damit ja keine Frucht zum Vorscheine kommen könne. Diese Art Menschen sind, wie schon gesagt, die eigentlichen Schweine, denen man Meine Perlen nicht zum Fraße vorwerfen soll.
GEJ|6|65|12|0|Unter den Steinen aber sind diejenigen Weltweisen zu verstehen, die zwar alles mit einer gewissen Gier aufnehmen, – da sie aber innerlich in allerlei Weltirrtümlichkeiten begründet und sind gewisserart versteinert in ihrem Gemüte, so hat der neue Same in ihnen zuwenig der belebenden Feuchtigkeit und zuwenig weichen und fugbaren Bodens zur Aufnahme der Nährwurzeln. So dann kommt der Wind und eine Dürre, so dorrt der kleine Halm bald ab, und da er keine Wurzeln hat, so wird er vom Winde auch bald vom Platze hinweggeweht. Oder, so da über einen solchen Menschen irgendeine Versuchung kommt, da sagt er alsbald: ,Ich habe es gleich anfangs gewußt, daß an der Sache nichts daran sein kann! Da ist die Verheißung, die in Erfüllung gehen sollte, – und anstatt der Erfüllung muß ich leiden! Darum fort mit allen solchen neuen Lehren!‘ Das ist also der Stein.
GEJ|6|65|13|0|Wer sind denn hernach die Dornen und das wilde Gestrüpp? Das sind jene recht gutmütigen Weltbürger, die Mein Wort mit recht vielen Freuden aufnehmen und es eine Zeitlang auch recht emsig pflegen. Aber es kommen mit der Zeit allerlei Sorgen und dazu auch allerlei leere Bekümmernisse und Furcht und Ängste. Diese ersticken das lebendige Wort in ihren Herzen, daß es dann auch keine Frucht bringen kann.
GEJ|6|65|14|0|Und so haben wir nur einen kleinen Teil von Menschen, die mit dem wahrhaft guten Erdreiche zu vergleichen sind. Diese nehmen das Wort an und setzen es sogleich gläubig ins Werk. Und da bringt dann der Same die reichliche Frucht, und diese Frucht ist dann das eigentliche Himmelreich im Menschen und hat kein äußeres Schaugepränge. Aber dieses Reich wird sich dann über den Menschen, der es in sich aus Meinem Worte geschaffen hat, ausbreiten und ihm geben alle Seligkeit, Licht, Wahrheit, alle Weisheit und Macht über alle Kreatur.
GEJ|6|65|15|0|Ihr sollet daraus aber auch das ersehen, wohin ihr Mein Wort zu säen habt; denn wohin ihr es säet, da soll es auch Früchte tragen! Vor allem muß es fallen in ein gutes Erdreich. Wenn es da reiche Zinsen abwerfen wird, dann werden die Kaufleute, die Weltweisen und die besorgten Weltbürger schon von selbst kommen und sich bei euch für ihren Acker den Samen erkaufen. – Habt ihr das nun auch ganz wohl verstanden?“
GEJ|6|65|16|0|Sagten alle: „Herr, auch das haben wir recht wohl verstanden und werden Deinen Rat auch ganz sicher befolgen; denn auf Wege, auf Steine und unter die Dornen werden wir diesen edelsten Lebenssamen wohl nicht streuen. – Aber nun kommt uns unser Wirt auch ganz eilig entgegen! Was muß er wohl haben, daß er also eilet?“
GEJ|6|66|1|1|66. — Der habsüchtige Oberste von Kapernaum
GEJ|6|66|1|0|Sagte Ich: „Nicht gar zu viel von besonderer Bedeutung! Aber er komme und erzähle es euch selbst!“
GEJ|6|66|2|0|Da kam der Wirt zu uns und erzählte: „Der Oberste der Synagoge zu Kapernaum hat herausgeschickt um den Zehent der Fische, von denen er vernommen haben will, daß ich deren einen sehr reichen Fang gemacht und ihm davon keine Meldung gemacht habe, und ich soll ihm nun zur wohlverdienten Strafe den dreifachen Zehent von den Edelfischen geben. Es ist nur noch gut, daß er nicht weiß, daß die Fische am Abend eines Sabbats gefangen worden sind; so ihm das verraten worden wäre, da nähme er mir wahrlich alle Fische weg! Schade, daß der frühere Oberste weggekommen ist, – der war ein recht guter Mann; aber der ist für uns eine wahre Plage und behandelt die Menschen nahe also, als wären sie alle pur seine Sklaven! O Herr, wäre denn diesem Übel nicht zu steuern?“
GEJ|6|66|3|0|Sagte Ich: „O ja, und das auf eine ganz eigentümliche Art und Weise! Sende du nun einen Boten zum Obersten hin, und der soll zu ihm sagen, daß er zuvor die Fische in deinem Behälter soll abzählen lassen, damit du ihm dann nicht zuviel und nicht zuwenig des diktierten dreifachen Strafzehenten geben magst und kannst. Da wird er mit seinen Amtleuten bald da sein und die Fische zu zählen anfangen, – aber keine darin finden! Denn die Fische habe Ich geschaffen, kann sie wieder abschaffen und sie dann wieder schaffen. Wird er sich darüber aufhalten und dich beschuldigen wollen, als hättest du etwa die Fische alsbald hinweggeschafft, als dir sein Verlangen bekanntgemacht wurde, da verlange von ihm Zeugen dafür, oder du stellest dich unter den römischen Schutz. So er das hören wird, da wird er gehen und dir fürder keinen Strafzehent mehr auferlegen. Tue das, und es wird schon alles gut sein und werden!“
GEJ|6|66|4|0|Sagte der Wirt: „Aber nun ist auch das Mittagsmahl schon bereitet! Sollen wir das nicht vorher einnehmen, daß wir darunter nicht gestört werden durch den Obersten?“
GEJ|6|66|5|0|Sagte Ich: „Wir nehmen ganz ungestört das Mahl ein, – und wären auch hundert Oberste draußen mit dem Fischzählen beschäftigt! Er kann sich sogar zu uns hereinbegeben, so er will, und er wird ehest gerne sich mit heiler Haut von da nach Hause begeben.“
GEJ|6|66|6|0|Als der Wirt solches von Mir vernahm, ward er sehr froh, sandte sogleich einen Boten an den Obersten, und wir gingen ans Mahl und waren dabei voll guter Dinge, besonders über die durch das Gewitter erfolgte Flucht der vielen Morgengäste.
GEJ|6|66|7|0|Ich aber sagte nach dem Mahle zum Wirte: „Nun kommt er schon; sieh aber du zuvor nach dem Behälter, und du wirst sehen, was für einen Fisch der Oberste darin finden wird!“
GEJ|6|66|8|0|Der Wirt ging nun schnell hinaus und entsetzte sich selbst, als er statt der großen Edelfische die früher beim Gewitter gesehene Riesenschlange darin herumschwimmen sah.
GEJ|6|66|9|0|Der Oberste aber wollte vom Fischzählen auch nichts mehr hören, als er des Ungetüms ansichtig ward. Daß infolge des angeführten Umstandes unser Wirt mit dem Obersten bald und leicht fertig wurde, ist begreiflich; denn von dem Ungetüm verlangte er weder einen einfachen und noch weniger einen dreifachen Strafzehent.
GEJ|6|66|10|0|Als er dessen ansichtig wurde, wich er eiligst zurück und sagte (der Oberste): „Da hat schon statt meiner dieses Ungeheuer den Zehent genommen! Ich hätte wohl sehr gerne ein paar Stücke von diesen Edelfischen auf meinem Tische gesehen, aber weil nichts mehr da ist, so muß es natürlich auch so gut sein. Wo nichts ist, da gibt es auch kein Gesetz und kein Recht, und so sind wir wieder gute Freunde; wenn du aber doch wieder einmal so einen Edelfisch fangen solltest, da laß mir ums Geld etwas zukommen! Denn so du nicht zehn Fische fängst, da gibt es ohnehin keinen Zehent. Aber nun schauen wir nur gleich, so recht weit vom Meere zu kommen; denn das Untier könnte sich aufs Land herauf bewegen und uns alle wie Fliegen wegschnappen! Denn es hat ja einen Rachen zum Häuserverschlingen!“
GEJ|6|66|11|0|Darauf eilte er schnell nach Hause und ließ sich dann lange nicht sehen am Meere, da er vor dem Ungeheuer einen zu mächtigen Respekt bekommen hatte.
GEJ|6|66|12|0|Sowie aber der Oberste hinweg war, da empfahl sich, noch im Angesichte des Wirtes, auch das Ungetüm von einer Wasserriesenschlange und schwamm in großen Krümmungen schnell in die hohe See hinaus, allwo es infolge des hohen Wellenganges nicht mehr sichtbar ward.
GEJ|6|66|13|0|Darauf besah der Wirt allein den großen Fischbehälter, und dieser war, so wie zuvor, voll der schönsten Edelfische. Darauf kam er voll Freude wieder zu uns, aß und trank an unserem Tische und erzählte uns, was er gesehen, und wie er mit dem Obersten ganz gut abgekommen sei. Zugleich aber fragte er auch, in welcher Gegend des Meeres sich solche Ungeheuer vorzüglich aufhalten, damit man sie zu meiden wüßte; denn es wäre etwa doch nicht sehr geheuer, mit ihnen irgendwo zusammenzustoßen.
GEJ|6|66|14|0|Da sagte Ich: „Sei darum ohne Sorge! Dieses Untier wohnt in der möglichst größten Tiefe des Meeres und kommt etwa alle hundert Jahre bei höchst großen Stürmen zum Vorschein, die unter dem Wasser ihren Ursprung haben, was auf den Binnenmeeren eine höchst seltene Erscheinung ist. Dann und wann, wenn diese Untiere der Hunger antreibt, so sie in ihrer Tiefe zuwenig zum Fraße bekommen, kommen sie wohl ans Ufer und rauben da Schafe, Lämmer und Kälber, auch Eselsfüllen und Schweine; Menschen und größere Tiere aber greifen sie nur selten oder auch wohl nicht an. Aber von nun an wird es nie wieder zum Vorscheine kommen; denn seine Lebenszeit ist zu Ende; darum brauchst du dich auch nicht zu fürchten vor ihm. Dem Obersten aber übersende erst nach ein paar Tagen einen Edelfisch, und er wird sich damit ganz zufriedenstellen. – Jetzt aber kann wieder ein jeder eine Frage stellen, so er noch über etwas im unklaren ist; denn von morgen an werden wir etliche Tage hier ruhen und wenig reden von den geistigen Dingen!“
GEJ|6|66|15|0|Sagten alle: „Herr, es gibt nun beinahe nichts mehr, um was wir Dich noch fragen könnten; denn wir haben von Dir ohnehin schon über alles die allerweisesten Lehren bekommen!“
GEJ|6|66|16|0|Sagte Ich: „Nun ruhet, und denket über die empfangenen Lehren nach!“
GEJ|6|67|1|1|67. — Die Unsterblichkeit der Menschenseele
GEJ|6|67|1|0|Sagte der Wirt: „Ich habe zwar auch schon über vieles aus Deinem göttlichen Munde Belehrungen empfangen, aber dennoch hätte ich noch so manche gewichtige Frage im Hintergrunde. Eine darunter kommt mir aber als für das Leben von der größeren Wichtigkeit vor, und so es Dir genehm wäre, möchte ich die Frage wohl gerne von Dir beantwortet haben!“
GEJ|6|67|2|0|Sagte Ich: „Wie klingt denn hernach deine Frage?“
GEJ|6|67|3|0|Sagte der Wirt: „Also, Herr und Meister: Siehe, der Mensch weiß es recht gut, das heißt durch Lehre, daß seine Seele, von der man auch keinen so ganz rechten Begriff hat, unsterblich ist; aber bei allem noch so festen Glauben mischt sich darunter dennoch stets das bittere Gefühl des gänzlichen Absterbens und endlichen vollen Vergehens und Verschwindens aus der Reihe der lebendigen und ihrer selbst bewußten Wesen.
GEJ|6|67|4|0|Mit dem Gedanken des Seins in und über dem Grabe kann man sich selbst bei dem besten Willen nie derart befreunden, daß das Herz darüber eine Wonne empfände, sondern es erschaudert stets von neuem darüber, weil ihm eben in diesem wichtigsten Punkte trotz aller noch so energischen Mühe von gar keiner Seite her ein Licht werden will.
GEJ|6|67|5|0|Weil aber eben der Tod und das Grab des Menschen bitterste Gedanken sind, und weil darüber kein haltbares Licht von irgendwoher zu erhalten ist, so ist es so manchem Menschen wahrlich nicht zu verargen, daß er sich in allen Taumel der Welt hineinstürzt, um diese schwarzen Gedanken in sich zu übertäuben. Also über diesen höchst wichtigen Lebenspunkt wäre so ein rechtes Licht aus Deinem Munde, o Herr, wahrlich etwas höchst Notwendiges! Denn was nützen dem Menschen auch die allerweisesten Lehren, wenn er das Leben der Seele nach dem Tode nicht als völlig klar in seinem inneren Lebensbewußtsein besitzt?! Man befolgt wohl die Gesetze und die Lehren, aber mehr der äußerlichen, bürgerlichen Ordnung denn irgendeiner sicheren Gewinnung des Ewigen Lebens wegen.
GEJ|6|67|6|0|Ich bin nach Möglichkeit doch noch einer der treueren Befolger der Satzungen Mosis und habe über geistige Dinge stets am liebsten und am meisten mit den triftigsten Weisen aller Nationen verkehrt, und sie alle wußten am Ende über den fraglichen Punkt nicht mehr zu sagen denn ich selbst. Die Römer sagen, und mit ihnen auch die Griechen: ,Das ist eben der verhängnisvolle Schleier der Isis, den bis jetzt noch kein Sterblicher gelichtet hat!‘ Ja, das ist recht schön gesagt, und es liegt auch sehr viel Wahrheit darin; aber sie nützt uns leider nichts! Denn der Tote fühlt, hört und sieht nichts mehr, und wir, die wir noch an diesem Leben nagen wie die Würmer an einem faulen Stück Holz, sehen, hören und fühlen von dem Verstorbenen auch nichts anderes mehr als seinen toten und stinkenden Leib, der wenige Jahre darauf zu Staub und Asche wird. Also, Herr und Meister, der Du das Leben selbst bist nach Deiner Lehre, gib mir und eigentlich uns allen darüber ein unzweifelhaftes Licht, darum ich Dich sehr bitte! Denn wahrlich, mit dem finsteren Gedanken an den Tod, an das Grab und an die Vernichtung möchte ich kein Jahr mehr gemeinschaftlich leben!“
GEJ|6|67|7|0|Sagte Ich: „Ja, Mein lieber Freund, deine Frage ist ganz gut gestellt, und es leuchtet aus ihr ein menschliches Bedürfnis ersten Ranges hervor; aber dir darüber eine derartige Belehrung zu geben, daß du das ewige Leben deiner Seele durch ein entschieden klarstes Bewußtsein in dir fühltest, ist eine ganz überaus schwierige Sache! Denn sieh, Ich bin ja eben darum in diese Welt gekommen, um den Menschen dadurch das volle Innewerden des ewigen Lebens zu verschaffen, wenn er vollkommen nach Meiner Lehre lebt und handelt! Kennt aber ein Mensch Meine Lehre nicht, oder – so er sie auch kennt – lebt er aber dann dennoch nicht danach, so kann er zu diesem inneren Lebensbewußtsein auch nicht gelangen, weil Ich allein der Weg und die Türe dazu bin.
GEJ|6|67|8|0|Du siehst an einem Baume die Blüte; aber von der werdenden Frucht ersiehst du während der Blütezeit wenig oder nichts. Erst wenn die Blüte abgefallen ist, wird ein ganz kleiner Fruchtansatz bemerkbar. Aber in der Frucht muß ja auch der Same mit dem Lebenskeime erwachsen; wo aber ist der noch im ersten kleinen Fruchtansatze zu bemerken?! Da scheint noch alles ein und dasselbe zu sein. Die Fähigkeit ist wohl schon darin, aber du vermagst sie noch lange nicht von all den andern leblosen Teilen zu unterscheiden, in denen kein Lebenskeim reift. Wenn aber die Frucht die völlige Reife erlangt, dann wirst du ganz leicht und ohne alle Mühe das Samenkorn entdecken.
GEJ|6|67|9|0|Und siehe, nahe also ist es auch mit dem vollen und klaren Seelenlebensbewußtsein im Menschen! Solange der Mensch solches nicht in sich hat, so lange ist die Seele in ihrem Leibe noch nicht unterscheidbar von dem Fleische lebensreif. Sie ist noch zu sehr und zu eng verbunden mit dem Fleische und kann in sich denn nicht viel anderes fühlen und wahrnehmen als eben das Los ihres Leibes, – und selbst die besten Erklärungen können der noch lebensunreifen Seele das innere, völlig reife Lebensbewußtsein nicht geben.
GEJ|6|67|10|0|Hat aber einmal durch die eigene Tätigkeit nach Meiner Lehre eine Seele die besagte Lebensreife erreicht, dann ist ihr jeder weitere Beweis dafür ganz unnotwendig. Oder bedarfst du wohl dafür eines Beweises, daß du nun naturmäßig in deinem Leibe lebst? Sicher nicht, und du müßtest jedem ins Gesicht lachen, der sich's vornähme, dir zu beweisen, daß du nun im Leibe lebst, dich bewegst und nach allen Richtungen hin tätig sein kannst. So du aber in einem tiefen Schlafe daniederlägest, könnte dir da ein noch so triftiger Beweis dafür, daß du noch lebst, etwas nützen, da du ihn gar nicht zu vernehmen imstande wärest?!
GEJ|6|67|11|0|Siehe, auch ein jedes Tier hat eine Seele, deren Sein eben auch ein geistig- substantielles und somit unzerstörbares sein muß, da es sonst den Tierleibesgliedern keine Bewegung geben könnte! Gehe aber hin und erkläre es einem Tiere, was seine Seele ist, und wie es lebt allein durch die Seele! Würde ein Tier wohl verstehen, was du zu ihm gesagt hättest? Sicher ebensowenig, als wenn du solches zu einem Steine geredet hättest! Warum aber versteht das Tier solches nicht, und warum hat es nicht Worte, um seine Empfindungen einem andern Geschöpfe mitzuteilen?
GEJ|6|67|12|0|Siehe, eine Tierseele ist notwendig noch zu tief in ihr Fleisch eingegraben und empfindet außer dem Bedürfnisse ihres Leibes nahezu nichts! Will jemand ein Tier zu einer ganz einfachen Arbeit abrichten, so muß er sich viele Mühe nehmen, um eine Tierseele aus ihrem Fleische insoweit zu wecken, daß es dann versteht, was der Mensch von ihm will.
GEJ|6|67|13|0|Glaubst du aber, daß es Menschen gibt, deren Seelen eben nicht gar zu weit über den Tierseelen stehen, ja manchmal von ihnen sogar augenscheinlich übertroffen werden? Nun, solche Seelen durch Worte zu einem inneren Lebensbewußtsein schon diesseits zu bringen, wäre eine völlig vergebliche Arbeit und Mühe! Es genügt hier für solche Menschen schon ein blinder und stummer Glaube, daß ihre Seelen nach dem Tode des Leibes fortleben und dort entweder einen Lohn oder eine Strafe zu erwarten haben, auf daß sie sich dadurch in irgendeine gesetzliche Ordnung, wie der Ochse in sein Joch, fügen. Alles Weitere muß für einen andern Lebenszustand aufbewahrt werden.
GEJ|6|67|14|0|Ein Tier kann nur durch allerlei schmerzerregende Zucht in eine brauchbare Tätigkeitsintelligenz gebracht werden, – ebenso ein ganz gemeiner Weltmensch, dessen Seele nur nach der Befriedigung der Leibesbedürfnisse strebt, aber bis auf die Wortbefähigung vor einer Tierseele nahezu nichts Erhebliches aufzuweisen hat.“
GEJ|6|68|1|1|68. — Die Ursache der Todesfurcht
GEJ|6|68|1|0|(Der Herr:) „Daß aber Menschen wie du es bis jetzt von dem Fortleben der Seele nach des Leibes Tode zu keinem bestimmten Bewußtsein haben bringen können, davon habe Ich dir den Grund bereits gezeigt, und du wirst ihn auch eingesehen haben; aber die Furcht vor des Leibes Tode liegt eigentlich nicht so sehr in dem unbestimmten Bewußtsein des Lebens der Seele nach dem Abfalle des Leibes, als vielmehr in der Liebe zur Welt und in der Selbstliebe. Durch diese beiden Liebearten wird die Seele stets mehr und mehr in ihr Fleisch vermengt, und die Folge davon ist, daß sie eben dadurch das Gefühl des Sterbens, Vergehens und Aufhörens stets mehr und mehr zu ihrem eigenen machen und übergehen muß in allerlei Angst und Furcht.
GEJ|6|68|2|0|Siehe, die Urväter der Menschen dieser Erde hatten keine Furcht vor dem Tode des Leibes, sondern oft nur eine Sehnsucht danach, daß sie befreit würden von dem gebrechlich gewordenen Leibe! Sie hatten ob ihres Gott wohlgefälligen Lebenswandels von Zeit zu Zeit helle Blicke und Gesichte ins Jenseits und hatten sich dadurch ein klares und wahres Bewußtsein über das Leben der Seele nach dem Abfalle des Leibes erworben.
GEJ|6|68|3|0|Aber in dieser Zeit ist ja beinahe aller Glaube an Gott bei den Menschen erloschen! Wo sollte dann bei den Menschen das helle Bewußtsein des Lebens der Seele nach dem Leibestode noch herrühren?!
GEJ|6|68|4|0|Ich sage es dir: Wo man an dem Grunde alles Lebens schon beinahe allgemein zweifelt, da ist es dann gar nichts Wunderbares, wenn man über das Fortleben der eigenen Seele nach des Leibes Tode in starkem Zweifel ist.
GEJ|6|68|5|0|Gehe hin zu den Sadduzäern, und du wirst finden, daß sie fürs erste äußerst materielle, die Welt und sich über alles liebende Menschen sind, fürs zweite an gar keinen Gott glauben und darum fürs dritte auch die Unsterblichkeit der menschlichen Seele völlig ableugnen und jeden einen Narren schelten, der irgend an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die nichts als ein wahnsinniges Phantasiebild eines schwachhirnigen Menschen sei, glaubt, und das gar durch leere Reden beweisen will.
GEJ|6|68|6|0|Weiter siehe an die rechten Kyniker, Schüler des weltweisen Griechen Diogenes! Das sind sogar wahre Feinde des Lebens, und sie verwünschen irgendeine Kraft, die sie ohne ihre Einwilligung ins Leben rief. Sie leben zwar höchst gesittet und nüchtern und verachten allen Luxus, ja selbst die geringste Bequemlichkeit des Lebens. Für sie ist die größte Wohltat der Tod, hinter dem sie kein Leben mehr, sondern das ihnen höchst erwünschte gänzliche Nichtsein erwarten.
GEJ|6|68|7|0|Aber dafür kannst du wieder in Indien noch heutzutage Menschen finden, die mit den Seelen verstorbener Menschen geradeso umgehen wie mit Lebenden und sich mit ihnen über tausenderlei geheime Dinge besprechen. Diese Menschen haben auch nicht die allerleiseste Spur von einer Furcht vor des Leibes Tode, – im Gegenteil ist der Sterbetag eines Menschen bei ihnen ein wahrer Jubeltag und die Geburt eines Kindes zur Welt ein wahrer Trauertag.
GEJ|6|68|8|0|Siehe, so sind in dieser deiner fraglichen Hinsicht die Menschen höchst verschieden! Wovor sich oft ein Volk sehr fürchtet, davor hat ein anderes Volk sogar unter den verschiedenartigsten Lehren und Erwartungen nicht die allerleiseste Furcht und Angst. Am meisten aber fürchten sich vor dem Leibestode die Juden, und der Grund davon ist eben ihre große Weltliebe und sinnliche Lust. Wer diese so sorgfältig pflegt wie die Juden, der muß mit der Zeit um alles höhere Licht kommen; denn nichts schadet dem rechten und lebendigen Glaubenslichte so sehr als eben die Unzucht, allerlei Geilheit und die förmliche fleischliche Hurerei, die schon seit langem bei den Juden um vieles ärger gang und gäbe ist denn sogar bei den allerfinstersten Heiden. Diese Sünde erstickt die Seele förmlich im Schlamme des Fleisches und tötet sogar das Fleisch selbst. Wenn aber also, woher soll dann solch eine Seele das lichte Lebensbewußtsein nehmen?!
GEJ|6|68|9|0|Du bist nun zwar ein Mensch, der Mir sehr angenehm ist, und Ich werde dir mit der rechten Zeit schon wieder das Lebensbewußtsein in deine Seele legen; aber in deinen jungen Jahren hast auch du den Fleischeslüsten sehr gehuldigt, und sieh, eben darin liegt denn auch bei dir hauptsächlich der Grund, warum du trotz all deines noch so fragenden Forschens bis jetzt noch immer zu keinem vollwahren und untrüglichen Lichte gekommen bist! Bei deinem gegenwärtigen keuscheren Leben wirst du auch bald zu mehr innerem Lebenslichte gelangen und dann nicht mehr also fragen, wie du jetzt gefragt hast. – Hast du Mich nun wohl verstanden?“
GEJ|6|68|10|0|Sagte der Wirt: „O ja, nur zu gut habe ich Dich verstanden und sage nun mit den Römern: HINC ERGO ILLAE LACRIMAE! ["Daher also jene Tränen!", d.h.: das also ist die Ursache!] Ja, ja, Herr, Du Allwissender, meine Jugendsünden haben viel von meiner seelischen Lebenskraft aufgezehrt, und jetzt in meinen älteren Tagen merke ich gar sehr deren Abgang. Es ist hier nur die Frage, wie man das nun nur einigermaßen wieder ersetzen kann und mag.“
GEJ|6|68|11|0|Sagte Ich: „Solange ein Mensch auf dieser Erde lebt und einen vollkommen lebendig ernsten Willen hat, ist das alles noch gar wohl möglich, wovon dir David ein lebendiges und handgreifliches Beispiel gibt; denn auch er hatte zu einer Zeit, die euch nicht unbekannt ist, viel gesündigt in der Sphäre der Fleischeslust. Aber er hat sich dann auch zu rechter Zeit ermannt, sündigte aus Liebe zu Gott nicht mehr und ward darum ein Mann nach dem Herzen Gottes. Denn wahrlich, Ich sage es dir, daß im Himmel mehr Freude ist über einen Sünder, der seine Sünden als solche erkennt, sie verabscheut, wahrhaft bereut, eine rechte und vernunftgemäße Buße übt und sich vom Grunde aus bessert und nicht mehr sündigt, denn über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben! Oder ist das nicht unter den Menschen also der Fall, daß ein Mensch über eine verlorene und dann wieder glücklich gefundene Sache von einem noch so unbedeutenden Werte mehr Freude hat denn über seine großen Schätze, die da nie verloren waren?! Siehe, ebenso ist es auch bei Gott, und wäre es nicht also, so hättest du Mich nun in dieser deiner Herberge wahrlich nicht als deinen Gast!
GEJ|6|68|12|0|Es ist wohl sehr wahr, daß dir deine Jugendsünden so manchen Schaden gebracht haben, sowohl für dein Fleisch, wie dadurch auch für deine Seele; aber da du das erkannt hast und hast dich ganz abgewendet von der Sünde, so bin Ich denn auch zu dir in dein Haus gekommen, um dich vollständig von allen deinen Übeln zu heilen.
GEJ|6|68|13|0|Wo aber Ich einmal eingezogen bin, da ist auch die vollste Vergebung aller Sünden und das Licht und das ewige Leben selbst eingezogen. Ich kann dir darum sagen, daß deinem Hause und dir selbst nun ein großes Heil widerfahren ist, und die Folgen werden dich darüber näher belehren denn nun Ich Selbst; denn Ich habe dir nun nur die Belehrung und die Verheißung gegeben, aber erst in der Erfüllung wirst du die Fülle der Wahrheit in dir gewahren.“
GEJ|6|69|1|1|69. — Die göttliche Liebe, ihre Fürsorge und Weisheit
GEJ|6|69|1|0|(Der Herr:) „Wahrlich, Ich sage dir: Wer Mein Wort hört, es als Wahrheit annimmt und treu danach lebt und handelt, der wird hinfort keinen Tod mehr fühlen noch schmecken! Aber wer Mich nur so als eine wohl gute Beute neben der Welt gleichschrittig einherziehen will, der wird bis zu seinem diesweltlichen Ende wenig des geistigen Lebenstrostes in sich verspüren, und jenseits wird sich dann erst klar zeigen, was bei ihm das Übergewicht hatte. Denn wer mehr Welt in sich hat, der wird sehr zu tun haben, um nur einmal das Gleichgewicht herzustellen, und Ich Selbst werde noch gar lange nicht in seinem Hause zu Gaste sitzen und bei Ihm Meine Ruhe nehmen.
GEJ|6|69|2|0|Du aber, der du nun das weißt, sei guten Mutes, und denke dir, daß man mit einem Hiebe keinen voll ausgewachsenen Baum umhaut, und du wirst Ruhe finden in deinem Gemüte! Du brauchst von nun an bloß nach Meinem Worte zu handeln, und dir wird das andere, was du suchest, schon zur rechten Zeit hinzugegeben werden.
GEJ|6|69|3|0|Sorge dich auch nicht so sehr um dein Haus, und was die Deinen essen und trinken werden; denn das tun nur die Weltmenschen und die Heiden, die von Gott und respektive von Mir nichts wissen! Suche nach Meinem Worte nur allein das Reich Gottes und seine lichtvollste Gerechtigkeit, die da vor allem besteht in der Liebe zu Gott und zum Nächsten, so wird dir alles andere ganz frei hinzugegeben werden!
GEJ|6|69|4|0|Siehe an die Blumen auf dem Felde, die nichts arbeiten und auch nichts ernten, und der Vater im Himmel sorget dennoch also für sie, daß sie ernährt werden und dazu am Ende noch um vieles herrlicher bekleidet sind, als je Salomo in seiner höchsten Königspracht bekleidet war.
GEJ|6|69|5|0|Wenn aber Gott schon für das Gras also sorgt, das heute wächst und morgen abgemäht und nach einer alten Sitte in Bündeln getrocknet und in dem Ofen zu Asche verbrannt wird, um wieviel mehr wird Gott erst für jene Menschen sorgen, die Ihn lieben und Seine Gebote halten!
GEJ|6|69|6|0|So aber schon die Menschen, die zumeist nun arg und böse sind, ihre Kinder lieben und ihnen möglichst viel Gutes erweisen, um wieviel mehr wird der allgütigste Vater im Himmel das denen tun, die Er als würdig für Seine Kinder befunden hat! Oder hast du je von einem Menschen vernommen, der mit vieler und wahrer Weisheit begabt war, daß er grausam und unerbittlich hart gegen seine Nebenmenschen oder gar gegen seine Kinder gewesen wäre?!
GEJ|6|69|7|0|Es ist seit Menschengedenken bekannt, daß ein weiser Mensch auch ein guter Mensch ist und allen Menschen Gutes will. Nur die Weisheit gab den Menschen Gesetze, durch deren leichte Beachtung sie alle vollauf glücklich werden könnten; sie sanktionierte die Gesetze nur der bösen und eigensinnig- ungehorsamen Menschen wegen, damit die guten Menschen ein Mittel in ihren Händen hätten, die bösen Narren zum Guten mit Gewalt anzuhalten, so die sanften Ermahnungen nichts fruchteten. Also ist auch die Sanktion der Ordnungsgesetze ein Akt der Liebe und Erbarmung aus der Weisheit.
GEJ|6|69|8|0|Wenn aber schon eine volle Weisheit der Menschen nur Gutes wirkt, und die unweisen Menschen zum wahren Glücke des Lebens lenkt, um wieviel mehr die allerhöchste und tiefste Weisheit Gottes!
GEJ|6|69|9|0|Daß sie wider ihre eigene Ordnung, von der das Bestehen aller Kreatur abhängt, nicht wirken kann und auch ewig nie wirken wird, das muß ein jeder nur einigermaßen weise Mensch gar wohl begreifen, weil dadurch die Existenz und das Glück aller guten und seligen Wesen gefährdet würde. Aber die höchste Weisheit will auch die widerspenstigen Geister und Wesen zum Guten und Wahren bringen und hat zu dem Zwecke die tauglichsten Mittel gestellt, die dem verstockten Sünder freilich wohl nicht wie Milch und Honigseim schmecken werden, – aber es wird dennoch stets von seinem Willen abhängen, sie zu ändern, wenn er wollen wird.
GEJ|6|69|10|0|Und also steht es denn auch schon hier. Alles hängt von dem ernsten Wollen des Menschen ab; so er sich ernstlich bessert und volltrauig Gott bittet um etwas Rechtes und Gutes immer in Meinem Namen, so wird es ihm gegeben werden nach dem Maße seiner wahren Besserung und seines Glaubens und Vertrauens. Und du kannst nun mit solcher Meiner allerwahrhaftigsten Verheißung denn auch vollends zufrieden sein.
GEJ|6|69|11|0|Wer dies alles wohl bedenkt und danach tut, der wird in allem ganz glücklich sein und vor des Leibes Tode keine Angst und Furcht mehr haben, so er auch zuvor ein großer und grober Sünder gewesen ist. Denn Gott, der Vater im Himmel, hat Mich ja nur um der Sünder und nicht um der Gerechten willen in diese Welt gesandt, und wie Mich der Vater gesandt hat, ebenso werde auch Ich euch zu den Sündern senden; denn nur die Kranken bedürfen des Arztes, und nicht die Gesunden. – Bist du nun ganz im klaren?“
GEJ|6|69|12|0|Sagte der Wirt: „Oh, wer sollte da nun noch im unklaren sein?! – Aber nun fängt der Tag sich auch schon ein wenig zu neigen an. Was sollen wir nun anfangen?“
GEJ|6|69|13|0|Sagte Ich: „Das hängt nun von dir ab; denn für heute, morgen und übermorgen werde Ich gar nichts bestimmen. Hast du aber irgend etwas, so sage es, und Ich werde sehen, was da zu tun sein wird!“
GEJ|6|70|1|1|70. — Das versunkene Land
GEJ|6|70|1|0|Sagte der Wirt: „Ich hätte wohl etwas; aber es kommt mir beinahe als zu geringfügig vor, um Dich, o Herr, damit zu belästigen!“
GEJ|6|70|2|0|Sagte Ich: „So rede; denn Mir ist nichts zu geringfügig in der Welt!“
GEJ|6|70|3|0|Sagte der Wirt: „So wolle mich denn gnädigst anhören! Siehe, ich habe nebst dieser Besitzung noch eine Hube unfern von hier, allwo ich meine besten Rinder und Schafe halte, und habe dort auch mehrere recht getreue Knechte und Mägde! Im großen Tiergarten, der allenthalben mit dem üppigsten Grase bestellt ist, hat sich vor ein paar Monden eine nahe bei ein viertel Morgen großes Stück Land derart eingesenkt, daß nun an der Stelle ein derartiges Loch besteht, daß seine Tiefe gar nicht zu ermessen ist und man auch gar nicht wissen kann, ob sich da nicht bald noch mehr Land nachsenken wird.
GEJ|6|70|4|0|Ein alter, in diesen Dingen ziemlich kundiger Mann fragte mich, ob sich die Tiere dem Loche nahen. Und ich sagte ihm, wie es ist, die volle Wahrheit. Ich ließ einige Schafe und Rinder nahe an das Loch bringen; aber je näher sie dem großen Loche kamen, desto mehr sträubten sie sich, und als sie nur mehr etwa zehn gute Schritte vom Loche entfernt waren, da rissen sie aus und liefen jählings von dannen. Selbst die Ziegen sind nicht in die Nähe des Loches zu bringen, obwohl sie sonst auf den höchsten Felsen ganz behaglich und unerschrocken herumzuklettern pflegen. Darauf sagte der kundige Mann, daß dies ein sicheres Zeichen wäre, demnach da noch mehr Land einsinken werde. Und in dieser mir als Grundbesitzer immerhin sehr mißlichen Sache frage ich denn nun auch Dich, was das zu bedeuten hat, was da noch zu erwarten ist, und ob dem Übel doch vielleicht möglich durch irgend etwas abgeholfen werden könnte.“
GEJ|6|70|5|0|Sagte Ich: „Da gehen wir hinaus und besehen diesen Mutwillen der rohen Erdgeister, die das verübt haben durch Antrieb von anderen Geistern jener verstorbenen Menschen, die darum als deine Feinde hinübergewandelt sind, weil du die Hube infolge einer gerichtlichen Pfändung ob der nicht bezahlten großen Schulden käuflich an dich gebracht hast! Gehen wir also hinaus und nehmen die Sache in Augenschein!“
GEJ|6|70|6|0|Wir erhoben uns nun schnell von unseren Sitzen und zogen zu der verhängnisvollen Hube hinaus, die etwa eine kleine halbe Stunde von da entfernt war. Wir kamen sonach bald zu dem wahrlich sehr unheimlichen Loche. Außer Mir und dem Wirte getraute sich niemand, völlig an den Rand des Loches zu treten. Die zwanzig neuen Jünger schauderten schon von weitem zurück; denn es war das Loch wahrlich recht grauenhaft anzusehen. Der Wirt sagte, daß er selbst dem Loche noch nie so nahe gekommen sei und erst jetzt seine unabsehbare Tiefe sehe.
GEJ|6|70|7|0|Ich aber sagte zu ihm: „Gehe hin und bringe Mir einen recht tüchtigen Stein, und Ich werde sehen, ob das Loch nicht auszufüllen ist!“
GEJ|6|70|8|0|Da ging der Wirt und brachte Mir einen mindestens zehn Pfund schweren Stein. Ich aber nahm den Stein und schleuderte ihn mit großer Gewalt in das Loch. Bald fing aus dem Loche eine gewaltige Rauchsäule sich zu erheben an und verbreitete einen stark schweflichen Gestank.
GEJ|6|70|9|0|Ich aber bedrohte die Rauchmasse und sagte: „Ihr argen Geister alle, Ich, der Herr, gebiete euch, dieses Loch alsogleich auszufüllen für jetzt und alle Zeiten!“
GEJ|6|70|10|0|Da vernahm man aus der Rauchmasse Stimmen, die da riefen: „Jesus aus Nazareth, Du Sohn des lebendigen Gottes, wir kennen Dich! Warum kamst Du denn, uns zu quälen vor der Zeit? Wir sind hier gedrückt und machten uns Luft. Warum gönnst Du uns diese Freiheit nicht? Hier ist uns ein großes Unrecht geschehen, das unsern Leib tötete. Wir haben alles verloren. Warum soll der Käufer nun nicht auch etwas verlieren? Wir bedürfen dieses Fleckes Landes in unserer entsetzlichen Tiefe. Warum sollen wir es denn nicht besitzen?“
GEJ|6|70|11|0|Sagte Ich: „Tut, was Ich euch befohlen habe, oder es wird euch noch Ärgeres widerfahren!“
GEJ|6|70|12|0|Da senkte sich der Rauch, und im Innern des Loches fing es ganz gewaltig zu toben und zu brausen an. Es dauerte dieses jedoch nur ganz kurz, und schon bemerkte man, wie das eingesunkene Erdreich allmählich heraufstieg, und nach einer kleinen Stunde war das Loch wieder völlig also unkenntlich ausgefüllt, daß da niemand merken konnte, daß dieser Teil je eingesenkt war.
GEJ|6|70|13|0|Ich aber berief nun alle die alten und neuen Jünger und sagte: „O ihr Kleinmütigen! So gehet denn jetzt her und betretet den eingesunkenen Boden als erhoben aus seiner Tiefe, und erkennet, wie der Macht des göttlichen Willens nichts widerstreben kann!“
GEJ|6|70|14|0|Da gingen alle Jünger hin und überzeugten sich völlig, wie der Macht Meines Willens nichts einen Trotz bieten kann.
GEJ|6|71|1|1|71. — Das Wesen der bösen Geister
GEJ|6|71|1|0|Der Wirt aber fragte Mich, was denn die Geister in der ersichtlichen Rauchmasse damit hätten sagen wollen, daß Ich sie nicht vor der Zeit quälen solle.
GEJ|6|71|2|0|Sagte Ich: „Siehe, alle die abtrünnigen Geister halten das für eine Qual, so sie zum Gehorsam gegen Gott ermahnt werden; denn aller Hochmut kennt für sich keinen Gehorsam, da er allein nur herrschen und gebieten will. Sie aber meinten, daß sie noch zu kurz in der Geisterwelt seien, als daß sie nun Meinem göttlichen Willen sich als gehorsam erweisen sollten. Siehe, ihnen wäre es nun schon am allerliebsten, wenn sie so eine völlige Ewigkeit in ihren bösen und rachsüchtigen Freuden verbleiben dürften, und es ist ein jeder Geist, der sie zu einer Ordnung und zu einem Gehorsam ermahnt oder oft gar mit Gewalt antreibt, ihr Feind und ihr Quäler!
GEJ|6|71|3|0|Darum bedrohte Ich sie denn auch sogleich, und sie mußten sich fügen und fügten sich auch, obwohl mit dem größten Unwillen. Allein, das macht nichts für derlei Geister, die im Gerichte und somit auch im Tode stecken, da ihre eigensinnige Freiheit nicht eine Freiheit, sondern nur ein Gefängnis und ein ärgstes Gericht ist, aus dem sie nach und nach nur dadurch mehr und mehr befreit werden können, so ein mächtigerer Wille denn der ihrige sie ergreift und zu einer guten Tat zwingt.
GEJ|6|71|4|0|Sie gleichen jenen Schläfern, die sich in allerlei süßen Träumen als Fürsten und Könige herumwiegen, im Traume allerlei dummes Zeug zusammenreden und sich oft sehr abmühen. Nun weiß aber jedermann, daß derlei Träume der menschlichen Naturgesundheit eben nicht sehr zuträglich sind, und daß es gut ist, solche Morgensüßträumer zu wecken. Wenn da solch ein Schläfer geweckt wird von einem Wachen, wie wird er da voll Ärgers und Grimmes! Aber wenn er mit der Zeit völlig wach wird, so ist er dann dennoch sehr froh darob, daß er von seinem betäubenden Schlafe geweckt worden ist. Er ist mit dem Wachwerden freilich um alle seine schönen Fürstentümer gekommen und von einem Könige wieder zu einem ganz gewöhnlichen Menschen herabgesunken; aber als solcher ist er auch eben zu der klaren Erkenntnis gekommen, daß sein Königtum nichts als nur ein eitel krankhafter Fiebertraum gewesen ist.
GEJ|6|71|5|0|Und sehet, so geht es auch mit solchen Geistern, nur mit dem Unterschiede, daß sie in solchen Träumen oft eine gar sehr lange Zeit zubringen und sich selbst dann noch äußerst schwer erwecken lassen!
GEJ|6|71|6|0|In einem ähnlichen Traume befinden sich aber auch alle die weltlichen und diesirdischen Glücksritter, die in allen Gattungen der menschlichen Seinssphäre auf dieser Erde überaus reichlich vertreten sind. Sie fühlen sich ganz glücklich dabei, und wehe dem, der es wagen würde, sie für den Ernst dieses Lebens zu wecken durch Worte und Taten! Aber so man doch aus den vielen einen oder den andern dann und wann zu erwecken imstande ist, so wird der Erweckte darauf sicher sehr froh werden, weil er in dem geistwachen Zustande erst die Gefahr stets mehr und mehr zu erkennen und einzusehen beginnt, in der er sich in seinem blinden Sinnenschlafe befunden hatte.
GEJ|6|71|7|0|Daher möget ihr es denn auch versuchen, ob irgendein solcher sinnenberauschter Mensch noch nüchtern und wach zu machen ist! Ist er es, so erwecket ihn, und es wird euch das von großem Nutzen sein, weil er dann wieder leichter denn Ich auf seine Sinnesverwandten fruchtbringend rückwirken kann; läßt er sich aber nicht erwecken, so lasset den faulen und trägen Esel schlafen! Da müssen dann schon andere Weckmittel kommen, um solche Schläfer zu wecken. Dergleichen Mittel aber heißen Krankheiten aller Art und Gattung, Krieg, Hungersnot und Pestilenz. – Habt ihr das verstanden?“
GEJ|6|71|8|0|Sagte der Wirt: „O ja, Herr und Meister, es ist genau also, und es muß auch schon also sein! Aber etwas traurig bleibt die Sache mit solchen Schläfern immer, weil da, wenn Gott einmal die großen Übel über die Menschen ausgießt, gar oft der Unschuldige mit den vielen Schuldigen leiden muß.“
GEJ|6|71|9|0|Sagte Ich: „Er leidet aber auch so als ein Wacher unter den so vielen Schläfern, und somit verliert er wenig oder nichts. Oder ist es etwa wohl sehr angenehm, sich in einem Gemache als ein Wacher unter lauter Schlafenden zu befinden und lautlos zu sein?!“
GEJ|6|71|10|0|Sagte der Wirt: „Ja, ja, das ist wohl sehr wahr, – es müßte eine wahre Pein sein für einen weisen Menschen, sich unter lauter Narren und unter Stummen und Blinden zu befinden, mit denen er nie nur ein vernünftiges Wort tauschen könnte! Und da ist dann wahrlich ein Leiden, das zu einer Besserung führt, besser in sich selbst denn ein Leiden, das offenbar zu keiner Besserung führt. Ah, Herr, ich weiß es gar nicht, wie unaussprechlich glücklich ich nun bin in Deiner vollstgöttlichen Gegenwart! Ich werde Dich nicht aus meinem Hause allein ohne mich fortziehen lassen können; denn ohne Dich würde mir nun schon alles ganz weltfremd und überaus unheimlich vorkommen. Aber nun möchte ich denn doch wissen, wie tief nach irdischem Maße dieses Loch war.“
GEJ|6|71|11|0|Sagte Ich: „Das war sehr tief; die Tiefe maß bei tausend Ellen.“
GEJ|6|72|1|1|72. — Geistereinflüsse bei natürlichen Vorgängen als Zulassungen der Vorsehung
GEJ|6|72|1|0|Sagte der Wirt weiter: „Aber haben die rohen und argen Geister wohl eine so große Kraft, ein so bedeutendes Stück Land, das noch dazu sehr fest ist, in eine solche Tiefe hinabzudrücken?“
GEJ|6|72|2|0|Sagte Ich: „Sie haben eigentlich ebensowenig Kraft wie ein schlafender Held; aber es wird dann und wann zu ihrer eigenen Weckung zugelassen, daß etwas nach dem Willen einer höheren, vollwachen, geistigen Macht in der Wirklichkeit geschieht, was solche argen Geister in ihrer nichtigen Traumphantasie ausführen wollen, und wozu sie stets leere Anstalten machen. Geschieht dann so etwas, so werden sie plötzlich wach und sehen ihr Elend ein. Dadurch werden dann manche aus ihrem bösen Traumleben in ein wacheres durch ihr eigenes Wollen versetzt und hüten sich darauf schon mehr, in solche bösen Phantasien zu geraten, damit nicht wieder über sie etwas einstürze und sie übel zurichte in ihrem vermeinten freien Sein.
GEJ|6|72|3|0|Es war aber das nur ein Zusammentreffen von schon seit lange her wohlberechneten Umständen zur Erreichung eines guten Zweckes. Hier unter diesem Stück Land befand sich schon seit für euch undenkbaren Urzeiten der Erde eine große Höhlung und machte eine unterirdische Fortsetzung des Meeres aus. Allein mit der Zeit verlegte und verstopfte sich durch den angehäuften Meeresschlamm die schon anfangs etwas enge Verbindung des Offenmeeres und des mit ihm verbundenen unterirdischen, das von dem offenen seinen Zufluß hatte. Als dieser mit der Länge der Zeiten ganz versiegt war, da versank nach und nach das unterirdische Wasser, und es entstand dadurch ein großer hohler Raum. Durch die öfteren Erdbeben löste sich unter diesem Landstücke ein lockerer Teil um den andern ab und fiel in die Tiefe des hohlen Raumes. Dadurch ist dies eingestürzte Stück Land natürlich stets dünner und schwächer in seiner Haltbarkeit geworden.
GEJ|6|72|4|0|Als in der jüngsten Zeit von den rohen Erdgeistern infolge einer stummen Erregung von seiten der argen Seelen, die sich ihrer Materiellheit wegen dem Seinsraume nach zumeist in den unteren Erdhöhlen aufhalten, eine kleine Rüttlung der Erde bewirkt ward, da fiel denn auch seiner Schwäche wegen dieses ganze Stück Land ein und stürzte in die Tiefe hinab. Das war der eigentlich ganz natürliche Grund; aber er ist dennoch nicht pur ganz natürlich, sondern auch geistig, da er schon seit undenklichen Zeiten zum Behufe des Erwachens der argen Schlafgeister von Gott vorgesehen und zugelassen wurde.
GEJ|6|72|5|0|Und so geschieht auf der Erde gar nichts so ganz eigentlich pur Naturmäßiges für sich, sondern allzeit in voller Verbindung mit dem Geistigen, eines geistigen Zweckes wegen; denn es ist in aller Welt das Geistige streng mit dem Naturmäßigen im steten Verbande und in einer steten wechselseitigen Aufeinanderwirkung, was ihr aber erst dann völlig klar einsehen werdet, wenn ihr durch die Taten nach Meiner Lehre in eurem Geiste wiedergeboren sein werdet. – Nun aber können wir uns nach dieser getanen Arbeit schon wieder nach Hause begeben; denn wir werden dort auch etwas Neues antreffen.“
GEJ|6|72|6|0|Sagte der Wirt: „Herr, soll ich nicht zuvor meine Knechte und Mägde hierher rufen, auf daß auch sie es erfahren, was für ein nie erhörtes Wunder hier bewirkt wurde?“
GEJ|6|72|7|0|Sagte Ich: „Lasse du das heute nur gut sein; denn dafür ist morgen auch der Zeit zur Genüge! Daß sich deine Dienstleute darüber sehr verwundern werden, das ist etwas ganz Gewisses; aber sie werden aus solcher Verwunderung für ihre noch sehr sinnlichen Seelen sehr wenig Nutzen schöpfen, denn sie sind zumeist Griechen und somit noch recht finstere und sehr abergläubische Menschen und werden diese Wirkung sogleich irgendeinem sogenannten Halbgotte zuschreiben. Sie werden dich über den Grund dieser Erscheinung eher noch zu unterweisen anfangen als du sie; und sagst du ihnen, daß Ich, der Zimmermann aus Nazareth, solches bewirkt habe, so werden sie dich entweder auslachen oder sagen, daß Ich Selbst mit einem Halbgotte in irgendeiner Verbindung stehe und darum solches wohl zu bewirken imstande sei.
GEJ|6|72|8|0|Derlei Menschen sind zur Aufnahme des Reiches Gottes noch lange nicht fähig; sie müssen zuvor auf eine geschickte Weise vorbereitet und in den Stand gesetzt werden, heller über alle Erscheinungen in der Naturwelt zu denken und zu urteilen. Aber diese Menschen leiten alles auf den Willen der unsichtbaren Götter zurück, deren Gegenwart sie ordentlich zu riechen wähnen, und da ist mit der vollen Wahrheit aus den Himmeln Gottes noch lange nichts anzufangen; daher lassen wir sie und begeben uns nun wieder nach Hause!“
GEJ|6|72|9|0|Darauf verließen wir die Stelle und zogen nach Hause in unsere Herberge.
GEJ|6|73|1|1|73. — Die ertrunkene Tochter des Wirtes und ihre Erweckung
GEJ|6|73|1|0|Als wir allda gerade mit dem Untergange der Sonne ankamen, da bemerkte der Wirt, daß das Meer nun in einer allerstärksten Aufregung sich befinde und er in einer Entfernung von etwa hundert Feldwegen ein Schiff sehe, das bei diesem gar sehr fürchterlichen Wogengange offenbar zugrunde gehen werde. Ob man denn solch einem bedrängten Schiffe nicht eine Hilfe bringen solle?
GEJ|6|73|2|0|Sagte Ich: „Einem andern, ja, – aber diesem nicht! Der vormittägige Wind hat es so weit vorgeschoben; aber ein anderer Wind wird es schon wieder zurücktreiben. Das ist eben das Schiff mit denjenigen Argen aus Jerusalem, die Mich fangen und töten sollen. Aber nun sind sie in Meiner Gefangenschaft und werden noch ein paar Tage und ein paar Nächte darin zu verweilen haben, – dann soll sie ein Wind an die Küste hinter Tiberias treiben und sie erlösen von ihrer Qual. Darauf werden sie ganz nüchtern sich nach Hause begeben und Mir sobald nicht mehr nachstellen und nach Meinem Leben fahnden. Sieh, der Wind ist schon bei ihnen und treibt das Schiff von diesen Gestaden hinweg! Aber lassen wir nun das; im Hause wartet ganz etwas anderes auf uns! Begeben wir uns daher nur in unsere Herberge!“
GEJ|6|73|3|0|Der Wirt und alle waren voll Neugier, was es denn darin Neues für uns gäbe, und wir begaben uns darum ganz hurtig ins Haus. Und siehe, eine älteste Tochter des Wirtes lag so gut wie völlig tot auf einem Bette und triefte von Wasser. Sie war allein an den großen Fischbehälter gegangen, um etliche der großen Edelfische für unser Abendmahl zu holen; aber sie konnte die großen und starken Tiere nicht überwältigen und wurde von einem Fische durch einen starken Schneller ins tiefe Wasser geworfen. Es kamen auf ihren Schrei freilich wohl gleich Retter herbei; aber sie konnten sie beim besten Willen nicht schneller, als es möglich war, aus dem Wasser bekommen, und die Folge davon war, daß sie ohne alle Lebenszeichen aus dem Wasser gehoben ward. Daß das eine große Bestürzung im ganzen Hause hervorrief und man sogleich in die Stadt um einen Arzt sandte, der auch sogleich ankam und alles anwandte, um die Ertrunkene wieder ins Leben zu rufen, braucht kaum erwähnt zu werden. Aber trotz alles Weinens der Mutter und der anderen Geschwister und trotz aller Mühe des Arztes gab die Ertrunkene dennoch kein Lebenszeichen mehr von sich.
GEJ|6|73|4|0|Da ward auch unserem Wirte bange, und er wandte sich bittend an Mich und sagte (der Wirt): „Herr, ich weiß nun, daß Dir alle Dinge möglich sind!“
GEJ|6|73|5|0|Hier unterbrach Ich ihn und sagte: „Sei nun stille von allem; Ich will hier kein Aufsehen erregen! Der Arzt, der auch ein Pharisäer ist, wird bald sehen und sagen: ,Meine Mühe ist bei dieser Ertrunkenen nun eine völlig vergebliche; denn sie ist unrettbar tot.‘ Dann bezahle du ihm schnell seine Mühe, worauf er dann auch schnell von dannen eilen wird; Ich werde dir dann schon das Meinige unter vier Augen tun. Aber so Ich Meine Hände an die Ertrunkene legen werde, da darf außer uns niemand im Zimmer sein, – auch dein Weib und deine andern Kinder nicht.“
GEJ|6|73|6|0|Bald darauf erklärte der Arzt, daß die Tochter leider völlig tot sei. Aber sie sollten sie dennoch in erwärmte Tücher legen; vielleicht erwache sie doch noch in einigen Stunden. Das sagte er aber nur, um den Eltern einige Fünklein Trostes zu hinterlassen. Der Wirt bezahlte den Arzt, und der entfernte sich auch sogleich mit froher Miene und versprach, daß er alsbald die Klageweiber selbst bestellen werde. Der Wirt aber sagte, daß er damit nur noch bis morgen warten solle; so es notwendig werden solle, so werde er selbst am Morgen schon zu ihm kommen. Darauf ging der Arzt seiner Wege weiter.
GEJ|6|73|7|0|Und als das Zimmer von allen überflüssigen Menschen geleert war, da trat Ich zu der Ertrunkenen hin, legte ihr Meine Hand auf und sagte: „Tochter, stehe auf von deinem Schlafe!“
GEJ|6|73|8|0|Und in demselben Augenblicke richtete sich die Tochter im Bette auf und fragte sogleich, was denn mit ihr nun vorgegangen sei. Sie wisse wohl, daß sie ins Wasser gefallen sei, aber wie sie da in dies Bett gekommen sei, das wisse sie durchaus nicht.
GEJ|6|73|9|0|Ich aber sagte zu ihr: „Siehe, du warst dem Leibe nach völlig tot; aber Ich, der Ich das Leben aus Mir Selbst bin, habe dir nun das Leben wiedergegeben. Aber in der Folge sei klug und verrichte nur solche Arbeiten, für die du die hinreichenden Kräfte besitzest, ansonst dir wieder etwas Ähnliches widerfahren könnte. Der Fleiß eines Menschen ist stets löblich zu nennen; wenn er aber seine Kräfte übersteigt, so ist er nicht mehr löblich, sondern sehr töricht. Merke dir das, und sage es auch deiner Mutter und deinen sonst sehr braven Geschwistern! Nun aber stehe auf und zeige dich deiner Mutter und deinen um dich noch sehr gewaltig trauernden Geschwistern, und sorget nun für unser Abendmahl!“
GEJ|6|73|10|0|Hierauf erhob sich die Tochter schnell vom Bette, dankte Mir für solche große Gnade und begab sich dann sogleich hinaus zu der Mutter und zu den Geschwistern, die sich alle darauf vor lauter Freude nicht zu helfen wußten.
GEJ|6|73|11|0|Die Tochter aber bekannte laut und sagte: „Der große Meister aus Nazareth hat mir das getan; aber er sagte auch, daß wir ihm darum nun sofort ein gutes Abendmahl bereiten sollten, – und so tun wir denn das auch vor allem!“
GEJ|6|73|12|0|Da griff alles zu, und wir hatten bald ein reichliches Mahl vor uns. Der Wirt konnte vor lauter Dankbarkeit beinahe zu keinem Worte kommen.
GEJ|6|73|13|0|Die neuen Jünger konnten auch nicht genug erstaunen über dieses Zeichen und sagten: „Das würde sicher den ganzen Tempel bekehren!“
GEJ|6|73|14|0|Ich aber sagte: „Ein noch größeres Zeichen ähnlicher Art wird eben die Templer über Mich derart erbittern, daß sie dann alles aufbieten werden, um Mich zu töten. Mehr brauche Ich euch wahrlich nicht zu sagen! – Doch davon nun nichts Weiteres mehr, sondern seien wir nun alle wieder frohen Mutes und essen und trinken, was da vor uns ist!“
GEJ|6|73|15|0|Darauf aßen und tranken die Jünger und hatten ihr Wesen mit allerlei Erzählungen aus dem Bereiche ihrer Erlebnisse und Erfahrungen.
GEJ|6|74|1|1|74. — Das Pharisäerschiff auf bewegter See
GEJ|6|74|1|0|Die neubelebte Tochter, ihre Mutter und ihre Geschwister kamen auch zu uns und behorchten die Reden der Jünger, die diesmal viel von den argen Spukgeistern und Teufeln zu erzählen wußten und auch eine Behauptung aufstellten, der nach sich so manche Menschen vor den Verfolgungen dieser unsichtbaren, argen Wesen gar nicht zu schützen imstande wären. Man könne solche Zulassungen von Gott aus nicht gar wohl einsehen; es wären da die von den Teufeln Besessenen sehr in eine rechte Betrachtung zu ziehen, besonders da, wo das Besessensein schon bei den zarten Kindern vorkomme.
GEJ|6|74|2|0|Da sagte auch unser Wirt: „Ja, das ist eben eine sehr sonderbare und durchaus nicht begreifbare Sache! Ich selbst habe Erscheinungen dieser Art schon gar oft bei Kindern in einem Alter von fünf Jahren gesehen, die auf eine erbärmlichste Weise von den sie besessen habenden Geistern zugerichtet wurden. Das Sonderbare dabei ist nur das, daß nahezu niemand mehr solchen Übeln abhelfen kann.“
GEJ|6|74|3|0|Sagte Ich: „Meine alten Jünger sind da schon eingeweiht und können dir darüber Bescheid geben, namentlich Simon Juda – nun Petrus – und Jakobus und Johannes; sie können solchen Übeln auch sogleich abhelfen gleichwie Ich. Aber Ich Selbst rede nun nichts Weiteres darüber; denn Ich habe ehedem gesagt, daß Ich die etlichen Tage Ruhe nehmen werde im Lehren wie auch im Handeln. Ihr alle aber könnet reden und tun, was ihr wollet; nur machet Mich nicht ruchbar in der Gegend, und noch weniger in der Stadt!“
GEJ|6|74|4|0|Die Jünger setzten dann ihre Erzählungen fort, und Johannes erklärte den Neujüngern die Erscheinung des Besessenseins, und als er so gegen die Mitte der Nacht hin damit zu Ende kam, da begaben wir uns alle zur Ruhe.
GEJ|6|74|5|0|Am Morgen standen wir dennoch schon recht früh auf, und Ich ging mit den drei vorerwähnten Jüngern vor dem Morgenmahle hinaus ins Freie. Der Wirt kam uns auch bald nach; aber die andern Jünger blieben im Hause und zeichneten sich so manches auf. Wir aber besprachen uns über das Schicksal des Pharisäerschiffes, das sich noch in der Mitte des Meeres mit den mächtigen Wogen herumbalgte. Der Wirt meinte, ob der Wind es noch nicht hinter die Stadt Tiberias geschoben hätte.
GEJ|6|74|6|0|Ich aber sagte: „Bis jetzt noch nicht; das wird ihnen erst in ein paar Tagen zuteil werden, das heißt, wenn sie ihre Gesinnung etwas ändern werden, – ansonst lasse Ich sie noch etliche Tage lang nahezu in der Mitte des Meeres stehen und vergeblich rudern!“
GEJ|6|74|7|0|Der Wirt verstand nun, daß mit Mir durchaus kein Scherz zu treiben sei, und gab Mir recht, daß Ich die argen Verfolger Meiner Person also plage. Der Wirt aber war eben ein großer Feind der Templer und hatte darum eine große Freude, so über sie irgendeine namhafte Bedrängnis kam.
GEJ|6|74|8|0|Wir sprachen nun weiter nichts mehr darüber und betrachteten die starken Wogen des Meeres und die vielen Scharen der Wasservögel, die bei so starkem Wogengange stets gegenwärtig sind und ihren Fraß suchen. Der Wirt fragte, wo diese Vögel denn dann sich aufhielten, so das Meer ruhig sei.
GEJ|6|74|9|0|Und Petrus, als ein mit dem Meere sehr vertrauter Fischer, sagte: „Siehe, das sind im Grunde eine Art Wasserraubtiere, die nur dann so häufig und in großer Anzahl zu sehen sind, wenn es für sie etwas zu rauben gibt; sonst sitzen sie an den Gestaden des Meeres, die nicht zugänglich sind, weder von der Land- noch von der Wasserseite. An solchen Stellen gibt es eine Menge Insekten und Würmer, die diesen Tieren zur Nahrung dienen. Bei großen Stürmen aber verkriechen sich derlei Insekten und Würmer, und die Vögel ziehen dann hungrig auf den Raub der kleinen Fische aus, und so der Sturm sich gelegt hat, da kehren sie wiederum heim, wo sie ihre gut verwahrten Nester haben. Da hast du nun, was du noch nicht hattest; es liegt zwar nicht viel daran, aber es ist dennoch gut, auch derlei ganz gut zu wissen.“
GEJ|6|74|10|0|Damit war unser Wirt ganz zufrieden und meinte, daß wir nun zum Morgenmahle zurückkehren könnten.
GEJ|6|75|1|1|75. — Von der rechten Beschauung der Natur
GEJ|6|75|1|0|Ich aber sagte: „Dazu haben wir noch eine Stunde Zeit, und es ist hier auf diesem Hügel ganz gut sein und zu betrachten, wie sich Gottes Gedanken vor unseren Augen verkörpern.“
GEJ|6|75|2|0|Sagte der Wirt: „Herr, wie ist das wohl zu sehen?“
GEJ|6|75|3|0|Sagte Ich: „Da hierherum, was du mit deinen Augen erschauest, mit den Ohren vernimmst und mit irgendeinem andern Sinn wahrnimmst, das sind lauter verkörperte Gedanken Gottes. Du siehst den mächtigen Wogengang. Wer treibt da das Gewässer so hoch und läßt es zu keiner Ruhe gelangen? Siehe, das ist Gottes Gedanke, belebt durch Seinen Willen! Sieh an die vielen Vögel, die mit den Wogen ihr Wesen treiben! Was anders wohl sind sie als pur verkörperte Gedanken Gottes?! Das ganze Meer, alle die Berge, alles Getier, alle Gräser, Kräuter und Bäume, alle Menschen, die Sonne, der Mond und alle die zahllos vielen Sterne sind nichts anderes. Ihr Dasein hängt ganz allein von der für dich jetzt noch völlig unbegreiflichen Beständigkeit des Willens Gottes ab.
GEJ|6|75|4|0|Ich setze den möglichen Fall, der aus der endlosesten Freiheit des göttlichen Willens wohl erklärlich ist, daß Gott von einem dieser vor uns seienden verkörperten Gedanken abzöge Seinen Willen, so wäre es mit der Verkörperung auch schon im selben Momente gar. Der geistige Gedanke in Gott bliebe wohl, aber der Körper lösete sich gewisserart in ein pures Nichts auf. Wir aber haben hier vor uns dieses für den wahren Gottesfreund so hochwichtige Bestehen, Sein, Werden und auch Vergehen der Gedanken Gottes! Ist es nicht eine wahre Lust, diese zu betrachten und an ihnen von Tag zu Tag näher kennenzulernen die Liebe, Weisheit und Allmacht Jehovas?!
GEJ|6|75|5|0|Seht dort im Osten die Wölkchen, wie sie sich bald vergrößern, bald wieder verkleinern und bald wieder gänzlich vergehen! Das sind ebenfalls Gottes Gedanken, die, von dem Willen nur ganz leise aus der Luft zusammengezogen und in eine flüchtige Körperlichkeit übergehend, uns in stets veränderlichen Formen zu Gesichte kommen. Diese Formen sind dem ursprünglichen geistigen Elemente offenbar näher denn die gefesteten Berge und alle die andern Gebilde, die uns allda nach allen Seiten hin umgeben; aber es ist ihr Sein dennoch ein unvollkommeneres, und sie müssen erst durch ein öfteres Auftauchen in eine andere Form, als zum Beispiel in den Tropfen des Regens, übergehen und dann als Nährstoff in einer oder der andern Pflanze eine bestimmtere und beständigere Form annehmen, und so bis zum Menschen herauf, von wo aus sie dann als völlig freie und selbständige und selbst frei denkende und frei wollende Wesen für ewig unveränderbar und bestandbar ins rein Geistige und Gottähnliche übergehen können und auch werden.
GEJ|6|75|6|0|Sieh, wer also die Geschöpfe Gottes betrachtet, der findet eine große Lust und Freude daran! Und Ich sage es dir, daß solch eine Betrachtung dem Menschen mehr Kraft verleiht denn ein zu früh eingenommenes Morgenmahl. – Findest du das nun nicht auch also?“
GEJ|6|75|7|0|Sagte der Wirt: „O ja, Herr und Meister! Aber zu solcher belebenden Betrachtung gehört auch Deine Weisheit; ich könnte da schauen ein Jahrhundert lang und würde das von Dir uns nun Geoffenbarte dennoch nicht herausgefunden haben! Von nun an wird es sich bei mir auch schon besser machen; denn ich bin ein Freund der Natur und ergötze mich gerne an ihren Gebilden und Formen. Nur wenn sie manchmal hie und da ausartet, dann bleibe ich ihr auch sehr gerne fern. Wenn große Stürme kommen und die Wolken uns mit Blitz und Donner zu vernichten drohen, da hat dann meine Naturfreundlichkeit auch ein Ende; aber so in ihrem stillen Wirken und Sein liebe ich sie außerordentlich. Zwar ist nun dieser Meereswogensturm auch kein stilles Wirken der Natur, aber er ist uns Festlandbewohnern eben nicht gefährlich und ist somit schon noch mit einem behaglichen Gemüte anzuschauen; würde aber ein gewaltiger Orkan das Meer zu einer solchen Bewegung nötigen, so wäre es hier eben nicht sehr behaglich, die Natur in ihrem Tun und Treiben zu beobachten und daraus den großen Gottesgedanken, belebt von Seinem Willen, zu erkennen.“
GEJ|6|75|8|0|Sagte Ich: „Das ist schon ganz sicher also; aber es ist dieses von Mir dir nun Gesagte auch kein Gebot, sondern nur ein guter Rat, – denn sonst müßten die Menschen auch in die Tiefen des Meeres hinabsteigen und dort nach allen Richtungen die Verkörperungen der großen Gedanken Gottes beobachten. Wo es aber der Mensch ohne Gefahr und ohne Schaden an seinem Leben tun kann, da tue er es von Zeit zu Zeit, und er wird daraus so manchen Nutzen für Seele und Leib ziehen und auch mehr und mehr in sich den Geist der wahren Liebe zu Gott und also auch zum Nächsten erwecken.
GEJ|6|75|9|0|Denn um Gott wahrhaft lieben zu können, muß man Gott stets mehr und mehr zu erkennen trachten. Wem daran nicht am meisten gelegen ist, der muß es sich am Ende selbst zuschreiben, wenn bei ihm das innere Gefühl und Bewußtsein über das ewige Fortleben der Seele nach des Leibes Tode nur ein höchst schwaches ist und bleibt; denn dieses wahre Lebensgefühl ist eben ja nur die Folge der wahren, lebendigen Liebe zu Gott und daraus zum Nächsten.
GEJ|6|75|10|0|Gott in Sich als Vater ist ja eben in Seinem Urgrundwesen die Liebe und dadurch das Leben selbst, weil Liebe und Leben ein und dasselbe sind. Wer sonach die Liebe zu Gott in sich hat, welche allein das Lebenselement ist, der hat auch das wahre, göttliche, ewige Leben in sich. Wer aber solche Liebe nicht hat, der ist in sich tot; sein Leben ist nur ein Scheinleben und somit so lange ein Gericht, bis es nicht freiwillig die Liebe zu Gott in sich erweckt und selbsttätig belebt hat. Und siehe nun, eben darum ist es gut für den wahren Menschen, so er von Zeit zu Zeit tiefere Betrachtungen über das anstellt, was sich seinen Sinnen zur Wahrnehmung darstellt! – Verstehst du jetzt, was Ich dir gesagt habe?“
GEJ|6|75|11|0|Sagte der Wirt: „Ja, Herr und Meister, jetzt ist mir auch das klar; nur ist das nun in der Welt sehr zu beklagen, daß die meisten Menschen von solchen allergewichtigsten Lebenslehren gar keine Ahnung haben! Aber ich werde es nicht an einem rechten Eifer ermangeln lassen, wenigstens das, was ich nun weiß, den empfänglichen Menschen bei guten Gelegenheiten beizubringen. Was aber mag da doch die Hauptursache sein, daß die Menschen in dieser Zeit gar so entsetzlich sinnlos geworden sind?“
GEJ|6|76|1|1|76. — Die Ursachen des Verfalles der Menschen. Theokratie und Königtum. Endzeit und Gericht
GEJ|6|76|1|0|Sagte Ich: „Denke nach, was Ich darüber schon gesagt habe; vor allem aber sind der Hochmut, die Trägheit, die Selbstliebe und die daraus erwachsene Herrschsucht die Ursachen solch eines Verfalles der Menschen.
GEJ|6|76|2|0|Schon zu den Zeiten Samuels sind die Menschen träger und arbeitsscheuer geworden. Sie fingen an, sich vor gewissen Arbeiten zu schämen und ließen solche nur von gewissen gedungenen Knechten und Mägden verrichten. Die reichen Besitzer legten ihre Hände in den Schoß und ließen die anderen für sich arbeiten. Wer für sie am meisten gearbeitet hatte, der bekam auch den bessern Lohn, was denn auch recht war; aber bei dieser Gelegenheit haben sich nach und nach aus den Besitzern eine Art kleiner Herrscher gebildet, die durchaus keine noch so kleine knechtliche Arbeit in ihre Hände nehmen wollten, sondern sie befahlen nur den Knechten und Dienstmägden eine Arbeit, selbst rührten sie diese aber auch nicht mit einem Finger an.
GEJ|6|76|3|0|Wie die Eltern waren, so wurden auch ihre Kinder, nämlich träge, selbst- und herrschsüchtig. Sie lernten befehlen über die Dienenden, aber ihre zarten Hände wollten sie nimmerdar besudeln mit einer knechtlichen, gemeinen Arbeit. Diese Unart wuchs bei den Menschen von Jahr zu Jahr und erreichte nur zu bald jene Stufe, auf der der ohnehin schon so wohlgenährte Hochmut keine hinreichende Sättigung mehr fand. Er, der Jude, blickte wehmütig auf den Glanz und auf die großen und hohen Würdenträger der heidnischen Völker, und unter einem Könige sah er eine der allerhöchsten Menschenehren und höchsten Würden. Kurz er wollte auch einen weltlichen König haben und war nicht mehr zufrieden mit der reinsten Herrschaft Gottes durch Seher und Richter!
GEJ|6|76|4|0|Als das Volk, gegen alle guten Ermahnungen der Seher sich sträubend, von Samuel dennoch einen König verlangte, da trug der fromme Diener Gott das Begehren des törichten Volkes vor, da er aus sich nicht wußte, was er tun sollte.
GEJ|6|76|5|0|Da sprach Jehova zu ihm: ,Sieh, zu allen Sünden, die dieses Volk schon vor Meinem Angesichte begangen hat, begeht es nun auch diese größte: daß es einen König verlangt! Gehe hin und salbe den größten Mann aus dem Volke! Dieser wird es züchtigen für seinen an Mir begangenen Frevel.‘
GEJ|6|76|6|0|Siehe, das sind, ganz kurz zusammengedrängt, die Worte Jehovas auf das arge Begehren des Volkes! Die Folgen des dadurch stets mehr und mehr genährten Hochmuts des Volkes kannst du zum Teile lesen in dem Buche der Könige und in der Chronik, allwo in Kürze die schönen Geschichten aufgezeichnet sind, – zum größten Teile aber hast du sie nun eben vor deinen Augen.
GEJ|6|76|7|0|Freund, nur in der wahren Demut liegt der Weg zum inneren Leben der Seele! Wer aber besitzt nun diese? Siehe, nicht einmal ein Diener seines Herrn; denn er bemißt sich den Dienern der andern Herren gegenüber nach der Ehre und nach dem Ansehen seines Herrn! Ist diese irgend um einen Grad höher denn die eines andern Dieners Herrn, so wird des geringern Herrn Diener schon gleich mit Verachtung angesehen, und es werden zwischen beiden wenig Worte gewechselt.
GEJ|6|76|8|0|Ich sage es dir: „Solange nicht die wahre, reine Liebe und die ihr entsprechende Demut die Völker ordnen und leiten wird, so lange auch wird es im allgemeinen finster sein auf der Erde. Daß es immer einzelne geben wird, die im Lichte sein werden, das ist sicher und gewiß, aber deren wird es stets nur wenige geben. Denn solange es weltgroße und über alle Maßen stolze und ruhmsüchtige Herrscher in der Welt geben wird, so lange auch wird in allen Schichten der Menschheit der Same des Hochmuts und der Mitherrschgier fortwuchern, und es werden Nacht, Finsternis, Selbstsucht, Neid, Geiz, Verfolgung und Verrat als die wahren Elemente der Hölle vom Boden der Erde nicht weichen bis zu einer Zeit des großen Gerichtes, in der Ich die Erde von neuem durchs Feuer reinigen werde. Nach solcher Zeit wird kein König mehr herrschen über ein Volk der Erde, sondern allein das Licht Gottes. Im Fleische werdet ihr jene Zeit nicht erleben, wohl aber hell und überklar im Geiste in Meinem Reiche.“
GEJ|6|76|9|0|Sagte der Wirt: „Herr, wann nach der Anzahl der Jahre wird jene glückliche Zeit kommen?“
GEJ|6|76|10|0|Sagte Ich: „Darum weiß allein der Vater, und nach Ihm weiß es nur der, dem es der Vater wird offenbaren wollen. Mir hat es bis jetzt Mein Vater noch nicht geoffenbart, außer das, daß solches geschehen wird. Das aber könnet ihr alle als völlig wahr annehmen, daß nämlich nahe alle zweitausend Jahre auf der Erde eine große Veränderung vor sich geht. Und so wird es auch, von jetzt an gerechnet, werden. – Doch nun von dem nichts mehr weiter!“
GEJ|6|76|11|0|Sagte der Wirt: „Herr, wenn es Dir genehm wäre, so dürfte nun das Morgenmahl wohl schon ganz bereitet sein!“
GEJ|6|76|12|0|Sagte Ich: „Nun, so gehen wir denn hin und nehmen es ein!“
GEJ|6|76|13|0|Darauf gingen wir heim, allwo das Morgenmahl schon unser harrte. Die zurückgebliebenen Jünger fragten uns, wo wir denn gewesen wären, daß sie uns nicht hätten finden können.
GEJ|6|76|14|0|Ich aber sagte: „Wir waren gerade dort, wo wir waren, und ihr suchtet uns aber dort, wo wir nicht waren, und darin liegt der ganz einfache Grund, demzufolge ihr uns nicht gefunden habt. Nun aber essen und trinken wir!“
GEJ|6|76|15|0|Es ward darauf das Morgenmahl eingenommen, und während des Essens bemerkte ein Judgrieche, daß Meine Antwort auf ihre Frage denn doch etwas sonderbar geklungen hätte, und sie wüßten nicht, wie sie dieselbe deuten sollten.
GEJ|6|76|16|0|Da sagte Ich zu ihnen: „Gerade also, wie Ich sie euch gegeben habe! Wenn ihr tiefer darüber nachdenken wollet, so werdet ihr auch eine große geistige Wahrheit darin finden.“
GEJ|6|76|17|0|Sagten die Jünger: „Das wird etwas schwer sein; denn das scheint nichts als eine ganz gute Wortstrafe für unser vorwitziges Fragen zu sein!“
GEJ|6|76|18|0|Sagte Ich: „Oh, mitnichten! Ich will es euch aber sagen, was darin liegt, und was Ich damit habe sagen wollen. Und so höret Mich denn an!
GEJ|6|76|19|0|Wahrlich, die Mich nicht dort suchen, wo Ich bin, die finden Mich nicht und werden Mich auch nicht finden. Es werden Mich mit der Zeit noch gar viele suchen und nicht finden! Es werden Zeiten kommen, in denen gar viele falsche Propheten und Messiasse aufstehen und zu euch sagen werden: ,Siehe, hier ist der Gesalbte!‘ oder ,Dort ist er!‘ Aber all denen glaubet es nicht, denn wo sie angeben werden, daß Ich zu finden sei, da werde Ich gerade am allerwenigsten schon eigentlich gar nicht und nimmer zu finden sein. Wer Mich suchen wird in irgend etwas, das nur im geringsten nach einer Welttümlichkeit riecht, der wird Mich nicht finden, sondern nur der, welcher Mich in der wahren Liebe, Demut und Selbstverleugnung suchen wird, der wird Mich auch sicher allzeit und allenthalben finden.
GEJ|6|76|20|0|Ihr aber seid darum ein wenig ärgerlichen Gemütes hinausgegangen, Mich zu suchen, dieweil Ich euch zuvor nicht angezeigt habe, wohin Ich Mich heute morgen vor dem Mahle begeben werde. Und sehet, das war fürs erste nicht der rechte Ort, geistig in eurem Gemüte Mich zu suchen daselbst, und es konnte darum fürs zweite auch der rechte Ort äußerlich nicht gefunden werden, allwo Ich Mich befand!
GEJ|6|76|21|0|Es hat aber das nun keinen Bezug auf euch gegen Mich, sondern Ich zeigte euch das nur in einem Bilde, wie die Sache dereinst werden wird. Daher soll, Mir gleich, denn auch ein jeder rechte Lehrer bei jeder Gelegenheit seine Worte also stellen, auch bei den geringfügigsten Sachen, daß sie als eine Grundlage zu einer neuen, wichtigen Lehre dienen mögen. Denn wahrlich sage Ich euch: Im Reiche der Geister, die da rein sind vor Gott, werdet ihr auch für jedes eitel leere Wort Rechnung legen müssen und vor dem reinen Lichte der Wahrheit aus Gott zuschanden werden!“
GEJ|6|76|22|0|Diese Worte mundeten den Jüngern gerade nicht sehr angenehm; aber sie zeichneten solche dennoch ganz tief in ihr Gemüt.
GEJ|6|77|1|1|77. — Auf einem Berge bei Kapernaum
GEJ|6|77|1|0|Nach dem bald eingenommenen Morgenmahle aber begaben wir uns alle auf einen ziemlich hohen Berg nahe bei Kapernaum. Auch der Wirt und die vom Tode erweckte Tochter gingen mit, und der Wirt befahl einem Knechte, daß er etwas Brot und Wein mittragen solle, da Ich zuvor zu ihm im stillen sagte, daß wir bis zum Abend hin auf dem Berge verweilen werden. Einem andern Knechte aber befahl er, zwei der größten Edelfische als ein Regale (Geschenk) dem Obersten zu übermitteln. Das geschah denn auch, und wir machten uns sofort auf den Weg und bestiegen in ein paar Stunden ganz leicht den Berg. Von der sehr günstig gelegenen Höhe des Berges übersah man einen großen Teil des Galiläischen Meeres, und man konnte sogar das Schiff ersehen, das noch seine große Not mit den Wogen des Meeres hatte.
GEJ|6|77|2|0|Da sagte der Wirt: „Die tollen Menschen auf jenem Schiffe werden wahrscheinlich auch gar keinen Mundvorrat mehr besitzen und werden somit vom Hunger stark geplagt sein!“
GEJ|6|77|3|0|Sagte Ich: „Etwas durchnäßtes Brot haben sie wohl noch, und das genügt für ihre Bosheit! Sie haben aber bereits ihren argen Plan aufgegeben und werden sich nun anschicken, eine Rückfahrt zu versuchen, und dazu soll ihnen ein Wind zu Hilfe kommen. Aber sie werden noch der Angst zur Genüge zu bestehen bekommen, bis sie ein Ufer erreichen werden; denn gar zu leichten Kaufes sollen sie noch nicht vom Wasser ans trockene und feste Land kommen!“
GEJ|6|77|4|0|Sagte der Wirt: „Weißt Du, Herr, die argen Templer erbarmen mich gar nicht, – aber die armen Schiffer, die werden für ihre große Mühe und Angst nicht nur gar keinen Lohn, sondern noch eine Strafe bekommen, weil die Pharisäer ihnen alle Schuld geben werden, daß sie auf diesem Binnenmeere das Schiff nicht haben vom Flecke zu bringen vermocht!“
GEJ|6|77|5|0|Sagte Ich: „Oh, sorge du dich nur darum nicht! Das sind handfeste Griechen aus der Gegend Tiberias; die werden nicht zu kurz kommen! Sie haben auch noch einen hinreichenden Mundvorrat bei sich, als geräucherte Fische, geräuchertes Schweinefleisch und doppelgebackenes Weizenbrot. Auch ein paar Schläuche Wein haben sie im Hinterteile des Schiffes, und da die Templer ihr durchnäßtes, ungesäuertes Brot nicht wohl essen können, so kaufen sie den Schiffern um ein teures Geld die Kost ab, und sonach leiden diese außer der Angst des möglichen Schiffuntersinkens gar keine anderweitige Not. Darum kümmern wir uns um sie auch gar nicht mehr; gegen den Abend hin sollen sie mit vieler Mühe und Anstrengung das Ufer erreichen! Also sei es!“
GEJ|6|77|6|0|Damit waren alle zufrieden, und niemand wollte nun mehr des Schiffes gedenken.
GEJ|6|77|7|0|Der Wirt aber kam wieder mit einer neuen Frage und sprach: „Herr, da Du gar um alles weißt, was da irgend ist und geschieht, so wirst Du auch wohl wissen, was etwa nun der vorgestern Dich verlassende Jünger Judas Ischariot macht, und wo er sich herumtreibt!“
GEJ|6|77|8|0|Sagte Ich: „Auch den lassen wir gehen! Übermorgen wird er ganz sicher wieder zu uns kommen; denn Ich werde ihn daran nicht hindern. Nun aber genießen wir hier die sicher sehr schöne Aussicht, und ihr beachtet dabei die Lehre, die Ich euch heute morgen gegeben habe, und einer unterweise dabei den Unkundigen, und ihr werdet eine eitle und auch wahre Lust daran haben!“
GEJ|6|77|9|0|Das wurde denn auch ins Werk gesetzt, und alle unterhielten sich dann bis gen Abend wohl damit, so zwar, daß sie dabei des mitgenommenen Brotes und Weines vergessen hätten, so sie daran nicht die Tochter des Wirtes erinnert hätte, weil sie selbst durch den eigenen kleinen Hunger und Durst daran erinnert ward.
GEJ|6|78|1|1|78. — Ein Gespräch zwischen dem Wirt und dem Obersten über den Herrn
GEJ|6|78|1|0|Am Abend begaben wir uns wieder zurück, und als wir ins Haus traten, da war denn auch ein reichliches Abendmahl für uns bereitet, und vom Obersten, der die zwei Edelfische zum Geschenke erhielt, wartete ein Bote auf den Wirt, ihm zu überbringen des Obersten Dank und einen Korb voll frischer Eier, von den großen Hühnern des Obersten gelegt.
GEJ|6|78|2|0|Der Wirt bedankte sich dafür und sagte: „So ich wieder einen solchen Fisch fangen werde, da werde ich auch wieder des Obersten gedenken.“
GEJ|6|78|3|0|Da sagte aber der Bote: „Es wird das dem Obersten sicher eine große Freude machen; aber er erfuhr, daß sich hier der berüchtigte Prophet aus Nazareth zeitweilig aufhalten soll. Der Oberste möchte mit dir darüber selbst reden, und so würdest du ihn auch sehr erfreuen, so du zu ihm kämest und ihm darüber einen rechten Aufschluß gäbest. Wann kannst du zu ihm kommen? Bestimme selbst die Zeit!“
GEJ|6|78|4|0|Sagte der Wirt: „Mein lieber Freund, gedulde dich nur ein paar Augenblicke! Ich werde mich zuvor noch mit einem Freunde beraten, weil ich von morgen an etliche Tage hindurch ein Geschäft mit ihm vorhabe, bis wann wir fertig werden, – dann werde ich schon kommen und dem Obersten den rechten Aufschluß geben über den seltenen, wunderbaren Menschen aus Nazareth, den ich wenigstens recht wohl zu kennen glaube.“
GEJ|6|78|5|0|Hierauf kam der Wirt zu Mir in unser Speisezimmer und fragte Mich, was er da tun solle.
GEJ|6|78|6|0|Ich aber sagte: „Gehe hin zu ihm heute noch, obwohl es schon abendlich geworden ist, und sage: Ich sei hier und werde hier verweilen, solange es Mir belieben werde. Wer aber wider Mich etwas hätte, der solle kommen und für sich mit Mir Selbst seine Sache abmachen. Denn Ich gebe für Mich Selbst Rechenschaft und sonst niemand in der ganzen Welt. Gehe hin und sage ihm das, und er wird mit dieser Auskunft ganz zufrieden sein! Sonst aber rede nicht viel von Mir zu ihm!“
GEJ|6|78|7|0|Mit dem Bescheide ging der Wirt schnell zum Boten hinaus und mit ihm auch schnell zum Obersten, der eben nicht gar weit vom Wirte sein Wohnhaus hatte, freilich wohl innerhalb der Stadtmauer.
GEJ|6|78|8|0|Als unser Wirt zum Obersten kam, da war dieser froh, weil ihn die Gier schon sehr plagte zu erfahren, was an der Sache mit Mir sei. Nach einer gegenseitigen freundlichen Begrüßung fragte der Oberste sogleich, was da daran sei, daß man sage, der berüchtigte Prophet halte sich bei ihm, dem Wirte nämlich, auf und treibe da sein unheimliches Wesen.
GEJ|6|78|9|0|Darauf sagte der Wirt, was zu sagen Ich ihm zuvor in den Mund gab.
GEJ|6|78|10|0|Darüber aber machte der Oberste eine finstere Miene und sagte: „Aber wie kannst du als ein bekannter Mann und Wirt einen solchen nun schon allgemein verfolgten Menschen in deinem Hause beherbergen?“
GEJ|6|78|11|0|Sagte der Wirt: „Das ist als Gastwirt und Herbergsgeber meine Pflicht; denn ich darf vor niemand meines Hauses Türen schließen, sei er, wer er sei, und komme er, woher er kommen wolle. Ich habe nicht einmal das Recht, einen Dieb und Räuber hinauszuschaffen und ihn zu fragen, was er da wolle, weil eine rechte Herberge auch von ihm respektiert wird. Dazu ist meine Herberge eine ganz freie, in der volle sieben Tage hindurch sogar kein Verbrecher ergriffen und vor ein Gericht gestellt werden darf nach den Gesetzen Roms. Wenn aber das alles sich also verhält, warum sollte ich den berühmtesten Mann, den je die Welt hatte, nicht beherbergen, da er fürs erste nie jemandem etwas schuldig geblieben ist und fürs zweite der allerfreundlichste und beste Mensch ist, der mir je irgendwo und -wann vorgekommen ist?!
GEJ|6|78|12|0|Er hat aber ja ohnehin am Sabbat in der Schule gepredigt. So du etwas wider ihn hast, so wäre da ja gerade der rechte Ort gewesen, ihn zu ergreifen und zur Rechenschaft zu ziehen! Ich als Wirt habe dazu kein Recht. Er ist aber nun noch bei mir; wenn du wider ihn etwas hast, so steht es dir so wie jedem andern Menschen ganz frei, selbst hinzugehen und dich mit ihm zu verständigen. Denn er sagte es mir ausdrücklich, daß da für ihn niemand in der ganzen Welt Rechenschaft zu geben habe; denn er stehe ganz allein für sich da, und soviel ich aus der Erfahrung weiß, scheut er niemanden und hat vor gar keinem Menschen irgendeine Furcht. Wohl aber dürfen die Menschen alle ihn fürchten, denn die Macht seines Willens geht ins Endloseste. Was er nur will, das geschieht und ist da.
GEJ|6|78|13|0|Oder hat er nicht im vorigen Jahre deines Vorgängers Jairus Tochter vom Tode wieder zum Leben erweckt, was du sicher wissen wirst?! Und also ist er ein wahrster, wenn an und für sich auch unerforschbarer Wohltäter der Menschen. Was sollte ich da einen solchen Menschen nicht beherbergen, solange er bei mir die Herberge nehmen will?!“
GEJ|6|78|14|0|Sagte der Oberste: „Du bist in deinem Rechte, das weiß ich sehr wohl, und niemand kann dir da etwas in den Weg legen. Nur laß du dich etwa nicht berücken, an ihn zu glauben, daß er der verheißene Messias der Juden sei! Denn er streut solche gotteslästerliche Lehre im Volke aus, und ich weiß es nur zu gut, daß nun schon gar viel Volkes an ihn glaubt, weil er seine Lehre mit allerlei Zaubereiwerken bekräftigt, die er zum größten Teile sicher mit Hilfe des Beelzebub bewerkstelligt. Nur das wollte ich dir eigentlich gesagt haben, und es war mir darum sehr angenehm, daß du noch heute zu mir gekommen bist.“
GEJ|6|78|15|0|Sagte der Wirt: „Wahrlich, deshalb wäre es nicht nötig gewesen, mich zu dir rufen zu lassen! Denn da bin ich selbst ein in aller Welt zu erfahrener Mensch und besitze so viel Urteilskraft, um etwas Falsches vom Echten zu unterscheiden! Wir alle kennen den wunderbaren Menschen beinahe von seiner Geburt an und kennen seine Eltern, die da Menschen waren, die allzeit streng nach den Gesetzen lebten und handelten und somit wahre Muster des Gehorsams gegen Gott und gegen alle Seine Anstalten waren. Wenn sie aber das waren, wie sollte dann dieser eine, und zwar nach dem Zeugnisse Josephs, des frommen Zimmermanns, frömmste, wohlerzogenste und gehorsamste Sohn mit dem Beelzebub in Verbindung stehen und seine wahrhaft göttlichen Wunderwerke mit dessen nichtigster Hilfe verrichten?!
GEJ|6|78|16|0|Wer über ihn ein vollgültiges Urteil schöpfen will, muß ihn nach allen seinen Seiten und Verhältnissen zu erkennen sich die Mühe geben; dann erst kann er mit Recht sagen und behaupten: ,So und so steht es mit dem Menschen!‘ Das ist so meine Ansicht. Aber einen Menschen gleich zu verdammen, ohne ihn selbst näher kennengelernt zu haben, finde ich gar keiner richterlichen, und am wenigsten einer priesterlichen Klugheit angemessen. Es wundert mich von dir, gleich den alten, bösen Weibern vom bloßen Hörensagen also zu urteilen über jemanden, den du nie gesehen und nie gesprochen hast. Gehe hin, und rede selbst mit ihm, – dann erst urteile über ihn!“
GEJ|6|78|17|0|Hierauf wußte der Oberste nichts zu sagen und dachte bei sich nach, was er tun solle.
GEJ|6|78|18|0|Nach einer Weile erst sagte er (der Oberste): „Du hast zwar recht, und wäre ich kein Oberster, so würde ich wahrscheinlich ebenso denken wie du; aber ich bin der Oberste von hier und muß tun nach meiner Pflicht. So ich aber jemanden vor mir habe, wie du da einer bist, so denke und handle ich dann auch nicht als ein Oberster, sondern als ein Mensch. Wäre ich aber mehr Templer als ich bin, so hätte ich laut Auftrag des Tempels den Menschen aufgreifen und ihn nach Jerusalem ausliefern müssen. Weil ich aber mehr Mensch als ein Oberster bin, so ließ ich ihn sogar in der Schule predigen und ging selbst nicht dahin, auf daß es den Schein habe, als hätte ich davon keine Kunde. Aber der sonst sehr klug und weise sein sollende Nazaräer habe da eine höchst mystische und für niemand verständliche Rede gehalten und soll am Ende beinahe allein in der Schule gewesen sein. Na, wenn ich abkommen kann, so komme ich morgen oder übermorgen einmal hinaus; denn wenigstens möchte ich ihn denn doch!“
GEJ|6|78|19|0|Hierauf sagte der Wirt: „Tue das; ich stehe dafür, daß dich dessen niemals gereuen wird!“
GEJ|6|78|20|0|Darauf empfahl sich der Wirt und kam bald zu uns und erzählte Mir, wie er mit dem Obersten geredet habe.
GEJ|6|78|21|0|Ich aber sagte zu ihm: „Du hast ganz gut geredet, da Ich dir doch Selbst die Worte in den Mund gelegt habe; aber dessenungeachtet bleibt der Oberste dennoch Templer, und so er einen neuen Antrieb, Mich zu verfolgen, von Jerusalem bekäme, so würde er das mit allem Eifer tun. Aber also ohne Antrieb ist er ein zu großer Freund der lieben Bequemlichkeit und läßt uns gehen und tun, was wir gewisserart wollen. Ob er aber Meinetwegen hierher kommen wird, das ist eine Frage, auf die schwerlich eine Antwort erfolgen wird; denn so der Oberste morgen erwachen wird, da wird er sich dessen, was du mit ihm geredet hast, kaum mehr erinnern. – Nun aber lasset uns zur Ruhe gehen; denn der Berg hat des Leibes Glieder müde gemacht!“
GEJ|6|78|22|0|Darauf erhoben sich alle von ihren Sitzen und begaben sich in die bestimmten Schlafkammern, die bei unserem Wirte ganz gut eingerichtet waren.
GEJ|6|78|23|0|Von nun an blieb Ich noch zwei volle Tage allda, in welcher Zeit sich aber nichts von irgendeiner Bedeutung ereignete. Nur am dritten Tage morgens ging Ich mit den Jüngern und mit dem Wirte hinaus und gebot dem Meere Ruhe. Und alsbald legten sich die Wogen, und die Fischer eilten bald darauf an ihr Geschäft, da sie ohnehin schon bei fünf Tage lang hatten ruhen müssen, was ihnen eben auch nicht geschadet hatte.
GEJ|6|79|1|1|Der Herr im Norden von Galiläa. (Ev. Joh. Kap. 7)
GEJ|6|79|1|1|79. — Der Abschied vom Herbergswirt zu Kapernaum. Das innere Wort als Geheimnis Gottes im Menschenherzen (Ev. Joh. 7,1)
GEJ|6|79|1|0|An diesem Morgen kam auch Judas Ischariot wieder zu uns und wollte zu erzählen anfangen, was er alles in Meinem Namen getan und geredet habe.
GEJ|6|79|2|0|Ich aber sagte zu ihm: „Lasse das, denn Mir ist nichts unbekannt! Siehe zu, daß du nicht lügest! Damit aber das unterbleibt, so rede nicht; denn so du redest, so ist davon gut die Hälfte unwahr!“
GEJ|6|79|3|0|Darauf ward er still und sah sich um, daß er etwas zu essen bekäme.
GEJ|6|79|4|0|Ich aber sagte nun zum Wirte: „Höre, Freund, es ist hier nun nichts Weiteres mehr zu machen, und Ich werde Mich nach dem Mittagsmahle von hier begeben! Denn es werden heute gen Abend eine Menge Fremde hier ankommen, darunter viele aus Jerusalem, und mit denen will Ich aus sehr weisen Gründen die Zusammenkunft vermeiden. Lasse denn ein gutes Mittagsmahl richten; dann aber steht es dir frei, uns eine Rechnung zu machen, wennschon nicht für Mich und Meine alten Jünger, so doch für die zwanzig Neujünger, die da des Goldes und Silbers reichlich mit sich haben!“
GEJ|6|79|5|0|Sagte der Wirt: „Nein, Herr und Meister, und wären Deine Jünger noch so viele zehn Jahre hindurch hier in dieser meiner Herberge, so dürfte mir keiner auch nur einen schlechten Stater bezahlen! Denn ich bin ja Dir, o Herr, ein so großer Schuldner geworden, daß ich Dir mit ganzen berggroßen Goldklumpen nimmer abzahlen könnte, was ich Dir schulde. Bedenke einmal den Fischfang, dann die wunderbare Zustopfung des großen Loches und endlich gar die Wiederbelebung meines liebsten Kindes! Mit welchen Schätzen der Welt könnte so etwas wohl nach Gebühr bezahlt werden?!“
GEJ|6|79|6|0|Sagte Ich: „Nun so gehe, und lasse uns ein gutes Mittagsmahl bereiten!“
GEJ|6|79|7|0|Und der Wirt ging und ordnete alles an.
GEJ|6|79|8|0|Es traten aber nun die Jünger zu Mir und sagten: „Herr, wohin wirst Du nun wohl ziehen? Galiläa haben wir bereits von Ort zu Ort und von Haus zu Haus durchgemacht. Nur Judäa, Samaria und Kleinmesopotamia, wie auch Syria und die Gegend nach Damaskus hin, sind von uns noch wenig oder gar nicht betreten worden. Wie wäre es denn, so wir dahin zögen?“
GEJ|6|79|9|0|Sagte Ich: „Daß die von euch benannten Lande des Lichtes bedürfen, und vor allem das am meisten entartete Judäa, das weiß Ich; aber Ich ziehe nun dennoch nicht dahin, weil man Mir da am meisten nach dem Leben strebt. (Joh.7,1) Wohl kann Mich vor Meiner bestimmten Zeit niemand ergreifen, wovon Ich euch schon eine Menge Beweise geliefert habe, – aber Ich will das Judäavolk auch nicht noch ärger machen durch Meine Gegenwart, als es ohnehin schon ist. Die anderen Lande aber sind für Mich noch zu wenig reif, und wir werden darum dennoch in Galiläa verbleiben und hier das Licht noch mehr anfachen.“
GEJ|6|79|10|0|Es war das den Jüngern denn auch recht; denn auch sie wollten eben mit den eigentlichen Juden nicht besonders viel zu tun haben. Denn die Juden verachteten beinahe alles, was aus Galiläa herrührte. Die Neujünger meinten, daß Kleinmesopotamien, Syrien und Zölesyrien etwa wohl noch die tauglichsten Landschaften wären, in denen man das Licht der Himmel ausbreiten könnte mit vielem Nutzen.
GEJ|6|79|11|0|Sagte Ich: „Lehret Mich nicht erkennen jene Lande! Da kommen auf einen – sage – schlechten Juden mindestens zehn Griechen und Römer, die da pur Heiden vom echten, gar finsteren Aberglauben sind! Wie würden diese das wahre, geistige Lebenslicht fassen?! In Samaria haben wir das Licht bereits ausgegossen, und es wächst dort ganz ansehnlich. Damaskus ist eine große Handelsstadt. Die Menschen dort denken nur, wie sie ihre Erzeugnisse irgend am besten absetzen könnten, und da ist mit dem Lichte vorderhand nur sehr wenig zu machen; später aber wird das Licht schon auch dahin kommen, und so bleiben wir nun in Galiläa, besuchen unsere Lichtfreunde und richten sie noch mehr auf!
GEJ|6|79|12|0|Wenn ein Herrscher ein Volk beherrschen will, so gehört dazu, daß er sich zuvor eine feste Burg erbaue, die von seinen Feinden nicht besiegt werden kann. Und sieht da sein Volk, daß der Herrscher nicht besiegbar ist, so unterwirft es sich ihm und achtet seine Gebote. Und so soll uns auch Galiläa zu einer festen Burg werden, die der Feind des Lichtes nicht leichtlich zu Falle bringen wird. Ich bin als Selbst Galiläer der Grundstein, und euer Glaube ist der Fels, auf dem Ich die Burg Gottes erbaue. – Nun aber kommt auch schon der Wirt, uns zum Mahle zu beheißen. Und so gehen wir!“
GEJ|6|79|13|0|Der Wirt kam und lud uns zum Mahle, obwohl es noch nicht um die Mitte des Tages war, und wir gingen und nahmen das wohlbereitete Mahl ein, bei dem noch so manches über unsere bevorstehende Reise gesprochen ward.
GEJ|6|79|14|0|Nach dem Mahle aber erhoben wir uns schnell und machten uns auf die Füße. Der Wirt fragte Mich, ob er uns nicht bis zu einem nächsten Orte hin begleiten dürfe.
GEJ|6|79|15|0|Ich aber sagte zu ihm: „Du bist nun auch einer Meiner Jünger geworden; denn du hast Mich wohl erkannt. Bleibe du für jetzt daheim, und du wirst Mir allda mehr zum Nutzen sein, als so du nun mitzögest! Es werden noch heute viele in deiner Herberge verbleiben, und du wirst Gelegenheit bekommen, Mich zu vertreten, und es wird sich das nun in dieser Zeit gar oft wiederholen. In einigen Wochen aber werde Ich wieder zu dir kommen und abermals einige Tage bei dir zubringen; da wirst du dann schon wieder Gelegenheit haben, von Meiner neuen Lehre noch ein mehreres zu überkommen. So du aber von nun an in Meinem Namen reden wirst, da brauchst du nicht zu denken, was du reden wirst, sondern Ich werde dir die Worte in den Mund legen, die du zu reden haben wirst!“
GEJ|6|79|16|0|Sagte der Wirt: „Herr, wie soll, wie werde ich das fühlen und wahrnehmen?“
GEJ|6|79|17|0|Sagte Ich: „Gedanken, so klar wie rein ausgesprochene Worte, wirst du in deinem Herzen empfinden und wirst sie dann ganz leicht aussprechen mit dem Munde. Darin liegt das Geheimnis Gottes im Menschenherzen. – Endlich aber sage Ich dir noch etwas:
GEJ|6|79|18|0|So du irgend einen Kranken finden wirst, dem lege in Meinem Namen die Hände auf, und es wird besser werden mit ihm! Hast du aber jemanden geheilt auf diese Art, so lasse dir die Heilung nicht bezahlen, sondern sage zum Geheilten: ,Danke du Gott, dem Allmächtigen, in Seinem Sohne Jesus! Gehe hin und sündige nicht mehr! Halte die Gebote und tue Gutes!‘ Dadurch wirst du Mir viele Gläubige erwecken.“
GEJ|6|79|19|0|Hierauf legte ich ihm die Hände auf und gab ihm dadurch Kraft, zu handeln in Meinem Namen.
GEJ|6|80|1|1|80. — Der Besuch bei dem Wirte in Kana. Die Heilung des kranken Kindes. Ein Evangelium für säugende Mutter
GEJ|6|80|1|0|Darauf zogen wir schnell von da (diesem Ort) weg und kamen gen Abend nach Kana in Galiläa, allwo Ich das Wasser zu Wein gemacht hatte. Wir kehrten in demselben Hause ein, da es auch eine bedeutende Herberge war. Daß wir allda auch mit der größten Freundlichkeit aufgenommen wurden, braucht kaum näher erwähnt zu werden.
GEJ|6|80|2|0|Das junge Ehepaar hatte schon ein Kind, und zwar einen Knaben; aber das kaum etliche Wochen alte Kind litt an bösen Fraisen (Krämpfen) und zwar infolge eines Schrecks, den die junge Mutter noch im Wochenbette dadurch erlitt, weil in einem nachbarlichen Hause ein Feuer entstand, das aber bald gelöscht wurde. Die jungen Eltern, wie auch ihre noch lebenden Alten, versuchten alles, das Kind von diesem Übel zu heilen; aber da war alles vergebens.
GEJ|6|80|3|0|Als Ich aber ins Haus trat und sie Mich wohl erkannten, da fielen sie vor Mir auf die Knie nieder und sagten (die jungen Eltern): „O Meister, Dich hat wahrlich Gott zu uns geführt, auf daß Du heilest unser einziges Kind! Oh, wir bitten Dich inbrünstigst darum! Daß Dir alles möglich ist, das wissen wir schon lange.“
GEJ|6|80|4|0|Sagte Ich: „Stehet auf; denn es ziemet sich nicht, daß Menschen vor Menschen sich auf die Knie werfen!“
GEJ|6|80|5|0|Sagte das junge Ehepaar: „O Meister, wir wissen es aber, daß Du mehr bist als nur ein Mensch, und so geziemt es sich wohl, daß man sich vor Dir auf die Knie wirft! O hilf unserm Kinde!“
GEJ|6|80|6|0|Sagte Ich: „Nun, nun, so stehet auf, und bringet Mir her das kranke Kind!“
GEJ|6|80|7|0|Da erhoben sich die Eltern schnell vom Boden und brachten Mir das Kind. Ich aber legte ihm die Hände auf und segnete es, und im Augenblicke ward das Kind also heiter und gesund, als so ihm nie etwas gefehlt hätte.
GEJ|6|80|8|0|Darauf sagte Ich zur jungen Mutter: „Du aber sei vorsichtig in der Folge! So irgend etwas dein Gemüt stark erregt hat, und du hast noch ein Kind an der Brust, da lasse das Kind so lange nicht saugen, bis dein Gemüt wieder in eine völlige Ruhe zurückgekehrt ist! Denn mit der Muttermilch können allerlei Übel im Leibe und sogar in der Seele der Kinder entstehen. Dies merket euch! – Nun aber sorget, daß wir alle ein Abendmahl bekommen!“
GEJ|6|80|9|0|Die Eltern dankten Mir über alle Maßen für diese Wohltat und gingen, um für uns ein Nachtmahl zu bereiten.
GEJ|6|80|10|0|In einer Stunde war schon alles fertig, und wir wurden in einen großen und ganz neu erbauten Speisesaal geführt, allwo wir das sehr wohlbereitete Nachtmahl einnahmen. Nach dem Mahle aber fragte Ich den jungen Hauswirt, wann und wie, und von wem dieser sehr schöne und sehr geräumige Speisesaal erbaut wurde.
GEJ|6|80|11|0|Da sagte der Wirt: „Ja, Herr, da ging es wahrlich auch nicht so ganz mit natürlichen Dingen zu! Die Baumeister waren Joses und Joel, respektive Söhne des Joseph und Deine Stiefbrüder. Aber es ging das sehr sonderbar zu. Sie hatten nur zwei Gehilfen, und als sie die Zedern zu behauen anfingen, da dauerte diese Arbeit, die sonst wenigstens zehn Tage vonnöten gehabt hätte, kaum einen Tag, und das Zusammenfügen der Balken, das Aufstellen des Daches und das Legen der Böden, wie das Verfertigen alles dessen, was da im Saale sich vorfindet, kostete geradesoviel Zeit, als wie viele Tage nach Moses Gott der Herr zur Erschaffung des Weltteils benötigte.
GEJ|6|80|12|0|Kurz und gut, nach der Meinung eines jeden Sachverständigen würde die Herstellung eines solchen Saales beinahe ein gutes halbes Jahr benötigen, und das mit mehr und sehr fleißigen Bauleuten, – und dieser Saal ward von nur vier Bauleuten in sechs Tagen also hergestellt, wie er nun dasteht, und das wird etwa doch auch ein offenbares Wunder sein!
GEJ|6|80|13|0|Die beiden Brüder sagten es selbst: ,Da hilft uns unsichtbar der Geist unseres göttlichen Bruders!‘ Und es war sicher auch also, da mir das sogar Deine liebe Mutter Maria, die uns oft besucht, auch als etwas sicher Wahres anzeigte. – Ist es nicht also, Herr und Meister alles Lebens und Seins?“
GEJ|6|80|14|0|Sagte Ich: „Nun ja, so soll es also auch sein! Aber nun sorget auch für Nachtlager; denn wir sind alle gliedermüde geworden! Morgen werden wir ein Weiteres darüber zu reden Zeit gewinnen.“
GEJ|6|80|15|0|Das wurde denn auch schnell bewerkstelligt, und wir begaben uns zur Ruhe.
GEJ|6|81|1|1|81. — Der Herr im Norden von Galiläa
GEJ|6|81|1|0|Ich blieb zu Kana in Galiläa bei sieben Tage lang, und Meine Jünger predigten das Evangelium dem Volke. Nach sieben Tagen aber zogen wir weiter, nachdem wir zuvor viel Gutes gewirkt hatten. Von Kana aus begleitete uns viel Volkes eine weite Strecke und kehrte voll Trostes wieder heim.
GEJ|6|81|2|0|Wir zogen aber von da ganz an die nördlichsten Grenzen Galiläas, wohin wir zuvor noch nicht gekommen waren. Allda trafen aber wir eine Menge Heiden an, die sehr abergläubisch waren und auf allerlei Amulette große Dinge hielten. Sie betrachteten uns auch mit sehr verwunderlichen Augen und begriffen gar nicht, wie wir uns ohne solche Schutzmittel zu reisen getraueten. Als wir ihnen andere Beweise von unseren inneren Kräften zu geben anfingen, da fielen sie auf ihre Angesichter; denn sie hielten uns für Götter aus dem Olymp und getrauten sich nicht, uns anzusehen. Erst nach längerem Reden und Beweisen fingen sie wieder an, uns für Menschen zu halten, und es war von da an erst möglich, sich ihnen näher zu offenbaren.
GEJ|6|81|3|0|Daselbst blieben wir wohl bei drei Wochen lang und bekehrten da eine große Anzahl Heiden zum reinen Judentume. Es waren aber das sonst ganz gute Menschen, und sie bedienten uns sorglichst mit allem, was sie nur immer besaßen. Als wir sie verließen, da ward viel um uns geweint; aber Ich stärkte sie, und dann ließen sie uns ruhig ziehen.
GEJ|6|81|4|0|Auf daß aber der Leser dieser Schrift sich leichter orientiere, wo sich eigentlich diese Amulettheiden befanden, so sehe er auf einer alten Landkarte nach, und er wird in Kleinasien eine Landschaft finden, die da heißt Cappadocia (Cai pa dou ceio? = Was wollen diese hier?). Da, an der Grenze gen Süden, war eine Stadt unter dem Namen Melite (Mei liete! = Habe oder zähle die Jahre!) Diesen Namen bekam die Stadt von einem jungen Könige, der zwar recht weise und tapfer war, – als aber der alte König starb, so wollte sogleich der junge den Thron besteigen. Dabei aber stellte sich im Rate der Ältesten des Volkes heraus, daß der Sohn noch nicht das erforderliche Alter hatte, und man sagte zu ihm: „Mei liete!“ = „Habe die Jahre!“ Da ward der Sohn zornig, zog mit einigen tapferen Streitern gen Osten, eroberte eben die obbenannte Landschaft Cappadocia zur schon früher innegehabten Landschaft Cilicia (Ci lei cia = So sie nur will), und erbaute daselbst eine Stadt und gab ihr den triumphierenden Namen Mei liete nei (griechisch: Melitene = Habe die Jahre nicht), womit er dem Rate der Ältesten sagen wollte: „Da sehet her, ob ich nicht die Jahre habe!“
GEJ|6|81|5|0|Nun, das gehört freilich wohl nicht so ganz in unser Evangelium; aber es schadet niemandem, auch so etwas zu wissen, weil er sich hernach in vielem leichter orientieren kann. –
GEJ|6|81|6|0|Also von dieser alten Stadt westlich lag ein bedeutendes Gebirge an der Grenze von Syrien, und daselbst wohnten unsere Amulettgriechen. Wie Ich die Sache mit ihnen ab- und durchgemacht habe, ist in Kürze schon bekanntgegeben worden, und eines weiteren bedarf es da nicht.
GEJ|6|81|7|0|Von diesen gemütlichen Menschen zogen wir südwestwärts und gelangten in ein Städtchen namens Chotinodora (Choti no dora = Im Winkel ackert oder pflügt man nicht). In diesem Städtchen wohnten viele Juden aus Bethlehem und trieben da Handel mit allerlei, betrieben auch mit besonderem Eifer das Wechselgeschäft. Zugleich aber waren da auch Griechen aus Armenien und trieben Holzhandel am Strome Euphrat bis nach Indien, da dies Städtchen, so wie ein gleich großes Nachbarstädtchen namens Samosata, eben an dem vorbenannten Strome lag.
GEJ|6|81|8|0|„Nun, lauter Handelsleute! Da werden wir für unsere Sache wenig Geschäfte machen!“, so meinten die Jünger unter sich, und ein ältester Neujünger sagte zu Mir, als wir am Ufer des Stromes dem regen Tun und Treiben der Menschen zusahen: „Herr, diese Orte aber gehören doch nicht mehr nach Galiläa, und doch hast Du sie bereist, obwohl Du nur in Galiläa allein umherziehen wolltest! Wie kam das, und wie sollen wir das verstehen?“
GEJ|6|81|9|0|Sagte Ich: „Das kam ganz natürlich, und das darum, weil nun nach der Ländereinteilung der Römer das alles bis an die Grenze von Kleinasien zu Galiläa gehört, und so sind wir nun noch in Galiläa und sehen uns nicht mehr nach den alten Namen um, sondern nur nach denen, wie sie nun bestehen! Dies Land, das in den Zeiten Jakobs und später unter den Richtern das Land der Trauer, ein Land für Verbannte war, ist nun ein Land der Freude geworden, und ob es schon früher klein war, so ist es nun aber dennoch größer geworden denn alle Länder vom ganzen großen Gelobten Lande. Wir sind nun zwar im alten Syrien, aber dennoch sind wir im neuen Galiläa (G = wie Sch ausgesprochen, lautet es ,Schalilia‘ = ein Ort der Trauer), das nicht ein Land der Trauer, sondern ein Land der Freude und der geistigen Auferstehung geworden ist. – Verstehet ihr das?“
GEJ|6|81|10|0|Sagten alle: „Herr, das verstehen wir nun ganz gut, weil es in aller Wahrheit also ist! Aber es fragt sich jetzt nur, was wir hier machen werden. Es ist schon zu Ende mit dem heutigen Tage, und wir haben noch keine Herberge. Auch unser Mundvorrat ist ganz ausgegangen. Darum bitten wir Dich, o Herr, daß Du uns da Rat schaffen möchtest! Oder sollen wir hier im Freien übernachten oder uns umsehen in der Stadt, irgend etwas Brot zum Kaufen zu bekommen?“
GEJ|6|81|11|0|Sagte Ich: „O ihr Kleinmütigen! Gehet und tut das letztere! Aber um eine Herberge brauchet ihr euch nicht umzusehen; denn sie wird noch von selbst kommen, wenn sie kommen will. Kommt sie nicht, so bleiben wir hier, und es wird niemandem irgend etwas zuleide geschehen. Morgen erst werden wir sehen, was da zu machen sein wird.“
GEJ|6|82|1|1|82. — Die Jünger und der strenge Zöllner
GEJ|6|82|1|0|Darauf erhoben sich einige der Altjünger, gingen in die Stadt und fanden bald einen Bäckerladen und kauften um zehn Pfennige Brot und um vier Pfennige gebratene Fische. Als sie mit diesem Einkaufe aus der Stadt gingen, begegnete ihnen ein Zöllner, der sie anhielt und fragte, wer da so viel Brotes und der Fische bedürfe.
GEJ|6|82|2|0|Sie aber sagten (Die Altjünger): „Unser Herr und Meister will es also, und so tun wir es auch also!“
GEJ|6|82|3|0|Fragte der Zöllner weiter: „Nun, wer ist denn euer Herr und Meister, und was treibt er für ein Gewerbe?“
GEJ|6|82|4|0|Sagten die Jünger: „Gehe hin, und erkundige dich bei Ihm Selbst, – Er wird es dir schon sagen, wenn Er wollen wird! Aber er steht nicht gleich jedermann Rede! Dort, einige hundert Schritte am Ufer des Stromes, aber rastet Er samt den andern Jüngern. Gehe hin, und rede mit Ihm Selbst!“
GEJ|6|82|5|0|Sagte der Zöllner: „Warum nehmet ihr denn hier nicht eine Herberge? Es gibt ja deren mehrere in unserer nicht gar kleinen Stadt!“
GEJ|6|82|6|0|Sagten abermals die Jünger: „Gehe hin zu Ihm, und Er wird es dir sagen; denn wir wissen es selbst nicht, was Er hier alles machen will!“
GEJ|6|82|7|0|Hier sagte der Zöllner: „Ja, da muß ich wohl selbst hingehen und mich bei ihm erkundigen, was da mit euch ist! Denn bei uns wird eine strenge Ordnung gehandhabt, und wir müssen wissen, wer irgendein Fremder ist, der sich unserer Stadt genähert hat.“
GEJ|6|82|8|0|Hierauf zog der Zöllner mit den Jüngern zu Mir hin, und als er bei uns ankam, da fragte er gleich ganz richterlich strenge und ernst: „Welcher von euch ist wohl der Meister und der Herr?“
GEJ|6|82|9|0|Sagte Ich: „Ich bin es! Was willst du von Mir und von Meinen Jüngern?“
GEJ|6|82|10|0|Sagte der Zöllner: „Ihr seid Fremde, und solche können wir in der Nähe unserer reichen Stadt nicht dulden, so sie sich nicht näher äußern, wer und woher sie sind!“
GEJ|6|82|11|0|Sagte Ich: „Ich kenne eure Gesetze und Rechte besser denn du, der du als ein purer Zöllner gar nicht das Recht hast, uns zu fragen, wer und woher wir seien! Siehe, wir sind von dem Tore der Stadt noch über siebenhundert Schritte entfernt, und dieser Platz, den wir nun einnehmen, ist nach euren Gemeindegesetzen von alters her schon bestimmt für Fremde, und so sind wir nach euren eigenen Gesetzen hier auf diesem Platze frei und sind sonach auch niemand irgendeine Rede und Antwort schuldig! Du selbst aber eile nun lieber in dein Haus zurück, sonst stirbt dein ältester Sohn, der schon sieben Jahre lang krank ist, eher, als du nach Hause kommst!“
GEJ|6|82|12|0|Das machte nun den Zöllner äußerst stutzig. Er machte große Augen und fragte Mich, woher Ich das wüßte. Und so Ich das so genau wüßte, so wüßte Ich etwa vielleicht auch, ob denn seinem Sohne nicht mehr zu helfen wäre.
GEJ|6|82|13|0|Sagte Ich: „O ja, das wüßte Ich auch und könnte ihm sogar helfen, – auch dann noch, so er schon gestorben wäre; aber da müßtest du einen stärkeren Glauben an den einigen, wahren Gott haben, als du ihn hast samt deinem ganzen Hause!“
GEJ|6|82|14|0|Da sah Mich der Zöllner wehmütig und freundlich an und sagte: „Meister und Herr, wie dich also nennen, die mit dir sind! Siehe, ich selbst habe eine große Herberge, komme mit mir dahin samt deinen Gefährten, und wohne in meinem Hause! Es solle niemandem von euch etwas abgehen – und so ihr ein volles Jahr bei mir verweilen wolltet –, und wenn du meinen Sohn heilest, so will ich euch auch Gold und Silber geben, soviel ihr nur immer verlangen wollet; denn ich bin sehr reich an allerlei irdischen Gütern und möchte für die Heilung meines liebsten Sohnes wohl mehr denn die Hälfte davon geben. Willst du mit mir dich in mein Haus begeben?“
GEJ|6|82|15|0|Sagte Ich: „So du glaubtest, da könntest du dann auch etwas von der großen Macht und Herrlichkeit Gottes wahrnehmen! Aber nun gehe du allein nach Hause, und Ich werde mit den Meinen dir nachkommen! Denn wir wollen nun zuvor unser spärliches Mahl halten, da wir heute den ganzen Tag auf dem beschwerlichen Wege nichts eingenommen haben.“
GEJ|6|82|16|0|Sagte der Zöllner: „Aber Herr und Meister! In meinem Hause sollet ihr alle sicher besser bedient werden denn mit diesen wenigen Broten und Fischen; was euch aber diese Brote gekostet haben, das will ich tausendfach wieder ersetzen!“
GEJ|6|82|17|0|Sagte Ich: „Gehe du nun nur nach Hause, weil Ich es also haben will, und dein Sohn wird leben! Wir aber werden in einer Stunde nachkommen.“
GEJ|6|83|1|1|83. — Der Herr erweckt den verstorbenen Sohn des Zöllners
GEJ|6|83|1|0|Hierauf ging der Zöllner eiligen Schrittes nach Hause und erkundigte sich daheim gleich nach dem Befinden seines so sehr geliebten Sohnes.
GEJ|6|83|2|0|Die drei Ärzte aber sagten zu ihm: „Herr, mit deinem Sohne steht es sehr schlimm! Dem ist nicht mehr zu helfen! Wir haben wohl alles versucht, was uns nur immer Wissenschaft und Erfahrung eingaben, aber es war alles eine vergebliche Mühe. Wenn wir ihm noch eine Stunde das Leben erhalten können, so haben wir an ihm ein großes Wunder ausgeübt!“
GEJ|6|83|3|0|Da ging der Zöllner zum Sohne, der schon auf dem Sterbebette lag; aber er sagte dennoch zu ihm: „Mein Sohn, diese drei Ärzte werden dir nicht helfen, aber es wird bald ein anderer Arzt kommen, der wird dir helfen; denn auf den setze ich nun all mein Vertrauen und meinen vollsten Glauben.“
GEJ|6|83|4|0|Da hob der Kranke das Haupt auf und sagte mit gebrochener, schwacher Stimme: „Ja, der Tod wird mir helfen, – sonst kein Arzt mehr!“
GEJ|6|83|5|0|Hier kamen dem Vater die Tränen, und er sagte zum Sohne: „Nein, nein, nicht der Tod, sondern das Leben wird dir helfen! Denn der fremde Arzt, den ich gesprochen und zuvor noch nie gesehen habe, wußte, daß du volle sieben Jahre schon krank seist, und er sagte es auch, daß er dir noch helfen könnte, so du auch schon gestorben wärest, und so glaube ich denn auch fest seinen Worten.“
GEJ|6|83|6|0|Darauf sagte der Sohn nichts mehr, und die Ärzte sagten: „Lassen wir ihn in aller Ruhe; denn die geringste Anstrengung tötet ihn! Sieh hin, sein Gesicht hat schon alle Todesmerkmale!“
GEJ|6|83|7|0|Es dauerte nun noch eine halbe Stunde, da seufzte der Kranke noch einmal auf und starb.
GEJ|6|83|8|0|Da sagten die Ärzte: „Wo ist nun dein Arzt, der deinem Sohne helfen könnte, so er auch schon gestorben sein würde?!“
GEJ|6|83|9|0|Da trat Ich in das Zimmer des Kranken und sagte laut: „Hier stehe Ich und bin kein Maulreißer, wie ihr es seid, sondern was Ich sage, das ist vollste und nie trügende Wahrheit aus den Himmeln Gottes!“
GEJ|6|83|10|0|Da sprachen die erbosten drei: „Dahier liegt der Tote vor dir, du fremder Großsprecher! Hilf ihm nun, wenn dir das möglich ist, und wir wollen uns bis zur Erde vor dir verbeugen und selbst bekennen, daß wir nichts als eitel pure Maulreißer sind!“
GEJ|6|83|11|0|Sagte Ich: „Ich brauche weder eure Verbeugung und noch weniger euer Bekenntnis, sondern Ich tue, was Ich tue, weil Ich es also tun kann und auch also tun will! So Ich aber sage, daß Ich das tun kann, so maße Ich Mir nichts an, da Ich das tue aus Meiner höchsteigenen Macht, die in Mir ist, und Ich bedarf dazu keines andern Mittels denn allein Meines allereigensten und freiesten Willens; ihr aber saget es aller Welt laut, daß ihr die ersten Meister eurer Kunst seid, – und was ist der Erfolg eurer Maulreißerei?
GEJ|6|83|12|0|Da vor euch liegt er! Der junge Mensch bekam ein leichtes Fieber, – ein Löffel voll gebrannten Salzes mit sieben Löffeln voll Weines hätte den Menschen für immer geheilt! Ihr wußtet wohl um dieses Heilmittel; aber da dachtet ihr und sagtet dabei: ,Oh, das ist eines Reichen Sohn, der kann das leichte Fieber jahrelang herumtragen, und das trägt uns viel Geld ein! Wenn der Sohn alt genug wird, da wird ihn das Fieber ohnehin von selbst verlassen.‘ Ich aber sage es euch, ihr argen Ärzte: Das Fieber hätte den Sohn auch schon seit langem verlassen, allein ihr unterhieltet es eures Verdienstes wegen, machtet daraus ein Zehrfieber, das ihr nun nicht mehr zu heilen vermochtet, und somit waret ihr eurer schnöden Gewinnsucht wegen wahre Mörder dieses jungen Menschen!
GEJ|6|83|13|0|Ihr nanntet Mich einen Maulreißer und habt Mich nie zuvor gesehen und erkannt; Ich aber kenne euch schon gar lange und sagte als euer ,Maulreißer‘ nun über euch die vollste Wahrheit und habe euch dadurch euer eigenes Bekenntnis zu machen erspart! Daß Ich aber über euch die Wahrheit nun geredet habe, davon soll die volle Wiederbelebung dieses verstorbenen Menschen das hellste Zeugnis geben!“
GEJ|6|83|14|0|Da sagten die drei Ärzte, höhnisch lächelnd: „Na, da sind wir sicher von jeder Anklage befreit!“
GEJ|6|83|15|0|Sagte Ich: „Das wird sich sogleich zeigen!“
GEJ|6|83|16|0|Hier trat Ich zu dem Toten hin und sagte: „Jorabe, stehe auf von deinem Schlafe, und gib Zeugnis über die große Falschheit dieser drei, die Mich zuvor einen Maulreißer schalten!“
GEJ|6|83|17|0|Augenblicklich erhob sich der Tote von seinem Lager und war so frisch und gesund, als ob ihm nie etwas gefehlt hätte. Der Vater ward darob so voll Freude, daß er nicht wußte, ob er Mir oder dem ihm wiedergegebenen Sohne sich zuerst aus Liebe und Dankbarkeit an die Brust hinwerfen solle.
GEJ|6|83|18|0|Ich aber sagte zu ihm: „Lasse das nun noch; sorge aber dafür, daß der Sohn Jorabe etwas zu essen bekomme und darauf etwas Wein!“
GEJ|6|83|19|0|Da wurde alles schnell angeordnet und für uns ebenfalls ein großartiges Mahl mit.
GEJ|6|84|1|1|84. — Die Abfertigung der drei Ärzte
GEJ|6|84|1|0|Die drei Ärzte aber standen nun wie versteinert da, und keiner konnte ein Wort über seine Lippen bringen.
GEJ|6|84|2|0|Da fragte der Zöllner den ganz munteren Sohn, was er den dreien für ein Zeugnis gebe.
GEJ|6|84|3|0|Sagte der Sohn: „Ganz dasselbe, das ihnen dieser fremde, wunderbare Heiland gegeben hat! Ihnen liegt gar nichts an der Genesung eines Kranken, sondern nur daran, daß er recht viel von ihren Heiltränkchen verschluckt und sie dafür dann recht viel Geld erhalten. Daß sie aber niemandem irgend wahrhaft geholfen haben, das weiß die ganze Stadt und Gegend. Wie sie aber mir geholfen haben, so haben sie schon gar vielen geholfen, – nämlich von dieser Welt in die andere! Ich meine, daß ich genug geredet habe.
GEJ|6|84|4|0|Doch das ist wahrlich noch sehr bemerkenswert: Sie sind Juden, wie sie sagten aus Jerusalem, und brüsteten sich sehr mit ihrem Jehova, und daß sie nur dem für ganz gewiß helfen könnten, der an ihren Gott glaube und ein großes Opfer in Gold, Silber und Edelsteinen darbrächte, welches Opfer man ihnen in die Hände legen solle, auf daß sie es dann sendeten nach Jerusalem, allwo ein gewisser Hoherpriester in einer allerheiligsten Kammer des Tempels zu dem Jehova bete für den Kranken und diesem dann für bestimmt besser werden würde. Was sollen aber wir Griechen dazu sagen, die wir ohnehin schon viel zuviel Götter haben? Sollen wir noch einen Gott dazunehmen, auf daß auch der uns ebensogut nichts helfe, wie uns alle die andern noch nie in etwas geholfen haben, außer ihren schlauen Priestern, die für sie die reichsten Opfer mit wichtigen, den Göttern geweihten Mienen einnahmen und sie heimlich zu allerlei schlechten Dingen und Taten vergeudeten?!
GEJ|6|84|5|0|Ich aber lege nun hier ein offenes Bekenntnis ab und sage: Dieser wunderbare Fremde ist nun und für alle künftigen Zeiten ein allein wahrer Gott für mich! Er ist ein Jehova der Juden und ein Zeus der Griechen, Römer und Ägypter. In ihm müssen alle Götter vereinigt sein. Wir haben schon oft allerlei Märchen erzählen hören, wie dieser oder jener Gott in den alten Zeiten etwas bloß durch seinen allmächtigen Willen hervorgebracht hat; aber wir Griechen als auch Menschen haben noch nie das Glück gehabt, so etwas mit den eigenen Augen zu erschauen. Aber dahier steht ein Mensch, der das vermag, und er ist von mir aus ein wahrster Gott, was ich nun fest glaube, und diesen Glauben werde ich auch mein ganzes Leben hindurch gleichfort behalten. – Was saget ihr andern dazu?“
GEJ|6|84|6|0|Sagte der Zöllner: „Ja, mein Sohn, diesem deinem neuen Glauben werden auch ich und alle Menschen meines Hauses uns getreulichst anschließen! Denn einen völlig Toten kann nur ein Gott wieder ins Leben zurückrufen. Aber nun bestimme, du anbetungswürdigster, fremder Meister und – ich sage – Gott, was ich den drei Ärzten tun soll! Denn ihre Art, den Leidenden zu helfen, ist offenbar zu schlecht, als daß man sie ganz ungestraft solle dahingehen lassen!“
GEJ|6|84|7|0|Sagte Ich: „Laß sie gehen; denn sie werden noch der gerechten Strafen in die schwere Menge finden! Fürs erste wird sie, so dies alles bekannt wird, sicher kein Mensch mehr begehren, und fürs zweite werden sie dann das Weite ehest von selbst suchen müssen. Nun aber sollen sie gehen und dir einen jeden Groschen zurückbezahlen, den du ihnen für ihre nichtige Heilung ausbezahlt hast!“
GEJ|6|84|8|0|Hier machten alle drei ein ganz entsetzlich saures Gesicht; denn das Zurückzahlen von mehreren hundert Groschen, die sie vom Zöllner schon zum voraus erhalten hatten, ging ihnen durchaus nicht ein.
GEJ|6|84|9|0|Aber der Zöllner bestand nun darauf und sagte: „Wahrlich, ich habe dieses Geld nicht im geringsten irgend vonnöten; aber ich will es den Armen dieses Ortes, deren es viele gibt, geben, und das wird besser sein, als daß ich es euch für nichts und wieder nichts beließe! Gehet denn und überbringet mir noch in dieser Stunde das Geld, ansonst ich euch, ihr elenden Wichte, den Gerichten übergebe!“
GEJ|6|84|10|0|Da erhoben sich die drei Ärzte und machten sich zum Fortgehen auf.
GEJ|6|84|11|0|Ich aber sagte: „Es genügt, daß von euch nur einer um das Geld hingeht, es zu holen, – die beiden andern aber verharren unterdessen als Bürgen hier; denn gingen nun alle drei, so hätten wir sie nun wohl das letzte Mal gesehen! Der jüngste von ihnen aber gehe, weil er noch der ehrlichste ist; denn ginge einer von den zwei älteren, so ließe er die hier Weilenden sitzen, und er würde sich mit dem Gelde für immer von hier empfehlen. Also geschehe es denn!“
GEJ|6|84|12|0|Da erhob sich alsbald der jüngste der drei Ärzte, ging und brachte auch in Bälde das Geld.
GEJ|6|84|13|0|Als der Zöllner das Geld übernommen und in Verwahrung gebracht hatte, sagte er zum Überbringer: „Höre, da du nach dem Zeugnisse dieses wahrhaft göttlichen Meisters noch der Ehrlichste bist, so magst du nun hier verbleiben; aber die beiden andern sollen sich augenblicklich von hier entfernen! Willst du aber mit ihnen gehen, so sollst du daran auch nicht im geringsten gehindert werden.“
GEJ|6|84|14|0|Der jüngere Arzt aber sagte: „So ich darf, da bleibe ich, und ich weiß, was ich tun werde. In Gemeinschaft der andern bleibe und wirke ich nimmer; denn sie waren die Herren und ich gleichsam nur ihr Knecht und mußte mit ihnen nach ihrem Willen wider meinen Willen und wider mein besseres Erkennen Hand in Hand gehen. O Herr, das hat mir gar viele trübe Stunden und Tage bereitet! Aber was wollte, was konnte ich tun? Denn sich mit den zweien überwerfen, hieße sich den ganzen Tempel zu Jerusalem zum Feinde machen, und diese Feindschaft ist bekanntlich die allerärgste in der Welt. Stehe ich aber allein, und zwar aufgefordert von dir als dem ersten Vorstande der ganzen Stadt, dann lache ich über die Feindschaft des Tempels.“
GEJ|6|84|15|0|Sagte der Zöllner: „Gut, so bleibe du, – und die beiden andern gehen!“
GEJ|6|84|16|0|Die beiden andern aber waren schon fort und verließen diesen Ort mit schnellen Schritten; denn sie sahen ein, daß hier für sie kein weiteres Bleiben möglich sei, so Ich Mich etwa allda niederließe.
GEJ|6|85|1|1|85. — Die Kunst des Lebens
GEJ|6|85|1|0|Nach dem Abmachen wurden wir zum Mahle geladen und traten da in einen Speisesaal, der seinesgleichen in Jerusalem nicht hatte. In der Mitte des Saales war ein großer Tisch aus Zedernholz, bedeckt mit allerlei Speisen und mit den edelsten Weinen. Wir setzten uns denn dazu und aßen und tranken. Denn die früher gekauften Brote waren nicht gut und auch nicht groß, wie auch die etlichen armselig bereiteten Fische, – daher von uns davon auch nur ganz wenig genossen ward.
GEJ|6|85|2|0|Während des Essens wurde nicht viel geredet; aber als der gute Wein den Gästen die Zunge löste, da wurde es bald ganz lebhaft um den Tisch. Ich redete jedoch nicht, denn Ich saß zwischen dem erweckten Sohne und dessen Vater; diese aber hatten eine zu große Ehrfurcht vor Mir und getrauten sich nicht, Mich zu stören, während Ich Selbst aß und trank.
GEJ|6|85|3|0|Als Ich aber sagte, daß Ich nun zur Genüge gegessen und getrunken hätte, da erst fragte Mich der Zöllner, wie es Mir möglich wäre, sogar einem Toten das Leben wiederzugeben; denn es sei so etwas auf der Erde noch nie erhört worden.
GEJ|6|85|4|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, des Menschen Geist, so er einmal ordnungsmäßig erweckt worden ist, kommt hinter mannigfache Geheimnisse, und wenn er ganz im Vollichte wach geworden ist, da kommt er auch hinter das große Geheimnis des Lebens und erkennt, daß er der Urheber alles Lebens ist. Aber es ist das eben die größte Kunst des Lebens, sich selbst als solches zu finden und zu erkennen!
GEJ|6|85|5|0|Du lebst auch und denkst, willst und wirst nach deinem Denken und Wollen tätig; aber du weißt nicht, was das Leben ist, wie es denkt und will, und wie es danach alle die Glieder in eine entsprechend tätige Bewegung setzt. Aber wer in sich das alles gefunden und wohl erkannt hat, der ist dann auch ein wahrer Meister seines Lebens, wie auch des Lebens seines Nebenmenschen geworden und kann dann auch das tun, was Ich an deinem Sohne getan habe. Ja, er kann noch mehr: Sieh, er kann sich selbst völlig unsterblich machen!
GEJ|6|85|6|0|So man bei der gegenwärtigen Blindheit, Selbstsucht, Habsucht, Neid, Eifersucht und Herrschsucht der Menschen Mich fangen und sogar töten wird, so wird das den argen Menschen nichts nützen; denn bevor drei Tage verrinnen werden, werde Ich Mich Selbst wieder erwecken vom Tode, dann fortleben ewig und noch Größeres wirken denn jetzt. – Das, was Ich dir nun gesagt habe, ist so wahr und so sicher, als wie wahr es ist, daß dein Sohn Jorabe tot war und nun vollkommen wieder lebt. Glaubst du das?“
GEJ|6|85|7|0|Sagte der Zöllner: „Daß du mir keine Unwahrheit verkündetest, dessen bin ich vollkommenst überzeugt; denn fürs erste lebt ja mein Sohn allein durch die Macht deiner geheimen Lebenskunst, die eine Folge deiner Wissenschaft sein wird, und fürs zweite haben solche Lehrsätze auch schon die alten, weisen Griechen aufgestellt. Ob sie aber je dir gleich hinter das große Geheimnis des Lebens mit ihrem Geiste gedrungen sind, das weiß ich nicht und erinnere mich auch nicht, je etwas davon gelesen oder sonst gehört zu haben.
GEJ|6|85|8|0|Die Fabeln von unseren Göttern und Halbgöttern erzählen freilich wohl so manche Wunderchen, die sie sollen ausgeübt haben; aber wer von nur einiger klaren Vernunft kann so etwas glauben?! Auch in den mystischen Schriften erzählt man viel von einem allmächtigen Gott, der aber von einer zahllosen Menge von allerlei sehr mächtigen Geistern umgeben sei, die stets seine Befehle auf das pünktlichste im ganzen Universum ausrichten und auswirken. Sie seien für die Menschen nicht sichtbar, sowie auch der Gott nicht, hätten aber etwa dennoch den vollkommensten Verstand und einen allermächtigsten Willen. Vor vielen hundert Jahren sollen sie sich den frommen Menschen gleich also gezeigt haben wie den Altgriechen ihre Götter und besonders die Halbgötter.
GEJ|6|85|9|0|Man ersieht bei einem ruhigen und unbefangenen Denken daraus, daß am Ende die Götter- und Lebenslehren der Griechen und Juden auf ein und dasselbe hinauslaufen. Alles ist in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt, und so viele und große Mühe sich auch die größten Weisen aller Zeiten und Völker gegeben haben, so haben sie dennoch nie vermocht, den höchst verhängnisvollen Schleier der Isis zu lichten, und wir Sterblichen stehen daher noch auf demselben unentwirrten gordischen Knoten, auf welchem unsere Vormenschen vor vielen tausend Jahren gestanden sind.
GEJ|6|85|10|0|Du wärest nun wohl der einzige und alleinige, der diesen Knoten wahrhaftigst entwirrt hat, und so möchte ich dich als nun einen wahrsten Meister des Lebens bitten, mir und eigentlich schon uns allen die große Kunst zu zeigen, wie man denn ganz sicher hinter das Geheimnis des Lebens kommt, dasselbe erkennt und endlich selbst ein Meister des Lebens wird. Du hast es offenbar dahin gebracht und mußt dazu denn auch die Mittel und Wege wohl kennen. Weil du sie aber kennen mußt, so wäre es wohl eine große Gnade von dir an uns, wenn du uns solche näher bezeichnen möchtest.
GEJ|6|85|11|0|Es ist diese Bitte von mir dir als einem so großen Künstler gegenüber wohl außerordentlich dreist, da ein jeder wahre Künstler seine Kunst als sein teuerstes Gut betrachtet und auch betrachten muß und ich auch gar wohl weiß, daß eine noch so große Kunst von ihrem großen Werte dadurch ein bedeutendes einbüßt, so sie allgemein unter den Menschen gang und gäbe wird; aber da solche deine Kunst wenigstens für den besseren Teil der Menschen eine allererste Hauptlebensfrage wäre und durch ihre sichere Lösung den Menschen das größte und unschätzbar wertvollste Lebensglück beschieden wäre, so möchte ich nur für einige Winke, wie man sicher hinter dieses Geheimnis kommt, zum Wohle der Menschen wahrlich drei Vierteile meiner größten Schätze dir geben. Du würdest dadurch offenbar nichts verlieren, und wir würden dadurch Unendliches gewinnen! – Was sagst du, großer Meister, zu diesem meinem dir nun gemachten Antrage?“
GEJ|6|86|1|1|86. — Der Herr als Lehrer der Lebenskunst
GEJ|6|86|1|0|Sagte Ich: „Ich sage dir dazu nichts anderes, als daß Ich eigens darum in diese Welt zu den Menschen als Selbst Mensch gekommen bin, um sie diese allergrößte und allerwichtigste Kunst ohne alles Entgelt zu lehren, und Ich werde es auch euch lehren ohne Entgelt. Daß Ich aber solches tue den Menschen in vielen Landen und Orten und Meine Lehre mit den rechten Zeichen als vollwahr bestätige, dafür sind, die da mit Mir gekommen sind, Meine Zeugen durch Wort und Tat, da sie Meine Jünger sind. Sie sind schon sehr tief in dieses Geheimnis eingeweiht und können dir den Weg und die Mittel dazu an die Hand geben.
GEJ|6|86|2|0|Wer das annimmt, glaubt und ganz entschieden danach lebt, tut und handelt, der kommt unfehlbar hinter das Geheimnis des Lebens und wird nach der erlangten förmlichen Wiedergeburt seines eigenen Lebensgeistes in sich selbst ein Meister seines Lebens und dadurch auch ein Meister des Lebens seiner Nebenmenschen, weil er ihnen dazu die Wege wird zeigen können und durch seine Lebensmeisterschaft auch dartun die großen Lebensvorteile solcher Meisterschaft.
GEJ|6|86|3|0|Aber das sage Ich dir auch, daß da niemand über Nacht ein Meister wird und einem Menschen die puren noch so gediegenen Kenntnisse der Mittel und Wege zur Erlangung dieser größten Lebenskunst gar nichts nützen, so er sie nicht alle vollpraktisch in sein Leben aufgenommen hat. Da nützt die Theorie für sich gar nichts, sondern allein die Praxis.
GEJ|6|86|4|0|Es geht aber Ähnliches auch bei der Erlernung der andern Künste vor sich. Du wolltest zum Beispiel ein Musikinstrument meisterlich zu spielen erlernen, wie etwa die vollkommene Lyra der Griechen oder die noch wohlklingendere Harfe der Juden, da müßtest du dir offenbar einen Meister dieser Instrumente nehmen. Dieser würde dir die Regeln, die zur Erlernung des Spiels eines dieser Musikinstrumente unerläßlich notwendig sind, vor allem ganz genau beibringen, so daß du dadurch genau wüßtest, was du zu tun und zu üben hättest, um mit der Zeit selbst ein Meistermusiker zu werden. Wärest du mit der alleinigen und noch so genauen Kenntnis aller Regeln, Mittel und Wege ein Harfen- oder ein Lyraspieler? Oh, sicher nicht! Du müßtest zuvor durch eine sehr fleißige Übung der Finger und der Ohren nach den dir bekannten Regeln dir erst mühsam die Fähigkeit erwerben, um durch sie dann ein Meister zu sein. Und geradeso geht es auch mit der Überkommung der Lebenskünstlerschaft.
GEJ|6|86|5|0|Erst durch die Übung wird man ein Meister, und der mehr oder minder vollkommene Grad der erlangten Meisterschaft hängt genau von der größeren oder minderen Übung der erkannten Regeln ab. Je mehr Übung, desto mehr Meisterschaft! Daher glaube du nicht, daß du durch die Kenntnis der Lebenskunstregeln schon irgend etwas zu wirken imstande sein wirst, oder es werde dir schon dadurch der Schleier deiner Isis gelichtet werden! Ich sage es dir: durch die pure Erkenntnis wirst du nicht einmal die Möglichkeit nur von ferne hin begreifen, daß durch die Übung solcher Regeln dir dein Schleier der Isis gelichtet werden könnte! Nur durch die unausgesetzte und fleißige Übung wirst du erst zu der stets heller werdenden Überzeugung gelangen, daß die Regeln richtig und wahr sind und zum Ziele führen. Und hast du durch die Übung erst die Meisterschaft erreicht, dann erst wirst du den völlig gelichteten Isisschleier in und vor dir haben. – Siehe, das war die Voreinleitung zu den etwa nachfolgenden Regeln, durch deren Übung und Ausübung der Mensch zur wahren Lebensmeisterschaft gelangen kann! Was sagt dein Urteil dazu?“
GEJ|6|86|6|0|Sagte der Zöllner: „Ich finde das alles in der vollkommensten Ordnung. Daß man durch die bloße Kenntnis der Regeln kein Meister, sondern kaum ein Jünger wird, das ist eine Wahrheit, die in der Erfahrung zahllose Bestätigungen findet; aber es ist ja schon dadurch unendlich viel gewonnen, wenn man zur Erreichung eines solchen Zweckes nur einmal die sicheren und untrüglichen Mittel und Wege hat. Das übrige ist dann ganz natürlich allein unsere Sache. Daß übrigens auch der angehende Jünger in sich noch lange nicht zu dem klaren Innewerden eines Meisters gelangen kann, sondern erst dann, wenn er durch viele Übung es selbst zur Meisterschaft gebracht hat, das ist alles ganz sonnenklar; aber daß ohne dich und vor dir noch kein Mensch irgend diese allerwichtigsten Regeln auch nicht von ferne hin hat auffinden können, das ist ein Etwas, das meinem Verstande durchaus nicht einleuchten will und kann. Weder Altägypten noch Kanaan, noch Griechenland und Rom, noch Persien und Indien haben irgendeinen Weisen vorzuführen, der für diese Kunst irgend die rechten Regeln finden konnte. Du bist somit der einzige, der diese Kunst nicht irgend gelernt, sondern offenbar aus sich selbst geschöpft hat! – Sage, wie war dir als einem Menschen das möglich?!
GEJ|6|86|7|0|Denn daß du des Lebens Meisterschaft im vollsten Maße besitzest, dafür sitzt hier bei uns der allersprechendste und wahrste Beweis. Du konntest dazu auch sicher nur durch die Übung der dazu erforderlichen Regeln gelangen, die du aber zuvor auch selbst hast erfinden müssen. Nun, das ist eben dasjenige, was ich am allerwenigsten fassen und begreifen kann; denn ich bin in meinen jüngeren Jahren auch weit und breit in aller Welt herumgekommen und habe mich sorglich um alles erkundigt. Das Treiben der Essäer mit ihren Scheinwundern ist mir nur gar zu wohl bekannt, sowie alle die Zauberkünste und Wahrsagereien, deren Schule ich selbst vielfach mit- und durchgemacht habe; aber da ist kein Einverständnis, kein Zauberstab, kein mystischer Zauberspruch, kein Zaubertrank und keine Dämonenbeschwörung, sondern die allerprunk- und mittelloseste Wahrheit! Du sprichst und willst, und es ist da die Wirkung des Wortes und des Willens! Ja, das ist ein Etwas, das über all meinen Wissenshorizont überhoch hinausragt! Wirken ist sicher etwas ganz Leichtes, so man einmal ein Meister geworden ist; aber wie ohne Meister und Führer zur Meisterschaft und besonders zu den zu ihrer Erlangung notwendigen Regeln gelangen, – das ist eine ganz andere Sache! Sage mir denn doch, wie du dazu gekommen bist! Wer hat dir die Regeln gezeigt und gegeben?“
GEJ|6|87|1|1|87. — Die innere Entwicklung eines Geistesmenschen
GEJ|6|87|1|0|Sagte Ich: „Freund, daran liegt vorderhand wenig oder nichts! Es genügt, daß die Regeln aufgefunden sind, deren Echtheit und vollste Wahrheit du nicht in Abrede stellen kannst. Wer sie kennen und befolgen wird, der wird in sich wachrufen des Lebens Kraft und wird dann leben und wirken können aus dieser Kraft, und Ich werde ihn erwecken durch die Kraft des Geistes Meiner Worte am jüngsten Tage seiner inneren, geistigen Neugeburt.
GEJ|6|87|2|0|Wahrlich, wahrlich, Ich sage dir: Ich Selbst bin – nun da, wie überall – die Wahrheit und das Leben. Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre tut, der wird für sich und in sich den Tod nicht sehen in Ewigkeit!“
GEJ|6|87|3|0|Sagte der Zöllner: „Meister, diese deine Worte klingen sonderbar! Mir kommt es gerade also vor, als wärest du so eine Art höheren, göttlichen Wesens, zwar im Fleische und Blute der Erscheinlichkeit wegen seiend, aber im Grunde für dich dennoch ein purer Geist, der sich nach seinem Belieben mit der Materie umgeben kann, wie und wann er will. – Habe ich recht oder nicht recht geurteilt?“
GEJ|6|87|4|0|Sagte Ich: „So und so, es liegt etwas daran! Aber was da eben daran liegt, das fassest du nicht. Was du aber zu fassen meinst, das ist es nicht! Denn Ich kann nun ebensowenig aus diesem Meinem Leibe treten wie du; will Ich als Geist aber hinaustreten, so muß dieser Leib zuvor getötet werden. Aber der Geist, der nun vollwach in Mir lebt und wirkt, kann ewig nicht getötet werden, sondern wird ewig fortleben und -wirken.
GEJ|6|87|5|0|Du hast doch schon sicher oftmals die Schöpfung betrachtet in ihrem Sein und Wirken, und es kann dir nicht entgangen sein, daß darin eine gewisse Ordnung besteht, und daß die Formen eine Beständigkeit in sich nach allen Richtungen hin haben, aus der du stets leicht erkennen kannst, was dies oder jenes für ein Ding ist. Also erkennst du auch, welche Wirkung eines und das andere hervorbringt, und wozu es nach der erkannten Wirkung gut und also zu gebrauchen ist.
GEJ|6|87|6|0|Wenn aber die ganze Schöpfung nach eurer neuen Weltweisheit nur ein Werk des blinden Zufalls wäre, würden da die Dinge in der Natur auch die gegenwärtige Seinsbeständigkeit nach allen Richtungen hin beibehalten? O mitnichten! Sieh, der Wind ist so eine mehr blinde Macht, obwohl nur zum Teile! Hast du schon je wann gesehen, daß er irgendeine bestimmte Form, die eine Beständigkeit hätte, allwo hervorgebracht hat? Er wühlt wohl den Staub auf und trägt ihn in losen Wolkenformen durch die Luft, wo sich die Formen in jedem Augenblicke verändern und nimmer als ganz dieselben je wieder zum Vorscheine kommen. Kannst du dir die Gestalt einer Wolke derart merken, daß du etwa nach ein paar Tagen sagen könntest: ,Siehe, das ist ebendieselbe Wolke, die ich schon vor ein paar Tagen gesehen habe!‘?! Oder kannst du am Meer irgend von einer Woge ein gleiches behaupten?!
GEJ|6|87|7|0|Aus dem aber kannst du nun ganz leicht ersehen, daß eine blinde Kraft nie auch nur ein Moospflänzchen, das in derselben und ganz gleichen Form stets viele Jahrtausende hindurch wiederkehrt, hervorgebracht hat.
GEJ|6|87|8|0|Wenn aber also, leuchtet da einem besseren Menschenverstande nicht von selbst ein, daß alles Werden, Sein und Bestehen, worin erstens eine bestimmte, unwandelbare Form, Beschaffenheit, Eigenschaft, Nutzwirkung und Endzweck gar absonderlich wohl und bestimmt zu erkennen sind, von einer solchen Kraft hervorgebracht werden muß, die eine unbegrenzte und unwandelbare, wennschon allumfassende Einsicht und Weisheit besitzt, ohne die du nie einen bestimmt geformten Gegenstand, sei es ein Stein, ein Metall, eine Pflanze oder ein Tier, je zu Gesichte bekämest?! Solch eine Kraft muß sicher eine einheitliche und ihrer selbst gar sehr wohlbewußte sein, weil ohne sie nichts eine bestimmte und in sich einheitliche Form annehmen könnte.
GEJ|6|87|9|0|Und nun zweitens: Da du eine solche Kraft notwendig annehmen mußt, die als Ursein in sich allem Sein zugrunde liegt, so muß denn diese Grundurkraft ja doch auch einen entsprechenden Namen haben, durch den sie sich anfänglich in der Erinnerung und im Gedächtnisse der Menschen, die dazu da sind, diese Kraft zu erkennen, erhalten kann. Wer wird aber je nach der näheren Erkenntnis einer Sache fragen, von der er nicht einmal den Namen jemals gehört hat?! Wir wollen diese Urkraft allgemein einmal ,Gott‘ nennen. Haben wir aber nun einmal einen Gott, so werden wir weiter fragen und sagen: ,Wo ist denn dieser Gott, und wie sieht Er aus? Wie erschafft Er die Dinge, wie bringt Er als ein purster Geist die grobe Materie aus Sich zum Vorscheine?‘
GEJ|6|87|10|0|Und sieh, wenn ein Mensch einmal also zu fragen beginnt, dann ist er schon auf einem besseren Wege! Er wird allen Geschöpfen eine höhere Aufmerksamkeit widmen und in ihnen forschen, wieviel von der göttlichen Urweisheit sich darin vorfinden möchte. Und je länger er also prüfen wird, desto mehr der göttlichen Weisheit und Ordnung wird er auch leicht und bald darin finden.
GEJ|6|87|11|0|Hat er die gefunden, so wird er in seinem Herzen auch bald eine Anregung von Liebe zu Gott wahrnehmen und aus solcher Liebe stets mehr und mehr innewerden, daß Gott in Sich Selbst von der mächtigsten Liebe erfüllt sein muß, damit Er eine so große Lust und Freude hat, so wunderbar weise zu erschaffen eine unzählige Menge von Dingen und Wesen, die nicht nur Zeugen von Seinem Dasein, sondern vielmehr noch Zeugen von Seiner Weisheit, Macht und Liebe sind.
GEJ|6|87|12|0|Wenn der Mensch in solchen Betrachtungen und Innewerdungen wächst und zunimmt, da nimmt er offenbar auch in der Liebe zu Gott zu und nähert sich Demselben mehr und mehr; je größer und gediegener aber solche Annäherungen eines Menschen zu Gott hin werden, desto mehr des Geistes Gottes sammelt sich auch in seinem Herzen, in welchem dadurch der eigene Geist genährt und stets mehr und mehr erweckt wird zur wahren Erkenntnis des eigenen inneren Lebens und seiner Kraft, im Vereine mit der Kraft des göttlichen Geistes in ihm.
GEJ|6|87|13|0|Hat ein Mensch es einmal dahin gebracht, so ist er schon in der Lebensmeisterschaft, und es geht ihm da nur noch die völlige Einung mit dem göttlichen Liebe- und Willensgeiste ab. Bewerkstelligt er auch das, dann ist er ein ganz vollkommener Lebensmeister und kann alles das bewirken, was Ich nun bewirke und auch Größeres noch.“
GEJ|6|88|1|1|88. — Die Grundlagen zur geistigen Vollendung. Das Wesen Gottes
GEJ|6|88|1|0|(Der Herr:) „Du siehst daraus, daß da ohne den wahren und lebendigen Glauben an einen einigen und ewig wahrhaftigen Gott kein Mensch zur Lebensmeisterschaft gelangen kann. Daher ist es vor allem notwendig, an einen wahren Gott zu glauben; denn solange du nicht glaubst, daß es einen allein wahren Gott gibt, solange kannst du auch keine Liebe zu Ihm in deinem Herzen wachrufen. Ohne solche Liebe aber ist es unmöglich, sich Gott zu nähern und endlich nahe völlig eins zu werden mit Ihm.
GEJ|6|88|2|0|Ohne das aber kann von einer wahren Lebensmeisterschaft ebensowenig die Rede sein, als daß da jemand ein Meisterspieler auf der Harfe werden sollte, der nie von ihr etwas hat reden hören und noch weniger irgendwo eine gesehen hat.
GEJ|6|88|3|0|Wenn du aber noch immer fragst und sagst: ,Ja, wo ist denn Gott, und wie sieht Er wohl aus?‘, da sage Ich dir, daß das eigentliche Gottwesen niemand sehen kann und leben, – denn Es ist unendlich und somit auch allgegenwärtig und ist sonach als Reinstgeistiges auch das Innerste eines jeden Dinges und Wesens, das heißt in Seinem auswirkenden Willensmachtlichte; in Sich Selbst und für Sich aber ist Gott ein Mensch wie Ich und auch du und wohnt in einem unzugänglichen Lichte, das in der Welt der Geister die Gnadensonne genannt wird. Diese Gnadensonne aber ist nicht Gott Selbst, sondern sie ist nur das Auswirkende Seiner Liebe und Weisheit.
GEJ|6|88|4|0|Wie du aber die Sonne dieser Welt wirken siehst dadurch, daß sie allenthalben gegenwärtig ist durch den beständigen Ausfluß ihres Lichtes nach allen erdenklichen Richtungen hin, also wirkt auch der Gnadensonne allenthalben wirkende Kraft als ein aus ihr strömendes Licht in allen Wesen schaffend und belebend gegenwärtig.
GEJ|6|88|5|0|Wer nun versteht, recht viel des Lichtes aus der Gnadensonne der Himmel im Herzen seiner Seele aufzufangen, aufzunehmen und dann zu behalten durch die Macht der Liebe zu Gott, der bildet in sich selbst eine Gnadensonne, die der Urgnadensonne in allem völlig ähnlich ist, und die volle Innehabung einer solchen Gnadensonne ist dann eben soviel als die Innehabung der allein wahren Lebensmeisterschaft.
GEJ|6|88|6|0|Die Klarheit und die lichte Fülle dieser wahrsten Lehre aber wirst du auch erst dann einsehen, wenn du auf diese Weise selbst zur Lebensmeisterschaft gelangen wirst; denn jetzt kannst du das noch nicht völlig fassen, obwohl du all das Gesagte ganz gut aufgenommen hast.“
GEJ|6|88|7|0|Sagte der Zöllner: „Ja, du hast recht, lieber Meister! Ich habe wohl alles verstanden; aber ich weiß nun noch nicht, was ich damit beginnen soll. Das jedoch ist etwas Sicheres, daß die Erlangung der vollen Lebensmeisterschaft durchaus keine leichte Arbeit ist; denn da heißt es viel betrachten, viel erfahren, viel denken, wollen und handeln danach. – Aber nur eine Frage noch, lieber Meister!“
GEJ|6|88|8|0|Sagte Ich: „So rede, obwohl Ich ganz genau weiß, was du Mich fragen wirst!“
GEJ|6|88|9|0|Sagte der Zöllner: „O lieber Meister, so rede du nur gleich; denn ich zweifle nicht daran!“
GEJ|6|88|10|0|Sagte darauf Ich: „Du zweifelst gar nicht daran, – aber so ein wenig möchtest du denn doch dich überzeugen, ob Ich das wohl wüßte, um was du Mich noch fragen möchtest! Allein das macht nichts, und Ich werde dir die Frage dennoch vorsagen! Sie lautet also: ,Meister, bist du auch auf diese Weise zu deiner Lebensmeisterschaft gelangt, und wer hat dir also wie du nun mir die gehaltvolle Anleitung gegeben?‘
GEJ|6|88|11|0|Siehe, also lautet deine Frage Wort für Wort! Aber Ich kann dir darauf nur eine dich ebensowenig befriedigende Antwort geben als auf deine früheren ganz ähnlichen Fragen. Sieh, als purer Mensch habe Ich wahrlich ganz dasselbe wie du tun müssen; aber da Ich, aufrichtig gesagt, Meinem inneren Geistwesen nach etwas mehr denn ein purer Mensch bin, was du morgen schon noch früh genug erfahren wirst, so hatte Ich es eigentlich schwerer, weil Ich als Mensch dieser Erde nie einen eigenen Willen in Mir aufkommen lassen durfte, sondern stets den Willen Dessen auf das genaueste befolgen mußte, der durch Mich in diese Welt kommen und den Menschen das ewige Leben bringen und geben wollte. Davon jedoch wirst du morgen von Meinen Jüngern ein mehreres überkommen. Für heute aber werden wir unsere Sitzung beschließen und uns zur Ruhe begeben!“
GEJ|6|88|12|0|Sagte der Zöllner: „Meister, so es dir genehm wäre, da könntet ihr alle gleich in diesem Saale die Ruhe nehmen; denn an den Wänden sind hier rundherum die allerbequemsten Ruhestätten angebracht!“
GEJ|6|88|13|0|Sagte Ich: „Gut denn, so bleiben wir hier, und derlei Ruhestühle sind Mir lieber als die faulen Liegestätten, die sich höchstens für die Kranken schicken. – Und so stehen wir auf und begeben uns zur Ruhe!“
GEJ|6|89|1|1|89. — Ein Zwiegespräch des Arztes und des Wirtes über den Herrn
GEJ|6|89|1|0|Als wir unsere Ruhestühle für unsere Ruhe in Beschlag genommen hatten, da verließen uns auch sogleich der Zöllner, sein Sohn, seine andern Kinder und seine Weiber, deren er nach der morgenländischen Art und Sitte sieben hatte, auch seine vielen Beamten und andern Diener, und wir schliefen bald ganz gemächlich ein, da wir von der langen Reise wohl recht müde geworden waren. Aber die Hausleute blieben in andern Zimmern noch lange wach und redeten viel über unser Erscheinen in ihrem Städtchen.
GEJ|6|89|2|0|Der zurückgebliebene jüngere Arzt sagte noch zuletzt zum Zöllner: „Freund, wenn es möglich wäre, so eine Lebensmeisterschaft sich zu eigen zu machen, da hätte man bald das Geld der ganzen Erde beisammen! Da würde ja so mancher König sein halbes Reich dem zum Geschenke machen, der ihm also das Leben sichern könnte! Nein, was doch auf der lieben Erde alles vorkommt!
GEJ|6|89|3|0|Wie lange ist es denn, als etliche Magier, aus Ägypten kommend, bei Gelegenheit ihrer Durchreise nach Melite uns mit so manchen sonderbaren Zaubereien überraschten?! Aber alle ihre Stücke waren wohl mit Händen als falsche Wunder zu greifen und schafften niemandem außer ihnen selbst einen Nutzen. Man unterhielt sich wohl gerade nicht schlecht; aber niemand lernte etwas Gutes dabei. Sie brachten auch allerlei Apparate mit und Schlangen und Affen und Hunde, Kamele und Maultiere und Gefäße voll Salben und Öle. Diese nun kamen zu Fuß, brachten gar nichts mit und leisten Dinge, daß man sie wahrlich ganz leicht für Götter halten könnte! Darüber kann nichts noch Größeres mehr kommen!
GEJ|6|89|4|0|Auch ihre Lehre an uns war ganz gut und ihrer Sache, die sie betreiben, angemessen; nur hat das alte Judentum stark herausgeleuchtet sowie die mir nicht unbekannten Grund- und Lehrsätze der alten jüdischen Prophetenschulen, aus denen auch ganz außerordentlich weise Männer, die man Propheten nannte, hervorgegangen sein sollen. Nun, ob man aber selbst durch die möglich genaueste Beachtung der uns ganz kurz kundgemachten Regeln im Ernste zu der wunderbaren Lebensmeisterschaft gelangen kann, das wird etwa wohl noch seine sehr geweisten Wege haben!
GEJ|6|89|5|0|Irgendeine einzige und einige Gottheit gewisserart über alles im vollsten Lebensernste lieben, ist eine schwere Sache, weil man als ein reif denkender Mensch schon schwer glaubt, daß es irgend einen solchen Gott für völlig erwiesen wahr gibt. Sein Beweis für das Dasein eines alleinigen, wahren Gottes ist ganz gut und läßt sich gut anhören; aber es gehörete dazu von seiten des Lehrlings eine sehr fleißige Übung von der Wiege an, und das unter der beständigen Leitung eines erfahrensten Theosophen, ansonst auf diesem Wege schwerlich je jemand zu einer vollen Erkenntnis eines einigen und wahren Gottes gelangen dürfte.
GEJ|6|89|6|0|Sei ihm nun aber schon, wie ihm wolle, und abgesehen von der uns gegebenen Erklärung von seiten des Hauptwundermannes, so ist er doch eine außerordentliche Erscheinung! Fürs erste einen Toten bloß durch ein Wort ins Leben zurückzurufen, und ganz gesund auch noch dazu, das ist ein Etwas, das in solcher Vollendung noch nie da war, – und fürs zweite auf ein Haar zu wissen, was man sich noch so geheim denkt, und einen zuvor nie gesehenen Menschen gleich bei seinem Namen zu nennen, – Freunde, das sind Dinge, die kein Menschenverstand zu fassen imstande ist! Wahrlich, obschon ich auf die Götter und Gottheiten eben keine zu großen Stücke halte, so wäre ich aber nun dennoch sehr geneigt, diesen Mann eher für einen Gott zu halten denn für einen puren Menschen!“
GEJ|6|89|7|0|Sagte der Zöllner: „Dieser Meinung wäre ich auch, und man würde durch diese Annahme viel eher am Ziele sein als durch die noch so strenge Beachtung seiner uns gezeigten Regeln. Übrigens hat er ein paar Male so ziemlich laut durchblicken lassen, daß hinter ihm etwas mehr denn ein purer Erdenmensch stecke. Nun, morgen wird sich vielleicht noch so manches über diesen guten Mann aufhellen lassen! Sein Charakter scheint ein sehr biederer zu sein, und es läßt sich gut reden mit ihm. Wir werden sicher noch so manches von ihm erfahren! Für heute aber gehen auch wir zur Ruhe; denn morgen haben wir viel zu tun!“
GEJ|6|89|8|0|Darauf ging nach und nach alles zur Ruhe und schlief fest bis zum Aufgange der Sonne.
GEJ|6|90|1|1|90. — Das Menschliche und das Göttliche im Herrn
GEJ|6|90|1|0|Ich aber war mit etlichen Jüngern schon vor dem Aufgange auf den Füßen und ging ins Freie nach Meiner Sitte und hin an den Euphrat, der hier schon eine ansehnliche Breite hat. Wir standen aber gar nicht lange, als schon ein großes Holzfloß in der Mitte des Stromes herabschwamm. In diesem Momente kam auch der Zöllner mit seinem Sohne Jorabe und mit dem Arzte uns nach, um uns zum Morgenmahle zu laden.
GEJ|6|90|2|0|Es war aber auf dem Floße kein Mensch, der es leitete; denn es war durch eine schlechte Befestigung am Ufer von selbst gehend geworden, und der Zöllner sagte: „Es ist jammerschade um das schöne Holz, das durch die Fahrlässigkeit seiner Besitzer herrenlos geworden ist! Wenn es nur so weit vom Ufer dahinschwämme, daß man seiner noch habhaft werden könnte, so könnte es sogar sich fügen, daß nach einigen Tagen der rechtmäßige Besitzer nachkäme, und man könnte ihm dann das Holz gegen eine kleine Entschädigung zurückstellen. Aber also geht das ganze Floß dahin und natürlich verloren! Nun, vielleicht fangen es die Samosater auf!“
GEJ|6|90|3|0|Sagte Ich, als das Floß uns gegenüber, auf dem Strome schwimmend, zu stehen kam: „Willst du das Holz?“
GEJ|6|90|4|0|Sagte der Zöllner: „Allerdings möchte ich es, – aber wie es herausbekommen?“
GEJ|6|90|5|0|Sagte Ich: „Sieh, ganz leicht! Wenn man ein Meister des Lebens ist, so müssen einem auch alle Elemente gehorchen, und so gebiete Ich dem Wasser, daß es das Holz an dieses Ufer zu uns herübertrage. Ich will es; es geschehe!“
GEJ|6|90|6|0|Als Ich das ausgesprochen hatte, da floß das Wasser schnell zu uns herüber und stieg am Ufer um sieben Spannen hoch, setzte das ganze Holz samt dem Floße völlig ans Land und floß darauf gleich wieder seiner natürlichen Richtung nach ab und weiter.
GEJ|6|90|7|0|Darüber entsetzten sich die drei ordentlich, und der Arzt sagte zu Mir: „Freund, Du bist kein Mensch von unserem gewöhnlichen Schlage und von unserer Natur, sondern Du bist ein Gott! Dich hat kein Mann der Erde in einen Mutterleib hineingezeugt! Ich möchte sogar behaupten, daß Du ein ungeborener Mensch und somit offenbar ein Gott bist!“
GEJ|6|90|8|0|Sagte Ich: „Lasse du das gut sein; wer ein Fleisch trägt, der hat es aus einem Mutterleibe! Nur das erste Menschenpaar erhielt den Leib aus der Willenshand Gottes, – alle andern Menschen aber aus einem Mutterleibe. Und so ist auch dieser Mein Leib aus einer irdischen Mutter, wenn auch nicht durch einen irdischen Vater auf die gewöhnliche Art gezeugt, sondern allein durch den allmächtigen Willensgeist Gottes, was bei ganz reinen und gottergebenen Menschen sehr wohl möglich ist. Vor alters bei den noch ganz unverdorbenen, einfachen und Gott sehr ergebenen Menschen war das eben nichts Seltenes, und es geschieht solches dann und wann auch noch in diesen Zeiten.
GEJ|6|90|9|0|Daß solche auf einem rein geistigen Wege gezeugten Menschen denn auch geistiger sind als jene auf dem gewöhnlichen Wege gezeugten, das ist klar; denn Kinder sehr starker und völlig gesunder Eltern werden auch stark und gesund, – Kinder schwacher und kranker Eltern werden gewöhnlich auch schwach und kränklich. Ich als Mensch, wie Ich nun vor euch dastehe, bin kein Gott, wohl aber ein Gottessohn, was eigentlich ein jeder Mensch sein soll; denn die Menschen dieser Erde sind berufen, Kinder Gottes zu werden und zu sein, wenn sie nach dem erkannten Willen Gottes leben.
GEJ|6|90|10|0|Einer von ihnen aber ist von Gott aus und von Ewigkeit her bestimmt, der Erste zu sein, das Leben in Sich zu haben und es jedermann zu geben, der an Ihn glaubt und nach Seiner Lehre lebt. Und dieser Erste bin Ich!
GEJ|6|90|11|0|Aber Ich habe solches Leben aus Gott nicht etwa vom Mutterleibe aus in diese Welt gebracht! Der Keim lag wohl in Mir, aber er mußte erst entwickelt werden, was Mich nahe volle dreißig Jahre Zeit und Mühe gekostet hat. Nun stehe Ich freilich als vollendet da vor euch und kann euch sagen, daß Mir alle Gewalt und Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, und daß der Geist in Mir völlig eins ist mit dem Geiste Gottes, darum Ich denn auch solche Zeichen wirken kann, die vor Mir noch nie ein Mensch gewirkt hat. Aber es ist das für die Folge eben kein besonderes Privilegium ausschließlich nur für Mich, sondern auch für jeden Menschen, der an Mich glaubt, daß Ich von Gott darum in diese Welt gesandt bin, den Menschen, die nun alle im Finstern wandeln, zu geben das Licht des Lebens, und der sodann handelt nach Meiner Lehre, welche den Menschen im hellsten Lichte zeigt den Willen des Geistes Gottes, der freilich wohl in aller Fülle in Mir wohnt.
GEJ|6|90|12|0|Dieser Geist ist wohl Gott, doch Ich als purer Menschensohn nicht; denn wie schon gesagt, so habe Ich als solcher auch, jedem Menschen gleich, durch viele Mühe und Übung erst Mir die Würde eines Gottes erwerben müssen und konnte Mich als solcher erst einen mit dem Geiste Gottes. Nun bin Ich wohl eins mit Ihm im Geiste, aber im Leibe noch nicht; doch Ich werde auch da völlig eins werden, aber erst nach einem großen Leiden und gänzlicher und tiefst demütigender Selbstverleugnung Meiner Seele. –
GEJ|6|90|13|0|Und so, Mein Freund und Arzt von besserem Willen, als da waren deine Gefährten, kannst du nun schon wissen, wer Ich bin, und was du von Mir zu halten hast! Glaube das, und lebe nach der Lehre, die du von Meinen Jüngern bald vernehmen wirst, so wirst du leben und in allem deinem Tun und Lassen wandeln im Lichte und nicht mehr in der Nacht der Sünde deines Fleisches und Blutes! – Verstehst du das?“
GEJ|6|90|14|0|Sagte der Arzt: „Ja, großer Meister, das verstehe ich, obwohl Deine Worte ganz anders lauten als jene der Priester im Tempel zu Jerusalem, von dem ich selbst auch abstamme, und meine geringe Kunst auch dort erlernt habe! In dir liegt offenbarst Göttliches zugrunde, und dennoch willst Du vor uns nicht mehr sein als ein Menschensohn, während die Pharisäer im Tempel sich gerade also benehmen, als hätten sie Gott die Welt und andere Wesen erschaffen helfen, und als hinge allein von ihnen das Wohl und Wehe der Menschen dieser Erde ab. Ja, Deine Worte, großer Meister, klingen wohl wie Gottes Worte; denn es liegt in ihnen eine ganz eigentümliche Kraft und Macht, die dem Gemüte wohltut, es erhebt und ganz neu belebt und erleuchtet, während der Pharisäer seinsollendes Gotteswort das Menschengemüt im hohen Grade verletzt, betrübt, verfinstert und gar tötet! Denn wer nach ihrer Lehre lebt und handelt, der wird mit der Zeit so dumm und so sinnlich, hochmütig, selbstsüchtig und herrschgierig, daß er am Ende ganz vergißt, daß auch er nur ein Mensch ist. Sich selbst nur hält er für eine höchste Menschenpotenz, – alles andere ist tief unter ihm. Aber nach Deinen Worten, großer Meister, scheint gerade das blankste Gegenteil zu sein und zu werden von dem, was die Pharisäer lehren, und was sie aus den Menschen eigentlich machen wollen! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|6|90|15|0|Sagte Ich: „Ja, ja, da möchtest du wohl recht haben; aber nun nichts Weiteres mehr davon! Das Floß mit dem Holze ist gerettet und ist da am ganz trockenen Ufer, und du, Freund Jored, kannst nun damit machen, was du willst; denn der Besitzer wird nicht darum irgendwann kommen, da er zu weit von hier daheim ist und der Verlust dieses Holzes ihn auch nicht arm machen wird, weil er sehr reich ist. Gib aber deshalb ein Opfer den Armen und benutze das Holz nach deinem Gutdünken!“
GEJ|6|90|16|0|Sagte der Zöllner Jored: „Meister, ich danke Dir sehr darum, und die Armen sollen bei mir nicht zu kurz kommen! Aber nun gehen wir zum Morgenmahle; denn es wird nun schon völlig bereitet sein!“
GEJ|6|91|1|1|91. — Der Arzt erhält vom Herrn die Kraft, durch Händeauflegen Kranke zu heilen
GEJ|6|91|1|0|Darauf gingen wir wieder in Joreds Haus, wo in dem schon bekannten Saale ein reichlichstes Morgenmahl unser harrte samt den Jüngern, die am Morgen daheim geblieben waren. Wir setzten uns an den Tisch und aßen und tranken. Die Speisen bestanden in Fischen, Honigbrot und Lämmerfleisch, und der Wein war aus Rom, und zwar von einer besonderen Güte. Es wurde auch mit Griechenlands Wein, besonders aus Zypern, aufgewartet und dazu mit ganz weißem Weizenbrot und Butter, was besonders den Judgriechen überaus wohl mundete. Wir blieben bei zwei Stunden lang beim Tische sitzen, und es wurde da viel geredet, aber mehr von allerlei landwirtschaftlichen Dingen.
GEJ|6|91|2|0|Erst nach dem Mahle wurde vom Jünger Johannes allen in diesem Hause wohnenden Menschen beiderlei Geschlechtes Meine Lehre von der Liebe zu Gott und zum Nächsten vorgetragen.
GEJ|6|91|3|0|Nach dem Vortrage gelobten Mir alle, diese Lehre genau zu beachten und danach zu handeln, und Ich sagte: „Glaubet und tut das, so werdet ihr auch leicht und bald zur Meisterschaft des Lebens gelangen!“
GEJ|6|91|4|0|Darauf legte Ich allen die Hände auf und stärkte sie für ihre gute und ernste Vornahme.
GEJ|6|91|5|0|Der Arzt aber sagte darauf: „O Meister, siehe, ich bin nun der einzige Arzt hier im Orte, in dem es immer eine Menge Kranke gibt, so wie auch in der weiten Umgebung! Da Dir nichts unmöglich ist, so könntest Du mir nur ein wenig von Deiner Wunderheilkraft verleihen, und ich würde sie dann bei meinen Kranken anwenden, besonders bei den Armen, die da nicht haben, sich eine kostspielige Arznei zu kaufen.“
GEJ|6|91|6|0|Sagte Ich: „Jesus ist Mein Name; in diesem Namen lege du den Kranken die Hände auf, und es wird besser mit ihnen werden, so das ihrem Seelenheile nützt! Den Reichen aber gib du nur Arzneien wie zuvor; denn nur für die Armen verleihe Ich dir diese Kraft!“
GEJ|6|91|7|0|Als Ich dem Arzte solches sagte, da dankte er Mir darum und ging darauf gleich hinaus, denn er hatte einige arme Kranke, denen er nun auf einmal helfen wollte. Und er half ihnen auch; denn es ward mit einem jeden besser im Augenblicke, als er ihm in Meinem Namen die Hände auflegte. Nach einer Stunde kam er wieder zurück, dankte Mir noch einmal für diese ihm erteilte Kraft und erzählte uns von den großen Verwunderungen der Geheilten, die doch mit allerlei Übeln behaftet waren.
GEJ|6|91|8|0|(Der Arzt:) „Sie konnten nicht begreifen, daß ihnen zuvor alle Arzneien nichts halfen und sie jetzt auf einmal durchs bloße Händeauflegen so gesund geworden seien, wie sie zuvor niemals waren. Sie fragten mich, wie ich nun auf einmal zu dieser nie erhörten Heilungsweise gekommen sei, und warum ich sie nicht schon früher angewendet hätte. Ich aber sagte: ,Diese Heilungsweise ist mir erst von einem fremden und großen Heilande gezeigt worden, und ich heile damit die Kranken aber nur dadurch, daß ich Seinen Namen anrufe und Er Selbst dann mit mir will, daß da dem Kranken geholfen werde!‘ Alle aber fragten dann nur um Dich und hegten sehr den Wunsch, Dich persönlich kennenzulernen; denn sie meinten, Du müßtest da offenbar mit göttlichen Kräften versehen sein, ohne die so etwas rein unmöglich wäre. Ich sagte dazu nichts und ließ sie bei ihrer Meinung.
GEJ|6|91|9|0|Aber ich werde nun bei meinen reichen Kranken eine Not haben; denn diese neue Heilart wird schnell in der ganzen Stadt verbreitet werden, und die Reichen werden dann von mir auch auf dieselbe Weise geheilt werden wollen. Was werde ich ihnen erwidern, so sie von mir das verlangen werden, was zu tun mir von Dir, o Meister, gewisserart verboten ist?“
GEJ|6|91|10|0|Sagte Ich: „Nun, da stelle ihnen Bedingungen, die sie als Geheilte dir und den Armen zu leisten haben werden! Gehen sie freudig und willig in die ihnen gemachten Bedingungen ein, so lege auch ihnen die Hände auf; gehen sie aber in diese nicht ein, so laß sie in ihrer Krankheit, und gib ihnen Arzneien, wenn sie solche haben und nehmen wollen! – Bist du nun damit zufrieden?“
GEJ|6|91|11|0|Sagte der Arzt: „O lieber Meister, ganz vollkommen! Aber nun kommt eine andere Frage, und diese lautet: Wie und womit kann ich Dir dafür dankbar sein? Ich bin freilich nicht reich und jetzt schon am allerwenigsten, wo meine beiden gestern durchgegangenen Genossen mir sicher nicht viel werden zurückgelassen haben; aber dennoch möchte ich das Äußerste tun, was nur immer in meinen Kräften steht! Herr und Meister, ich bitte Dich, verlange Du von mir doch irgendein Entgelt oder ein Opfer!“
GEJ|6|91|12|0|Sagte Ich: „Lasse das; denn in der Welt kann Mir niemand etwas geben, das er nicht zuvor von Gott empfangen hätte, und somit auch du nicht! Aber halte du die Lehre, die euch allen hier gegeben wurde, liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst, und halte die dir bekannten Gebote Mosis, und lehre auch die Griechen sie kennen, so wirst du Mir das beste und wertvollste Opfer darbringen! Und das sollen auch alle die andern Menschen tun, so werden sie leben in der Wahrheit und in der Gnade Gottes, des Schöpfers und Vaters aller Menschen!
GEJ|6|91|13|0|Wenn Ich von den Menschen, denen Ich Gutes tue, wollte Geld annehmen, da würde Ich schnurgerade wider Mich zeugen, und Ich wäre Der nicht, der Ich bin; denn so Ich Schätze aus den Himmeln bringe und gebe, weil Ich die Macht dazu habe, so kann Ich Mich darum nicht mit der toten Materie bezahlen lassen. Aber ihr Menschen könnet das mit Maß und Ziel; denn auch Moses hat verordnet, daß die Priester und Richter vom Volke sollen ernährt und erhalten werden und den zehnten Teil von allem haben sollen, was da geerntet wird auf den Äckern und in den Weinbergen und also auch von den Haustieren. Aber Ich nun und Meine Jünger werden dessen nicht vonnöten haben; denn wer Mir gleich ein Meister des Lebens wird, der wird hinfort dieser Erhaltungsmittel nicht bedürfen. Wohin sie auch ziehen werden, da wird ihnen von oben gegeben werden alles, dessen sie bedürfen werden. Denn um was Gutes immer ihr den Vater im Himmel bitten werdet in Meinem Namen, das wird Er euch auch geben ohne Vorenthalt.“
GEJ|6|92|1|1|92. — Der Christ als Geschäftsmann. Vom Schutzzoll und Sklavenhalten. Das Verhalten zu den Götzenpriestern
GEJ|6|92|1|0|(Der Herr:) „Wenn aber in den späteren Zeiten Meine Nachfolger gleich den Pharisäern sich werden für ihre Lehren und Gebete mit Geld und allerlei anderen Dingen zahlen lassen, dann wird der Vater im Himmel ihre Bitten auch gar nicht mehr erhören und wird sie sinken lassen in allerlei Sünden und große Übel. Ich gebe euch allerlei Gaben umsonst, und so sollet ihr sie den andern Menschen auch wieder umsonst geben. Aber als Arzt kannst du dich von den Reichen schon zahlen lassen, – nur von den Armen nicht!
GEJ|6|92|2|0|Wenn du aber jemandem gelegentlich Meine Lehre gibst, so sei das deine Bezahlung, daß er die Lehre mit freudigem Herzen annimmt und danach lebt. Denn hat jemand einmal die Lehre angenommen, so wird er ohnehin derart dein Freund werden, daß er sagen wird: ,Was mein ist und war, das ist nun auch dein, und du sollst mir keine Not leiden!‘
GEJ|6|92|3|0|Ich sage es euch: Was euch die Menschen Meiner Lehre wegen selbst aus freudigem Herzen tun und geben werden, das nehmet nur an und gebrauchet es zu eurem und eurer Nächsten Besten, und die Gnade Gottes wird euch darum nicht benommen werden, welcher Art sie auch sein möchte! Aber so ihr von jemandem dafür ein Entgelt verlangen würdet, da würde euch die Gnade Gottes sofort benommen werden, so wie die Gnade nun auch den Pharisäern und starren Juden benommen und den Heiden gegeben werden wird. Also das merket euch und tut danach, und ihr werdet euch dadurch sammeln gar große Schätze der Gnaden aller Art aus den Himmeln, die euch mehr nützen werden denn alle Schätze dieser Welt! – Verstehet ihr das?“
GEJ|6|92|4|0|Sagte Jored: „Meister, das verstehen wir nun ganz gut; aber wie steht es mit meinem Zöllnergeschäfte hier zu Wasser und zu Lande? Da sieht eigentlich von der Nächstenliebe blutwenig heraus! Aufgeben aber kann man es doch nicht so ganz und gar, weil das eine öffentliche Staatssache ist; denn lasse ich es aus, so wird es ein anderer nehmen, der die reisenden Handelsleute und besonders die Fremden noch mehr drücken wird denn ich, der ich doch schon so manchen, der nichts hatte, habe umsonst die Zollschranke passieren lassen. Was wäre denn da Dein Wille?“
GEJ|6|92|5|0|Sagte Ich: „Was du bist, das bleibe du! Aber sei billig im Verlangen gegen die Armen; dafür können aber die Reichen schon um ein bedeutendes mehr geben!
GEJ|6|92|6|0|Die Zölle aber sind gut für das Land, da sonst bald große Karawanen mit allerlei Waren euer Land überziehen und dasselbe bald von seinen eigenen Lebensmitteln entblößen würden. Daher sollst du eben die vielen fremden Handelsleute noch mehr besteuern, damit ihnen die Lust vergehe, zu oft mit ihren Waren in dieses Land zu kommen. Aber bei den Einheimischen sei dafür um so billiger! Nun weißt du auch, was du in dieser Hinsicht zu tun und zu beachten hast.
GEJ|6|92|7|0|Auch deine Herberge ist gut; beachte aber auch da das gleiche! Sei billig gegen die Nächsten und gerecht gegen die Fremden! Verlange von den Einheimischen, was die Sache wert ist, und von den Fremden einen gerechten Gewinn!
GEJ|6|92|8|0|So aber ein Fremder kommt und hat nicht, daß er dich bezahlen könnte, dem schenke die Zeche, und wenn er etwa annähme Meine Lehre, da gib ihm noch ein Reisegeld obendrauf, so wird der Vater im Himmel dir das reichlichst vergelten! Dasselbe beachte auch ein jeder Kaufmann und sei gerecht im Maß und Gewicht; denn mit welchem Maße die Menschen ausmessen, mit demselben Maße wird ihnen vergolten werden!“
GEJ|6|92|9|0|Sagte der Zöllner: „Jetzt aber noch eine Frage, Herr und Meister! Du weißt, daß wir hier zumeist mit Griechen wohnen und allerlei Handel treiben, leider mitunter sogar mit Menschen, wie solches unter uns Heiden schon von alters her üblich und gebräuchlich war. Ja, ich habe mir meine Weiber alle kaufen müssen! Sie waren zuerst nur meine Sklavinnen; da sie aber fleißig waren und auf meinen Vorteil sahen, so gab ich ihnen die Freiheit und nahm sie dann zu Weibern. Die Hälfte meiner Diener und Arbeiter sind noch Sklaven. Soll das auch so bleiben, oder soll auch da eine Änderung bewerkstelligt werden?“
GEJ|6|92|10|0|Sagte Ich: „Was durch die Staatsgesetze besteht, das kannst du nicht ändern, und so mag es bleiben, bis der Staat selbst da eine Änderung machen wird. Du aber sei auch gegen die Sklaven gut, billig und gerecht; denn auch sie sind Menschen und Kinder ein und desselben Vaters im Himmel. Wenn du wieder einen Sklavenmarkt besuchst, so kaufe du sie nur immerhin nach deiner Herzenslust, und behalte sie, und mache aus ihnen freie, gottergebene Menschen, so wirst du dir darob einen großen Schatz im Himmel bereiten! Aber du sollst keinen je wieder verkaufen; denn Menschen verkaufen ist ein Greuel vor Gott! Wo aber Meine Lehre einmal Wurzel fassen wird, da wird auch solch schnöder Sklavenhandel von selbst aufhören. – Da hast du wieder etwas, das du auch beachten wirst!
GEJ|6|92|11|0|Du hast aber noch eine Frage in deiner Seele, dernach du auch nicht weißt, was du nun mit den heidnischen Götzenpriestern machen sollst, die auch zumeist deine Gäste sind und sich bei dir gerne einfinden. Ich sage dir: die laß du vorderhand sein, wie sie sind! Sie selbst glauben an ihre Götzen wohl noch weniger, denn du ehedem geglaubt hast; aber sie haben als das, was sie vorstellen, ihr Amt und ihr Brot und werden darum von dem nicht leichtlich abstehen, was sie sind. Aber mit der Zeit kannst du dem einen oder dem andern schon so ganz gemächlich etwas von Meiner Lehre kundtun, und sie werden euch wenig oder gar keine Anstände machen. Nach und nach werden auch die Götzentempel fallen. Aber Ich gebe euch dennoch kein Gebot, daß ihr sie zerstören sollet; denn es genügt vollkommen, daß sie in euren Herzen zerstört sind.
GEJ|6|92|12|0|So aber irgend ein solcher Priester jemanden mit Gewalt dazu anhalten sollte, an seine Götzen zu glauben und ihnen das verlangte Opfer darzubringen, so saget ihm die volle Wahrheit! Will er sich aber nicht bescheiden lassen, so rufet Mich im Geiste an, und wirket ein Zeichen in Meinem Namen vor seinen Augen! Wird er das sehen, so wird er wohl glauben, so er einigen Wahrheitssinn in seinem Gemüte hat; glaubt er aber nicht, da lasset ihn gehen – und ihr bleibet bei der Wahrheit Meiner Lehre! Denn wie jetzt die Statthalter Roms denken und auch handeln, so sind die Menschen völlig frei im Wissen, Denken und Glauben.
GEJ|6|92|13|0|Wenn aber solch ein heidnischer Priester euren Lichtglauben annimmt, so unterstützet ihn als ein Glied der neuen Gemeinde Gottes auf Erden, so er einer Unterstützung bedürftig ist, und sorget für sein zeitliches Fortkommen; ist er aber dessen nicht bedürftig, so sei er euer Freund!
GEJ|6|92|14|0|Nun, da ist auch für diesen Fall gesorgt also, daß ihr leicht und sicher euch bei jedem Meiner Lehre hinderlich werden könnenden Falle zu richten wisset! Und da wir nun nichts mehr zu beraten und zu verhandeln haben, so gehen wir wieder ins Freie hinaus. Vielleicht stößt uns da oder dort etwas auf, was uns Gelegenheit gibt, darüber tiefere Betrachtungen zu machen!“
GEJ|6|92|15|0|Dieser Antrag war allen recht, und wir gingen hinaus ins Freie.
GEJ|6|93|1|1|93. — Der Besuch des heiligen Haines. Die Vernichtung der Götzen
GEJ|6|93|1|0|Als wir aber die Straßen der Stadt durchzogen, da fehlte es natürlich nicht an allerlei Neugierigen, die uns von allen Seiten angafften und emsig fragten, wer wir etwa doch wären. Der Arzt, der Zöllner und seine mitgehenden Kinder, besonders der vom Tode erweckte Sohn Jorab, mußten sich von den Fragenden viel gefallen lassen, da die Menschen nicht begreifen konnten, wie dieser, der volle sieben Jahre krank war und gestern dem Verlauten nach gar gestorben sei, nun ganz gesund dahergehe. Allein die Fragenden wurden freundlich mit dem abgefertigt, daß sie in den nächsten Tagen schon alles erfahren würden, und sie gaben sich damit zufrieden.
GEJ|6|93|2|0|Aber am Ende einer langen Gasse begegneten uns drei Priester des Apollo, dann ein Zeus- und ein Minervapriester in ihren abenteuerlich und sehr magisch aussehenden Priesterornaten.
GEJ|6|93|3|0|Sie blieben vor uns stehen, und ein Apollopriester fragte uns, ob wir als Fremde etwa in den heiligen Hain, in welchem den allerersten und allerhöchsten drei Gottheiten ein Kommunetempel erbaut sei, gehen wollten. So das unsere Absicht wäre, da würden sie uns dahin geleiten und uns gegen Entrichtung eines kleinen Opfers zur Besänftigung der drei Götter alles zeigen, was es darin Sehenswertes und Wunderbares gebe.
GEJ|6|93|4|0|Da sagte der diesen fünf Priestern nur zu wohlbekannte Zöllner Jored: „Das sind meine Gäste; die werde schon ich freihalten, und so wollet uns denn den Tempel und eure Merkwürdigkeiten zeigen!“
GEJ|6|93|5|0|Damit waren die Priester ganz zufrieden und führten uns freundlich in den Hain, in dessen Mitte auf einem kleinen Hügel ein runder Tempel von einer ziemlichen Ausdehnung stand. Die Hälfte des Tempels war offen, und sein Dach ruhte auf zehn Säulen; die andere Hälfte aber war eine geschlossene Mauer und bildete einen festen Halbkreis. An dieser Mauer waren die marmornen Statuen der obbenannten drei Götzen angebracht. In der Mitte saß auf einem Throne der Zeus, zu seiner Rechten stand die Minerva in ihrer Kriegsrüstung und zu seiner Linken der Apollo, aber bloß mit der Leier; denn ein Apollo mit dem Sonnenwagen und mit den Pferden wäre für diese kleine Stadt zu teuer zu stehen gekommen.
GEJ|6|93|6|0|Als wir zum Tempel kamen, da sagte der Zeuspriester: „Wollen die Herren etwa, daß eine von den drei Gottheiten etwas reden soll, so bitte ich gefälligst, mir eine Frage gütigst anvertrauen zu wollen!“
GEJ|6|93|7|0|Sagte Ich: „Freund, dessen hat es für uns wahrlich keine Not; denn wir kennen als sehr erfahrene Menschen alle diese Vorkehrungen und wissen nur zu genau, auf welche Weise diese Statuen reden. Daher lassen wir das, und du erspare dir diese Mühe! Aber da heute niemand mehr hierherkommen und diese Götter um einen Rat fragen wird, so lasset die drei Sprecher hinter den Götzen frei, und sie sollen als sonst ganz ehrliche Menschen zu uns herausgehen!“
GEJ|6|93|8|0|Hier stutzte der Priester und sagte mit einem gewissen magisch-priesterlichen Pathos: „Freund, du bist ein Fremder; daher rate ich dir freundlich, den ernsten Göttern gegenüber ja nicht zu freveln, da dir darum leicht etwas Übles begegnen könnte! Denn ich sage es dir, daß da hinter den Göttern kein Sterblicher lauert und Fragen für die Götter beantwortet.“
GEJ|6|93|9|0|Sagte Ich: „Dieweil du Mich nicht kennst, so vergebe Ich dir deine Lüge; aber überzeugen muß Ich dich denn doch, daß nur Ich, und nicht du, ganz das vollste Wahrheitsrecht habe! Sieh, Ich will nun, daß diese drei Götzen im Augenblicke zunichte werden und die drei armen Sprecher frei werden und zu uns hervorgehen!“
GEJ|6|93|10|0|Hier sagte der Priester: „Wenn du das imstande bist, dann fallen wir vor dir nieder und wollen dich als den Gott aller Götter und Menschen anbeten!“
GEJ|6|93|11|0|Sagte Ich: „Dessen bedarf Ich nicht, und dennoch sollt ihr eine andere Herrlichkeit der Macht des wahren Gottes, verbunden mit der Macht des Menschengeistes, dadurch kennenlernen, und Ich sage nun: Ich will es, und also sei es!“
GEJ|6|93|12|0|Sowie Ich das ausgesprochen hatte, da war von den drei Götzen auch keine allerleiseste Spur mehr vorhanden, und die drei in engen Nischen hockenden Sprecher waren sichtbar geworden und krochen ganz erschreckt und verblüfft aus ihren finsteren Verstecken ans helle Tageslicht hervor.
GEJ|6|93|13|0|Als die fünf Priester das sahen, wurden sie sehr betrübt, und einer, der unter ihnen der beherzteste war, sagte zu den andern: „Brüder, gegen die Allmacht des Willens eines Gottmenschen ist kein Schwert zu ziehen, sondern da ist es am geratensten, sich in seinen Willen zu ergeben! Wir sind nun freilich auf einmal erwerbs- und somit auch brotlos; aber was wollen wir machen? Wir aber sind diesem Amte stets mit aller Würde vorgestanden und haben durch den kleinen frommen Betrug nie jemandem geschadet, haben über die Gebühr auch nie von jemandem ein Opfer erpreßt, haben die Menschen stets über so manches belehrt und sind ihnen stets mit einem guten Beispiele vorangegangen. Und so hoffe ich mit Zuversicht, daß uns dieser wahrhaft allmächtige Gottmensch nicht ganz verstoßen wird, so wir ihn darum bitten.“
GEJ|6|93|14|0|Sagten die andern: „Das wäre schon alles recht; aber was wird nun das Volk, das zum größten Teile doch noch große Stücke auf unsere drei Götter hielt, dazu sagen, so es herkommen und nicht mehr finden wird seine alten, treuen Götter? Was werden wir dann zum Volke sagen?“
GEJ|6|93|15|0|Sagte der eine: „Auch das wollen wir diesem allmächtigen Gottmenschen anheimstellen, dann wird sich dafür wohl auch noch irgendeine gute Entschuldigung auffinden lassen, und es wird das um so leichter gehen, als nun bei dieser außerordentlichen Begebenheit unser erster Vorsteher Jored zugegen war. Es handelt sich nun vor allem nur einzig und allein darum, was wir in diesem Augenblicke machen sollen.“
GEJ|6|93|16|0|Sagte Ich: „Leget vor allem eure lächerlichen Kleider ab, und ziehet euch als ordentliche Menschen an! Kommet dann wieder zu uns, und wir werden dann schon noch weiter reden über diesen Punkt!“
GEJ|6|93|17|0|Hier gingen die fünf schnell in ihr Wohnhaus, das gleich hinter dem Tempel erbaut war, zogen sich um und kamen alsbald mit ihren Weibern und Kindern zu uns. Weiber und Kinder aber machten ein großes Gejammer, als sie den Tempel ganz leer fanden, und fragten nach Mir, der Ich ihnen ein so großes Unglück bereitet habe.
GEJ|6|93|18|0|Da trat Ich zu ihnen hin und sagte: „Ich bin, den ihr suchet! Wollt ihr euch denn nicht lieber mit dem Werke der Wahrheit als mit diesen Werken des Betruges und der losesten Lüge ernähren?“
GEJ|6|93|19|0|Da sagten die Weiber: „Das wollten wir allerdings lieber; aber wer wird uns für Werke der Wahrheit etwas geben?! Wir wissen es schon lange, daß an unseren Göttern nichts Wahres mehr haftet. Aber was nützet uns das?! Wo nehmen wir denn bessere und wahrere her? Diese unwahren haben uns doch ernährt; wie werden uns denn die wahren ernähren, die wir noch nicht haben?“
GEJ|6|93|20|0|Sagte Ich: Darum habt ihr Weiber euch nicht zu sorgen und zu kümmern; das werden schon eure Männer tun, wenn sie, anstatt Götzenpriester zu sein, Priester und Diener des lebendigen Wortes Gottes werden!“
GEJ|6|93|21|0|Sagten die Weiber: „Und wer wird ihnen solches geben?“
GEJ|6|93|22|0|Sagte Ich: „Auch um das habt ihr euch nicht zu kümmern! Ich aber sage nun euch albernen Weibern: Gehet mit euren Kindern nun nur fein wieder dahin, von wannen ihr gekommen seid, ansonst Ich genötigt wäre, euch dazu zu zwingen; denn ihr habt noch zu essen und zu trinken genug! Wenn ihr nichts mehr haben werdet, dann wird schon gesorgt werden, daß ihr mit euren Kindern nicht verhungern werdet! Gehet einmal hinaus auf eure Äcker, Gärten und Wiesen, und arbeitet auch ein bißchen! Das wird euch dienlicher sein als eure Götterwascherei und Göttermacherei aus Lehm und Wachs.“
GEJ|6|93|23|0|Hier schoben die fünf Priester ihre Weiber und Kinder zurück in ihre Wohnungen; sie selbst aber kamen bald voll Freundlichkeit zu uns zurück.
GEJ|6|94|1|1|94. — Die Bitte des Priesters um Wiederherstellung der Götzen. Der heilige See
GEJ|6|94|1|0|Und der Minervapriester, als der beherzteste und auch wissenschaftlich gebildetste, trat zu Mir hin und sagte: „Herr und Gottmensch, oder wer du auch seist, ich habe aus deinen wenigen Worten an unsere unbändigen Weiber entnommen, daß du ein guter, weiser und höchst billig denkender Mann bist, der mit sich wahrscheinlich auch ein billiges Wort wird sprechen lassen! Und da ich das als ganz sicher voraussetze, so bitte ich dich, mich gefälligst und mit einiger Geduld anzuhören. Sieh, ich weiß es, daß das, was du uns für diesen alten Heidenkram geben wirst, sicher ums unaussprechliche besser sein wird als das, was wir auch als das Allerbeste in unseren Erkenntnissphären aufzuweisen haben; aber es handelt sich hier nicht um das, sondern um ganz etwas anderes, und das ist es eigentlich auch, warum ich dich um dein geneigtes Gehör gebeten habe!
GEJ|6|94|2|0|Sieh, es handelt sich hier erstens um die mögliche Aufrechterhaltung der Staatsgesetze mit Hilfe von allerlei guter Lehre über das Dasein übersinnlicher Kräfte und Mächte in der Natur, die wir im allgemeinen Götter nennen! Um sie dem Volke zu versinnlichen, haben wir sie ihm in entsprechenden Bildern vor seine Augen gestellt in reinen, kunstgerechten Formen. Das Volk hat sich schon von der Wiege an daran gewöhnt und hat sich bei ihrem Anblicke stets erbaut und sicher so manche gute und fromme Betrachtung dabei angestellt. Wir Priester haben aber auch unter Hinweisung auf die erhabenen Bilder ein leichtes gehabt, dem Volke so manche gute und nützliche Lehre beizubringen, was ohne diese Bilder sicher eine viel schwierigere Aufgabe gewesen wäre.
GEJ|6|94|3|0|So das Volk an einem bestimmten Tage sich hier versammeln und die altgewohnten drei Gottheitsbilder nicht mehr sehen wird, so weiß ich da wahrlich nicht, wie die Geschichte ablaufen wird. Wir würden uns wohl ganz sicher sehr lebhaft und mit den glühendsten Worten mit dir ausreden und feierlichst entschuldigen; aber wo wirst du als ein fremder Reisender in derselben Zeit sein? Wir haben freilich zum größten Glücke hierortige höchst angesehene Zeugen aufzuweisen; aber es wird uns am Ende auch mit denen gegen ein wild gewordenes, gemeines Volk nicht viel gedient sein, und so hätte ich dich nur noch auf eine kurze Zeit um die dir leicht mögliche Wiederherstellung der drei Statuen der guten Sache wegen flehentlichst gebeten. Wir aber werden dennoch deine Lehre ganz und mit dem dankbarsten Gemüte annehmen und sie auch dem Volke überliefern und so die drei Gottheiten hier ganz entbehrlich machen, dessen du völlig versichert sein kannst; aber nur jetzt auf einmal und mit einem Schlage wird das schwer oder eigentlich schon gar nicht gehen!
GEJ|6|94|4|0|Daher wolle du, guter Gottmensch, diese meine aufrichtige Bitte gewähren, was dir sicher ein ebenso leichtes ist wie das, was du früher mit den drei Götzenbildern gemacht hast! Ich weiß wohl, daß wir dich ehedem beleidigt haben dadurch, daß wir die von dir angegebenen Sprecher ableugnen wollten, – allein wir hatten damit ja doch nichts Schlechtes und Böses im Sinne; denn wir wußten es ja nicht, wer du sein könntest. Deine Wundertat hat uns dann freilich gleich eines andern belehrt; aber da war es denn auch schon zu spät. Aber da du noch hier bist, so vergib uns unsere frühere Übereiltheit, und gewähre uns gnädigst die an dich von mir in unser aller Namen gestellte Bitte!“
GEJ|6|94|5|0|Sagte Ich: „Ja, was soll Ich mit euch Blinden tun? So euch die Nacht lieber ist denn der Tag des Lebens, so habt denn wieder eure toten Götzen! Aber das werdet ihr auch erleben, daß die Zeit bald hereinbrechen wird, in der das Volk hierherkommen und selbst Hand an diese Götzen legen wird, – aber auch an euch! Hättet ihr aber mit Hilfe erstens dieser bewährten Zeugen und zweitens auch mit Meiner unsichtbaren Hilfe euch an das gehalten, was Ich euch vorderhand kurz angedeutet habe, so wäret ihr gerettet; so ihr aber eure Götter alles dessen ungeachtet lieber wollt, so werden sie auch augenblicklich auf ihren alten Plätzen stehen!“
GEJ|6|94|6|0|Sagte der Sprecher: „Herr und Gottmensch, laß uns noch eine kleine Beredungszeit, und wir werden dir treuherzigst unseren Entschluß kundgeben!“
GEJ|6|94|7|0|Hier sagte der Zöllner: „Meine Lieben, da beratet euch, und kommet nachher zu mir in mein Haus, dort wollen wir die Sache ausmachen; denn hier wird es uns wahrlich schon so öde wie in einer ägyptischen Katakombe!“
GEJ|6|94|8|0|Damit waren die Priester einverstanden, und wir zogen weiter dahin, wo ein kleiner See war, der eine große Tiefe hatte, was bei den asiatischen Seen beinahe durchgehends der Fall ist.
GEJ|6|94|9|0|Als wir zu diesem See kamen, da sagte Jored: „Herr, sieh, das ist eine wahre Merkwürdigkeit in dieser unserer Gegend! Zur Nachtzeit sieht man da, besonders an den hohen Sommertagen, stets eine Menge Lichtlein über der ganzen Fläche des Wassers umherschwimmen; einige bewegen sich langsam, einige wieder schneller. Nun, die Sache da näher zu untersuchen, ist eben da wohl nicht leicht möglich, da man sich dem See wegen seiner sehr sumpfigen Ufer nicht nahen kann. Die Priester aber wissen diese Erscheinung, da dieser See noch auf ihrem heiligen Haingebiete liegt, ganz gut zu benutzen; denn wenn die Zeit, die jetzt nicht mehr ferne ist, kommt, so werden große Reden gehalten über die Ankunft der Genien aus dem Elysium, die darum erscheinen, um den Menschen Gnaden zu erteilen. Sie hätten sich darum nur diesen See erwählt, weil er der reinste auf der Welt sei.
GEJ|6|94|10|0|Daß der See ein ganz reines Wasser haben wird, ist leicht begreiflich – denn es kann ja nichts hinkommen, was es trüben könnte –; aber mit den elysäischen Genien wird es da wohl seine sehr geweisten Wege haben! Es wäre mit der Erscheinung gar nichts so Besonderes, und sie wird auch sicher ganz natürlicher Art sein; aber die Priester, die da ganz geschickte Redner sind, wissen daraus etwas zu machen, daß man am Ende selbst – wenigstens für den Moment – ganz verblüfft wird, besonders zur Nachtzeit, wo man stets magisch erregter ist denn am Tage. Die starke Umschränkung des Sees aber hat ihr Gutes. Denn nur wenige Schritte über die gesetzten Pfeiler und die durch dieselben gezogenen Schranken wäre es niemandem mehr rätlich, sich zu wagen; denn wer da einsänke, der wäre ohne alle Rettung verloren.
GEJ|6|94|11|0|Nun, Herr und Meister, da wäre auch so eine Erklärung notwendig, und zwar erstens: Warum muß ein so gefährlicher und eigentlich ganz nutzloser See auf dem Erdboden bestehen? Er ist mit keinen Schiffen zu befahren und hat noch nie auch nur einen Fisch zum Vorscheine gebracht. Er hat weder irgendeinen sichtlichen Zufluß und ebensowenig irgendeinen Abfluß und ist daher auch zur Bewässerung der Gegend gar nicht zu gebrauchen. Und zweitens dient er nach Deiner uns gegebenen heiligwahren Lehre nur zur Abgötterei durch seine wahrhaft magischen Lichterscheinungen, gegen die ich an und für sich nichts einzuwenden habe, aber nun in der moralischen Hinsicht sehr vieles. Denn so nun auch die drei plumpen Statuen durch Deine wunderbare, lebensmeisterliche Wunderkraft hinweggeschafft worden sind, so bleibt die Abgötterei sicher also fortbestehen wie ehedem. Wäre es Dir denn nicht auch ein ebenso leicht mögliches Ding, diesem abgöttischen See dasselbe Ende zu machen wie den drei Statuen?“
GEJ|6|94|12|0|Sagte Ich: „Oh, allerdings, und Ich werde es auch tun, dieweil du es aus einem guten Grunde wünschest! Aber es hat dieser See eben keine so unwichtige Bestimmung für die Erde, wie du meinst, da er mit dem inneren Organismus dieses Erdkörpers zusammenhängt und von hier aus bis zu seinem Grunde eine Tiefe von mehr denn dreihundert Stunden weiten Weges hat. Er ist ein Kühlungsaufsatz über eine gar heiße Herzader der Erde, aus welchem Grunde sein Wasser ein sehr kaltes ist.
GEJ|6|94|13|0|Der See hat einen unterirdischen Zufluß, aber keinen Abfluß, weil sein Überfluß von Wasser stets von der inneren Hitze verzehrt wird auf dem Wege der fortwährenden Verdampfung, die zur inneren mechanischen Belebung ebenso notwendig ist wie die Verdampfung der Speisesäfte im Menschenmagen, und so hat solch ein See freilich wohl keinen außerirdischen Nutzen, aber einen desto größeren innerirdischen.
GEJ|6|94|14|0|Du magst nun freilich sagen: ,Ja, aber warum muß er denn gerade hier in einer sonst so fruchtbaren, schönen Ebene bestehen? Er könnte ja auch irgend woanders in einer Wüste bestehen!‘ Ja, da hast du gerade auch nicht ganz unrecht; aber diese Gegend war vor noch kaum zweitausend Jahren auch eine Wüste, die später in diese weiten Flächen verbannte Menschen durch den großen Fleiß ihrer Hände erst urbar und fruchtbar gemacht haben.
GEJ|6|94|15|0|Nun, das kann aber auch mit gar vielen Wüsten dieser Erde geschehen, in denen oft 20-30 solcher Seen vorkommen! So jene Wüsten urbar gemacht werden, so werden dann dort die Menschen sicher auch also fragen: ,Ja, warum muß denn gerade da dieser oder jener gefährliche See bestehen?‘ Ich kann dir da nichts anderes sagen als das: Weil ein solcher zur Unterstützung des mechanischen Erdlebens höchst nötig ist, so muß er auch irgendwo auf der Erde sein, und so ist dieser einmal zufälligerweise nach der Ordnung der Weisheit Gottes hier, und mehrere Tausende sind auf eine gleiche Weise irgend woanders, und die allermeisten sind unter dem Meere und unter den Hochgebirgen.
GEJ|6|94|16|0|Nun, was seine zumeist im Julius-Cäsar-Monde vorkommenden Lichterscheinungen betrifft, so sind das nichts als leuchtende Insekten, die zur Nachtzeit die vom Wasser aufsteigenden leichten Dämpfe einsaugen und sich damit sättigen. Gehe nach Indien, dort wirst du noch ganz andere nächtliche Lichterscheinungen entdecken!
GEJ|6|94|17|0|Allein, das machte alles zusammen nichts aus, denn der See kann fest umschränkt werden, was dann seine Gefährlichkeit aufhebt, und es könnte sogar den Menschen die gewisse Lichterscheinung ganz gut und einleuchtend erklärt werden; aber weil wir diesen Priestern zulieb hier auch alles aus dem Wege räumen wollen, womit sie die Menschen ohne viele Mühe leicht betrügen und in allerlei Irrtümer noch weiter verleiten könnten, so werden wir denn auch diesen See bis auf tausend Mannshöhen tief mit fester Erde überdecken und seine notwendige Öffnung irgendwo mit einem andern großen See in Verbindung setzen, und so wird dadurch euch genützt und dem mechanischen Leben der Erde nicht geschadet sein. Und also sei es und geschehe es!“
GEJ|6|94|18|0|In diesem Augenblick war von keinem See irgend mehr etwas zu entdecken, sondern alles war ein festes Erdreich. Man konnte des Sees Umfang nun nur nach den noch stehengebliebenen Schranken bemessen.
GEJ|6|94|19|0|Daß das bei allen, die da mit waren, eine ungeheuer große Sensation erregt hat, läßt sich leicht denken. Aber als wir nun heimkehrten und uns aber noch in der Gegend des Sees befanden, da einige die Festigkeit des neuen Bodens mit ihren Füßen versuchten, da kamen auch die fünf Priester uns nach, da sie vorher schon beim Tempel gewahrten, daß wir etwa auch dem heiligen See einen Besuch machen dürften.
GEJ|6|94|20|0|Als sie eilenden Schrittes an Ort und Stelle anlangten, da schlugen sie die Hände über den Häuptern zusammen und schrien (die Priester): „Aber um aller Götter willen! Was ist da nun geschehen? Vorher die drei Hauptgötter weg – und nun auch ihr reinster heiliger See! Wehe uns; denn nun sind wir verloren! Es müssen hier die großen Götter irgend gar stark beleidigt worden sein, und sie ließen darum nun zu, daß ein Hauptmagier uns das angetan hat aus ihrer Kraft in ihm, mit der sie ihn werden versehen haben. Oh, wenn uns doch nur der See geblieben wäre! Oh, wer wird uns jetzt helfen und ernähren?“
GEJ|6|94|21|0|Sagte Ich: „Gehet nun mit zum Jored; dort werden wir das Weitere besprechen, – hier ist der Ort und die Zeit nicht dazu!“
GEJ|6|94|22|0|Damit waren die fünf Priester sehr zufrieden und zogen mit uns zum Jored, allwo schon ein reichliches Mittagsmahl unser harrte.
GEJ|6|95|1|1|95. — Beim Mahle in des Zöllners Jored Hause. Des Herrn Lebenslehre
GEJ|6|95|1|0|Der Zöllner Jored lud die fünf Priester natürlich auch zum Mittagsmahle, welche Einladung sie sogleich freundlichst annahmen, und sie setzten sich an unseren Tisch. Unter dem Mahle ward allda nach griechischer Sitte wenig oder auch nichts geredet; aber nach dem Mahle, als der Wein einmal die Zungen gelöst hatte, da ging dann das Reden schon an, und es ward bald sehr lebhaft an dem Tische.
GEJ|6|95|2|0|Die fünf Priester aber horchten nur und redeten wenig; denn sie wollten so aus den Reden der Jünger und anderen Gäste geheim ablauschen, wer Ich denn eigentlich wäre und von woher gekommen. Aber es wollte sich nichts von derlei aus den verschiedenen Reden der Gäste vernehmen lassen.
GEJ|6|95|3|0|Mit der Zeit ging den fünfen die Geduld aus, und sie fingen an zu fragen, ob sie nun nicht etwas reden dürften, und zwar eben wegen ihres künftigen priesterlichen Verhaltens, auf daß sie mit dem Volke gleich würden.
GEJ|6|95|4|0|Da sagte Ich zu ihnen: „Redet nichts als die Wahrheit, wie es war, und wie es geschah, und berufet euch auf die Zeugen, deren ihr hier eine ziemliche Menge habt, und es wird euch darum kein Haar gekrümmt! Dann aber fasset Meine neue Lehre auf, und traget sie dann euren Menschen vor, und sie werden sich alle dessen hoch erfreuen, so sie endlich einmal ganz andere Menschen und Lehrer ersehen werden, als es bisher je der Fall war! Meinet ihr denn, daß euch eure eurem Tempel zuständigen Menschen irgend mehr etwas geglaubt haben? Ich sage es euch: unter Hunderten nicht zwei mehr! Sie liefen euch nur aus alter Gewohnheit zu und ergötzten sich an eurer Spektakelmacherei; aber geglaubt hat euch schon lange beinahe kein Mensch mehr ein Wort! Ihr habt also hiermit nichts verloren, sondern nur vielfach gewonnen.
GEJ|6|95|5|0|Wie aber Meine Lehre lautet, das werden euch Meine Jünger bis gen Abend hin gar leicht beibringen und euch auch sagen, wie ihr es anzufangen habt, um sie dem Volke beizubringen. Aber vor allem müsset ihr auch das tun, was die Lehre verlangt; denn erst dadurch könnet ihr zur Vollendung des Lebens gelangen und in solcher dann auch tun, was Ich nun tue und so ihr ganz vollkommen werdet, auch noch Größeres und mehreres.
GEJ|6|95|6|0|Denn der wahre, große, einige Gott hat den Menschen nicht erschaffen, daß er, den Tieren gleich, nur tätig sei wegen der Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse, sondern vielmehr der inneren, geistigen wegen. Und wer im Geistigen tätig wird und übt durch Wissen, Glauben und Tat des Geistes Kräfte, der wird im Geiste auch stark und mächtig werden.
GEJ|6|95|7|0|Wer aber da vor allem des Geistes Kräfte übt, der erbaut in sich das Reich Gottes, und das ist im Menschen dann das wahre, ewige Leben, Gott, dem Schöpfer, verwandt und in allen Eigenschaften ähnlich.
GEJ|6|95|8|0|Hat der Mensch aber solchen seligsten Lebenszustand in sich erreicht und seinen Willen mit dem erkannten Willen Gottes geeint, so kann er auch alles tun, was Gott tut, und er ist also in sich ein Herr des Lebens und ein mächtiger Gebieter über alle Kräfte der Natur. Daß ihr solches nun noch nicht völlig verstehen werdet, das sehe Ich; so aber Meine Jünger euch näher belehren werden, da werdet ihr auch das, was Ich euch nun gesagt habe, heller begreifen denn jetzt.“
GEJ|6|96|1|1|96. — Von der Astrologie
GEJ|6|96|1|0|Hier sagte der Minervapriester: „Höre, du Gottmensch, wir haben vor allem auch das Geschäft der täglichen Zeitbestimmung, die Ordnung und Zählung der Tage, Wochen, Monde und Jahre inne, und wir haben zu erforschen und zu bestimmen des Jahres regierenden Planeten und die zwölf Zeichen des Himmels! Es ist das ein Geschäft, zu dem viele Kenntnisse, Erfahrungen und Arbeit gehören, und es ist das für die gesamte Menschheit etwas höchst Notwendiges, da sie ohne solche unsere Wachsamkeit, Sorge und Arbeit ehest in die größte Unordnung in ihren mannigfachsten Arbeiten geraten müßte.
GEJ|6|96|2|0|Also machen wir auch die Sanduhren und die Sonnenuhren nach dem Stande der zwölf Himmelszeichen. Nun, so wir deine neue Gottes- und Lebenslehre selbst beachten und sie auch dem Volke beibringen, dürfen wir daneben auch dieses Geschäft nicht mehr betreiben?“
GEJ|6|96|3|0|Sagte Ich: „O ja, dieses Geschäft ist ganz in der Ordnung und ist gut; daher dürft ihr es auch betreiben bis auf eure Sterndeuterei und bis auf das, daß ihr aus den Sternen die Schicksale der Menschen herauslesen und bestimmen wollet, und dann auch bis auf das, daß ihr unter den Sternbildern lauter Götter sehet, sie anbetet und ihnen Opfer darbringt. Also, das hinweg, dann könnet ihr rechnen, wie ihr wollet, und zählen die Tage, Wochen, Monde und Jahre und könnet auch Uhren machen, soviel ihr nur immer möget, so ihr euch dabei aller Abgötterei und Wahrsagerei enthaltet! Dieses Geschäft allein ist euch von Mir aus nicht widerraten, obwohl Ich euch offen gestehen muß, daß bei eurem zeitbestimmenden Geschäfte die Bestimmung eines das Jahr regierenden Planeten eine ganz leere und dumme Sache ist. Denn sehet und habet acht:
GEJ|6|96|4|0|Ihr zählet zu euren regierenden Planeten auch die Sonne und den Mond. Ich will aber vom Monde noch nichts sagen, da als er ein steter Begleiter dieser Erde, die wohl ein Planet ist, also ein Mitplanet ist. Aber die Sonne ist doch kein Planet, sondern sie ist ein Fixstern, wie es deren zahllos viele im endlosen Schöpfungsraume gibt. Sie ist gut um mindestens tausendmal tausend Male größer als diese Erde und für ihre um sie bahnenden Planeten eine feste, unverrückbare Lichtwelt, was ihr von Meinen Jüngern auch noch näher werdet kennenlernen.
GEJ|6|96|5|0|Wenn das alles aber unstreitig sich also verhält, wie möget ihr eure Planeten zu gewissen Regenten eines und des andern Jahres machen?! Sehet, darin liegt eine schon von den alten heidnischen Priestern ganz fein berechnete Abgötterei! Denn so zum Beispiel in diesem Jahre bei euch Jupiter – oder euer Zeus – der regierende Planet ist, so muß ihm als einem Gotte in diesem Jahre besonders viel geopfert werden, damit er guten Mutes bleibe und des Jahres Früchte wohl gedeihen lasse. Sehet, das ist Abgötterei und darf nicht sein, wo die Menschen den wahren, lebendigen und einigen Gott erkennen sollen und leben und handeln nach Seinem treu geoffenbarten Willen; denn es steht im alten Buche der Weisheit geschrieben: ,Ich allein bin euer Gott und Herr; darum sollet ihr keine nichtigen, fremden Götter neben Mir haben und verehren!‘
GEJ|6|96|6|0|Gott ist also nur einer, der alles, was da ist, aus Sich heraus erschaffen hat. An Den allein müsset ihr glauben, Seine Gebote, die Ich euch bekanntgebe, halten und Ihn lieben über alles in der Welt!
GEJ|6|96|7|0|So ihr aber das tuet, um zu erhalten das, was Ich euch verheißen habe, da ist's mit den regierenden Planeten nichts mehr; denn Gott allein ist der Regent aller Dinge, aller Elemente und aller Zeiten.
GEJ|6|96|8|0|Wer das glaubt und fest und ungezweifelt annimmt, und getreu lebt nach dem erkannten Gotteswillen, der wird auch in sich bald klarst innewerden, daß diese Worte, die Ich nun zu euch rede und geredet habe, Gottes Worte sind und so sicher zur Erreichung Meiner euch gegebenen Verheißung führen, als wie sicher Ich bloß durch Meinen Willen alles bewirken kann, was Ich will. – Habt ihr das nun wohl verstanden?“
GEJ|6|96|9|0|Sagten die fünf Priester: „Herr, Meister und völlig wahrer Gottmensch, wir haben das nun wohl verstanden und sagen und bekennen es offen, daß du in allem ganz vollkommen recht hast und die reinste Wahrheit redest! Aber dennoch sind wir bezüglich unseres Geschäftes der Meinung, daß die Beibelassung der regierenden Planeten bei unseren Zeit- und Jahresberechnungen etwa bloß unter dem fortdauern könnte, so wir nur die altgewohnten Namen beibehalten; wir würden unsere Menschen schon dahin unterweisen, daß dies nur pure Namen sind, mit denen wir die gewissen Wandelgestirne bezeichnen. Es ist das nur wegen der ordnungsmäßigen Feststellung des Zyklus von sieben zu sieben Jahren, nach dem System der alten Ägypter bearbeitet. Das, meinen wir, würde dem Aufblühen deiner Lehre nicht schaden.“
GEJ|6|96|10|0|Sagte Ich: „Ja, ja, wenn also schon nicht schaden, aber auch nichts nützen; denn wozu ist fürs erste der Zyklus von sieben Jahren gut? Es hat schon der von sieben Wochen und von sieben Monden gar nichts von irgendeiner Bedeutung in sich, – um wieviel weniger ein Zyklus von sieben Jahren! Aber ihr habt einmal die Zahl Sieben zu einer magischen und also bedeutungsvollen Zahl gemacht und ihr allerlei Wirkungen zugeschrieben und das ganze Volk damit betört, und so steht es nun, daß ihr von den allerleersten Torheiten nicht ablassen könnet. So ihr aber alles das schon beizubehalten nach eurer Meinung bemüßigt zu sein wähnet, so unterweiset aber doch dahin ernstlich das Volk, daß die alten Götternamen nun weiter nichts als eitel leere Namen der gewissen Wandelgestirne sind!
GEJ|6|96|11|0|Ich sage es euch: Alle eure Berechnungen da oben am gestirnten Himmel sind pur Lüge und Trug. Meine Jünger können euch dafür ein vollgültiges Zeugnis geben. Ich habe es ihnen auch enthüllt, und sie wissen, was die Sonne, der Mond und all die andern Sterne sind. Fraget sie nachher darum, und sie werden euch auch darüber ein rechtes Licht geben! Aber ihr werdet daraus ersehen, wie überaus falsch und lächerlich dumm alle eure Berechnungen und Bestimmungen sind.
GEJ|6|96|12|0|Wie gesagt, von eurer Zeitberechnung sind nur die sieben zu sieben Tage sich stets ändernden Mondviertel, die daraus hervorgehende Woche, die Zeit eines Mondes und die Dauer des Jahres etwas Wahres und Richtiges, – alles andere ist eine allerleerste Faselei. Ihr wisset nun auch, was an eurer Berechnung ist, und es steht nun völlig bei euch, zu tun, was ihr wollet!“
GEJ|6|96|13|0|Als die fünf solche Worte über ihre ihnen so wichtig scheinende Zeit- und Sternberechnung vernommen hatten, machten sie alle große Augen und sprachen geheim also untereinander: „Von Ägypten hat der sich seine Weisheit und magische Willenskraft nicht geholt; denn sonst müßte er über Ägyptens alte und beste Sternkunde doch anders reden! Er aber verwirft schon gleich alles, bloß das nicht, was ohnehin ein jeder noch so einfache Mensch für sich ganz leicht an den Fingern nachzählen und berechnen kann. Er muß seine Gründe dafür haben. Wir werden uns darüber wohl mit seinen Jüngern verständigen!“
GEJ|6|96|14|0|Sagte darauf der erste Apollopriester, der der eigentliche Hauptastronom war: „Ich habe doch zu Diathira in Oberägypten unter dem großen Zodiakus im Tempel des Chronos die Zeitrechnung, die Astronomie und die wunderbare Astrologie mit allem Fleiße studiert, und das nach dem neuen System des großen Ptolemäus [Nota bene! Das ist weder der Ptolemäus, der jüngere Astronom, noch einer der Könige, sondern dieser für die Weltgeschichte ganz in die Vergessenheit geratene PDOLOMEUZ (=Feldmesser) lebte 400 Jahre nach der Zeit Mosis. Er ist aber auch nicht zu verwechseln mit dem PDOLOMEUZ von Diathira, der den Zodiakus berechnete. PDOLOMEUZ heißt soviel wie "Feldmesser", "Geometer". Das werde wohl gemerkt! (J.L.)], und jetzt ist das auf einmal nichts?! Was soll man aber dann denken bei dem Anblick der wunderbaren Sternbilder des Himmels? Sollen diese denn im Ernste keine andere und höhere Bedeutung haben, als bloß durch ihren Schimmer zur Nachtzeit dieser Erde ein spärlichstes Lichtlein zu spenden?! Warum dann ihre so mannigfachen Gruppen, die sich stets gleichbleiben? Wozu ihre verschiedenen Größen und ihre Farben? Wahrlich, das ist nun eine harte Probe für uns! Allein, sei es nun, wie es wolle, wir werden sehen, was uns seine Jünger Neues erzählen werden!“
GEJ|6|97|1|1|97. — Der Herr heilt Kranke in einem Fischerdörfchen
GEJ|6|97|1|0|Darauf erhoben wir uns vom Tische, da es ohnehin nahe um die vierte Stunde des Nachmittags war, und Ich beorderte nun Andreas und Nathanael, diesen Priestern den erforderlichen Unterricht zu erteilen, und ging mit den anderen Jüngern und Hausleuten ins Freie.
GEJ|6|97|2|0|Da kam aber auch der Zeuspriester nach; denn er sagte zu den andern vieren: „Habt ihr wohl acht, was die beiden Männer euch sagen werden; ich aber werde dem Meister nachgehen und sehen und hören, was er irgend tun und reden wird.“
GEJ|6|97|3|0|Und also kam er uns nach, als wir längs des Euphrat dahinwandelten, an dessen rechtem Ufer – an dem der Ort lag – sich auch eine Menge seltener und heilsamer Kräuter befanden. Wir kamen eine Stunde Weges am Strome abwärts, allwo sich ein Fischerdörfchen befand, dessen Einwohner sich zumeist vom Fischen ernährten; denn der Boden war steinig und sandig, hie und da nur mit spärlichem Grase und andern Kräutern bewachsen, auf dem kaum einige wenige Ziegen ihr Nährfutter zur Genüge fanden, und er war darum zum Ackerbau nicht geeignet.
GEJ|6|97|4|0|Als wir hier ankamen, da gingen uns sofort eine Menge Menschen entgegen und grüßten den ihnen sehr bekannten Zöllner Jored, baten ihn aber auch um Nachsicht und Geduld, da sie ihm noch einen Teil ihres Fischerpachtschillings schuldeten.
GEJ|6|97|5|0|Der Zöllner aber erließ ihnen denselben ganz und sagte noch dazu: „Nicht nur den Pachtschilling, den ihr mir schuldet, erlasse ich euch, sondern ich enthebe euch auch für alle Zukunft jeder weiteren Zinszahlung; nur den kaiserlichen Zinsgroschen allein werdet ihr als von nun an volle und freie Eigentümer dieses Dörfchens und der Fischerei selbst entrichten, und den werdet ihr durch den Verkauf der Fische schon IN COMMUNE gewinnen können. – Seid ihr damit zufrieden?“
GEJ|6|97|6|0|Aus großer Dankbarkeit fielen nun Männer und Weiber auf ihre Angesichter nieder und lobten mit lauter Stimme die große Güte Joreds. Jored aber behieß sie, sich zu erheben vom Boden und kein solches Wesen zu machen für eine so geringe Wohltat.
GEJ|6|97|7|0|Als sie sich vom Boden erhoben hatten, da stellte er ihnen den vom Tode erweckten Sohn vor und gab ihnen kund, wie es hergegangen war. Da drangen diese Menschen zu Mir herüber, da Ich mit dem Arzte ganz knapp am Wasser stand, und fingen an, Mich zu loben und sehr zu preisen, weil Ich des Jored Sohn vom Tode erweckte und er ihnen sicher darum nun solche große Wohltat erwiesen habe, was er sonst, obwohl er allzeit ein sehr guter und billiger Mann war, doch sicher nicht getan haben würde.
GEJ|6|97|8|0|Darauf fragten sie Mich in ihrer schlichten Einfalt, wer Ich denn sei, daß Ich so etwas Unerhörtes zu bewirken imstande wäre.
GEJ|6|97|9|0|Ich aber beruhigte sie und sagte zu ihnen: „Wer und was Ich bin, das werdet ihr alle noch früh genug erfahren. Soviel aber möget ihr vorderhand aus Meinem Munde erfahren, daß Ich ein allein wahrer Weltheiland für alle Menschen bin und nicht nur die Macht habe, jeden Menschen dem Leibe nach gesund zu machen bloß durch Meinen Willen und durch Mein Wort, sondern der Menschen Seelen vom langen Irrsal erlösen und ihnen das ewige Leben geben kann. Habt ihr aber etwelche Kranke in eurem Dörfchen, so bringet sie hierher, und Ich werde sie alle gesund machen!“
GEJ|6|97|10|0|Da dankten die armen Leute schon zum voraus und sagten: „O du lieber Weltheiland, wir haben der Kranken genug, und selbst wir sind im ganzen nicht so gesund, als wie wir noch teilweise aussehen; aber unsere Kranken sind zumeist wohl mit solchen Gebrechen behaftet, daß bei ihnen nicht viel mehr irgend etwas zu heilen sein wird!“
GEJ|6|97|11|0|Sagte Ich: „Gehet und bringet sie nur alle hierher, und ihr sollet die Kraft und Herrlichkeit Gottes, die Er dem Menschen gegeben hat, zum ersten Male in eurem Leben kennenlernen!“
GEJ|6|97|12|0|Hierauf eilten diese Menschen in ihre dürftigen Wohnungen und brachten bei zwanzig Kranke; darunter waren Lahme, Krüppel, Gichtbrüchtige, Blinde, Taube, Aussätzige und sogar ein Mensch, der keine Arme hatte. Dieser Mensch war sonst zwar gesund und kräftig; aber da er schon als Kind die beiden Arme durch die Unachtsamkeit seiner Wärterin verloren hatte, so war er als ein armloser Mensch keiner ordentlichen Arbeit fähig, außer, was er mit seinen Füßen notdürftigst zu tun imstande war.
GEJ|6|97|13|0|Als die Kranken nun alle auf einem sparsamen Rasen dalagen, da trat Ich zu ihnen hin und sagte: „Möchtet ihr wohl alle von euren Übeln geheilt sein, und glaubet ihr es, daß Ich euch heilen kann?“
GEJ|6|97|14|0|Da sagte ein gichtbrüchiger Greis: „Guter, lieber Weltheiland, so es dir möglich war, den Sohn Joreds vom Tode zu erwecken, so glauben wir auch, daß du auch uns wieder wirst gesund machen können! Daß wir arg Leidende aber alle wieder frisch und gesund werden möchten, das versteht sich schon lange von selbst. Wenn du, o guter, lieber Weltheiland, uns gesund machen willst, so wolle uns damit deine Liebe und Gnade erweisen! Geben können wir dir zwar nichts darum; denn du siehst ja unsere große Armseligkeit. Wir haben zwar schon alle Götter angerufen, aber sie wollten uns nicht erhören, weil wir sicher kein genügendes Opfer dafür darbringen konnten. Wenn du uns aber heilst, so bist du mehr und besser denn alle Götter des Himmels!“
GEJ|6|97|15|0|Hier machte der anwesende Zeuspriester große Augen und sagte zum Arzte: „Wenn er das kann, dann ist er kein Mensch mehr, sondern wahrhaftigst ein Gott!“ Am meisten neugierig aber bin ich auf den armlosen Menschen! Kann er auch dem die beiden verlorenen Arme wiedergeben, so ist er dann schon ganz unfehlbar ein Gott, und wir müssen ihn anbeten!“
GEJ|6|97|16|0|Hier hob Ich Meine Augen empor und sagte laut: „Vater, Ich danke Dir, daß Du Mich abermals erhört hast! Ich weiß es wohl, daß Du Mich allzeit erhörst; aber Ich sage und tue das darum, auf daß auch diese Heiden Dich erkennen, an Dich und an Mich glauben sollen und dann allein preisen Deinen heiligen Namen!“
GEJ|6|97|17|0|Hierauf wandte Ich Mich zu den Kranken und sagte: „Stehet auf und wandelt!“
GEJ|6|97|18|0|Da erhoben sich alle; denn sie wurden alle in ein und demselben Augenblicke völlig gesund.
GEJ|6|97|19|0|Nur der Armlose hatte seine Arme noch nicht bekommen und kam darum zu Mir und sagte: „O du guter Weltheiland, da es dir möglich war, durch deinen wunderbarst allmächtigen Willen alle diese Kranken zu heilen, so dürfte es dir wohl auch sicher möglich sein, mir die beiden Arbeitshände zu geben, damit ich mir dann durch allerlei Arbeit mein Brot verdienen könnte! Oh, laß mich nicht leer von dieser Stelle ziehen, auf daß auch ich in den vollsten Dankesjubel mit den andern Geheilten aus vollstem Herzen einstimmen kann!“
GEJ|6|97|20|0|Sagte Ich: „Warum zweifeltest du in dem Momente, als Ich die anderen heilte? Siehe, die alle glaubten und wurden geheilt; hättest du nicht gezweifelt, so wärest du nun auch schon im Besitze deiner Hände!“
GEJ|6|97|21|0|Sagte der Armlose: „O guter Weltheiland, nimm mir doch das nicht für ein Übel, da ich ja nun vollauf glaube, daß du auch mir helfen kannst!“
GEJ|6|97|22|0|Hier machte hinter Meinem Rücken der Zeuspriester zum Arzte die geheime Bemerkung: „Ich habe es mir gleich gedacht, daß es mit diesem Armlosen einen Heilungsanstand haben werde! Denn es ist ein ganz anderes, Menschen, die noch alle Glieder, wenn auch noch so verkrüppelt, haben, durch eine magische Wort- und Willensmacht zu heilen, als einem Menschen ein ganz fehlendes Glied als ganz neu erschaffen wiederzugeben!“
GEJ|6|97|23|0|Sagte der Arzt: „Der Meinung bin ich nicht; denn wer drei kolossale steinerne Statuen in einem Moment in ein purstes Nichts verwandeln kann und den See zudecken mit fester Erde bis in eine große Tiefe, der kann auch solch einem Menschen die Arme wiedergeben, so er nur will!“
GEJ|6|97|24|0|Auf diese Worte des Arztes sagte der Zeuspriester nichts mehr; aber es trat Jored zu Mir und sagte: „Herr, wenn es Dein Wille ist, so gib auch diesem Menschen seine Hände, und ich will ihn dann in meinen Dienst nehmen, und er soll bei mir gut verpflegt sein!“
GEJ|6|97|25|0|Sagte Ich zum Jored: „Sei du ruhig, Ich werde ihm die Hände geben; aber nun muß Ich noch des Zeuspriesters wegen ein wenig zögern, denn der hat gemeint, daß Mir solches nicht gelingen werde, und Ich werde darum zuvor mit ihm noch ein paar Worte wechseln.“
GEJ|6|97|26|0|Hierauf wandte Ich Mich um und sagte zu dem Priester: „Höre, du schwachsinniger Mensch, wie urteilest du über die göttliche Weisheit, Kraft und Macht?! Wer hat denn den ersten Menschen in die Welt gestellt ohne Zeugung und Mutterleib und hat dem, der zuvor nicht war, gegeben alle seine Glieder in der möglichsten Vollendung? Siehe, das war Der, welcher nun wirket in Mir, wie du dich hast überzeugen können bei den etlichen Zeichen, die Ich hier bereits gewirkt habe! Siehst du denn das nicht ein, daß ein purer Mensch aus sich das nicht wirken kann, was Ich dahier nun wirke, sondern nur der Geist Gottes, der in Mir ist und eins ist mit Meinem Willen?! Ein Priester sein und das nicht auf den ersten Blick einsehen, wie solche Taten, die Ich nun wirke, möglich sind, ist im Ernste für einen Zeuspriester, der doch alle möglichen Schulen durchgemacht und den Plato, Sokrates u. dgl. a. durchstudiert hat, nicht sehr rühmlich! Sage es Mir, ob du vollernstlich meinst, daß Ich dem Armlosen seine Arme nicht wiederzugeben vermag!“
GEJ|6|97|27|0|Sagte der Priester: „Das, mein wirklich allmächtiger Freund, habe ich eigentlich denn doch nicht gemeint, obwohl es mir also vorkam, als würdest du bei bresthaften Menschen nur jene Leibesteile wieder gesund machen können, die noch da sind, aber die durch irgendeinen bösen Zufall verlorenen nicht mehr! Denn ich dachte mir: Du kannst wohl mit der rohen und toten Materie, die ihren verwandten Stoff in der Luft und im Wasser hat, als ein in alle unsichtbaren Naturkräfte tiefst Eingeweihter leicht agieren, und sie müssen dir offenbar gehorchen; aber die schon seit langem verlorenen Arme eines Menschen seien ganz etwas anderes, da ihre Grundstoffe doch sicher von den ersten Urelementarstoffen schon sehr weit entfernt sind und aus der Luft und aus dem Wasser nicht so leicht zusammenzubringen sein sollen. Aber es wird dem schon nicht also sein, und dir wird das eine so gut wie das andere möglich sein! Ich habe zuvor wohl dem Arzte meine ein wenig zweiflerische Meinung angesagt, aber er hat mich selbst vom Gegenteile meiner Meinung mit wenigen Worten völlig überzeugt, und so glaube ich nun, daß du dem Armlosen seine Arme geben könntest, so du sie ihm auch aus irgendeinem Grunde nicht geben würdest.“
GEJ|6|97|28|0|Sagte Ich: „Ah, das ist nun eine ganz andere Sprache, und Ich habe gar keinen Grund, diesem Menschen seine Arme nicht wiederzugeben; darum will Ich, daß er sie in diesem Augenblicke habe!“
GEJ|6|97|29|0|Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da hatte der Armlose auch schon seine beiden ganz kräftigen Arme und konnte sich ihrer auch sogleich also bedienen, als hätten sie ihm nie gemangelt.
GEJ|6|97|30|0|Das machte bei allen Anwesenden eine so ungeheure Sensation, daß sie alle zu schreien anfingen: „Das ist kein Mensch, sondern das ist ein wahrer Gott! Dem wollen wir Tempel erbauen und ihm allein die reinsten und die besten und wertvollsten Opfer bringen!“
GEJ|6|97|31|0|Ich aber beruhigte sie und erklärte ihnen, so wie tags zuvor dem Jored, des Menschen Lebenskraft im Vereine mit der Kraft des Geistes durch den Glauben und danach durch die höchste Liebe zu Gott, der ewig war, ist und sein wird. Die einfachen Menschen glaubten und begriffen das ganz leicht und bald.
GEJ|6|98|1|1|98. — Des Heidenpriesters gewandte Verteidigungsrede
GEJ|6|98|1|0|Darauf behieß Ich die Jünger, daß sie den Leuten die Hauptsätze Meiner Lehre kundtun sollten. Als auch das bald und leicht geschehen war, da dankten alle gar inbrünstigt Mir für solche ihnen erwiesene große Wohltat. Dem Zeuspriester sagten sie aber auch gleich, daß sie seinen toten und niemand etwas helfenden Göttern völlig absagen und hinfort den Tempel nicht mehr besuchen würden.
GEJ|6|98|2|0|Aber der Priester sagte: „Da bin ich euch schon zuvorgekommen! Wir werden uns aber nun fürder in dieser neuen Lehre noch gar oft sehen und uns gegenseitig erbauen in dieses lebendigen Gottes Namen. Denn unsere alten, steinernen Götter bestehen schon gar lange nicht mehr, das heißt, der Zeit und der Wahrheit nach haben wir Priester schon gar lange nichts mehr darauf gehalten, und sie waren für uns auch schon gar lange so gut wie gar nicht da; aber sie bestehen jetzt auch nicht mehr, denn dieser Allmächtige hat sie mit seinem Willen vernichtet und hat auch den heiligen See für alle Zeiten der Zeiten mit fester Erde zugedeckt. Wir selbst sind nun auch seine Jünger geworden und werden euch dann anstatt der alten Lüge die neue, kernfeste Wahrheit vortragen und werden euch nützen durch allerlei nützlichen Unterricht, und so werden wir die alten, guten Freunde verbleiben!“
GEJ|6|98|3|0|Hier sagte der Vorsteher dieses Dörfchens: „Es wäre nun denn also schon alles recht; doch eines gefällt mir von dir, besonders bei dieser wunderbaren Gelegenheit, nicht! Du sagtest, daß ihr Priester sowohl der Zeit als auch der Wahrheit nach schon lange nichts mehr auf die Götter gehalten habt. Das war ganz gut und weise für euch und für eure Säcke; denn weil ihr eben keinen Glauben an die alten Götter hattet, so habt ihr ihnen andichten können, was euch beliebt hat. Ihr repräsentiertet euch uns als die Vermittler zwischen den Göttern und uns armseligen, dummen und blinden Menschen und sagtet: ,Das und jenes verlangen die Götter als Sühnopfer, damit sie uns nicht heimsuchen mit dieser und jener harten Plage!‘ Wir opferten dann als Narren willig, – und ihr verschlanget anstatt der Götter, die nie und niemals irgend bestanden haben, die oft sehr reichlich euch für die Götter dargebrachten Opfer! So ihr selbst aber schon so lange an die Götter nicht geglaubt habt, warum triebet ihr denn hernach einen so ungerechten Unfug, und warum betroget ihr uns? Wie werdet ihr das an uns wieder gutmachen?
GEJ|6|98|4|0|Was ich hier rede als selbst ein armer Fischer und als Vorsteher dieser kleinen Gemeinde, das rede ich nicht für mich, sondern für die ganze Gemeinde, und du, als mir bekannt der erste von euch fünf Priestern, wirst uns darüber wohl Rede stehen müssen und sagen, aus welchem Grunde ihr mit uns also gehandelt habt, als wäret ihr schon gleich die allmächtigen Götter gewesen, und beleget den mit harten Strafen, der als ein selbst vernünftiger Mensch euch irgendeine Widerrede gegeben hat. Wenn ihr uns da nicht die genügenden Aufklärungen geben werdet, so wird es mit unserer künftigen Freundschaft einen schweren Bestand haben!“
GEJ|6|98|5|0|Sagte der Priester: „Lieber Freund, fürs erste haben wir euch die Götterkunde nicht gegeben, sondern ihr seid schon in derselben geboren und erzogen worden, und fürs zweite frage ich dich nun, was ihr dann mit uns gemacht hättet, so wir auf einmal aufgestanden wären und hätten mit guter Rede euch eure alten Götter für null und nichtig erklärt. Wir mußten also das, was wir taten, nur euretwegen tun und nach Möglichkeit suchen, euren alten Aberglauben an die Götter aufrechtzuerhalten, da ihr uns im Gegenfalle ganz sicher nicht sehr freundlich an den Leib gegangen wäret. Solange also der alte Glaube an die vielen Götter bestand, waren wir genötigt, euch als Narren zu dienen, und waren sonach als sonst mit allen Wissenschaften ausgerüstete Menschen doppelt unseres Lohnes wert.
GEJ|6|98|6|0|Zudem haben wir auch aus politischen Rücksichten für den Staat das, was wir taten, tun müssen. Hätten wir etwas Entgegengesetztes getan, so hätten uns bald die römischen Gerichte gefragt, warum wir der alten Götterkunde entgegenarbeiten und dem Volke eine andere Lehre geben, die nirgends als vom Staate sanktioniert erscheint. Wir wären darauf sicher unserer Ämter verlustig geworden, und euch wären andere Priester gegeben worden, die mit euch sicher nicht so glimpflich wie wir umgegangen wären. Und wer steht nun dafür, daß, so wir abtreten, ihr nicht vom Staate aus bald neue Priester hierherbekommt, die euch dann ganz arg plagen werden?
GEJ|6|98|7|0|Freilich haben wir alte es nun leichter, indem wir nun so viele Zeugen haben für das, was hier von einem wahrsten und lebendigen Gott bewirket wurde, und so wir von nun an unerschütterlich fest das glauben und tun, was uns die neue Lehre zeigen wird, und wir dann selbst mit unserem geläuterten Willen etwas Besonderes zu bewirken imstande sein werden, so werden wir uns durch das alles vor den allenfalls auf uns aufmerksam gewordenen Gerichten leichter verantworten können, und die Gerichte werden dann ihr Schwert wieder in die Scheide stecken können.
GEJ|6|98|8|0|Daher sage ich dir als dem Vorsteher dieses Ortes: So wir als Freunde nun also bleiben, wie wir waren, so werden wir sicher eine geraume Zeit hindurch ungestört uns in der neuen Lehre üben können, bis wir darin durch die uns sicher zuteil werdende Gnade dieses wahren, neuen Gottes eine Festigkeit dahin werden erreicht haben, daß auch uns so manches gelingen wird, wovon bis jetzt noch kein römischer Richter einen Begriff hat und haben kann, und dieser wird uns dann, wie ich schon früher bemerkte, in Ruhe lassen. – Rede du nun, ob ich recht habe oder nicht!“
GEJ|6|98|9|0|Sagte der Vorsteher: „Da hast du recht geredet, – aber die hauptsächlich Betrogenen waren dennoch immer wir; denn ihr wußtet, daß an der alten Götterlehre nichts ist, wir aber wußten das nicht und hielten große Stücke auf sie, weil ihr uns solches durch eure gewählten Reden gut einzuprägen verstandet. Aber nun lassen wir das gehen, da uns allen durch diesen Weltheiland ein so unerwartet großes Heil widerfahren ist, und seine Jünger befassen sich noch obendrauf damit, uns in der Lehre zu unterweisen, wie ein Mensch zu solchen außergewöhnlichen und eigentlich noch nie dagewesenen Fähigkeiten des Lebens gelangen kann! Aber ich muß nun selbst davon etwas vernehmen.“
GEJ|6|98|10|0|Hier begab sich auch der Priester zu den lehrenden Jüngern und hörte die kräftig Lehrenden bei zwei Stunden lang mit der größten Aufmerksamkeit an und ersah erst aus den Worten der Jünger, die hier ganz offen redeten, wer Ich sei, und was Ich mit den Menschen wolle.
GEJ|6|98|11|0|Ich Selbst aber besprach Mich unterdessen mit dem Jored, mit dem Arzte, mit dem Sohne Jorab und mit dem früher armlosen Menschen, den nun Jored seinem Versprechen nach zu sich nahm, und machte ihnen so manches begreiflich, was sie sonst wohl kaum je hätten begreifen können.
GEJ|6|99|1|1|99. — Joreds armes Fischerdörfchen wird vom Herrn wunderbar gesegnet
GEJ|6|99|1|0|Nachdem aber die Jünger ihren Unterricht beendet hatten, da kam alles wieder zu Mir und dankte Mir mit hoch aufgehobenen Händen für die Heilung und ganz besonders für die Lehre, durch die sie nun zum ersten Male zu der Einsicht gelangt seien, was eigentlich der Mensch ist, und wozu er bestimmt ist.
GEJ|6|99|2|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Meine Lieben, tuet danach, dann erst wird euch völlig klar werden, daß die Lehre, die ihr vernommen habt, nicht aus dem Munde eines puren Menschen stammt, sondern wahrhaftest aus dem Munde Gottes, und sie in sich die höchste und reinste Wahrheit und also das Leben selbst birgt!“
GEJ|6|99|3|0|Sie versprachen alle auf das teuerste, das alles strengst zu beachten, nur um das einzige baten sie Mich, daß Ich, da es Mir sicher auch möglich sein müßte, ihr Dörfchen dahin nur ein wenig segnen möchte, daß sie hinsichtlich ihrer natürlichen Bestehung nur um ein ganz geringes leichter auskämen und nicht gar so mager und elend leben müßten. Wenn sie so wie bis jetzt nur unter den größten Anstrengungen sich ihre kargste Nahrung fort und fort erwerben müßten, so könnten sie zu dieser neuen und so ernsten Lebenssache viel zuwenig Zeit erübrigen, was für sie nun etwas sehr Schmerzliches wäre.
GEJ|6|99|4|0|Da sagte Ich: „Nun, was möchtet ihr wohl? Möchtet ihr recht fette Wiesen für eure Ziegen und Schafe, und möchtet ihr auch Obstbäume und Fruchtäcker und eine reichlichere Fischerei haben und daneben etwa auch ein wenig bessere Häuser und Wirtschaftsgebäude?“
GEJ|6|99|5|0|Sagte der Vorsteher: „Oh, Herr und Meister des Lebens und aller Dinge, das alles wäre sehr gut und für uns überaus wünschenswert, aber wir sind alles dessen noch gar lange nicht würdig! Daher wären wir vorderhand schon mit einer nur ein wenig fetteren Weide für unsere mageren Ziegen und Schafe mehr als vollkommen zufrieden. Wenn dann und wann uns auch ein reichlicherer Fischfang könnte beschieden sein, so wären wir ja ohnehin die glücklichsten Menschen auf der Erde!“
GEJ|6|99|6|0|Sagte Ich: „Höret, bei euch kommt es nun im Ernste auf das alte Sprichwort an, das also lautet: ,Wer das Kleine nicht ehrt, ist auch des Größeren nicht wert!‘ Da ihr aber das Kleine ehret, so seid ihr auch des Größeren wert. Und so denn werde euch alles, was Ich zuvor ausgesprochen habe!“
GEJ|6|99|7|0|In diesem Augenblicke standen ganz niedliche Häuser mit ganz guten Wirtschaftsgebäuden da, die ganze weite Sand- und Geröllsteppe ward zur üppigsten Wiesenflur, und strichweise waren die fruchtreichsten Weizenäcker zwischen den Wiesenfluren zu sehen. Um die Häuser prangten mit guter Umzäunung die edelsten Obstbäume von allerlei Art und Gattung, sogar die Rebe fehlte nicht, und was das Fischwasser betrifft, so ward es auch derart gesegnet, daß man nun schon bis ans Ufer die schönsten Fische in großen Gruppen streifend ersah, und die freien Wiesen waren voller Ziegen und Schafe; aber auch innerhalb der neuen Zäune, die ganz zierlich um die Wohnhäuser, Wirtschaftsgebäude und Obstbäume liefen, bemerkten die Einwohner eine Menge Geflügel, wie es sonst bei den reichen Griechen üblich war.
GEJ|6|99|8|0|Als die armen Einwohner das alles auf einmal ersahen, da wußten sie anfangs gar nicht, ob das wohl Wirklichkeit oder ein schöner Traum sei. Erst nach einer Weile kamen sie zu sich und fingen an, ein ordentliches Dankgeheul anzustimmen.
GEJ|6|99|9|0|Aber Ich beruhigte sie wieder und ermahnte sie, erstens sich nun darum nie und niemals zu übernehmen, da sonst gar leicht ein Hochgewässer ihnen das alles wieder nehmen könnte, – zweitens sollen sie das nicht aller Welt, die dadurch herkommen könnte, zu laut verkünden, wie sie dazu gekommen sind, da die Welt solches nicht fassen könnte, sie höchstens verlachen würde und nicht unterließe, ihnen zu schaden. Sie sollen nur sagen, daß dies ein Lohn ihres besseren Lebenseifers sei. Und drittens sollen sie untereinander liebreich und sehr verträglich sein, und keiner solle je seinen Nachbarn um ein etwa möglich größeres Glück beneiden, sondern sie sollen alle untereinander voll Liebe und voll Diensteifer sein, einer für den andern, und sollen führen ein reines, keusches und dadurch Gott wohlgefälliges Leben, und es werde da der gegenwärtige Segen nie von ihnen weichen.
GEJ|6|99|10|0|Sie gelobten das alles auf das teuerste und unter lautem Weinen und Schluchzen vor Freude.
GEJ|6|99|11|0|Nun aber sagte Ich abermals zu ihnen: „Gehet jetzt in eure neuen Wohnungen, und nehmet von allem Besitz, was ihr darin finden werdet!“
GEJ|6|99|12|0|Sie aber baten Mich, daß Ich ihnen nun die neuen Wohnungen als diesem und jenem eigentümlich seiend gnädigst anzeigen möchte, da sie sich nun gar nicht auskennten, wem das eine oder das andere gehöre.
GEJ|6|99|13|0|Da beschied Ich die Jünger, daß sie diesen Menschen das tun sollten. Und die Jünger taten das, und es war diese Sache also bald in eine gute Ordnung gebracht.
GEJ|6|99|14|0|Da aber die Bewohner in den neuen Wohnhäusern auch eine reichliche Versorgung vorfanden, so wollten sie alle noch einmal zu uns zurück, um ihren abermaligen lautesten Dank vor Mir auszusprechen; aber die Jünger sagten ihnen, daß sie das nur ganz still im Herzen tun sollten, und daß Ich sie gar wohl verstehen werde, da Mir selbst der allerleiseste Gedanke eines auch in der größten Ferne seienden Menschen nicht fremd sei und bleibe. Daher sie sich das auch zu Herzen nehmen sollen, ja keine schlechten Gedanken in sich aufkommen zu lassen, da Ich darum augenblicklich wissen würde.
GEJ|6|99|15|0|Da gaben sich die Einwohner zufrieden und fingen an, alles in den seligsten Augenschein zu nehmen, was ihnen durch dieses Wunderzeichen alles zuteil geworden war.
GEJ|6|100|1|1|100. — Die Rückkehr nach Chotinodora
GEJ|6|100|1|0|Darauf kamen die Jünger wieder zu uns bis auf Judas Ischariot. Dieser nahm sich noch die Mühe, für sich die Bewohner den Gebrauch der verschiedenen Gerätschaften zu lehren, und aß und trank von Haus zu Haus; denn er wollte für seine Unterrichtsmühe denn doch auch etwas haben. Wir aber ließen ihm seine Freude und zogen unter manchen guten Gesprächen hinauf nach Chotinodora. Als wir allda ankamen, hatte sich die Sonne schon sehr dem Untergange genaht, und wir waren denn auch schon ein wenig müde geworden und gingen ins Haus Joreds, und zwar in den schon bekannten Saal. Da waren auch die beiden Jünger mit den vier Priestern, die daheim von ihnen unterwiesen wurden, und es kamen bald eine Menge Menschen des Hauses und der Stadt und erkundigten sich emsigst, was etwa bei der kleinen Reise nach dem Fischerdörfchen sich alles zugetragen habe.
GEJ|6|100|2|0|Nun, da gab es gegenseitige Erzählungen und Verwunderungen in die schwere Menge bis nahe in die sinkende Nacht. Nur das hereingebrachte Nachtmahl brachte die Zungen zu einiger Ruhe, und die Bürger der Stadt verließen uns auch nach und nach, so daß wir das Mahl in einer größeren Ruhe genießen konnten.
GEJ|6|100|3|0|Als wir mit dem Mahle zu Ende waren, da erst kam Judas Ischariot uns nach und machte so ziemlich forschende Augen, ob das Mahl erst angefangen oder schon beendet sei. Er fand es aber schon beendet und ergab sich darum willig in sein Schicksal. Es wollte ihm aber Jored etwas richten lassen; das ließ Judas Ischariot jedoch nicht zu und bat ihn bloß um etwas Brot und Wein, was er auch sogleich bekam.
GEJ|6|100|4|0|Aber unser Thomas konnte es ihm dennoch nicht ganz nachsehen, da er durch Mich innewurde, daß Judas Ischariot in dem neuen Dorfe dem dortigen Wunderweine ganz kräftig zugesetzt hatte. Aber diesmal tat Judas Ischariot also, als hätte er den Thomas gar nicht vernommen, ging aber dennoch, als er seinen tüchtigen Becher Wein geleert hatte, hinaus, und wir sahen ihn diese Nacht nicht wieder. Er hatte draußen einen Bürger gefunden, der sich mit ihm über die Geschichten dieses Tages unterhielt und ihn dann auch mit in sein Haus nahm, wo es für ihn dann einen guten und reichlichen Nachtschmaus absetzte.
GEJ|6|100|5|0|Als wir aber noch so am Tische saßen, da kamen die Weiber und Kinder und andere Diener der fünf Priester, um nachzuforschen, was mit ihnen geschehen sei, da sie sich den ganzen Nachmittag nirgends hatten sehen lassen, wo ihre Angehörigen hinzukommen pflegten.
GEJ|6|100|6|0|Und die Weiber erhoben denn auch ganz ernste Worte, was denn nun in der Folge werden solle, da nun alles zerstört sei, was sonst zu ihrem Dienste gehörte.
GEJ|6|100|7|0|Die Priester aber verwiesen ihnen solche Fragen ernstlich und sagten: „Wir – und nicht ihr – waren die Priester der menschlichen alten und unverbesserlichen Blindheit und gräßlichsten Dummheit! Wir wissen nun etwas anderes und werden auch erzfest bei dem verbleiben. Haben uns aber die nichtigen, alten und total falschen Götter ernährt und erhalten für unseren leeren Dienst, so wird uns wohl der eine und vollwahre, allmächtige Gott auch erhalten, so wir nun alle Ihm allein wahrhaft dienen! – Und nun fraget um nichts Weiteres mehr; morgen ist auch noch ein Tag, an dem eure weibliche, alberne Neugier befriedigt werden kann!“
GEJ|6|100|8|0|Auch diese ganz gute und ernste Rüge der fünf Priester an ihre Familien machte eine gute Wirkung; sie schwiegen und begaben sich ganz geduldig wieder nach Hause.
GEJ|6|100|9|0|Hierauf ward noch so manches Gute besprochen, und die zwanzig Neujünger sagten unter sich: „Oh, wäre dieser Ort Jerusalem, welch ein seliges Leben wäre da! Aber geschähe das in Jerusalem, was alles heute hier geschehen ist, so würde das die Templer noch ärger aufregen, und keiner von uns wäre eine Stunde mehr seines Lebens sicher. Und dort sollen die Kinder Gottes wohnen, und hier sind pur finstere und lichtlose Heiden?! Höret uns auf mit den Kindern Gottes in Jerusalem! Dahier sind nun die wahren Kinder Gottes – und zu Jerusalem Kinder des Satans!“
GEJ|6|100|10|0|Sagte Ich: „Na, na, ereifert euch nicht zu sehr! Ihr habt wohl recht geurteilt; aber hier ist nicht der rechte Ort dazu. Darum redet lieber von etwas anderem!“
GEJ|6|101|1|1|101. — Der Herr erläutert die Gesichte Daniels
GEJ|6|101|1|0|Sagte einer von den zwanzig, der ein Schriftgelehrter des Tempels war: „Herr, da Dir alle Dinge bekannt und möglich sind, so könntest Du uns wohl aus dem Propheten Daniel, und besonders dessen siebentes Kapitel, ein wenig erklären! Dieser merkwürdige Seher gibt zwar eine eigentümliche Erklärung über sein Gesicht der vier Tiere, – aber die Erklärung ist ebenso unbestimmt und dunkel wie das geschaute Bild, das dem Seher Grauen erregte. – Könnten wir denn über dieses Gesicht von Dir keine nähere Aufklärung erhalten?“
GEJ|6|101|2|0|Sagte Ich: „Oh, allerdings; aber auch dazu ist hier der Ort nicht, da diese Menschen von unserer Schrift wenig oder auch gar nichts wissen. Dann seid auch ihr selbst noch viel zuwenig in euren – sage – jenseitigen Geist eingedrungen und mit ihm noch zu wenig eins geworden, um das Gesicht des Sehers Daniel einzusehen und aus dem Fundamente zu fassen. Denn würdet ihr auch die zwei ersten Tiere zur Not begreifen, so könntet ihr doch nicht die zwei letzten begreifen, weil ihr Sein und Wirken den künftigen Zeiten aufbewahrt ist. Wie könnte man aber eurem noch bloß natürlichen Verstande etwas als hell erleuchtet darstellen, was auf der Erde noch nicht da war, sondern erst nach vielen Jahrhunderten sich abspielen wird?!
GEJ|6|101|3|0|Das einzige kann Ich euch sagen, daß die vier sonderbaren Tiere nicht etwa vier nebeneinander bestehende Reiche darstellen, wo vom letzten dann noch zehn Königreiche entstehen nach der Zahl der zehn Hörner, in deren Mitte dann noch ein elftes auf dem Haupte des Tieres hervorkam, dessentwegen drei der früheren zehn Hörner dem Tiere ausgerissen wurden, sondern nur vom Anfange der Menschenzeiten auf dieser Erde vier große aufeinanderfolgende Völkerseinsperioden bezeichnen, zu deren Vergangenheitserforschung viel chronologische Geschichtskenntnis und zu deren Zukunftsdurchschauung ein voll geöffnetes Geistesauge erfordert wird, das über Zeit und Raum hinausblicken kann im Lichte des Lichtes und im Leben des Lebens.
GEJ|6|101|4|0|Sehet, also soll das letzte Tier eiserne Zähne haben und alles um sich auffressen, und das elfte Horn habe Augen wie Menschenaugen und einen Mund und spräche große Dinge!
GEJ|6|101|5|0|Ja, Ich sage es euch, daß es unvermeidlich also kommen wird; aber so Ich es euch jetzt auch ein wenig erklären wollte, so würdet ihr von Meiner Erklärung ebensowenig verstehen, wie der Daniel selbst von jener Erklärung, die ihm der Geist gemacht hat, im Grunde des Grundes etwas verstanden hat.
GEJ|6|101|6|0|Es war Daniels fromme Seele wohl ganz geeignet, solche Gesichte zu schauen wie in einem lebhaften Traume, aber sie konnte sie auch nicht fassen, weil ihr jenseitiger Geist aus Gott mit ihr nicht eins werden und sein konnte, da Ich noch nicht im Fleische da war, um solch eine völlige Einigung zu ermöglichen. Diese volle Einigung aber wird auch erst dann völlig möglich sein, wenn Ich werde aufgefahren sein in Meine alte und nach dem auch ganz neue Heimat.
GEJ|6|101|7|0|Aus dem aber könnet ihr nun schon ganz klar entnehmen, daß euch Meine Erklärung über das ganze siebente Kapitel Daniels gar nichts nützen würde.“
GEJ|6|101|8|0|Sagte nun Petrus: „Aber Herr, so wir irgendeinmal wieder ganz allein untereinander sind, dann könntest Du uns wohl einige Winke darüber geben! Denn ich sage nun selbst: Die Propheten, namentlich die vier großen, haben vieles niedergeschrieben, wie auch Moses, Elias, David und Salomo, – aber für wen? Bis auf uns hat sie kein noch so weiser Schriftgelehrter ordentlich verstanden, wir verstehen auch das wenigste davon, und den nach uns Kommenden wird es sicher auch um kein Haar besser ergehen. Und doch sind jene Bücher für die Menschen und für kein anderes Geschöpf geschrieben worden. Was nützen sie aber den Menschen, wenn sie solche nie und niemals ordentlich verstehen?“
GEJ|6|101|9|0|Sagte Ich: „Oh, da irrst du dich ganz gewaltig! Wären jene Bücher der inneren Geistesweisheit also geschrieben, daß sie für jeden natürlichen Weltverstand schon auf den ersten Blick durch und durch verständlich wären, so würde sie der Mensch dann bald zur Seite legen und nicht einmal mehr ansehen. Welchen Nutzen hätte er dann davon?!
GEJ|6|101|10|0|So aber enthalten sie durchgreifend Geistiges von der einfachsten Kreatur bis in das tiefst Himmlisch-Göttliche und können daher von keinem natürlichen Weltverstande je völlig begriffen werden, sondern allein von dem reinen, vollkommen jenseitigen Geiste des Menschen.
GEJ|6|101|11|0|Eben das Nichtverstehen solcher Schriften ist ein Wecker des Geistes im Menschen und zeigt ihm, was und wie vieles ihm von der eigentlichen Lebensvollendung abgeht. Er wird daher solche Schriften öfter zur Hand nehmen und darüber Betrachtungen anstellen, wobei ihm von Zeit zu Zeit doch eines und das andere etwas klarer wird. Wenn er also durch seine Mühe und durch seinen Eifer hinter ein Lichtlein des Geistes gekommen ist, so wird er dann schon emsiger und emsiger im Forschen nach den inneren, geistigen Wahrheiten und wird sogestaltig zu stets mehr und mehr Licht und auch zu einer innigeren Verbindung mit seinem inneren, jenseitigen Geiste gelangen und wird dann auch seinen Nebenmenschen ein helleres Licht zu geben imstande sein, das ihnen sehr wohltun wird.
GEJ|6|101|12|0|Das aber würde nie geschehen, so diese Schriften in einer bloß rein naturmäßigen Art gegeben wären; und wären sie also gegeben, so könnte kein Geistiges und Himmlisch-Göttliches in ihren Worten zugrunde gelegt sein, wie Ich euch solches schon zu öfteren Malen ganz klar gezeigt habe.
GEJ|6|101|13|0|Was würdet ihr nun dazu sagen, so Ich euch kundgäbe, daß nach nahe 2000 Jahren, von jetzt an gerechnet, erstens diese Meine Lehre im allgemeinen noch ein viel schlechteres Gesicht haben wird denn jetzt das ärgste Heidentum und noch ärger sein wird als das nun blindeste Pharisäertum zu Jerusalem, das von nun an keine fünfzig Jahre mehr bestehen wird?! Was werdet ihr sagen, so Ich es euch eröffne, daß die Menschen in jener Zeit große künstliche Augen erfinden und machen werden, mit denen sie in große Tiefen des gestirnten Himmels hineinblicken und eine ganz andere Rechnung aufstellen werden, als sie die Ägypter aufgestellt haben?! Ja, die Menschen werden eiserne Wege machen und werden mit Feuer und Dampf in eisernen Wagen dahinfahren, so schnell, als wie da schnell fährt ein abgeschossener Pfeil durch die Luft! Sie werden mit ehernen Feuerwaffen einander bekämpfen und werden ihre Briefe durch den Blitz in alle Welt hinaustragen lassen, und ihre Schiffe werden sich ohne Segel und Ruder durch des Feuers Macht bewegen auf dem großen Weltmeere, so schnell und leicht, als wie schnell und leicht da fährt ein Aar durch die Luft; – und noch tausend und abermals tausend Dinge, von denen ihr euch keinen Begriff machen könnet.
GEJ|6|101|14|0|Und sehet, das alles fasset das vierte Tier in sich und kann von euch nun nicht verstanden werden, weil ihr auch das, was Ich euch jetzt gesagt habe, nicht verstehen könnet! Aber im Geiste werdet ihr in kurzer Zeit das alles wohl verstehen und werdet aber auch niemandem eine andere Erklärung zu geben imstande sein, als wie Ich sie euch nun bei dieser Gelegenheit gegeben habe. Aber Ich werde euch später bei einer schicklichen Gelegenheit doch noch auch darüber etwas Näheres sagen. Für heute aber haben wir des Rechten und Guten zur Genüge getan, und so wollen wir uns denn nun wieder zur Leibesruhe begeben!“
GEJ|6|101|15|0|Mit dem ward dieser Abend beschlossen, und alles begab sich zur nötigen Ruhe; denn es war schon ziemlich spät an der Zeit. Nur die fünf Priester und Jored haben in einem andern Zimmer noch lange miteinander verkehrt über all das Gehörte, Gesehene und Geschehene.
GEJ|6|102|1|1|102. — Die listigen Weiber der Heidenpriester
GEJ|6|102|1|0|Am Morgen warteten aber schon eine Menge Menschen vor dem Hause, daß sie Mich sähen; aber Ich blieb mit den Jüngern im Saale und ging diesmal vor dem Morgenmahle nicht ins Freie.
GEJ|6|102|2|0|Es kam aber dennoch Jored zu uns, um nachzusehen, ob wir noch schliefen. Und da er uns völlig wach fand, so sagte er zu Mir (Jored): „Herr und Meister, das Morgenmahl ist bereitet; so es Dir genehm wäre, möchte ich es sogleich hereintragen lassen! Auch die fünf Priester und unser Arzt sind schon da und möchten Dich sehen und grüßen. Dann umlagert mein Haus eine ordentliche Volksmasse und verlangt nichts, als Dich nur einmal zu sehen. Herr, was ist da Dein Wille?“
GEJ|6|102|3|0|Sagte Ich: „Laß das Morgenmahl hereintragen und die Priester und den Arzt zu uns hereintreten und natürlich auch deine Mir gar recht liebgewordene Familie! Das neugierige Volk aber soll harren; denn das verliert und gewinnt vorderhand nichts durch das, daß es Mich beschaut. Tue also das; nach dem Mahle werden wir schon sehen, was da zu machen sein wird!“
GEJ|6|102|4|0|Darauf geschah sogleich das, wie Ich es angeordnet hatte. Der Arzt und die Priester traten ein, und wir setzten uns an den Speisetisch. Da wurden sogleich die Eßwaren als ganz wohl bereitet aufgetragen, da die sieben Weiber des Jored ganz gute Köchinnen waren, und wir aßen und tranken abermals recht wacker und tranken den Wein nach den Fischen.
GEJ|6|102|5|0|Nach einer halben Stunde war das Morgenmahl beendet, und einer der Priester bat Mich, ob er reden dürfe.
GEJ|6|102|6|0|Ich aber sagte zu ihm: „Mein Freund, du kannst für dich reden, soviel es dir beliebt; aber Ich mache dir hier die Bemerkung, daß Ich es ohnehin von Wort zu Wort genau weiß, was du Mir sagen und um was du Mich fragen möchtest, und so kannst du dir die Mühe wohl ersparen, in solch einer höchst unbedeutenden Angelegenheit den Mund aufzutun!
GEJ|6|102|7|0|Siehe und höre! Als ihr in der Nacht – freilich schon beim Morgengrauen – nach Hause kamet, da habt ihr in eurem Haine heulen und wehklagen hören. Ihr ginget mit einiger Furcht tiefer in den Hain und vernahmet sogar drohende Worte dahin, wie sich die Götter, die ihr meineidig verlassen habet, an euch rächen würden. Ihr eiltet dann mit keiner geringen Furcht zu euren Weibern und erzähltet ihnen das, was ihr vernommen hattet, und habt dadurch erst so recht das Wasser auf ihre Mühle getragen. (Es gab schon zu Jakobs Zeiten derlei Mühlen.)
GEJ|6|102|8|0|Wisset ihr, warum eure pfiffigen Weiber und Kinder und Diener euch gestern abend holen gekommen sind? Sehet, sie hatten euch einen solchen Spuk bereitet und hätten euch schon früher gerne ins Bockshorn gesetzt! Sie waren darum also erbittert, weil ihr ihnen für ihren euch bereiteten Schreck zu lange verzoget.
GEJ|6|102|9|0|Obwohl Ich gestern so gut wie jetzt davon nur zu klar wußte, was die Weiber im Sinne hatten, so ließ Ich es doch geschehen, aber nicht etwa, um euch von euren Weibern ein paar Stunden lang ängstigen zu lassen, sondern um eben heute dadurch euch zu helfen, eure Weiber und Kinder und Diener auf den rechten Weg zu setzen.
GEJ|6|102|10|0|Ich habe darum eurer Weiber Listwerkzeuge auf ihren Plätzen bis dahin festgebannt, bis wir nun bald dahin kommen werden und eure Weiber ins Angesicht überzeugen, welche Wunder sie zur Nachtzeit mit den in den Gebüschen an den Schweifen fest angebundenen Katzen und mit einigen gedungenen feilen Knechten und Dirnen, die sich auf den dicken Baumästen befanden, für euch gewirkt haben.
GEJ|6|102|11|0|Als ihr euch am Morgen zu Mir herbegabet, da eilten eure Weiber, Kinder und Diener behende in den Hain, und sie geben sich nun alle erdenkliche Mühe, ihre für euch bereiteten Spukwerkzeuge freizumachen; aber es geht das nun so lange nicht, bis wir dahin kommen werden und zuvor den Spukkünstlerinnen einige sehr vernehmbare und kräftige Worte ins Gesicht sagen und dann erst ihre Zauberwerkzeuge in die Freiheit setzen werden. Nun, Freund, rede du, ob es nicht also sich verhält, und ob es nicht das war, was du Mir hast sagen wollen!“
GEJ|6|102|12|0|Sagte der Priester: „Ja, großer Herr und Meister, gerade also war es! Ich danke Dir allerinbrünstigst für diese Aufhellung; denn wahrlich, wir waren gestern in keiner kleinen Angst und dachten uns: Na, wenn das so fortgeht, so haben wir binnen kurzem noch einmal den alten Götterkrieg zu erleben, an den wir de facto wohl nie geglaubt haben, wohl aber dahin etwas darauf hielten, daß in jener Urzeit auf dieser Erde gar große Erd- und Elementarrevolutionen vor sich gegangen sein mögen, deren Dasein und Geschehen die damaligen, sicher sehr einfachen Naturmenschen in allerlei Bildern und wunderlichen Sagen für ihre Nachkommen aufbewahrt haben. Aber gestern hätten wir schon beinahe an die Wirklichkeit jener Fabel zu glauben angefangen, und das um so leichter, da wir gestern gesehen und gehört haben, was eine göttliche Macht, auch nur in einem Menschen wohnend, alles zu bewirken imstande ist. Wir sahen Dich und Deine Jünger schon ordentlich brennende Berge und riesenhaftest große Eichen mit furchtbarer Kraft gegen den Himmel schleudern. Nun ist uns aber solch eine Dummheit auch schon ganz vergangen, und ich Redner freue mich nun ganz absonderlich darauf, wie Du, o Herr und Meister, unsere zu verdummten Weiber in eine bessere Ordnung bringen wirst!“
GEJ|6|102|13|0|Sagte Ich: „Du sagst mit Recht, daß eure Weiber zu verdummt sind; aber die Schuld an ihrer Verdummung traget ihr. Ihr habt sie also zugerichtet, und somit ist an dem, daß eure Weiber und Kinder nun also sind, wie sie sind, die Schuld an euch selbst, und ihr müsset nun denn, aber mit Liebe und Geduld, das an ihnen selbst wieder gutmachen, was ihr an ihnen verdorben habt! Ich werde das Meinige schon tun, dann aber müßt ihr auch das Eurige tun. Mit Liebe und Geduld werdet ihr vieles ausrichten, – aber mit eurer altgewohnten Strenge gar nichts!“
GEJ|6|102|14|0|Sagte der Zeuspriester: „Herr und Meister, an unseren Weibern haben wir unmöglich viel verderben können; diese waren schon von ihrer Kindheit an so sehr in die Götter eingezwängt, daß sie stets unsere Korrektoren machten, so wir irgendwann etwas unterließen, was gewisserart nur als eine pure Nebensache zu unserem zeremoniellen Kultus gehörte, und was man ganz sicher hätte auslassen können.“
GEJ|6|102|15|0|Sagte Ich: „Das ist nun zwar wahr, aber ihr werdet euch nun auch gar wohl noch an die Zeit erinnern können, in der ihr um eure Weiber freitet! Da fandet ihr, daß sie als Töchter eines Priesters in Sidon die Schrift der Juden lasen und große Stücke auf sie hielten, wie auch ihr Vater selbst, wenn auch nur geheim für sich. Damals lobtet ihr das, um euch die Töchter geneigt zu machen; als sie aber eure Weiber waren, da finget ihr an, ihnen die Lehre der Juden von Tag zu Tag mehr und mehr zu verdächtigen, zeigtet ihnen allerlei falsche Wunder und behauptetet, daß solches alles die Götter bewirkten. Dann suchtet ihr durch allerlei Mittel der Weiber Phantasie bis auf den höchsten Kulminationspunkt zu treiben, wodurch sie am Ende allerlei Träume und Gesichte bekamen. Diese Träume und Gesichte aber wußtet ihr dann durch eure Redekunst stets also zu deuten, daß sie gerade das bedeuten und anzeigen mußten, was ihr so ganz eigentlich habt haben wollen. Bedenket nun das, und saget dann, wer an der Verdummung eurer Weiber die Hauptschuld trägt!
GEJ|6|102|16|0|Aber Ich sage euch nun noch etwas hinzu, und das besteht darin: Gar so dumm, wie ihr es meinet, sind so ganz geheim für sich eure Weiber ganz und gar nicht; denn wären sie das und hielten bei sich etwas auf die Hilfe der Götter, so würden sie sich nimmer getraut haben, so im Namen der Götter, die sie dadurch erzürnen müßten, euch einen ganz natürlichen Spuk zu bereiten. Weil sie aber eben ganz heimlich bei sich auf alle die Heidengötter nie besonders viel gehalten haben, und jetzt schon am allerwenigsten, da sie von euch bei guten Gelegenheiten als eure vertrautesten und notwendigen Helferinnen in allerlei von euren Zauberkünsten sind eingeweiht worden, so haben sie denn ja doch einsehen lernen müssen, wie und auf welche Weise eure Götter ihre Wunder verrichten. Also sehet und bedenket, wer eigentlich an der vermeinten Verdummung eurer Weiber die Schuld trägt!
GEJ|6|102|17|0|Aber es macht das nun nichts; denn in der Folge werden eure Weiber, Kinder und Diener euch auch in der Wahrheit, die nun durch Mich bei euch aufgegangen ist, bei weitem übertreffen. Aber nun gehen wir in den Hain hinaus, und Ich will alldort eure Weiber, Kinder und Diener von ihrer großen Verlegenheit und nahen Verzweiflung befreien! Denn nun fangen sie selbst an zu glauben, daß die Götter sie nun darum züchtigen, dieweil sie ungläubig in dem heiligen Haine wider dieselben gefrevelt hätten. Und so erheben wir uns denn und gehen behende hinaus!“
GEJ|6|102|18|0|Wir verließen alsbald den Saal und zogen hinaus in den heiligen Hain, wählten aber dazu einen Hinterweg, damit uns nicht das viele Volk, das noch vor der Hauptfront des Hauses Joreds auf Mich harrte, dränge und auf dem Fuße nachfolge.
GEJ|6|102|19|0|Unter dem Volke aber befand sich auch unser Judas, der Mich demselben um einige Groschen Gewinnes zeigen wollte, da Mich die Menschen persönlich ja doch nicht kennen konnten. Dieses ward aber dem verräterischen und gewinnsüchtigen Jünger dadurch ganz vereitelt, daß wir einen Hinterweg hinaus in den gewissen Hain wählten.
GEJ|6|103|1|1|103. — Das gute Zeugnis der Priesterweiber über den Herrn
GEJ|6|103|1|0|Wir kamen nun draußen an und trafen die Weiber und Kinder und Diener in der größten Tätigkeit, die bezahlten Wehklager auf den Baumästen und die Katzen in den Gebüschen loszumachen; aber die Wehklager auf den Ästen waren wie angenagelt, und den Katzen durfte sich niemand nahen, da sie gar grimmig waren und entsetzlich um sich bissen und kratzten ob des erlittenen Schmerzes.
GEJ|6|103|2|0|Als die fünf Priester ihre Weiber in solch einer verzweiflungsvollen Nähe antrafen, da fragten sie dieselben, was sie denn da machten.
GEJ|6|103|3|0|Eines der Weiber, nämlich das des Priesters der Minerva, war noch am meisten beherzt und sagte zu ihrem Gemahle: „Ach, siehe, wir haben uns gestern eine List wider euch ausstudiert, um euch wieder zu dem alten, viel Gewinn gebenden Göttertume zurückzubringen! Du siehst hier einige Heuler und Wehklager auf den Ästen der Bäume hocken und in den Gebüschen mehrere Katzen, die alle gestern nacht bei eurer Ankunft das Geheul machen mußten, um euch darum zu erschrecken, weil ihr wegen der großen Zaubertaten des fremden, vorgestern hier angekommenen Künstlers die Götter verlassen und unsere gute und sehr einträgliche Stellung mit einem Hiebe gänzlich vernichtet habt.
GEJ|6|103|4|0|Aber wir sind mit unserer List schmählich und eigentlich schon ganz entsetzlich eingegangen. Siehe, entweder haben wir durch diesen Frevel im heiligen Haine die alten Götter hart beleidigt oder den großen Zauberkünstler; denn die Strafe für unseren Frevel ist mehr als augenscheinlich vor unseren Augen! Die Heuler und Wehklager auf den Baumästen sind durch eine unsichtbare Macht wie angenagelt und können trotz aller Anstrengungen nicht von ihren Stellen, und den Katzen in den Gebüschen kann sich kein Mensch nahen; denn sie sehen mehr den grimmigsten Furien als irgendeinem Haustiere ähnlich, beißen und kratzen ganz entsetzlich um sich und können darum um keinen Preis der Welt losgemacht werden. Wir wissen uns nun nicht mehr zu raten und zu helfen. Was sollen wir da nun tun?! O des unglückseligsten Gedankens, durch den wir uns dazu haben verleiten lassen!
GEJ|6|103|5|0|Was wäre denn da mit dem großen Wundermanne?! Könnte der uns nicht helfen, da doch er an all dem die eigentliche Schuld trägt dadurch, daß er durch seine unbegreifliche Willensmacht uns die Götterbilder vernichtet und den heiligen See in ein festes Erdreich umgewandelt hat?! Gehe du hin zu ihm und ersuche ihn darum in unser aller Namen!“
GEJ|6|103|6|0|Sagte der Priester: „Das wird da wenig nützen, sondern ihr alle müsset selbst darum zu Ihm hingehen! Er steht dort in der Mitte Seiner Jünger. Er weiß gar wohl darum und hat uns solches im Hause Joreds eröffnet, ansonst wir nicht hierher gekommen wären. Er will und wird euch helfen; aber ihr müsset zuvor selbst zu Ihm hingehen und Ihn um Vergebung bitten.
GEJ|6|103|7|0|Ihr habt dadurch, daß ihr solches hier angestellt habt, euch nicht an den alten Göttern, die nie und nirgends – außer in der Phantasie der blinden Menschen – bestanden haben, versündigt, sondern rein nur an dem großen, allmächtigen Gottmenschen, der in Seiner großen Liebe zu allen Menschen eigens darum auch zu uns gekommen ist, um uns aus unserer lange dauernden, großen Irre zu erlösen und uns zu zeigen und zu geben das allein wahrste Licht des Lebens. Durch Ihn und in Ihm wirkt der wahre, ewig unerforschlich weise und allmächtige Gott. Das ist eine Wahrheit, die von niemand mehr, der von Seinen Taten nur von fernehin Zeuge war, geleugnet werden kann. Und hat jemand Seine Taten, die nur einem Gotte möglich sein können, selbst auch nicht geschehen, sondern allein Seine Lehre angehört aus eines andern Munde treu und unverfälscht, so wird er daraus bald und gar leicht gewahren, daß solch eine Lehre niemals von einem Menschen, sondern nur von dem einigen und ewigen Gott abstammen kann; denn nur ein Gottesmund kann solche Worte reden, die wie lebendige Flammen in das Herz der Menschen dringen und im selben ein Bewußtsein schaffen, von dem zuvor nie irgendein Mensch eine Ahnung hat haben können. Darum gehet selbst in aller Demut und Liebe zu Ihm hin, bittet Ihn, und Er wird euch nicht unerhört von Sich lassen!“
GEJ|6|103|8|0|Auf diese für einen Priester der Minerva wahrhaft gute und wahre Beredung eilte sein Weib zu ihren Kolleginnen hin und sagte ihnen dasselbe, was ihr ihr Gemahl gesagt hatte. Das hatte eine gute Wirkung, und die Weiber mit ihren Kindern und Dienern kamen zu Mir her und baten Mich, auf ihren Knien liegend, um Vergebung, und daß Ich die auf den Baumästen und die gewissen Tiere in den Gebüschen frei machen möchte.
GEJ|6|103|9|0|Ich aber sagte: „Wer nicht weiß, was er tut, der hat auch keine Sünde, – und somit habt ihr auch keine Sünde! Aber in der Folge, da ihr nun wisset, wer Ich bin, würdet ihr in grobe Sünden verfallen wider alle göttliche Ordnung, die euch das ewig Beste anordnet und will, daß ihr ganz selig werden sollet, nicht soviel zeitlich, aber desto mehr für ewig.
GEJ|6|103|10|0|Wie aber der Mensch alles das erreichen kann in diesem Erdenleben, das werden euch eure Männer kundtun. Und nun gehet hin und sehet, ob eure Gefangenen schon frei sind!“
GEJ|6|103|11|0|Da dankten die Weiber, die Kinder und Diener und gingen hin. Und als sie hinkamen, da fanden sie alles, was da gefangen war, in der vollsten Freiheit und hatten eine große Freude daran.
GEJ|6|103|12|0|Sie kehrten jedoch alsbald wieder und dankten Mir auf ihren Knien, daß Ich sie befreit habe von solcher großen Angst.
GEJ|6|103|13|0|Ich aber hieß sie, sich vom Boden zu erheben, und sagte zu ihnen: „Was ihr nun gesehen habt und wisset aus dem Munde eurer Männer, das lehret auch in aller Geduld und Sanftmut eure Kinder und Diener, und später auch die Kinder anderer Eltern, und gründet sonach eine wahre Lebensschule in Meinem Namen, den ihr auch von euren Männern erfahren werdet, und ihr werdet von Segen aus den Himmeln umflutet sein – also, wie da umflutet ist eine Insel im Strome von dem Wasser des Stromes und zur Nahrung ihrer Pflanzen, Gesträuche und Bäume eines Weltregens aus einer finstern und das Licht der Sonne verhüllenden Wolke nicht bedarf. Merket euch das und tut danach, so werdet ihr vom Tode dieser Welt zum Leben des Geistes also durchdringen, wie Ich Meinem irdisch- menschlichen Teile nach Selbst vom Gottesgeiste durchdrungen bin! Und so ihr wahrhaft glauben werdet an Meinen Namen, so wird euch in allem von Gott aus geholfen werden; denn Ich bin das lebendige Band zwischen Gott und den Menschen.“
GEJ|6|103|14|0|Als die Weiber, Kinder und auch die Diener das Heil dieser Meiner Worte in sich wahrnahmen, sagten sie: „Ja, wahrlich, wahrlich, also kann kein Mensch reden wie Du, o großer, gottvoller Meister! Wer Dich allein hört, der bedarf weiter keines andern Zeichens mehr, da ihm schon die Worte den allerklarsten Beweis dahin liefern, wer hinter Dem verborgen sein muß, der da solche Worte auszusprechen imstande ist. Du scheinst wohl ein Mensch zu sein, bist aber eigentlich doch nur Deiner geheiligten Haut nach ein Mensch für unsere Augen; aber unter Deiner Haut ist bei Dir alles Gott, und die Ohren, die bestimmt sind, das zu vernehmen, was inwendig im Menschen ist – als seine Gedanken, Wünsche und Entschlüsse, die er durch laute Worte ausdrückt –, vernehmen aus Deinem Munde nur rein Göttliches, und so bist und bleibst Du, o großer Herr und Meister, für uns der alleinige Gott! Und unsere späten Nachkommen werden es sicher noch mit der größten Lebenswärme und -glut erzählen, wie wir als ihre Voreltern wahrhaft Gott gesehen und mit Ihm geredet haben, von Ihm Selbst belehrt worden sind, und wie wir Ihn wohl erkannt haben an Seinen Worten und Zeichen, die Er vor unseren Augen gewirkt hat.“
GEJ|6|103|15|0|Sagte Ich: „Gut also! Bleibet in dem, und Ich werde im Geiste allzeit bei euch sein und bleiben – schon in dieser Welt und jenseits in Meinem Reiche, das Ich für Meine diesirdischen Freunde nun eigens zubereite und einrichte im Innern eines jeden Menschen, der eines guten Willens ist, und es wird unseres rein geistigen und seligsten Zusammenseins ohnehin nimmer ein Ende sein!“
GEJ|6|104|1|1|104. — Die Zweifel der gelehrten Weiber am Jenseits
GEJ|6|104|1|0|Sagten die Weiber und auch ihre schon recht mündigen Kinder: „O du großer Herr und göttlicher Meister, wenn es für uns sterbliche Menschen nur in irgendeinem Jenseits nach dem Leibestode ein anderes, ewiges Leben gäbe! Freilich wünscht sich das wohl ein jeder Mensch, sei er jung oder alt; aber wo, wo liegen die sicheren und untrüglichen Beweise dafür?! Die Weisen aller Völker und Zeiten haben darüber viel pro und contra geredet und geschrieben; die Zeit aber hat sie alle verschlungen, und nichts blieb von ihnen als irgend ihre Werke in einer in unseren Zeiten auch schon sehr verstümmelten Weise, in der die gegenwärtigen Völker nichts als lauter unauflösliche und unzusammenhängende Rätsel entdecken.
GEJ|6|104|2|0|Wahrlich, du großer Herr und gottvollster Meister, unser griechischer Weise, der bekannte Mann im Fasse (Diogenes) hat bis jetzt die volle Wahrheit dieses unseres Menschenlebens noch am meisten entdeckt, indem er das Nichtsein des Menschen vor der Geburt und nach dem Tode mit vielen Beispielen nur zu hell dargestellt hat, und wir alle waren bis jetzt unter uns völlig seiner Ansicht, obwohl wir unter uns oft des Plato, des Sokrates und sogar des alten ägyptischen Weisen Moses gedachten, dessen Schriften wir teilweise auch zu lesen bekamen, als wir noch in Sidon waren. Ja, wir lasen sogar die Schriften der Indier, Birmanen, der Parsen und Gebern; aber – alles vergeblich! Denn unser Lehrer in Sidon, ein in allen Schriften durch und durch bewanderter Mann, bewies uns mit vielen tausend allertriftigsten Worten und Beispielen anderer Völker, wie die gewisse Seele des Menschen nach dem Tode des Leibes für sich allein unverwüstbar fortlebe in einer besseren oder aber mitunter auch schlechteren Welt, und er schwor uns bei allem, was ihm heilig war, daß, so er vor uns stürbe, er als Geist zu uns kommen und uns dadurch eben den größten und untrüglichsten Beweis von der Wahrheit seiner Lehre geben werde.
GEJ|6|104|3|0|Und siehe, er starb; aber den versprochenen Beweis ist er uns noch bis zur Stunde schuldig geblieben. Ja, geträumt hat uns gar oft von ihm, und wir fragten ihn, wann er kommen und sein Versprechen einlösen werde. Und er sagte stets und beteuerte so lebhaft wie im Leben: ,Ich kann nicht anders denn nur also zu euch kommen!‘ Aber dann wurden wir wach und ersahen, daß nur unsere stets wache und rege Phantasie uns im Traume sein redend Bild erzeugt hatte, das wahrlich sonst nichts war als ein lebhafter Gedanke an ihn! Denn die Träume sind doch nichts anderes als beschauliche Gedanken des Gehirns, die so lange irgendein flüchtiges Dasein haben, als des Menschen Augenlider geschlossen sind; aber wenn der Mensch einmal völlig tot ist und sein Herz nicht mehr pulst, da haben auch seine Gedanken und seine Träume ein Ende genommen für alle Zeiten der Zeiten.
GEJ|6|104|4|0|Und so sind wir schon mit allem eher zu vertrösten als mit dem Leben der Seele nach des Leibes Tode! Es ist wohl alles möglich; aber bis jetzt haben wir dafür wahrlich noch keine anderen als nur Wortbeweise von noch hier lebenden Menschen bekommen!
GEJ|6|104|5|0|Noch keiner von all den zahllos vielen Hinübergegangenen ist irgend gekommen und hat gezeigt, daß und wie er jenseits fortlebt! Solange aber das nicht geschehen wird, wird der Glaube an ein jenseitiges Fortleben auch stets nur ein höchst schwacher und schon so gut als gar keiner verbleiben. Freilich war bis jetzt seit Menschengedenken auch noch keiner da, der dir, gottvollster Meister, gliche, und so du uns etwas sagst, werden wir auch allen Grund haben, dir den vollsten Glauben zu schenken; aber sonderbar bleibt es immer, daß von drüben gar kein Wesen mehr zu uns herüberkommen will und sagen: ,Freunde, die ihr noch hier euer schweres Fleisch herumschleppet wie ein müdes Lasttier seine schwere Bürde, sehet, ich lebe glücklich, – da gibt es keinen Tod mehr, und wir zahllos vielen leben so und so!‘ Das wäre ja doch etwas ganz Leichtes! Aber nein, es geschieht so etwas nie und nimmer auf eine solche Weise, die uns Menschen gar leicht überzeugte, daß es eben so und so ist, und nicht anders!
GEJ|6|104|6|0|Gottvollster Meister, wenn es jenseits ein Fortleben der Menschenseele gibt – worauf beruhend sich doch am ehesten und sichersten alle sittlichen Bestrebungen der Menschen auf dieser Erde untereinander ordnen ließen –, warum geschieht denn da von seiten irgendeiner bestehenden Geisterwelt, als rückwirkend auf uns noch sterbliche Menschen, eigentlich gar nichts?! Ist doch kein Mensch schuld daran, daß er in diese Welt geboren worden ist; so er aber schon als ein vernünftiges Wesen da ist und sein muß, so sollte ja doch jene höchst weise Macht, die ihn wider seinen Willen ins Dasein gerufen hat, dafür auch eine genügende Sorge tragen, daß er von einer wirklich irgendwo bestehenden Geisterwelt aus dahin belehrt würde, warum er da ist, und was er zu erwarten hat.
GEJ|6|104|7|0|Siehe, du gottvollster Meister, wir sind nur Weiber; aber wir sind nicht ohne Verstand, da wir stets vieles gelernt haben, und mit uns zu reden, dürfte einem jeden Weisen mit der Zeit ein wenig schwer werden! Wir sind gut und haben Achtung vor jedem Menschen; denn wir bedauern jeden herzlich, daß er uns gleich sich auch in dieser Welt befindet zur Abschlachtung und zum elenden Futter für die gefräßige und nimmer zu sättigende Zeit. Aber das ist nicht gut, daß irgendeine höhere, ewige, allwaltende Gottmacht sich um die Menschen und alle Geschöpfe dieser Erde nicht um ein Haar mehr kümmert als wir Menschen um den Kot, den wir als Kinder vom Leibe ließen. Aber was wollen wir Schwachen machen?! Gottes Macht wirkt über den Sternen im endlos Großen und kümmert sich um die weinenden und klagenden Würmer dieser Welt nicht! Daher müssen sich die armen Menschen selbst trösten und stärken so lange, bis der Tod sie von der Erde vertilgt; dann kommt die Ruhe in dem ewigen Nichtsein, das ewig und immer des armen Menschen endliches und größtes Glück ist.
GEJ|6|104|8|0|Du bist nun zwar ein gottesmachtvollster Mensch und Meister; aber nach etlichen Hunderten von Jahren wird die Welt höchstwahrscheinlich von dir auch nicht viel mehr wissen, als daß du da warst. Wenigstens unsere Nachkommen, wie wir schon gesagt haben, werden dieses Angedenken sich lebendigst bewahren, obschon in deinen Worten mehr denn in deinen wunderbaren Taten ein Geist weht, der von einem gottgeistigen Dasein in dir ein großes Zeugnis gibt. Es hat aber schon gar viele große Geister als Menschen in dieser Welt gegeben, und ihre auch gar unbegreiflich großen Wundertaten bezeugten, daß sie mehr als pur gewöhnliche Menschen waren; aber sie sind auch alle gestorben, und keiner ließ sich je wieder sehen als ein fortlebender Geist, daß er dadurch bestätigte die volle Wahrheit seiner Lehre, die er den armen Menschen oft unter Donner und Blitz gegeben hat.
GEJ|6|104|9|0|Nun bist du zu uns armen sterblichen Menschen gekommen und hast uns auch ein jenseitiges, ewiges Leben verheißen! Wir zweifeln nicht einen Augenblick, daß du uns solches auch beweisen wirst auf eine sehr begreifliche Weise, – aber sicher auch nur auf so lange, als wir in dieser Welt fortleben! Sind wir einmal gestorben, na, da bedürfen wir sowieso keines Beweises mehr; denn leben wir fort, so ist jeder weitere Beweis überflüssig – und, leben wir nicht fort, noch überflüssiger! Die Hauptsache ist, daß wir armen Menschen nur bis auf unsere diesirdische Lebensdauer wenigstens in der fixen Idee dahin erhalten werden auf dem Wege des noch so blinden Glaubens; denn das würzt dann wenigstens für einen Teil der Menschen dieser Erde ihr handspannenlanges Leben und macht ihnen ihre Leiden erträglich. Am besten daran aber sind immer die Narren und Blindgläubigen, und man kann aus der tiefsten Erfahrung sagen, daß die Götter einen Menschen sehr hassen mußten, den sie mit der Weisheit begabten.
GEJ|6|104|10|0|Vielleicht geht es endlich dir als dem mit aller Weisheit und Macht Begabtesten besser, als es deinen vielen großen Vorgängern ergangen ist, woran wir jedoch sehr zweifeln! Aber gerade als unmöglich wollen wir die Sache auch nicht bezeichnen und wünschen, darüber eben von dir selbst – und nicht von unseren Männern – ein Näheres zu vernehmen. Wenn es dir gefällig wäre, so möchten wir dich anhören!“
GEJ|6|105|1|1|105. — Des Herrn Mißfallen an den hochmütigen, kritischen Weibern
GEJ|6|105|1|0|Sagte Ich: „Meine wahrlich mit recht vielem Verstande begabten Weiber! Hier auf diesem Flecke werde Ich nicht reden, sondern im Hause Joreds, alldahin ihr euch begeben könnet, so ihr wollet. Aber Ich sage es euch zum voraus, daß es bei euch schwer hergehen wird, bis ihr in euch erkennen werdet, daß euer Fleisch allein nur sterblich ist, nicht aber auch eure Seele, weil ihr euch schon von eurer Jugend an in die Materie des Fleisches hinein begründet habt und dann nichts mehr sehen, fühlen, wahrnehmen und empfinden konntet als allein das nur, was euch die gröbste Materie vor die Augen des Fleisches stellte. – Doch jetzt nichts Weiteres mehr von dem!“
GEJ|6|105|2|0|Hier dankten Mir die Weiber, ihre Kinder und Diener noch einmal für das, was Ich ihnen hier getan hatte, und begaben sich dann in ihre sehr stattlichen Wohnungen.
GEJ|6|105|3|0|Es fragte Mich aber Jored, ob er sie etwa zum Mittagsmahle einladen solle.
GEJ|6|105|4|0|Sagte Ich: „Das eben nicht, denn Ich liebe die Gesellschaft von gar so superklugen Weibern nirgends minder als gerade bei einem Mahle; denn wenn bei denen einmal die Zunge in Schwung kommt, da vergessen sie Essen und Trinken, und unsereiner käme, ohne ihnen zuvor die Zunge auf eine Zeit hin gelähmt zu haben, sicher zu keinem Worte. Diese fünf Weiber hätten wahrlich der Fähigkeiten zur Übergenüge, jemanden förmlich totzureden.
GEJ|6|105|5|0|Erstens sind sie Töchter eines sehr gelehrten griechischen Oberpriesters des Gottes Apollo und des Gottes Merkur, das heißt nach ihren heidnischen Begriffen.
GEJ|6|105|6|0|Zweitens haben sie einen in allen Wissenschaften wohlbewanderten Mentor Erzieher) gehabt, der ihnen die Köpfe erst recht verdreht hat; denn er hatte sie alle alten Weisen ganz vom Grunde aus kennen und verstehen lehren wollen, bedachte aber nicht, daß alle diese alten Weltweisen aller bekannten Völker und Nationen sich im höchsten Grade widersprechen, daß bei der Kenntnis und Anhänglichkeit an alle diese Weisen sich nie ein einheitliches Lebenssystem erzielen läßt, und daß aus solchen Menschen nichts als eine Art hochmütiger Vielwisser werden kann, die am Ende kein anderes Bedürfnis in sich fühlen, als gelegentlich zu zeigen, wie sehr sie in allem Wissen und an Erfahrungen jedem andern Menschen überlegen sind. Und das ist auch bei diesen Weibern und sogar schon bei ihren Kindern und Dienern der Fall. Rede du nur mit solch einem Diener, und du wirst sehen, welch eine Fertigkeit er mit seiner Zunge entfalten wird!
GEJ|6|105|7|0|Endlich drittens sind sie Weiber der Priester und gleichsam selbst Priesterinnen und müssen da schon EX OFFICIO (von Amts wegen) so gescheit und weise sein, daß da schon gar kein anderer Mensch sich ihnen irgend nahen kann, – darum denn auch ihre Kinder und Diener als Aushängeschilder ihrer Weisheit ihnen wie leuchtende Herolde vorangehen und die Menschen am Ende fühlen und sagen müssen: ,Ja, wenn diese schon so weise sind, wie weise werden dann erst die Priester und Priesterinnen selbst sein!‘ Ja, Mein Freund, bei solch einer inneren Lebensbeschaffenheit läßt sich freilich der Geist ihres Mentors nicht herbei, um bei ihnen sein Versprechen einzulösen!
GEJ|6|105|8|0|Hast du es nicht bemerkt, wie sie Mir kaum den Dank dargebracht haben, und – als Ich ihnen versprach, daß Ich ihnen, so sie bei Meiner Lehre verbleiben würden, auch allzeit helfen würde und, so sie anrufen würden Meinen Namen, den sie samt der Lehre von ihren Männern erfahren würden, Ich sie trösten und stärken wolle – wie sie da gleich ihre Bedenken über die Unsterblichkeit der Seele auszukramen anfingen?! Meinst du da, daß es ihnen im Ernste darum zu tun war, von Mir einen Gegenbeweis mit lebendiger Sehnsucht zu vernehmen? O nein, sondern nur darum war es ihnen zu tun, Mir zu zeigen, wie großartig weise sie sind und wie sehr geeignet zur Errichtung einer neuen Lebensschule in Meinem Namen! Aus dem aber kannst du schon sehen, daß Ich gerade am Mittagstische nicht gerne mit derlei Weibern zusammen bin. Nach dem Mahle aber mögen sie schon kommen, was du ihnen durch ihre Männer sagen lassen kannst.“
GEJ|6|105|9|0|Sagte Jored: „Siehe, Herr und Meister, gerade also habe ich mir diese Weiber aber immer vorgestellt, und ich konnte sie auch nie gar zu besonders gut leiden, weil sie mit ihrem Wissen stets mindestens um tausend Jahre voraus sein wollten! Denn sagte man etwas, das man denn doch auch gelernt und erfahren hatte, so hieß es allzeit, wennschon in einem ganz artigen Ton: ,Ich bitte wohl darüber zu schweigen, ansonst wir uns entfernen müßten; denn das verstehst du nicht und wirst es auch nie verstehen!‘ Ja selbst ihre Männer mußten sich ganz absonderlich zusammennehmen, um in einem Diskurse mit ihnen eben von ihren Weibern nicht korrigiert zu werden. – Das waren denn nur so meine inneren Gefühle bei gar manchen Gelegenheiten, und jetzt sehe ich es erst klar ein, daß mich meine Gefühle nicht getäuscht haben, und so werde ich sie etwa so bei drei Stunden nach dem Mahle zu mir zu kommen bitten.“
GEJ|6|105|10|0|Sagte Ich: „Ganz gut! Gehe aber nun hin und sage den Männern, daß einer oder der andere auf ein paar Worte zu Mir kommen solle!“
GEJ|6|105|11|0|Da ging Jored hin und berief den Minervapriester. Und der kam sogleich zu Mir und fragte Mich, was Ich von ihm verlange.
GEJ|6|105|12|0|Und Ich sagte: „Freund, heute zu Mittag bleibet daheim bei euren Weibern, sonst kommen sie Mir euretwegen am Mittagstische mit ihrer stereotypen Weltweisheit über den Hals, was Ich eben nicht wünsche, weil Ich am Tische während des Essens gerne Ruhe habe! Aber um die dritte Mittagsstunde könnet ihr mit euren hochgelehrten Weibern schon herkommen. Unterweiset sie aber zuvor ein wenig in dem von Mir, was ihr bereits wisset, auf daß sie uns, wenn Ich reden werde, keine Einwürfe und keine Einstreuungen bringen! Denn eure Weiber sind Anhängerinnen der Lehren des Diogenes, und mit denen ist hart eine tiefere Rede zu führen; sie sind aber auch Skeptikerinnen obendrauf, und das ist noch schlimmer! Darum tut das, was Ich euch nun gesagt habe! Sie werden uns noch am Nachmittage genug zu schaffen geben!“
GEJ|6|105|13|0|Der Priester dankte Mir für diesen Rat und versprach Mir, daß er den Weibern das schon ganz gehörig beibringen werde, und er stehe dafür, daß sie sich im Saale Joreds ganz bescheiden benehmen würden.
GEJ|6|105|14|0|Darauf ging er hin und hinterbrachte solches auch seinen Kollegen, die damit ganz einverstanden waren, obwohl es ihnen um vieles lieber gewesen wäre, so sie nun auch mit uns wieder hätten zum Jored hinziehen können, da es nun ohnehin schon nahe am Mittage war.
GEJ|6|105|15|0|So ward denn diese nicht unwichtige Sache auch geschlichtet und der schlimmste Teil des Heidentums dieses Ortes auf einen besseren und lichteren Weg gestellt.
GEJ|6|106|1|1|106. — Ein Schriftgelehrter unterstützt die Ansichten der Priesterweiber
GEJ|6|106|1|0|Dieser Ort war darum ein gar wichtiger, weil der Tempel für gar viele Heiden, die zu Zeiten dahin wallfahrteten, ein zweites Orakel zu Delphi war, und diese Priester und Priesterinnen hatten sich schon große Schätze gesammelt. Von da aus konnte denn auch über einen großen Teil der asiatischen Griechen und Römer ein besseres Licht ausgegossen werden, und deshalb verweilte Ich denn hier auch ein wenig länger als an den früher berührten Orten des kleinen und eigentlichen, wie auch des großen und uneigentlichen Galiläa.
GEJ|6|106|2|0|Wir begaben uns nun auf demselben Hinterwege zurück ins Haus des Jored, um dem Judas Ischariot ja seinen erhofften Verdienst zu vereiteln; denn über den Mittag hinaus warteten die vielen Menschen nicht mehr, und einige gaben dem Jünger sogar bittere Worte, dieweil er sie so hingehalten habe und sie Mich doch nicht zu Gesichte bekamen. Der Jünger aber verbarg sich im Haus, da er fürchtete, daß er nun anstatt seiner erhofften Groschen gar leicht eine andere Bezahlung überkommen könne.
GEJ|6|106|3|0|Wir kamen nun in den Saal, und es war das Mittagsmahl auch schon bereitet und sogleich auf den Tisch gebracht.
GEJ|6|106|4|0|Ich aber sagte zuvor allen: „So der Jünger kommt, da lasset ihn gehen und tut, als wäre er gar nicht abwesend gewesen!“
GEJ|6|106|5|0|Ich hatte das aber kaum ausgeredet, so kam er auch schon in den Saal und grüßte alle freundlich und tat auch, als hätte er uns vormittags gar nie vermißt. Wir aber taten desgleichen und aßen und tranken ganz heiteren Mutes.
GEJ|6|106|6|0|Während des Essens ward wenig geredet, – nur unsere zwanzig Neujünger besprachen sich über die Rede der Priesterweiber; denn sie hatten so ganz steinfeste Stoiker noch nie zu genießen bekommen. Einer von ihnen machte diese und ein anderer eine andere Bemerkung.
GEJ|6|106|7|0|Der Schriftgelehrte unter ihnen, der auch ein Kabbalist [Anhänger der jüdischen Geheimlehre] war und das in der Folge ganz in Verlust geratene Buch der ,Kriege Jehovas‘ wohl innehatte – das in dieser Jetztzeit die Altindier aber doch noch unter dem Namen Sen scrit (,Ich bin verborgen‘) besitzen –, sagte: „Man muß vor den fünf Weibern dennoch Respekt haben; denn gelernt haben sie bei weitem mehr als oft die gelehrtesten Juden, und von unserem natürlichen Lebenszustande aus betrachtet, kann man ihre ganz absonderlich gediegenen Ansichten durchaus nicht tadeln.
GEJ|6|106|8|0|Der sichtliche Tod aller Kreatur ist eben ein Etwas vor den Augen eines scharfen Denkers, das dem Schöpfer viel von Seiner großen Glorie und Majestät nimmt! Kann Er mit Seiner Allmacht die Erde mit ihren Bergen und Meeren, den Mond, die Sonne und alle die Sterne erhalten, warum denn nicht auch wenigstens den Menschen, wie er ist, mit Leib und Seele?
GEJ|6|106|9|0|Und soll der Mensch schon mit der Zeit den Leib ablegen und in ein stets reineres geistiges Wesen übergehen, so könnte das bei der Allmacht des Schöpfers ja auf eine Art geschehen, daß der Leib nach und nach geistiger würde und endlich ohne die geringste Störung des Bewußtseins seiner selbst in das rein Geistige überginge, oder daß wenigstens der Mensch in einem gewissen reifen Alter in sichtbaren Verkehr mit den schon ganz hinübergegangenen Menschenseelen träte, auf daß er dadurch eine volle Sicherung für das Leben nach dem Tode für sich und für seine Nächsten überkäme. Aber so ist von alldem auf dieser Erde nahezu keine Spur anzutreffen.
GEJ|6|106|10|0|Der Mensch wird erstens dümmer und unbehilflicher denn jedes Tier zur Welt geboren und muß von seinen Eltern jahrelang gepflegt und ernährt werden, bis er zu jener Kraft und Einsicht gelangt, sich selbst zu erhalten, – und zweitens, so er dann ein Mensch geworden ist, wo er sich frei bewegen können soll, wird er dann mit einer großen Menge von allerlei Gesetzen derart verpalisadiert (eingeschlossen) und so physisch und geistig geknebelt, daß ihm kaum noch ein freier Atemzug übrigbleibt. Und ich frage: Was hat er denn eigentlich dafür für eine Entschädigung? Nichts als den lieben Glauben, daß es ihm, wenn alle die schwer zu haltenden, durch das Gesetz aufgebürdeten Lebensbedingungen erfüllt sind, nach dem Tode besser und sogar überaus gut gehen werde. Ja, das wäre schon alles ganz recht, wenn der Mensch dafür eine sichere Bürgschaft hätte! Aber da stinkt es eben am meisten bei allen Menschen!
GEJ|6|106|11|0|Man liest wohl in den Büchern, daß die einfach-sittlichen Vormenschen solche Bürgschaften gehabt haben. Ja, das ist auch ganz gut, und es ist ihnen wahrlich sehr zu gratulieren, wenn sie solche gehabt haben! Aber uns gegenwärtigen Menschen ist gar nicht zu gratulieren; denn uns mangeln derlei Bürgschaften gänzlich, und doch sind wir ebensogut Menschen, wie es unsere Vormenschen waren. Man sagt uns freilich, daß solches darum bei uns nicht mehr stattfinden könne, weil wir zu grob sinnlich und materiell geworden seien; ich aber meine, daß gerade da, wo der Mensch, entweder durch seine Schwäche geleitet oder durch irgendeinen unsichtbaren Teufel verlockt, auf Irrwege geraten ist, dergleichen Bürgschaften aus irgendeiner Geisterwelt am meisten auftauchen sollten, um die Irrwandelnden auf den rechten Weg zu bringen. Aber da geschieht im allgemeinen eben erst recht gar nichts von etwas dergleichen.
GEJ|6|106|12|0|Daß wir wenigen nun gerade das große Glück genießen, Dich, Herr und Meister, unter uns zu haben, der Du uns durch Worte und Zeichen zeigst, daß und wie ein Mensch zu einem ewigen und rein geistigen Leben berufen und bestimmt ist, das gilt aber noch lange nicht für alle Menschen in der Welt und selbst für uns nur so weit, als wir es Dir glauben müssen, daß es also ist, weil unserem Glauben Deine rein göttlichen Zeichen und Werke eine feste Stütze verleihen. Aber des Moses Werke waren auch großartig und zwangen die Menschen besonders seiner Zeit zum vollen Glauben; aber nachderhand hörten alle die außerordentlichen Zeichen auf, und die Menschen wurden schwächer und schwächer im Glauben und stehen darum nun vielfach auf dem Punkte, ein ewiges Nichtsein für das größte Glück anzusehen und schon im voraus ordentlich zu fühlen. Denn für das gänzliche Vergehen der Dinge haben sie täglich zahllos viele Beweise, aber für das ewige Fortbestehen auch nicht einen!
GEJ|6|106|13|0|Daß sich aber die Sachen in dieser Welt also verhalten, wird hoffentlich wohl niemand in Abrede stellen können, und man kann es wahrlich den Priesterinnen in dieser Zeit nicht verdenken, wenn sie also urteilen und ihre Ansichten auf die Weise laut werden lassen, wie sie solche aus aller Natur bei einem ganz emsigsten Forschen erprobt haben. Warum kam denn der Geist ihres verstorbenen Mentors nicht also, wie er es ihnen noch bei seinen Lebzeiten auf das teuerste versichert hatte? Und warum gehorchte dann Samuels Geist dem Machtspruche der Hexe von Endor und weissagte dem Saul sein Ende? Ja, das sind denn doch so sonderbare Dinge, aus denen ein Mensch auf einem natürlich- vernünftigen Wege wohl ewig niemals klug wird!
GEJ|6|106|14|0|Man kann einem Menschen durch Worte und Lehren zwar viel Licht und Beruhigung verschaffen und sie durch wunderbare Zeichen festen; aber von einer Überzeugung im eigenen lebendigen Bewußtsein ist da noch lange keine Rede! – Was sagst Du, Herr und Meister, zu dieser meiner sicher sehr verzeihlichen Ansicht?“
GEJ|6|107|1|1|107. — Der Verkehr mit dem Jenseits. Beweise über das Fortleben nach dem Tode
GEJ|6|107|1|0|Sagte Ich: „Vorderhand wenig oder gar nichts; denn da bist du noch lange nicht fähig, von allem Geistigen einen wahren, klaren und richtigen Begriff zu bekommen!
GEJ|6|107|2|0|Meinst du wohl, daß von Gott aus die Menschen also verlassen sind, daß sie nun aus der Geisterwelt gar keine Kunde mehr erhielten? Oh, da irrst du dich sehr; aber die Menschen haben sich eigenwillig von Gott abgewandt, haben angefangen, in der Materie ihr alles zu suchen und allein dafür tätig zu sein, und haben sich also vom Geistigen ganz abgewandt. Was Wunder, wenn sie darum von den an sie abgesandten geistigen Bürgschaften über das Leben nach des Leibes völligem Tode nichts mehr wahrnehmen und eigentlich nichts mehr wahrnehmen wollen!
GEJ|6|107|3|0|Wie oft sind von den Juden und Pharisäern solche Menschen, die mit den Geistern und mit den Engeln Gottes Zwiesprache gehalten haben, als freche Lügner zu Tode gesteinigt worden, da sie von einem sie mahnenden Geiste nichts hören und wissen wollten! Wenn aber gar viele hunderttausend Male also, was Wunder, daß dann ein jeder harmlose Seher innehielt und seine Gesichte und Überzeugungen für sich behielt?
GEJ|6|107|4|0|Waren der alte Simeon und die alte Anna im Tempel nicht ein großes Licht aus der Geisterwelt, da beide täglich stundenlang sich mit den Engeln Gottes unterhalten und besprechen konnten? Wer glaubte ihnen denn? Man wollte selbst an einem bestimmten Tage mit den Geistern der Himmel verkehren mit Augen, Ohren und mit dem Munde; auch das wurde auf die Bitte Simeons gewährt. Was sagte man aber von jener großartigen Erscheinung im Tempel? Simeon und Anna hätten im geheimen Bunde mit den Essäern und ägyptischen Zauberern solch einen frommen Spuk bereitet! Da sind doch Hunderte der Templer Augen-, Ohren- und Mundzeugen gewesen! Warum glaubten sie es denn nicht?!
GEJ|6|107|5|0|Der spätere Hohepriester Zacharias hatte Gesichte. Wer glaubte ihm? Als man aber selbst merkte, daß die Gesichte des Zacharias volle Wahrheit sind, was tat man da mit ihm?!
GEJ|6|107|6|0|Als sein vom Gottesgeiste durchdrungener Sohn (Johannes der Täufer) in der Wüste predigte und die Juden sich von der vollsten Wahrheit seiner Reden durch allerlei Zeichen überzeugten, hätten sie dann nicht also tun können, wie er sie belehrt hatte? O nein, sie wurden nur voll Zorns und giftigsten Ärgers, ergriffen ihn, warfen ihn ins Gefängnis, und – das andere wisset ihr!
GEJ|6|107|7|0|Nun bin Ich mit dem allerhöchsten Geiste Gottes da und zeige euch durch Worte und Taten, daß es also ist, und dennoch zweifelt ihr an der Wahrheit Meiner Worte! Saget nun selbst: was für noch größere und noch haltbarere Bürgschaften über ein jenseitiges Leben soll Ich euch denn noch geben?
GEJ|6|107|8|0|Oder müssen Menschen, die durch die unbegrenzte Liebe des Vaters bestimmt sind, völlig Seine Kinder zu werden, nicht ohne alles Gericht ihrem Seelenteile nach in diese Welt geboren werden ohne irgendeine schon ausgebildete höhere Lebensfähigkeit? Müssen sie nicht erst durch allerlei Unterricht und Übung sich allerlei Kenntnisse und Fertigkeiten nach ihrem ganz freien Willen erwerben und dadurch an ihrer gottähnlichen Lebensvollendung wie junge, angehende Schöpfer selbst arbeiten, wozu ihnen der Vater im Himmel stets alle möglichen Hilfsmittel in die Hände gab und noch immer gleichfort gibt?!
GEJ|6|107|9|0|Warum sage Ich denn zu euch: ,Tut nach Meiner Lehre, so wird sich das ewige Leben in euch selbst allerhellst offenbaren!‘? Wenn aber also, wie mögt ihr denn hernach noch so blind sein und sagen, die höchst stoischen Weiber dieser Priester hätten im Grunde recht, daß sie also redeten? O ihr sehr blinden Toren! So Ich es wollte und es euch irgendeinen Nutzen brächte, so könnte Ich euch im Augenblick die innere Sehe öffnen, und ihr würdet von einem Heere von Geistern nach allen Richtungen hin euch umlagert sehen! Aber was würdet ihr dann sagen? Ich sage es euch: nichts anderes als die stoischen Weiber! Ihr würdet da, wenigstens in euch, also urteilen: ,Ja, solange wir leben, fühlen und sehen, ist es leicht, uns einen blauen Dunst vorzumachen; aber man gehe hin in die Begräbnisstätten und mache den Toten das vor, – die werden davon doch nichts mehr hören, sehen und fühlen!‘ Und Ich sage euch: Da habt ihr vollkommen recht; denn diese sind auch durchaus nicht mehr bestimmt zu leben, obwohl auch in ihnen noch gerichtete Seelenlebensspezifika vorhanden sind, die nach ihrer völligen Ausreifung auch noch einmal für ein anderes Individuum zu einem freien Leben erweckt werden.
GEJ|6|107|10|0|Zum möglichen ewigen Fortleben ist nur allein des Menschen Seele bestimmt; die Materie aber als Materie kann nicht zum ewigen Fortbestehen bestimmt sein, weil sie in sich nur ein gerichtetes Geistiges ist, also nur auf eine bestimmte Zeit fixierter Wille Gottes, der nicht immer also bleiben kann, weil in Gott nebst allem andern auch ganz besonders der Wille frei ist und einen Gedanken Gottes nur so lange festhält, als derselbe zur Erreichung eines höheren Zweckes nötig ist.
GEJ|6|107|11|0|Ohne Gott und außer Gott kann ewig niemals und nirgends etwas sein. Was da ist in der ganzen, ewigen Unendlichkeit, das ist aus Gott, und also im Grunde des Grundes völlig geistig. Daß es in einer Welt als eine feste Materie erscheint, das macht die beharrliche Festigkeit des göttlichen Willens; hörte dieser auf, einen Gedanken Gottes festzuhalten, so wäre von ihm auch für kein materielles Auge mehr irgendeine Spur zu entdecken, obwohl der auf diese Art aufgelöste Gedanke Gottes in Gott geistig ewig fortbestehen müßte.
GEJ|6|107|12|0|Saget, wo habe Ich denn das Erdreich hergenommen, mit dem Ich den See zugedeckt habe, oder woher jene Stoffe, mit denen Ich gestern abend den armen Fischern ihre irdischen Besitzungen verbesserte, und wohin ist die Materie der drei Götter gekommen? Beim See und bei den Fischern ist Mein Gedanke durch Meinen Willen fixiert und bei den Statuen Mein fixierter Wille ausgelassen und Mein Urgedanke frei und wieder geistig gemacht worden. Und darin besteht somit auch die Erklärung Meiner hier vor euch gewirkten Zeichen. Daß Ich aber auch ein Herr der Geister und alles Lebens bin, dafür steht als ein fester Zeuge dieser von Mir vorgestern abend vom vollen Tode wieder zum Leben erweckte Sohn Jorab. Kann Ich euch wohl noch mehr Beweise für das Fortleben der Seele nach dem Abfalle des Leibes geben?“
GEJ|6|107|13|0|Sagte nun der Schriftgelehrte: „Nein, mein Gott, mein Herr und Meister! Nun bin ich über alles vollends im klaren. Ja, also ist es und kann ewig unmöglich anders sein! Aber Herr, wenn nun bald die Weiber der Priester kommen dürften, so lasse gnädigst mich eine Weile mit ihnen reden, und ich werde ihnen ihren Diogenes schon hinaustreiben auf eine solche Art, daß sie nachher sicher nicht mehr je an einen Diogenes denken werden!“
GEJ|6|107|14|0|Sagte Ich: „Ja, ja, tue das, denn Mir ist es ohnehin schon sehr widerlich, mit allen Arten von Stoikern zu tun zu haben! Aber gib acht, daß am Ende nicht du den kürzern ziehst; denn diese Weiber sind in ihrer Art da ganz tüchtig und wissen ihre Sache zu vertreten.“
GEJ|6|107|15|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr, das wird mit Deiner Hilfe schon meine Sache sein!“
GEJ|6|107|16|0|Als er solches ausgeredet hatte, da kamen auch schon die fünf Priester mit ihren Weibern an.
GEJ|6|108|1|1|108. — Die atheistische Rede des mundfertigen Priesterweibes
GEJ|6|108|1|0|Die Priester und ihre Weiber grüßten uns und machten vor Mir ihre tiefe Verbeugung, und Jored wies ihnen sogleich Plätze an unserem Tische an und setzte ihnen Brot und Wein vor. Als sie der Ehrung halber etwas Brot und Wein zu sich genommen hatten, da fingen die Weiber bald an laut zu werden, und ganz besonders das gar überkluge und weltweise Weib des Minervapriesters. Diesem Weibe gerade gegenüber saß der judgriechische Schriftgelehrte und konnte schon beinahe die Zeit nicht erwarten, in der er mit dem Weibe wortgemein würde; denn es sprach nun von ganz anderen und gleichgültigen Dingen.
GEJ|6|108|2|0|Etwa nach einer kleinen Stunde erst wurde das Gespräch auf einen anderen Gegenstand von einiger Bedeutung geleitet, und zwar auf das Orakel zu Delphi und auf das seit alters bestehende Weltorakel zu Dodona. Bei dieser Gelegenheit erst fand unser Schriftgelehrter einen Moment, in welchem er mit dem Weibe in einen Wortwechsel treten konnte, worüber er aber schon ganz ärgerlich wurde, weil er so lange auf eben diesen Moment hatte warten müssen.
GEJ|6|108|3|0|Aber um so intensiver ging jetzt das Wetter los. Das Weib behauptete nämlich, daß diese Anstalten für die gemeine Menschheit noch immer eine große Wohltat wären, weil eben durch sie die Menschen noch am meisten beim blinden Glauben an eine Lebensfortdauer der Seelen nach dem Tode erhalten worden seien. Denn allda hätten die blinden und schwachsinnigen Menschen, sich gegen ein kleines Opfer in eine Besprechung mit ihren verstorbenen Freunden einzulassen, eine noch immer ganz gute und durch den alten Glauben autorisierte Gelegenheit, und das sei und bleibe immer gut, da man den Menschen bis jetzt noch nichts Besseres hätte bieten können.
GEJ|6|108|4|0|Mit der stoischen Wahrheit, die sie freilich nur als die einzige und durch alle Erfahrungen bestätigte anerkennten, wäre dem ungebildeten Volke wenig geholfen, und es sei darum auch gut, daß diese Wahrheit allein nur den Priestern anheimgestellt sei, auf daß sie weise seien und desto mehr allerlei fromme Betrügereien fürs Volk erfinden könnten, durch deren Effektuierung das Volk für die kurze Lebenszeit ganz glücklich gemacht werde. Die Priester könnten so ein Glück freilich nie genießen, dafür aber bedürften sie der Opfer, um ihr sonst trauriges und elendes Leben leichter zu ertragen, und sie müßten sich mit dem kommenden gefühl-, schmerz- und sorgenlosen Nichtsein vertrösten.
GEJ|6|108|5|0|„Ich sage nicht“, sprach die Priesterin weiter, „als könnte für dieses Gute nichts Besseres gegeben werden; aber solange das nicht geschieht, ist das Bestehende noch immer das bei weitem Beste. Die rechte Weisheit lehrt uns Menschen, durch jedes zweckmäßige, aber stets geheim zu haltende Mittel die allgemeine Menschheit in einen möglichst wohlerträglich glücklichen Lebenszustand zu versetzen und sie im selben zu erhalten. Dadurch bekommt dann der Mensch erst den sittlichen Wert und wird fähig, ein brauchbares Glied der menschlichen Gesellschaft auszumachen. Darum ist aber dann auch der in sich höchst traurige Priesterstand, der sich für sich im Anschauen der reinen, aber sehr traurigen Wahrheit befindet, von seiten aller laien Menschen nie genug zu achten; denn allein von dem sich für die Menschheit opfernden Priesterstande hängt alles Wohl und Wehe der Menschen ab.
GEJ|6|108|6|0|Ich setze den möglichen Fall: Alle Priester und Priesterinnen würden sich einmal dahin gegen das Volk verschwören, daß sie ihm die volle und reine Wahrheit sagten und ihm den ganzen Kram des frommen Betruges entdeckten. Das würde in der Welt sicher eine der allergräßlichsten Unordnungen unter den Menschen bewirken. Nichts wäre dann einem Menschen mehr heilig, und der Stärkere würde den Schwächeren wie ein reißendes Tier anfallen und zerreißen, ja, man würde die neugeborenen Kinder schlachten und sie den Hunden zum Fraße vorwerfen. Kurz und gut, der Mensch würde bald sein eigener Feind und ein fürchterlicher Feind alles Lebens, wie es im Grunde auch wir selbst für uns und unter uns der vollen Wahrheit nach sind.
GEJ|6|108|7|0|Denn wir kennen keinen Gott – außer nur den, der aus unserer Phantasie seinen Ursprung nahm. Wir kennen wohl etwas, und das besteht darin, daß es in der großen Natur geheime Kräfte gibt, denen unter vielen und verschieden zufällig sich entwickelt haben Umständen auch der Mensch sein trauriges Dasein verdankt; aber diese Kräfte sind ebensowenig irgend intelligente und ihrer selbst bewußte Gottheiten, als wie wenig das Wasser darum eine Gottheit ist, weil es durch seine ganz stumme und blinde Kraft der Schwere stets der Tiefe zueilt, was man aus der alten Erfahrung wohl weiß, weil man noch nie irgendeinen Bach auf einen Berg hinauf hat fließen und rinnen sehen. Darum sind tausend Götter mit dem dicksten Aberglauben dem Menschen um unaussprechbar vieles heilsamer und nützlicher denn alle noch so reine Wahrheit. He, was liegt daran, was ein Mensch von der Wiege bis zum Grabe hin für einen Glauben gehabt hat, wenn der Glaube ihm nur eine wohldargestellte Versicherung auf ein erträgliches und fortwährendes Leben der Seele nach des Leibes Tode gab?
GEJ|6|108|8|0|Was kann uns da irgendein dummer Wahrheitszelote sagen und was erwidern, so wir sagen: ,Jede Götterlehre für die Menschen, welche sie zum Glauben an irgend höhere Gottwesen bringt und ihnen die volle Versicherung auf ein ewiges Leben der Seele nach dem Tode bietet, ist gut!‘? Falsch und erlogen ist in sich jede Götterlehre, nur die davon abgeleiteten Sittengesetze sind gut. Darum ist aber auch – so es ein Leben nach dem Tode gibt – noch nie ein Mensch zurückgekommen, daß er uns Priester deshalb zu einer Verantwortung zöge und allenfalls sagte: ,O ihr bösesten Wichte, warum habt ihr mich denn mit so kolossalen Lügen, mit falschen Lehren auf die schmählichste Art betrogen?‘
GEJ|6|108|9|0|Wahrlich, gäbe es ein Leben der Seele nach dem Tode, so würden solche von uns so tief betrogenen Seelen schon gar lange sich an uns sichtbar und glaubbar gerächt haben, oder sie würden, unser Elend einsehend, uns eine nähere Aufklärung über Gott und über das Leben der Seele nach des Leibes Tode gegeben haben! Aber weil es nach dem Tode des Menschen, wie jedes Tieres, kein Leben mehr gibt und geben kann, so kommt auch kein Geist mehr zum Vorschein und rächt sich an uns dafür, daß wir ihn in dieser Welt gar so sehr belogen und betrogen haben, und wir dürfen uns darob auch durchaus keine unnötigen Sorgen machen.
GEJ|6|108|10|0|Die Menschen haben hier auf dieser Erde nach den klimatischen Boden- und Wasserverhältnissen verschiedene Talente und Eigenschaften. Der eine ist riesenstark, der andere schwach wie eine Fliege. Der eine hat einen scharfen Verstand, und ein anderer daneben ist dumm wie die Nacht. Der eine hat ein scharfes Gesicht wie ein Aar, und sein Nächster ist blind. So hat einer vermöge seiner durchgängigen Scharfsinnigkeit eine kaum glaubliche Beobachtungs- und Kombinationsgabe, dringt leicht in alle Tiefen des Wirkens der geheimen Naturkräfte und weiß es bald anzustellen, es ihnen irgend im kleineren oder größeren Maßstabe nachzutun, und die andern, solcher Eigenschaften baren Menschen staunen dann über ihn und halten ihn beinahe für einen Gott. Andere wieder dürfen tausend Jahre die stets rege und tätige Natur beobachten, und sie finden und erfinden nichts, obwohl sie eben auch Menschen sind.
GEJ|6|108|11|0|Aber trotz allen den oft gar überaus wunderbarsten Eigenschaften, mit und unter denen schon oft die Menschen auf dieser großen Erde gewandelt sind, haben sie am Ende dennoch sterben müssen, und kein sterbliches Auge hat von ihnen je einmal wieder etwas gesehen. Und so sagen wir, obwohl wir eure wunderbarsten, in der Machtgröße noch kaum je dagewesenen Fähigkeiten im höchsten Grade bewundern, daß auch ihr alle samt uns also vergehen werdet von dieser Erde, wie alle eure großen Vorgänger vergangen sind. Nur ihre mannigfachen Lehren und ihre Taten und Werke sind noch bei ihren Nachfolgern in der Erinnerung geblieben, und das wird in der Zeitenfolge auch mit euch der gleiche Fall sein, was euch freilich nichts nützen wird, weil ihr als nicht mehr Seiende auch nichts mehr brauchen werdet.
GEJ|6|108|12|0|Das ist so unsere durch die Erfahrung aller Völker der Erde wohlbegründete und bis jetzt allein wahrste Ansicht über das Sein und über die Bestimmung des Menschen. Daß es außer dieser allein vollwahren Lebensanschauung wohl bei allen Völkern eine Menge recht schöner Phantasien über eine ewige Lebensbestimmung der Menschenseelen nach des Leibes Tode gibt, das wissen wir recht gut; aber wer bürgt für ihre Wahrheit? Etwa die Bilder der Träume der Menschen oder jene Phantome einer fieberig erhitzten Phantasie? Oh, das sind alles nur Wirkungen der verschiedenen Lebensstadien des Menschen, solange sein Herz pulst! Hat das aufgehört, tätig zu sein, dann haben auch die Träume und die Fieberhitzphantome aufgehört und mit ihnen das Dasein des Menschen und seine oft so schönen Hoffnungen! – Ich habe nun geredet, und nun redet ihr, Meister aus dem Reiche der Götter, und gebet uns etwas Besseres!“
GEJ|6|108|13|0|Über diese ziemlich gedehnte, rein atheistische Rede der Priesterin war der Schriftgelehrte schon ordentlich grimmig, weil er der gleichfort und bündig redenden Priesterin nicht irgend ins Wort fallen und ihr den Mund stopfen konnte. Nun erschien für ihn der gar so ersehnte Moment, und er konnte nicht tief genug Atem schöpfen, um der Priesterin so recht zentnerschwere Gegenbeweise mit aller Kraft und Kürze entgegenzudonnern.
GEJ|6|108|14|0|Als er mit dem Atem einmal glücklich in der Ordnung war, so sagte er mit einer sehr bedeutungsvollen Miene (der Schriftgelehrte): „Höre, du höchst lebens- und gottlose Minerva von einer Priesterin! Hast du als eine so überaus weise Heidin das römische Sprichwort niemals vernommen, das also lautet: QUOD LICET IOVI, NON LICET BOVI!? [Was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt.] 
GEJ|6|108|15|0|Sagte geschwind die Priesterin: „Lieber Freund, willst du das auf mich oder auf dich in Anwendung bringen? In der gegenwärtigen Lage aber scheint es wahrlich auf dich mehr zu passen denn auf mich; denn mir sei es wohl ferne, je mit einem ungewählten und ungeprüften Worte jemanden beleidigen zu wollen, – was bei dir nun soeben doch der Fall zu sein scheint. Wenn es einen Jupiter gibt, dann wird schon er Sorge tragen, daß seine Sache ihm der Ochs nicht nachahmen wird; gibt es aber keinen Jupiter, dann steht der Ochse offenbar, als wenigstens daseiend, höher denn der nicht daseiende Gott. Wahrlich, Freund, wenn in solchen hierher höchst unpassenden Mottos deine ganze Weisheit besteht, dann möchte ich deine Lehrer wohl gekannt haben! Die müssen sich beim Sonnenlichte eben nicht gar zu ästhetisch ausgenommen haben! Weißt du mir vielleicht noch mehrere solche Sprüche vorzubringen?“
GEJ|6|109|1|1|109. — Meinungsaustausch zwischen dem Schriftgelehrten und dem Priesterweibe
GEJ|6|109|1|0|Diese ziemlich bissigen Bemerkungen der Priesterin brachten den Schriftgelehrten zu einer besseren Besinnung, und er sah nun ein, wie plump sein römischer Spruch war und wie sinnlos hier angewandt.
GEJ|6|109|2|0|Er besann sich und sagte (der Schriftgelehrte): „Na, na, liebe Freundin, so habe ich es ja doch nicht gemeint, sondern nur also, daß es dir, weil du von einer Seele und von einem Fortleben derselben auch nach des Leibes Tode und also auch von einem allein wahren Gott gar nichts weißt und uns nur den ewigen Tod vorpredigst, nicht geziemt, also zu reden, als ob du allein alle Weisheit der ganzen Welt in dir hättest, und als ob du uns, die um ein zehntausendfach Besseres wissen, mit deinem alten Diogeneskrame belehren wolltest, gerade als ob wir noch nie etwas davon gehört hätten, sondern wir wollen nun nur euch armen Blinden etwas Besseres geben; und unter diesem Punkte nur geziemte sich das für dich nimmer, was sich für uns nun geziemt euch gegenüber! Ihr müsset ja nur uns anhören, nicht aber wir euch, da wir ja ohnehin nur zu gut wissen, wie ihr stehet, und worin eure innere diogenesische Weisheit besteht, die bei euch auszufegen unsere Aufgabe ist. Und darin liegt auch so annäherungsweise eben die Bedeutung meines Sprichwortes.“
GEJ|6|109|3|0|Sagte die Priesterin: „Sei die Bedeutung deines Sprichwortes nun, wie sie wolle, so hast du es dennoch nicht als ein dem Anscheine nach seiender Grieche, der auf Bildung, Art, Sitte und Humanität alles halten soll, sondern als ein so recht roher Jude hier angewandt. Allein ich sage dir nun das also, damit du sehen kannst, daß wir uns hier auf einem feineren sittlichen Boden bewegen, als auf welchem vielleicht bei euch zu Jerusalem das Volk Gottes sich bewegt.
GEJ|6|109|4|0|Es wäre wahrlich der Mühe wert, den Gott näher kennen zu lernen, der sich solch ein Völkchen zu dem Seinen erwählt hat! Wahrlich, das sage ich dir: der Gott wäre ein sehr bedauerliches Wesen! So du uns belehren und uns den Diogenes ausfegen willst, da mußt du ganz anders mit mir zu reden anfangen, sonst wirst du als nur ein Jünger des großen Meisters – und das sicher gerade nicht der bevorzugteste – mit uns eben nicht die besten Geschäfte machen! Nimm dich daher ein wenig besser zusammen!“
GEJ|6|109|5|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Lassen wir nun das, und gehen wir gleich zu der Hauptsache über! Siehst du aber nicht ein, daß wir Jünger alle an einen wahren Gott und an die Unsterblichkeit der Seele des Menschen glauben? Ja, warum denn hernach ihr nicht? Wir sind hiervon alle vollkommen überzeugt und sind doch auch Menschen! Wie kommt es denn hernach, daß ihr gar keine Überzeugung habt von allem dem, was nun doch schon von jedem nur ein wenig tiefer denkenden Menschen als eine ausgemachte Sache betrachtet und auch ganz gründlich eingesehen wird?
GEJ|6|109|6|0|Sehet, ich kann es euch sagen, woher das kommt: das ist eine Strafe von dem wahren Gott Israels für euch, daß ihr euch darum stets von dem schrecklichen Gefühle des ewigen Todes plagen lassen müsset, weil ihr die einst gehabte höhere Lebenswahrheit den Völkern vorenthalten und sie, statt mit der lichten Wahrheit, nur mit allerlei Lug und Trug wegen eures zu großen Wohllebens und Nichtstuns abgespeist habt!
GEJ|6|109|7|0|Ihr habt euch dem Volke als die wahren Diener und unsterblichen Freunde der Götter gezeigt und verlangtet oft große und mitunter sogar höchst grausame Opfer von dem armen, von euch durch und durch belogenen und betrogenen Volke; dafür aber hat Gott euch das innere, überzeugende Gefühl des Seelenlebens genommen und das Gefühl des ewigen Todes in euch gelegt, und darin besteht nun eure große Weisheit, daß ihr fühlet und klar gewahret, daß der ewige Tod in euch haust!
GEJ|6|109|8|0|Aus eben diesem Grunde könnet ihr auch nicht mehr irgend dahinterkommen, wo der noch gleichfort bestehende Verkehr zwischen den hier lebenden Menschen und den abgeschiedenen Seelen noch ebenso fortbesteht, wie er allzeit bei Menschen bestanden hat, die bei der alten Wahrheit geblieben sind.
GEJ|6|109|9|0|Nun aber sei euch noch etwas gesagt! Das überaus lächerlich dumme Heidentum ist bei euch nun ausgefegt, und ihr werdet es hoffentlich fürder nimmer aufrichten; nehmet daher die Lehre, die ihr von euren braven Männern schon erfahren werdet, in eure Herzen auf und lebet und tut danach, so wird das in euch wieder zurückgekehrte Leben überzeugende Gefühl des Lebens der Seele nach des Leibes Tode sich schon wieder einfinden und wird euch erkennen lassen den einigen, wahren Gott und Herrn, der euch nicht für den ewigen Tod, sondern nur fürs ewige Leben erschaffen hat, so ihr euch desselben würdig machen wollet auf dem Wege einer ganz anderen Weisheit als auf dem eures dümmsten Diogenes! – Hast du mich verstanden?“
GEJ|6|109|10|0|Sagte die Priesterin: „O ja, recht gut! Hast wohl recht klug geredet nun, aber leider nur Worte, wie wir ähnliche auch gar oft von unserem verstorbenen Mentor vernommen haben! Die Worte an und für sich sind recht gut, – nur schade, daß sie für uns keine irgend überzeugende Kraft und Macht haben! Wenn sich einst, etwa schon vor einigen tausend Jahren, unsere Eltern von irgendeinem wahren Gotte abgewandt haben, so können wir dafür doch unmöglich eine Schuld tragen, derentwegen derselbe einige und einzig wahre Gott auf uns schuldlose Nachkommen jener gewesen sein sollenden Frevler noch immer einen solchen Haß haben sollte, der unsere Gemüter in einem fort mit dem ewigen Tode plagt! Nun, wenn so, da danken wir euch für euren einigen, wahren Gott! Da gibt uns unser Diogenes mit der Lehre der zu erwartenden ewigen Vernichtung einen viel größeren Trost als du uns nun mit der Aussicht auf die Wiedergewinnung des Gefühles ewigen Lebens in unseren Seelen! Nein, das wäre mir ein schöner allweisester und allmächtiger Gott, der einen so unbändigen Zorn gegen ein Geschöpf festhalten könnte, daß denselben alle die vielen tausend vergangenen Winter nicht endlich einmal abzukühlen imstande sein sollen!
GEJ|6|109|11|0|Ich könnte mir einen wahren Gott höchstens nur unter dem Begriffe einer höchsten und reinsten Liebe vorstellen, weil die Liebe das eigentlich alles zeugende und belebende Element ist; aber unter dem Begriffe eines höchsten Zornes mir einen Gott vorstellen, das wäre für mich etwas rein Unmögliches und Undenkbares! Wir Heiden haben wohl auch Zorngötter, – allein die haben als symbolische Bilder ihren Sitz in der Unterwelt, weil von dorther selten etwas Gutes zum Vorscheine kommt; denn in den unterirdischen Löchern und Höhlen wohnen gewöhnlich Schlangen, Drachen und reißende wilde Bestien, und auch Schwefel, Pech und fürchterliches alles verheerendes und verzehrendes Feuer haben darin ihre Wohnstätten. Weil darin so böse Dinge hausen, so haben wir alle die schlechten und bösen Leidenschaften unter den finsteren Zerrbildern in die Unterwelt gesteckt.
GEJ|6|109|12|0|Aber unsere Begriffe von den guten Göttern sind alle derart, daß sie sich aus der reinen Liebe ganz gut ableiten lassen. Mächtiger und weiser Ernst, mit Liebe gepaart, ist das, was wir uns als einen gültigen Begriff für einen Gott aufstellen, der irgend in oder über den Sternen wohnt, und für den Begriff des häßlichen Zornes und der verabscheuungswürdigen Rache haben wir die Symbole der Furien. Und so, Freund, haben wir Heiden immer noch die besseren und vor jeder reinen Menschenvernunft billigeren Begriffe von einem wahren Gottwesen! – Was sagst du nun dazu?“
GEJ|6|110|1|1|110. — Des Schriftgelehrten Rede über das Wesen Gottes
GEJ|6|110|1|0|Sagte der Jünger: „O du meine liebe, weise Heidenpriesterin! Du redest zwar nach deinem Begriffe weise und hast von der guten Gottheit eben keinen verwerflichen Begriff, – aber du kennst dessenungeachtet das wahre Wesen Gottes nicht, und würdest du es kennen, dann würdest du mit den Weisen der Vorzeit ausrufen: ,Schrecklich ist es für den Sünder, in die Hände des allmächtigen Gottes zu geraten!‘ Gott ist wohl voll der höchsten Liebe gegen jene, die Ihn erkennen, lieben und Seine Gebote halten, – aber tausendmal Wehe denen, die Ihn nicht erkennen wollen oder, so sie Ihn schon erkennen und um Seine Gebote wissen, sich aber in ihrem Herzen doch von Ihm abwenden und Seine Gebote nicht halten!
GEJ|6|110|2|0|Siehe, die Geschichte weist uns gar erstaunliche Beispiele von den glühendsten Zorngerichten über ganze Völker, die Gott nicht mehr erkennen wollten und nur taten, was ihren Sinnen frönte! Weil aber Gott derlei grobe und ganz verstockte Sünder und Gegner Seines heiligen Willens allzeit mit den unnachsichtlichsten, schärfsten Strafen heimsuchte und dieselben oft auf Kinder und Kindeskinder ausdehnte, so können wir nicht umhin, als ganz bestimmt anzunehmen, daß in dem einzig und alleinig wahren Gott auch Zorn und Rache wohnt, und das um so bestimmter, als solche Eigenschaft auch in allen Seinen Geschöpfen nur zu vorherrschend anzutreffen ist!
GEJ|6|110|3|0|Es kommt nun bei uns Geschöpfen nur darauf an, in welche der in uns vorhandenen Eigenschaften wir uns vorwaltend hineingelebt haben und nach denselben handeln; denn in denselben und gleichen Eigenschaften wird sich auch Gott gegen uns verhalten. Sind wir gut, weise, liebevoll gegen Gott und unsere Nebenmenschen und barmherzig, demütig und geduldig, so wird Gott gegen uns eben auch also sein zu jeder Zeit. Er wird in uns erwecken das Bewußtsein des ewigen Lebens, und wir werden strotzen von allen Segnungen. Sind wir aber das Gegenteil, dann wird auch Gott gegen uns gleich also sein und uns züchtigen in einem fort, und das auf so lange, als wir uns nicht völlig nach Seinem Willen gebessert haben. Und siehe, darin besteht denn auch die höchste Gerechtigkeit Gottes, ohne welche Eigenschaft Gott unmöglich ein vollkommen wahrer Gott wäre!
GEJ|6|110|4|0|Denn Gott, der allsehende, allwissende und allfühlende, muß ja sicher doch auch zu beurteilen imstande sein, was da gut und böse ist, das heißt, was da ist entweder in Seiner ewigen Ordnung, oder was da ist wider dieselbe, und muß dann das Geschöpf, das Er mit Vernunft und freiem Willen begabt hat und zu einem höheren Lebenszwecke auf dieser Erde erheben will, durch eine gerechte Erziehung auch entweder belehren oder strafen.
GEJ|6|110|5|0|Unser allein wahrer Gott ist daher alles in allem. Er ist die höchste und reinste Liebe, aber auch die höchste und unerbittlichste Gerechtigkeit Selbst. Meine Liebe, so du Myriaden von Jahren fortlebtest, handeltest aber immer wider den erkannten Gotteswillen, so würde Er dich nicht erhören, so du Ihn auch Tausende von Jahren auf den Knien bätest, daß Er dich von deinem Elende befreien möchte. Aber sobald du dich ermannst, allen Ernstes Seinen Willen zu dem deinen durch die Tat zu erheben, dann wird dich Gott auch erhören und wird dir helfen nach dem Maße, in welchem du Seinen Willen angenommen hast. Siehe, das ist ein wahrer und richtiger Begriff von dem allein wahren Gott, der den Himmel und diese Erde und alles, was da ist, aus Sich erschaffen hat! – Was sagst du nun dazu?“
GEJ|6|110|6|0|Sagte die Priesterin: „Ja, ja, das klingt ein wenig besser und hat viel aus der Natur Begründetes für sich! Aber ich bin denn ein selbständig denkendes Wesen, habe Verstand und Vernunft, und ich suche und finde keinen Gott, – und wo ist der, der mir kundtäte den erwiesen wahren Gotteswillen, auf daß ich dann nach demselben handeln könnte? Oder habe ich vor diesem meinem Dasein je mit dem treuest wahren Gott irgendeinen Kontrakt abgeschlossen, in dem die Bedingungen festgestellt worden wären, unter denen ich in diese Welt hätte geboren werden sollen, und was dann tun?
GEJ|6|110|7|0|Nein, von dem ist nirgends etwas zu erfragen, sondern der Mensch kommt ohne sein Wissen und Wollen in diese Welt, muß zuerst wegen seiner Unbehilflichkeit und Schwäche sich gar viel von seinen starken Eltern gefallen lassen, was jedoch gut ist, weil der höchst schwache Kindmensch ohne ihre Hilfe sicher in der kürzesten Zeit zugrunde gehen müßte. Mit der Zeit aber wird das Kind ein starker Mensch, und das zu strenge Gehorchen dem elterlichen Willen wäre da bedeutend gemäßigter, – aber da kommt nun der Gehorsam gegen einen höheren Willen Gottes und hemmt den Menschen in allen seinen freien Lebensrichtungen bis zum Grabe hin. Nun, das wäre denn ja schon recht, wenn man sich zuvor einem Gotte dafür verbindlich gemacht hätte; aber von dem ist nirgends auch nur eine Silbe zu erfahren und zum lebendig erinnerlichen Bewußtsein zu bringen!
GEJ|6|110|8|0|Wir Menschen sind offenbar durch eine große Macht und Kraft ins Dasein gerufen. Das lehrt uns unser Selbstbewußtsein. Wer aber diese Kraft ist, und wie sie beschaffen sein mag, das ist eine ganz andere Frage. Wir bringen höchstens so viel heraus, daß sie irgend da sein muß, weil denn doch eine jede Wirkung ihre Ursache haben muß. Aber wo liegt diese Ursache, was ist sie, wie sieht sie aus, und wie wirkt und handelt sie? Wer kann sie suchen, wer kann sie finden und wer vernehmen ihre Stimme und ihren Willen und wer ihr Angesicht schauen?
GEJ|6|110|9|0|Was wir von dieser Kraft und Macht wissen, das wissen wir bis jetzt nur aus dem Munde und aus der frommen Phantasie der Menschen, und zumeist von solchen, die durch ihre eigentümlichen Fähigkeiten auch mit den geheimen Kräften der großen Natur näher vertraut waren und sich dieselben oft auch in einer staunenswerten Ausdehnung auf ihre Lebenszeit dienstbar machen konnten. Diese Art freilich seltener Menschen, die wir gewisserweise Halbgötter nannten, benutzten ihre Naturgabe denn auch gewöhnlich dahin, daß sie den Menschen im Namen eines oder auch mehrerer Götter Lehren und Gesetze gaben, und die leichtgläubigen und blinden Völker glaubten ihnen denn auch ungezweifelt fest und halfen den Wundertätern noch, über sie und ihre Nachkommen nicht selten unerträglich harte Gesetze zu machen und sie mit den grausamsten dies- und jenseitigen Strafen zu sanktionieren. Wenn dann auch ebenso weise und mit vielen außerordentlichen Eigenschaften begabte Menschen dem alten, verrosteten Unsinne mit dem besten Willen von der Welt ein Ende zu machen sich vornahmen, so wurden sie bald oft ganz traurige Opfer der alten, grausamen Gesetze. Und das ist stets also gewesen auf dieser Erde und wird auch fürder also bleiben, weil unserer Erde Natur und Temperatur also ist, daß auf ihrem Boden etwas wahrhaft Gutes nie lange währt, aber desto hartnäckiger und beständiger das Schlechte und Arge.
GEJ|6|110|10|0|Streue aus den reinsten Samen in ein sorgfältig gepflegtes Erdreich, und es wird zwischen demselben dennoch stets eine Menge Unkraut zum Vorscheine kommen! Streue des Unkrautes Samen in ein Erdreich, und du wirst nicht eine Weizenähre mitten aus dem Unkraute von selbst emporkommen sehen! Also muß der Mensch das Gute stets mit einem besonderen Fleiße pflegen, und er hat dabei vollauf zu tun, um es vor allerlei Verderben zu beschützen. Aber trotz allem Fleiße und Eifer so mancher sehr achtenswerter Menschen geht dann mit der Zeit dennoch alle ihre große Mühe derart in Trümmer wie eine große, schöne Stadt, die einst der Glanz der Erde war, von der man später aber kaum mehr weiß, wo sie gestanden ist.
GEJ|6|110|11|0|Ich sage es dir, daß du mir ehedem wahrlich eine ganz annehmbare Definition des Begriffes Gott gegeben hast; aber du als Redner bist ein Mensch, und ich, deine Zuhörerin, bin auch nichts anderes, und ich kann dir da nichts anderes sagen als: deine Erörterung war gerade der reineren Vernunft nicht zuwider, – aber es fehlt ihr dennoch das Wichtigste, nämlich der notwendig klare Beweis, daß es im Ernste einen solchen Gott gibt, von dem du recht Gutes und Annehmbares ausgesagt hast. Kannst du das, dann hast du an uns allen ein gutes Werk getan, und wir werden dich zu loben wissen.“
GEJ|6|110|12|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Diesen von dir verlangten Beweis kann dir niemand anders geben als nur du allein dir selbst, – auch Gott nicht; denn der muß erst durch die Tätigkeit nach dem wahren, geoffenbarten Willen Gottes in dir selbst wach werden! Denn darin liegt eben jenes Wahrzeichen für die Erlangung des ewigen Lebens als eine lebendig wahre Bestätigung, daß der den Menschen geoffenbarte Wille Gottes nicht eines Menschen, sondern des ewig wahren und lebendigen Gottes Wort ist, das in sich selbst Leben, Liebe, Kraft und Weisheit ist. – Mehr kann ich dir nicht sagen, da dieses allein jedem genügt, der danach leben und tun will; mit allem Hin- undherkritisieren aber läßt sich für das Leben der Seele ohnehin nie etwas gewinnen. Willst du aber noch mehr, da wende dich nun nur an unseren Herrn und Meister, der wird dir schon noch ein mehreres zu sagen sehr imstande sein!“
GEJ|6|110|13|0|Sagte die Priesterin: „Freund, das hätte ich auch ohne solchen deinen hier ganz unnötigen Rat gewußt! Du aber hast gleich mit uns zu reden angefangen, und so verlangte es die bessere Lebensart, mit dir zu reden; nun aber scheint es mit deiner Weisheit am Ende zu sein, und so verweisest du mich an den großen und weisesten Meister! Ist auch recht; aber hättest du das gleich anfangs getan, so wäre das mir und uns allen lieber gewesen.“
GEJ|6|111|1|1|111. — Der Weg zur Gotteserkenntnis und Gottesliebe
GEJ|6|111|1|0|Hierauf sagte der Schriftgelehrte nichts mehr; aber Ich sagte zu der Priesterin: „Höre, du stark weltweise Priesterin, es war das einerlei, ob Ich oder dieser Jünger mit dir geredet hat; denn ein jeder Meiner Jünger, der irgend in Meinem Namen den Mund auftut, kann nicht anders reden, als wie ihm von Mir Selbst die Worte in den Mund gelegt werden! Er hat dir gerade das gesagt, was Ich dir gesagt hätte! Daß ihr gar losen Stoiker nichts als den Tod und die endliche völlige Vernichtung eures Daseins in euch fühlet, daran schuldet niemand denn ihr selbst.
GEJ|6|111|2|0|Warum gibt es denn gar viele Heiden, die so gut wie die besten Juden an das Fortleben der Seele nach dem Tode nicht nur fest und ungezweifelt glauben, sondern alles dessen in sich auch fest und lebendig bewußt sind?! Warum seid denn ihr das nicht?
GEJ|6|111|3|0|Ich werde euch aber sagen, was bei und in euch daran schuldet! Sehet, daran schuldet euer Hochmut, eure Selbstliebe und die Gier, vor den Menschen als hochtrabende Viel- oder gar Alleswisser zu glänzen und jeden andern mit den alten, weltweisheitlichen Brocken in den Staub hinabzureden! Wer soll euch denn etwas sagen oder raten, wenn ihr allzeit nur darauf euer Gewicht leget, daß ein jeder nur von euch belehrt werden kann, – ihr aber von niemandem? Darin aber besteht der allergefährlichste Hochmut, dem der Spruch gilt: Wem nicht zu raten ist, dem ist auch nicht mehr zu helfen!
GEJ|6|111|4|0|Solange ihr aber in diesem Hochmute verharren werdet, ebenso lange werdet ihr auch anstatt des Lebens nur den ewigen Tod in euch fühlen; denn der Hochmut treibt die Seele mit aller Gewalt in ihres Leibes Fleisch, und diese, sich in sich selber stets mehr und mehr aufblähend, wird dadurch ordentlich völlig eins mit ihrem Fleische und kann in solch einem Zustande dann nichts anderes fühlen und empfinden als den Tod des Fleisches.
GEJ|6|111|5|0|Wo aber die Seele von ihrem Hochmute absteht und sich demütigt, da isoliert sie sich auch stets mehr von ihres Leibes grobem Fleische und steht mit demselben nur allein durch den ihr verwandten Nervengeist im Verbande. Ist das bei einer Seele einmal eingetreten, dann wird sie auch schon lebensfühlend in sich werden, und bestrebt sie sich, auch mehr und mehr in der Nächstenliebe und dadurch auch in der reinen Liebe zu Gott, den sie in ihrer Demut auch bald und leicht finden wird, recht tüchtig zu werden, so ruft sie dadurch auch ihren jenseitigen Geist aus Gott wach und fängt an, sich mit demselben zu einen. Wenn das aber einmal vor sich geht, dann geht sie schon in das vollkommene, ewige Leben ein und wird dadurch Gott ähnlicher und ähnlicher in allem, und das ewige Leben ist in ihr zur großen Klarheit geworden.
GEJ|6|111|6|0|Solange aber eine Seele in ihrem Welthochmute verharrt und sich von ihren Nebenmenschen über alle die Maßen nur Weihrauch über Weihrauch streuen läßt, so lange versenkt sie sich selbst auch stets mehr in ihr grobes Fleisch und somit auch notwendig stets mehr und mehr in des Fleisches Tod. Welche Worte und welche Taten und Zeichen aber sollen dann einer todvollen Seele den Beweis liefern können, daß sie nach des Leibes Tode fortlebt, und daß es einen einigen und wahrhaftigen Gott gibt?!
GEJ|6|111|7|0|Du meinst nun freilich, daß ein höchst weiser, allwissender und allmächtiger Gott solchem Menschen doch auf irgendeinem Wege ein Licht geben könnte, daß er gewahr würde, daß es mit ihm also steht. Das tut Gott immer; aber der Hochmut des Menschen läßt es nicht zu, daß der Mensch alles dessen in sich innewerden möchte.
GEJ|6|111|8|0|Ich sage es euch: Wer immer einmal anfängt, daran zu denken, daß es einen Gott gibt, der alles, was da ist, erschaffen hat und alles erhält und leitet, der wird auch bald einsehen, daß alles, was da ist, gut und zweckmäßig eingerichtet ist. Er wird aus der weisen Einrichtung auch bald dahin ins klare kommen, daß der Schöpfer alles dessen, was da ist, höchst gut sein müsse. Denkt der Mensch recht oft daran und beurteilt also Schöpfer und Geschöpfe, so wird er den Schöpfer zu lieben anfangen, und von Tag zu Tag, immer mehr und mehr wird sich die Liebe zu Gott im Herzen des Menschen mehren und festen, und diese Liebe ist dann eben der jenseitige Geist des Menschen, von dessen Lichte die Seele durchdrungen und von dessen Lebenswärme sie belebt wird. Und ist das beim Menschen einmal der Fall, so ist es ihm dann auch nicht mehr möglich, sich je irgend einen Tod in sich zu denken.
GEJ|6|111|9|0|Daß aber das leicht ein jeder Mensch mit und in sich bewerkstelligen kann, könnt ihr aus dem entnehmen, daß ein jeder Mensch Augen hat zum Sehen, Ohren zum Hören und den Geruchsinn, den Geschmack, das Gefühl und zu allem dem Verstand, Vernunft und Hände und Füße und einen freien Willen, durch den er nach Belieben seine Glieder in eine Tätigkeit setzen und seine Liebe ordnen kann. Also ausgerüstet, sieht er die Sonne auf- und niedergehen, – also den Mond. Er sieht die Sterne und zahllos viele Arten und Gattungen der Geschöpfe, die er betrachten und aus denen er Gott den Herrn stets mehr und mehr erkennen kann.
GEJ|6|111|10|0|Ein jeder Berg, eine jede Ebene mit den vielen Früchten, ein jeder Strom, alle die verschiedenen und mit aller Schönheit geschmückten Gräser, Pflanzen, Gesträuche und Bäume und die gesamten Tiere geben ihm ja doch Stoff zur Genüge, der ihn über ihr Entstehen und Bestehen zu denken nötigt.
GEJ|6|111|11|0|Denkt aber ein Mensch darüber nach, so wird ihm eine innere Stimme sagen, daß alles das nicht irgend von und aus sich selbst hat entstehen können, sondern daß da ein höchst weiser, liebevollster und allmächtiger Schöpfer dagewesen sein muß, der alles dieses geschaffen und geordnet hat, es jetzt noch forterhält und in einer stets veredelteren und vervollkommneteren Art ewig forterhalten wird, weil Er es schon seit für den Menschenverstand undenklichen Zeiten bis jetzt erhalten hat.
GEJ|6|111|12|0|Wer also sich einen Gott und Schöpfer vorstellt, der muß dann ja doch auch eine große Achtung vor Ihm und Liebe zu Ihm stets mehr in sich wachrufen. Ist aber diese einmal da, so ist auch der Anfang zum inneren Lebendigwerden der Seele in ihrem Geiste da, und wächst dann fort mit der Zunahme der Liebe zu Gott, welche Zunahme um so leichter stattfindet, weil der Liebegeist die Seele stets mehr erleuchtet und sie über das Wesen Gottes in eine stets größere Klarheit gelangt.
GEJ|6|111|13|0|Hat ein Mensch auf diese Weise den Weg zu Gott und somit zum wahren, ewigen Leben gefunden, so kann er dann aus Nächstenliebe solchen auch seinen Nebenmenschen zeigen und ihnen einen rechten Führer abgeben, und er wird dafür von Gott aus mit noch mehr Licht und Weisheit begabt werden, und seine Jünger werden ihn lieben und mit allem Nötigen unterstützen.
GEJ|6|111|14|0|Hättet ihr das von jeher getan – wie ihr schon eben durch euren Mentor, der Platoniker war, auf ganz gutem Wege euch befandet –, so würdet ihr uns nun nicht mit eurem Diogenes vollends totreden wollen; denn ihr hättet da selbst schon eine große Lebensfülle in euch. Aber euer Diogenes und euer geheimer großer Hochmut haben euch ganz verkehrt, und so werdet ihr nun nach Meiner euch hier gegebenen Lehre ganz von vorne euer inneres Leben zu bilden anfangen müssen. Mit recht viel Eifer und Liebe werdet ihr bald große Fortschritte machen; aber so ihr in eurem Eigensinne verharren werdet, so werdet ihr auch verharren in eurem inneren Tode. – Habt ihr das wohl begriffen?“
GEJ|6|111|15|0|Sagte die Priesterin: „Ja, Herr und Meister, das war klar, und ich habe die Wahrheit alles dessen nun ganz wohl eingesehen; aber es wäre das von seiten eines einigen, wahren und allmächtigen Gottes ja eben auch ein leichtes gewesen, uns den Geist unseres verstorbenen Mentors erscheinen zu lassen, weil er uns das als den endgültigen Beweis seiner Seelenlebenslehre oft auf das feierlichste unter Eid versprochen hatte. Wäre er uns erschienen, so wären wir in seinen Lehren befestigt worden und hätten nach ihnen auch unser ganzes Leben eingerichtet; aber da er uns das bis jetzt noch schuldig geblieben ist, so ist es selbstverständlich, daß wir darum an der Wahrheit seiner Lehren zu zweifeln haben anfangen müssen. Warum erschien er uns denn nicht?“
GEJ|6|111|16|0|Sagte Ich: „Er ist euch sieben Male im Traume erschienen und hat euch stets den gleichen Grund angegeben, warum er euch nicht anders denn nur im Traume besuchen kann. Warum glaubtet ihr ihm denn nicht? Weil ihr als sehr schöne Töchter eines Oberpriesters schon zu eitel und zu hochmütig geworden seid und euren braven Mentor schon bei seinen Lebzeiten nur mehr belacht denn irgend mit einem freudigen Lebenseifer angehört habt! Eure Seelen verkrochen sich zu mächtig ins Fleisch; dadurch verloret ihr die zum Geistersehen notwendige Außenlebensäthersphäre, und da war es dem Geiste unmöglich, sich euch ersichtlich zu zeigen.
GEJ|6|111|17|0|Wer aber durch die Fülle seines inneren Lebens auch außer seinem Leibe eine Lebensatmosphäre überkommt, der kann die Seelen verstorbener Menschen sehen und sich mit ihnen über die wichtigsten Lebensdinge besprechen, wann und wie oft er will. Aber dazu gehört freilich eine innere, nahe gänzliche Lebensvollendung.
GEJ|6|111|18|0|Nun aber denket darüber nach, besprechet euch mit euren Männern, die Meine Lehre bereits überkommen haben, und ihr werdet dann schon in euch zu einem rechten Urteile kommen! Ist das einmal geschehen, so werden wir am Abend schon noch etwas hinzutun, das euch etwas mehr erleuchten wird.
GEJ|6|111|19|0|Die Menschen dieser Erde haben die große Bestimmung, selbstmächtige Kinder Gottes zu werden; daher müssen sie auch in aller Selbsttätigkeit aus sich selbst geübt und gebildet werden. – Und nun gut vor dem Abend!“
GEJ|6|111|20|0|Da wurden die Weiber still, und ich begab Mich mit den Jüngern und Hausleuten hinaus ins Freie.
GEJ|6|112|1|1|112. — Der abergläubische Fischmeister am Euphrat
GEJ|6|112|1|0|Wir gingen zu dem Strome hin, und zwar an die Stelle, wo sich das aufgefangene Holzfloß befand, das noch in seiner ganzen Größe unaufgelöst dalag, und wo gerade die Fischer des Jored ihre Netze zu einem größeren Fischfange ausgeworfen hatten. Wir sahen ihnen zu, wie sie einen Zug um den andern vergeblich machten.
GEJ|6|112|2|0|Da sagte Jored zu dem Fischmeister: „Ja, was ist denn das heute? Sind denn gar keine Fische mehr in unserem sonst so fischreichen Strome?“
GEJ|6|112|3|0|Sagte der alte Fischmeister: „Herr, das ist mir selbst ein Rätsel! Es wäre die Zeit sonst sehr günstig, und es kommen auf des Wassers Oberfläche stets eine Menge Bläschen zum Vorscheine, was sonst eines der besten Zeichen zum Fischfange ist. Also haben wir auch keinen Wind, und die Sonne steht gerade in der rechten Neigung; dazu kommt noch, daß der Mond im Aufnehmen und in das Himmelszeichen der Fische getreten ist, was wieder zum Fischfangen außerordentlich gut ist. Sonst habe ich bei so überaus günstigen Umständen stets einen reichen Fang gemacht mit geringer Mühe, heute aber ist alles wie rein verhext. Wir haben nun schon fünf Züge gemacht, und das beinahe über den ganzen breiten Strom, und ich habe den Neptun und der Triton und alle Nymphen dieses Stromes angerufen, aber alles rein umsonst! Nicht ein Fisch kommt uns in die guten Netze! Es ist schon rein zum Verzweifeln!
GEJ|6|112|4|0|Da unten die Fischer in Malaves sollen gestern eine ungeheure Menge Fische gefangen haben; sie müssen einen Zauberer unter sich haben. Aber auch ich verstehe mich auf allerlei Fischverzauberungsdinge und habe bereits schon alle angewandt; aber es nützt heute alles nichts! Alle Auspizien (Voraussetzungen) sind gut, und doch kein Erfolg! Jetzt sage mir ein Mensch, was denn doch da um aller Götter willen dahinter stecken mag! Am Ende sind die Götter alle auf uns zornig geworden, weil der fremde Magier ihre Statuen, die wir verehrten, auf einen Wink vernichtet haben soll, – was ich gehört, wovon ich mich aber noch nicht selbst überzeugt habe. Wenn die Sache wahr wäre, mein Herr, da möchte es mit uns bald sehr schlimm aussehen; denn die einmal erzürnten Götter sind so leicht nicht wieder zu besänftigen. Das würde uns große Opfer kosten! Aber ich will nun doch noch ein paar Züge versuchen; fallen die auch leer aus, so tue ich heute nichts mehr!“
GEJ|6|112|5|0|Sagte Jored: „Tue das, vielleicht kommt doch etwas zum Vorscheine!“
GEJ|6|112|6|0|Darauf ordnete der Fischmeister schnell wieder einen neuen Zug an. Es ging alles in der besten Ordnung, und als das Netz an das Ufer gebracht ward, da war es wieder wie früher leer, was dem Fischmeister viel Ärger machte, und worauf er sagte (der Fischmeister): „Ich sage es ja: heute ist ein verhexter Tag, und da ist jede Arbeit und Mühe vergeblich! Wenn ich nun noch einen Zug anordne, so wird er sicher wieder genau also ausfallen, wie dieser ausgefallen ist, und ich glaube, daß man für heute diese Arbeit einstellen sollte. Wenn du für heute Fische benötigst, so können sie von Malaves hergeschafft werden; denn die dortigen Fischer sollen gestern einen großen Vorrat gefangen haben. Auch soll ein Magier durch einen geheimen Zauberschlag ihre Häuser in einem Moment derart hergestellt haben, daß sie uns Stadtbewohner ganz ordentlich auslachen könnten! Was in dieser lieben Welt doch alles zum Vorscheine kommt, – ja, es kennt sich jetzt schon kein ordentlicher Mensch mehr aus! Was meinst du, Herr, sollen wir uns noch einmal die sicher sehr vergebliche Mühe machen, oder sollen wir lieber diese Arbeit für heute einstellen?“
GEJ|6|112|7|0|Sagte nun Ich: „Höre, du Mein alter, sehr abergläubischer Fischer, solange aus dem Wasser die gewissen Bläschen aufsteigen, ist das fürs Fischen nie ein gutes, sondern allzeit ein schlechtes Zeichen, weil das ganz natürlich anzeigt, daß die Fische am Boden ruhen. Denn um das zustande zu bringen, müssen, durch ihren Instinkt geleitet, sich ihre Luftsäcke, die sie im Leibe haben, der Luft entledigen, und das macht bei einem fischreichen Wasser stets die Erscheinung des Aufsteigens der gewissen von dir bemerkten Bläschen. Wenn du diese Bläschen vermissest, dann erst wirf die Netze aus, und du wirst Fische in Menge bekommen! Denn wenn der Fisch aus seinem Luftsacke keine Luft mehr ausstößt, dann braucht er sie, weil er nur durch sie auf die Oberfläche heraufkommen kann.
GEJ|6|112|8|0|Siehe, nun hat das Aufsteigen der Bläschen aufgehört, und die Möwen und Reiher fangen an, ins Wasser zu stoßen! Jetzt mache noch einen Zug, und du wirst ohne alle Zauberei Fische in die schwere Menge bekommen!“
GEJ|6|112|9|0|Dem Fischmeister wollte das zwar nicht sehr einleuchten, doch weil es ihm auch sein Dienstherr Jored befahl, so ordnete er noch einmal einen Zug an, warf die Netze aus und bekam eine solch kolossale Menge Fische, daß er die Netze kaum ans Ufer zu bringen imstande war. Nun gab es natürlich Arbeit über Arbeit, um die vielen und zumeist sehr großen Fische in den Behältern unterzubringen.
GEJ|6|112|10|0|Nach einer Stunde waren diese untergebracht, und der Fischmeister konnte sich nicht genug verwundern über diesen nun auf einmal so überreichen Fischfang und sagte am Ende seines Staunens: „Das soll zwar keine Zauberei gewesen sein, – aber ich sage: Das war dennoch die höchste und noch nie dagewesene Zauberei aller Zaubereien! Der Mann, der mir riet, noch einen Zug zu machen, scheint mir mehr zu wissen und zu kennen, als bloß die reiche Fischfängerei aus dem Ausbleiben der Bläschen und aus der Aktion der gewissen Wasservögel einem alten Fischmeister zu verkünden. Am Ende ist eben er derjenige, der die Statuen des Tempels wegzauberte und den Malavesern bessere Wohnungen hinhauchte! Aber lassen wir nun das, und ich frage nun bloß, ob wir noch einen Zug wagen sollen!“
GEJ|6|112|11|0|Sagte Ich: „Tuet das, und ihr seid dann auf Wochen lang versorgt!“
GEJ|6|112|12|0|Da beeilten sich die Fischer und machten noch einen Zug, der ebenso reich ausfiel wie der frühere.
GEJ|6|112|13|0|Als die Fische in den großen, leeren Behältern untergebracht worden waren, da befahl der Fischmeister seinen Dienern, die Boote und das Fischerzeug in Ordnung zu bringen, und er trat darauf zu Mir hin und sagte: „Höre, du mir bis jetzt noch ganz unbekannter Mann! Du kannst und verstehst mehr, als was sonst ein gewöhnlich erfahrener, kluger Mann kennen und verstehen kann! Du mußt die große Magie irgendwo tief in Hinterindien studiert haben; denn hier unter den Griechen und teilweise Römern und Juden ist so etwas völlig unerhört. Diesen reichen Fischfang hast allein du uns in die Netze hineingezaubert! Ich bin ein alter Fischer; aber noch nie habe ich, selbst in der allerbesten Fischzeit, einen solchen Fang – und das von lauter Edelfischen – gemacht. Oh, mit dir möchte ich wohl so manches und vieles reden; denn du mußt viel gelernt und viel erfahren und auch schon von der Geburt an viele Talente besessen haben! Dich müssen die Götter wahrlich sehr stark angehaucht haben, weil in dir dein Wille zu einer solchen Macht gediehen ist!“
GEJ|6|112|14|0|Sagte nun Jored: „Ganz gut, mein alter, treuer Diener, wir werden davon einmal allein noch vieles reden! Aber nun sorge du, daß für den heutigen Abend noch einige der schönsten und besten Fische in die Küche geschafft werden; denn wir wollen noch heute davon einen Genuß haben! Sorge aber auch, daß ihr mir nicht irgend zu kurz kommet!“
GEJ|6|112|15|0|Das tat der Alte sogleich, war aber darauf bald wieder bei uns, indem wir unterdessen uns an den Floßholzstämmen gelagert hatten, um von da zu betrachten, wie eine große Menge von großen Möwen und Reihern ihre Auskundschaftungen über die großen und offenen Fischbehälter anzustellen anfingen und unter sich gewisserart einen Rat hielten, wie aus diesen ein Fisch zu bekommen wäre.
GEJ|6|112|16|0|Da fragte Mich der Fischmeister, sagend: „Du lieber Mann, was wäre denn da gegen diese befiederten Fischdiebe zu unternehmen, damit sie uns in den Behältern keinen Schaden anrichten können? Denn sieh, wenn diese Tiere dir auch keinen von diesen großen Fischen aus dem Wasser zu heben imstande sind, so verwunden sie aber die Fische dennoch mit ihren langen und spitzigen Schnäbeln durch ihr pfeilschnelles Herabstoßen. Die Fische werden dadurch krank und sind nicht mehr so gut für den menschlichen Genuß, oder sie verenden gar nach einer stärkeren Verwundung, werden von diesen Vögeln als auf der Wasseroberfläche tot schwimmend derart zerfleischt, daß sie am Ende zu Boden sinken und das Wasser im Behälter verpesten, was dann für die gesunden Fische auch nachteilig wirkt. Dir wird dagegen sicher auch ein Mittel bekannt sein! Habe doch die Güte und gib es mir kund!“
GEJ|6|112|17|0|Sagte Ich: „Du meinst noch immer, daß Ich ein Zauberer sei; aber Ich sage es dir für ganz wahr und bestimmt, daß das bei Mir nicht im geringsten der Fall ist und sicher nie war. Daher werde Ich dir da bloß als ein naturkundiger Mensch auch ein ganz natürliches Mittel ansagen, und dieses besteht darin: Decke die Behälter mit einem alten Fischnetze zu, dergleichen ihr genug habt, und diese Vögel werden durch das Netz den Fischen nichts mehr anhaben können! Siehe, das ist ganz wahr etwas Natürliches und leicht ohne alle Zauberei Ausführbares, und wenn es gut und fleißig gemacht ist, so ist es auch von einer entschieden guten Wirkung!“
GEJ|6|112|18|0|Hier ging der Alte wieder, da er die Sache gut fand, berief seine Diener und setzte Meinen Rat schnell ins Werk und hatte darauf selbst eine Freude, dadurch den gefräßigen Vögeln einen solchen Riegel vor ihre lüsternen Schnäbel gesteckt zu haben.
GEJ|6|113|1|1|113. — Die rechte Art religiöser Belehrung
GEJ|6|113|1|0|Meine Jünger aber meinten und fragten Mich, warum Ich denn diesem Fischer Mich nicht näher geoffenbart habe.
GEJ|6|113|2|0|Ich aber sagte: „Das weiß und verstehe Ich am allerbesten! Für den ist es besser, daß er es später von den hiesigen Lehrern noch früh genug erfahren wird, mit wem er es in Meiner Person zu tun gehabt hat. Er ist zu sehr in seiner Idee, daß Ich ein Zauberer sei, befangen, und mit derlei Menschen ist da für weiter in der kurzen Zeit nicht wirksam gut zur Genüge auszukommen. Er wird nachderhand von diesen Hausleuten über uns, und namentlich über Mich, schon belehrt werden, und das zumeist von dem Arzte, der alles am meisten aufgefaßt hat, und dem Ich auch die Fähigkeit erteilte, mittels Auflegung der Hände allerlei Krankheiten zu heilen. Dann wird er seinen Zauberer bald verabschieden und von Mir den rechten Begriff bekommen.
GEJ|6|113|3|0|Ich sage es euch allen: Wenn ihr jemand von den Heiden belehret, so dürfet ihr nirgends gleich samt der Tür ins Haus fallen, sondern ihr müsset zuvor den Menschen genau erforschen und daraus erkennen, von welcher Seite er zugänglich ist; denn habt ihr ihn bei einer unzugänglichen Seite gefaßt, so habt ihr euch die Arbeit nur selbst erschwert, und ihr werdet dann zu tun haben, um solch einen Menschen auf den rechten Weg zu bringen. Daher kann Ich euch nicht oft genug sagen: Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben!
GEJ|6|113|4|0|Ihr wisset es nicht, welche Gewalt eine falsche Begründung eines Menschen über sein Gemüt ausübt. So ihr aber erfahret, worin diese besteht, so dürfet ihr den Menschen niemals direkt bei solcher seiner am meisten gepanzerten Seite anpacken, sondern nur dort, wo er am allerschwächsten ist, was ihr bald herausfinden könnet. Habt ihr ihn da überwunden, nun, so wird es dann gar nicht mehr schwer sein, sich auch seiner starken Seite zu bemächtigen. Ihr müsset euch also allzeit so verhalten und müsset auch also handeln wie ein geschickter und sehr gewandter Feldherr. Ein geschickter und gewandter Feldherr wird durch seine verläßlichen Spione den Feind auskundschaften lassen, wo derselbe irgend seine schwächsten Seiten hat. Weiß er nun das, so wird er dem Feinde auf seiner stärksten Seite nur ganz unbedeutende Beschäftigungen geben, um ihn zu täuschen; aber von seiner schwächsten Seite wird er ihm in den Rücken fallen und ihn ohne weiteres schlagen und besiegen.
GEJ|6|113|5|0|Auch müsset ihr euch also verhalten wie ein sehr geschickter Arzt, der die Krankheit eines Menschen und ihren Sitz wohl erkannt hat. Was tut er? Seht, da, wo die Krankheit sitzt, tut er nichts und kann oft auch nichts tun! Aber er gibt dem Kranken solche Mittel, die die Krankheit ableiten auf die gesunden Teile des Leibes, von da zum Teil durch den Schweiß und zum Teil durch den Magen und die Gedärme, – und der Kranke wird gesund. Wo die Krankheit als der Feind sich stark hingesetzt hat, da ist mit ihr nichts anzufangen, sondern man zerteile sie durch gute und rechte Mittel, und man wird sie dann leicht in ihrer Schwäche besiegen.
GEJ|6|113|6|0|Sehet und höret weiter! Dieser Fischmeister – der nun nicht hier ist, darum Ich mit euch auch also ganz frei reden kann – ist in seiner stärksten Begründungsseite ein Magier. Er glaubt an gewisse Sprüche, Amulette, Salben, an die Mondstände und -viertel, an die Sonne, Wolken, Luft und Vogelzüge und noch an tausend andere Dinge so fest, daß er dem ganz entsetzlich gram werden würde, der ihm da schnurgerade entgegenträte. Mit solch einem Menschen würde er dann sicher sehr wenig irgendwann mehr verkehren, weil er ihn für zu dumm und seiner Weisheit unwürdig halten würde.
GEJ|6|113|7|0|Aber er ist sonst ein ganz guter und ehrlich treuer Mensch und hat seine Freude daran, von jemandem etwas Neues und Besonderes zu erfahren, – und sehet, das ist eben seine schwache Seite! Bei der muß man ihn fassen und ihm die Dinge in einem ganz naturwahren Zustande darstellen und erklären, und er wird dann schon geheim bei sich selbst den Zauberer hinauszuschaffen anfangen, weil er auf der andern Seite stets mehr und mehr einzusehen anfangen wird, daß seine ganze Zauberei auf lauter hohlem Boden basiert ist.
GEJ|6|113|8|0|Es ist darum auch gut, die Menschen, die man für die Wahrheit gewinnen will, sich vorher ganz vom Grunde aus ihrer falschen Begründungen entäußern zu lassen. Haben sie das mit aller Energie – wie die Weiber der Priester – getan, dann haben sie in sich keine weitere Hauptkraft mehr und fangen dann erst an, ein aufmerksames Ohr auf den Gegner zu haben, fangen dann auch an, in seine höheren Wahrheiten einzugehen, verwerfen von selbst ihre falschen Begründungen, und man hat sie gewonnen.
GEJ|6|113|9|0|Darum nehme es euch nicht wunder, so Ich mit derlei Menschen nur ganz wie ein natürlicher Mensch rede; denn Ich sehe ja jeden Menschen gleich durch und durch und erkenne nur zu klar seine starken und schwachen Seiten und weiß denn auch, was Ich ihm zu sagen und zu tun habe! Und wenn das menschliche Gemüt nicht zu sehr vom Hochmute und vom Geize gefangengenommen ist, kann ein jeder für die Wahrheit gewonnen werden; aber der Hochmut und der Geiz sind bei den Menschen stets am schwersten zu besiegen. Das merket euch denn auch, und so ihr danach handelt, so werdet ihr leicht handeln und stets die besten Erfolge erzielen!“
GEJ|6|114|1|1|114. — Die Schlange als Vorbild
GEJ|6|114|1|0|Sagte Petrus: „Herr, wie sagtest Du: daß wir klug sein sollen wie die Schlangen? Die Schlange ist ja doch das Sinnbild alles Bösen und Schlechten, ein Symbol des Satans, der durch seine Arglist in der Gestalt einer Schlange das erste Menschenpaar verführte! Die Schlange mag in ihrer bösen Tücke immerhin sehr listig sein; aber welcher ehrlich gute Mensch wird sie gegen seine Nebenmenschen in ihrer Tücke nachahmen wollen?! Kurz, dieses Dein Gleichnis verstehe ich noch immer nicht so recht! Erkläre uns das!“
GEJ|6|114|2|0|Sagte Ich: „Wie lange werde Ich euch denn noch ertragen müssen! Sehet ihr denn auch das noch nicht ein, was doch so sonnenklar vor euren Augen liegt? Sagte Ich denn nicht, daß ihr die kluge List der Schlange euch aneignen sollet, aber nicht auch ihre damit verbundenen bösen Zwecke, darum ihr im Besitze solcher Klugheit aber dennoch gut und sanft gleich den Tauben verbleiben sollet?
GEJ|6|114|3|0|Betrachtet aber nur einmal eine Naturschlange, und ihr werdet finden, daß eben dieses Getier klüger ist denn jedes andere der Erde. Die Naturkundigen sagen, daß der Löwe der König der Tiere sei, und Ich sage euch, daß das die Schlange ist; denn wenn schon der Löwe vermöge seiner Stärke alle andern Tiere in einem Kampfe besiegt, so flieht er aber doch vor der Schlange, und so sie ihn auf ihrer Lauer umringt hat, dann ist er verloren und wird ihr zu einer erbärmlichen Beute. Kurz und gut, die Schlange besitzt die größte Überlegung und sucht sich den Platz zu ihrer Jagd mit der möglichsten Vorsicht und förmlicher Berechnung aus, und die Beute, für die sie sich auf irgendeine Lauer gestellt hat, entgeht ihr nie. Nur allein der Mensch ist ihr Herr, sonst aber kein Geschöpf auf der Erde, besonders wenn sie einmal erwachsen ist und ihre volle Kraft erreicht hat. Ich rede hier von den wirklichen Schlangen und nicht von ihren kleinen Abarten, die aber auch noch klüger sind denn gar viele große Tiere.
GEJ|6|114|4|0|In Indien und auch in Afrika, wo es viele von allerlei reißenden Tieren gibt – als Löwen, Panther, Tiger und Hyänen, also auch böse Affen und noch andere böse Tiere –, werden die Schlangen von den Menschen zu ihren sichersten und verläßlichsten Wächtern abgerichtet. Wo um eine Wohnung der Menschen, wie sie auch immer beschaffen sein mag, die Schlangen Wache halten, dahin kommt sicher nie irgendein Raubtier; sogar der Elefant und das mächtige Nashorn haben eine große Scheu vor diesen Hauswächtern. Sie tun aber auch den Haustieren keinen Schaden, so sie von den Menschen sonst mit dem nötigen Futter versehen werden. Sowie aber die Menschen sie hungern lassen, da verlassen sie dann ihre Wohnungen und gehen auf den Raub aus.
GEJ|6|114|5|0|Zugleich sind die Schlangen durch einige Mühe derart zu zähmen und abzurichten, daß sie auf ein gegebenes Zeichen alles tun, was man – nach ihrer Fähigkeit – von ihnen verlangt. Das ist denn doch auch ein Zeichen von der ganz besonderen Intelligenz dieser Tiere. Je mehr Intelligenz aber irgendein Tier besitzt, desto leichter ist es zu irgendeinem guten Gebrauche abzurichten, und um so klüger ist es auch in sich und für sich selbst.
GEJ|6|114|6|0|Ich habe euch nun einen förmlichen Naturlehrer gemacht, und so denket auch darüber nach, auf daß ihr Mich dann nicht wieder um eine Erklärung angehet, so Ich euch irgend bei einer andern Gelegenheit auf dieses Gleichnis aufmerksam machen werde! – Habt ihr Mich aber wohl auch verstanden, was Ich euch damit habe sagen wollen?“
GEJ|6|114|7|0|Sagte Petrus: „Ja, hochgelobt sei Dein Name; denn Dir sind alle Dinge wohl bekannt, und so Du etwas erklärst, da wird es dem Menschen klar, und mir ist darum auch dies alles höchst klar! Wir werden uns aber in der Folge auch allenthalben also zu benehmen wissen.“
GEJ|6|115|1|1|115. — Die Floßdiebe
GEJ|6|115|1|0|Als Petrus solches geredet hatte, da ersah man mehrere Flöße die stromabwärts gerudert wurden, damit dieselben schneller schwammen, als da von selbst fließt das Wasser.
GEJ|6|115|2|0|Da fragte Petrus den Jored und sagte: „Freund, warum rudern denn diese also, wie man es bei einem Strome, der ohnehin einen schnellen Lauf hat, nicht zu tun pflegt?“
GEJ|6|115|3|0|Sagte Jored: „Das sind Flößer, die wahrscheinlich noch heute nach Samosata kommen wollen. Es ist aber hier ein alter Brauch, daß Flößer am Tage, das heißt solange die Sonne noch nicht untergegangen ist, hier zollfrei vorüberfahren können; wenn sie aber daherkommen, wenn die Sonne schon untergegangen ist, so müssen sie hier landen und den Zoll entrichten, ansonst sie bestraft werden. Siehe, darin liegt der Grund, warum diese ihre Flöße nun gar so sehr stromabwärts treiben! Wenn sie so fortfahren, so sind sie in zwei Stunden leicht in Samosata und kommen dort noch in der straflosen Zeit an. Um eine halbe Stunde später müßten sie dort schon eine Strafe bezahlen. Siehe, also stehen diese Sachen!“
GEJ|6|115|4|0|Sagte Petrus: „Ja, aber warum da eine Strafe? Bei mir am Galiläischen Meere kann ein Schiff ankommen, wann es kann und mag, so braucht es darum keine Strafe zu bezahlen; denn man kann ja für zufällige und unvorhergesehene Hindernisse nicht, durch die man auf dem Wasser gar oft im Vorwärtskommen beirrt werden kann. Warum da eine Strafe?“
GEJ|6|115|5|0|Sagte Jored: „Freund, du hast zwar in deiner Weise recht; aber auch diese Strafe hier ist recht und gerecht. Denn alle die Wasserfahrer an diesem mächtigen Strome bis dahin, wo er schiffbar wird, wissen es genau bei jedem Stande des Wassers, wann sie von ihrem Stapelplatze abzugehen haben, um zur rechten Zeit an einem nächstbestimmten Orte anzukommen. Halten sie diese Ordnung nicht ein, so können sie bei einer zu lange in die Nacht hineindauernden Fahrt leicht ein Unglück haben, da der Strom viele recht gefährliche Stellen hat, wo sich selbst alterfahrene Flößer am Tage zusammennehmen müssen, um unbeschadet durchzukommen. In der Nacht dürfte es wohl sehr schwer sein, solche gefährlichen Stellen ohne Unglück zu passieren. Um die aus der Nichtbeachtung der allgemein bekannten Stromfahrtgesetze leicht erfolgenden Unglücke soviel als möglich zu verhüten, hat man eben mit Einstimmung des Kaisers diese Stromfahrtgesetze sanktioniert und deren Übertreter mit einer angemessenen Geld- oder Warenstrafe belegt, verwendet diese Strafgelder aber dann zur Erhaltung guter Landungsplätze und zur Hinwegschaffung zufällig im Strome entstandener Hindernisse, zu welchem Zwecke auch teilweise die Wasserzollgelder und Landungszinsen verwendet werden. Und siehe, Freund, also ist diese ganze Sache ja doch eine gerechte?!“
GEJ|6|115|6|0|Nun aber sagte Ich: „Freund Jored, was ist denn dann, wenn zum Beispiel – wie es hier der Fall ist – Diebe mit schon auf dem Wasser zusammengebundenen Flößen, die zur Abfahrt zu einer bestimmten Zeit bereitstehen, zur Nachtzeit die Floßwache unschädlich machen, die Flöße ablösen und eiligst davonfahren, was jetzt bei dem etwas höherem Wasserstande ganz leicht möglich ist?“
GEJ|6|115|7|0|Sagte Jored: „Herr, was sagst Du?! Wenn also, da müßten wir sie ja augenblicklich anzuhalten und einzufangen trachten! Sie kommen nun gerade schon in unsere Nähe!“
GEJ|6|115|8|0|Sagte Ich: „Lasse das nur fein gut sein; denn sie wären schon lange bei uns vorübergefahren, so Ich sie trotz aller ihrer Tätigkeit nicht an ihrem Weiterkommen behindert hätte! Aber nun kommen sie ganz langsam dennoch nahe an uns heran, und wir werden sie dann schon aufzuhalten verstehen!“
GEJ|6|115|9|0|Sagte Jored: „Na wartet, ihr bösen Spitzbuben, euch soll euer Handwerk gelegt werden! – Herr, haben sie die Floßwächter etwa gar ermordet?“
GEJ|6|115|10|0|Sagte Ich: „Allerdings, aber diese bestanden in Wachhunden. Diese Tiere verteidigten die Flöße gar grimmig, und es wurden zwei der Diebe von ihnen gebissen; aber am Ende des Gefechts mußten die Tiere den Hieben dieser Diebe erliegen, wurden ins Wasser geworfen, und die Diebe lösten schnell die Flöße und fuhren eher ab, als die Menschen, durch den Hundelärm geweckt, herbeikommen konnten. Es sind ihnen wohl gleich darauf Menschen zu Wasser und zu Land nachgefolgt, haben sie aber bis jetzt noch nicht einholen können. Die zu Wasser werden nun wohl nicht gar lange auf sich warten lassen; aber die zu Lande werden kaum bis um die Mitternacht hier ganz erschöpft anlangen. Wir werden sie, diese Flößer nämlich, hierher ans Ufer ziehen, sowie die Sonne untergeht, was sogleich erfolgen wird, und du, Jored, fordere ihnen durch deine Beamten gleich den Landungszins ab! Währenddessen werden die sie verfolgenden Eigentümer dieser Holzflöße nachkommen, und es wird das eine ganz absonderliche Geschichte abgeben! Laß nun deine Beamten nur ans Ufer treten; denn sie werden nun bald ans Ufer stoßen müssen, weil Ich es also haben will!“
GEJ|6|115|11|0|Jored beorderte nun schnell seine Beamten, und diese kamen und erwarteten die Flöße, ohne aber zu wissen, welchen Gelichters die Flößer seien. Es kam das erste Floß dicht ans Ufer, und der Beamte forderte von den vier darauf befindlichen Flößern das Geld.
GEJ|6|115|12|0|Aber diese (die Flößer) sagten: „Wir wollten ja weiter, – aber es hielt uns da eine unsichtbare Macht auf und zog uns völlig ans Ufer her; darum zahlen wir nichts, da wir ohne unser Wollen hier behindert worden sind. Auch haben wir kein Geld und werden erst, so wir zurückkommen, unseren Zins bezahlen.“
GEJ|6|115|13|0|Sagte der Beamte: „Das geht bei uns nicht an! Könnt oder wollt ihr nicht zahlen, so bleiben die Flöße unterdessen als Pfand hier, bis ihr sie auslösen werdet!“
GEJ|6|115|14|0|Da wollten die Flößer doch zahlen; aber man sollte sie sogleich wieder weiterfahren lassen, denn sie wären gute und sehr geschickte Nachtfahrer.
GEJ|6|115|15|0|Aber der Beamte verweigerte ihnen solches und sagte: „Zahlet, und fahret morgen zur gesetzlichen Zeit ab! Zahlet ihr jetzt nicht, so ihr Geld habt, so werdet ihr am Morgen das dreifache zu zahlen haben!“
GEJ|6|115|16|0|Als die Floßdiebe das vernahmen, da zahlten sie dennoch den Zins und banden das Floß ans Ufer; aber vom Floße herab wollten sie nicht treten. Dasselbe geschah auch mit den noch nachfolgenden fünf Flößen, und als also der Landungszins bezahlt war, da bemerkte man auch schon das diesen sechs gestohlenen Flößen nacheilende Floß mit acht Menschen, die auch gar gewaltig stromabwärts ruderten. Es dauerte kaum einige Augenblicke, und das Floß stieß an unser Ufer.
GEJ|6|115|17|0|Diese acht Flößer erkannten sogleich ihre gestohlenen Flöße und sagten mit zornglühenden Augen: „Haben wir euch, ihr uns schon lange bekannten schlechten Spitzbuben?! Na wartet, euch soll euer Floßstehlen von nun an sicher für alle Zeiten vergehen! Dieses Holz ist nach Serrhe zu einem wichtigen Baue bestimmt, und wir haben es selbst gar aus Cappadocia, und zwar aus Arasaxa, Tonosa und Zaona bis nach Lacotena in Mesopotamien, allwo wir zu Hause sind, mit großen Kosten bezogen, und ihr gewissenlosesten Schurken habt es uns auf eine gar so schnöde Weise stehlen wollen, ohne selbst zu eurer Sicherheit so weit gedacht zu haben, daß ihr uns mit diesem schweren Holze nicht entkommen könnet und wir die Mittel haben, euch bis tief nach Indien zu verfolgen! Diesmal werdet ihr eurer gerechten Strafe nicht entgehen!“
GEJ|6|115|18|0|Hierauf ersahen sie den ihnen sehr bekannten Zöllner Jored, gingen hin und zeigten es ihm an.
GEJ|6|116|1|1|116. — Die Floßbesitzer und der Herr
GEJ|6|116|1|0|Jored aber sagte zu ihnen: „Seid nun vor allem froh, daß ihr das Holz wieder habt; was ihr mir aber hier anzeiget, das habe ich vor nahe einer Stunde schon gewußt durch einen Fremden, der Sich mit Seinen Jüngern schon ein paar Tage bei mir aufhält. Dem aber habt ihr es auch allein zu verdanken, daß ihr zu eurem teuren Holze wieder gekommen seid; denn ohne Den wäre euer Holz wahrscheinlich schon über Samosata hinaus. Denn diese wären Tag und Nacht bis tief nach Persien oder gar Indien fortgefahren, und hättet ihr sie auch eingeholt, so hätte euch das auch nichts genützt, da sie, als vierundzwanzig Mann an der Zahl, euch dreimal überlegen gewesen wären. Darum seid vor allem froh, daß ihr euer Holz wieder habt, und danket dafür dem einen Manne; denn ohne Den wäret ihr nie wieder zu eurem Holze gekommen!“
GEJ|6|116|2|0|Sagten die Flößer: „Ja, ja, Freund, das werden wir allerdings tun, und der gute Mann wird mit uns sicher sehr zufrieden sein; aber zuvor muß denn doch dafür gesorgt werden, daß diese elenden Schurken den Gerichten überantwortet werden?!“
GEJ|6|116|3|0|Sagte Jored: „Sehet sie an auf den Flößen! Keiner von ihnen kann sich entfernen und irgendeine Flucht ergreifen! Wer hält sie fest? Ich sage es euch: bloß der eine Mann; denn hielte Der sie nicht, so wären sie schon lange ins Wasser gesprungen und hätten als sicher gute Schwimmer das jenseitige Ufer erreicht, und wir hätten ihnen auf dem Wege nicht nachsetzen können! Aber so will es der eine Mann, und es kann nicht anders geschehen, als wie gerade nur Er es will. Und ich sage euch das, daß ihr nicht Hand an die Diebe leget, sondern alles Gericht über sie dem einen Manne anheimstellt, und ihr werdet da das Beste tun!“
GEJ|6|116|4|0|Sagten die Flößer: „Wenn also – womit wir ganz einverstanden sind –, so führe uns zu dem merkwürdigen Manne hin, und wir wollen selbst mit ihm reden!“
GEJ|6|116|5|0|Sagte Jored: „Sehet, dieser hier knapp an meiner Seite ist es!“
GEJ|6|116|6|0|Hier knirschten die Diebe aus Zornwut Mir ihre Zähne entgegen und hätten Mich gerne laut zu verwünschen angefangen; aber Ich hatte ihnen schon zuvor den Mund gesperrt, das heißt zum Reden, und so glichen sie den Stummen, die auch nichts reden können.
GEJ|6|116|7|0|Die Flößer aber verneigten sich tief vor Mir und sagten: „Freund, daß dir ungemeine Kräfte und Eigenschaften innewohnen, das haben wir aus dem ersehen, was uns unser Freund Jored von dir ausgesagt hat! Wer du bist, und wie du zu solchen wunderbarsten Eigenschaften gekommen bist, das geht uns Lacotenaer nichts an; aber da wir durch die Freundlichkeit des lieben Oberzöllners Jored es erfahren haben, daß wir allein dir alles zu verdanken haben, und daß wir es ganz allein dir überlassen sollen, die Schurken nach Gebühr zu richten und zu züchtigen, so bitten wir dich als allzeit ehrliche Bürger aus Lacotena, du wollest uns gütigst bestimmen, was wir dir für deine unschätzbare Bemühung zu unserem großen Vorteile schulden, und daß du nach deinem sicher allzeit gerechtesten Ermessen die argen Diebe richten möchtest.“
GEJ|6|116|8|0|Sagte Ich: „Seid ruhig, – was Ich tue, das tue Ich ohne Entgelt! Ihr aber habt Arme in eurer Stadt; denen erweiset Gutes und denket, daß auch die Armen Menschen und eure Erdenbrüder sind! Seid nicht karg gegen sie, und gebet ihnen gerne von eurem großen Überflusse, und ihr werdet dadurch am allerergiebigsten eure Gegend vor Dieben und Räubern sichern und reinigen! Vor allem aber sei euch gesagt, daß eben auch diese Diebe sehr arme Tröpfe sind, und daß sie nicht so sehr ein böser Wille, sondern nur ihre Armut zu dieser und noch anderen, schon früheren, kleineren Diebereien genötigt hat.
GEJ|6|116|9|0|Wenn diese Menschen, die recht kräftige Arbeiter sein könnten, irgend von gerecht und bieder denkenden Dienstgebern in eine angemessene Arbeit gegen eine verhältnismäßige Belohnung genommen würden, so würden sie sicher sehr gerne dies ihr schnödes Treiben aufgeben. So aber das der Fall nicht ist, da bleibt ihnen denn auch wahrlich sonst nichts übrig, als bei dem zu verbleiben, was sie nun notgedrungen sind.
GEJ|6|116|10|0|Sie können kein Feld bebauen, weil sie keines haben; denn alles Feld und alle Wälder und Berge gehören euch, und ihr lasset sie viele Stunden weit brachliegen, weil ihr sie nicht bearbeiten könnet. Warum gebt ihr nicht den Armen Felderstrecken zur nützlichen Bearbeitung?! Dadurch würden diese Leute dann auch etwas haben und euch noch obendrauf, so einmal die nun wüsten Felder und Berge kultiviert wären, einen mäßigen Tribut bezahlen. Saget selbst, ob das nicht besser wäre, als so ihr wenigen Reichen am Ende alles selbst besitzen wollt, was euch keinen Nutzen bringt, sondern nur einen kaum glaublichen Schaden!
GEJ|6|116|11|0|Ich will aber mit diesen vierundzwanzig Dieben kein Wort reden, weil diese nun schon zu tief in ihren Diebssinn verfallen sind; aber ihr habt in eurem Orte und in eurer großen und weitgedehnten Umgegend noch eine Menge ähnlicher Leutchen. Tut ihnen das, was Ich euch nun geraten habe, und ihr werdet bald über keine Diebereien mehr zu klagen haben!
GEJ|6|116|12|0|Stellet so viele Wächter aus, als ihr wollet und könnet, und ihr werdet damit wenig oder nichts erreichen; denn ihr werdet dadurch die Armut noch mehr zum Zorne reizen, und sie wird Tag und Nacht studieren, wie sie euch nur immer auf die empfindlichste Weise irgend schaden könnte! So ihr aber Meinen Rat befolget, so werden eben die von euch versorgten Armen selbst eure besten Wächter sein.“
GEJ|6|117|1|1|117. — Die Geschichte vom reichen Mann und seinen Arbeitern
GEJ|6|117|1|0|(Der Herr:) „Sehet, es war vor alters ein Mann, der mit seiner Familie in ein einsames, noch von keinem andern Menschen bewohntes Land auswanderte und sagen konnte: ,Soweit das Auge reicht, ist nun alles mein Eigentum!‘ Er errichtete sich bald eine ganz erkleckliche Wohnung und nährte sich von der Milch der dort gefundenen großen Anzahl wilder Ziegen, die gar nicht scheu waren, weil sie noch nie von irgendeinem Jäger verfolgt worden waren. Mit den Jahren hatte sich auch seine Familie vermehrt, und es ward aus der früheren schlichten und sehr einfachen Wohnung förmlich eine feste Burg errichtet. Das geschah aber darum, weil er in solch seinem Lande eine große Menge gediegenen Goldes und eine noch größere Menge der edelsten Steine fand, welche Schätze er sich nun nicht mehr getraute in seiner früheren einfachen Wohnung zu beherbergen.
GEJ|6|117|2|0|Als sich aber durch sein fleißiges Sammeln seine Schätze von Gold und Edelsteinen noch mehr vermehrten, da suchte er durch Boten in bewohnte Länder seine Schätze gegen andere ihm für seinen Haushalt nötig dünkende Sachen umzutauschen. Er machte anfangs gute Geschäfte und ließ auch mehrere andere Menschen in sein Land kommen, die ihm zu dienen bestimmt waren.
GEJ|6|117|3|0|Da er ihnen aber nur wenig Lohn bot und sie für ihn und die Seinen nach seinen Geboten beinahe Tag und Nacht arbeiten mußten, so wurden sie unwillig und begehrten mehr Lohn und eine bessere Behandlung. Der nun reiche Mann aber sagte: ,Geduldet euch, bis ich mein Haus werde besser eingerichtet haben, – dann werde ich euch schon geben zu eurer Zufriedenheit!‘ Da vertrösteten sich die Arbeiter und gingen an ihre Arbeiten.
GEJ|6|117|4|0|Der reiche Mann aber dachte bei sich: ,Ich habe zwar nun Angst vor euch; aber ich werde meine vertrauten Boten wieder aussenden, daß sie mir Wachen und Streiter bringen. Diese werde ich etwas besser halten, und sie werden dann dem Übermute der Arbeiter schon zu steuern wissen.‘ – Das tat er denn auch, und als die Arbeiter das sahen, wurden sie sehr betrübt und schworen dem harten reichen Manne Rache.
GEJ|6|117|5|0|Nun sandten sie heimlich auch in ihr Land um Hilfsleute. Diese kamen bald, weil sie eine reiche Beute zu erwarten hatten. Als die Arbeiter also sehr verstärkt waren, da kamen sie abermals zu dem reich gewordenen Manne, der nun ein großes Land sein eigen nennen konnte, und verlangten voll Ernstes eine rechte Besserung ihres Lohnes und die ihnen schon lange gebührende Behandlung.
GEJ|6|117|6|0|Allein der reich gewordene Mann rief die Wachen, die die Arbeiter ihres Frevels willen züchtigen und sie in allem noch mehr beschränken sollten. Da brach den Arbeitern die Geduld, und sie sprachen: ,Herr, durch unseren Fleiß bist du so reich geworden! Unsere Hände haben dir diese feste Königsburg erbaut, errichteten allerlei Werkstätten, bebauten das Land mit Getreide und haben Weingärten angelegt. Wir sammelten für dich Gold, Silber und allerlei Edelsteine und trugen sie für dich in alle Welt hin auf den Markt, und du willst uns dafür nun noch härter halten und behandeln?! Na, warte du, das werden wir dir wohl vergehen machen!
GEJ|6|117|7|0|Jeder Mensch auf dieser Erde muß das Klaub- und Sammelrecht für sich haben; dient er aber einem Nebenmenschen, so muß dieser ihn ganz gut verpflegen, da er ihm das eigene Klaub- und Sammelrecht abgetreten hat. Wir vielen haben dir das getan und haben dir unsere gerechten Vorteile zugewandt, und dafür willst du uns nun also belohnen?! Weißt du, harter Mensch, daß wir von dir für alle unsere Mühe und unseren Fleiß nicht nur beinahe gar keinen Lohn, sondern dazu noch eine schlechte Behandlung hatten, die nun in der letzten Zeit schon gar dahin ging, daß du frechstermaßen durch deine Schergen unsere Hütten durchsuchen ließest, um zu ersehen, ob wir etwa nicht auch für uns irgendeine Kleinigkeit gesammelt hätten? Und ist bei jemand irgend etwas gefunden worden, so hast du ihm nicht nur alles weggenommen, sondern du hast ihn durch deine Wächter noch sehr grausam züchtigen lassen und hast sogar förmlich ein Gesetz verkünden lassen, dem nach ein jeder, der von den Schätzen etwas verheimlichen würde, mit dem Tode bestraft werden solle.
GEJ|6|117|8|0|Wenn du, elender, alter Wicht, uns das auch noch zu tun imstande wärest, ohne nur im geringsten zu bedenken, daß auch wir so gut Menschen sind wie du und von einem Gott aus auf ein Haar dieselben Rechte auf diesen Erdboden haben wie du, – so verlangen wir nun von dir, daß du uns alle die Schätze, die wir für dich mit großer Mühe gesammelt haben, herausgibst; denn sie sind durch unsere Mühe auch unser Eigentum! Die Erde hat sie uns gegeben, und es gab nirgends weder einen Gott noch einen Menschen, der sie uns zu nehmen verweigert hätte, und sie sind vollkommen unser Eigentum. Du aber bist uns gegenüber nur ein Dieb und sogar ein Räuber, so du sie uns vorenthalten würdest! Wir nehmen dir aber nur, was und wieviel wir gesammelt haben, und begehren für das ohnehin nichts, daß wir dir mit großer Mühe diese Burg erbaut haben und damit sieben Jahre hindurch geplagt waren. Gib nun gutwillig her, was da unser ist, sonst brauchen wir Gewalt und nehmen dir alles und zerstören dir auch noch diese feste Burg!‘
GEJ|6|117|9|0|Als der reiche Mann nun sah, daß er mit den vielen Arbeitern durch irgendeine Gewalt nichts ausrichten könne, da besann er sich und sagte: ,Seid ruhig! Ich sehe mein an euch begangenes Unrecht ein, und ich will euch von nun an ganz so behandeln, als wäret ihr meine eigenen Kinder, und erteile euch das vollkommene Klaub- und Sammelrecht, und ihr habt mir als dem, der dieses Land mit Mühe und vielen Ängsten und Sorgen aufgefunden hat, nur den zehnten Teil von all dem Gesammelten abzuliefern, wofür ich euch aber allen Schutz und allen Schirm nach allen meinen Kräften werde angedeihen lassen.‘
GEJ|6|117|10|0|Da sagten die Arbeiter: ,Wärest du ein Mann von Wort, so glaubten wir dir, aber da du bis jetzt noch nie das gehalten hast, was du uns versprochen hattest, so glauben wir dir auch diesmal nicht! Denn dein großer Geiz läßt es dir niemals zu, dein Wort zu halten. Wir würden dir das nun wieder glauben, – aber wir wissen nur zu gut, daß du bei unserem ruhigen Abzuge für diesen unseren Gewaltschritt in deine Burg sogleich deine Wachen ums Zehnfache verstärken würdest und uns dann über alle Maßen von deinen uns leicht und bald überlegenen Wachen züchtigen ließest. Darum gib uns unser dir erwiesenes Eigentum heraus, und wir ziehen dann von hier weg für alle Zeiten der Zeiten!‘ Der Mann aber zauderte und wollte nicht; da nahmen sie ihm darauf von selbst alles und zogen von dannen.“
GEJ|6|118|1|1|118. — Die Schuld der Floßherren
GEJ|6|118|1|0|(Der Herr:) „Nun frage Ich euch, Meine Freunde, und sage: Hatten hier unter solchen Umständen die Arbeiter recht an ihrem Dienstherrn gehandelt oder nicht recht?“
GEJ|6|118|2|0|Sagten die acht Floßherren: „Ja, ja, unter solchen Umständen hatten die Arbeiter ein in aller Natur ganz wohlbegründetes Recht! Denn das sehen wir auch ein, daß ein jeder Mensch von einiger Vernunft und von einigem Verstande ohne weiteres das Recht zu klauben und zu sammeln haben muß, da er einmal auf dieser Erde Boden gesetzt ist und eine Nahrung und eine notdürftige Wohnung ohne weiteres haben muß. Aber daneben solle dann ein anderer Mensch kein solches Recht mehr haben, dem Klauber und Sammler das Zusammengeklaubte und Gesammelte wegzunehmen!“
GEJ|6|118|3|0|Sagte Ich: „Hat der Reiche selbst geklaubt und gesammelt? O nein! Das haben seine Arbeiter getan, die auch so gut Menschen waren wie er! So sie aber für ihn gearbeitet, geklaubt und gesammelt und somit ihr gutes persönliches Recht gegen den verheißenen Lohn an ihn allein übertragen haben, er ihnen aber den verheißenen Lohn vorenthalten und sie noch tyrannisiert hat, so hatten sie am Ende ja ganz das volle Recht, ihr Eigentum von dem zu verlangen und zu nehmen, für den sie geklaubt und gesammelt hatten.
GEJ|6|118|4|0|Freilich, so zum Beispiel der A fleißig geklaubt und gesammelt hatte und sich dadurch einen Vorrat bereitete, so hat der träge B kein Recht, sich an dem Vorrate des fleißigen A zu vergreifen. In Meiner Parabel ist aber eben der reiche Mann der träge B, und die Arbeiter sind der fleißige A. So sie aber das sind, so haben sie auch das Recht, wenn ihnen für ihre Mühe und Arbeit keine andere Entschädigung geleistet wird, ihr Eigentum von dem unrechtmäßigen Besitzer zurückzuverlangen.“
GEJ|6|118|5|0|Sagten die reichen Floßherren: „In dem Falle ohne weiteres; aber da hat dann ja auch kein Monarch ein Recht, von uns allerlei Steuern und Abgaben zu verlangen! Denn er arbeitet auch nichts und klaubt und sammelt nichts, und so wir Untertanen stärker wären denn seine Wache, da könnten wir ihm ja auch wegnehmen, was nach den Rechten der Natur unser Eigentum ist!“
GEJ|6|118|6|0|Sagte Ich: „Oh, da seid ihr in einer großen Irre! Bei einem Herrscher ist das ganz anders; denn er ist nur ein höchster und allgemeinster Gemeindenvorsteher und hat von allen Gemeinden das gekrönte Recht, für ihre innere Ordnung und Sicherheit alle Sorge zu tragen, und somit auch das Zepter der Gewalt und das Schwert des Gesetzes und allgemeinen Rechtes. Er muß nicht nur für sich, sondern vielmehr für alle die vielen Gemeinden gar viele Wachen bestellen und halten, für deren notwendige Erhaltung er nicht allein mit seinen Händen klauben und sammeln kann.
GEJ|6|118|7|0|Da aber die Gesetze, die Richter und die vielen Wachen nur zumeist zum Frommen der Gemeinden stets aufrechterhalten werden müssen, so müssen auch die Gemeinden dazu gerne und willig beitragen, daß der Monarch stets in jenem entsprechenden Vermögenszustande dasteht, damit er alles das bestellen und errichten lassen kann, was da allen Gemeinden frommt. Und also sind da eure Steuern und Abgaben eine ganz gerechte Sache.
GEJ|6|118|8|0|Nur dann, so ein tyrannischer Herrscher gar zu große und mutwillige Erpressungen den Gemeinden auferlegte, hätten auch diese das Recht, solch einen Tyrannen vom Throne zu entfernen. Denn die Gemeinden haben von Anbeginn an das Recht gehabt, sich einen König zu wählen und ihn auszurüsten mit aller nötigen Macht, Kraft und Gewalt. Was sie aber im Anbeginn hatten, das haben sie noch.
GEJ|6|118|9|0|Dennoch aber ist es jeder Gemeinde besser, auch unter einem Tyrannen eine Zeitlang zu dulden, als sich mit ihm in einen Krieg einzulassen; denn die Tyrannen sind gewöhnlich nur auf eine kurze Zeit von Gott aus zugelassene Geißeln, durch welche die einen wahren Gott schon lange völlig vergessenden Gemeinden wieder daran erinnert werden, daß es einen allweisen und allmächtigen Gott gibt, der am Ende ganz allein noch jedem bedrängten Volke helfen kann, wenn dieses sich allen Ernstes um Hilfe flehend und gläubig an Ihn wendet. – Sehet, also stehen die Sachen! Da ihr aber nun solches von Mir vernommen habt, so urteilet nun selbst, was wir nun mit diesen euren vierundzwanzig Dieben machen sollen!“
GEJ|6|118|10|0|Sagten die acht Floßherren: „Ja, die müssen nach den Gesetzen denn doch ganz exemplarisch bestraft werden!“
GEJ|6|118|11|0|Sagte Ich: „Ganz recht; aber was soll dann mit ihnen geschehen, wenn sie einmal abgestraft worden sind?“
GEJ|6|118|12|0|Sagten die Floßherren: „Nun, dann verweise man sie des Landes oder verkaufe sie als Sklaven irgend nach Afrika oder Europa hin!“
GEJ|6|118|13|0|Sagte Ich: „So! Ich sage es euch, ihr denket als Menschen nicht übel, – aber weil ihr also denket, so muß Ich euch doch noch etwas ganz Besonderes kundtun.
GEJ|6|118|14|0|Sehet, diese Diebe, die nun schon länger ihr durchaus nicht löbliches Handwerk treiben, waren vor fünf Jahren noch eure Arbeiter und dienten euch nach ihren Kräften und Fähigkeiten ganz gut! Wie aber habt ihr ihnen euer Versprechen gehalten? Ihr hattet nichts Emsigeres nach jeder von ihnen getanen Arbeit zu tun, als nur nachzuforschen, um Mängel der Arbeit zu entdecken. Habt ihr auch keine gefunden, so habt ihr solche erdichtet und den Arbeitern den wohlverdienten Lidlohn (Gesindelohn) stark verkürzt oder solchen ihnen ganz vorenthalten.
GEJ|6|118|15|0|Wer gab euch denn das Recht, diese Menschen dahin zu bemüßigen, für euch zu arbeiten, für euch zu klauben und zu sammeln, und sie dadurch zu berauben ihres persönlichen freien Menschenrechtes?!
GEJ|6|118|16|0|Wenn sie dann sahen, daß euer Verhalten gegen sie ein höchst ungerechtes war, so mußten sie ja doch offenbar auf ein anderes Mittel zu sinnen anfangen, und zwar auf ein solches, wie sie sich bei euch und bei noch manchen andern für ihre von euch ihnen geraubten Rechte entschädigen möchten! Mit Gewalt konnten sie euch nichts anhaben, weil ihr die bedeutend Mächtigeren waret; also mußten sie sich an die Diebeslist halten. Diese gelang ihnen auch bis jetzt vollkommen und wäre ihnen ohne Mich auch diesmal vollkommen gelungen.
GEJ|6|118|17|0|Ich aber sage euch noch etwas: Diese Diebe haben also ein natürliches Recht gehabt, sich selbst bei euch zu entschädigen; aber sie fehlten dennoch durch solche ihre Handlungsweise, weil sie euch auf dem gesetzlichen Richterwege auch dazu hätten anhalten können, und das um so leichter, weil eben der römische Richter ein streng rechtlicher Mann ist, der sich durch nichts als nur durch das trockene Gesetz bestechen läßt. Aber ihr habt gar kein Recht, sie darum zu richten, dieweil ihr noch ihre großen Schuldner seid! Mehr als viele hundert solche Flöße in Serrhe wert sind, schuldet ihr ihnen noch an dem verheißenen Liedlohne; darum bezahlet ihnen zuvor solchen Lohn, – dann erst richtet sie, so sie sich jemals wieder an euren Gütern vergreifen sollten!
GEJ|6|118|18|0|Für jetzt aber gebe Ich diesen Dieben keine andere Strafe als: Stehlet in der Folge niemandem mehr etwas, und seid freie, ehrliche und tätige Menschen! Aber nach Lacotena gehet nicht mehr hin, sondern bleibet hier in diesem Orte, und ihr werdet samt euren Weibern und Kindern Arbeit in Menge finden! – Ihr Floßherren aber werdet darauf bedacht sein, diesen euren Dienern den schuldigen Lohn nachzutragen und ihre Weiber und Kinder wohlversorgt hierher zu bringen! Und so könnet ihr nun eure Flöße wieder in euren Besitz nehmen! Aber dieser Mein Richterspruch muß von euch genauest befolgt werden, sonst könnte es euch von Mir aus sehr schlecht ergehen!“
GEJ|6|118|19|0|Als die Floßherren solches vernahmen, fingen sie gar sehr zu stutzen an und versprachen, Meinem Ausspruche ganz Gehorsam zu leisten.
GEJ|6|118|20|0|Darauf behieß Ich den Jored, die vierundzwanzig Diebe gut zu bewirten; aber von den achten solle er sich nur alles ganz gut zahlen lassen, was sie benötigen würden. Darauf begaben wir uns wieder in das Haus, allwo schon die wohlbereiteten Fische auf uns warteten.
GEJ|6|119|1|1|119. — Die Ehrfurcht der Priesterfrauen vor dem Herrn
GEJ|6|119|1|0|Als wir in unseren Saal eintraten, da gingen Mir die fünf Priesterinnen voll Ehrfurcht entgegen und baten Mich um Vergebung darum, daß sie ehedem Mir und Meinen Jüngern gar so hartnäckig widersprochen hätten; denn sie hätten es ja doch nie ahnen können, daß Ich Der sei, der Ich wäre.
GEJ|6|119|2|0|Denn die Priester hatten es ihnen geradeheraus gesagt, daß Ich in Meinem geistigen Teile Gott der Einige und Alleinige Selbst bin und darum einen äußeren Leib habe und trage, um Mich den Menschen mehr anschaulich und zugänglich zu machen. Mein Leib sei zwar begrenzt wie der Leib eines jeden Menschen –, aber Mein Geist durchdringe alles nahe und ferne und brauche darum nur zu wollen, und es geschehe nahe und ferne, was Ich nur immer wolle. Wolle Ich etwas, so sei es auch schon da und bestehe so lange fort, als wie lange Ich es als bestehend haben wolle. Wolle Ich es aber fürder nicht mehr als bestehend, dann bestehe es auch nicht mehr, und das also, als wäre es nie dagewesen. Also wisse Mein innerer Gottgeist auch um alles, was irgend noch so verborgen da sei, ja, Ich wisse sogar um die allergeheimsten Gedanken aller Menschen auf der ganzen Erde und auch um alles, was irgend noch so geheim geschehen sei.
GEJ|6|119|3|0|Das belegten sie alles mit tatsächlichen Beweisen, so, daß die Weiber nimmer umhin konnten, alles das fest und ungezweifelt zu glauben, was ihnen ihre Männer über Mich gesagt hatten, und darin lag denn auch der Grund, demzufolge sie Mir nun mit einer so unbegrenzten Ehrfurcht entgegenkamen.
GEJ|6|119|4|0|Aber Ich sagte ganz ruhig zu ihnen: „Wenn ihr, Meine lieben Kinder, nun das durch eure Männer wisset und glaubet, daß Ich Der und Der bin, so ist eure Art, Mir nun entgegenzukommen, eine ganz in keiner Ordnung seiende. Eine zu große und unbegrenzte, das menschliche Gemüt ganz zerknirschende Ehrfurcht vor einem Gottwesen ist ebenso unvorteilhaft wie eine zu geringe; denn so ihr jemand zu außergewöhnlich mit Furcht und Zittern hochachtet, so fraget euer Herz, ob ihr ihn wohl auch lieben könntet! Achtet ihr aber jemanden gar nicht, so werdet ihr ihn auch nicht lieben können. Aber so ihr jemanden wohl erkennet in seinen vielen guten und besten Eigenschaften und Fähigkeiten, so werdet ihr ihn in euren Herzen ganz entzückt bewundern und über alle Maßen zu lieben anfangen; und sehet, das eben ist dann die ganz rechte Ehrfurcht, die ihr einem Gottwesen ebenso schuldet wie einem jeden Menschen, der euer Nächster ist allenthalben, wo euch einer entgegenkommt!
GEJ|6|119|5|0|Lasset also ab von eurer nunmaligen zu übertriebenen Ehrfurcht! Setzet euch zu Tische, und esset und trinket ganz heiteren und fröhlichen Mutes mit Mir! Denn so ihr gar oft bei euren Festmahlen habt heiter sein können, wo und wann noch der Tod in euren Herzen hauste, da werdet ihr nun wohl um so heiterer sein können, da der Tod von euch gewichen und das Leben in eure Brust eingekehrt ist! – Was meinet ihr dazu?“
GEJ|6|119|6|0|Sagten die Priesterinnen: „Ja wohl, ja wohl, – aber wir sind noch zu ergriffen von Deines Geistes Macht und Größe! Wir werden uns schon auch in diesem Stücke des Lebens die möglichste Mühe geben, vor Dir nicht zu beben, sondern Dich wahrhaft zu achten und sicher über alles zu lieben. Dir allein also von uns alle Ehre und alle unsere Liebe!“
GEJ|6|119|7|0|Sagte Ich: „Nun, nun, es ist schon gut also; aber nun setzen wir uns nur gleich alle zu Tische und essen und trinken in aller Heiterkeit! Nach dem Mahle aber wollen wir dann von allerlei Dingen reden und uns erheitern und erbauen!“
GEJ|6|119|8|0|Darauf setzten sich nun alle zu Tische und aßen und tranken mit Herzenslust. Nach dem Mahle wurde dann von allerlei gesprochen, und die Priesterinnen wußten eine Menge recht sonderlicher Dinge zu erzählen, und es kam die Rede auf den Mond und seine oft unheilbare Einwirkung auf die Erde und auch auf gar viele Menschen.
GEJ|6|119|9|0|Eine Priesterin erzählte, wie sie einen Mondsüchtigen gekannt hätte, der namentlich in den Vollmonden zur Nachtzeit mit festverschlossenen Augen aus seinem Zimmer hinausging, seine Hände nach dem Monde ausstreckte und darauf bald mit der größten Sicherheit die steilsten Wände so leicht emporstieg, als ginge er auf dem ebensten Boden fort und vorwärts. Nur eines war für den erstaunten Zuseher dabei zu beachten, nämlich sich möglichst still und ruhig zu verhalten, weil ein menschlicher Laut dem Mondwandler das Leben kosten würde.
GEJ|6|119|10|0|(Die Priesterin:) „Nun, was ist wohl das für eine besondere Eigenschaft des Mondes auf gewisse Menschen, und wie kommen die Menschen dazu?“
GEJ|6|120|1|1|120. — Der Herr erklärt die Mondwelt und das Wesen der Mondsucht
GEJ|6|120|1|0|Sagte Ich: „Daß der Mond als ein der Erde nächstes Gestirn eine Wirkung auf diese Erde ausübt, das ist ganz sicher; aber im allgemeinen wirkt er auf Menschen und Tiere, Pflanzen und Mineralien nicht ein, sondern nur sonderheitlich auf das, was auf dieser Erde irgend aus ihm abstammt. Habt recht wohl acht, besonders ihr Kalendermacher!
GEJ|6|120|2|0|Seht, der Mond ist beinahe so eine Welt wie diese Erde und eben dieser Erde steter Begleiter bei ihrer Jahresreise um die Sonne, um die auch die andern Planeten in ungleichen Zeiten kreisen; die der Sonne näheren brauchen weniger Zeit als die Erde und die weiteren natürlich eine längere Zeit. Jupiter und Saturn haben auch Monde um sich, aber als viel größere Welten mehrere denn diese Erde, während die noch kleineren Planeten gar keine Monde um sich haben. Bei dieser Erde bewirkt ihre tägliche Umdrehung Tag und Nacht, und ihr Lauf um die Sonne ein Jahr.“
GEJ|6|120|3|0|Hier stutzten die Heiden, da diese Meine Erklärung zu stark über ihren Wissenshorizont hinausragte, und ein Priester sagte: „Herr, wir danken Dir für alles, aber da erkläre uns nichts weiter; denn wir können es ja unmöglich verstehen, weil wir uns das nicht versinnlichen können!“
GEJ|6|120|4|0|Da sagte Ich: „Nun denn, wenn es sich um eine Versinnlichung handelt, so soll diese sogleich dasein!“
GEJ|6|120|5|0|In einem Moment ersahen alle über dem Tische im freien und hohen Saalraume die Sonne, den Mond mit der Erde und also auch alle die andern Planeten mit ihren Monden, und alles das in entsprechender Bewegung. Da war des Staunens kein Ende, und Ich erklärte ihnen alles auf das genaueste bei zwei Stunden lang, und sie verstanden nun alles und hatten eine große Freude daran. Nebst dem mathematischen Teile aber zeigte Ich ihnen auch die Bewohnbarkeit der Sonne und aller Planeten und ihrer Monde und ganz ausführlich die Bewohnbarkeit unseres Erdmondes und sagte dann besonders:
GEJ|6|120|6|0|(Der Herr:) „Da ihr nun das einsehet und begreifet, so kann Ich euch nun auch so manches sagen über das Vorkommen des Übels der Mondsucht. Die Bewohner des Mondes haben als höchst einfache und in sich gekehrte Menschen vorzüglich die Gabe des Hellschauens, und das namentlich zur Zeit ihrer volle vierzehn Erdentage langen Nacht, die sie in ihren unterirdischen Wohnhöhlen zumeist schlafend zubringen. In diesem Schlafe aber bleiben dennoch ihre Seelen völlig wach und sehen da alles weit und breit um sich, und sonach auch diese Erde, der sie eigentlich mehr oder weniger angehören, welche sie aber der natürlichen Stellung des Mondes wegen im Wachzustande als an ihrem langen Tage niemals sehen können; denn die Mondmenschen bewohnen nur den der Erde abgekehrten Teil des Mondes, nicht aber den der Erde zugekehrten Teil, da der Mond, wie Ich es euch schon erklärt habe, aus ganz natürlichen Gründen auf der der Erde zugekehrten Seite keine Luft und kein Wasser hat, und so es auch hie und da in den vielen Vertiefungen eine Art Luft gibt, so reicht sie dennoch nicht aus, um im Fleische lebenden Wesen zum nötigen Einatmen zu dienen, und taugt dazu auch nicht, weil ihr das Element des Salzes (der Sauerstoff) gänzlich fehlt.
GEJ|6|120|7|0|des Mondes Menschen haben in ihrem Naturzustande auch keine Sehnsucht danach, da sie ja ohnehin in ihrem Traumleben, das ihnen das liebste ist, alles sehen können und auch erfahren, was zum Heile ihrer Seelen taugt. Sie haben denn danach auch zuallermeist die Sehnsucht, bald Einwohner dieser Erde zu werden, was denn so ganz eigentlich auch ihre Bestimmung ist. Und haben sie auf ihrer Welt den Leib abgelegt, so wandern ihre Seelen, wenn sie sich in ihrem Fleischleben dafür würdig gemacht haben, alsogleich auf diese Erde und werden bei entsprechenden Gelegenheiten in einen Mutterleib eingezeugt, als Kinder dieser Erde wieder geboren und wachsen dann auf und genießen die Erziehung der Erdenmenschen, wodurch sie wenigstens die Fähigkeit erreichen, entweder schon hier oder jenseits auf den Weg der Kinder Gottes gestellt zu werden.
GEJ|6|120|8|0|Nun, dieser Menschen Seelen bestehen aus der Substanz des Mondweltkörpers und haben somit, besonders in ihrem Traumleben, einen hervorragenden Zug dahin, von wo sie ausgegangen sind, was sich besonders zu der Mondvollichtzeit am stärksten wirkend zeigt, weil sich durch das Mondlicht eine größere Menge substantieller Seelenspezifika zur Erde senken und die bezeichneten Mondseelenmenschen erregen und anziehen.
GEJ|6|120|9|0|Allein es kann auch diesem Übel bald und leicht abgeholfen werden, und zwar durch die glaubensvolle Auflegung der Hände und durch den Gebrauch von kalten Bädern.“
GEJ|6|121|1|1|121. — Eigentümlichkeiten der auf der Erde inkarnierten Mondseelen
GEJ|6|121|1|0|(Der Herr:) „Übrigens schadet dem Menschen solch eine Eigenschaft durchaus nicht, und am allerwenigsten seiner Seele; denn solche Menschen sind gewöhnlich ganz guter und sanfter Gemütsart, und es ist mit ihnen sehr leicht auszukommen. Aber es kann sich manchmal bei diesen Menschen ereignen, daß ihr Leib noch von einer andern, im Erdluftraume noch frei herumvagierenden Seele in der Gegend der gröberen Eingeweide in Besitz genommen wird, ja oft auch von mehreren, und das zumeist von solchen Seelen, die schon eine Fleischlebensprobe auf dieser Erde durchgemacht haben, aber ihrer großen Sinnlichkeit und Selbstsucht wegen für ihr jenseitiges Lebensheil nicht nur nichts gewonnen, sondern nur noch dazu vieles verloren haben.
GEJ|6|121|2|0|Diese Seelen werden gewöhnlich nach ihrer zu einer Besserung sich hinneigenden Eigenschaft wieder irgend bei einer rechten und tauglichen Gelegenheit zu einer abermaligen Fleischlebensprobe zugelassen. Aber da gibt es welche, die dann nicht mehr erwarten können, bis sie irgend in einen Mutterleib gelegt werden, und dann sagen: ,Ei was, Fleisch ist Fleisch! Wir wollen nun des nächstbesten Menschen Fleisch in Besitz nehmen und es kasteien, soviel es nur möglich ist! Und wenn das Fleisch einmal vor lauter Kasteiung zugrunde geht, so können wir es als völlig geläuterte Seelen verlassen und zur Seligkeit eingehen!‘
GEJ|6|121|3|0|Derlei Seelen täuschen sich zwar sehr gewaltig, weil ihnen solch eine Art Afterbesitzung des Fleisches nicht nur nichts nützt, sondern nur schadet, weil sie dann wieder gar lange warten können, bis sie zu irgendeiner wahren abermaligen Einzeugung in einen Mutterleib zugelassen werden können. Aber es werden solche Afterbesitznahmen des Fleisches anderer Menschen dennoch zugelassen, weil eine jede einst völlig lebensfrei werden sollende Seele am Ende nur allein durch ihren höchsteigenen, freiesten Willen gebessert und gefestet werden kann, der freie Wille aber unmöglich anders als durch allerlei bitterste Erfahrungen zu jener bescheidenen Nüchternheit zu bringen ist, durch die er sich endlich in den lichtvollen Willen eines besseren Geistes fügt und so erst dann wahrhaft aus sich heraus gebessert werden kann.
GEJ|6|121|4|0|Und sehet, da sind dann eben unsere Mondseelenmenschen zeitweilig etwas übel daran, weil sie von solchen frei herumvagierenden, noch immer argen Seelen – die man gut noch Teufel (Ouvraci = Wendlinge zum Bessern) nennen kann – zuerst und am leichtesten in zeitweiligen Besitz genommen werden, wovon jedoch des Leibes eigene Seele nie irgendeinen Schaden leidet, sondern ein solcher Zustand schafft ihr noch obendrauf den Nutzen, daß sie dadurch sehr gedemütigt wird und am Leben ihres Fleisches wenig oder schon gar keine Lust mehr empfindet, was für die Mondseelenmenschen ganz gut ist. Denn erstens sind sie trotz ihrer Hellseherei zumeist sehr eigensinnig und stark in die geschlechtliche Liebe vergraben, und zweitens sind sie sehr rechthaberisch und zanksüchtig, verschlossen und heimtückisch, obschon gerade nie völlig bösartig.
GEJ|6|121|5|0|Aber auch dieses Besessensein ist zu heilen durch Gebet, durch die Anrufung Meines Namens, durch Fasten und durch die Auflegung der Hände in Meinem Namen. – Und damit habt ihr nun auch in dieser Hinsicht alles, was euch vorderhand zu wissen not tut; alles Höhere und Weitere wird euch euer Geist lehren, den Ich erfüllen werde mit Meinem Geiste zu seiner rechten Zeit.“
GEJ|6|122|1|1|122. — Der Herr warnt vor dem Rückfall ins Materielle. Das Wesen der Materie. Die Unendlichkeit des Herrn
GEJ|6|122|1|0|(Der Herr:) „Ich habe euch nun gezeigt, was und wer der Mensch ist, und was er zu tun hat, um zu erreichen das ewige Leben. Von nun an hängt es ganz von euch ab, danach zu handeln. Sehet aber zu, daß ihr nicht etwa der Welt wegen wieder in euren alten Unsinn und dadurch in euren alten Tod verfallet, denn dann wäret ihr noch um vieles schwerer auf den rechten Weg zu bringen denn jetzt! Ich kann nun persönlich nicht länger mehr bei euch verbleiben; aber so ihr tätig verbleibet in Meiner Lehre, so werde Ich auch im Geiste wirkend bei euch und in euch verbleiben, und um was ihr diesen Meinen Gottgeist bitten werdet in Meinem Namen, das wird euch auch gegeben werden.
GEJ|6|122|2|0|Aber um rein weltliche Dinge kommet Mir ja nicht; denn dies seelentötende Gift werde Ich euch nicht geben, und würdet ihr Mich auch jahrelang darum bitten! Denn Meine Sache ist es, euch in euren Seelen von aller Welt völlig frei zu machen, nicht aber, euch noch mit derselben zu verbinden. – Ihr wisset nun, was ihr zu tun und was ihr zu glauben habt, und eines mehreren bedarf es vorderhand nicht.
GEJ|6|122|3|0|Nun aber kommt noch etwas anderes! Siehe, du Mein Freund Jored, wir waren nun bei drei Tage bei dir und haben viel verzehrt in deinem Hause! Was meinst du denn, was wir dir dafür schulden?“
GEJ|6|122|4|0|Sagte Jored ganz gerührt: „Herr, alles, was da ist, ist ja ohnehin nur Dein, und nur ich sollte Dich fragen und sagen: O Herr, ich bin Dein übergroßer Schuldner! Wann und wie werde ich Dir diese meine große Schuld abtragen können? Wenn Du tausend Jahre mit noch tausendmal so vielen Jüngern hier verbleiben möchtest und essen und trinken Tag und Nacht, so wäre ich selbst nach tausend Jahren Dir ein noch ebenso großer Schuldner, als ich es jetzt bin; daher sei Du mir fortan bloß gnädig und barmherzig, – alles andere ist nichts und kostet auch ewig nichts! – Aber eine Bitte möchte ich Dir, o Herr, dennoch unterbreiten!“
GEJ|6|122|5|0|Sagte Ich: „Erspare dir die Worte; denn Ich weiß es ja ohnehin, was du auf eine Zeitlang hier in diesem Saale erhalten möchtest! Siehe, diese Gestirne möchtest du also erhalten! Ja, sie sollen zu eurer weiteren Belehrung noch ein Jahr lang also verbleiben! Während dieser Zeit bildet sie euch künstlich nach; nachher aber sollen diese Wunderbaren vergehen, wie auch dereinst dieser ganze sichtbare Himmel und diese Erde vergehen werden, so sie alles, was in ihnen gefangen ist, ganz werden hergegeben haben.
GEJ|6|122|6|0|Denn höret: Alles das, was der ganze unendliche Raum als Materielles in dieser Zeit innefaßt, ist gefangenes und gerichtetes Geistiges! Es sind Geister im Gerichte der Kraft und Macht des göttlichen Willens bis zu einer geordneten Zeit hin, wo sie als von der göttlichen Allwissenheit wohlerachtet jenen Grad der für sich selbst beständigen Festung erreicht haben, auf dem dann erst die geistig selbständige Lebensfortbildung angebahnt werden kann. Das versteht ihr jetzt zwar nicht und könnet es auch nicht verstehen; aber ihr werdet es einmal dennoch verstehen.
GEJ|6|122|7|0|Ich aber habe euch solches nur darum gesagt, auf daß ihr auch als Heiden einsehen möget, daß Ich der eigentliche ewige Ich bin und im Grunde des Grundes alles Ich ist, was die Unendlichkeit umfaßt. Aber behaltet das vorderhand bei euch, bis euch der ewige Geist der Wahrheit darüber eines Näheren belehren wird!
GEJ|6|122|8|0|Nun gebe Ich euch in dieser Nacht noch eine kurze Frist. Wer da noch etwas zu fragen hat, der frage! Morgen vor dem Aufgange ziehe Ich weiter; denn Ich habe gar viele Kindlein, die Ich als ein wahrer Lebensvater noch besuchen will, um auch ihnen des ewigen Lebens froheste Botschaft zu verkünden.“
GEJ|6|122|9|0|Hier stand ein Priester auf und sagte: „Herr, morgen darfst Du uns noch nicht verlassen; den jetzt erst hast Du uns recht entzündet, und wir werden dann noch gar vieles haben, wobei wir Deines heiligen Rates bedürfen!“
GEJ|6|122|10|0|Sagte Ich: „Bin denn Ich das Ich oder ist es Mein innerer Geist? Ich habe es euch ja gesagt, daß dieser bei euch verbleibt, und so ihr etwas benötiget, so wird er es euch geben ohne Vorenthalt. Meine Persönlichkeit ist euch fürder kein nütze, sondern allein der Geist, der euch nimmerdar verlassen wird, so ihr ihn nicht verlasset.“
GEJ|6|122|11|0|Sagte der Priester: „Herr, das glauben wir nun alle völlig ungezweifelt fest; aber wir alle haben nun eine große Liebe zu Dir gefaßt, weil wir Dich in der Fülle erkannt haben, und gerade jetzt willst Du uns auch schon wieder verlassen?! Wenigstens nur einen Tag noch, Herr, bleibe Du persönlich bei uns, und wir alle sind dadurch ja unendlich glücklich!“
GEJ|6|122|12|0|Sagten auch Jored und sein Sohn: „Ja, ja, Herr, also ist es! Bleibe wenigstens nur noch einen halben Tag bei uns, und wir wollen Dir dann das Geleite geben, wo Du auch nur immer hinziehen willst!“
GEJ|6|122|13|0|Sagte Ich: „Nun denn, so will Ich denn bei euch morgen früh noch das Morgenmahl nehmen, dann aber wohl ohne Rückhalt ganz schnell von hier weiterziehen!“
GEJ|6|122|14|0|Darauf sagte der vom Tode erweckte Sohn Jorabe: „Höret, meine Lieben alle! Diesen allein und ewig wahrsten Gott hält nur allein die Liebe zurück! Diese ist die einzige Macht, der Er sogar in Sich Selbst gehorcht! Daher fassen wir eine rechte Liebe zu Ihm, und Er bleibt uns auch bis Mittag!“
GEJ|6|122|15|0|Sagte Ich: „Du hast ganz richtig geredet – denn das hat dir nicht dein Blut, sondern das hat dir dein Geist eingegeben –; aber Ich kann dennoch nicht anders, als wie Ich es ehedem ausgesprochen habe. Aber um euch allen zu genügen, so werde Ich erst nach dem Aufgange der Sonne von hier fortziehen, aber im Geiste dennoch bei euch verbleiben. Es fragt sich jetzt nur, ob ihr alles verstanden habt, und ob niemand von euch irgend mehr um etwas zu fragen hat.“
GEJ|6|123|1|1|123. — Vom Gebet und Gottesdienst
GEJ|6|123|1|0|Sagte die Priesterin der Minerva: „O Herr, zu fragen gäbe es eine Ewigkeit hindurch in einem fort; aber was nützet uns das, da wir Deine Antworten in unserem jetzigen Zustande ja doch nie fassen könnten! Aber sende Du uns nur ehestens Deinen verheißenen Geist, der uns in alle Wahrheit leiten wird, so sind wir schon mit allem dem mehr als vollends zufrieden, was uns bis jetzt von Dir zuteil geworden ist. Nur eines wäre da noch einer Erwähnung wert, und es wäre gut, daß wir auch in dieser Hinsicht aus Deinem Munde eine rechte Anweisung bekämen.
GEJ|6|123|2|0|Siehe, wohl in allen Gotteslehren ist an die Menschen die ganz löbliche Anforderung gestellt, daß ein Gottwesen von uns Menschen anzubeten ist! Nun, für unsere falschen Götter haben wir eine ganze Legion von gutgeheißenen und auch nicht gutgeheißenen Gebeten gehabt. Die gutgeheißenen und somit auch wirksamen Gebete waren von den Priestern – natürlich höchsten Ranges – gemacht und durften auch nur von den Priestern während einer gewissen Zeremonie und nur zu einer bestimmten Zeit des Tages gebetet werden und gehörten zum mysteriösen sogenannten Götterdienst. Ein solches Gebet durfte der Laie und Ungeweihte bei strengster Strafe niemals selbst beten, sondern er mußte da zu einem Priester gehen und ihm ein bestimmtes und für alle Fälle fest taxiertes Opfer bringen, damit der Priester dann für ihn irgendein solches gutgeheißenes Gebet in einem Tempel mit der dazu bestimmten Zeremonie ganz monoton und völlig gedankenlos herabmurmelte. Die nicht gutgeheißenen und daher auch wirkungslosen Gebete aber durfte auch der Laie beten, aus dem alleinigen Grunde, damit er sich übe in der Beschauung der Götter und daraus die Wirkungen der gutgeheißenen heiligen Gebete der Priester kennenlerne.
GEJ|6|123|3|0|Nun, daß derlei vor Deinen Augen und Ohren ein Greuel ist, das braucht mir niemand weiterhin zu erklären und zu beweisen; aber dessenungeachtet sollte der Mensch einen wahren Gott um so mehr in gewissen gewählten und gotteswürdigeren Worten anbeten und anrufen, als in welchen er mit seinen Nebenmenschen spricht und redet. Und in dieser Hinsicht möchten wir denn auch von Dir Selbst ein Wort zu unserer Richtschnur haben.“
GEJ|6|123|4|0|Sagte Ich: „Meine Jünger haben euch ja ohnehin Mein sie gelehrtes Gebet gegeben, das ein jeder Mensch in seinem Herzen gleich wirkend beten kann; jedes andere Gebet mit den Lippen ist vor Mir ein Greuel.
GEJ|6|123|5|0|Ich bin im Geiste von Ewigkeit her immer der völlig Gleiche, habe Mich nie verändert und werde Mich auch ewig nie verändern in Meinem Sein, Wirken und Wollen. Ich bin nun bei drei Tage lang bei euch und habe euch gelehrt, was ihr zu wissen, zu glauben und zu tun habet – ein jeglicher für sich –, um zu erlangen das ewige Leben der Seele. Habe Ich euch da von irgendwelchen Gebeten oder von irgendeinem wirksamen mysteriösen, Mir allein wohlgefälligen Gottesdienst etwas gesagt, oder von einem gewissen Feiertage, wie allenfalls von einem Sabbate der Juden, den sie einen Tag des Herrn Jehova nennen, und an dem die Priester den Menschen alle Arbeit verbieten, während sie selbst als Priester aber eben an dem Tage des Herrn die größten und schändlichsten Betrügereien verüben und dabei noch der gewissenlos argen Meinung sind, Gott damit einen guten Dienst zu erweisen? Nein, von allem dem habt ihr aus Meinem Munde nichts vernommen, und Ich sage es euch als vollwahr:
GEJ|6|123|6|0|Hinweg mit allen Gebeten, hinweg mit allen Feiertagen, da ein jeder Tag ein wahrer Tag des Herrn ist, und hinweg mit allem Priestertume! Denn ein jeder Mensch, der Gott erkennt und Ihn über alles liebt und Seinen Willen tut, ist ein wahrer und rechter Priester und ist dadurch auch ein rechter Lehrer, so er seinen Nebenmenschen eben diese Lehre gibt, die er von Mir empfangen hat.
GEJ|6|123|7|0|Wer also Meinen Willen tut, spricht nun der Herr, der betet wahrhaft und betet allzeit ohne Unterlaß; und ein jeder Tag, an dem ein Mensch seinem Nebenmenschen in Meinem Namen eine Wohltat erweist, ist ein rechter und Mir allein wohlgefälliger Tag des Herrn.
GEJ|6|123|8|0|Wenn aber jemand seinem Nächsten eine Wohltat erweist, so tue er das im stillen und mache darum nicht reden von sich und brüste sich nicht damit vor den Menschen! Denn wer das tut, der hat seinen geistigen Lohn bei Mir schon dahin genommen, daß er für seine edle Tat einen weltlichen Ruhm erhielt; dieser aber stärkt die Seele niemals, sondern verdirbt sie nur, weil er sie eitel und selbstgefällig macht.
GEJ|6|123|9|0|Also ist es auch mit dem Bitten um irgendeine Gnade von Mir. Wer da durch seine Bitte etwas von Mir erhalten will, der bitte ganz still in seinem von der Liebe zu Mir erfüllten Herzen, und es wird ihm gegeben, um was er gebeten hat, so es sich mit dem Lebensheile seiner Seele verträgt.
GEJ|6|123|10|0|Desgleichen können sich auch ganz im stillen zwei, drei oder auch mehrere vereinen und für sich und die ganze Gemeinde bitten – aber nicht also, daß es gleichfort erfahre die Gemeinde –, und Ich werde solche Bitten sicher erhören. Aber so da gingen etwa zwei, drei oder auch mehrere und würden es der Gemeinde verlautbaren, daß sie das an diesem oder jenem Tage oder in dieser und jener Tageszeit tun werden, auf daß sie dann die Gemeinde ansähe und lobte, ja am Ende gar ein solch frommes Bittwerk bezahlte, – wahrlich, da wird solch ein Gebet niemals erhört werden und somit auch der Gemeinde wie denen, die da gebetet haben, nichts nützen! Denn alles das und derlei haben auch die Heiden getan und tun es noch, daß sie bei großen Gefahren in großen Scharen von einem Götzentempel zum andern zogen, dabei allerlei dümmstes Schnitzwerk, Fahnen, Gefäße und noch eine Menge anderer Sachen trugen und ein großes Geheul machten, in die Hörner stießen, gewaltig die Zimbeln schlugen und mit den Schilden klirrten. Sie veranstalteten auch weite Wallfahrten zu den außerordentlichen und besonderen Götzengnadenbildern, und so sie dort ankamen, verrichteten sie allerlei dümmstes Bußwerk und spendeten dem Götzen große und oft ganz ansehnliche Opfer; damit war freilich den Götzenpriestern sehr geholfen, nur den dummen Wallfahrern niemals. Also derartige allgemeine Gebete und Bitten werden von Mir aus niemals erhört!
GEJ|6|123|11|0|Wer also bei Mir eine gute Bitte erhört haben will, der wallfahrte in sein Herz und trage Mir also ganz im stillen seine Bitte mit ganz natürlichen und ungeschmückten Worten vor, und Ich werde ihn erhören. Aber Ich sage euch noch hinzu, daß Mir dabei ja niemand mit irgendeiner fromm aussehenden Gebärde und Miene kommt! Denn wo bei einer Bitte an Mich die gewissen heuchlerisch frommen Gesichterdrückereien vorkommen werden, da wird auch keine Bitte erhört werden; denn wer Mir nicht kommen wird so natürlich, wie er ist, und nicht bitten wird im rechten Geiste der vollsten Wahrheit, der wird nicht erhört werden, sondern nur der, der Mich wahrhaft liebt, Meinen Willen tut und zu Mir ganz ohne allen Prunk und Zwang kommt, wie er ist, der wird von Mir aber auch allzeit erhört werden.
GEJ|6|123|12|0|Also ist es auch eine alte Sitte, sogar bei den Juden, daß die blinden und dummen Menschen bei ihren Bitten und Gebeten auch eigene (besondere), mehr feine und bessere Kleider anziehen, weil sie meinen, daß der Mensch zur sogenannten größeren Ehre Gottes nicht genug tun könne. Aber das bedenkt so ein Narr nicht, daß es gar viele Arme gibt, die kaum zur größten Notdurft ihres Leibes Blöße bedecken können. Wie muß es dem Armen zumute sein, so er den Reichen also geschmückt in einem Bethause ersieht und sieht, welch eine Ehre dieser Gott gibt, während der Arme das nicht tun kann und sich dabei denken muß, daß er mit seinem Gebete in seinen Lumpen seinen Gott nur beleidigen muß!
GEJ|6|123|13|0|Wahrlich, sage Ich euch: Wer immer mit gewissen besseren Kleidern angetan Mich um etwas bitten wird, der wird auch niemals erhört werden – und noch weniger irgendein Priester in seinen dummen, verbrämten Zaubermänteln und Röcken!
GEJ|6|123|14|0|Also gibt es auch eine alte Unart bei den Gebeten zu Gott, daß man nur irgendeine gewisse fremde Sprache dafür gebraucht und hält diese für die Verehrung Gottes am würdigsten. Wo solch ein Unsinn je in der Folge bestehen wird, da wird die Bitte auch niemals erhört werden.
GEJ|6|123|15|0|Der Mensch schmücke vor Mir sich allein nur im Herzen und rede die Sprache, die die seine ist, und rede die Mir wohlverständliche Sprache seines Herzens, und Ich werde seine Bitte erhören!
GEJ|6|123|16|0|Ich will, daß da alle die alten Narrheiten ganz abkommen und die Menschen ganz neue, wahrhaftige, reine Menschen werden sollen. Und wo sie also sein werden, da werde Ich auch stets mitten unter ihnen sein; aber die blinden Weltnarren sollen fortan gezüchtigt werden durch das, daß ihre Bitten nicht erhört werden!
GEJ|6|123|17|0|Gott hat den Menschen erschaffen ohne Kleid und erschuf ihn nach Seinem Ebenmaße, und Gott gefiel also die Gestalt des Menschen, weil sie Sein Ebenmaß war. Gott aber zeigte dem Menschen auch, sich ein Gewand zu machen, damit er vor Kälte schützen konnte seine Haut; aber darum lehrte Gott die ersten Menschen nicht, sich Kleider zu machen, daß sie dieselben als eine hoffärtige Zierde ihrer Glieder tragen sollen. Und noch weniger lehrte Gott den Menschen, sich darum ein verbrämtes Kleid zu machen, daß er im selben allein nur Gott würdig anbeten solle.
GEJ|6|123|18|0|Darum kleidet euch zwar nun nach eurem Stande, aber einfach, und leget auf den Rock und Mantel keinen andern Wert als allein den, daß er bedecke den Leib; was darüber ist, das ist schon vom Übel und trägt keine guten Früchte.
GEJ|6|123|19|0|Und so wisset ihr nun auch in dieser Hinsicht, was da zu tun ist, und Ich meine nun – da es schon nahe um die Mitte der Nacht geworden ist –, daß wir uns zur Ruhe begeben könnten!“
GEJ|6|124|1|1|124. — Von der Bildung der Menschen
GEJ|6|124|1|0|Sagte der Priester der Minerva: „Ja Herr, Du hast in allem ganz vollkommen recht; aber da Du heute leider schon die letzte Nacht bei uns zubringst, so hätte ich im Namen aller an Dich noch eine ganz bedeutende Bitte zu stellen, und diese bestände in dem, daß Du uns gnädigst gestatten möchtest, Deine uns nun gegebene Lehre Wort für Wort niederzuschreiben, damit sie als ein größtes Gut aller Menschen nimmerdar verlorengehe, weil sich sonst jede Lehre durch bloße mündliche Überlieferungen am Ende mit der Länge der Zeiten verunstaltet und verunreinigt. Denn die Menschen setzen gerne mit der Zeit so manches hinzu und lassen anderseits leicht etwas Wesentliches aus. Ist aber die Sache einmal niedergeschrieben und von allen hier seienden Zeugen unterzeichnet zur Steuer der vollsten Wahrheit, dann, meine ich, dürfte eine Verunreinigung Deiner Lehre nicht so leicht mehr möglich sein. Auf daß wir aber nichts Falsches niederschreiben mögen, so wolle Du, o Herr, uns leiten mit Deinem allwissenden und allmächtigen Geiste!“
GEJ|6|124|2|0|Sagte Ich: „Das könnet ihr allerdings tun; so ihr aber schon das tun wollet, da schreibet es in mehreren Exemplaren, auf daß die Sache allgemeiner wird und das eine und zuerst geschriebene Buch – namentlich bei den sehr abergläubischen Heiden – nicht irgendeine Art magischer Wirkung erhält, wodurch dann der Wert seines inneren Gehaltes entstellt würde und die Menschen vor solch einem Buche dann förmlich eine Heiligenscheu bekämen, es sich vor lauter Ehrfurcht gar nicht mehr zu lesen getrauten und am Ende gar dahin kämen, zu glauben, daß die alleinige Verehrung solch eines Heiligtumes den Menschen schon den Himmel verschaffe! Sind aber mehrere gleiche Bücher da, so ist solch eine Ausartung nicht leichtlich mehr möglich.
GEJ|6|124|3|0|Ich sage nicht, daß die Menschen solche Bücher nicht in Ehren halten sollen; aber sie sollen daraus auch nicht mehr machen, als was sie sind, und sollen davon auch nur den Gebrauch machen, der allein daraus zu machen ist, und durchaus keinen andern.
GEJ|6|124|4|0|Ich aber sage euch noch hinzu, daß ihr eure Mühe auch dahin verwendet, daß alle Menschen schon von Kindheit an ordentlich lesen, schreiben und rechnen lernen sollen – nicht nur die Reichen allein –, sonst nützen euch die geschriebenen Bücher wenig. Suchet vor allem eine rechte Bildung des Wissens und daraus des Herzens bei den Menschen zu bewerkstelligen, so werdet ihr euch einen großen Lohn in Meinem Reiche bereiten, und ihr werdet dadurch auch ein leichtes Handeln auf der Erde mit den Menschen haben; denn mit wahrhaft gebildeten Menschen ist leicht zu reden und zu verkehren. Aber suchet eine rechte und ganze Bildung unter den Menschen auszubreiten; denn eine halbe Bildung ist oft schlechter als gar keine!
GEJ|6|124|5|0|Enthaltet euren Jüngern keine Wahrheit vor, so wie auch Ich euch nichts vorenthalten habe; denn nur die Wahrheit bildet den Menschen wahrhaft zu einem Menschen. Wo diese fehlt, da muß offenbar die Lüge an ihre Stelle treten, und diese ist die Gebärerin alles Unheiles, das nur immer auf der Erde unter den Menschen vorkommen kann. Das somit auch zu euer aller Lebensrichtschnur! Werdet ihr das beachten, so werdet ihr gar bald die Segnungen davon schon auf dieser Erde nur zu klar und wahr erfahren. – Habt ihr nun noch etwas auf eurem Herzen?“
GEJ|6|125|1|1|125. — Der Geist des Mentors der Priesterweiber erscheint
GEJ|6|125|1|0|Sagte die Minervapriesterin: „Herr, soviel uns unsere gegenwärtige Einsicht gestattet, dürfte es wohl kaum noch etwas geben, um das wir Dich zum Behufe unseres gegenwärtigen Erkenntniszustandes noch fragen könnten, da Du uns ohnehin schon nahe zu viel gezeigt und gelehrt hast; aber etwas könntest Du uns Weibern dennoch tun, und das bestünde darin, daß Du uns zeigtest die Seele unseres Mentors, auf daß wir uns dadurch von dem jenseitigen Fortleben zum voraus noch mehr und tiefer überzeugen könnten.“
GEJ|6|125|2|0|Sagte Ich: „Es ist das zwar ein etwas unkluges Verlangen von euch – denn fürs erste habt ihr noch lange die Fähigkeit nicht, einen Geist zu sehen, weil ein Geist auch nur mit den Augen des Geistes, nie aber mit den Augen des Fleisches gesehen werden kann, und zweitens ist die Seele eures gewesenen Mentors auch noch lange nicht in jenem Lebenszustande, daß euch sein Erscheinen irgendeinen Nutzen schaffen könnte –; aber weil ihr denn schon gerade darauf reitet und der Meinung seid, daß das euren Glauben sehr stärken werde, so kann euch zum Beschlusse ja auch noch das gewährt werden. – Isma kore! – komme und rede!“
GEJ|6|125|3|0|Also berief Ich des Mentors Seele. Und es entstand ein großes Geräusch im Saale, aus dem Boden stieg ein Qualm empor, als wäre da unten ein Brand, und mitten aus dem Qualme trat der Geist ganz zornigen Gesichtes hervor und sagte zu den Weibern: „Was störet ihr ungläubigen Weiber mich aus meiner Ruhe, in der ich mit meiner Vollendung zu tun habe und in süßer Gesellschaft jener Geister bin, die mir gleichen, und wo unter uns an keinen Hader und Zank zu denken ist?
GEJ|6|125|4|0|Ich habe mein euch gegebenes Versprechen schon längst eingelöst und habe es euch klar gesagt, wie nichtig des Diogenes Lehren sind und dem Menschen, der sie annehmen kann, zur größten Schande gereichen, weil sie nichts als elendeste Lügen sind zum Hohne der höchsten Weisheit eines ewigen und allmächtigen Gottes! Aber ihr hieltet das nur für einen Traum und für ein Spiel eurer Phantasie!
GEJ|6|125|5|0|Hat euch da nicht euer Verstand gesagt, daß der Mensch ein gar wunderbares Werk eines großen und wunderbarst allmächtigen Schöpfers ist, und daß im selben nichts vorgehen kann, das nicht seinen Grund und seine weise Bestimmung hätte?! Das habe ich euch oft gesagt noch im Erdenleben; aber ihr achtetet nie darauf, sondern euch war es nur darum zu tun, von aller Welt wegen eurer stoischen Weisheit bewundert zu werden. Aber dessenungeachtet nagte doch fortwährend der Zweifel an eurem Herzen, den ich durch offenstes Wiedererscheinen hätte tilgen sollen.
GEJ|6|125|6|0|Aber es ist nun ein höherer Geist zu euch gekommen und hat euch belehrt. Warum glaubtet ihr Ihm denn nicht vollkommen? Warum fordertet ihr mich zum Zeugen Dessen auf, dessen Namen ich nicht wert bin auszusprechen? O ihr arg törichten Weiber! Wahrlich, wäre nun jener große Geist nicht hier, so wäret ihr alle nun gar übel von mir bedient worden! Merket es euch aber, daß, so ihr mich noch einmal störet in meiner Ruhe, es euch ganz übel ergehen wird!“
GEJ|6|125|7|0|Hierauf verschwand der Geist plötzlich, und die Weiber durften nichts reden mit ihm und hatten auch den Mut nicht dazu.
GEJ|6|125|8|0|Ich aber fragte sie und sagte: „Nun, wie seid ihr zufrieden mit eurem Mentor?“
GEJ|6|125|9|0|Sagten die Priesterinnen: „O Herr, wahrlich, der hätte füglich in seiner dummen Ruhe verbleiben können! Wenn jenseits seine Gesellschaft ihm völlig gleicht, so werden sie an ihrer Lebensvollendung noch sehr lange zu tun haben. Der ist ja ganz entsetzlich grob und roh! Bei seinen Lebzeiten im Hause unserer Eltern war er der bescheidenste und sanfteste Mensch, und nun als ein Geist ist er des glühendsten Zornes voll! Wie ist denn das möglich? Hatte er denn auf dieser Welt eine andere Seele?“
GEJ|6|125|10|0|Sagte Ich: „Oh, das wohl nicht, – aber auf der Welt verbarg aus äußerer Klugheit seine Seele ihr eigenstes Ich und zeigte sich mit Hilfe ihrer Leibesglieder ganz anders, als sie innerlich war; aber jetzt in ihrer Nacktheit geht das durchaus nicht mehr. Denn jenseits kann keine Seele sich anders zeigen, als wie sie ist aus- und inwendig; und so konnte euer Mentor sich euch nun auch nicht anders zeigen, als wie er ist, und wie er eigentlich auch in sich gegen euch allzeit gesinnt war. Seine Bescheidenheit und seine Sanftmut waren nur ein Spiel seiner Außenmiene, innerlich aber war es ganz anders!
GEJ|6|125|11|0|Darum verlanget in der Folge ja nicht mehr irgend einen Geist zu eurer Belehrung, sondern lebet nach Meiner Lehre, daß ihr dadurch fähig werdet, mit Meinem Geiste in den vollen Lebensverband zu treten, – dann werdet ihr solcher Geister harte Belehrung leicht entbehren können!“
GEJ|6|125|12|0|Damit waren die Weiber nun auch völlig zufriedengestellt und verloren alle Sehnsucht, je irgendwann mit einem solchen Mentorgeiste zusammenzukommen.
GEJ|6|125|13|0|Hierauf aber empfahl Ich dann allen, sich nun zur Ruhe zu begeben, was denn auch alle sogleich taten. Ich und die Jünger taten dasselbe, und wir nahmen unsere Ruhestühle ein.
GEJ|6|125|14|0|Die Nacht verging bald, und wir machten uns auf die Füße. Als wir den Saal verlassen wollten, da kam uns auch schon Jored entgegen und bat Mich, aufs bald bereitete Morgenmahl zu warten.
GEJ|6|125|15|0|Ich aber sagte: „Gib uns nun nur etwas Brot und Wein, und wir werden dann gleich abziehen, auf daß uns nicht die Priester mit ihren Weibern, die bald kommen werden, noch hier antreffen!“
GEJ|6|125|16|0|Das geschah sogleich. Wir nahmen Brot und Wein und zogen dann gleich ab, nachdem Ich zuvor noch Joreds Haus und seine Leute alle gesegnet hatte.
GEJ|6|126|1|1|126. — Die Bedeutung des Judenvolkes gegenüber den Heiden
GEJ|6|126|1|0|Jored und sein Sohn Jorab gaben Mir das Geleit bis Malaves, wo uns die dankerfüllten Bewohner schnell entgegeneilten und uns bewirten wollten. Aber wir nahmen nichts an, empfahlen ihnen aber noch einmal, in der empfangenen Lehre zu verharren. Das versprachen sie auch auf das feierlichste, fragten Mich aber, wohin Ich Mich nun nächstörtlich wenden werde.
GEJ|6|126|2|0|Und Ich sagte zu ihnen: „Nach Samosata! Habt ihr ein Fahrzeug dahin auf dem Wasser, so könnet ihr Mich dahin bringen.“
GEJ|6|126|3|0|Sagten die sehr gemütlichen und dienstfertigen Malavesaner: „O großer Herr und Meister, wohl haben wir zwei Fahrzeuge, auf denen Du und Deine Begleiter ganz bequem von hier nach Samosata in wenigen Stunden kommen könntet; aber es ist nur hernach das Zurückbringen der Fahrzeuge ziemlich schwer. Sie müssen stromaufwärts gezogen werden, und das mit Ochsen und Maultieren, und das kann dann geschehen, wenn von Serrhe bei einem günstigen Wasserstande Warenschiffe nach Melitene hinauffahren. Diese hängen dann derlei kleinere Fahrzeuge an und bringen sie dann an den Ort zurück, dahin zu bringen sie die Weisung von dem Schiffmeister bekommen. Allein das macht nichts; wir werden euch ein Paar verläßliche Schiffer mitgeben, und diese werden dann schon in Samosata das Geeignete veranstalten, daß die Fahrzeuge ehestmöglich zurückgebracht werden. Wenn es Dir, o Herr und Meister, denn gefällig wäre, so könntet ihr sogleich die Schiffe besteigen und abfahren!“
GEJ|6|126|4|0|Sagte Ich: „Ganz gut, meine lieben Leutchen; aber anstatt nur zwei Schiffer gebet uns vier mit, und Ich stehe dafür, daß sie heute noch lange vor Sonnenuntergang mitsamt den zwei Schiffen zurückkommen werden!“
GEJ|6|126|5|0|Sagten die Malavesaner: „Das wäre auf eine ganz natürliche Weise wohl nicht möglich; aber Dir, o Herr, ist nichts unmöglich! Denn wir haben das schon an uns erfahren, daß Dein Wort und Wille ein vollbrachtes und fertiges Werk ist.“
GEJ|6|126|6|0|Hier gingen gleich fünf Schiffer anstatt vier mit; drei übernahmen die Leitung des größeren Fahrzeuges, und zwei begaben sich auf das kleinere, das Ich mit den zwölf Altjüngern bestieg. Es waren aber diese Fahrzeuge auch mehr Flöße denn irgend eigentlich Schiffe; nur waren sie mit Geländern und Sitzbänken versehen, und jegliches hatte ein Dach aus grobem Segeltuche.
GEJ|6|126|7|0|Als Ich mit den Altjüngern auf das kleinere Fahrzeug ging, da grüßten Mich Jored und sein Sohn auf das herzlichste und baten Mich, daß Ich doch noch ja einmal sie persönlich besuchen möchten, aber bei einem abermaligen Besuche aber länger in ihrer Mitte verweilen möchte als diesmal.
GEJ|6|126|8|0|Ich aber grüßte sie auch und sagte: „Bleibet tätig in Meiner Lehre, und Ich werde nicht nur sehr oft, sondern am Ende schon gleich ganz in eurer Mitte Meine Wohnung aufrichten! Unsern Gruß und Segen allen, die eines guten Willens sind!“
GEJ|6|126|9|0|Hierauf wurden die Fahrzeuge losgemacht, das kleinere voraus und das größere um einige Augenblicke später, und es fuhr hinter uns.
GEJ|6|126|10|0|Als wir nun allein waren, sagte Petrus: „Herr, es wäre beinahe besser, so wir uns gleichfort unter den Heiden herumtrieben und ließen die Juden Juden sein; denn es ist ja doch eine wahre Herzensfreude zu sehen, wie diese Menschen mit einer wahren Gier die Worte des Lebens in sich aufnehmen. Die Zerstörung ihrer drei Götzen ging doch so leicht durch, und beinahe kein Mensch außer den fünf Weibern machte sich darüber etwas Besonderes daraus, und am Ende waren sogar die Weiber auch eben nicht gar zu schwer zur Umkehr zu bringen. Und wenn man die Sache so recht bei Lichte betrachtet, so liegt in solch einem Heiden, wie da war und ist der Jored und sein ganzes Haus, wohl hundertmal mehr gesunden Menschenverstandes als in einem jüdischen Ältesten und Schriftgelehrten. Wie wäre es uns in Jerusalem ergangen, wenn Du den Pharisäern den Tempel also gelichtet hättest wie vor drei Tagen den zu Chotinodora?! Ich sage mit immer mehr Einsicht und Überzeugung: Die Juden sind Deiner großen Erbarmung, Geduld und Nachsicht unter allen Völkern am wenigsten wert. – Was sagst Du zu dieser meiner Ansicht?“
GEJ|6|126|11|0|Sagte Ich: „Siehe, du redest, wie du es verstehst! Wenn du ein Feld siehst, das gar dicht mit allerlei Unkraut überwachsen ist, so muß dir da ja auch dein gesunder Menschenverstand sagen: Da muß ein gutes und fruchtbares Erdreich sein! Da lohnte es sich wohl der Mühe, dies Feld von dem Unkraute zu reinigen und dann darauf den Weizen zu säen; da kann er hundertfältige Frucht bringen! So du aber ein Feld ersiehst, das da gar recht rein aussieht, da nur höchst sparsam hie und da ein Gräschen mager emporwächst, wird es sich da wohl der Mühe und Arbeit lohnen, solch ein Feld zu einem fruchtbaren Weizenacker umzugestalten? Sicher nicht, denn wo der Boden fürs Unkraut keine Nahrung hat, da wird er sie sicher auch für den Weizen nicht haben. Du wirst auf ein solches Feld viel guten und kräftigen Dünger geben müssen, um das Magerfeld für den Weizen fruchtbar zu machen.
GEJ|6|126|12|0|Siehe, welche Zeichen mußten hier geschehen, damit diese Heiden den Glauben annahmen! Die Zeichen waren ein kräftiger Dünger, damit die Lehre als der Lebensweizen auf ihrem Gemütsfelde aufkeimen und zu einer künftigen Frucht emporwachsen konnte. Als Ich aber vor anderthalb Jahren zu euch Juden kam, da bedurfte es nur allein des Wortes, und ihr folgtet Mir, ohne daß ihr deshalb schon ganz im klaren gewesen wäret, wem ihr gefolgt seid. Es war euer Gemütsboden wohl mit manchem Unkraute bewachsen, und manches Dorngestrüpp umzog euer Herz, – aber es war daneben dennoch auch viel freies Feld für den Weizen.
GEJ|6|126|13|0|Bei diesen Heiden aber hätten wir zehn Jahre lang reden können, so hätten wir sie dennoch nicht bekehrt zum Lichte des Lebens aus Gott, da sie uns trotz der vielen und großen Zeichen noch einen harten Widerstand leisteten. Nun sind sie wohl unser, mehr denn viele Juden, und es wird auch den Juden wegen ihres Starrsinnes das Licht genommen und den Heiden gegeben werden; aber alles dessenungeachtet dürfet ihr das nie unbeachtet lassen, daß das Heil der Menschen nur von Jerusalem ausgeht, und alle den Juden gemachten Weissagungen werden daselbst ihre Erfüllung haben für alle Menschen der Erde! Aber alles dessenungeachtet werden wir nun auch die Heiden besuchen und sie vorbereiten auf das, was sie nach Meiner Auffahrt werden zu erwarten haben, nämlich die Ausgießung des Heiligen Geistes aus Gott.
GEJ|6|126|14|0|Nun aber habet alle ein wenig acht; denn wir kommen nun an eine Wasserstelle dieses Stromes, an der er mehr steht denn fortfließt! Da müssen die Ruder stark gehandhabt werden, ansonst man daselbst leicht von Stromräubern eingeholt und überfallen werden kann. Allein es sollen unsere beiden Schiffer das Fahrzeug nur gehen lassen, wie es geht; denn Ich will diese Räuber sprechen und von ihrem Gewerbe abbringen!“
GEJ|6|127|1|1|127. — Der Herr überwindet die Stromräuber
GEJ|6|127|1|0|Als Ich solches noch kaum ausgesprochen hatte, schwamm unser Fahrzeug auch schon auf der Stromruhe, allwo der Strom sehr breit und auch sehr tief war. Wir waren kaum bei zwei Morgen auf der Stromruhe vorwärtsgekommen, als unsere beiden Schiffer die Ruder für stromabwärts in die Hand nahmen und zu rudern anfingen; aber Ich sagte zu ihnen, daß sie das nun nicht tun sollten.
GEJ|6|127|2|0|Sie aber sagten (die Schiffer): „Herr, das ist eine unsichere Stelle, auf der man leicht von argen Räubern angehalten wird, die jedem Floße, das sie einholen, einen übermäßigen Tribut abnehmen! So wir aber unser Fahrzeug schnellen, dann holen sie uns bis zur darauffolgenden Schnelle nicht ein, und wir sind dann schon geborgen, weil sie sich über diese Stromruhe nicht hinauswagen.“
GEJ|6|127|3|0|Sagte Ich: „Ja, ja, da habt ihr schon recht; aber Ich will eben mit diesen Stromräubern zusammenkommen und sie für die Folge für hier ganz unschädlich machen. Darum lasset das Rudern auf einige Augenblicke!“
GEJ|6|127|4|0|Auf diese Worte stellten unsere beiden Schiffer das Rudern ein, und es dauerte keine zehn Augenblicke, als schon ganz verdächtig aussehende Männer auf einem breiten Kahn unser Fahrzeug einholten und uns sogleich zur freiwilligen Herausgabe unserer sämtlichen Güter aufforderten.
GEJ|6|127|5|0|Ich aber erhob Mich von Meinem Sitze und fragte mit mächtiger Stimme die Räuber: „Mit welchem Rechte verlangt ihr solches von uns und von jedermann, den ihr einholen könnet?“
GEJ|6|127|6|0|Sagte ein Räuber von riesiger Gestalt: „Wir sind Freibeuter und kennen kein anderes Recht als nur das des Stärkeren!“
GEJ|6|127|7|0|Sagte Ich: „Wie dann, wenn nun wir hier die Stärkeren wären und verlangten von euch euer Gut oder euer Leben?“
GEJ|6|127|8|0|Sagte der Räuber: „Dann müßten wir es uns auch gefallen lassen! Aber da das nicht der Fall ist, so zaudert nicht, uns das Verlangte zu geben, da wir euch ansonst unliebsamerweise unsere Stärke zeigen müßten!“
GEJ|6|127|9|0|Sagte Ich: „Wir haben nichts und geben daher auch nichts; glaubet ihr Mir aber nicht, so machet nun nur sogleich Gebrauch von eurer Riesenstärke!“
GEJ|6|127|10|0|Da hoben die Räuber gewaltige Keulen auf, um nach uns zu schlagen. Ich aber machte sie im Augenblicke steif, daß sie dastanden so unbeweglich wie Statuen und vor Schmerz ein gar jämmerliches Geheul anstimmten.
GEJ|6|127|11|0|Ich aber fragte nun den stärksten Räuber: „Nun, wo ist nun das Recht?“
GEJ|6|127|12|0|Dieser aber schrie (der Räuber): „O du Mächtigster, du bist ein Gott! Hilf uns, und wir wollen fortan für alle Zeiten von diesem Gewerbe abstehen und alles tun, was du von uns verlangst!“
GEJ|6|127|13|0|Sagte Ich: „Gut denn, seid frei; aber euer geraubtes Gold gebet Meinen zwei Schiffern, ansonst es euch gar übel ergehen würde!“
GEJ|6|127|14|0|Da sagte der große Räuber: „Herr, nicht nur das Gold, sondern auch all das Silber geben wir her; aber nur laß du es uns zehn Männern zu, daß wir dich, wohin du ziehest, begleiten dürfen, – denn ich ahne, daß du ein Besitzer ganz anderer und höherer Schätze bist, als da sind die unsrigen, und von diesen deinen Schätzen möchten wir ein weniges nur uns aneignen!“
GEJ|6|127|15|0|Sagte Ich: „So gehet und holet euer Gold und Silber!“
GEJ|6|127|16|0|Da eilten sie dem felsigen linken Stromufer zu, wo sie in Höhlen wohnten. In einer Viertelstunde waren sie schon wieder bei uns und übergaben Mir bei hundert Pfunde Goldes und dreihundert Pfunde reinen Silbers, dazu noch Perlen und Edelsteine.
GEJ|6|127|17|0|In dieser Zeit kam auch das größere Fahrzeug mit den zwanzig Jüngern uns nach, und diese fuhren ganz nahe zu uns, weil ihre Schiffer ihnen sagten, daß wir sicher von den berüchtigten Räubern angehalten worden seien. Als sie aber zu uns kamen, da staunten sie über unsere Schätze und wollten fragen, wie wir dazu gekommen seien.
GEJ|6|127|18|0|Ich aber sagte: „Fahret nun nur weiter, alles andere werdet ihr noch früh genug erfahren! Diese Schätze aber sind nun schon ein Eigentum unserer fünf Schiffer, und diese zehn Männer, die sie hergegeben haben, sind gekommen, um Mir nachzufolgen. Und nun sehet, daß ihr weiter kommet!“
GEJ|6|127|19|0|Da fuhren die zwanzig weiter, aber unter sich sprachen sie: „Es ist doch ein sonderbares Ding mit unserem Herrn! Jetzt nimmt Er schon Heiden und Zöllner und Diebe und Räuber zu Seinen Jüngern an; aber die vielen Jünger aus Jerusalem ließ Er in Kapernaum ohne ein Wort abgehen! Ja, ja, wir werden es noch erleben, daß Er auch Huren und Ehebrecherinnen zu Seinen Jüngern annehmen wird! Es ist das wahrlich sehr sonderbar! Aber was wollen wir machen? Er ist und bleibt einmal ein mit aller Kraft Gottes erfüllter Prophet, dem niemand widerstehen kann, und wir müssen Ihm Sein Recht lassen, – da nützet nichts dawider!“
GEJ|6|127|20|0|Als sie aber also redeten, hatten wir samt den zehn Räubern, die in ihrem breiten Kahne uns behende nachfuhren, sie auch schon eingeholt, und Ich sagte zu den zwanzig: „Ihr findet es sonderbar, daß Ich also tue, – Ich aber finde es bei euch zehnfach sonderbar, daß ihr eben solches Mein Tun und Handeln sonderbar findet. Die Menschen sind Mein Werk, und Ich kenne dieses Werk am besten, kenne eines jeden Fähigkeiten und weiß darum wohl, was Ich tue. Darum komme euch fürder nichts mehr als von Mir Getanes sonderbar vor, ansonst müßte es euch sehr sonderbar vorkommen, daß Ich euch angenommen habe, da ihr doch ärger waret tausendfach denn diese zehn Räuber, die aber noch niemanden getötet, sondern nur die reich- und schwerbeladenen Flöße etwas leichter gemacht haben!“
GEJ|6|127|21|0|Da ermannten sich die zwanzig und baten Mich um Vergebung. Ich aber fuhr ihnen wieder vor und zeigte ihnen durch die Stromschnelle den sicheren Weg. Als wir diese hinter uns hatten, da ersahen wir auch schon Samosata und erreichten diesen Ort auch nach einer Stunde.
GEJ|6|128|1|1|128. — Der Herr in Samosata
GEJ|6|128|1|0|Als wir allda landeten, da kamen gleich die Zöllner und forderten hastig ihren Zoll.
GEJ|6|128|2|0|Und Ich sagte zu Petrus: „Nimm ein ganzes Pfund Silber und gib es hin für uns alle!“
GEJ|6|128|3|0|Petrus tat das, aber der Zöllner sagte: „Herr, das ist zehnfach zuviel, da bekommst du noch viel heraus!“
GEJ|6|128|4|0|Ich aber sagte: „So tue damit den Armen Gutes, behalte das Ganze und zeige uns eine gute Herberge; denn wir bleiben heute und morgen hier!“
GEJ|6|128|5|0|Sagte der Zöllner: „Da bleibet bei mir; denn ich selbst besitze eben die beste und größte Herberge!“
GEJ|6|128|6|0|Sagte Ich: „Gut, so führe uns hin!“
GEJ|6|128|7|0|Hier stiegen wir aus, und als wir die Fahrzeuge verließen, fuhren diese sogleich pfeilschnell stromaufwärts mit den Schätzen zurück, was den Zöllner überaus zu wundern anfing, und das um so mehr, da auch der leere und schifferlose Kahn von selbst den zwei anderen Fahrzeugen nachflog.
GEJ|6|128|8|0|Als der Zöllner sich ausgewundert hatte, führte er uns in seine Herberge. Dieses unseres Samosater Zöllners Haus und Herberge war dem Hause Joreds in Chotinodora sehr ähnlich und hatte beinahe dieselbe Einrichtung; nur der Speisesaal war nicht so geräumig und bequem und zierlich eingerichtet, – namentlich war der Oberboden (Plafond) eben nicht sehr erquicklich anzusehen, da er nicht aus Dielen, sondern nach der mehr orientalischen Art bloß in einer Überspannung schmutzigen Segeltuches bestand. Aber es machte das gerade nichts, es war das ja dennoch der beste Saal in ganz Samosata, und so quartierten wir uns hier ein, obwohl Mich ein Räuber darauf aufmerksam machte, daß diese Herberge zwar wohl eine der besten im ganzen Orte sei, aber auch eine der teuersten; denn unter zehn Pfennigen komme da für einen Tag wohl niemand aus. Der Wirt sei da ein sehr geldsüchtiger Kauz.
GEJ|6|128|9|0|Ich aber sagte: „Lassen wir das! Es wird sich morgen schon zeigen, was er uns für eine Rechnung machen wird!“
GEJ|6|128|10|0|Als wir uns um den großen und langen Tisch gelagert hatten, da fragte Mich der Wirt, was wir nun zu Mittag essen und trinken wollten.
GEJ|6|128|11|0|Ich sagte zu ihm: „Brot und Wein hast du, und eines mehreren bedürfen wir nicht, und du hast auch nichts weiteres und mehreres vorbereitet; am Abend werden wir uns schon selbst versorgen.“
GEJ|6|128|12|0|Sagte der Wirt ganz höflich: „O mein sehr verehrter Freund, ich habe wohl noch allerlei Vorräte an Fleisch, Milch, Butter, Käse, Eiern, Honig und allerlei Gartenfrüchten; auch gute Fische habe ich in meinen Behältern! Du brauchst nur zu schaffen (befehlen) und es wird alles in aller Zeitkürze bereitet werden!“
GEJ|6|128|13|0|Sagte Ich: „Laß alles das nun gut sein, wir werden nun schon bei Meinem ersten Verlangen verbleiben; nur einen besten Wein, den du irgend hast, wünsche Ich!“
GEJ|6|128|14|0|Der Wirt berief sogleich seine Diener und ließ Brot und Wein in hinreichender Menge auftragen, und Ich segnete beides und gebot nun allen, zu essen und zu trinken nach Herzenslust.
GEJ|6|128|15|0|Die zehn gewesenen Räuber aber sagten: „Herr, wir sind aber nicht würdig, an eurem Tische zu sitzen, und unsere Bekleidung ist zu dürftig und schmutzig für euch, die ihr Herren und wohlbekleidet seid!“
GEJ|6|128|16|0|Sagte Ich: „Das gehört nun nicht daher; jetzt tut das, was Ich will, und dann wird bald auch eure Bekleidung eine bessere werden! Der Mensch, wenn sein Inneres in der Ordnung ist, ist und bleibt ein Mensch auch in den dürftigsten Kleidern.“
GEJ|6|128|17|0|Wir aßen und tranken nun ganz wohlgemut und redeten wenig dabei. Als wir gegessen und getrunken und sonach unsere Glieder gestärkt hatten, da erhoben wir uns alsbald von unseren Plätzen, und Ich fragte den Wirt um die Zeche.
GEJ|6|128|18|0|Er aber sagte, das sei schon bezahlt aus dem noch großen Überreste des Pfundes Silber, und wir könnten für den Überrest noch drei volle Tage bei ihm in der Herberge sein.
GEJ|6|128|19|0|„Gut“, sagte Ich, „so können wir uns nun ganz ungeniert ins Freie machen und uns ein wenig den Ort ansehen.“
GEJ|6|128|20|0|Sagte der Wirt: „Allerdings, – nur werde ich euch zu eurer größeren Sicherheit begleiten; denn wir haben hier ein römisches Gericht und eine kleine römische Besatzung, und diese ist mit den fremden Reisenden eben nicht zu freundlich, wenn sie mit ihnen irgend zusammenkommt. Aber so ich als der Hauptzöllner und auch Vorsteher des ganzen Ortes mit euch gehe, so werdet ihr überall anstandslos durchkommen. Damit aber auch ich um so sicherer und gedeckter in allem bin, so wäre es gut, wenn ihr es bloß mir anvertrauen möchtet der Wahrheit gemäß, wer und woher ihr seid, und was euch so ganz eigentlich hierher geführt hat.“
GEJ|6|128|21|0|Sagte Ich: „Dieweil du eine ehrliche Weltseele bist und es in deiner Art gut mit uns meinst, so sage Ich als der Herr und Meister für Mich und für diese alle, und so höre: Ich bin ein Heiland aller Heilande der Erde, und diese sind Meine Jünger. Wir sind zumeist Galiläer. Und nun weißt du vorderhand aber auch schon genug!“
GEJ|6|128|22|0|Sagte der Wirt: „Ah – so, so, – also ein Sohn Äskulaps, und das deine Jünger?! Nun, ganz gut, ganz gut; ich habe mir schon bei eurer Ankunft so etwas Ähnliches gedacht! Aber sage du mir, mit was für sonderbaren Schiffen seid ihr denn hier angekommen?! Wie möglich konnten denn diese so schnell stromaufwärts fahren? Das ist ja doch ein Etwas, das ich noch nie gesehen habe! Und wem gehörte denn das viele Gold und Silber, das in dem Schiffe lag, in welchem du, Meister, hier angekommen bist, und die Edelsteine und Perlen?“
GEJ|6|128|23|0|Sagte Ich: „Das gehört zwar Mir, – aber Ich habe alles den armen Schiffern geschenkt, weil sie uns alle so wohlbehalten hierhergebracht haben. Daß aber die Schiffe auch stromaufwärts fahren konnten, das ist ein Geheimnis, das Ich dir jetzt nicht erklären kann aus dem einfachen Grunde, weil du solches unmöglich verstehen könntest. Aber nun gehen wir ins Freie!“
GEJ|6|128|24|0|Der Wirt war damit einverstanden und ging voran, um uns den Weg zu zeigen und uns an jene Punkte des Städtchens zu führen, die nach seiner Ansicht die sehenswürdigsten waren. Wir kamen denn auch vor das ansehnliche Gebäude des römischen Hauptmannes, der im Hofraum gerade seinen Soldaten Befehle gab, wie sie diese Nacht hindurch die Wachen zu halten hätten, weil ihm angezeigt wurde, daß da eine große persische Karawane im Anzuge sei. Diese sei anzuhalten und zu visitieren, welche Waren und Schätze sie mit sich führe, damit man ihr von allen die gesetzliche Zollgebühr abnehmen könne.
GEJ|6|129|1|1|129. — Die Heilung des fieberkranken Hauptmannssohnes
GEJ|6|129|1|0|Als der Hauptmann damit fertig war und die Soldaten und Aufseher sich entfernten, da wurde er unser ansichtig und begab sich eilig zu uns. Als er bei uns war, erkundigte er sich gleich beim Zöllner, wer und woher wir wären, und was wir da zu tun hätten.
GEJ|6|129|2|0|Der Zöllner erklärte ihm das, und als der sehr ernst aussehende Hauptmann vernahm, daß Ich ein Heiland aller Heilande der ganzen Welt sei, da trat er alsbald zu Mir hin und sagte (der Hauptmann): „Wenn du das bist, was der Vorstand von dir ausgesagt hat, so heile meinen Sohn! Er ist mit einem bösen Fieber behaftet, liegt schon volle vier Jahre auf dem Krankenlager und sieht schon mehr einer Leiche denn einem lebenden Menschen gleich. Ich habe schon von allen Orten die besten Ärzte kommen lassen; aber sie konnten ihm alle nicht helfen. Wenn du ihm helfen kannst, so soll dir ein königlicher Lohn zuteil werden!“
GEJ|6|129|3|0|Sagte Ich: „Führe Mich hin zu deinem kranken Sohne, und wir wollen sehen, wie es mit ihm steht!“
GEJ|6|129|4|0|Sogleich führte uns der Hauptmann zum kranken Sohne in sein Haus. Als Ich da ankam, standen in seinem Krankenzimmer mehrere heidnische Götterstatuen um sein Lager herum, die ihm nach dem Rate der Priester hätten helfen sollen.
GEJ|6|129|5|0|Ich aber sagte zum Hauptmanne: „Du bist doch ein vernünftiger und vielerfahrener Mann und mußt selbst einsehen, daß diese durch Menschenhände gemachten Statuen dem Kranken nichts helfen konnten, und dennoch hast du sie von den betrügerischen Priestern zu diesem Zwecke um ein teures Geld gekauft oder eigentlich gemietet! Ich sage dir nun: Laß die betrügerischen Priester kommen! Vor ihnen werde Ich diese Statuen vernichten und darauf deinem Sohne auf das allerbestimmteste helfen.“
GEJ|6|129|6|0|Der Hauptmann, der ohnehin weder auf die Priester und noch weniger auf die Statuen der Götzen etwas hielt, sandte sogleich nach den Priestern, deren es hier sieben gab. Diese kamen bald herbei, und der Hauptmann stellte Mich ihnen gleich als einen Arzt von besonderen Kenntnissen vor.
GEJ|6|129|7|0|Die Priester aber sagten: „Freund, du lebst als ein Mensch in einer großen Einbildung, wenn du noch einem Kranken helfen zu können wähnst, dem selbst die allmächtigen Götter nicht mehr helfen mögen, da sie es einsehen, daß gar für jeden Menschen einmal die Zeit zum Sterben bestimmt ist!“
GEJ|6|129|8|0|Sagte Ich: „Aber, ihr Stoiker von eurer Geburt an, wie wollet ihr das einem andern Menschen glauben machen, an was ihr noch nie auch nur ein kleinstes Sonnenstäubchen groß geglaubt habt?“
GEJ|6|129|9|0|Sagten die Priester: „Wer kann sagen, daß wir nicht glauben, was wir lehren?“
GEJ|6|129|10|0|Sagte Ich: „Ich kann euch das sagen, weil dazu auch die Macht in Mir wohnt!“
GEJ|6|129|11|0|Sagten die Priester: „Was für eine Macht? Was redest du von deiner Macht?! Hier hat niemals jemand uns eine Macht außer dem Hauptmann und, und am allerwenigsten ein Fremder, der froh sein muß, daß wir ihn hier leben lassen!“
GEJ|6|129|12|0|Sagte Ich: „Daß Ich hier auch eine Macht habe, davon sollet ihr nun sogleich eine volle Überzeugung bekommen! Sehet, diese eure ehernen und steinernen, aller Macht und Kraft baren, völlig toten Götzen werde Ich bloß durch ein Wort völlig vernichten, weil Ich sonst dem Kranken nicht helfen möchte und wollte! Und so sage Ich denn: Hinweg mit euch toten Götzen!“
GEJ|6|129|13|0|In diesem Moment waren alle die Statuen völlig zunichte, und es war im ganzen Zimmer nicht das geringste von ihnen wahrzunehmen. Man durchsuchte nun das ganze Haus, und auch da war in allen Gemächern alles vernichtet, was sich in selben als ein Götzenbild befand.
GEJ|6|129|14|0|Da schlugen sich die Priester auf die Brust und schrien: „O du frecher Magier, wir erkennen deine unbegreifliche Macht an; aber siehe zu, wie du dafür mit den wahren Himmelsgöttern auskommen wirst!“
GEJ|6|129|15|0|Sagte Ich: „Ich bin ein Jude aus Galiläa und habe als solcher nie eine Furcht vor euren toten Götzen gehabt und werde sie auch nie haben. Wo Ich nun hinkomme, da helfe Ich den Menschen wahrhaft, physisch und geistig. Aber die Götzen müssen weichen und der einige, allein wahre, lebendige, ewige Gott an ihre Stelle treten; denn ohne Den gibt es kein Heil bei den Menschen auf dieser Erde. Da nun eure Götzen aber weg sind, so will Ich nun auch diesem Kranken helfen! Und so sage Ich zu dir: Stehe auf und wandle!“
GEJ|6|129|16|0|Hier verließ den Kranken augenblicklich das böse Fieber, und er stand auf, war völlig gesund und verlangte zu essen, da es ihn hungerte.
GEJ|6|129|17|0|Und Ich sagte zum Hauptmanne: „Gib ihm nun Brot und Wein, aber nicht zu viel auf einmal, und er wird sogleich dastehen, als hätte ihm nie etwas gefehlt!“
GEJ|6|129|18|0|Dieses geschah, und der Sohn stand so gesund da, als wäre er nie krank gewesen.
GEJ|6|129|19|0|Hier trat der Hauptmann gar freundlichen Angesichtes zu Mir, sagend: „O du unbegreiflicher, über alle unsere Götter erhabener Heiland! Was ist nun meine Pflicht dir gegenüber? Wie kann ich dir denn dafür einen rechten Lohn geben? Was verlangst du nun denn von mir?“
GEJ|6|129|20|0|Sagte Ich: „Mit nichts Irdischem kannst du Mich belohnen; denn Ich nehme nie von jemand irgendeine Zahlung an. Aber Ich werde dir durch diese Meine Jünger eine neue Lehre von Gott und von dem Leben der Seele auch nach dem Tode geben; nach dieser sollst du und dein ganzes Haus leben. Willst du aber ein mehreres von Mir erfahren, so begib dich jüngst einmal nach Chotinodora; dort wirst du schon das Nähere erfahren. Ich bleibe aber auch noch morgen allhier, und wir werden auch hier noch miteinander eine nähere Bekanntschaft machen.“
GEJ|6|129|21|0|Der Hauptmann war nun über alle Maßen entzückt und sagte: „Herr und Meister aller Meister und wahrster Heiland aller Heilande! Alles, alles, was du nur immer willst, wird geschehen; aber nur für heute bitte ich dich, daß du mit allen deinen Jüngern mein Gast verbleibst; denn siehe, mein Haus ist geräumig und hat viele Zimmer! Denn es wäre ein zu großer Undank von meiner Seite, dich in der Herberge des Zöllners zu lassen, die heute höchstwahrscheinlich von der ankommenden großen persischen Karawane völlig besetzt wird.“
GEJ|6|129|22|0|Sagte der anwesende Zöllner: „Deinem Wunsche, Hauptmann, kann ich nichts entgegenstellen, – sonst aber hätte ich nun auch alles aufgeboten, um so einen Gast ohne alles Entgelt auf das möglichst beste zu bedienen; nur das erlaube du mir, daß ich wenigstens in der Gesellschaft hier verweilen darf!“
GEJ|6|129|23|0|Sagte der Hauptmann: „Dadurch wirst du mir erst eine größte Freude machen. Mir ist nur gar überaus leid, daß nun meine andere Familie nicht allhier ist, sondern in Serrhe, von wo sie erst in einigen Tagen hierher zurückkehren wird. Aber ich habe dennoch Leute in Menge, und es soll euch nichts abgehen.“
GEJ|6|129|24|0|Sagte einer der Priester: „Herr, dürfen auch wir in der Gesellschaft verbleiben?“
GEJ|6|129|25|0|Sagte der Hauptmann: „Das hat unser großer Heiland zu bestimmen; denn ihr habt ihn nicht also empfangen, daß er an euch eine Freude haben könnte.“
GEJ|6|130|1|1|130. — Die Bekehrung der Götzenpriester
GEJ|6|130|1|0|Sagte Ich: „Diese Priester sollen nach Chotinodora ziehen zu ihrem Oberpriester; dort werden sie schon die Weisung bekommen, was sie fürder zu tun haben. Die Zeit des alten, leeren Götzentums und des blindesten Aberglaubens einerseits und des gänzlichen Nichtsglaubens anderseits ist vorüber; von jetzt an werden die Menschen an den einigen, allein wahren, lebendigen und für jedermann findbaren und begreifbaren Gott der vollsten und überzeugendsten Wahrheit nach zu glauben anfangen und werden sich selbst finden in solchem Glauben und erkennen die Unsterblichkeit ihrer Seele und deren ewige seligkeitsvollste Bestimmung. Ist aber diese Zeit des innern Lichtes und Lebens gekommen, so ist's nichts mehr mit eurem blinden, phantastischen Vielgöttertume.
GEJ|6|130|2|0|Nun tritt der Gott auf, dem die Athenienser als dem ihnen unbekannten Gotte auch einen Tempel erbaut haben, in welchem aber kein Götzenbild aufgerichtet war, sondern auf einem Altare lagen die Bücher der alten Weisen Ägyptens, und so einmal im Jahre die Menschen sich versammelten in diesem Tempel, so wurden ihnen aus den Büchern Stellen weisen Inhalts vorgelesen, und die Menschen erbauten sich allda und alldann am meisten, während sie vor den andern Götzen wenig Achtung bezeugten. Wenn aber nun dieser allein wahrhaftige Gott auftritt, so müssen vor Seinem Geiste alle die nichtigen und falschen Betrugs- und Lügengötter zunichte werden. Gehet hin in euren Tempel, und ihr werdet kein Götzenbild mehr darin finden!“
GEJ|6|130|3|0|Da schlugen die Priester die Hände über dem Kopfe zusammen und sagten: „Herr, wenn das, dann sind wir verloren! Was wird das Volk dazu sagen?“
GEJ|6|130|4|0|Sagte der Hauptmann: „Das Volk habe ich unter meiner Gewalt und weiß, was ich bei einem allfälligen Aufstande zu tun habe. Das Volk wird einmal ganz in aller Ruhe und Gelassenheit unterrichtet, was das zu bedeuten hat. Stellt es sich damit höchstwahrscheinlich sehr zufrieden, weil es nun mit eurer Wirtschaft durchaus nicht mehr zufrieden war, so ist das schon etwas ganz Gutes. Sollten sich dabei einige, etwa von euch aufgewiegelt, unzufrieden gebärden, so habe ich dann schon auch wieder Mittel genug in meinen Händen, sie zur Ruhe und Zufriedenheit zu bringen. Hütet euch aber, jemanden aufzuwiegeln; denn meinen Ernst kennet ihr!
GEJ|6|130|5|0|So aber der Tempel, der hier ohnedies nichts heißt, von den falschen Göttern leer ist, nun, so weihet ihn dem unbekannten Gott etwa nach meiner Verordnung zu eurer Besserung ein und belehret das Volk danach, und es wird tausendmal zufriedener sein, als es so ist, wo ihr es beinahe in jeder Woche dreimal mit euren Zimbeln zusammenrufet, um ihm irgendeines Gottes Willen, den ihr erfunden habt, unter allerlei dummer und nichtssagender Zeremonie zu verkünden, wofür ihr von jedermann ein Opfer abfordert.
GEJ|6|130|6|0|So es irgendein heller sehender Mensch nicht hergibt, so wird er mit aller Götter Strafen für hier und jenseits bedroht und auf eine Zeitlang aus der Gesellschaft der gläubigen Narren ausgeschlossen. Aber dazu müssen wir euch leider unsern Arm leihen, auf daß ihr in eurem Ansehen bleiben könnet; ziehen wir den zurück, so wird euch das Volk gleich etwas anderes zu erzählen anfangen! Bestehet ihr aber, nur durch unsern Arm angesehen, in aller eurer Betrügerei, so werdet ihr als Verkünder der Wahrheit euch wohl noch mehr auf unsern Arm stützen können. Sehet ihr das auch nicht ein?! Hat das Volk euch für eure Lügen gerne und willig ein Opfer gebracht, so wird es euch für die Wahrheit wohl noch lieber ein angemessenes Opfer darbringen. Das sehe ich als ein Laie klar ein, – warum denn ihr als weisheitsvolle Priester der Götter nicht?“
GEJ|6|130|7|0|Sagte ein Priester von der mehr gemäßigten Art: „Das ist alles wohl ganz gut und wahr! Es wäre ganz gut dem Volke die Wahrheit zu predigen, wenn man sie nur irgend selbst hätte; aber wo diese hernehmen? Das ist eine ganz andere Frage!“
GEJ|6|130|8|0|Sagte der Hauptmanne: „Dafür hat euch dieser Heiland schon den rechten Rat gegeben. Ziehet hin nach Chotinodora! Dort werden euch die Oberpriester schon die rechte Weisung geben; nach der handelt, und es wird dann sicher alles recht gehen! Ziehet noch heute dahin, lasset euch dort unterrichten, – dann kommet und lehret das Volk die Wahrheit!“
GEJ|6|130|9|0|Sagte Ich zum Hauptmann: „Für heute sollen sie hier verweilen; morgen aber sollen sie tun nach deinem Rate. Heute aber dürften sie noch so manches hier erleben, was ihnen die Augen öffnen dürfte.“
GEJ|6|130|10|0|Sagte der Hauptmann: „So bleibet denn heute hier in der Gesellschaft, deren ihr als Menschen, nicht aber als Priester würdig seid!“
GEJ|6|130|11|0|Ich aber sagte nun etwas geheim zum Hauptmanne: „Da du nach dem allem ein Mensch bist, an dem Ich ein rechtes Wohlgefallen habe, so bekleide du jene zehn Menschen, die, in gar dürftige Lumpen gehüllt, da stehen! Ich habe sie angenommen, und sie ziehen nun als Jünger mit Mir.“
GEJ|6|130|12|0|Sagte der Hauptmann: „Herr, dein Wille geschehe; denn dein Wille steht für mich höher denn der meines Kaisers, weil ich es nun zu gut einsehe, daß auch des Kaisers Wille dem deinigen untertan ist und sein muß! Es ist ein leichtes, mit großen Heeresmassen zu wirken, die dem Feldherrn blindlings gehorchen und Völker und Länder erobern; aber alle Kriegsheere können nicht bloß durch ihren Willen eherne Statuen zunichte machen und ein unheilbares Fieber in einem Augenblicke heilen. Ich selbst habe eine große Macht zu gebieten über viele Krieger und Kriegsknechte; aber meinen Sohn mußte ich trotz aller meiner Macht vier Jahre hindurch elend leiden sehen. Also steht, o du guter, wunderbarer Heiland, die Macht deines Willens ja endlos höher denn die Macht aller Kaiser und Könige auf der ganzen Erde, so groß und weit sie auch sein mag!“
GEJ|6|130|13|0|Hierauf berief er seine Diener und gebot ihnen, die zehn Männer mit den besten Kleidern zu bekleiden. Solches geschah in wenigen Augenblicken, und der Hauptmann beschenkte sie noch reichlich mit römischem Gelde. Darauf kamen sie wieder zu uns, ganz als Römer gekleidet.
GEJ|6|130|14|0|Der Riese nahm sich besonders ehrfurchtgebietend aus, so daß der Hauptmann unwillkürlich ausrief: „Oh, welch eine herrliche Mannesgestalt! Wenn deine Seele ebenso groß und wohlgeformt ist, so wirst du noch Großes leisten auf Erden!“
GEJ|6|130|15|0|Sagte Ich: „Jawohl, das kann sehr leicht sein, es kommt da nur auf den rechten Lebensernst an! Aber Menschen, die noch nie einen ihnen freundlichen Tag begrüßen konnten, haben ihren Ernst in den Kämpfen der Nacht gestählt und werden demnach sicher am freundlichen Lebenstage auch des Lebens Ernst nicht hintansetzen.“
GEJ|6|131|1|1|131. — Der römische Hauptmann findet seine Geschwister
GEJ|6|131|1|0|Sagte der Riese, höchst gerührt: „O du göttlichster und erhabenster Freund der Menschen! Wir alle zehn waren Kinder eines reichen Fürsten am großen Kaspischen Meere. Wir lebten im Frieden, und unser Volk war vielleicht eines der glücklichsten auf der Erde. Da kamen auf einmal wilde Horden vom tiefen Norden her, raubten, sengten und mordeten alles, was ihnen unterkam. Da sagte unser Vater: ,Kinder, da ist an keinen Gegenkampf zu denken, sondern fliehen wir, sonst sind wir verloren!‘ Des Vaters Wille war uns heilig, und wir flohen in die Gebirge und entkamen also den wilden Horden. Wir zogen über die Gebirge und kamen endlich diesseits der hohen und breiten Gebirge. Unser Vater starb vor fünf Jahren, und der Euphrat war sein Grab; denn wir konnten ihm kein anderes Grab geben und bereiten.
GEJ|6|131|2|0|Im ganzen haben wir lange zehn Jahre hindurch nur unterirdische Höhlen am Strome bewohnt und uns notgedrungen von Kräutern und – leider – von einer Art unschädlichen Raubes gar elend erhalten. Das Silber und Gold und die Perlen und Edelsteine waren zumeist noch das in der Eile mitgenommene Kleinod aus unserem königlichen Schatze, obwohl wir in der letzten Zeit es auch gar nicht mehr verschmähten, anderen Reichen ihren Überfluß abzunehmen. Aber was wir in unseren Höhlen verborgen hatten, das haben wir, o Herr und Meister, dir abgetreten, als wir erfuhren die nie besiegbare Macht deines Wortes und deines Willens.
GEJ|6|131|3|0|Wir baten dich nur um die Gnade, dir folgen zu dürfen und von dir als eifrigste Jünger etwas zu erlernen, das uns unseren großen Verlust sicher ersetzen wird. Und so können wir wohl sagen: Des Lebens gar entsetzlich bitterste Erfahrungen haben wir durchgemacht und kennen des Lebens elendst bittersten Ernst, und es kann uns nun treffen, was da wolle, so werden wir vor nichts erbeben, und am wenigsten vor dem, was uns das erstemal in unserem Leben ein wahres Licht auf den weiteren Pfaden dieses unseres Erdenlebens verspricht mit so untrüglichen Zeichen, wie ähnliche noch kein sterbliches Auge je gesehen hat.
GEJ|6|131|4|0|Ja, Herr, an uns sollst du Schüler haben von dem unbeugsamsten Willen und Ernste! Oh, gib uns nur bald bekannt, was wir tun sollen, und wir werden danach handeln mit solch einem unerschütterlichen Mute, wie er nur bei jenen Menschen sich findet, die dem Tode zu jeder Zeit mit der größten Kaltblütigkeit ins Gesicht zu schauen gewohnt sind!“
GEJ|6|131|5|0|Sagte Ich: „Bleibet getreu solchem eurem Grundsatze, und ihr werdet endlos Größeres gewinnen, als ihr je verloren habt!“
GEJ|6|131|6|0|Als aber der Hauptmann solches von den zehn Männern vernommen hatte, da kamen ihm die Tränen, und er sagte: „O Brüder, das alles hat der unbekannte Gott also wunderbar gefügt! Könnet ihr euch nicht erinnern, einmal einen Bruder noch als einen Knaben von kaum zehn Jahren Alters verloren zu haben? Sehet, euer Vater war auch der meinige! Man fing mich einmal, als ich ganz sorglos in einem Haine Blumen pflückte. Da half kein Bitten; die Kinderdiebe schleppten mich übers Gebirge, und ich wurde in Sidon an ein römisches Schiff als Sklave verkauft. In Rom wurde ich wieder an einen edlen Römer als Sklave verkauft; diesem aber gefiel ich, und da er keine Kinder hatte, so setzte er mich an Kindesstelle, schenkte mir die volle Freiheit und ließ mich erziehen und ausbilden zu einem Krieger. Ich wurde nach und nach das, was ich nun bin, freilich mehr durch mein Geld als durch meine Verdienste, und wurde vor ein paar Jahren hierher als Kommandant gestellt.
GEJ|6|131|7|0|Ja, ich möchte nun schon behaupten, daß dieser nun unser wunderbarster Heiland heimlich bei sich in seinem göttlich hellsehenden Gemüte auch um alles das gewußt und es also weise eingeleitet hat, daß wir Brüder uns hier finden mußten. So mußte ich auch hierher als Kommandant kommen, weil ihr als meine unglücklichen Brüder euch in meiner Nähe – leider traurig genug – aufhieltet; denn wäret ihr als Räuber von meinen Soldaten eingefangen und mir zum Gerichte vorgestellt worden, so hätten wir uns so wie jetzt sicher erkannt, und ich hätte dann offenbar Mittel und Wege gefunden, um euch von allen Übeln frei zu machen. Und das haben wir alles dem einen, wahren, uns noch unbekannten Gott zu verdanken, der uns höchstwahrscheinlich nun in diesem Heilande einen Apostel zukommen ließ, daß er uns von den toten Göttern befreie und uns dafür zeige den einen, wahren Gott. – Ist es nicht also, meine lieben, edlen Brüder?“
GEJ|6|131|8|0|Sagte der Große: „Ja, edelster Bruder, genau also ist es! Was haben wir um dich geweint und was dich gesucht in unserem ganzen großen Lande, und alle Ufer des großen Meeres wurden durchsucht, – doch alles vergebens! Bis zu dieser Stunde vernahmen wir nichts von dir. Nur unserer einzigen Schwester, die oft so recht sonderbare Träume hatte, träumte einmal, daß sie dich in einer großen, wunderschönen Stadt gesehen und sogar gesprochen habe und du ihr eigens aufgegeben habest, daß wir um dich nicht so sehr trauern sollen; denn du lebest und seiest gut aufgehoben. Diesen Traum konnte sie uns nicht oft genug erzählen. Oh, welche Freude hätte sie jetzt, wenn sie noch am Leben wäre! Aber sie wird schwerlich mehr am Leben sein; denn bei dem Überfall und bei der großen Flucht ging sie, die einzige, samt der Mutter uns verloren und ist höchstwahrscheinlich in die Hände der wilden Horden gefallen. Der große, uns noch unbekannte Gott allein wird es wissen, wie es den beiden Armen ergangen ist! Vielleicht leben sie noch irgendwo im großen Elende?!“
GEJ|6|131|9|0|Sagte Ich: „O nein, Meine Freunde, auch für diese ward von dem euch noch unbekannten Gott gesorgt! Sie kamen auch glücklich über das Gebirge in die Gegend des Euphrat und kamen mit Hilfe einer zurückreisenden Handelskarawane nach Chotinodora. Eure Schwester ist dort nun das brave Weib des euch bekannten Zöllners Jored. Er hatte zwar schon ein paar Weiber, aber er nahm auch diese damals arme Person wegen ihrer Schönheit zum Weibe; sie ist nun sein Liebling, obwohl sie ihm noch kein Kind gebar. Aber er hat Kinder von den andern Weibern, die aber eure Schwester ebenso liebt, als wären sie ihre eigenen. Ich war über drei Tage in seinem Hause, und das ganze Haus hat Meine Lehre angenommen; aber Ich wollte ihm nichts von dem sagen, was alles hier noch seiner harrt. Es wird ihm um so mehr Freude machen, wenn er in Kürze durch dich, Mein Hauptmann, das alles erfahren wird. Bis jetzt weiß er noch nicht, wer sein liebstes Weib ist, und woher sie stammt; denn weder das Weib noch eure schon sehr bejahrte Mutter, die ganz stille bei ihm lebt, haben – aus Furcht vor irgendeinem Verrat – es ihm irgend eröffnet, wer und woher sie sind.
GEJ|6|131|10|0|Daher, so du hinkommen wirst, teile das vorerst bloß dem Jored unter vier Augen mit, und sage ihm auch, wie Ich solches alles also bewerkstelligt habe! Da werden er und sein Sohn Jorab eine übergroße Freude haben und eine noch größere deine Schwester und deine Mutter. Kurz, wenn du jüngst dahin kommen wirst, so wirst du Wunder über Wunder sehen, die da während Meiner dortigen Anwesenheit geschehen sind. – Aber nun lassen wir das; denn wir haben uns hier noch um ganz andere und wichtigere Dinge umzusehen.
GEJ|6|131|11|0|Vor allem aber gehen wir nun ein wenig ins Freie, und da wird sich gleich etwas vorfinden, durch das Ich euch mit dem euch noch unbekannten Gott in eine nähere Bekanntschaft werde setzen können, und das ist sicher mehr wert als tausend derartige romantische Lebensbegebenheiten der Menschen, an denen es auf dieser Erde wahrlich keinen Mangel hat.
GEJ|6|131|12|0|Ich habe das alles schon lange vorgesehen und kannte euch und alle eure diesirdischen Lebensverhältnisse; aber Ich wußte auch darum, daß Mein Wort bei euch einen guten Boden finden wird und kam darum zu euch, um euch allen Trost zu bringen. Aber der allergrößte Trost für euch sei der, daß in Mir das Reich des euch noch unbekannten Gottes zu euch gekommen ist und mit ihm das ewige Leben eurer Seelen!
GEJ|6|131|13|0|Denn sehet: Was nützen dem Menschen alle Schätze dieser Erde, so er sie dennoch in Bälde für immer und ewig verlassen muß? Ist es denn da nicht unberechenbar klüger für den Menschen, sich solche Schätze zu sammeln, die für ewig bestehen und der menschlichen Seele für ewig das seligste und wonnevollste Leben sichern, und zwar also, daß der Mensch schon in diesem Erdenleben die klarste und ungezweifelte Überzeugung erlangt, daß bei ihm das wahre, vollkommenste und freieste Leben erst nach dem Tode des Fleisches seinen vollsten und wahrsten Anfang nimmt?“
GEJ|6|131|14|0|Sagten alle, sogar die Priester: „Ja, Herr, das wäre freilich wohl das Höchste und Beste, was der Mensch auf dieser Erde erreichen könnte! Aber da ist eine Wand, die bis jetzt noch niemand hat durchbrechen können, und der höchst fatale Isisschleier, den bis jetzt noch kein Sterblicher völlig gelüftet hat. Es gab wohl hie und da sehr weise Menschen, die dieser Sache wenigstens insoweit auf die Spur gekommen sind, daß daran allerdings etwas sei; aber über das Wo, Wann und Wie liegen noch alle die vielen tausendmal tausend Fragen völlig unbeantwortet. Wenn du so glücklich bist und diese Fragen für den menschlichen Verstand wohleinsichtlich beantworten kannst, dann gehörten dir der größte Ruhm und die höchste Dankbarkeit aller Menschen.“
GEJ|6|131|15|0|Sagte Ich: „So Ich dazu nicht imstande wäre, so wäre dann auch in Ewigkeit kein Wesen mehr dazu imstande, und es wäre ohne solche Meine Fähigkeit auch kein Leben im ganzen, endlosen Weltraume mehr denkbar möglich; aber weil Ich alles dessen wohl fähig bin, so ist und lebt alles im endlosen Weltenraume und veredelt sich durch mannigfache Seinsänderungen von der Mücke bis zum Menschen und von dem Sonnenstäubchen bis zur Sonne hinauf. Aber nun gehen wir ins Freie und sehen, was uns irgend unterkommen wird!“
GEJ|6|131|16|0|Darauf erhob sich alles und begab sich mit Mir ins Freie.
GEJ|6|132|1|1|132. — Des Hauptmanns Klage über den Krieg im Tierreiche
GEJ|6|132|1|0|Der Hauptmann führte uns längs des Stromes auf einen kleinen, spärlich mit Palmen bewachsenen Hügel, von dem aus man eine gar herrliche Aussicht ringsum in die weite Ferne genoß und den Strom in seinen großen Krümmungen weithin, beinahe bis in die Gegend von Serrhe, überblickte. Da ließen wir uns auf den Rasen nieder und weideten uns eine Zeitlang an der wirklich schönen Fernsicht, und der Hauptmann erzählte da ein Faktum ums andere, was sich irgend hier und dort ereignet hatte, und alles hörte ihm aufmerksam zu; denn er war ein guter Redner und der griechischen Sprache sehr mächtig, die jeder in der Gesellschaft wohl verstand, weil diese Sprache nahezu in ganz Vorderasien die allgemeinste war.
GEJ|6|132|2|0|Während sich aber der Hauptmann noch in seinem Erzählungseifer befand, da begab es sich, daß ein wahrer Riesenadler ganz nieder über uns hinwegflog und ein Kaninchen als Beute in seinen mächtigen Krallen hielt.
GEJ|6|132|3|0|Da sagte der Hauptmann zu Mir: „Erhabenster und wundervollster Heiland, siehe, das war wieder so ein Stückchen der traurigen Naturgeschichte, aus dem man auf der ganzen lieben Erde nichts als Feindschaft über Feindschaft erblickt! Ein Tier ist des andern Feind, und das pflanzt sich fort bis zum Menschen herauf, der am Ende noch der größte Feind von allen andern Dingen und Wesen ist, ja sogar seinesgleichen nicht schont in seinem Zorn und Grimme. Nur gleiche Gattungen von Tieren scheinen eine Art unfeindliche Liebe zueinander zu haben; aber ungleiche Gattungen sind sich gegenseitig stets die größten Feinde. Das gibt aber für einen allweisen und allgütigen Gott offenbar ein schlechtes Zeugnis.
GEJ|6|132|4|0|Hat denn der allweiseste und allmächtige Gott den Tieren kein anderes Futter auf der Erde bereiten und geben können als bloß das, daß sie einander gegenseitig töten und dann mit dem Leichname sich sättigen? Was Übles wohl hat das arme Kaninchen dem Aare zugefügt, daß der es darob in seine mächtigen Krallen faßte und nun irgendwohin trug, um es dort bei noch lebendigem Leibe zu zerfleischen und aufzufressen? Und so gibt es eine Menge solcher Raubtiere, die sich nur vom Fleische und Blute anderer, schwächerer und sanfterer Tiere nähren. Könnten sie denn nicht ebensogut wie die Ochsen, Esel, Ziegen und Schafe sich vom Grase ernähren?
GEJ|6|132|5|0|Es ist die Erde wahrlich wunderbar schön und geschmückt mit allem, was nur des Menschen Sinne erquicken kann; aber kaum hat man sich irgendwo ein sicheres und ruhiges Plätzchen ausgesucht, um am selben sein Gemüt mit erhebenden Betrachtungen zu erheitern, so hat einem irgendein böses und neidisches Fatum eine Szene vor die Nase hingestellt, die einem alles Schöne und Erhabene auf viele Tage hin verleidet.
GEJ|6|132|6|0|Ich bin zwar ein Soldat, ein Krieger, und es steht mir gar nicht gut an, daß ich so weichherzig bin, – aber ich bin einmal so beschaffen und kann es da von irgendeinem allweisen, allgütigen, allmächtigen Gottwesen, so es irgend eines gibt, unmöglich begreifen, wie es an der gegenseitigen und beständigen Würgerei und Auffresserei seiner sein sollenden Geschöpfe eine Lust haben kann. Es muß wahrlich ein Gemüt haben wie diejenigen Menschen in Rom, die nichts mehr in der Welt ergötzt als die wilden Stiergefechte und andere haarsträubend gräßliche Tierhetzereien.
GEJ|6|132|7|0|Ist aber der große, allein wahre Gott, den du, lieber Freund, uns näher kennen lehren willst, ein solcher Patronus, dann verschone uns alle mit Seiner näheren Bekanntschaft und noch mehr mit einem ewigen Leben unter Seiner Herrschaft; denn das wäre mein letzter und schrecklichster Wunsch! Da wärest du selbst als ein Gott mir äonenmal lieber! Ja, ich meine, daß ähnliche Erfahrungen auch am Ende den sonst so weisen Diogenes bestimmt haben, alles zu fliehen und zu verachten, was nur irgend nach einem allmächtigen Gotte roch.
GEJ|6|132|8|0|Er sagte ja einmal in irgendeiner Weisheitsschule, in der man nach Plato des Menschen Würde und Größe so recht oratorisch herausstrich, indem er eine ganz gerupfte, aber noch lebende Gans ausließ: ,Da, da habt ihr die Würde des platonischen Menschen!‘ Der eigentliche Mensch hat vor diesem Tiere nichts voraus als die armselige Vernunft, die ihm dazu dient, den Schmerz desto tiefer zu empfinden, wenn ihm von allen Seiten her die Lebensfedern ausgerauft werden!
GEJ|6|132|9|0|Herr und wunderbar großer Meister in deiner geheimen Kunst, kannst du uns darüber eine genügende Erklärung geben, so wirst du uns eine große Wohltat erweisen! Mir aber wäre es nun schon lieber, wir gingen wieder in unser Haus; denn es könnte sich hier leicht noch ein gleicher naturgrausamer Fall ereignen, und das würde mich auf Tage lang verstimmen und unglücklich machen.“
GEJ|6|133|1|1|133. — Von der Seelenlehre. Wesen und Zweck der Materie. Die freie, selbsttätige Entwicklung des Menschen zum Gotteskinde
GEJ|6|133|1|0|Sagte Ich: „Mein Freund, wenn dich sonst nichts nötigt, diese anmutige Stelle zu verlassen, so kannst du schon hier verbleiben, und Ich werde dir hier mit wenigen Worten erläutern, was dich nun gar so sehr beirret in deinem Gemüte! Siehe, Ich wußte um solche deine Gemütsschwäche und habe eben darum zugelassen, daß der riesige Aar seine Beute dir gerade vor der Nase hinwegtragen mußte!
GEJ|6|133|2|0|Es ist ganz wahr, daß auf dieser Erde alles Leben fortwährend allerlei Feinden ausgesetzt ist und stets kampfbereit dastehen muß, um sich als Leben zu behaupten. Allein dieser Kampf gilt ja nur der durch den allmächtigen Willen Gottes gerichteten Materie, die stets dann am meisten zu leiden hat, so ihr inneres Geistwesen, das wir Seele nennen, sich von der losen Materie trennt und in einen vollkommeneren Lebensgrad aufsteigt.
GEJ|6|133|3|0|Siehe, alle Materie dieser Erde – vom härtesten Steine bis zum Äther hoch über den Wolken – ist Seelensubstanz, aber in einem notwendig gerichteten und somit gefesteten Zustande. Ihre Bestimmung aber ist, wieder ins ungebundene, rein geistige Sein zurückzukehren, so sie eben durch diese Isolierung die Lebensselbständigkeit erreicht hat. Um aber diese durch eine stets erhöhte Selbsttätigkeit zu erlangen, so muß die aus der gebundenen Materie frei gemachte Seele alle möglichen Lebensstufen durchmachen und muß sich in jeder neuen Lebensstufe auch wieder von neuem in einen materiellen Leib einpuppen, aus dem sie dann wieder neue Lebens- und Tätigkeitssubstanzen an sich zieht und solche sich zu eigen macht.
GEJ|6|133|4|0|Ist eine Seele – was ihr jenseitiger Geist aus Gott gar helle sieht – einmal in einem Leibe, sei es der einer Pflanze oder der eines Tieres, durch die erforderliche Ausreifung fähig, in eine höhere Lebensstufe aufzusteigen, so veranlaßt ihr sie stets fortbildender jenseitiger Geist, daß ihr der für fernerhin unbrauchbare Leib abgenommen wird, damit sie dann, als schon mit höheren Intelligenzen begabt, sich einen andern Leib bilden kann, in welchem sie eine kürzere oder auch längere Zeit hindurch sich wieder zu einer größeren Lebens- und Tätigkeitsintelligenz emporarbeiten kann, und das so fort bis zum Menschen hinauf, wo sie, als schon völlig frei, dann als im letzten Leibe zum vollen Selbstbewußtsein gelangen wird, zur Erkenntnis Gottes, zur Liebe zu Ihm und dadurch zur vollen Vereinigung mit ihrem jenseitigen Geiste gelangen wird, welche Vereinigung wir die Neu- oder Wiedergeburt im Geiste nennen.
GEJ|6|133|5|0|Hat eine Menschenseele diesen Lebensgrad erreicht, so ist sie vollendet und kann alsdann als ein vollkommen selbständiges Sein und Leben nicht mehr von dem allgemeinsten göttlichen Allsein und All-Leben zerstört und verschlungen werden.
GEJ|6|133|6|0|Das sicherste Zeichen der schon erlangten Lebensselbständigkeit einer Menschenseele ist und besteht darin, daß sie Gott erkennt und Ihn sogar aus allen ihren Kräften liebt. Denn solange eine Seele Gott nicht erkennt als ein Wesen wie außer ihr seiend, ist sie noch wie blind und stumm von der Gewalt der göttlichen Allmacht nicht ledig; da muß sie dann noch gar gewaltig kämpfen, um sich aus solchen Fesseln loszumachen. Aber sowie eine Seele anfängt, den wahren Gott wie außer ihr seiend zu erkennen und durch das Gefühl ihrer Liebe zu Ihm Ihn ordentlich wesenhaft wahrzunehmen, dann ist sie schon von den Banden der göttlichen Allmacht frei und gehört dann auch schon stets mehr und mehr sich selbst an und ist sonach Selbstschöpferin ihres eigenen Seins und Lebens und dadurch eine selbständige Freundin Gottes für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten.
GEJ|6|133|7|0|Wenn aber also, so verliert das eigentliche Wesen ja eigentlich gar nichts, so demselben der für es weiterhin unbrauchbare Leib abgenommen wird, damit es dann schneller seine endliche Bestimmung erreichen kann.
GEJ|6|133|8|0|Was liegt denn am Leibe dieses Kaninchens, mit dem sich der Aar seinen Hunger stillt, – dabei aber des Tierchens Seele frei macht, so daß diese nun schon in der vollen Fähigkeit steht, in eine höhere Lebensstufe aufzusteigen? Der Aar aber hat eben auch eine Seele, die derselben Bestimmung entgegengeht. Im Fleisch und Blute des Kaninchens aber befinden sich auch noch gröbere Seelensubstanzen. Diese werden mit den Seelensubstanzen des Aars darum vereinigt, damit des Aars Seele dadurch etwas sanfter und intelligenter wird und nach dem Verluste ihres Leibes schon etwa gar zu einer Menschenseele werden kann, und das zu einer ganz ansehnlichen, mit viel Licht, Mut und Kraft begabten.
GEJ|6|133|9|0|Auf dieser Erde ist einmal die Einrichtung also für die auf ihr zu erziehenden Kinder Gottes. Das Leben ist und bleibt so lange ein Kampf mit allerlei Feinden, bis es sich über alle Materie als ein Sieger aus eigener Kraft emporgerungen hat. Und so darfst du dich über die materiellen Lebensfeinde gar nicht wundern; denn sie sind nicht Feinde des eigentlichen Lebens, sondern nur Feinde des materiellen Scheinlebens, das eigentlich gar kein Leben ist, sondern nur ein Werkzeug des wahren, inneren, geistigen Seelenlebens, mittels welchem sich dieses stets höher und höher zur wahrsten eigentlichsten Lebensfreiheit emporarbeiten kann, was ohne dieses zeitliche Mitleben gar nicht denkbar möglich wäre.
GEJ|6|133|10|0|Gott kann infolge Seiner Allmacht freilich einen Geist mit vollendeter Weisheit und Macht aus Sich hinausstellen oder erschaffen, und das in einem Momente gleich zahllos viele, – aber alle solche Geister haben keine Selbständigkeit; denn ihr Wollen und Handeln ist kein anderes als das göttliche Selbst, das unaufhörlich in sie einfließen muß, auf daß sie sind, sich bewegen und handeln nach dem Zuge des göttlichen Willens. Sie sind für sich gar nichts, sondern pur momentane Gedanken und Ideen Gottes.
GEJ|6|133|11|0|Sollen sie aber mit der Zeit möglich selbständig werden, so müssen sie den Weg der Materie oder des gerichteten und also gefesteten Willens Gottes durchmachen, auf die Art, wie ihr sie auf dieser Erde vor euren Augen habt. Haben sie das, dann sind sie erst aus sich selbständige, selbstdenkende und freiwillig handelnde Kinder Gottes, die zwar auch allzeit den Willen Gottes tun, aber nicht weil er ihnen durch die Allmacht Gottes aufgedrungen ist, sondern sie erkennen solchen als höchst weise und bestimmen sich selbst, nach solchem zu handeln, was dann für sie selbst lebensverdienstlich ist und ihnen erst des Lebens höchste Seligkeit und Wonne gibt.
GEJ|6|133|12|0|Siehe, du Mein lieber Freund, so stehen diese Sachen, und eben daran, daß sie so stehen, kannst du des einigen, wahren Gottes höchste Weisheit immer mehr und mehr erkennen und bewundern, da du daraus ersehen kannst, wie Gott aus Seiner höchsten Liebe und Weisheit Seine höchsteigenen Gedanken und Ideen zu selbständigen, Ihm vollkommen ähnlichen Kindern gestaltet und erzieht! Wenn du das nur so einigermaßen begriffen hast, so sage Mir nun dein eigenes Urteil über all das Naturleben!“
GEJ|6|134|1|1|134. — Des Hauptmanns Erzählung von dem weisen Illyrier
GEJ|6|134|1|0|Sagte der Hauptmann: „Höre, du übergroßer Meisterheiland, ich weiß nun wahrlich nicht, was ich an dir mehr bewundern soll, ob deine wunderbarste Wort- und Willenskraft oder deine außerordentliche theosophische Weisheit!
GEJ|6|134|2|0|Ich habe wohl in Rom einmal einen Menschen gesprochen, der in Illyrien geboren und ein eigener Mensch war. Man konnte ihn um die sonderbarsten und oft geheimsten Dinge fragen, so wußte er genau darum. So man ihn fragte um das Schicksal irgendeines Menschen, so sagte er: ,Tust du dies, dann wird das dein Los sein, und tust du dieses und jenes, wird dir unvermeidbar eben auch dieses und jenes begegnen!‘ Mir sagte er auf ein Haar voraus, daß ich nahe an das äußerste Ende des großen Kaiserreiches im Aufgange (Osten) werde gestellt werden, und daß mir viel Wunderbares begegnen werde, was bis jetzt alles eingetroffen ist.
GEJ|6|134|3|0|Diesen Menschen, dessen Aussehen durchaus nichts Auffallendes hatte, fragte ich denn auch so im Vertrauen, was er denn von den Göttern halte. Da sagte er: ,So, wie sie nun von euch betrachtet und verehrt werden, halte ich gar nichts darauf; denn sie bestehen nirgends, weder in der Natur und noch weniger in irgendeinem Reiche der Seelen und Geister. Die Bilder von ihnen aber sind nur Menschenwerke, und die menschliche Phantasie gab ihnen die Form. Im Altertum waren sie nur entsprechende Darstellungen der besonderen aus den Wirkungen der Naturkräfte erkannten Eigenschaften des einen, ewig wahren Gottes, den aber die gegenwärtigen Menschen nicht mehr kennen.‘
GEJ|6|134|4|0|Aber diese Eigenschaften seien nicht also zu nehmen, als bestünde unter ihnen der allein wahre Gott, sondern etwa nur also, wie Er durch Seine höchste Weisheit und Willensmacht den Menschen als Sein Ebenbild aus der Materie der Erde durch gar viele Naturlebensstufen endlich zum Menschen hervorlocke. Die Erde bestehe aus gar endlos vielen Seelen, und des Menschen Seele als der eigentliche, wahre Mensch sei eben auch eine so vielfache Seele unter einer Form und Haut, als wie vielfach ihre Intelligenzen und ihre inneren und äußeren Anschauungen und Wahrnehmungen sind. Aber solches sehe nun niemand mehr ein und könne es auch nicht, weil der Mensch sich durch seine fleischlichen Gelüste von sich selbst entfernt habe. Die Selbstliebe und die Hurerei habe die Menschen in eine große und starke Lebensnacht gestürzt, aus der sie nur Gott Selbst wieder herausziehen könne und – wie er meinte – vielleicht auch bald werde. Aber mit Rom werde Er nicht den Anfang machen, doch auch nicht außer den Grenzen des großen Kaiserreiches.
GEJ|6|134|5|0|Siehe, Meister, so redete jener sonderbare Illyrier! Wenn er zu solcher seiner gediegenen Weisheit auch etwelche Zeichen zu wirken imstande gewesen wäre, so hätte man ihn nahezu für einen Gott angesehen. Er hatte durch mich viele ihm sehr geneigte Zuhörer und Gönner gefunden; aber nach einem Jahre nahm er von mir Abschied und sagte: ,Ich habe hier zwar sehr viele Freunde gefunden, aber auch eine noch größere Anzahl Feinde aus der Sphäre der Priester. Diese stellen mir heimlich nach dem Leben; darum gehe ich auch ganz heimlich wieder von hier.‘ Ich habe ihn reichlich beschenkt und gab ihm ein sicheres Geleite bis an die Küste des Adriatischen Meeres. Da bestieg er ein Schiff und fuhr mit gutem Winde wieder in sein Vaterland.
GEJ|6|134|6|0|Ich erwähnte nun dieses Menschen nur deshalb, um dir zu zeigen, daß ich von dem, was du nun so weise erklärt hast, schon Vorbegriffe gehabt habe und dich darum nun leichter habe verstehen können. Aber das, was du nun darüber gesagt hast, steht endlos höher und ist klar und nahezu für jedermann wohlverständlich. Wenn ich aber nun deinen Zeichen, deiner förmlichen Allwissenheit und deiner Weisheit so recht meine Aufmerksamkeit schenke, so gedenke ich nun auch der sonderbaren Weissagung jenes Illyriers, der nach nur der große, allein wahre Gott – und das recht bald – die Menschen aus ihrer Nacht herausziehen werde, und das innerhalb der Grenzen des großen Kaiserreiches. Am Ende bist du selbst so ein Abgesandter des allein wahren, großen Gottes – oder gar identisch mit Ihm?!
GEJ|6|134|7|0|Ist eines oder das andere der Fall, dann sage es uns, auf daß wir alle uns danach zu richten wissen!“
GEJ|6|135|1|1|135. — Die Persönlichkeit Gottes. Gottes Wille und des Menschen Wille. Die Kraft des Willens
GEJ|6|135|1|0|Sagte Ich: „Ob nun so oder so, so gehört das nun nicht daher; denn ob so oder so, das muß erst euer Herz verkünden! Würde Ich Selbst es euch sagen, Ich sei das oder jenes, so würdet ihr davon keinen geistigen Gewinn für eure Seelen überkommen. Daß Ich gleich euch nur ein Mensch bin, das könnet ihr mit euren Augen sehen und mit euren Händen greifen; daß aber auch Gott ein vollkommenster Mensch ist, ansonst die Menschen nicht Seine Ebenbilder wären, das könnet ihr euch auch vorstellen.
GEJ|6|135|2|0|Aber ein jeder Mensch kann auch in allem Gott völlig ähnlich werden, wenn er den erkannten Gotteswillen völlig zu dem seinigen macht. Das habt ihr noch nicht gewußt; aber Ich beweise euch solches nicht nur durch Worte, sondern vielmehr durch die Taten, die Ich vor euren Augen gewirkt habe.
GEJ|6|135|3|0|Du meinst nun bei dir, Ich rede nun also, als wäre das auch ein anderer zu tun imstande; aber dafür kann Ich dir keinen andern Gegenbeweis geben als nur den allein, daß Ich nun einen Meiner alten Jünger berufe und ihm sage, daß auch er ein Zeichen wirken soll.“
GEJ|6|135|4|0|Sagte der Hauptmann: „Ja, daran zweifle ich gar nicht, daß ein jeder deiner Jünger auch dasselbe für unsere Augen wirken wird, was du selbst wirkest; aber der Jünger wird es aussprechen, und du wirst es wollen, und es wird dann sicher geschehen, was er aussprechen wird.“
GEJ|6|135|5|0|Sagte Ich: „O nein, da irrst du dich gewaltig! Er wird nur seinen Willen mit dem Willen Gottes auf dieselbe Weise einen, wie Ich dasselbe auch tue, und es wird dann aus solch einem vereinten Wollen auch schon die vollbrachte Tat hervorgehen.
GEJ|6|135|6|0|Ich sage es dir: Wenn du den einen, wahren Gott völlig erkennst, Ihn über alles liebst und Seinen wohlerkannten Willen zu dem deinen machst, dazu aber dann auch volltrauig glaubest und nicht zweifelst, so kannst du zu jenen Bergen dort sagen: ,Hebet euch, und stürzet euch ins Meer!‘, und es wird sofort geschehen, was du mit Gott gewollt hast!“
GEJ|6|135|7|0|Sagte der Hauptmann: „Ja, ja, das kann allerdings schon ganz also sein; aber es fragt sich da nur, ob Gott es dann zulassen wird und das wollen, was in diesem Augenblick ich will, wenn ich sonst auch noch so sehr meinen Willen dem göttlichen unterordne, – denn etwas Dummes kann Gott ja doch ewig nicht wollen. Die Vernichtung jener Berge aber, so ich sie wollte, wäre doch in jedem Falle etwas sehr Dummes und überaus Boshaftes, und da würde Gott Seinen Willen mit dem meinen nicht einen! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|6|135|8|0|Sagte Ich: „Diesmal nicht ganz besonders, denn Ich sagte dir das nur des Beispiels halber. Denn das versteht sich ja doch von selbst, daß derjenige, der einmal seinen Willen vollkommen mit dem Willen Gottes geeint hat, doch auch die göttliche Weisheit zu der seinigen – wenigstens teilweise – gemacht hat. Ein solcher Mensch wird dann doch wohl auch einsehen, ob das, was er will, auch gut und weise ist. Sieht er aber das, so wird er mit Gott auch nur etwas Rechtes wollen, und was er also will, das wird auch geschehen, so der Mensch nicht daran zweifelt; denn zweifelt ein Mensch daran, so ist solcher Zweifel eine Folge der noch nicht völligen Einigung seines Willens mit dem Willen Gottes. – Aber nun verlange von einem Meiner Jünger ein beliebiges Zeichen; nur muß es ein logisch mögliches und vernünftiges sein!“
GEJ|6|135|9|0|Sagte der Hauptmann: „So rufe du einen hervor; denn du kennst am besten ihre Tüchtigkeit!“
GEJ|6|135|10|0|Sagte Ich: „Petrus, komme, so du den hinreichenden Glauben hast, und vernimm, was der Freund will!“
GEJ|6|135|11|0|Hier trat Petrus schnell zum Hauptmanne hin und sagte: „Freund, was verlangst du, das ich dir tun soll?“
GEJ|6|135|12|0|Sagte der Hauptmann: „Wenn du auch etwas vermagst, so sieh hin über das jenseitige Ufer des Stromes! Dort ist ein wildes Gestrüpp um einen plumpen Felsen gewachsen. Darin halten sich eine Menge böser und sehr giftiger Schlangen auf und belästigen nicht selten auf eine weite Umgebung Menschen und Tiere; das schaffe mir durch die Macht deines mit Gott vereinten Willens weg, und vernichte auch die lose Brut dieser Tiere!“
GEJ|6|135|13|0|Da streckte der Jünger seine Hände über die angezeigte Stelle aus, und sie verschwand im Augenblick aus dem Dasein.
GEJ|6|135|14|0|Als solches der Hauptmann ersah, da sagte er: „Herr und Meister, wenn solches deine Jünger von dir erlernen können, dann möchte ich selbst dir folgen und auch dein Jünger sein; denn das ist tausendmal tausend Male mehr denn zehntausendmal zehntausend römische Kriegerlegionen! Mit solch einer Fähigkeit ausgerüstet, gehört die ganze Welt mir, und ich bessere sie durch weise Gesetze.“
GEJ|6|135|15|0|Sagte Ich: „Das könnte Ich Selbst tun, so es für alle Menschen in diesem Momente gut wäre! Aber da sagt die Weisheit Gottes: Sie sind allenthalben noch nicht reif dazu; darum gehe Ich auch hier nur an solche Orte, von denen Ich weiß, daß ihre Bewohner reif dazu sind, eine höhere Offenbarung annehmen zu können. – Aber nun hat die Sonne sich auch dem Untergange schon sehr genähert, und es wird gut sein, so wir uns nun ins Haus zurückziehen.“
GEJ|6|135|16|0|Sagte der Wirt, der natürlich auch bei uns war: „Herr und Meister, es tut mir sehr leid, daß ich nicht die Gnade haben kann, euch alle in meinem Hause zu beherbergen! Aber wenigstens etliche deiner Jünger sollen denn auch meine Gäste sein.“
GEJ|6|135|17|0|Sagte der Hauptmann: „Freund, heute wohl nicht, denn heute bist auch du mein Gast; aber morgen wollen wir alle deine Gäste sein, und übermorgen, wenn diese Wundermenschen durchaus nicht mehr bei uns zu halten sein sollten, wollen wir sie nach Serrhe geleiten! Nun aber gehen wir; denn ich hoffe, daß bei mir das bestellte Nachtmahl schon bereitet sein wird!“
GEJ|6|135|18|0|Darauf erhoben wir uns und zogen ins Haus des Hauptmanns, allwo das Nachtmahl schon unser harrte. Der Wirt aber machte noch einen Gang in sein Haus, kam aber bald wieder zu uns.
GEJ|6|135|19|0|Das war eine ganz römische Mahlzeit, und einige Jünger getrauten sich nicht recht, in die Schüsseln zu greifen.
GEJ|6|135|20|0|Ich aber merkte das wohl und sagte: „Was Ich esse, das könnet auch ihr ohne Sorge essen!“
GEJ|6|135|21|0|Da ermannten sie sich und aßen und tranken den römischen Wein. Alles ward bald sehr heiter, und wir blieben wach die ganze Nacht hindurch, in welcher allen Anwesenden die Hauptzüge Meiner Lehre bekanntgemacht wurden.
GEJ|6|136|1|1|136. — Der Schönheitssinn, eine Blüte der Wahrheit
GEJ|6|136|1|0|Wir blieben, wie es Mein Wunsch und so auch am Ende der Wunsch aller war, die ganze Nacht wach. Nur eine Stunde vor dem Aufgange der Sonne gingen wir ins Freie, und zwar in den schön angelegten Garten des Hauptmanns. Da waren anmutige Laubgänge und Rasenbänke, eine Menge Blumen aller Art und Gattung, ein Rosenwald, Jasmingesträuch und auch Nardusölpflanzen in großer Menge vorhanden. Daneben gab es alle Arten edler Fruchtbäume, die nur irgendwo auf der Erde wachsen, und alles bewunderte diesen kunstvoll, schön und nutzbringend angelegten Garten.
GEJ|6|136|2|0|Ich aber sagte: „Sehet, gleich wie dieser musterhafte Garten soll auch der rechte Mensch nach dem Willen Gottes bestellt sein! Er soll in sich auch das Wahre und Gute mit dem Schönen und Erhabenen vereinen. Tut er das, so beweist er dadurch, daß er Gott, seinem Schöpfer und Vater, in allem ähnlich ist.
GEJ|6|136|3|0|Sehet die große Anmut aller dieser Blumen an! Wie herrlich sie geschmückt sind, und eine übertrifft die andere an Herrlichkeit! Ja, warum denn also? Am Ende folgt der Blüte einer noch so reizend schönen Rose denn doch nur ein höchst einfach und nie besonders schön aussehender Same, dessen Vorgängerin die schöne Blüte war, und zu dessen Hervorbringung es eigentlich keiner gar so schönen Blüte bedurft hätte. Aber Gott wählte darum auch zu allen Seinen Werken die Ästhetik im höchsten Grade, auf daß Er dadurch auch weckte bei den Menschen den zu aller Seligkeit notwendigen Schönheitssinn. Ist dieser in einem Menschen völlig wachgerufen, so ist ein solcher Mensch dann auch empfänglich für alle Wahrheit und für all das Gute, dessen Urheberin eben die Wahrheit ist.
GEJ|6|136|4|0|Sehet, unser lieber Freund, der Hauptmann, hat sehr viel Sinn für alles Schöne und darum auch für das Nützliche und Gute! Hätte er solchen Sinn nicht, dann wären ihm auch diese Meine Wahrheiten, die den Menschen zur Erkenntnis des einen, allein wahren Gottes und zur Erkenntnis seiner selbst führen, ganz gleichgültig gewesen, und er hätte sie nicht angenommen; weil er aber sehr viel Schönheitssinn besitzt – was die Anlegung dieses wunderschönen Gartens mehr als hinreichend beweist –, so war er auch der erste, der sich hier um die Mitteilung Meiner neuen Lebenslehre sehr bekümmerte und sie auch zur streng genauen Beachtung annahm. Tue sonach ein jeder desgleichen, und es wird ihm so etwas bei Gott gut angerechnet werden!
GEJ|6|136|5|0|Gehet hin in eines Menschen Haus! Findet ihr es sehr rein und auch nach Umständen möglich zierlich eingerichtet, so könnet ihr da schon bestimmt darauf rechnen, daß dieses Menschen Inneres auch nahe also bestellt sein wird. Kommet ihr aber in das Haus eines andern Menschen und findet im Hause alles voll Schmutz und überhaupt einen gänzlichen Mangel an häuslicher Ordnung, da könnet ihr euch gleich umkehren und den euch Jüngern schon gegebenen Satz beachten, dem nach ihr die Perlen Meines Evangeliums niemals den Schweinen vorwerfen sollet! Da wäre es auch völlig vergeblich; denn wie gesagt: ein Mensch der keinen Schönheitssinn hat, der eigentlich eine Blüte der Wahrheit ist, der hat auch keinen Wahrheitssinn, der als ein Nutz- und Lebenssame der Blüte folgt.
GEJ|6|136|6|0|Ich will aber damit nicht sagen, als solle deshalb ein Mensch nichts anderes tun, als vor allem nur trachten, sein Haus, seine Gärten und seine Äcker und Wiesen durch allerlei irdisch kostbare Mittel zu einer derartigen Pracht zu erheben, daß darob alle Menschen ins größte Staunen versetzt werden müßten. Denn solch ein unermeßlicher Prachtsinn würde nur zu bald in einen dicksten Eigendünkel, in Selbstliebe, Hochmut und Herrschsucht ausarten; er wäre für die ärmeren Menschen nur zu sehr ein Zeugnis, daß der Eigentümer solcher Pracht ein übermäßig reicher Mensch sein müsse. Man würde ihm etwa, um von ihm etwas zu gewinnen, zu sehr, seine Pracht bewundernd, huldigen, wodurch sich dann dieser Mensch bald und leicht übernehmen und dann noch mehr aufbieten möchte, um die Menschen für sich noch dienerischer zu machen und über die Bewunderer am Ende gar ein Herrscherrecht zu erwerben.
GEJ|6|136|7|0|Also mit solch einem übertriebenen Prachtschönheitssinne ist es nichts, da er am Ende noch schlechter denn die faule Schmutzhaftigkeit ist. Ein solcher Sinn heißt Hoffart und ist eine Sünde der menschlichen Natur, die der Seele niemals zum ewigen Leben verhilft. Aber der Schönheits- und Ordnungssinn, der nur mit seinem Fleiße und dem wahren Eifer für alles Schöne, Wahre und Gute etwas schafft, wie dieser Garten da ist, ist eine Tugend, die jedermann bestens anzuempfehlen ist.
GEJ|6|136|8|0|Doch nun von etwas anderem; denn es kommen nun der Hauptmann und der Zöllner, und denen ins Gesicht will Ich den Garten nicht allzusehr loben; hernach wird es der Hauptmann schon ohnehin erfahren, was Ich damit gemeint habe.“
GEJ|6|137|1|1|137. — Der Besuch im Tempel der Weisheit
GEJ|6|137|1|0|Nun kam der Hauptmann samt dem Zöllner zu Mir und entschuldigte seine kurze Abwesenheit durch die notwendige Erfüllung seiner Amts- und Standespflichten. Und ebendasselbe tat auch der Zöllner; darauf aber lud er uns zum Morgenmahle bei sich, und da der Hauptmann für diesen Tag auch sein Gast sein wollte, so willigte Ich denn auch ein, und wir gingen in das sehr geräumige Haus des Zöllners, von dem die am Abende angekommene Handelskarawane gerade um eine Stunde früher abgezogen war. Allda nahmen wir das ganz gut bereitete Morgenmahl ein, und die Jünger unterrichteten darauf die Priester in Meiner Lehre und zeigten ihnen den eigentlichen Grund an, warum Ich so ganz eigentlich in die Welt gekommen bin.
GEJ|6|137|2|0|Ich Selbst unterrichtete den Hauptmann und seinen Sohn, die alles, was sie vernahmen, mit der größten Freude und mit dem festesten Glauben annahmen. Und so verging mit guten Reden und Werken auch dieser Tag, und Ich beschied noch einmal die Priester nach Chotinodora, was zu tun sie feierlichst versprachen. Darauf begaben wir uns zur Ruhe und reisten am frühen Morgen, vom Hauptmanne und seinem geheilten Sohne begleitet und von dem Zöllner vielmals begrüßt, zu Wasser nach der bedeutenden alten Stadt Serrhe ab.
GEJ|6|137|3|0|Allda angelangt, führte uns der Hauptmann schnell zu seiner Familie hin, die da bei einem dem Hauptmanne nahe verwandten Obersten wohnte, bei dem sie auf Besuch war. Wie groß da der Hauptmännin Freude war, als sie ihren schon tot geglaubten Sohn ganz gesund ersah, das kann sich wohl ein jeder leicht von selbst denken, und es bedarf da keiner näheren Beschreibung.
GEJ|6|137|4|0|Da wir in dieser Stadt schon ziemlich spät am Abend ankamen, so machte unsere zahlreiche Ankunft beinahe gar kein Aufsehen in der Stadt. Wir nahmen die freundlichst angebotene Herberge beim Obersten an, wo wir, mit allem wohl versorgt, uns bei fünf Tage lang aufhielten.
GEJ|6|137|5|0|Unfern dieser Stadt auf einem mäßig hohen Hügel stand ein Tempel, der allein der Weisheit geweiht war. In diesem Tempel war kein Götzenbild aufgerichtet, sondern auf einem Altare lagen allerlei Bücher und uralte Schriften. Darin standen allerlei weise Denksprüche und so manche Prophezeiungen aus den ältesten Zeiten.
GEJ|6|137|6|0|Am vierten Tage besuchten wir diesen Tempel und seine drei alten Priester. Wir waren unser an vierhundert an der Zahl, da uns viele aus der Stadt folgten; denn wir hatten allda allerlei Kranke geheilt, Blinde sehend und Taube hörend gemacht, und viele nahmen die Lehre an und wandelten fortan nach ihren Lebensgrundsätzen.
GEJ|6|137|7|0|Als wir bei dem Tempel ankamen und die drei Priester des römischen Obersten ansichtig wurden, da kamen sie aus dem sonst zumeist verschlossenen Tempel zum Vorscheine und fragten den Obersten in der tiefsten Ehrfurcht, was etwa in dieser ungewöhnlichen Zeit sein Verlangen wäre.
GEJ|6|137|8|0|Der Oberste aber deutete auf Mich und sagte: „Dieser Erste und Höchste aller Ersten und Höchsten ist gekommen und will euren Weisheitstempel sehen und besehen seine Schriften. Darum öffnet das Tor und lasset uns eintreten in seine geheiligten Hallen!“
GEJ|6|137|9|0|Sagten die Priester: „Es ist uns dieses dein Verlangen wohl sehr zur Unzeit gekommen, aber weil du es gebietest, so tun wir es; aber du selbst mußt die Verantwortung, sogar gegenüber den strengen und unerbittlichen Göttern, auf dich allein nehmen!“
GEJ|6|137|10|0|Sagte der Oberste: „Ja, ja, das tue ich ohne weiteres; denn ich selbst muß mich ja überzeugen, ob das wohl in eurem ältesten Weisheitsbuche also stehet, wie dieser allerweiseste und mit aller Macht der Götter begabte Mann es mir erzählt hat.“
GEJ|6|137|11|0|Nun erst willigten die drei Priester völlig ein und öffneten nach einigen Bücklingen vor dem Tempel das Tor, das eben nicht zu den größten zu zählen war. Wir gingen nun hinein, und die Priester zogen unter dem Altare ein altes Buch hervor, das in altindischer Sprache geschrieben war; nur einer von ihnen konnte es lesen und halbwegs verstehen.
GEJ|6|137|12|0|Ich Selbst aber zeigte ihm die Stelle an, die er lesen und dann verdolmetschen solle.
GEJ|6|137|13|0|Er besah sich die Stelle wohl, überlas sie und verdolmetschte sie dann also (der Priester): „Aus den Bergen, wo die Dohlen [kauka] nisten in großen Scharen, ein Strom entspringet, der da fließet mächtig, breit und weit. An seinen Ufern sah ich Städte groß und klein, und er trägt auf seinem breiten Rücken der Lasten viele. Aber siehe da, eine Last sah ich schwimmen auf seinem Rücken, – da lag eine schwere Nacht in der ganzen, weiten Gegend vom Anfange des Stromes bis dahin, da er endet in das große Weltmeer. Aber die Last trug einen Menschen, dessen Angesicht mehr leuchtete als die Sonne, und aus seinem Munde schossen flammende Pfeile und Schwerter. Am Ufer aber lagen viele Tote, und die von den Pfeilen aus seinem Munde getroffen wurden, die fingen an, sich zu regen, wurden lebendig, und es ward voller Tag um sie. Aber die Last trug noch mehrere Menschen, die lebten und hatten auch ein Licht in sich und leuchteten wie der Vollmond. Auch aus ihrem Munde ging ein Licht, das da glich dem Lichte des Morgensterns, und die, welche von dem Lichte berührt wurden, obschon sie früher tot waren, wurden wieder lebendig und wandelten darauf wie am hellen Tage. Das aber bewirkte, daß bald darauf der ganze Strom zu Licht wurde. Als der ganze Strom leuchtete, da ward es fröhlich an seinen Ufern, und viele eilten hin und wuschen ihr Antlitz, und sieh, da leuchteten alle, die in den Strom stiegen und sich reinigten in seiner hellen Flut!
GEJ|6|137|14|0|Aber ich sah den Strom nachher wieder und sah kein Licht mehr, sondern es rastete abermals die schwerste Nacht über seinem Rücken, und ich sah lange also, und sieh, es wollte nimmerdar licht werden! Und ich hörte eine Stimme wie das Rauschen vieler Winde durch ein dürres Gehölz, und die Stimme sprach: ,Wehe dir, du Nachtbringer, wenn Ich wiederkommen werde! Dich wird Mein Gericht zwiefach hart treffen; denn du warst Licht und bist abermals zu Nacht geworden! Ich sage es dir also, und sage es du abermals deinen Würmern! Also will es der Erste und der Letzte, das Alpha und das Omega!‘“
GEJ|6|137|15|0|Hierauf verneigte sich der Priester abermals tief vor seinem Buche und legte es, in feinste Linnen gehüllt, wieder an seinen früheren Ort.
GEJ|6|137|16|0|Darauf sagte der Oberste zu ihm: „Verstehest du auch das, was du ganz gut gelesen hast?“
GEJ|6|137|17|0|Sagte der Priester: „Herr, so ich das verstünde, da säße ich zu Delphi auf Pythias Dreifuß!“
GEJ|6|137|18|0|Sagte der Oberste: „Sieh, was du nicht verstehst, das verstehe ich als ein Soldat nun sehr wohl und kann es dir erläutern! Sieh, hier steht der Mann, der aus den Himmeln zu uns Menschen gekommen ist und nun das Licht verbreitet von Melitene bis hierher nach Serrhe! Den höret, und ihr nun Tote werdet lebend werden und im hellsten Lichte schauen euer Heil! Diese anderen Männer aber, die mit Ihm kamen, sind ebendieselben, deren Antlitz da leuchtete gleich dem Vollmonde. Ihre Worte sind ein wahrer Lebensmorgenstern, und die sie annehmen, leuchten dann in ihrem Gemüte voll Leben eben also wie ihre Worte, die unter dem Bilde des Morgensterns in eurem Weisheitsbuche angedeutet sind. Verstehet nun, um welche Zeit es nun ist!“
GEJ|6|137|19|0|Da staunten die Priester über die Weisheit des Obersten und fragten ihn mit großer Ehrerbietung, wer und von woher Ich denn sei.
GEJ|6|137|20|0|Sagte der Oberste: „Ich habe es euch ja ohnehin schon gesagt, von woher dieser Gottmensch ist; wisset ihr aber das, so wisset ihr ja ohnehin, was ihr zu tun habt. Sehet nun zu, daß auch ihr von Ihm lebendig gemacht werdet, auf daß ihr dann auch leuchten könnet vor allen Menschen, die da zu euch kommen werden, um sich bei euch die rechte Weisheit des Lebens der Seele zu holen!“
GEJ|6|137|21|0|Darauf kam einer der Priester zu Mir und sagte: „Hoher aus den lichten Höhen der Himmel, gib uns die rechte Weisheit!“
GEJ|6|137|22|0|Sagte Ich: „Da stehen Meine Jünger; an diese wendet euch, und sie werden euch den Weg zeigen, auf dem wandelnd und handelnd ihr zur rechten und wahren Weisheit gelangen könnet, – aber nicht hier in diesem Tempel, sondern im Hause des Obersten in der Stadt! Da kommet hin und lasset euch unterrichten!“
GEJ|6|137|23|0|Sagte der Priester: „O Hoher, das ist für uns eine sehr schwere Sache, da wir uns eigentlich nach unserer Regel nie von dieser Weisheitshöhe in die tiefe Ebene hinabbegeben sollen! Denn symbolisch wohnt die Weisheit beständig nur auf der reinen Höhe und senkt sich niemals in die schmutzige Tiefe hinab, gleichwie auch der Verstand jedes Menschen in seinem Haupte als dem höchsten Teile seines Leibes wohnt.“
GEJ|6|137|24|0|Sagte Ich: „Wenn das also recht wäre, da hätte Ich der Himmel lichte und höchste Weisheitshöhen auch nie verlassen sollen! So ich aber das euch Menschen zuliebe getan habe, da werdet wohl auch ihr diese eure nichtige Weisheitshöhe einmal in eurem Leben einer höheren Weisheit wegen verlassen können; denn um das Höchste zu erlangen, lohnt es sich wohl der Mühe, solch einen Hügel zu verlassen. Von nun an wird ein jeder in die eigene Demutstiefe steigen müssen, so er zur wahren Lebensweisheit wird gelangen wollen.“
GEJ|6|137|25|0|Als der eine Priester solches von Mir vernommen hatte, da ging er hin zu seinen zwei Mitpriestern und sagte ihnen das von Mir Vernommene. Diese machten anfangs wohl sehr bedenkliche Mienen, – aber nach einer reiflicheren Überlegung willigten sie doch ein, traten dann zum Obersten hin und baten ihn um die Gewährung, sein Haus betreten zu dürfen, weil Ich das so haben wolle.
GEJ|6|137|26|0|Da sagte der Oberste: „Das freut mich sogar sehr! Kommet nun nur gleich mit – denn wir werden uns sogleich auf den Rückweg machen –, und seid heute und morgen meine Gäste, weil dieser hohe Mann aller Männer der ganzen Erde auch noch morgen bei mir allergnädigst verweilt!“
GEJ|6|137|27|0|Da dankten die Priester und machten sich sogleich mit uns auf den Weg; nur gaben sie ihren Weibern und Kindern zuvor noch die Weisung, was sie unterdessen zu tun und zu reden haben sollten, so da ein Weisheitsforscher ankäme während der Zeit, da sie aus sein würden.
GEJ|6|138|1|1|138. — Das Wundermahl im Hause des Obersten. Wesen und Wirkung der Liebe
GEJ|6|138|1|0|Mit der zahlreichen Gesellschaft in der Stadt kaum angelangt, kam uns eine große Menge Volkes entgegen, begrüßte uns von allen Seiten und schrie: „Heil dir, du großer Heiland, und ewig Dank dir; denn du hast uns durch deine wunderbarste Allmacht von einer großen Drangsal erlöst!“
GEJ|6|138|2|0|Da stutzten die drei Weisheitspriester, und das um so mehr, als sie auch die andern Priester unter dem Volke ersahen.
GEJ|6|138|3|0|Wir erreichten nun das große Haus des Obersten. Da empfahlen sich die vielen Begleiter und gingen in ihre Häuser und Wohnungen; Ich und alle die Jünger aber gingen mit dem Obersten und seinem Schwager, dem Hauptmann von Samosata, und mit den andern Hausgenossen in das Haus, um daselbst das Mittagsmahl einzunehmen. Es war aber nun ein wahres Elend; denn des Hauptmanns Weib samt dem Weibe des Obersten, das eine gute Köchin war, hatten in der Eile vergessen, ihre Dienerschaft zu beauftragen, für den Mittagstisch etwas herzurichten, und so war jetzt natürlich noch nichts fertig.
GEJ|6|138|4|0|Da ward der Oberste ein wenig ärgerlich und mürrisch; aber er ermannte sich dennoch recht bald und sagte: „Nun, so setzet doch jetzt alle eure Kräfte in Bewegung, auf daß wir alle nicht nötig haben, erst am Abend unser Mittagsmahl zu verzehren!“
GEJ|6|138|5|0|Ich aber sagte zum Obersten: „Lasse alles das gut sein; öffne da nun nur die Türe zum großen Speisesaal, und wir werden daselbst schon alles antreffen, dessen wir bedürfen!“
GEJ|6|138|6|0|Der Oberste tat das und erstaunte nicht wenig, als da alle Tische mit den besten und feinsten Speisen besetzt waren. Nun fragte er freilich die Weiber, warum sie ihm denn das nicht sogleich gesagt hätten, als er sie darum fragte.
GEJ|6|138|7|0|Die Weiber aber entschuldigten sich abermals und sagten, daß sie darüber ebenso erstaunt seien wie er selbst, da sie von der Bereitung dieses Mittagsmahles ebensowenig wüßten wie er selbst. Es müsse das sicher auch ein Wunder sein.
GEJ|6|138|8|0|Da besah der Oberste die Speisen und alle die Speisegeschirre genauer, und er sah, daß alle Schüsseln, Löffel, Messer und Trinkbecher aus dem blanksten Golde gemacht waren. Da trat er schnell zu Mir hin und sagte: „Herr, Herr, das ist Dein Werk! Wie bin ich, ein armer Sünder, ein finsterer Heide, von Dir solch einer Gnade für wert befunden worden?! Ich bin ja gar nicht wert, daß Deine zu heiligen Füße mein unratvolles Haus betreten, – geschweige solch einer allerunerhörtesten Auszeichnung, die sogar für einen Kaiser Roms zu edel wäre!“
GEJ|6|138|9|0|Sagte Ich: „Was da ist, das ist da; und nun setzen wir uns zu Tische und essen und trinken ganz heiter, was da auf den Tischen steht! Denn so ihr Gottes Kinder werden wollet, so schadet es ja auch nicht, daß ihr es noch in diesem Leben einmal erfahret, wie man als ein Kind im Vaterhause ißt und trinkt.“
GEJ|6|138|10|0|Darauf setzten sich alle ganz wohlgemut an die Tische und fingen an zu essen und zu trinken. Aber da war es völlig aus mit dem Obersten, dem Hauptmanne, seinem Sohne und mit den Weibern beider, sowie mit ihren Töchtern und den zehn Brüdern des Hauptmanns, wie auch mit den anderen geladenen Gästen; denn alle versicherten, daß sie so himmlisch gute Speisen und einen so unvergleichbar guten Wein noch nie genossen hätten, und die Weiber umringten Mich und fragten, wie möglich man denn gar so unbeschreiblich gute Speisen bereiten könne.
GEJ|6|138|11|0|Ich aber sagte: „Ja, Meine Lieben, derlei gibt es auf Erden nicht; wenn aber auf Erden unter den Menschen durch das erkannte Wort Gottes einmal das rechte Feuer der Liebe zu Gott und zum Nächsten so recht intensiv bestehen wird, dann werden die Menschen bei solch einem Feuer sich schon auch Speisen bereiten, die eben also und manchmal noch besser schmecken werden denn diese. Ich sage es euch: Die wahre und reine Liebe ist das heilig-edelste Feuer; dieses vermag alles. Es ist der beste Koch, der beste Wirt, die beste Würze aller Speisen und die beste Speise selbst. Wahrlich, wen die reine Liebe nährt, der ist wahrhaftig wohl genährt, und wen sie sättigt, der wird keinen Hunger haben in Ewigkeit! So euch solche Liebe beleben wird, da werdet ihr ewig nie einen Tod fühlen noch schmecken. Darum befleißiget euch solcher reinen Liebe zu Gott und zu euren Nächsten; denn diese Liebe wird euch alles geben, was euch überselig machen kann! Wie aber diese Liebe beschaffen ist, das habt ihr in den vergangenen drei Tagen vernommen, und so habe Ich euch darüber nichts Weiteres zu sagen.“
GEJ|6|138|12|0|Hier dankten Mir alle für diese Belehrung und versprachen Mir feierlichst, in solcher Liebe so groß wie möglich zu werden.
GEJ|6|138|13|0|Da sagte aber einer der drei Weisheitspriester: „Wie möglich aber kann ein sterblicher, materieller Mensch einen ewig unsterblichen und rein geistigen Gott lieben? Würde ein Gott solch eine Keckheit einem Menschen nicht im höchsten Grade verargen? Was würde schon ein irdischer König sagen, so unsereiner ihm einen Liebesantrag machte? Was ist aber ein König gegen einen Gott!“
GEJ|6|138|14|0|Sagte Ich: „Ein dummer und höchst stolzer König, der aber seine Untertanen nicht erschaffen hat, möchte sich wohl eben nicht zu freundlich gebärden, so ihm ein ganz gemeiner und dummer Mensch käme und sagte: ,O großer König, ich fühle eine große Liebe zu dir! Steige herab von deinem hohen Throne, und lasse dich von mir umarmen und küssen!‘ Der König wird solch einen Menschen wohl ganz sicher für einen Narren ansehen und ihn durch seine Diener zur Türe hinausweisen lassen; und geht er nicht in gutem, so wird er sich schon eine Züchtigung gefallen lassen müssen. Aber so solch einem Könige die Untertanen eine wahrhafte tätige Liebe bezeugen werden, so wird er solche auch sicher ehest wiedervergeltend ganz gut aufnehmen und niemanden zur Türe hinausweisen lassen.
GEJ|6|138|15|0|Gott, der ewig Wahre, aber ist nicht wie ein dummer Heide dieser Erde. Er Selbst ist pur Liebe und also auch die höchste Weisheit Selbst, als welcher und eben solcher Er auch alle Welten und die Menschen aus Sich heraus erschaffen hat.
GEJ|6|138|16|0|Da Er also Selbst pur Liebe ist, so will Er auch, daß alle Menschen Ihn vor allem über alles lieben sollen und dann aber auch – weil alle Menschen Sein Werk sind – sich untereinander, wie da ein jeder sich selbst liebt. Wenn aber Gott alle Menschen mehr denn als ein bester Vater seine Kinder liebt, warum sollen Ihn denn dann die Menschen nicht wieder über alles lieben, wenn sie Ihn einmal erst nur so recht erkannt haben?
GEJ|6|138|17|0|Wahrlich, sage Ich euch: Ohne die rechte Liebe werdet ihr Gott nicht finden, Ihn nie recht erkennen und werdet euch sonach Ihm auch nie nahen können! Nur die Liebe zeigt euch den sicheren Weg zu Ihm, – euer Verstand aber ewig nie! Wer aber den Weg zu Gott nicht findet, der findet auch den Weg zu seinem höchsteigenen Leben nicht und wandelt darum im Finstern und auf den Wegen des Gerichtes und des ewigen Todes. Das merket euch von Mir; das andere werdet ihr nachher schon von Meinen Jüngern vernehmen.“
GEJ|6|138|18|0|Hierauf schwiegen die drei Weisen und aßen und tranken ganz wohlgemut weiter.
GEJ|6|138|19|0|Einer von ihnen aber war ein ziemlich heller Kopf und sagte etwas später zu den andern zweien: „Dieser wunderbare Mensch redet die vollste Wahrheit. Darum hören wir ihn nur an, und wir werden da am besten daran sein; denn der ist uns an der gediegensten Weisheit wohl tausendmal tausend Male überlegen!“
GEJ|6|138|20|0|Ich aber redete nun während der ganzen Mahlzeit weiter nichts mehr; nach der Mahlzeit aber wandten sich die drei Weisen an die Jünger, und diese unterrichteten sie in den Hauptgrundsätzen Meiner Lehre, an der die drei ein großes Wohlgefallen hatten.
GEJ|6|138|21|0|Ich Selbst aber ging mit der Familie des Obersten und des Hauptmannes ins Freie und ließ die Jünger nun ganz allein wirken. Es versteht sich von selbst, daß alle die neueren Jünger stets eifrig zugegen waren, so die Altjünger lehrten, und für sich die Hauptsachen auch aufzeichneten. Erst am Abend kamen wir wieder zusammen.
GEJ|6|139|1|1|139. — Die Schacherjuden
GEJ|6|139|1|0|An diesem Nachmittag besuchte Ich mit dem Obersten, dem Hauptmanne und ihren Angehörigen einige arme Juden, die in dieser Gegend allerlei Handel und Schacher trieben, aber wenig gewannen, weil ihnen die pfiffigen Griechen überall zuvorkamen. Der Oberste und der Hauptmann beschenkten sie; Ich aber riet ihnen, nach Hause zu ziehen und dort mit ihrer Hände Arbeit, der sie gewachsen seien, ihr tägliches Brot zu verdienen. Denn in welchem Lande jemand mit wenigen Talenten geboren ist, da soll er auch bleiben und sich und die Seinen redlich ernähren. Nur Menschen mit vielen und großen Talenten gehören gleich der Sonne der ganzen Erde an, weil ihr geistiges Licht allen andern Menschen ihre Lebenswege erleuchten soll.
GEJ|6|139|2|0|Da meinte ein Jude: „Meister, warum sind denn wir von Jehova mit so wenigen Talenten für die Reise durch diese armselige Welt begabt worden? Hätte Er uns nicht auch mit sehr vielen Talenten versehen können?“
GEJ|6|139|3|0|Sagte Ich: „O allerdings; aber Er weiß es am besten, was da für jeden Menschen taugt, und so hat Er euch auch eben nur mit so vielen Talenten versehen, als es für euch not tut. Denn der vielen Talente wegen wird kein Mensch selig, weil sie nicht des Menschen Verdienst, sondern nur ein Werk und ein Verdienst Gottes sind. Wem vieles gegeben ist, der wird auch über vieles Rechenschaft geben müssen; wem aber nur weniges gegeben ist, der wird auch nur über weniges Rechnung zu legen haben. Die gleiche Sünde wird bei dem Reichtalentierten dereinst in der Waagschale der göttlichen Gerechtigkeit ein viel stärkeres Gewicht haben, als so sie begangen wurde von einem Armtalentierten. Denn wenn der Gesetzgeber selbst wider seine Gesetze handelt, so ist das sicher schlimmer, als so derjenige dawider sündigt, dem das Gesetz gegeben wurde. Darum beneide ja niemand einen Menschen, dem Gott sehr viele und große Talente verliehen hat; denn ein solcher wird auf der Erde stets auch sehr vieles zu erdulden bekommen. Darum seid froh, daß ihr von Gott aus mit nur wenigen Talenten begabt worden seid!“
GEJ|6|139|4|0|Als der Jude das vernahm, sagte er: „Meister, du hast wohl sehr weise und ganz recht geredet, und es ist schon also; aber ich meine, so jemand mit sehr wenig Licht in der Nacht wandelt, so fällt er doch sicher leichter in einen Abgrund als der, dem eine ordentliche Sonne den Weg erleuchtet! Liegt man aber einmal zerschmettert und tot im Abgrunde, so ist dann nachher schon alles eins, ob man mit wenig Licht oder mit viel Licht in einem Abgrund den Tod gefunden hat. Und da meine ich, daß der mit viel Licht begabte Mensch doch immer besser daran ist als der mit wenig Licht begabte, weil der erste den Abgrund schon von weitem merken und ihm ausweichen kann, während der mit wenig Licht begabte oft den Abgrund noch nicht wahrnimmt, obschon er knapp an seinem Rande steht.“
GEJ|6|139|5|0|Sagte Ich: „Da hast du auch wieder recht; aber eben darum soll der mit wenig Licht begabte Mensch fein daheim bleiben, wo er den Boden, auf dem er steht, auch in der Nacht kennt und sicheren Schrittes darauf umherwandelt. In seinem Hause wird jeder am besten wissen, wie er zu gehen hat, um keinen Fehltritt zu machen; aber in einem großen, fremden Hause, dessen innere Beschaffenheit er nicht kennt, wird er sich mit seinem schwachen Lampenlichte schlecht zurechtfinden. Denen Gott der Herr also weniger Licht gegeben hat, die hat Er als Kindlein auch sicher recht lieb, weil Er ihnen dadurch ihre irdische Lebensprobeaufgabe sicher so leicht wie möglich gestellt hat, während Er den großen Geistern den Weg mit sehr vielen Dornen besät hat, auf dem eben nicht gar zu geheuer zu wandeln ist. Darum machet ihr kleinen Judengeister euch auf, und ziehet wieder in euer Land! Dort werdet ihr Beschäftigungen, eurem Lichte angemessen, in schwerer Menge finden; aber hier blüht für euch kein Weizen.“
GEJ|6|139|6|0|Da sagte auch der Oberste: „Ja, ja, meine Lieben, der Herr hat ganz vollkommen recht! Es geht euch hier meines guten Wissens ganz elend und schlecht, und ich kann eure Lage wahrlich nicht besser machen. Ziehet sonach in euer Land; dort werdet ihr sicher eine bessere Aufnahme finden denn hier! Eure Schacherei trägt euch nichts ein, und unsere Arbeiten könnet ihr nicht verrichten, weil ihr darin nicht bewandert seid; daher werdet ihr euch daheim sicher um vieles besser befinden. Damit ihr aber leichter in euer Land kommt, so will ich euch aus Liebe zu diesem Meister, der auch ein Jude ist, ein Reisegeld zukommen lassen.“
GEJ|6|139|7|0|Als die armen Juden das vernahmen, eilten sie nach Hause, wo sie wohnten, und brachten ihre Kinder daher und sagten, daß sie mit diesen die Reise bis noch weit hinter Bethlehem schwer machen würden, weil sie nun keine Lasttiere mehr besäßen.
GEJ|6|139|8|0|Da sagte der Oberste: „Ich will euch denn auch noch eine gerechte Anzahl Lasttiere zukommen lassen; aber dann ziehet unverzüglich ab! Denn würdet ihr dann noch da verbleiben wollen, so wäre ich genötigt, euch mit Gewalt hinauszuschaffen!“
GEJ|6|139|9|0|Da willigten alle gleich ein und sagten, daß sie lieber heute als morgen abzögen. Da wurden gleich Mittel getroffen, und binnen einer Stunde hatten sie alles und machten sich auch gleich an die Abreise.
GEJ|6|139|10|0|Es waren ihrer bei siebzig an der Zahl, und sie waren daher dieser Stadt, die ohnehin eine Menge einheimischer Armen besaß, eine rechte Last geworden. Daheim aber hatten die meisten Grund und Boden und überließen ihn schlechten Dienern zur Bearbeitung, weil sie meinten, durch ihr Schachern größere Gewinne zu erzielen. Sie verarmten aber und hatten nun durch Mich wieder die Erlösung aus ihrer gar großen Not bekommen.
GEJ|6|139|11|0|Das war denn doch sicher auch ein sehr gutes Werk! Daher beeifere sich ein jeder wahre Nachfolger Meiner Lehre, derlei Gefangene aus ihrer Not zu befreien, so er die Mittel dazu hat, und Ich werde es ihm entgelten schon diesseits und mehr noch jenseits, so wie Ich es bei dieser Gelegenheit dem Obersten mit tausend Pfunden reinsten Goldes, und zwar schon zum voraus, auch vergolten habe, weil Ich auch zum voraus schon gewußt habe, was er tun werde!
GEJ|6|139|12|0|Weiterhin ist in diesem Orte nichts besonders Denkwürdiges mehr geschehen. Die Jünger haben die drei Priester vollends bekehrt, und Ich habe auch in dieser Stadt einen gläubigen Arzt gesegnet, daß er dann durch die Auflegung seiner Hände in Meinem Namen gar viele Kranke vollkommen zu heilen imstande war. Und so verlief auch der nächste Tag schnell.
GEJ|6|140|1|1|140. — Die Rückreise nach Kapernaum. Der Riese und seine Judenpredigt
GEJ|6|140|1|0|Die Nacht über blieben wir noch in Serrhe und gingen am nächsten Tage unter vielen Liebesbezeigungen wieder zu Fuß stromaufwärts, und zwar nach Zeugma, – auch eine kleine alte Stadt am Euphrat. Wir konnten von Samosata aus in diesem Orte darum nicht einkehren, weil des Hauptmanns Weg uns nach Serrhe führte, seiner Familie wegen; darum wandten wir uns rückwegs von Serrhe aus dahin. Von Samosata nach Serrhe ist der Weg wohl noch mehr als einmal soweit wie nach Zeugma; aber von Zeugma ist es dann wieder näher nach Deba denn von Samosata und gar von Serrhe, das nach der gegenwärtigen Rechnung – da in dieser Zeit von jenen Orten wohl kaum noch irgend etwas vorhanden ist – wohl bei dreißig Meilen von Samosata entfernt war.
GEJ|6|140|2|0|Nun, in Zeugma machten wir dieselben Geschäfte wie in den anderen Orten. Die Heiden am Euphrat wurden häufig von Juden besucht und hatten daher auch Kenntnisse von deren Gotteserkenntnis, und es war darum mit ihnen eben nicht zu schwer sich zu verständigen.
GEJ|6|140|3|0|Zur größeren Berichtigung und Verständigung kann hier noch das zum Überflusse beigefügt werden, daß sich die nun von uns bereisten Orte, die bei achthundert Jahren vor Mir zu Syrien gehört haben, nun zu Meiner Zeit zu Kappadokien bekannten; aber Deba, wohin Ich nach zwei Tagen mit Meinen Jüngern zog, gehörte schon nach Syrien, das zu Meiner Zeit an das eigentliche Galiläa grenzte und eigentlich den Norden Galiläas ausmachte.
GEJ|6|140|4|0|In Deba hielten wir uns nicht lange auf, da mit seinen Bewohnern ob ihres Schweinehandels nicht viel zu machen war.
GEJ|6|140|5|0|Von Deba zogen wir nach Cyrrhus, einer bedeutenden griechischen Handelsstadt; da blieben wir wohl bei sieben Tage lang, wo wir nahezu auf dieselbe Weise wie in Chotinodora einen sehr großen Anhang bekamen.
GEJ|6|140|6|0|Von da aus zogen wir in die große Stadt Antiochia, allwo wir uns beinahe einen ganzen Monat aufhielten. Antiochia war schon sehr alt, hatte einen ausgebreiteten Handel in ganz Kleinasien und sogar nach Europa hin. Von da kam die Kunde von Mir an die westlichsten Marken von Kleinasien, und ein kleiner König aus Lydia namens Abgarus zog von da nach Antiochia, um Mich kennenzulernen. Dieser nahm Meine Lehre vollauf an, ließ sich sogar taufen, bekehrte daheim sein Volk und schrieb Mir etliche Briefe, die Ich ihm auch stets beantwortete; aber seiner herzlichen Einladung, zu ihm zu kommen, konnte Ich aus höchst weisen Gründen nicht Folge leisten. –
GEJ|6|140|7|0|Von dieser Stadt aus zogen wir uns wieder in unser eigentliches Galiläa zurück, besuchten da noch eine Menge kleiner Orte und Flecken und machten mit der neuen Lehre stets ganz gute Geschäfte.
GEJ|6|140|8|0|Mit dieser Reise, die man eine sehr fruchtbare nennen kann, verbrachten wir auch den ganzen Sommer, und als wir wieder bei unserem Wirte Matthias zu Kapernaum anlangten, da war denn auch schon der Herbst da und mit ihm das Laubhüttenfest nahe.
GEJ|6|140|9|0|Der Wirt erstaunte über die zehn Neujünger, von denen besonders der wahre Riese – der volle neun Handspannen, also bei neun Fuß Höhe nach dem heutigen Maße hatte – ihm eine ehrfurchtsvolle Bewunderung abnötigte. Diesen Menschen konnte er nicht genug anstaunen, da er einen solchen Riesen noch nie gesehen hatte; aber der Riese war auch im Reden ein Riese und machte mit seinen wahren Donnerworten eine große Wirkung. In der Römerkleidung nahm er sich noch großartiger aus, und das gab seinen Worten einen großen Nachdruck. Widerspruch duldete er keinesfalls; denn erstens war er nun höchst überzeugend fest bewandert in Meiner Lehre, und zweitens hatte er auch durch den Umgang mit den Jüngern, besonders in der letzteren Zeit mit unseren sogenannten Judgriechen, sich aus den alten Propheten sehr vieles zu eigen gemacht, und so wußte er durch seine besondere Rednergabe jeden Einwurf gegen die Göttlichkeit Meines Wesens und so jeden Gegner derart niederzudonnern, daß solchem aller Mut verging, sich mit ihm in einen längeren Wortstreit einzulassen.
GEJ|6|140|10|0|Es kamen in der Zeit Meiner Ruhenahme von etwa zehn Tagen im Hause unseres Matthias gar viele Bürger und Handelsleute hinaus und fingen an, sich um seinen Stand zu erkundigen und zu fragen, was er nun da in Kapernaum machen werde.
GEJ|6|140|11|0|Da sah er sie ganz entsetzlich ernst an und sagte (der Riese): „Als Heide und Römer werde ich über euch Gericht halten, ihr elenden und ungläubigen Juden! Euch muß euer Beelzebub gezeugt haben, darum ihr so blind sein möget und nicht wahrnehmet, daß Dieser der ganz alleinige Träger eben desselben Geistes ist, welcher vor endlos langen Zeiten als der höchste Geist den Himmel und diese Erde und alles, was auf ihr und in ihr ist, besteht, lebt, atmet und denkt, bloß durch Seinen Willen erschaffen und gefestet hat.
GEJ|6|140|12|0|Wir blinden Heiden haben das beim ersten Zeichen klar erkannt, obwohl wir nichts davon wußten, daß Seine einstige Ankunft auf dieser magersten Erde schon vor mehreren Hunderten von Jahren von vielen Propheten ganz einstimmig vorhergesagt worden ist, und daß sogar die Zeit, der Ort und eine Menge anderer Umstände genauest angedeutet wurden, wann, wo und wie Er, der Allmächtige Selbst, aus Seinem höchsten Himmel als ein Mensch auf diese Erde darniederkommen werde. Hier unter uns weilt der Erhabenste! Warum glaubet ihr das denn nicht? Weil ihr Kinder des Beelzebub und nie irgend möglich Kinder Gottes seid! Hebet euch von hinnen, sonst zermalmt euch mein Zorn!“
GEJ|6|140|13|0|Wenn er also zu reden anfing, da hob sich auch bald ein jeder von dannen; denn es hatte niemand Lust, ihn noch mehr zu reizen.
GEJ|6|141|1|1|141. — Der mißglückte Überfall des Synagogenobersten
GEJ|6|141|1|0|Eines Tages kam der schon bekannte Synagogenoberste mit seinen Pharisäern und Schriftgelehrten zu Matthias und verlangte mit Mir zu reden, da er erfahren habe, daß Ich Mich mit Meinen Jüngern abermals allhier aufhalte. Denn er habe aus Jerusalem die strengsten Befehle erhalten, sich über diesen Nazaräer genauest zu erkundigen, was er tue, und welches Wesen er nun treibe. Ja, er solle ihn sogar aufgreifen und entweder tot oder lebendig nach Jerusalem einliefern.
GEJ|6|141|2|0|Da sagte Matthias: „Herr, Er wohnt bei mir; aber ich rate dir nicht, Ihn irgend anzugreifen – denn da bist du samt allen deinen Helfern total verloren!“
GEJ|6|141|3|0|Sagte der Oberste: „Vergiß du nie, daß sein Zauber die hochgeweihten Priester nicht anzugreifen vermag!“
GEJ|6|141|4|0|Sagte Matthias: „Gut, – da in diesem großen Zimmer weilt Er mit allen Seinen Jüngern und hält eben Sein Mittagsmahl! Gehe hinein und rede selbst mit Ihm!“
GEJ|6|141|5|0|Da ging der Oberste an die zugemachte Tür und pochte ganz gewaltig an.
GEJ|6|141|6|0|Und Ich sagte zum Riesen: „Laß ihn herein, und rede du ganz allein mit ihm; denn aus Meinem Munde ist er keines Wortes wert!“
GEJ|6|141|7|0|Hier machte der Riese die Tür auf und donnerte dem Obersten entgegen: „Nur herein, ihr allerelendsten Wichte und Schurken! Eure schöne Absicht ist uns schon lange bekannt, und wir sind eben darum hierhergekommen, um sie aus eurem Drachenmund zu vernehmen. Also herein, ihr wilden Nacht- und Sumpfbestien, und redet, auf daß das Gericht nicht solange aufgehalten wird, euch nach Verdienst zu zermalmen!“
GEJ|6|141|8|0|Diese Anrede machte auf den Obersten und auf seine Konsorten einen derartigen Eindruck, daß sie zu beben anfingen und keiner imstande war, auch nur einige Worte zu stammeln. Sie hielten den Riesen für einen römischen Vizediktator, der – vom Kaiser mit allen Machtvollkommenheiten ausgestattet – nun alle Juden über die Klinge werde springen lassen. Als nun diese Besucher voll Furcht und Schrecken vor der geöffneten Türe standen, da fingen die Hintersten an, stark Miene zum Durchgehen zu machen.
GEJ|6|141|9|0|Da herrschte der Riese mit sehr gewaltiger Donnerstimme dem Wirte zu: „Schließe alle Türen fest ab, auf daß mir keine von diesen Menschenbestien entkommen kann!“
GEJ|6|141|10|0|Als der Riese noch kaum diese Sentenz ausgedonnert hatte, da hatte der Wirt lange nicht Zeit zur Genüge, die Türen abzuschließen; denn diese Sentenz hatte den Forschern die Füße außerordentlich beflügelt, so daß sie Hals über Kopf davonrannten.
GEJ|6|141|11|0|Aber der Riese sprang dem Obersten nach und hatte ihn gleich beim Rocke, hob ihn wie eine Feder in die Luft und fragte ihn da, was er gewollt habe.
GEJ|6|141|12|0|Der Oberste aber sagte, bebend und schlotternd: „Herr, Herr, ich wollte nur laut Auftrag von Jerusalem aus mit dem gewissen Propheten reden, und da kamst du, Allerfürchterlichster, mir, dem Obersten der Synagoge von hier, gar so erschrecklich entgegen, – und so konnte ich mit ihm nichts reden!“
GEJ|6|141|13|0|Sagte der Riese: „Elendester Schurke, du bist es auch ewig nimmer wert, dich diesem wahrsten Gottmenschen nur auf zehntausend Schritte zu nahen, geschweige mit Ihm zu reden! Ich weiß um alles, was die elendsten Schurken in Jerusalem und du und deine bösesten Helfershelfer wider den erhabensten Gottmenschen haben. Wehe euch, so ihr es je wagen solltet, Ihn anzurühren mit euren Beelzebubsklauen! Da sollet ihr den großen Römer kennen lernen!“ – Hierauf setzte er den Obersten wieder auf den Erdboden und sagte darauf noch zu ihm: „Hat denn dieser reinste und allmächtige Gottmensch bei euch hier noch keine Zeichen gewirkt, auf daß ihr hättet glauben können, daß Er ganz derselbe Messias ist, den alle eure Propheten vorausgesagt haben, daß Er genau um diese Zeit und in diesem Lande in die Welt kommen und die Menschen vom ewigen Tode erlösen werde? Rede, Elender!“
GEJ|6|141|14|0|Sagte der Oberste: „Freilich wohl hat er nur schon zu viele Zeichen gewirkt, darum ihm alles Volk nachrennt und uns, den alten Priestern, die wir auch von Gott eingesetzt sind, den Rücken kehrt, und darin liegt eben der Grund, warum ihm die Hohenpriester zu Jerusalem gar so aufsässig sind! Wir aber hängen von Jerusalem ab und müssen tun, was uns Jerusalem vorschreibt.“
GEJ|6|141|15|0|Sagte der Riese: „Wie ist es denn aber, daß alle Heiden in den Städten am Euphrat Ihm beinahe bloß Seiner erhabenen Lehre wegen zugefallen sind, und daß die, die Ihm zufielen, auch alsbald mit irgendeiner rein göttlichen Kraft ausgerüstet wurden?! Ein Arzt in der Stadt Serrhe bekam die Wundergabe, alle seine vielen Kranken bloß durch den Glauben an den allmächtigen Namen dieses Gottmenschen also zu heilen – und das in einem Augenblick –, daß darauf der Kranke also gesund dasteht, als hätte ihm nie etwas gefehlt. Ja sogar schon tote Menschen bekommen wieder ein neues Leben und sind darauf so wohl und gesund wie eine muntere Gazelle im Hochgebirge! Wenn das aber die Heiden tun und einsehen können, warum denn ihr Juden nicht, von denen es doch geschrieben steht, daß sie ein auserwähltes Volk Gottes seien? Ich aber sage es dir im Namen des allererhabensten Gottmenschen: Ihr könnet es darum nicht, weil ihr schon von Geburt an Wechselbälge des Beelzebub seid und darum die abgefeimtesten Feinde Gottes. So ihr aber das leugnet, so verdienet ihr nicht mehr, als von diesem Erdboden gänzlich vertilgt zu werden.“
GEJ|6|141|16|0|Als der Oberste solches von dem Riesen vernahm, da fing er an, zu bitten und alles Gute zu versprechen. Darauf ließ ihn der Riese unter allerlei Drohungen gehen und kam dann wieder zurück ins Haus.
GEJ|6|141|17|0|Der Wirt aber war ganz ängstlich darob, weil er die große Rachgier des Obersten kannte.
GEJ|6|141|18|0|Aber der Riese sagte zu ihm: „Sei du ganz ohne Sorge und vertraue auf die Macht Dessen, der Tote erweckt, Berge versetzt und eherne Götzenbilder durch Seinen Willen vernichtet! Ich sage es dir: hundert Legionen solcher Lumpen fürchte ich allein nicht, geschweige diesen einen!“
GEJ|6|141|19|0|Sagte der Wirt, etwas beruhigter: „Ja, ja, du hast ganz recht! Ich für meine Person fürchte sie auch nicht, und ich selbst habe wohl das größte Vertrauen auf den Herrn, den ich schon von Seiner ersten Jugend an kenne, sowie Seine irdischen Eltern, da Er als ein zarter Knabe schon Dinge geleistet hat, die nur Gott allein möglich sind; aber mir ist nur so ein wenig bange um euch, meine allerliebwertesten Gäste, daß ihr darum hier zu Kapernaum von diesen Wichten sollet Unannehmlichkeiten zu bestehen bekommen! Denn ich kenne diese Schurken nur zu gut!“
GEJ|6|141|20|0|Sagte der Riese: „Laß sie nur ankommen, und ich allein werde mit ihnen fertig werden! Denn diese Elenden sind es ja doch ewig nicht wert, daß der Herr, der Heiligste von Ewigkeit, sie mit Seinem allmächtigsten Willen hintanhalten und züchtigen solle!“
GEJ|6|141|21|0|Darauf kam der Riese wieder zu uns, setzte sich zum Tische und erzählte, wie er gerechten Zornes mit der Heuschrecke Babels verfahren sei.
GEJ|6|141|22|0|Sagte Ich: „Das war zwar ganz gut, und Ich ließ es zu, daß du mit dem herrschsüchtigen Pharisäer also verfahren mochtest, – aber es hat auch der Wirt recht: Wir werden nun nicht gar zu lange zu warten brauchen, und er wird mit einer Menge bewaffneter Schergen dasein und wird uns alle binden und in ein Gefängnis legen wollen. Was wirst du da tun?“
GEJ|6|141|23|0|Sagte der Riese und mit ihm auch seine nicht minder kräftigen neun Brüder: „Herr, da verleihe uns nur ein wenig von Deiner allmächtigen Gnade, und wir werden ihnen ihr arges Handwerk für immer legen!“
GEJ|6|141|24|0|Sagte Ich: „Nun gut, versuchet es; aber nehmet niemandem das Leben!“
GEJ|6|141|25|0|Hierauf leerte ein jeder seinen Becher, und sie gingen hinaus und stellten sich am Wege auf, ein jeder bewaffnet mit einer wahren Herkuleskeule. Es währte gar nicht lange, da zog schon eine starke Schar von vierzig Lanzenknechten und Schergen heraus, hinter ihnen der Kommandant und der Oberste mit seinen Helfershelfern.
GEJ|6|141|26|0|Hier glühte der Riese und sagte zu seinen Brüdern: „Lassen wir sie auf zehn Schritte nahe an uns kommen, dann werde ich sie anschreien, daß sie stehenbleiben! Folgen sie, so werden wir reden, – folgen sie nicht, da werden die Keulen geschwungen!“
GEJ|6|141|27|0|Nun kamen sie auf die zehn Schritte nahe, und der Riese herrschte sie mit einer eigens furchterregenden Stimme an: „Haltet, oder ihr seid alle des Todes!“
GEJ|6|141|28|0|Hier stutzten die römischen Soldaten und blieben stehen.
GEJ|6|141|29|0|Hierauf fragte sie der Riese: „Was wollt ihr, und wer führte euch hierher?“
GEJ|6|141|30|0|Da sagten die Soldaten zu den zehn, die sie als vermeintlich hohe Römer vor sich stehen sahen: „Herr, der Oberste der Synagoge zeigte dem Kommandanten an, daß sich hier böse Volksaufwiegler aufhalten, und diese müssen wir gefangennehmen und ganz unschädlich machen!“
GEJ|6|141|31|0|Hierauf donnerte der Riese: „O des elendesten Schurken von einem Obersten! Warte, du sollst den Königssohn vom Kaukasus kennenlernen, der nun ein Römer ist! Weichet, ihr Soldaten, augenblicklich zurück, und strecket eure Lanzen, sonst ergeht es euch übel!“
GEJ|6|141|32|0|Diese aber sagten (die Soldaten): „Das können wir nicht; denn hinter uns steht der Hauptmann, der uns befehligt.“
GEJ|6|141|33|0|Hier befahl der Riese fünfen seiner Brüder, sich schnell des Obersten, seiner Helfer und des Kommandanten zu bemächtigen, er aber werde die Soldaten auf sich nehmen.
GEJ|6|141|34|0|Das geschah alles mit Blitzesschnelle. Die Soldaten wurden wie von einem Sturme ins Meer hineingeweht und hatten zu tun, sich durch Schwimmen vor dem Ertrinken zu retten.
GEJ|6|141|35|0|Währenddem aber nahm der Riese den Obersten vor, packte ihn, hob ihn in die Höhe und sagte: „Elendester Wicht, so hältst du dein gegebenes Wort?! Diesmal kommst du, infamster Lügner, mir nicht mehr so leichten Kaufes aus meiner Hand! Wo sind hier die Volksaufwiegler und Landesverräter? Wir sind so ruhig bei dem Wirte und ruhen hier einige Tage aus, da wir von den weiten Reisen etwas müde geworden sind, und diese schwarze Bestie denunziert uns als Volksaufwiegler und Landesverräter! – Hauptmann, wo ist das Meer am tiefsten, daß ich diesen Elenden hineinschleudere und er dort sicher sein Ende finde?“
GEJ|6|141|36|0|Sagte der Hauptmann: „Freund, laß ihn; denn nun weiß ich es schon, um was es sich so ganz eigentlich handelt! Nur den mir über alles teuren Heiland aus Nazareth wollte dieser Hund durch mich fangen lassen! Oh, hätte ich das nur ahnen können, so hätte er von mir ganz andere Dinge erfahren! Nun laß ihn aber nur gehen; das Weitere werde schon ich mit ihm abmachen und werde ihm zeigen, was das heißt, durch falsche und erdichtete Anzeigen einen Römer zu einer elenden Amtshandlung zu vermögen! Dann aber führe mich zum Herrn meines Lebens!“
GEJ|6|141|37|0|Hierauf riß der Riese den Obersten noch einmal in die Luft, daß ihm ordentlich das Hören und Sehen verging, und stellte ihn dann ziemlich unsanft auf die Erde. Da eilte dieser mit seinen Helfern davon und schwor bei sich, in seinem ganzen Leben nie mehr eine Bewegung gegen Mich zu unternehmen. Darauf kehrten die zehn mit dem Hauptmann wieder zu Mir ins Haus zurück, nachdem zuvor der Hauptmann den aus dem Wasser gestiegenen Soldaten befohlen hatte, nach Hause zu ziehen.
GEJ|6|142|1|1|142. — Der Hauptmann wirbt den Riesen und seine Brüder für Rom an. Werke der Liebe sind das wahre Verdienst vor Gott
GEJ|6|142|1|0|Als der Hauptmann Meiner ansichtig ward, da kamen ihm die Tränen, so daß er vor Freude kaum reden konnte. Er bat Mich um Vergebung, daß er solches gegen Mich unternehmen konnte.
GEJ|6|142|2|0|Ich aber beruhigte ihn und sagte: „Wer etwas tut und weiß nicht darum, daß er sündigt, der hat keine Sünde, und somit auch du nicht! Aber der Oberste ist wahrlich ein elender Wicht; doch von nun an wird er wohl Ruhe haben. Mache darum gegen ihn keine weiteren feindlichen Schritte!“
GEJ|6|142|3|0|Dies versprach der Hauptmann und aß und trank mit uns, und Ich Selbst erklärte ihm die Herkunft der zehn, worüber er eine große Freude hatte. Darauf besprach sich der Hauptmann mit den zehn und gab ihnen Winke, wie sie durch ihn, durch den Obersten Kornelius und durch den Oberstatthalter Cyrenius nach Rom kommen könnten und dort sogleich mit hohen Ämtern bekleidet werden würden, in denen sie dann viel Gutes zu wirken vermöchten.
GEJ|6|142|4|0|Aber die zehn sagten: „Edler Freund und Amtsgenosse unseres Bruders zu Samosata! Dieser Antrag ist zwar sehr löblich und schön, – aber wir sind nun einmal Jünger des allerhöchsten Herrn und Meisters, und das genügt tausendmal als ein hinreichender Grund, demzufolge wir deinen liebfreundlichen Antrag in dieser Zeit durchaus nicht annehmen können. Ja, so wir einmal unsere Lebensschule werden durchgemacht haben, dann kann sich vielleicht dein lieber Antrag auch noch bewerkstelligen lassen!“
GEJ|6|142|5|0|Der Hauptmann freute sich sehr über die Offenherzigkeit der zehn und sagte: „Daß ihr da vollkommen recht habt, das liegt klar auf der Hand; aber so ihr schon, wie ich's wahrgenommen habe, in allen Hauptgrundsätzen der Lehre völlig bewandert seid und ganz genau wisset, was ihr zu tun und zu lassen habt, so wäre es meines Erachtens auch an der Zeit, daß ihr unter die Heiden ginget und ihnen gelegenheitlich auch von dem großen Gnadenlichte Gottes mitteiltet, das euch zuteil geworden ist. – Was meinet ihr dazu?“
GEJ|6|142|6|0|Sagte der Riese: „Freund, da haben wir für uns gar keine Meinung; wir tun nur, was der Herr und Meister haben will! So wir diesem deinem Antrage nach das unternehmen möchten, was du uns vorgestellet hast, dann möchten wir es am ehesten unseres verwaisten Geburtsortes wegen tun und möchten seinen noch sehr rohen und wilden Bewohnern diese Lehre vom Licht, von der Liebe, vom Geist und vom Leben hinterbringen!“
GEJ|6|142|7|0|Sagte endlich Ich: „Ja, ja, da habt ihr ganz recht, und ihr möget darum wohl des Hauptmanns Antrag annehmen! Denn ob ihr euch nun noch länger oder kürzer an Meiner Seite herumtummelt, so gewinnet ihr darum nicht mehr an Licht, Liebe, Geist, Kraft und Leben; das wird euch alles durch die treue Beachtung Meiner Lehre gegeben. Und so ihr bei Gelegenheiten einer höheren Kraft als eines Zeugen der Wahrheit eurer aus Mir geschöpften Weisheit benötigt, so bittet im Herzen Mich darum, und es wird euch gegeben werden, um was ihr euch bittend an Mich gewendet habt!
GEJ|6|142|8|0|Wenn Ich Selbst aber jüngst wieder diese Erde persönlich werde verlassen haben, dann werde Ich den Heiligen Geist aller Wahrheit über alle Meine getreuen Jünger und Brüder ausgießen. Dieser wird sie dann in alle Wahrheit, Weisheit, Macht und Kraft lenken, leiten, führen und erheben und wird eure Seelen mit dem jenseitigen Geiste der Liebe aus Gott einen und also die Wiedergeburt des Geistes in euch zustande bringen, ohne die es kein wahres und freies, ewiges Leben geben kann, sondern nur ein gebundenes und gerichtetes, das dem wahren, freiesten Leben des Geistes gegenüber ein wahrer Tod ist.
GEJ|6|142|9|0|Denn wenn ein Mensch nicht frei aus sich lebt, sondern nur so wie eine Maschine durch die Allmacht des göttlichen Willens, so ist er in und für sich tot und ist um kein Haar besser daran als ein Stein, eine Pflanze oder ein unvernünftiges Tier. Wer aber streng nach Meiner Lehre lebt und handelt, der wird auch allersicherst das zu gewärtigen haben, was Ich nicht nur jetzt hier, sondern allenthalben schon gar oft ausgesprochen und verheißen habe. Ob jemand nun hier persönlich mit Mir wandelt oder nicht, so ist das ganz einerlei; im Gegenteile wird der von Gott aus mit noch wohlgefälligeren Augen angesehen werden, der bloß im Geiste – ohne Meine persönliche Gegenwart – treu mit Mir wandelt!
GEJ|6|142|10|0|Kornelius und Cyrenius aber kennen Mich ganz von Meiner Geburt an. Sie werden euch gut aufnehmen und euch in allem an die Hand gehen.“
GEJ|6|142|11|0|Mit dem waren die zehn zufrieden, und sie nahmen den Antrag des Hauptmanns an; nur um das baten sie, daß sie so lange bei Mir bleiben dürften, als Ich etwa hier in Kapernaum verbleiben würde.
GEJ|6|142|12|0|Da sagte Ich: „Das könnet ihr immer tun, obwohl euch das nicht zu irgendeinem besonderen Verdienste angerechnet wird; denn ein rechtes Verdienst vor Mir hat nur der, der in Meinem Namen Liebe wirkt nach Meiner Lehre. Denn Mir könnet ihr unmöglich etwas Gutes tun, da Ich keines Menschen Dienstes bedarf; und wer Mir auch schon etwas Gutes tut, dem kann Ich's allzeit tausendfach ersetzen, und es kann Mir überhaupt niemand etwas geben, das er nicht zuvor von Mir erhalten hätte.
GEJ|6|142|13|0|Aber wer aus Liebe zu Mir in Meinem Namen seinem Nächsten etwas Gutes tut, der hat das wahre Verdienst eines Arbeiters auf Meinem Acker vor Mir und wird dafür seinen Lohn ernten. Denn was ihr in Meinem Namen den Armen tun werdet, das werde Ich stets also ansehen, als hättet ihr das Mir getan. Darum möget ihr heute oder morgen von hier abgehen, so werdet ihr Mir deshalb nicht ferner, noch näher stehen als eben jetzt; aber wenn ihr in Meinem Namen den Menschen dieser Erde Gutes erweisen werdet, so werdet ihr Mir im Geiste um vieles näher stehen denn jetzt.
GEJ|6|142|14|0|Mein Fleisch ist nicht Mein Ich, sondern nur Mein Geist ist Mein wahrstes Ich; mit Meinem Geiste aber bin Ich allenthalben gegenwärtig und wirke in einem fort durch die ganze Unendlichkeit.
GEJ|6|142|15|0|Was Mein Fleisch allein will, das geschieht nicht, sondern ewig nur das, was Mein Geist will. Wo ihr immer sein möget, da bin auch Ich mitten unter euch, und so ihr wirket in Meinem Namen, da wirke Ich mit und in euch; und so ihr redet in Meinem Namen, da bin Ich es, der euch die Gedanken im Herzen schafft und euch die Worte auf die Zunge legt.
GEJ|6|142|16|0|Also, ihr könnet euch, so ihr tätig bleibet in Meiner Lehre, von Mir unmöglich je entfernen; nur dann würdet ihr euch von Mir entfernen, so ihr Mein Wort verließet und würdet gleich vielen pure Diener der Welt werden. Allein, das werdet ihr nimmer, und so möget ihr zu jeder Stunde Meine sichtbare Persönlichkeit ohne den geringsten Schaden für eure Seele verlassen!“
GEJ|6|142|17|0|Mit dieser Erklärung waren die zehn ganz vollkommen zufrieden und waren dann auch bereit, sogleich mit dem Hauptmanne abzugehen.
GEJ|6|142|18|0|Darüber hatte der Hauptmann auch eine große Freude, solche Männer für Rom gewonnen zu haben, welche als Krieger dem Kaiser gefallen würden und als treue Bekenner Meiner Lehre überaus wohl imstande sein würden, dieselbe auch den Heiden vielfach beizubringen. Der Hauptmann dankte Mir auch noch ganz besonders dafür und versprach Mir vor allem, für den Riesen dahin zu wirken, daß er schon als ein Hauptmann mit seinen Brüdern nach Rom zum Kaiser gesandt werde.
GEJ|6|143|1|1|143. — Amt und Ehre. Alles ist Gnade; nur der gute Wille ist Verdienst. Vom Bewußtsein des eigenen Unwertes. (Luk. 17,10)
GEJ|6|143|1|0|Sagte Ich: „Was das Weltliche betrifft, so geht Mich das nichts an; denn das ist eine Sache des menschlichen Weltverstandes. Sie können weltlich werden, was sich für sie ehrlichermaßen ergeben kann, das kommt bei mir zu gar keinem Ansehen, sondern nur das, was sie wirken werden nach Meiner Lehre und dadurch nach dem Willen Gottes.
GEJ|6|143|2|0|Das äußere Ansehen der Person hat vor Mir nicht den allergeringsten Wert, wohl aber das Ansehen seines durch Gottes Wort erleuchteten Herzens, das voll Leben ist durch die Liebe zu Gott und durch die Liebe zum Nächsten. Aber so da jemand ein hohes weltliches Amt bekleidet, so ist er dadurch auch in den Stand gesetzt, desto mehr Gutes zu wirken; und tut er das, so wird auch sein Amt vor Mir einen verdienstlichen Wert haben, – aber das hohe Amt für sich gar keinen.
GEJ|6|143|3|0|Kaiser und Bettler sind vor Mir ganz gleich und haben als das, was sie sind, gar kein Ansehen vor Mir, – sondern nur das hat vor Mir einen Wert, wie sie das sind in Meinem Namen; denn vor Mir gilt an und für sich das weltliche Ansehen gar nichts. Das lasset euch alle wohl und hoch und teuer gesagt sein!
GEJ|6|143|4|0|Elend sei der, der seinen Nebenmenschen darum für gering achtet, weil er selbst ein hohes weltliches Amt bekleidet! Das Amt soll ein wohlrespektiertes Ansehen haben und der Beamte nur insoweit, als er ein Amt vorstellt; aber der Beamte tue sich darauf ja nichts zugute, da er nur ein Diener des Amtes, nicht aber das Amt selbst ist!
GEJ|6|143|5|0|Ich sagte hier euch dieses nur darum, daß sich niemand irgendeines weltlichen Amtes wegen übernehme; denn wer das tut, der ist nicht mehr in Meiner Liebe, und sein Amt dient ihm dann nicht zu seinem Leben, sondern zu seinem Untergang.“
GEJ|6|143|6|0|Da sagten Meine alten Jünger: „Herr, wenn also, da ist es nicht gut, ein Amt zu übernehmen! Wir haben von Dir auch ein Amt übernommen und werden mit der Zeit wahrlich nicht dafür können, so wir dieses Amtes wegen von den Menschen geehrt und irgend als etwas Besseres angesehen werden.“
GEJ|6|143|7|0|Sagte Ich: „Daß euch die Menschen darum nicht ehren sollen, dafür habe Ich noch nirgends ein Gebot gegeben; aber so ihr euch darum etwas einbildet, als wäret ihr mehr als die, welche euch ehren, so habt ihr dadurch euren Lohn schon empfangen, und eure Arbeit würde da vor Mir als gar keine und somit auch als ganz unverdienstlich dastehen.
GEJ|6|143|8|0|Wollt ihr aber als Meine Arbeiter vor Mir als verdienstlich und wohl angesehen dastehen, so saget in euren Herzen, wenn ihr alles auf das gewissenhafteste in Meinem Namen getan habt: ,Herr, wir sind vor Dir faule und unnütze Knechte gewesen!‘ (Luk.17,10). Wenn ihr das lebendig wahr in euch fühlen werdet und einsehen, daß ihr nur freiwillige Diener Meines allein wirkenden Geistes waret, so werde Ich eure Arbeit also ansehen, als hätte Ich Selbst gehandelt, und werde aber euch dafür den gerechten Lohn geben.“
GEJ|6|143|9|0|Sagten einige der Jünger: „Herr, wenn so, da sind wir Dir ja ganz entbehrlich; denn Du hast die Macht ja ohnehin, ohne unsere Mithilfe alles Selbst zu tun! Können wir aus uns selbst nichts tun und müssen wir uns stets denken, daß alles, was wir sogar mit der Aufopferung unseres Lebens in Deinem Namen tun, nur Du allein tuest und wir somit nichts als Deine blinden Werkzeuge sind, so können wir vor Dir ja doch unmöglich irgendeinen Verdienstlohn beanspruchen! Welches Verdienst kann denn ein toter Webstuhl vor dem Weber haben, den dieser nur benutzt, um darauf seine Leinwand bequemer zu verfertigen?“
GEJ|6|143|10|0|Sagte Ich: „Der Webstuhl hat keinen freien Willen; ihr aber habt einen solchen und könnet ganz frei tun, was ihr wollet. So ihr euch denn Meinem erkannten Willen frei unterwerfet und nach demselben handelt, so handelt da ja nicht ihr selbst, sondern Mein Wille in euch, der allein gut ist! Wie habt ihr dann ein Verdienst des Handelns wegen? Seht, da habt ihr kein Verdienst, – aber wohl darin, daß ihr euren bösen Weltwillen Meinem allein guten Willen untergeordnet habt und dadurch mit Mir eins geworden seid durch die Hilfe eures Glaubens.
GEJ|6|143|11|0|Wahrlich, Ich sage euch: Ohne Mich könnet ihr nichts Verdienstliches tun zum ewigen Leben! (Joh.15,5). So ihr das anerkennet in euren Herzen, dann erst seid ihr Meine wahren Jünger – und noch mehr: dadurch seid ihr auch Meine rechten Brüder im Geiste Gottes!“
GEJ|6|143|12|0|Da sagten wieder einige Jünger: „Das ist wohl alles sehr schön und auch sehr weise geredet; aber wir gestehen es offen, daß alles das etwas hart und auch eben nicht sehr verständlich klingt. Denn mit der eigentlichen Freiheit des eigenen Willens sieht es da nicht sehr günstig aus! Und so man etwas Gutes getan hat, so geht das den freiwilligen Guttäter gar nichts an; für die Tat hat er keinen Lohn zu erwarten, sondern nur dafür, daß er sich freiwillig dem erkannten göttlichen Willen als Werkzeug dargeliehen hatte. Das ist sehr sonderbar! Der Mensch ist und bleibt demnach dennoch nichts anderes als ein Werkzeug der göttlichen Allmacht und ist in und für sich ewig ein pures Nichts. Wahrlich, bei solch einer Lehre könnten sogar wir, die wir schon soviel von Dir gehört und gesehen haben, in unserem Glauben schwach werden!“
GEJ|6|143|13|0|Hier aber sagte der Riese: „Liebe Freunde, dieser Meinung bin ich als ein jüngster Jünger dieses Meisters und Gottmenschen nicht! Was ist denn mit einem Kinde, in welchem sich oft auch schon gar früh ein böser Wille kundgibt? Muß es nicht dem weisen Willen seiner Eltern gehorchen und seinen Willen am Ende nur dazu gebrauchen, allein das zu tun, was seine Eltern wollen? Und hat es sich mit der Zeit stets mehr und mehr in dem Willen seiner Eltern zurechtgefunden, so wird es dann selbst weise, weiß dann, was recht und gut ist und verabscheut aus sich selbst das Böse, Falsche und Ungerechte. Es kommt dadurch erst zum wahren Selbstbewußtsein und zur wahren, vernunftgemäßen Selbständigkeit. Würde das Kind aber je dazu gelangt sein, so es nicht der weisen Eltern Willen zu dem seinigen gemacht hätte?!
GEJ|6|143|14|0|Und so können auch wir Menschen erst dann zum wahren Selbstbewußtsein und zur wahren Lebensselbständigkeit gelangen, so wir durch unseren freiwilligen Gehorsam den uns geoffenbarten göttlichen Willen ganz zu dem unsrigen machen; denn in dem göttlichen Willen muß doch offenbar deshalb auch die höchste Freiheit walten, weil Gott Selbst das weiseste und somit freieste Wesen ist. Und so wir je irgendeinen Anspruch auf eine wahre Lebensfreiheit machen wollen, so können wir diese nur dadurch erreichen, daß wir als ganz eins mit Ihm denken, fühlen und wollen und dann auch völlig also handeln. – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|6|143|15|0|Sagten die Jünger: „Ja, ja, in dieser Hinsicht hast du wohl recht, und wir können dich darum nur loben! Aber das ist denn auch eben nicht unwahr, daß am Ende doch ein jeder Mensch mit dem Gesichte, das er bekommen hat, völlig zufrieden sein muß; denn es würde ihm bei aller seiner Unzufriedenheit kein anderes gegeben werden. Und kurz und gut, alle Ehre der großen Weisheit, Macht und Güte unseres Herrn und Meisters, – aber darum wird aus einem Menschen doch nie ein freier Gott und aus Gott nie ein beschränkter Mensch! Und damit haben wir viel und alles gesagt; denn daß der Mensch mit seinen ohnehin höchst beschränkten Kräften alles tun und am Ende noch bei sich sagen soll – und das sogar in seiner innern vollstlebendigen Überzeugung –, daß er gar nichts getan habe und nur ein sträflich fauler und unnützer Knecht war, das ist ein so sonderbares Verlangen, wie ein ähnliches auf dieser Erde noch nie erhört worden ist!
GEJ|6|143|16|0|Ein weiser Vater wird seine Kinder nur loben, wenn sie auf seinen Feldern fleißig gearbeitet haben; hier aber wird davon nicht nur gar keine Erwähnung gemacht, sondern noch verlangt, daß man darob, so man alles mit dem größten Eifer getan hat, sich selbst noch obendrauf über ein Aas verachten soll. Ah, das geht denn doch wohl nicht an! Wie kann denn ein Mensch da je zu einer guten Handlung einen Eifer bekommen, so er sich der guten Handlung wegen selbst verachten soll?! Ja, der Mensch soll sich selbst verachten und verabscheuen einer Sünde wegen, die er irgend leichtsinnigermaßen begangen hat, – aber einer guten Handlung wegen nicht! Da muß er nur eine rechte Freude daran haben und seinem Gemüte selbst ein erhebendes Lob bei sich selbst im stillen erteilen und in seinem Gewissen beruhigt sein, auch dann, so ihn der guten Tat wegen die ganze Welt verachten würde! Aber sich selbst dafür noch verachten und mit sich im höchsten Grade unzufrieden sein, so man alles mit allem möglichen Eifer getan hat, was man nur immer als dem göttlichen Willen gemäß für gut und recht erkannt hat, das ist wahrlich zu viel von dem ohnehin schwachen Menschen verlangt!
GEJ|6|143|17|0|Herr, da bitten wir Dich um eine nähere Erklärung, sonst gehen auch wir gleich denen, die schon früher gegangen sind! Du kamst zu uns, und wir sind Dir gefolgt auf Deinen Ruf und haben Dir allzeit alles geglaubt; aber das glauben wir Dir einmal nicht also, wie wir es verstehen und einsehen, – und das darum, weil es nicht leicht anders einzusehen und zu verstehen ist!“
GEJ|6|144|1|1|144. — Die Abhängigkeit des menschlichen Wirkens von Gottes Gnade
GEJ|6|144|1|0|Sagte Ich in einem ganz gemütlich ernsten Tone: „Es ist wahrlich nicht sehr löblich von euch, hier auf einmal also aufzutreten! Gibt es denn noch irgend ein Leben, eine Kraft und eine Macht außer Gott? Gott aber will euch möglichst frei und selbständig lebend machen für ewig und zeigt euch, wie ihr es anzufangen habt, um euch ein gottähnliches, freiestes und völlig selbständiges Leben eigen zu machen. Warum ärgert euch dann solche Liebe Gottes zu euch?!
GEJ|6|144|2|0|Ist denn das eigene Naturmittelleben irgend etwas anderes als nur der Arm, mit dem ihr das wahre Gottesleben an euch ziehen könnet? Wenn aber also, da hat es an und für sich ja doch keinen andern Wert als eben den nur, der ihm von Gott aus bestimmt ist.
GEJ|6|144|3|0|So ihr aber nun nur noch als naturlebende Menschen handelt und in solchem Handeln eure eigene Ehre suchet, so ihr euch selbst das gute Zeugnis gebt, da seid ihr gleich dem im Tempel sich vor Gott rechtfertigenden Pharisäer und saget auch: ,Herr, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie viele andere, daß ich das Gesetz hielt vom ersten bis zum letzten Buchstaben und alles genau erfüllt habe, was Moses und die Propheten vorgeschrieben haben!‘ Ich habe euch dieses Gleichnis zwar schon einmal gegeben, – aber ihr habt es vergessen! Hättet ihr es behalten, so wüßtet ihr auch, daß da nicht der Pharisäer, sondern nur der sich vor Gott sehr demütigende Zöllner gerechtfertigt den Tempel verließ.
GEJ|6|144|4|0|So ihr saget: ,Wir haben dieses und jenes Gute gewirkt!‘, da lüget ihr erstens euch selbst, dann Gott und auch eure Nächsten an, weil kein Mensch aus sich etwas Gutes zu wirken vermag, und das darum, weil erstens schon sein Naturleben nur ein von Gott ihm gegebenes ist – und zweitens aber auch die Lehre, nach der er zu leben und zu handeln hat. Wenn ein Mensch das nicht einsieht und begreift, so ist er für sich auch soviel wie nichts, und es ist bei ihm von einer Selbständigkeit noch lange keine Rede, weil er zwischen seinem eigenen Wirken und dem Wirken Gottes in ihm und durch ihn noch nicht unterscheidet und beides als ein und dasselbe fühlt und betrachtet; nur dann erst tritt der Mensch in den Kreis der Lebensselbständigkeit, so er es wahrnimmt, daß sein eigenes Lebenswirken ein eitel nichtiges ist und nur das göttliche Wirken in ihm allein gut ist.
GEJ|6|144|5|0|Sieht der Mensch das ein, so wird er sich auch sicher stets mehr und mehr bestreben, sein eigenes Wirken mit dem wohlerkannten göttlichen zu vereinen und sich so nach und nach völlig mit der Lebenskraft Gottes in ihm zu einen, durch welches Einen der Mensch dann erst zur wahren Lebensselbständigkeit gelangt, da er dann weiß und klar einsieht, daß das göttliche, früher wie ein fremdes Wirken also nun zu seinem eigenen geworden ist durch die Demut vor Gott und durch die rechte Liebe zu Gott. Und darin liegt der eigentliche Grund, warum Ich vorhin zu euch gesagt habe: Und so ihr auch alles getan habt, so saget und bekennet dennoch: ,Herr, nur Du hast das alles getan; wir aber waren aus unserem Selbstischen nur faule und unnütze Knechte!‘ (Luk.17,10).
GEJ|6|144|6|0|So ihr das in euch selbst wohlerkenntlich saget, da wird euch die Gotteskraft unter die Arme greifen und wird euch vollenden; wenn ihr das aber nicht wohleinsichtlich in euch selbst bekennet und dafür nur euch selbst auf den Altar der Ehre erhebet, da ihr euch als selbst stark fühlet, da wird euch die Kraft Gottes nicht unter die Arme greifen und eure höchst mühsame Lebensvollendung euch selbst anheimstellen, und es wird sich dann bald zeigen, wieweit ihr mit eurer eigenen Kraft ausreichen werdet. Und darum sagte Ich euch denn auch, daß ihr ohne Mich nichts Verdienstliches und Endzweckliches tun könnet. (Joh.18,5). Und so Ich euch nichts vorenthalte, was zur Gewinnung des wahren, freiesten und völlig selbständigen Lebens eurer Seele unerläßlich notwendig ist, warum ärgert euch dann solche Meine sorgliche und weise Mühe um euch?“
GEJ|6|144|7|0|Sagte Andreas: „Das ärgert uns wahrlich nicht; aber das ist uns eben nicht zu angenehm, wenn Du dann und wann gelegenheitlich mit irgend etwas Neuem zum Vorscheine kommst, das irgendeinem schon früher Gegebenen ganz entgegenzustehen scheint, und wenn Du uns dann keine weitere Erklärung darüber frei aus Dir Selbst gibst, sondern es zumeist darauf ankommen lässest, daß wir Dich darum angehen müssen. Das mußt Du mit Deiner wahren Allwissenheit ja doch wohl einsehen, was wir einsehen und begreifen können! Denn es ist eben nichts Angenehmes, Dich um eine nähere Erklärung zu bitten, weil man von Dir dann stets einen nicht sehr wohltuenden Verweis bekommt. Wenn Du uns in der Folge wieder etwas Neues lehren willst, so gib uns auch gleich das rechte Licht dazu, auf daß wir dann nicht nötig haben, Dich mit allerlei Fragen zu belästigen! Du bist sonst höchst gut – was wir alle nur zu klar einsehen –; aber im Lehren bist Du dann und wann ganz unverdaulich!
GEJ|6|144|8|0|Ich und wir alle wissen und glauben, daß Du des lebendigen Gottes Sohn bist, und daß die Gottheit in aller Ihrer Fülle wie körperlich in Dir wohnt; aber das hindert mich gar nicht, Dir allzeit ganz offen zu sagen, wo es uns irgend drückt, wenn Du den Druck bei Dir Selbst oft nicht merken willst. Denn wir sind Menschen, solange wir leben, und fühlen allerlei Druck; und da das der sichere Fall ist, so muß es uns denn auch freigestellt sein, uns auch Gott gegenüber äußern zu dürfen, wo es uns drückt und schmerzt. Will Gott uns helfen, so wird Er wohl daran tun, – und will Er das nicht, so muß Er sich's gefallen lassen, daß wir Ihm so lange vorjammern werden, solange Er uns in diesem Jammerleben lassen wird. – Das verstehen wir nun alle ganz gut und werden es auch getreu befolgen; aber für die Folge gib uns keine Lehre ohne Erklärung mehr!“
GEJ|6|144|9|0|Sagte Ich: „Brüder, was Ich tue, davon weiß Ich wohl den Grund, warum Ich dieses und jenes also tue; aber was ihr tut und redet, davon sehet ihr den Grund noch gar lange nicht ein! Aber es wird auch einmal die Zeit kommen, in der auch ihr den Grund alles des von Mir Gelehrten und Getanen einsehen werdet.“
GEJ|6|144|10|0|Doch nun gut von allem dem! Denn es kommt die Zeit, wo uns die zehn Neujünger verlassen werden, und es ist da notwendig, ihnen noch eine eigene Stärkung auf ihren Weg mitzugeben, auf daß sie tüchtig werden, für euch die Wege auch in einem andern Weltteile vorzubereiten; denn zu diesem guten Zwecke haben sie der Kenntnisse in Meiner neuen Lebenslehre zur Genüge.“
GEJ|6|144|11|0|Hierauf sagte Ich zu den zehn: „Auf daß ihr als Menschen heidnischer Abkunft den andern Heiden ein vollgültiges Zeugnis von Mir dahin ablegen könnet, daß Ich, der euch zu ihnen gesandt hat, Der bin, als den ihr Mich habt kennen lernen, so erteile Ich euch die Gabe, alle Kranken zu heilen, gleichwie Ich dem Arzte in Chotinodora und dem in Serrhe die gleiche Gabe erteilt habe.
GEJ|6|144|12|0|Leget den Kranken die Hände in Meinem Namen auf, und es wird mit ihnen sogleich besser werden, und sie werden euren Worten glauben! Und nun brauchet ihr vorderhand nichts mehr; wenn Ich aber aufgefahren sein werde dahin, von wannen Ich gekommen bin, da wird der von Mir über euch ausgegossene Geist euch schon in alle weitere Wahrheit und Weisheit leiten. Es sei und es geschehe also!“
GEJ|6|144|13|0|Dafür dankten Mir die zehn über alle Maßen, und der Hauptmann hatte darüber eine übergroße Freude und fragte Mich, wie lange Ich Mich noch an diesem Orte aufhalten werde.
GEJ|6|144|14|0|Und Ich sagte: „Das, Freund, hängt von den Umständen und von dem Willen Dessen ab, der Mich in diese Welt gesandt hat; denn auch Ich, als purer Mensch für Mich, muß Mich streng nach dem richten, was der Vater im Himmel Mir auferlegt! Es ist zwar alles auch Mein, was da ist des Vaters, und Ich und der Vater sind im Grunde des Grundes eins, – aber dennoch stehet in Mir Selbst die Liebe höher als ihr Licht, die Weisheit. Darum kann auch Meine Weisheit Meiner Liebe keine Gesetze geben, sondern nur umgekehrt. Du wirst es aber schon noch erfahren, wie lange Ich noch hier verweilen werde.“
GEJ|6|144|15|0|Hierauf dankte Mir der Hauptmann, erhob sich dann und ging mit den zehn nach Hause, allwo noch einige Geschäfte seiner harrten.
GEJ|6|144|16|0|Diesen Nachmittag blieben sie bei ihm; am nächsten Morgen aber sandte er sie mit guten Führern und besonderen Empfehlungen nach Sidon an den Cyrenius ab, der sich bei ihrer Ankunft vor lauter Freude gar nicht zu helfen wußte, als er vernahm, daß sie bei Mir gewesen waren und Meine Lehre angenommen hatten. Er behielt sie über einen Monat lang bei sich und beförderte sie mit guter und sicherer Gelegenheit nach Rom, wo sie vom Kaiser abermals sehr gut aufgenommen und auch alsbald mit hohen militärischen Ämtern bekleidet wurden, und wo der Riese sogar in dem Palaste des Kaisers als dessen Leibwächter eine längere Zeit verblieb und viel Gutes stiftete, da der Kaiser sich oft und gern in geheimsten Dingen bei ihm Rat holte.
GEJ|6|145|1|1|145. — Die Vorwürfe und Zweifel der Jünger
GEJ|6|145|1|0|Ich aber verblieb mit den Jüngern den ganzen Tag über im Hause des Matthias und erzählte ihm vieles, was Mir alles auf dieser Reise von mehreren Wochen begegnet ist, was den Wirt in hohem Grade interessierte. Die Jünger aber gingen für sich ins Freie – bis auf den Johannes und Matthäus, die bis zum Abend hin ihre Aufzeichnungen ordneten und in einen größeren Zusammenhang brachten. Auch die zwanzig Judgriechen gingen für sich ins Freie und weideten sich an dem Anblick des sehr belebten und bewegten Meeres.
GEJ|6|145|2|0|Erst spät am Abend kehrten alle die Jünger wieder ins Haus zurück, als das Abendmahl schon eine Zeitlang bereitet war. Wir nahmen das Nachtmahl in aller Stille ein und begaben uns darauf bald zur Ruhe. Wir brachten dann noch etliche Tage allda zu und beschäftigten uns mit allerlei guten und nützlichen Dingen.
GEJ|6|145|3|0|Der Hauptmann selbst war alle Tage bei Mir, und Ich heilte mehrere von ihm Mir genannte Kranke bloß durch Mein Wort. Darüber ärgerten sich heimlich etliche Meiner alten Jünger, weil Ich das alles Selbst tat und nicht sie dazu beorderte, daß sie das täten in Meinem Namen, was nach ihrer Meinung Meiner Lehre ein größeres Zeugnis geben würde, als so Ich Selbst in einem fort Zeichen wirke, die wohl für Mich Selbst ein Zeugnis wären, der Ich als ein göttlicher Meister dastehe, aber für die Wirkung Meiner Lehre auch bei Meinen Jüngern nahe gar kein besonderes Zeugnis abgäben, weil die Leute sagten: ,Jetzt ziehen diese schon so lange mit Ihm umher und haben noch wenig gelernt, da sie beinahe gar nichts vermögen!‘
GEJ|6|145|4|0|Ich sagte aber zu ihnen: „Meine Freunde und Brüder! Es wird die Zeit auch an euch kommen, in der ihr in Meinem Namen Zeichen wirken werdet; aber jetzt ist sie noch nicht da. Ich habe aber den meisten von euch auch dieselbe Kraft verliehen, Kranke jeder Art zu heilen, und ihr habt sie auch geheilt, und dieselbe Kraft ist euch noch eigen bis auf einen, der sich dafür bezahlen ließ. Aber so ihr bei Mir seid, da ist es wohl nicht nötig, daß ihr in Meiner Gegenwart Zeichen wirkt; wo es aber nötig ist, da lasse Ich auch euch ganz besondere Zeichen wirken. Was wollet ihr denn noch mehr?! Ich bin noch nicht aufgefahren dahin, von wannen Ich gekommen bin, zu Meinem Gott und zu eurem Gott, und habe über euch noch nicht ausgegossen den heiligen Geist Gottes, der euch leiten wird in alle Wahrheit und Weisheit. Darum geduldet euch bis dahin, – danach werdet auch ihr das tun, was Ich nun tue! – Seid ihr damit nicht zufrieden?“
GEJ|6|145|5|0|Sagte nun Thomas: „Herr, damit sind wir wohl zufrieden; aber eines begreifen wir an Dir noch immer nicht! Sieh, bei den Heiden hast Du Dich in Deinem Zeichenwirken wahrlich nahezu Selbst übertroffen! Der Heiden Tempel und Götzen hast Du auf einen Wink vernichtet, und die starrsten Priester haben sich Dir wie Lämmer gefügt; warum tust Du das gleiche nicht auch in Juda? Die Templer wären schon lange Deine Jünger, wenn Du ihnen den Tempel mit derselben Leichtigkeit hinweggehaucht hättest, wie Du den Heiden am Euphrat ihre Götzen hinweggehaucht hast! Tue das auch in Judäa, und Deine Lehre ist geborgen!“
GEJ|6|145|6|0|Sagte Ich: „Ihr redet, was ihr verstehet, und Ich rede, was Ich weiß vom Vater aus, und was Ich auch also gar wohl verstehe! Ihr wisset nicht den Grund, warum dieses und jenes geschehen muß, um diesen und jenen Zweck sicher zu erreichen; Ich aber weiß es nur zu klar und genau, warum dieses und jenes geschehen muß, um diesen und jenen Zweck bestimmtest zu erreichen. Darum ist es wahrlich nicht fein von euch, so ihr Mir nun vorschreiben wollet, was Ich tun soll! Ich habe euch aber schon bei verschiedenen Gelegenheiten klar auseinandergesetzt, warum Ich dies und jenes tue, und warum nun die Verhältnisse der Menschen zu Gott auf einem gar so schlechten und finsteren Boden stehen, und warum es sogar geschehen wird, daß dieser Mein Leib in Jerusalem getötet werden wird.
GEJ|6|145|7|0|Aber ihr merket euch nichts und denket auch nie tiefer darüber nach, so daß Mein Wort in euch nie völlig die rechten Wurzeln greifen und schlagen kann; und sehet, eben aus diesem Grunde ist euer Glaube an Mich bei euch noch lange kein lebendiger, und ihr seid denn auch eben darum nicht tauglich und fähig, Zeichen zu wirken, aus denen die Menschen ersehen würden, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid! – Warum merket ihr euch denn sowenig nur und denket auch gar sowenig darüber nach?“
GEJ|6|145|8|0|Sagte abermals Thomas: „Herr, stärke unser Gedächtnis, und wir werden dann auch alles sicher behalten und darüber nachdenken, was wir alles aus Deinem Munde vernehmen!“
GEJ|6|145|9|0|Sagte darauf Ich: „Das habe Ich ohnehin insoweit getan, als es möglich war, weiter, als es eure Natur verträgt, aber geht das nicht. Wenn aber der Geist über euch kommen wird, dann wird er euch ohnehin in alle Weisheit leiten, und ihr werdet dann hinfort eures irdischen Gedächtnisses nicht mehr bedürfen. Aber der Bildung der Seele wegen ist dem Menschen auch ein irdisches Gedächtnis gegeben, das bei einem recht festen Willen stark genug ist, sich eine zahllose Menge von Worten, Wahrheiten und Taten zu merken; nur wenn ein Mensch über allerlei Dinge und Vorkommnisse ganz gleichgültig hinweggeht, so bleiben sie ihm auch sicher nicht im Gehirne haften, wovon Ich euch den Grund bei Cäsarea Philippi klar und deutlich gezeigt habe. Denket darüber nach, und ihr werdet ihn schon finden!“
GEJ|6|145|10|0|Auf diese Meine Rede sagte kein Jünger mehr etwas, und Ich redete dann mit dem Hauptmanne, der diese Tage stets anwesend war, so manches, was ihm nun in dieser Zeit so manche Verhältnisse in der Welt aufhellte.
GEJ|6|145|11|0|Die Jünger aber unterhielten sich in ihrer Art und machten gegenseitig allerlei Betrachtungen. Einige behaupteten, daß Gott in Seiner Macht denn auch beschränkt sein müsse, weil Er Sich bei allem, was Er hervorbringen wolle, auch auf gewisse Bedingungen sowohl der Zeit als auch der Beschaffenheit nach binden müsse, ohne die Er so manches gar nicht effektuieren könnte. Andere sagten wieder, solches tue Gott nicht um Seiner Selbst willen, sondern der Geschöpfe wegen, um ihnen diejenige Konsistenz zu geben, durch welche sie für die Ewigkeit gediegen und beständig werden. Zudem müsse Ihm das eine eigene Seligkeit bereiten, so Er Seine Werke in einer bestimmten Ordnung, die Er Selbst gestellt habe, erst so nach und nach zu Sich emporreifen sehe. Daß aber Gott durch die Allmacht Seines Willens auch momentan etwas bewirken könne, dafür hätte Ich ihnen schon gar sehr viele Beweise geliefert.
GEJ|6|145|12|0|Da wurden wieder Gegenbemerkungen gemacht, – kurz und gut, es ward dadurch der Glaube selbst bei dem größten Teile Meiner Jünger etwas wankend gemacht, und einige behaupteten, daß Ich etwa doch nicht mehr sei als ein großer Prophet, etwa Moses oder Elias ähnlich, bei denen es an den großartigsten Zeichen auch niemals gemangelt habe. Mit dergleichen Betrachtungen und Vergleichen kam der Abend, und wir begaben uns nach dem Abendmahle wieder zur Ruhe.
GEJ|6|146|1|1|146. — Die unzufriedenen Jünger ziehen allein nach Jerusalem zum Laubhüttenfest; der Herr folgt heimlich nach (Ev. Joh. 7,2-13)
GEJ|6|146|1|0|Am Morgen aber kamen schon viele Juden von allen Gegenden, die hinter Kapernaum sich befanden, daher, um zu Schiff übers Meer nach Jerusalem zu ziehen, weil das Laubrüstfest der Juden ganz nahe herbeigekommen war. (Joh.7,2) Es waren auch zu dem Behufe von allen Seiten und Gegenden des Meeres Schiffe hierher gekommen, um die vielen Wallfahrer über das Meer zu befördern.
GEJ|6|146|2|0|Ich aber ging nach dem Morgenmahle mit allen Jüngern auch hinaus an das Meer, und wir besahen uns die Schiffe und die vielen Wallfahrer.
GEJ|6|146|3|0|Und es kam bald auch der Hauptmann zu Mir und sagte: „Herr, wie gefallen Dir denn diese vielen blinden Narren? Dorthin gehen sie mit vielen Unkosten und mit vieler Mühe Den suchen, der ihnen hier gar so nahe wäre!“
GEJ|6|146|4|0|Sagte Ich: „Lassen wir das, es wird schon noch auch für sie die Zeit der Erkenntnis kommen! Aber doch ziehen auch mehrere Meinetwegen hinauf nach Jerusalem, weil sie der Meinung sind, Mich daselbst anzutreffen.“
GEJ|6|146|5|0|Als die Jünger, die nun auch die altgewohnte Reiselust anwandelte, das von Mir vernahmen, da sagten sie ganz laut zu Mir: „So mache Dich denn auf von dannen nach Jerusalem hin, und gehe dann auch wieder in Judäa umher, auf daß Deine dortigen vielen Jünger auch die Werke sehen, die Du tust. (Joh.7,3) Es tut aber niemand etwas im Verborgenen, von dem er will, daß es vor aller Welt offenbar werde; da Du aber das auch willst und auch danach tust und wirkest, so offenbare Dich nun auch vor der Welt!“ (Joh.7,4)
GEJ|6|146|6|0|Die Brüder aber redeten nun deshalb also, weil ihr Glaube an Mich ganz schwach geworden war. (Joh.7,5)
GEJ|6|146|7|0|Da fragt freilich so mancher, wie das bei den vielen Zeichen und Lehren wohl möglich war. Oh, das ist bei jedem Menschen gar leicht möglich! Er darf sich nur irgend ein wenig überheben und sich auf seine Fähigkeiten etwas einzubilden anfangen, und seine Seele befindet sich dann sogleich in einem zweifelhaften Dunkel, aus dem ihr nur irgendeine kleine Demütigung helfen kann.
GEJ|6|146|8|0|Und das war denn auch hier bei den Brüdern der Fall, aus welchem Grunde Ich ihnen auch keine Rüge gab, sondern nur sagte: „Ihr habt da ganz leicht reden! Meine Zeit ist noch nicht da, – eure Zeit aber ist allewege! (Joh.7,6) Die Welt kann euch nicht hassen, da ihr bis jetzt noch nicht irgend offen wider sie gezeugt habt, daß ihre Werke böse sind; darum habt ihr auch noch allerwege eine freie Zeit und einen gefahrlosen Weg. Mich aber haßt die Welt allewege, weil Ich offen zeuge, daß ihre Werke böse sind.“ (Joh.7,7)
GEJ|6|146|9|0|„So ihr alle aber schon so festdurstig seid, so gehet ihr allein hinauf auf dieses Fest! Ich aber will noch nicht hinaufgehen auf dieses Fest; denn Meine Zeit ist noch nicht erfüllt.“ (Joh.7,8)
GEJ|6|146|10|0|Da sahen die Brüder einander an und wußten nicht, wie sie daran waren.
GEJ|6|146|11|0|Einer sagte: „Gehen wir hinauf! Wegen 4-5 Tagen unseres Ausbleibens wird es nicht aus sein!“
GEJ|6|146|12|0|Einige wieder meinten, daß Ich so etwas etwa doch übel aufnehmen und unterdessen irgendwohin gehen könnte, wo Ich nicht leicht wieder aufzufinden wäre; denn ihre Absicht war nicht, Mich zu verlassen. Wieder andere meinten, es wäre doch rätlich, hinaufzugehen, da man daselbst bei dieser Gelegenheit vieles vernehmen könnte, was jetzt so die Menschen über Mich redeten. Bei dieser Meinung kamen alle überein und beschlossen, ganz allein zum Feste hinaufzugehen.
GEJ|6|146|13|0|Es kam aber gerade das Schiff des Simon Juda (Petrus) an, und er trat zu Mir hin und sagte (Petrus): „Herr, so lasse uns denn allein hinaufziehen! In längstens fünf Tagen sind wir wieder hier!“
GEJ|6|146|14|0|Da sagte Ich: „Ich habe es euch schon gesagt, was ihr zu tun habt, und so ziehet denn alle hinauf!“
GEJ|6|146|15|0|Als Ich solches zu ihm gesagt hatte, da bestiegen sie alsbald das Schiff und fuhren ab. Ich aber verblieb noch hier in Galiläa. (Joh.7,9)
GEJ|6|146|16|0|Als aber alle die Brüder schon mehr als den halben Wasserweg hinter sich hatten, da wandelte sie plötzlich eine große Trauer und Reue an, so daß sie wieder umkehren wollten, um Mich um Vergebung zu bitten für die schnöden Reden, mit denen sie Mir entgegengekommen waren.
GEJ|6|146|17|0|Und Petrus sagte laut: „Herr, Herr, welcher Teufel hat uns denn diesmal gar so verrückt, daß wir Dich verlassen konnten? Oh, lasse Dich nur noch einmal wiederfinden von uns, Du ewiger Sohn und Vater in einer Person, und wir werden Dich nimmer also verlassen!“
GEJ|6|146|18|0|Johannes und Matthäus weinten und drangen ordentlich auf die Rückfahrt; aber es erhob sich ein starker Wind gerade hinter ihrem Rücken und trieb das Schiff mit großer Schnelle an das obere Ufer hinter Tiberias, wo der Jordan das Meer verläßt. Als sie da ans Land gestiegen waren, fühlten sie sich so verlassen, daß sie kaum den Mut hatten, den Weg nach Jerusalem weiter fortzusetzen.
GEJ|6|146|19|0|Jakobus aber sagte: „Daß wir alle hoch gefehlt haben, daran liegt gar kein Zweifel; denn der starke Wind, der uns so schnell hierher trieb und sich gerade in dem Augenblick erhob, als wir reuig zu Ihm zurückkehren wollten, war ein sprechender Beweis, daß Er uns für immer von Sich verstoßen hat. Wir dummen und blinden Ochsen wollten Ihm, dem Allweisesten und dem Allmächtigen vorzuschreiben anfangen, was Er tun solle! Oh, wir nun überelenden Toren! Wo ist denn der elendste Satan, der uns also berückt hat? Die elendste Bestie der Bestien trete vor uns, und sie soll erfahren, was das heißt, sich an den Freunden des Herrn zu vergreifen!“
GEJ|6|146|20|0|Da erschien ihnen plötzlich eine Lichtgestalt und sagte in einem ganz ernsten Tone zu ihnen: „Eure Beschuldigung trifft den verlorenen Sohn ungerecht; denn euer eigener Übermut hat euch das angetan. Darum klaget euch selbst an, ihr Höchstbegnadeten, und lasset den in Ruhe, der diesmal keinen Teil an eurer Dummheit hat!“
GEJ|6|146|21|0|Darauf verschwand die Gestalt, und die Jünger sagten: „Herr, sei uns armen Sündern gnädig und barmherzig!“
GEJ|6|146|22|0|Darauf machten sie sich still und ruhig auf den Weg und kamen, schon ziemlich spät am Abend, zu dem schon bekannten Wirt im Tale bei Jerusalem. Als er sie ersah und erkannte, hatte er eine große Freude; aber als er Mich nicht unter den Brüdern fand, ward er sehr bekümmert und fragte die Brüder, warum Ich diesmal nicht mit ihnen gekommen sei.
GEJ|6|146|23|0|Da sagte Petrus: „Siehe, Freund, wir wollten herauf zu diesem Feste, auf daß uns kein Jude etwas vorhalten könnte also, als wären wir Samariter. Aber der Herr wollte diesmal noch nicht herauf, ließ uns allein ziehen, da unsere Zeit allewege, für Ihn aber die rechte Zeit noch nicht da wäre; und so sind wir nun da. Der Herr Selbst aber blieb in Galiläa zurück, und zwar nicht ferne von Kapernaum, allwo Er uns auch sicher erwarten wird.“
GEJ|6|146|24|0|Sagte der Wirt: „Das glaube ich kaum; denn Er ist wahrhaft ewig unerforschlich in Seinen geheimen Ratschlüssen! Übermorgen ist der große Sabbat; wer weiß es, ob Er nicht noch eher in den Tempel kommt, als wir seine Vorhöfe betreten werden!“
GEJ|6|146|25|0|Sagte Petrus: „Bei Gott sind wohl alle Dinge möglich, aber das glaube wieder ich kaum! Aber nun vor allem, lieber Freund, – können wir heute eine Herberge bei dir haben?“
GEJ|6|146|26|0|Sagte der Wirt: „O allerdings; denn bei mir gibt es noch Raum zur Genüge! Aus der größten Liebe und Achtung zu eurem und auch meinem Meister und Herrn gebe ich euch alles unentgeltlich, solange ihr immer bei mir bleiben wollet!“
GEJ|6|146|27|0|Darauf ward sogleich für ein gutes Abendmahl gesorgt; aber es hatte keiner der Brüder besondere Lust zum Essen und Trinken; denn ihnen ging noch immer ihr Benehmen vor Mir zu Kapernaum wie glühende Gewissensbisse in ihrem Herzen herum.
GEJ|6|146|28|0|Nach dem Mahle erzählten sie dem Wirte viel von Meinen Reisen und blieben also beinahe die ganze Nacht wach; und es wurde ihnen auch leichter, so sie von Mir redeten. Erst gegen Morgen schliefen sie ein und wurden bald wach. Diesen Tag brachten sie zur Hälfte noch bei dem Wirte zu, die andere Hälfte aber in Bethania bei Lazarus, dem Ich auch gar sehr abging; aber die vielen Erzählungen über Meine Taten und Lehren bei Meinen Reisen in Großgaliläa ersetzten in etwas Meine Gegenwart.
GEJ|6|146|29|0|Als aber, wie nun gezeigt ward, Meine Brüder hinauf zum Feste gezogen waren, da machte auch Ich Mich um einen Tag später auf den Weg nach Jerusalem, sagte aber niemandem, wohin Ich gehe, obwohl Mich der Wirt und der Hauptmann sehr darum fragten; denn Ich Selbst wollte es nicht ruchbar werden lassen, daß auch Ich ganz heimlich nach Jerusalem zum Feste zöge. (Joh.7,10) Ich ging aber denn auch ganz allein abseitigen Weges dahin und benötigte – wie leicht begreiflich – nur eine ganz kurze Zeit zu dieser Reise.
GEJ|6|146|30|0|Am Tage des Festes aber, als alle Meine Jünger und Brüder sich schon sehr früh morgens auf dem Platze des Tempels eingefunden hatten und von den Mich wohl kennenden Juden bemerkt wurden, da dachten eben die Juden: ,Aha, das sind ja die Jünger des Nazaräers! Da wird Er Selbst wohl auch dahier sein!‘
GEJ|6|146|31|0|Und sie suchten Mich darum kreuz und quer und fragten auch einen und den andern Jünger, wo denn Ich wäre. (Joh.7,11)
GEJ|6|146|32|0|Und die Jünger sagten: „Diesmal wissen wir nicht, wo Er ist; denn wir gingen allein auf dieses Fest, und Er blieb irgendwo in Galiläa.“
GEJ|6|146|33|0|Da aber entstand ein großes Gemurmel unter den Juden, und es kamen da sehr verschiedene Meinungen und Anforderungen auf Meine Person zum Vorschein.
GEJ|6|146|34|0|Viele sagten: „Dieser Mensch ist höchst fromm, und Gott hat ihm alle Gaben der Propheten verliehen wie einst Moses, und dieser allein ist geeignet, uns vom Joche der Heiden zu erlösen!“
GEJ|6|146|35|0|Andere wieder sagten: „Wenn er das wäre, so brauchte er sich nicht vor den Pharisäern und Schriftgelehrten zu fürchten und wäre zu diesem Feste gekommen und hätte uns einmal klar gezeigt, was er eigentlich will! Aber er ist bekanntlich mehr ein Freund der Römer und Griechen und kann daher bei uns Juden keinen besonderen Anhang finden.“
GEJ|6|146|36|0|Und noch andere traten hinzu und sagten – aber freilich nicht gar zu laut –: „Ei was, er ist nichts als ein verkappter Essäer, ist mit allen Zauberkünsten ausgerüstet und verführt fein und sauber das Volk!“
GEJ|6|146|37|0|Doch niemand getraute sich, gar zu offen eine Äußerung wider Mich laut werden zu lassen, und das aus Furcht vor jenen vielen Juden, die da fest an Mich glaubten und auf Mich hofften. (Joh.7,13)
GEJ|6|146|38|0|Aber mitten durch das tolle Gewühl des Festes und durch das berauschte und unsinnige Volk ging Ich, von niemandem erkannt und bemerkt, hinauf in den Tempel.
GEJ|6|147|1|1|147. — Der Herr im Tempel. Mißglückter Anschlag der Templer (Ev. Joh. 7,14-36)
GEJ|6|147|1|0|Als Ich Mich im Tempel auf eine Ausruferbank stellte, da gebot Ich Ruhe, und die Juden erkannten Mich und fragten geheim einander, wie Ich nun auf einmal auf das Fest gekommen sei, da doch Meine um Mich befragten Jünger nichts von Mir wußten. Aber Ich fing an, dem Volke das leichtverständliche, aber sehr vielsagende vierte und fünfte Kapitel des Propheten Jesaja erstens von Wort zu Wort vorzutragen, und gab dann zweitens dazu eine scharf markierte und wohlverständliche Erklärung, die ganz in diese Zeit und für die halsstarrigen und hochmütigen Juden auf ein Haar paßte. (Joh.7,14)
GEJ|6|147|2|0|Da wunderten sich die Juden und sagten: „Wie kennt denn dieser doch die Schrift so gut, da er sie unseres Wissens ja nie gelernt hat? (Joh.7,15) Seine Lehre ist demnach keine falsche Lehre, da sie ja doch ganz nach der Schrift geht.“
GEJ|6|147|3|0|Ich aber antwortete ihnen und sagte: „Diese Lehre nach der Schrift, die ihr Meine Lehre nennet, ist nicht Mein, sondern Dessen, der Mich gesandt hat! (Joh.7,16) So jemand diese Lehre beachten und nach dem darin ausgesprochenen Willen Gottes tun will, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott ist, oder ob Ich darin von Mir selber rede! (Joh.7,17) Wer von sich selbst redet, der sucht auch sicher nur seine eigene Ehre; wer aber gleich Mir nur allein sucht die Ehre dessen, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und es ist keine Ungerechtigkeit an ihm!“ (Joh.7,18)
GEJ|6|147|4|0|Da fingen einige Pharisäer an zu murren und sagten untereinander: „Jetzt wäre es ganz an der Zeit, diesen Menschen zu ergreifen und zu töten, und man brauchte ihn dann nicht mehr mit großen Unkosten in aller Welt umher suchen zu lassen, wo er sich leicht irgendwo versteckt; denn er lehrt ja offenbar wider uns und macht uns aller Schändlichkeiten vor dem Volke verdächtig. Daher nur frischen Mut gefaßt, und nieder mit ihm!“
GEJ|6|147|5|0|Ich aber merkte wohl solch ihren Rat und sagte zu ihnen: „Hat euch nicht Moses das Gesetz gegeben? Ihr saget wohl: ,Ja!‘; warum tut denn von euch nun niemand mehr nach dem Gesetze?“
GEJ|6|147|6|0|Und die Juden murrten und sagten: „Wie kannst du sagen, daß wir Mosis Gesetze nicht hielten?“
GEJ|6|147|7|0|Darauf erst sagte Ich: „Nun gut, – wenn ihr Mosis Gesetz haltet, warum suchet ihr Mich denn zu töten?“ (Joh.7,19)
GEJ|6|147|8|0|Da sprach das Volk: „Hast du denn den Teufel? Wer sucht dich denn zu töten?“ (Joh.7,20)
GEJ|6|147|9|0|Sagte Ich ganz voll Ernstes: „Ihr nicht, aber jene dort, die auf den hohen Stühlen sitzen! Sehet, ein einziges Werk habe Ich getan vor etlichen Monden hier an dem achtunddreißig Jahre lang krank Gewesenen, und das hat euch alle ärgerlich wundergenommen! Man verdammte Mich als einen Sabbatschänder. (Joh.7,21)
GEJ|6|147|10|0|Moses hat euch gegeben, das Werk der Beschneidung zu verrichten – nicht, als käme sie von ihm, sondern von den Erzvätern –, und ihr beschneidet den Menschen auch am Sabbat noch heutzutage. (Joh.7,22) So ihr aber den Menschen beschneidet auch am Sabbat ohne Furcht, daß dadurch das Gesetz Mosis gebrochen werde, – warum zürnet ihr denn über Mich, daß Ich einen ganzen Menschen am Sabbat gesund gemacht habe?! (Joh.7,23) Ich sage es euch: So ihr aber schon durchaus richten wollet, so richtet nicht nach dem leeren Anscheine, sondern richtet ein gerechtes Gericht nach der vollen Wahrheit!“ (Joh.7,24)
GEJ|6|147|11|0|Da sprachen unter sich etliche vornehme Jerusalemer: „Ist das nicht der, den die hohen Pharisäer zu Ostern zu töten suchten? (Joh.7,25) Und sehet, er redet nun ganz frei, und sie sitzen dort ganz ruhig und sagen ihm nicht eine Silbe entgegen! Erkennen denn unsere Obersten nun ganz sicher, daß er ganz gewiß Christus ist? (Joh.7,26) Doch das kann ja wohl nicht so sein; denn wir wissen ja alle, von woher dieser ist. Wenn aber Christus kommen wird, so wird niemand wissen, von woher Er gekommen ist!“ (Joh.7,27)
GEJ|6|147|12|0|Da rief Ich laut auf im Tempel und lehrte also weiter: „Ja, ihr kennet Meine Person wohl und wisset auch wohl, von woher Ich bin; aber das wisset ihr nicht, daß Ich als ein Mensch nun nicht von Mir Selber gekommen bin, sondern es ist ein Wahrhaftiger, der Mich gesandt hat, und Den kennet ihr nicht, und so wisset ihr auch nicht, von woher Ich so ganz eigentlich bin. (Joh.7,28) Ich aber kenne Den wohl, der Mich in diese Welt gesandt hat. (Joh.7,29) Weil ihr aber Den nicht kennet, so kennet ihr auch Mich nicht! – Habt ihr Mich verstanden?“
GEJ|6|147|13|0|Diese Meine Rede erfüllte die stolzen Jerusalemer mit Ärger, und sie suchten, wie sie Mich ergreifen und dafür züchtigen könnten; aber da Meine Zeit noch nicht da war, so vermochte niemand, seine Hand an Mich zu legen. (Joh.7,30)
GEJ|6|147|14|0|Das Volk aber glaubte vielfach an Mich und sagte unter sich: „He, wenn Christus kommen wird, wird Er wohl mehr und größere Zeichen tun, als Dieser da tut?“ (Joh.7,31)
GEJ|6|147|15|0|Es kam aber bald vor die hohen Pharisäer, daß das Volk unter sich solches von Mir murmelte.
GEJ|6|147|16|0|Da schrien sie (die Pharisäer): „Seht, wie der uns das Volk verführt!“
GEJ|6|147|17|0|Da sandten sie gleich ihre Knechte aus, daß sie Mich ergreifen und mit Stricken binden sollten. (Joh.7,32)
GEJ|6|147|18|0|Sagte Ich zu ihnen: „Lasset das jetzt nur noch gut sein! Ich bleibe ohnehin nur noch eine ganz kurze Zeit bei euch, und dann gehe Ich hin zu Dem, der Mich in diese Welt gesandt hat. (Joh.7,33) Ihr werdet Mich dann suchen und wahrlich nicht finden! Und wohin Ich gehe, da könnet ihr Mir nicht nachkommen.“ (Joh.7,34)
GEJ|6|147|19|0|Da hielten die Knechte inne, und es legte keiner die Hand an Mich.
GEJ|6|147|20|0|Aber die Juden murmelten untereinander: „Wohin will er denn gehen, daß wir ihn nicht finden sollen? Will er vielleicht unter die Griechen gehen, die hin und her zerstreut liegen, und sie lehren? (Joh.7,35) Was ist das für eine sonderbare Rede, daß er sagt: ,Ihr werdet mich suchen und nicht finden!‘ und ,Wo ich bin, dahin könnet ihr nicht kommen!‘ (Joh.7,36) Ah, der Mensch redet ja ganz verwirrt! Er fürchtet sich sicher vor den Hohenpriestern und redet also, auf daß die ihn nicht aufgreifen lassen möchten.“
GEJ|6|147|21|0|Da sagte Ich: „Bevor nicht Meine Zeit da ist, wird Mich niemand aufzugreifen vermögen!“
GEJ|6|147|22|0|Da schrien einige Juden, Schriftgelehrte und Pharisäer: „Das werden wir gleich sehen, ob wir nicht imstande sind, dich eben jetzt aufzugreifen!“
GEJ|6|147|23|0|Darauf drängten sie sich auf Mich zu; aber als sie Mich ergreifen wollten, da verschwand Ich plötzlich aus dem Tempel, und die Juden und die Pharisäer sahen einander groß an und sagten: „Wohin ist er denn so plötzlich verschwunden? Das ist ein offenbarstes Wunder!“
GEJ|6|147|24|0|Die Pharisäer aber sagten voll Ärger: „Was Wunder, was Wunder, – habt ihr denn nicht bemerkt, wie ihn der Beelzebub hinausriß, als er in der Gefahr stand?! Den können wir nun freilich lange suchen und werden ihn doch nicht finden, so er irgend in einem Winkel der Hölle versteckt ist!“
GEJ|6|147|25|0|Auf diese Rede aber entstand ein gewaltiges Murren unter jenen vielen Juden, die an Mich glaubten, und es ließen sich ganz gewaltige Stimmen also vernehmen: „Diese elenden Pharisäer sehen ja wahrlich den Wald vor lauter Bäumen nicht! Sie selbst sind die allerärgsten Beelzebubs und stecken mit Haut und Haaren mitten in der Hölle; um ihre grobe Verworfenheit vor dem blinden Volke zu beschönigen, sagen sie aber, dieser augenscheinlichst mit aller göttlichen Macht ausgerüstete Mann Gottes sei des Beelzebub Knecht. Oh, wartet, ihr wahren Beelzebubs! Wir werden euch eure Scheinheiligkeit schon noch ganz geziemend austreiben! Wir werden euch eure Larve herabreißen, auf daß ihr dann der Wahrheit nach als das dastehen werdet, was ihr seid! Na wartet nur, ihr schwarzen und grauen Bösewichte, es wird für euch der zahlende Tag nicht lange auf sich warten lassen!“
GEJ|6|147|26|0|Als das Volk solche seine Gedanken ziemlich laut werden ließ, da war bald kein Pharisäer mehr im Tempel sichtbar, und die Knechte, die Mich hätten ergreifen sollen, waren auch auf einmal unsichtbar geworden. Daheim hatten sie freilich eine große Not mit den Pharisäern, weil sie sich rechtfertigen sollten, warum sie Mich nicht alsogleich ergriffen hätten.
GEJ|6|147|27|0|Aber die Knechte sagten: „Oh, warum habt denn ihr selbst nicht eure Hände an ihn gelegt oder uns wenigstens angetrieben, als wir wie gelähmt zauderten?“
GEJ|6|147|28|0|Sagte ein hoher Pharisäer: „Geziemt sich denn so etwas für uns an einem Sabbat?“
GEJ|6|147|29|0|Die Knechte aber sagten: „Auch wir sind Juden und müssen gleich euch den Sabbat heiligen!“
GEJ|6|147|30|0|Da sagte der Pharisäer: „Nun gut! So ihr ihn treffet morgen oder übermorgen, wenn kein Sabbat ist, sondern bloß zwei heitere Festtage, dann ergreifet ihn und bringet ihn alsogleich zu uns!“
GEJ|6|147|31|0|Sagten die Knechte: „O ja, das können wir schon tun; wenn nur das große Volk nichts dagegen haben wird!“
GEJ|6|147|32|0|Sagte der Pharisäer: „Wer wird da auf das Volk sehen, das schon lange verflucht ist?“
GEJ|6|147|33|0|Sagte ein Knecht: „Ja, verflucht hin oder verflucht her, – wenn aber das verfluchte Volk dann uns und euch ganz sicher dafür steinigt, was dann?! Heute schon hat dazu eben nicht gar zuviel gefehlt! Wenn wir alle nicht gar so behende den Tempel verlassen hätten, so wäre es uns eben nicht am besten ergangen! Das verfluchte Volk hätte uns sicher unseren ihnen erteilten Fluch mit wahren Wucherprozenten zurückerstattet! Was aber heute noch nicht geschehen ist, das kann ganz leicht morgen oder übermorgen geschehen. Wir aber meinen, man sollte den Menschen gehen lassen! Denn ist er ein Prophet, von Gott aus an uns gesandt, so werden wir mit aller unserer Macht nichts wider ihn ausrichten; ist er aber keiner, so wird sich die Sache von selbst wieder zerschlagen.“
GEJ|6|147|34|0|Sagte der Pharisäer: „Ihr wisset nichts und redet also! Steht es denn nicht geschrieben, daß aus Galiläa, wohin nur die Übeltäter verbannt werden, nie ein Prophet ersteht?!“
GEJ|6|147|35|0|Sagte ein Knecht: „Das ist wohl wahr; aber soviel wir von anderen Menschen erfahren haben – was auch unsere Beschneidungsbücher dartun – so ist er kein Galiläer, sondern er ist aus Bethlehem gebürtig, und das ist ja eben die alte Stadt Davids, in der dieser seine Weissagungen niederschrieb. Zudem ist es aber auch noch bekannt, daß der Prophet Jesajas sehr vielfach und langehin in Galiläa zubrachte, wie im gleichen der Prophet Jeremias, – und doch waren das wohl die größten Propheten!“
GEJ|6|147|36|0|Da sagte der Pharisäer: „Seid denn auch ihr schon des Teufels?! Wer sagte euch dieses?“
GEJ|6|147|37|0|Sagten alle Knechte: „Ihr selbst erst unlängst bei einer Rede über die Propheten, wo ihr dem Volke erzähltet, wer die Propheten waren, wie und wo sie geboren wurden, und wo sie sich aufhielten und gewirkt haben! Dürfen wir also auch das uns nicht mehr merken, was ihr selbst vorprediget?“
GEJ|6|147|38|0|Darauf ward der Pharisäer sehr verlegen, sagte weiter nichts mehr und zog sich zurück. Die Knechte aber gingen auch und lachten sich heimlich in die Faust, daß es ihnen gelungen war, die hohen und mächtigen Pharisäer auch einmal ins Bockshorn zu treiben.
GEJ|6|148|1|1|148. — Des Herrn Einkehr bei Lazarus in Bethania
GEJ|6|148|1|0|Ich Selbst aber kam außerhalb des Tempels in einer ganz abgelegenen Herberge mit Meinen Brüdern und Jüngern zusammen. Es war das dieselbe Herberge, in der Ich an den Festen oftmals mit Joseph und Maria und mit den Brüdern übernachtete. Die Freude der Brüder, als Ich zu ihnen kam, war natürlich eine unbeschreiblich große, da sie alle ganz traurig beisammensaßen und unter sich darüber Meinungen austauschten, ob Ich Mich ihrer je wieder erbarmen und sie annehmen würde.
GEJ|6|148|2|0|Ich aber fragte sie und sagte zu ihnen: „Kinder, Freunde und Brüder, habt ihr etwas zu essen, zu trinken?“
GEJ|6|148|3|0|Da fielen Mir alle zu Füßen und baten Mich um Vergebung. Ich aber hieß sie, sich sogleich vom Boden zu erheben und ganz offen mit Mir zu reden, da sie wohl wüßten, daß Ich einer offenen Rede nie gram bin. Da erhoben sich die Brüder und dankten Mir, daß Ich sie nicht verlassen habe.
GEJ|6|148|4|0|Als Ich aber mit den Brüdern also redete, da kamen eilig auch die zwanzig Judgriechen. Und als sie Mich ersahen, da sagten sie: „Herr, Du bist uns zuvorgekommen! Wir waren im Tempel und haben alles gehört, was Du allerweisest gelehrt hast; als Du aber ob der entsetzlichen Ungezogenheit der Juden und Pharisäer auf einmal unsichtbar wurdest, da eilten denn auch wir, so gut es bei dem großen Gedränge nur immer gehen konnte, aus dem Tempel und wollten soeben den Brüdern die Nachricht von Deiner Gegenwart bringen, was sie sicher im höchsten Grade erfreut hätte, – und siehe, wir treffen Dich schon hier! Ja, das ist für die Brüder freilich wohl noch ums unaussprechliche erfreulicher, und wir sind auch über alle Maßen froh, Dich, o Herr, wieder unter uns zu haben! Von nun an geschieht sicher keine solche Trennung mehr!“
GEJ|6|148|5|0|Sagte Ich: „Oh, es werden noch Zeiten und Umstände kommen, wo ihr euch alle an Mir ärgern werdet, und wenn der Hirte geschlagen wird, da werden die Schafe fliehen und sich zerstreuen! Aber so der Hirte dann wiederkommen wird, so wird Er die guten Schafe abermals um Sich versammeln auf immer. Nun, die Pharisäer wären heute gar übel zuteile gekommen, wenn Ich nicht so eilig aus dem Tempel entwichen wäre; denn die Zahl derer, die an Mich glauben, war bei weitem die stärkste im Tempel, und so jemand die Hand an Mich gelegt hätte, so wäre im Tempel ein großer Tumult entstanden, und die großen Jerusalemer samt den Pharisäern, Schriftgelehrten und Tempeljuden wären dabei gar übel bedient worden. Um das zu vermeiden, verließ Ich denn auch den Tempel und bin nun da.
GEJ|6|148|6|0|Den morgigen Tag tun wir nichts und heute auch nichts mehr; aber übermorgen, an welchem Tage bekanntlich dieses Fest mit dem größten Pomp begangen wird, da werden auch wir uns im Tempel einfinden und das Volk lehren. Jetzt aber verlassen wir diese Herberge, die zu streng und zu dumm nach dem altjüdischen Gebrauche eingerichtet ist; denn da bekommen wir vor dem Untergange weder etwas zu trinken – und noch weniger etwas zu essen. Machen wir uns darum auf und gehen nach Bethania; dort werden wir gleich etwas zu essen und zu trinken bekommen!“
GEJ|6|148|7|0|Das war allen sehr recht; aber da kam der Wirt der Herberge uns entgegen und sagte: „Ja, was ist denn das?! Ist denn meine Herberge nicht gut genug für euch? Warum wollt ihr mich denn verlassen, und gar du, Sohn Josephs aus Nazareth, der du mit deinen Eltern doch schon so oft hier in der Herberge warst und ich mit Joseph sogar sehr nahe verwandt bin?“
GEJ|6|148|8|0|Sagte Ich: „Du bist Mir fürs erste zu viel Jude und hältst auf alles Äußere große Stücke, – aber das Innere, Wahre und Lebendige ist dir fremd; dazu aber kommt noch, daß man überall stets besser aufgenommen ist als im Hause der nächsten Blutsverwandten, aus welchem Grunde Ich Mich auch nur höchst selten in Nazareth sehen lasse, – denn der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande!“
GEJ|6|148|9|0|Sagte der Wirt: „Aber dein Vater Joseph war doch stets gerne bei mir, und wir haben stets vieles von Moses und all den andern Propheten miteinander beredet, und er hat mir auch stets ganz sonderbare Dinge von dir erzählt! Warum willst denn nun du gar so durchaus nicht in meinem Hause verbleiben, wo du jetzt ohnehin schon beinahe drei volle Jahre nicht in Jerusalem warst?!“
GEJ|6|148|10|0|Sagte Ich: „Hättest du dich nur irgend erkundigt, dann wärest du wohl zur Kenntnis gekommen, daß Ich beinahe noch an jedem Feste hier war! Aber du bist ein Erzjude und dabei doch auch ein Erzwirt, und als solchem geht es dich auch nichts an, was da irgend in der Stadt Großes geschieht! Darum bleibe du nur, wie und was du bist, und Ich und diese Meine Jünger werden auch bleiben, wie und was wir sind! Schuldig sind wir dir noch nichts, weil wir noch nichts verzehrt haben; und wir gehen darum!“
GEJ|6|148|11|0|Darauf erhoben wir uns und gingen schnell von dannen und zogen nach Bethania hin.
GEJ|6|148|12|0|Hinterdrein aber sagte der Wirt zu seinen Leuten: „Bin wohl recht froh, daß die abgezogen sind; denn bei den Verwandten schaut für einen Wirt stets sehr wenig Nutzen heraus!“
GEJ|6|148|13|0|Ich aber sagte solches den Jüngern, und sie wurden ganz ärgerlich auf diesen Augendiener von einem Wirte.
GEJ|6|148|14|0|Vor Bethania aber sagte Ich zu den Brüdern: „Gehet nun ein wenig voraus und saget es dem Lazarus, daß er ein gutes Mittagsmahl richten möge; aber Meinen Namen nennet ihm noch nicht! Ich werde aber dann kommen, woran er eine übergroße Freude haben wird.“
GEJ|6|148|15|0|Da gingen die Brüder mit den anderen zwanzig Jüngern schnell voraus und sagten das zu Lazarus.
GEJ|6|148|16|0|Dieser aber fragte gleich nach mir und sagte (Lazarus): „Ja, meine lieben Freunde, das wird sogleich geschehen nach eurem Wunsche; aber ich gäbe etwas darum, wenn auch der große, heilige Meister bei euch wäre! Es gingen vor einer halben Stunde ein paar Griechen hier vorüber, und ich fragte sie, was es irgend auf dem Feste Neues gäbe. Denn ich blieb nur eine Stunde in Jerusalem und eilte dann ob des mir höchst ärgerlichen tollen Festtreibens nach Hause und konnte dann auch nicht von dem in Kenntnis sein, was sich irgend Weiteres zugetragen hat.
GEJ|6|148|17|0|Da sagten die Griechen: ,Wir haben vernommen, daß der berühmte Magier aus Galiläa im Tempel sein Wesen treibe; aber wir sahen ihn nicht, weil wir vor lauter Gedränge nicht hineinkommen konnten.‘ Nun, das sagten mir die zwei Griechen. Ich habe darauf sogleich etliche meiner Knechte entsandt, daß sie sich darum näher erkundigen und mir sogleich die Nachricht bringen sollen, auf daß ich dann hingehen, Ihn aufsuchen und Ihn als den allergeliebtesten Gast zu mir einladen könnte; aber die ausgesandten Knechte sind noch nicht zurückgekehrt. – Saget es mir, ihr lieben Freunde, ob ihr nicht auch so etwas in der Stadt vernommen habt!“
GEJ|6|148|18|0|Diese Frage setzte die Jünger in eine nicht geringe Verlegenheit, und sie wußten nicht, was sie darauf für eine Antwort geben sollten. Aber da machte Ich ihrer kurzen Verlegenheit ein Ende, indem Ich im selben Moment in das Zimmer des Lazarus trat und ihn als einen Bruder grüßte. Da war es mit dem Lazarus aus vor Freude, und seine beiden Schwestern weinten vor Seligkeit, daß nur Ich einmal wieder gekommen sei. Kurz, es war das eine Freude nun im ganzen Hause des Lazarus, wie eine ähnliche noch nicht erlebt ward.
GEJ|6|148|19|0|Sogleich ward alles ins Werk gesetzt, um uns ein allerbestes und glänzendstes Mahl zu bereiten. Davon durfte freilich ein echter Jude und Pharisäer nichts erfahren, weil so etwas vor dem Untergange der Sonne den hohen Festsabbat im höchsten Grade geschändet hätte. Aber an diesem Sabbat hatten alle Pharisäer im Tempel viel zuviel zu tun und ihre Diener ebenfalls, und so konnte in Bethania schon so manches geschehen, wovon der Tempel nie eine Kunde erhielt. Während der Bereitung des Mahles aber gingen wir hinaus auf den schon bekannten Hügel, lagerten uns unter den schattigen Palmen auf den Rasenbänken, und Ich erzählte dem Lazarus, wie es Mir nun im Tempel ergangen war.
GEJ|6|148|20|0|Da schrieben dann auch Johannes und Matthäus das Evangelium nieder, aber freilich nur die Hauptpunkte mit Hinweglassung der meisten Nebenumstände.
GEJ|6|148|21|0|Und als Lazarus von Mir das vierte und fünfte Kapitel des Propheten Jesajas erklärt vernahm, da sagte er: „Ja, Herr, das paßt aber schon so haarklein auf die jetzige Zeit und auf ihre Menschen, daß es auch nicht irgendeinen noch so kleinen Punkt gibt, von dem man sagen könnte, daß er nicht gar so genau hierher taugete! Ja, da ist es denn wohl sehr begreiflich, daß die Templer es auf Dich scharf abgesehen haben! Oh, diese Lektion war ihnen sehr heilsam; denn diese Kerle tun ja jetzt schon gerade also, als ob sie gleich schon die Götter und Engel selbst wären!“
GEJ|6|149|1|1|149. — Eine Voraussage des Herrn über unsere jetzige Zeit. Die Notwendigkeit göttlicher Offenbarungen
GEJ|6|149|1|0|Sagte Ich: „Freund, wie es jetzt steht, also wird es in nahe 2000 Jahren nach uns wieder stehen, und der Anfang dazu wird schon um vieles früher dasein! Hier ist das Judentum nun um vieles ärger denn das Heidentum – denn bei den Heiden gilt doch noch die Vernunft etwas, während sie bei den Juden mit Füßen getreten wird –; in jener Zeit aber wird Meine Lehre, also das Christentum, ärger sein als jetzt das Judentum und Heidentum zusammen. Da wird dann sein eine große Drangsal unter den Menschen.
GEJ|6|149|2|0|Das Licht des wahren, lebendigen Glaubens wird erlöschen und die Liebe völlig erkalten. Der Hochmut der wohlhabenden Menschen wird alle Grenzen übersteigen, und die Herrscher und Priester werden sich für um vieles höher halten als nun die Juden ihren ungekannten Jehova und die Heiden ihren Zeus.
GEJ|6|149|3|0|Aber Ich werde dann auch von Zeit zu Zeit Männer und Mägde erwecken und ihnen geben das rechte Licht, und dieses Licht wird stets größer und mächtiger werden und am Ende verschlingen alle Werke der großen Hure Babels. Also wundert euch nicht, daß es nun also ist; denn es war schon oft also und ärger noch, und es wird dereinst noch ärger werden.
GEJ|6|149|4|0|Die Welt wird allzeit Welt bleiben; aber Ich werde dennoch die Meinen stets führen und über die Welt Mein Gericht ausbrechen lassen, wenn sie derart arg geworden ist, daß neben ihrem Tun und Treiben kein Fünklein des wahren Lebenslichtes aus Gott mehr bestehen könnte.
GEJ|6|149|5|0|Jetzt war es einmal bis auf einen solchen Punkt gelangt, daß im ganzen Judenlande ohne Johannes und ohne Mich jeder Funke der wahren Gotteserkenntnis erstickt worden wäre, und es war daher notwendig, daß Ich Selbst als ein Mensch in diese Welt kam, um allen Menschen, die noch eines guten Willens sind, das verlorene Licht des Lebens wiederzubringen und ihnen von neuem zu zeigen die Wege zur wahren Gotteserkenntnis. Es wird freilich wohl noch so manchen Kampf geben zwischen Meinen Kindern und den Kindern der Welt, weil die Zahl der Meinen auf der Erde stets kleiner sein wird als die Zahl der Kinder der Welt; aber am Ende werden doch die Meinen siegen über alle Welt, und diese wird ihnen nichts mehr anhaben können. Denn mag euch nun alle Materie noch so hart und unzerstörbar dünken, so wird sie endlich doch der Macht des Geistes weichen müssen.
GEJ|6|149|6|0|Gott aber ist allein der Herr über alles und weiß es am besten, was, wie und warum Er eines und das andere zuläßt, anordnet, danebst das rechte Licht unter den Menschen ausgießt und dasselbe mit allem Ernste unter Seinen Kindern erhält, daß dann niemand sagen kann: ,So es einen allweisen Gott, der alles, was da den endlosen Raum erfüllt, erschaffen hat, gäbe, so müßte Er ja doch so viel Einsicht, mit Liebe vereint, haben, daß Er Sich Seinen vernünftigen und denkenden Geschöpfen, wie es die Menschen sind, wenigstens insoweit offenbarte und zeigte, daß sie daraus entnähmen, daß Er der wahre Grund aller Dinge ist, und was die Menschen von Ihm zu erwarten haben, und wie sie leben sollen, daß solche Erwartung an ihnen realisiert wird!‘
GEJ|6|149|7|0|Würde Gott Sich den Menschen gar nie und auf gar keine Weise offenbaren, so hätten die Menschen auch ganz vollkommen das Recht, an gar keinen Gott zu glauben und jeden Menschen, der da aus sich sagte, daß es dennoch einen Gott oder auch mehrere unsichtbare Götter gäbe, niederzuschlagen und zu sagen: ,Was geht uns dein dummer Phantasiegott an?! Wenn er einer ist, so zeige er sich und gebe uns kund, was er mit uns will! Tut er das nicht, so besteht er in Wahrheit auch nirgends sonst als nur in der faulen Phantasie eines hirnverbrannten Faulenzers!
GEJ|6|149|8|0|Ein sich seiner selbst voll bewußter Gott als Zentralpunkt aller Weisheit und Macht würde auf die Menschen als seine vollendetsten Werke doch insoweit eine vernunftgemäße Rücksicht genommen haben, daß er sich ihnen irgendwann selbst geoffenbart und ihnen gezeigt hätte, warum sie da sind, und was er mit ihnen irgend Weiteres vorhat. Ist aber das nicht der Fall, und kann er der vollsten Wahrheit nach schon einmal oder auch mehrere Male als daseiend nicht erwiesen werden, so ist er auch nicht, und wer immer von einem Dasein Gottes etwas redet und schreibt, verdient allerschärfst gezüchtigt zu werden.
GEJ|6|149|9|0|Denn es genügt, daß der mit aller Vernunft und Einsicht begabte und seiner selbst nur zu klar bewußte Mensch alle die empörendsten Lasten des von ihm unverschuldeten Lebens tragen muß, geschweige, daß er sich für nichts und wieder nichts von einem nirgends seienden Gotte irgend harte und aller Natur widerstrebende Gesetze vorschreiben lassen soll; denn ein Gott, der sich nicht anders als durch die Zunge eines hirnverbrannten und arbeitsscheuen Narren uns Menschen offenbaren kann und will, ist entweder gar nichts anderes als ein Hirngespinst eines solchen bezeichneten Narren, oder er ist bloß irgendeine rohe, dumme und blinde Kraft, die nur so viel Selbstbewußtsein und Verstand besitzt, daß sie sich ohne Schande des Ausgelachtwerdens eben nur wieder einem sehr dummen, nichts wissenden und nichts verstehenden, leichtgläubigen Narren ganz verstohlen und geheim zu offenbaren getraut.‘
GEJ|6|149|10|0|Sehet, diese Schlüsse der Gottheit gegenüber zu machen wäre jeder vernünftige Mensch berechtigt, wenn die Gottheit sich nie und nicht anders den Menschen zeigen und offenbaren würde als nur auf dem Wege des faulen und nichtswürdigen Priestertums!
GEJ|6|149|11|0|Aber gehen wir zurück bis auf Adam hin, und wir werden gar viele kurz aufeinanderfolgende Zeitepochen finden, in denen sich Gott vor tausendmal tausend Menschen sicher auf eine denkwürdigste Weise geoffenbart und ihnen Seinen Willen samt Seiner weisesten Absicht mit den Menschen kundgetan hat; aber weil der Mensch ohne Belassung seines freiesten Willens gar kein Mensch wäre, so tat er auch mit dem göttlichen Worte nicht um ein Haar anders als mit dem Worte eines Menschen.
GEJ|6|149|12|0|Ein kleiner Teil achtete eine Zeitlang noch darauf; aber der größte Teil vergaß dessen bald und ganz und hielt am Ende alles für eitle Erfindung und Faselei der Menschen, genoß die Weltfreuden in vollsten Zügen und hielt die Weisen für Toren und Schwärmer, die wegen eines höchst unsicheren und unerweisbaren jenseitigen Himmelreiches das wahre Himmelreich dieser Welt mit ihren Füßen treten.
GEJ|6|149|13|0|Durch solche Ansichten ging der Glaube an einen wahren Gott dann einerseits ganz sicher verloren, und das um so mehr, weil anderseits der faule Priesterstand durch seine selbstsüchtigste Verfälschung des geoffenbarten Wortes Gottes die nüchternen und reif denkenden Menschen mit der Zeit denn doch darauf hatte aufmerksam machen müssen, daß ihnen mit solch einem geoffenbarten Willen Gottes noch dümmer zumute sein müßte als dem dümmsten Menschen auf Erden. Die Lehren waren lauter höchst unverständliche Geheimnisse, die aber von der ganz blinden Menschheit dennoch als heilig gehalten wurden, die sich selbst für höchst unwürdig hielt, solche hohen, tiefen und heiligsten Geheimnisse je zu verstehen.
GEJ|6|149|14|0|Oder ist es heutzutage anders? Geht nicht das dumme, blinde Volk in den Tempel und betet die Schrift an? Aber was darin steht, von dem weiß es wenig oder nichts und hat auch kein Bedürfnis danach, da es sich schon damit vollkommen zufriedenstellt, daß solches der geweihte Priester Gottes versteht und der gemeine Mensch nichts anderes braucht, als was der Priester ihm sagt, und daß er das tut, was der Priester will; denn der Priester weiß schon ganz sicher warum.
GEJ|6|149|15|0|Wenn es aber von seiten der Menschheit mit dem geoffenbarten Worte und Willen Gottes allzeit also geht, was Wunder, daß die Menschen schon in hundert Jahren nach einer noch so großartigen Offenbarung der Wahrheit kaum mehr wissen und glauben als die schlafenden Kinder von dem, was sie im wachen Zustande gemacht und getan haben?! Gott aber läßt dennoch nie ab, Sich den Menschen auf die mannigfachste Art also zu offenbaren, daß der Mensch bei nur einigem Nachdenken bald finden kann, daß es da nicht mit natürlichen Dingen zugegangen ist.“
GEJ|6|150|1|1|150. — Echte und falsche Propheten und Offenbarungen
GEJ|6|150|1|0|(Der Herr:) „In größerem Maße offenbart Sich Gott durch den Mund völlig geweckter Propheten. Solche Propheten sind für den geweckteren Menschen allzeit sehr kenntlich, – erstens durch ihr geschriebenes und gesprochenes Wort, zweitens durch so manche Wundertätigkeitsbeigaben, zum Beispiel daß sie im Notfalle den Menschen zukünftige Dinge zum voraus verkünden, so daß sich die Menschen danach kehren und bessern können und Gott bitten mögen, daß Er das angekündigte Unheil von ihnen abwenden wolle, wie das zu Ninive der Fall war. Drittens können solche rechten, von Gottes Willen erweckte Propheten auch Kranke heilen durch ihr Gebet und durch die Auflegung ihrer Hände, wenn dem Kranken seine Wiedergenesung zum Seelenheile gereicht. Und viertens können sie aber auch im Vereine mit dem Willen Gottes ein Strafgericht über die unverbesserliche Menschheit verhängen, wie, im Gegenteil, auch ein Volk segnen.
GEJ|6|150|2|0|Durch solche und mehrere andere Eigenschaften wohl gekennzeichnet, sind die rechten Propheten, als von Gott erweckt, von den falschen sehr leicht zu unterscheiden, und ganz besonders leicht noch dadurch, daß sie als rechte Propheten stets voll Demut und Nächstenliebe sind, während die falschen Propheten in allerlei verbrämten und noch durch anderartige Dinge bezeichneten Kleidern einhergehen, voll Hochmutes sind und voll der schreiendsten Selbstsucht, sich nur an gewissen geheiligten Stellen sehen lassen, wenig reden, und das sehr dumm und unsinnig, und zu gewissen Zeiten allerlei falsche Wunder durch ganz geheimgehaltene natürliche Mittel wirken – und wehe dem, der sie ihnen nachahmte! –, während der rechte Prophet aus seinen wahren Wundern kein Hehl macht, sondern die Menschen noch dazu anhält und aneifert, daß auch sie auf dieselbe wahre und gute Art ganz gleiche Wunder wirken können.
GEJ|6|150|3|0|Da aber an dem die wahren Propheten von den falschen ganz leicht zu unterscheiden sind und ein jeder nüchterne Mensch daraus wohl entnehmen kann, daß es also im vollsten Ernste rechte und falsche Propheten gibt – welch letztere sicher nie entstanden wären, so ihnen nicht die rechten vorangegangen wären –, so können die Menschen ja daraus auch dessen ganz leicht innewerden, daß es einen wahren Gott gibt, der die Menschen niemals als ganz verwaist auf der Erde umherwandeln läßt, sondern ihnen Seinen Willen allzeit kundgibt und ihnen Seine große und weise Absicht mit ihnen auch stets offenbart.
GEJ|6|150|4|0|Diese Art Offenbarung aber ist den Menschen, die sich danach offen kehren wollen, stets am heilsamsten, weil sie dadurch keine außerordentliche Nötigung erleiden. Bei den nur seltenen großen Offenbarungen gewinnen die Menschen für ihre Seelen um vieles weniger, weil solche Offenbarungen nur mehr ein Gericht für die entartete Menschheit sind denn irgendein Heil.
GEJ|6|150|5|0|Als Adam im Paradiese auf dieser Erde vor Gott gesündigt hatte, dadurch, daß er als Mensch mit freiem Willen sich den ihm wohlbekannten Willen Gottes nicht wollte gefallen lassen, da erlebte er bald eine große Offenbarung Gottes und bereute dann seine Sünde; aber diese große Offenbarung war für ihn ein Gericht.
GEJ|6|150|6|0|Darauf kam wegen der entarteten Kinder der Welt, die in der Tiefe wohnten, mehrere Male eine große Offenbarung Gottes an die Menschen; aber sie war für die Kinder der Welt stets ein Gericht.
GEJ|6|150|7|0|Zu den Zeiten Noahs kam wieder eine sehr große Offenbarung Gottes zu den Menschen; aber sie war für die Menschen ein sehr großes Gericht.
GEJ|6|150|8|0|Zur Zeit Abrahams geschah wieder eine große Offenbarung, und zwar wegen der gar entsetzlich entarteten Bewohner von Sodom, Gomorra und der diese beiden Großstädte umgebenden zehn kleineren Städte. Sie war abermals ein Gericht für diese Menschen; das Tote Meer ist heutigentags noch ein sprechender Zeuge davon.
GEJ|6|150|9|0|Der Vater Jakob hatte abermals eine große Offenbarung Gottes; aber seine Kinder mußten sie in Ägypten büßen.
GEJ|6|150|10|0|Zur Zeit Mosis war eine neue, übergroße Offenbarung Gottes, und auf steinernen Tafeln mußten Gottes Donnerworte an die Menschen eingegraben werden. Aber welch ein furchtbares Gericht war diese Offenbarung Gottes, besonders für die zu blind, zu hochmütig und zu entmenscht gewordenen Ägypter, deren Hauptherrlichkeit da völlig gebrochen wurde; aber auch den Israeliten ward nichts nachgesehen.
GEJ|6|150|11|0|Als die Israeliten unter Josua die Wüste verließen, geschah wieder eine große Offenbarung Gottes, und das große Jericho verschwand von der Erde.
GEJ|6|150|12|0|So war es zu Samuels und zu Elias' Zeiten und auch zu den Zeiten der anderen vier großen Propheten; und sehet nach, welche Gerichte darauf folgten! Selbst die kleinen Propheten waren nicht ohne Gericht in diese Welt gesandt worden.
GEJ|6|150|13|0|Nun aber ist vor euren Augen die größte und unmittelbarste Offenbarung Gottes an die Menschen; aber das ihr folgende übergroße Gericht für die Juden wird nicht lange auf sich warten lassen.
GEJ|6|150|14|0|Von nun an werden nahe volle 2000 Jahre hindurch zahllos viele Seher und Propheten erweckt werden, weil auch eine noch größere Anzahl falscher Propheten und sogar höchst hochmütiger, herrschsüchtiger und aller Liebe barer falscher Christusse erstehen werden. Da werden die Gerichte aber auch gleich fortdauern, und es wird selten einen Herrscher geben, der wegen seiner Finsternis samt seinem Volke nicht ein arges Gericht zu bestehen haben wird.
GEJ|6|150|15|0|Gegen Ende der angezeigten Zeit werde Ich auch stets größere Propheten erwecken, und mit ihnen werden auch die Gerichte sich mehren und ausgedehnter werden. Da werden auch kommen große Erderschütterungen und sehr verheerende Stürme der Elemente, große Teuerungen, Kriege, Hungersnot, Pestilenz und noch viele andere Übel, und, wie Ich schon vorhinein bemerket habe, der Glaube wird – außer bei höchst wenigen – nicht unter den Menschen sein, die im Eise des Menschenhochmutes ganz erkalten werden, und ein Volk wird ziehen wider das andere.
GEJ|6|150|16|0|Es werden die Menschen auch gewarnt werden durch Seher und besondere Zeichen am Firmamente, woran sich aber nur die wenigen Meinen kehren werden, während die Weltmenschen das alles nur für seltene Wirkungen der Natur ansehen werden und ausspucken werden vor allen jenen, die noch an Mich glauben.
GEJ|6|150|17|0|Aber darauf wird geschehen eine allergrößte Offenbarung durch Meine abermalige Darniederkunft auf diese Erde; aber dieser Offenbarung wird auch schon vorangehen ein allergrößtes und schärfstes Gericht und nachfolgen eine allgemeine Sichtung der Weltmenschen durchs Feuer und sein Geschoß, auf daß dann Ich Selbst eine ganz andere Pflanzschule für wahre Menschen auf dieser Erde werde errichten können, die dann dauern wird bis ans Ende der Zeiten dieser Erde.
GEJ|6|150|18|0|Ich sagte euch nun dieses zum voraus, auf daß ihr Mir ja nicht der Meinung werdet, daß es nach Mir also vollkommen werden wird wie in Meinen Himmeln. Ja, wenige werden wohl Meinen Engeln gleich sein, – aber viele noch um vieles ärger, als da nun sind die Menschen zu diesen unseren Zeiten.
GEJ|6|150|19|0|Aber ihr dürfet euch alles dessen wegen nicht ärgern; denn Ich habe es euch allen ja schon gar oft gesagt, daß der Mensch ohne seinen völlig freien Willen gar kein Mensch, sondern nur ein menschenähnliches Tier wäre.
GEJ|6|150|20|0|Man könnte solche Menschen im höchsten Falle dann wohl gleich den Tieren zu irgendeiner Beschäftigung abrichten, aber sie nie auf den Standpunkt setzen, daß sie einsähen, daß solch eine Arbeit für den wahren Menschen und für den Tiermenschen gut und nützlich ist, auf daß sie sich dann selbst bestimmten, solche nützlichen Arbeiten zur rechten Zeit zu verrichten.
GEJ|6|150|21|0|Der Mensch, der gegen das Gesetz sündigt, zeigt dadurch ebensogut an, daß er ein freier Mensch ist, wie der, welcher freiwillig das Gesetz beachtet. Daher sollet ihr auch keinen Menschen richten und verdammen, sondern ihn nur mit aller Geduld und Sanftmut belehren und dem Verirrten zeigen den rechten Weg. Will er ihn wandeln, so ist es wohl und gut für ihn; will er das aber nicht, so sollet ihr ihm darum auch keinen Zwang antun, sondern ihn höchstens aus einer besseren und reineren Gemeinde ausscheiden, – denn ein gezwungen gläubiger Mensch ist zehnmal schlechter als ein offen Ungläubiger und Abtrünniger.
GEJ|6|150|22|0|Sehet an die Pharisäer! Das sind lauter gezwungen Gläubige zum Schein; aber in sich glauben sie gar nichts und tun alles, wonach es sie nur immer gelüstet.
GEJ|6|150|23|0|Darum habt dann wohl acht, so ihr in Meinem Namen wieder Nachfolger für euch wählen werdet, daß ihr erstens ja niemanden dazu zwinget und zweitens niemanden annehmet, dem ihr es schon von weitem ansehet, daß er aus zeitlichen Interessen in euer Amt treten möchte.
GEJ|6|150|24|0|Ihr werdet zwar solches wohl beachten; aber es werden dennoch solche in Unzahl in euer Amt treten, teils durch äußeren Zwang und teils durch die Aussicht, in eurem Amte eine gute und sorglose Verpflegung zu finden. Aber diese werden von Mir alle in das Regiment des Antichristen gezählt werden, und ihre Werke werden vor Gott ein Ekelgeruch sein und aussehen wie ein stinkendes Aas.
GEJ|6|150|25|0|Wahrlich, Ich sage euch: Alle eure Nachfolger, die nicht von Mir, sondern nur von den Menschen in gewissen Weltschulen zu eurer Amtsnachfolge, zubereitet werden, werde Ich nicht ansehen; denn nur der Antichrist wird also seine Jünger qualifizieren.
GEJ|6|150|26|0|Denen ihr aber die Hände auflegen und sie taufen werdet in Meinem Namen, die werden erfüllt werden mit Meinem Geiste; diese sind es auch, die Ich Selbst zu allen Zeiten als eure Nachfolger erwähle und durch die wahrhafte Erteilung Meines Geistes bestätige.
GEJ|6|150|27|0|Aber in den späteren Zeiten wird es deren gar wenige mehr geben, weil der Antichrist sein Regiment zu sehr ausdehnen wird; wenn er sich aber zuallerhöchst in der Welt dünken wird, dann wird er auch gestürzt werden für immerdar! – Habt ihr das nun wohl und hell aufgefaßt?“
GEJ|6|151|1|1|151. — Die Kennzeichen der Widerchristen
GEJ|6|151|1|0|Sagte darauf Johannes als Mein Liebling: „Herr, da lohnt es sich wohl kaum der Mühe, solche Anstrengungen der dummen Menschen wegen zu machen! Denn so Dein nun den Menschen gegebenes hellstes Lebenslicht nur zu bald wieder verfinstert wird durch die stets siegreiche Mühe des Satans, so soll er die Menschen haben, wie sie nun sind, als ganz reif für sein höllisches Weltreich. Wozu sollen diese Menschen zuvor mit Deinem Lebenslichte begnadet werden?! Wahrlich, so das die Früchte Deiner göttlichen Lehre sein werden, so hieße das wohl – wenn man nämlich die Weltmenschen in Deiner Lehre unterwiese – allen Schweinen der Welt Deine Lebensperle zu einem gemeinsten Fraße vorwerfen! Man gebe ihnen den edlen Stoff gar nicht, so werden sie ihn auch nicht verderben und verunreinigen können!“
GEJ|6|151|2|0|Sagte Ich: „Ja, Mein Freund, um derjenigen Menschen willen, die nicht daran glauben und das, was sie von Meiner Lehre irgend hören, des weltlichen Gewinnes wegen noch verfälschen werden, wird die Lebenslehre von Mir auch nicht gegeben; denn für solcher Menschen Seelen mögliche und weitere Ausbildung habe Ich noch gar endlos viele und große Schulhäuser in der ganzen Unendlichkeit.
GEJ|6|151|3|0|Nur für Meine wahren Kinder auf dieser Erde gebe Ich diese Lehre, und diese sind auch in der wahren Erlösung vom ewigen Tode einbegriffen. Diese aber werden diese Lehre auch stets rein erhalten und werden sich nie in die Macht des Weltbetruges fügen, sondern sie werden diamantenfest an der ewigen Lebenswahrheit festhalten.
GEJ|6|151|4|0|Was liegt uns an all den Weltmenschen? Die Gelegenheit ist ihnen gegeben, auch in die Reihen der Kinder Gottes zu treten. Wollen sie das ernstlich, so sollen sie daran nicht irgend behindert werden, – und wollen sie es nicht, so sollen sie tun, was sie wollen, und ihr habt euch um sie dann auch nicht weiter zu kümmern!
GEJ|6|151|5|0|Siehe, also steht die Sache! Denn Ich bin nicht gekommen, um etwa die Welt von ihren alten Gerichtsfesseln zu erlösen, sondern nur, um Meine Kinder von der Welt und ihrem Gerichte frei zu machen. Und was und wie Ich es nun tue, also werdet es auch ihr und eure Nachfolger in der Folge tun.
GEJ|6|151|6|0|Was auf dieser Erde in und nach Meiner Ordnung zu lösen ist, das löset auch ihr, und was ihr also lösen werdet, das wird auch sofort bei Mir im Himmel gelöst sein; was aber nicht zu lösen ist, das lasset gebunden, oder so jemand eure Lösung nicht achtet, so lasset ihn in seinen Fesseln und bindet ihn, damit ihr dann Ruhe habt vor dem Gebundenen, – und wahrlich sage Ich es euch, der wird auch vor Mir im Himmel gebunden sein und gar langehin ein Sklave seines finsteren Weltwillens verbleiben! – Sehet, also stehen die Sachen!“
GEJ|6|151|7|0|Sagte Johannes weiter: „Aber wie werden wir solche finsteren Widerchristen erkennen? Denn das sehe ich nun schon ganz gut ein, daß Deine Lehre von vielen aufgegriffen wird, und namentlich von den vielen Magiern, die damit ihre Zaubereien beschönigen werden. Oh, sage uns auch sichere Kennzeichen an, auf daß wir sie schnell erkennen mögen und dann sogleich wider sie zu Felde ziehen!“
GEJ|6|151|8|0|Sagte Ich: „Ihr werdet sie gar leicht an ihren Werken erkennen! Denn auf den Dornen wachsen keine Trauben und auf den Disteln keine Feigen. Wer da etwas gibt und will dafür noch mehr zurücknehmen, der ist wahrlich Mein Jünger nicht! Denn sehet, Ich gebe alles hin für die Meinen, am Ende sogar das Leben dieses Meines Leibes, und Ich nehme dafür von niemandem ein Opfer dieser Welt, sondern will nur, daß Mich der Mensch liebe über alles, auf daß Ich ihm dann noch endlos mehr und Größeres geben kann.
GEJ|6|151|9|0|Meinet ihr, daß solches auch der Widerchrist tun wird? Oh, mitnichten! Er wird seinen Anhängern ganz entsetzlich wenig geben – etwa nichts anderes als leere, erdichtete Verheißungen im großen Jenseits –, wird aber dafür gar große Opfer verlangen, so wie es nun die Templer tun, die sich für ihre mehrere Ellen langen Gebete gar vieles zahlen lassen; aber diese Gebete nützen niemand etwas, weder für diese Welt und noch weniger für die jenseitige! Und sehet, geradeso wird es der Widerchrist machen, und die Meinen werden ihn und seine Jünger und Bekenner gar leicht an diesen nichtigen und hohlen Früchten erkennen!
GEJ|6|151|10|0|Was tun die Pharisäer nun mit den Sündern aller Art und Gattung? Sehet, sie nehmen eine Sündenlöse, entweder in Geld oder auch in anderen reichlichen Opfern, und geben darauf den Sündern einen Freibrief für die schon begangenen Sünden und auch schon für die, welche ein Mensch, wie es deren nun genug gibt, besonders in der reichen Welt, in Zukunft zu begehen gedenkt und sagen den Menschen: ,Es ist euch dienlicher, so ihr opfert, wenn ihr nicht das schwere Gesetz halten möget!‘ Und so heben die Templer das Gebot Gottes auf und stellen an dessen Stelle ihre selbstsüchtigsten Weltsatzungen, da ihr Sinn nur das Wohlleben der Welt auf Kosten der armen, blinden Menschheit ist.
GEJ|6|151|11|0|Sehet, geradeso wird es auch der Widerchrist tun und alle seine Jünger, und ihr werdet ihn daran um so leichter erkennen! Und so dann seine Jünger in aller Welt mit weit geöffneten Mäulern schreien werden: ,Sehet, hier ist der wahre Christus!‘ oder ,Dort ist er!‘, so glaube ihnen solches niemand von den Meinen! Die echten Kinder der Welt aber lasset und rufet sie nicht, auf daß ihr Ruhe habt vor dem Drachen und seinem Anhange; denn er wird sich auf eine Zeitlang eine große Macht aneignen und wird seine Feinde gar übel behandeln! Aber eben damit wird er sich selbst sein Gericht und seinen Untergang bereiten.
GEJ|6|151|12|0|Ich aber werde in derselben Zeit allerlei große Erfindungen von den Menschen machen lassen, die wie glühende Pfeile in des Drachen finstere Kammern dringen und seine elenden Trugkünste und seine falschen Wunderwerke gewaltig zerstören werden, und er wird wie nackt sogar zur Schande seiner glühendsten Anhänger dastehen, die sich bald in großen Scharen von ihm abwenden werden.
GEJ|6|151|13|0|Darum sorget euch nicht, was aus dieser Meiner Lehre mit der Zeit wird; denn Ich allein weiß es, was da in dieser Welt alles zu geschehen hat, und was da zuzulassen ist, damit es dereinst auch in der blinden Welt lebenshelle wird!
GEJ|6|151|14|0|Aber so schnell, wie ihr es meinet, geht das nicht; denn Ich allein kenne die Lebenselemente in dieser Erde und weiß auch am besten, was dazu gehört, um sie mit den Zeiten einem höheren Lebenslichte zuzuführen. Darum fraget nicht weiter und seid frohen Mutes!
GEJ|6|151|15|0|Sehet, Mich erwarten noch ganz sonderbar elende Begegnisse in dieser Welt, die eigentlich gar nicht lange werden auf sich warten lassen! Allein ihr werdet darum noch keine Traurigkeit an Mir gemerkt haben. Komme da, was da wolle, Ich allein bin der Herr! Über Meine Weisheit und über Meinen Willen hinaus kann nichts gehen. Was da geschieht und noch geschehen wird, ist berechnet und bestimmt von oben und hat seinen tiefst heiligen Grund; wer aber mit Mir ist im Herzen und in der Liebe und im Willen, dem wird die allerärgste Welt nie etwas anhaben können. Aber wer nur eins ist mit Mir in der Weisheit, der wird in der Welt viele und arge Kämpfe zu bestehen haben; denn die Welt wird in ihrem materiellen Verstande ewig nie einsehen, daß ihr scheinbares Etwas vor dem Geiste ein eigentliches Nichts ist. – Mit dem begnüget euch und seid nun mit Mir völlig heiteren Mutes!“
GEJ|6|152|1|1|152. — Die Mannigfaltigkeit der Geschöpfe und ihr Zweck
GEJ|6|152|1|0|Nach dieser Meiner Rede wurden auch alle heiter, und wir wurden von der Martha zum Mittagsmahle geladen. Wir aßen und tranken ganz wohlgemut und waren voll heiterer Dinge, und Lazarus erzählte Mir, was er alles während Meiner Abwesenheit mit den Templern zu bestehen hatte, und wie er sich am Ende trotz aller seiner Geduld derart habe ärgern müssen, daß er darauf ordentlich krank geworden sei.
GEJ|6|152|2|0|Insbesondere erzählte er, sagend (Lazarus): „Herr, auf der Erde gibt es gar kein Insekt von solch einer lästigen Anhabigkeit (Zudringlichkeit)! Man kann sie nicht los werden, man kann da schon anfangen, was man will! Droht man ihnen mit den Gesetzen Roms, so suchen sie unsereinem mehrere Tage lang wie kriechende Schlangen zu beweisen, daß sie allein im vollsten Rechte seien, und daß gar kein weltliches Gesetz mit ihnen etwas zu tun habe und sie die alleinigen Gesetzgeber aller Welt seien. Ein jeder Mensch, ohne alle Ausnahme, habe von ihnen allein alles Wohl oder Wehe zu erwarten.
GEJ|6|152|3|0|Ich kam bei solchen ihren Beweisen in eine förmliche Wut und hätte mich beinahe an den heillosen Gleisnern vergriffen und verbot ihnen, mein Haus je wieder zu betreten. Aber es half da alles nichts. Heute habe ich zehn hinausgetrieben, – morgen sind dafür schon wieder zwölf andere hereingekommen und fangen so unschuldig und geschmeidig dasselbe Thema an, dessentwegen ich ihren Vorgängern das Haus verboten habe, und stellen sich dabei so, als wäre zwischen mir und ihnen nie etwas vorgefallen!
GEJ|6|152|4|0|In diesem Monat aber war ich gegen große Bezahlung denn doch genötigt, alle Zuwege zu meinem Hause mit römischen Wachen besetzen zu lassen, und zwar mit dem allerschärfsten Gebot, ja keinen Templer in mein Haus kommen zu lassen. Nun, da hatte ich wohl eine Zeitlang eine äußere Ruhe, aber eine innere gar nicht; denn diese unverschämtesten Tempelwichte sandten allerlei Drohbriefe an mich und belästigten mich dann auf solche Weise, weil sie es nicht mehr persönlich durften. Wenn Du, o Herr, mich nur von dieser Plage befreien möchtest, da wäre ich ganz selig schon in dieser Welt!
GEJ|6|152|5|0|Nun, diese drei Tage hindurch wird aus dem Tempel wohl niemand zu mir kommen, weshalb ich auch die Wachen für diese Zeit hin habe abtreten lassen; aber nach den drei Festtagen werde ich sie wohl wieder auftreten lassen, sonst habe ich keine Ruhe vor den überlästigen Tempelwespen. Ich weiß es wohl, daß Deine große Wunderheilung vor einem halben Jahre und meine Dir bekannt erwiesene Freundlichkeit den eigentlichen Hauptgrund ausmachen, dessentwegen mich die Templer gar so verfolgen. Aber stelle ich ihnen das als Grund entgegen, so lassen sie es mir nicht gelten, sondern sagen, allein das sei der Grund, daß ich ihnen nicht wenigstens 8-10 Diener überlassen wollte. Ich sagte zu den Templern: ,Dann machet es mit den Dienern aus! Ihr könnet sie gar alle haben, wenn sie zu euch gehen wollen!‘ Aber da sagten sie: ,Das redest du uns umsonst ins Gesicht; du rätst heimlich deinen Dienern ab, und darum gehen sie nicht zu uns! Du wirst darum eine harte Rechnung vor Gott haben!‘ So in der Art ging es nun fort, und darum habe ich römische Wachen genommen! Was noch ferner daraus wird, das weißt Du!“
GEJ|6|152|6|0|Sagte Ich: „Lasse du das alles gut sein; auch der Wachen wirst du fürder nicht bedürfen. Ich werde dir einen Wächter stellen, der mehr vermögen wird als alle Heereslegionen der Römer und Griechen! Morgen lassen wir das Fest und seine Tollheiten unbesucht vorübergehen; aber übermorgen, allwann das Fest am glänzendsten begangen wird, werde Ich wieder in den Tempel gehen und werde den Juden einen Spiegel ihrer Todsünden vorhalten, daß sie sich werden schämen und vor dem Volke verkriechen müssen, um seinen Steinwürfen zu entgehen. Darum seien wir jetzt nur ganz ruhig und heiter; denn wir sind diesmal sicher vor ihren Besuchen!“
GEJ|6|152|7|0|Sagte hier Petrus: „O Herr, würdest Du hier also tun und wirken wie am Euphrat, dann würden die Finsterlinge bald eine ganz andere Meinung von Dir bekommen!“
GEJ|6|152|8|0|Sagte Ich: „Du redest, wie du eben die Sache verstehst; aber in ein paar Jahren wirst auch du ganz anders reden! Sieh, betrachte die große Mannigfaltigkeit der Blumen auf den Feldern, die große Mannigfaltigkeit der Gewächse, der Bäume, ihrer Früchte, dann die große Verschiedenheit der Tiere im Wasser, auf der Erde und in der Luft, ebenso die sehr verschiedenen Mineralien und ebenso die höchst verschiedenen Sterne am Himmel! Kannst du Mir den Grund aller dieser Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit angeben? Sagt dir deine höchst einfache Vernunft nicht vielmehr: Dazu kann Gott Selbst keinen so ganz eigentlich weisen Grund gehabt haben, sondern Er hat das nur aus einer Art göttlicher Laune getan, weil Er Selbst irgendein besonderes Wohlgefallen daran hatte, Seine Erde so bunt wie möglich auszuschmücken und sie dann auch ebenso bunt durcheinander zu bevölkern. Denn warum sieht ein Feigenbaum ganz anders aus als ein Apfel- oder Birnbaum? Warum haben die beiden Obstgattungen nicht eine und dieselbe Gestalt und nicht einen und denselben Geschmack?
GEJ|6|152|9|0|Siehe, wenn Gott nicht die große Absicht gehabt hätte, auf dieser Erde Seine Menschengeschöpfe zu Seinen Kindern auszubilden, so hätte Er für sie die Erde auch ganz mager und höchst einfach mit ein paar Fruchtgattungen und nur mit wenigen zahmen Haustieren bevölkern können, gleichwie Er solches auf zahllos vielen anderen Weltkörpern getan hat, weil auf jenen die Menschengeschöpfe nicht dieselbe hohe Bestimmung haben! Damit aber auf dieser Erde der Mensch eine übergroß vorzügliche Gelegenheit habe, sich im Betrachten und Denken zu üben und dadurch die vollste Freiheit seines Willens kennenzulernen, so hat Gott für ihn diese Erde als sein Lebensschulhaus auch so außerordentlich mannigfaltig ausgestattet, daß der Mensch von seiner Wiege an bis zu seinem Grabe genug zu denken hat, allerlei Betrachtungen und Vergleiche anstellen kann und das eine als ein ihm zusagendes Gutes erwählen und das andere als ein ihm nicht zusagendes Schlechtes verwerfen kann.
GEJ|6|152|10|0|So sind die zahllos vielen Gattungen der Tiere auf die mannigfachste Art tätig und lassen sich mit allerlei Stimmen hören und mit allerlei Gebärden sehen, und der Mensch hat da eine übergroße Gelegenheit, den Tieren allerlei nützliche Beschäftigungen abzulernen und sie zu veredeln und ins Große und Zusammenhängende zu übertragen. So waren die Vögel, manche Fliegen, Käfer, Grillen und sogar die Frösche die ersten Gesangslehrer der Naturmenschen, und die Meeresschnecken lehrten den Menschen die Schiffe bauen und mit Segeln weit umherfahren.
GEJ|6|152|11|0|Aber wie Gott eben der Menschen wegen auf dieser Erde eine so außerordentliche Mannigfaltigkeit von allem möglichen in allen Reichen der Natur hervorgerufen hat, so hat Er aber auch die Menschen selbst in einer so außerordentlichen und nie abzusehenden Verschiedenheit sowohl in der Gestalt wie im Charakter werden lassen, daß ihr unter tausendmal tausend Menschen schwerlich je zwei finden dürftet, die sich so gleich sehen wie ein Auge dem andern. Das aber bewerkstelligte Gott auch aus dem Grunde, damit die Menschen sich in allem und vielem voneinander unterscheiden und eben dadurch sich auch gegenseitig mit mehr Liebe begegnen. Und auf daß sie sich gegenseitig stets mehr Liebe dienend bezeigen sollen, sind sie auch mit höchst verschiedenen Fähigkeiten wohl versehen worden.
GEJ|6|152|12|0|Was da gesagt ist von einzelnen Menschen, ist auch für einzelne Gemeinden und gar für ganze Völker gültig. Weil es aber also ist – was auch tausendfache Erfahrungen lehren –, so ist dann aber auch wohl sehr zu berücksichtigen, daß nicht alle Menschen auf eine und dieselbe Art zu wecken und zu belehren und für Licht und Leben zu erwecken sind. Was aber gegenüber einzelnen Menschen gilt, das gilt auch gegenüber ganzen Gemeinden und gegenüber ganzen Völkern.“
GEJ|6|153|1|1|153. — Voraussage des Herrn vom Gericht über die Juden. Die Vergänglichkeit der Materie
GEJ|6|153|1|0|(Der Herr:) „Die Juden von Jerusalem benötigen eine ganz andere Behandlung als die Galiläer oder die Samariten oder gar die Heiden, und diese wieder eine ganz verschiedene nach ihren Ländern und Gemeinden.
GEJ|6|153|2|0|Überall ist vor allem darauf zu sehen, auf was für Boden sie erstens naturgemäß, und auf welchem sie moralisch stehen. Wenn man das erforscht hat, dann erst kann man die Wege bestimmen, auf denen man sich diesen und jenen Menschen fruchtbringend nähern und sie für die Wahrheit und für das Licht des Lebens gewinnen kann. Daher würden wir hier in Jerusalem ganz schlechte Wirkungen hervorbringen, so wir mit den Mitteln von Chotinodora, Malaves, Samosata, Serrhe u. dgl. m. diese Menschen zum Lichte bekehren wollten.
GEJ|6|153|3|0|Die Heiden stecken ohnehin bis weit über die Ohren im finstersten Gerichte. Wenn Ich dort ein großes Zeichen wirke, um ihren alten Aberglauben und ihr altes Gericht durch ein neues Gericht zu brechen, so schadet ihnen das darum nicht, weil sie durch ein sanftes Gericht von ihrem alten und harten befreit worden sind und sich im neuen Gerichte ganz frei bewegen können durch ihren Glauben an Gott und durch ihre Liebe zu Ihm. Wenn Ich aber hier in Jerusalem – besonders jetzt in dieser Zeit – dasselbe tun würde wie am Euphrat, so würden nicht wenige Juden vor lauter Schreck und Angst verschmachten und sterben, und wir hätten dann eben nicht gar zu viele Menschen mehr, denen wir das Evangelium vortrügen. Die da noch am Leben blieben, die würden fliehen vor uns, und die Priester würden heulen, fluchen und schreien: ,Sehet, nun hat Beelzebub das Werk Jehovas vernichtet! Wehe uns! Jehova hat uns, Sein Volk, verlassen und uns den Teufeln übergeben!‘
GEJ|6|153|4|0|Ich habe vor ihren Augen nur etwas Kleines getan, – und sie schrien schon, daß Ich ein Sabbatschänder und Gottesleugner sei und Meine Werke mit Hilfe des Beelzebub wirke! Was würden sie erst sagen und dann tun, so Ich ihnen nun im Augenblick den Tempel mit allem darin Seienden vernichtete?! Oh, so Ich das nun täte, so würdet ihr Greuel über Greuel erleben und am Ende selbst gar jählings die Flucht ergreifen. Aber da es geschrieben steht, daß das Heil von Jerusalem ausgehen wird, so müssen wir hier nur durch Worte wirken und am Ende lieber selbst den Leibestod bestehen, als diesem Volke irgendeine solche überirdische Gewalt antun, durch die es physisch und geistig unfehlbar aufgerieben würde.
GEJ|6|153|5|0|Ja, Ich sage es euch: Es wird diese Stadt und der Tempel in längstens fünfzig Jahren derart zerstört werden, daß man gar nicht wissen wird, wo der Tempel gestanden ist; aber das wird geschehen durch die äußere Macht der Römer. Das wird sein eine mächtige Zuchtheimsuchung Gottes, und die Juden werden vertrieben werden in alle Welt, werden nimmerdar ein Volk werden und, von aller Welt verachtet, sich unter den Heiden kümmerlich ihr Brot verdienen müssen. Dieses Land wird ihnen für immerdar genommen und von den Heiden zu einer Wüste umgewandelt werden!
GEJ|6|153|6|0|Aber diese große, unfehlbar eintreffende Plage wird das Gemüt der Menschen dieses Landes dennoch nicht also zerstören, als wie es dadurch zerstört würde, so Ich ihnen jetzt den Tempel hinwegräumte; denn jenes werden sie der Grausamkeit der Römer zuschreiben, und es werden sich dann viele wieder zu Gott bekehren. Dieses Gericht aber würde ihnen den Weg zu Gott gänzlich verrammen; denn sie würden es als ein alleraugenscheinlichstes und unversöhnbarstes Gericht Jehovas dahin auslegen und auch fest dafür halten, daß Er ihnen Seinen höchsten und unversöhnlichsten Zorn eben dadurch zu erkennen gegeben hätte, daß Er vor ihren Augen – und auch noch dazu an einem hohen Feste! – den Tempel samt dem Allerheiligsten rein durch den Beelzebub habe hinwegräumen lassen und somit sie alle diesem übergeben habe.
GEJ|6|153|7|0|Wenn das arme Volk nicht im Spiele wäre, so würden wir uns der Priester allein wegen wahrlich kein besonders graues Haar wachsen lassen, so wir den Tempel wenigstens seines losen Inhaltes bar gemacht hätten; aber um des armen Volkes willen, das dennoch sehr am Tempel hängt, weil es noch an die Gegenwart des Geistes Gottes in ihm glaubt, wollen und werden wir hier durchaus keine Zerstörung bewirken.
GEJ|6|153|8|0|Aber dieser Mein Leib als Tempel des wahren Geistes Gottes wird niedergerissen und von Mir Selbst in drei Tagen wieder auferbaut werden. Und das wird ein ärgeres Zeugnis wider sie sein und ein ärgeres Gericht über sie, die nun im Tempel wirtschaften nach ihrem Belieben, als so Ich ihnen nun tausend solche Tempel hinwegräumen würde. Denn was da mit diesem Meinem Tempel geschehen wird, das wird alles gläubige Volk gegen die Übeltäter im Tempel waffnen. Es wird von ihnen abfallen und Stützen an den Römern finden. Das wird die sehr reiche Priesterschaft in die größte Wut gegen die Römer versetzen. Sie werden geheim aus allen Gegenden Söldlinge mieten und die Römer aus dem Lande vertreiben wollen. Und seht, dann wird ihr Ende kommen! Darum denket nun nicht weiter darüber nach; denn es wird alles also geschehen, wie Ich es euch nun zum voraus angezeigt habe!
GEJ|6|153|9|0|Wahrlich, Ich sage euch: Diese Erde und dieser ganze jetzt sichtbare Sternenweltenhimmel werden dereinst auch vergehen, – aber Meine Worte und der, der sie lebendig innehat, ewig nicht! Denn niemand bedient sich eines Werkzeuges länger, als es ihm als brauchbar dienen kann; ist es einmal ganz bis an den Rand abgenützt, so wirft man es weg und schafft sich ein neues. Und sehet, ebendasselbe tue auch Ich!
GEJ|6|153|10|0|So aber jemand hat einen schon alten Schlauch, der schon viele Jahre den geistigen Wein in sich barg, wird er ihn wohl noch ferner behalten, so er mürbe und weinunhältig geworden ist? O nein, er wird den alten Schlauch hinwegtun und sich dafür einen neuen herbeischaffen. Sehet, dasselbe tue auch Ich, – wie mit einem alt und morsch gewordenen Baume, also auch mit einer alt und morsch gewordenen Welt. Denn sind einmal alle Meine in einer Welt niedergelegten Gedanken und Ideen in ein freies, selbständiges, reingeistiges Leben übergegangen, dann ist eine solche Erde nichts mehr als eine leere Hülse, die kein neues, kräftiges Leben mehr tragen und ausreifen kann. Dann wird die leere Hülse aufgelöst, und an ihre Stelle tritt eine neue, mit neuen Lebenskeimen erfüllte Erde. Alles in Zeit und Raum altert, wird schwach und stirbt und vergeht; nur der reine denkende und schaffende Geist bleibt ewig.“
GEJ|6|154|1|1|154. — Über die Notwendigkeit der Vergänglichkeit der Materie
GEJ|6|154|1|0|Sagte einer der Judgriechen: „Aber Herr, da Du nun schon einmal wieder so im Zuge bist, uns gar überaus große Dinge zu enthüllen, so wolle uns auch gnädigst den Grund angeben, warum denn so ganz eigentlich nichts Materielles in seiner Art für ewig fortbestehen kann! Die Felsen verwittern, die größten Bäume, die oft beinahe zweitausend Jahre allen Stürmen getrotzt haben, wie allenfalls die Urzedern auf dem Libanon, sterben ab und vermodern so, daß von ihnen gar nichts übrigbleibt. Auch Seen und Meere vertrocknen, und kurz, man sieht auf der ganzen Erde nichts als ein fortwährendes Entstehen und Vergehen! Nur am gestirnten Himmel bleibt es stets noch so hübsch beim alten; denn dieselben Sterne mit ihren unveränderlichen Stellungen, die Adam geschaut hat, sind noch die gleichen, unveränderlichen und unvergänglichen. So Du aber sagst, daß auch sie dereinst vergehen werden, so läßt sich da allerdings die sehr gewichtige Frage aufwerfen: Wenn jene nach Deiner Aussage übergroßen Weltkörper schon sicher eine unaussprechlich lange Reihe von unseren Erdenjahren hindurch bestehen, so könnten sie ja ebensogut auch ewig fortbestehen. Wo ist die Zeit ihres ersten Entstehens, wer kann sie messen und nach Jahren oder gar nach Jahrtausenden zählen? Für unseren Menschenverstand bestehen sie so gut wie von Ewigkeit her und können auch ebensogut fürder die ganze Ewigkeit hin fortbestehen. Warum also müssen sie denn endlich doch vergehen?“
GEJ|6|154|2|0|Sagte Ich: „Mein Freund, eben darum, weil sie eigentlich keine Materie, sondern in sich nur ein gerichtetes Geistiges sind, Ich habe euch ja schon bei einer andern Gelegenheit gesagt, wie alles sichtbar Erschaffene nichts als ein Gedanke Gottes ist, festgehalten durch den allmächtigen Willen Gottes.
GEJ|6|154|3|0|Solange aber ein großer Gedanke Gottes durch Seinen Willen festgehalten wird, solange erscheint er auch als etwas für sich Bestehendes und ist dadurch gewisserart ausgeschieden von den zahllos vielen anderen Gedanken, damit er sich in sich selbst konsolidiere und für immer ein selbständiges Ich werde. Hat der Gedanke Gottes in sich selbst diese Aufgabe gelöst und sich nach allen Richtungen hin frei und selbständig gemacht, wozu sollte er dann noch länger durch die Macht des göttlichen Willens festgehalten und von allen anderen großen Gedanken Gottes als völlig ausgeschieden gehalten werden?
GEJ|6|154|4|0|Wenn ein Mensch die innere, geistige Lebensreife vollständig erreicht hat – wozu er eines materiellen Leibes benötigte –, wozu wäre ihm dann noch eine weitere und längere und auch stets mühsamere Herumschleppung des Leibes nötig? Wenn ein Mensch ein Haus ganz fertig erbaut hat und es dann vollkommen bewohnbar ist, wird er dann mit dem fertigen Hause auch das Baugerüste um dasselbe stehenlassen?! Oder so du Fleisch in einem Topfe gehörig weich gekocht und es genießbar gemacht hast, wirst du es dann wohl also behalten samt dem Topfe? Sicher nicht; du wirst es samt der Brühe aus dem Topfe nehmen und den leeren Topf hinwegtun! Siehe, darum hat auf dieser Welt alles seine Zeit!
GEJ|6|154|5|0|Du siehst einen Baum, der im Frühjahre voller Knospen ist. Würdest du da nicht auch sagen: ,Warum denn diese vergänglichen Knospen?‘ Aber die Knospe schwillt an, entfaltet sich stets mehr und mehr, und es kommen Blätter und schöne, anmutige, duftende Blüten zum Vorschein. Du bewunderst sie, weil sie dir sehr gefallen. Aber sie fangen an, bald welk zu werden und fallen ab. Da fragst du wieder ärgerlich: ,Warum denn diese Zerstörung der größten Pracht und erhebenden Schönheit des Baumes?‘ Ja, du hast recht, ein blühender Baum wäre wohl immerfort so recht anmutig anzuschauen; aber vom Schauen allein wird kein Mensch satt, und so muß offenbar die dem Fruchtkeime zum Beleben dienliche Blüte nach ihrem geleisteten Dienste wieder hinweggenommen werden, damit darauf die wirkliche Frucht sich frei für sich entwickeln kann. Und du ersiehst darauf bald eine Menge süßer Früchte auf des Baumes Zweigen, an denen du ein großes Wohlgefallen hast. Nun, sollen etwa die Früchte auch ewig mit dem Baume vereinigt bleiben?“
GEJ|6|154|6|0|Sagte der Judgrieche, der ein Bürger von Jerusalem war: „Das, o Herr, sehe ich alles recht gut ein. Es geht eines aus dem andern hervor, und das sicher so weit und so lange hin, bis aus allen den vielen Vorgängen irgendein Hauptzweck erreicht ist. Aber warum muß denn auch der Baum, der oft viele Jahre hindurch den Menschen gute Früchte getragen hat, am Ende sterben, vermodern und völlig zunichte werden? Er dienete ja gut und muß doch einem andern den Platz räumen!“
GEJ|6|154|7|0|Sagte Ich: „Siehe, alle Materie ist ein zeitweiliges Aufnahmegefäß von einem bestimmten Maße des geistigen Lebenselements! Von diesem entwickelt sich alljährlich ein bestimmter Teil, macht sich frei und geht in eine höhere Lebenssphäre über. Nach einer größeren oder oft auch minderen Anzahl von Jahren dieser Erde aber ist der letzte Lebenselementsfunke aus dem schon mehr hart und unbrauchbar gewordenen Baume entschwunden und in eine höhere Lebenspotenz übergegangen, und der Baum steht dann lebensleer da.
GEJ|6|154|8|0|Sollte man nun dem alten, harten und unbrauchbar gewordenen Baume neue Lebenselemente einhauchen, damit sie von des Baumes schon zu grob gewordener Materie verdorben werden, gleichwie da auch verdorben wird selbst der beste Wein, so man ihn dummermaßen in ein altes, unreines Gefäß gibt? Ist es da nicht klüger, einen neuen Wein in neue und reine Gefäße zu tun und die alt gewordenen ganz zu verwerfen, besonders so man der neuen Gefäße in großer und nie versiegbarer Anzahl besitzt? – Was meinst du über diese Sache?“
GEJ|6|154|9|0|Sagte der Judgrieche: „Herr, da hat jede Meinung ein Ende! Du allein hast die höchste Weisheit und kennst alle Verhältnisse in der ganzen Kreatur und hast sonach denn auch in allen Dingen allein alles Recht. Wir können Dich nur fragen und alles, was Du uns sagst, gläubig annehmen. Es ist alles also, wie Du, o Herr, es uns gnädigst erläuterst. Darin aber liegt auch der größte und allerbelebendste Beweis, daß eben Du in Deinem Geiste alles von Ewigkeit her also geordnet und geschaffen hast, was irgend nur immer da ist in der ganzen Unendlichkeit.
GEJ|6|154|10|0|Dein Jünger Johannes hat Dir in seiner Einleitung zu dem aufgezeichneten Worte aus Deinem Munde das rechteste und wahrste Zeugnis gegeben, indem er sagt: ,Im Anfang war das Wort, das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Das Wort ist Fleisch geworden und wohnte unter uns. Er kam zu den Seinen, und diese haben Ihn nicht erkannt.‘
GEJ|6|154|11|0|Siehe, Herr, also ist es denn auch! Du kamst zu uns Menschen, und wie wenige haben Dich erkannt, und wie viele erkennen Dich trotz all der großen Zeichen und weisesten Lehren auch jetzt noch nicht! Es ist wahrlich sogar merkwürdig, wie ungeheuer dumm und verblendet die Menschen da sind!“
GEJ|6|154|12|0|Sagte Ich: „Es ist schon also, du vermagst aber dennoch nichts dagegen zu machen; denn den freien Willen dürfen wir ihnen nicht nehmen, weil sie da aufhören würden, Menschen zu sein. Ihnen noch mehr Zeichen geben, wäre eine vergebliche Mühe; denn wir würden damit nichts erreichen als nur das, was Ich euch klar auseinandergesetzt habe bei der Gelegenheit, als ihr meintet, daß Ich auch hier die Zeichen vom Euphrat wirken solle.
GEJ|6|154|13|0|Wir haben für dieses Volk nur das Wort; wem dieses nicht die Augen öffnet, dem öffnet sie auch kein Zeichen. Es werden vor ihnen aber schon noch Zeichen gewirkt werden, – aber nicht zu ihrem Aufkommen, sondern zu ihrem offenbaren Untergange.
GEJ|6|154|14|0|Ich sage es euch: Das letzte Zeichen, das hier in Jerusalem gewirkt wird, wird sein nahe gleich dem des Propheten Jonas vor Ninive, wie er drei Tage im Bauche eines großen Fisches zubrachte. Und dieses Zeichens wegen wird dann das große Gericht über sie losgelassen werden, das diese Täter alles Übels verschlingen wird, wie da verschlingt ein feuriger Drache seine elende Beute. – Aber nun lassen wir das und gehen noch ein wenig ins Freie, bevor die Sonne untergeht!“
GEJ|6|154|15|0|Das war allen recht, und wir erhoben uns vom Tische und stiegen wieder auf unseren Hügel, von dem aus man auch einen Teil von Jerusalem übersehen konnte.
GEJ|6|155|1|1|155. — Selbstverschuldete und unverschuldete Krankheiten und Unglücke
GEJ|6|155|1|0|Als wir uns auf dem Hügel gelagert hatten, da sagte Lazarus: „Wahrlich, es ist ewig schade um diese große und schöne Stadt, daß sie dereinst gar so gänzlich zerstört wird! Aber wer kann da helfen, so ihre argen Bewohner es selbst also wollen?“
GEJ|6|155|2|0|Sagte Ich: „Du hast nun ganz gut gesprochen; denn dem, der selbst irgend etwas noch so Arges über und für sich will, dem geschieht in Ewigkeit kein Unrecht. Ich war schon oft da und wollte sie versammeln unter die Fittiche Meines Schutzes, gleichwie da versammelt eine Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel; aber es war bis jetzt alle Mühe vergeblich, und so sind sie ganz allein schuld an allem Ungemach, das ihnen begegnen wird.
GEJ|6|155|3|0|Ich werde es aber darum an allerlei Lehren und scharfen Ermahnungen niemals fehlen lassen, auf daß doch noch einige gerettet werden mögen. Und was Ich Selbst nun tue, dasselbe werdet auch ihr nach Mir um so leichter tun, weil euch Mein letztes und größtes Zeichen, das von Mir in Jerusalem gewirkt werden wird, dazu befähigen wird. Wer euch hören wird, der wird auch Mich hören – da ihr nur das reden werdet, was euch Mein Geist in den Mund legen wird –, und es wird ihm geholfen werden; die aber bleiben werden in ihrer alten Verstocktheit, die sollen auch deren Früchte ernten.
GEJ|6|155|4|0|Weil dem Menschen das Wasser wie das Feuer den Tod gibt, wenn er entweder in ein tiefes Wasser fällt oder bei einem großen Brande vom Feuer ergriffen wird, soll Ich etwa deshalb auf der Erde kein Wasser und kein Feuer mehr bestehen lassen? Oh, mitnichten! Der Mensch hat darum Verstand und Kraft und den freien Willen. Er kennt die guten und schlechten Eigenschaften sowohl des Wassers wie des Feuers. Er gebrauche beides mit Vernunft und die beiden Elemente werden ihm nützlich sein; so er aber entweder mutwillig oder aus großer Unvorsichtigkeit in ein tiefes Wasser fällt oder in einen Kalkofen springt, dann ist er offenbar – freiwillig oder öfter noch unfreiwillig – selbst schuld daran, daß er dabei um sein irdisches Leben kommt. Dem wahrhaft verständigen und vorsichtig klugen Menschen wird solch ein Unglück nicht leichtlich begegnen – und denen, die nach Meiner Lehre wandeln werden, aber schon gar nicht!“
GEJ|6|155|5|0|Sagte ein Judgrieche: „Herr, aber überall reicht der Menschenverstand samt aller seiner Vorsicht dennoch nicht aus! Man nehme nur diesen Fall zum Beispiel her: Ich müßte in dringenden Geschäften zu Schiff übers große Meer nach Rom reisen. Ich bin aber inmitten des Meeres, und es erhebt sich ein Sturm. Das Schiff scheitert an einer unterseeischen Klippe und geht mit Mann und Maus unter. Wer trägt wohl da die Schuld an meinem Unglück? Ich gewiß nicht, und der Schiffshauptmann auch nicht; denn woher sollte er wissen, daß sich plötzlich ein Sturm erheben werde, und woher hätte ich wohl so etwas wissen können?“
GEJ|6|155|6|0|Sagte Ich: „Mein Freund, wenn so etwas geschieht, so ist das ganz gewiß eine bestbegründete Zulassung von oben, und es ist ungefähr dasselbe, als so jemand an irgendeiner Krankheit dahinstirbt, weil die Krankheit eine böse und unheilbare war. Denn kein Mensch auf der ganzen Erde bleibt am irdischen Leibesleben, und es kann daher ein Mensch ebensogut im Wasser wie im Feuer ganz unverschuldet ums Leibesleben kommen. Ich meine, daß wir darüber kein weiteres Wort mehr zu verlieren haben sollten. Und somit gehen wir jetzt zu etwas anderem und um vieles Wichtigerem über!
GEJ|6|156|1|1|156. — Die bevorstehende Mondfinsternis
GEJ|6|156|1|0|(Der Herr:) „Sehet, die Sonne ist bereits untergegangen, das Firmament ist rein, und schon lassen sich einige Sterne sehen; dort im Osten aber steigt eben der Vollmond über den etwas umdunsteten Horizont. Es wird aber eben heute in zwei Stunden eine Mondverfinsterung durch den ganz natürlichen Schatten dieser Erde erfolgen, die da gerade zwischen die Sonne und den Mond zu stehen kommen wird. Das wird bei den Jerusalemern und namentlich bei den dummen Pharisäern einen Mordsspektakel abgeben, weil diesmal der Mond beinahe auf eine Halbstundendauer gänzlich verschwinden wird. Da wird geheult werden, und große Opfer werden in den Gotteskasten gelegt werden; wir aber werden hier dieses kleine Schauspiel der Natur mit ganz ruhigen Augen betrachten und uns daran vergnügen.
GEJ|6|156|2|0|Übrigens ist diese ganz natürliche Erscheinung unserem gegenwärtigen und jetztmaligen Wirken ganz günstig; denn die Priester wie das Volk halten solch eine Erscheinung für ein Anzeichen des Zornes Gottes, und es wird das an Mich haltende Volk den Priestern laut vorwerfen, daß sie Mich heute haben aufgreifen lassen wollen, und da werden die Priester einen schweren Stand haben. Aber dann werden die Priester sich entschuldigen und die Schuld den ihnen über alles verhaßten Essäern in die Schuhe schieben und werden diese recht zu verwünschen und zu verdammen anfangen. Währenddem wird der Mond wieder zum Vorscheine kommen, und die Priester werden mit großem Pathos zum Volke sagen: ,Siehe, du überblindes und dummes Volk, da wir die ärgsten Feinde Gottes nun mit unserer von Gott uns allein verliehenen Machtvollkommenheit gerichtet haben, so hat sich Gottes Zorn wieder gelegt, und wir können wieder frei atmen und Ihm aus großem Danke gar reiche Opfer in Seinen Kasten legen!‘
GEJ|6|156|3|0|Darauf wird gleich in der Nacht wieder ein Opfergang angeordnet werden, und das blinde und dumme Volk wird opfern nach allen seinen Kräften. Aber Meine vielen Anhänger werden sich an dem Opfergange nicht sehr beteiligen, und viele anwesende Essäer werden die Pharisäer herausfordern und ihnen eine Gegenpredigt über die Mondfinsternis halten, die ganz rar sein wird; denn die Essäer wissen wohl um den Grund der Mondverfinsterung und haben diese wie noch andere schon zum voraus berechnet, was sie den Priestern vor dem Volke dartun werden.
GEJ|6|156|4|0|Da wird das Volk die Priester sehr angehen, und viele werden die Rückgabe ihrer Opfer verlangen, aber diese nicht erhalten; denn die Priester werden ihnen dartun, daß dieses Opfer für diesen und jenen wohltätigen Zweck verwendet werden wird. Das wird einen Teil des Volkes beschwichtigen, den andern Teil aber noch mehr aufbringen, so daß darum ein rechter Tumult im Tempel und auch außer dem Tempel entstehen wird, und es wird die römische Wache bewaffnet einschreiten und mit großem Ernste die Ruhe herstellen müssen. Sehet, das alles wird in dieser Nacht die ganz natürliche Mondverfinsterung bewirken; aber uns wird das nicht im geringsten irgend stören. Es werden wohl einige sich bis hierher flüchten vor dem Ernste der Römer; aber wir haben uns vor ihnen doch nicht zu fürchten. – Nun, wie gefällt euch das?“
GEJ|6|156|5|0|Sagten alle: „O Herr, ganz außerordentlich gut; nur den argen Priestern geschieht bei weitem zuwenig dabei! Für die wäre so eine Steinigung, wenigstens von seiten der Essäer, in der schönsten Ordnung!“
GEJ|6|156|6|0|Sagte Ich: „Oh, da irret ihr euch sehr! Die Wortsteinigung von seiten der Essäer ist um sehr vieles angezeigter und besser; denn diese erklären ganz klar vor dem Volke die Natürlichkeit dieser Erscheinung, und das Volk fällt dann erst recht über die Priester her und kündigt ihnen für die Zukunft den Glauben an sie ganz auf und schwört, ihretwegen nie mehr den Tempel zu betreten. Und sehet, so etwas ist für die Templer ärger, als so sie mit Steinwürfen bedient würden!“
GEJ|6|156|7|0|Sagte Lazarus: „Herr, wenn die Mondfinsternis noch nicht alsbald eintreten dürfte, da könnten wir ja vorher noch das Abendmahl einnehmen!“
GEJ|6|156|8|0|Sagte Ich: „Lieber Bruder, wir sind erst vor einer Stunde vom Tische aufgestanden, und so wäre es ein förmlicher Übermut, jetzt schon ein Abendmahl zu nehmen. Lassen wir die ganze Erscheinung vorübergehen, die im ganzen bei drei Stunden währen wird, – dann werden wir schon eine Stärkung zu uns nehmen!“
GEJ|6|156|9|0|Damit war Lazarus ganz zufrieden und sagte zu den beiden Schwestern, daß sie nun nicht um die Bereitung eines Abendmahles, wohl aber hernach um die Herstellung eines ordentlichen Nachtmahles besorgt sein sollen. Darauf fragte Mich Lazarus, was denn so ganz eigentlich der Mond sei.
GEJ|6|156|10|0|Sagte Ich: „Lieber Bruder, sieh, das wissen Meine Jünger genau, und Ich Selbst habe dir schon einmal – bei einer geheimen Unterredung bloß zwischen uns – auch angedeutet, was die Sonne, die Sterne und der Mond sind; aber du scheinst die Sache nicht ganz gut aufgefaßt zu haben. Allein das macht nichts! Ich werde euch hernach eure innere Sehe auftun, und ihr werdet da den Mond ebenso besehen können, wie ihr nun die Gegenden dieser Erde besehen könnet, und das wird besser sein, als so Ich euch diese Sache mit vielen tausend Worten erklärte.“
GEJ|6|156|11|0|Damit waren auch alle zufrieden und dankten Mir schon zum voraus.
GEJ|6|157|1|1|157. — Das gewährte Beschauen des Mondes durch die innere Sehe
GEJ|6|157|1|0|Nun aber begann der Schatten der Erde am Monde schon sichtbar zu werden. Aller Augen waren nun auf den Mond gerichtet und betrachteten das Fortschreiten des Schattens. Bald ward der ganze Mond total finster, und es wurden bei dieser Gelegenheit eine viel größere Anzahl der Sterne sichtbar als zuvor im Vollichte des Mondes.
GEJ|6|157|2|0|Da fragte Mich Lazarus: „Herr, wie kommt es denn, daß nun eine so große Anzahl Sterne sichtbar geworden ist, die man früher nicht sah?“
GEJ|6|157|3|0|Sagte Ich: „Das, lieber Bruder, kommt daher, daß das starke Licht des Vollmondes dein Auge nicht beirrt. Deine Sehpupille ist nun sehr erweitert, und du kannst darum auch das schon sehr schwache Lichtgeflimmer der sehr fernen Sternlein wahrnehmen. Am Tage siehst du gar keine Sterne, weil das Licht der Sonne des Auges Sehpupille notwendigerweise sehr beengt. Darum ist das Auge des Menschen von Gott so kunstvoll eingerichtet, daß es jeden Grad des Lichtes wahrnehmen und sogar genau berechnen kann.
GEJ|6|157|4|0|Aber so kunstvoll auch das fleischliche Auge des Menschen gebaut ist, so steht es dennoch in keinem Vergleiche zu der Wunderbarkeit des geistigen Auges, das alles im rechten Maße und alles durch und durch sieht.
GEJ|6|157|5|0|Gib nur recht acht darauf, wie die kleinsten Sterne nach und nach verschwinden werden, wenn nun der Mond aus dem Schatten der Erde treten wird, und du wirst dich dadurch überzeugen, daß solches das stets stärker werdende Licht des Mondes bewirkt.
GEJ|6|157|6|0|Aber ganz anders verhält es sich mit der Sehe der Seele. Diese beirrt kein irdisches Licht, und die Nacht der Erde oder deren hellster Tag sind ihr gleich. Es gibt darum für die Seele nur einen beständigen Tag und nimmerdar irgendeine Nacht, das heißt für eine solche Seele, die in Meinem Lichte lebt und wandelt; aber für eine Seele, die nur im Lichte dieser Welt, das heißt in der Lehre der Welt wandelt, gibt es dort über dem Grabe auch nur Nacht und Finsternis.
GEJ|6|157|7|0|Aber nun gebet alle acht! Ich werde euch nun auf einige Augenblicke gewisserart gewaltsam innerlich erwecken und euch den Mond also sehen lassen, als wäret ihr auf seinem Boden!“
GEJ|6|157|8|0|Ich wollte nun das, und alle stießen zu gleicher Zeit einen Schrei des Entsetzens aus, und Lazarus bat Mich, daß Ich ihm die innere Sehe wieder nehmen möchte; denn die Monderde kam ihm zu wüst, öde und leer vor.
GEJ|6|157|9|0|Ich aber sagte: „Sehet nur genauer hin, und ihr werdet schon auch Wesen, den Menschen dieser Erde ähnlich, entdecken!“
GEJ|6|157|10|0|Da strengten alle ihre Sehe noch mehr an, und sieh, da entdeckten sie wohl menschliche Wesen, und zwar auf der der Erde stets zugekehrten Seite eine Art sehr luftig aussehender, nahezu ganz durchsichtiger und dabei doch sehr verkümmert aussehender kleiner Menschenwesen, aus denen sie nichts zu machen wußten; aber auf der entgegengesetzten Seite des Mondes gefiel es ihnen etwas besser. Da sie diese aber nun zur vierzehntägigen Nachtzeit des Mondes beobachten konnten, so fanden sie auch aus ganz natürlichen dem Monde entsprechenden Gründen die Menschen und die wenigen Tiere in tiefem Schlafe.
GEJ|6|157|11|0|Als alle sonach den ganzen Mond besichtigt hatten und sich auch dahin zu äußern begannen, daß sie sich nun die Monderde zum höchsten Überflusse lang und gut genug angesehen hätten und Ich ihnen allen die innere Sehe wieder nehmen möchte, tat Ich solches denn auch; denn es fing alle eine Angst dahin anzuwandeln an, daß sie nun etwa gar in dieser sehr traurig aussehenden Welt verbleiben würden.
GEJ|6|157|12|0|Als sie nun alle den Mond wieder mit den Fleischaugen ersahen, da waren sie sehr froh, und ein Ältester der Judgriechen sagte zu Mir: „Herr, wenn es in Deiner großen Schöpfung irgendwo eine Welt gibt, wo die Seelen als Verdammte gequält werden, so ist wahrlich der Mond ganz vollkommenst dazu geeignet, besonders auf dieser uns zugekehrten Seite! Und die sonderbaren, sehr häßlich aussehenden, dunkelgrau durchsichtigen und nebelartig luftigen Menschenwesen sind sicher nichts anderes als solche gar nicht beneidenswerte, unglückliche Seelen. Wenn ein Mensch auf unserer Erde Gegenden und Länder bereist, so kommt er von einer schönen Gegend in eine oft noch um vieles schönere; aber auf der Welt da oben ist gerade der umgekehrte Fall. Schon der erste und sicher noch der beste Punkt, den man ersieht, sieht schon so entsetzlich wild und wüst aus, daß man davor wie vor einem Ungeheuer erschrickt. Die andern Punkte und Gegenden aber sind dann noch um vieles abschreckender und entsetzlicher, und in solchen Gegenden wohnen Menschenwesen, und diese sehen so traurig und verkümmert aus, daß man dagegen die Bewohner unserer schlechtesten und stinkendsten Pfützen wahre Könige nennen könnte. Herr, Herr, was sind denn das für Wesen?“
GEJ|6|157|13|0|Sagte Ich: „Ja, ja, das sind wohl eben nicht sehr glückliche Wesen, und sie tragen viel des Höllischen in sich; aber sie können und werden mit der Zeit dennoch in ein besseres Leben übergehen, – freilich wohl nicht sehr eiligen Schrittes. Die sich einmal schon auf der Oberfläche jener Monderde herumtreiben und zu einer Art Durchsichtigkeit gelangt sind, die sind ohnehin schon besser daran; aber die noch in den tiefen Höhlen, Löchern und Kratern wohnen, denen geht es noch schlimm, und es wird noch einer geraumen Zeit benötigen, bis sie in einen besseren Lebenszustand übergehen werden.
GEJ|6|157|14|0|Seht, das sind Seelen der Menschen dieser Erde, die in ihrem Leibesleben auf dieser Erde über alle Maßen in die allertollste Weltsucht und Selbstliebe übergegangen sind. Diese eigentlich materiellsten Seelen werden auf der Monderde aus sich heraus mit einer Art halbmateriellem Leib angetan, durch den sie auch noch die schlechten materiellen Eindrücke, wie die der Kälte, der Hitze, sowie des Lichtes der Sonne und des Gegenscheines dieser Erde und der anderen Gestirne, wahrnehmen; aber sie können mit nichts Irdischem mehr ihre Habgier stillen. Sie sehen diese Erde ganz gut und wissen auch, daß sie einst gar sehr gut auf ihrem Boden gelebt haben, wo sie viele Güter und ein großes Ansehen besaßen und viele Menschen ihnen dienten; jetzt sind sie allein sich selbst überlassen, nackt und haben außer der sehr dünnen Luft gar keine Nahrung, sogar kein Wasser und noch weniger einen Wein. Ihrer Erde Boden ist bimsartiges Gestein, und nicht ein Moospflänzchen kommt irgendwo vor.
GEJ|6|157|15|0|Und so ist die Monderde für solche Seelen ein ganz tauglicher Platz, auf dem sie ganz gehörig abgeödet werden und zu der Einsicht kommen, daß all die irdischen Güter höchst trüglich und wertlos sind, und sie werden endlich von der Sehnsucht ergriffen, ganz zu vergehen und nicht mehr zu sein.
GEJ|6|157|16|0|Viele versuchen sich zu töten, andere durch eine Art Schlaf sich aller weiteren Weltanschauung zu berauben; aber es geht weder das eine noch das andere. Darauf fangen sie zu suchen an, ob nicht irgendein Ausweg aus den Gruben und Tälern ihrer Leiden führe in irgendeine Gegend, wo sie etwa mit weiseren Menschen zusammenkämen, um sich mit ihnen über den Grund ihres so sehr traurigen Daseins zu besprechen. Und seht, da geschieht es, daß sie mit vieler Mühe und Anstrengung einen Ausweg finden. Sie kommen da auf große Ebenen, besteigen die sehr hohen Gebirge und kommen da auch mit weisen Geistern zusammen, die sie recht weise belehren und auch sagen, daß es einen allmächtigen, weisesten und höchst guten Gott gibt, an den sie glauben und den sie lieben sollen, und so sie das tun würden, dann werde es ihnen auch bald besser ergehen.
GEJ|6|157|17|0|Das nehmen sie dann auch gerne an und sie werden dann bald ihre Materie los und bekommen ein geistiges Gewand und werden darauf in eine andere Erde, wie etwa in die Venus oder in den Merkur, später in den Jupiter, Saturn und noch in mehrere Planetarerden, gebracht. Da streifen sie dann gewöhnlich schon alles Materielle eben durch die Materie der zu durchwandelnden kleinen und großen Erden ab. Darauf können sie in die Sonne übergehen, in der sie sich dann gar viel Weisheit und auch Liebe zu eigen machen können. Von da an erst werden sie zu reinen Geistern und gehen in die reingeistige Sonne über, in der es an zahllos vielen weisesten Unterrichtsanstalten wahrlich keinen Mangel hat.
GEJ|6|157|18|0|Also werden denn derlei materiellste Menschen nach vielen und langen Zeitläufen auch rein und können eine große Seligkeit genießen; aber dahin können sie doch nimmerdar kommen, wohin eines der geringsten Meiner Kinder kommen wird.
GEJ|6|157|19|0|Doch auch diesen elenden Monderdbewohnern soll eine Erlösung werden, wenn Ich wieder dahin zurückgekehrt sein werde, von wannen Ich gekommen bin. – Also wisset ihr nun, was der Mond ist?“
GEJ|6|157|20|0|Sagte Lazarus: „Ja, Herr, das wissen wir nun ganz genau, das heißt, was die uns nun zugekehrte Seite betrifft! Aber die Rückseite scheint mit unserer Erde mehr Ähnlichkeit zu haben. Wir gewahrten dort Gewächse und Gewässer, und wir sahen dort auch Wolken am Firmament. Was gibt es denn dort?“
GEJ|6|157|21|0|Sagte Ich: „Ganz so natürliche Menschen wie etwa im tiefen Norden dieser Erde, aber freilich wegen der ganz anderen Tag- und Nachtverhältnisse jener Monderde ein wenig anders organisiert. Das Weitere wird euch der Geist lehren. Und da nun auch die Erscheinung zu Ende ist, so können wir denn auch wieder ins Haus gehen und eine mäßige Nachtstärkung zu uns nehmen.“
GEJ|6|157|22|0|Das war nun allen recht, und wir begaben uns ins Haus, allwo Ich allen riet, den andern Menschen nichts von diesem Gesichte zu erzählen.
GEJ|6|158|1|1|158. — Die Folgen der Mondfinsternis. Wiedergeburt und Geistesgaben
GEJ|6|158|1|0|Im Zimmer setzten wir uns an den großen Tisch wie gewöhnlich, und Lazarus ließ Brot und Wein auftragen, da sonst nichts bereitet war. Martha aber wollte dennoch in die Küche gehen, um wenigstens für Mich etwas Besseres zu bereiten.
GEJ|6|158|2|0|Ich aber sagte zu ihr: „Lasse das, Meine Schwester, es ist Brot und Wein ja ohnehin die beste Kost für den menschlichen Leib! Machst du aber nun ein Feuer, so würden das einige Flüchtige aus Jerusalem merken und hereinkommen, – was weder euch noch Mir angenehm wäre. Darum laß nun das, was uns nicht nötig ist! Morgen wird sich das schon besser fügen.“
GEJ|6|158|3|0|Da ließ Martha von ihrem Eifer ab, und wir aßen und tranken.
GEJ|6|158|4|0|Als wir aber dem Leibe die nötige Stärkung gegeben hatten, da kamen ein paar Knechte des Lazarus zu uns ins Zimmer und erzählten, daß sich außerhalb der Mauern, mit denen der Ort Bethania umfangen war, eine Menge Menschen herumtrieben und sich gegenseitig erzählten, daß in Jerusalem bei der Gelegenheit der Mondfinsternis ein wahrer und arger Tumult derart ausgebrochen sei, daß am Ende die Römer mit den Waffen in der Hand hätten Ruhe schaffen müssen, ansonst die Sache sicher eine sehr bedenkliche Wendung hätte nehmen können.
GEJ|6|158|5|0|Viele der Wallfahrer hatten das Weite und Freie gesucht. Die, die sich aber hierher geflüchtet hatten, versuchten hereinzukommen; aber sie vermochten das nicht, weil wir heute schon mit dem Untergange der Sonne alle Tore fest verschlossen hatten. Einige fragten sich untereinander, ob etwa der Prophet aus Galiläa nicht hier in Bethania wäre. Darauf aber sagten andere: ,Oh, der ist zu klug und hat sicher schon vormittags den bösen Braten gerochen und empfahl sich darum noch zur rechten Zeit!‘ – Herr des Hauses, was sollen wir mit diesen Menschen machen? Sollen wir sie hereinlassen oder nicht?“
GEJ|6|158|6|0|Sagte Ich anstatt des Lazarus: „Lasset sie nur draußen; sie werden weiter nicht verfolgt werden! Morgen ist die ganze Sache verraucht, und das Fest geht ohne alle weitere Störung vor sich.“
GEJ|6|158|7|0|Da gingen die Knechte wieder hinaus und hielten mit den andern Knechten Wache, daß da niemand in den großen Hofraum, etwa über die Mauer, gelangen könne.
GEJ|6|158|8|0|Ich aber machte sie alle auf das aufmerksam, was Ich ihnen zuvor auf dem Hügel von der Wirkung der Mondfinsternis in Jerusalem gesagt hatte, und sie staunten alle, daß Ich das so genau wissen konnte, was die Erscheinung für eine Wirkung hervorbringen werde, ohne daß Ich in Jerusalem gegenwärtig gewesen sei.
GEJ|6|158|9|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Wie mag euch das gar so wunderbar vorkommen? Seht, das hätte euch auch ein anderer kluger und weiser Mensch ebenso wie Ich voraussagen können, so er aus vieler Erfahrung sicher wüßte, wie die habsüchtigen Templer sich bei solchen Gelegenheiten verhalten, und wie sie sich alle derlei Naturerscheinungen stets zunutze zu machen verstehen! So etwas zu bestimmen, was für jeden reifen Denker offen auf der Hand liegt, ist gerade keine gar so außerordentliche Sache; aber ohne Berechnung zu bestimmen, wann eine solche Erscheinung eintritt, das ist etwas von einer größeren Bedeutung, obschon die Essäer das auch durch Rechnung ziemlich genau zum voraus bestimmen können und sich solche ihre geheime Rechenkunst auch allzeit zunutze gemacht haben.
GEJ|6|158|10|0|Die späteren Nachfolger aber werden solche Erscheinungen noch um vieles genauer bloß durchs Rechnen zu bestimmen imstande sein und dennoch nicht im geringsten irgend allwissend sein, und so ist auch daran nicht gar soviel, wie ihr meint.
GEJ|6|158|11|0|Aber sehr viel ist daran, die Gedanken eines Menschen in seinem Herzen zu prüfen! Wer das kann, der ist Gott gleich allwissend und allsehend und allfühlend. Die nach Meiner Lehre leben werden, und dadurch erreichen die Wiedergeburt des Geistes in ihrer Seele, die werden auch das vermögen; die aber das nicht erreichen, die werden auch nie etwas wahrhaft Geistiges vermögen.
GEJ|6|158|12|0|Der Leib des Menschen weiß es ewig nicht, was alles im Menschen verborgen ist; denn er hat kein Auge zur Beschauung dessen, was inwendig in ihm ist. Der Geist aber, der inwendig im Menschen ist, der allein sieht und weiß um alles, was im Menschen ist. Darum bestrebe sich ein jeder der wahren Wiedergeburt des Geistes; denn ohne die kann niemand in das Reich Gottes eingehen.
GEJ|6|158|13|0|Aber bevor Ich aufgefahren sein werde, wird niemand die vollkommene Wiedergeburt des Geistes in seiner Seele zu erlangen imstande sein, – aber nach Meiner Auffahrt ein jeder, der an Mich glauben wird und leben nach Meiner Lehre.“
GEJ|6|158|14|0|Da sagten die Jünger: „Herr, wie und wann wird das wohl geschehen?“
GEJ|6|158|15|0|Sagte Ich: „Das werdet ihr bald erleben und sehen mit euren Augen. Mehr brauchet ihr vor der Zeit nicht zu wissen. Denket aber lieber darüber nach, daß wir bis dahin noch vieles zu tun haben werden, und daß Ich zuvor noch vieles zu erleiden haben werde, damit allem Gerichte, in welchem sich nun alle Menschen befinden, der Stachel des Todes genommen werde! – Jetzt aber begeben wir uns zur Ruhe, auf daß wir morgen wieder ganz kräftig an unsere Arbeit gehen können; denn ein schläfriger Mensch ist niemals tüchtig zu einer Arbeit des Geistes.“
GEJ|6|158|16|0|Darauf begaben wir uns zur Ruhe und schliefen fest bis zum hellen Morgen.
GEJ|6|159|1|1|159. — Die Erfahrungen der Jünger auf dem Feste in Jerusalem
GEJ|6|159|1|0|Als wir erwachten – was diesmal um eine gute Stunde später als sonst geschah –, war das Morgenmahl auch schon bereitet und stand auf dem Tische. Wir setzten uns denn auch sogleich zu Tisch und nahmen fröhlichen Mutes das wohlbereitete Morgenmahl ein. Nach dem Morgenmahl aber fragten Mich die Jünger, was Ich an diesem Tage alles tun werde.
GEJ|6|159|2|0|Ich aber sagte: „Diesen Tag werde Ich für Mich zu einem Feiertage machen und somit eben nicht besonders vieles tun. Ihr aber könnet hinauf zum Feste gehen und sehen, was da alles geschieht, und was da alles geredet wird! Und so ihr dann am Mittage wiederkommet, könnet ihr es Mir sagen, was die Menschen so von Mir reden; denn Ich will heute mit Meinem Geistesauge und -ohre beim Feste gegenwärtig sein, da heute ein wahres Heidenfest abgehalten werden wird. Wer aber hier bleiben will, der bleibe und denke nicht an das dumme Fest!“
GEJ|6|159|3|0|Darauf erhoben sich einige Jünger und zogen gemachen Schrittes hinauf zum Feste; aber Petrus, Johannes, Jakobus, Andreas, Simon und Matthäus blieben, und die Judgriechen blieben auch bei Mir, – denn die letzteren hatten eben gar wenig Lust dazu, daß sie in der Stadt von irgend jemandem trotz ihrer Griechenkleidung erkannt würden.
GEJ|6|159|4|0|Als die etlichen Jünger aber hinauf zum Feste kamen, da wurden sie von einigen Juden bald erkannt, und diese traten um sie und fragten mit heftigen Worten: „Seid ihr nicht Galiläer und Jünger des Zimmermanns aus Nazareth? Wo ist er, auf daß wir hingehen und mit ihm selbst reden?“
GEJ|6|159|5|0|Die Jünger aber gaben den Juden auf solche ihre Fragen gar keine Antwort. Da drangen aber die Juden noch mehr in sie.
GEJ|6|159|6|0|Das machte den Nathanael ärgerlich, und er sagte zu den Zudringlichen: „Was fraget ihr darum? Gehet hin und suchet Ihn selbst! Wir aber sind hier Wallfahrer so gut wie ihr, und ihr habt keinen Grund, uns irgend zu belästigen. Wollt ihr aber mit uns euer Wesen fortsetzen, so werden wir euch schon durch die Römer von uns zu entfernen verstehen.“
GEJ|6|159|7|0|Hierauf murrten die Juden und ließen von den Jüngern ab; darauf gingen die Jünger in den Vorhöfen des Tempels umher.
GEJ|6|159|8|0|Es wurde aber hie und da vieles von Mir gesprochen, und viele Juden, die an Mich glaubten, suchten Mich und fragten andere, ob Mich jemand irgendwo gesehen habe. Aber niemand wußte, wohin Ich gegangen sei.
GEJ|6|159|9|0|Und einige sagten: „Er hat gestern doch recht geredet, da er sagte: ,Ihr werdet mich suchen und dennoch nicht finden! Und wo ich sein werde, da könnet ihr nicht hinkommen!‘“
GEJ|6|159|10|0|Es waren aber mehrere, die da sagten, daß Ich ein purer Betrüger und ein gelernter Magier sei. Andere wieder sagten, daß Ich augenscheinlichst ein Prophet sei, da Ich Taten verrichte, die noch nie ein Magier verrichtet habe. Wieder andere sagten, daß Ich vor allem nur ein recht frommer Mensch sei. Dagegen behaupteten wieder andere und sagten, Ich sei besessen von irgendeinem mächtigen Geiste der Unterwelt, der durch Mich seine Wunder wirke und dadurch die Menschen verführe. Aber niemand behauptete und glaubte, daß Ich Christus wäre.
GEJ|6|159|11|0|Es kam aber den Jüngern das Fest äußerst öde und wüst vor, und sie machten sich darum bald auf den Rückweg. Als sie wieder in Bethania ankamen, da wurden sie alsbald gefragt, wie es auf dem Feste zugehe. Und sie erzählten alles haarklein, was ihnen begegnet war, und was sie gesehen und gehört hatten. Da ärgerten sich Lazarus und die anderen Jünger und die Judgriechen, daß das Volk gar so verstockt sei.
GEJ|6|159|12|0|Und Lazarus sagte: „Nein, das ist denn doch das mir Unbegreiflichste, daß gerade dieses Volk gar so entsetzlich verstockt ist! Was sind da schon alles für Zeichen geschehen, und was sind da schon für Lehren gegeben worden, – und alles vergeblich! Nein, nein, das ist zu arg! Ein Mensch wie Du, o Herr, der den Menschen nichts als nur in einem fort die größten Wohltaten erweist und meines Wissens nie von jemandem nur einen Stater begehrte, sondern so viele Arme schon gar überglücklich gemacht hat und jeden, der Ihm eine Freundschaft erwies, gleich tausendfach dafür entschädigte, ist bei diesem allerblindesten Lumpenvolke ein Betrüger! O Herr, gib mir nur auf etwelche Augenblicke Deine Allmacht, und dieser Platz wird in einem Nu von seinem alten Unrate gereinigt sein! O du verzweifelte Menschheit! Nein, die braucht nicht noch fünfzig Jahre bis zu ihrer Reife für ein allerschärfstes Gericht; die ist schon jetzt überreif dazu!“
GEJ|6|159|13|0|Sagte Ich: „Mein lieber Bruder, ereifere dich nicht darob und denke dir, daß Ich Selbst das alles am besten einsehe, warum ihnen solches unsinnigste Benehmen zugelassen wird! Wir werden sie aber dennoch nicht richten, sondern das wohl verständliche Wort, das Ich zu ihnen so oft schon ganz vergeblich geredet habe, wird sie richten. Es ist aber nun gut, daß auch ihr es vernommen habt, wie das meiste Volk nun über Mich urteilt. Morgen, als am schönsten Festestage, werde Ich abermals im Tempel lehren und ihnen auf ein Haar zeigen, wessen Geistes Kinder sie sind, und was sie als solche zu erwarten haben. – Darum lassen wir nun das und beschäftigen uns mit etwas Besserem!“
GEJ|6|159|14|0|Sagte Lazarus: „Ja, Herr, das wird am besten sein! Aber was gäbe es da nur gleich, das sich nun vornehmen ließe? Das Mittagsmahl wird erst in einer Stunde fertig sein.“
GEJ|6|159|15|0|Sagte Ich: „Oh, dafür sorge nur du dich nicht, – das werde schon Ich bestimmen und machen!“
GEJ|6|160|1|1|160. — Die sieben Schutzhunde des Lazarus. Die Sternenwelten als Schulhäuser für Geister
GEJ|6|160|1|0|(Der Herr:) „Sieh, als Noah nach dem Rate Gottes die Arche baute, da wurde er von den sehr verweltlichten Nachbarn verspottet und ausgelacht, und man sagte: ,Da seht einmal den alten Traumnarren an! Hoch auf den Bergen hier, weit entfernt von einem Meere, baut er einen Wasserkasten in der Meinung, daß Gott solche Wasser werde kommen lassen, die ihre Wogen sogar über diese hohen Berge treiben werden, und er wird sich mit den Seinen dann hineinsetzen und sich vor dem Ersaufen retten!‘
GEJ|6|160|2|0|Solche Reden und noch Ärgeres mußte Noah erfahren; ja sogar sein Bruder Mahal lachte ihn aus und ging mit seinen Töchtern in die Tiefe Hanochs. Die Nachbarn aber wollten den Noah in seinem Baueifer dadurch ermüden, daß sie ihm nachts oft das zerstörten, was er am Tage erbaut hatte. Da bat er Gott um eine rechte Abhilfe von dieser Plage. Und sieh, Gott sandte ihm eine Menge großer und böser Hunde, und wer sich in der Nacht dem Bau zu nahen wagte, der wurde von den Hunden zerrissen, und Noah hatte dann die schönste Zeit zum Ausbau der Arche.
GEJ|6|160|3|0|Sieh, du hast dir zur Bewachung deiner Häuser römische Soldaten um ein bedeutendes Geld gemietet! Da kann Ich dir auch ganz andere Wächter verschaffen; die werden dich sehr wenig kosten und sich dabei doch von niemand bestechen lassen! Sie werden deine Feinde instinktmäßig schnell erkennen und sie mit fürchterlichem Geheul weit über deine Besitzgrenzen hinaustreiben; aber ebenso werden sie die wahren Freunde deines Hauses wohl erkennen und sie nicht von dannen treiben, sondern sie werden sie unbeirrt hereingehen lassen.
GEJ|6|160|4|0|Sagte Lazarus: „O Herr, da verschaffe mir nur bald solche Wächter; es wird ihnen bei mir sicher nichts abgehen!“
GEJ|6|160|5|0|Sagte Ich: „Nun, so gehen wir ein wenig hinaus ins Freie, und die Wächter werden sogleich dasein!“
GEJ|6|160|6|0|Wir gingen nun hinaus in den großen Hofraum, und sogleich liefen uns sieben große Hunde entgegen, machten ein starkes Gebell und schmeichelten sich darauf um uns herum. Alle waren von der Größe eines zweijährigen Rindes und hatten ein starkes Gebiß und eine braune, zottige Behaarung.
GEJ|6|160|7|0|Lazarus hatte daran eine große Freude und fragte Mich, wie eine rechte Wohnung für diese Tiere bestellt sein solle. Und Ich stellte ihm eine solche in einem Augenblick und am tauglichsten Orte bloß durch die Macht Meines Willens her, was den Lazarus in ein höchstes Erstaunen setzte; aber die Jünger erklärten ihm das und erzählten ihm, wie Ich den Menschen ganze große Wohnhäuser erschaffen habe.
GEJ|6|160|8|0|Und Lazarus sagte: „Solches alles tut der Herr, und das elende Volk da oben glaubt noch nicht an Ihn und sagt noch dazu, daß Er ein Betrüger sei! Oh, wo ist das Ziel der Argheit der Menschen und das Ende ihrer Bosheit?!“
GEJ|6|160|9|0|Ich aber sagte zu ihm: „Laß alles das! Die Zeit ist ewig und der Raum unendlich; da kann vieles geschehen und jede Tat ihren Platz finden. Du sahst in dieser Nacht während der Mondfinsternis zahllos viele Sterne, und es war das kaum der zehntausendste Teil der Sterne, die im Bereiche der Sichtbarkeit vor unseren Augen prangten. Ich sage dir aber, daß alle diese noch sichtbaren Sterne nicht den entferntesten Teil der Vielheit jener Sterne ausmachen, die noch nie, selbst nicht von dem schärfsten Auge eines hochindischen Birmanen, gesehen wurden, und doch haben manche jener hochindischen Scharfseher eine solche Schärfe in ihren Augen, daß sie des Mondes Berge und Löcher ganz gut wahrnehmen können. Und siehe, alle diese unendlich vielen Welten sind Schulhäuser für allerlei Geister, und du kannst daraus gar wohl entnehmen, warum es in der Schrift heißt, das Gottes Ratschlüsse unerforschlich und Seine Wege unergründlich sind! Daher sei unbesorgt um alles, was da irgend scheinbar noch so Vernunftwidriges geschieht; denn Gott weiß um alles und kennt die Geister und die Wege, auf denen Er sie ihr Ziel verfolgen läßt!“
GEJ|6|161|1|1|161. — Die vorbildliche Tat als beste Lehre und Ermahnung. Wo Ernst und Drohung am Platze sind
GEJ|6|161|1|0|(Der Herr:) „Ein jeder aber, der aus Meinem Munde die Wege des Lichtes und des Lebens kennt, der sorge hauptsächlich nur für sich dahin, daß er rein stehe vor Gott, und richte nicht seinen Nächsten! Wer das tut, der tut alles und gibt durch sein Beispiel seinem Bruder die beste und wirksamste Lehre.
GEJ|6|161|2|0|So dein Bruder dich gut und edel handeln sieht, da wird er bald zu dir kommen und dich fragen: ,Was hast du für einen Grund, daß du solches tust?‘ Und du wirst ihm dann treu und wahr den Grund angeben und sagen: ,Gehe hin und tue desgleichen, so wirst du leben!‘ Und siehe, er wird hingehen und sich bald anschicken, das zu tun, was er an dir als Tat gesehen hat! Wenn du aber hingehst und ihm seine Fehler vorhältst und ihm dann erst die Lehre gibst, wie er in der Folge handeln soll, so wird er erbost werden und wird dich fragen: ,Wer hat dich mir zum Richter bestellt? Kehre du vor deiner Türe, und ich werde schon allein die Türe meines Hauses besorgen!‘
GEJ|6|161|3|0|Daher sage Ich allen: Lasset die guten Werke der Lehre vorangehen, und die Menschen werden daraus am ehesten erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid! Tuet Gutes sogar den Feinden, und ihr werdet glühende Kohlen auf ihre Häupter sammeln!
GEJ|6|161|4|0|Nehmet euch alle an Mir ein Beispiel! Denn Ich Selbst bin von ganzem Herzen demütig und sanftmütig und richte niemanden und verdamme niemanden; aber ein jeder, der mühselig und mit allerlei Gebrechen behaftet ist, der komme zu Mir, und Ich werde ihn erquicken! (Matth.11,28 f.)
GEJ|6|161|5|0|Wie aber Ich Selbst bin gegen alle Menschen, so sollet auch ihr sein! Oder könnet ihr, Meine alten Jünger, von Mir sagen, daß Ich hart und grausam war gegen die Menschen, die ohne ihr Verschulden als erzschlecht vor Mich gebracht worden sind?
GEJ|6|161|6|0|Nur jene wenigen bekamen die Schärfe Meines gerechten Zornes irdisch zu verkosten, die mit dem bösesten Willen von aller Welt Mich und euch verderben wollten vor der Zeit, die da bestimmt ist von oben. Auch darin gab Ich euch ein Beispiel, nach dem auch ihr bei vorkommenden ähnlichen Fällen handeln könnet; denn an Macht dazu soll es euch nicht mangeln. Aber bevor ihr den Ernst eintreten lasset, sollet ihr keinen Weg der Milde unversucht lassen. Der Ernst ist aber nur dann zu gebrauchen, wenn euch der Menschen mutwillige Bosheit entgegentritt, euch verfolgt und von euch kein versöhnendes Wort annimmt.
GEJ|6|161|7|0|Wer euch um Meines Namens willen verfolgen wird darum, daß er einen Lohn von den Hohenpriestern und ihren Genossen bekäme, den ermahnet ernstlich! Wird er sich an eure Ermahnung kehren, dann lasset ihn in Frieden ziehen; wird er sich aber an eine mindestens dreimalige Ermahnung nicht kehren, dann bedrohet ihn ernstlich! Kehrt er sich an diese Drohung auch nicht, so lasset die Drohung ins Werk übergehen zum warnenden Beispiele für alle jene, die euch eines irdischen Gewinnes halber hartnäckig zu verfolgen sich vorgenommen haben! Aber auch nur in diesem einzigen Falle habt ihr das Recht, den Ernst zu gebrauchen.“
GEJ|6|161|8|0|Sagte Petrus: „Herr, was soll denn dann geschehen, so sich jemand die Mühe nähme, uns durch Lügen und schmeichelhafte Worte zu verlocken? Wir würden solche böse List wohl sicher sogleich erkennen; aber so wir das erkennen und dem Menschen das vorhalten, er aber dennoch mit allen Beteuerungen fortfährt, uns zu verlocken, – was sollen wir mit solch einem Menschen machen?“
GEJ|6|161|9|0|Sagte Ich: „Aber könnet ihr noch immer nicht so viel denken und einen vergleichenden Schluß ziehen, daß es da nicht auf das Mittel, sondern auf die durch das Mittel zu erreichende Absicht ankommt, die der so oder so tätige Mensch mit jemandem erreichen will? Ob das jemand mit Schwert, Lanze und Ketten oder mit lügnerischen Schmeichelreden zu erreichen strebt, das ist ja ganz einerlei; kehrt er sich nicht an eure wiederholte Ermahnung, so werde er bedroht, und kehrt er sich auch an die Drohung nicht, so werde sie an ihm zur Tat! Ich meine, daß ihr nun wohl einsehen solltet, wie und wann ein Ernst im vollsten Sinne des Wortes anzuwenden ist.
GEJ|6|161|10|0|Aber es ist dabei noch eines zu berücksichtigen, und zwar das: Wenn eines jeden Zeit kommen wird, so wie da jüngst kommen wird die Meine, da ist es dann mit dem eigenen Ernste nichts, sondern da heißt es, sich den Ernst Gottes gefallen lassen, wenn man im Geiste zu Gott kommen will.“
GEJ|6|162|1|1|162. — Ursache und Zweck der Krankheiten und Leiden
GEJ|6|162|1|0|Hier bemerkte einer der Judgriechen, sagend: „Herr, warum aber muß der ohnehin arme, sterbliche Mensch nur in allerlei Schmerzen und Leiden zu Gott kommen? Könnte denn das nicht auch durch ein gesundes und leidenfreies Leben nach dem erkannten Willen Gottes geschehen?“
GEJ|6|162|2|0|Sagte Ich: „Wie der Mensch es will; das hängt zumeist von ihm ab. Sogar die meisten Leibeskrankheiten sind Folgen von allerlei Sünden, die der Mensch schon von seiner Jugend an bis zu seinen alten Tagen hin gleichfort und am Ende schon aus einer Art Gewohnheit begangen hat. Manche Krankheiten der Menschen sind ein Erbe von Eltern und Voreltern an ihre Kinder und Kindeskinder, weil da schon die Eltern und Voreltern gesündigt haben. Da kann man Gott dann keine Schuld geben, wenn die Menschen sich selbst allerlei Krankheiten, Schmerzen und Leiden bereiten. Man könnte Mir wohl sagen und einwenden: ,Wenn der Mensch sogleich von Gott aus belehrt worden ist, was er zu tun hat, um in der gerechten Ordnung in der Welt zu leben und zu bestehen, und er handelte und tat nicht danach, so ist er offenbar selbst schuld daran, daß er in allerlei Leiden verfallen ist; hat aber der Mensch alles von der Natur ablernen und aus allerlei widrigen und oft sehr bösen Erfahrungen klug werden müssen, dann ist der Mensch an seinem Leiden nicht schuld und ist das bedauernswürdigste Geschöpf auf Erden!‘
GEJ|6|162|3|0|Ja, sage Ich Selbst, das wäre der Mensch auch fürwahr, wenn es also wäre! Daß es aber nicht also ist, beweist die Erschaffung des ersten Menschenpaares im Paradiese, das beinahe ununterbrochen von Gott aus in allem möglichen mehr denn hundert Jahre hindurch unterrichtet wurde. Und dazu erweckte Gott in jener ersten Menschenzeit auf dieser Erde noch fort und fort Seher und Propheten, die die mehr und mehr weltlich gewordenen Menschen lehrten und ihnen den Willen Gottes offenbarten.
GEJ|6|162|4|0|Bei so bewandten Umständen konnte kein Mensch sagen, daß er von niemandem erfahren habe, wie er nach dem Willen Gottes zu leben habe. Aber die Menschen kultivierten sich nur zu bald ihre irdische Wohnwelt gar sehr, erbauten Städte und errichteten ein Prachtwerk ums andere, wurden so in ihre Welt verliebt und vergaßen vor lauter Welt Gott und wurden sogar Gottesleugner. Kam dann auch ein Seher, von Gott erweckt, zu solchen Menschen, so wurde er nur ausgelacht, und niemand achtete auf den Sinn seiner Rede.
GEJ|6|162|5|0|Nun, derlei Menschen mußten dann ihre Klugheit freilich nur aus allerlei bitteren Erfahrungen erlernen und sich daraus mühsam eine Lebensregel selbst bestimmen. Diese Lebensregeln, wie zum Beispiel nun die unter den vielen Heiden, waren aber schon zum größten Teil Sünden wider die wahre, göttliche Ordnung, und es mußten aus ihnen notwendig allerlei leibliche und seelische Übel unter den Menschen gang und gäbe werden.
GEJ|6|162|6|0|Wenn nun Gott eines solchen Menschen Seele fürs ewige Leben erhalten will, so muß Er ihr durch allerlei körperliche Leiden dazu verhelfen, und zwar dadurch, daß eine solche zu sehr an der Welt hängende Seele eben durch so manche Leiden und Schmerzen mehr und mehr von der Welt abgezogen wird, ohne die sie ganz von der Materie der Welt und somit von ihrem Tode und Gerichte an sich gezogen und verschlungen würde. Und seht nun, das ist der Grund, warum nun auf der Erde die Menschen so manches und vieles zu erleiden haben!
GEJ|6|162|7|0|Aber auch wir werden von den durch eigene Schuld verbildeten Menschen vieles zu leiden haben. Aber unsere Leiden werden über uns nicht kommen auf Grund dessen, als hätten wir keine Kenntnis von der reingöttlichen Lebensordnung, und als liefen unsere Taten ihr zuwider, sondern wir werden durch unsere Leiden die blinden Menschen nur sehend machen, und zwar dadurch, daß sie an uns werden erschauen können, einen wie kleinen Wert wir auf das Leben dieser Welt setzen, und welch großen Wert das Leben der Seele haben muß, wenn man ihm zuliebe alle irdischen Vorteile von sich weist. Und sehet, darin wird erst die eigentliche Erlösung der Menschen vom Tode zum Leben bestehen! – Doch nun genug von allem dem! Da nun das Mittagsmahl völlig bereitet ist, so gehen wir wieder ins Haus und verzehren es!“
GEJ|6|162|8|0|Es wollte aber den Judgriechen eben nicht sehr eingehen, daß auch sie als spätere Verkünder Meines Wortes dazu noch leiden, ja sogar ihr Leben aufs Spiel setzen sollten.
GEJ|6|162|9|0|Aber Ich sagte ihnen den bekannten Satz: „Von nun an aber wird es also sein, daß ein jeder, der sein Leben liebt, es verlieren wird; wer es aber verachtet und flieht, der wird es behalten für ewig!“
GEJ|6|162|10|0|Da sagten die Judgriechen: „Was ist das? Wer kann das fassen?“
GEJ|6|162|11|0|Sagte Ich: „Das ist es: Was nützete es dem Menschen, so er mit diesem Erdenleben die ganze Welt gewönne, aber Schaden litte an seiner Seele? Was kann ein solcher Mensch dann geben, seine Seele zu lösen? Darum muß der Mensch dieses Leibesleben ja allein nur dazu benutzen, daß er dadurch das ewige Leben der Seele gewinnt. Benutzt ein Mensch sein Leibesleben nicht vor allem dazu, so ist er selbst schuld daran, wenn er das Leben seiner Seele verwirkt oder es mindestens so weit schwächt, daß sie hernach jenseits oft eine überaus lange Zeit zu tun hat, um sich so weit zu sammeln, daß sie dann in ein nur etwas helleres und besseres Geistleben überzugehen imstande ist. Denn solange eine Seele noch mit einiger Liebe an ihrem Leibesleben und seinen Vorteilen hängt, kann sie im Geiste auch nicht völlig wiedergeboren werden; eine Seele aber, die in ihrem Geiste nicht völlig wiedergeboren ist, kann auch ebensolange nicht ins wahre Reich Gottes eingehen, weil darin kein Atom von etwas Materiellem bestehen kann. – Jetzt wisset ihr genug, und so gehen wir ins Haus!“
GEJ|6|162|12|0|Wir gingen nun ins Haus und verzehrten das wohlbereitete Mittagsmahl, und es ward während des Essens nur wenig geredet.
GEJ|6|163|1|1|163. — Das Schicksal der Selbstmörder. Die Lehre ohne das gute Beispiel ist nichts nütze. Der Glaube ohne Werke ist tot
GEJ|6|163|1|0|Nach dem Mahle aber erhob sich ein Ältester der gewissen Judgriechen und sagte zu Mir: „Herr, ich habe während des Essens viel darüber nachgedacht, wie man das Leibesleben gar nicht lieben, sondern vielmehr verachten und fliehen solle, um dadurch das Leben der Seele zu gewinnen und zu erhalten! Das ist mir nun schon so ziemlich klar geworden; aber es ist da dennoch ein Punkt, der mir noch nicht so recht einleuchten will. Es gibt unter den Menschen auch solche, die da wahre Erzfeinde ihres eigenen Lebens sind, und wenn sie dessen aus irgendeiner Veranlassung überdrüssig werden, so entleiben sie sich selbst. Diese müßten doch da vor allem das Leben der Seele gewinnen! – Was ist da Deine Meinung?“
GEJ|6|163|2|0|Sagte Ich: „Hat ihnen Gott denn das Leibesleben darum gegeben, daß sie es vernichten sollen?! Das Leben des Leibes ist das dem Menschen von Gott gegebene Mittel, durch welches er das Leben der Seele für ewig gewinnen kann und soll. Nun, so er aber das Mittel zuvor vernichtet, womit soll er dann das Leben der Seele erhalten und eigentlich zuvor gewinnen? So ein Weber zuvor seinen Webstuhl zerstört und vernichtet, wie wird er auf demselben hernach seine Leinwand weben? Ich sage es dir: Die Selbstmörder – so sie nicht Irrsinnige sind – werden schwerlich je oder auch gar nie das Reich des ewigen Lebens besitzen! Denn wer einmal ein solcher Feind seines Lebens ist, in dem ist keine Liebe zum Leben; ein Leben ohne Liebe aber ist kein Leben, sondern der Tod. – Weißt du nun, wie du daran bist?“
GEJ|6|163|3|0|Sagte der Judgrieche: „Ja, Herr und Meister, jetzt bin ich im klaren, und es soll das für mich auch ein Hauptteil Deiner Lehre sein, der den Menschen nicht genug vorgepredigt werden kann!“
GEJ|6|163|4|0|Sagte Ich: „Ganz wohl, – aber vor allem muß der Prediger für sich selbst ganz in der Ordnung sein, bevor er jemand anderen lehrt; denn sonst ist die Lehre hohl und läßt auch den Lehrling hohl. So jemand selbst ein eifriger Befolger dessen ist, was er lehrt, so werden auch seine Jünger sich mit allem Eifer bestreben, so vollkommen zu werden, wie vollkommen da ihr Meister ist. So aber die Jünger hie und da Lücken und Unvollkommenheiten an ihrem Meister nur zu bald entdecken, so werden sie auch bald in ihrem Eifer nachlassen und am Ende sagen: ,Der Meister ist selbst ein Stümper, – was soll aus uns werden?!‘ Und Ich sage euch: Die Jünger werden solch einem Meister bald den Rücken weisen; denn das Stümpern gehört stets unter das gemeine Handwerk und nie in die Sphäre der Künste, und noch weniger in die Sphäre der Weisheit. Darum müsset ihr zuvor selbst in allem vollkommen sein, das heißt, in der Lehre und in der Tat danach, ansonst ihr nicht fähig wäret, wahre Ausbreiter Meines Evangeliums zu sein.
GEJ|6|163|5|0|(Ein Beispiel:) Es bestünde irgendwo noch eine alte Heldenschule, in der die stärksten und mutigsten Menschen zu Kriegshelden herangebildet werden. Der Meister würde ihnen vor allem die Verachtung des Todes ans Herz legen und sagen, daß ein feiger Mensch, der den Tod fürchtet, nie ein wahrer Held werden kann. So es aber dann auf eine ernste Probe ankäme, in der der Heldenmeister seinen Jüngern zeigen sollte, wie man dem Tode kaltblütig entgegengehen muß, er aber dann zaudern würde und am Ende selbst die Flucht ergriffe, – würde das seine Heldenjünger zum wahren Mut entflammen? Ganz sicher nicht; denn die Jünger werden sich denken: ,Ach, der will uns nur durch wohlgewählte Worte die Todesverachtung einreden; in der Tat aber hat er hundertmal mehr Furcht vor dem Tode als der Zaghafteste unter uns! Der soll lieber eine Schule für Feiglinge als für Helden halten!‘
GEJ|6|163|6|0|Ganz etwas anderes aber wird ein Heldenmeister bewirken, so er vor seinen Jüngern den Kampf mit einem Löwen aufnimmt und ihn durch seine Kraft und Gewandtheit besiegt und zu Boden streckt. Da werden ihn seine Jünger bewundern und in sich stets mehr die Begierde beleben, auch sobald als möglich einen solchen Kampf durchzufechten. Und es bleibt der Spruch stets wahr, daß nur der Geist der Tat belebt, der tote Wortbuchstabe aber tötet. Denn was selbst tot ist, das kann nicht beleben für sich, sondern der Geist, der sich durch die lebendige Tat bekundet, macht alles lebendig.
GEJ|6|163|7|0|Ich sage es euch: Es werden nicht die in das Reich Gottes eingehen, die da zu Mir sagen werden: ,Herr, Herr!‘, sondern nur die, welche den erkannten Willen Meines Vaters im Himmel tun werden! Es ist nicht genug, daß da jemand glaubt, daß Ich Christus, der Gesalbte Gottes bin, sondern er muß auch tun, was Ich gelehrt habe, sonst nützt ihm der Glaube nichts; denn ohne die Werke ist der stärkste Glaube tot und gibt keiner Seele das ewige Leben. – Das merket euch alle wohl und tuet danach, so werdet ihr leben!“
GEJ|6|163|8|0|Nach dieser Meiner Lehre fragte niemand um etwas Weiteres; denn sie hatten da alle genug zu denken und untereinander zu besprechen.
GEJ|6|164|1|1|164. — Des Lazarus Stellung zum Tempel. Der Arger und seine Folgen
GEJ|6|164|1|0|Ich aber ging mit Lazarus und seinen beiden Schwestern ins Freie. Als wir in den großen Hofraum kamen, da verspürten die großen Hunde, daß sich Fremde dem Orte Bethania nahten, und sie rannten mit starkem Gebell an die Tore des großen Hofraumes, und Lazarus fragte Mich, was dies zu bedeuten habe.
GEJ|6|164|2|0|Ich sagte zu ihm: „Etliche Juden und ein paar alte Pharisäer, die heute gerade nichts zu tun hatten, wollten dich besuchen und dich bei der Gelegenheit vor Mir warnen; aber sie haben das nur darum unternommen, um bei dir auszukundschaften, ob Ich Mich etwa bei dir aufhalte, oder wohin Ich von dir weiter etwa den Weg eingeschlagen habe. Und sieh, die Hunde merken das genau, daß das keine Freunde von dir und von Mir sind, und laufen darum an die Tore, um jene Juden und Pharisäer zum schnellen Rückzug zu nötigen! Denn sowie die Ankommenden nur von weitem dieser Tiere ansichtig werden, werden sie jählings umkehren und so fußgeläufig als möglich das Weite suchen. Darauf werden die Hunde auch wieder ganz ruhig heimkehren.“
GEJ|6|164|3|0|Wir bewegten uns darauf nach derselben Richtung hin, in der die Hunde vorausliefen. Wir hatten aber noch kaum das Tor erreicht, als wir auch schon eines schwarzen Klubs Menschen ansichtig wurden. Da verließen die Hunde das Tor mit furchtbarem Gebell und rannten mit wütiger Hast den Ankommenden entgegen. Als aber diese der Hunde ansichtig wurden, da kehrten sie pfeilschnell um und liefen in völliger Raserei davon.
GEJ|6|164|4|0|Als sie sich von den Hunden nicht mehr verfolgt sahen, fingen sie an, langsamer zu gehen, und schmollten sehr über den Lazarus, daß er sich nun schon von reißenden Bestien bewachen lasse, um sich und sein Haus von den Besuchen der Männer des Tempels freizuhalten; aber er solle die Geduld des Tempels nicht auf die Spitze treiben, sonst werde es ihm noch ganz übel ergehen. Von wo er sich etwa doch diese Bestien wieder verschafft habe? Und so schmollten sie bis nach Jerusalem; aber daheim sagten sie nichts, da sie sich schämten, vor den Hunden die Flucht ergriffen zu haben.
GEJ|6|164|5|0|Als Ich solches dem Lazarus mitteilte, da fragte er Mich, was er im äußersten Falle wohl von den Templern zu befürchten habe.
GEJ|6|164|6|0|Sagte Ich zu ihm: „Gar nichts; denn so sie dir etwas anhaben möchten, so hast du ja das römische Gericht, und an dem hast du des weltrechtlichen Schutzes zur Genüge, da eben dieser dein Ort sich schon seit über fünfzig Jahren rein unter der ausschließlichen Gewalt der Römer befindet. Ja, wenn das nicht wäre, so hätten dich die Templer schon ganz anders zur Leihe genommen; aber so haben sie kein Recht. Sie versuchen nur, dich als Juden so zu ihrem Vorteile auszubeuten, und machen dir allerlei blinde Drohungen; aber im Ernste können sie dir nichts anhaben. Deinen Verpflichtungen kommst du allzeit gewissenhaft nach, und so können sie auch keine eigentliche Sache gegen dich aufbringen. Das aber ist auch ihr ärgster Grimm gegen dich.
GEJ|6|164|7|0|Sie wissen es nur zu gut, daß du der reichste Mensch von ganz Judäa bist, da deine Besitzungen für sich schon ein kleines Land ausmachen und alle rein unter der römischen Gerichtsbarkeit stehen. Sie haben also kein Recht, dich zu besteuern, und das ist ihnen ein Greuel. Sie möchten es so bestimmen, daß du dich von den Römern ablösest und dich dann als ein reiner Untertan des Tempels bekennst. Weil du das aber trotz aller ihrer großen Zudringlichkeit nicht tust, so belästigen sie dich an allen Orten deines Besitztumes, reden (wiegeln) dir die Dienerschaft auf und tun dir heimlich bald dies, bald jenes. Aber von nun an bist du gesichert; und somit mögen sie heimlich über dich ergrimmt sein, wie sie nur immer wollen, so können sie dir doch nichts anhaben, – und so magst du von nun an ganz ruhig sein!“
GEJ|6|164|8|0|Sagte Lazarus: „Herr, ich danke Dir für die gute Aufklärung! Ich habe nun vielen und großen Trost in mir, und wahrlich, ich atme nun wieder freier; aber nichtsdestoweniger ist mir das eine angenehme Erscheinung, so ich mir selbst rein ins Gesicht sagen muß: ,Du bist ein Mensch, der stets nach seinem besten Wissen und Gewissen bereitwilligst alles mögliche getan hat, was man auch nur unter einem Schein von Gesetzlichkeit von ihm verlangt hat, und überdies noch aus freiem, gutherzigem Antrieb gar vieles Gute, was man von ihm niemals hätte verlangen können, offen und geheim ausübte, – und dafür werde ich nun von den elenden Templern noch gehaßt!‘ Ach, Herr, das wird mir offenbar zu dick!
GEJ|6|164|9|0|Diese elenden Kreaturen wollen rein alles für sich allein besitzen und berücksichtigen das nicht im geringsten, daß ich, um dem Tempel seine pflichtmäßigen Armenunterhaltungskosten zu ersparen, jährlich mindestens tausend Arme ganz verpflege und dazu noch alljährlich eine ganz bedeutende Summe in den Armutsbeutel lege. Ich habe dem Tempel auch schon so manche große Spende gemacht, – und das alles ist bei diesen Elenden nichts! Sie suchen mich dafür nun noch obendrauf ganz zugrunde zu richten, – was sie augenblicklich sogar an einem Sabbat tun würden, so ihnen das möglich wäre! Ja, Herr, ich weiß es nun nur zu bestimmt, daß sie mir nichts anhaben können; aber mich ärgert es dennoch ganz entsetzlich, daß mich diese Elenden nun noch hassen, wo ich ihnen doch so viele Gefälligkeiten erwiesen habe!“
GEJ|6|164|10|0|Sagte Ich: „Aber sieh doch Mich an! Habe Ich nicht diese Erde und Sonne, Mond und alle die Sterne erschaffen? Versorge Ich nicht gleichfort die Erde, daß sie allerlei Nahrung für alle Kreatur hervorbringt? Erhalte Ich nicht jedem Menschen das Leben? Ich habe diese Erde zur Zucht Meiner Kinder bestimmt, bin nun Selbst allen bekannten Weissagungen zufolge auf diese Erde gekommen, um Mich durch Wort und Tat als der Herr Himmels und der Erde in Menschengestalt zu zeigen, um sie dadurch Selbst dahin zu belehren, daß sie wahrhaft Mein Ebenmaß sind. Und was tun diese Tempelhelden? Sie hassen Mich, verfolgen Mich und jeden, der an Mich glaubt, weil Ich ihnen zeige, daß ihre Werke böse sind. Sie trachten in einem fort, Mich zu töten, und es wird bald die Zeit kommen, wo Ich es Selbst zulassen werde, daß sie auch diese Greueltat an Mir verüben. Und siehe, Ich habe in Mir keinen Ärger über sie! Ich werde aber auch jenseits ewig der Herr bleiben, und es wird ihnen dort wahrlich nicht unvergolten bleiben, was sie hier tun!
GEJ|6|164|11|0|Da Ich als der Urerste und als der alleinig größte Wohltäter der Menschen Mich aber darum nicht ärgere, so ärgere auch du dich nicht über sie, der du ihnen im Vergleich zu Mir nur etwas ganz weniges getan hast! Da sieh diesen Stein an, der auf dem Wege vor uns liegt! Wer erhält ihn denn als das, was er ist, – außer Mir? Ziehe Ich in diesem Augenblick Meinen ihn erhaltenden Willen von ihm zurück, so ist er nicht mehr als Materie da, sondern er tritt in seinen geistig-spezifischen Zustand, also in den Bereich Meiner Urideen zurück, und dasselbe könnte Ich in einem Augenblick auch mit der ganzen Erde tun, so Mich ihrer Bewohner Taten ärgern könnten. Weil sie Mich aber eben nicht ärgern und nie ärgern können, so besteht alles gleichfort und Ich lasse Meine Sonne scheinen über Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte gleich. Erst jenseits werden sich die großen Unterschiede zeigen, und ein jeder wird seinen Richter in sich tragen.
GEJ|6|164|12|0|Willst du aber jenseits völlig bei Mir sein für ewig, dann mußt du Mir auch in diesem gleich sein, daß du dich über niemanden ärgerst. Wer Mir nachfolgt, der muß Mir ganz nachfolgen, ansonsten er nicht vollkommen Mein Jünger ist.
GEJ|6|164|13|0|Zudem aber sage Ich dir noch etwas, und das besteht darin, daß der Ärger der nötigen leiblichen Gesundheit gar nicht zuträglich ist; denn er erzeugt zuviel Galle, und diese verpestet das Blut und setzt das menschliche Leben jeden Augenblick aufs Spiel. Also hüte dich auch in dieser Hinsicht ganz besonders vor zu großem Ärger, ansonst du bald dein Leibesleben einbüßen würdest! Bedenke das alles wohl, so wirst du auch physisches Übel nicht zu befürchten haben!“
GEJ|6|165|1|1|165. — Geistereinflüsse und Willensfreiheit des Menschen. Die Bestimmung der Tierseelen
GEJ|6|165|1|0|Sagte Lazarus: „Ja, Herr, das sehe ich nun nur zu gut ein; aber ich kann Dir dennoch nicht ganz gutstehen, daß ich mich, selbst bei meiner bestwilligen Vornahme, bei vorkommenden ähnlichen verdrießlichen Fällen nicht wieder ärgern werde, denn es ist das Ärgern schon zu meiner zweiten Natur geworden. Ein Unrecht kann ich selbst beim besten Willen unmöglich ertragen!
GEJ|6|165|2|0|Aber es ist das auf dieser Erde schon merkwürdig: Ein jeder Mensch weiß, daß er einmal sterben und alles Zeitliche verlassen muß; er kennt die Gesetze der göttlichen Ordnung und des göttlichen Willens; er hat Vernunft und Verstand, zu unterscheiden um das Falsche vom Wahren, das Böse vom Guten, das Recht vom Unrecht und die Nacht vom Tage; er weiß – teils aus Offenbarungen und teils oft aus selbsterlebten, hellen Erfahrungen –, daß die Seele nach dem Tode des Leibes fortlebt; und zwar in derselben Gestalt, wie sie auf der Erde geleibt und gelebt hat: und dennoch trachtet er nur nach den toten, irdischen Gütern, kehrt den wohlerkannten göttlichen Gesetzen den Rücken, tritt alles Rechte, Gute und Wahre mit Füßen, haßt außer sich alles und begeht eine Todsünde auf die andere; er hurt, bricht die Ehe, betrügt, stiehlt, raubt und mordet, und Gott ist ihm soviel wie nichts! Ja, da fragt es sich denn doch, wie möglich Gott das zulassen kann!
GEJ|6|165|3|0|Tut der Mensch das alles aus seinem freien Willen, so ist er ja ärger denn der Satan und alle seine Teufel, von denen die Schrift häufig die Erwähnung macht; wird er aber gleich wie Saul von einem bösen Geist zu all dem Bösen angetrieben, so daß er dann unmöglich anders als nur böse handeln kann, trotzdem er das Gute und Wahre einsieht und als solches erkennt, so ist er, der also durch unsichtbare Mächte genötigte Mensch, für sich ja doch offenbar unschuldig, und die Schuld fällt da auf den bösen Verführer und teilweise – aufrichtig gesprochen – auch auf Den, der solch eine Versuchung für den armen, schwachen Menschen zuläßt. Denn vor einem offenen Feinde kann man sich durch allerlei Mittel schützen; aber wer kann sich vor einem unsichtbaren Feinde, der als ein Geist ganz durchdringlich den Menschen gefangennehmen und sogar dem menschlichen Willen die mächtigsten Leitfesseln anlegen kann, schützen und sich mit ihm in einen entscheidenden Kampf einlassen? – Siehe, Herr, das sind so sonderbare Dinge, die selbst der verständigste und beste Mensch nicht unter ein Dach bringen kann!
GEJ|6|165|4|0|Wenn der Mensch ohne irgendeine fremde, böse Einwirkung pur aus seinem eigenen freien Willen das Böse tut, so ist er vor mir ein verabscheuungswerter Sünder und ist als solcher aus allen guten Gemeinden zu entfernen – denn ein solcher Unmensch ist nach meinem Urteil sicher für ewig nichts Besseres wert, so er sich nicht ernstlich in allem bessert –; aber wer kann über einen von einem Teufel verführten Menschen ein böses Urteil fällen?! Solch ein Urteil käme mir geradeso vor, als so man einen Menschen darum strafen wollte, weil er sich von einer bösen Krankheit hat befallen lassen. – Herr, gib mir auch darüber ein rechtes Licht!“
GEJ|6|165|5|0|Sagte Ich: „Ja, Mein liebster Bruder, deine Beurteilung dieser Sache hat viel Gutes für sich, und Ich kann dir nicht sagen: ,Sieh, du hast da unrecht geurteilt!‘; nun aber verhält sich die Sache denn doch bedeutend anders, und so fällst du mit deinem Urteil in den Bach!
GEJ|6|165|6|0|Auf einer Welt, auf der es sich darum handelt, daß die Menschen zu vollendeten Gotteskindern erzogen werden sollen, müssen sie nebst dem freiesten Willen und dem hellsten Verstande auch von Gott gegebene Gesetze, in denen sich Gottes Wille klar ausspricht, haben, die ihr Wille ergreifen und ausüben soll. Wie aber könnten sie das, wenn in ihnen nicht auch eine gleich mächtige Anreizung zur Nichthaltung der Gesetze vorhanden wäre?
GEJ|6|165|7|0|Diese entgegengesetzte Anreizung verschafft dem menschlichen Willen ja erst die vollkommenste Freiheit und gibt ihm auch die volle Kraft, ihr selbst zu widerstehen und den erkannten Willen Gottes an ihre Stelle zu setzen.
GEJ|6|165|8|0|Ich sage es dir: Ein Mensch, der in sich nicht die vollste Fähigkeit hat, ein vollendetster Teufel zu werden, kann auch nie ein völlig gottähnliches Kind Gottes werden.
GEJ|6|165|9|0|Wäre die Unendlichkeit des Raumes mit irgendeiner Beschränkung wohl noch eine Unendlichkeit, oder würde Gott wohl völlig allmächtig sein, wenn Ihm auch ein kleinstes Ding zu erschaffen unmöglich wäre? Oder ist Gott darum weniger Gott, weil Er neben den heilsamen Kräutern auch die gar schädlichen Giftpflanzen erschaffen hat, und weil Er das viele Unkraut gleich dem Weizen besamte, auf daß es gleich den edlen Pflanzen fortwuchern kann?!
GEJ|6|165|10|0|Siehe, gleichwie in Gott Selbst keine wie immer geartete Beschränkung – weder nach oben noch nach unten – stattfinden kann, ebenso kann und darf auch im Menschen, aus dem ein wahres Gotteskind werden soll, keine Beschränkung – weder nach oben noch nach unten – je stattfinden; denn mit irgendeiner solchen Beschränkung wäre der Mensch kein Mensch mehr, sondern rein nur ein intelligenteres Tier, dessen Wille nur insoweit einen Schein von einer Freiheit hat, daß er das Tier gerade zu jener Tätigkeit antreibt, für die es die instinktmäßige Befähigung in sich hat, – darüber hinaus aber dann auch ewig nicht um ein Haar mehr!
GEJ|6|165|11|0|Aus einer einfachen Tierseele kann aber nie eine Menschenseele werden, und man sagt darum auch, daß die Tierseele mit dem Tiere stirbt, – was aber natürlich nur also zu verstehen ist, daß nämlich eine Tierseele nach dem Verenden des Tieres, zum Beispiel eines Ochsen, völlig aufhört, eine Ochsenseele zu sein, weil sie sich bei ihrem Austritt aus dem Tierleibe alsbald mit noch gar vielen anderen freien Tierseelen zu einer neuen und vollendeteren Seele vereinigt, sich eine Zeitlang zu einer Menschenseele qualifiziert und nachher in einen Menschenleib eingezeugt werden kann, – eine alte Wissenschaft, die bei den Urvätern in ihrer vollsten Klarheit gang und gäbe war und bei den Hochindiern noch heutigentages gang und gäbe ist.
GEJ|6|165|12|0|Allein darüber nun noch ein Weiteres zu verhandeln, wäre nutzlos, da es völlig genügt, daß der Mensch sich als Mensch und daraus Gott als seinen Schöpfer, Wohltäter und endlich als seinen alleinig wahren Vater erkennt, dem er als Mensch im Geiste völlig ähnlich werden soll in allem und auch werden kann, wenn er nur will. Sage du Mir nun, ob du das alles wohl begriffen hast!“
GEJ|6|165|13|0|Sagte Lazarus: „Ja, Herr und Meister von Ewigkeit! – Aber es fängt nun an, schon sehr abendlich zu werden. Wie wäre es denn, so wir uns wieder ins Haus begäben?“
GEJ|6|165|14|0|Sagte Ich: „Tun wir nun das! Aber sage den Jüngern nichts von all dem, was wir hier unter uns verhandelt haben; denn sie wissen von derlei Dingen ohnehin gar vieles, und es ist somit gar nicht nötig, ihnen das wieder kundzutun. Wir werden aber heute in der Nacht noch ein kleines Spektakel erleben, das aber nicht arger Art sein wird; darum sollst du auch nicht ängstlich werden, so es auftauchen wird. Jetzt aber gehen wir, sonst werden wir geholt werden, da deine Schwestern das Abendmahl schon bereitet haben!“
GEJ|6|166|1|1|166. — Das Wesen der Meteore und Kometen
GEJ|6|166|1|0|Wir gingen nun nach Hause, und als wir noch bei dreißig Schritte zu machen hatten, da ereignete es sich, daß ein große Feuermeteor, von Norden herkommend, gerade über uns gegen Süden hinflog, und zwar in einer solchen Schnelligkeit, daß er von Horizont zu Horizont kaum ein paar Augenblicke vonnöten hatte, um die mindestens vierhundert Stunden lange Strecke zu durchfliegen.
GEJ|6|166|2|0|Da sagte der bei solchen Erscheinungen auch noch etwas abergläubische Lazarus mit einer gewissen Aufregung zu Mir: „Herr, das bedeutet nichts Gutes!“
GEJ|6|166|3|0|Sagte Ich: „Warum denn? Wie sollte denn das etwas Schlechtes anzeigen?“
GEJ|6|166|4|0|Sagte Lazarus: „Eine schon gar alte Volkssage erklärt derlei Erscheinungen also: Wenn irgendwo auf der Erde ein gar großer Bösewicht stirbt, so ergreifen dann sieben der allerärgsten Teufel seine Seele und zerren sie durch die Luft. Vor lauter Schrecken, Angst und Schmerzen läßt sie alles unter sich gehen, und weil sie einmal schon der untersten Hölle angehört, so ist natürlich auch schon alles Feuer, was sie in ihrer Angst von sich läßt. Solch teuflischer und höllischer Unrat aber verpestet die Luft, und wo er etwa teilweise auf die Erde niederfällt, da geschieht dann aber auch schon ein Unglück über das andere und es gehören dazu viele Opfer und Gebete, um so einen Fleck von dem Übel zu reinigen. – So lautet die alte Volkssage. Ich nehme sie zwar durchaus nicht als bare Münze an; aber es ist da doch etwas Eigenes, daß so manche Dinge, die man als Kind gewisserart mit der Muttermilch eingesogen hat, nicht so leicht aus dem Menschen ganz hinauszubringen sind. Es haftet stets so eine Art Glauben daran, der sich von Zeit zu Zeit bei solchen vorkommenden sonst ganz unbegreiflichen Erscheinungen wieder erneuert und das Gemüt mit Furcht und Angst erfüllt. – Sage doch Du es mir, o Herr, was daran Wahres ist!“
GEJ|6|166|5|0|Sagte Ich: „An der alten Sage ist nicht ein kleinstes Fünklein Wahrheit; aber die Erscheinung selbst, als etwas ganz Natürliches, muß wahr sein, weil sie sonst niemals zum Vorschein käme. Was aber an der Erscheinung selbst ist, das will Ich dir gleich praktisch zeigen. Und so gib nun acht!
GEJ|6|166|6|0|Sieh, da ist ein Stein! Wenn jemand mittels einer außerordentlichen Kraft imstande wäre, ihn so mächtig durch die Luft zu schleudern, daß er in einem Augenblick nur hundert Stunden weit käme, so würde er durch die starke Reibung an den Luftschichten im Augenblick so glühend werden wie fließendes Erz. Aber auch die Luft, die der Stein durchschnitte, würde erglühen und hinter dem geworfenen, fliegenden Stein einen glühend aussehenden Streif bilden, der sich aber doch bald abkühlte und sonach verschwände, – geradeso, wie du das bei dem soeben über uns vorbeischwebenden Meteor gesehen hast. Solch ein Streif ist dann kein Unrat einer in den Krallen der Teufel befindlichen Seele, sondern nur die durch den höchst schnellen Flug des Steines mit glühend gemachte Luft. Damit du aber solches noch leichter begreifst, so nehme Ich nun diesen Stein und werde ihn mit der Macht Meines Willens in großer Schnelle in der Luft herumtreiben und ihn dann wieder hierher führen, wodurch du dann deinen alten Kinderglauben völlig loswirst.“
GEJ|6|166|7|0|Hier hob Ich den bei zehn Pfund schweren Stein auf und führte ihn mit Blitzesschnelle ein paar Augenblicke lang in weiten Kreisen durch die Luft, wo er noch mehr glänzte als der frühere ganz natürliche Meteor, und als er vor uns niederfiel, da war er noch so glühend wie geschmolzenes Erz und verbreitete eine große, kaum auszuhaltende Hitze um sich; und so man Holz auf ihn legte, brannte es gleich lichterloh auf. Da wunderte sich Lazarus.
GEJ|6|166|8|0|Und Ich sagte zu ihm in einem ganz gemütlichen Ton: „Siehe, Bruder, da hast du deine von sieben Erzteufeln getragene Bösewichtsseele! In ein paar Stunden wird sie schon wieder völlig abgekühlt sein.
GEJ|6|166|9|0|Aber hat dir dein Inneres noch nie gesagt, daß zu allen Zeiten das Priestertum alle außergewöhnlichen Naturerscheinungen vor den blinden Völkern zu seinem Nutzen auszubeuten verstanden hat?! Die Mond- und Sonnenfinsternisse, die Kometen, große Stürme und große feurige Erscheinungen in der Luft und noch andere seltene Erscheinungen erklärte es für außerordentliche, böse Anzeichen aus den Himmeln und ordnete bald große Gebete und Opferungen an. Das wurde schon den Kindern beigebracht, und wenn dann so eine Erscheinung zum Vorschein kam, lief das geängstigte Volk gleich zu den Priestern, und diese verordneten dann sofort, was ihnen am meisten frommte. – Nun, Bruder, frage Ich dich, ob du diesen Stachel noch nicht erkennst!“
GEJ|6|166|10|0|Sagte Lazarus: „Ja, jetzt erkenne ich ihn freilich wohl; aber früher war das für mich ja doch nicht möglich. Aber sind diese Priester doch Kerls, die wahrlich mit allen Teufelssalben gesalbt sind! Nun, ich danke Dir, o Herr, für diese Erklärung; denn jetzt erst bin ich ganz im klaren, was ich von diesen schwarzen Völkerbetrügern zu halten habe. – Aber die Kometen sollen doch im Ernste Vorboten der Kriege sein?“
GEJ|6|166|11|0|Sagte Ich: „Sie sind es – und sind es nicht! Sie sind es, weil das Volk daran glaubt, und es wird von den Engeln aus solch ein an und für sich ganz unschuldiges Zeichen auch gewählt, um den unbändigen Menschen die Zulassung eines Gerichtes anzuzeigen. Glauben darauf die Menschen und tun Buße, so wird auf einen Kometen kein Krieg folgen; bessern sie sich aber nicht, so wird der Krieg nicht ausbleiben, der allzeit der Vorgänger von allerlei nachfolgenden noch größeren Übeln ist, als da der Krieg selbst ist.
GEJ|6|166|12|0|An und für sich aber sind die Kometen nichts als werdende Erden, die sich nach und nach dem göttlichen Plane gemäß zu dem ausbilden, was sie werden sollen, – und da sind sie keine Vorboten des Krieges.
GEJ|6|166|13|0|Du meinst nun freilich, daß Gott eine Welt ja auch in einem Moment erschaffen könnte. O ja, das könnte Er gar wohl; aber da wäre in Gott keine Ordnung und also auch in keinem so plötzlich hervorgegangenen Geschöpf. Gott aber erschafft eine Welt aus Seiner Ordnung, und da entsteht eins nach dem andern, und es wird dadurch eine vollkommene Einheit der zahllosen Vielheit der göttlichen Gedanken und Ideen.
GEJ|6|166|14|0|Ein solcher Komet ist auch ein werdendes großes Gericht für eine gewisse Art von Geistern. Diese müssen sich nach und nach stets inniger und inniger ergreifen, so daß sie im Raum und in der Zeit am Ende eine buntmaterielle Masse bilden. Diese Bildung der sichtbaren, festen Masse nennen wir die Einhülsung der geistigen Potenzen, und diese Einhülsung ist das eigentliche Gericht, aus dem dann nach langen Zeiten die im Gerichte gefangengehaltenen Geister ihre selbständige Lebensfreiheit erlangen können. Und weil eben die Kometen werdende Gerichte sind, so ist denn auch ihr Einfluß bei einer größeren Annäherung zu einer schon lange fertigen Erde hin auch ein solcher oder wird von den Engeln Gottes als ein solcher für eine alte Erde benutzt, der auf ihr ein Gericht erweckt und namentlich die Menschen gegen Menschen erregt, – natürlich nur, wenn es not tut, das heißt, so die Menschen Gott sehr zu vergessen anfangen und sich selbst für Götter halten. – Jetzt weißt du denn auch, was du von den Kometen zu halten hast, und so können wir nun diese Stelle schon verlassen. Oder willst du zuvor noch etwas fragen?“
GEJ|6|166|15|0|Sagte Lazarus: „Herr, nur um zwei kleine Dinge noch; denn weiß ich nun durch Deine Güte schon das, was ich weiß, so möchte ich das wenige wohl noch hinzuwissen, auf daß mein Wissen nicht allzusehr ein Stückwerk sei! Die zwei kleinen Dinge aber bestehen darin: Erstens möchte ich von Dir noch erfahren, woher da die ganz natürlichen Meteore ihren Ursprung nehmen, wer sie mit solch einer unermeßlichen Heftigkeit von sich in die Luft hinausschleudert, und dann fürs zweite möchte ich von Dir erfahren, wohin die Kometen kommen, so sie nach und nach am Himmel unsichtbar werden.“
GEJ|6|166|16|0|Sagte Ich: „Was die Meteore betrifft, so haben sie einen doppelten Ursprung. Sie sind entweder Auswürfe der Sonne; denn die Sonne ist eine tausendmal tausend Male größere Erde als diese, auf der wir stehen. Auf ihrer Oberfläche geschehen denn auch zuweilen nach demselben Verhältnisse größere und heftigere Eruptionen (Ausbrüche) denn auf dieser Erde. Bei solchen Eruptionen werden dann auch stets eine große Menge loser, größerer und kleinerer, härterer und oft auch weicherer Massen mit einer für dich völlig unbegreiflichen Gewalt in den weiten Weltenraum hinausgeschleudert, und es kommen von ihnen auch stets welche in die Nähe dieser Erde. Und sowie sie ein wenig in die Region der Luft dieser Erde gelangen, erglühen sie und werden als fliegende Sterne sichtbar. Und schlagen sie zu tief in die dichtere Luftmasse der Erde, so werden sie in ihrer Schnelligkeit gehemmt und von dieser Erde als schwere Körper angezogen und fallen dann auch ganz natürlich auf dieser Erde Boden, entweder auf den trockenen oder auf den nassen, der auf dieser Erde der bedeutend größere ist.
GEJ|6|166|17|0|Also das ist die eine und häufigere Art der auf dieser Erde erscheinenden Meteore. Eine andere und seltenere Art der Meteore, wie der frühere einer war, entsteht aber auf dieser Erde selbst. Es gibt in der großen Reihe der Berge auf dieser Erde auch solche, die mit dem Innersten der Erde durch gewisse große Organe zusammenhängen und durch dieselben stets eine solche Nahrung bekommen, die nach und nach auch in eine stets heftigere Gärung gerät, durch die die inneren großen, hohlen Räume angefüllt werden, und zwar mit Luftarten, die sich leicht entzünden, wenn sie zu sehr gepreßt werden. Wenn der Akt der inneren Entzündung vor sich gegangen ist, so zerstören diese brennenden Luftarten die weniger festen Teile des Berges, brechen dann als lichterlohe Feuermassen durch und reißen die lockeren Klumpen mit und schleudern solche – wie eben unser früher gesehener einer war – dann auch mit einer immensen entsprechenden Gewalt entweder gerade über sich oder manchmal nach irgendeiner Richtung schief über die Erde hin, oft mehrere hundert Stunden weit weg von dem Orte ihrer Entstehung. Da fallen sie dann auf die Erde, ohne ihr dadurch irgendeinen Schaden zuzufügen.
GEJ|6|166|18|0|In größerer Nähe irgendeines feuerspeienden Berges würdest du derlei Erscheinungen sehr oft und sehr dicht zu Gesichte bekommen; aber hierher kommen aus den Kaukasusbergen nur solche, die zufällig bei ihrem Auswurf in eine solche Richtung, die sie offenbar hierher bringen muß, kommen, dazu aber auch mit der erforderlichen Kraft hinausgeschleudert worden sind. Dazu aber mußten sie auch schon bei ihrem Auswurf in einem sehr glühenden Zustande sein, wodurch sie die ihren raschen Flug hindernde Luft leichter besiegten, da diese vor ihnen augenblicklich verdünnt ward und daher ihrem Laufe weniger hinderlich war denn eine kalte und somit dichtere Luft.
GEJ|6|166|19|0|Und jetzt habe Ich dir diese Sache ganz in der natürlichen, weltweisheitlichen Art erklärt, mit der du voll zufrieden sein kannst. Eine tiefere, ganz geistige Erklärung darüber aber kann Ich dir nun deshalb nicht geben, weil du sie nicht fassen würdest; wenn Ich aber den Geist der Wahrheit über euch alle senden werde, dann wird er euch in alle Weisheit leiten. – Jetzt aber ist es auch schon höchste Zeit, ins Haus zu gehen. Sieh, die beiden Schwestern kommen uns schon holen!“
GEJ|6|166|20|0|Darauf erst gingen wir ins Haus, setzten uns sogleich an den Tisch und aßen und tranken ganz wohlgemut.
GEJ|6|166|21|0|Es fragten uns zwar einige Jünger, was wir solange im Freien gemacht hätten.
GEJ|6|166|22|0|Und Ich sagte: „Das, was ihr nicht gemacht und getan habt; und es war das denn auch mehr wert als euer Wortstreit über die vage Persönlichkeit oder Nichtpersönlichkeit des Beelzebub. Aber jetzt esset und trinket, auf daß ihr für morgen Kraft habt, einen heißen Tag standhaft zu ertragen!“
GEJ|6|166|23|0|Darauf fragte niemand mehr um etwas, und jeder aß und trank, was er vor sich hatte.
GEJ|6|167|1|1|167. — Lazarus wird Besitzer einer Erdölquelle
GEJ|6|167|1|0|Als wir aber das Abendmahl verzehrt hatten und ein Jünger nach dem andern anfing, sich vom Schlafe übermannen zu lassen, da sagte Ich: „Aber könnet ihr euch denn nicht nur noch eine kurze Zeit des Schlafes enthalten?“
GEJ|6|167|2|0|Sagte Petrus: „Ich weiß es wahrlich selber nicht, warum uns heute – und zwar jetzt nach dem Mahle – der Schlaf gar so übermannt, und wir haben doch heute beinahe den ganzen Tag hindurch mehr geruht als irgend etwas getan!“
GEJ|6|167|3|0|Sagte Ich: „Daher seid gleichfort tätig in Meinem Namen, und ihr werdet um vieles weniger schläfrig sein!“
GEJ|6|167|4|0|Als ich noch also redete, siehe, da geschah ein starker Knall, als hätte ganz in der Nähe der Blitz eingeschlagen. Die Wände erbebten, und die Zimmertüre öffnete sich und machte eine stark oszillierende Bewegung. Da war den Jüngern der Schlaf auf einmal vergangen, und alle wollten hinauslaufen, um nachzusehen, was denn da geschehen sein müsse.
GEJ|6|167|5|0|Ich aber hielt sie zurück und sagte zu ihnen: „Es ist nun nicht geheuer, hinauszugehen! Eine bedeutende Naphthaquelle ist in der Nähe, aber dennoch ziemlich tief in der Erde. Oberhalb der Quelle befindet sich ein großer, aber nach allen Seiten hin fest geschlossener Raum. In seinem unteren Teile ist er wegen einer in seiner Nähe sich befindenden Feuerader beinahe glühend, und es besteht deshalb in diesem Hohlraume eine stets bedeutend große Hitze. Diese bewirkt, daß die in diesen Hohlraum mündende Naphthaquelle gleichfort verdunstet und so den ganzen Hohlraum mit Naphthadunst ausfüllt. Wenn die Verdunstung nicht zu heftig vor sich geht, so wird der Dunst von den den hohlen Raum bildenden Steinmassen aufgesaugt. Wenn dann und wann aber die gewisse Steinwand mächtiger erglüht, so bewirkt das dann auch eine großartigere Verdunstung des Naphthas. Die Steinwände können so einen großen Vorrat nicht mehr aufnehmen, und so geschieht es dann, daß der Naphthadunst eine stets größere Spannung in dem großen Hohlraume bewirkt, der sich dann zu sehr, besonders an den glühheißen Felswänden, drückt und reibt und sich dadurch dann bald und leicht entzündet.
GEJ|6|167|6|0|Und sehet, ein solcher unterirdischer Naturgeisterakt ist soeben vor sich gegangen, was auch recht gut war; denn durch diese Entzündung des Naphthadunstes ist die etwa zwanzig Mannshöhen dicke Steinkruste auseinandergesprengt worden, und du, Lazarus, bist dadurch zu einer sehr ergiebigen Naphthaernte gekommen. Die Zersprengung der Grotte ist so glücklich vor sich gegangen, daß du ganz leicht zur eigentlichen Naphthaquelle gelangen wirst und bei nur einigem Fleiße täglich bei hundert Pfund wirst davon bringen können.
GEJ|6|167|7|0|Wie berühmt und gesucht aber das Naphthaöl ist, das weißt du ohnehin; und so bist du nun zu einer neuen Erwerbsquelle gekommen, die dir mit der leichtesten Mühe von der Welt viele tausend Pfunde Gold und Silber tragen wird. Denn so wohltätige Menschen wie du sollen auch auf der Erde so reich als möglich sein, damit sie wahrhafte Versorger der Armen und Schwachen sein können. Morgen werde Ich dir das Ganze zeigen, – aber in dieser Nacht wäre es nicht ratsam, in die Nähe dieser Stelle zu kommen; denn der starke Dampf würde niemandem in seiner leiblichen Gesundheit wohl zustatten kommen. Aber morgen nachmittag werden wir uns der Stelle ohne alles Bedenken nähern können.“
GEJ|6|167|8|0|Sagte Lazarus: „Herr, das hat schon wieder Deine Allmacht zuwege gebracht! Denn meine Urahnen bis auf mich herab haben da nie etwas von einer Naphthaquelle wahrgenommen. Nur dann und wann hat man an sehr warmen Tagen zur Nachtzeit in der Luft einen ganz leisen Naphthaduft verspürt, was man sich aber allzeit also erklärt hat, daß solcher von Jerusalem herkäme, so die Luft von dorther weht; denn in Jerusalem wird sehr viel Erdöl verbrannt, das zumeist von Persien und Arabien durch den Handel zu uns kommt, aber stets ziemlich teuer ist. Aber daß sich auf meinem Grund und Boden eine solch seltene Quelle befinden sollte, das hat sich nie jemand gedacht! Ja, ich kann Dir, o Herr, dafür wohl nichts anderes tun als nur danken für mich und für alle armen Menschen, die nun dabei ihren guten Unterhalt finden sollen!“
GEJ|6|167|9|0|Sagte Ich: „Lasse das nun gut sein! Daß du deine Erdenschätze nach dem Willen Gottes verwendest, wie sie auch dein Erdenvater verwendet hat, das weiß Ich; aber es werden sich nach dir und nach deinen Schwestern, da ihr keine Nachkommen habt, die Kinder des Bruders deines Vaters in den Besitz dieser deiner Güter setzen. Daher suche du den Erben wohl zu unterweisen, in deinen Fußstapfen zu wandeln; denn so er da eigenen, weltlichen Weges ginge, so würden ihm die Güter genommen und ihm selbst der Bettelstab gereicht werden, die Güter aber würden den Heiden überantwortet werden. Darum unterrichte ihn davon, auf daß er wohl weiß, was er zu tun hat! – Jetzt aber ist die Zeit zur Ruhe gekommen, und so wollen wir unseren Gliedern einige Rast gönnen!“
GEJ|6|167|10|0|Darauf begab sich alles zur Ruhe.
GEJ|6|168|1|1|168. — Lazarus und die Tempelspione
GEJ|6|168|1|0|Am frühen Morgen aber wurden alle, die im Hause ruhten, durch ein starkes Gebell der sieben Hunde aus dem Schlafe geweckt, und Lazarus ging mit seinen Knechten nachsehen, was es da gäbe. Da ersah er eine große Schar Menschen beiderlei Geschlechts, die sich außerhalb des Eingangstores aufgestellt hatten, aber von den Hunden derart umringt waren, daß sie sich keinen Schritt weiter und keinen zurück zu machen getrauten. Als sie den wohlbekannten Lazarus mit seinen vielen Knechten ankommen sahen, da schrien und baten sie um Hilfe. Lazarus rief die Hunde zu sich und fragte die Schar, was sie schon so früh in Bethania gesucht hätten.
GEJ|6|168|2|0|Da nahm ein junger Levite für alle das Wort und sagte: „Freund, wir haben in der Nacht einen mächtigen Donnerknall aus dieser Gegend vernommen und wollten uns hier nur erkundigen, ob du uns etwas Näheres davon zu sagen wüßtest. Als wir nun hierher kamen, da liefen uns diese furchtbar grimmigen Bestien mit einem erschrecklichen Geheul in großer Hast entgegen und machten offenbar eine solche Miene, uns jeden Augenblick in tausend Stücke zu zerreißen! Da reicht ja eine solche allerkräftigste wahre Löwenbestie für hundert unbewaffnete Menschen aus, – wozu dann gar sieben?! Da kann sich ja nie mehr ein Mensch deinem gastfreundlichen Hause nahen!“
GEJ|6|168|3|0|Sagte nun Lazarus zu dem Leviten: „In der großen Natur Gottes geschieht doch gar oftmals etwas Ungewöhnliches, – warum denn nicht auch einmal ein großer Knall? Gehet nach Sizilien; dort werdet ihr solcher Knallerei gar oft begegnen! Wir haben den starken Knall ebensogut vernommen wie ihr, sind auch erschrocken, – aber nachsehen sind wir nicht gegangen, wo etwa der Knall geschehen sei; denn dazu gibt es noch Zeit zur Genüge! Was kümmert denn euch Jerusalemer der große Knall gar so besonders? Ich bin vielmehr der Meinung, daß ihr aus einem ganz andern Grunde so früh herausgeeilt seid und nicht des Knalles wegen! Euch alle hat irgendeine schlechte Absicht herausgelockt, und das haben diese meine Wächter gar wohl erkannt und sind euch eben darum gar so wütend entgegengerannt. Saget mir aufrichtig, was ihr so ganz eigentlich hier gesucht habt!“
GEJ|6|168|4|0|Hier stutzten alle, und einer sagte so halblaut: „Es ist nun in der Welt schon rein nichts mehr zu machen, – wir sind schon wieder verraten! Man kann jetzt nicht einmal mehr den vier Wänden seines Wohnzimmers trauen, ja nicht einmal mehr seinen höchsteigenen Gedanken; denn die Menschen lesen einem nun schon ganz klar vom Gesichte ab, was man sich gedacht hat!“
GEJ|6|168|5|0|Lazarus aber, da er diese Worte wohl vernommen hatte, sagte: „Ja, da hast du recht! Die Menschen haben es jetzt schon so weit gebracht, daß sie dir mit ziemlicher Bestimmtheit sagen können, was mit dir in zehn Jahren geschehen wird, und so frage ich euch noch einmal in aller Güte, warum ihr eigentlich so früh hierhergekommen seid. Den Knall habt ihr nur zum Vorwand genommen; eigentlich aber – um euch die Rede zu ersparen – seid ihr nur darum so früh gekommen, um bei mir alles auszuspionieren, wer sich etwa unter meinem Dache befindet. Und das tatet ihr sogar heute als am herrlichsten Festtage, auf daß ihr Templer in eurem großen Ärger eine Sache wider mich finden könntet! Da ich aber solche eure schnöden Absichten gegen mich schon lange klar durchschaut habe, so habe ich, als nunmehr vollkommen ein römischer Bürger, euch einen starken Riegel vor meine Tür geschoben, den ihr mit aller eurer eingebildeten Macht niemals erbrechen werdet. Ich werde als Jude meinen Verpflichtungen stets nachkommen, aber nur – sage – jenen, die Moses vorgeschrieben hat; alle andern gehen mich nichts an! Habt ihr mich verstanden?
GEJ|6|168|6|0|Gehet nur hin und verkündet das laut allen euren Oberen! Saget es auch allen: Wehe jedem Templer, der je wagt, dies mein Haus in einer feindlichen Absicht zu besuchen! Wahrlich, dem soll es übel ergehen! Ich lasse jedermann in Ruhe und gebe jedermann ohne Rückhalt, was ihm gebührt. Wer mehr von mir verlangt, der ist ein Dieb und Räuber; denn er verlangt das, was nicht ihm, sondern seinem armen Nächsten gebührt. Und ein solcher – und wäre er ein tausendfacher Priester – ist mein Feind und darf sich meinem Hause, solange ich leben werde, nimmer nahen! Solches verstehet wohl und beachtet es zu eurem Frommen! Und nun sehet, wie ihr weiterkommt, sonst lasse ich meine Wächter wieder los!“
GEJ|6|168|7|0|Da sagte keiner auch nur eine Silbe mehr, und alle machten sich eiligst auf den Rückweg.
GEJ|6|168|8|0|Als sie im Tempel ankamen, da wurden sie sogleich befragt, was sie gesehen und erfahren hätten.
GEJ|6|168|9|0|Die Leviten aber sagten: „Da richten wir mit aller unserer Klugheit nichts mehr aus, – da ist es ein für alle Male vorbei! So ihr Herren des Tempels aber das nicht glauben wollet, da gehet selbst hinaus und lasset euch von seinen Löwen zerreißen und auffressen! Die Bestien sind so abgerichtet, daß sie die innersten Gedanken der Menschen riechen; ihr dürft nur irgendeine dem Lazarus feindliche Absicht in euch bergen, – und die Bestien schnuppern das schon von weitem, und um euch ist es geschehen! Das haben wir gesehen und teilweise auch ein wenig erfahren. Wenn uns auf unser Geschrei Lazarus selbst nicht wenigstens mit hundert Knechten zu Hilfe geeilt wäre, so ruhte unser Fleisch nun schon in den Bäuchen der großen, reißendsten Bestien! Das ist alles, was wir gesehen und erfahren haben; wollet ihr uns aber etwa nicht glauben, da gehet hin und überzeuget euch selbst!“
GEJ|6|168|10|0|Da sagten die Oberen nichts mehr, sondern sie wurden bei sich voll Ingrimm und sagten unter sich: „Das macht alles der verruchte Galiläer! Wenn wir seiner nicht bald habhaft und loswerden, so verführt er uns das ganze Volk, und wir alle können dann das Weite suchen! So der Galiläer etwa heute wieder zum Feste kommen sollte, da muß alles aufgeboten werden, um ihn aus dem Wege zu räumen!“
GEJ|6|168|11|0|Da sagte der Levite: „Lasset euch nur diese Gier vergehen! Ist nicht schon mehr als das halbe Volk für ihn?! Und kennet ihr etwa seine unbegrenzte Macht? Er durchschaut eure Gedanken schon lange eher, als ihr sie noch gedacht habt, und kann euch deshalb auch schon eher verderben, als ihr es für euch erwarten dürftet!“
GEJ|6|168|12|0|Sagte ein Oberer: „Was kann er uns tun? Seine Macht ist vom Beelzebub!“
GEJ|6|168|13|0|Sagte der Levite: „Ganz gut; aber er hatte sicher auch des Lazarus Löwen verbeelzebubt! Gehet hin mit der ganzen Bundeslade und mit dem Aaronsstabe in der Hand, und die grimmigen Bestien werden es euch dann schon sagen, um welche Beelzebubszeit es nun ist! War der Galiläer ja doch schon mehrere Male hier im Tempel und lehrte das Volk frei und offen; was habt ihr gegen ihn mit allem eurem Grimme auszurichten vermocht? Nichts! Was werdet ihr dann heute gegen Ihn ausrichten? – Er wird kommen und wird lehren in eurem Angesichte, und ihr werdet seiner vermeinten Beelzebubsmacht nichts entgegenstellen können!“
GEJ|6|168|14|0|Sagte ein Oberster: „Seid etwa auch ihr schon von ihm verführt wie das dumme Volk, das darum verflucht ist?“
GEJ|6|168|15|0|Sagte der Levite: „Das sicher nicht; aber so viel gesunden Sinnes habe ich, daß ich recht klar einsehe, was da möglich und was da nicht möglich ist! Wir haben von gar getreuen und wahrhaftigen Zeugen vernommen, was der Galiläer alles vermag. Wollet ihr euch aber schon mit ihm in einen Kampf einlassen, so wird es sich am Ende ja doch sicher zeigen, wer da ganz unfehlbar geradeso den kürzeren ziehen wird, wie auch wir heute in Bethania den sehr kürzeren gezogen haben!“
GEJ|6|168|16|0|Sagte der Obere: „Das wird sich alles noch zeigen; wir fürchten ihn nicht! – Und nun gehet an eure Verrichtung!“
GEJ|6|168|17|0|Dadurch hatte der Levite die Oberen denn doch stutzig gemacht, und Ich konnte Mich darum später freier im Tempel bewegen.
GEJ|6|169|1|1|169. — Des Herrn Hinweis auf Seinen Kreuzestod
GEJ|6|169|1|0|Zu Hause aber war, als Lazarus wieder ins Haus kam, das Morgenmahl bereitet, das wir alsbald zu uns nahmen. Lazarus wollte uns alles erzählen, was sich am frühen Morgen draußen zugetragen hatte.
GEJ|6|169|2|0|Ich aber sagte: „Lasse das gut sein; denn Ich weiß ja ohnehin um alles und habe, während du draußen warst, auch den Jüngern kundgetan, was sich da alles zugetragen hat, und auch das schon zum voraus, was soeben der mitgesandte Levite den Oberen für eine Nachricht von Bethania gebracht hat, – die nicht, die du ihm gewisserart aufgegeben hast, sondern eine ganz andere, die sehr dazu taugt, daß Ich Mich heute leichter im Tempel bewegen werde! Es war sonach ganz gut, daß das heute frühmorgens geschah. Jetzt aber werden wir uns auch sogleich aufmachen und hinauf nach Jerusalem ziehen; denn heute als am dritten und letzten Tage des Festes, allwann selbes stets am prunkvollsten ist und das meiste Volk herbeizieht, will Ich abermals im Tempel auftreten und das Volk lehren.“
GEJ|6|169|3|0|Da sagte Nathanael: „Herr, da wird es Spektakel über Spektakel absetzen; ich wünsche nur, daß wir mit heiler Haut davonkommen!“
GEJ|6|169|4|0|Sagte Ich: „Sorget euch um etwas anderes; ihr werdet sogar dann noch mit heiler Haut davonkommen, wenn Ich zwischen Missetätern am Kreuze hängen werde!“
GEJ|6|169|5|0|Sagt Lazarus: „Was sagst Du, o Herr? Du solltest ans Kreuz gebunden werden? Nein, ehe das geschieht, lasse ich durch meine Knechte im ganzen Tempel Feuer legen, und alle die argen Templer müssen zu Asche verbrannt werden!“
GEJ|6|169|6|0|Sagte Ich: „Lasse das gut sein, Mein Bruder! Denn soll der Mensch zur vollsten Gottähnlichkeit gelangen, so muß sein Wille dahin ins unendlichste frei gestellt sein, daß er sich verkehrten Sinnes auch an seinem Gott und Schöpfer vergreifen kann. Denn – wie Ich es dir schon gesagt habe – so der Mensch nicht die Fähigkeit hat, ein vollendetster Erzteufel zu werden, so hat er auch diejenige Fähigkeit nicht, zur vollsten Gottähnlichkeit zu gelangen.
GEJ|6|169|7|0|Der Mensch hat also den freiesten Willen, den er durch die gegebenen Gesetze in sich erkennt. Was wären aber die Gesetze und was der freie Wille des Menschen, so in ihm der Reiz nicht wäre, die Gesetze zu übertreten, wie und wann er will?! Ohne solchen Reiz wäre der Mensch nichts als ein Tier, das nicht anders handeln kann, als wie das in selbes gelegte Mußgesetz es antreibt.
GEJ|6|169|8|0|Dem Menschen ist aber für seinen geistigen Teil kein Mußgesetz gegeben, sondern nur ein geistiges Gesetz unter dem Ausdruck ,Du sollst‘. Und so ist der Mensch in seinem Wollen und Verlangen ganz frei gestellt und kann sich sogar an Meinem Leibe vergreifen, der nun ein Träger des Geistes ist und vergeistigt auch fortan bleiben wird.
GEJ|6|169|9|0|Ich habe dir dieses nun darum gesagt, auf daß es dich dann nicht wundernehmen soll, wenn solches an Meinem Leibe geschehen wird, – aber für die böse Absicht der Menschen, die solches tun werden, ganz vollkommen vergeblich; denn Ich werde darauf am dritten Tage dennoch so vollkommen wieder bei euch und unter euch sein, wie Ich jetzt unter euch bin. Aber darauf erst wird das Gericht für die arge Tempelbrut seinen Anfang nehmen. Da ihr alle nun solches wisset, so seid frohen Mutes und folget Mir in den Tempel!“
GEJ|6|169|10|0|Hierauf erhoben wir uns alle und zogen hinauf in den Tempel.
GEJ|6|170|1|1|170. — Der Herr lehrt im Tempel (Ev. Joh. 7,37-49)
GEJ|6|170|1|0|Als wir uns im Tempel befanden, da blieben die Jünger mehr im Hintergrunde und verteilten sich unters Volk, um desselben Urteile über Mich zu vernehmen.
GEJ|6|170|2|0|Ich aber trat mitten im Tempel auf einen erhabenen Platz, während noch allerlei Festzeremonien im besten Gange waren, und rief laut zum Volke: „Wen da dürstet, der komme zu Mir und trinke!“ (Joh.7,37)
GEJ|6|170|3|0|Da meldeten sich einige um Mich stehende Juden und sagten: „Wo hast du denn etwas, das wir trinken möchten?“
GEJ|6|170|4|0|Darauf sagte Ich: „Wer an Mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen!“ (Joh.7,38)
GEJ|6|170|5|0|Da sahen sich die Juden an und fragten sich untereinander, was das sein solle; denn sie wußten nicht, daß Ich nur von dem Geiste redete, den die empfangen sollten, die an Mich glauben. Denn – wie Ich schon mehrmals erklärt habe – der Heilige Geist konnte vor Meiner Verklärung nicht dasein, außer in Mir allein. (Joh.7,39)
GEJ|6|170|6|0|Viele aus dem Volke aber, die diese Worte vernahmen, sagten unter sich: „Wahrlich, dieser Galiläer redet wie ein wahrer Prophet und ist somit auch ein vollkommen rechter Prophet.“ (Joh.7,40)
GEJ|6|170|7|0|Wieder andere, die Mich aus Meinen Taten näher kannten, sprachen: „Was Prophet, was Prophet! Er ist Christus, der verheißene Messias! Denn auch Gott kann nichts Größeres tun, als was Er tut!“
GEJ|6|170|8|0|Aber etliche fragten und sagten: „Soll denn irgend nach der Schrift Christus wohl aus Galiläa kommen? (Joh.7,41) Spricht denn nicht die Schrift: ,Christus wird von dem Samen Davids sein und wird aus dem Flecken Bethlehem kommen, wo David war!‘?!“ (Joh.7,42)
GEJ|6|170|9|0|Da sprachen einige, die von Meiner Abkunft und von Meiner Geburt wohl unterrichtet waren: „Ja, wenn ihr das verlanget, dann trifft das bei diesem Propheten ja ohnehin alles ein! Er ist erstens ein Sohn Josephs, des allbekannten Zimmermanns in Nazareth, und der Maria, einer Tochter Joachims und der Anna, und diese beiden stammen erwiesenermaßen vom Stamme Davids ab. Und zweitens ist es allbekannt, daß Er zu Bethlehem in einem Stalle bei Gelegenheit der allgemeinen Kaiser-Augustus-Volksbeschreibung geboren und acht Tage darauf von Simeon beschnitten ward und den Namen Jesus erhielt. Wenn aber das, warum zweifeln wir denn noch, daß Er Christus ist?“
GEJ|6|170|10|0|Es war demnach auf diese Art ein Zwiespalt unter dem Volke darüber, was Ich eigentlich sei. (Joh.7,43)
GEJ|6|170|11|0|Es wurden aber etliche Pharisäerfreunde von den Pharisäern angegangen, Mich zu ergreifen; denn das konnten die Templer nicht mehr ertragen, daß Mich das bessere Volk selbst für Christus auszurufen anfing. Es kamen dann einige zu Mir her, um Mich zu ergreifen; aber in Meiner Nähe verließ sie der Mut, und keiner getraute sich, Hand an Mich zu legen. (Joh.7,44) Neben den Pharisäerfreunden aber wurden von den Pharisäern auch ihre Knechte beordert, Mich zu ergreifen und ihnen zu überbringen; aber auch diese blieben vor Mir stehen und hörten zu, wie Ich dem Volke die Gebote Gottes und die Gebote der Liebe erklärte auf die Art und Weise, wie Ich sie anderorts schon oft erklärt habe, und darum die oft vorgekommene Erklärung nicht noch hierher zu setzen brauche. Die Knechte aber sahen auch die große Volksmenge, die an Mich glaubte, und getrauten sich auch darum nicht, Mich anzurühren.
GEJ|6|170|12|0|Als Ich im Lehren eine Pause machte, da kehrten die Knechte unverrichteterdinge wieder zu den Pharisäern zurück. Als sie aber wieder ohne Mich zurückkamen, da herrschten die Pharisäer sie ganz zornig an und sprachen: „Warum habt ihr ihn denn nicht ergriffen und zu uns gebracht? (Joh.7,45) Sehet ihr denn das nicht selbst ein, daß er uns gerade inmitten des herrlichsten Festes stört und dazu noch alles Volk von uns abwendig macht? Warum also habt ihr ihn nicht ergriffen und ihn uns zur gerechten Bestrafung überbracht?“
GEJ|6|170|13|0|Da antworteten die Knechte: „Höret, es hat noch nie ein Mensch so weise geredet wie dieser Galiläer! (Joh.7,46) Der muß wahrlich von Gottes Geist erfüllt sein!“
GEJ|6|170|14|0|Da erwiderten ihnen die Pharisäer: „Was hören wir von euch? Seid denn auch ihr schon von ihm verführt? (Joh.7,47) Glaubt denn auch irgendein Pharisäer oder ein Oberster an ihn?! (Joh.7,48) Nein, – sondern nur das dumme Volk, das nichts vom Gesetze weiß und darum verflucht ist!“ (Joh.7,49)
GEJ|6|170|15|0|Da sagten die Knechte: „Wir haben es euch schon letzthin gesagt, wie es sich mit dem von euch verfluchten Volke verhält, und dabei bleibt es! Ist es euch aber nicht recht, so gehet selbst hin unter das Volk und saget es ihm, daß es darob verflucht sei, weil es an den Galiläer glaubt, – dann wird euch das Volk schon zu erkennen geben, wie es mit eurem Fluche zufrieden ist! Ihr habt euch überhaupt vorgenommen, jeden Andersgläubigen zu verdammen, ohne zu untersuchen, ob des Nächsten Glaube nicht vielleicht in so manchen Stücken besser ist als der unsrige! Aber wir als ganz gemeine Knechte finden das ungerecht; denn solange Gott einen Menschen nicht richtet und verdammt, so lange sollen auch wir sterblichen Menschen Ihm nicht vorgreifen und dem Allweisesten etwa dadurch zu verstehen geben, daß wir Erdenwürmer noch weiser sind als Er. Verfluchet nur einmal auch den Glauben der Römer – aber so hübsch offen! –, die werden es euch dann schon sagen, was sie auf euer Gericht halten!“
GEJ|6|170|16|0|Sagten die Pharisäer: „Hebet euch von dannen; denn wir sehen, daß auch ihr schon verführt seid!“
GEJ|6|170|17|0|Sagten die Knechte: „Schlecht genug von euch, daß ihr uns und das Volk nicht besser zu unterrichten verstehet! Denn ihr werdet doch von uns nicht verlangen, daß wir vor euren falschen und schlechten Wundern Achtung haben sollen, da wir zu euren Wundern stets selbst die Werkzeuge und die geheimen Wundertäter waren?! Die Wunder aber waren allzeit noch das, was dem Volke vor euch Respekt einflößte, während alle eure Predigten und Lehren als ganz antimosaisch schon für die allerdümmsten Menschen zu dumm und zu schlecht waren! Ihr dürfet uns wahrlich nicht viel machen, sonst verraten wir dem Volke alle eure alten und nichtssagenden Wunder, und ihr könnet dann schauen, wie ihr mit dem Volke fertig werdet!“
GEJ|6|170|18|0|Hier wurden die Pharisäer mit den Knechten freundlicher, und diese gingen von dannen.
GEJ|6|171|1|1|171. — Die Pharisäer und Nikodemus (Ev. Joh. 7,50-53)
GEJ|6|171|1|0|Als die Knechte aber weg waren, da wandten sich die Pharisäer an den Obersten Nikodemus – der ein großer Weiser war und damals, als Ich Mich zuerst offen in Jerusalem mit den zwölf Jüngern bewegte, von Meiner Lehre ergriffen, in der Nacht zu Mir kam – und fragten ihn, was da Rechtens zu machen wäre.
GEJ|6|171|2|0|Da sagte Nikodemus zu ihnen (Joh.7,50): „Ihr habt euch zwar sehr geärgert über die kecke Widerrede unserer Knechte; aber ich selbst muß offen bei mir gestehen, daß sie durchaus recht hatten. Denn forschet selbst nach, ob es wohl in irgendeinem Gesetze geschrieben steht, daß man einen Menschen schon eher verurteilen soll, als man ihn verhört und daraus erkannt hat, was Strafbares er irgend getan hat! (Joh.7,51) Ich als ein Schriftgelehrter kenne kein solches Gesetz; nach welchem Gesetze aber wollet dann ihr einen Menschen eher verurteilen, als ihr ihn verhört habt?“
GEJ|6|171|3|0|Da sagten die Pharisäer: „Du bist unter uns wohl einer der ersten Schriftgelehrten, was dir niemand in Abrede stellen kann, und bist darum auch ein Oberster unter den Schriftgelehrten; aber du bist dennoch auch ein Galiläer und somit auch ein Freund dieses Galiläers! Aber gehe hin und forsche nach in der Schrift, und da steht es geschrieben: Aus Galiläa steht kein Prophet auf!“ (Joh.7,52)
GEJ|6|171|4|0|Sagte lächelnd Nikodemus: „Das ist zwar wahr, und ihr braucht mich nicht auf die Schrift zu verweisen, da ich sie wahrlich vom Alpha bis zum Omega besser innehabe denn ihr alle zusammen; aber ich verweise euch auf etwas anderes, und zwar auf das Beschneidungsprotokoll des Jahres der ersten Volksbeschreibung des Kaisers Augustus, und da werdet ihr finden, daß dieser nunmalige Galiläer nicht in Galiläa, sondern in Bethlehem, der alten Stadt Davids, geboren ist, und daß seine beiden Eltern in der geradesten Linie von David abstammen!
GEJ|6|171|5|0|Es kann somit der von euch zitierte Ausspruch der Schrift bei diesem Galiläer nicht im entferntesten Sinne in irgendeine Anwendung gebracht werden, und das um so weniger, da es auch ausdrücklich im Gesetze lautet: Ein jeder Jude hat lebenslänglich dort seine heimatliche Zuständigkeit, wo er geboren und beschnitten worden ist, und die Gemeinde hat für ihn zu sorgen, so er schwach und arbeitsunfähig geworden ist. Ein Heide aber erhält seine Zuständigkeit alldort, wo er zum Juden beschnitten und beschrieben worden ist, und ist als ein einheimisches Mitglied solcher Gemeinde zu betrachten und anzunehmen.
GEJ|6|171|6|0|Sehet, Freunde, so wir aber dieses Gesetz nicht aufheben können, und anderseits durch die Augusteischen Beschneidungs- und Beschreibungsprotokolle unbestreitbar dargetan ist, daß dieser Volkslehrer kein geborener Galiläer ist, so hat das Volk der Wahrheit nach auch gar keinen Grund, diesen Menschen nicht für einen rechten Propheten zu halten!“
GEJ|6|171|7|0|Sagten die Pharisäer: „Da sollten wir aber doch so viel Weltklugheit besitzen, diese Protokolle aus dem Wege zu räumen!“
GEJ|6|171|8|0|Sagte Nikodemus: „O ja, die schon, die in unseren Archiven sind, – aber die nicht, die sich leider in den Archiven der Römer befinden! Und diese revidieren alljährlich, gar kritisch vergleichend, unsere Tempelprotokolle! Wehe uns, wenn da etwas fehlte oder umgeändert gefunden würde! Ich fürwahr möchte dann nicht in einer unserer Häute stecken!“
GEJ|6|171|9|0|Sagten die Pharisäer: „Hm, hm, das ist freilich bös!“
GEJ|6|171|10|0|Sie wußten darauf nichts Weiteres einzuwenden, verließen ganz still den Tempel und das Fest, und ein jeder von ihnen ging ganz ruhig heim. (Joh.7,53)
GEJ|6|171|11|0|Während aber vorn im Tempel zwischen den Knechten, Pharisäern und Nikodemus diese Verhandlungen stattfanden, die hier umständlich ohne alle Hinweglassung des Geschehenen wie des Gesprochenen treu wiedergegeben sind, unterrichtete Ich das Volk ohne alle weiteren Anstände und zeigte ihm auch verständlich die leere und völlig ungesetzliche Gleisnerei und Betrügerei der Templer. Und da war denn auch nicht einer, der Mir entgegen behauptet hätte, daß Ich von den Templern Unrichtiges ans Tageslicht gestellt hätte, und alles Volk bat Mich, auch noch den nächsten Nachfesttag wieder in den Tempel zu kommen und es mit den belebendsten Worten der allerhandgreiflichsten Wahrheit zu erquicken.
GEJ|6|171|12|0|Und viele sagten: „Meister, wir danken Dir für diesen göttlichen Trank; denn uns hat es schon gar lange nach solcher Wahrheit gedürstet, und Du hast unseren großen Durst nun wahrlich in einer solchen Weise gestillt, daß es uns in Ewigkeit nimmer so sehr dürsten wird, wie es uns zu dieser Stunde gedürstet hat! Du bist wahrlich Davids Nachkomme und bist der verheißene Gesalbte Gottes!“
GEJ|6|171|13|0|Ich aber sah alle freundlichst an und versprach ihnen, auch noch am nächsten Tage in den Tempel zu kommen und ihnen ein noch größeres Licht zu geben, wofür Mir alles Volk zurief: „O komme, komme und erleuchte uns in dieser Nacht des Tempels!“
GEJ|6|171|14|0|Darauf verließ Ich mit all den Jüngern und Lazarus den Tempel.
GEJ|6|172|1|1|Der Herr auf dem Ölberg (Ev. Joh. Kap. 8)
GEJ|6|172|1|1|172. — Der Herr und die Seinen in der Herberge des Lazarus auf dem Ölberg (Ev. Joh. 8,1)
GEJ|6|172|1|0|Als wir draußen im Freien waren, da hieß es (die Jünger und Lazarus): „Was werden wir jetzt machen? Sollen wir nach Bethanien zurückkehren, oder sollen wir irgend etwas anderes unternehmen in Jerusalem?“
GEJ|6|172|2|0|Lazarus fragte Mich um Meine Meinung.
GEJ|6|172|3|0|Und Ich sagte zu ihm: „Du für dich kannst tun, was du willst und magst; aber Ich kann heute nicht nach Bethanien gehen, denn die Templer haben auf dem Wege gen Bethanien Spione aufgestellt, um zu erfahren, ob Ich Mich etwa bei dir aufhalte. Und würden sie das erfahren, so würden sie dir dann noch mehr Verdruß bereiten. Ich habe Mir darum vorgenommen, diesen Tag und auch die Nacht auf dem Ölberge in der kleinen und stets sehr armseligen Herberge zuzubringen.“
GEJ|6|172|4|0|Sagte Lazarus: „Das ist ja sehr löblich; denn der halbe Ölberg und die Herberge gehören ja auch mir! Oh, da wird es uns ganz gut gehen! Die Herberge war noch vor drei Jahren sehr stark besucht; aber seit meinen Reibungen mit dem Tempel geht das Besuchen sehr schwach, weil die Pharisäer es für jeden Juden als eine Sünde erklärten, meine Herberge auf dem Ölberge zu besuchen. Der Grund scheint einfach allein darin zu liegen, daß ich auch diese meine Besitzung unter die römische Gerichtsbarkeit stellte, als die Templer sich alle Mühe gaben, mir die Besitzung abzuschwätzen. Ich habe ihnen dadurch einen Riegel vor die Tür geschoben, was sie natürlich ganz ungeheuer ärgerte. Da aber nun auch diese Besitzung der römischen Oberherrschaft untertan ist, so erklären die Templer sie für völlig unrein, und ein jeder Jude, der diese Herberge besuche, verunreinige sich auf ein volles Jahr. Siehe, darin liegt der eigentliche Grund, warum meine Ölbergsherberge nun um vieles weniger besucht wird als zuvor; nur Römer und Griechen besuchen sie zu öfteren Malen. Aber darum ist die Herberge dennoch mit allem bestens versehen, und es wird uns darin nichts abgehen. Gerade von der Herberge aus hat man eine schöne Aussicht beinahe über ganz Jerusalem und in die weite Umgegend, und ich bin überzeugt, daß es Dir oben sehr wohl gefallen wird.“
GEJ|6|172|5|0|Sagte Ich: „Ganz gut, Mein lieber Bruder! Ich weiß darum und habe Mir eben deshalb vorgenommen, diesen Tag und diese Nacht auf dem Ölberge zuzubringen; denn da oben sind wir vor all den lästigen Besuchen der Juden und Pharisäer sicher. Und so können wir uns nun schon auf den Weg dahin machen!“
GEJ|6|172|6|0|Alle waren damit ganz vollkommen zufrieden, und Ich ging mit den Jüngern auf den Ölberg. (Joh.8,1) Lazarus aber eilte voraus, um seinen Dienern anzugeben, was sie zu tun und zu bereiten hätten. Es wurden da sogleich alle Füße und Hände in tätigste Bewegung gesetzt, damit für uns ein wahrhaft festliches Mittagsmahl bereitet würde.
GEJ|6|172|7|0|Wir aber ließen uns Zeit und bestiegen ganz gemächlich unseren Ölberg, der daher den Namen hatte, weil er auf seinen felsenfreien Flächen sehr reichlich mit lauter Ölbäumen bepflanzt war. Den größten Teil des ölreichsten Berges besaß unser Lazarus; der kleinere stadtseitige und am meisten felsige Teil aber gehörte einem Griechen, der sich sehr wenig um diesen Besitz kümmerte und die jährliche Ölfechsung (Ölernte) stets um einige Silberlinge dem Lazarus überließ, und dieser war somit auch zur Hälfte Besitzer des stadtseitigen Ölberges.
GEJ|6|172|8|0|Der Ölberg war gerade kein hoher Berg, hatte aber doch einige Stellen, die ziemlich steil waren, und man hatte darum doch beinahe eine halbe Stunde Zeit vonnöten, um ganz auf seine höchste Kuppe zu gelangen. Der Tempel stand auch auf einer ziemlichen Anhöhe und war selbst ein sehr hohes Bauwerk; aber von der Höhe des Ölberges mußte man seine Blicke doch ziemlich abwärts richten, so man des Tempels hohe Kuppel sehen wollte. Kurz, in der Nähe von Jerusalem war der Ölberg wohl der höchste Berg.
GEJ|6|172|9|0|Wir kamen denn auch dem vorangeeilten Lazarus bald nach und lagerten uns um die Herberge unter den Ölbäumen und machten unsere Betrachtungen, bis Lazarus kam und uns zum bereiteten Mahle zu kommen bat. Wir erhoben uns vom Boden und gingen in die Herberge, in der der Speisesaal durchaus nicht zu den kleinen gehörte; denn hundert Gäste hatten in ihm ganz bequem Raum zur Genüge. Der große Tisch war vollbesetzt mit Brot, Wein und allerlei edlen Früchten, und in den Schüsseln dufteten wohlzubereitete Fische aus dem Flusse Jordan und aus dem starken Bache Kidron. Den Jüngern wässerte schon der Mund bei dem Anblicke. Wir setzten uns denn auch alsbald zu Tische und aßen und tranken mit vieler Lust.
GEJ|6|172|10|0|Lazarus aber freute es ungemein, daß auch Ich mit recht viel Freude und Lust aß und trank.
GEJ|6|172|11|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, du hast nun eine große Freude, daß auch Ich so recht wacker esse und trinke; aber glaube es Mir: So gut es Mir hier auch schmeckt, was da auf dem Tische aufgesetzt ist, so hat Mir dennoch das heutige Morgenmahl im Tempel noch besser geschmeckt, – denn heute habe Ich eine große Ernte gehalten für Mein Reich im Himmel. Morgen aber wird eine neue Ernte für Mein Reich wohl bedeutend schlechter ausfallen. Was heute Mein ward, das wird Mein verbleiben; aber morgen wird nicht viel Neues hinzukommen. Die schwarze Brut da unten wird Mich versuchen, – aber dafür an den Pranger der Schande gestellt werden vor dem Volke! – Aber nun essen und trinken wir und begeben uns dann wieder ins Freie! Heute werdet ihr noch manches sehen.“
GEJ|6|173|1|1|173. — Des Herrn Betrachtungen beim Anblick Jerusalems. Das Gericht über Jerusalem
GEJ|6|173|1|0|In einer Stunde waren wir mit dem Mahle fertig, standen vom Tische auf und begaben uns sogleich hinaus ins Freie; denn es war besonders bei der abendlichen Beleuchtung eine gar schöne Aussicht gegen den Aufgang hin, und das kam uns bei unseren Betrachtungen ganz gut zustatten.
GEJ|6|173|2|0|Als wir so die große, weitgedehnte Stadt mit ihren vielen Palästen betrachteten, da sagte Lazarus: „Was für eine anmutige Pracht doch in dieser großen Stadt liegt! Und dabei welche Schmach in jenem Teile der Menschen, die allen andern mit einem guten Beispiel vorangehen sollten!
GEJ|6|173|3|0|Da unten liegt der Tempel, zu dem schon der große David als der Mann nach dem Herzen Gottes die Materialien gesammelt hat. Salomo, sein Sohn, hat ihn erbaut, damit alles Judenvolk zu den bestimmten Zeiten sich in ihm versammle und Gott die Ehre gäbe. Wer aber verlangt nun die Ehre von den Menschen? Oh, schon lange nicht mehr Gott, sondern die elenden Pharisäer, die Schriftgelehrten und die Hohenpriester! Die alte, wunderbare Bundeslade ist schon seit nahezu vierundzwanzig Jahren in das Archiv der tauben und kraftlosen Reliquien übergegangen, und die neue ist tot und hat keine Kraft mehr; aber dennoch opfern ihr die blinden Juden mehr noch, als sie je der alten, wahren geopfert haben.
GEJ|6|173|4|0|Man ersieht daraus ja doch gar sehr leicht, wie die elendsten Templer das arme, unschuldige Volk bearbeiten, und wie sie gar nicht an einen wahren und einigen Gott glauben, da sie Seine dem Moses und all den andern Propheten verkündeten Gesetze gar so schmählichst mit den Füßen treten und dafür dem Volke auf Leben und Tod ihre eigenen Satzungen aufbürden, die als ein reiner Unsinn von keinem vernünftigen Menschen mehr geglaubt werden können. O der großen Schmach! Alles seufzt unter dem unerträglichen Drucke zumeist von seiten der Templer, und doch hat niemand den Mut, diesen offenbarsten Volksbetrügern ins Angesicht zu spucken und ihnen ihren großen Frevel, den sie mit der Menschheit treiben, zu zeigen.
GEJ|6|173|5|0|Du allein, o Herr, hast den Menschen die Augen geöffnet, damit sie nun sehen können, wie sie mit den Templern daran sind. Aber es nützt nun auch das wenig; denn sie tun darum doch auf die keckste Art von der Welt, was sie wollen, und kein strafender Blitz fährt aus Deinen Wolken unter sie! Du, o Herr, bist nun Selbst da auf dieser Erde in leiblicher Menschengestalt, – eine Erscheinung, von der die ganze vergangene Ewigkeit kein Beispiel aufzuweisen hat, und die eine Gnade aller Gnaden ist, die Gott je Seinen Geschöpfen hat angedeihen lassen. Tausend und abermals tausend Menschen, darunter sogar viele Heiden, erkennen das mit der höchsten Freude und Dankbarkeit, und diese da unten hören laut von allen Seiten und von groß und klein diese heilige Wahrheit bestätigen. Aber anstatt solch eine Botschaft mit aller Freude als völlig wahr anzunehmen, verfluchen sie noch das Volk, das solche Wahrheit lebendig angenommen hat! Frage: Was sind dann solch bestialische Menschen wert?“
GEJ|6|173|6|0|Sagte Ich: „Mein lieber Bruder, ereifere dich doch nicht so sehr; denn du siehst es ja, daß auf dieser Welt alles seine gewisse Zeit hat, und daß man keinen alten Zedernstamm gleich einem dünnen Stabe übers Knie brechen kann! Sieh, Ich will und werde Mich nun noch mehrere Tage hier aufhalten und werde täglich lehren im Tempel sieben Tage hindurch. Wer sich da wird bekehren wollen, für den wird es gut sein; wer aber verharren wird in seiner Blindheit und daraus in seiner Bosheit, der wird umkommen am Tage des Gerichtes, das über Jerusalem losbrechen und alle Kreatur zugrunde richten wird.
GEJ|6|173|7|0|Da sehet alle nur diese große Stadt an! Wahrlich, nicht ein Stein wird auf dem andern gelassen werden! Bitten sollen aber all die Blinden und die schwangeren Weiber, die da meinen, daß man an einem Sabbat keine Flucht unternehmen kann und darf, daß das Gericht ja nicht an einem Sabbat hereinbreche; denn da kommt dann kein Jude mit dem Leben davon.
GEJ|6|173|8|0|Aber bevor jedoch das Gericht über alle diese Gottlosen kommen wird, da werden zuvor noch viele und große Zeichen am Himmel und auf der Erde geschehen. Aber es wird das Gericht und das Ende dieser Stadt noch nicht dasein; denn es wird noch gewartet werden, ob sich da jemand bessere und bekehre. Und werden die Zeichen nicht beachtet werden, so wird dann eine große Trübsal zugelassen werden, auf daß sich die Menschen zu Gott bekehren möchten. So aber auch das nichts nützen wird, dann werde Ich noch Propheten senden, die mit ihrer gewaltigen Stimme, die da klingen wird gleich den Posaunen des Krieges, in alle die vier Hauptwinde hin versuchen werden, zu erwecken die wahrhaft geistig Toten. Die da sich werden erwecken lassen zum Lichte des Lebens, die werden auch auferstehen zum ewigen Leben; die aber bei solchem Posaunenruf Meiner Boten an sie nur erwachen werden in ihrem Zorne und Grimme wider Mich und wider Mein Wort, die werden auferstehen – aber nicht zum Leben, sondern zum Tode durch das Gericht, – und werden dahin verworfen, wo die ewige Finsternis waltet im Gerichte, und da wird sein viel Heulen und Zähneknirschen.
GEJ|6|173|9|0|Wenn aber das Gericht erscheinen wird, dann fliehe ein jeder Gerechte! Wer da schon auf dem Dache der Erkenntnis der reinen, göttlichen Wahrheiten steht, der steige nicht mehr ins Haus, um sich einen alten Judenrock (Lehren der Pharisäer) zu holen, sondern er bleibe auf seiner neuen Lichthöhe! Und wer da schon auf dem Felde der neuen Tätigkeit nach Meiner Lehre sich befindet, der kehre ja nicht nach der alten Heimat der blinden und nichts werten Zeremonie zurück, sondern bleibe auf seinem neuen Felde und er wird sein Leben erhalten!
GEJ|6|173|10|0|Es wird aber dann sein, daß da zwei in einem und demselben Hause sein werden, wenn das Gericht kommen wird; da wird der eine errettet werden, und der andere wird zugrunde gehen. Der da handeln wird nach Meiner Lehre, der wird errettet werden; wer jedoch Meine Lehre haben, aber nach dem alten Sauerteige der Pharisäer handeln wird, der wird zugrunde gehen.
GEJ|6|173|11|0|Ebenso werden zwei sein auf dem Felde und zwei werden mahlen in einer Mühle; da wird auch der eine aufgenommen werden zum Leben und der andere gelassen werden im Gericht. – Darum hütet euch vor dem alten Sauerteige der Pharisäer; denn wahrlich, mit dem wird niemand dem Gerichte entgehen!“
GEJ|6|174|1|1|174. — Die Voraussage des großen Gerichtes der Jetztzeit
GEJ|6|174|1|0|(Der Herr:) „Wie es aber gehen wird mit dem Gerichte Jerusalems, so wird es auch gehen mit einem künftigen, großen Weltgerichte, wenn Ich der großen Hure Babels ein völliges Ende machen werde. Es wird aber das sein ein Gericht wie zu der Zeit Noahs und wie zu der Zeit Sodoms und Gomorras.
GEJ|6|174|2|0|Es werden dann auch geschehen große Zeichen auf der Erde, auf dem Meere und am Himmel, und Ich werde Knechte erwecken, die aus Meinem Worte weissagen und mehrfach verkünden werden das kommende Gericht. Aber der Hochmut der Menschen wird sie nicht anhören, und so er sie auch anhören wird, da wird er ihren Worten doch nicht glauben, sondern sie als Narren verlachen. Aber eben das wird ein sicherstes Zeichen sein, daß das große Gericht sicher und ganz gewiß eintreffen wird das durchs Feuer verzehren wird alle Täter des Übels.
GEJ|6|174|3|0|Also werden in derselben Zeit auch so manche Jünglinge Gesichte bekommen und so manche Mägde weissagen von den Dingen, die da kommen werden. Wohl denen, die sich dadurch bessern und wahrhaft bekehren werden!
GEJ|6|174|4|0|Es wird aber das also leicht zu erkennen sein, wie man an einem Feigenbaume erkennt, daß das Frühjahr nahe ist, wenn seine Triebe saftig werden und aufzubrechen anfangen.
GEJ|6|174|5|0|Es werden dann sein große Kriege vereinzelt unter den Völkern, und es wird ziehen ein Volk wider das andere; auch wird dann eine große Teuerung sein, und es werden entstehen allerlei pestilenzartige Krankheiten, wie sie unter den Menschen bis jetzt noch nie bestanden. Auch werden vorangehen große Erdbeben, auf daß sich die Menschen dadurch zur Buße und zur Liebetätigkeit ermahnen sollen. Wohl denen, die sich danach kehren werden!
GEJ|6|174|6|0|Aber gar viele werden sich nicht daran kehren und werden das alles den blinden Kräften der Natur zuschreiben, und die Weissager werden Betrüger gescholten werden, und viele wird man um Meines Namens willen in die Kerker werfen und ihnen unter großen Strafandrohungen verbieten, in Meinem Namen zu reden und zu verkünden ein kommendes Gericht. Wer da nicht nach dem Willen der großen Hure Babels tun wird, der wird seine große Not haben.
GEJ|6|174|7|0|Aber es muß solches alles zum voraus geschehen, nahe um siebenhundert Jahre vor dem Gerichte, damit am Ende niemand sagen kann, er sei nicht hinreichend ermahnt worden. Von jetzt an aber werden nicht volle 2000 Jahre vergehen, bis das große Gericht auf der Erde vor sich gehen wird; und das wird dann ein offenbar jüngstes, aber zugleich auch letztes Gericht auf dieser Erde sein.
GEJ|6|174|8|0|Von da an erst wird das Paradies auf die Erde gesetzt, und ein Wolf und ein Lamm werden friedsam in einem Stalle wohnen und miteinander aus einer Schüssel essen.
GEJ|6|174|9|0|Es wird gegen die Nähe des Gerichtes aber auch zu sehen sein das Zeichen des Menschensohnes am Himmel, das heißt der Himmel im Menschen wird Mich als den alleinigen Herrn Himmels und der Erde anerkennen, und des Menschen Seele wird Mich preisen und sehr loben.
GEJ|6|174|10|0|Aber das ist dann noch nicht die Vollendung des Menschen. Aber wenn Ich dann licht und helle in den Wolken der Himmel mit allen Himmelsmächten unter dem Schalle wie von vielen Kriegs- und Gerichtsposaunen im lebendigen Worte vor allen Menschen auftreten werde im wahren Himmel, der im Herzen der Menschen ist, dann ist das Gericht der Welt da.
GEJ|6|174|11|0|Der rechte Mensch wird dann eingehen in Meine Herrlichkeit, und die Täter des Übels werden verzehrt werden vom Feuer Meines gerechten Zornes und eingehen in das Reich ihrer bösen Werke, das da bereitet ist für alle unverbesserlichen Teufel. Denn wer aus sich freiwillig die Hölle erwählt, der sei denn auch verflucht in ihr, wie sie in sich selbst verflucht ist. Wie aber das Gute ewig gut bleiben wird, so wird auch das Böse in sich ewig böse bleiben und die ewige, gerichtete Unterlage sein, die Mir ewig als Fußschemel zu dienen haben wird.
GEJ|6|174|12|0|Ich Selbst aus Meiner urgöttlichen Persönlichkeit aber werde niemanden richten, sondern das alles wird tun Mein Wort, das Ich zu euch geredet habe. Denn wenn Ich einmal aufgefahren sein werde in Mein Reich, dann werde Ich nimmer im Fleische auf diese Erde wiederkommen, sondern nur im Geiste, im Worte, und es wird also sein, wie es war im Anfange, da es hieß: Im Anfang war das Wort, das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Das Wort aber hat Fleisch angenommen und hat unter den Menschen gewohnt. Er, das heißt Ich kam in Mein Eigentum, und die Meinen haben Mich nicht erkannt; denn die Welt und ihr Fleisch hatten sie alle blind und taub gemacht.
GEJ|6|174|13|0|Ich bin nun im Fleische bei euch als ein Mensch; aber Ich kann euch darum nicht alle die Kraft Meines Geistes erteilen. Wenn Ich aber später nicht mehr im Fleische so wie jetzt, sondern nur im Geiste unter euch sein werde, so werde Ich euch auch erteilen können alle Kraft und Macht Meines Geistes, der Ich natürlich von Ewigkeit Selbst bin. Im Geiste und seiner Kraft aber werde Ich bei euch bleiben bis ans Ende der Zeit, die diese Erde noch bestehen wird, und bis sie den letzten gerichteten Geist ausgereift haben wird. Mit dieser Erde aber wird dann auch für ewig die Wiege der Gotteskinder erlöschen. Von da an wird alles geistig gerichtet werden.
GEJ|6|174|14|0|Ich habe es euch aber schon zu öfteren Malen gesagt und gezeigt, wie es auf dieser Erde wird. Darum harret mit Geduld der sicheren Erlösung, die nicht unterm Wege bleiben wird, und wünschet ein Weltgericht nicht zu eilig vor der Zeit! Denn wenn es kommen wird, dann wird es noch zu früh dasein für euch selbst und noch mehr für die, welche da gerichtet werden; denn im Gerichte sind Liebe und Erbarmung ferne, und jede Seele wird da ihrer Selbsthilfe übergeben werden, auf daß sie bitter erfahre, wie zu gar nichts nütze ihr die eitle, zeitliche Hilfe der puren Weltmenschen war. – Und jetzt saget Mir, ob ihr das alles wohl verstanden habt!“
GEJ|6|175|1|1|175. — Des Lazarus Zweifel an der göttlichen Führung der Menschheit
GEJ|6|175|1|0|Sagte Lazarus: „Ja, verstanden hätte wenigstens ich es wohl! Aufrichtig gesagt: es sieht die ganze Menschheitsgeschichte eben nicht sehr heiter aus! Im Grunde sind die Menschen denn doch mehr (überwiegend) nicht selbst schuld daran, daß sie so böse sind, sondern vielmehr die Umstände, unter welchen sie gezeugt, geboren und erzogen worden sind. Da erscheint ein jedes Gericht denn doch als ein höchst eigenmächtiger und tyrannischer Akt von seiten Dessen, der die Macht hat, die Menschen zu richten.
GEJ|6|175|2|0|Man sagt freilich wohl: Gott läßt jedem Menschen eine richtige Erkenntnis von Wahr und Falsch und von Gut und Böse zukommen; aber wann geschieht das? Nach meiner Erfahrung oft erst dann, wenn sich der Mensch in allem Falschen und Bösen schon so fest begründet hat, daß ihm keine reine Lehre mehr irgend etwas nützen kann. Wenn die Menschen etliche Hunderte von Jahren hindurch ohne irgendeinen fühlbaren göttlichen Einfluß geblieben sind, so fangen sie notwendig an, Gott nach und nach stets mehr und mehr zu vergessen, machen sich dann eigene Gesetze und Lebensvorschriften, durch deren noch so strenge Beachtung aber das Heil der Menschen nicht bewerkstelligt werden kann. Wenn sich dann endlich die Menschheit schon ganz vertiert hat, dann erst kommen, anfangs nur ganz schwache, Offenbarungen durch geweckte Menschen. Und fruchten diese nichts, dann erst kommen stärkere. Und fruchten auch diese nichts, so kommt dann aber auch schon ein Strafgericht. Herr, warum das etwa also sein muß, das verstehe ich selbst noch lange nicht!
GEJ|6|175|3|0|Von Adam bis Noah, und besonders bei den Nachkommen Kains, war von einer besonderen Offenbarung wenig mehr irgend eine Rede. Zu den Zeiten Noahs geschahen dann wohl allerlei Zeichen und Offenbarungen, aber zu spät, weil das Volk, besonders das der Tiefe, schon ganz des Teufels war. Das Volk achtete dann freilich nicht mehr darauf und lebte in seinem Taumel fort; aber dann kam auch schon das furchtbarste Gericht.
GEJ|6|175|4|0|Nachher ging es bis auf Abraham fort, in welcher langen Zeit nahe gar keine Offenbarung stattfand. Mit Abraham begann wieder die göttliche Offenbarung; aber ihr auf der Ferse folgte auch schon das Gericht über Sodom und Gomorra und die umliegenden zehn Städte.
GEJ|6|175|5|0|Von Abraham, Isaak und Jakob an ging's dann wieder bis Moses. Zu dieses Propheten Zeit geschah Großartigstes aus den Himmeln an die Menschen. Sie bekamen zum ersten Male bestimmte Gesetze, nach denen sie ihr Leben zu ordnen hatten; aber das Gericht war denn auch großartig. Die Ägypter mußten zu vielen Hunderttausenden ins Gras beißen, und den befreiten Israeliten ging es dann volle vierzig Jahre hindurch in der Wüste nicht um gar vieles besser. Sie alle, die Ägypter und die Israeliten, hatten zu lange von einer besonderen Offenbarung ja offenbar nichts mehr erlebt und wurden lauer und lauer. Der frühere, lebendigere Glaube ging in einen faulen und traditionellen über, der nahe um nicht vieles besser ist als gar keiner. Wie aber der Glaube beschaffen ist, so auch die Beachtung seiner Lebensgrundsätze!
GEJ|6|175|6|0|Dauert die Offenbarungslosigkeit noch länger fort, so kommen die Menschen dann ja ganz um allen Glauben an einen wahren Gott und machen sich dann Götter nach ihrem Belieben und geraten dadurch in vollkommene Abgötterei. Kann man ihnen dann aber, rein vernünftig, das zu einer Selbstschuld rechnen? Nach meiner allzeit sehr vernünftig humanen Ansicht wahrlich nicht!
GEJ|6|175|7|0|Unter den Richtern und nachher auch unter einigen Königen sind unter uns Juden wohl immer Propheten erweckt worden, – aber allzeit erst dann, wenn die Menschen sich vorher schon ordentlich zu Tode gesündigt hatten; dafür aber kam auch gleich ein Gericht, das die Sünder vertilgte.
GEJ|6|175|8|0|Nun bist Du, o Herr, Selbst da. Es geschieht nun wohl die allergrößte Offenbarung an die Menschen; aber das Gericht wird auch nicht lange auf sich warten lassen. Nach nur einigen Hunderten von Jahren werden die Menschen, so ihnen keine wiederholte Offenbarung gegeben wird, selbst in Deiner Lehre nicht um ein Haar anders sein, als nun die Templer da unten sind! Die bekehrten Heiden werden wieder Heiden und die Juden werden noch finsterer werden, als sie jetzt sind, und so wird es nie völlig hell und gut auf dieser Erde werden. Ich meine darum, daß von nun an helle Offenbarungen Deiner Göttlichkeit nicht mehr eine zu lange Zeit unterm Wege verbleiben sollten, ansonst die Nachkommen, die bei dieser gegenwärtigen Offenbarung nicht zugegen sein können, ohne ihr Verschulden wieder in die alte Nacht hinabsinken müssen.
GEJ|6|175|9|0|Die Philister sind wegen ihrer Gottlosigkeit zerstört und vernichtet worden und haben meines Wissens nie eine Offenbarung erhalten; so auch die alten Phönizier, ebenso die Trojaner, die Babylonier, die Niniviten und noch andere Völker, die, mir bewußtermaßen, auch nie eine besondere Offenbarung erlangt haben.
GEJ|6|175|10|0|Ja, warum denn dieses sehr ungünstige Spiel mit den Menschen dieser Erde? Sieh, nicht ein Mensch kann dafür, daß er da ist! Ist er aber einmal da nach Deinem allmächtigen Willen, dann ist er aber auch schon völlig unglücklich von der Wiege an bis zu seinem Grabe und muß sich ein Gericht ums andere gefallen lassen. Ja, warum denn also?“
GEJ|6|176|1|1|176. — Von den Arbeitern im Weinberge. Zweck, Wesen und Wirkung der Offenbarungen
GEJ|6|176|1|0|Sagte Ich zu Lazarus und auch zu den andern Jüngern, da auch sie der etwas erhitzten Meinung des Lazarus waren: „Gebet acht, Ich werde euch hier ein Bild geben; das soll euch die Antwort auf die Frage des Lazarus geben!
GEJ|6|176|2|0|Es war ein Herr, der Arbeiter in seinen Weinberg dingte. Diese kamen am Morgen, und der Herr wurde mit ihnen um einen Groschen Taglohn einig. Und um die Mittagszeit ging er hin, wo er noch müßige Leute fand, und sagte: ,Was stehet ihr hier müßig? Gehet hin in meinen Weinberg, und ich will euch geben, was da recht ist!‘ Und sie gingen hin und arbeiteten. Aber gen Abend hin sah der Weinbergsherr noch eine Menge Arbeitsleute müßig stehen. Und er ging hin und sagte zu ihnen: ,Warum stehet denn ihr den ganzen Tag müßig da?‘ Und sie antworteten: ,Herr, es hat uns niemand gedungen!‘ Da sagte der Herr zu ihnen: ,Nun, so gehet auch ihr hin in meinen Weinberg und arbeitet diese eine und letzte Tagesstunde, und ich werde euch auch noch geben, was recht ist!‘ Da gingen sie hin und arbeiteten emsig noch die letzte Stunde des Tages.
GEJ|6|176|3|0|Am Abend aber berief der Herr zuerst die Arbeiter, die vom Morgen an gearbeitet hatten, und gab einem jeden den bedungenen Groschen. Dann berief er die, welche nur einen halben Tag gearbeitet hatten, und gab auch einem jeden einen Groschen. Darauf berief er die, welche nur eine Stunde gearbeitet hatten, und gab auch jeglichem einen Groschen.
GEJ|6|176|4|0|Da sagten die, die den ganzen Tag gearbeitet hatten: ,Herr, wie magst du auch denen, die nur eine Stunde gearbeitet haben, auch das gleiche geben wie uns, die wir doch des ganzen Tages Last und Hitze trugen?‘ Da sagte der Herr: ,Was geht denn euch das an, so ich gut und barmherzig bin? Bin ich darum ungerecht, so ich aus meinem guten Willen auch den letzten soviel gebe wie euch? Bin ich mit euch denn nicht um einen Groschen einig geworden? Ihr selbst habt nicht mehr verlangt! Und so ich euch nun das gebe, was ihr verlangt habt, was wollt ihr nun noch mehr von mir? Bin ich denn nicht der Herr meines Vermögens, mit dem ich tun kann, was mir wohlgefällt?!‘ Darauf konnten die ersten Arbeiter dann nichts mehr sagen und waren mit ihrem Tagwerkslohne zufrieden.
GEJ|6|176|5|0|Und Ich sage euch allen aber auch, daß Mein Vater, der in Mir ist, euch dasselbe tun wird, – und da werden dann auch die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein.
GEJ|6|176|6|0|Der Weinberg aber sind die eigentlichen Menschen dieser Erde als Reben, die zu bearbeiten sind. Diese stehen in keinem Kontrakte mit Mir, sondern sie sind da zur Bearbeitung, auf daß sie Gott dem Herrn brächten eine gute Frucht.
GEJ|6|176|7|0|Alle die Propheten aber sind, so wie nun ihr, der Seele nach nicht von dieser Erde, sondern sie sind von oben her gedungene Arbeiter und haben zuvor mit Mir einen festen Kontrakt abgeschlossen wegen der Erreichung der Kindschaft Gottes, die nur auf dieser Erde möglich ist.
GEJ|6|176|8|0|Alle die großen Propheten von Anfang an bis jetzt, euch mitgerechnet, die eine große Offenbarung empfingen, sind die zuerst gedungenen Arbeiter im Weinberge des Herrn.
GEJ|6|176|9|0|Die kleinen Propheten, die nur den halben Dienst zu verrichten haben, nämlich die Aufrechterhaltung der einmal gegebenen großen Offenbarung, sind jene, die in Meinem Namen nach euch kommen werden, wohl auch selbst gewisse kleine Offenbarungen habend und daraus weissagend, aber jene Kraft und Macht, die Ich euch geben werde, nicht besitzen werden. Diese werden mit euch den gleichen Lohn haben, weil ihr Glaube ein kräftigerer wird sein müssen; denn weil sie das nicht sehen, was ihr nun alles sehet und erfahret, so wird ihr freiwilligerer Glaube ihnen auch zu einem höheren Lebensverdienste angerechnet werden. So sie dann aber mit euch den gleichen Lohn bekommen werden, so denket, daß sie es schwerer hatten zu glauben, was nun zum Heile aller Kreatur geschieht, da sie nicht gleich euch Zeugen von alldem waren.
GEJ|6|176|10|0|Endlich in gar später Zeit werden abermals knapp vor einem großen Gerichte Seher erweckt und zugelassen werden, welche die kurze, schwere Mühe haben, die sehr unrein gewordene Lehre zu reinigen, auf daß sie behalten und nicht von der heller denkenden Menschheit als ein alter Priestertrug verworfen werde. Diese dritten Arbeiter in Meinem Weinberge werden nicht durch große Wundertaten, sondern allein durch das reine Wort und durch die Schrift wirken, ohne eine andere auffallende Offenbarung zu bekommen als nur die des inneren, lebendigen Wortes im Gefühl und in den Gedanken in ihrem Herzen, und sie werden voll des klaren und vernunftvollen Glaubens sein und werden sonach ohne Wunderwerke die verdorrten Menschenreben Meines Weinberges aufrichten und werden von Mir denn auch denselben Lohn bekommen, den ihr als die Arbeiter des ganzen Tages bekommen werdet; denn sie werden es um sehr vieles schwerer haben, fest und ungezweifelt an das zu glauben, was über tausend Jahre vor ihnen hier geschah.
GEJ|6|176|11|0|Wenn sonach die großen Offenbarungen denn auch hübsch ferne voneinander abstehen, so wird von Gott aus aber dennoch stets dahin gesorgt, daß allzeit und alsogleich wieder neu erweckte Seher unter die Menschen kommen, sobald die Lehren der großen Offenbarung irgend anfangen, unrein zu werden, und das also, daß dabei keines Menschen freier Wille irgendeinen Zwang erleidet. Denn eben darum werden die großen Offenbarungen der Zeit nach stets weit auseinander getrennt, damit die Menschen sich mit ihrem freien Willen desto ungezwungener bewegen können.
GEJ|6|176|12|0|Wenn am Ende die Welt die Menschen wieder gar zu weit von ihrer geistigen Bahn abgelenkt hat, so bleibt dann freilich wohl nichts anderes übrig, als zu einer großen Offenbarung zu schreiten, die freilich stets ein Gericht hinter sich hat, weil sie selbst ein leidiges Gericht für die Menschen ist. Denn solange du an das tote Holz kein Feuer legst, wird es nicht brennen; aber das Feuer entzündet es. Und siehe, was das Feuer dem Holze ist, das ist eine große Offenbarung den Menschen. – Verstehet ihr nun das?“
GEJ|6|177|1|1|177. — Die Propheten als Träger der Offenbarung. Lichtglaube und Blindglaube
GEJ|6|177|1|0|Sagte Lazarus: „Ja, ich verstehe wohl, was Du damit hast sagen wollen; aber es ist bei mir dennoch ein Hintergedanke, von dem ich noch nicht so recht weiß, wo aus und wo ein mit ihm. Sind sonach alle jene Menschen, zu denen unmittelbar eine große Offenbarung kommt, als Gerichtete anzusehen und zu betrachten? Und haben bloß diejenigen den Segen der großen Offenbarung zu gewärtigen, die nur einen mittelbaren, also puren Glaubensanteil an ihr haben?
GEJ|6|177|2|0|Die Träger der Offenbarung aber sind dann ja doch in einem großen Nachteil und das darum, weil sie schon von ihrem Ursprung an bessere und reinere Menschen waren, auf daß sie zur Aufnahme und zum rechten Verstehen einer hohen und großen Offenbarung fähig waren. Denn die eigentlichen puren Weltmenschen würden aus sich die Großoffenbarung ja gar nie begriffen haben, weil sie auch eine kleinste Offenbarung nicht begreifen können, sondern dabei so dastehen wie die Hühner, wenn sie einen Blitz aus einer Wolke zucken sehen.“
GEJ|6|177|3|0|Sagte Ich: „Wer sagt denn das, daß die Träger einer großen Offenbarung als Gerichtete zu betrachten sein sollen? Ich werde es doch wohl kennen (wissen), wen Ich zu einem Hauptträger einer großen Offenbarung zu erwählen habe, damit sie ihm selbst nicht schadet!
GEJ|6|177|4|0|Moses war gewiß der Träger einer gar großen Offenbarung; aber es waren unter ihm viele, die an der Offenbarung nur mittelbar teil hatten und am Ende dennoch um vieles fester im Glauben waren als Moses selbst, der bei sich selbst nicht der Verheißung traute, daß Ich den Israeliten das Gelobte Land, wo Milch und Honig fließt, geben werde. Weil aber Moses solcher Verheißung nicht völlig traute, so durfte er das Gelobte Land wohl von einem hohen Berge aus sehen, aber selbst nicht in dasselbe kommen.
GEJ|6|177|5|0|Das beweist aber mehr als hinreichend, daß kein Träger irgendeiner Offenbarung für sich je gebunden war und von nun an noch weniger je gebunden sein wird, sondern für sich stets vollkommen frei bleibt im Glauben und im Handeln, aus dem allein er auch selig wird; denn darum, daß jemand der Träger einer Offenbarung ist, wird er nicht selig, sondern nur, so er der Offenbarung selbst traut und danach lebt.
GEJ|6|177|6|0|Dasselbe ist denn auch mit euch allen der Fall. Ihr seid nun durch Meine Taten freilich wohl mehr genötigt, zu glauben, daß Ich der Christ bin, und daß Meine Worte Gottes Worte sind, als jene das zu glauben genötigt sein werden, die das Evangelium von euch bloß durch den Mund überkommen werden; aber dafür werdet ihr für euch der Zweifel über Mich noch in die schwere Menge überkommen und dadurch die Gelegenheit haben, euch selbst im Glauben zu stärken. Denn so der Hirte geschlagen sein wird, werden die Schafe fliehen und sich sehr zerstreuen; aber zur rechten Zeit werde Ich sie schon wieder versammeln und im Glauben stärken. Also ist darum kein Träger irgendeiner wahren Offenbarung gerichtet. Denn erstens ist ein solcher Mensch stets von oben her, und es kann ihm schon darum keine Offenbarung einen besonderen Zwang antun, weil seine Seele schon eine Fleischlebensvorprobe auf einer andern Erde durchgemacht hat und daher auch sicher um vieles gediegener und kompakter ist als eine sich erst zusammengeklaubt habende Seele dieser Erde; und zweitens werden einer solchen Prophetenseele auch größere Glaubensproben auferlegt als einer diesirdischen, oft nur zu leichtgläubigen Seele. Eine diesirdische Seele hat am Worte genug und bedarf eines Zeichens kaum. Aber Seelen, die von oben her sind, brauchen mehr; denn sie sind schwergläubig und bedürfen also auch stärkerer und größerer Beweise, bis sie voll Glauben und aus demselben voll Tat werden.
GEJ|6|177|7|0|Ja, würde Ich nun hinziehen etwa nach Persien, nach Indien oder nach Athen oder auch nach Rom und wirkte dort solche Zeichen, wie Ich sie schon bei euch gewirkt habe, so würde sich dort kein Mensch je etwas anderes zu tun getrauen, als was Ich geboten hätte. Solche rein irdischen Seelen wären da offenbar im höchsten Grade gefangen, und mit der Probe ihres freien Willens wäre es dann für lange rein aus. Aber euch schaden Meine Zeichen nicht im geringsten, weil ihr durchaus nicht leichtgläubig seid; denn bis man euch zum festen Glauben bewegt, muß man auch schon vieles vor euren Augen gewirkt haben, und selbst dann seid ihr noch voll allerlei Zweifel und fraget bald um eins und bald wieder ums andere. Wer aber das tut vor Mir, der hat keinen Notglauben, sondern einen freien; denn er verlangt, völlig einzusehen und zu verstehen, was er glaubt, und was er nicht einsieht und versteht, das glaubt er auch nicht.
GEJ|6|177|8|0|Der beste Beweis dafür ist, daß Ich in einem Atem das zu erklären und zu erörtern habe, was ihr von Mir vernehmet. Ihr wisset es ja, wer Ich bin, und könntet Mir auch ohne die stets besonderen Erklärungen glauben, was Ich euch lehre. Aber das tut ihr nicht und habt Mir schon einige Male gezeigt, daß ihr auch Mir oft wegen einer ganz geheimen Lehre nicht geglaubt habt, und ihr sagtet Mir ins Gesicht, daß dies eine harte Lehre sei; und es sind noch nicht sieben Tage her, daß ihr Mich alle verlassen habt, und das auch wegen Lehren, die ihr nicht verstanden habt.
GEJ|6|177|9|0|Aus dem aber geht hervor, daß eure Seelen kräftiger sind denn die Seelen der eigentlichen Kinder dieser Welt. Solche Menschen aber, wie ihr nun seid, wird es auf dieser Erde immer geben, und Ich werde sie erwecken und auch ihnen, so wie euch, geben das innere Wort des Geistes aus Mir, und sie werden die eigentlichen Kinder dieser Erde belehren, wodurch ihr Wille völlig frei gehalten wird. Aber die Lehrer dürfen sich darum nicht einbilden, daß sie eben als Lehrer und Weise bei Mir höher stehen denn die Kinder dieser Erde; denn bei Mir wird es stets heißen und gelten: Lasset diese Kleinen zu Mir kommen und wehret es ihnen nicht! Denn wer da nicht wird wie diese Kindlein, der wird nicht eingehen in Mein Reich; denn ihnen gehört es, und ihretwegen ist es gemacht. Wer aber da ein Weiser ist und darum ein Lehrer und dabei von ganzem Herzen demütig und sanftmütig, der wird dereinst auch dort sein, wo Ich sein werde ein rechter Vater unter Meinen Kindern von Ewigkeit zu Ewigkeit!“
GEJ|6|177|10|0|Als alle die Jünger solche Lehren von Mir vernommen hatten, da schwiegen sie und wußten nicht, was sie Mir erwidern sollten.
GEJ|6|178|1|1|178. — Zweierlei Menschen auf Erden: Seelen von oben und, Seelen von unten. Lehren und Zeichenwirken in ihren verschiedenen Wirkungen
GEJ|6|178|1|0|Nur Lazarus sagte und fragte: „Herr und Meister, bin ich etwa auch einer von oben her?“
GEJ|6|178|2|0|Sagte Ich: „Allerdings, denn sonst hättest du die Zeichen, die Ich vor deinen Augen schon mehrfach gewirkt habe, nicht mit so viel Ruhe und Gleichmut ertragen, als wäre da etwas ganz Natürliches geschehen. Alles hatte dich nur gleich während des Geschehens überrascht, – einige Augenblicke später war dir die Sache schon wieder mehr gleichgültig; denn du dachtest es dir also: Einem Menschen sei es unmöglich, so etwas wie das Fliegen in der Luft gleich den Vögeln zu bewirken. Ich sei aber einmal ganz Gott, und es sei denn auch ganz natürlich, daß Mir alles gerade also möglich sein müsse wie dem Vogel das Fliegen in der Luft, und es sei daher durchaus kein anderes Wunder wie alle von Mir erschaffenen Dinge. Der Mond, die Sonne, die Sterne und diese Erde und alles, was in ihr, auf ihr und über ihr ist, lebt und sich regt, seien bleibende Wunder Meiner Weisheit und Macht, und die jetzigen Wunder seien bloß momentane Zeugen davon, daß Ich eben Derselbe sei, der schon von Ewigkeit her die Unendlichkeit mit zahllosen und bleibenden Wundern angefüllt habe. So Ich denn als Gott Wunder wirke, so sei das nichts Wunderbares, sondern das eigentlich Wunderbare an Mir sei Meine unbegreifliche Liebe zu euch, Meinen Geschöpfen, und Meine so große Herablassung und selbstlose Güte, Sanftmut, Geduld und ordentliche Demut vor den Menschen, die Ich mit einem Hauche ins reinste Nichts verwehen könnte.
GEJ|6|178|3|0|,Ja‘, sagst du bei dir weiter, ,wenn das alles auch ein Mensch zuwege bringen möchte, dann wäre es wohl ein Wunder, so gut, als es sehr wunderbar wäre, so ein Mensch gleich einem Vogel sich in die Luft erheben und im Freien herumschweben könnte.‘
GEJ|6|178|4|0|Siehe, so du nicht von oben her wärest, wärest du solcher Gedanken nicht fähig, und Ich würde vor dir aus weiser Schonung deines freien Willens solche Zeichen, wie Ich sie gewirkt habe, nicht gewirkt haben! Die da unten aber sind nicht von oben her, sondern von dieser Welt, und Ich darf darum vor ihnen auch keine solchen Zeichen wirken wie vor dir und vor diesen Meinen Jüngern. Sie dürfen nur davon reden hören, aber ja nicht viel davon sehen; denn sähen sie die großen Zeichen, die Ich wirke und gewirkt habe, so würde sie das völlig töten. Darum müssen sie allein an Meiner Rede nagen.
GEJ|6|178|5|0|Es wird ihnen aber schon auch noch ein Zeichen gegeben werden, aber kein anderes als das des Propheten Jonas; denn wie er nur drei Tage in dem Bauche des Fisches verweilte und dann lebend an das Ufer gesetzt wurde, also werde auch Ich drei Tage im Grabe zubringen und dann wieder lebend hervorgehen zum größten Schreck und Gericht für die da unten.
GEJ|6|178|6|0|Merket euch alle das, daß die Kinder dieser Erde nicht durch Zeichen, sondern nur durch das lebendige Wort für Mein Reich zu gewinnen sind! Denn die meisten Kinder dieser Erde – wenn sie nicht schon durch allerlei falsche Zeichen zu verdorben sind – sind leichtgläubig und nicht begriffsstutzig und können daher durch eine rechte Rede bald und leicht für die Wahrheit gewonnen werden; aber durch zu auffallende Zeichen würden sie jedes eigenen Denkens und Wollens völlig verlustig werden. – Weißt du nun, Lazarus, ob du von oben oder von unten her bist?“
GEJ|6|178|7|0|Sagte Lazarus: „Ja, das sehe ich nun schon ein, daß ich auch irgend von oben her sein werde; aber wie werden wir denn erkennen, wer unter den uns begegnenden Menschen von oben oder von unten her ist?“
GEJ|6|178|8|0|Sagte Ich: „Wenn es nötig sein wird, so wird es euch schon der Geist in euch kundtun. Aber es gibt auch ein äußeres und selten trügliches Zeichen, durch das bald an dem Menschen wohl zu erkennen ist, von wo er der Seele nach herstammt.
GEJ|6|178|9|0|Seht, die Seele behält auch in ihrem notwendig finsteren Fleische ein gewisses Gefühl davon, woher sie ist, und kehrt selbst des Fleisches Ohren und besonders die Augen gerne dahin, von wo sie urständig abstammt. Menschen, die ihre Blicke gerne nach oben richten und gerne der Berge Höhen besteigen, auch gerne jene Laute vernehmen, die irgend aus der Höhe an ihr Ohr kommen, sind sicher auch von oben her. Aber Menschen, die ihre Blicke zumeist auf den Erdboden richten und in selbem herumwühlen und allerlei Schätze suchen und nur selten ihre Augen und Ohren nach aufwärts richten, die sind auch ganz sicher von unten her. Nach diesem könnet ihr, wenn ihr darauf achtet, auch schon so recht klar erkennen, wen ihr vor euch habt.
GEJ|6|178|10|0|Menschen, die von oben her sind, sind gewöhnlich auch sehr erfinderisch und bringen allerlei Künste und Wissenschaften zuwege; aber sie sind dennoch alle mehr oder weniger hartgläubig, denn sie wollen alles ganz klar bewiesen haben. Der Grieche Philopold in Kane bei Kis glaubte nicht eher, als bis Ich ihm jene Sonnenerde zeigte, auf der er zuerst ein Fleisch trug; und beinahe alle Kyniker sind ganz dasselbe. Vor denen könnet ihr Welten erschaffen, so wird das vor ihren Augen kaum so viel Wirkung haben, als so ihr einem Menschen dieser Erde saget: ,Gehe hin und tue das!‘ Der wird euch kaum fragen und sagen: ,Ja, warum denn das?‘, sondern er wird es darum gläubig tun, weil es ihm ein Weiser gesagt hat; die Ursache hofft er dann noch immer früh genug zu erfahren. Aber ein Mensch von oben her wird euch ernst und fest ins Auge fassen und fragen: ,Warum denn das? Ohne Grund tue ich nichts! Erkläret euch näher, und ich werde sehen, was daran ist, darum ihr saget: Gehe hin und tue das!‘
GEJ|6|178|11|0|Denn Ich sage es euch, daß es da auf gar vieles ankommt, um sich zu vergewissern, mit welches Geistes Kindern man es als ein Lehrer zu tun hat, und mit welchen Reben in Meinem Weinberge; denn dasselbe Wort kann die besten, aber auch die schlechtesten Folgen haben, so man es dem Charakter des Anhörers entweder gemäß oder nicht gemäß vorträgt.
GEJ|6|178|12|0|Die schwachen kleinen Kinder dieser Erde glauben, wie schon gesagt, alles bald und leicht, was man ihnen zum Glauben vorstellt, und benötigen der Erklärung erst hintennach, wenn sie sich einen großen Vorrat an Glaubenssätzen angeeignet haben. Es ist daher bei ihnen wohl sehr darauf zu achten, daß ihnen ja stets die reinste Wahrheit gepredigt wird, – und wehe dem, der die Kleinen der Erde mit allerlei falschen Lehren und Beispielen ärgern möchte, wie Ich euch solches schon einmal in einem kleineren Bilde in Galiläa gezeigt habe! Aber bei den Kindern von oben ist die Erklärung entweder schon zum voraus oder doch mindestens mit der Lehre zugleich zu geben, ansonst sie nicht leichtlich etwas als eine volle Wahrheit annehmen werden.
GEJ|6|178|13|0|Ihr waret schon gar oft Zeugen, wie Ich es mit den Griechen und Römern gemacht habe; tuet auch ihr desgleichen, und ihr werdet sie um so leichter gewinnen, weil ihr Mich und Meine Werke vor euch habt, auf die ihr euch allzeit fruchtbringend berufen könnet! Im Notfalle werdet ihr auch selbst Zeichen zu wirken imstande sein; aber seid damit ja sparsam und wirket erst dann ein Zeichen, so ihr im Geiste dazu genötigt werdet! Denn ein Zeichen wirkt zwar Gutes, aber ein wahres, lebendiges Wort um tausend Male ein Besseres, weil durch das Wort dem Menschenherzen kein Zwang auferlegt wird.
GEJ|6|178|14|0|Denn das Wort beleuchtet zuerst den Verstand des Menschen. Dieser erweckt dann erst den Willen und die Liebe im Menschenherzen. Die Liebe wird zu einer mächtigen Flamme. Diese beleuchtet und belebt dann erst den Willen im Herzen, und dieser handelt dann nach der Vorschrift des eigenen Verstandes, und was der Mensch also frei aus sich tut, das ist eigene, verdienstliche Tat, und der Mensch hat also erst seinen eigenen Lebensherd gefunden.
GEJ|6|178|15|0|Das Zeichen aber schlägt des Menschen Verstand auf eine lange Zeit nieder und schreckt allein die Liebe und ihren Willen zum Handeln auf. Aber es ist dieses Handeln gleich einem durch die Luft geworfenen Steine, der sich auch so lange durch die Luft bewegt, als die Wurfkraft mit seiner Schwere in Verbindung bleibt; sowie diese aber nur zu bald aufhört, fällt der Stein nach seiner Schwere wieder als tot und unbeweglich auf den Boden und bleibt da liegen in seinem alten Gerichte.
GEJ|6|178|16|0|Die Seele eines durch ein Zeichen bekehrten Menschen gleicht da völlig einem geworfenen Steine und handelt dann blind aus Furcht vor dem Zeichen; wenn aber das Zeichen dann mit der Zeit an seiner Kraft verliert, so erschlafft auch die Liebe und der Wille der Seele, besonders bei den Nachkommen, die kein Zeichen gesehen haben, und wird völlig träge und hält das Zeichen entweder für ein Zauberstückchen oder platterdings für eine Lüge und Erfindung der Vorfahren. Denn fragt die Seele den Verstand, was an dem Zeichen sei, so kann dieser ihr keine Erklärung geben, da er selbst nie eine bekam, und er urteilt dann ganz gut also: ,Sind wir denn weniger Menschen als unsere Vorfahren, die allerlei Zeichen erhielten und dann leicht glauben konnten? Wir sollen nun glauben, was wir nicht verstehen, und die Zeichen, von denen wir bloß reden hörten, sollen uns als Glaubensmotive dienen? Nein, das geht durchaus nicht! Das kann ein weiser Gott, so Er irgend einer ist, von uns schwachen Menschen ewig nie verlangen! Daher verlangen auch wir Zeichen oder wenigstens eine solche Erklärung, die uns ein rechtes Licht gibt über das, was wir glauben und was wir tun sollen, auf daß wir den rechten Grund erkennen. Denn wir verlangen solche Glaubensmotive, die für alle Menschen zu allen Zeiten als wirksam erscheinen, aber nicht solche, die wir zuvor auch erst glauben müssen, auf daß wir dann auch das glauben können, was zu glauben wir durch sie genötigt werden.‘
GEJ|6|178|17|0|Seht, so urteilt dann der Verstand der Menschen, und das sogar mit Recht! Denn ist die Lehre auch mit gegebenen Zeichen vor dem Menschenverstande nicht in das rechte Licht gestellt worden, so geht sie ehest mit allen Zeichen unter, und die Menschen kommen dabei um allen Glauben und verfallen in ihr altes, träges und wildes Leben, bis dann irgendein pfiffiger Magier über sie kommt und sie mit falschen Zeichen leicht und bald auf seine Seite bringt.
GEJ|6|178|18|0|Daher sage Ich euch allen noch einmal ganz eindringlich: Lehret hell und klar, und seid in hohem Grade sparsam mit den Zeichen, so werdet ihr bleibende und unwandelbare Jünger zeihen! Denn das Zeichen vergeht; aber die helle und reine Wahrheit bleibt ewig und bedarf zu ihrer Bestätigung gar keines Zeichens mehr, weil sie selbst das höchste Zeichen ist, das aus den Himmeln zu jeder Zeit den Menschen, die es suchen, gegeben wird.
GEJ|6|178|19|0|Es gibt aber schon auch Zeichen, die ihr wirken möget; aber da soll das Zeichen nur eine rechte Wohltat sein für arme und bresthafte Menschen ohne Unterschied des Standes und des Glaubens, aber nicht ein besonderes Beweismittel für die reine Göttlichkeit Meiner Lehre.
GEJ|6|178|20|0|Die Lehre muß durch ihr Licht selbst sich auch ohne alle andern besonderen Zeichen als rein göttlich erweisen und jedem, der danach tut, den inneren, lebendigen Beweis ihrer vollsten Echtheit geben. Wenn ihr das beachtet, so werdet ihr Mir wahrlich gute Jünger nach euch erziehen; werdet ihr alles das aber nicht ganz genau beachten, so werdet ihr selbst dem Gegenchrist die Tore öffnen, und ihr werdet offenbar selbst das Weite zu suchen bekommen.“
GEJ|6|179|1|1|179. — Der Antichrist
GEJ|6|179|1|0|Sagte Lazarus: „Herr, was sollen wir denn unter dem Gegenchrist verstehen?“
GEJ|6|179|2|0|Sagte Ich: „Der Gegenchrist wird dadurch entstehen, daß da gewisse pfiffige und arbeitsscheue Menschen, so sie sehen werden, wie Meine Lehre stets mehr und mehr Anhänger bekommt, und wie es Meinen Jüngern stets wohler ergeht, die Lehre auch annehmen werden. Und so sie hören werden von den Zeichen, die Ich gewirkt habe, und auch von denen, die ihr bei Gelegenheiten wirken werdet, so werden sie gleich den heidnischen Magiern anfangen, große Zeichen mit ganz natürlichen Mitteln der blinden Zauberei zu wirken also, wie das die Essäer taten. Das wird die Leichtgläubigen verlocken, und zwar am Ende so sehr, daß darob gar viele euch, das heißt in euren Nachfolgern, für falsche Lehrer und Propheten halten und euch verfolgen werden.
GEJ|6|179|3|0|Darum habet ja wohl acht, daß ihr nichts als nur den Lebensbedarf von denen annehmet, die das Evangelium annehmen werden! Denn so die Müßiggänger sähen, daß euch die Predigt und ein Zeichen viel Geld verschaffen, da erst würden sie alles aufbieten, um euch zu verdrängen. Darum wird man die echten von den falschen Propheten am ehesten an ihren Werken erkennen. Denn die echten Propheten werden stets in Meiner Armut einhergehen und von ihren Gemeinden nur das annehmen, was ihnen zum Leben notwendig ist; die falschen aber werden tun wie nun die Pharisäer – und in vielen Stücken noch um vieles ärger – und werden sich für alles, was sie vorgeblich den Gemeinden in Meinem Namen tun, gar hoch und teuer bezahlen lassen, und alle Menschen werden sie für heilige Diener Gottes halten und bei Strafe glauben müssen, daß Gott allein nur ihre Gebete erhöre und auf ihre Opfer mit großem Wohlgefallen herabschaue. Wie aber nun für alle Juden dieser eine Tempel dasteht, so werden die Gegenchristen eine zahllose Menge Tempel errichten mit großer Pracht und darin vor den Menschen ihre Zaubereien, ihr Opfer verrichten und schlechte, eigennützige Reden halten. Beten aber werden sie in fremden Zungen, um das Volk glauben zu machen, daß solche ihre Sprache die reinste und also auch die Gott am meisten wohlgefällige ist.
GEJ|6|179|4|0|Dies genügt für jedermann, um einen falschen Propheten zu erkennen und ihn von einem wahren wohl zu unterscheiden. Sie werden freilich ein großes Geschrei erheben und in alle Welt hinausrufen: ,Da zu uns kommet alle her; denn hier ist Christus, und dort, wo wir sind, ist Er!‘ Aber glaubet es nicht, wenn sie noch so sehr schreien und noch so große Zeichen tun; denn sie sind nicht und niemals Meine Jünger, sondern verführte Jünger Beelzebubs, von dem sie auch ihren Lohn im Pfuhle ernten werden unter Heulen und Zähneklappern! Achtet wohl darauf, und wirket sowenig wie möglich Zeichen, sondern haltet euch an das Wort und seine ewige Wahrheit, so wird die reine Lehre unter vielen Menschen verbleiben bis ans Ende der Welt! – Jetzt aber begeben wir uns wieder ins Haus, und du, Lazarus, lasse uns Wein und Brot geben; denn nun dürstet es Mich!“
GEJ|6|179|5|0|Darauf gingen wir ins Haus, und Lazarus ließ sogleich Brot und Wein in gerechter Menge auftragen. Wir setzten uns an die Tische und stärkten uns.
GEJ|6|180|1|1|180. — Vom rechten Segen und Gebet
GEJ|6|180|1|0|Bei unserem Mahle redete Ich wenig; aber als der sehr gute Wein den Jüngern die Zunge löste, da wurde es auch bald sehr lebendig in der Herberge. Auch der Herbergswirt, der die Herberge für Lazarus besorgte, nahte sich Mir mit den Seinen und bat Mich, daß Ich auch ihm und seiner Familie Meinen Segen erteilen möchte; es würde das ein allerkräftigstes Gegenmittel sein gegen den Fluch der Templer.
GEJ|6|180|2|0|Sagte Ich zu ihm: „Freund, wo Ich bin, da ist auch schon der Segen mit Mir; eines mehreren aber bedarf es da wohl nicht! Lebe du nur auch nach der Lehre, die Ich Meinen Jüngern gegeben habe, und du wirst erst dadurch zu dem wahren, lebendigen Segen gelangen, der dir nicht nur für diese Welt, die für jedermann nur von einer sehr kurzen Dauer ist, sondern für deine Seele, die ewig leben wird, zum größten Nutzen gereichen wird! Solch ein Segen aber, wie du ihn dir vorstellst, ist zu nichts nütze. Siehe, die Pharisäer teilen doch allerlei Segen aus und lassen sich dafür bezahlen; wem aber, der einen solchen Segen empfing, hat er je etwas genützt? Ja, dem Pharisäer hat er wohl genützt, – aber den Gesegneten mußte sein Glaube trösten und ihm eine schwache Beruhigung verschaffen.
GEJ|6|180|3|0|Ich aber segne die Menschen wahrhaft nur dadurch, daß Ich ihnen das wahre Lebenslicht gebe und durch dasselbe das ewige Leben, so sie handeln nach Meiner Lehre. All das gewisse magische Segnen ist zu nichts nütze und vermehrt nur den Aberglauben der Menschen. Wer aber in Meiner Lehre wandelt und glaubt, daß Ich der wahre Christ bin, der mag einem Kranken in Meinem Namen die Hände auflegen, und es wird besser mit ihm werden. Und so ein Kranker auch in der Ferne ist, und du betest in Meinem Namen über ihn und streckst nach ihm deine Hände aus, so soll er gesund werden, so es zu seinem Heile gereicht. Und sieh, das ist ein um vieles besserer Segen als der, den du nach deiner Meinung von Mir haben wolltest! – Sage Mir nun, ob du damit zufrieden bist!“
GEJ|6|180|4|0|Sagte der Wirt: „O Herr, ich danke dir dafür; denn ich sehe es schon ein, daß die reine Wahrheit für den Menschen der größte Segen und die Lüge und der Betrug für ihn der größte Fluch ist. Jetzt möchte ich von dir, o Herr, aber doch noch vernehmen, ob bei Gott die Gebete der Priester auch dann keinen Wert haben und auch dann niemandem etwas helfen, so da jemand gläubig im besten Sinne und in der Meinung, daß er unwürdig sei, zu Gott zu beten, zu einem Priester geht und es ihm bezahlt, damit er für ihn zu Gott bete. Wie soll man das der Wahrheit nach fassen und begreifen?“
GEJ|6|180|5|0|Sagte Ich: „Steht es nicht geschrieben: ,Siehe, dies Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!‘? Wie soll denn solch ein Gebet dem, der es bezahlte, etwas nützen? Er als der Gläubige getraut sich nicht, zu Gott zu beten, und der bezahlte Priester betet nicht zu Gott und kann das sogar augenfällig nicht, weil er bei sich selbst an keinen Gott glaubt. Denn glaubte er an einen Gott, so würde er sich für seine Gebete nicht bezahlen lassen, sondern zu dem Gebetbezahler sagen: ,Jeder Mensch – und hätte er der Sünden so viele, wie es da gibt des Grases auf der Erde und des Sandes im Meere – kann reuig und demütig zu Gott beten, und Gott wird sein Gebet erhören. Meine von Gott gebotene Nächstenliebe aber legt mir ja ohnehin die Pflicht auf, in meinen Gebeten aller Menschen zu gedenken, und so gehe du hin und bete du selbst zu Gott, was allein dir nützen kann und wird; denn ein bezahltes Gebet ist ein Greuel vor Gott!‘
GEJ|6|180|6|0|Siehe, so müßte ein gläubiger Priester zu dem reden, der ihm ein Gebet zu bezahlen käme! Weil aber der Priester selbst an keinen Gott glaubt, so läßt er sich für das Gebet, das er aus einem Buche, ohne dabei etwas zu denken und zu wollen, mit einer heuchlerisch frommen Gebärde murmelt, bezahlen und ist somit in allem ein Lügner und Betrüger. Wie kann da ein solches Gebet bei Gott angesehen sein?
GEJ|6|180|7|0|Ich sage es dir: So Gott dem Menschen, der sich ob seiner vermeinten Unwürdigkeit nicht zu Ihm zu beten getraute, auch aus irgendeiner Not seiner Demut wegen hülfe, so wird Er ihm aber in dem Falle darum ganz sicher nicht helfen, um ihn dadurch von seinem Aberglauben mehr und mehr zu befreien.
GEJ|6|180|8|0|Wenn du einen Armen siehst, der einer nötigen Hilfe wegen zu Gott betet, da gehe hin und hilf ihm, so du etwas hast, um ihm zu helfen; hast du aber nichts, so bete auch du bei dir für ihn zu Gott, und Ich sage dir: Gott wird dein und des Armen Gebet erhören! Denn so zwei oder drei wahrhaft zu Mir beten, so wird ihr Gebet auch sicher allzeit erhört werden. Aber es soll sich dummer und rein weltlicher Dinge wegen niemand betend an Gott wenden, denn derentwegen würde ihn Gott nicht erhören; aber so da jemand um das wahrhaft Nötige bittet zum Leben des Leibes und zur Stärkung des Glaubens und der Seele, so wird es ihm nicht vorenthalten werden. – Siehe, also stehen der Wahrheit gemäß die Dinge des wahren Gebets, das da auch ein wahrer und rechter Segen Gottes im Menschenherzen ist! Begreifst du das?“
GEJ|6|180|9|0|Sagte der Herbergswirt: „Ja, Herr, das ist gar leicht zu begreifen, weil es ja doch eine zu klare Wahrheit ist; aber die magischen Gebete der Priester habe ich noch nie begriffen, und das sicher aus dem ganz einfachen Grunde, weil sie als ein barster Betrug gar nie zu begreifen sind. O diese argen Betrüger! Wie sie sich doch alle Mühe geben, dem Volke ihre nichtigen Gebete so darzustellen, als ob solche ordentlich nach Graden stets wirksamer und kräftiger seien, je nachdem sie von höheren Priestern an gewissen hochheiligsten Plätzen gebetet würden, und als ob ein und dasselbe Gebet, von ein und demselben Hohenpriester gebetet – und das am heiligsten Platze –, in eben dem Maße an Kraft und Wirkung zunähme, in welchem Maße es mit mehr Pfunden Goldes und Silbers bezahlt wird! Und siehe, das glauben die Menschen noch vielfach fest! Wehe dem, der ihnen davon abriete und ihnen sagte, daß der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs an solch einem Gebete kein Wohlgefallen haben könne, und daß Er dabei auch höchst ungerecht wäre, so Er nur jener Menschen Gebet anhörte, die es bei den Priestern um ein hohes Geld beten lassen können, die Armen aber, die das nicht vermögen, völlig unerhört und ohne alle Hilfe von Sich wiese! Oh, das nützte bei diesen blinden Narren gar nichts! Sie würden einen solchen weisen Volksaufheller nur für einen Gotteslästerer und Tempelschänder halten und ihn als solchen auch im Tempel anzeigen, worauf er dann sicher sehr bald für die ganze Ewigkeit so versorgt werden würde, wie man sich's besser nie wünschen könnte.
GEJ|6|180|10|0|Ah, mein erhabenster Freund und göttlicher Meister, da gibt es für einen ehrlichen und gebildeten Menschen kein Sein mehr! Wahrlich, da ist diese Herberge ja um vieles mehr ein wahrer Tempel Gottes als da unten Salomos Halle; denn in ihr ist nun weiter nichts mehr als Lüge und Betrug und der größte Menschenhaß! Ich bin wohl schon bei zehn Jahre lang nicht mehr in dem Tempel gewesen – und werde mich auch künftighin sehr davor hüten! Am allerwenigsten aber kann mich ein Fest in den Tempel bringen; denn da werden die größten Betrügereien auf die frechste Art getrieben, und kein Gesetz schützt mich vor ihnen. An den Festen treiben die Templer den größten Unfug ohne alle Verantwortlichkeit als Götter für sich; ich aber kann das ohne den größtmöglichen Ärger nicht ansehen und bleibe darum lieber fern. – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|6|180|11|0|Sagte Ich: „Ganz vollkommen; denn du kannst das nicht ändern, und darum ist es für dich besser, fern von dem Orte zu bleiben, an dem du nichts Gutes und Wahres erfahren kannst und dich als ein noch altechter Jude ärgern mußt. Ich aber bin darum gekommen, um alles, was da krumm ist, gerade, und was da blind und taub ist, sehend und hörend zu machen. Aber nun lassen wir den Tempel, da euch seine völlige Unbrauchbarkeit nur zu bekannt ist!
GEJ|6|180|12|0|Wir aber werden bald noch einen Zuwachs von Gästen bekommen, und zwar echte Römer und Griechen. Sie werden hier zehren und wahrscheinlich auch hier übernachten; denn unten ist in der ganzen Stadt beinahe keine Herberge zu finden, und du als Wirt kannst dich deshalb ein wenig vorbereiten.“
GEJ|6|180|13|0|Als der Wirt solches vernahm, da eilte er alsbald hinaus zu seinen Leuten und machte sie darauf aufmerksam; und die gaben nun acht, ob wohl Gäste kommen möchten. Als sie aber hinabsahen an das Gartentor, durch das man gehen mußte, um auf den Ölberg zu gelangen, da sahen sie schon eine Menge von dreißig Menschen durch das Tor eingehen und machten sich darum auch schnell an allerlei Arbeit, um die bald ankommenden Gäste auf ein geziemendes zu bedienen. Es war aber das Zimmer, in dem auch wir waren, groß genug, um hundert Gäste zu beherbergen. Auch waren noch einige ganz geräumige Seitengemächer da, in denen für die Nachtruhe ganz gut gesorgt war, und da dürfte es niemand um die ganz gute Unterkunft der ankommenden Fremden bangen, die mit sich eine Anführerin hatten, die eine Freie in Jerusalem war und sich viel mit den Fremden abgab. Wir werden sie späterhin schon noch besser kennen lernen.
GEJ|6|181|1|1|181. — Die Ankunft der fremden Römer in der Herberge
GEJ|6|181|1|0|Es dauerte natürlich nicht lange, so waren die Fremden auch schon da. Der Wirt und auch Lazarus gingen ihnen höflich entgegen und hießen sie willkommen. Die Fremden traten darauf ein, grüßten uns nach ihrer Sitte, und wir erwiderten den Gruß. Sie setzten sich an einen Tisch und verlangten gleich zu essen und zu trinken; denn sie seien schon sehr hungrig und durstig, da in der Stadt nirgends mehr etwas Annehmbares zu bekommen wäre.
GEJ|6|181|2|0|Und der Wirt sagte: „Brot und Wein könnet ihr sogleich haben; auf ein ordentliches Abendmahl aber werdet ihr schon ein wenig länger warten müssen!“
GEJ|6|181|3|0|Sie waren damit ganz zufriedengestellt, bekamen sogleich Brot und Wein in schwerer Menge und aßen und tranken ganz wohlgemut, lobten den Wein und waren voll guter und heiterer Dinge. Auch die freie Maid war ganz heiter und erzählte ihnen allerlei lustige Dinge. Wir aber verhielten uns ruhig, und die Jünger, die der griechischen und auch der römischen Zunge mächtig waren, horchten am emsigsten zu, was diese Fremden alles vorbrachten.
GEJ|6|181|4|0|Es war aber unter ihnen ein sehr angesehener Mann. Er war ein Römer und war nun das erste Mal in Jerusalem. Der sagte zu den andern: „Höret, wir haben nun des Scherzhaften in schwerer Menge vorgebracht, und so können wir denn nun auch einmal von etwas Ernsterem einige Worte fallen lassen, damit die ehrenwerte Gesellschaft, die wir hier schon angetroffen haben, sich nicht heimlich denke, daß wir nichts als pure Possenreißer seien. Und so will ich sogleich den Anfang machen und sagen:
GEJ|6|181|5|0|Wir kommen alle von Rom hierher in die große Judenstadt, welche von den Juden eine heilige genannt wird. Wir kamen durch die Dienstbereitschaft unserer schönen Jüdin in diese Bergherberge, die nach der Äußerung unserer Führerin zwar von der jüdischen Priesterschaft sehr verrufen ist, sich aber dessenungeachtet doch stets als die beste und billigste von ganz Jerusalem schon seit langem bewährt hat. Was unsere liebe Führerin uns also von dieser Herberge als gut anpries, das bestätigt sich nun ganz vollkommen; denn wir sind nun selbst da, und das Brot, der überaus gute Wein und die ganz besondere Freundlichkeit unseres Wirtes geben uns das beste Zeugnis. Daher müssen wir uns gegen unsere schöne Führerin auch ganz besonders dankbar erweisen, was nach unserer alten Römersitte auch sicher der Fall sein soll.
GEJ|6|181|6|0|Aber wir sind nun schon ein paar Tage hier in dieser Stadt und haben uns von gestern auf heute mit der schlechtesten Herberge behelfen müssen, und die guten Götter haben uns heute eine bessere beschieden. Daß wir gestern vor lauter Herbergesuchen dem nicht nachgehen konnten, weshalb wir so ganz eigentlich von Rom hierhergereist sind, das ist wohl ganz leicht begreiflich; aber nun haben wir einmal eine rechte Herberge, und so wäre es denn nun nach meinem Dafürhalten auch wohl schon Zeit, an das zu denken anzufangen, dessentwegen wir die große und gefahrvolle Reise unternommen haben. Denn die Reise von Rom hierher ist wahrlich keine Kleinigkeit! Unsere liebe Führerin, die uns den Weg in diese gute Herberge gewiesen hat, wird morgen vielleicht auch in dieser Beziehung Auskunft geben können, – vielleicht auch unser Wirt; aber den müssen wir denn zuvor doch noch etwas näher kennenlernen, weil das bei den Juden so ein wenig eine kitzlige Sache sein soll, und diese haben es – unter uns gesagt – stets faustdick hinter den Ohren.
GEJ|6|181|7|0|Daß aber unsere schöne Führerin eine ganz ehrliche und biedere Persönlichkeit ist, davon haben wir schon einige treue Überzeugungen; und so werden wir uns so ganz geheim an sie wenden, und sie wird uns da wohl gütigst eine gute Auskunft zu geben imstande sein, damit wir wissen mögen, ob wir unsere Reise hierher umsonst oder nicht umsonst gemacht haben. Denn ist etwas Wahres an der Sache, so bleiben wir so lange da, bis wir völlig dahintergekommen sind, was an der Sache ist; ist aber an der Sache nichts, so gehen wir in ein paar Tagen schon wieder nach Hause.
GEJ|6|181|8|0|Ein Gewitter sieht in der Ferne wohl auch allzeit gefährlicher und drohender aus als bald darauf, wenn es in der Nähe ist, und so wird es wahrscheinlich auch mit dieser unserer Sache sein. Allerdings ist es sehr sonderbar, daß wir hier im Judenlande beinahe noch von niemandem etwas davon haben reden hören. Aber dessenungeachtet können wir uns darüber etwas intensiver erkundigen; und so möchte ich dich, unsere holdeste Führerin, denn fragen, ob du von einem jüdischen, ganz neu aufgestandenen Propheten noch nichts vernommen hast, der gar unerhört wunderbare Dinge zustande bringen soll.
GEJ|6|181|9|0|Sage es uns aufrichtig und wahr, ob und was du von dem Propheten gehört hast, und was da eigentlich an der Sache ist! Hast du ihn schon einmal selbst gesehen und gesprochen oder andere glaubwürdige Menschen von ihm reden hören? Und so sie von ihm geredet haben, so wirst du auch vielleicht vernommen haben, was sie von ihm geredet haben? Sage uns alles, was du von dieser Sache weißt, und wir werden dir – wie schon gesagt – gar sehr erkenntlich sein!“
GEJ|6|182|1|1|182. — Das Gespräch der Führerin mit den Römern über den Herrn
GEJ|6|182|1|0|Sagte hierauf die Maid: „Ja, meine achtbarsten Freunde, da werde ich euch wahrlich keinen genügenden Dienst leisten können! Ich habe wohl – so mehr weitschichtig – von ihm so manches reden hören; aber alles, was ich von ihm vernommen habe, klang noch um vieles fabelhafter als die Geschichten von euren Göttern.
GEJ|6|182|2|0|Er soll übrigens ein sonst ganz weiser und überaus guter Mensch sein, was man sich so allgemein in besseren Kreisen erzählt; aber neben seiner Weisheit tauchen gleich wieder eine Menge von allerlei Wundertaten auf, die natürlich ein recht vernünftiger Mensch sogar dann nicht glauben könnte, so er sie selbst von dem Propheten hätte wirken sehen! Ich selbst glaube das von dem Menschen auch nicht; aber es ist das unter den Menschen schon einmal so gang und gäbe. Sowie irgendein so recht grundgescheiter Mensch unter den andern vielen gar dummen Menschen aufsteht und sie über ihre große Dummheit belehrt und die Blinden nachher einsehen, daß er in aller Wahrheit ein rechter Weiser ist, dann halten sie ihn aber auch schon gleich für einen Gott! Er darf ihnen dann auch so manches Kunstvolle von seinen Fertigkeiten zum besten geben, die sicher auf ganz natürlichen Prinzipien beruhen, und er hat Wunder gewirkt gleich einem Gott, und die Menschen laufen ihm nach aus allen Gegenden der Erde! Und so, meine ich, wird es auch mit dem guten und sonst sehr gescheiten Menschen stehen, der sowenig ein Prophet sein wird wie unsereins.
GEJ|6|182|3|0|Er soll einige Male auch schon hier in Jerusalem gewesen sein, auch einige Wunder gewirkt und dann das Volk in seiner Weise belehrt haben; aber da sei er bei den Pharisäern angestoßen, und sie haben ihm, glaube ich, gar sehr verboten, seine Sachen offen zu treiben, – und so dürfte er in dieser Zeit wohl seltener in dieser Stadt zu sehen sein. Er soll zumeist in Galiläa sein Wesen treiben; daher weiß man hier weniger irgend etwas Genaues von ihm als etwa in einer Stadt Galiläas.
GEJ|6|182|4|0|Ich selbst habe ihn noch nie gesehen und habe gerade auch keinen besondern Wunsch, ihn zu sehen. Von seiner besonderen Weisheit würde ich ganz verzweifelt wenig verstehen, und Zaubereien aller Art habe ich auch schon eine Menge gesehen – und das sogar bei den Essäern, die sogar die Toten wieder lebendig und ganz gesund machen –, und so habe ich wahrlich keine besondere Lust, den so weit berühmten Wunderpropheten zu sehen. Jetzt bin ich aber auch schon fertig und kann euch nichts Weiteres weder pro noch contra diesen Propheten sagen.
GEJ|6|182|5|0|Übrigens muß ich ganz offen gestehen, daß ich auf gar keinen Propheten je etwas Besonderes gehalten habe; denn erstens war noch ein jeder so langweilig und düster wie ein nebliger Spätherbsttag, zweitens so unverständlich wie der gestirnte Himmel und drittens so finster und unfreundlich wie eine Gewitternacht in Ägypten. Wer kann sich mit solchen Menschen wohl je befreunden? Allein das ist nur so ganz meine Privatansicht, die ich niemandem aufdrängen will; denn ich werde wahrlich nie eine Prophetin, und da ist mir schon alles eins, was die Menschen glauben, wenn sie nur sonst ganz gut und ehrlich sind.“
GEJ|6|182|6|0|Sagte der Römer: „Na sieh, dein natürlicher Hausverstand ist wahrlich gar so übel nicht! Du hast einen ganz gesunden Sinn, der uns recht wohl gefällt; aber dessenungeachtet muß hinter dem großen und neuen Propheten doch mehr stecken, als du uns über ihn zu sagen wußtest. Nun, daß dich derlei wenig oder auch gar nicht interessieren dürfte, dafür spricht deine noch bedeutende Jugend und dein weiblicher Flattersinn; wir aber als schon so ziemlich betagte Leute und Männer aus der ersten und größten Stadt der bis jetzt bekannten Welt interessieren uns sicher sehr für so einen seltenen Mann, ansonst wir seinetwegen sicher nicht eine so große Reise bis hierher gemacht hätten, – und du wirst darum schon einsehen, daß wir uns nach dem Manne schon noch näher werden erkundigen müssen. Aber das wirst du mit deinen gewandten Sinnen doch wohl wissen, ob man unseren Wirt nach so etwas fragen darf; denn es sollen hier die Priester und des Herodes Mietlinge sehr lange Ohren und adlerscharfe Augen haben. Zu diesen wird er etwa doch nicht gehören?“
GEJ|6|182|7|0|Sagte die Maid: „Oh, da könnet ihr ganz unbesorgt sein! Der Wirt ist stumm wie eine Mauer und hat meines Wissens noch nie jemanden verraten. Den könnet ihr schon fragen, und die etlichen dreißig Gäste scheinen Freunde von dem eigentlichen Besitzer, mit Namen Lazarus zu sein, und der ist selbst ganz gegen den Tempel, weshalb ihn die Priester auch stets necken, wo sie nur können. Aber er ist unstreitig einer der Reichsten im ganzen Lande, und so können sie ihm nicht leichtlich etwas anhaben, und das um so weniger, weil er mit allen seinen Besitzungen unter dem alleinigen römischen Schutze steht. Oh, da könnet ihr mit dem einen wie mit dem andern sprechen, und das ganz frei von der Leber weg, und es wird euch niemand verraten! Ich schon am allerwenigsten; denn welche Achtung ich vor dem Tempel habe, das habe ich euch schon unten ganz fest erklärt, und eines weiteren bedarf es da wohl nicht!“
GEJ|6|182|8|0|Sagte der Römer, welcher der griechischen Zunge mächtig war: „Gut gesprochen, liebe Führerin! Es ist nun schon ganz gut, weil wir nun wissen, mit wem wir es zu tun haben; alles andere wird sich dann schon machen!“
GEJ|6|182|9|0|Meine Jünger murmelten leise untereinander über diese Fremden und machten ihre Glossen, und es war ihnen die etwas stark leichtfertige Maid nicht besonders angenehm; aber Ich bedeutete ihnen, daß sie vor der Zeit ja nicht laut werden sollten. Und sie taten das denn auch.
GEJ|6|182|10|0|Es dauerte aber nun nicht mehr lange, daß Lazarus und der Wirt ins Zimmer kamen und ankündigten, daß sogleich das Abendmahl aufgetragen werde. Das war für die Fremden natürlich eine überraschend gute Nachricht.
GEJ|6|182|11|0|Und als sogleich eine Menge gar sehr wohlschmeckender Speisen in edlen Geschirren auf die Tische gesetzt wurden, da machten die Fremden große Augen und sagten: „Wahrlich, geschmackvoller kann man es auch in Rom nicht haben!“
GEJ|6|182|12|0|Als sie dann erst zu essen begannen, da ward es gar aus bei ihnen, und sie konnten die Güte der Speisen gar nicht genug loben und preisen. Aber auch unser Tisch wurde reichlich mit den Speisen versehen, und wir aßen und tranken; wir erhoben jedoch kein so lautes Lob, was den Fremden etwas sonderbar vorkam, und sie meinten, daß unsere Speisen etwa minder gut seien.
GEJ|6|182|13|0|Aber Lazarus samt dem Wirte, die an unserem Tische speisten, sagte: „Meine Freunde, das ist bei mir stets einerlei! Jeder Gast, hoch oder gering, wird da ganz gleich bedient! Jedem wird das Beste, was ich habe, mit vieler Freude dargereicht.“
GEJ|6|182|14|0|Mit diesen Worten waren die Fremden völlig zufrieden, aßen und tranken und fragten während des Essens um nichts Weiteres mehr.
GEJ|6|183|1|1|183. — Der Römer fragt den Wirt und Lazarus nach dem Wundermanne Jesus
GEJ|6|183|1|0|Nach dem reichlich eingenommenen Mahle erst fing es im Speisesaal an, lauter zu werden, und da der Wein den Fremden auch mehr Mut einflößte, so begannen sie mehrfach wieder ihr altes Thema von dem neuen Propheten zu besprechen, und unser angesehener Römer wandte sich an unseren Wirt und fragte ihn, sagend: „Lieber Wirt, du wirst es mir nicht ungütig aufnehmen, so ich dich um etwas ganz Besonderes frage!?
GEJ|6|183|2|0|Sieh, es hat sich von Judäa aus der Ruf sogar bis nach Rom verbreitet, daß irgend in den Judenlanden ein außerordentlicher Mann, so eine Art Prophet, aufgestanden sei, der zukünftige Dinge voraussage, und alle Kräfte der Natur sollen seinem Willen vollkommen untertan sein! Wir wollten das lange nicht glauben; aber es kamen, erst in jüngster Zeit, abermals Nachrichten von sehr bewährten Seiten nach Rom und also auch an mich – da ich einer der ersten Patrizier Roms bin –, und ich und alle diese meine Freunde, die auch zu den Angesehensten Roms gehören, dachten: Es muß an der Sache doch etwas sein, – was wird es denn sein? Schiffe haben wir genug und Seeknechte zu vielen Hunderten, machen wir eine Reise nach Asien, und zwar nach Judäa! Dort werden wir es am ehesten erfahren, was an der Sache ist!
GEJ|6|183|3|0|Und sieh, wir reisten vor vierzehn Tagen ab, hatten teilweise ziemlich guten Wind und sind nun hier! Aber merkwürdig, in Rom erfuhren wir offenbar mehr als hier im Lande, wo der Wundermann sich aufhalten soll! Wen wir auch auf der Reise hierher darum befragt haben, der wußte uns entweder gar keinen Bescheid oder kaum einen bessern zu geben, als was für einen wir aus Rom mitgebracht haben.
GEJ|6|183|4|0|Jerusalem als die Hauptstadt dieses Landes sollte denn doch am ersten von der Sache wohlunterrichtet sein! Darum kommen wir auch gerade hierher. Aber auch hier ist alles still! Diese unsere recht angenehme Führerin, die wir heute aufgenommen haben bloß zu dem Behufe, daß sie uns in der Stadt herumführe, hat uns zwar noch den meisten Bescheid erteilt, der uns aber für so eine außerordentliche Sache auch durchaus nicht genügen kann. Daher habe ich mich nun in eben dieser Angelegenheit an dich gewandt, ob vielleicht du uns darüber einen besseren Bescheid geben kannst. Sage mir! Besteht in Judäa ein solcher Mann, und was leistet er? Was ist euer Urteil über ihn?“
GEJ|6|183|5|0|Hier blickte der Wirt Mich an und fragte Mich gewisserart mit den Augen, ob er Mich bekannt geben dürfe. Aber er vernahm in sich die klare Antwort: „Jetzt noch nicht, sie werden Mich schon später selbst erkennen!“
GEJ|6|183|6|0|Darauf erst sagte der Wirt zum Römer: „Ja, mein gar sehr achtbarster Freund, der Mann besteht ganz also, wie ihr in Rom von ihm die Nachricht vernommen habt; aber es ist ihm unsere überselbstsüchtige und herrschgierige Priesterschaft im höchsten Grade aufsässig und desgleichen jedem, der mit ihm wohlbekannt ist, und so dürfen wir zum Heile unserer Haut von ihm eben nicht gar zuviel und zu laut reden.
GEJ|6|183|7|0|Ich kenne euch natürlich gar nicht und weiß auch nicht, in welcher Absicht ihr eigentlich nun nähere Aufschlüsse wünschet, und ihr werdet es mir vorderhand schon zugute halten müssen, so ich euch jetzt über ihn nichts Weiteres sagen kann als: Er besteht ganz also, wie er euch bis nach Rom beschrieben worden ist; doch wo er nun ist, und was er tut, das kann und darf ich euch nicht verraten.
GEJ|6|183|8|0|Auch dieser Herr da, dem nun die ganze alte Stadt Bethania sowie dieser Berg mit dieser Herberge gehören, kennt ihn sehr gut und weiß, was der große Mann leistet! Der kann euch auch der vollsten Wahrheit gemäß das bezeugen, daß der Wundermann noch besteht und wirkt; aber übers Wo wird auch er schweigen. Wir wissen es wohl, daß ihm alle unsere Priester, die sich gleich nur für Götter halten, ewig nichts anhaben können; aber wir wollen dennoch alles Aufsehen vermeiden, um Ruhe vor den giftvollen Priestern zu haben. Mehr kann und darf ich dir nicht sagen.“
GEJ|6|183|9|0|Sagte der Römer: „Ich bin auch schon mit dem zufrieden; nur möchte ich noch von dir, du Hausherr, diese Aussage bestätigt haben! Was sagst du über den großen Mann?“
GEJ|6|183|10|0|Sagte Lazarus: „Was euch der Wirt sagte, das ist wahr, und mehr kann und darf ich euch auch nicht sagen! Aber da ihr morgen und auch übermorgen noch nicht abreiset, so kann es sich gar leicht fügen, daß ihr Ihn, so ihr eine ganz gute Absicht mit Ihm habt, noch ganz leicht werdet persönlich kennenlernen! Denn Er gehet denen gerne zu, die da redlichen Sinnes und eines wahrhaft guten Willens sind; doch die Verräter haßt Er, nicht Seiner Selbst willen, sondern ihrer eigenen, verwerflichen Bosheit willen. Er ist so mächtig in Seinem Willen, daß Er nur zu wollen braucht, und es geschieht im Augenblick, was Er will. So dürfte Er zum Beispiel wollen, daß diese ganze Erde nicht mehr bestehen soll, so ist sie auch schon nicht mehr da! Darum fürchtet Er auch keinen Feind; aber Er ist ihm darum kein Gegenfeind, – nicht, als hätte Er etwa irgendeine Furcht vor einem Feinde, sondern weil Er Selbst den Menschen nichts so sehr ans Herz legt als eben die gegenseitige Liebe. So sind Ihm die argen Menschenfeinde ein Greuel, und wehe dem, den Sein gerechter Zorn ergreift! Kurz, Er ist der weiseste, beste und allermächtigste wahre Gottmensch auf der ganzen Erde! Mehr brauche ich euch nicht zu sagen.“
GEJ|6|183|11|0|Sagte der Römer: „Ich bin nun schon auch mit dem vollkommen zufrieden! Daß wir alle aber nur vom besten Willen für den großen Mann beseelt hierhergekommen sind, dessen kannst du völlig versichert sein! Hätten wir alle unsere Schätze bei uns, die wir zum größten Teil in unserm Schiffe zurückgelassen haben, so möchte ich sie dir alle für unsere gute Absicht mit dem großen Mann einsetzen! Aber du kannst uns schon trauen; denn ein echter Römer gehet offenen Weges und verachtet jeden Hinterweg. Wenn wir mit ihm nur irgendwo zusammenkommen, da soll er unsere Achtung vor ihm nicht nur im Worte und in tiefer Verbeugung, sondern in der vollsten und gewichtigsten Tat kennenlernen!“
GEJ|6|183|12|0|Antwortete Lazarus: „Mit Gold, Silber und Edelsteinen aber dürfet ihr Ihm ja nicht kommen; denn so Er so etwas wollte, da würde Er Selbst Berge ins blankste Gold verwandeln! Bei Ihm gilt sonst gar nichts als nur ein reines und gutes Herz. Wer Ihm mit diesem größten Schatze entgegenkommt, der ist Sein Freund, und dem tut Er aber auch alles, was Er ihm ansieht, daß es ihm nütze. Aber nur mit Gold und Silber komme Ihm niemand; denn Er haßt derlei, weil es die Menschen hart und sehr böse macht. Alles, was vor der Welt groß und glanzvoll genannt werden kann, das ist in Seinen Augen ein Greuel. Nun wisset ihr, wie Er beschaffen ist; daher verhaltet euch auch also, so ihr Ihn finden werdet, und Er wird euch dann gerne geben Seine Liebe, die Wahrheit und das ewige Leben!“
GEJ|6|184|1|1|184. — Lazarus erzählt dem Römer vom Herrn
GEJ|6|184|1|0|Sagte der Römer: „Ich sehe es euch an, daß ihr die Wahrheit und keine Lüge sprechet, und unsere Begierde ist nun um so mehr gesteigert, den großen Mann persönlich kennenzulernen. Wenn er aber ohne Zweifel also ist, wie ihr beide ihn uns wortgleich beschrieben habt, so könnte er sich gar leicht zum König der Juden aufwerfen. Denn da genügte ja die Macht seines Willens, um uns Römer hinauszuwerfen und dann auch also zu verfügen, daß fürder nimmer ein Römer ins Land käme! Wir Römer wissen es auch schon seit langem, daß alle Juden nach dem Wortlaute ihrer alten Propheten auf einen großen König harren. Am Ende ist ihre lange Hoffnung mit diesem großen Manne völlig erfüllt, und wir Römer werden eines schönen Morgens von ihm durch seinen allmächtigen Götterwillen mit Blitzesschnelle hinausgeschafft werden! Was ist da eure Meinung?“
GEJ|6|184|2|0|Sagte nun Lazarus: „Das haben die Römer von Ihm durchaus nicht und nimmer zu befürchten; denn fürs erste ist Er ein großer Freund der Römer, und fürs zweite muß die Weissagung der alten Propheten dahin gedeutet werden, daß Er als der nun in aller Wahrheit gekommene Messias nach den alten Prophezeiungen ein irdisches Reich auf dieser Erde zu gründen nicht die entfernteste Absicht hat, wohl aber ein geistiges Reich der Liebe und der wahren Weisheit Gottes bei allen Menschen der Erde, die Seine Lehre von Gott, von Seinem Himmelreiche und vom ewigen Leben der Seele nach dem Tode des Leibes annehmen und nach Seinem kundgegebenen Willen leben und handeln werden. Siehe, das ist Seine reinste und wahrste Absicht; aber von einer Vertreibung der Römer aus diesem Lande ist bei Ihm schon ganz sicher ewig keine Rede!
GEJ|6|184|3|0|Ja, daß da gar viele geistig blinde Juden dieses Glaubens sind, das kann ich durchaus in keine Widerrede stellen; sie aber halten unseren großen Mann durchwegs nicht dafür. Und so Er zu ihnen sagt, daß Er eben der Verheißene ist, so glauben sie Ihm das dennoch nicht trotz aller Wunderzeichen, die Er vor ihren Augen wirkt, sondern sie beschuldigen Ihn noch der Gotteslästerung und heißen Ihn einen Schänder des Sabbats, und so es nun möglich wäre, da wären sie die ersten, die Ihn töten würden! Was ich euch hier sage, ist die volle Wahrheit, und ihr habt durchaus nicht im geringsten zu befürchten, daß Er je die Juden von euch Römern befreien werde, sondern gerade das Gegenteil!“
GEJ|6|184|4|0|Sagte der Römer: „Nun, wenn das, da soll er aber lieber nach Rom ziehen; dort wird man ihn sicher auf den Händen tragen und vergöttern! Was macht solch ein großer und einziger Mann unter den schon allbekannt dummen Juden, die sich für Gottes Kinder halten, aber in ihrem Denken, Reden und Handeln dümmer sind als die Skythen des Nordens?!“
GEJ|6|184|5|0|Sagte Lazarus: „So Er das wollen würde aus Seiner unerforschbar tiefen Weisheit, da wäre Er auch schon lange in Rom! Wer hätte Seinem allmächtigen Willen irgend den Weg versperren können?! Aber Er weiß es, warum Er zumeist nur bei uns Juden verbleibt! Wir Menschen aber sind allesamt zu blöde, um Ihm sagen zu können: ,Herr, tue dies, oder tue jenes!‘; denn Er ist wahrlich allein ein Herr in aller Weisheit und in aller Macht. Wer soll Ihm da etwas raten können?!“
GEJ|6|184|6|0|Sagte der Römer: „Ja, wenn also, da wird mit ihm schwer zu reden und zu verhandeln sein! Na, sei ihm aber nun schon, wie ihm wolle, wir werden ihm dennoch im höchsten Grade dankbar sein, so er uns nur einmal dahin würdigen wird, daß wir ihn allein nur irgend zu sehen bekommen! Euch beiden aber werden wir sehr glänzend dankbar sein, so ihr uns irgend die Gelegenheit verschaffen könnet, daß wir ihn zu Gesichte bekommen!“
GEJ|6|184|7|0|Sagte Lazarus: „Da wäret ihr sehr leichtsinnig! Denn wären ich und mein Wirt irgend habsüchtig, da ginge es eben nicht gar zu schwer, irgendeinem Menschen aufzureden, daß er gegen eine gute Bezahlung sich euch als der große Mann zeige; und so ihr auch fragtet, ob er der große Wundermann sei, da würde er euch dann auch eine ganz gut und wahr klingende Antwort zu geben imstande sein, – denn auch dafür würden wir schon zum voraus sorgen können. Seht, das wäre demnach von euch unklug und von uns aus schlecht! Ihr werdet Ihn schon aus euch selbst erkennen, ohne daß wir gegen eine glänzende Dankbarkeit von eurer Seite notwendig haben werden, euch zu sagen: Sehet, dieser oder jener ist es!“
GEJ|6|184|8|0|Als der Römer solches von Lazarus vernommen hatte, da lobte er ihn und pries ihn als einen selten klugen und ehrenhaften Mann.
GEJ|6|185|1|1|185. — Die Heilung der besessenen Maid Maria Magdalena durch den Herrn
GEJ|6|185|1|0|Es begab sich aber bald darauf, etwa nach einer Viertelstunde, daß die Führerin der Römer, die sonst eine freie Maid für unzüchtige Männer war, ob des zu vielen Weingenusses von gewaltigen Krämpfen befallen wurde und gar jämmerlich schrie, ihr Gesicht verzerrte und ihre Glieder und Muskeln gar furchtbar verzog.
GEJ|6|185|2|0|Die Römer entsetzten sich darob sehr, weil sie eine solche Erscheinung für ein außerordentliches MALUM OMEN schlechtes Vorzeichen) hielten. Sie sagten: „Wehe uns, die Götter sind auf uns voll Zorns geworden, weil wir einen fremden Gott aufsuchen gegangen sind! Was tun wir nun?“
GEJ|6|185|3|0|Sagte Lazarus: „Gar nichts als dableiben! Denn diese Person kenne ich ja schon eine geraume Zeit; sie ist mit dieser Krankheit schon mehrere Jahre lang behaftet, und es ist ihr das schon oftmals begegnet, besonders wenn sie etwas zuviel Wein genossen hatte. Wir Juden nennen das Besessenheit von einem oder oft auch mehreren argen Geistern. In den früheren Zeiten, als es unter den Juden noch viele fromme Menschen gab, konnten solche argen Geister durch das Gebet eines Frommen aus dem Menschen hinausgeschafft werden; aber in dieser Zeit gibt es so etwas kaum mehr. Natürlich könnte so etwas unser großer Mann wohl augenblicklich bewirken, so Er es wollte!
GEJ|6|185|4|0|Seht, das liegt an dieser Erscheinung und sonst gar nichts! Wie könnten eure Götter über euch erzürnt werden, da sie doch nirgends anderswo bestehen können als allein in der Phantasie der Menschen, die von einem wahren Gott nichts wissen, weil sie von Ihm nie etwas vernommen haben? Warum nicht? Das liegt im ewig großen Weisheitsplane Dessen, der die Menschen erschaffen hat.“
GEJ|6|185|5|0|Das beruhigte die Römer, und sie konnten die Führerin, die sich in einem elenden Zustande befand, doch wieder anschauen und einiges Mitleid in sich wachrufen.
GEJ|6|185|6|0|Der erste Römer aber trat an unseren Tisch, an dem wir ganz ruhig saßen, suchte sich gerade Mich aus und sagte: „Aber lieber Freund, ist denn gar niemand unter euch, der dieser unglücklichen Maid irgendeine Hilfe zu leisten imstande wäre? Ihr sitzet wahrlich so teilnahmslos da, während diese Arme mit dem Tode ringt! Ich möchte ihr gewiß gerne helfen, so ich ein Mittel für ein solches Übel kennen würde; aber wir Römer sind eben in der Heilkunde besonders solcher Übel noch überaus schlecht bestellt.“
GEJ|6|185|7|0|Sagte Ich: „Du hast dich an Mich gewandt, ohne zu wissen, wer Ich bin; aber dein halbes Vertrauen, daß an unserem Tische jemand der Besessenen helfen könnte, hat dich zu Mir geführt. Und Ich sage es dir, daß dich dein Geist schon an den rechten Mann gewiesen hat, der ihr auch helfen wird zu ihrem leiblichen Wohle und zum Wohle ihrer Seele. Gebet denn wohl acht, mit welchen Mitteln Ich dieser Maid für immerdar helfen werde!“
GEJ|6|185|8|0|Hierauf erhob Ich Mich von Meinem Stuhle, ging hin zur schon ganz erstarrt daliegenden Maid, streckte Meine Hände über sie aus und bedrohte die sieben argen Geister in ihr.
GEJ|6|185|9|0|Die Geister aber schrien laut aus ihrem Bauche: „O Jesus, Du Sohn Davids, laß uns nur noch eine kurze Zeit in dieser unserer Wohnung!“
GEJ|6|185|10|0|Ich aber bedrohte sie noch einmal, und sie verließen die Maid im selben Augenblick.
GEJ|6|185|11|0|Und die Maid erhob sich und war so heiter, frisch und gesund, als ob ihr nie etwas gefehlt hätte. Als sie aber Mich an ihrer Seite ersah und man ihr gesagt hatte, daß Ich ihr geholfen habe, da sah sie Mich fest an und sagte: „Ach, das ist doch sicher jener herrliche Mann, für den mein Herz schon seit einem Jahre stets lebendiger schlug! Und gerade der, den ich gar unendlich liebte und noch liebe, seit ich ihn nur einmal im Vorübergehen gesehen habe, kam mir nun zu Hilfe! O Freund, hättest du mich nur lieber sterben lassen, als daß ich dich zur größten Qual meines Herzens wiedersehen muß, ohne je eine Hoffnung zu haben, auch von dir geliebt zu werden! Denn du bist ein reiner Mensch, und ich bin eine verworfene Hure!“
GEJ|6|185|12|0|Hierauf fiel sie zu Meinen Füßen nieder, umklammerte sie kniend und benetzte sie mit Tränen der Liebe und Reue.
GEJ|6|185|13|0|Da traten einige Jünger hinzu und wollten sie von Meinen Füßen hinwegziehen, und bemerkten ihr, daß sich so etwas hier nicht schicke.
GEJ|6|185|14|0|Ich aber sagte zu den Jüngern: „Was geht euch denn das an?! Bin denn nicht Ich der Herr über Mich und nun auch über sie? Wenn es Mir zuviel sein wird, da werde schon Ich ihr sagen, was sich da schickt oder auch nicht schickt! Ich sage euch: Diese Maid hat viel gesündigt, – aber sie liebt Mich auch mehr denn ihr alle zusammen; darum wird ihr auch vieles vergeben werden. Und noch sage Ich euch, daß allenthalben, wo Mein Evangelium gepredigt wird, auch dieses Vorfalles und dieser Maid Erwähnung gemacht wird.“
GEJ|6|185|15|0|Da zogen sich die Jünger zurück und gaben sich zufrieden.
GEJ|6|185|16|0|Ich aber sagte darauf zur Maid: „Stehe nun auf; denn es ist dir geholfen, und deine Sünden alle sind dir vergeben! Aber gehe nun hin und sündige nicht mehr, auf daß dir darob nicht noch etwas Ärgeres widerfahre! Denn wenn der böse Geist einen Menschen verläßt, so durchzieht er dürre Steppen und Wüsten und sucht, ob er eine Wohnung fände, und so er nichts findet, da kehrt er wieder zurück. Da findet er seine alte Wohnung sauber gefegt und gereinigt, daß er darob eine große Lust faßt, wieder einzuziehen. Wenn er aber sieht, daß er allein zu schwach ist, da nimmt er noch sieben andere Geister, die noch ärger sind denn er, und diese alle ziehen dann mit Gewalt in die gereinigte Wohnung ein, und dieser zweite Zustand des Menschen ist dann ein um vieles ärgerer, als da war der erste. Darum habe wohl acht, daß dir nicht ein Gleiches widerfahre! Stehe darum auf, gehe hin und sündige ja nicht mehr!“
GEJ|6|185|17|0|Hier erhob sich die Maid und wußte sich vor lauter Liebe und Dank gegen Mich kaum zu helfen. Nach einer Weile bat sie Mich, ob sie doch diese Nacht hier in der Herberge verbleiben dürfte, da es schon spät in der Nacht geworden sei.
GEJ|6|185|18|0|Und Ich sagte zu ihr: „Ich redete nicht mit deinem Leibe, sondern mit deiner Seele und mit ihren mannigfachen weltlichen Begierden; mit deinem Leibe kannst du bleiben, wo du willst!“
GEJ|6|185|19|0|Damit war die Maid zufrieden und setzte sich wieder zu Tische, – aber ihre Augen wandte sie keinen Augenblick von Mir ab.
GEJ|6|186|1|1|186. — Die Römer und die Maid ehren den Herrn
GEJ|6|186|1|0|Aber jetzt fing auch der Römer an, Mich genauer zu betrachten, und sagte zu Mir: „Freund, vergib es mir, daß ich dich nach meinem Herzensdrange auch mit einer bedeutenden Frage belästige! Meine früheren Erkundigungen über den großen Mann dieses Landes werden dir nicht entgangen sein. Du hast nun an dieser Maid eine Wunderheilung vollbracht, wie ich etwas Ähnliches noch nie erlebt habe. Du heiltest sie bloß durch die Macht deines Willens. Wie, wenn am Ende gar du der große Mann, der wahrste Gottmensch wärest, von dem die Kunde gar nach Rom gekommen ist?! Und solltest du es dennoch nicht sein, so wirst du sicher um ihn wissen. Ist das der Fall, dann führe uns zu ihm hin, und was ich an Schätzen mit mir habe, soll dein sein!“
GEJ|6|186|2|0|Darauf sagte Ich: „Weil du darum gar von Rom die weite Reise mit diesen deinen Gefährten hierher gemacht hast, so sage Ich es dir, daß du schon am rechten Orte und an rechter Stelle dich befindest; denn Ich bin eben Der, den du gesucht hast. Was ist nun dein Anliegen? Warum suchtest du Mich mit so großen Opfern?“
GEJ|6|186|3|0|Sagte der Römer, ganz entzückt über dieses Mein Bekenntnis: „O Freund, wenn du das bist, dann habe ich mit allen diesen meinen Gefährten mein Heil gefunden; denn ich will für mich selbst erfahren Deine Lehren und sehen Deine große Macht und Herrlichkeit. Aber erst morgen werden wir Dich weiter belästigen; diese Nacht aber wollen wir wie alte, gute Freunde zubringen.
GEJ|6|186|4|0|Vor allem aber nun meinen Dank für die Heilung dieser wahrlich lieben Maid. Und ihr beiden Wirte aber bringet nun noch mehr Wein; denn wir haben nun unser höchstes Heil gefunden, und morgen sollen alle Armen dieser Stadt auf unsere Kosten gesättigt werden! Fiat!“
GEJ|6|186|5|0|Lazarus und der Wirt gingen und brachten noch Wein in gerechter Menge, und er ward in die Trinkbecher eingeschenkt.
GEJ|6|186|6|0|Darauf ergriff der Römer den vollen Becher und sagte: „Heil uns, und Ehre, Liebe und Dank Dir, großer Meister! Erkennen Dich auch die finster- dummen Juden nicht, so werden Dich schon die Römer um so besser und tiefer erkennen!“
GEJ|6|186|7|0|Hier trank er den Becher ganz aus und lobte darauf den Wein. Darauf taten die andern alle desgleichen. Nur die Maid trank nicht, da sie sich fürchtete, wieder ihren Zustand zu bekommen.
GEJ|6|186|8|0|Aber der Römer sagte zu ihr: „Höre, du holde Maid! Wir Römer haben einen alten Spruch, und der heißt: ,In Gegenwart des Arztes schadet nichts!‘ Wir aber haben hier einen Arzt aller Ärzte, und so kannst du schon auch Ihm zur Ehre einen Becher leeren!“
GEJ|6|186|9|0|Da sagte die Maid: „So ich wüßte, daß ich Ihm dadurch eine rechte Ehre erweisen könnte, wenn ich den Wein austrinke, so möchte ich alle Schläuche von ganz Palästina austrinken und dann sterben für Ihn; aber ich weiß es, daß ich durch das Trinken des Weines Seine Ehre nicht im geringsten erhöhe. Da Er von allen Mächten der Himmel und der Natur dieser Erde im höchsten Grade geehrt wird, so ist neben solcher höchsten Ehre meine Ehre soviel wie nichts, und so trinke ich nun darum auch den Wein nicht; aber aus Liebe zu Ihm und auch zu euch, ihr lieben Männer aus Rom, trinke ich dennoch den Wein! Und so gelte denn dieser Becher voll Wein soviel als: Mein Herz Ihm allein, und meine Achtung euch allen!“
GEJ|6|186|10|0|Auf diesen guten Spruch trank sie den Becher aus, stand auf von ihrem Sitze, begab sich zu Mir hin und sagte: „O großer Meister, lasse einer unwürdigsten Maid, anzurühren und zu küssen Deines Kleides Saum, auf daß das meinem Herzen eine Linderung verschaffe!“
GEJ|6|186|11|0|Hierauf kniete sie nieder, erfaßte den Saum Meines Gewandes und küßte ihn viele Male, benetzte ihn mit ihren Tränen und konnte sich gar nicht trennen von dem Saume des Kleides.
GEJ|6|186|12|0|Da murrten einige Jünger und sagten: „Aber Herr, schaffe sie doch von Dir; denn sie beschmutzt Dir ja Dein gutes Kleid!“
GEJ|6|186|13|0|Sagte Ich: „Was kümmert euch denn das! Wenn es Mir also recht ist, warum denn euch nicht?! Sie war eine Sünderin, ist nun eine rechte Büßerin und ist Mir nun eben darum lieber denn viele Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
GEJ|6|186|14|0|Sehet, da war einmal ein Mensch, der hundert Schafe hatte! Und es ereignete sich, daß sich auf der großen Weide ein Schaf im Gebüsch verlief. Als er aber am Abend seine Schafe zählte, da merkte er wohl, daß ihm ein Schaf in Verlust geraten war. Er besann sich gar nicht lange, ließ die neunundneunzig Schafe stehen und ging eilig hin, zu suchen das verlorene. Und als er es nach längerem, eifrigem Suchen fand, da legte er es aus großer Freude auf seine Achsel und trug es heim. Als es wieder unter den anderen neunundneunzig war, da hatte er mehr Freude über das glücklich wiedergefundene denn über die neunundneunzig, die niemals verloren waren.
GEJ|6|186|15|0|Und sehet, also wird auch im Himmel mehr Freude sein über einen Sünder, der wahrhaft Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben!
GEJ|6|186|16|0|Also war denn auch ein Weib, das von ihrem Gelde einen Groschen verloren hatte. Es trug ein großes Leid um den verlorenen Groschen, zündete alsobald ein Licht an und suchte den Groschen so lange, bis es ihn wiedergefunden hatte. Als es aber den Groschen wiedergefunden hatte, da lud es seine Nachbarn zu sich und gab ein Mahl, auf daß auch diese seine große Freude teilen mußten.
GEJ|6|186|17|0|Sehet, so wird es auch im Himmel der Fall sein über einen Sünder, der sich durch eine rechte Buße hat wiederfinden lassen! Denn die Engel Gottes schauen allzeit Sein Angesicht, beobachten wohl der Menschen Tun und Treiben und haben eine übergroße Freude an einem Menschen, der frei von der Sünde absteht und sich mit allem seinem Tun und Lassen zu Gott wendet.
GEJ|6|186|18|0|Und so habe denn nun auch Ich eine rechte Freude an dieser Sünderin, die sich nun für immer von ihren Sünden entfernt hat; und sie hat auch eine Freude, daß sie ihr rechtes und wahres Heil gefunden hat. Darum lasset ihr ihre Freude!“
GEJ|6|186|19|0|Darauf sagten die etwas eifersüchtigen Jünger nichts mehr, tranken dann ihre Becher aus und ließen sich dieselben auch gleich wieder anfüllen.
GEJ|6|187|1|1|187. — Über die Wirkung des Weines
GEJ|6|187|1|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Meine lieben Freunde und Brüder, es ist der Wein, im rechten Maße genossen, eine rechte Stärkung und macht des Leibes Glieder kräftig und gesund; aber so er zu übermäßig getrunken wird, dann erweckt er die bösen Geister des Fleisches und betäubt die Sinne. Die bösen Geister aber erwecken dann des Fleisches Lust, die da heißt Unkeuschheit und Unzucht, durch die dann die ganze Seele auf langehin unrein, darauf auch unmutig, zänkisch, träge und oft nahe wie völlig tot wird. Darum beachtet auch im Trinken des Weines ein gerechtes Maß, und ihr werdet Ruhe haben in eurem Fleische!“
GEJ|6|187|2|0|Sagte Petrus: „Herr, sind denn auch wir besessen, da Du von den bösen Geistern in unserem Fleische nun geredet hast?“
GEJ|6|187|3|0|Sagte Ich: „Allerdings; denn das Fleisch und das Blut eines jeden Menschen sind voll natürlicher böser Geister, die darum böse genannt werden können, weil sie im Gerichte stehen; und stünden sie nicht im Gerichte, so wären sie nicht euer Fleisch und Blut. Wenn aber der Leib von euch genommen wird, so wird er auch alsbald darauf aufgelöst werden, und seine Geister werden dann schon einer freieren Bestimmung zugeführt werden.
GEJ|6|187|4|0|Aber nicht nur in eurem Fleische, sondern auch in allen Elementen sind solche Geister, die man noch lange nicht gut wird nennen können. Allein für den, der schon durch Mich rein geworden ist, ist dann alles rein und gut durch die Bestimmung, die es von Gott aus in sich birgt.
GEJ|6|187|5|0|Sehet, ein Stein, der ganz tot da am Boden liegt, ist eigentlich nur scheintot! Beleidiget ihn nur durch ein gewaltiges Schlagen und Reiben, und er wird euch durch Funkensprühen schon kundtun, daß er pur aus gerichteten Geistern besteht! Und leget ihr ihn in eine große Glut, so wird er weich werden und zu fließen anfangen. Und wäre das nicht, wovon würden die Menschen sonst wohl ihr teures Glas bereiten?
GEJ|6|187|6|0|Also, der bösen und ungegorenen Naturgeister gibt es allenthalben, wie es Körper, Wasser und Luft gibt, und das irdische Feuer ist nichts anderes als eine Erlösung der schon reifer gewordenen Geister, die darauf schon wieder einer höheren Bestimmung zugeführt werden.
GEJ|6|187|7|0|Aber es ist dennoch ein großer Unterschied zwischen jenen bösen Geistern, von denen oft Menschen besessen werden, und den ungegorenen Naturgeistern, aus denen die ganze Erde in allen ihren Teilen und Elementen besteht; aber diese Verwandtschaft und gegenseitige Beziehung haben sie doch, daß ein Mensch, der seines Leibes Naturgeister nicht irgend zu sehr erweckt, auch nicht leichtlich dem Leibe nach von den wirklichen bösen Menschenseelengeistern besessen wird.
GEJ|6|187|8|0|Eben darum aber warne Ich euch denn auch vor aller Leidenschaftlichkeit, denn sie ist in sich eine Folge der Wachrufung der verschiedenartigen Fleisch- und Blutgeister. Sind diese einmal zu wach, so gesellen sich dann auch bald die sich sehr häufig noch in dieser unteren Erdregion aufhaltenden noch unreinen Seelen verstorbener Menschen zu ihnen; und geschieht das, dann ist ein solcher Mensch im vollsten Ernste besessen. – Verstehet ihr das?“
GEJ|6|187|9|0|Sagten die Jünger: „Ja, Herr; denn solche Dinge hast Du uns ja schon zu öfteren Malen erklärt, aber doch niemals so unverhohlen klar wie eben jetzt, und wir müssen Dir darum sehr danken und werden in dieser Nacht auch keinen Wein mehr trinken.“
GEJ|6|187|10|0|Sagte Ich: „Tuet das, so wird es euch wohltun am Morgen; denn ein nüchterner Leib bewahrt eine gesunde Seele, und eine gesunde Seele ist der beste Arzt für einen kranken Leib!“
GEJ|6|188|1|1|188. — Der Wert des Denkens und des Lichtglaubens
GEJ|6|188|1|0|Sagte der Römer: „Höre, Du großer Meister, so ich auch kein Wunderwerk sähe, sondern allein anhörete Deine Rede, da wüßte ich dennoch, daß in Dir sehr viel von irgendeinem wahrhaft göttlichen Geiste wohnen muß! Ohne seinen Einfluß kann kein Mensch so weise reden, und es hat bei Dir unser alter Wahlspruch: SINE AFFLATU DIVINO NON EXSISTIT VIR MAGNUS! [Ohne göttlichen Anhauch gibt es keinen großen Mann!] seine volle Geltung; denn Du bist von dem höchsten Gott sicher am meisten angehaucht worden! Bei solch einer außerordentlichen Weisheit ist es wohl begreiflich, daß auch der Wille ungewöhnlich mächtig sein muß, da er nur zu klar weiß, was er will, und welches Mittel zur Effektuierung tauglich und notwendig ist. Ein dummer Mensch wird in seinem ganzen Leben nichts irgend Großes und Wundersames effektuieren, wohl aber der, welcher sich sowohl des zu effektuierenden Werkes wie der dazu erforderlichen Mittel völligst klar bewußt ist.
GEJ|6|188|2|0|Wer im Worte weise ist, der wird es auch in seinen Werken sein; wer aber im Worte verlegen und sogar dumm ist, dessen Werke werden die Menschen sicher niemals bewundern. Wenn es manchmal aber auch einer blinden Henne gelingt, ein Gerstenkorn mit ihrem Schnabel zu treffen, so ist sie aber darum niemals ein Sinnbild der Weisheit gleich der Nachteule, die auch zur Nachtzeit wohl sieht, wo sich ihre zu machende Beute befindet.
GEJ|6|188|3|0|Jene Menschen, die die bekannten Bauweltwunder erbaut haben, haben zuvor sicher einen Bauplan entworfen, in dem alles schon zum voraus genau bestimmt war, wie das große Baukunstwerk aussehen, und wie es beschaffen sein solle. Der Baumeister eines solchen Wunderbaues, der nun schon – wie die Pyramiden Ägyptens – etlichen Jahrtausenden getrotzt hat und wahrscheinlich auch hinfort noch Jahrtausenden trotzen wird, war sicher keine blinde Henne, sondern eine auch zur Nachtzeit klarsehende Nachteule, ansonst es ihm wohl unmöglich gewesen wäre, ein solches Bauwunder zu effektuieren. Und so bin ich der Meinung, daß nur die überwiegend große Weisheit eines von einem mächtigen Gott angehauchten Menschen allein imstande ist, Wunderbares vor den Augen der anderen schwachen Menschen darum zu bewerkstelligen, weil sie zuerst die Meisterin und Kräftigerin ihres Willens und die alleinige Auffinderin der tauglichsten Mittel ist, durch die sie das, was sie will, auch allzeit ins Werk setzt und mit dem Werke auch unabweisbar und ungehindert den vorgesteckten Zweck erreicht.
GEJ|6|188|4|0|Du, großer und weisester Meister, hast für mich darum gar nicht mehr nötig, durch irgendwelche Wunderzeichen den Beweis zu liefern, daß Dir alles werden muß, was Du in Deiner großen Weisheit nur immer willst; denn mir ist Deine unbegreiflich große Weisheit und die große Entschiedenheit Deines Wortes der sicherste und ungezweifeltste Bürge dafür. – Habe ich als ein Römer recht oder nicht?“
GEJ|6|188|5|0|Sagte Ich: „Da sehet Mir diesen Heiden an gegenüber den Juden, die da sagen, daß Gott ihr Vater sei! Diesen genügen all die großen Zeichen nicht, die Ich vor ihren Augen und Ohren schon so oft und so vielfach gewirkt habe, und dieser Heide erkennt Mich aus dem Worte! Darum sage Ich es euch Juden da unten in der großen Stadt: Es wird das Licht der Himmel euch genommen und den Heiden gegeben werden!
GEJ|6|188|6|0|Dir aber, Mein lieber Agrikola, werde Ich dennoch ein Zeichen eben darum wirken und geben, weil du Mir auch ohne Zeichen glaubst; denn die Heilung dieser Mir Selbst nun recht lieb gewordenen Maid ist für Denker deiner Art zu gering, da einige aus deiner Gesellschaft sich denn doch heimlich also gedacht haben: ,Siehe, der Mensch ist klug! Er wartete mit der Heilung gerade so lange, bis er wohl gewahrte, daß es der Maid von selbst besser würde! Als der einem Arzte sicher wohl erkennbare Selbstbesserungsmoment eintrat, da erst rief er sie, und sie erwachte, wie sie auch ohne den Ruf sicher erwacht wäre!‘ Siehe, so dachten geheim deine auch recht tief denkenden Gefährten und teilweise auch du selbst!
GEJ|6|188|7|0|Allein Ich mache damit niemandem einen Vorwurf, da Mir ein freier Denker stets lieber ist als tausend leichtgläubige Seelen, denen es einerlei ist, ob man ihnen ein Alpha oder ein Omega vormacht. Denn wer nicht denkt, der lernt und begreift auch nichts, und ihm ist Gold und Blei am Ende ein und dasselbe; aber der Denker kauft niemals eine Katze im Sack. Darum sagtest du auch nach der Heilung dieser lieben Maid bei dir selbst: ,Das Zeichen wäre ihm vor unseren Augen wohl gelungen, – aber ich muß ihn erst reden hören, dann erst wird sich's zeigen, ob er im Ernste aus seiner Weisheit die Fähigkeit besitzt, solche Zeichen bloß durch seinen Willen zu effektuieren!‘ Als du Mich aber reden hörtest, da wich bei dir der Zweifel; denn Meine Worte wurden dir und auch deinen Gefährten ein Bürge für die volle Wahrheit des Zeichens und für den eigentlichen Zweck Meines Daseins.
GEJ|6|188|8|0|Weil ihr, du samt deinen Gefährten, aber nur dem Worte und nicht dem Zeichen geglaubt habt, so will Ich denn nun vor euren Augen auch ein großes Zeichen wirken.
GEJ|6|188|9|0|Sehet, wo Ich bin, da bin Ich wahrlich nicht allein, sondern da dienen Mir zahllose Scharen der mächtigen, lichten Engelsgeister aller Himmel! So ein Kaiser oder ein König eines großen Regierungsgeschäftes wegen irgendwohin reist, so reist er wahrlich nicht allein, sondern es reist nach seinem Willen noch ein gar starkes und zahlreiches Gefolge mit ihm. Und sehet, also ist es denn auch um so mehr bei Mir der Fall, da auch Ich eines gar großen und neuen Welten- und Geisterregierungsgeschäftes halber als der alleinige Herr der ganzen Unendlichkeit von ewig her nun in der Weltenzeit eben auf diese Erde im Fleische dieser Menschen eine gar endlos wichtige Reise unternommen habe, ohne welche Reise kein Mensch dieser Erde ein wahres, ewiges Leben je erreichen könnte!
GEJ|6|188|10|0|Und weil Ich denn sonach auch als ein größter Monarch diese Reise auf die Erde aus gar sehr wichtigen Lebensgründen unternommen habe, so könnet ihr es euch wohl selbst vorstellen, daß nun auch gar viele Legionen Meiner dienstbaren Engel die Reise mit Mir machten und auch stets um Mich sind, auf Meine Winke horchen und Meine Befehle auf allen Sternen ausrichten.
GEJ|6|188|11|0|Mit den fleischlichen Augen allein könnet ihr sie zwar jetzt noch nicht sehen und wahrnehmen; so Ich euch aber nun auf eine Zeit hin eure innere Sehe auftun werde, dann werdet ihr sie wohl sehen und hören und werdet sogar mit ihnen reden und von ihnen dies und jenes begehren können. Aber vorerst muß Ich an euren freien Willen die gar gewichtige Frage richten, ob ihr solche Meine Begleiter auch im Ernste zu sehen und auch zu sprechen wünschet; denn Zwang findet bei Mir niemals statt!“
GEJ|6|188|12|0|Da stutzten die Römer einige Augenblicke; denn diese Meine Erklärung war ihnen denn doch ein wenig zu bunt.
GEJ|6|188|13|0|Aber Agrikola sagte zu den andern: „Wisset ihr was? Wir lassen uns diese Geschichte denn doch zeigen und wollen sehen, was daran ist! Mir sind von Ihm nun wieder einige Dinge sehr aufgefallen! Wer sagte es Ihm, wie ich heiße?! Denn ich habe aus einer gewissen Vorsicht hier noch keinem Menschen meinen Namen anvertraut. Wie kann Er darum wissen?! Aber noch mehr! Wer wohl konnte Ihm unsere Gedanken verraten?! Und seht, doch wußte Er um jede Kleinigkeit! Ah, wisset, das ist wahrlich keine Kleinigkeit mehr! Nun sagte Er uns das, daß Er nicht allein hier ist, sondern zahllose Scharen der Machtgeister mit Ihm! Freunde, wenn das, so ist Er offenbarst ein ganz vollkommener Gott OPTIMA FORMA, und wir alle haben das noch nie dagewesene Glück, den wahren Jupiter leibhaftig zu sehen! Wir stimmen also alle ein, das zu schauen und zu hören, was Er uns vorhin angetragen hat, daß Er es uns zeigen werde, so wir das sehen und hören wollen. Nun, wir wollen aber das, und so ersuchen wir Ihn, daß Er uns Seine mächtigen Reisegefährten zeigen möchte, wenn Ihm solches möglich ist!“
GEJ|6|188|14|0|Alle, selbst Meine früheren Jünger, waren damit vollkommen einverstanden, daß sie solches sehen möchten.
GEJ|6|188|15|0|Und Agrikola kam zu Mir und sagte: „Großer Meister, so Dir das möglich ist, dann zeige uns Deine zahllosen und allermächtigsten geheimen und unsichtbaren Begleiter, und wir wollen sehen, was das denn doch für Wesen sind. Wir alle bitten Dich darum, daß Du uns das zeigen wollest, was zu zeigen Du uns ehedem verheißen hast!“
GEJ|6|188|16|0|Sagte Ich: „Das soll auch sogleich geschehen! Aber fasset euch zuvor ordentlich; denn was ihr nun schauen werdet, das wird, wenn auch durch Meinen Willen gemildert, euch sehr ergreifen, obwohl ihr tapfere Römer seid!“
GEJ|6|188|17|0|Sagte der Römer: „Meister, unser Wahlspruch ist: SI TOTUS ILLABATUR ORBIS, IMPAVIDUM FERIENT RUINAE! [Wenn auch der ganze Erdkreis in Trümmer ginge, so werden den Unerschrockenen Trümmer tragen!] Meister, wer keine Furcht vor dem Tode hat, der fürchtet auch die guten Geister nicht und noch weniger die bösen, deren Macht eben nicht gar zu groß sein dürfte! Wir sind schon auf alles noch so Außerordentliche völlig gefaßt, und Du kannst Dein Zeichen schon zu wirken anfangen. Wir sind alle sehr begierig darauf!“
GEJ|6|188|18|0|Sagte Ich: „So erhebet euch von euren Sitzen und gehet mit Mir hinaus ins Freie! Alldort sollet ihr auf eine Stunde schauen die Herrlichkeit Gottes des Vaters, der Mich, das heißt in diesem Leibe in diese Welt gesandt hat des Heiles der Menschen wegen.“
GEJ|6|188|19|0|Als Ich solches ausgeredet hatte, da erhoben sich alle von ihren Sitzen und gingen mit Mir hinaus ins Freie.
GEJ|6|189|1|1|189. — Ein Blick in die Wunder der Engelswelt vermittels des Zweiten Gesichtes. Der Unterschied zwischen Engeln und Menschen
GEJ|6|189|1|0|Als wir uns also, in allem bei siebzig Menschen, im Freien in guter Ordnung befanden, da sagte Ich über alle: „Epheta“, das heißt „Tue dich auf!“
GEJ|6|189|2|0|Und alle waren im Zweiten Gesichte und ersahen unabsehbare Scharen von lichtvollen Engelsgeistern, von denen mehrere sich zu ihnen, das heißt zu den Römern, herabsenkten und mit ihnen redeten.
GEJ|6|189|3|0|Da staunten die Römer, und Agrikola sagte zu Mir: „Herr und Meister, da sieht es nun ja aus wie in unserem fabelhaften Olymp! Nein, diese zahllosen Scharen! Wem könnte so etwas auch nur in einem hellsten Traume vorkommen! Sage mir nun, ob das Wirklichkeit ist! Oder ist das nur so eine durch Deine Willenskraft in uns belebte Phantasie, die sich nun plastisch wie außer uns darstellt? Diese Wesen sehen völlig körperlich aus, besonders die, die hier auf der Erde Boden unter uns umherwandeln! Wie ist das zu nehmen?“
GEJ|6|189|4|0|Sagte Ich: „Sieh, neben dir steht ein Engel; frage ihn, und er wird dir antworten!“
GEJ|6|189|5|0|Da wandte sich Agrikola an den Engel und sagte zu ihm: „Rede, du sonderbares Wesen! Bist du ein wirkliches Wesen, oder bist du nur eine Ausgeburt meiner eigenen nun etwas stark erhitzten Phantasie? Bist du aber ein wirkliches Wesen, so gib dafür einen haltbaren Beweis, auf daß ich es völlig glauben kann!“
GEJ|6|189|6|0|Sagte der Engel mit klarer Stimme: „Wir alle sind bei weitem mehr Wirklichkeit als ihr Menschen; denn eure Leiber sind durchaus keine Wirklichkeit; denn sie sind das nicht, was sie zu sein scheinen. Sie haben wohl eine menschliche Form, die sich als gegliedert nach dem Willen der Seele bewegen läßt; wenn aber diese Form vergeht, so geht sie gleich wieder in zahllos viele andere Formen über. Nur die reine Wahrheit ist eine reelle Wirklichkeit, alles andere an euch noch irdischen Menschen ist Schein und ein notwendiger Sinnentrug. Denn solange ein Mensch seines Leibes wegen arbeitet, um sich Schätze dieser Welt zu sammeln, so lange ist auch seine Seele aus dem Truge ihres Leibes selbst im größten Truge; denn wer das Leibesleben ein Leben heißt und es als solches betrachtet, dessen Seele ist so lange als tot anzusehen, als wie lange sie in sich nicht gewahr wird, daß das Leben des materiellen Fleischleibes der eigentliche Tod ist.
GEJ|6|189|7|0|Wir aber sind durchaus Realität, weil wir keinen wandelbaren Leib haben, sondern durchaus die Lebenskraft selbst sind, die nimmerdar verwandelt oder irgend zerstört werden kann. Was ihr als Fleischmenschen auf der Welt nur immer betrachtet und ansehet, das alles kann euren Leib zerstören und verwandeln. So dir ein Stein auf den Kopf fällt, so tötet er dich. Wenn du ins Wasser oder ins Feuer fällst, so bist du tot. Kurz und gut, du kannst für deinen Leib in allen Elementen den sichern Tod finden. Das ist aber bei uns ewig nicht der Fall; denn wir selbst sind durchaus aus Gott die Lebenskraft selbst, durchdringen alles, und kein materielles Element kann uns je etwas anhaben. Wir haben in uns die nie besiegbare Macht und Kraft, alle materiellen Elemente in einem Augenblick zu vernichten oder auch eine Elementenwelt herzustellen. Wir beherrschen alles; uns selbst aber kann ewig nie etwas anderes beherrschen als nur wir selbst, weil wir ein vollkommenster Ausdruck des göttlichen Willens sind.
GEJ|6|189|8|0|Damit du als ein denkender Römer aber das noch mehr einsiehst, so hebe den Stein auf und schleudere ihn mit aller Gewalt auf mein Haupt, und es wird mir das gar nichts machen! So ich aber dir dasselbe täte, da wärest du im Augenblicke dem Leibe nach tot. Gehe und versuche das, und überzeuge dich selbst, daß es also und nicht anders ist!“
GEJ|6|189|9|0|Der Römer versuchte das, und der Stein fiel durch den Engel hindurch zur Erde, und der Engel stand ganz unversehrt vor dem Römer.
GEJ|6|189|10|0|Darauf aber hob der Engel den Stein wieder auf und sagte: „So ich nun dir das täte, so lägest du mit klein zerschmettertem Kopfe tot am Boden; aber ich will dir das nicht tun, sondern dafür etwas anderes. Da siehe den Stein an, der sehr hart ist! Nimm du ihn nochmals in deine Hand, und versuche ihn zu zerstören!“
GEJ|6|189|11|0|Der Römer nahm den Stein und versuchte seine physische Kraft an der Härte und großen Kompaktheit des Steines; aber es nützte da kein Schlagen und kein Werfen auf den sehr harten Steinboden, – der Stein blieb bis auf einige Ritzen völlig unversehrt.
GEJ|6|189|12|0|Da nahm der Engel denselben Stein aus der Hand des Römers und sagte zu ihm: „Siehe, das ist derselbe Stein, den du vorher durch mich geworfen hast, und den du nun zu zerstören versuchtest! Du siehst nun, daß ich den Stein ebenso wie du in meiner Hand halten kann, und das fürwahr um sehr vieles fester, als du ihn zuvor gehalten hast. Versuche ihn aus meiner Hand zu nehmen, und du wirst dich von Meiner Kraft überzeugen!“
GEJ|6|189|13|0|Der Römer versuchte das mit aller seiner Kraft; aber es war ihm ebensowenig möglich, des Engels Hand nur um ein Haarbreit nach links wie nach rechts oder nach oben oder nach unten weiterzurücken, und noch weniger gelang es ihm, den Stein aus der Hand des Engels zu bringen.
GEJ|6|189|14|0|Da sagte der Engel: „Sieh, das wird doch sicher mehr sein als nur deine erhitzte Phantasie?!“
GEJ|6|189|15|0|Sagte der Römer: „Ja, Freund, wer und was du auch seist! Wenn ich nun träumte, so sähe ich die da unten ausgebreitete Stadt sicher nicht und vernähme nicht den Volkslärm hier herauf, und ich sähe neben mir auch nicht alle diese meine Gefährten und diese Herberge in ihrer ganzen Natürlichkeit sicher auch nicht! Denn ich habe schon sehr oft ganz helle Träume gehabt und darin auch schon auf der Erde bestehende Gegenden geschaut; aber niemals sahen sie ganz so aus, wie sie in der Natur bestehen. Nur wenn es mir von einem oder dem andern meiner Freunde träumte, da sahen diese stets so aus – wenigstens im Gesichte und in ihrer Rede –, wie sie in der Naturwelt waren, redeten und handelten. Aber hier ist das nicht der Fall; denn ich sehe hier alles Natürliche, wie es ist, und sehe dabei auch euch unnatürlichen Wesen, und so halte ich euch denn auch für wahre und nicht für geträumte Wirklichkeiten. – Was willst du aber nun mit dem Steine machen?“
GEJ|6|189|16|0|Sagte der Engel: „Das wirst du sogleich sehen! Sieh, du hast dich zuvor an dem Steine versucht, ob du ihn zerbrechen könntest; aber der Stein leistete dir einen äußerst hartnäckigen Widerstand! Nun aber werde ich es dir zeigen, wie ich den Stein in meiner Hand alsogleich völlig zermalmen werde! Siehe, da ist noch der ganze Stein, und siehe nun, da hast du mehrere hundert Bröckchen! Und sieh nun diese an! Wo sind sie nun? Sieh, nichts ist mehr da von ihnen! Ich habe sie ganz in ihre Ursubstanzen aufgelöst!
GEJ|6|189|17|0|So ich aber als ein Geist das mit der größten Leichtigkeit vermag, ist da mein rein geistiges Sein nicht ein endlos vollkommeneres als das Sein aller Leibmenschen dieser kleinen Erde?! Daher ist unser Sein allein ein wahres Sein und das eurige auf dieser Erde nur insoweit, als es ein Leben nach dem Willen des Herrn ist, der nun endlos gnädig unter euch lebt und euch wahrhaft zu leben lehrt, und der da allein von Ewigkeit her alles in allem ist, den ihr hören und nach dessen Worten ihr leben und handeln sollet.“
GEJ|6|190|1|1|190. — Die Verschiedenheit der Lebensaufgabe der Engel und der Menschen
GEJ|6|190|1|0|Sagte der Römer: „Jawohl, jawohl, das sehe ich nun schon ganz gut ein, – aber weil ihr mächtigen Geister nun einmal da seid und eure Existenz eine offenbar wahrere ist als die unsrige nun, warum lasset ihr euch denn zu unserer Belehrung und zu unserer Tröstung nicht zu öfteren Malen sehen? Wir haben euch nun gesehen, und so wir unseren Mitmenschen das erzählen werden, dann werden einige wohl daran glauben, doch viele andere werden darüber lachen und uns für Schwärmer und Halbnarren ansehen. Wäre es denn dann nicht gut, so einer oder der andere von euch erschiene und uns für die Wahrheit unserer Aussage ein sicher sehr gültiges Zeugnis abgäbe?“
GEJ|6|190|2|0|Sagte der Engel: „Wir tun allzeit genauest den Willen des Herrn; was Er will, das ist allein gut, und das tun wir!
GEJ|6|190|3|0|Wenn es für die werdenden Menschen dieser Erde gut und zu ihrem Seelenheile notwendig wäre, so wären wir auch beständig sichtbar unter den Menschen; da aber das nicht der Fall ist, so dürfen wir die Menschen nur ungesehen leiten, auf daß ihr freier Wille keine Nötigung erleide. Denn niemand kann vor Gott bestehen, wenn er nicht zuvor eine gerechte Zeitlang wie von uns ganz isoliert die vollste Lebensfreiheitsprobe in seinem Fleische durchgemacht hat. Das ist des Herrn Liebe, Weisheit und Wille, und es muß demnach alles also geschehen, bestehen und sein; und geschieht, besteht und ist etwas nicht also, so ist es auch so gut wie ein pures Nichts. Wenn ihr Menschen aber von nun an also leben und handeln werdet, wie es der Herr haben will, so werdet auch ihr nach der Ablegung eures Fleisches das werden und sein, was wir nun sind; denn auch wir waren einmal auf irgendeinem Weltkörper das, was ihr nun seid.
GEJ|6|190|4|0|Aber selbst der geringste Mensch dieser Erde ist schon in der Wiege um vieles mehr als wir in aller unserer Größe, Weisheit und Macht; denn die rechten Menschen dieser Erde sind Kinder der puren ewigen Liebe Gottes, und die höchste Weisheit und Macht muß sich bei ihnen ganz frei aus ihrer Liebe zu Gott, ihrem wahrsten Vater, entfalten. Wir aber sind als Geschöpfe aus Seiner Weisheit hervorgegangen; darum müssen wir auch erst aus unserer großen Weisheit die Liebe zu Gott in uns selbst schaffen, was da um ein kaum Begreifliches schwerer ist, als aus Liebe zu Gott die höchste Weisheit und Macht in sich zu finden.
GEJ|6|190|5|0|Aus dem Grunde aber, weil ihr Menschen dieser Erde eben aus der puren Liebe in Gott hervorgegangen seid, also selbst die Liebe in Gott seid, dürfen wir Weisheitswesen euch nicht im geringsten stören in eurer freien Entwicklung aus eurer Urliebe Gottes in eurem Sein, und du, irdischer Bruder, wirst nun etwas heller begreifen, warum wir Engel Gottes euch nicht sichtbar umgeben dürfen. Denn wir dürfen bei euch die in eurer Gottesliebe schlummernde Weisheit und Macht nur leise und ganz unbemerkt wecken, aber euch nie auch nur einen Funken von unserer eigentlichen Weisheit einhauchen; denn das würde eure Weisheit nicht erwecken, sondern nur erdrücken.
GEJ|6|190|6|0|Es ist aber auch schon unter euch Erdenmenschen also der Fall. Denn was würde wohl aus einem Kinde werden, so ihr es von der Amme weg gleich auf eine hohe Schule gäbet, wo grundweise und hochgelehrte Lehrer ihren schon wohl vorbereiteten Jüngern die tiefsten und für den gewöhnlichen Menschen völlig unbegreiflichen Wissenschaften und geheimen Künste vortragen? Ein solches Kind würde am Ende wohl seiner Lehrer Worte nachsagen, aber ihren tiefen Sinn und ihre tiefe Bedeutung nie fassen können. Daher lasset die Kindlein zuerst einmal von der Amme erziehen und sie durch allerlei Spielereien zum ersten, kindlichen Denken leiten. Von Jahr zu Jahr wird das Kind reifer und fähiger für einen höheren Unterricht.
GEJ|6|190|7|0|Was ihr aber mit euren Kindern tut, das tun wir Engel auch mit euch Menschen, und müssen das eben darum also tun, weil ihr Menschen dieser Erde Kinder des Herrn seid.
GEJ|6|190|8|0|Wäret ihr auf jener Welt, auf der wir einst in einem Fleische lebten, geboren worden, so hättet ihr schon alle nötige Weisheit mit in jene Welt gebracht und bedürftet beinahe keines andern Unterrichtes als allein den zur Auffindung der Liebe Gottes im Lichte eurer großen Weisheit.
GEJ|6|190|9|0|Sehet an die sämtlichen Tiere eurer Erde! Sie sind auch Geschöpfe der Weisheit Gottes; darum bedürfen sie auch keines Unterrichts, durch den sie das erst mühsam erlernen müßten, was sie nach ihrer Fähigkeit und Natur verrichten müssen, sondern sie bringen alles das schon gleich bei der Geburt mit und sind sogleich in ihren Weisen ganz vollendete Künstler. Wer hat je einer Biene die Kräuterkunde beigebracht, wer ihr gezeigt, wo der Honig in den Blumenkelchen sitzt, und wo das Wachs? Wer lehrte sie ihre Zelle bauen und in ihrem Magen aus dem süßlichen Blütentau den duftenden Honig bereiten? Wo hat die Spinne gelernt, ihren Faden zu bereiten und ihn zu ihrem höchst brauchbaren Netze zu verweben? Seht, das alles haben die Tiere aus der Gottesweisheit, deren Produkte sie zunächst sind! Weil sie aber vorderhand nur das sind, so haben sie auch das, was sie haben, in der höchsten Vollendung, können aber, da ihnen die Liebe und deren freier Wille nahezu völlig mangelt, auch nicht viel Weiteres mehr hinzuerlernen.
GEJ|6|190|10|0|Es gibt aber dennoch auch Tiere, denen schon gewisse Symptome der höheren Liebe gewisserart beigemengt sind. Und sieh, solche Tiere sind darum denn auch schon fähig, einen Seitenunterricht von den Menschen anzunehmen, und können darum auch für so manche Verrichtung abgerichtet werden! Und je mehr von einer Liebe bei gewissen Tieren, wie zum Beispiel bei einem Hunde oder so manchen Vögeln, vorhanden ist, desto fähiger sind auch solche Tiere für eine bessere Ausbildung zu verschiedenen Verrichtungen.
GEJ|6|190|11|0|Nun ist aber das bei Menschengeschöpfen anderer Weltkörper im höchsten Grade der Fall, weil sie schon mit allen erdenklichen Fähigkeiten versehen auf die Welt kommen. Sie brauchen nichts mehr in irgendeiner Schule zu erlernen. Aber da sich die Liebe nur als ein Produkt ihrer Weisheit in ihnen nach und nach entfaltet, so haben sie denn auch Schulen, in denen es gelehrt wird, wie man aus der puren Weisheit denn auch zur freien Liebe und zu einem freien Willen gelangen kann. Hat es dann ein solcher Mensch mit vieler Mühe dahin gebracht, so ist er dann erst fähig, sich Gott und auch Seinen Kindern dieser Erde zu nahen.
GEJ|6|190|12|0|Und so dürftest du nun schon wieder um etwas klarer einsehen, warum ihr wahren Menschen dieser Erde während eurer Weisheitsentwicklung mit uns in keinem beständig sicht- und fühlbaren Verkehr bleiben dürfet. Kurz und gut, eure Lebensaufgabe ist, Weisheit aus der Liebe zu suchen und zu entwickeln, und unsere Aufgabe war es, aus der Weisheit die Liebe Gottes zu suchen und zu entwickeln.
GEJ|6|190|13|0|Der nie beschreibbar große Unterschied besteht nur darin, daß ihr Menschen dieser Erde Gott gleich werden könnet, wir aber nie, – außer, wir nehmen selbst noch einmal das Fleisch dieser Erde an, wozu wir aber bis jetzt wahrlich noch keine gar zu große Lust in uns verspüren; denn wir alle sind mit unserem Los mehr als völlig zufrieden und leisten auf ein besseres gerne vollkommen Verzicht.
GEJ|6|190|14|0|Wer ein vollkommenes Kind Gottes werden kann – wozu wahrlich sehr vieles gehört –, der ist freilich wohl endlos glücklich; aber wir sind auch mit unserem Los vollkommen zufrieden, und eines mehreren und Höheren bedürfen wir nicht!
GEJ|6|190|15|0|Es sind unter diesen dir nun noch auf eine kurze Zeit sichtbaren zahllosen Scharen wohl auch schon einige wenige wahre Kinder Gottes da, – aber ihr, die ihr nun von dem Allerhöchsten von Ewigkeit belehrt und geleitet werdet, seid um ein Unaussprechliches besser daran! Denn es ist durchaus nicht ein und dasselbe, ob man ein Sohn des Hauses oder nur ein Knecht desselben ist. Den Kindern gehört alles, was der große Vater besitzt, den Knechten nur das, was der Herr ihnen geben will. – Verstehst du, mein lieber Agrikola, das?“
GEJ|6|190|16|0|Hier wurde unser Agrikola nahezu sprachlos und wußte wahrlich nicht, wie er daran war; denn der Engel führte für ihn eine zu kategorische Sprache, auf die er natürlich nichts einwenden konnte. Zugleich aber fehlten dem sonst ganz biedern Römer alle möglichen rein geistigen Kenntnisse, mittels derer er sich mit dem Engelsgeiste in eine weitere Besprechung hätte einlassen können.
GEJ|6|190|17|0|Darum kam er zu Mir hin und sagte (Agrikola): „Herr und Meister ohnegleichen, das ist doch offenbar kein Traum, und der Geist – oder was er sonst noch irgend sein kann – entwickelte vor mir Ideen, von denen wahrlich noch keinem Menschen je etwas geträumt hat! Was soll unsereiner denn daraus machen?! Das Schönste ist, daß er sagt, daß auch er einmal ein Fleischmensch auf irgendeinem andern Weltkörper gewesen ist. Ich aber frage, wo denn außer dieser Erde noch ein anderer Weltkörper sein soll! Ich und zahllos viele andere Menschen haben nie etwas davon gehört. Was ist denn das für eine neue Rede?“
GEJ|6|190|18|0|Sagte Ich: „Sei nur ruhig, Mein Freund! Gehe hin, und er wird dir schon noch die anderen Erdkörper zeigen, deren es eine Unzahl im endlosen Raume gibt! Ich sage es dir, daß dieser Geist dir nicht ein Jota Unwahres gesagt hat; aber gehe du hin und erkundige dich näher bei ihm darüber, worüber du einen Zweifel hast, und er wird dir alles das ganz praktisch zeigen und erklären!“
GEJ|6|191|1|1|191. — Vom Zweiten und vom Dritten Gesicht
GEJ|6|191|1|0|Der Römer bedankte sich sehr für diesen Meinen Rat und ging abermals hin zu dem Engel und sagte zu ihm: „Mein lieber Engelsgeist, ich bin dir zwar sehr verbunden für alle deine Lichtworte, die ich von dir vernommen habe, – aber wir Bürger dieser Erde und respektive sein sollende oder werdende Kinder Gottes können uns mit eurer überirdischen Weisheit durchaus nicht befreunden! Was wissen denn wir von noch anderen Erden im endlos weiten Raume, da wir doch diese unsere Erde noch lange nicht gut genug kennen! Sei sonach so gut und gib mir handgreifliche Beweise für deine Aussage, ansonst du mit aller deiner Weisheit bei uns wahrlich keine große Wirkung machen wirst!“
GEJ|6|191|2|0|Sagte der Engelsgeist: „Du verlangst vieles von mir, das ich dir nun wohl gewähren muß, da es der Herr also haben will. Deine Sehe ist dir nun wohl so weit aufgetan, daß du mit dem Auge deiner Seele uns reine Geister schauen kannst, – aber auch das nur also, weil wir uns aus eurer Lebensaußensphäre gewissermaßen einen substantiellen Leib an uns gezogen haben.
GEJ|6|191|3|0|Wären wir als pure Geister bei euch, so würdet ihr uns trotz eures nunmaligen Zweiten Gesichtes dennoch nicht sehen. Wenn ihr aber dereinst im reinen geistigen Schauen sein werdet – was ihr das Dritte Gesicht oder die innerste Sehe des Geistes nennen möget –, dann könnet ihr uns wohl als reine und purste Geister sehen. Eben dieses Dritte Gesicht aber ist auch notwendig, damit du, gleich uns, alle die anderen Weltkörper schauen kannst, die in der Entsprechung im kleinsten Maßstabe auch in dir sind, aber von deiner Seele nicht eher bemerkt werden können, als bis sie mit dem Geiste aus Gott eins wird.
GEJ|6|191|4|0|Mit der Zulassung des Herrn aber können wir bei euch Menschen schon auch auf eine kurze Zeit das bewirken, daß ihr vollwachen Geistes werdet und also ins dritte und somit ins höchste und reinste Schauen verzückt werdet.
GEJ|6|191|5|0|Ich werde euch denn zuerst zwischen den Mond und diese Erde stellen, auf daß ihr da werdet merken können, daß diese Erde auch nur ein Ball ist, gleichwie ihr den Mond und die Sonne mit den Augen eures Fleisches sehen könnet. Darauf erst werde ich euch ganz in den Mond, dann in die Sonne und darauf erst in mehrere andere Welten und Erden bringen. – Seid ihr mit diesem meinem Antrage zufrieden?“
GEJ|6|191|6|0|Sagte der Römer: „Allerdings; aber die Sache wird etwa doch nicht einer zu langen Zeit bedürfen? Denn so jene Sterne lauter Welten, größer denn diese Erde, sind, so müssen sie wohl ungeheuer weit von dieser Erde entfernt sein, weil sie gar so klein erscheinen, und da versteht es sich schon von selbst, daß eine noch so schnelle geistige Reise dahin eben nicht gar zu kurz dauern dürfte.“
GEJ|6|191|7|0|Sagte der Engel: „Für den reinen Geist gibt es weder eine Zeit, noch einen Raum. Hier und dort in einer endlosen Ferne von hier ist eins, und ,jetzt‘ und ,vor Äonen Jahren‘ ist auch eins. Daher könnet ihr in einem rein geistigen Zustande auch in einem Augenblick mehr sehen und erfahren, als ihr in eurem Fleische kaum in etlichen tausend Jahren nur dunkel auf dem Wege des Wortunterrichtes erfahren könntet, wozu aber freilich des Menschen Lebenszeit auf dieser Erde eine viel zu kurze ist. Das hat aber auch darin seinen großen Vorteil, weil die Seele bei uns dann auch in einem Augenblick um vieles mehr und reiner und wahrer erlernt und erfährt, als sie hier auf dieser Erde in einer langen Reihe von Jahren imstande wäre. Denn hat sich eine Seele nur einigermaßen in ihrem Leibe verselbständigt, so ist es ihr von einem großen Lebensvorteile, wenn ihr das schwere und leidende Fleisch abgenommen wird und sie dann in unsere Gesellschaft tritt und von uns den wahren Lebensunterricht völlig lebendig überkommt.
GEJ|6|191|8|0|Aber nun gebet alle acht; denn ich werde euch nun alsogleich frei stellen in eurem Geiste, der da ist das eigentliche Liebeleben aus Gott, und dessentwegen ihr auch Kinder Gottes seid oder doch ganz sicher werden könnet, so ihr nach dem Willen Gottes also lebet, wie er euch gar sehr umständlich geoffenbart wird. Es sei! Werdet frei, und schauet nun die euch verwandte ewige Schöpfung Gottes!“
GEJ|6|191|9|0|Nach diesem Ausrufe des Engels nach Meinem Willen verfielen alle dem Leibe nach in einen Schlaf, konnten aber dabei doch mit dem Munde reden, obwohl sie in diesem Zustande aller Leibessinne völlig beraubt waren.
GEJ|6|192|1|1|192. — Ein Besuch im Universum
GEJ|6|192|1|0|Alle ruhten auf der Erde. Nur Agrikola saß auf einer Bank und fing bald also zu reden an, sagend: „Also da unten der große Ball ist die Erde, und da oben ist der Mond als der kleinere Ball und dort noch tiefer unter der Erde unverkennbar die Sonne! Oh, das ist ein wunderbarer Anblick, und der scheinbar leere Raum ist erfüllt von Wesen meiner Art! Einige schweben hinab zur Erde, und andere schweben wieder von ihr hinweg. Und, oh, oh, da ist schon die Monderde! Sie hat viel Ähnlichkeit mit unserer Erde; aber es sieht alles so öde und verlassen aus. Da gefiele es mir wahrlich nicht, und es scheint auch seinen Bewohnern eben nicht am besten zu gefallen; denn sie machen alle sehr betrübte Gesichter und sehen sehr verkümmert aus.“
GEJ|6|192|2|0|Sagte der Engel: „Das sind nur gewisse Seelen der Erde, die da von ihrer zu großen Weltsucht gewisserart abgespänt werden, damit sie dann einer höheren geistigen Bildung fähig werden. Sieh, hier auf der Gegenseite dieser Erde sieht es schon heiterer und natürlicher aus! Da sind die wirklichen Bewohner dieser Monderde.“
GEJ|6|192|3|0|Der Römer stellte sich zufrieden und machte seine großen und verwunderlichen Betrachtungen.
GEJ|6|192|4|0|Von da an ging es zur Sonne hin.
GEJ|6|192|5|0|Als Agrikola in die Nähe der Sonne kam, da sagte er zum Engel: „Freund, diese Welt ist mir zu groß! Da vergehe ich und werde zu einem gänzlichen Nichts. Bringe mich auf eine kleinere Erde hin!“
GEJ|6|192|6|0|Sagte der Engel: „Ja, mein Freund, das steht nicht in meiner Macht, sondern ich muß da handeln nach dem Willen des Herrn! Wenn wir auf dem Boden dieser Lichtwelt stehen werden, da wird sie dir schon freundlicher vorkommen. Also nur hinein mit uns!“
GEJ|6|192|7|0|Im Augenblick befanden sie sich auf dem schönsten Punkte des Mittelgürtels. Da vergingen dem Römer die Sinne vor der zu großen Pracht. Und als er dann erst die Menschen sah, die von ungewöhnlicher Schönheit waren, da wollte er sich von da gar nicht mehr wegbringen lassen und bat den Engel, daß er eine Maid von dieser großen Erde auf die kleine Erde mitnehmen dürfe, damit die Menschen alle sich überzeugen könnten, daß auch die Sonne eine Welt ist, auf der viel schönere und auch um vieles bessere Menschen wohnen.
GEJ|6|192|8|0|Sagte der Engel: „Ja, Freund, das geht schon wieder gar nicht! Und so ich sie wohl zur Erde bringen könnte, da wäre es für sie aber doch etwas rein Unmögliches, auf der Erde fortzuleben, weil die Luft der Erde für sie ganz dasselbe wäre, was da für den Fleischmenschen das Wasser der Erde ist. Also siehst du schon, daß die Menschen der anderen Welten auch eine solche Beschaffenheit haben, daß sie nur auf der ihnen angewiesenen Welt bestehen können. – Aber nun gehen wir wieder weiter!“
GEJ|6|192|9|0|Von der Sonne weg wurden noch die Planeten besucht und einige nächste Sonnen, auf denen es dem Römer stets am besten behagte, so daß er in einem fort bedauerte, daß nicht er ein Bewohner solch einer großen und prachtvollst schönen Lichtwelt geworden sei.
GEJ|6|192|10|0|Der Engel aber sagte zu ihm: „Ja, mein Freund, gerade auf dieser Lichtwelt hast du der Seele nach viertausend Erdenjahre hindurch in einem Leibe gehaust! Und sieh, da ist noch deine schönste Behausung; und die Menschen, die da aus und ein gehen, waren dem Leibe nach deine nächsten Anverwandten.
GEJ|6|192|11|0|Als du aber durch einen umherwandernden Weisen belehrt warst, daß es im endlos großen Schöpfungsraume irgendwo eine Welt gibt, auf der die Menschen früher oder später völlig Großkinder des großen Gottes werden können, so sie sich entschließen können, von dieser Welt der Seele nach abgelöst zu werden, um auf jener Gotteserde noch einmal in einem schwerfälligen Leibe eine Liebelebensfreiheitsprobe durchzumachen – jedoch ohne alle einstweilige Rückerinnerung an diese schönste Welt, weil das Leben dort nicht die sehende Weisheit, sondern nur, besonders im Anfange, die völlig blinde Liebe zum Grunde hat –, so warst du damit zufrieden. Und siehe, du wurdest darauf sogleich verwandelt, und deine frei gewordene Seele wurde alsbald in einen dortirdischen Mutterleib eingezeugt, und das in der prachtvollsten Stadt der Gotteserde, auf daß du in gewissen Hellträumen nicht irgendeine geheime Sehnsucht bekämest, dich wieder hierher zu wünschen!
GEJ|6|192|12|0|Und siehe, also warst du schon einmal in einer solchen schönen Welt, was du nun in deinem Geiste gar wohl erkennst, und dich auch an alles erinnerst, was du vor etlichen fünfzig Erdenjahren gemacht und getrieben hast! Aber auf daß deine Sehnsucht, wieder hier zu verbleiben, nicht zu wach werde, so werden wir uns sogleich wieder auf unsere Gotteserde begeben.“
GEJ|6|192|13|0|In diesem Augenblick waren sie alle, das heißt alle die Römer wieder vom Dritten Gesicht ins frühere Zweite zurückversetzt und wurden somit wieder wach, doch mit genauer Beibehaltung all des Geschauten und treu und klar Vernommenen.
GEJ|6|192|14|0|Als sich alle auch wieder vom Boden aufgerichtet hatten, sagte der Römer: „Ich habe das und das gesehen! Habt auch ihr etwas Ähnliches gesehen und vernommen?“
GEJ|6|192|15|0|Ein jeder gab mit kurzen Worten an, was auch er gesehen und vernommen hatte.
GEJ|6|192|16|0|Und Agrikola sagte: „Jetzt glaube ich es auch, daß es schon also sein wird, wie ich die Dinge geschaut und was ich vernommen und erfahren habe, weil ihr alle auf ein Haar ganz dasselbe vernommen und geschaut habt. Also das sind lauter Sonnen und Erden, und die meisten um ein ungeheures größer und schöner als unsere Erde, – und das soll alles der Geist dieses wunderbaren Juden erschaffen haben?!“
GEJ|6|192|17|0|Sagte der Engel: „Ja, du mein irdischer Bruder, das alles und noch endlos mehreres, Größeres und Wunderbareres! Und Er, der erhabenste, ewige Geist, hat nun als auch ein Mensch eurer Erde dieses Zeichen gewirkt, auf daß auch ihr Ihn wahrhaft erkennen, nach Seinen Worten leben und dann als Seine Kinder überselig werden sollet. Und nun gehet alle hin und danket Ihm aus vollem Herzen, daß Er euch so Großes geoffenbart hat und euch gezeigt hat, daß Er allein der Herr aller Dinge und alles Lebens ist!“
GEJ|6|192|18|0|Hierauf taten alle das, und Ich weckte sie aus dem Zweiten Gesicht, und alle die Scharen der Engel wurden wieder unsichtbar.
GEJ|6|192|19|0|Und Ich fragte sie, wie ihnen denn dieses Zeichen gefallen hätte.
GEJ|6|192|20|0|Sagten alle: „Unbeschreibbar wohl!“
GEJ|6|192|21|0|Aber sie alle verlangten nun nach der Nachtruhe und sagten, daß sie erst am kommenden Tage nüchterner darüber zu reden imstande sein würden. Und so begaben wir uns denn wieder ins Zimmer und darin zur Nachtruhe.
GEJ|6|193|1|1|193. — Die geistige Entsprechung der Tageszeiten. Wer dem Altare dient, soll auch vom Altare leben
GEJ|6|193|1|0|Am Morgen waren wir mit dem Sonnenaufgang auch schon im Freien. Es war ein reiner Tag, und die Sonne ging wunderrein auf.
GEJ|6|193|2|0|Ich betrachtete mit den Jüngern die schöne Naturszene, und Johannes sagte zu Mir: „Herr, ich weiß es wahrlich gar nicht, warum so ein schöner Morgen auf mich stets einen so angenehmen und mein Herz ganz hehr aufrichtenden Eindruck macht, während mich die Mittagssonne ganz gleichgültig und die Abendsonne mehr ernst und trübe stimmt!“
GEJ|6|193|3|0|Sagte Ich: „Das rührt von eines Menschen besserem und richtigem Lebensgefühle her. Der Morgen gleicht der heiteren und unschuldigen Jugend des Menschen, daher er denn auch jeden reinen und richtig fühlenden Menschen ganz jugendlich heiter stimmt.
GEJ|6|193|4|0|Der Mittag gleicht dem kräftigen Manne, der im Schweiße seines Angesichtes sich das Brot erarbeiten muß; daher wird der Mittag auch keine so zarten Gefühle mehr erwecken wie der Morgen. Denn im ernsten Mannesalter hat die jugendliche Lebenspoesie aufgehört, und nur der gewisse sorgenvolle Lebensernst ist an seine Stelle getreten, und das zeiht (erweckt) in einem richtig fühlenden Gemüte auch wahrlich keine Anmut, sondern nur einen gewissen Ernst, an dem das Herz eben nie eine besondere Freude hat, obschon er zur Gewinnung des wahren Lebens dasein muß.
GEJ|6|193|5|0|Und endlich der Abend, als das Sinnbild des irdischen Todes und des Vergehens aller Dinge, kann auf ein richtig fühlendes Gemüt keinen andern als nur einen düsteren Eindruck machen, obwohl der Abend auch ebenso notwendig ist wie der Morgen und der Mittag. Denn gäbe es für den Menschen keinen Lebensabend, so könnte für ihn auch der ewige Lebensmorgen nie zum Vorscheine kommen und zur ewigen Wahrheit werden.
GEJ|6|193|6|0|Siehe, darin liegt ganz einfach der Grund deines ganz richtigen Gefühls, das aber auch nicht bei allen Menschen gleich ist! Denn es gibt Menschen, denen der Abend weit lieber ist als der Morgen; ja es gibt Menschen, auf die eben der Morgen einen ganz unangenehmen Eindruck macht, der Mittag einen besseren und den allerbesten aber der Abend und besonders die Nacht. Allein die Menschen, die so empfinden, gehören zumeist zu der verkehrten Art, und es ist schwer, solche Menschen eines Besseren zu belehren und sie auf den rechten Glaubens- und Gefühlsweg zu bringen; denn die haben sich in dieser Welt mit allem Fleiße nur solche Schätze gesammelt, die der Rost angreift, und die die Motten verzehren. Und die einmal auf dem Punkte stehen, die sind schwer auf einen andern zu stellen.
GEJ|6|193|7|0|Darum sage Ich auch euch allen: Sammelt euch in dieser Welt niemals solche Schätze, die der Rost angreift, und die leicht von den Motten verzehrt werden! Sorget auch nicht für den kommenden Tag, was ihr essen und womit ihr euch bekleiden werdet! Es genügt, daß ein jeder Tag für sich seine Sorge bringt. Der Vater im Himmel weiß genau, wessen ihr bedürfet. Sehet an die Sperlinge auf dem Dache und die Blumen auf den Feldern! Sie säen und sie ernten nichts und werden doch vom Vater im Himmel mit allem allerreichlichst versorgt. Haben die Sperlinge nicht ihr Gewand und ihr Essen, und sind die Blumen auf dem Felde nicht herrlicher gekleidet, als es je Salomo war in aller seiner Pracht? Seid ihr aber nicht um vieles besser denn die Sperlinge, von denen man ein Dutzend um einen Pfennig kauft, und besser als das Gras auf dem Felde, das heute noch blüht, morgen aber abgemäht, dann getrocknet und als ein schlechtes Tierfutter in den Ofen geworfen und verbrannt wird?! So ihr aber das nun von Mir wisset, so verhaltet euch auch also und tuet danach, so werdet ihr als Meine erwählten Jünger in eurem Amte wohl bestehen!
GEJ|6|193|8|0|Hat doch Moses gesagt, als er für den Priesterstamm Levi den Zehent zu geben bestimmte: ,Wer aber dem Altare dient, der soll auch vom Altare leben!‘ Und Ich sage euch nun dasselbe, wenn auch mit anderen Worten. Darum aber habe Ich das nun auch nur zu euch und für euch geredet und will damit kein Gebot gegeben haben, nach dem niemand mehr einen Acker bebauen solle und nimmer den Weinstock im Weinberge pflegen und graben, sondern das gilt nur für euch als die erwählten Arbeiter in Meinem geistigen Weinberge; denn zu den andern sage Ich: Wer da nicht arbeitet, der soll auch nicht essen! Wer aber da sucht Mein Reich und seine Gerechtigkeit, dem wird, so wie euch, alles andere als eine freie Gabe hinzugegeben werden.“
GEJ|6|193|9|0|Da dankte Mir besonders Johannes für diese Lehre und fragte Mich, ob er das auch aufzeichnen solle.
GEJ|6|193|10|0|Ich aber sagte: „Ganz sicher, aber hauptsächlich nur für euch und eure Nachfolger; denn gälte das für alle Menschen, da sähe es auf der Erde bald sehr wüst aus.“ (Siehe Matth.6,19-21;25-34)
GEJ|6|194|1|1|194. — Der Herr kennzeichnet die dreißig Römer
GEJ|6|194|1|0|(Der Herr:) „Jetzt aber sind auch unsere Römer schon aufgestanden und werden uns bald umringen; aber da machet eben nicht viel Wesens mit ihnen! Was da not tut, das werde schon Ich mit ihnen abmachen. Sie sind als Heiden im Grunde gute Menschen; aber sie sind dennoch nur Heiden und haben einen guten Schlaf. Ihr werdet euch bald selbst überzeugen, wie wenig sie heute als weinnüchterne Menschen darauf achten werden, was alles sie gestern gehört und gesehen haben. Sie erinnern sich alles dessen wohl; aber es kommt ihnen vor, als hätte ihnen davon nur so recht lebhaft geträumt. Darum sage Ich euch, daß ihr sie nicht anreden und daran erinnern sollet.
GEJ|6|194|2|0|Die Maid aber hat sich schon heute früh davongemacht, nachdem sie zuvor dem schon wachen Wirt einen liebebrennendsten Gruß an Mich aufgegeben hat, und zwar mit der lebendigsten Versicherung, daß sie in Zukunft nimmer sündigen werde. Und Ich sage es euch, daß sie auch ihr gegebenes Wort halten wird. Also was Ich euch nun bezüglich der Römer für diesen Moment gesagt habe, das haltet und beachtet, so gut ihr das nur immer möget; denn ihr werdet euch bald selbst überzeugen, daß nur Ich allzeit und ewig recht habe!“
GEJ|6|194|3|0|Die Jünger verwunderten sich darüber, daß diese dreißig Römer, die gestern abend gar so außerordentlich für Mich glühten, heute alles das nur so für einen lebhaften Traum betrachten sollten.
GEJ|6|194|4|0|Sagte Ich: „Wundert euch darüber nicht zu sehr; denn diese Menschen haben schon gestern unten in der Stadt des Guten etwas zuviel genossen und dann hier auch ums gut Siebenfache mehr denn wir alle. Daher haben sie auch schon mehr geträumt als gewacht, denn ein Berauschter träumt mit offenen Augen. Daher kommt ihnen all das gestern in der Nacht Erlebte um so mehr wie ein heller Traum vor. Aber das Beste an der Sache ist das, daß sie sich nun ihren gehabten Traum gegenseitig erzählen und ein jeder auf ein Haar den gleichen Traum erzählt. Da kennen sie sich nicht aus und geben dem Weine die Schuld, der etwa durch einen Magier also verzaubert gewesen sei. Es geht ihnen nicht einmal die Maid ab.
GEJ|6|194|5|0|Ich habe ihnen auch eben darum in solch ihrer Berauschung ein so außerordentliches Zeichen gewirkt. Denn wären sie völlig nüchtern gewesen, so hätten sie Mich offenbar für einen ihrer Götter angesehen und ausgerufen; aber also ist es gut, und es ist für die Freiheit des menschlichen Gemüts immer besser, es bekommt ein offenbarliches Zeichen im Traume als in einem völlig nüchtern- wachen Zustande. Und das war denn auch bei diesen Römern gestern der Fall. Ihr werdet es bald sehen, was diese Sache für ein Gesicht machen wird.“
GEJ|6|194|6|0|Als Ich solches mit Meinen Jüngern abgemacht hatte, da kamen Lazarus und der Wirt zu uns hinaus ins Freie, und der Wirt richtete Mir zuerst den guten Gruß von der Maid aus.
GEJ|6|194|7|0|Und Lazarus sagte zu Mir: „Aber Herr, das ist doch wahrlich recht sonderbar mit den Römern, und zwar namentlich mit dem gestern nacht so gesprächigen Agrikola! Der Gesprächigste ist heute so einsilbig wie nur immer möglich, und alle zusammen halten die gestrigen von Dir gewirkten außerordentlichen Zeichen für gehabte Träume; und das Schönste ist, daß natürlich alle einen und denselben Traum haarklein hererzählen! Ein Teil hält ihn für eine Wirkung des sicher verzauberten Weines; Agrikola aber sagt, der Traum rühre daher, weil ihre Phantasie sich schon zuviel mit dem berühmten Juden beschäftigt und daher in ihnen allen zugleich ein solches Bild ohne ihr Bewußtsein geschaffen habe, das sie nun alle zugleich diese Nacht hindurch beschäftigt habe. Aber das Allerschönste ist, daß sie eigentlich gar nicht wissen, wie sie auf diese Bergherberge gekommen sind! Ich sagte zu Agrikola, daß sie schon ziemlich abends von einer Maid heraufgeführt worden seien; aber nun können sie sich dessen auch nicht mehr erinnern! Ja, da kenne sich jemand bei diesen Menschen aus, wer sich da nur immer auskennen möchte, – für mich sind diese zu krumm!“
GEJ|6|194|8|0|Sagte Ich: „Lasset das nur ganz gut sein! Es ist schon recht also; denn wären diese Menschen gestern ganz nüchtern gewesen, so hätte Ich Mich ihnen nicht also offenbaren können. Aber da sie in ihrer starken Berauschung mehr träumten als wachten, so hat sich die Sache dennoch ganz gut gemacht. Merke dir's aber wohl, daß du Mich nicht verrätst! Wenn sie einen von euch wieder nach dem berühmten Juden fragen werden, so saget ihnen, daß er heute vormittag im Tempel lehren werde! Sie werden darauf bald in den Tempel dringen und Mich sehen und hören wollen. Nachher werden sie erst reifer sein, etwas Näheres über ihr sein sollendes Traumgesicht zu Erfahren.“
GEJ|6|194|9|0|Sagte Lazarus: „Ganz gut! Aber Herr, es ist nun das Morgenmahl auch schon bereitet! Möchtest Du mit Deinen Jüngern nicht vorher das Morgenmahl einnehmen und Dich sodann erst in den Tempel begeben?“
GEJ|6|194|10|0|Sagte Ich: „Oh, allerdings; aber stelle es in ein anderes Zimmer, damit wir mit den Römern nicht gar zu offen zusammenkommen! Es werden alsbald mehrere herauskommen und sich nach allerlei erkundigen. Meine Jünger aber haben schon die Weisung, was sie zu tun haben; Ich aber werde mit ihnen ganz leicht fertig werden. Unterdessen richte du in einem andern Zimmer unser Morgenmahl her, und wir werden dann alsbald kommen und werden es verzehren und uns darauf sogleich hinab in den Tempel begeben!“
GEJ|6|195|1|1|195. — Die dreißig Römer suchen den Herrn
GEJ|6|195|1|0|Als die beiden das vernahmen, gingen sie sogleich wieder ins Haus und taten alles nach Meinem Wunsche. Kaum waren aber diese im Hause, da kamen auch schon mehrere Römer heraus zu uns und ergötzten sich an der schönen Aussicht von diesem Berge.
GEJ|6|195|2|0|Einer aber trat zu einem Jünger hin und fragte ihn, ob er auch die Nacht über in dieser Herberge gewesen sei, und vielleicht auch die andern mit ihm.
GEJ|6|195|3|0|Der Jünger aber wies ihn zu Mir hin und sagte: „Der dort ist auch eurer Zunge mächtig, gehet hin und redet mit Ihm!“
GEJ|6|195|4|0|Das verstand ein Römer, der auch etwas Jüdisch verstand, und dieser kam sogleich zu Mir und fragte Mich, wie früher den Jünger.
GEJ|6|195|5|0|Und Ich sagte zu ihm: „Was fragst du darum denn uns? Haben wir dich doch auch nicht gefragt, ob du diese Nacht in dieser Herberge zugebracht hast! Wir sind wohl hier gewesen, und das wird euch Fremde doch nichts angehen, da wir euren Ruheraum ganz sicher nirgends mit unserer Gegenwart behindert haben! Sage du Mir aber nun, warum du solches von uns erfahren willst!“
GEJ|6|195|6|0|Sagte der Römer: „Ei, wir suchten gestern und auch schon vorgestern gar sehr den berühmten Juden und sind durch Zufall in diese Herberge geraten! Wir waren aber alle von dem starken Wein ein wenig berauscht, und im Schlafe hatte einer um den andern ein und denselben ganz wunderbaren Traum: Wir fanden den wunderbaren Juden. Dieser hat uns unter anderm auch gerade also auf diesen Punkt geführt und zeigte uns da seine ganze göttliche Macht und Herrlichkeit, daß wir darauf im höchsten Grade entzückt waren und den wunderbaren Juden für einen Gott ansahen, der auf eine Zeit einen Menschenleib so pro forma angenommen hat, um so die besseren Menschen für ein höheres Leben zu belehren. Aber das ist nur so ein ganz kurzer Inhalt unseres Traumbildes. Allein, hätte das bloß einem von uns geträumt, – nun, so wäre das ein ganz artig selten schöner Traum gewesen; aber nun hatten wir alle ohne Ausnahme ganz vollkommen ein und denselben Traum, was gewiß nichts Gewöhnliches ist! Wir gaben dem Weine die Schuld und wollten euch denn nun fragen, so auch ihr hier übernachtet habt, ob nicht auch ihr selbst einen ähnlichen Traum hattet. Seid darum nicht ungehalten!“
GEJ|6|195|7|0|Sagte Ich: „O nein, nicht im geringsten! Aber könnet ihr euch denn gar nicht mehr entsinnen, wie etwa doch der berühmte Jude ausgesehen hat?“
GEJ|6|195|8|0|Sagte der Römer: „Ja, das ist nun ein wenig schwer; aber wenn ich schon so für mich reden dürfte, so sah er meiner schwachen Erinnerung nach beinahe so aus wie so ungefähr du, bester Freund! Bitte aber darum nur nicht ungehalten zu sein!“
GEJ|6|195|9|0|Sagte Ich: „Nun ja, das macht ja eben nichts; am Ende kann Ich's ja doch selbst gewesen sein!“
GEJ|6|195|10|0|Sagte der Römer lächelnd: „Hm, hm, du guter Freund beliebst wohl zu scherzen? Aber ich sage dir: Der sonderbare Traum war durchaus kein Scherz; denn hättest auch du einen solchen Traum gehabt, so würdest auch du davon ganz absonderlich erregt sein!“
GEJ|6|195|11|0|Sagte Ich: „Das kannst du ja nicht wissen, ob nicht auch Ich ganz dasselbe gesehen habe wie ihr! Aber lassen wir diese Sache nun gut sein! Wir bleiben auch heute abend hier, und so auch ihr noch da verbleiben werdet, da werden wir auf diesen Gegenstand schon noch zurückkommen. Jetzt aber wollen wir sogleich unser Morgenmahl einnehmen und uns dann zu unserm Geschäfte begeben! Wo aber heute der Wunderjude zu sehen und zu hören sein wird, das wird euch späterhin schon der Herr dieser Herberge sagen; denn er wird davon sicher in Kenntnis sein.“
GEJ|6|195|12|0|Sagte der höfliche Römer: „So wünsche ich, daß euch das Morgenmahl wohlschmecke! Der Hausherr aber wird dann schon die Güte haben und uns davon Nachricht geben, wo der berühmte Mann zu sehen und zu hören sein wird!“
GEJ|6|195|13|0|Sagte Ich: „Ganz gut! Aber da bleibet nüchtern, sonst verschlafet und verträumet ihr Ihn wieder, wie es schon vielen gegangen ist und sehr vielen noch gehen wird! Aber nun zum Morgenmahle!“
GEJ|6|195|14|0|Hier verließen wir die Römer und gingen in das Zimmer, wo schon das Morgenmahl unser harrte. Die Römer taten dasselbe, nur wie gestern im großen Speisesaale. Wir waren natürlich bald fertig und zogen uns dann schnell in die Stadt hinab, in der wir uns vorher ein wenig umsahen; denn vor neun Uhr (nach jetziger Zeitrechnung) war im Tempel nichts zu machen, das heißt am heutigen Nachfesttage.
GEJ|6|196|1|1|196. — Der Herr lehrt im Tempel. Die Urteile des zuhörenden Volkes (Ev. Joh. 8,2)
GEJ|6|196|1|0|Als der Tempel aber geöffnet ward, da ging Ich also sehr zeitig morgens mit den Jüngern in den Tempel und war sonach einer der ersten darin. (Joh.8,2) Und als das Volk sah, daß Ich in den Tempel gegangen war, da kam es in großer Menge zu Mir, und Ich setzte Mich und fing an es zu lehren durch Gleichnisse, Bilder und Beispiele, wie solche vielfach in den Evangelien vorkommen.
GEJ|6|196|2|0|Ich zeigte ihnen die große Liebe, Güte und Gerechtigkeit Gottes des Vaters, und also zeigte Ich ihnen auch, worin eigentlich das Reich Gottes besteht, das nun so nahe zu ihnen gekommen ist.
GEJ|6|196|3|0|Und gar viele glaubten an Mich.
GEJ|6|196|4|0|Und es sagten etliche: „Das ist wahrlich ein großer Prophet, und es wundert uns sehr, daß die Pharisäer das nicht anerkennen wollen! Er ist zugleich im höchsten Grade uneigennützig; denn so vielen er auch schon unseres guten Wissens übergroße Wohltaten erwiesen hat, so hat er sich doch nie von jemandem etwas bezahlen lassen, und es ist ganz gewiß, daß er überall, wo man ihn und seine Jünger noch nach altem Brauch gastfreundlich aufgenommen und bewirtet hat, dem Wirte stets auf eine wunderbare Weise eine Wohltat erwies, die offenbar mehr wert war als tausend Male das, was er vom Wirte empfangen hat. Dazu ist er kein Kopfhänger und geht mit allen Menschen gleich um, und so er nun sagt: ,Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und belastet seid, Ich will euch alle erquicken, und ihr sollet bei Mir den rechten Trost des Lebens und seine wahre Ruhe finden!‘, so müssen wir es ja glauben!
GEJ|6|196|5|0|Ein Mensch aber, der also weise und herzlich gut redet und selbst auch also handelt und so große Zeichen wirkt, ist doch wahrlich ein großer Prophet, und komme er her, von wannen er wolle! Und so der Messias kommen wird, da fragt es sich, ob Er größere Zeichen tun wird! Wenn Er nicht mit Donner, Blitz und Schwefelregen kommt, so werden die Pharisäer an Ihn ebensowenig glauben wie an diesen!“
GEJ|6|196|6|0|Andere wieder, die noch gläubiger waren, sagten: „Wir brauchen auf gar keinen andern Messias mehr zu warten; denn wir halten Den schon für den ganz rechten! Denn Seine Worte haben Kraft und Leben, und Seine Taten sind völlig göttlicher Art, und so ist Er schon ganz vollkommen der rechte Messias für uns. Die auf einen andern warten wollen, die sollen warten und sich selbst betrügen!“
GEJ|6|196|7|0|Sagten wieder andere: „Wir stehen noch zu sehr unter der Gewalt der Pharisäer und können nicht tun, was wir wollen. Was nützet uns die Wahrheit und der Glaube, solange die Pharisäer die Gewalt in ihren Händen haben, und das eben jetzt unter den Römern mehr denn jemals zuvor?!“
GEJ|6|196|8|0|Da sagte aber Ich: „Gott Selbst ist die ewige Liebe und die Wahrheit selbst! Nichts in der Welt kann euch frei machen als allein nur die Wahrheit. Wer die Sünde, welche allzeit eine Lüge war, tut, der ist auch der Sünde Knecht und ein Sklave der andern noch größeren Sünder, die kein Gewissen und keine Liebe haben als allein nur für ihr schmähliches Ich. Wer aber die Wahrheit in sich hat, der ist ein mächtiger Feind der Lüge und der Sünde und ist frei; denn niemand kann ihn einer Sünde überführen. Darum erwählet die Wahrheit und fürchtet die nicht, die wohl euren Leib töten, aber eurer Seele weiter nichts tun können; aber fürchtet vielmehr Gott, der eure Seele samt dem Leibe töten und verderben kann!
GEJ|6|196|9|0|Den Schaden am Leibe wird euch Gott dereinst tausendfach vergelten; aber den Schaden an eurer Seele wird euch Gott nimmerdar vergelten. Denn darum hat Gott der Seele den Verstand, die Vernunft, das Gewissen und den freien Willen und das Gesetz gegeben, damit sie wohl beurteilen kann, was da gut und böse ist, und sie kann mit ihrem Willen das eine oder das andere erwählen. Was sie aber erwählen wird, danach wird sie auch aus sich selbst gerichtet werden, entweder zum Tode oder zum Leben.
GEJ|6|196|10|0|Der Vater im Himmel aber will, daß ihr alle das ewige Leben überkommen sollet, und hat Mich darum in diese Welt zu euch gesandt. Darum sage Ich euch noch einmal: Wer an Mich glaubt, der wird das ewige Leben haben; wer aber nicht glaubt, daß ich vom Vater aus zu euch gesandt wurde, der wird um das Leben kommen, das er sich nun leicht hätte nehmen (erwerben) können. Der Vater im Himmel aber hat Mich lieb und so auch alle, die an Mich glauben, und Ich Selbst werde ihnen geben in der Wahrheit Meiner Worte das ewige Leben!“
GEJ|6|196|11|0|Hier sagten einige: „Es ist doch sonderbar, wie der Mensch aus sich redet und sich selbst Gott nahezu gleichstellt. Es ist nur ein wahres Wunder, daß ihn heute die Pharisäer so lange ertragen können!“
GEJ|6|196|12|0|Sagten wieder andere: „Er redet frei und offen, und wir finden nichts Ungebührliches in seinen Worten! Er spricht offen die volle Wahrheit, und die Pharisäer müßten erst suchen, daß sie etwas wider ihn fänden!“
GEJ|6|196|13|0|Sagten wieder andere: „Oh, sorget euch um etwas anderes; die werden bald etwas haben!“
GEJ|6|196|14|0|Sagte ein danebenstehender Zöllner: „O ja, womit sie wieder, wie noch allzeit, abziehen werden! Diese Faulhäute erfinden schon lange nichts mehr wider diesen Wahrhaftigen!“
GEJ|6|196|15|0|Darauf ward eine kleine Weile Ruhe, und die Pharisäer wurden voll Grimm und sannen nach, wie sie Mich etwa mit einem Worte oder mit einem von Mir begehrten Rechtsspruche fangen könnten, auf daß sie Mich dann einer Unwahrheit zu zeihen imstande wären, um dem Volke mit allem Pompe zu sagen: ,Da sehet nun euren wahrhaftigen Propheten oder gar euren schönen Messias! Wie steht er nun als ein Lügner vor euch!‘ Aber trotz ihres gewaltigen Nachsinnens wollte sich nichts so recht Haltbares finden lassen.
GEJ|6|197|1|1|197. — Die Ehebrecherin (Ev. Job. 8,3-11)
GEJ|6|197|1|0|Aber während sie so nachsannen, da brachten ihre ausgesandten Schergen eine Ehebrecherin zu ihnen, die auf frischer Tat ertappt wurde und nun nach Mosis gesteinigt werden sollte, – was aber von den gegenwärtigen Pharisäern, wenn die Ehebrecherin eine Reiche war, stets in eine große Geldbuße umgewandelt wurde. Und war sie arm, aber jung und schön, so ward sie gewöhnlich gestäupt und mußte dann den Templern dienen; eine Alte und Häßliche aber war ja schon durch die Natur vor dem Ehebruch gesichert. Die gegenwärtige Ehebrecherin aber war noch sehr jung, aber arm und wollte sich bei dieser Festzeit von einem sehr reichen Fremden einen ausgiebigen Notpfennig verdienen, um sich dann leichter fortzubringen. Diese wäre dem Tempel offenbar auch verfallen gewesen, wenn Ich nicht dagewesen wäre, und wenn die Templer nicht genötigt gewesen wären, sie zu einem Hauptmittel zu gebrauchen, um Mich durch dasselbe nach ihrer Meinung ganz sicher zu fangen.
GEJ|6|197|2|0|Also diese arme Ehebrecherin ward von den weisesten Pharisäern sogleich vor Mich hingestellt und somit in die Mitte des Volkes, das Mich natürlich von allen Seiten dicht umgab. (Joh.8,3)
GEJ|6|197|3|0|Und als das Weib, von der Todesangst geplagt, nun vor Mir stand, da fragte Mich einer der hochweisen Pharisäer: „Dies Weib ist auf frischer Tat im Ehebruch ergriffen worden. (Joh.8,4) Moses hat uns in einem Gesetze geboten, solch eine Person zu steinigen, – und Mosis Gesetz ist soviel wie Gottes Gesetz. Was sagst du nun dazu?“ (Joh.8,5)
GEJ|6|197|4|0|Es versteht sich von selbst, daß sie das nur darum taten, um Mich dahin zu versuchen, daß Ich teils durch das harte Gesetz Mosis und teils durch Meine Rede von der großen Barmherzigkeit Gottes des Vaters und auch durch Meine ihnen wohlbekannte Güte gegen die Sünder in eine nach ihrer Rechnung unvermeidliche Verlegenheit käme, sie dann eine Sache wider Mich fänden und dann dem Volke, wie schon bemerkt, mit großem, feierlichem Pompe sagen könnten: ,Da seht nun den großen Betrüger und Volksverführer, den wir nun mit Recht ergreifen und der Gerechtigkeit überliefern!‘
GEJ|6|197|5|0|Aber Ich gab ihnen auf ihre Frage so schnell, wie sie solche haben wollten, keine Antwort, sondern bückte Mich nieder und schrieb der Sünderin Schuld in den Sand des Bodens (Joh.8,6); denn es gab bei so großen Festen stets viel Sandes am Boden, weil der Tempel erst nach dem ganz verstrichenen Feste wieder gefegt wurde und der Kehricht darauf verkauft ward an allerlei abergläubische Juden.
GEJ|6|197|6|0|Als aber die Pharisäer und die Tempeljuden mit ihren Fragen anhielten, da richtete Ich Mich auf und sagte zu ihnen: „Es ist vollkommen wahr, daß Moses ein solches Gesetz gegeben hat; aber die, die solch eine Sünderin zu steinigen das Recht hatten, mußten ohne Sünde sein, – das stehet auch geschrieben! Wenigstens mußte der, welcher den ersten Stein nach der Sünderin warf, völlig rein und ohne Sünde sein! Wer also unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein nach dieser Sünderin! (Joh.8,7) Gottes Barmherzigkeit leidet dadurch keinen Schaden; denn Moses gab dem Menschen weise Gesetze. Wer sie kennt und nicht beachtet, der hat sich selbst gerichtet und sein Todesurteil besiegelt.“
GEJ|6|197|7|0|Darauf bückte Ich Mich wieder zu Boden und schrieb wie zuvor. (Joh.8,8)
GEJ|6|197|8|0|Als sie aber solche Worte von Mir vernahmen mit denen sie nicht gerechnet hatten, und ihr Gewissen ihnen sagte: ,Ihr seid ja selbst vielfache Sünder und Ehebrecher, und alles Volk kennt euch als das!‘, da sagte vom Größten bis zum Geringsten keiner ein Wort mehr, und ein jeder verließ, so geschwind er nur konnte, den Tempel und zog sich hinaus.
GEJ|6|197|9|0|Nun war nach einigen Augenblicken von den Pharisäern und Tempeljuden und von den Leviten und Knechten und Schergen niemand mehr in der Mitte des Tempels als Ich und die Sünderin und natürlich weit herum im Kreise das Volk und Meine Jünger alle. (Joh.8,9) Da staunte das Volk ganz wohlgemut, wie Ich die Pharisäer mit ganz wenigen Worten aus dem Felde in die Flucht getrieben hatte.
GEJ|6|197|10|0|Und mehrere sagten ganz laut: „Oh, die hätten nur einen Stein aufzuheben brauchen, so hätten wir sie zerrissen, diese alten Sündenböcke! Denn ein Sünder kann und darf besonders einen viel kleineren schon gar nie richten.“
GEJ|6|197|11|0|Bei dieser Gelegenheit richtete Ich Mich wieder ganz auf und sah niemand von den Richtern im Kreise, sondern das Weib nur, das da hätte gesteinigt werden sollen.
GEJ|6|197|12|0|Und Ich fragte es: „Nun, wo sind denn deine Verkläger? Hat dich denn niemand verdammt?“ (Joh.8,10)
GEJ|6|197|13|0|Sagte die Ehebrecherin: „Nein, Herr, es hat mich niemand verdammt, sondern sie gingen alle eiligst hinaus!“ (Joh.8,11)
GEJ|6|197|14|0|Darauf sagte Ich zu ihr: „So verdamme auch Ich dich nicht! Aber gehe nun hin in deine Heimat und sündige hinfort nicht mehr! Denn wo du sündigst, wird es dir übel ergehen!“ (Joh.8,11)
GEJ|6|197|15|0|Da dankte die Sünderin für die ihr erwiesene Gnade, bat Mich aber, daß Ich ihr einen Rat geben möchte, wie sie sicher nach Hause käme; denn sie fürchte dennoch, daß die Schergen der Pharisäer ihr unterwegs aufpaßten und ihr Übles zufügten.
GEJ|6|197|16|0|Da sagte Ich: „Habe keine Furcht vor ihnen; denn sie werden froh sein, dir nicht so leicht unters Gesicht zu kommen! Gehe nun aber unters Volk, das wird dich schon schützen und dich ganz wohl nach Hause bringen! Da sieh nur dorthin gegen den Vorhang des Tempels, und du wirst sie alle sehen, die ehedem da standen! Denn sie wurden draußen von dem Volke befragt, was es denn gegeben habe, daß sie alle so eilig aus dem Tempel flöhen. Sie schämten sich aber, die Wahrheit zu sagen, machten dann eine plumpe Ausrede und kehrten bei dem Tore, das gegen Morgen geht, wieder ganz still zurück. Aber gehe du nun nur unters Volk, das an Mich glaubt, und du wirst ganz wohlbehalten bleiben! Ich werde das Volk nun weiter lehren, und da werden sie sich gleich wieder melden und zu Mir vordringen; denn sie haben nun einen um so größeren Grimm auf Mich, weil Ich sie beschämt und dich aus ihren Klauen gerettet habe. Aber gehe nun nur getrost dahin, wohin Ich dich beschieden habe, sei fromm und sündige hinfort nicht mehr!“
GEJ|6|197|17|0|Da ging sie schüchtern hin unters Volk, und das nahm sie gut auf und flößte ihr unter lauten Drohungen gegen die Pharisäer Mut ein.
GEJ|6|198|1|1|198. — Des Herrn Bekenntnis im Tempel (Ev. Job. 8,12-29)
GEJ|6|198|1|0|Als es darauf wieder ruhig im Tempel wurde, da sagten einige aus dem Volke: „Herr und Meister, laß Dich von den Pharisäern nicht beirren, und lehre uns weiter Deine Sendung und das Reich Gottes kennen; denn so Du redest, da sind wir alle ganz Aug und Ohr, und unsere Herzen schlagen wahrlich Dir allein laut entgegen!“
GEJ|6|198|2|0|Sagte Ich darauf zum Volke: „So habet denn acht und merket wohl auf; denn Ich will es euch offen sagen und euch nicht mehr hinhalten, wer Ich bin!
GEJ|6|198|3|0|Höret! Ich Selbst bin das Licht der Welt; wer Mir folgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern er wird das wahre Licht des Lebens haben.“ (Joh.8,12)
GEJ|6|198|4|0|Da jubelte das Volk hell auf und sagte laut: „Ja, das ist vollwahr; denn Du, Meister, bist als ein hellscheinendes Licht in diese Welt gekommen, und wie wohl tut Dein Licht uns, die wir so lange in der dicksten Nacht der Seele umhergeirrt sind!“
GEJ|6|198|5|0|Das war für die grimmerfüllten Pharisäer zuviel, so daß sie darob wieder zu Mir vordrangen und sagten: „Da du von dir selbst zeugst, so ist dein Zeugnis nicht wahr!“ (Joh.8,13)
GEJ|6|198|6|0|Darauf sagte Ich: „So Ich auch von Mir Selbst zeugen würde, so wäre Mein Zeugnis dennoch wahr; denn Ich weiß, von wannen Ich gekommen bin, und weiß auch, wohin Ich gehen werde. Nur ihr Pharisäer allein wisset es eures Hochmutes wegen nicht, von woher Ich gekommen bin, und wohin Ich gehen werde. (Joh.8,14) Ihr urteilet und richtet alles nach dem Fleische, da ihr keinen Geist kennet. Darin aber richte Ich niemanden. (Joh.8,15) So Ich aber richte, da ist Mein Gericht recht; denn Ich bin hier nicht allein, wie ihr es meinet, sondern Ich und der Vater, der Mich gesandt hat, sind es. (Joh.8,16) Steht es aber nicht in eurem Gesetze geschrieben, daß zweier Menschen Zeugnis gültig sei? (Joh.8,17) Und so bin erstens Ich, der Ich von Mir Selbst zeuge, und zweitens der Vater, der Mich in diese Welt gesandt hat. Wie viele Zeugen wollet ihr dazu noch?“ (Joh.8,18)
GEJ|6|198|7|0|Da fuhren die Pharisäer auf und sagten: „Hältst du uns denn für Narren? Wo ist denn dein Vater, daß er dir Zeugnis gäbe vor uns?“
GEJ|6|198|8|0|Da erhob Ich Mich und ging hin an den Pfeiler, an dem der sogenannte Gotteskasten sich befand, der wegen der Opfer für den Tempel solchen Namen hatte, und redete laut in den Kasten hinein: „Ihr Blinden kennet weder Mich noch Meinen Vater! Denn kenntet ihr Mich, so kenntet ihr auch Meinen Vater!“ (Joh.8,19)
GEJ|6|198|9|0|Als Ich diese Worte laut in den Gotteskasten hineingeredet hatte, da fragten sie Mich, warum Ich nun in den Kasten hineingeredet hätte.
GEJ|6|198|10|0|Sagte Ich: „Weil das einerlei ist, ob Ich die Worte euch ins Angesicht rede oder in jenen nun leeren und toten Kasten! Der Kasten hat die Worte wenigstens geduldig angenommen, was bei euch nicht der Fall gewesen wäre.“
GEJ|6|198|11|0|Das nahm das Volk gut auf und forderte die Pharisäer auf, Mich ungehindert reden zu lassen. Da zogen sich die Pharisäer wieder etwas zurück.
GEJ|6|198|12|0|Ich aber lehrte das Volk weiter und ließ Mich schonungslos über die Pharisäer aus, und je mehr Ich ihre Schandtaten vor dem Volke enthüllte und ihnen ordentlich an den Fingern ausrechnete, für was alles sie desto mehr Verdammnis ernten würden, desto mehr jubelte das Volk, und desto grimmiger wurden die Pharisäer. Aber sie griffen Mich nicht an, da Meine Zeit noch nicht gekommen war. (Joh.8,20)
GEJ|6|198|13|0|Da traten aber einige andere Juden zu Mir, die es noch sehr mit den Pharisäern hielten, aber Mir in so mancher Hinsicht auch nicht ganz unrecht gaben, und sagten: „Aber sage uns doch, wohin du mit solchen deinen Reden kommen willst!“
GEJ|6|198|14|0|Da sagte Ich abermals zu ihnen: „Wisset! Ich werde von hier hinweggehen auf eine Weise, die ihr nicht kennet, und ihr werdet Mich suchen und nicht finden und dabei in euren Sünden sterben! Denn wo Ich hingehe, da könnet ihr nicht hinkommen.“ (Joh.8,21)
GEJ|6|198|15|0|Da redeten sie untereinander (die Juden): „Will er sich etwa nun, da er die Pharisäer zu sehr ergrimmt hat und ihrer Rache nicht leichtlich mehr entgehen wird, aus Verzweiflung selbst töten? Denn sonst könnte er bei gesunder Vernunft nicht sagen: ,Wo Ich hingehe, da könnet ihr nicht hinkommen!‘ (Joh.8,22)
GEJ|6|198|16|0|Ich aber sagte mit ganz heiterer Miene zu ihnen: „Zerbrechet euch darum die Köpfe nicht! Ich werde euch gleich Selbst den wahren Grund zeigen, und ihr werdet dann leicht und gleich einsehen, warum ihr also, wie ihr nun seid, nicht dahin kommen könnet, dahin Ich gehen werde.
GEJ|6|198|17|0|Sehet! Ihr seid von unten her und werdet wieder dahin kommen; Ich aber bin von oben her und werde ganz sicher auch wieder dahin zurückkehren, und ihr werdet Mir nicht nachfolgen können.“ (Joh.8,23)
GEJ|6|198|18|0|Da wurden auch diese Juden ärgerlich und sagten: „Was soll das heißen? Kannst du uns etwa gar die Hölle verheißen?“
GEJ|6|198|19|0|Sagte Ich: „O nein, aber die Sache ist also: Ihr seid von dieser Welt auch eurer Seele nach; Ich aber bin nicht von dieser Welt!“
GEJ|6|198|20|0|Und die Juden sagten: „Wo ist denn nachher eine andere Welt? Wir kennen keine andere!“
GEJ|6|198|21|0|Sagte Ich: „Ja, wohl kennet ihr keine andere! Und Ich habe darum solches zu euch gesagt, weil ihr bei eurem Unglauben sterben werdet in euren Sünden. Denn so ihr es nicht glaubet, daß eben Ich der verheißene und nun zu euch gekommene Messias bin, so werdet ihr sterben in euren Sünden und nimmer dorthin kommen, wo Ich sein werde mit Meinen Erwählten. (Joh.8,24) Und wäre es nicht also, wahrlich, als ein purer Mensch, wie ihr es seid, hätte Ich nimmer den Mut, euch solches zu sagen!“
GEJ|6|198|22|0|Da sprachen die Juden: „Was sagst du von dir? Rede klar und wahr, wer du denn wohl so ganz eigentlich bist!“
GEJ|6|198|23|0|Und Ich sagte: „Es ist schwer, zu ganz tauben Ohren zu reden. Weil ihr Mich ehedem nicht verstanden habt, so höret denn jetzt Mich an! Erstens bin Ich Der, der Ich soeben mit euch rede!“ (Joh.8,25)
GEJ|6|198|24|0|Sagten die Juden: „Nun, und wer bist du denn dann zweitens?“
GEJ|6|198|25|0|Sagte Ich: „Nur Geduld, das ,Zweitens‘ werdet ihr selbst schon aus Meiner Rede finden; denn Ich habe noch vieles vor euch zu reden und zu richten! Höret! Der Mich gesandt hat, ist im höchsten Grade wahrhaftig, und nur, was Ich von Ihm allzeit gehört habe, das verkünde Ich nun vor der Welt, die ihr alle seid.“ (Joh.8,26)
GEJ|6|198|26|0|Da aber diese blinden Juden abermals nicht verstanden (Joh.8,27), daß Ich vom Vater oder von der ewigen Liebe in Mir zu ihnen redete, so fragten sie abermals und sagten: „Aber beim Tempel und Sinai! Wer ist denn der, der dich gesandt hat?“
GEJ|6|198|27|0|Da sagte Ich, auch mit sehr ernster Miene, zu ihnen: „Höret! Wenn ihr des Menschen Sohn werdet erhöhet haben, dann werdet ihr, wenn auch zu spät, erkennen, daß Ich es bin, der Ich als Mensch nichts von Mir Selbst aus tue, sondern wie Mich allzeit Mein Vater gelehrt hat, also rede und handle Ich. (Joh.8,28) Und wisset noch ein mehreres und Näheres: Der Vater, der Mich gesandt hat, ist nicht irgend ferne von hier, sondern Er ist hier mit Mir. Der Vater läßt Mich nimmerdar allein; denn Ich allein tue allzeit das, was Ihm wohlgefällt, und fürchte gleich Ihm keinen Menschen in der ganzen Welt. (Joh.8,29) Denn wäre es nicht also, so würde Ich es euch nicht sagen.“
GEJ|6|199|1|1|199. — Der Herr und Seine Gegner (Ev. Joh. 8,30-49)
GEJ|6|199|1|0|Als Ich solches voll Ernstes zu den Juden geredet hatte, da machten viele große Augen und sagten: „Wahrlich, der Mensch redet wie einer, der Gewalt hat, und es wagt sich niemand, ihn anzurühren oder ihm zu verbieten, also zu reden im Tempel! Wenn unsereiner das offen im Tempel wider die Pharisäer geredet hätte, so hätten sie ihn ja schon zehnmal gesteinigt, – und diesen lassen sie reden zu ihrem offenbarsten Nachteil und getrauen sich nicht mehr hervor. Das ist wahrlich etwas Übermenschliches, und wir wollen seinen Worten glauben!“ (Joh.8,30)
GEJ|6|199|2|0|Sagte Ich darauf zu den Juden, die an Mich zu glauben anfingen: „So ihr bleiben werdet an Meiner Rede, so werdet ihr dadurch auch Meine rechten Jünger. (Joh.8,31) Ihr werdet die darin liegende Wahrheit erkennen, und diese Wahrheit wird euch frei machen, wie Ich solches schon zuvor berührt habe.“ (Joh.8,32)
GEJ|6|199|3|0|Darauf antwortete der ungläubigere Teil der Juden, sagend: „Wisse, wir sind Abrahams Samen und sind nie jemandes Knechte oder gar Sklaven gewesen! Wie sollen wir denn als freie Herren und Bürger noch freier werden?“ (Joh.8,33)
GEJ|6|199|4|0|Darauf sagte Ich zu ihnen: „Wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Wer da Sünde tut, der ist auch der Sünde Knecht, wie Ich dessen schon zuvor erwähnt habe! (Joh.8,34) Der Knecht ist aber kein Freier, da er stets den Gelüsten und Leidenschaften seines Fleisches gehorchen muß. Der Knecht bleibt nicht ewig im Hause, sondern nur der Sohn. (Joh.8,35) Knecht aber ist jeder Sünder, und das Haus ist das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und der Sohn ist die Wahrheit. So euch aber nun Ich als der wahre Sohn des Reiches Gottes frei mache, so seid ihr denn auch wahrhaft und recht frei.“ (Joh.8,36)
GEJ|6|199|5|0|Sagten die Ungläubigen abermals: „Vergiß nicht, daß wir Abrahams Samen sind und sind nie jemands Knechte gewesen! Was sprichst du denn immer, daß du uns frei machen wirst?“
GEJ|6|199|6|0|Sagte Ich: „Oh, Ich weiß es wohl, daß ihr Nachkommen Abrahams seid, – Ich bin es dem Leibe nach aber auch! Aber obschon ihr saget, daß ihr als Samen Abrahams niemals jemandes Knechte gewesen seid, so waren es aber doch eure Väter in Ägypten und später in Babylon, und jetzt seid ihr Knechte Roms, – wenn ihr schon von dem äußeren Verhältnisse redet. Ich aber rede von dem inneren Lebensverhältnisse, und dem nach waret ihr allzeit Knechte eurer Leidenschaften und ließet euch von ihnen wie Besessene beherrschen. Daß es aber also ist, das beweist der Umstand, daß ihr Mich zu töten suchet, so wie das gleiche auch die Pharisäer allereifrigst zu tun trachten. Und das tut ihr darum, weil Meine Rede nicht unter euch fährt, ihr sie nicht fasset und Mich darum hasset, weil Ich die volle Wahrheit zu euch rede. (Joh.8,37) Ich rede zu euch nur das, was Ich allzeit von Meinem Vater sehe und höre, und ihr achtet des nicht, sondern nur gleichfort dessen, was ihr auch von euren Vätern gesehen und gehört habt, das aber zu nichts nütze ist.“ (Joh.8,38)
GEJ|6|199|7|0|Als Ich ihnen solches unter die Nase gerieben hatte, da sagten sie abermals (die Juden): „Vergiß nicht, daß Abraham unser Vater ist! Das hebt alle deine Beschuldigungen gegen uns auf. – Verstehst du das?“
GEJ|6|199|8|0|Sagte Ich: „Oh, gar wohl verstehe Ich euch! Oh, wäret ihr Abrahams Kinder, so würdet ihr auch Abrahams Werke tun! (Joh.8,39) Nun aber sucht ihr Mich zu töten wie einen ärgsten Verbrecher, und das bloß darum, weil Ich euch die Wahrheit sage, die Ich von Gott allzeit gehört habe. Wahrlich, das hat Abraham den drei Jünglingen niemals tun wollen, weil sie ihm die Wahrheit gesagt haben. (Joh.8,40) Ihr tut zwar wohl eures Vaters Werke, – aber nicht die des Vaters Abraham! Verstehet es!“
GEJ|6|199|9|0|Da sagten die schon ganz ergrimmten ungläubigen Juden: „Freund, wir sind nicht unehelich geboren! Wir haben alle einen Vater, und der ist Gott Selbst!“ (Joh.8,41)
GEJ|6|199|10|0|Sagte Ich zu ihnen: „Oh, wäre Gott euer Vater, so liebtet ihr Mich also, wie die Mich lieben, die Mich erkannt haben; denn Ich bin dem Geiste nach von Gott ausgegangen und komme von Gott. Denn wahrlich, Ich bin nicht etwa gleich einem Menschen von Mir Selbst gekommen, sondern Gott hat Mich gesandt, das heißt diesen Leib, durch den Er Sich Selbst euch nun offenbart, und welchen Leib ihr zu töten trachtet. (Joh.8,42) Aus welchem Grunde aber könnet denn ihr Meine Stimme nicht hören, so ihr Gottes Kinder seid?“ (Joh.8,43)
GEJ|6|199|11|0|Sagten die Juden: „Hören wir dich etwa nicht?“
GEJ|6|199|12|0|Sagte Ich: „O ja, ihr höret Mich wohl sicher mit euren Fleischesohren, – aber Ich frage euch nur, warum euch der Sinn Meiner Worte nicht behagt. Warum behagt er denn gar vielen anderen, sogar den Römern dort, die sich um den Gotteskasten aufgestellt haben?“
GEJ|6|199|13|0|Da schwiegen sie und wußten nicht, was sie Mir darauf hätten antworten sollen; denn sie fürchteten das Volk und getrauten sich mit ihrer Antwort nicht laut zu werden, die natürlich eine sehr grobe und beleidigende gewesen wäre.
GEJ|6|199|14|0|Das Volk aber rief zu Mir: „Herr und Meister, siehe doch, daß Du diese reichen Finsterlinge loswirst; denn wir möchten nur von Dir heilsame Lichtworte vernehmen, nicht aber dieser Blinden stete und allerdümmste Gegenreden. Sage es ihnen einmal klar und rund heraus, was und wer sie sind, auf daß sie dann gehen!“
GEJ|6|199|15|0|Sagte Ich: „Nur Geduld! Ich habe es ihnen schon gesagt, daß sie keine Gotteskinder sind, und das sollte ihnen ja doch genügen!“
GEJ|6|199|16|0|Sagten die Juden ganz erbittert: „Wie kannst du sagen, daß wir keine Gotteskinder sind?!“
GEJ|6|199|17|0|Sagte Ich denn auch vollernstlichen Angesichtes: „Ich habe euch den Grund klar und wahr gezeigt. Was fragt ihr Mich da noch weiter?! Ja, Ich will euch denn auch weiter sagen, was ihr seid, dieweil ihr Mich weiter gefragt habt! Wisset, wessen Kinder ihr seid: Ihr seid Kinder von dem Vater der Teufel! Der war ein Mörder von Anfang an und ist nicht bestanden in der Wahrheit; denn die Wahrheit war niemals in ihm (in der Materie). Wenn dieser Geist, der euer Vater ist, die Lügen redet, so redet er von seinem Eigenen; denn er war allzeit ein Lügner und ein Vater der Lügen.“ (Joh.8,44)
GEJ|6|199|18|0|Sagten die ganz ergrimmten Juden: „Wer berechtigt dich dazu, solches vor allem Volke von uns zu reden? Warum sind wir Kinder des Satans?“
GEJ|6|199|19|0|Sagte Ich: „Weil Ich die Wahrheit zu euch rede und ihr Mir nicht glaubet!“ (Joh.8,45)
GEJ|6|199|20|0|Sagten die Juden: „Warum sollen denn wir dir glauben?“
GEJ|6|199|21|0|Sagte Ich: „Auf daß ihr nicht sterbet in euren Sünden und selig werden möchtet!“
GEJ|6|199|22|0|Sagten die Juden: „Du bist auch ein Mensch wie wir; warum soll uns gerade dein Wort selig machen?“
GEJ|6|199|23|0|Sagte Ich: „Jawohl, Ich bin nun auch nur ein Mensch, – aber ein Mensch, der da sagen kann: ,Welcher unter euch kann Mich einer Sünde zeihen?‘! So Ich aber als ein vor Gott und allen Menschen sündenfreier Mensch die Wahrheit sage, warum glaubet ihr Mir denn nicht? (Joh.8,46) Wer aus Gott ist, der hört auch gerne Gottes Wort. Und ihr wollet nun aber eben Mein Wort, das Gottes Wort ist, nicht hören, weil ihr nicht aus Gott seid!“ (Joh.8,47)
GEJ|6|199|24|0|Sagten die Juden, schon ganz dumm vor lauter Grimm: „Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter bist und den Teufel in dir hast anstatt des Geistes Gottes?“ (Joh.8,48)
GEJ|6|199|25|0|Sagte Ich: „Ich bin kein Samariter und habe noch weniger einen Teufel, wie solches Tausende von Mir bezeugen können, sondern Ich ehre allzeit wahrhaft Gott, Meinen Vater. Warum verunehret ihr Mich? (Joh.8,49) Warum verunehren Mich denn so viele andere nicht, die Mich und den Vater wohl erkannt haben?“
GEJ|6|200|1|1|200. — Das Wesen des Herrn (Ev. Job. 8,50-59)
GEJ|6|200|1|0|Hier ward das gläubige Volk wieder ungeduldig und sagte: „Herr, wir bitten Dich, schaffe diese blinden Narren von Dir; denn sie stören Dich und uns! Wenn sie nicht bald Ruhe geben, so werden wir mit Gewalt Ruhe schaffen; denn wir sind Deinetwegen hiergeblieben, wollen Dich hören und nicht diese dummen Finsterlinge. Denn da ist ja ein Kind in der Wiege gar oft schon vernünftiger als diese unsinnigen Narren!
GEJ|6|200|2|0|Wir alle, über zweitausend an der Zahl, sind völlig im klaren über Dich und Deine göttliche Sendung. Wir haben recht gut gemerkt, was Du damit anzeigtest, als Du sagtest: ,Ich bin nicht allein da, sondern der Vater ist allewege bei Mir!‘ Aber diese Dummen merkten es nicht und werden es ewig nicht merken, daß der Vater und Du ein und dasselbe seid, und daß, so Du sagst: ,Der Vater hat Mich gesandt!‘, Du damit nur andeuten willst für der Menschen schwachen Verstand, daß Du, Ewiger, Dir Selbst einen Leib geschaffen hast, um uns Würmern dieser Erde ein sichtbarer Gott, Lehrer und Tröster zu sein in unserer großen Not. Dein heiliger Leib ist Dein Sohn, und Du, Vater, bist in Dir vor uns armen Sündern und Würmern dieser Erde!
GEJ|6|200|3|0|Und diese Narren begreifen das nicht und wollen doch alle die Propheten verschluckt haben, die doch ausdrücklich genug die Zeit mit allen ihren Farben und Zuständen bestimmt haben, in der der Messias kommen wird. Und diese Zeit ist nun vollends da; warum soll denn der Verheißene unterwegs geblieben sein?
GEJ|6|200|4|0|Haben aber die großen, von Gottes Geist erfüllten Seher diese jetzige Zeit vor nahezu tausend Jahren so bestimmt, wie sie nun ist, anzeigen können, und ist diese Zeit nun auf ein Haar also gekommen, wie sie damals vorausbeschrieben ward, warum sollte der eben in dieser Zeit zu kommen verheißene Messias ausgeblieben sein?! Er ist aber auch nicht ausgeblieben, sondern Er ist da unter uns; wir haben Ihn bald und leicht erkannt!
GEJ|6|200|5|0|Aber diese blinden Nachkommen derer, die schon in der Wüste, am Fuße des Sinai, während Jehova auf dem Berge dem Moses unter Blitz und Donner die heiligen Gesetze gab, das goldene Kalb angebetet und Jehovas nicht geachtet haben – obschon Er ihnen ordentlich vor ihren Nasen laut Seine Gesetze verkündete –, sind nun im Angesichte Gottes noch dieselben Anbeter ihrer goldenen Kälber und sind bei aller ihrer unermeßlichen Dummheit dennoch keck genug, sich an Dir, o Herr, sogar zu vergreifen. O Herr, laß sie gehen, und lehre uns Dich besser und tiefer erkennen – und auch unsere großen Sünden, die wir sooft vor Dir begangen haben!“
GEJ|6|200|6|0|Sagte Ich zum Volke: „Seid ruhig; denn Ich muß ja auch diesen sagen, wer Ich bin, auf daß sie sich dereinst nicht werden entschuldigen können, daß es ihnen nicht wäre gesagt und gezeigt worden! Ich habe zu ihnen schon gesagt, daß Ich nicht Meine Ehre suche, und bei diesen Menschen wahrlich schon gar nicht, und daß da Einer ist, der sie sucht und richtet. (Joh.8,50) Aber diese blinde und verschlagene Art wird das nimmer einsehen und begreifen, bis ihr die Axt an die Wurzel gelegt wird. Darum aber sage Ich zu ihr noch einmal: Wahrlich, wahrlich, so jemand Mein Wort halten wird, der wird den Tod nicht sehen ewiglich!“ (Joh.8,51)
GEJ|6|200|7|0|Sagten die nun schon ganz blind ergrimmten Juden: „Nun erkennen wir erst recht, daß du den Teufel in dir hast! Wenn dein Wort so gut wie Gottes Wort ist, so war ja das auch Gottes Wort, das Abraham, Isaak und Jakob und alle die Propheten gehalten haben, und dabei sind dennoch alle gestorben! Ist denn dein Wort mehr göttlich als jenes der Väter und Propheten, daß du sagst: ,Wer Mein Wort halten wird, der wird den Tod nicht schmecken ewiglich!‘? (Joh.8,52) Bist du denn mehr denn unser Vater Abraham, der gestorben ist, und die Propheten, die alle gestorben sind? Was machst du aus dir selbst?“ (Joh.8,53)
GEJ|6|200|8|0|Sagte Ich: „So Ich Mich Selbst ehrte, da wäre Meine Ehre nichts; es ist aber Mein Vater, der Mich ehrt, von dem ihr sprecht, daß Er euer Gott sei. (Joh.8,54) Ihr kennet Ihn aber nicht; Ich aber kenne Ihn. Und wenn Ich sagen würde: ,Ich kenne ihn nicht!‘, da würde Ich wahrlich, gleichwie ihr, ein Lügner sein, die ihr saget, daß Er euer Vater ist! Ich kenne Ihn aber wahrlich und halte darum Sein Wort! (Joh.8,55)
GEJ|6|200|9|0|Ich sage euch aber noch etwas, woraus ihr ersehen möget, daß Mir euer Vater Abraham nicht unbekannt ist. Sehet, Abraham freute sich, daß er Meine Zeit auf dieser Erde sähe! Ihr saget aber, daß Abraham gestorben sei; Ich aber sage euch, daß er dennoch diese Meine Zeit von Meinem ersten Tage an stets gesehen hat und darob eine übergroße Freude empfand (Joh.8,56); er sieht Meine Zeit noch und freut sich!“
GEJ|6|200|10|0|Das war für die blinden Juden etwas zu unglaublich, und sie sagten mit weit aufgesperrtem Munde: „Was?! Du bist noch nicht fünfzig Jahre und hast Abraham gesehen?“ (Joh.8,57)
GEJ|6|200|11|0|Sagte Ich: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage euch: Endlos eher als Abraham war Ich!“ (Joh.8,58)
GEJ|6|200|12|0|Das machte der Juden Grimm platzen. Sie hatten keine Worte mehr, um ihre vollste Entrüstung auszudrücken. Sie bogen sich denn zu Boden und hoben die lockeren Steine auf, an denen es im Tempel keinen Mangel hatte, da man auf den Boden selten etwas verwendete, und wollten sie nach Mir werfen; aber Ich verbarg Mich schnell, ward völlig unsichtbar und ging aus dem Tempel, mitten durch sie hinstreichend. (Joh.8,59) Die Jünger und Lazarus mit den Römern kamen Mir schnell nach, und wir begaben uns darauf schnell wieder auf unseren Ölberg.
GEJ|6|200|13|0|Aber im Tempel gab es nun einen seltenen Auftritt, der sich in den Festzeiten wohl kaum je einmal ereignet hatte. Das Volk fiel über die Juden her und fing an, sie derart zu würgen, daß Soldaten herbeigeholt werden mußten, um die Ruhe nur einigermaßen wieder herzustellen. Das Volk aber ließ sich kaum besänftigen und verlangte von den römischen Soldaten, alle die bösen und die Ruhe so gewaltig störenden Juden zu binden und sie den Gerichten zu überliefern, was denn – wenigstens pro forma – auch geschah. Dann erst gab sich das Volk wieder zufrieden.
GEJ|6|200|14|0|Es trat aber darauf ein Schriftgelehrter in die Mitte und wollte das Volk gegen Mich belehren; aber er hatte kaum zehn Worte geredet, so mußte er schon das Weite suchen.
GEJ|6|201|1|1|201. — Die Entlarvung des Verführers der Ehebrecherin
GEJ|6|201|1|0|Es war schon weit über die Mittagszeit hinaus, als auch das große Volk den Tempel verließ und in seine Herbergen ging und also auch unsere Ehebrecherin nach ihrer Wohnung trachtete und ihrem Manne alles entdeckte, was sich im Tempel mit ihr zugetragen hatte.
GEJ|6|201|2|0|Da wurde der Mann traurig und sagte: „Nicht dies, mein braves Weib, sondern ich trage die Hauptschuld daran!“
GEJ|6|201|3|0|Da fragte ihn einer von denen, die ihm das Weib zurückgebracht hatten: „Wie ist das wohl möglich, daß du die Schuld am Ehebruche deines Weibes trägst?“
GEJ|6|201|4|0|Da sagte der Mann: „Freunde, nur die wahrhaft größte Not hat mich und das Weib dazu gezwungen, dem glänzenden Antrage eines Fremden Gehör zu leihen! Aber der Fremde muß entweder ein verkleideter Scherge oder gar ein geiler Pharisäer gewesen sein, der auf dies mein Weib schon lange lüstern war. Denn als ich das Geld nahm und es in ein anderes Gemach trug, da kamen auch schon die Häscher, rissen das Weib aus den Armen des Fremden, und ich mußte es mir leider selbst zuschreiben, mein teuerstes Weib in das größte Unglück gestürzt zu haben. Da es nun wieder da ist, so muß etwas Besonderes vorgefallen sein; denn es ist noch keines aller der vielen auf diese Weise Eingefangenen je wieder ans Tageslicht gekommen. Was war es denn, daß dies mein Weib frei wurde? Ihr lieben Männer waret ganz sicher Zeugen alles dessen, was sich im Tempel ereignet haben muß. Möchtet ihr es mir nicht kundgeben, was ihr gesehen habt?“
GEJ|6|201|5|0|Sagten die Männer: „Das alles wird dir dein Weib erzählen. Dem großen Propheten aus Galiläa allein hat diese Arme ihre Befreiung zu danken. Aber das sagte er auch, daß sie in der Folge nicht mehr sündigen solle; denn so sie das täte, würde es ihr dann noch um vieles schlimmer ergehen. Das also zu eurer Lebensrichtschnur!“
GEJ|6|201|6|0|Hier fragte der Mann, ob er selbst nicht das große Glück haben könnte, mit dem Propheten irgendwo zusammenzukommen, auf daß er ihm den gebührendsten Dank abstatten könne.
GEJ|6|201|7|0|Sagten die Männer: „Wo er sich etwa nun aufhalten dürfte, das können wir dir wohl nicht angeben; aber so viel haben wir wohl erfahren, daß er sich, sooft er nach Jerusalem kommt, stets bei Lazarus von Bethania aufhält. Dahin wollen wir selbst ihn aufsuchen gehen. Tut ihr desgleichen! Wenigstens erfahren wir dort, wohin er etwa gezogen ist.“
GEJ|6|201|8|0|Sagte der Mann: „Da ist er vielleicht auf dem Ölberge, weil Lazarus sich in den Festzeiten gewöhnlich auf dem Ölberge aufzuhalten pflegt, da er dort eine große Herberge unterhält, die von den Fremden stark besucht wird.“
GEJ|6|201|9|0|Sagten die Männer: „Um so besser! Da werden wir ihn zuerst dort aufsuchen! Und ist er dort nicht, so ziehen wir nach Bethania!“
GEJ|6|201|10|0|Hier dankte der Mann samt dem Weibe den Männern für diese Nachricht und machte sich samt dem Weibe auf, versperrte seine kleine Behausung und zog gleich mit den Männern, was die Männer ganz gut aufnahmen. Aber unterwegs stießen sie auf etliche Pharisäer, und da war einer, den das Weib und auch der Mann sogleich als jenen Fremden gar wohl erkannten, der in römischer Kleidung an diesem Morgen das schöne junge Weib ums Geld zur Ehebrecherin machte. Solches sagten die beiden den sie begleitenden Männern.
GEJ|6|201|11|0|Die Männer aber traten zu dem Pharisäer hin und fragten ihn ganz barsch: „He, Freund, kennst du dies Weib, das du heute morgen ums Geld zum Ehebruch verlocktest in der Tracht eines Römers? Daß du es warst, das beweist dein geschorenes Haupt, und die beiden haben dich auch schon von weitem erkannt! Was sagst du nun dazu? Sieh, wir sind unser bei zweiundsiebzig an der Zahl und werden nun dich vor das römische Gericht ziehen. Was sagst du nun dazu?“
GEJ|6|201|12|0|Da wollten die drei davonlaufen; aber die Männer ließen das nicht zu, hielten sie auf und fragten den Geschorenen noch einmal. Der aber fing an, sie zu verfluchen und zu schwören, daß er es nicht wäre.
GEJ|6|201|13|0|Aber der Mann und das Weib sagten: „Dieses elende Schwören nützt dir gar nichts; denn du weißt, daß das Zeugnis zweier Menschen vor dem Gerichte gültig ist. Daher gehe nun nur mit uns zum Gerichte, auf daß du Elender in das Grab stürzest, das du für uns gegraben hast!“
GEJ|6|201|14|0|Da fingen die drei an zu bitten und wollten dem Manne viel Geld geben. Der Mann aber nahm es nicht an, sondern begehrte von ihnen, daß er in Zukunft Ruhe vor dem Tempel habe. Das versprachen sie denn auch auf das feierlichste, und die Männer ließen dann die drei weiterziehen, aber wohl nur unter der sehr fatalen Versicherung, daß sie sogleich zum Landpfleger gehen würden, sowie sie nur das Geringste irgend vernehmen würden, daß der Tempel sich über sie ungünstig geäußert habe. Daß danach dies Ehepaar vor den Templern volle Ruhe hatte, das kann man sich wohl leicht denken.
GEJ|6|201|15|0|Und also war denn auch dieser Zwischenfall durch Meinen Willen herbeigeführt; denn ohne ihn hätte das arme Ehepaar einen schlechten Stand in Jerusalem gehabt und stünde immer in großer Gefahr.
GEJ|6|202|1|1|202. — Arbeiter besuchen den Herrn auf dem Ölberg
GEJ|6|202|1|0|Darauf begaben sich alle auf den Ölberg, wo Ich eben mit den Jüngern und mit Lazarus speiste, und wo sich auch die dreißig Römer befanden und speisten. Als sie da ankamen, fragten sie einen Knecht der Herberge, ob Ich da wäre. Und der Knecht bejahte diese Frage. Als die etlichen siebzig Männer diese für sie höchst frohe Kunde erhielten, da frohlockten sie und baten den Knecht, daß er ins Zimmer gehe und Mich frage, ob sie hinein zu Mir kommen dürften.
GEJ|6|202|2|0|Da ging der Knecht hinein zu Mir und fragte Mich darum.
GEJ|6|202|3|0|Und Ich sagte zu ihm: „Gehe hinaus und sage zu denen, die dich gesandt haben: Wen es da hungert, der komme und esse sich satt, und wen da dürstet, der komme und trinke! Denn wer von Mir gesättigt wird, den wird es nimmer hungern in Ewigkeit, und wer von Meinem Weine getrunken hat, den wird es nimmerdar dürsten; denn es werden aus seinen Lenden Bäche des lebendigen Wassers fließen. – Gehe nun hinaus und sage ihnen das!“
GEJ|6|202|4|0|Der Knecht ging eilig hinaus und sagte das den Männern wortgetreu.
GEJ|6|202|5|0|Als sie solches vernahmen, da wußten sie nicht, wie sie daran waren und fragten sich gegenseitig, ob Ich ihnen denn hier ein freies Mahl geben wolle, welches anzunehmen sie sich für unwürdig hielten.
GEJ|6|202|6|0|Darum sagten sie zum Knechte (die siebzig): „Sei doch so gut und gehe noch einmal hinein, und sage es dem guten Meister und Herrn, daß wir nicht des Essens und Trinkens wegen hierher gekommen sind, sondern allein seinetwegen, um von ihm noch einige Worte des Lichtes und des Lebens zu vernehmen!“
GEJ|6|202|7|0|Da ging der Knecht wieder ins Zimmer.
GEJ|6|202|8|0|Aber Ich Selbst ging ihm entgegen und sagte zu ihm: „Ich weiß es schon, was du Mir zu hinterbringen hast. Gehe nun nur deinem Geschäfte nach, Ich werde mit den Männern Selbst reden!“
GEJ|6|202|9|0|Da ging der Knecht, und Ich trat hinaus zu den Männern und sagte zu ihnen: „Wer Ohren hat, der höre und verstehe es, und wer da Augen hat, der sehe und begreife es! Darum ihr hierher gekommen seid, das eben ist die wahre Speise und der wahre Trank, was alles Ich euch geben will. Die Speise des Leibes wirkt nicht zum ewigen Leben der Seele, sondern allein Mein Wort und euer Glaube und euer Handeln nach dem Worte. Mein Wort ist die rechte Speise, und euer Glaube und euer Handeln ist der rechte Trank. Darum kommet alle, die ihr mühselig und belastet seid, zu Mir; denn Ich will euch alle erquicken!“
GEJ|6|202|10|0|Sagten die Männer: „O Herr, wie gut und weise bist du! Wenn du es uns gestattest, so wollen wir schon in das Zimmer gehen und daselbst harren auf solche deine geistige Speise, bis es dir, o Herr und Meister, genehm sein wird, uns mit einigen Worten zu stärken und zu beleben. Aber da sieh, in unserer Mitte befindet sich die, welche deine große Weisheit heute im Tempel der Frechheit der Pharisäer entrissen hat, und auch ihr armseliger Gemahl! Sie kamen beide mit uns, um dir noch einmal zu danken für die ihnen erwiesene große Wohltat! Wenn du willst, so gehen sie auch mit uns in das Zimmer.“
GEJ|6|202|11|0|Sagte Ich: „Darum bin Ich ja in diese Welt gekommen, daß alle zu Mir kommen sollen, die irgend mühselig und belastet sind. Denn Ich bin ein wahrer Arzt, der zu den Kranken geht und ihnen hilft und nicht zu den Gesunden, die des Arztes nicht bedürfen. Darum kommet nun alle herein in das Zimmer!“
GEJ|6|202|12|0|Ich ging nun wieder in das Zimmer, und alle folgten Mir.
GEJ|6|202|13|0|Der Wirt aber hatte schon einen großen Hochzeitstisch gestellt, an dem die etlichen siebzig Mann samt dem Weibe ganz gut Raum hatten. Als alle an dem Tische saßen, fragte sie der Wirt, ob sie etwas essen und trinken wollten.
GEJ|6|202|14|0|Da sagte einer: „Freund, wir sind alle mehr oder weniger arm und haben nicht so viel Geld, daß wir uns auch einen Wein anschaffen könnten; daher bringe uns Brot allein und einige Krüge Wasser, und wir sind auch damit zufrieden! Wir sind alle Tagwerker und leben von der Arbeit unserer Hände. Diese zehn Festtage sind für uns die schlechteste Zeit, weil wir da nicht arbeiten dürfen. Gibt es für uns aber keine Arbeit, so gibt es auch keinen Verdienst und somit kein Geld, mit dem wir uns übers tägliche Brot hinaus noch etwas anderes anschaffen könnten, da unser kleines Ersparnis ohnehin schon zu Ende geht.“
GEJ|6|202|15|0|Sagte der Wirt: „Ihr habt aber doch sicher Weiber und Kinder! Wovon leben dann diese, wenn es euch Männern schon so enge geht?“
GEJ|6|202|16|0|Sagte der Mann, der zuvor geredet hatte: „O Freund, dieses Glück ist uns bis auf den, dessen Weib mit da ist, nicht beschieden! Weiber sind nun nur für die Reichen auf der Welt; wir Armen können uns kein Weib nehmen, und noch weniger es dann erhalten. Siehe, wir sind ledig und haben für keine Weiber und Kinder zu sorgen! Wir bringen uns in dieser äußerst schlechten Zeit kaum selbst durch; wie ginge es uns erst dann mit Weibern und Kindern? Dem Herrn Jehova sei's gedankt, daß wir ledig sind!“
GEJ|6|202|17|0|Hier sagte Lazarus: „Aber, meine Lieben, wenn es euch in Jerusalem so knapp ging, warum kamet ihr nicht nach Bethania zu mir? Da hättet ihr Arbeit in die schwere Menge gefunden! Und bei mir kann sich keiner beklagen, daß es ihm je zu enge gegangen wäre.“
GEJ|6|202|18|0|Sagte der Mann: „Das wissen wir wohl; aber wir wissen es auch, daß alles von weit her zu dir geht und bei dir Arbeit und Verdienst sucht, und so wagten wir es nicht, dir jemals lästig zu werden. Doch in der nächsten Folge werden wir von diesem deinem Antrage schon Gebrauch machen.“
GEJ|6|202|19|0|Hierauf gebot Lazarus dem Wirte, alle diese Menschen mit Brot und Wein ganz reichlich zu versehen. Da ging der Wirt mit seinen vielen Dienern und brachte Brot und Wein zur Genüge.
GEJ|6|202|20|0|Als diese Gäste auch den Wein sahen, da dankten sie, und einer sagte zu Lazarus: „Herr, trinken werden wir den Wein schon, aber mit dem Bezahlen wird es schlecht aussehen! Wir werden dir aber die Zeche nach den Festtagen schon ganz getreulich abdienen.“
GEJ|6|202|21|0|Sagte Lazarus: „Esset und trinket ohne Sorge; denn was ihr hier verzehret, das ist schon bezahlt!“
GEJ|6|202|22|0|Da fragten alle, wer dies alles schon bezahlt habe; denn sie möchten das wohl wissen, damit sie dem Wohltäter ihren gebührendsten Dank darbringen könnten.
GEJ|6|202|23|0|Aber Lazarus sagte: „Fraget nicht danach, sondern esset und trinket; denn der Wohltäter ist schon mit eurem guten Willen völlig zufrieden!“
GEJ|6|202|24|0|Hier erhoben sich alle und sagten: „So sei denn dem unbekannt sein wollenden Wohltäter unser vollster Dank dargebracht!“
GEJ|6|202|25|0|Darauf erst setzten sie sich wieder und fingen an zu essen und zu trinken.
GEJ|6|203|1|1|203. — Der Grund des Unglaubens der Templer
GEJ|6|203|1|0|Wir aber saßen auch und aßen und tranken, und die Römer taten dasselbe und besprachen sich viel über Mich; nur konnten sie nicht so recht begreifen, wie und warum Ich Mich bei solcher Meiner göttlichen Kraft und Gewalt vor dem Häuflein Juden aus dem Tempel habe flüchten können.
GEJ|6|203|2|0|Da sagte Ich zum Agrikola: „Du irrst, wenn du meinst, daß Ich Mich etwa aus Furcht vor den Juden geflüchtet habe! Sondern ich wußte, warum Ich das tat. Die Hauptsache bestand darin, daß Mich das Volk erkannte, und daß es auch die argen, ungläubigen und selbstsüchtigen Juden tiefer kennen lernte, als das früher jemals der Fall war. Darum vergriff es sich nachher auch an ihnen und brachte ihnen die Huldigung dar, an die sie ihr Leben lang denken werden. Warum hätte da Ich Mich an den Argen vergreifen sollen, da Ich doch zum voraus wußte, was ihrer wartet, so Ich aus dem Tempel gehen werde? Hier aber sitzen etliche siebzig Zeugen, die sicher es gar wohl wissen, wie es nach Mir den ergrimmten Juden ergangen ist.“
GEJ|6|203|3|0|Sagte der Römer: „Höre, Du göttlicher Meister, wir sind Römer, kennen von der Gotteslehre der Juden nur weniges, und doch glauben wir, daß Du wahrhaft der den Juden verheißene Messias bist! Warum glauben denn das eben die mit eurer Gotteslehre doch sicher am meisten vertrauten Juden nicht? Welchen Grund haben sie wohl, das nicht zu glauben, da sie doch sehen, daß viele andere es glauben?“
GEJ|6|203|4|0|Sagte Ich: „Das macht ihre Selbstsucht, ihr unbegrenzter Hochmut und ihre ebenso unbegrenzte Herrschgier. Nach ihrer Idee soll der Messias mit einem über alle Begriffe gehenden Himmelspomp unter Donner und Blitz aus den Himmeln herabsteigen, in den Tempel einziehen und die Hohenpriester, Pharisäer und Schriftgelehrten mit aller Macht und allem Glanze ausrüsten, die Römer aus dem Lande treiben und die Templer an Seiner Seite mit aller Macht und Gewalt ausrüsten, auf daß sie dann bald die ganze Welt beherrschen könnten.
GEJ|6|203|5|0|Da Ich aber auf eine ganz andere und das schon vor der Erschaffung dieser Welt genaust bestimmte Weise in diese Welt gekommen bin, in äußerster Armut und großer Dürftigkeit, so glauben diese Blinden nicht, daß Ich der Verheißene bin, und hassen Mich, weil sie doch einsehen, daß durch Mich ehest all ihr Ansehen und alle ihre Macht zunichte wird.
GEJ|6|203|6|0|Das Volk lernt sie jetzt erst ganz kennen und hat keine Achtung mehr vor ihnen, was sie sehr wohl verspüren, und sie trachten daher stets wie sie Mich töten könnten. Wenn ihr das so recht überdenket, so werdet ihr nun wohl einsehen, warum die Priester nicht an Mich glauben.
GEJ|6|203|7|0|Es sind aber auch schon etliche Priester zu Mir übergegangen, weil sie erkannt haben, daß Ich wahrhaft der Messias bin, und diese befinden sich hier an Meinem Tische in griechischer Kleidung und ziehen als Meine Jünger nun schon über ein halbes Jahr mit Mir umher und sind Zeugen von gar vielen Meiner Lehren und Taten. Fraget sie darum, und sie werden euch alles kundtun!
GEJ|6|203|8|0|Und diese zwölf Mir zunächst Sitzenden sind vom Anfange dieses Meines Wirkens an bei Mir und wissen um gar alles, was Ich gelehrt und was Ich zum Heile aller Menschen gewirkt habe. Auch mit ihnen könnet ihr euch besprechen, und sie werden euch nichts vorenthalten. Aber nun essen und trinken wir; hernach werden wir dann weiterreden!“
GEJ|6|203|9|0|Mit dieser Erklärung waren die Römer ganz zufrieden, und Agrikola sagte: „So ist das Priestervolk doch überall des Pluto! Man sollte es ganz aufheben und nur Deine wahrhaft rein göttliche Lehre allen Menschen verkünden!“
GEJ|6|204|1|1|204. — Die Erziehung der Menschheit zur Erkenntnis Gottes
GEJ|6|204|1|0|Sagte Ich: „Mein Freund, was du wünschest, das wird auch geschehen! Aber so leicht, wie du es dir vorstellst, wird es wahrlich nicht gehen. Denn es hat das alte Priestertum schon zu tiefe Wurzeln geschlagen, und das hebt man von heute bis morgen nicht auf! Dazu gehören Jahrhunderte. Und selbst da wird es auch noch vielfach seine geweisten Wege haben; und in ein paar tausend Jahren wird diese Erde noch lange nicht frei sein von allem Priestertum und noch weniger von allem Heidentum.
GEJ|6|204|2|0|Die Weltmenschen gefallen sich in der Welt, und so muß auch eine Gotteslehre ganz weltlich aussehen, wenn sie bei den Menschen einen Anklang finden soll.
GEJ|6|204|3|0|Die Wahrheit wird stets nur verdeckt den Menschen dieser Erde gegeben werden; denn offen würden die Menschen sie ebensowenig ertragen, wie du das Licht der Mittagssonne mit offenen Augen zu ertragen imstande bist. Die Menschen müssen denken lernen, dann suchen und selbst finden. Und hat ein Mensch das innere Licht des Lebens nicht selbst gefunden, so nützen ihm tausend Lehrer nichts. Und es ist da am Ende schon eins, ob er das Licht für Finsternis oder die Finsternis für Licht hält.
GEJ|6|204|4|0|Daher muß ein Mensch wohl einen Stoß zur Aufsuchung der Wahrheit bekommen, aber die volle Wahrheit niemals urplötzlich; denn diese würde kein Mensch ohne Verlust seines irdischen Lebens ertragen, so sie ihm auf einmal völlig klar würde. Und so werden wir bei den Menschen dieser Erde auch noch lange Zeit hin mit der ganzen, vollen Wahrheit nicht gar so geschwinde herauskommen können. Du bist ein pur vernünftig gebildeter Römer, und Ich kann darum mit dir auch nicht anders als nur ganz natürlich reden. Aber urteile nun selbst, ob Ich nicht völlig recht habe!“
GEJ|6|204|5|0|Sagte der Römer: „Das sicher; aber ich begreife da die Weisheit Gottes nicht und noch um vieles weniger Seine Allmacht! Hat Er denn nicht diese ganze Erde samt der Menschheit erschaffen, und hängt nicht alles Sein von Ihm ab?“
GEJ|6|204|6|0|Sagte Ich: „Allerdings, aber auch vor allem die wahre, innere Lebensbildung und vor allem die mögliche volle Selbständigkeit und Selbstkraft des geschaffenen Lebens eines jeden Menschen! Und diese kann Gott nur durch Seine möglichste Zurückgezogenheit und eben auch nur durch ein leises Einfließen in das Gemüt des Menschen nach und nach bewirken.
GEJ|6|204|7|0|Daher muß der Mensch anfangs nur durch allerlei Erscheinungen in der Materiewelt und dann durch manche Träume sogar und durch kleine innere Stößchen dahin gebracht werden, daß er über alle die Erscheinungen und Wahrnehmungen nachzudenken anfängt, – und das nicht gleich ein jeder Mensch, sondern nur der, welcher ganz geheim von Gott dazu bestimmt ist. Die andern hören es dann erst von solch einem geweckteren Menschen, machen dann auch Beobachtungen und denken darüber nach.
GEJ|6|204|8|0|Wenn besonders geweckte Menschen viel darüber nachdenken, so wird es erst zugelassen, daß sie von selbst auf die Spur kommen, daß es einen Gott geben muß, der alles werden läßt und alles ordnet und leitet. Auf diese Weise entwickelt sich auf dem ganz natürlichen Wege die Erkennung eines allmächtigen, allgütigen und allweisesten Gottwesens.
GEJ|6|204|9|0|Ist einmal die Menschheit allgemeiner zu dieser Erkenntnis gelangt, dann erst werden größere Offenbarungen und genauere Bestimmungen zugelassen, aus denen die Menschen schon heller und mit einer größeren Zuversicht das Gottwesen zu erkennen anfangen, aber dabei doch noch einen großen, ganz freien Spielraum haben, alles das ihnen Geoffenbarte als Wahrheit anzunehmen und danach zu handeln oder auch nicht anzunehmen und nicht danach zu handeln.
GEJ|6|204|10|0|Wer die Offenbarung als wahr annimmt und danach handelt, der kommt dann auch bald zu stets hellerem Erkennen und zum wahren, selbständigen, freien Leben. Wer aber das nicht annimmt, sondern sich allein auf seine Vernunft und an seine Erfahrungen hält und danach handelt, der begeht darum keine Sünde; aber er bleibt dennoch zurück und wird um sehr vieles länger zu tun haben, bis er zur reinen Erkenntnis Gottes und zur Vollendung seines inneren, wahren Lebens gelangen wird.
GEJ|6|204|11|0|Wer aber die volle Wahrheit einer Offenbarung annimmt und sie mit seinem Verstande klar einsieht, aber eigenwillig dagegen handelt, der sündigt und verdirbt dadurch sein Leben auch jenseits auf eine für euch oft undenkbar lange Zeitenfolge; denn der ist allen inneren Lichtes bar, da er weder seiner absoluten Vernunft, noch der wohlverstandenen Offenbarung willig Folge geleistet hat.
GEJ|6|204|12|0|Wenn aber eine Seele also durch ihr eigenes Verschulden in die dickste Lebensfinsternis gelangt, so kann ihr Gott mit aller Seiner Allmacht auch nicht helfen, sondern muß sie in ihrem eigenen Zustande belassen, so lange, bis sie noch immer möglicherweise in sich anfängt, zu einiger Erkenntnis zu kommen. Ist das der Fall, so hat Gottes Liebe und Weisheit der geeignetsten Mittel und Wege in endlosester Fülle, solch eine Seele auf die unbemerkbarste Art zurechtzubringen. Und siehe, also steht das Verhältnis zwischen Gott und allen Menschen auf dieser Erde, welche da ist, um die Kinder Gottes zu tragen.
GEJ|6|204|13|0|Was das Verhältnis der Menschen anderer Erden zu Gott betrifft, so geht das den Menschen dieser Erde gar nichts an; wenn sie aber als Kinder Gottes vollendet sein werden, dann erst werden sie das vollste Recht aus Gott, ihrem Vater, überkommen, sich auch darum zu bekümmern.
GEJ|6|204|14|0|Nun aber geschieht von Gott aus für die Menschen dieser Erde wohl die höchste Offenbarung; denn mehr als Ich Selbst im Fleische der Menschen kann zu den Menschen dieser Erde ewig nimmer kommen. Wohl dem, der an Mich glaubt, sich nicht an Mir ärgert und dann also lebt und handelt, wie Ich es hier offenbar lehre! Denn wer Meine Worte hält und genau danach lebt und handelt, der wird es bald innewerden, daß diese Worte, die Ich zu euch rede und geredet habe, nicht Menschenworte, sondern Gottesworte sind, die in sich selbst Leben, Licht und die ewige Wahrheit sind.
GEJ|6|204|15|0|Darum aber lassen wir auch die da unten, wenn sie an Mich auch nicht glauben wollen; denn es gibt ja daneben doch sehr viele schon, die an Mich glauben und darum das wahre, ewige Leben schon jetzt völlig in sich tragen; denn wahrlich, es gibt schon jetzt solche da, die den Tod nicht fühlen und schmecken werden! Wahrlich, Ich bin ein rechter Bräutigam, und wer an Mich glaubt und Mich liebt, ist wahrhaft Meine Braut! Und die Braut wird ebenalso in sich das ewige Leben haben, wie Ich es in Mir Selbst habe und es auch geben kann, wem Ich es geben will. – Verstehst du das?“
GEJ|6|205|1|1|205. — Die Willensfreiheit und die geistige Mission des Menschen auf Erden
GEJ|6|205|1|0|Sagte der Römer: „Wahrlich, Du bist ein Gott! Denn wärest Du nur ein Mensch mir gleich, nimmer möglich könntest Du so weise reden. Deine gestrigen Wunderzeichen bekommen erst durch diese Deine Worte, wie auch durch die heutigen im Tempel, die vollste Wahrheitsbestätigung. Viel haben wir schon in Rom von Dir sprechen hören; aber all dies Gerede ist dennoch nichts gegen diese Wirklichkeit. Aber jetzt essen und trinken wir wieder; denn das Vernommene ist endlos groß und tief, und wir müssen es erst ordentlich unter unser Verstandesdach bringen, auf daß wir dann fähig werden, etwas Weiteres von Deiner Gnade und Liebe zu vernehmen. Denn Du redest nicht, wie ein gewöhnlich vernünftiger Mensch da redet über ein kunst- und prachtvollstes Gebäude, sondern Du redest wie ein Baumeister, der das Gebäude von Grund aus selbst gebaut hat. Und darum heißt es, sich bei Deinen Reden wohl zusammennehmen und sie ordentlich von Punkt zu Punkt fassen und begreifen, so man daraus für sein Leben den wahren Nutzen ziehen will. Darum nun eine kleine Pause; etwas Brot und Wein wird uns das tiefere Begreifen erleichtern!“
GEJ|6|205|2|0|Darauf aßen und tranken die Römer wieder ganz wacker darauf los, und wir aßen und tranken auch. Auch die etlichen siebzig Männer und das gerettete Weib aßen und tranken nach Herzenslust, besprachen sich über Meine Worte an die Römer und auch über das Zeugnis, das Mir der Römer ganz offen und unverhohlen gegeben hatte.
GEJ|6|205|3|0|Auch Meine Jünger verwunderten sich heimlich sehr über den Verstand des Römers und sagten: „Da seht, wie bald kam dieser Stockheide ins klare, und die Juden da unten sehen noch immer den Wald vor lauter Bäumen nicht! Es ist doch wahrlich in hohem Grade merkwürdig, daß solche Menschen zu ihrem sogar irdisch größten Vorteile das allerhellste Licht des Lebens nicht freudigst erschauen wollen oder können!“
GEJ|6|205|4|0|Sagte einer der dreißig Judgriechen: „Oh, begreifen könnten sie das schon; aber sie wollen das nicht, weil sie der Meinung sind, daß sie dadurch ihr Ansehen, ihre großen Reichtümer und ihr gutes Leben verlieren. Und da können die Engel sichtbar aus den Himmeln herab zu ihnen kommen und ihnen sagen, daß unser Herr und Meister Christus sei, so werden sie das doch nicht annehmen aus eben dem Grunde, den ich soeben angeführt habe, – was ich wohl am besten weiß, da ich weiß, wie sie sich zur Zeit des frommen Hohenpriesters Zacharias benommen haben. Ich und viele andere sahen den Engel Gottes mit dem frommen Manne reden und waren in uns ganz vollkommen überzeugt, daß das eine wahre Erscheinung war; aber der unbegrenzte Hochmut der anderen Pharisäer und ihre Selbstsucht setzten sich über alle diese Wahrheit hinaus und erwürgten ihn gleich darauf zwischen dem Opferaltare und dem Allerheiligsten. Wie sie aber damals waren, so sind sie noch bis zur Stunde und würden sogar mit Jehova zu Mosis Zeiten einen Kampf aufgenommen haben, so sie damals gelebt hätten. Und das sind noch immer von Dir, o Herr, geduldete Priester und sogenannte Diener Gottes, während sie doch schon lange für den Satan zu schlecht wären!“
GEJ|6|205|5|0|Sagte Ich: „Lassen wir nun das; denn Ich habe ja soeben den Römern dargetan, wie von Mir aus alle Menschheit zum Leben erzogen wird, und die Priester sind ja auch Menschen. Aber so arg auch ihre freiwillige Starrheit ist, in allen Sünden zu verharren, so gibt sie euch aber dennoch einen klarsten Beweis, wie sehr von Gott aus des Menschen freier Wille als der einzige Keim zur Gewinnung des selbständigen, freien, ewigen Lebens der Seele geachtet und geschützt wird. Und weil er so geachtet und geschützt wird, so liegt eben darin auch der größte Beweis, daß Gott die Menschen nicht allein für diese Erde und für ihre kurze Lebenszeit geschaffen hat, sondern für ein ewiges, geistiges Leben, das aber eben nur durch die vollste Willensfreiheit der Seele in diesem kurzen Leibesleben vollkommen erreicht werden kann, – das aber auch verloren werden kann, so ein Mensch bis ans Ende in der freien Verstocktheit verharrt. Das heißt: es wird die Seele nimmer völlig aufhören, Seele zu sein; aber was für eine, das ist eine andere Frage. Denn jenseits läßt sich jene Vollendung nicht mehr erreichen wie in diesem Leben. Das Warum habe Ich euch schon oft gezeigt. So wir uns aber nun gestärkt haben werden, dann erst werden wir weitere Betrachtungen anstellen und von der großen Barmherzigkeit Gottes reden.“
GEJ|6|205|6|0|Es werden aber heute noch allerlei Sünder und Zöllner und auch etliche verkleidete Pharisäer hierher kommen, die da erfahren haben, daß Ich Mich hier aufhalte. Mit denen werden wir unser Wesen haben; – aber verzehren wir die daseiende Speise und kehren darauf zu unserer Arbeit zurück! Solange Ich aber nun ruhen und essen werde, solange fraget Mich nicht um allerlei Dinge! Also sei es!“
GEJ|6|205|7|0|Darauf aß und trank ein jeder still seinen Speise- und Trankrest, und das Sitzen an den Tischen hatte sein Ende bald erreicht.
GEJ|6|206|1|1|206. — Über Sünde und Opfer
GEJ|6|206|1|0|Es war kaum noch eine Zeit von drei Stunden bis zum Sonnenuntergange hin übrig, als wir uns von den Tischen erhoben und ins Freie hinausgingen. Wir gingen auf dem Berge etwa eine Viertelstunde lang umher und lagerten uns dann unter einer Gruppe von Ölbäumen. Da kamen schon eine Menge Menschen auf den Berg und fragten die Diener der Herberge, ob Ich Mich nicht allda aufhalte. Die Diener bejahten das und zeigten dahin, wo Ich Mich befand. Da die Angekommenen aber viele Menschen um Mich sahen, so getrauten sie sich nicht zu Mir hin.
GEJ|6|206|2|0|Ich aber sagte zu Lazarus: „Lasse jene Menschen hierher kommen; denn es sind das schon diejenigen, die Ich ehedem im Hause erwähnt habe, daß sie kommen würden. Sie suchten Mich, und so sollen sie Mich auch gefunden haben.“
GEJ|6|206|3|0|Da ging Lazarus und sagte ihnen das, und sie gingen schüchternen Schrittes zu Mir hin.
GEJ|6|206|4|0|Als sie bei Mir ankamen, da erhob Ich Mich vom Boden und fragte sie, warum sie zu Mir gekommen seien.
GEJ|6|206|5|0|Und ein Zöllner faßte Mut und sagte: „Herr und Meister, wir sind große Sünder, die wir vermöge unseres Amtes schon mehrere Jahre lang nicht des Tempels Feste, Opferungen und Predigten besuchen konnten; aber heute waren wir Deinetwegen im Tempel und vernahmen Deine Worte. Durch diese Worte wurden wir sehr erleuchtet und haben für uns die Überzeugung gewonnen, daß Du unfehlbar der verheißene Messias bist, obgleich Dich die Pharisäer nicht als einen solchen anerkennen wollen oder mögen.
GEJ|6|206|6|0|Wir entnahmen aber auch aus Deinen wahrhaftigen Worten, daß Du Selbst eben kein zu großes Wohlgefallen am Tempel hast, und so wollen wir Dich, Du Wahrhaftigster, fragen, ob und wie wir von Gott die Vergebung unserer großen Sünden erlangen können. Was sagst Du, Herr und Meister, zu unseren Sünden? Dürfen wir noch hoffen, daß uns Gott barmherzig sein wird? Du hast im Tempel wohl gesagt, daß da alle, die mühselig und belastet sind, zu Dir kommen sollen und Du sie dann erquicken werdest, und so sind wir denn nun auch zu Dir gekommen, um von Dir sicher die wahre Erquickung zu bekommen.“
GEJ|6|206|7|0|Sagte Ich: „Höret, was Ich heute im Tempel sagte, das gilt auch für euch hier auf diesem Berge! Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht, und die Wahrheit ist nicht in ihm; wo aber die Wahrheit nicht im Menschen ist, da ist auch keine Freiheit.
GEJ|6|206|8|0|Daß ihr vermöge eures Amtes den Tempel und dessen Werke nicht besuchtet, das wäre gerade eure größte Sünde nicht; aber ihr bedrücktet gar oft zu sehr die Armen, die euer Zollhaus passieren mußten, und habt auch oft denen, die für euch arbeiteten, den Lidlohn (Gesindelohn) vorenthalten. Seht, das ist wahrhaft Sünde, und wer sie tut, kommt nicht in den Himmel, sondern in das Gericht und in den Tod!
GEJ|6|206|9|0|Denn wer keine Liebe zu seinem Nächsten hat, der hat um so weniger eine Liebe zu Gott, den er doch über alles lieben soll. Denn wer schon seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann er Gott lieben, den er nicht sieht? Die Liebe zu Gott und daraus die Liebe zum Nächsten aber ist ja das Leben der Seele; wer diese nicht hat, der hat auch kein Leben, sondern nur das Gericht und den Tod in sich.
GEJ|6|206|10|0|Ich aber sage nun euch, daß von Mir aus euch eure Sünden vergeben sind, weil ihr solche erkannt, bereut und verabscheut habt; aber es ist zur vollen Vergebung eurer Sünden auch noch das höchst nötig, daß ihr, wo möglich, denen, die von euch irgend verkürzt worden sind, das ersetzet, und daß ihr in Zukunft nicht mehr sündiget. Wer nicht bis auf den letzten Heller alles bezahlt hat, was er seinen Brüdern und Schwestern schuldete, der wird ins Reich Gottes nicht eher eingehen, als bis er gutgemacht hat, was er an seinem Bruder gesündigt hat. Tuet also, so werdet ihr das ewige Leben ernten, und eure Sünden sind euch völlig vergeben!
GEJ|6|206|11|0|Niemand aber kann Gott und dem Mammon dieser Welt zugleich dienen; denn wer den Mammon sucht und liebt, der kann Gott nicht lieben. Wer aber Gott nicht liebt, der hat kein wahres Leben aus Gott in sich, sondern nur ein Scheinleben aus dem Fürsten dieser Welt, der in sich selbst tot ist und niemandem je etwas anderes als nur den Tod geben kann, der da seine Wesenheit ist für immerdar. Ihr wisset nun, was ihr zu tun habt; tuet also das, und ihr werdet leben in Ewigkeit!“
GEJ|6|206|12|0|Sagte der Zöllner: „O Herr und Meister, wir danken Dir allerinbrünstigst für diesen großen Trost! Wir werden uns alle Mühe geben, um alles auf das pünktlichste zu erfüllen, bitten Dich aber noch um einen Rat, den Du uns noch allergnädigst erteilen wollest. Siehe, wir haben uns als Juden sehr am Tempel versündigt! Sind wir nun nach Deinem Sinne dem Tempel nicht schuldig, auch alles zu ersetzen, was wir ihm durch unsere Abtrünnigkeit entzogen haben?“
GEJ|6|206|13|0|Sagte Ich: „Ihr könnet auch das tun, – aber Gott achtet dessen nicht; denn bei Gott gilt nichts als allein ein reines, sanftes, demütiges und liebevolles Herz. Was ihr aber dafür tun könnet, das bestehe darin, daß ihr das den Armen gebet, nach rechtem Maße und Ziel und zumeist den armen Witwen und Waisen; denn das ist Gott wohlgefällig. Aber den Tempel noch mehr bereichern, als er schon bereichert ist, das hat vor Gott nicht den allergeringsten Wert.
GEJ|6|206|14|0|Wißt ihr, wie es im Propheten steht von der Verehrung Gottes im Tempel? Seht, also aber steht es im Propheten: ,Dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen, aber sein Herz ist ferne von Mir!‘ Ich sage es euch: Alle großen Opfer, samt den Brandopfern, sind ein Greuel vor Gott; denn alles dessen benötigt Er nicht. Denn was sollet ihr von diesen irdischen Dingen Gott geben, die doch ihr zuvor von Ihm empfangen habt?! Gott bedarf nicht des Brandgeruches von geschlachteten Tieren; aber des Liebebrandes eurer Herzen bedarf Er als euer Vater von euch, Seinen Kindern. – Habt ihr solches nun wohl verstanden?“
GEJ|6|206|15|0|Sagte ein hintenstehender, freilich verkleideter Pharisäer, um Mich zu versuchen: „Meister, so denn die Opfer vor Gott gar keinen Wert haben, weshalb hat sie denn Moses und Aaron auf Jehovas Geheiß eingesetzt?“
GEJ|6|206|16|0|Sagte Ich: „Um euch ein Bild zu geben von dem Opfer Dessen, der Sich nun in dieser Zeit freiwillig für alle Menschen aufopfert aus purster Liebe. Dann ward aber das Brandopfer und das Schlachtopfer auch zu einem Zeugnisse wider euch eingesetzt, auf daß ihr euch allzeit dabei erinnern sollet, daß ihr allzeit Sünder und von dem wahren Gott Abtrünnige waret und daher eines Sühnopfers bedurftet, das euch als ein treffendes Bild allzeit sagte, daß ihr euch durch eure vielen Sünden von Gott abgewendet habt und eines Mittlers benötiget, der euch mit Gott wieder verbinde und vereine.
GEJ|6|206|17|0|Und so hat das eingesetzte Opfer keinen andern Wert als nur den der Belehrung. Es ist auch darum, von euch dargebracht, von gar keinem tatsächlichen Werte, der auch vor Gott etwas gölte, sondern hat für euch allein den Wert eines euch belehrenden festen Gotteswortes, gegeben in einem wohlentsprechungsvollen Zeichen, das für den Weisen sicher wohlverständlich ist. Wer es versteht, der hat dann auch schon alles, was das Zeichen lehrt. Soll das Zeichen für den Menschen aber auch bei Gott einen Wert haben, so muß er aus seinem Herzen also handeln, daß sein Handeln dem geistigen Sinne des Zeichens entspricht.
GEJ|6|206|18|0|Der eigentliche geistige Sinn des Opfers, das ihr nun noch, aber ganz blind und sinnlos, verrichtet, und das darum auch für gar niemanden mehr irgendeinen Wert hat, aber besteht darin, daß ihr Gott über alles und euern Nächsten wie euch selbst lieben sollet, und daß ihr nicht treiben sollet allerlei Unzucht, Hurerei und Ehebruch. – Verstehst du das?“
GEJ|6|206|19|0|Da machte der Pharisäer große Augen und sagte zu seinem Nebenmann: „Was meinst du, wie spricht und lehrt dieser Mensch?“
GEJ|6|206|20|0|Sagte der Gefragte: „Der Mensch hat einen klaren Verstand, was nicht in Abrede zu stellen ist; aber nun werde ich ihm eine Frage stellen, und wir werden sehen, wie er diese beantworten wird.“
GEJ|6|206|21|0|Hierauf wandte er sich zu Mir und sprach: „Meister, du hast recht geantwortet; aber da man schon den Nächsten wie sich selbst lieben soll, so fragt es sich denn, wer so ganz eigentlich mein Nächster ist.“
GEJ|6|206|22|0|Sagte Ich: „Zuerst ein jeder Mensch, der irgend möglich deiner Hilfe bedarf, und zum zweiten dann auch jeder Fremde, ob er auch ein Heide wäre vom Ende der Welt her. Ich will euch aber ein Gleichnis geben, nach dem ihr dann urteilen möget, wer ein ganz rechter Nächster zu euch ist.“
GEJ|6|206|23|0|Hierauf erzählte Ich ihnen allen das Gleichnis vom barmherzigen Samariter und fragte dann den Fragesteller: „Wer war da des Halberschlagenen Nächster?“
GEJ|6|206|24|0|Sagte er: „Der ihm die Wohltat erwies!“
GEJ|6|206|25|0|Sagte Ich: „Gut, so gehe hin und tue desgleichen, so wirst du Gott ein höchst angenehmes und wahres Opfer darbringen, das besser sein wird als eure Brand- und Schlachtopfer!“
GEJ|6|206|26|0|Hierauf erwiderte keiner der verkleideten Pharisäern mehr etwas; alle andern aber lobten Gott, daß Er dem Menschen solch eine Weisheit gegeben hatte.
GEJ|6|207|1|1|207. — Des Herrn Betrachtungen über Jerusalem und über die Endzeit der Erde. Das tausendjährige Reich und das Feuergericht
GEJ|6|207|1|0|Ich aber erhob Mich vollends und ging mit den Jüngern ein wenig fürbaß. Allda waren der schönen Aussicht halber mehrere Bänke und anderartige Sitze angebracht. Daselbst hielt Ich an und setzte Mich. Von da aus übersah man Jerusalem am besten.
GEJ|6|207|2|0|Die Jünger betrachteten die schöne Stadt, und Johannes sagte in einem wehmütigen Tone zu Mir: „Herr, Du meine Liebe, ist es nicht doch ewig schade um diese Stadt, daß sie nach Deiner Aussage schon in der jüngsten Zeit gar so elendiglich zerstört werden wird?“
GEJ|6|207|3|0|Sagte Ich: „Du, Mein geliebter Johannes, hast hier eine für diesen Punkt ganz taugliche Bemerkung gemacht und siehst auch in Meinen Augen Tränen. Aber was kann man hier noch mehr dawider tun?! Seht, um der Erhaltung dieser Mauern willen die ganze Einwohnerschaft durch einen Würgengel vertilgen, wäre sicher nicht etwas besonders Weises, sondern etwas sehr Bedauerliches; denn es leben nun ja doch noch mehrere Tausende in diesen Mauern, die in der Zeit doch noch an Mich glauben werden! Und ihr sehet dort die etlichen siebzig und die vielen Zöllner samt den etlichen verkleideten Pharisäern und Schriftgelehrten; die werden schon heute noch völlig an Mich glauben, und es gibt deren noch gar viele im Volke, die in der Folge auch noch bekehrt werden. Darum soll dieser Ort denn auch solange verschont werden von einem wie immer gestalteten zu großen Gerichte. Aber wenn alle die guten Fischlein aus diesem Teiche werden ausgehoben sein und darin nichts als Nattern und ekelhafte Frösche herumschwimmen werden, dann wird es auch an der Zeit sein, den elenden Sumpf durch Feuer und Erdbeben zu verschütten.
GEJ|6|207|4|0|Oh, da sehet euch diese ganze Landschaft an! Wie sah diese vor zehnmal tausendmal tausend Jahren aus?! Da gab es noch gar wenig Festland, und von allen diesen nun so üppig bewachsenen Bergen und Tälern war damals noch keine Spur. Erst durch nachfolgende, viele Tausende von Jahren währende, für euren Verstand undenkbar großartigste und beinahe auf der ganzen Erde allgemein tobende Feuerausbrüche ist nach und nach die Erde erst zu dieser Gestalt gekommen.
GEJ|6|207|5|0|Und seht, also wie mit der naturmäßigen Bildung der Erde geht es denn auch mit der geistigen Bildung des Menschen vorwärts! Jetzt ist in den Gemütern der Menschen noch alles voll der höchsten Stürme und Ausbrüche des wildesten Feuers. Die wildesten Leidenschaften machen sich Luft und verheeren alles in und über sich. Aber lassen wir das, – denn es wird schon eine Zeit kommen, in der sich alle solche Leidenschaften in ein ruhiges und fruchtbares Erdreich umgestalten werden, und dann erst wird es völlig helle und wonniglich unter den Menschen werden! Doch wird es aber der wahrhaft guten und reinen Menschen stets eine geringere Anzahl geben als derjenigen, die sich noch immer von ihren Weltleidenschaften mehr oder weniger werden beherrschen lassen.
GEJ|6|207|6|0|Solch eine bessere Zeit wird tausend und noch etliche Jahre währen und wird gleichen der gegenwärtigen Gestalt dieser Erde, die nun, von nur wenigen Stürmen heimgesucht, in einer gewissen Ruhe und Ordnung voll üppiger und fruchtreicher Fluren ist, aber daneben dennoch bei weitem mehr unfruchtbare und sehr stürmische Wüsten zählt als ruhige und fruchtbare Lande, – abgesehen vom großen Weltmeere.
GEJ|6|207|7|0|Aber nach solcher über tausendjährigen Zeit wird die Erde abermals eine große Feuerprobe zu bestehen bekommen. In solcher Zeit werden die Berge auf dieser Erde auch zu einem ebenen und fruchtbaren Lande werden, und das Meer wird das tote Land, das noch in seinen Tiefen begraben liegt, vielfach hergeben müssen, und die besseren Menschen werden es in Besitz nehmen und es bald in ein Eden umgestalten. Da wird dann für immerhin, bis zur völligen Auflösung der ganzen Erde, der wahre Friede herrschen und der Tod sein Recht nicht und nimmerdar haben.
GEJ|6|207|8|0|Aber wie die Berge der Erde einst dem ebenen Lande gleichgemacht werden, also werden auch die Menschen ihren Hochmut durch harte Prüfungen gänzlich ablegen müssen, ansonst es auf der Erde unter den Menschen nimmerdar zu einem wahren, inneren Frieden käme. Denn den Krieg gebiert nur der Hochmut der Menschen; hört der Hochmut auf, dann hören auch Mißgunst, Neid, Geiz, Haß, Unfriede und mit ihm aller Zank, Hader, Streit und Krieg auf.
GEJ|6|207|9|0|Und also wird diese nun so weltberühmte und nahezu älteste Stadt, zu deren Mauern schon der große König von Salem den Grundstein gelegt hat, als nun ein höchster Hochmutsberg moralisch und materiell sehr erniedrigt und dem ebenen Lande gleichgemacht werden, und es wird mit ihr gehen wie mit einem alten, sehr hohen Zedernbaume, der, weil er dürr, morsch und tot geworden ist, von einem Sturme an seiner faulen Wurzel abgebrochen, dann von den Holzknechten zersägt, mit der Axt zerhauen und im Feuer verbrannt wird.
GEJ|6|207|10|0|Bei dem Baume verursachte das seine Natur, bei dem Menschen aber verursacht das sein böser Wille, der sich unter kein noch so weises Gesetz fügen will, so wie einst die Hanochiten durch ihren zügellosen Ungehorsam die Sündflut über sich gebracht haben, in der sie alle übel umgekommen sind. Wie viele tausend Male sind sie von Mir durch eine Menge Seher gewarnt worden, die Berge in Ruhe zu lassen! Allein niemand von ihnen achtete darauf. Sie aßen, tranken, schwelgten und sündigten auf alle mögliche Weise, sie freiten und hielten große Hochzeitsmähler, bis die Flut von allen Seiten her über sie hereinbrach und sie alle ersäufte. Ebenso wird es auch hier sein.
GEJ|6|207|11|0|Diese überhochmütige Schlangenbrut wird sich mit der Zeit in ihrer Blindheit und in ihrem Machtwahne über die Römer erheben und sie aus diesem Lande hinaustreiben wollen. Und das wird ihr Ende sein. Der Feldherr und nachher auch Kaiser ist bereits schon geboren, der dieser Stadt und ihrem Volke den Garaus geben wird.
GEJ|6|207|12|0|Und zu Ende dieser Weltmenschenzeit – nicht etwa auch dieser Erde – wird es eben also gehen: Die Menschen werden in selbiger Zeit zwar keine Berge bis zu ihren tiefsten Grundlagen abgraben, wie es die Gold und Edelsteine suchenden Hanochiten getan haben, auch werden sie keine Römer mehr in Harnisch zu bringen vermögen; aber sie werden durch allerlei Maschinen, durch Feuerkraft getrieben, anfangen, mittels unglaublich tiefer Schächte und Löcher ins Innere der Erde zu dringen, durch die die höchst brennbaren Gase (brennbare Luftarten) in großen Massen auf die Oberfläche der Erde dringen werden. Und wird einmal die atmosphärische Luft mit solchen Gasen zu sehr gesättigt sein, so werden sich diese beinahe um die ganze Erde entzünden und alles zu Asche verbrennen. Nur wenige Menschen werden dabei am Leben bleiben. Doch die da bleiben werden, die werden aber dann auch Menschen von echtem Schrot und Korne sein. Diese werden dann wahrhaft eine ganz erneute Erde bewohnen, und ihr und viele, die nach euch in Meinem Namen kommen und erweckt werden, werden ihre Lehrer und Führer sein.
GEJ|6|207|13|0|Von da an erst wird Mein Reich auf dieser Erde vollends ausgebreitet sein, und die Menschen der Sonne werden mit Meinen Kindern dieser erneuten Erde in eine vollste und gleichberechtigte Gemeinschaft treten und großwachsen in der Liebe Meiner vollwahren Kinder.
GEJ|6|207|14|0|Das was Ich euch jetzt gesagt habe, aber, behaltet für euch; denn in dieser Zeit würde das wohl niemandem zu seinem Heile etwas nützen, so er auch davon alles klar wüßte. Zur rechten Zeit aber werde schon Ich Selbst den Menschen, wenn sie Tieferes werden vertragen können, solche Dinge umständlich kundmachen. – Habt ihr alle davon nun wohl alles verstanden?“
GEJ|6|207|15|0|Sagte Johannes: „Herr, Du meine alleinige Liebe, das habe ich wohl begriffen; denn Du hast Dich da einmal wieder ganz klar ausgesprochen, und darum habe ich es von Dir auch ganz leicht verstehen können! Ob die andern Brüder alle das alles auch also verstanden haben, das natürlich werden sie für sich wohl sicher ganz gut wissen!“
GEJ|6|207|16|0|Sagten bis auf den Judas alle, daß auch sie alles recht wohl verstanden hätten.
GEJ|6|207|17|0|Nur dieser Jünger sagte (Judas): „Mir, Herr, ist nicht alles klar!“
GEJ|6|207|18|0|Sagte Ich: „So es den andern Brüdern klar ist und dir aber nicht, der du dich mit deinem Verstande noch allzeit am meisten zu brüsten wußtest, da gehe hin zu den Brüdern, und sie werden dir das Unverstandene schon verständlich machen! Die Demut aber begreift alles eher denn der starre, eigensinnige Hochmut, der, so du noch länger bei ihm verharrst, dein Teufel, dein Richter und dein Tod sein wird. Was wohl hast du vor all den andern voraus, darauf du dir soviel zugute tust?! Demütige dich selbst, auf daß du den Schlingen des Satans entrinnen mögest!“
GEJ|6|207|19|0|Da kehrte sich Judas um und ging hin zu Nathanael, mit dem er noch am besten harmonierte, und fragte ihn um dies und jenes ehedem Unverstandene, und Nathanael erklärte es ihm. Und als nun auch dieser Jünger so ziemlich im klaren war über das von Mir ehedem den Jüngern Prophezeite, da gab er sich wie in Ruhe und fragte um nichts Weiteres.
GEJ|6|207|20|0|Einer von den Judgriechen die auch bei Mir waren, aber meinte, daß es vielleicht doch nicht schaden würde, so man den andern Juden auch etwas davon zu verstehen gäbe.
GEJ|6|207|21|0|Sagte Ich: „Was irgend not tut, das werden sie schon noch zur rechten Zeit erfahren; alles aber brauchen sie durchaus nicht zu wissen. – Nun aber kommt unser Lazarus. Wir wollen auf ihn warten! Er hat nun viel mit den verkleideten Templern geredet, und wir wollen nun sehen, was er uns bringen wird.“
GEJ|6|208|1|1|208. — Der Bericht des Lazarus über die ungläubigen Pharisäer
GEJ|6|208|1|0|Lazarus kam alsbald an und sagte: „Herr und Meister! Unbeschreiblich leid ist es mir, daß ich nicht bei Dir hier bleiben konnte; aber ich sah ein, daß Du Ruhe haben wolltest, und so ging ich zurück zu dem Volke, damit ich es aufhielt, auf daß es Dir nicht auf den Fersen nachziehen und Dich in Deiner Ruhe stören möchte. Natürlich wurde da von nichts anderem geredet als nur allein von Dir, und zwar viel pro und wenig contra.
GEJ|6|208|2|0|Die Römer haben die etlichen verkleideten Templer auf eine ganz eindringliche Weise bearbeitet, so daß die Templer am Ende gar keine Einwendung mehr vorzubringen imstande waren. Zwei wären nahe daran, an Dich zu glauben; aber die andern reiten noch darauf, daß aus Galiläa kein Prophet aufstünde. Aber das gerettete Weib hat ihnen eine ganz gute Einwendung gemacht, indem es sagte: ,Da habt ihr wohl sehr recht, da es wahrlich also geschrieben steht, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht; aber Dieser ist ja auch kein Prophet, sondern Er ist der Messias, also der Herr Selbst, der Sich durch die Propheten zum voraus angekündigt hat! Da steht aber nirgends geschrieben, daß der Messias Selbst nicht aus Galiläa aufstehen werde! Dazu habe ich es eben zuvor von diesen Männern als wahr vernommen, daß eben dieser Herr und Meister, den ihr verfolgt, und an den ihr nicht glauben möget, nicht irgend in Galiläa, sondern zu Bethlehem in Judäa geboren und am achten Tage nach Seiner höchst denkwürdigen Geburt im Tempel beschnitten wurde und den Namen Jesus aus Bethlehem erhielt. Wenn die Sachen um diesen Gottmenschen aber also stehen, wie sagt ihr dann, daß aus Galiläa kein Prophet ersteht?‘
GEJ|6|208|3|0|Herr, als dieses wahrlich höchst anmutige Weib die Templer bearbeitet hatte, da zollten ihr alle Römer, die etlichen siebzig Männer und auch alle die anwesenden Zöllner den vollsten Beifall und forderten die Templer auf, die gute Rede des Weibes zu widerlegen; aber es konnte ihr da keiner irgend etwas entgegnen, und so triumphierte das Weib ganz ordentlich vor dem Volke gegenüber den hochweisen Pharisäern und Schriftgelehrten, – was meinem Herzen ein wahrer Balsam war. Ich habe darum dem Weibe und ihrem Manne auch sogleich versprochen, daß sie deshalb lebenslänglich bei mir versorgt sein sollen mit allem, was ihnen not tut, – worüber die Templer sehr ihre Nasen rümpften, sich aber doch nichts Weiteres zu sagen getrauten.
GEJ|6|208|4|0|Darauf kehrte sich der Römer Agrikola zu den am meisten ungläubigen Templern und sagte: ,Es ist, meine Freunde, wahrlich ganz sonderbar komisch mit euch! Ihr seid als Priester und Lehrer des Volkes doch offenbar sehr bewandert in euren Schriften und Lehren, in denen mit Händen zu greifen von eben diesem Manne geschrieben steht. Alle in den Propheten erwähnten Umstände, unter denen euer Messias zu euch kommen soll, treffen mit diesem Manne auf ein Haar zusammen und stimmen mit allem überein. Wie möget ihr dann noch sagen, er sei das nicht, als was er sich selbst durch Wort und Tat vor aller Welt offen, ohne den geringsten Hinterhalt, ankündigt?!
GEJ|6|208|5|0|Ihr seid doch auch Menschen und habt des Vermögens in gerechter Menge, durch das sich einer oder der andere von euch in Gold und Seide kleiden könnte. Und so er, in kaiserliche Pracht gekleidet, sich dem Volke vorstellen und sagen würde: ,Höre Volk, ich bin der verheißene Messias der Juden!‘, – gelt, dazu hätte auch der Verschmitzteste und Verwegenste von euch allen den Mut nicht, weil er schon zum voraus wissen würde, wie solch eine Erklärung vom Volke und von seinen früheren Kollegen aufgenommen werden würde. Wer gibt denn dann diesem schlichten und ganz einfachen Menschen den Mut, vor euch wie vor aller Welt laut zu verkünden, daß eben nur Er der verheißene Messias der Juden und eigentlich aller Menschen dieser Erde sei?! Und was Er von Sich aussagt, das bestätigt Er mit Wort und Tat. Wenn aber vor aller Menschen Augen und Ohren also, – warum glaubet ihr das nicht? Warum können denn wir Heiden das ungezweifelt glauben – und warum ihr nicht? Weil ihr voll Hochmut und voll der allerschmutzigsten Eigenliebe seid!
GEJ|6|208|6|0|Wir Römer aber sind das noch nie gewesen; denn bei uns gilt noch immer der alte Rechtsgrundsatz: Gib jedem das Seinige, beleidige und betrüge niemanden, und lebe ehrbar! Prüfet alles, und behaltet das Wahre und Gute, und was du tust, das tue klug und sei der Folgen eingedenk! – Diesen unseren Grundsätzen lebt ein jeder biedere Römer getreu und ist für alles Große und Wunderbare mit ganzer Seele eingenommen. Ihr aber saget, daß ihr schon gleich soviel wie Götter selbst seid; und taucht unter euch irgend etwas wahrhaft Göttliches auf, so hasset ihr es mehr als den Tod und wollet von selbem nichts wissen und hören. Ja, welcher Art Menschen seid ihr denn da?‘
GEJ|6|208|7|0|Darauf sagte ein Verkleideter: ,Ja, ja, euch Römern als nun unseren Herren und Gebietern ist ein solch schwacher, es mehr mit euch als mit uns haltender Messias freilich wohl recht, und ihr werdet begreiflicherweise allzeit für solch einen eingenommen sein; aber so da der wahre und mächtige Messias kommen wird, der wird euch hinaustreiben aus dem Lande und wird dann Selbst herrschen in unserem Lande und dann bald auch über die ganze Welt!‘
GEJ|6|208|8|0|Da mäßigte sich der Römer und sagte in einem ganz gelassenen Tone: ,Daß ihr euch den Messias also vorstellt, das hat uns heute eben unterm Mahle jener von euch nicht geglaubte und angenommene Messias haarklein gezeigt. Aber ich sage es euch: auf solch einen Messias werdet ihr sehr vergeblich warten! So ihr aber saget, daß uns Römern dieser Messias recht sei, weil Er schwach sei und keine Macht habe, dann seid ihr böswillige Lügner und verleugnet, was ihr von diesem Manne nur zu gut wisset! Ich sage es euch: Dieser Eine hat endlos mehr Macht und Kraft in Seinem Willen als alle noch so mächtigen Reiche in der ganzen Welt! Das wissen und kennen wir, da wir es von den glaubwürdigsten Augen- und Ohrenzeugen bis nach Rom vernommen haben. Und ihr seid hier und sagt uns Römern unverschämt ins Gesicht, daß wir Ihm Seiner Schwäche wegen zugetan seien?! Nun, wartet, so Er wiederkehrt, da werden wir Ihn bitten, daß Er euch ein Pröbchen von Seiner Allmacht zu schmecken geben wolle, und wir werden dann sehen, ob ihr noch sagen werdet, daß Er schwach sei!‘
GEJ|6|208|9|0|Darauf schwiegen die Verkleideten, und die Römer berieten sich untereinander, was sie da tun sollten; denn sie schienen die Sache der Verkleideten eben nicht gar zu gleichgültig aufgenommen und begriffen zu haben.
GEJ|6|208|10|0|Da ich wohl sah, daß einige hitzigere Römer die Sache und die Unverschämtheit von – sage – nur zwei verkleideten Pharisäern sehr ungünstig aufnahmen, so sagte ich zu ihnen: ,Liebe Männer aus Rom, der großen Kaiserstadt! Achtet doch nicht auf das sinnlose Gerede dieser zwei Blinden! Denn hätten sie einen Funken lichteren Verstandes, so würden sie sicher keine solchen Worte von sich gegeben haben. Wir gar vielen sind ja auch Juden, und unser Herr und Meister ist es auch, und wir achten euch hoch und sind der weisen Regierung Roms vielen Dank schuldig; denn sie ist unser Schutz und Schirm vor den oft zu unmäßigen Bedrückungen von seiten des Tempels und von seiten des Landpächters Herodes. Wir wissen, was wir an den Römern haben; diese aber als vermeintliche Selbstherren wissen das nicht oder wollen es nicht wissen, und so denn achtet nicht auf ihr leeres Gerede! Ich aber werde den Herrn Selbst auf den Knien bitten, daß Er diesen Blinden ein Pröbchen von Seiner Macht geben wolle, auf daß euch diese Toren nicht vorhalten können, als hieltet ihr nur auf Seine Schwäche!‘
GEJ|6|208|11|0|Mit dieser Rede beschwichtigte ich die Römer und ging darauf erst zu Dir herüber und bitte Dich denn nun auch darum, daß Du diesen etlichen blinden Pharisäern zeigen mögest, daß Du kein schwacher, sondern ein allmächtig starker Messias bist!“
GEJ|6|209|1|1|209. — Das Wunder in der Herberge
GEJ|6|209|1|0|Sagte Ich: „O du Mein Freund und Bruder! Diese Blinden aus eigenem bösen Wollen wissen nur zu gut, daß Ich sehr mächtig bin, und sie bedürfen keines noch größeren Beweises Meiner Weisheit, Kraft und Macht; denn sie hassen Mich ja eben darum, weil sie Mich Meiner Weisheit und Meiner Macht wegen fürchten. Also darum wäre es wahrlich nicht nötig, diesen Blinden einen neuen Beweis Meiner Macht zu geben; aber den Römern zuliebe werde Ich ganz unversehens doch etwas tun, auf daß dadurch die Römer eine Sache wider sie in ihren Mund bekommen. – Da nun aber die Sonne schon knapp am Horizonte steht, so wollen wir denn aufbrechen und ins Haus ziehen. Wer uns folgen will, der wird uns dann schon im Hause finden; denn im Freien werde Ich heute nichts mehr reden und tun. Und so begeben wir uns denn ins Haus!“
GEJ|6|209|2|0|Sagte Lazarus: „Herr, mein Haus hat zwar eine große Räumlichkeit, – ob es aber alle, die nun da sind, fassen wird, das weiß ich nicht!“
GEJ|6|209|3|0|Sagte Ich: „Sorge dich nicht darum; denn friedliche Schafe haben viele Platz in einem Schafstalle! Auf die zwei etwas räudigen Pharisäer wird es da nicht ankommen. Gehen wir denn!“
GEJ|6|209|4|0|Darauf gingen wir und waren bald im Hause an unserem Tische, auf dem sich schon Brot und Wein befand. Wir aber hatten uns noch kaum gelagert, so drangen auch schon alle, die draußen ehedem noch ganz lebhaft miteinander Worte tauschten, zu uns in den großen Speisesaal; aber so viele ihrer auch waren, so fanden sie doch alle bequem Platz, und Lazarus und sein Wirt wunderten sich darob.
GEJ|6|209|5|0|Und der Wirt sagte: „Entweder sind die Menschen kleiner – oder der Saal ist größer geworden! So viele Menschen waren noch nie in diesem einen Saale beisammen! Und woher sind alle die bestgeordneten Tische und Stühle gekommen, und woher auf einmal soviel Brot und Wein? Ich habe noch keinen Tropfen und auch nicht ein Stückchen Brot aufgetragen. Wie ging denn das zu? Hast du heimlich den Dienern befohlen, daß sie das tun sollen?“
GEJ|6|209|6|0|Sagte Lazarus: „Ich sicher noch weniger als du! Das hat schon wieder der Herr also angeordnet durch Seinen allmächtigen Willen. Ich und die Römer durch mich haben Ihn der blinden hier verkleideten Pharisäer wegen um ein Zeichen gebeten, und wie ich's nun deutlich sehe, so hat Er es auch ganz unbemerkt schon gewirkt. Und sieh auf den Tisch der Römer hin! Die Weinkrüge reinstes Silber, und die Trinkbecher blankstes Gold! Hast du etwa derlei zur Bedienung der Gäste?!“
GEJ|6|209|7|0|Hier machte der Wirt große Augen und noch größere die Römer.
GEJ|6|209|8|0|Agrikola war ganz außer sich vor Bewunderung über solch eine Auszeichnung und sagte zu Lazarus: „Freund, warum ehrst du uns denn heute abend also, und warum hast du das nicht schon gestern abend und heute am Tage getan? Denn das ist ja nun eine solche Prachtehrung, welche jene, die es haben, ausschließlich nur einem Kaiser tun.“
GEJ|6|209|9|0|Sagte Lazarus: „Meine Freunde! Wenn ich solche Geschirre gestern und heute gehabt hätte, wahrlich, ihr wäret stets also bedient worden; aber es sind diese Geschirre mir ganz unbewußt gleichsam wie ins Haus und hier auf euren Tisch gebracht worden, und so meine ich, daß das schon das gewisse Machtpröbchen wegen der an Seiner Macht Zweifelnden sein wird!
GEJ|6|209|10|0|Es geht hier nun schon in allem ganz wunderbar zu. Seht die vielen Tische im Saale an! Sie sind da, und weder ich noch mein Wirt wissen es, woher sie gekommen sind! Auch befindet sich auf allen Tischen Brot und Wein in schwerer Menge, und weder der Wirt noch ich und irgendeiner unserer Diener haben eines von beiden auf irgendeinen Tisch gesetzt! Dazu weiß ich nur zu genau, wie viele Gäste im äußersten Falle hier Raum zur Genüge haben. Und nun sind gut fünfmal soviel Gäste da, und es ist noch freier Raum zur Genüge für noch einmal so viele, und dennoch hat der wahrlich sehr vergrößerte Saal seine vorige Gestalt ganz unverändert! Wenn ihr diese Sache so recht bei Lichte betrachtet, so ist das alles ja doch noch mehr als das von euch verlangte Machtpröbchen des puren Willens unseres Herrn und Meisters!“
GEJ|6|209|11|0|Sagte der ganz über und über erstaunte Römer: „Ja, Freund, da wirst du schier recht haben! Denn hättest du auch für uns irgend heimlich die kostbaren Geschirre von deinem Bethanien herschaffen lassen, wobei wir dreißig doch bemerkt hätten, daß irgend etwas ins Haus gebracht worden wäre – außer, du hättest von hier bis nach Bethanien einen unterirdischen Gang, was sehr zu bezweifeln ist –, so hättest du aber in den wenigen Stunden doch nicht alle die vielen Tische und Stühle herbeischaffen und den Saal erweitern können! Und somit ist das wahrhaft ein nie erhörtes Wunderwerk, und der es bewirkte, ist ein Gott und kein Mensch mehr!“
GEJ|6|209|12|0|Hier schauten (staunten) die im ganzen nun fünf Pharisäer und ein paar Leviten und wußten nicht, was sie dazu sagen sollten.
GEJ|6|209|13|0|Da es aber im Saale bald recht dunkel geworden war, so mußten Lichter angezündet werden, was da stets etwas beschwerlich war; denn man hatte in jener Zeit keine derartigen Zündapparate wie heutzutage. Wenn das sogenannte ewige Licht, womit jedes Haus versehen war, erlosch, so mußte man zu einem Nachbar gehen und allda Feuer leihen, oder man mußte gewisse ganz trockene Hölzer miteinander so lange reiben, bis sie zu brennen begannen. Diesmal aber war auch in diesem Hause das Feuer ganz ausgegangen, und die Diener rieben die gewissen Hölzer, die aber diesmal nicht brennend werden wollten. Und so ward es stets dunkler, und niemand konnte ein Licht zustande bringen.
GEJ|6|209|14|0|Da kam Lazarus zu Mir und sagte: „Herr, es ist im ganzen Hause das Feuer erloschen, und wir können nun kein Licht zustande bringen! Dir ist ja alles möglich; so Du willst, erzeuge Du uns ein Licht!“
GEJ|6|209|15|0|Sagte Ich: „So setzet die Lampen auf die Tische, und bestellet auch die Wandlichter; dann werde Ich sehen, ob wir ein Feuer zuwege bringen werden!“
GEJ|6|209|16|0|Es ward alles hergestellt und hergerichtet, und Ich sagte: „Wie es im ersten Buche Mosis geschrieben steht, da Gott sprach zu den Finsternissen: ,Es werde Licht!‘, und es ward Licht in den Weiten der Schöpfung, ebenalso habe auch Ich die Macht, zu sagen: Es werde Licht in diesem ganzen Saale und in dem ganzen Hause!“
GEJ|6|209|17|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da erbrannten augenblicklich alle Lampen im ganzen Saale und also auch im ganzen Hause, und in der Küche brannte das Holz auf dem Herde, so daß da die Köche sich an die Bereitung der Speisen machen konnten.
GEJ|6|209|18|0|Als die Pharisäer das sahen, da wurden sie ganz verblüfft, sahen sich nach den Römern um und erwarteten, was etwa diese zu dieser Erscheinung sagen würden. Aber die Römer konnten sich selbst vor lauter Staunen gar nicht fassen, so daß beinahe eine halbe Stunde verstrich, bis die Zungen wieder in Bewegung gesetzt wurden.
GEJ|6|209|19|0|Aber da erhob sich Agrikola, ging an den Tisch, an dem ganz separat die Verkleideten saßen, und sagte zu ihnen: „Saget mir, wie euch solche Schwäche dieses wahrsten Messias gefällt! Nennet ihr das nun auch noch eine Schwäche, oder könnet etwa auch ihr das Gleiche mit eurem puren Willen bewirken? Könnet ihr solche kostbaren Trinkgeschirre also erschaffen und sie mit dem köstlichsten Weine füllen? Könnet auch ihr das herrlichste Brot aus der Luft herzaubern, dann die Tische und die Bänke? Euer Tisch und eure Bänke und Stühle sind doch sicher fest genug, und sie sind nicht gemacht, sondern erschaffen bloß durch den Willen Dessen, von dem ihr behauptet, daß wir Römer Ihm nur deshalb also sehr zugetan sind, weil wir von Seiner Schwäche gewisserart nichts zu befürchten hätten. Was also saget ihr nun dazu?“
GEJ|6|210|1|1|210. — Die Zweifel der Pharisäer über den Herrn als Messias
GEJ|6|210|1|0|Darauf sagte ein Pharisäer mit stark verlegener Stimme: „Es ist das alles ganz außerordentlich, und es ist noch nicht erhört worden, daß Menschen solche Taten jemals verrichtet hätten! Aber wir haben auch schon andere Magier gesehen, die auch unbegreifliche Dinge zustande gebracht haben, – ob mit natürlichen Mitteln, oder ob irgend mit Hilfe dienstbarer Geister, das sind wir nicht zu beurteilen imstande. Und so kann dieser Mensch auch Geheimnisse besitzen, die er sich irgend durch sein großes Talent zu eigen gemacht hat, und hinter die er niemanden wird sehen lassen. Bevor man dann so einen Menschen noch für einen Gott annehmen kann, muß man wohl vieles und eigentlich schon gar alles prüfen und daraus erst ersehen, wen man da so ganz eigentlich vor sich hat. Ich bestreite nicht die Möglichkeit, daß er der wahre Messias sein kann; aber das ohne eine gehörige Prüfung annehmen, ist immerhin eine bedenkliche Sache.
GEJ|6|210|2|0|Bei uns Juden gibt es ein Gesetz, demnach es nur einen Gott gibt, an den wir glauben sollen, und wir sollen keine fremden Götter neben Ihm haben. Nehmen wir diesen auch als einen Gott an, was ist dann mit dem alten Gesetze? Dann müssen wir an zwei Götter glauben, zuerst an einen sichtbaren, der uns hier am nächsten wäre, und dann an den unsichtbaren, von dem es auch heißt, daß Ihn kein Sterblicher sehen und dabei das Leben behalten kann.
GEJ|6|210|3|0|Ihr Römer habt es da mit eurer Götterlehre um sehr vieles leichter. Ihr habt im ganzen mehrere Tausende von Göttern, die ihr verehret, und da kommt es auf einen wahrlich nicht an, dessen Gedächtnis ihr wieder in euren Olymp und in euer Pantheon setzet. Aber bei uns Juden ist das ganz himmelhoch anders. Wir können uns unter unserem kommen sollenden Messias nur einen mächtigen Propheten, so einen potenzierten Moses oder Elias, vorstellen, der allenfalls nebst seiner geistigen Kraft eines Hohenpriesters auch die eines Königs, wie einst David war, besitzt; aber daß der verheißene Messias entweder der alte Jehova Selbst oder doch mindestens ein wahrer Sohn von Ihm sein soll, das ist trotz all der wahrhaft großen Zeichen, die er nun vor unseren Augen verrichtet, für uns mit dem alten Gesetze vernagelte Juden schwer anzunehmen.
GEJ|6|210|4|0|Er sagt freilich, daß der das ewige Leben haben wird, der an ihn glaubt; aber da sollte der alte Jehova Sich doch auch irgend vernehmen lassen und anzeigen, daß dieser Nazaräer wahrhaft Sein Sohn ist, und sollte aufheben das alte, uns überlästige Gesetz, und wir werden dann gerne statt an einen an zwei Götter glauben. Aber es geschieht so etwas, wenigstens vor unseren Augen und Ohren, nicht, und so bleibt uns vorderhand leider nichts anderes übrig, als beim alten Gesetze zu bleiben.“
GEJ|6|210|5|0|Sagte der Römer: „Du hast nun zwar ganz taktmäßig gesprochen; aber wir Römer wissen es nur zu gut, wieviel ihr für euch aufs alte Gesetz haltet. Euch liegt an dem, was euch eure Gotteslehre und euer Tempel eintragen; euern Jehova samt Moses und den anderen Propheten verkauft ein jeder von euch um etliche Pfunde Goldes und Silbers! Wäre es nicht also, so würdet ihr die Samaritaner nicht hassen und verfolgen aus dem Grunde, weil sie eure neuen Satzungen nicht annehmen und fest bei Moses und den anderen Propheten stehengeblieben sind!
GEJ|6|210|6|0|Seht, wir sind zwar Römer, aber wir wissen in Rom um jedes Verhältnis in unseren asiatischen Ländern! Und so wissen wir auch ganz genau, daß ihr vor dem Volke wohl Priester seid dem Anscheine nach, der Wahrheit nach aber seid ihr Atheisten, ärger denn unsere Kyniker und Epikuräer. Ihr glaubet an gar keinen Gott und seid darum auch stets bereit, im geheimen die größten und greuelhaftesten Verbrechen gegen jedes bürgerliche und noch mehr gegen jedes göttliche Gesetz zu verüben. Würdet ihr euch nicht vor unseren weltlichen Gesetzen, die stets unerbittlich streng gehandhabt werden, scheuen, so wäre schon lange kein Leben vor euch mehr sicher.
GEJ|6|210|7|0|Daß ihr nun diesen wahren Gottmenschen nicht als das, was Er unzweifelhaft ist, annehmen wollet, daran schuldet weder euer Jehova noch euer Moses, sondern allein die Furcht, daß ihr dadurch euer Ansehen und eure guten Einnahmen einbüßen könntet. Ihr seid in eurer Gewissenlosigkeit nur sehr froh, daß ihr jedes Fünkchen Glauben an einen Gott losgeworden seid! Jetzt sollet ihr auf einmal ganz ernstlich wieder an einen Gott zu glauben anfangen, – was für euer taubes Gewissen sicher etwas sehr Unbequemes wäre! Das lasset ihr für euch fein bleiben! Nur eines ist für euch etwas, das euch nicht gleichgültig sein kann, und das besteht offenbar darin, daß nun soviel Volk an diesen wahrsten Gottmenschen glaubt, dadurch weise und helle wird und euch dann doch offenbar den Rücken kehren muß. Und da möchte ich wohl auch zu euch sagen: HINC ERGO ILLAE LACRIMAE? [Darum also die Tränen! (Das ist also der Grund!)] Nach meinem klaren Verstande habe ich euch nun nichts als ganz offen die vollste Wahrheit gesagt; ihr aber könnet nun dennoch tun, was ihr wollet!“
GEJ|6|210|8|0|Auf diese ganz energische Rede des Römers, die Ich ihm, leicht erkennbar, auf die Zunge gelegt hatte, war der eine der zwei stutzigsten Pharisäer ganz verdutzt und wußte vor Ärger nicht, was er dem Römer erwidern sollte.
GEJ|6|210|9|0|Da sagte aber ein anderer, der da gläubiger war und heimlich an Mich zu glauben begann, zu dem Römer: „Lieber Freund! Du hast uns denn doch ein wenig zu scharf gezeichnet! Ich will damit nicht sagen, als gäbe es unter uns nicht vielleicht solche, wie du sie beschrieben hast; aber ich und noch so manche gehören nicht so ganz zu ihnen. Wir glauben noch fest an den alten Jehova und an die Propheten! Wir aber haben die Neusatzungen nicht erfunden und nicht gemacht; aber wir müssen sie dennoch halten, weil sie einmal da sind. Wir sind aber der Meinung, daß sie nie hätten entstehen können, so sie Jehova nicht genehm gewesen wären; denn in den alten Zeiten durften die Priester ja nichts an dem alten Gesetze ändern. Und hat es jemand gewagt, da war die Strafrute samt dem Propheten, der sie ansagte, auch schon da. Aber jetzt ist davon schon lange keine Rede mehr. Es muß daher Gott mit den neuen Satzungen des Tempels doch ganz einverstanden sein, weil Er Sich zu unserer Kenntnisnahme gar nicht rührt und uns auch keinen annehmbaren Propheten sendet.
GEJ|6|210|10|0|Jetzt unser Galiläer wäre freilich wohl mit allen Kennzeichen eines Propheten geschmückt, und wir würden ihn als solchen auch annehmen, wenn er als das, was er ist, nur nicht in Galiläa aufgestanden wäre. Dasselbe war auch mit Johannes dem Täufer der Fall. Seine Rede klang ganz wie die eines rechten Propheten; aber er war denn auch sonst ein Stockgaliläer, und so konnten wir als Schriftgläubige denn doch nicht so ganz unbedingt annehmen, daß er ein wahrer Prophet sei. Es ist übrigens wohl wahr, daß da beide keine geborenen Galiläer, sondern geborene Judäer sind; aber in der Schrift ist nicht die Geburt, sondern nur der Aufstand eines echten Propheten angezeigt. Da es aber heißt, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht, so können wir auch nicht ganz so leicht, wie ihr es meinet, annehmen, daß dies ganz echte und wahre Propheten sein können. Und ihr könnet uns darum durchaus nicht gram werden, so wir sagen, daß wir da noch so manches zuvor zu prüfen haben werden, bis wir den Nazaräer nur als einen Propheten annehmen können. Dann wollen wir erst sehen, wie es da mit dem Messias aussieht. Hast du doch selbst gesagt, daß ihr Römer alles zuvor wohl prüfet und sodann erst das Gute behaltet! Fehlen wir denn, so wir da deinem weisen Rate folgen?“
GEJ|6|210|11|0|Sagte der Römer: „Oh, das durchaus nicht! Aber da gibt es nichts mehr, was irgend noch einer Prüfung unterworfen sein sollte, sondern da waltet die vollste und untrüglichste Wahrheit, die nur eine zu große Blindheit nicht merken kann, weil der Blinde auch die Sonne des Mittags nicht sieht.
GEJ|6|210|12|0|Wir Römer und Griechen gehören durchaus nicht zu den gar so leichtgläubigen Menschen und haben vielen Scharfsinn, um einen Menschen, der etwas Außerordentliches zum Vorscheine bringt, nach allen Seiten hin zu prüfen. Wir sind auch in der Sphäre der Magie durch und durch bewandert, und sowohl die ägyptischen als auch die indopersischen Geheimnisse sind uns durchaus nicht fremd; aber Werke, wie sie dieser Mann verrichtet, und dazu Seine Worte und Lehren hat noch nie ein Mensch verrichtet und nie ein Mensch geredet. Und das sind doch für jeden frei denkenden Menschen Beweise zur Genüge, die ihm sagen: ,Siehe, hier ist kein Mensch mehr, sondern ein Gott, dem wir die höchste Ehre zu geben schuldig sind!‘ Da kommt es nicht mehr darauf an, daß man das nur glaube, sondern daß man komme, sehe und den unverkennbaren Gott anbete und liebe!
GEJ|6|210|13|0|Aber die Wahrheit erkennt nur der, in dem die Wahrheit schon vorher zu Hause ist; in dem aber dieses Licht der Seele nicht ist, der kann auch gleich euch dieses Licht nimmer erkennen. Ihr wollet die Werke und die Lehren dieses Gottmenschen prüfen?! Und wir Römer fragen euch, womit ihr das tun wollet. Wer prüfen will, der muß sich zuvor selbst allerlei Kenntnisse und Fertigkeiten vom Grunde aus zu eigen gemacht haben. Wo aber sollet ihr euch das je zu eigen gemacht haben? In eurem verrosteten Tempel sicher nicht, – und sonst seid ihr auch nirgends weit gewesen, wo ihr etwas Gutes, Nützliches und Gründliches hättet erlernen können. Eure Altschrift verstehet ihr nicht, und eure Neuschrift ist keinen Stater wert. Was aber kennet ihr noch?! So ihr aber schon ganz sicher nichts Weiteres kennet, wie und womit wollet ihr dann diesen Gottmenschen prüfen? Saget es selbst, ob wir Römer euch nicht haarklein durchschauen!“
GEJ|6|211|1|1|211. — Eine Wette zwischen Agrikola und einem Pharisäer
GEJ|6|211|1|0|Sagte einer von denen, die da gläubiger waren: „Ihr habt auch darin nicht ganz unrecht; aber es gibt bei uns Juden denn doch auch Menschen, die etwas gelernt haben und somit auch etwas verstehen und dadurch auch so manches zu prüfen und zu beurteilen imstande sind. Und so gibt es auch Priester, die etwas mehr verstehen, als man als ein Fremder meint.“
GEJ|6|211|2|0|Sagte der Römer: „Ah, das meine ich auch, daß auch ihr Juden irgend etwas gelernt haben müßt! Aber was ihr gelernt habt, das reicht ja lange nicht hin, um nur den Verstand eines Römers zu beurteilen, geschweige die Weisheit dieses Gottmenschen, die wahrhaft unbegrenzt ist, und vor der wir die höchste Ehrfurcht haben.
GEJ|6|211|3|0|Ich will mit euch sieben eine Wette von tausend Pfunden Goldes eingehen, daß ihr mir auf keine Frage eine rechte Antwort zu geben imstande sein sollet, die nur ich aus meinem Verstande euch geben könnte. So ihr aber das ganz sicher nicht imstande seid, wodurch wollet ihr uns beweisen, daß dieser Gottmensch nicht der völlig rechte und wahre Messias ist? Lasset den Allerverständigsten von euch herkommen, und ich gehe sogar mit ihm die ausgesprochene Wette ein! Ich aber werde dann als Gegenbeweis diesem Gottmenschen vor euch die schwierigsten Fragen stellen, und ich wette zehntausend Pfunde Goldes, daß Er mir alle beantworten wird. So Er aber mich befragen wird, so werde ich Ihm auf tausend nicht eins antworten können, obschon ich sicher tausendmal soviel verstehe als irgend der Weiseste von euch.“
GEJ|6|211|4|0|Sagte ein Pharisäer: „Freund, da würdest du dein Gold auf ein sehr gewagtes Spiel setzen; denn wir sind in gar vielen Dingen bewandert!“
GEJ|6|211|5|0|Sagte der Römer: „Gut, mir liegt nichts an meinem Golde, da ich wohl noch über tausendmal soviel zu gebieten habe, als was da diese Wette ausmacht! Aber was ich als ein Patrizier Roms sage, das halte ich auch auf Leben und Tod! Verstehet ihr das? Lasset euch sonach von mir fragen! Und beantwortet ihr mir die Fragen richtig, so habt ihr tausend Pfunde Goldes gewonnen; wo ihr aber das nicht könnet, so zahlet ihr mir nur hundert Pfunde als Strafe für eure Vermessenheit vor uns Römern, euren Herren!“
GEJ|6|211|6|0|Da fragten die sieben einander, ob sie diese glänzende Wette eingehen sollten. Da meinte einer, daß das denn doch sehr gewagt wäre, da man doch nicht wissen könne, um was alles der Römer fragen werde.
GEJ|6|211|7|0|Aber einer der Ungläubigsten von ihnen sagte: „Ich meine, daß der Heide mir keine vernünftige Frage wird zu geben imstande sein, die ich ihm nicht zu beantworten imstande sein sollte. Ich gehe die Wette ein; aber es müssen auch Schiedsrichter dasein, die da entscheiden werden, ob meine Antworten gut und recht sind.“
GEJ|6|211|8|0|Sagte er nun zum Römer: „Wenn wir hier ein kundiges und unbefangenes Schiedsgericht haben können, so gehe ich die Wette ein!“
GEJ|6|211|9|0|Sagte der Römer: „Gut, so stellet ihr euch eins zusammen! Es gibt nun etliche Hunderte von Menschen hier, – die werden doch wohl zu beurteilen imstande sein, ob deine Antworten wahr, gut und gründlich sind? Ich habe meinen Schiedsrichter schon.“
GEJ|6|211|10|0|Sagte der Pharisäer, sich aufblähend: „Ganz wohl, so frage denn, – die Wette gilt!“
GEJ|6|211|11|0|Nun stand der Römer auf und sagte noch einmal zum Pharisäer: „Freund, sei nicht leichtsinnig! Denn ich sage es dir noch einmal, daß du mir auf jede Frage die Antwort schuldig bleiben wirst, und die hundert Pfunde Goldes werden dir nicht nachgesehen werden.“
GEJ|6|211|12|0|Sagte ganz stolz der Pharisäer: „Ganz wohl, es gilt schon! Nur die Bedingung setze ich bei, daß du dagegen meine darauf an dich gestellten Fragen in gleicher Anzahl auch beantworten mußt. Bist du mir da keine richtige Antwort schuldig geblieben, so bekommst du erst die hundert Pfunde Goldes.“
GEJ|6|211|13|0|Sagte der Römer: „Bin ganz zufrieden mit diesem Antrage, und so will ich dir in allem nur zehn Fragen stellen. Und so höre mich denn an!
GEJ|6|211|14|0|Da auch wir Römer in euren Propheten zumeist sehr erfahren sind, so möchte ich eben darüber eine rechte Erklärung haben, was der Prophet Jesajas im zehnten Kapitel damit meinte, da er sagt:
GEJ|6|211|15|0|,Wehe den Schriftgelehrten, die unrechte Gesetze machen, und die danach ein unrechtes Urteil schreiben, auf daß sie die Sachen der Armen beugen und Gewalt üben am guten Rechte der Elenden unter Meinem Volke, daß darum die Witwen ihr Raub und die Waisen ihre Beute werden müssen! Was wollt ihr machen am Tage der großen Heimsuchung und am Tage des großen Unglücks, das von ferne her über euch kommen wird? Zu wem wollet ihr da fliehen, daß er euch helfe? Und wo werdet ihr eure Ehre lassen, daß sie nicht unter die Gefangenen gebeugt werde und unter die Erschlagenen falle? In allem dem läßt des Herrn Zorn nicht ab, und Seine Hand ist über euch ausgestreckt.‘
GEJ|6|211|16|0|Das, mein Freund, wäre die erste Frage ganz aus eurem Gebiete, auf daß du nicht sagen kannst, daß ich dich um etwas ganz Fremdes gefragt hätte. Gib mir darüber eine gültige Antwort!“
GEJ|6|211|17|0|Als der hochtrabende Pharisäer diese Frage vernahm und diese Texte des Propheten, die ihn mehr als der Tod genierten, da kam seine Zunge in eine völlige Stockung, und er wußte nicht, was er darauf antworten sollte, weil in eben diesen Texten die Greuel der Pharisäer so, wie sie waren, ganz hell ausgesprochen waren.
GEJ|6|211|18|0|Als der Pharisäer mit der Antwort zauderte, da sagte der Römer: „Ja, Freund, wenn du mir auch die noch übrigen neun Fragen so beantworten wirst, da werden unsere Schiedsrichter leicht zu urteilen haben! Bist du denn nicht bewandert in eurer Schrift?“
GEJ|6|211|19|0|Sagte endlich der Pharisäer: „Oh, das wohl; aber das zu erklären, ziemt sich hier nicht, sondern nur im Tempel, und selbst da ist es fürs Volk besser, wenn es nicht alles erfährt und versteht!“
GEJ|6|211|20|0|Sagte der Römer: „Oh, das glaube ich dir recht gerne; denn hättet ihr solches dem von euch schon ganz ausgeplünderten Volke vorgetragen und erklärt, so würde es euch schon lange gleich den Wandläusen ausgebrannt haben! Sagte ich als ein Heide ehedem ein Unrecht, so ich euch ins Gesicht behauptete, daß ihr an gar keinen Gott glaubet? Denn würdet ihr an einen Gott glauben, so würde euch euer berühmtester Prophet nicht ein so gottloses Zeugnis gegeben haben. Ich sage euch das: Nun ist die Zeit eurer großen Heimsuchung und eures Unglücks gekommen! Wohin wollt ihr nun fliehen, daß euch jemand helfe?
GEJ|6|211|21|0|Aber lassen wir nun das! Die erste Frage ist so gut wie verhauen. Gehen wir zu der zweiten über; vielleicht geht es dir mit der besser!“
GEJ|6|211|22|0|Sagte der stutzige Pharisäer: „Aber ich bitte mir eine bessere aus!“
GEJ|6|211|23|0|Das Volk aber frohlockte dabei im stillen und hätte den Römer schon gleich umarmen mögen.
GEJ|6|212|1|1|212. — Agrikola deutet Weissagungen aus dem Jesajas
GEJ|6|212|1|0|Der Römer schritt nun zur zweiten Frage und sagte: „Habe denn acht! Also lautet klar die zweite Frage: Wie verstehet ihr denn diesen Text aus demselben Propheten, der also lautet:
GEJ|6|212|2|0|,Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über die, welche da wohnen im finstern Lande, scheint es helle.‘
GEJ|6|212|3|0|Wo ist das Volk, das im Finstern wandelt? Wo ist das finstere Land, und wer ist das Licht? Beantworte mir diese sicher ganz leichte Frage!“
GEJ|6|212|4|0|Der verschmitzte Pharisäer merkte gar wohl, was der Römer aus seinem Munde herausholen wollte und blieb deshalb abermals stumm.
GEJ|6|212|5|0|Als aber der Römer ihn noch einmal aufforderte, daß er reden solle, sagte der Pharisäer: „Das ist abermals eine Frage, die nur im Tempel beantwortet werden kann, und daselbst auch nur unter vier Augen und bei verschlossenen Türen. Darum kann ich sie dir hier nicht beantworten.“
GEJ|6|212|6|0|Sagte der Römer: „Ich sehe, daß du hier ganz offen eine Unwahrheit sagst. Siehe, ich habe sogar in Rom auf offenem Felde aus dem Munde eines eurer Apostel alle eure Propheten vortragen und erklären hören, und das durchaus nicht schlecht! Der Apostel hielt seine Vorträge beinahe ein ganzes Jahr hindurch offen, und wer sich einzeln in seine Sache tiefer und klarer einweihen lassen wollte, zu dem kam er ins Haus und unterwies ihn um ein beliebiges Honorar. Ich selbst habe mich volle drei Jahre hindurch privatim von ihm unterrichten lassen. Der Apostel war seinen Zeugnissen zufolge auch ein Priester aus diesem eurem Tempel. Warum konnte und durfte denn er uns Römern sehr weit außerhalb dieses eures Tempels die Propheten erklären, und warum nun du nicht? Siehe, da werde schon wieder ich dir den wahren Grund sagen, weswegen du mir diesen Text nicht erklärend beantworten willst! Höre! Du fürchtest das Volk hier, – obschon du vor Gott, an den du nicht glaubst, gar keine Furcht hast! Denn das Volk weiß es, daß es eben das Volk ist, das durch euch Schriftgelehrte im Finstern wandelt, und daß auch eben dieses Land es ist, das durch euch finster gemacht wurde schon seit lange her.
GEJ|6|212|7|0|Aber dort an jenem Tische sitzet das große Licht, das vom Volke nun gar wohl gesehen wird; denn es scheint gar hell in diesem finstern Lande. So das Volk aber dieses Licht aus Gott wohl erschaut und darob sehr fröhlich ist, warum denn ihr nicht? Ihr wollet es nicht ansehen, weil ihr voll Hochmut, voll Selbstsucht und voll der unbegrenztesten Herrschgier seid und haben wollet, daß Sonne, Mond und alle Sterne und der ganze Erdkreis sich unter euer Zepter beugen sollen. Darum aber wird auch jüngst mit euch das geschehen, was eben der angeführte große Prophet über euch geweissagt hat, indem er im zehnten Kapitel vom 16. Verse an sagte:
GEJ|6|212|8|0|,Darum wird der Herr Zebaoth unter Seine Fetten (die ihr seid) die Dürre (euren Starrsinn) senden, und Seine Herrlichkeit (Seine größte Macht und Weisheit) wird Er vor euch anzünden (wie es hier soeben der Fall ist), daß sie brennen wird wie ein mächtiges Feuer.‘
GEJ|6|212|9|0|Dieses Licht, das dort unter uns sitzet, ist das Feuer nun in Israel, und Sein Heiliger dort ist die Flamme und wird euch als Seine Dornen und Hecken anzünden und verzehren an einem Tage. Die alte Herrlichkeit Seines Waldes und Seines Feldes soll zunichte werden. Wer Sein Wald und Sein Feld ist, brauche ich euch wahrlich nicht näher zu bestimmen! Von euren Seelen bis auf die letzte Fiber eures Fleisches, das nun euer wahrer Gott ist, werdet ihr zunichte werden und werdet zergehen wie die Butter an der Sonne und verschwinden wie ein Morgennebel in ihren Strahlen. Ihr als die übriggebliebenen Bäume Seines Waldes werdet leicht von einem Knaben gezählt und aufgeschrieben werden.
GEJ|6|212|10|0|Sehet, ich als ein Römer verstehe eure Schrift besser denn ihr ersten Juden in der Mitte eures Landes und in der Mitte eurer Gottesstadt! Aber es macht das nun nichts. Die Wette ist gemacht, und ein Römer steht nicht ab von dem, um was er einmal vor Zeugen gewettet hat. Die zweite Frage ist auch verloren, und so denn schreiten wir zu der dritten!“
GEJ|6|212|11|0|Sagte der Pharisäer: „Verlieren wir nun schon, weil wir die ersten zwei Fragen nicht beantworten konnten?“
GEJ|6|212|12|0|Sagte der Römer: „Oh, ihr habt es mit keinem Gewinnsüchtigen zu tun! So ihr nur eine meiner zehn Fragen richtig beantwortet, so habt ihr die Wette gewonnen! Ich aber frage euch, um was ich will. So ihr darauf mich fragen werdet – wie wir es ausgemacht haben –, so werde auch ich euch nicht vorschreiben, um was ihr mich fragen sollet. Und darum nun zur dritten Frage!
GEJ|6|212|13|0|Seht, ich las im Jesajas das zwölfte Kapitel, und da stand:
GEJ|6|212|14|0|,Zu derselben Zeit (die nun da ist) wirst du (Israel) sagen: Ich danke Dir, o Herr, daß Du zornig gewesen bist über mich und Dein Zorn sich gewendet hat und tröstest mich. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke, mein Psalm und mein Heil. Ich werde mit Freuden Wasser (Weisheit und Leben) schöpfen aus dem Heilsbrunnen (des Herrn Liebe), und ihr Völker werdet zu derselbigen Zeit sagen: Danket dem Herrn, prediget Seinen Namen (Wort des Lebens), machet kund unter den andern Völkern Sein Tun, verkündiget, wie Sein Name (das Wort Gottes) so groß ist! Lobsinget dem Herrn; denn Er hat Sich herrlich bewiesen! Solches werde kund in allen Landen! Jauchze und rühme dich, du Einwohnerin zu Zion (die verwaiste Erkenntnis der Juden); denn der Heilige Israels ist bei dir!‘
GEJ|6|212|15|0|Nun, mein blinder Freund, was sagst du zu dieser außerordentlichen Exklamation des großen Propheten? An wen ist diese wohl gerichtet? Ist nicht nach allen alleruntrüglichsten Zeichen der Heilige Israels unter uns?“
GEJ|6|212|16|0|Hier sah der Pharisäer den Römer ganz verdutzt an und sagte nach einer Weile: „Freund, sage mir doch, wo und wann du dir unsere Schrift so gut einstudiert hast! Dir sind ja alle Propheten so geläufig, als wärest du ein Schriftgelehrter des Tempels! Ich kenne dieses Kapitel wohl ganz gut; aber es hat das einen pur geistigen Sinn und bezieht sich nach meinem Urteil ganz und gar nicht auf diese unsere Gegenwart. Es sind das so ganz gewöhnliche geistige Lobesausbrüche eines Propheten, die für einen gewöhnlichen Menschen gar nicht taugen. Es ist dies eine Art Psalm auf Gott den Herrn.“
GEJ|6|212|17|0|Sagte der Römer: „Freund, da bist du ungeheuer schlecht beraten! Ich als ein Heide sage dir das, was nun schon Hunderttausende dir sagen würden: Der Heilige Israels sitzet dort am Tische unter jenen, die ganz gut und noch um sehr vieles besser wissen um das, was ich dir soeben gesagt habe! Du weißt es nun, wie ich es dir ganz klar bewiesen habe, daß du seit deinen Kinderjahren nie an einen Gott geglaubt hast. Was hindert dich denn nun, an diesen wahren Heiligen Israels zu glauben, von dem allein du das ewige Leben haben kannst?“
GEJ|6|212|18|0|Sagte der Pharisäer: „Ich bin nicht der Höchste im Tempel, und meine geschworene Pflicht ist es, zu halten, was mir des Tempels Höchster auferlegt; denn es hängt nun meine Existenz davon ab und das Heil meiner Haut. Wäre mein Stand irgendeinem Gotte nicht recht, so hätte Er es mit Seiner Weisheit und Allmacht wohl gar leicht verhindern können, daß ich nicht das geworden wäre, was ich nun bin; weil Er es aber nicht verhindert hat, nun, so bin ich denn das, was ich bin, und rede und handle nach dem, was mir der Tempel gebietet. Tue ich dadurch unrecht, so ist Gott Selbst – so Er irgend Einer ist – schuld daran, daß Er mich das hat werden lassen. Und weil ich nun einmal das bin und meine weltliche Versorgung damit gefunden habe, so bleibe ich auch das, was ich ohne mein Verschulden und Dafürkönnen geworden bin.
GEJ|6|212|19|0|Ich weiß es nur zu gut, daß unser ganzer Moses samt allen andern großen und kleinen Propheten nichts als ein Phantasiebild vieler alter Priester ist, und daß an irgendeiner Gottheit – ob heidnisch oder jüdisch – keine wahre Silbe haftet; aber die sternsüchtigen Menschen haben nun einmal in ihrer faulen Phantasie einen Gott aufgefunden und haben uns damit für die leichtgläubige Volksmenge ein Erbe hinterlassen, und wir Narren kultivieren und erhalten die Sache des altmenschlichen Unsinns fort, solange es geht. Hat unsere Sache einmal einen Stoß bekommen, so gehen wir offenbar unter, – was mir selbst nun schon nur zu klar ist.
GEJ|6|212|20|0|Darauf wird höchstwahrscheinlich dieses offenbar wunderbaren Menschen Lehre eine Zeitlang fortwuchern; aber am Ende wird auch sie ein ganz gleiches Los zu erwarten haben. Denn alles, was der sterbliche Mensch errichtet, vergeht wie er selbst; nur was irgendein uns ewig unbekannter Gott erschaffen hat, das bleibt sich auch ewig gleich, wie zum Beispiel Sonne, Mond, Sterne und diese Erde. Und so weißt du nun von mir selbst, daß ich für mich an gar nichts glaube, aber die alten Dinge und Sachen des armen Volkes wegen aufrechterhalte, weil sonst unter dem Volke die größte Roheit ausbrechen würde, durch die alles zugrunde gehen müßte, da sich sogar jetzt bei aller unserer Wachsamkeit so manches ereignet, was der Menschheit eben nicht zur größten Ehre gereicht.
GEJ|6|212|21|0|Du kannst nun daraus schon ersehen, daß ich an gar nichts glaube, und schon am allerwenigsten an einen solchen Gott, der irgendwann den Menschen dieser Erde Gesetze gegeben hätte. So es einen Gott gäbe, der alles aus Sich erschaffen hätte, so hätte Er durch die Macht Seines Willens große Gesetze in die Natur gelegt; aber daß ein solches Wesen je einem Menschen irgendwelche moralischen Gesetze gegeben habe, das glaube ich für mich schon aus dem Grunde nicht, weil Er irgend vor alters nur einem für alle Menschen Gesetze gegeben habe, während nach meiner Ansicht doch alle Menschen gleich sind. Da ich mich dir nun gezeigt habe, wie ich bin und denke, so verschone mich mit Fragen aus unserer Schrift; denn ich glaube nicht an ihre Echtheit!“
GEJ|6|213|1|1|213. — Die Unwissenheit des Pharisäers bezüglich der Sonne und der Sündflut
GEJ|6|213|1|0|Sagte der Römer: „Wußte ich's doch, daß du und wahrscheinlich gar viele deinesgleichen an keinen Gott glaubet, aber dabei das Volk zum Glauben an euch zwinget und ihm allerlei nur eurem Bauche dienende Gesetze vorschreibet! Aber es macht das nun nichts; die Bedingung der Wette muß erfüllt werden! Wenn du aus der Bibel schon durchaus keine Fragen mehr haben willst, so werden wir gleich andere Fragen haben. Und so gehen wir zur vierten Frage über!
GEJ|6|213|2|0|Sage mir, was die Sonne in sich ist!
GEJ|6|213|3|0|Sieh, das ist nun eine ganz natürliche Frage! Beantworte sie, – aber richtig und wahr!“
GEJ|6|213|4|0|Sagte der Pharisäer: „Das wird doch eine lächerliche Frage sein! Wer kann das wissen? So eine Frage könntest du wohl einem Gotte geben, aber nicht einem Menschen! Wer ist denn bei oder gar in der Sonne gewesen, um sagen zu können, was die Sonne an und für sich ist?! Wir Menschen können nur soviel von ihr sagen, was wir an ihr sehen und wahrnehmen.
GEJ|6|213|5|0|Sie ist eine ziemlich große, überaus stark leuchtende Scheibe, und ihr mächtigstes Licht erzeugt Wärme und sogar, wie manchmal in der großen Wüste Ägyptens, eine solche Hitze, daß darob die Steine zu schmelzen anfangen sollen. Dann geht die Sonne auf und unter, was auf dieser Erde den Tag und die Nacht bewirkt. Dann geht sie regelmäßig im Winter tiefer im Süden und im Sommer wieder weiter oben gen Norden zu auf, welcher Wechsel das Jahr und seine vier Teile gibt. Zugleich bewirkt das Licht der Sonne nach den Abstufungen des Lichtes und der Wärme das Wachstum der Pflanzen und die Geburt der zahllos vielen Insekten. Manchmal wird sie verfinstert, was jedoch selten geschieht. Wie aber solche Verfinsterung bewirkt wird, das wird wohl kein Mensch auf der ganzen Erde wissen, wie auch nicht, wo sie (die Sonne) zur Nachtzeit sich befindet.
GEJ|6|213|6|0|Siehe, das ist aber auch schon alles, was wir Menschen von der Sonne wissen und wissen können, und ich kann dir darum auch nichts Weiteres sagen! Daß sie in sich wahrscheinlich ein starkes Feuer sein wird, läßt sich teilweise daraus vermuten, daß ihr Licht so weit her noch eine so große Wärme verbreitet; nur ist dabei das sehr sonderbar, daß es auf den hohen Bergen stets um ein bedeutendes kälter ist als hier unten in der Tiefe, obschon die hohen Bergspitzen der Sonne näher sind als diese Tiefe. Weiter wissen wir Menschen – wie schon gesagt – nichts mehreres und Näheres von diesem Himmelsgestirn. – Hast du gegen diese Antwort auch etwas einzuwenden?“
GEJ|6|213|7|0|Sagte der Römer: „Oh, nur zu viel! Denn was du da gesagt hast, das weiß ein jeder noch so gemeine Tagewerker, der kein Schriftgelehrter ist und seine Weisheit, die, so wie die deinige, wahrlich nicht weit her ist, vom Volke nicht förmlich anbeten läßt, wie das eben ihr vom Volke verlanget. Warum wissen denn wir Römer und die vielen Jünger unseres großen Meisters und Herrn auch sehr genau darum, und warum du nicht? Sieh, darum, weil du an keinen Gott glaubst, so wie die meisten deinesgleichen! Kommt aber jemand, der euch in allerlei Weisheit führen könnte, so verfolget ihr ihn gleich aus allen euren Kräften; denn ihr fürchtet, daß seine überwiegende Weisheit eurer alten, verrosteten Dummheit Ansehen sehr schmälern könnte. Und so wollet ihr selbst nichts Höheres lernen und erfahren und lasset es auch nicht zu, daß es eure stockblinden Bekenner lernen und erfahren. Darum seid ihr selbst aber auch doppelt strafbar.
GEJ|6|213|8|0|Wer an keinen Gott glaubt, ist offenbar ein Gottloser. Ohne Gott aber ist die Seele finster und so gut wie tot und sieht und vernimmt nichts von dem, was Gott alles in ihren Geist der vollsten Wahrheit nach eingeschaffen hat. Der von Gott begeisterte und erleuchtete Mensch aber sieht alles und begreift auch alles. Er kann daher auch die Sonne und den Mond, die Sterne und die ganze Erde in sich also beschauen, als wäre er dort selbst gegenwärtig. Und hat er das, so weiß er dann auch, was die Sonne und wie beschaffen sie ist, und also auch alles andere.
GEJ|6|213|9|0|Mir und vielen andern, die auch hier sind, ward solche Gnade zuteil; darum wissen wir nun auch alle gleich, was der Mond, was die Sonne und was die Sterne sind. Da du solches nicht weißt und nicht einmal soviel weißt, wie die Essäer wissen, die uns Römern sehr wohl bekannt sind, so hast du auch diese vierte Frage ganz schal und unrichtig beantwortet. Wenn du dich davon selbst überzeugen willst, so haben wir schon Mittel, dich auch von dem zu überzeugen.“
GEJ|6|213|10|0|Sagte der Pharisäer: „Oh, laß das nur gut sein! Denn Menschen, wie ihr es da seid, in aller Magie und Zauberei wohlbewandert, könnten mich noch über alle Wolken hinaus in die Sonne hineinzaubern, – und von solch einer Luftfahrt schaffe (halte) ich nichts! Ich begebe (begnüge) mich schon und gestehe es ein, daß ich auch diese vierte Frage so gut wie gar nicht beantwortet habe. Wolle du mir denn eine fünfte Frage stellen!“
GEJ|6|213|11|0|Sagte der Römer: „Es wird dir schon mit allen Fragen also gehen! Daß du am Himmel nicht bewandert bist, das habe ich bereits gesehen; vielleicht geht es dir auf dieser Erde besser!
GEJ|6|213|12|0|Was sagst du von der Noachischen Sündflut? War sie eine allgemeine oder nur eine teilweise? Hatte Noah wohl von jeder Tierart ein Paar in seinen Kasten genommen? Wie fütterte er mit den Seinen all die vielen Tiere? Woher nahm er besonders für die reißenden Tiere das Fleisch und woher für die Fischfresser die Fische? Wovon ernährten sich die Raubtiere nachher, als Noah wieder aus der Arche stieg? Denn da war die Erde noch wüst und öde und nirgends war eine Schaf- oder Schweineherde, die dem Löwen, dem Tiger, der Hyäne, dem Wolfe usw. zur Nahrung hätte dienen können. Das Wasser soll im allgemeinen noch um vieles hoch über sogar den höchsten Bergen der Erde gestanden haben. Wohin floß es am Ende ab, da doch die ganze Erde allenthalben gleich hoch unter Wasser stand?
GEJ|6|213|13|0|Gib mir darüber eine vernünftige Auskunft! Denn das ist sogar für mich etwas Unglaubliches, und ich kann mich darin durchaus nicht zurechtfinden. Vielleicht weißt du mir da eine befriedigende Auskunft in deiner Weise zu geben? Rede!“
GEJ|6|213|14|0|Sagte ganz verdutzt der Pharisäer: „Freund, du fragst mich um etwas, das du selbst nicht zu verstehen scheinst! Was wirst denn du dann tun, wenn ich dich um so etwas fragen werde?“
GEJ|6|213|15|0|Sagte der Römer: „Dann wirst du nichts verlieren! Ob ich aber gerade diese Sache selbst nicht besser verstehe als du, das ist eine andere Frage, und es wird sich das schon noch in der Folge zeigen. Nun ist die Reihe an dir zu reden!“
GEJ|6|213|16|0|Sagte weiter der Pharisäer: „Ja, mein Freund, es wird sich über diesen höchst mystischen Punkt der Schrift Mosis eben wieder nicht gar zuviel sagen und erklären lassen! Denn diese Sache, mit der uns eigenen Vernunft betrachtet, ist in allem ein der Natur widrigster Unsinn. Wir haben darüber keine anderen historischen Daten, und so heißt es: entweder an den Unsinn glauben, wie er gegeben ist, und sich zu all dem die in jener Zeit sehr launige Allmacht Gottes als Großhelferin denken – oder den ganzen alten Kram über Bord werfen!
GEJ|6|213|17|0|Das Buch spricht von einer allgemeinsten Flut, die nach den uns doch mehr und mehr bekannten Gesetzen der Natur rein unmöglich ist. Fragt man die alten Indier, die doch noch ältere Bücher als wir besitzen, so wissen die von einer Noachischen Sündflut gar nichts. Wohl aber sagen sie, daß vor vielen tausend Jahren ein großer Schweifstern der Erde ganz nahe gekommen sei. Und der Stern war pur Wasser, und die Erde zog sein Wasser an sich. Da ward dadurch ein großer Teil des flachen Indien unter Wasser gesetzt, das sich erst nach und nach mit dem großen Indischen Meere verband. In jener Zeit kam alles um, was in den Tälern hauste: Menschen und Tiere. Die aber auf den Bergen wohnten, zeichneten solches auf, auf daß davon Kinder und Kindeskinder eine Kunde haben sollten. Das ist indische und auch persische Sage.
GEJ|6|213|18|0|Die alten Ägypter wissen außer ihren Nilüberschwemmungen von keiner andern Flut. Nur das sagen einige Neger, daß dort, wo nun die große Wüste Sahara ist, einst Wasser stand und ein großer See war.
GEJ|6|213|19|0|So haben uns unsere zurückgekehrten Apostel von einem übergroßen Reiche im äußersten Morgen Asiens über der großen Mauer erzählt, und sie redeten mit den Wächtern mittels der indischen Zunge. Sie erkundigten sich auch wegen der großen Sündflut, und ob die Mauer vor oder nach der allgemeinen Flut erbaut worden sei. Doch jene ganz gemütlichen Wächter wußten ihnen wohl viel von großen Bergbränden zu erzählen, aber von einer so großen Wasserflut wußte niemand auch nur eine Silbe. Das alles wissen wir aus allerlei Erfahrungen. Und so ist es wohl schwer, an eine allgemeine Sündflut zu denken und noch weniger zu glauben.
GEJ|6|213|20|0|Ihr Römer gebet in euren Götterlehren auch gleich zwei große Überflutungen an: die Ogygische und die von Deukalion und Pyrrha. Ob daran etwas Wahres ist oder nicht, das können weder wir Juden noch ihr Römer beurteilen und wissen. Fällt aber bei der Noachischen Sündflut die Allgemeinheit weg, so fällt auch der Kasten und alles andere weg.
GEJ|6|213|21|0|Aber das Bild der Noachischen Flut hat sicher einen ganz anderen Sinn als nur den, der nicht zu glauben ist, weil so viele andere Tatsachen dagegensprechen. Aber wer hat den Schlüssel dazu? – Du siehst also aus allem dem, daß ich dir darüber auch keine für deinen Verstand annehmbare Antwort geben kann, und deine Frage ist so gut wie unbeantwortet, doch aber gründlich entschuldigt.“
GEJ|6|213|22|0|Sagte der Römer: „Ja, das habe ich ganz gut aus deiner Rede entnommen; allein mir ist damit nicht gedient, und ich sehe an dir als sicher einem Priester eben das Mißliche, daß du von den Menschen den unbedingten Glauben dafür forderst, was du für dich für einen barsten Unsinn erklärst. Ich aber sage es dir, daß dieser unser großer Herr und Meister es dir genauest und klarst angeben könnte, was es mit der Sündflut Noahs für eine ganz wahre Bewandtnis hat; aber weil du an keinen Gott glaubst und noch weniger an die rein göttliche Sendung dieses Gottmenschen, so bleibst du gleichfort in der Nacht des Gerichtes deiner Seele! Also mit der Beantwortung meiner fünften Frage ist es auch soviel wie nichts! Und so gehen wir zu der sechsten Frage über! Vielleicht geht es dir mit der besser!“
GEJ|6|214|1|1|214. — Vom Buche Hiob und vom Tempel zu Jabusimbil
GEJ|6|214|1|0|(Sagte der Römer:) „Sage mir: Was hältst du von dem Buche Hiob? Wie gefällt dir das Zwiegespräch zwischen Gott und Hiob, und das zwischen Gott und Satan? Was sagst du dazu, und wie erklärst du mir diese sonderbare Geschichte?“
GEJ|6|214|2|0|Sagte der Pharisäer: „Schon wieder so eine Frage, die von keinem vernünftigen Menschen beantwortet werden kann! Was sagst denn du zu eurem Ikarion, zu eurem Bacchus und zu eurem Orpheus? Unser Hiob hat niemals bestanden, und alles ist eine fromme Sage, gedichtet von irgendeinem alten Seher, der damals seine Dichtung mit einem moralisch dunklen Schimmer gerade also niederschrieb, wie er die Sache verstanden hat. Wir erblicken darin einen äußerst rechtschaffenen Mann, auf den Sich Gott Selbst viel zugute tut. Gott läßt Sich aber erstens vom Satan einreden, daß auch dieser Hiob fallen würde, so er – Satan – ihm auf den Zahn fühlen dürfe. Gott gibt darauf zweitens dem Satan das Recht, dem Hiob auf die schmählichste Weise auf den Geduldszahn zu fühlen, und das so lange fort, bis am Ende dem armen Hiob denn doch die Geduld zu kurz wird und er mit Gott ordentlich aufbegehrt. Dann sendet ihm Gott einen Sprecher, der den armen Hiob ganz scharf zurechtweist; und als Hiob sich dann wieder in den harten Willen Gottes völlig ergibt, wird ihm Gott wieder gnädig.
GEJ|6|214|3|0|Nun, wer da etwas Weises von seiten eines höchst weise sein sollenden Gottes findet, der muß aus den Zeiten dieses höchst geplagten Mannes herrühren! Wir lesen diese Geschichte mit Überdruß und haben sie schon lange für apokryphisch (unecht) erklärt; denn in dieser Geschichte liegt ebensowenig Wahres und Weises wie in der von eurem Atlas, der den ganzen Himmel in einem fort auf seinen Schultern tragen muß, und es läßt sich darüber auch keine vernünftige und verständige Antwort geben.“
GEJ|6|214|4|0|Sagte der Römer: „Na, na, bei euch geht es wahrlich nicht übel! Weil ihr zu träge seid, zu suchen, zu denken und zu lernen, so verwerfet ihr lieber alles, was euch nicht in euren faulen Kram paßt! Ich habe im Hiob die innere, geistige Bildung des Menschen auf den ersten Blick gefunden, und ihr erkläret das für ein Apokryph! Ist darin nicht ganz klar gezeigt, wie die Seele sich nach und nach von all dem trennen soll, was der Welt und was des Fleisches ist?
GEJ|6|214|5|0|Ein Mensch, im Wohlstande nach jeder Richtung hin, kann Gott leicht loben und preisen; denn es geht ihm ja ganz gut dabei; aber es nützt das seiner Seele noch nicht viel. Der Mensch aber wird nun auf die Probe gestellt, wie er auch im Elend und in der Not sich zu Gott verhält, und da ist im Hiob ja ein herrlichstes Bild gegeben, wie man nicht nur im Wohlstande, sondern auch im äußern Elende Gott erkennen, loben und preisen soll. Und so etwas nennst du mir unecht und bezeichnest es für ein sinn- und verstandloses Zeug?! Oh, du stehst noch tief unten im Pfuhle des Gerichtes und des Todes! Und so hast du nun schon sechs Fragen rein verhauen! Aber lassen wir nun das, und ich will dich nun zum siebenten Male um etwas ganz Natürliches und Leichtes fragen! Und so höre!
GEJ|6|214|6|0|Sieh, in Oberägypten besteht, noch ganz gut erhalten, ein in einen Granitberg gemeißelter Gottestempel! Sein Name ist Ja-bu-sim-bil. Dieser Tempel – ganz etwas anderes als dieser Tempel zu Jerusalem! – ist von den Urbewohnern des denkwürdigsten Landes der ganzen Erde, also von den damaligen Gotteskennern, mit der unsäglichsten Mühe von der Welt hergestellt worden. Vor der Eingangstür sind in sitzender, also in ewig ruhender Stellung, die vier Elemente dieser Erde personifiziert dargestellt. Ihre kolossale Darstellung soll die ungeheure Kraft Gottes in den Gesetzen der gesamten Natur darstellen und ihre Ruhe die nie wandelbare Ordnung des göttlichen Geistes. Das Innere dieses Tempels, eine sehr geräumige Halle, besteht aber dennoch aus drei Abteilungen. In der ersten stehen gigantische Menschengestalten, in der zweiten Menschen unserer Art, und in der dritten sind unter verschiedenen Zeichen ganz im Hintergrunde, wennschon stark verwittert, die Wortzeichen Ja-bu-sim-bil angebracht. – Wie möchtest du, als ein Schriftgelehrter, mir wohl das Innere dieses denkwürdigen Tempels der Erde erklären? Denn ich hoffe, daß dir das wohl nicht unbekannt sein dürfte.“
GEJ|6|214|7|0|Sagte der Pharisäer: „Ja, ja, ich habe davon viel reden hören, und es wird sich die Sache schon genau also verhalten, wie du sie mir nun beschrieben hast; aber der Tempel ist ungeheuer alt, und wer weiß es, wer die Völker waren, die so einen Tempel gefertigt haben? Ihre Zeichen sind für uns unlesbar, und wer kann es genau erraten, was sie besagen?! Sie haben nicht die leiseste Spur von einer Ähnlichkeit mit unserer Schrift, und somit sind sie für uns tot. Ihr schreibet von der Linken zur Rechten, und wir umgekehrt, und somit könnet ihr die Urschrift Ägyptens auch leichter lesen als wir, da man sagt, daß auch die alten Ägypter von der Linken zur Rechten hin geschrieben haben sollen. Wir schreiben umgekehrt und kennen uns daher in jener alten Schrift durchaus nicht mehr aus. Was können die drei Hallen und die sonderbaren großen und kleinen Skulpturen in den ersten zwei Hallen anzeigen, und was endlich die dritte Halle mit den gewissen Inschriften, die wir Juden nicht lesen können?“
GEJ|6|214|8|0|Sagte der Römer: „O ihr sein sollenden Gotteskinder, die ihr von aller Weisheit der ganzen Welt gleich den großen Sumpffröschen aufgebläht einherschreitet – also, als hättet ihr die ganze Erde erschaffen! Das, was euch doch so naheliegt, verstehet ihr nicht und wollet doch Erzieher und Leiter eines von Gott erwählten Volkes nach eurer Schrift sein! Niemand kann jemandem etwas geben, was er selbst nicht hat, sondern nur das, was er hat! Ihr habt aber nur die Dummheit und gänzliche Unwissenheit in allen Dingen! Was also kann das arme Volk von euch lernen? Nichts als eure unbegreifliche Blindheit! Denn wahrlich, ich habe in Rom oft das schon alt gewordene Sprichwort vernommen: ,Sieh, der Mensch ist noch dümmer denn ein Jude!‘, und nun überzeuge ich mich selbst, daß es wahrlich also ist!
GEJ|6|214|9|0|Wir Römer haben es noch nie unter unserer Würde gehalten, uns mit den geistigen Götterkunden jedes eroberten Volkes genau abzugeben und uns genaust darin unterrichten zu lassen, und doch heißt man uns Heiden, – und ihr als Gottesvolk glaubet an euren großen Gott nicht, verachtet aber dabei dennoch jede andere Götterkunde, ohne sie nur im geringsten je näher erforscht zu haben! Was seid ihr da denn für Menschen? Wahrlich, ihr seid, mehr denn die gemeinsten Epikureer, zu puren Magen- und Bauchmenschen geworden!
GEJ|6|214|10|0|Sieh, ich, ein Heide von Geburt an, werde dir es nun sagen, was der denkwürdige Tempel zu Ja-bu-sim-bil für eine Bedeutung hat, die mich auch zumeist auf ganz andere Begriffe von der wahren Gottheit führte als die, welche ich früher besessen habe.
GEJ|6|214|11|0|Als ich einmal, vor ungefähr zehn Jahren, in Staatsgeschäften nach Oberägypten reisen mußte, da kam ich denn auch zu dem besagten Tempel, der auf mich einen unbeschreiblichen Eindruck machte. Ich besah alles mit der größten Aufmerksamkeit und ließ mir von einem dortigen, ganz verarmten Priester und Wärter dieses Altertums erklären, was dieses und jenes alles zu bedeuten habe. Der alte Mann, voll Liebe und Demut, war im höchsten Grade dienstfertig und erklärte mir alles so gut, daß ich zu mir selbst sagen mußte: Siehe, der Mann ist weise und redet die volle Wahrheit!
GEJ|6|214|12|0|Er sagte zu mir: ,Siehe, Freund, die Riesengestalten zur Rechten stellen die sieben Geister Gottes vor, durch die der Mensch auf dieser Erde zu allerlei Erkenntnis gelangt und sich darauf dann vieles und Riesengroßes einbildet! Die Gestalten zur Linken stellen des Menschen wilde und unbändige Leidenschaften vor, weshalb du zu ihren Füßen auch allerlei Zeichen des Todes und des Gerichtes ersehen kannst. Und siehe da die zweite Halle! Sie ist um einiges niedriger als die erste, und man gelangt in sie durch ein so ziemlich beengtes Tor. Das zeigt des Menschen Demut an, ohne die es unmöglich ist, zur wahren Erkenntnis Gottes zu gelangen. Darum erschaust du hier schon ganz bescheidene Menschengestalten in tiefgebeugter Stellung. Und nun hier in der dritten und letzten Halle ersiehst du nichts als Geistiges, dargestellt durch wohlentsprechende Zeichen. Und dort, hoch oben, ersiehst du in einem Kreise die Zeichen: Ja-bu-sim-bil, – das ist: Gottes Wort im Herzen jedes Menschen, der Gott liebt und sucht. Und die Zeichen lauten: Ich war- bin- und werde sein. Ich bin der Alleinige, und außer Mir gibt es keinen Gott!‘ –
GEJ|6|214|13|0|Mein Freund, wer da sucht, der findet, und ich habe von meiner Jugend an gesucht und habe viel gefunden! Doch das Allerhöchste, was in dieser Welt je irgendwo zu finden war, das fand ich hier, aber nicht in dem blindesten Wesen eures Tempels, sondern da! Und dort sitzet Der in Menschengestalt freundlichst unter uns, von dem es in dem alten Tempel in der dritten Halle geschrieben steht: Ja-bu-sim-bil! Es liegt aber auch gar nichts daran, ob du und noch viele deinesgleichen das glauben oder nicht; denn darum ist es doch also, wie ich und viele Tausende es nun glauben und allzeit glauben werden.
GEJ|6|214|14|0|Die siebente Frage ist aber somit auch unbeantwortet geblieben, und ich werde dir nun die achte Frage stellen und sehen, ob du in dir eine Antwort auf sie finden wirst!“
GEJ|6|215|1|1|215. — Das Orakel zu Delphi. Vom Fortleben nach dem Tode
GEJ|6|215|1|0|(Der Römer:) „Höre! Was hältst du denn von dem noch bestehenden Orakel zu Delphi? – Diese Frage ist doch gewiß kurz und dir sehr nahegelegen! Rede!“
GEJ|6|215|2|0|Sagte der Pharisäer: „Ich habe davon wohl einmal etwas reden hören; aber wie soll ich dir da sagen können, was ich von einer Sache halte, die mir kaum mehr als nur dem Namen nach bekannt ist?! Daß es in Delphi eine Wahrsagerin gibt, die Pythia heißt, auf einem Dreifuße sitzt und den Menschen um Geld auf ihre Fragen ganz pfiffige Antworten erteilt, so viel weiß ich; aber wie diese Pythia das zustande bringt, wie der Tempel dieser Wahrsagerin und ihr Dreifuß beschaffen sind, und ob auf ihre Wahrsagereien etwas zu halten ist oder nicht, das weiß ich nicht und kann dir denn auch keine andere Antwort geben als die, die ich dir bereits gegeben habe.“
GEJ|6|215|3|0|Sagte der Römer: „Wahrlich, für etwas erfahrener hätte ich dich denn doch gehalten, als du im Ernste und der Wahrheit nach bist! Und mit solchem eurem Unglauben und mit solch einer Unwissenheit getrauet ihr euch, diesen Weisesten der Weisen zu prüfen und zu erproben?! Nein, das ist denn doch ein bißchen zu viel! Ich habe aber das schon in Rom gehört, wie ihr bei euren Sabbatsreden das Volk von allem, was das Heidentum betrifft, auf das eifrigste abmahnet und jeden Juden mit der ewigen Verdammnis auf das schauderhafteste bedrohet, der es wagen würde, sich je einen solchen Tempel anzusehen und sich über seine Einrichtung unterweisen zu lassen, um daraus so klug zu werden, daß er dann leicht die Licht- und Schattenseiten der anderen Völker erkenne.
GEJ|6|215|4|0|Ich frage dich aber nun zum neunten Male und sage: Wie könnet ihr denn das tun, da ihr doch gar keinen Dunst habt, worin das eigentliche Heidentum besteht? Eure Schrift verstehet ihr nicht, an euren Gott glaubet ihr nicht, und doch wollet ihr Richter sein über Menschen, denen daran liegt, ihrem Geiste einen höheren Aufschwung zu erteilen durch die auswärtig gemachten Erfahrungen! Sage es mir, wie und warum ihr solches tut!“
GEJ|6|215|5|0|Sagte ganz verlegen der Pharisäer: „Wir müssen das tun, weil es uns von dem Obersten des Tempels also strenge geboten ist. Um das eigentliche Warum haben wir uns gar nicht zu kümmern, und es geht uns solches auch nichts an; denn die uns solches gebieten, sind die Verantwortlichen. Wir sind nur ihre Maschinen, die aber dabei gut leben und die ganze Welt im geheimen auslachen können; denn je dümmer diese ist, desto besser geht es uns. Es hat auch bei uns Menschen gegeben, die mit allen möglichen Opfern und Entsagungen das Reich Gottes gesucht und am Ende doch nichts anderes als den Tod ebensogut gefunden haben, wie ihn unsereiner auch bald finden wird. Ist derjenige, der sein Leben genießt, nicht offenbar weiser als irgendein verschrobener Frömmling, der sich selbst entmannt eines zu erhoffenden, höchst unbekannten und noch mehr ungewissen Himmelreiches wegen und am Ende schon nichts mehr ißt als Heuschrecken und wilden Honig, den die wilden Drohnen und Hummeln in den Erdlöchern zusammensammeln? Sage mir da jemand, was er will, so bleibe ich für mich einmal dabei stehen: Man sorge dafür, daß man gut, gesund und möglichst sorglos lebe; alles andere ist nicht eines Nasenstübers wert! Wer nicht viel gelernt hat, der wird am Ende auch nicht viel zu vergessen haben.
GEJ|6|215|6|0|Und es wird am Schlusse unseres Lebens denn doch einerlei sein, ob wir mit vielen Wissenschaften und Kenntnissen oder als Narren von den Würmern verzehrt werden! Ob es aber einst wieder eine Auferstehung oder ein Seelenleben nach dem Tode des Leibes gibt, das ist eine Frage, die noch kein Sterblicher anders als nur durch seinen blinden Glauben beantwortet hat. Diese Antwort wird auf deine Frage etwa wohl genügen?!“
GEJ|6|215|7|0|Sagte der Römer: „Weißt du, total finsterer und seelenlebloser Mensch, auf solche deine Äußerung – vor dem Volke hier auch noch dazu! – kann unsereiner nichts mehr erwidern! Ich habe doch schon mit gar vielen über geistige Dinge gesprochen; aber noch nie, selbst unter fanatischsten Heiden, ist mir ein so stockblinder Narr vorgekommen! Ich als ein Heide könnte Hunderte von den sprechendsten Beweisen geben, die das Leben der Seele nach dem Abfalle des Leibes in das hellste und ungezweifeltste Licht stellen, – und du als ein Priester redest dümmer, wie das schlechteste Tier reden könnte, so es sprachfähig wäre!
GEJ|6|215|8|0|Sieh, als ein Freund des Lichtes und der Wahrheit will ich dir im Punkte der zehnten Frage einen von mir selbst im Beisein vieler Zeugen erlebten vollwahren Fall ganz kurz erzählen und bin darauf auf deine Antwort sehr begierig!
GEJ|6|215|9|0|Ich bin vor sieben Jahren in staatsdienlicher Hinsicht nach Hispania beordert worden. Saguntus hieß der Ort, in welchem ich zu tun hatte. Ich blieb mit meiner Dienerschaft in einer der größten Herbergen jenes Ortes, in der ich ganz gut bewirtet worden bin. Am dritten Tage, frühmorgens, kam bei meinem ganz wachen Zustande mein schon vor zwanzig Jahren verstorbener Vater, wie er je geleibt und gelebt hatte, zu mir und rief mich so laut beim Namen, daß den Ruf auch alle meine Diener vernahmen, – wie sie auch alle die Gestalt sahen.
GEJ|6|215|10|0|Ich fragte den Geist, was da sein Begehren wäre.
GEJ|6|215|11|0|Und der Geist sagte: ,Was ihr Sterblichen noch lange nicht ahnet, das sehen wir Unsterblichen schon zum voraus in großer Klarheit! Verlasset längstens in einer Stunde diese Herberge, und gehet vor drei Stunden auch in keine andere, sondern bleibet im Freien, fern von den Mauern; denn es wird in solcher Zeit ein Erdbeben kommen, durch das dieses Haus und andere schwach gebaute Häuser einstürzen werden, und es werden dabei mehrere Menschen und Tiere zugrunde gehen! Machet aber zuvor einen Lärm auf dem Platze der Stadt, auf daß sich noch mehrere retten können! Wenn alle Gefahr vorüber sein wird, dann wird ein Knabe zu euch kommen und euch in eine sichere Herberge führen!‘
GEJ|6|215|12|0|Hierauf verschwand die Gestalt und uns alle ergriff ein unheimliches Grauen. Wir eilten mit Sack und Pack hinaus ins Freie und weckten durch unser Lärmen die Hausleute, die auch ins Freie eilten und noch eine Menge anderer Menschen wachriefen, die dann auch eiligst aus ihren Häusern flohen; denn diese Menschen waren sehr leichtgläubig und glaubten an unsere Vision, flohen und retteten dadurch ihr Leben.
GEJ|6|215|13|0|Die ominöse Stunde kam und mit ihr ein heftiger Erdstoß, durch den sogleich bei zwanzig Häuser, wie auch unsere vorher bewohnte Herberge, bis auf die Grundmauern zusammengerüttelt wurden. Darauf folgten einige Schwebungen, durch die aber weiter kein besonderer Schaden angerichtet wurde. Nach drei Stunden unseres traurigen Harrens kam denn auch der Knabe zu uns und führte uns in eine etwas entlegenere, aber völlig unbeschädigte Herberge, die uns aufnahm, und worin wir eine sichere Unterkunft fanden. Für die vollste Wahrheit dieses Faktums bürgen alle meine hiesigen Gefährten, weil sie auch damals mit mir waren.
GEJ|6|215|14|0|Nun sage du mir, was du von dieser wahrsten Begebenheit hältst! Lebt die Seele nach des Leibes Tode fort, oder stirbt sie mit dem Leibe für immer?“
GEJ|6|215|15|0|Sagte der nun schon ganz verdutzte und verwirrte Pharisäer: „Wenn die Geschichte wahr ist, so könnte man denn doch annehmen, daß eine Seele fortlebt; aber was die Seele ist, und wie und wo sie fortlebt, das wissen wir dennoch nicht.“
GEJ|6|215|16|0|Sagte der Römer: „Wenn der Geist meines Vaters wußte, was geschehen wird, und wo ich mich befand, so muß sein Leben und Sein ein offenbar vollendeteres und helleres und somit auch ein besseres sein als dieses blinde Fleischprobeleben. Wenn wir Heiden aber da wissen und noch immer suchen, um stets noch etwas Helleres darüber in unsere Erfahrung zu bringen, warum tuet denn ihr das nicht, und warum verfolgt ihr Den, der euch darin das höchste und reinste Licht geben könnte? Warum suchet ihr Ihn in eurer Blindheit sogar zu töten, – wie ihr am Vormittage dieses Tages im Tempel, nur zu sehr in die Augen fallend, gezeigt habt?“
GEJ|6|215|17|0|Sagten all die Pharisäer: „Das haben nur die gemeinen Juden tun wollen und nicht wir! Wir sind aber nun nicht des Tempels wegen, sondern um unser selbst willen hierher gekommen, um zu sehen und zu prüfen, was da an der Sache ist. Sollen wir glauben oder nicht glauben? Aber bis jetzt genügt uns das Gesehene und Vernommene noch nicht völlig, und wir warten darum noch auf etwas Weiteres. Bekommen wir eine größere Überzeugung, so können auch wir dieses Meisters Jünger werden. Darum sollet ihr uns nicht drängen! Du, Freund, hast uns mit deinen Fragen nun zwar besiegt, und wir schulden dir die hundert Pfunde Goldes; aber nun steht uns das Recht zu, an dich zehn Fragen zu stellen! Wenn du sie alle wirst beantwortet haben, dann wirst du die hundert Pfunde auch sogleich erhalten. Ist dir das recht also?“
GEJ|6|215|18|0|Sagte der Römer: „Ganz vollkommen; darum fraget mich nur! Für die Antworten wird schon bestens gesorgt werden!“
GEJ|6|216|1|1|216. — Die sieben Bücher Mosis
GEJ|6|216|1|0|Hierauf fragte der ehedem redende Pharisäer den Römer, ob wieder er oder ein anderer ihm die Fragen stellen dürfe.
GEJ|6|216|2|0|Sagte der Römer: „Das ist mir ein und ganz dasselbe! Frage mich von euch, wer da wolle und zu fragen versteht!“
GEJ|6|216|3|0|Mit diesem Bescheide waren sie zufrieden, und es trat ein anderer hervor, der ein Schriftgelehrter ersten Ranges war, tat seinen Mund auf und sagte: „Höre! Eine von dir nicht zur allgemeinen Zufriedenheit beantwortete Frage verliert dir nach deiner eigenen Aussage tausend Pfunde Goldes!“
GEJ|6|216|4|0|Sagte der Römer: „Das wissen wir schon! Denke du nun nicht ans Gold, sondern an eine weise Frage! Denn an der wirst du mehr Not haben als am bedungenen Golde, das du noch lange nicht gewonnen hast. Gib nun nur die erste Frage von dir, auf daß ich ihren Geist werde kennenlernen!“
GEJ|6|216|5|0|Hier dachte der Pharisäer nach, was er dem Römer zuerst für eine Frage geben solle, die etwa der Römer nicht zu leicht beantworten würde. Da fiel ihm ein, daß der Römer nicht wissen dürfte, wie viele Bücher Moses geschrieben habe. Denn allgemein unter dem Volke war es nur bekannt, daß Moses nicht mehr als fünf Bücher geschrieben habe. Da aber Moses eigentlich sieben Bücher und noch einen rein prophetischen Anhang geschrieben hatte – was der Pharisäer wohl wußte, aber doch mit großer Sicherheit voraussetzte, daß solches außer den Eingeweihtesten des Tempels wohl niemand wissen werde –, darum fragte er den Römer, ob er wohl wisse, wie viele Bücher Moses geschrieben habe.
GEJ|6|216|6|0|Darauf lächelte der Römer – was bei den ernsten Römern eine seltene Erscheinung war – und sagte zum Pharisäer: „Wahrlich, du hättest mir keine erwünschtere Frage geben können als gerade diese; denn aus der ganz sicheren Beantwortung wird sich's sehr klar herausstellen, wie gar nichts ihr schon seit lange her auf Gott und auf Moses gehalten habt! Ihr waret, meines guten Wissens, schon seit Samuels Zeiten mehr Feinde als Freunde Gottes und des Volkes und habt darum auch ohne alle Furcht vor Gott und vor dem Volke beinahe die zwei wichtigsten Bücher und den prophetischen Anhang, in welchem euer gewissenlosestes Handeln und euer Ende haarklein beschrieben ist, von Samuels Zeit bis zu dieser Stunde dem Volke vorenthalten. Aber zur Zeit, als ihr von uns Römern erobert worden seid, mußten alle eure Bücher, vom Alpha bis zum Omega, uns Römern zur klaren Einsicht und zur Abschrift ausgeliefert werden, und so kamen wir Römer auch hinter alle eure Geheimnisse und wissen gar wohl, daß Moses sieben Bücher und noch einen prophetischen Anhang geschrieben hat.
GEJ|6|216|7|0|Im sechsten Buche gab er genaue Kunde über die natürliche Entstehung der Erde und beschrieb ihre Zustände von ihrem Anbeginn bis auf seine Zeit, und von da an prophetisch weiter bis zu ihrer völligen Auflösung. In eben diesem sechsten Buche beschrieb der große Mann auch den gestirnten Himmel, diese Sonne, den Mond dieser Erde und ihre Bewegungen, wie auch die Bewegungen all der Planeten, was sie sind, wie sie aussehen, und wie sie als Welten beschaffen sind. Er beschrieb auch die Kometen, die Sonnen- und Mondfinsternisse und zeigte, wie gute Rechner sie genau vorausberechnen können. Und schließlich zeigte er auch noch, was die Fixsterne sind, zeigte an ihre Größen und ungeheuren Entfernungen und sagte am Ende dieses wichtigen Buches, daß dieses alles dem Volke wohl beizubringen sei, damit das Volk Gottes in aller Wahrheit wandle auf Erden und in den Gestirnen und nicht in allerlei Irrwahn der Heiden verfalle.
GEJ|6|216|8|0|Aber ihr Priester dachtet bald anders. Ihr wußtet, daß das blinde Volk stets eine eigens große Furcht vor den außergewöhnlichen Erscheinungen am Himmel hat. Da dachtet ihr: „Wozu benötigt das gemeine Volk solcher Kenntnisse? Es genügt, daß wir allein sie besitzen! Wir werden die Finsternisse für uns berechnen, werden dem Volke, das davon nichts weiß, drohen und es zu größeren Opfern zwingen, und es wird opfern und glauben, daß wir die Finsternis des Mondes oder der Sonne vertrieben haben!“ Mit noch mehreren solchen Vorbehalten für euch habt ihr dem Volke ganz gewissenlos das sechste Buch Mosis entzogen und behieltet es zu eurem irdischen Vorteile.
GEJ|6|216|9|0|Das siebente Buch enthielt die wahre Schöpfung des Menschen, seine geistige Entwicklung durch den beständigen Einfluß des Geistes Gottes. Es erklärte zu jedes Menschen Verständnis das erste Buch Mosis und gab Kunde von den Büchern der Patriarchen Kenan, Henoch und Lamech und erklärte sie. Am Schlusse gab es an die Kriege Jehovas oder die treue Geschichte der Völker der Tiefen der Erde, und ganz am Ende stand wieder eine starke und sehr bedrohliche Vermahnung an die Volkslehrer, daß sie alles das allem Volke ordentlich lehren sollten, und daß da niemand zuvor ehelichen oder ein Amt überkommen dürfe, bevor er sich den ganzen Inhalt dieses Buches völlig zu eigen gemacht habe.
GEJ|6|216|10|0|Solche Vermahnung aber schluget ihr auch in den Wind und sagtet: ,Es ist dem Volke besser, in Unkenntnis alles dessen zu verbleiben; denn weihte man das Volk in alles das zu tief ein, so würde es dann bald gar keiner Priester mehr benötigen, und diese würden dann bemüßigt sein, sich auch mit ihren Händen das tägliche Brot zu verdienen.‘ Diese Voraussetzung war aber gewiß sehr dumm, da Moses doch eigens geboten hatte, daß der Stamm Levi vom Zehnten leben solle.
GEJ|6|216|11|0|Nun kommt noch als beinahe ein eigenes Buch ein Anhang zum siebenten Buche. Der ist ganz prophetisch, zeigt aber doch ganz klar an, daß die Priester und die Richter und die Könige alles Gottwidrige tun werden, und wie Er sie darum allzeit züchtigen werde.
GEJ|6|216|12|0|Darin wird auch der große Messias beschrieben, wie Er in diese Welt kommen wird, wie Er leben, was Er tun und lehren und wie Er von den Priestern gehaßt und verfolgt werden wird. Dann kommt der Juden Untergang, des Messias Kirche, ihre langen Verfolgungen durch den Gegen Messias, dann kommt das Ende desselben und darauf die Glorie der reinen Kirche Gottes auf Erden. Am vollen Schlusse dieses Anhangs steht wieder eine starke und kräftigste Verwarnung, daß dieser Anhang dem Volke auch allzeit offengehalten werden solle. – Habt ihr das je getan?
GEJ|6|216|13|0|Ja, schon zu den Zeiten der Propheten habt ihr von all diesem dem Volke keine Erwähnung gemacht, darum auch der Prophet Jesajas, Mosis Weissagung aufnehmend, im zehnten Kapitel eben das wieder gezeigt hat, um dessen Erklärung ich euch in meiner ersten Frage anging. Und so haben alle, besonders die vier großen Propheten, das dem Volke wiedergeben müssen, was Moses in seinem Anhange sagte, den ihr aber dem Volke aus den euch nur zu wohlbekannten Gründen allzeit vorenthalten habt, und ihr waret in der letzten Zeit zu träge, euch darin zu unterrichten, und müsset euch nun gefallen lassen, daß euch die Essäer sogar den irdischen Vorteil abgenommen haben; denn die kennen sich wenigstens beim sichtbaren Himmel aus, berechnen seine Erscheinungen und machen sich solche zu ihrem irdischen Vorteile. Seht, auch das ist eine gerechte Strafe von oben! Und ich bin der nur zu überzeugten Meinung, daß ich deine erste Frage ganz der vollsten Wahrheit und strengen Wissenschaft gemäß beantwortet habe.“
GEJ|6|216|14|0|Sagte ganz verlegen der Schriftgelehrte: „Ja, – leider nur zu genau und wahr! Es ist mir nun, als sollte ich dir gar keine zweite Frage mehr geben. Denn einen Mann mit einem so umfassenden Wissen ist schwer fragen. Wir würden lieber schon gleich die hundert Pfunde Goldes zahlen – als dir noch mehrere Fragen geben! Denn wir verraten uns ja selbst mit jeder Frage von neuem und kommen in eine stets größere Verlegenheit vor dem Volke, das darüber sicher nicht schweigen wird.“
GEJ|6|216|15|0|Sagte der Römer: „Das kümmert mich wenig! Die Wette muß eingehalten werden, und wenn darob auch die Erde samt uns in Trümmer ginge, und so mußt du mir die weiteren Fragen stellen! Frage, und ich werde dir antworten; denn jetzt bin ich erst stolz darauf, daß ich ein Römer bin!“
GEJ|6|216|16|0|Hier steckten die sieben Templer die Köpfe zusammen und berieten, um was sie den Römer weiter fragen sollten.
GEJ|6|217|1|1|217. — Vom Hohenlied Salomos
GEJ|6|217|1|0|Nach längerem Fragen und Raten unter sich kamen sie auf den Einfall, den Römer zu fragen, wieviel des Sandes es im Meere gäbe, und wieviel des Grases auf der Erde.
GEJ|6|217|2|0|Sagte der Römer: „Nur Narren und niemals denkende und vernünftige Menschen können so eine Frage stellen, deren numerisch genaue Antwort ihnen selbst ewig fremd und gänzlich unbekannt bleiben wird und auch bleiben muß, erstens, weil da die Zählung aus sehr wohlbegreiflichen Gründen für jeden Sterblichen völlig unmöglich ist; und zweitens, so auch das Zählen zum Beispiel des Grases auf der Erde ermöglicht wäre, so haben wir bis jetzt keine uns bekannte Zahl, die die Vielheit des Grases auf der ganzen Erde ansagen könnte; und endlich drittens, so ich euch auch durch eine nahezu endlose Anhäufung von uns bekannten höchsten Zahlen und Ziffern die Vielheit des Sandes im Meere und des Grases auf der Erde ansagen würde, so frage ich euch: Wer wird es sagen können, daß ich die unendlich große Zahl zu hoch oder zu niedrig angegeben habe? Und sagt einer das, so bin ich als ein hoher und mit vieler Staatsgewalt vom Kaiser aus versehener Römer wohl dahin ermächtigt, von dem Gegner meiner Angabe auf Leben und Tod den völlig mathematisch erwiesenen Gegenbeweis zu verlangen, den mir kein Mensch, sondern nur Gott allein zu geben imstande wäre; denn der Mensch müßte mit vielen Zeugen zuvor den Sand und das Gras zählen, was doch ganz unmöglich wäre, sowohl der elementarischen Verhältnisse als auch des menschlichen Alters wegen, und so könntet ihr mir in tausend und abermals tausend Jahren mit gar keinem gültigen Gegenbeweise entgegentreten.
GEJ|6|217|3|0|Wozu also eine solche lächerliche Frage, deren Unsinn die Sperlinge auf dem Dache einsehen müssen? Ihr könnet mich nur um derlei Dinge fragen, von denen ihr selbst eine erwiesen genaue Kunde habt und allenfalls vermuten könnet, daß mir solches unbekannt sein dürfte. Aber mit solchen Fragen, auf die ich antworten kann, was ich will, und hinsichtlich welcher ihr mir ewig nicht beweisen könnet, daß ich euch eine unrichtige Antwort gegeben habe, schlage ich euch ja allzeit am leichtesten! Ihr seid also nun mit eurer zweiten Frage noch mehr eingegangen als mit der ersten; daher gebet mir nun eine dritte, aber vernünftige Frage!“
GEJ|6|217|4|0|Hier fing das Volk an zu jubeln über die Dummheit des Schriftgelehrten und lobte den Römer wegen seines nüchternen und klaren Verstandes. Der Römer aber bat das Volk um Ruhe, da er noch nicht fertig sei. So er fertig sein werde, dann könne das Volk jubeln nach Herzenslust. Hier ward das Volk wieder ruhig, und der Römer verlangte die dritte Frage.
GEJ|6|217|5|0|Nach einer kurzen Pause fragte der Schriftgelehrte den Römer, sagend: „Da du also gar so bewandert bist in unserer Schrift, so frage ich dich, ob dir das Hohelied Salomos bekannt ist, und was es besagt.“
GEJ|6|217|6|0|Sagte der Römer: „O ja! Es ist dieses Lied wegen seiner hohen Poesie und Mystik schon lange mein Liebling gewesen. Ich verstand bis jetzt den tiefen Sinn wahrlich nicht völlig; aber da ich nun eben Den gefunden habe, auf den allein es sich ausschließlich bezieht, so versichere ich euch, daß darin auch nicht ein Vers vorkommt, der mir nicht so klar wie die Sonne am hellsten Mittage wäre. So es euch beliebt, so will ich euch vor allem Volke hier sogleich eine Probe abgeben, daß ich das Lied nun wohl verstehe.“
GEJ|6|217|7|0|Hier besann sich der Schriftgelehrte, den Römer weiter zu fragen; denn er merkte es wohl, daß der Römer alles sehr geistreich auf Mich und Meine Lehre beziehen werde, das eben die neue Kirche ist, die an Mir ihren gesuchten Freund gefunden und Mich zu Gaste der Liebe und des Lebens geladen hat.
GEJ|6|217|8|0|Darum sagte der Schriftgelehrte: „Wir sehen es schon, daß wir auch mit dieser Frage einen Fehlwurf gemacht haben und geben sie freiwillig verloren. Daher, weil wir dich schon fragen müssen, wollen wir dir eine andere und also die vierte Frage geben.
GEJ|6|217|9|0|Was ist die Seele des Menschen, und wo hat sie ihren Sitz im Leibe? – Das ist doch gewiß eine ganz ordentliche Frage, gegen die sich doch sicher nichts einwenden lassen wird!“
GEJ|6|217|10|0|Sagte der Römer: „Oh, durchaus nichts, und ich werde sie euch nach der Seelenkunde und nach meiner eigenen Erfahrung ganz genau und völlig der Wahrheit nach beantworten, obschon ich nur zu bestimmt weiß, daß keiner von euch es weiß, was die Seele ist, und wo sie im Leibe wohnt!“
GEJ|6|218|1|1|218. — Agrikola spricht über das Wesen der Seele
GEJ|6|218|1|0|(Der Römer:) „Seht, die Seele als eine geistige Substanz ist ganz vollkommen Mensch, sowohl der Gestalt als auch allen Gliedern und Bestandteilen des Leibes nach! Und wäre sie das nicht, so könnte sie auch nicht von ihrem Leibe den möglich vollkommenen Gebrauch machen. Die Hände der Seele befinden sich in den Händen des Leibes, ihre Füße in des Leibes Füßen, und so fort alle Teile der Seele in den entsprechenden Teilen des Leibes. Wird der Leib irgend krank, so ist die Seele auch in den kranken Leibesteilen gegenwärtig und ist sehr bemüht, dieselben wieder gesund zu machen. Gelingt ihr das nicht, so wird sie darin untätig, und die Folge davon ist, daß dann ein solcher Leibesteil ganz gelähmt, nahezu gefühllos und somit untätig erscheint. Das ist eine gute und wahre Lehre aller alten und auch neuen Psychologen. Aber es fragt sich hier, wie solche Weise hinter ein solches Geheimnis kamen. Diese Frage ist ganz leicht zu beantworten.
GEJ|6|218|2|0|Zuerst führt einen nüchternen Denker die Vernunft darauf; denn so die Seele völlig das eigentliche Lebensprinzip des Menschen in allen seinen Teilen ist, so muß sie auch innerhalb aller Teile des Leibes zugegen sein, da sonst gewisse Teile des Leibes offenbar kein Leben hätten und ebensogut tot wären, wie dann der ganze Leib tot ist, so ihn die Seele verlassen hat. Da aber der ganze Leib tätig ist, so muß auch als Grund der Lebenstätigkeit die Seele im ganzen Leibe ausgebreitet sein. Und so ist die Seele nur allein schon nach den untrüglichen Gründen eines reinen und gesunden Menschen unzweifelhaft ganz Mensch in geistiger Substanz und hat ihren Sitz – nota bene – im ganzen Leibe.
GEJ|6|218|3|0|Aber es könnte dazu jemand sagen: ,Ja, diese Sache läßt sich ganz gut hören; aber wo sind dafür die tastbaren Beweise, die allein als haltbare Zeugen für die volle Wahrheit der Vernunftgründe dienen können?‘
GEJ|6|218|4|0|Oh, auch solche tastbaren Beweise haben wir aus den vielfachen Erfahrungen aller Zeiten, Länder und Völker! Zunächst gelten natürlich jene, die man als ein gesunder und wahrheitsliebender Mensch selbst gemacht hat, und dann können die Erfahrungen vieler anderer Menschen die eigene Erfahrung unterstützen und ihre Wahrheit bestätigen.
GEJ|6|218|5|0|Die sonderbare Geschichte von Saguntus in Hispania wisset ihr. Der fortlebende Geist meines Vaters war ganz so Mensch, wie er es bei seinen Leibeslebenszeiten war. Das beweist, daß er als Seele auch im Leibe das sein mußte, nämlich ganz vollkommen ein Mensch mit Kopf, Leib, Händen und Füßen.
GEJ|6|218|6|0|Aber es ist das nicht die einzige Erfahrung auf diesem Gebiete. Als ich vor mehreren Jahren Ägypten bereisen mußte, da machte ich folgende höchst sonderbare Erfahrung: Ich war mit den meisten dieser meiner Gefährten in Sicilia, um von da zu Schiff nach Ägypten zu steuern. Wir bestiegen am Morgen unser großes und festes Schiff, das schon vielen Stürmen getrotzt hatte. Wir alle empfahlen uns voll Andacht und Inbrunst dem Schutze der Götter und ich geheim noch dem Schutze des Gottes der Juden, den ich aus eurer Schrift kennengelernt hatte. Als wir vom Lande stoßen wollten, da war das Schiff um keinen Preis flottzumachen. Ich ließ sogleich alles auf das sorgfältigste untersuchen, und es fand sich nirgends etwas vor, das das Schiff nur im geringsten im Flottwerden hätte beirren können. Es wurde darauf alles aufgeboten, um das Schiff, das doch auf sehr tiefem Wasser stand, vom Lande zu stoßen; aber das war alles vergebliche Mühe. Ich, mit etlichen dieser meiner Gefährten voll ärgerlicher Gedanken auf dem Verdeck stehend, schaute auf und ab und hin und her und über Bord hinab ins Meer, um vielleicht doch irgendeinen Grund dafür zu entdecken, was uns die Abfahrt verhindere.
GEJ|6|218|7|0|Da entdeckte ich auf einmal eine weiß gekleidete Mannesgestalt am Ufer des Meeres hin und her wandeln, die mit ihren Augen das Schiff fixierte und nicht aus den Augen ließ. Ich rief mehrere meiner Gefährten zu mir und machte sie auf die Gestalt aufmerksam. Diese meinten, daß dies vielleicht ein Uferzauberer sei, und man werde ihm ein Opfer geben müssen, auf daß er das Schiff loslasse. Wir gingen darum aus dem Schiffe ans Ufer zu der Gestalt hin, die festen Blickes unser wartete. Bei dem vermeinten Zauberer angelangt, fragte ich festen Mutes die Gestalt: ,Du hältst mein Schiff mit deiner Zaubermacht fest. Aus welchem Grunde denn? Verlangst du ein Opfer als Löse des Schiffes von uns? Rede; denn meine Reise nach Ägypten ist dringend!‘
GEJ|6|218|8|0|Die Gestalt sah mich fest und ernst an und sagte laut und wohl vernehmlich: ,Ich bin kein Zauberer und verlange von dir kein Opfer. Aber da du dich dem Schutze des Jehova der Juden empfahlst, so wurde ich hierher gesandt, um dich vor dem Untergange zu beschützen. Denn wenn du heute abfährst, so bist du in der dritten Stunde der Nacht samt dem Schiffe eine Beute des Meeres! Es wird zwanzig Stunden Weges von hier dem Wasser entlang ein großer Sturm wüten. Wehe dem, den seine Wut erreicht! Morgen aber kannst du fahren, und du wirst deine Fahrt glücklich vollenden.‘
GEJ|6|218|9|0|Darauf fragte ich den Geist: ,Wer bist du denn, und wie lautet dein Name?‘
GEJ|6|218|10|0|Da erwiderte der Geist: ,Ich bin dein Urgroßvater gewesen, war ein ehrsamer Patrizier und allzeit gegen jedermann gut und gerecht und bin deshalb nun auch selig, wenn auch noch nicht ganz vollendet. Du wirst auf der Erde noch Großes erleben. Wenn aber das sein wird, da gedenke meiner, der ich dir nun durch die Zulassung des einen allein wahren Gottes solches kundgetan habe!‘
GEJ|6|218|11|0|Darauf verschwand der Geist, und wir blieben am Lande.
GEJ|6|218|12|0|Nun, das war ein von uns allen gesehener Geist oder die fortlebende Seele eines schon lange verstorbenen und zerstörten Leibes, hatte vollkommene Menschengestalt und sprach wohlvernehmliche Worte zu meinem Heile und bewies eine Kraft in ihrem Willen, gegen die alle unsere physische Kraft in ein pures Nichts verschwand. Diese Erscheinung ist völlig wahr und kann von den meisten dieser meiner Gefährten bezeugt werden. – Gehen wir aber auf eine andere über, die uns in Oberägypten vorkam!“
GEJ|6|219|1|1|219. — Seele und Leib
GEJ|6|219|1|0|(Der Römer:) „Wir kamen nach Memphis und nahmen Herberge, die uns der dortige römische Oberste und Pfleger verschaffte, und das in seinem großen Palaste. Die drei ersten Tage hindurch besahen wir uns die Stadt, ihre Umgebung und die alten Tempel mit ihren Umgebungen, die uns Römer natürlich sehr interessierten.
GEJ|6|219|2|0|Am dritten Tage, noch sehr früh, gewahrte ich, daß sich in meinem großen Schlafgemache etwas rege und bewege. Auch die Diener, die bei mir Wache hielten, bemerkten das. Ich fragte sie alsbald, was das sei, und was es zu bedeuten habe. Aber die Diener kannten das nicht und beteuerten, so etwas nie je zuvor bemerkt zu haben. Es glich bald einem Schatten an der Wand und bald einem Nebel, der sich am Boden des Gemaches erhob und hin und her schwebte, als würde er von einem leichten Luftzuge bewegt. Zum Brennen konnte da wohl nicht so leicht etwas kommen, weil wohl alles Stein war, sogar die Tische, Betten und Stühle. Wir betrachteten dieses scheinbare Naturspiel eine Zeitlang mit stummer Resignation, und ein jeder wartete mit einer gewissen Ängstlichkeit, was da am Ende herauskommen werde.
GEJ|6|219|3|0|Es dauerte aber gar nicht lange, da verschwand dieses Schatten- und Nebelspiel auf einmal. Darauf ward ein starkes Geräusch verspürt und eine ganz jugendliche, aber sonst ganz betrübt aussehende weibliche Gestalt kam zum Vorschein; der sonderbaren Tracht nach glich sie einer Altägypterin.
GEJ|6|219|4|0|Ich faßte Mut und fragte sie mit meiner Gemütsstimme, wer sie sei, und was sie hier wolle.
GEJ|6|219|5|0|Im selben Augenblick richtete sich das Wesen auf und sagte: ,Ich bin eine Tochter Sesostris', und mein Name ist Isia. Du bist auch vom selben Stamme und kannst mich frei machen von dieser Burg des Elends und der Verzweiflung, in der ich schon eine lange Erdenzeit verharre. Gib mir Kunde von einem rechten und wahren Gott! Der allein wird mich frei machen von dieser langen Qual; aber deine und meine Götter sind nichts als tote Gedanken der blinden Menschen.‘
GEJ|6|219|6|0|Sagte ich: ,So kehre dich an den Gott der Juden!‘
GEJ|6|219|7|0|Als ich dies ausgesprochen, ward die Gestalt ganz weiß und verschwand.
GEJ|6|219|8|0|Das Weitere brauchen wir hier gar nicht zu berühren. Die Erscheinung war diesmal eine weibliche und hatte die vollste Ähnlichkeit mit einem Mädchen von höchstens dreiundzwanzig Jahren. Als eine Tochter Sesostris' hat sie sicher auch einmal auf dieser Erde im Fleische gewandelt, und es müßte viel sein, so sie mit ihrer einstigen Fleischgestalt nicht die vollste Ähnlichkeit gehabt hätte.
GEJ|6|219|9|0|Aber eben darin liegt ja der völlig unumstößliche Beweis, daß erstens ein jeder Leibmensch eine unsterbliche Seele hat, und daß diese zu den Leibeslebenszeiten den ganzen Leib bewohnt und nach dem Abfalle des Leibes für sich ganz dieselbe Gestalt hat, die sie ehedem im Leibe hatte. Ein mehreres habt ihr nicht gefragt, und so habe ich euch auch nichts Weiteres zu sagen.
GEJ|6|219|10|0|Aber daß eben die Seele den ganzen Leib des Menschen einnimmt, das kann ich euch noch durch ein selbsterlebtes Faktum beweisen, und so denn höret mich noch!
GEJ|6|219|11|0|Ich kannte in Rom einen Menschen, der hatte in einer Schlacht einen Fuß bis übers Kniegelenk eingebüßt und wurde geheilt. Wenn ich den Menschen fragte, ob er von dem verlorenen Fuße nie mehr, gleichsam in einer wie rückerinnerlichen Ahnung, etwas wahrnehme, und ob es ihm vorkomme, daß ihm dieses Glied mangle, so beteuerte der Mensch, daß es ihm vorkomme, als habe er gar nie einen Fuß verloren. Er sei in solchem Gefühle schon zu öfteren Malen dahin gekommen, auf den noch immer als daseiend empfundenen Fuß aufzutreten und sei darum auch schon mehrere Male recht hart gefallen.
GEJ|6|219|12|0|Aus dieser wahren Begebenheit aber läßt sich ja gleich wieder der Schluß ziehen, daß die Seele erstens den ganzen Leib durchdringt und kein Glied verliert, wenn auch der Leib ganz verstümmelt würde, und zweitens, daß die Seele in sich unsterblich ist und nach des Leibes Tode fort und fort lebt und sich weiter ausbildet.
GEJ|6|219|13|0|Ich meine, daß ich nun eure Frage ganz in aller Ordnung beantwortet habe. Wohl könnte ich euch noch eine Menge solcher Daten von alten Zeiten her und von allen uns bekannten Völkern erzählen; aber das würde meine Antwort nicht mehr zur Wahrheit erhöhen. Und somit habe ich euch auch diese Frage ganz gut beantwortet, und so könnet ihr mir nun schon eine fünfte Frage geben! Was saget ihr?“
GEJ|6|219|14|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Daß du diese vierte Frage überaus gut beantwortet hast, das müssen wir alle eingestehen. Aber wir gestehen auch das ein, daß wir dir keine Frage mehr zu geben imstande sind; denn du bist ein tiefst gelehrter und mit vielen Erfahrungen bereicherter Mann, zu dem wir alle in die Schule gehen könnten. Um was sollten oder könnten wir dich noch weiter fragen?! Wir werden dir die hundert Pfunde Goldes zahlen, und damit hat diese Geschichte ein Ende.“
GEJ|6|219|15|0|Sagte der Römer: „Ganz gut! Wir können unterdessen diese Geschichte wohl fahren lassen, da ihr nun einsehet, daß wir Römer nicht so dumm sind, wie ihr solches von uns zu glauben gewohnt waret. Ihr habt nun gesehen, daß wir alles streng prüfen und das daran gefundene Gute und Wahre behalten. Aber da ihr von dem nun wohl überzeugt seid, so frage ich euch nun und sage: Habe ich da recht, so ich euch darob der größten Torheit zeihe, daß ihr den Gottmenschen dort nicht als das erkennen wollet und möget, was Er nach meiner Beurteilung unbestreitbar ist?“
GEJ|6|219|16|0|Sagten die Pharisäer: „Lieber und wahrlich sehr weiser Freund! Wir wollen auch das tun, und wir sind für uns insgeheim sogar überzeugt, daß jener Galiläer ganz gut der verheißene Messias sein kann und auch sein wird; aber da können auch wir euch ein altes Sprichwort von euch sagen, und das lautet: ULTRA POSSE NEMO TENETUR ..[Man verlange von niemandem mehr, als er vermag!] Und so steht es mit uns. Wir können das nicht vermöge unserer Stellung, die wir leider einnehmen. Denn bekennen wir uns offen als seine Jünger, so werden wir vom Tempel auf das schonungsloseste verflucht und hinausgestoßen werden. Wohin gehen wir dann, und was machen wir dann, und wer wird uns Kost und Wohnung geben?
GEJ|6|219|17|0|Ja, wenn man so leben könnte wie die Vögel in der Luft, dann wäre das etwas ganz Leichtes, eine Lehre anzunehmen, die in sich wohl voll der reinsten Wahrheiten, aber das unserem nunmaligen Judentum Entgegengesetzteste ist! Wir können das also nur ganz geheim für unsere Persönlichkeit annehmen und glauben. Öffentlich aber müssen wir dieser Sache entgegen sein, weil wir sonst nichts zu leben und nirgendswo zu wohnen hätten. Wer das bedenkt, der wird das wohl einsehen, was zu tun oder nicht zu tun wir imstande sind.“
GEJ|6|219|18|0|Sagte der Römer: „Diese eure Entschuldigung ist so eitel und leer wie ein ausgeblasenes Ei und hat in sich nicht den geringsten Grund, der euch von der Annahme der Wahrheit abhalten könnte. Denn so ihr nun wisset und wohl erkennen müsset, wer dieser Gottmensch ist, so könnet ihr doch unmöglich fragen, was ihr essen, womit ihr euch bekleiden, und wo ihr wohnen werdet. Wenn der höchste Geist Gottes in Ihm wohnt, der Himmel und Erde erschaffen hat und alles erhält und regiert, und von Ihm allein ein jeder Atemzug und ein jeder Pulsschlag abhängt, so wird Er wohl auch denen, die an Ihn glauben und Ihn lieben, alles das geben, was sie zu ihrem Leibeslebensunterhalt benötigen.
GEJ|6|219|19|0|Da sehet diese Menge von Menschen hier! Sie essen und trinken und sind ganz gut bekleidet. Wenn sie auch schon früher mit Kleidern versehen waren, so doch nicht mit der Kost, die sie nun hier genießen. Auch ihr genießet nun den Wein, der nie zuvor in einem Schlauche war, und esset ein Brot, das nie in einem Bäckerofen war. So ihr davon gleich uns Römern überzeugt sein müsset, wie könnet ihr mir mit so leeren Entschuldigungsgründen kommen?
GEJ|6|219|20|0|Was nützt euch aber am Ende eure gegenwärtige Stellung und leibliche Versorgung? Wird sie euch wohl das ewige Leben sichern? Wer wird dereinst eure Seelen versorgen, so ihr Dem den Rücken kehret, der allein euch solches tun kann, wie Er solches euch Selbst am Vormittage im Tempel laut genug vorgetragen hat, daß der, welcher an Ihn glaubt, den Tod in Ewigkeit nicht sehen, fühlen und schmecken werde?! So ihr nun nach eurer Aussage erkennet, daß Er der große Verheißene ist, so gibt es für euch und für gar niemanden einen haltbaren Grund, nicht offen vor allen Menschen an Ihn zu glauben und nach Seiner Lehre zu leben. – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|6|219|21|0|Sagten alle Anwesenden: „Ja, du hoher Römer hast in allem recht; denn also ist es und ewig nicht anders! Wohl jedem, der nun das Glück hat, den Herrn zu sehen und Seine göttliche Lehre zu vernehmen, wie wir alle ein solches Glück genießen, dessen wir nicht im geringsten würdig sind!“
GEJ|6|220|1|1|220. — Weltentsagung und Reich Gottes
GEJ|6|220|1|0|Hierauf sagte Ich: „Und selig ist auch der, welcher sich an Mir nicht ärgert! Ihr blinden Pharisäer saget: ,So der Himmel abends rot ist, da wird morgen ein schöner Tag werden; ist aber der Morgen rot, so wird der Tag ein trüber sein!‘ Diese Zeichen könnet ihr beurteilen; wie sehet ihr denn die großen Zeichen dieser Zeit nicht, die euch von Mir gegeben werden? Ihr aber sehet wohl auch diese Zeichen und verstehet sie auch; aber eures Welttums wegen wollet ihr sie nicht annehmen und haltet auch das Volk davon ab. Und so wollet ihr selbst nicht in das Himmelreich, lasset aber auch niemand anders hinein; und darum werdet ihr dereinst auch desto mehr Verdammnis überkommen!
GEJ|6|220|2|0|So ein Blinder an einen Stein stößt, so kann ihm das niemand für einen Fehler anrechnen. Aber wenn solches ein Sehender tut, so ist das offenbar ein grober Fehler; denn er konnte es ja sehen, daß ein Stein am Wege liegt. Und so ist es um so mehr in geistigen Dingen der Fall. Wer da auf Grund seiner Seelenblindheit diese Zeichen und Worte, die Ich tue und rede, nicht fassen kann, dem wird das auch zu keiner Sünde gerechnet werden, – aber wohl dem vielfach, der da sieht und dennoch der Wahrheit feind ist!
GEJ|6|220|3|0|Bei euch Pharisäern und Schriftgelehrten ist das nun der Fall. Ihr sehet es bei euch selbst gar wohl ein, daß Ich der Verheißene bin; aber ihr sehet daneben auch ein, daß euer ganz zerstörtes Judentum neben Meiner Lehre nicht bestehen kann, weil ihr Moses und die Propheten nahezu gänzlich aufgehoben habt und dafür eure Satzungen zur Unterdrückung, und nicht zur Aufrichtung des Volkes der Witwen und Waisen aufgestellt habt. Und weil ihr das tut und euch nicht bekehret zu Mir, so bleibt eure Sünde in euch und mit ihr das Gericht und der Tod! Wahrlich, mit demselben Maße, mit dem ihr nun ausmesset, wird euch dereinst von Meinem wahren Vater vergolten werden!“
GEJ|6|220|4|0|Sagte ein Pharisäer, der zuvor noch ganz ungläubig war: „Das, Meister, ist eine sonderbare Rede von dir! Kann es denn nimmer geschehen, daß wir von nun an auch deine Jünger werden?“
GEJ|6|220|5|0|Sagte Ich: „Ihr könnet wohl Meine Jünger werden, aber nicht so leicht, wie ihr das meinet; denn wer Mein Jünger werden will, der muß mit der Welt ganz brechen und darf nicht sehen auf ihre Lockungen; denn alle Welt ist ein beständiges Gericht und ein fortwährender Tod! Wer die Welt liebt, ist nicht wohlgeschickt und tauglich, ein rechter Jünger von Mir zu werden; denn der Liebe zur Welt liegt kein Leben zugrunde, sondern nur das Gericht und der Tod. Ich aber brauche keine toten, sondern nur so ganz freie und lebendige Jünger. Könnet ihr solche werden, dann möget ihr auch bei Mir bleiben!
GEJ|6|220|6|0|Denn Ich bin nicht in diese Welt gekommen, um zu richten alle die blinden und kurzsichtigen Menschen, sondern Ich bin nur gekommen, zu suchen das Verlorene, zu heilen die Kranken, aufzurichten das Gebeugte und zu erlösen alle die Gefangenen. Wem Ich helfe, dem wird auch geholfen sein für ewig; wer aber Meine Hilfe nicht wird annehmen wollen, dem wird niemand, weder im Himmel noch auf dieser Erde, helfen können.
GEJ|6|220|7|0|Ich meine aber hier nicht diese Meine Persönlichkeit, sondern Meine Lehre; denn diese ist das Reich Gottes, das nun nahe zu euch gekommen ist und jedem, der danach lebt, das ewige Leben geben wird. Wahrlich, Ich Selbst werde niemanden richten; aber das Wort, das Ich zu euch rede, wird euch richten, gleichwie auch die Wahrheit richtet und tötet die Lüge!“
GEJ|6|220|8|0|Sagte darauf der Schriftgelehrte: „Meister, du hast nun ganz wohl und weise geredet, und es ist schon also; aber es ist darin doch ein Etwas, mit dem ich mich noch nicht so recht befreunden kann, und das besteht darin: Du sagtest, daß man die Welt nicht lieben solle, weil die Welt das Gericht und der Tod ist. Nun, das ist zwar an und für sich schon ganz wahr, – aber nun bedenke man, wie groß die Erde ist, und wie viele Menschen unfreiwillig auf ihr leben! Wer aber kommt zu ihnen und bringt ihnen einen Trost und ein Evangelium aus den Himmeln? Sie wachsen wild auf wie das Unkraut auf einer Heide und kennen nichts und wissen nichts. Sollen auch solche durch den allmächtigen Willen Gottes ganz blind auf diese Erde gesetzten Menschen an dieser Welt, die sie trägt und nährt, mit keiner Liebe hängen?
GEJ|6|220|9|0|Es ist schon unser Judentum beinahe mehr ein Heidentum als ein wahres Judentum; wie sieht es dann erst mit den andern Völkern und Menschen aus? Denn dafür kann ja doch, soweit unser Wissen, Denken und Erinnern reicht, kein Mensch etwas, daß er als völlig willenlos in diese wahrlich schlechte und elende Welt geboren worden ist! Ist er aber einmal da, so wird er dann gleich von der Geburt an bis zum Rande des Grabes in einem fort mit allem möglichen geplagt, womit ein Mensch nur geplagt werden kann. Den Beschluß macht dann ein schmerzvoller und bitterer Tod.
GEJ|6|220|10|0|Ja, wenn man das nur so ein wenig richtig bedenkt, so drängt sich einem unwillkürlich die ganz gewichtige Frage auf: Warum bin ich denn ein Mensch? Wer hat mich in dies Jammertal gesetzt, und warum?
GEJ|6|220|11|0|Wenn der Mensch also sein ganzes Elend betrachtet, so ist es ihm doch wahrlich nicht zu verargen, wenn er in der Welt herumzusuchen anfängt, auf daß er ein Plätzchen finde, auf dem er sich sein Los ein wenig erträglicher machen könnte. Nun, nach vielen Mühen und Beschwerden hat er sich endlich ein solches Plätzchen errungen, wo es ihm ein wenig besser und ruhiger für die noch übrigen Lebensaugenblicke gehen könnte, – da kommen dann gleich Propheten und andere Boten voll des Geistes Gottes und verkünden ihm den Zorn Gottes, das Gericht, den Tod und eine Menge andere wahrlich nicht erfreuliche Dinge, und mit dem mühsam errungenen Ruheplätzchen ist's aus und gar.
GEJ|6|220|12|0|Ja, wenn der Mensch von seiner Geburt an schon mit einem Gott einen Vertrag abgeschlossen hätte, unter welchen Bedingungen er auf dieser Welt zu leben hat, dann wäre freilich alles ganz anders! Aber so wird man ganz nackt und blind und beinahe ganz bewußtlos in die Welt hinausgeboren und wird gleich mit allerlei gequält. Und ist man unter allerlei Leiden und Widerwärtigkeiten endlich ein Mann geworden – sage – von einem sogar gesunden Körperbau und könnte dem Leben vielleicht hie und da doch einen vergnügten Tag abzwacken, da regnet es schon von allen Seiten her Heere von Gesetzen aller Art, und mit dem vergnügten Tage ist es aus! Denn habe ich ihn benutzt, dann habe ich mich an einer Menge Gesetze versündigt, die hernach das sehr peinigende Gewissen in die vollste Tätigkeit versetzen; habe ich aber die Gesetze vor Augen gehabt, na, da gab es dann auch keinen vergnügten Tag mehr! Ja, warum ist denn das alles also?
GEJ|6|220|13|0|Ich glaube nun schon, daß du derjenige bist, der uns nun völlig helfen kann; aber was geschieht mit den andern zahllos vielen auf dieser Erde lebenden Menschen? Wer wird denen helfen? Und warum ist uns Juden und den Griechen und Römern nicht früher geholfen worden?“
GEJ|6|221|1|1|221. — Die göttliche Führung der Menschen
GEJ|6|221|1|0|Sagte Ich: „Höre, wie die Menschheit auf dieser Erde zu behandeln ist, das weiß Der allein und sicher am allerbesten, der sie erschaffen hat! Und Der hat es nie und sogar keinen Tag mangeln lassen an allerlei Einfließungen aus den höchsten Lebenshimmeln, um den Menschen die rechten Wege zu zeigen, auf denen sie zu wandeln haben, um das ihnen von Gott gesteckte Ziel ganz leicht zu erreichen. Wenn aber die Menschen sich von den Weltsüßigkeiten und ihren falschen und vergänglichen Reizen stets von neuem haben verlocken lassen und stets von neuem von Gott abgefallen sind und das goldene Kalb und den Mammon der Welt angebetet haben, den sie in ihrer blinden Einbildung und leeren Phantasie selbst zu einem Großwerte erhoben, kann da Gott dafür, so die Menschen Seine Lehren und Ratschläge verwerfen und sich dafür selbst solche Gesetze machen, durch die sie sich stets mehr und mehr des verderblichen Mammons aneignen können?!
GEJ|6|221|2|0|Hat Gott sichtbar durch Moses euch nicht alles mögliche von Seiner unendlichen Schöpfungsfülle haarklein gezeigt, wie und warum das alles also ist bloß des Menschen dieser Erde wegen?! Hat Gott nicht gezeigt, was der Mensch dieser Erde ist, und was endlich aus ihm werden soll?! Moses hat euch haarklein gezeigt den Grund der ganzen Materieschöpfung und wohl gezeigt, warum eine jede Seele den Weg des Fleisches durchmachen muß, um sich nach der Ablegung des Fleisches als ein selbständiger und Gott völlig ähnlicher Geist eben Gott nahen zu können.
GEJ|6|221|3|0|Das alles hat Gott schon in den ältesten Zeiten vielfach dem Adam, dem Seth, dem Enos, dem Kenan, Henoch, Lamech, dem Noah und von da an fort und fort bis auf Abraham, Isaak und Jakob den Menschen gezeigt, wohnte oft sogar persönlich unter ihnen und lehrte sie gehen auf den rechten Wegen des Heils. Warum habt ihr Menschen das alles verworfen und habt eure Weltweisheit an die Stelle der göttlichen Offenbarungen gesetzt?!
GEJ|6|221|4|0|Wer war Melchisedek, der alleinige höchste Priester, der König von Salem? Wo sind seine Lehren und seine allen Menschen gegebenen weisesten und liebevollsten Gesetze?! Seht, eure Väter haben sie vernichtet!
GEJ|6|221|5|0|Moses hatte in seinem großen sechsten und siebenten Buche all das Verlorene wiedergebracht, und ihr habt es vor dem Volke wieder versteckt und ihm dafür Kot gegeben.
GEJ|6|221|6|0|Wenn alle Menschheit nun im argen ist durch die Schuld der selbstsüchtigen Priester und anderer herrschsüchtiger Menschen, kann da Gott dafür?!
GEJ|6|221|7|0|Gott gab dem Menschen den freien Willen, auf daß der Mensch frei aus sich und für sich tätig sein kann; Gott gab dem Menschen aber auch die Vernunft und den Verstand, damit er die Ratschläge und Gesetze Gottes begreifen und verstehen kann, und hat ihm auch die Kraft verliehen, danach zu handeln. Wenn aber ein Mensch sich dabei dennoch aus seinem freien Willen von der Welt beherrschen läßt und den Rat Gottes nicht achten will, ist er da nicht selbst schuld, so er als ein durch eigenes Verschulden in aller Ordnung Gottes Unkundiger von einem Elend in das andere fallen muß?!
GEJ|6|221|8|0|Weil es nun aber schon zu arg und zu lichtlos unter den Menschen geworden ist, so kam Ich Selbst nun abermals als der alte Melchisedek sogar im Fleische zu euch, wie Ich alles das schon durch alle die Propheten lange zum voraus habe ankündigen lassen.
GEJ|6|221|9|0|Ich bin nun da, um den Menschen von neuem wieder auf den Weg des wahren Lichtes und Lebens zu helfen, und lehre und wirke Zeichen, auf daß ihr glauben sollet, daß Ich es bin! – und ihr glaubet es nicht und lasset auch den andern Menschen nicht, daß sie glauben und dadurch selig und völlig glücklich würden! Wer schuldet nun daran, daß ihr samt eurem blinden Anhang im argen bleibet? Ich wahrlich nicht! Und ihr werdet es in euer eigenes Schuldbuch zu schreiben haben, wenn es euch später noch um tausend Male ärger gehen wird als jetzt!
GEJ|6|221|10|0|Der Römer hat euch den wahren Grund gezeigt, aus dem ihr nicht glauben wollet, daß Ich der verheißene Messias bin. Ich aber sage euch noch einmal: Wer an Mich glaubt, der wird das ewige Leben haben, und es werden Ströme des lebendigen Wassers aus seinen Lenden fließen; wer aber nicht glaubt, der wird das ewige Leben nicht in sich haben, sondern nur den Tod der Welt und alles Gericht! Aber Ich dränge Mich dadurch niemandem auf, sondern überlasse alles jedermanns freiestem Willen.
GEJ|6|221|11|0|Da Ich aber schon zum Heile aller Menschen in diese Welt sogar im Fleische zu euch gekommen bin, so muß Ich es euch ja doch bekanntgeben, daß Ich da bin, auf daß ihr nicht wieder sagen könnet, daß euch solches niemand angezeigt habe, und daß Gott wohl die Menschen erschaffen habe und sie von den Weibern geboren werden lasse, Sich aber dann um sie gar nicht mehr kümmere und sie allwegs verschmachten lasse.
GEJ|6|221|12|0|Ich bin nun da, um allen Menschen zu helfen und entsende zu allen Völkern der Erde Meine Engel, daß sie ihre Weisen in der rechten Art unterweisen. Wer sich daran kehren wird, der wird nicht verlorengehen, und befände er sich noch soweit von hier. Aber niemand wird dazu gezwungen werden. Ich sagte euch nun das, auf daß ihr wisset, daß Ich da bin, und warum. Ihr aber könnet nun tun, was ihr wollet.“
GEJ|6|221|13|0|Sagte der Pharisäer zu den Seinen: „Was sollen wir tun? Der Mensch redet gewaltig, und sehr viele glauben an ihn. Wir können nicht sagen: ,Er ist es!‘, – aber auch nicht sagen: ,Er ist es nicht!‘ Meine Meinung wäre, sich noch zuvor recht in der Schrift umzusehen. Stimmt alles mit ihm überein, dann können wir auch nicht umhin, vollauf an ihn zu glauben; stimmt aber nicht alles mit ihm überein, so bleiben wir, was wir sind! Was meinet ihr da?“
GEJ|6|221|14|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Da werden wir viel zu tun haben; denn die Schrift ist groß und für uns schwer verständlich. Wir werden daraus sowieso wenig für uns schöpfen können! Ich denke, daß wir uns noch länger bei ihm und besonders bei seinen Jüngern aufhalten und uns mit ihnen besprechen sollten, was sie von Anfang an alles von ihm gehört und gesehen haben. Und das wird uns offenbar einen besseren Beweis über ihn geben als alle unsere unverständlichen Bücher. Ich bin nun schon mehr für den Glauben an ihn als für das Gegenteil! – Was saget denn ihr andern dazu?“
GEJ|6|221|15|0|Sagte ein schon früher Gläubigerer: „Mit dem Glauben hätte es bei mir gar keinen Anstand mehr; aber wie vom Tempel loswerden? Das ist eine ganz andere Frage, die für uns schwerer zu beantworten sein dürfte als jede andere!“
GEJ|6|221|16|0|Hierauf sagte der Römer: „Wenn euch sonst nichts beirrt als das nur, so meine ich, daß dem am ehesten abzuhelfen wäre. Meines Wissens sendet der Tempel stets wohlerfahrene Priester in alle Welt hinaus und macht sich Glaubensgenossen. So ihr euren Vorgesetzten saget, daß ihr dazu von mir, Agrikola, aufgefordert worden seid, da wird sicher niemand etwas dawider haben, und man wird euch gehen lassen. – Was meinet ihr da?“
GEJ|6|221|17|0|Da sagte der Schriftgelehrte: „Die Sache läßt sich hören, und wir werden den Versuch machen. Geht aber der Hohepriester darauf nicht ein, was dann?“
GEJ|6|221|18|0|Sagte der Römer: „Dann verlange ich euch von ihm mit meiner kaiserlichen Vollmacht, und euer Hoherpriester wird dagegen nichts mehr einzuwenden haben!“
GEJ|6|221|19|0|Damit waren alle zufrieden, – nur der eine Pharisäer fragte noch wegen der hundert Pfunde Goldes.
GEJ|6|221|20|0|Der Römer aber sagte: „So ihr mir folget, da seid ihr frei!“
GEJ|6|221|21|0|Damit waren alle zufrieden und gingen zu den Jüngern, besprachen sich mit ihnen über verschiedenes und wurden dadurch noch gläubiger.
GEJ|6|222|1|1|222. — Reine und unreine Speisen
GEJ|6|222|1|0|Während aber die etlichen Pharisäer mit den Jüngern ihr Wesen hatten, besprach Ich Mich mit dem Lazarus und seinem Wirte über ganz gleichgültige irdische Dinge. Die anwesenden vielen Zöllner samt ihrem Anhang aber gaben auf alles acht, was Ich mit dem Lazarus und seinem Wirte redete, und fanden da vieles heraus, was sie bei ihrer Landwirtschaft und bei ihrer Viehzucht gar gut gebrauchen konnten.
GEJ|6|222|2|0|Ich machte sie auf viele Wurzelfrüchte aufmerksam, die sie aus der von Mir gegebenen Beschreibung recht gut erkennen, anpflanzen und hernach zum Genusse bereiten konnten. Also machte Ich sie auch damit bekannt, wie sie das Fleisch der Schweine, der Hirsche, der Rehe, der Gemsen, Gazellen, der wilden und zahmen Hasen und einer Menge Vögel zubereiten sollen, auf daß sie es essen können und ihnen solche Kost nicht schade. Also zeigte Ich ihnen auch, wie und zu welcher Zeit man diese Tiere am leichtesten fangen, töten und ihr Fleisch dann gebeizt und wohl geräuchert auf eine längere Zeit zum nötigen Genusse aufbewahren kann.
GEJ|6|222|3|0|Das vernahmen auch die Römer, und unser Agrikola kam von seinem Tische zu Mir hin und sagte: „Herr und Meister, ich habe auch von diesem Unterrichte alles vernommen und empfand eine große Freude darob, daß Du Dich auch in derlei Dingen unterrichtend an uns gewendet hast! Sieh, wir pflegen die Verbrecher in den Kerkern mit den Strom- und Meerkrebsen zu speisen! Diese Tiere werden, wenn man sie haben kann, in gesalzenem Wasser mit Beimischung des Thymiankrautes gesotten. So sie rot werden, dann sind sie auch schon zur Genüge gekocht. Wenn sie also zubereitet sind, werden sie den Sträflingen zum Essen gereicht. Anfangs trieb sie, wie man weiß, nur der große Hunger an, diese Speise zu genießen; doch mit der Zeit schmeckte ihnen diese Kost gar sehr, und sie wurden dabei ganz kerngesund, sahen von Tag zu Tag besser aus, und jeder freute sich am Ende auf die Krebse. Diejenigen aber, die ihre Strafzeit ausgestanden hatten, aßen auch nachher beinahe nichts als Krebse, wenn sie solche nur haben konnten. – Was sagst denn Du zu solcher Kost? Könnte sie rätlich auch von anderen Menschen genossen werden?“
GEJ|6|222|4|0|Sagte Ich: „Oh, allerdings, – aber nur in den gewissen, euch bekannten Monden, und dann müssen sie frisch sein und lebend, wie es sich von selbst versteht! Die Zubereitungsweise ist ganz gut. Die Flußkrebse aber sind besser denn die des Meeres.“
GEJ|6|222|5|0|Damit war Agrikola ganz zufrieden.
GEJ|6|222|6|0|Es fingen aber einige Jünger an, unter sich zu reden und sagten: „Seht doch unsern Herrn und Meister an! Von derlei Dingen hat Er schon lange nichts geredet! Wie mag Ihm das nun doch behagen?“
GEJ|6|222|7|0|Aber auch die Pharisäer, die sich mit den alten Jüngern über Mich besprachen, merkten auf Meine Rede, schüttelten ihre Köpfe und sagten: „Wie redet er nun also wider die Satzungen Mosis, und die Römer sagen ihm nichts dagegen, wo sie es uns doch sehr vorhielten, daß wir die Satzungen Mosis verworfen und an ihre Stelle die unsrigen gesetzt hätten! Weiß er denn nicht, was Moses verordnet hat, und daß das Fleisch von unreinen Tieren den Menschen auch schon dann verunreinigt, wenn man sie nur anrührt? Zubereitung hin, und Zubereitung her! Was unrein ist, das bleibt auch in der besten Zubereitung unrein und verunreinigt den, der es genießt! Ha, sonderbar von ihm, daß er also redet!“
GEJ|6|222|8|0|Sagte Jakobus heimlich zu Mir: „Herr, hörst Du nicht, wie Dich die Pharisäer loben? Sage ihnen etwas entgegen!“
GEJ|6|222|9|0|Sagte Ich: „Was kümmert Mich der blinden Pharisäer Rede! Sie sind blinde Leiter der Blinden! Wo aber ein Blinder den andern führt, da fallen beide in den Graben, und keiner kann dem andern helfen. Darum merket nicht auf ihre Reden!“
GEJ|6|222|10|0|Es hatten aber solches auch die Pharisäer vernommen und fingen an, sich untereinander zu fragen, ob Ich nun auch sie gemeint hätte, da sie doch gläubig geworden seien.
GEJ|6|222|11|0|Ich aber erhob Mich und sagte zu ihnen: „Ja, auch euresgleichen habe Ich gemeint! Ihr blinden Toren! Was zum Munde hinein und durch den Mund in den Leib gehet und durch den natürlichen Gang wieder aus dem Leibe geht, das verunreinigt den Menschen nicht; aber was durch den Mund aus dem Herzen kommt als böse Gedanken, schlechte und unflätige Reden, Ehrabschneidung, Meineid, Lügen aller Art, Betrug, Neid, Geiz, Unzucht, Hurerei und Ehebruch und Fraß und Völlerei, auch mit euren reinen Speisen, das verunreinigt den ganzen Menschen!
GEJ|6|222|12|0|Schlaget nach in der Schrift, und ihr werdet es finden, warum euch Moses den Genuß von bloß reinen Speisen anbefohlen hat! Das tat er wegen eurer zu großen Fleischfreßgier und wegen eurer unbändigen Sinnlichkeit und Geilheit. Ich aber sage nun, daß für den, der im Herzen rein ist, auch alles andere rein, dem Unreinen aber auch alles unrein ist.
GEJ|6|222|13|0|Was du zur nötigen Stärkung deines Leibes issest oder trinkest, das wird dich weder selig noch je unselig machen, sondern nur, was du glaubst, und was du tust! Glaubst du Falsches, so kannst du nichts Rechtes und wahrhaft Gutes tun; denn da ist die Wahrheit nicht in dir. Aber es wird darum deine Seele nicht im Gerichte verbleiben; denn da wären alle Heiden verloren, und das sei ferne! Aber so du die Wahrheit hörst und sie auch begreifst, handelst aber dennoch nach deiner Falschheit, so wird die Wahrheit dich richten, aber schwerlich zum Leben, sondern zum Tode deiner Seele! Denn wie das Licht der Tod der Nacht ist, so ist auch die Wahrheit der Tod der Lüge und Falschheit. Wenn nun der Tag deiner Seele gekommen ist, wie willst du in die Nacht des Gerichtes, des Todes zurückgehen?!“
GEJ|6|222|14|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Meister, ich weiß es schon, daß du die Wahrheit redest; aber du hast uns doch vorgeworfen, daß wir Mosis Gesetze aufgehoben und andere an ihre Stelle gesetzt haben! Und siehe, wir stellen dir das nicht in Abrede, weil es wahrlich auch also ist; aber so du nun allen Juden erlaubst, auch das Fleisch der von Moses bezeichneten unreinen Tiere unter den gewissen Zubereitungen zu essen, da hebst ja auch du in diesem Punkte die Satzung Mosis auf, wie du sie auch in dem selbst nicht gar zu strenge je beachtet hast, daß du auch an den Sabbaten die Kranken heiltest! Denn es steht geschrieben: ,Sechs Tage sollst du arbeiten, den siebenten sollst du feiern und ihn Gott dem Herrn weihen!‘ Mit welchem Rechte tust denn somit du selbst solches?“
GEJ|6|222|15|0|Sagte Ich: „So Ich Der bin, als welcher Ich in diese Welt gekommen bin, dann tue Ich das nun mit ganz demselben Rechte, als mit welchem Rechte der Vater, der in Mir ist, dereinst dem Moses in der Wüste für euch Juden die Gesetze gab. Ich aber hebe, wie du meinst, durchaus kein Gesetz des Moses auf, sondern Ich Selbst erfülle das Gesetz selbst in allen seinen Punkten. Aber Ich zeige euch nur euren Unverstand in der Beurteilung der Gesetze des Propheten. Ihr reitet auf dem Buchstaben, der da tötet, und kennet den Geist nicht, der lebendig macht. Ich aber offenbare euch nun den alles lebendig machenden Geist; wie sagst du da, daß Ich das Gesetz Mosis aufhebe?
GEJ|6|222|16|0|Ihr Buchstabenreiter säuget wohl mit eben euren Buchstaben die Mücken und verschlucket dafür Kamele; denn so ihr schon gar so unerschütterlich an der Buchstäblichkeit der Satzungen Mosis haltet, wie möget ihr dann um viel Geld und andere Opfer den reichen Juden Dispensen (Straferlaß) erteilen?!
GEJ|6|222|17|0|Ihr selbst esset gesäuertes Brot sogar an den Sabbaten, esset wildes Geflügel und erteilet selbst euren Aposteln die Erlaubnis, alles zu essen, was in irgendeinem Lande die Menschen essen. Ihr tut aber solches eures irdischen Vorteiles wegen und brechet eben dadurch das Gesetz; Ich aber rate das den Menschen nun aus purer Liebe und Erbarmung und verlange für solch einen Dispens keine Opfer und hebe darum das Gesetz Mosis nicht auf! Denn so der Mensch, wenn es ihn hungert, seinen Leib sättigt mit was immer für genießbarer Speise, so sündigt er nicht wider irgendein Gesetz Mosis. Aber so ein Jude aus purer Maulleckerei und wegen eitlen Gaumenkitzels zum Ärgernis seiner Mitmenschen das Fleisch von unreinen oder erstickten Tieren ißt und zur Genüge Fleisch von als rein bezeichneten Tieren hat, der sündigt, dieweil er seine schwachen Mitmenschen geärgert hat.
GEJ|6|222|18|0|Ich sage hiermit ja auch nichts anderes als: Der Mensch kann im Notfalle auch das Fleisch von all den von Mir bezeichneten Tieren essen und braucht sich deshalb kein Gewissen zu machen; aber er soll sich dieselben zuvor also zurichten, wie Ich es ehedem angezeigt habe, und sie werden ihm dann nicht schaden! Aber das Blut, besonders von erstickten Tieren, soll kein Mensch essen, weil darin viele böse Geister (Gifte) verborgen sind! Ihr wißt solches wohl, und dennoch esset ihr geheim das Fleisch erstickter Hühner, Kälber und Lämmer, weil es euch besser schmeckt und ihr darauf berauscht und geil und am Ende ganz gefühllos werdet.
GEJ|6|222|19|0|Denket zuerst über euch selbst nach, was ihr tuet, dann erst könnet ihr Mir sagen, ob Ich Mosis Gesetz aufhebe! Wie magst du aber zu deinem Nachbarn sagen: ,Komm, daß ich dir den Splitter aus deinem Auge ziehe!‘, und in deinem Auge steckt ein ordentlicher Balken?! Tor! Ziehe zuerst den Balken aus deinem Auge, dann erst sieh, wie du mit dem Splitter im Auge deines Nachbarn fertig wirst! Ein jeder kehre zuerst vor seiner Tür, dann erst gehe er zu seinem Nachbar hin und sage: ,Vor meiner Haustür ist es nun rein; so du willst, will ich auch deine Hausflur fegen, auf daß sich die Vorübergehenden nicht ärgern über unsern Schmutz.‘“
GEJ|6|223|1|1|223. — Wahre und falsche Sabbatfeier
GEJ|6|223|1|0|(Der Herr:) „Wie es aber mit dem Essen des Fleisches unreiner Tiere steht, also steht es auch auf ein Haar mit dem Sabbat. Fürs erste ist ein jeder Tag ein Tag des Herrn, und der rechte Mensch soll an jedem Tage Gutes tun, nicht nur am Sabbat! Und fürs zweite steht es nur geschrieben, daß man diesen Tag heiligen und am selben nicht unnötigerweise schwere, knechtliche Arbeiten verrichten soll; aber daß man am Sabbat auch keine guten Werke ausüben soll, von dem steht im ganzen Moses auch nicht eine Silbe!
GEJ|6|223|2|0|So aber der Prophet sagt: ,Ohne Not und rechtmäßige Erlaubnis sollst du am Sabbat keine schwere, knechtliche Arbeit verrichten!‘, wie saget ihr denn, daß Ich den Sabbat schände, so Ich an solchem Tage einen Kranken ohne Entgelt gesund mache? Reichet ihr doch selbst am Sabbat dem Ochsen das Futter und führet den Esel samt dem Rinde und samt den Schafen und Ziegen zur Tränke! Und lasset ihr den Ochsen oder Esel in der Zisterne ertrinken, so er an einem Sabbat hineinfiele? So ihr aber schon solches euren Haustieren tut, warum soll man dann einem Menschen an einem Sabbat nicht helfen? Ist denn ein Mensch nicht mehr wert als ein Tier?!
GEJ|6|223|3|0|O ihr blinden Toren! Wie weit habt ihr euch von der Wahrheit entfernt! Ja, von euch ist es wahr, wie es geschrieben steht: ,Siehe, dies Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!‘
GEJ|6|223|4|0|Sage Mir: So da ein Mensch zu euch kommt und sagt: ,Ich habe viele Arbeit mit meiner Ernte, und die Zeit ist günstig! Wenn ich den Sabbat benützen kann, so will ich opfern den dreifachen Zehent, einen gemästeten Ochsen und drei fette Kälber!‘, da gehet ihr hin und schreibet ihm einen Freibrief, damit er mit demselben die Arbeiter auch für den Sabbat dingen kann. Ist das nicht eine größere Sabbatschändung, als so man einem Kranken an einem Sabbat hilft?!
GEJ|6|223|5|0|An einem Sabbat soll man vor Sonnenuntergang kein Brot brechen und auch nicht essen; aber wenn ihr in euren Kammern den ganzen Tag hindurch – so er auch ein Sabbat ist – schwelget und prasset und das um Geld auch den andern erlaubet – nur dem Armen nicht, weil er dafür nicht zahlen kann –, Frage: Ist das keine gotteslästerliche Sabbatschändung?!
GEJ|6|223|6|0|Weiter frage Ich: Warum habt ihr denn das 6. und 7. Buch Mosis als eine Einschiebung erklärt und verworfen, und also auch den prophetischen Anhang? Und doch wäre das alles ein leuchtender Leitfaden für jedermann gewesen, der ihm in höchst klarem Lichte gezeigt hätte, was er in allen möglichen Fällen zu tun habe. Dafür aber seid ihr mit einer Kabbala, die aus dem altägyptischen Horus abstammt, versehen worden. Diese, wie den alten Horus, verstehet ihr nicht, und den Moses und die Propheten, denen ihr steinerne Denkmäler errichtet habt, und die eure Väter gesteinigt haben, wollet ihr nicht verstehen, sondern ihr lehret das Volk, daß es mit euch diese Schriften nur hoch zu verehren und anzubeten brauche und tue genug. Ist das nicht mehr Sabbatschändung, als so Ich einen Kranken an einem Sabbat gesund mache?!
GEJ|6|223|7|0|Ich aber bin, der Ich bin, auch ein Herr des Sabbats! Und so sage Ich: Ich habe keine Freude an dem von euch verarbeiteten Sabbat, und Ich tue auch am Sabbat, was Ich will, so wie Ich auch am Sabbat – spricht der Herr – die Sonne auf- und untergehen lasse und fließen die Ströme, gehen Winde und großen Stürme, und lasse gehen den Mond und die Sterne in ihren vorgezeichneten Bahnen und wachsen das Gras und reifen den süßen Saft in der Traube! So aber das alles in Meiner allerabsolutesten Macht steht, soll Ich euch dann etwa fragen, was Ich an einem Sabbate tun soll?! – Rede nun und gib eine gültige und vernunftvolle Antwort!“
GEJ|6|224|1|1|224. — Die Gegenrede des Pharisäers
GEJ|6|224|1|0|Nach dieser Meiner Gegenrede wußte der Schriftgelehrte nicht, was er Mir darauf für eine Antwort hätte geben sollen; denn auf der einen Seite fühlte er sich zu sehr getroffen, und auf der andern Seite jubelte das Volk ganz laut über diese Meine gewaltige Gegenrechtsrede. Und so waren nun diese sieben Templer wie am Boden angenagelt, und nicht einer vermochte irgendein vernünftiges Wort Mir entgegen zu sagen. Dazu waren sie heimlich auch sehr erbost auf Mich geworden, weil Ich ihnen ohne alle Schonung die volle Wahrheit ins Gesicht gesagt hatte.
GEJ|6|224|2|0|Aber nach einer Weile raffte sich der Pharisäer wieder zusammen und sagte: „Aber Herr und Meister, was Du uns da nun sagtest, das haben wir längst gewußt! Daß wir nicht anders handeln konnten, das wird Dir auch einleuchtend sein! Du könntest uns das alles und noch mehreres sagen, und wir würden uns nichts daraus machen, – aber nur auf eine andere Weise! Aber Du bringst diese Sache gerade so heraus, als ob wir selbst die letzten Bücher Mosis verworfen, und als ob wir die Propheten gesteinigt hätten! Wärest Du Selbst auch dem Leibe nach persönlich unter uns gewesen, so wäre es mit dieser Sache nie so weit gekommen; nun bist Du auf einmal gekommen, und da ist aber schon alles über alle Himmel hoch gefehlt, – und wir können doch das alles nicht von heute bis morgen ändern! Was zählen denn wir sieben gegen fünftausend unseresgleichen?!
GEJ|6|224|3|0|Wir für uns werden im Tempel in der Folge nicht viel zu tun haben; aber schuld sind wir denn doch auch nicht allein, daß die Sachen eben also arg und schlecht stehen. Sage, was sollen wir denn in Hinsicht des Tempels nun anderes tun, als ihm auf eine gute Art den Rücken zukehren? Denn fangen wir morgen an, für Deine wahre und gute Sache zu reden, so werden wir morgen gesteinigt, und Deine Sache hätte dadurch nichts gewonnen; so wir aber nach der Meinung des Römers unter irgendeinem Vorwande Jerusalem und seinen falschen Lehren für immer den Rücken kehren, so meine ich, daß wir unter Annahme Deiner Lehre doch alles tun, was wir in unserer gegenwärtigen Lage als schwache sterbliche Menschen nur immer zu tun imstande sind, und mehr kannst Du selbst als ein Gott nicht von uns verlangen! Gib uns Deine Willensallmacht, und wir werden mit dem Tempel bald in der Ordnung sein! Aber daß Du nun uns, die wir an Dich glauben wollen, für unbeschreibbar schlecht, falsch und arg erklärst, das finde wenigstens ich nicht sehr löblich!“
GEJ|6|224|4|0|Sagte Ich: „Meine Lieben, für die Blinden ist schwer schreiben und für die Tauben hart predigen! So Ich eure Sache, die auch noch sehr an eurer Person klebt, euch zu eurer Besserung vor die Augen stelle, meine Ich denn dann eure Personen?! Was Ich aber darstelle, das ist der Geist eurer Tempelsache, und der geht nicht nur euch, sondern alle Juden an.
GEJ|6|224|5|0|Die Wahrheit ist des Geistes Sonne, und die muß rein und ohne alle Höflichkeitswolken allen Menschen scheinen! Die beleuchtete Wolke aber ist keine Sonne, und eine törichte Höflichkeit ist so gut wie eine geglättete Lüge, die niemand zum wahren Heile seiner Seele bringen kann. Darum soll jeder die Wahrheit offen reden, wenn er nützen will; denn mit einer halben Wahrheit ist niemandem gedient! Bei Mir gibt es keinen Rückhalt und keine Schonung, sondern nur Liebe und Licht! Und wäre Ich nicht also wahrhaftig, wie Ich bin, wo wäre dann der Himmel und diese Erde, und wo und was wäret ihr Menschen?! Ich bin aber nicht gekommen, um den Menschen zu schmeicheln, sondern sie die Wahrheit zu lehren und ihnen durch die Wahrheit zu geben das ewige Leben. Und dazu läßt sich keine Rückhaltigkeit und Schonung gebrauchen. – Bedenket zuvor das, dann sagt es erst, ob Ich hart gegen euch war!“
GEJ|6|224|6|0|Sagte der Pharisäer: „Ja, Du hast da wohl ganz recht, und die Menschen sind Deiner Liebe nicht wert und können Dir von nun an nicht genug danken darum, daß Du im Fleische zu ihnen gekommen bist, um ihnen das rechte Licht zu geben und ihnen den wahren Weg zum ewigen Leben zu zeigen. Aber eins ist da dennoch von uns Menschen Dir gegenüber zu bemerken, und das besteht darin: Du bist also, wie diesmal, noch nie bei den Menschen gewesen und hast sie gelehrt, Dich, Deinen Willen und ihre Bestimmung zu erkennen. Immer waren es vielerfahrene und begeisterte Menschen – Propheten genannt –, die da angaben, von Deinem Geiste ergriffen zu sein; und nicht sie haben geredet, sondern nur Dein Geist durch ihren Mund. Sie taten zur Bekräftigung ihrer Aussagen auch Zeichen gar oft der außerordentlichsten Art, wie man solches in den Büchern liest; aber sie waren dennoch Menschen und mußten sterben, obwohl sie gar oft vom ewigen Leben sprachen und schrieben. Selbst Moses war davon nicht ausgenommen. Nur dem einzigen von Elias sagt die Schrift, daß er in einem feurigen Wagen in den Himmel aufgefahren ist und nur seinen Mantel seinem Jünger Elisäus (Elisa) zurückließ. Diese Geschichte aber geht dennoch ein wenig ins Unglaubliche über und kann nicht zu einer Norm dienen, weil man so etwas weder früher noch später von einem noch so großen Weisen erlebt hat.
GEJ|6|224|7|0|Weil aber alle diese Propheten gestorben sind und nach ihrem Tode kein Mensch mehr von ihnen etwas erfahren konnte, so fingen die Menschen nach und nach an, stets mehr und mehr daran zu zweifeln, daß es nach des Leibes Tode noch ein Fortleben der Seele gibt, und sie schafften sich endlich selbst eine bequemere Lebensnorm, als jene war, welche die Propheten eingeführt und angeordnet hatten.
GEJ|6|224|8|0|Wenn dann auch wieder ein Prophet im Volke aufstand und angab, daß Gott durch ihn rede, so ward man nur ärgerlich über solch einen und sagte zu ihm: ,Erweise dich zuvor als ein Unsterblicher gleich dem Elias!‘ oder ,Berufe die schon lange verstorbenen Väter und Propheten, daß wir sie sehen und sie uns ein lebendiges Zeugnis geben – erstens, daß es wahrhaft ein Leben nach dem Tode gibt und wie, und zweitens, daß du ein wahrer Prophet bist! Kannst du uns diesen Beweis nicht geben, so glauben wir dir sowenig, als wir jetzt und fürder den alten Propheten geglaubt haben und je glauben werden; denn sie sind gestorben, so wie auch du sterben wirst, und niemand hat nach ihrem Tode je mehr etwas von ihnen erfahren. Wir haben wohl ihre Schriften aufbewahrt, aber sie verschlang der nie zu sättigende Erdboden. Was nützen uns aber ihre Schriften voll Lehren vom ewigen Leben, wenn sie als Lehrer nach ihrem Tode uns nicht den sichersten Beweis liefern können, daß ihre Lehren Wahrheit sind?!‘
GEJ|6|224|9|0|Siehe, Herr und Meister, so haben mit der Zeit die Menschen zu denken und auch zu handeln angefangen und haben die Propheten auch getötet, so diese gewöhnlich nicht nachließen, ihnen allerlei Strafen Gottes zu verkünden! Warum ist denn das nicht zugelassen, daß ein verstorbener Prophet zuzeiten wieder auf diese Erde kommt und mit seinem Erscheinen von dem Zeugnis gibt, was er im Fleische auf der Welt gelehrt hat? Und warum wird der Unglaube der Menschen stets ihnen zur Schuld gerechnet?
GEJ|6|224|10|0|Wenn nur ein Mal jemand käme – freilich wohl auf eine Weise, daß man ihn als den wohl erkennen müßte, der er auf der Erde im Fleische war, so würde das den Glauben festen, und die Menschen würden dann auch sicher nach seiner Lehre leben. Aber das ist unseres guten Wissens noch nie geschehen, und so ist es auch ganz natürlich, daß die Menschen stutzig und ungläubig werden. Daß nun und schon seit lange her der Tempel nahe ganz antimosaisch geworden ist, davon liegt der Grund hauptsächlich in dem von mir Gesagten wie auch darin, daß die von uns getrennten Sadduzäer ganz offen an keine Unsterblichkeit der Seele mehr glauben. Und wer kann ihnen aus einem vernünftigen Grunde, strenggenommen, unrecht geben? Und so sind die Templer eigentlich denn doch nicht ganz allein schuld an der Argheit, die nun im Tempel waltet, sondern die alte Beweislosigkeit für ein Leben nach des Leibes Tode. Fehlen dafür haltbare und sichere Beweise, so fällt auch der Glaube an einen Gott von selbst weg; und glaubt man auch noch an ein Dasein Gottes, so hat man doch keine rechte Achtung und Liebe zu Ihm und betrachtet Seine den Menschen gegebenen Gebote als eine Erfindung der Menschen, die zu einer gewissen Zeit und für ein damals gewesenes Lebensverhältnis der Menschen recht gut sein mochte, aber für die Gegenwart kaum mehr anwendbar ist. Ich sage das nicht darum, um etwa uns hier und den Tempel beschönigen zu wollen; aber eine Unwahrheit ist es eben auch nicht, daß es also war und nun auch noch also ist.
GEJ|6|224|11|0|Du, Herr und Meister, ausgerüstet mit aller Fülle des Geistes Gottes, bist uns nun freilich wohl der kräftigste Beweis und Bürge für ein ewiges Leben der Seele nach dem Tode; aber außer uns gibt es noch zahllos viele Menschen, die dieses kräftigsten Beweises immer entbehren werden. Kann es ihnen etwa zu einer Schuld gerechnet werden, wenn sie an kein ewiges Leben nach des Leibes Tode glauben und etwa die Sonne oder das Feuer als eine Gottheit anbeten? Wäre es da denn nicht möglich, daß wenigstens die verstorbenen Eltern zu ihren Kindern kämen und ihnen sagten, was sie nach dem Abfalle des Leibes zu erwarten haben, was die Seele ist, und wie sie aussieht?
GEJ|6|224|12|0|Aber so etwas geschieht nicht, und so ist denn alles über das Jenseits Gesagte eine Art Fabel, an die nur ein schwachsinniger Mensch glauben kann, die aber ein tiefer Denkender nie völlig als eine Wahrheit annehmen kann! Und wir Priester tun sogar etwas Gutes, wenn wir das Volk in der möglichst größten Blindheit erhalten und ihm allerlei nach dem Jenseits duftende Spektakel mit großem Pomp und Ernste vormachen. Denn würden wir unsere tiefere Verstandesbildung dem Volke geben, so wäre es mit dem Judentume bald zu Ende, und die Menschen würden sich bald in einem unbeschreibbar gräßlichen Zustande befinden.
GEJ|6|224|13|0|Wir Priester allein halten das Volk im Zaume und eifern es an, die Erde fleißig zu bearbeiten und uns den Zehent gewissenhaft zu geben, – und es ist damit zufrieden. Aber freilich hat diese Zufriedenheit dann bald ein Ende, wenn ungebetene Propheten alle Augenblicke im Volke erscheinen und es gegen uns aufwiegeln. Ich meine hier nicht Dich, Herr und Meister, da Du kein Prophet, sondern der Herr Selbst bist; nur solche Propheten meine ich, wie ich sie ehedem angezeigt habe.
GEJ|6|224|14|0|Habe ich nun recht geredet und die Sache unseres Glaubens, wie er ist, der Wahrheit nach beleuchtet oder nicht? Ich werde für eine jede bessere und wahrere Belehrung jedermann gewiß sehr dankbar mich erweisen; denn es ist durchaus kein Scherz, stets an den Tod und an die sichere und ewige Vernichtung zu denken, gegen die man in aller Welt keinen Gegenbeweis finden kann. Denn alles stirbt und vergeht und kommt nicht wieder. Sogar der Stein verwittert und löst sich in den flüchtigen Staub auf, aus dem kein harter Stein mehr wird, wie auch kein Mensch je mehr aus dem Grabe auferstehen wird an irgendeinem jüngsten Tage, obwohl wir solches das Volk lehren müssen! – Ich habe geredet.“
GEJ|6|225|1|1|225. — Geistereinflüsse und der Verkehr mit dem Jenseits. Selbständigkeit und Willensfreiheit des Menschen
GEJ|6|225|1|0|Sagte Ich: „Geredet hast du nun wohl und hättest mit solcher deiner Rede in einer Schule der Sadduzäer, Stoiker und Epikureer viel Aufsehen gemacht; aber hier hast du gerade also geurteilt wie ein Blinder vom Lichte und von den Farben und wie ein Tauber von der Harmonie einer wohlgestimmten Harfe.
GEJ|6|225|2|0|Das Leben der Seele kann dir weder ein Mensch und noch weniger ein schon abgeschiedener Geist zeigen und beweisen. Das mußt du in dir selbst finden; und das ist nicht anders denkbar möglich als nur durch die wahre Liebe zu Gott und durch die Liebe zum Nächsten.
GEJ|6|225|3|0|Du meintest, daß eine Rückkunft einer schon abgeschiedenen Seele den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele und den Glauben an Gott am meisten stärken würde, und Ich sage dir, daß du da in einer ganz grundirrigen Meinung steckst! Fürs erste hat eine abgeschiedene Seele jenseits für sich und für ihre dortigen Nächsten zur Übergenüge zu tun und hat gewisserart eben nicht zu viel Muße, zu öfteren Malen wieder in einem aus der Luft der Erde sich angeschaffenen Leibe den Fleischmenschen zu erscheinen und sie zu lehren, wie es drüben steht und aussieht, und fürs zweite kann ein jeder vollkommene Geist ohnehin auf die Menschen ohne Beschränkung ihres freien Willens bestmöglich einwirken, und ein solch unsichtbares Einwirken ist dem Menschen um vieles heilsamer denn eine Sichtbarkeit und Hörbarkeit eines abgeschiedenen Geistes. Denn so dir ein guter und schon sehr erleuchteter Geist gute und edle Gedanken und Gefühle in dein Herz legt, so sind sie schon so gut, als hättest du selbst sie in dir erfunden; sie einen sich mit deinem Leben und bestimmen dich zur Tätigkeit.
GEJ|6|225|4|0|So aber ein Geist, wie zum Beispiel der des Moses, dir erschiene und zu dir sagte: ,Dieses und jenes mußt du tun, so du zum Leben eingehen willst; tust du das nicht, so verfällst du dem Gerichte des allmächtigen Gottes, und es wird schwerlich ein vollglückliches Erstehen vom Tode des Gerichtes geben!‘, da wirst du nach solch einer Mahnung erbeben und wirst dich dein Leben lang nichts anderes zu tun getrauen, als was dir der Geist Mosis zu tun befohlen hat.
GEJ|6|225|5|0|Welches Verdienst aber wirst du dann dabei haben? Siehe, gar keines; denn da hat nicht dein eigenes besseres Erkennen deinen freien Willen zur besseren Tätigkeit bestimmt, sondern die Macht des zu dir gekommenen Geistes, und das hat für deine Seele beinahe gar keinen Wert! Es ist nahezu dasselbe, wie wenn ihr Menschen einen Ochsen oder einen Esel oder auch ein anderes Tier zu irgendeiner Arbeit abrichtet. Ohne Stock, Spieß oder Geißel wird nicht leichtlich jemand mit einem Tier etwas ausrichten; habt ihr aber ein Tier zu einer groben Feldarbeit abgerichtet, so ist das sicher nur euer Verdienst und nicht ein Verdienst des Tieres.
GEJ|6|225|6|0|Wenn Ich vermöge Meiner Allmacht wollte, daß kein Mensch je eine Sünde begehen solle, so würde auch kein Mensch je mehr sündigen; denn er würde sich nicht um eine Linie über Meinen Willen hinauswagen und -bewegen können, gleichwie da auch niemand seinen Leib anders gestalten kann, als wie er von dem Willen Gottes gestaltet ist, und auch sein Leibesleben nicht nach seinem Belieben verlängern kann, weil das alles von dem allmächtigen Willen Gottes abhängt. So nun Gott es nicht zuließe, daß ein Mensch je eine Sünde begehen könnte, wer hätte dann da ganz allein für sich das Verdienst ob des ganz sündenfreien Lebens eines Menschen, den allein Gottes Allmacht also leitete, wie sie das Wachstum der Bäume und aller andern Früchte leitet und die Welten leitet und führt durch den endlosen führt? Doch sicher niemand anders als Gott allein, weil der Mensch da nichts als eine Spielpuppe in den Händen Gottes wäre! Es wäre das für Gott auch um vieles bequemer, wie es für Ihn auch bequemer ist, die verschiedensten Tiere mit ihren mannigfaltigsten und seltsamsten Eigenschaften zu erschaffen und sie dann zu leiten und jegliches in seiner Art tätig sein zu lassen.
GEJ|6|225|7|0|Aber die Menschen dieser Erde sind bestimmt, freie und völlig selbständige Kinder Gottes zu werden, und so müssen sie auch also geleitet werden, daß dabei ihr notwendig freiester Wille ja nicht die geringste Nötigung von einer mächtigeren Seite eines Geistes erfahre, sondern allein durch Offenbarung und Lehre und durch äußere Gesetze dahin geleitet werde, aus sich selbst das Wahre und Gute, das sie gelehrt wird, mit ihrem freien Willen zu ergreifen und aus eigener Selbstbestimmung danach tätig zu werden.
GEJ|6|225|8|0|Sieh, die Achtung des freien Willens der Menschen dieser Erde geht von Gott aus sogar so weit, daß Er nicht einmal stets darauf sieht, was ein oder auch mehrere Menschen denken, wollen und tun. Nur wenn sie zu weit von Gott abgewichen sind, dann erst sieht Gott sie an und erweckt wieder Seher, Lehrer und Propheten, damit sie den Menschen wieder den Willen Gottes und Seine Absichten mit ihnen von neuem verkünden sollen. Kehren sich die Menschen daran, so geht es dann schon wieder ganz gut; kehren sie sich aber nicht daran, und verspotten und verfolgen sie die für sie von Gott erweckten Seher, Lehrer und Propheten, so muß Gott dann notwendig ein äußeres Strafgericht über die Menschen und oft über ein ganzes Volk kommen lassen. Aber selbst ein solches Gericht geht niemals unmittelbar von dem allmächtigen Willen Gottes aus, sondern ein solches Gericht kommt stets von der blinden und böswilligen Verkehrtheit der Menschen.
GEJ|6|225|9|0|Die mächtigen Hanochiten sind mehr denn hundert Jahre hindurch gewarnt worden, daß sie nicht des Goldes und der Edelsteine wegen und auch wegen leichterer Führung ihrer Kriege ganze Berge zerstören und bis auf den Grund völlig abgraben sollten, da sie dadurch die unterirdischen großen Wasserschleusen öffnen und sie alle ersäuft werden würden. Aber es nützte alles nichts; sie taten, was sie wollten, stachen noch tiefer in die Berge und öffneten die Wasserschleusen. Siehe, das hat also Gott nicht unmittelbar durch Seine Allmacht, sondern nur durch Seine Zulassung geschehen lassen, was notwendig daraus folgen mußte, daß die Menschen Seinen rechtzeitigen Ermahnungen kein Gehör mehr leihen wollten!
GEJ|6|225|10|0|Gott hätte die Menschen ja durch Seine Allmacht bannen können, daß sie nimmer die Berge weiter hätten zerstören können! Ja, das wäre Gott ein ganz leichtes gewesen; aber die Menschen hätten dann aufgehört, Menschen zu sein, und wären hernach auch im Geisterreiche nicht mehr auf den freimenschlichen Fuß zu stellen gewesen. Gott aber ließ eher zu, daß ein ganzes Menschengeschlecht durch seinen eigensinnigen Willen dem Fleische nach zugrunde ging, als daß es an seiner Seele nur im geringsten etwas darin einbüßen solle, was da betrifft deren freien Willen und volle Selbständigkeit.
GEJ|6|225|11|0|Ebenso ist ein Volksstamm noch von dem König zu Salem mehrere Male gewarnt worden, die Landschaft von Sodom und Gomorra zu bewohnen, weil sie unter sich viele Schwefellager und teilweise Erdpech enthielt. Es wurde dem Volke auch klar und verständlich gezeigt, wie sich solchen Lagern in einem fort unreine Naturgeister entwinden und die Fleischmenschen zur Unzucht reizen; denn wie im Weine die Geister der Unzucht daheim sind und das Fleisch dazu antreiben, so ein Mensch im Übermaß davon genossen hat, ebenso sind sie auch im Schwefel und im Erdpech. Es ward dem Volke auch gesagt, daß sich in einer solchen Landschaft häufig Erdbeben, Bergbrände und viele böse Gewitter einstellen und oft vielen und großen Schaden anrichten, worauf leicht Hungersnot und Pest entstehen; aber es half all solcher guter Rat sogar aus dem Munde Jehovas nichts. Weil die Landschaft sonst sehr üppig und fruchtbar war, so siedelten sich dennoch die Menschen an, und bevor zweihundert Jahre vergingen, waren allda schon nächst Sodom und Gomorra noch zehn Städte erbaut. Die Menschen wurden ganz sinnlich und trieben allerlei unbeschreibbare Unzucht und die allergräßlichste Hurerei sogar mit den Tieren.
GEJ|6|225|12|0|Sie wurden abermals zu Nahors und wieder zu Tharahs Zeiten gewarnt, und es ward ihnen geraten, die böse Landschaft zu verlassen; doch niemand kehrte sich daran. Tharahs Söhne waren Abraham, Nahor – der also hieß wie sein Großvater – und Haran, der den Lot gezeugt hat. Haran zog selbst hin und predigte auf Gottes Geheiß, richtete aber auch nichts aus. Lot, sein Sohn, tat dasselbe mehrere Jahre hindurch, hielt sich wechselweise bald in der einen und bald in der andern Stadt auf und wurde dabei nahe selbst ein Opfer des Geistes der Unzucht.
GEJ|6|225|13|0|Da kamen sichtbare Engel, die zuvor Abraham besuchten, und Jehova war mitten unter ihnen und gab dem Abraham treulich kund, wie es Sodom und den anderen Städten ergehen werde. Und es wurden die beiden Engel in Gestalt von zwei kräftigen Jünglingen dahin abgesandt, um noch den Lot zu retten. Das Volk hörte die Jünglinge gar nicht an, sondern wollte noch mit ihnen die unnatürlichste Unzucht treiben. Da entkam Lot auf die Warnung der beiden Jünglinge. Nur sein Weib ward ein Opfer ihrer säumigen Neugier; es ward zur Salzsäule dem Leibe nach, nach der Voraussage der Jünglinge. Denn diese sagten: ,Wir müssen nun schnell fliehen und uns nicht einmal die Zeit zum Umsehen nehmen; denn das unterirdische Feuer greift schnell um sich, und seine überall ausbrechenden Dämpfe ersticken schnell alles Naturleben und verwandeln alles schnell in ein steiniges Salz!‘ Lots Weib aber blieb dennoch einige Augenblicke stehen und ward von den Dämpfen ereilt und dadurch ein Opfer.
GEJ|6|225|14|0|Siehe, da hatte abermals nicht Gottes allmächtiger Wille so ganz eigentlich den vollen Untergang der bösen Landschaft verursacht; denn es wäre diesem unreifen Flecke das auch durch seine Natur widerfahren, was ihm nachher unter Abraham widerfahren ist. Aber daß dabei so viele Menschen zugrunde gegangen sind, daran war niemand schuld als der Ungehorsam ihres freien Willens.
GEJ|6|225|15|0|Gott hätte diese Menschen freilich wohl mit Seinem allmächtigen Willen herausziehen und in ein anderes, gesundes Land versetzen können; aber das wäre offenbar wider ihren Willen geschehen. Da aber dieser von Gott am allermeisten geachtet wird und auch geachtet werden muß, so ließ Er es lieber zu, daß diese Menschen dem Leibe nach alle zugrunde gingen, als daß nur ein Atom an der Freiheit des Willens ihrer Seelen verwüstet wurde. Denn selbst für Gott ist das das größte Meisterwerk Seiner Liebe, Weisheit und Macht, Menschen zu erschaffen, die Ihm in allem vollkommen ähnlich werden.
GEJ|6|225|16|0|Um aber das zu bewirken, muß der Mensch nahezu ohne Kraft in der diesweltlich größten Verlassenheit geboren werden und seinen Unterricht nach und nach von der äußersten Welt nehmen. Wenn er sich so einige Kenntnisse und Fertigkeiten gesammelt hat, dann erst wirken die ihn umgebenden guten und auch schlechten Geister ganz unvermerkt auf ihn ein, – die guten auf sein Gemüt und die schlechten auf seine physische Natur, auf daß die Seele stets in der vollkommensten Freischwebe erhalten werde.
GEJ|6|225|17|0|Hat ein Mensch den guten äußeren Lehren und Ermahnungen freiwillig gegen manche Anfechtungen seiner Sinne Gehör gegeben und sein Leben danach eingerichtet, so wird der stille Einfluß der guten Geister auch stets mächtiger, den aber kein Mensch anders fühlt und fühlen darf, als daß er sein freies Werk ist. Wird aber der Einfluß des Guten aus den Himmeln durch des Menschen eigenen Willen einmal so gekräftigt, daß die Seele ganz in denselben übergegangen ist, so wird der wahre, göttliche Geist der Liebe in ihr wach, durchdringt die Seele ganz, und dann erst ist die Seele in die erste Stufe ihrer Vollendung getreten, ist dann schon unverwüstbar frei und kann, so sie auch noch im Fleische ist, Gesichte und Offenbarungen von Geistern und selbst von den höchsten Engeln empfangen.
GEJ|6|225|18|0|Und da geschieht es eben häufig, daß solche Menschen Gesichte haben, mit Seelen im Jenseits sprechen und sich von ihnen wie persönlich belehren lassen und davon auch anderen, noch ganz naturmäßigen Menschen treue und wahre Kunde geben können. Wer ihnen glaubt, tut sicher ganz wohl daran, – nur muß er nicht auch gleich verlangen, dasselbe selbst zu erfahren; denn das kann nicht eher geschehen, als bis er die vorbeschriebene geistige Seelenreife erlangt hat.
GEJ|6|225|19|0|Es soll sich aber ein jeder Mensch zuerst gläubig nach den empfangenen guten Lehren richten und dann acht haben auf sein Gemüt, aber auch auf die in seinem Fleische oft schlummernden bösen Leidenschaften, die sich in Trägheit, Arbeitsscheu, Wollust, Eigenliebe, Starrsinn, Hochmut, Neid, Geiz und Herrschsucht nur zu klar kundgeben. Diesen letzteren soll er durch die Macht der Liebe zu Gott und durch die Liebe zum Nächsten, durch Geduld, Demut und Sanftmut begegnen, so wird er gar nicht lange dahin haben, wo sich die guten Geister ihm fühlbarer und ersichtlicher offenbaren werden.
GEJ|6|225|20|0|Übrigens gibt es aber schon gar keinen Menschen, bei dem es nicht einmal zugelassen worden wäre, gewisse Winke und sogar Gesichte aus dem Jenseits zu bekommen. Wenn aber der Mensch nachher das alles in den Wind schlägt und es für nichts als einen Sinnentrug betrachtet, so kann man ihm da nicht helfen. Ich meine, daß Ich deinen Anstand und Einwurf nun der ewigen Wahrheit nach vollkommen beleuchtet habe, und ein jeder muß daraus ersehen, wie sich die Sache mit dem Menschen auf dieser Erde verhält. – Hast du vielleicht dagegen noch etwas einzuwenden?“
GEJ|6|226|1|1|226. — Gottes Wesen und ewige Schaffensfreude. Die Verwandlung aller Materie in Geistiges. Das jenseitige Leben des Menschen
GEJ|6|226|1|0|Sagte der Pharisäer: „Herr und Meister, dagegen läßt sich nichts mehr einwenden; denn all des Gesagten Wahrheit liegt zu klar am Tage! Aber wenn aus den Seelen der Menschen dieser Erde am Ende lauter Götter werden, wo werden sie wohl Raum haben, sich in ihrer göttlichen Freiheit, Selbständigkeit und Macht zu bewegen, zu walten und zu herrschen? Denn auch ein Geist muß irgendeinen Raum und auch eine Zeit einnehmen, wenn er auch vermöge seiner göttlichen Eigenschaften über dem Raum und über aller Zeit steht.“
GEJ|6|226|2|0|Sagte Ich: „O du kleinlichstes und völlig zusammengeschrumpftes Gemüt! Sahst du noch nie einen gestirnten Himmel? Weißt du noch nicht, was diese dir sichtbaren Sterne in ihrer Unzahl sind?! Sieh, wenn aus jedem Atom dieser ganzen Erde zwölftausend Seelen würden – was eine so ungeheure Anzahl abgeben würde, daß sie in dieser Zeit auch der beste Rechner nimmerdar zu fassen imstande wäre –, so käme noch kaum eine Seele auf eine Sonnenwelt im großen Schöpfungsraume, geschweige auf die noch viel zahlloseren Erdwelten, die sich nicht selten zu vielen Tausenden um eine einzige Sonnenwelt bewegen.
GEJ|6|226|3|0|Nun aber denke dir erst die endlos größere Räumlichkeit der Himmel Gottes und die ebenso endlose Anzahl ihrer Vereine, die den Welten im materiellen Raume also entsprechen, daß zum Beispiel hunderttausendmal Hunderttausende schon von dieser beinahe kleinsten Erde bis auf diese Zeit als schon bestehend angenommen werden können! Wieviel Menschenklassen aus dieser Erde noch gebildet werden, das weiß nur Gott allein, weil Er die unendlichen Zahlen wie eine Einheit klar vor Sich hat. Wenn aber aus dieser Erde Menschen so zahllos viele Vereine im großen Jenseits gebildet werden können, wie viele dann erst von allen den zahllos vielen Welten, von denen gar überaus viele schon materiell so groß sind, daß diese Erde gegen sie kaum als ein Sandkorn zu betrachten ist?
GEJ|6|226|4|0|Wenn du das Gesagte erwägst, so wird es dir doch etwa dahin ein wenig klarer werden, ob eine noch so endlos große Anzahl von wahren Kindern Gottes einst für die gesamten ewigen und endlosesten Himmel zu groß anwachsen wird! Meinst denn du, daß für den ewig großen Gott eine durch deinen Menschenverstand beschränkte Anzahl für ewig hin genügen würde?! Zähle die Geschöpfe nur dieser Erde, gedenke der überall ins Unendliche gehenden Fruchtbarkeit und Fortpflanzungsfähigkeit der Pflanzen und Tiere, und du wirst schon daraus entnehmen, daß bei Gott alles ins Unendliche geht, und niemand kann sagen, daß das etwas Unnützes sei!
GEJ|6|226|5|0|Denn so Gott nicht solches in die Pflanzen und Tiere gelegt hätte, so würdet ihr in kurzer Zeit kein Brot mehr haben und kein Fleisch und keine Milch, keinen Wein und kein Obst; weil aber ein Weizenkorn, in die Erde gelegt, hundertfache Frucht bringt, so habt ihr stets Brot zur Genüge und ebenso alles andere. Wenn also Gott gleichfort in allem Unendliches wirkt nach Seiner allerhöchsten Weisheit und endlosesten Macht, kann da jemand sagen, daß das ewige und endlose Erschaffen aus Gott etwas Unnützes sei? Eure eigenen tagtäglichen Leibesbedürfnisse lehren euch schon das blankste Gegenteil, weil ihr ohne Nahrung nicht bestehen könntet! – Verstehst du nun, warum Gott fortwährend so endlos vieles erschafft?“
GEJ|6|226|6|0|Sagte nun ganz erstaunt der Pharisäer: „Ja, Herr und Meister, das sehe ich nun wohl ein und bewundere tiefst Deine Weisheit, – nur muß ich da doch noch offen meine Meinung dahin aussprechen, daß es mir zu grauen anfängt vor der endlosesten Größe und Macht des Schöpfers, und ich frage Dich bloß noch, ob Gott ewig fort erschaffen wird; denn nach Deiner Rede hat das Erschaffen schon schier kein Ende. Ich bitte Dich darum, mir darüber ein Licht zu geben, da es mir sonst ganz schwindlig wird.“
GEJ|6|226|7|0|Sagte Ich: „Das hättest du wohl schon aus dieser Meiner Erklärung entnehmen können. Wenn Gott ewig ist, so wird Er auch sicher von Ewigkeit her erschaffen haben! Denn was sonst sollte Er eine Ewigkeit vor der Zeit der von dir vermeinten Erschaffung dieser Welt, der Sonne, des Mondes und aller Sterne gemacht haben, da Er doch ewig gleich vollkommen war?!
GEJ|6|226|8|0|Gott ist dem Geiste nach ewig und unendlich. Alles entsteht und besteht aus Ihm, alles ist in Ihm, alles ist die ewig endlose Fülle Seiner Gedanken und Ideen vom Kleinsten bis zum Größten. Er denkt sie im klarsten Lichte Seines Selbstbewußtseins und will, daß sie zur Realität werden, und sie sind dann schon das, was sie uranfänglich sein müssen. Dazu legt Er dann den Keimfunken Seiner Liebe in die gewisserart aus Seiner Persönlichkeit hinausgestellten Gedanken und Ideen, belebt sie, daß sie dann wie selbständige Wesen bestehen, und leitet sie dann durch Sein beständiges und stets erhöhtes Einfließen zur möglichst höchsten Stufe der unzerstörbaren Selbständigkeit.
GEJ|6|226|9|0|Diese Wesen –, weil die göttliche Liebe in ihnen sie leitet und erhält – sind dann selbst für sich voll schöpferischer Kraft, reproduzieren sich selbst und können sich ins Unendliche vermehren, und jedes aus ihnen Hervorgehende ist – wie die Kinder den Eltern – dem Hervorbringenden nicht nur ähnlich, sondern gleich versehen mit denselben Eigenschaften, die dazu dienen, daß Zeuger und Erzeugtes durch die sehr leicht mögliche Vermehrung der göttlichen Liebe in sich endlich aus der Materie ganz ins rein Geistige und völlig Gottähnliche und doch individuell Selbständige übergehen können, und das für ewig.
GEJ|6|226|10|0|So kehren die einmal hinausgestellten Gedanken und Ideen Gottes wieder völlig zu Gott und in Gott zurück, doch nicht mehr als pur das, als was sie hinausgestellt worden sind, sondern als völlig lebendige, ihrer selbst klarst bewußte, selbständige und selbsttätige Wesen, die dann ganz wie von Gott unabhängig für sich bestehen, wirken und schaffen können, – darum Ich denn auch zu Meinen Jüngern gesagt habe: ,Werdet also vollkommen, wie da vollkommen ist euer Vater im Himmel!‘
GEJ|6|226|11|0|Und Ich tue nun Großes vor euren Augen und Ohren; aber ihr selbst werdet noch Größeres tun in Meinem Namen, der da ist die Liebe Gottes in euren Herzen, ohne die niemand etwas Wirksames zum ewigen Leben wirken kann, weil die Liebe Gottes das eigentlich unzerstörbare Leben sowohl in Gott Selbst, wie in jedem aus Gott hervorgegangenen Wesen ist.
GEJ|6|226|12|0|Aber alles einmal irdisch Geschaffene nimmt als solches dann einmal ein Ende, so es durch die Vollwerdung der göttlichen Liebe in sich nach und nach ganz ins rein Geistige übergegangen ist; und so wird auch diese Erde nicht ewig bestehen, sondern nach und nach ins Geistige übergehen. Aber nach der Rechnung dieser irdischen Zeit wird es für euren jetzigen Verstand noch sehr lange bis dahin währen, bis das Feuer der göttlichen Liebe alle Materie in ihr ursprünglich Geistiges aufgelöst haben wird.
GEJ|6|226|13|0|Die Auflösung einer Welt aber wird geschehen also, wie da geschieht die Auflösung jedes anderen irdischen Wesens, wobei der äußere Tod nach und nach stets mehr und mehr eintritt und ersichtlich wird. Wenn du einen Baum ansiehst, so wirst du sehen, wie er nach und nach siecht. Er wird alt, morsch, nur einige Äste zeigen noch Leben, andere sind faul und morsch geworden und fallen nach und nach vom Stamme. Mit der Zeit wird auch der Stamm teilweise morsch und tot, und es geht das so lange fort, bis endlich der ganze Baum faul, morsch und für sich tot ist. Aber selbst als ein für sich schon vollkommen toter Baum hat er dennoch Lebensgeister in sich; darum werdet ihr, wenn er vom Sturme umgeworfen im Walde liegt, eine Menge Moospflanzen und auch andere Kräutlein aus ihm herauswachsen sehen, auch werden sein Inneres allerlei Würmer durchbohren, und eine ebenso große Menge Insekten nagen und zehren so lange an des gestorbenen Baumes Fleisch und Mark, als noch etwas an ihm ist, bis dann etwa nach Hunderten von Jahren vom ganzen Baum keine Spur mehr anzutreffen ist.
GEJ|6|226|14|0|Also, wenn auch in einem größeren Maße, wird es auch gehen mit einer sterbenden und endlich ganz gestorbenen Welt. Aber wo ein Baum stirbt, da wächst bald ein anderer an seiner Stelle. Also vergeht auch eine Welt, – aber eine und sogar mehrere andere treten an ihre Stelle und nehmen die übriggelassenen Lebensgeister der ganz gestorbenen und völlig zunichte gewordenen alten Welt zur weiteren Pflege und Ausbildung auf. Und siehe, so hat das eigentliche Erschaffen ewig kein Ende, weil Gott auch ewig nie aufhören kann, in Seiner ewig unbegrenzten Liebe und Weisheit zu denken und zu wollen und zu lieben!
GEJ|6|226|15|0|Ich meine, daß das nun schon für jedermann in hohem Grade verständlich sein sollte! Wem es aber dennoch zu wenig verständlich sein sollte, dem sage Ich noch zu alldem hinzu: Denke dich selbst in ewig jugendlicher Kraft auf einer Welt unsterblich fortlebend! Wirst du einmal zu denken und zu wollen aufhören? Wirst du einmal ganz untätig werden, oder wirst du nichts mehr genießen wollen? Sicher nicht, sondern du wirst stets tätiger werden, wirst auf das eifrigste bemüht sein und wirst alles aufbieten, um dir stets mehr und größere Annehmlichkeiten des Lebens zu bereiten; denn das hat die Liebe und das wahre Leben der Liebe in sich, daß es nimmer ruhen kann, sondern es muß tätig sein, weil das Leben selbst nichts anderes als nur eine Tätigkeit um die andere ist.
GEJ|6|226|16|0|Darum meine ja niemand von euch, daß er sich einst jenseits in einer ewig untätigen, süßen Ruhe befinden werde; denn das wäre gerade des Geistes oder der Seele wahrster Tod. Je geistiger ein Mensch in seinem Innern wird, desto tätiger wird er auch, und das durch und durch. Wenn aber solches schon gar wohl ersichtlich und klar erkenntlich in dieser Welt der Fall ist, um wieviel mehr wird das erst drüben der Fall sein, wo kein schwerer Leib die Seele in ihrer Tätigkeit hemmen wird! – Nun rede, ob du das wohl verstanden hast!“
GEJ|6|227|1|1|227. — Nicht das Wissen, sondern die Liebestat macht selig. Von Fleiß und Sparsamkeit. Gerechter Reichtum
GEJ|6|227|1|0|Sagte der ganz über die Maßen erstaunte Pharisäer: „Herr und Meister, nun erst erkenne ich, daß Du voll des Geistes Gottes sein mußt; denn über solche Dinge kann nur Gott allein dem Menschen ein wahres und vollrechtes Licht geben! Wo bleibt da der Verstand auch des weisesten Menschen dieser Erde, den er sich durch einige Erfahrung und Betrachtung der Außenformen der Dinge angeeignet hat?! Was ist der kleine, beschränkte Mensch gegen Gott?! Also kann der Mensch aus sich Gott auch nie ergründen und also auch nicht Sein ewiges Walten und Wirken und Schaffen!
GEJ|6|227|2|0|Ich wünschte nun nur, daß der ganze Tempel von diesem Lichte erfüllt wäre! Aber so ist solches bei der allgemeinen Verstocktheit des Tempels gar nicht denkbar! Wir sieben haben doch manchmal über derlei Dinge – freilich mehr kontra als pro – nachgedacht, und wie schwer ging es bei uns, in dieses Licht einzugehen! Wie würde es da dann unseren Kollegen und Mitpriestern ergehen, die über derlei Dinge vielleicht nicht einmal nachgedacht haben – weder pro noch kontra –, sondern nur darauf bedacht waren, wie sie stets mehr ihren Bauch füllen könnten! O Herr und Meister, Du wirst am besten wissen, was Du mit dem Tempel und allen seinen blindesten Priestern machen wirst! Mir steigt nun ein wahres Grauen auf, wenn ich dieses Licht mit der allerkardinalsten Finsternis des Tempels vergleiche. Wie groß und alles zu sein dünkt sich so einer unseresgleichen im Tempel, und wie unendlich klein würde er sich dünken, so er in dieses Licht käme!
GEJ|6|227|3|0|O David, wie sehr wahr hast du gesprochen, als du sagtest: ,Oh, wie gar nichts sind alle Menschen gegen Dich, o Herr! Verlasset euch nicht auf Menschenhilfe; sie können euch alle nicht helfen!‘ Ja, wieviel uns alle die Gesetze und eigennützigen Lehren des Tempels genützt haben, das sehen wir erst jetzt so recht ein und werden das in der Folge sicher noch besser einsehen! Herr und Meister, verlasse nur Du uns nimmerdar mit Deinem Geiste!“
GEJ|6|227|4|0|Sagte Ich: „Wer in Meiner Lehre verbleibt, der verbleibt auch in Mir, und Ich verbleibe in ihm; wer aber Meine Lehre verläßt in der Tat nach ihr, der verläßt auch Mich, und das Leben ist nicht in ihm. Ich bin der wahre Tag des Lebens. Wer an diesem Tage fortwandelt, der wird nicht anstoßen, und wer an diesem Tage arbeitet, der wird den wahren Lohn des Lebens ernten.
GEJ|6|227|5|0|Nun wisset ihr vorderhand das Wichtigste; alles Weitere zu erfahren, werdet ihr noch hinreichend Gelegenheit haben. Doch das Wissen allein macht nicht selig, sondern das Handeln!
GEJ|6|227|6|0|Es gibt aber ein zweifaches Handeln: ein Handeln für die Welt aus Eigennutz – und ein rechtes Handeln in der Welt aus wahrer Liebe zu Gott und aus Liebe zum Nächsten. Aus dem ersten Handeln gewinnt der Mensch das Gericht und leicht den ewigen Tod, aus dem zweiten Handeln aber die Liebe und Gnade Gottes und das ewige Leben der Seele.
GEJ|6|227|7|0|Ich sage damit nicht, daß da jemand nicht mit allem Fleiße die Erde bebauen soll, und daß er nicht sparsam sein soll; denn Ich Selbst empfehle jedermann allen Fleiß und eine gerechte Sparsamkeit. Aber das alles tue man darum, um einen gerechten Vorrat zu haben, um zu jeder Zeit der Armut beistehen zu können. Denn was jemand den Armen tut in Meinem Namen, das werde Ich also annehmen, als hätte er es Mir getan, und Ich werde ihn segnen hier und dort; wer aber nur für sich und pur für seine Kinder arbeitet und sorgt und sich auch nicht scheut, ungerechtes Gut an sich zu ziehen, der wird keinen Segen von Mir zu erwarten haben, und jenseits wird er vor Meinem Richterstuhle nicht bestehen, sondern er wird hinausgestoßen werden in die Kerker der äußersten Finsternis. Da wird viel Heulen und Zähneknirschen sein, und solch eine Seele wird schwerlich je zur vollen Anschauung Gottes gelangen.
GEJ|6|227|8|0|Wer aber von seiner eigennützigen Sparsamkeit in den vollen Geiz übergeht, der ist schon hier ein Teufel in Menschengestalt, der dem Geiste Gottes, der pur Liebe ist, allzeit widerstrebt und darum von der Seligkeit für immer ausgeschlossen bleiben wird. Denn so gewiß es einen Himmel gibt, so gewiß gibt es auch eine Hölle, deren Wurm nimmer stirbt, und deren Feuer nimmer erlischt. Wer da hineinkommt aus seinem höchsteigenen Willen, der wird nimmerdar herauskommen auch aus seinem höchsteigenen Willen, – und das ist der wahre, ewige Tod der Seele. Dieses merket euch auch hinzu, und hütet euch, daß ihr nicht in die Selbstsucht, Eigenliebe, in den Neid, Geiz und in den Hochmut der Welt verfallet! Denn alle anderen Sünden wird ein Mensch eher los als die soeben angeführten.
GEJ|6|227|9|0|Sehet aber an unsern Lazarus, der nun irdisch wohl einer der reichsten Menschen von ganz Judäa ist; aber er ist jedoch nicht reich für sich, sondern für viele tausend Arme, die bei ihm Arbeit und ein gerecht gutes Unterkommen allzeit finden; darum ist er auch gesegnet, und so er stürbe dem Leibe nach, da will Ich ihn dennoch auferwecken, auf daß er noch lange lebe für die Armen. Und hinfort soll er keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken, sondern es wird ihm freistehen, seinen Leib zu verlassen und einzugehen in Mein ihm stets offen stehendes Reich. In der Wohnung, wo Ich ewig wohnen werde, da wird auch er wohnen ewiglich!
GEJ|6|227|10|0|Ihr seht daraus, daß Ich nicht nur ein Freund der Armen, sondern auch ein Freund der Reichen bin, wenn sie ihren Reichtum nach der wahren und rechten Absicht Gottes benutzen und gebrauchen. Wer reich ist, der tue also, und er wird leben!“
GEJ|6|227|11|0|Sagte hier, ganz zerknirscht vor Liebe, zu Mir Lazarus: „Aber Herr, Du allzu Gütiger, was tue Ich wohl gar so Gutes, daß Ich als ein armer Sünder von Dir so gnädig angesehen werde?“
GEJ|6|227|12|0|Sagte Ich: „Das weiß schon Ich, wie und was du tust; darum wundere dich nicht, so Ich dir darum Mein rechtes Lob vor vielen Menschen erteile!
GEJ|6|227|13|0|Zu einem andern Reichen, der Mir auch nachfolgen wollte, aber dabei doch seine Reichtümer sehr liebte, sagte Ich: ,Verkaufe zuvor alle deine Güter, teile den Erlös unter die Armen, dann erst komme und folge Mir nach!‘ – Da aber der Mensch seine Reichtümer sehr liebte, so ward er alsbald traurig und ging von dannen.
GEJ|6|227|14|0|Dir aber sage Ich: Kaufe noch mehr Güter; denn was du dein nennst, das gehört schon so gut wie den vielen Armen, die das meiste von deinen Gütern verzehren!
GEJ|6|227|15|0|Einem Reichen, der seine Reichtümer ihret- und seinetwegen zu sehr liebt, aber sage Ich, daß da ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr kommt, denn ein solcher Reicher dereinst in den Himmel!
GEJ|6|227|16|0|Aber es gibt auch der Armen so manche, die da zu dem gutherzigen Reichen kommen und ihn um ein Almosen bitten; und haben sie eins bekommen, so vergeuden sie es und sind obendrauf oft noch höchst undankbar gegen ihren Wohltäter. Allein daraus mache sich kein Wohltäter etwas; denn je weniger Dank ihr auf dieser Welt einernten werdet, desto größer wird euer Lohn jenseits sein; denn dadurch zeigen solche Reichen erst, daß sie Gott ähnlich sind, der auch Seine Sonne über Gute und Böse aufgehen und scheinen läßt.
GEJ|6|227|17|0|Ja, Ich sage euch noch mehr: Tut euren Feinden Gutes, betet für die, welche euch fluchen, und segnet, die euch hassen und verfolgen, so werdet ihr dadurch am ehesten glühende Kohlen über ihren Häuptern sammeln und ihr arges Gemüt am ehesten zum Besseren und Edleren wenden! Leihet euer überflüssiges Geld denen, die es euch nicht wieder mit Zinsen zurückzahlen können, und ladet solche zu Gaste, die euch nicht wieder zu einem Gegengastmahle laden können, so werdet ihr euch dadurch große Schätze für eure Seele in dem Himmel sammeln!
GEJ|6|227|18|0|So aber zu dir Reichem einer kommt, dem du schon einige Male Gutes getan hast, der aber deine Güte mißbrauchte, so ermahne ihn mit guter Rede; aber die Liebe enthalte ihm nicht vor! Bessert er sich, so hast du an ihm ein doppelt gutes Werk getan; bessert er sich nicht, so werde ihm darum nicht gram, – denn neben der physischen Armut gibt es auch eine geistige, die stets größer und bedauerlicher ist als die physische.
GEJ|6|228|1|1|228. — Nächstenliebe. Gotteserkenntnis und Gottesliebe
GEJ|6|228|1|0|(Der Herr): „Es steht zwar geschrieben, daß man dem, der einem Arges getan hat, siebenmal völlig vergeben soll; aber Ich sage es euch: siebenundsiebzigmal sieben Male sollt ihr eurem Beleidiger vergeben, bevor ihr ihn vor dem Richter verklaget! Bessert er sich auch dann nicht, so stoßet ihn aus der Gemeinde! Wer aber nicht zählt, wie oft ihn jemand beleidigt hat, dem wird auch im Himmel nicht gerechnet werden, wie oft er Gott gegenüber gesündigt hat.
GEJ|6|228|2|0|So euch jemand um einen Gefallen bittet, so erweiset ihm mit Freuden noch mehr, als um was er euch gebeten hat! So zum Beispiel jemand zu dir käme im Winter und bäte dich um einen Rock, da du noch mehrere Röcke hast, dem gib auch noch einen Mantel dazu; und so dich jemand ersucht, eine Stunde Weges, dessen er unkundig ist, mit ihm zu gehen, mit dem gehe zwei Stunden, damit du ihm mehr Liebe erweisest, als er von dir verlangt hat! Was du jemandem mehr getan hast, das wird dir zehn-, dreißig- und auch hundertfach vergolten werden im Himmel.
GEJ|6|228|3|0|Aus je mehr wahrer Nächstenliebe jemand seinem bedürftigen Nebenmenschen etwas tut, desto mehrfach wird ihm das Getane einst vergolten werden. Das merket euch alle wohl, und tut danach, so werdet ihr als wahrhaftige Kinder Gottes das ewige Leben haben und ewig ernten seine unermeßlichen Schätze! Ich sage es euch: Eine Sonne dem, der aus wahrer Nächstenliebe mit seinem Nächsten und armen Bruder auch nur sein Scherflein geteilt hat!“
GEJ|6|228|4|0|Hier sagte der Pharisäer, der nun schon sehr gläubig war: „Herr, was soll einer mit der Sonne machen?“
GEJ|6|228|5|0|Sagte Ich: „Ist die Sonne nicht die Leuchte des Tages, und erwärmt sie nicht den ganzen Erdkreis und macht durch ihr Licht und durch ihre Wärme, daß alles wächst und gedeiht auf der Erde? Wenn Ich aber sage: ,Eine Sonne dem, der Meine Lehre in allem befolgt!‘, so meine Ich damit keine materielle Sonne, sondern eine volle geistige Sonne in seinem Herzen, was soviel sagen will als die volle Gottähnlichkeit seiner Seele. – Verstehest du das wohl?
GEJ|6|228|6|0|Übrigens aber sage Ich dir das hinzu, daß dereinst solche Gott völlig ähnliche Seelengeister auch die natürlichen Sonnen zur Leitung bekommen werden, was da unendlich viel sagen will; denn dadurch bekommen sie auch die oberste Leitung über alle Erden, die um eine Sonne bahnen. Und noch anderen, vollendeteren Kindern Gottes werden die Zentralsonnen zur vollen Leitung übergeben werden, von denen die Leiter der kleineren Planetarsonnen ihre Weisungen bei besonderen Gelegenheiten überkommen werden. Aber um das sein zu können, muß man zuvor eine volle und ganze geistige Sonne in seinem Innern bergen.
GEJ|6|228|7|0|Denn was du auch immer ansehen magst, das wird alles von den Geistern geleitet, da sie von Gott aus dazu die Befähigung erhalten. Und darin besteht eben jedes Geistes Seligkeit, daß er also, mit aller Kraft und Macht von Gott aus versehen, Gott dienend, tätig sein kann.
GEJ|6|228|8|0|Ihr alle seid auf dieser Erde nur über ein Kleines gestellt; aber wer in diesem Kleinen treu ist, der wird dereinst über Großes gestellt werden. Aber das sage Ich euch auch, daß da niemand Gott und dem Mammon zugleich dienen kann; mit einem halben Dienste aber begnügt sich weder der eine und noch weniger der andere. – Verstehst du das?“
GEJ|6|228|9|0|Sagte der Pharisäer: „Herr, das verstehe ich nun schon ganz klar; aber ich habe mir in meiner jetzigen Stellung samt den andern viel des Mammons erworben. Was soll ich mit ihm machen?“
GEJ|6|228|10|0|Sagte Ich: „Wie du ihn erworben, so sollst du ihn auch wieder verteilen unter die, welche dessen bedürfen! Denn wer wahrhaft Mein Jünger und Nachfolger sein will und auch sein wird, wenn er es ernstlich sein will, der wird nicht zu sorgen haben für den künftigen Tag, was er essen und trinken, und womit er sich bekleiden wird, sondern er suche nur emsigst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit! Alles andere, dessen er zum Leben benötigt, wird ihm hinzugegeben werden; denn der Vater im Himmel weiß allzeit, wessen die Seinen bedürfen. Er, der das Gras auf dem Felde nährt und allen Tieren ihr Futter und ihre Kleidung verschafft, wird für jene Menschen doch wohl noch mehr sorgen, die in Seiner Liebe und in Seinem Wohlgefallen wandeln; denn ein solcher Mensch ist mehr wert denn alle Pflanzen und alle Tiere der ganzen Welt. – Verstehst du das?“
GEJ|6|228|11|0|Sagte der Pharisäer und auch die andern sechs mit ihm: „Ja, Herr, auch das verstehen wir nun und werden das auch tun, wie Du es uns nun weislichst angeraten hast. Nur hier in Jerusalem können wir solches vorderhand nicht leichtlich tun; aber wir nehmen all das Unsrige mit und werden dann schon noch der Gelegenheiten in Menge finden, wo wir Deinem Rate gemäß handeln werden, – denn die Erde ist überall Gottes, und die Menschen sicher nicht weniger! – Herr, ist es recht also?“
GEJ|6|228|12|0|Sagte Ich: „Es kommt wahrlich nicht darauf an, ob ihr hier oder anderwärts der Armut gedenket; aber da an dem Tische, wo das Weib sitzt, das Ich heute aus den geilen Klauen des Tempels gerettet habe, wäre ein Wohltun nötig. Das Weib und ihr Mann sind arm, und die anderen Männer am selben Tische auch. Gebet die verlorenen hundert Pfunde aber dem Lazarus, und er als ein Mir rechter Bruder wird dafür sorgen, daß diese Armen dadurch ein erkleckliches Auskommen erhalten!“
GEJ|6|228|13|0|Sagten die Pharisäer: „Herr, nicht nur die hundert Pfunde, sondern tausend Pfunde Goldes wollen wir darum dem Lazarus übergeben, und er soll damit walten und schalten nach Deinem Willen. Denn das Licht, das wir von Dir erhielten, ist endlos mehr wert, und Deine Geduld mit uns ist ewig unbezahlbar! Es ist nur gut, daß wir alle nicht im Tempel wohnen, weil wir selbst sehr reich sind, und so können wir mit unseren Privatgeldern und – schätzen tun, was wir wollen. Die ziemlich bedeutende Einlage im Tempel ist natürlich sowieso hin. Denn so wir Ehrenpriester auch als Missionare reisen, so haben wir vom Tempel keine Vergütung zu erwarten, – aber der Tempel auch von uns nichts Weiteres, als was er schon hat; und so wollen wir noch in dieser Nacht das Geld dem Lazarus übermitteln. – Ist es recht also?“
GEJ|6|228|14|0|Da sagte Ich: „Darüber Mich noch weiter zu fragen, ist ganz unnötig; denn das werdet ihr nun schon einsehen, daß sich jeder ein um so größeres Verdienst erwirbt, je opferwilliger er ist, und je mehr er das mit wahrer Liebe zu Gott und zum Nächsten tut. Tut also nach eurem guten Willen, und es wird euch vergolten werden!“
GEJ|6|228|15|0|Hierauf ersuchten die sieben, daß mehrere starke Männer, die am Tische saßen mit dem Weibe, mitgehen und ihnen das Geld tragen möchten. Da erhoben sich alle, bei zweiundsiebzig an der Zahl und gingen mit den sieben und brachten die tausend Pfunde schweren Goldes, und das schon nach einer Stunde. Als sie alle im Saale waren, legten sie nach Meinem Rate das Gold in hundert schweren Säcken vor die Füße des Lazarus, und Lazarus dankte zuerst Mir, daß Ich ihn der Gnade würdigte, für die Armen also sorgen zu dürfen, und dann erst belobte er auch die zurückgekehrten sieben, daß auch sie Mich in ihrem Herzen erkannt hätten.
GEJ|6|228|16|0|Also dankten Mir auch die Armen, und einer sagte: „Herr, so auch wir Deine Jünger werden könnten, so verzichteten wir auf diese großartige Unterstützung; denn es ist besser, Dein Jünger zu sein, als alles Gold der ganzen Welt zu besitzen! Denn für die Du o Herr, sorgest, die sind wohlversorgt für die ganze Ewigkeit!“
GEJ|6|228|17|0|Sagte Ich: „Darüber zu reden, ist in dieser Nacht noch nicht Zeit, aber es kann noch alles geschehen, da Ich erst heute über sieben Tage Jerusalem verlassen werde auf eine Zeit. Beratet euch aber noch zuvor mit Meinen alten Jüngern über den Hauptinhalt Meiner Lehre; was euch abgeht, das wird euch zur Stunde, wenn ihr es benötigen werdet, in den Mund gelegt werden.
GEJ|6|228|18|0|Für jetzt aber sage Ich euch allen: Da Mir heute eine so gute Ernte ward, so habe Ich auch eine rechte Freude darob, und wir wollen darum diese Nacht hindurch mit Wachen zubringen, und ein jeder von euch soll am Morgen dennoch also gestärkt sein, als hätte er die ganze Nacht bestens geruht. Aber wir werden bis zum Morgen hin noch so manches verhandeln, das euch auf einen höheren Standpunkt der Erkenntnis Gottes setzen wird; denn Gott so vollkommen erkennen wie nur immer möglich, ist das erste für jeden Menschen.
GEJ|6|228|19|0|Denn wer Gott nicht richtig erkennt, kann nie vollkommen an einen Gott glauben, noch weniger Ihn über alles lieben und somit auch des Geistes Gottes nie völlig teilhaftig werden. Denn aus einer unrichtigen Erkenntnis Gottes kommen mit der Zeit, vermöge des freien Willens der Menschen, allerart Irrtümer unter die Menschen, die dann wie eine tausendköpfige Hydra fortwuchern, die Menschen zu Götzendienern machen und ihnen die Pforte zum wahren, ewigen Leben verrammen, so daß sie dann als Seelen im Jenseits schwer je hineinkommen können; denn was eine Seele hier in einem Tage zu ihrer Lebensvollendung ausrichten kann, das vermag sie jenseits oft in mehreren Tausenden von Erdenjahren nicht. Meine alten Jünger haben von Gott wohl schon viele gedehntere Kenntnisse; doch ihr neueren seid samt und sämtlich darin noch schwach, und Ich will euch darum darin stärken.“
GEJ|6|228|20|0|Sagten alle: „Herr, tue das und enthalte uns nichts vor; denn wir lechzen danach wie verdorrtes Gras nach einem belebenden Regen!“
GEJ|6|228|21|0|Sagten auch die Römer: „Auch wir, – um so mehr, da wir noch völlig Neulinge in dieser wichtigsten Erkenntnis aller Erkenntnisse sind!“
GEJ|6|228|22|0|Sagte auch Petrus: „Auch uns alten wird das von großem Nutzen sein; denn auch wir sind darin noch gar nicht fest!“
GEJ|6|228|23|0|Sagte Ich: „Und was habt ihr denn darin noch für Anstände?“
GEJ|6|229|1|1|229. — Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Heiliger Geist
GEJ|6|229|1|0|Sagte Petrus: „Als Du Dich im Jordan von Johannes taufen ließest, da öffneten sich die Himmel, und der Geist Gottes schwebte in der Gestalt einer feurigen Taube über Deinem Haupte, und aus den Himmeln vernahm man in klarer Stimme folgende Worte: ,Dieser ist Mein geliebter Sohn, an dem Ich Mein Wohlgefallen haben – Ihn sollet ihr hören!‘ Und auch bei einer andern Gelegenheit vernahm ich ganz dieselben Worte, darüber wir Dich ganz besonders um eine nähere Auskunft zu bitten uns so ganz eigentlich bis jetzt noch nicht getraut haben. Aber da Du nun Selbst uns alle in eine noch richtigere Erkenntnis Gottes leiten willst, so meine ich, daß es nun auch an der Zeit wäre, uns darüber ein größeres Licht zu geben, natürlich nach Deinem göttlichen Wohlgefallen.
GEJ|6|229|2|0|Denn bis jetzt bist Du für uns nur der wahrhaftige Sohn des Allerhöchsten, wie wir solches sogar aus dem Munde Deiner Leibesmutter wissen, wie der Erzengel Gabriel ihr erschienen ist und sie also angeredet hat: ,Gegrüßet seist du, da du Gnade vor Gott gefunden! Der Heilige Geist wird dich überschatten, und du wirst einen Knaben gebären, den sollst du den Sohn des Allerhöchsten heißen!‘
GEJ|6|229|3|0|Siehe, Herr, das und noch gar vieles wissen wir und können uns der Ansicht nicht erwehren, daß es einmal einen allerhöchsten Gott-Vater im Himmel gibt. Du bist Sein Sohn, und das unfehlbar, und ein Dritter, sicher auch Gott, dem Vater und Dir gleich, ist doch offenbar der Heilige Geist! – Haben wir unrecht, wenn wir also auch unsern Glauben feststellen?“
GEJ|6|229|4|0|Sagte Ich: „Dazu, um euch das vollends zu enthüllen, ist die Stunde wohl noch nicht völlig da; aber sie wird auch nicht lange auf sich warten lassen. Ich aber habe es euch ja doch schon mehrere Male gesagt, als ihr Mich darum anginget, daß Ich euch den Vater zeigen sollte: Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater; denn Ich und der Vater sind völlig eins. Der Vater ist in Mir und Ich gleichfalls im Vater. – Wie verstandet ihr denn hernach solches?“
GEJ|6|229|5|0|Sagte Petrus: „Wir verstanden das also, und das einer wie der andere: Dich durchdringt allzeit die volle Kraft des Vaters, insoweit Du ihrer nur immer hier auf dieser Erde benötigst, und so ist der ewige und unendliche Vater auch in Dir. Du bist Sein vollkommenstes Ebenmaß. Da aber der Vater als der unendliche, ewige und allgegenwärtige Gott auch um Dich ist und Dich sicher besonders umgibt, so mußt Du auch im Vater sein!“
GEJ|6|229|6|0|Sagte Ich: „Gut, – und was ist denn dann mit dem Heiligen Geiste? Was haltet ihr dann von ihm?“
GEJ|6|229|7|0|Sagte Petrus: „Herr, mit dem wissen wir alle nichts zu machen, obwohl Du Selbst sagtest, daß dem Menschen alle Sünden vergeben werden können, doch eine Sünde wider den Heiligen Geist nimmerdar! Nun bist Du der Heilige Geist offenbar nicht, da Du sagtest, daß Sünden gegen den Sohn vergeben werden können. Der Vater ist das auch nicht, da auch Sünden gegen den Vater noch eher vergeben werden könnten. Nun, wer und was ist denn der Heilige Geist? Wir sahen ihn in der Gestalt einer feurigen Taube. Ist er eine allen Menschen von Adam an verborgen gehaltene dritte göttliche Persönlichkeit, oder ist er eins mit dem Vater oder eins mit Dir? Er kann doch nicht heiliger sein als der Vater und Du? Und dennoch sagtest Du, daß Sünden gegen den Heiligen Geist nie und nimmer vergeben werden! Er muß daher uns noch ganz unbekannterweise offenbar das Heiligste aller Himmel sein.
GEJ|6|229|8|0|Du siehst daraus, daß sogar uns alten Jüngern in der reinen Erkenntnis Gottes noch sehr vieles mangelt, und wir haben daher auch vollsten Grund, uns auf das zu freuen, so Du auch uns in eine noch reinere Erkenntnis Gottes leiten willst.
GEJ|6|229|9|0|Bei Moses heißt es gar strenge: Ich, Jehova, bin nur Einer und allein euer Gott! Ihr sollet euch keine fremden Götter neben Mir machen und denken! – Und nun hätten wir nach unseren beschränkten Begriffen drei, und wir sollen dennoch nur an einen Gott glauben! Darüber, o Herr, täte uns allen noch ein näheres und helleres Licht sehr not; denn darin ist noch keiner von uns so ganz im klaren!“
GEJ|6|229|10|0|Sagte Ich: „Nur an einen einzigen Gott sollet ihr glauben, weil es von Ewigkeit her nie mehrere gegeben hat und auch ewig nie mehrere geben wird!
GEJ|6|229|11|0|Euer Gedächtnis aber ist eben das Stärkste nicht bei euch, daß ihr Mich nun um solches fragen könnet, was Ich doch schon bei tauglichen Gelegenheiten oft genug erklärt habe, – und dennoch seid ihr noch immer im unklaren über die Hauptsache; denn wie Ich ehedem gesagt habe, daß die vollkommene Gotteserkenntnis des Lebens Hauptsache ist, weil es ohne diese kein wahres, sondern nur ein verwirrtes Maschinenleben gibt, so habe Ich euch gar bald darauf gezeigt, was und wer Gott ist, – aber euer Gedächtnis ist schwach und kurz!“
GEJ|6|229|12|0|Sagten die Jünger: „Herr, so stärke unser Gedächtnis!“
GEJ|6|229|13|0|Sagte Ich: „Saget lieber: ,Herr, stärke unser Fleisch und unseren Willen!‘; denn die Stärke des Gedächtnisses hängt allzeit von der Stärke des Willens ab. Zwar ist eure Seele sehr willig; aber euer Fleisch ist schwach, und somit auch euer Gedächtnis, das erst nachher stärker werden wird, wenn Ich den Heiligen Geist über euch senden werde. – Nun aber gebet denn wohl acht, und das mit gespannter Aufmerksamkeit!“
GEJ|6|230|1|1|230. — Die Dreieinigkeit in Gott und Mensch
GEJ|6|230|1|0|(Der Herr:) „Doch was ihr nun vernehmen werdet, das behaltet vorderhand bei euch und machet Mich nicht vor der rechten Zeit ruchbar! Wann aber dazu die rechte Zeit sein wird, das werdet ihr von Meinem Geiste, der der eigentliche Heilige Geist ist, schon in euch selbst erfahren.
GEJ|6|230|2|0|Der Vater, Ich als Sohn und der Heilige Geist sind unterscheidbar eines und dasselbe von Ewigkeit.
GEJ|6|230|3|0|Der Vater in Mir ist die ewige Liebe und als solche der Urgrund und die eigentliche Ursubstanz aller Dinge, die da erfüllet die ganze ewige Unendlichkeit.
GEJ|6|230|4|0|Ich als der Sohn bin das Licht und die Weisheit, die hervorgeht aus dem Feuer der ewigen Liebe. Dieses mächtige Licht ist das ewige vollkommenste Selbstbewußtsein und die hellste Selbsterkenntnis Gottes und das ewige Wort in Gott, durch das alles, was da ist, gemacht worden ist.
GEJ|6|230|5|0|Damit aber das alles gemacht werden kann, dazu gehört noch der mächtigste Wille Gottes, und das ist eben der Heilige Geist in Gott, durch den die Werke und Wesen ihr volles Dasein bekommen. Der Heilige Geist ist das große ausgesprochene Wort ,Werde!‘ – und es ist da, was die Liebe und die Weisheit in Gott beschlossen haben.
GEJ|6|230|6|0|Und seht, das alles ist nun da in Mir: die Liebe, die Weisheit und alle Macht! Und somit gibt es nur einen Gott, und der bin Ich, und Ich habe nur darum hier einen Leib angenommen, um Mich euch Menschen dieser Erde, die Ich völlig nach Meinem Ebenmaße erschaffen habe aus der Ursubstanz Meiner Liebe, in eurer Persönlichkeit näher offenbaren zu können, – wie es nun soeben der Fall ist.
GEJ|6|230|7|0|Daß aber auch ihr dieselbe Mir ganz ebenmäßige Dreiheit in euch habt wie Ich Selbst, das soll euch sogleich ganz klar gezeigt werden.
GEJ|6|230|8|0|Sehet, ein jeder Mensch hat eine Liebe in sich und infolge solcher Liebe auch einen Willen; denn die Liebe in sich ist ein Begehren und Verlangen, und in dem Begehren und Verlangen liegt ja eben der Wille. Das ist auch allen Pflanzen und Tieren und in gewisser Hinsicht auch der andern Materie eigen.
GEJ|6|230|9|0|Liebe und Willen hat selbst der roheste und ungebildetste Mensch. Aber was richtet er damit aus? Er geht nur auf die Befriedigung seiner untersten und materiellsten Bedürfnisse aus, die sich instinktmäßig aus seiner rohen Liebe in seinen Willen übersetzen, aus dem sein Verstand nichts als einen finsteren Dunst überkommt. Sehet auf die Wirkungen solcher Menschen, ob sie nicht um vieles schlechter sind als jene, welche die Tiere hervorbringen, deren Liebe und Verlangen durch ein höheres Einfließen geleitet wird!
GEJ|6|230|10|0|Aber ganz anders verhält es sich mit der Liebe und ihrem Willen bei jenen Menschen, deren Verstand ein helles Licht geworden ist; er durchleuchtet dann die Liebe, ihren Willen und dadurch den ganzen Menschen. Nun erst gibt die Liebe die reinen Mittel, das Licht oder die Weisheit ordnet sie, und der Wille setzt sie ins Werk. Weil aber der Mensch als Ebenmaß Gottes auch solch eine Fähigkeit in sich hat, besteht er darum aus drei Menschen, oder ist er nur ein Mensch?“
GEJ|6|230|11|0|Sagten alle, und besonders die alten Jünger: „Wir danken Dir, o Herr, daß Du nun einmal wieder ganz klar geredet hast; denn das ist eben nicht immer Deine Art, also zu reden und zu lehren. Nun erst wissen wir ganz, wie es mit der völligen Einheit Gottes steht, und so bist Du denn doch ganz vollkommen Gott, wie es uns schon zu öfteren Malen in den Sinn gekommen ist.“
GEJ|6|231|1|1|231. — Die Unendlichkeit und Allgegenwart Gottes in Jesus. Die Erscheinungen bei der Taufe des Herrn
GEJ|6|231|1|0|(Die Jünger:) „Aber es ist nun nur noch eine Frage übrig, und wir sind dann schon so ziemlich in der Ordnung!
GEJ|6|231|2|0|Siehe, Herr, Gott ist nebst allen Seinen Eigenschaften aber auch unendlich und darum allgegenwärtig! Wie ist das nun bei Dir möglich, indem Du Dich doch gleich uns in genau abgegrenzter Person leibhaftig unter uns befindest?“
GEJ|6|231|3|0|Sagte Ich: „Seht, ihr Meine alten Jünger, da schaut schon wieder ein alter Gedächtnisfehler von eurer Seite heraus! Wisset ihr nimmer, wie ihr Mir, als wir aus Samaria nach Galiläa zogen, dort beinahe mit einer gleichen Frage gekommen seid? Und habe Ich euch nicht durch ein Zeichen an der Sonne bewiesen, wie Ich durch Meinen Willen auch in der Sonne so wie auf der Erde ganz gleich gegenwärtig bin?! Und nun fraget ihr Mich schon wieder beinahe um ganz dasselbe! Also habe Ich euch dasselbe gezeigt bei Cäsarea Philippi, beim Wirte Matthias in Kapernaum, als Ich das äußerst tief eingesunkene Loch augenblicklich ausfüllte, und in Chotinodora mit dem götzenhaften See, und noch fasset ihr das Geheimnis des Reiches Gottes nicht und noch weniger das Geheimnis Gottes?!
GEJ|6|231|4|0|Ist denn nicht Mein von der ewigen Liebe durchglühter und von ihrem Flammenlichte, welches ist die Weisheit Gottes, durchleuchteter Wille eben der für euch so unbegreifliche Heilige Geist, der ewig fort und fort von Mir aus alle Unendlichkeit erfüllt?! Und durch dieses Mein Ich, Mein ,Ich bin‘, und also auch durch Mein Sein und Dasein bin Ich überall also gegenwärtig, so wie Ich nun in Meiner eigentlichen Wesenheit ohne Vermittlung unter euch gegenwärtig bin. Solches habe Ich euch, Meinen alten Jüngern und Brüdern, so einige Male ganz klar gezeigt, und ihr habt es dennoch vergessen; aber diesmal werdet ihr es etwa wohl behalten?!
GEJ|6|231|5|0|Ich werde aber nicht stets also unter euch verbleiben mit Meiner ganzen Urwesenheit, und dennoch werde Ich als ganz Derselbe unter euch, das heißt, unter allen, die getreu nach Meinem Worte handeln und leben werden, verbleiben bis ans Ende der Zeiten dieser Erde!
GEJ|6|231|6|0|Denn Ich werde nun auch dieses Menschliche durch viele Leiden und größte Demütigungen noch auf dieser Welt, wenn die Zeit herankommen wird, ganz in Mein Urgöttliches verkehren und sodann auffahren zu Meinem Gott, der in Mir ist, und zu eurem Gott, der nun unter euch ist und euch solches lehrt mit Seinem Munde.“
GEJ|6|231|7|0|Sagten mehrere: „Herr, da wäre es uns aber schon lieber, Du bliebest ewig also unter uns; denn wo Du, o Herr, bist, da ist schon auch der höchste Himmel, und wir verlangeten ewig keinen bessern!“
GEJ|6|231|8|0|Sagte Ich: „Da spricht nicht euer Geist, sondern das Fleisch, in dem eure Seele noch sehr stark vergraben ist!
GEJ|6|231|9|0|Da euch das rein geistige Leben der Seele in Meinem Reiche noch völlig fremd ist, so möchtet ihr nun freilich wohl lieber gleich hier ewig leben; aber so ihr wüßtet, daß ihr in einem Augenblick in Meinem Reiche mehr und unbeschreibbar größere Seligkeiten erleben werdet denn in tausend Jahren bei gesundestem Leibe auf dieser Erde, so würdet ihr nicht also reden. Euch, Meinen alten Jüngern, habe Ich wohl schon so manchen Vorgeschmack gegeben, – aber wie euer Gedächtnis stets und allzeit ein kurzes ist, so auch in dieser Sache. Aber Ich will euch in dieser Hinsicht nun keine neuen Beweise geben; denn so Mein Geist dereinst über euch kommen wird, so wird Er euch schon ohnehin in alle Weisheit leiten!“
GEJ|6|231|10|0|Sagte hier einmal der noch stets am meisten schwergläubige Thomas: „Herr, warum sahen wir denn den Heiligen Geist in der Gestalt einer feurigen Taube, und warum hörten wir die Stimme des Vaters aus dem geöffneten Himmel?“
GEJ|6|231|11|0|Sagte Ich: „Ich wußte es ja, daß auch du noch mit einer Frage kommen wirst, und Ich nehme es von dir auch gar nicht ungünstig auf; denn du gehörst ja auch zu denen, die selten oder beinahe gar nie um etwas fragen.
GEJ|6|231|12|0|Siehe, das Bild der Taube zeigt für eure beschränkten Sinne fürs erste die große Sanftmut und fürs zweite die große Flugfertigkeit Meines Willens an, der der eigentliche Heilige Geist ist; denn wo Ich mit Meinem Willen wirkend sein will, da bin Ich auch schon in der endlosesten Ferne zugegen und wirke.
GEJ|6|231|13|0|Was die Stimme wie von oben aus den Himmeln betrifft, so tat das auch nur Mein Geist, die aus Mir gehende und Ihn ganz erfüllende Liebe, die mit Meinem Willen allenthalben also innigst verbunden ist wie in Mir. Daß die Stimme wie aus den Himmeln zu vernehmen war, sollte euch andeuten und belehren, daß alles Wahre und Göttlich-Gute vorerst von oben herabkommt, gleichwie auch der Mensch im Herzen erst dann gut wird, wenn aus dem von Gott erleuchteten Verstande das Menschenherz erleuchtet und dadurch wahrhaft veredelt wird.
GEJ|6|231|14|0|Ist das Herz aber einmal erleuchtet und in der wahren Liebe entzündet, dann erst wird es ganz licht und lebendig im Menschen. Dann wird auch deine Liebe redend und wird dir sagen: ,Das Licht in mir ist mein lieber Sohn, an dem ich ein Wohlgefallen habe, den sollet ihr – das heißt, alle meine Wünsche, Begierden und Leidenschaften – hören!‘ – Nun, was sagst du, Mein Jünger? Ist es also oder nicht?“
GEJ|6|231|15|0|Sagte der Jünger: „Oh, wie sollte es da wohl anders sein können? In Dir, o Herr, ist die höchste Liebe und Weisheit! Du kannst unsereinem ja alles ins hellste Licht stellen; aber das wäre ja etwa doch nicht gar zu weit gefehlt, wenn das auch andere Gläubige bald also verstünden wie nun wir?!“
GEJ|6|231|16|0|Sagte Ich: „Denen es vorderhand nötig ist, diese großen Geheimnisse näher zu verstehen, denen habe Ich nun auch diese Erklärung des Geheimnisses Gottes gegeben. Die andern, die noch lange nicht verstehen, so man von irdischen und diesweltlichen Dingen mit ihnen spricht, wie wollen die solche tiefgeistigen Dinge verstehen und fassen?
GEJ|6|231|17|0|Für die Kinder gehört eine andere Kost als für reife Männer. Wie wirst du demjenigen etwas tiefer Geistiges begreiflich machen, der die Erde, die ihn trägt und nährt, nicht im geringsten kennt, und noch weniger, was der gestirnte Himmel alles faßt und enthält? Euch aber habe Ich alles das erkennen gelehrt, damit ihr euch vor allem einen lebendigen Begriff von der Größe und von der weisesten Ordnung Gottes habt machen können, und so habt ihr solch Höheres und rein Geistigeres schon auch leichter fassen können; die andern aber, die hier sind, haben schon so manches in der Welt erfahren, und haben also einen Grund, auch etwas Höheres zu fassen, wozu sie aber dennoch ihre große Liebe zu Mir am meisten befähigte. Und so haben nun alle Befähigten dies hohe und tiefe Geheimnis von Mir erklärt bekommen; alle andern sollen warten, bis sie es als Befähigte von Meinem Geiste erhalten.“
GEJ|6|232|1|1|232. — Das Wesen der Kometen
GEJ|6|232|1|0|Sagte nun auch Lazarus: „Herr, Du hattest mir jüngsthin in Bethanien eben auch sehr vieles von dem gestirnten Himmel erklärt; nur hatte ich Dich auch um die Natur der vom Volke so sehr gefürchteten Kometen gefragt, und die Antwort ist sicher aus höchst weisen Gründen noch bis jetzt unterm Wege geblieben. Wirst Du mir wohl noch darüber ein Lichtlein zu geben die Gnade haben?“
GEJ|6|232|2|0|Sagte Ich: „O ja, und das mit vielem Vergnügen! Sieh, wie nach Meiner alten, das heißt ewigen Ordnung, keine Frucht auf einem Baume auf einmal reif wird, so wird auch keine Zentralsonne, keine Planetarsonne und keine Erde, wie diese da ist, auf einen Schlag, als schon völlig fertig, bewohnt und mit allen möglichen Früchten bewachsen, erschaffen, sondern erst nach und nach; denn Gott hat ja doch wahrlich nicht nötig, Sich in irgend etwas zu übereilen, da Er von einer Ewigkeit zur andern doch Weile zur Übergenüge hat, – obschon es nicht außer der Möglichkeit Gottes steht, eine ganze Sonne, wie eine ganze Erde oder zahllos viele von beiden Weltgattungen in einem Augenblick ins Dasein zu rufen.
GEJ|6|232|3|0|Ein solcher Komet ist demnach eine langsam werdende Sonne, die sich aus dem im endlosen Raume sich begegnenden Lichtstoffe bildet, der sich im freien Äther stets mehr und mehr verdichtet und also aus der anfänglich geistigen Substanz in materielle überzugehen beginnt und nach für euch undenklich langen Zeitläufen zu einer wirklichen Sonne wird, aus der, wenn sie zu ihrer Vollreife kommt, erst dann Planeten oder Erden, wie diese da ist, gleichsam wie Küchlein aus einem Ei ausgeboren werden, aber anfangs auch nur zumeist als höchst lockere Dunstmassen mit sehr wenig irgend schon festeren Körpermassen. Sie werden von der inneren, großen Naturkraft der Sonne in den weiten freien Raum gleichsam hinausgeschleudert; und haben sie die ihrer Größe und speziellen Schwere hinreichende Entfernung erreicht, so fangen sie an, vermöge der großen und starken Anziehungskraft der Sonne gewisserart wieder in die Sonne zurückzufallen.
GEJ|6|232|4|0|Ein solcher Rückfall dauert oft Tausende von Jahren dieser Erde. In solcher Zeit hat sich solch ein jüngstes Sonnenkind durch die ihm von zahllosen Seiten her begegnenden Lichtsubstanzen schon mehr und mehr verdichtet. Wenn der Komet nach oft sehr vielen Jahren von irgendeiner Seite her wieder in die Nähe der Sonne kommt, so wird er von den Menschen dieser Erde und auch von den Menschen anderer Erden als ein Stern, gewöhnlich mit einem langen, lichtschimmernden Dunstschweife, gesehen. Vermöge einer gewissen abstoßenden Kraft der Sonne aber kann er dennoch nie wieder in die Sonne zurückfallen, welche abstoßende Kraft – besonders in der größeren Nähe der Sonne – in dem gar sehr heftigen Ausströmen des Lichtes besteht, daher solch ein Komet, so er als ein noch ganz leichter Körper in die Nähe der Sonne gelangt, sich beinahe mit der Schnelligkeit des Lichtes weiterbewegt, weil er dadurch einen neuen, heftigen Stoß bekommt und sich in die großen Raumestiefen verliert, worauf er am äußersten Rande seiner Entfernung wieder zurück in die Sonne zu fallen beginnt.
GEJ|6|232|5|0|Ihr könnet auf dieser Erde davon ein kleines Beispiel bei einem großen Brande haben. Das Feuer, die Hitze und das starke Licht treiben eine große Menge von glühenden Funken hoch in die Luft empor. Wenn diese einmal so hoch sind, daß die Wurfkraft des Feuers nicht mehr auf sie einwirken kann, dann fallen sie wieder ganz behende zurück; aber sobald sie wieder dem Feuer in die Nähe kommen, so werden sie gleich wieder mit großer Heftigkeit hinweggestoßen und machen den früheren Weg wieder.
GEJ|6|232|6|0|Das alles aber ist begründet in der urgöttlichen Ordnung, und alles, was nur immer Natur heißt, muß sich diesen Gesetzen fügen. – Nun weißt du auch, was die Kometen sind, und kannst solches auch denkenden Menschen beibringen.
GEJ|6|232|7|0|Was jedoch jene Kometen betrifft, aus denen Sonnen werden, so kommen sie nie in die Nähe einer andern Planetarsonne, sondern schweben in für euch unermeßlichen Raumestiefen und werden in den späteren Zeiten von den tiefgelehrten Menschen mit gewissen Augenwaffen hin und wieder entdeckt werden. – Verstehst du solches wohl?“
GEJ|6|232|8|0|Sagte Lazarus: „Herr und Meister von Ewigkeit, daß ich so im allgemeinen diese Deine Worte verstanden habe, das ist ganz gewiß und sicher; aber ich merke dennoch ganz bedeutende Lücken, in denen ich mich noch nicht zurechtfinden kann!“
GEJ|6|232|9|0|Sagte Ich: „Und diese wären?“
GEJ|6|232|10|0|Sagte Lazarus: „Herr, was so ein Komet nun ist, das weiß ich jetzt wohl; aber was ist sein Schweif? Was bedeutet der wohl? Und so machtest Du auch eine Erwähnung, daß es in einer späteren Zeit so tiefgelehrte Menschen geben werde, die gewisse Augenwaffen erfinden werden, mittels welcher man in den großen Tiefen Deiner Schöpfung jene großen Kometen entdecken wird, aus denen nach etwa Äonen von Jahren dieser Erde neue Sonnen werden. Was wird es dann mit solchen Augenwaffen für eine gar besondere Bewandtnis haben? Woraus werden sie bestehen? Wie werden sie aussehen, und wie werden sie gebraucht werden? Sieh, es juckt mich nun ganz gewaltig, davon etwas Näheres von Dir zu erfahren, der Du es sicher ganz allergenauest weißt, was die Menschen nach zehntausend Jahren und noch um endlos vieles darüber machen, und was sie alles erfinden werden! Wenn es Dein heiliger Wille wäre, so könntest Du mir und uns allen darüber ein Lichtlein geben!
GEJ|6|232|11|0|Sagte Ich: „O ja, warum das nicht?! Denn je mehr jemand wahre und rechte Kenntnisse besitzt, desto leichter gelangt er zur reinen Erkenntnis.“
GEJ|6|233|1|1|233. — Die Wichtigkeit der Erkenntnis
GEJ|6|233|1|0|(Der Herr:) „Moses selbst war ein größter Kundiger in allen möglichen Fächern des menschlichen Wissens. Es bestand in Ägypten kein noch so tiefes Mysterium, in das er nicht eingeweiht worden wäre, und die alten Ägypter besaßen auch derlei Augenwaffen, wenn auch nicht in der Vollendung, in der die erwähnten späteren Gelehrten sie besitzen werden, und konnten dadurch gar gut die Planeten entdecken und ihren Lauf auch so ziemlich wohl berechnen, wovon noch heutigestags ihr Tierkreis zu Diadeira (Diathira) der augenscheinlichste Beweis ist. Die reine Wissenschaft und Hauptwissenschaft lag freilich nur in den Händen der Kaste der Priester; das gemeine Volk aber mußte sich mit dem begnügen, was ihm die Priester sagen wollten.
GEJ|6|233|2|0|Moses aber, als gleichsam ein Prinz am königlichen Hofe, ward in alles eingeweiht, ohne dadurch nur im geringsten im Glauben Israels wankend zu werden, den er von seiner Mutter, die am Hofe seine Amme war, erlernt hatte. Und so konnte Moses denn auch am ehesten zur ganz reinen Erkenntnis Gottes gelangen, weil sein ganzer Verstand schon eine reine und gerechte Vorbildung genossen hatte.
GEJ|6|233|3|0|Darum sage Ich euch auch, daß eine reine und wohlbegründete Erkenntnis der ganzen Erde – womöglich in allen ihren Teilen – und ihrer Bewegung, samt ihrer wohlgemessenen Größe, und dann des gestirnten Himmels in allen seinen Erscheinungen für ein reines Gemüt vorzüglich dazu dienen kann, um zur wahren, einheitlichen Erkenntnis Gottes zu gelangen, ohne die für den Menschen kein wahres Heil zu erwarten ist. Denn nur jene, die Gott wahrhaft erkennen, kommen zu Gott und sind eigentlich schon bei Gott; die aber Gott nicht erkennen, die können auch nicht zu Gott kommen, weil sie Gott nicht erkennen und somit auch nicht bei Gott sind.
GEJ|6|233|4|0|Denn zu Gott kommen heißt, schon durch die reine Erkenntnis und Liebe bei Gott sein, weil ohne die reine und wahre Erkenntnis auch niemand Gott wahrhaft lieben kann.
GEJ|6|233|5|0|Was nützt es deiner Seele: wenn du auch an einen irgendwo hinter allen Sternen seienden Gott glaubst und auch glaubst, daß Er von dort aus, wie von einem ewigen Zentrum, vermöge Seiner Allmacht alles hört und sieht und alles erschafft, erhält und regiert, und daß Er also mit Seiner Macht alles durchdringt und überall gegenwärtig ist, so kennst du Gott dennoch nicht im geringsten und bist in deinem Gemüte noch um vieles weiter von Ihm entfernt, als wie endlos entfernt du dir Ihn vorstellst! Du bist also durch eine solche höchst dunstige Nachterkenntnis Gottes sicher noch sehr ferne von Ihm, kannst Ihn unmöglich lieben, sondern nur so eine halbgläubig dumpfe Ahnung und Ehrfurcht vor Ihm haben. Und in dieser Erkenntnis- und Gemütsstellung kann niemand bei Gott sein, und von einer wahren Liebe kann da schon nie eine Rede sein.
GEJ|6|233|6|0|Oder was würde ein zum Heiraten reifer junger Mann sagen, dem in der nächsten Nähe so einige Töchter sehr wohl gefielen, von denen er eine aus vollem Herzen lieben könnte, so man zu ihm sagte: ,Du, da ist nichts für dich! Im entferntesten Teile der Welt ist eine Braut für dich, in diese verliebe dich, reise hin und nimm sie zum Weibe!‘? Wird er euch nicht fragen und sagen: ,Ja, wo ist das? Ist es im Aufgange oder im Untergange, im Mittage oder in der Mitternacht?‘? Und ihr werdet ihm unmöglich etwas anderes der Wahrheit getreu sagen können als: ,Ja, das wissen wir selbst nicht, aber sein wird sie schon irgendwo, liebe sie nur und suche sie!‘ Meint ihr wohl, daß der junge Mann sich je in eine so weit von ihm entfernte Jungfrau verlieben wird oder euch den Narren machen und sie in allen vier Weltgegenden suchen gehen wird? Ich sage es euch, daß er das gar fein bleiben lassen wird! – Und um nicht gar vieles besser steht es mit der Liebe zu einem völlig unbekannten und irgend endlos ferne abstehenden Gott.
GEJ|6|233|7|0|Was ist aber dann die andere schlimme Folge davon? Weil die Menschen einen zu fernen und zu unbekannten Gott weder erkennen und noch weniger lieben können, so machen sie sich selbst nähere Götter, die sie dann ehren, lieben und anbeten, und denen sie allerlei Opfer bringen. Dem einen wahren Gott erbauen sie zwar auch einen leeren Tempel, in den nur sehr wenig Licht dringen darf, – und der ist dem unbekannten Gott geweiht. Die Römer haben daraus ihr blindes Fatum gemacht, das selbst über alle ihre Götter herrscht. Aus dem aber geht doch hinreichend klar hervor, wohin eine schlechte Erkenntnis Gottes mit der Zeit die Menschen bringt.
GEJ|6|233|8|0|Und weil Ich als der immer so ferne gedachte und geglaubte Jehova nun euch Menschen am allernächsten bin, so erkläre Ich euch ja gerne das, was euch und eure Nachkommen zu der wahren Erkenntnis Gottes und zur treuesten Liebe zu Ihm bringen kann. Und so will Ich dir denn auch deine zwei Fragen ganz kurz beantworten.
GEJ|6|233|9|0|Siehe, der dir erklärte Komet hat in großer Entfernung von der Sonne gar keinen Schweif, sondern nur einen nebelartigen Dunst um seinen Kern! Erst wenn er in die Nähe der Sonne kommt, bildet sich sein Schweif infolge seiner sehr schnellen Bewegung. Denn durch diese schnelle Bewegung, die bei manchen solchen Kometen so außerordentlich ist, daß sie in der Nähe der Sonne oft in wenigen Augenblicken 80, 90-100000 Stunden Raumweges durchzucken, kann der höchst leichte Lichtätherdunst den Raum nicht so behende durchfliegen wie der offenbar schwerere Kern und der ihn in der nächsten Nähe umgebende dichtere Dunst, und so geschieht dadurch im großen ungefähr dieselbe Erscheinung, als wenn du ein noch stark glühendes und ebenso stark rauchendes Stück Holz nähmest und würfest es auf eine weite Strecke hin durch die Luft; da würdest du sehen, wie der Rauch als ein sehr leichter Körper hinter dem glühend fliegenden Stück Holz eben auch einen förmlichen Kometenschweif darstellt.
GEJ|6|233|10|0|Diese atmosphärische Luft ist freilich um sehr vieles dichter als der reine Äther; aber für eine so schnelle Bewegung gibt auch schon der Äther einen Ausschlag. Denn auch er ist noch in Zeit und Raum enthalten und ist somit ein materielles Etwas, obschon seine Urgrundstoffe gegen die verdichteten Stoffe einer Erdenwelt beinahe gewichtlos sind, gleichwie auch diese Erdluft, die für sich immerhin schon ein gewichtiger Körper ist – ansonst sie bei einer starken Bewegung nicht oft die mächtigsten Bäume entwurzeln könnte –, unterm Wasser wie vollends gewichtlos ist.
GEJ|6|233|11|0|Weil aber der Äther für sich auch ein materielles Etwas ist, so kann er den Dunst eines Kometen bei dessen höchst schneller Bewegung schon auch in einen nachziehenden Dunstschweif verwandeln. – Das wirst du nun wohl verstehen?!“
GEJ|6|233|12|0|Sagten nun Lazarus und alle die andern: „Ja, Herr, Du unsere alleinige Liebe, das ist nun sonnenklar! Wenn diese Dinge so erklärt werden, dann muß sie ja sogar ein Kind verstehen! So war denn sicher auch diese unsere Erde ein solcher Komet?“
GEJ|6|233|13|0|Sagte Ich: „Allerdings, – wenn auch nicht gerade aus dieser Sonne ausgeboren, sondern von einer andern gar um sehr vieles größeren, so macht das eben gar keinen Unterschied; denn auch aus den Urzentralsonnen werden derlei Erdenbildungskometen mit einer um so größeren Gewalt in den unermeßlichen Raum hinausgeschleudert, kommen dann den kleinen Planetarsonnen in die Nähe und werden von denselben angezogen, erhalten, und ordentlich als eigene Kinder gepflegt und zu ordentlichen Erdkörpern großgezogen.
GEJ|6|233|14|0|Das wisset ihr nun, und so wollen wir nach des Lazarus Wunsche noch einen Blick in die einst kommenden Augenwaffen tun. Nun, diese Sache euch zu erklären, wird etwas schwerhalten; doch wir wollen sehen, was sich da wird tun lassen!“
GEJ|6|234|1|1|234. — Erfindungen und ihr Zweck
GEJ|6|234|1|0|(Der Herr:) „Seht, die alten Ägypter verstanden es, eine Art Spiegel zu machen, mit denen sie die Sonnenstrahlen auffingen. Alle Strahlen, die auf eine große mathematisch genaue Hohlfläche eines solchen Spiegels auffielen, wurden von diesem Hohlspiegel in einer Entfernung von 50-100 Manneslängen auf einen kopfgroßen, aber unanschaubar hellstrahlenden Punkt zusammengedrängt und entwickelten da einen so hohen Hitzegrad, daß das weißglühende Erz dagegen noch ein kühles Wasser wäre. Die ganz natürliche Folge davon war, daß der Gegenstand, auf den der glühhellste Punkt gerichtet ward, augenblicklich in den verheerendsten Brand überging, wie ihr, besonders aber die Griechen und Römer, schon oft davon werdet reden gehört haben.
GEJ|6|234|2|0|Nun, wie war denn das also möglich? – Solch ein Spiegel nimmt eine größere Menge Strahlen auf und gibt sie auf einem ganz engen Raum wieder zurück, während ein flacher Spiegel sie nur gerade so wieder von sich gibt, wie sie auf seine Fläche kamen!
GEJ|6|234|3|0|Wenn sich jemand vor einen flachen Spiegel stellt, so erscheint er darin nur so groß, wie er ist; stellt er sich aber vor einen solchen besprochenen Hohlspiegel, so würde er riesengroß erscheinen.“
GEJ|6|234|4|0|Sagte ein Römer: „Ja, das weiß ich aus höchsteigener Erfahrung; denn ich habe einen solchen Spiegel in Memphis gesehen. Er war aus einer sehr harten Gattung schwarzen Marmors gemacht und hatte gut zwei Manneslängen im Durchmesser. Die Fläche war teilweise wohl schon etwas matt; aber im ganzen gab er noch einen guten Widerschein, und so man sich vor dem Spiegel aufstellte, da ersah man sich darin in der kolossalsten Riesengröße. Das haben wir mehrere erfahren.
GEJ|6|234|5|0|Auch gibt es in Rom ein paar Menschen, die Glas machen und es hernach in allerlei Formen gießen, darunter auch in solche, die auf beiden Seiten etwas abgerundet mit denen man dann einen Feuerschwamm, wie er in Illyrien vorkommt, oder auch recht dürres Stroh gar gut anzünden kann. Auch die Vestalinnen (röm. Priesterinen) pflegen ihre Lampen mit diesem Feuer aus der Sonne anzuzünden, wenn sie ihnen doch dann und wann erloschen sind. Wenn man durch ein solches Glas aber irgendeinen Gegenstand, der natürlich nicht zu groß ist, ansieht, so erscheint er um vieles größer, als er in der Natur ist.“
GEJ|6|234|6|0|Sagte Ich: „Nun, da haben wir dann die Sache der Augenwaffen schon! Solch ein Spiegel oder solch ein Glas, freilich in der möglichst mathematischen Reinheit, ist dann ja schon zum Teil eine Augenwaffe.
GEJ|6|234|7|0|Wenn späterhin, durch das Einfließen Meines Geistes, die Menschen es verstehen werden, derlei Spiegel und auch derlei Gläser von verschiedenen Größen und Brennpunktweiten zu machen, dann werden sie auch bald jene vorerwähnten Augenwaffen beisammen haben, mittels derer sie den gestirnten Himmel durchschauen werden, und werden dort vieles entdecken, was bis jetzt namentlich den allermeisten Juden verborgen geblieben ist.
GEJ|6|234|8|0|Und Ich werde solches und noch vieles andere in der späteren Zeit von den Menschen erfinden lassen, auf daß solches dienen solle und auch dienen wird zur Unterdrückung und zum gänzlichen Verderben der falschen Propheten, die mit großer Macht und weltlicher Herrlichkeit ausrufen werden: ,Siehe, hier ist Christus!‘ oder ,Dort ist Er!‘; aber dann höret sie nicht an, und fliehet sie wie einen Pesthauch! Denn alles, was sie in den Schulen und Tempeln lehren und predigen werden, wird eitel Falsches sein, das die größte Trübsal unter den Menschen bewirken wird, die je in der Welt war. Denn es wird ihnen viel Volk anhängen ob der falschen Zeichen und Wunder, die sie wirken werden gleich den Essäern und indischen Magiern.
GEJ|6|234|9|0|Darum werde Ich dann zuerst den Geist der rechten Wissenschaft und allerlei Kunst unter den Menschen erwecken und dazu dann erst den ganz reinen Geist der Wahrheiten aus den Himmeln, und alle die falschen Propheten samt ihrem Oberhaupte werden dann zu heulen und zu wehklagen anfangen und alle diejenigen in die Hölle hinein verfluchen und auf alle mögliche Weise bedrängen, die ihnen für ewig den Rücken kehren werden. Aber es wird ihnen das alles nichts nützen; denn das ist allzeit der ewige Untergang der Lüge, daß sie vor der Wahrheit zuschanden wird gleichwie das Eis, das die Festigkeit eines Steines darstellen möchte, an der Sonne aber zu Wasser wird, wonach es mit seiner Härte und seiner Festigkeit ein Ende hat.
GEJ|6|234|10|0|Im tieferen Norden dieser Erde, wo es sehr kalt ist, bauen sich die Skythen im Winter Wohnhütten aus Eis. Was aber ist mit diesen Hütten, wenn dort der zwar kürzer dauernde, aber äußerst heiße Sommer kommt? Binnen weniger Tage sind alle diese Wohnhütten zerronnen! Und geradeso wird es in jener Zeit den großen Prachthütten der falschen Propheten ergehen: Ehe sie sich ordentlich umgesehen haben, werden ihre herrlichen Wohnstätten auch schon dahin sein! – Versteht ihr solches wohl nun gut?“
GEJ|6|235|1|1|235. — Von den falschen Propheten
GEJ|6|235|1|0|Sagte Lazarus: „Aber Herr, es ist nun denn doch nicht zu glauben und anzunehmen, daß diese Deine Lehre je irgend verfälscht werden könnte! Denn wie wir sie von Dir empfangen haben, so werden wir sie ja auch an unsere Nachkommen weitergeben, und da wird nichts hinzugesetzt und nichts hinweggenommen; wir können auch mit dem Schreiben umgehen und werden das wortgetreu aufzeichnen, was wir von Dir nun gehört und gesehen haben, und alle die Unsrigen werden von Punkt zu Punkt alles das hören und auch befolgen. Da begreife ich dann nicht, wie ein Aufstehen von falschen Propheten möglich wäre!“
GEJ|6|235|2|0|Sagte Ich: „Geradeso, wie du nun sprichst, haben einst die Hauptanhänger Mosis geredet, als – sage – eben auch Ich auf Sinai die Gesetze gab. Die Gesetzgebung dauerte, euch sicher noch bekannt, sieben volle Jahre und noch eine kleine Zeit und dauerte hernach noch bei dreiunddreißig Jahre mehr geheim und nicht für jedermann augenscheinlich, – und schon in den ersten sieben Jahren ist das goldene Kalb gegossen und angebetet worden! Sieh, also sind die Menschen!
GEJ|6|235|3|0|Daß sich bei euch und euren wenigen Nachkommen Meine Lehre schon auf lange hin rein erhalten wird, das gebe Ich dir schon zu; aber im allgemeinen wird es ganz anders aussehen!
GEJ|6|235|4|0|Wo immer etwas Großes und Außergewöhnliches in der Welt geschieht, wird es durch müßige Menschen und durch ihren gewinn- und habgierigen Sinn alsbald irgend ausgebeutet und zu ihrer irdischen Erwerbsquelle umgestaltet, – was so wahr ist wie die Wahrheit selbst. Um solche Umtriebe zu verhüten, müßte Ich nur Würgengel in diese Welt kommen lassen, die schon im voraus all derlei Menschen umbrächten, was denn zufolge des freien Willens der Menschen doch wohl nicht angehen kann, sowenig es angeht, das Unkraut auf einem Weizenacker mit einem Schlage zu zerstören, was sogar für den Weizenacker nicht gut wäre, weil am Ende das Unkraut sogar ein Dünger für den Weizenacker wird.
GEJ|6|235|5|0|Wie aber das Unkraut auf dem Weizenacker zugelassen wird, so wird auch das zugelassen, jedoch nicht ohne allzeitige früher oder etwas später folgende Strafe. Seht, das ist demnach nicht völlig zu verhindern!
GEJ|6|235|6|0|Ich sage demnach nur, daß alle die, welche nun das Reine von Mir aus und später von euch aus haben, allzeit wohl auf der Hut sein sollen, auf daß auch sie nicht in Versuchung fallen; denn der böse Geist zieht in aller Welt wie ein brüllender und hungriger Löwe umher und sucht alle edlen und reinen Seelen zu verschlingen. Darum hütet euch vor den falschen Propheten! Das ist alles, was Ich euch nun dagegen sagen und tun kann.“
GEJ|6|235|7|0|Fragte Petrus: „Herr, wenn sie irgend noch zu unseren Zeiten auftauchen sollten, wie werden sie zu erkennen sein?“
GEJ|6|235|8|0|Sagte Ich: „An ihren Früchten! Auf den Dornenhecken reifen keine Feigen und auf den Disteln keine Trauben! Ich, in Meiner Lehre, bin allein die Türe zum Schafstalle; wer irgendwo anders in den Stall einbricht, der ist ein Dieb und ein Räuber. Ich allein bin die rechte Türe, der Weg, das Licht, die Wahrheit und das Leben. Wer also zu Mir kommen will, der muß durch Mich und in Mir gehen auf Meinem Wege, in Meinem Lichte, welches ist die ewige, umwandelbare Wahrheit in Gott.
GEJ|6|235|9|0|Es ist zwar ein jeder rechte Arbeiter seines Lohnes wert; aber ein Mietling, der sich dingen läßt für einen andern, den die Arbeit zu eigen angeht, ist selten seines Mietlohnes wert. Denn er wird nur zum Schein arbeiten seines Mietlohnes wegen; aber dem Arbeitgeber wird damit schlecht gedient sein. Und so und noch schlechter werden alle die falschen Lehrer und Propheten sein. Denn ihr Motiv wird – wie nun bei den Pharisäern – der Mammon sein; um den werden sie lehren, dümmste und falsche Dinge weissagen, die Menschen betrügen physisch und noch mehr geistig, werden der Witwen und Waisen Güter verschlingen und ihnen dafür den Himmel zusichern und endlich jene, die bei der reinen Wahrheit verbleiben werden, als die größten Ketzer mit Schwert und Feuer verfolgen und mit großem Pompe sagen: ,Wir sind die wahren Nachfolger Christi, des Sohnes Gottes!‘ Ich sage euch nun das zum voraus, auf daß dann ihr und eure rechten Nachfolger es wissen könnet, wie ihr euch zu benehmen habt, wenn das eintreffen sollte – und teilweise bereits auch schon eingetreten ist!“
GEJ|6|235|10|0|Sagte Petrus: „Herr, wie sollte denn das jetzt schon möglich sein?“
GEJ|6|235|11|0|Sagte Ich: „Ganz leicht; denn wie oft habe Ich schon vor einem großen Volke gelehrt, und da waren nicht immer Leute dabei, die es mit der Sache zum Heile ihrer Seele nahmen, sondern zum Heile ihres Geldsackes. Etwas erlebten sie selbst, etwas ließen sie sich von andern erzählen, und das meiste machten sie selbst dazu, dichteten sogestaltig Lügen über Lügen zusammen, machten darauf Reisen in alle Gegenden hin, gaben sich als von Mir Gesandte aus und gewannen damit viel Geld. – Was sagt ihr denn dazu?“
GEJ|6|235|12|0|Sagten Petrus und Johannes: „Herr, hast Du denn für solche Frevler keine Blitze mehr und keine Donnerkeile?“
GEJ|6|235|13|0|Sagte Ich: „Ei, ei, seid ihr denn Kinder des Donners oder Kinder Gottes? Der Blitz zerstört und vernichtet wohl, dahin er schlägt; aber die Kinder Gottes haben eine andere Waffe, und diese heißt: Geduld, Sanftmut und Liebe.
GEJ|6|235|14|0|Diese Menschen sind dabei dennoch der Meinung, daß sie Gott einen guten und Ihm wohlgefälligen Dienst erweisen. Ihr werdet mit derlei Menschen noch gar oft zusammenkommen, und es werden sich viele bekehren. So wir sie nun gleich mit Blitzen aus den Wolken vertilgen würden, vermöchtet ihr sie dann auch noch zu bekehren? Darum nur nicht gleich zu den Blitzen die Zuflucht nehmen!
GEJ|6|235|15|0|Die Wahrheit ist der beste Blitz gegen derlei falsche Lehrer und Propheten! Ihr möget eher alle Meere der Erde austrocknen, als dem Strome der Wahrheit je einen Damm setzen. Mit Mir werdet ihr alles vermögen, ohne Mich aber vermag niemand irgend etwas; denn Ich bin die Wahrheit, das Licht und das Leben! – Verstehet ihr das wohl?“
GEJ|6|236|1|1|236. — Des Herrn geistige Allgegenwart. Die Ersten werden die Letzten sein. Warnung vor Eifersucht und Hochmut
GEJ|6|236|1|0|Sagte Philippus: „Ja, Herr, so Du immer also, wie jetzt, bei uns bliebest, dann ginge es freilich wohl; aber Du wirst nach Deiner oftmaligen Ankündigung also nur noch eine kurze Zeit unter uns verbleiben, und dann wird es nicht so wirksam gehen wie jetzt, wo Du sichtbar unter uns wirkst!“
GEJ|6|236|2|0|Sagte Ich: „Ich werde euch wohl wesentlich verlassen, das heißt mit dem Wesen dieser Meiner Persönlichkeit, da solches geschehen muß, damit Ich für euch wie für alle, die durch euch an Mich glauben werden, eine ewige, allerseligste Wohnstätte bereite; aber mit Meinem Geiste, der die Unendlichkeit erfüllt, bleibe Ich bei euch bis ans Ende der Welt, und das wirksamer denn jetzt, und ihr werdet dann noch Größeres wirken denn Ich Selbst nun.
GEJ|6|236|3|0|In wem Meine Lehre, also Mein Licht und somit die ewige Wahrheit, verbleibt, in dem verbleibt auch Meine Kraft und Meine Macht. Was wollt ihr dann noch mehr?“
GEJ|6|236|4|0|Sagte Philippus: „Herr, Dich Selbst, da wir Dich über alles lieben!“
GEJ|6|236|5|0|Sagte Ich: „Auch das soll euch völlig gewährt sein; denn wahrlich sage Ich euch: Wo je nur zwei oder drei ernstlich in Meinem Namen versammelt sein werden, da werde auch Ich mitten unter ihnen sein, und das entweder sichtbar oder wahrnehmbar wirkend im Geiste, und das wird etwa doch auch Meine Wesenheit sein?!
GEJ|6|236|6|0|Seht, in den späteren Zeiten, wenn die Menschen mehr und mehr in allerlei Wissenschaften und Künsten bewanderter sein werden, als sie jetzt sind, da werde Ich sichtbar wohl nur höchst selten unter ihnen erscheinen, aber desto bündiger wirken durch Meinen Geist. Und Ich sage es euch: Diese Menschen werden um so seliger werden, weil sie das, was ihr nun sehet, nicht sehen, aber dennoch ungezweifelt glauben und danach leben werden! Ihr liebt Mich, weil ihr Mich sehet; die in den künftigen Zeiten aber werden Mich lieben, ohne Mich je gesehen zu haben. Wie erst werden sie Mich dann lieben, so sie Mich sehen werden in Meinem Reiche! Darum habe Ich euch schon einmal ein Bild gezeigt, wo es geheißen hat: Und so werden leicht die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten werden! Denn wahrlich, es gehört mehr dazu, nichts zu sehen und doch zu glauben und zu leben nach dem Glauben, als alles zu sehen und dann erst zu glauben und danach zu leben! – Seid ihr alle nicht auch dieser Meinung?“
GEJ|6|236|7|0|Sagte nun Lazarus: „Das ist ganz sicher; denn nichts zu sehen und dennoch überfest zu glauben, ist offenbar von größerem Verdienste, als alle die vielen Zeichen zu sehen und die vielen Reden und Lehren, die einen mit unwiderstehlicher Gewalt zum Glauben zwingen, aus dem rein-göttlichen Munde zu hören, und darauf erst zu glauben. Und so wird der Schwächste im Glauben an Dich, o Herr, und doch mit dem gewissenhaften Handeln danach offenbar eher den höchsten Himmel verdienen als unsereiner, der den stärksten Glauben hat, den untersten. Oh, das ist mir wenigstens ganz einleuchtend!“
GEJ|6|236|8|0|Sagte hier der Jünger Andreas: „Mir noch nicht! Können wir denn dafür, daß wir gerade jetzt auf der Welt sind? Wir werden doch in dieser ersten sehr kritischen Zeit Last und Hitze zu tragen haben, und dafür sollen wir dann ohne unser Verschulden die Letzten sein? Das klingt wahrlich etwas sonderbar!“
GEJ|6|236|9|0|Sagte Ich: „Das klingt nur dem sonderbar, der Meine Worte noch immer nicht versteht! Ist denn das etwas, wenn jene Menschen so angesehen werden wie ihr Ersten und ihr Ersten nicht für mehr denn sie als die Letzten?! Oder wenn du einmal selig in Meinen Himmeln sein wirst, wirst du darum dann etwa weniger selig sein, wenn der Letzte auch so selig sein wird wie du? Siehe, wie sehr blind du noch bist!
GEJ|6|236|10|0|Ich sage euch: Die Eifersucht findet leider auf der Erde statt, – aber im Himmel wird davon ewig nichts mehr zum Vorscheine kommen; denn ein Eifersüchtiger wird da nicht hineinkommen.
GEJ|6|236|11|0|Im Himmel wird nur der der Erste und Größte sein, der sich der Geringste und Kleinste dünken wird; denn das werde euer Ruhm, daß ihr alle den Kindlein gleich werdet in eurem Gemüte! Wer in seinem Gemüte nicht wird wie die Kinder, der wird ins Reich Gottes nicht eingehen können; denn der Weg zum Himmel ist ein gar enger und ist belegt mit allerlei Dornen. Das größte Dornenhindernis aber ist und bleibt der Hochmut und die ganze Legion seiner Abarten.
GEJ|6|236|12|0|Darum hüte sich ein jeder vor dem Ehrgeiz, weil er der Vater des Neides, der Selbstsucht und am Ende, wenn er seine Nahrung findet, des dicksten Hochmuts ist, der in der Hölle seine Urheimat hat! – Hast du, Mein Jünger, das verstanden?“
GEJ|6|236|13|0|Sagte Andreas: „O ja, und ich danke Dir, o Herr, inbrünstigst für diese Deine gar so heilsame Belehrung!“
GEJ|6|236|14|0|Sagte Ich: „Es ist schon wieder alles ganz gut. Wer danach handeln wird, der wird das ewige Leben ernten.“
GEJ|6|237|1|1|237. — Himmel und Hölle
GEJ|6|237|1|0|Hier trat der Römer zu Mir hin und sagte: „Herr und Meister, daß Dir alles in der ganzen Unendlichkeit bekannt ist vom Größten bis zum Kleinsten, davon bin ich vollkommen überzeugt, und niemand kann mir mehr diese für mich seligste Überzeugung nehmen! Es ist nun aber schon mehrere Male von der Hölle die Rede gewesen, und ich muß es offen bekennen, daß ich noch immer nicht im geringsten weiß, was ich eigentlich aus ihr machen soll. Ist sie irgendein höchst finsterer und trauriger Ort, an dem die Übeltäter für ihre Sünden ewig gepeinigt oder ohne Unterlaß gemartert werden, oder sind all die großen Martern am Ende, nach Deiner ewigen Liebe und Güte zu urteilen, doch nur die äußersten Mittel, um am Ende selbst die bösesten Geister nach etwa einer undenkbar langen Zeit zur wahren Erkenntnis zurückzuführen? Wo ist der unselige Ort und wie sieht er aus?“
GEJ|6|237|2|0|Sagte Ich: „Mein sehr werter Freund, davon kannst du dir bei Meinen alten Jüngern die ganz genaue Kunde einholen – denn denen habe Ich alles gezeigt –; aber daneben liegt dennoch so manches in der ewigen Liebe und Weisheit Gottes, das du, so Ich es dir auch sage, nun nimmer verstehen könntest. Im übrigen ist die Hölle für sich sowenig irgend ein bestimmter Ort wie der Himmel selbst, sondern die Hölle wie der Himmel hängen ganz nur von dem inneren Zustande des Menschen ab.
GEJ|6|237|3|0|So können ein Engel und ein ärgster Teufel knappst nebeneinander sein, stehen oder sitzen, und sie sind geistig dennoch endlos voneinander entfernt, und der Engel befindet sich unbeeinträchtigt von dem ihm naturgemäß höchst nahe stehenden Teufel ganz wohl im Himmel, und also befindet sich auch der Teufel in der Hölle und weiß nicht das allergeringste von dem ihm so überaus nahe stehenden Engel. Allein das kannst du nun so leicht nicht fassen; denn die geistigen Verhältnisse sind ganz andere als die diesirdischen.
GEJ|6|237|4|0|Doch für einen sehr aufmerksamen Beobachter finden sich auch hier so manche ähnliche Erscheinungen, die mit jenen jenseitigen in der genauen Korrespondenz stehen. So zum Beispiel kannst du einem Menschen, der innerlich dein größter Feind ist und Tag und Nacht studiert, wie er dir auf die allerempfindlichste Weise schaden könnte, physisch nah und geistig fern sein. Er kann dich auf einer so hohen Stelle nicht ausstehen, weil er sie lieber selbst bekleidete; er ist aber weltklug und weiß seine innere Gesinnung vor dir so zu verbergen, daß du sie auf keine denkbare Weise auch nur ahnen kannst. Wenn du also zu ihm kommst, so wird er dich mit der größten Artigkeit empfangen und dir alle Ehren antun, wogegen er in der Wirklichkeit, wenn es keine so strengen Strafgesetze gäbe, dich sogleich hätte vernichten mögen. Aber er dachte sich: ,Du bist nun hoch oben und ich noch tief unten! Du mußt mir noch zuvor in die Höhe helfen, und bin ich einmal hoch oben, dann wird schon gesorgt werden, dich in den Abgrund zu stürzen!‘ Siehe, das ist schon ein vollkommener Teufel, und er befindet sich schon mit Leib und Seele in der Hölle, während du als ein allzeit rechtschaffener und biederer Mann dich also im Himmel befindest.
GEJ|6|237|5|0|Nun siehe, wenn du und dein arger Nebenmann euch nebeneinander befindet, so sind physisch genommen Himmel und Hölle knapp nebeneinander; aber es kann dir die Hölle dennoch nichts anhaben, weil zwischen euch beiden das Gesetz eine schroffe und unübersteigliche Scheidewand bildet. Aber wie himmelweit ist euer moralischer Zustand verschieden und wie weit voneinander entfernt!
GEJ|6|237|6|0|Sieh, hier hast du ein Bild des Himmels und der Hölle, wie die beiden voneinander abstehen! Und nun will Ich dir noch ein Beispiel geben, wie die Hölle in sich beschaffen ist; und so habe denn wohl acht!
GEJ|6|237|7|0|Stelle dir aber nun zwei Menschen vor, etwa zwei benachbarte, höchst stolze und herrschsüchtige Könige! Sie stehen äußerlich in der besten Freundschaft. Wenn einer den andern besucht, so überbieten sie sich an Zuvorkommenheiten und umarmen und küssen sich als die besten und intimsten Freunde; aber heimlich für sich denkt und wünscht ein jeder: ,Oh, wenn ich dich nur schon bald unter meinen Füßen im Staube zertreten sähe!‘ Ein jeder lauert nur auf eine schickliche und ihm günstige Gelegenheit, um seinen ihm über alles verhaßten Nachbar gänzlich vernichten zu können. Wer aber schon höchst begierlich ist, mit seinem Nachbar einen Krieg zu beginnen, der findet auch bald einen Grund dazu. Kurz, die beiden überfallen sich bald mit einem Kriege, und der Stärkere besiegt den irgend Schwächeren, und diesem bleibt nichts übrig als die Flucht.
GEJ|6|237|8|0|Wenn er also nur seine Haut gerettet hat, so geht er eiligst zu einem dritten noch mächtigeren Nachbar, erzählt ihm sein Unglück, verrät auf das kleinste seinen früheren Freund und macht dem dritten Vorschläge, wie er ganz leicht zu besiegen wäre und bietet sich selbst zum Führer an. Darauf werden bald um guten Sold Reisige geworben, und unversehens wird der frühere Sieger, ehe er sich's versieht, überfallen und aller seiner Güter und Länder beraubt. Wenn der nun zum zweiten Besiegte sich noch durch die Flucht retten kann, so wird er bald einen Vierten finden, der gegen den Dritten zieht und ihn möglicherweise besiegt, und die Geschichte hat dann eine Weile scheinbar Ruhe. Die Besiegten aber ruhen in ihrem Innern gar nicht, sondern ein jeder sucht für sich die Gelegenheit, sich an allen Siegern auf das beispielloseste zu rächen. Und sieh, so treibt ein solches rein höllisches Gemüt sein innerer böser Wurm, der nicht stirbt, immer weiter und weiter!
GEJ|6|237|9|0|Und wie du nun im Beispiel von den beiden Königen gesehen hast, so ist die ganze Hölle bestellt. Wie willst du in diesen Wesen eine Besserung ihres schwarzen Gemütes bewirken?! – Wie gefällt dir diese Sache?“
GEJ|6|238|1|1|238. — Die Kämpfe in der Hölle
GEJ|6|238|1|0|Sagte der Römer: „Ja, Herr, wenn es in der Hölle so aussieht, da ist an ein Ende dieser gegenseitigen höchsten Anfeindungen freilich wohl in Ewigkeit nicht zu denken, und es sieht die Sache nun ganz anders aus, als wie ich sie mir je vorgestellt habe! Solche Geister sind demnach ihres inneren bösesten Zustandes wegen aus sich selbst nie fähig, wahre Bewohner des Himmels zu werden?“
GEJ|6|238|2|0|Sagte Ich: „Ganz sicher; wenn sie tausend Ewigkeiten also belassen werden, so werden sie aus sich, statt je einmal besser, nur ewig immer schlechter! Denke dir aber zahllos viele solcher Geister, die von nichts als von der grenzenlosesten Selbstsucht und dem schrankenlosesten Hochmut erfüllt sind, wie diese dann untereinander wirtschaften! Denke dir aber noch, daß sie jenseits ganz frei sind, daß gar kein Gesetz sie auf irgendeine Art bindet, und ein jeder tun kann, was er will! Wenn du dir das so recht vor das Gemüt führst, so wirst du da eine Anarchie sehen, von der die Erde kein Beispiel aufzuweisen hat.
GEJ|6|238|3|0|Ein jeder will gleich der höchste Herr sein; nur die im gleichen Bösen und Falschen sind, rotten sich gegen andere, die im andern Bösen und Falschen sind, und da gibt es einen ewigen Hader, Zank, Krieg und gegenseitige Verstümmelungen von der grauenhaftesten Art. Und klauben sich die Verstümmelten wieder zusammen, da sind sie dann erst gar rachgierig und versuchen mit ihren Vorstellungen und Trugkünsten sich als allerlei Zauberer und Künstler bemerkbar zu machen. Haben sie sich dadurch nach und nach einen großen Anhang erworben, dann wehe denen, die sie verstümmelt haben!
GEJ|6|238|4|0|Und so gibt es für jede Art Böses und Falsches ganze große Vereine, die nur eine Weile in einer Scheinharmonie miteinander bestehen. Haben sie irgendeinen andern Verein bestürmt, ihn gesprengt und Beute gemacht, so will dann bei der Teilung ein jeder der Anführer gewesen sein und somit auch den größten Teil der Beute an sich ziehen. Dadurch kommt dann der siegende Verein untereinander in Streit. Zuerst wird gelost. Ist einem durch das Los der größte Teil zugefallen, so werden ihm dann noch allerlei Proben echt höllischer Art vorgestellt, ob er sich getraut, sie zu bestehen. Es werden ihm große Verheißungen gemacht, sogar die Krönung zum König und Gott aller Vereine. So er sich den Proben nicht unterziehen will, wird ihm der kleinste Teil der Beute zugedacht, was ihn natürlich schon in eine geheime Wut versetzt; nimmt er dagegen die Proben an, so wird er fürchterlich gemartert und muß sich alle möglichen Beschimpfungen gefallen lassen und selbst die größten Schmerzen standhaft ertragen.
GEJ|6|238|5|0|Jetzt gilt dann euer römisches Sprichwort: AUT CAESAR, AUT NIHIL [Entweder Caesar oder Nichts! (alles oder nichts)]. Er nimmt die Proben an, und hat er diese überstanden, so wird er zwar ein Scheinkönig, – aber diese Ehre dauert nicht lange. Es gibt bald Meutereien, und der gemarterte König wird abgesetzt, und ein Diktator setzt sich an seine Stelle und gibt Konstitution über Konstitution, wobei dann ein jeder für seinen Sack sorgt. Das ist dann wieder denen nicht recht, die dabei zu kurz kommen, und das erzeugt dann auch schon wieder Konspirationen Verschwörung) aus denen bald eine Gegenmeuterei von einer gräßlichen Art zum Vorscheine kommt. Und so kann es da niemals zu einer Ordnung kommen.
GEJ|6|238|6|0|Es werden von Zeit zu Zeit auch bessere Lehrer in solche höchst zerrütteten Vereine gesandt; aber es geht ihnen beinahe nicht besser, als es den Engeln zu Sodom und Gomorra ergangen ist. Die argen Geister möchten sie als starke Wesen gleich dazu gebrauchen, daß sie alle ihre Feinde vernichten sollen. Daraus aber kannst du schon ersehen, wie es mit der Besserung dieser Geister steht.“
GEJ|6|239|1|1|239. — Die zweite Schöpfung Gottes
GEJ|6|239|1|0|(Der Herr:) „Alle die Höllengeister verstehen sich überaus gut aufs Verstellen. Sie erscheinen oft äußerlich den Engeln gleich und innerlich sind und bleiben sie gleich den reißenden Tieren. Ihre Verstellungskunst geht so weit, daß sie sogar die Engel verführen könnten, und Ich bin hauptsächlich darum im Fleische auf diese Erde gekommen, um der Hölle für ewig einen Damm zu setzen, den sie in alle Ewigkeit nimmer wird überwältigen können.
GEJ|6|239|2|0|Ich, als Gott von Ewigkeit, könnte freilich wohl mit Meinem Willen die Hölle, aber mit ihr auch die ganze Schöpfung zunichte machen. Was aber dann? Etwa eine neue Schöpfung beginnen? Ja, ja, das ginge schon; aber eine neue Schöpfung von materiellen Welten ist in keiner andern Ordnung denkbar, als die gegenwärtige da ist, weil die Materie das gefestete und notwendig gerichtete Medium ist, durch das ein Mir in allem ähnlich werden sollendes Wesen, von Mir ganz abgelöst, die Willensfreiheitsprobe durchmachen muß, um zur wahren Lebensselbständigkeit zu gelangen.
GEJ|6|239|3|0|Es ist darum besser, alles bestehen zu lassen, aber in einer wohl gesonderten Ordnung. Diese aber konnte von Mir nur dadurch bewerkstelligt werden, daß Ich Selbst Mensch geworden bin, Selbst alle Materie durchdrungen und somit allen ihren noch so alten, gerichteten geistigen Inhalt zur Beseligung fähig gemacht habe.
GEJ|6|239|4|0|Und das ist eben die zweite Schöpfung, die Ich schon von Ewigkeit her vorgesehen habe, ohne die nie ein Mensch dieser oder auch einer andern Erde vollkommen selig hätte werden können; denn vor dieser Meiner Darniederkunft war Ich ewighin ein unschaubarer Gott, wie es auch im Moses heißt, daß niemand Gott sehen kann und leben. Von nun an aber bin Ich für jedermann ein schaubarer Gott, und jeder, der Mich sieht, lebt und wird ewig leben.
GEJ|6|239|5|0|Die Erlösung aber besteht erstens in Meiner Lehre, und zweitens in dieser Meiner Menschwerdung, durch welche die so überwiegende Macht der alten Hölle gänzlich gebrochen und besiegt ist.
GEJ|6|239|6|0|Solches hat schon der Prophet Jesajas angezeigt, als er im 63. Kapitel, Vers 1-9, sagte: ,Wer ist Der, so von Edom kommt, besprengt das Gewand aus Bozra, ehrenwert in Seiner Kleidung, einherschreitend in der Größe Seiner Kraft? –
GEJ|6|239|7|0|Ich, der Ich rede in der Gerechtigkeit, groß zum Retten!
GEJ|6|239|8|0|Warum bist Du rötlich in Deinem Gewand und Dein Gewand wie das des Treters einer Kelter?
GEJ|6|239|9|0|Die Kelter trat Ich allein und vom Volke kein Mann mit Mir! Deshalb zertrat Ich jene (die Hölle) in Meinem Zorn (Gerechtigkeit) und zerstampfte sie in Meinem Grimme (die höchste Ordnung der göttlichen Weisheit). Darum ist gespritzt der Sieg auf Mein Gewand (der Lehre und des Glaubens Wahres); denn der Tag der Rache ist in Meinem Herzen, und das Jahr Meiner Erlösten ist gekommen. Heil brachte Mir Mein Arm (das Menschliche des Herrn); zur Erde niedersteigend machte Ich ihre (der Hölle) Besiegung. Er sprach: Siehe, Mein Volk sind jene Kinder (von der Hölle verführt), darum ward Ich ihnen zum Erlöser, ob Meiner Liebe und ob Meiner Milde habe Ich sie erlöst.‘
GEJ|6|239|10|0|Und weiter findet ihr bei demselben in seinem 59. Kapitel: ,Er sah, daß niemand da war (d.h. keine Liebe und keine Wahrheit) und staunte, daß kein Vertreter da wäre; darum brachte Ihm Heil Sein Arm (das Menschliche des Herrn), und Gerechtigkeit richtete Ihn auf (die göttliche Ordnung im Menschlichen des Herrn). Darum zog Er die Gerechtigkeit an wie einen Panzer und den Helm des Heils über Sein Haupt und legte an das Gewand der Rache (die Wahrheit) und deckte Sich mit Eifer wie mit einem Mantel. Da kam für Zion ein Erlöser!‘
GEJ|6|239|11|0|Im Jeremias leset ihr (Kapitel 46): ,Sie sind verzagt; denn ihre (der Hölle) Helden sind zerschlagen. In die Flucht flohen sie und blickten nicht rückwärts. Jener Tag (zur Ehre und zum Lobe) dem Herrn Jehova Zebaoth, ein Tag der Rächung, an dem Er Rache nehme an Seinen Feinden und Sein Schwert fresse und sich sättige.‘
GEJ|6|239|12|0|Und in dem 45. Psalm, vom 4.-8. Verse, leset ihr folgende gar treffliche Stelle, die also lautet: ,Gürte das Schwert (auch das Menschliche des Herrn) um die Lenden, Mächtiger! Deine Pfeile (die Wahrheit) sind gespitzt. Völker (der Hölle) werden fallen unter Dir, die aus dem Herzen Feinde des Königs (des Guten und Wahren) sind. Dein Thron (die Kirche des Herrn) für die Folgezeit und Ewigkeit! Du liebtest die Gerechtigkeit; darum hat Dich Gott gesalbt.‘
GEJ|6|239|13|0|Dergleichen Stellen gibt es noch eine Menge, in denen dargetan ist, daß Ich hauptsächlich nur darum im Fleische in diese Welt gekommen bin, um den zu gewaltigen Übergriffen der Hölle für ewig Einhalt zu tun.“
GEJ|6|240|1|1|240. — Das Verhältnis zwischen Hölle und Welt
GEJ|6|240|1|0|(Der Herr:) „Es denke aber von euch ja niemand, als hätte Ich dereinst auch schon die Hölle erschaffen! Das sei ferne von Mir und von euch allen! Auch denket euch nicht, als sei sie ein Ort zur ewigen Bestrafung der Übeltäter dieser Erde! Sie hat sich von selbst gebildet aus jenen gar vielen Menschenseelen, die auf dieser Erde im Fleische jeder göttlichen Offenbarung Hohn sprachen, Gott leugneten, nur taten, was ihrer äußeren Sinnlichkeit behagte, aber sich am Ende göttliche Verehrung erweisen und alles Volk durch ihre Höflinge darin unterweisen ließen, daß sie selbst Götter seien und alles Volk sie anbeten müsse, wie solches Nebukadnezar zu Babylon tat. Wieder erfanden sie Götzen und zwangen die Völker, dieselben anzubeten und ihnen große Opfer zu bringen; aber wer sich weigerte, wurde auf das grausamste gemartert.
GEJ|6|240|2|0|Aus dem aber könnet ihr wohl ersehen, welche Gewalt die Hölle über die ganze Erde ausübte, und wie sehr es nun an der Zeit war, daß Ich Selbst in die Materie herabkommen mußte, um dieses alte, aber notwendige Gericht mit aller Meiner Fülle zu durchbrechen und dadurch der sich selbst geschaffenen Hölle einen Damm zu setzen, den sie nimmerdar also durchbrechen wird, wie es bis jetzt der Fall war.
GEJ|6|240|3|0|Ich, der Allerheiligste, mußte Mich mit der Unheiligkeit der menschlichen oder geschöpflichen Schwachheit bekleiden, um Mich der Hölle wegen ihrer Besiegung als ein starker Held nahen zu können. Ich habe Mich ihr nun genaht, bin in ihrer Mitte, und alle Teufel und Satane fliehen vor Mir wie lockere Spreu vor dem Sturmwinde.
GEJ|6|240|4|0|Und also habe Ich euch nun in einem Beispiel gezeigt, was die Hölle ist, was sie tat, zum Teile noch tut, und was die Erlösung ist. – Habt ihr solches wohl einigermaßen verstanden?“
GEJ|6|240|5|0|Sagte nun Agrikola ganz erstaunt: „Herr, solch eine Beschreibung der Hölle ist noch nie zu meinen Ohren gekommen! Wir Römer haben sie nach unserer Phantasie unter den Erdboden, besonders an jene Stellen versetzt, wo es, wie bei uns, solche Berge gibt, die immerwährend rauchen und von Zeit zu Zeit große und alles verheerende Feuermassen ausspeien. Ah, so aber sieht die Sache ja ganz anders aus! Da ist ja nun die ganze Erde mit dem losesten Menschengeschlechte eine vollkommene Hölle; denn in dieser Welt geht es nun gerade also zu, wie Du uns das Walten und Treiben der Hölle beschrieben hast!“
GEJ|6|240|6|0|Sagte Ich: „Ja, Mein Freund, die Welt und die Hölle sind geradeso eins, wie da eins sind Leib und Seele. Die große Höllenseele bedient sich der äußeren Welt geradealso, wie sich da bedient die Seele ihres Leibes. Ist die Seele ein Engel durch ihre Liebe zu Gott und zum Nächsten, so wird auch der Leib nur Gutes tun, weil die Seele, die den Leib belebt, nichts Böses tun will und kann; ist aber die Seele schon völlig ein Teufel, so ist dasselbe auch ihr Leib.
GEJ|6|240|7|0|Darum aber kam Ich nun in diesen Weltleib, um alle die legionenmal Legionen Teufel aus ihm zu vertreiben. Ich gab dir gestern mit der Maid im Kleinen ein Beispiel dafür, was Ich nun im Großen tue. Ich werde nun das Haus von den alten Teufeln rein ausfegen; aber so die Menschen sich nicht daran halten werden, so werden sie bald mit einer neuen Hölle und ihren Teufeln fertig sein, und diese werden dann bald in das gereinigte Haus einkehren und einen Zustand in der Welt bereiten, der noch ärger sein wird, als da war der erste vor Mir.
GEJ|6|240|8|0|Denn wie früher, so muß auch jetzt und fürder eine jede Seele im Fleische ihre Willens- und Erkenntnisfreiheitsprobe durchmachen, und die kann ohne zugelassene Anreizungen zum Guten und zum Bösen nie und nimmer stattfinden. Aber nun haben die Menschen durch Mich die Hilfe in ihrer Hand und können die in ihnen anwachsen wollende Hölle allzeit auf das glänzendste besiegen, was eben die Folge Meiner Erlösung ist. Die aber das nicht tun werden, die werden noch mehr Knechte der neuen Hölle sein, als es da waren die Alten bis zu dieser Zeit.“
GEJ|6|240|9|0|Sagte Agrikola: „Ja, Herr, da wäre es ja besser, solche neuen Höllenseelen nach dem Leibesleben sogleich ganz zu vernichten?!“
GEJ|6|240|10|0|Sagte Ich: „Ja, Mein Freund, das geht nicht an; denn alle Seelen, gute und böse, sind aus Mir; und wie von Mir ewig nichts vernichtet werden kann, also auch die böseste Seele nicht, sondern eine jede Seele wird fortleben nach ihrer Liebe. – Verstehst du, Mein Freund, dieses wohl so ein wenig?“
GEJ|6|240|11|0|Sagten nun alle: „Herr und Meister! Diese Sache ist uns nun ganz klar geworden; aber es tritt nun bei uns ein anderer Fall ein, das heißt, ein ganz eigenes, trauriges Gefühl in unserem Gemüte wird laut, und das notwendig aus zwei Gründen: Der erste ist, daß wir mit Leib und Seele offenbar in der allervollkommensten Hölle leben, und der zweite, daß stets die bei weitem größte Zahl der Menschen dieser Erde offenbar nichts anderes als Höllengeister werden, und das auch offenbar für ewig. Ist denn da für solche Höllengeister im Ernste auch bei Dir, o Herr, keine Hilfe mehr denkbar möglich?“
GEJ|6|241|1|1|241. — Lazarus will den Sündern helfen
GEJ|6|241|1|0|Darauf aber sagten die Pharisäer und Schriftgelehrten, die so ganz geheim mit der Erklärung der Hölle nicht sehr zufrieden waren: „Ah, da sorgen wir uns wieder gar nicht und überlassen das Seiner Güte und Weisheit! Haben wir doch gemurrt, da Er die Menge Sünder und Zöllner annahm, die doch auch gerade keine himmlischen Geister waren, so wird Er wohl auch mit den schon wirklichen Höllengeistern einen Ausweg haben! Denn in Seiner Weisheit wird noch gar vieles verborgen liegen, das Er uns nicht offenbaren wird. Was uns not tut, das wird Er uns offenbaren; was uns aber sicher nicht not tut, um das haben wir uns auch nicht zu kümmern. Ist ein Teufel aus seinem eigenen Willen heraus so blind und dumm und will kein Licht annehmen, – nun, so bleibe er ein Teufel in Ewigkeit! So er die stete Gelegenheit hat, sich zu bessern, und es ihm auch an der Vernunft und am Verstande dazu nicht mangelt, wie auch am Willen nicht, er aber dennoch das Gute und Wahre nicht will und gewisserart eine Ehre dareinsetzt, dem Willen Gottes entgegenzustreben, na, so tue der Narr das, solange ihm das wahrscheinlich eine Freude macht, und Gott und alle seligen Geister werden dabei nichts verlieren! – Das ist so unsere ganz nüchterne Ansicht.“
GEJ|6|241|2|0|Sagte Lazarus: „Ja, ja, eure Ansicht ist ganz richtig, und da haben auch die Römer ganz recht, so sie sagen: ,Dem Selbstwollenden geschieht kein Unrecht!‘, aber ich sage: So spricht dennoch nur die trockene Rechtsphilosophie der Welt. So ich aber einen Menschen sehe, der sich aus Verzweiflung das Leben nehmen will, oder ich sehe einen sicher unerfahrenen Menschen, der giftige Beeren sammelt, um sich damit zu sättigen, so ist es denn doch meine Menschenpflicht, nicht gleich jeden das tun zu lassen, was zu tun er sich vorgenommen hat, sondern ihn davon ganz ernstlich abzuhalten und ihn zu belehren, welche Folgen dieses oder jenes für ihn haben würde.
GEJ|6|241|3|0|Natürlich, so ich nicht weiß und sehe, wo irgend einem Menschen aus seinen Handlungen eine Gefahr droht, so habe ich auch kein Gefühl für ihn und kann ihm auch nicht helfen; aber wo ich sehe, weiß und fühle, da darf ich einen noch so dummen und eigensinnigen Menschen nicht dem Verderben nach seinem eigenen Willen preisgeben, und es kann einem fühlenden Gemüte nicht einerlei sein, ob unter tausend Menschen neunhundertneunundneunzig verlorengehen oder nicht. Und ich kann darum alle jene nur loben, denen es hart und traurig zumute wird, so sie einsehen, daß gar so ungeheuer viele so gut wie für ewig verloren sind, und ich finde es nun auch ganz natürlich, daß diese edel fühlenden Menschen sich also vor dem Herrn ausgesprochen haben. Denn von Ihm kann man denn doch mit der größten Zuversicht erwarten, daß Er uns auch in dieser Beziehung einen rechten Aufschluß, wenn auch in irgendeinem Bilde, geben wird. – Herr, habe ich recht geurteilt oder nicht?“
GEJ|6|241|4|0|Sagte Ich: „Mein lieber Bruder Lazarus, du hast ganz recht geurteilt! Mögen da alle Pharisäer und Schriftgelehrten darüber murren, der Herr ganz allein bin dennoch Ich und kann tun, was Ich will, und niemand kann Mich zur Verantwortung ziehen und sagen: ,Herr, warum tust Du dies und jenes?‘
GEJ|6|241|5|0|Ich will euch aber von der wahren Barmherzigkeit Gottes ein paar Bilder geben, und nach denen möget ihr selber urteilen, wie es mit derselben steht. – Und so höret Mich denn!“
GEJ|6|242|1|1|242. — Drei Gleichnisse von der Barmherzigkeit Gottes. Das Geheimnis der Liebe
GEJ|6|242|1|0|(Der Herr:) „Wo ist unter euch ein Mensch, der da hundert Schafe hat, und so er eines davon verliert, daß er dann nicht alsbald lasse die neunundneunzig in der Wüste und hinginge nach dem verlorenen und es suche so lange, bis er es wiederfinde, und, wenn er es gefunden hat, es auflege auf seine Achseln vor Freude? Und wenn er dann heimkommt, so wird er alle seine Nachbarn zu sich laden und sagen: ,Freuet euch mit mir, denn ich habe mein Schaf, das verloren war, wiedergefunden und gebe ein Gastmahl!‘
GEJ|6|242|2|0|Und Ich sage es euch: Also wird auch mehr Freude sein über einen Sünder, der verloren war, so er sich ernstlich gebessert hat, denn über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben! (Luk.15,3-7)
GEJ|6|242|3|0|Oder welches Weib ist, das zehn Groschen hat und einen davon verliert, das da nicht alsbald ein Licht anzünde, das ganze Haus kehre und suche mit allem Fleiße, bis es finde den verlorenen Groschen? Und so das Weib den verlorenen Groschen wiedergefunden hat, wird es nicht seine Freundinnen und Nachbarinnen zusammenrufen und sagen: ,Freuet euch mit mir; denn ich habe meinen Groschen gefunden, den ich verloren hatte!‘?
GEJ|6|242|4|0|Und Ich sage es: Also wird auch eine große Freude sein im Himmel bei den Engeln Gottes über einen Sünder, der verloren war, aber durch eine wahre und ernste Buße sich wieder für die Himmel hat finden lassen! (Luk.15,8-11)
GEJ|6|242|5|0|Und weiter höret noch ein gar vielsagendes Bild! Es war ein gar sehr angesehener und über und über reicher Mensch, der hatte zwei Söhne. Und der jüngste Sohn ging zum Vater und sagte zu ihm: ,Gib mir den Teil oder den Wert meiner Güter, was mir als deinem Erben zukommt; denn ich will von dannen ziehen und in der Welt mein Glück machen!‘ Und der Vater teilte das Gut der Söhne und gab dem Jüngeren seinen Teil heraus.
GEJ|6|242|6|0|Und bald darauf sammelte der Jüngere all das Seine zusammen und zog ferne von dannen über Land und Land. Und als er einen Ort fand, da es seinen Sinnen gefiel, brachte er daselbst all sein Geld mit Prassen durch. Und als er bald all das Seinige verzehrt hatte, kam eine große Teuerung in dasselbe Land, und er fing an zu darben. Darauf ging er hin und hängte sich an einen Bürger desselben Landes, daß er ihm einen Dienst gäbe, und der sandte ihn auf seinen Acker, seine Säue zu hüten. Als er aber ein paar Tage die Säue hütete, da fing es ihn sehr zu hungern an, und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit Trebern, die die Säue aßen, und niemand gab sie ihm.
GEJ|6|242|7|0|Da er aber also stark darbte und sich zur höchsten Not nur mit Wurzeln und Gras ernährte, so ging er endlich in sich und sagte in seinen Gedanken: ,Wie gar viele Tagelöhner hat daheim mein Vater, die Brot in Fülle haben, und ich verderbe vor Hunger! Ich will mich aber aufmachen und zum Vater ziehen und ihm sagen: ,Vater, ich habe gesündigt in dem Himmel und vor dir! (Jeremias 3,12 und Davids Psalm 51,6) Ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße; mache mich aber doch zu einem geringsten deiner Tagelöhner!‘
GEJ|6|242|8|0|Und also machte sich der Sohn auf und zog zu seinem Vater. Als er aber noch ferne von dannen war, da ersah der Vater den Sohn schon, und es jammerte ihn. Darum lief er ihm mit offenen Armen entgegen, fiel ihm um seinen Hals und küßte ihn. Der Sohn aber sprach zu ihm: ,Vater, ich habe gesündigt im Himmel und vor dir; ich bin hinfort nicht mehr wert, daß ich dein Sohn heiße!‘ Aber der Vater sagte zu seinen Knechten: ,Bringet sogleich das beste Kleid hervor und tut es ihm an, und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand, und ziehet ihm Schuhe an! Und bringet ein gemästetes Kalb her, schlachtet es und lasset uns essen und fröhlich sein! Denn dieser, mein Sohn, war tot und ist wieder lebendig geworden, er war verloren und ist gefunden worden! Und so lasset uns nun singen und fröhlich sein!‘
GEJ|6|242|9|0|Aber der älteste Sohn war auf dem Felde, und als er nach Hause kam, hörte er Gesänge und den Reigen. Und er rief der Knechte einen zu sich und fragte ihn, was das wäre. Der Knecht aber sagte zu ihm: ,Dein Bruder ist gekommen, und der Vater hat ihm ein gemästetes Kalb geschlachtet, da er den verlorenen Sohn gesund wieder hat.‘ Da ward der älteste Sohn zornig und wollte nicht hineingehen. Der Vater aber ging hinaus und bat ihn sogar darum. Der älteste Sohn aber antwortete und sprach zum Vater: ,Siehe, so viele Jahre diene ich dir und habe dein Gebot nie übertreten, und du hast mir nie auch nur einen Bock gegeben, daß ich dabei mit meinen Freunden gar fröhlich hätte sein können! Da nun aber dieser dein Sohn gekommen ist, der sein Gut mit Huren verschlungen hat, so hast du ihm ein gemästetes Kalb geschlachtet!‘ – ,Mein Sohn, du bist allzeit bei mir‘, sprach der Vater, ,und alles, was mein ist, ist auch dein! Darum sollst auch du fröhlich sein; denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden, und er war verloren und ist wiedergefunden worden!‘ Da ging auch der älteste Bruder hinein und hatte eine große Freude an dem jüngsten Bruder. (Luk.15,11-32)
GEJ|6|242|10|0|Sehet, diese Bilder sagen euch alles, dessen diejenigen bedürfen, die in ihrem Herzen in der Liebe dem Vater im Himmel gleichen; welche aber nur in der Weisheit allein stecken, die fühlen das große Bedürfnis der Liebe im Vater nicht.
GEJ|6|242|11|0|David, der Mann nach dem Herzen Gottes, hatte auch zwei Söhne, die er besonders liebte. Obschon ihn aber Absolam verfolgte und er (David) ihm alle Gewalt entgegenstellte, daß er ihn besiegte, welche Prämie hätte von David derjenige erhalten, der ihm den so heiß geliebten Sohn lebend wiedergebracht hätte! Salomo war wohl die Weisheit selbst und war stets um David; aber Davids Liebe und Neigung war Absalom.
GEJ|6|242|12|0|O Meine Lieben, dies Bild besagt unendlich viel! Welche Freude wird Davids Herz empfinden, wenn sein verlorener Absalom ihm einmal lebendig wieder zugehen wird!
GEJ|6|242|13|0|O Meine Lieben, in der Liebe liegt noch gar vieles verborgen, was keine Weisheit ergründet hat; darum ist der Vater als die ewige Liebe auch größer denn der Sohn, der als Ihr Licht hier vor euch ist.
GEJ|6|242|14|0|Darum sage Ich: Vieles ist selbst bei den weisesten Menschen unmöglich, was bei Gott in Seiner Liebe dennoch alles möglich ist! – Glaubet ihr Mir dieses?“
GEJ|6|242|15|0|Sagte nun Lazarus voll Freude: „Herr, wir danken Dir allerinbrünstigst für diese Kundgabe; denn wer da nicht mit der siebenfachen Finsternis der Seele und seines ganzen Gemütes geschlagen ist, der muß es ja doch allerhandgreiflichst merken, was Du damit angedeutet hast. Ich wenigstens habe Dich ganz klar verstanden, und es wird das wohl bei vielen der Fall sein.“
GEJ|6|242|16|0|Sagten auch nahezu alle, die hier zugegen waren, daß sie das Gesagte wohl verstanden hätten.
GEJ|6|243|1|1|243. — Die Folgen der falschen Vorstellung vom Jenseits
GEJ|6|243|1|0|Nur die Pharisäer waren noch nicht einig, und der Schriftgelehrte sagte: „Diese Sache klingt freilich ganz hoffnungsvoll; aber sie stimmt mit dem Begriff einer gegenüberstehenden ewigen Belohnung nicht zusammen. Denn so der gute Mensch für seine guten Handlungen, für seine Geduld in Schmerzen und Leiden aller Art und Gattung mit einer jenseitigen, ewigen Belohnung entschädigt wird, so sollte auch der im steten Wohlleben auf dieser Welt stehende Übeltäter ewig bestraft werden.
GEJ|6|243|2|0|Und würde man den Menschen verkünden, daß am Ende auch noch aus der Hölle eine Erlösung möglich ist, dann wird es noch mehr Übeltäter auf der Erde geben! Jetzt hält doch noch die Furcht vor den ewigen Strafen in der Hölle gar viele Menschen von bösen Handlungen ab, und die Hoffnung zur Erreichung der ewigen Glückseligkeit treibt die Menschen zum Guten an! Nehmen wir aber das an, daß auch die Verdammten noch eine etwaige Aussicht haben, einmal selig zu werden, dann werden sich auch die Guten mehr und mehr zu ihnen kehren, und das reine Gute wird auf der Erde bald so selten werden wie die Diamanten. Es ist das für ein weiches Herz wohl sehr trostreich, – aber das Gefühl der Gerechtigkeit geht dabei unter! Das ist so meine ganz gerade Meinung.“
GEJ|6|243|3|0|Sagte Ich: „Für dich mag sie ja sehr gerade sein, für Mich aber ist sie sehr krumm! Wenn du glaubst, daß entweder die Hölle oder der Himmel als Beweggründe dienen sollen, durch die die Menschen vom Bösen abgehalten und zum Guten hingeleitet werden sollen, so bist du noch von einem ganz grundfalschen Glauben erfüllt; denn der ganz schlechte Mensch lacht über deine Hölle und über deinen Himmel, und der ganz Gute ist gut auch ohne deine Hölle und ohne deinen Himmel. Denn die Hölle und der Himmel, also gestellt, wie du dir die Sache vorstellst, sind erst recht geeignet, jeden Menschen so schlecht wie nur immer möglich zu machen.
GEJ|6|243|4|0|Denn wer das Gute nur des Lohnes wegen tut, der leiht sein Geld auf hohe Zinsen aus, und wer das tut, der hat keine Nächstenliebe, und noch weniger eine Liebe zu Gott. Denn wer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann der wohl Gott lieben, den er nicht sieht?
GEJ|6|243|5|0|Nehmen wir aber den Himmel und die Hölle weg und sehen uns nachher deine frommen Menschen an! Die werden noch ärger zu wüten und zu toben anfangen als ein großgewinnsüchtiger Makler, dem sein Schuldner mit dem dargeliehenen Gelde durchgegangen ist; und weil sie keine Höllenstrafen mehr zu befürchten haben, so werden solche Menschen dann nur durch die sanktionierten Weltgesetze zu bändigen sein.
GEJ|6|243|6|0|Es ist also schon im Anfange von den Menschen dahin schlecht gehandelt gewesen, daß die Alten ihren Kindern die Hölle so heiß als möglich machten und den Himmel mit allen Farben des Lichtes und mit allen den Menschensinnen frönenden Annehmlichkeiten ausmalten. Dadurch bewirkten sie wohl eine Art Gottesfurcht, die aber wegen der gar zu leicht erreichbaren Hölle und wegen des zu schwer zu gewinnenden Himmels nie in eine wahre Liebe zu Gott und dem Nächsten überging, sondern bei den schwächeren Gemütern in eine stets größere Furcht ausartete und bei den stärkeren Gemütern von mehr inneren Lichtes in eine volle Gleichgültigkeit gegen Gott und gegen die Nebenmenschen überging. Denn diese stärkeren Menschen glaubten für sich gar nichts, doch machten sie die Sache pro forma mit, um das gemeine Volk bei dem Glauben zu erhalten, auf daß es sich nicht wider die empöre, für die es arbeiten mußte, damit sich diese für den verlorenen Glauben an Gott, Himmel und Hölle auf der Welt einen Himmel non plus ultra bereiten konnten.
GEJ|6|243|7|0|Die weitere Folge davon aber ist die nunmalige beinahe gänzliche Gottlosigkeit unter den Menschen, die schon lange in der größten Wut gegen die Herrenmenschen aufgestanden wären und sie sehr tatsächlich gefragt hätten, aus welchem Grunde sie ihnen dienen und untertänig sein müssen, wenn nicht die weltlichen Gesetze Roms sie mit dem Schwerte davon abgehalten hätten.
GEJ|6|243|8|0|Siehe, das alles ist eine Folge von solchem Gerechtigkeitsgefühl in der Menschen Seelen, die allzeit gleich dir mit den schärfsten Worten den Menschen predigten, daß Gott zwar die Guten im Himmel ewig belohne, aber infolge Seiner unerbittlichen Gerechtigkeit die Bösen auch ewig in der allerschrecklichsten Hölle mit den unerhörtesten Martern ewig ohne alle Linderung strafe!
GEJ|6|243|9|0|O ihr Narren! Gibt es wohl einen Vater von nur einiger Liebe zu seinen Kindern, der ein Kind, das gegen sein Gebot einen Fehler beging, auf lebenslänglich in einen Kerker werfen ließe und es dazu noch züchtigen lassen möchte alle Tage, solange es lebte?! Wenn aber das ein menschlicher Vater nicht tun wird, der im Grunde als Mensch doch schlecht ist, um wieviel weniger wird das der Vater im Himmel tun, der die ewige und purste Liebe und Güte Selbst ist!
GEJ|6|243|10|0|Oder denke dir nur auf der Erde einen wahrhaft weisen und sehr verstandesvollen Menschen! Wird der je eine ewig währende Bestrafung an einem Sünder billigen können, oder wird er jemandem eine solche Strafe zuerkennen? Sicher nicht, – und der höchstweise Gott um so weniger!
GEJ|6|243|11|0|Ich sage euch aber, daß in der Folge unter Meinen wahren Nachfolgern gar keine auch nur zeitlichen Strafen bestehen sollen, obschon es bisher hieß: Leben um Leben, Auge um Auge und Zahn um Zahn, – sondern so dir jemand einen Backenstreich versetzt, so gib ihm nicht wieder einen zurück, sondern halte ihm noch die andere Wange hin, daß er dir noch einen Streich geben möge, so er sonst mit dir nicht Frieden sein kann, auf daß dann Friede und Einigkeit zwischen euch sei! So dir jemand ein Auge ausgeschlagen hätte, so tue ihm nicht auch dasselbe, sondern vergib ihm, und du wirst als ein Leidender bessern sein Herz. Vergeltet nimmerdar Böses mit Bösem, so werdet ihr als Meine wahrhaften Jünger Ruhe haben in der Welt und auch eben dadurch zeigen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!“
GEJ|6|244|1|1|244. — Vom Richten und Strafen
GEJ|6|244|1|0|Sagte nun der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, ich sehe nun schon, daß Du allein höchst gut und wahrhaftig bist, und es ist schon am besten, sich also zu verhalten und also zu glauben und zu reden, wie Du nun alles das von unten bis oben gezeigt hast! Nur mit der Aufhebung der Todesstrafe kann ich mich noch nicht ganz zurechtfinden; denn wenn auf das Leben eines Menschen nicht wieder das Leben eines Mörders gesetzt wäre, so wäre ja gar bald kein Mensch mehr seines Lebens sicher. Nur die sichere Todesstrafe hält viele von den allergrößten Greueltaten ab!“
GEJ|6|244|2|0|Sagte Ich: „Ja, das ist wieder so deine Meinung, doch Meine Meinung ist da eine ganz andere! Ein Tiger gebiert den andern, ebenso ein Löwe, ein Panther und eine Hyäne ihresgleichen.
GEJ|6|244|3|0|So irgendein roher, ganz tierisch verwahrloster Mensch, von seinen bestialischen Leidenschaften getrieben, einen Menschen erschlägt, so hätte der Erschlagene das eigentliche Recht, seinen Totschläger wieder zu erschlagen; ein Dritter aber, dem der Totschläger nie etwas zuleide getan hat, hat eigentlich gar kein Recht, sich an Stelle des Erschlagenen an dessen Mörder zu rächen. Doch da ein solcher Tiermensch auch für andere Menschen gefährlich werden kann, so kann auf ihn Jagd gemacht werden. Ist man seiner habhaft geworden, dann bringe man ihn entweder in ein gutes Gewahrsam, gebe ihm einen Unterricht und versuche, aus ihm einen Menschen zu machen! Ist das gelungen, so habt ihr aus einem Teufel einen Menschen gemacht, wofür ihr mehr des wahren Lebenslohnes in euch zu erwarten haben werdet, als so ihr den Mörder getötet hättet. Das wäre sonach eines, das allerbestens mit einem Mörder zu tun wäre.
GEJ|6|244|4|0|Oder in einem andern Falle, wenn der Mörder ein zu berüchtigter und ganz eingefleischter Teufel wäre, so machet auch Jagd auf ihn; und habt ihr ihn gefangen, so fraget ihn um den Grund, warum er solche Greueltaten verübt habe, und ob er solche nicht bereue! Redet er die Wahrheit, so tut, wie Ich ehedem gesagt habe; leugnet er aber die Tat und gibt euch auf eure Reden kein gehöriges Wort, obwohl ihr überzeugt seid, daß er der Bösewicht ist, dann sorget dafür, daß er fürderhin für die menschliche Gesellschaft unschädlich werde, doch nicht durch seinen Tod, sondern entweder durch ein stärkstes Gefängnis, durch die Blendung seiner Augen oder durch eine Verbannung in eine derartige ferne Gegend irgend am Meere, von wo für ihn keine Rückkunft mehr denkbar möglich ist.
GEJ|6|244|5|0|Das ist so Mein Rat, wie ihr euch auch in solch einem Falle als Meine wahren Jünger zu benehmen haben sollet. Ihr könnet bessern und reinigen eure Gemeinde von Übeltätern; aber kein Gericht sollet ihr halten! Denn wer da richtet, der wird dereinst auch von Mir gerichtet werden. Wer aber nicht richtet, der wird auch von Mir nicht gerichtet werden. So ihr die Sünder an euch verflucht und verdammt, so werdet ihr dereinst von Mir dasselbe zu erwarten haben; so ihr aber wandelt nach Meiner Lehre, so werdet ihr auch nicht verdammt und verflucht werden.
GEJ|6|244|6|0|Ihr sollet zu euren Brüdern nicht einmal ,Raka‘ [ein hinterhältiger oder rückgängiger (tückischer) Mensch. (J.L.)] sagen; denn dadurch machet ihr euch schon eines Gerichtes schuldig, weil ihr, so ihr das ernst meintet, über einen Bruder ein Urteil gefällt habt. Noch weniger sollet ihr zu einem wenn auch noch so blöden Bruder im Ernste sagen, daß er ein Narr sei; denn seid ihr weiser als er, so seid ihr das aus Gottes Gnade. Seid ihr aber darob stolz geworden, und geschieht es, daß ihr euch des Blöden schämet, nicht mit ihm reden wollet und saget: ,Wer kann mit einem Narren reden?‘, so rührt ein solches Urteil schon aus dem Keime der Hölle in euch her, und ihr machet euch des höllischen Feuers (Eifers) schuldig. Es ist aber nicht fein, wenn in Meinen wahren Jüngern auch nur Fünklein der Hölle durch solchen falschen Eifer angefacht werden; denn auch aus dem kleinsten Funken kann ein großer Brand entstehen.
GEJ|6|244|7|0|In der Hölle ist der Hochmutsbrand am höchsten, und im Himmel leuchtet nur das Licht der höchsten Demut und Bescheidenheit, und das sanfte Feuer der Liebe erwärmt und belebt alles. – Verstehest du solches?“
GEJ|6|245|1|1|245. — Der Große Schöpfungsmensch im Universum
GEJ|6|245|1|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, Herr und Meister, nun ist auch mir alles klar; doch wir alle zusammen werden nichts vermögen gegen die Macht der Weltherrscher! Und diese werden ihre Strafkodexe darum nicht ändern und werden ihre Todesurteile fällen nach wie zuvor, und Deine Lehre in dieser Hinsicht wird den Sinn der Weltgroßen und Mächtigen nicht beugen!“
GEJ|6|245|2|0|Sagte Ich: „Was du weißt, das weiß Ich wohl auch, wie es mit den Weltgroßen in aller Welt steht. Zu denen habe Ich auch nicht geredet, sondern nur zu euch! Ihr aber werdet auch zu den Weltgroßen kommen und ihnen Meinen Willen kundtun können. Die es annehmen werden, die werden auch wohl und gut fahren, – die es aber nicht annehmen werden, sondern ihr Gericht halten wie zuvor, die werden auch danach ihren Lohn von dorther erhalten, von woher sie ihr Gericht genommen haben; denn die es nicht von Mir haben und hinfort auch nicht haben wollen, die können es doch von nirgend anderswoher haben als nur aus der Hölle, und so werden sie auch von ihr den Lohn dafür ernten!“
GEJ|6|245|3|0|Sagte der gelehrte Pharisäer: „Ja, Herr, wenn sie das Bild vom verlorenen Sohne hören und verstehen werden, da werden sie sich aus der Hölle am Ende nicht gar zuviel machen!“
GEJ|6|245|4|0|Sagte Ich: „Sorge du dich um etwas anderes! Die Zeit, binnen welcher dem verlorenen Sohne [Das ist der Große Weltmensch im unendlichen Schöpfungsraum.] die ausgesprochene Hoffnung gegeben ist, ist keine so kurze, wie du sie dir etwa vorstellst. Ich will dir die Dauer der gerichteten Welten zeigen, und so höre!
GEJ|6|245|5|0|Die Erde ist gewiß kein kleiner Weltkörper, und die Sonne ist gerade um tausendmal tausend Male größer als diese ganze Erde; aber schon die nächste Zentralsonne ist mehr denn zehnmal hunderttausend Male größer als diese Sonne, welche dieser Erde leuchtet und bald aufgehen wird, und hat mehr Körperinhalt als alle die zehnhundertmal tausendmal tausend Planetarsonnen samt allen ihren Erden und Monden und Kometen, die sich alle in für euch undenkbar weit gedehnten Kreisen mit ihrem Angehör um eben solch eine Zentralsonne in großer Schnelle bewegen und dennoch, besonders die entferntesten, oft tausendmal tausend dieser Erde Jahre benötigen, um nur einmal ihre weite Bahn durchzumachen und wieder am alten Flecke anzulangen.
GEJ|6|245|6|0|Nun gibt es aber noch eine zweite Gattung von Zentralsonnen, um die sich in noch endlos größeren Bahnen ganze Sonnengebiete mit ihren Zentralsonnen bewegen, von denen die entferntesten Gebiete schon eine Äone von diesen Erdenjahren benötigen, um diese zweite Zentralsonne nur einmal zu umkreisen. Eine solche zweite Zentralsonne, um die nun ganze Sonnengebiete mit ihren Zentralsonnen kreisen, wollen wir samt ihren tausendmal tausend Sonnengebieten ein Sonnenweltall nennen.
GEJ|6|245|7|0|Nun denket euch aber wieder eine ebenso große Anzahl solcher Sonnenweltenalle! Diese haben wieder in einer für keinen Menschenverstand mehr meßbaren Tiefe und Ferne eine gemeinsame Zentralsonne, die in sich als Weltkörper noch um zehnmal tausendmal tausend Male größer ist als die Sonnenweltenalle, die um sie in unermeßlich weiten Kreisen bahnen.
GEJ|6|245|8|0|Diese Sonnenweltenall-Gesellschaft mit einer Zentralsonne wollen wir ein Sonnen-Allall nennen. Solcher Allalle gibt es wieder eine für euch nicht zählbare Menge, und alle haben in einer endlosen Tiefe wieder eine allerungeheuerst große Urzentralsonne, um die sie ohne Störung ihrer vielen Separatbewegungen wie ein Körper in einer nur für Engel meßbaren weiten Bahn kreisen, und ein solches Sonnen- und Weltensystem um eine Urzentralsonne wollen wir darum, um es als einen faßbaren Begriff zu bezeichnen, eine Sonnen- und Welten-Hülsenglobe nennen, weil alle diese vorbezeichneten Allalle, nach allen Richtungen um die Urzentralsonne kreisend, eine unermeßlich große Kugel darstellen und infolge ihrer notwendig nahezu gedankenschnellen Bewegung und der dadurch bewirkten Wurfkraft nach außen hin in freilich einer für euch nicht meßbaren Tiefe und Ferne eine Art bilden, deren Dichtigkeit der atmosphärischen Luft dieser Erde gleichkommt und von innen bis nach außen hin einen Durchmesser hat, der nach den Weiten dieser Erde zu messen mit tausendmal tausend Äonen noch viel zu gering angenommen wäre.“
GEJ|6|245|9|0|Sagten der Schriftgelehrte und der Römer und Mein Lazarus: „Herr, uns ergreift ein Schwindel vor dieser allererschrecklichsten Größe Deiner Schöpfung! Kann die ewig je ein Engel übersehen und begreifen in ihrer Wahrheit?“
GEJ|6|245|10|0|Sagte Ich: „Ganz sicher; denn sonst wäre er kein Engel! Aber laßt von eurem Schwindel nur ab, denn es wird schon dicker kommen; denn jetzt habe Ich euch erst kaum einen Punkt von der Größe Meiner Schöpfung gezeigt!
GEJ|6|245|11|0|Wir sind bei der großen Hülse als der gemeinsamen Umfassung aller der zahllos vielen Allalle stehengeblieben. Wie sich diese Umhülsung bildet, habe Ich bereits kurz erwähnt. Aber warum wird sie gebildet?
GEJ|6|245|12|0|Seht, jedes in sich Ganze, vom Größten bis zum Kleinsten, hat zur Deckung und zum Schutze seines kunstvollsten Innern eine Umhäutung! Diese Umhäutung aber hat auch noch den gar wichtigen Zweck, daß sie das Unreine vom innern Mechanismus eines belebten Körpers in sich aufnimmt und als ein zum organischen Leben Untaugliches nach außen hinausleitet, dafür aber dann von außen her geläuterten Lebensnährstoff aufsaugt und zur Lebensstärkung dem innern organischen Körperlebensmechanismus zuführt. Aus dem könnet ihr nun wenigstens euch dahin einen klaren Begriff machen, warum Ich das ganze Sonnen- und Welten-Allall-Kompendium eine Hülsenglobe nenne.
GEJ|6|245|13|0|Fraget aber ja nicht etwa nach der Größe und Länge des Durchmessers einer solchen Hülsenglobe! Denn für den Menschen dürfte schwerlich je auf dieser Erde eine Zahl ausgedacht werden, durch die man, die Entfernung von dieser Erde bis zur Sonne hin, die doch bei 44mal tausendmal tausend Stunden Ferne beträgt, als Einheitsmaß genommen, einen solchen Hülsengloben-Durchmesser hinreichend bestimmen könnte, denn äonenmal Äonen solcher Entfernungen reichten kaum auf ein Sonnenwelten- Allallgebiet aus, deren es in einer Hülsenglobe, wie schon gezeigt, eine beinahe zahllose Menge gibt. Also habe Ich bei euch aber dennoch den Begriff von der beinahe unendlichen Größe einer Hülsenglobe festgestellt, und auf diesem Grundstein können wir nun schon weiterbauen.
GEJ|6|245|14|0|Seht, solch eine Hülsenglobe aber ist eigentlich nur ein einziger Punkt in Meinem großen Schöpfungsraume! Wie aber solches zu denken und zu begreifen ist, werde Ich euch allen sogleich zeigen.
GEJ|6|245|15|0|Denket euch nun ganz außerhalb der ungeheuerst großen Hülse oder äußersten Haut einer vorbeschriebenen Globe einen ungeheuerst weiten Raum als nach allen Seiten hin ganz leer, und das so weit hin, daß jemand, selbst mit dem schärfsten Auge versehen, von der ganzen nahezu endlos großen Hülsenglobe nichts mehr als nur ein matt schimmerndes, allerkleinstes Pünktchen entdecken würde, und in der entgegengesetzten Richtung wieder ein solches, das ganz natürlich dann wieder eine Hülsenglobe ist. Das gäbe dann so ungefähr ein Maß der Raumweite zwischen zwei Hülsengloben, eine so groß wie die andere, und doch schrumpften sie durch die ungeheuerste Entfernung schon auf dem halben Wege zu einem kaum bemerkbaren Schimmerpunkte zusammen, und wir hätten nun also zwei nachbarliche Hülsengloben kennengelernt.
GEJ|6|245|16|0|Was werdet ihr aber sagen, so Ich euch nun anzeige, daß es solcher Hülsengloben im endlos großen Schöpfungsraume für euren noch so hellen Menschenverstand wahrhaft zahllos viele gibt, die aber alle nach Meiner Ordnung in der Gesamtumfassung ganz genau einen Menschen mit allem und jedem darstellen?
GEJ|6|245|17|0|Frage: Wie groß muß der Mensch sein, wenn schon eine Hülsenglobe so endlos groß ist und noch äonenmal äonen Male größer die Entfernung von einer Hülsenglobe zur andern!
GEJ|6|245|18|0|Aber auch dieser Mensch ist in seiner äußersten Umfassung ebenso wie jede einzelne Hülsenglobe mit einer Art Haut umgeben. Freilich ist solch eine Haut noch ums für euch unaussprechliche dicker – um recht verständlich zu reden – als die einer Hülsenglobe und hat doch denselben Zweck im Allgemeinen und für eure Begriffe endlos Großen wie die Haut einer einzelnen Hülsenglobe. Ihr werdet euch nun wohl denken, was es dann außerhalb dieses Menschen gibt, und worauf dieser beinahe endlos große Mensch steht, und was er als Mensch für sich tut.
GEJ|6|245|19|0|Außerhalb dieses Weltenmenschen geht nach allen Richtungen der freie Ätherraum ewig fort, den dieser Mensch in einem für eure Begriffe wahrhaft endlos großen Kreise, durch Meinen Willen getrieben, mit für euch unbegreiflicher Schnelle durchfliegt, und das wegen des Nährstoffes aus dem endlosesten Äthermeere, das er gewisserart wie ein Fisch durchschwimmt. Da es im freien, großen Ätherraume nirgends oben oder unten gibt und kein Wesen weder auf die eine noch auf die andere Seite irgendwohin fallen kann, so steht dieser Mensch also ganz gut und fest im Ätherraume wie diese Erde, die Sonne und alle die äonenmal äonen Sonnen in einer Hülsenglobe.
GEJ|6|245|20|0|Seine handelnde Bestimmung ist, alle die in ihm enthaltenen großen Gedanken und Ideen Gottes auszureifen für die einstige freieste und selbständige Geisteslebensbestimmung.“
GEJ|6|246|1|1|246. — Die Erlösung des Weltenmenschen
GEJ|6|246|1|0|(Der Herr:) „Gleich wie ihr nun, werden noch zahllos viele aus ihm hervorgehen, und das so lange, bis alles in ihm Gerichtete und Gefangengehaltene in das freieste geistige Leben übergegangen sein wird; und solange dieser ganze Weltenmensch nicht völlig ins freie und selbständige Geistige aufgelöst sein wird, solange wird auch das Gericht und die Hölle fortbestehen. Und so darf sich niemand von euch sorgen, daß etwa die Höllengeister von der ärgsten Gattung in ihren sich selbst bereiteten Leiden und Qualen zu kurz kommen werden.
GEJ|6|246|2|0|Die Umlaufzeit dieser Sonne (unserer) um ihre Zentralsonne beträgt einen Zeitraum von ungefähr 28000 Erdenjahren, welcher Zeitraum also für die Sonne selbst ein Jahr ausmacht, das heißt soviel als ein Jahr auf der Sonne.
GEJ|6|246|3|0|Bevor noch diese Erde war, hatte die Sonne als das, was sie nun ist, diesen Weg schon für euch zahllos oft durchgemacht, aber auch mit dieser Erde schon so oftmals, daß ihr für die Vielheit solcher Sonnenjahre auch gar keine so große Zahl in eurer Rechnung kennet, und noch weniger würde eine Zahl zu ermitteln sein für das, wie oft sie solchen ihren großen Kreislauf bis zu ihrer völligen Auflösung noch durchmachen wird. Ich sage es euch: äonenmal Äonen solcher Sonnenjahre wären als nahe nichts zu betrachten!
GEJ|6|246|4|0|Was ist aber das Alter einer Planetarsonne gegen das einer Sonnengebiets- Zentralsonne, die endlos lange früher bestand, ehe auch nur eine Planetarsonne ihren um sie kreisenden Planeten leuchtete?! Was ist aber wieder diese Bestanddauer gegen eine Sonnenall-Zentralsonne, was wieder die Dauer dieser gegen eine Allall-Zentralsonne, und wie nahe gar nichts selbst dieser Sonne Dauer gegen die einer Ur-Zentralsonne in einer Hülsenglobe, die im Grunde die urerste Großmutter aller Sonnen und Welten in einer Hülsenglobe ist?!
GEJ|6|246|5|0|Welcher Rechner kann da bestimmen, wie alt eine solche Urzentralsonne ist, und wie alt sie noch werden wird?! Wie viele Zentralsonnen und wie viele ganze Sonnengebiete sind schon aus ihr hervorgegangen, die schon lange ganz aufgelöst worden sind, und wie viele neue sind schon vor undenkbar langen Zeiten an ihre Stellen getreten, und wie viele werden nach undenklich langen Zeiten noch aufgelöst werden, und wie viele neue werden wieder an ihre Stellen kommen?!
GEJ|6|246|6|0|Aber auch diese Urzentralsonne wird einst, so zuvor alle anderen Sonnen aus ihr in endlos langen Zeiträumen aufgelöst sein werden, auch aufgelöst werden, aber noch lange nicht sobald der ganze, große Weltenmensch; denn wie das Absterben bei einem Menschen ein allmähliches ist, also ist das auch der gleiche Fall bei dem Großen Weltenmenschen.
GEJ|6|246|7|0|Warum wird der Leib eines älter gewordenen Menschen nach und nach immer schwächer und schwächer? Weil in ihm gewisse Fibern und Nerven von Zeit zu Zeit absterben und untätig werden, – was das Altern und Schwächerwerden des Leibes bewirkt. Und doch kann dabei der Mensch noch viele Jahre hindurch leben, ohne daß er an seiner geistigen Kraft etwas verliert, besonders so er stets nach dem Willen Gottes gelebt hat. Und so wird das auch einstens mit dem Großen Weltenmenschen der Fall sein. Wenn in ihm auch schon äonen Hülsengloben aufgelöst sein werden, so wird er deshalb doch noch für eure Begriffe endlos lange fortbestehen können; denn die Hülsengloben sind in ihm das, was bei euch Menschen eure Fibern und Nerven sind.
GEJ|6|246|8|0|Dieser euch nun dargestellte große Weltenmensch ist in der allgemeinsten Umfassung der euch ehedem dargestellte verlorene Sohn, nun auf der Umkehr begriffen, und der Vater, der ihm entgegenkommt, bin Ich nun als Mensch unter euch, und Ich nehme ihn in einem jeden Menschen, der nach Meiner Lehre lebt, wieder in Mein Vaterhaus auf.
GEJ|6|246|9|0|Wohl dem Sünder, der Buße tut und reuig zu Mir zurückkehrt! Aber darum stelle sich ja keiner vor, daß die ganz allgemeine Umkehr etwa in einem zu kurzen Zeitraum erfolgen werde, und daß die Einwohner der Hölle oder des Gerichtes etwa zu kurze Zeiten für ihre Untaten wegen ihrer selbstgeschaffenen Unordnung werden zu leiden und zu schmachten haben! Die Hartnäckigsten werden natürlich am allerlängsten und die früher in sich Gehenden weniger zu leiden haben. – Hast du Schriftgelehrter das nun wohl verstanden?“
GEJ|6|247|1|1|247. — Der Herr als Heiland des Großen Weltenmenschen. Die geistige Größe des Menschen
GEJ|6|247|1|0|Sagte ganz verblüfft der Pharisäer: „Herr, Herr, Du mein allmächtiger und ewiger Gott, nach dieser Deiner nur zu klar gegebenen Darstellung sieht für die Verdammten in der Hölle ganz entsetzlich wenig Seligkeitshoffnung heraus; denn solche endlosesten Zeitperioden ohne Zahl und ohne Maß sind ja ebensogut wie die Ewigkeit selbst! Ach, das sind ja Größen, von denen bis jetzt noch keinem Menschen nur von fernhin etwas in den Sinn gekommen ist! Zu welch einem unendlichen Nichts verschwindet da ein Mensch! O Gott, warum bist denn Du gar so unendlich groß, weise und mächtig und wir Menschen gar so endlos nichtig, dumm und schwach?! Herr, wahrlich wahr, nun befällt mich eine große Angst vor Dir, da Du in Deinem Geiste zu ewig, zu endlos groß, zu weise und zu allmächtig bist! Und es ist mir nun das Allerunbegreiflichste, wie Du Dich in dem höchst beschränkten Leibe eines Menschen in Deiner ganzen göttlichen Fülle zu uns auf diese nichtige Erde hast begeben können!“
GEJ|6|247|2|0|Sagte Ich: „Da kannst du ganz ruhig sein; denn Ich tue von Ewigkeit her nichts ohne den sicher weisesten Grund. Daß aber ein sehr weiser und erfahrungsreicher Arzt, so er zu einem Kranken kommt, vor allem darauf sehen und merken wird, wo im Leibe der Hauptsitz der Krankheit ist, versteht sich von selbst. Hat er das wohl erkannt, so wird er alsbald durch seine Mittel versuchen, den noch so kleinen, am meisten kranken Nerv im Menschen zu heilen und neu zu beleben. Ist dieser Nerv einmal wieder in der gesunden Ordnung, so wird dann alsbald darauf der ganze Mensch gesund.
GEJ|6|247|3|0|Und sieh, also weiß auch Ich am besten um den kranken Nerv im Großen Weltenmenschen und bin darum eben zu diesem kranken Nerv gekommen, um ihn zuerst zu heilen, auf daß dann der ganze, große Mensch gesund werde! – Ist dir die Sache nun einleuchtender?“
GEJ|6|247|4|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, ja, mein großer Gott und mein Herr, das ist schon alles in der allerschönsten und größten Ordnung; aber ich sinke, alles dessenungeachtet, vor Dir immer mehr und mehr in ein purstes Nichts des Nichtses herab.“
GEJ|6|247|5|0|Sagte Ich: „Bin Ich denn dem Leibe nach nicht ebenso ein Minimum gegen die Größe der ganzen euch nun gezeigten Schöpfung?! Und dennoch überragt sie Mein Geist ums endloseste!“
GEJ|6|247|6|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, bei Dir schon ganz sicher; aber wo ist da mein Geist?“
GEJ|6|247|7|0|Sagte Ich: „Nun, hat dein Geist sich nicht mit dem Meinen über alle die nahezu endlos großen Hülsengloben und am Ende sogar über den ganzen großen Menschen noch endlos weit hinaus geschwungen?! Hast du mit Mir nicht die nahezu endlos großen Hülsengloben als matt schimmernde Pünktlein geschaut und selbst den ganzen, großen Menschen ebenalso?! Und hast du dich nicht mit Mir endlos weit über die Haut des Großen Weltenmenschen in den freien Raum hinaus geschwungen, so daß dir sogar der ganze große Mensch im geistigen Bilde deines Gedankens kaum so groß wie eine schimmernde Ameise vorkam?! Wenn du Mir aber in deinem Geiste in diese endlosen Schöpfungstiefen folgen kannst, und zwar so, daß sie vor dir am Ende ordentlich zu nichts werden, wie kannst du da sagen, daß du und auch ein anderer Mensch gar so nichts gegen solche endlos große Schöpfung seiet?!
GEJ|6|247|8|0|Da sieh zum offenen Fenster hinaus, und du ersiehst soeben den Regulus im großen Löwen! Sieh, das ist eben die Urzentralsonne in dieser Hülsenglobe! Ihre unberechenbar große Entfernung von hier hat sie zu einem Punkte zusammengedrückt. Wie viele solche Regulusse könntest du dir nun wohl nebeneinander denken? Ich sage es dir: eine Unzahl, – wie auch dein Geist neben dem Großen Weltenmenschen im endlosen Raume sich gleich noch mehrere vorzustellen anfing! Und mit solchen rein göttlichen Fähigkeiten im Geiste ausgerüstet, sagst du, daß ein Mensch ein Nichts des Nichtses sei?! Ja, dein Leib als Materie ist freilich ein Nichts; darum soll aber auch der große und unsterbliche Mensch nicht für sein zeitliches und materielles Nichts sorgen, sondern für sein geistiges Alles, und er wird dann fürder nimmer sagen können, daß er ein Nichts des Nichtses sei, sondern in und mit Mir ein Alles des Alles!
GEJ|6|247|9|0|Sieh, so dich auch der euch enthüllte Anblick der Naturgröße Meiner Schöpfung ins Nichts zusammengedrückt hat, so sage Ich dir aber doch, daß der Kleinste in Meinem Reiche ums unvergleichbare größer sein wird in allem als das, was dir nun gar so endlos groß vorkommt! – Verstehst du das?“
GEJ|6|247|10|0|Hier atmeten alle wieder freier auf und waren froh, daß Ich ihnen aus ihrem sie alle erdrücken wollenden Nichts durch die Schlußaufklärung wieder zu etwas mehr Sein verholfen hatte.
GEJ|6|248|1|1|248. — Die Bewegung des Weltenmenschen und seiner Hülsengloben. Die Doppelsonnen
GEJ|6|248|1|0|Es trat aber nun Lazarus zu Mir und fragte Mich, sagend: „Herr, hat so eine Hülsenglobe, die ich mir durch Deine Gnade trotz aller ihrer ungeheuren Größe nun recht gut vorstellen kann, keine andere Bewegung als die allgemeine des Großen Weltenmenschen?“
GEJ|6|248|2|0|Sagte Ich: „O ja, die Bewegung um ihre eigene Achse, und das darum, damit ihre Haut sich fortwährend an dem sie allenthalben umlagernden Äther reibt und dadurch eine gerechte Menge elektrisches Feuer gleich dem der Blitze erzeugt, das dann als Hauptnährstoff für alle in einer solchen Globe seienden Weltkörper dient; denn die allerungeheuerste Masse dieses Stoffes, die bei solch einer Globenreibung mit dem Außenäther erzeugt wird, erfüllt den Ätherraum in der Globe. Durch die Bewegung der zahllos vielen Weltkörper innerhalb einer Globe wird dieser Stoff mittels der Atmosphären, die sie umgeben, wieder erregt, teilt sich zuerst den Atmosphären in reichlichem Maße mit und durch diese den Weltkörpern selbst. Je größer ein Weltkörper – wie etwa eine Sonne oder gar Zentralsonne – und je vehementer seine Bewegung ist, desto mehr dieses Licht- und Nährstoffes wird auf ihm erzeugt. Von den Sonnen aus wird das Überflüssige an die Planeten gespendet.
GEJ|6|248|3|0|Aus dem kannst du aber dann schon sehen, daß sonach auch eine Hülsenglobe ihre Bewegung haben muß, und ihre Achsendrehung, die eine ungeheuer rasche ist, gibt (reicht) schon für ihren großen Bedarf mehr als hinreichend aus; und noch ausgiebiger ist die Bewegung des Großen Weltenmenschen im großen, ganz freien Ätherraume. Die Schnelle seiner Bewegung in einem unendlich großen Kreise ist so außerordentlich, daß er in einem Augenblick tausend Hülsenglobenweiten vorwärts kommt, aber doch hundertmal tausendmal tausend Sonnenjahre dazu vonnöten hat, um wieder am alten Flecke anzugelangen.
GEJ|6|248|4|0|Aus dem könnet ihr euch erstens einen Begriff machen, wie groß der Kreis ist, den er stets von neuem zu gehen hat, und da ist für die Ernährung aller seiner Nerven und Fibern schon bestens gesorgt. Und zweitens könnet ihr euch auch von der Macht, Weisheit und Ordnung in Gott einen helleren Begriff machen, als das bis jetzt der Fall war. – Verstehet ihr das wohl?“
GEJ|6|248|5|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr, nun ist mir alles klar geworden! Du sagtest ehedem, daß der Mensch Gott unmöglich der Wahrheit gemäß lieben könne, wenn er Ihn nicht zuvor erkannt habe, und die Wahrheit dieser Deiner Rede sehe ich erst nun so recht ein. Jetzt erkenne ich Gott und liebe Ihn nun denn auch in Dir, o Herr, über die Maßen. Aber hier ist Gott auch leicht zu erkennen, wenn Du als Gott Selbst Dich uns auf so unerhörte Weise zu erkennen gibst, und wir haben dabei freilich gar kein Verdienst, da das alles nur rein Deine Gnade ist. Aber wer von allen Menschen der ganzen Erde hätte je solche Deine unermeßlichen Tiefen ergründen und enthüllen können?! Das ist nur Dem allein möglich, der sie geschaffen und höchst weise und kunstvoll geordnet hat!
GEJ|6|248|6|0|Wir können hier nichts anderes tun, als Dir, o Herr, aus tiefster Tiefe unseres Herzens unsern liebewärmsten Dank darbringen, aber auch die Bitte hinzufügen, daß Du uns in solcher Deiner Gnade fortwährend erhalten und uns darin stets mehr und mehr stärken möchtest. – Herr, Deine alten Jünger werden von solcher Deiner Größe wohl schon zu öfteren Malen etwas vernommen haben; dürfen wir sie um Mitteilung alles dessen bitten?“
GEJ|6|248|7|0|Sagte Ich: „O allerdings, – sie wissen davon schon gar vieles! Am bald werdenden Tage werdet ihr dazu Gelegenheiten in Menge finden. Aber nun bringe ein jeder von euch das gehörig unter, was er jetzt vernommen hat, und bewahre es treulich auf für alle, zu denen er in Meinem Namen reden wird!
GEJ|6|248|8|0|Jetzt aber wollen wir ins Freie hinausgehen und den werdenden Tag und den Aufgang der Sonne betrachten, und ein jedes Gemüt soll erheitert werden! Des Wirtes Leute mögen unterdessen für ein Morgenmahl sorgen!“
GEJ|6|248|9|0|Der Wirt beorderte sogleich seine Leute, und es ward bald lebendig im Hause; wir aber erhoben uns und gingen hinaus ins Freie.
GEJ|6|248|10|0|Noch waren im Westen mehrere größere Fixsterne recht wohl sichtbar, und Lazarus fragte Mich, ob sich darunter auch irgendeine Zentralsonne befände.
GEJ|6|248|11|0|Und Ich sagte zu ihm: „Unter diesen, die bis jetzt noch sichtbar sind, befindet sich keine; aber tief hinter ihnen gibt es deren gar sehr viele, von denen aber für sehr scharfe Augen in einer dunklen Nacht höchstens ein paar als kaum merkbare Schimmerpünktlein sichtbar sind.
GEJ|6|248|12|0|Es gibt aber noch eine eigene Gattung von Sonnen, die in jedem einzelnen Sonnengebiet mehrfach vorkommt. Das sind die Doppelsonnen, die aber darum dennoch keine Zentralsonnen sind, sondern nur etwas seltenere Planetarsonnen, und eine von beiden ist stets um ein bedeutendes größer als ihre Begleiterin. Beide Sonnen sind voneinander selten mehr als sechstausendmal tausendmal tausend Stunden geraden Weges entfernt. Die kleinere Sonne bahnt um die größere wie ein großer Planet; aber dennoch bewegen sich um jede der beiden Sonnen eine gerechte Anzahl größerer und kleinerer Planeten, auf denen die Bewohner ein gutes Sein haben. Denn erstens haben sie beinahe nie eine volle Nacht und zweitens nie eine besondere Kälte, und das besonders jene kleineren Planeten, die zwischen den beiden Sonnen durchgehen, und zwar zur Zeit, wann solcher Durchgang geschieht.
GEJ|6|248|13|0|Aber es gibt da auch größere Planeten, die um beide Sonnen eine große elliptische Bahn beschreiben. Die Bewohner dieser größeren Planeten haben es dann nicht so gut wie die der kleineren.
GEJ|6|248|14|0|Diese Doppelsonnen haben aber in jedem Sonnengebiet eine gar wichtige Bestimmung; denn sie sind die natürlichen Ordner der Bewegungen der anderen einfachen Planetarsonnen und die Austeiler des bekannten Nährstoffes für ein ganzes Sonnengebiet und sind so eingeteilt, daß auf je siebenhundert bis tausend Einsonnen eine solche Doppelsonne kommt. Doch in Meinem Reiche werdet ihr das alles allerklarst kennenlernen; denn hier ist all das Wissen davon nur ein eitles Stückwerk.
GEJ|6|248|15|0|Aber nun wenden wir unsere Augen wieder dem Aufgange zu; denn in einer kurzen Zeit wird unsere Sonne in aller Pracht und Majestät aufgehen, und den heutigen Aufgang müsset ihr alle recht wohl beobachten!“
GEJ|7|1|1|1|Der Herr auf dem Ölberg. (Ev. Joh. Kap. 8)
GEJ|7|1|1|1|1. — Ein Sonnenaufgang und seine Entsprechung
GEJ|7|1|1|0|Alle kehrten nun ihre Augen nach dem Aufgange hin und bewunderten das gar herrliche Morgenrot. Es zeigten sich äußerst anmutige Nebelgruppen über dem Horizont, die immer heller und heller wurden, und jeder sagte, daß er schon lange keinen so herrlichen Morgen gesehen habe.
GEJ|7|1|2|0|Und Ich sagte nun zu den vielen Umstehenden: „Seht, solch ein Aufgang der Sonne hat eine große Ähnlichkeit mit dem geistigen Lebensmorgen des Menschen und mit dem Aufgange der geistigen Sonne der Himmel in seiner Seele!
GEJ|7|1|3|0|Wenn der Mensch das Wort Gottes hört, so fängt es in seiner Seele zu morgendämmern an. Wenn er den vernommenen Worten glaubt und traut, so wird es schon heller in ihm. Er fängt dann an, eine stets größere Freude an der Lehre zu bekommen, und wird tätig danach. Da werden diese Taten gleich jenen lieblichen Morgenwölkchen von der Liebe gerötet, und es wird dadurch schon heller und heller im Menschen. Aus solcher Freude des Menschen zum Guten und Wahren aus Gott gelangt der Mensch zur stets helleren Erkenntnis Gottes, und sein Herz erbrennt in voller Liebe zu Gott, und das gleicht ganz diesem nun schon strahlend hellen Morgenrot. Die Erkenntnisse über Gott und daraus auch über sich und seine große Bestimmung steigern sich derart, wie nun auch durch die schon große Helle des Morgenrotes alle die schönen Gegenden der Erde ringsherum wohl erkenntlich werden.
GEJ|7|1|4|0|Es wird aber immer noch heller und heller. Die der aufgehenden Sonne zunächst stehenden Wölkchen – gleich den Taten aus reiner Liebe zu Gott – werden hellstrahlendes Gold. Endlich erglüht es im Morgen, und seht, die Sonne selbst steigt in aller Lichtglorie und Majestät über den Horizont herauf, und wie der neue Tag also aus der Nacht durch die Lichtkraft der Sonne neu geboren wird, so auch der Mensch durch die Kraft des Wortes Gottes und aus dem dann durch die stets steigende Liebe zu Gott und zum Nächsten; denn darin besteht die geistige Wiedergeburt im Menschen, daß er Gott stets mehr und mehr erkennt und sonach auch stets mehr und mehr liebt.
GEJ|7|1|5|0|Hat er es dann in seinem Herzen zu einer wahren Glut gebracht, so wird es heller und heller in ihm, die Glut wird zur hellsten Lichtflamme, und Gottes Geist geht gleich der Morgensonne auf, und im Menschen ist es vollkommen Tag geworden. Aber es ist das kein Tag wie ein Tag dieser Erde, der mit dem Abend wieder sein Ende hat, sondern das ist dann ein ewiger Lebenstag und die volle Neu- oder Wiedergeburt des Geistes Gottes in der Menschenseele.
GEJ|7|1|6|0|Wahrlich sage Ich euch: Bei wem solch ein Tag in seiner Seele anbrechen wird, der wird keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken in Ewigkeit, und bei dem Austritt aus seinem Leibe wird er einem Gefangenen im Kerker gleichen, der begnadigt worden ist, und dessen Kerkermeister mit freundlicher Miene kommt, die Kerkertür öffnet und zum Gefangenen spricht: ,Erhebe dich; denn dir ist Gnade geworden, und du bist frei! Hier ziehe an das Kleid der Ehre, verlasse diesen Kerker, und wandle hinfort frei vor dem Angesichte dessen, der dir solche Gnade erwies!‘
GEJ|7|1|7|0|Wie sich ein Gefangener sicher im höchsten Grade über solche Gnade freuen wird, so und noch mehr wird sich ein im Geiste wiedergeborener Mensch freuen, so Mein Engel zu ihm kommen und sagen wird: ,Unsterblicher Bruder, erhebe dich aus deinem Kerker, ziehe an das Lichtgewand der Ehre in Gott, und komme und wandle hinfort frei und selbständig in der Fülle des ewigen Lebens im Angesichte Gottes, dessen große Liebe dir solche große Gnade erweist; denn von nun an wirst du ewig keinen solchen schweren und sterblichen Leib mehr zu tragen haben!‘
GEJ|7|1|8|0|Meinet ihr wohl, daß eine Seele da eine Betrübnis fühlen wird, so Mein Engel also zu ihr kommen wird?“
GEJ|7|1|9|0|Sagte der Mir nahe stehende Römer: „Herr, wer wird da sogestaltig noch eine Betrübnis fühlen können? Das ist ganz sicher nur jenen Weltmenschen eigen, die in der Eigenliebe, Selbstsucht und in der größten Unkenntnis Gottes und ihrer Seele leben; denn diese wissen von einem Leben der Seele nach dem Tode des Leibes nichts, – und haben sie davon auch je etwas gehört, so glauben sie es nicht, wie mir gar viele solche nur zu bekannt sind. Ich bin bis jetzt nur ein Heide und bin es noch meinem Äußeren nach; aber an die Unsterblichkeit der Menschenseele habe ich schon von meiner Kindheit an geglaubt, und nach den gehabten Erscheinungen war für mich das Leben der Seele nach des Leibes Abfall etwas völlig unbezweifelt Gewisses. Wenn man aber das den andern Weltmenschen kundgibt, so lachen sie darüber, zucken mit den Achseln und halten am Ende alles für das Spiel einer lebhaften Phantasie und Einbildungskraft.
GEJ|7|1|10|0|Nun, für derlei Menschen, die dazu noch sehr gerne leben, mag der Tod des Leibes wohl etwas ganz Entsetzliches sein; doch uns – und besonders von nun an, wo wir von Dir aus als dem Herrn alles Lebens die höchste Zuversicht über die Seele und über ihr ewiges Fortleben nach des Leibes Tode haben – kann eben der Tod des Leibes kein Bangen mehr verursachen, besonders wenn ihm keine zu großen Leibesschmerzen vorangehen, durch die der Leib bis auf den Tod gemartert und gequält wird. Aber auch dann muß die Erscheinung des das Tor des harten Gefängnisses öffnenden Kerkermeisters sicher eine höchst willkommene sein! – Das ist so meine Meinung und auch mein fester Glaube; ein anderer aber kann da meinen und glauben, was er will!“
GEJ|7|1|11|0|Sagten alle: „Ja, also meinen und glauben auch wir; denn wen sollte das Leben in dieser Welt, die eigentlich die Hölle in ihrer vollsten Blüte und Reichhaltigkeit ist, noch freuen können?!“
GEJ|7|1|12|0|Sagte Ich: „Ja, also ist es! Darum sage Ich euch denn auch: Wer das Leben dieser Welt liebt, der wird das wahre Leben der Seele verlieren; wer es aber nicht liebt und in der Art, wie es ist, flieht, der wird es gewinnen, das heißt, das wahre, ewige Leben der Seele.
GEJ|7|1|13|0|Lasset euch nicht blenden von der Welt, und horchet nicht auf ihre Verlockungen; denn alle ihre Güter sind eitel und vergänglich! So ihr euch aber in dieser Welt schon Schätze sammelt, so sammelt euch vor allem solche, die kein Rost angreift und die Motten nicht verzehren! Das sind Schätze für den Geist zum ewigen Leben, zu deren vollstem Erwerb ihr alles aufbieten möget. Wem aber auch irdische Schätze verliehen sind, der verwende sie gleich dem Bruder Lazarus, und er wird dafür Schätze des Himmels ernten. Denn wer viel hat, der gebe viel, und wer wenig hat, der gebe wenig!
GEJ|7|1|14|0|Wer einem Durstigen in rechter Nächstenliebe aus seinem Brunnen auch nur einen Trunk frischen Wassers reicht, dem wird es jenseits vergolten werden; denn wer da seinem Nächsten Liebe erweist, der wird auch drüben Liebe finden. Es kommt hier wahrlich nicht darauf an, wieviel jemand gibt, sondern hauptsächlich darauf kommt es an, wie jemand seinem armen Nächsten etwas gibt. Ein aus wahrer Liebe freundlicher Geber gibt doppelt, und es wird ihm auch jenseits also vergolten werden.
GEJ|7|1|15|0|Wenn du viel hast, so kannst du, wie gesagt, auch viel geben. Hast du das mit Freuden und mit vieler Freundlichkeit gegeben, so hast du dem Armen doppelt gegeben. So du aber selbst nicht viel hast, hast aber deinem noch ärmeren Nächsten dennoch auch von deinem Wenigen mit Freude und Freundlichkeit einen Teil gegeben, so hast du zehnfach gegeben, und es wird dir jenseits auch also wiedergegeben werden. Denn was ihr den Armen also tut in Meinem Namen, das ist so gut, als hättet ihr solches Mir Selbst getan.
GEJ|7|1|16|0|Wollt ihr aber bei jeder Gabe und edlen Tat erfahren, ob und wie Ich Selbst daran ein Wohlgefallen habe, so sehet nur in das Antlitz dessen, dem ihr in Meinem Namen also, wie Ich's nun erklärt habe, Gutes erwiesen habt, und es wird euch den wahren Grad Meines Wohlgefallens klar und deutlich anzeigen.
GEJ|7|1|17|0|Was die wahre Liebe tut, das allein ist vor Gott wohlgetan; was aber da irgend pur nach dem Maße des Verstandes getan wird, das hat wenig Wert für den Nehmer und noch weniger für den Geber. Ich sage es euch: Seliger ist es zu geben als zu nehmen.
GEJ|7|1|18|0|Nun aber gehen wir ein wenig fürbaß und sehen uns die Gegend gen Bethania an! Da werden wir große Zuzüge von allerlei Handelsleuten erschauen, da heute der große Markt beginnt und fünf Tage hindurch fortdauert.“
GEJ|7|2|1|1|2. — Die heranziehenden Handelsleute
GEJ|7|2|1|0|Darauf begaben wir uns auf die Stelle hin, von der man gar gut die Gegend von Bethania sehen konnte, aber auch eine Menge Wege und Straßen, die nach Jerusalem führten. An den Wegen und Straßen waren die Maut- und Zollhäuser erbaut, bei denen die Fremden den verlangten Zoll zu entrichten hatten. Die meisten Zöllner von dieser Seite mit mehreren ihrer Diener und Knechte waren seit gestern bei uns.
GEJ|7|2|2|0|Es fragte sie aber der Schriftgelehrte, ob sie nun nicht lieber da unten wären und viel Geldes einnähmen.
GEJ|7|2|3|0|Sagte ein Zöllner: „Mein Freund, diese Frage hättest du dir füglich ersparen können! Denn wäre uns an dieser höchst materiellen Gewinneinnahme mehr gelegen als an der höchst geistigen, so wäre sicher schon ein jeder von uns auf seinem Platze; denn wie wir gekommen sind, so hätten wir auch schon lange wieder gehen können, und niemand hätte uns etwas in den Weg legen können. Aber da uns dieser große Lebensgewinn hier lieber ist als der materielle bei unseren Zollhäusern da unten, so bleiben wir hier und kümmern uns um die vorüberziehenden Handelskarawanen gar nicht. Was aber die kleine Wegmaut anbelangt, nun, so haben wir daheim schon noch Leute, die das besorgen werden.
GEJ|7|2|4|0|Es wird aber ja nun in eurem Tempel die Krämerei auch bald angehen. Würde es dir gefallen, so ich zu dir sagete: ,Freund, sieh da hinab; es wird schon sehr lebendig vor des Tempels Hallen! Kümmern dich die dort zu erwartenden großen Gewinne nicht? Es wird da des blanksten Goldes und Silbers und der Edelsteine und Perlen in großer Menge geben, und euch muß von allem der Zehent gegeben werden. Wird man euch davon etwas geben, so ihr nicht gegenwärtig seid?‘
GEJ|7|2|5|0|Wir Zöllner und Sünder vor euch aber wissen nun von euch, daß ihr eurem Tempel für immer den Rücken zugewendet habt, und so wäre solch eine Frage, von uns an euch gestellt, nun sicher so unklug wie möglich. Wir aber haben nun ohnehin den vollwahren Entschluß gefaßt, daß wir aus Liebe zum Herrn jedermann das Zehnfache zurückvergüten werden, so wir mit unserem Wissen ihn je irgendwann übervorteilt haben, und so mögen darum heute alle die vielen Handelsleute wenigstens an unseren Zoll- und Mauthäusern ganz frei vorüberziehen, und wir alle werden darum noch lange nicht verhungern. Darum lassen wir sie nun nur ganz ruhig vorüberziehen!“
GEJ|7|2|6|0|Auf diese ganz energische Antwort des Zöllners sagte der Schriftgelehrte gar nichts mehr und bewunderte im stillen die Großmut des Zöllners und seiner Gefährten.
GEJ|7|2|7|0|Lazarus aber sagte: „Alle diese Fremden werden gegen Abend ganz sicher da herauf kommen, und ich werde noch Sorge treffen müssen, daß erstens der Keller noch besser bestellt wird und ebenso auch die Küche und die Speisekammer. Dazu werde ich auch noch mehr Tische und Bänke im Freien herrichten lassen müssen, – sonst wird es mir knapp gehen!“
GEJ|7|2|8|0|Sagte Ich zu Lazarus: „Laß das alles; denn solange Ich hier bin, da bist du schon mit allem am besten und reichlichsten versorgt! Und kämen ihrer noch so viele, so sollen sie dennoch alle bestens versorgt werden. – Sehen wir nun nur ganz ruhig dem tollen Welttreiben da unten zu! Wie viele stark beladene Kamele, Pferde, Esel und Ochsen traben auf den Wegen und Straßen einher und tragen große Schätze und Güter ihrer Herren, und sie werden alles verkaufen!
GEJ|7|2|9|0|Aber dort auf der breiten Straße, die aus Galiläa nach Jerusalem führt, sehen wir mit Ochsen bespannte Wagen und Karren; die führen Sklaven aus den Gegenden am Pontus hierher zum Verkaufe. Es sind Jünglinge und Mädchen im Alter von 14-18 Jahren von schönstem körperlichen Wuchs. Ihre Zahl beträgt hundertzwanzig männliche und hundertsiebzig weibliche Personen. Nun, diesen Verkauf wollen wir verhindern und dann für dieser Armen Bildung und Freiheit sorgen! Derlei Menschenmärkte dürfen innerhalb der Stadtmauer nicht statthaben; dieser Berg aber befindet sich schon außerhalb der Stadtmauer und ist dennoch sehr nahe bei der Stadt, und so werdet ihr bald sehen, wie diese Wagen- und Karrenbesitzer gerade am Fuße dieses Berges ihre Verkaufshütten aufrichten werden und darauf bald ihre Anbieter und Ausrufer allenthalben überallhin auszusenden suchen werden! Allein da werden wir ihnen zuvorkommen und ihnen solche ihre Ware ganz abnehmen und dann aber auch den schnöden Verkäufern ein Wörtlein sagen, das ihnen solch einen Handel auf lange hin verleiden soll!“
GEJ|7|2|10|0|Sagte hier Agrikola: „Herr, wie wäre es denn, so ich diesen Menschenverkäufern alle die männlichen und weiblichen Sklaven abkaufte, und das um den verlangten Betrag, sie dann mitnähme nach Rom, sie dort ordentlich erziehen ließe und ihnen dann die volle Freiheit und das Bürgerrecht Roms schenkte?“
GEJ|7|2|11|0|Sagte Ich: „Deine Idee und dein Wille sind gut; aber Meine Idee und Mein Wille werden da noch besser sein! Wozu da Geld hingeben für etwas, das man ganz Rechtens auch ohne Geld haben und in Besitz nehmen kann?! Bist du damit nicht einverstanden? Solchen Menschen noch einen Gewinn geben, hieße sie in ihrem Bösen noch bestärken; wenn sie aber mehrere solche Erfahrungen machen werden, so werden sie sich dann schon hüten, zu solch unmenschlichen Erwerbsarten ihre fernere Zuflucht zu nehmen.“
GEJ|7|2|12|0|Sagte hier Agrikola: „Herr, es ist hierbei nur noch auf eins zu sehen! Mir kommt es vor, daß da in dieser Beziehung von Rom aus für alle Länder ein eigenes Gesetz in bezug auf den Menschenhandel besteht, laut dessen ohne Bewilligung eines römischen Oberstatthalters kein Sklave aus irgendeinem fremden, nicht römischen Reiche in Roms Länder eingeführt werden darf; die Bewilligung kostet aber ganz entsetzlich viel. Nun, da geschieht es aber sehr häufig, daß derlei Sklavenhändler ihre Sklaven auf geheimen Wegen und oft auch mit falschen Bewilligungsdokumenten in ihren Händen in unsere Länder hereinschmuggeln. Wenn das bei diesen nun ankommenden Sklavenhändlern der Fall sein dürfte, dann wäre es ein leichtes, ihnen ihre Ware abzunehmen; doch im Falle, daß sie im Besitze einer oberwähnten teuren Befugnis wären, da wäre auf dem natürlichen Wege nicht viel anderes zu machen, als den Händlern ihr verlangtes Geld zu geben und sie dann ungehindert weiterziehen zu lassen, weil sie in diesem Falle unter dem Schutze des Gesetzes stehen.“
GEJ|7|2|13|0|Sagte Ich: „Da hast du ganz richtig geurteilt; aber weißt du, Ich bin Der, der der Ewigkeit und der Unendlichkeit Gesetze vorschreibt, und so wirst du daraus schon begreifen, daß Ich Mich nun da, wo das Gegenteil not tut, nicht an die Gesetze Roms binden werde, obwohl Ich ihnen sonst als Mensch völlig untertan bin.
GEJ|7|2|14|0|Diese Menschen, die nun die bezeichneten Sklaven hierher auf den Markt bringen, sind zwar sehr gewinnsüchtig, aber dabei im höchsten Grade abergläubisch. Dieser ihr stockblinder Aberglaube ist ihr größter Feind; und da weiß Ich schon zum voraus, was da zu geschehen hat, um diese Menschen derart zu strafen, daß sie nicht nur ihre Ware, sondern noch mehreres allerwilligst hinzu hergeben werden, um nur mit heiler Haut davonzukommen. Wenn sie bald dasein werden, so werdet ihr alle dann schon sehen und wohl erfahren, was Gottes Weisheit und Macht alles zu bewirken gar wohl imstande ist.
GEJ|7|2|15|0|Jetzt aber gehen wir wieder ins Haus und stärken unsere Glieder mit einem guten Morgenmahle; denn die Tische sind bereits alle wohl bestellt. Währenddessen werden unsere Sklavenhändler auch vollends an Ort und Stelle sein, und wir wollen ihnen dann einen Besuch abstatten!“
GEJ|7|2|16|0|Sagte zu Mir der Schriftgelehrte: „Herr, den Tempel wirst Du heute etwa doch nicht besuchen? Denn heute geht es wahrlich zu arg darin zu!“
GEJ|7|2|17|0|Sagte Ich: „Was kümmert Mich nun diese Mördergrube da unten in der Hölle! Dort und da ist der rechte Tempel Jehovas, wo im Menschen ein Herz ist, das Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst liebt! – Gehen wir nun zum Morgenmahle!“
GEJ|7|2|18|0|Darauf begaben wir uns alle ins Haus, setzten uns an die Tische, auf denen schon alles in der vollen Bereitschaft war, was jedem nach seiner Art am besten mundete, und am besten Weine hatte es auch keinen Mangel. Die Römer bewunderten nun erst am vollen Tage die herrlichen Trinkgefäße aus dem reinsten Golde, wie auch ihre silbernen Speiseschüsseln. Auch die sieben Pharisäer gingen nun näher hin und konnten sich nicht genug verwundern über die Reinheit und vollste Güte der Trinkgefäße und Eßgeschirre. Lazarus aber ermahnte sie zum Essen, weil sonst die Fische kalt würden, und so griffen denn die sieben auch sogleich zu und aßen und tranken mit vielem Rühmen über die Güte der Speisen und des Weines. Auch die etlichen siebzig Armen mit dem Weibe in ihrer Mitte erschöpften sich im Lobe über die Speisen und über den Wein, und ebenso auch die Zöllner und ihre Gefährten.
GEJ|7|2|19|0|Ein Römer sagte: „Nun bin ich volle sechzig Jahre alt, und noch nie sind so gute Speisen und ein solch wahrer Götterwein in meinen Mund gekommen!“
GEJ|7|2|20|0|Und so gab es hier des Lobens und Dankens nahezu kein Ende.
GEJ|7|3|1|1|3. — Die abergläubischen Sklavenhändler
GEJ|7|3|1|0|Als wir da noch saßen, aßen und tranken, da kam aus dem reinen und völlig wolkenlosen Himmel ein mächtiger Blitz, dem ein alles erdröhnen machender Donner folgte. Alle entsetzten sich und fragten Mich, was denn nun das zu bedeuten habe.
GEJ|7|3|2|0|Sagte Ich: „Das werdet ihr bald sehen! Diese Erscheinung hat schon den Anfang für unsere Sklavenhändler gemacht; denn während wir hier aßen und tranken, kamen sie unten am Berge an, und alle ihre Wagen und Karren stehen schon unten. Sie hätten sogleich ihre Ware abgesetzt, wenn nicht dieser Blitz sie davor gewarnt hätte.
GEJ|7|3|3|0|Es haben die Völker am nördlichsten Pontus auch eine Art Gotteslehre, die aber natürlich im höchsten Grade mangelhaft ist; und selbst diese liegt ganz in den Händen gewisser Wahrsager, die vom anderen Volke ganz abgesondert für sich leben, ihre eigenen Gründe und sehr zahlreiche Herden haben und zumeist auf den Bergen in schwer zugänglichen Hochtälern wohnen. Diese Wahrsager stammen zumeist von den Indiern ab und sind darum in steter Kenntnis von allerlei Magie und Zauberei, gehen jedoch nie oder nur höchst selten zu den in den großen Tiefebenen wohnenden größeren Völkern; aber diese wissen weit und breit von ihnen und gehen bei für sie wichtigen Angelegenheiten zu den erwähnten Wahrsagern und lassen sich von ihnen weissagen, natürlich gegen nicht geringe Opfer. Bei solchen Gelegenheiten sagen dann und wann diese Weisen der Berge den Fragern auch von höheren und mächtigen unsichtbaren Wesen, von denen sie und alle Elemente beherrscht werden, und daß eben sie als die Weisen der Berge ihre nächsten Diener und Beherrscher der unteren Naturmächte sind. Dieses setzt natürlich die blinden Wallfahrer stets in größtes Erstaunen, besonders, so daneben ein solcher Wahrsager den Fragern noch irgendein Zauberwunder zum besten gibt.
GEJ|7|3|4|0|Unsere Sklavenhändler sind mit ihrer Ware eben von dorther, und das nun schon zum siebenten Male, obwohl in Jerusalem erst zum ersten Male, da sie sonst solche ihre Ware entweder in Lydien, Kappadokien, auch schon in Tyrus und Sidon, oder auch in Damaskus verkauft haben. Diesmal haben sie sich einmal nach Jerusalem gewagt und würden auch diesmal nicht hierher gekommen sein, wenn sie nicht Mein Wille gezogen hätte.
GEJ|7|3|5|0|Bevor sie aber daheim mit ihrer Ware abfuhren, befragten sie auch einen Wahrsager, ob sie mit ihrem Handel glücklich sein würden. Und er sagte mit tiefernster Miene: ,Wenn ihr keinen Blitz sehen und keinen Donner hören werdet, so werdet ihr eure Ware wohl an den Mann bringen.‘ Das war alles, was ihnen der Wahrsager sagte. Die Sklavenhändler hielten das für eine gute Prophezeiung, da sie meinten, daß in dieser späten Jahreszeit kein Donnerwetter mehr kommen werde. Doch dieser gewaltige Blitz mit dem heftigsten Donner hat sie nun eines andern belehrt, und sie stehen nun ratlos unten am Berge. Doch bevor wir hinabgehen, werden noch ein paar solcher Blitze folgen, durch die unsere Sklavenhändler noch mehr eingeschüchtert werden, und wir werden dann mit ihnen leicht reden!“
GEJ|7|3|6|0|Sagte hier einer Meiner alten Jünger: „Wer weiß, was sie für eine Zunge reden?“
GEJ|7|3|7|0|Sagte Ich: „Das geht dich vorderhand gar nichts an; Mir ist keine Zunge in der ganzen Welt fremd! Doch diese Menschen reden zum größten Teil Indiens Zunge, die da der urhebräischen gleichkommt.“
GEJ|7|3|8|0|Da sagte der Jünger nichts mehr, und es kam auch der zweite Blitz mit dem heftigsten Donner, bald darauf der dritte; doch alle schlugen in die Erde und richteten keinen Schaden an.
GEJ|7|3|9|0|Nach dem dritten Blitz aber kam schnell ein gar wunderschöner Jüngling ins Zimmer, verneigte sich tief vor Mir und sagte mit lieblicher und doch männlich- fester Stimme: „Herr, hier bin ich nach Deinem Rufe, um zu vollziehen Deinen heiligen Willen!“
GEJ|7|3|10|0|Sagte Ich: „Du kommst von Cyrenius und von der Jarah?“
GEJ|7|3|11|0|Sagte der Jüngling: „Ja, Herr, nach Deinem heiligen Willen!“
GEJ|7|3|12|0|Hier erkannten die alten Jünger den Raphael, gingen hin und grüßten ihn.
GEJ|7|3|13|0|Der Jüngling aber sagte zu ihnen: „O ihr Glücklichen, die ihr stets um den Herrn in Seiner allerhöchsten Wesenheit sein könnet! – Aber bevor wir an ein großes und wichtiges Werk schreiten, gebt auch mir etwas zu essen und zu trinken!“
GEJ|7|3|14|0|Da wetteiferten alle, dem Jünglinge zu essen und zu trinken zu geben. Die Römer luden ihn zu sich, und auch alle andern boten alles auf, um dem Jüngling zu dienen; denn alle konnten die Anmut des Jünglings nicht genug bewundern. Sie hielten ihn für einen überschönen Sohn einer irdischen Mutter, der auf irgendein ihm bekanntgemachtes Verlangen Mir nachgereist sei. Nur die alten Jünger wußten, wer der Jüngling war. Er aß und trank wie ein Heißhungriger, und es nahm alle wunder, wie der Junge gar soviel in seinen Magen bringen konnte.
GEJ|7|3|15|0|Raphael aber lächelte und sagte: „Meine Freunde! Wer viel arbeitet, der muß auch viel essen und trinken! Ist es nicht also?“
GEJ|7|3|16|0|Sagte Agrikola: „Oh, allerdings, du wahrhaft himmlisch schönster Junge! Aber sage mir doch, wer dein Vater und wer deine Mutter ist, und aus welchem Lande du abstammst!“
GEJ|7|3|17|0|Sagte Raphael: „Laß dir nur Zeit! Ich verbleibe nun einige Tage hier und in dieser Zeit wirst du mich schon noch näher kennenlernen. Jetzt haben wir eine große Arbeit vor uns, und da, lieber Freund, heißt es sich sehr zusammennehmen!“
GEJ|7|3|18|0|Sagte Agrikola: „Aber, du mein allerliebster und schönster junger Freund, was wirst du wohl arbeiten mit deinen durch und durch jungfräulich zarten Händen? Du hast noch nie eine schwere Arbeit verrichtet, und du willst dich nun bald an eine große und schwere Arbeit machen?“
GEJ|7|3|19|0|Sagte Raphael: „Ich habe nur darum noch nie eine schwere Arbeit verrichtet, weil mir eine jede dir noch so schwer vorkommende Arbeit etwas ganz Leichtes ist. Die Folge wird dich schon eines Bessern belehren!“
GEJ|7|3|20|0|Sagte darauf Ich: „Nun ist die Zeit da, diese Gefangenen da unten zu erlösen und frei zu machen; und so gehen wir! Wer aber hierbleiben will, der bleibe hier!“
GEJ|7|3|21|0|Es baten Mich aber alle, daß sie mitgehen dürften, und Ich ließ es ihnen zu. Und so gingen wir schnell den Berg hinab und waren bald bei unseren Sklavenhändlern, um die schon eine Menge Volkes versammelt war, um die armen Sklaven und ihre Verkäufer anzugaffen.
GEJ|7|3|22|0|Ich aber winkte dem Raphael, daß er das müßige Volk hinwegschaffen solle, und er stob das Volk wie Spreu auseinander. Jeder lief, was er nur laufen konnte, um von mehreren Löwen der grimmigsten Art, die sie unter sich bemerkten, nicht zerrissen zu werden.
GEJ|7|4|1|1|4. — Die Bekehrung des Sklavenhändlers
GEJ|7|4|1|0|Als das Volk sich also bald gänzlich verlaufen hatte, da erst trat Ich mit Raphael, Agrikola und Lazarus zu dem Haupthändler hin und sagte zu ihm in seiner Zunge: „Wer gab euch zuerst das Recht, Menschen und eure Kinder als eine Ware auf den Märkten der Welt zu verkaufen und sie dadurch zu Sklaven eines tyrannischen, geilen Käufers zu machen?“
GEJ|7|4|2|0|Sagte der Oberhändler: „Willst du sie mir abkaufen, dann zeige ich dir, daß ich dazu das Recht habe; kaufst du sie aber nicht, so sage ich dir, so du's haben willst, erst vor dem Pfleger des Landes, daß ich mein Recht dazu habe. Bin ich dereinst doch selbst als ein Sklave verkauft worden; aber mein Herr, dem ich treust diente, schenkte mir darauf die Freiheit und vieles Geld. Ich zog wieder in mein Heimatland und handle nun selbst mit derselben Ware, als welche ich selbst vor zwanzig Jahren einem andern dienen mußte. Ich wurde als ein Sklave glücklich; warum diese da nicht?! Dazu ist das in unseren Ländern eine schon gar alte Sitte, und unsere Weisen haben uns darob noch nie zur Rede gestellt. Gegen unsere Landesgesetze sündigen wir dadurch nicht, und für die eures Landes zahlen wir ein Lösegeld; und so haben wir uns vor niemandem unseres guten Rechtes wegen zu verantworten!“
GEJ|7|4|3|0|Sagte Ich: „Du warst aber doch vor dreißig Tagen im Gebirge und opfertest dreißig Schafe, zehn Ochsen, zehn Kühe und zehn Kälber, und dein Wahrsager sagte zu dir: ,Wenn du auf deiner Reise keinen Blitz sehen und keinen Donner hören wirst, so wirst du glücklich sein!‘ Du aber legtest dir die Sache gut aus, indem du meintest, daß es in so später Jahreszeit kein Ungewitter mit Blitz und Donner mehr gäbe, und begabst dich mit deinen Mithändlern auf die weite Reise. Aber nun hat es denn doch gedonnert und zum voraus geblitzt! Was wirst du nun machen?“
GEJ|7|4|4|0|Hier sah mich der Haupthändler groß an und sagte: „Wenn du nur ein Mensch bist, gleichwie ich einer bin, so kannst du das nicht wissen! Denn erstens bist du noch nie in unserem Lande gewesen, und zweitens weiß auf der ganzen Welt kein Mensch um den Ort, wo der erste und berühmteste Wahrsager wohnt. Verraten haben kann es dir auch kein Mensch denn wir verraten uns um alle Schätze der Welt nicht. Wie also kannst du mein tiefstes Geheimnis wissen? Freund, sage mir nur das, und alle diese Sklaven gehören dir!“
GEJ|7|4|5|0|Sagte Ich: „Hat euch nicht euer Wahrsager einmal gesagt, daß es noch einen größeren Gott gebe, von dem er bloß aus alten, geheimen Schriften gehört habe? Doch das sei für Sterbliche zu groß und unbegreiflich, und sie sollten sich darum nicht weiter um diese Sache bekümmern! – Hat nicht also geredet euer Wahrsager?“
GEJ|7|4|6|0|Nun ward der Haupthändler ganz außer sich und sagte: „Ich habe es gesagt und sage es noch einmal: Du bist kein Mensch, sondern – Du bist ein Gott! Und was soll ich, ein schwacher Wurm der Erde, mich gegen Dich setzen, der Du mich mit einem Hauche vernichten kannst?! Es ist wahr, ich mache irdisch ein schlechtes Geschäft! Aber hätte ich noch tausendmal so viele Sklaven, als ich hier habe, und das wahrlich um teures und großes Geld, so wären sie alle Dein eigen! Denn weißt Du, großer und unbegreiflich erhabener Freund, wir in unserem Lande wissen es zum größten Teile, wo uns das harte Bärenleder am Fuße drückt; aber helfen können wir uns nicht! Hilf Du uns, Freund, – und nicht nur diese, sondern tausendmal so viele, und so viele Du noch darüber haben willst, gehören Dir; denn Du bist kein Mensch, sondern Du bist ein völlig wahrster Gott!“
GEJ|7|4|7|0|Sagte Ich zu den Umstehenden: „Nehmt euch alle ein Exempel daran! Das sind Sklavenhändler von sehr finsterer Art, und wie bald haben sie Mich erkannt! Und da oben stehet der Tempel, den David und Salomo mit großen Unkosten Mir erbauen ließen, – aber welch ein ungeheurer Unterschied zwischen diesen Sklavenhändlern, die nur der Menschen Leiber verkaufen, und diesen Seelenverkäufern an die Hölle!“
GEJ|7|4|8|0|Seht, diese Sklavenhändler sind Eliasse gegen diese elenden Seelenmeuchelmörder da oben! Darum wird es dereinst auch Sodom und Gomorra vor Mir besser ergehen als dieser elenden Höllenbrut da oben. Denn wäre in Sodom und Gomorra das geschehen, was hier geschieht, so hätten sie in Sack und Asche Buße getan und wären Selige geworden. Allein, hier bin Ich Selbst da, und sie trachten Mir nach dem Menschenleben!
GEJ|7|4|9|0|Seht, hier an Meiner Seite steht Mein Lieblingsengel Raphael, und Ich sage es euch: Es besteht mehr Ähnlichkeit zwischen ihm und diesen Sklavenhändlern denn zwischen ihm und diesen Gottesdienern da oben! Ich sage es euch: Dieser Sklavenhändler ist schon ein Engel; aber die da oben sind Teufel!“
GEJ|7|4|10|0|Hier wandte Ich Mich wieder an den Sklavenhändler und sagte zu ihm: „Freund, wieviel verlangst du für alle diese deine Sklaven? Rede!“
GEJ|7|4|11|0|Sagte der Haupthändler: „Mein Gott, was soll ich, ein schwacher, sterblicher Mensch, von Dir wohl verlangen? Alle diese und noch tausendmal so viele gebe ich Dir, wenn Du mich nur der Gnade für wert hältst, mir zu sagen, wo es uns so ganz eigentlich fehlt und gebricht!“
GEJ|7|4|12|0|Sagte Ich: „So gib sie alle frei, und Ich werde euch darob die ewige Freiheit eurer Seelen und das ewige Leben geben!“
GEJ|7|4|13|0|Sagte hierauf der Haupthändler: „Der Handel ist gemacht und geschlossen; denn mit Göttern ist leicht handeln. Gebt alle Sklaven frei; denn wir haben nun den besten Handel gemacht! Daß unsere Sklaven nicht schlecht daran sein werden, davon bin ich zum voraus überzeugt. Wir selbst aber haben den größten Gewinn gemacht; denn wir haben uns dadurch von Gott das ewige Leben erkauft. – Seid ihr, meine Gefährten, alle einverstanden?“
GEJ|7|4|14|0|Sagten alle: „Ja, Hibram, wir haben noch nie einen größeren Gewinn gemacht! Aber unser Wahrsager hat sich diesmal sehr geirrt; denn gerade der Blitz und der Donner haben uns zum größten Glücke verholfen! – Machet sie frei, die Gebundenen, und sie seien ein unentgeltliches Eigentum dieses reinen Gottes! Wir aber wollen uns sogleich auf den Rückweg machen!“
GEJ|7|4|15|0|Sagte Ich: „O nein, die Gebundenen nehme Ich wohl an, – aber ihr selbst werdet euch noch drei Tage hier aufhalten, jedoch ohne eure Kosten; denn für euch werde Ich der Zahler sein zeitlich und ewig!“
GEJ|7|5|1|1|5. — Die Befreiung der Sklaven
GEJ|7|5|1|0|Hier gab Ich dem Raphael wieder einen Wink zur Befreiung der Gefangenen, und sie wurden in einem Augenblick frei und ganz vollkommen bekleidet, während sie früher nackt waren. Es machte aber diese plötzliche Befreiung der jungen Sklaven aus leicht begreiflichen Gründen eine übergroße Sensation, und der Haupthändler, seinen Augen nicht trauend, ging hin und befühlte die nun ganz gut bekleideten Sklaven und sah, daß ihre Kleidung aus ganz echten Kleiderstoffen verfertigt war, und daß diese Sklaven wirklich die seinen waren.
GEJ|7|5|2|0|Da hob er die Hände auf und sagte (der Sklavenhändler): „Jetzt erst erkenne ich klar, daß ihr nun wahrhaft in den Händen der Götter seid! Bittet aber auch ihr sie, daß sie euch gnädig sein möchten! Wenn ihr aber im wahren Glücke sein werdet, dann gedenket eurer Alten daheim, die in hartem Lande hausen und mit schwerer Mühe und Arbeit sich die dürftige und magere Leibeskost verschaffen müssen und in dürftigen und sehr elenden Hütten aus Lehm und Stroh wohnen! Sammelt euch allerlei Kenntnisse, und kommet dann wieder zu uns, auf daß es durch euch dann auch einmal bei uns licht und gut werde; denn von nun an sollen keine Menschen mehr aus unseren Ländern ausgeführt und verkauft werden!“
GEJ|7|5|3|0|Hierauf wandte sich Hibram zu Raphael, dessen Schönheit und Zartheit er nicht genug bewundern konnte, und sagte: „O du unbegreiflich selten schönster Junge! Bist denn auch du ein Gott, daß dir so eine wundersame Tat möglich war? Wie vermochtest du die Binden, mit denen diese Sklaven gebunden waren, so schnell zu lösen, und woher nahmst du die vielen und sehr kostbaren Kleider für die Jünglinge und für die Mägde?“
GEJ|7|5|4|0|Sagte Raphael: „Ich bin kein Gott, sondern nur durch die Gnade Gottes Sein Diener! Ich vermag aus mir selbst ebensowenig wie du; aber wenn der allmächtige Wille Gottes mich durchdringt, dann vermag ich alles, und es ist mir dann nichts unmöglich. – Was wirst du aber mit den zweihundert noch daheim gelassenen Sklaven machen, die für den Handel noch nicht hinreichend gemästet sind?“
GEJ|7|5|5|0|Sagte Hibram: „Auch darum weißt du, allmächtiger Junge?! Was anders soll ich nun tun, als sie zu nützlichen und guten Menschen erziehen und sie fürderhin als meine wahren Kinder betrachten! Dich aber werde ich bitten, daß du mir auch für sie Kleider verschaffen wollest, die ich dann für sie mitnehmen werde.“
GEJ|7|5|6|0|Sagte Raphael: „Das ist nun noch nicht nötig; wenn du aber nach etlichen Tagen von hier abziehen und redlichen Sinnes verbleiben wirst, so wirst du samt deinen Gefährten daheim schon alles antreffen, dessen du und deine Gefährten bedürfen werden.“
GEJ|7|5|7|0|Damit war Hibram ganz zufrieden und desgleichen seine Gefährten, und alle dankten ihm und noch mehr Mir, dem Herrn; denn das erkannten nun alle diese Händler, daß Ich allein der Herr sei. Darauf aber gedachten sie der ziemlich vielen Wagen und Karren – die freilich mit den Wagen dieser Zeit nicht zu vergleichen waren – und der schon sehr ermüdeten Zugtiere.
GEJ|7|5|8|0|Und Hibram sagte zu Raphael: „Mein allmächtiger Wunderjunge! Wo werden wir wohl unsere Wagen, Karren und die Zugtiere unterbringen und woher ein Futter nehmen?“
GEJ|7|5|9|0|Sagte Raphael: „Da, innerhalb dieser Mauer, die diesen Berg umschließt, der im Besitze jenes Mannes ist, der nun mit dem Herrn spricht, sind Hütten und Stallungen in Menge, ebenso das Futter für eure Zugtiere im Vorrat vorhanden, und da könnet ihr all das Eure wohl unterbringen.“
GEJ|7|5|10|0|Damit war der Händler Hibram ganz zufrieden, und seine Knechte versorgten nun Wagen, Karren und Tiere.
GEJ|7|5|11|0|Sagte Ich: „Da nun auch dieses Werk wohl beendet ist, so wollen wir alle uns denn wieder auf den Berg begeben, und die befreiten Sklaven sollen zuerst mit Speise und Trank gestärkt werden. Und wenn du, Hibram, alles in der Ordnung haben wirst, dann komme auch du mit deinen Gefährten und Knechten und nehmet als Meine Gäste auch Speise und Trank!“
GEJ|7|5|12|0|Damit waren alle im höchsten Grade zufrieden, und die befreiten Sklaven wußten sich vor Freude nicht zu helfen. Alle wollten nun zu Mir hingehen und Mir danken. Da sie aber ihrer großen Anzahl wegen nicht auf einmal Platz haben konnten, so stellten sie sich in schönster Ordnung in einem Kreise um Mich herum und baten Mich in ihrer Zunge, daß ich sie ansehen und anhören möge. Da sah Ich sie alle freundlich an und bedeutete ihnen, daß sie nun reden möchten.
GEJ|7|5|13|0|Darauf sagten sie mit vieler Rührung (die Sklaven): „O du guter Vater! Wir danken dir, daß du uns gerettet und unsere harten Binden gelöst hast. Wir haben nichts, um es dir je zu vergelten; aber wir wollen dir in der Folge dienen, als wären wir deine Füße, Hände, Augen, Ohren, Nase und Mund. Oh, laß dich auch von uns lieben, guter Vater! Bleibe uns fortan ein Vater in deiner Güte und Liebe, und verlasse uns nimmerdar!“
GEJ|7|5|14|0|Darauf ging Ich im Kreise zu jedem einzelnen, umarmte ihn und drückte ihn an Meine Brust und sprach dabei die Worte: „Der Friede mit dir, Mein Sohn, Meine Tochter!“
GEJ|7|5|15|0|Da weinten alle die zarten, blondlockigen Jünglinge und die noch zarteren und gar sehr lieblichen Jungfrauen und benetzten mit ihren Freudentränen Meine Hände und Füße.
GEJ|7|6|1|1|6. — Über Handel und Wucher
GEJ|7|6|1|0|Nach dieser gar feierlichen und jedes Herz rührenden Handlung, die keiner von allen Anwesenden ohne Tränen in den Augen ansehen konnte, sagte Ich zu Raphael: „Nun führe du sie hinauf und versorge sie vor uns; so wir aber dann nachkommen werden, dann erst werde für uns gesorgt!“
GEJ|7|6|2|0|Nun führte Raphael die Freien hinauf, und als sie in den großen Saal kamen, da waren schon drei große und lange Tische gedeckt, und diese noch ganz wahren Kinder aßen die für sie bereiteten Speisen mit vieler Lust und Freude und tranken auch etwas Wein mit Wasser und wurden dabei voll Freude und voll guter Dinge.
GEJ|7|6|3|0|Wir aber verweilten noch am Wege und sahen uns da die vielen herankommenden Kaufleute und Krämer an, die mit allerlei Waren, Tieren und Früchten auf der großen Straße in die Stadt zogen.
GEJ|7|6|4|0|Da sagte der Römer zu Mir: „Herr, das sind doch sehr viele Juden! Wissen sie denn noch nichts von Dir? Es ist doch sehr sonderbar, wie gleichgültig die Menschen an uns vorüberziehen!“
GEJ|7|6|5|0|Sagte Ich: „So wie diese da werden noch viele an Mir vorüberziehen, werden Mich nicht ansehen und nicht erkennen, sondern sie werden in ihrem Welttume fortwühlen, bis der Tod sie ins Grab werfen wird und ihre Seele in die Hölle! Derlei Händler, Kaufleute, Krämer und Mäkler sind zu weit von allem Geistigen entfernt und sind das unter der besseren Menschheit, was da sind die Schmarotzerpflanzen auf den Ästen der edlen Fruchtbäume und das Unkraut unter dem Weizen. Lassen wir sie ziehen, ihrem Grabe und Tode entgegen!“
GEJ|7|6|6|0|Sagte Agrikola: „Aber mein Herr und mein Gott! Es muß aber doch unter den Menschen der wechselseitige Kauf- und Verkaufhandel bestehen, da sonst bei den Menschen schlechter und magerer Länder das Leben ganz und gar nicht möglich wäre! Ich kenne in Europa Länder, die unbeschreibbar gebirgig sind, nichts als Felsen über Felsen; den dort lebenden Menschen muß durch den Handel der meiste Lebensbedarf zugeführt werden. Hebe diesen notwendigen Verkehr auf, und ein ganzes, großes Volk stirbt vor Hunger! Da mußt Du selbst als Herr Himmels und aller Welten einsehen, daß derlei Menschen nur durch einen gewissen Handelsverkehr leben und bestehen können. Mich wundert es daher sehr, daß Deine höchste, göttliche Weisheit das platterdings verdammt! Denn weißt Du – sonst alle erdenklichste Achtung vor Deiner reinsten Göttlichkeit! –, aber für dieses Dein Urteil kann ich Dir mit meinem sonst ganz gesunden Menschenverstande keinen Beifall zollen!“
GEJ|7|6|7|0|Sagte Ich: „Freund, was du weißt und verstehst, das – erlaube es Mir – habe Ich schon lange eher verstanden, bevor noch eine Urzentralsonne in einer Hülsenglobe leuchtete!
GEJ|7|6|8|0|Wahrlich, Ich sage es dir: Ich eifere nicht gegen den gerechten und höchst wohltätigen Verkehr zwischen Menschen und Menschen, – denn so will Ich es ja Selbst haben, daß ein Mensch von dem andern in einer gewissen Beziehung abhängen soll, und da ist ein gerechter Verkehr zwischen Menschen und Menschen ja ohnedies in der höchsten Ordnung der Nächstenliebe; aber das wirst du hoffentlich denn doch wohl auch einsehen, daß Ich dem pur allerlieblosesten Wucher kein lobend Wort reden kann! Der redliche Kaufmann soll für seine Mühe und Arbeit seinen entsprechenden Lohn haben; aber er soll nicht für zehn Groschen hundert Groschen und noch mehr gewinnen wollen! Verstehst du dieses? Ich verdamme nur den Wucher, aber nicht den notwendigen, rechtlichen Verkehr. Verstehe solches wohl, auf daß du nicht in eine üble Versuchung fallest!“
GEJ|7|6|9|0|Hier bat Mich der Römer um Vergebung und gestand ein, daß er sich sehr und gar grob geirrt habe.
GEJ|7|6|10|0|Hier trat Lazarus zu Mir und sagte: „Herr, da wir nun ohnehin uns in die Höhe begeben werden, da hier wohl nicht besonders viel mehr zu machen sein wird, so möchte ich von Dir nun erfahren, was denn da mit dem wunderbaren Jünglinge ist! Wer und woher ist er denn? Seiner Tracht nach scheint er ein Galiläer zu sein; aber wann ist er denn zu solch einer Weisheit und Wundertatkraft gelangt? Der Mensch ist seinem Ansehen nach kaum sechzehn Jahre alt – und übertrifft Deine alten Jünger! Wolle mir darüber doch auch eine Auskunft geben!“
GEJ|7|6|11|0|Sagte Ich: „Steht es denn nicht in der Schrift: ,In derselben Zeit werdet ihr die Engel Gottes vom Himmel zur Erde steigen sehen, und sie werden den Menschen dienen‘? Wenn dir solches bekannt ist, so wirst du bald und leicht einsehen, was es mit dem Jünglinge für eine Bewandtnis hat. Behalte das nun vorderhand für dich; denn alle die andern müssen selbst darauf kommen! Meine alten Jünger kennen ihn schon, dürfen ihn aber auch nicht vor der Zeit ruchbar machen.
GEJ|7|6|12|0|Du meintest, daß wir uns nun bald in deine Herberge begeben sollen, – doch dazu wird es nach einer Stunde auch noch Zeit sein! Nun aber wollen wir noch hier an dieser Straße verharren; denn es wird bald etwas vorkommen, das unsere Gegenwart sehr benötigen wird!“
GEJ|7|6|13|0|Fragte Mich Lazarus, sagend: „Herr, haben wir Schlimmes zu erwarten?“
GEJ|7|6|14|0|Sagte Ich: „Freund, in dieser Welt und unter diesen Menschen ist wenig Gutes zu erwarten! Siehe, die Zuzüge der Marktleute werden nun schon schwächer, und so werden die Knechte der Pharisäer nun bald einen armen Sünder, der sich vor einer Stunde im Tempel ob seines Hungers an den Schaubroten vergriffen hat, dort an den freien Platz unter der hohen Mauer bringen, um ihn ob seines Frevels zu steinigen! Das aber wollen wir verhüten. Und so weißt du nun schon, warum wir noch hier verweilen.“
GEJ|7|6|15|0|Es vernahm solches aber auch Agrikola, trat zu Mir hin und sagte: „Herr, ich vernahm Deine Worte, die wahrlich nicht sehr erbaulich klangen! Haben denn die Templer auch ein JUS GLADII? [Schwertrecht; Recht über Leben und Tod.] Ich weiß doch um alle die Privilegien, die Rom seinen Völkern gegeben hat; doch von einem solchen Privilegium weiß ich nichts! Ah, um diese Sache werde ich mich wohl um ein sehr bedeutendes näher erkundigen! – Sage Du, Herr und Meister, was an dieser Sache liegt!“
GEJ|7|6|16|0|Sagte Ich: „Als die Römer Herren von der Juden Länder wurden, durchprüften sie haarklein der Juden Gotteslehre und ihre Satzungen von Moses und von den Propheten und fanden auch, daß dem Tempel, das heißt den Priestern, von Moses aus das Recht eingeräumt ist, gewisse gar große Verbrecher zu Tode zu steinigen. Doch die Priester selbst haben kein Recht, jemanden zum Tode zu verurteilen, sondern sie haben den Verbrecher den Gerichten zu überantworten, und diese haben dann nach der Priester treuem Zeugnisse zu urteilen und den großen Verbrecher den Steinigern zu übergeben. Allein dies geschah hier nicht, sondern das tun nun die Priester eigenmächtig und zahlen dem Herodes eine Pacht, auf daß auch sie eine Art eigenmächtiges Jus gladii haben, mit dem sie den größten Mißbrauch treiben, wie es nun soeben der Fall sein wird. Aber nun heißt es, ganz gehörig auf der Lauer zu sein; denn nun werden sie auch gleich dasein!“
GEJ|7|7|1|1|7. — Agrikola verhört einen Tempelobersten
GEJ|7|7|1|0|Ich hatte dieses kaum ausgesprochen, da nahte sich schon eine bedeutende Schar, die den Unglücklichen grausamst in ihrer Mitte daherschleppte.
GEJ|7|7|2|0|Ich aber sagte zu Agrikola: „Nun gehen wir beide diesen Schergen, die von einem Tempelobersten angeführt werden, entgegen!“
GEJ|7|7|3|0|Wir kamen ihnen gerade noch am Ausgange des großen Tores entgegen, und Ich legte dem Römer die zu redenden Worte in den Mund, und der sagte zu dem Obersten mit der gewaltigen, ernstesten Stimme und Miene eines Römers (der Römer): „Was gibt es hier?“
GEJ|7|7|4|0|Sagte der Oberste: „Wir haben das alte Recht von Moses, auch das Jus gladii, und können es gegen einen gar großen Frevler auch aus eigener Macht in Vollzug setzen!“
GEJ|7|7|5|0|Sagte der Römer: „Ich bin aber als erster kaiserlicher Gesandter aus Rom nun hierhergekommen, um eure vielen Mißbräuche der euch von Rom gegebenen Privilegien zu untersuchen! Wo habt ihr das Urteil eines Weltrichters?“
GEJ|7|7|6|0|Diese Frage kam dem Tempelobersten sehr ungelegen, und er sagte (der Oberste): „Zeige du mir zuvor, daß du wirklich ein Gesandter aus Rom bist; denn es könnte sich bald jemand als ein Römer verkleiden und uns im Namen des Kaisers neue Gesetze vorschreiben!“
GEJ|7|7|7|0|Hier zog Agrikola eine Pergamentrolle aus einer goldenen Büchse hervor, die mit allen Insignien versehen war, die den Obersten keinen Augenblick im Zweifel ließen, daß der Vorweiser eines solchen Dokumentes ein mächtig-hoher Römer sei.
GEJ|7|7|8|0|Hierauf aber fragte Agrikola, mit großem Ernste sagend: „Nun, ich habe dir das verlangte Dokument auf dein Begehren sogleich vorgewiesen; wo hast du nun das von mir verlangte weltrichterliche Urteil über diesen Verbrecher?“
GEJ|7|7|9|0|Sagte der Oberste: „Ich habe es dir ja zuvor gesagt, daß der Tempel von Moses aus das alte Recht hat, einen großen Frevler am Tempel mit dem Tode zu bestrafen, und dieses Recht ist nun auch von Rom aus sanktioniert, und somit handelt der Tempel recht, wenn er zum abschreckenden Beispiele einen solchen Verbrecher an Gott und Seinem Tempel durch den Tod mittels der Steinigung, die Moses verordnet hat, bestraft!“
GEJ|7|7|10|0|Sagte Agrikola, immer ernster werdend: „Stand dieser Tempel auch schon zu den Zeiten Mosis?“
GEJ|7|7|11|0|Sagte der Oberste: „Das eben nicht; aber Moses war ein Prophet und wußte in seinem Geiste sicher davon, daß Salomo, der weise und große König, Gott einen Tempel erbauen werde, und es ist sonach ein Frevel gegen den Tempel und seine höchst geheiligten Einrichtungen ebensosehr strafbar wie ein Frevel gegen Gott Selbst!“
GEJ|7|7|12|0|Sagte Agrikola: „Warum hat denn hernach Moses selbst für derlei Vorfälle eigene Richter aufgestellt und gab solch ein Gericht nicht in die Hände der Priester? Wie seid denn ihr nun auch zu Richtern über Tod und Leben eines Menschen geworden? Moses hat euch nur zu Priestern gemacht, und Rom hat nun dafür, daß es gleich euren Weltrichtern zu eures Königs Saul Zeiten sich dasselbe Recht nahm, euch allen auch ein weltliches Richteramt gegeben, und das mit der ausdrücklichen Weisung, daß wie immer geartete Verbrecher, besonders die, die den Tod verdient haben, allzeit dem Weltrichter des Ortes zu übermitteln sind, und daß kein Priester sich dann weiter darum zu kümmern habe, was das Gericht über den Verbrecher verfügen mag. Euch kommt es daher niemals zu, je jemanden zu richten, zu verurteilen und am Ende gar selbst Hand an ihn zu legen!
GEJ|7|7|13|0|Daher lasset nun diesen euren Verbrecher augenblicklich los! Ich selbst werde ihn vernehmen und daraus ersehen, ob sein Verbrechen wohl den Tod verdient hat oder nicht; und wehe euch, wenn ich da eine Ungerechtigkeit von eurer Seite gegen diesen Menschen finde!“
GEJ|7|7|14|0|Auf diese scharfe Androhung ließen die Tempelschergen und Knechte den Verbrecher los und stellten ihn vor Agrikola hin.
GEJ|7|7|15|0|Und der Oberste sagte: „Da ist der Bösewicht! Erforsche ihn selbst! Ich und alle diese Knechte aber sind hoffentlich Zeugen zur Genüge und können wider sein hartnäckiges Leugnen auftreten!“
GEJ|7|7|16|0|Sagte Agrikola: „Ganz wohl; aber ich habe eben hier einen höchst wahrhaftigen Zeugen an meiner Seite und erkläre euch hiermit zum voraus, daß ich jede Lüge, sowohl von seiten dieses Verbrechers, wie auch von eurer Seite, auf das allerschärfste ahnden werde! Aber noch schärfer werde ich mit denen verfahren, die über diesen Armen etwa gar ein boshaftes und somit höchst strafbares Urteil gefällt haben!“
GEJ|7|7|17|0|Auf diese eben nicht sehr freundliche Anrede des Römers wurde der Oberste samt seinen Knechten von einer großen Angst befallen, und der Oberste machte Miene, sich zu entfernen, und auch die Knechte sagten: „Was haben wir dabei zu tun? Wir haben keinen Willen, sondern wir müssen selbst dem Willen des Tempels gehorchen. Der Oberste soll diese Sache mit dir, hoher Gebieter, selbst aus- und abmachen! Wenn ein Verbrecher zu bestrafen ist, so sind wir die tätlichen Vollstrecker des Urteils; warum aber jemand im Grunde des Grundes verurteilt worden ist, davon wissen wir selbst nichts anderes und weiteres, als was uns von den Richtern nur stets ganz kurz mitgeteilt worden ist. Wie könnten wir da nun gegen oder für diesen Verbrecher zeugen? Darum laß uns, du hoher Gebieter, weiterziehen!“
GEJ|7|7|18|0|Sagte darauf Agrikola: „Das geht hier durchaus nicht an, sondern ihr bleibet des Obersten wegen, also wie auch der hier verbleiben muß, bis ich den Verbrecher werde vernommen haben!“
GEJ|7|8|1|1|8. — Die verbrecherischen Tempelsatzungen
GEJ|7|8|1|0|Als alle solche Sentenz vernommen hatten, blieben sie stehen, und Agrikola fragte zuerst den Obersten, sagend: „Was hat dieser Mensch denn verbrochen, darum er vor euch den Tod verdient hätte?“
GEJ|7|8|2|0|Sagte der Oberste sehr verlegen: „Er hat gestern nachmittag mit frecher Hand gewagt, die höchst geheiligten Schaubrote anzugreifen und sogar davon zu essen, was allein nur der Hohepriester ungestraft tun kann, unter Gebet und Absingung der Psalmen. Man ergriff ihn bei der frechen Tat und verurteilte ihn nach dem Gesetz zum verdienten Tode, und da bedarf es keines weiteren Verhörs, weil da schon die Tat ohnehin der größte Beweis für die Schuld des Verbrechers ist.“
GEJ|7|8|3|0|Sagte Agrikola: „So, – das ist eine gar löbliche Gerichtsbarkeit! Muß denn nicht laut unseren Gesetzen bei jedem Verbrecher vor allem darauf gesehen werden, inwieweit bei einem oder dem andern Verbrechen ein Verbrecher zurechnungsfähig ist?! Wenn ein blöder Mensch ein noch so großes Verbrechen begeht, das bei einem mehr intelligenten Menschen nach den Gesetzen offenbar den Tod nach sich ziehen würde, so ist der offenbar Blöde in Gewahrsam zu nehmen, damit er der menschlichen Gesellschaft fürderhin nicht so leicht gefährlich werde, und ist, wenn er sich gebessert hat, entweder freizulassen oder im nicht völligen Besserungsfalle als Galeerensklave zu verwenden, damit er da seine Sünden abbüße und dabei den Menschen doch noch etwas nütze.
GEJ|7|8|4|0|Ferner ist bei einem Verbrecher ja auch darauf zu sehen, durch welche Umstände gedrungen ein Mensch oft bei den Haaren zu einem Verbrechen hingezogen wurde, welche Umstände dann das Verbrechen auch gar sehr mildern können. Denn es ist gewiß ein großer Unterschied, ob jemand vom Dache fällt und dadurch einen zufällig darunter weilenden Menschen tötet, oder ob jemand vorsätzlich einen Menschen tötet. Und zwischen diesen beiden Extremen gibt es noch eine Menge Nebenumstände, die ein jeder gerechte Richter wohl zu beherzigen hat, weil sie auf ein und dasselbe Verbrechen entweder mildernd oder erschwerend einwirken können.
GEJ|7|8|5|0|Wenn zum Beispiel jemand als Kläger zu euch käme und sagte: ,Durch diesen Menschen ist mein Bruder getötet worden!‘, und wenn ihr dann, ohne den verklagten Menschen weiter zu prüfen, ihn sogleich zum Tode verurteiltet, welch elende Richter wäret ihr da! Ist denn in unserem Gesetz nicht ausdrücklich jedem Richter strengstens geboten, sich vor allem über das CUR, QUOMODO, QUANDO ET QUIBUS AUXILIIS [Warum, wie wann und unter welchen Umständen?] genauest zu erkundigen und dann erst zu urteilen?! Habt ihr das bei diesem Verbrecher getan?“
GEJ|7|8|6|0|Sagte der Oberste: „Wir aber haben im Tempel kein römisches, sondern allein nur das Mosaische Gesetz, und das lautet ganz anders!“
GEJ|7|8|7|0|Sagte Agrikola. „So? Wenn euer Moses solche richterlichen Gesetze gab, wie ihr sie in eurem Tempel beobachtet, dann müßte euer Moses der dümmste und grausamste Gesetzgeber gewesen sein, gegen den wir Römer reine Götter wären! Doch ich kenne die sanften Gesetze Mosis nur zu gut, und wir haben unsere Staatsgesetze zumeist nach ihm geformt, und ihr Templer seid vor Gott und vor allen Menschen die strafwürdigsten Lügner, so ihr mir ins Gesicht behaupten wollt, daß eure allerdümmsten, tyrannisch grausamsten Tempelsatzungen von Moses aufgestellt sind! Das sind eure Satzungen, die ihr eigenmächtig und gottvergessen ganz sinn- und gewissenlos zusammengeschrieben habt, und ihr quält nun das arme Volk nach solchen euren scheußlichen Gesetzen ganz nach eurer Willkür! Könnet ihr so etwas als ein von einem höchst weisen Gotte geheiligtes Gesetz anerkennen?“
GEJ|7|8|8|0|Sagte der Oberste: „Habe ich doch die Satzungen des Tempels nicht gemacht! Sie sind einmal da, und wir haben uns an sie zu halten, ob sie nun von Moses oder von jemand anders herrühren!“
GEJ|7|8|9|0|Sagte Agrikola: „Ganz gut, wir Römer werden solch einem Unfuge schon zu steuern wissen! Aber nun heißt es: AUDIATUR ET ALTERA PARS“! [Man höre auch den anderen Teil!] 
GEJ|7|8|10|0|Hierauf wandte er sich mit einer freundlicheren Miene an den Verbrecher: „Gib du mir nun ganz der Wahrheit gemäß an, wie es mit deinem Verbrechen steht! Leugne nichts, sondern bekenne alles; denn ich kann dich retten, aber auch töten, so dein Verbrechen irgendwie den Tod verdient hat!“
GEJ|7|9|1|1|9. — Das Bekenntnis des scheinbaren Verbrechers
GEJ|7|9|1|0|Hier richtete sich der Verbrecher auf und sagte voll Mutes ganz frei und ohne allen Hinterhalt: „Mein großer und mächtiger und gerechter Herr und Richter! Ich bin ebensowenig irgendein Verbrecher wie du und der, welcher mit dir ist!
GEJ|7|9|2|0|Ich bin ein armer Tagewerker und muß mit meinen Händen erhalten und ernähren Vater und Mutter, welche beiden Eltern stets krank und nahe ganz arbeitsunfähig sind. Dazu habe ich noch eine jüngere Schwester, die erst siebzehn Jahre und acht Monde alt ist. Auch diese muß ich ernähren, weil sie sich selbst nichts verdienen kann, da sie daheim die kranken Eltern pflegen muß. Diese meine gar liebe und brave Schwester, obschon sehr arm, ist aber von Natur aus sehr schön und reizend und ist als das den Templern leider nicht unbekannt, und es haben sich einige schon eine große Mühe gegeben, um sie zu verführen; aber sie richteten dennoch nichts aus und machten mir und den Eltern Drohungen, sagend: ,Na warte, du stolzes Bettelvolk, du sollst uns bald zahmer und demütiger werden!‘
GEJ|7|9|3|0|Ich suchte am nächsten Tage in den mir schon bekannten Häusern Arbeit, und man sagte mir, daß ich von den Priestern darum für einen großen Sünder erklärt worden sei, weil ich mit meiner leiblichen Schwester Blutschande triebe. Man wies mir die Tür, und ich wußte mir nicht zu helfen.
GEJ|7|9|4|0|Ich ging darauf zu etlichen Heiden und stellte ihnen meine große Not vor. Diese beschenkten mich mit etlichen Pfennigen, damit ich für uns doch etwas Brot kaufen konnte. Doch die etlichen Pfennige waren bald verzehrt, und ich und die Meinen hatten schon zwei Tage nichts zu essen, und ich konnte mir auch nichts mehr verdienen und auch von niemand mehr etwas erbitten, woran aber auch diese Feiertage viel schuldeten, weil man in dieser Zeit auch auswärts keine Arbeit bekommen kann. Da dachte ich mir: ,So du als schuldloser Jude das tätest, was einst David tat, als es ihn sehr hungerte, so wäre das vor Gott ja doch keine so grobe Sünde!?‘
GEJ|7|9|5|0|Und ich ging gestern am späten Nachmittag, von großer Not getrieben, in den Tempel, kam zu den Schaubroten, griff nach einem ersten und für meinen Hunger besten Laibe und wollte mich sättigen und einen Teil meinen ebenso hungrigen Eltern und der nicht minder hungrigen Schwester bringen; aber da entdeckten mich alsbald die lauernden Wächter, schrien Frevel über Frevel und schleppten mich unbarmherzigst vor die Priester. Diese erkannten mich bald und schrien: ,Ha, das ist ja der stolze Bettler, der Blutschänder und nun Frevler an den Schaubroten! Darum werde er morgen noch vor der Mitte des Tages gesteinigt!‘
GEJ|7|9|6|0|Darauf schleppte man mich unter allerlei Mißhandlungen und fürchterlichsten Beschimpfungen in ein finsteres Loch, darin ich bis heute schmachtete. Wie man mich von dort bis hierher geschleppt hat, das hast du, hoher Richter, selbst gesehen. Wie es aber den armen Eltern und meiner armen Schwester ergehen wird oder schon ergangen ist, das wird Jehova wissen!
GEJ|7|9|7|0|Hoher Richter! Das ist alles, was ich dir von meinem Verbrechen als völlig wahr sagen kann! Oh, richte mich nicht so hart, wie mich besonders dieser Oberste gerichtet hat! Denn offen gesagt, eben der war es auch, der meine keusche Schwester verführen wollte, – was ich beschwören kann vor Gott und vor allen Menschen! Ich kann dir dafür auch getreuest wahre Zeugen angeben, die diesen gewiß traurigen Vorfall mit Eid bestätigen werden!“
GEJ|7|9|8|0|Sagte Agrikola, ganz ergrimmt über den Templer: „Mein Freund! Wer so offen spricht wie du, bei dem bedarf es wahrlich nicht vieler anderer Beweise! Zudem habe ich hier an meiner Seite einen gar gewichtigen Zeugen zur Steuer der Wahrheit deiner Aussage. Es wird aber sogleich jemand dasein, der deine Eltern und deine Schwester ganz gestärkt hierherschaffen wird – und dann noch jemand anders, den ich für diesen Templer sehr vonnöten haben werde!“
GEJ|7|10|1|1|10. — Das Geständnis des Obersten
GEJ|7|10|1|0|Hier war auf Meinen innern Ruf Raphael auch schon da, zu dem Ich innerlich sagte: „Horche nun auf das Verlangen des Römers; denn Ich gebe ihm Gedanken, Worte und Willen!“
GEJ|7|10|2|0|Als Agrikola den Raphael bemerkte, sagte er: „Ich dachte mir es ja, daß du nicht lange auf dich warten lassen wirst!“
GEJ|7|10|3|0|Sagte Raphael: „Was du willst, weiß ich bereits! Es wird alles binnen weniger Augenblicke in der Ordnung sein; denn die verlangten Menschen wohnen nicht weit von hier, und ich werde sie darum auch bald herbeigeschafft haben.“
GEJ|7|10|4|0|Sagte nun der Oberste: „Wozu das?“
GEJ|7|10|5|0|Sagte Agrikola: „Du wirst reden, wenn du gefragt wirst; jetzt schweige!“
GEJ|7|10|6|0|Hier entfernte sich der Engel schnell und brachte die beiden Alten und die junge, sehr ärmliche, aber der Gestalt nach wahrlich sehr schöne Schwester, und zugleich kamen hinter ihnen zehn römische Soldaten und ein von Pilatus abgeordneter Richter.
GEJ|7|10|7|0|Raphael sagte zu Agrikola: „Freund, also wird es recht sein!“
GEJ|7|10|8|0|Sagte Agrikola: „Das sicher; denn also wollte ich es ja haben!“
GEJ|7|10|9|0|Hierauf trat Raphael zurück und stand in der vollsten Bereitschaft, auf Meinen Wink zu handeln.
GEJ|7|10|10|0|Agrikola wandte sich nun zu den dreien und fragte sie, ob sie den mißhandelten Menschen wohl kennten.
GEJ|7|10|11|0|Sagte die Schwester: „O Jehova, was ist denn mit meinem armen Bruder geschehen? Er ging gestern nachmittag irgendwohin, Brot zu holen, da wir schon zwei volle Tage nichts gegessen hatten, kam aber nicht wieder. Wir hatten eine große Angst um ihn und beteten, daß ihm ja nichts Arges begegnen möge. Und nun treffen wir ihn nach der Nachricht jenes lieben, jungen Boten hier in einem Zustande, der nichts Gutes hinter sich haben kann!“
GEJ|7|10|12|0|Die Schwester wollte noch weiter forschen, doch Agrikola ermahnte sie mit freundlicher Stimme, sagend: „Lasse, du lieblichste Tochter Zions, nun alles weitere Fragen; denn dein Bruder befindet sich nun schon ohnehin in den besten Händen! Ich werde dir aber nun jenen Tempelobersten, der sein Gesicht soeben von uns abgewandt hat, vorstellen, und du mußt mir der vollsten Wahrheit nach bekennen, ob und wie du ihn kennst!“
GEJ|7|10|13|0|Sagte die Schwester: „O Herr, erspare dir diese Mühe; denn diesen Elenden habe ich zu meinem Entsetzen bei meinem Hergehen von weitem schon erkannt!“
GEJ|7|10|14|0|Sagte Agrikola: „Das macht nichts; desto besser für euch alle!“
GEJ|7|10|15|0|Hierauf berief der Römer mit sehr gebieterischer Stimme den Obersten, sagend: „Nun tritt offenen Angesichtes näher und rede! Was kannst du nun auf solch eine gegen dich gerichtete Anklage erwidern? Bekenne offen die Wahrheit, oder ich werde sie dich am glühenden Kreuze bekennen lassen, auf daß du der Römer Gerechtigkeit näher kennenlernen sollst; denn wir Römer machen auch mit keinerlei Priestern irgendwelche Ausnahmeumstände! Tritt her und rede!“
GEJ|7|10|16|0|Hier wandte sich der Tempeloberste um und sagte mit bebender Stimme: „Herr voll Macht und Würde! Was soll ich hier noch erwidern können?! Es ist leider also, wie der Arme ehedem über mich ausgesagt hat, und ich habe die Strafe verdient, die du immer über mich erlassen wirst! Könnte ich je frei werden, so würde ich mein unmenschlich großes Vergehen an dieser armen Familie tausendfach gutmachen; aber ich habe keine Befreiung von einer gerechten Strafe verdient, und so wird es schwer sein, an dieser armen und höchst braven Familie das wieder gutzumachen, was ich ihr Übles zugefügt habe.“
GEJ|7|10|17|0|Sagte Agrikola: „Ich bin kein Richter gleich euch nach dem Maße der Leidenschaft, sondern ein Richter nach dem Maße des Rechtes; ich sage aber hier, daß nun deine Hauptrichter diese vier von dir so unmenschlich tief Beleidigten sind! Wie dich diese verurteilen werden, also werde auch ich dich verurteilen! Was aber dieser Arme und Hungrige im Tempel gegen eure Schaubrote sich versündigt hat, das soll Gott richten! Vergibt ihm Der, so vergeben ihm auch wir; denn gegen uns hat er keine Sünde begangen!“
GEJ|7|10|18|0|Hierauf wandte sich Agrikola an die arme Familie und sagte: „Bestimmet nun, was ich diesem großen Übeltäter tun soll! Denn er hat euch nicht nur in eurem Hause doppelt geschadet, da er eure keusche Tochter hat schänden wollen und, weil ihm das mißlang, dann durch seinen bösen Mund dahin wirkte, daß euer Sohn nirgends mehr eine Arbeit bekam, sondern er hat euern Sohn auch deswegen, weil er sich aus Hunger an einem Laib Schaubrot vergriff, zum Steinigungstode verurteilt, – und wäre dieser größte aller Menschenfreunde nicht dagewesen, so wäre dieser euer Sohn nun schon tot, und ihr hättet ihn nie wieder zu Gesichte bekommen!
GEJ|7|10|19|0|Dort vorne stehen noch die tierischen Tempelhäscher und Schergen, die ihn gesteinigt hätten, – dieser Tempeloberste aber ist eben auch vorzugsweise jener allerunbarmherzigste und ungerechteste Richter, der euren Sohn zum Steinigungstode verurteilt hat! Mir ist das Gesetz über den Vergriff an den Schaubroten nicht unbekannt; die Todesstrafe hat Moses nur für den Fall des verstockten Mutwillens erlassen und nicht für den Fall einer wahren Hungersnot, wo ein jeder Jude das Recht hat, sich auch mit den Schaubroten zu sättigen, so es ihn zu gewaltig hungert, wie desgleichen auch euer großer König David getan hat, als es ihn hungerte, weil er das Gesetz Mosis besser verstand als sein damaliger Oberpriester. Damit aber spreche ich auch euren Sohn von aller Schuld frei, und an euch ist es nun, ein Urteil über diesen gewaltigen Verbrecher an euch auszusprechen!“
GEJ|7|10|20|0|Sagte der Vater des Sohnes und der schönen Tochter: „Herr und mächtiger Richter! Wir alle danken dem großen Gott und dir und deinem Freunde, daß wir so wunderbar aus solch einer großen Gefahr gerettet worden sind. Wie aber Gott das Gute und Rechte am Ende allzeit beschützt, so bestraft Er auch allzeit das wahrhaft Böse eines verstockten Sünders, so er ohne Reue und Buße in seiner Bosheit verharrt. Bessert er sich aber ernstlich, so vergibt ihm Gott auch seine noch so großen und vielen Sünden. Darum richte ich diesen Menschen auch nicht, sondern überlasse ihn lediglich dem Willen Gottes; denn Gott allein ist ein gerechtester Richter. – Das ist unser Urteil über diesen unsern großen Feind. Wir alle vergeben ihm von Herzen alles, was er an uns Übles getan hat.“
GEJ|7|11|1|1|11. — Das Urteil des Agrikola
GEJ|7|11|1|0|Als der Tempeloberste solches Urteil über sich aus dem Munde des ehrlichen, armen Vaters vernommen hatte, brach er in Tränen aus und sagte: „O großer Gott, wie gut sind deine wahren Kinder, und wie entsetzlich schlecht sind wir als eine wahrhafte Schlangenbrut der Hölle! O Gott, strafe mich ganz nach meinem bösesten Verdienste!“
GEJ|7|11|2|0|Sagte Agrikola: „So dich diese nicht gerichtet haben, die dazu das eigentliche Recht hätten, so richte auch ich dich nicht; aber darum habe ich den Richter kommen lassen, daß er es dir und dem ganzen Tempel strengstens untersage, je ein Todesurteil über jemand zu verhängen; – ansonst bist du und der ganze Tempel nicht straffrei. Diese Häscher und Schergen aber sollen für ihren freien Mutwillen mit diesem Armen jeglicher mit hundert Rutenhieben gezüchtigt werden, damit auch sie fühlen, wie wohl ein solch unmenschlicher Mutwille einem Armen tut. Die Soldaten mögen sie sogleich ins Zuchthaus bringen und sie stäupen! Es geschehe!“
GEJ|7|11|3|0|Nun fingen diese an zu heulen und zu bitten.
GEJ|7|11|4|0|Sagte Agrikola: „Hat euch dieser Arme nicht auch gebeten, daß ihr ihn nicht also mißhandeln sollet, – und ihr achtetet nicht seines Flehens, da euch doch nur befohlen ward, ihn zu bewachen? Daher, weil ihr etwas getan habt, wozu ihr nicht einmal ein scheinbares Recht hattet, wird euch auch nicht ein einziger Rutenhieb erlassen, sondern den Peinigern noch streng bedeutet, daß ein jeder Hieb mit der größten Schärfe geführt wird. Und nun weiter; denn für euch gibt es weder bei Gott und noch weniger bei mir ein Erbarmen!“
GEJ|7|11|5|0|Hier umschlossen die Krieger die im ganzen fünfzehn Tempelhäscher und Schergen und stießen sie vor sich hin.
GEJ|7|11|6|0|Der Tempeloberste aber fragte mit zitternder Ehrfurcht den Römer, sagend: „Hoher und mächtiger Gebieter! Was soll ich denn nun eigentlich mit diesem Richter abmachen?“
GEJ|7|11|7|0|Sagte Agrikola: „Das habe ich dir schon angezeigt; so du es aber noch nicht begriffen hast, da sage ich es dir noch einmal: Du gehst mit dem Richter ins Amthaus und wirst dort von ihm eine wohlgemessene Weisung erhalten, wie sich der Tempel in aller Zukunft mit seinen Mosaischen Strafen zu verhalten hat! Jede Übertretung solch einer Weisung wird von Rom aus auf das schärfste geahndet werden! Mit solch einer von Pilatus auf meinen Befehl unterfertigten Weisung begibst du dich dann in den Tempel und machst sie kund!“
GEJ|7|11|8|0|Sagte der Oberste: „Was soll ich aber dem Pilatus sagen, so er mich näher um dich fragen möchte?“
GEJ|7|11|9|0|Sagte Agrikola: „Das wird Pilatus nicht tun, da ich schon vor ein paar Tagen bei ihm war, er mich nur zu gut kennt und wohl weiß, warum ich nun diese unsere Länder im Namen des Kaisers bereise. Und nun magst auch du gehen!“
GEJ|7|11|10|0|Hier verbeugten sich der Richter und der Oberste tief vor Agrikola, und der Richter ermahnte den Obersten, ihm zu folgen.
GEJ|7|11|11|0|Aber der Oberste sagte: „Nur eine Frage an den Gesandten des Kaisers laß mich noch stellen!“
GEJ|7|11|12|0|Sagte der Richter: „So frage eilig; denn wir Richter haben in dieser Zeit wenig Weile!“
GEJ|7|11|13|0|Hierauf wandte sich der Oberste nochmals an Agrikola und sagte: „Mächtiger Gesandter des Kaisers! Siehe, ich bin sehr reich, und es ekelt mich vor meinen Schätzen! Da ich aber dieser armen Familie ein gar so himmelschreiendes Unrecht zugefügt habe, so möchte ich durch die vollkommenste Abtretung aller meiner Schätze an sie dieses Unrecht an ihr nach aller Möglichkeit sühnen. Dürfte ich nun bei diesem Richter unter einem einen Schenkbrief ausfertigen lassen und solchen ihr dann samt allen meinen Schätzen einhändigen, auf daß sie dann niemand fragen kann, woher sie solche erhalten hat?“
GEJ|7|11|14|0|Sagte Agrikola: „Du wirst der armen Familien noch in großer Menge finden, an denen du die langversäumten Werke der Nächstenliebe üben kannst; doch diese arme Familie ist schon so gut wie allerbestens versorgt. Und somit kannst du nun schon gehen! Tue in der Folge recht und fürchte Gott, so wirst du zu keiner solchen Begegnung mehr gelangen! Es sei!“
GEJ|7|11|15|0|Hierauf verneigten sich die beiden nochmals und gingen von dannen.
GEJ|7|11|16|0|Wir aber kehrten mit der geretteten Familie wieder zu den Unseren zurück, die schon voll Neugierde harrten, um zu erfahren, was sich da alles zugetragen hatte. Denn sie waren von uns so weit entfernt, daß sie uns wohl noch sehen, aber von all dem Vorgegangenen nichts vernehmen konnten. Auch unser Sklavenhändler Hibram hatte sich mit seinen Gefährten vorgedrängt, um zu erfahren, was etwa da vorgefallen sei.
GEJ|7|11|17|0|Aber Ich sagte zu Lazarus: „Freund, nun ist vor allem nötig, diesen vieren eine Leibesstärkung zu verschaffen, – alles andere werden wir dann schon oben besprechen; denn diese haben nun schon über zwei Tage lang nichts gegessen. Die beiden Alten waren sehr krank und schwach, doch sie sind geheilt. Dieser sonst kräftige jüngere und sehr mißhandelt aussehende Mensch ist eben derjenige, der da hätte gesteinigt werden sollen, und diese gar liebliche Jungfrau ist seine Schwester, und beide sind Kinder dieses armen, aber ehrlichen Elternpaares. Und nun weißt du schon, mit wem du es zu tun hast!“
GEJ|7|11|18|0|Sagte auch Agrikola: „Und was sie verzehren werden, solange ich mich hier aufhalten werde, das kommt auf meine Rechnung, sowie ich auch wünsche, daß sie an meinem Tische bestens verpflegt werden sollen! Hierauf nehme ich sie ohnehin mit nach Rom. Also werde ich auch die Sklaven alle auf meine Rechnung nehmen und werde fortan für ihr gutes Fortkommen in natürlicher und geistiger Hinsicht alle meine Sorge aufbieten!“
GEJ|7|11|19|0|Sagte Lazarus: „Freund, einige aber möchte wohl auch ich behalten; denn sieh, ich habe weder ein Weib noch Kinder und möchte wohl auch etliche an Kindesstelle aufnehmen!“
GEJ|7|11|20|0|Sagte Agrikola: „Das steht dir ganz frei; so viele du willst, überlasse ich dir gerne!“
GEJ|7|11|21|0|Damit war Lazarus ganz zufrieden, und wir traten den Weg auf den Berg an und waren auch bald an Ort und Stelle.
GEJ|7|12|1|1|12. — Das Mahl in der Herberge
GEJ|7|12|1|0|Als wir oben ankamen, da waren die Sklaven alle in guter Ordnung aufgestellt und grüßten Mich schon von weitem, sagend: „Heil dir, lieber, guter Vater; denn du hast uns erlöst und frei gemacht von unseren harten Banden! Du hast uns ein neues, gar schönes Gewand gegeben, daß wir nun gar lieblich anzusehen sind, und hast uns gesättigt mit überguter Speise und gar kräftig und süß schmeckendem Tranke! O du guter, lieber Vater du, komme, komme, damit wir dir mit unserer Liebe danken können!“
GEJ|7|12|2|0|Als Ich ganz zu ihnen kam, da drängten sich alle zu Mir und küßten und kosten Mich.
GEJ|7|12|3|0|Die Jünger aber bedeuteten ihnen, daß sie sich nicht gar so sehr und heftig um Mich drängen sollten.
GEJ|7|12|4|0|Ich aber sagte zu den Jüngern: „Lasset ihnen ihre allerunschuldigste Freude; denn wahrlich, Ich sage euch: Wer Mich nicht liebt wie eins dieser wahren Kinder hier, der wird nicht zu Mir kommen! Denn wen nicht der Vater (in Mir) zieht, der kommt nicht zum Sohne (zur Weisheit aus Gott). Diese aber zieht der Vater, und darum drängen sie sich denn auch also um Mich. Diese wissen noch nicht, wer Ich bin, doch den Vater haben sie in Mir schon um vieles besser erkannt denn ihr bis zur Stunde. Wie gefällt euch das?“
GEJ|7|12|5|0|Da sagten die Jünger nichts mehr und fühlten es wohl, daß sie Mich noch nie mit solcher Liebe in ihren Herzen aufgenommen hatten wie nun diese Kinder aus dem sonst so kalten Norden.
GEJ|7|12|6|0|Als Mich diese Kinder also abgekost und Mir für alles gedankt hatten, da traten sie wieder in einer ganz guten Ordnung zurück, und wir gingen ins Haus und setzten uns an die Tische in der Ordnung wie am vergangenen Tage, nur nahmen die vier Armen nach dem guten Willen des Agrikola am Tische der Römer Platz. Die Sklavenhändler mit Hibram aber nahmen neben den sieben Pharisäern Platz, und als also alles geordnet war, da wurden Speisen aufgetragen und Wein und Brot in schwerer Menge, so daß die Sklavenhändler sich über eine so reiche Mahlzeit nicht genug wundern konnten. Raphael saß neben Mir, um gewisserart schnell bei der Hand zu sein, so Ich seines Dienstes benötigte.
GEJ|7|12|7|0|Es waren aber die vier Armen aus sehr leicht begreiflichen Gründen höchst dürftig in schon sehr schadhafte Kleider gehüllt, was den Lazarus, der auch neben Mir saß, sehr dauerte.
GEJ|7|12|8|0|Er sagte darum zu Mir (Lazarus): „Herr, ich habe daheim der Kleider in Menge! Wie wäre es denn, so ich jemanden nach Bethania entsendete und für diese Armen Kleider herbeischaffen ließe? Vielleicht käme auch die Schwester Maria, die hier sicher auch eine große Freude hätte!“
GEJ|7|12|9|0|Sagte Ich: „Freund, deine Sorge für die Armen ist Mir immer sehr lieb, und Ich habe darum Wohnung bei dir genommen; aber diesmal werde schon Ich auch für diese also sorgen, wie Ich ehedem für die Kinder, die nun draußen herum sich erheitern, gesorgt habe! Die beiden Schwestern aber haben daheim nun ohnehin mit den vielen Fremden zu tun und sind in deinem Hause notwendig; wenn Ich aber wieder von hier gehen werde, so werde Ich ohnehin vorher zu dir nach Bethanien kommen und da deine Schwestern sehen und sprechen. Diese vier Armen aber wirst du bald in besseren, und zwar in römischen Kleidern ersehen. Doch lassen wir sie nun zuvor ihren inneren Leib und ihre Glieder stärken, – darauf soll dann schon auch für ihren äußeren Leib gesorgt werden! – Bist du damit zufrieden?“
GEJ|7|12|10|0|Sagte Lazarus: „Herr, ganz vollkommen; denn nur das ist gut und völlig recht, was Du willst und anordnest! Aber nun heißt es essen und trinken, und wenn wir alle gestärkt sein werden, dann werden wir wieder über gar viele verschiedene Dinge reden können.“
GEJ|7|12|11|0|Darauf aßen und tranken alle ganz wohlgemut und konnten die gute und freundliche Bewirtung und die wohlschmeckenden Speisen wie auch den lieblichen und das Herz erheiternden Wein nicht genug loben. Die Sklavenhändler waren ganz und gar außer sich vor Freude und bekannten, daß sie selbst bei ihren früheren Reisen in die südlicheren Länder der Erde noch nie so etwas außerordentlich Gutes genossen hätten.
GEJ|7|12|12|0|Ein Pharisäer am selben Tische aber sagte dazu: „Ja ja, meine lieben fernen Freunde, im Hause des Vaters leben oft die ungeratenen Kinder besser als irgendwo, weit vom väterlichen Hause entfernt!“
GEJ|7|12|13|0|Sagte Hibram: „Wie sollen wir das verstehen?“
GEJ|7|12|14|0|Sagte der freilich nun ganz bekehrte Pharisäer, auf Mich hinzeigend: „Siehe, dort sitzet der ewig wahrste Vater unter uns, Seinen ungeratenen Kindern, die wir, was alle Menschen dieser Erde, sind! Die da zu Ihm kommen, Ihn erkennen und Ihn lieben, sind Seine besseren Kinder, und Er sorgt dann durch Seine Weisheit und durch Seinen allmächtigen Willen allenthalben für sie, daß es ihnen dann schon auf dieser Erde wohl ergeht, nach diesem Leibesleben aber noch besser im Reiche der ewigen Geister, die nimmerdar sterben, sondern ewig fortleben. Und siehe, das meinte ich darunter, daß es selbst den ungeratenen Kindern nirgends besser geht als im Hause ihres wahren Vaters! – Verstehst du nun solches?“
GEJ|7|12|15|0|Sagte Hibram: „Ja ja, das verstehe ich nun schon, und du hast da vollkommen gut und wahr geredet; doch jener Mann ist eigentlich ja Gott, und da ist Er zu erhaben, als daß Er ein Vater von uns schlechten Menschen wäre! Ich möchte das sogar für eine gar große Vermessenheit halten, Ihn Vater zu nennen!“
GEJ|7|12|16|0|Sagte der Pharisäer: „Da hast du einesteils freilich wohl nicht ganz unrecht; doch er Selbst lehrt uns solches und bedrohet jeden, der das nicht in seinem Gemüte glauben würde, mit der Ausschließung von dem seligsten, ewigen Leben und zeigt uns, daß Er allein aller Menschen Schöpfer und wahrhaftigster Vater ist, und so müssen wir solches auch glauben, aber auch nach Seinem uns bekanntgegebenen heiligsten Willen also auf dieser Welt leben, daß wir dadurch erst würdig werden, Seine Kinder zu sein. Wenn Er Selbst uns aber solches lehrt, so müssen wir das dann wohl auch mit aller Liebe und Dankbarkeit annehmen und das tun, was Er uns lehrt; denn Er allein weiß, wie es mit uns Menschen steht, und wozu Er uns ins Dasein gerufen hat.“
GEJ|7|12|17|0|Mit dieser ganz guten Belehrung waren unsere Sklavenhändler denn auch vollkommen zufrieden und aßen und tranken darauf weiter und unterhielten sich mit den Pharisäern, so gut es ihre Zungen zuließen. Aber mit der Zeit verstanden sie sich immer besser, weil der eine Pharisäer in der urhebräischen Sprache so ziemlich bewandert war, in der die nordischen Abkömmlinge Indiens in einer noch wenig verdorbenen Art ihren Gedanken Raum und Form gaben.
GEJ|7|13|1|1|13. — Agrikolas Hinweis auf den Herrn
GEJ|7|13|1|0|An den anderen Tischen ging es noch ganz still her; denn alle lauschten nur, ob Ich Selbst etwa bald über etwas den Mund öffnen würde. Da nun aber auch Ich Mich mehr der Ruhe hingab, so fingen die Zungen an den andern Tischen sich ein wenig mehr zu regen an. Die Römer fingen an, sich mit der armen Familie etwas vertrauter zu machen, und Agrikola fragte die gar lieblich aussehende Tochter, ob sie sämtlich keine besseren Kleider hätten als die am Leibe.
GEJ|7|13|2|0|Die Tochter aber sagte: „Edler, hoher Herr! Wohl habe ich daheim in unserer elenden Wohnung ein härenes Oberkleid; aber es ist noch schlechter als der linnene Leibrock, den ich nun anhabe. Wir sind ehedem nicht gar so entsetzlich arm gewesen, als die Eltern noch gesund waren und arbeiten konnten. Als sie dann, schon vor ein paar Jahren, recht schwer krank wurden, da ging es dann immer schlechter und schlechter. Der Bruder konnte mit allem Fleiße nicht mehr so viel verdienen, daß wir uns außer dem kärglichen Mundvorrat noch etwas anderes hätten anschaffen können, und so sind wir nun ohne unser Verschulden in diese große Armut geraten, und es wäre mit uns allen wohl in längstens noch zwei Tagen rein aus geworden, wenn du und jener Freund dort uns nicht gerettet hättet auf eine nahe ganz wunderbare Weise; denn ich begreife es noch immer nicht, wie jener schöne Jüngling dort unsere ärmlichste Wohnung also hat finden können, als wäre er, Gott weiß es, wie sehr bekannt in all den geheimsten Winkeln dieser großen Stadt. Wer etwa jener gar herrliche Mann und jener wunderholde Jüngling an seiner Seite doch sind? Möchtest du mir das nicht nur ein wenig aufklären?“
GEJ|7|13|3|0|Sagte Agrikola: „Ja, du meine allerliebste Arme, du wahrhaft schönste Tochter Zions, das steht wahrlich nicht bei mir; denn siehe, ich bin ein sicher gar großer und mächtiger Herr im ganzen römischen Reich, und doch bin ich gar nichts gegen jenen herrlichen Mann und gegen jenen schönen Jüngling! Ich könnte wohl heute an den Kaiser von Rom einen beglaubigten Boten mit meinem Handschreiben absenden, und er würde mir gar viele Legionen senden, und ich könnte damit das ganze große Asien mit Krieg, und das siegreich, überziehen, – aber was wäre das gegen die unendliche Macht jenes herrlichen Mannes?! Wenn Er etwas will, so ist das schon eine vollbrachte Tat!
GEJ|7|13|4|0|Meine liebe Tochter Zions! Verstehst du wohl, was das sagen will? Sieh, deine Eltern waren krank, wie du sagst, über zwei Jahre hinaus! Und bloß der Wille jenes herrlichen Mannes hat sie in einem Augenblick gesund gemacht, und eben jener herrliche Mann wußte auch jenem Jünglinge ganz genauest eure Wohnung anzuzeigen, in der er euch ganz unfehlbar hat finden müssen. Also hat auch jener herrliche Mann vor ungefähr drei Stunden angezeigt, was diesem deinem Bruder bevorsteht, und darauf erst ward es mir ermöglicht, deinen Bruder und euch durch Seine alleinige Gnade zu retten, und so habe nicht ich, sondern nur Er ganz allein hat euch alle gerettet; denn ich war nur Sein förmlichst blindes Werkzeug.
GEJ|7|13|5|0|So hast du zuvor draußen auch die vielen, gar wunderherrlich schönen Jünglinge und Mägdlein gesehen. Siehe, diese herrlich schönsten Wesen hätten alle als elende Sklaven verkauft werden sollen! Und siehe wieder, jener herrliche Mann hat sie alle befreit und sie vom Fuße bis zum Kopfe gar schön bekleiden lassen, und das alles in einem Augenblick, weshalb sie Ihn alle denn auch als einen gar lieben Vater begrüßten. Wenn aber das nun ganz wahrhaftig also der Fall ist, was ist da meine gesamte Macht gegen nur einen Hauch Seines Willens?! Daher habet nun auch ihr vorzüglich auf jenen herrlichen Mann euer ganzes Augenmerk zu richten; denn was jener Mann bloß nur durch Seinen Willen zu bewirken imstande ist, davon haben sich die Menschen noch nie etwas träumen lassen. Was ich dir aber hier ganz offenherzig gesagt habe, das ist die höchste Wahrheit. Was aber sagst du nun dazu?“
GEJ|7|13|6|0|Sagten alle die vier: „Ja, wenn jener herrliche Mann das alles also vermag, wie du als ein allerglaubwürdigster Zeuge uns das kundgegeben hast, so muß jener herrliche Mann ja gar ein großer Prophet sein! Denn sieh, wir Juden erwarten einen Messias, der gar sehr mächtig in Wort und Tat werden soll! Doch bevor Jener kommen wird, soll Ihm vorangehen der große Prophet Elias und nach der Meinung vieler Menschen auch dessen Jünger Eliseus (Elisa). Und sieh, am Ende ist das gar der Elias oder sein Jünger Eliseus!“
GEJ|7|13|7|0|Sagte Agrikola: „Diese eure Sage ist mir eben nicht gar zu sehr bekannt, wohl aber die von eurem Messias, dessentwegen ich nun hauptsächlich von Rom hierher nach Jerusalem gekommen bin. Habt ihr denn noch nichts gehört von dem nun schon überall über die Maßen berühmt-bekannten Heiland aus Galiläa?“
GEJ|7|13|8|0|Sagte der Alte: „Allerehrwürdigster Freund und Herr! Wir armen Tagwerksleute kommen des Jahres höchstens zehnmal in den Tempel; dort verrichten wir unser kleines Opfer und hören irgendeine Predigt an, die wir nicht verstehen. Wenn es dann auch irgendwo etwas Neues und so Außerordentliches gäbe, so erfahren wir in unserer Abgeschiedenheit sicher nur höchst wenig oder auch wohl gar nichts davon.
GEJ|7|13|9|0|Zudem waren wir nun ja über zwei volle Jahre bettlägerig. Der Sohn mußte Tag für Tag, sogar den Sabbat nicht ausgenommen, arbeiten, um uns nur den dürftigsten Lebensunterhalt zu verschaffen. An den Sabbaten arbeitete er bei einem Griechen oder Römer, die natürlich unseren Sabbat nicht feierten und irgend heiligten, und das war gewisserart noch ein wahres Glück für uns; denn ohne das hätten wir jeden Sabbat, besonders in diesen zwei letzten Jahren, vollkommen fasten können.
GEJ|7|13|10|0|Wenn du, hoher Herr und Freund, das zusammenfassest, so wirst du das ganz leicht einsehen, wie eine ganz arme Familie, selbst mitten in dieser großen Stadt wohnend, von allen noch so großen und außerordentlichen Erscheinungen und Vorkommnissen ebensowenig erfahren kann, als lebte sie irgendwo ganz am Ende der Welt! Wenn wir nun aus dem dir gezeigten Grunde von dem berühmten und sonst schon weithin bekannten Galiläer nahe soviel wie nichts wissen, so kann uns das wahrlich nicht zu einer Schuld gerechnet werden.
GEJ|7|13|11|0|So viel haben wir vor einem Jahre in Erfahrung gebracht, daß etwa ein Prophet namens Johannes in einer Wüste am Jordan wider die Pharisäer gepredigt habe und ihnen tüchtige Wahrheiten gesagt haben soll. Was aber dann weiter mit ihm geschehen ist, davon haben wir nichts erfahren. Vielleicht ist nun dieser herrliche Mann jener Prophet?“
GEJ|7|13|12|0|Sagte Agrikola: „Das ist dieser euer herrlicher Mann nicht; aber ihr werdet Ihn zu eurem Glücke schon noch heute näher kennenlernen. Darum esset und trinket, daß ihr gehörig stark werdet, um die große Enthüllung, die euch werden wird, zu ertragen; denn es ist keine Kleinigkeit, jenen euren herrlichen Mann näher kennenzulernen!“
GEJ|7|13|13|0|Auf das aßen und tranken die Armen wieder ganz gemütlich fort. Während des Essens und öftermaligen Trinkens fielen ihnen die schönen und schweren Speiseschüsseln auf, und noch mehr die goldenen Weinkrüge und Trinkbecher.
GEJ|7|13|14|0|Die Tochter betrachtete diese Dinge mit stets größerer Aufmerksamkeit und sagte am Ende zu Agrikola: „Aber höre, du großer und mächtiger Herr, ist das nicht purstes Silber und Gold? Das hast du sicher von Rom hierher mitgebracht? Oh, das muß ja gar entsetzlich viel gekostet haben!“
GEJ|7|13|15|0|Sagte Agrikola: „Ja, meine schöne Tochter Zions, das würde wohl sehr viel kosten, so man das Silber und Gold kaufen und dann daraus diese Gefäße machen lassen müßte! Aber diese Gefäße hier haben mich gar nichts gekostet und Den, der sie auf eine wundervollste Weise hergestellt hat, auch nichts, und dennoch sind sie alle von einem unschätzbar großen Wert. Denn sieh, Dem, der allmächtig ist, ist nichts unmöglich! – Verstehst du das?“
GEJ|7|13|16|0|Sagte die schöne Jüdin: „Ja, das verstehe ich schon; aber allmächtig ist ja nur Gott allein! War denn Gott Selbst hier, oder hat Er einen Engel hierher gesandt, der hier solch ein Wunder gewirkt hat? Denn solche Dinge sind unter dem jüdischen Volke stets geschehen!“
GEJ|7|13|17|0|Sagte Agrikola: „Mein liebstes und wahrlich schönstes Kind! Ja, ja, Gott Selbst war hier, ist noch da und gibt Sich denen wunderbar zu erkennen, die Ihn wahrhaft und rein lieben! Wenn du im Herzen recht voll Liebe zu Ihm wirst, dann wird Er Sich dir und euch allen schon auch zu erkennen geben! – Glaubst du, Holdeste, mir solches?“
GEJ|7|13|18|0|Sagte die nun immer schöner werdende junge Jüdin: „Aber Gott ist ja ein Geist, den kein Mensch je sehen kann und dabei behalten das Leben; denn also steht es im Moses geschrieben: ,Gott kann niemand sehen und leben.‘“
GEJ|7|13|19|0|Sagte Agrikola: „Da hast du wohl recht; aber es steht auch in den andern Propheten geschrieben, daß der ewige Geist Gottes – also Gott Selbst – in der Zeit um der Menschen willen Fleisch anziehen werde und Selbst als ein Mensch unter ihnen wandeln und sie Selbst die rechten Wege des Lebens lehren werde. Und so kann nun ein rechter Mensch Gott schauen und hören und dabei nicht nur dieses irdische Leben behalten, sondern noch das ewige Leben der Seele hinzuerhalten, so daß er dann fürder ewighin keinen Tod mehr sieht und fühlt. Wenn dieser Leib mit der Zeit auch abfällt, so lebt aber dennoch die Seele des Menschen ewig fort und genießt dabei die höchste Seligkeit. – Wie gefällt dir denn nun das?“
GEJ|7|13|20|0|Sagte die schöne Jüdin: „Ja, das gefiele uns allen wohl gar überaus; doch für solch eine nie erhörte Gnade sind wir sicher zu gering und auch zu große Sünder! Denn erstens konnten wir schon lange den Sabbat nicht ordentlich heiligen und gehörten schon lange in die Reihe der großen Sünder, und zweitens konnten wir uns davon auch nicht reinigen, weil wir dazu die Mittel niemals besaßen. Und so wird Gott, so Er nun auch irgend leiblich zu den Menschen kommt, uns sicher nicht ansehen. Er kam wohl zu Abraham, Isaak und Jakob; aber das waren ungeheuer fromme und sündenfreie Menschen. Was sind da wir dagegen? Lieben könnte ich Gott also schon über alle die Maßen; aber Er ist viel zu heilig und kann die Liebe eines Sünders nicht annehmen.“
GEJ|7|13|21|0|Hier sagte Ich über den Tisch zu der Jüdin: „O liebe Tochter, Gott sieht nicht auf die Sünden der Menschen, besonders deiner Art, sondern allein auf das Herz! Wer Gott wahrhaft liebt, dem werden alle Sünden erlassen, und hätte er derselben so viele, als wie da ist des Grases auf der Erde und des Sandes im Meere. Deine Sünden aber liegen nur in deiner Einbildung und nicht in der Wirklichkeit. Gott aber ist alles das nur ein Greuel, was vor der Welt groß ist; du bist aber gar klein vor der Welt und somit vor Gott kein Greuel. Liebe Gott nur recht stark, und Er wird dich dann auch lieben und dir geben das ewige Leben! – Verstehest du das?“
GEJ|7|13|22|0|Sagte die Jüdin: „Das habe ich verstanden; aber führet mich doch dahin, wo nun Gott ist, damit ich Ihn sehe, liebe und anbete!“
GEJ|7|14|1|1|14. — Die neuen Gäste in der Herberge und ihre Bewirtung
GEJ|7|14|1|0|Es wollte nun die schöne Jüdin noch mehr mit Mir verkehren; aber es kamen des Lazarus Diener in den Saal herein und sagten, daß eine Menge fremder Menschen den Berg heraufkämen, und sie (die Diener) wüßten nicht, wo alle die Ankommenden unterzubringen sein würden.
GEJ|7|14|2|0|Sagte Lazarus zu Mir: „Herr, was wird hier zu tun sein? Ich vertraue nun allein auf Dich!“
GEJ|7|14|3|0|Sagte Ich: „Wie viele können ihrer sein, die da nun ankommen und auch später noch ankommen können?“
GEJ|7|14|4|0|Sagte Lazarus: „Herr, nach den vergangenen Jahren zu urteilen, könnten da wohl fünf-, sechs- bis siebenhundert Köpfe ankommen; heute aber wird der Zudrang offenbar am stärksten sein!“
GEJ|7|14|5|0|Sagte Ich: „Gut nun, gehe du mit diesem Meinem Diener hinaus, und er wird dir im Freien schon alles also herrichten, daß da alle die ankommenden Gäste ganz gut unterzubringen sein werden! Die Jugend aber lasset in den kleinen Saal treten, auf daß sie nicht der Gaff- und Geilsucht der Fremden zu sehr ausgesetzt sei!“
GEJ|7|14|6|0|Als Lazarus solches vernommen hatte, ging er mit Raphael sogleich ins Freie hinaus, wo Raphael zuerst die vielen Jungen in den anstoßenden kleinen Saal brachte und darauf zu Lazarus sagte: „Hast du wohl Tische und Bänke in genügender Anzahl?“
GEJ|7|14|7|0|Sagte Lazarus: „Ja, du mein liebster und gar mächtiger Freund voll Heiles aus Gott, damit hat es nun eben den größten Anstand! In Bethania hätte ich daran wohl einen großen Vorrat; aber den kann ich nun nicht so bald herschaffen! Was wird da nun zu machen sein?“
GEJ|7|14|8|0|Sagte Raphael: „Mache dir nichts daraus! Da du auf den Herrn vertraust und Ihn über alles liebst, so wird dir hier gleich geholfen sein. Sieh, ich bin im Namen des Herrn ein guter Zimmermann und Schreiner, und so wird gleich alles dasein, was du nun nötig hast!“
GEJ|7|14|9|0|Als Raphael das noch kaum ausgesprochen hatte, da standen auch schon Tische und Bänke in der rechten Menge da, und über jedem Tisch war ein Zelt gespannt und so recht lieblich anzusehen.
GEJ|7|14|10|0|Nun kamen aber die fremden Gäste auch schon an und fragten, ob sie wohl hier bewirtet werden könnten.
GEJ|7|14|11|0|Sagte Lazarus: „O allerdings, es werden die Diener sogleich kommen und einem jeden geben nach seinem Verlangen!“
GEJ|7|14|12|0|Sagte Raphael zu Lazarus: „Wirst du wohl mit deinen Dienern auslangen für so viele Gäste?“
GEJ|7|14|13|0|Sagte Lazarus: „Zur Not etwa wohl; aber sie werden alle vollauf zu tun haben!“
GEJ|7|14|14|0|Sagte Raphael: „Gut, sollte es an ihnen gebrechen, so werde dann schon auch ich ihnen helfen!“
GEJ|7|14|15|0|Sagte nun Lazarus: „Siehe, du heilvoller Diener Gottes, das, was du mir nun im Namen des Herrn hier gemacht hast, ist ein Wunder über Wunder; aber es nimmt mich nun schon nahe nichts mehr wunder, da ich den Herrn kenne und schon Zeuge von gar vielen Wundern war, von denen eines größer war als das andere!“
GEJ|7|14|16|0|Sagte Raphael: „Das ist nun ganz ein und dasselbe; denn alles, was du siehst und fühlst und denkst, ist ein noch größeres Wunder des Herrn, und ein jeder Mensch selbst ist das größte! Ob der Herr nun einen schnellsten Blitz erschafft, der in einem Momente aus einer Wolke auf die Erde herabfährt, oder ob Er eine Sonne erschafft, die dann äonenmal äonen von Erdenjahren vielen Erden leuchtet, so ist das der Weisheit und der Macht des Herrn wohl ganz ein und dasselbe, und so hast du auch ganz recht, daß du dir aus diesem gegenwärtigen Wunder eben nicht gar soviel machst. Es wäre das nun vor den vielen sehr neugierigen Fremden auch eben nicht sehr klug. – Aber jetzt kannst du schon zusehen, daß alle die vielen Gäste bedient werden, sonst fangen sie an, einen großen Lärm zu schlagen!“
GEJ|7|14|17|0|Sagte Lazarus: „Ja, du heilvoller Diener des Herrn, du hast recht; denn es haben noch die wenigsten etwas! Was werden wir da tun?“
GEJ|7|14|18|0|Sagte Raphael: „Nun, was tun? Helfen wollen wir deinen Dienern, sonst bekommen die vielen und sich noch immer mehrenden Gäste noch lange nichts!“
GEJ|7|14|19|0|Hier verließ Raphael auf ein paar Augenblicke Lazarus, und in solch einem kürzesten Zeitraume waren alle Tische, an denen sich Gäste befanden, mit Wein, Brot, Salz und auch anderen Speisen bestens versehen.
GEJ|7|14|20|0|Es fiel solche Bedienung freilich wohl manchen Gästen auf; aber die Gäste dachten sich, daß sie ob ihrer Gespräche auf das Herschaffen des Weines und Brotes und der anderen Speisen nicht gehörig achtgegeben hätten, und so aßen und tranken sie fort. Was ihnen aber dennoch auffiel, das war die außerordentliche Güte des Weines, da sie zuvor wohl noch niemals etwas Ähnliches über ihren Gaumen gebracht hatten.
GEJ|7|14|21|0|Es kamen darum einige, von ihren Tischen aufstehend, zu Lazarus hin und fragten ihn, was das für ein Wein wäre, und ob er solchen auch in einem größeren Quantum verkaufen würde.
GEJ|7|14|22|0|Sagte Lazarus: „Diesen Wein bekomme ich selbst wahrhaft ordentlich durch die Gnade Gottes. Bei diesem Umstande könnet ihr ihn nach Maß und Ziel trinken; aber zum Weiterverkauf besitze ich gar keinen Wein!“
GEJ|7|14|23|0|Darauf gingen die Gäste wieder an ihre Plätze.
GEJ|7|14|24|0|Die aber einmal da waren, die gingen nicht mehr fort, und dennoch kamen noch immer neue hinzu, so daß es Lazarus schon ordentlich zu schwindeln begann und er zu Raphael sagte: „Mein liebster, von Gottes Heil erfüllter Freund, wenn das noch lange fortgeht, so werden wir am Ende doch noch zu wenig Sitze und Tische haben!“
GEJ|7|14|25|0|Sagte Raphael: „Nun, da werden wir denn noch einige hinzustellen müssen!“
GEJ|7|14|26|0|Und kaum hatte Raphael das ausgesprochen, so standen auch schon Tische, Bänke und Zelte da, und doch merkte von vielen Hunderten von Gästen niemand, wie die vielen Tische, Bänke und Zelte entstanden waren. Die Gäste kamen und wurden auch auf die gleiche Weise bedient.
GEJ|7|14|27|0|Als so nach ein paar Stunden die Fremden, die auch in früheren Jahren stets diese Herberge zu besuchen pflegten, sich alle eingefunden hatten und hinreichend gesättigt worden waren, wandte sich Lazarus an Raphael und fragte ihn: „Liebster, von Gottes Heile voller Diener des Herrn, sage mir denn nun doch ein wenig nur, wie dir solches zu bewirken möglich ist, und das alles in einem Augenblick! Ich wollte von den Tischen, Bänken und Zelten noch nichts sagen; aber woher die entsprechenden Gefäße, das Salz, der Wein und die Speisen, und die Speisen aber also, daß der Perser für sich und also der Ägypter, der Grieche und, kurz, ein jeder, woher er auch sei, seine nationale Landeskost allerbestens bereitet vor sich hat? Wie ist dir denn doch das alles, und das in einem Augenblicke, möglich?“
GEJ|7|14|28|0|Sagte Raphael: „Mein liebster Freund, so ich dir auch die Möglichkeit alles dessen noch so genau erklärte, so würdest du davon dennoch nur wenig oder nahe gar nichts begreifen. Ich kann dir daher vorderhand nur das sagen, daß bei Gott alle Dinge möglich sind!“
GEJ|7|15|1|1|15. — Eine Erklärung der Materialisationen
GEJ|7|15|1|0|(Raphael:) „Ich bin eigentlich für mich selbst aus mir ebensowenig etwas zu tun imstande wie du; aber ich bin ein purer Geist und habe hier nur einen aus den Stoffen der Luft zusammengezogenen Leib. Als Geist aber kann ich ganz mit dem Willensgeiste des Herrn erfüllt werden und dann also wirken wie der Herr Selbst. Wenn ich also mit dem Geiste des Herrn erfüllt bin, dann habe ich keinen andern Willen als den des Herrn und kann unmöglich etwas anderes wollen, als was der Herr allein will. Was aber der Herr will, das ist dann auch schon da.
GEJ|7|15|2|0|Siehe, alles, was auf dieser oder auch auf einer andern Erde ist und wächst, das ist – samt der Erde – ebenso ein Wunder, hervorgehend aus dem Willen des Herrn, nur daß der Herr da der Bildung der Intelligenz wegen bei den Geschöpfen eine gewisse notwendige Stufenfolge beobachtet und eines aus dem andern so nach und nach pur aus Seinem Willen entstehen läßt. Wenn der Herr solches der Bildung und Festigung der intelligenten und belebten Geschöpfe wegen nicht tun würde, so könnte Er vermöge Seiner Allmacht auch eine Welt im selben Augenblick ins Dasein rufen, wie Er einen Blitz ins Dasein und Wirken ruft.
GEJ|7|15|3|0|Sieh, in der Luft der Erde sind in einem aufgelösten Zustand alle Substanzen und alle Stoffe einer ganzen Erde enthalten! Du kannst sie zwar mit deinen irdischen Sinnen nicht wahrnehmen, aber für einen vollkommenen Geist ist das etwas ganz ebenso Leichtes, wie es dir ein leichtes ist, einen Stein vom Boden aufzuheben und zu unterscheiden, daß er kein Fisch und nicht ein Stück Brotes ist. Und es ist dem Geiste dann auch ein leichtes, zum Beispiel die zu diesem oder einem anderen Gegenstande nötigen Stoffe zusammenzufassen, nämlich aus der Luft, und sie in einem Augenblick als das darzustellen, was sie in naturgeordnetem Zustande erst nach und nach geworden wären.
GEJ|7|15|4|0|Wie aber einem vollkommenen Geiste das möglich ist, das ist nun freilich eben jene Sache, die der natürliche Mensch, solange er im Geiste nicht völlig wiedergeboren ist, unmöglich fassen und begreifen kann. Und das kann ich dir denn auch nicht näher erklären. Doch will ich dir aber in Kürze eine kleine Hinweisung auf so manche Erscheinung in der Natur geben.
GEJ|7|15|5|0|Siehe, in allen Keimen der Pflanzen und Bäume wohnt in einer kleinen und zarten Hülse eine sonderheitliche Intelligenz in der Gestalt eines deinem Auge nicht mehr sichtbaren Fünkleins! Dieses Fünklein ist das eigentliche erste Naturleben des Samens und hernach der ganzen Pflanze. Nun denke dir aber die beinahe zahllose Menge der verschiedenartigsten Pflanzen und Bäume, die natürlich auch alle verschiedenartige Samen tragen, in deren Keimhülschen auch ebenso verschiedene geistige Intelligenzfünklein wohnen!
GEJ|7|15|6|0|Wenn du nun verschiedene Samen ins Erdreich legst, so werden sie durch die Wärme und durch die vom Erdreich aufgesogene Feuchtigkeit der Luft erweicht, das geistige Fünklein wird tätig und erkennt ganz bestimmt jene Stoffe in der es umgebenden Luft, fängt an, sie durch seine ihm eigene Willenskraft anzuziehen und bildet aus ihnen eben jene Pflanze mit ihrer Gestalt und Frucht, für die zu bilden es eben die geeignete Intelligenz und die ihr entsprechende Willenskraft vom Herrn aus besitzt.
GEJ|7|15|7|0|Könntest du mit deinem Verstande, mit deinen Sinnen und mit deinem Willen wohl auch die für ein gewisses Samenkorn bestimmten Stoffe aus der das Samenkorn umgebenden Luft herausfinden? Sicher nicht; denn du ißt und trinkst ja auch, um dich zu ernähren, und hast doch keine Ahnung, wie dein dir bisher noch völlig unbekannter Geist, als der geheime Liebewille Gottes im Herzen deiner Seele wohnend, durch seinen dir noch völlig unbekannten Willen und durch seine hohe Intelligenz aus den zu dir genommenen Speisen eben jene Stoffe, die zur Bildung deiner sehr verschiedenartigen Leibesteile unerläßlich notwendig sind, ausscheidet und sie dahin zieht, wo sie eben notwendig sind.
GEJ|7|15|8|0|Wenn du das dir nun Gesagte so recht tiefsinnig betrachtest, so wirst du eben dieselben Wunder allenthalben ersehen, als wie diese da sind, die ich vor deinen Augen nach dem Willen des Herrn in einem Augenblick gewirkt habe, – nur daß ich als ein vollkommener Geist das durch den Willen des Herrn in einem Momente aus der Luft zusammenzuziehen vermag, was ein natürlich noch ganz unvollkommener Geist mit seiner beschränkten Intelligenz und ebenso beschränkten Willensmacht nur so nach und nach vermag.“
GEJ|7|16|1|1|16. — Die Arbeit der Naturgeister bei der Metallbildung. Das Geheimnis des Wunders
GEJ|7|16|1|0|(Raphael:) „Siehe, du siehst den Stoff, aus dem das ganz reine Gold besteht, sicher nicht als in dieser Luft enthalten herumschwimmen; ich aber sehe ihn und kann ihn von den zahllos vielen anderen Stoffen sehr wohl unterscheiden. Weil ich aber das wohl kann und auch meinen Willen als entsprechend gleichartig nach allen Richtungen ausdehnen kann, so kann ich auch eben diesen in der Luft enthaltenen reinsten Goldstoff sogleich auf einen sichtbaren Haufen zusammenziehen, oder ich kann ihn auch ebenso leicht sich in eine beliebige Form, als wie etwa da ist ein Trinkgefäß, festest zusammenfügen lassen, und du wirst entweder alsogleich einen beliebig großen Goldhaufen oder ein Goldgefäß vor dir sehen, und es wird solches ebenso ein ganz natürliches und kein gewisserart nichtig wunderbares Gold sein, als wie natürlich jenes Gold ist, das die Menschen aus den Bergen graben, von den fremden Stoffen reinigen, es dann im Feuer schmelzen und daraus allerlei kostbare Sachen und Dinge verfertigen.
GEJ|7|16|2|0|Denn die gewissen Naturgeister in der Materie der Berge, die eben mit dem in der Luft freien Goldstoffe am nächsten verwandt sind, ziehen vermöge ihrer sehr geringen Intelligenz und der mit ihr verbundenen Willenskraft – was die Apotheker die Anziehungskraft nennen – das freie Gold aus der Luft an sich, und so das mehrere Hunderte von Jahren fort und fort geschieht, so wird an einer solchen Stelle dann recht viel Gold sichtbar werden.
GEJ|7|16|3|0|Daß aber solch eine Ansammlung des Goldes in der Natur nur sehr langsam vor sich geht, daran schuldet die sehr geringe Intelligenz und die ebenso geringe Willensmacht solcher Naturberggeister in ihrem notwendig gerichteten Zustande.
GEJ|7|16|4|0|Ich aber als ein höchst freier und vollkommener, mit den höchsten Intelligenzen ohne Zahl und Maß sowie dazu mit der Fülle der Willensmacht aus Gott versehener Geist kann nun das in einem Augenblick bewirken – wie ich das schon gezeigt habe –, was die einseitig schwach intelligenten und ebenso willensbeschränkten Naturgeister nur nach und nach zustande bringen.
GEJ|7|16|5|0|Habe nun wohl acht, wie ich solch ein Wunder vor dir bewirken werde! Ich will es dir zuliebe aber mit dem Wunder etwas langsamer machen, damit du leichter merken kannst, wie sich das Gold aus der freien Luft gerade auf deiner Hand ansammeln wird. Sieh, ich will nun, und schon siehst du auf deiner Handfläche einen dünnen Goldanflug! Sieh nur zu, wie sich das Gold mehrt und mehrt! Nun bedeckt deiner Hand Fläche schon eine ganz gewichtige Goldscheibe. Über diese fängt nun ein ganz wohlgeformter Rand an sich zu erheben. Er wächst nun fort, und sieh, du hast jetzt in wenigen Augenblicken schon ein fertiges Gefäß aus reinstem und – sage – ganz natürlichem Golde auf deiner Hand, das nur eines vollkommenen Geistes Macht wieder in seinen Urstoff auflösen kann, sonst aber auch nicht leichtlich eine andere Kraft in der Natur. Aber ich werde dir dieses Gefäß belassen, wie es ist, und du kannst es verwerten oder dir von einem Goldschmiede auch etwas anderes daraus machen lassen oder es auch also behalten.
GEJ|7|16|6|0|Du hast nun gesehen, wie ich auf eine langsamere Weise vor dir ein Wunder gewirkt habe; aber nun strecke deine andere Hand aus, und ich werde dir ein gleiches Wunder augenblicklich bewirken! Sieh, ich will, und du hast nun in einem Augenblick ein ganz gleiches Gefäß in deiner linken Hand!
GEJ|7|16|7|0|Wie ich aber das vermag durch die mir innewohnende Kraft, so vermag ich auch alles andere, was ich dir für die vielen Gäste dargestellt habe. Aber du brauchst darum das Mahl diesen Gästen nicht zu schenken; denn sie sind alle reiche Handelsleute und sollen auch bezahlen, was sie gegessen und getrunken haben. Sie werden sich darauf bald wieder in ihre nun unterdessen verschlossenen Verkaufsbuden begeben und die Käufer durch ihr Geschrei anlocken. Laß nun nur deine Diener das Geld einsammeln!“
GEJ|7|16|8|0|Hierauf berief Lazarus die Diener und sagte, daß sie von jedem Gaste nicht mehr als einen Groschen verlangen sollten. Und die Diener taten das, und jeder Gast zahlte gern den verlangten Groschen und bedankte sich noch obendrauf für die gute Verpflegung, und alle erbaten sich die Freiheit, am Abend sowie an den noch kommenden zwei Tagen wiederkommen zu dürfen, was ihnen natürlich von Lazarus freundlichst gestattet wurde.
GEJ|7|16|9|0|Als so die vielen Gäste sich vom Berge hinab in die Stadt verliefen, da wollten die Diener die Tische nach gewohnter Sitte abräumen. Aber Raphael bedeutete ihnen, daß sie sich diese Arbeit ersparen sollten; denn so dieselben Gäste am Abend wiederkommen würden, so brauche niemand sich anders um sie zu kümmern, als daß die Diener ihnen nach dem Abendmahle das Geld abverlangen und darauf wieder alle Tische so wie jetzt gedeckt lassen. Bei dem blieb es denn auch, und es wurden also die noch folgenden zwei Tage hindurch alle die vielen Gäste mit Speise und Trank versorgt, ohne daß Lazarus auch nur einen Fisch, ein Stück Brotes und einen Becher Weines von seinem Vorrate herzugeben vonnöten hatte.
GEJ|7|17|1|1|17. — Die Urstoffe der Schöpfung
GEJ|7|17|1|0|Als aber nun alle Gäste sich verlaufen hatten, da fragte unser Freund Lazarus den Raphael, sagend: „Höre, du Gottes Heils vollster Menschengeist, du sagtest ehedem, daß es in der Luft eine unzählbare Menge von allerlei Urstoffen und Substanzen als freischwebend und ungebunden gibt, die durch die Weisheit und durch den Willen eines vollkommenen Geistes als solche erkannt und zu einem festeren Körper zusammengezogen und verbunden werden können! Durch die mir gegebenen Beispiele wurde mir diese Sache notwendig sehr einleuchtend; aber daneben fiel mir eine noch ganz andere äußerst wichtige Frage auf, und diese besteht darin: Sieh, die Urstoffe und Substanzen mögen immerhin also in der Luft dieser Erde vorhanden sein, wie du mir das wahrlich sehr einleuchtend gezeigt hast; aber wie erzeugen sie sich denn ursprünglich? Wie kommen sie denn in so zahlloser Mannigfaltigkeit in die Luft unserer Erde, wahrscheinlich auch in noch größerer Mannigfachheit in die Luft der zahllos vielen anderen Erden und Welten, die mich und die vielen anderen Jünger der Herr Selbst gnädigst hat kennen gelehrt? Erkläre mir denn auch das noch!“
GEJ|7|17|2|0|Sagte Raphael: „Ei, ei, daß dir das noch nicht von selbst einleuchten mag! Gibt es denn außer Gott etwas, das etwa nicht aus Ihm hervorgegangen wäre? Ist nicht alles, was von Ewigkeit her den unendlichen Raum erfüllt, Sein Gedanke, Seine Idee, Seine Weisheit, Sein Wille?
GEJ|7|17|3|0|Siehe, Seine Gedanken in der nie versiegbaren endlosesten Fülle von einer Ewigkeit zur andern sind die eigentlichen Ursubstanzen und die Urstoffe, aus denen alles, was da auf Erden und in den Himmeln gemacht ist, durch die ungeteilte ewige Macht des göttlichen Willens besteht. Kein Gedanke und keine Idee aber kann selbst in Gott ohne Seinen Willen entstehen und fortbestehen. Dadurch aber, daß ein jeder Gedanke und eine jede Idee als aus der höchsten Intelligenz Gottes durch Seinen Willen hervorgehend eben auch in sich selbst als eine sonderheitliche Intelligenz den entsprechenden Teil des Gotteswillens in sich birgt, kann denn auch jeder solche den Gotteswillen in sich tragende Einzelgedanke Gottes oder eine ebenso beschaffene größere Idee des Herrn nimmerdar ebensowenig je ein Ende nehmen wie Gott Selbst, weil Er einen einmal gedachten Gedanken und eine noch tiefer gefaßte Idee nimmerdar vergessen kann in Seiner allerlichthellsten Selbstbewußtseinssphäre. Weil aber das bei Gott die purste Unmöglichkeit ist, einen einmal gehabten Gedanken oder eine einmal gefaßte Idee zu vergessen, so ist auch jeder noch so kleine Gedanke und eine noch so geringfügig scheinende Idee Gottes für ewig in ihrer urgeistigen Beschaffenheit unzerstörbar.
GEJ|7|17|4|0|Da aber ferner – wie schon früher angedeutet – ein jeder Gedanke und eine jede Idee Gottes auch teilweise als ein göttlicher Intelligenzfunke notwendigerweise auch den göttlichen Willen in sich trägt und tragen muß, weil er ohne den nie gedacht worden wäre, so kann denn auch jeder solche Einzelgedanke und jede solche Einzelidee Gottes entweder für sich oder durch mehrere weise miteinander verbundene Gedanken – was dann eine Idee ist – als ein für sich Bestehendes sich selbst in seiner Art und Sphäre ausbilden, sich vervollkommnen in und für sich als das, was er ist, sich ins Unendliche vermehren und durch weise Verbindung mit anderen Urstoffen und Substanzen auch edler und vollkommener werden.
GEJ|7|17|5|0|So ist eine werdende Sonne zuerst ein purer, lichtschimmriger Lichtäther oder ein Sich-Ergreifen von zahllos vielen Gedanken und Ideen Gottes infolge des in ihnen eigens zugrunde liegenden und entsprechenden Willensanteiles aus Gott. Diese ziehen dann eben durch den in ihnen zugrunde liegenden Gotteswillen das ihnen Gleiche aus dem endlosen Äther fort und fort an sich, und so wird der früher lichtschimmrige Äther schon dichter und bekommt nach und nach die Dichtigkeit dieser Erdluft. Diese verdichtet sich nach und nach auch mehr und mehr, und es wird Wasser zum Vorscheine kommen; aber auch dieses verdichtet sich nach und nach, und es wird daraus Schlamm, Lehm, Steine und somit ein schon festeres Erdreich.
GEJ|7|17|6|0|Die nun also fester und fester aneinandergebundenen, ursprünglich geistigen Ursubstanzen und Urstoffe fangen an, sich in solch einem unfreien Zustande stets mehr und mehr unbehaglich zu fühlen, werden sehr tätig, um sich freier zu machen, und es fängt in einem solchen Weltkörper, besonders in seinen festen und schweren Partien, sehr feurig zu werden an. Durch diesen Feuereifer der gedrückten ursprünglichen freien Ursubstanzen und Urstoffe werden die festeren Teile eines solchen neuen Weltkörpers zerrissen, ja es wird da das Innerste oft zum Äußern und umgekehrt das Äußere zum Innersten, und erst nach gar vielen solchen Kämpfen wird ein solcher neuer Weltkörper in eine ruhigere Ordnung gesetzt, und die in ihm gefangenen Urgedanken und Urideen Gottes finden dann einen andern Weg, sich von dem großen Drucke frei und los zu machen.
GEJ|7|17|7|0|Und sieh, da entstehen bald allerlei Pflanzen und Tiere, und das so fort bis zum Menschen hin, in welchem gar sehr viele solcher Urgedanken und Urideen Gottes dann erst ihre volle Erlösung von ihrem alten Gerichte finden. Diese erkennen dann erst Gott als den Urgrund alles Seins und alles Lebens und kehren sodann als selbständige, freieste Wesen – das heißt, so sie nach Seinem erkannten Willen gelebt haben – zu Ihm zurück.
GEJ|7|17|8|0|Aber es ist in dieser rein, frei und selbständig geistigen Umkehr auf den zahllos vielen und höchst verschiedenartigen Weltkörpern auch ein ebenso großer Unterschied wie in und zwischen den Weltkörpern selbst. Die allervollkommenste Rückkehr von einem Weltkörper zu Gott aber ist und bleibt nur von dieser Erde möglich, weil hier ein jeder Mensch in seiner Seele und in seinem Geiste Gott vollkommen ähnlich werden kann, wenn er nur will; denn wer hier nach Gott strebt, der wird auch zu Gott kommen. – Verstehest du solche Dinge?“
GEJ|7|17|9|0|Sagte Lazarus: „Das verstehe ich nun wohl, da ich in Hinsicht auf den gesamten Weltenbau schon vom Herrn aus die allerbedeutendsten Vorkenntnisse innehabe; aber es bleibt mir doch noch so manches unverständlich und somit zu fragen übrig.“
GEJ|7|17|10|0|Sagte Raphael: „Oh, mein lieber Freund, das ist auch bei mir selbst der Fall! Denn es liegt in Gott noch gar endlos vieles verborgen, von dem wir, die nach Gott höchsten und reinsten Geister selbst nichts wissen; denn Gott hat für die guten und reinen Geister ewigfort einen derartig großen Vorrat, daß Er sie auch ewigfort mit nie geahnten neuen Schöpfungen aus Seiner Liebe und Weisheit auf das unaussprechlichste überraschen und dadurch ihre Seligkeit stets mehren und erhöhen kann. Und sieh, so könnte es wohl geschehen, daß du mich bald dieses und jenes fragen würdest, worüber ich dir dann keinen Aufschluß geben könnte!“
GEJ|7|17|11|0|Sagte Lazarus: „O ja, das glaube ich dir recht gerne; doch worüber dich mein noch sehr beschränkter Menschenverstand zu fragen vermag, darüber kannst du mir auch schon ganz sicher einen Aufschluß geben!
GEJ|7|17|12|0|Sieh, so las ich einst ein altes Buch mit dem Titel ,Kriege Jehovas‘, und darin ist, freilich in einer höchst mystischen Sprache, die Rede vom Falle der urgeschaffenen Engel!
GEJ|7|17|13|0|Anfangs habe Gott – natürlich endlos lange vor aller Weltenerschaffung – sieben große Geister entsprechend den sieben Geistern in Gott erschaffen. Er gab ihnen eine große Macht und eine ebenso große Weisheit, daß dadurch auch sie vermochten, Gott gleich, kleinere ihnen völlig ähnliche Geister in höchster Unzahl zu erschaffen, und es ward also der ewige Raum mit zahllosen Geisterheeren angefüllt.
GEJ|7|17|14|0|Der größte und mächtigste dieser sieben urgeschaffenen Geister war offenbar nach der alten Schrift Luzifer. Er aber überhob sich in seiner Macht und Größe, wollte nicht nur Gott gleich, sondern sogar über Gott sein und herrschen. Da ward Gott zornig, ergriff den Verräter und stieß ihn für ewig von Sich ins Gericht. Die sechs großen Geister aber blieben mit ihren zahllos vielen Untergeistern bei Gott und dienen Ihm allein von Ewigkeit zu Ewigkeit, wogegen die Untergeister Luzifers als arge Teufel mit ihm für ewig als von Gott verworfene Wesen mit Luzifer im ewigen Feuer des Zornes Gottes brennen und stets die größten Qualen zu leiden haben ohne irgendeine Linderung. – Nun, was sagst du als sicher auch ein solcher erster Engel Gottes dazu?“
GEJ|7|18|1|1|18. — Die sieben Urgeister Gottes. Die Erlösung
GEJ|7|18|1|0|Sagte Raphael: „Das ist ja nur ein entsprechendes Bild von eben dem, was ich dir ehedem von der Erschaffung oder sukzessiven (allmählich eintretenden) Bildung eines ganzen Weltkörpers mitgeteilt habe.
GEJ|7|18|2|0|Die urgeschaffenen großen Geister sind ja eben die Gedanken in Gott und die aus ihnen hervorgehenden Ideen.
GEJ|7|18|3|0|Unter der mystischen Zahl Sieben wird verstanden das vollkommen ursprünglich Göttliche und Gottähnliche in jedem von Ihm ausgehenden Gedanken und in jeder von Ihm gefaßten und wie aus Sich hinausgestellten Idee.
GEJ|7|18|4|0|Das erste in Gott ist die Liebe. Diese läßt sich finden in allen geschaffenen Dingen; denn ohne sie wäre kein Ding möglich.
GEJ|7|18|5|0|Das zweite ist die Weisheit als das aus der Liebe hervorgehende Licht. Auch diese kannst du in jedem Wesen in seiner Form ersehen; denn für je mehr Licht ein Wesen empfänglich ist, desto entfalteter, entschiedener und schöner wird auch seine Form sein.
GEJ|7|18|6|0|Das dritte, das aus der Liebe und Weisheit hervorgeht, ist der wirksame Wille Gottes. Durch ihn bekommen die gedachten Wesen erst eine Realität, daß sie dann wirklich sind und da sind, – ansonst wären alle Gedanken und Ideen Gottes eben das, was deine hohlen Gedanken und Ideen sind, die niemals ins Werk gesetzt werden.
GEJ|7|18|7|0|Das vierte, das wieder aus den dreien hervorgeht, ist und heißt die Ordnung. Ohne diese Ordnung könnte kein Wesen irgend eine bleibende und stetige Form und somit auch nie einen bestimmten Zweck haben. Denn so du einen Ochsen vor den Pflug spanntest, und er würde seine Form und Gestalt verändern, zum Beispiel in einen Fisch oder in einen Vogel, würdest du da wohl mit ihm je einen Zweck erreichen? Oder du wolltest eine Frucht essen, und sie würde dir vor dem Mund zu einem Steine werden, – was würde dir die Frucht nützen? Oder du gingest irgendwohin auf festem Wege, und der Weg würde dir unter den Füßen zu Wasser, – könnte dir da selbst der festeste Weg etwas nützen? Siehe, alles das und zahllosfach anderes wird verhütet durch die göttliche Ordnung als den vierten Geist Gottes!
GEJ|7|18|8|0|Der fünfte Geist Gottes aber heißt der göttliche Ernst, ohne den kein Ding als etwas Bestehendes möglich wäre, weil er gleich ist der ewigen Wahrheit in Gott und erst allen Wesen den wahren Bestand, die Fortpflanzung, das Gedeihen und die endliche Vollendung gibt. Ohne solchen Geist in Gott stünde es mit allen Wesen noch sehr schlimm. Sie wären gleich den Fata-Morgana-Gebilden, die wohl etwas zu sein scheinen, solange sie zu sehen sind; aber nur zu bald ändern sich die sie erzeugt habenden Bedingungen, weil in ihnen kein Ernst waltet, und die schönen und wunderbaren Gebilde zerrinnen in nichts! Sie sind zwar auch sehr wohlgeordnet anzusehen, aber weil in dem sie hervorbringenden Grunde kein Ernst waltet, so sind sie nichts als leere und höchst vergängliche Gebilde, die unmöglich einen Bestand haben können.
GEJ|7|18|9|0|Siehe, da haben wir nun schon einmal die fünf großen Urgeister Gottes, und wir wollen denn noch zu den zwei letzten übergehen, und so höre mich noch weiter an!
GEJ|7|18|10|0|Wo die höchste Liebe, die höchste Weisheit, der allmächtige Wille, die vollkommenste Ordnung und der unwandelbar festeste Ernst vorhanden sind, da muß doch offenbar auch die höchste und ewig nie erreichbare Geduld vorhanden sein; denn ohne sie müßte sich alles überstürzen und endlich in ein unentwirrbares Chaos der alten Weisen übergehen.
GEJ|7|18|11|0|Wenn ein Baumeister ein Haus aufbaut, so darf er doch nebst seinen anderen dazu erforderlichen Eigenschaften auch die Geduld nicht außer acht lassen; denn fehlt ihm diese, so – glaube es mir – wird er mit seinem Hause niemals zurechtkommen.
GEJ|7|18|12|0|Ich sage es dir: Wenn Gott diesen Geist nicht hätte, so leuchtete schon gar endlos lange keine Sonne einer Erde im endlosesten Raume, und in der Welt der Geister sähe es ganz absonderlich, gänzlich wesenlos aus. Die Geduld ist die Mutter der ewigen, unwandelbaren Barmherzigkeit Gottes, und wäre dieser sechste Geist nicht in Gott, wo und was wären dann alle Geschöpfe dem allein allmächtigen Gott gegenüber?!
GEJ|7|18|13|0|Wenn wir nun denn auch irgend fehlen und uns dadurch offenbar dem vernichtenden Fluche der göttlichen Liebe, Weisheit, des göttlichen Willens, dem Sein Ernst offenbar wegen der vorangegangenen Ordnung folgt, preisgeben, so stoßen wir an die göttliche Geduld, die mit der Zeit dennoch alles ins Gleichgewicht bringt und bringen muß, denn ohne sie wären alle noch so vollkommenen Geschöpfe dem ewigen Gerichte des Verderbens anheimgestellt.
GEJ|7|18|14|0|Die göttliche Geduld würde mit den vorangehenden fünf Geistern in Gott wohl einen oder auch zahllos viele Menschen auf den Weltkörpern erschaffen und sie auch gleichfort erhalten; aber da würde ein Mensch oder auch zahllos viele Menschen im schweren Fleische eine endlose Zeit fortleben, und von einem endlichen Freiwerden der Seele aus den Banden der Materie wäre da schon ewig lange keine Rede. Zugleich würden sich Tiere, Pflanzen und Menschen gleichfort mehren und am Ende in einer solchen Anzahl auf einem raumbeschränkten Weltkörper so eng zusammengedrängt wohnen, daß da einer dem andern nicht mehr ausweichen könnte. Das ist aber nur zu verstehen, wenn ein Weltkörper unter dem Walten der endlosen göttlichen Geduld je noch dahin reif werden würde, daß er Pflanzen, Tiere und Menschen tragen und ernähren könnte. Ja, es ginge mit den alleinigen dir bis jetzt bekanntgegebenen sechs Geistern sogar mit der Erschaffung einer materiellen Welt unendlich saumselig her, und es wäre sehr zu bedenken, ob da je eine Welt zum materiellen Vorscheine käme.
GEJ|7|18|15|0|Aber die Geduld ist, wie schon gesagt, die Mutter der göttlichen Barmherzigkeit, und so ist der siebente Geist in Gott eben die Barmherzigkeit, die wir auch die Sanftmut nennen wollen. Diese bringt alles zurecht. Sie ordnet alle die früheren Geister und bewirkt die rechtzeitige Reife einer Welt sowohl, wie aller Geschöpfe auf ihr. Für alles hat sie einen bestimmten Zeitraum gestellt, und die reif gewordenen Geister können demnach bald und leicht der vollen Erlösung gewärtig werden und in ihre ewige Freiheit und vollste Lebensselbständigkeit eingehen.
GEJ|7|18|16|0|Dieser siebente Geist in Gott bewirkte denn auch, daß Gott Selbst das Fleisch annahm, um dadurch alle die gefangenen Geister aus den harten Banden des notwendigen Gerichtes der Materie in möglichster Kürze der Zeit zu erlösen, darum auch dieses Sein Werk – die Erlösung – die Neuumschaffung der Himmel und der Welten und somit das größte Werk Gottes genannt werden kann, weil in diesem alle die sieben Geister Gottes völlig gleichgewichtig wirken, was vordem nicht so sehr der Fall war und auch nicht sein durfte zufolge des Geistes der Ordnung in Gott. Denn früher wirkte dieser dir nun bekanntgegebene siebente Geist in Gott nur insoweit mit den anderen Geistern mit, daß alle die Gedanken und Ideen Gottes zu Realitäten wurden; von nun an aber wirkt er mächtiger, und die Folge davon ist eben die vollkommene Erlösung.
GEJ|7|18|17|0|Und siehe nun, das sind die von dir unverstandenen sieben Geister Gottes, und all das Erschaffene aus den sieben Geistern Gottes entspricht in allem und jedem diesen sieben Geistern Gottes und birgt sie in sich. Und die ewig fortwährende Erschaffung und das ebenso fortwährende Erschaffen ist das, was die Urweisen dieser Erde die ,Kriege Jehovas‘ nannten.“
GEJ|7|19|1|1|19. — Die Kriege Jehovas
GEJ|7|19|1|0|(Raphael:) „Wie die sieben Geister oder besonderen Eigenschaften in Gott dahin gleichsam in einem fortwährenden Kampfe stehen, daß die eine stets auch die andere zur Tätigkeit herausfordert, also kannst du den gleichen Kampf mehr oder weniger auch in allen Geschöpfen Gottes ganz und gar leicht erkennen.
GEJ|7|19|2|0|Die Liebe für sich ist blind, und ihr Bestreben ist, alles an sich zu ziehen. Aber in diesem Bestreben entzündet sie sich, und es wird Licht und somit Verständnis und Erkenntnis in ihr.
GEJ|7|19|3|0|Siehst du nun nicht, wie das Licht gegen das vereinzelte Bestreben der puren Liebe kämpft und sie zur Ordnung und Besinnung bringt?!
GEJ|7|19|4|0|Aus diesem Kampf oder Krieg aber erwacht zu gleicher Zeit der Wille als der tätige Arm der Liebe und ihres Lichtes, der das, was das Licht weise geordnet hat, ins Werk setzt.
GEJ|7|19|5|0|Aber da wird aus der Erkenntnis der Liebe durch ihr Licht und durch die Kraft der beiden eben auch gleichzeitig die Ordnung hervorgerufen, und diese kämpft fort wider alles Unordentliche durch das Licht und durch den Willen der Liebe, und du hast darin wieder einen ewig beständigen Krieg Jehovas in Ihm sowie in allen Geschöpfen.
GEJ|7|19|6|0|Das wäre nun aber schon alles recht also, wenn man nur dafür gutstehen könnte, daß das, was die vier Geister noch so schön geordnet ins Werk setzten, damit schon einen Bestand hätte. Aber alle die noch so herrlichen Werke der ersten vier Geister gleichen noch sehr den Spielwerken der Kinder, die zwar mit großer Lust und Freude so manches ganz meisterlich geordnet ins Werk setzen, doch kurze Zeit darauf an ihrem Produkte keine Freude mehr haben und es dann noch eifriger wieder zerstören, als sie es ehedem ins Dasein gesetzt haben. Und wahrlich, Freund, da sähe es mit dem Bestande all des Geschaffenen noch sehr übel aus!
GEJ|7|19|7|0|Um aber das zu verhüten, erhebt sich aus den vier Geistern, und zwar infolge des großen Wohlgefallens an der vollendeten Gelungenheit der Werke, der Ernst als ein fünfter Geist in Gott sowie in Seinen Geschöpfen, und dieser Geist kämpft dann gleichfort wider die Zerstörung und Vernichtung der einmal hervorgebrachten Werke, gleichwie auch ein verständig ernst gewordener Mensch, der sich zum Beispiel ein Haus erbaut hat und einen Weinberg angelegt, alles auf die Erhaltung und Nutzung des Hauses und des Weinberges verwenden wird, nicht aber etwa auf die baldige Wiederzerstörung des Hauses und des Weinberges, wie ich dir solches ehedem bei den hervorgebrachten Werken der Kinder gezeigt habe. Und siehe, das ist – wie schon gesagt – schon wieder ein Krieg Jehovas!
GEJ|7|19|8|0|Aber das erbaute Haus zeigt mit der Zeit dennoch Mängel, und der Weinberg will noch immer nicht die erwünschte Ernte bringen, und der Erbauer fühlt Reue wegen seiner Mühe und wegen seines Ernstes in seinem Tätigkeitseifer, und er möchte darum das Werk auch gleichwohl zerstören und dafür ein ganz anderes und neues errichten; aber da tritt dann der sechste Geist solchem Ernste entgegen und heißt – wie schon gezeigt – die Geduld. Und siehe, die erhält dann das Haus und den Weinberg! Und das ist schon wieder ein neuer Krieg Jehovas!
GEJ|7|19|9|0|Nun, die Geduld für sich, wie auch mit den früheren Geistern vereint, würde aber weder am Hause noch am Weinberge besondere Verbesserungen vornehmen, sondern so hübsch alles gehen und stehen lassen; aber da kommt der siebente Geist, nämlich die Barmherzigkeit, die in sich enthält die Sanftmut, die Besorgtheit, den Fleiß, die Liebtätigkeit und Freigebigkeit. Und siehe, der Mensch bessert dann sein Haus so gut aus, daß dann an ihm keine Mängel von nur irgendeiner Bedeutung mehr vorhanden sind, und gräbt und düngt den Weinberg, so daß er ihm bald eine reiche Ernte abwirft! Und sieh nun abermals, das ist dann wieder ein Kampf oder ein Krieg Jehovas im Menschen gleichwie in Gott und im Engel!
GEJ|7|19|10|0|Und also ist das wahre, vollkommene Leben in Gott, im Engel und im Menschen gleichfort ein Kampf der dir nun gezeigten sieben Geister. Aber dieser Kampf ist in Gott wie im Engel kein solcher, als wäre in einem oder dem andern der sieben Geister ein Bestreben, die anderen Geister zu unterdrücken und untätig zu machen, sondern der Kampf geht ewig dahinaus, daß ein Geist den andern gleichfort nach aller seiner Kraft und Macht unterstützt und sonach ein jeder Geist in dem andern vollkommen enthalten ist. Es ist also die Liebe in allen den anderen sechs Geistern und ebenso das Licht oder die Weisheit in der Liebe und in den anderen fünf Geistern und also fort, so daß in jedem einzelnen Geiste auch alle anderen ganz vollauf wirken und stets wirkend gegenwärtig sind und sich fort und fort im schönsten Ebenmaße unterstützen.“
GEJ|7|20|1|1|20. — Die Disharmonie der sieben Geister im Menschen
GEJ|7|20|1|0|(Raphael:) „Also sollte es auch im Menschen sein; aber es ist leider nicht so. Wohl ist diese Fähigkeit jedem Menschen gegeben, jedoch ohne je völlig ausgebildet und durchgeübt zu werden. Nur wenige Menschen gibt es, die alle die sieben Geister in sich zur vollen und gleichen Tätigkeit bringen und dadurch wahrhaft Gott und uns Engeln Gottes gleich werden; aber, wie gesagt, gar viele sind davon abgewandt und kümmern sich wenig darum und erkennen sonach das wahre Geheimnis des Lebens in sich ganz und gar nicht. Solche blinden und halbtoten Menschen können dann den ihnen zugrunde liegenden Zweck des Lebens nicht erkennen, weil sie sich nur von einem oder dem andern der sieben Geister leiten und beherrschen lassen.
GEJ|7|20|2|0|So lebt der eine pur aus dem Geiste der Liebe und achtet der anderen Geister gar nicht. Was ist dann ein solcher Mensch anders als ein freßgieriges und nie genug habendes Raubtier? Solche Menschen sind stets voll Eigenliebe, voll Neid und voll Geiz und sind gegen alle ihre Nebenmenschen hartherzig.
GEJ|7|20|3|0|Andere wieder haben eine erleuchtete Liebe und sind somit auch recht weise und können ihren Nebenmenschen ganz gute Lehren geben; aber ihr Wille ist schwach, und sie können darum nichts völlig ins Werk setzen.
GEJ|7|20|4|0|Wieder andere gibt es, bei denen die Geister der Liebe, des Lichtes und des Willens ganz tätig sind; doch mit dem Geiste der Ordnung und des rechten Ernstes sieht es ganz schwach aus. Diese Art Menschen werden auch recht klug und manchmal sogar recht weise reden und auch hie und da etwas Vereinzeltes ins Werk setzen; aber der recht und ganz aus allen sieben Geistern weise Mensch wird nur zu bald aus ihren Worten, Reden und Werken ersehen, daß darin keine Ordnung und kein Zusammenhang waltet.
GEJ|7|20|5|0|Und wieder gibt es Menschen, die Liebe, Licht, Willen und Ordnung besitzen; aber es fehlt ihnen der Geist des Ernstes. Sie sind darum ängstlich und furchtsam und können ihren Werken selten eine ganz volle Wirkung verschaffen.
GEJ|7|20|6|0|Wieder andere sind dabei auch voll Ernst und Mut; aber mit der Geduld sieht es schwach aus. Solche Menschen überstürzen sich gewöhnlich und verderben mit ihrem geduldlosen Eifer oft mehr, als sie irgend gut machen. Ja, Freund, ohne eine gerechte Geduld gibt es nichts; denn wer keine gerechte Geduld hat, der spricht sich selbst ein gewisses Todesurteil! Denn der Mensch muß warten, bis die Traube vollends reif wird, wenn er eine gute Ernte machen will. Ist er damit widerwillig, nun, so muß er es sich denn am Ende doch selbst zuschreiben, so er statt einen edelsten Wein nur einen untrinkbaren Säuerling geerntet hat.
GEJ|7|20|7|0|Die Geduld ist also in allem und jedem ein notwendiger Geist: erstens zur Beherrschung und zur Zurechtbringung des oft ins Unendliche gehen wollenden Geistes, den ich Ernst nannte – weil dieser Geist in Verbindung mit der Liebe, Weisheit und dem Willen in den größten Hochmut ausartet, der bekanntlich beim Menschen dann keine Grenze findet –, und zweitens, weil die Geduld zunächst, wie ich dir schon gezeigt habe, die Mutter des Geistes der Barmherzigkeit ist, welcher Geist als rückdurchwirkend erst allen vorhergehenden Geistern die göttlich-geistige Vollendung verleiht und der Menschenseele zur vollen und wahren Wiedergeburt im Geiste verhilft.
GEJ|7|20|8|0|Darum hat der Herr Selbst nun euch allen die Liebe zu Gott und zum Nächsten vor allem ans Herz gelegt und dazu gesagt: ,Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist, und seid sanftmütig und demütig, so wie auch Ich von ganzem Herzen sanftmütig und demütig bin!‘
GEJ|7|20|9|0|Der Herr gebot euch Menschen sonach, den siebenten Geist vor allem darum auszubilden, weil eben in diesem letzten Geiste alle vorhergehenden enthalten sind und durchgebildet werden. Wer demnach diesen letzten Geist mit allem Eifer bildet und stärkt, der bildet und stärkt auch die vorangehenden Geister und wird dadurch am ehesten und sichersten vollendet. Wer aber seine Bildung mit einem oder auch mehreren der früheren Geister beginnt, der gelangt schwer oder oft auch gar nicht zur ganzen und vollen Lebensvollendung, weil diese ersteren Geister als pur für sich den siebenten Geist nicht in sich enthalten, aber für sich alle die ihm notwendig vorangehenden.
GEJ|7|20|10|0|Und siehe nun, darin besteht dann auch fortwährend insolange der Fall der Engel oder der Gedanken und Ideen aus Gott – die wir auch als die von Gott beständig ausgehenden Kräfte benamsen können –, als wie lange sie in ihrer Gesamtheit im Wesen des Menschen nicht den siebenten Geist in sich zur wahren und höchsten Vollendung gebracht haben. Denn alle die früheren Geister sind beinahe allen Geschöpfen teilweise mehr oder weniger frei gegeben; aber der siebente Geist muß erst von dem Menschen durch seinen höchsteigenen Fleiß und Eifer gewonnen werden.
GEJ|7|20|11|0|Und wie durch solche Gewinnung alle die früheren sechs Geister erst ihre wahre Bedeutung und den wahren Lebenszweck erreichen, so erreicht denn auch der ganze Mensch durch ihn erst die vollste Lebensfreiheit und Selbständigkeit. – Und nun frage ich dich aber, ob du das alles auch wohl verstanden hast?“
GEJ|7|20|12|0|Sagte Lazarus: „Ja, du von Gottes Geist erfüllter Diener des Herrn, ich kann dir für solche deine große Geduld und Gnade wahrlich ewig nie genug danken! Nun verstehe ich erst der alten Bücher Weisheit! Nur ist es ewig schade, daß ich das nun ganz allein verstehe, der ich ein zu schlechter Schreiber bin, um mir solche Lehren in ein Buch aufzuzeichnen. Das solltest du wohl auch den andern Jüngern des Herrn kundgeben, auf daß sie es, weil einige unter ihnen des Schreibens wohl kundig sind, für alle Zeiten und Völker aufzeichneten; denn sie werden davon noch nichts wissen.“
GEJ|7|20|13|0|Sagte Raphael: „Sorge du dich nur darum nicht; denn in eben der Stunde, als ich dir alles das von den Wundern, von den Kriegen Jehovas und von den sieben Geistern Gottes erklärte, hat im Saale der Herr Selbst ganz auf ein Haar das gleiche und dasselbe allen ebenso verständlich erklärt, wie ich selbst dir nun solches erklärt habe, und Johannes und Matthäus haben sich davon die Hauptpunkte auch notiert! So du aber ein leeres und unbeschriebenes Buch hast, so will ich dir das denn auch selbst im Momente von Wort zu Wort aufzeichnen.“
GEJ|7|20|14|0|Sagte Lazarus: „Ein solches Buch besitze ich nun wohl; soll ich es dir hierherbringen?“
GEJ|7|20|15|0|Sagte Raphael: „Hat keine Not! Gehen wir aber nun auch ins Haus, und da wirst du dein Buch schon vollgeschrieben finden!“
GEJ|7|20|16|0|Darob hatte Lazarus eine gar große Freude, und beide kamen bald zu uns in den großen Speisesaal.
GEJ|7|21|1|1|21. — Wunder über Wunder
GEJ|7|21|1|0|Als Lazarus mit Raphael zu uns kam, da hörte er noch die allseitigen großen Verwunderungen über Meine Lehre – über die Wunder, über die Kriege Jehovas, über die sieben Urgeister in Gott und über den sogenannten Fall der Engel, und der Römer Agrikola bedauerte Lazarus, weil er nicht anwesend war bei einer so heiligen und überwichtigen Lehre aus Meinem Munde.
GEJ|7|21|2|0|Darauf sagte Lazarus zu ihm: „Ich danke dir für diese deine besondere Aufmerksamkeit! Doch was euch der Herr durch Seine übergroße Gnade hier im Hause allergütigst erklärte, ganz dasselbe erklärte und zeigte mir draußen dieser überweise und durch den Willen des Herrn auch gar übermächtige Jüngling.
GEJ|7|21|3|0|Hier zum Beweise diese zwei Becher aus reinstem Golde, von denen – um mir das Wirken eines vollkommenen Geistes um so anschaulicher und begreiflicher zu machen – der eine langsam vom Boden bis zum obersten Rande, der zweite aber augenblicklich mir in meiner Hand erschaffen wurde! Die Veranlassung dazu war die wunderbar plötzliche Herstellung der vielen Bänke, Tische, Zelte und der Tischgeschirre, der Tischdecken und der verschiedenen Speisen und Getränke. Es wurden nahe an acht- bis neunhundert Menschen von allen Weltgegenden in ihrer Art und Weise bestens bedient, und dennoch ist den Fremden aus meinen Vorräten nicht so viel vorgesetzt worden, wie da unter einem Nagel Platz hätte! Weil alles das unter meinen Augen geschah, so war es denn doch begreiflich, daß ich mich erkundigte, wie ihm alles das zu bewirken möglich wäre. Und er erklärte mir alles so gut und rein, daß ich alles, was er mir aufhellte, ganz wohl begriffen habe.
GEJ|7|21|4|0|Darauf kamen wir auf das alte Buch der Kriege Jehovas, auf die sieben Geister Gottes und auf den Fall der Engel mit ihrem Fürstenengel Luzifer zu sprechen. Und sieh, dieser anscheinende Jüngling enthüllte mir alles und machte dazu noch, daß seine ganze, über eine Stunde lange Rede über diese hochwichtigen Dinge in ein Buch gezeichnet wurde, das ich dir als einen zweiten Beweis dafür, daß ich alles das, was ihr vernommen habt, auch vernommen habe, sogleich vorweisen werde, und du kannst darin selbst eine vergleichende Nachlese halten!“
GEJ|7|21|5|0|Sagte Agrikola: „Da wirst du wahrlich sehr wohl daran tun, und es war ganz klug und weise von dir, daß du den wunderbaren Jungen dazu beredet hast; denn es war diese Lehre zu hochwichtig, als daß sie nicht wortgetreu hätte aufgezeichnet werden sollen. Es haben auch hier zwei Jünger des Herrn geschrieben, doch nur, wie es lautete, die Hauptpunkte der großen Rede. Gehe darum hin, wo du das Buch hast, und bringe es hierher, auf daß wir es alle sehen und vergleichen mögen!“
GEJ|7|21|6|0|Hier wandte sich Lazarus an Mich uns sagte: „O Herr, sage Du es mir auch, ob es an der Zeit ist, den Römern das Buch vorzuweisen!“
GEJ|7|21|7|0|Sagte Ich: „O allerdings, gehe nur und bringe es! Es wird niemandem schaden, wenn er solche gar wichtige Lehre noch einmal vernimmt.“
GEJ|7|21|8|0|Hierauf ging Lazarus in sein Gemach und brachte, selbst voll Staunens und großer Freude, das Buch, legte es vor den Römer auf den Tisch und sagte dazu: „Siehe, Freund, hier ist das wunderbar geschriebene Buch! Lies es laut vom Anfange bis zum Ende vor, auf daß alle Anwesenden noch einmal vernehmen können, was Wichtiges der Raphael und der Herr uns geoffenbart haben!“
GEJ|7|21|9|0|Sagte Agrikola: „Das werde ich auch alsogleich tun, wenn die Schrift nur gut leserlich ist!“
GEJ|7|21|10|0|Hierauf öffnete der Römer das Buch, fand die Schrift in griechischer Zunge äußerst klar und deutlich und las das geschriebene Wort allen Anwesenden vor vom Anfange bis ans Ende, was denn auch nahe eine Stunde dauerte, und alle, die hier zuallermeist der griechischen Zunge mächtig waren, konnten sich nicht genug verwundern, wie Meine frühere Belehrung ganz von Wort zu Wort darin enthalten war.
GEJ|7|22|1|1|22. — Der jungen Jüdin Wißbegier in bezug auf den Herrn
GEJ|7|22|1|0|Hier erst fing die junge schöne Jüdin an, den Agrikola ernster zu fragen, wer Ich und der wunderbare Jüngling denn so ganz eigentlich seien, und warum Mich alle stets mit ,Herr und Meister‘ anredeten. Das sähe sie schon ein, daß Ich ein Grundweiser sei; aber sie wüßte dennoch nicht, woher Ich wäre, und wer Ich sei.
GEJ|7|22|2|0|Da antwortete ihr Agrikola und sagte: „Meine schöne Tochter! Sei du nur auf alles recht aufmerksam, samt deinen Eltern und deinem Bruder, und du wirst schon dahinterkommen, wer jener herrliche Mann ist, und woher Er gekommen ist, wie desgleichen auch dieser Jüngling!“
GEJ|7|22|3|0|Sagte die Jüdin: „Wisset denn ihr selbst das auch noch nicht ganz und gar sicher, wer jener herrliche Mann so ganz eigentlich ist? So ihr es aber wisset, – warum saget ihr es mir denn nicht?“
GEJ|7|22|4|0|Sagte Agrikola: „O meine liebste Tochter, euer weiser König Salomo sagte einst: ,Alles in dieser Welt hat seine Zeit, und zwischen Zeit und Zeit soll der Mensch Geduld haben; denn solange die Traube nicht reif ist, soll man sie nicht vom Weinstocke nehmen!‘ Und siehe, also wirst auch du noch nicht völlig reif sein, das Nähere über jenen herrlichen Mann zu erfahren; wenn du aber reif werden wirst, dann wird dir auch schon das Nähere kundgemacht werden. Aber wie gesagt, gib du nur auf alles genau acht, was jener herrliche Mann reden und tun wird, und es wird dir dann dein Herz sagen, wer jener herrliche Mann ist! – Hast du mich nun wohl verstanden?“
GEJ|7|22|5|0|Sagte die Jüdin: „Ja, ja, ich habe dich ganz verstanden! Der arme Mensch ist noch allzeit auf die Geduld zum Besserwerden hingehalten; der reiche und von aller Welt angesehene Mensch aber kann sich für eine zu lange Geduld schon irgendein anderes Auskunftsmittel verschaffen. Ja, ja, das ist mir schon ziemlich lange her bekannt! Nun, nun, ich werde deinen gütigen Rat, hoher Herr, wohl ganz befolgen; ob ich aber dabei etwas gewinnen werde, das ist eine ganz andere Frage!“
GEJ|7|22|6|0|Hier bat der Vater der Tochter den Agrikola sehr um Vergebung und sagte: „Herr, Herr, vergib es dem armen Kinde; denn es ist manchmal bei aller seiner Gutherzigkeit ein wenig zu wißbegierig und wird, so man ihm dann und wann irgend aus guten Gründen etwas vorenthält, leicht unwillig. Aber wenn dann der oft eitle Neugiersturm vorüber ist, so wird es darauf gleich wieder voll Geduld und Sanftmut und fügt sich dann ganz gern in alles noch so Bittere. Darum wolle du, guter und hoher Herr, diesem unserem Kinde diese kleine Ausartung ein wenig zugute halten!“
GEJ|7|22|7|0|Sagte Agrikola: „Ah, was fällt euch da bei?! Dieser eurer lieben Tochter Rede gefiel mir ja eben nur ganz besonders gut, weil sie ganz offen und unbefangen die Wahrheit redete. Ich bleibe von jetzt an noch mehr euer Freund, als ich es zuvor war. Darum könnet ihr in dieser Hinsicht schon ganz beruhigt sein. Aber die Tochter soll in ihrer Weise nur weiterreden, und wir werden dadurch doch noch aufs ganz Wahre kommen.“
GEJ|7|22|8|0|Damit waren die armen Alten ganz zufriedengestellt, und die Tochter durfte nun reden, wie ihr die Zunge und der Verstand gewachsen waren.
GEJ|7|22|9|0|Sie wandte sich nun gleich wieder an den Römer und sagte zu ihm (die Jüdin): „O lieber, großer Herr und Freund, du bist wohl ein gar sehr guter Mensch, und alle deine Gefährten scheinen es auch zu sein; aber du kannst in deinem großen Weltglück es doch nie ganz fühlen, was die Armut in ihrer oft ganz hilflosen und großen Not fühlt! Wenn man sich als ein junges und von der Gottesnatur nicht vernachlässigtes Mädchen nicht in alles das begibt, was die Großen und Reichen wünschen, so ist man dann schon so gut wie ganz verloren. Kein Mensch schaut da mehr auf unsereins, man wird beschimpft und für ein eitel dummes und stolzes Wesen gehalten, und kommt man dann in irgendeiner Not zu jemand um Hilfe, so wird man zur Tür hinausgewiesen und darf sich dann nicht mehr vor einer solchen Tür sehen lassen. Das ist und bleibt für unsereins denn doch immer etwas im hohen Grade Unangenehmes und benimmt einem am Ende alles Vertrauen selbst zu der besseren Menschheit. Denn Menschen sind wir alle und sind behaftet mit allerlei Schwächen und Unvollkommenheiten. Ist das wahr oder nicht?“
GEJ|7|22|10|0|Sagte Agrikola: „Du hast zwar ganz wahr und recht gesprochen; aber es gibt dennoch noch etwas, dessen du bei deiner Armut- und Notschilderung vergessen hast! Sieh, wen Gott liebhat, den prüft er zuvor ganz gehörig durch, bevor Er ihm vollauf hilft! Und das scheint denn Gott der Herr mit euch getan zu haben. Als aber eure Not aufs höchste gestiegen war, da kam zu euch denn auch Seine Hilfe, und nun ist euch erst wahrhaft geholfen. Denn ich habe euch im Namen Gottes, eures und meines Herrn, zugesagt und werde mein euch gegebenes Wort auch halten, und das rein aus Liebe und Dankbarkeit zu eurem wahren Gott und ja nicht etwa wegen irgendeiner besonderen Liebe und Neigung zu dir, dieweil du eine sehr schöne Jüdin bist. Denn meine Liebe zu Gott ist um sehr vieles größer, als ich sie je zu allen mir vorgekommenen Schönheiten und Herrlichkeiten der Welt empfunden habe. Also wegen deiner Versorgtheit darfst du von nun an in gar keine Bangigkeit mehr geraten; daß dir aber eine nähere Bekanntschaft mit jenem Herrlichen noch eine Weile vorenthalten wird, das hat einen ganz weisen Grund, und wir sind darum nicht irgend hart gegen dich, so wir dir nicht gleich alles sagen, was wir alle als ganz sicher und vollkommenst wahr von Ihm wissen.
GEJ|7|22|11|0|Daß hinter Ihm etwas ganz Außerordentliches steckt, das kannst du dir schon vorstellen; doch worin das Außerordentliche besteht, das wirst du bald und leicht zum größten Teil von selbst herausfinden, wenn du nur, wie ich dir geraten habe, recht aufmerksam bist, und zwar auf alles, was Er reden und tun wird. Ich habe dich aber ja schon gleich anfangs da auf diese Gefäße auf diesem unserm Tische aufmerksam gemacht, wie Er sie bloß durch Seinen Willen gleichsam erschaffen hat. Dann warst Du nun auch Zeugin, wie Er während der Erklärung Seiner Wundertaten jene beiden Goldbecher aus der Luft heraus ins Dasein rief, die nun noch vor Ihm stehen und jenen beiden völlig ähnlich sind, die der Hauswirt Lazarus hereinbrachte, indem er erzählte, wie sie jener Jüngling, der nun an jenem kleinen Tische mit dem Lazarus ißt und trinkt, auf die gleiche Weise wunderbar aus der Luft ins Dasein rief also, wie hierinnen jener herrliche Mann dasselbe tat. Wenn du solches alles gehört und gesehen hast, so sollte dir, wie auch deinen Eltern und deinem Bruder, schon so ein wenig mehr Licht über jenen herrlichen Mann kommen, der so überweise reden und so außerordentliche Taten zustande bringen kann.“
GEJ|7|22|12|0|Sagte die Jüdin: „Ja, ja, da hast du schon ganz recht und wahr geredet; aber eben darin liegt für uns vier ja der eigentliche Haken, über den wir nicht gar so leichten Fußes und Sinnes hinwegzuspringen imstande sind; denn für einen noch so großen Propheten spricht er zu klar und weise und tut zu unerhört Außerordentliches. Ihr Römer habt es da leicht, weil ihr solch einen außerordentlichen Menschen gleich für einen Gott ansehen, annehmen und ihn als solchen verehren und anbeten könnt; aber das geht bei uns Juden nicht, weil wir nur an einen alleinigen Gott glauben, den niemand sehen und leben kann. Die Weisheit dieses herrlichen Mannes übersteigt freilich wohl alle bisherigen Begriffe der Menschen und ebenso auch seine Taten, und er muß darum sehr viel des reingöttlichen Geistes in sich haben; aber darum können wir Juden ihn doch nicht als einen Gott annehmen! – Was sagst denn nun du dazu?“
GEJ|7|23|1|1|23. — Des Römers Messiasfrage
GEJ|7|23|1|0|Sagte Agrikola: „Ja, du meine liebe Tochter Jerusalems, auf solch eine Äußerung von dir läßt sich vorderhand freilich wohl nicht gar zu vieles einwenden; aber es wird schon noch eine Stunde kommen, in der du von jenem herrlichen Manne ganz anders urteilen und reden wirst.
GEJ|7|23|2|0|Hast du denn als Jüdin noch nie von einem Messias der Juden reden hören, der da kommen solle und werde, um zu erlösen Sein Volk aus den ehernen Händen der Tyrannei der Sünde, die nun alle Welt mit der ewigen Vernichtung überhart bedroht? Könnte denn nicht so zufälligerweise eben jener herrliche Mann der verheißene Messias der Juden und zugleich aller Menschen auf der ganzen Erde sein? – Was meinst denn du dazu?“
GEJ|7|23|3|0|Sagte die Jüdin: „O Freund, solch eine Weissagung klingt wohl gar sehr tröstlich, doch alle unsere Weissagungen sind so gestellt, daß sie erstens von den Priestern nicht verstanden werden und zweitens von uns Laien noch um sehr vieles weniger! Dazu ist das alles in den Weissagungen der Propheten so unbestimmt gestellt, daß kein Mensch unseresgleichen daraus klug werden kann, wann ein solcher Messias kommen wird, wie Er aussehen, was für Eigenschaften Er besitzen und woran man Ihn am ehesten und leichtesten erkennen wird.
GEJ|7|23|4|0|Einmal ist Er ein Kind, das andere Mal ein Lamm, der Löwe von Juda, und wieder ein Hoherpriester in Ewigkeit – und das nach der Weise Melchisedeks –, Nachkomme Davids, ein König der Juden ohne Ende, und so ist Er noch unter verschiedenen anderen Namen und Bedeutungen verheißen, so daß man sich am Ende gar nicht mehr auskennen kann, als was und in welcher menschlichen Form, Art und Würde Er in diese Welt zu uns Juden kommen wird.
GEJ|7|23|5|0|Übrigens aber hätte ich auch wahrlich schon ganz und gar nichts dawider, so eben jener herrliche Mann dort der wahre Messias wäre; nur verstehe ich das nicht, daß eben unsere Priester, die doch zuallernächst – des Volkes wegen, das ihnen zuerst glaubt – davon in der vollsten Kenntnis sein sollten, sich um diesen schier wahren Messias ganz und gar nicht zu kümmern scheinen! Denn er war ja mit dir unten am großen Stadttor, als du Hoher mit dem Tempelobersten wegen meines Bruders gerechtet hast, und siehe, jener schien ihn gar nicht zu kennen! Wie kommt denn das?“
GEJ|7|23|6|0|Sagte Agrikola: „Das kommt daher, weil die Templer zu sehr herrsch- und habgierig sind und für nichts anderes irgendeinen Sinn haben als nur fürs irdische Wohlleben aller Art und Gattung, wie du solches selbst erfahren hast. Um das zu erreichen, nehmen die Templer ihre Zuflucht zu allen möglichen Lügen und Betrügereien und sind, wie ich mich selbst überzeugte, Feinde jeder Wahrheit und somit auch jedes Wahrhaftigen. Sie führen den Namen Mosis und der andern Propheten wohl im Munde, aber deren Lehren und Gesetze verachten sie und geben ihre schlechten und selbstsüchtigen Satzungen für die des Moses und der andern Propheten dem Volke, das sie dadurch quälen, daß sie ihm allerlei unnötige Lasten aufbürden und es geistig und physisch bedrücken.
GEJ|7|23|7|0|Dieser unser herrlicher Mann aber ist die Liebe, die Wahrheit und die höchste Weisheit selbst und zeugt von der großen Schlechtigkeit solcher Pharisäer, die sich da als Priester und Schriftgelehrte dem Volke vorstellen und sich als seiende Diener Gottes, an den sie nicht glauben, und den sie auch gar nicht kennen und auch nicht erkennen wollen, über alles Maß hoch verehren und schon förmlich anbeten lassen, und so sind sie Ihm feind und wollen von Ihm nichts hören und wissen, was nur zu offen am Tage liegt.
GEJ|7|23|8|0|Ich selbst habe mich vor ein paar Tagen alsbald nach meiner Ankunft überzeugt, wie sie Ihn, als Er im Tempel lehrte, steinigen wollten, weil Er ihnen die volle Wahrheit gepredigt hat. Wenn du nun das weißt, so wirst du schon auch den Grund einsehen, warum eure Tempelpriester diesen herrlichen Mann nicht als den verheißenen Messias und Heiland der Welt annehmen wollen, – was aber für die Hauptsache nichts ausmacht; denn ob diese eure Templer das annehmen oder nicht, so bleibt Er dennoch Der, der Er der vollsten Wahrheit nach ist. – Begreifst du, meine holde Tochter, nun das wohl?“
GEJ|7|23|9|0|Sagte die Jüdin: „O ja, das begreife ich nun schon ganz gut; du wirst schon ganz recht haben! Für die da unten könnten nun schon Moses und Elias sichtbar aus den lichten Himmeln herabkommen und ihnen ihre großen Schändlichkeiten zeigen und sie zur wahren Buße ermahnen und sie dann hierher führen und ihnen zeigen in jenem herrlichen Manne den verheißenen und gekommenen Messias, so würden sie selbst diesen zwei größten Propheten nicht glauben, sondern sie nur verfolgen und lästern! Oh, das ist uns eine nur zu bekannte Sache! Aber nun lassen wir ab von unserem Gespräch; denn ich merke es, daß auch jemand anders etwas reden möchte, und der herrliche Mann scheint etwas im Sinne zu haben, und auf das müssen wir wohl sehr achthaben!“
GEJ|7|24|1|1|24. — Raphael kleidet die Armen
GEJ|7|24|1|0|Hier winkte Ich dem Raphael und beschied ihn dahin, daß er der Jüdin, ihrem Bruder und auch ihren Eltern entsprechende Kleider verschaffen solle.
GEJ|7|24|2|0|Darauf ging Raphael schnell an den Tisch zu den vieren und sagte zu ihnen: „Was für Kleider habt ihr daheim in eurer Wohnstube?“
GEJ|7|24|3|0|Sagte die Jüdin: „O du liebster und gar überaus himmlisch schöner und ebenso mächtiger Diener jenes gar herrlichen Mannes! Du weißt ohnehin, wie gar schlecht wir schon seit langem mit unserer Bekleidung bestellt sind, und das wahrlich ohne unsere Schuld. Und so meine ich, daß wir dir für diese deine immerhin gütige Frage eine Antwort ganz schuldig bleiben können, und das um so mehr, weil ich dir schon ohnehin angezeigt habe, wie es mit unserer Bekleidung steht. Gehe hin und überzeuge dich!“
GEJ|7|24|4|0|Sagte Raphael: „Darum habe ich dich auch nicht gefragt; denn euer Kleiderbesitztum in eurer Wohnstube kenne ich ganz genau; aber ich kenne noch etwas, das du wegen deines etwas unzeitigen Ehrgefühls gerne verschweigen möchtest. Doch siehe, bei uns ist kein Verschweigen möglich, da wir um gar alles nur zu genau wissen. Du hast aus Liebe zu deinen Alten und zu deinem Bruder deine guten und sogar sehr kostbaren Kleider einem griechischen Pfandleiher gegen hundert Groschen auf ein Jahr lang versetzt und hast den Pfandschein daheim, und siehe, davon hast du mir eben nicht gar besonders vieles gesagt! So du nun jene Kleider besäßest, – wärest du damit nicht zufrieden? Für deine Alten und für deinen Bruder könnte dann schon hier gesorgt werden!“
GEJ|7|24|5|0|Hier ward die junge Jüdin etwas verlegen, sagte aber nach einer kleinen Weile dennoch: „Ja, ja, du hast wohl die volle Wahrheit geredet; aber was soll das mir nun noch nützen? Jene guten Kleider waren ja auch nur ein Geschenk von einem reichen Anverwandten, der leider gestorben ist und uns nachher keine weitere Unterstützung hat angedeihen lassen können. Die mir noch bei seinen Lebzeiten geschenkten Kleider aber waren auch das ganze Erbe, das uns allen zugute kam; alles andere erbten seine drei Söhne, die aber sehr harte Menschen sind und Arme nicht mehr ansehen wollen.
GEJ|7|24|6|0|Ich selbst aber habe jene kostbaren Kleider nie an meinem Leibe getragen, da sie sich erstens für ein armes Mädchen nicht geschickt hätten und mir fürs zweite auch zu groß gewesen wären. Unsere große Not aber zeigte mir damit einen andern Ausweg. Weil ich sie des Andenkens wegen schon auch nicht verkaufen wollte, so versetzte ich sie mit dem Gedanken, daß es etwa in einem Jahre doch möglicherweise irgend also sich fügen werde, daß ich sie zurücklösen könnte. Aber bei unserem stets wachsenden Elende wäre trotz des Pfandscheins in meinen Händen von einem Zurücklösen wohl ohnehin nie mehr die Rede gewesen, und so habe ich denn auch lieber nichts davon gesagt; und es zwang mich auch noch der Umstand, daß das Versetzen bei uns zu keiner besonders preiswürdigen Tugend gehört, davon eben keine Erwähnung zu machen. Und jetzt weißt du, allerschätzbarster, jugendlicher Freund, aber auch schon alles; es fragt sich jetzt nur, was da zu machen ist!“
GEJ|7|24|7|0|Sagte der Engel mit freundlicher Miene: „Was anderes als auslösen! Doch es würde das dir, du meine liebe Schwester in Gott dem Herrn, viele Gänge und Unbequemlichkeiten machen, und so will ich das an deiner Stelle tun. Ist dir das recht also?“
GEJ|7|24|8|0|Sagte die Jüdin: „Ja, recht wäre es mir gar sehr; aber fürs erste habe ich den Pfandschein nicht hier bei mir, und fürs zweite wohnt der Grieche gar weit von hier und kommt nur alle Monde einmal nach Jerusalem, macht da seine Geschäfte ab und zieht dann wieder dahin, wo er zu Hause ist, ich glaube gar in Tyrus oder Sidon. Er kann jetzt wohl auch hier in Jerusalem sein, was ich nicht wissen kann, da er ganz gewiß nur zu den Osterfesten nach Jerusalem kommt und da seine Hauptgeschäfte abmacht.“
GEJ|7|24|9|0|Sagte Raphael: „Das macht alles nichts! Weil es dir also recht ist, so werde ich mit deinem Pfandscheine deinen Griechen schon bald irgendwo finden, deine Kleider auslösen und sie dir selbst hierherbringen. Wie bald möchtest du sie wohl haben?“
GEJ|7|24|10|0|Sagte die Jüdin: „O holdseligster Freund, wenn du das auf ganz natürlichem Wege verrichten willst, so wirst du wohl mehrere Tage zu tun haben, bis du dieses Geschäft mit dem Griechen wirst abmachen können; aber da dir auch Wunderbares möglich ist, so könntest du so etwas vielleicht auch in einer viel kürzeren Zeit zustande bringen!“
GEJ|7|24|11|0|Sagte darauf Raphael: „Nun, so zähle denn die Augenblicke, die ich dazu benötigen werde, um dir zuerst deinen Pfandschein zu holen! Nun, hast du die Augenblicke schon zu zählen angefangen?“
GEJ|7|24|12|0|Sagte die Jüdin: „Wie kann ich das, solange du noch hier weilst?“
GEJ|7|24|13|0|Sagte Raphael lächelnd: „Ich war aber nun schon fort und habe hier deinen Pfandschein auch schon in meinen Händen. Sieh ihn an, ob er wohl der rechte ist!“
GEJ|7|24|14|0|Hier fingen alle im höchsten Grade zu staunen an über solch eine nie erhörte Schnelligkeit, und Agrikola und noch andere Römer sagten: „Aber Freund, du warst ja keinen Augenblick abwesend! Wie war dir das möglich? Du hast den Pfandschein wahrscheinlich schon früher, als du diese Familie in ihrer Wohnung abgeholt hast, gleich deshalb mitgenommen, um nun damit einen nützlichen Gebrauch zu machen? Denn das ist doch wohl nicht zu glauben, daß du in einem nicht denkbar schnellsten Augenblick hin und zurück hättest kommen können!?“
GEJ|7|24|15|0|Sagte Raphael: „In dieser materiellen Welt und bei den Menschen ist gar vieles nicht möglich, was Gott und Seiner Macht doch möglich ist! Du weißt aber nun aus dem Munde dieser Jüdin, daß jener Grieche, der ihre Kleider als Pfand für die ihr dargeliehenen hundert Groschen besitzt, nun in Tyrus sich befindet, obschon sein Geschäftsdiener wohl hier ist und seine Geschäfte besorgt. Seine Geschäftsbude ist aber doch gut bei zwei Stunden Weges außerhalb der Stadt in der Richtung gen Bethlehem hin, und ich werde dieser Armen Kleider ebenso schnell herbeischaffen, wie ich ihr nun diesen Pfandschein herbeigeschafft habe, und du wirst dann nicht sagen können, daß ich etwa auch schon früher ihre Kleider abgeholt habe. Zähle du nun die Augenblicke, die ich zu dieser Arbeit brauchen werde! Hast du sie schon gezählt?“
GEJ|7|24|16|0|Sagte Agrikola: „Wie soll ich sie wohl gezählt haben, da du dich von hier noch nicht entfernt hast?“
GEJ|7|24|17|0|Sagte Raphael: „So sieh hin! Dort auf der Bank neben der Tür, in ein Tuch gut eingebunden, befinden sich schon die völlig ausgelösten Kleider dieser armen Jüdin; sie soll sie in Augenschein nehmen und euch sagen, ob dies nicht vollkommen ihre ihr wohlbekannten Kleider sind!“
GEJ|7|24|18|0|Hier erhob sich alsbald die Jüdin, nahm unter der größten Verwunderung die Kleider in Augenschein und erkannte sie auch sogleich als vollkommen die ihrigen.
GEJ|7|24|19|0|Da aber ihre Mutter noch schlechter bekleidet war als sie selbst, so sagte sie zu Raphael (die Jüdin): „Höre, du mein überwunderbarer, junger Freund, ich frage dich gar nicht, wie es dir möglich war, mir gar so urplötzlich diese Kleider herbeizuschaffen, die ein Weib zur Übergenüge bekleiden können, doch für mich und diese meine Mutter nicht ausreichen würden! Daher gebe ich sie ihr, auf daß sie sich völlig bekleide; ich selbst aber will diese ihre Kleider nehmen, die sie nun am Leibe hat, und sie werden genügen, um meines Leibes Blößen zu bedecken auf so lange hin, bis ich durch die Güte dieses weltmächtigen Römers zu einem besseren Kleide kommen werde. Lasset mich aber mit der Mutter in ein einsames Zimmer treten, in welchem wir uns umkleiden können!
GEJ|7|24|20|0|Zuvor aber frage ich dich, du wahrhaft unbegreifbar wundermächtiger Jüngling, ob diese sonst kostbaren Kleidungsstücke nun wohl als rein anzusehen sind; denn sie befanden sich zuvor in den Händen eines Heiden, die vor uns Juden unrein sind. Ich wollte aber lieber gar kein besseres Kleid an den Leib dieser meiner Mutter tun, so sie durch dasselbe nur auf einen Tag lang unrein werden könnte.“
GEJ|7|24|21|0|Sagte Raphael: „Mein Kind, was du mit dem Kleide nun tun willst, das ist wohlgeraten und wohlgetan! Tue also nach deinem Herzen, und es wird dir das gute Früchte tragen! Wegen der Reinheit der Kleidungsstücke aber habe keine Sorge; denn was sich in meinen Händen befand, das ist auch völlig rein. Lazarus aber wird dir und deiner Mutter schon ein Zimmer anweisen, in welchem ihr euch umkleiden könnet.“
GEJ|7|24|22|0|Darauf dankten beide, nahmen die Kleider, und Lazarus führte sie sogleich in ein kleines Gemach, allwo sie sich umkleiden konnten.
GEJ|7|24|23|0|Als nun die Mutter ganz köstlich bekleidet war, nahm die Tochter der Mutter abgelegte, schon stark schadhafte Kleider und bekleidete sich damit und hatte eine große Freude an der Freude ihrer nun wohlbekleideten Mutter und achtete nicht darauf, daß sie selbst gar armselig bekleidet war.
GEJ|7|24|24|0|Als die beiden bald wieder zu uns in den Speisesaal kamen, siehe, da war die Tochter ebenso köstlich bekleidet wie ihre Mutter, und sie fing an, sich sehr zu wundern, daß sie nun auch also gar köstlich bekleidet war gleichwie ihre Mutter. Aber noch höher stieg ihre nimmer aufhören wollende Verwunderung, als sie am Tische der Römer auch den Vater und den Bruder gar festlich bekleidet antraf.
GEJ|7|25|1|1|25. — Der jungen Jüdin Vermutung über die Person des Herrn
GEJ|7|25|1|0|Hier erst fing der Tochter innerlich ein helleres Licht über Mich aufzugehen an, so daß sie mit der Mutter darob zu Mir hintrat und sagte (die junge Jüdin): „O Herr und Meister, mein Herz sagt es mir, daß nur Du allein hier solches tust, was keinem Menschen, keinem Propheten und ohne Deinen Willen auch keinem Engel, sondern nur einem Gott allein möglich ist, und somit bist Du auch ein Gott! Darum sei auch Dir allein alle unsere Verehrung und Liebe unser ganzes Leben hindurch! Alle Ehre und alles Lob Dir ganz allein!“
GEJ|7|25|2|0|Sagte Ich: „Wer da glaubt und tut nach Meinem Worte, der wird selig werden! Aber ihr glaubet nun, dieweil ihr Zeichen gesehen habt, und saget, daß Ich ein Gott sei; hättet ihr aber keine Zeichen gesehen, so hättet ihr auch nicht geglaubt und nicht gesagt, daß Ich ein Gott sei. Nun, wie kommt denn das?
GEJ|7|25|3|0|Sehet, das kommt daher, weil in euch bis jetzt noch keine Wahrheit ist und auch nicht sein kann, weil ihr eben bis jetzt noch nie eine Wahrheit vernommen habt! Ich aber sage es euch nun: Befleißet euch alle der reinen Wahrheit; denn nur sie allein kann euch vollkommen frei machen am Leibe und an der Seele, – am Leibe, weil euch die Wahrheit sagen wird, warum euch ein Leib zu tragen gegeben worden ist, und an der Seele, weil euch eben die Seele aus der Wahrheit in ihr selbst sagen wird, daß sie für die vollste Freiheit und ewige Selbständigkeit da ist!
GEJ|7|25|4|0|Nun, Meine arme und holde Tochter, Ich hätte dir das nun wahrlich nicht gesagt, so Ich es nicht wüßte, daß du ein in allem möglichen ganz besonders wohlerzogenes Kind bist. Aber Ich sage es dir, daß Ich Menschen, die manchmal in ihrem besseren Erkennen so ein wenig hartnäckig sind, lieber habe als jene, die oft nach wenigen Zeichen und Beweisen schnell wie ein Schilfrohr im Sturme umwenden und sich nach des Richters (Sturmes) Zuge kehren, was dann für sie offenbar beweist, daß sie eben keine irgend besondere Selbstkraft besitzen. Wenn aber jemand die Selbstkraft nicht besitzt und kein gutes Urteil fällen kann in seinem Verstande, ist er zum Reiche Gottes ebensowenig geschickt wie derjenige, der einen Acker pflügt und sich dabei fortwährend nach rückwärts umsieht.
GEJ|7|25|5|0|Und siehe, du holde Gestalt, also steht es nun noch mit dir! Du hast Mich ehedem wohl für einen Gott erklärt, wozu dich die Zeichen und Meine Weisheit nötigten; aber du verwarfst im selben Augenblick den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Denn du dachtest dir: ,Wer also weise reden und solche unbegreiflichen Wunderzeichen wirken kann, der ist dann bei dir schon ein Gott!‘ Aber nun reut es dich schon geheim im Herzen, daß du solches ausgesprochen hast, weil du dir gleich darauf wieder die Gesetze Mosis ins Gedächtnis gerufen hast, und du hast nun eine Furcht in dir, daß du in einer Gemütsübersprudelung des alten Jehova vergessen und Mir die nur dem wahren Gott gebührende Ehre geben konntest. Und siehe, das heißt die Hand an den Pflug legen und dabei nach rückwärts schauen!
GEJ|7|25|6|0|Wenn du Mich aber schon für einen Gott ansiehst, so mußt du Mich ganz für einen Gott wohlerkenntlich ansehen und dir keinen andern Gott neben Mir denken; denn so du Mich nun für einen Gott erklärst, dabei aber auch an den alten Gott denkst und dich vor Ihm darob fürchtest, weil du dich dadurch am Gesetze Mosis versündigt zu haben wähnst, so ist solch ein Bekenntnis von dir an Mich ein eitles, und du bist dadurch um nicht vieles besser als eine Heidin, die wohl auch an den Gott Mosis glaubt, aber dabei auch an den Jupiter, Apollo, Merkur und noch viele andere Götter mehr.
GEJ|7|25|7|0|Siehe, als du zu Mir hertratst, da dachtest du, daß Ich einer der erwähnten Götter der Heiden wäre, und gabst Mir jener hohen Römer wegen die Ehre! Aber sogleich gedachtest du des Gottes Mosis, der da sagt: ,Du sollst nur an einen Gott glauben und keine fremden Götter neben Mir haben!‘ Es übermannte dich die Reue, das laut ausgesprochen zu haben, und siehe, das war sonach offenbar nicht recht von dir! Denn so du an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glaubst, so kannst du Mich nicht als einen Gott begrüßen. Glaubst du aber ernstlich, daß nun Ich ein Gott bin, so mußt du den alten Gott fahren lassen, da es nur einen Gott geben kann, und nicht zwei oder noch mehrere Götter, gleichwie es auch nur einen unendlichen Raum und nur einen ewigen Zeitenlauf gibt, in dem alles ist und geschieht.
GEJ|7|25|8|0|Nur wenn du glauben könntest, daß Ich und der alte Gott etwa ein und dasselbe sind – obwohl es geschrieben steht, daß niemand Gott schauen und leben kann –, dann bliebe doch wenigstens dein Gewissen ruhiger, und deine Furcht vor dem alten Gott wäre dadurch offenbar eine mindere! – Sage Mir aber nun, was du tun wirst!“
GEJ|7|26|1|1|26. — Der Jüdin Ausflucht
GEJ|7|26|1|0|Hier dachte die Junge eine Weile nach, was sie denn jetzt darauf sagen solle; denn sie fühlte sich ganz getroffen.
GEJ|7|26|2|0|Da wollte ihr aber gleich ihre gefaßtere Mutter aus der Verlegenheit helfen und sagte zur Tochter (die Mutter): „Ei, was denkst du nun gar so ängstlich und verlegen nach, was du reden sollst? Hat denn je jemand den alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gesehen? Niemand weiß etwas anderes von Ihm, als was er aus den von lauter Menschen geschriebenen Schriften von Ihm gelesen oder von den Priestern reden gehört hat. Die Priester aber, die den alten Gott am meisten kennen und Seine Gebote am eifrigsten in allem und jedem befolgen sollten, tun gerade das Gegenteil und legen durch solches ihr Tun und Lassen vor jedem denkenden Menschen den Beweis ab, daß der alte Gott der Juden ein ebenso erdichteter ist wie alle Götter der Heiden, die auch nie von einem Menschen dieser Zeit gesehen worden sind. Diesen Gott aber sehen wir, hören Seine weisen Reden und bewundern Seine außerordentlichen, nur einem allmachtsvollen Gotte möglichen Taten. Was soll uns da weiter abhalten, Ihn als einen allein wahren Gott anzuerkennen und Ihm allein die Ehre zu geben?!“
GEJ|7|26|3|0|Sagte darauf die Tochter: „Ja, ja, Mutter, es wäre das also wohl schon alles ganz recht, wenn wir mit der größten Bestimmtheit behaupten könnten, daß es nie einen Moses und nie einen Propheten gegeben habe und alle Schrift von Moses an nichts als eine Dichtung der stets gleichen Pharisäer sei. Doch weil sich das denn doch nicht so ganz vollkommen erweisen läßt, und weil es bekanntlich im Moses und in den andern Propheten dennoch gar viele Dinge gibt, die außerordentlich gut und wahr sind, und die meines Wissens den Pharisäern stets eine gar zuwidere und von ihnen nur zu bekanntermaßen nie beachtete Sache waren, so können wir denn doch nicht so ganz eigentlich annehmen, daß eben die aufeinanderfolgenden Pharisäer die ganze sogenannte Heilige Schrift unter allerlei fingierten Namen zusammengestellt haben, sondern es haben dieselbe offenbar von Gott begeisterte Menschen geschrieben, und das ist denn auch Gottes Wort, wenn auch jene gottbegeisterten Männer Gott niemals geschaut haben! Und es ist da immer eine wahrlich sehr gewagte Sache, einen Menschen ob seiner Reden und sicher höchst wunderbaren Taten sogleich als einen Gott anzuerkennen und anzupreisen.
GEJ|7|26|4|0|Ich habe solches in meiner ersten Überraschung auch getan und habe in meinem Wahne die große Blindheit meines Herzens auch nicht in die allergeringste Berücksichtigung gezogen, der nach ich bald zwei Götter angebetet hätte. Der herrliche Mann hat mich jedoch gleich auf den rechten Weg gebracht, indem er mir ganz klar und sehr verständlich zu erkennen gegeben hat, daß er eben kein Gott, sondern nur ein großer, von Gott begeisterter Prophet sei, – und eines Weiteren bedürfen wir nicht.
GEJ|7|26|5|0|Wissen wir denn nicht, daß der Prophet Elias noch früher kommen wird, als da kommen wird der große Messias?! Und ich irre mich eben – wie du, Mutter, es weißt – einmal nicht gar zu leicht, und so sage ich, daß dieser gar überaus herrliche Mann der Rücksendling Elias und jener überholde Junge sein Jünger Eliseus (Elisa) ist. Aber von nun an dürften wir wahrlich nicht lange mehr auf den großen Messias zu warten vonnöten haben!
GEJ|7|26|6|0|Das ist nun so meine Ansicht, und weil eben dieser sonst gar so herrliche, weise und wundertätige Mann meint, daß ich im Glauben ein Schilfrohr bin, so will ich ihm aber nun von seiner Meinung auch das hartnäckigste Gegenteil zeigen. Wie in der Welt nicht alles Gold ist, was also aussieht und glänzt, als wäre es Gold, so will ich aber hier auch zeigen, daß eben auch nicht gar alles schwach ist, wenn es auch dafür ein Aussehen hat.
GEJ|7|26|7|0|Gott gibt es nur einen; doch der Propheten kann es eine große Anzahl geben, zu denen ich diesen herrlichen Mann nun auch ganz offenbar zähle. Und so glaube ich nun, dir und diesem sonst herrlichen Manne auf seine Frage an mich doch gewiß ganz sicher die beste Antwort gegeben zu haben. Es war seine Bemerkung an mich wegen des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs ganz gut, und ich habe mich durch sie eben sehr ermahnt gefühlt und bin ihm für solch eine Ermahnung und für alle andern uns allen erwiesenen Wohltaten im höchsten Grade allen Dank schuldig; aber ob er der verheißene Messias ist, das lassen wir noch hübsch lange auf sich warten! Oh, ich bin alles eher als ein schwaches Schilfrohr!“
GEJ|7|26|8|0|Hier ermahnte die Mutter die Tochter, daß sie nicht so eitel und stützig (widerspenstig) sein solle.
GEJ|7|26|9|0|Sagte die Tochter: „Ich bin nicht stützig und noch um vieles weniger eitel; aber ich kehre mich an die Belehrung dieses herrlichen Mannes und großen Meisters und bin ihm von ganzem Herzen dankbar für die übergroßen Wohltaten, die er uns erwiesen hat. Was kann ich und was können wir alle wohl noch mehr tun? Ich will aber auch in dem nicht stützig sein, diesen herrlichen Meister als einen wahren Messias und Heiland der Menschen anzusehen; denn das war ja in einer gewissen Hinsicht ein jeder große und auch nach Umständen, jeder kleine Prophet, weil er den in alle Nacht des Lebens versunkenen Menschen wieder das Licht der Lebenswahrheiten brachte und sie aus dem Schlamme der Sinnlichkeit wieder in ein reineres geistiges und wahrheitsvolles Leben erhob. Und das tut, wie ich es nun gar wohl merke, auch dieser Mensch voll Herrlichkeit und voll wahrhaft göttlicher Kraft und Macht und ist darum denn auch sicher ein wahrer Messias der Menschen, die sich von ihm belehren lassen.
GEJ|7|26|10|0|Mit solchem meinem Urteil über ihn kann ich mich unmöglich in einer großen Irre befinden; denn ich urteile nun nur nach dem, was ich von ihm selbst gehört und gesehen habe. Es kann sich die Sache vielleicht auch noch ganz anders verhalten – was wir nicht wissen können –, doch wir können da unmöglich fehlen, wenn wir jetzt nur das annehmen, was wir nach dem Gehörten und Gesehenen annehmen können. Gottes Geist, Kraft und Gnade leite ihn zum Wohle aller Menschen fort und fort!“
GEJ|7|26|11|0|Sagte die Mutter: „Meine liebe Tochter, ich hätte dich noch um vieles lieber, wenn du nur nicht gar so entsetzlich gescheit wärst! Der alte Rabbi hat dir die zwei Jahre hindurch den Kopf mit allem möglichen, was ein Mensch auf dieser Welt nur immer wissen kann, voll angestopft, und du hast hernach schon gleich alles besser gewußt als wir, deine Eltern, und dadurch bist du manchmal wohl ganz unausstehlich geworden, und ich merke es nun, daß du auch diesem großen Meister nahe auch schon widerlich geworden bist! Daher halte ich es nun für geraten, daß wir ihn um Vergebung bitten und uns dann auf unsere Plätze zurückziehen!“
GEJ|7|26|12|0|Sagte nun Ich: „Oh, da hat es noch lange keine Not; denn Ich habe ja mit der Tochter Helias noch nichts reden können, weil nur du als ihre Mutter mit ihr verkehrt bist! Lasse nun auch Mich mit der schönen Helias verkehren (sprechen), auf daß sie als eine geweckte Jungfrau für sich und dann auch für viele andere, mit denen sie in Verkehr kommen wird, der vollsten Wahrheit nach erfahre, mit wem sie es in Meiner Person zu tun hat; denn bis jetzt weiß sie noch nichts, und du als ihre Mutter noch weniger! Darum rede du, Mutter, erst dann, wenn Ich dich zum Reden auffordern werde!“
GEJ|7|26|13|0|Hier sagte die Mutter nichts mehr, bat Mich aber, dennoch in Meiner Nähe bleiben zu dürfen, was Ich ihr denn auch gestattete.
GEJ|7|27|1|1|27. — Des Herrn Hinweis auf messianische Weissagungen
GEJ|7|27|1|0|Darauf erst wandte Ich Mich wieder zur Helias und sagte zu ihr: „Höre nun, du schöne Helias! Du hast ehedem gesagt, daß Ich als ein großer Prophet ebensogut ein Messias sein könne und auch sei, wie ein jeder andere große und auch kleine Prophet; denn nach deinem eben ganz beachtenswerten Urteil ist gewisserart ein jeder Mensch ein Messias und Heiland der Menschen, der sie durch das Licht der vollen Wahrheit aus dem finstern Schlamme der Lüge, des Betruges und des lichtlosen Aberglaubens befreit. Und weil Ich eben das nun tue, so bin Ich denn auch wahrhaft ein Messias der Menschen, die Mich hören und sich nach Meiner Lehre kehren. Das ist ein ganz gutes Urteil von dir, einer jungen und von einem alten und ehrlichen Rabbi wohlunterrichteten Jüdin. Nur was deinen Glauben an Einen Gott betrifft, so bleibst du – und das mit allem Rechte – beim alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
GEJ|7|27|2|0|Doch muß Ich dich auf mehrere Stellen der Propheten aufmerksam machen, die eben Mich Selbst im Schilde tragen. Daraus wirst du dich dann schon leichter und reiner zurechtfinden, als wie das bis jetzt der Fall sein konnte. Sieh, da heißt es unter anderem im Jesajas:
GEJ|7|27|3|0|,Eine Jungfrau wird empfangen / und einen Sohn gebären, / welcher genannt wird: / „Gott mit uns“ (Jes.7,14).
GEJ|7|27|4|0|Ein Knabe ist uns geboren, / und ein Sohn ist uns gegeben, / auf dessen Schultern die Herrschaft ist, / und Seinen Namen wird man nennen / Wunderbar, Gott, Held, / Vater der Ewigkeit, / Fürst des Friedens. (Jes.9,5)
GEJ|7|27|5|0|Sagen wird man an jenem Tage: / ,Siehe, Der ist unser Gott, / den wir erwarteten, / daß Er uns befreie! / Dieser ist Jehova, / den wir erwarteten. / Frohlocken lasset uns und uns / freuen in Seinem Heile!‘ (Jes.25,9)
GEJ|7|27|6|0|Die Stimme eines Rufenden in der Wüste: / ,Bereitet den Weg Jehovas, / und ebnet in der Wüste / einen Fußsteig unserem Gott, / und sehen wird das / alles Fleisch zumal.‘ (Jes.40,3.5)
GEJ|7|27|7|0|Siehe, Jehova kommt im Starken, / und Sein Arm wird Ihm walten! / Sieh, Sein Lohn mit Ihm! / Wie ein Hirte wird Er / Seine Herde weiden. (Jes.40,10.11)
GEJ|7|27|8|0|Und Jehova sprach: / ,Juble, und freue dich, / Tochter Zion! / Sieh, Ich komme, / daß Ich in deiner Mitte wohne; / denn dann werden viele Völker / Jehova anhangen / an Seinem Tage.‘ (Sach.2,14.15)
GEJ|7|27|9|0|Ich, Jehova, / rief dich in Gerechtigkeit / und werde dich zum Bunde des Volkes geben; / Ich, Jehova – / denn dies ist Mein Name –, / werde Meine Herrlichkeit keinem andern geben. (Jes.42,6.8)
GEJ|7|27|10|0|Siehe die kommenden Tage, / da Ich dem David / einen gerechten Sproß erwecken werde, / welcher als König herrschen / und Gericht und Gerechtigkeit / machen wird auf Erden! / Und dies ist Sein Name: / Jehova, unsere Gerechtigkeit.‘ (Jer.23,5.6)“
GEJ|7|27|11|0|Siehe, du Meine Helias, also verkündeten Mich die Propheten in alter und sogar in dieser jüngsten Zeit! Und der Täufer und Prediger Johannes war eben die Stimme des Rufers in der Wüste, die Mir die Wege ein wenig ebnete und von Mir sagte: ,Siehe, da kommt das Gotteslamm, welches hinwegnimmt die Sünden dieser Welt!‘
GEJ|7|27|12|0|Wenn du auch meinst, daß vor dem Messias noch Elias kommen müsse und alles Fleisch vorbereiten auf die große Ankunft des Messias, der Jehova genannt wird, so sage Ich dir: Elias war eben in jenem Johannes schon da, und Ich Selbst bin nun auch da. Ich kam in Mein Eigentum, und siehe, die Meinen erkennen Mich nicht! – Wie gefällt dir denn diese Sache?“
GEJ|7|28|1|1|28. — Erklärung der drei ersten Gebote
GEJ|7|28|1|0|Sagte die Helias: „Herr und Meister, mir fängt es an zu schwindeln vor dem, was Du mir nun gesagt hast! So Du also schon ganz sicher Der bist, von dem die Propheten also geweissagt haben, – was sollen wir armen Sünder dann nun vor Dir, o Herr, anfangen?“
GEJ|7|28|2|0|Sagte Ich: „Nichts als Meine Lehren anhören, sie behalten und danach leben, Gott lieben über alles und seinen Nächsten wie sich selbst, und ihr habt dadurch alle die sieben Geister Gottes in euch erweckt und dadurch erlangt das ewige Leben, wie Ich solches ehedem erklärt habe. – Bist du damit zufrieden?“
GEJ|7|28|3|0|Sagte die Helias: „O Herr, o Jehova, wer sollte damit nicht zufrieden sein und wer nicht befolgen Deine Lehre und Deine allerliebevollsten Gebote?! Nur fragt sich hier dennoch, ob Du, o Herr, nun durch diese zwei Gebote der Liebe nicht die zehn Gesetze und die Propheten aufhebst, weil Du gesagt hast, daß in diesen zwei Geboten das ganze Gesetz Mosis und alle Propheten enthalten seien.“
GEJ|7|28|4|0|Sagte Ich: „Du Meine liebe Helias, wie magst du um so etwas fragen? Wenn das Gesetz Mosis und alle Propheten in den zwei Geboten der Liebe enthalten sind, wie könnten sie da wohl je aufgehoben sein? Siehe, gerade wie der siebente euch wohl erklärte Geist Gottes im Menschen die sechs vorhergehenden Geister durchdringt und erfüllt und somit alle in sich aufnimmt, ebenso erfüllt die wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten alle die vorhergehenden Gesetze Mosis und alle die Vorschriften und Ermahnungen der Propheten!
GEJ|7|28|5|0|Wenn Moses sagt: ,Du sollst allein an einen Gott glauben und keine fremden und nichtigen Götter der Heiden neben dem rechten Gott haben!‘, da erfüllst du dieses erste Gebot Mosis ja dadurch mehr als vollkommen, so du Gott über alles liebst. Denn könntest du Einen Gott recht über alles lieben, wenn du zuvor nicht ungezweifelt von Ihm glaubtest, daß Er wahrhaft da ist?! So du aber durch deine Liebe zu Ihm mehr als tageshell und lebendig dartust, daß du an einen Gott glaubst, – wirst du aus deiner großen Liebe zu Ihm wohl imstande sein, Seinen Namen je irgend zu verunglimpfen, zu verunehren und zu entheiligen? Sicher ewig nicht! Denn was ein Mensch im höchsten Grade liebhat, das ehrt er auch stets am meisten, und er wird sogar gegen jeden bitter und sehr ernst auftreten, der es ihm gegenüber wagen würde, sein Allerliebstes irgend zu verunehren. Oder würde es dich nicht in hohem Grade empören in deinem Gemüte, wenn jemand deinen Vater, den du sehr liebhast, verunehren würde? So du aber nun Gott über alles liebst, wirst du da wohl je imstande sein, Seinen Namen irgend zu entheiligen?
GEJ|7|28|6|0|Wenn du das nun so recht in dir betrachtest, so mußt du schon auf den ersten Blick darüber ganz im klaren sein, wie sowohl das erste als auch das zweite Gesetz Mosis in dem einen Gebote der Liebe zu Gott ganz enthalten sind.
GEJ|7|28|7|0|So du, Meine liebe Helias, nun Gott ganz sicher über alles liebst und eben darum auch über alles ehrst, – wirst du dich da nicht gerne, und das sehr oft, von dem weltlichen Tagesgeschäft zurückziehen und dich mit dem Gegenstand deiner heißesten Liebe beschäftigen? Ja, ganz ungezweifelt wahr und sicher! Und siehe, darin besteht ja auch die wahrste und rechteste und vor Gott allein gültige Feier des Sabbats, die Moses befohlen hat! Denn an dem Tage selbst liegt wenig oder auch gar nichts, sondern allein daran, daß du am Tage oder in der Nacht in der Liebe und Ruhe deines Herzens gern an Gott denkst und dich mit Ihm unterhältst. Und siehe, wie auch das dritte Gebot Mosis in dem einen Gebote der Liebe zu Gott enthalten ist!
GEJ|7|28|8|0|Wer sonach Gott wahrhaft über alles liebhat, der hat Ihn auch sicher erkannt und hat einen lebendigen Glauben, gibt Gott auch alle Ehre und wird Seiner sicher stets am meisten gedenken. Und wer das tut, der kann keine Sünde gegen Gott begehen. Oder kann wohl eine Braut gegen ihren Bräutigam, den sie über die Maßen liebhat und von dem sie wohlwissentlich noch mehr geliebt wird, irgendeine Sünde begehen? Nein, das sicher nicht, weil beide in ihrem Herzen völlig eins geworden sind eben durch die Liebe! Wer aber Gott wahrhaft über alles liebt und also durch die Liebe eins geworden ist mit Ihm, der wird auch seine Nebenmenschen als ihm ebenbürtige Kinder Gottes ebenso lieben, wie er sich selbst liebt, und wird ihnen das tun, was er mit klarer Vernunft will, daß die Menschen ihm tun möchten.“
GEJ|7|29|1|1|29. — Das vierte Gebot
GEJ|7|29|1|0|(Der Herr:) „Siehe, im vierten Gebote ist den Kindern die Liebe gegen ihre Eltern geboten! Die Eltern sind auf der Erde wohl die ersten Nächsten ihrer Kinder und lieben sie überaus. Sie sind ihre Ernährer, Beschützer und Erzieher und verdienen darum auch sicher alle Liebe und Ehre von den Kindern.
GEJ|7|29|2|0|Wenn denn ein gut erzogenes Kind seine Eltern liebt und ehrt, so wird es auch bemüht sein, alles das zu tun, was den Eltern eine rechte Freude macht. Und so ein Kind wird sich darum auch ein langes und gesundes Leben und ein bestes Wohlergehen auf Erden bereiten; ein Kind, das seine Eltern liebt und ehrt, das wird auch seine Geschwister lieben und ehren und stets bereit sein, ihnen alles Gute zu tun.
GEJ|7|29|3|0|Ein Kind oder ein Mensch aber, der seine Eltern und seine Geschwister wahrhaft liebt und ehrt, der wird auch die anderen Menschen darum lieben, weil er weiß und erkennt, daß sie alle Kinder ein und desselben Vaters im Himmel sind. Aus der ursprünglichen wahren Liebe zu den Eltern wird der Mensch zur Erkenntnis Gottes, seiner selbst und zur rechten Erkenntnis auch seiner Nebenmenschen geleitet und sieht dann bald und leicht ein, warum Gott die Menschen erschaffen hat, und was sie alle werden sollen. Dadurch gelangt er dann stets mehr und mehr zur Liebe zu Gott und durch diese zur Vollendung seines inneren, wahren, geistigen Lebens.
GEJ|7|29|4|0|Wer aber also seine Eltern, Geschwister und auch die anderen Nebenmenschen liebt und ehrt und darum auch Gott über alles liebt und ehrt, – wird der wohl je gegen jemanden eine Sünde begehen können? Ich sage es dir: Nein, denn er wird niemanden beneiden, niemanden hassen und fluchen, niemanden töten, weder leiblich, noch durch ein Ärgernis seelisch. Er wird sich keusch und wohlgesittet gegen jedermann benehmen, wird jedem gerne das Seinige lassen, wird niemand belügen und betrügen, und ist er auf dem ordentlichen Wege der Mann eines Weibes geworden, oder die züchtige Jungfrau das Weib eines Mannes, so wird er kein Verlangen tragen nach dem Weibe seines Nächsten und sein Weib nicht nach dem Manne ihrer Nachbarin, und du kannst nun daraus für deinen Verstand schon ganz gut entnehmen, wie und auf welche Weise das Gesetz und alle die Propheten in den zwei Geboten der Liebe enthalten sind, und wie diese dir von Mir nun kundgegebenen zwei Gebote keine Aufhebung des Gesetzes Mosis und der anderen Propheten zulassen, sondern nur die volle Erfüllung derselben sind. – Verstehst du das nun?“
GEJ|7|29|5|0|Sagte die Helias: „O Herr, Du überweiser und überguter Schöpfer und Vater aller Menschen, jetzt verstehe ich erst die Gesetze Mosis! Denn ich muß es hier selbst vor Dir ganz offen bekennen, daß ich zuvor das Gesetz Mosis und noch weniger die Sprüche und Belehrungen der andern Propheten niemals irgend recht verstanden habe. Und je öfter ich mich mit meinen Eltern, alles wohl erwägend, darüber besprach, desto mehr Lücken und wahre Unvollkommenheiten entdeckte ich darin, was mich denn auch gar nicht selten auf den Gedanken brachte, daß das sehr unvollkommen aussehende Gesetz Mosis entweder gar nicht von einem höchst weisen Gott ausgehe, oder daß die spätere Priesterkaste das Mosaische Gesetz ganz aufgegeben und dafür zu ihrem materiellen Besten ein lückenhaftes, menschliches Machwerk aufgestellt habe. Mein guter, alter Rabbi hat darum gar oft seine rechte Not mit mir gehabt, weil ich ihm die sichtbaren Mängel des Mosaischen Gesetzes ordentlich an den Fingern nachwies. Aber jetzt nach Deiner Erklärung, o Herr, hat das Gesetz Mosis freilich gleich ein ganz anderes Aussehen bekommen und kann auch von jedermann sicher freudig und leicht beachtet werden!“
GEJ|7|29|6|0|Sagte Ich mit sehr freundlicher Miene: „Nun, du Hauptkritikerin des Mosaischen Gesetzes, was fandest du denn gar so Unvollkommenes und Lückenhaftes am Mosaischen Gesetze? Lasse auch uns deine Kritik hören!“
GEJ|7|29|7|0|Sagte die Helias unter der allgemeinen Aufmerksamkeit aller Anwesenden: „O Herr, was soll ich wohl reden vor Dir, der Du meine Gedanken sicher schon lange eher gekannt hast, als ich sie noch gedacht habe? Auch jener allmächtige und allwissende Jüngling dort wird das schon alles bis auf ein Haar genau wissen, und so meine ich, daß daher solch eine laute Kundgabe meiner Kritik über das Mosaische Gesetz ganz unterbleiben könnte.“
GEJ|7|29|8|0|Sagte Ich: „O nein, Meine gar sehr liebe Helias, die Sache verhält sich hier ganz anders! Ich und jener Jüngling wissen freilich gar wohl darum, worin deine Kritik übers Mosaische Gesetz und auch über die Propheten besteht; aber die andern, mit Ausnahme deiner Eltern und deines Bruders, wissen das nicht, möchten es aber nun, da du selbst die Wißbegierde in ihnen erweckt hast, wohl wissen, und darum habe Ich dich denn auch aufgefordert, daß du auch uns laut hören läßt deine Kritik über das Gesetz Mosis und über so manche Propheten. Und also öffne du nur deinen Mund und sprich ohne allen Hinterhalt alles aus, was dir am Gesetz und an den Propheten mangelhaft vorkommt, und zeige uns ganz beherzt des Gesetzes und der Propheten Lücken!“
GEJ|7|30|1|1|30. — Die Kritik der Helias über das vierte Gebot
GEJ|7|30|1|0|Sagte die Helias: „Herr, so ich das tue, was Du von mir verlangst, da sündige ich sicher nicht, und so will ich denn auch ganz offen meine am Gesetze und an den Propheten gefundenen Lücken und Mängel kundtun!
GEJ|7|30|2|0|Siehe, den ersten und mir ganz bedeutend vorkommenden Mangel und eine große Lücke am Gesetze merkte ich, und zwar als ein früh reif und ziemlich klar denkendes Kind, gleich am vierten Gebote Mosis darin, daß der Mann Gottes wohl den oft noch sehr begriffsmageren und schwachen Kindern die Liebe, den Gehorsam und die Ehrfurcht zu und vor den Eltern einschärft, aber dagegen den Eltern gegen ihre Kinder im Gesetze nahe gar keine Verpflichtung auferlegt! Und solch sieht denn so ein Gesetz doch ein wenig sonderbar aus, zumal es denn im allgemeinen doch nur zu oft Eltern gibt, deren Kinder oft schon in der Wiege vernünftiger und besser waren als ihre gar dummen und mit allen Schlechtigkeiten vollgefüllten Eltern.
GEJ|7|30|3|0|Ein Kind hat oft einen von Natur aus guten und edlen Sinn und könnte, wenn es im selben fortgebildet würde, eben auch zu einem guten und edlen Menschen werden. Aber da muß das Kind nach dem Gesetze Mosis nun ein für alle Male seinen dummen und bösen Eltern strengweg und ohne jede vernünftige Ausnahme gehorchen und am Ende ebenso dumm und böse werden, als wie dumm und böse da des Kindes Eltern sind. Da hätte der Mann Gottes wohl schon auch von einer rechten Pflicht der Eltern gegen ihre Kinder etwas einfließen lassen können, nach deren gewissenhafter Erfüllung erst die Kinder auch ihren Eltern als gegenverpflichtet zu bezeichnen gewesen wären.
GEJ|7|30|4|0|Oder sind nach Moses auch Kinder der Räuber aus schuldigem Gehorsam gegen ihre Eltern verpflichtet, sie zu lieben, zu ehren und in die Fußstapfen ihrer Alten zu treten? Wenn – was sich schon gar oft ereignet hat – vernünftige Kinder böser und arger Eltern, deren schwarzes Tun und Treiben den noch mehr unschuldigen Kindern auffallen und mißfallen mußte, darum eben solchen argen Eltern Liebe und Gehorsam versagten, sie verließen und Gelegenheit suchten, sich anderorts unter besseren Menschen selbst zu besseren Menschen umzugestalten, – haben solche Kinder sich dadurch auch versündigt am Mosaischen Gesetze, weil sie nicht auch aus Liebe und Gehorsam zu ihren Eltern selbst Diebe, Räuber, Mörder, Heuchler, Betrüger und Lügner werden wollten?
GEJ|7|30|5|0|Wenn Moses und die Propheten auch da solchen besseren Kindern eine Strafe bestimmen und ihnen ihre Unliebe und ihren gerechten Ungehorsam gegen ihre bösen Eltern zur Sünde rechnen, so sind Moses und alle die Propheten noch um tausend Male dümmere und blindere Menschen gewesen denn ich und haben mit ihren Schriften und Weissagungen der göttlichen Weisheit wahrlich keine absonderlich große Ehre gemacht! – Herr, bin ich darum schlecht, weil ich das Gesetz Mosis und der Propheten also beurteilt habe?“
GEJ|7|30|6|0|Sagte Ich: „Oh, durchaus nicht, weil du da ganz recht und richtig geurteilt hast! Aber dennoch ist deine Kritik darum nicht völlig in der Ordnung, weil Moses durch Meinen Geist nur zu klar einsah, daß es eben nicht nötig ist, den Eltern noch eigens die Liebe zu ihren Kindern zu gebieten, weil solche den Eltern ohnehin im Vollmaße schon von Mir aus gewisserart instinktmäßig eingepflanzt worden ist, was aber eben bei den Kindern, die erst in die Schule dieses irdischen Lebens gekommen sind, nicht so sehr der Fall sein kann, weil diese erst für die rechte und wahre Liebe erzogen werden müssen.
GEJ|7|30|7|0|Darum kommt ja eben auf dieser Erde ein jeder Mensch so schwach und ganz ohne Erkenntnis und Liebe ins Weltleben, daß er sich dann in aller wie immer gearteten Zwanglosigkeit, als wäre er von Gott ganz verlassen, durch äußere Lehre, durch Gesetze und durch seinen freiwilligen Gehorsam zu einem freien und ganz selbständigen Menschen bilde.
GEJ|7|30|8|0|Und sieh, darum müssen denn auch nur besonders den Kindern zumeist Lehren und Gesetze gegeben werden und nicht so sehr den Eltern, die einst auch Kinder waren und durch die Lehren und Gesetze, für Kinder gegeben, erst zu freien und selbständigen Menschen geworden sind!
GEJ|7|30|9|0|Was aber insbesondere die Pflichten der Eltern gegen ihre Kinder betrifft, so haben Moses und die Propheten schon in den staatlichen Gesetzen dafür gesorgt, die du freilich noch nicht gelesen hast. Aber es ist da rechtzeitig schon für alles gesorgt, und es können sich zwei nicht wohl ehelichen, wenn sie dem Priester nicht zuvor dartun, daß sie in den zur Ehe nötigen staatlichen Gesetzen wohlbewandert sind.
GEJ|7|30|10|0|Und so siehe, du Meine liebe Helias, daß deine Kritik in bezug auf das vierte Gebot Mosis eben nicht zu sehr in der rechten Ordnung war, und Ich habe nun die Lücken und Mängel beseitigt. Aber du fahre nun mit deiner Kritik nur auch über die anderen Gesetze fort, und Ich werde dir dann schon wieder sagen, inwieweit du recht oder auch nicht recht hast!“
GEJ|7|30|11|0|Sagte Helias: „O Herr, warum soll ich da meine dumme Kritik noch weiter fortsetzen? Denn ich sehe es nun ja schon im vorhinein nur zu klar ein, daß Du mir abermals haarklein zeigen wirst, wie ganz unrichtig und geistlos ich geurteilt habe.“
GEJ|7|30|12|0|Sagte Ich: „Nun, was kann dir oder jemand anderem das wohl schaden? Denn darum bin Ich ja in diese Welt gekommen, auf daß Ich euch von allen den vielen Irrtümern frei mache durch das lebendige Licht der Wahrheit. Kommst du mit deinen scheinbar recht wohl begründeten Bemängelungen des Gesetzes und der Propheten nicht an das Tageslicht, so bleiben sie in dir und können noch gar wohl verkümmern das Leben deiner Seele; entäußerst du dich aber ihrer, so bist du auch von ihnen los, und das Licht der ewigen Wahrheit wird dafür Wohnung nehmen in deinem Herzen. Daher rede und kritisiere du nur fort, und das ohne irgendeinen Rückhalt, und Ich werde dir dann schon wieder ein rechtes Licht geben! Denn sieh, es ist das sogar eben jetzt recht notwendig, weil viele hier sind, die schon lange gleich wie du Moses und die Propheten bemängelt haben! Daher öffne du nur wieder deinen schönen Mund und rede mit deiner gewandten Zunge!“
GEJ|7|31|1|1|31. — Das fünfte Gebot
GEJ|7|31|1|0|Sagte die Helias: „O Herr, wie früher, so sage ich jetzt: Wer das tut, was Du willst, der sündigt wahrlich nicht! Und so nehme ich denn das fünfte Gebot Mosis her und sage: Da steht geschrieben: ,Du sollst nicht töten!‘ Ich nehme aber hier nur auf das einfache Gesetz meine kritische Rücksicht und kümmere mich vorderhand gar nicht darum, was Moses oder auch später ein anderer Prophet Erklärendes darüber gesagt und geschrieben hat; denn es muß ja ein wahrhaft göttliches Gebot doch selbst in seiner möglichsten Einfachheit das in sich fassen, was vernünftigermaßen einem jeden Menschen frommen kann. Aber dieses Gebot enthält das ganz und gar nicht, und so kann ein denkender Mensch von ihm unmöglich etwas anderes sagen und behaupten, als daß es entweder ein menschliches Werk ist, oder daß – auch erst später, etwa des Kriegführens wegen – von den Menschen etwas davon weggelassen worden ist.
GEJ|7|31|2|0|Du sollst nicht töten! Wer ist denn erstens eigentlich der ,Du‘, der nicht töten soll? Gilt das für jeden Menschen ohne Unterschied des Geschlechtes, Alters und Standes oder nur für das männliche Geschlecht und für ein gewisses Alter und für einen gewissen Stand? Und zweitens: Wen oder was soll man denn so ganz eigentlich nicht töten? Bloß die Menschen nicht, oder auch die Tiere nicht? Nach meinem Urteil will weder das eine noch das andere darunter verstanden sein.
GEJ|7|31|3|0|Das Menschentöten nicht, weil schon Josua die Stadt Jericho zerstört und ihr Volk getötet hat, und das auf Jehovas Geheiß. Die Schlachtung der Götzenpriester durch die Hand des großen Propheten Elias ist bekannt. Sehen wir dann auf den König David, den Mann nach dem Herzen Gottes, der andern gar nicht zu gedenken! Wie viele Tausende und Hunderttausende sind durch ihn getötet worden, und wie viele werden in jedem Jahre jetzt noch getötet! Die Mächtigen der Erde haben trotz des ganz kategorisch ausgesprochenen göttlichen Gesetzes dennoch das vollste Recht von Gott aus, ihre Nebenmenschen zu töten. Und so geht dieses Gesetz nur die bedrückten, armen Teufel von Menschen an. Inwieweit dieses Gesetz auch das Weib angeht, ist da gar nicht zu ermessen, obwohl die Chronika auch nachweist, daß auch die Weiber mit dem Schwerte gewirtschaftet haben, und das wie!
GEJ|7|31|4|0|Ob wir armen Menschen auch die Tiere nicht schlachten und töten sollen, das, meine ich, ist nicht einmal einer Besprechung wert; denn das lehrt die Menschen die Natur, daß sie sich ohne Unterschied des Standes, Geschlechtes und Alters gegen die vielen bösen Tiere auf Leben und Tod zur Wehr setzen müssen, so sie nicht allerwegs von den zu überhandgenommen habenden bösen und reißenden Bestien angefallen, zerrissen und gefressen werden wollen.
GEJ|7|31|5|0|Du sollst nicht töten! So ich aber von einem wilden Straßenräuber angefallen werde, der mich berauben und dabei ganz sicher töten will und wird, – ich aber, als die Angefallene oder der Angefallene, habe Kraft, Mut und eine Waffe, um ihn eher zu töten, als er mir den Todesstreich versetzen kann, – was soll ich da wohl tun? Diese Notwehr sollte im Gesetze doch insoweit ausgedrückt sein, daß es hieße: ,Du sollst nicht töten, außer im Falle der äußersten Notwehr!‘ Aber nein, von dem steht im Gesetze wahrlich keine Silbe! Es heißt nur ganz einfach: ,Du sollst nicht töten!‘ Wenn aber das einfache Gesetz also lautet, wo steckt da im selben die göttliche Liebe und Weisheit, die denn doch wissen mußte, unter welchen wahrlich höchst bedauerlichen Verhältnissen die Menschen auf dieser Erde ihr Leben durchzumachen haben?
GEJ|7|31|6|0|Warum gab denn Gott ein solches Gesetz und befahl dann Selbst einem David, die Philister und Moabiter gänzlich zu vernichten? Warum durfte die Judith den Holofernes töten, und warum darf nicht auch ich sündefrei jemandem das Leben nehmen? Wer gab denn den Ägyptern, den Griechen und den Römern das Recht, jeden zu töten, der sich gröblich an ihrem Gesetze versündiget?“
GEJ|7|31|7|0|Hierauf sah sie um sich, um zu sehen, was alle die andern zu ihrer Kritik für Gesichter machten.
GEJ|7|31|8|0|Beinahe alle gaben ihr recht, und einer der Pharisäer, der ein Schriftgelehrter war, sagte: „Ja, ja, man kann in dieser Sache, mit unseren menschlichen Begriffen betrachtet, dem schönen Kinde nicht völlig unrecht geben; denn das Hauptgesetz lautet einmal buchstäblich also, obschon nachträglich in den Büchern Mosis alles gezeigt ist, wie dieses Gebot zu nehmen und zu halten ist. Aber ein primitives Haupt- und Grundgesetz sollte wahrlich das Wesentliche, das es verlangt und will, wenigstens mit den höchst nötigsten Nebenumständen schon ausgedrückt in sich fassen; denn jede spätere und nachträgliche Beleuchtung und größere Vervollständigung eines einmal gegebenen Gesetzes scheint zu sagen, daß der Gesetzgeber beim Geben der Grundgebote noch nicht an alles gedacht hat, was er durch das gegebene Gebot eigentlich gebieten und verbieten wollte.
GEJ|7|31|9|0|Nun, bei Menschen, wenn sie Gebote geben, ist das begreiflich, weil in ihrem Denken und Wollen keine göttlich helle Vollendung sein kann, und es ist auch ganz natürlich, daß bei menschlichen Gesetzen dann nachträglich allerlei Zusätze und Erläuterungen zum Vorschein kommen müssen; aber bei einem wahrhaft göttlichen Gesetze sollte wahrlich keine Lücke alsogestaltig vorkommen, daß sie erst hinterdrein mit allerlei Zusätzen und Erläuterungen ausgefüllt werden soll! Ja, die Sache also betrachtet, könnte man wahrlich beim Mosaischen Gesetze auf die Idee gebracht werden, daß es entweder gar kein rein göttliches ist, oder daß es als solches durch den selbstsüchtig bösen Willen der Menschen also entstellt worden ist. Doch ich will damit kein Urteil über das Gesetz gefällt, sondern nur meine bisher noch sicher sehr blinde Meinung ausgesprochen haben.“
GEJ|7|31|10|0|Sagte Ich: „Ja, das sicher; denn wenn ihr Meine Gesetze mit menschlichen Sinnen beurteilt, dann müsset ihr freilich wohl Lücken und Mängel darin entdecken. Wenn du deinen Nächsten liebst wie dich selbst, so wirst du ihn nicht hassen, nicht anfeinden und ihm keinen Schaden zufügen; tust du das aber, so wirst du ihn um so weniger je irgendwann weder leiblich und noch weniger seelisch durch allerlei Ärgernisse töten wollen.
GEJ|7|31|11|0|Du sollst nicht töten! Das ist ganz richtig und wahr also gegeben im Gesetze. Aber warum? Weil unter ,töten‘ schon von uralters her Neid, Scheelsucht, Zorn, Haß und Rache verstanden ward.
GEJ|7|31|12|0|,Du sollst nicht töten!‘ heißt demnach soviel wie: Du sollst niemanden beneiden, sollst den Glücklicheren nicht mit scheelen Augen ansehen und sollst nicht im Zorn erbrennen wider deinen Nebenmenschen; denn aus dem Zorn entsteht der Haß, und aus dem Haß geht die böse, alles verheerende Rache hervor!
GEJ|7|31|13|0|Es steht ja auch geschrieben: ,Mein ist der Zorn, und Mein ist die Rache, spricht der Herr.‘
GEJ|7|31|14|0|Ihr Menschen aber sollet euch in aller Liebe achten, und es soll einer dem andern gute Dienste erweisen; denn ihr alle habt an Mir einen Vater und seid somit gleich vor Mir! Ihr sollet euch untereinander nicht ärgern und lästern und einer soll dem andern durch bösen Leumund nicht die Ehre abschneiden; denn wer das tut, der tötet die Seele seines Nebenmenschen!
GEJ|7|31|15|0|Und seht, alles das ist kurz in dem Bilde ,Du sollst nicht töten!‘ ausgedrückt! Und die ersten Juden, auch noch die zu den Zeiten Salomos, verstanden dieses Gesetz nicht anders, und die Samariter als die Altjuden verstehen es heutzutage noch also. Wenn aber dieses Gesetz vom Fundamente aus nur also zu verstehen ist, – wie kann jemand da annehmen, daß durch dieses Gesetz dem Menschen die Notwehr gegen böse Menschen und sogar gegen reißende Tiere untersagt sei?“
GEJ|7|31|16|0|Sagte die Helias: „Ja, Herr, das sehen wir nun sicher alle recht gut ein, weil Du uns das nun in der vollkommen rechtesten und wahrsten Weise erklärt hast; doch ohne diese Deine gnädigste Erklärung hätten wir das eben nicht zu leicht ins reine gebracht. Warum hat denn Moses mit dem Gesetze nicht auch sogleich eine solche Erläuterung gegeben? Denn er als ein Prophet mußte das ja doch auch schon zum voraus eingesehen haben, daß die späteren Juden das einfache Gesetzesbild nicht also verstehen würden, wie es die Juden zu seiner Zeit sicher verstanden haben.“
GEJ|7|31|17|0|Sagte Ich: „Ja, du Meine liebe Kritikerin, das hat Moses wohl eingesehen, und er hat darum auch eine große Menge Erklärungen für die Zukunft niedergeschrieben; aber dafür, daß du sie bis jetzt noch nicht gelesen hast, kann weder Moses noch Ich.
GEJ|7|31|18|0|Es war aber deine Kritik dennoch ganz gut, weil du eben die Mängel und Lücken aufgestellt hast, die zwar nicht am Gesetze, aber desto mehr in eurer Erkenntnis haften, und um diese auszufüllen, lasse Ich ja eben von dir das alte Mosaische Gesetz kritisieren.
GEJ|7|31|19|0|Und da wir nun sogestaltig auch das fünfte Gebot ins reine gestellt haben, so kannst du dich nun schon über das sechste Gebot machen und auch an diesem die gewissen Mängel und Lücken zeigen, so du deren auch irgendwelche entdeckt hast. Und so rede denn!“
GEJ|7|32|1|1|32. — Das sechste Gebot
GEJ|7|32|1|0|Sagte die Helias: „O Herr und Meister, sieh, ich bin eine Maid und habe noch nie einen Mann erkannt; daher würde es sich etwa wohl nicht ganz besonders schicken, so ich über das sechste Gebot meine Bemerkungen machen würde! Ich möchte Dich darum bitten, daß Du, o Herr, mir erlassen möchtest, über dies sechste Gebot zu reden.“
GEJ|7|32|2|0|Sagte Ich: „O du Meine liebe Tochter, so du geheim bei dir von diesem Gebote durchaus keine Kenntnis besäßest, so ließe Ich dich auch wahrlich nicht davon reden; aber weil du dieses Gebot wohl kennst, obwohl du mit einem Manne noch nie etwas zu tun gehabt hast, so kannst du geziemend schon auch von diesem Gebote reden. Und so rede du nur zu nach deiner Weise!“
GEJ|7|32|3|0|Sagte die Helias wieder ihren Spruch: „O Herr, wer Deinen Willen tut, der begeht keine Sünde! Und so will ich denn auch reden in wohlgeziemender Weise. ,Du sollst nicht ehebrechen!‘, also lautet buchstäblich das sechste Gebot. Nach dem aber, wie es mir mein Rabbi lehrte, hieß es auch: ,Du sollst dich keusch und rein verhalten vor Gott und vor den Menschen; denn wer da unkeusch und unrein lebt und handelt, der ist ein Sünder so gut wie ein Ehebrecher, ein Unzüchtler und ein Hurer!‘ Das waren die Lehrworte meines Rabbi.
GEJ|7|32|4|0|Ich habe da nichts anderes zu bemängeln, als daß erstens Moses in der Aufstellung der Grundgebote in seinem zweiten Buche, 20. Kapitel, nur den Ehebruch verbietet, obwohl er dann im dritten Buche, etwa vom 18. Kapitel an, sehr ausführlich davon redet, – was ich aber auch noch nicht gelesen habe, weil mein Rabbi solches für mich nicht gut fand. Und zweitens gab Gott durch Moses dies Gebot wie mehrere andere dem (hebräischen) Wortlaute [Das Hebräische unterscheidet: Du (Mann) sollst!, Du (Frau) sollst!] nach immer nur dem männlichen Geschlecht und gedachte nur selten des Weibes.
GEJ|7|32|5|0|Wer ist der ,Du‘, der nicht ehebrechen soll? Es ist im Gesetze das einzelne Gebot nur auf einen Menschen oder nur auf ein Geschlecht gerichtet, und das offenbar auf das männliche, und es ist des Weibes nicht gedacht. Man kann da freilich wohl sagen: Wenn der Mann nicht ehebrechen darf, so kann das auch kein Weib, weil es ohne einen Mann nicht sündigen kann. Aber meines Erachtens ist eben das Weib durch seine Reize das den Mann am meisten zum Ehebruch verlockende Element, und so sollte denn auch besonders zum Weibe gesagt werden, daß es keinen Mann zum Ehebruch verleiten und auch selbst die Ehe nicht brechen soll. Denn wo das Weib dem Manne völlig treu ist, da wird sicher bald allenthalben von einem Ehebruch keine Rede mehr sein. Aber im Grundgesetze bildet das Weib förmlich eine Ausnahme, und es wird seiner auch nur erst in den späteren Verordnungen Mosis gedacht.
GEJ|7|32|6|0|Ich möchte aber denn nun wissen, warum das also geschah! Und warum gedachte Moses im Gesetz um vieles seltener des Weibes als des Mannes? Gehört denn das Weib weniger zum Menschengeschlecht als der Mann?“
GEJ|7|32|7|0|Sagte Ich: „Nun, diese deine Bemängelung läßt sich noch hören, obwohl auch sie nur so neben der Wahrheit einherschreitet. Sieh, auch hier steckt schon wieder die wahre und reine Nächstenliebe im Vordergrunde, und diese betrifft das Weib ebenso wie den Mann!
GEJ|7|32|8|0|So zum Beispiel du das Weib eines ordentlichen Mannes wärst, – würde es dir wohl eine Freude machen, so das Weib deines Nachbarn deinen Mann begehrte und mit ihm triebe, was nicht recht wäre? Wenn du aber in deinem Herzen das sicher nicht wünschen könntest, daß dir so etwas geschehen solle, so mußt du auch gegen deine Nachbarin dich ebenso verhalten, wie du wünschest, daß diese sich gegen dich verhalten soll. Und was also da im Gesetze gesagt ist dem Manne, das gilt auch im gleichen Maße für das Weib.
GEJ|7|32|9|0|Gott gab nur darum dem (hebräischen) Wortlaute nach das Grundgesetz wie allein dem Manne, wie er dem Haupte des Menschen die Hauptsinne gab und durch sie den Verstand im Gehirn. Wie aber Gott vorerst nur zum Verstande des Menschen redet, so redet Er auch zum Manne, der fortan das Haupt des Weibes ist wie das Weib gewisserart des Mannes Leib. Wenn nun eines Menschen Haupt erleuchtet und sehr verständig ist, – wird da nicht auch im gleichen Maße mit verständig sein der ganze Leib?
GEJ|7|32|10|0|Wenn des Menschen Verstand wohl erleuchtet ist, so wird auch bald wohl erleuchtet werden des Menschen Herz, das sich der Ordnung des Verstandes gerne fügen wird. Das Weib aber entspricht auch dem Herzen des Mannes; und wenn also der Mann als das Haupt wohl erleuchtet ist, so wird auch das Weib als sein Herz ebenso wohl erleuchtet werden und sein.
GEJ|7|32|11|0|Es steht aber ja schon von alters her geschrieben, daß Mann und Weib seien ein Leib. Was sonach zum Manne gesagt ist, das ist auch gesagt zum Weibe.
GEJ|7|32|12|0|Und siehe, damit habe Ich dir nun auch die Nichtigkeit dieses deines Zweifels erwiesen und habe dir gezeigt das rechte Licht des Gesetzes, das du sicher gar wohl verstanden hast. Und da du solches wohl verstanden hast, so kannst du nun schon mit deiner Kritik weitergehen.“
GEJ|7|33|1|1|33. — Das siebente Gebot
GEJ|7|33|1|0|(Der Herr:) „Was findest du etwa im siebenten Gebote Mangelhaftes oder dir wenigstens Unverständliches? Rede du nur mutvoll darauflos; denn deine Bemängelungen und deine Zweifel sind auch noch Mängel und Zweifel in dem Gemüte vieler hier Anwesenden. Wie lautet wohl das siebente Grundgebot Mosis?“
GEJ|7|33|2|0|Sagte Helias: „O Herr, bei diesem Gebote finde ich nun, nachdem ich von Dir das richtige Licht erhalten habe, gar keine Mängel und Lücken mehr! Es heißt: ,Du sollst nicht stehlen!‘ Da ist ja schon wieder die wahre Nächstenliebe von oben an in die volle Betrachtung zu ziehen! Denn was ich vernünftigermaßen durchaus nicht wünschen kann, daß es mir geschehe, das darf ich auch meinem Nächsten nicht tun; und so sehe ich nun von neuem, wie das ganze Gesetz Mosis und sicher auch alle Propheten in Deinen zwei Geboten der Liebe enthalten sind. Ich merke nun auch, daß das Gebot der Nächstenliebe rein aus der Barmherzigkeit als aus dem mächtigsten siebenten Geiste Gottes im Menschenherzen hervorgeht und alle die früheren sechs Geister durchdringt und belebt und den ganzen Menschen erst gut und wahrhaft weise macht. Wer aber gut und weise ist, der wird sich sicher nimmer irgend an dem vergreifen, was seines Nächsten ist. Und so ist auch das siebente Gebot schon ganz in der Ordnung, und ich finde nichts, was daran mangelhaft wäre.“
GEJ|7|33|3|0|Sagte Ich: „Gut, Meine Mir nun schon viel liebere Helias, diese deine nun angestellte Kritik über das mosaische, rein göttliche, und somit auch makellos weiseste Gesetz zum wahren Wohle der Menschen ist Mir um gar unglaubbar vieles werter als alle deine früheren Kritiken. Aber es soll uns das durchaus nicht abhalten, die noch übrigen drei Gebote einer recht scharfen Kritik zu unterwerfen, und so gehen wir denn auch gleich zum achten Gebote über! Wie lautet wohl dieses? Rede du nun nur ganz keck weg, wie dir die Zunge gewachsen ist, und du wirst Mir dadurch eine rechte Freude machen!“
GEJ|7|34|1|1|34. — Das achte Gebot
GEJ|7|34|1|0|Hier faßte das Mädchen mehr Mut und sagte zu Mir ganz zutraulichen Blickes: „Ja, Du mein allerliebenswürdigster Herr, wenn ich Dich, der Du mir so unendlich tief ins Herz hineingewachsen bist, nur etwa nicht beleidigen würde, so möchte ich Dir schon noch etwas sagen übers achte Gebot; aber vor Dir, o Herr, – Jehova nun leibhaftig vor uns – muß man sich sehr zusammennehmen, daß man Deiner inneren, göttlichen Heiligkeit ja nicht zu nahe tritt! Und da ist es etwas hart und schwer, so ganz von der Leber weg zu reden!“
GEJ|7|34|2|0|Sagte Ich: „O du herzliche, liebe Seele, das hast du von Mir aus wahrlich ewig nie zu fürchten; darum rede du nun nur ganz keck von der Leber weg!“
GEJ|7|34|3|0|Sagte Helias mit einem äußerst liebfreundlichen Gesicht: „O Herr, wer Deinen Willen tut, der sündigt nicht, und so will ich denn reden! Das achte Gebot lautet ganz einfach: ,Du sollst kein falsches Zeugnis geben!‘ Und weil in der Schrift nicht näher bezeichnet ist, über wen alles man kein falsches Zeugnis geben soll, so versteht sich das ja auch schon von selbst, daß man auch über sich selbst kein falsches Zeugnis geben soll. Denn das hat mir mein alter Rabbi gar sehr oft gesagt, daß die Lüge eine allerabscheulichste Sünde ist; denn von ihr stammt alle böse List, aller Betrug, aller Zwist, Zank, Hader, Krieg und Mord. Man soll allzeit die Wahrheit im Munde führen und reden, was man ganz bestimmt weiß und fühlt, und sollte das auch irgendwann zu unserem irdischen Nachteile gereichen! Denn ein wahres Wort hat vor Gott einen viel größeren Wert als eine ganze Welt voll Gold und Edelsteine. Es ist somit auch ein jedes unwahre Wort über sich selbst ein von Gott verbotenes falsches Zeugnis.
GEJ|7|34|4|0|Und ich nehme somit auch hier gar keinen Anstand, Dir, o Herr, gerade ins Angesicht zu sagen, daß ich Dich wirklich über gar alles liebe! Oh, dürfte ich Dich so an mein Herz drücken, wie ich möchte, oh, so könnte ich sterben vor süßester Wonne! Sieh, o Herr, hier habe ich über mich selbst sicher kein falsches Zeugnis gegeben! Und wie ich über mich kein falsches Zeugnis ablege, so lege ich auch über meinen Nächsten nie ein falsches Zeugnis ab! Und es muß dahinter ebenso der siebente Geist Gottes tätig sein wie bei den anderen Gesetzen. – O Herr, habe ich Dich jetzt etwa doch nicht irgend beleidigt?“
GEJ|7|34|5|0|Sagte Ich: „O mitnichten, du Meine liebe Tochter; denn wie sehr du Mich auch immer liebst, so liebe Ich dich dennoch um ein dir Unbegreifliches mehr! Mit unserer gegenseitigen Liebe wären wir beide denn nun schon ganz im reinen, aber mit dem achten Gebote noch nicht so völlig! Und so höre denn, Ich will dich auf etwas noch aufmerksam machen!
GEJ|7|34|6|0|Du würdest zum Beispiel von irgendeinem Richter befragt werden, ob du ein geheimes, großes Verbrechen, das etwa ein dir sehr teurer und liebster Anverwandter begangen hätte und von dem du wohl eine Kenntnis haben könntest, nicht näher kennest, und ob du nicht angeben könntest, wo sich der Verbrecher aufhalte, weil man seiner noch nicht habe habhaft werden können. Nun setze Ich bei dir aber den Fall, daß du sowohl über das Verbrechen deines sehr nahen Anverwandten, wie auch über seinen verborgenen Aufenthalt in ganz genauer Kenntnis wärst! Was würdest du dem Richter sagen, der dich darum befragt hat?“
GEJ|7|34|7|0|Sagte ganz beherzt die Helias: „Herr, so auch dieses achte Gebot auf der reinen Nächstenliebe fußt, da man nur darum über niemand ein falsches Zeugnis geben soll, um ihm dadurch nicht zu schaden, so kann doch umgekehrt dieses achte Gebot nicht eine Bedingung aufstellen, daß man dann durch eine rücksichtsloseste Wahrheit seinem Nächsten schaden soll! In einem solchen Falle würde ich mit der Wahrheit ewig nicht zum Vorschein kommen! Denn wem kann ich dadurch nützen? Dem strafsüchtigen Richter sicher nicht, weil er dabei nichts gewinnen kann, ob er den armen Verbrecher in seine Hände bekommt oder nicht, und dem armen Verbrecher, der sein Verbrechen irgend bereut und sich ernstlich bessert, noch weniger! Denn so ich ihn in die Hände des Richters liefere, dann ist er verloren vielleicht für ewig, was ich sogar dem nicht wünschen würde, der an mir selbst ein Verbrechen begangen hätte. Also in dem Falle würde ich der Wahrheit offenbar den Rücken zuwenden und an dem armen Verbrecher selbst um den Preis meines Lebens keine Verräterin machen!
GEJ|7|34|8|0|Wenn nach Deiner Erklärung, o Herr, die Nächstenliebe darin besteht, daß man seinem Nächsten alles das tun soll, was man wünschen kann, daß er es auch unsereinem tun möchte, so kann mir selbst der allergerechteste Gott nicht verargen, wenn ich sogar meinem größten Feinde das nicht antun möchte, was ich in seiner Lage sicher auch nicht wünschen könnte, daß ein anderer Nächster an mir einen Verräter machte. Zudem bedarf Gott, um irgendeinen groben Sünder zu züchtigen, weder eines weltlichen Richters und noch weniger eines verräterischen Leumundes. Er, der Allwissende, der Allergerechteste und Allmächtige, wird den Verbrecher schon auch ohne einen Weltrichter und ohne meinen Mund zu züchtigen verstehen! Es ist Ihm bis jetzt noch keiner durchgegangen, und so wird Ihm auch in der Folge keiner durchgehen!
GEJ|7|34|9|0|Nun aber frage ich Dich, o Herr, ob Isaaks Weib dadurch vor Gott gesündigt hat, daß sie den alten blinden Isaak dadurch offenbar belog und betrog, daß sie ihm zur Erteilung und Gewinnung des Vatersegens den zweitgeborenen Sohn Jakob für den erstgeborenen rauhen Sohn Esau hinstellte! Ich halte das für einen offenbaren Betrug, und doch sagt die Schrift, daß solches nach dem Willen Jehovas geschah. War aber das recht und gerecht vor Gott, so wird es auch recht und gerecht vor Dir, o Herr, sein, so ich da mit der Wahrheit innehalte, wenn ich durch sie meinem Nächsten, der mir sogar niemals ein Leid angetan hat, nichts nützen, sondern nur ungeheuer schaden muß!
GEJ|7|34|10|0|Ich bin nun der Meinung, daß, wenn Gott und Moses in dem achten Gebot keine Ausnahme gestellt haben, eben in diesem Gebote eine große Lücke offengeblieben ist, die allein durch Dein Gebot der Nächstenliebe ausgefüllt werden kann und auch ausgefüllt werden muß. – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|7|34|11|0|Sagte Ich: „Einesteils wohl, aber andernteils auch wieder nicht! Denn siehe, der Verbrecher wäre nach seiner Flucht kein besserer Mensch geworden, sondern würde, dir etwa nicht unbekannt, noch mehrere und größere Verbrechen zum Schaden vieler Menschen verüben! So du aber dann dem Gerichte kundtätest, wo sich der Verbrecher aufhält, damit dann das Gericht sicher nach ihm fahnden kann, so würdest du dadurch ja viele Menschen vor großem Unglücke retten und ihnen dadurch einen großen Liebesdienst erweisen. Was meinst du zu diesem sehr leicht möglichen Falle?“
GEJ|7|34|12|0|Hier stutzte die Helias und wußte nicht so ganz recht, was sie darauf erwidern sollte. Erst nach einer Weile tieferen Nachdenkens sagte sie: „Nun, wo eines schlechten und unverbesserlichen Menschen wegen viele Unschuldige leiden müßten, da sagt die Vernunft, daß es besser sei, so dieser eine wohlverdientermaßen leidet. Da ist es dann eben wieder infolge der wahren Nächstenliebe angezeigt, die Wahrheit, wenn sie verlangt wird, zu reden. Ob man aber bei solch einer Angelegenheit einen freiwilligen Verräter machen soll, das hast Du, o Herr, allein zu bestimmen!“
GEJ|7|34|13|0|Sagte Ich: „Dazu sei von Mir aus niemand verhalten, sondern das steht euch frei! Und so gehen wir zum neunten Gebote über! Wie lautet es?“
GEJ|7|35|1|1|35. — Das neunte und zehnte Gebot
GEJ|7|35|1|0|Sagte die Helias: „O Herr und Meister, bei dem neunten und zehnten Gebote finde ich gleich von vornherein einen wahrlich nicht unbedeutenden Anstand, und der besteht darin, daß wir Neujuden nun ein neuntes und zehntes Gebot haben, während Moses doch nur ein neuntes Gebot zum Schlusse seiner Grundgesetzgebung gab. Das gesamte neunte Gebot aber lautet: ,Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses, laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes, noch seines Knechtes noch seiner Magd, noch seines Ochsen noch seines Esels, noch alles dessen, was der Nächste hat!‘
GEJ|7|35|2|0|Mit dem hat die Grundgesetzgebung ihr Ende; denn gleich darauf floh nach der Erzählung Mosis das Volk aus Furcht vor den Blitzen, Donnern, vor dem Posaunenschall und vor dem gewaltigen Rauchen des Berges und bat Moses, daß er allein mit Gott reden solle – denn so es noch länger Gottes alles erschütternde Stimme anhören solle, dann würde alles Volk sterben vor zu großer Angst und Furcht –, worauf dann Moses das Volk beruhigte und vertröstete. Von einem weiteren zehnten Gebote ist dann weiter keine besondere Rede mehr.
GEJ|7|35|3|0|Doch bei uns ist das ,Laß dich nicht gelüsten nach deines Nächsten Weibe!‘ im neunten Gebot ausgelassen, und es ist daraus ein zehntes Gebot gemacht worden, und noch andere benennen das das neunte und alles andere das zehnte Gebot. Es fragt sich nun zuerst: Hat Moses von Gott doch zehn Gebote oder nur neun erhalten?“
GEJ|7|35|4|0|Sagte Ich: „Anfangs, Meine liebe Helias, wahrlich nur neun; später dann, als er gezwungen war, die zerbrochenen ersten steinernen Gesetzestafeln wieder durch neue zu ersetzen, hat er selbst das letzte Gebot in zwei abgeteilt, um das ehebrecherische Begehren nach eines Nächsten Weibe – was die Juden in Ägypten sich sehr zu eigen gemacht hatten und dadurch in beständigem Hader und fortwährender Zwietracht lebten und sich gegenseitig zu Todfeinden wurden – recht anschaulich zu machen, und am Ende setzte er auf den Ehebruch sogar die leibliche Todesstrafe, weil das noch so weise Wort bei den in alle Sinnlichkeiten versunkenen Juden nichts fruchtete.
GEJ|7|35|5|0|Und so weißt du nun, wann, wie und warum aus dem letzten, neunten Gebot ein für sich bestehendes zehntes entstand. An der Zahl aber liegt hier ja ohnehin nichts, sondern nur allein an der Sache, und so kannst du hier deine Kritik entweder bloß über das gesamte neunte Gebot oder auch über das gesonderte zehnte Gebot für sich aufstellen. Das hängt nun bloß von dir ab, wie es dir lieber ist. Und du kannst nun schon zu reden anfangen!“
GEJ|7|35|6|0|Sagte die Helias: „O Herr und Meister über alles! Das Reden wäre für meine schon von Geburt aus sehr geläufige Zunge schon gerade recht; aber ich sehe es da auch schon zum voraus ein, daß ich wieder völlig umsonst werde geredet haben. Denn wer kann aus seiner großen Dummheit heraus Dir irgend etwas vorbringen, das Du ihm nicht sogleich tausendfältig widerlegen könntest! Wenn aber das, warum da noch reden?“
GEJ|7|35|7|0|Sagte Ich: „Ja siehe, du Meine sonst überaus liebe Tochter, du möchtest wohl auch gern einmal recht haben, wie das schon nahe bei den meisten Weibern der Fall ist; aber es handelt sich hier durchaus nicht um eine eitle Rechthaberei, sondern um den größten Lebensernst, und da müsset ihr mit euren alten Irrtümern von selbst ans Tageslicht treten, damit ihr sie an Meinem wahrsten und lebendigsten Lichte desto vollkommener erkennen möget! Und darum lasse Ich nun dich für alle reden, da Ich nur zu gut weiß, daß du ein sehr gutes und scharfes Gedächtnis besitzest, dazu auch eine sehr beugsame Zunge, und daß eben du durch deinen Rabbi am meisten die Lücken und Mängel am Gesetz und an den Propheten gar wohl kennengelernt hast. Und so rede du nun nur wie zuvor ganz geradeheraus, was dir etwa auch an diesem Gesetze als nicht so ganz in der vollsten und besten Ordnung vorkommen sollte!“
GEJ|7|35|8|0|Sagte die Helias: „Herr, so man das tut, was Du willst, begeht man doch sicher keine Sünde, und auf das gestützt, muß ich hier schon ganz offen bekennen, daß ich mit – sage – diesem ganzen neunten Gebote am allerwenigsten und schon eigentlich ganz und gar nicht einverstanden bin, weil all das darin Verbotene jeder klaren Vernunft den reinen Hohn spricht, – erstens, weil alles darin Enthaltene schon ohnehin hinreichend im sechsten und siebenten Gebote enthalten ist, und zweitens, weil dem Menschen darin ganz ordentlich das Denken, Fühlen und Wünschen untersagt ist!
GEJ|7|35|9|0|Was liegt denn daran, so irgendein armer Mensch, der sein ganzes Leben hindurch zum Dienen und zur schweren Arbeit um magere Kost und um einen schlechten Lohn von Geburt aus verurteilt war, sich auch dann und wann denkt und sogar eine Sehnsucht bekommt, auch einmal ein Haus oder ein liebes Weib oder einen Ochsen oder Esel als Eigentum zu besitzen?! Denn es wird sein für ihn frommer Wunsch ja ohnehin nie erfüllt werden! Wenn es ihn nach so etwas auch gar nie gelüsten soll, so muß ihm zuvor ja doch das Denken, Fühlen und Empfinden ganz genommen werden.
GEJ|7|35|10|0|Wahrlich, es kommt mir dieses alberne Gebot geradeso vor, als so Moses den Menschen den Gebrauch ihrer Sinne und dazu auch ihrer Hände und Füße untersagt hätte, was sich aber noch um vieles bescheidener ausgenommen hätte, als wenn er ihnen die innersten Lebensfunktionen verboten hätte, für die doch wahrlich kein Mensch etwas kann, wenn sie in ihm, durch allerlei Umstände und Verhältnisse geweckt und erregt, vor sich gehen.
GEJ|7|35|11|0|Ich will das hier gar nicht mehr in irgendeine Anregung bringen, daß dieses Gebot ganz besonders wahrnehmbar nur für den Mann gegeben ist; allein dieser Grund ist bereits erörtert worden, und man kann da nun schon mit der größten Bestimmtheit annehmen, daß ein jedes Gesetz das Weib ebensogut angeht wie den Mann und es da denn auch für das Weib also gesagt ist: ,Du sollst nicht begehren deiner Nächsten Mann!‘ Das ist im Gesetze sonach alles in der Ordnung; aber daß ein Mensch nicht denken, nicht fühlen, nichts wünschen und auch nichts empfinden soll, – da hört sich aber auch schon alles auf!
GEJ|7|35|12|0|Es ist schon wahr, daß in uns allerlei Gedanken, auch allerlei Wünsche, Begehrungen und endlich auch Bestrebungen und Taten guter und böser Art entstehen; aber ohne die vorhergehenden Gedanken, aus denen freilich gar oft schlechte Handlungen entstehen, können auch keine guten Entschließungen und Taten zum Vorschein kommen. Das muß jedem Engel und jedem nur einigermaßen vernünftigen Menschen klar und sehr begreiflich sein. Und so sage ich, daß dieses letzte Gesetz, insoweit es den Menschen schlechte Handlungen verbietet, schon ganz in der Ordnung ist, obschon meines Erachtens überflüssig, weil das, wie schon früher bemerkt, ohnehin durch das sechste und siebente Gebot geschehen ist. Aber es ist ganz und gar nicht in der Ordnung, so es dem Menschen das Denken, Fühlen, Empfinden und ein daraus sicher hervorgehendes leises Wünschen, Gelüsten und Begehren verbietet.
GEJ|7|35|13|0|Zum Beispiel ich, meine Eltern und mein Bruder haben unser Vermögen und Besitztum ganz ohne unser Verschulden verloren und haben nun nichts als unser nacktes Leben und durch Deine Gnade, o Herr, die guten Freunde. So wir denn in unserer großen Armut die Reichen und Großen im Überflusse schwelgen sahen, – haben wir da gesündigt, so wir das Begehren in uns fühlten, nur einen ganz kleinen Teil von ihrem Überflusse unser nennen zu dürfen?! So es uns in unserem Hunger auch nicht einmal gelüsten soll, uns von den überfüllten Schüsseln nur dem Gedanken nach einmal zu sättigen, dann hört sich aber schon alles auf!
GEJ|7|35|14|0|Zu dem kommt da noch eine große Frage: ob an dem, was die Erde trägt, die eigentlich Gottes Grund und Boden ist, nicht alle in diese Welt ohne ihr Verschulden gesetzten Menschen wenigstens so viel natürliches Recht besitzen sollen, daß sie nur zur Notdurft ihren Leib versorgen können. Warum müssen oder sollen manche Menschen gar so viel ihr eigen nennen, und das unter allem möglichen gesetzlichen Schutze, die allergrößte Zahl dafür aber nichts und muß sich am Ende auch noch das göttliche Gesetz dahin gefallen lassen, daß sie kein Verlangen nach dem haben sollen, was als Überfluß die Großen und Reichen ihr Eigentum nennen? Man nimmt ihnen dadurch ja ohnehin nichts weg; aber wenn man kein notwendiges Verlangen nach dem Überflusse des Reichen haben darf, so darf man ihn als ein Bettler ja auch nicht darum bitten! Denn das Bitten setzt ja notwendig eine durch die Not gezwungene Lüsternheit nach einem Teile des Besitzes des reichen Nächsten voraus.
GEJ|7|35|15|0|Wir Armen dürfen demnach nur zu den Besitzern kommen und sie um eine Arbeit bitten und uns dafür mit dem noch so schmalen Liedlohne (Gesindelohn) völlig zufrieden geben, da jedes weitere Verlangen eine gesetzwidrige Lüsternheit nach dem wäre, was des reichen Nächsten ist und er sein nennt. O Herr und Meister, das kann ein höchst liebevoller Schöpfer nie und niemals also gewollt und also angeordnet haben! Das können nur schon von alters her habsüchtige Menschen unter dem Titel der Vorsehung Gottes also gewollt und gemacht haben, auf daß wir Armen sie auch nicht einmal mit unseren Gedanken in ihrem Besitze stören sollen.
GEJ|7|35|16|0|O Herr und Meister, der Du so überweise und allmächtig bist, – was sagst Du nun dazu? Denn ich habe geredet nun und habe dargestellt, was ich an diesem letzten Grundgesetz als nach meinem menschlichen Verstande überaus mangelhaft gefunden habe, freilich infolge von dem, was ich von meinem Rabbi bekommen habe. Oh, gib Du uns allen darüber nun ein rechtes Licht; denn ich denke mir, daß eben dieses gar nicht möglich zu haltende Gesetz die Menschen am meisten zu allerlei Sünden und anderen Verbrechen verleitet hat, weil ich nur zu gut weiß, daß eben dieses letzte Gesetz beinahe von allen verständigeren Juden als ein nicht göttliches erkannt wird! Oh, öffne Deinen heiligen Mund und gib uns Deinen Willen kund!“
GEJ|7|36|1|1|36. — Die Wichtigkeit der Gedankenüberwachung
GEJ|7|36|1|0|Sagte Ich: „Du bist ja ein ganz entsetzlich scharf verständiges Wesen und hast das letzte Mosaische Gesetz gar scharf angegriffen! Ja, ja, manchmal sind die Kinder der Welt klüger als die Kinder des Lichtes; sie sehen oft eher das Eckige einer Lehre denn die Kinder des Lichtes. Doch auch bei diesem letzten Gebote hast du dich, ungeachtet der großen Schärfe deines Verstandes, geradeso verhauen wie bei den früheren.
GEJ|7|36|2|0|Du kannst denken, was du willst, so kannst du dadurch nicht sündigen, so dein Herz an einem unordentlichen Gedanken kein Wohlgefallen findet. Findest du aber an einem schlechten Gedanken ein Wohlgefallen, so verbindest du auch schon deinen Willen mit dem schlechten, aller Nächstenliebe baren Gedanken und bist nicht ferne davon, solchen Gedanken, der einmal schon von deinem Wohlgefallen und von deinem Willen belebt worden ist, in die Tat übergehen zu lassen, wenn dir die Umstände günstig erscheinen und die Tat ohne äußere Gefahr zulassen. Daher ist die weise Überwachung der im Menschenherzen vorkommenden Gedanken durch das geläuterte Licht des Verstandes und der reinen Vernunft ja doch von der höchsten Wichtigkeit, weil der Gedanke der Same zur Tat ist, und es könnte die notwendige und weise Überwachung der Gedanken wahrlich nicht trefflicher ausgedrückt sein als eben dadurch, daß da Moses sagt: ,Laß dich nicht gelüsten nach diesem und jenem!‘ Denn so es dich einmal stark zu gelüsten anfängt, so ist dein Gedanke schon belebt durch dein Wohlgefallen und durch deinen Willen, und du wirst dann deine Not haben, solch einen belebten Gedanken in dir völlig zu ersticken. Der Gedanke, und die Idee, ist ja, wie früher gesagt, der Same zur Tat, die da die Frucht des Samens ist. Wie aber der Same, so dann auch die Frucht!
GEJ|7|36|3|0|Du kannst daher denken, was du willst; aber belebe keinen Gedanken und keine Idee eher zur Frucht, als bis du ihn vor dem Richterstuhle deines Verstandes und deiner Vernunft gehörig durchgeprüft hast! Hat der Gedanke da die Licht- und Feuerprobe bestanden, dann erst kannst du ihn zur Frucht oder Tat beleben, und es kann dich da dann schon gelüsten nach etwas Gutem und Wahrem; aber nach etwas Unordentlichem, das offenbar wider die Nächstenliebe geht, soll es dich nicht gelüsten! Und darin liegt das, was Moses in seinem letzten Gesetze ausgedrückt hat, und es liegt darin wahrlich wohl nie und nirgends der Widerspruch mit den inneren Lebensfunktionen, den du mit Hilfe deines scharfsinnigen Rabbi willst gefunden haben. Was soll, ja was kann aus einem Menschen werden, wenn er nicht schon frühzeitig lernt, seine Gedanken zu prüfen, zu ordnen und alles Unreine, Böse und Falsche aus ihnen zu scheiden? Ich sage es dir, solch ein Mensch würde schlechter und böser werden denn ein allerreißendstes und bösestes Tier!
GEJ|7|36|4|0|In der guten und weisen Ordnung der Gedanken liegt ja der ganze Lebenswert eines Menschen. Wenn nun Moses zur Regelung der Gedanken, Wünsche und Begierden auch ein Gebot gab, – kann da ein ganz weise sein wollender oder sein sollender Rabbi ihn dahin verdächtigen, als hätte er ein solches am allermeisten zu berücksichtigende Gebot nicht vom wahren Geiste Gottes empfangen? Siehe, siehe, du Meine liebe Tochter, wieweit sich da dein Rabbi verstiegen hat!“
GEJ|7|37|1|1|37. — Armut und Reichtum
GEJ|7|37|1|0|(Der Herr:) „Daß die Güter dieser Erde sehr ungleich verteilt sind, und daß es Reiche und Arme gibt, das ist schon also der weise Wille Gottes, und Er läßt darum auch solch ein Verhältnis unter den Menschen bestehen, weil ohnedem auch die Menschen schwer oder auch gar nicht bestehen könnten.
GEJ|7|37|2|0|Denn stelle dir einmal die Sache also vor, daß da ein jeder Mensch auf der ganzen Erde schon von Geburt an mit allem also versorgt wäre, daß er von keinem andern nur ein Geringstes mehr benötigen würde, so würde er nur zu bald den Tieren des Waldes und den Vögeln der Luft gleich leben. Diese bauen sich keine Häuser, bebauen keine Felder und Weinberge und haben nicht not, für ihre Bekleidung zu sorgen. Und hätten sie auch in ihren Höhlen und Nestern hinreichend Nahrung, so würden sie diese auch nie verlassen, sondern sie würden gleich den Polypen im Meeresgrunde ruhen und fressen, wenn sie einen Hunger verspürten. Aber weil die Tiere ihren Fraß erst suchen müssen, so sind sie voll Bewegung und ruhen erst dann, wenn sie ihren Hunger gestillt haben.
GEJ|7|37|3|0|Und siehe, also hat es Gott besonders unter den Menschen gar sehr weise eingerichtet, daß Er die irdischen Güter unter sie sehr ungleich verteilt und sie auch mit sehr verschiedenen Talenten und Fähigkeiten ausgestattet hat! Dadurch ist ein Mensch dem andern ein unerläßliches Bedürfnis. Der Reiche ist gewöhnlich für eine schwerere und doch höchst notwendige Arbeit nicht sehr dahin eingenommen, daß er selbst seine Hände daran legte; aber er hat eine Freude daran, daß er alles nach seinem Wissen und nach seinen gemachten Erfahrungen anordnet und seinen Knechten und Mägden anzeigt, was sie zu tun und zu arbeiten haben. Diese legen dann ihre Hände ans Werk und arbeiten nun und dienen willig dem Reichen um den bedungenen Lohn. Und damit sie sich etwa aus Liebe zum Selbstreichsein und zum Wohlleben nicht am reichen Dienstgeber vergreifen können, so schützen diesen die weltlichen, wie auch die göttlichen Gesetze, freilich nur bis zu einem gewissen Maße, über das auch für die Reichen gar scharfe und weise Gesetze gegeben sind.
GEJ|7|37|4|0|Also braucht der reiche Besitzer auch allerlei Professionisten. Er muß zum Schmied kommen, zum Zimmermann, zum Maurer, zum Schreiner, zum Töpfer, zum Weber, zum Schneider und zu noch gar vielen anderen, und so lebt einer von dem andern, weil einer dem andern dient. Und nur auf diese Art kann das Menschengeschlecht auf der Erde erhalten werden und könnte sehr gut bestehen, wenn sich so manche nicht auf eine gar zu übermäßige Habsucht und Herrschgier geworfen hätten. Doch diese werden von Gott stets scharf heimgesucht und schon auf dieser Welt gezüchtigt, und ihr ungerecht zusammengeraffter Reichtum geht höchstens bis auf die dritte Nachkommenschaft über.
GEJ|7|37|5|0|Du siehst daraus, daß es in der Welt Arme und Reiche geben muß, und so kannst du auch schon einsehen, daß Moses das letzte Gesetz nicht lückenhaft, sondern so vollständig wie nur immer denkbar den Juden und durch sie allen Menschen gegeben hat, und daß eben in diesem Gesetze erst die wahre, innere Vollendung der reinen Nächstenliebe und des Geistes der Barmherzigkeit im Menschenherzen zugrunde liegt.
GEJ|7|37|6|0|Wenn aber das unleugbar der Fall ist, so ist darin auch die Bedingung enthalten, daß ein jeder zur wahren Reinigung seiner Seele eben dieses letzte Gesetz sehr beherzigen und auch gar sehr und vollkommen beachten soll. Denn solange ein Mensch nicht völlig Herr seiner Gedanken wird, so lange wird er auch nicht Herr seiner Leidenschaften und der daraus hervorgehenden Tätlichkeiten. Wer aber da nicht Herr und Meister in sich und über sich ist, der ist noch ferne vom Reiche Gottes und ist und bleibt ein Knecht der Sünde, die aus seinen unordentlichen Gedanken und daraus hervorgehenden Begierden geboren wird und den ganzen Menschen verunreinigt. – Hast du das nun wohl verstanden? Nun ist wieder an dir die Reihe, zu reden.“
GEJ|7|38|1|1|38. — Über menschliche Kritik. Des Herrn Rat, sich aller Zweifel zu entäußern. Der innere Verkehr mit dem Herrn
GEJ|7|38|1|0|Sagte die Helias: „O Herr und Meister in Deinem Geiste von Ewigkeit! Was soll ich arme Magd noch mehr reden? Denn mit Dir über göttliche Dinge reden kommt mir nun geradeso vor, als so ein recht allereinfältigster Narr sich vornähme, das ganze, unmeßbar große Meer mit einem Eßlöffel in einen Wassereimer auszuschöpfen. Alles, was Du, o Herr, sagst, ist Wahrheit; wir Menschen alle zusammen aber wissen ganz und gar nichts. Diese meine Bemängelung des letzten Gebotes kam mir doch so grundrichtig vor wie nur etwas unumstößlich Wahres in der ganzen lieben Welt, und was ist eben diese meine Gesetzesbemängelung jetzt? Nicht nur gar nichts, sondern ein ausgesprochenes Etwas, über das man sich gleich eine ganze Ewigkeit lang schämen könnte, daß man es eben dümmsterweise ausgesprochen und dadurch auch so erst ganz ordentlichst seine eigene Dummheit zur offensten Schau getragen hat. Herr und Meister, wahrlich wahr, ich bin nun mit mir selbst im höchsten Grade unzufrieden, und es reut mich tiefst, daß ich je nur zu wagen mich getraut habe, mich mit Dir in einen Wortwechsel einzulassen! Was werden nun alle die hier versammelten weisen Männer von einer solchen naseweisen und eingebildeten Dirne denken? O Herr und Meister, ich fange nun an, mich ganz entsetzlich zu schämen!“
GEJ|7|38|2|0|Sagte Ich: „Nun, warum denn so ganz eigentlich? Ich habe dich ja doch Selbst dazu aufgefordert, und du selbst hast es allzeit ausgesprochen: Wer das tut, was Ich will, der sündigt nicht! Du hast aber eben das getan, was Ich gewollt habe, und somit hast du denn auch nicht gesündigt; und hast du nicht gesündigt, so hast du dich wegen irgendeiner Sünde vor Mir auch nicht zu schämen. Denn was du geredet hast, das war nicht nur deiner selbst wegen von großer Wichtigkeit, sondern auch der gar vielen andern wegen; denn sie alle trugen ganz dieselben Zweifel in ihren Eingeweiden und sind dadurch nun von Grund aus geheilt. Und siehe, das war mehr oder minder auch ein Werk deiner wahrlich sehr gewandten Zunge, und siehe, das war etwas ganz Gutes und gar nichts Schlechtes, und so darfst du dich dessen gar nicht schämen, was du geredet hast. Du hast für dein geringes Alter einen ganz geläuterten Verstand, und der ist das anfängliche Licht des Herzens; und wer ein rechtes Licht des Herzens hat, der kann auch bald und leicht das rechte Licht des Lebens finden. – Verstehest du, was Ich dir damit gesagt und gezeigt habe?“
GEJ|7|38|3|0|Sagte die Helias: „O Herr und Meister, das verstehe ich wohl; aber dessenungeachtet habe ich dennoch in mir das vollste Bewußtsein, daß ich das vollkommenste Nichts im Nichts bin und Du das vollendetste Alles in Allem bist! Aber von nun an bitte ich Dich, o Herr, mich nicht mehr zum Reden aufzufordern; denn ich bin sehr blind!“
GEJ|7|38|4|0|Sagte Ich: „Du solltest wohl noch reden, weil du auch die Propheten verdächtigt hast; doch weil du nun einsiehst und begreifst, daß das Gesetz Mosis ein rein göttliches ist und keine Mängel und Lücken in sich faßt, als wäre es ein menschliches, so kannst du dir nun das weitere Reden ersparen. Doch so dich irgend etwas noch mit einem Zweifel erfüllt, so kannst du fragen, und es wird dir Licht gegeben werden.
GEJ|7|38|5|0|Doch hier um Mich sitzen Meine alten Jünger, und jener scheinbare Jüngling ist Mein Diener, wie Ich deren noch gar viele habe; auch ihn kannst du fragen, und er wird dir, gleich wie Ich Selbst und gleich wie diese Meine Jünger, über alles den rechten Aufschluß geben. Ich Selbst aber werde nun zu Meinen Jungen gehen, die dort auf der entgegengesetzten Seite dieser Herberge sich in einem Gemache befinden, und werde sie in die Freie führen. Begleiten aber darf Mich nun nur Lazarus, der Römer Agrikola und der Sklavenhändler Hibram.
GEJ|7|38|6|0|Nun weißt du, Meine Helias, schon, was du zu tun hast, wenn du noch ein weiteres Licht haben willst; denn Ich muß nun etwas anderes tun, da die Sonne nur noch etwas über eine halbe Stunde am Himmel verweilen wird. Sodann kommen nach dem Untergange die vielen fremden Gäste, die draußen unter den Zelten ihr Abendmahl zu sich nehmen werden, und da ist für Mich keine Zeit, draußen unter den Weltmenschen umherzuwandeln, sondern Ich will dann wieder hier in eurer Mitte sein. Aber wenn dann die Fremden nach dem Abendmahle wieder in ihre Wohnhütten abziehen werden, dann werden wir gemeinschaftlich uns ins Freie begeben, und ihr alle sollet da viel Wunderbares erleben. Und so verharret nun hier und erbauet euch geistig, bis Ich wieder zu euch zurückkehren werde!“
GEJ|7|38|7|0|Sagte nun die Helias mit einer etwas trüben Stimme: „O Herr und Meister, warum darf denn ich nun nicht mit hinaus ins Freie? Und ich möchte doch gar so sehnlichst gerne immer in Deiner nächsten Nähe sein!“
GEJ|7|38|8|0|Sagte Ich: „Das ist wahrlich gar sehr löblich von dir; aber du kannst auch ohne Meine Persönlichkeit stets in Meiner nächsten Nähe sein, wenn du Mir nur im Herzen nahe bist! Siehe, in Genezareth befindet sich auch ein gar liebliches Mägdlein, dessen Namen Jarah ist; die hat Meine Person schon beinahe ein ganzes Jahr lang nicht mehr gesehen, und dennoch ist sie Mir in ihrem Herzen noch um ein bedeutendes näher als du nun! Ich kann Mich in jedem Augenblick mit ihr besprechen, und sie vernimmt jedes Meiner Worte genaust in ihrem Herzen und richtet sich strenge danach. Tue du desgleichen, so wirst auch du gleich jener Jarah dich stets in Meiner nächsten Nähe befinden, und das auch dann, wenn Ich nicht mehr in diesem Leib und Fleisch auf dieser Erde umherwandeln werde! Verstehe solches und richte dein Leben danach ein, so wirst du das ewige Leben haben in dir!“
GEJ|7|39|1|1|39. — Die Ansichten des jungen Sklaven. Rußlands Zukunft
GEJ|7|39|1|0|Darauf erhob Ich Mich schnell und die drei Berufenen mit Mir, und wir gingen zu unseren Jungen, die wir ganz ruhig und mit heiteren Gemütern antrafen; denn da hatte eines dem andern stets vieles zu erzählen, was ein jedes auf der weiten Reise Absonderliches gesehen und bemerkt hatte, und wie solches auf ihre gegenwärtige Erlösung Bezug genommen habe. Einige hatten Träume, andere wollten andere Erscheinungen bald auf der Erde und bald wieder am Himmel gesehen haben. Und also unterhielten sich diese Jungen die etlichen Stunden untereinander ganz gut und merkten es kaum, daß es schon nahe zum Ende des Tages gekommen war.
GEJ|7|39|2|0|Als wir zu ihnen in ihr ganz geräumiges Gemach traten, da war es völlig aus vor lauter Freude, und alle schrien: „Gegrüßet seist du, unser allein rechter und ganz allein wahrer Vater; denn du hast uns ein gutes Brot und einen guten Trank gegeben, hast uns frei gemacht von unseren harten Banden und hast wohl bekleidet unsern nackten Leib, und darum bist du nun ganz allein unser rechter und wahrer Vater, und wir alle lieben dich nun über alles! Aber unsere harten Eltern können wir nun nicht mehr allzusehr lieben; denn sie haben uns nie etwas Gutes getan, außer daß sie uns eine Zeitlang gemästet haben, um uns dann teurer verkaufen zu können. Wir wünschen ihnen darum dennoch nichts Arges, sondern nur das wünschen wir ihnen, daß sie bald zu der Einsicht kommen sollen, daß es höchst unrecht ist, so Menschen wieder Menschen und sogar die Eltern ihre Kinder gleich wie andere Haustiere an gewinnsüchtige Kaufleute verkaufen. Doch da wir nun alle einen so überguten Vater gefunden haben, so sei auch der alte Frevel, den unsere Alten an uns, ihren unschuldigen Kindern, begangen haben, ihnen vergeben, was du, harter Kaufmann Hibram, ihnen daheim wohl vermelden kannst, wenn noch irgendein ehrlicher Blutstropfen in deinen Adern fließt!“
GEJ|7|39|3|0|Lazarus und auch Agrikola erstaunten über die große Entschiedenheit dieser Ansprache an Mich und teilweise an den Sklavenhändler Hibram; denn Ich gab den zweien die Gabe, die Sprache dieser nordischen Jungen zu verstehen, wie auch mit ihnen zu reden, da solches höchst notwendig war, auf daß sich besonders der Römer mit ihnen besser verständigen konnte. Ich hätte solch eine Fähigkeit auch allen diesen Jungen geben können; aber es wäre das für sie nicht so gut gewesen, weil sie durch eine vollkommenere Sprache auch eher und vollkommener zur Kenntnis aller möglichen Unarten, Untugenden, Sünden und Laster gelangt wären. Wenn sie aber die ihnen noch fremde Sprache der Römer erst nach und nach erlernen mußten, so wurden sie vorerst in ihrer Sprache von dem Römer, der am Ende doch alle die Jungen mit nach Rom führte und dem Lazarus keinen zurückließ, in Meiner Lehre unterwiesen, die ihnen dann einen immerwährenden Schutz gegen die Torheiten Roms gab; und es war somit alles gut, wie Ich diese Sache angeordnet hatte.
GEJ|7|39|4|0|Als sich diese Jungen mit uns ordentlich unterredet hatten und auch Hibram ihnen die teuerste Versicherung gab, daß er daheim für ihre zurückgebliebenen Gefährten schon bestens sorgen werde, und daß er fortan auch keinen Menschenhandel mehr führen wolle, für welches Versprechen sich ihm alle Jungen beiderlei Geschlechts sehr dankbar bezeigten, da sagte Ich, daß sie nun alle mit uns hinaus in die Freie gehen sollten, was ihnen eine große Freude verursachte.
GEJ|7|39|5|0|Als wir aber im Freien waren, sahen wir die schöne Landschaft gegen den Sonnenuntergang, und die Jungen sagten ganz wonnetrunken, daß sie noch nie eine so schöne Landschaft gesehen hätten.
GEJ|7|39|6|0|Und ein Junge, der eine besonders hervorragende Denk- und Redefähigkeit besaß, sagte: „Wahrlich, in diesem Lande, das gar so schön und warm ist, müssen die Menschen dem guten Gott um vieles näher sein als dort, wo wir geboren sind; denn dort ist es nur eine ganz kurze Zeit warm und darauf eine lange Zeit sehr kalt, so daß vor lauter Kälte das Wasser zu Stein wird, und das ganze Land sieht sehr traurig aus! Daher sind dort die Menschen auch dem bösen Gott näher und sind daher auch böse und schlecht. Denn dort lieben sich die Menschen untereinander nicht, und jeder trachtet nur, wie er seinen Nebenmenschen etwas Arges zufügen könne. Der am meisten Starke ist dort ein fürchterlicher Herr der anderen schwachen Menschen, zwingt sie, ihm die schwersten Dienste zu tun, und gibt dafür keinen Lohn, – Das muß dort wahrlich der böse Gott bewirken! Und du, Hibram, bist dort auch ein solcher starker Herr; darum laß du dich in Zukunft daheim ja nicht mehr von dem bösen Gott gefangennehmen in deinem Gemüte und in deinem Verstande und bringe ihm kein Opfer mehr dar, sondern opfere dem guten Gott dieses Landes, dann wird auch unser Land so schön und warm werden, wie nun dieses da ist.
GEJ|7|39|7|0|Denn ich meine, daß der gute Gott um vieles mächtiger ist als der böse, der das Wasser wohl töten und zum Steine machen, aber selbst nicht wieder auflösen und lebendig machen kann. Hier hast du den guten und mächtigsten Gott gefunden; nimm Ihn mit in deinem Herzen und opfere Ihm allein, und Er wird dann schon auch segnen unser großes Land! Wirst du aber daheim wieder dem bösen Gott opfern, so wird unser Land nimmer diesem schönen und warmen Lande gleich werden.“
GEJ|7|39|8|0|Diese kindlich weisen Worte des Jungen rührten Hibram zu Tränen, und er versprach dem Jungen auf das feierlichste, daß er seinen Rat und Wunsch auf das pünktlichste befolgen und dem vermeinten bösen Gott nie mehr ein Opfer darbringen werde; wohl aber werde er dort allen seinen Untergebenen den guten Gott, den er hier gar wohl kennenlernte, verkünden und zeigen, wie man Ihm allein opfern kann und soll.
GEJ|7|39|9|0|Aber bei der Gelegenheit machte er auch alle Jungen darauf sehr aufmerksam, wie auch sie sich nun vor allem emsigst bestreben sollen, den guten und allein wahren Gott stets näher und näher zu erkennen und Ihn über alles zu verehren und zu lieben, und, wenn sie es in der Erkenntnis des guten und allein wahren Gottes zu einer Vollendung gebracht haben würden, sie dann ihres Heimatlandes nicht vergessen sollen.
GEJ|7|39|10|0|Auch dieses gelobten die Jungen, und der Redner sagte: „So wir einmal des guten, allein wahren und über alles mächtigen Gottes Segen und Kraft also innehaben werden wie diese Menschen hier – wovon wir uns alle auf das hocherstaunlichste überzeugt haben –, dann werden wir auch gar leicht wieder heimfinden und auch heimkehren; denn da wird uns Sein Geist schon den rechten und den nächsten Weg zeigen und auch führen. Aber ohne solch einen Führer und über alles mächtigen Führer und Beschützer, würden wir unser von hier so überweit entferntes Land wohl nimmer finden können, und das darum um so schwerer, da wir vier Tage lang mit verbundenen Augen und mit Lehm überklebten Ohren auf den Wagen und Karren vom Heimatlande weg geschafft worden sind. Darum lasset auch von dieser bösen Gewohnheit ab; denn es ist etwas gar sehr Entsetzliches, blind und taub als ein Sklave sein Heimatland, wenn es auch ein noch so unfreundliches Aussehen hat, für immer verlassen zu müssen. Also auch dieses merke dir, du daheim starker und die armen Menschen weit und breit beherrschender Hibram!“
GEJ|7|39|11|0|Hierauf wandte sich der Junge gar sehr liebfreundlichen Angesichtes an Mich und sagte: „O du, unser guter Vater und weisester und sehr mächtiger und von dem guten Gott sehr erfüllter Mann voll Macht und jeglicher Kraft, sage auch du dem Hibram, daß er das tun soll, was wir Armen ihm durch meinen Mund treuoffenherzig geraten haben, und er wird das dann um so gewisser tun, da auch er auf dich schon viel zu halten scheint! Wenn er daheim das tun wird, so wird dann auch unser Land so schön und warm werden, wie dieses da ist, und der böse Gott wird dann sicher nicht mehr imstande sein, das Wasser zu töten und das ganze große Land mit dem sehr kalten Schnee zu überstreuen, – was für die dortigen Menschen ein gar böses Leben zeiht (verursacht).
GEJ|7|39|12|0|O du guter Vater von uns allen, habe doch die Barmherzigkeit nicht nur mit uns, sondern auch mit allen denen, die in unserem schlimmen Lande zu Hause sind und gar oft nichts zu essen haben als das getrocknete Fleisch von wilden Tieren und Fischen! Wenn ich im Namen aller dieser, die dich hier als den guten Vater preisen, eine Fehlbitte getan habe, so magst du mich wohl darum strafen; denn an Macht und Kraft dazu fehlt es dir, du lieber, guter Vater, sicher nicht, wie wir uns alle schon überzeugt haben!“
GEJ|7|39|13|0|Sagte Ich: „Warum nicht gar! Ich habe von Ewigkeit her noch kein Wesen gestraft, außer es hat sich selbst gestraft, – um so weniger werde Ich dich je strafen für dein gar gutes und edles Herz. Im Gegenteil, Ich sage dir: Du wirst in sieben Jahren in dein Land zurückkehren, und Ich werde aus deinen Lenden ein Geschlecht erwecken, das des Nordens weite Länder über tausend Jahre hindurch in Meinem Namen beherrschen und leiten wird. Aber deine späteren Nachkommen werden die Herrschaft nicht erhalten, weil sie roh und höchst herrschsüchtig werden. Allein, daraus brauchst du dir nichts zu machen; denn Ich werde Mir da allzeit Lenker wählen, wie Ich sie eben werde brauchen können. Doch das Reich wird stets ein und dasselbe mit wenigen Veränderungen verbleiben; doch in den späteren Zeiten werden die Lenker nicht in Asien, sondern in Europa ihren bleibenden Wohnsitz aufschlagen. Darum aber seid alle besonders fleißig und lernet alles Gute und Wahre und verpflanzet Mein Licht auch nach dem sehr finsteren Norden!
GEJ|7|39|14|0|Es wird zwar dort so wie bis jetzt der Winter der Weltnatur die Erde beherrschen; allein das macht nichts. Wenn nur eure Herzen warm sind durch die Liebe zu Gott und zu euren Nächsten, dann werden eure toten Ströme schon auftauen und euch vielen Segen ins Land schaffen. Aber ihr müsset euch nun denn so recht emsig in allem Guten und Wahren von denen unterweisen lassen, die euch nach Rom mitnehmen werden, und ihr werdet dann nach sieben Jahren voll Segens in euer Land zurückkehren. Und so ihr euch wieder in eurer alten Heimat befinden werdet, da tut denen Gutes, die euch Böses getan haben, und ihr werdet dadurch viel Segen in euer Land bringen! – Habt ihr das wohl verstanden?“
GEJ|7|39|15|0|Alle bejahten das und versprachen, es zu halten.
GEJ|7|39|16|0|Und Ich sagte: „So haben wir einen guten Zweck erreicht und wollen uns denn wieder ins Haus zurückbegeben!“
GEJ|7|39|17|0|Damit waren auch alle völlig zufrieden, und wir zogen uns wegen der ankommenden Fremden wieder ins Haus zurück, wo wir die Helias in glühendem Gespräche mit dem Engel antrafen.
GEJ|7|40|1|1|40. — Lazarus und Raphael bedienen die Fremden
GEJ|7|40|1|0|Als Ich Mich wieder an den Tisch gesetzt hatte, da berief Ich den Raphael und den Lazarus und zeigte beiden an, daß die Fremden aus der Stadt bereits im Anzuge seien und sie darum Sorge tragen sollten, daß diese in ihren Zelten untergebracht und versorgt würden und nicht in die Gemächer des Hauses kämen.
GEJ|7|40|2|0|Da fragte Lazarus, sagend: „Herr, es wird schon dunkel, weil die Sonne untergegangen ist. Wie werden wir da mit der Beleuchtung auskommen? Im Hause haben wir der Lichter schon in gerechter Anzahl; aber in den Zelten haben wir bis jetzt noch keine Lampen, und da möchte ich Dich, o Herr, wohl bitten, mir da zu helfen. Denn wenn die Zelte finster sind, so gehen uns die Fremden ins Haus, wo sie ein Licht sehen werden.“
GEJ|7|40|3|0|Sagte Ich: „Darum gebe Ich dir Raphael mit; der wird dir schon tun, was da nötig ist, wie er dir solches um die Mittagszeit getan hat. Und also kannst du schon ganz getrost hinausgehen. Gehet aber nun, da die Fremden schon ankommen!“
GEJ|7|40|4|0|Da ging Lazarus mit Raphael und mit seinem Wirte hinaus und fand zu seinem großen Staunen die Zelte alle hell erleuchtet und die Tische alle mit Wein und allerlei Speisen bestens besetzt. Da kamen aber auch des Hauses Diener und Mägde und fragten den Lazarus und den Wirt, woher sie die Speisen und den Wein genommen hätten, da sie als Diener des Hauses nichts davon wüßten.
GEJ|7|40|5|0|Da sagte Lazarus: „Seid ihr ja doch auch Menschen! Warum bekümmert ihr euch also so wenig um das, was nun in meinem Hause ist und geschieht?! Wir wissen das schon gar wohl, woher diese Zelte, die Tische, das Tischgerät, der Wein und die Speisen sind. Hättet ihr selbst euch mehr darum bekümmert, so wüßtet ihr das auch. Aber euch kümmert das wenig, und so wisset ihr denn auch wenig oder gar nichts! Wer ist denn Derjenige, der mit Seinen Jüngern nun schon bei vier Tage lang hier in meinem Hause wohnt?“
GEJ|7|40|6|0|Sagten die Köche und einige Diener: „Ah, nun wissen wir es schon! Das ist der große Prophet aus Galiläa! Es ist uns aber nun sehr zu verzeihen, so wir bis jetzt davon wenig wußten und noch weniger verstanden, was es da mit dem Propheten für eine Bewandtnis hat; denn wir waren stets vollauf mit unserer Arbeit beschäftigt und hatten bis heute nachmittag wahrlich wenig Zeit, uns um derlei Dinge umzusehen, und es hätte sich für uns auch gar nicht geschickt, um eines oder anderes zu fragen, wenn uns auch hie und da so manches aufgefallen ist. Doch von nun an werden wir uns schon um alles mehr bekümmern, da wir ja auch Menschen sind – wie du selbst es gesagt hast –, denen es auch nicht schaden kann, so sie etwas mehr wissen, als sie bis jetzt gewußt und erfahren haben. Nicht wahr, Herr des Hauses und deiner vielen anderen Güter, wir dürfen das?“
GEJ|7|40|7|0|Sagte Lazarus: „O allerdings, doch jetzt gehe ein jeder an seine Arbeit, damit für die vielen Gäste im Hause ein gutes und hinreichendes Abendmahl bereitet wird! Und ihr Diener gehet zu den Zelten, weiset den Fremden die Plätze an, und nehmet von ihnen wie am Mittage, wenn sie gegessen und getrunken haben werden, das Geld! Gehet nun; denn die Gäste kommen schon!“
GEJ|7|40|8|0|Da ging ein jeder an seine Arbeit; Lazarus mit dem Wirte aber bewillkommnete die nun auf einmal massenhaft ankommenden Gäste.
GEJ|7|40|9|0|Einer der Fremden aber fragte den Lazarus doch, wie er denn so genau wissen konnte, daß der fremden Gäste eben so viele ankommen würden, als er Zelte, Bänke, Tische und Speisen und Weine vorbereitet habe. Denn es falle ihm das sehr auf, daß er als ein Wirt das so ganz genau zu erraten vermocht habe. In andern Herbergen sei das beinahe gar nie der Fall; denn da treffe es sich meistens, daß die Herbergswirte entweder zuviel oder zuwenig für die ankommenden Gäste vorbereitet hielten.
GEJ|7|40|10|0|Auf diese Frage sagte Lazarus vorderhand, weil sie ihn ein wenig überrascht hatte, nichts als das nur, daß sich der geehrte Gast nun nur in das nächste Zelt begeben und essen und trinken solle, und er werde ihm dann schon, so er noch darauf bestehe, den nötigen Aufschluß geben.
GEJ|7|40|11|0|Damit stellte sich der Gast denn auch zufrieden, ging in sein Gezelt, setzte sich zu Tische, aß und trank ganz wacker darauflos und konnte den Wohlgeschmack der Speisen und Getränke nicht genug loben.
GEJ|7|40|12|0|Ein anderer Gast im selben Zelte sagte: „Wahrlich, diese Speisen müssen von Göttern zubereitet worden sein, da sie gar so fabelhaft wohlschmeckend sind! Und der Wein ist ein echter Nektar, der für die Götter taugte!“
GEJ|7|40|13|0|Und es wurden noch eine Menge solcher Bemerkungen von diesen griechischen Kaufleuten gemacht. Einer wollte viel Geldes hergeben, so er das Geheimnis solch eines ausgezeichneten Kochens erfahren könnte.
GEJ|7|40|14|0|Da Lazarus derlei Bemerkungen wohl vernommen hatte und nicht so recht wußte, was er darauf sagen sollte, so besprach er sich mit dem Engel, was er sagen solle, so er etwa um derlei Dinge befragt werden würde.
GEJ|7|40|15|0|Sagte Raphael: „Laß du diese Sache nur ganz gut sein, das werde schon ich mit diesen Menschen abmachen; denn du könntest da ein wenig irre werden und diesen Menschen entweder zuviel oder zuwenig sagen, und beides wäre da eben nicht am rechten Platze! Und so, wie gesagt, lasse du die Sache nur ganz gut sein; denn alles das werde schon ich machen!“
GEJ|7|40|16|0|Damit war denn Lazarus auch ganz vollkommen zufrieden und ließ die Gäste ganz wohlgemut ihre Bemerkungen machen.
GEJ|7|40|17|0|Doch es kam nun die Zeit, daß die Gäste vollauf gesättigt waren, ihre Zeche zahlten und anfingen, sich auf den Weg in die Stadt zu machen, wo sie gewöhnlich in ihren Verkaufshütten die Nacht zubrachten.
GEJ|7|40|18|0|Doch die Kaufleute von der bewußten ersten und nächsten Zelthütte, die unseren Lazarus schon gleich anfangs in Verlegenheit gebracht hatten, fingen von vorne an, ihn mit ihrer Neugier zu plagen.
GEJ|7|40|19|0|Aber er wies sie nun ganz keckweg an Raphael und sagte (Lazarus): „Wisset ihr was? Daß ihr sicher nicht leicht irgend besser bewirtet werdet als eben hier bei mir, das scheint aus euren Fragen ganz klar hervorzuleuchten; doch es hat ein jeder ehrliche Wirt seine eigenen Geheimnisse, die er um gar keinen Preis dahin veröffentlicht wissen möchte, daß auch andere Kenntnis davon besitzen sollen. Aber dieser herrliche junge Mensch kann euch ganz gut das sagen, was euch davon zu wissen allenfalls nötig sein kann, und so wendet euch an ihn, – er wird euch den rechten Bescheid dann schon geben!“
GEJ|7|41|1|1|41. — Raphael und die Griechen
GEJ|7|41|1|0|Auf diese Rede des Lazarus wandte sich der Grieche an den Jungen (Raphael) und sagte: „Du lieber Junge, der Wirt hat uns mit unserem Anliegen an dich beschieden, du würdest uns etwa schon das Rechte kundgeben! Um was es sich handelt, das hast du ohnehin erfahren, und so kannst du schon gleich zu reden anfangen!“
GEJ|7|41|2|0|Sagte der Engel: „Ja, meine Lieben, das geht nicht sogleich, wie ihr euch das so vorstellet! Denn es steht in unseren auch euch nicht mehr ganz unbekannten Büchern geschrieben: ,Das Land Kanaan ist gegeben den Kindern Jehovas, und Götter werden darin wohnen.‘ Und so seid ihr nun im Lande der Götter, und ihr habt es da mit Göttern zu tun und nicht mit puren Weltmenschen, gleich wie ihr es seid. So ihr aber von Göttern etwas erreichen wollet, so müsset ihr sie zuvor sehr ernstlich bitten können, ansonst verschließen die Götter ihren Mund und geben euch keine Lehre und keinen Rat. – Verstehet ihr mich?“
GEJ|7|41|3|0|Da machte der Grieche große Augen und sagte zum Jungen: „Na, na, du mein lieber, junger Jude, mit eurer Götterschaft scheint es eben nicht gar zu weit her zu sein; denn wäret ihr Götter, so hätten euch die Römer nicht unterjocht! Aber es macht das eben nichts, wenn du als ein junger, wahrscheinlich noch nicht sehr erfahrungsreicher Jude dir auf eure alten, mystischen Schriften etwas zugute tust und dir einbildest, irgendein Gott zu sein. Ich kann dich ja auch bitten, mir einiges von eurem Kochgeheimnis mitzuteilen, und so sei denn darum auch ganz ernstlich gebeten!“
GEJ|7|41|4|0|Sagte der Engel: „Jetzt sage ich dir und jedem von euch noch weniger von unserem Kochgeheimnis denn zuvor; denn jetzt bist du sogar etwas grob geworden, und mit der Grobheit ist bei uns Göttern schon gar nichts auszurichten! Denn ihr Menschen habt euch nach uns, nicht aber wir uns nach euch zu richten, da wir ohne euch ganz gut leben und ewig bestehen können, ihr aber ohne uns nimmer. – Habt ihr dieses auch wieder verstanden?“
GEJ|7|41|5|0|Sagte der Grieche: „O ja, nur zu gut, und wir haben daraus ersehen, daß eben du als ein noch unbärtiger Jüngling ein sehr sonderbarer Kauz bist! Aber so du dir auf deine Götterschaft denn schon gar soviel zugute tust, so gib uns eine Probe davon, und wir werden dann schon auch sicher wissen, was wir dir gegenüber zu tun haben werden! Denn mit Worten allein kann sich ein scheinbarer Mensch uns Menschen gegenüber nie und niemals als ein Gott manifestieren, sondern nur durch eine Tat, die nach dem Zeugnisse aller in allerlei Künsten und Wissenschaften Kundigen notwendigerweise als eine nur einem Gott mögliche angesehen werden kann. – Hast du als ein als Gott verehrt sein wollender Junge auch das verstanden?“
GEJ|7|41|6|0|Sagte Raphael: „O ja, doch mit derlei griechischen Weisheitsfloskeln richtet ihr bei mir nichts aus; denn ich besitze göttliche Macht und Kraft und habe darum auch keine Furcht vor irgendeinem Menschen und auch vor allen Menschen auf der ganzen Erde nicht. Wer von mir etwas erhalten will, der muß mich zuvor vollernstlich darum bitten mit reinem und demutsvollem Herzen; aber mittels eurer Weisheitskniffe erhaltet ihr nichts und allzeit nichts von mir. – Verstehet ihr das?“
GEJ|7|41|7|0|Sagte der Grieche: „Höre, du bist ein ganz unbändiger Junge, und es ist mit dir, wenn du im Ernste etwelche Geheimnisse besitzest, mit aller menschlichen Vernunft nichts zu machen, was wir nun schon ganz klar heraushaben! Du hast dich darauf gut einstudiert, vor den Menschen einen Gott zu spielen; fahre du nur fort! Wenn du also fortfährst, so wirst du noch einmal ein großer und sehr berühmter Mann werden. Doch wenn du im Ernste so eine göttliche Allmachtsnatur besitzest und dabei offenbar ein Jude bist, so kannst du kein Freund der Römer sein. Es wäre dir ja doch ein leichtes, alle Römer über Nacht aus diesem deinem Götterlande hinauszutreiben. Warum lasset ihr euch denn ihre harten Gesetze gefallen?“
GEJ|7|41|8|0|Sagte der Engel: „Der Römer Gesetze sind zwar hart, aber dabei gerecht und dienen nun den besseren Juden selbst zum Schutze gegen jene bösen Juden, die sich zwar Juden nennen, aber in ihrem Herzen weder Juden und noch weniger Kinder Gottes sind. Und so sind die Römer nun unsere Freunde und schon lange keine Feinde mehr und halten eine gute Zucht unter den verworfenen Menschen dieses Landes wie vieler anderer Länder, und wir sind darum eher ihre Beschützer als solche, die sie aus diesem Lande vertreiben möchten. Daß wir aber, so es nötig wäre, auch die sehr mächtigen Römer wie der Sturmwind die Spreu aus diesem Lande treiben könnten, davon will ich euch ein kleines Pröbchen geben, und so habt denn alle sehr wohl acht darauf!“
GEJ|7|41|9|0|Sagte der Grieche: „Junge, was willst du uns denn zeigen oder so aus deiner allfälligen Zauberei vormachen?“
GEJ|7|41|10|0|Sagte Raphael: „Lasset eure Vorbemerkungen gut sein und urteilet erst nach der Tat!“
GEJ|7|41|11|0|Sagte der Grieche: „Ganz gut; so wollen wir erst nach der Tat urteilen!“
GEJ|7|41|12|0|Sagte Raphael: „Gut denn; also urteilet nach der Tat! Wie ich es euch ganz klar gesagt habe, so urteilet nach eurer hochweisen griechischen Vernunft, und saget es mir dann, was eure hochweise Vernunft dazu spricht!“
GEJ|7|41|13|0|Sagte der Grieche: „Gut denn, so gib uns ein Pröbchen, und wir werden dann schon recht wohl einsehen, was daran ist! Denn bei uns in Athen hat es schon gar sehr verschiedene Weise gegeben, und wir Griechen wissen darum gar sehr wohl zu beurteilen, was da Zauberei und was da eine wahrhaftige Götterwundersache ist. Und darum nur heraus mit deinem götterhaften Allmachtspröbchen!“
GEJ|7|41|14|0|Sagte der Engel: „Aber gebet darauf wohl sehr acht, daß euch dabei der ganz natürliche Odem nicht zu kurz wird!“
GEJ|7|42|1|1|42. — Ein Wunder Raphaels
GEJ|7|42|1|0|Hier hob Raphael einen zehn Pfund schweren Stein vom Boden auf und sagte: „Ich meine, dieser Stein wird groß und schwer genug sein, um euch mit ihm ein ganz tüchtiges Pröbchen geben zu können!“
GEJ|7|42|2|0|Sagte der Grieche: „Allerdings; aber was soll daraus werden?“
GEJ|7|42|3|0|Sagte Raphael: „Auf daß ihr mich nicht etwa für einen absurden Magier ansehen sollet, so magst du diesen Stein selbst in deine Hand nehmen und ihn auch deine Gefährten in ihre Hände nehmen lassen, auf daß auch sie sich wohl überzeugen mögen, daß das ein wirklicher, allerfestester Stein ist, wie er nur in dieser Gegend vorkommt! Und so nehmet den Stein in eure Hände und untersuchet ihn!“
GEJ|7|42|4|0|Hier nahm der Grieche den Stein in seine Hände und prüfte ihn, und seine Gefährten taten desgleichen.
GEJ|7|42|5|0|Als sich alsbald alle hinreichend überzeugt hatten, daß der Stein ein ganz natürlicher Stein war, so übergaben sie ihn wieder dem Engel, und der Grieche sagte: „Der Stein ist ganz Stein, darüber erhebt niemand von uns einen Zweifel; doch was willst du nun aus dem Steine machen?“
GEJ|7|42|6|0|Sagte Raphael: „Nehmet diesen Stein noch einmal in eure Hände, und hebet noch mehrere gleiche Steine auf, dann erst sollet ihr unsere Götterkraft kennenlernen! Doch sollet ihr darob auch keine Furcht haben, da euch dabei auch nicht ein Haar gekrümmt werden wird!“
GEJ|7|42|7|0|Darauf suchten sie eine Menge solcher Steine zusammen und hielten sie in ihren Händen, als wollten sie den Jungen steinigen.
GEJ|7|42|8|0|Hier sagte der Engel zu ihnen: „Ihr sehet, daß ich keinen der Steine in euren Händen auch nur mit einem Finger anrühre. Sowie ich aber mit meinem Willen sagen werde: ,Löset euch auf in euern ätherischen Urstoff!‘, so soll kein Stäubchen von diesen Steinen in euern Händen übrigbleiben!“
GEJ|7|42|9|0|Sagte der Grieche: „Junger Freund, das wird wohl nur so ein Wortspiel von dir sein! Ein Stäubchen wird von diesen Steinen freilich nicht in unseren Händen verbleiben, aber wohl die ganzen Steine, und aufgelöst werden sie ganz natürlich sein, weil wir sie selbst vom Boden ,auflösten‘, und auch in den Äther werden sie übergehen, weil wir sie schon mit unseren Händen in den Luftäther emporhalten. Habe ich recht oder nicht? Erlaubst du, junger Judengott, daß wir diese Steine, wenn du sie mit deinem Willen völlig aufgelöst und somit vernichtet haben wirst, nach dir werfen dürfen?“
GEJ|7|42|10|0|Sagte der Engel: „O allerdings, nur zugeworfen dann! Aber nun gebet fein acht, daß euch die Steine nicht durchgehen, da ihr dann nichts nach mir zu werfen hättet! Ich will nun, daß die Steine zunichte werden! – Und nun werfet eure schweren Steine nur nach mir, so ihr noch welche in euren Händen habt!“
GEJ|7|42|11|0|Hier sahen sich die etlichen dreißig Griechen alle groß und höchst verwundert an, und der erste sagte: „Hörst du, mein holder Junge, du verstehst mehr, als was wir vielerfahrenen und vieles gesehen habenden Griechen zu fassen imstande sind! Dazu gehört wahrlich eine agathodämonische [Agathodämon = guter Geist, wohltätiger Schutzgeist.] innere Kraft; denn da kann es nicht mit natürlichen Dingen zugehen. In einem kaum bemerkbaren Nu waren alle Steine völlig zunichte. Wie war dir das möglich?“
GEJ|7|42|12|0|Sagte der Engel: „Das Wie werdet ihr noch lange nicht fassen; aber ich habe es euch ja zuvor gesagt, daß ihr es hier mit uns als noch wahren und unverdorbenen Juden und somit mit Gottes Kindern zu tun habt, und diese besitzen eine götterhafte Kraft in sich und sind somit Herren der ganzen Naturwelt und sind unsterblich. Darum sagte ich dir ja, daß wir als Götter keinen Feind fürchten und Herren der ganzen Welt sind. Und wer von uns etwas haben will, der muß sich auch aufs vollernstliche Bitten verstehen, sonst erhält er nichts von uns. – Verstehst du das nun schon besser?“
GEJ|7|42|13|0|Sagte der Grieche: „Wie aber seid denn ihr also zu ordentlichen Göttern geworden und seid doch ebensogut Menschen wie wir?“
GEJ|7|42|14|0|Sagte Raphael: „Weil wir uns vor allem nur der reinen und wahren Erkenntnis des einen, ganz allein wahren Gottes bestrebt haben und nicht trachteten nach den eitlen und toten Schätzen dieser Welt! Und so haben wir von dem einen, allein wahren Gott denn auch die wahren und lebendigen Schätze des Geistes und seiner Kraft und nicht die toten Schätze der Materie dieser Welt, in der samt ihr alles vergänglich ist, erhalten, die wir in Ewigkeit nie wieder verlieren, sondern stets größere noch hinzuerhalten werden.
GEJ|7|42|15|0|Um aber die lebendigen Schätze des Geistes zu erhalten, muß man von dem einen, allein wahren Gott die Mittel und Wege erhalten haben, was bei uns Juden schon durch die ersten Patriarchen und darauf hauptsächlich durch den großen Propheten Moses, sowie nach ihm durch noch viele andere Propheten und Lehrer geschehen ist. Wer von den Juden dann die angeratenen Mittel bei sich völlig angewendet hat und auf den gebotenen Wegen gewandelt hat, der hat sich dadurch auch der Kindschaft Gottes würdig gemacht und mit ihr erreicht die innere Kraft des Geistes. Da aber das bei euch noch nie der Fall war, so wisset ihr von dem einen, allein wahren Gott nichts, nichts von den Kindern Gottes auf dieser Erde und auch nichts davon, was sie zu leisten imstande sind. – Verstehet ihr das?“
GEJ|7|42|16|0|Sagte der Grieche: „Ja, ja, es mag das bei euch schon also sein; aber so der gewisse eine, wahre Gott euch Juden solche Mittel gegeben und solche Wege gezeigt hat, – warum hat er denn das uns nicht getan, da wir doch ebensogut Menschen sind, wie ihr Juden es seid? Wir Griechen haben ja auch Vernunft und Verstand und wurden zu allen uns bekannten Zeiten sogar als eines der geistreichsten und gebildetsten Völker der Erde anerkannt. Daß wir euch nun an der inneren Geisteskraft nachstehen, daran sind wir ja doch wahrlich nicht selbst schuld! Hat sich der gewisse eine, allein wahre Gott euch Juden als solcher offenbaren können, – warum denn uns Griechen nicht?“
GEJ|7|42|17|0|Sagte Raphael: „Mein Freund, das steht bei weitem nicht also, wie du es dir nun vorstellst, sondern sehr bedeutend anders! Auch die Griechen, wie die Römer und die alten Ägypter haben sich einst auf demselben Punkte befunden, auf dem sich nun noch einige wenige Juden befinden. Aber sie verließen den allein wahren Gott, so wie Ihn nun auch wieder gar viele Juden gänzlich verlassen und sich freiwillig von Ihm abwenden; die aber also den allein wahren Gott verließen, die verließ dann auch Er und überließ sie ihrem eitlen Welttaumel.
GEJ|7|42|18|0|Wenn sie aber einstens in ihrem Herzen wieder zu Ihm werden zurückkehren wollen, so wird Er sie auch annehmen und wird ihnen wieder die alten Mittel und Wege zeigen, durch die sie auch wieder vollwahre Juden und Kinder Gottes werden können. Es werden zur rechten Zeit schon auch wieder Boten und Lehrer zu euch und zu allen andern Völkern der Erde gesandt werden und werden ihnen die alten Mittel und Wege kundgeben. Wohl denen, die sich danach kehren werden!“
GEJ|7|42|19|0|Sagte der Grieche: „Warum aber geschieht das nicht eben jetzt schon?“
GEJ|7|42|20|0|Sagte der Engel: „Weil ihr eben jetzt noch zu voll von allen Dingen der Welt seid! Wenn ihr diese mehr und mehr ablegen werdet und dadurch für etwas reiner Geistiges reif werdet, dann wird das, wovon ich sprach, schon auch zu euch kommen. Doch nun habe ich euch genug gesagt und genug gezeigt; vielleicht reden wir morgen ein Weiteres darüber!“
GEJ|7|42|21|0|Sagte der Grieche: „Ja, morgen wollten ich und diese alle wieder abreisen, weil wir alles Mitgebrachte schon ganz gut verkauft haben; doch dir zuliebe will ich den morgigen Tag noch bis zum Nachmittag hier verweilen und mir von dir noch einige geistige Schätze zur Mitnahme nach Griechenland ausbitten. Vielleicht erfahre ich morgen von dir etwas über die Zubereitung eurer wahrlich götterhaft wohlschmeckenden Speisen!“
GEJ|7|42|22|0|Sagte der Engel: „Nun, nun, das werden wir schon sehen! Aber ich meine, daß du vorderhand unsere Art, die Speisen zuzubereiten, ebensowenig fassen wirst wie meine frühere Vernichtung der harten Steine. Allein auch daran liegt nun nicht viel; es gibt aber hier noch ganz andere Dinge, mit denen du bekannt werden kannst, und diese werden dir nützlicher sein als zu wissen, wie wir unsere Speisen bereiten. Bist du damit zufrieden, so kannst du morgen wiederkommen; doch wegen der Bereitung der Speisen brauchst du nicht wiederzukommen, weil ich dir nun schon gesagt habe, was es damit für eine Bewandtnis hat.“
GEJ|7|42|23|0|Sagte der Grieche: „Wegen der Bereitung der Speisen will ich auch kein Wort mehr verlieren, wenn ich etwas erfahren kann, was uns allen nützlicher sein kann denn die Bereitung der Speisen. Und so werden wir heute gehen und morgen gen Mittag hin wiederkommen, da alle die andern Gäste schon hinabgegangen sind. Denn später dürfte es noch dunkler werden denn jetzt, und der Berg ist ziemlich steil.“
GEJ|7|42|24|0|Sagte der Engel: „Der Berg wird schon so viel erleuchtet sein, daß ihr leicht und ohne Gefahr hinabkommen werdet, und so möget ihr schon gehen im Namen des einen, wahren Gottes!“
GEJ|7|42|25|0|Auf diese Worte des Engels zogen nun die Griechen ab und kamen gar bald und leicht zu ihren Verkaufshütten, darin sie wie gewöhnlich übernachteten. Aber sie schliefen in ihren Hütten sehr wenig; denn sie dachten die ganze Nacht über die Vernichtung der Steine nach, rieten hin und her, und keiner vermochte dem andern einen Aufschluß zu geben. Denn die Erscheinung hatte sie so aufgeregt, daß sie in ihrem Gemüte keine Ruhe fanden und kaum den Tag erwarten konnten, an dem ihnen ein Licht über die erlebte Erscheinung werden könnte.
GEJ|7|42|26|0|Am Morgen packten sie ihre Sachen zusammen und stellten sie für die Abreise ganz fertig. Aber sie alle verschoben die Abreise bis auf den nächstkommenden Tag; denn sie beschlossen alle, dieser wunderbaren Sache um jeden Preis näherzukommen. Sie beschlossen denn, auf jeden Fall diesen kommenden Tag ganz dieser Sache zu widmen. Und so konnten sie kaum den Mittag erwarten.
GEJ|7|42|27|0|Doch nun lassen wir diese etlichen dreißig Griechen stehen, denken und urteilen und begeben uns mit Raphael, Lazarus und mit dem Wirte in unsern großen Speisesaal, in dem wir alle schon an unseren Tischen ganz wohlgemut aßen und tranken.
GEJ|7|43|1|1|43. — Agrikolas Frage nach dem Wesen Raphaels. Der Segen der Geduld
GEJ|7|43|1|0|Als die drei in den Speisesaal traten, wollte unser Lazarus uns gleich nach aller Länge und Breite zu erzählen anfangen, was sich draußen, namentlich mit den Griechen, alles zugetragen hatte.
GEJ|7|43|2|0|Aber Ich Selbst sagte zu ihm: „Bruder, erspare dir diese Mühe; denn siehe, wir wissen ganz bestimmt um gar alles! Die etlichen dreißig Griechen sind offenbar ein guter Fund für unsere Sache; aber sie müssen erst vollends zurechtgebracht werden. Die harten heidnischen Zweifelssteine müssen erst also aufgelöst werden, wie Mein Raphael die harten Steine in ihren Händen völlig zunichte gemacht hat; dann wird es sich schon auch mit ihnen machen, und sie werden in ihrem Lande für Meine rechten Jünger ganz brauchbare Vorläufer werden. – Doch nun setzet euch an die Tische und esset und trinket!
GEJ|7|43|3|0|Wenn ihr gestärkt sein werdet, dann wollen wir hinausgehen, und ihr sollet bis gen Mitternacht hin so manches aus dem Bereiche der Herrlichkeit Gottes zu Gesichte bekommen; denn nun seid ihr schon bis auf sehr wenige dahin reif geworden, um höhere, göttliche Offenbarungen ertragen zu können, und diese Nacht soll uns so günstig sein, wie nicht bald wieder eine zweite.“
GEJ|7|43|4|0|Auf diese Meine Worte beeilten sich alle mit der Zusichnahme des Abendmahls; denn es waren auf diese Meine Rede denn doch alle Anwesenden schon zu sehr gespannt, was am Ende da noch alles zum Vorschein kommen werde.
GEJ|7|43|5|0|Es trat aber nun Agrikola zu Mir und fragte Mich, sagend: „Herr und Gott, sage mir nun doch einmal, wer denn so ganz eigentlich dieser wunderbare Jüngling ist! Ich fragte Dich schon einmal darum, und Du beschiedest mich darauf, daß ich ihn von selbst mit der Weile erkennen werde. Aber bis jetzt habe ich aus mir selbst noch nicht klug werden können, was ich eigentlich aus ihm machen soll. Er ißt und trinkt wie wir, und eigentlich in einem bedeutend größeren Maße, bei welcher Gelegenheit er denn auch ein völlig menschliches Aussehen bekommt. Aber ganz anders sieht es dann mit ihm aus, wenn er redet, wirkt und handelt; denn da versteht er durchaus keinen Scherz und leistet dabei Wunderdinge, vor denen man als ein nur ein wenig schwacher Mensch und doch dem Priesterstande so halbwegs angehörend – das heißt, was unser römisches, besseres Priestertum betrifft – rein zunichte werden muß.
GEJ|7|43|6|0|Denn ich habe eben in meiner hochstaatsamtlichen Wirkungssphäre hauptsächlich alles Priestertum im ganzen großen römischen Kaiserreich zu überwachen und habe mir bei solcher Gelegenheit auch die genaue Kenntnis aller Gotteslehren, die im ganzen Reiche gang und gäbe sind, verschafft, was schon aus dem erhellt, daß ich mich auch in der Judenlehre ganz genau habe unterrichten lassen. Als ein solcher Mensch aber, wie ich einer bin, vor dem alle Geheimnisse aufgeschlossen werden müssen, habe ich denn auch schon so manches auf dieser Erde kennengelernt und habe hie und da alte und auch junge Menschen von gar besonderen Talenten und Fähigkeiten gesehen und kennengelernt, wobei mir denn auch mein eben nicht geringer Verstand tagelang stehenblieb.
GEJ|7|43|7|0|Doch es war das alles rein nichts gegen diesen Jüngling, dessen äußeres höchst mädchenhaftes Aussehen nach unserer Römerkritik im Grunde eben gar selten das Zeichen eines großen Geistes ist. Die sogenannten Adonisse und die Venusse sind bei uns stets für die geistlosesten Menschen angesehen worden, und Ausnahmen gab es nur sehr wenige darunter. Und dieser junge Mensch ist bei weitem der allerschönste, der mir je unter die Augen gekommen ist. Wenn er weibliche Kleidung anhätte, so wäre er bei weitem die schönste Jungfrau auf dem ganzen Erdenrund. Und dennoch besitzt der Mensch einen so göttlich großen Geist, daß ihm so wie Dir Selbst, o Herr und Meister, rein alles möglich ist. Du siehst es, o Herr, daß ich nun meine Wißbegierde über diesen sonderbaren jungen Menschen nicht mehr unterdrücken kann, und so magst Du es mir ja wohl endlich sagen, was es mit diesem Jungen für eine Bewandtnis hat!“
GEJ|7|43|8|0|Sagte Ich: „Freund, wenn Ich so wie ihr Menschen mit irgendwelchen Schwächen behaftet wäre, so würde Ich dir ganz geradeheraus sagen, was es mit diesem Jünglinge für eine Bewandtnis hat; aber da Ich durchaus keine menschlichen Schwächen besitze und in Meinem Geiste von Ewigkeit her wohl einsehe, was jedem Menschen in seiner Seelenbildungssphäre am heilsamsten ist, so sage Ich nie zu jemandem ein Wort, das Ich ein paar Tage darauf nicht mehr halten möchte, und so bleibt es bei dem, daß du den jungen Menschen aus dir selbst noch ganz gut und klar erkennen wirst.
GEJ|7|43|9|0|Du hast ja auch gehört, wie die Geduld auch ein Urgeist Gottes im Menschen ist und gleich allen andern sechs Geistern gestärkt und ausgebildet werden muß, so ein Mensch zur wahren, inneren Lebensvollendung gelangen soll. Und so will Ich es hier auch bei dir haben, daß deine Geduld deinen oft zu isoliert übertriebenen Ernst und Eifer etwas mäßigen soll. Und siehe, aus diesem sehr triftigen Grunde sage Ich dir denn das auch nicht, was du nun gar so dringend gerne wissen möchtest; denn die Geduld ist dem Menschen das, was ein sanfter Regen der Erde ist. Sie sänftigt die brennenden Begierden im Menschenherzen, auf daß sie nicht in wilde, stürmische und oft alles verheerende Leidenschaften ausarten. Wenn du das so recht verstehst, so finde dich nur in der Geduld zurecht, und es wird dir dann schon alles werden, wonach du einen edlen Durst in deiner Seele fühlst.“
GEJ|7|43|10|0|Sagte der Römer: „Ja Herr, Meister und Gott, Dir kann auch der weiseste aller Menschen der ganzen Erde nichts einwenden, weil Du die ewige Liebe, Weisheit und Wahrheit Selbst bist, und also hast Du auch hier recht; denn ein Gott, der mit Sich handeln ließe wie ein griechischer Früchtekrämer, wäre kein Gott, sondern auch nur ein schwacher und wetterwendischer Mensch, – und wer könnte sich da wohl verlassen auf eines schwachen Gottes Verheißung?!“
GEJ|7|43|11|0|Sagte Ich: „Siehe, da hast du wieder völlig wahr gesprochen! Bleibe in dem und übe dich in der gerechten Geduld, so wirst du am ehesten zum Lichte des inneren Lebens gelangen! Habt ihr Römer doch auch von alters her ein gutes Sprichwort ersonnen, nach dem man mit Weile eilen soll, und das ist soviel wie ,sich in der Geduld üben‘. – Doch nun gehen wir allesamt ins Freie, allwo ihr vieles erfahren sollet!“
GEJ|7|44|1|1|44. — Die nächtliche Lichterscheinung der zehn Wolkensäulen
GEJ|7|44|1|0|Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da erhob sich alles und zog Mir nach ins Freie. Als wir nun alle im Freien standen, da bewunderten viele die schönen Zelte mit ihrer sehr zweckmäßigen Einrichtung und staunten über deren so schnelle Herstellung, weil sie am Morgen noch nichts davon wahrgenommen hatten. Allein es hatte dieses Staunen bald ein Ende, weil Ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden gleich auf etwas anderes hinzulenken verstand. Was war es aber, worauf Ich alle die Anwesenden aufmerksam machte?
GEJ|7|44|2|0|Es ging nämlich im Osten eine ganz glühende Wolkensäule auf und stieg höher und höher, so daß es allen, die sie sahen, vorkam, sie reiche schon gleich bis zu den Sternen. Die Säule ward heller und heller, bis sie des Mondes Glanz erreichte und die ganze Gegend nahe in eine Tageshelle umstaltete. Hier fragten Mich alle, was das wäre, und was es bedeute.
GEJ|7|44|3|0|Ich aber sagte: „Nur Geduld, Meine lieben Freunde, es kommt schon noch mehreres nach! Wenn ihr alles werdet gesehen haben, dann erst wollen wir sehen, woher das etwa kommt, und was es zu bedeuten hat. Darum habt nun nur gleichfort auf alles acht, was sich da noch alles zeigen wird; denn es steht ja in den Propheten geschrieben, daß in dieser Zeit Zeichen geschehen werden auch am Himmel und nicht allein auf der Erde. Und da nun solche Zeichen geschehen, so sehet ihr auch sogar mit euren fleischlichen Augen, daß nun die Worte der alten Weissagungen erfüllt werden. Aber nun gebet weiter acht, was noch alles zum Vorschein kommen wird!“
GEJ|7|44|4|0|Nun sahen wieder alle gen Osten hin, und siehe, eine zweite, gleiche Säule stieg empor und erreichte wieder den Glanz des Mondes, und es ward um so heller die Gegend! Und es währte kaum einige Augenblicke, so stieg eine dritte Wolkensäule empor und erleuchtete die Gegend nun stärker. Es sahen das aber nicht nur die, die bei uns auf dem Berge standen, sondern auch viele in Jerusalem und viele im ganzen Judenlande, und es entstand dadurch ein großer Rumor in allen Gassen und Straßen der Stadt, so daß man es bis auf den Berg gar gut hören konnte.
GEJ|7|44|5|0|Da sagte Lazarus zu Mir: „Herr, wenn das noch lange dauert, so werden wir diesen Berg bald voll Menschen haben! Es wäre darum nun schon sehr an der Zeit, unten das Tor zu sperren.“
GEJ|7|44|6|0|Sagte Ich: „Sorge du, Bruder, dich um gar nichts, solange Ich bei dir bin; denn ohne Meinen Willen kommt nicht einmal eine Fliege in diesen Garten, geschweige irgendein Mensch! Gib aber nun wohl acht; denn es werden noch sieben solche Säulen emporsteigen!“
GEJ|7|44|7|0|Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da stieg auch schon die vierte, gleich darauf die fünfte, sechste, siebente, achte, neunte und zehnte Säule, in angemessenen Entfernungen voneinander abstehend, auf, und diese zehn Säulen, deren Licht dem Lichte des Vollmondes gleichkam und stark wurde, verbreiteten endlich eine so große Helle über die ganze Gegend, daß man das Licht auch bis nach den Ufern des Mittelmeeres noch gar sehr wahrnahm und hinauf bis nach Kleinasien und weiter rückwärts nach Osten bis in die fernen Gegenden des Euphratstromes.
GEJ|7|44|8|0|Aber nun war es mit der Stadt denn auch völlig aus. Die Heiden betrachteten das als ein MALUM OMEN (böses Vorzeichen), die Juden sprachen schon vom Jüngsten Gericht. Wieder andere sogenannte Zeichendeuter verkündeten zehn sehr fruchtbare Jahre, andere wieder zehn sehr heiße und somit unfruchtbare Jahre.
GEJ|7|44|9|0|Einer aber, ein alter Rabbi, schrie laut durch alle Gassen: „Das bedeutet die Ankunft des Messias, und die zehn Säulen sind die Symbole Seiner Kraft, und da diese Säulen im Osten stehen, so zeigt das an, daß der Messias von daher gen Jerusalem kommen wird!“
GEJ|7|44|10|0|Aber dieser Rabbiner fand keinen Glauben und wurde von vielen, die ihn gehört hatten, verlacht, und die Weltmenschen sagten zu ihm: „Geh und hör auf mit deinem alten Messiasgeplärre; denn du siehst schon lange in einer jeden vom Monde hell erleuchteten Wolke den Messias kommen! Vor einigen Tagen, als wir eine Mondfinsternis hatten, die auch viel Verwirrung hervorgebracht hat, hast du auch die Ankunft des Messias ausgerufen, und die pfiffigen Essäer, die gerade in jener Gegend ihre große Zauberniederlassung haben, haben die vergangene Mondverfinsterung schon vor einem Jahre ganz genau berechnet, und du hast gleich deinen kommenden Messias mit Haut und Haaren darin entdeckt! Der Messias wird dir gleich etwas aufwarten! Diese zehn Säulen sind sehr schön anzusehen und sind nichts anderes als ein Produkt der essäischen Zauberkunst! Gehe zu den Essäern, – die werden dir deinen Messias bald ausgetrieben haben!“
GEJ|7|44|11|0|Diese radikal natur- und weltmäßige Erklärung aber machte auf den alten Rabbiner jedoch keinen Eindruck, und er schrie dennoch fort und sagte laut (der alte Rabbiner): „Und redet ihr, was ihr wollt, und es soll sich in Bälde zeigen, ob ich nicht recht geurteilt habe! Gott richtet Sich nicht nach dem Weltgespräche solcher Welttümlinge, wie ihr seid, sondern nach dem Worte Seiner eigenen Weissagung, die Er den Menschen kundgetan hat durch den Mund Seiner Propheten. Sehet nur zu, ihr bösen und frevelhaften Jungen, daß nicht ein Teufel kommt und euch allesamt holt! Oh, frevelt nicht über einen alten Rabbi!“
GEJ|7|44|12|0|Ich erzählte auch auf dem Berge den Meinen, was diese Erscheinung da unten in der Stadt für Meinungen und Urteile hervorgerufen hatte, und alle wurden darob recht heiteren Mutes.
GEJ|7|44|13|0|Lazarus und auch Meine Jünger meinten, daß der Rabbi im Grunde denn doch recht habe, und daß es sehr schnöde sei von den jungen Gecken Jerusalems, den Alten also zu verhöhnen.
GEJ|7|44|14|0|Sagte Ich: „Da habt ihr einesteils wohl recht; aber der Alte ist auch ein Fuchs des Tempels und benutzt solche Gelegenheiten, bei denen er stets fleißig die Ankunft des Messias verkündet, um sich dabei einige Opfer zu erschleichen. Ihm selbst aber ist es hinterdrein sehr lieb, wenn seine Gassenweissagung vor seinen Augen am Ende doch noch ausbleibt und noch weiter auf sich warten läßt; denn es kann in diesem an Naturwundern reichen Lande ja bald und leicht wieder eine Erscheinung auftauchen, die er dann schon wieder recht fein benutzen kann. Nun kennt ihn aber die freilich sehr ausgelassene Jugend von Jerusalem als solch einen Gassenpropheten, und tritt ihm dann, wenn er etwas zu laut wird, in die Quere und verhöhnt ihn, und so ist da der Prophet eben nun nicht viel besser als jene, die ihn verhöhnen. Und Ich sage es euch, daß Mir die schlüpfrigen Jungen dennoch um vieles eher anhangen werden als jener alte Rabbi, der allzeit nur sehr bemüht ist, in seinen Sack hinein zu weissagen, bei und für sich aber im Grunde doch an nichts glaubt. Aber lasset die Sache jetzt nur gut sein; es wird der weitere Verlauf der Erscheinung schon noch eine größere Hetze bewirken! – Höret ihr nicht von den hohen Zinnen des Tempels die Posaunen erschallen?“
GEJ|7|44|15|0|Sagten alle: „Ja ja, wir vernehmen sie gar gut!“
GEJ|7|44|16|0|Sagte Ich: „Das zeigt an, daß die Templer auch schon wach geworden sind und selbst nicht wissen, was sie aus der Erscheinung machen sollen. Daher posaunen sie alle die außerhalb des Tempels wohnenden Pharisäer und Schriftgelehrten zusammen, um in aller Schnelligkeit zu beraten, was da zu machen sei, und wie man etwa diese Erscheinung dem Volke, natürlich gegen ganz bedeutende Opfer, erklären solle. Aber lassen wir sie nun einen kurzen Rat halten, und wenn sie dem Volke, das sich schon dicht um den Tempel schart, die Erklärung ganz nagelfest gemacht haben werden, dann werde Ich diese Erscheinung gleich bedeutend verändern, und die Templer werden wieder Rat halten und das Volk anlügen. Die Bedeutung der ganzen Erscheinung aber werde Ich euch dann erst zum Schlusse in aller Kürze treu und wahr kundgeben. Aber nun schauet nur hinab, wie das dumme und stockblinde Volk von allen Seiten zum Tempel hinwallet! In einer Viertelstunde wird die Erscheinung ein ganz anderes Gesicht bekommen; nachher sehet euch erst die noch größere Hetze an! Nun aber ruhen wir diese Viertelstunde Zeit!“
GEJ|7|45|1|1|45. — Die veränderte Himmelserscheinung und die Verlegenheit der Templer
GEJ|7|45|1|0|Sagte der ebenfalls ganz nahe bei Mir stehende Römer: „Aber der unbegreiflichen Blindheit dieser so vielen Menschen! Da rennen die Narren hin, und das sollen die erleuchteten Juden – sage – Gottes Volk sein, und wir blinden Heiden stehen an der Urquelle des Lebens, des Lichtes und an der Quelle der ewigen Urwahrheit! Es ist wahrlich im hohen Grade sonderbar! Wir, offenbar die Letzten, sind – und sage, wer da immer etwas wolle – nun offenbar die Ersten, und diese, Abrahams Kinder, wälzen sich da unten gleich den Schweinen im schmutzigsten Schlamme herum! Das, o Herr, ist für uns Heiden eine ewig unbegreifliche Gnade, die wir wahrlich nie aber auch nur im geringsten verdient haben! Na, ich bin hier denn doch nun auf den weiteren Verlauf dieser höchst sonderbaren Sache und Begebenheit wahrlich auch schon aufs höchste gespannt! Was da am Ende noch alles herauskommen wird, das wirst Du, o Herr, ganz allein am allerbesten wissen!“
GEJ|7|45|2|0|Sagte Ich: „Die Sache wird durchaus nicht übel ausfallen! Es ist an der Zeit, diese argen Weltmäkler endlich auf eine ganz eigentümliche Art und Weise in eine große Verlegenheit zu setzen, wodurch sie wieder gar vieles beim besseren Volke verlieren werden.
GEJ|7|45|3|0|Aber nun haben sie ihren Rat da unten in der eiligsten Kürze abgehalten, und der lautet nun dahin, daß die zehn Säulen die dem Tempel noch treu gebliebenen zehn Stämme aus dem Stamme Israels bedeuten und die zwei Stämme verworfen worden sind, aus denen die Samariter und auch die Galiläer hervorgegangen sind, und es verunreinige sich ein jeder Jude auf ein ganzes Jahr, der die zwei verworfenen Stämme auch nur laut beim Namen nenne.
GEJ|7|45|4|0|Das Volk schlägt sich mit Fäusten an die Brust und schwört, diese verruchten Stämme nimmerdar beim Namen zu nennen.
GEJ|7|45|5|0|Aber nun gebet acht, und es werden sogleich zu den zehn Säulen noch zwei dazuwachsen, und dann schauet euch nachher die Hetze an! Die Zeit ist um, und es soll sogleich die besagte Veränderung vor sich gehen.“
GEJ|7|45|6|0|Nun gaben alle acht, und es stiegen zu gleicher Zeit noch die zwei Säulen im Osten in größter Pracht in die Höhe; aber diese beiden Säulen glänzten für sich ums zehnfache stärker als die früheren zehn Säulen zusammen, und es stand die eine zur Rechten und die andere zur Linken der früheren zehn Säulen, und ihr starkes Licht ward bis nun gen Europa hin und nach rückwärts bis vierhundert Meilen weit wahrgenommen.
GEJ|7|45|7|0|Jetzt war es aber aus beim Volke und noch mehr mißlich aus bei den Templern. Von des Tempels Zinnen fingen nun die Posaunen gar gewaltig zu schmettern an, um noch mehr Räte aufzuwecken, obwohl ohnehin schon beim ersten Posaunenrufe alle in Jerusalem wohnenden Priester beim ersten Rate anwesend waren. Es kam nun zwar niemand mehr, aber dennoch wurde zu einer abermaligen Beratung geschritten. Aber der ganze Hohe Rat wußte nun aus den zwei zuletzt aufgegangenen, überlichten Säulen nichts mehr zu machen, weil er sich bei der Erklärung der ersten zehn gar jämmerlich verhauen hatte.
GEJ|7|45|8|0|Das Volk aber schrie laut: „Das sind die zwei Stämme, von denen ihr gesagt habt, daß sie verworfen seien! Und wenn es nicht also ist, so erkläret es uns, sonst fordern wir unsere euch dargebrachten Opfer zurück, oder wir bestürmen euch!“
GEJ|7|45|9|0|Da fingen den Templern alle Ängste aufzusteigen an. Es dauerte die Geschichte eine ganz kurze Zeit, und es kam dann einer mit einer ganz überaus dummen Ausrede, über die im Volke eine große Lache entstand.
GEJ|7|45|10|0|Und ein stämmiger Jude sagte laut zu den Pharisäern: „Wenn ihr uns in unserer großen Angst, Not und Bestürzung keine befriedigende Auskunft zu geben imstande seid, so brauchen wir euch auch dann nicht, wenn keine solchen jedes Menschenherz im höchsten Grade beunruhigenden und ängstigenden Zeichen am Himmel sich zeigen! Wenn ihr uns jetzt keinen Trost geben könnet, – wozu seid ihr dann? Ihr könnet nichts als Zehent und große Opfer fordern und sie dann verschlingen und vergeuden und könnet weise Menschen aus dem Tempel mit Steinen treiben, die euch die Wahrheit ins Gesicht sagen und Kranke wunderbar heilen! Aber nun, wo das offenbare Gericht Gottes mit dem erschrecklichsten Lichte über uns alle hereinleuchtet, seid ihr stumm wie eine Mauer und getrauet euch kein Wort zu reden! Oh, da ziehet hinaus zu den erschrecklichen zwölf Säulen, die ein wahres Jüngstes-Gerichtstages-Licht allerdrohendst über die Erde hin verbreiten und sicher bald mit dem allererschrecklichsten Feuersturm alles, was auf der Erde lebt und webt, zerstören werden, und bewerfet sie mit euren verfluchten Steinen, und begießet sie mit eurem verfluchten Wasser, und wir wollen sehen, ob die zwölf allererschrecklichsten Feuersäulen sich vor eures Priestertums Macht beugen werden! O ihr elenden und sonst so hochmütig grausamen Heuchler und Volksbetrüger! Jetzt, jetzt zeiget uns, daß ihr die allein wahren Freunde und Diener Gottes seid, sonst werden wir Volk uns an euch rächen für jede Unbill, die wir von euch zu erdulden bekamen!“
GEJ|7|45|11|0|Hier trat ein Oberster auf und sagte: „Du Volksredner, habe doch Geduld! Der Hohepriester betet ja ohnehin schon im Allerheiligsten mit zerrissenem Oberkleide, und wir werden uns auch noch, wenn es nötig werden sollte, dazugesellen, und es wird dann schon wieder besser werden. Ihr müsset nur nicht gar so schnell verzweifeln, wenn Jehova uns mit irgendeiner Plage heimsucht, die wir alle zusammen sicher verdient haben werden. Anstatt daß ihr nun uns Priester mit allerlei Schmähungen und Drohungen überhäufet, betet vielmehr zu Gott, daß Er bei uns Gnade für Recht ergehen lasse! Das wird besser sein als euer gegenwärtiges Benehmen gegen uns; denn in der Not kann jeder Mensch ganz wirksam zu Gott beten.“
GEJ|7|45|12|0|Diese Rede beschwichtigte das Volk ein wenig, und es fing an zu beten, und die Priester zogen sich wohlweisermaßen zurück und hielten unter sich Rat, was diese so sonderbare Erscheinung sei. Aber sie kamen zu keinem haltbaren Bescheide, und so wuchs auch in ihnen die Angst. Und es war das ein merkwürdiger Kontrast zwischen denen, die sich bei Mir auf dem Berge befanden, und den Templern und dem zu ihnen Zuflucht genommen habenden Volke. Die Meinen waren alle voll der freudigsten Entzückung über den herrlichen Anblick dieser Lichtsäulen, und im Tempel herrschte darob die größte Bestürzung.
GEJ|7|45|13|0|Es befand sich aber im Tempel auch der schon bekannte Nikodemus im Rate und ward auch um seine Meinung befragt.
GEJ|7|45|14|0|Aber er sagte (Nikodemus): „Ihr habt auf meinen Rat nie etwas gehalten, weil ihr mich schon zu öfteren Malen beschuldigt habt, daß ich's heimlich mit den Galiläern hielte, und ich erachte auch bei dieser unerhörten Gelegenheit meinen Rat für sehr erläßlich. Denn hat Jehova uns wohlverdientermaßen eine große Strafe oder gar den völligen Untergang bestimmt, so wird dagegen keines Menschen Rat mehr etwas vermögen, und mit unserem wenig sagenden Amte hat es dann für alle Zeiten ein Ende. Hat Jehova aber die zwölf schrecklichen Feuersäulen uns nur als ein letztes Mahnzeichen zur wahren Buße hingestellt, so werden wir wohl durch einen Propheten noch zur rechten Zeit erfahren, welche Buße und Opfer Gott von uns verlangt. Doch bedenket es alle wohl: den Zacharias habt ihr ermordet, und er war sichtlich ein Prophet! Also mußte auch der Prediger und Täufer am Jordan durch eure Vermittlung im Gefängnisse des Herodes enthauptet werden. Und wieder kam ein großer Weiser aus Galiläa, lehrte vor drei Tagen im Tempel, und seine Lehre war gut und wahr vor dem Volke, und ihr wolltet ihn darum auch steinigen. Ja, wenn ihr mit allen vom Geiste Jehovas erfüllten Menschen gleichfort also verfahren wollet, da ist zur Verhütung unseres allseitigen, sichern Unterganges euch selbst von Gott aus kein Rat mehr zu erteilen und von mir aus um so weniger, obschon ich ein Ältester im Tempel bin!“
GEJ|7|45|15|0|Sagte der Hohepriester, der im Rate präsidierte: „Ja, wer kann uns denn beweisen, daß die von dir erwähnten Männer wahrhaft von Gott erweckte Propheten waren?“
GEJ|7|45|16|0|Sagte Nikodemus: „Gleichwie du nun fragten in den Zeiten der wahren Propheten auch die Hohenpriester im Hohen Rate, und der traurige Beschluß war allzeit leider dahin lautend, daß die nachher erkannten wahren Propheten allzeit zum größten Teile gesteinigt oder erwürgt worden sind. Und wie es damals war, also und noch um vieles schlechter ist es jetzt, was ich mit großem Leidwesen offen bekennen muß. Und weil es leider also ist, ist auch des Herrn Geduld mit uns höchstwahrscheinlich zu Ende gekommen, was uns jene zwölf erschrecklichen Feuersäulen nun nur zu augenscheinlich zeigen, und dagegen wird wahrscheinlich kein menschlicher Rat irgend etwas mehr vermögen. Sehet nur hin, wie sie stets größer und dichter werden, – was sicher daher rührt, daß sie uns näher und näher rücken!
GEJ|7|45|17|0|O welch ein schrecklicher Tag in der Nacht! Es ist nun noch kaum die fünfte Stunde der Nacht, und in der Welt ist es so hell wie am hellsten Mittage! Darum werde ich euch nun verlassen, und mich in mein Haus zu den Meinen zurückbegeben und sie nach Möglichkeit trösten.“
GEJ|7|45|18|0|Der Hohe Rat aber wollte ihn zurückhalten; Nikodemus sagte jedoch: „Wenn ich euch in etwas nützen könnte, so würde ich auch bleiben; aber da ich euch hier ebensowenig nützen kann wie ihr mir, so gehe ich und will lieber zu Hause sterben als hier in diesen schon so oft entweihten Mauern.“
GEJ|7|46|1|1|46. — Nikodemus bei Lazarus auf dem Ölberg
GEJ|7|46|1|0|Hierauf ging Nikodemus aus dem Rate und suchte des Volkes wegen, das schon sehr ungestüm geworden war, auf einem geheimen Wege zu seinem Hause zu gelangen. Als er aber daselbst in die Nähe seines Hauses gekommen war, so fand er um dasselbe auch viel Volkes versammelt, das von ihm in solch einer Bedrängnis einen Rat haben wollte.
GEJ|7|46|2|0|Da dachte er bei sich: ,Gehe ich nun nach Hause, so wird mich das Volk bestürmen, und ich könnte ihm doch beim besten Willen über diese Erscheinung keine nur im geringsten befriedigende Auskunft geben. Ich weiß aber, was ich tun werde: Ich werde mich auf den ziemlich hohen Ölberg zu Lazarus begeben und mich mit ihm über diese Erscheinung besprechen. Er war stets so ein Mann noch nach dem Herzen Gottes, wenn er auch mit dem Tempel in manchem Hader stand, und er wird sicher nun mehr wissen denn ich und der ganze Tempel!‘ Gedacht und getan!
GEJ|7|46|3|0|Und als er an das offenstehende große Gartentor kam, fragte ihn eine aufgestellte Wache, was er da suche.
GEJ|7|46|4|0|Und Nikodemus sagte: „Ich habe Wichtiges mit dem Lazarus zu besprechen, und so laß du mich nur frei gehen!“
GEJ|7|46|5|0|Und die Wache fragte ihn nach dem Namen, den sie auch sogleich erfuhr, worauf sie dann den Nikodemus auf den Berg gehen ließ; denn er hatte vor jedermann einen guten und gerechten Ruf. Nur fragte ihn der Wachmann, ob er ihm nicht sagen könne, was die noch nie dagewesene wunderliche Erscheinung etwa doch bedeute.
GEJ|7|46|6|0|Und Nikodemus sagte freundlich zum Wachmann: „Ja, du mein Freund, derentwegen will und muß ich eben zum Lazarus auf den Berg gehen, weil ich weiß, daß er um diese Zeit, des Festes und des Marktes wegen, stets auf diesem Berge in seiner großen Herberge zu wohnen pflegt! Er ist in diesen Dingen sehr kundig und wird mir darüber sicher den möglichst besten Aufschluß geben können. Doch so viel kann ich als ein Ältester Jerusalems dir schon für ganz gewiß sagen, daß diese außerordentliche Erscheinung für die Guten etwas Gutes und für die Bösen etwas Böses anzeigt; denn das ist kein gewöhnliches Spiel der Natur mehr. Darum sei du, wenn du gut bist, samt mir ganz unbesorgt; denn uns beiden wird nichts Arges begegnen!“
GEJ|7|46|7|0|Dafür bedankte sich der auch schon sehr ängstlich gewordene Wachmann, und unser Nikodemus ging eilends auf den Berg und staunte, oben ankommend, nicht wenig, eine so große und ganz heiter gestimmte Menschenmenge anzutreffen, die hier die sich gar großartig ausnehmende Erscheinung anstaunten und ihre Herrlichkeit mit froher Miene betrachteten.
GEJ|7|46|8|0|Ich aber sagte zu Lazarus: „Du, Bruder Lazarus, der Älteste Nikodemus, von starker Furcht getrieben, ist heraufgekommen, um mit dir darüber zu reden, was etwa doch diese Erscheinung zu bedeuten habe! Gehe denn hin, empfange ihn, und Ich werde es dir schon in den Mund legen, was du vorderhand zu ihm zu sagen haben sollst! Und so wolle denn hingehen, doch sage ihm nicht zu bald, daß Ich hier bin!“
GEJ|7|46|9|0|Lazarus war darob recht von Herzen froh; denn er liebte den Nikodemus als seinen einzigen Freund gar sehr. Und so ging er denn auch schnell hin und tat, was Ich ihm angeraten hatte.
GEJ|7|46|10|0|Als unser Nikodemus bei der ungewöhnlichsten Tageshelle in der Nacht schon auf mehrere Schritte des Lazarus ansichtig ward, grüßte er ihn schon von weitem und sagte: „Bruder, vergib es mir, daß ich dich so spät in der Nacht besuche! Aber du darfst ja nur dort im Osten die zwölf Feuersäulen ansehen, und du wirst es sehr leicht erraten, was mich so ganz eigentlich zu dir heraufgeführt hat. Ich sage es dir: In der ganzen großen Stadt wie im Tempel ist es aber ganz rein aus! Es ist dir das ein Etwas, das unseres Wissens eigentlich denn doch noch nie dagewesen ist! In der Stadt laufen die Juden und die Heiden wie verrückt durcheinander. Die muntere Jugend macht Scherze und schiebt diese ganze Erscheinung den Essäern in die Schuhe; aber da schreit wieder ein alter, des Geldes barer Rabbi durch alle Gassen und Straßen: ,Der Messias kommt an!‘, was aber doch die Menschen auch zu keiner Ruhe kommen läßt. Die Heiden glauben an einen Götterkrieg, und engherzige Juden sehen entweder die Ankunft des verheißenen Messias oder andere haben Daniels Jüngstes Gericht vor Augen. Die Priester sind ratlos und wissen dem Volke auf seine Fragen keine haltbare und nur halbwegs wahre Silbe zu sagen. Das Volk wird im Tempel unwillig und verhöhnt das Priestertum auf eine ganz unerhörte Weise. Und so ist das in der großen Stadt nun ein solches Durcheinander, wie ich noch nie eines erlebt habe!
GEJ|7|46|11|0|Ich bin selbst im Hohen Rate nahe eine Stunde lang gesessen und ward befragt von allen priesterlichen Seiten; aber wer kann bei solchen unerhörten Erscheinungen jemandem einen weisen Rat erteilen?! Ich habe ihnen allen einen so ziemlich reinen Wein eingeschenkt; aber es hat das alles rein gar nichts gefruchtet.
GEJ|7|46|12|0|Ja, was soll man denn da wohl noch Weiteres beginnen? Die Tiere leben nach ihrem harmlosesten Instinkte, doch die Priester im Tempel – ich sage es dir – haben weder Instinkt und noch viel weniger eine Vernunft oder irgend einen Verstand! Und so ist mit diesen wahren Halbmenschen, oder eigentlich schon gar keinen Menschen mehr, gar nichts anzufangen und gar nichts zu machen. Und siehe, so bin ich denn bei dieser außerordentlichen Gelegenheit zu dir herauf geflohen; denn unten in der Stadt wie im Tempel ist für unsereinen gar nicht mehr zu bestehen!
GEJ|7|46|13|0|Aber wenn du nun gerade Muße hättest, so könntest du mir wohl von deinen Lebensgeschichten etwas ganz Besonderes kundtun, was bei mir um so wünschenswerter wäre, da ich nun selbst in meinem Gemüte sehr bedrängt bin. Sage mir ganz offen: Hast du bei deinen Reisen in Persien und Arabien je eine ähnliche Erscheinung gesehen? Und so du je etwas Ähnliches gesehen hast, – von was für Folgen war sie hinterdrein oder auch schon gleichzeitig begleitet?“
GEJ|7|46|14|0|Sagte Lazarus: „Laß dir wegen dieser wahrlich allergroßartigst herrlichen Lichterscheinung kein schweres Herz machen; denn sie trägt durchaus kein Anzeichen von irgend bösen Folgen für uns wenigstens insoweit bessere Menschen, da wir noch den alten und festen Glauben an Gott und unsere Treue zu Ihm in unserem Gemüte bewahrt und nach Möglichkeit Seine Gesetze beachtet haben! Für die Abtrünnigen aber ist sie eine gute Mahnung und sagt ihnen, daß der ewig-alte Jehova noch gleichfort lebt und die Macht hat, die Sünder zu züchtigen, wie und wann Er will. Wenn du diese Erscheinung von dem Standpunkte aus besiehst, so kann es dir nicht bange werden. Sieh dort die etlichen Hunderte von Menschen! Sie betrachten diese Erscheinung allesamt von diesem Standpunkte aus und sind voll Ruhe und voll guten Mutes, und du mit deiner alterprobten Rechtlichkeit vor Gott und den Menschen wirst doch wohl auch keinen Grund haben, dich vor dieser Erscheinung zu fürchten! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|7|46|15|0|Sagte Nikodemus: „Jawohl, jawohl, du hast recht und gut geantwortet und mein Herz mit deinen freundlichen Worten sehr erquickt, wofür ich dir von ganzem Herzen dankbar bin; doch hast du mir nun davon noch nichts erwähnt, ob du bei deinen weiten Reisen in Persien und Arabien noch nie etwas Ähnliches gesehen hast!“
GEJ|7|46|16|0|Sagte Lazarus: „Noch nie, weder in Persien noch in Arabien, habe ich derartige Erscheinungen gesehen! Andere oft auch sehr sonderbare Erscheinungen in großer Menge bei Tag und bei Nacht habe ich wohl gesehen, die den Menschen, der sie ein erstes Mal sieht, sicher auch sehr stutzen machen; aber weil sie sich zu gewissen Zeiten immer gleichartig wiederholen, so machen sie auf die Einheimischen keinen besonderen Eindruck. Aber diese Erscheinung würde sicher die mutigsten Araber ins Bockshorn treiben; denn da hat auf dieser Erde Boden noch nie ein Mensch etwas Ähnliches gesehen, außer in einer prophetischen Verzückung irgendein Prophet, wie man sich solches noch erzählt von dem alten Vater Kenan und Henoch, und noch von Moses, auch von Elias und von Daniel. Aber mit den fleischlichen Augen dürfte solch eine Erscheinung noch nie gesehen worden sein. Es wird diese Erscheinung jedoch nicht gleichfort also stehenbleiben, sondern sich so nach meinem Gefühle bald und zwar noch mehrere Male verändern.“
GEJ|7|46|17|0|Sagte Nikodemus: „Meinst du das im Ernste?“
GEJ|7|46|18|0|Sagte Lazarus: „Allerdings, so wie die zwölf Lichtsäulen nun stehen und sich auch stets um etwas vergrößern, werden sie nicht bis zum Ende verbleiben!“
GEJ|7|46|19|0|Sagte Nikodemus: „Oh, da wird es noch schlimmer werden in der Stadt und in der ganzen Umgegend! Was werden deine beiden Schwestern daheim machen? Die werden ja vor Angst verschmachten, so wie auch meine Familie in meinem Hause!“
GEJ|7|46|20|0|Sagte Lazarus: „Oh, sorge du dich um etwas anderes! Dafür ist schon vom Herrn aus gesorgt; denn Er läßt die Seinen nicht verschmachten, und mögen Dinge über die Erde kommen, welche nur immer wollen. Denn der Herr wacht auch über derlei Erscheinungen, läßt sie werden, sich verändern und vergehen, und das stets zum Besten und zum Heile der Menschen dieser Erde. Und also magst du auch wegen deiner Familie ganz unbesorgt sein; denn der Wille Gottes wacht über uns alle!“
GEJ|7|47|1|1|47. — Nikodemus unterhält sich mit Lazarus über die Lichterscheinung
GEJ|7|47|1|0|Sagte Nikodemus: „Da hast du, mein Bruder, wohl ganz recht! Wer fest auf Gott vertraut, dem kann nichts Arges begegnen, obwohl von Gott aus den Menschen oft so manches begegnet, worin man eine besonders gute Obsorge als von Gott ausgehend mit unserem Verstande nicht so ganz recht wohl merken kann. Mir selbst ist es schon einige Male also ergangen, und ich bin darum bei derlei großen Erscheinungen dieser Erde gleich einem Kinde, das darum stets eine Furcht vor dem Feuer hat, weil es sich schon einmal am Feuer einen Finger verbrannt hat. Und so erging es mir auch, und das schon einige Male, und das eine Mal durch einen Blitz, der mich betäubte und mir nachher eine Zeitlang sehr empfindliche Schmerzen in meinen Gliedern hinterließ. Ein anderes Mal wurde ich von einem Wirbelwind erfaßt, über zwei Mannshöhen in die Luft gehoben und darauf sehr unsanft auf den Boden wieder zurückgesetzt. So hat mich gut bei zwei Mal ein böses Wetter am Galiläischen Meere über fünf Stunden lang zwischen Leben und Tod umhergetrieben, und wieder ein anderes Mal ward mir mein sonst ganz sanftes und gut abgerichtetes Maultier wild, fing gar jämmerlich zu rennen an, und das so lange, bis es vor Müdigkeit niedersank und mir einen Fuß stark quetschte. Daran war denn auch ein starker Blitz und ein schnell darauf folgender Donner schuld.
GEJ|7|47|2|0|Und siehe, diese und mehrere Unfälle sind mir durch pure Naturerscheinungen zuteil geworden, und so habe ich gleichfort eine kleine Angst, wenn ich so etwas ganz Besonderes von einer Erscheinung wieder erlebe. Ich habe bei allen meinen Unfällen wohl mein irdisches Leben nicht verloren, was bei ähnlichen unverschuldeten Gelegenheiten gar vielen Menschen schon begegnet ist; aber ich bin dennoch stets voll Angst, wenn in der Natur der Erde durch Zulassung Gottes solche Erscheinungen zum Vorscheine kommen, mit denen sich unsere menschlichen Kräfte nimmer messen können. Und das ist eben jetzt ganz besonders der Fall, wo dort im Osten die zwölf ungeheuren Feuer- und Lichtsäulen alles auf dem Erdenrund zu vernichten drohen. Ich glaube an Gott und vertraue fest darauf, daß Er uns vor allem großen Unglück beschützen wird; aber gerade dort, wo die sehr drohend aussehenden Säulen den Boden der Erde berühren, möchte ich mich gerade nicht befinden, – denn dort wird es sicher sehr feuerstürmisch aussehen.“
GEJ|7|47|3|0|Sagte unser Lazarus aus Mir: „Auch dort in der Gegend des Euphrat wird keinem Wesen durch diese Säulen etwas geschehen, – dessen du völlig versichert sein kannst und dich darum durchaus nicht zu ängstigen brauchst. Doch sieh nun, die mittleren zehn Säulen rücken nun näher und näher aneinander; nur die beiden äußeren bleiben noch unbeweglich! Sieh, das ist schon eine Veränderung! Und nun stoßen je zwei und zwei gar zusammen und einen sich so, daß wir jetzt gar nur fünf große Mittelsäulen sehen, ohne daß dadurch das Licht stärker oder gar schwächer wird. Siehe, wiederum eine Veränderung! Die beiden äußeren Säulen rühren sich noch nicht!“
GEJ|7|47|4|0|Sagte Nikodemus: „Diese merkwürdige Veränderung scheint mir nun von einem denkenden Wesen geleitet zu sein, da sonst derlei Erscheinungen mehr plump und ganz planlos untereinander sich begegnen, sich manchmal einen, manchmal auch zersplittern oder gar zerstören. Man nehme nur die höchst ungeschickten und planlosen Wolkenzüge bei Stürmen an und die Planlosigkeit der dahinzuckenden Blitze! Aber hinter dieser großartigsten Erscheinung scheint auf jeden Fall ein höchst klug denkendes Wesen verborgen zu sein, und man könnte beinahe den Gedanken fassen, daß das irgendeine neue Zauberei der Essäer sei, die in jener Gegend sicher auch neue Besitzungen haben. Denn diese Leute ziehen alle Zaubereien der ganzen Welt auf einen Punkt zusammen und sind selbst sehr erfinderisch in derlei ungewöhnlichen Dingen. Da sieh nur hin! Nun fangen die fünf Säulen sich auch zu einen an! Ihre Bewegung geht rasch vor sich, und siehe, sie sind schon eins! Ah, das wird die Templer und das Volk denken und ordentlich verzweifeln machen und wird manchem Schwachen zum Wahnsinn helfen!“
GEJ|7|47|5|0|Sagte Lazarus: „Jetzt minder denn ehedem; denn nun fangen schon viele an, diese Sache den etwa in jüngster Zeit ankommenden indischen Magiern in die Schuhe zu schieben, weil ihnen die Sache der Erscheinung zu plan- und regelmäßig vorkommt.“
GEJ|7|47|6|0|Sagte Nikodemus: „Aber für was hältst nun du diese wirklich höchst merkwürdige Erscheinung? Denn ob sie schon auch von Magiern hervorgebracht werden könnte, so könnte sie, vermöge ihrer ungeheuren Großartigkeit auch noch eher von Jehovas Willen herrührend, etwa darum dasein oder wenigstens zugelassen sein, um besonders uns Juden irgend etwa ein kommendes Gericht oder sonst einen noch verborgenen Plan, was Gott mit uns Menschen vorhat, damit anzuzeigen. Weißt du, wer hinter dieser Erscheinung allenfalls noch stecken könnte?“
GEJ|7|47|7|0|Fragte ihn Lazarus: „Wer kann da von dir gemeint sein?“
GEJ|7|47|8|0|Sagte Nikodemus: „Der gewisse wunderbare Heiland aus Nazareth! Er war nun auf dem Feste und – glaube – zweimal im Tempel, wo er den Pharisäern die tüchtigsten Wahrheiten ins Gesicht gesagt hat, so daß sie Ihn am Ende gar steinigen wollten. Er zog darauf sicher weiter, und Er dürfte nun von dem Orte, wo unsere Erscheinung aufsteigt, eben nicht gar zu weit entfernt sein. Ich habe diesmal leider keine Gelegenheit finden können, daß ich Ihn geheim wieder besucht hätte; denn du weißt schon, welche Tendenzen nun der Tempel verfolgt. Aber es macht das nun nichts, da ich – unter uns gesagt – an Ihn und Seine Sendung glaube; denn so Er der Messias nicht ist, so kommt fürder auch schon ewig kein zweiter mehr in diese Welt. Doch das kann ich dir – verstehe mich – nur so unter vier Augen sagen, weil ich wohl weiß, daß auch du meiner Ansicht sein wirst, so wie viele aus dem Volke; aber man darf nun das noch nicht gar zu laut in Jerusalem aussprechen. Also, Freund, der erwähnte Heiland dürfte um diese Erscheinung wohl auch wissen; und was sie allenfalls anzeigen soll oder könnte, darum wird auch Er schier am besten wissen. – Was sagst nun du zu dieser meiner Ansicht?“
GEJ|7|47|9|0|Sagte Lazarus: „Ja, ja, da könntest du wohl schon recht haben; nur begreife ich das noch nicht so ganz wohl von dir, wenn du sagst, daß du glaubst, daß der Heiland aus Nazareth im Ernste der verheißene Messias sei, dabei aber dennoch eine Furcht hast, Ihn als das, was Er unzweifelhaft ist, ohne alle Furcht laut vor aller Welt zu bekennen. Ist Er der Messias, so ist Er laut gar vielen dir wohlbekannten Stellen des Moses, Elias, Jesajas, Jeremias und noch vieler anderer Propheten und Seher Jehova Zebaoth Selbst. Ist Er aber das, – was ist dann alle Welt gegen Ihn?! Kann Er sie nicht verwehen mit einem Hauch, wenn sie Ihm am Ende doch zu mißliebig würde und der Menschen zu große Bosheit Seine Geduld auf eine zu große Probe stellte?! Wenn aber sonach Er eben der allmächtige Herr der ganzen Schöpfung unzweifelhaft ist und du das auch glaubst, – wie kannst du da noch eine Furcht vor der dummen und blinden Welt haben?! Siehe, das ist mir an dir wahrlich nicht sehr einleuchtend! Daß du ein erstes Mal nur in der Nacht Ihn besuchtest, das war wohl begreiflich; aber Er war seitdem schon ein paar Male hier, und du hast Ihn weder in der Nacht und noch weniger am Tage wieder besucht, und das war offenbar nicht recht von dir. Nur wenn du nicht völlig glaubst, daß Er der wahrhafte Messias ist, so entschuldigt das ein wenig deine Furcht und Lauheit, und du kannst das Versäumte wohl noch einholen! – Hast du mich wohl verstanden, was ich dir damit gesagt habe?“
GEJ|7|47|10|0|Sagte Nikodemus: „Bruder, du hast vollkommen recht; aber was kann man tun, wenn man leider ein Mitglied des Tempels ist und bloß dahin alle Hände voll Arbeit hat, um den Tempel nur so zu stimmen, daß er sich nicht zu grelle Übergriffe in die Rechte der Menschen erlaubt? Um aber das zu bewirken, muß man leider oft mit den Wölfen zu heulen anfangen und sie heimlich klugermaßen von guten Herden ablenken, damit diese von ihnen nicht ganz zerrissen und gefressen werden! Und so war es mir wahrlich nicht so leicht möglich, abzukommen und mich mit dem Heilande nach Gebühr zu beschäftigen, so wie ich auch mit dir als meinem bewährtesten Freunde außer im Tempel schon beinahe zwei Jahre lang nicht habe zusammenkommen können. Denn es machte eben der Prophet Johannes und nun der Heiland aus Nazareth dem Tempel große Sorgen, und es ward über Seine Bewegungen und Lehren beinahe allwöchentlich großer Rat gehalten und es wurde Mittel ergriffen, Ihn verstummen zu machen; aber es fruchtete bis jetzt alles zusammen nichts, weil das Volk Ihn teils für einen großen Propheten, teils aber auch schon im Ernste für einen groß werdenden neuen König und größtenteils aber auch schon für den vollwahren Messias hält, was auch – aufrichtig gesagt – bei mir selbst der Fall ist.
GEJ|7|47|11|0|Das Merkwürdige dabei aber ist nur das, daß Er bei den Römern einen großen Anhang hat, und Ihm bei der Ausbreitung Seiner Lehre von ihnen gar kein Hindernis in den Weg gelegt wird! Das halte ich für ein großes Wahrzeichen für die Echtheit Seiner Messiaswürde. Weißt du aber nun nicht, wo Er etwa von Jerusalem hingezogen ist? Bei dieser Gelegenheit hätte ich selbst gute Lust, Ihn aufzusuchen und mich mit Ihm zu besprechen.“
GEJ|7|47|12|0|Sagte Lazarus: „Freund, sieh nun nur wieder die drei Licht- und Feuersäulen an; denn nun fangen die beiden äußeren Säulen auch an, sich zu bewegen, und nähern sich der einen Mittelsäule. Wir wollen nun sehen, was daraus werden wird! Sieh, die eine von der mittäglichen Seite her hat sich nun schon mit der Mittelsäule vereinigt; aber die von der Nordseite her blieb stehen, und wir sehen nun nur noch zwei, und diese zwei leuchten nun ebenso stark wie die früheren zwölf, denn ihr Licht ist nun greller und gediegener geworden. Ja, ich kann es mir nicht denken und vorstellen, daß es am Tage heller sein könnte! Nur das Firmament ist dunkler, und hie und da in der Abendgegend ist noch ein oder der andere große Stern ersichtlich.
GEJ|7|47|13|0|Und da sieh in die Stadt hinab, wie die Menschen durcheinanderrennen! Selbst auf den Giebeln der Häuser stehen Menschen und starren nach der Erscheinung hin! Aber nun bewegt sich auch die Nordsäule zur Mittelsäule und vereint sich mit ihr! Jetzt haben wir es nur noch mit einer Säule zu tun!“
GEJ|7|47|14|0|Sagte Nikodemus: „Das ist wahrlich im höchsten Grade denkwürdig! Was nun etwa doch noch weiter geschehen wird?“
GEJ|7|48|1|1|48. — Nikodemus vor dem Herrn
GEJ|7|48|1|0|Als Nikodemus noch kaum die Frage ausgesprochen hatte, da erhob sich diese nun eine Säule und stieg höher und höher, und das so lange und auch äußerst schnell, daß man bald gar nichts mehr von ihr ersah, und es ward wieder sehr finster auf der Erde.
GEJ|7|48|2|0|Und Nikodemus sagte: „Da haben wir's nun! Was war nun diese so drohende Erscheinung, und was hat sie bedeutet? Daß sie von Gott aus zugelassen war, das ist nun wohl ganz klar; denn keine menschliche Macht hätte sie in des Firmamentes tiefste Tiefen emporziehen können. O du menschliche Weisheit, wie stehst du nun einmal wieder da: so nackt, so unbehilflich und ratlos wie ein neugeborenes Kind! Freund Lazarus, was denkst du nun über diese Erscheinung, die nun bei zwei Stunden lang aller Menschen Gemüter mit Furcht und Angst erfüllte? Ist sie eine göttliche Zulassung gewesen, so stehen uns große Dinge bevor, und war sie irgendein Spiel der Erd- und Luftgeister, so haben wir armen und schwachen Erdenmenschen auch nichts Gutes zu erwarten; denn nach den großen, feurigen Erscheinungen kommen gerne große Erdstürme, große Ungewitter, Erdbeben und auch Krieg, Hungersnot und Pest. Und das sind auch wahrlich keine tröstlichen Aussichten für uns arme Menschen! – Was aber ist da deine Ansicht?“
GEJ|7|48|3|0|Sagte Lazarus: „Ich weiß da für mich ebensoviel wie du; aber lassen wir das nun gut sein! Sieh dort hinter den Zelten nur die große Menschenmenge an! Die alle sind nun meine Gäste, und über zweihundert sind noch im Hause untergebracht, die von dieser Erscheinung wenig gesehen haben werden. Aber unter diesen vielen Menschen, die sich jenseits der Zelte befinden, werden schon ein paar sein, die diese Erscheinung sicher besser verstehen werden als wir beide.“
GEJ|7|48|4|0|Sagte Nikodemus: „Ja, das wird wohl schon also sein; aber wie komme ich zu ihnen?“
GEJ|7|48|5|0|Sagte auf Mein inneres Geheiß Lazarus: „Komme du nun mit mir, und ich werde dich schon dem Rechten vorstellen!“
GEJ|7|48|6|0|Sagte Nikodemus: „Das wäre auch alles recht, wenn ich unerkannt bleiben könnte, damit ich im Tempel nicht verraten werde.“
GEJ|7|48|7|0|Sagte Lazarus: „Ah, sorge dich da um etwas anderes! Die Menschen, die du hier bei mir findest, sind selbst Feinde des Tempels, weil sie einen besseren Tempel gefunden haben; daher hast du von allen jenen Menschen nicht das Allergeringste zu besorgen (befürchten), – gehe nur ganz unbesorgt und mutig mit mir!“
GEJ|7|48|8|0|Da erst entschloß sich Nikodemus, mit Lazarus zu uns zu gehen.
GEJ|7|48|9|0|Als er aber in Meine Nähe kam, da erschrak er ordentlich, da er gar keine Ahnung hatte, Mich allda zu treffen.
GEJ|7|48|10|0|Ich aber trat zu ihm hin, reichte ihm die Hand und sagte: „Was erschrickst du vor Mir, als wäre Ich irgendein Gespenst? Du wolltest Mir doch nachziehen, so du von Lazarus erführest, wohin Ich gezogen wäre, und nun hast du Mich hier! Ist dir denn das nicht um so lieber nun?“
GEJ|7|48|11|0|Sagte nun Nikodemus: „O Herr, das wohl sicher; aber Du bist der Heilige Gottes und ich ein alter Tempelsünder! Das drückt und beengt sehr mein Herz, und ich habe nun wenig Mut, mit Dir zu reden.“
GEJ|7|48|12|0|Sagte Ich: „Wenn Ich dir eine Sünde vorhalten werde, so kannst du sagen: ,Herr, vergib mir die Sünde!‘ Doch da Ich dir das zu sagen keinen Grund habe, so bist du frei und kannst reden, wie es dich freut. Was sagst denn du zu der Erscheinung, über die sich die Templer nun noch in den Ohren und Haaren liegen?“
GEJ|7|48|13|0|Sagte Nikodemus: „O Herr, die Erscheinung war etwas Unerhörtes, noch nie dagewesen seit Anbeginn der Welt! Aber was sie zu bedeuten hat, das wirst Du sicher wohl besser wissen als wir alle hier, und darum möchte ich nur Dich fragen. Denn ich war ehedem sogar der Meinung, daß sie etwa gar von Dir herrühre, da Du Dich ja auch ganz leicht in jener Gegend hättest befinden können. Denn vor etwa einem Jahre soll sich, wie ich's später vernommen habe, ja auch bei Cäsarea Philippi während Deiner Anwesenheit etwas Ähnliches gezeigt haben und soll die eigentliche Ursache vom Brande jener Stadt gewesen sein. Und so meinte ich denn nun auch, daß hier nun eine Wiederholung jener Erscheinung zu Cäsarea Philippi statthaben könnte, so Du Dich in jener Gegend befändest. Doch Du bist noch hier bei uns in Jerusalem, und so haben wir wahrlich keine Ursache, uns nun noch weiter mit der Erscheinung zu ängstigen. Aber was war denn die Erscheinung in sich? Du, o Herr, wirst das wohl am allerbesten wissen, wie ich das schon bemerkt habe! Wenn es Dir genehm wäre, so könntest Du uns schon etwas darüber sagen!“
GEJ|7|48|14|0|Sagte Ich: „Die Erscheinung war Mein Wille und somit auch Mein Werk; doch wir haben dann später noch Zeit, ein mehreres darüber zu sprechen. Für jetzt aber bleibe du noch in der Ruhe, denn es war diese von dir gesehene Erscheinung das letzte noch nicht, was diese Nacht bieten wird; dann erst wird die Erklärung im Hause folgen! Hebet aber nun alle eure Augen empor, und sehet, was sich nun in einem Bilde zeigen wird!“
GEJ|7|49|1|1|49. — Die Erscheinung vom alten und neuen Jerusalem
GEJ|7|49|1|0|Als nun alle ihre Augen nach oben richteten, da wurde der Himmel glühend und blutrot gefärbt, und man ersah die Stadt Jerusalem auf dem glühenden Grunde, belagert von römischen Kriegern, und aus den Toren der Stadt floß Blut. Bald darauf aber stand die Stadt in hellen Flammen, und ein dicker Qualm umzog den ganzen weiten Horizont. Bald darauf ersah man keine Stadt mehr, sondern nur noch einen dampfenden Schuttberg. Zuletzt verschwand auch dieser, und man ersah eine unfruchtbare Wüste, auf der sich wilde Horden eine Stätte zur Wohnung erbauten. Nach dem verschwand diese Erscheinung, und man vernahm aus der Stadt ein großes Angstgeschrei, und Nikodemus meinte, daß nun in der Stadt offenbar eine Emeute (Aufstand) losgehe.
GEJ|7|49|2|0|Ich aber beruhigte ihn und sagte: „Das ist noch ferne; aber von jetzt an zwischen vierzig und fünfzig Jahren wird es in diesem Lande also geschehen und dieser Stadt, weil sie die Zeit ihrer großgnädigen Heimsuchung nicht hat erkennen wollen, ein voller Garaus gemacht. – Nun aber wartet noch auf die letzte Sache! Darauf erst wollen wir ins Haus gehen und uns darüber besprechen. Doch jetzt gebet noch weiter acht darauf, was ihr sehen werdet!“
GEJ|7|49|3|0|Auf diese Meine Beheißung sahen alle wieder nach dem Firmamente, und es senkte sich die Lichtsäule abermals aus den Höhen zur Erde nieder, doch nicht mehr an jener Stelle, wo sie ehedem aus zwölf einzelnen Säulen entstand, sondern am ganz entgegengesetzten Orte gen Westen hin, und leuchtete nun aber um vieles stärker denn ehedem. Bald darauf zerteilte sie sich, doch nicht mehr in zwölf Säulen, sondern aus ihren zahllos vielen Teilen bildete sich eine übergroße Stadt, deren Mauern aus den zwölf Hauptedelsteingattungen bestanden und einen höchst mannigfaltigen Lichtglanz nach allen Seiten hin verbreiteten. Und also hatte diese Stadt auch sichtlich zwölf Tore, durch welche zahllos viele Menschen aus allen Teilen der Erde höchst wonniglich aus und ein wandelten.
GEJ|7|49|4|0|Über der Stadt hoch in den Lüften aber stand, wie von Rubinen und Smaragden gebildet, eine Schrift nach der alten hebräischen Art, und deren Worte lauteten: ,Dies ist die neue Stadt Gottes, das neue Jerusalem, das dereinst aus den Himmeln niedersteigen wird zu den Menschen, die reinen Herzens und eines guten Willens sein werden; darin werden sie mit Gott wohnen ewig und lobpreisen Seinen Namen.‘ Diese Schrift, wie auch diese ganze Erscheinung, aber sahen nur alle die, so bei Mir auf dem Berge waren, und sonst niemand im ganzen Lande.
GEJ|7|49|5|0|Nachdem aber alle Anwesenden in einen Wonnejubel ausgebrochen waren und anfangen wollten, Mich förmlich laut anzubeten, da verschwand die Erscheinung, und Ich ermahnte alle, daß sie Gott anbeten sollen in der Stille ihres Herzens und nicht mit lauten, lärmenden Worten gleich den Pharisäern, was vor Gott keinen Wert hat. Da ließen sie ab und machten in der Stille ihres Herzens ihre Betrachtungen.
GEJ|7|49|6|0|Nach einer kleinen Weile erst sagte Ich: „Nun ist es um die Mitte der Nacht geworden, und wir wollen uns in das Haus begeben und dort etwas Brot und Wein zu uns nehmen. Darauf werde Ich euch eine kurze Beleuchtung über die stattgehabten Erscheinungen geben.“
GEJ|7|49|7|0|Auf diese Meine Worte begab sich alles wieder ins Haus, dessen großer Speisesaal noch ganz wohl beleuchtet war.
GEJ|7|49|8|0|Als wir uns bald wieder im Saale in guter Ordnung bei unseren Tischen befanden und Lazarus und Nikodemus neben Mir Platz nahmen, da ward Wein und Brot an alle Tische in hinreichendster Menge gebracht, und Ich behieß alle, nun eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen. Und alle nahmen Brot und Wein und aßen und tranken ganz wohlgemut.
GEJ|7|49|9|0|Nachdem wir uns wohl gestärkt hatten, sah sich unser Nikodemus die verschiedenen Gäste an den Tischen näher an, bemerkte die sieben Templer, die mit den Sklavenhändlern an einem kleineren Tische saßen, und sagte ein wenig verlegen zu Mir: „Herr, dort sehe ich mir nur zu wohl bekannte Priester des Tempels! Wie kommen denn diese daher? Werden die an uns keine Verräter machen? Kann man ihnen wohl trauen?“
GEJ|7|49|10|0|Sagte Ich: „Freund, die einmal bei Mir sind, die haben mit dem Tempel da unten gar keine Gemeinschaft mehr! Sie wurden wohl in einer Verkleidung vom Tempel aus hierher beordert, um Mich und Mein Tun zu beobachten; aber sie erkannten die Wahrheit und verließen den Tempel für immer. In etlichen Tagen aber werden sie nebst noch mehreren andern mit jenen hohen Römern dort nach Rom abreisen und dort versorgt werden, und so hast du dich vor gar niemandem irgend zu fürchten, daß er dich etwa verraten könnte, weil du hier bist; darum kannst du nun schon ganz ruhig sein.“
GEJ|7|49|11|0|Nikodemus dankte Mir für diese Aufklärung, griff noch nach einem Stück Brot, verzehrte es dann ganz sorglos und nahm darauf den Becher mit Wein und trank ihn ganz aus.
GEJ|7|49|12|0|Nachdem denn nun auch Nikodemus sich ganz gestärkt hatte, sagte er zu Mir: „Herr und Meister, da nun alles sich in einer Ruhe befindet und Du versprochen hast, uns in Kürze ein Licht über die Erscheinungen zu geben, die sich heute so wunderbarerweise zugetragen haben, so möchte ich Dich wohl darum bitten, daß Du uns nun Dein Versprechen erfüllen möchtest!“
GEJ|7|49|13|0|Sagte Ich: „Das werde Ich nun auch tun; doch so da Ich werde ausgeredet haben, dann fraget Mich darüber um nichts Weiteres mehr, sondern da denke dann ein jeder bei sich über das Vernommene nach, und es wird das seiner Seele von mehr Nutzen sein denn ein langes Fragen! Und so höret denn!“
GEJ|7|50|1|1|50. — Der Herr erklärt die Lichterscheinungen
GEJ|7|50|1|0|(Der Herr:) „Die zwölf Feuersäulen im Osten stellten richtig die zwölf Stämme Israels vor, und der starke Mittelstamm war Juda, und die beiden äußersten waren Benjamin und Levi. Durch die verschiedenen Ereignisse verschmolzen die zwölf Stämme in den letzten einen Judastamm, und der bin Ich, der Ich gekommen bin, alle die andern Stämme in Mir als dem einzig wahren Stamme Juda zu vereinen, daß sie alle in Mir also Eins werden sollen, wie Ich und der Vater im Himmel völlig Eins sind von Ewigkeit zu Ewigkeit.
GEJ|7|50|2|0|Als ihr sahet die sieben Säulen, da sahet ihr gewisserart die euch schon bekannten sieben Geister Gottes, und als es nachher drei wurden, da sahet ihr in Benjamin den Sohn, in Levi den Geist und inmitten Juda als den Vater. Und seht: Vater, Sohn und Geist wurden Eins, waren von Ewigkeit her Eins und werden auch ewig Eins verbleiben! Und dieses Eins bin eben auch Ich Selbst, und wer Mein Wort hört und danach handelt, tut und lebt, der wird auch Eins sein mit Mir und in Mir. Er wird Mir gleich auffahren in die Himmel Gottes und wird in Mir das ewige Leben haben. – Das ist ganz kurz die vollwahre Bedeutung der ersten Erscheinung.
GEJ|7|50|3|0|Was aber da betrifft die zweite Erscheinung, so zeigte sie das Vollmaß der Sündengreuel dieses Volkes an, das nun am hellsten Tage, der über ihm aufgegangen ist, dennoch in aller Finsternis wandelt und auch fortan wandeln will. Und darum wird es nach seinen Taten die Früchte ernten, und das in der Zeit, die Ich dir, Freund, schon draußen im Freien kundgegeben habe, nämlich zwischen vierzig und fünfzig Jahren, und Ich setze noch einen außerordentlichen Geduldstermin von höchstens noch zehn und sieben Jahren hinzu; dann wird es aber auch gänzlich aus sein mit diesem Volke für alle Zeiten der Zeiten. Und das sage Ich euch: Diese Erde und dieser sichtbare Himmel werden vergehen und morsch und brüchig werden wie ein altes Kleid; aber diese Meine Worte werden erfüllt werden und ewig nimmerdar vergehen!
GEJ|7|50|4|0|Denn Ich bin der Herr. Wer will mit Mir rechten und will mit Lanzen und Schwertern gegen Mich ziehen?! Ja, sie werden auch noch das tun, und dieses Mein Fleisch wird wohl am Kreuze den Tod finden; aber eben das wird ihr Maß voll machen und ihren Untergang unwiderruflich besiegeln. Denn die Blindheit will herrschen und töten ihren Gott. Und das wird sie tun in wahrlich nicht gar langer Zeit, und es wird ihr auch diese Greueltat zugelassen werden, damit ihr Untergang für alle Zeiten der Zeiten ein vollkommen sicherer und unausbleiblicher werde. Doch was diesem Volke zum Untergange dienen wird, das wird euch dienen zum größten Heile und zur vollendetsten Erlangung des ewigen Lebens.
GEJ|7|50|5|0|Machet euch aber nun alle nichts daraus, da Ich euch das zum voraus gesagt habe; denn diese arge Brut da unten kann wohl diesen Meinen Leib töten, aber nicht Den, der in Mir lebt und ewig wirkt und schafft und ordnet. Ich werde aber auch den Leib wahrlich nicht im Grabe lassen; denn schon am dritten Tage werde Ich auch diesen Leib wieder erwecken und werde dann wieder bis ans Ende der Zeiten mit denen umgehen, die an Mich glauben, Mich lieben und Mein Wort halten werden. Und ihr, Meine Brüder, werdet Mich sehen und Mich sprechen können so wie jetzt, da Ich noch im unverklärten Fleische unter euch wandle.
GEJ|7|50|6|0|Wenn ihr nun das alles wohl überdenket, so werdet ihr es alle wohl einsehen, daß die zweite traurige Erscheinung ihren vollen und lebendigen Grund hat. Sage von euch aber ja keiner: ,Herr, das könntest Du mit Deiner Allmacht wohl abändern!‘ oder: ,Das könntest Du anders machen!‘ Denn wahrlich sage Ich es euch, daß Ich nun ohnehin das Alleräußerste tue, was Meine ewige und höchste göttliche Weisheit Mir zeigt, und es hilft diesem Volke da unten dennoch nichts mehr; denn es ist durch die eigene, unnennbare Bosheit so verstockt, daß ihm auch keine Gottesmacht mehr helfen kann.
GEJ|7|50|7|0|,Ja‘, denket ihr und saget es in euch, ,ja, wie sollte denn so etwas möglich sein? Gott muß ja alles machen können, was Er nur immer will!‘ Ja, das kann Gott fürwahr. Aber bei der vollendetsten Freiheit des menschlichen Willens kann und darf Gott nie und nimmer tun, was Er will; denn würde Gott da nur im geringsten dem menschlichen Willen in die Quere treten, so würde der Mensch eine Kinderpuppe, an der Schnur des fixen göttlichen Willens geführt, und könnte dabei ewig nie zu einer Lebensselbständigkeit gelangen. Kann er aber zu dieser aus sich nicht gelangen, so ist es mit dem ewigen Leben seiner Seele notwendigerweise auch für ewig gar.
GEJ|7|50|8|0|Der Mensch muß also seine vollkommenste Willensfreiheit haben, die nur durch äußere Gesetze und durch den selbstischen (freiwilligen) Gehorsam zu seinem wahren Vorteile gelangen kann, und dabei darf die göttliche Allmacht wenig oder eigentlich schon gar nichts zu tun haben und muß darum dem Menschen des selbständigen Lebens wegen alles zulassen, wonach es ihn gelüstet, und also auch nun die Tötung sogar Meines allerunschuldigsten Fleisches.
GEJ|7|50|9|0|Und weil diese Menschheit hier in Jerusalem das Gottesgesetz nahe ganz verworfen hat und dafür ihr mehr zusagende und ihren Weltinteressen sehr dienende Satzungen aufgestellt hat, die Meinen Satzungen, durch Moses und durch die Propheten den Menschen gegeben, schnurstracks zuwiderlaufen und sie ganz verdrängen wollen, Ich aber nun wider sie und ihre große Ungerechtigkeit gegen Gott und gegen die Menschen zeuge, so hassen sie Mich und wollen Mich töten um jeden Preis der Welt. Ja, es wird ihnen auch das zugelassen werden; aber dann wird ihr Maß der verübten Greueltaten auch voll sein, und es wird dann an diesem Volke geschehen in der Fülle, was ihr als zweite Erscheinung ehedem gesehen habt.“
GEJ|7|50|10|0|Sagte nun Nikodemus: „Herr und Meister, ich bin nun der Meinung, daß die zwei Erscheinungen die Templer sehr nüchtern gemacht haben dürften, und sie werden sich in der Folge wohl hüten, die Hände an jemand zu legen; denn ich habe es im Tempel gar deutlich vernommen, wie das Volk den höchst verlegenen Priestern vorhielt, wie Gott sie nun alle richten werde, weil eben sie als Priester die meisten Propheten bis auf Zacharias und Johannes herab getötet haben! Und sogar der Hohepriester schwieg und getraute sich nicht, dem Volke etwas zu erwidern, obwohl es seine dargebrachten Opfer ganz keck vom Tempel zurückforderte, was sonst für ein übergroßes Verbrechen angesehen wird. Und weil ich das selbst noch beobachtet habe, so bin ich der Meinung, daß sie Dir, o Herr und Meister, nicht mehr gar so besonders gehässig und aufsässig sein werden. Sie werden sich sehr Zeit lassen, Dir feindlich zu begegnen! Zugleich ist dem Tempel durch einen Obersten von seiten des hohen römischen Gerichts in bezug auf das JUS GLADII (Schwertrecht) eine äußerst scharfe Verwarnung zugekommen, und diese möchte ihnen wohl für alle Zeiten die Lust und den Eifer benehmen, je mehr jemanden ohne ein römisches Gerichtsurteil zum Tode zu verurteilen.“
GEJ|7|50|11|0|Sagte Ich: „Das werden sie auch nicht tun; aber sie werden in ihrer Wut und Mordlust so lange dem römischen Richter in den Ohren liegen und bezahlte Zeugen in solcher Menge über ihr Opferlamm vorbringen, daß am Ende der Richter das wird tun müssen, was sie werden haben wollen. Es glaubt zwar schon viel Volkes an Mich und an Meine Lehre, aber der Tempel hat dennoch einen großen, wennschon gänzlich blinden Anhang, und mit dem kann er noch alles bewirken. Daß aber der Tempel noch einen starken Anhang hat, das beweist die beinahe unzählige Menschenmenge, welche an den Festen zum Tempel wallfahrtet. Diese großen und menschenreichen Wallfahrten aber bezeugen ja mehr denn zur Übergenüge, wie viele noch am Tempel hängen, und wie viele Blinde es noch im ganzen Judenlande gibt, die dadurch Gott einen wohlgefälligen Dienst zu erweisen wähnen, sie ganz gewissenhaft das tun, was ihnen vom Tempel aus geboten wird. Wenn du dir das so recht vor Augen stellst, so wirst du für das Leben Meines Leibes nun noch sehr wenig Bürgschaft unter den Juden finden.“
GEJ|7|51|1|1|51. — Die Vergangenheit und Zukunft der Juden
GEJ|7|51|1|0|Dieses Gespräch vernahmen auch die Römer, und Agrikola stand ganz entrüstet auf und sagte: „Herr aller Himmel und Welten, wenn gegen Dich von dieser Brut da unten je etwas von dem im Zuge sein sollte, so wird Deine Allmacht es uns wohl zuvor wissen machen können, und wir werden dann nicht säumen, dieser Betrügerbrut ein völliges Ende zu machen, und ich werde den Pilatus noch morgen sehr darauf aufmerksam machen!“
GEJ|7|51|2|0|Sagte Ich: „Mein sehr lieber Freund, du hast gleich am ersten Tage deiner Ankunft Mein Heer und Meine Macht gesehen, und es kostete Mich nur einen Wink, und zahllose Scharen der allermächtigsten Engel stünden Mir zu Gebote, von denen einer hinreichen würde, die ganze Erde und den ganzen sichtbaren Himmel in einem Moment zu vernichten! Aber darum bin Ich ja nicht in diese Welt gekommen, daß Ich sie richte und verderbe, sondern darum nur, daß sie durch Mich vom Untergange gerettet werde. Und so muß Ich den Menschen, wie sie auch sind, ihren freien Willenslauf lassen, selbst dann, wenn sie sich an Meinem Leibe vergreifen wollen; denn wirke Ich da mit Meiner göttlichen, Mir vom Vater gegebenen Willensmacht entgegen, so tötet das jedes Menschen Seele, und niemand kann an ein ewiges Leben nach dem Abfalle des Fleisches denken und noch weniger glauben und darauf hoffen.
GEJ|7|51|3|0|O ja, die Menschen brauchten sich auch gar nicht an Meinem Fleische zu vergreifen und würden darum doch das ewige Leben ihrer Seelen überkommen können, gleichwie es auch ihr überkommen werdet, so ihr bis ans Ende eures Erdenlebens in Meiner Lehre verharret, ohne daß sich jemand an Mir vergreifen soll, und der eine, der sich an Mir vergreifen würde, der würde das Leben nicht haben und auch nicht überkommen.
GEJ|7|51|4|0|Doch da unten bei diesen Weltmenschen stehen die Dinge anders. Sie alle sind offenbar Diener der Hölle und ihres Lügenfürsten geworden und stehen nun in seinem Weltsolde. Sie häufen Sünden auf Sünden und Greuel auf Greuel, treiben allerlei Hurerei, Ehebruch und Blutschande und trachten gleichfort, wie sie jemanden zum Judengenossen machen könnten, indem sie ihm den Himmel und das ewige Leben verheißen. Ist aber jemand ihr Genosse geworden, so ziehen sie ihn beinahe ganz aus, damit er sich den Himmel und das ewige Leben erkaufe.
GEJ|7|51|5|0|Haben sie aber so einen blinden Heiden einmal ganz von seinem Vermögen losgemacht, so sagen sie mit gleisnerischer Miene: ,So, so, Freund, siehe, nun bist du schon auf dem halben Wege zum Himmel und zum ewigen Leben! Bisher haben wir für dich gewirkt; aber von da an mußt du selbst wirken nach dem Gesetze, das wir dir gezeigt haben, ansonst hätten unser Vorwirken und deine Gott dargebrachten Opfer keinen Wert!‘
GEJ|7|51|6|0|Und so rauben sie einen um den andern aus und tun dann weiter ganz und gar nichts für ihn; und kommt er zu ihnen, um sich irgendeinen Rat zu holen, dann verweisen sie ihn auf ihre Predigten, so er den Rat nicht bezahlen kann. Kann aber jemand einen Rat gut bezahlen, so bekommt er dann auch außer der Predigt einen Rat, der gewöhnlich eine fein zusammengefügte Lüge ist.
GEJ|7|51|7|0|Und so wie diese Himmel-und-Ewiges-Leben-Verkäufer selbst nicht in den Himmel kommen, weil sie bei sich an keinen glauben und nie geglaubt haben, so lassen sie aber auch niemand anders hinein, weil sie durch ihre allerfinstersten Lügen den Weg dahin verrammen.
GEJ|7|51|8|0|Wer das noch mit einem helleren Verstande erkennt und nach der Wahrheit zu forschen anfängt, den verdammen sie alsbald als einen Ketzer und Gotteslästerer und verfolgen ihn mit aller Wut bis zum letzten Tropfen Blut, wie sie auch aus demselben Grunde die von Gottes Geist erfüllten Propheten zum größten Teil getötet haben, deren Gräber sie nun zum Scheine ehren und an den gewissen Gedächtnistagen weiß übertünchen. Aber sie selbst sind eben gleich den übertünchten Gräbern, die auch nach außen hin ganz erbaulich aussehen, aber inwendig voll Aases und Ekelgeruchs sind.
GEJ|7|51|9|0|Ihr meinet nun freilich und saget es in euch: ,Ja, wenn diese arge Brut schon seit lange her also beschaffen war, da hätte ihr Gott ja aber auch schon lange einen völligen Garaus machen können!‘ Ja, das hätte Gott auch wohl tun können und hat es teilweise auch getan durch mancherlei Gerichte, die einst so weit gingen, daß das ganze Judenvolk vierzig Jahre lang in die harte Gefangenschaft Babylons geriet und der Tempel Salomos und zum größten Teil auch die Stadt Jerusalem zerstört wurden. Darauf tat das Volk wieder Buße und kehrte sich zu Gott zurück. Und es ward wieder frei und kam wieder in dies Gelobte Land, baute Stadt und Tempel wie von neuem auf und lebte dann eine Zeitlang in ganz guter Ordnung. Aber als es dann wieder zu äußerem Glanz und Ansehen kam, da fing es nach und nach auch an, von den rechten Wegen abzuweichen, und machte sich selbst Satzungen, – das heißt hauptsächlich der Tempel, er stellte sie an die Stelle der göttlichen Gesetze und hielt das Volk dazu an, diese Menschensatzungen streng zu befolgen, während die Priester offen sagten und lehrten: ,Es ist euch nützlicher, diese neuen Gesetze zu beachten denn die alten!‘ Und auf diese Weise ging es also fort und fort, und es ward schlechter und gottloser als unter den Richtern und Königen.
GEJ|7|51|10|0|Es fehlte aber nie an Mahnungen und teilweise ernsten Heimsuchungen, die leider keinen fruchtbaren Boden mehr fanden. Als das Volk samt den Königen und Priestern des lebendigen Gottes kaum mehr gedachte und alles in den Welttaumel hineinlebte, da sandte Gott wieder Propheten und bedrohte es scharf, daß ein mächtiger Feind ins Land gelassen werde, der alle Juden unterjochen und ihre Könige gefangennehmen werde und der als Geiseln hinwegführen werde der Juden Weiber, Töchter, Ochsen, Kühe, Kälber und Schafe und ihnen auch viel Gold, Silber, viele Edelsteine und Perlen nehmen werde, und daß das Volk geknechtet werde für immer. Kurz, es wurde den Juden alles in wohlverständlicher Rede dargestellt, wie es ihnen ergehen werde, wenn sie von ihren Weltsatzungen und von ihrem Welttume nicht abgingen. Aber es war da alles umsonst, und die Weissagung ging in Erfüllung; denn die Römer drangen ins Land eroberten es und taten nach der Weissagung.
GEJ|7|51|11|0|Nun bekamen die Juden der weltlichen Gesetze genug ins Land und mußten sie auf Leben und Tod beachten. Der Tempel kehrte dann unter manchen frommen Priestern zeitweilig zu Gott wieder zurück, hielt aber nicht an und ist seit – sage – dreißig Jahren zu einer wahrsten Räuberhöhle und Mördergrube herabgesunken und ist nun in sich schlechter bestellt als irgendein Götzentempel der Vor- und Jetztzeit.
GEJ|7|51|12|0|Und obwohl Ich nun, als der Herr, mit Fleisch angetan, Selbst unter den offenbarsten Zeichen im Tempel lehre und alles Volk samt den Tempeljuden die Wahrheit lehre, so nützt das aber dennoch nichts, sondern die Pharisäer treiben nun ihr Trug- und Lugwesen noch ärger denn je und halten beständig Rat, wie sie Mich aus dieser Welt schaffen könnten. Und es wird ihnen sogar das auch noch zugelassen werden, damit ihr Greuelmaß voll werde. Aber dann kommt auch das euch allen in der zweiten Erscheinung gezeigte große Gericht über dieses Volk und damit auch ihr, der Juden, Ende, worauf sie dann wie Spreu in alle Enden der Welt zerstreut werden. Und ihr Name, der bis jetzt vor aller Welt ein so hochrühmlicher war, wird ein verachteter sein.
GEJ|7|51|13|0|Hätten sie diese Zeit der großen Gnadenheimsuchung erkannt, so wären sie wohl für ewig das erste Volk in der ganzen Unendlichkeit geworden und auch geblieben; weil sie aber eben diese große Zeit der Zeiten nicht erkennen wollten, so werden sie denn auch, vom großen Gerichte über sie alle angefangen, zum letzten Volke der Erde werden. Zerstreut unter alle Völkerschaften der Erde, werden sie sich unter allerlei Verfolgungen ihre Kost gleich den Vögeln der Luft suchen müssen, und sie werden allenthalben untertänig sein.
GEJ|7|51|14|0|Und wenn es auch in den späteren Zeiten welche geben wird, die sich Berge groß des Mammons zusammensammeln werden, so werden sie sich aber dennoch kein Land, kein Reich und keine Regentschaft irgend auf der Erde erkaufen können; und also sollen sie zum Zeugnisse für diese Meine Weissagung verbleiben bis ans Ende der Zeiten dieser Erde.“
GEJ|7|52|1|1|52. — Schicksal oder Willensfreiheit?
GEJ|7|52|1|0|(Der Herr:) „Denket euch aber nicht, daß das etwas Derartiges sei, das die gewissen blinden Weltweisen ,Bestimmung‘ nennen, als habe Gott schon für jeden Menschen bestimmt, was er in seinem kurzen oder längeren Leben zu gewärtigen hat! Etwas Derartiges zu denken und zu glauben kann der Seele den Tod bringen, weil das eine Lehre ist, die eine heimliche Ausgeburt der Hölle ist und zu den wahren Lebensprinzipien aus Gott für die Menschen gerade das schroffste Gegenteil darstellt. Die Bestimmung machen sich die Menschen selbst durch die Verkehrtheit ihres freien Willens und dadurch, daß sie nicht erwecken wollen alle die sieben Lebensgeister in sich, wodurch sie auch nicht zu der wahren Anschauung ihres innern, wahren und unvergänglichen Lebensschatzes kommen. Dadurch kommen sie auf Abwege und wollen dann auch im Lichte der Welt das wahre, innere Licht des Lebens aufsuchen und frohen Mutes nach demselben wandeln und handeln.
GEJ|7|52|2|0|Wenn eine Menschenseele aber einmal so recht in der dicksten Nacht ihres selbstgeschaffenen Weltdünkels steckt, so können ihr bei Belassung ihrer inneren Willensfreiheit auch alle Engel der Himmel keine andere Richtung geben, und es kann da dann niemand sagen: ,Siehe, das war schon also die Bestimmung für diesen Menschen!‘ Ja, es war wohl allerdings eine Bestimmung, aber nicht etwa von Gott ausgehend, sondern vom Menschen selbst.
GEJ|7|52|3|0|Von Gott aus war es nur eine Zulassung, und das eben infolge des vollkommen freien Willens des Menschen. Und was Ich nun sagte von einem Menschen, das gilt denn auch von einem ganzen Volke. Es ist und bleibt der Selbstschöpfer seiner zeitlichen und seiner ewigen Schicksale.
GEJ|7|52|4|0|Und so wäre es großirrig anzunehmen, Gott habe schon gar von Ewigkeit her bestimmt, daß dies alles, was Ich euch nun durch die Erscheinungen gezeigt und mit dem Munde vorausgesagt habe, also geschehen müsse. O nein, das durchaus ganz und gar nicht! Aber es wird dennoch alles also geschehen, weil es die Menschen also wollen, weil der allergrößte und mächtigste Teil von ihnen in aller Nacht der Hölle sich gar wohlbehaglich und allerhartnäckigst freiwillig befindet und nun selbst auf Meinen allergewaltigsten Ruf diese Nacht des Todes nicht verlassen will.
GEJ|7|52|5|0|Denn mehr, als was Ich Selbst nun tue, getan habe und noch tun werde, kann bei der vollen Belassung der Freiheit des menschlichen Willens unmöglich getan werden, und wem da nicht die Augen aufgehen, und wer sich danach noch nicht kehrt, dessen Blindheit und eherne Verstocktheit des Herzens heilt kein Mittel mehr, von dem jeder sagen kann, daß es ein wahres, gutes und sanftes ist. Da muß dann das Gericht kommen und als letztes Mittel wirken. Damit aber das Gericht losbreche, muß das dasselbe bewirkende Maß voll werden, was bei diesem Volke bald – wie Ich's gesagt habe – der Fall sein wird. Und so denket nun nicht ängstlich viel darüber nach; denn nicht Ich, sondern die unbekehrbaren Menschen wollen es also!“
GEJ|7|52|6|0|Sagte nun Nikodemus: „Aber Herr und Meister, da sieht es um die Menschheit ja ganz entsetzlich böse aus! Wenn Gott Selbst solchen Menschen niemals sogar wider ihren dummen Willen und Eigensinn helfen kann, ja, wer soll ihnen dann noch helfen können?“
GEJ|7|52|7|0|Sagte Ich: „Ja, Freund, du verstehst gar viele irdische Dinge nicht, die du doch siehst und begreifst, – wie willst du dann rein geistige Dinge fassen und begreifen, die du nicht siehst und irgend fühlst?! Ich habe es ja gesagt, daß Gott beim Menschen in bezug auf seine innere, geistige Entwicklung mit Seiner Allmacht nicht leitend und lenkend einwirken darf, und das aus Seiner ewigen Ordnung heraus. Denn täte Gott das, so würde der Mensch in sich zur toten Maschine und könnte nie zu einer freiesten Lebensselbständigkeit gelangen.
GEJ|7|52|8|0|Bringe Mir den ärgsten Raubmörder her, und Ich werde ihn plötzlich umgestalten zu einem Engel des Lichtes; aber da wird unterdessen sein Selbstisches so gut wie völlig tot sein! Sowie Ich Mich aber mit dem Geiste Meines allmächtigen Willens wieder zurückziehen werde, so wird sein Selbstisches wieder tätig, und vor dir wird der alte Raubmörder stehen. Denn seine Liebe ist Raub- und Mordlust und ist somit sein Leben; nimmt man ihm dieses, so ist er dann vollkommen tot und hat gänzlich zu sein aufgehört.
GEJ|7|52|9|0|Ein solcher Mensch aber kann dennoch gebessert werden, und das durch den höchst schlimmen Zustand, in den er sich selbst durch seine böse Liebe versetzt hat. Denn des Menschen Seele fängt erst dann an, über den Grund ihres argen und unglückseligen Zustandes nachzudenken, wenn sie sich schon im schweren Gerichte aus sich selbst befindet; und fängt die Seele einmal an, den Grund zu erkennen, dann wird sie auch bald den Wunsch in sich wahrnehmen, ihres argen Zustandes loszuwerden, und wird auf Mittel und Wege nachzusinnen anfangen, wie sie sich von dem argen Gerichte irgend losmachen könnte.
GEJ|7|52|10|0|Und hat die Seele einmal solchen Wunsch und Willen in sich, so ist sie auch schon fähig, ein Licht in sich aufzunehmen, das ihr von oben her durch allerlei geeignete Mittel geboten wird.
GEJ|7|52|11|0|Ergreift die Seele die ihr gebotenen Mittel, so fängt ihre ehedem böse Liebe an, sich in eine gute und bessere aus und in sich selbst umzugestalten. Es wird lichter und lichter in ihr, und sie geht wie von Stufe zu Stufe zu einer höheren Lebensvollendung über, und das ist nur durch die Zulassung eines schärfsten Gerichtes möglich. Und es wird sonach denn auch über die Juden, wenn ihr Greuelmaß voll sein wird, ein schärfstes Gericht zugelassen werden, und das hier und jenseits, und das wird sie sehr demütigen für alle Zeiten der Zeiten, da sie nimmer zu einer Volksbeherrschung gelangen werden.“
GEJ|7|53|1|1|53. — Über das Maß des Guten und Schlimmen
GEJ|7|53|1|0|Sagte Nikodemus: „Herr und Meister, warum aber muß erst dann ein solch böses Gericht über ein Volk kommen, so es sein gewisses Maß mit Sünden aller Art und Gattung vollgemacht hat? Und was ist das für ein Maß, und worin besteht es?“
GEJ|7|53|2|0|Sagte Ich: „Das ist aber doch etwas sonderbar, daß du als ein Ältester des Tempels und der ganzen Stadt das nicht verstehst, und hast doch die weisen Sprüche Salomos oft und oft für dich und für die andern gelesen! Wenn ein Kind im Mutterleibe einmal vollreif geworden ist, so hat es sein Maß als Fötus voll, und es wird in die Außenwelt geboren. Eine Frucht am Baume hat ihr Maß erreicht, so sie vollreif wird, worauf sie dann vom Baume fällt. Ein Mensch, der des Gesetzes wohl kundig ist, dasselbe vollständig hält und es aus Liebe zu Gott und seinem Nächsten nicht mehr übertritt, hat dadurch das lichtvolle Maß der eigenen Lebensvollendung vollgemacht und ist dadurch schon diesseits ein Bürger der Himmel geworden, da er den geistigen Tod in sich vollkommen besiegt hat und voll des ewigen Lebens aus Gott geworden ist.
GEJ|7|53|3|0|Aber ein Mensch, der sich fürs erste schon nie eine rechte Mühe gibt, die Lebensgesetze Gottes näher und heller kennenzulernen – da ihn die Lustbarkeiten der Welt zu sehr abziehen –, und der sich von einem Sinnentaumel in den andern stürzt, der fängt an, Gott zu vergessen, und sein Glaube an Ihn schwindet dadurch mehr und mehr. Wie er aber des Glaubens an einen Gott bar wird, so werden ihm auch seine Eltern lästig. Er gehorcht ihnen nicht nur nicht mehr, sondern ärgert sie nur durch allen möglichen Ungehorsam, schlägt sie am Ende wohl gar, bestiehlt sie und verläßt sie. Wie er aber seine Eltern nicht achtet, so achtet er seine Nebenmenschen noch weniger. Er treibt Hurerei aller Art und Gattung, wird ein Dieb, ein Räuber und ein Mörder, um sich Mittel zu verschaffen, seinen Sinnen und argen Leidenschaften mehr frönen zu können. Und so hat sich dieser Mensch endlich aller Lebensgesetze ledig gemacht und handelt dann nach den Gesetzen seiner argen und bösen Natur und versündigt sich sogestaltig vollkommen am ganzen Gesetze. Dadurch aber hat er auch das Maß des Bösen erfüllt, ist ein Teufel geworden und hat dadurch denn auch in sich und aus sich das Gericht über sich selbst zum Losbruche gebracht und muß es sich in seiner großen Qual und Pein nun selbst zuschreiben, daß daran niemand als nur er selbst schuld war.
GEJ|7|53|4|0|Daß aber auf ein Sündenvollmaß ganz sicher das Gericht – was der eigentliche geistige Tod ist – folgt, das ist von Gott aus schon von Ewigkeit her also verordnet und unabänderlich für alle zukünftige Ewigkeit festgestellt; denn wäre das nicht also, so gäbe es kein Feuer, kein Wasser, keine Erde, keine Sonne und keinen Mond und auch kein Geschöpf auf ihnen.
GEJ|7|53|5|0|Das Feuer ist wohl ein böses Element, und so es dich ergriffe, da würde dir das den Tod geben. Soll aber darum kein Feuer sein, weil es auf die Menschen leicht eine tödliche Wirkung ausübt? Siehe, die Erde hat eine gewisse Anziehung, derzufolge jeder Körper schwer wird und unablässig nach ihrem Mittelpunkte strebt! Vermöge dieser Eigenschaft der Erde aber kannst du von einer Höhe herabfallen und dich töten. Ja, soll die Erde diese Eigenschaft nicht besitzen, weil sie dem Menschen den Tod geben kann? Oh, da sähe es bald gar übel mit der Erde aus; denn sie ginge auseinander und löste sich noch völliger auf als ein Stück Eis an der Sonne, und mit allen Geschöpfen auf ihr hätte es ein Ende! Denn wo wohl sollten sie bestehen, so sie keine feste Unterlage hätten? Und siehe, diese notwendige Eigenschaft der Erde und aller ihrer Materie ist auch ein Gericht von Gott aus für alle Materie, ohne das es keine Materie gäbe!
GEJ|7|53|6|0|Und so ist alles ein Gericht, von Gott verordnet, was du in dieser Welt nur immer ansehen magst, und wer sich vom Geistigen und somit auch von Gott abwendet und sich in seiner Seele zur Materie der Welt kehrt, der kann doch unmöglich anderswohin als ins alte Gericht und seinen Tod gelangen; denn die Freiheit und die vollste Gerichtslosigkeit ist nur im reinen Geiste aus Gott, den jeder überkommen kann und wird, der nach Meiner Lehre lebt und glaubt, daß Ich in diese Welt von Gott aus als Selbst Gott gekommen bin, um allen Menschen das wahre Lebenslicht und das ewige Leben zu geben. Denn Ich Selbst bin die Wahrheit, das Licht, der Weg und das Leben. – Verstehest du das nun?
GEJ|7|54|1|1|54. — Die Erklärung der dritten Lichterscheinung
GEJ|7|54|1|0|Sagte Nikodemus: „Herr und Meister, das verstehe ich nun und danke Dir inbrünstigst für diese Deine so hochwichtige Belehrung! Aber da Du uns nun die zwei Erscheinungen erklärt hast, so möchte ich Dich wohl bitten, uns noch die dritte Erscheinung zu beleuchten; denn hinter der muß etwas gar Großes verborgen sein.“
GEJ|7|54|2|0|Sagte Ich: „Ja ja, Ich werde euch die dritte Erscheinung wohl beleuchten; doch ihr werdet sie nicht wohl verstehen; denn was die noch ferne Zukunft bringen wird, das werdet ihr erst dann klarer einsehen, so ihr im Geiste wiedergeboren sein werdet. Aber Ich will euch dennoch darüber etwas sagen, und so höret denn!
GEJ|7|54|3|0|Die aus den Himmeln auf die Erde zurückgekehrte Lichtsäule bin Ich im Geiste Meines lebendigen Wortes, das Ich in der Zukunft in die Herzen jener Menschen legen werde, die Mich lieben und Meine Gebote halten werden; zu denen werde Ich Selbst kommen und werde Mich ihnen offenbaren. Und also werden sie alle von neuem von Gott belehrt sein.
GEJ|7|54|4|0|Die Zerteilung der Säule in zahllos viele Teile bedeutet die Enthüllung des innern, geistigen Sinnes aller Meiner Worte und Lehren, die Ich seit Beginn des Menschengeschlechts den Menschen durch den Mund der Urväter, der Propheten und Seher und nun Selbst gegeben habe.
GEJ|7|54|5|0|Aus solchen vielen Teilenthüllungen des innern, geistigen Sinnes des Wortes Gottes wird sich dann erst eine wahre und große Licht- und Lebenslehre zusammenformen, und diese Lehre wird dann sein das große und neue Jerusalem, das aus den Himmeln zu den Menschen herniederkommen wird. Und die in der neuen Lehre sein und leben werden, die werden wandeln im neuen Jerusalem und werden darin wohnen ewig, und ihrer Seligkeiten über Seligkeiten wird ohne Maß und Ziel nimmer ein Ende sein. Denn Ich Selbst werde bei ihnen sein, und sie werden schauen alle die zahllosen Herrlichkeiten Meiner Liebe, Weisheit und Allmacht.
GEJ|7|54|6|0|Es wird aber vom Untergange dieser alten Stadt Jerusalem an bis in die Zeit der neuen Stadt Gottes auf Erden wenig Licht unter den Menschen auf Erden geben; denn es werden sich nur zu bald eine Menge falscher Propheten und Priester in Meinem Namen erheben und werden falsche Wunder wirken und die Menschen betören und blind machen, ja der Antichrist wird solche Dinge mit Hilfe der Könige der Erde tun, daß sogar Meine Auserwählten, so Ich es zuließe, verlockt werden könnten, ihre Knie vor dem neuen Baal zu beugen. Aber Ich werde dann wieder eine große Drangsal unter die Menschen kommen lassen, wie sie noch nicht war unter der Sonne. Da wird der Baal gleich der großen Hure Babels gestürzt werden, und das Licht des lebendigen Wortes in den Herzen vieler Menschen wird dann kommen und aufrichten und erlösen die Bedrängten und Gebeugten, und sie werden sich alle freuen in dem neuen Lichte und lobpreisen Meinen Namen lobpreisen.
GEJ|7|54|7|0|In jener Zeit werden die Menschen vielfach Umgang haben mit den reinen Geistern Meines Himmels, und diese werden ihre Lehrer sein und sie unterweisen in allen Geheimnissen des ewigen Lebens in Gott, wie euch solches in der dritten Erscheinung auch dadurch gezeigt wurde, daß ihr durch die zwölf Tore Menschen aus- und eingehen sahet.
GEJ|7|54|8|0|Die zwölf Tore bezeugten nun aber nicht mehr, daß die neue Stadt erbaut sei aus den zwölf Stämmen Israels, sondern aus den zwölf Hauptgrundsätzen Meiner Lehre, und diese sind enthalten in den zehn Geboten Mosis und in Meinen neuen zwei Geboten der Liebe; denn diese sind die Tore, durch die künftig die Menschen in die neue, licht- und lebenvolle Stadt Gottes eingehen werden.
GEJ|7|54|9|0|Nur wer diese Meine Gebote halten wird, der wird auch in diese Stadt eingehen, und es wird ihm Licht und Leben gegeben werden; wer aber die Gebote nicht halten wird, der wird in diese neue Stadt auch nicht gelangen. Also bezeichneten auch die zwölf Edelsteingattungen wieder dieselben zwölf Gebote, aus denen die Mauer um die große Stadt erbaut war.
GEJ|7|54|10|0|Diese zwölf Gebote sind für den Menschen sonach nicht nur die Eingangstore zum Licht und zum Leben, sondern sie sind auch dessen unzerstörbarer Schutz und Schirm, den die Pforten und Mächte der Hölle oder das materielle Welttum nimmer zerstören und besiegen können.
GEJ|7|54|11|0|Zugleich aber habt ihr bei der Erscheinung auch bemerkt, wie die Steine der Mauer auch ein starkes Licht in allen ihren Farben von sich gaben. Das zeigte euch an, daß in den euch gegebenen zwölf Geboten auch alle Grade der göttlichen Weisheit enthalten sind, und es kann sonach der Mensch nur durch die Haltung der zwölf Gebote zur vollkommenen Weisheit gelangen. Denn in den Geboten ist alle Weisheit aus Gott enthalten, und weil darin alle Weisheit Gottes enthalten ist, so ist darin auch alle göttliche Macht und Kraft enthalten, und das darum, weil in diesen Geboten der allweiseste und allmächtige Wille und durch diesen die höchste Freiheit enthalten ist.
GEJ|7|54|12|0|Wer sich sonach den Willen Gottes durch die Haltung der Gebote zu eigen gemacht hat, der hat sich auch zu eigen gemacht die göttliche Macht und die göttliche Freiheit und hat den Zustand der wahren Wiedergeburt des Geistes erreicht und ist als ein wahres Kind Gottes so vollkommen wie der Vater im Himmel Selbst.
GEJ|7|54|13|0|Und Ich sage euch denn nun allen, daß ihr euch eben durch genaue Haltung der Gebote vor allem bestreben sollet, schon hier auf Erden also vollkommen zu werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist, so werdet ihr auch das und noch Größeres zu tun imstande sein als Ich Selbst nun. Und werdet ihr euch in diesem Zustande befinden, dann werdet auch ihr schon zum voraus Bürger des neuen Jerusalem sein. Das ist demnach der Sinn der dritten Erscheinung. – Habt ihr das alles wohl aufgefaßt und begriffen?“
GEJ|7|54|14|0|Auf diese Meine Erklärung der dritten Erscheinung machten alle große Augen und dachten eine Weile sehr nach, wußten aber doch nicht recht, inwieweit sie diese letzte Erklärung recht und wieder etwa doch nicht ganz recht verstanden hatten.
GEJ|7|55|1|1|55. — Die rechte Erkenntnis der Weisheit Gottes durch die Wiedergeburt
GEJ|7|55|1|0|Nikodemus sagte nach einer Weile tieferen Nachdenkens: „Herr und Meister, übergroß und tief ist das, was Du uns nun ganz lichtvoll gezeigt hast, und ich werde Dir wohl ewig dafür nicht zur Genüge danken können; aber weil das von Dir nun Gesagte und Gezeigte so übergroß und übertief ist, so habe ich, wie vielleicht auch mancher andere, diese Sache nicht so ganz aus dem Fundamente lichtvoll begreifen können. Ich sehe es aber wohl ein, daß mir diese Sache auch eine weitere Erklärung nicht klarer machen würde, und so sage ich denn auch nicht: Herr, mache mir das noch klarer und begreiflicher!“
GEJ|7|55|2|0|Sagte Ich: „Da hast du auch ganz vollkommen recht. Diese Sache läßt sich für dich und auch für manchen andern nicht klarer darstellen; das alles und noch zahllos mehr aber wirst du erst dann fassen, wenn du im Geiste wiedergeboren sein wirst.
GEJ|7|55|3|0|Mein Wort und Meine Predigt an euch kann nicht in der gewissen weltvernünftigen Redeweise der Menschen und ihrer Weltweisheit gegeben werden, sondern sie besteht in der Beweisung des euch völlig unbekannten Geistes und seiner Kraft, damit euer Glaube und euer zukünftiges Wissen nicht auf der Weisheit der geistig blinden Menschen, sondern auf der wunderbaren Kraft des Geistes aus Gott beruhe.
GEJ|7|55|4|0|Nun, diese Meine Lehr- und Redeweise erscheint vor den Augen der Weltweisen als eine Torheit, weil sie vom Geiste und seiner Kraft nichts wissen und nichts wahrnehmen mit ihren groben Sinnen; aber Meine Lehre ist dennoch eine Weisheit tiefster und höchster Art, nur vor den Augen, Ohren und Herzen der vollkommenen Menschen, die eines guten Willens sind und die Gebote Gottes allzeit beachtet haben. Aber für die Weisen und Obersten dieser Welt, die vergehen wie ihre Weisheit, ist Meine Lehre freilich wohl das nicht.
GEJ|7|55|5|0|Ich rede zu euch von der verborgenen Weisheit Gottes, die Er schon vor der Erschaffung dieser materiellen Welt verordnet hat zu eurer ewigen Lebensherrlichkeit, welche verborgene Weisheit noch kein Pharisäer, kein Ältester und Schriftgelehrter und Tempeloberster nach seiner Weltvernunft aus der Schrift erkannt hat; denn würden sie diese verborgene Weisheit jemals erkannt haben, so würden sie nicht in einem fort Rat halten, wie sie Mich, den Herrn von Ewigkeit, töten und verderben könnten. Doch lassen wir sie nur trachten und Rat halten; denn wie ihr Tun, so wird auch ihr Lohn sein!
GEJ|7|55|6|0|Euch aber sage Ich, wie es geschrieben steht: ,Kein Menschenauge hat es je gesehen, kein Ohr gehört, und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben und Seine Gebote halten!‘
GEJ|7|55|7|0|Was Ich euch nun offenbare, das offenbart der Geist Gottes eurem Geiste, auf daß auch euer Geist erforsche und erkenne die Tiefen in Gott. Denn nur der Geist durchschaut und durchforscht alle Dinge und, dadurch geläutert, auch die Tiefen in Gott. Und also bekommet ihr von Mir nun nicht den Geist der Welt, dessen ihr nimmerdar bedürfet, sondern den Geist aus Gott, auf daß ihr durch diesen Geist erst völlig fassen und begreifen könnet, was euch von Mir als von Gott gegeben ist.
GEJ|7|55|8|0|Ich kann denn darum mit euch davon nicht nach Art der Menschenweisheit reden, sondern nur mit Worten, die der Geist Gottes lehrt, und alle Dinge geistig richtet, und ihr vermöget Mich darum auch nicht völlig zu verstehen, weil euer Geist noch nicht ganz durchdrungen hat eure Seele. Wenn aber eure Seele ganz sich mit aller Liebe und freiem gutem Willen im Geiste aus Gott, den ihr nun bekommet, befinden wird, dann werdet auch ihr aus euch heraus alle Dinge geistig richten und wohl erkennen und verstehen alles, was euch nun noch dunkel und unverständlich erscheint.
GEJ|7|55|9|0|Ihr vernehmet aber nun doch schon etwas vom ewig wahren Geiste Gottes und könnet auch schon gar manches geistig richten. Doch der ganz natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes in sich, und wenn man davon zu ihm redet, so ist ihm das eine Torheit, weil er das nicht in sich hat, was seine Seele geistig richten könnte. Denn so ein Mensch Geistiges fassen und begreifen will, so muß zuvor seine Seele und alles völlig geistig gerichtet sein; denn alles Leben und alles wahre Licht und alle wahre Kraft ist nur im Geiste, der allein alles richtet und von niemandem etwa entgegen gerichtet werden kann.
GEJ|7|55|10|0|Der natürliche, noch geistlose Mensch aber ist Materie in ihrem Gerichte, und sein Naturleben ist ihm vom Geiste Gottes aus nur als ein Mittel gegeben, daß er sich durch dasselbe das wahre, geistige Leben in sich erwecken kann, so er will. Und so kann er mit seinem Naturverstande die Gebote Gottes schon als solche wohl erkennen und dann den Willen fassen, sie auch zu beachten und nach ihnen zu leben und zu handeln. Und tut er das, so dringt der Geist Gottes schon auch insoweit in seine Seele, inwieweit diese in der Beachtung der Gebote Gottes und im Glauben an den einen Gott und in der Liebe zu Ihm und zum Nächsten vorwärtsgedrungen ist.
GEJ|7|55|11|0|Wenn die Seele es aber darin zu einer nimmer möglich rückfälligen Stärke gebracht hat, so ist das dann schon ein sicherer Beweis, daß der Geist aus Gott sie ganz durchdrungen hat und in ihr all ihr Erkennen und Wissen geistig richtet, und solch eine Seele hat dadurch ihre früher tote Materie völlig überwunden und ist mit dem Geiste Gottes, der sie durchdrungen hat, ein Geist, eine Kraft, ein Licht und ein wahres, nimmer verwüstbares Leben geworden, das von niemand mehr gerichtet werden kann.
GEJ|7|55|12|0|Darum suchet ihr alle vor allem das wahre Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, alles andere wird euch dann von selbst hinzugegeben werden; denn das wird dann der Geist Gottes in euch tun. Sorget euch gar nicht um irdische Dinge, nicht einmal darum, was ihr am kommenden Tage essen und trinken und womit ihr euren Leib bekleiden werdet; denn um das alles sorgen sich die Heiden und andere Weltmenschen, die den wahren Gott noch nie erkannt haben. Wenn der wahre Geist in euch seine volle Wiedergeburt erreicht haben wird, so werdet damit auch ihr alles erreicht haben, was euch not tut.
GEJ|7|55|13|0|So ihr auf Meinen Wegen wandeln und bleiben werdet, wie Ich euch das lehre und gelehrt habe, so werdet ihr auch in Mir sein und Mein Geist in euch, und mit dem werdet ihr alles tun und bewirken können, was seine Weisheit euch sagen und sein Wille in euch wollen wird. Und damit ist euch jede nötige weltliche Versorgung für die Zeit eures Erdenlebens auch im allerreichlichsten Maße gegeben.
GEJ|7|55|14|0|Ihr habt nun bei Mir erfahren, was dem Geiste alles möglich ist; was aber Meinem Geiste möglich ist, das wird auch eurem Geiste möglich sein, wenn er eins wird mit Mir. Wie er aber mit Mir eins werden kann, das habe Ich euch schon zu vielen Malen gezeigt, und so tut denn danach, und ihr werdet diese Meine Verheißung in euch in die volle Erfüllung gehen sehen!
GEJ|7|55|15|0|Nun aber, da wir heute vieles getan und gewirkt haben, wollen wir, da es schon ein paar Stunden über die Mitternacht hinaus ist, eine kleine Ruhe nehmen und morgen ein neues Tagewerk beginnen!“
GEJ|7|55|16|0|Sagte Lazarus: „Herr, mit den Schlaflagern wird es mir hier für so viele Menschen auch etwas knapp gehen!“
GEJ|7|55|17|0|Sagte Ich: „Warum denn? Ein jeder bleibe auf seinem Flecke sitzen, stütze sich auf seine Arme und ruhe, und es wird ihm das sehr wohl zustatten kommen!“
GEJ|7|55|18|0|Damit war Lazarus ganz zufrieden und tat auch für seine Person dasselbe.
GEJ|7|55|19|0|Nikodemus aber wollte nun nach Hause ziehen, um am Tage nicht auf dem Berge gesehen zu werden; denn er hatte Furcht vor den Pharisäern.
GEJ|7|55|20|0|Ich aber sagte zu ihm: „Habe du keine Furcht vor denen, die dir nichts anhaben können! So Ich es will und du es glaubst, da kannst du auch am hellsten Tage ungesehen diesen Berg verlassen und dich in dein Amt begeben.“
GEJ|7|55|21|0|Sagte Nikodemus: „Dann bleibe ich, da meine Familie mich ohnehin im Tempel und arbeiten wähnen wird.“
GEJ|7|55|22|0|Sagte Ich: „Allerdings, und so bleibe, und ruhe auch ein wenig.“
GEJ|7|55|23|0|Auf diese Meine Worte hin ward es still im Saale, und alles gab sich einer kurzen und den Leib sehr stärkenden Ruhe hin.
GEJ|7|55|24|0|Unser Raphael aber begab sich auf Mein inneres Geheiß zu den Sklaven, die noch nicht ruhten, und brachte sie auch auf die gleiche Weise zur Ruhe, blieb dann bis zum Aufgang der Sonne bei ihnen und bewirkte, daß sie alle gar seltsam schöne Träume hatten; denn es war das diesen nordischen Kindern sehr eigen, allerlei weissagende Träume zu haben. Und hatten sie im Traume schöne und wunderbare Dinge gesehen, so waren sie am Tage sehr erbaut, fromm, geduldig und munter.
GEJ|7|55|25|0|Und so ward hier jedem das Seinige.
GEJ|7|56|1|1|56. — Das Wesen der Engel. Liebe und Weisheit, Herz und Verstand
GEJ|7|56|1|0|Wir ruhten und schliefen noch gar gut, als die Sonne schon über den fernen Horizont stieg. Da ward Lazarus und sein Wirt munter, und letzterer erhob sich alsbald vom Stuhle und ging hinaus, die Dienerschaft zu wecken, auf daß sie sich an die Zubereitung eines guten und reichlichen Morgenmahles mache. Es ward daher bald alles im ganzen Hause lebendig, und so erwachten denn auch wir, erhoben uns von unseren Plätzen und gingen hinaus ins Freie.
GEJ|7|56|2|0|Es war aber vor dem Hause ein Brunnen, der ein gutes und reines Wasser hatte, und Ich sagte zu Lazarus: „Bruder, auf daß wir dem Nikodemus kein Ärgernis geben, so lasse Krüge bringen und sie mit Wasser füllen, auf daß wir uns die Hände waschen können und es nicht heiße, wir äßen das Brot mit ungewaschenen Händen!“
GEJ|7|56|3|0|Dies geschah, und alle wuschen sich die Hände, das Gesicht und auch die Füße, worauf reine Tücher zum Abtrocknen der Haut gereicht wurden.
GEJ|7|56|4|0|Als diese Waschung vorüber war, da kam auch unser Raphael wieder zu uns und berichtete dem Lazarus, daß die Jugend noch ganz wohl ruhe, schlafe und träume und daher vor ein paar Stunden noch nicht geweckt werden solle. Solches geschah denn auch, weil das für die durch die weite und schlechte Reise müde gewordene Jugend sehr notwendig war.
GEJ|7|56|5|0|Jetzt aber bei Tage bemerkte Nikodemus erst so recht die blendende Schönheit Raphaels und konnte sich nicht satt sehen an ihm. Nach einer Weile des innern, tiefen Staunens sagte er zu Mir: „Aber Herr und Meister, wo ist denn dieser überirdisch schöne Jüngling her? Wie heißt er denn? Nein, ich habe noch nie eine ähnliche männliche Schönheit gesehen! Unweit von ihm steht zwar auch, wenn man es recht betrachtet, ein gar sehr liebliches Mädchen; aber wie irdisch ist es doch gegen diesen schon überhimmlisch schönen Jüngling! Seine Goldlocken, wie sie so schön geordnet über seinen ganz ätherisch weichen Nacken, der beinahe schneeweiß ist, herunterwallen! Welch eine unbeschreibliche Anmut in seinem Angesicht! Wie weich, voll und zart und sanft seine Arme und Füße! Es ist an ihm alles so geordnet und gewählt, wennschon ganz einfach, daß ich als ein Ältester der Stadt und des Tempels noch nie auch nur in einem Traume etwas Ähnliches gesehen habe. Wahrlich, dieser Jüngling kann kein Kind dieser Erde sein! Wenn er nach dem Muster der Cherube, die im Allerheiligsten des Tempels die Lade bewachen, Flügel hätte, so wäre er ein vollkommener Engel Gottes!“
GEJ|7|56|6|0|Sagte Ich: „Meinst du denn wohl, daß die Engel Gottes Flügel haben müssen, um Engel zu sein? Da bist du noch in einer sehr großen Irre! Hatten die drei Männer, die zu Abraham kamen, Flügel? Oder hatten das die Jünglinge, die den Lot retteten, oder der Engel, der den jungen Tobias führte? Mir ist es nicht bekannt, daß in der Schrift von ihren Flügeln irgend eine Erwähnung geschieht. Auch der Engel, der dem Abraham erschien, als er seinen einzigen Sohn Isaak opfern sollte, und ihn davon abhielt, hatte nach der Schrift keine Flügel.
GEJ|7|56|7|0|Nur die beiden ehernen Cherube mußte Moses als vorbildlich dahin entsprechend mit Flügeln darstellen, um für die damals noch sehr sinnlichen Juden anzudeuten, daß die reinen Geister aus den Himmeln Gottes sich in allem höchst schnell bewegen – im Denken, Beschließen, Handeln und Vollbringen. Nun kennt der natürliche Mensch der der Erde keine schnellere Bewegung als den Flug der Vögel in der Luft mittels ihres Flügelpaares, und so hat denn auch Moses, um den Menschen die Schnelligkeit des Geistigen zu versinnlichen, den Cheruben die Flügel machen müssen nach der Anordnung Gottes. Sonst aber in der Wirklichkeit hat kein Engel Gottes je ein Paar Flügel gehabt.
GEJ|7|56|8|0|Der Flügel bedeutet also nur den hohen Grad der Weisheit und Kraft alles rein Geistigen, aber nicht, als müßte ein reiner Geist sich auch gleich einem Vogel auf ein Geheiß Gottes vom Himmel auf die Erde herab- und von da wieder zurückbewegen. Übrigens gab es im wahren Himmel niemals irgendeinen Engel, der nicht zuvor ein Mensch auf irgendeiner Erde gewesen wäre. Das aber, was ihr euch unter den als reine Geister geschaffenen Engeln sehr irrig vorstellet, ist nichts als die auswirkenden Kräfte und Mächte Gottes, durch die Gottes Allgegenwart, in aller Unendlichkeit wirkend, bekundet wird, die sich aber kein Mensch unter einem Bilde vorstellen soll, weil das Unendliche aus Gott für jedes begrenzte Wesen der Wahrheit nach unvorstellbar ist, was hoffentlich doch nicht schwer zu begreifen ist.
GEJ|7|56|9|0|Weil aber ein jeder Mensch seiner Seele nach berufen ist, ein wahrer Engel der Himmel Gottes zu werden, so kann dieser schöne und keuscheste Jüngling ja auch ebensogut ohne Flügel auf dieser Erde sein, wie Ich Selbst nun im Fleische als der alleinige Herr Himmels und der Erde bei euch bin und euch Selbst lehre und dabei dennoch die ganze Unendlichkeit erhalte. Übrigens steht es aber ja geschrieben: ,Zu derselben Zeit werdet ihr die Engel Gottes auf und nieder steigen sehen, die dem Herrn dienen werden!‘ Und also kann dieser Jüngling auch ganz gut ein Engel sein. – Was ist da deine Meinung?“
GEJ|7|56|10|0|Sagte Nikodemus: „Ja, ja, schön ist er offenbar mehr denn zur Übergenüge dazu; aber er steigt nicht auf und nieder zwischen Erde und Himmel!“
GEJ|7|56|11|0|Sagte Ich: „O du große Blindheit der Menschen! Wie kannst du als ein vielerfahrener Mensch doch annehmen, daß Engel aus dem materiellen Himmel auf diese gleich materielle Erde und von da wieder zurück steigen werden und die Menschen das also sehen werden und auch, wie Mir solche Engel dienen möchten?! Das Auf- und Niedersteigen der Engel bedeutet ja nur: von der Liebe zur wahren Weisheit aufsteigen und mit der Weisheit wieder zur Liebe, welche der wahre, lebendige Geist aus Gott in euch ist, zurückkehren.
GEJ|7|56|12|0|Wenn ein Mensch in seinem Herzen die Liebe zu Gott und zum Nächsten recht erweckt und fasset, so steigt er dadurch auf zur Weisheit oder zur rechten und tiefen Erkenntnis in allen Dingen. So ein Mensch aber solch eine Erkenntnis erlangt hat und Gottes unbegrenzte Liebe, Weisheit und Macht tiefer und tiefer erkannt und begriffen hat, so wird er voll Demut und voll der lebendigsten Liebe zu Gott. In diesem Falle steigt er dann wieder ins Herz, erleuchtet dasselbe noch heller und macht es glühender in der Liebe zu Gott.
GEJ|7|56|13|0|,Aber‘, sagst du bei dir, ,stellt denn diese Erde die Liebe und der Himmel die Weisheit dar, da es doch auf der Erde gar so lieblos zugeht und vom Himmel nur Gutes kommt, – höchst selten irgend etwas minder Gutes?‘
GEJ|7|56|14|0|Ja, im Menschenherzen als dem Sitze der Liebe geht es zumeist auch sehr lieblos zu, und dennoch ist das Herz der Sitz der Liebe. Aber die pure Liebe im Herzen, als ganz allein für sich daseiend, würde ebensowenig Früchte des Lebens zustande bringen wie die Erde ohne das Licht der Sonne. Die Sonne des Himmels für das Herz im Menschen aber ist einmal sein natürlicher Verstand. Dieser steigt in geordneten, guten Gedanken, Ideen und Begriffen ins Herz oder auf die Erde im Menschen herab, erleuchtet sie und belebt die Keime zu guten und edlen Taten. Ist das Licht des Verstandes noch schwach gleich dem Lichte der Sonne im Winter, so wird dabei das Herz wohl verständiger und klüger; aber da es noch sehr in der Selbstliebe verharrt, so werden die edlen Keime in ihm nicht aufgehen, wachsen und lebensvolle Tatenfrüchte zur Reife bringen. Wenn aber ein Mensch durch Fleiß und rechte Verwendung seiner Talente und Fähigkeiten in seinem Verstande heller und heller wird, so wird des Verstandes Licht auch mächtiger erwecken die Lebenswärme im Herzen, und die in ihm ruhenden Samenkörner zu guten Taten werden zu keimen, zu wachsen, zu blühen anfangen und bald edle Tatenfrüchte zur reichen Lebensernte bringen und vollreif werden lassen.
GEJ|7|56|15|0|Und so sind hier unter ,Engeln‘ einmal die Gedanken, Ideen und Begriffe des lichten Verstandes, der der Weisheitshimmel des Menschen ist – freilich im kleinsten Maßstabe –, zu verstehen. Diese steigen auf und nieder und dienen dem noch verborgenen Geiste Gottes im Menschenherzen, und dieser Geist heißt Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten. Wie aber dieser lebendige Geist aus Gott im Menschenherzen von nur gar zu vielen Menschen nicht erkannt und beachtet wird – während doch das ganze Heil des Menschen in Hinsicht seines zeitlichen und ewigen Lebens von eben diesem Geiste abhängt –, also werde auch Ich Selbst als der Herr und der Urgrund alles Seins und Daseins von der Menschenwelt nicht erkannt, obwohl sie sehen, welche großen Gedanken, Ideen und Begriffe aus den Himmeln Gottes durch Mich auf diese Erde nieder- und wieder aufsteigen und das Herz hellst erleuchten und zur Tragung der lebendigen Tatenfrüchte erwärmen und beleben. Darum aber gibt es viele, die berufen sind, aber der Auserwählten gibt es wenige, die Meine Worte fassen, beherzigen und zur reichen und lebensvollen Tatenernte bringen.
GEJ|7|56|16|0|Kennst du dich nun schon ein wenig heller aus, wer so ganz eigentlich in der ersten Instanz die Engel sind, die vom Himmel zur Erde nieder und wieder auf in den Himmel steigen und Mir als Gott von Ewigkeit und hier auf Erden, zeitlich für euch Menschen, die ihr als berufene Kinder Gottes eben Sein Herz und also Seine Erde seid, dienen?“
GEJ|7|57|1|1|57. — Die Jakobsleiter. Vom Wesen der Träume. Die Seele im Jenseits
GEJ|7|57|1|0|Sagte Nikodemus: „Herr und Meister von Ewigkeit, nun sehe ich erst wahrhaft in der Fülle ein, daß Du allein wahrhaft Christus, der Gesalbte Gottes bist, dessen Fülle in Dir wohnt! Denn so hat noch nie ein Prophet auf dieser Erde gelehrt. Da Du uns aber nun schon eine so große Enthüllung gemacht hast, so könntest Du, so es Dein heiliger Wille wäre, uns auch noch über die Himmelsleiter des Vaters Jakob ein Licht geben, auf der eben Engel zwischen Himmel und Erde auf und nieder stiegen. Aus diesem Gesichte konnte ich nie so recht klar werden, was Jehova, der zuallerhöchst dieser Leiter gesehen ward, dem Jakob hat anzeigen wollen. Denn dieses Traumgesicht hat Jakob sicher um vieles besser begriffen als ich, da wir bis jetzt keine nähere Deutung solch eines Gesichtes von ihm überkommen haben. – Herr, bei meiner großen Liebe zu Dir bitte ich Dich darum!“
GEJ|7|57|2|0|Sagte Ich: „Was Jakob in seinem Traume sah, war ganz das, was Ich euch allen nun hell zur Übergenüge gezeigt habe. Die Leiter ist das Band zwischen dem Herzen und dem erleuchteten Haupte des Menschen. Das Herz ist hier ebenfalls die gesehene Erde, die damals auch in Jakob, als er sich in großer Not und Verlegenheit befand, zu wüst, öde und wenig erleuchtet war. Aber eben in diesem Zustande fing er an, sehr an Gott zu denken, und dachte nach, was er irgend getan habe, daß Er ihn in eine solch große Verlegenheit habe kommen lassen. Da schlief er auf offenem Felde ein und ersah in sich die Verbindung zwischen seiner Herzerde und seinen Lichthimmel in seinem Haupte. Da ersah er, wie seine Gedanken, Ideen und Begriffe von seinem Haupte wie über eine Leiter hinab in sein Herz stiegen, dasselbe erleuchteten und trösteten und so, durch die erhöhte Liebe des Herzens selbst mehr belebt und gestärkt, wieder empor zu Gott stiegen, um dort wieder mehr und tiefer erleuchtet zu werden. Und siehe nun den ganzen Lebensverlauf Jakobs, und du wirst es sehen, wie er von da an stets mehr und mehr an Gott dachte und auch strenger und strenger nach dem Willen Gottes lebte.
GEJ|7|57|3|0|Zugleich aber wurde durch den denkwürdigen Traum auch dargestellt, wie sich aus ihm eine Geschlechtsstufenleiter als ein rechter Bund zwischen seinen Nachkommen und Gott erheben werd, auf der die Kinder Gottes in der bald steigenden und bald wieder sinkenden Erkenntnis Gottes zu- und abnehmen werden, und daß am höchsten Ende seiner gesehenen Geschlechtsstufenleiter sich in Meiner Persönlichkeit Jehova Selbst als ein Mensch offenbaren wird und den alten Bund erneuen und durch und durch zur lebendigsten Wahrheit erheben wird.
GEJ|7|57|4|0|Und so hast du und habt ihr alle nun denn auch die Jakobsleiter doppelt und dreifach erklärt und wisset nun, was ihr wahrhaft geistig unter dem Begriffe ,Engel Gottes‘ alles zu verstehen habt. Aber dennoch frage Ich euch um euer selbst willen, ob ihr das wohl alles verstanden habt.“
GEJ|7|57|5|0|Sagte Nikodemus: „Mir ist auch in dem ein großes Licht aufgegangen, und es ist also und kann nie anders sein; doch was diesen sichtbaren Engel betrifft, so fragt sich da, ob er eine schon wirkliche, für sich dastehende Realität, – oder ist er nur so ein von Dir festgehaltener Gedanke, hervorgehend aus Deiner Liebe, Weisheit und Allmacht!“
GEJ|7|57|6|0|Sagte Ich: „Das ist wahrlich eine so recht kindische Frage von dir! Ich sage es dir, der Engel ist – gleich wie du und alle Menschen und die ganze endlose Schöpfung – beides zugleich, weil es in der ganzen Unendlichkeit keine andere Realität außer Mir gibt als eben nur Meine Gedanken, Ideen und Begriffe. Diese werden durch Meine Liebe belebt und durch Meinen Willen für ewig fest erhalten und gehalten. Was Ich aber als Gott tun kann und von Ewigkeit her getan habe und auch hinfort ewig tun werde, das werdet auch ihr dereinst in Meinem Reiche tun können.
GEJ|7|57|7|0|Daß aber in euch Menschen solche Fähigkeiten vorhanden sind, das könnet ihr ganz leicht und richtig euren helleren Traumgesichten entnehmen; denn in denen werden eure inneren Gedanken, Ideen und Begriffe zu Realitäten und werden lebendig und gar wohl geformt, und ihr könnet euch mit ihnen wie mit wahren Objekten unterhalten. Nun, ihr wisset freilich nicht, wie das in euch vor sich geht, daß ihr euch in euren Träumen in einer ganz ordentlichen Welt unter Menschen befindet, die mit euch oft sogar sehr weise reden und dies und jenes tun und verrichten; allein das macht vorderhand nichts. Wenn ihr nach der Art, wie Ich es euch erklärt habe, im Geiste aus Mir wiedergeboren sein werdet, dann werden euch alle Geheimnisse eures Lebens und ihr Grund klar werden; vorderhand aber könnet ihr das als eine lichtvolle Wahrheit annehmen, daß da jedwede Lebenserscheinung im Menschen einen höchst weisen und wahrsten Grund hat, ansonst sie im Menschen nicht und nie zum Vorscheine kommen würde.
GEJ|7|57|8|0|Wenn der Mensch dem Leibe nach einmal stirbt, so lebt die Seele dann zwar dem Wesen nach auch im Raume, hat aber dann keine andere Welt zu ihrer Unterlage und zur Wohnung als die, die sie sich selbst geschaffen hat, und hat mit dieser äußeren Welt keine wesentliche Verbindung mehr, weil sie in sich nur zu klar einsieht, daß die gesamte materielle Welt nichts als ein notwendiges und schwer zu ertragendes Gericht ist, und daß ein freiestes und ungebundenstes Leben ein endlos vorzüglicheres ist als ein nach allen Seiten hin gebundenes.“
GEJ|7|57|9|0|Sagte hier Nikodemus: „Herr, wenn ich also einmal gestorben sein werde, so wird meine fortlebende Seele von dieser Erde ewig nichts mehr zu Gesichte bekommen, sondern in ihrer selbstgeschaffenen Welt fortleben, – und doch gibt es auf und in dieser Erde noch gar sehr vieles, was sich eine nach höherer Erkenntnis dürstende Seele gerne zu einer näheren Anschauung gebracht hätte! So sehen wir auch oft mit großer Sehnsucht den gestirnten Himmel an und möchten näher wissen, was der Mond, die Sonne, die Planeten und was alle die andern Sterne sind, und möchten auch die Tiefen der Meere ergründen. Aber wenn die Seele nach dem Tode nur so in einer hellen, aus ihrer Phantasie entsprungenen Traumwelt leben und handeln und nur mit solchen scheinbaren Menschengestalten verkehren wird, die auch nur Produkte ihrer höchsteigenen Phantasie sind, so wird das nach meiner schwachen Ansicht der ewig fortlebenden Seele unter dem Gesichtspunkte, daß ihr eine volle Rückerinnerung bleibt, eben keine gar zu große Freude machen können. Natürlich, so der Seele aber mit dem Leibe die Rückerinnerung nur höchstens insoweit belassen wird wie in einem hellen Traum, in dem man gewöhnlich sein Ich erkennt, sich aber dabei an nichts oder nur an sehr wenig wahrhaft Diesirdisches mehr erinnert, da kann so eine Seele dann freilich schon ganz heiter fortbestehen; denn was ihr mit dem Leibe völlig benommen wird, nach dem wird sie auch ewig keine Sehnsucht mehr haben. Ich rede hier, wie ich diese Sache verstehe, bitte Dich aber auch in dieser Hinsicht um eine tiefere Belehrung.“
GEJ|7|57|10|0|Sagte Ich: „Daß du da noch sehr schwach bist, das sehe Ich nur zu klar ein; aber deine Begriffe über das Leben der Seelen nach dem Abfalle ihres Fleisches sind noch öder, finsterer und schwächer als deine Gefühle und inneren Wahrnehmungen. Sage Mir bloß das: Wo und wann sieht ein Mensch schon mit seinen natürlichen Augen mehr: in einem finsteren Kerker zur Nachtzeit oder auf einem nach allen Seiten hin freien und hohen Berge am reinen, hellen Tage? Und ein Mensch, der nun in vollster Freiheit, mit allem versorgt, sich mit seinen besten Freunden auf dem Berge befindet, – wird der sich wohl zurücksehnen in den alten, finsteren Kerker und Lust haben, dessen finstere Winkel und Löcher zu untersuchen und zu erforschen? Denke über diese Meine Fragen nach – frage dein offenes Gefühl – und beantworte sie Mir dann, und Ich will dir erst auf das ein helleres Licht über deine Zweifel geben!“
GEJ|7|58|1|1|58. — Seele und Leib. Jenseitiger Zustand einer verweltlichten Seele. Der Mond und seine Bewohner
GEJ|7|58|1|0|Sagte Nikodemus: „O Herr, diese Deine gnädige Frage beantwortet sich ja nach eines jeden Menschen Gefühl von selbst; denn da liegt die klarste Antwort ja doch schon in der Frage selbst, und es wäre da wohl sehr unnötig, nur irgendeine Antwort darauf zu geben. Aber ich entnehme daraus, daß Du damit nur das allergnädigst hast andeuten wollen, daß eine vollendete Seele nach dem Abfalle des Leibes Deine ganze Schöpfung in einem endlos klareren Lichte schauen wird, als ihr das im Leibesleben je möglich gewesen wäre, und daß eine solche Seele alles Erlebte und auf der Erde Mit- und Durchgemachte um vieles heller in ihrer Erinnerung behalten wird, als das im Leibe je hat stattfinden können. – O Herr, habe ich da recht geantwortet?“
GEJ|7|58|2|0|Sagte Ich: „Vollkommen, und Ich will euch dafür auch den Grund zeigen, damit da mit der Zeit niemand sagen soll: ,Ja, Er als der Wahrhaftigste hat uns das wohl zu glauben befohlen, und es wird das alles schon sicher also sein, wie Er uns das Selbst gelehrt hat, ohne uns den Grund und das Wie näher gezeigt zu haben!‘ Nein, also will Ich euch nicht lehren! Denn euch eben will Ich es ja geben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu verstehen. Und so höret Mich denn!
GEJ|7|58|3|0|Der Leib, wie er ist, könnte für sich als eine tote Materie weder etwas sehen noch hören, fühlen, riechen und schmecken ohne eine lebendige Seele in sich. Er ist also nur ein notdürftiges Werkzeug der Seele, also gebaut und wohl eingerichtet, daß sich die Seele seiner für die Außenwelt bedienen kann. Sie kann also mittels des Leibes nach außen hinaus schauen, hören und empfinden Widriges und Angenehmes. Sie kann sich von einem Ort zum andern bewegen und kann mit den Händen mannigfache Arbeiten verrichten.
GEJ|7|58|4|0|Der Lenker der Leibesglieder ist der Verstand des Herzens und sein Wille; denn der Leib für sich hat weder einen Verstand noch einen Willen, außer die Seele geht durch ihre weltlichen und sinnlichen Gelüste selbst ins Fleischliche über und verliert sich also sehr in ihrem Fleische, daß sie darin das Bewußtsein ihres geistigen Ichs verliert. Dann freilich ist auch ihr ganzer Verstand samt dem Willen ein völlig fleischlicher geworden. In diesem Falle aber ist dann die Seele nahe so gut wie völlig tot, und es kommt ihr wie ein Wahnwitz vor, so sie von einer pur geistigen Selbständigkeit und von einem geistigen Leben nach dem Tode des Leibes etwas vernimmt.
GEJ|7|58|5|0|Aber selbst solch eine Fleischseele stirbt eigentlich nach dem schmerzvollen Abfalle des Leibes nicht, sondern lebt fort in der Geisterwelt; aber ihr Fortleben ist dann ein ebenso mageres wie ihr Erkennen und Selbstbewußtsein in einer rein geistigen Sphäre. Nun, solch eine Seele lebt dann jenseits freilich nur so wie in einem etwas helleren Traume fort und weiß oft nicht, daß sie je in einer anderen Welt schon einmal gelebt hat, sondern sie lebt und handelt ihrer gewohnten Sinnlichkeit gemäß. Und wird sie von helleren, sich ihr offenbarenden Geistern dahin ermahnt und belehrt, daß sie sich nun in einer anderen und geistigen Welt befindet, so glaubt sie das doch nicht und verhöhnt und verspottet die, die ihr die Wahrheit anzeigen.
GEJ|7|58|6|0|Es braucht eine sehr lange Zeit jenseits, bis eine solche verweltlichte und verfleischlichte Seele zu einem helleren Erkennen kommt. Wenn sie aber heller und heller wird, so kehrt ihre Erinnerung auch nach dem Grade ihres Hellerwerdens zurück, und sie kann dann auch alles sehen, hören und fühlen, was da auf und über und in der Erde geschieht.
GEJ|7|58|7|0|Ist aber eine Seele schon hier auf dieser Welt durch die geistige Wiedergeburt ganz vollendet geworden und dadurch schon hier zur Anschauung und klaren Wahrnehmung der rein geistigen und himmlischen Dinge gelangt, so gelangt sie auch zur richtigen und vollwahren Anschauung der gesamten materiellen Schöpfung in sich und weiß um alles, was sogar im Monde, auf und in der Sonne geschieht, was die Sterne sind und wozu sie erschaffen worden, und was da alles auf und in ihnen ist.
GEJ|7|58|8|0|Wenn aber solch eine vollendete Seele erst von ihrem schweren Leibe erlöst worden ist, so ist ihr Schauen dann völlig ein gottähnliches, und sie wird dann – so sie es will – allsehend, allhörend, allwissend und allfühlend sein. Wenn aber das, wie soll sie deshalb, weil sie gottähnlich selbst Schöpferin ihrer Wohnwelt sein kann und auch sein wird, alle ihre Rückerinnerung verlieren können?
GEJ|7|58|9|0|Damit du aber siehst und noch tiefer erkennst, daß das von Mir dir nun Gesagte seine vollste Realität hat, so will Ich nun auf einige Augenblicke deine und noch einiger Anwesenden Seelen frei machen, und du kannst in solch einem Zustande dann sagen, was du gesehen und was du gehört und wahrgenommen hast. – Und also sei es!“
GEJ|7|58|10|0|Hier wurden mehrere in einen hellen magnetischen Zustand versetzt, und sie befanden sich zuerst in einer ihnen unbekannten Gegend, die allen ungemein wohl gefiel, so daß sie Mich baten, daß Ich sie nun nur gleichfort in dieser himmlisch schönen Gegend belassen solle; denn sie wünschten gar nicht mehr, in diese irdische Welt zurückzukehren.
GEJ|7|58|11|0|Ich fragte sie aber, ob sie nicht auch diese Welt sähen.
GEJ|7|58|12|0|Da antworteten alle: „Ja, Herr; aber wir sehen sie wie hinter uns, und wir sehen sie auch wie durch und durch!“
GEJ|7|58|13|0|Ich fragte sie, ob sie die große Stadt Rom sähen.
GEJ|7|58|14|0|Alle bejahten das und beschrieben alles darin, was sie sahen.
GEJ|7|58|15|0|Als die anwesenden Römer das hörten, da konnten sie sich nicht genug verwundern, wie getreu und genau die Verzückten die Gestalt Roms schilderten, obschon keiner von ihnen je in Rom war, noch jemals ein Bild von dieser Stadt gesehen hatte.
GEJ|7|58|16|0|Und Ich fragte sie, ob sie auch den äußersten Osten von Asien sähen.
GEJ|7|58|17|0|Und sie alle gaben die Antwort: „Ja, Herr, wir sehen auch das förmliche Ende dieses großen Weltteils; denn weiter nach Osten sehen wir nichts als pur Wasser und Wasser mit Ausnahme einiger Inseln! Aber das ist ein großes Reich, und wir sehen auch eine ungeheuer große Stadt, die von einer Tagereise langen Mauer eingeschlossen ist, und darin unzählig viele Menschen!“
GEJ|7|58|18|0|Sagte Ich: „Wie sind sie bekleidet?“
GEJ|7|58|19|0|Hier beschrieben sie schnell die Tracht dieser Menschen auf ein Haar, und einer von den alten Pharisäern, nachher Judgriechen, verwunderte sich hoch darüber, weil er Gelegenheit gehabt hatte, mehrere Chinesen im äußersten Osten von Hochindien zu sehen.
GEJ|7|58|20|0|Darauf ließ Ich sie einen Blick in den Mond tun, und sie beschrieben kurz diese traurig aussehende kahle Welt, in der sie außer einigen Gruppen von traurig aussehenden und graufarbigen Kobolden nichts ersähen. Es sei da kein Baum und kein Gras und so auch kein Tier ersichtlich.
GEJ|7|58|21|0|Hierauf weckte Ich sie wieder zurück mit der Belassung der vollen Rückerinnerung an all das Gesehene.
GEJ|7|58|22|0|Als sie sich also wieder völlig im natürlichen Zustande befanden, da sagte Nikodemus: „O Herr, das ist ja doch wunderbar über wunderbar! Wir waren hier, sahen Dich und alle andern genau, und doch sahen wir auch alles höchst genau und klar, was wir beschrieben, und ich habe nun wahrhaftest selbst erfahren, wie unbeschreibbar heller das Schauen der freien Seele ist als das im Verbande mit dem Leibe. Aber wir sahen nicht nur alles heller in der Nähe wie auch in der größten Ferne, sondern wir hörten auch alles. Und so wir einen Baum oder ein Haus oder ein Schiff auf dem Meere oder auch einen Menschen oder ein Tier sahen, so sahen wir es ganz nach der natürlichen Außenform; aber wir sahen das alles auch durch und durch, obschon der Gegenstand nicht durchsichtig war.
GEJ|7|58|23|0|Ja, bei den Menschen sahen wir sogar ihre Gedanken, die anfangs als kleine Bildlein in ihren Herzen ersichtlich wurden. Als solche in das Haupt gleich einem Mückenschwarm aufstiegen, da wurden sie heller und ausgeprägter, stiegen wieder zum Herzen zurück, wurden da größer und entschiedener und traten darauf bald außer die Sphäre des Menschen, wurden größer und größer und bildeten eine ordentliche Welt um den Menschen. Doch bei den Tieren war davon nichts zu entdecken.
GEJ|7|58|24|0|Aber was ist denn mit dem armseligen Monde? Daß er eine materielle Welt ist, das ist klar, – aber so kahl, wüst und öde wie die höchste Spitze des Berges Ararat! Wer sind denn jene armselig kleinen, grauen Kobolde? Sie haben wohl so ziemlich die Gestalt eines Menschen; aber dabei scheinen sie doch nur mehr einer Tierart jenes Weltkörpers anzugehören, obwohl sie so gewisserart denn doch mehr Geister als irgend materielle Wesen sein mögen. Denn ich bemerkte, wie sich ein solcher Kobold bald sehr vergrößerte und sich bald wieder ganz puppenklein machte. Wäre so ein Kobold rein materiell, so meine ich, daß ihm solch eine Vergrößerung und Verkleinerung seines Leibes wohl nicht so leicht möglich wäre. – Also, Herr und Meister, was ist es mit dem Monde?“
GEJ|7|58|25|0|Sagte Ich: „Das, Mein Freund, wirst du noch früh genug erfahren und kannst dich darüber mit Meinen Jüngern besprechen, die von allem dem schon eine ganz genaue Kunde haben. Ich aber habe euch noch viel Wichtigeres zu zeigen und zu sagen, – aber das erst nach dem Morgenmahle. Jetzt aber werden ohnehin sogleich die dreißig Griechen heraufkommen, ein Morgenmahl nehmen und sich über so manches mit dem Jünglinge dort besprechen. Sie kommen früher, weil die nächtlichen Erscheinungen sie auch erregt haben.“
GEJ|7|58|26|0|Sagte Nikodemus: „Ganz gut, ganz gut, Herr und Meister, nur allein Dein Wille geschehe! Bloß das möchte ich zuvor noch erfahren, wer dieser gar so wunderherrliche Jüngling ist, woher er ist, und wie er heißt.“
GEJ|7|58|27|0|Sagte Ich: „Das wirst du schon bei dieser Gelegenheit erfahren! Sein Name ist Raphael.“
GEJ|7|58|28|0|Sagte Nikodemus: „Also lautet ja nach der alten Schrift der Name eines Erzengels! Am Ende ist das gar der Erzengel selbst? Wenn das, so könnte mich da eine große Furcht ergreifen! Ja, ja, ich habe das ja schon gleich anfangs gesagt!“
GEJ|7|58|29|0|Sagte Ich: „Und Ich habe dir nicht widersprochen, sondern dir und euch allen bis jetzt gezeigt, was und wer ein Engel Gottes ist. Wenn aber also, warum sollst du nun vor diesem Engel Furcht bekommen, da du doch auch berufen bist, selbst ein Erzengel zu werden? Damit du aber über diesen Engel nicht in einem Zweifel stehst, so wisse, daß er Henochs Geist ist! Sein Leib ist nun Mein Wille. Darum sagte Ich dir ja, daß es in den Himmeln keine andern Erzengel gibt und je geben wird als die nur, welche zuvor schon im Fleische auf einer Welt gelebt haben. – Aber nun nichts Weiteres mehr davon; denn die Griechen kommen bereits! Mache Mich aber niemand ruchbar vor ihnen; denn ihre Zeit ist noch nicht da, Mich Selbst jetzt schon kennenzulernen!“
GEJ|7|58|30|0|Darauf begab Ich Mich ein wenig fürbaß, und die ankommenden Griechen lagerten sich im nächsten Zelte. Daß das Morgenmahl für die dreißig Griechen schon bereitet auf dem Tische im Zelte stand, braucht kaum erwähnt zu werden. Es wurde von ihnen auch bald verzehrt.
GEJ|7|59|1|1|59. — Die wahre Anbetung Gottes
GEJ|7|59|1|0|Als aber das Morgenmahl verzehrt war, da trat eben jener Grieche, der am vergangenen Abend das Wort am meisten führte, heraus zu Lazarus und Raphael und wollte gleich zu reden anfangen; aber er wurde von der Schönheit des Engels so sehr überrascht, daß er wie stumm und versteinert dastand und kein Wort über seine Lippen brachte.
GEJ|7|59|2|0|Nach einer Weile des größten Staunens sagte er (der Grieche) so wie in sich hinein: „Ja ja, das ist wahrlich ein Olymp, auf dem die Götter wohnen! Hättet ihr mich gestern nicht dahin belehrt, daß es nur einen einzigen wahren Gott gibt, so würde ich dich, du wunderholdester Jüngling, unfehlbar für unseren Gott Apollo halten; aber da es nach eurer sicher ganz wahren Aussage nur einen wahren Gott gibt, dessen Kinder ihr offenbar seid, so bist du, allerholdester Jüngling, sicher ein sehr lieber Sohn von Ihm. Und weil ihr denn schon unfehlbar Kinder Gottes und unsterblich seid, wie wir das von den Göttern glauben, so lasset euch von uns sterblichen Menschen anbeten, und nehmet gnädig ein Opfer von uns an!“
GEJ|7|59|3|0|Hier griffen die Griechen in ihre mitgebrachten Beutel, zogen römische Goldstücke heraus und wollten sie dem Engel als Opfer zu Füßen legen.
GEJ|7|59|4|0|Aber der Engel sagte: „Stecket, ihr lieben Freunde, euer Gold nur alsbald wieder dorthinein, wo ihr es herausgenommen habt! Denn seht und hört, was ich euch nun sagen werde! Die wahren Götter lassen sich von den Menschen weder anbeten, noch nehmen sie von ihnen irgendein materielles Opfer. Der Götter weisester und liebvollster Wille an euch Weltmenschen aber besteht darin, daß ihr nur an einen, allein wahren, ewigen und allmächtigen Gott glauben und Ihn über alles aus allen euren Lebenskräften lieben sollet, eure Nächsten aber wie ein jeder von euch sich selbst, was soviel heißt wie: Was du vernünftig wünschest, das dir dein Nächster tun soll, dasselbe tue du auch ihm!
GEJ|7|59|5|0|Wenn ihr das beherziget, glaubet und danach tuet, so betet ihr dadurch den einen wahren Gott würdigst und geziemendst an und bringet Ihm also das Ihm allein wahrhaft wohlgefällige Opfer. Und so ihr Weltmenschen das tun werdet, so wird der eine, wahre Gott euch uns gleich zu Seinen unsterblichen Kindern annehmen, und die Macht und Gewalt des Todes wird weichen von euren Seelen.
GEJ|7|59|6|0|Anbetung mit den Lippen und Opfer aller Art und Gattung haben nur die argen und herrschsüchtigen Priester und Könige erfunden. Sie lassen sich überhoch ehren und verlangen übergroße Opfer von den Menschen, denen sie in einem fort in die Ohren schreien, daß sie stets große Sünder seien und darum den Göttern große Opfer bringen sollen, ansonst diese sie mit großen und schweren Plagen heimsuchen würden. Aber das tun die argen Priester ja nicht der Götter wegen, sondern nur um ihrer selbst willen, auf daß sie reich und mächtig werden, um die armen, blinden Menschen desto mehr knechten zu können.
GEJ|7|59|7|0|Der wahre Gott aber will nur, daß alle Menschen sich untereinander als Brüder lieben und frei und ungeknechtet auf der Erde wandeln sollen und durch die Gnade des einen und allein wahren Gottes in allen Dingen stets weiser und weiser werden. Da ihr nun aus meinem Munde es offen, treu und wahr vernommen habt, was der allein wahre Gott von den Menschen will, so nehmet euer Gold zurück; denn dieses Erdkotes bedürfen die wahren Menschen und der wahre Gott ewig nicht!“
GEJ|7|59|8|0|Hier hoben die Griechen ihr Gold wieder auf und steckten es in ihre Beutel.
GEJ|7|59|9|0|Aber der Wortführer sagte mit einer sehr freundlichen Miene: „O du mein der höchsten Liebe würdigster Gottmensch, deine Worte waren wahr, sanft, mild und süß wie Honigseim, und wir werden sie auch befolgen! Aber da du denn schon gar kein Opfer von uns annehmen willst, so begreife ich aber doch nicht, warum ihr von uns Menschen für eure freilich wohl überguten Speisen und Getränke denn doch ein Geld annehmet! Wozu benötiget ihr des Geldes?“
GEJ|7|59|10|0|Sagte der Engel lächelnd: „Euch Menschen recht zu tun, ist selbst einem Gott schwer. Wußtet ihr denn gestern schon, daß wir hier Kinder Gottes sind? Nein, das wußtet ihr nicht und hieltet uns für ganz gewöhnliche Menschen, die sich für ihre Speisen und Getränke und für die Bedienung zahlen lassen. Da wir aber das wohl wußten, so taten wir denn auch, was die Menschen tun, und es hat gestern am Abend viel des Redens und Beweisens gebraucht, bis ihr von uns eine andere Meinung bekommen habt.
GEJ|7|59|11|0|Da ihr aber nun wisset, mit wem ihr es hier zu tun habt, so habt ihr nun denn auch gegessen und getrunken, und es hat darum auch noch niemand von euch ein Geld verlangt und wird nun auch niemand eins von euch verlangen.
GEJ|7|59|12|0|Sehet, so verhält es sich hier mit dieser Sache! Bei uns zahlen nur die Fremden den Zoll, die Einheimischen sind nach unserem alten Gesetze frei. Fremd aber ist ein jeder, der unseren Gott und Seine Gesetze nicht kennt und ein Götzendiener ist. Wer aber an unseren einen und allein wahren Gott glaubt, Seine Gesetze kennt und an dieselben glaubt und danach lebt, tut und handelt, der ist ein Einheimischer und ist bei uns wahren Juden zoll- und zechfrei.
GEJ|7|59|13|0|Freilich gibt es nun bei uns schon gar viele, die zwar auch Juden sind, aber dabei doch an keinen Gott mehr glauben und Seine Gesetze nicht halten, sondern nur nach ihren Gelüsten leben und handeln. Diese verlangen auch Zoll und Zeche von den Einheimischen wie von den Fremden; aber sie werden von uns aus auch nicht mehr als Einheimische, sondern als Fremde angesehen und behandelt. – Bist du darüber nun im klaren?“
GEJ|7|60|1|1|60. — Die Griechen auf dem Wege zum allein wahren Gott
GEJ|7|60|1|0|Sagte der Grieche: „Ah, jetzt schon, – und ich muß offen bekennen, daß das eine wahrhaft göttlich herrliche Einrichtung ist! Aber da wir nun denn schon reden, so möchten wir uns von euch wahren Gottesmenschen darüber nun einen Aufschluß erbitten, was denn doch die nächtlichen Lichterscheinungen für eine Bedeutung haben dürften. Es ist darüber noch heute die ganze Stadt in einer großen Aufregung, und es haben die meisten fremden Kaufleute schon zur Nachtzeit mit ihrem Warenvorrate die Stadt verlassen, da sie nicht wissen konnten, was diese Erscheinung etwa schon in jüngster Zeit für Folgen haben könnte. Zudem kauft auch niemand etwas, und alles ist voll Furcht in der Erwartung der schrecklichen Dinge, die – besonders infolge der zweiten Erscheinung – über diese Stadt und über das ganze Judenland hereinbrechen können. Ja, selbst wir, so wir nicht gestern euch näher kennengelernt hätten, wären schon lange über Berg und Tal. Aber wir gedachten euer und trösteten uns damit, daß wir heute sicher von euch darüber irgend einen genügenden Aufschluß erhalten würden. Und so denn bitten wir euch darum!“
GEJ|7|60|2|0|Sagte der Engel: „Sehet uns an und alle die andern Leute, die hier sind, und ihr werdet nirgends irgend eine Furcht oder Gemütsaufregung ersehen! Warum aber das? Weil wir es nur zu wohl wissen und kennen, was diese Erscheinung bedeutet. Und wir wissen und kennen das leicht, weil wir im Lichte Gottes hellsehend sind; die da unten aber sind blind und sehen und verstehen darum nichts, und ihre große Furcht ist aber eben deshalb auch schon eine ganz gerechte Züchtigung für ihre eigenwillige Blind- und Bosheit.
GEJ|7|60|3|0|Die Erscheinungen aber bedeuten für die Guten nur Gutes, aber für die Bösen auch Böses, und so haben nach den Erscheinungen die Guten Gutes zu erwarten und können dabei leicht guten Mutes und heiteren Sinnes sein. Werdet nur auch ihr nach meiner euch heute gegebenen Lehre gute Menschen, so werdet auch ihr nur Gutes zu erwarten haben hier und jenseits! Habt ihr aber das wohl aufgefaßt, so könnet ihr auch jetzt schon frohen Mutes und Sinnes sein, und eines Weiteren bedürfet ihr vorderhand nicht; denn was ich euch hier sagte, ist eine vollste Wahrheit.“
GEJ|7|60|4|0|Sagte der Redeführer: „Holdester und zugleich weisester junger Freund! Wir danken dir alle unter meinem Worte; denn du und der freundliche Wirt, der wahrscheinlich dein Vater oder sonst ein dir sehr naher Anverwandter ist, habt uns gestern abend treu versprochen, uns heute mit dem allein wahren Gott näher bekannt zu machen, und ihr habt das nun auch redlich getan, und wir sind darob denn nun auch gar heiter und fröhlich und danken euch nochmals von ganzem Herzen dafür, und wir versprechen euch auch auf das teuerste, daß wir diese Lehre auch befolgen werden, und das auf das möglich genaueste.
GEJ|7|60|5|0|Doch nun hätten wir noch eine Frage, und wir wollen dann ganz ruhig von hier ziehen. Da unten habt ihr ja einen Tempel, in welchem auch, wie wir's vernommen haben, der eine, allein wahre Gott der Juden verehrt wird. Was ist mit diesem Gott? Ist da wohl auch etwas daran? Ist das derselbe Gott, den du uns nun näher kennen lehrtest, oder ist das auch nur so ein toter Götze, wie wir deren eine übergroße Menge haben?“
GEJ|7|60|6|0|Sagte Raphael: „Einst ward in diesem Tempel wohl der allein wahre Gott verehrt, und den Menschen wurden Seine Gebote vorgepredigt, und den Dawiderhandelnden wurde von den Gotteslehrern bedeutet, daß sie sich bessern und Buße wirken sollen und sich wieder zu Gott kehren, von dem sie sich durch ihre Sünden abgewendet hatten. Darauf taten die Sünder das, und Gottes Gnade und Liebe kehrte wieder bei ihnen ein, und die das nicht taten, die wurden von Gott aus gezüchtigt dadurch, daß sie Seine Gnade entbehren mußten, – oft ihr Leben lang. Sie hatten viele Leiden zu bestehen, und wenn am Ende der Tod über sie kam, da hatten sie keinen Trost und starben in großem Schmerz, in großer Angst und unter großen Schrecken. Die aber, Gottes Gebote hielten, verloren die Gnade Gottes nie, hatten ein stets gesundes und in Gott heiteres Leben, und des Leibes Tod hatte für sie nichts Schmerzhaftes; keine Angst und keine Schrecken begleiteten ihn.
GEJ|7|60|7|0|Aber wie es damals war, also ist es jetzt nicht mehr. Die Gotteslehrer sind zu puren Weltmenschen geworden. Sie führen den Namen des einen, wahren Gottes wohl noch im Munde, aber im Herzen haben sie dennoch keinen Funken Glauben an Ihn und ebenso keinen Funken Liebe zu Ihm und sind darum nun samt ihrem Tempel voll der finsteren Gottlosigkeit. Darum ward ihnen in dieser Nacht von Gott aus auch angezeigt, was sie für ihre gänzliche Gottlosigkeit zu erwarten haben. Und ich habe es euch darum zuvor gesagt, daß aus diesen Erscheinungen die Guten nur Gutes und nur die bösen und gottlosen Menschen Böses zu erwarten haben.
GEJ|7|60|8|0|Da unten, wie im ganzen Lande, leben zwar der Geburt nach auch Juden; aber in ihrem Glauben und Wandel sind sie ärger denn die allerfinstersten Heiden, und es wird ihnen darum alle Gnade und alles Lebenslicht Gottes genommen und den Heiden gegeben werden. Darum sagte ich euch nun schon so einiges von dem allein wahren Gott, und ihr möget das auch daheim euren Anverwandten und Freunden sagen, was ihr gehört und gesehen habt. In wenigen Jahren aber werden von uns aus schon Boten zu euch gesandt werden, die euch im größten Umfange die licht- und machtvollsten Wahrheiten aus Gott werden kennen lehren.
GEJ|7|60|9|0|Und da ihr nun solches von mir als auch einem Boten Gottes vernommen habt, so möget ihr nun denn im Namen des einen, allein wahren Gottes in Frieden ziehen in euer Land, und solltet ihr auf dem Meere einen Sturm haben, so rufet den einen, allein wahren Gott um Hilfe an, und es wird sich der Sturm alsbald legen, und ihr werdet darauf auf der ganzen weiten Reise kein Ungemach mehr zu bestehen haben! Und das soll euch auch zu einem Zeugnisse dienen, daß der allein wahre, eine Gott mit der Macht und Kraft Seines Geistes überall als Herr über alle Natur und über alle Elemente gegenwärtig ist und alle Kräfte der Natur in Seiner allmächtigen Willensmacht zu Hause sind.“
GEJ|7|60|10|0|Hier dankten die Griechen dem Engel sehr für diese Belehrung und Verheißung.
GEJ|7|60|11|0|Doch bevor sie sich noch zur Weiterreise anschickten, fragte der Redner, sagend: „Liebster und der Kraft Gottes vollster junger Freund! Wird aber der eine, allein wahre Gott, der Sich irgend hier unter euch sicher in der Person eines Menschen, dir gleich, befindet, wohl irgend darauf merken (achten), wenn wir uns weit von aller Länder Ufern mitten auf dem großen Meere in der Bedrängnis der bösen Stürme befinden werden?“
GEJ|7|60|12|0|Sagte der Engel: „Wenn schon ich darum wissen werde, um wieviel mehr der allhöchste Geist Gottes! Siehe, ich als nun ein vor dir stehender Jude war in dieser meiner Persönlichkeit wohl noch niemals in Athen, wo ihr zu Hause seid, und dennoch weiß ich in meinem Geiste um gar alles, was sich in eurer ganzen großen Stadt befindet, und um alles, was sich namentlich in deinem Hause vorfindet und zu jeder Zeit in selbem geschieht! – Glaubst du mir das?“
GEJ|7|60|13|0|Sagte der Grieche etwas verlegen: „O ja, ich will dir das schon glauben, daß du vermöge deiner inneren, wunderbarsten Kraft wohl um alles das wissen kannst; aber unter meinem großen Hause befindet sich –“
GEJ|7|60|14|0|Sagte der Engel das Weitere: „– eine Katakombe, und in der hast du viel Gold, Silber und Edelsteine aufbewahrt, was deine mutigen und sehr pfiffigen Kaperer vor sieben Jahren einem römischen Handelsschiffe abgenommen haben. Nach unserem Gesetze wäre solch eine Tat eine übergroße Sünde vor Gott; denn du sollst dem Nebenmenschen nicht tun, was du sicher nie wollen wirst, daß dir dasselbe dein Nebenmensch tun möchte! Aber da kanntest du unser Gottesgesetz noch nicht und brachtest für den glücklich gelungenen Raub deinem Gott Merkur ein Opfer dar und konntest dich gegen unser Gottesgesetz darum nicht versündigen, weil es dir völlig unbekannt war.
GEJ|7|60|15|0|Aber in der Zukunft sollst du, wie auch ihr alle, solch ein Gewerbe nicht mehr betreiben; denn so ihr das nun wieder betreiben würdet, so würde die Gnade des allein wahren Gottes nimmerdar euer Anteil werden. Zugleich aber steht ihr ja auch unter den recht weisen Staatsgesetzen Roms, die Raub und Diebstahl strengstens verbieten. So ihr euch halten werdet nach den römischen Staatsgesetzen, so werdet ihr euch auch gegen die Gebote Gottes nicht leichtlich versündigen. – Verstehst du das?“
GEJ|7|60|16|0|Sagte der Grieche: „Ich sehe nun schon, daß euch wahren Kindern des einen, wahren Gottes nichts unbekannt ist; und wäre ich damals, so wie jetzt, mit euren rein göttlichen Gesetzen so bekannt gewesen wie nun, so wäre solch ein Raub auch nie begangen worden, wie er auch nie wieder begangen wird. Aber da kein Mensch auf dieser Erde das einmal Geschehene ungeschehen machen kann, so frage ich dich nun, was ich mit den geraubten Schätzen machen soll.“
GEJ|7|60|17|0|Sagte der Engel: „Der, dem du die Schätze geraubt hast, ist ohnedies um vieles reicher denn du, er bedarf sonach dieser Schätze nicht; aber ihr habt der Armen eine übergroße Anzahl in eurem Lande, denen ihr Gutes tun könnet. Denn es spricht Gott der Herr also: ,Was ihr den Armen tut, das habt ihr Mir getan, und Ich werde es euch vergelten schon hier und hundertfältig in Meinem Reiche!‘ Verwertet sonach eure überflüssigen Schätze und beteilet die euch bekannten Armen, und ihr werdet dadurch sühnen eure Sünden vor Gott und den Menschen! – Und nun möget ihr im Frieden von hier abziehen!“
GEJ|7|60|18|0|Hierauf dankten die Griechen noch einmal und fingen an abzugehen.
GEJ|7|61|1|1|61. — Die Ernährung der Engel. Hinweis auf das sechste und siebente Buch Mosis
GEJ|7|61|1|0|Es war aber nun auch schon das Morgenmahl bereitet, und Lazarus kam zu Mir hin und lud uns alle zum Morgenmahle. Wir gingen denn auch alsogleich und nahmen das Mahl auch bald zu uns.
GEJ|7|61|2|0|Hierbei wunderte sich unser Nikodemus, als er auch den Engel ganz wacker essen und trinken sah, und fragte Mich, ob denn die Geister des Himmels auch essen und trinken gleich den materiellen Menschen auf dieser Erde.
GEJ|7|61|3|0|Sagte Ich: „Erstens siehst du wohl, daß dieser Geist ebensogut ißt und trinkt wie Ich Selbst, der Ich in Meinem Wesen doch der allerhöchste Geist bin. Da aber nun dieser Geist für die Zeit seines Hierseins doch auch einen Leib haben muß, um sich euch sichtbar zu machen, so muß er solchen Leib, wenn er auch noch so ätherisch-zarter Art ist, auch mit der Kost dieser Erde ernähren, auf daß er für euch sichtbar bleibt, solange es nötig ist; wenn es aber nicht mehr nötig sein wird, dann wird er auch selbst im schnellsten Momente seinen Leib auflösen und euch als ein reiner Geist nicht mehr sichtbar sein.
GEJ|7|61|4|0|Im Himmel der reinen Geister aber wird auch gegessen und getrunken, aber geistig und nicht materiell. Die geistige Speise aber besteht in der reinen Liebe und in der Weisheit aus Gott. Diese durchdringt die ganze Unendlichkeit und nährt alle die zahllosen Wesen, und zwar zuerst die Geister und dann durch diese alle materielle Schöpfung, und von dieser vorerst den unermeßlichen Ätherraum, in dem die zahllosen Myriaden Sonnen und Planeten oder Erden wie Fische im Meere und wie die Vögel in der Luft umherschwimmen. Aus dem Äther bekommen dann erst die Weltkörper ihre notwendige Nahrung und aus den Weltkörpern dann auch alle Geschöpfe auf und in ihnen. Bei den Weltkörpern aber wird zuerst die Luft aus dem sie allenthalben umgebenden Äther und durch sie erst der Weltkörper ernährt. – Hast du das nun aber auch wohl verstanden?“
GEJ|7|61|5|0|Sagte Nikodemus: „Ja, Herr und Meister, so gut ein schwacher Mensch eine solche Sache Deiner unbegrenzten Weisheit nur immer verstehen kann! Wenn ich einmal geistiger sein werde, dann werde ich derlei Geistiges auch sicher klarer verstehen; doch jetzt geht mir noch gar vieles ab, da ich nicht weiß, was eigentlich ein reiner Geist ist, und wie er als solcher aussieht, und auch nicht weiß, welch ein Unterschied zwischen Äther und Luft besteht, und ebenso gar keinen Begriff habe, was da so ganz eigentlich eine Sonne ist, wie groß sie in ihrem Körperinhalte ist, und wie weit sie von der Erde absteht. So sprachst Du von mehreren Sonnen, um die Deine Weisheit wohl wissen wird. Doch woher sollte ich das wissen?! Aber so ich das, was da diesweltlich ist, noch so gut und klar wüßte, so kann ich doch von dem, was das Reingeistige ist, unmöglich etwas wissen, weil das für unsere materiellen Sinne nicht zugänglich und somit für unseren Verstand auch unfaßbar ist und bleibt.
GEJ|7|61|6|0|Was ist ein Geist? Welche Gestalt hat er, und wo und wie lebt er? Das sind Fragen, die keinem Sterblichen je zur Genüge werden beantwortet werden können. – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|7|61|7|0|Sagte Ich: „O ja, da hast du ganz recht gesprochen; denn solange der Mensch ein Sterblicher bleibt, wird er auf deine vier Fragen freilich wohl keine noch so klare Antwort zu begreifen imstande sein. Aber wenn er durch die Beachtung Meiner Lehre zur Wiedergeburt des Geistes und dadurch zur Unsterblichkeit gelangt ist, dann wird er die sonnenhelle Antwort auf deine etwas sonderbaren Fragen schon in sich finden; denn nur der Geist durchdringt sich und also auch die geistigen Tiefen in Gott, wie Ich euch solches gestern in der Nacht doch klar genug gezeigt habe. Da aber dein Gedächtnis nicht zu den stärksten gehört, so fragst du nun wieder um Dinge, die Ich ohnehin schon hellst beleuchtet habe. So du aber schon die diesirdischen Dinge nicht fassen und verstehen kannst, so kann es dich ja nicht wundernehmen, wenn du die geistigen und himmlischen Dinge und Verhältnisse noch weniger fassest und begreifest.
GEJ|7|61|8|0|Warum habt ihr denn das sechste und siebente Buch Mosis und den prophetischen Anhang verworfen, beiseitegelegt und niemals gelesen? Darin steht gar vieles, das euch über den gestirnten Himmel und über die Welt der Geister und ihr Sein ein gar klares Licht gegeben hätte. Suche du jene Bücher hervor und lies sie, so wird es dir dann schon heller werden in deinem Herzen! Würde es je eine Materie geben, wenn nicht der Geister Kraft und Wille sie schaffte, richtete und erhielte?!“
GEJ|7|62|1|1|62. — Der Wert der Willensfreiheit des Menschen. Die jenseitigen Erfahrungen der Propheten. Vom Seligwerden
GEJ|7|62|1|0|Sagte Nikodemus: „Ja, ja, Du hast ewig allein recht, und wir Menschen können kein Recht haben, weil in uns keine Wahrheit, Weisheit und keine wahre Lebenskraft waltet! Aber es ist und bleibt für den mit aller Welt umgebenen Menschen doch stets etwas sehr Schweres, sich von der Welt ganz loszureißen und sodann ganz ins Geistige überzugehen. Das pure Anhören selbst der weisesten Lehren genügt dem einmal blind gewordenen Menschen wenig oder nichts, wenn er nicht durch eigene Anschauungen und Erfahrungen zur Wahrheit der geistigen Sache gelangen kann.
GEJ|7|62|2|0|Wenn aber nur ein Mensch für sich wohl Erfahrungen macht und Tausende um ihn aber nicht, so nützt das der Menschheit auch wenig, weil sie somit nur einem Erfahrenen glauben muß, ohne in sich je eine anschauliche Bestätigung dessen zu finden, was sie zu glauben genötigt ist. Ah, ein ganz anderes aber wäre es, wenn alle Menschen Anschauungen und Erfahrungen machten; dann müßte es ja mit der rein geistigen Bildung der Menschen vorwärtsgehen!“
GEJ|7|62|3|0|Sagte Ich: „Wie ein Blinder über die Farben, so urteilest du nun über die Geistesdinge! Ich aber meine, daß eben Der, welcher die Menschen erschaffen hat, es wohl am allerbesten einsehen wird, wie Er die Menschen zu stellen und zu behandeln hat, damit sie über kurz oder lang das Ziel erreichen mögen, das Er ihnen gestellt hat. Ich habe euch nun Zeichen gewirkt, die euch genötigt haben zu glauben, daß eben Ich und ewig kein anderer der verheißene Messias bin. Aber diese Nötigung dient nicht wahrhaftig zu eurem Seelenheile, sondern ihr werdet erst selig, so ihr lebet nach Meinem Worte.
GEJ|7|62|4|0|Glaube du es Mir: So Ich euch Menschen zu Maschinen machen wollte, so kostete Mich das nur einen mit Meinem Willen verbundenen Gedanken, und der ganze Tempel, ganz Jerusalem und das ganze große Land, in dem die Juden wohnen, würden Mich unmöglich für etwas anderes erkennen als für den Messias – Jehova Zebaoth! Aber wäre allen Juden und auch allen Heiden damit geholfen? Ich sage es dir: Wahrlich, nicht um ein Haar mehr als dieser hölzernen Speiseschüssel, die – wie du das sogleich sehen sollst – sich nach Meinem Willen nach allen Richtungen hin zu bewegen anfangen wird!
GEJ|7|62|5|0|Sieh, nun lebt die Schüssel schon und schwebt in der Luft gleich einem Vogel umher! Möchtest du nun dein Dasein wohl mit ihr tauschen? Siehe, sie ist ganz lebendig und kann sich nach allen Richtungen hin bewegen; aber sie hat kein Selbstbewußtsein, sondern Mein höchsteigenes Bewußtsein durchdringt sie und macht sie lebendig. Du kannst an die Schüssel sogar Fragen stellen, und sie wird dir ohne Mund und Zunge antworten. Aber wirst du wohl je glauben können, daß die Schüssel für sich lebt, weise denkt und ohne Mund und Zunge spricht?!
GEJ|7|62|6|0|Ich sage dir aber noch mehr: Ich kann dieser Schüssel vermöge Meiner Allmacht dieses Scheinleben für ewig erhalten. Wird sie aber darum je ein eigenes, selbständiges und freies Leben Mir gleich haben? Ewig nicht; denn solange Ich sie lebendig erhalte mit Meiner puren Macht, ist sie für sich so gut wie völlig tot. Denn ihr Scheinleben ist nur Meine Willensmacht in ihr und somit Mein höchst eigenes Leben. So Ich dieses zurückziehe, so ist auch der alte Tod und das alte, notwendige Gericht aller Materie da, und du wirst an ihr kein Leben mehr entdecken, – wie munter sie sich nun auch nach allen Richtungen hin und her bewegt.
GEJ|7|62|7|0|Und siehe, eben ein solches Leben hätten die Menschen, so Ich sie mit Meiner Allmacht oder auch mit solchen Zeichen zwänge, die dem Menschen keinen freien Gedanken übrigließen. Und es ist sonach für den Menschen ein freier Unglaube um endlos vieles besser als ein durch Wundermittel erzwungener Glaube; denn die vollste und selbständigste Freiheit des Willens im Menschen ist der große Plan Gottes im Menschen. Der Mensch kann wohl ganz unschädlichermaßen von Gott belehrt werden, was er zu tun hat, um in sich des Lebens Vollendung zu erlangen; aber von Gott wie auch von einem andern Geiste darf er dazu nie mit einer Macht genötigt werden. Denn wird er das, so ist er gerichtet und somit für sich völlig tot und besteht als ein freies und selbständiges Wesen gar nicht mehr.
GEJ|7|62|8|0|Und siehe nun, aus eben diesem Grunde werden von Mir aus gewisse von dir gewünschte Anschauungen und Erfahrungen im Reiche der reinen Geister so selten wie möglich zugelassen, und so solche schon dann und wann für einzelne Menschen, die dazu gleich den Propheten ausersehen sind, zugelassen werden, so müssen eben nur diese ausersehenen Menschen – die von oben her sind und schon auf einer anderen Welt die Leibeslebensprobe durchgemacht haben – solche Anschauungen und Erfahrungen über das Jenseits machen, weil ihnen solches nimmer schaden kann, aber auch den Nebenmenschen darum nicht, weil diese den Propheten nur glauben können, so sie wollen. Wollen sie aber nicht – was leider am allerhäufigsten der Fall ist –, so bleiben sie dennoch völlig frei in ihrem Denken und in der Selbstbestimmung ihres Handelns, und das frommt ihnen offenbar noch immer mehr als irgendeine äußere oder gar innere Nötigung zu einem Glauben.
GEJ|7|62|9|0|Der Mensch wird zwar nur durch Gott und in Gott selig, aber nur insoweit, als er durch sein eigenes Wollen den Willen Gottes zu dem seinigen gemacht hat und in seinem Selbstbewußtsein gewisserart eins mit Gott geworden ist. Wenn aber Gott dem Menschen seinen freien Willen hinwegnähme und dafür durch Seine Allmacht Seinen eigenen Willen in des Menschen Herz setzte, so wäre der Mensch, wie schon gesagt, so gut wie für und in sich völlig tot, da nur der aufgedrungene allmächtige Wille Gottes den Menschen ebenso belebte, wie der Meinige diese Schüssel belebt hat. Gott aber hat den Menschen erschaffen und hat ihn belebt und also eingerichtet, daß er sich nach und nach selbst entfalten kann und muß, und das ist so weise, daß der Mensch sich mit aller seiner Vernunft und allem seinem Verstande nichts noch Weiseres vorstellen kann. – Und Ich meine nun, dir diese Sache genügend erklärt zu haben. Wenn du das nun verstehst, so erheben wir uns von den Tischen, gehen abermals hinaus ins Freie und sehen, was sich draußen alles zuträgt!“
GEJ|7|63|1|1|63. — Das Volk und die Templer
GEJ|7|63|1|0|Auf diese Meine Anrede erhoben sich alle von den Tischen und folgten Mir ins Freie hinaus, und zwar auf die Stelle, auf der wir uns schon vor dem Morgenmahle befanden. Von da aus sah man gen Emmaus hin, einem Flecken in der Nähe von Jerusalem. Von Jerusalem führten mehrere Wege dahin, aber nur für Fußgänger. Eine Fahrtstraße aber führte nicht hin, außer auf einem großen Umwege, so daß ein Mensch um vieles eher zu Fuße nach dem Flecken kommen konnte als ein Fuhrmann. Die Menschen zogen am heutigen Tage als an einem Donnerstag ordentlich in Massen hinaus nach diesem Flecken; denn es war in diesem Orte und an diesem Tage ein Brotmarkt, und die Menschen zogen darum hinaus, um sich dort gewöhnlich für eine Woche mit Brot zu versehen. Es war nun in diesem Flecken wegen der in der vergangenen Nacht stattgehabten Erscheinungen beinahe gar kein Brot gebacken worden, die vielen Menschen waren aber eben des Brotes wegen da hinausgezogen.
GEJ|7|63|2|0|Als unser Nikodemus das von Mir in Erfahrung gebracht hatte, da sagte er: „O Herr und Meister, da wird es übel aussehen; denn in diesem Orte befinden sich ja eben des Tempels Bäckereien und tragen ihm wöchentlich gut tausend Silbergroschen römischen Geldes ein. Und heute kein Brot, und das Volk wird mit Ungestüm das Brot verlangen! Oh, da wird es zu Meutereien kommen, die nun kaum zu verhüten sein werden! Was wird da zu machen sein? Es ist nur der einzige böse Umstand dabei, daß über diese Tempelbäckereien zu Emmaus gerade ich die Oberaufsicht zu führen habe und dem Tempel für die richtige und rechtzeitige Bereithaltung einer hinlänglichen Menge Brotes verantwortlich bin. O weh, o weh, diese Geschichte sieht wahrlich gar nicht gut aus! O Herr und Meister! Was wird nun da zu machen sein? Woher nun das Brot schaffen für so viele Menschen? Du, o Herr, könntest mir da wohl helfen, wenn es Dein heiliger Wille wäre!“
GEJ|7|63|3|0|Sagte Ich: „Dir soll auch geholfen werden; doch sage Ich dir und euch allen: So ihr nicht in einem fort Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht, und wenn die euch vorgesagte Wahrheit auch als solche schon ordentlich mit den Händen zu greifen ist! Es wird aber das Volk wegen des Brotmangels keine zu großen Geschichten machen, da es in der Nacht auch die Erscheinungen gesehen hat. Es gibt beinahe niemanden in der Stadt, noch in ihrer weiteren Umgebung, den die gesehenen Erscheinungen nicht heute und noch mehrere Tage lang ängstigen werden, und so wird auch deine gefürchtete Meuterei in Emmaus sicher nicht stattfinden, wenn das Volk auch gar kein Brot bekäme. Es wird aber schon des Brotes einen rechten Vorrat finden.
GEJ|7|63|4|0|Aber Ich werde euch nun auf etwas anderes aufmerksam machen, aus dem heute und auch morgen für den Tempel eine größere Verlegenheit erwachsen wird als aus dem etwaigen Brotmangel in Emmaus. Seht, wie auf allen Straßen, die nach Jerusalem führen, eine Menge Volk herbeiströmt! Das Volk kommt vom Lande und will sich im Tempel Rates erholen und aus dem Munde der Priester erfahren, was es mit den Erscheinungen für eine Bewandtnis habe. Und da wird es den Templern schlecht ergehen! Diese werden dem Volke wohl Bußpredigten über Bußpredigten halten und werden reden vom Zorne Gottes, und wie Gott nunmehr nur durch starke Bußübungen und große Opfer wieder versöhnt werden könne.
GEJ|7|63|5|0|Aber das Volk wird sagen: ,Warum sagt ihr uns das erst jetzt, da ihr es von Gott doch schon lange hättet erfahren können und sollen, wie es mit uns vor Seinem Angesichte steht? Denn wir wissen es von alter Zeit her, daß Gott Sein Volk, wenn es irgend leichtsinnig Seiner vergaß, stets durch Propheten und Seher jahrelang vorher erinnern ließ, was über dasselbe kommen werde, so es sich nicht zu Gott wieder zurückwende. Aber diesmal kamen keine Propheten, die uns zuvor verkündigt hätten, wie wir etwa vor Gott stehen! Und so nun auch schon in der jüngsten Zeit irgend Propheten aufgestanden sind, die uns zur Buße und wahren Besserung ermahnten, so erklärtet ihr sie für falsch und verfolgtet sie und auch die, welche sie anhörten und sich danach kehren wollten. Und da ihr nun mit uns die schrecklichen Zeichen gesehen habt, aus denen es sich mit Händen greifen läßt, daß Gottes Zorn im höchsten Maße über uns gekommen ist, so wollet ihr die Schuld nun ganz auf uns legen; wir aber werden das nicht annehmen, und uns ohne euer Gebet selbst an Gott wenden und Ihn bitten, daß Er uns vergebe unsere Sünden, – und das werden wir darum tun, weil ihr uns nicht schon lange vorher gesagt habt, wie wir vor dem Angesichte Jehovas stehen.‘
GEJ|7|63|6|0|Solche Rede des Volkes wird die Priester in eine große Verlegenheit setzen, und es werden etliche zum Volke sagen: ,Gott ist aber sicher wohl nur darum also über euch erzürnt, weil ihr uns nicht hören und glauben wollt, sondern euch zu den gewissen falschen Propheten wendet, die wider uns sind und sich alle Mühe geben, euch von uns abwendig zu machen.‘
GEJ|7|63|7|0|Da wird das Volk aber sagen: ,Ihr irret euch da; denn wir haben noch keines falschen Propheten Stimme und Wahrsagers Wort vernommen. Die wir aber hörten, die waren keine falschen Propheten; denn sie lehrten offen und erklärten laut vor aller Welt, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist. Ihr aber verfolgtet sie, wie ihr es mit solchen Menschen zu allen Zeiten getan habt, und das wird auch wohl der Grund sein, warum Gott uns Seinen großen Zorn angezeigt hat, und wie Er uns zur harten Zucht in die Hände unserer Feinde geben wird. Daß ihr Priester aber keine Propheten seid, sehen wir klar daraus, daß ihr nicht wußtet bis zur Stunde, wie wir vor dem Angesichte Gottes stehen.‘
GEJ|7|63|8|0|Da wird abermals ein Priester sagen: ,So ihr uns aber dafür haltet, daß wir nichts wüßten und fürs Volk gar nichts mehr wären, – warum kamet ihr denn hierher in den Tempel? Da hättet ihr ja sonach daheim bleiben können!‘
GEJ|7|63|9|0|Da wird das Volk sagen: ,Euretwegen sind wir auch wahrlich nicht gekommen, sondern des Tempels und Gottes wegen, den wir allerinbrünstigst bitten wollen, daß Er uns vergebe unsere Sünden. Ihr aber könnet mit uns beten, so ihr wollet; aber wir werden euch darum kein Opfer darreichen, sondern was wir opfern werden, das werden wir opfern den Armen und Bedrängten.‘
GEJ|7|63|10|0|Darauf werden sich die Priester zurückziehen, und das Volk wird im Tempel und in seinen Vorhallen einen großen Lärm machen. Du, Freund Nikodemus, aber kannst nun, so du es willst, hinabgehen in den Tempel und dich von allem dem, was Ich nun zu dir und zu allen geredet habe, selbst überzeugen und kannst bei dieser Gelegenheit dem Volke auch einige wahre Trostworte sagen; doch von Meinem hiesigen Aufenthalt sage dem Volke ja nichts!“
GEJ|7|63|11|0|Als Ich solches zu Nikodemus gesagt hatte, da dankte er Mir dafür und sagte auch noch hinzu: „Das werde ich alles genauest befolgen und auch suchen, nach Möglichkeit das Volk zur Ruhe zu bringen. Aber was werde ich dem Hohenpriester, den Pharisäern und den Ältesten für eine Antwort geben, so sie mich fragen werden, wo ich diese Schreckensnacht zugebracht habe, da ich – was sie alle nun schon gar sicher wissen werden – weder im Tempel noch daheim in meinem Hause zu erfragen war? Wenn ich da die Wahrheit reden muß, so verrate ich mich und Dich!“
GEJ|7|63|12|0|Sagte Ich: „Gehe du nur ganz ruhig hinab und habe keine Furcht, es wird dich kein Mensch darum fragen, und was du zu reden haben wirst, das wird dir in den Mund gelegt werden! Am Abend aber kannst du, so du willst, schon wieder heraufkommen; denn heute werde Ich noch ganz hier verbleiben.“
GEJ|7|63|13|0|Hierauf ging Nikodemus hinab, sah sich aber während des Gehens öfter um, ob ihn nicht etwa ein echter Jude erschaue. Aber Ich sandte ihm Raphael nach und ließ ihn bis zum Stadttore geleiten, so daß niemand Nikodemus zu ersehen vermochte. Am Tore aber verschwand der Engel plötzlich und befand sich im selben Moment wieder in unserer Mitte.
GEJ|7|63|14|0|Darauf sagte Ich zu ein paar Jüngern, daß auch sie, so sie wollten, sich bis zum Mittage hin in den Tempel verfügen könnten, um Zeugen von dem zu sein, was sich im Tempel zutragen werde. Da gingen auch die Jünger hinab und blieben im Tempel bis über den Mittag, worauf sie wieder zu uns kamen und erzählten, was sie erlebt hatten.
GEJ|7|64|1|1|64. — Der Dank der befreiten Sklaven
GEJ|7|64|1|0|Hierauf sagte Lazarus zu Mir: „Herr, da wäre ich selbst auch so ein wenig neugierig, wie diese Geschichte im Tempel heute enden wird; denn ich sehe noch viel Volk auf allen Straßen einherziehen. Wenn das den Tempel füllen wird, so wird es ein Drängen und ein Schreien abgeben, wie man etwas Ähnliches sicher schon seit langem nicht erlebt hat. Da wird der Nikodemus mit seiner schwachen Stimme nicht wohl auslangen! Es kann da wahrlich ganz leicht zu einem großen Tumulte kommen!“
GEJ|7|64|2|0|Sagte Ich: „Sorge du dich um etwas anderes! Ich habe schon noch der Mittel genug in Meinen Händen, um einen zu großen Tumult zu verhindern; aber es wird die Sache wahrscheinlich nicht soweit kommen.
GEJ|7|64|3|0|Jetzt aber sind unsere Jungen auch schon wach geworden und haben Hunger. Darum gehe du, Mein Raphael, zu ihnen und mache, daß sie zu essen und etwas Wein, aber mit zwei Drittel Wasser vermischt, bekommen!“
GEJ|7|64|4|0|Raphael besorgte solches schnell, was den Jungen eine große Freude machte, so daß sie kaum erwarten konnten, Mir ihren kindlich herzlichen Dank abzustatten.
GEJ|7|64|5|0|In kurzer Zeit waren sie alle wohlgestärkt außer dem Hause, und Raphael führte sie zu Mir hin. Hier stellten sie sich in einer langen Reihe auf, dankten Mir laut für eine so gute Verpflegung und baten Mich, daß Ich zu ihnen kommen möchte, auf daß Mir ein jeder einzeln seine Liebe bezeigen könnte; denn da ihrer so viele seien, könnten sie nicht alle auf einmal zu Mir kommen und Mir ihre große Liebe bezeigen.
GEJ|7|64|6|0|Da sagte Ich zu ihnen: „Meine lieben Kinder, es hat dies nun nicht not! Wenn ihr aber das schon tun wollet, so kommet lieber einzeln zu Mir und bezeiget Mir eure Liebe; denn so Ich zu euch ginge, da könnte unter euch leicht eine Eifersucht entstehen, da ihr dann unter euch beraten und sagen würdet: ,Aber warum wandte sich denn der gute Vater nicht zu mir oder zu diesem oder jenem? Den einen oder den andern hat er gewiß lieber als mich oder meinen Nachbar!‘ Damit aber eine solche Meinung unter euch nicht Platz greife, so kommet selbst einzeln oder auch paarweise zu Mir und bezeiget Mir eure Liebe, und ihr werdet dann nicht sagen können: ,Siehe, diesen oder jenen hat der gute Vater mehr ausgezeichnet!‘ Denn es hängt das rein von euch ab, welcher von euch am ersten zu Mir kommen will.“
GEJ|7|64|7|0|Sagten die Jungen: „Ja, guter Vater, wir möchten aber alle am ersten bei dir sein, und das gäbe dann ein für dich sehr lästiges Gedränge! Darum möchtest doch du bestimmen, an welchem Orte oder Ende unserer Reihe wir anfangen sollen; denn eine Ordnung muß ja auch in der Liebe sein, weil eine Unordnung auch in der Liebe nicht schön wäre. Denn der gute Gott in diesem schönen Lande hat alles so schön geordnet, und so müssen wir aus Hochachtung zu Ihm auch alles in einer gewissen Ordnung verrichten!“
GEJ|7|64|8|0|Sagte Ich: „Nun wohl denn, wenn ihr es schon durchaus so haben wollet, so fanget beim rechten Ende eurer Reihe an und kommet!“
GEJ|7|64|9|0|Diese Anordnung gefiel den Jungen, und so eilten sie nun vom rechten Ende, ein Paar nach dem andern, und zwar zuerst die Jünglinge und darauf erst ebenso die Mägdlein, zu Mir. Vor Mir verneigten sie sich tief, dann ergriffen sie Meine Hände und drückten dieselben an ihre Brust, verneigten sich darauf wieder und zogen in guter Ordnung in ihre vorige Reihe.
GEJ|7|64|10|0|Als Mir also alle ihre Liebe bezeigt hatten und sie sich wieder in ihrer alten Ordnung befanden, da verbeugten sich abermals alle tief gegen Mich und fragten, was sie nun tun dürften.
GEJ|7|64|11|0|Und Ich sagte zu ihnen: „Erheitert euch mit allerlei nützlichen Betrachtungen! Sehet euch diese schöne Gegend an, betrachtet die Blumen und verschiedenes anderes und gedenket dabei, wie das alles ein guter Gott mittels Seiner Weisheit und Allmacht aus Sich heraus erschaffen hat, und seid Ihm darob recht sehr dankbar in euren Herzen, so werdet ihr die Zeit am allernützlichsten zubringen und dabei eine große Freude haben in euren Herzen! Aber ihr brauchet dabei nicht stets also in einer Linie zu stehen und zu gehen, sondern stehet und gehet frei, und das also, wie ihr das hier an Mir und an allen andern Menschen sehet, so werdet ihr euch um vieles besser vergnügen, als so ihr gleichfort eure steife Linienordnung beachtet. – Gehet nun und tuet nach Meinem Rate!“
GEJ|7|64|12|0|Hier dankten die Jungen für solch einen guten Rat, lösten alsbald ihre Linie auf und zerstreuten sich nach allen Richtungen des Berges und unterhielten sich so ganz gut in der frischen und freien Natur.
GEJ|7|65|1|1|65. — Das Schauvermögen der Seele nach dem Tode
GEJ|7|65|1|0|Wir aber gingen auch noch mehr fürbaß, und zwar auf dieses Berges höchsten Punkt. Da befand sich ein ordentliches Wäldchen von Ölbäumen, unter denen sich eine Menge Bänke und Sitze befanden, und alle ließen sich da nieder und lobten den Lazarus für solch eine zweckmäßige Herstellung von so vielen und so niedlichen Ruhebänken und Sitzen. Lazarus dankte allen für die gute Meinung und hatte eine rechte Freude darob. Von dieser nach allen Richtungen hin ganz freien Höhe genoß man die schönste Aussicht. Von da aus sah man den Jordan und sein Tal und – freilich in weiter Ferne – auch einen Teil des Toten Meeres.
GEJ|7|65|2|0|Alle betrachteten mit großem Entzücken die schönen Gegenden, die umliegenden Städte, Flecken und Dörfer eine gute Weile lang, ohne ein Wort zu reden, und Agrikola sagte, als er sich alles sehr gut angesehen hatte: „Meine Lieben alle, wie ihr hier seid, und vor allem Du, o Herr und Meister, ich muß hier ganz offen gestehen, daß ich in unserem weiten Reiche noch niemals eine gar so wunderherrliche Gegend und Landschaft gesehen habe wie eben diese hier! Wahrlich, in solch einer herrlichen Gegend muß einem Menschen das Sterben noch bitterer und schwerer vorkommen, als in einer mehr wüsten und minder schönen Gegend! Denn da möchte man schon gleich so ewig fort leben und sich weiden an so einem Anblick! – Was sagst Du, o Herr und Meister, zu dieser meiner Meinung?“
GEJ|7|65|3|0|Sagte Ich: „Freund, du hättest da mit deiner Meinung wohl recht, wenn die Seele nach des Leibes Tode im Verbande mit dem Geiste aus Gott nicht das Vermögen überkäme, endlos herrlichere Gegenden auch in anderen Welten zu schauen und zu genießen, – wenn das Anschauen von wunderschönen Gegenden und Landschaften für eine Seele schon ein höchster Seligkeitsgenuß sein sollte. Aber Ich meine, daß es nach dem Abfalle des Leibes für eine lebensvollendete Seele wohl noch höhere Seligkeitsgenüsse geben wird als bloß das Anschauen von sehr schönen Landschaften.
GEJ|7|65|4|0|Ich setze dir den Fall, daß du hier – sage – nur hundert Jahre hindurch diese Landschaft in einem fort betrachten müßtest und wärest dabei aber auch mit allen anderen Leibesbedürfnissen auf das reichlichste versorgt, so stehe Ich dir dafür, daß dich diese schöne Landschaft bald derart zu langweilen anfangen würde, daß du sie dann in deinem ganzen Leben nimmer ansehen möchtest. Ja, unter guten Freunden dann und wann macht der Anblick einer schönen Gegend auf das menschliche Gemüt immer einen erhebenden Eindruck; aber dann sehnt sich die Seele bald nach Veränderungen, damit sie größere und gedehntere Erfahrungen mache und aus ihnen auch stets etwas Neues erlerne.
GEJ|7|65|5|0|So gut aber eine vollkommene Seele jetzt durch die Augen des Leibes das schauen kann, was sie umgibt, so wird sie das Vermögen des Schauens, Hörens und Fühlens in ihrem reinen Geisteszustande wohl auch noch in einem höheren Grade und Maße besitzen, als sie das jetzt in dem schweren und mühseligen Leibe besitzt! Ich habe es euch ja schon ehedem unten vor dem Hause gezeigt, wie das innere Schauen der Seele beschaffen ist – worüber du dich selbst im hohen Grade verwundert hast –, als dir die von Mir auf eine kurze Zeit im Geiste entzückten und zuvor nie in Rom gewesenen Menschen deine große Vaterstadt so genau beschrieben haben, wie du sie selbst nie genauer mit deinen Augen hattest schauen können.
GEJ|7|65|6|0|Da wirst du denn doch wohl einsehen, daß die Seele in ihrem freien und rein geistigen Zustande ein viel höheres Sehvermögen besitzt als in dem beschränkten Leibe! Wenn aber erwiesen das der Fall ist, so kannst du, wenn du Meinen Worten und Zeichen und auch deinen im Fache des Seelisch-Geistigen gemachten Erfahrungen den vollen und lebendigen Glauben schenkst, doch wahrlich nicht sagen, daß man in einer solchen Gegend dem Leibe nach schwerer sterben würde als in einer öden und düsteren Landschaft! Daß eine jede Seele nach dem Tode des Leibes aber fortlebt und sich ihres Lebens klarst bewußt ist, das wirst du etwa doch nicht mehr bezweifeln?“
GEJ|7|65|7|0|Sagte Agrikola: „Herr und Meister, das sicher nicht, da ich doch schon zuvor in Spanien, in Sizilien und in Ägypten Erfahrungen über das Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes gemacht habe, und das sicher auf eine alleruntrüglichste Weise. Aber es handelt sich hier um etwas ganz anderes, und das ist es eben, weshalb ich mir ehedem eine Bemerkung zu machen erlaubte!“
GEJ|7|65|8|0|Sagte Ich: „Und worin besteht denn dieses dein anderes? Rede nun nur zu; denn wir haben noch viel Zeit bis gen Mittag hin, um noch so manches zu verhandeln!“
GEJ|7|65|9|0|Es traten aber nun auch die vielen anwesenden Zöllner vor Mich und fragten Mich, ob Ich ihnen wohl darum nicht gram werden würde, so sie bis an den Abend hin sich nach Hause begäben, um alldort nachzusehen, ob alles wohl in der Ordnung sei, und ob sich ihre Diener bei dieser Gelegenheit gegen das noch immer auf allen Straßen hereinziehende Volk etwa nicht irgendwelche Bedrückungen erlaubten.
GEJ|7|65|10|0|Sagte Ich: „Tuet das und tuet Gutes nun für so manches Üble, das ihr durch viele Jahre an den Menschen begangen habt, so werden euch eure Sünden vergeben sein! Wie ihr aber nun frei abziehet, so könnet ihr auch frei wiederkommen.“
GEJ|7|65|11|0|Mit dem verneigten sich die vielen Zöllner, dankten für alles Empfangene und Genossene und zogen dann schnell ab.
GEJ|7|66|1|1|66. — Das Wesen der Seele und des Geistes. Die Seele im Jenseits
GEJ|7|66|1|0|Ich aber sagte abermals zu Agrikola: „Nun kannst du deine Sache vorbringen, – und so rede nun!“
GEJ|7|66|2|0|Sagte Agrikola: „Herr und Meister, daß des Menschen Seele auch nach dem Tode des Leibes fortlebt, das ist nun eine völlig abgemachte Sache der klarsten Wahrheit. Aber wo kommt sie hin, und was ist eigentlich ihr Wesen und was das des ganz reinen Geistes? Da Raum nach Deiner Belehrung der unendlich ist, so müssen ja auch die Seelen und selbst die reinsten Geister sich innerhalb des endlos ewig großen Raumes befinden; denn ein Außerhalb desselben kann es ja unmöglich irgend geben.
GEJ|7|66|3|0|Dann noch eine Frage: Welche Gestalt hat für sich eine Seele oder gar ein reiner Geist, und warum kann ein natürlicher Mensch nicht immer die Seelen und Geister sehen? Herr, nur auf diese meine Fragen gib mir noch eine lichtvolle Antwort, und ich will Dich dann um nichts mehr fragen; denn unsere volle Unwissenheit in dieser Sache ist eigentlich dasjenige, was uns das Sterben gar bitter und angstvoll macht. Haben wir Menschen aber auch darin ein genügend helles Licht, so werden wir leicht sterben und nicht ängstlich am tollen Leben des Fleisches hängen.“
GEJ|7|66|4|0|Sagte Ich: „Ja, das wäre Mir etwas sehr Leichtes, dir das zu erklären, wenn du nur das freie Verständnis dafür besäßest; aber das besitzest du eben noch nicht, obwohl du seit deinem Hiersein schon gar vieles in eben dieser Hinsicht von Mir wohlbeleuchtet vernommen und auch in wohlgeordneten Wunderzeichen selbst gesehen und erfahren hast. Und so ist das eine schwere Sache, dir diese Sache noch näher zu beleuchten, als sie dir schon beleuchtet worden ist.
GEJ|7|66|5|0|Die Seele des Menschen ist eine rein ätherische Substanz, also – wenn du das fassen kannst – aus sehr vielen Lichtatomen oder möglich kleinsten Teilchen zu einer vollkommenen Menschenform zusammengesetzt durch die Weisheit und durch den allmächtigen Willen Gottes, und der reine Geist ist eben der von Gott ausgehende Wille, der da ist das Feuer der reinsten Liebe in Gott.
GEJ|7|66|6|0|Der reine Geist ist ein Gedanke Gottes, hervorgehend aus Seiner Liebe und Weisheit, und wird zum wahren Sein durch den Willen Gottes. Da der Gott in Sich ist ein Feuer aus Seiner Liebe und Weisheit, so ist das gleiche auch der in ein eigenes Sein realisierte und gewisserart aus Gott getretene Gedanke. Wie aber das Feuer eine Kraft ist, so ist dann solch ein Gedanke aus Gott auch eine Kraft in sich, ist seiner selbst bewußt und kann für sich wirken in eben jener Klarheit, aus der er hervorgegangen ist. Als eine Reinkraft durchdringt er alles, was du Materie nennst, kann aber von der Materie nicht durchdrungen werden, weil die Materie im weiteren Verlaufe nichts ist als eine Außenäußerung des Geistes aus Gott.
GEJ|7|66|7|0|Die Seele ist gewisserart durch die Kraft des Geistes wieder aufgelöste Materie, die in des Geistes eigene Urform, durch seine Kraft genötigt, übergeht und sodann, mit ihrem Geiste vereint, gleichsam seinen lichtätherisch- substantiellen Leib ausmacht, so wie die Seele aus der sie umgebenden Fleischmaterie, wenn diese völlig verwest und aufgelöst worden ist, sich durch ihren rein geistkräftigen Willen ihr einstiges Kleid formt und bildet.
GEJ|7|66|8|0|Da hast du nun eine ganz kurze und vollwahre Darstellung dessen, was die Seele für sich ist, und was der reine Geist für sich ist.
GEJ|7|66|9|0|Wohin aber eine Seele beim Austritt aus ihrem Leibe kommt, das dem Ort im Raume nach zu bestimmen, wird für dich wohl noch schwerer zu fassen sein; aber Ich will dir dessenungeachtet einen Wink geben, aus dem du für dich einiges Licht ziehen kannst. Denn das Eigentliche wirst du erst dann in dir selbst erfahren, wenn du eben auch in dir selbst zur vollen Wiedergeburt oder vollen Einigung des Geistes mit deiner Seele gelangt sein wirst, weil solches die Seele so lange nie völlig fassen kann, solange sie sich nicht durch die Kraft des Geistes in ihr also gestaltet, daß sie fähig ist, sich mit dem Geiste völlig zu einen.
GEJ|7|66|10|0|Raumörtlich hält sich eine Seele nach dem Abfalle ihres Leibes – besonders in ihrer ersten Seinsperiode – gewöhnlich dort auf, wo sie sich im Leibe auf der Erde aufgehalten hat, das heißt, wenn sie als noch nicht völlig vollendet ins fleischlose jenseitige Reich übertritt.
GEJ|7|66|11|0|In solchem Falle sieht und hört sie aber von der Naturwelt, die sie im Leibe bewohnt hat, dennoch nichts, wenn sie sich auch räumlich auf eben derselben Welt befindet. Ihr Sein ist mehr oder weniger wie ein heller Traum, in welchem die Seele auch in einer gleichsam aus ihr hervorgegangenen Gegend oder Landschaft lebt und ganz so tut und handelt, als befände sie sich in einer ganz natürlichen Welt, und es geht ihr die verlassene Naturwelt nicht im geringsten ab.
GEJ|7|66|12|0|Aber durch Zulassungen von Gott aus wird die von ihr bewohnte Gegend oft vernichtet, und die Seele befindet sich in einer andern, die ihrem inneren Zustande ganz angemessen ist. Bei einer solchen Seele dauert es dann oft wohl lange, bis sie durch manche Belehrung dahin kommt, daß das alles, was sie dort zu besitzen wähnt, eitel und nichtig ist. Kommt sie einmal aus manchen Erfahrungen und Erscheinungen zu dieser Einsicht, so fängt sie dann erst an, ernstlicher über ihren Zustand und ihr Sein Betrachtungen zu machen und daraus auch eben mehr und mehr innezuwerden, daß sie die frühere, irdische Welt verlassen hat, und die Sehnsucht wird in ihr wacher, eine bleibendere und unwandelbarere Lebensstätte zu bekommen.
GEJ|7|66|13|0|In solch einem Zustande wird sie von schon vollendeteren Geistern belehrt, was sie zu tun hat; und tut sie das, so wird es denn auch heller und heller in ihr, weil ihr innerer Geist sie mehr und mehr durchdringt. Je mehr sie aber der innere Geist durchdringt und gleichsam in ihr wächst wie ein Kind im Mutterleibe, desto mehr Bestand fängt um sie herum alles anzunehmen an.
GEJ|7|66|14|0|Wenn aber eine Seele einmal dahin kommt, daß ihr innerer Geist sie ganz durchdringt, dann kommt sie auch zum vollen Hellsehen und klaren Erkennen, zum vollsten Bewußtsein und zur klaren Erinnerung an alles: was sie war, wie sie geworden ist, was sie gemacht hat und wie die Welt, in der sie im Leibe gelebt, ausgesehen hat, und wie sie bestellt war.
GEJ|7|66|15|0|Solch eine Seele kann dann sowohl diese Erde als auch den Mond, die Sonne, alle die andern um diese Sonne kreisenden Planeten oder Erden – was bisher freilich noch kein Sternkundiger, weder ein Grieche, noch einer der alten ägyptischen PDOLOMEUZE (Feldmesser) erkannt hat – und auch die anderen Sonnen in einer oder mehreren Hülsengloben, die Ich euch schon gestern hinreichend erklärt habe, auf das allergenaueste durchschauen und sich an ihrer wunderbaren Gestaltung und Einrichtung wahrhaft im höchsten Grade ergötzen und die wahre und höchste Freude haben an der Liebe, Weisheit und Macht des einen Gottes.“
GEJ|7|67|1|1|67. — Die verschiedenen Stufen der Seligkeit vollendeter Seelen
GEJ|7|67|1|0|(Der Herr:) „Das steht also solch einer vollendeten Seele sicher und sogar notwendig bevor, und doch ist diese Eigenschaft einer lebensvollendeten Seele als ein mindester Grad der eigentlichen großen Seligkeit anzusehen, weil das allein eine vollendete Seele mit der Weile ebenso anzuwidern anfangen würde, wie es dich hier anwidern würde, wenn du diese noch so schöne Landschaft nur hundert Jahre nacheinander fort betrachten und bewundern müßtest.
GEJ|7|67|2|0|Die größere Seligkeit einer Seele besteht doch offenbar nur darin, daß die vollendete Seele auch mit der wahrhaften göttlichen Schöpferkraft ausgerüstet und versehen ist und aus gottähnlicher Weisheit alles bewirken kann, was Gott Selbst auf ganz dieselbe Art und Weise bewirkt und hervorbringt.
GEJ|7|67|3|0|Ein noch höherer und eigentlich schon beinahe allerhöchster Seligkeitsgrad einer vollendeten Seele aber besteht darin, daß sie Gott, den alleinigen Herrn und Schöpfer der Unendlichkeit, als ihren höchsten Lebensfreund fort und fort um sich haben und Ihn ohne alles Maß und ohne alle Grenzen lieben kann und mit Ihm in einem Augenblick die ganze geistige und materielle Schöpfung übersehen kann.
GEJ|7|67|4|0|Das gar Allerhöchste der Seligkeit einer vollendeten Seele aber besteht darin, daß sie sich, als mit Gott durch die Liebe völlig vereint, auch in der vollsten göttlichen Freiheit befindet.
GEJ|7|67|5|0|Wie aber das dir nun Gesagte völlig wahr ist, das kannst du allein an diesem Meinem jungen Diener schon mit deinen leiblichen Augen gar wohl entdecken. Du fragtest Mich schon ein paarmal, was es mit diesem Jungen für eine Bewandtnis habe, woher und wer er sei. Und nun will Ich es dir kundtun:
GEJ|7|67|6|0|Siehe, dieser Jüngling ist schon lange ein reiner Geist, hat aber schon einmal auf dieser Erde als ein Mensch im Fleische gelebt! Sein Name war Henoch, und er war ein erster Prophet und Gotteslehrer der ersten Nachkommen Adams.
GEJ|7|67|7|0|Da seine Seele in jener Urzeit der Menschen dieser Erde in der höchsten und reinsten Liebe zu Gott entbrannte, so löste eben solche Liebe seinen Leib in eine ätherische Substanz auf, mit der die freie Seele bekleidet ward und sofort für immer ein Erzengel der höchsten Himmel Gottes, das heißt der höchsten göttlichen Freiheit, wurde, was du wohl daraus ersehen kannst, daß sie hier zu nächst um Mich ist.“
GEJ|7|67|8|0|Hier machte Agrikola große Augen und sagte: „Wie? Das wäre ein Geist, und das ein reiner und vollendeter auch noch dazu?! Er hat ja doch sichtbar Haut, Fleisch und Blut und ißt und trinkt wie unsereins!
GEJ|7|67|9|0|Daß er Wunderbares gleich Dir bewirken kann, das habe ich mir also erklärt, daß er schon lange Dein Jünger sein werde und als solcher von Dir dazu die gehörige Weisheit und Macht erhalten habe; denn als einen ganz reinen Geist könnten wir Menschen ihn ja nicht sehen. So man ihn angreift, so fühlt man alles wie bei einem ganz natürlichen Menschen. Aber Du hast es nun gesagt, und ich muß es Dir glauben, obschon das all mein Denken noch mehr verwirrt. Wie hat denn dieser reine Geist nun einen Leib?“
GEJ|7|67|10|0|Sagte Ich: „Ich habe es dir ja ehedem gesagt, daß wir nun so manches verhandeln können, weil wir dazu Muße haben, und so werden wir mit dem schon auch noch ins reine kommen. Siehe, da steht schon Mein Raphael Henoch vor uns, und Ich sage dir nun, daß du das Weitere, was du wissen willst, mit ihm selbst verhandeln kannst; denn er wird dir ganz dieselbe Auskunft geben, die Ich dir geben würde, und was er dir sagen und zeigen wird, das wird er dir sagen und zeigen aus seiner selbständigsten Freiheit, Macht, Weisheit und Kraft, weil er sich solche aus Gott völligst zu eigen gemacht hat. – Und so magst du nun mit ihm deine Erforschungen beginnen!“
GEJ|7|68|1|1|68. — Das Wesen der Engel
GEJ|7|68|1|0|Sagte hierauf Agrikola zu Raphael: „Hochliebster Diener unseres Gottes, Herrn und Meisters! Was hast du denn als ein reiner Geist hier für einen Leib? Ist das auch, wie bei mir, Fleisch und Blut?“
GEJ|7|68|2|0|Sagte Raphael: „Fühle mich an und überzeuge dich selbst!“
GEJ|7|68|3|0|Hier befühlte der Römer des Engels Hände und Füße und fand, daß sie ganz so aus Fleisch und Blut bestanden wie die eines andern Menschen, und er sagte darauf: „Ja, da ist wahrlich nichts Geistiges zu fühlen, – und dennoch sollst du ein reiner Geist sein, und das schon beinahe so alt wie das Menschengeschlecht auf dieser Erde?“
GEJ|7|68|4|0|Sagte nun der Engel: „Befühle mich noch einmal, und wir wollen hören, wie du nachher urteilen wirst!“
GEJ|7|68|5|0|Hier fing der Römer den Engel neuerdings zu befühlen an; aber nun fühlte er keinen Körper mehr, und wo er den Engel anfaßte, da gingen seine Finger ebenso leicht hindurch wie durch die Luft.
GEJ|7|68|6|0|Als er diese zweite Erfahrung gemacht hatte, da sagte er hochverwundert (der Römer): „Ah, da könnte aber doch selbst der allergescheiteste Mensch zu einem Narren werden! Ehedem war alles gediegen, und jetzt ist alles Luft und somit so gut wie völlig nichts! Ja, aber sage mir nun – wenn du als ein gar so luftiges Phänomen noch reden kannst –, wo du deinen früheren, wohlfühlbaren Leib nun hingetan hast!“
GEJ|7|68|7|0|Sagte der Engel: „Gar nirgends hin, sondern ich habe ihn noch genau also, wie ich ihn früher gehabt habe! Daß du ihn früher als festen Leib fühltest, das war mein freier Wille; und daß du ihn nun zum zweiten Male gar nicht fühltest, das war auch also mein Wille. Denn was wir vollendeten Geister wollen, das geschieht, wie wir es aus unserer Freiheit und Weisheit wollen, entweder augenblicklich oder nach und nach in einer bestimmten weisen Ordnung.
GEJ|7|68|8|0|Denn wir sind durch unsere Liebe zu Gott auch völlig in Seiner uns ertragbaren und wohl erkennbaren Weisheit und Macht, und so ist Gottes Liebe auch unsere Liebe, Seine Weisheit unsere Weisheit, Sein Wille unser Wille und Seine Macht auch unsere Macht. Aber dennoch gibt es in Gott noch unergründliche Tiefen, die kein geschaffener Geist je ergründen wird; und könnte er das, so wäre er nicht selig, weil er dann aus Gott keine steigende Seligkeit mehr zu erwarten hätte. – Verstehet ihr Römer das wohl?“
GEJ|7|68|9|0|Sagten nun mehrere Römer: „Ja, du unser Freund – wenn du auch ein Geist bist –, um das so recht zu verstehen und zu fassen, dazu gehört mehr als unser römischer Verstand! Es wird schon alles also sein; doch das eigentliche Wie müssen wir erst bis dahin abwarten, wenn wir selbst in unseren Seelen vollendeter sein werden.“
GEJ|7|68|10|0|Sagte der Engel: „Höret, ich rede nun nur mit dem Agrikola und nicht mit euch allen zugleich; denn ich weiß das schon ohnehin, daß ihr andern nicht gleich verständig seid. Darum mögen nun alle hören und auf alles aufmerksam sein, was ich mit dem Verständigsten von euch rede, und was ich ihm zeige! Und so rede du, Agrikola, nun allein!“
GEJ|7|68|11|0|Sagte nun Agrikola: „Ja, ja, du mein rein geistiger Freund, ich habe es im Grunde wohl so halbwegs verstanden, was du mir so ganz eigentlich hast sagen wollen; doch ganz habe ich das wohl auch so, wie die andern, nicht verstanden, – doch auch ich warte da nach der Verheißung des Herrn auf bessere Zeiten! Aber das möchte ich von dir nun erfahren – und zwar unter der Bedingung, auf manches andere vollen Verzicht zu leisten –, wie du dich durch deinen Willen so entleiben kannst und doch noch also da bist wie ehedem mit dem höchst fühlbaren Leibe? Denn das ist für mich das Allerunbegreiflichste! Einmal bist du ein wirkliches Etwas, gleich darauf bist du dem Gefühle nach ein vollendetes Nichts, und das Nichts ist dennoch wieder das vollendete ganz gleiche Etwas. Ja, wie ist denn das doch wohl möglich?“
GEJ|7|68|12|0|Sagte der Engel: „Das ist ja etwas ganz Einleuchtendes! Wir Geister in unserer für euch imponderablen (unwägbaren) rein geistigen Sphäre sind ja das eigentliche, allein wirkliche und allerursprünglichste Etwas. Alles andere in aller materiellen Welt ist nur eine durch unseren Willen bewirkte Erscheinlichkeit, damit für eure materiellen Seelen ein beharrliches Medium da ist, mittels dessen ihr euch gleich uns die vollste und wahrste Lebensfreiheit verschaffen könnet.
GEJ|7|68|13|0|Um dir das aber noch handgreiflicher zu zeigen, so nimm du, Agrikola, nun selbst einen Stein vom Boden auf in deine Hand! – Gut, du hast nun einen ganz harten Naturstein in deiner Hand! Du wirst nun sagen: ,Siehe, dieser Stein ist nun, wie er ist, eine barste Wirklichkeit!‘ Denn du fühlst nun in deiner Hand seine Schwere und seine für dich unzerstörbare Härte und sagst bei dir: ,Das ist ein wirkliches Etwas!‘ Aber ich sage es dir, daß es sich hier mit deinem wirklichen Etwas geradealso verhält wie ehedem mit meinem Fleischleibe und darauf mit diesem meinem noch immerfort gleich geistigen Leibe. Denn die Härte und diese Schwere des Steines, den du noch in deiner Hand festhältst, hängt auch nur ganz allein von der Beharrlichkeit unseres Willens ab. Solange wir ihn als einen harten und schweren Stein erhalten wollen, so lange wird er auch das bleiben, was er ist.
GEJ|7|68|14|0|Will zum Beispiel aber auch nur ich, daß dein Stein mir nun ganz – was den Körper betrifft – gleich werden soll, so wirst du den Stein ebenso durchgreifen können, wie du ehedem mich durch und durch gegriffen hast. Und wird das der Fall sein, so hat die durch unseren Geisterwillen produzierte Materie des Steines erst ihre Urrealität erreicht, ohne die sie nun durch die Beharrlichkeit meines selbstischen (eigenen) Willens dir als ein harter und schwerer Stein erscheint. Damit du das aber noch leichter fassest, so prüfe deinen Stein noch einmal fest durch, ob er noch derselbe Stein ist!“
GEJ|7|68|15|0|Sagte Agrikola: „Der ist noch, wie er war!“
GEJ|7|68|16|0|Sagte der Engel: „Wie ist er denn jetzt?“
GEJ|7|68|17|0|Sagte Agrikola: „Ah, ich sehe ihn wohl noch wie ein Wölkchen in meiner Hand, doch seine Härte und Schwere ist gleich nichts! Nein, das ist aber doch im höchsten Grade sonderbar! Hätte ich mir doch alles eher einbilden können, als daß so etwas möglich sein sollte! Ja, wie ist dir das zu bewirken möglich?“
GEJ|7|69|1|1|69. — Die Macht der Engel. Verhältnis zwischen Geist und Seele. Wiedergeburt
GEJ|7|69|1|0|Sagte der Engel: „Ich habe es dir ja ohnehin schon gesagt, daß das nur durch die Beharrlichkeit unseres Willens geschieht, und daß alle Materie nichts ist als die Beharrlichkeit des Willens des Geistes Gottes, so verschiedenartig sie dir auch erscheinen mag; denn die verschiedenen Stoffe der Materie samt den Elementen, aus denen sie vor deinen Augen zu entstehen und zu bestehen scheint, sind unsere Gedanken. Ihre Formen und Farben sind unsere aus unseren Gedanken gestalteten Ideen. Ihre Zweckdienlichkeit sind unsere aus den Ideen entwickelten Begriffe, und die Erreichung eines höheren geistigen Zieles für alles, was nun Materie ist, sind unsere Absichten, aus denen aller Materie glückliches Endziel hervorgehen wird.
GEJ|7|69|2|0|Darum ist ein wahres und reales Sein nur bei uns ewig unsterblichen Geistern, und das Sein der Materie ist nur ein pur von uns bewirktes und in jedem Momente von uns abhängiges, wie du das nun mit dem Steine ganz klar hast sehen müssen. Du hast das Wölkchen aber noch auf deiner Hand, und sieh, ich werde es wieder mit der vollen Beharrlichkeit meines Willens erfüllen, und du wirst den früheren Stein wieder in deiner Hand haben!“
GEJ|7|69|3|0|Der Engel tat das, und in der Hand des Römers befand sich wieder ganz der frühere, alte, harte und schwere Stein.
GEJ|7|69|4|0|Das machte auf den Römer einen noch mächtigeren Eindrucke und er sagte zum Engel (der Römer): „Dieser Stein bleibt mir ein Schatzstein zum Gedächtnis an das, was hier so wunderbar vorgefallen ist! Aber nun noch eine Frage! Sieh, in mir wohnt doch auch eine Seele und in ihr nach eurer Lehre ein dir ganz ebenbürtiger Geist! Warum kann denn ich nicht durch solchen meinen Geist auch das bewirken, was du als ein Geist zu bewirken imstande bist?“
GEJ|7|69|5|0|Sagte der Engel: „Weil deine Seele dazu noch nicht reif und dein innerer Geist noch nicht in deine Seele übergegangen ist! Aber etwas bewirkt dein Geist dennoch durch die Beharrlichkeit seines deiner Seele noch ganz unbekannten Willens, und das ist der Bau und die zeitweilige Erhaltung deines Leibes. Solches aber kann deine Seele nicht merken, wie sie auch nicht merkt, wie ihr Leib gebaut ist, weil ihr solches ihr innerer, rein jenseitiger Baumeister nicht offenbaren und zeigen kann, da sie, wie gesagt, noch nicht reif ist.
GEJ|7|69|6|0|Der innere Geist arbeitet zwar unablässig dahin, die Seele ehest möglich reif und völlig frei zu machen, doch kann und darf er ihr nicht den geringsten Zwang antun, weil sogestaltig eine Seele dann noch materieller und unfreier werden würde, als sie durch alle Einflüsse der Außenwelt je werden könnte. Darum ward der Seele in ihrem Leibe ein eigener Wille und ein eigener Verstand gegeben, durch den Unterricht von außen her dahin sich selbst bestimmend gebracht zu werden, sich von aller Weltlichkeit durch ihren eigenen Willen stets mehr und mehr zu entäußern und in sich gehend die reiner und reiner werdenden geistigen Wege zu betreten.
GEJ|7|69|7|0|In dem Maße aber die Seele die stets reineren geistigen Wege tätig begeht, in demselben Maße eint sich dann auch ihr innerer, reiner und jenseitiger Geist mit ihr. Und hat sie sich durch ihren in sich stets lauterer gewordenen Verstand und durch ihren dadurch auch stets freier gewordenen Willen aller Welt vollends entäußert, so ist sie ihrem Geiste gleich und eins mit ihm geworden, welche Einswerdung wir die geistige Wiedergeburt nennen wollen, und so wird sie als eins mit ihrem Geiste, auch noch im Leibe seiend, eben das vermögen, was ich nun vor deinen Augen als eben ein solcher mit meiner Seele vereinter Geist vermag.“
GEJ|7|70|1|1|70. — Vom Wesen der Luft
GEJ|7|70|1|0|(Raphael:) „Als ich als Mensch viele Jahre einen Leib bewohnte, da ward ich durch die Gnade des Herrn dieses inneren Lebensweges inne und beging ihn mit stets größerer Beharrlichkeit. Dadurch geschah es in meiner letzten Zeit, daß mein Geist und meine Seele eins wurden, und es ward mir die volle Macht auch über meinen irdischen Leib, so daß ich ihn dann ebenso plötzlich auflösen konnte, wie ich nun den Stein und vorher meinen dir fühlbaren Leib aufgelöst habe und von ihm nur so viel behielt, daß du mich mit deinen fleischlichen Augen noch sehen konntest.
GEJ|7|70|2|0|So ich nun aber wieder einen Leib dir gleich haben will, so darf ich nur wollen, und der Leib wird auch wieder dasein. Sieh, ich will das, und du fühle mich jetzt wieder an, und du wirst mich wieder also fest finden, wie ich ehedem war!“
GEJ|7|70|3|0|Der Römer tat solches und fand, daß Raphael wieder ganz Mensch war wie zuvor.
GEJ|7|70|4|0|Da fragte er (Agrikola) den Engel und sagte: „Als du, als ein vollendeter Mensch auf Erden seiend, deinen Leib aufgelöst hattest, konntest du dir ihn auch wieder zurückerschaffen?“
GEJ|7|70|5|0|Sagte Raphael: „Das sicher so wie jetzt; aber ich wollte das nicht, weil ein rein geistiges, körperfreies Sein ein endlos vollendeteres ist als ein mit irgendeinem Körper – wenn auch durch den eigenen Willen – gebundenes. Siehe, in diesem Leibe kann ich weniger wirken als ohne ihn! So du mich aber wirken siehst Wunderbares, dann ist der Leib schon fort und wird erst nach der Tat wieder geschaffen. Ich vermag zwar auch im Leibe alles, doch nicht so vollkommen wie außer dem Leibe. – Hast du noch Fragen, so gib sie von dir, und ich will sie dir beantworten!“
GEJ|7|70|6|0|Sagte Agrikola: „Oh, Fragen hätte ich noch in großer Menge vorrätig! Könntest du denn durch die Beharrlichkeit deines Willens auch einen Teil der freien Luft in irgendeine Materie verwandeln?“
GEJ|7|70|7|0|Sagte der Engel: „Allerdings; denn fürs erste ist die Luft schon Materie und enthält alle erdenklichen Stoffe in sich und kann darum um so eher in jede beliebige Materie verwandelt werden, und fürs zweite steht es meinem Geiste wahrlich frei – und das im höchsten Grade –, meinen Willen da im vollsten Maße wirkend auftreten zu lassen und somit die Luft, die du mir anzeigst, augenblicklich in irgendeine Materie zu verwandeln. Sage mir nun nur an, in was ich die Luft verwandeln soll!“
GEJ|7|70|8|0|Sagte Agrikola: „Freund, das überlasse ich deinem besten und weisesten Ermessen! Tue, was du willst, und mir wird nun schon alles recht sein!“
GEJ|7|70|9|0|Sagte der Engel: „Nun gut denn! So soll nun die Luft, die vor uns weht, in der Ferne von zwölf Schritten vor uns im Augenblick in eine fünf Mannshöhen hohe und bei einer Mannslänge im Durchmesser starke und vollkommen runde Säule sich gestalten! Es sei! Und nun gehe hin und untersuche die schon stehende Säule, ob sie noch Luft oder ob sie wohl eine festeste Granitsäule ist!“
GEJ|7|70|10|0|Hier gingen alle Römer hin und untersuchten die Säule.
GEJ|7|70|11|0|Und alle sagten: „O Wunder der Wunder! Es ist erstaunlich über erstaunlich! Es ist wahrlich die allerfesteste Granitsäule, wie wir selbst in Rom keine ähnliche nachzuweisen haben! Ja, ja, im reinen Geiste ist das Wesen, und alle Materie ist nur eine Folge der Beharrlichkeit des freien Willens eines reinen Geistes!“
GEJ|7|70|12|0|Hierauf sagte der Engel: „Für wie schwer haltet ihr wohl diese Säule?“
GEJ|7|70|13|0|Sagte Agrikola: „Ja, Freund, das wäre für uns wohl sehr schwer zu bestimmen! Aber beiläufig kann man das schon annehmen, daß diese Säule ganz sicher hunderttausend Pfunde schwer sein dürfte, und tausend Männer würden sie kaum bewältigen.“
GEJ|7|70|14|0|Sagte der Engel: „Da hast du ein ziemlich richtiges Urteil gefällt! Und dennoch sage ich dir, daß es mir als einem reinen Geiste ein gar leichtes ist, diese schwere Säule so hoch, wie du es nur immer haben willst, bloß durch meinen Willen in die Höhe zu heben. Bestimme die Höhe oder bestimme mir die Entfernung, wohin ich sie bloß durch meinen Willen von dannen heben soll, und es wird auch das alsogleich bewerkstelligt werden!“
GEJ|7|70|15|0|Sagte Agrikola: „Nun, so du das schon gerade also haben willst, da sage ich: Hebe die Säule hundert Mannshöhen gerade in die Luft empor, und stelle sie dann dorthin auf das Feld, das sich gerade in der halben Ferne gen Emmaus befindet!“
GEJ|7|70|16|0|Sagte der Engel: „Ganz gut, es geschehe das alles alsogleich!“
GEJ|7|70|17|0|Als der Engel solches kaum noch ausgesprochen hatte, da befand sich die Säule schon in der verlangten Höhe in der Luft, und bald darauf sah man sie im Felde gen Emmaus stehen.
GEJ|7|70|18|0|Nun aber war es auch schon völlig aus bei allen und natürlich schon ganz besonders bei den Römern; denn sie konnten sich darüber alle nicht genug verwundern.
GEJ|7|70|19|0|„Aber“, sagte der Engel, „wie könnet ihr euch denn darüber gar so sehr verwundern? Ist denn einem reinen Geiste irgend etwas unmöglich? Es beruht alles ja auf dem festen Willen eines reinen Geistes! Wenn wir reinen Geister Erden, Sonnen und aller Art Zentralsonnen im Raume umherzutragen imstande sind und am Ende sogar ganze Hülsengloben, wie sollte es mir und allen reinen Geistern dann nicht noch ein leichteres sein, solch eine Säule im Moment dahin zu schaffen, wohin man sie will? Wer mit Löwen wie mit Fliegen spielen kann, dem werden die Mücken sicher auch kein Bangen verursachen!“
GEJ|7|71|1|1|71. — Das Wesen des Geistes
GEJ|7|71|1|0|(Raphael:) „Aber da wir noch Zeit haben, so will ich euch auch noch etwas zeigen; denn sonst könntet ihr noch auf den Gedanken kommen, daß ich mich nur mit den Steinen abgebe. Seht, die Säule ist einmal da und versorgt, und sie soll Jahrhunderte auf jenem Punkte stehenbleiben und tausend Jahre erhalten werden durch die Beharrlichkeit meines freien Willens! Aber auf daß besonders ihr Römer es sehen könnet, daß einem Geiste durchaus nichts unmöglich ist, so sollen an eben jener Stelle, an der ehedem aus der Luft eine mächtige Granitsäule entstand, ein großer und mit reifen Früchten vollreich beladener Dattelbaum stehen und ihm zur Seite zwei Feigenbäume, die an reifen Früchten auch keinen Mangel haben sollen.
GEJ|7|71|2|0|Seht, ich sagte und wollte das, und die besagten Bäume, mit ihren Früchten reichlichst beladen, stehen schon an Ort und Stelle! Und nun gehet alle hin und prüfet die besagten Früchte mit eurem Gaumen, und ich meine, daß sie euch allen sehr wohl schmecken werden!“
GEJ|7|71|3|0|Hier erhob sich alles und ging hin, das Wunder zu prüfen. Alle sagten, daß sie von Früchten dieser Art noch nie etwas Edleres und Vollendeteres genossen hätten.
GEJ|7|71|4|0|Sagte der Engel: „Und nun noch ein Dutzend Schafe auf jene grüne Weide vor dem Hause unseres alten und liebevollen Freundes und Bruders Lazarus aus der Luft hingeschaffen! – Seht, sie sind alle auch schon ganz munter an Ort und Stelle und sind ein Eigentum des liebevollen Lazarus!
GEJ|7|71|5|0|Dabei aber meine ich auch, daß ihr durch diese Zeichen nun doch einsehen werdet, was da ein reiner und vollkommen willensfreier Geist alles vermag. Denket nun ein wenig nach, und saget mir dann, wie ihr diese Sachen verstanden und begriffen habt, und es soll euch dann schon noch ein größeres Licht vom Herrn aus gegeben werden! Und so denket nun über das alles reiflich nach!“
GEJ|7|71|6|0|Sagte Agrikola: „Oh, du mein Freund aus den Himmeln Gottes, es wäre da schon ganz leicht nachzudenken, wenn wir uns schon in deiner erhabenen Sphäre befänden; aber unser Lebensweg bis dahin dürfte noch ein so hübsch langer sein! Doch das, was du, himmlischer Freund, durch die allergnädigste Zulassung des Herrn uns geoffenbart hast, verstände wenigstens ich zur menschlichen Genüge; allein wie des Geistes beharrlicher Wille so ganz der allerverschiedenartigste Stoff der Materie der ganzen Erde und sogar der anderen Welten im endlosen Raume ist und sein kann, das können wir unmöglich so verstehen, wie du, o himmlischer Freund, es hellst verstehen wirst.
GEJ|7|71|7|0|Die Materie ist also nichts und die Seele, als gewisserart ein Produkt der Materie, für sich auch nichts; nur allein der reine Geist für sich ist ein reales Etwas. Was ist also ein reiner Geist in und für sich für ein Stoff, oder was für ein Etwas ist er? Das ist eine Frage, die ein sterblicher Mensch, der nur aus seiner wenigstens noch halbmateriellen Seele und aus seinem Stoffleibe heraus denkt und will, so lange niemals völlig beantworten wird, als er nicht selbst nahe ganz geistig geworden ist. Und so mußt du, himmlischer Freund, mit uns wohl eine kleine Geduld haben, wenn uns deine Erklärungen in diesem höchst zarten Lebenspunkte trotz deiner zu dem Behufe gewirkten Wunderzeichen noch immer nicht jenes Licht verschaffen, mit dessen Hilfe wir denn dahin ins völlig klare zu kommen vermöchten, was der lebendige reine Geist in und für sich für ein Stoff und für ein Etwas ist.
GEJ|7|71|8|0|Ja, es ist das Wort ,Geist‘ bald und leicht ausgesprochen; aber wo bleibt da der Verstand? Es ist da demnach für uns ein kurzes oder längeres Nachdenken gleich nutzlos und völlig unfruchtbar, und du, unser lieber, himmlischer Freund, kannst uns über die eigentliche Wesenheit des reinen Geistes sogleich von neuem hellere Erklärungen zu geben anfangen, das heißt, so dir unser Unverstand nicht schon zu überlästig wird.“
GEJ|7|71|9|0|Sagte Raphael: „Gott über alles lieben und euch Menschen dienen, die ihr berufen seid, Seine Kinder, uns reinen Geistern gleich, zu werden, ist ja eben unsere höchste Wonne und Seligkeit! Wie soll mir dann etwas lästig werden, das euch ein noch größeres Licht geben kann? So gebet denn weiter wohl acht darauf, was ich euch über das Wesen eines reinen Geistes noch Weiteres eröffnen werde!
GEJ|7|71|10|0|Im Grunde des Grundes ist Gott allein der allerpurste und reinste Grundgeist aller Geister, und Er ist als solcher denn auch der Grundstoff und das ewige Urelement aller Urelemente.
GEJ|7|71|11|0|Der reine Geist in sich als Stoff und Element ist ein Feuer und ein Licht oder in sich die Liebe und die Weisheit selbst. Doch müßt ihr euch darunter kein Materiefeuer und keine sinnliche Liebe vorstellen und also auch kein Licht wie etwa das der irdischen Sonne oder einer brennenden Lampe – obschon zwischen beiden eine Entsprechung besteht –; denn das Feuer des Geistes ist pur Leben und dessen Licht seine Weisheit.“
GEJ|7|72|1|1|72. — Das Wesen des Äthers
GEJ|7|72|1|0|(Raphael:) „Ihr sehet hier die höchst durchsichtige Luft und wähnet, daß sie darum so gut wie beinahe schon gar nichts sei. Wenn aber diese Luft in eine starke Bewegung gesetzt wird, daß sie durch ihre sturmwindige Gewalt die mächtigsten Zedern entwurzelt und das Meer in eine solche Unruhe versetzt, daß es sich zu bergehohen, schäumenden Wogen erhebt, so müsset ihr dann doch bekennen, daß die Luft wohl ein ganz bedeutend mächtiges Etwas ist. Ja, die Luft ist somit schon ein Körper und enthält auch alle erdenklichen Stoffe und Körper in einem noch mehr und mehr ungebundenen Urzustande in sich.
GEJ|7|72|2|0|Das Wasser, besonders das Regen- und Quellwasser, ist dasselbe, was die Luft ist, aber nur in einem mehr gebundenen Zustande. Das Salzwasser der Meere ist natürlich noch dichter, gebundener.
GEJ|7|72|3|0|Aber steigen wir nun höher, so ungefähr zehn Stunden hoch über die Erde hinaus, so werden wir gar keine Luft, wie sie uns hier umgibt, mehr antreffen, sondern den reinsten Äther, der für eure Augen wie ein so gänzliches Nichts wäre, daß ihr euch etwas so Nichtiges nicht leicht vorstellen könnet. Denn sehet ihr über die Erde in eine Ferne von mehreren Stunden Weges hin, so wird die noch so reine Luft, die den Raum zwischen euch und den fernen Bergen erfüllt, eben vor den Bergen als blauer Dunst erscheinen; aber wenn diesen Raum nur der reine Äther erfüllte, so würdet ihr die Berge nicht blau, sondern in ihrer ganz ungetrübten Färbung ersehen. Ja seht, zwischen der Erde und der Sonne ist eine so große Entfernung, daß ich nun wahrlich nicht imstande bin, euch auf dieser Erde dafür ein begreifliches und richtiges Maß anzugeben, – wie euch solches auch der Herr Selbst schon erklärt hat! Und dieser für eure Begriffe ganz entsetzlich weite Raum ist mit solchem für eure Sinne völlig nichtigen Äther erfüllt.
GEJ|7|72|4|0|Aber dieser Äther ist trotz seiner scheinbar völligen Nichtigkeit durchaus nicht so nichtig, wie seine Erscheinlichkeit euch das zeigt; denn in ihm sind alle die zahllosen Stoffe und Elemente in einem noch ungebundeneren Zustande als in der allerreinsten atmosphärischen Luft dieser Erde. Aber sie sind da noch mehr freie Kräfte und sind dem Urfeuer und Urlichte um vieles näher und verwandter und nähren die Luft der Erde, diese dann das Wasser und das Wasser die Erde und alles, was auf ihr lebt, webt und strebt. Wenn aber solches alles schon im Äther sich vorfindet, so ist er ein ganz tüchtiges Etwas und kein Nichts, wenn er auch euren Sinnen also vorkommt.
GEJ|7|72|5|0|Aber der Äther ist noch lange kein Reingeistiges, sondern er hat mehr innere Ähnlichkeit mit der Substanz der Seele, aber nur insoweit, als er ein räumliches Medium ist, durch das zahllose Urkräfte aus Gott sich begegnen, sich verbinden und endlich wie ganz gemeinsam wirken.
GEJ|7|72|6|0|Du wirst mich nun freilich wieder fragen und sagen: ,Ja, wie ist denn bei so verschiedenen Kräften irgendein homogenes Wirken möglich?‘ Und ich sage es dir: Nichts natürlicher und leichter als das!
GEJ|7|72|7|0|Siehe, wir haben auf der Erde des Herrn, unter ihren Meeren und anderen Gewässern doch eine solche für euch auch ganz unbegreiflich große Anzahl von Arten der Pflanzen, Gesträuche, Bäume und ebenso der Tiere und also auch von Mineralien, daß dieselben selbst der berühmteste Gelehrte dieser Zeit nicht aufzuzeichnen und auszusprechen imstande wäre! Sie machen mit der ganzen Erde ein vereintes Ganzes aus und wirken alle zu dem einen Hauptzwecke, und doch sind sie hier auf der Erde und in der Erde so verschieden geartet und geordnet, daß du sie auf der Stelle beim ersten Anblick unmöglich also wirst verwechseln können, daß du am Ende einen Feigenbaum nicht von einem Distelstrauch, einen Ochsen nicht von einem Löwen, eine Schwalbe nicht von einer Henne, einen Fisch nicht von einer Schildkröte und das Blei nicht vom Golde unterscheiden könntest.
GEJ|7|72|8|0|Auf der Erde aber merkst du derlei Unterschiede leicht; doch im Äther, in der Luft und im Wasser kannst du sie nicht merken, und das weder durch dein Gesicht noch durch dein Gehör, noch durch deinen Geruch und Geschmack, noch durch dein gesamtes Nervengefühl, obschon all die zahllosen verschiedenen Arten der Kräfte und der von ihnen produzierten Urstoffe und Elemente im Äther, im Wasser und in dieser Luft noch entschiedener voneinander abgesondert sind, als dir solche Unterschiede die Dinge auf der materiellen Erde kundtun.
GEJ|7|72|9|0|Also hinter der Substanz des Äthers ist das deinen Sinnen nicht sichtbare Geistfeuer eine ewig waltende Kraft, die, von Gott ausgehend, ewig den unendlichen Raum erfüllt und in einem fort wirkt und schafft. Gott Selbst aber ist der ewige Urgeist und der ewige Urmensch in Seinem Zentrum und erfüllt die ewig aus Ihm hervorgehende Unendlichkeit mit Seinen großen Gedanken und Ideen, die, durch Seine Liebe erfüllt zu einem Ihm gleichen Lebensfeuer, durch Seine Weisheit zu geordneten Formen und durch Seinen Willen zu voneinander abgesonderten und wie für sich bestehenden Wesen werden, in welche die Fähigkeit gelegt wird, sich selbst als solche ewig fortzupflanzen, fortzubilden und auf der Stufenleiter der ewigen Ordnung Gottes sich mit der Zeit zu einen und zur Gottähnlichkeit emporzusteigen.“
GEJ|7|73|1|1|73. — Das Reingeistige in der Materie
GEJ|7|73|1|0|(Raphael:) „Damit du, Agrikola, aber das noch leichter verstehst, so will ich dir noch so manche Beispiele zeigen, die ich, zwar schon dem Freund und Bruder Lazarus gezeigt habe, und der Herr auch; aber da du das vom Herrn Gezeigte zu wenig aufgefaßt hast, so muß ich dir nun nach dem Willen des Herrn die Sache noch heller machen. Und so habe denn wohl sehr genau auf alles acht, was ich dir nun sagen werde!
GEJ|7|73|2|0|Siehe, du bist auch ein Gärtner, hast in Rom große Gärten, an denen du eine große Freude hast! Tausenderlei Pflanzen, Blumen und Früchte werden in ihnen gezogen. Darin hat es auch keinen Mangel an allerlei Gattungen von Trauben, Feigen, Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Kirschen, Pomeranzen, Zitronen, Limonen, Kastanien und Melonen aller Art und Gattung. Damit dein Garten, der wahrlich sehr groß ist, stets von neuem mit allem bepflanzt werden kann, mußt du auch immer einen rechten Vorrat von allerlei Samen zusammensammeln, den du zur geeigneten Zeit in die gute Erde deines Gartens legst.
GEJ|7|73|3|0|Nun, der Same ist in der Erde und fängt zu deiner Freude an, ganz reichlich und gesund emporzukeimen. Ja, das ist nun alles recht schön, gut und freudig anzusehen; aber hast du wohl auch für jede Gattung deiner in das Gartenerdreich gelegten tausenderlei verschiedenen Sämereien ebenso verschiedene Erdarten, für jeden Samen eine eigene, gegeben? Du sagst: ,Der ganze große Garten unweit der Mündung der Tiber ins große Mittelländische Meer hat nur ein und dieselbe gute und fruchtbare Gattung des Erdreiches, und es gedeiht im selben jede Frucht vortrefflich.‘
GEJ|7|73|4|0|Gut, sagte ich dir, wenn es aber im Sommer nicht regnet – wie das in Rom eben beinahe immer der Fall ist –, so müssen deine Diener mit der Gießkanne den Garten befeuchten. Hast du da etwa für jede Fruchtgattung auch eine eigene Gattung Wasser? Du sagst abermals: ,Nein, auch das nicht; ich lasse alle Pflanzen, Gesträuche und Bäume nur mit ein und derselben Gattung Wasser begießen, die die Wasserleitungen in den Garten bringen!‘ Wieder gut, sage ich! Also auch nur ein und dieselbe Gattung des Süßwassers, weil das Meerwasser zur allgemeinen Belebung der Trockenerdpflanzen nicht wohl taugt.
GEJ|7|73|5|0|Nun wissen wir, daß dein großer Garten nur aus einer Erdgattung besteht und mit ein und demselben Wasser begossen wird. Die Luft in deinem Garten ist und bleibt auch dieselbe, und das Licht und die Wärme aus der Sonne bleiben auch unverändert stets ein und dieselben und können – wenigstens über die ganze Fläche deines Gartens – in Hinsicht der niederen oder größeren Stärke und Kraft von gar keinem Unterschiede sein, außer dem, den die Jahreszeiten – aber auch stets in gleicher Verteilung – über den ganzen Garten ausbreiten.
GEJ|7|73|6|0|Nun, so denn alle Vorbedingungen zum Wachstum der verschiedensten Pflanzen, Gesträuche und Bäume die ganz gleichen sind, so müßten sie als die gleichen Ursachen ja auch bei allen Pflanzen, Gesträuchen und Bäumen die ganz gleichen Wirkungen sowohl in Hinsicht der Form als auch der Gestalt und des Geschmacks und Geruchs hervorbringen. Und doch, welch ein gewaltiger Unterschied!
GEJ|7|73|7|0|Wenn du den Kern einer Zitrone zerkaust, so schmeckt er bitter. Woher nimmt denn die Frucht die angenehme Säure? Und so geht die Geschichte der ganzen Reihe der Wesen nach. Alles ist in seiner Art himmelhoch verschieden von dem andern. Ja, wie geht denn das mit ein und derselben Nahrung zusammen? Die Rebe sieht anders aus als ein Feigenbaum, und welch ein Unterschied ist in allem zwischen der Frucht einer Rebe und der eines Feigenbaumes! Wieder stecktest du den Samen eines gemeinen Kürbisses und den einer Melone in die Erde. Der erste brachte dir die Frucht eines gewöhnlichen geruch- und geschmacklosen Kürbisses zum Vorschein, und der Melonensame bezahlte dir deine gar ehrenhafte Mühe mit einer mehr denn honigsüßen Frucht, und doch war überall dieselbe Erde, dasselbe Wasser, dieselbe Luft und dasselbe Licht und ganz dieselbe Wärme aus der Sonne.
GEJ|7|73|8|0|Wenn du nun darüber etwas weiter nachdenkst, so wirst du dich selbst offenbar fragen müssen und sagen: ,Ja, wie können denn eben die gleichen Kräfte die stets verschiedenartigsten Wirkungen hervorbringen?‘ Ich sagte dir freilich, daß all die endlos vielen seelischen Substanzen zuerst im Äther, dann in der Luft und im Wasser vorhanden sind; aber das schärfste Menschenauge und der allerempfindlichste Geschmacks- und Geruchssinn findet weder in den einen, noch in den andern Urallgemeinelementen irgend etwas nur von dem Geschmack und von dem Geruch irgendeiner Pflanze und ihrer süßen, sauern oder bittern Frucht heraus, – über ihre Gestalt und Farbe wollen wir ohnehin kein Wort verlieren. Nun, wie kommt es denn hernach, daß ein jeder verschiedene Same aus der gleichen Erde, aus dem gleichen Wasser, aus der gleichen Luft, aus demselben Lichte und aus derselben Wärme nur diejenigen Urstoffsubstanzen an sich zieht und sie in sich in seiner Art verkörpert, die er als stets der gleiche und unveränderte Same schon vor mehreren tausendmal tausend Jahren an sich gezogen und verkörpert hat?
GEJ|7|73|9|0|Siehe, da taucht Reingeistiges sogar in der organischen Materie auf und zeigt dem geweckten und scharfsinnigen Beobachter, daß es eben nur als Reingeistiges ein wahres Etwas ist, und daß das, was des Außenmenschen Sinne als ein Etwas ansehen und betrachten, eigentlich gar nichts ist, sondern daß nur das, was im Samenkorne verborgen ruht, ein wirkliches Etwas ist, weil es ein Reingeistiges ist. Dieses ruht im deinem Auge kaum sichtbaren kleinsten Hülschen, das in dem vom ganzen Samenkorne umschlossenen Keimbützchen vorhanden ist. Dieses in dem angezeigten Hülschen eingeschlossene Reingeistige ist ein mit Liebe, Licht und Willenskraft erfüllter Gedanke oder eine Idee in ihrer vollen Isoliertheit von den zahllos vielen anderen in sich und für sich ebenso abgemarkten und abgesondert abgeschlossenen Gedanken und Ideen.“
GEJ|7|74|1|1|74. — Die Wirkung des Geistes auf die Materie
GEJ|7|74|1|0|(Raphael:) „Dieser also für sich abgesonderte Geist im Keimhülschen, im Besitze seiner klaren Intelligenz und im Bewußtsein seiner Kraft, die er eigentlich selbst ist, wird leicht inne, wenn der Same als sein von ihm erbautes materielles Wohnhaus in jener Lage und Stellung sich befindet, in der der reine Geist seine Tätigkeit beginnen kann.
GEJ|7|74|2|0|Wenn der Same in die feuchte Erde gelegt wird und die äußere substantiell- materielle Umkleidung sich erweicht, weil ihre seelisch-substantiellen Teile mit den äußeren sie umgebenden ähnlichen Teilen in der Feuchte des Erdreichs zu korrespondieren anfangen, so fängt der reine Geist gleich an, von seiner Intelligenz und seiner Willensmacht den rechten Gebrauch zu machen. Er erkennt genauest die ihm entsprechenden Teilchen in der Erde, im Wasser, in der Luft und im Lichte und in der Wärme aus der Sonne, zieht sie an sich und schafft aus ihnen in seiner Ordnung das, was seinem Wesen entspricht, und so siehst du dann eine Pflanze aus dem Boden der Erde emporwachsen mit der ihr stets gleichen Eigentümlichkeit. Das Kraut oder gewisserart das Außenfleisch der Pflanze von der Wurzel bis zur höchsten Stammspitze ist nur darum vom Geiste erzeugt, auf daß der reine Geist sich in den neuen Samenkörnern schöpferisch vervielfachen kann und so sein Ich verunendlichfältigt, obschon der einmal also gewirkt habende Geist sich selbst erhebt und im Verbande mit den an sich gezogenen Seelenteilen zur Bildung höherer und vollkommenerer Formen und Wesen übergeht.
GEJ|7|74|3|0|Und was ich dir jetzt von den Pflanzen gesagt habe, das gilt in geringerem Maße auch von allen Mineralien und in einem höheren Maße von allen Tieren und endlich auch vorzüglich vom Menschen. Uranfänglich aber gilt dasselbe von der Bildung aller Weltkörper, aller Hülsengloben und des gesamten Großen Weltenmenschen, den euch der Herr Selbst hinreichend klar beschrieben und gezeigt hat.
GEJ|7|74|4|0|Aus dem allem aber kannst du nun doch erkennen, daß alle Wahrheit, Wirklichkeit und Realität nur im Reingeistigen daheim ist, und daß alles Materielle nichts anderes ist als der beharrliche Wille des Geistes, den er nach und nach sänftigen, mehr und mehr auflösen und endlich in einen ihm ähnlichen substantiell-seelischen Leib umgestalten kann in kürzerer oder längerer Zeit, je nachdem eine Seelensubstanz infolge des auch in ihr erwachten freien Willens sich mehr oder weniger fügbar für die innere, lebendige Ordnung des Geistes erweist.
GEJ|7|74|5|0|Betrachte du von nun an nur aufmerksam die gesamte Natur, und du wirst das in ihr finden, was ich dir nun erklärt habe! Denn du kannst das von mir für die kurze Zeit unseres Beisammenseins nicht verlangen, daß ich nun speziell alle Mineralien, alle Pflanzen und alle Tiere sonderheitlich erörtern soll, inwieweit sie rein Geistiges und inwieweit sie pur Substantiell-Seelisches in sich enthalten. Es ist genug, daß ich dir nun ganz klar dargetan habe, wie sich alles Reingeistige, Seelisch-Substantielle und am Ende alles Materielle gegenseitig verhält. Denn die nun von mir dir gegebene Regel gilt für die ganze Ewigkeit und für die ganze Unendlichkeit; verstehst du das alpha, so verstehst du auch das OMEGA. Was dazwischen liegt, ist den beiden auf ein Haar gleich, – abgesehen von den zahllos verschiedenen Formen.
GEJ|7|74|6|0|Und nun, – da ich dir nun denn doch so manches auf eine ganz außerordentliche Art und Weise enthüllt habe, so kannst du dich denn auch ganz offen äußern, wie du alles das mit deinem Verstande begriffen hast. Wir haben noch Zeit und können noch so manches darüber miteinander verkehren. Und so magst du nun wieder reden und uns allen kundtun, wie du die Sache in dir aufgefaßt hast!“
GEJ|7|75|1|1|75. — Der Geist, die innerste Kraft
GEJ|7|75|1|0|Sagte Agrikola: „Himmlischer Freund, diese Sache jemandem noch klarer und einleuchtender zu machen, als du sie mir und uns allen gemacht hast, ist wahrlich unmöglich! Daß wir aber alles das noch nicht in der vollen Tiefe also einsehen und begreifen können, wie du diese Sache einsiehst und begreifst, das wird dir sicher auch noch um sehr vieles klarer sein, als es uns selbst klar sein kann; denn wofür der irdische Mensch noch lange keinen rechten Begriffssinn hat, das kann er auch bei seinem allerbesten Willen niemals völlig im rechten Lichte begreifen. Doch das ist mir nun dennoch völlig klar geworden, daß alle wesenhafte Realität eigentlich nur im Reingeistigen zu suchen und somit auch ungezweifelt zu finden ist. Ich möchte dich, du liebster, rein himmlischer Freund, wegen des noch möglich klareren Begreifens deiner Lehre übers Reingeistige nur noch um einige noch handgreiflichere Beispiele bitten. Denn sieh, wir Römer haben da einen alten Spruch, und der lautet: LONGUM ITER PER PRAECEPTA, BREVIS ET EFFICAX PER EXEMPLA! [Lang ist der Weg durch Belehrung, kurz und wirksam durch Beispiele!] Und das ist sicher eine alte und ganz wahre Lehre. Ein ganz kleines und kurzes Beispiel sagt einem forschenden Menschen oft und nahezu immer mehr, als was ihm alle theoretischen Lehren und Grundsätze zu sagen imstande sind, und aus eben dem Grunde bitte ich dich denn auch um einige kleine und gute Beispiele.“
GEJ|7|75|2|0|Sagte Raphael: „Ja, du mein Freund, es wären dir schon noch eine Menge und das sehr handgreiflich klare Beispiele zu geben; aber du wirst darum das Reingeistige dennoch nicht völlig mit deinen Natursinnen fassen können. Der Geist als überall die innerste Kraft durchdringt alles, sieht alles und bezwingt alles – was auch dein Geist tun wird, aber noch nicht heute und auch nicht morgen, sondern dann, wenn in dir alles in der vollen Wahrheit geordnet sein wird.
GEJ|7|75|3|0|Siehe an dort die Jünger des Herrn, von denen zwei sich nun noch unten im Tempel aufhalten; einer von den zweien aber ist ein Weltsüchtler! Siehe, diese Jünger – mit Ausnahme des einen – sind schon nahe auf dem Punkte, auf dem ich als ein reiner Geist mich nun befinde; aber das zu erreichen war für sie auch durchaus nicht etwas derart Leichtes, wie du dir das irgend vorstellen möchtest. Sie waren zumeist Fischer am Galiläischen Meere in der Nähe von Kapernaum und waren dabei Haus- und Grundbesitzer und haben Weiber und Kinder, und siehe, sie verließen alles und folgten willig und mit großer Freude dem Herrn nach, der Erreichung des Gottesreiches wegen und zur Erreichung Seiner Kraft und Macht! Und weil sie pur des Reiches Gottes wegen aller Welt den Rücken zugewendet haben, so haben sie auch dasselbe in sich erreicht in kurzer Zeit, was du als ein großer Weltmensch erst so nach und nach wirst erreichen können.
GEJ|7|75|4|0|Du wirst das aber erreichen nach dem Maße deiner Liebe zu Gott dem Herrn und nach dem Maße deiner Liebe zu deinen Nebenmenschen; denn die Stärke deiner Liebe zu Gott und zum Nächsten wird dir anzeigen, wieviel des Reiches Gottes in dir wach und reif geworden ist.
GEJ|7|75|5|0|Das Reich Gottes in dir aber ist die besagte Liebe in dir, und diese Liebe ist auch dein Geist als die einzige Wahrheit, Realität und das ewige, unverwüstbare Leben. Nun, wie aber das also ist, wie ich es dir nun gezeigt habe, das kann dir kein noch so gewähltes Beispiel zeigen, sondern das mußt du in dir selbst erfahren. Bis zu der eigenen Erfahrung aber heißt es: glauben und hoffen auf die sichere Erfüllung alles dessen, was der Herr als die urewige Wahrheit dir und euch allen treulichst verheißen hat!
GEJ|7|75|6|0|Ich will dir aber dessenungeachtet dennoch einige Beispielszeichen wirken, aus denen du noch etwas heller ersehen wirst, daß allein im Geiste aller Urstoff und alle Realität zu Hause ist. Ihr Römer habt auch einen Spruch, den wir hier recht gut brauchbar voranstellen können. Siehe, euer Spruch lautet folgendermaßen: QUOD A PRINCIPIO NON VALET, AUT VALERE NEQUIT, ETIAM IN SUCCESSU NON ALIQUID VALERE POTEST; EX NIHILO NIHIL ERIT [Was von Anfang an keine Kraft hat oder haben kann, das kann auch in seinem Fortgange nicht irgend etwas zustande bringen; aus nichts wird nichts.]. Aus dem aber geht schon der menschlichen Vernunft zufolge klar hervor, daß das Reingeistige ein wahrstes Etwas sein muß; denn wäre es nach den materiellen Begriffen der Menschen ein gewisses, seiner selbst unmöglich bewußtes Nichts, wie könnte es ewig je zu einem seiner selbst bewußten Etwas werden?!
GEJ|7|75|7|0|Damit aber aus dem Reingeistigen alles, was da ist, werden, entstehen und bestehen kann, so muß ja dieses Reingeistige vor allem ein wahrstes Etwas sein, damit aus ihm jedes andere Etwas als Folge hervorgehen kann. In dem Samenkorn ist demnach der im Keimhülschen ruhende Geist allein ein wahres Etwas, während der ganze andere Samenleib für sich gar nichts ist, sondern das, was er ist, nur durch den ihm innewohnenden Geist ist. Dieser Geist arbeitet nach seiner ihm innewohnenden Intelligenz durch die Kraft seines Willens, und es wird daraus eine Pflanze, ein Strauch, ein Baum, ein Tier, ja eine ganze Welt.
GEJ|7|75|8|0|Was aber der Geist in sich ist, das habe ich dir bereits schon zum öfteren Male erklärt. Doch du kannst das nun darum noch nicht bis auf den Grund des Grundes einsehen, weil dein eigener Geist dich selbst noch nicht durchdrungen hat, aber so viel kannst du es dir in deiner Seele doch versinnlichen, daß das Uretwas des Geistes ein lebendiges und seiner selbst überklar bewußtes Feuer und Licht und somit die höchste Liebe und die höchste Weisheit selbst ist. Mehr kann dir darüber auch der Herr Selbst nicht sagen!“
GEJ|7|76|1|1|76. — Die Befreiung vom Materiellen
GEJ|7|76|1|0|Sagte Agrikola: „Siehe, nun bin ich schon wieder um ein bedeutendes heller, und ich erinnere mich nun so einiger Sätze des alten weisen Plato. Der forschte lange dem Geistwesen Gottes nach und bekam endlich einmal ein Gesicht wie in einem hellen Traume. Da ward es ihm angedeutet, daß er Gottes Geistwesen schauen werde. Da kam es ihm vor, daß alles um ihn zu Feuer und Licht ward. Er selbst wurde ganz wie förmlich aufgelöst, ohne jedoch sein vollstes Bewußtsein dabei einzubüßen. In diesem Feuer aber empfand er kein Brennen, sondern nur eine mächtige, höchst entzückend wohltuende Liebe- und Lebenswärme, und eine Stimme gleich der reinsten Harmonie einer wohlklingenden Äolsleier sprach aus dem Feuer- und Lichtmeere zu ihm: ,Sieh und fühle das Geistwesen Gottes und fühle und schaue dich selbst in Ihm und durch Ihn!‘ Und Plato sah nun seine Form als Mensch und sah um sich aber noch zahllose Formen seinesgleichen. In diesen Formen aber entdeckte er noch in kleinsten Bildern, die alle lebten, eine Unzahl anderer Formen, die aber alle zusammen nur eine Menschenform ausmachten. Und siehe, deine Erklärung hat eine große Ähnlichkeit mit dem Gesichte des großen Weltweisen, der in aller gebildeten Welt gar sehr bekannt ist!
GEJ|7|76|2|0|Nun, das von Plato gesehene Feuer und Licht haben auch sicher nicht seine fleischlichen Augen gesehen, sondern nur die Augen seines Geistes, und so denke ich mir nun: Wenn ich einst selbst werde geistiger geworden sein, so werde auch ich im Geiste gleich Plato dasselbe Feuer und Licht erschauen, was er erschaut und gefühlt hat. – Habe ich da recht oder unrecht geurteilt?“
GEJ|7|76|3|0|Sagte Raphael: „Oh, ganz recht und ganz richtig hast du da geurteilt, und ich kann dir dazu nichts anderes sagen als: Die Sache verhält sich so ziemlich also! Doch Plato war ein Heide und konnte nicht zu jener ganz klaren Anschauung und Wahrnehmung gelangen, zu der ein Mensch nach der Lehre Gottes des Herrn gelangen kann. Doch um dir hier noch so manchen sehr anschaulichen Beweis über das allein wahre und allerrealste Etwas des reinen Geistes zu geben, will ich dir noch einige Experimente des reinen Geistigen zum besten geben, und so gebe denn nun abermals sehr wohl acht auf alles, was ich dir mit der allergnädigsten Zulassung des Herrn noch zeigen werde!
GEJ|7|76|4|0|Sieh, was uns da nun umgibt, ist pure, ganz wohl durchsichtige Luft, und du kannst nun deine Sinne anstrengen, wie du willst, und du wirst darin nichts entdecken als höchstens eine Menge Mücken und allerlei Fliegen durcheinander schwärmend, hier und da einen größeren Käfer oder gar einen Vogel! Aber ich will dir nur auf eine kurze Zeit die innere Sehe deiner Seele eröffnen, und du wirst staunen, was du in dieser unserer atmosphärischen Luft alles zu Gesichte bekommen wirst.“
GEJ|7|76|5|0|Sagte Agrikola: „Himmlischer Freund, tue du das, und was mir da frommt, das soll in kurzer Zeit vielen Tausenden frommen!“
GEJ|7|76|6|0|Sagte Raphael: „Ganz gut, ich darf es ja nur wollen, und du stehst nun schon auf dem Punkte, auf dem ich dich habe haben wollen. – Was siehst du nun alles in der Luft?“
GEJ|7|76|7|0|Sagte Agrikola: „Ah, höre, das ist unbeschreiblich! Diese endlose Menge von Wesen, Pflanzen, Tieren, Gegenden und sogar Menschengestalten! Und ich sehe auch eine zahllose Menge von sehr kleinen leuchtenden Würmchen durcheinanderzucken und -schweben, und bald da und bald dort ergreift sich ein Bündel, und im Augenblick wird irgendeine volle Form daraus; aber sie bleibt nicht lange und geht gleich wieder in eine andere Form über. Licht ist überall, nur haben die Dinge wenig Bestand und verändern sich bald wieder; nur einige Gestalten halten nun in der angenommenen Form länger an. Nein, bei dieser Anschauung könnte ein noch so kräftiger Kopf voll Schwindels werden!
GEJ|7|76|8|0|Ja, was sind denn diese myriadenmal Myriaden Leuchtwürmchen, und was sind diese zahllosen sich stets neu bildenden Formen und Gestalten aller Art und Gattung? Und greife ich unter sie hinein und will mir eine solche Form oder Gestalt festhalten, so habe ich durchaus nichts in der Hand! Ah, das ist denn eine wahre Lebensfopperei!“
GEJ|7|76|9|0|Sagte nun Raphael: „Nun, so warte also nur noch ein wenig, und du sollst gleich etwas Beständigeres davon haben!“
GEJ|7|76|10|0|Hier kamen allerlei Vögel und sogar auch Fische, wie in der Luft fliegend und schwimmend, in die Nähe des Römers, und dieser fing sich einen Vogel und einen gar seltsamen Fisch und hielt sie in seinen Händen.
GEJ|7|76|11|0|Als er diesen Fang gemacht hatte, da sagte er (Agrikola) zum Engel: „Höre, du mein himmlischer Freund, ich habe nun meinen Fang schon gemacht! Mache nun, daß ich die Luft wieder in der Natürlichkeit sehe, und ich will mich überzeugen, ob ich den Vogel und den Fisch noch in meinen Händen habe!“
GEJ|7|76|12|0|Sagte der Engel: „Oh, das kann dir gleich gewährt werden! Siehe, nun bist du schon wieder ganz in der natürlichen Luft und kannst deinen Fang nach Muße betrachten!“
GEJ|7|76|13|0|Agrikola war nun wieder in seiner ganz natürlichen Ordnung und wollte gleich seinen Vogel und seinen Fisch näher in Augenschein nehmen; aber es befand sich weder ein Vogel noch ein Fisch mehr in seiner Hand.
GEJ|7|76|14|0|Dadurch überrascht, fragte er (Agrikola) den Engel, sagend: „Ja, was ist denn nun mit dem Vogel und mit dem Fische? Wo sind diese nun? Mein ganzes Schauen war denn doch nur mehr ein Traum als irgend etwas in der vollen Wirklichkeit!“
GEJ|7|76|15|0|Sagte der Engel: „Oder gerade umgekehrt! Geradewegs warst du früher der wahren Wirklichkeit näher, als du ihr nun bist! Deinen Vogel und deinen Fisch hast du noch, aber nicht in deiner Fleischhand, sondern in deiner Seelenhand, und ich sage dir, daß du diese dir sehr entsprechenden Tiere noch nicht so bald verlassen wirst und sie dich auch nicht; denn siehe, du hast daheim in Rom als ein altstämmiger Patrizier ein Schild, auf dessen Außenseite ein gleicher Vogel mit einer Ähre im Schnabel und ein gleicher Fisch mit einem Wurm in seinem Rachen in Gold abgebildet sind, und weil du noch große Stücke auf solch ein Weltehrenzeichen hältst, so wirst du sie noch nicht zu bald loswerden.
GEJ|7|76|16|0|Du hast zwar in der eigentlichen Luft mit den Augen deiner Seele viele Gestalten und Formen geschaut – diese waren Erscheinungen, entsprechend deinen neuen Erfahrungen –; aber du konntest sie noch nicht festhalten. Und wie deine eigenen Gedanken darin stets wechselten und in allerlei Formen übergingen und ausarteten, also stellten sich selbige auch deiner Seele beschaulich dar; aber dein Ehrenschildvogel und -fisch, an denen du noch ein festes und großes Wohlgefallen hast, blieben dir noch fest und unverändert in deiner Seelenhand – welche gleich ist der Lust und der Begierde der Seele nach außenhin –, und so du sie auch in ihrer Natürlichkeit sehen willst, so kann ich dir auch noch das bewirken.“
GEJ|7|76|17|0|Sagte Agrikola: „Wenn dir solches sicher auch möglich ist, so tue das! Ich möchte denn doch sehen, ob das mein Vogel und mein Fisch ist! Vielleicht könnte ich dann solch eine barste Weltdummheit leichter loswerden.“
GEJ|7|76|18|0|Sagte der Engel: „Sieh nach deinen beiden Händen, und du wirst deine Weltehrenzeichen erschauen!“
GEJ|7|76|19|0|Hier sah Agrikola nach seinen Händen und bemerkte in seiner Rechten den Vogel, eine Art Phönix, und in seiner Linken eine Art kleinen Delphin. Da staunte er gewaltig über diese Erscheinung, fragte den Engel aber gleich, wie er diese beiden ihm lästigen Tiere wohl am ehesten loswerden könnte.
GEJ|7|76|20|0|Sagte der Engel: „Diese beiden dir ganz unnützen Tiere kannst du dadurch ganz leicht loswerden, daß du dein Herz von ihnen ganz abkehrst und es ganz zum Herrn hinwendest. Wenn du das kannst, so werden dich die beiden Tiere in deiner Seele bald verlassen; in deinen fleischlichen Händen aber können sie nur so lange Bestand haben, als ich sie dir erhalten will. Und siehe, ich will, daß sie weg seien! Und sieh, deine Hände sind nun schon wieder frei! Ich habe dir jetzt alles gezeigt, was dir die innere Wahrheit mehr und mehr erhellen kann; ein Weiteres mußt du von nun an in dir selbst suchen und finden.“
GEJ|7|77|1|1|77. — Der Prozeß der inneren Umwandlung im Menschen
GEJ|7|77|1|0|Hierauf trat der Engel auf Meinen Wink auf die Seite zu Lazarus hin, und beide gingen ins Haus, um nachzusehen, wie für die Jungen, die sich nun zumeist in den Zelten belustigten, und für uns nun von den Schafen, die Raphael hervorgerufen hatte, ein gehöriges und genügendes Mittagsmahl bereitet wurde.
GEJ|7|77|2|0|Agrikola aber wandte sich nun an Mich und sagte: „Nein, Herr und Meister, mir ist auf dieses Geistes Erklärungen hin nun ganz sonderbar zumute, und ich komme mir wahrlich wie ganz ausgewechselt vor! Ich habe doch von Dir vieles und Übergroßes gehört und gesehen, – aber ich habe mich doch dabei stets heimischer gefühlt; aber bei dem Engel habe ich mich ordentlich mir selbst entfremdet! Wie kam denn das, und was bedeutet das?“
GEJ|7|77|3|0|Sagte Ich: „Mein Freund, das alles geschah in der allergrößten Ordnung! Denn solange du dir selbst nicht gewisserart fremd wirst, bist du dem Reiche Gottes eben noch nicht gar zu besonders nahe; aber wenn du dir einmal selbst so etwas fremd vorzukommen anfängst, so ist das ein Zeichen, daß dein Geist in dir ein wenig aufgerüttelt worden ist und ein wenig in deiner Seele einen Schritt vorwärts getan hat. Und weil du das in deinem Leben gewissermaßen das erstemal verspürst, so ist das eben ein Zeichen, daß sich dein Geist in dir so ein wenig mehr zu regen angefangen hat. Und das kannst du immer für ein ganz gutes Zeichen halten. Es wird dir das noch mehrere Male, und das stets in einem entschiedeneren Grade, widerfahren.
GEJ|7|77|4|0|Wenn du aber solch eine Erfahrung machst, da sei darob nur sehr froh und heiter; denn darin liegt eben ein Hauptzeichen, daß sich dein innerer Geist gar stark mit deiner Seele zu einen angefangen hat! Denn solange du in deinem alltäglichen und heimatduftenden Gefühle dich befindest, so lange bist du noch dieser Welt angehörig und hast keine Fähigkeit in dir, dich dem Reiche Gottes wahrhaft nähern zu können; denn wenn der reine Geist einmal im Menschen erwacht und mit seinem Leben und Lichte den ganzen Menschen zu durchdringen beginnt, so beginnt im Menschen auch ein ganz anderes und – sage – ein ganz neues Leben, das er früher nicht geahnt hat. Und darin liegt der höchste Beweis, daß der Mensch nach dem Abfalle des Fleisches von seiner Seele ein ganz neues und in seinem Leibesleben nie geahntes und noch weniger gekanntes Leben beginnt.
GEJ|7|77|5|0|Was aber den Abfall des Fleisches von der Seele des Menschen betrifft, so will Ich damit nicht schon den vollen und wirklichen Leibestod bezeichnet haben, sondern jenen Zustand des Menschen, in dem er seine sinnlichen und weltlichen Begierden nahe ganz von sich verbannt und ganz im Geiste zu leben angefangen hat.
GEJ|7|77|6|0|Der Geist fängt da mächtig sich mit der Seele zu einen an, und diese tritt dann immer mehr und mehr in den Verband mit der allein wahren Geisterlebenswelt. Diese aber, früher ungeahnt und ungekannt, liegt vorerst tief im Menschenherzen gleichwie das reine Geistflämmchen im Keimhülschen eines Samenkornes.
GEJ|7|77|7|0|Solange aber das Samenkorn in der Erde nicht stirbt und zerfällt und sich also auflöst, daß seine früher festen Teile in die Ähnlichkeit des Geistes überzugehen anfangen, so lange auch bleibt der Geist untätig und verborgen. Wenn aber das Fleisch des Samenkornes sich in der Erde zu erweichen und aufzulösen beginnt und in seinen stets ätherischer werdenden Teilchen dem im Keime wohnenden Geiste ähnlicher wird, dann fängt der Geist die ihm ähnlichen Teile zu ordnen an und durchdringt sie stets mehr und mehr, und es tritt da – wie du das bei jeder emporkeimenden und fortwachsenden Pflanze gar wohl merken kannst – ein sicher ganz neuer Seinszustand ein. Und was du im kleinsten Maßstabe bei einer oder der andern Pflanze merkest, das geschieht denn auch in einem großen und allumfassenden Maße beim Menschen, wenn er alle seine seelischen und auch leiblichen Gelüste und Begierden für die Außenwelt durch seinen ernsten Willen in sich zerstört, auflöst und in allem dem inwendigsten Geiste ähnlicher und ähnlicher zu machen anfängt.
GEJ|7|77|8|0|Nun, da kann es einem lange an alle Welt gewohnten Menschen eben nicht sehr heimatlich zumute werden; wenn er sich aber mit der Zeit in seiner neuen, inneren und allein wahren Lebenswelt mehr und mehr wird heimlich (heimisch) zu fühlen anfangen, so wird ihm dann die Außenwelt in gleicher Weise stets unheimlicher zu werden anfangen. Daher mache du dir nichts daraus, so dich Mein Raphael ein wenig mehr als gewöhnlich aufgerüttelt hat; denn es ist dir solches von einem großen Nutzen.
GEJ|7|77|9|0|Er ist in seinem Wesen schon ein reiner Geist und konnte darum auch direkter auf deinen Geist einwirken, als es ein anderer noch so geweckter Mensch zu tun imstande wäre, solange er die volle geistige Wiedergeburt noch nicht erreicht hat. Aber das ist nicht zum Nachteile deiner Seele, sondern nur zu ihrem großen Vorteil von Mir also zugelassen worden. Darum mache dir, wie Ich schon gesagt habe, nichts daraus, wenn es in dir etwas befremdlich und unheimatlich auszusehen angefangen hat! Wenn dich dieses Gefühl noch öfter heimsuchen wird, da frohlocke du in deinem Herzen; denn das zeigt dir die stets größere Annäherung des Reiches Gottes im Herzen deiner Seele an. – Hast du das nun wohl verstanden?“
GEJ|7|77|10|0|Sagte Agrikola: „Ich danke Dir, o Herr, für diese Deine allergnädigste Erklärung! Mir ist das Gefühl wohl noch geblieben, – aber es befremdet mich nicht mehr so, wie es mich ehedem befremdet hat. Aber nun möchte ich nur das noch wissen, wie der Engel denn gar so genau wissen konnte, welche Tiere mein altes Ehrenschild zieren; denn das Schild befindet sich wohlverwahrt in Rom, und wir sind hier. Wie kann er so weithin schauen?“
GEJ|7|77|11|0|Sagte Ich: „Das hatte er diesmal auch gar nicht vonnöten, weil er als ein reiner Geist dasselbe in deiner Seele bis in die allerkleinsten Teile hatte schauen können. Übrigens hätte er als ein reiner Geist dir auch dein Ehrenschild in einem Augenblick von Rom hierher stellen können!“
GEJ|7|77|12|0|Sagte Agrikola: „Das dürfte denn doch ein wenig schwer sein; denn wenn auch ein Geist alle Materie durchdringen und auflösen kann, so kann aber doch die Materie die Materie nicht durchdringen. Mein Schild befindet sich in einem steinernen Schrank, der mit einem ehernen Deckel wohlverschlossen ist. Er müßte den ganzen Schrank gänzlich zerstören, um das Schild herauszubekommen; und würde er dann mit dem Schilde die unendlich schnelle Bewegung durch die Luft machen, so müßte das Schild ja in der Luft zerstört werden!“
GEJ|7|77|13|0|Sagte Ich: „Du urteilst, wie du die Sache verstehst; aber die reinen Geister verstehen das schon alles ganz anders. Siehe, der Engel hätte ja nicht einmal nötig, sich von hier gar nach Rom zu begeben; es genügt sein Wille und seine alles durchdringende Erkenntnis. Er löst dir in Rom dein Schild völlig auf, wie er zuvor den Stein aufgelöst hat, und fügt es durch seinen Willen – ebenso wie den Stein, den du noch in deiner Hand hast – hier augenblicklich wieder zu seiner Materie und Form zusammen. Und siehe, so ist dann einem reinen Geiste wohl nichts mehr unmöglich! Wenn du solches nun einsiehst, so denke nun darüber nach, und es wird dann in deiner Seele schon heller werden! –
GEJ|7|77|14|0|Jetzt aber kommen die zwei Jünger aus dem Tempel auch schon zurück und noch ein paar andere Männer mit ihnen. Diese wollen wir nun vernehmen, auf daß sie uns sagen, wie es nun unten zugeht. Darum ruhen wir nun, bis sie hier sein werden!“
GEJ|7|78|1|1|78. — Bericht des Talwirtes über die Vorgänge im Tempel
GEJ|7|78|1|0|Nach einer kleinen Weile kamen die zwei Jünger bei uns an und die zwei andern Männer mit ihnen. Der eine war der uns schon bekannte Wirt im Tale, ein Nachbar des Lazarus in der Nähe von Bethania, bei dem Ich schon einige Male eingekehrt war, und der zweite Mann war ein bekannter guter Freund von ihm und auch ein Wirt, aber in der Nähe von Bethlehem, der die große Herberge an der Hauptheeresstraße besaß, und bei dem Ich auch einmal eingekehrt war und daselbst viele Kranke geheilt hatte.
GEJ|7|78|2|0|Die zwei Jünger aber waren Thomas und Judas Ischariot. Der letztere wollte gleich alles der Länge und Breite nach zu erzählen anfangen, was sich da alles im Tempel zugetragen habe.
GEJ|7|78|3|0|Aber Ich verwies ihm solches und sagte: „Rede du erst dann, wenn Ich dich dazu auffordern werde; denn bis jetzt bin noch immer Ich euer aller Herr und Meister, der da wohl am allerbesten weiß, wem von euch vieren Er des Volkes wegen das Geschäft des Erzählens auferlegen wird!“
GEJ|7|78|4|0|Bei dieser Ermahnung wich Judas Ischariot etwas mürrisch zurück und sagte zu Thomas: „Habe es wohl schon vorher gewußt, daß ich wieder zurückgedrängt werde!“
GEJ|7|78|5|0|Sagte Thomas: „Ich habe es dir aber auch schon unterwegs gesagt, daß du dich nicht vordrängen sollst! Weißt du denn aus tausend Lehren des Herrn noch nicht, daß beim Herrn nur der etwas gilt, der sich allzeit und überall selbst demütigt? Ich habe mich nicht vorgedrängt und habe darum auch keine Zurechtweisung vom Herrn erhalten. Laß dir das doch einmal gesagt sein! Es sind ja noch zwei Männer bei uns, die im Tempel schon vor uns alles gehört und beobachtet haben, was sich darin zugetragen hat. Sie wissen also mehr als wir beide, und der Herr wird des Volkes wegen von ihnen alles erzählen lassen, und wir werden höchstens ein Zeugnis zu geben aufgefordert werden, so es nötig sein wird. Begeben wir uns nun nur ganz ruhig auf unsere alten Plätze zurück und sehen uns die Gegend recht gut an; denn da gibt es auch tausenderlei zu beobachten, woraus man für sich auch manche gute Lehre ziehen kann!“
GEJ|7|78|6|0|Mit dieser Zurechtweisung des Thomas war Judas Ischariot einmal zufrieden und setzte sich in Ruhe auf seinen alten Platz, und also auch Thomas.
GEJ|7|78|7|0|Ich aber wandte Mich nun an den Wirt im Tale in der Nähe von Bethanien und sagte zu ihm: „Nun, Freund, erzähle du des Volkes wegen, was du im Tempel alles erlebt hast; denn du warst heute auch mit vielen aus deinem Orte schon vor Tagesanbruch im Tempel! Was sagen die Templer über die in dieser Nacht gesehenen Zeichen, was sagte das Volk dazu, und was sagst am Ende du selbst dazu?“
GEJ|7|78|8|0|Sagte der Wirt: „Herr und Meister! Ich war wirklich schon vor Tagesanbruch im Tempel, und zwar auf Grund der in dieser Nacht stattgehabten Erscheinungen, die von einer so außerordentlichen Art waren, daß wohl kein Jude und kein Heide je etwas Ähnliches gesehen hat. Hätte ich aber nur ahnen können, daß Du Dich noch in Jerusalem aufhieltest, und das hier auf dem Ölberge, so wäre ich mit diesem Dich auch wohl kennenden Freunde statt in den Tempel gleich und zwar schon während der furchtbaren Erscheinungen hierher geeilt. Dieser mein Freund aber blieb in der Nacht bei mir und wollte heute morgen wieder nach Hause reisen – er kam aus Galiläa, wo er irgendwelche Geschäfte hatte –; aber die in der Nacht plötzlich aufgetauchten Erscheinungen hemmten seine Weiterreise, und wir gingen hinauf nach Jerusalem, um möglicherweise etwa doch ein Licht darüber zu bekommen. Als wir aber eilschrittig in den Tempel kamen, da gab es einen Lärm durcheinander, so daß man darin sein eigenes Wort nicht zu verstehen imstande war.
GEJ|7|78|9|0|Es kam bald dieser, bald ein anderer Priester auf den großen Predigerstuhl und fing dies und jenes zu erklären an; aber das Volk, den vorgetragenen Unsinn bald einsehend, wollte nichts mehr von dem Prediger hören und verlangte einen andern.
GEJ|7|78|10|0|Im Anfange hörte das Volk ihn ganz ruhig an; aber sowie er wieder von strenger Buße und von großen Opfern zu reden begann, da ward das Volk bald unwillig und sagte: ,Ihr schiebet eure groben Sünden immer auf uns armes Volk, – wir sollen dann, wenn es nötig ist, allzeit für euch die Sündenböcke machen! Welche Opfer haben wir schon dem Tempel gebracht! Welche schauderhaften Bußen haben wir schon gewirkt, und ihr sagtet uns, daß Jehova also Sein Volk mit freundlichen Augen gnädig anschaue! In dieser Nacht aber haben wir Seine Freundlichkeit nur zu gut gesehen, und es leuchtete nur zu klar heraus, daß alle unsere dem Tempel dargebrachten Opfer und alle unsere blutigen Bußwerke zu gar nichts gut waren, sondern es ist nun kein Schein, sondern eine offenbare Wahrheit vor uns, daß alle von uns dargebrachten Opfer und alle von uns geübten Bußwerke, weil sie sicher zu unsinnig waren, da sie über alle mosaischen Satzungen hinausgingen, Gottes gerechten Zorn nur mehr anfachten als besänftigten. Und daran schulden wahrlich nicht so sehr wir als vielmehr ihr Priester, die ihr denn in dieser Zeit infolge eurer zu großen priesterlichen Herrschsucht uns schon zu gar vielen Schand- und Greueltaten angeleitet habt, indem ihr sagtet: ,Wenn ihr dies oder jenes tuet, so werdet ihr von Mund auf in den Himmel kommen!‘ Und somit seid nur ihr diejenigen, die den Zorn Gottes angefacht haben, und nicht wir, die wir uns leider stets getreu an das hielten, was ihr uns gelehrt habt, und allzeit das getan haben, was ihr von uns verlangt habt. Bringet nun vielmehr ihr große Opfer und wirket eine rechte Buße für die vielen Sünden, die ihr an uns und an den vielen von Gott gesandten Propheten verübt habt, dann wird sich Gott unser schon wieder annehmen. So, dieser Meinung sind wir Volk!‘“
GEJ|7|79|1|1|79. — Das Volk enthüllt die Greuel der Pharisäer
GEJ|7|79|1|0|(Der Wirt:) „Da sagte der Priester, daß er noch nie einen Propheten getötet habe und seine Mitpriester auch nicht.
GEJ|7|79|2|0|Da fing das Volk schon wieder zu lärmen an und sagte: ,Du bist schon vierzig Jahre lang Priester und solltest nicht dabeigewesen sein, als der fromme Zacharias vor ungefähr fünfundzwanzig Jahren zwischen dem großen Opferaltar und dem Allerheiligsten von wutentbrannten Händen erwürgt worden ist?!
GEJ|7|79|3|0|Es ist noch kaum ein Jahr her, daß draußen in der wüsten Gegend am Jordanflusse Johannes, ein Sohn des von euch erwürgten Zacharias, durch euer Mühen und Zahlen von den Schergen des Herodes aufgegriffen wurde. Doch Herodes, da er bald merkte, daß Johannes ein weiser Mann war und Gottes Geist aus seinen Worten wehte, behandelte ihn mehr als einen Freund und ließ des Propheten Jünger frei und ungehindert aus und ein gehen. Aber der Satan hatte euch von solch gutem Zustande des Johannes bald Kunde getan, und ihr sannet dann Tag und Nacht nach, wodurch ihr den Herodes dazu bewegen könntet, daß er töten ließe den frommen Propheten. Nach vielem Sinnen und Rathalten fandet ihr in der bösen Mutter der schönen Herodias, die Herodes sehr liebte, ein sehr geeignetes Mittel, den Propheten aus dem Wege zu schaffen. Und somit habt ihr auch diesen Propheten, weil er eben euch vor allem Volke zu sehr ins Gewissen redete, getötet.
GEJ|7|79|4|0|Jetzt lebt und lehrt aber noch ein großer Prophet, der aus Galiläa zu uns gekommen ist, von dem Johannes selbst sagte, daß er nicht würdig sei, Ihm die Schuhriemen aufzulösen, und daß er selbst bloß eine Stimme des Rufenden in der Wüste sei, zu bereiten dem großen Propheten die Wege, von welchem Propheten allgemein wegen Seiner Lehren und Taten gesagt wird, daß Er der verheißene Messias sei.
GEJ|7|79|5|0|Was saget aber ihr? Ihr saget, es stehe geschrieben, daß aus Galiläa kein Prophet aufstehe und ein jeder, der an Ihn glaubt, verflucht sei.
GEJ|7|79|6|0|Wir aber sagen: Wenn es auch schon geschrieben steht, daß aus Galiläa kein Prophet aufsteht, so steht aber unseres Wissens doch nirgends geschrieben, daß aus Galiläa der Messias nicht erstehen soll!
GEJ|7|79|7|0|Und dieser große Prophet hat erst jüngst auf dem Feste im Tempel gelehrt, und auf eine so weise Art, daß sogar eure argen Knechte, die Ihn hätten ergreifen und vor euch hinschleppen sollen, Ihm am Ende das Zeugnis geben mußten, daß noch nie ein Mensch also geredet habe. Aber euer Grimm stieg immer höher und höher. Und als Er euch so recht göttlich mächtig die Wahrheit ins Gesicht schleuderte, da wurdet ihr so erbost, daß ihr Ihn gleich im Tempel habt steinigen wollen. Er aber ward unsichtbar, und ihr habt die aufgehobenen Steine voll Ärger wieder zur Erde legen müssen.
GEJ|7|79|8|0|Lazarus, der Herr von Bethanien, war in eurem Rate und gab als einer der reichsten Menschen vom ganzen Judenlande dem Tempel große Opfer. Als euch aber alle seine großen Opfer noch immer nicht genügten und ihr ihm darum Tag und Nacht in den Ohren laget, da ward ihm die Geschichte denn doch zu arg, und besonders darum, weil ihr zu ihm allen Ernstes sagtet, daß es ihm besser und nützlicher sei, lieber alles dem Tempel denn irgend den Armen etwas zu geben; Denn das arme Gesindel solle nur arbeiten, und es werde dann schon etwas zu essen bekommen. Denn es sei Gott nicht wohlgefällig, so der reiche Mensch durch seine unweise Barmherzigkeit die armen Menschen zu nutzlosen Müßiggängern mache. So habt ihr zu ihm geredet, was wir aus seinem Munde vernommen haben.
GEJ|7|79|9|0|Nun, Lazarus ließ sich am Ende auch das noch so halbwegs gefallen; aber im Einverständnis mit seinen beiden Schwestern beschloß er bei sich und sagte: ,Wir besitzen noch viel unurbares Land. Ich werde mit dem freien Almosengeben wegen des Tempels einen Einhalt tun; dafür aber werde ich mit Ausnahme der bresthaften Menschen alle die zu uns kommenden Armen fragen, ob sie uns nicht dienen möchten in einer oder der andern Arbeit nach ihren Kräften um einen guten Lohn.‘ Solches tat Lazarus, nahm viele Arbeiter auf und bestellte mit ihnen seine sehr ausgedehnten und weitläufigen Besitzungen. Dem Tempel aber ließ er noch immer große Opfer zukommen, was wir nur zu gut wissen. Allein ihr habt das nur zu bald erfahren, konntet dem guten Manne zwar nichts Wesentliches dagegen sagen, weil er in der Hauptsache euren Willen befolgt hatte, aber geheim waren euch schon wieder seine nun sehr vielen Arbeiter ein Dorn in euren bösen Augen, und ihr nahmet euch bald alle Mühe, ihm die Arbeiter und Diener durch alle erdenklichen Mittel, die euch nur immer zu Gebote standen, abwendig zu machen.
GEJ|7|79|10|0|So kamet ihr durch eure getreuen Diener bald da- und bald dorthin und sagtet: ,Wie möget ihr da arbeiten? Wisset ihr denn nicht, daß das ein verfluchtes Stück Land ist, dessen einstiger gottloser Besitzer in seinem Übermute zehnmal dem Tempel den gebührenden Zehent verweigert hat?!‘
GEJ|7|79|11|0|Aber die Arbeiter richteten sich nicht danach und erwiderten euren Tempelboten: ,Das mag sein, obschon es nirgends geschrieben steht; aber nun besitzt dieses Land ein Mann, der dem Tempel noch niemals einen Zehent verweigert hat und solchen auch von diesem Grund und Boden, wenn er tragbar wird, nicht verweigern wird. Daher lasset uns arbeiten, und wir wollen sehen, ob Jehova diesem Boden den Segen verweigern wird!‘
GEJ|7|79|12|0|Wenn eure Boten auf diese Art nichts ausgerichtet haben, so gingen sie an eine andere Besitzung des guten Mannes hin und suchten durch andere Mittel ihm die Arbeiter abwendig zu machen. Ihr tatet sogar einen Fluch über seinen Ölberg, weil er ihn euch nicht schenken wollte, – und ihr hättet ihn dann um ein großes Geld an einen reichen Griechen oder Römer verkauft.
GEJ|7|79|13|0|War alles das nach dem Willen Gottes gehandelt, der durch Moses und zu ihm selbst gesagt hatte: ,Laß dich nicht gelüsten nach dem, was deines Nächsten ist!‘? Am Ende, weil der gute Mann euch eure Handlungsweise gegen ihn ganz energisch untersagt hatte, da erst wolltet ihr ihm zeigen, welche Macht ihr gegen ihn habt. Aber der gute Mann war klüger als ihr: er wurde bald mit allen seinen Besitzungen vollkommen römischer Untertan und römischer Bürger, steht nun unter ihrem vollen Schutze, zahlt ihnen den viel geringeren Zins, und euren Boten und Knechten ist durch römische Wachen und in jüngster Zeit sogar durch große und böse Hunde der Zutritt zu seinen Besitzungen verwehrt. Nur dann und wann darf ihn von euch irgend ein alter und um etwas ehrlicherer Pharisäer und Schriftgelehrter besuchen.
GEJ|7|79|14|0|Und sage nun, du matter und schwacher Prediger, was habt ihr damit gewonnen? Habt ihr euer Recht irgend bei einem römischen Gerichte durchgesetzt? Darum hat euch Gott in dieser Nacht gezeigt, was Er mit Jerusalem und eurem Tempel wahrscheinlich schon in jüngster Zeit machen wird. Rede uns nun entgegen, wenn du kannst und magst! Wie viele Schätze, Gelder und Güter der armen Witwen und Waisen habt ihr schon verschlungen, und versprachet ihnen, daß ihr dafür für ihr zeitliches und ewiges Wohl sorgen werdet. Waren sie aber einmal in euren Krallen, da sind sie bald für die Ewigkeit von euch versorgt worden. Auf welche Art, das wissen wir schon zum größten Teile, und ihr werdet es in eurem bösen Gewissen sicher noch besser wissen!
GEJ|7|79|15|0|Wenn ihr um irgend eine arme Jungfrau oder um irgend ein junges Weib wußtet, so verkleidetet ihr irgendeinen Templer, und er mußte hin, die Jungfrau für eure Geilsucht zu verlocken oder das junge Weib zum Ehebruche mit euch zu verleiten, auf daß sie dann unter der Androhung der Steinigung immer eure Buhlerin bleiben mußte. O der großen Schande und der großen Greuel des Tempels!
GEJ|7|79|16|0|Ihr glaubtet freilich wohl schon seit langem an keinen Gott mehr und habt euch darum das freche Recht herausgenommen, die Stelle des vom Volke noch immer geglaubten Gottes zu vertreten und habt ihm (dem Volke) in Jehovas Namen allerlei eurer unersättlichen Herrschsucht und übermäßigen Freßgier dienende Gesetze gegeben, vor denen es am Ende sogar den Heiden zu ekeln anfangen mußte. Aber in dieser Nacht ist der alte Gott wieder aufgetaucht und hat euch und dem Volke mit großartigen und klaren Zeichen gezeigt, daß er noch ganz Derselbe ist, wie Er war zu Abrahams, Isaaks und Jakobs Zeiten.
GEJ|7|79|17|0|und nun haben wir Volk vor Gott und vor euch das vollste Recht, euch offen ins Gesicht zu sagen, daß nicht wir, sondern nur ihr die Urheber aller Sünden waret, die mit der Zeit durch eure gottlosen Gesetze unter uns gang und gäbe wurden; denn ihr triebet uns ja schon ordentlich zur Sünde an, damit wir dann für unsere begangenen Sünden mehr opfern mußten, um dieselben durch eure faulen Brandopfer und durch eure völlig leeren Machtsprüche loszuwerden. Also seid ihr ganz allein an allem schuld, wie solches aus dem zweiten schrecklichen Zeichen auch gar deutlich zu entnehmen war. Jetzt, weil ihr euch vor Gott und vor dem Volke so mächtig wähnt, machet es mit Gott vor uns ab und saget, was Gott mit euch und mit uns tun wird!‘
GEJ|7|79|18|0|Siehe, Herr und Meister, so sprach das Volk buchstäblich mit dem schon höchst ängstlich und verlegen gewordenen Prediger, der wie ein gegossenes Kalb ganz stumm und bewegungslos alles das anhörte und dem Volke am Ende nichts anderes erwidern konnte als: ,Für solch ein Volk bin ich zu schwach, da muß ein Schriftgelehrter kommen!‘
GEJ|7|79|19|0|Und das Volk sagte: ,Nur her mit ihm, und wir werden auch ihm zeigen, daß des Volkes Stimme bei weitem mehr Gottes Stimme ist als das dumme und leere und alles Rechtes bare Wort eines herrsch- und habsüchtigen Templers!‘
GEJ|7|79|20|0|Mit dem verlor sich der Redner, und wir mußten darauf nahe eine halbe Stunde lang warten, bis der angekündigte Schriftgelehrte erschien.“
GEJ|7|80|1|1|80. — Die Anfrage des Bethlehemers an die Schriftgelehrten
GEJ|7|80|1|0|(Der Wirt:) „Als dieser Hochweise die große Rednertribüne bestieg, da fing er mit ganz ernster Miene und Stimme also an: ,Gott sprach nur mit Moses und Aaron. Aber es stehet nirgends geschrieben, daß Gott auch je unmittelbar zum Volke geredet habe; denn das Volk war allzeit zu unheilig vor Ihm, was es, als noch unter dem Wunderstabe Mosis stehend, dadurch bewies, daß es sich aus dem mitgenommenen Golde ein goldenes Kalb goß und dasselbe anbetete. Darum hat dann Gott auch nicht mehr mit dem sich vor Ihm unheilig gemachten Volke, sondern nur durch eigens geweckte Propheten und durch uns Priester geredet. Und so merket euch das wohl, daß des Volkes Stimme nie soviel wie eine Gottesstimme sein kann; und so ihr das nun von euch behauptet, so begehet ihr dadurch eine große und fluchwürdigste Sünde vor Gott und vor uns, Seinen rechten Priestern. Wir Priester haben jedoch Nachsicht mit eurer großen Dummheit und Schwäche und vergeben euch solch eine Sünde; ob sie euch aber auch Gott vergeben wird, das ist eine andere Frage.‘
GEJ|7|80|2|0|Mit dieser Anrede hatte das Volk aber auch schon genug, und ein Mann von großer Gestalt, seines Ansehens nach ein Bethlehemer, trat hervor und sagte im Namen des Volkes zum Schriftgelehrten: ,Daß Gott mit Moses und Aaron geredet hat, das wissen wir so gut wie du eingebildeter Schriftgelehrter; aber wir wissen auch, daß anfangs Gott nur zum Volke geredet hat. Da aber das Volk vor der zu gewaltigen Donnerstimme Gottes sich zu sehr zu fürchten begann, so bat es, daß Gott Seinen allerheiligsten Willen nur dem Moses allein bekanntmachen möchte, und es werde Seinen Willen tun, wenn es auch nicht mit anhöre Seine zu gewaltige Stimme. Dann zog sich das Volk fernehin auf des Sinai-Tales Gegenseite. Und von da an erst empfing Moses allein die Gesetze von Gott. – Aber lassen wir das, und ich will dich, du eingebildeter Schriftgelehrter, nun gleich auf etwas anderes aufmerksam machen!
GEJ|7|80|3|0|Du sagst, daß Gott nicht mit dem unheiligen Volke, sondern nur mit Moses, Aaron, nachher mit den Propheten und auch mit euch Priestern geredet habe. Wir streiten dir das auch gar nicht ab; aber wir ersuchen dich, uns zu erörtern, aus welchem Grunde ihr von den Satzungen Mosis nahe gänzlich abgewichen seid und dafür eure selbst- und herrschsüchtigen Gesetze hingestellt habt. Und warum haben eben die Priester beinahe die meisten Propheten getötet und in der neuesten Zeit sogar Zacharias und Johannes? Und warum trachtet ihr auch noch den Propheten von Nazareth zu töten, der doch die größten Zeichen wirkt, die je von einem Propheten gewirkt worden sind, und den Menschen das wahre Wort Gottes predigt?
GEJ|7|80|4|0|Wenn wir nicht selbst schon zu öfteren Malen Sein wahrhaft göttliches Wort gehört und von Ihm nicht Zeichen gesehen hätten, die außer Gott niemand wirken kann, so würden wir auch nicht reden; aber unser sind es Tausende, die wir an Ihm das alles selbst erlebt haben, und wir können somit jetzt, wo Gottes Zorn über euch so ersichtlich wurde wie die Sonne am hellen Tage, auch ohne Vorhalt und ohne alle Furcht vor euch reden, wie wir es genau wissen, fühlen und einsehen. Ich habe dir die Fragen gestellt, und du als ein eingebildeter Schriftgelehrter wirst sie ganz klar beantworten, sonst sollst du die Kraft der Fäuste deines unheiligen Volkes als erste Verwirklichung des nächtlichen zweiten Zeichens zum Verkosten bekommen, damit dir und noch vielen Elenden deinesgleichen unsere Unheiligkeit und Verfluchtheit fühlbar wird.‘
GEJ|7|80|5|0|Als der besagte große Bethlehemer solche Worte ausgesprochen hatte, stand der früher so grimmig ernst auf der großen Rednertribüne stehende Schriftgelehrte ganz furchtsam, bleich und fiebernd da und hatte kaum noch den Mut, sich als ein alter Mann mit einem plötzlichen Unwohlsein zu entschuldigen, darum er nun die Kraft nicht habe, dem Volke die gewissen Fragen zu beantworten.
GEJ|7|80|6|0|er Redner aber sagte: ,Geh, du alter Frevler im Heiligtume Gottes – denn das wußten wir schon lange, welcher Art Kreaturen deines Gelichters sind –, sonst segnen wir dich mit unseren Fäusten!‘
GEJ|7|80|7|0|„Als der Schriftgelehrte solches Schaffwort (Befehlswort) aus dem Munde des Bethlehemers vernommen hatte, verließ er in größter Eile die Tribüne und verkroch sich irgendwo in den Seitenhallen des Tempels.“
GEJ|7|81|1|1|81. — Der alte Rabbi schildert die Verfallsgeschichte des Judenvolkes
GEJ|7|81|1|0|(Der Wirt:) „Doch bald darauf erschien auf der Tribüne ein alter, würdigerer Rabbi, der – wie bekannt – noch ein Freund des alten, frommen Simeon und später auch des erwürgten Zacharias war. Als der erschien, ward alles Volk ruhig, grüßte ihn und bat ihn, daß er ihnen in dieser höchst bedrängten Lage einen gerechten und rechten Trost geben möchte.
GEJ|7|81|2|0|„Und der Rabbi sagte: ,Meine lieben Mitbrüder aus dem Schoße Abrahams! Verzeiht es meinem hohen Alter, daß ich meine Zunge nicht mehr so wie einstens zu allem Guten und Wahren in meiner Macht habe; aber am guten Willen fehlt es mir noch immer nicht, euch allen einen rechten und gerechten Trost zu geben.
GEJ|7|81|3|0|Die Zeichen, die wir in dieser Nacht zu sehen bekamen, vermittelt durch den Ratschluß des allmächtigen Gottes, waren wahrlich von einer solchen Art, daß dabei sogar die Heiden zu zittern anfingen, und kein Jude, sogar kein Sadduzäer und kein Samariter, konnte sie mit einem furchtlosen Gemüte ansehen. Ich aber dachte mir so in meiner alten Einfalt: Lieber Jehova! Wegen meiner Person hast Du diese gar entsetzlich schlimmen Zeichen an Deinem gestirnten Himmel doch sicher nicht zum Vorscheine kommen lassen, so wie Du auch Deine liebe Sonne nicht um meinetwillen allein je hast aufgehen und scheinen lassen; denn sie hat ja Jahrtausende vor mir schon diese Erde erleuchtet und wird sie nach mir auch – wer weiß, wie viele – Jahrtausende noch erleuchten! Ich als ein beinahe hundertjähriger Greis werde nicht lange mehr die Wohltat der lieben Gottessonne genießen. Denn in die Gräber der Verwesung dringt das Licht der Sonne nimmer; und dränge es auch hinein, so könnte es die toten Leichname doch sicher nicht mehr erfreuen. Alles auf dieser wahrlich für jeden nüchternen Denker völlig freudenlosen Welt ist vergänglich, nur die Macht Gottes nicht, die bleibet ewig; unsere Seelen aber hängen bloß von dem Willen des Allmächtigen ab. Ob sie nach dem Tode fortleben, das kann kein Mensch der vollen, einsichtlichen und klar begreiflichen Wahrheit nach begreifen und erkennen; aber Moses und alle späteren Propheten haben uns solches gelehrt, und wir müssen das glauben, – und glauben wir das nicht, so gleichen wir den Sadduzäern, die von uns abgefallen sind, weil sie von den griechischen Philosophen dazu verleitet wurden.
GEJ|7|81|4|0|Aber es gibt leider auch unter uns, und leider hier im Tempel, mehr Sadduzäer als unter euch draußen, also auch in dieser großen Stadt, wo die Reichen ihres Reichtums wegen nahe schon an gar nichts mehr glauben; und was sie in Glaubenssachen noch tun, das tun sie nur zum Scheine, damit das gemeine Volk allein sich vor Gott noch fürchten soll; aber im Herzen haben sie keinen Glauben und keinen Gott mehr.
GEJ|7|81|5|0|Das dienende, arme und gemeine Volk aber merkt das dennoch bei den Reichen und denkt sich: ,Ah, so ihr Reichen, die ihr durch eure Mittel viel erfahren und wissen könnet, weder an Moses noch an die Propheten und also auch an keinen Gott glaubet, warum sollen denn wir Armen euch zu Gefallen an das glauben, was für euch Reichen nichts ist?!‘
GEJ|7|81|6|0|Und so, meine Lieben, treibt in einem fort ein böser Keil den andern, und wir alle stehen nun beinahe auf dem Punkt, auf welchem die Menschen zu den Zeiten Noahs und zu den Zeiten Lots gestanden sind. Damals wie jetzt hat Gott auserlesene Boten zu den Menschen auf die Erde gesandt, die alle die Gott völlig vergessen habenden Menschen mit Worten und Taten gar eindringlich ermahnt haben und ihnen auch die unausbleiblichen Folgen ihres Starrsinns genau vorzeichneten; aber die Menschen hatten sich zu weit in die tote und todbringende Welt hinein vertieft und verrannt, hörten die Gottesboten entweder gar nicht, oder sie verfolgten dieselben hartnäckig, mißhandelten sie und töteten sie wohl gar, und oft auf eine grausame Weise. Und seht, ihr meine sehr lieben Freunde und Brüder, unter uns gesagt, geradeso und vielleicht leider noch um etwas ärger steht es nun bei uns und namentlich hier in diesem Tempel!
GEJ|7|81|7|0|Die Juden blieben als solche eigentlich nur bis in die halbe Zeit der Richter. Damals gab es noch keine eigentliche Stadt im ganzen Lande; wohl aber Gemeinden mit notdürftigen Häusern und einzelne Wohnhütten und in der Mitte des Landes auf dem Berge Horeb die erbaute heilige Hütte, in der die Lade des Bundes sich befand, belebten das Land des Vaters Jakob. Damals benötigten die Juden keiner festen Burg, um sich in ihr gegen die auswärtigen Feinde zu schützen; denn Jehova allein war ihre feste Burg, ihr unübersteigbarer Damm und ihr scharfes Schwert. Außer Gott kannten sie keinen Herrn, lebten im tiefen Frieden, waren leiblich und geistig gesund und kannten keine Not.
GEJ|7|81|8|0|Aber gegen die Zeiten der letzten Richter fingen sie schon an, in allem mehr lau und träge zu werden. Die Gebote und auch andere Satzungen fingen sie an weniger zu achten und übertraten sie zu öfteren Malen. Da bekamen sie auch gleich allerlei Ermahnungen, nach denen sich wohl die Besseren richteten; aber die Weltlicheren taten nur mehr zum Scheine etwas, in ihren Herzen aber gewann gleichfort die tote Welt den Vorrang. Solche Weltjuden wurden bald reiche und angesehene Menschen und waren mit ihren einfachen Wohnhütten nicht mehr zufrieden und auch mit den von Gott verordneten Richtern nicht, sondern sie wollten auch, gleich den Heiden, einen glanzvollen, mächtigen König haben und eine Stadt und feste Burgen. Sie verlangten endlich unter Samuel mit allem Ernste einen König, und Gott der Herr sprach: ,Da sieh dir an das undankbare Volk! Mit Meiner väterlichen Regierung, unter der es gesund, reich und überansehnlich geworden ist, will es nicht mehr zufrieden sein. Zu allen den vielen großen Sünden, die es schon vor Meinem Angesichte begangen hat, tut es noch diese größte hinzu, daß es einen König verlangt! Ja, es soll einen König haben und Städte und Burgen; aber nicht zu seinem Frommen, sondern als eine scharfe und harte Zuchtrute soll es einen König haben!‘
GEJ|7|81|9|0|Ich sage euch das alles nur in Kürze, damit ihr desto leichter den Grund dieses gegenwärtigen gänzlichen Verfalles des wahren, alten und echten Judentums einsehet.
GEJ|7|81|10|0|Saul mußte schon eine feste Burg, wenn auch noch keine eigentliche Stadt haben. Da entstanden schon Kriege mit den Philistern, und die Väter mußten sich ihre Söhne und besten Knechte vom König in den Krieg nehmen lassen und dazu noch ihre besten Ochsen, Esel, Kühe, Kälber und Schafe hergeben. Das war sonach schon der erste Segen eines Judenkönigs, während Samuel noch lebte, der auf Gottes Geheiß den Saul zum Könige salbte. Samuel meinte nun, daß das Volk durch solche Züchtigung in sich gehen und reuig wieder zur Gottesregierung zurückkehren werde. Aber mitnichten! Es wollte nur einen mächtigeren und weiseren König, und Samuel salbte den David, der bald die Stadt Bethlehem erbaute und zur Stadt Jerusalem den Grund legte. Sein Sohn Salomo baute mit großen Kosten und mit großer Pracht die Stadt aus und den Tempel; aber das Volk versank dabei schon in eine große Armut und mußte sich allerlei Drangsale gefallen lassen.
GEJ|7|81|11|0|Wie es dem Volke nachher unter den späteren Königen bis gegen die babylonische Gefangenschaft erging, das wissen wir aus den Büchern der Chronika. Man sollte aber meinen, daß die vierzig Jahre lang dauernde Gefangenschaft die daraus wieder befreiten Juden völlig anderen Sinnes machen werde; doch nein, sie mußten wieder Könige und, gleich den Heiden, Priester und Hohepriester haben!
GEJ|7|81|12|0|In dieser Zeit, nahe bis auf uns herab, sandte der Herr die meisten Propheten, die das Volk zu Gott zurückriefen. Doch das durch die Könige und Priester schon zu finster und taub gemachte Volk vernahm und verstand nichts mehr von dem, was ihm die Propheten verkündeten. Dazu verfolgten die Könige und die Priester noch die Propheten, und das oft mit der empörendsten blinden Rache und Wut, – wie ihr derlei Szenen schon selbst erlebt habt und leicht noch mehrere erleben werdet, obschon die Juden in dieser Zeit und schon lange vorher keinen eigenen König mehr haben, sondern sich die eherne Oberherrschaft der Heiden gefallen lassen müssen.
GEJ|7|81|13|0|Gott hat Sich aber auch diesmal Seines Volkes hoch erbarmt und hat uns einen Messias in der Person des Weisen aus Nazareth nach der Verheißung gesandt, den ich schon von Simeons Zeiten an kenne, da Ihn auch Simeon im Tempel erkannte, Ihn beschnitt und Ihm den Namen Jesus gab. Ich kann und darf euch das nur bei dieser außerordentlichen Drangsalsgelegenheit sagen, und was ich als ein hoher Greis euch nun sage, das ist hohe und heilige Wahrheit. Aber diese über alle Maßen herrschsüchtigen Erztempler verfolgen ja jeden mit der größten Rachgier, der so etwas zu einer andern Zeit aussprechen würde.
GEJ|7|81|14|0|Und sehet, da ich nun alles Notwendige kurz vorausgesandt habe, so kann ich euch nun sagen, wie die heutnächtlichen schrecklichen Erscheinungen von Gott zugelassen worden sind! Der Erztempeljuden Sündenfrevelgröße hat das ihr von Gott gestellte Maß nahe bis an den Rand voll gemacht, und die große Geduld Jehovas hängt kaum noch an einem Haare! Wenn das Maß voll wird, so wird auch mit Jerusalem das geschehen, was ihr im zweiten Zeichen gesehen habt, und das vielleicht schon eher noch, als da fünfzig volle Jahre vergehen werden.
GEJ|7|81|15|0|Die zwölf Feuersäulen, die am Ende in eine zusammenflossen, zeigten offenbar das Verschmelzen der zwölf Stämme Israels in einen, nämlich in den gekommenen Messias, der am Ende, da Er von den blindesten und bösesten Erztempeljuden nicht angenommen ward, wieder dahin auffuhr, von wannen Er gekommen ist.
GEJ|7|81|16|0|Es war aber später im Westen, wie es mir der weise Nikodemus soeben erzählt hat, noch ein drittes Zeichen von sehr tröstender Art zu sehen, aber freilich nur für jene, die den Messias angenommen haben, an Ihn glauben und nach Seiner Lehre, die göttlich weise ist, handeln. Doch davon kann euch eben Nikodemus später ein mehreres sagen, weil er auch die besagte dritte Erscheinung selbst gesehen hat.‘
GEJ|7|81|17|0|Hierauf empfahl der Greis ihnen, das heißt dem Volke, alle Geduld und trat von der Rednertribüne ab. Und alles Volk lobte den alten Redner.
GEJ|7|81|18|0|Und der Bethlehemer sagte: ,Ja, das ist noch ein Alter nach der Art Aarons; aber er allein kann gegen die vielen auch nichts machen! Was aber im Ernste sehr viel sagen will, ist das, daß sich im Tempel am Ende doch noch auch unter den Pharisäern und Schriftgelehrten etwelche vorfinden, die an den Heiland aus Nazareth glauben!‘
GEJ|7|81|19|0|Es wurden noch mehrere Betrachtungen der Art gemacht, und man harrte mit Sehnsucht auf den ehrlichen und biedern Nikodemus, der noch ein wenig auf sich warten ließ.“
GEJ|7|82|1|1|82. — Die beschwichtigende Rede des Nikodemus an das Volk
GEJ|7|82|1|0|(Der Wirt:) „Es vernahm aber irgend hinter einem Vorhange so ein rechter Erzpharisäer im Volke die starke Befürwortung des Glaubens an den Heiland aus Nazareth, trat hervor, bestieg die kleine Tribüne und sagte: ,Ich sage euch aus meiner oberpriesterlichen Machtvollkommenheit: Wer da an den Heiland aus Nazareth glaubt und sagt, daß dieser der verheißene Messias sei, der ist vom Tempel aus verflucht!‘
GEJ|7|82|2|0|Er hatte aber diese schmähliche Sentenz noch kaum völlig ausgesprochen, da war seine Tribüne schon vom Volke umringt, und alles Volk schrie ihn also an: ,Und wir aber sagen: Wer immer da nicht glaubt, daß der Heiland aus Nazareth unfehlbar der verheißene Messias ist, der ist von uns aus verflucht! Und so aber ein elender Schweinewicht von einem Oberpharisäer der den wahren Messias eher denn das Volk erkennen sollte, in seiner blinden Herrschwut solch eine Sentenz gegen uns auszusprechen wagt, der ist von uns siebenmal verflucht und hat den Tod verdient! Du Schweinehund du, sahst du die Zeichen dieser Nacht nicht? Haben auch diese deinen zottigen Pelz nicht zu durchdringen vermocht? Na warte, du Schweinehund von einem Oberpharisäer, wir werden dir deinen zu dichten Pelz schon dünner und durchdringlicher machen! Du bist uns gerade recht in den Wurf gekommen; denn auf dich, du elender Schweinehund, haben wir es schon lange scharf abgesehen!‘
GEJ|7|82|3|0|Als der Oberpharisäer solche Begrüßungen aus dem Volke vernahm, fing er an, um Hilfe zu rufen.
GEJ|7|82|4|0|Aber das Volk schrie noch mehr: ,Nieder mit dem Gotteslästerer!‘
GEJ|7|82|5|0|Hier drängte sich unser riesiger, wahrer Goliath von Bethlehem zu dieser kleineren Tribüne, griff mit seiner kräftigen Hand nach dem Oberpharisäer, schüttelte ihn zuerst derart, daß ihm dabei auf eine Zeitlang schier Hören und Sehen verging, dann hob er ihn von der Tribüne herab und trug ihn zu jenem Vorhang hin, durch den er ehedem in die große Tempelhalle gekommen war, gab ihm dort noch ein paar ordentlich glänzende Backenstreiche und sagte dann mit einer wahren Donnerstimme zu ihm: ,So wird in Zukunft das sehend gewordene Volk Priestern deiner Art Opfer und Zehent abliefern! Jetzt gehe aber, und laß dich ja nimmer sehen, sonst kostet es dein Leben!‘
GEJ|7|82|6|0|Da raffte sich der ganz schwindlig gewordene Oberpharisäer in aller Eile zusammen und verkroch sich bebend in irgendeinem Winkel seiner Behausung.
GEJ|7|82|7|0|Gleich nach dieser Begebenheit erschien ein römischer Abgesandter vom Landpfleger, stieg auch auf eine Kanzel, die für weltliche Redner und Verkünder bestimmt war, und sagte: ,Der Landpfleger läßt euch im Namen des Gesetzes ermahnen, daß ihr euch aller Tätlichkeiten enthalten sollet; doch reden könnet ihr, wie ihr nur immer wollet und könnet! Ihr sollet bedenken, daß dieser Tempel zur Ehre eures Gottes erbaut worden ist, und da soll alles Ungebührliche vermieden! Geschieht aber jemandem von irgendeinem dummen Tempelpriester oder -diener irgendein Unrecht, so komme er nur zu uns, und es wird ihm sein volles Recht zuerkannt werden!‘
GEJ|7|82|8|0|Unser Goliath aus Bethlehem dankte für diese wohlgemeinte Ermahnung, setzte aber doch hinzu: ,Deine Ermahnung, für die ich dir im Namen des ganzen Volkes gedankt habe, war sicher völlig gut; aber wenn einmal die Kräfte der Himmel anfangen, ihren Willen mit ihren allmächtigen Händen an das große Firmament hinzuzeichnen, da hat das menschliche Gebieten auf dieser Erde bald sein Ende erreicht!‘
GEJ|7|82|9|0|Sagte der Römer: ,Freund, das wissen wir auch und erkennen den Wahrspruch: CONTRA JOVEM FULMINANTEM TONANTEMQUE NON VALET VIS ENSIS, ET CONTRA VIM COELORUM VANE FRUSTRAQUE PUGNAT ARS MORTALIUM [Gegen den blitzenden und donnernden Zeus vermag die Gewalt des Schwertes nichts, und gegen die Kraft der Himmel kämpft vergeblich und umsonst die Kunst der Sterblichen.] sehr an; aber mit einer gewissen Brutalität der sterblichen Menschen unter sich werden wir Menschen die unsterblichen und unbesiegbaren Kräfte und Mächte der Himmel auch nicht um ein Haar anders stimmen! Die gemessene und bescheidene Ordnung ziemt sich für uns sterbliche Menschen noch immer am allerbesten, und ein ordentlicher und ruhiger Mensch wird auch dann noch nicht verzagen, wenn selbst der ganze Erdkreis in Trümmer zusammenzustürzen begänne. Das ist so meine Meinung! Darum beachtet den Wunsch des Landpflegers! DIXI.‘ [Ich habe gesprochen.] 
GEJ|7|82|10|0|Hierauf empfahl sich der Römer, und das Volk lobte seine Mäßigung.
GEJ|7|82|11|0|Aber gleich darauf erschien Nikodemus auf der großen Tribüne und wurde vom Volke mit großem Jubel begrüßt. Er aber sagte: ,Meine Freunde und Brüder! Ich habe euch eigentlich nichts Neues zu sagen, bin aber dennoch gekommen, um euch das zu bestätigen, was euch auf eben dieser Tribüne mein ältester und auch bester Freund schon gesagt hat. Es verhält sich wahrlich alles also, wofür ich euch sogar mit meinem Leibesleben bürgen kann, und es freut mich nun um so mehr, daß ich hier in dieser geheiligten großen Tempelhalle mit Menschen zu tun habe, die sicher in allen Stücken meine Ansicht, wie auch meine innerste und vollste Überzeugung mit mir teilen.
GEJ|7|82|12|0|Es hat sich zwar vor mir auf jener kleineren Tribüne ein anmaßender Oberpharisäer vor euch auf eine höchst ungebührliche Weise vernehmen lassen, ohne daß ihn jemand aus unserem Priesterrate nur mit einer Silbe dazu aufgefordert hätte; aber ihr habt ihn meines guten Wissens dafür auch gebührend entschädigt. Er hat sich beim Hohen Rate darob wohl beklagt – was zwar in dieser Zeit eben nicht gar zuviel sagen will –, doch bekam er bald den Bescheid: Alles zur Unzeit bringt Schmerz und Leid! Es sei bei der leicht begreiflichen großen Aufgeregtheit des Volkes mehr als unklug, etwas vorzubringen, was es in einem ganz ruhigen Zustande nimmer zu ungünstig aufnehmen würde.
GEJ|7|82|13|0|Als der höchst unbescheidene Oberpharisäer solchen Bescheid vernahm, empfahl er sich bald mit seinen ziemlich angeschwollenen Backen, und ich ward vom gesamten Rate abgeordnet, euch zu sagen, daß ihr nur bei dem verbleiben sollet, was euch mein Vorgänger verkündet hat. Aber da ihr nun alle solchen Trost hier im Tempel gefunden habt, so sollet ihr Gott kurz in euren Herzen einen rechten Dank darbringen und euch dann ruhig in eure Heimat begeben! Und solltet ihr welchen begegnen, so möchtet ihr ihnen auch dasselbe kundtun, damit sie nicht den weiten Weg hierher vergeblich machen, weil für heute nachmittag und morgen, als am Vorsabbat, der Tempel, wie immer, geschlossen bleibt.‘
GEJ|7|82|14|0|Hierauf fragte das Volk Nikodemus noch wegen der Bedeutung des dritten Zeichens, das er nach der Aussage seines greisen Vorgängers selber gesehen haben solle.
GEJ|7|82|15|0|Nikodemus aber sagte: ,Das werde ich euch auch noch tun, aber unter uns etwas leiser gesprochen, weil unsere Wände viele Ohren haben! Aber erwartet mich nachmittags auf dem Wege, der nach Emmaus führt! Dort werde ich zu euch kommen und euch das dritte Zeichen treu und wahr kundtun und es euch auch erklären, so gut es mir nur immer möglich sein wird.‘
GEJ|7|82|16|0|Damit war das Volk zufrieden und fing an, den Tempel zu verlassen.
GEJ|7|82|17|0|Ich und dieser, mein Freund, gingen auch und trafen eben beim Fortgehen Deine beiden Jünger, die uns von Dir Nachricht gaben, der zufolge wir denn auch sogleich hierher geeilt sind.
GEJ|7|82|18|0|Und das von mir nun Erzählte ist auch alles, was sich heute im Tempel zugetragen hat. Herr, vergib mir mein schlechtes Erzählen!“
GEJ|7|83|1|1|83. — Die Beratung der Pharisäer
GEJ|7|83|1|0|Sagte Ich: „Lieber Freund, du hast die Begebenheiten im Tempel ganz gut erzählt und in deiner Erzählung an den Tag gelegt, daß du alles mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt hast, was da vorging, und was sich besonders irgend auf Mich bezog. Aber das sage Ich dir auch, daß dir dabei Mein Wille sehr behilflich war; denn ohne Mich ist alles schwach im Menschen, mit Mir aber alles stark, kräftig und mächtig.
GEJ|7|83|2|0|Es ist wahrlich für unsere gute und wahre Sache im Tempel nun recht viel geschehen. Das Volk, der alte Rabbi und Nikodemus haben Mich ganz als Den dargestellt, der Ich bin, und man sollte meinen, daß nun schon der ganze Tempel vollauf bekehrt sei. Aber nichts von dem! Nun haben der Rabbi und Nikodemus ihre Not mit den anderen Pharisäern und mit dem Hohenpriester, und das darum, weil sie Mich vor dem Volke für den verheißenen und allein wahren Messias erklärt haben. Aber Ich legte beiden schon die rechten Worte in den Mund, und Nikodemus hat nun dem Hohenpriester eine so brennende Rede ins Gesicht geschleudert, daß ihm dieser samt den Pharisäern kein Wort mehr zu erwidern vermochte.
GEJ|7|83|3|0|Der Hohepriester hat nämlich dem alten Rabbi und Nikodemus bitter vorgeworfen, daß sogar sie Meinen Namen im Tempel vor dem Volke offen bekannt und alle Schuld auf den Tempel geladen haben, während sie bei dieser Gelegenheit Mich vor allem dem Volke so verdächtig wie möglich hätten machen sollen. Sie hätten dem Volke nur unter dem größten Ernste sagen sollen, daß Gott nun darum also zornig über das Volk geworden sei, weil es solchen Irrlehrern und Aufwieglern nachlaufe, sich verführen lasse und somit verflucht sei.
GEJ|7|83|4|0|Nikodemus aber erwiderte dem Hohenpriester, der Kaiphas hieß: ,Oh, wenn ihr denn schon gar so klug und weise seid, so tretet nun selbst in den Tempel, der noch voller Menschen ist, obwohl sich nach meiner Rede ein bedeutender Teil aus dem Tempel und von da nach Hause begab, und redet nach eurer Art zum Volke, und ihr werdet es bald empfinden, wie euch das Volk aufnehmen wird! Waren denn wir beide etwa die ersten, die zum Volke geredet haben? Hundert von euch haben vor dem Volke gepredigt nach eurer Art und Weise, und was war die Folge einer jeden solchen Predigt? Die Folge war, daß der Prediger hat flüchten müssen, wenn er nicht auf das gewaltigste mißhandelt werden wollte.
GEJ|7|83|5|0|Was hättet ihr denn aber nun gemacht, wenn das Volk, so wir beide es nicht auf eine kluge Art besänftigt hätten, in Massen zu euch hereingedrungen wäre und euch auf eine vielleicht nie erhörte Art zu mißhandeln angefangen hätte? Ist es sonach nicht klüger, zur Zeit der Not zum bösen Spiel eine gute Miene zu machen und dabei mit heiler Haut davonzukommen, als dem Volke etwas aufbürden zu wollen, das es nimmer hören will?!
GEJ|7|83|6|0|Es war in dieser Nacht wahrlich nicht an der Zeit, dem ergrimmten und verzweifelten Volke irgendeine Strafrede zu halten, sondern es nur zu trösten und zu beruhigen, – und das haben wir beide getan und dadurch sicher keinen Fehler begangen. Ob aber nun auch ihr vor dem Volke keinen Fehler begangen habt, das ist eine ganz andere Frage! Gehet aber nun nur hinaus in die große Halle des Tempels und versuchet, das Volk eines andern zu belehren, und ich stehe euch dafür, daß es euch noch ärger ergehen wird, als es ehedem dem Oberpharisäer und Schriftgelehrten ergangen ist, als er dawider ein Wort erhob, da das Volk laut behauptete, die Volksstimme sei so gut wie Gottes Stimme!
GEJ|7|83|7|0|Zudem hast du, Kaiphas, mich und den alten Rabbi ja doch selbst ersucht, daß wir als vom Volke stets wohlgelittene Männer hinaus unter dasselbe treten sollen und trachten, es auf eine jede mögliche Art und Weise zu besänftigen. Nun, wir taten das. Warum machet ihr uns darum jetzt, da das Volk ruhig geworden ist, Vorwürfe? Es steht euch ja noch immer frei, das Volk, das sicher noch bis über den Mittag im Tempel verharren wird, eines andern zu belehren! Wir beide aber werden uns mit dem Volke durchaus nicht mehr abgeben. Aber nehmt euch in acht, – das Volk kennt eure Sünden!‘
GEJ|7|83|8|0|Sagte der Hohepriester: ,So wir einmal das Volk fürchten müssen, dann sind wir auch keine Priester mehr! Wir dürfen dem Volke nicht um ein Haarbreit nachgeben, und komme über uns, was da nur immer wolle! Das ist mein fester Wille und der Grundsatz meines Handelns.‘
GEJ|7|83|9|0|Darauf erwiderte ihm Nikodemus: ,Du bist nun Hoherpriester und kannst in vielen Stücken tun, was du willst; wenn aber, wie es sich nun zeigt, bald alles Volk von uns abfallen und sich hinter den Schutz der Römer stellen wird, – was wirst du dann machen? Dann kannst du das Volk verfluchen in einem Atem Tag und Nacht, und es wird dich ebenso anhören, wie dich nun die Heiden, Samariter und Sadduzäer anhören. Mit welchen Mitteln wirst du dann die Abgefallenen wieder für uns und den Tempel gestimmt und uns zuzügig machen?
GEJ|7|83|10|0|Was hast du mit deiner Hartnäckigkeit gegen den reichen Lazarus in Bethania ausgerichtet und was dabei gewonnen? Er ist nun mit allen seinen großen Besitzungen ein Römer, und du hast keine Gewalt mehr über ihn! Dazu hatte er ehedem alljährlich an den Tempel mindestens hundert Pfunde Goldes und fünfhundert Pfunde Silbers gezahlt, und nun zahlt er um ein bedeutendes weniger an die Römer, und dem Tempel zahlt er keinen Stater mehr. Nur den Zehent hat er noch gegeben, wird ihn aber in Zukunft wahrscheinlich auch nicht mehr geben, weil er sich meines guten Wissens darüber auch schon mit den Römern abgefunden haben soll. Ja, wenn infolge deiner hohenpriesterlichen Hartnäckigkeit viele dem Beispiele des Lazarus folgen werden, dann werden wir uns bald allein im Tempel befinden!
GEJ|7|83|11|0|Siehe, das ist aber so meine Meinung und kernfeste Überzeugung, und die Folge wird es zeigen, daß ich hier die volle Wahrheit geredet habe, und es wird das schon so der Anfang sein zur nicht lange auf sich warten lassenden Erfüllung des zweiten in dieser Nacht gesehenen traurigen und schrecklichen Zeichens! Fahret nur so fort, so werden wir alle auch bald mit allem fertig werden! – Ich habe nun geredet.‘
GEJ|7|83|12|0|Daß diese Worte dem Hohenpriester sicher nicht besonders mundeten, läßt sich leicht denken. Aber er konnte da wenig oder nichts einwenden; denn es waren auch andere Älteste des Tempels und Jerusalems mit Nikodemus einverstanden.
GEJ|7|83|13|0|Aber nach einer Weile sagte der Hohepriester dennoch wieder in einer Art Erregtheit: ,Ich weiß aber dennoch, was noch geschehen muß, und wir stehen dann wieder auf festem Grunde! Auch der falsche Prophet aus Galiläa muß fallen, wie Johannes gefallen ist, und alles Volk wird wieder zu uns strömen. Habe ich recht geredet oder nicht?‘
GEJ|7|83|14|0|Viele Pharisäer und Schriftgelehrte stimmten nun mit dem Kaiphas; aber Nikodemus, der alte Rabbi und noch mehrere Älteste schüttelten den Kopf, und der alte Rabbi sagte: ,Ich bin wohl der Älteste unter euch und weiß, was seit achtzig Jahren sich im Tempel und im ganzen Judenlande alles zugetragen hat. Schon oftmals sind im Volke und auch im Tempel selbst fromme und vom Gottesgeiste erfüllte Menschen aufgestanden und haben weise gelehrt und gehandelt. Der hochherrschsüchtige Teil des Tempels hat sie aber auch allzeit mit allen Mitteln verfolgt und wo möglich auch getötet. Doch fraget euch, fraget alle Ältesten vom ganzen Judenlande und fraget unsere jährlichen Tagesschriften, und ihr werdet es finden, daß der Tempel und sein altes Ansehen dabei nie etwas gewonnen, wohl aber nach einer jeden solchen Handlung vieles verloren hat, und das also, daß ihm das Verlorene nie wieder zurückerstattet wurde!
GEJ|7|83|15|0|Wo sind die vielen Samariter, wo die Sadduzäer, wo wird nur zu bald ganz Galiläa sein? Wie viele von uns sind Essäer geworden, wie viele vollends Griechen und Römer! Wer – außer einigen griechischen Kaufleuten – besucht uns noch aus Tyrus und Sidon, wer aus dem großen Lande Kappadozien, Syrien und aus den vielen Städten am Euphrat? Sehet, das hing sogar in meiner Jugendzeit noch fest am Tempel, und dieser wurde überschüttet mit Opfern und Schätzen aller Art und Gattung und wurde sehr übermütig und grausam! Die Priester brachen das Gebot Gottes ,Du sollst nicht töten!‘, und die erwiesene Folge davon war der gänzliche Abfall vieler Länder und Städte.
GEJ|7|83|16|0|Wenn ihr aber in der grausamen Art eurer Vorfahren noch weiter fortfahren werdet, so werdet ihr – wie das zweite Zeichen es euch klar gezeigt hat – in Kürze auch noch das verlieren, was bis jetzt schon ohnehin locker genug am Tempel hanget. Das ist meine Ansicht; ihr aber könnet tun, was ihr wollet!‘
GEJ|7|83|17|0|Diese ganz gute Rede des Rabbi wurde von vielen ganz beifällig aufgenommen, die jüngeren aber konnten ihr wenig entgegenstellen.
GEJ|7|83|18|0|Hier wandte sich Kaiphas wieder an Nikodemus und fragte ihn, ob auch er die Ansicht des alten Rabbi gutheiße und billige.
GEJ|7|83|19|0|Nikodemus aber sagte: ,Ich habe schon geredet und sage nun noch einmal, daß ich in eurem Rate weder etwas dafür noch etwas dagegen sagen werde. Wie mein alter Freund es nun gesagt hat, also ist es auch. Für meine innere Überzeugung bin ich keinem Menschen Rechenschaft schuldig, und öffentlich werde ich von heute an wenig mehr reden.
GEJ|7|83|20|0|Ich bin ein Oberster der ganzen Stadt Jerusalem und bin vom Kaiser aus ein akkreditierter (bevollmächtigter) Vorsteher aller Bürger und habe im Notfall auch das JUS GLADII (Recht zu töten) in meiner Hand. Ihr könnet tun, was ihr wollt, und ich und mein Freund verlassen euch für heute bis auf den Sabbat; wer aber irgend mit mir und diesem meinem alten, wahren Freunde in vernünftigen Worten will reden, der findet mich auf meinen Besitzungen in Emmaus. Und nun, Gott dem Herrn alles anbefohlen!‘
GEJ|7|83|21|0|Mit diesen ganz ernsten Worten verließen beide den großen Rat, obschon sie der Hohepriester noch aufhalten wollte.“
GEJ|7|84|1|1|84. — Die Zersplitterung im Hohen Rate
GEJ|7|84|1|0|(Der Herr:) „Nun erst steckten die Großtempler die Köpfe zusammen und wußten nicht, was sie machen sollten. Kaiphas machte ihnen den Vorschlag, daß doch noch jemand es versuchen solle, das Volk durch eine gute Rede auf andere Begriffe zu bringen; aber es hatte niemand den Mut dazu.
GEJ|7|84|2|0|Als es nun aber schon sehr nahe am Mittage war, wurde ein Tempeldiener beauftragt, hinaus in die Hallen zu treten und dem Volke zu bedeuten, daß es sich nun bald ganz entfernen möge, weil hernach des Vorsabbats wegen der Tempel der nötigen Reinigung wegen geschlossen werde. Der Diener kam und verkündigte den Auftrag den noch im Tempel weilenden recht vielen Menschen. Aber er fand eine schlechte Aufnahme.
GEJ|7|84|3|0|Es war der riesige Bethlehemer noch gegenwärtig und schrie den Diener mit einer wahren Donnerstimme an: ,Wir wissen, wann wir den Tempel zu verlassen haben! Wir werden ihn nun denn auch derart ganz verlassen, daß wir ihn höchstwahrscheinlich nie wieder besuchen werden; denn der Tempel und seine Einwohner allein sind schuld am ganzen Unheil, das über unser Gelobtes Land jüngst hereinbrechen wird. Gehe hin zu deinen Herren und sage ihnen, daß nun das Volk also spricht, und wem es nicht recht ist, der komme heraus und rechte mit uns!‘
GEJ|7|84|4|0|Als der Diener nun diese Sentenz vernahm, sagte er wohlweislich kein Wort mehr und ging und zeigte das dem Rate wortgetreu an.
GEJ|7|84|5|0|Und Kaiphas sagte: ,Wie ich es euch schon lange gesagt habe, also ist es: Wir sind durch den Nazaräer alle verraten! Er macht sich die Römer zu Freunden durch seine Magie. Sie halten ihn mindestens für einen Halbgott, und wenn es noch eine Zeitlang fortgeht, so werden sie ihn auch noch zu einem Vizekönige der Juden machen, und wir können uns hernach umsehen, wie wir davonkommen werden. Darum sollten wir denn nun auch alles wagen, diesen uns höchst gefährlichen Menschen aus dem Wege zu räumen; denn wächst er uns einmal über unsere Köpfe, so sind wir alle verloren!‘
GEJ|7|84|6|0|Sagte nun ein Ältester: ,Ich sage euch nichts anderes, als daß da eines wie das andere eine höchst gefährliche Spieltreiberei ist! Denn ist er ein Freund der mächtigen Römer, so werden sie durch seine schon sehr vielen Jünger nur zu bald erfahren, was wir mit ihm gemacht haben, und dann wehe uns für immer! Lassen wir ihn aber sein Wesen forttreiben und schließen uns nicht an ihn an, so sind wir im ganzen Judenlande auch binnen längstens drei Jahren völlig überflüssig geworden! Was ist nun da Rechtens?‘
GEJ|7|84|7|0|Sagte ein anderer Ältester: ,Ich wüßte, wenn ich Hoherpriester wäre, schon ganz wohl, was nun am rätlichsten zu tun wäre.‘
GEJ|7|84|8|0|Fragte nun Kaiphas, sagend: ,Was denn?‘
GEJ|7|84|9|0|Sagte der Älteste: ,Wir sind nun ganz unter uns, und ich kann da ein freies Wort reden, und ihr könnet mich anhören, so ihr es der Mühe wert findet. Sehet, unserem Moses samt dem Jehova und samt allen Propheten haben wir ja aller Wahrheit nach den Rücken zugewendet und sind des Volkes und des Einkommens wegen pure Formenreiter geworden; denn von uns, wie wir nun da beisammen sind, glaubt keiner an einen Gott, an einen Moses, noch an irgendeinen Propheten. So wir aber nun sehen, daß alles Volk an den Nazaräer glaubt und ihm nachrennt, so tun wir das auch, wenigstens pro forma, und wir werden dadurch bei dem Volke und sogar bei den Römern sehr viel gewinnen!‘
GEJ|7|84|10|0|Hier sprang Kaiphas ordentlich auf und sagte: ,Auch du willst uns alle verraten?! Wer im Ernste also redet, wie du nun geredet hast, der ist von mir aus verflucht!‘
GEJ|7|84|11|0|Sagte der Älteste: ,Sage mir das vor dem Volke; denn hier im Rate hast du kein Recht, mir das ins Gesicht zu sagen! Merke dir das wohl, sonst sehen wir uns heute noch vor dem Landpfleger!‘
GEJ|7|84|12|0|Sagte hierzu noch ein anderer Ältester: ,So wir hier im großen Rate versammelt sind, da hat ein jeder das volle Recht, ein freies Wort zu reden, ansonst der Rat zu nichts nütze ist; stehen wir aber vor dem Volke, so wissen wir, was wir zu reden haben. Wenn du als nunmaliger Hoherpriester nur deinen Willen allein durchsetzen willst, so ist unser Rathalten ganz überflüssig, und wir tun am vernünftigsten, wenn wir künftighin gar keinen Rat mehr halten. Was ist vom Tempel aus schon alles unternommen worden, um des Nazaräers irgend habhaft zu werden, und man konnte ihm doch nirgends an den Leib kommen! An den Festtagen war er im Tempel und lehrte das Volk frei und offen. Warum hast du ihn denn da nicht aufgreifen lassen?‘
GEJ|7|84|13|0|Sagte Kaiphas: ,Wer getraut sich, dem großen Volke Widerstand zu leisten?‘
GEJ|7|84|14|0|Sagte der Älteste: ,Gut, wenn so, warum verfluchest du dann einen Ältesten, der dir sagt, daß wir gegen den Galiläer mit unserer sehr verkümmerten Macht wenig oder nichts mehr ausrichten werden? Unternehmen wir – wenn das noch irgend möglich ist – etwas Ernstes und irgend für einige Tage Erfolgreiches gegen ihn, so haben wir uns das Grab schon gegraben, – was ich ganz klar einsehe; unternehmen wir aber nichts und betrachten sein Tun und Treiben mit mehr gleichgültigen Augen, so können wir noch eine längere Zeit bestehen, besonders wenn wir selbst irgendwelche Reformen im Tempeldienste annehmen und ins Werk stellen wollen. Aber nach deinem Plane werden wir alle bald genötigt sein, das Weite zu suchen. Ich habe geredet!‘
GEJ|7|84|15|0|Nun entstand eine volle Zwietracht im Hohen Rate. Ein Teil hielt mit den Ältesten, ein anderer mit dem Hohenpriester, und es kam zu einem lauten Zank. Da erhoben sich die Ältesten und gingen nach Hause, denn sie hatten ihre Häuser und andere Besitzungen. Nur die Pharisäer blieben noch bei Kaiphas, empfahlen sich aber auch bald, da es schon vollends um die Mitte des Tages war. –
GEJ|7|84|16|0|Sehet, so stehen nun die Dinge im Tempel, und Ich habe euch das nun darum genau mitgeteilt, damit ihr sehen könnet, welch einen geringen Eindruck die nächtlichen Mahnzeichen auf diese Natternbrut da unten gemacht haben! Sie sind und bleiben unverbesserlich, wie sie allzeit waren; darum wird das Licht von ihnen genommen und den Heiden gegeben werden. – Jetzt aber kommt auch schon unser Lazarus mit dem Raphael und wird uns zum Mittagsmahle laden, und wir alle werden uns für die Zeit des Mittagessens wieder in das Haus begeben!“
GEJ|7|84|17|0|Hier sagte Agrikola: „Herr und Meister, ich bin auf Deine nunmalige Mitteilung über den Hohen Rat, wie auch über die frühere Erzählung des Wirtes, wie sich die gewissen Priester über Dich ausgelassen haben, so ärgerlich geworden, daß ich nun gute Lust hätte, dem Landpfleger die ganze Sache mitzuteilen und einen Boten an den Oberstatthalter Cyrenius abzusenden, und es sollen da dem Oberpriester bald die Augen geöffnet werden, damit er zur Einsicht komme, wie nun die Dinge stehen!“
GEJ|7|84|18|0|Sagte Ich: „Freund, du weißt es ja, welche Macht in Mir ist! Wollte Ich diese da unten mit Gewalt richten, so würde ihnen das dennoch nichts nützen, weil Meine Allmacht – wie Ich euch das schon gezeigt habe – keines Menschen freien Willen bessern kann. Das muß die Lehre beim Menschen bewirken, nach der er sich selbst zu halten und zu bestimmen hat, so oder so zu handeln. Will ein Mensch das Gute und Wahre einer Lehre aber gar nicht einsehen und noch weniger danach handeln, so ist er schon ein Böser und wird in sich dereinst das finden, was ihn richten wird. Darum lassen wir das und begeben uns ins Haus!“
GEJ|7|84|19|0|Darauf erhoben wir uns und gingen in den großen Speisesaal, allwo schon ein gutes Mahl unser harrte.
GEJ|7|85|1|1|85. — Das rechte Fasten und Beten
GEJ|7|85|1|0|Da die vielen Zöllner uns schon bald nach dem Morgenmahle verlassen hatten, so war nun ganz natürlicherweise mehr Raum im Saale, und so konnten auch einige von den schon älteren und ernsteren Sklavenjünglingen in unserem Saale untergebracht werden und in unserer großen Gesellschaft ihr Mittagsmahl einnehmen. Es waren deren dreißig an der Zahl, die in unserem Saale speisten, und es ward ihnen die Fähigkeit verliehen, unsere Sprachen zu verstehen und auch zu reden, und das darum, daß sie auch etwas für sich und für ihre Gefährten verstanden von dem, was während des Mittagsmahles unter uns besprochen ward.
GEJ|7|85|2|0|Wir aßen und tranken nun ganz wohlgemut, und als der Wein den Gästen mehr und mehr die Zungen löste, da fingen die bekannten Judgriechen untereinander an, über die jüdischen Fastengebote zu reden, und einer machte die Bemerkung und redete also: „Von Moses angefangen haben die Juden im Jahre gewisse Tage, auch ganze Wochen gehabt, in denen sie fasten mußten. Die Propheten mußten gar viel fasten, weil dadurch ihr Fleisch mehr herabgestimmt und ihr Geist offener und klarer wurde. Also mußten auch die Seher gar viel und oft fasten, auf daß sie helle Träume und Gesichte bekamen. Wer irgendeine besondere Gnade von Gott erhalten wollte, der mußte Gott ein Gelübde machen, daß er so und so lange fasten und beten wolle, bis ihn Gott erhören werde, und wer also sein Gott gemachtes Gelübde hielt und erfüllte, der erhielt auch immer die erbetene Gnade von Gott, – was wir aus der Schrift wissen.
GEJ|7|85|3|0|Aber bei uns nun in dieser neuen Sphäre ist von keinem Fasten mehr die Rede. Es scheint, daß der Herr und Meister nun das alte Fastengebot ganz aufheben will so wie die Gelübdemacherei. Denn wir sind nun doch schon eine geraume Zeit stets bei und um Ihn und haben schon gar viele der rein göttlichen Lehren von Ihm vernommen und viele Wunderwerke von Ihm wirken sehen; aber von dem alten Fastengebot hat Er noch keine irgend besondere Erwähnung getan, und wir, wie Seine alten Jünger, haben noch nirgends gefastet und irgend besonders gebetet. Es wäre demnach doch auch gut, so wir es aus Seinem Munde vernähmen, was wir vom alten Fastengebot halten sollen.“
GEJ|7|85|4|0|Auf diese Rede richtete einer von ihnen die Frage an Mich, was es mit dem alten Fastengebot für eine Bewandtnis habe.
GEJ|7|85|5|0|Ich aber sah ihn an und sagte: „Ich habe bei einer guten Gelegenheit auch schon davon eine Erwähnung getan, nur habt ihr das – wie so manches andere – wieder vergessen, und so sage Ich euch das nun noch einmal: Ich hebe das alte Fastengebot nicht auf. Wer da im guten Sinne fastet, der tut für sich zwar ein gutes Werk – denn durch ein rechtes Fasten und Beten zu Gott wird die Seele freier und geistiger –; aber selig wird niemand durchs pure Fasten und Beten, sondern nur dadurch, daß er an Mich glaubt und den Willen des Vaters im Himmel tut, wie Ich euch solchen verkünde und verkündet habe. Das kann aber jedermann auch ohne die gewissen Fasten und ohne das Sich-Enthalten von gewissen Speisen und Getränken.
GEJ|7|85|6|0|Wer aber irgendeinen Überfluß hat und übt wahrhaft die Nächstenliebe, der fastet wahrhaft, und solch ein Fasten ist Gott wohlgefällig und dem Menschen zum ewigen Leben dienlich. Wer viel hat, der gebe auch viel, und wer wenig hat, der teile auch das wenige mit seinem noch ärmeren Nächsten, so wird er sich dadurch Schätze im Himmel sammeln! Geben aber ist schon für sich seliger als Nehmen.
GEJ|7|85|7|0|Wer aber vor Gott wahrhaft und zum ewigen Leben der Seele verdienstlich fasten will, der enthalte sich vom Sündigen aus Liebe zu Gott und zum Nächsten; denn die Sünden beschweren die Seele, daß sie sich schwer zu Gott erheben kann.
GEJ|7|85|8|0|Wer da gleich den Pharisäern und anderen Reichen Fraß und Völlerei treibt und für die Stimme der Armen taub ist, der sündigt gegen das Fastengebot, also auch ein jeder Hurer und Ehebrecher.
GEJ|7|85|9|0|Wenn dich das üppige Fleisch einer Jungfrau oder gar des Weibes eines andern anzieht und verlockt, so wende deine Augen ab und enthalte dich der Lust des Fleisches, und du hast dadurch wahrhaft gefastet!
GEJ|7|85|10|0|Wenn dich jemand beleidigt und erzürnt hat, dem vergib; gehe hin und vergleiche dich mit ihm, und du hast dadurch gültig gefastet.
GEJ|7|85|11|0|Wenn du dem, der dir Böses zugefügt hat, Gutes erweisest, und den segnest, der dir flucht, so fastest du wahrhaft.
GEJ|7|85|12|0|Was zum Munde hineingeht zur Ernährung und Kräftigung des Leibes, das verunreinigt den Menschen nicht; aber was oft aus dem Munde kommt, wie als Verleumdung, Ehrabschneidung, unflätige Worte und Reden, böser Leumund, Fluch, falsches Zeugnis und allerlei Lüge und Gotteslästerung, das verunreinigt den Menschen, und wer solches tut, der ist es, der wahrhaft das wahre Fasten bricht.
GEJ|7|85|13|0|Denn wahrhaft fasten heißt, sich selbst in allem verleugnen, seine ihm zugewiesene Bürde geduldig auf seine Schultern legen und Mir nachfolgen; denn Ich Selbst bin von ganzem Herzen sanftmütig und geduldig.
GEJ|7|85|14|0|Ob aber jemand dies oder jenes ißt, um sich zu sättigen, so ist das einerlei; nur soll ein jeder darauf sehen, daß die Speisen rein und auch gut genießbar sind. Besonders sollet ihr mit dem Fleischessen behutsam sein, so ihr am Leibe lange und dauernd gesund bleiben wollet. Das Fleisch von erstickten Tieren dient keinem Menschen zur Gesundheit, da es böse Geister in den Nerven des Leibes erzeugt, und das Fleisch der als unrein bezeichneten Tiere ist nur gesund zu genießen, wenn es also zubereitet wird, wie Ich euch solches schon angezeigt habe.
GEJ|7|85|15|0|Wenn ihr aber hinausziehen werdet in alle Welt unter allerlei Völker in Meinem Namen, da esset, was man euch vorsetzen wird! Aber esset und trinket nie über ein rechtes Maß, so werdet ihr die rechte Faste halten; alles andere aber ist Aberglaube und eine große Dummheit der Menschen, von der sie erlöst werden sollen, wenn sie es selbst wollen.
GEJ|7|85|16|0|Was aber das Beten zu Gott betrifft nach der Art der Juden, so hat solches nicht nur gar keinen Wert vor Gott, sondern es ist das ein Greuel vor Ihm. Was soll das lange Lippengeplärr vor Gott dem Allerweisesten bewirken, und besonders dann, wenn es noch bezahlt werden muß an gewisse privilegierte Beter, die dann für andere beten, weil ihr Beten etwa allein kräftig und wirksam sei?! Ich aber sage euch: So tausend solche Beter tausend Jahre lang ihre Gebete Gott vorplärren würden, da würde sie Gott noch weniger erhören als das Geplärr eines hungrigen Esels; denn solch ein Gebet ist kein Gebet, sondern ein wahres Gequake der Frösche in einem Sumpfe, da es keinen Sinn und keinen Verstand hat und nie haben kann.
GEJ|7|85|17|0|Gott ist in Sich ein Geist von höchster Weisheit und hat den allertiefsten und lichtvollsten Verstand und ist die ewige Wahrheit selbst. Wer also zu Gott wirksam beten will, der muß im Geiste und in der Wahrheit beten. Im Geiste und in der Wahrheit aber betet der, der sich in das stille Liebekämmerlein seines Herzens begibt und darinnen Gott anbetet und anfleht. Gott, der alle Herzen und Nieren durchforscht, wird auch in eure Herzen um so mehr schauen und gar wohl erkennen, wie und um was ihr betet und bittet, und wird euch auch geben, um was ihr also wahrhaft im Geiste und in der Wahrheit gebetet habt.
GEJ|7|85|18|0|Das vollends wahrhafte Gebet aber besteht in dem, daß ihr Gottes Gebote haltet und aus Liebe zu Ihm Seinen Willen tut. Wer also betet, der betet wahrhaft und betet ohne Unterlaß. Also aber beten auch alle Engel der Himmel Gott ohne Unterlaß an, da sie allzeit den Willen Gottes tun.
GEJ|7|85|19|0|Gott will nicht mit euren Psalmen und Psaltern und Harfen und Zimbeln und Posaunen, sondern durch euer reges und unverdrossenes Handeln nach Seinem Worte und Willen angebetet, verehrt und gepriesen sein.
GEJ|7|85|20|0|Wenn ihr Gottes Werke betrachtet und darin stets mehr und mehr Seine Liebe und Weisheit erforschet und erkennet, dadurch in der Liebe zu Ihm wachset und selbst in euch weiser und weiser werdet, so betet ihr auch wahrhaft und bringet Gott ein rechtes Lob dar; alles andere aber, was ihr bisher unter Beten verstandet, ist völlig leer, nichtig und wertlos vor Gott.
GEJ|7|85|21|0|Nun wisset ihr, was wahrhaft fasten und beten heißt, und fraget nicht mehr, warum nun nach Meiner Lehre Ich und Meine Jünger nicht fasten und beten nach Art der blinden Juden und Pharisäer. Wir aber fasten und beten im Geiste und in der Wahrheit ohne Unterlaß, und es ist sonach sehr albern, Mich zu fragen, warum das Beten und Fasten von uns nach eurer alten und nichts werten Art unterlassen wird.
GEJ|7|85|22|0|Meine Jünger aber sollen nun auch so lange, wie Ich als ein rechter Bräutigam ihrer Seelen unter ihnen und bei ihnen bin, nicht fasten; wenn Ich aber einmal nicht also wie jetzt unter ihnen und bei ihnen sein werde, dann werden sie schon fasten auch mit dem Magen, so ihnen die Lieblosigkeit der Menschen wenig oder oft auch nichts zu essen geben wird. Aber solange sie nun bei Mir sind, sollen sie keinen Hunger und Durst leiden. – Habt ihr das nun alle wohl verstanden?“
GEJ|7|85|23|0|Sagten alle: „O Herr und Meister, Dir ewig Dank für solch eine weise Lehre! Wir haben sie alle wohl verstanden. Geehrt und geheiligt werde Dein Name!“
GEJ|7|85|24|0|Sagte Ich darauf: „Also tuet danach, so werdet ihr leben! Und nun esset und trinket, und stärket und kräftiget eure Glieder!“
GEJ|7|85|25|0|Hierauf griffen alle wacker zu und aßen und tranken ganz wohlgemut.
GEJ|7|86|1|1|86. — Die verkappten Tempeldiener bei Lazarus
GEJ|7|86|1|0|Als da alle hinreichend gegessen und getrunken hatten, da kam ein Diener des Lazarus und sagte zu ihm: „Herr des Hauses, es sind etliche Menschen draußen und möchten mit dir allein reden! Ich halte sie für Bethlehemer, die aber sehr dürftig und verkümmert aussehen. Tue nach deinem Willen!“
GEJ|7|86|2|0|Fragte Mich Lazarus: „Herr, was werden diese von mir etwa wollen? Wenn ich von Dir zuvor einen Wink hätte, so hätte ich dann leicht reden mit ihnen.“
GEJ|7|86|3|0|Sagte Ich: „Traue ihnen nicht! Es sind das keine Bethlehemer, sondern verkleidete Templer, die von dir erfahren möchten unter einer feinen und höflichen Art, ob du etwa nicht wüßtest, wo Ich Mich aufhalte. Sie werden dir die Versicherung geben, daß sie Meine Jünger werden möchten, wenn sie nur erfahren könnten, wo Ich Mich aufhalte. Unter ihren Mänteln aber haben sie Stricke und Schwerter, auf daß sie Mich fangen und binden und dann hinschleppen könnten vor des Kaiphas Hohen Rat. Denn diese böse, ehebrecherische Art da unten hat nun, da das Volk sich schon zum größten Teile verlief, wieder Mut gefaßt, Mich zu verderben; aber Meine Zeit ist noch nicht da. Darum gehe du nun mit Meinem Raphael hinaus, und es wird dir schon in den Mund gelegt werden, was du zu reden hast; Raphael aber wird schon das seinige tun.“
GEJ|7|86|4|0|Hierauf begab sich Lazarus mit Raphael schnell hinaus und fand bei zwanzig Männer in einem der ersten Zelte sitzen und seiner harren.
GEJ|7|86|5|0|Als er bei ihnen ankam, erhoben sie sich von ihren Sitzen, und einer von ihnen als der Wortführer sagte nach einer vorangehenden tiefen Verbeugung: „Lieber, guter Freund! Wir alle sind aus der Umgebung der alten Stadt Davids und sind wegen der schrecklichen Zeichen, die in dieser Nacht zu sehen waren, aufgebrochen noch vor Mitternacht und hierher geeilt, um von irgendeinem Weisen zu vernehmen, was uns wohl irgend bevorstehen möchte. Wir gingen zu dem Behufe auch sogleich in den offenen Tempel und vernahmen da dieses und jenes, was uns aber durchaus nicht trösten und befriedigen konnte. Aber es trat, als alles Volk im Tempel schon sehr ungeduldig geworden war, ein sehr alter Rabbi auf und belehrte das Volk, wälzte die meiste Schuld auf die Templer und ihr schlechtes Gebaren mit der Lehre Mosis, was wir alle als eine volle Wahrheit sogleich nur zu gut einsahen. Am Ende kam er auf den gewissen Propheten Jesus aus Galiläa zu sprechen und stellte so ziemlich unverhohlen seine Vermutung dahin auf, daß dieser Nazaräer der verheißene Messias sei. Und siehe, alles Volk jubelte ihm seinen entschiedensten Beifall zu!
GEJ|7|86|6|0|Da dachten wir uns: ,Der Alte hat die volle Wahrheit geredet!‘, und wir faßten den festen Entschluß, ihn, den Nazaräer, irgendwo aufzusuchen und womöglich seine Jünger zu werden. Wir erkundigten uns schon seit heute morgen, wo er sich etwa in dieser Zeit persönlich aufhalten könnte, und erfuhren durch einen uns wenig bekannten Menschen, daß du uns darüber etwa den sichersten Aufschluß geben könntest, da der Prophet bekanntermaßen ein besonderer Freund deines Hauses sei und du somit, wie gesagt, am allerehesten wissen dürftest, wo der große Mann Gottes sich nun aufhalte. Wenn du davon irgendeine haltbare Nachricht und Kenntnis hast, so teile es uns freundlichst mit, auf daß wir dann sogleich dahin ziehen und seine eifrigen Jünger werden können!“
GEJ|7|86|7|0|Sagte Lazarus mit sehr ernster Stimme: „Ihr wißt es, wie ich ehedem ein eifriger Anhänger und Unterstützer des Tempels war; aber die Habgier des Tempels, die gegen mich stets im Wachsen war, wollte mir am Ende gar alles nehmen und mich zu einem vollen Bettler machen. Als alle meine noch so begründeten und vernünftigen Gegenvorstellungen nichts mehr fruchteten, blieb mir nichts anderes übrig, als mich ganz zum römischen Bürger umzuwandeln und mich völlig unter römischen Schutz zu stellen, damit ich vor den zu sehr überhandnehmenden Verfolgungen des Tempels völlig gesichert bin und nun jeden Angriff von seiten des Tempels mit dem Schwerte Roms von mir weisen kann. Ihr dürftet mich heute nur mit einem Tempelgewaltsfinger anrühren, so stündet ihr morgen vor den unerbittlich strengen römischen Richtern und würdet wahrscheinlich mit dem Tode bestraft werden, was ihr euch wohl sehr merken könnet; denn also lautet es in meinem römischen Schutzbriefe. Dieses sagte ich euch nur darum zum voraus, damit ich in der eigentlichen Sache etwas leichter mit euch reden kann.
GEJ|7|86|8|0|Seht, eure durchgängig allerschändlichste Lügenrede war recht gut gesprochen und zuvor recht fein ausgedacht; aber ihr habt dabei das vergessen, daß der Lazarus das Vermögen hat, jeden Menschen im Augenblick zu durchschauen, was er so ganz eigentlich geheim im Sinne hat. Und so habe ich denn auch euch gleich durchschaut und nur zu klar erkannt, wessen Geistes Kinder ihr seid.
GEJ|7|86|9|0|Ihr sagtet, daß ihr aus der Umgebung der alten Stadt Davids seid, – und sehet, ihr seid von hier und bekannt als die feilsten Diener der herrsch- und habgierigen Pharisäer! Mit welchem Rechte und aus welchem Grunde wolltet ihr mich denn gar so arg belügen? Ihr gabet vor, den gewissen Jesus aus Nazareth aufzusuchen, und ihr seid mit Schwertern und Stricken versehen, um den Propheten irgendwo aufzugreifen und ihn entweder gleich zu erwürgen oder ihn vor eueren Hohen Rat zu schleppen. Ist das eine Art, so zu mir, Lazarus, zu kommen? Na wartet, diese eure teuflische Keckheit soll euch zur Witzigung für euch selbst und für euren Hohen Rat teuer zu stehen kommen! O ihr allergottlosesten Häscher samt eurem Hohen Rat, – die Frechheit ist wahrlich zu arg, als daß ich sie als nun ein römischer Bürger ungestraft dahingehen lassen sollte!
GEJ|7|86|10|0|Redet nun, welcher Teufel euch den Sinn eingegeben hat, mich, den Lazarus von Bethania, den doch jeder Mensch kennt und achtet, zu einem Verräter eines gottbegabten und allerbesten und ehrlichsten Menschen zu machen! Ich habe das niemals irgendeinem Feinde meines Hauses getan und soll das nun gegen einen besten und allerunschuldigsten Menschen darum tun, weil Er eurer schnöden Lügenpolitik gar sehr im Wege wandelt und die durch euch von Gott abgewichenen Menschen wieder zu Gott zurückwendet und sie mit der schon so lange vermißten Wahrheit wieder bekanntmacht? Redet nun, ihr Elenden! Warum habt ihr mir nun das angetan? Wer sagte es euch, daß eben ich am ehesten in der Kenntnis sein würde, wo sich nun irgend der Heiland aus Galiläa aufhalten könnte?“
GEJ|7|86|11|0|Hier stutzten die verkleideten Häscher gewaltig, und der frühere Wortführer sagte: „Wie aber magst du da solches von uns eher behaupten, als du uns untersucht hast?“
GEJ|7|86|12|0|Sagte mit lauter und heftiger Stimme Lazarus: „Was, – ihr wollet mir noch in Abrede stellen, daß ihr keine gottvergessensten Lügner und Häscher seid?! Na wartet, das soll euch noch teurer zu stehen kommen! Ich bin ein Mensch, der allenthalben eine Menge Herbergen besitzt, und der ich noch nie von einem armen Wanderer irgendeinen Zehrpfennig verlangt habe. Mir muß nach dem römischen Gesetze jeder Wanderer recht sein, ob er ein Jude oder von irgendwoher ein Heide ist. Wenn ich denn auch den Propheten Jesus aus Galiläa irgendwann beherbergt habe, könnet ihr mich darüber irgendwann zu einer Verantwortung ziehen? Ich erfüllte als Jude – und nun als ein römischer Bürger – stets meine Pflichten und verdiene nicht von so elenden Kreaturen, wie ihr da seid, untersucht zu werden!
GEJ|7|86|13|0|Ihr habt die großen Zeichen in der vergangenen Nacht wohl gesehen, die doch von der Art waren, daß sie jedes Menschen Herz mit großem Bangen erfüllen mußten, – doch eure Tierherzen blieben verstockt, und ihr habt samt eurem Hohen Rat keine Scheu, schon heute am ersten Tage auf die erschrecklichen Wahrzeichen Sünden auf Sünden zu häufen! Jetzt aber will ich euch überzeugen, daß ich nicht unrecht hatte, euch das zu sagen, was ich euch gesagt habe!“
GEJ|7|86|14|0|Hier sagte Lazarus zu Raphael: „Enthülle du diese Gotteslästerer, auf daß wir ihnen noch klarer zeigen können, wessen Geistes Kinder sie sind!“
GEJ|7|86|15|0|Hier trat Raphael vor die zwanzig Häscher und sagte zu ihnen: „Enthüllet euch nach dem Wunsch und Willen des Lazarus, sonst werdet ihr von mir enthüllt werden!“
GEJ|7|86|16|0|Sagte der Wortführer: „Da müßten gar viele solche zarten Jünglinge über uns kommen, bis sie uns nötigen könnten, daß wir dann lichteten unsere Mäntel. Verstanden, du milchzarter Junge?“
GEJ|7|86|17|0|Sagte nun Raphael: „Gut denn, weil ihr es auf meine euch so ganz unscheinbare Gewalt ankommen lassen wollet, so werde ich denn auch bei euch nun meine Gewalt anwenden und sage: Hinweg mit euren Mänteln, die vor uns verhüllen eure Schwerter und Stricke!“
GEJ|7|86|18|0|Als Raphael solches noch kaum ausgesprochen hatte, da waren die Mäntel auch schon völlig vernichtet, und die zwanzig standen nun ganz wie vom Blitze getroffen betäubt da; denn eine solche Enthüllungsweise war ihnen wohl noch nie vorgekommen.
GEJ|7|86|19|0|Hierauf sagte nun Lazarus: „Wollet ihr jetzt auch noch sagen, daß ihr Bethlehemer seid, und daß ihr darum zu mir gekommen seid, um da zu erfahren, wo sich der Heiland aus Nazareth aufhalte, und ihr ihm dann nachzöget, um seine Jünger zu werden? Schöne Jünger das, die mit Stricken und Schwertern nachziehen und auf ihren Röcken die Abzeichen tragen, daß sie wirkliche Knechte und Häscher des Tempels und des Hohen Rates sind! Was wollet ihr nun tun? Ihr seid nun in meiner Gewalt, und dieser Jüngling genügt, euch alle ebenso zu vernichten, wie er eure elenden Mäntel vernichtet hat! Darum frage ich euch noch einmal: Was werdet und wollet ihr nun tun?“
GEJ|7|86|20|0|Sagte mit sehr zitternder Stimme der Wortführer: „Höre uns, Vater Lazarus! Wir legen hier unsere Waffen und Stricke nieder und ergeben uns dir auf Gnade und Ungnade. Wir sind schlecht und elend, doch nicht sosehr von uns selbst aus, sondern von dem Hohen Rat aus, dem wir um einen schlechten Sold dienen mußten. Wir sind schon von Geburt aus sehr arm und haben nie Gelegenheit gehabt, etwas Besseres zu erlernen; weil wir aber stark und rüstig geworden sind, so hat man uns bald vom Tempel aus zu dem gemacht, was wir leider nun sind. Könnten wir vom Tempel loswerden und irgendwo einen andern Dienst bekommen, so wären wir gewiß sehr glücklich. Daß wir uns ehedem gegen dich leider so recht teuflisch schlau benahmen, das war uns vom Hohen Rat also aufgetragen; aber nach unserem eigenen Willen hätten wir das wohl nie getan. Und nun kurz und gut, wir sind deine Gefangenen, und du mache nun mit uns, was du willst! Wir haben erfahren die Macht deines Jungen, der wir keine entgegenzusetzen imstande sind, und so ergeben wir uns dir vollkommen. Nimmer werden wir dem Tempel mehr dienen und unsere Hände nicht legen an den Heiland aus Nazareth!“
GEJ|7|86|21|0|Sagte Lazarus: „So reißet eure bösen Abzeichen von euren Röcken und ziehet nun nach der Gegend um Bethlehem, allwo ich auch eine große Besitzung habe, tretet dort in meinen Dienst, und es soll euch ein besserer Lohn werden denn im Tempel! Auf daß ihr aber dort von meinem Sachwalter aufgenommen werdet, so erhaltet ihr nun von mir ein Aufnahmezeichen, das mir dieser mein junger Freund sogleich herbeischaffen wird.“
GEJ|7|86|22|0|Als Lazarus ausgeredet hatte, war Raphael mit den Zeichen auch schon bei der Hand, und als die zwanzig die Tempelabzeichen von ihren Röcken vertilgt hatten, gab ihnen Lazarus das Dienstaufnahmezeichen und dazu einem jeden sieben Groschen Zehr- und Reisegeld bis nach dem Orte ihrer neuen Bestimmung und sagte zu ihnen: „So ihr mir gute Dienste leisten und nach den wahren Geboten Mosis leben werdet, soll ein jeder nebst der ganzen leiblichen Verpflegung jährlich noch hundert Silberlinge Lohn haben. Und nun machet euch auf den Weg, daß ihr nicht zu spät in der Nacht an Ort und Stelle ankommet! In Kürze werde ich selbst dahin kommen und nachsehen, was ihr in meinem Dienste leistet.“
GEJ|7|86|23|0|Hier dankten alle, begaben sich schnell auf den Weg und zogen ganz wohlgemut nach Bethlehem. Auf dem Wege zerbrachen sie sich freilich wohl die Köpfe darüber, wer denn der zarte und doch so wunderbar mächtige Jüngling sein möchte, und rieten hin und her.
GEJ|7|86|24|0|Aber der Wortführer sagte: „Dieses unser Vermuten ist für nichts und führt zu nichts; wenn Lazarus zu uns kommen wird, so wird er wohl etwas sagen!“
GEJ|7|86|25|0|Damit hatte der Streit ein Ende, und die zwanzig zogen ruhig weiter.
GEJ|7|86|26|0|Lazarus aber ließ durch seine Diener die Schwerter und Stricke ins Haus schaffen und kam darauf mit Raphael wieder zu uns in den Speisesaal.
GEJ|7|86|27|0|Als die beiden wieder bei uns waren, sagte Ich zu Lazarus: „Du hast deine Sache nun gut ausgeführt, und es sind dadurch zwanzig Seelen der Hölle entrissen worden; aber der Hohe Rat wird der Hölle nicht entrissen werden! Es hätte aber der Wortführer dem Hohen Rate eine Nachricht hinterbringen sollen, was alles er etwa hier über Mich in Erfahrung gebracht habe, und darauf erst hätte er höhere Weisungen für Meine Gefangennehmung vom Hohen Rat empfangen. Da aber von diesen ausgesandten allerschlauesten Häschern, auf deren Nachricht der Hohe Rat nun schon mit großer Spannung harrt, sich wohl keiner je mehr im Tempel wird sehen lassen, so ist vorderhand des Hohen Rates Plan auf eine Zeit hin vereitelt. Und das ist es eben, was zu erreichen notwendig war, und alles das ward also zugelassen, damit das erreicht wurde, was nun erreicht worden ist.
GEJ|7|86|28|0|Was aber wird nun der Hohe Rat machen? Er wird sich nach dem Mittagsmahle teilweise auch hinaus nach Emmaus zu Nikodemus begeben, um vom dritten Zeichen auch etwas zu vernehmen; aber Nikodemus, der alte Rabbi und ein gewisser Ältester Joseph von Arimathia sind ganz kluge Menschen, und des Hohen Rates Abgeordnete werden dort nicht leicht etwas zu hören bekommen, was in ihren argen Kram passen sollte. So stehen nun die Dinge, und es ist gut also. Wir aber begeben uns nun wieder ins Freie und wollen ungestört auf dem Platze, wo wir heute morgen waren, den ganzen Nachmittag bis zum vollen Abend zubringen!“
GEJ|7|87|1|1|87. — Die Tempelherren pilgern zu Nikodemus
GEJ|7|87|1|0|Auf diese Meine Worte erhoben sich wieder alle Anwesenden und zogen mit Mir auf die Anhöhe. Auch die etlichen Sklavenjünglinge zogen mit; ihre andern Gefährten aber blieben beisammen und hatten ihre Freude mit den Schafen, deren Ursprung schon bekannt ist. Als wir uns aber auf der duftigen Anhöhe befanden und uns in guter Ordnung gelagert hatten, da ersahen wir auch, wie auf dem Wege gen Emmaus des Hohen Rates Abgeordnete wandelten und an der gewissen Wundersäule stehenblieben und sie von allen Seiten mit vielem Staunen betrachteten, denn es ging ihnen gar nicht ein, wie solch eine Prachtsäule dahin gekommen sei. Denn zur Herschaffung und Aufstellung einer solchen Säule würden mehrere Monate erforderlich sein, sie aber hätten diesen Weg erst vor wenigen Tagen begangen, und da wäre von dieser Säule noch gar nichts zu sehen gewesen. Da werde ihnen Nikodemus sicher die beste Auskunft zu geben imstande sein, weil die Säule ganz auf seinem Grund und Boden stehe.
GEJ|7|87|2|0|Ich teilte das den Anwesenden mit, und alle wurden recht heiter darüber und sahen voll Aufmerksamkeit, wie sich die Pharisäer und die andern Erzjuden von der Säule gar nicht trennen konnten.
GEJ|7|87|3|0|Hier sagte Agrikola zu Mir: „Herr und Meister, da wäre es nun gar nicht schlecht, wenn man nun jene schwarzen und gottlosen Abgeordneten vernehmen könnte, was alles für dumme und sicher mitunter auch böse Urteile sie über die Entstehung und über den Zweck dieser Säule machen.
GEJ|7|87|4|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund, daß ihre Urteile überaus dumm sind, das kannst du dir schon auch so – ohne sie zu vernehmen – vorstellen; denn woher sollten diese je ein weises Urteil über irgend etwas Besonderes zu schöpfen imstande sein?
GEJ|7|87|5|0|Wer über etwas ein gutes und wahres Urteil schöpfen will, der muß in sich selbst gut und wahrhaft sein; jene dort aber sind voll alles Bösen und Falschen. Wie soll dann aus ihrem Munde je irgendein gutes Urteil ausgesprochen werden können?! Aber damit du dich dennoch überzeugen kannst, wie ungeheuer blind und dumm jene heuchlerischen Zeloten über jene Säule urteilen, so will Ich dir etliche jener ausgesprochenen Urteile kundgeben. Und so vernimm sie!
GEJ|7|87|6|0|Siehe, einer sagt: diese Säule habe der Teufel aus der Hölle heraufgeschoben; denn sie sei, wenn er sie anfühle, noch ordentlich heiß. – Die Säule ist nun durch die sie bescheinenden Strahlen der Sonne im Ernste ganz tüchtig warm geworden –. Das sei etwa darum geschehen, weil Nikodemus es nicht in allem mit dem Hohen Rat halte. – Sieh, das wäre so ein löbliches Urteil von einem jener Tempelweisen! Mit dem sind einige mit noch manchen gleich dummen Zusätzen ganz einverstanden.
GEJ|7|87|7|0|Aber da ist einer, der Nikodemus ein wenig in Schutz nimmt; der sagt: ,Ich will die Möglichkeit dieser Art der Entstehung dieser Säule gerade nicht in Abrede stellen, will aber auch nicht dieses Urteil als eine schon ausgemachte Wahrheit für ungezweifelt annehmen; denn wenn der Teufel auf jedes Ältesten Grund und Boden, der nun nicht in gar allem mit uns völlig einverstanden ist, wie zum Beispiel Lazarus von Bethanien, eine solche Säule aus der Hölle und Erde herausschieben wollte, so gäbe es schon eine Menge solcher Säulen im ganzen Judenlande.
GEJ|7|87|8|0|Aber ich bin da einer anderen Meinung. Nikodemus war und ist noch ein Freund von allem, was er irgend als außerordentlich anerkennt. Bei ihm haben darum alle Magier, woher sie auch sein mögen, stets eine gute Aufnahme gefunden. Irgend so etliche echt indische oder persische Zauberer haben ihm mittels ihrer geheimen Kunst und Wissenschaft und im Bunde mit den Kräften der Elemente – wie da etwa sind die Luft-, Wasser-, Erd- und Feuergeister – aus Dankbarkeit ein solches Monument hergesetzt, und er wird damit eine große Freude gehabt haben. Denn es sollen solchen Erzzauberern solche Dinge eben nicht unmöglich sein.‘
GEJ|7|87|9|0|Auch dieses Urteil hat seine Anhänger gefunden. Nur macht der erste Urteilsschöpfer die weise Bemerkung hinzu, sagend: ,Es ist das aber dann schon nahe ein und dasselbe; denn wir wissen es ja, daß derlei Zauberer sicher im Bunde mit der Hölle stehen und mit Hilfe der Teufel ihre Künste ausführen.‘
GEJ|7|87|10|0|Sagt der zweite Urteilsschöpfer: ,Na, na, wir wissen es ja auch nicht, was die Elementargeister alles vermögen! Auch in gewissen Kräutern sollen manche verborgenen Kräfte sein.‘
GEJ|7|87|11|0|Damit sind wieder mehrere einverstanden.
GEJ|7|87|12|0|Aber nun kommt ein dritter und sagt: ,Auch ich bin mit euren Urteilen unter gewissen Umständen teilweise einverstanden, bin aber für mich doch noch einer anderen Ansicht und Meinung. Es kann diese Säule auch von den Römern herrühren, die sie irgend zur Nachtzeit dem Nikodemus als eine Auszeichnung darum hierhergesetzt haben, weil er geheim ein ganz besonderer Freund von ihnen sein soll. Denn den Römern dürfte so etwas eben nicht sehr unmöglich sein. Wagen und andere Mittel haben sie in großer Menge und der kräftigsten Menschen auch. Wenn alles vorbereitet ist, so kann solch eine Säule schon auch in einer Nacht aufgesetzt werden. Daß demnach diese Säule in jeder unserer verschiedenen Ansichten keine für den Tempel freundliche Bedeutung hat, das ist so gut wie völlig entschieden. Doch lassen wir nun das und begeben uns nach Emmaus! Dort werden wir wohl irgend Näheres über den Ursprung und Zweck dieser Säule erfahren.‘
GEJ|7|87|13|0|Seht nun hin, wie die schwarze Gesellschaft die Säule zu verlassen anfängt und, sich noch öfter nach der Säule umsehend, nun weiter gen Emmaus hinzieht, was jeder mit nur etwas scharfen Augen sicher noch ganz gut wahrnehmen kann!
GEJ|7|87|14|0|Es sind aber noch mehrere überaus dumme und bösmeinende Urteile über die Entstehung und über den Zweck jener Säule gemacht worden, für deren Wiedererzählung um jeden Augenblick Zeit ein großer Schaden wäre, weil daraus niemand zum Heile seiner Seele etwas gewinnen würde. Aber Ich will euch nun lieber zum voraus von dem etwas sagen, wie diese Abgesandten des Hohen Rates bei Nikodemus empfangen und was sie dort ausrichten werden. Des leichteren Verständnisses wegen aber werde Ich die Sache ganz kurz also darstellen, als wäre sie schon geschehen. Und so höret denn!
GEJ|7|87|15|0|Nikodemus sieht schon von weitem die Abgeordneten, wie sie sich seinem Wohnhause nähern, was ihm und seinen wenigen Freunden – darunter auch zweien Römern – durchaus nicht angenehm ist; aber hier heißt es: Seid klug wie die Schlangen und sanft wie die Tauben!
GEJ|7|87|16|0|Der alte Rabbi meint und sagt: ,Es muß im Tempel etwas Besonderes vorgefallen sein, das diese Erzjuden und Pharisäer bewogen hat, sich umsonst gar da heraus zu begeben, wo sie sich doch sonst für jeden Schritt nie genug zahlen lassen können.‘
GEJ|7|87|17|0|Sagt hierauf Nikodemus: ,Da hast du sehr richtig geurteilt! Aber hier heißt es sich sehr zusammennehmen; denn das sind die schlauesten Füchse des Tempels. Ihr wartet hier, ich aber werde ihnen als der Hausherr mit der freundlichsten Miene von der Welt entgegengehen, – und täte ich das nicht, so würden sie mir das gleich zu einem großen Vergehen wider das Ansehen des Tempels anrechnen!‘
GEJ|7|87|18|0|Nikodemus geht nun eilig den Ankommenden freundlich entgegen und grüßt sie nach der Sitte des Tempels, welchen Gruß sie ihm denn auch sogleich erwidern. Als sie nun vollends beisammen sind, fragt sie unser Nikodemus gleich, was es denn sei, daß sie ihm eine solche Ehre erwiesen haben.
GEJ|7|87|19|0|Sagt gleich der eine: ,Freund, darüber werden wir in deinem wahrlich schönen und prachtvollen Hause leichter reden denn hier, da uns der bedeutend weite Weg schon wahrlich recht müde gemacht hat; aber es fragt sich vor allem, was du für Gäste bei dir hast.‘
GEJ|7|87|20|0|Sagt Nikodemus: ,Niemanden außer den alten Rabbi, Joseph von Arimathia und ein paar Römer, die hier, wie ihr wisset, meine Nachbarn sind, und die man bei einer solchen Gelegenheit ja nicht übersehen darf. Dann ist auch meine Familie hier, um sich auf den heutnächtlichen Schreck ein wenig zu erholen. Also lauter euch bekannte Menschen!‘
GEJ|7|87|21|0|Sagt ein Pharisäer: ,Nun, wenn sonst niemand bei dir ist, so macht uns das nichts; denn vor diesen kann man schon reden, und die beiden Römer sind uns in einer gewissen Hinsicht sogar sehr erwünscht. Das andere werden wir im Hause abmachen.‘
GEJ|7|87|22|0|Hier treten sie ins Haus und werden von Nikodemus mit der üblichen Zeremonie zu der anwesenden Gesellschaft gebracht, die sie auch sehr freundlich und ehrerbietig begrüßt und bewillkommt und ihnen am Tische auch sogleich die ersten Plätze anträgt, – etwas, worauf die Pharisäer besonders schauen, wie ihr solches selbst gar wohl wisset. Es wird ihnen nun sogleich in silbernen Bechern der beste Wein kredenzt und Brot und Eier und Salz. Sie essen und trinken nun wacker, was auch eine bekannte Tugend der Pharisäer ist; denn auf ein tüchtiges Freß- und Saufgelage halten die Templer besonders große Stücke.
GEJ|7|87|23|0|Aber da sie nun dem Weine ganz tüchtig zugesprochen haben, so werden nun ihre Zungen beweglich, und einer der Pharisäer sagt: ,Da wir uns nun ganz vollauf gestärkt haben, so wollen wir euch denn auch die verschiedenen Gründe unserer persönlichen Hierherkunft ohne allen Rückhalt offen kundtun, und ihr könnet darüber nach eurem besten Wissen, Willen und Gewissen eure Meinung aussprechen.
GEJ|7|87|24|0|Als ihr heute noch vor der Mitte des Tages ob einiger Meinungsverschiedenheiten den Hohen Rat verließet – wozu ihr als Älteste auch das volle Recht habt –, da wurde nachher noch so manches beraten, und das natürlich zumeist über den Störenfried aus Nazareth.
GEJ|7|87|25|0|Daß der Mensch große Dinge leistet, bestreitet wohl keiner von uns; auch seine Rede ist weise und bündig. Aber das sind denn doch noch immer Dinge, die gelegenheitlich ein jeder begabte Mensch erlernen kann. Wir haben ja selbst oft genug morgenländische Magier gesehen, die die unglaublichsten Wunderdinge bewerkstelligen konnten, und die Heiden hielten sie oft sogar für Götter, weil sie nicht wußten, daß die Götter mit Fleisch und Blut ihre Zauberstücke durch ihre geheimen Mittel zustande brachten. Die Mittel aber ließen die Zauberer wohl sicher niemanden sehen und von ihnen genaue Kenntnis nehmen. Und wie es war und noch ist mit allen solchen Zauberern, so wird es auch sicher mit dem Nazaräer sein. Aber bei ihm ist nur das besonders für uns Juden Gefährliche, daß er allen Menschen ohne alle Scheu ins Gesicht sagt, daß er der verheißene Messias der Juden sei und nur die, welche an ihn glauben, das ewige Leben haben werden.
GEJ|7|87|26|0|Wir aber haben seinen Plan durchschaut und wissen recht wohl, daß er sich mit der Zeit zum König der Juden aufwerfen will, was unser Land dann mit Krieg über Krieg erfüllen würde; denn die mächtigen Römer würden mit uns dann sicher nicht barmherzig umgehen. Um das zu verhüten, haben wir dahin den Ratschluß gefaßt, nach dem Menschen zu fahnden mit allen Mitteln und ihn dann dem scharfen Gerichte der Römer zu übergeben. Sollte er wirklich der Messias sein, so wird er als ein Gott sicher nicht zu töten sein, und wir können und werden dann auch an ihn glauben; wird er aber getötet, so liegt es dann doch klar auf der Hand, daß er nur ein Zauberer ist, der sich durch seine Zaubereien einen Thron im Judenlande aufrichten will.
GEJ|7|87|27|0|Um aber dieses gefährlichen Menschen habhaft werden zu können, muß man wissen, wo er sich befindet. Zu dem Zweck entsandten wir nach dem Rate sogleich zwanzig unserer stärksten und schlauesten Häscher an Lazarus, der sich unseres Wissens nun in der Festwoche stets auf seinem Ölberg aufhält. Und wir entsandten die Häscher darum an Lazarus, weil wir es in Erfahrung gebracht hatten, daß er es ganz sicher wisse, wo sich der Zauberer aus Nazareth befinde. Es hätten uns aber die Häscher alsogleich davon benachrichtigen sollen, was sie von Lazarus infolge ihrer Schlauheit erfahren haben, und es hätte das in einer kleinen Stunde geschehen können. Aber es kam keiner der Häscher – vielleicht bis jetzt noch nicht – zurück, und wir sind darum zu dir herausgekommen, weil wir dachten, Lazarus könne vielleicht die Häscher zu dir herausgeschickt haben, in der Meinung, daß du als Meister der Bürger Jerusalems so etwas durch deine vielen Aufseher am ehesten wissen werdest. Aber wir überzeugen uns nun hier vom Gegenteile.
GEJ|7|87|28|0|Da wir aber nun schon hier sind, so fragen wir denn nun dich selbst, ob du nicht oder wohl weißt, wo sich nun der Nazaräer aufhalten dürfte. Denn wissen wir das, so wissen wir dann schon, was wir zu tun haben. Die Zeichen in dieser Nacht kann ganz leicht er – etwa in Verbindung mit den elenden Essäern – zustande gebracht haben; denn diese sollen durch gewisse arkadische Spiegel dergleichen Dinge zu bewirken imstande sein. Wir vermuten nun, daß er zu den Essäern gezogen ist. Wenn das der Fall wäre, dann wäre mit unserem Plane freilich wohl nicht viel zu machen. Was kannst du, Freund Nikodemus, über alles das nun sagen und raten?‘“
GEJ|7|88|1|1|88. — Die Rede des Nikodemus an die Templer
GEJ|7|88|1|0|(Der Herr:) „Nun, wie es dabei unserem Nikodemus ärgerlich zumute wurde, das läßt sich von selbst leicht begreifen.
GEJ|7|88|2|0|Nach einer kleinen Weile tieferen Nachdenkens sagt nun er (Nikodemus): ,Ja, meine Freunde, das ist nun eine Sache, in der es sich schwer reden und noch schwerer raten läßt! Ihr habt es ja letzthin im Tempel selbst erlebt und gesehen, wie der Nazaräer, als ihr ihn ob jener Behauptung, daß er schon vor Abraham war, steinigen wolltet, in der Mitte des Tempels völlig unsichtbar wurde, und ihr dann eure Steine wieder zur Seite legen mußtet! Ich habe die ganze Sache bei mir ganz ruhig und reiflich überlegt und habe gefunden, daß da mit solch einem Menschen, dem aber schon gar nichts mehr unmöglich ist – wovon ich mich selbst überzeugt habe und als Bürgermeister der Stadt auch überzeugen mußte –, mit irgendeiner Gewalt gar nichts auszurichten ist. Und weil ich vieles weiß, was ihr nicht wissen könnet, so werde ich mich wohlweislich hüten, gegen einen solchen Menschen je irgend etwas Feindliches zu unternehmen. Mein Rat hierüber wäre demnach dieser: gegen diesen Menschen gar nichts Feindliches unternehmen, sondern die ganze Sache mit ganz ruhigem Gemüte abwarten, was am Ende da noch alles herauskommen wird.
GEJ|7|88|3|0|Denn ist die Sache wirklich rein göttlicher Art, so stemmen wir uns fruchtlos dagegen; ist sie aber dennoch eine diesirdisch-menschliche, so wird sie auch von selbst wieder zerfallen. Sollte der Mensch aber mit der Zeit irgend für die Römer irgend politisch gefährlich zu werden anfangen, so werden ihn die scharfsichtigen Römer bald haben. Bis jetzt hat er sich in politischer Hinsicht aber noch nirgends gefährlich gezeigt und steht bei den Römern meines guten Wissens in großem Ansehen und ist von ihnen überaus wohl gelitten. Solange aber das der Fall ist, wäre es von uns sehr unklug, wenn wir, ganz sicher allzeit vergeblich, den mächtigen Römern vorgreifen wollten.
GEJ|7|88|4|0|Der Funke, der mich nicht brennt, wird von mir nicht vertilgt. Ihr habt nach eurer ganz guten Mutmaßung gar richtig bemerkt, daß die heutnächtlichen Zeichen eben durch den Nazaräer dürften bewerkstelligt worden sein, und ich sage es euch, daß ich schon gleich in der Nacht der Meinung war. Wenn sich aber das sicher also verhalten dürfte, da frage ich euch denn doch aus den reinsten Vernunftgründen, wozu alle die blinde Verfolgungswut auf diesen Nazaräer am Ende dienen kann. Er wird hingegen mit seiner unbegreiflichen Macht euch noch größere Verlegenheiten bereiten, als das bis jetzt der Fall war, und ihr könnet ihm dagegen nichts anhaben, wie ihr euch davon nun schon durch nahe volle zwei Jahre überzeugt habt. Was habt ihr seinetwegen schon für Geld und Leute geopfert! Und zu welchem Resultate seid ihr dabei gelangt? Ihr stehet heute noch auf dem Flecke, auf dem ihr vor zwei Jahren gestanden seid!
GEJ|7|88|5|0|Nun habt ihr wieder zwanzig der besten Häscher nach ihm ausgesandt. Wo sind sie? Die sind sicher schon irgend geradeso versorgt, wie noch die meisten versorgt worden sind, die auf ihn zu fahnden von euch ausgesandt wurden! Ich bitte euch: Seid doch vernünftig und lasset ab, einen Menschen zu verfolgen, dem ihr, wie die Erfahrung zeigt, nichts anhaben könnet, er hingegen aber uns völlig zerstören und vernichten kann, ohne daß wir uns ihm nur im geringsten zur Wehr stellen können. Ihr könnet ihn weder mit Worten und noch weniger mit Stricken fangen. Wozu dann solch euer Rathalten und euer rastloses Mühen?
GEJ|7|88|6|0|Als ihr dort draußen durch meine Felder gegangen seid, da werdet ihr eine Säule bemerkt haben, an der sicher nie eines Menschen Hand gearbeitet hat. Wer anders als ganz sicher der Nazaräer hat sie von irgendwoher hingeschaffen; denn sie war vorher nicht, – und heute am Morgen stand sie da! Menschliche Kräfte haben sie sicher nicht hingestellt! Wäre das der Fall, so wäre um die Säule herum weit und breit alles zertreten; denn die Aufstellung solch einer ungeheuren Säule hätte Hunderte von Menschenhänden in Anspruch genommen. Wenn aber der Nazaräer ungezweifelt solche Dinge zu leisten vermag – sage, bloß durch seinen Willen –, was wollet ihr dann mit aller eurer Macht und Gewalt gegen ihn ausrichten?!
GEJ|7|88|7|0|Sei es bei ihm nun der Fall, daß er das alles durch eine in ihm wohnende Kraft oder durch eine neue Art Magie zustande bringt, so ist das nun einerlei; denn wir können uns weder so noch so mit ihm in einen Kampf einlassen. Lasset euch darum geraten sein, sich mit ihm in keinen weiteren Kampf einzulassen, sonst können wir noch alle samt Mann und Maus verloren gehen! Ich werde mich sehr hüten, gegen ihn je mehr etwas zu unternehmen. – Das ist nun mein offener Rat, und ich frage die beiden Römer hier, ob ich recht oder unrecht habe.‘
GEJ|7|88|8|0|Sagten die beiden Römer: ,Jawohl, der Meinung sind auch wir: Gegen eine gewisse innere, wunderbar mächtige Willenskraft manches einzelnen Menschen richtet keine materielle, irdische Macht etwas aus.
GEJ|7|88|9|0|Als wir einmal in Oberägypten zu tun hatten, da wurden wir in der Gegend bei zwei Tagereisen oberhalb Memphis mit einem Menschen bekannt, der wohl sehr ägyptisch brauner Gesichtsfarbe, aber noch kein eigentlicher Mohr war. Unsere Reisekarawane bestand aus zweihundert Personen pur männlichen Geschlechts, und unsere Absicht war, das eigentliche Land der Schwarzen aufzusuchen.
GEJ|7|88|10|0|Als wir an einer engen und schwer zu passierenden Stelle des Nilstromes ankamen, da trat uns, aus einer Höhle kommend, der vorbeschriebene Mensch in den Weg, und zwar in einem sehr schwach bekleideten Zustande. Seine Gestalt fiel uns allen auf, und sein Blick hatte augenblicklich unsere Füße derart gelähmt, daß wir keinen Schritt mehr weder vor- noch rückwärts zu machen imstande waren. Hierauf sprach er uns auf gut griechisch also an: ,Was suchet ihr in dieser Öde hier?‘
GEJ|7|88|11|0|Sagte einer von uns: ,Wir möchten das Land der Schwarzen aufsuchen und sehen, wie jene Menschen wohnen und leben, und welche Sitten und Gebräuche sie haben, und ob mit ihnen kein Handel für irgend seltene Naturprodukte anzubinden wäre.‘
GEJ|7|88|12|0|Sagte der Mensch: ,Das Land noch viele Tagereisen weit von hier ist für die Art eurer Bewegung; mir aber ist das wohl freilich in einer viel kürzeren Zeit möglich, (jenes Land zu erreichen), weil mir euch unbekannte Kräfte der Natur zu Gebote stehen. Ich aber sage es euch eroberungssüchtigen Römern, daß ihr jenes noch ganz glückliche und unschuldige Land nie betreten werdet, solange ich hier Wache halte. Wäret ihr euer auch tausendmal so viele, als ihr nun da stehet, so würdet ihr ohne meinen Willen ebensowenig wie jetzt auch nur einen Schritt weiter zu gehen vermögen! Ich rate euch daher, umzukehren und dahin zurückzukehren, von wo ihr hergekommen seid, sonst lasse ich euch hier festgebannt stehen, und mit eurem Fleische sollen meine Löwen und Adler sich mästen.‘
GEJ|7|88|13|0|Nun, diese höchst kategorische Anrede dieses sonderbaren Menschen hatte auf uns einen derartigen Eindruck gemacht, daß wir uns trotz aller unserer Waffen, die wir mitgenommen hatten, um alle Schätze der Welt keinen Schritt mehr weiter zu machen getraut hätten.
GEJ|7|88|14|0|Da der Mensch uns aber nun ein etwas gutmütigeres Gesicht zeigte, so redete ihn einer von uns ganz demutsvoll also an und sagte: ,Höre du rätselhaft mächtiger, lieber Mann uns gütig noch einmal an, und sage uns, wer du bist, und wie du zu solcher Macht des Willens gekommen bist! Dann aber wollen wir uns nach deinem Wunsche und Willen sogleich auf den Rückweg machen.‘“
GEJ|7|89|1|1|89. — Die Erzählung des Römers von der Macht des Nubiers
GEJ|7|89|1|0|(Der Herr): „,Sagte darauf der rätselhafte Mensch: ,Ich bin noch ein echter und wahrer Mensch, wie es in der Urzeit gar viele solche Menschen gegeben hat, deren Lebensaufgabe da war, den inneren Geist in sich zur vollen Kraft zu erheben und ihre Seele in dem Schlamme der materiellen Leidenschaften des Fleisches nicht zu ersticken.
GEJ|7|89|2|0|Ihr aber seid schon lange keine Menschen mehr, sondern pure Menschenlarven, die sich eherner Waffen bedienen müssen, um sich gegen einen äußeren Feind zur Wehr zu stellen, und doch ihren größten Feind, die sinnlichen Leidenschaften ihres Fleisches, nicht besiegen können, auf daß dann ihr Geist in ihnen wach, frei und mächtig würde.
GEJ|7|89|3|0|Was nützet euch dieses euer äußeres Leben, so ihr mit ihm nicht den inneren Geist wach, frei und mächtig zu zeihen (machen) verstehet und vermöget! Ein Mensch wird erst dann ein Mensch, wenn er sich selbst in seinem Geiste gefunden hat; das aber geht bei eurer Lebensweise ewig nicht, weil ihr euch damit von dem Ziele, ein wahrer Mensch zu werden, nur stets mehr entfernt, als daß ihr euch demselben irgend nähern könntet.
GEJ|7|89|4|0|Ja, es tauchen wohl auch bei euch von Zeit zu Zeit noch Menschen auf, die auf dem rechten Wege, wennschon nicht am vollen Ziele, wären; aber diese unterdrücket und verfolget ihr mit aller Hast und Wut, und so können diese nicht ans volle Ziel gelangen, und ihr bleibet völlig tot im Geiste und sterbet endlich nach einem kurzen, mühseligen Erdenleben, den Tieren gleich, und euer Los ist dann der ewige Tod.
GEJ|7|89|5|0|Ihr aber meinet nun in eurer großen Lebensblindheit, daß ich als irgendein sich zurückgezogen habender ägyptischer Weiser euch das nur so vorsage, um mich bei euch in einen größeren Respekt zu setzen; aber ich sage es euch, daß ihr da in einer großen Irre seid. Damit ihr aber sehet, daß ich zu euch die volle Wahrheit geredet habe, und daß einem wahren Menschen ein mehreres möglich ist durch den Willen seines inneren Geistmenschen, so werde ich euch nun, damit ihr auf eurem Heimwege tiefere Gedanken zu fassen imstande sein könnet, einige Proben von der wahren Lebenskraft eines wahren Menschen zeigen.
GEJ|7|89|6|0|Sehet dort hoch oben in der Luft einen Riesenaar! Ich will, und er muß sich hier zu meinen Füßen niederlassen und dann das tun, was ich ihm gebieten werde! Sehet, wie ein Pfeil schießt er herab aus der Höhe, – und hier ist er schon!‘ – Wir waren ob dieser Erscheinung wie versteinert, und der Mensch gebot dem großen Aar, ihm einen edlen Fisch aus dem Nil zu bringen.
GEJ|7|89|7|0|Und in wenigen Augenblicken war der Fisch auch schon da, und der Mensch sagte: ,Sehet, so dient dem wahren Menschen die gesamte Natur!‘
GEJ|7|89|8|0|Darauf öffnete er den Fisch, weidete ihn aus und legte ihn auf eine sicher ganz heiße Steinplatte, weil der bedeutend große Fisch in wenigen Augenblicken durch und durch gebraten war, was wir wahrnahmen, als wir den Fisch von dem Menschen zum Verkosten bekamen und ihn sehr gut gebraten und ebenso wohlschmeckend fanden.
GEJ|7|89|9|0|Darauf sagte der Mensch: ,Sehet, so dient dem wahren Menschen auch die stumme Natur! Aber ich will euch noch weiter zeigen, wie ein wahrer Mensch ein Herr der gesamten Natur ist! Ihr habt nun den Fisch gegessen, den uns dieser Aar aus dem Nil geholt hat, und der nachher auf dieser Steinplatte gebraten worden ist; aber ihr sehet euch nun um und fraget, was ich außer dem trüben Nilwasser wohl zu trinken habe. Auch das soll euch gezeigt werden. Sehet hier diesen Felsen an, wie trocken und von der Glut der Sonne stark durchwärmt er dasteht, und dennoch soll er uns sogleich des frischesten Wassers in großer Menge geben! Ich will es, und – da habt ihr Wasser zum Trinken in großer Menge! Gehet hin und löschet euch den Durst!‘
GEJ|7|89|10|0|Wir gingen hin und tranken, und es war da das reinste und frischeste Wasser.
GEJ|7|89|11|0|Und der sonderbare Mensch sagte wieder: ,Sehet, so dient auch dieses Element dem wahren Menschen!‘
GEJ|7|89|12|0|Hierauf fragten wir, ob er hier in dieser Wildnis ganz allein lebe oder ob er noch irgend eine Gesellschaft habe, vielleicht Jünger, die durch seine Leitung sich im wahren Leben üben.
GEJ|7|89|13|0|Sagte er: ,Diese Wüste ist wohl für euch eine Wüste, für mich aber ist sie mehr als euer geträumtes Elysium, das außerhalb eurer blinden Phantasie nirgends besteht. Für mich wäre nur eure Stadt eine unausstehlichste Wüste des Geistes, weil sich darin auch nicht ein wahrer Mensch befindet.
GEJ|7|89|14|0|Ich bin hier für mich als Person zwar allein, aber als ein wahrer Geistmensch gar nicht; denn einmal umgeben mich wohl etliche Jünger, denen das wahre, innere Leben ein voller Ernst geworden ist, und ihnen kommt es in dieser Wüste höchst anmutig vor. Sie wohnen gleich mir in solchen Palästen, wie der da ist, den ich schon seit beinahe fünfzig Jahren bewohne, und den vor mir schon mehrere wahre Menschen bewohnt haben. Meine wenigen Jünger beiderlei Geschlechts kommen von Zeit zu Zeit zu mir und bekommen von mir neue Verhaltungsvorschriften, nach denen sie ihr inneres Leben weiter zu vervollkommnen haben.
GEJ|7|89|15|0|Das ist sonach eine Gesellschaft, die in meiner Nähe sich befindet, doch nicht in dieser Höhle, die ich stets ganz allein bewohne. Für eure Augen wäre in dieser Höhle tiefe Nacht; für mich aber ist es darin heller als für euch hier am hellen Tage. Denn wenn des Menschen Inneres durch seinen ewigen Geist, der aus dem einen, wahren Gott als ein Licht vom Urlichte stammt, licht und hell geworden ist, dann gibt es nirgends mehr eine Nacht und Finsternis für den wahren Menschen. Bei euch aber ist euer inneres Lebenslicht schon eine dichteste Finsternis; wie groß muß dann erst eure eigene Finsternis sein! Ja, bei euch gilt der Satz, nach dem auch ihr einen dichtesten Wald vor lauter Bäumen nicht sehet.
GEJ|7|89|16|0|Ich überschaue aus dieser meiner Höhle die ganze Erde, ihre Beschaffenheit, ihre Geschöpfe und Menschen und hochmutsvollen Weltstädte und kann um alles wissen, was überall geschieht und vor sich geht. Nebst dem aber kann ich in andere Welten, die ihr Sterne nennet, schauen und mich weiden an des einen, ewigen Gottes Liebe, Weisheit und Macht. Und so sehet, das ist meine zweite Gesellschaft.
GEJ|7|89|17|0|Ich kann aber auch mit allen Geistern zu jeder Zeit verkehren und durch sie selbst noch weiser und weiser werden, und das ist meine dritte Gesellschaft.
GEJ|7|89|18|0|Da aber des wahren Menschen Wille auf dieser Erde eine für euch unbegreifliche Macht und weithin wirkende Kraft innehat, so kann ich mir, so es irgend gegen einen argen Weltfeind gegen uns wahre Menschen nötig wäre, auch noch eine vierte Gesellschaft verschaffen, die ich euch sogar zeigen kann, doch mit der Versicherung, daß ihr euch als nun unter meinem Schutze stehend vor ihr nicht zu fürchten habt; denn es soll euch kein Haar gekrümmt werden. Sehet, ich will es, und da kommt sie schon!‘
GEJ|7|89|19|0|In wenigen Augenblicken waren wir von einer ganzen Herde Löwen und Panther umringt, gegen die sich auch viele Hunderte der tapfersten Krieger nimmer hätten verteidigen können. Uns überfiel ein Grauen und Entsetzen; aber der Mensch gebot den Bestien, und sie verloren sich alle wieder, und der Mensch sagte: ,So es nötig wäre, könnte ich noch größere Herden von diesen Kriegern herbeirufen. Und ihr habt nun zur Genüge gesehen und erfahren, wie ein wahrer Mensch ein Herr aller Natur und ihrer Kräfte ist, und so entlasse ich euch denn nun im Frieden dahin, woher ihr gekommen seid!‘
GEJ|7|89|20|0|Fragte ihn noch einer von uns, ob er uns denn nicht irgend Winke geben könnte, nach denen lebend auch einer oder der andere von uns auf den Weg zur Erreichung solcher wahren Menschenwürde gelangen könnte.
GEJ|7|89|21|0|Sagte der Mensch: ,Das wird für euch, die ihr schon zu voll von aller Welt und ihren Lustreizen seid und nicht einmal die leiseste Kenntnis von nur einem, allein wahren Gott habt, wohl schwer sein. Denn das erste ist, einen wahren Gott erkennen, daraus sich selbst und durch den Geist aus Gott erst die Gesetze, durch deren genaueste Haltung man dann erst zum inneren, wahren Leben gelangen kann. Aber da heißt es vollernstlich mit aller Welt und ihren eitlen Lustreizen brechen, – und das wird euch bei eurer altgewohnten Lebensweise wohl schwer möglich werden.
GEJ|7|89|22|0|Doch es werden in nicht zu langer Zeit auch aus Asien erweckte Lehrer kommen und werden euch den einen, wahren Gott und Seine Gesetze kennen lehren. Diese höret dann und glaubet, erkennet und tut danach, so werdet auch ihr auf den rechten Weg gesetzt werden, auf dem ihr wenigstens so weit fortkommen könnet, daß ihr wenigstens nach dem Abfalle eures Fleisches als Seelen zur wahren Lebensvollendung gelangen könnet! – Nun habe ich euch alles gesagt, was euch frommen kann, und nun ziehet im Frieden von hier, und lasset es euch als Weltmenschen nimmer gelüsten, in diese Gegend vorzudringen! Nur vollendete und von Gott erwählte Menschen werden das in der Folge ungestraft tun dürfen!‘
GEJ|7|89|23|0|Als der sonderbare Mensch das ausgesprochen hatte, da konnten wir nimmer stehenbleiben; denn es ergriff uns eine geheime Kraft und drängte uns derart unaufhaltsam zurück, daß wir uns nach der Gegend gar nicht mehr umsehen konnten, in der wir den außerordentlichen Menschen getroffen, gesehen und gesprochen hatten, und dadurch erreichten wir die alte Stadt Memphis auch schon am nächsten Tage noch ziemlich früh am Morgen. Daß uns diese Erscheinung auf der ganzen langen Rückreise im höchsten Grade beschäftigt hat, läßt sich leicht von selbst denken.‘“
GEJ|7|90|1|1|90. — Der Römer warnt die Templer vor der Macht des Herrn
GEJ|7|90|1|0|(Der Herr:) „(Sagten die Römer:) ,Als wir wieder nach Rom zurückkamen, da kam uns die Stadt wahrlich wie eine Wüste vor, und als wir vernahmen, daß es bei euch Juden auch ähnliche Menschen geben solle, die dasselbe lehren und verstehen, was der sonderbare Mensch im höchsten Oberägypten verstand, da haben wir Rom verlassen und haben uns hier etwas angekauft, um, von der großen Welt abgezogen, mehr für unseren inneren Menschen sorgen zu können; aber in eurem von euch uns sehr angepriesenen Tempel haben wir das wahrlich nicht angetroffen, wohl aber ein paarmal schon bei dem von euch nun in einer sonderbaren Frage stehenden Menschen, der wahrlich noch mehr leistet denn alles das, was wir je gesehen haben! Und auf so einen Menschen wollet ihr fahnden?! Oh, seid hunderttausend Male froh, daß er nach euch nicht fahndet; denn fängt der einmal das an, so seid ihr verloren für zeitlich und ewig!
GEJ|7|90|2|0|Denn was derlei wahre und vollendete Menschen vermögen, das haben wir erlebt und wohl mit höchsteigenen Augen gesehen. Was wolltet ihr denn zum Beispiel machen, wenn er euch auf einmal ein paar tausend grimmigste Löwen, Panther, Hyänen und Tiger in eure Stadt oder nur in die Umgebung hinzieht?! Wahrlich, die fräßen euch in ein paar Wochen auf, ohne daß ihr euch ihnen zur Wehr stellen könntet, – wie er laut Berichten aus Galiläa etwas Ähnliches schon einmal ausgeführt haben soll, was wir völlig glauben möchten.
GEJ|7|90|3|0|So aber schon wir Römer vor solch einem Herrn der Natur – wer dieser Mensch sein soll – den allertiefsten Respekt haben, was wollet denn dann ihr als wahre Mücken gegen uns wider ihn unternehmen?! So ihr davon nicht abstehet, so werdet ihr noch in die fürchterlichsten Verlegenheiten geraten; dafür stehen wir Römer euch mit allem gut!‘
GEJ|7|90|4|0|Als die Pharisäer solches von den zwei Römern vernommen hatten, wußten sie nicht, was sie darauf erwidern sollten. Nach einer Weile erst sagte einer, der so ein wenig heller war als die andern: ,Ja, ja, es kann sich die Sache schon also verhalten; aber was läßt sich da machen? Der Hohepriester Kaiphas hat das im Einverständnis mit Herodes einmal fest und unabänderlich beschlossen, und wir müssen das auch wollen, was die beiden wollen. Wenn es gerade nur auf uns ankäme, so wollten wir die Sache bald gehen lassen, wie sie geht, und würden das Ende ganz ruhig abwarten; aber es ist da mit unserem Hohenpriester nichts zu machen, und so müssen wir zum bösen Spiele eine gute Miene machen, ob wir wollen oder nicht.‘
GEJ|7|90|5|0|Sagten die Römer: ,Wem nicht zu raten ist, dem ist auch niemals zu helfen. Aber in Kürze werdet ihr auf unsere Worte kommen! Was derlei Menschen vermögen, das vermögen ganze Kriegsheere nicht; denn wir haben uns davon überzeugt. Ob ihr uns glaubet oder nicht, das ist uns einerlei; die sicheren Folgen aber werden euch über kurz oder länger der Zeit nach schon den Beweis liefern, daß wir Römer die vollste Wahrheit zu euch geredet haben, – denn wir haben viel gesehen und erfahren.‘
GEJ|7|90|6|0|Hier erheben sich die beiden Römer und verlassen die Gesellschaft, weil ihnen der Pharisäer Blindheit und sichtliche Bosheit zu unerträglich wird.
GEJ|7|90|7|0|Es fragen aber nun die Pharisäer den Nikodemus, warum denn die beiden Römer sich so plötzlich empfohlen hätten.
GEJ|7|90|8|0|Sagt Nikodemus: ,Ja, da werde ich euch auch schwer eine rechte Auskunft geben können; denn mich hat das selbst sehr auffällig befremdet. Von Herodes hättet ihr bei dieser Gelegenheit keine Erwähnung machen sollen; denn den können diese Römer schon von weitester Ferne nicht ausstehen, und zwar wegen der schnöden Hinrichtung des Johannes, auf den diese beiden Römer und noch mehrere mit ihnen große Stücke hielten, und von dem sie behaupteten, daß er sicher auch ein wahrer Mensch sei. Ich sage es euch, daß Herodes vor den Augen der Römer in keiner guten Haut steckt!‘
GEJ|7|90|9|0|Sagt ein Pharisäer: ,Also, meinst du, verhält sich die Sache?‘
GEJ|7|90|10|0|Sagt Nikodemus: ,Jawohl, jawohl, gerade also; denn ich wüßte sonst fürwahr nicht, was die zu einem gar so plötzlichen Aufbruch gebracht haben sollte. Ich sage euch aber noch etwas: Nehmet euch in acht vor den Römern; denn mit ihnen ist kein Scherz zu treiben!‘
GEJ|7|90|11|0|Als nun die Pharisäer das von Nikodemus vernehmen, sagen sie: ,Freund, wir danken dir für die gute Bewirtung und werden uns auch aufmachen, damit wir noch stark am Tage in den Tempel gelangen; denn die Nacht ist stets des Menschen Feind!‘
GEJ|7|90|12|0|Hier erheben sich die Pharisäer und machen sich eiligst davon.
GEJ|7|90|13|0|Nikodemus und alle sind darob höchst froh; auch die beiden Römer kommen wieder zu unserem Nikodemus und sind herzlichst froh, diese ungeladenen Gäste losgeworden zu sein. Nikodemus aber beschreibt und erklärt den Anwesenden nun das dritte Zeichen, darob alle sehr erfreut sind.“
GEJ|7|90|14|0|(Der Herr:) „Sage Mir nun, du Freund Agrikola, wie dir diese Geschichte gefällt!“
GEJ|7|90|15|0|Sagte Agrikola: „Diese Geschichte gefällt mir derart, daß ich gleich mit einem Heere in Jerusalem einrücken möchte und dann wie ein grimmiger Löwe wüten unter diesen gott- und ehrlosesten Schurken! Aber es war doch gut, daß die beiden Römer Dir und auch uns so einen gewissen Respekt bei den Tempelwichten verschafft haben, und ich meine, daß es ihnen im Bestreben, Dich zu verfolgen, ein wenig kühler werden wird. Die beiden Landsleute in Emmaus aber möchte ich wahrlich besuchen!“
GEJ|7|90|16|0|Sagte Ich: „Das wird morgen geschehen; auch Ich Selbst habe ein wahres Sehnen nach ihnen. Aber wenn du meinst, daß die Tempelwichte da unten nun etwas kühleren Eifers werden, nach Mir zu fahnden, da irrst du dich ein wenig. Sie werden wohl kühler werden dem Außenscheine nach, aber darum in ihrem Innern desto wahrhaft teuflisch verschmitzter. Allein das macht alles nichts, sie werden Mich nicht anrühren können, außer wenn ihr Gericht vor der Tür ist. – Doch lassen wir nun das, und Ich frage euch, wie euch der wahre Mensch, von dem die beiden Römer Nachricht gaben, gefallen hat.“
GEJ|7|90|17|0|Sagte Agrikola: „Ich kann mich nun schon ganz gut erinnern, von dieser Begebenheit in Rom zu öfteren Malen gehört zu haben, die mich selbst in ein großes Staunen versetzte. Ich werde die beiden Römer sicher persönlich kennen! Oh, diese Geschichte ist großwunderbar und herrlich! Wenn es nur viele solche wahren Menschen auf der Erde gäbe, dann stünde es mit allen Menschen besser! Ob jener wahre Mensch nun noch im Leibe lebt?“
GEJ|7|90|18|0|Sagte Ich: „O ja, der lebt noch und wird morgen mit seinen Jüngern hier eintreffen; denn er hat in seinem Geiste aus Mir Kunde erhalten, daß Ich im Fleische hier unter den Menschen wandle, berief seine wenigen Jünger und machte sich hierher auf den Weg, und es wird darum der morgige Tag ein denkwürdiger werden.“
GEJ|7|91|1|1|91. — Lebensversorgung durch Ergebenheit in des Herrn Willen. Die materielle und die geistige Sündflut
GEJ|7|91|1|0|Als Ich solches verkündet hatte, da ward alles über die Maßen fröhlich.
GEJ|7|91|2|0|Ich aber sagte zu Lazarus: „Und du lasse nun Brot und Wein hierher bringen; denn wir wollen nun frohen Mutes sein!“
GEJ|7|91|3|0|Und es wurde Brot und Wein in rechter Menge gebracht. Als nun des Brotes und Weines in gerechter Menge da war, da aßen und tranken wir alle ganz wohlgemut, und alles lobte in Mir den guten Geber des gar so guten Brotes und Weines.
GEJ|7|91|4|0|Als wir aber also aßen und tranken, da bemerkte unsere Helias mit ihren scharfen Augen die heimziehenden Pharisäer eben auf die gewisse Säule losgehen und bei derselben wieder stehenbleiben und machte uns darauf aufmerksam.
GEJ|7|91|5|0|Ich aber sagte: „Oh, lassen wir sie ziehen und betrachten; sie werden dabei für das Heil ihrer Seele dennoch nichts finden, sondern verstockten Herzens bleiben bis in den Tod!“
GEJ|7|91|6|0|Sagte die Helias: „Oh, wenn doch ich nur so ein wenig allmächtig wäre, da müßten mir die Wichte nun auf lauter Schlangen und Nattern, auf Skorpionen und giftigen Eidechsen nach Hause ziehen!“
GEJ|7|91|7|0|Sagte Ich: „Oh, die Furcht, von den Römern verfolgt zu werden, ist besser, als was du ihnen nun antun möchtest! Sie halten sich bei der Säule nun auch gar nicht lange auf und ziehen schon ganz behende weiter. Sie haben entdeckt, daß hinter ihnen einige Menschen gehen; diese halten sie für etwaige Römer und fangen darum nun an zu laufen. Siehe, das ist besser als deine Schlangen, Nattern, Skorpionen und giftigen Eidechsen!“
GEJ|7|91|8|0|Damit war die Helias denn auch zufrieden und aß und trank ruhig fort.
GEJ|7|91|9|0|Ich aber sagte darauf abermals zu Lazarus, daß er auch für die jungen Sklaven sorgen möge, daß sie etwas Brot zu essen und mit Wasser gemengten Wein zu trinken bekämen.
GEJ|7|91|10|0|Da ging Lazarus in Begleitung Raphaels, um Meinen Wunsch zu erfüllen. Als sie aber an die Zelte kamen, in denen sich die Jugend befand, da war diese schon mit allem bestens versorgt.
GEJ|7|91|11|0|Sagte Lazarus: „Da haben wir's! Was sollen wir denn jetzt tun?“
GEJ|7|91|12|0|Sagte Raphael: „Jetzt gehen wir wieder besten Mutes zurück; denn wer so gern und willig wie du den Willen des Herrn erfüllt, von dem braucht der Herr keine Tat. Denn ein vollkommener, dem Herrn ergebener Wille ist vor dem Herrn schon die Tat selbst; denn da übet dann der Herr Selbst die Tat, wie du das hier siehst. Oh, wenn die Menschen das so recht einsähen und in ihrem Herzen auch danach täten, ein wie leichtes und sorgenfreies Leben hätten sie da schon auf Erden, und welche Seligkeiten genössen sie schon auf Erden! Aber so sind sie blind und verrennen sich in die tote Materie und ersticken in ihr. Im oft blutigen Schweiße ihres Angesichts müssen sie ihr Brot suchen, während sie es ohne leibliche Mühe vom Herrn haben könnten, und das ein reineres und besseres, als sie sich's bereiten können.
GEJ|7|91|13|0|Morgen wirst du in Emmaus die noch wahren Menschen aus Oberägypten kennenlernen, und du wirst staunen über die ungebundene Macht ihres Willens. Es werden ihrer nur sieben sein, die da schon vollkommen sind; die Weiber, Kinder und die noch minder Vollkommenen aber sind daheimgelassen mit nur einem Vollkommenen, da die Weiber, Kinder und die minder Vollkommenen ohne ihn schwer bestehen würden. Doch ihr Meister, noch aus der Schule der uralten ägyptischen inneren Weisheit, wird mit seinen sechs Hauptjüngern nach Emmaus kommen, und du wirst es sehen, wie schnell er den Herrn und auch uns alle erkennen wird. – Doch nun gehen wir wieder zum Herrn!“
GEJ|7|91|14|0|Die beiden kamen wieder zu uns, und Ich fragte den Lazarus, ob die Jugend versorgt sei.
GEJ|7|91|15|0|Sagte Lazarus: „O ja, Herr und Meister, die Jugend ist schon bestens versorgt, – aber wir beide haben gar nichts dazu beitragen können; denn als wir an die Zelte kamen, da waren die lieben Jungen schon mit allem bestens versehen. Du, o Herr, hast nur ein wenig meinen Willen geprüft; aber gehandelt hast Du Selbst, wie das bei Dir schon immer der Fall ist! Meinen Dank Dir allein; denn ohne Dich sind wir nichts und vermögen auch nichts. Du allein bist alles in allem!“
GEJ|7|91|16|0|Sagte Ich: „Ganz gut, ganz gut, mein lieber Freund und Bruder Lazarus! Nun setze dich nur wieder her und vergnüge dich mit uns allen!“
GEJ|7|91|17|0|Lazarus nahm nun samt Raphael wieder seinen früheren Platz neben Mir ein und wollte mit Mir wegen der morgen nach Emmaus kommenden wahren Menschen aus Oberägypten etwas zu reden anfangen; aber die beiden schon bekannten Wirte kamen ihm zuvor und baten Mich, ob sie nicht auch etliche Tage bei Mir verbleiben und die gewissen wahren Menschen aus dem hintersten Oberägypten in Emmaus mit ansehen dürften.
GEJ|7|91|18|0|Sagte Ich: „Oh, allerdings! Wer Mich und Meine Jünger gleich wie ihr freundlichst aufgenommen hat, der ist auch allzeit bei Mir aufgenommen und kann allzeit bei Mir sein. Je mehr Zeugen Mich aber umgeben, desto gedeihlicher ist das für die Ausbreitung Meines Evangeliums. An jenen Menschen, die noch jetzt ebenso einfach leben wie dereinst die Urpatriarchen der Erde, werdet ihr wahre Wunder erleben!“
GEJ|7|91|19|0|Sagte nun Lazarus: „Aber, Herr und Meister, das werden aber dennoch Abkömmlinge Noahs sein und nicht irgend unmittelbar Abkömmlinge Adams, denn zu den Zeiten Noahs muß die große Flut ja auch Ägypten ganz überflutet haben?“
GEJ|7|91|20|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund und Bruder! Du darfst, wie Ich dir das schon einmal erklärt habe, die natürliche hohe Wasserflut, deren Ursache in jener Zeit die mächtigen Hanochiten waren, nicht mit der geistigen allgemeinen Überflutung der Sünde verwechseln, ansonst du darin niemals ganz ins reine kommen wirst.
GEJ|7|91|21|0|Durch die im westlichen Teile Asiens stattgehabte große Wasserflut zu den Zeiten Noahs sind wohl höchst viele Menschen und Tiere zugrunde gegangen, weil das Wasser im Ernste sogar den hohen Ararat überspülte, aber deshalb reichte das natürliche Wasser dennoch nicht über die ganze Erde, die damals noch lange nicht in allen ihren bewohnbaren Teilen bevölkert war. Aber es ergoß sich die Flut der Sünde, die da heißt Gottvergessenheit, Hurerei, Hochmut, Geiz, Neid, Herrschsucht und Lieblosigkeit, über alles Menschengeschlecht, unter dem zu verstehen ist die geistige Erde, und das ist es, was Moses unter der allgemeinen Sündflut verstanden haben will.
GEJ|7|91|22|0|Die höchsten Berge, über die die Flut sich ergoß, sind der große Hochmut der damaligen Menschen, die über die Völker herrschten, und die Überflutung ist die Demütigung, die damals über alle Beherrscher kam und in jedem Reiche auf eine eigene, entsprechende Art. Doch das Weitere wird schon noch morgen in Emmaus besprochen werden. – Nun aber nehmen wir wieder Wein und Brot und erquicken damit unsere Glieder!“
GEJ|7|92|1|1|92. — Vom Wohltun. Die Führung der Menschen durch die göttliche Vorsehung
GEJ|7|92|1|0|Als wir in unserem schönen Olivenhaine uns nun so ganz gemütlich wohl geschehen ließen, da sagte einer von den etlichen siebzig, unter denen sich die gewisse Ehebrecherin befand: „Oh, wie sehr wohl geht es uns hier! Die höchste geistige Nahrung für unsere Seelen und die beste Kost für unseren Leib! Wie glücklich sind wir! Oh, möchten doch alle, die nun gleich uns unverschuldet in großem Elende stecken, in einen so glücklichen Zustand gelangen! Ich möchte, daß allen Menschen, die Not leiden, geistig und leiblich geholfen werde, so es möglich wäre!“
GEJ|7|92|2|0|Sagte Ich: „Mein Freund, möglich wäre alles, aber aus gar vielen weisen Rücksichten nicht tunlich und zulässig. Es gibt eine Menge sehr dürftiger und mit allerlei Übeln behafteter Menschen, denen du nach deinem Mir sehr wohlgefälligen Herzen sicher gerne helfen möchtest; und siehe, wenn du ihnen nach deinem besten Wissen und Gewissen geholfen hättest, so wäre ihnen wahrlich gar nicht geholfen, sondern es würde an ihnen dadurch gerade nur das Entgegengesetzte bewirkt werden!
GEJ|7|92|3|0|Es ist darum wohl sehr löblich von dir, daß du dich in deinem Wohlsein der Notleidenden und Elenden erinnerst und den Wunsch hast, ihnen zu helfen; aber es wäre da wahrlich nicht jedem geholfen, dem du geholfen hättest.
GEJ|7|92|4|0|Siehe, niemand kennt die Not und das Elend der Menschen besser als Ich, und niemand ist barmherziger und liebevoller als eben auch Ich; aber es wäre allen Menschen mit Meiner alleinigen Liebe und Erbarmung wenig geholfen, wenn nicht Meine höchste Weisheit mit der Liebe und Erbarmung mitwirkte.
GEJ|7|92|5|0|Ja, da geht es einer armen Familie schlecht! Sie hat keine Arbeit, kein Dach und Fach, kein Brot und leidet Hunger und Durst. Sie bettelt von Haus zu Haus, von Ort zu Ort und erbettelt sich im Tage oft kaum so viel, daß sie sich zur Not sättigen kann, während andere im vollen Überflusse leben und schwelgen und solch einer armen Familie die Tür weisen, so sie bittend zu ihnen kommt.
GEJ|7|92|6|0|Es ist das von den Reichen, die solch einer armen Familie mit harten Herzen begegnen, gewiß böse, und du möchtest bei dem Anblick einer solchen harten Begegnung gewiß sagen: ,Aber, du großer, allgütiger und allmächtiger Gott, kannst Du wohl solch eine himmelschreiende Unbarmherzigkeit ungestraft dahingehen lassen? Vernichte solche Menschen mit Blitz und Feuer aus Deinen Himmeln!‘ Und siehe, Gott würde solchem deinem Anflehen dennoch kein Erhören schenken! Ja, warum denn aber das nicht?
GEJ|7|92|7|0|,Soll die Lieblosigkeit der Menschen denn fort und fort wuchern auf dieser Erde?‘ Nein, sage Ich dir, das sei ferne! Aber sieh, es muß nach dem weisen Ratschlusse Gottes alles seine Zeit haben auf dieser Erde, auf der die Menschen zur wahren Kindschaft Gottes reif werden sollen! Es hat somit der Reiche seine Zeit, reich zu sein und mit seinem Überflusse den Armen Barmherzigkeit zu erweisen, und der Arme hat seine Zeit, sich in der Geduld und Selbstverleugnung zu üben und seine Not und sein Elend Gott aufzuopfern, und Gott wird dem Armen bald auf die für sein Seelenheil beste Art helfen und eben also den harten Reichen zur rechten Zeit züchtigen. Denn es ist der Reiche wie der Arme zur Kindschaft Gottes berufen.
GEJ|7|92|8|0|Es war aber unsere arme Familie einstens auch wohlhabend und war hart gegen andere Arme, und es hatte sich das Blatt ihres irdischen Glückes zum Heile ihrer Seelen notwendig einmal wenden müssen. Würdest du ihr nun plötzlich helfen, so würde sie bald sehr übermütig werden und Rache an jenen üben, die ihr mit Härte begegnet sind. Wenn sie aber einmal in der Geduld recht durchgeprüft sein wird, so wird ihr nach und nach, und zwar so unmerklich wie möglich, geholfen werden, und sie wird darin die Fürsorge Gottes besser und heller erkennen, als so man sie von heute auf morgen in einen sehr glücklichen Wohlstand erhoben hätte.
GEJ|7|92|9|0|Der harte Reiche aber wird auch nach und nach und von Punkt zu Punkt in einen mißlicheren Zustand versetzt werden. Er wird bald da und bald dort in seinen Spekulationen einen Mißgriff machen, wird eine schlechte Ernte haben, Schaden bei seinen Herden erleiden, er wird entweder selbst krank werden oder sein Weib oder eines seiner liebsten Kinder, und kurz, es wird Schlag auf Schlag über ihn kommen.
GEJ|7|92|10|0|Wird er in sich gehen und sein Unrecht erkennen, so wird ihm auch wieder geholfen werden; wird er aber nicht in sich gehen und sein Unrecht nicht erkennen, so wird er um alles kommen, und dann auch den Bettelstab oder nach Umständen noch etwas Schlimmeres zum Verkosten bekommen.
GEJ|7|92|11|0|Wer ihn dann in seiner Armut trösten und ihm unter die Arme greifen wird, der soll auch von Gott aus getröstet und belohnt werden; doch ganz helfen wird ihm niemand eher können, als bis es Gottes Wille zulassen wird. Daher sei du, Mein Freund, nun nur ganz ruhig und heiter; denn Ich weiß es schon, wer da zu einer Hilfe reif geworden ist!“
GEJ|7|93|1|1|93. — Das Böse und sein Gericht
GEJ|7|93|1|0|Als der Mann das von Mir vernommen hatte, ward er ganz heiter und aß und trank, und seine Gefährten folgten emsig seinem Beispiele.
GEJ|7|93|2|0|Das Weib aber, das sich mit ihrem Manne unter ihnen befand, sagte ganz gerührt: „Oh, wie gut und wie gerecht ist doch der Herr! Wer Ihn wahrhaft erkannt hat, der muß Ihn ja über alles lieben! Oh, wenn die Templer da unten Ihn erkenneten, so würden sie Ihn gewiß auch über alles lieben und Seine weisesten Gebote halten! Aber bei denen läßt es der leibhaftige Teufel nimmer zu, weil sie seine getreuesten Diener und Knechte und darum vom Herrn aus keiner Gnade mehr würdig sind. Oh, einst in der Hölle werden sie das sicher ewig bereuen und sagen: ,Oh, warum haben wir uns vom Teufel so sehr verblenden lassen!‘ Aber es wird ihnen dort solch eine Reue sicher nichts mehr nützen! O Herr, wir danken Dir, daß Du uns Armen und Unmündigen geoffenbart hast das Reich Deiner Gnade und hast es den Weisen dieser Welt vorenthalten!“
GEJ|7|93|3|0|Sagte Ich: „Hast recht wohl geredet, und das also, wie du es verstehst; aber das merke dir hierzu, daß es in der Hölle keine Reue gibt zur Besserung eines Höllengeistes, die dahinaus ginge, daß es ihn ernstlich gereute, auf der Erde böse Taten verübt zu haben. Denn käme ein Höllengeist ernstlich zu solch einer Reue, so käme er auch zur Besserung und zur Erlösung; aber ein böser Geist – also ein Teufel – kann keine solche Reue in sich je aufkommen lassen, die gut wäre, sondern nur eine solche Reue, die so wie er selbst grundböse ist, und es reut ihn nur, daß er nicht noch unaussprechlich viel mehr des Allerbösesten in der Welt angerichtet hat.
GEJ|7|93|4|0|Daß bei solch einer Seele keine Besserung herausschaut und somit auch keine Erlösung, das kann wohl ein jeder Mensch von nur einigem Verstande sehr leicht einsehen.
GEJ|7|93|5|0|Wie aber bei einem Engel des Himmels alles grund- und erzgut ist, ebenso ist bei einem Teufel alles grund- und erzböse. Je inwendiger ein Engel denkt und will, desto gottähnlicher, freier und mächtiger ist er, und je inwendiger ein Teufel denkt und will, desto allem Göttlichen unähnlicher, unfreier und ohnmächtiger ist er; denn das Grundböse in ihm hemmt alle seine Kraft und ist sein Gericht und sein wahrer Tod.
GEJ|7|93|6|0|Ja, Meine Liebe, wenn der Teufel von innen heraus einer guten Reue fähig wäre, so wäre er kein Teufel und befände sich nicht in der Hölle. Es kann darum ein Teufel von innen, also aus sich heraus, ewig nie gebessert werden, wohl aber ist das noch nach undenkbar langen Zeitläufen durch fremde Einwirkung von außen her möglich; die Einwirkungen aber müssen stets dem Innersten des Teufels, das – wie gesagt – grund- und erzböse ist, vollkommen entsprechen. Und so erstickt das auf den Teufel von außen her einwirkende Arge das innere Böse, und nur dadurch kann es in einem erzbösen Geiste nach und nach etwas heller und somit auch etwas besser werden.
GEJ|7|93|7|0|Darum sind die Qualen der Höllengeister stets wie von außen her kommend, wie solches bei sehr bösen Menschen auch schon auf dieser Erde zu geschehen pflegt. Wenn bei einem erzbösen Menschen Lehre, Ermahnungen und die weisesten Gesetze nichts mehr fruchten und er in sich nur stets mehr und mehr sich bestrebt, den Gesetzen der Ordnung zuwiderzuhandeln, so kann er von innen, wie von sich aus, unmöglich mehr gebessert werden. Er kommt da in die Hände der scharfen und unerbittlichen Richter, die den Übeltäter mit höchst schmerzvollen äußeren Strafen belegen.
GEJ|7|93|8|0|Wenn da der Übeltäter gar vieles erleiden muß, so geht er nach und nach doch etwas mehr in sich und fängt an, über den Grund seiner Leiden reifer nachzudenken, erkennt seine Ohnmacht und dabei die Unerbittlichkeit der Gerichte; – ja er fängt endlich an einzusehen, daß er ganz allein der Grund und die Ursache seiner Qualen ist, und das durch seine bösen Taten, die er freiwillig und mit böser Lust gegen die Gesetze der allgemeinen Ordnung verübt hat. Weil er aber nun sieht, daß eben seine bösen Taten nun seine Quälgeister sind, so fängt er endlich an, sie in sich zu verabscheuen, und wünscht, sie nie begangen zu haben. Und siehe, das ist dann schon ein Schritt zu einer möglichen Besserung!
GEJ|7|93|9|0|Aber es dürfen da die Außenstrafen noch lange nicht zu Ende sein, weil der Übeltäter sein Böses nur darum zu verabscheuen begann, weil es böse Früchte trägt. Er muß jetzt erst durch äußeren Unterricht in sich zu erkennen anfangen, daß sein Böses in sich selbst wahrhaft Böses und es auch aus diesem alleinigen Grunde zu verabscheuen ist, und nicht darum, weil es für den Übeltäter notwendig böse Folgen nach sich zieht.
GEJ|7|93|10|0|Sieht dann der Übeltäter das ein und fängt an, das Böse des Bösen selbst wegen zu verabscheuen und das Gute eben des Guten wegen zu erwählen, so wird er in seiner Strafe geduldiger, da er sein Leiden ganz gerecht findet und es für eine Wohltat, durch die sein Leben gebessert wird, ansieht und mit Geduld erträgt. Wenn der Übeltäter möglicherweise auf diesen Punkt gekommen ist und sein Inneres im Ernste besser und besser wird, so ist es dann erst an der Zeit, mit den äußeren Strafen insoweit nachzulassen, als eben das Innere des früheren Übeltäters wahrhaft besser geworden ist.
GEJ|7|93|11|0|Wenn die Weltrichter das verstehen würden, so könnten sie auch aus so manchem Erzübeltäter einen guten Menschen schaffen; aber sie sind bei großen Übeltätern gleich mit der Todesstrafe bei der Hand und machen dadurch aus dem gänzlich ungebesserten Übeltäter für die Geisterwelt erst einen vollendeten Teufel. Das soll aber in der Folge unter euch nicht mehr sein!
GEJ|7|93|12|0|Wenn ihr aber schon richten müsset, so richtet, wie Ich es euch nun gezeigt habe, ein gerechtes Gericht zur wahren und sicher möglichen Besserung des Sünders, aber nicht zu seiner noch größeren Verteufelung!“
GEJ|7|94|1|1|94. — Über die Todesstrafe
GEJ|7|94|1|0|Sagte hier Agrikola: „Herr und Meister! Diese Deine überwahren und heiligen Worte habe ich mir nun tief ins Herz geschrieben, und ich selbst werde auch nach Tunlichkeit danach handeln; aber dennoch frage ich Dich, ob man die Todesstrafe in gar allen Fällen aufheben soll.“
GEJ|7|94|2|0|Sagte Ich: „O Freund, ich weiß es wohl, was du Mir nun sagen willst! Siehe, du hast es durch einen Meiner Jünger erfahren, wie auch Ich Selbst vor einem Jahre in der Nähe von Cäsarea Philippi am Galiläischen Meere einmal eine Art Standrecht an etlichen grundbösen Häschern, die nach Mir fahndeten, ausgeübt habe, und hast Mich nun aus diesem Grunde also gefragt!
GEJ|7|94|3|0|Ja, Ich sage es dir: Wenn du gleich Mir den Verbrecher derart erkennen kannst, daß er als noch ein Fleischmensch ein vollendeter Teufel ist, so verhänge über ihn auch sogleich die Todesstrafe, wie solches auch Moses aus Meinem Geiste erkannt hat; aber so du das nicht Mir und dem Moses gleich erkennen kannst, so übereile dich niemals mit der Todesstrafe!
GEJ|7|94|4|0|Mir steht wohl von Ewigkeit das Recht zu, alles Menschengeschlecht dem Fleische nach zu töten, und Ich bin sonach gleichfort ein Scharfrichter aller materiellen Kreatur in der ganzen ewigen Unendlichkeit; aber was Ich töte der Materie nach, das mache Ich geistig wieder für ewig lebendig.
GEJ|7|94|5|0|Wenn du das vermagst, so kannst auch du töten, wen du willst und kannst, zur rechten Zeit; aber da du das nun nicht kannst, so sollst du auch nicht töten, außer nur im höchsten Notfalle, zum Beispiel in einem Verteidigungs- oder in einem von Gott aus gebotenen Strafkriege gegen unverbesserliche, böse Völker, und auch im Falle einer Notwehr gegen einen argen Mörder und Straßenräuber. In allen andern Fällen sollst du nicht töten und töten lassen, solange du nicht in dir selbst Mein volles Licht hast! – Hast du das nun wohl begriffen?“
GEJ|7|94|6|0|Sagte Agrikola: „Ich danke Dir, Herr und Meister! Nun ist mir das auch schon wieder ganz klar, und ich werde mich als Richter möglichst genau daran halten, obwohl ich dem Kaiser selbst da nichts vorschreiben kann, doch dann und wann nimmt auch er unter vier Augen einen guten Rat an.“
GEJ|7|94|7|0|Sagte Ich: „Das magst du schon tun, obwohl du damit nicht viel ausrichten wirst. Denn ihr habt in eurem Rom zwar manche recht guten Gesetze, aber neben solchen Gesetzen eine große Menge böser und arger Gebräuche, neben denen etwas rein Gutes und Wahres schwerlich je volle Wurzeln fassen wird.
GEJ|7|94|8|0|Ich sage es dir: Rom ist und wird Babel, eine Welthure bleiben trotz aller Übel, die auch über sie kommen werden, obwohl es in ihr auch gar viele und eifrige Nachfolger Meiner Lehre geben wird.
GEJ|7|94|9|0|Ihr habt zwar auf Raub, Mord und Totschlag und noch auf manche anderen Verbrechen die Todesstrafe gesetzt; aber bei euren großen Festmählern mußten zu eurem größeren Vergnügen gewisse Gladiatoren auf Leben und Tod kämpfen, und der Sieger ward dann ausgezeichnet. Siehe, das ist vom Übel und gereicht keinem Volke zum Segen! Also habt ihr auch allerlei wilde Tierkämpfe, bei denen sehr oft Menschen ihr Leben auf eine grausame Art einbüßen müssen, und dennoch möget ihr euch sehr dabei ergötzen! Und siehe, auch das ist von großem Übel! Darauf kommt schwerlich je ein Segen von oben; ohne den aber gibt es für keinen Staat und für kein Volk irgendeinen festen und dauernden Bestand, was du Mir sicher glauben kannst.
GEJ|7|94|10|0|Wenn du da aber etwas wirken kannst und magst, so trage dazu bei, daß derlei große Übel eurer Stadt und eures großen Reiches abgestellt werden, und daß wenigstens ihr nun sehend Gewordenen nicht daran teilnehmet und noch weniger diese Jugend, die du nach Rom mitnehmen wirst, und du wirst dich allzeit und allenthalben Meines Segens zu erfreuen haben.
GEJ|7|94|11|0|Ich habe euch allen nur die zwei Gebote der Liebe gegeben, die ihr treu beachten möget; aber um diese Gebote zu beachten, darf man sich an den wilden Kämpfen nicht erlustigen.
GEJ|7|94|12|0|Denn wer einen Menschen oder auch ein Tier ganz gleichmütig kann verenden sehen, in dessen Herzen ist wenig Liebe daheim. Denn wo eine wahre und lebendige Liebe daheim ist, da ist auch das rechte Mitleid und die rechte Erbarmung daheim. Wie kann aber jemand eine Nächstenliebe haben, dem das schmerzliche Sterben seines Nebenmenschen eine Wollust ist?! Darum hinweg mit allem, was des besseren Menschenherzens unwürdig ist!
GEJ|7|94|13|0|Wenn du deinen Nächsten weinen siehst, so sollst du nicht lachen; denn so du lachst, da gibst du ihm zu verstehen, daß dir sein Schmerz etwas ganz Gleichgültiges ist und ebenso auch dein leidender Nebenmensch, der doch dein Bruder ist.
GEJ|7|94|14|0|Ist aber dein Bruder heiter und freut sich seines Glückes, so gönne ihm die kurze Freude über sein kleines Erdenglück! Werde nicht mürrisch, sondern freue dich mit ihm, so wird dadurch dein Herz nicht schlechter, sondern nur edler!
GEJ|7|94|15|0|So du einen Hungrigen siehst, während du sehr satt bist, da komme es dir nicht vor, daß der Hungrige sich etwa auch so behaglich befinde wie du mit deinem vollen Bauche, sondern stelle du dir ihn sehr hungrig vor und sättige ihn, so wirst du darob in deinem Herzen eine große Zufriedenheit empfinden, die dir noch um vieles behaglicher vorkommen wird als dein voller Bauch; denn ein volles Herz macht den Menschen um sehr vieles glücklicher als ein sehr voller Bauch.
GEJ|7|94|16|0|Wenn du eine Tasche voll Gold und Silber mit dir herumträgst und daheim noch um vieles mehr besitzest, und es kommt dir ein Armer unter und grüßt dich und will mit dir reden, so wende dein Gesicht nicht von ihm ab und laß es ihn ja nicht irgend fühlen, daß du ein reicher und er ein armer Mensch ist, sondern sei voll Freundlichkeit zu ihm und hilf ihm mit vielen Freuden aus irgendeiner Not! So du das tust, da wird dein Herz bald voll Fröhlichkeit werden, und der Arme wird dir für immer ein Freund bleiben und wird deine wahre Freundlichkeit nimmerdar vergessen.
GEJ|7|94|17|0|Darum besteht die wahre Nächstenliebe in dem, daß man seinem Nächsten alles das tut, von dem man vernünftigerweise wünschen kann, daß er es einem auch tut.
GEJ|7|94|18|0|Wenn dich ein armes Kind um etwas anspricht, so schiebe es nicht von dir, sondern segne es und erquicke sein Herz, so wirst auch du dereinst im Himmel von Meinen Engeln erquickt werden! Denn da sage du mit Mir: Lasset die Kleinen alle zu mir kommen und wehret es ihnen nicht; denn ihrer ist ja eben das Himmelreich! Wahrlich, das sage Ich euch allen: So ihr in eurem Herzen nicht werdet wie die Kindlein, so werdet ihr nicht zu Mir in Mein Reich kommen! Denn Ich sage es euch, daß das Himmelreich eben vor allem ihrer ist.“
GEJ|7|94|19|0|Ich weiß aber, daß bei euch eine böse Sitte besteht, durch die ganz arme Kinder oft sehr böse gemartert werden im geheimen, so daß aus ihrem Munde infolge solcher Marterei ein böser und giftvoller Geifer zu fließen beginnt, aus dem eure argen Priester und Magier ein böses Gift bereiten. Und, Freund, so etwas geschieht heutzutage noch in Rom! Wo aber noch solche Greuel mit allem Gleichmute begangen werden können, da ist noch die volle Hölle sehr tätig, und von Meiner Gnade findet sich da wenig vor. Weise und gerechte Richter sollten daher solch einem himmelschreienden Unfuge wohl schon lange auf das entschiedenste gesteuert haben; aber es ist in dieser Hinsicht noch wenig oder nichts geschehen.
GEJ|7|94|20|0|Ich sage es euch: Ich werde den mit zornigen Augen ansehen, der solchen Unfug an den Tieren tun würde; denn auch die Tiere sind Meine Geschöpfe und haben Leben und Empfindung, und der vernünftige Mensch soll mit ihnen keinen Mutwillen treiben. Um wie endlos höher aber steht selbst das ärmste Kind denn alle Tiere der Erde! Wer demnach an einem Kinde solche Taten verübt, der ist ein Teufel und ist verflucht!
GEJ|7|94|21|0|Ich könnte dir noch eine Menge solcher eurer bösesten römischen Eigentümlichkeiten aufzählen, die euch nicht unbekannt sind und bei euch geheim gegen Entrichtung eines gewissen Tributes geduldet werden; aber eure Sache sei es, derlei allergottloseste Mißbräuche abzuschaffen. So ihr dazu einen ernsten Willen haben werdet, wird es euch an Meiner Hilfe nie und nimmer mangeln. Aber zuvor müßt ihr das selbst ganz ernstlichst wollen; denn Mein Wille greift auf dieser Erde, wie Ich euch das schon hinreichend erklärt habe, niemals dem eines Menschen vor, außer in einem Gericht, dem aber stets viele Mahnungen vorangehen. Es wird bei euch das wohl viel Kämpfens benötigen; aber eine gute Sache ist auch allzeit eines ernsten Kampfes wert. – Hast du Mich in allem verstanden?“
GEJ|7|94|22|0|Sagte Agrikola: „Ja, Herr und Meister, verstanden habe ich das wohl, und es verhält sich die Sache leider noch zumeist also, wie Du, o Herr, sie soeben beschrieben hast; sie ist aber von uns besseren Römern schon seit lange her im hohen Grade mißbilligt und geheim den Priestern untersagt worden, und zwar besonders in den Stücken der geheimen und bösen Giftmacherei. Aber trotzdem kommen noch immer Fälle vor, und es läßt sich gegen unser Priestertum wenig Erhebliches unternehmen, weil dieses das gemeine Volk für sich hat, das es leicht gegen den Kaiser wie auch gegen uns aufwiegeln kann, wann es nur immer mag und will.
GEJ|7|94|23|0|Nun, unsere Stier- und Tiergefechte lassen sich leichter abbringen, und das Gladiatorentum, das bei den Altrömern noch sehr gang und gäbe war, ist bei uns schon stark in der Abnahme, weil sich zu solchen Kämpfen wohl nicht leichtlich jemand mehr herleihen will. Es geschieht bei großen Festmählern wohl manchmal so etwas, aber mehr nur so pro forma denn in der alten wirklichen Grausamkeit. Nur die Stierkämpfe bestehen noch und sind ein Lieblingsspektakel der Römer; aber wir werden auch da alles aufbieten, daß sie vorderhand wenigstens seltener werden, und es sollen an ihre Stelle andere die Sitten veredelnde Dinge kommen.
GEJ|7|94|24|0|Daß sich derlei alte Übel und Mißbräuche nicht gleich einem gordischen Knoten mit einem Hiebe zerhauen lassen und zur Reinigung eines wahren Augiasstalles eine herkulische Kraft erforderlich ist, das ist etwas ganz Gewisses. Sind wir Römer nun aber schon auch keine Herkulesse und Alexander mehr, so wollen wir mit der Zeit doch auch noch etwas zustande bringen. An unserem Ernst und festen Willen soll es keinen Mangel haben.“
GEJ|7|94|25|0|Diese Versicherung gaben auch die andern Römer, und Ich sagte: „Gut also, und wo ihr euch wahrhaft in Meinem Namen versammeln werdet, da werde Ich im Geiste unter euch sein und euch alles Gute und Wahre ausführen helfen! Was Ich aber euch sage, das ist und bleibt ewig wahr; denn wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Himmel und Erde werden vergehen, aber Meine Worte und ihre Erfüllung ewig niemals! Darum handelt alle allzeit in Meinem Namen, und Ich werde euch allzeit helfen und euch das ewige Leben geben!“
GEJ|7|94|26|0|Als Ich solches geredet hatte, dankten Mir alle für diese trostvollste Verheißung, erhoben dann die vollen Becher und tranken auf das künftige Wohl aller Menschen und ihrer Kinder.
GEJ|7|95|1|1|95. — Die drei Magier aus Indien und ihre Wunder
GEJ|7|95|1|0|Es kam aber nun wieder ein Diener der Herberge und sagte zu Lazarus: „Herr des Hauses, es sind drei Männer heraufgekommen und möchten mit dir reden! Wer sie sind und was sie wollen, das weiß ich nicht; aber dem Aussehen nach scheinen sie Morgenländer zu sein.“
GEJ|7|95|2|0|Sagte Lazarus: „Hin zu ihnen gehe ich nicht; aber sie sollen hierher kommen und allda mir ihr Anliegen vorbringen! Gehe hin, sage ihnen das, und führe sie hierher!“
GEJ|7|95|3|0|Da ging der Knecht hin und sagte den drei Fremden das.
GEJ|7|95|4|0|Da entschlossen sich die drei und kamen mit dem Knechte alsbald bei uns an.
GEJ|7|95|5|0|Und Lazarus ging ihnen nach der Juden Sitte sieben Schritte entgegen und sagte: „Was wünschet ihr, und was ist euer Anliegen an mich? Denn ich bin der Besitzer dieser Herberge. Redet!“
GEJ|7|95|6|0|Sagte einer mit ganz freundlicher Stimme: „Herr, wir sind drei außerordentliche Magier und sonstige Künstler aus Indien und möchten hier in dieser Stadt einige Vorstellungen geben wegen der Gewinnung eines Zehrgeldes, da wir im Sinn haben, noch weiter nach dem weiten Westen zu ziehen und dort, nahe etwa am Ende der Erde zu erforschen, den Untergang der Sonne, des Mondes und der Sterne. Wir erfuhren aber schon ferne von hier, daß du einer der reichsten Menschen dieser großen Stadt seist und dazu ein selten großer Freund alles Großen und Wunderbaren; darum, da man uns hierher gewiesen hatte, faßten wir denn auch Mut und kamen zu dir herauf, um dir unser Anliegen vorzutragen. Möchtest du uns nun, nur so zu einer Probe, hier vor dir und diesen deinen vielen Gästen etliche wunderbare Stücke machen lassen?“
GEJ|7|95|7|0|Sagte Lazarus: „Ja, meine werten Künstler, das kommt in Gegenwart dieser meiner Gäste nun nicht auf mich selbst an, sondern vielmehr auf diese überaus hochverehrlichen Gäste! Ich werde mich zuvor mit ihnen besprechen und euch dann ihren Willen kundtun.“
GEJ|7|95|8|0|Damit waren die drei Magier zufrieden, und Lazarus fragte Mich, was er da tun solle.
GEJ|7|95|9|0|Sagte Ich: „So laß sie einige Proben ihrer Kunst nun machen, auf daß auch die Römer, die an derlei Zaubereien noch immer etwas Außerordentliches finden, den Unterschied zwischen Meinen Taten und Zeichen und den Wunderwerken dieser Zauberer so recht handgreiflich kennenlernen! Denn es wird das zur Kräftigung ihres Glaubens an Mich sehr vieles bewirken, und sie werden dann auch morgen leichter einsehen und begreifen, was der wahre Mensch durch die Macht seines Willens alles bewirken kann, und wie derlei Zaubereien ein pures Garnichts gegen die Werke des Willens eines wahren Menschen sind. Gehe denn hin und laß sie ihre angetragene Probe machen!“
GEJ|7|95|10|0|Da ging Lazarus die etlichen Schritte zu ihnen und sagte ihnen das, was Ich zu ihm gesagt hatte, und begab sich zu Mir zurück.
GEJ|7|95|11|0|Da zogen die drei Magier ihre Zauberstäbe aus ihren weiten Röcken hervor, machten um sich drei Kreise auf der Erde und dann auch in der Luft. Die Römer waren da ganz Aug und Ohr.
GEJ|7|95|12|0|Der erste, als der Hauptmagier, öffnete nun seinen Mund und sagte mit lauter Stimme: „Sehet, ihr großen Herren, diese Stäbe bestehen aus dem Wunderholze auf unseren höchsten Bergen, das aber nur überaus selten wächst! Wer das Glück und die Kenntnis hat, solch einen Baum zu finden und von ihm dann in einer bestimmten Zeit drei Zweige zu nehmen, dem ist es dann möglich, durch seinen Willen, so er den Stab in seiner Hand hält, beinahe alles, was ein Mensch will, zu bewirken, und wir werden nun sogleich eine Probe davon ablegen.“
GEJ|7|95|13|0|Hier zog einer aus seinem Rocke einen toten Vogel hervor und sagte: „Sehet diesen völlig toten Vogel! Ich werde ihn nun in kleine Stücke zerreißen, die Stücke darauf zwischen zwei Steinen möglichst klein zermahlen, dann anzünden und zu Asche verbrennen und endlich aus der Asche mit diesem Wunderstabe den nun völlig toten Vogel ganz lebend wieder hervorziehen, und der Vogel wird vor euer aller Augen ganz munter auf und davon fliegen.“
GEJ|7|95|14|0|Hierauf tat der Magier das Angekündigte. Die beiden Gehilfen machten ein Feuer an, weil sie Phosphor und auch einige harzige Holzspäne bei sich hatten. Der ganz zerriebene Vogel ward nun zu Asche verbrannt, und der Hauptmagier beugte sich mit seinem Stabe zur Erde und fing an, mit dem Stabe unter Hinzumurmelung einiger unverständlicher Worte die Asche zu rühren, und siehe, es hüpfte bald ein gleicher Vogel am Boden herum und flog bald auf und davon!
GEJ|7|95|15|0|Da fragte der Magier, wie wir mit diesem Wunder zufrieden wären.
GEJ|7|95|16|0|Da sagte ein Römer: „Das war ja etwas ganz Besonderes! Zeiget uns noch ein Wunder, und wir werden euch dafür schon zu eurer Zufriedenheit belohnen!“
GEJ|7|95|17|0|Sagte der Magier: „Es soll euer Wunsch alsogleich erfüllt werden!“
GEJ|7|95|18|0|Hierauf zog er aus seinem weiten Rocke ein Bündel ganz vertrocknet aussehender Blumen und sagte: „Wie dieser Stab ehedem vermochte, einen toten und völlig zerstörten Vogel wieder völlig lebendig zu machen, also wird er auch diese vertrockneten Blumen alsbald wieder beleben und also frisch machen, als stünden sie im Garten auf frischer Erde!“
GEJ|7|95|19|0|Darauf hielt er eine Weile die Blumen in seiner linken Hand und bestrich sie mit dem Stabe, und siehe, die Blumen bekamen ein ganz frisches Aussehen!
GEJ|7|95|20|0|Dann zeigte er, sich besonders an die Römer wendend, den ganz frischen Blumenstrauß und sagte: „Sehet, durch die Macht meines Stabes muß sich am Ende alles, was da alt und verwelkt geworden ist, verjüngen und ein frisches und neues Leben zu atmen anfangen! Wenn es die hochwertesten Gäste wünschen würden, so würde ich wohl noch ein Pröbchen von der Macht meines Stabes zeigen können, – doch nur eines noch, weil ich die großen Wunderstücke nur vor Tausenden von Menschen produzieren kann!“
GEJ|7|95|21|0|Sagten die Römer, doch ohne Agrikola: „Ja, ja, die Sache war auffallend gut, und so magst du uns schon noch ein drittes Pröbchen zeigen!“
GEJ|7|95|22|0|Sagte der Hauptmagier: „Das freut mich sehr, hier auf diesem schönen Berge so viele Gönner der höheren, bis jetzt noch völlig unbekannten Magie gefunden zu haben, und ich hoffe, daß die hohen Herren Gäste auch meine großen Vorstellungen sich ansehen werden. Und so will ich denn sogleich das dritte Pröbchen liefern.“
GEJ|7|95|23|0|Hierauf zog der Magier ein Stück Brot aus einem Sacke seines Oberrockes und sagte: „Ein jeder von euch kann sich überzeugen, daß das ein wirkliches Stück Brot ist, und dennoch werde ich es durch meinen Machtspruch und bloß durch die Berührung mit diesem Zauberstabe in einen harten Stein verwandeln!“
GEJ|7|95|24|0|Sagten einige Römer: „Das wäre wirklich viel; denn wir sehen es ja ganz genau, wie noch die Brosamen von dem Stück Brot zur Erde herabfallen. Also mache du nur dein Wunder!“
GEJ|7|95|25|0|Hier berührte der Magier mit seinem Stabe das Brot – das eigentlich schon vorher Stein war, und die Brosamen wurden nur so nebenbei auf die Erde herabfallen gelassen – und sagte dann: „Meine hohen Herren, wollet ihr nun das Brot untersuchen, ob es wohl noch Brot ist?!“
GEJ|7|95|26|0|Mit diesen Worten überreichte er das scheinbare Stück Brot den Römern, die sich darob sehr wunderten, daß das Stück Brot wirklich zu Stein geworden war. Und sie wollten nun wirklich dem Magier einen bedeutenden Lohn geben.
GEJ|7|95|27|0|Aber Ich winkte dem Raphael, und er trat zwischen die noch etwas blinden Römer und die drei Magier, hob seine Rechte auf und sagte: „Nein und nimmermehr soll je ein erwiesener Betrug belohnt, sondern nur allzeit auf das entschiedenste bestraft werden, weil ein derartiger Betrug am allermeisten dazu geeignet ist, die Seelen der Menschen gefangenzunehmen und zu töten! Das waren falsche Wunder, und ihr blinden Heiden habt von dem Betruge nichts gemerkt. Aber ich will ihn euch gleich zeigen!“
GEJ|7|96|1|1|96. — Raphael entlarvt die Magier
GEJ|7|96|1|0|Hier waren die Zauberer gleich entrockt, und es fielen eine Menge Artikel aus ihren vielen Säcken auch mehrere tote und lebendige Vögel und verdorrte und frische Blumensträuße.
GEJ|7|96|2|0|Raphael zeigte den Römern im Augenblick, wie die indischen Magier ihre Wunder gewirkt hatten, was die Römer auch gleich einsahen, und sagte: „Und für so einen elenden Betrug wolltet ihr diese Menschen noch belohnen?!“
GEJ|7|96|3|0|Da zogen sich die Römer zurück, und die Magier sagten: „Ja, junger schönster Freund, besser verstehen wir es nicht!“
GEJ|7|96|4|0|Und Raphael sagte: „So arbeitet daheim und verdienet euch euer Brot auf eine ehrliche Art und Weise, aber nicht durch einen so schmählichen Betrug!“
GEJ|7|96|5|0|Hier wollten die Magier gehen, aber der Engel sagte: „Ihr werdet gehen, aber erst dann, wenn es euch von uns aus gestattet wird, für jetzt aber werde ich mit euch noch so manches verhandeln. Ziehet eure Röcke wieder an, und dann werden wir weiterreden!“
GEJ|7|96|6|0|Hierauf griffen die ganz verblüfften Magier nach ihren am Boden herumliegenden Röcken und zogen dieselben wieder an.
GEJ|7|96|7|0|Und der Hauptmagier sagte zu Raphael: „Aber wie kannst du, allerholdester Junge, uns für nichts und wieder nichts hier vor einer so ehrenvertesten Gesellschaft gar so außerordentlich beschämen?! Denn wir verlangten für diese drei Stücke ja ohnehin nichts und hätten nur eine freiwillige Spende mit Dank angenommen. Wir können ja auch noch viel mehr als diese drei Stücke allein!“
GEJ|7|96|8|0|Sagte Raphael: „Was ihr könnet, weiß ich nur zu gut! Alles ist auf einen feinen Betrug abgesehen, für den ihr euch noch obendrauf bezahlen laßt, und ihr nennet euch weltberühmt, weil ihr die feinsten Betrüger seid. Ihr habt aber meines Wissens doch selbst ein Gesetz, durch das Lüge und Betrug mit scharfen Strafen belegt sind. Und dennoch lebet ihr nur von dem feinsten und schlechtesten Betrug, weil ihr als Betrüger noch geachtet und hoch belohnt werdet, während ein anderer Betrüger, so er entdeckt wird, der gerechten Strafe nicht entgeht, und weil ihr die Seelen der Menschen verderbet. Denn ihr leistet für das Auge des in eure Betrugsgeheimnisse nicht eingeweihten Menschen Wunder, weil ihr vorher durch eure Reden auf eine pomphafte Weise vor den Menschen ankündiget, daß ihr durch die Macht eures Stabes, Wortes und Willens Wunder wirken werdet.
GEJ|7|96|9|0|Was ist aber solch ein Wunder anderes als ein schmählicher Betrug, der schlechter und ärger ist als ein anderer, und das darum, weil ein anderer gemeiner Betrug den Betrüger vor den ehrlichen Menschen verächtlich macht und ihn vors Gericht der Welt setzt, während eure Betrügereien euch vor den blinden Menschen zu hohen Ehren bringen und ein göttliches Ansehen verschaffen. Und es hat mit euch schon Fälle gegeben, wo ihr euch den Menschen als höhere Gottwesen vorgestellt und vom Volke Opfer und Anbetung angenommen habt; ja man hat euch in eurem Lande sogar einen Tempel erbaut und euer Bild zur Verehrung und Anbetung darin aufgerichtet! Ich sage es aber, daß das ein Werk der Hölle und ihrer bösesten Geister ist und ihr darum mit solchen im wahren Bunde stehet, nicht als hülfen sie euch eure Trugwunder verrichten, sondern darum, weil ihr das auf Erden tuet, was sie in der Hölle tun; denn bei den Teufeln ist alles Lüge und Betrug.
GEJ|7|96|10|0|Ihr habt eure argen Künste von den Priestern zwar erlernt, weil ihr selbst eurer schmählichen Priesterkaste angehöret, und seid als ihre Apostel nun ausgezogen, um dadurch viele Menschen in eure Schlingen zu ziehen; aber hierher seid ihr vergeblich gekommen, und es wird euch hier euer böses Handwerk gelegt werden, wofür ich euch völlig gutstehe.
GEJ|7|96|11|0|Ihr habt zwar gleich anfangs angegeben, daß ihr darum bis in den fernsten Westen ziehet, um dort, als am Ende der Erde, den Untergang der Sonne, des Mondes und der Sterne in der nächsten Nähe zu beobachten und zu erforschen, und doch ist euch die Gestalt der Erde nicht fremd; denn es hat bei euch Menschen gegeben, die die Erde gar wohl erforscht haben und auch ganz gut wußten, was sie von der Sonne, vom Monde, von den Planeten und Fixsternen zu halten haben. Aber solches habt ihr dem Volke nie mitgeteilt, sondern ihr habt das Volk noch mit großen Strafen bedroht, so es je wagte, von den Gestirnen und von der Erde etwas anderes zu denken, zu reden und zu halten als nur das, was ihr ihm darüber allzeit vorgelogen habt. Und für solche eure schamlosen Lügen muß euch das arme Volk noch die größten Opfer bringen und sich von euch noch auf alle mögliche Arten allergrausamst quälen lassen.
GEJ|7|96|12|0|Ist euch das noch nie in den Sinn gekommen, daß ein solches Handeln an euren Nebenmenschen ein höchstes Unrecht ist? Ihr verkündiget dem Volke wohl einen allerhöchsten Gott, und auch einen bösen, der mit dem höchsten, guten Gott in einem beständigen Kampfe stehe, doch ihr selbst habt noch nie an einen solchen Gott geglaubt, lasset euch aber doch als förmliche Gottessöhne vom Volke hoch verehren und anbeten! Was seid ihr denn nun da vor mir für Wesen? Ich sage es euch: Ihr seid um vieles ärger denn die bösesten Tiere der Erde! Denn diese leben und tun danach, wie ihre innere Ordnung sie lehrt und zieht; aber ihr als mit aller Vernunft und klarem Verstande und mit einem vollkommen freien Willen begabte Wesen seid ärger gegen eure Mitmenschen, als da je die wildesten und reißendsten Tiere untereinander sind. – Wie gefällt euch das, und was saget ihr nun dazu?“
GEJ|7|97|1|1|97. — Die Verteidigungsrede des Hauptmagiers
GEJ|7|97|1|0|Sagte der Hauptmagier: „O lieber, holder und sehr weiser Jüngling! Wir stellen dir das ganz und gar nicht in Abrede, daß sich die Sachen bei uns leider so verhalten; doch wir haben sie schon also, wie sie sind, gefunden und nicht selbst eingeführt. Wer sie einmal uranfänglich also erfunden, eingeführt und bestellt hat, der mag alles Unheil unter uns irgend vor einem wahrhaftigen Gott verantworten! Ich bin als ein Priesterkind also erzogen und gelehrt worden und kann nicht dafür, daß ich nun das bin, was ich bin. Bei uns gilt der fromme Betrug als eine vorzügliche Tugend; denn man braucht den gemeinen Menschen durch allerlei geheime Künste nur zu einem festen und ungezweifelten Glauben zu bringen – was eben nichts Schweres ist, wenn man die Sache nur am rechten Orte anfaßt –, und siehe, der Mensch ist dabei völlig glücklich, lebt in einer bestimmten Ordnung und hat keine Furcht vor dem Tode des Leibes, weil er an ein Leben nach des Leibes Tode fest und ungezweifelt glaubt! Man nehme ihm diesen Glauben weg, und er ist im Augenblicke unglücklicher als jedes noch so verlassene Tier! Bis man aber imstande wäre, alle Menschen zu lauter Weltweisen zu machen, wäre man zuvor schon lange ein Opfer der Wut des Volkes. Es ist daher nun vorderhand nichts zu machen, als die Sache also fortzuführen, wie sie einmal bestellt ist. Soll sie anders werden, so muß das ein allmächtiger Gott tun; wir Menschen sind zu schwach dazu.
GEJ|7|97|2|0|Ich bin mit meiner Wissenschaft und Kunst schon weit in der Welt herumgekommen, war sogar im großen Reiche über der großen Weltmauer, habe aber nirgends Menschen angetroffen, bei denen die gewisse klare Weltweisheit allgemein daheim wäre. Sie ist gewöhnlich nur ein Gut des Priesterstandes; das Volk aber lebt ruhig und zufrieden und das infolge des blinden Glaubens, den es von den Priestern überkommt. Und es ist dies sicher das beste Mittel, ein Volk in einer gewissen Ordnung zu erhalten und zur fleißigen Bebauung der Erde anzuhalten.
GEJ|7|97|3|0|Daß er lebt und auch sicher sterben wird, das weiß der Mensch; so ein Mensch aber gesund und wohlversorgt lebt, so lebt er auch gern und ist von Natur aus ein Feind des Sterbens und des Todes und hat somit stets eine große Furcht vor dem Tode. Diese beständige Furcht würde den Menschen bald derart übermannen, daß er zu einer jeden Arbeit und auch für eine geistige Bildung gänzlich unfähig werden müßte, und er müßte auch ein größter Feind des Lebens werden, – wie es bei uns auch ein solches Volk gibt, das sein Leben verflucht und keine Kinder zeugt, um keine unglücklichen Wesen in diese Welt zu setzen. Es vermehrt sich nur durch Zuwanderungen von außen her, mit Ausnahme der Weiber, die darum unter diesem Volke nicht anzutreffen sind. Aber es erscheint der sich selbst über alles verleugnende Priesterstand, lehrt den Menschen irgend unsichtbare mächtige Götter und ihre Kräfte kennen und führt sich als ein selbstmächtiger Sendling und Diener der Götter dem Volke dadurch vor, daß er vor des Volkes Augen Wunder wirkt und vor seinen Ohren weise spricht.
GEJ|7|97|4|0|Die Wunderwerke sind die Zeugen seines Wortes. Das Volk glaubt, weil es mit seinen Augen selbst die Bestätigung gesehen hat, und wird glücklich, weil sein Glaube dem Tod alle Schrecken einer ewigen Vernichtung dadurch benommen hat, daß er ihm die sichere und von niemand mehr bezweifelte Aussicht auf ein besseres und ewiges Leben nach des Leibes Tode gegeben hat.
GEJ|7|97|5|0|Und siehe, das ist die Frucht des nie genug zu achtenden Priesterstandes, der für sich zwar leider in der stets traurigen Erkenntnis ist, daß der Tod des Leibes des Menschen wie des Tieres und der Pflanze Letztes ist. Damit aber der Priester beim Volke stets den Glauben aufrechterhält, so darf das Volk in die inneren Geheimnisse des Priesters nie nur im entferntesten eingeweiht werden, sondern es muß in dem Priester stets ein höheres Wesen erschauen, dessen Weisheit und Macht des Menschen fromme Seele erst nach dem Tode erkennen wird; denn würde sie das im Leben des Leibes, so wäre das ihr Tod. Das glauben die Menschen auch, halten des Priesters Weisheit und Macht für heilig und führen dabei ein ruhiges, ordentliches und möglichst glückliches Leben. Aus diesem Grunde werden bei uns denn auch die außerpriesterlichen Wundertäter stets hart verfolgt und als von einem bösen Wesen abgesandte Verführer des glücklichen Volkes mit harten und schweren Strafen belegt. Denn es ist sicher besser, daß da einer leidet des Volkes wegen, als daß das ganze Volk am Ende eines mutwilligen Menschen wegen leiden soll.
GEJ|7|97|6|0|Es gibt aber schon auch unter uns Priestern welche, die gewisse faktische Beweise von einem Fortleben der Seele nach dem Tode haben; aber solche Beweise taugen nicht für ein allgemeines großes Volk, sondern nur für wenige, die in die innersten Lebensmysterien tief eingeweiht sind.
GEJ|7|97|7|0|Für das allgemeine, rohe, aber dafür glaubensstarke Volk taugen nur erschauliche Beweise mit möglichst großem und mysteriösem Gepränge. Diese schaut das Volk mit großen Augen voll des höchsten Staunens und voll der tiefsten Erbauung an, – glaubt, opfert und arbeitet dann mit Freude. Und das alles ist wahrlich nicht so schlecht, wie du, mein holder junger Freund, es mir ehedem in scharfen Worten dargestellt hast, und ich ersuche dich nun, mir darüber dein Urteil preiszugeben!“
GEJ|7|98|1|1|98. — Das Geständnis des Hauptmagiers
GEJ|7|98|1|0|Sagte unser Raphael: „Sollst in deiner grobirdisch-materiellen Weise recht haben; denn auf große und vielen Lärm und ein großes Getöse machende Spektakel werden sogar die Tiere der Wälder aufmerksam und ergreifen vor Angst die Flucht. Also müssen eure großen Zauberspektakel auf euer Volk um so mehr einwirken, weil das Volk eure Sprache und eure Predigt versteht; denn könnten eure Menschen nicht selbst reden und somit auch nicht eure trügerischen Reden verstehen, so würden sie bei euren angeblich gottesdienstlichen Großpompzauberhandlungen offenbar den Tieren gleich die Flucht ergreifen und sich vor Furcht und großer Angst in die Höhlen, Klüfte und Löcher der Erde verkriechen. Aber ich sage dir noch einmal, daß ihr nach eurer blinden Idee für euch recht haben sollet.
GEJ|7|98|2|0|Aber wozu reiset ihr aus eurem Lande und machet uns sicher geweckteren Menschen eure nichtssagenden Wunder und Trugkünste vor? Was wollt ihr damit denn bei uns erreichen? Sollen etwa am Ende auch wir euch für mächtige Mittler zwischen Gott und den Menschen ansehen und glauben, daß ihr wahrhaftig Götter seid?! Daheim in eurem Lande, das groß genug ist, könnet ihr ja ohnehin tun, was ihr wollet, und könnet euch von euren blinden Völkern anbeten lassen; doch was treibt euch zu uns her, was wollet ihr hier mit euren Trugkünsten erreichen? Des Goldes, des Silbers, der Perlen und der Edelsteine wegen seid ihr nicht zu uns gekommen; denn an solchen Schätzen habt ihr ohnehin den größten Überfluß. Wollet ihr etwa auch uns für euch bekehren und uns glauben machen, daß ihr wahrhaftige Boten Gottes seid? Ja, ja, seht, das ist euer geheimer Plan, da euch die ganze Erde sicher sehr viel lieber wäre als euer Indien allein! Aber ich sage es euch, daß ihr da bei uns mit solch eurer geheimen Absicht niemals durchdringen, sondern nur bald arg zum Teile kommen werdet. Darum reiset für diesmal noch ungestraft in euer Land zurück, und waget es nie wieder, in solcher eurer Absicht zu uns zu kommen, und treibet eure Sache aber auch daheim nicht zu bunt, sonst könnte unser allein wahrer, ewiger Gott und Vater über euch Seine Geduld und Langmut verlieren und euch züchtigen in Seinem gerechten Zorne! – Hast du, toller Zauberer, mich verstanden?“
GEJ|7|98|3|0|Sagte der Magier: „Holder, weiser Jüngling! Wir erkennen es ja an, daß du in allem recht hast, und daß wir Indier sehr im Finstern wandeln; aber wir sind dabei dennoch ein ganz glückliches Volk, da wir alles haben, was die Menschen auf dieser Erde glücklich machen kann. Das Volk genießt durch seinen festen Glauben noch das Gute, daß es keinen Tod vor sich hat und ihn somit auch nicht fürchtet. Es fürchtet nur einen ihm verkündeten höchst unglückseligen Zustand der Seele nach dem Tode des Leibes, so es denselben durch die Nichthaltung der Gesetze verdient hat. Daß aber das Volk das glaubt und solch einen Zustand nach dem Tode fürchtet, das beweisen die außerordentlichen Bußwerke des indischen Volkes, die es für seine allfälligen Sünden verrichtet.
GEJ|7|98|4|0|Das Volk ist demnach ganz glücklich, wenn es nur die vorgeschriebenen Gesetze beachtet. Wenn aber nach unserem guten Wissen und Gewissen das Volk naturmäßig und seelisch glücklich ist und unsere Trugkünste eben dazu alles beitragen, so kann uns darum irgendein wahrhaftiger, großer, weisester und allmächtiger Gott nicht gram werden und seinen Zorn über uns kommen lassen; denn er kann ja doch nimmer wollen, daß die Menschen auf dieser Erde so unglücklich wie möglich leben sollen. Sollte ihm aber die Art und Weise nicht recht und angenehm sein, wie wir durch unsere Klugheit und durch unser Geschick das ganze große Volk glücklich machen – und das für alle Zeiten dauernd –, so wird es ihm doch nicht unmöglich sein, uns seinen Willen dahin kundzutun, wie er das indische Volk geleitet und geführt haben will.
GEJ|7|98|5|0|Daß wir zuweilen aber auch andere Länder bereisen, das hat für uns einen mehrfachen guten Zweck. Um Gold und andere Schätze zu gewinnen, reisen wir sicher nicht, da wir daheim mit goldenen Pflügen unsere Äcker bebauen! Uns wäre euer Eisen um vieles wertvoller denn unser vieles Gold. Uns treibt auch nicht eine gewisse Produktionsgier nach auswärts; denn wir haben daheim der Verehrer in größter Anzahl. Also wollen wir auch in fremden Ländern für unsere Götterlehre niemanden gewinnen; denn wir reisen nie als Priester, sondern nur als Magier und Weise aus dem fernen Morgenlande. Aber da wir selbst geheim bei uns am allerbesten fühlen, wo es uns fehlt, so suchen wir in fremden Ländern eben das uns Priestern selbst Fehlende.
GEJ|7|98|6|0|Wir ahnen es wohl, daß es irgendeinen allweisesten und allmächtigen Gott geben muß, durch dessen Willen alles, was wir durch unsere Sinne wahrnehmen, erschaffen oder gemacht worden ist. Ja wir haben sogar durch unsere alten Weisen erfahren, daß im fernen Westen, der die Sonne, den Mond und alle die Sterne aufnähme, sich ein Volk befindet, welches allein mit dem einen, wahren Gott in steter Verbindung stehe, Ihn daher wohl kenne und uns von Ihm sicher etwas Näheres sagen könnte und würde. Wir aber sind nun mit unserer verborgenen Absicht schon sehr weit nach Westen vorgedrungen, aber das gewisse glücklichste Volk der Erde haben wir noch nicht gefunden. Wir fanden, daß wir selbst mit unserer Ahnung, daß es einen Gott geben müsse, und mit unseren Trugkünsten, wie du, holder Junge, sie nanntest, noch immer besser daran sind als alle die Weisen der vielen Länder, die wir schon durchzogen haben.
GEJ|7|98|7|0|Mein holdester Junge, ich gestehe es dir ganz offen, daß wir unter allen den tausend und abermals tausend Weisen, mit denen wir schon verkehrt haben, noch keinen weiseren angetroffen haben, als wie du da bist. Dir muten wir es zu, daß du von dem allein wahren Gott eine rechte Kenntnis hast, und es wäre uns darum höchst angenehm, so wir uns mit dir näher besprechen könnten; denn du warst bis jetzt noch der einzige, der unsere Wunder als das erkannt hat, was sie im Grunde auch sind. Du hast uns in deinem jugendlichen Eifer freilich scharf zugesetzt und hattest auch ein volles Recht dazu; aber wir haben durch unsere gewirkten drei Zeichen, mit denen wir eine Probe vor euren Augen machten und derentwegen du uns arge Betrüger gescholten hast, dennoch unseren geheimgehaltenen Zweck erreicht, und so waren denn auch unsere falschen Wunder am Ende doch für etwas gut.
GEJ|7|98|8|0|Sollten wir hier in dir das lange und mühsam Gesuchte gefunden haben, so geben wir dir die vollste Versicherung, daß wir in einem fremden Lande keine falschen Wunder mehr wirken werden. Sollte aber das bei dir auch noch nicht der Fall sein, so werden wir wieder auf die uns eigene Art das uns Verborgene irgend weiter zu suchen bemüßigt sein, und wir meinen, daß uns da niemand sagen kann, daß wir unrecht handeln. Falsch sind wir nicht, aber klug, und es liegt in unserer Art und Weise, daß wir das, was wir suchen, zumeist auch finden, wenn es überhaupt irgend zu finden ist. Holder, weiser Jüngling, sei uns nun nicht gram und gestatte uns, daß wir dich morgen wieder, aber nicht mehr als Magier, sondern als Gottsucher besuchen dürfen!“
GEJ|7|99|1|1|99. — Der nicht erhörte Ruf der Inder nach Gott
GEJ|7|99|1|0|Sagte Raphael: „Ich bin euch nicht gram, da ich es wohl weiß, wie ihr beschaffen seid; aber das sage ich euch, und das merket euch wohl, daß Gott in Sich die ewige Wahrheit und Weisheit Selbst ist und Sich darum nie durch irgendeine Trugkunst finden und begreifen läßt; denn Gott ist heilig. Ein Trug aber – wie immer geartet er auch sein mag, und aus welchen Beweggründen er auch verübt wird – ist in sich unheilig, darum verdammlich und eines heiligsten Gottes höchst unwürdig.
GEJ|7|99|2|0|Wer Gott als die höchste Wahrheit suchen und finden will, der muß Ihn in aller Demut und Wahrheit des Herzens suchen und wird Ihn also auch finden; aber mit allerlei Lüge und Trug läßt Sich Gott wohl nimmerdar finden!
GEJ|7|99|3|0|Ihr habet aber ja selbst auch solche altverborgene Weise in eurem Lande, die ihr Pirmanji nennt. Diese kennen auch noch den einen, wahren Gott. Warum wollet ihr euch denn von ihnen nicht über Gott belehren lassen?“
GEJ|7|99|4|0|Sagte der erste Magier: „Wir wissen das wohl, daß sie eine tiefere Kenntnis besitzen; aber wer kann zu ihnen kommen? Sie bewohnen solche Gegenden, die nur den Adlern, aber sonst keinem Sterblichen zugänglich sind. Wir wissen von ihnen nur so viel, daß sie irgend in den Hochgebirgstälern ihren Aufenthalt haben; aber wo, das ist eine andere Frage.
GEJ|7|99|5|0|Wir haben wohl schon welche persönlich kennengelernt und auch mit ihnen gesprochen; aber es war aus ihnen mit aller unserer Klugheit nichts herauszubringen. Wir erkannten sie aber dadurch, daß sie uns alles genau kundgaben, was sich seit unseren Kinderjahren mit uns zugetragen hatte, und sie sagten uns auch zum voraus, was sich mit uns noch zutragen werde, und das geschah schon vor zehn Jahren. Und siehe, alles das uns von ihnen Vorausgesagte ist bis jetzt auf ein Haar eingetroffen!
GEJ|7|99|6|0|Als wir aber mit ihnen über das Dasein irgendeines wahren Gottes zu reden anfingen, da wichen sie ab und gaben uns keine irgend bestimmte Antwort. Wir drangen darauf mit großem Ernste in sie und gaben ihnen zu verstehen, daß sie sich in unserer Gewalt befänden.
GEJ|7|99|7|0|Da sagten sie: ,Wir befinden uns aber in der Gewalt des einen, wahren Gottes, und über der stehet keine Gewalt dieser Welt!‘
GEJ|7|99|8|0|Darauf verließen sie uns plötzlich und verschwanden ordentlich vor unseren offenen Augen. Wir haben dabei wohl das gewonnen, daß wir wenigstens eine stärkere Ahnung vom Dasein eines wahren Gottes erhielten, doch von irgendeinem helleren Begriff über Ihn konnte da keine Rede sein.
GEJ|7|99|9|0|Wie es aber uns geht, so geht es auch unserem Oberpriester; denn er weiß ebensoviel wie wir. Darum aber sendet er auch beinahe alle Jahre einige der tüchtigsten Unterpriester in alle Welt hinaus, damit sie irgendeine haltbare Kunde von dem einen, wahren Gott erhalten könnten, von dem es in unserem alten Buche heißt: Ja seam zkrit (Ich bin verborgen). Aber wo? Darin liegt eben der ewig fatale Grund, daß wir den Verborgenen gleichweg suchen und nirgends finden. Unser Volk hat es leicht, denn das glaubt unbezweifelt fest, daß Er auf unserem hohen, unersteigbaren und heiligen Berge, und das in dem goldenen Palaste, verborgen sei, und es wird das Volk in solchem Glauben auch stets durch unsere Wunderwerke bestärkt; aber wo ist der eine, wahre Gott für uns selbst verborgen? Das ist eine andere Frage!
GEJ|7|99|10|0|Wir suchten Ihn schon in allen Winkeln und Schluchten der Erde, die uns nur irgend zugänglich waren, fanden vieles und Seltsames, aber den Verborgenen fanden wir bis zur Stunde noch nicht. Und dennoch sieht es auf der Erde, in der Luft und auch unter den Sternen aus wie in einem Hause, dessen Einrichtung augenscheinlich zeigt, daß es einen höchst guten und weisheitsvollen Hausvater hat. So man aber nach ihm fragt und ihn selbst näher kennenlernen möchte, so ist er nie da, und es kann sich niemand rühmen, ihn je gesehen und gesprochen zu haben. Und doch muß er irgendwo sein und für die Ordnung seines Hauses sorgen. – Und, du junger, weiser Freund, nun erst sind wir an dem rechten Punkte angelangt!
GEJ|7|99|11|0|Es ist eben nichts besonders Schweres, einem Menschen oder auch mit der Zeit einem ganzen Volke in seiner Not ein Tröster mit ganz ernstem Gesichte zu sein und dabei aber selbst dennoch jedes Trostes für immer bis zum letzten Atemzuge zu entbehren. Und so kann es uns wahrlich kein Gott verargen – so irgendwo Einer ist –, daß wir altbewährten Völkertröster am Ende auch für uns einen wahren Trost suchen, der von uns schon durch undenkliche Zeiten dem armen, blinden Volke gewährt wurde. Daß wir diesen Trost für uns nach deiner Rede sicher wohl mit den unfruchtbarsten Mitteln suchen, das bezweifeln wir gar nicht; aber wo stehen die eigentlichen und wahren Mittel angezeigt?
GEJ|7|99|12|0|Du hast uns nun freilich wohl angezeigt, daß Gott als die ewige Urwahrheit Sich nur wieder durch die Wahrheit finden läßt. Das, unser holdester Freund, ist ganz gut und ganz wunderschön gesagt; aber was ist die Wahrheit, und wo finden wir sie in dieser Welt?! Glücklich der seltene Mensch, der von solch einer Wahrheit nur eine Ahnung hat; aber wo ist der, der sie im Vollmaße sein eigen nennen kann?! Oh, sage uns den Menschen an, und wir wollen ihn bis ans Ende der Welt verfolgen und ihm alle Schätze unseres übergroßen Reiches anbieten, daß er uns einen Teil von seinem geistigen Schatze mitteile!
GEJ|7|99|13|0|Du kannst aber nun von uns denken, was du nur immer willst; aber das sage ich dir nun ganz offen und frei ohne allen Rückhalt – sogar auf die Gefahr hin, daß du selbst eben der Verborgene wärest, den wir schon so lange suchen –, daß am Ende der Mensch, der mit allen Mitteln, die er nur irgend ausfindig machen kann und mag, und dazu mit allen möglichen Lebensbeschwerden, die es nur auf der Welt geben kann, die Wahrheit beharrlich sucht, am Ende ebensoviel und vielleicht noch mehr wert ist als ein so glücklicher Mensch, der die Wahrheit durch irgendein unberechenbares Ungefähr gefunden hat und sie dann seinen armen Nebenmenschen, die die Wahrheit suchen, hartnäckig vorenthält und sie geistig hungrig und durstig weiterziehen läßt, während er sie vielleicht mit wenigen Worten für Jahrtausende vollauf hätte sättigen können. Ja, ich sage dir aber noch mehr:
GEJ|7|99|14|0|Wir haben eben darum den größten Zweifel am Dasein eines einigen, wahren Gottes, weil wir Ihn schon so lange suchen und Er Sich von uns noch immer so wie vor Jahrtausenden suchen läßt. Was wohl könnet ihr im Grunde vor uns voraushaben darum, weil Sich der wahre, einige Gott etwa von euch hat finden lassen? Wer weiß es denn, ob du Ihn je emsiger gesucht hast als wir?
GEJ|7|99|15|0|Ja, Freund, mit uns Indiern ist in dieser Hinsicht wohl ein wenig schwer zu reden; denn wir sind keine Menschen von heute bis morgen, sondern wie wir nun sind, so sind wir schon vor undenklichen Zeiten gewesen. Daß wir noch immer auf dem alten Flecke stehen und vielleicht noch Tausende von Jahren auf demselben Flecke stehenbleiben werden, das wissen wir, wenigstens für die Zukunft, nicht ganz bestimmt. Doch sei ihm da nun, wie ihm wolle, – die Schuld daran kann wahrlich nicht auf unsere Schultern geladen werden!
GEJ|7|99|16|0|Oder du hast irgendeinen großen Schatz versteckt und sagst dann zu deinen Dienern: ,Gehet hin und bringet mir den verborgenen Schatz wieder! Findet ihr ihn, so soll euer Lohn groß sein; findet ihr ihn aber, sogar mit verbundenen Augen auch noch dazu, nicht, so sollet ihr dafür ewig bestraft werden!‘ Oh, das wäre wahrlich eine Gerechtigkeit, wie man eine gleiche kaum unter unseren Tigern und Hyänen suchen dürfte!
GEJ|7|99|17|0|Wenn es einen Gott voll Weisheit und Güte geben soll, der das von uns ohnmächtigen Würmern dieser Erde verlangen sollte, dann wäre es für den Menschen um ein endloses besser, nie erschaffen worden zu sein. Wenn mich jemand um einen Weg nach irgendeinem unbekannten Orte fragt, so ist es meine heiligste Pflicht, ihm einen gefälligen Wegweiser zu machen, – und ich habe solches noch nie einem Menschen vorenthalten, wenn ich nur in der Lage war, ihm einen Wegweiser machen zu können.
GEJ|7|99|18|0|So wir aber Gott und Seine Wahrheit mit allem Eifer und mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln suchen und in einem fort laut in uns rufen: ,Gott, Schöpfer und Herr, wo bist Du, Verborgener?‘, und Er würdigt uns keiner noch so geringen Antwort, so sind da drei Fälle möglich: Entweder besteht Er ganz und gar nicht, und alles besteht da ewig nach einer Norm, die sich in der Natur von selbst zufällig gebildet und nachher geordnet hat, oder Gott ist einer, der Sich nur um endlos große Dinge kümmert, oder Gott ist so ein taubes und hartherziges Wesen, daß Ihm die Menschen gerade das sind, was uns die Milben an einem Blatte sind und die zahllosen Mücken in der Luft.
GEJ|7|99|19|0|Und, Freund, unter diesen drei nun ausgesprochenen Fällen ist uns ein Gott völlig entbehrlich; denn da nützet Er den Tieren mehr denn uns armseligsten, mit Vernunft und Verstand begabten Menschen! Merkwürdig bleibt es aber immer, daß Er irgendwo sein soll, Sich aber von uns dennoch nicht finden läßt.
GEJ|7|99|20|0|Was sagst du nun zu diesen meinen wahren Worten? Denn ich zeigte dir nun, wie und warum wir mit Grund an dem Dasein eines wahren Gottes zweifeln. So du willst, da magst du nun wieder reden!“
GEJ|7|100|1|1|100. — Der wahre Weg zu Gott
GEJ|7|100|1|0|Sagte Raphael: „Seht, nun erst habt ihr die volle Wahrheit geredet und habt Gott als die ewige Wahrheit mit der vollen Wahrheit gesucht, und ich kann euch nun schon sagen, daß ihr Ihm noch nie so nahe gekommen seid wie eben jetzt! Aber es ist noch so manches in euch, das zur völligen Auffindung des einen, wahren Gottes nicht taugt, und solange ihr diesen schwarzen Fleck in euch nicht merket und findet und ihn nicht aus euch schaffet, könnet ihr den Verborgenen noch immer nicht finden, so nahe Er euch auch ist.“
GEJ|7|100|2|0|Sagt der Magier: „Und dieser schwarze Fleck wäre?“
GEJ|7|100|3|0|Sagt Raphael: „Das ist euer priesterlicher Hochmut. Denn wehe dem, der euch aus dem Volke begegnet und euch etwa möglicherweise unversehens gar nicht grüßte, da ihr ihn bemerkt habt. Es wird ihm das gleich als ein großes Verbrechen angerechnet, und er muß sich darum einer starken Buße unterwerfen, die entweder in einer starken und oft ganz schaudererregenden Leibeskasteiung oder bei einem Reichen in anderen großen Opfern besteht, die bei euch nicht selten ins Fabelhafte gehen! Und sehet, das ist ein gar grober schwarzer Fleck! Solange der bei euch gang und gäbe ist und bleibt, wird Sich Gott von euch nicht finden lassen: denn Gott können nur jene Menschen finden, die Ihm in ihrer Seele ähnlich zu werden trachten oder Ihm schon mehr und mehr ähnlich sind.
GEJ|7|100|4|0|Gott ähnlich werden aber heißt: Werdet voll Liebe gegen eure Nebenmenschen, und euer Herz sei voll Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung gegen jedermann, so wird Sich Gott auch euer erbarmen und Sich von euch finden lassen im Geiste Seiner Liebe und der ewigen Wahrheit.
GEJ|7|100|5|0|So ihr Gott nur in und mit der alleinigen Wahrheit suchet, da werdet ihr Ihm wohl nahekommen, aber Sein eigentliches Wesen doch nicht erschauen und noch weniger je begreifen; suchet ihr Gott aber in der reinen Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung, so werdet ihr Gott finden, Ihn erkennen und das ewige Leben eurer Seelen ernten.
GEJ|7|100|6|0|Es war in diesem Lande und unter diesem Volke einmal ein großer Prophet, voll des Geistes aus Gott. Licht und Wahrheit waren seine Wege, und Gotteskraft lag in jedem seiner Worte. Durch besondere Fügungen Gottes mußte er einmal in ein fernes Land fliehen, weil ihm die Menschen im eigenen Lande nach dem Leben strebten. Im fremden Lande mußte er eines hohen Berges Höhle, die ihn vor den Blicken der Menschen verbarg, bewohnen. Als er schon eine geraume Zeit die Höhle bewohnte, in der er sich von allerlei Wurzeln ernährte, betete er zu Gott, daß Er Sich ihm nur ein einziges Mal zeigen möchte, dann wolle er mit Freuden sterben in des Berges Höhle.
GEJ|7|100|7|0|Da vernahm er eine Stimme, die zu ihm sagte: ,So stelle dich an die Öffnung der Höhle, denn Ich werde vor derselben vorüberziehen!‘
GEJ|7|100|8|0|Da ging der Prophet an die Öffnung der Höhle und harrte, daß Gott vorüberzöge. Und siehe, als der Prophet also harrte, da kam ein gar gewaltiger Sturm und zog so mächtig an der Höhle vorüber, daß ganze Felsenmassen vor ihm hinstoben wie leichte Spreu!
GEJ|7|100|9|0|Da meinte der Prophet: ,Ah, das war also Gott! Also im gewaltigen Sturme ist Gott und gibt Sich also den Menschen zu erkennen?!‘
GEJ|7|100|10|0|Aber sogleich sagte eine Stimme zu ihm: ,Du irrst dich! Im Sturme war Gott nicht. Harre nur, und Gott wird vorüberziehen!‘
GEJ|7|100|11|0|Da harrte der Prophet. Und siehe, alsbald nach dem Sturm zog eine gar gewaltige Flammensäule, also ein mächtiges Feuer, vorüber, und der Prophet sagte: ,Also im Feuer offenbarest Du, Gott, Dich uns Menschen?!‘
GEJ|7|100|12|0|Und abermals sprach eine helle Stimme: ,Nein, auch im Feuer zog Gott nicht vor deiner Höhle vorüber! Aber harre! Nun erst wird Gott vorüberziehen!‘
GEJ|7|100|13|0|Und der Prophet harrte mit Angst und großem Zittern. Als er also harrte, da zog ein gar sanftes Säuseln an der Höhle vorüber, und in diesem sanften Säuseln war Gott.
GEJ|7|100|14|0|Und es sprach die Stimme abermals: ,Wer Gott schauen will, der suche Ihn in der Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld und Erbarmung; wer Ihn aber anderswo und durch andere Mittel und auf anderen Wegen sucht, der findet Gott nicht!‘
GEJ|7|100|15|0|Und sehet nun, was jene Stimme dem großen Propheten in jener Höhle sagte, das sagte ich euch nun auch, und ich habe euch den rechten Weg gezeigt! Wollet ihr den einen, wahren Gott auf diesem Wege suchen, so werdet ihr Ihn auch finden, aber auf euren Wegen nimmer. Das sage ich euch! – Habt ihr das verstanden?“
GEJ|7|101|1|1|101. — Von den indischen Religionslehren
GEJ|7|101|1|0|Sagte darauf der Magier: „Ja, du holder und mir ganz unbegreiflich weiser junger Freund! Du zählst noch kaum sechzehn Jahre, wie kam es denn, daß du in solcher Jugend schon so weise geworden bist, wie weise mir noch nie ein Mann von ernsten Jahren untergekommen ist? Wo bist du wohl in die Schule gegangen, und wer war dein Meister?“
GEJ|7|101|2|0|Sagte Raphael: „Das lehrt kein Meister in irgendeiner Schule der Welt, sondern das lehrt Gottes Geist jenen Menschen, der Ihn über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst. Ihr saget wohl auch, daß ihr aus Liebe euer Volk belüget und betrüget und ihm dadurch eine große Wohltat erweiset, ohne die es nach eurer Meinung verzweifeln müßte; aber ich sage euch, daß ihr da in einer großen Irre seid. Es gibt unter eurem Volke schon gar viele von Gott erhellte Menschen, die im Herzen auf euch nicht um ein Haar mehr halten als ich. Aber sie haben eine große Furcht vor euren Straf- und Bußgerichten und tun darum äußerlich noch, als hielten sie große Stücke auf euch; aber in ihrem Innern verachten sie euch mehr als den Tod selbst und haben auch ihren Grund dazu. Würdet ihr aber gar bald anfangen, von euren vielen Dummheiten und leeren Grausamkeiten eine nach der andern auszulassen und an ihre Stelle das zu setzen, was ich euch gesagt habe, so würde euch das Volk mehr loben und achten denn jetzt.“
GEJ|7|101|3|0|Sagte der Magier: „Ja, ja, du hast da ganz recht, wenn es bloß auf uns ankäme; denn wir Jünger der Zientu-Viesta (reinen Gesichte) und des Zan-skrit sind im Grunde gar so grausam nicht und haben viel Mitleid mit den Menschen. Aber die Jünger des ganz erbärmlichen Zou rou az to (Warum wühlest du?), der die Gottheit in das Feuer versetzte, sind eigentlich in ihren Lehren, Sitten und Gebräuchen voll von allen möglichen Grausamkeiten gegen ihr Volk. Wir haben sie wohl bis an die Küsten des großen Meeres verdrängt; aber ganz aufreiben konnten wir sie nicht. Und weil sie unser Oberpriestertum doch auch teilweise beibehielten und sich uns unterstellten, so wurden sie von uns geduldet, aber nie als gerechtfertigt angesehen. Was sonach unsere hochindischen Völker anbelangt, so wären sie nach und nach schon zu etwas Besserem zu bringen, aber die Küstenbewohner und Bekenner der Wühler schwerlich, weil sie zu wahngläubig geworden sind.
GEJ|7|101|4|0|Wir, die wir hier von dir die reine Wahrheit vernommen haben, werden schon alles aufbieten, um diese Wahrheit auch den anderen Menschen nach und nach zukommen zu lassen; aber freilich müssen wir die volle Wahrheit deiner uns gegebenen Lehre vorerst an uns selbst erproben. Bewährt sich das alles an uns, so wird es dann an unserem Eifer keinen Mangel haben; sollte sich aber wider unser Erwarten deine Lehre an uns nicht tatsächlich bewähren, so werden wir dich zwar immer in hohen Ehren halten und uns denken, daß wir der Verwirklichung dessen, was du uns gewisserart verheißen hast, noch lange nicht würdig sind; aber an dem bisher noch immer ruhigen Volksglauben werden wir nicht zu rütteln anfangen.
GEJ|7|101|5|0|Haben wir aber irgendeine nur einigermaßen haltbare Spur des einen, wahren Gottes gefunden, so werden wir sehr eifrig bemüht sein, das auch auf eine geeignete Weise vorderhand wenigstens dem besseren und helleren Teile des Volkes mitzuteilen. Und so hätten wir nun diese Sache so gut als nur immer möglich in aller Kürze abgemacht, und du, junger, holdester Weiser, nimm für deine ernste Mühe unseren vollsten Dank an und laß uns das geheiligte Andenken an dich und an diese Stunde treuest in unseren Herzen bewahren! Es soll das unser steter Tröster auf allen unseren weiten und mühevollen Lebenswegen sein!
GEJ|7|101|6|0|Du aber, der du das unaussprechliche Glück hast, schon in deiner so frühen Jugend den allein wahren Gott und die Unsterblichkeit erkannt zu haben, gedenke dann auch unserer geistigen Armut, wenn du vor deinem heiligen und ewigen Schöpfer stehen wirst! Bitte Ihn für uns, daß Er auch uns armen Indiern das wahre Licht des Lebens unserer Seelen möchte zukommen lassen und möchte auch uns Seinen heiligen Willen bekanntgeben!“
GEJ|7|102|1|1|102. — Die große Ahnung der drei Magier. Die wunderbare Herbeischaffung des Diamanten
GEJ|7|102|1|0|Bei dieser Abschiedsrede des Magiers kamen allen Anwesenden und auch Mir die Tränen, und Ich bedeutete Raphael und Lazarus, die Magier nun noch nicht gehen zu lassen; denn Ich wünsche nun, daß sie an diesem Abende den Verborgenen finden und näher kennenlernen sollen.
GEJ|7|102|2|0|Da traten Raphael und Lazarus zu den dreien, die eben gehen wollten, und Raphael sagte nun mit einer wahrhaft himmlisch freundlichen Miene und Stimme: „Wo wollet ihr nun hinziehen? Seht, die Sonne stehet schon knapp am Horizont, und euer Gefolge ist in der Stadt wohl untergebracht, und so möget ihr wohl bei uns verbleiben diese Nacht; denn auch hier ist eine gute Herberge!“
GEJ|7|102|3|0|Sagte der Magier: „O du lieber, himmlischer junger Freund! Nicht nur diese Nacht, sondern noch gar viele Nächte und Tage möchten wir in deiner Nähe verharren und aus deinem Munde noch gar manche Wahrheit vernehmen. Aber wir kommen uns nun viel zu unwürdig vor, deine uns so überaus geheiligte Gegenwart noch länger zu ertragen und dich und diese ganze sicher auch gottesfreundliche Gesellschaft zu belästigen. Aber wenn ihr es wünschet, so werden wir uns sicher allerfreudigst eurem Wunsche fügen. Was wir verzehren werden, das werden wir auch treuest bezahlen, wie sich das unter ehrlichen Menschen gebührt.“
GEJ|7|102|4|0|Sagte nun Lazarus: „Bei mir werdet ihr irgendeine gemachte Zehrzeche leicht bezahlen; für eure Unterkunft soll bestens gesorgt sein!“
GEJ|7|102|5|0|Damit waren die drei nun vollkommen zufrieden; nur meinte der Hauptmagier, daß einer von den zwei Untermagiern sich zur Stadt hinabbegeben und den andern kundgeben könnte, daß sie, die drei nämlich, heute nacht auf dem Berge zubringen würden.
GEJ|7|102|6|0|Aber Raphael sagte: „Das habt ihr nicht nötig; denn das ist bereits geschehen!“
GEJ|7|102|7|0|Fragte der Magier: „Ja, wie wäre denn wohl so etwas möglich? Denn meines ganz klaren Wissens ist wohl noch kein Bote hinab in die große Stadt gesandt worden, und wäre dies auch der Fall, so kann er ja doch nicht wissen, in welcher Herberge sie eingezogen sind.“
GEJ|7|102|8|0|Sagte Raphael: „Sorget euch um das ja nicht; denn den ganz wahren Freunden des allein wahren Gottes ist auf dieser Welt durchaus nichts unmöglich! Ich selbst habe deine Gefährten schon davon benachrichtigt, und da hast du deinen Goldbecher, dessen Rand mit Diamanten, Rubinen und Smaragden verziert ist, damit du daraus mit uns Wein trinken kannst! Am Boden steht das Zeichen deines Namens eingegraben.“
GEJ|7|102|9|0|Als der Magier das ersah, da sagte er: „Wir sind am Ziele; denn so etwas ist nur einem Gott möglich! Hier erwartet uns noch undenkbar Großes!“
GEJ|7|102|10|0|Sagte Raphael: „Da könntest du wohl sehr recht haben! Aber mich haltet nicht für Den, den ihr schon so lange gesucht habt! Aber ihr könnet Ihn hier finden! Doch nun nichts Weiteres mehr davon!“
GEJ|7|102|11|0|Damit waren die Magier vorderhand zufrieden und dachten über alles Gesagte wohl nach.
GEJ|7|102|12|0|Hierauf, als eben die Sonne unter den Horizont hinabgesunken war, sagte unser Lazarus zu den Magiern: „Meine Freunde, diese Erscheinungen hier befremden euch wohl, aber ich sage es euch, daß das alles nur ein ganz leiser Anfang von allem dem ist, was ihr da bei eurer nun ganz guten Gemütsverfassung erfahren werdet. Doch übet euch gleich in der Geduld, Sanftmut und wahren Demut, so werdet ihr vielen Segen von hier in euer fernes Reich mitnehmen! Was ihr aber hier verzehren werdet, das ist bereits auf das reichlichste bezahlt.“
GEJ|7|102|13|0|Sagte der Magier: „Herr deines Hauses, wer hat für uns bezahlt?“
GEJ|7|102|14|0|Sagte Lazarus: „Fraget nicht danach, denn das hat schon Der bezahlt, dem alle Schätze der Erde eigen sind!“
GEJ|7|102|15|0|Sagte der Magier: „Auch die von unserem großen Reiche?“
GEJ|7|102|16|0|Sagte Lazarus: „Ja, auch die von eurem großen Reiche!“
GEJ|7|102|17|0|Sagte der Magier: „Kennst du denn unsere unmeßbaren irdischen Schätze?“
GEJ|7|102|18|0|Sagte Lazarus: „Ich wohl nicht, aber dieser euer Jüngling ganz sicher und jemand anders hier in dieser Gesellschaft noch um vieles besser!“
GEJ|7|102|19|0|Sagte der Magier zu Raphael: „Wann warst du denn bei uns, daß du alles das gar so wohl wissen kannst?“
GEJ|7|102|20|0|Sagte Raphael: „Siehe, du hast daheim einen großen Diamanten von einem unschätzbaren Werte, nach euren irdischen Wertverhältnissen gerechnet, und diesen Stein hast du in einem solchen Behältnis aufbewahrt, daß davon außer dir wohl niemand in ganz Indien etwas wissen kann!“
GEJ|7|102|21|0|Hier machte der erste Magier große Augen und sagte: „Ja, das ist wahr! Kannst du, holdester Junge, ihn mir aber auch beschreiben, wie er aussieht?“
GEJ|7|102|22|0|Sagte Raphael: „Die beste Beschreibung wird wohl die sein, so ich dir deinen wertvollsen Stein im Augenblick herstelle und ihn dir so wie ehedem deinen Goldbecher in deine Hände lege! Gib aber nur genau acht, wie lange ich bei diesem Geschäfte ausbleiben werde!“
GEJ|7|102|23|0|Sagte der Magier: „Jüngling, wenn dir das möglich ist, dann bist du kein Mensch mehr, sondern ein Gott! Denn wir haben von hier sicher über siebzig Tagereisen in unser Land, und du willst den Stein mir sozusagen in einem Augenblick hier einhändigen?! Wenn das möglich wäre, so wäre das offenbar ein ganz reines Gotteswunder!“
GEJ|7|102|24|0|Sagte Raphael: „Nun, wie lange war ich denn abwesend?“
GEJ|7|102|25|0|Sagte der Magier: „Bis jetzt noch keinen Augenblick!“
GEJ|7|102|26|0|Sagte Raphael: „Da aber hast du dennoch deinen wertvollen Stein! Betrachte ihn nun nur genau, ob er wohl derselbe ist, von dem wir geredet haben!“
GEJ|7|102|27|0|Hier überreichte Raphael dem Magier den Stein, und der Magier fiel beinahe in eine Ohnmacht, als er des ihm nur zu wohlbekannten Steines ansichtig ward. Er konnte sich lange nicht fassen und staunte und staunte und sah bald den Stein und bald wieder den Raphael an und konnte zu keiner ruhigen Fassung kommen.
GEJ|7|103|1|1|103. — Der Weg zur Lebensvollendung
GEJ|7|103|1|0|Nach einer ziemlichen Weile des tiefsten Staunens sagte der Magier: „Wundermächtigster Jüngling! Wenn du kein Gott bist, dann kann ich mir keinen Gott mehr denken; denn diese deine beiden Taten sind keinem geschaffenen und aus einem Weibe geborenen Menschen zu bewirken möglich. Dazu gehört eines wahren Gottes Allmachtskraft! Das ist mein Becher und der überwertvollste große Diamant, der seinesgleichen wenige haben wird. Er mußte ja doch durch die Luft hierherkommen und somit die gar sehr weite Strecke schneller denn ein Blitz durchschießen. Da hätte man aber doch bei seiner Ankunft irgendein Sausen vernehmen müssen! Aber nichts von allem dem; in der größten Schnelle und Stille war der Stein schon da! Ja, wie soll das wohl einem Menschen je denkbar möglich sein? Kurz und gut, wir haben in dir schon den uns ewig verborgen gewesenen Gott endlich einmal gefunden! Aber nun bringt uns außer deiner Allmachtskraft auch nichts mehr von dir weg!“
GEJ|7|103|2|0|Sagte Raphael: „Oh, ihr nun meine Freunde und Brüder, haltet mich ja für nichts mehr als nur für einen durch die Gnade Gottes vollendeteren Menschen, als ihr selbst es jetzt noch seid! Was bin ich gegen Gott? Ein ohnmächtiges Nichts des Nichtsses! Alles, was ich wirke, wirke ich nur durch den Geist Gottes, der mein Innerstes dadurch erfüllt, weil dasselbe voll ist von der Liebe zu Gott und daraus auch voll des Willens Gottes. Was demnach dieser Wille Gottes in mir will, das geschieht; denn das Wort und der Wille Gottes ist das eigentlichste wahre Etwas, ist das Sein und Bestehen aller Dinge und Wesen und ist allwärts die vollbrachte Tat selbst.
GEJ|7|103|3|0|Es ist in mir aber nur ein Fünklein des Geistes Gottes; aber dieses steht im Verbande mit dem ewig unendlichen Geiste Gottes. Und was der ewig unendliche Geist Gottes will, das will mit Ihm auch das engverbundene Fünklein in mir, dessen ich allzeit inne werde, und das nichts anderes wollen kann, als was Gott will, und so geschieht das auch im Augenblick, was in mir Gottes Geist will.
GEJ|7|103|4|0|In euch liegt zwar auch derselbe Funke verborgen, aber noch so wie in einem Samenkorne der lebendige Keim. Solange aber das Samenkorn nicht ins Erdreich kommt, bleibt es wie tot; erst wenn im Erdreich alles Äußere und Materielle hinwegfällt und nur sein Seelisch-Substantielles sich mit dem lebendigen Keimgeiste eint, dann auch fängt solcher Geist an, tätig zu werden, und wirkt Wunder, die ihr schon zahllose Male gesehen habt.
GEJ|7|103|5|0|Also aber muß auch der materielle Mensch durch seinen freien Seelenwillen alle materiellen Bestrebungen in sich gleichsam töten und vernichten. Er muß an nichts Weltlichem mehr mit einer gewissen Liebe hängen. Sein Streben muß sein: Gott stets mehr zu erkennen, zu lieben und den ihm geoffenbarten Willen Gottes in allem zu erfüllen, und sollte das der Seele und ihrem Leibe noch so große Opfer kosten.
GEJ|7|103|6|0|Dadurch wird dann der göttliche Geist im Menschen tätig, erfüllt bald den ganzen Menschen, macht ihn Gott ähnlich und gibt ihm alle Kraft und Macht und das ewige, unverwüstbare Leben.
GEJ|7|103|7|0|Darum habe ich euch aber schon ehedem gesagt, daß ein Mensch Gott als die ewige Liebe, Weisheit und Wahrheit auch nur durch die reine Liebe zu Ihm und durch die Wahrheit daraus finden kann, und sonst auf keine andere Weise.
GEJ|7|103|8|0|Hänge du ein Samenkorn in die Luft und laß es noch so bescheinen vom hellsten Lichte der Sonne, und es wird vertrocknen, keinen Keim treiben und keine Frucht bringen! Und sieh, ebenso steht es mit einem Menschen, der Gott im äußeren Weltweisheitslichte sucht! Er vertrocknet und verkümmert dabei, und alle seine eitle Mühe und Arbeit war eine fruchtlose.
GEJ|7|103|9|0|Wenn aber das noch lebensgesunde Samenkorn ins Erdreich gelegt wird, so sagt dieses Bild und Gleichnis wohl entsprechend soviel als: Der Mensch fange an, sich in allen sinnlichen Weltgelüsten zu verleugnen! Er werde voll Demut, Sanftmut, Geduld, Liebe und Erbarmung gegen seine Nebenmenschen, so wird er daraus auch werden voll Liebe zu Gott! Ist der Mensch das, so ist er als ein wohl lebens- und keimfähiges Samenkorn schon im Erdreiche des wahren Lebens. Sein Geist aus Gott durchdringt ihn ganz und gar und läßt ihn aufwachsen und reif werden zum ewigen Leben aus Gott und zur Anschauung Gottes.
GEJ|7|103|10|0|Wer das an sich bewirkt, der hat den sonst ewig verborgenen Gott gefunden und wird ihn dann auch ewig nimmerdar verlieren. Also habe ich es gemacht und bin nun das, was ich bin, und die vielen, die ihr da vor euch sehet, sind auch schon zum größten Teile das und auch mehr denn ich. So ihr danach tun werdet, da werdet auch ihr dasselbe erreichen; aber da hieße es bei euch wohl noch sehr viel Welttümliches von euch gänzlich verbannen. – Habt ihr mich nun wohl verstanden?“
GEJ|7|104|1|1|104. — Die Schuld der Magier
GEJ|7|104|1|0|Sagte der Hauptmagier: „Ja, es hat bei mir nun ein wenig zu dämmern angefangen; aber es drängt sich bei mir immer die Frage auf, warum wir all dieses Erhabenste und Göttlich-Wahre durch eine Zulassung des einen, wahren und sicher allwissenden Gottes nicht schon lange als eine Offenbarung erhalten haben. Seit undenklichen Zeiten schmachten wir schon in unserer Nacht und großen Finsternis und haben das, was wir nun gefunden haben, doch allzeit gesucht. Wir sind ja doch auch Menschen, haben Gott unter dem bezeichnenden Namen Delailama (schafft und zerstört) auch stets angebetet und verehrt und nahmen die Lehre Zorouasto nicht an, und doch erhielten wir als Priester nie irgendeine Offenbarung, was denn auch der Grund war, daß eben wir Priester um allen Glauben gekommen sind, obschon wir das Volk fortwährend im festen Glauben erhielten. Was war denn da die eigentliche Grundursache? Lag denn schon von jeher ein gewisser geheimer Fluch auf uns, oder waren wir, doch ohne gerade zu wollen, selbst schuld daran, oder schuldete daran unser Klima?“
GEJ|7|104|2|0|Sagte Raphael: „Weder irgendein alter Fluch und ebensowenig euer Klima, wohl aber gerade ihr selbst! Nicht etwa einmal, sondern sehr oft und vielmals sind bei euch Menschen erweckt worden, um euch zu zeigen, daß ihr euch auf bösen Wegen haltet. Was habt ihr aber mit den Menschen getan? Ihr habt sie als Ketzer gegen eure dumme Lehre verdammt, und wenn ihr ihrer habt habhaft werden können, so war kein Martertod grausam genug, durch den ihr sie zum abschreckenden Beispiel aus der Welt befördert habt. Daran schuldete euer unbegrenzter Hochmut und eure nie zu sättigende Herrschsucht.
GEJ|7|104|3|0|Gott, der Herr der Unendlichkeit, hätte Sich euch offenbaren sollen, damit ihr dann nach eurem Wohlgefallen die Offenbarung dem Volke nach eurem Belieben so tropfenweise hättet beibringen können, also ungefähr in einer Stunde kaum so viel, als was ihr in einem Augenblick für ein volles Jahrtausend empfangen habt. Aber da war Gott der Herr wahrlich mit euch niemals einverstanden und gab euch statt Licht aus den Himmeln die Finsternis der Hölle, in der ihr euch zum allergrößten Teile noch selbst befindet. Und daran schuldete wohl niemand als nur ihr ganz allein!
GEJ|7|104|4|0|Denn Gott ist in Seinem Urwesen Selbst die höchste und reinste Liebe. Er ist im allerhöchsten Grade herablassend, demütig, langmütig, voll Geduld, Sanftmut und Erbarmung. Er verachtet allen und gar jeden Weltprunk. Der Hochmut der Menschen ist Ihm ein Greuel, und die Herrschsucht ist ein Gemeingut der Hölle, von der ihr eurem Volke gar entsetzlich viele arge Dinge vorgepredigt habt; denn auch in der Hölle will gar ein jeder arge Geist ein Herrscher sein, denn ohne Lüge, Trug, Hochmut und Herrschsucht gibt es für die Teufel in der Hölle kein Sein und kein Leben. Und nun fraget euch selbst, ob es bei euch jemals anders war! Weil es aber also war, wie konnte da je eine göttliche Offenbarung bei euch Platz greifen?!
GEJ|7|104|5|0|Ihr meintet freilich in eurer wohllebigen Weltblindheit, daß sich ein Gott als das allerhöchste Wesen nur den eingebildet allerhöchsten Beherrschern dieser Welt offenbaren könne; denn der Volksmensch war bei euch im Schätzwerte tief unter dem Tiere. Aber da irrtet ihr euch groß; denn Gott ist eben die Demut, die Sanftmut, die Geduld, die ewige Liebe und die Erbarmung Selbst und ist stets nur jenen zugetan, die also sind, wie Er Selbst es von Ewigkeiten her war, und Sein ewig heiliger Wahlspruch lautet: ,Laßt die Kleinen und Geringen zu Mir kommen; denn ihrer ist das Himmelreich, welches da ist das Reich der Liebe, Weisheit, der Wahrheit und des ewigen Lebens!‘
GEJ|7|104|6|0|Und sehet, das haben euch die Kleinen aus eurem Volke noch von den brennenden Holzstößen verkündet, und ihr habt ihnen darum mit Steinen den Mund eingeschlagen, oder so sie sich noch in euren Korrektionshänden in den Kerkern befanden, so habt ihr ihnen, statt sie anzuhören, die Zunge mit glühenden Zangen aus dem Munde gerissen! Saget, was da Gott für euch noch hätte tun sollen, wenn eure unbegrenzte Herrschsucht also mit jenen verfuhr, die Gott für euch Blinde erweckt hatte! Wie viele Tausende sind darum bei euch auf das allergrausamste gemartert worden, die, wie gesagt, Gott für euch erweckt hatte, und ihr möget noch fragen, wer oder was daran schulde, daß ihr erst jetzt und hier den Verborgenen gefunden habt, – freilich bis jetzt nur zum Teile noch?!
GEJ|7|104|7|0|Leset eure Geschichte, und ihr werdet es in aller Wahrheit bestätigt finden, was ich euch nun gesagt habe! Saget aber dann: ,O großer Gott, vergib es unserer unbegrenzten Blindheit, daß wir allzeit vor Dir höllisch gesündigt haben! Wir allein sind an unserer langen Blindheit schuld! Gib uns nun Dein Licht, daß wir Dich, o Heiligster, finden möchten!‘, so wird euch der Herr eure Sünden vergeben und euch Gnade fürs Gericht geben! – Habt ihr mich nun wohl verstanden?“
GEJ|7|105|1|1|105. — Die Frage des Magiers nach dem Wege der Offenbarung
GEJ|7|105|1|0|Sagte der Magier: „Ja, jetzt erst verstehen wir das besser; denn wir dachten zuvor noch zu sehr nach unseren altgewohnten menschlichen Begriffen, nach denen wir die Sache also betrachteten, daß Gott als das allerhöchste etwa über allen Sternen wohnende Wesen Sich auch auf dieser Erde nur jenen Menschen offenbaren könne, die vermöge ihrer irdisch möglich höchsten Stellung Ihm gewisserart rangähnlicher wären. Wenn dann irgendein ganz geringer Mensch vorgab, von Gott Selbst eine Offenbarung empfangen zu haben, so wurde solch eine Angabe von den Priestern aus für einen allerstrafbarsten Frevel gegen die endlose Heiligkeit und Majestät Gottes erklärt und verdammt, und der gemeine Prophet mußte solchen Frevel wohl gewöhnlich mit dem Tode büßen. Das ist freilich leider wohl nur zu wahr.
GEJ|7|105|2|0|Aber Gott wußte es ja doch wohl auch, daß es mit uns Priestern also steht! Hätte Er Sich denn nicht einmal etwa einem Oberpriester auf eine solche Art offenbaren können, daß der Oberpriester solch eine Offenbarung als von Gott kommend hätte ansehen müssen, und daß Gott in solch einer Offenbarung Seinen Willen dahin klar ausgedrückt hätte, was ein Priester und was ein laier Mensch zu tun haben solle?! Wäre so etwas je geschehen, so wäre schwerlich je ein armer, kleiner Prophet wegen einer ihm von Gott gegebenen Offenbarung zum Tode verdammt worden; denn da hätten ja alle Priester von oben herab gewußt, daß auch ein ganz gemeiner Mensch, ja sogar ein Sklave oder gar ein Weib von Gott eine Offenbarung bekommen kann, und es wären dann solche Menschen von keinem Priester je mehr verfolgt, sondern im Gegenteil nur höchst geachtet und gläubigst von jedermann angehört worden. Aber wir können uns wahrlich nicht entsinnen, daß bei uns je irgend ein Oberpriester eine solche Offenbarung und Weisung von Gott erhalten hat.
GEJ|7|105|3|0|Weil aber eben so etwas nie geschah, so mußten wir ja bei dem verbleiben, was wir hatten, und wie dasselbe von jeher bei uns eingerichtet war. Wenn ich das nun so recht beim ruhigen Verstandeslichte betrachte, so kommt es mir vor, daß wir Priester denn doch nicht ganz und gar allein die Schuld an unserer bösen und langen Lebensfinsternis tragen, sondern auch der nahe ewige Vorenthalt einer höheren Offenbarung als völlig erkennbar von Gott ausgehend und kommend, – natürlich an die Person eines Oberpriesters, eines Königs oder an beide zugleich, was offenbar noch wirksamer gewesen wäre.
GEJ|7|105|4|0|Es ist das freilich nur so meine Meinung, und ich bin nun sehr weit davon entfernt, diese als irgend etwas geltend aufzustellen; aber mit meiner menschlichen Vernunft diese Sache betrachtend, kommt es mir denn doch so vor, daß eine göttliche Offenbarung durch solche Menschen dem Volke gegeben, die bei ihm schon seit undenklichen Zeiten im größten Ansehen stehen, offenbar mehr wirken würde, als so sie zumeist nur solchen Menschen gegeben wird, die unter dem Volke auf den untersten Stufen stehen und auch die Mittel nicht haben, irgend eine noch so wahre und richtige Offenbarung unter die anderen Menschen und schon am allerwenigsten als geltend unter die Priester und Könige zu bringen. Nähme eine Offenbarung den Weg von oben her unter das Volk, so wäre damit doch sicher vieles und eigentlich schon gar alles gewonnen. – Was sagst du, junger, göttlich weiser und mächtiger Freund?“
GEJ|7|106|1|1|106. — Die Führung des indischen Volkes
GEJ|7|106|1|0|Sagte Raphael: „Daß du hier nun eine solche allerdings nicht widersinnige Meinung aufgestellt hast, kommt daher, weil ihr wohl eine Menge eitler Künste und Wissenschaften euch zu eigen gemacht habt; aber auf euren Geschichtsbüchern liegt handdick der Staub, und weil ihr solchen Staub für heilig haltet, so leset ihr eure Geschichte nicht und wisset sonach auch nicht, was alles vor euch geschehen ist.
GEJ|7|106|2|0|Aber ich sage es dir, daß Gott der Wahrhaftige im Anfange eures Bestehens Sich über tausend Jahre hindurch immer, nur euren Ältesten und Patriarchen geoffenbart hat. Eine Zeitlang ging es ganz gut; aber als nach und nach die Ältesten und Patriarchen zu reich und angesehen wurden, fingen sie an, neben den Geboten Gottes auch ihre eigenen Satzungen als eben auch Offenbarungen Gottes einzuführen, und das Volk glaubte und richtete sich danach.
GEJ|7|106|3|0|Aber nur zu bald fingen ihre Weltsatzungen an, die göttlichen ganz zu verdrängen, und das also, daß bei den zu herrschgierig und habsüchtig gewordenen Priestern und Patriarchen alle Ermahnungen zur Umkehr zum wahren Gott nichts fruchteten. Da erweckte Gott im Volke Seher und Propheten, daß sie alle die Großen und Mächtigen ermahneten, die ihrer Weltgelüste halber von Gott ganz abgefallen waren und das arme Volk mit ihren Weltsatzungen über alle erträglichen Maßen belästigt hatten.
GEJ|7|106|4|0|Aber die Großen und Mächtigen ergriffen die Propheten, stäupten sie anfangs und bedrohten sie mit härteren Strafen, so sie je wieder wagen sollten, als von dem irgend wahren Gott erweckte und berufene Seher und Propheten vor ihnen oder auch vor andern Menschen aufzutreten und zu predigen.
GEJ|7|106|5|0|Die Seher und Propheten wirkten Zeichen und weissagten, was den Großen und Mächtigen geschehen werde, so sie in ihrer Gottlosigkeit verharren würden. Aber auch das half nichts. Die Seher und Propheten wurden ergriffen, gemartert und getötet; mehrere aber ergriffen die Flucht, und der Geist Gottes führte sie zu einer Stätte, da sie niemand finden konnte. Aus ihnen entstanden dann die eigentlichen Pirmanjen, obwohl ihre unzugänglichen Täler auch schon früher von einfachen Naturmenschen bewohnt waren.
GEJ|7|106|6|0|Und siehe, so ging es vor euch schon gar lange zu, und weil ihr Gott also ganz verlassen habt, so hat Gott auch euch verlassen, – und das ist der Grund eurer lange andauernden Nacht des Gerichtes und des Todes eurer Seelen!
GEJ|7|106|7|0|Ihr für euch habt nun wohl das Licht des Lebens gefunden; aber in eurem Lande und Reiche wird es noch lange nicht zur Leuchte werden. Denn so ihr Priester sie nur für euch benützen werdet, wird euch eben diese Leuchte wenig nützen; wenn ihr aber die Leuchte auch an das Volk übergehen lassen wollet, so werdet ihr euch am Volke und an seinen Herrschern sehr stoßen. Man wird euch nicht hören, und werdet ihr darauf bestehen, so werdet ihr ebenso verfolgt werden, wie ihr alle Seher und Propheten verfolgt habt.“
GEJ|7|106|8|0|Sagte der Magier: „Wir sehen die volle Wahrheit deiner Rede ein; doch wir drei für uns und unser Gefolge tragen an solch einer Verschlimmerung unserer Lehre von Gott doch wahrlich sicher die allergeringste Schuld, denn wir sahen das Übel ja schon lange ein und gingen darum in alle Welt, um die Wahrheit zu suchen und zu finden, die wir hier auf die wunderbarste Weise gefunden haben.
GEJ|7|106|9|0|Wenn die Sache in unserem Land und Reich aber sicher so böse steht – was wir nun keinen Augenblick länger bezweifeln können –, so fragt es sich denn, was wir dann daheim machen sollen. Sollen wir das, was wir hier gefunden haben, allein für uns behalten, oder sollen wir davon doch unseren Gefährten und Genossen zur geeigneten Zeit und an geeigneter Stelle etwas mitteilen? Denn so wir nun die Wahrheit kennen und auch sicher strenge nach derselben leben und handeln wollen und werden und dabei daheim dennoch unseren bösen Unsinn werden mitmachen müssen, da werden wir ja noch ärgere Volksbetrüger sein als je zuvor, als wir die Wahrheit nicht kannten.
GEJ|7|106|10|0|Damals dachten wir, dem Volke eine Wohltat zu erweisen, wenn wir es so grob und so dick als nur immer möglich betrogen und angelogen hatten. Aber nun ist diese Sache eine ganz andere geworden. Wir kennen und haben nun das wahre und vollrechte Lebenslicht und sollen daheim vor dem Volke dennoch die alten Lügner und Betrüger machen, – nur für uns selbst könnten wir ganz geheim auf dem lichten Lebenswege fortwandeln? Nein, nein, Freund, das wird sich durchaus nicht mehr tun! Eher ziehen wir mit unseren mitgenommenen Schätzen und Weibern, Kindern und Dienern bis ans westliche Ende der Welt, um dort ungestört nach der erkannten Wahrheit zu leben! – Was sagst du, mächtiger und weisester Freund, dazu? Gib uns doch einen guten Rat, du göttlich mächtiger und weiser Jüngling!“
GEJ|7|106|11|0|Sagte Raphael: „Ja, ihr nun auch schon meine lieben Freunde, da wird selbst für unsereinen ein wahrhaft guter Rat teuer! Es gibt in eurem Lande und Reiche freilich wohl noch viele, die nun das haben möchten, was ihr nun hier schon wenigstens zu einem kleinen Teil gefunden habt; aber haben sie es von euch überkommen, dann werden auch sie in den indischen Landen und Reichen nicht mehr bestehen können. Denn es ist bei euch die vollkommene Hölle zu Hause, und in der Hölle läßt sich schwer der Himmel im Menschen erreichen, weil der sich zur Wahrheit bekehren wollende Mensch bei jedem Tritt und Schritt auf tausend geheim lauernde Hindernisse stößt, die sich ihm feindlichst entgegenstellen und ihn auch allseitig verfolgen.
GEJ|7|106|12|0|Also könnet ihr zwar wohl in euer Indien zurückkehren und mit aller Vorsicht bei euren Genossen, die ihr irgend von einer besseren Seite kennet, versuchen, ob sie solche Wahrheit vertragen. Wer sie annimmt, der verweile dann ja nicht mehr lange im Lande der Nacht und des Gerichtes der Hölle, sonst wird er von ihr gleich wieder verschlungen! Aber so ihr eurer eigenen Lebensvollendung wegen nicht mehr in euer Land ziehen wollet, da werdet ihr morgen und übermorgen leicht eine Menge Auswege finden, wo ihr euch hinzubegeben und niederzulassen haben werdet. Das ist nun mein Rat, so oder so, und ihr könnet dann tun, was euch besser dünkt.“
GEJ|7|106|13|0|Sagte der Magier: „Da wird die Wahl uns nicht schwer werden! Wenn es unseren Genossen ums wahre Licht des Lebens so ernst wie uns zu tun ist und sie auch die Ahnung haben, daß solches Licht im fernen Westen irgend anzutreffen ist, so werden sie dasselbe schon aufsuchen gehen; liegt ihnen aber weniger Ernst als uns an solchem Lichte, so sollen sie bleiben in ihrer Nacht und in ihrem Tode! Aber eins werden wir zu ihrem Heile dennoch tun: Wir haben viele Diener bei uns; von denen können wir etliche nach Hause entsenden. Ihnen werden wir geheime Briefe mitgeben in einer Schrift, die außer den Priestern niemand versteht. Werden sich unsere Genossen daran kehren, so sollen sie uns folgen und auch zum Lichte kommen; werden sie sich aber nicht daran kehren, so sollen sie bleiben in ihrer Nacht! – Habe ich recht geurteilt oder nicht?“
GEJ|7|106|14|0|Sagte Raphael: „Diesmal hast du recht geurteilt! – Aber ihr habt daheim ja noch gar große irdische Schätze. Was soll mit ihnen geschehen?“
GEJ|7|106|15|0|Sagte der Magier: „Göttlicher Freund! Die Hauptschätze haben wir bei uns, – den größten Schatz haben wir hier gefunden, der uns lieber ist als alle Länder, Reiche und Schätze der ganzen Erde! Was aber noch daheim ist, das sollen die von uns nach Indien etwa zurückentsandten Diener nehmen und unter sich verteilen nach unserem Willen, damit unter ihnen kein Streit und Zank entsteht; dann aber können sie uns wieder nachkommen. Hier werden sie erfahren, wohin wir uns begeben haben. Und ich meine, daß es also ganz recht sein wird!“
GEJ|7|106|16|0|Sagte Raphael: „Allerdings, das ist ganz gut! Tuet das, und ihr werdet gesegnet werden! Nun aber denket über das von mir Vernommene nach und bereitet euch für Größeres vor in eurem Herzen. Ich und dieser mein Freund aber werden nun gehen und für ein gutes Abendmahl sorgen.“
GEJ|7|106|17|0|Hierauf gingen Raphael und Lazarus ins Haus und ordneten alles an, da es schon ziemlich dunkel geworden war.
GEJ|7|107|1|1|107. — Die Offenbarung in Indien
GEJ|7|107|1|0|Hier sagte Agrikola zu Mir: „Aber Herr und Meister, ich habe mir unter Indien ein Land und Reich der Wunder und der größten Bildung nach altägyptischer Art vorgestellt und ein Land, in dem es vor lauter Künsten und Aufklärungen wimmeln muß. Und nun siehe, da ist gerade das schroffst Entgegengesetzte von dem, was ich mir von dem großen Indien ehedem gedacht habe! O Herr, wann wird wohl dieses Volk zum Lichte des Lebens kommen?“
GEJ|7|107|2|0|Sagte Ich: „Es wird auch für jenes Volk gesorgt werden; aber es ist nun noch lange nicht reif dazu. Das gemeine Volk aber ist sehr gehorsam und auch sehr geduldig und in seiner Art fromm und hat den festesten Glauben. Wenn man ihm nun diesen nehmen würde, so würde man es töten, und das wäre übel für des Volkes Seelen. Es ist darum nun noch geratener, Indien vor der rechten Zeit nicht zu sehr aufzuhellen, wohl aber soll es von Zeit zu Zeit mit Tropfen gespeist werden und ist auch schon gespeist worden, weshalb es unter sich auch ganz besondere Weise und Seher hat, wie sie die eigentlichen Juden nun wohl nicht mehr haben. Und diese Weisen und Seher verbreiten schon auch ein ganz gutes Dämmerlicht unter so manchen Menschen. Ohne solch ein Dämmerlicht hätten diese drei den weiten Weg hierher nicht gefunden.
GEJ|7|107|3|0|Als Ich in diese Welt geboren ward zu Bethlehem in einem Schafstalle, da kamen eben auch drei Weise aus demselben Morgenlande und brachten Mir den ersten Gruß und opferten Mir Gold, Weihrauch und Myrrhen und zogen dann wieder in ihr Land zurück; und vor einiger Zeit kamen sie abermals, und dieser Wirt und Nachbar des Lazarus hat sie gesehen und bewirtet. Also gibt es dort schon auch Weise, aber wenige nur!
GEJ|7|107|4|0|Zudem sind nun die indischen Priester gegen so mehr verborgene Weise und Seher nicht mehr so strenge, wie sie noch vor hundert und noch mehr vor drei-, vier- bis fünfhundert Jahren waren; denn mehrere große Seuchen, von den Sehern vorausgesagt, durch die die Indier und namentlich die Großen und Machttragenden zu zwei Dritteln dahingerafft wurden, und große Erdbeben, Stürme und Überschwemmungen haben die Priester samt den Königen etwas sanfter und duldsamer gemacht, obschon sie im allgemeinen noch dieselben alten Grundsätze der Unduldsamkeit und Bußgrausamkeit innehalten. Und so hat es für dies sinnliche Volk schon auch seine Zeit noch lange hin, bis es für ein höheres Licht völlig reif sein wird.
GEJ|7|107|5|0|Raphael hat die drei Magier ganz nach Meinem Willen behandelt und hat sie sonach auch bald gewonnen, und das war gut; doch vor dem morgigen Tage dürfet ihr Mich bei ihnen nicht völlig ruchbar machen. – Jetzt aber kommen Lazarus und Raphael auch schon zurück und werden uns sogleich zum Nachtmahle laden. Nach dem Nachtmahl aber werden wir wieder hierher gehen und da die Schöpfung betrachten.“
GEJ|7|107|6|0|Als Ich solches geredet hatte, war Lazarus auch schon bei Mir und bat uns zum Abendmahle, und Raphael nahm die drei Magier mit sich. Und als wir uns im Hause in der alten Ordnung an den Tischen befanden, da erstaunten die Magier über die ganz herrlichste Einrichtung des großen Speisesaales, noch mehr aber über den für sie eigens hergerichteten Tisch, der von echt indisch reichster Pracht strotzte, und auf dem sich die kostbarsten indischen Abendspeisen befanden.
GEJ|7|107|7|0|Der Hauptmagier erhob sich und sagte zu Lazarus: „Aber edelster Freund, warum solch eine Verschwendung für uns drei? Für das Geld könnten tausend Arme ja viele Jahre hindurch auf das beste versorgt werden! Habt ihr denn keine Armen in eurem Lande und keine in dieser Stadt?“
GEJ|7|107|8|0|Sagte Lazarus: „O ja, wir haben deren genug, und ich selbst versorge deren viele! Sieh, an jenem langen Tische dort an der breiten Wand dieses Saales sitzen gleich etliche siebzig, und auf den vielen andern auch meinen Besitzungen finden Tausende ihre Unterkunft und geziemende Beschäftigung und Versorgung! Und so neue Arme zu mir kommen, da finden sie offene Türen in allen meinen Häusern. Habet darum keine Sorge wegen der kleinen Ehre, die ich euch als Fremden damit antue, daß ich euch in eurer heimatlichen Weise bewirte! Esset und trinket nun nach eurer Herzenslust!“
GEJ|7|107|9|0|Die drei taten das nun auch und wunderten sich höchlichst über den außerordentlichen Wohlgeschmack der Speise und des Weines und versicherten in einem fort, daß sie so etwas Köstliches noch nie in ihrem Munde hatten.
GEJ|7|108|1|1|108. — Das Sehnen der Magier nach dem wahren Gott
GEJ|7|108|1|0|Wir aber aßen und tranken auch ganz wohlgemut; nur ward diesmal während des Essens sehr wenig geredet. Nur die Römer besprachen sich über manches in der lateinischen Zunge; sonst ging es an allen Tischen ganz still zu.
GEJ|7|108|2|0|Als wir aber mit dem Essen schon zu Ende waren, da erhob sich der Magier wieder und sagte zu Lazarus: „Freund, wir drei haben nun gar selten köstlich gegessen und getrunken, und das muß nun denn auch bezahlt werden! Sage an die Summe, und ich werde sie dir ohne Rückhalt ausbezahlen!“
GEJ|7|108|3|0|Sagte Lazarus: „Habt ihr denn kein Salz zum Brote erhalten?“
GEJ|7|108|4|0|Sagte der Magier: „O ja, da in einem goldenen Gefäße steht noch das übriggebliebene!“
GEJ|7|108|5|0|Sagte Lazarus: „Nun gut, dann ist auch schon alles bezahlt; denn es ist das schon so Sitte bei uns, daß derjenige fremde Gast, dem wir eigens Salz vorsetzen, ein Zahlungsfreier ist. Lobet darum den einen, wahren Gott; denn Der ist mein Bezahler für alles in Ewigkeit!“
GEJ|7|108|6|0|Sagte der Magier: „Ja, Freund, da hast du wohl recht! Wenn nur wir Ihn auch schon also gefunden hätten, wie Ihn wahrscheinlich ihr alle schon gefunden habt, so wollten wir Ihn noch lebendiger loben, als wir das nun imstande sind! Doch wir sind auch schon mit dem über Hals und Kopf vollauf zufrieden, daß wir hier nur die volle Gewißheit erlangt haben, daß es einen solchen allein ewig wahren Gott gibt; denn ohne einen solchen Gott wäre es dem jungen, holdesten Menschen ja nie möglich gewesen, vor unseren Augen ein paar Zeichen zu wirken, die nur einem Gott möglich sein können, und eine Sprache zu reden, wie wir sie selbst aus des größten Weisen Munde noch nie vernommen haben.
GEJ|7|108|7|0|Ja, dieser mehr euch denn uns wohlbekannte und überfreundliche Gott sei aus allen unseren Lebenskräften überhoch gelobt und gepriesen; denn Er hat uns sicher mit Seinem heiligen Willen den Weg hierher gezeigt und Sich uns blinden Forschern durch euch näher und lichtvoller geoffenbart als sonst je während unseres jahrelangen Forschens nach Seinem irgend möglichen Dasein.
GEJ|7|108|8|0|Ja sieh, Freund, dein Haus hier ist auch in allem ein so wohlbestelltes, daß man daraus schließen muß – so man um dich auch nicht wüßte, daß du irgend da sein mußt als ein sehr vermögender und sehr weiser Hausvater! Aber so man deine Leute nach dir fragte und sie einem selbst bei ihrem besten Willen nirgends eine Auskunft über dein Dasein zu geben vermöchten, so wäre das sicher etwas sehr Unbehagliches und das Gemüt Betrübendes. Denn so das Haus sichtlich von einem höchst weisen Hausvater zweifelsohne in Besitz genommen und in einer Weise bestellt ist, daß darob jeder heller denkende Mensch ins größte Staunen und Bewundern versetzt wird, da ist es dann ja auch ganz klar und verzeihlich, daß man sich bestrebt, so einen weisen Hausvater näher kennenzulernen. Aber es wird für den Bestreber auch um so drückender, wenn er nach langem Suchen und Forschen nichts als die untrüglichsten und lautsprechenden Spuren vom Dasein eines solchen höchst weisen Hausvaters, nur ihn selbst nicht und nimmer findet.
GEJ|7|108|9|0|Mit der Zeit kommt man zu dem Gefühle eines seinen Vater über alles liebenden Sohnes, dessen Vater aber einmal zu seinen vielen Gütern verreist ist und lange nicht zurückkehrt. Dem Sohne wird von Tag zu Tag banger. Er sucht sich mit der ihn umgebenden Weltgesellschaft, so gut es nur immer geht, seinen Kummer zu vertreiben; aber es kommt darauf eine bittere Nacht um die andere und ein Tag um den andern, und dennoch kehrt der Vater weder in einer Nacht, noch an einem noch so schönen Tage wieder zum Sohne heim. Da wird es aber endlich dem Sohne unerträglich bange, daß er sich aufmacht und den von ihm so heißgeliebten Vater suchen geht. Er kommt auf alle Güter des Vaters und findet unverkennbare Spuren, aus denen er offenbar erkennt, daß sein Vater dasein mußte. Kurz, er findet alles, alles, – nur den Vater findet er nimmer! Er steigt in die Tiefen der Erde und klimmt hinauf auf der Berge höchste Spitzen und rufet laut: ,O lieber Vater, wo bist du? Warum, warum darf dich dein Sohn nimmer finden? Hat er gegen dein selten vernommenes Gebot gesündigt, so vergib ihm, dem Armen, dem Schwachen, dem Blinden, und laß vernehmen deine heilige Vaterstimme!‘
GEJ|7|108|10|0|Und sehet, so sucht der Sohn den Vater, und so ruft er ihn. Alles findet er, und er hört das Rauschen des Windes durch die Wälder, hört brausen und toben den Sturm über Fluren und Meere, ja, er vernimmt die tausendstimmige Harmonie der munteren Sänger der Luft und sieht Blitze zucken aus den Wolken; aber nur das Angesicht des Vaters taucht nirgends auf, und seine Stimme bringt kein Echo wieder.
GEJ|7|108|11|0|Und sehet, so geht es uns Söhnen des großen Indien schon gar lange, und niemand von uns weiß es mehr, wer unser Buch der Bücher Ja sam skrit den Menschen gegeben hat! Aber das eine des Buches bleibt stets wahr, daß nämlich der eine große Hausvater allen Menschen unseres Reiches stets gleich verborgen bleibt und auch bleiben wird; denn so Ihn die Sucher nicht zu finden vermögen, wie werden ihn dann erst jene finden, die Ihn nicht suchen!
GEJ|7|108|12|0|Wir aber sind hier so glücklich gewesen, Seiner Daseinsspur am nächsten gekommen zu sein und sind schon darum überglücklich; wie glücklich aber wären wir erst, so wir Ihn finden, sehen und in aller Liebe und Demut Selbst sprechen könnten! Doch sollten wir solcher Gnade nicht würdig sein – was wir nun selbst wohl einsehen und begreifen –, so bitten wir euch, ihr lieben Freunde alle, daß ihr unser nicht vergessen wollet, so ihr vor Seinem heiligen Angesichte euch befindet!
GEJ|7|108|13|0|Und hiermit sei noch einmal für diesen Abend Ihm und auch euch, Seinen Freunden, unser Lob und Preis aus dem tiefsten Lebensgrunde unseres Herzens dargebracht!
GEJ|7|109|1|1|109. — Alles zu seiner Zeit! Der Herr und die leibliche Ordnung
GEJ|7|109|1|0|Diese Rede hatte nun wieder alle Anwesenden im hohen Grade erbaut, und es sagte geheim Petrus zu Mir: „Herr, sieh doch, wie diese nach Dir seufzen! Warum zeigst Du Dich ihnen noch immer nicht?“
GEJ|7|109|2|0|Sagte Ich: „Das weiß schon Ich, und du hast dich darum nicht zu kümmern! Ihr seid alle den unerfahrenen Kindern noch sehr ähnlich, die nach der Frucht eines Baumes schon lange eher eine große Eßgier haben, als sie noch gehörig reif geworden ist. Weißt du denn noch nicht, daß auf dieser Erde alles seine Zeit hat und haben muß?! Ich fühle in Mir Selbst ein großes Bedürfnis, Mich diesen dreien völlig bekannt zu geben; aber die Liebe in Mir und die ewige Weisheit aus ihr sagen es: Nicht vor der gerechten Zeit! Denn nur um einen Augenblick früher, und es wäre so manches verdorben, was dann erst durch eine lang andauernde Willensfreiheitsprobe wieder gutgemacht werden könnte. Es ist genug, daß die Schwachheit der geschaffenen Menschen oft sündigt; wie käme es aber dann, wenn auch der ewige Meister der schöpferischen, unwandelbaren Ordnung wider Sich aus der Ordnung träte?!
GEJ|7|109|3|0|Glaube es Mir, daß Ich hier sicher mehr fühle und empfinde denn du und alle, die hier sind; aber Ich kenne auch Meine ewige Ordnung, wider die wohl in gewisser Hinsicht ein jeder Mensch und Engel sündigen kann, doch Ich ewig nimmer, weil ein Heraustreten aus Meiner ewigen Ordnung zugleich ein Aufhören aller Kreatur zur Folge haben müßte. Denn wo eines Tempels oder Hauses Grundstein fiele, da er morsch und faul geworden ist, was wäre dann da die Folge für den Tempel und fürs ganze Haus?!
GEJ|7|109|4|0|Ich lobe in dir deinen Glauben und auch dein Herz, – doch dein Schmerz geht Mich vor der rechten Zeit gar nichts an! Denke und fühle mit Mir, so wirst du leichten Schrittes wandeln!“
GEJ|7|109|5|0|Als Petrus das von Mir vernommen hatte, da sagte er kein Wort mehr und behielt diese Worte tief in seinem Herzen.
GEJ|7|109|6|0|Es hatte aber der Magier dennoch bemerkt, daß Ich dem Petrus dieses gesagt hatte, wandte sich gleich an Raphael und sagte: „Holdester Wunderfreund! Ich habe nun einen Mann von ehrfurchtgebietender Gestalt bemerkt, der mit einem alten Manne ganz absonderlich bedeutungsvolle Worte geredet hat. Das muß ein großer Weiser sein! Möchtest du mir denn nicht sagen, wer dieser Mann ist? Denn ich muß es dir offen gestehen, daß mich und auch meine beiden Gefährten ein gewisses heimliches und unerklärliches Etwas gar gewaltig zu ihm hin zu ziehen beginnt. Mit dem Manne möchte ich wohl um jeden Preis der Welt näher bekannt werden! Wenn du mir das verschaffen könntest, würde ich dir gerne ein großes Opfer bringen!“
GEJ|7|109|7|0|Sagte Raphael: „Mein Freund, nur Geduld; denn es läßt sich da nicht alles gar so plötzlich veranstalten, wie ich dir deinen großen Diamanten aus dem tiefen Indien hierhergeschafft habe! Denn wo eines Menschen freiester Wille zu walten hat, da darf ihm von einem Allmachtszwange nichts in den Weg treten. Darum gedulde dich nur! Wir werden nun gleich wieder ins Freie gehen, und da wirst du noch ganz hinreichend Gelegenheit bekommen, diesen dir gar auffälligen Mann noch näher kennenzulernen. Doch nun warte alles mit Geduld ab!“
GEJ|7|109|8|0|Damit gab sich der Magier zufrieden, und wir gingen wieder hinaus ins Freie und nahmen auf der Höhe unsere alten Plätze ein. Die Magier aber wurden unter uns untergebracht.
GEJ|7|110|1|1|110. — Der heftige Nordwind und sein Zweck. Das Tote Meer
GEJ|7|110|1|0|Als wir uns wieder völlig in der früheren Ordnung befanden, da fing von Norden her ein ganz bedeutend kühler Wind zu wehen an, und Lazarus sagte zu Mir mit leiser Stimme: „Herr, wenn der Wind noch ärger wird, als er schon ist, so werden wir uns bald wieder ins Haus begeben müssen!“
GEJ|7|110|2|0|Sagte Ich: „Freund, so Ich's nicht wollte, da ginge dieser Wind nicht; weil Ich aber das will, so geht auch eben der Wind nun, den Ich in Mir berief. Und er ist auch gut, weil Ich ihn nun will; denn alles, was der Vater in Mir will, ist gut. Daher hat den nun etwas kühlen Wind auch niemand zu scheuen und es hat niemand zu befürchten, daß er krank würde. Übrigens wirst du bald verspüren und auch einsehen, warum Ich diesen Wind nun gehen lasse.“
GEJ|7|110|3|0|Als Ich solches dem Lazarus mitgeteilt hatte, da fing der Wind noch heftiger an zu gehen, und die Indier wandten sich an Raphael und sagten: „Höre, du holder und sehr mächtiger und weiser Jüngling, daß ein Mensch nach deiner uns kundgemachten Lehre – nämlich durch die Einung mit dem reinen Lebensgeiste aus Gott – durch die Gewalt und Macht des Willens, so er ihn mit dem göttlichen Willen vereint, wahrlich Wundergroßes bewirken kann, das haben wir alle sehr wohl begreiflich und einleuchtend gefunden; aber es tauchen dann und wann dennoch wieder Erscheinungen in der großen Weltnatur auf, gegen die selbst der vollkommenste Mensch mit aller Macht seines Willens vergebens kämpfen dürfte! Da an diesem höchst lästigen Winde hätten wir gleich solch ein Beispiel! Uns kommt es vor, daß die Elemente am meisten stumm sind und unser noch so kräftiges Wollen am allerwenigsten berücksichtigen.“
GEJ|7|110|4|0|Sagte Raphael: „Da irret ihr euch gar sehr und groß! Wenn selbst der härteste Stein sich im Augenblick der Macht des mit Gott vereinten innersten Willens fügen muß, um wieviel mehr die Luft, die in und aus lauter seelischen Spezifikalpotenzen besteht und somit mit dem inneren Geiste sicher in einer näheren Verwandtschaft steht als ein gröbst materieller Stein.
GEJ|7|110|5|0|Ich sage euch aber, daß nun dieser euch etwas lästig vorkommende Wind eben darum also ziemlich heftig weht, weil wir ihn haben wollen; warum wir ihn aber nun haben wollen, das wird euch schon die Folge zeigen. Richtet nur eure Blicke nach der Richtung hin, die der Wind hat, und ihr werdet hernach schon bald einzusehen beginnen, wozu nun der Wind mit einer stets zunehmenden Heftigkeit wehen muß!“
GEJ|7|110|6|0|Hierauf richteten nicht nur die drei Magier, sondern alle Anwesenden ihre Augen nach dem Zuge des Windes. Was bemerkten sie aber bald in der Gegend des Toten Meeres, das eben nicht zu weit von Jerusalem entfernt liegt? Es stiegen ordentliche Wolkenmassen des dicksten Rauches auf und bedeckten den südlichen Horizont, und von Zeit zu Zeit wurden Flammensäulen ersichtlich, die aber allzeit bald wieder erloschen.
GEJ|7|110|7|0|Als der Hauptmagier mit seinen Gefährten das bemerkte, sagte er zu Raphael: „Was ist und was geschieht denn dort? Ist das ein Ort, etwa eine Stadt, die in Brand geraten ist?“
GEJ|7|110|8|0|Sagte Raphael: „O nein, meine lieben Freunde, es befindet sich dort ein bedeutend großer See, der hier von den Juden darum das ,Tote Meer‘ genannt wird, weil in ihm und auch über ihm noch so hoch in unserer atmosphärischen Luft kein Tier eine Zeit von nur einer Stunde das Leibesleben erhalten kann.
GEJ|7|110|9|0|Alle Fische und anderen Wassertiere werden in jenes Sees Wasser tot, also auch die Vögel in der über dem See stehenden Luft, daher sie auch nur höchst selten über jenen See fliegend gesehen werden. Ja sogar Pflanzen und Gewächse was immer für einer Art kommen weder auf seinem Grunde noch irgendwo an den Ufern auf eine längere Zeitdauer fort; denn dieses Sees Unterlage ist ein weitgedehntes und tief ins Innere der Erde gehendes Schwefel- und Erdpechlager, das sich zu gewissen Zeiten entzündet und stellenweise – natürlich unter dem Wasser – mit großer Gewalt den unterseeischen Boden zerreißt, wobei dann das Feuer mächtig durch- und über das Wasser hervorbricht, aber bald wieder erlöschen muß, weil das Wasser in die aufgerissene Spalte dringt und das Fortbrennen des Schwefels und des Erdpeches hindert. Aber wenn auch ein Riß durchs Wasser und durch sein eigenes Sich-wieder-Schließen gedämpft ist, so entstehen dafür an einem anderen Punkte neue Ausbrüche, die natürlich auf die gleiche Art bald wieder gedämpft werden.
GEJ|7|110|10|0|Wenn das Feuer unter dem sehr bedeutend großen See einmal in Tätigkeit kommt, so dauert diese in ihrer größten Heftigkeit doch stets einige Stunden lang; aber die Nachwirkung, die gewöhnlich in einer stets noch Rauch und Dampf entwickelnden Aufwallung des Sees an verschiedenen Stellen besteht, dauert mit steter Abnahme oft noch mehrere Tage fort, und es ist da dem Menschen nicht zu raten, sich in solcher Zeit und am allerwenigsten gegen den Wind dem See zu nahen, weil die gar böse Luft, die sich bei solchen Gelegenheiten über dem See entwickelt, das Naturleben des Menschen und auch jedes Tieres ersticken würde.
GEJ|7|110|11|0|Und sehet, da der Ausbruch nun ein sehr heftiger ist und der starke, giftige Qualm mittels der Südluft nur zu bald zu uns herkäme und ein gar großes Unheil anrichten würde, so hat der allmächtige Wille des einen, wahren Gottes den kalten und lebensstoffreichen Wind aus dem Norden kommen lassen, der fürs erste mit dem Maße heftiger wird, als das unterseeische Feuer an sichtlicher Ausdehnung zunimmt, und der fürs zweite aber den Qualm und Dampf weit hinaus in die Wüsten Arabiens treibt, wo er wohl niemandem einen großen Schaden zufügen kann, weil dort, besonders in der größeren Nähe des Sees, wohl nicht leichtlich irgend ein lebendes Wesen wohnt.
GEJ|7|110|12|0|Wenn ihr nun über das Gesagte nur ein wenig tiefer nachdenken wollet, so werdet ihr den Grund schon einsehen, warum nun der kühle Nordwind zu wehen angefangen hat, und daß ihm das, also zu kommen, nicht wie zufällig von selbst eingefallen ist, sondern daß ihm das ein gar weiser und sehr mächtiger Wille befohlen hat. Wenn aber also, da ist es dann ja auch klar, daß der mit Gott vereinte Wille eines lebensvollendeten Menschen auch über alle Elemente gebieten kann und sie sich ihm fügen müssen.
GEJ|7|110|13|0|Also kannst du auch einen Blick auf die Weisheit und auf den Willen Gottes also hinlenken, wenn ich dir zeige, daß der böse See wohl Zuflüsse von mehreren Seiten, aber auf der Oberfläche der Erde keinen Abfluß hat. Ja, warum denn das also? Weil dieser, wie noch mehrere solcher Seen auf der Erde, erstens sein Wasser zur Dämpfung des unter ihm befindlichen Feuers vonnöten hat, und zweitens, weil ein oberirdischer Abfluß des wahren Giftwassers ein Land auf weithin unfruchtbar und unwohnlich machen würde; und so sorgt des wahren Gottes Liebe, Weisheit und Wille auch da, wo es der blinde Mensch nicht merkt und nicht merken kann.
GEJ|7|110|14|0|Aber wer die Geschöpfe und die sonstige Einrichtung der Welt mit den Augen des Geistes betrachtet, der wird überall den Willen Gottes waltend entdecken und sogestaltig leicht den großen und heiligen Vater und Ordner der Welten, der Menschen und der Geister finden und die Macht des allmächtigen Willens Gottes in sich selbst erproben können, und er wird dann nicht mehr zu fragen die Ursache haben, ob der mit dem Willen Gottes vereinte Wille eines Menschen wohl auch über die Elemente gebieten könne. – Hast du das nun wohl alles verstanden?“
GEJ|7|111|1|1|111. — Die Zweifel des indischen Magiers
GEJ|7|111|1|0|Sagte der Hauptmagier: „Ja, verstanden habe ich das wohl, wie auch meine beiden Gefährten; aber es gäbe darüber hinaus noch so manches zu fragen, damit im Menschen der Begriff über die höchste Weisheit des einen, wahren Gottes ein makelloser würde. Denn es gibt in der großen Natur nebst den vielen gar überaus weise eingerichteten Dingen doch solche, die in sich wohl sehr wunderbar weise ausgestattet sind, sich aber zu den anderen Dingen in gar keinem begreifbar- weise zwecklichen Verhältnisse befinden.
GEJ|7|111|2|0|Und sieh, du holder junger Freund, durch derlei Betrachtungen werden zumeist gerade jene Menschen, die sich am meisten mit der Aufsuchung eines weisesten und mächtigsten Gottes beschäftigen, ganz irregeleitet und werden, anstatt vollends gottkundig, gerade das Gegenteil, weil sie wohl eine Kraft und Macht finden, die alles sonderheitlich wohl gar wunderkunstvoll dargestellt und eingerichtet hat, sich aber gewisserart selbst keine Rechnung darüber zu machen imstande ist, warum sie das eine und das andere so und so dargestellt hat, und wie etwa das eine des andern wegen da sei!
GEJ|7|111|3|0|Ich sehe ein, daß das von mir aus sicher eine sehr lose Frage ist; aber wer in sich nie auf gewisse Zweifel kommt, der zeigt dadurch doch offenbar an, daß ihm wenig oder auch wohl gar nichts daran liegt, ob es einen Gott gibt, und wie ein solcher beschaffen ist, und ob des Menschen Seele nach dem Tode des Leibes als ein ihrer selbst als Individuum klar bewußtes Wesen lebend fortbesteht und wie und wo.
GEJ|7|111|4|0|Weil ich aber schon ein alter Sucher bin, so bin ich auch ein alter Zweifler und als solcher voller Fragen. Und so habe ich deine frühere Beschreibung über euren bösen See, sein unterirdisches Pech- und Schwefellager, dessen zeitweilige Entzündung und dann das Ankommen des nun noch heftig wehenden kalten Nordwindes als mit der Macht und Weisheit eines wahren und guten Gottes sehr in der Ordnung gefunden, wie auch alles sehr zweckmäßig mit dem bösen See eingerichtet ist, daß seine Ausdünstung den lebenden Geschöpfen nicht nachteilig werde. Das alles wäre in und für sich schon ganz in der besten Ordnung; aber nun kommt eben über den bösen See eine ganz andere Frage, die wir selbst uns nimmerdar beantworten können:
GEJ|7|111|5|0|Warum hat denn der so weise und gute Gott einen so bösen See erschaffen? Wir kennen viele und große Reiche und Länder, die ohne einen solchen See bestehen. Warum muß gerade hier einer sein? Wozu dient sein großes unterirdisches Pech- und Schwefellager und wozu seine giftige Ausdünstung, in der weder Menschen und Tiere, noch Pflanzen und Bäume bestehen können? Sind solche bösen Seen auf der Erde am Ende doch noch zu etwas gut, und steckt hinter ihnen irgendein weiser Zweck, oder sind sie nur so zufällig entstanden und Gott hat wegen ihres Daseins solche Vorkehrungen getroffen, daß sie den nachbarlichen edleren Geschöpfen nicht zu schädlich werden?
GEJ|7|111|6|0|Konnte denn ein höchst weiser und guter Gott irgendeinen guten Zweck nicht anders als nur durch ein böses Mittel erreichen? Siehe, du mein junger, gottvoll weiser und mächtiger Freund, wenn man darüber stets mehr und mehr zu denken und zu grübeln anfängt, so kommt man am Ende oft zu ganz sonderbaren Schlüssen!
GEJ|7|111|7|0|Einmal kann man sagen: Ein guter Gott kann nichts Böses erschaffen; denn im Honig gibt es keine Bitterkeit. Es muß demnach auch einen bösen Gegengott geben, der im beständigen Kampfe mit dem guten Gott ist, aber ihn nie besiegen kann, so wie auch der gute Gott den bösen nicht. Der gute Gott erschafft gleichfort Gutes, der böse aber zerstört stets die Werke des guten Gottes.
GEJ|7|111|8|0|Nimmt man das aber an, so ist es traurig, ein Geschöpf, besonders traurig, ein seiner selbst bewußter Mensch zu sein, weil er seine sichere Zerstörung stets vor Augen hat. Denn wie soll mich ein Leben und Dasein freuen, das ich in kurzer Zeit für ewig zu verlieren die Aussicht habe, und das noch dazu unter dem Kampfe großer Schmerzen und verzweiflungsvoller Ängste!
GEJ|7|111|9|0|Man verwirft am Ende auch diese Annahme und sagt: Es gibt entweder gar keinen Gott, oder es gibt deren so viele, als es Geschöpfe gibt, und ein jeder Gott erschafft seine Kreatur und kümmert sich um nichts Weiteres; oder es gibt gar keinen Gott, sondern eine Naturkraft, die, ohne zu wissen, daß sie ist, dennoch fort und fort wirkt, weil sie durch die aus sich selbst sich blind und zufällig entfaltet habenden Umstände so oder so zu wirken genötigt wird, gleichwie auch der Wind ganz blind und ohne allen Willen und ohne alle Intelligenz dahinweht und seine Richtung ändert, wenn er an irgendeine Felsenwand gestoßen ist, die ihn dann eine andere Richtung zu nehmen zwingt. So eine Erscheinung sieht man auch bei Bächen und Strömen; sie müssen ihre Richtung so oft verändern, wie sie in ihrer Blindheit auf Gegenstände stoßen, die sie nötigen, ohne zu wollen, eine andere Richtung zu nehmen.
GEJ|7|111|10|0|Da fällt ein Samenkorn in ein gutes Erdreich und bringt eine reichliche Frucht, während ein gleich gesunder Same in ein mageres Erdreich fällt, darin verkümmert und gar keine Frucht zum Vorschein bringt. Weder der Same noch der Boden sind sich ihrer Kraft und Fähigkeit bewußt; aber irgendein Umstand, der auch wieder durch andere zufällige Umstände bewirkt ward, hat den einen Boden fett und den andern mager gemacht, und dieser Umstand bewirkt, daß ein Same entweder gut oder schlecht gedeiht.
GEJ|7|111|11|0|Man kann da dann forschen und denken, wie man will, und sich Erfahrungen auf dem ganzen Erdkreise sammeln, und man kommt nirgends auf irgendeine bestimmte, ganz wohlberechnete Ordnung, sondern auf lauter Zufälligkeiten, wo dann eine die andere bedingt.
GEJ|7|111|12|0|Nun, bei solchen Forschungen geht die Gottheit beim Menschen verloren und kann dann nicht so leicht mehr wieder gefunden werden. Du hattest schon ganz recht, zu sagen, daß der Mensch durchs genaue Erforschen der mannigfachen Erscheinungen in der großen Natur einen allein wahren, weisesten und allmächtigen Gott finden kann, – es wird auch schon also sein; aber wenn man als ein genauer Forscher endlich auf Dinge stößt, die mit keiner wohlberechneten Ordnung etwas zu tun zu haben scheinen und sonach das Dasein eines allein wahren, weisen, guten und mächtigen Gottes verdächtigen, wie das Pech- und Schwefellager unter dem bösen See, – was dann? Dann, Freund, kann sich der Mensch nicht mehr selbst helfen, sondern da muß ihm Gott helfen, wenn Er irgend einer ist; hilft Er ihm aber nicht, so ist Er entweder in der Wirklichkeit gar nicht, oder Er kümmert sich um die Menschen nicht, oder Er ist nicht fähig, ohne gewisse Vorbedingungen dem Menschen zu helfen, wie man das alltäglich aus nur zu vielen Erfahrungen ersehen kann.
GEJ|7|111|13|0|Wolle du mir darum nun den Grund jenes bösen Sees erklären, und wir werden dann ganz leicht noch weiter über diesen gar sehr wichtigen Punkt miteinander reden!“
GEJ|7|112|1|1|112. — Die verschiedene Gestaltung alles Geschaffenen
GEJ|7|112|1|0|Sagte Raphael: „Weißt du, mein Freund, über den Punkt werden wir eben nicht gar zu leicht miteinander reden; denn da bist du noch zu weit zurück und noch zu sehr von deiner altindischen Weltweisheit erfüllt. Ich müßte dir nun nur die ganze innere organische Lebenseinrichtung zeigen und dir den ganzen Organismus der Welt nebst seiner Zwecklichkeit vollauf enthüllen, und das geht denn doch nicht so schnell, wie du es dir in deiner indischen Phantasie vorstellst; denn dazu gehört wahrlich mehr als eure indische Vorschule. Aber ich will dir dennoch einige Winke geben, aus denen du schon so gewisse Vermutungen ziehen wirst, und so wolle denn nun du mir ein aufmerksames Herz schenken!
GEJ|7|112|2|0|Höre! Du bist ein Mensch. Dein Leib besteht aus nahezu zahllos vielen dir gänzlich unbekannten Organen. Ohne solch eine organische Einrichtung deines Leibes wäre in ihm das Leben deiner Seele ganz und gar nie denkbar möglich. Und doch hängen des Leibes wichtigste Organe eben durchaus nicht sehr ordnungsmäßig in deinem Leibe! Sieh nur einmal deine Adern an! Wie unregelmäßig scheinen sie deine Arme zu durchkreuzen! Und dennoch ist in ihnen die höchste zweckliche Ordnung. Betrachte die Stellung deiner Haare! Siehe, sie stehen ganz ordnungslos auf deinem Kopfe wie auf deinem ganzen Leibe, und dennoch ist von Gott aus ein jedes gezählt und steht auf seinem rechten Platze! Und bei anderen Menschen stehen sie wieder anders als bei dir und stehen auch auf dem rechten Platze, weil es dem Herrn in Seiner Weisheit wohlgefallen hat, beinahe einem jeden Menschen eine andere Gestalt und auch eine andere Gemütsbeschaffenheit zu geben, auf daß sie sich untereinander leichter erkennen und sich dann als Menschen lieben.
GEJ|7|112|3|0|Also hat der Herr sogar den Haustieren eine etwas veränderte Gestaltung gegeben, damit die Menschen ihre Haustiere leichter erkennen sollen, während die wilden Waldtiere sich alle so ähnlich sehen wie nur immer möglich, weil diese sich kein Mensch zu seinem Nutzen irgend zu merken braucht. Siehe auch an das Hausgeflügel und die wilden Vögel der Luft, und du wirst bei ihnen dasselbe Verhältnis finden!
GEJ|7|112|4|0|Nehmen wir aber an, daß sich auf der Erde alle Gegenden so sehr ähnlich sähen wie ein Auge dem andern und ein jedes Haus also aussehen müßte wie irgendein anderes und auch nicht größer oder kleiner sein dürfte, da möchte ich von dir erfahren, wie du da aus weiter Ferne deine Heimat noch irgendwann einmal finden möchtest!
GEJ|7|112|5|0|Siehe du ferner die Obstbäume an, die zu einem Hause gehören, und daneben auch die, welche zu einem andern Hause gehören, und du wirst in ihrer Gestaltung eine große Mannigfaltigkeit entdecken, obschon sie von einer und derselben Gattung sind! Und das ist von Gott auch darum zugelassen, damit ein jeder Besitzer seine Bäume gleich alten, guten Freunden schon von ferne gar wohl erkennen kann.
GEJ|7|112|6|0|Jetzt werde ich dir aber noch ein Beispiel geben, bevor wir zu der Hauptsache übergehen wollen, und so höre mich! Sieh, wie wäre es denn, wenn zum Beispiel alle Mädchen, alt oder jung, auf ein Haar dasselbe Gesicht hätten und dieselbe Größe, das gleiche Aussehen, dieselbe Bekleidung gleich den Vögeln in der Luft und gleich den wilden Tieren des Feldes und des Waldes? Würdest du da wohl deine Töchter von deinem Weibe oder von den Töchtern deines Nachbarn oder von deiner Mutter oder von deinen Schwestern unterscheiden können? Wenn dein Vater aussähe wie du und deine Söhne desgleichen, wie würde dir als denkendem Menschen die Sache gefallen? Ganz gleiche Gegenden, dann ganz gleiche Menschengestalten und Formen, kurz und gut, alles, jung oder alt, wäre auf ein Haar gleich, ganz ein und dasselbe, – wie gefiele dir das nur so zum Beispiele?“
GEJ|7|112|7|0|Sagte der Magier: „O Freund, so etwas wäre für unsereinen der Tod bei noch lebendem Leibe! Ah, da höre mir auf mit solchen mörderischen Beispielen! Ah, da hörte beim Menschen ja offenbar alles Denken rein auf, das ohne Vergleiche eigentlich gar nicht möglich ist! Nun, ich fange schon zum voraus an, es zu fassen, wo du so ganz eigentlich hinaus willst! Aber fahre du nur fort; denn ein jedes Wort aus deinem Munde ist tausendmal tausend Pfunde reinsten Goldes wert!“
GEJ|7|113|1|1|113. — Die Notwendigkeit der Verschiedenheit alles Geschaffenen
GEJ|7|113|1|0|Sagte Raphael: „Du hast recht geantwortet; denn bei solch einer Gleichförmigkeit der Geschöpfe hörte jeder Lebensreiz und mit ihm auch alles Denken auf. Das äußere Denken geht ja von da aus, daß ein Mensch mit seinen gesunden Sinnen die verschiedenen Dinge und ihre höchst abwechselnden und verschiedenen Formen betrachtet, sie vergleicht und über ihre zwecklichen Verhältnisse nachdenkt und urteilt, sich die vielen verschiedenen Formen merkt und ihnen dann auch verschiedene Namen gibt, wodurch der Menschen Mundsprache und später auch die durch Schriftzeichen entstand.
GEJ|7|113|2|0|Wenn aber einmal eine Gegend der andern, ein Baum dem andern, auch ein Tier dem andern und alle Menschen, Männer und Weiber, Eltern und Kinder, jung und alt, einander völlig gleich sähen, welchen Reiz würde das auf die Sinne des Menschen wohl ausüben? Sicher nicht den geringsten! Er hätte sich dabei sehr wenig zu merken und noch weniger zu denken; auch mit der Mundsprache sähe es sehr karg aus, und mit den Schriftzeichen auch, und siehe, das wäre die notwendige Folge, wenn der allweise Gott die Welten und die Geschöpfe alle nach deinem strengen Ordnungsbegriff erschaffen hätte!
GEJ|7|113|3|0|Aber da Gott noch endlos viel weiser ist, als wir uns das vorzustellen vermögen, so hat Er alles auch in einer viel besseren Ordnung erschaffen, als wir uns dieselbe je vorstellen werden können, und Er ist dadurch schon ein beständiger Lehrer und Meister der Menschen, weil Er in Seinen Geschöpfen eine so unendliche Mannigfaltigkeit verordnet hat, damit der Mensch, um dessentwillen alles da ist, eben die gar so mannigfaltigen Geschöpfe aller Art und Gattung betrachten, sie leichter erkennen, benennen, über sie nachdenken und sie dann auch so und so zu seinem Nutzen oder Schaden gebrauchen soll und kann, – was er aber, wie gezeigt, nach deiner Ordnungsweise wohl nimmerdar vermocht hätte.
GEJ|7|113|4|0|Würdest du wohl je eine entschiedene Liebe zu einem Weibe fassen können, wenn es allen anderen Weibern so völlig ähnlich sähe wie eine Hausfliege der andern? Du könntest dir dein Weib gar nicht merken, sowenig du dir eine Hausfliege merken und dann sagen könntest: ,Sieh, das ist mein Liebling!‘ Denn sowie sich deine Lieblingsfliege unter die andern gemengt hätte, könntest du sie dann sicher nimmer als die deinige erkennen, und ebenso ginge es dir mit deinem Weibe und deinem Weibe auch mit dir.
GEJ|7|113|5|0|Aus diesem allem aber kannst du nun schon ersehen, daß eben der dir scheinenden Unordnung im Bereiche der Geschöpfe Gottes viel größere und wahrere Beweise für das Dasein und für die höchste Liebe und Weisheit eines allmächtigen Schöpfers zugrunde liegen als der Ordnung, die du schon so lange suchtest und doch nicht finden konntest!
GEJ|7|113|6|0|Ich habe dich schon darauf aufmerksam gemacht, daß deine Blutadern, die du an deinen Händen und Füßen, wie auch an deinem Kopfe bemerken und ganz gut beobachten kannst, eben nicht in jener völlig symmetrischen Ordnung unter deiner Haut angebracht sind, wie du sie gar so gerne sähest, sondern sie liegen bei dir wie auch bei jedem andern Menschen ganz merklich verschieden gestellt ersichtlich da. Ja, warum denn solche Unordnung?
GEJ|7|113|7|0|Siehe, du wirst nicht leichtlich irgend zwei Menschen treffen, die sich ganz vollendet ähnlich sähen! Wenn Gott der Herr aber aus den dir wohl gezeigten Gründen auch die Außenformen ganz verschieden formt, so formt Er auch den Organismus der Menschen verschieden und mit ihm auch die Talente einer jeden Seele. Denn hätten alle Menschen die haargleichen Talente, so würden sie einander gegenseitig bald ganz vollkommen entbehrlich werden, und die Nächstenliebe wäre ein leerer Wortlaut.
GEJ|7|113|8|0|Nun hast du gesehen, wie die dir scheinende Unordnung der treueste Zeuge für das Dasein Gottes und für die höchste, weiseste und liebevollste Ordnung aus Gott ist, und so können wir nun zu unserem bösen See wieder zurückkehren!“
GEJ|7|114|1|1|114. — Die Erde als Organismus
GEJ|7|114|1|0|(Raphael:) „Sieh, die Einrichtung dieses und noch anderer ähnlicher Seen ist vom Schöpfer ebenso weise bestellt, als wie weise alles bestellt ist, was ich dir nun in dieser Hinsicht gezeigt und mitgeteilt habe.
GEJ|7|114|2|0|Du hast einen Leib, der durch Speise und Trank und durch die regelmäßige Einatmung der reinen Luft ernährt, erhalten und naturmäßig belebt wird. Die Nahrungsteile sind in den Speisen und in den Getränken nur ebenso spärlich enthalten wie in der eingeatmeten Luft. Du atmest die Luft ein, mußt aber beinahe ebensoviel ausatmen, wie du vorher eingeatmet hast; nur ein kleiner, kaum wägbarer Teil ist in deiner Lunge ans Blut als Hauptnahrungsteil für dein Leben abgegeben worden, alles andere wird wieder ausgehaucht. Du issest verschiedene Speisen und trinkst desgleichen verschiedene Getränke. Ja, das Genossene ist nicht durchgängig purer Leibesnährstoff, sondern nur ein Träger desselben; nur ein ätherisches Minimum bleibt in dir als Nahrung, alles andere muß auf dem gewissen Wege wieder aus dem Leibe geschafft werden.
GEJ|7|114|3|0|Siehe, wie aber das bei Menschen, Tieren und sogar bei Pflanzen eine höchste Notwendigkeit ist, weil sie sonst das Leben nicht erhalten würden, ebenso ist das auch eine höchste Notwendigkeit bei einem Weltkörper! Es müssen ihm Organe verliehen werden, durch welche er den überflüssigen Unrat aus sich auf seine Hautoberfläche ausstoßen kann. Und nun sehen wir uns unseren bösen See noch einmal an, und wir werden finden, daß er ein ebenso nötiges Organ der Erde zur Hinausbeförderung des inneren nicht mehr brauchbaren Unrates ist, wie dir mehrere solche Organe am menschlichen Leibe wohl sicher nicht unbekannt sein dürften.
GEJ|7|114|4|0|Die Erde ist ebensogut ein organisches und sogar auch seelisch lebendes Wesen, wie du und jedes Geschöpf es ist, das da atmet und wirkt und webt im endlosen Schöpfungsraume.
GEJ|7|114|5|0|Es wird dich aber die Erfahrung gelehrt haben, daß der Unrat der Menschen, Tiere und Pflanzen als Dünger der Felder wie Äcker, Wiesen und Weinberge gar wohl benutzt werden kann; ich aber sage dir: Was der Unrat der Tiere im Kleinen ist, das ist der Unrat der Erde im Großen und Allgemeinen.
GEJ|7|114|6|0|Der Fruchtboden der Erde, auch die Berge und die Meere sind im Grunde ein Unrat der Erde; denn das alles entstand durch das innere Lebensfeuer der Erde, aber freilich schon seit dir undenkbar langen Zeitläufen. Und alles, was da auf die Oberfläche der Erde befördert wird wie Schwefel, Pech, Salze, Wasser und allerlei Mineralien und Metalle, dient zur Bildung des fruchtbaren Erdreiches, ohne das keine Pflanze, kein Baum und somit noch weniger ein Tier oder gar ein Mensch bestehen könnte.
GEJ|7|114|7|0|Wenn sonach die Erde durch ihre eigenen Organe und Poren noch heutzutage das tut, was sie nach der weisesten Anordnung des ewig großen Schöpfers schon vor undenklich langen Zeiten getan hat und tun mußte, so kann man das nicht böse nennen, sondern da ist alles gut.
GEJ|7|114|8|0|Wenn solch ein Boden oder ein See dem Naturleben der Pflanzen, Tiere und Menschen nicht zuträglich ist, so ist er darum nicht böse. Der Mensch hat Vernunft und Verstand und kann derlei Orte meiden, die noch nicht zur Bewohnung reif sind. Es hat die Erde der wohnreifen Gegenden in großer Menge, und die Menschen können damit schon vollkommen zufrieden sein. Das Meer hat im ganzen doch eine viel größere Fläche denn das trockene Land. Wer wird da sagen: ,Siehe, wie unweise hat da Gott gehandelt, daß Er nicht lieber den größten Teil der Erde zum fruchtbaren Lande denn zu so viel unbrauchbarem Wasser gemacht hat! Wir Menschen und sicher auch die meisten Landtiere und so auch die meisten Pflanzen hätten an den Landseen, Strömen, Flüssen, Bächen, Quellen und am Regen und Schnee zur Übergenüge!‘
GEJ|7|114|9|0|Ja, sage ich, das wäre schon alles recht, wenn all die Landseen, Ströme, Flüsse, Bäche, Quellen und der Regen und Schnee von woanders her ihren Ursprung nähmen als eben aus dem großen Weltmeere. Wenn dieses nicht also bestünde, wie es besteht, so gäbe es auch kein Süßwasser auf dem trockenen Lande.
GEJ|7|114|10|0|Ich meine nun, daß ich dir deine Zweifel auf einem ganz natürlichen Wege berichtigt habe. Wenn du ihrer achtest, so wirst du über das Dasein eines wahren Gottes, über Seine Liebe, Güte, Weisheit und Macht völlig im klaren sein, und es wird dich keine Erscheinung in der Welt mehr beirren im rechten Glauben und in der rechten Erkenntnis eines wahren Gottes.
GEJ|7|114|11|0|Wenn dir aber jemand mit einer gewissen Beredsamkeit eine andere Lehre aufdrängen will, so zeige ihm alles so, wie ich es dir gezeigt habe. Nimmt er deine Erkenntnis an, so betrachte ihn als einen Menschen, der die Wahrheit sucht, und behandle ihn als einen Bruder; nimmt er aber die augenscheinliche Wahrheit nicht an, so betrachte ihn als einen Lichtlosen, der ein Heide und ein Ketzer ist, weil er die lichte Wahrheit nicht annehmen will, und meide ihn und seine Gesellschaft!
GEJ|7|114|12|0|Es ist aber auch ein Unterschied zu machen zwischen dem, der die Wahrheit nicht annehmen will, und dem, der infolge seiner Geistesarmut die Wahrheit nicht begreifen und annehmen kann. Ersterer verdient eine längere Geduld nicht, die man sich mit ihm nehmen solle, weil er aus Hochmut und Eigendünkel die Wahrheit nicht annehmen will, und nur will, daß sich alles nach ihm richten soll. Aber mit dem zweiten habe Geduld; denn dem fehlt es nicht am Willen, sondern am Verstande! Wenn er durch deine Geduld und Liebe verständiger wird, dann wird er die Wahrheit schon annehmen.
GEJ|7|114|13|0|Nun habe ich dir vieles gezeigt. Wenn du es beachtest, so wirst du das Größere schon von selbst in dir finden. Dein Geist aus Gott wird dir die Tiefen und Höhen der Wahrheit zeigen. Frage aber dein Gemüt nun selbst, ob du all das Gesagte auch wohl begriffen hast!“
GEJ|7|115|1|1|115. — Der gute Zweck der Giftbäume in Indien. Die Entwicklung der Erde. Die Wanderung der Meere
GEJ|7|115|1|0|Sagte nun der Magier: „Es dämmert in mir wie am frühen Morgen vor dem Aufgang der Sonne; aber es sind das Dinge, die in mir erst eine rechte Wurzel fassen müssen, bis sie zum völligen Eigentum meines Lebens werden. Aber daß es also ist, wie du es mir nun gezeigt hast, daran zweifle ich wahrlich keinen Augenblick mehr. Nur eine ganz kleine Frage hätte ich noch. So deine große Geduld mit mir noch nicht völlig zu Ende ist, da würde ich dich wohl bitten, mir auch noch diese kleine Frage gütigst zu meiner tieferen Belehrung beantworten zu wollen.“
GEJ|7|115|2|0|Sagte Raphael: „So entledige dich auch solch deines Anliegens! Was ist es denn? Rede!“
GEJ|7|115|3|0|Sagte der Magier: „Sieh, du holdester und gar überaus weiser Jüngling! Bei uns in Indien, und zwar auf einer großen Insel, wie auch in einigen Küstentälern, die sonst sehr üppig sein könnten, wächst dir ein eigenes Gesträuch, ein wahrer Schrecken des Landes. Dieses Gesträuch ist so böse und so giftig, daß es durch seine Ausdünstung weithin alles tötet, was sich ihm naht. Es ist um vieles gefährlicher als dieser vorbeschriebene See und kann nicht ausgerottet werden. Unkundige Menschen geraten doch dann und wann in die Nähe solcher Gewächse und müssen darauf eines elenden Todes sterben.
GEJ|7|115|4|0|Nun, wozu dient solch ein wahres Höllengewächs?“
GEJ|7|115|5|0|Sagte Raphael: „Ja, du mein lieber Freund, ein solches Gewächs hat eine gar große und für die Menschen gar sehr wichtige Bedeutung in dem Lande, in welchem es der Herr des Himmels und dieser Erde wachsen läßt; denn es ist den Menschen jenes Landes als ein treuer Wächter gegeben, der sie warnt, solche kleinen Landteile der Erde zu bewohnen, mit denen für die Erhaltung der Erde Gott der Herr einen ganz andern Zweck verbunden hat.
GEJ|7|115|6|0|Es ist das aber schon euren Urvätern treu geoffenbart worden, wie sie jene wenigen Täler meiden und nicht bewohnen sollen, weil sie für die Bewohnbarkeit noch lange nicht reif sind, und wie unter ihnen noch roher Elemente Kräfte walten, wie auch, daß die angezeigten Gesträuche da sind, um das ausdünstende Gift aus den Tiefen der Erde in sich aufzunehmen, damit es nicht andere und weitere Länderstrecken vergifte und sie unbewohnbar mache.
GEJ|7|115|7|0|Wenn aber den Menschen solches einmal angezeigt worden ist und durch Lehrer tausend Jahre lang vorgesagt wurde, so kann sich dann doch wohl niemand mehr aufhalten, wenn er, der Warnung uneingedenk, sich noch an solche Erdorte hinbegibt, von denen er doch wissen sollte, daß sie für die Aufnahme von Menschen und Tieren noch lange nicht reif sind. – Verstehst du nun auch das?“
GEJ|7|115|8|0|Sagte der Magier: „Ja, auch das verstehe ich nun! Aber wie kommt denn das, daß manche Gegenden der Erde früher reif geworden sind als andere?“
GEJ|7|115|9|0|Sagte Raphael: „Du bist wahrlich noch recht blind! Hast du schon einmal einen Menschen gesehen, bei dem alle seine Leibesteile auf einmal vollends reif geworden sind? Wie lange braucht es, bis der Mensch nur dem Leibe nach vollends reif wird, und wie lange, bis seine Seele vollends lebensreif wird! Meinst du denn, daß der allweiseste Gott irgendwo Seine ewige Ordnung überspringe? O mitnichten! Gott ist die vollkommenste Ordnung Selbst und weiß höchst genau, was Er, wie Er und warum Er es also tut!
GEJ|7|115|10|0|Sieh an die hohen Berge um uns herum! Die waren vor vielen tausend Jahren noch mehr als noch einmal so hoch und die Taltiefen noch mehr denn noch einmal so tief, als sie nun sind, von den hohen Bergen herab gemessen; aber da waren solche Taltiefen noch völlig unbewohnt, nur Seen auf Seen füllten sie aus mit manchen riesigsten Wassertieren.
GEJ|7|115|11|0|Da ließ der große Herr und Meister von Ewigkeit furchtbare Stürme mit Blitz und Donner und große Erdbeben walten. Diese zertrümmerten die hohen Berge, und mit ihren Trümmern wurden die Taltiefen ausgefüllt. Anstatt der großen Seen wogten bald große und mächtige Ströme über die ausgefüllten Talebenen hin und rollten mit ihrer Gewalt die kleineren Bergtrümmer auf ihrem Grunde fort und fort, wodurch diese noch mehr zermalmt und somit sehr verkleinert wurden; denn aller Sand in den Strömen, Flüssen, Bächen und Meeren ist eine möglichste Verkleinerung der einst in der Urzeit so riesenhaft hohen Gebirge. Als die Täler auf solche Art ausgefüllt waren, ließ der Herr die Ströme auch mehr und mehr versiegen und kleiner werden, und ihre Ufer wurden nach und nach zum fruchtbaren Lande.
GEJ|7|115|12|0|Und was in den Urzeiten der Erde geschah, das geschieht heutzutage auch, wennschon in einem kleineren Maßstabe. Und so siehst du, daß Gott der Herr in Sich die ewige Ordnung Selbst ist und es wahrlich nicht nötig hat, Sich irgendwo zu übereilen; denn es macht eben das Seine eigene höchste Seligkeit aus, zu sehen, wie in der ganzen ewigen Unendlichkeit, alles so in der größten Ordnung, eins aus dem andern hervorgeht und hervorgehen muß. Wenn aber also, da ist deine Frage, warum die Gegenden auf der festen Erde nicht auf einmal bewohnbar gemacht werden, wahrlich ganz überflüssig gewesen!
GEJ|7|115|13|0|Sieh, ich will dir noch etwas hinzusagen! Das große Meer wird von so ungefähr 14000 Jahren zu wieder 14000 Jahren vom Süden der Erde bis zum Norden derselben und ebenso wieder nach rückwärts geschoben! Von heute an in etwa 8000 bis 9000 Jahren steht hoch über diesem Berge, auf dem wir nun stehen und davon reden, das große Meer. Dafür aber werden im Süden große Ländereien wieder trockengelegt werden, und Menschen und Tiere werden dort ein hinreichendes Futter finden. Bei solch einer Gelegenheit werden dann schon wieder eine Menge jetzt noch unreifer und unwohnlicher Stellen der Nordhälfte der Erde schon reif und wohnlich werden für künftige Menschengenerationen, das heißt, wenn die Nordhälfte der Erde wieder vom Meere frei wird.
GEJ|7|115|14|0|Nun meine ich, dir als einem Naturgelehrten doch mehr als genug gesagt zu haben, und ich konnte es dir wohl sagen, weil ich weiß, daß ihr Weisen aus dem Morgenlande die Gestalt und das Wesen der ganzen Erde für euch wohl kennet, obwohl ihr solche eure Kunde vor den anderen Menschen stets verborgen haltet. – Hast du jetzt auch noch eine Frage übrig?“
GEJ|7|115|15|0|Sagte der Magier: „Nein, du junger, mir vollends unbegreiflicher Weiser! Du redest von der ganzen Erde ja gerade also, als wärst du bei ihrer Erschaffung von Urbeginn an dabeigewesen und hättest alles gesehen, was sich mit ihr zugetragen hat! Und das Merkwürdigste des Merkwürdigsten ist, daß wir dir selbst bei unserem besten Wissen und Gewissen nirgends widersprechen können! Denn nach unseren vielen Erfahrungen auf der weiten Erde verhält es sich geradealso, wie du nun geredet hast, und das Dasein eines wahren, ewigen Gottes ist für uns mehr als sonnenhell erwiesen, und eines weiteren bedarf es nun für uns nicht, da wir von dir aus auch das wissen, was wir zu tun haben, um Gott Selbst wahrhaft zu finden.
GEJ|7|115|16|0|Wie gerne möchten wir dich für diese deine große Güte mehr denn königlich belohnen, so du von uns eine Belohnung annehmen würdest; aber dagegen hast du dich schon auf das feierlichste verwahrt, und so bleibt uns nichts übrig, als dir aus unserem tiefsten Herzensgrunde zu danken und dich aber auch abermals zu bitten, unser zu gedenken, so du bei Gott dem ewigen Herrn zugegen sein wirst.
GEJ|7|115|17|0|Nun aber möchte ich nur ein paar Wörtchen noch mit dem Manne reden, der mich zuvor beim Abendessen gar so angezogen hat; dann wollen wir gerne froh und sehr getröstet diesen Berg verlassen und uns hinab zu den Unsrigen begeben und ihnen auch sagen und beweisen, daß wir endlich das in aller Fülle gefunden, was wir so lange vergebens gesucht haben. Darf ich also mit dem Manne ein paar Wörtlein reden?“
GEJ|7|116|1|1|116. — Die Frage nach der Wahrheit
GEJ|7|116|1|0|Sagte nun Ich: „O ja, tritt nur näher! Wenn diese Nacht auch etwas dunkel ist, so werden wir uns hoffentlich auch in der Nacht ein wenig näher kennenlernen! Was hast du denn eigentlich für ein Anliegen an Mich? Was willst du von Mir noch über das, was dir Mein jung scheinender Diener gesagt und gezeigt hat? Rede, – aber mache nicht viele Worte!“
GEJ|7|116|2|0|Sagte der Magier: „Du bist wahrlich und sicher ein großer und weiser Mann. Du fielst mir im Saale auf, und mein Herz war von deinem Anblick so sehr gerührt und angezogen, daß ich mich selbst sehr mäßigen mußte, um nicht unartigstermaßen zu dir ordentlich hinzuspringen und dich mit aller Gewalt an meine Brust zu drücken. Das war ein Gefühl, das ich zuvor noch niemals empfunden habe, und so wollte ich dich nun fragen, warum ich und auch meine beiden Gefährten von dir gar so mächtig angezogen wurden, während wir doch deinen holdesten Diener mit vielem Gleichmute nur bewundern konnten. O du lieber Mann, löse uns doch dieses Rätsel!“
GEJ|7|116|3|0|Sagte Ich: „Das Licht erweckt das Licht, die Liebe die Liebe und das Leben das Leben; denn ein Toter kann keinen Toten erwecken und ein Blinder kann keinem Blinden einen Führer machen. Da habt ihr den Grund von dem, was ihr über Mich gefühlt habt. Das andere werdet ihr noch später erfahren.“
GEJ|7|116|4|0|Diese Worte machten auf die drei einen tiefen Eindruck. Sie schwiegen darauf und dachten bei sich darüber sehr nach; wir aber betrachteten die Erscheinung im Süden ruhig weiter.
GEJ|7|116|5|0|Nach einer Weile tiefen Nachdenkens über die wenigen Worte, die der Magier aus Meinem Munde vernommen hatte, sagte er zu seinen zwei Gefährten: „Höret, der muß ein gar großer Weiser sein; denn er sagte mit wenigen Worten so ungeheuer vieles, daß man darüber viele Jahre lang zu denken und zu reden hätte. Oh, wenn er uns etwa doch noch so ein paar Worte sagen möchte, wie selig wären wir dann! Aber er scheint gleich allen großen Weisen wortkarg zu sein; denn ihnen ist das nicht selten zu albern und kleinlich, um was wir als noch unweise Menschen sie fragen, wenn auch für unseren Verstand unsere Fragen als etwas Weises erscheinen. Aber er sagte ja selbst, daß die Liebe wieder Liebe erwecke, und wir lieben ihn nun schon sehr, und so werde ich ihn denn doch noch um etwas fragen, bevor wir uns hinab in unsere Herberge begeben werden.“
GEJ|7|116|6|0|Damit waren die zwei andern einverstanden, und der Magier kam wieder in Meine Nähe und sagte: „O du lieber, weiser Mann, da ich aus deinen Worten entnommen habe, daß du ein gar großer Weiser bist, so konnte ich meinem innersten Herzensdrange nicht länger widerstehen, dir mit noch einer Frage lästig zu fallen; denn du sagtest ja, daß die Liebe wieder Liebe erwecke, und ich schließe daraus, daß du uns liebhast, und deine Liebe zu uns hat dann auch sicher unsere innige Liebe zu dir erweckt, ansonst wir dich nicht so sehr lieben könnten, wie wir dich lieben! So du uns aber liebst, wie auch wir dich sehr lieben, so wirst du uns nicht gram werden, wenn ich dich noch mit einer kleinen Frage belästige?!“
GEJ|7|116|7|0|Sagte Ich: „Oh, durchaus nicht; denn ihr habt noch Weile genug, Mich nun irgend etwas zu fragen, und ihr habt auch Weile zur Genüge, Mich anzuhören, gleichwie auch Ich Weile habe, euch zu antworten. Und so kannst du schon fragen, und Ich werde euch antworten in Meiner Art und Weise.
GEJ|7|116|8|0|Frage aber um Dinge, die eines rechten Menschen würdig sind! Denn um gar vieles sorgt und kümmert sich oft ein Mensch; doch eines ist nur, das ihm not tut, und dieses eine ist die Wahrheit. Wenn der Mensch alles besäße, und die Wahrheit fehlte ihm, so wäre er dennoch das ärmste Wesen der Welt.
GEJ|7|116|9|0|Der Mensch suche daher vor allem die Wahrheit, welche ist das wahre Reich Gottes auf Erden! Hat er das gefunden, so hat er damit auch schon alles gefunden. Darum frage du um nichts anderes als um die Wahrheit; denn die allein tut euch not!“
GEJ|7|116|10|0|Sagte nun der Magier: „Ja, du edler, weiser Mann, du hast sehr recht und weise gesprochen! Die Wahrheit in allen Dingen und Sphären ist wahrlich das höchste Gut des denkenden und seines Daseins wohl bewußten Menschen. Jeden Mangel fühlt der Denker und Sucher um vieles weniger als den traurigsten Mangel der Wahrheit. Aber wo findet er diese?
GEJ|7|116|11|0|Wir suchen die Wahrheit schon volle dreißig Jahre, und erst eben hier sind wir auf ihre Spur gekommen, haben sie selbst in ihrer Lichtfülle aber noch immer nicht gefunden. Darum frage ich nun dich, der du die Wahrheit schon in ihrer ganzen Fülle gefunden zu haben scheinst: Was ist die Wahrheit, wo ist sie, und wo finden wir sie?
GEJ|7|116|12|0|Der wenig oder oft auch gar nichts denkende Mensch ist natürlich bald befriedigt; denn er nimmt auch die Lüge für eine Wahrheit an. Er glaubt, und sein blinder Glaube macht ihn zufrieden und selig. Aber ganz anders geht es dem denkenden und suchenden Menschen. Der kann nicht blind glauben. Er muß im Lichte schauen und die Wahrheit mit Händen greifen, so ihm das Leben etwas sein soll; denn ohne solche Vollbeweise für die Wahrheit ist der Denker und Sucher das elendeste Wesen auf der ganzen Erde, elender, als ein im Staube der Nichtigkeit zertretener und sich krümmender Wurm, der sicher kaum fühlen wird, daß er da ist.
GEJ|7|116|13|0|Wir sind Denker und Sucher und sind sehr elend, weil wir die Wahrheit nicht finden können. Da wir aber hier durch den jungen, weisen und wahrlich göttlich mächtigen Menschen auf die Fährte der Wahrheit geleitet wurden, und du uns nun auch darauf aufmerksam gemacht hast, daß wir uns nur allein um die Wahrheit sorgen und kümmern sollen, und daß wir alles hätten, so wir zum Besitze der Wahrheit gelängen, so fragen wir denn noch einmal und sagen wie zuvor: Was ist die Wahrheit, wo ist sie, und wo finden wir sie?“
GEJ|7|117|1|1|117. — Wesen und Sitz der Wahrheit. Das Forschen der drei Magier nach der Wahrheit
GEJ|7|117|1|0|Sagte Ich: „Ihr stehet an der Schwelle des Tempels, darin die Wahrheit wohnt. Denn so es eine Wahrheit gibt, so muß sie sich im Leben und nicht im Tode offenbaren; denn dem Tode ist die Wahrheit nichts nütze. Der rechte und wahre Mensch aber ist ein wahrer Tempel der Wahrheit. Im Herzen ist ihr Sitz.
GEJ|7|117|2|0|Wenn ein Mensch die Wahrheit sucht, so muß er sie in sich suchen und nicht außer sich; denn die Wahrheit ist das Leben, und das Leben ist die Liebe. Wer da Liebe hat ohne Falsch zu Gott und zum Nächsten, der hat auch das Leben, und dieses Leben ist die Wahrheit und wohnt im Menschen.
GEJ|7|117|3|0|Darum sagte Ich zuvor, daß ihr an der Schwelle des Tempels der Wahrheit stehet, und es ist also der Mensch in sich die Wahrheit, der Weg zu ihr und das Leben. – Verstehet ihr das wohl?“
GEJ|7|117|4|0|Sagte der Magier: „Ja, ja, du weiser Mann, du wirst da schon ganz recht haben, aber nur in Anbetracht deiner höchsteigenen Person. Bei uns ist das aber noch lange nicht der Fall. Wir wissen aus dem Munde des Jünglings und nun auch aus deinem, was wir zu tun haben, um Gott zu finden und mit Gott alle Wahrheit. Wir haben das Weizenkorn schon und werden es auch ins Erdreich unseres Herzens legen. Doch wie es aufgehen und welche Früchte es tragen wird, das werden wir erst in der Folge sehen; denn man kann nicht eher ernten, als man gesät hat.
GEJ|7|117|5|0|In uns ist daher noch kein Leben, keine wahre Liebe und somit auch keine Wahrheit. Uns tröstet jetzt nur der Gedanke, daß ihr als Menschen den wahren Gott und somit die volle Wahrheit gefunden habt, wie uns solches die Taten des Jünglings klar gezeigt haben, wie auch nicht minder seine Worte. Also können mit dem rechten Fleiße solches auch wir erreichen; aber jetzt haben wir es noch nicht erreicht. Zeige aber du uns den vielleicht noch kürzeren Weg zum Ziele, und wir werden dir dankbar sein für immer!“
GEJ|7|117|6|0|Sagte Ich: „Ihr habt die Schrift der Juden gelesen in Babylonien und habt bewundert die Weisheit Mosis. Ihr kennet das Gesetz der Juden und saget: ,Ja, das ist ein wahres Gesetz! Wer es beachtet, der wird selig werden.‘ Beachtet es also auch ihr, so werdet ihr selig werden!“
GEJ|7|117|7|0|Sagte der Magier: „Freund, hast du uns denn schon einmal im alten Babylon, das einst die größte Stadt der Welt gewesen sein soll, gesehen und kennengelernt? Wir können uns dessen wahrlich nicht erinnern!“
GEJ|7|117|8|0|Sagte Ich: „Wie Mein Diener wußte, wo du daheim deinen großen Diamanten aufbewahrt hieltest, um so mehr weiß Ich als sein Herr, was ihr vor zehn Jahren gerade um diese Zeit in Babylon gemacht habt, ohne daß Ich es nötig hatte, je in jener zerstörten Stadt zu sein.
GEJ|7|117|9|0|Ich sage es euch, daß ein Mensch, dessen Geist die Seele durchdrungen hat, nicht nötig hat, überall persönlich gegenwärtig zu sein, um von dem, was irgendwo geschieht, Kenntnis zu nehmen, sondern so er eins geworden ist mit dem Geiste Gottes, so ist er in und durch diesen Heiligen Geist überall gegenwärtig und sieht und hört alles und weiß dann auch um alles. Es hat euch das zwar schon Mein Diener gesagt; aber Ich sage euch das noch einmal, auf daß es in euch bleibe zu eurem Darnachachten und Darnachhandeln.
GEJ|7|117|10|0|Was ihr aber zu tun habt, das wisset ihr, und so denn habe Ich euch nun für weiter hin nichts mehr zu sagen. Habt ihr aber sonst noch irgendein Anliegen, so möget ihr immerhin noch euren Mund auftun!“
GEJ|7|117|11|0|Sagte der Magier: „Daß du ein grundweiser Mann bist, das haben wir nun schon vollkommen kennengelernt; denn solch eine allwissende und allsehende Eigenschaft haben wir im hohen Indien nur einmal bei einem Pirmanz angetroffen, der uns aber keinen Aufschluß gab, wie einem Menschen das möglich wird. Wir fragten ihn wohl sehr angelegentlich darum; aber er gab uns zur Antwort: ,Ihr seid dazu nicht reif und habt keine Kenntnis von einem innersten Leben im Menschen. Aber reiset dahin, wo der Orion untergeht und die anderen Sterne, die ihn begleiten in stets gleicher, ewiger Ordnung, dort werdet ihr euch selbst näher kennenlernen!‘ Das war aber auch schon alles, was wir aus dem Weisen herausbringen konnten.
GEJ|7|117|12|0|Wir sind dann auch bald dem Westen zugereist, und das mit vieler Mühe und vielen Gefahren, und haben nach langem Suchen nun euch gefunden, die ihr uns den Weg zur Erlangung der innern Weisheit schon um vieles näher bezeichnet habt. Wenn wir nun etwa noch weiter die Reise nach Westen machen, so dürften wir für unsere Mühe doch wohl die innere Weisheit der Menschen ganz finden und sie auch für uns erreichen.
GEJ|7|117|13|0|Denn das haben wir bei unserer Reise nach dem Wege der Sterne bemerkt, daß wir bei unserem Vordringen nach dem Westen stets weisere und wunderbar mächtigere und dabei auch stets bessere Menschen angetroffen haben, und ihre Lehrbücher enthalten auch immer eine tiefere, wennschon oft sehr verborgene Weisheit, wie wir solches vor zehn Jahren in Babylon aus den Büchern entnahmen, die wir dort bei einem Manne eures Stammes zur Einsicht bekamen.
GEJ|7|117|14|0|Sie waren freilich in der althebräischen Zunge geschrieben, die uns nicht so geläufig ist wie die, welche ihr da redet; aber sie hatte eine große Ähnlichkeit mit unserer Altzunge, und so verstanden wir sie und konnten die Schriftzeichen auch ganz gut lesen, weil sie mit den unsrigen eine große Ähnlichkeit hatten.
GEJ|7|117|15|0|Wir fanden aber darinnen auch eine Prophezeiung, daß eben euch von dem Geiste Gottes ein Messias (Vermittler) zwischen Gott und euch Juden verheißen ist. Wir fragten den Mann sehr inständig darum. Aber er konnte uns wenig Bescheid erteilen; denn er sagte uns, daß die Zeit und Stunde sehr dunkel und unbestimmt ausgedrückt sei, und es stehe auch geschrieben, daß vor Gott tausend Jahre gerade kaum einen Tag ausmachten. So dürften die Juden auf den verheißenen Mittler wohl noch lange warten. Er selbst aber glaube, daß der Prophet in seiner Bildersprache etwas ganz anderes als eine wirkliche Ankunft eines künftigen, gottähnlichen Mittlers gemeint habe.
GEJ|7|117|16|0|Da wir aber hier schon einmal darauf zu reden gekommen sind und wir uns anderseits auch bis jetzt in wenigen Stunden zur Genüge überzeugt haben, daß ihr hier wahrlich ganz unbegreiflich grundweise Menschen seid, und du schon sicher ganz besonders, so möchte ich nun auch von dir eine Meinung über den euch verheißenen Mittler vernehmen. Was ist's damit? Wie ist des alten Sehers Schrift und Weissagung zu verstehen?“
GEJ|7|118|1|1|118. — Die Mission des Messias. Die Beratung der Magier
GEJ|7|118|1|0|Sagte Ich: „Es sind bei der Geburt des Mittlers ja ohnehin Weise aus eurem Lande schon vor dreißig Jahren hier gewesen und haben Ihm Gold, Weihrauch und Myrrhen zum Geschenk gebracht. Habt ihr denn von jenen nichts erfahren?“
GEJ|7|118|2|0|Sagte der Magier: „Ja, ja, du hast ganz recht. Wir waren damals noch jung und waren auch noch Lehrlinge, die sich um derlei Dinge wenig kümmerten, und zudem haben jene Weisen nur sehr wenigen ihres hohen Gleichen davon eine Kunde gegeben, die aber bei ihnen sicher nicht den Eindruck gemacht hat, den sich die drei Hauptweisen etwa erhofft haben, und wir haben davon auch nur sehr Weniges erfahren können. Bei uns sagte man nur, daß dem einst so großen und mächtigen Volke im Westen ein neuer König geboren worden sei, dessen Arm des Volkes Feinde und Bedrücker bändigen und vertreiben werde; aber von dem, daß jener neugeborene König zugleich der verheißene Mittler sein solle, haben wir wenig oder nichts vernommen.
GEJ|7|118|3|0|Daß jene drei Weisen etliche Jahre darauf sich wieder irgendwohin auf Reisen begaben, das wissen wir; aber seitdem haben wir nichts mehr von ihnen vernommen, wohin sie gekommen sind, und von welchen Wirkungen ihre abermaligen Reisen begleitet waren. Nur das wissen wir, daß sie dem Außenschein nach ganz bestimmt als nichts anderes wie wir gereist sind und als Magier sehr geschickt sein sollen.
GEJ|7|118|4|0|Was ich dir, du lieber, hochweiser Mann, hier kundgab, ist eine volle und reine Wahrheit, und du wirst darin eine Entschuldigung finden, weshalb wir uns wegen eures euch verheißenen Mittlers nun an dich gewendet haben. Wenn du uns davon etwas Näheres sagen willst, so werden wir sicher in unseren Herzen sehr dankbar sein.“
GEJ|7|118|5|0|Sagte Ich: „Nun, so höret denn! Eben jener von euch gemeinte neugeborene König war jener verheißene Mittler, der in die Welt gekommen ist, um nicht nur den Juden, sondern allen Menschen der Erde, die eines guten Geistes sind, ein wahres Licht des Lebens aus Gott zu bringen.
GEJ|7|118|6|0|Von Ihm und durch Ihn werden alle Völker beglückt werden und werden sagen: ,Heil Dem, der da kommt, angetan mit dem Kleide der ewigen Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit; denn Er hat unserer Gebrechen Sich erbarmt und hat uns erlöst vom harten Joche des Gerichtes und des Todes!‘
GEJ|7|118|7|0|Wer Ihn hören wird und tun nach Seiner Lehre, der wird in sich ernten das ewige Leben! Sehet, wir sind da, und vor uns liegt enthüllt die große Verheißung! Die Sonne der Himmel und des ewigen Lebens ist den Völkern aufgegangen, und viele Tausende wärmen sich schon an ihren allbelebenden Strahlen, und ihr seid gekommen aus dem fernen Morgenlande, weil ihr in euch auch einen Schein, von dieser Sonne ausgehend, vernommen habt.
GEJ|7|118|8|0|Aber da euer Herz noch blind ist, so forschet ihr noch nach der Lebenssonne und vermöget nicht zu erkennen, wo sie steht; aber es hat euch euer schwacher Schein ihr doch schon näher gebracht, und so öffnet das Auge eures Herzens und fraget eure Sterne, damit sie euch zeigen den Stand jener Sonne!“
GEJ|7|118|9|0|Sagte der Magier zu seinen Gefährten: „Höret, der Mensch spricht wundersam! Er muß es wissen, wie die Sachen stehen. Der kann und wird uns darüber noch einen näheren Aufschluß zu geben imstande sein, was er mit dem uns nahen Stande der gewissen Lebenssonne gemeint hat. Darinnen scheint alles zu liegen!
GEJ|7|118|10|0|Die Sterne sollten wir fragen, damit sie uns anzeigeten den Stand jener Sonne, der wir nahe gekommen seien, von der wir aber doch nichts zu merken vermögen ob der Blindheit unseres Herzens. Was werden uns die stummen Sterne sagen? Wir können sie ewigfort fragen und werden von ihnen dennoch keine Antwort bekommen! Ich meine, daß wir von dem sonderbar weisen Manne eher etwas Bestimmteres über den Stand jener von ihm bezeichneten Lebenssonne erfahren dürften als von den Sternen, die uns noch nie etwas angezeigt haben, obschon wir bei unseren Produktionen von den Menschen oft um Dinge und Verhältnisse gefragt wurden, um die wir schon lange früher wußten, und dann mit ernstweisen Mienen dem Volke sagten, daß wir das aus den Sternen gelesen hätten. Ja, das blinde Volk glaubte das wohl, nur wir selbst nicht, und diese würden es uns auch um so weniger glauben, weil sie im vollsten Wahrheitslichte sich befinden.
GEJ|7|118|11|0|Mit der Sternenfragerei ist es somit nichts, da wir nur zu wohl wissen, was es mit den Sternen für eine Bewandtnis hat; aber mit der Fragerei an diese Weisen kann etwas sein, – nur müßten wir es höchst klug anstellen, ansonst wir am Ende von ihnen ebensoviel erführen wie von den Sternen!“
GEJ|7|118|12|0|Sagte ein zweiter Magier: „Klug anstellen wäre schon recht, wenn wir das nur auch vermöchten! Was wollen wir denn mit aller unserer blinden Klugheit? Diese Weisen wissen schon lange eher darum, als sie, die Klugheit nämlich, uns in den Sinn gekommen ist. Ich aber meine, daß es für uns nun am klügsten wäre, so wir uns mit dem begnügten, was wir bis jetzt erfahren haben, und das Weitere ihrem guten Willen überließen; denn mit einer gewissen Nötigung werden wir aus ihnen nicht gar zuviel herausbringen. Und zudem sehe ich es jetzt selbst schon ganz klar ein, daß wir für höhere und tiefere Wahrheiten über das einige und allein wahre Gottwesen und über des Menschen innerstes Geistesleben noch lange nicht reif sind.
GEJ|7|118|13|0|Wohl aber können wir sie bitten, daß sie uns den möglich kürzesten Weg zur Erreichung des inneren Wahrheits- und Lebenslichtes gütigst anzeigen möchten. Denn wir wissen das ja aus unserer eigenen Erfahrung, daß es ein Mensch durch eigenes Denken und Suchen auch zu manchen und großen Fertigkeiten bringen kann; aber mit der Hilfe eines weisen und wohlerfahrenen Führers wird er sicherer und eher zu allerlei Kenntnissen und Fertigkeiten gelangen. Und so meine ich denn auch hier, daß uns eine ganz kurze, aber ganz gründliche Anweisung mehr nützen würde als eine Menge unnütz aufgestellter Fragen, deren Beantwortung, wenn sie noch so gut und wahr ist, uns wenig nützen kann, weil wir sie nicht verstehen. Wir können sogar um das nicht fragen, was uns not tut, weil wir uns selbst nicht kennen, und somit auch das nicht, was uns eigentlich fehlt. Diese Weisen kennen das sicher besser als wir, und so bin ich der Meinung, daß wir das ihrer viel weiseren Einsicht überlassen sollen.“
GEJ|7|118|14|0|Sagte der erste Magier: „Du bist wahrlich in deiner mir lange bekannten Einfachheit weiser denn ich mit all meinem vielen Wissen und Können! Bei deiner Ansicht und Meinung wollen wir denn auch verbleiben; denn durchs Bitten kommt man allzeit weiter als durch ein gewisses Fordern. Aber nun kommt es noch auf etwas an, und das besteht darin, ob wir uns hier noch länger aufhalten oder uns in die Stadt hinabbegeben sollen.“
GEJ|7|118|15|0|Sagte der vorher redende Magier: „Nach der von dem weisen Jungen ausgesprochenen Meinung sollten wir eigentlich bleiben, weil unsere Angehörigen schon wissen, daß wir für heute versorgt sind; doch du bist unser Oberhaupt und hast das Recht, zu bestimmen, was wir in diesem Falle tun sollen.“
GEJ|7|118|16|0|Sagte der erste Magier: „Da soll allein unsere Vernunft bestimmen, was wir tun sollen! Wenn die Unsrigen daheim versorgt sind, so können wir trotz der schon ziemlich empfindlichen Kühle hier verbleiben – und das wenigstens so lange, bis diese Weisen sich selbst zur Ruhe ihrer Glieder begeben werden –, und wir können bei ihnen noch manches gewinnen in dieser Zeit.“
GEJ|7|118|17|0|Sagten die andern zwei: „Dieser Meinung sind auch wir; aber nur um nichts mehr fragen, sondern bei schicklicher Gelegenheit bitten, daß sie uns andeuten möchten, was uns zur Erkenntnis der reinen Wahrheit not tut!“
GEJ|7|118|18|0|Damit waren nun alle drei völlig einverstanden und begaben sich zur Ruhe.
GEJ|7|119|1|1|119. — Die vulkanischen Vorgänge in der Gegend des Toten Meeres. Agrikola sieht die einstigen Sodomiten im Geisterreich. Die Seligkeitsgrade der Geister
GEJ|7|119|1|0|Es ward aber das zeitweilige Lichtauftauchen in der Gegend des Toten Meeres stets stärker und heftiger und wiederholte sich öfter als im Beginne. Es glich diese Naturszene einem fernen und starken Wetterleuchten. Es gab darum viel Stoff zu allerlei Besprechungen.
GEJ|7|119|2|0|Lazarus selbst meinte, daß er so etwas in solcher Heftigkeit noch nicht gesehen habe; auch die Judgriechen behaupteten das gleiche. Die armen Knechte und Arbeiter mit der noch immer anwesenden Ehebrecherin und die schöne Helias mit ihren Angehörigen sagten dasselbe und wunderten sich alle sehr über diese Erscheinung.
GEJ|7|119|3|0|Nur die Römer betrachteten diese Naturszene mit ganz gleichgültigen Augen, und Agrikola sagte zu Mir: „Herr, diese Naturszene ist nicht übel anzusehen; aber unsere brennenden Berge sind doch noch ganz etwas anderes!“
GEJ|7|119|4|0|Sagte Ich: „O ja, das ganz sicher, – doch denkwürdiger sind sie nicht als dieser See; denn in diesem See liegt eine große und sehr traurige Menschengeschichte begraben, gleichwie in dem euch Römern schon gar wohlbekannten Kaspischen Meere. Und darum sind diese Erscheinungen um vieles denkwürdiger denn jene eurer brennenden Berge, die Ich gar wohl kenne und auch gar wohl weiß, daß erst vor wenigen Dezennien durch den heftigen Ausbruch eures Vesuvs ein paar Städte gänzlich verschüttet worden sind.
GEJ|7|119|5|0|Aber darum ist diese Erscheinung dennoch um vieles denkwürdiger; denn bei diesem Naturkampfe sind viele Tausende Menschenseelen mit beteiligt und werden von den Naturgeistern zum eitlen Kampfe gegen Mich mitgerissen, während bei euren Brennbergen bloß die Naturgeister gegen die Gesetze Meiner Ordnung kämpfen. Und sieh, darin besteht ein großer Unterschied!
GEJ|7|119|6|0|Damit du das aber noch genauer merkst, so will Ich dir die innere Sehe auf einige Augenblicke öffnen, und du wirst gar sonderbare Dinge zu sehen bekommen!“
GEJ|7|119|7|0|In diesem Augenblick hatte Agrikola schon das zweite Gesicht und schrie bald laut auf: „Herr, erlöse mich von dieser Anschauung; denn ich schaue da ja Gräßliches über Gräßliches! Oh, welche Gestalten! Was wären unsere eingebildeten Furien dagegen! Da ist ja der ganze See und die Luft bis weit über die Wolkenregion mit zahllosen Zerrbildern der schauderhaftesten Art voll angefüllt! Oh, da gibt es ja einen gar verheerenden Krieg, und das von einer solch nie erhörten Grausamkeit, wie auf der Erde unter Menschen noch nie einer geführt worden ist! Ja, was wollen denn diese Wesen damit bezwecken?
GEJ|7|119|8|0|Ich sehe aber auch eine ebenso große Menge weißer und ernst-schöner Wesen dahin eilen, und jene wahren Scheusale fliehen vor ihnen. Wer sind denn diese weißen Menschengestalten, die dahereilen zu der Stätte der Greuel über Greuel?“
GEJ|7|119|9|0|Sagte Ich: „Die gräßlichen Gestalten sind die einstigen Sodomiten. Durch solchen Kampf, den sie gegen Mich führen wollen, werden sie mehr und mehr gesänftet, wie auch durch die nach ihnen eilenden weißen Geister, die wir die Geister des Friedens und der Ordnung nennen wollen, in eine größere Ordnung gebracht.
GEJ|7|119|10|0|Der Wind aber, der nun für das Außengefühl ganz kühl von Norden her weht, ist eben nichts anderes als jene vielen weißen Geister, vor denen die grimmigen und bösen Feuergeister, die aus dem See kommen, fliehen. Wenn du dich nun satt geschaut hast, so sei wieder naturwach!“
GEJ|7|119|11|0|Hier ward Agrikola gleich wieder im ganz natürlichen Zustande und sagte zu Mir: „Herr, Herr, seitdem Sodom und Gomorra mit den anderen zehn Städten unterging, werden wohl schon über anderthalbtausend Jahre vorübergegangen sein, und jene damals gelebt habenden Seelen sollen im Reiche der Geister noch zu keiner lichteren Erkenntnis gekommen sein?“
GEJ|7|119|12|0|Sagte Ich: „Ja, du Mein Freund, da hast du nun einen ganz kleinen Beweis tatsächlich selbst geschaut, wie schwer es ist, jenseits eine gänzlich verdorbene Seele nur insoweit zu bessern, daß sie dahin zu einer geringen Einsicht und Erkenntnis kommt, daß sie so böse ist und als solche nie in einen freien und seligen Zustand kommen kann.
GEJ|7|119|13|0|Wenn eine Seele das einmal einzusehen anfängt, so wird sie ihrer alten Bosheit selbst feind und fängt an, sie zu verachten und zu verabscheuen und sucht in sich selbst besser zu werden. Fällt sie dann und wann auch noch in eine alte Sünde zurück, so verharrt sie in derselben nicht, sondern bereut sie und hat keine Sehnsucht, sie wieder zu begehen. So werden nach und nach ihre bösen Leidenschaften vermindert und abgekühlt, und es wird also denn auch lichter und heller in einer solchen Seele.
GEJ|7|119|14|0|Und weil für solch eine Besserung einer bösen Seele zuerst die von dir gesehenen weißen Friedensgeister sorgen, so geht dann solch eine in sich gebesserte Seele zuerst zu diesen Geistern über und übt sich da in der Geduld und guten Ordnung und Ruhe.
GEJ|7|119|15|0|Ist sie darin bald selbst ganz lebensfest geworden, so kann sie dann auch in einen noch besseren Zustand übergehen, der ihr aber nicht als irgendein Lohn für ihr Besserwerden erscheinen darf, sondern als eine ganz natürliche Folge ihrer inneren Ordnung. Denn würde eine auf diese Art ganz unvermerkt besser gewordene Seele inne, daß ihr besserer Zustand als ein Lohn für ihre Mühe in sich von Mir ihr gegeben ward, wie es der Wahrheit nach auch also ist, so würde bald die alte Selbstsucht in ihr erwachen. Sie würde sonach wohl sich noch mehr bestreben, besser und lichter zu werden, aber das nur darum, um bald noch einen besseren Lohn zu erhalten, nicht aber darum, um in sich um des Guten selbst willen reiner und besser zu werden.
GEJ|7|119|16|0|Aus diesen leicht begreiflichen Gründen geht es denn mit der wahren Besserung einer entarteten Seele jenseits wahrlich sehr langsam vor sich. Denn so eine Seele im Dasein erhalten werden soll, da darf Meine Allmacht nur insoweit auf sie einwirken, daß sie in solche Zustände ihres Lebens gerät, die ihr als eine notwendige Folge ihrer bösen Handlungen erscheinen müssen. Und nur eben dadurch ist es möglich, eine solche Seele in und aus sich wahrhaft und lebendig zu bessern. Ob früher oder später, das ist am Ende doch gleich vor Mir und gleich im Vergleiche mit der Ewigkeit, in der sich alle vergangenen und zukünftigen Zeitenläufe völlig ausgleichen, und wie es vor Mir auch gleich ist, ob ein Mensch um viele tausend Jahre auf dieser Erde früher oder später im Leibe gelebt hat; denn in der Ewigkeit wird der erste Mensch dieser Erde vor dem nichts voraushaben, der als letzter in diese Welt geboren worden ist.
GEJ|7|119|17|0|Aber für die Seele selbst ist es dennoch um unaussprechlich vieles besser, so ihre Lebensvollendung sobald als möglich erfolgt, weil sie dabei erstens sicher weniger zu erleiden hat, und zweitens, weil eine eifrige Seele notwendig vieles vor einer trägen und hinkenden voraushaben muß, gleichwie auch schon hier auf Erden der Wanderer, der seine Wanderung mit allem Eifer viele Tage eher beginnt denn ein anderer saumseliger und träger Mensch, der sich zu einer solchen Wanderung lange nicht entschließen kann. Während der Eifrige schon lange die großen Vorteile seines Eifers und Fleißes im Vollmaße genießt, hat der Träge noch kaum den ersten Schritt auf dem weiten Wanderwege versucht und sich dabei auch noch immer umgesehen und überlegt, ob er wohl auch den zweiten Schritt machen oder vielleicht doch noch länger daheim verweilen soll. Ja, wenn solch ein träger Unternehmungsgeist dann lange in großer Armut darben und schmachten muß, während sein eifriger Nachbar ihm vorangeeilt ist und sich in den Besitz großer Güter setzte, so ist dabei der Träge gegen den Eifrigen sicher in keinem irgend beneidenswerten Vorteile, sondern gerade umgekehrt; denn wer einmal voraus ist, der bleibt dann auch schon für ewig voraus und wird von den Nachhinkern nimmer eingeholt werden.
GEJ|7|119|18|0|Vor Mir Selbst ist das freilich einerlei – denn Ich bin und bleibe Der, der Ich ewig war –; aber zwischen den Seligkeitsgraden der Geister wird es gar endlos große Unterschiede geben. – Verstehest du, Mein Freund, dieses?“
GEJ|7|120|1|1|120. — Agrikolas Fragen nach der Führung der Menschen
GEJ|7|120|1|0|Hier machte Agrikola große Augen und sagte: „Herr, nur Du als das selbständigste und das allerfreieste Wesen der ganzen Unendlichkeit kannst uns Menschen gegenüber solche Worte reden! Es ist wahr; wenn ich nach undenkbar langen Zeiten in einem gewissen Grade selig werde und dann dennoch eine ewige selige Zukunft vor mir habe, so ist das unselige Sein von einer Unzahl von Erdjahren Dauer am Ende doch soviel wie nichts; aber ein elender Tag, der mich gepeinigt und gemartert hat, ist denn auch ein Etwas für den endlichen Menschen, und es ist dann bei der zurückgebliebenen Erinnerung sehr die Frage, ob mir eine Ewigkeit ganz als Ersatz für die ausgestandenen Leiden dienen kann oder wird.
GEJ|7|120|2|0|Denn man ward ein elender Bürger dieser Welt bloß durch Deinen allmächtigen Willen. Man kam unter reißende Tiere von Menschen, bekam keine Erziehung außer der eines selbst- und herrschsüchtigen Heidentums, einen Trug von einer Unzahl von Lügen und Betrügereien aller Art und Gattung, die man als heilige Wahrheiten annehmen mußte, und hätte man sie bei einer reifer und heller gewordenen Vernunft nicht angenommen und etwa dagegen gestritten, so wäre man wie ein elendes Ungeziefer vertilgt worden; denn Tausende von derlei schreiendsten Beispielen sind mir nur zu wohl bekannt.
GEJ|7|120|3|0|Bei solch einer allergeist- und gottlosesten Erziehung aber kann ich am Ende doch selbst nichts anderes als ein wildes, reißendes Tier in einer Menschengestalt werden. Nun, weil ich aber das geworden bin und eigentlich unmöglich etwas anderes werden konnte, so bin ich darum von Dir auf eine undenkbar lange Zeit völlig verworfen und habe aber auch keine Mittel, um mir in meiner großen Not helfen zu können.
GEJ|7|120|4|0|Da läßt sich denn doch Dir als dem einen, wahren Gott die sehr gewichtige Frage aufwerfen, warum ich denn durch Deinen allmächtigen Willen ein Mensch auf dieser Erde habe werden müssen. Ich war ja vorher ein volles Nichts, habe niemals bestanden und habe auch nie bestehen wollen. Warum bin ich denn geworden?
GEJ|7|120|5|0|Und weil ich denn schon einmal geworden bin – nicht durch meinen, sondern lediglich durch Deinen allmächtigen Willen –, so frage ich, warum ich denn durch Deine allerweiseste Fürsorge nicht gleich in solchen Verhältnissen in diese Welt kam, durch die ich sogleich zu einem wahren Menschen nach Deiner Ordnung bin gebildet und gestellt worden. Warum mußte ich denn früher ein reißendes Tier werden, ärger denn alle Löwen, Panther, Tiger und Hyänen?
GEJ|7|120|6|0|Siehe, Herr, das ist eine gar gewichtige Frage! Es ist wohl wahr, daß alle Menschen einmal den Tod des Fleisches verkosten müssen; aber das Traurigste des Allertraurigsten dabei ist das, daß wir dann jenseits dafür einen nahe endlos langen Seelentod zu erdulden haben, der uns armen Sterblichen durch Deine Allmacht unwiderruflich beschieden ist. Meiner noch höchst kurzsichtigen Weisheit kommt das wahrlich höchst sonderbar vor! Denn ich als ein oberster Richter in Rom könnte nach meinen Vernunftprinzipien kein Kind, das sich irgend gegen seine Eltern vergangen hat, völlig verdammen, und das um so weniger, weil es sicher nicht am Kinde liegt, so es schuldlos eine schlechte und oft sehr elende Erziehung bekam. Hätten es die Eltern nur anders und – sage – gerecht erzogen, so würde das Kind gegen sie auch sicher anders handeln! Aber am Ende können auch die armen Eltern wenig oder nichts dafür; denn sie haben ja selbst nie eine bessere Erziehung genossen und können also ihren Kindern unmöglich etwas Besseres geben, als was sie selbst besitzen.
GEJ|7|120|7|0|Aber Du, mein Herr und mein Gott, besitzest von Ewigkeit her das endlos Beste und könntest den armen Menschen, Deinen Geschöpfen, Deinen Kindern, auch das Allerbeste für ihr Herz und für ihre Seele geben; doch das tust Du wohlweislich nicht, sondern die Menschen müssen vorher zu den gräßlichsten Raubtieren werden, dann erst suchst Du sie mit Deinen scharfen Gerichten heim, und nur sehr wenige können sagen: ,Der Herr Himmels und der Erde hat sich unser endlich doch wieder einmal erbarmt!‘
GEJ|7|120|8|0|Herr, vergib mir, daß ich nun so ganz frei von der Leber weg geredet habe; aber es hat mich wahrlich Dein geheimnisvolles Benehmen gegen die drei Magier dazu verleitet! Können sie dafür, daß sie also sind, wie sie sind?! Sie suchen Dich schon eine geraume Zeit und können Dich nicht finden, und nun sind sie in Deiner Nähe, und Du offenbarest Dich ihnen noch immer nicht! O Herr, sage es mir doch, warum das, von Deiner unbegrenzten Weisheit ausgehend, also sein muß, da anderseits Deine väterliche Liebe, Milde und Güte denn doch will, daß alle Menschen glücklich, weise und selig werden sollen! Denn bei diesem fortwährenden Wüten und Toben der Menschen gegeneinander ist es ja doch unmöglich denkbar, daß sie je den Lebenszweck erreichen können, den Du ihnen gestellt hast. – Herr, da bitte ich Dich um eine Erklärung!“
GEJ|7|121|1|1|121. — Die Führung der Menschheit. Erkenntnis, Verstand und freier Wille
GEJ|7|121|1|0|Sagte Ich: „Wenn dein Gedächtnis stärker wäre, als es ist, so würdest du dich noch gar wohl entsinnen, daß eben dieser Punkt schon öfter angezogen und von Mir auch allzeit auf eine leichtverständliche Weise erklärt wurde. Aber es ist dein Gedächtnis schon etwas schwächer geworden, als es einstens war, und so ist dir das entfallen, was Ich über derlei Fragen schon öfter gesagt habe. Aber es macht das nichts; wir haben ja noch Weile, und Ich kann euch allen noch einmal etwas darüber sagen. Und so höret denn!
GEJ|7|121|2|0|Wer noch nie eine Sonne, einen Mond, eine bewohnbare Erde, Pflanzen, Tiere und Menschen erschaffen hat, der weiß auch sicher nicht, wie alle diese Geschöpfe zu leiten, zu erhalten und ihrer endlichen Hauptbestimmung zuzuführen sind. Ich aber weiß um alles das und habe eine ewige Ordnung festgestellt, außerhalb derer niemand je etwas erreichen und bezwecken kann.
GEJ|7|121|3|0|Der Mensch aber als Mein vollstes Ebenmaß muß auch einen vollkommen freien Willen haben, mit dem er sich selbst in seinem geistigen Teile umgestalten, festen und von Meiner Allmacht frei machen muß, um dereinst als ein starkes, freies, selbständiges und selbstmächtiges Wesen selig neben Mir dazustehen, zu leben und zu handeln.
GEJ|7|121|4|0|Siehe, alle Geschöpfe bestehen unter Meinen Mußgesetzen, und auch der Mensch seinem Leibe nach, – nur des Menschen Seele und Geist nicht, das heißt, was da betrifft den Willen und das freie Erkennen! Die Form und die Lebenseinrichtung der Seele in allen ihren Teilen ist natürlich auch ein Mußwerk, von Mir ausgehend, doch aber nur also, daß sie eben durch den freien Willen im Menschen entweder sehr veredelt und befestigt oder auch sehr verunedelt und geschwächt werden kann.
GEJ|7|121|5|0|Es würde aber dem Menschen der freie Wille wenig oder nichts nützen ohne die Fähigkeit eines freien Erkennens und den aus dem Erkennen abgeleiteten Verstand, der dem Willen erst zeigt, was gut und wahr und was falsch und böse ist.
GEJ|7|121|6|0|Erst so der Mensch sich Erkenntnisse gesammelt und seinen Verstand geschärft und geweckt hat, kommt die Offenbarung des göttlichen Willens hinzu, die dem Menschen die rechten Wege zum ewigen Leben und zu Gott zeigt. Der Mensch kann dann eine solche Offenbarung annehmen oder nicht, da er einen vollkommen freien Willen auch Gott gegenüber haben muß, ohne den er kein Mensch, sondern ein Tier wäre, das keinen eigenen freien Willen, sondern nur einen Trieb hat, dem es nicht widerstehen kann.
GEJ|7|121|7|0|Es ward im Anfange aber nur ein Menschenpaar auf die Erde gesetzt, und es hieß der Mann ,Adam‘ und das Weib ,Eva‘. Dieses erste Menschenpaar ward von Gott aus mit allen Fähigkeiten ausgerüstet. Es hatte tiefe Erkenntnisse, einen höchst klaren Verstand und einen machtvollsten freien Willen, vor dem sich alle anderen Geschöpfe beugen mußten.
GEJ|7|121|8|0|Zu diesen Fähigkeiten bekam es auch aus dem Munde Gottes eine hellste und wohlverständliche Offenbarung, die ihm ganz frei und offen zeigte, was es zu tun habe, um die Bestimmung, die ihm von Gott gestellt wurde, auf dem kürzesten und leichtest wandelbaren Wege zu erreichen. Aber daneben zeigte ihm Gott auch an, daß es ganz frei sei und dem geoffenbarten Willen Gottes auch zuwider handeln könne, so es nach dem Triebe des Fleisches und der Materie der Welt handeln wolle; aber dann werde es sich dadurch selbst ein Gericht und mit demselben auch den Tod bereiten.
GEJ|7|121|9|0|Ja, es ging das eine Zeitlang ganz gut; aber nur zu bald siegte die sinnliche Begierde unter dem von Moses aufgestellten Sinnbilde einer Schlange über die Erkenntnis des Guten und Wahren aus der göttlichen Offenbarung, und es übertrat das Gebot, um zu erfahren, was daraus werde.
GEJ|7|121|10|0|Und siehe, was das erste Menschenpaar tat, das tun nun beinahe alle Menschen!
GEJ|7|121|11|0|Gott hat es noch nie an großen und kleineren Offenbarungen mangeln lassen, aber darum dennoch nie einen Menschen genötigt, dieselben zu beachten. Wohl aber dem, der sie beachtet und sein Leben danach einrichtet!
GEJ|7|121|12|0|Das erste Menschenpaar hatte von Gott aus sicher die reinste und beste Erziehung erhalten und konnte diese auch auf alle seine Nachkommen unverfälscht übertragen; aber schaue dir die Menschen zweitausend Jahre später zur Zeit Noahs an, und du siehst sie in die bösesten Teufel verwandelt!
GEJ|7|121|13|0|Haben der Erde erste Menschen etwa je Mangel an einer besten Erziehung gehabt? O nein! Haben sie solche etwa nicht auch ihren Kindern gegeben? O ja, und im stets reinsten Sinne! Aber es fühlten die Menschen in sich auch den Trieb, den Geboten Gottes zuwiderzuhandeln, weil das ihrem Fleische behagte, und sie sanken dadurch in eine größte Lebensverderbnis und in die größte Gottvergessenheit. Und wenn Gott ihnen Männer zusandte und sie gar väterlich ermahnte, daß sie sich zu Ihm wieder zurückkehren sollten, so wurden diese Männer alsbald geächtet, vertrieben und etliche sogar oft auf die grausamste Weise getötet.
GEJ|7|121|14|0|Am Ende machten sich die von Gott abgefallenen Menschen sogar über die Zerstörung der Erde her, und da ward ihr Maß voll. Sie selbst öffneten die Schleusen der unterirdischen großen Gewässer, die sich dann über die Frevler ergossen und sie alle ersäuften.
GEJ|7|121|15|0|Das war aber nicht etwa ein aus dem Willen Gottes strikte hervorgegangenes Gericht, sondern nur ein zugelassenes, das infolge der inneren Einrichtung der Erde also erfolgen mußte; denn wenn du von einer hohen Felswand herunterspringst, dich zerschellst und den Tod überkommst, so ist das auch ein über dich ergangenes Gericht, aber nicht aus dem Willen Gottes, sondern aus der Einrichtung und Beschaffenheit der Erde, woraus der Mensch infolge seines Verstandes gar wohl erkennen kann, daß alles Schwere in den Grund hinabstürzen muß.
GEJ|7|121|16|0|Es ist sonach kein Mensch auf der Erde so verlassen, daß er sich nicht helfen könnte, so er nur recht wollte; aber so er das schon gleich von seinen Kinderjahren an nicht will, so muß er es sich ja doch selbst zuschreiben, wenn er in ein Elend kommt. Und was Ich da sage von einem Menschen, das gilt auch von einem ganzen Volke.
GEJ|7|121|17|0|Es gibt kein Volk auf der ganzen Erde, das sich nicht ganz gut helfen könnte, wenn es nur wollte. Aber wo ist der Wille?! Ja, zum Bösen und Schlechten hat es des Willens in Übergenüge; aber zum reingeistig Guten und Wahren fehlt es ihm am guten Willen, weil dieses den Sinnen des Fleisches nicht frönt, und es geht die Seele eines solchen guten Willens baren Menschen gleich wie die Seelen eines ganzen Volkes in das Gericht und in den Tod der Materie über und kann und mag dann nichts mehr vernehmen, fassen und begreifen von dem, was da ist des Geistes, seines Lichtes und Lebens. Und so man solche Fleischseelen aus ihrem Schlafe aufrütteln will, so werden sie toll, grimmig wild, fallen über die Erwecker wie die Wölfe über die Lämmer her und erwürgen und zerreißen sie ohne alle Schonung und Erbarmung.
GEJ|7|121|18|0|Ist dann etwa auch Gott schuld daran, wenn solche Menschen aus oben angeführten Gründen in die größte und gottloseste Seelenblindheit geraten und in derselben dann Jahrtausende lang verharren? Wenn Gott über derlei Menschen ein mahnendes Gericht zuläßt, so ist das gewiß väterlich gut und weise; denn nur eine große Not des Fleisches vermag die Seele der Materie abwendig und dem Geistigen zuwendig zu machen. – Verstehst du das?“
GEJ|7|121|19|0|Sagte Agrikola: „Ja, Herr, das ist mir nun ganz klar geworden; ich bitte Dich aber um Vergebung, daß ich zuvor es gewagt habe, Dich also zur Rede zu stellen, denn ich war noch sehr blind.“
GEJ|7|121|20|0|Sagte Ich: „Ich liebe Menschen deines Charakters; denen ist es ernst um die Wahrheit! – Jetzt aber betrachten wir wieder die Feuer!“
GEJ|7|121|21|0|Da trat wieder Ruhe ein; die drei Magier aber zogen etwas abseits und besprachen sich über Mich.
GEJ|7|122|1|1|122. — Die Magier erkennen den Herrn
GEJ|7|122|1|0|Der Hauptmagier sagte zu den andern: „Seien wir ruhig, denn es kommt mir vor, daß wir in dem weisen Manne den Geist Gottes gefunden haben; denn wie er hat noch nie ein Mensch aus sich geredet.“
GEJ|7|122|2|0|Und also redeten sie noch eine Weile unter sich von Mir. Wir aber ruhten und betrachteten die stets abwechselnden Feuerszenen.
GEJ|7|122|3|0|Als Ich dann wieder zu reden begann über so manches, da kamen die Magier wieder und horchten auf Meine Worte von der Einrichtung der Erde und den mannigfachen Erscheinungen auf und in ihr.
GEJ|7|122|4|0|Als Ich aber solche schon öfter vorgekommenen Erklärungen beendet hatte, da sagte der Magier zu seinen Gefährten: „Das kann nur Der wissen in solcher Klarheit, der die Erde erschaffen hat und sie daher sowohl von innen wie von außen kennt!“
GEJ|7|122|5|0|Es hätte sich aber nun der Magier gerne mit mehreren Fragen an Mich gewandt; aber er hatte nun den Mut nicht. Ich aber berief ihn zu Mir und gab ihm die Erlaubnis, Mich zu fragen, um was er wolle, und Ich werde ihm antworten.
GEJ|7|122|6|0|Da trat er voll Ehrfurcht zu Mir und sagte (der Magier:) „Herr, Herr, um was soll, um was könnte ich Dich nun noch fragen?! Alle meine früheren Fragen gingen nur dahin, den einen, wahren Gott zu finden, zu erkennen und Ihn sodann anzubeten im Herzen. Ich aber meine, nun eben in Dir den lange vergebens Gesuchten gefunden zu haben, und so habe ich um Weiteres nicht mehr zu fragen, wohl aber Dich zu bitten, daß Du auch uns Fremdlingen Deinen Willen offenbaren möchtest. Ihn auf das strengste zu befolgen, wird unsere heiligste Lebensaufgabe sein.
GEJ|7|122|7|0|Was sollen wir tun, um uns Deines Erbarmens und Deiner Gnade würdig zu machen und sodann teilhaftig zu werden des ewigen Lebens unserer Seelen nach dem Tode des Leibes? O Herr, nur um das bitten wir Dich!“
GEJ|7|122|8|0|Sagte Ich: „Seid ihr denn dessen wohl schon gar so sicher, daß in Mir Der ist, den ihr schon so lange suchtet und doch nicht finden konntet?“
GEJ|7|122|9|0|Sagte der Magier: „Mir hat das schon ehedem mein Gefühl gesagt, als Du in Deiner heiligen Rede mit dem Manne neben Dir Selbst offen aussprachst, wer Du seist. Und so waltet in mir nun gar kein Zweifel mehr ob, daß Du auch Der bist, als den wir Dich nun in unseren Herzen anbeten.
GEJ|7|122|10|0|Nicht umsonst hat uns Dein junger Diener schon ehedem darauf aufmerksam gemacht, daß wir der großen und lichten Wahrheit nahegekommen sind! Du Selbst bist die große und lichtvollste Wahrheit und bist der Mittler Selbst zwischen Deinem Geiste und den Menschen. Wer Dich hat, der hat alles: Licht, Leben, Weisheit und Kraft!
GEJ|7|122|11|0|Dich aber kann man nur dadurch haben, daß man Deinen Willen erkannt hat und nach demselben tätig geworden ist. Denn Dein Wesen kann nie ein geschaffener, endlicher Mensch haben, weil Du in Dir Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit bist; aber Deinen heiligen, ihm geoffenbarten Willen kann der Mensch haben und aus allen seinen Kräften nach ihm tätig sein. Ist der Mensch das, so hat er Dich Selbst in sich, erkennt Dich, liebt Dich und betet Dich an.
GEJ|7|122|12|0|Und so bitte ich Dich noch einmal flehentlichst, daß Du uns offenbaren möchtest Deinen heiligen Willen, damit wir dann in uns lebendig sagen können: O Herr und Vater von Ewigkeit, Dein heiliger Wille geschehe auch in uns, durch uns und für uns, damit Dein heiliges Auge ein Wohlgefallen finden möge an uns, Deinen Geschöpfen und Kindern Deiner Liebe!“
GEJ|7|122|13|0|Sagte Ich: „Ja, ja, Mein lieber Freund, da hast du ganz wahr und richtig gedacht und nun auch ebenso richtig gesprochen; aber du siehst Mich, einen dir ganz ähnlichen irdischen Menschen, für den allein wahren Gott an! Merkst du denn nicht, daß Ich auch geboren wurde und bin aus Fleisch und Blut und Seele ein dir gleicher Mensch? Hat denn Gott jemals einen Anfang gehabt, und konnte Er je als ein Mensch geboren werden?“
GEJ|7|122|14|0|Sagte der Magier: „Der ewige Gott, dessen Geistes Machtfülle in Dir offenbar wohnt, hat freilich wohl nie und niemals einen Anfang gehabt und konnte nie als ein Mensch aus einem Weibe in die Welt geboren werden; aber dieser Gott hat Dich dennoch mit einem Leibe angetan, als einen rechten Mittler in diese Welt gesandt und hat Dich erfüllt mit der Fülle Seines Geistes.
GEJ|7|122|15|0|Wer demnach nun Dich sieht und erkennt, der sieht auch Den, der in Dir ist; und wer Deinen Willen tut, der wird Ihn auch bald erkennen in sich selbst. Du bist schon ganz Derjenige, den wir drei so lange vergeblich gesucht haben, und wir stehen von dieser Annahme nicht mehr ab.
GEJ|7|122|16|0|Zudem hast Du zuvor mit dem Freunde, der ein Römer zu sein scheint – weil wir derlei Männer mit dem Namen Römer auch in anderen Orten gesehen haben –, also geredet, wie da nur allein ein Gott reden kann, und das bestätigt noch mehr die Wahrheit unserer Annahme und stellt ihre lichteste Wahrheit nun außer allen Zweifel. Du wirst Deinen wohlweisesten Grund haben, demzufolge Du Dich vor uns noch nicht völlig enthüllen willst. Aber wir verlangen das nun auch nicht, da wir uns dessen noch lange nicht zur Genüge würdig erachten, und wir verlangen von Dir, o Herr, auch kein Zeichen, durch das wir etwa noch ins klarere kommen möchten, daß eben Du der von uns so lange Gesuchte und völlig Gefundene bist.
GEJ|7|122|17|0|Es ist Zeichen genug, was Dein junger Diener vor uns geredet und getan hat; aber das größte und für uns allergültigste Zeichen sind Deine mehr als heiligen Worte, die wir aus Deinem Munde vernommen haben. Denn diese sagten uns klar und deutlich: Also kann kein Mensch, sondern nur ein Gott aus Sich sprechen!
GEJ|7|122|18|0|Da wir aber solches nun ganz hell einsehen, so bitten wir Dich trotz unserer großen Unwürdigkeit, daß Du uns offenbaren möchtest, was wir tun sollen, damit wir des ewigen Lebens unserer Seelen und Deiner Gnade uns teilhaftig machen können.“
GEJ|7|122|19|0|Sagte Ich: „Nun denn, so ihr schon durchaus des Glaubens seid, daß Ich der Herr sei, so tut, was euch ehedem Mein Diener gesagt hat, so werdet ihr leben und selig werden! Liebet Gott über alles und eure Nächsten wie euch selbst, und lehret dasselbe auch euren Kindern und Angehörigen; haltet euch als Menschen nicht für höher denn eure Nächsten eurer großen Erdenschätze wegen; tut ihnen das, von dem ihr vernünftig wollen könnet, daß sie euch desgleichen entgegen tun sollen, – und ihr werdet leben, und Gottes Gnade wird bei euch bleiben immerdar!
GEJ|7|122|20|0|So ihr aber schon das Gesetz Mosis kennet, so beachtet es in allen seinen Teilen; denn in diesem Gesetze ist dem Menschen die beste und allerreinste Lebensordnung angezeigt. Wenn er die befolgt, so liebt er auch Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst. In diesen Gesetzen aber ist alle Lebensweisheit geboten, von der andere und ältere Weise den Menschen nur teilweise etwas zum Verkosten vorgesagt (gegeben) haben.
GEJ|7|122|21|0|Da euch das Wort als das höchste Zeichen Meiner göttlichen Sendung gilt, so bleibet denn auch bei dem Worte und werdet Täter desselben, so werdet ihr leben! Ich meine aber kein zeitliches, sondern ein ewiges Leben eurer Seelen. – Verstehet ihr das wohl?“
GEJ|7|123|1|1|123. — Die Aufnahme von des Herrn Wort in Indien
GEJ|7|123|1|0|Sagte der Magier: „Weil Du, o Herr, es uns gesagt hast, so glauben wir das nun auch fest und werden, vielleicht wie kein anderes Volk der Erde, strenge danach tätig sein! Aber es kommt nun denn doch eine andere Frage zum Vorschein, und diese besteht darin: Sollen wir nun wieder nach Indien uns zurückziehen, oder sollen wir dieses alte Lasterland meiden wie unsere ärgsten Todfeinde, oder sollen wir wieder heimkehren und den Blinden das Licht zeigen, das wir durch unser langes Suchen endlich einmal gefunden haben? Wir hatten zwar beschlossen, unser Heimatland, dessen Verhältnisse wir nur zu gut kennen, für immer zu meiden und unser Leben unter fremden Völkern zu vollenden; aber da wir in Dir nun Den gefunden haben, dessentwegen wir unser Land schon lange verlassen haben, so ändert das unseren ersten Entschluß, und wir möchten auch darin Deinem Willen vollkommen nachkommen.“
GEJ|7|123|2|0|Sagte Ich: „Merket euch das: Der Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande! Ihr seid euren Gefährten als etwas überspannte Menschen bekannt. Sie haben euch darum auch auf die weiten Reisen ausgesandt, weil ihr ihnen manches Mal ein wenig zu sehr ins Gewissen geredet habt. So ihr nun mit einem rechten Licht nach Hause kommen würdet, so würdet ihr bei ihnen einen schlechten Anklang finden und bei dem überaus verdummten Volke einen noch schlechteren. Daher ist es für euer Seelenheil besser, so ihr bei eurem einmal gefaßten Entschlusse verbleibet. Sendet eure Diener hinein in euer Land, damit sie eure Sachen in eurem Namen abmachen und dann wieder zu euch zurückkehren! Um ein Weiteres kümmert euch nicht; denn euer Land ist für Mein Licht noch um nahe zweitausend Jahre zu jung, das heißt, zu blind und zu dumm. Ihr werdet aber im Westen Menschen treffen, die für Mein Licht mehr eingenommen sein werden denn euer Volk daheim; denen könnet ihr mitteilen, was ihr hier empfangen habt!
GEJ|7|123|3|0|Es wird in der Zukunft also sein, daß das alte Morgenland, dem einst das helle Licht gegeben ward, sich in lange anhaltender Nacht wird herumzutreiben haben, und das Licht des Lebens wird gegen den Westen ausgegossen werden. Auch selbst dieser Ort, in dem nun das Licht des Lebens aufgegangen ist, wird noch in die äußerste Nacht und Finsternis hinausgestoßen werden; denn auch dieses Volk mit Ausnahme von nur wenigen Menschen erkennt die Zeit seiner höchsten und heilsamsten Heimsuchung nicht. Darum wehe ihm, so das Licht ihm genommen und den Heiden gegeben wird!
GEJ|7|123|4|0|Ihr seid Fremdlinge vom weiten Morgenlande her, und ihr habt Mich gefunden und erkannt; und es waren auch Fremdlinge aus eurem Lande, die Mich, als Ich Mich mit dem Fleische dieser Welt umkleidet habe, bei Meinem ersten Eintritt in diese Welt als erste Menschen aufgesucht und schon im neugeborenen Kinde erkannt haben. Aber von diesem alterwählten Volke haben Mich nur sehr wenige noch erkannt, aber desto mehr bis zu dieser Zeit her verfolgt, wie und wo sie Mich nur verfolgen konnten; darum aber wird von ihnen das Licht auch genommen und den Heiden gegeben werden.
GEJ|7|123|5|0|Eher aber, als dieses Licht wieder in diese Gaue dringen wird, wird es in euer Land am großen Meere gelangen. – Verstehet ihr das alles?“
GEJ|7|123|6|0|Sagte der Magier: „Ich verstehe das, o Herr; aber wunderbar (wunderlich) kommt es mir vor, daß Dich die Kinder dieses Landes nicht erkennen, und wir Fremden haben Dich doch gar leicht und gar bald erkannt! Du wirst vor den Kindern dieses Landes gar sicher schon große Zeichen gewirkt haben, – und sie erkannten Dich nicht?! Oh, da wären meine dümmsten Landsleute wahrlich nicht so blind! Bei vielen hätte, wie bei uns, Dein Wort allein genügt! Und sähe selbst unser oberster Priester auch ein Zeichen, wie zuvor Dein Diener ein paar gewirkt hat, so hätte er auch dieses Licht angenommen, obwohl er es dem Volke kaum weiter je hätte zukommen lassen; denn das Volk ist schon seit undenklichen Zeiten in seinem blinden Glauben begründet und ist darum wohl nicht fähig, ein solches Licht anzunehmen. Allein, da sind nicht wir schuld, sondern die Zeit und eine große Menge unserer höchst selbstsüchtigen Vorgänger. Kurz, die Blindheit unseres Volkes ist erklärlich, da in seiner Mitte wohl kaum je ein solches Licht geleuchtet hat; aber die Blindheit dieses Volkes ist unerklärlich, denn es hat die höchste Sonne am Zenit und sucht dabei die Nacht, die nur in den großen Höhlen der Berge der Erde anzutreffen ist.
GEJ|7|123|7|0|Wir suchten das Licht mit aller Mühe und sind nun überfroh, daß wir es endlich einmal gefunden haben, – und diese haben es im Lande vor ihren Augen und fliehen, verachten und verfolgen es! Oh, das müssen doch sehr böse und auch gar stockblinde Menschen sein, die wahrlich den Namen Mensch nicht verdienen! Weil die Sache also mit diesen Menschen steht, so ist es auch ganz billig, daß Du, o Herr, ihnen alles Licht nimmst und es den offenbar würdigeren Heiden gibst; denn da sieht Deine ewige Gerechtigkeit voll des hellsten Lichtes heraus, und das ist für uns wieder ein neuer Beweis, daß Du eben Der bist, den wir so lange vergebens gesucht haben.“
GEJ|7|123|8|0|Sagte Ich: „Ja, ja, also ist es leider wohl mit diesem Meinem Volke! Ich werde Mir darum andere Völker erwecken, jetzt schon und noch mehr in der Folge; aber es wird immer der Fall sein, daß sich unter den vielen Berufenen nur wenige Auserwählte vorfinden werden.“
GEJ|7|123|9|0|Sagte der Magier: „O Herr, wie sollen wir das verstehen? Der Berufenen wird es stets viele, aber der Auserwählten nur wenige geben?! Das klingt als Wort aus Deinem Gottesmunde fürs künftige Heil der Menschen eben nicht sehr erfreulich, wenn man es also nimmt, wie es ausgesprochen ist; denn ich verstehe unter wenigen Auserwählten jene Menschen, denen das wahre Lebenslicht gleichfort hell leuchten wird, unter den vielen Berufenen aber alle Menschen, die zwar auch zum Lichte kommen sollen, aber durch tausenderlei Umstände und Ursachen daran verhindert werden und somit gleich unseren Landsleuten nie zum wahren Lichte gelangen.
GEJ|7|123|10|0|Wir höchst wenigen können uns denn nun auch also betrachten, als wären wir auserwählt; aber die große Zahl unseres Volkes, des leider unglücklichen, gehört nicht einmal in die Reihe der Berufenen! Was wird dereinst nach dem sicheren Abfalle des Leibes sein Los sein?
GEJ|7|123|11|0|Dieses Volk hier gehört offenbar zu den Berufenen und hat unter sich doch stets etliche Auserwählte, bei denen es sich Rates holen kann, wenn es dessen bedarf; aber bei uns gibt es keine Auserwählten und auch keine Berufenen, und es ist darum das Los des großen indischen Volkes ein sehr bedauerliches, das heißt, wenn Dein letzter Ausspruch so zu verstehen ist, wie er gewisserart für alle Orte und für alle Zeiten von Dir ausgesprochen worden ist.“
GEJ|7|123|12|0|Sagte Ich: „Du hast Meinen bestimmenden Ausspruch nicht richtig aufgefaßt, und so muß Ich ihn dir schon näher erklären.“
GEJ|7|124|1|1|124. — Berufene und Auserwählte
GEJ|7|124|1|0|(Der Herr:) „Siehe, die Sache ist also aufzufassen und zu begreifen: Berufen und zum Licht und zum Leben bestimmt ist ein jeder Mensch auf dieser ganzen Erde; aber auserwählt zum Lehrer der Menschen kann nicht ein jeder sein, da das für die Menschen auch gar nicht gut wäre. Wäre es für die Menschen – deren Hauptbestimmung darin besteht, sich gegenseitig zu dienen – gut, so ein jeder Mensch für sich alles besäße und alles zu machen imstande wäre? Dadurch würde ein Mensch dem andern ganz entbehrlich, und die Nächstenliebe wäre dabei nichts als ein eitles, leeres Wort, wie Ich das Meinen Jüngern auch schon zu öfteren Malen gezeigt habe. Ja, die Menschen bedürften dabei sogar der Sprache nicht! Wozu sollte ihnen diese dienen, wenn keiner dem andern irgendein Bedürfnis vorzubringen hätte?!
GEJ|7|124|2|0|Ich sage es dir, daß sich die Menschen bei solch einer völligen Gleichstellung ihrer Talente, Fähigkeiten, ihrer Gestalten, Wohnorte und Besitztümer bei aller ihrer gleichen Lichtklarheit dennoch völlig auf der Stufe der Tiere und eigentlich noch unter derselben befänden!
GEJ|7|124|3|0|Damit die Menschen aber Menschen und keine Tiere sind, so haben sie unter sich alles höchst verschieden verteilt. Der eine hat das und der andere jenes, und so muß einer zum andern kommen und einer in diesem oder jenem des andern Meister oder Helfer sein.
GEJ|7|124|4|0|Und so muß es auch in der Sphäre der Erkenntnis des inneren Lebenslichtes etliche besonders Erwählte geben, die den vielen Berufenen das wahre Lebenslicht zeigen, und die Berufenen haben dann zu hören, zu glauben und danach zu handeln, was ihnen von den auserwählten Lichtbesitzern gelehrt wird.
GEJ|7|124|5|0|Wenn die Berufenen aber das gläubig annehmen, was ihnen gelehrt wird, so sind sie dann ebensogut und oft noch besser daran als die Auserwählten; denn solch ein Auserwählter, der in sich das lebendige Licht trägt, aber nicht genau nach diesem wandelt, wird dereinst eine strengere Rechnung über seine schlecht verwendeten Talente abzulegen bekommen als der bloß Berufene, der nur zu hören, zu glauben und danach willig zu handeln hat.“
GEJ|7|124|6|0|Siehe, die Auserwählten sind Meine Knechte, und die Berufenen Meine Diener und Kinder!
GEJ|7|124|7|0|Auf daß du aber noch klarer sehen magst, daß ein Auserwählter auf dieser Erde durchaus nicht besser daran ist denn ein Berufener, so will Ich dir das noch durch ein Gleichnis klarer machen. Und so höre Mich!
GEJ|7|124|8|0|Es war ein König, der zehn Hauptknechte für seinen Haushalt hatte. Dieser König aber mußte einmal in die Ferne ziehen, um dort ein neues ihm zugefallenes Reich zu übernehmen.
GEJ|7|124|9|0|Bevor er aber abreiste, beschied er die zehn Knechte zu sich, übergab ihnen zehn Pfunde und sprach: ,Handelt damit gut, bis ich wiederkomme!‘
GEJ|7|124|10|0|Als seine Bürger (Berufene) aber davon Kunde erhielten, da murrten sie, wurden dem Könige feind, weil er sie verließ und ihnen bei seiner Abreise nicht auch Pfunde und Talente zur Verwaltung übergab.
GEJ|7|124|11|0|Sie sandten dem Könige sogar Boten nach und ließen ihm sagen: ,Wir wollen nicht, daß dieser König fürder über uns herrsche; denn warum sollen wir ihm minder sein denn seine Knechte, da wir ihm doch auch gleich den Knechten gedient haben!‘
GEJ|7|124|12|0|Es begab sich aber, daß der König, nachdem er das neue Reich eingenommen hatte, wiederkam. Als er in seine Burg eingezogen war, da ließ er alsbald dieselben Knechte zu sich fordern, welchen er bei seiner Abreise das Geld anvertraut hatte, um zu sehen, was ein jeder damit gewonnen hatte.
GEJ|7|124|13|0|Da trat der erste zu ihm und sagte: ,Herr, siehe hier! Dein Pfund hat mir zehn Pfunde getragen!‘
GEJ|7|124|14|0|Da sprach zu ihm der König: ,Ei du frommer Knecht! Weil du mir im geringsten treu gewesen bist, so sollst du nun Macht haben über zehn Städte!‘
GEJ|7|124|15|0|Darauf kam ein anderer und sagte: ,Herr, dein Pfund hat mir fünf Pfunde getragen!‘
GEJ|7|124|16|0|Und der König sprach zu ihm: ,Darum sollst du über fünf Städte gestellt sein!‘
GEJ|7|124|17|0|Da kam aber ein dritter und ein letzter der zehn Knechte und sagte: ,Herr, sieh, dein mir anvertrautes Pfund habe ich im Schweißtuche aufbewahrt, bis du wiederkämest! Ich fürchtete mich vor dir, dieweil du ein harter Mann bist; denn du nimmst, was du nicht hingelegt hast, und erntest, wo du nicht gesät hast.‘
GEJ|7|124|18|0|Da aber sagte der König zu ihm: ,Höre, aus deinem Munde richte ich dich! Du bist ein Schalk! So du wußtest, daß ich ein harter Mann sei und nehme, dahin ich nichts gelegt, und ernte, wo ich nichts gesät habe, – warum hast du denn mein Geld nicht in die Wechselbank gegeben, damit ich, so ich gekommen wäre, mein Geld wieder mit Wucher zurückerhalten hätte?!‘
GEJ|7|124|19|0|Darauf sprach der König weiter zu denen, die als Diener bei ihm waren: ,Nehmet diesem trägen Schalk das Pfund ab und gebet es dem ersten, der schon zehn Pfunde hat!‘
GEJ|7|124|20|0|Und die Diener sprachen zum Herrn: ,O König, der hat ja schon ohnehin zehn Pfunde! Wozu ihm noch dies eine Pfund überantworten?‘
GEJ|7|124|21|0|Ich Selbst aber sage nun euch allen darauf: Wer da hat, dem wird noch mehr hinzugegeben werden, daß er es dann in der Fülle habe; wer da aber nicht hat, dem wird auch genommen werden, was er hatte. Die aber da nicht wollten, daß der König über sie herrsche, die haben gesündigt, und sie sollen darum erwürgt werden mit aller Nacht und Finsternis des Gerichtes und des Todes der Seele!
GEJ|7|124|22|0|Siehe, du Mein Freund, so stehen die Sachen bei Mir unabänderlich! Wer da hat, dem wird noch viel mehr gegeben werden, daß er in der Fülle habe! Wer aber da nicht hat, dem wird auch das wenige Anvertraute genommen werden, und es wird dem gegeben, der da schon ohnehin viel hat.
GEJ|7|124|23|0|Die vielen Berufenen aber, die auf die Stimme der Knechte nicht merken wollten und den Herrn des Lichtes und des Lebens nicht haben wollten, daß Er allbelebend über sie herrsche, die werden erwürgt werden durch die Nacht ihres eigenen Herzens; der faule Knecht aber wird lange darauf warten können, bis ihm wieder ein Pfund anvertraut wird.
GEJ|7|124|24|0|Und nun sage du Mir, wie dir dieses Gleichnis behagt! – Bist du mit dem König einverstanden oder nicht?“
GEJ|7|125|1|1|125. — Des Magiers Kritik an dem Gleichnis von den anvertrauten Pfunden
GEJ|7|125|1|0|Sagte der Magier: „Herr, da bin ich nun auf einem Punkte, bei dem der Verstand einem Menschen die Dienste versagt und sich sogar dem Geduldigsten die Haare gen Berge zu sträuben anfangen! Du bist doch der König nicht, der da als ein Tyrann nimmt, dahin er nichts gelegt, und ernten will, wo er nicht gesät hat?! Denn mir kommt es nun vor, daß eben von Dir alles herstammt, und daß eben Du allenthalben gesät hast und darum auch überall nehmen und ernten kannst, weil alles Dein ist und auch Dein sein muß.
GEJ|7|125|2|0|Daß die Frevler gezüchtigt werden, das finde ich ganz in der besten Ordnung; denn es ist da eben die göttliche Langmut unerträglich, durch die der Böse immer mehr Zeit und Raum für die Zustandebringung seiner Greuel gewinnt, während der ganz ordentliche Mensch in ein stets größeres Elend versinkt, am Ende allen Glauben verliert und genötigt ist, das ihm anvertraute Pfund im Schweißtuche seiner Not dem strengen und unbarmherzigen Herrn unbeschädigt und ehrlich wieder zurückzustellen. Ja, in solcher Hinsicht und Beziehung ist es freilich wohl besser, ein Berufener denn ein Knecht zu sein!
GEJ|7|125|3|0|Es ist schon ganz recht, daß der tätige Knecht auch nach seiner Tat belohnt wird; aber daß der etwas trägere und furchtsamere Knecht für die unbeschädigte Rückgabe seines Pfundes ganz leer ausgehen muß, das kommt mir von Deinem Könige sehr hart vor!
GEJ|7|125|4|0|Ich bin ein Menschenfreund und kann niemanden leiden sehen, besonders wenn er seine Leiden nicht als irgendein Erzbösewicht wohl verdient hat. Der Knecht mit dem einen Pfunde, der es im Schweißtuche wieder also dem Herrn anheimstellte, wie er es empfangen hatte, hat offenbar nicht die Einsicht und den Verstand des ersten gehabt, auch nicht einmal des zweiten, der mit dem einen Pfunde die fünf Pfunde gewonnen hat. Denn hätte auch er den gleichen Verstand gehabt, so hätte auch er zehn oder wenigstens fünf Pfunde gewinnen können; aber aus Mangel an Licht, an rechtem Verstande und am dazu geeigneten Mute hat er sich aus dem einen Pfunde nichts anderes zu machen getraut, als es seinem Herrn ganz unversehrt wieder zurückzustellen. Ich finde in diesem Handeln wahrlich noch nichts Verbrecherisches, und ich möchte Dich sehr fragen, was dann weiter mit diesem Knechte, den sein König einen Schalk nannte, geschehen ist.“
GEJ|7|125|5|0|Sagte Ich: „Der blieb denn, was er ehedem war: ein ganz einfacher und gewöhnlicher Knecht, weil er aus sich heraus für eine höhere Dienstaufgabe keine Fähigkeit besaß! Denn auch ein Auserwählter bekommt nur gleich einem jeden andern Menschen die Fähigkeit oder das Talent, das er dann selbst auszubilden hat, damit sein freier Wille keinen Schaden leide.
GEJ|7|125|6|0|Wer ein solches ihm verliehenes Talent mit allem Fleiße ausbildet, der hat dann auch den rechten Schatz, zu dem ihm noch immer mehr hinzugegeben wird; wer es aber nicht ausbildet und sich von seiner Trägheit nicht losreißen will, der hat es sich dann nur selbst zuzuschreiben, wenn er am Ende samt seinem im Schweißtuch aufbewahrten Pfunde noch dümmer wird als jene, die da nicht wollten, daß der König des Lichtes über sie herrsche.
GEJ|7|125|7|0|Darin liegt dann der Grund, daß solche trägen Knechte nicht weiterkommen und die berufenen Diener in ihrer Nacht liegenbleiben und es für sie am Ende nichts Ärgeres geben kann, als wenn sie der Lärm des hellsten Tages aus ihrem trägsüßen Schlafe weckt. Oder sollte etwa die Sonne vorher Boten zu den Langschläfern senden und sie fragen, ob es ihnen angenehm sei, daß sie über die Berge heraufsteige?! Sieh, das wird die Sonne infolge der allgemeinen die Welten erhaltenden Ordnung ebensowenig tun, als es der König des Lichtes und des Lebens tun wird!
GEJ|7|125|8|0|Wer das Pfund überkommt, der hat schier auch die Ordnung des Königs überkommen. Das Sich-danach-Richten liegt im freien Willen des Knechtes, und der König ist da nicht schuld an der Trägheit des Knechtes, sondern der Knecht selbst, weil der König des Lichtes es nur zu gut weiß, welche Fähigkeiten er einem Knechte verliehen hat. Und so ist da allzeit der König und nie ein fauler und träger Knecht in seinem wahren und durchaus nicht etwa eingebildeten Rechte.
GEJ|7|125|9|0|Denke du nun darüber reiflich nach, fasse das Bild wohl auf und sage Mir dann, ob der König hernach noch ein unbarmherziger Tyrann ist! – Hast du Mich aber nun auch wohl verstanden?“
GEJ|7|125|10|0|Sagte der Magier: „Ja, das o Herr, habe ich nun wohl verstanden, und Dein aufgestelltes Gleichnis hat dadurch eine volle Lichtseite erhalten, während es als ein pures Bild schwer zu verstehen war. Wer demnach irgendein besonderes Talent in sich verspürt, der soll es mit allem Fleiß ausbilden, und das einmal wie durch und aus sich selbst. Hat er das getan, so wird er das Weitere schon von dem Könige des Lichtes erhalten und wird sodann ein wahrer Lehrer vieler Menschen, die Du als Berufene bezeichnet hast, werden können. Denn wer einmal schon für sich ein rechter Lehrer war, der wird es dann auch für viele andere leicht werden und sein; wer aber schon für sich selbst träge war, der wird es dann auch um so mehr für andere sein, und er wird auch nichts haben, was er seine Nebenmenschen irgend lehren könnte, und es ist darum höchst wahr und richtig, daß dem, der da hat, noch vieles hinzugegeben wird, auf daß er dann in der Fülle habe. Wer aber nicht hat, dem wird auch noch das, was er hatte, genommen werden. Das ist mir nun völlig klar, – doch steckt dahinter noch ein gewisses Etwas, das mir noch nicht so recht einleuchten will, und ich nehme mir darum die Freiheit, vor Dir, o Herr, solchen meinen noch dunklen Anstand auszusprechen.
GEJ|7|125|11|0|Siehe, es ist der rechte Fleiß und Eifer in allem Guten und Wahren eine nie genug zu lobende Tugend und die Trägheit ein Fundament aller möglichen Laster! Aber wer gibt einem Menschen den Fleiß und den Eifer und wer einem andern die Trägheit? Ich meine, daß weder das eine noch das andere vom Menschen selbst errungen, sondern ihm das nur von einer höheren, göttlichen Willensmacht gegeben werden kann.
GEJ|7|125|12|0|Ich selbst habe mehrere Kinder und habe bei ihnen die Erfahrung gemacht, daß ein paar unter ihnen, und das mein ältester Sohn und eine Tochter, ohne mein Antreiben im Erlernen der Künste und Wissenschaften außergewöhnlich fleißig sind, während die anderen Kinder faul und träge sind und zum Lernen mit allem Ernste angehalten werden müssen. Es sind das ja doch Kinder von gleichen Eltern, haben alle eine gesunde Natur, genießen auch den gleichen Unterricht, und dennoch ist sowohl in ihren Talenten und noch mehr in ihrem Erlernungseifer ein großer Unterschied. Wo liegt denn da der Grund? An uns Eltern kann es nicht liegen, weil wir ein jedes unserer Kinder ganz gleich behandeln und keines irgend verzärteln; an unserer und der Kinder natürlichen Leibesgesundheit kann es auch nicht liegen, denn – nun Dir, o Herr, allen Dank! – wir sind vollkommen gesund und kräftig, und wir alle genießen auch stets die gleiche Kost: und doch diese sehr merklichen Unterschiede in ein und derselben Familie! Wie soll ich mir nun das erklären?“
GEJ|7|126|1|1|126. — Die richtige, den unterschiedlichen Anlagen entsprechende Erziehung der Kinder und die Wichtigkeit der inneren geisterweckenden Bildung
GEJ|7|126|1|0|Sagte Ich: „Nichts leichter als das, und das daraus, was Ich dir früher gezeigt habe, daß es nämlich unter den Menschen allerlei Unterschiede geben muß, damit einer dem andern notwendig wird und einer dem andern in diesem oder jenem dienen kann.
GEJ|7|126|2|0|Wenn alle Menschen gleich fleißig wären und auch die gleichen Talente hätten, so würden sie sich gegenseitig bald völlig entbehrlich werden; aber so haben schon Kinder ein und desselben Elternpaares verschiedene Talente und verschiedene Fähigkeiten. Der Erzieher aber muß sie wohl beurteilen können und dann den Kindern auch nach ihren Talenten und Fähigkeiten den Unterricht erteilen, und sie werden dann alle dem rechten Ziele zugeführt werden.
GEJ|7|126|3|0|Aber wenn du bei den verschiedenen Talenten und Anlagen deiner Kinder willst, daß sie zum Beispiel lauter Kleidermacher oder lauter Weber werden sollen, da wirst du freilich nur bei jenen einen rechten Fleiß und Eifer gewahren, die zu dem, was sie lernen, auch ein Talent haben. Die dafür wenig oder gar kein Talent haben, die werden dafür auch wenig Eifer zeigen. Solche Kinder werden, wenn sie später zu selbständigen Menschen werden, auch wenig Ersprießliches zum Wohle ihrer Nebenmenschen leisten, weil sie ohne das rechte Talent das mühsam Erlernte nie so recht gründlich und fertig innehaben können wie jene, die eben für das Erlernte schon von Geburt an ein rechtes Talent haben.
GEJ|7|126|4|0|Also der Grund des größeren oder geringeren Eifers der Kinder liegt sonach – was mit Händen zu greifen ist – hauptsächlich bei den Eltern und anderen Lehrern der Jugend. Die Rebe bringt die Traube und der Feigenbaum die Feige als Frucht hervor, und beide Früchte schmecken süß; aber so du den Feigenbaum ebenso behandelst wie den Weinstock, da wird dir der Feigenbaum wenig Früchte tragen, und läßt du den Weinstock so unbeschnitten fortwachsen, wie da der Feigenbaum fortwächst, so wird der Weinstock bald verkümmern und dir wenig Trauben geben. – Hast du das nun wohl verstanden?“
GEJ|7|126|5|0|Sagte nun der Magier: „O Herr, ich danke Dir für diese große und gar überherrliche Aufklärung! Ja, da kann der Mensch erst erkennen, wie blind und dumm er bei aller seiner angemaßten Weisheit ist! Was bildet sich so mancher Weltweise ein und sieht am Ende doch den Wald vor lauter Bäumen nicht! Es liegt das dem Menschen, wenn er nur ein wenig die Augen aufmachen wollte, gar so nahe! Jedes Kind hat offenbar eine andere Gestalt; eins ist oft größer als ein anderes, das eine ist schroffer, ein anderes ganz sanft und zart, und so gibt es ja unter den Kindern ein und desselben Elternpaares gar große Unterschiede schon äußerlich. Welche Unterschiede wird es dann erst innerlich geben!
GEJ|7|126|6|0|Sollten die äußeren Merkmale denn einem denkenden Menschen nicht genügen, nach ihrer Verschiedenheit auch auf die Verschiedenheit der im Menschen vorhandenen Talente und Fähigkeiten zu schließen, damit ein weise sein sollender Lehrer und Meister den Menschen auf seine Talente aufmerksam machen würde und ihm mit Rat und Tat behilflich wäre, die vorhandenen Talente auf eine edle und erfolgreiche Weise auszubilden? O nein, das genügt dem blinden Weisen, so wie ich selbst einer war und noch bin, durchaus nicht! Er will die Menschen alle gleich haben; sie sollen alle denken und handeln wie er und sollen sich willig Lasten aufbürden, zu deren Tragung ihnen die Kraft mangelt, und so werden die Menschen nicht selten statt zu wahren Weisen nur zu Narren gebildet, die weder sich noch jemand anderem einen Nutzen zu bereiten imstande sein können. Für diese Belehrung danke ich Dir, o Herr, nochmals aus dem tiefsten Grunde meines Herzens; denn diese werden wir zuerst bei unseren Kindern in eine sicher fruchtbare Anwendung bringen.“
GEJ|7|126|7|0|Sagte hierauf Agrikola: „Ja, das ist wahrlich wahr eine Goldlehre, und auch wir Römer werden sie uns zunutze machen, und ich schon ganz besonders; denn fürs erste habe ich selbst Kinder, und fürs zweite werden die jungen Menschen, die ich von hier nach Rom mitnehme, ebenso gebildet werden, wie es mir ihre Talente zeigen werden. Natürlich muß eine gewisse Grundbildung bei allen gleich vorangehen als: das Lesen der Schriften, das Schreiben und das Rechnen, wie auch das Verstehen der Sprachen, die im ganzen römischen Reiche von den Menschen gesprochen werden; denn ohne diese notwendigen Vorkenntnisse läßt sich aus den Menschen nicht viel machen. Dann aber soll ein jeder Mensch nach seinem hervorragendsten Talente gebildet werden. – Herr, ist es recht also?“
GEJ|7|126|8|0|Sagte Ich: „Allerdings; denn es müssen alle Menschen zuvor gehen, mit den Händen greifen, mit den Augen schauen und mit den Ohren hören können, bevor sie zu irgendeiner Verrichtung einer Tat fähig werden. Und so sind die gewissen von dir angezeigten Vorkenntnisse dem Menschen auch nötig, um mit ihrer Hilfe leichter zur wahren Lebensweisheit gelangen zu können. Aber es soll dabei dennoch wohl darauf gesehen werden, daß die Menschen diese Vorkenntnisse und ihre Erlernung nicht zur Hauptsache machen und nicht ihr Leben lang sich mit dem Studieren der Schriften und Sprachen abgeben und dabei die innere, geisterweckende Bildung vergessen, in der am Ende doch ganz allein aller Wert des Lebens besteht. Denn was nützte es einem Menschen, so er alle Schriften der Welt schreiben und verstehen und aller Menschen Zungen reden könnte, an seiner Seele aber Schaden litte?!
GEJ|7|126|9|0|Daher suchet vor allem das Reich Gottes auf Erden, suchet es in euch, – alles andere wird euch dann schon mit dem Gottesreiche in euch gegeben werden; aber ohne dasselbe hat der Mensch – und besäße er auch alle Schätze der Erde und hätte die Wissenschaften aller Weltweisen in sich – soviel wie nichts.
GEJ|7|126|10|0|Ein Besitzer des Reiches Gottes in seinem Herzen aber hat alles. Er hat alle, und zwar die höchsten und tiefsten Wissenschaften in sich und hat das ewige Leben und dessen Kraft und Macht, und das ist doch sicher mehr als alles, was die Menschen auf dieser Welt je als groß und wertvollst anerkannt haben.
GEJ|7|126|11|0|Ihr werdet euch morgen in Emmaus alle überzeugen, was das heißt, ein vollkommener Mensch sein. Ich sage es euch: Ein wahrhaft vollkommener Mensch vermag mehr denn alle andern unvollkommenen Menschen auf der ganzen Erde.
GEJ|7|126|12|0|Darum befleißiget euch vor allem, daß ihr vollkommene Menschen werdet! Seid ihr das, dann seid ihr alles und habt alles.
GEJ|7|126|13|0|Aber das sage Ich euch auch, daß die Erreichung des Reiches Gottes nun Gewalt braucht. Die es haben wollen, müssen es mit Gewalt ordentlich an sich reißen; die das nicht tun werden, die werden es auch schwerlich hier auf Erden schon vollkommen in ihren lebendigen Besitz bekommen.“
GEJ|7|127|1|1|127. — Das Reich Gottes
GEJ|7|127|1|0|Sagte darauf der Magier: „O Herr, wie kann denn das geschehen, – wie kann der schwache und nichtige Mensch dem Reiche Gottes Gewalt antun und es ordentlich an sich reißen? Dann fragt sich's noch, wo das wahre Reich Gottes sich befindet, daß der Mensch es anfassen und an sich reißen kann!“
GEJ|7|127|2|0|Sagte Ich: „Du hast nun in der kurzen Zeit von etlichen Stunden doch schon so manches vernommen und hast sogar Mich erkannt und weißt nun noch nicht, was das Reich Gottes ist, und worin es besteht?!
GEJ|7|127|3|0|Die vollkommene Befolgung des erkannten Willens Gottes ist das wahre Reich Gottes in euch! Aber die Befolgung des erkannten Willens Gottes ist nun eben nicht so leicht, wie du dir das vorstellst; denn die Weltmenschen stemmen sich sehr dagegen und verfolgen die wahren Bewerber ums Reich Gottes. Darum muß derjenige, der das Reich Gottes sich völlig aneignen will, vor denen keine Furcht haben, die nur des Menschen Leib töten, aber der Seele nicht schaden können; der Mensch aber fürchte vielmehr Gott, der nach Seiner ewig unwandelbaren Ordnung auch die Seele in die Hölle verstoßen kann!
GEJ|7|127|4|0|Wer Gott mehr fürchtet als die Menschen und trotz der Verfolgung, die ihm die Menschen antun können, den erkannten Willen Gottes tut, der ist es, der das Reich Gottes mit Gewalt an sich reißt; und wer das tut, der wird es auch unfehlbar überkommen.
GEJ|7|127|5|0|Dazu aber kommt noch etwas, das da auch zur gewaltigen Ansichziehung des Reiches Gottes gehört, und das besteht darin, daß der Mensch sich in allen Dingen der Welt möglichst tief selbst verleugne, allen seinen Beleidigern von Herzen verzeihe, auf niemanden einen Groll oder Zorn habe, für die bete, die ihm fluchen, denen Gutes erweise, die ihm Übles antun, sich über niemanden erhebe, die dann und wann über ihn kommenden Versuchungen geduldig ertrage und sich enthalte von dem Fraße, Völlerei, Hurerei und Ehebruche. Wer das bei sich ausübt, der tut dem Reiche Gottes auch Gewalt an und reißt es mit Gewalt an sich.
GEJ|7|127|6|0|Aber wer wohl auch Gott erkennt, Ihn über alles achtet und liebt und auch seinen Nächsten wie sich selbst, aber dabei doch die Welt auch achtet und fürchtet und sich nicht getraut, offen Meinen Namen zu bekennen, weil ihm das irgendeinen weltlichen Nachteil bringen könnte, der tut dem Reiche Gottes keine Gewalt an und wird es sogestaltig auf dieser Welt auch nicht völlig überkommen und dann jenseits noch manche Kämpfe zu bestehen haben, bis er vollendet wird.
GEJ|7|127|7|0|Wer da nun weiß und glaubt, daß Ich der verheißene Messias bin, der muß auch das tun, was Ich lehre, gelehrt habe und noch fürder lehren werde, ansonst ist er Meiner nicht wert, und Ich werde ihm bei der Ausbildung seines inneren Lebens nicht sonderlich behilflich sein. Ich aber bin das Leben der Seele durch Meinen Geist in ihr, und dieser heißt die Liebe zu Gott. Wer sonach Gott über alles liebt und darum auch allzeit Seinen Willen tut, dessen Seele ist erfüllt mit Meinem Geiste, und dieser ist die Vollendung und das ewige Leben der Seele.
GEJ|7|127|8|0|So aber da jemand Mich kennt, aber dabei dennoch die Welt fürchtet und bei sich sagt: ,Ja, ich erkenne den Messias wohl gar sehr und glaube heimlich an alles, was Er lehrt, und tue es auch; aber weil die Welt schon einmal also ist und man doch mit ihr leben muß, so lasse ich äußerlich vor der Welt nichts von dem merken, was ich in mir geheim bekenne, auf daß mir niemand etwas Arges nachreden kann!‘, der ist kein rechter Bekenner Meines Wesens und Namens und hat die wahre und ganz lebensvolle Liebe zu Gott noch nicht und wird sogestaltig in diesem Erdenleben schwer in sich die Fülle des Reiches Gottes überkommen; denn die Fülle des Reiches Gottes besteht ja eben in der höchsten Liebe zu Gott, und diese hat keine Furcht oder Scheu vor der Welt.
GEJ|7|127|9|0|Wer Mich vor der Welt bekennt, so es not tut, den werde auch Ich bekennen vor dem Vater im Himmel; wer Mich aber nicht bekennt auch vor der Welt, wenn es not tut, den werde auch Ich nicht bekennen vor dem Vater im Himmel.“
GEJ|7|127|10|0|Fragte hier sogleich der Magier, sagend: „Herr, wer ist denn Dein Vater, und wo ist der Himmel? Kannst denn auch Du als der Herr der Ewigkeit einen Vater haben?“
GEJ|7|127|11|0|Sagte Ich: „Die ewige Liebe in Gott ist der Vater, und Seine unbegrenzte Weisheit ist der Himmel.
GEJ|7|127|12|0|Wer Gott über alles liebt, der bekennt Gott und somit Mich vor aller Welt, und Ich bekenne auch ihn in Meiner Liebe, und darin besteht das wahre ewige Leben der Seele des Menschen. Und weil der Mensch eben durch solche lebendige Liebe zu Gott auch zur höchsten Weisheit gelangt und gelangen muß – solche aber ist der Himmel oder das Reich Gottes –, so hat der Mensch dadurch auch das Reich Gottes in sich überkommen, das ihm dann ewig nicht mehr wird genommen werden können. Solches habe Ich euch nun erklärt; behaltet es, schreibet es euch in eure Herzen und tuet danach, so werdet ihr das ewige und wahre Leben in euch haben! – Nun aber gönnet Mir eine kleine und kurze Ruhe, und überdenket das euch nun Gesagte und Gezeigte!“
GEJ|7|128|1|1|128. — Die Örtlichkeit der Himmel
GEJ|7|128|1|0|Hier trat dann eine allgemeine, aber nur kurz dauernde Ruhe ein. Aber bei so vielen Menschen kann eine längere Ruhe nicht leichtlich erzielt werden, besonders in einer Nacht, in der es allerlei zu sehen gibt, und so fingen die gewissen Judgriechen untereinander bald zu wörteln an, und ein jeder wollte Mich am besten verstanden haben.
GEJ|7|128|2|0|Einer darunter sagte zu den Wortwechslern: „Höret! Wer da sagt, daß er des Meisters Worte und Lehren am besten verstanden habe, der hat Ihn am wenigsten verstanden; denn in Seinen Worten kam es auch vor, daß sich nicht einer über den andern erheben, sondern in allem demütig und bescheiden sein soll. Wer da aber zu seinem Bruder sagt: ,Siehe, das verstehst du nicht!‘ oder ,Das hast du unrichtig verstanden!‘, der erhebt sich ja gerade gegen die Lehre des Herrn über seinen Bruder und zeigt, daß eben er die Lehre schlecht oder gar nicht verstanden hat.
GEJ|7|128|3|0|Etwas ganz anderes ist es, so einer zu seinem Bruder sagt: ,Höre, diese und jene Worte habe ich nicht so recht begriffen! Wie hast denn du sie aufgefaßt?‘ Wenn dieser nun in aller Liebe und Bescheidenheit dem Bruder sagt, wie er eine Sache aufgefaßt hat, so ist das dann sicher keine Erhebung des eigenen, helleren Verstandes über den des Bruders, sondern ein Werk der wahren Nächstenliebe. Aber mit euren Disputationen bin ich nicht einverstanden und kann es nicht sein.“
GEJ|7|128|4|0|Auf diese recht gute Zurechtweisung hin wurde die Ruhe wieder hergestellt, und die Judgriechen sahen ein, daß der Redner ganz recht hatte, und sie konnten sich nachher um vieles leichter verständigen.
GEJ|7|128|5|0|Die drei Magier hatten auch noch etwas, das ihnen nach Meiner Lehre nicht eingehen wollte, und das war die Örtlichkeit der Himmel; denn sie sagten: „Daß die volle Erkenntnis Gottes, Seines Willens und Seiner Liebe und Weisheit und das Leben und Handeln nach dem erkannten Willen Gottes in sich das Reich Gottes ausmacht, das ist nach der Lehre des Herrn nun wohl klar, wie auch, daß ein Mensch, der das alles in sich zustande gebracht hat, sich seiner Seele nach völlig im Reiche Gottes befindet und das ewige Leben hat und somit als ein vollendeter Mensch dasteht; aber wo ist der Ort, an dem sich die Seele befinden wird, wenn sie einmal entleibt wird?“
GEJ|7|128|6|0|Der erste Magier wollte sich darum mit dieser Frage an Mich wenden.
GEJ|7|128|7|0|Ich aber kam ihm zuvor und sagte: „Ich weiß schon, was euch drückt, und was du wissen möchtest! Das würdest du nun noch nicht fassen, weil deine Seele noch viel zuwenig von der Materie des Fleisches frei ist; wenn sie aber einiger wird mit dem Geiste Meiner Liebe in dir, dann wird dir schon dein eigener Geist zeigen die Örtlichkeit desjenigen Reiches, in dem deine Seele dann ewig in ihrer höchsten Freiheit leben, sein, schalten und walten wird. Aber dein Fleisch kann solches jetzt noch nicht fassen.
GEJ|7|128|8|0|Wo bin Ich Selbst denn nun? Sieh, in der aus Mir Selbst erschaffenen Welt! Wenn du aber zur wahren, inneren Vollendung des Lebens gelangt sein wirst und dir der Leib als Mein Gericht oder als Mein dich zum Behufe des inneren Lebens ausbildendes Muß genommen wird, da wirst du dir dann gleich Mir alles aus dir erschaffen können und wirst gleich Mir in der Welt und Örtlichkeit leben und sein, die du dir aus dir selbst erschaffen haben wirst.
GEJ|7|128|9|0|Daß sogar in deiner noch sehr materiellen Seele schöpferische Kraft wohnt, das kannst du ganz leicht deinen Träumen entnehmen. Denn wo ist denn die Welt, die du in deinen lebhaften Träumen bewohnst? Sie besteht nur in der Intelligenz und in dem Willen deiner Seele, die auch im Traume will, obwohl du am Tage in deinem Fleische die Sache mehr als etwas Zufälliges ansiehst. Überdenke das, und es wird in dir dann schon auch in dieser Hinsicht etwas heller werden! – Doch für diesen Tag ist nun Meine Arbeit zu Ende, und wir werden uns nun bis zum Morgen zur vollen Ruhe nicht ins Haus, aber in die gut hergerichteten Zelte begeben. Morgen werden dann erst größere Enthüllungen folgen.“
GEJ|7|128|10|0|Mit dem erhob Ich Mich mit Meinen Jüngern. Wir nahmen ein Nachtlager in einem großen Zelte, und alles begab sich zur nächtlichen Ruhe.
GEJ|7|129|1|1|129. — Das jenseitige Wirkungsfeld der Apostel und der Kinder Gottes
GEJ|7|129|1|0|Wir ruhten in den Zelten alle recht gut, und der Morgen des werdenden Tages war ein heiterer. Ich und Petrus, Johannes und Jakobus machten uns schon eine gute halbe Stunde vor dem Aufgange der Sonne auf die Beine und machten unsere Betrachtungen über die aus ihrem Schlafe erwachende Natur. Die Vögel waren schon sehr geschäftig und begrüßten mit ihrem mannigfaltigen Gesange die bald aufgehende Sonne; im Osten prangten rosige, mit Goldrändern verbrämte Wölkchen; die Spitzen der Hochgebirge glühten, und im Jordantale lagen weiße Nebel, die sich nach und nach zu erheben begannen. Auch ein ganz wohlgeordneter Zug von Kranichen kam von Galiläa her, bog aber bald nach Westen um; denn der Geruch vom Toten Meere, das noch sehr gewaltig dampfte, zwang die sehr scharfsinnigen Lufttiere, sich nach Westen dem Meere zuzuwenden. Und so gab es noch mehrere, einen schönen Herbstmorgen begleitende Szenen und Erscheinungen, von denen die Längerschläfer nichts sahen, da dergleichen gewöhnlich nur der aufgehenden Sonne voranzugehen pflegt.
GEJ|7|129|2|0|Johannes sagte, ganz entzückt über den herrlichen Morgen: „Herr, wird es dereinst in Deinen Himmeln auch solche herrliche Morgen geben?“
GEJ|7|129|3|0|Sagte Ich: „Solche eben wohl nicht, aber noch unaussprechlich herrlichere und dauerndere; denn diesen Morgen kannst du nicht verlängern, – der himmlische aber kann und wird ein ewiger sein. Denn Ich sage es euch, was Ich euch schon oft gesagt habe: Kein fleischlich Auge hat es je geschaut und kein Herz empfunden, was Gott denen, die Ihn lieben, alles für Seligkeiten bereitet hat. Ihr würdet in diesem eurem irdischen Zustande auch nicht eine kleinste zu ertragen vermögend sein; aber wenn einmal Mein Geist euch ganz durchdrungen haben wird, dann werdet ihr schon vermögend sein, auch den Morgen Meiner Himmel mit überschwenglicher Wonne zu ertragen!“
GEJ|7|129|4|0|Sagte Johannes: „Herr, werden wir auch im Himmel diese Erde zu sehen bekommen?“
GEJ|7|129|5|0|Sagte Ich: „Nicht nur diese, sondern endlos viele andere auch noch; denn ihr als Meine Kinder und dem Fleische nach Brüder werdet die ganze unendliche Schöpfung mit Mir zu regieren überkommen und werdet das offenbar sehen müssen, was ihr regieren werdet!“
GEJ|7|129|6|0|Sagte noch Johannes: „Herr, was für Geister, als von Dir aus beordert, regieren denn jetzt die Unendlichkeit Deiner Schöpfungen? Der Haupt- und Urregent bist offenbar Du; aber an Deiner Seite stehen gleich unserem Raphael zahllose Legionen mächtigster Engel. Sind diese es, die Dir in der Besorgung Deiner endlosen Schöpfungen dienen nach Deinem Willen, oder gibt es noch endlos viele andere? Was werden die dann machen, so dereinst wir die Gnade haben werden, an Deiner Seite die unendliche Schöpfung mit zu besorgen?“
GEJ|7|129|7|0|Sagte Ich: „O du Mein liebster Johannes, du bist noch schwach und so recht kindisch in den Dingen des Reiches Gottes! Ist denn nicht der Geist Meines Vaters, der in Mir ist, der Regent der Unendlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! Alle die Engel sind erfüllt von diesem Geiste, der überall alles in allem ist und sein muß! So ihr vollendet sein werdet, werdet ihr etwa durch einen andern als nur durch Meinen Geist vollendet werden können?!
GEJ|7|129|8|0|Seht, es gibt wohl eine endlose Menge der geschaffenen Seelen; aber alle vollendeten Seelen durchdringt nur ein Geist, und sie haben durch ihn das ewige Leben, die Weisheit, die Liebe, die Macht und die Kraft, durch die sie dann gleich wie Ich wirken in den Himmeln, wie als Mitleiter der Welten und ihrer Geschöpfe in den materiellen und endlosen Raumgebieten.
GEJ|7|129|9|0|Doch das alles und noch endlos vieles andere wirst du erst dann einsehen und klar begreifen, wenn du vollendet sein wirst, was bald nach dem geschehen wird, wenn Ich von dieser Welt aufgefahren sein werde in Mein völlig Göttliches und auch in euer Göttliches oder zu und in Meinen Gott und zu und in euren Gott.
GEJ|7|129|10|0|Denn Ich Selbst muß zuvor völlig in Mir als in Gott als dem Vater von Ewigkeit sein, damit Ich euch dann Meinen Geist senden und geben kann. Wenn der kommen wird, so wird er euch erst in alle für euch jetzt noch unbegreiflichen Wahrheiten leiten, und ihr werdet dann das und noch Größeres tun, als was Ich Selbst nun tue. Wie aber das möglich sein wird, das wird euch eben Mein Geist, der eure Seelen verklären wird, lehren.
GEJ|7|129|11|0|Nun aber fangen auch die andern hier Anwesenden an, sich zu regen und werden sich auch bald auf die Beine machen, und die Sonne taucht soeben über den Horizont herauf; darum verhalten wir uns nun ein wenig in der Ruhe und betrachten die Erscheinungen, die sich bei Gelegenheit der aufgehenden Sonne zwar oftmals zu ereignen pflegen, aber dabei doch den Charakter der Neu- und Seltenheiten in sich tragen wie kaum eine andere Erscheinung in der Natur dieser Erde!
GEJ|7|129|12|0|Da von unten herauf kommen auch schon die drei Magier, die in der Nacht, als wir uns zur nötigen Ruhe begeben hatten, sich dennoch hinab zu den Ihrigen in die Stadt begeben und ihnen noch ein paar Stunden lang von dem erzählt haben, was sie hier alles gesehen, erfahren und gehört haben. Die drei Menschen werden uns heute gegen etliche blinde Pharisäer, die heute nachmittag als ungeladene Gäste von Jerusalem nach Emmaus kommen werden, noch ganz gute Dienste leisten und werden mit dem vollkommenen Menschen aus dem tiefen Hinterägypten ganz gute Freunde werden. Doch nun eine kleine Ruhe!“
GEJ|7|129|13|0|Wir verhielten uns nun ganz ruhig, und die anderen Gäste wurden immer wacher und unruhiger.
GEJ|7|130|1|1|130. — Der Abzug nach Emmaus
GEJ|7|130|1|0|Es kam nun auch unser Lazarus in Gesellschaft Raphaels aus dem Hause. Er ging nun gleich auf uns zu und wollte reden; aber Raphael gab ihm einen Wink und sagte, daß Ich noch ein wenig ruhen wolle. Da hielt Lazarus inne und wartete ab, bis es Mir genehm sein würde. Aber es dauerte Meine Ruhe nur noch etliche Augenblicke, und Ich berief dann Selbst den Lazarus zu Mir und sagte zu ihm ganz einfach, daß er nun vor allem für ein gutes und ganz reines Morgenmahl Sorge tragen möge. Solches tat er auch auf der Stelle und setzte sein ganzes Haus in vollste Bewegung. Es dauerte natürlich keine volle Stunde, und das Morgenmahl war bereitet.
GEJ|7|130|2|0|Raphael hatte ihn bei dieser Gelegenheit sehr unterstützt, doch diesmal auf eine viel natürlichere Weise denn sonst, und so ging es Lazarus auch schneller vonstatten als sonst irgendwann, da er ganz auf dem natürlichen Wege solch ein bedeutendes Mahl herstellte.
GEJ|7|130|3|0|Doch ganz auf dem übersinnlichen Wege durfte das heute der Magier wegen nicht geschehen, da sie nun auf alles ein scharfes Auge richteten, wo sie merkten, daß die Sache irgend hintergründlich von Mir ausgehen dürfte.
GEJ|7|130|4|0|Als sich das Morgenmahl in der besten Ordnung auf den Tischen befand, da kam der Wirt des Lazarus und winkte ihm, daß das Morgenmahl bereits auf den Tischen stehe.
GEJ|7|130|5|0|Lazarus aber gab Mir den Wink; aber Ich sagte zu ihm: „Bruder, das hätte Ich auch ohne deinen Wink verstanden; aber es war der Wink dennoch gut der Fremden wegen, und so erheben wir uns und gehen ins Haus, um das Morgenmahl einzunehmen!“
GEJ|7|130|6|0|Als Ich das gesagt hatte, erhob Ich Mich denn auch sogleich mit den drei vorbenannten Jüngern, ging in den großen Speisesaal, und alle Anwesenden folgten auf den Ruf des Lazarus Meinem Beispiel.
GEJ|7|130|7|0|Einige Meiner Jünger meinten unter sich, was Ich denn heute etwa doch vorhaben möge, daß da nun alles so mit einer gewissen Eile vor sich gehe. Doch sie bekamen auf solche leeren Fragen von Mir durchaus keine Antwort, – kurz, Ich saß am Tische, aß und trank und gab niemandem eine Antwort auf was immer für eine Frage.
GEJ|7|130|8|0|Als Ich bald mit dem Morgenmahle fertig war, da fragte Mich denn auch unser Agrikola, sagend: „Aber, Herr und Meister, ich begreife Dich heute gar nicht! Sonst warst Du stets so gelassen und geduldig, doch heute geht bei Dir alles mit einer solchen Hast vor sich, daß Du Dir gar nicht einmal die Zeit nimmst, Dein Morgenmahl mit Deiner mir schon bekannten Ruhe zu genießen! Was hast Du denn heute so ganz eigentlich vor?“
GEJ|7|130|9|0|Sagte Ich: „Ich habe es euch ja doch schon gestern gesagt, daß Ich heute bei Nikodemus in Emmaus sein will und aus Mir allein bekannten Gründen auch sein muß. Aber es ist der Weg dahin für so viele, wie wir nun da beisammen sind, ein wenig beschwerlich; denn wir dürfen aus klugen Rücksichten nur auf verschiedenen Wegen in Gruppen von höchstens zehn Personen dahin gehen. Ziehen wir auf einmal in einer Karawane dahin, so wird das den Templern bald verraten, und Ich bin gestört, heute das zu wirken, was Ich zu wirken habe. Ich werde darum mit Meinen Jüngern, aber nur mit den dreien, vorausgehen, und das auf einem ganz ungewöhnlichen Wege, um von diesen Templern sicher nicht bemerkt zu werden; ihr aber teilet euch in Gruppen ab, wie Ich es euch angezeigt habe, und ziehet auf verschiedenen Wegen dahin, und nach Verlauf von zwei Stunden sind wir alle im Hause des Nikodemus beisammen.
GEJ|7|130|10|0|Ich wiederhole es euch allen noch einmal und sage: Seid klug wie die Schlangen, aber dabei im Herzen dennoch sanft wie die Tauben; denn da unten haust eine wahre Schlangenbrut und ein Natterngezüchte, und die müssen mit ihresgleichen gebändigt werden! Verstehet und begreifet das alle wohl, und richtet euch alle danach, und ihr sollet heute einen segenvollsten Tag durchlebt haben zum größten Segen für eure Seelen! Aber Ich werde nun sogleich abgehen. Mit Mir gehen Petrus, Jakobus und Johannes. Mein Diener Raphael und Lazarus aber geleiten unsere Sklavenjungen dahin. Wenn ihr drei Indier nun auch gleich mit Mir gehen wollet, so könnet ihr euch gleich auf den Weg machen!“
GEJ|7|130|11|0|Als die drei solches vernahmen, standen sie freudigst von ihren Sitzen auf und machten sich mit Mir sogleich auf den Weg.
GEJ|7|130|12|0|Als Agrikola das sah, fragte er Mich, ob es etwas ausmache, so auch er gleich mit Mir nach Emmaus zöge; die anderen Römer aber würden allein dahin eines andern Weges gehen.
GEJ|7|130|13|0|Sagte Ich: „Wie es dir genehm ist; aber dann ist unsere Anzahl auch schon groß zur Genüge.“
GEJ|7|130|14|0|Darüber hatte Agrikola eine große Freude.
GEJ|7|130|15|0|Wir gingen nun sogleich ab, zogen vom Ölberge hinab und befanden uns bald auf der großen nach Emmaus führenden Straße, die an diesem Tage als an einem Freitage sehr wenig begangen ward.
GEJ|7|131|1|1|131. — Auf dem Wege nach Emmaus
GEJ|7|131|1|0|Als wir Jerusalem völlig hinter dem Rücken hatten und nahe an die Säule gekommen waren, die von Raphael dahin gestellt worden war, da begegneten uns zwei arme Menschen, die nach Jerusalem gingen, um sich dort ein Almosen zu erbetteln. Von diesen beiden war der eine stockblind, der andere aber war sehend und führte den Blinden. Beide aber sahen sehr elend aus und baten uns, ob wir nicht geneigt wären, ihnen ein Almosen zu geben; denn sie seien gar sehr arm und elend.
GEJ|7|131|2|0|Sagte Ich zu ihnen: „Saget Mir: Was wäre euch denn lieber, Gesundheit und Kraft, daß ihr dann anstatt des Bettelns wieder arbeiten und euch euer Brot verdienen könntet, oder: wir geben euch ein angemessenes Almosen?“
GEJ|7|131|3|0|Sagten beide: „Herr, wir kennen dich nicht! Wenn du imstande wärest, uns das erste zu geben, so wäre uns das um gar vieles lieber; aber weil das wohl sicher ganz unmöglich ist, so bitten wir euch denn doch um ein Almosen nach eurem Belieben.“
GEJ|7|131|4|0|Sagte Ich: „So ihr glauben könntet, da wäre bei euch wohl auch das erste möglich!“
GEJ|7|131|5|0|Sagte der Blinde: „Daß bei Gott alle Dinge möglich sind, das wissen und glauben wir beide; aber Gott wirket nun keine Wunder mehr, weil die Menschen zu schlecht und boshaft geworden sind, vom Hohenpriester angefangen bis auf uns herab. Denn Gottes Gebote hat man verworfen und andere, schlechte und elende, dafür gemacht und gegeben; sind aber die Gesetze schlecht, so werden auch also die Menschen, die die schlechten Gesetze beachten müssen, schlecht, – denn wie die Lehre, so der Glaube und so auch die Erkenntnisse der Menschen. Die Menschen haben sonach Gott verworfen und verehren nun wieder das goldene Kalb, und so hat sie auch Gott verworfen und wird bald über sie ein böses Gericht ergehen lassen; denn dieser mein Führer, der sehend ist, hat mir die Zeichen der vorgestrigen Nacht beschrieben, und diese deuteten wahrlich auf nichts Gutes für die von Gott völlig abgefallenen Menschen. Und so siehe, du nach deiner Stimme freundlicher Mann, wie Gott nun in dieser bösen Zeit wohl sicher gar keine Wunder mehr wirken mag, kann und will!“
GEJ|7|131|6|0|Sagte Ich: „Mensch, du hast zwar das Licht deiner Augen schon vor zehn Jahren durch die Bosheit deines eifersüchtigen Nachbarn verloren, wie auch durch seine bösen Ränke dein Hab und Gut, doch das Licht deines Herzens hast du wohl bewahrt, und so sollst du nun auch das Licht deiner Augen wieder erhalten! Ich will, daß du wieder sehest und deine volle Körperkraft besitzest!“
GEJ|7|131|7|0|In diesem Augenblick ward der Blinde vollkommen sehend und hatte auch seine volle Manneskraft wieder. Er war aber derart überrascht, daß er sich kaum zu fassen imstande war.
GEJ|7|131|8|0|Nach einigen Augenblicken fiel er vor Mir auf die Knie nieder und sagte mit sehr gerührter, aber doch männlicher Stimme (der geheilte Blinde): „Herr, wer du auch sonst seiest, das weiß ich nicht; aber daß du mich nun sehend gemacht hast, das weiß ich! Dazu aber gehört mehr, als nur ein Arzt nach unserer Menschenweise zu sein. Du hast keiner Salbe benötigt, rührtest meine Augen auch mit gar keinem Finger an, sondern du wolltest bloß, und ich ward sehend. Herr, das heißt soviel als: mit dem Geiste Gottes gleich den alten und größten Propheten erfüllt sein! Ja, Herr, du hast mir nun das wunderbar getan; was soll ich dir aber als ein Armer entgegentun?“
GEJ|7|131|9|0|Sagte Ich: „Sonst nichts als: Halte die Gebote Gottes, und gehe hin und arbeite, bleibe im Lande, und ernähre dich redlich! Und du, sein gewesener Führer, tue desgleichen, und werde darum kräftig und gesund!“
GEJ|7|131|10|0|Auch dieser, der etwas lahm war, fühlte sich plötzlich völlig gesund und kräftig, dankte Mir auch auf den Knien und fragte Mich dann, sagend (der geheilte Lahme): „Herr, du wunderbar großer Prophet, da du so Wunderbares wirkest und wohl gewußt hast, wie mein Gefährte um sein Augenlicht gekommen ist, so wirst du uns auch anzeigen können, wohin wir uns nun wenden sollen, um gegen einen mäßigen Lohn eine Arbeit zu bekommen; denn es ist bei diesen Zeiten nun schwer, bald irgendwo eine Arbeit zu bekommen!“
GEJ|7|131|11|0|Sagte Ich: „So ziehet nach Bethania zu Lazarus, und saget seinen nun allein daheim seienden beiden Schwestern, was euch begegnet ist, und daß Ich euch hinsende, und ihr werdet darauf sofort aufgenommen und bedienstet werden! Nun aber erhebet euch und tut, was Ich euch geraten habe!“
GEJ|7|131|12|0|Darauf dankten die beiden noch einmal, erhoben sich vom Boden und zogen weiter.
GEJ|7|131|13|0|Auf dem Wege nach Bethania berieten sie sich sehr über Mich, wie auch über die, welche mit Mir waren, wer etwa doch Ich, und was und wer die andern wären. Von Mir hielten sie, daß Ich ein großer Prophet, etwa der wiedergekommene Elias sei. Doch über das sehr charakteristische Was-sein Meiner Gefährten kamen sie nicht ins klare und verschoben alles auf die Ankunft in Bethania.
GEJ|7|131|14|0|Ich aber hatte nun eine rechte Not mit den drei Magiern; denn für sie war das das erste Zeichen, das sie Mich wirken sahen.
GEJ|7|131|15|0|Und der erste Magier sagte: „Herr, nun sehe ich, daß Du ein Gott sein mußt; denn solch eine Tat ist allein nur einem Gott möglich!“
GEJ|7|131|16|0|Ich aber sagte auf dem Wege nach Emmaus: „Seid ruhig doch, ihr redet nun also, dieweil ihr nicht wisset, was im Menschen ist; doch in Emmaus werdet ihr heute das schon noch näher kennenlernen!“
GEJ|7|131|17|0|Da fragten die drei um nichts Weiteres.
GEJ|7|132|1|1|132. — Der Herr und die Bettlerin
GEJ|7|132|1|0|In der Nähe von Emmaus kam uns wieder eine Bettlerin entgegen und fing an, ganz jämmerlich zu schreien, daß sie, wie wir sähen, eine höchst arme Witwe und Mutter von zwei Kindern sei, die sie schwer auf ihren Armen, von Ort zu Ort bettelnd, herumtragen müsse, um doch so viel Almosen zu bekommen, um sich und den zwei Kindern nur die allernotdürftigste Nahrung zu verschaffen. Wir möchten sie doch nicht unbeteilt weiterziehen lassen.
GEJ|7|132|2|0|Sagte Ich zu ihr: „Aber warum schreist du denn gar so unbändig? Wir sind ja nicht taub und können dir auch dann etwas tun, wenn du bescheidener und stiller deine Bitte vorbringst!“
GEJ|7|132|3|0|Sagte das Weib: „Herr, das habe ich auch getan; aber es sind nun bei den meisten Menschen die Herzen steinhart und taub geworden und achten der Bescheidenheit der Armut nimmer. Nur mit einem lärmenden Ungestüm schreckt man manchmal doch noch jemandem ein karges Almosen heraus, und das ist der Grund, warum ich meine Bitte an euch so laut vorgebracht habe.“
GEJ|7|132|4|0|Sagte Ich: „Du gefällst Mir als eine wirklich Arme zwar wohl, aber so ganz recht doch noch lange nicht, und das darum, weil dir das Herumbetteln lieber ist als das Arbeiten. Denn siehe, du hast noch lange keine dreißig Jahre Alters, bist stark und gesund und könntest wohl noch arbeiten und dir und deinen Zwillingen das Brot erwerben; aber dir gefällt das Betteln besser als das Arbeiten, und so hast du dich in dein Gewerbe ganz gut einstudiert, um den gewöhnlichen Weltmenschen ein Almosen herauszulocken. Aber bei Mir gelten jedoch derlei Armutsanzeigekünste gar nichts, sondern ganz allein nur die lichte Wahrheit. Zudem muß Ich dir aber noch etwas sagen!“
GEJ|7|132|5|0|Sagte das Weib: „Na, mein bester Freund, da wüßte ich wahrlich nicht, was du mir noch zu sagen hättest!“
GEJ|7|132|6|0|Sagte Ich mit einer freundlich ernsten Stimme: „O Meine Liebe, wohl noch so manches und recht vieles! Ich will dir zwar helfen, wenn du dich besserst und von deinem Sündigen ablässest, – tust du aber das nicht, so helfe Ich dir auch wahrlich nicht! Und würdest du noch hundertmal ärger schreien, als du diesmal geschrien hast, so würde Ich dich doch nie mehr anhören! Verstehe Mich ja wohl, was Ich dir nun sagen werde!
GEJ|7|132|7|0|Sieh, du trägst auf dem Rücken ein Bündel! Was ist darinnen verborgen? Sieh, da hast du ein ganz schönes Kleid aus persischer Seide, das dich ein Pfund reinen Silbers gekostet hat, zur Zeit, als du noch vermögend warst! Wenn du in eine Herberge kommst, da legst du deine Zwillinge zur Ruhe, ziehst dann das schöne Kleid an, erscheinst dann als ein sehr reizendes und üppiges Weib und suchst dich als eine Fremde an jemanden zu verkaufen. Wenn aber dann der neue Tag erwacht, dann siehst du wieder gerade so aus wie jetzt und schreist alle Menschen um ein Almosen an. Sage nun selbst, ob das vor Gott und den Menschen je recht sein kann! Ich verdamme dich aber darum noch nicht, sondern Ich frage dich um dein ganz eigenes Urteil. Rede! Was kannst du Mir darauf erwidern?“
GEJ|7|132|8|0|Auf diese Meine Anrede ward die unverschämte Bettlerin ganz verlegen und wußte nicht, was sie darauf hätte erwidern sollen.
GEJ|7|132|9|0|Nach einer kleinen Weile der Fassung ihres etwas schlüpfrigen Gemütes sagte sie (die Bettlerin): „Aber, Herr, ich habe dich noch nie gesehen oder irgendwo gesprochen! Wie kannst du wohl darum wissen? Ich muß bei dir nur durch ein paar geheime, eben bei dir seiende Kundschafter verraten worden sein! Ja ja, es ist wohl leider also; aber was kann eine arme, verlassene Witwe darum, wenn sie manchmal in der Not sich zu Sachen herbeiläßt, die freilich vor Gott nicht in der Ordnung sein können? Aber darum ist die arme Witwe in meiner Person auch noch lange nicht schlecht; denn man sehe sich die Weiber der Pharisäer, der Schriftgelehrten und auch sogar der Leviten an, die doch vor Gott stets alle rein sein sollen, und man wird ganz andere Gründe bekommen, sie zurechtzuweisen denn mich, die ich oft von der Not derart geplagt werde, wie du dir nicht leichtlich einen Begriff machen kannst! Übrigens gestehe ich das ganz offen ein, daß du über mich die volle Wahrheit geredet hast; doch hilf mir, und ich werde wohl niemals mehr zu solch elenden Erhaltungsmitteln meine Zuflucht nehmen! Freund, richten und auch strafen ist leicht; aber helfen will niemand!“
GEJ|7|132|10|0|Sagte Ich: „Wahrlich, Ich will dich weder richten und noch weniger strafen, obwohl Ich sehr die Macht dazu hätte; aber es ist an dir der Fehler, daß dir die etwas schwerere Arbeit nicht ebenso schmeckt wie solch ein mehr liederliches und bestimmungsloses Leben! Und darin liegt hauptsächlich der Grund, daß du nun so arm und dürftig bist, und Ich habe dir das eben darum vorgehalten, daß du dich einmal ernstlich bessern sollst; denn so unschlüssigen Gemütern hilft Gott nicht. Hast du denn Gott noch nie so recht ernstlich und vertrauensvoll gebeten, daß Er dir helfen möge?“
GEJ|7|132|11|0|Sagte die Bettlerin: „Ach, Freund, höre mir mit dem tauben und unbarmherzigen Gott der Juden nur gleich auf; denn eher erhört unsereins noch ein Stein als dein Gott! Wenn ich zu den oft noch so unbarmherzigen Menschen um ein Almosen schreie, so werden sie auf mich doch aufmerksam und schenken mir irgendeinen Zehrpfennig; aber dein Gott ist ja tauber denn ein Stein!“
GEJ|7|132|12|0|Sagte Ich: „O mitnichten, das ist Gott durchaus nicht; aber du hast Gott noch nie irgend recht erkannt, an Ihn nicht geglaubt und Ihn noch weniger je geliebt und hast dich darum auch nie ernstlich mit einer rechten Bitte an Ihn gewandt, daß Er dir helfe aus deiner Not. Gott aber hat dich eben darum mit der Not heimgesucht, damit du in der Not Gott suchen sollst; und wo du es am wenigsten denkst, kommt dir Gott entgegen, um dir wahrhaft zu helfen, – und dennoch sagst du, daß Gott härter und tauber sei denn ein Stein!
GEJ|7|132|13|0|Sieh, da tust du Gott ein Unrecht an, und Er richtet dich darum dennoch nicht, sondern Er will dir wahrhaft helfen – leiblich und seelisch –, damit du nicht zugrunde gehest für immerdar auch an deiner Seele!
GEJ|7|132|14|0|Als du noch ledigen Standes warst und deine Eltern noch lebten, da warst du ein recht braves und auch recht gläubig gottesfürchtiges Kind, und Gott und deine Alten hatten eine rechte Freude an dir. Du wurdest reif, und ein recht braver Mann freite um dich und nahm dich zum Weibe. Doch als Weib warst du nur zu bald nicht mehr das, was du ehedem als Mädchen warst.
GEJ|7|132|15|0|Deinen Mann liebtest du nicht, wurdest auch gegen deine Eltern hart und machtest ihnen Vorwürfe, weil sie dich einem Manne zum Weibe gaben, den du nicht lieben konntest. Dadurch härmten sich deine schon ohnehin alten und kranken Eltern so sehr ab, daß sie starben. Du warst dann noch schroffer gegen deinen Mann, so daß er dadurch auch zu siechen begann, sich dem Trunke ergab, dadurch auch in Verarmung kam, in eine Krankheit fiel und starb, und du wurdest dadurch eine arme Witwe.
GEJ|7|132|16|0|Diese drückende Armut aber ließ Gott darum über dich kommen, weil du fürs erste das Gebot Gottes brachst, das da den Kindern gebietet, daß sie ihre Eltern ehren und lieben, damit sie lange leben und es ihnen wohl gehe auf Erden, und fürs zweite, weil du den dir von den Eltern bescherten braven Mann nicht liebtest und ihm eine bittere Stunde um die andere bereitetest.
GEJ|7|132|17|0|Seitdem ist nun schon ein Jahr verflossen, und du hast noch nicht daran gedacht, deine Fehler einzusehen und zu bereuen und Gott um Vergebung derselben zu bitten. Und dennoch sagst du, daß Gott härter und tauber sei denn ein Stein und Sich des Menschen nicht erbarme, wenn dieser auch noch so anhaltend zu Ihm bete. – Nun, was meinst du jetzt über die Unbarmherzigkeit Gottes?“
GEJ|7|132|18|0|Sagte ganz zerknirscht die Bettlerin: „Herr, wer du auch sein magst, dich hat wahrlich Gott mir entgegengesandt! Du hast mir nun ein rechtes Licht angezündet, und ich weiß nun, was ich tun werde: Dies elende Kleid in meinem Bündel werde ich verkaufen und mir um Geld ein Büßergewand kaufen; denn bis ich nicht solche meine Sünden werde abgebüßt haben, kann Gott von mir keine Bitte erhören!“
GEJ|7|132|19|0|Sagte Ich: „Das Bußkleid wird deine Sünden nicht tilgen; aber dein Seidenkleid kannst du schon verkaufen und dir dafür Brot anschaffen. Dein Bettelgewand ist ohnehin schon ein mehrfaches Bußkleid; bereue du nur in ihm deine Sünden und enthalte dich von künftigen, so werden dir auch deine alten, die du nicht mehr ungeschehen machen kannst, von Gott schon vergeben werden!“
GEJ|7|132|20|0|Sagte die Bettlerin: „Sage mir, du Freund, aber nun auch, wer du bist, daß du meinen Lebenslauf gar so genau zu erkennen vermochtest! Sage mir aber auch hinzu, was ich tun soll, damit mir von Gott meine Sünden vergeben werden! Bist du etwa ein Priester oder irgendein Prophet oder etwa gar ein Essäer, von denen die Rede ist, daß sie von jedem Menschen, der zu ihnen kommt, genau wissen, was er getan und gemacht hat, daß sie den Menschen auch von allen seinen Sünden lossprechen, die Kranken heilen und sogar die Toten erwecken können? Ich möchte das darum wissen, damit ich dir die gebührende Ehre geben kann!“
GEJ|7|132|21|0|Sagte Ich: „Dessen bedarf Ich von dir nicht! Tue du nur das, was Ich dir geraten habe, so wirst du Mich dadurch am besten ehren, sei Ich dann, was Ich sei! Und nun ziehe in Frieden weiter!“
GEJ|7|132|22|0|Hier bedankte sie sich für die Lehre; darauf beschenkten sie unser Agrikola und auch die drei Magier, und sie zog gen Jerusalem. Wir aber gingen auch weiter und kamen den Mauern von Emmaus nahe.
GEJ|7|133|1|1|133. — Die Bettelkinder aus Emmaus
GEJ|7|133|1|0|Als wir uns nahe dem Eingangstore befanden, da kamen uns aus dem Orte sieben beinahe ganz nackte Kinder von sechs bis elf Jahren Alter entgegen und baten uns um Brot, weil sie gar sehr hungrig seien.
GEJ|7|133|2|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Ja, ihr Meine lieben Kleinen, woher sollen wir da auf offener Straße Brot nehmen, um es euch zu geben?“
GEJ|7|133|3|0|Sagte das älteste Kind, ein Knabe: „O du lieber, guter Vater, wenn du dich unser nur erbarmen wolltest, so könntest du uns schon auch hier ein Brot und auch ein Gewand verschaffen! Im Orte gibt es Brot in großer Menge; aber so wir zu jemandem gehen und um Brot bitten, so treibt er uns mit Ruten weg und gibt uns kein Brot. Aber du und diese, die mit dir sind, sehen so gut aus, und so bitten wir euch, daß ihr uns Brot verschaffen möchtet!“
GEJ|7|133|4|0|Sagte Agrikola: „Meine lieben Kleinen, habt ihr denn keine Eltern, die euch Brot geben?“
GEJ|7|133|5|0|Sagte der Knabe: „Eltern haben wir, einen Vater und auch eine Mutter; aber sie sind beide sehr krank und können sich nichts verdienen, und so müssen wir für uns und für sie herum bitten gehen, damit wir und sie nicht ganz verhungern. O ihr lieben Väter, es ist wohl sehr traurig, gar so arm zu sein! Keine Wohnung, kein Brot und keine Kleidung!“
GEJ|7|133|6|0|Sagte Agrikola: „Wo halten sich denn eure kranken Eltern dann auf, wenn ihr keine Wohnung habt?“
GEJ|7|133|7|0|Sagte der Knabe: „Dort hinter dem Orte steht eine alte Schafhirtenhütte, die einem Bürger von hier gehört; der benützt sie nicht mehr, weil er sich eine neue erbaut hat, und er hat uns erlaubt, die alte zu bewohnen. Kommet nur mit uns und überzeuget euch selbst von unserer großen Not!“
GEJ|7|133|8|0|Sagte wieder Agrikola: „Aber es wohnt hier ja ein gewisser Nikodemus, der ein guter Vater sein soll! Waret ihr noch nie bei ihm?“
GEJ|7|133|9|0|Sagte der Knabe: „Ja, den kennen wir wohl und haben schon viel Gutes von ihm gehört; aber wir getrauen uns nicht hin, weil er ein gar zu hoher und großer Herr ist. Es befinden sich noch mehrere so große Herren hier, die sicher auch recht gute Väter sein werden; aber es nützt uns das nichts, weil wir uns nicht zu ihnen zu gehen getrauen.“
GEJ|7|133|10|0|Sagte Agrikola: „Ja, wir könnten ja auch große Herren sein, und ihr habt euch dennoch getraut, uns anzureden!“
GEJ|7|133|11|0|Sagte der Knabe: „Dazu hat uns der große Hunger getrieben und weil ihr ein sehr mildes und barmherziges Aussehen habt! Wenn wir den Nikodemus nur einmal auch auf der Straße antreffen könnten, so möchten wir ihn schon auch anreden; aber er ist ja meistens in der Stadt, und da wissen wir seine Wohnung nicht und getrauen uns in unserer Nacktheit auch nicht in die Stadt, denn es könnte uns darin ein Leid geschehen.“
GEJ|7|133|12|0|Sagte Ich zu den Kindern: „Seid getrost, Meine Kleinen, es soll euch geholfen werden! Führet uns aber nun zu euren kranken Eltern hin! Ich werde ihnen helfen, und wir werden auch für Brot und für eine rechte Bekleidung sorgen!“
GEJ|7|133|13|0|Sagten alle Kinder: „Wir haben zu Gott gebetet alle Tage, daß Er uns helfen möge, und als wir heute morgen wieder gebetet haben, da kam es uns vor, als ob wir eine Stimme vernommen hätten, die da sagte: ,Heute noch soll euch geholfen werden!‘ Das erzählten wir den kranken Eltern, und diese sagten: ,Bei Gott ist alles möglich; doch uns wird nur der Tod am sichersten helfen!‘ Wir vertrösteten unsere armen Eltern, so gut wir nur immer konnten, und gingen auf unser Betteln aus. Und seht, ihr lieben, guten Väter, wir haben nicht umsonst gebetet, denn euch hat der große, heilige und liebe Vater im Himmel zu uns geschickt! Oh, wir müssen aber nun gleich, bevor wir noch einen Schritt zurück zu unseren Eltern tun, dem lieben Vater im Himmel danken, daß Er Sich unser so gnädig erbarmt hat!“
GEJ|7|133|14|0|Hier knieten die Kleinen nieder und beteten mit aufgehobenen Händen also zum Himmel empor: „O Du großer, lieber, guter und heiliger Vater im Himmel, wir danken Dir, daß Du uns in diesen uns von Dir zugesandten Vätern aus unserer Not geholfen hast! Nimm diesen unsern Dank gnädig an, o Du lieber, guter, heiliger Vater!“
GEJ|7|133|15|0|Danach standen sie auf und baten uns, ihnen folgen zu wollen.
GEJ|7|133|16|0|Wir gingen, selbst tief gerührt von dem kurzen Dankgebet der Kleinen, ihnen nach und erreichten bald die vorbezeichnete Hütte, die sich unter einem stark vorspringenden Felsen befand. Allda angelangt, fanden wir die beiden Alten auf dem blanken Boden zusammengekauert und beinahe bis auf die Knochen abgemagert.
GEJ|7|133|17|0|Als Agrikola diese zwei Menschen im größten Elend ersah, ward er ganz erregt und sagte: „Nein, so etwas findet man bei uns als hart und unbarmherzig verschrienen Heiden nicht! Hätten denn diese trägen Juden nicht so viel Zeit, sich dann und wann herauszubemühen und nachzusehen, ob sich da nicht irgendein elender und der Hilfe bedürftiger Mensch aufhält? Es gibt ja auch Hirten in der Nähe; könnten wenigstens diese nicht einmal nachsehen kommen, was diese Menschen hier machen, da sie ja doch diese Kinder oft aus und ein gehen gesehen haben müssen? Ach, so eine Gefühllosigkeit ist mir ja doch noch nie vorgekommen!“
GEJ|7|133|18|0|Sagte Ich: „Weißt du, Freund, jetzt werden wir diesen Menschen zuerst helfen und dann erst das Weitere besprechen!“
GEJ|7|134|1|1|134. — Der Herr bei der armen Familie
GEJ|7|134|1|0|Hierauf wandte Ich Mich zu den Kranken und sagte zu ihnen: „Wie seid ihr in solches Elend geraten? Saget es derentwegen, die hier mit Mir gekommen sind!“
GEJ|7|134|2|0|Sagte der von der Gicht ganz verkrüppelte Mann: „Herr, wir sind allzeit arme Menschen gewesen und verdienten uns unser Brot mit der Arbeit unserer Hände, und es ging uns dabei ganz gut; aber vor drei Jahren kamen wir zu der Gicht, ich zuerst, dann später auch dies mein Weib, weil sie sich mit der Arbeit zu sehr anstrengen mußte. Bis zu den Osterfesten dieses Jahres hatten wir eine Unterkunft im Orte; aber unser Wohltäter starb, und es kam ein anderer Herr ins Haus, der uns als ihm nutzlose Menschen nicht länger im Hause behalten wollte. Wir versuchten, bei anderen Menschen eine Unterkunft zu erbetteln; aber es wollte uns niemand unserer Krankheit und der Kinder wegen nehmen. Es blieb uns nichts übrig, als diese uns eingeräumte Hütte zu beziehen, um nicht ganz im Freien zu sein und nicht einmal einen Schutz gegen Regen und andere Ungewitter zu haben. Daß sich unsere Krankheit in dieser Hütte nicht gebessert, sondern nur von Tag zu Tag verschlimmert hat, das zeigt unser Aussehen. Daß wir beinahe ganz aller Kleidung ledig sind, rührt daher, weil wir das wenige, was wir noch hatten, verkaufen mußten, um uns ein wenig Brot anschaffen zu können. Aber jetzt sind wir mit allem fertig geworden und sind dem Hungertode ausgestellt, wenn keine Hilfe kommt. Gott dem Allweisesten und Allmächtigen sei das alles aufgeopfert; Er wird es wohl wissen, warum Er uns in ein solches Elend hat kommen lassen!
GEJ|7|134|3|0|Hiob hat nach der Beschreibung viel auszustehen gehabt, aber wir sicher noch mehr! Denn leiden haben wir schon von Kindheit an müssen und der frohen Tage wenige erlebt; und nun, da wir schon etwas älter geworden sind und mühseliger von Natur aus, sind wir erst so recht auf die höchste Stufe alles irdischen Unglücks gelangt! Wenn ihr, liebe Herren, uns nur in etwas helfen könnet, so erbarmet euch unser und helfet uns! Der Herr im Himmel wird es euch sicher vergelten.“
GEJ|7|134|4|0|Sagte Ich: „Darum sind wir ja eben hierher gekommen, um euch die von euch ersehnte Hilfe zu bringen! Merket euch aber das: Die Gott liebhat und zu großen Dingen bestimmt hat im Reiche der Geister, die prüft Er auch mächtiger und stärker als irgendeinen andern Menschen, den Er nur für kleine Dinge bestimmt hat.
GEJ|7|134|5|0|Aber ihr habt nun die Zeit eurer irdischen Prüfung vollendet und sollet nun denn auch einmal glücklich sein auf dieser Erde noch und wohl erziehen eure sieben Kinder, die nun noch engelrein sind, damit sie als Männer in späterer Zeit nicht unrein werden. Mit dem aber sage Ich euch nun auch: Stehet auf und wandelt!“
GEJ|7|134|6|0|Im Augenblick erhoben sich die beiden Eltern als ganz vollkommen gesunde Menschen und bekamen auch gleich ein ganz natürlich gutes Aussehen.
GEJ|7|134|7|0|Sie staunten ungemein, und der Mann sagte: „O du wunderbarer Mann! Was hast du denn nun mit uns getan? Denn so gesund und kräftig waren wir ehedem ja ohnehin noch nie! Oh, wer und was bist du denn so ganz eigentlich, daß du solches vermagst? Du bist entweder ein großer von Gott gesandter Prophet, oder du bist ein verkörperter Engel; denn das ist bisher in Israel noch nicht erhört worden. Was für Arzneien haben schon so manche Gichtbrüchige gebraucht, und es wurde ihnen dennoch nicht besser, – und du sagtest zu uns bloß: ,Stehet auf und wandelt!‘, und wir sind im Augenblick vollkommen geheilt gewesen. Oh, lobet alle den Gott Israels, daß Er einem Menschen solch eine rein göttliche Macht gegeben hat!“
GEJ|7|134|8|0|Die sieben Kinder weinten auch vor Freude, als sie ihre Eltern so vollkommen gesund vor sich sahen wie vormals noch nie, und der älteste Knabe sagte: „O seht, ihr lieben Eltern, ich habe es ja gehört und euch auch oft gesagt: Wenn die Not am höchsten ist, dann ist auch die Hilfe Gottes für jene, die sie bei Ihm suchten, am nächsten gekommen. Und gerade heute hatte unsere irdische Not den höchsten Gipfel erreicht, – und die Hilfe von Gott ist auch schon da! Ihm, dem lieben, guten und heiligen Vater im Himmel, allen Dank, alles Lob und alle Ehre! Auf das Glück, daß unsere lieben Eltern nun wieder gesund und kräftig geworden sind, ist uns ordentlich unser früher so großer Hunger vergangen! Oh, wenn wir jetzt noch Kleidung von der dürftigsten Art hätten, so könnten wir uns ja recht bald wieder ein gutes Stück Brot verdienen!“
GEJ|7|134|9|0|Sagte Ich zum Knaben: „Gehe du hinter den Felsen, dessen grottenartiger Vorsprung euch bis jetzt zu einer Wohnung gedient hat! Dort wirst du drei Bündel finden; die bringe herein, und ihr werdet euch sogleich ganz gut bekleiden können!“
GEJ|7|134|10|0|Als der Knabe das vernommen hatte, da eilte er hinaus, begleitet von seinen Geschwistern, und sie brachten drei Bündel in die Hütte herein. Die Eltern lösten sie leicht auf und fanden darin Kleider für sich und für ihre Kleinen. Da gab es des Dankes, Lobes und der Freudentränen in Hülle und Fülle, und an Verwunderung von allen Seiten hatte es auch keinen Mangel.
GEJ|7|134|11|0|Aber diese Menschen hatten auch schon beinahe zwei Tage nichts gegessen und waren sonach hungrig.
GEJ|7|134|12|0|Und Ich sagte abermals zu den Kindern: „Kindlein, gehet nun noch einmal dorthin, wo ihr ehedem die Bündel mit den Kleidern gefunden habt! Alldort werdet ihr nun auch Brot und Wein finden; bringet alles herein, und stärket und sättiget euch damit!“
GEJ|7|134|13|0|Da eilten die Kleinen abermals hinaus und fanden in einem Korbe mehrere Laibe besten Brotes und mehrere Krüge voll eben auch des besten Weines. Sie brachten den Fund auch bald in die Hütte und sättigten und stärkten sich damit. Die Eltern sagten unter vielen Freudes- und Dankestränen, daß sie solch ein gutes Brot noch nie verkostet und solch einen guten Wein noch nie getrunken hätten. Es müßte Brot und Wein rein aus den Himmeln Gottes durch die Engel herbeigeschafft worden sein; denn auf Erden wachse und gedeihe so etwas rein himmlisch Gutes niemals, weil dazu die Menschen schon zu schlecht und gottvergessen seien.
GEJ|7|134|14|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Meine lieben Kinder, esset und trinket nun nur ganz sorglos und seid frohen Mutes; denn Gott hat euch stark geprüft, und ihr habt ohne Murren in voller Ergebung in den Willen Gottes alles, was da über euch gekommen ist, ertragen. Gott hat euch aber auch nun, wo eure Not das Vollmaß erreichte, auf eine wunderbare Art schnell geholfen, und diese Hilfe wird bei euch verbleiben nicht nur zeitlich bis ans Ende eures irdischen Lebens, sondern auch über das Grab hinaus für ewig! Warum ihr aber auf dieser Erde von Gott so stark geprüft worden seid, das werdet ihr im andern Leben erst zur Einsicht bekommen.“
GEJ|7|135|1|1|135. — Agrikola und die Hirten
GEJ|7|135|1|0|Als Ich solches zu diesen Armen geredet hatte, da kamen einige Hirten zu der Hütte, um nachzusehen, ob die Kranken etwa schon verstorben seien.
GEJ|7|135|2|0|Da sie aber unser ansichtig wurden, so wollten sie sich bald wieder entfernen; aber unser Agrikola trat schnell aus der Hütte, redete die Hirten an und sagte: „Habt ihr etwa diesen Armen Speise und Trank gebracht, oder wolltet ihr ihnen sonst helfen oder sie trösten?“
GEJ|7|135|3|0|Sagten die Hirten: „Herr, weder das eine, noch das andere, sondern wir kommen als Diener unseres Herrn, der ein strenger Mann ist! Er hat uns befohlen, heute nachzusehen, ob diese Familie noch darin hause, oder ob sie etwa schon gestorben sei. In jedem Falle müsse diese alte Hütte noch heute geräumt werden, da er für den ersten Tag nach dem Sabbat schon Bauleute bestellt habe, die diese alte Hütte umbauen sollen, darum dieses arme und nackte Gesindel hinausgeschafft werden müsse.“
GEJ|7|135|4|0|Sagte Agrikola: „Daß ihr nach dem Willen eures Dienstgebers handelt, das kann ich euch nicht verargen; aber ihr wußtet doch, welche Not diese Familie gelitten hat! Warum tatet ihr dieser armen Familie denn nie etwas Gutes?“
GEJ|7|135|5|0|Sagten die Hirten: „Herr, wir haben für uns zu sorgen genug, um unser Leben durchzubringen! Wie sollen wir da noch für andere Arme sorgen? Unser Dienstherr ist ein zu karger Mensch, als daß er uns, seinen Dienern, so viel zukommen ließe, daß wir davon noch andern Armen etwas zukommen lassen könnten. Wir selbst haben kaum zu leben, – wie könnten wir da noch andere leben lassen?!“
GEJ|7|135|6|0|Sagte Agrikola: „Tut mir recht leid um euch! Sieh, du Wortführer, dieser Familie ist nun auf einmal mehr denn königlich geholfen – und jedem ihrer Wohltäter wäre desgleichen für immer geholfen gewesen! Aber da ihr gleich eurem Dienstherrn harten und gefühllosen Herzens waret, so habt ihr auch von uns aus keinen Lohn zu gewärtigen. Übrigens saget das auch eurem Dienstherrn, daß ich als ein höchster, reichster und mächtigster Römer aus Rom, so er diese arme Familie besser versorgt hätte, ihm hier anstatt eine neue Hütte einen königlichen Palast hätte erbauen lassen und ihm dazu noch zehntausend Morgen Land geschenkt hätte! Nun aber mag und kann er für seine Barmherzigkeit mit euch den Lohn teilen, den ihr nun überkommen habt. Schämet euch, ihr Juden, die ihr euch ,Kinder Gottes‘ nennet, daß wir Heiden euch an der Barmherzigkeit himmelhoch übertreffen! Wie heißt denn euer sauberer Herr, und was ist er denn?“
GEJ|7|135|7|0|Sagte ganz verdutzt der eine Hirte: „Unser Herr ist ein überreicher Bürger von Jerusalem und heißt Barabe; sonst ist er nichts.“
GEJ|7|135|8|0|Sagte Agrikola: „Ganz gut! Saget ihm, daß diese arm gewesene Familie nun sogleich mit uns fortziehen wird, und ihr und euer schöner Herr könnet dann mit dieser Hütte machen, was ihr wollet; daß ihr aber damit kein Glück haben werdet, dafür stehe ich euch gut! Und nun wartet noch ein wenig, damit ihr die arme Familie fortziehen sehet und eurem schönen Dienstherrn die Nachricht geben könnet, daß die Hütte völlig geräumt ist!“
GEJ|7|135|9|0|Agrikola trat nun wieder in die Hütte, und die Hirten sahen einander groß an, und einer sagte: „Da sehet nun! Ihr habt mich meines euch erzählten Traumes dieser armen Familie wegen verlacht und habt über mich noch geschmollt, als ich ein paarmal mein karg zugemessenes Brot mit den nackten Kindern geteilt habe, und habt sie später, wenn sie wieder zu mir kommen wollten, bedroht und davongetrieben. Da habt ihr's nun! Ich habe es immer gesagt: Mit dieser Familie geschieht noch einmal ein Wunder, und es wäre gut, ihr nun etwas Gutes zu tun! Aber da lachtet ihr; und nun lache ich bloß darum, weil ihr für euren glänzenden Verstand einen so guten Lohn bekommen habt!“
GEJ|7|135|10|0|In dieser Weise redeten die Hirten noch eine Weile, bis wir uns samt der nun ganz wohl gekleideten Familie aus der Hütte auf den Weg machten. Als die Hirten der nun ganz wohl und stattlich aussehenden Familie ansichtig wurden, da verwunderten sie sich sehr; denn es fiel ihnen die volle Genesung auf.
GEJ|7|135|11|0|Der älteste Knabe aber ging zu dem einen gutherzigen Hirten hin und sagte: „Was du in der Hütte antreffen wirst, das gehört dir!“
GEJ|7|135|12|0|Es verblieb nämlich in der Hütte der Korb mit noch einem Laib Brot und mit einem Kruge voll Wein, und in den Tüchern, in denen die Kleider eingebunden gewesen waren, waren etliche Goldstücke von großem Wert eingewickelt.
GEJ|7|135|13|0|Als wir einige Schritte fürbaß waren, wollten auch die anderen Hirten in die Hütte mitgehen und mit ihm das Hinterlassene teilen.
GEJ|7|135|14|0|Agrikola merkte das, kehrte schnell um und sagte zu den kecken Hirten: „So ihr es waget, diesem einen Gutherzigen nur einen Brosamen wegzunehmen, so lasse ich euch heute noch kreuzigen! Verstehet mich wohl! Ein Römer hält sein Wort!“
GEJ|7|135|15|0|Als die Hirten diese Sentenz vernahmen, flohen sie von dannen.
GEJ|7|135|16|0|Zu dem einen Hirten aber sagte Agrikola: „Nimm, was du finden wirst, und ziehe in den Ort; denn fortan wirst du nicht mehr zu dienen nötig haben!“
GEJ|7|135|17|0|Mit dem begab sich Agrikola wieder zu uns, und wir zogen nun in den Ort. Am Tore warteten schon viele, die uns vom Ölberge nachgekommen waren, und begrüßten uns.
GEJ|7|135|18|0|Agrikola aber sagte, gleich auf die arme Familie hindeutend: „Des Herrn Schritte sind stets voll Wunder und Wohltaten!“
GEJ|7|136|1|1|136. — Das Gespräch des Herrn mit Nikodemus über die Armen
GEJ|7|136|1|0|Hier ersahen uns auch Nikodemus und sein Freund Joseph von Arimathia, und sie eilten uns entgegen.
GEJ|7|136|2|0|Als die beiden zu Mir kamen, da begrüßten sie Mich auf das freundlichste, und Nikodemus sagte: „O Herr, welch ein Segen für diesen Ort, daß auch Du ihn besuchst! Ich hatte wohl eine Ahnung, als möchtest Du heute hierher kommen, – und siehe, meine Ahnung ist in Erfüllung gegangen! O Herr, dürfte ich Dich zu mir in mein Haus laden, um bei mir das Mittagsmahl einzunehmen?“
GEJ|7|136|3|0|Sagte Ich: „Freund, wir sind unser viele und könnten in deinem Hause kaum Raum in rechter Genüge finden; zudem wirst du am Nachmittage wieder von ein paar Pharisäern besucht werden, mit denen Ich nicht zusammenkommen möchte, und so werde Ich in der großen Herberge, die auch dir gehört, einkehren. Dahin kannst auch du kommen mit deinem Freunde Joseph von Arimathia und mit dem alten, biederen Rabbi, wie auch mit deinem Weibe und deinen Kindern, damit auch sie mögen das Heil der Welt sehen. Die beiden Römer aber wohnen ohnehin in ihrem eigenen Hause gleich neben deiner Herberge und werden auch sicher zu Mir kommen, da Ich hauptsächlich ihretwegen hierher gekommen bin.“
GEJ|7|136|4|0|Sagte Nikodemus: „O Herr, Du hast da in allem recht; aber ich möchte dennoch, daß Du auch mein Wohnhaus mit Deinen heiligen Füßen betretest, damit es auch gesegnet wäre durch die Tritte Deiner Füße!“
GEJ|7|136|5|0|Sagte Ich: „Darum wird dein Haus nicht gesegneter, – und würdest du das glauben, so wäre das ein eitler Aberglaube. Aber Ich werde dennoch auch dein Haus betreten, aber erst, nachdem die Pharisäer nachmittags wieder heimgekehrt sein werden. Nun aber heißt es, hier die Nachkommenden zu erwarten, auf daß sie wissen, wo Ich verweilen werde den heutigen Tag.“
GEJ|7|136|6|0|Fragte Nikodemus, wer da alles noch nachkommen werde.
GEJ|7|136|7|0|Sagte Ich: „Bis auf die Zöllner, die vorgestern auch auf dem Ölberge waren, alle, die du dort gesehen hast! Auch Lazarus und Raphael mit den vielen Sklavenjungen werden bald hier eintreffen, nur auf einem andern Wege! Und so werden sich binnen einer Stunde etliche hundert Menschen hier in Emmaus befinden, die in deinem Wohnhause wohl nicht leichtlich untergebracht werden könnten, wohl aber in deiner Herberge, die gut für ein paar tausend Menschen Raum hat; und so lassen wir es dabei bewendet sein!“
GEJ|7|136|8|0|Hierauf erkundigte sich Nikodemus um die Familie, die sich nun bei uns befand, und Ich sagte zu Nikodemus: „Freund, diese Familie hätte das Recht, sich bitter wider euch Emmauser zu beklagen; denn da es euren Augen nicht entgangen sein kann, daß sicher schon zu öfteren Malen nackte und vor Hunger weinende Kinder hier im Orte herum die Menschen um Brot baten, so hättet ihr euch wohl erkundigen können, von woher solche Kinder kommen, und was da wohl die Ursache sein könne, daß solche Kinder gar so sehr verlassen umherziehen. Aber das tatet ihr nicht, und das gereicht euch wahrlich zu keiner besonderen Ehre und Auszeichnung vor Mir! Du kannst zwar weniger dafür, weil du nun zumeist in der Stadt lebst, gleichwie auch dein Freund Joseph von Arimathia, aber es gibt hier noch eine Menge Bürger, die auch nicht arm sind, und diese hätten eine arme Familie schon ganz leicht versorgen können. Doch sie taten das nicht, und so werde auch Ich ihnen nichts tun, obwohl sich viele hier befinden, denen Meine Hilfe sicher sehr zustatten käme.
GEJ|7|136|9|0|Du kennst da draußen die alte, verfallene Schafhütte eines gewissen Barabe, der in Jerusalem ist. Siehe, in der bezeichneten Hütte traf Ich eben diese Familie im wahrlich größten Elende! Mann und Weib kauerten am feuchten Boden ganz voll Gichtbrüchigkeit und konnten sich leichtbegreiflichermaßen nichts mehr verdienen; die sieben Kinder nur bettelten ganz nackt bei den unbarmherzigen Emmausern um Brot. Sie bekamen in den letzten zwei Tagen auch kein Brot mehr, und heute ist ihnen von dem reichen Barabe noch dazu angezeigt worden, daß sie auch die alte Hütte verlassen sollen. Wenn Ich nicht hierhergekommen wäre und ihnen geholfen hätte, da frage Ich euch, was da bei eurer Hartherzigkeit diese Familie angefangen hätte. Nun ist ihr freilich für immer geholfen; aber den unbarmherzigen Emmausern soll darum nicht geholfen werden. – Nun weißt du, was es mit dieser Familie für eine Bewandtnis hat!“
GEJ|7|136|10|0|Sagte, ganz traurig geworden, Nikodemus: „O Herr, hätte ich davon nur eine Ahnung gehabt, so hätte ich mich dieser Familie ja gerne augenblicklich angenommen! Aber ich bin ja nun bereit, für sie alles zu tun, um den Fehler nur einigermaßen wieder gutzumachen!“
GEJ|7|136|11|0|Sagte Ich: „Du hast keinen Fehler gutzumachen, weil du im Grunde keinen begangen hast! Doch diese Familie ist bereits versorgt und soll keinem Emmauser je mehr zur Last fallen; doch so du später nachforschen lassen willst, so wirst du in der Nähe von hier, wie auch von Jerusalem, noch gar manche Familien antreffen, denen deine Hilfe sicher sehr willkommen sein wird. – Doch nun von etwas ganz anderem!
GEJ|7|136|12|0|Wie sieht es mit den beiden hier lebenden Römern aus? Hast du eine Gelegenheit, sie zu benachrichtigen, daß der Römer Agrikola hier ist, und daß auch seine Gefährten bald eintreffen werden, so tue das! Sage ihnen aber auch, daß jene Oberägypter, mit denen sie schon einmal an Ort und Stelle zu tun hatten, in einer Stunde auch eintreffen werden! Doch von Mir und von Meinem Wesen sage ihnen vorderhand noch nichts; denn dafür habe Ich Meinen geheimen Grund, der euch aber nachher schon von selbst bekannt werden wird! Aber nun mache, daß die beiden Römer bald zu uns kommen; denn Ich möchte mit ihnen zuvor noch etwas ganz Offenes besprechen!
GEJ|7|136|13|0|Es soll der heutige Tag noch ein Tag großer und von euch gar nie geahnter Offenbarungen werden; darum gehe hin und bringe alles in die rechte Ordnung!“
GEJ|7|136|14|0|Mit dem ging unser Nikodemus schnell zu den Römern und benachrichtigte sie von allem, was Ich ihm gesagt hatte, und die beiden Römer hatten nun denn auch nichts Eiligeres zu tun, als sich mit Nikodemus zu uns zu begeben.
GEJ|7|137|1|1|137. — Die neugierigen Bürger von Emmaus
GEJ|7|137|1|0|Als die beiden Römer zu uns kamen und des ihnen wohlbekannten Agrikola ansichtig wurden, da wußten sie sich vor lauter Freude kaum zu helfen. Denn sie hatten all ihr irdisches Glück rein dem Agrikola zu verdanken und waren auch darum ins Judenland gekommen, um allda den wahren Gott und Seinen Willen näher kennenzulernen. Sie erzählten ihm natürlich gleich eine Menge Dinge, die sie bereits schon erfahren hatten; aber Agrikola sagte ihnen, daß das alles soviel wie gar nichts sei gegen das, was sie noch heute hören, sehen und erfahren würden. Das machte die beiden Römer natürlich höchst stutzig, und sie fragten ihn nun, ob er denn wohl wisse, daß eben heute die etlichen Oberägypter hierher kommen würden.
GEJ|7|137|2|0|Agrikola aber sagte weiter nichts als: „Meine schon alten Freunde, was euch heute gesagt wird, das glaubet ehern fest; denn da wird alles genauest in Erfüllung gehen, und ihr werdet euch davon nur zu bald überzeugen, wenn nun bald die sonderbaren Oberägypter hier eintreffen werden!“
GEJ|7|137|3|0|Sagten die beiden Römer: „Nein, wir hätten uns heute wohl alles eher einbilden und vorstellen können, als daß uns eben heute so etwas höchst überraschend Merkwürdiges begegnen werde!“
GEJ|7|137|4|0|Es ward hier auf dem freien Platze noch so manches gesprochen; aber es kam nun auch die Zeit, in der die Nachkommenden, eine Partie um die andere, einzutreffen begannen und es begann auf dem freien Platze sehr lebhaft zu werden. Endlich kam auch unser Lazarus mit Raphael und mit den vielen Sklavenjungen an, deren Anmut und Schönheit die beiden Römer nicht genug bewundern konnten; den Raphael hielten sie gar für einen Gott.
GEJ|7|137|5|0|Aber Agrikola und nun auch die andern schon anwesenden Römer sagten: „Es hat das wohl den Anschein, – aber die Sache verhält sich ganz anders! Fraget aber nun um gar nichts; denn ihr werdet über alles noch zur rechten Zeit aufgeklärt werden!“
GEJ|7|137|6|0|Die beiden Römer gaben sich in das, fragten aber dennoch, ob es nicht füglicher wäre, sich nun in irgendeine Herberge zurückzuziehen; denn so viele Menschen im Freien zur ungewöhnlichen Zeit mache zu viel Aufsehen in einem kleinen Ort. Es wäre daher rätlicher, sich in eine große Herberge zu begeben.
GEJ|7|137|7|0|Dieser Vorschlag war gut, und wir begaben uns in die große Herberge des Nikodemus.
GEJ|7|137|8|0|Es bemerkten aber dennoch mehrere Bürger, daß wir uns in die große Herberge begeben hatten, und sie kamen deshalb auch so einer nach dem andern dahin, um zu sehen, was es da gäbe.
GEJ|7|137|9|0|Aber unser Nikodemus sagte zu ihnen: „Freunde, heute ist da nichts für euch; denn ihr sehet, daß die höchstgestellten Römer allda eine große und wichtige Beratung halten wollen, bei der wohl ich und noch etliche der ersten Juden dabei sein dürfen! Und so ziehet euch nur gleich alle bescheiden zurück, sonst könntet ihr Anstände bekommen, und das um so eher, weil die Römer eines ihnen bekannten Umstandes wegen – soviel ich vernommen habe – euch durchaus nicht gewogen sind! Und so ziehet euch nur eiligst zurück, und lasset euch ja den ganzen Tag nirgends sehen!“
GEJ|7|137|10|0|Auf diese Mahnrede des Nikodemus zogen die Neugierigen so behende wie möglich ab, und wir waren vom Zudrange der Neugierigen für den ganzen Tag frei; denn sowie die Emmauser von den hohen Römern etwas hörten, da zogen sie sich sicher derart zurück, daß sie sogar auf den ganzen Tag nach auswärts verreisten und erst spät in der Nacht wieder heimkehrten.
GEJ|7|137|11|0|Als Nikodemus also die neugierigen Bürger von Emmaus verscheucht hatte, kam er zurück und sagte: „Nun können wir uns hier schon freier bewegen; denn diese Neugierigen sind nun schon für den ganzen Tag entfernt, und es wird sich keiner auch nicht einmal von ferne her blicken lassen. Ob ich aber ganz recht getan habe, sie mehr durch eine kluge List als durch die reine Wahrheit für den ganzen Tag entfernt zu haben, nun, das ist freilich eine ganz andere Frage! Aber ich bin da bei mir der Meinung: Wenn man durch ein eben durchaus nicht ganz schlechtes Mittel einen guten Zweck erreichen kann, so soll man es ohne alles Bedenken nur gleich anwenden; denn wie oft müssen vernünftige und weise Eltern ihre eigenen Kinder durch allerlei Listen und Finten leiten, wenn sie aus ihnen wahre Menschen bilden wollen! Mit der ganz reinen und nackten Wahrheit würde man bei den Kindern schlecht fahren!“
GEJ|7|137|12|0|Sagte Ich: „Dein Mittel war da aber ja ohnehin ganz gut und auch wahr, und du hast dadurch auch einen für den heutigen Tag ganz guten Zweck erreicht! Wer zum vollen Lebenslichte der Wahrheit gelangen will, muß zuvor das Feld der Lüge und der Täuschungen durchwandern; ohne dieses kommt niemand zur vollen Wahrheit.
GEJ|7|137|13|0|Siehe, die ganze Welt, ja sogar der Leib des Menschen und alles Körperliche ist für Seele und Geist eine Täuschung und somit auch eine Lüge; aber ohne sie könnte keine Seele zur vollen Wahrheit des Lebens gelangen! Aber im tieferen Grunde ist auch die Körperwelt wiederum keine Täuschung und keine Lüge, sondern ebenfalls volle Wahrheit; aber sie liegt nicht offen, sondern ist innen verborgen und kann durch Entsprechungen gefunden werden.
GEJ|7|137|14|0|So war denn auch deine vermeinte List im Grunde keine Lüge, sondern Wahrheit; denn es handelt sich hier ja hauptsächlich um die Gewinnung der Heiden und nicht um die Gewinnung der Juden, die ohnehin schon von Moses aus das rechte Licht haben. So sie es nicht benützen wollen, so sind nur sie selbst schuld, wenn sie in ihrer eigenwilligen Nacht verderben. Und sieh, demnach hast du recht gesprochen, wenn du den Bürgern sagtest, daß es sich hier um eine Rathaltung der Römer handle, und hast somit deine Sache ganz gut ausgerichtet. Aber soeben sind auch die Tiefoberägypter, sieben an der Zahl, hier im Orte angekommen; sage das den Römern, daß sie sich auf ihren Empfang vorbereiten sollen!“
GEJ|7|137|15|0|Nikodemus ging nun sogleich zu den Römern, die sich an einem Tische gelagert hatten, und sagte ihnen das. Die beiden Römer aber erhoben sich eiligst und fragten den Nikodemus, wer ihm das angezeigt habe.
GEJ|7|137|16|0|Und Nikodemus sagte: „Der, der um das und noch um endlos vieles anderes weiß, und den auch ihr noch heute werdet näher kennenlernen! Aber nun fraget um nichts Weiteres, sondern gehet hinaus und empfanget die Kommenden!“
GEJ|7|138|1|1|138. — Die Ankunft der sieben Oberägypter. Die erkenntnistiefe Rede des Ägypters an den Herrn. Von der rechten Nahrung
GEJ|7|138|1|0|Auf das hin eilten die beiden Römer hinaus, und als sie an die Türschwelle traten, da standen auch schon die sieben Oberägypter an der Flur des großen Herbergshauses, und der erste, der, wie bekannt, die römische Expedition vor mehreren Jahren nicht weiter vordringen ließ, trat auf die ihm wohlbekannten Römer zu, reichte ihnen seine dunkelbraune Hand und sagte (der Ägypter): „Ich grüße euch nun als meine Freunde, so wie ich euch auch vor mehreren Jahren im tiefen Oberägypten als Freunde entließ. Ihr habt euch meiner wohl recht oft erinnert und seid auch aufgrund dessen, was ihr von mir vernommen habt, hierher gezogen, um das Wesen eines wahren Menschen tiefer zu erforschen und in euch selbst kennenzulernen; doch davon hattet ihr keine Ahnung, daß ihr auch mich einmal in diesem Lande sehen werdet.
GEJ|7|138|2|0|Ich aber bin nun nicht so sehr euretwegen als vielmehr eines Menschen wegen, den ihr noch nicht kennet, hierher gekommen, auf daß Er auch uns taufe mit dem Feuer der ewigen Wahrheit Seines Geistes. Der allein hat uns Seinen vielen Jüngern schon gestern angesagt, daß wir kommen und Ihm ein wahres Zeugnis geben werden. Und Er kam auch heute mit Seinen Jüngern darum hierher, weil Er wohl wußte, daß wir deshalb hierher kommen würden, weil Er uns mit Seinem allmächtigen Willen eben hierher beschieden hat. Lasset uns daher in diese Herberge treten und uns tief verbeugen vor Dem, dessen noch sehr ohnmächtige Kinder wir sind!“
GEJ|7|138|3|0|Sagten die beiden Römer: „Meinst du etwa gar den berühmten Heiland aus Galiläa, von dem wir wohl gar Seltsames vernommen, obwohl wir ihn persönlich noch nicht gesehen haben?“
GEJ|7|138|4|0|Sagte der Ägypter: „Ja ja, Freunde, Den meinen wir! Lasset uns daher nur zu Ihm hineineilen!“
GEJ|7|138|5|0|Hierauf öffneten die Römer die Tür des großen Speisesaales, und die sieben Ägypter traten mit großer Ehrerbietung in den Saal, gingen gleich auf Mich zu, verneigten sich tief vor Mir, und der erste sagte: „So, o Herr von Ewigkeit, war es Dir wohlgefällig, Dich mit dem Fleische Deiner Menschen zu umhüllen! Sei darum gepriesen in Ewigkeit von aller Kreatur, der Du nun das große Tor geöffnet hast, einzugehen in Dein ewig großes Reich des Lebens!
GEJ|7|138|6|0|Als Du in Deinem urewigen Geiste mächtig die ganze Unendlichkeit erfülltest und Wesen aus Dir schufst ohne Zahl und ohne Maß, da war kein Geschöpf Deiner Weisheit und Macht frei, sondern es war gefesselt durch Deinen Willen. Nun aber hast Du Dich Selbst mit dem Fleische der Menschen, Deiner Geschöpfe, gefesselt, auf daß Du Selbst alle Kreatur frei machst und sie in das Reich Deines ewig freiesten Gottlebens einführen kannst. Darum sei Du, o Herr von Ewigkeit, wieder über alles hochgepriesen und gebenedeiet!
GEJ|7|138|7|0|So frei und selbständig hast Du nun Deine Geschöpfe gezeihet (gestellt), daß sie Dein Wort hören und Du als ihr Schöpfer ihnen sogar ein Lehrer bist und sie die Wege lehrest, auf denen wandelnd sie Dir völlig ähnlich werden können. Oh, darum preise Dich ewig jedes Atom Deiner ewigen Unendlichkeit; denn es ist nun auch berufen, in ein freies Leben einstens einzugehen!
GEJ|7|138|8|0|Nun aber lasse uns, Du großer, ewiger Gott, Herr und Schöpfer, eine Zeitlang uns weiden an Deinem Antlitze! Denn höret, ihr Geschöpfe, ihr Menschen alle: Ewigkeiten zu Ewigkeiten verrannen, und zahllose Geschöpfe sind aus Ihm hervorgegangen, die Er als Seine Gedanken beschaute, und flossen wieder in Ihn zurück. Doch nie hatte eines Geschöpfes Auge seinen unendlichen und ewigen Schöpfer geschaut, und jetzt, da es Ihm nach Seinem ewigen Ratschlusse gefallen hat, Sich Selbst in Seiner ganzen ewigen Wesenheit Seinen Geschöpfen schaubar und begreifbar zu machen, ist Er, der Ewige, Unendliche, ohne Veränderung Seiner Macht und Größe als schaubarer Gott in Menschengestalt unter euch, und ihr sehet Ihn und redet mit Ihm – und begreifet und fasset es dennoch nicht, Wen ihr in eurer Mitte habt! Oh, bedenket das, was ich euch nun gesagt habe, und dann saget alle: O Herr, ich bin aus mir ewig unwürdig, daß ich mit Dir unter einem Dache stehe; aber sprich Du zu mir nur ein Wort, und meine Seele hat aus Deinem einen Worte das ewige Leben!“
GEJ|7|138|9|0|Hierauf legte der Ägypter seine Hände kreuzweise über seine Brust und betrachtete Mich, übergroßer Gedanken voll, vom Haupte bis zu den Füßen, und seine Gefährten taten dasselbe. In diesem Momente getraute sich kein Mensch, auch nur eine Silbe zu reden, und es waren aller Augen fest auf Mich gerichtet.
GEJ|7|138|10|0|Nach einer Weile aber sagte Ich zu den Ägyptern: „Seid Mir herzlich willkommen, ihr Meine Freunde, vom fernen Lande hierher kommend! Ihr sollet und werdet Mir heute zur tieferen Belehrung dieser eurer Brüder und zur Kräftigung ihrer Seelen noch sehr ersprießliche Dienste leisten! Doch ihr seid schon nahe zwei Tage lang ohne Speise gewandert und wurdet nur vom Geiste aus genährt; aber nun muß euer Leib auch einmal eine wirkliche Stärkung von den Früchten dieser Erde erhalten, und diese soll euch alsbald im Brote und Weine gereicht werden!“
GEJ|7|138|11|0|Der Ägypter entschuldigte sich zwar sehr und sagte, daß ihn Mein Anblick mehr als hinreichend gestärkt habe.
GEJ|7|138|12|0|Aber Ich sagte: „Das weiß Ich gar wohl, daß eine vom Geiste erfüllte Seele den Hunger des Leibes nicht fühlt; aber dessenungeachtet muß der Leib seine natürliche Nahrung bekommen, weil er sonst der Seele mit der Zeit kein vollkommenes Werkzeug abgeben könnte. Und so müsset nun auch ihr zuvor eine ordentliche Nahrung zu euch nehmen, damit ihr darauf desto kräftiger werdet, Mir die guten Dienste eurer Brüder wegen zu leisten!“
GEJ|7|138|13|0|Auf diese Meine Worte hin willigten sie endlich gern ein, Nahrung zu sich zu nehmen, und Nikodemus sorgte auch augenblicklich dafür, daß sofort ein bester Wein und auch ein bestes Brot und Salz herbeigeschafft wurden.
GEJ|7|138|14|0|Als sich nun Brot und Wein und Salz auf einem eigenen Tische befanden, da sagte wieder Ich: „Da, Kinder aus der Ferne, setzet euch, esset und trinket!“
GEJ|7|138|15|0|Da setzten sich die sieben alsogleich an den Tisch und aßen und tranken ganz wohlgemut; denn nun erst fingen sie an zu verspüren, daß sie wirklich hungrig und durstig waren. Sie konnten die Güte des Brotes und des Weines nicht genug loben und erklärten sie für eine Lebensspeise aus dem Himmel.
GEJ|7|138|16|0|Der erste sagte, indem er noch aß und von Zeit zu Zeit auch trank: „In meiner Seele habe ich oft solch ein Brot und solch ein Getränk geschmeckt, doch über meine Fleischeszunge ist solch eine Leibeskost noch niemals gekommen! Darin sind wahrlich alle Lebensstoffe in der äußersten Form vereint und stärken nicht nur den Leib, sondern auch die Seele!
GEJ|7|138|17|0|Oh, wie weit und wie tief könnten es die Menschen in der Sphäre des inneren Lebens bei solch einer Kost bringen, wenn sie wüßten, was sie genießen, und was diese Kost enthält; aber sie wissen das nicht und sehen den Tag auch vor lauter Licht nicht. Aber sie werden nach und nach schon noch einsehen, daß sie in dieser Kost Gottes lebendiges Wort und Seinen Willen genießen. Könnten sie das in sich auflösen und begreifen, dann erst wären sie wieder vollkommene Menschen; aber weil sie das noch lange nicht vermögen, so müssen sie so lange Jünger sein und verbleiben, bis sie das in sich begreifen und in ihr Leben übertragen werden.“
GEJ|7|138|18|0|Alle Anwesenden stutzten gar sehr über diese Bemerkungen des Ägypters, der das alles auf eine ganz schlichte und alleranspruchsloseste Weise vorbrachte. Selbst Meinen alten Jüngern fing dabei manches ganz neue und helle Licht an aufzugehen; aber es hatte keiner von ihnen den Mut anzufangen, mit dem Ägypter Worte zu wechseln.
GEJ|7|138|19|0|Unsere drei Magier sagten bei sich: „Da sehen wir nun erst recht klar, was alles uns noch abgeht! Oh, welch ein Unterschied zwischen uns und diesen sieben Menschen!“
GEJ|7|138|20|0|Lazarus kam von rückwärts zu Mir und sagte: „O Herr, die Weisheit dieses einen macht mich ganz kleinmütig! Wir sind nun an der urersten Quelle, und wie ungeheuer weit ist der vor uns!“
GEJ|7|138|21|0|Sagte Ich: „Mache dir nichts daraus, ihr werdet schon auch dahin und noch weiter kommen; aber ihr müsset Geduld und Eifer haben, denn mit einem Streiche fällt kein Baum im Walde! Ich habe diese rechten, aber wohl sehr wenigen Menschen ja nicht zu eurer Beschämung, sondern nur zu eurer wahren Belehrung hierher kommen lassen. Da werdet ihr sehen, was wahre Menschen vermögen, und was dann auch ihr vermögen werdet, so ihr durch die Beachtung Meiner Lehre zu wahren Menschen werdet umstaltet worden sein.
GEJ|7|138|22|0|Aber nun lassen wir sie noch essen und trinken; denn sie haben wahrlich bei zwei Tage lang nichts gegessen und auch wenig getrunken. Nikodemus aber möchte nun schon dafür zu sorgen anfangen, daß auch wir bald etwas zu essen und zu trinken bekommen, und also auch unsere Jungen im Nebengemache, wo Raphael und du sie untergebracht haben.“
GEJ|7|138|23|0|Als Ich solches dem Lazarus sagte, da war er bald bei Nikodemus und hinterbrachte ihm das, und dieser setzte sogleich das ganze große Herbergshaus in die größte Tätigkeit.
GEJ|7|139|1|1|139. — Die beiden Römer erkennen den Herrn. Des Herrn Mahnung, Ihn nicht voreilig vor der Welt zu bekennen
GEJ|7|139|1|0|Es kamen aber nun auch die beiden Römer namens Agrippa und Laius, von Agrikola begleitet, zu Mir, verneigten sich tief, und Agrippa, der auch ein gar vornehmer Römer wie von königlicher Abkunft war, sagte zu Mir: „Herr, uns wurde gar sonderbar zumute, als wir die Preisung vernahmen, die Dir die uns wohlbekannten Tiefoberägypter dargebracht haben! Wahrlich, wenn es andere Ägypter wären als gerade jene, die wir vor mehreren Jahren dort in ihrer höchst kargen Heimat kennengelernt haben, so hätten wir gemeint – was in der Welt zur Täuschung der Menschen wohl auch möglich ist –, Du seist irgend mit ihnen einmal beisammen gewesen und habest sie nun gegen guten Lohn als gute Zeugen für Dich hierher bestellt! Doch mit diesen Menschen wäre ein solcher Kontrakt unmöglich zu schließen gewesen; denn sie sind Herren der Natur, die ihnen alles geben muß, dessen sie bedürfen, und sie verachten jeden gemeinen Lohn von seiten der Menschen.
GEJ|7|139|2|0|Ich selbst habe sie gestern, als die etlichen blinden Pharisäer über Dich sehr böse und Dich verfolgerische Worte und Gesinnungen nur zu offen an den Tag legten, als Muster höher begabter und vollkommener Menschen dargestellt, weil ich ihnen (d.h. den Pharisäern) aus dem Bereiche meiner Erfahrungen begreiflich machen wollte, daß Du ganz gut auch so ein vollkommener Mensch sein kannst, gegen den wir Menschen mit unseren Waffen nichts vermögen. Dadurch brachte ich und dieser mein Bruder Laius die Schwarzen (d.h. die Pharisäer) doch wenigstens zu irgendeinem Nachdenken, was sicher gut war. Aber wann hätte ich mir das je einbilden können, diese Menschen bei uns hier in Emmaus wiederzusehen, noch weniger daran zu denken, daß Du Selbst – nach uns nun gemachter Mitteilung von seiten unseres wertesten Freundes Agrikola – unsere ganze hier den Pharisäern gemachte Mitteilung über diese vollkommenen Menschen Deinen Jüngern zu Jerusalem auf dem Ölberge wortgetreu in demselben Augenblick erzählt hast, als ich sie hier in Emmaus den Pharisäern erzählte?!
GEJ|7|139|3|0|Aus dem aber haben nun auch wir beide den Schluß gezogen, daß Du trotz Deiner nun ganz menschlichen Form und Gestalt in Deinem inwendigen Geiste unwiderlegbar der wahre Gott und Schöpfer aller Wesen von Ewigkeit her sein mußt. Denn wärest Du nicht Selbst in Deinem Geiste von Ewigkeit, also völlig ohne Anfang dagewesen, so müßte ein anderer, aus dem Du Selbst hervorgegangen wärest, dagewesen sein, was dann einen urewigen und einen in der Zeit gewordenen Gott abgäbe, was uns jedoch unmöglich dünkt, weil das Ursein des wahren Gottes auch allein die Bedingung einer Ur- und Allkraft und – macht in sich faßt, die in Dir aber nach dem, was wir schon über Dich in gute Erfahrung gebracht haben, unleugbar vorhanden ist. Und weil sich diese wunderbare Sache also verhält und auch diese vollkommenen Menschen sie gleich also mit aller Schärfe ihres Geistes erkannt haben, so sind denn nun auch wir beide hierher zu Dir geeilt, um Dich als den ewigen Herrn, Gott, Schöpfer und Vater der Sonnen- und Geisterwelt zu begrüßen und unser lebendig wahres Bekenntnis vor Dir und allen Anwesenden dahin abzulegen, daß wir das völlig glauben, was wir von Dir nun offen ausgesagt haben. Herr, vergib uns, wenn wir nun vielleicht doch irgendeinen Fehler begangen haben!“
GEJ|7|139|4|0|Sagte Ich mit freundlicher Miene: „O ihr Meine lieben Freunde, wer zu Mir kommt, wie ihr nun gekommen seid, der begeht vor Mir ewig keinen Fehler, und Ich habe ihm dann sicher auch keinen zu vergeben! Aber was ihr als Männer nun wisset, das behaltet vorderhand noch bei euch; denn die Welt ist noch nicht reif, solch tiefe Wahrheiten zu begreifen. So man so etwas sagete, da würde sie dadurch nur in einen großen Ärger verfallen und darauf finsterer und böser werden.
GEJ|7|139|5|0|Wenn ihr aber hören werdet, daß Ich wieder in Meine ewigen Himmel aufgefahren sein werde, dann werde Ich auch über euch Meinen Geist ausgießen, und ihr möget dann laut allen Menschen das verkünden, was ihr nun hier vor Mir offen bekannt habt!
GEJ|7|139|6|0|Jetzt aber reden wir als ganz natürliche Menschen miteinander also, als wäre zwischen uns kein Unterschied als nur der, daß ihr Meine Jünger seid, und Ich euer Meister bin! Es ist aber kein Jünger, solange er noch lernen muß, so vollkommen, als wie vollkommen da ist sein Meister; wenn der Jünger aber vom Meister alles erlernt hat, so wird er dann auch so vollkommen wie sein Meister. Ich aber bin eben darum in diese Welt gekommen, damit die Menschen es von Mir lernen sollen, so vollkommen zu werden, als wie vollkommen der Vater im Himmel ist.
GEJ|7|139|7|0|Denn wenn die Menschen dieser Erde bestimmt und berufen sind, Kinder Gottes zu werden, so müssen sie auch in allem Gott völlig ähnlich sein; denn wer Gott nicht in allem völlig ähnlich wird, der wird auch kein Gotteskind und kommt nicht zu Gott, solange er nicht Gott völlig ähnlich wird.
GEJ|7|139|8|0|Darum aber ist nun Meine Lehre ein wahres Evangelium, weil sie den Menschen verkündet und die Wege zeigt, wie sie zur Gottähnlichkeit gelangen können. Wer demnach Mein Wort hört, an dasselbe glaubt, es in sich behält und danach tut, der wird dadurch zur Gottähnlichkeit gelangen, das ewige Leben in sich haben und ewig allerseligst sein.“
GEJ|7|140|1|1|140. — Die Bestimmung des Menschen. Der Zweck der Menschwerdung des Herrn
GEJ|7|140|1|0|(Der Herr:) „Ihr müsset euch aber das nicht also vorstellen, als sei das etwa überaus schwer zu erlangen, sondern gerade umgekehrt, – also ganz leicht; denn Mein Joch, das Ich euch durch Meine Gebote an den Nacken lege, ist sanft, und seine Bürde ist leicht zu ertragen. Aber in den Tagen dieser finsteren Zeit leidet das Reich Gottes Gewalt, und die es besitzen wollen, die müssen es auch mit Gewalt an sich reißen, was so viel sagen will, daß es nun ein Schweres ist, sich aller alten und verrosteten Gewohnheiten, die aus den Anreizungen und Verlockungen der Welt im Menschen Wurzel geschlagen haben, zu entschlagen, also den alten Menschen ganz auszuziehen wie ein altes, zerrissenes Gewand und aus Meiner Lehre einen ganz neuen Menschen anzuziehen.
GEJ|7|140|2|0|Wenn aber in der späteren Zeit schon Kinder in Meiner Lehre wohl erzogen werden, dann werden sie als Männer voll guten und kräftigen Willens an Meiner Lehre ein leichtes Joch zu tragen haben.
GEJ|7|140|3|0|Meine Lehre aber ist in sich ganz kurz und leicht zu fassen; denn sie verlangt vom Menschen nichts, als daß er an einen wahren Gott glaube und Ihn als den guten Vater und Schöpfer über alles liebe und seinen Nebenmenschen wie sich selbst, das heißt, ihm alles das tue, von dem er vernünftigermaßen wünschen kann, daß ihm auch sein Nebenmensch dasselbe tue. Nun, so viel Selbstliebe hat denn doch sicher ein jeder Mensch, daß er nicht wünschen werde, daß ihm sein Nebenmensch etwas Böses antun soll, – und so tue er dasselbe auch seinem Nebenmenschen nicht!
GEJ|7|140|4|0|Vergeltet niemals Böses mit Bösem, sondern tut sogar euren Feinden Gutes, und ihr werdet in der Ähnlichwerdung Gottes, der auch Seine Sonne über Gute und Böse gleich aufgehen und leuchten läßt, einen großen Fortschritt gemacht haben! Zorn und Rache muß aus euren Herzen weichen; an ihre Stelle muß Erbarmung, Güte und Sanftmut treten. Wo das der Fall ist, da ist die volle Gottähnlichkeit auch nicht mehr ferne, und diese ist das Ziel, nach dem allein ihr alle zu streben habt.
GEJ|7|140|5|0|Aber wie schon gesagt, diese Sache ist nun eben in dieser Zeit nicht gar so leicht, wie sich jemand das vorstellen möchte. Es wird das einen jeden eine gewisse und unausbleibliche Anstrengung kosten! Doch wer da mutig kämpft, der wird auch seines Sieges sicher sein, und des Siegers Lohn wird wahrlich nicht unterm Wege verbleiben; wer sich aber als ein mutloser Feigling erweisen wird, der wird auch den Lohn eines Feiglings ernten. Da wird es dann auch heißen: Hättest du gekämpft, so hättest du auch gesiegt; weil du aber den Kampf scheutest, so kannst du auch auf den Lohn eines Siegers keinen Anspruch machen und hast es dir selbst zuzuschreiben, daß du als ein Feigling ohne Lohn vom Felde des Lebens abziehen mußt.
GEJ|7|140|6|0|Ich aber meine, daß da niemand den Kampf scheuen sollte, wo der Preis des Sieges ein so hoher ist.
GEJ|7|140|7|0|Ich bin es, der euch das sagt, und bin der Meinung für euch, daß ihr wohl keines höheren Beweises bedürfet, so ihr in euch glaubet, daß Ich Der bin, für den ihr Mich selbst anerkannt habt.“
GEJ|7|140|8|0|Sagten die beiden Römer: „Herr, es mag wohl Feiglinge geben, und wir kennen deren selbst mehrere; aber wir, die wir schon so oft mit dem Tode gerungen haben, haben alle Furcht vor ihm verloren! Wer in den Krieg zieht und den Tod fürchtet, der ist ein schlechter Krieger; wer aber den Tod und seinen Schmerz verachtet, der ist ein rechter Held, wird zumeist siegen, und sein Lohn wird ihm nicht unterm Wege verbleiben. O Herr und Meister von Ewigkeit in Deinem Geiste, haben wir recht geredet oder nicht?“
GEJ|7|140|9|0|Sagte Ich: „Ganz vollkommen recht; aber es gibt gar viele in der Welt, die den Tod des Leibes sehr fürchten und daher lieber an der Lüge und an dem Truge der Welt hangenbleiben, damit nur ihrem Leibe ein Heil widerfahre! Sie fürchten die, welche ihren Leib töten, aber dann der Seele weiter nichts mehr antun können; aber Den fürchten sie nicht, der auch ihre Seele in die Hölle oder in den wahren, ewigen Tod stürzen kann.
GEJ|7|140|10|0|Doch lassen wir das; denn Ich bin nicht in diese Welt gekommen, um allda ein Gericht zu halten, sondern um selig und lebendig zu machen jeden, der an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt. Aber es wird dereinst dennoch viele geben, die zu Mir ,Herr, Herr!‘ rufen werden; aber Ich werde zu ihnen in ihren Herzen sagen: ,Was rufet ihr Fremden? Ich kenne euch nicht! Wußtet ihr, daß Ich der Herr bin und kanntet Meinen Willen – warum tatet ihr denn nicht danach?‘
GEJ|7|140|11|0|Darum sage Ich nun zu euch: Es ist nicht genug, daß man Mich erkennt und glaubt, daß Ich der Herr bin, sondern man muß das auch tun, was Ich euch lehre; durch die Tat erst wird der Mensch zur vollen Gottähnlichkeit gelangen.
GEJ|7|140|12|0|Das Tun nach Meiner Lehre aber wird für den sicher nicht schwer sein, der Mich wohl erkannt hat und Mich liebt mehr denn alles in der Welt; wer Mich aber also liebt, der trägt Mich geistig auch schon in seinem Herzen und somit auch des Lebens Vollendung, also die volle Gottähnlichkeit, und in aller Seligkeit das ewige Leben.
GEJ|7|140|13|0|Seht, da habe Ich euch nun ganz kurz gezeigt, wie sich die Sachen verhalten um Mich und um euch Menschen! Wer danach tun wird, der wird in sich haben das ewige Leben! – Aber jetzt vor dem Mittagsmahle nichts Weiteres mehr davon!“
GEJ|7|141|1|1|141. — Gottes herablassende Liebe zu den Menschen. Des Menschen Stellung zu Gott. Die wahre Demut. Die wahre Anbetung Gottes. Sündenvergebung
GEJ|7|141|1|0|Sagte Agrippa: „O Herr, Du endlos weiser Meister von Ewigkeit, wie groß muß Deine Liebe zu uns Menschen, Deinen Geschöpfen, sein, daß Du Dich so tief erniedrigen mochtest, in unserer Menschengestalt von Deinen Himmeln zu uns Würmern auf diese schmutzige Welt herabzukommen und uns zu lehren und zu zeigen die Wege, auf denen wir zu wandeln haben, so wir das ewige Leben erreichen wollen?!“
GEJ|7|141|2|0|Sagte Ich: „Lieber Freund, der Ausdruck in dieser deiner Frage ist die Ergießung deines Herzens und ist gut, weil auch dein Herz gut ist; aber es hat in deinem Verstande nun erst so ein wenig zu tagen angefangen, und es kommt dir die Liebe Gottes zu euch Menschen darum als etwas unbegreifbar Wundersames vor, weil ihr euch Gott wie einen allergrößten und allermächtigsten Kaiser vorstellet, der sich nur zu den seltensten Malen den gemeinen Menschen zeigt und noch seltener mit irgendeinem geringen Menschen spricht.
GEJ|7|141|3|0|Wenn ihr Gott von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, so irret ihr euch gewaltig; denn Gott ist der Schöpfer aller Dinge und Wesen und kein endlos stolzer Kaiser, auf einem goldenen Throne sitzend, der alle seine Untertanen für lauter eklige und verächtliche Würmer ansieht und jeden mit dem Tode bedroht, der es wagte, sich ohne vorher erbetene und gegebene Erlaubnis dem Throne des Kaisers zu nahen.
GEJ|7|141|4|0|Wenn aber alle Wesen sicher Gottes Werke sind, so sind sie auch Werke Seiner Liebe, die ihr Sein ist, und Werke der höchsten, göttlichen Weisheit, die ihnen die entsprechende Form gibt und sie auch erhält. So aber ohne die Liebe und Weisheit Gottes wohl ewig nie ein Geschöpf bestehen würde, wie kommt es dir dann gar so wundersam vor, wenn Gott euch Menschen gar so sehr liebt?
GEJ|7|141|5|0|Ihr seid ja selbst nur pur Liebe aus Gott und in Gott, und euer Dasein ist in sich durch den Willen der Liebe Gottes selbst ja nur verkörperte Liebe Gottes! Wenn aber unwiderlegbar das der Fall ist, wie ist es euch dann so wundersam, daß Gott euch so sehr liebt, daß Er Selbst in Menschengestalt zu euch gekommen ist und euch nun die Wege lehrt zum freien und wie aus euch selbst hervorgehenden gottähnlich selbständigen Leben? Seid ihr denn nicht Gottes Werke? Ja, das seid ihr sicher!
GEJ|7|141|6|0|Gott aber ist von Ewigkeit ein vollkommenster Meister im Größten wie im Kleinsten, ist niemals ein Pfuscher und Stümper gewesen und hat Sich somit Seiner Werke nicht zu schämen. Der Mensch aber ist das vollkommenste der zahllos vielen und endlos verschiedenen Geschöpfe, der Kulminationspunkt der göttlichen Liebe und Weisheit, und bestimmt, selbst ein Gott zu werden. Wie sollte Sich da Gott solch Seines vorzüglichsten Werkes schämen und es für zu unwürdig halten, Sich demselben zu nahen?!
GEJ|7|141|7|0|Siehe, du Mein lieber Freund, solche rein außenweltlichen Ideen von Gott mußt du fahren lassen! Sie sind erstens falsch, und zweitens dienen sie nicht dazu, daß du dich durch sie Gott mehr und mehr nahen könntest, sondern solche falschen Ideen würden dich von Gott nur stets mehr und mehr entfernen, und das mit der Zeit also, daß du dich vor lauter falscher Ehrfurcht gar nicht mehr getrauen würdest, Ihn zu lieben, – wie es nun solcher Menschen und Völker auf der Erde eine übergroße Menge gibt, die, als selbst doch sichtbare Werke der göttlichen Liebe und Weisheit, des freilich grundfalschen Glaubens und der ebenso falsch begründeten Ansicht sind, daß Gott über Seine Geschöpfe so endlos erhaben sei, daß da nur ein allerhöchster Priester zu gewissen Zeiten Ihm mit gewissen Gebeten unter den allerglänzendsten und prunkvollsten Zeremonien nahen dürfe. Und nach einer solchen Annäherung hält sich der Oberpriester schon für so endlos erhaben und geheiligt, daß sich ihm nicht einmal ein Unterpriester – geschweige ein anderer, ungeweihter Mensch – nahen darf, weil man der Meinung ist, daß sich nichts Unheiliges der höchsten Heiligkeit Gottes nahen dürfe und könne, weil dadurch die höchste Heiligkeit Gottes entheiligt würde, – woraus man für den armen und blinden Menschen eine derartige Sünde geschaffen hat, die mit dem Feuertode zu bestrafen sei. O der freiwilligen und überdummen Blindheit der Menschen!
GEJ|7|141|8|0|Da sehet her! Ich allein bin der Herr von Ewigkeit, – wie bin Ich denn nun unter euch? Sehet, Ich nenne euch Kinder, Freunde und Brüder, und was ihr zu Mir seid, das ist der Bestimmung nach ein jeder Mensch, und es gibt da kein Minder und kein Mehr! Denn jeder Mensch ist Mein vollendetes Werk, das sich als das auch erkennen und gerecht achten, aber nicht gänzlich verkennen und unter alle Scheusale hinab verachten soll; denn wer sich, als doch erkennbar Mein Werk, verachtet, der verachtet notwendig ja auch Mich, den Meister. Und wozu sollte denn das hernach gut sein?
GEJ|7|141|9|0|Freunde, die Demut des Menschen im Herzen ist eine der notwendigsten Tugenden, durch die man zuvörderst zum inneren Lichte des Lebens gelangen kann! Aber diese Tugend besteht eigentlich nur in der rechten Liebe zu Gott und zum Nächsten. Sie ist die sanfte Geduld des Herzens, durch die der Mensch seine Vorzüglichkeit wohl erkennt, sich aber über seine noch viel schwächeren Brüder nie herrscherisch erhebt, sondern sie nur mit desto mehr Liebe umfaßt und zur eigenen erkannten höheren Vollendung durch Lehre, Rat und Tat zu erheben trachtet. Darin besteht die eigentliche und allein wahre Demut; aber in der Verachtung seiner selbst besteht sie ewig nie.
GEJ|7|141|10|0|Ich Selbst bin von ganzem Herzen demütig und sanftmütig, und Meine Geduld übersteigt alle Grenzen; aber das werdet ihr an Mir noch nie erlebt haben, daß Ich Mich vor den Menschen je Selbst verachtet habe. Wer sich selbst nicht gerecht als ein Werk Gottes achtet, der kann auch seinen Nächsten nicht achten und auch Gott nicht der Wahrheit nach, sondern nur nach irgendeiner ganz grundfalschen Begründung.
GEJ|7|141|11|0|So gefehlt es also ist, so sich ein Mensch überschätzt und also bald und leicht zu einem Verfolger und Bedrücker seiner Nebenmenschen wird und dabei der Liebe als des göttlichen Elementes des Lebens bar wird, ebenso gefehlt ist es aber auch, so ein Mensch sich unterschätzt. Den Grund dessen habe Ich euch gezeigt, und so bleiben wir nur so hübsch gleich und seien frohen Mutes; denn so ihr euch nun vor Mir, da ihr Mich erkannt habt, zu sehr ehrfürchtig und zu kleinmütig zu benehmen anfinget, so wäret ihr ja gar nicht mehr fähig, von Mir noch eine Belehrung zu ertragen.
GEJ|7|141|12|0|Darum betrachtet Mich als einen vollkommenen Menschen, der die Fülle des Geistes Gottes in sich birgt und darum nun euer Meister und Lehrer ist, so werdet ihr mit Mir am allerbesten und für euch am nützlichsten auskommen! – Habt ihr das alles wohl verstanden?“
GEJ|7|141|13|0|Sagte Agrippa: „Herr und Meister, das haben wir ganz sicher verstanden; denn da ist überall die ganz schlichte und nackte Wahrheit. Aber was sollen wir denn zu den vielen Gebeten und Psalmen, die bei den Juden gang und gäbe sind, denken? Willst Du als der nun erkannte allein wahre Gott denn nicht angebetet werden?“
GEJ|7|141|14|0|Sagte Ich: „Es heißt von Moses aus wohl: ,Der Sabbat ist ein Tag des Herrn, an dem sollst du dich der schweren, knechtlichen Arbeit enthalten und zu Gott deinem Herrn mit reinem Herzen beten!‘ Ich aber sage nun, daß von jetzt an sicher ein jeder Tag ein Tag des Herrn ist, an dem der rechte Mensch nach Meiner Lehre Gutes tun soll! Wer aber nach Meiner Lehre Gutes tut, der begeht die wahre Sabbatfeier und betet wahrhaft zu Gott ohne Unterlaß, und Ich werde Mein Wohlgefallen an ihm haben.
GEJ|7|141|15|0|Ist jemand sich bewußt, daß er gesündigt hat, so vergleiche er sich mit dem, gegen den er gesündigt hat, und sündige in der Folge nicht wieder, so werden ihm seine Sünden auch vergeben werden; aber durch ein gewisses Beten, Kasteien und Fasten werden niemandem seine Sünden nachgelassen, solange er selbst von seinen Sünden nicht nachläßt.
GEJ|7|141|16|0|Solange aber jemand in den Sünden steckt, ist er nicht fähig, in Mein Reich der Wahrheit aufgenommen zu werden, weil die Sünde stets in den Bereich der Lüge und des Betrugs gehört. Sehet, also verhält sich diese Sache! – Aber nun kommt das Mittagsmahl; das wollen wir zu uns nehmen und darauf erst auf dem Wege der Wahrheit fortschreiten!“
GEJ|7|142|1|1|142. — Form und Geist der Geschöpfe
GEJ|7|142|1|0|Hier wurden wohlzubereitete Speisen auf die Tische gebracht. Alle setzten sich in guter Ordnung an die Tische und aßen und tranken. Die sieben Oberägypter saßen an Meinem Tische nach Meinem Willen und aßen auch mit. Hier hatten wir wieder einmal Fische, und zwar von der edelsten Art aus dem Flusse Jordan, die besonders gut und geschmackvoll zubereitet waren und allen Gästen sehr wohl schmeckten. Die sieben Ägypter konnten diese Zubereitung nicht genug loben und aßen die Fische mit rechter Lust, obwohl sie schon zuvor etwas Brot und Wein genossen hatten.
GEJ|7|142|2|0|Als wir so eine kleine Weile aßen und tranken, da kam auch Lazarus mit Raphael an Meinen Tisch, und beide aßen und tranken ganz wacker mit; denn sie hatten unsere Jungen versorgt und begaben sich sodann zu uns.
GEJ|7|142|3|0|Der erste Oberägypter hatte ein großes Wohlgefallen an Raphael, betrachtete ihn vom Kopfe bis zum Fuße und sagte dann zu Mir: „Herr und Meister von Ewigkeit! Als dieser Dein Diener vor viertausend Erdenjahren noch im Fleische auf der Erde wandelte, da sah er der Gestalt nach nicht so unbegreiflich schön aus wie jetzt in seinem rein geistigen Zustande. Wenn ich dereinst auch für würdig befunden werde, in Dein Reich zu kommen, werde ich dann wohl auch eine edlere Gestalt überkommen? Ich muß es bekennen, daß meine Gestalt gegen solch eine, wie dieser Dein Diener sie besitzt, eine wohl unaussprechbar häßliche ist; sie taugt zwar für unser Klima, doch schön und edel ist sie nicht. Ich weiß auch, daß in dieser Welt an der äußeren Gestalt gar nichts liegt, sondern alles nur an der Vollendung der Seele; aber in Deinem Reiche muß denn doch auch vieles an der Gestalt und Außenform liegen, ansonst die reinen Geister nicht in solch edelsten und schönsten Formen zu erschauen wären! Auf dieser Welt hat die Farbe der Haut und die Außengestalt für den inneren Wert eines Menschen freilich keine Bedeutung; aber in Deinem Himmelreiche wird sie gar vieles zu bedeuten haben. Ich aber möchte nun auch das wissen. Ich habe davon wohl schon so eine kleine Ahnung, aber ganz ins klare habe ich es in dieser Sphäre doch noch nicht bringen können.
GEJ|7|142|4|0|Ich sehe in meiner Seele wohl stets die ganze Erde, ihre Geschöpfe und ihre Verhältnisse, ich kenne das lose Tun und Treiben der Menschen, sehe alles bis in den Mittelpunkt der Erde, und die Myriaden der Geister in allen Elementen sind mir nicht unbekannt, sowie das Einfließen Deines ewigen Geistes in alle Wesen; aber den Grund der so verschiedenen Formen in Deiner materiellen und ganz besonders in Deiner rein geistigen Schöpfungssphäre habe ich bis jetzt noch nicht herausfinden können. Wenn Du, o Herr und Meister, uns auch darüber ein kleines Lichtlein zukommen lassen wolltest, so würde das unsere Seelen wohl sehr beruhigen.“
GEJ|7|142|5|0|Sagte Ich: „Meine lieben Freunde, euch hat das Suchen und Finden der Wahrheit viel Mühe und Arbeit gekostet; aber mutigen Kampfes habt ihr das gesuchte Ziel trotz der vielen Schwierigkeiten, mit denen ihr zu kämpfen hattet, zum größten Teile glücklich erreicht, und das ist des Lebens eigentliche Hauptsache.
GEJ|7|142|6|0|Was die anderen Dinge betrifft, besonders die, um die du ehedem gefragt hast, so liegt das Heil der Seele eben nicht daran, und es wird solches alles der Seele klargemacht werden, wenn sie völlig im Geiste aus Mir wiedergeboren und mit ihm eins werden wird. Aber Ich will euch dennoch einen Wink darüber geben; das Weitere wird euch dann schon von selbst hell werden.
GEJ|7|142|7|0|Seht, es haben sich die Menschen von uralters her gewisse Töne erzeugende Werkzeuge gemacht, – wie bei uns die Harfe, die Flöte (Schalmei), die Posaune und die Zimbel, bei den Griechen die Lyra, die Pfeife und die Äolsharfe! Wenn diese und noch andere solche Tonwerkzeuge wohl und rein gestimmt sind, so geben sie auch beim Gebrauch eine reine Melodie und dazu eine überaus wohlklingende Harmonie; sind diese Tonwerkzeuge aber verstimmt, das heißt, stehen die Töne nicht in guten Verhältnissen zueinander, so kann man darauf weder eine Melodie und noch weniger eine reine Harmonie hervorbringen.
GEJ|7|142|8|0|Nun denke dir des Menschen Seele! Steht diese in guten und wahren Verhältnissen zu ihrem Körper, so befindet sie sich auch in der rechten Lebensharmonie, und diese Harmonie gibt dann der Seele ihre Schönheit, die natürlich erst dann im Vollmaße ersichtlich wird, wenn sich die Seele außerhalb des Leibes in Meinem Reiche befinden wird. Wer aber auch schon im Leibe auf dieser Welt einen aufmerksamen Blick auf gute und daneben auch auf böse Menschen richtet, der wird bald und leicht gewahr werden, daß ein guter Mensch stets auch ein anmutiges und freundliches Äußeres der Form nach zur Schau trägt, während ein böser Mensch schon von weitem dem ihm Begegnenden etwas Abstoßendes, Unfreundliches und somit auch Häßliches aufweist und sich vor ihm nicht leicht verbergen kann. Der Grund davon liegt in der inneren Seelenharmonie oder – bei argen Menschen – – disharmonie.
GEJ|7|142|9|0|Solche Unterschiede kannst du auch schon im Reiche der Tiere und sogar im Reiche der Pflanzen finden. Natürlich treten alle diese Gestalt- und Formenunterschiede erst im Reiche der Geister in der abgemarktesten Weise in Erscheinung, während sie in der Körperwelt nur andeutungsweise vorhanden sind. Wenn ihr das in euch bei Gelegenheiten so recht durchprüfen wollet, so werdet ihr auch leicht alles Weitere von selbst finden. Ihr seid weise und mit den Kräften der Naturwelt und ihrer Elemente ja ohnehin wohlvertraute Menschen und könnet auch in dieser Sphäre der inneren Seelenintelligenz die Ursachen und Wirkungen leicht finden, so ihr euch damit irgend befassen wollet. Doch vollkommen wird das und endlos vieles andere ein jeder Mensch erst dann einsehen, wenn er im Geiste aus Mir in seiner Seele wird völlig wiedergeboren sein.
GEJ|7|142|10|0|Und so wollen wir darüber denn auch kein Wort mehr verlieren, sondern jetzt essen und trinken wir noch unser Mahl zu Ende, und nach dem Mahle wird es sich dann schon zeigen, was wir da weiterhin machen werden!“
GEJ|7|142|11|0|Auf diese Meine Belehrung waren die sieben in sich ganz zufrieden, und der erste sagte: „O Herr und Meister, wir danken Dir für diese Deine Belehrung; sie genügt uns vollkommen, und wir wissen nun ganz gut, wie wir auch in dieser Sphäre daran sind, und wie wir diese Sache zu prüfen und zu erforschen haben.“
GEJ|7|142|12|0|Hierauf aßen und tranken wir noch den Rest unseres Mahles, erhoben uns darauf von den Tischen, und Ich segnete alle hier Anwesenden.
GEJ|7|143|1|1|143. — Auf dem Hügel bei Emmaus
GEJ|7|143|1|0|Es fragte Mich aber Lazarus, was Ich nun beginnen werde.
GEJ|7|143|2|0|Sagte Ich: „Wir werden nun alle hinausgehen und uns auf dem Hügel lagern, der von hier gegen Morgen zu liegt; dort werden wir heute noch ganz außerordentliche Dinge erleben und durchmachen nach unserer diesseitig menschlichen Art und Weise.“
GEJ|7|143|3|0|Mit diesem Bescheide waren alle bis auf Nikodemus völlig zufrieden; denn er wußte es ja, daß ihn nachmittags zwei Pharisäer besuchen würden.
GEJ|7|143|4|0|Er wandte sich darum an Mich und sagte (Nikodemus): „Herr und Meister, Du siehst in mein Herz und weißt es, wie endlos gerne ich dabei und von allem Augen- und Ohrenzeuge wäre! So Du nun schon hinausziehst auf den Hügel, der freilich wohl auch noch mein Eigentum ist – das heißt, so lange ich leben werde –, so möchte ich mitziehen; aber nun muß ich der angesagten zwei Pharisäer wegen daheim verbleiben und verliere für meine Seele unberechenbar vieles. Herr, was ist nun da zu machen? Auf der einen Seite ist es mir zwar recht, daß Du Dich den schwarzen Menschen (Pharisäern) aus den Augen ziehst, aber daß Dich darum auch meine Augen nicht sehen und meine Ohren nicht mehr hören können zum Heile meiner Seele, das ist mir wahrlich gar nicht recht!
GEJ|7|143|5|0|Ich frage darum noch einmal, was da Rechtens zu machen wäre. Soll ich die beiden Pharisäer am Ende gar nicht abwarten und mit euch hinaus auf den Hügel ziehen, oder soll ich hier verweilen, um zu erfahren, mit was für einem Anliegen sie hierherkommen werden? Aber das letztere deucht mir durchaus nicht nötig zu sein; denn Dir, o Herr, ist ja ohnehin alles bekannt und somit auch, was heute nachmittag etwa die beiden Pharisäer zu mir heraus führen könnte. Wenn es sich um nichts besonders Wichtiges handeln würde, so ließe ich die zwei Pharisäer wohl kommen – und wieder nach Hause gehen! Handelt es sich da aber um etwas auf Dich Bezug Habendes, so wäre es doch wieder gut, wenn ich daheim bliebe. – Was sagst Du, o Herr und Meister, dazu?“
GEJ|7|143|6|0|Sagte Ich: „Du gehst mit uns; die beiden Pharisäer werden schon erfahren, wohin wir gegangen sind, und werden uns dann bald nachkommen! An Ort und Stelle werden sie schon erfahren, wie es mit dem auf Mich Bezug Habenden aussieht; denn Ich will es eben also haben, daß sie sehen sollen, was es dort draußen am bequemen Hügel alles geben wird, und ihr Mund wird ihnen auf eine gar sonderbare Weise gebunden werden. Ich Selbst werde da wenig oder nichts tun und werde die beiden bloß durch die beiden ihnen schon bekannten Römer, durch Raphael und durch die sieben Oberägypter bearbeiten lassen, und die beiden werden schweigen wie eine Mauer. Mich aber werden sie nicht erkennen und nach Mir auch wenig fragen; denn unter etlichen hundert Menschen findet man einen nicht so bald heraus.
GEJ|7|143|7|0|Du brauchst daheim in deinem Hause aber auch nicht einmal eine Kunde zu hinterlassen, wohin du gezogen bist; sie werden das in diesem Flecken gar bald von den Kindern, Knechten und Mägden erfahren, wohin du gezogen sein wirst, und sie werden dir bald auf den Fersen folgen. Aber sei du ihretwegen gänzlich ohne alle Furcht; sie werden an dir wahrlich keine Verräter machen! Die aber an Meiner Statt reden und handeln werden, denen wird es schon eingegeben werden, was sie zu reden und was zu tun haben, und so sei du nun gänzlich ohne alle Furcht und Sorge, und gehe nun mit uns ganz guten Mutes hinaus auf den schönen Hügel, den Ich ehedem vorgeschlagen habe!“
GEJ|7|143|8|0|Als Nikodemus das von Mir vernommen hatte, da wurde er ganz heiter und befahl seinen Leuten, nach etwa drei Stunden in gerechter Menge Brot und Wein auf den Hügel zu bringen.
GEJ|7|143|9|0|Hierauf fragte auch Lazarus, was unterdessen mit den Jungen geschehen solle.
GEJ|7|143|10|0|Sagte Ich: „Auch diese müssen mit uns auf den Hügel; denn Ich will es, daß nun auch diese Jungen höhere Erfahrungen machen sollen, und so sollen sie uns in guter Ordnung folgen!“
GEJ|7|143|11|0|Nun war zum Aufbruch alles bereitet, und wir erhoben uns und gingen, nur von einigen Kindern bemerkt, hinaus an den bestimmten Ort, den wir gar bald erreichten, da er nicht weit von dem Flecken entfernt war.
GEJ|7|143|12|0|Der Hügel war im ganzen nur bei dreißig Mannshöhen über den Flecken Emmaus erhoben, hatte aber auf seiner Höhe einen großen und freien Platz, der recht reichlich mit Gras bewachsen und gegen Norden hin etwas bewaldet war. Nahe in der Mitte des oberen Hügelraumes ragte eine Felsengruppe über den Grasboden empor, und die Felsen hatten eine Höhe zwischen einer bis zwei Mannslängen und waren von allen Seiten gut zu besteigen. Zuoberst dieser Gruppe war von Nikodemus eine nach dem Geschmacke der Zeit und des Ortes recht zierliche und geräumige Hütte erbaut, von der aus man gleich wie vom Ölberg eine gar schöne Fernsicht genoß.
GEJ|7|143|13|0|Ich bezog mit einigen Meiner Jünger alsbald die erwähnte Hütte, die nach allen Seiten hin eine freie Aussicht bot; alle andern lagerten sich um die Felsengruppe herum und achteten wohl auf alles, was sich etwa irgendwo ereignen möchte oder könnte, oder was Ich etwa machen oder reden würde.
GEJ|7|143|14|0|Nach einer kleinen Weile, als sich alle Anwesenden um die Felsengruppe herum mehr und mehr geordnet hatten, berief Ich Nikodemus zu Mir und sagte zu ihm: „Gib nun wohl acht; denn die beiden Erzpharisäer, begleitet von zwei Leviten, werden nun auch gleich bei uns sein! Was du, Lazarus, die Römer, Raphael und die sieben Oberägypter zu reden und zu tun haben werdet, das wird euch in den Mund und in den Sinn eures Herzens gelegt werden; doch von Mir redet vorderhand nichts zu den Blinden!“
GEJ|7|143|15|0|Damit begab sich Nikodemus wieder auf seinen Platz, den er mit Joseph von Arimathia, mit Lazarus, den Römern, mit Raphael und den sieben aus Oberägypten einnahm, und erwartete die Angesagten, die nun auch schon auf der Fläche des Hügels in einer mürrischen Stimmung ankamen.
GEJ|7|144|1|1|144. — Pharisäer besuchen Nikodemus
GEJ|7|144|1|0|Als sie (die vier Pharisäer) des Nikodemus ansichtig wurden, gingen sie sogleich auf ihn zu und redeten ihn also an: „Da du wußtest, daß wir dich heute nachmittag in einer wichtigen Angelegenheit besuchen würden, so hättest du uns ehrgebührlichermaßen daheim im Hause erwarten können! Doch dieweil wir wohl sehen, daß du eine große Menge fremder Gäste um dich hast, denen du hier offenbar einen frohen Nachmittag bereiten willst, so wollen wir dich denn vor uns auch für entschuldigt halten. Wer sind aber alle die vielen Fremden? Die andern, die von hier, von Jerusalem und von der Umgegend hier sind, die kennen wir wohl; aber wer und woher sind die vielen Fremden? Gibt es heute hier in Emmaus ein Fest, von dem uns nichts angezeigt worden ist?“
GEJ|7|144|2|0|Sagte Nikodemus: „Es gibt hier hohe Römer, Griechen, Ägypter und Indier, die heute in meiner Herberge angekommen sind, und die ich nun alle auf diesen meinen Lieblingshügel geführt habe, damit sie da an diesem schönen Tage die Aussicht genießen und sich in dieser freien Luft erheitern können. Wollt ihr aber noch ein mehreres wissen, so redet selbst mit ihnen; denn sie sind aller Zungen kundig!“
GEJ|7|144|3|0|Hier trat Agrikola vor und sagte: „So ihr schon als Spione des Tempels hierher gekommen seid, da liegt es euch auch sicher sehr am Herzen, hier soviel als nur immer möglich Neues und Außerordentliches zu erfahren, und das sollet ihr auch!
GEJ|7|144|4|0|Sehet, ich, der ich hier nun mit euch rede, heiße Agrikola, bin aus Rom und ein erster Diener des Kaisers und bin versehen mit aller Vollmacht! Ich kann nun im Namen des Kaisers alles mögliche anordnen und verfügen, und es muß geschehen, was ich im Namen des Kaisers gebiete. Die, die da hinter uns uns umgeben, sind meine Begleiter und auch mächtige Diener des Kaisers. Meine beiden Freunde hier, Agrippa und Laius, kennet ihr ohnehin. Da hinter der Felsengruppe sehet ihr etliche hundert junge Menschen beiderlei Geschlechts; die gehören zu Meiner Leibgarde, und die andern Männer halte ich ebenfalls zu meinem Schutz. Da vorn sehet ihr drei Weise aus Indien, deren großes Gefolge in der Nähe der Stadt untergebracht ist; auch diese gehören nun zu mir. Dahier ist ein Jüngling, der mit seinem Willen mehr vermag als alle Mächte der Erde. Und hier gleich neben uns stehen eben dieselben wundermächtigen Oberägypter, von deren Kraft euch gestern mittag die beiden Römer ganz sonderbare Dinge erzählt haben; sie kamen, die beiden Römer hier zu besuchen.
GEJ|7|144|5|0|Und so wisset ihr nun, unter welcher Gesellschaft ihr euch befindet, und wer und woher wir sind, und was wir vermögen. Wollet ihr aber die merkwürdigen und vollkommenen Menschen selbst näher kennenlernen, so wendet euch an sie selbst; denn denen kann und darf ich nichts gebieten, weil sie selbst völlig Herren sind und alle Macht in ihrem Willen haben. Ich habe nun geredet, und nun kommt die Reihe wieder an euch!“
GEJ|7|144|6|0|Darauf sahen die beiden Pharisäer nach der Hütte, die zuoberst der Felsengruppe erbaut war, und fragten Nikodemus, wer denn in der Hütte sich befände.
GEJ|7|144|7|0|Nikodemus aber sagte: „Es steht geschrieben, daß es nicht gut sei, wenn der Mensch um gar alles wisse, und so könnet ihr diesen Grundsatz nun auch bei euch in Anwendung bringen, wenn es euch darum zu tun ist, diese höchsten Römer nicht wider euch zu erbittern; denn soviel ich aus ihren Worten entnommen habe, so steht der Tempel eben nicht im besten Ansehen bei ihnen.“
GEJ|7|144|8|0|Auf diese Antwort fragten die Pharisäer nicht mehr, wer sich etwa in der Hütte befände. Aber sie wandten sich nun an den ersten der sieben Oberägypter und fragten ihn, ob er wohl derselbe Mensch wäre, von dem ihnen gestern die beiden Römer so wunderbare und kaum glaubliche Dinge erzählt hätten.
GEJ|7|144|9|0|Sagte der Oberägypter mit gar kräftiger Stimme: „Ja! Was wollet ihr von mir, ihr jedes Funkens des göttlichen Geistes bare Verfolger aller jener Menschen, die vom Geiste Gottes erfüllt waren und den anderen Menschen die Wege der lichten und lebendigen Wahrheit gezeigt haben? Redet, was ihr von mir wollet, das ich euch tun soll!“
GEJ|7|144|10|0|Diese sehr ernste Sprache des Oberägypters wollte den beiden hohen Pharisäern eben nicht am besten behagen. Sie dachten nun nach, ob es rätlich wäre, ihn um die Wirkung eines Zeichens anzugehen.
GEJ|7|144|11|0|Nach einer Weile erst sagten sie zum Oberägypter (die Pharisäer): „Lieber Mann, wir haben dich nur bitten wollen, ob es dir nicht genehm wäre, auch hier vor uns ein Zeichen, hervorgehend aus der Macht deines Glaubens und Willens, zu wirken. Denn wenn wir von dir schon so Wunderbares von glaubwürdigen Zeugen vernommen haben und du selbst nun hier zugegen bist, da möchten wir uns denn auch von deiner inneren Macht eine tatsächliche Überzeugung verschaffen. Wirke darum ein Zeichen vor uns!“
GEJ|7|144|12|0|Sagte der Oberägypter: „Ja, ja, ich werde wohl eins wirken; aber ihr müsset mir zuvor kundgeben, aus welchen wichtigen Gründen – wie ihr selbst das gleich anfangs dem Nikodemus eröffnet habt – ihr mit euren Gehilfen heute hierher gekommen seid, da ihr des morgigen Sabbats wegen doch daheim hättet bleiben sollen, um für den morgigen Tag allerlei Vorbereitungen zu treffen, weil ihr an eurem Sabbat nichts tun dürfet. Saget mir den wichtigen Grund eurer heutigen Hierherkunft nur ganz klar und wahr heraus, und ich werde euch dann ein Zeichen wirken; aber kommt mir ja mit keiner Lüge! Denn so ihr mir mit einer Lüge kommt, da werde ich euch auch ein Zeichen wirken, – aber nicht zu eurem Heile, sondern zu eurem Verderben!“
GEJ|7|144|13|0|Sagte darauf der eine Pharisäer: „Ich sehe es schon, daß man mit dir nicht hinterhältig reden kann, und so scheue ich mich auch gar nicht, hier die volle Wahrheit offen auszusprechen.
GEJ|7|144|14|0|Sieh, in Galiläa, das auch den Juden gehört und unter Jerusalem steht, ist ein Prophet aufgestanden, der wirkt auch allerlei Zeichen und streut eine neue Lehre aus wider den Tempel und wider uns! Er verführt das Volk und wiegelt es gegen uns auf. Ja, wir wissen es, daß er sich für einen Sohn Gottes ausgibt, sich als den verheißenen Messias anpreisen läßt und uns, die wir bei der alten Lehre Mosis sind, allenthalben feindlichst begegnet. Wir aber wissen es nur zu gut, daß er der Sohn eines alten Zimmermanns ist, der samt seinem Weibe ein ganz natürlicher Mensch war. Weil der erwähnte Prophet uns aber allenthalben verfolgt, so ist es hoffentlich auch ganz in der Ordnung, daß auch wir ihn verfolgen und nach ihm fahnden.
GEJ|7|144|15|0|Wir aber haben durch einige unserer ausgesandten Kundschafter noch in der vergangenen Nacht erfahren, daß er sich mit seinen vielen Jüngern nun noch in der Gegend von Jerusalem herumtreibe und sein uns feindliches Wesen treibe, was uns durchaus nicht gleichgültig sein kann. Man versicherte uns, daß Nikodemus, als unser Amtsgenosse, sichere Kunde von seinem Aufenthalte habe, und wir sind eben darum herausgekommen, um uns darüber mit Nikodemus zu besprechen und zu beraten, wie sich diese Sache verhalte, und was da Rechtens zu machen sei. Das, sieh, ist der ganz wichtige Grund, aus dem wir herausgekommen sind!“
GEJ|7|144|16|0|Sagte mit sehr ernster Miene der Oberägypter: „Was würdet ihr denn dann mit dem Propheten machen, so er sich von euch irgend fangen ließe?“
GEJ|7|144|17|0|Sagte der Pharisäer: „Wir würden ihn sofort dem Gerichte überantworten, strenge untersuchen lassen und wider ihn zeugen und ihm bezeigen, welcher Verbrechen er sich gegen uns schuldig gemacht hat. Hat er zu gewaltig gegen uns, gegen den Tempel und gegen die Satzungen verstoßen – wovon wir zum größten Teile schon völlig überzeugt sind –, so müßte er offenbar nach dem Gesetze zum Tode verdammt werden.“
GEJ|7|145|1|1|145. — Der Oberägypter enthüllt die Gedanken der Pharisäer
GEJ|7|145|1|0|Sagte der Oberägypter: „Seht, ich bin möglichst ein noch ganz vollkommener Naturmensch und besitze noch jene Gaben von Gott aus, durch die der Mensch als der Schluß- und Vollendungspunkt der ganzen Schöpfung zum eigentlichen Herrn der ganzen Natur, ihrer Geister und Elemente wird, und ich vermag vieles und weiß um alle menschlichen, tierischen, pflanzlichen und mineralischen Dinge der ganzen Erde, von ihrer Entstehung bis zu ihrer einstigen gänzlichen Vernichtung hin, und kenne sogar alle eure moralischen, theosophischen und staatlichen Verhältnisse und verstehe auch alle Zungen, sogar die der Tiere, ohne sie je aus irgendeiner Schrift gelernt zu haben; denn alles das lehrte mich mein Geist, der mir von Gott gegeben wurde, schon in meinem neunzehnten Jahre.
GEJ|7|145|2|0|Und somit kann ich euch sagen, daß ihr selbst euren Moses schon seit lange her vollkommen zerstört habt und habt aus zu großem Hange, über eure Nebenmenschen zu herrschen, und aus zu großem Hange zur Trägheit, zum Wohlleben und zur Hurerei und Ehebrecherei euch selbst Satzungen gemacht, durch die ihr eure Nebenmenschen quälet und peiniget. Ihr leget ihnen unerträgliche Bürden auf, die ihr selbst mit keinem Finger um Gottes willen anrühret, weil ihr bei euch an keinen Gott mehr glaubet. Denn glaubtet ihr noch an einen Gott, wie einst euer Stammvater Abraham geglaubt hat, so hättet ihr Mosis Gesetze sicher nicht zerstört, seine ihm von Gott gegebenen Gesetze nicht verdreht und nicht mit Steinen getötet die Propheten, die Gott unter euch erweckt hatte, damit sie euch allzeit anzeigeten, wie weit ihr von Seinen Wegen abgewichen seid.
GEJ|7|145|3|0|Nun ist wahrlich der höchste und für euch auch der letzte Prophet gerade in der Zeit aufgestanden, wie sie euch durch eure Propheten geweissagt ward. Er lehrt die Wahrheit und zeigt euch, daß ihr nicht mehr Kinder Gottes, sondern Kinder des Teufels seid infolge eurer großen und groben Sünden gegen den Willen Gottes. Das erfüllt euch wohlbegreiflichermaßen mit Grimm und Wut gegen Ihn, und ihr trachtet, Ihn darum zu fangen und zu töten.
GEJ|7|145|4|0|Ich als ein fremder Weiser aber sage es euch, daß auf Seine Zulassung ihr solches auch noch zur Ausführung bringen könnet und nach eurem ganz grundbösen Willen auch werdet. Aber ihr werdet nur Seinen Leib auf drei Tage lang zerstören; aber Sein ewiger und allmächtiger Geist, den ihr nicht mit dem Leibe werdet zerstören können, wird Ihn wieder, und das schon in drei Tagen, erwecken. Dann wohl allen, die an Ihn geglaubt haben; aber tausendfaches Wehe euch argen Heuchlern, Betrügern und Bedrückern der Menschen! Es wird mit euch geschehen, was euch in der vorgestrigen Nacht am Firmament gezeigt ward! – Habt ihr mich verstanden?“
GEJ|7|145|5|0|Sagte mit einem ganz erbosten Gesichte der Pharisäer: „Wie wagst du, ein Fremdling, uns solches ins Gesicht zu sagen?! Kennst du unsere Macht? Weißt du bei deiner Allwissenheit unsere Macht nicht?“
GEJ|7|145|6|0|Sagte der Oberägypter: „Ich sagte euch das aus eben dem Grunde, weil ich die volle Nichtigkeit eurer und die vollste Wahrheit meiner Macht, die vor tausendmal tausend Kriegern nicht beben würde, nur zu klar und zu wohl kenne! Ich sagte euch nur die Wahrheit. Warum wollet ihr sie zu eurem noch immer möglichen Heile nicht hören? Weil ihr nicht mehr Kinder Gottes, sondern Kinder eures höchsteigenen Teufels seid! Darum ärgert euch nun das, was ich euch gesagt habe, und darum auch wollet ihr den Heiligen Gottes töten! Aber glaubet es mir, daß ich wirklich keine Furcht vor euren zornglühenden Gesichtern habe; den Grund davon soll euch gleich ein von mir zu wirkendes Zeichen aufdecken! Sehet ihr da oben hoch in den Lüften mehrere Riesenadler umherschweben?“
GEJ|7|145|7|0|Die Pharisäer und auch die Leviten sahen empor und erblickten auch gleich zwölf dieser gefürchteten Riesenadler, und ein Pharisäer sagte: „Und was sollen diese Tiere bedeuten?“
GEJ|7|145|8|0|Sagte der Ägypter: „Diese Tiere habe ich eben zu dem Behufe hierher gerufen, um euch zu zeigen, wie ein vollkommener Mensch ein Herr der gesamten Natur ist. Ich rufe sie aber nun auch sogleich alle herab, damit ihr sie in eurer vollen Nähe genauer beobachten könnet!“
GEJ|7|145|9|0|Hierauf machte der Ägypter mit seiner rechten Hand nur einen Zug, und die Riesenadler schossen wie Pfeile herab und umstellten die Templer. Diese erschraken gewaltig und baten den Ägypter, daß er diesen gar wild und grimmig sich gebärdenden Tieren denn auch gebieten solle, daß sie ihnen nichts zuleide täten!“
GEJ|7|145|10|0|Sagte der Ägypter: „Fürchtet ihr euch schon gar so gewaltig vor diesen Tieren? Wie kommt es denn, daß ihr Den, nach dem ihr fahndet, und der endlos mehr vermag denn ich, nicht fürchtet?
GEJ|7|145|11|0|Seht, wie gar entsetzlich blind, dumm und blöde ihr seid und dadurch auch im höchsten Grade böse und rachgierig! Ein wahrhaft Weiser ist das nie; er wird den Narren ihre Unart wohl strenge verweisen und sie erst dann in ein sie züchtigendes Gericht stürzen, wenn sie schon einmal so verstockt, arg und böse geworden sind, daß ihnen zu ihrer Besserung mit keiner Vernunft mehr beizukommen ist, wie das bei euch Templern vollkommen der Fall ist. Was könnte mir denn geschehen, so ich euch nun von diesen mir sehr gehorsamen Tieren zerfleischen ließe? Ich sage es euch: nicht das Geringste!
GEJ|7|145|12|0|Ihr meinet freilich, daß ich mit euch vieren bald fertig würde, – aber was dann, wenn ein bewaffnetes Heer mich umringte und mit scharfen Pfeilen nach mir schösse? Dann würde ich mit dem ganzen Heere das machen, was ich nun, um euch einen Beweis zu liefern, bloß mit meinem Willen auf einige Augenblicke mit euch machen werde und nun schon gemacht habe! Versuchet nun, weiterzugehen oder von euren Händen Gebrauch zu machen! Nur eurer Zunge lasse ich die volle Freiheit, sonst aber gleichet ihr der Salzsäule, zu der Lots Weib durch ihren Ungehorsam geworden ist.“
GEJ|7|145|13|0|Hierauf versuchten die viere, die Füße vom Boden zu heben und die Hände zu bewegen, was aber unmöglich war. Daher baten sie den Ägypter inständigst, daß er sie von diesem qualvollsten Zustande befreien möchte; denn sie seien gesonnen, ihre Gesinnung zu ändern.
GEJ|7|145|14|0|Sagte der Ägypter: „Das werdet ihr schwerlich; aber ich lasse euch dennoch frei!“
GEJ|7|145|15|0|Hier konnten sie wieder ihre Füße und Hände frei bewegen, und der eine Pharisäer sagte: „Weil dir solch eine unbegreifliche Macht eigen ist, so könntest du ja schon lange irgendein allermächtigster Herrscher über die ganze Welt werden. Wer könnte dir einen Widerstand leisten?“
GEJ|7|145|16|0|Sagte der Ägypter: „Ich bin aber kein blinder Weltnarr, wie ihr es seid; mir liegt alles nur an der wahren Erkenntnis des einen, wahren Gottes, an Seiner lebendigen Gnade und Liebe, und daß ich genau erkenne den heiligen Willen des ewigen Vaters, um strenge nach demselben zu handeln, – und seht, das ist endlos mehr denn alle Schätze der Erde!
GEJ|7|145|17|0|Würdet ihr als sein sollende Priester auch dasselbe tun, so würde euch das mehr nützen denn all euer vieles Gold und Silber und alle eure Edelsteine.
GEJ|7|145|18|0|Solange euer einstiger König Salomo nicht auf einem goldenen Throne saß und goldene Gemächer bewohnte, war er weise, und in seinem Willen lag eine große Macht; als er aber bald nachher mit des Goldes Glanz umgeben war, verlor er Weisheit und Macht und fiel aus der großen Gnade Gottes. Was nützten dann dem Schwächlinge seine unermeßlichen Weltschätze, so er am Ende sogar am Dasein Gottes zu zweifeln begann?!
GEJ|7|145|19|0|Aber Salomo war bei allen seinen Zweifeln in seiner letzten Zeit dennoch um vieles besser, als ihr nun seid. Seine Pracht- und seine große Weibergier also haben Salomo dem Herrn mißfällig gemacht, weil Salomo Seiner nicht achtete, obschon Er ihm zweimal erschienen war, mit ihm geredet hatte und ihn warnte, je von Seinen Wegen abzuweichen. Die Folge davon war, daß sein großes Reich geteilt und seinem Sohne nur das kleine Gebiet um Jerusalem belassen wurde; und selbst diese Gnade wurde dem Salomo nur um seines Vaters David willen erteilt. Euch aber wird gar keine Gnade mehr erteilt werden, sondern ihr werdet untergehen im Pfuhle eurer zahllos vielen Sünden und eurer gänzlichen Unverbesserlichkeit!“
GEJ|7|146|1|1|146. — Die Bestrafung des reichen Barabe
GEJ|7|146|1|0|Sagte der eine Pharisäer: „Wie kannst du denn das von uns so bestimmt behaupten? Warum sollen denn wir, so wir denn schon gar so große Sünder sein sollen, uns nicht auch bessern können? Laßt uns nur die volle Wahrheit sehen und erkennen, daß der Prophet aus Galiläa im Ernste das Heil der Juden ist, und wir wollen an ihn glauben!“
GEJ|7|146|2|0|Sagte der Ägypter, auf die zwölf Adler hindeutend: „Da sehet hin! Diese wilden Raubvögel werden eher an Ihn glauben denn ihr! Hat Er denn nicht schon zu öfteren Malen bei euch im Tempel gelehrt, und hat Er nicht vor euren Augen die größten Zeichen gewirkt? Warum glaubtet ihr Ihm denn nicht?! Je mehr Er lehrte, und je größere Zeichen Er wirkte, desto mehr stieg euer Zorn und eure Rachgier gegen Ihn! Wenn aber das bei euch unbestreitbar der Fall ist, wie könnet ihr da sagen, daß ihr das nur tut, um die volle Wahrheit zu erkennen und dessen gewiß zu werden, daß Er der Heilbringer für Israel ist, an den ihr glauben würdet? Ich aber frage euch, wer in der Welt Ihn euch wohl noch besser soll kennen lehren als gerade Er Selbst. Glaubet ihr Ihm nicht, – wem wollet ihr dann glauben und euch darum bessern?“
GEJ|7|146|3|0|Sagte der Pharisäer: „Man glaubt oft einem Zeugen eines Propheten eher als dem Propheten selbst!“
GEJ|7|146|4|0|Sagte der Ägypter: „Auch an denen hattet ihr keinen Mangel; denn erstens zeugten von Moses an alle Propheten für Ihn, und dann habt ihr in dieser Zeit lebende Zeugen genug gehabt. Warum glaubtet ihr denn ihnen nicht? Sie haben Ihn vor euch verkündet, und ihr habt sie mit Steinen erschlagen, und dem letzten ließet ihr mit dem Beile den Kopf vom Leibe schlagen. Und ihr saget: ,Wir wollen den Zeugen eher glauben als dem Propheten selbst!‘ Wo der Meister nichts ausrichtet, was sollen da Seine schwachen Zeugen tun?
GEJ|7|146|5|0|Ja, ja, vor mir habt ihr nun eine Höllenfurcht, weil ich als ein völlig Fremder euch gezeigt habe, was ein vollkommener Mensch vermag; aber vor dem ersten und größten Menschen, der ein Gott ist, habt ihr keine Furcht, weil Er euch nach Seiner unermeßlichen Liebe, Geduld und Erbarmung bis jetzt noch immer als Seine ersten Kinder behandelt hat. Aber ich sage es euch, daß ich als ein vollkommener Mensch das allereigentlichste Garnichts gegen Ihn bin; denn Er allein ist der Herr meines und eures Lebens und Heiles. Das ist und bleibt eine ewige Wahrheit.
GEJ|7|146|6|0|Euer Zorn und Grimm gegen Ihn wird sich ewig nicht mindern. Da sehet hier meine Tiere an! Sooft ich Seiner nur erwähne, neigen sie ihre Köpfe bis zur Erde hinab, – und in eurer Brust vermehrt sich dabei der unauslöschbare Groll! Diese Tiere beschämen sonach eure Weisheit und Würde; ihr aber sinket stets tiefer in den Pfuhl eures Verderbens hinab. Und ihr saget noch, daß ihr euch bessern könntet, so ihr die Wahrheit erkennen würdet? Wie kann aber ein Blinder das Licht schauen und begreifen, so in ihm kein Licht waltet und walten kann, weil er ein Stockblinder ist? Ebensowenig könnet ihr eine Wahrheit begreifen, weil in euch noch nie eine Wahrheit bestanden hat.
GEJ|7|146|7|0|Wer die Wahrheit fassen und begreifen will, der muß zuvor selbst aus der Wahrheit hervorgegangen sein. Ihr aber seid schon von euren Ureltern her Kinder der Lüge gewesen, – wie wollet ihr nun die größte und heiligste aller Wahrheiten auf einmal fassen und begreifen?! Kurz, ihr bleibet in euren alten Sünden und werdet auch den Lohn für eure Werke erhalten!“
GEJ|7|146|8|0|Hier fingen die Riesenadler an, um die Pharisäer sehr zweideutige Bewegungen zu machen, und diese bekamen große Angst und baten den Ägypter abermals, daß er vermitteln möchte, daß sie ihnen nichts zuleide täten.
GEJ|7|146|9|0|Sagte der Ägypter: „Wahrlich, euer elendes Fleisch wäre für diese edlen Tiere zu schlecht! Aber sehet, da unten weidet eine Herde Schafe bis zum Fuße dieses Hügels! Diese gehören einem gewissen Barabe, einem äußerst reichen Bürger von Jerusalem, der eine höchst arme Familie, die einst sogar in seinen Diensten stand, dort in jener schon sehr verfallenen Schafhütte vollends hat zugrunde gehen lassen. Er gab ihr wohl auf eine kurze Zeit das Recht, in jener schlechten Hütte zu wohnen; da aber ihre arge Krankheit zu lange andauerte und in dieser Zeit so arg wurde, daß für ihn gar keine Aussicht mehr vorhanden war, daß sie einmal sowieso enden werde, so wurde ihm die Sache zu langweilend und sogar sehr bedenklich, weshalb er denn auch unter dem Vorwande, daß jene Hütte wegen der Zunahme seiner Herden ganz neu in einen guten Zustand gebracht werden müsse, den Befehl gab, daß die arme Familie sich noch am heutigen Tage als halbtot aus der ohnehin elendsten Hütte zu entfernen habe. Oh, welch ein edler und barmherziger Sohn Abrahams, Isaaks und Jakobs!
GEJ|7|146|10|0|Da aber kam der allwissende und von euch so sehr verhaßte Prophet aus Galiläa zu der besagten höchst armen und gänzlich verlassenen Familie, deren Kinder nackt um Brot bettelten und keins bekamen, obschon dieser Ort der Brotbackofen von beinahe ganz Jerusalem ist, gab den Eltern durch Seinen allmächtigen Willen Gesundheit, dann Brot, Wein und eine ganz anständige und gute Bekleidung und führte sie durch jenen hohen Römer aus jener elendsten Herberge.
GEJ|7|146|11|0|Dort, inmitten der besagten hohen Römer, stehen die Eltern und ihre armen Kinder und sind nun schon bestens versorgt. Und sehet, das alles tat euer verhaßter Prophet!
GEJ|7|146|12|0|Ihr als sein sollende Priester Gottes aber habt nun nichts Eifrigeres und Notwendigeres zu tun, als Tag und Nacht in eurer Räuberhöhle und Mördergrube von einem Gottestempel Rat zu halten, wie ihr diesen größten Wohltäter der armen Menschheit töten und vernichten könntet!
GEJ|7|146|13|0|Saget es selbst: Mit welchen reißenden Wald- und Wüstenbestien seid ihr da wohl zu vergleichen? Wahrlich, der Bürger Barabe ist elend und schlecht; aber ihr seid noch um viele tausend Male schlechter! Denn Barabe wird dem großen Propheten sogar noch dankbar sein, daß er ihm seine Hütte geräumt hat; doch in euch wächst der geheime Grimm nur noch mehr, weil euch der große Prophet zu unendlich in eurer nichtigsten Kraft, Macht und Erbarmung übertrifft! Und so soll nun der Barabe auch mäßiger gezüchtigt werden für seine große Unbarmherzigkeit!
GEJ|7|146|14|0|Da sehet die Riesenadler an! Sie sollen, weil ihr ihnen zur Speise – wie ich schon bemerkt habe – viel zu elend und schlecht wäret, sich an der Herde des gar so gutherzigen Barabe sättigen, und damit sie mit der Herde leichter fertig werden, so sollen sie von ebensoviel Wölfen und Bären unterstützt werden! Ich will es, und so geschehe es!“
GEJ|7|146|15|0|Als der Ägypter solches ausgesprochen hatte, da erhoben sich plötzlich die Riesenadler, stürzten sich hinab auf die unten weidenden Schafe, und ein jeder hob eins, es in seinen Krallen festhaltend, empor und flog damit den Bergen zu. Zugleich aber bemerkte man auch unten auf der Weide schon eine Menge Wölfe und Bären, durch die dann die ganze große Herde völlig zerstört und mit Gier aufgefressen wurde, – bei welcher Gelegenheit die Hirten wohl die eiligste Flucht ergriffen haben.
GEJ|7|146|16|0|Da schauten die vier Templer ganz verblüfft in das Tal hinab, und keiner getraute sich, sich darüber auch nur mit einem Worte weder dafür noch dawider zu äußern.
GEJ|7|147|1|1|147. — Das Versprechen der Pharisäer
GEJ|7|147|1|0|Der Ägypter aber fragte sie, sagend: „Nun, wie gefallen euch zum Beispiel diese nun von mir gewirkten Zeichen?“
GEJ|7|147|2|0|Keiner getraute sich mehr, diesem Wundermann eine Antwort zu geben; denn sie hatten, ihrer Frevel sich bewußt, eine zu große Angst und Furcht vor ihm!
GEJ|7|147|3|0|Er aber sagte: „O ihr elenden Heuchler! Vor mir habt ihr nun wohl Furcht, weil ihr solches von mir gesehen und erfahren habt; aber Den suchet ihr zu fangen und zu töten, durch dessen allmächtigen Willen, den ich kenne, ich nun das alles gewirkt habe! O ihr elend blinden Narren! Wer ist denn mehr: der Herr oder der Knecht, der Meister oder der schwache Jünger? Bebet ihr nun vor mir schon so sehr, wie werdet ihr denn vor Seinem Angesichte bestehen?!“
GEJ|7|147|4|0|Sagten mit einer ganz verzagten Stimme die Pharisäer: „Ja, ja, du überaus mächtiger Mann, du hast nun ganz richtig und wahr gesprochen; aber wir können denn am Ende und im Grunde des Grundes doch nicht dafür, daß der Tempel sich gegen den Propheten aus Galiläa gar so feindlich stellt! Der Tempel mit seinen Einrichtungen ist ein noch immer weltlich mächtiger Strom; wir befinden uns inmitten dieses Stromes und können unmöglich gegen seine Wogen schwimmen! So aber schon der mächtige Prophet den Tempel nicht umwandeln mag oder will, was sollen dann wir ohnmächtigen Mitglieder desselben gegen ihn vermögen?! Ja, hätten wir deine uns unerklärliche Macht, da wollten wir den hohen Priesterrat bald umgestimmt haben; aber allein mit puren Worten ist das unmöglich. Wir können uns in der Folge höchstens einer Mitstimmung gegen den großen Propheten enthalten oder den Tempel auch verlassen, das heißt, wir können uns in ein mehr privates Leben mit unseren Mitteln zurückziehen, – aber umändern können wir den Tempel nicht, was du mit deiner wahrlich großen Weisheit gar wohl einsehen wirst. Aber du und noch mehr der große Prophet könntet den Tempel und seine Diener mit solchen Zeichen schon umändern; aber wir allein können das nicht.“
GEJ|7|147|5|0|Sagte der Ägypter: „Das, was ihr da zu eurer Entschuldigung nun vorgebracht habt, weiß ich nur zu gut; aber ich weiß auch, daß eben ihr, streng an der Seite eures Hohenpriesters, es seid und waret, die den eigentlichen Kern der grellsten Feindschaft gegen den größten Propheten, den je die Erde getragen hat, bildetet, – und das ist arg und böse von euch.
GEJ|7|147|6|0|Ich aber sage es euch nach der ewigen Weisheit Gottes in mir: Der große Meister, voll des Geistes Gottes und aller Seiner Kraft und Macht, will die Menschen nicht durch pure Zeichen, sondern vielmehr durch Seine reinste und weiseste Lehre auf den Weg des Lichtes und des Lebens setzen, weil die Zeichen die Menschen wohl nötigen, an Ihn und Sein Wort zu glauben, – aber sie verschaffen niemandem eine innere freie und lebendige Überzeugung von der großen Wahrheit; solange aber dem Menschen diese fehlt, die er sich nur durch das genaue Handeln nach der Lehre verschaffen kann, so lange ist er der Seele nach auch noch als ein Toter anzusehen. Denn der pure, blinde und genötigte Glaube gibt dem Menschen kein inneres, wahres Leben, sondern nur der lichtvolle und durch das Handeln lebendige Glaube, und dieser wird nie und nimmer durch äußere Wunderzeichen, sondern nur durch das lebendige Wort der ewigen Wahrheit aus Gott von jenem Menschen erreicht, der es als solche Wahrheit annimmt und danach tätig wird.
GEJ|7|147|7|0|Da aber das der große Meister aus Galiläa wohl am allerklarsten weiß und einsieht, was Seinen Menschen zum wahren Heile gereicht, so wirkt Er Selbst offen vor der Welt auch nur wenige Zeichen, sondern lehrt sie nur den Willen Gottes der vollen Wahrheit nach erkennen und muntert sie auf, denselben auch zu erfüllen; Zeichen aber wirkt Er nur, wo Er es wohl einsieht, daß sie niemandem an seiner Seele schaden können.
GEJ|7|147|8|0|Er will darum aber auch dem Tempel keinen Zwang antun und läßt ihn frei walten; wenn aber der Tempel nicht nachlassen wird, so wird der Tempel samt seinem ganzen Anhange dem Gericht und seinem Untergange überlassen werden. Das merket euch wohl und schreibet es euch hinter die Ohren! Denn Gott, der ist, ewig war und ewig sein wird, läßt mit Sich nicht scherzen, da Er Selbst in Seinem höchsten göttlichen Ernste die Menschen für eine wahre, ewige Seligkeit bestimmt hat.
GEJ|7|147|9|0|Denn wenn es um den Menschen so etwas ganz Geringfügiges wäre, so würde ihn Gott erstens nicht wunderbar weise und kunstvoll eingerichtet haben, so daß er schon seinem Leibe nach ein höchstes Meisterwerk der gesamten materiellen Schöpfung ist, und zweitens würde Er ihm nicht eine Seele gegeben haben, die Ihm, dem Schöpfer, selbst in allem ähnlich werden kann, wenn sie das nur ernstlich will, – und drittens würde Er nicht schon so oft zu den Menschen Selbst geredet und sie belehrt haben, was Sein Wille ist, welche Absichten Er mit ihnen hat, und was sie erreichen können.
GEJ|7|147|10|0|Wenn ihr nun das wohl bedenket und euer ganz verkehrtes Leben dagegen betrachtet, so werdet ihr es doch einsehen, wie sehr ihr stets mit Wort und Tat dem göttlichen Willen zuwiderhandelt, und ihr müsset daraus auch das erkennen, daß ihr eben aus dem Grunde, daß ihr dem göttlichen Willen allzeit widerstrebt habt, nun auch den großen Meister aus Galiläa also hasset und verfolget! Der zeigt euch nur zu klar, daß alle eure Werke wider den Willen Gottes und somit vollends böse sind! – Habt ihr mich wohl verstanden?“
GEJ|7|147|11|0|Sagten die Pharisäer: „O ja, verstanden haben wir dich schon, und du hast auch ganz wahr geredet; aber wir sehen auch leider ein, daß wir im Tempel dadurch keine große Änderung bewirken werden, wenn wir im Rate auch alles das, was wir hier erlebt haben, getreu kundgeben werden. Übrigens werden wir uns vom hohen Rate die Zungen nicht binden lassen und werden ihm unser Bedenken ganz offen dartun. Wir für uns aber werden fortan keine Gegner des großen Galiläers mehr sein; denn wir sehen es nun an dir schon ein, wie weit es ein Mensch bringen kann, wenn er die Wege kennt und den vollernstlichen Willen hat. Hast du als ein Mensch es so weit gebracht, – warum der Galiläer nicht noch weiter?! Wir werden seine Lehre, von der wir schon so manches wissen, da er schon zu öfteren Malen im Tempel gelehrt hat, so für uns, sie mit der Schrift vergleichend, durchprüfen und sie uns dann zu unserer eigenen Lebensrichtschnur machen. Ist es recht also?“
GEJ|7|147|12|0|Hier trat Raphael vor und sagte: „Da werdet ihr aber sehr vieles gutzumachen haben, was ihr der armen Menschheit Übles und Böses angetan habt! Ohne das ist für euch keine Vergebung eurer Sünden möglich; denn so euch die Menschen nicht vergeben, was ihr ihnen schuldet, da kann es euch auch Gott nicht vergeben!“
GEJ|7|147|13|0|Sagte ein Pharisäer: „Was haben wir denn gar so Arges der Menschheit zugefügt? Wir handelten wohl strenge nach den Gesetzen des Tempels, aber sonst wüßten wir wahrlich nicht, was wir außerdem der Menschheit gar so Arges zugefügt hätten!“
GEJ|7|147|14|0|Sagte Raphael: „Wartet nun, – des Nikodemus Leute bringen soeben eine Leibesstärkung; wenn diese eingenommen sein wird, dann werde ich euch schon einige Beweise liefern, die es euch zeigen werden, was ihr mit der armen Menschheit getrieben habt! Aber nun eine kleine Geduld!“
GEJ|7|147|15|0|Sagte der Pharisäer: „Wir wollen uns schon ein wenig gedulden; ob wir aber auch eine Leibesstärkung zu uns nehmen werden, das bezweifle ich sehr, – denn du hast uns nun eben nicht etwas besonders Tröstliches und Erfreuliches kundgetan. Alles, was uns dieser mächtige Ägypter gesagt und getan hat, hat uns nicht so sehr angegriffen wie eben das, was du uns gesagt hast!
GEJ|7|147|16|0|Es ist schon wahr, daß vom Tempel aus gar manche Bedrückungen verübt worden sind, die wir anordnen mußten, weil wir zu den obersten Gewalthabern des Tempels gehören; aber die Gesetze, deren Handhaber und Vollzieher wir waren, haben ja schon lange vor uns bestanden. Wir können da wahrlich nicht dafür, daß es bei uns solche Gesetze gibt! So wir aber auf dem gesetzlichen Wege irgend Menschen zu einem Schaden gebracht haben – was wahrlich eben nichts Seltenes war –, da fragt es sich dann sehr, ob wir auch solchen Schaden wieder gutzumachen haben!“
GEJ|7|147|17|0|Sagte Raphael: „Nur eine kleine Geduld, bis wir das Brot, den Wein und die etlichen Fische verzehrt haben werden, dann werde ich euch schon antworten!“
GEJ|7|147|18|0|Hierauf wurden die Körbe mit Brot, Wein und Fischen vor die verschiedenen Gästegruppen gestellt. Alle stärkten sich.
GEJ|7|147|19|0|Nur die vier Templer wollten sich trotz allen Zuredens nicht daran beteiligen; denn einer sagte: „So ein Jude ein Sünder ist, da muß er fasten, beten, in Sack und Asche Buße tun und nicht essen und trinken gleich anderen ehrlichen Menschen, die rein und gerecht vor Gott und vor allen Menschen sind. Wir werden nicht essen und nicht trinken, bis wir erfahren haben werden, wie und wodurch wir zu Sündern geworden sind.“
GEJ|7|148|1|1|148. — Raphael enthüllt die Sünden der Pharisäer
GEJ|7|148|1|0|Als Raphael vor den Augen der Menschen das Brot, die etlichen Fische und auch einen Becher Weines verzehrt hatte, da trat er schnell zu den vieren hin und sagte: „Seht, ich bin schon fertig und werde euch nun gleich aus eurem Gerechtigkeitstraume helfen!
GEJ|7|148|2|0|Ihr entschuldigtet euch zuvor mit den strengen Gesetzen eures Tempels, die ihr nicht gemacht und verfaßt habt; aber wer gab euch denn dann das Gesetz, durch das ihr eure Helfershelfer in allerlei Verkleidung zu den Menschen hinaussandtet, damit diese durch allerlei List und anderwärtige Verlockungen zur Sünde wider Gott, wider euch und den Tempel verleitet würden? Hatte sich jemand von ihnen verleiten lassen, so wurde er von den Verführern euch angezeigt, und ihr sandtet dann sogleich eure Schergen und Häscher hinaus. Diese brachten ihn zu euch, und ihr diktiertet ihm, so er irgend vermögend war, unerschwingliche Strafen. Schafe, Kälber, Kühe, Ochsen, Stiere und Esel, Getreide, Hühner, Wein und Geld mußte er euch geben als Sühne für seine Sünden; hatte er auch irgendeine schöne Tochter, so mußte er diese entweder dem Tempel opfern oder dafür ein großes Lösegeld bezahlen. Saget selbst, ob das keine Sünde war, die ihr auf eine himmelschreiende Weise an den Menschen verübt habt!
GEJ|7|148|3|0|Aber in der letzten Zeit habt ihr es euch noch besser eingerichtet! Ihr brauchet nun gar keine Verlocker mehr, die da herumziehen, damit sie die Menschen zu allerlei Sünden verführen, sondern ihr sendet jetzt bloß und gleich eure Schergen und Häscher aus. Diese müssen die Menschen, die irgend etwas haben, sogleich brandschatzen und unter dem Vorwande, daß es der Tempel in volle Erfahrung gebracht habe, daß sie wider Gott und wider den Tempel grob und sehr verdammlich gesündigt haben, ihnen gleich alle ihre Habe wegnehmen, – und wer sich da sträuben sollte, der soll sogleich gezüchtigt werden!
GEJ|7|148|4|0|Ist solch euer Tun und Treiben mit der armen Menschheit etwa auch in irgendeinem Mosaischen Gesetze geboten, oder ist das etwa keine Sünde gegen die Menschheit und gegen Gott?
GEJ|7|148|5|0|Wenn ihr um irgendein angenehmes Weib wußtet, so habt ihr es zum Ehebruch verleitet, – und wurde sie eine Ehebrecherin durch euch, so weiß das nun schon jedermann, was ihr dann mit ihr weiter getrieben habt.
GEJ|7|148|6|0|Kurz, ich sage es euch, so arg wie bei euch im Tempel ist es in Sodom und Gomorra nicht zugegangen, und dennoch getrauet ihr euch, mir das ins Gesicht zu sagen, daß ihr gegen das Volk nur nach dem Gesetze, das ihr nicht gemacht hättet, vorgegangen seid!
GEJ|7|148|7|0|Könnet ihr euren Bluthandel an die unfruchtbaren Weiber an den äußersten Marken des nördlichen Judenlandes entschuldigen, und wisset ihr von jenen in eurem Solde stehenden Straßenräubern nicht, die schon zu öfteren Malen in der Kleidung römischer Diener und Amtsinhaber den reich beladenen Karawanen ihre Schätze abnahmen und für sich behielten, das heißt für euch und den Tempel?
GEJ|7|148|8|0|Diese eure Handlungsweise steht meines nur zu klaren Wissens auch in keinem Gesetze; wohl aber steht es geschrieben, daß man auch gegen die Fremden gerecht sein soll und soll sie ziehen lassen auf den Straßen, wenn sie dieselben nicht als Feinde betreten. Wenn ihr als Juden aber sowohl an den Einheimischen wie an den Fremden solche Ungerechtigkeiten verübt habt, wie wollet und wie werdet ihr diese und noch tausend andere Ungerechtigkeiten, die ihr überfrech der armen Menschheit zugefügt habt, je wieder gutmachen?
GEJ|7|148|9|0|Wie werden diejenigen es euch je vergeben, die ihr auf die grausamste Weise getötet habt, geistig und leiblich, und wie werdet ihr den vielen Fremden die ihnen geraubten Güter und all den vielen Einheimischen die ungerecht abgenommenen Sühnopfer für die ihnen von euch angedichteten Sünden wieder zurückstellen?
GEJ|7|148|10|0|Ich habe nun geredet; was könnet ihr mir nun erwidern, so ich euch noch hinzusage, daß ihr und eure Vorgänger nur darum stets auf das eifrigste bemüht waret, die Propheten zu verfolgen und zu töten, weil diese euch eure Greuel vorhielten und das Volk vor euren falschen und lügenhaften Lehren und Satzungen warnten, und ihr selbst nun aus dem ganz gleichen Grunde auch den allergrößten Propheten aus Galiläa zu verderben suchet, weil Er gleich mir und diesem Fremden aus Oberägypten wider euch zeugt? Redet nun und entschuldiget euch vor mir; denn auch ich bin ein Bote Gottes, des Herrn von Ewigkeit!“
GEJ|7|148|11|0|Sagte ein Pharisäer: „Das magst du wohl sein; aber ich begreife nur das nicht, wie du, als kaum ein Jüngling noch, es zu einer solchen Weisheit gebracht hast! Bist denn du auch ein Galiläer und hast das alles von dem großen Propheten gelernt, wider uns also zu Felde zu ziehen offen vor den Menschen, – und doch haben wir dir unseres Wissens nie ein Leid angetan!
GEJ|7|148|12|0|Du hast uns nun sogar vor den großen und hohen Römern großer Verbrechen und himmelschreiender Ungerechtigkeiten beschuldigt, die wir selbst beim besten Willen nimmer gutmachen können; wenn du aber die leidigen Weltverhältnisse, in denen wir leben, dazu in Anbetracht nimmst, so wirst du auch mit deiner Weisheit einsehen, daß kein Mensch gegen einen Strom schwimmen kann und ein jeder Mensch seinen Mantel nach dem Winde richten muß.
GEJ|7|148|13|0|Wir sind nun durch den Wundermann aus Oberägypten und nun auch durch deine harte Rede, hoher, erhabener Jüngling, zum ersten Male überzeugend dahintergekommen, daß es wahrhaft ein höheres Leben im Menschen geben muß. Nun gut, der Mensch, der diese ganz helle Überzeugung lebendigst in sich hat, der hat freilich leicht reden und handeln; aber wir haben heute das erstemal Dinge erlebt, die uns sagten, daß Moses und auch alle andern Propheten keine Phantome einer erhitzten menschlichen Phantasie, sondern wirkliche Wahrheiten sind, von denen wir früher keine Ahnung hatten. Und so erst sehen wir nun auch ein, daß wir nach dem reinen Gesetze Mosis uns gar entsetzlich an der Menschheit versündigt haben. Aber wir können das nun unmöglich wieder gutmachen, wie es auch ganz rein unmöglich ist, daß wir, als nun selbst zur Einsicht gekommen, dem ganzen Tempel und allen Pharisäern im ganzen Judenlande unsere Einsicht als lebendig wahr seiend mitteilen könnten.
GEJ|7|148|14|0|Der Herr im Himmel wird es wohl wissen, warum Er uns so lange mit der dicksten Blindheit gestraft hat; aber ich bin darum auch der Meinung, daß Er uns rechtlicherweise nicht verdammen kann, weil wir als Blinde in den Abgrund gestürzt sind. Wir werden nach unseren Kräften und Mitteln wohl alles tun, was sich nur immer tun lassen wird; aber gar alles, was durch unsere Blindheit Böses und Arges veranlaßt worden ist, läßt sich nicht gutmachen – außer mit dem Willen.
GEJ|7|148|15|0|Also werden wir auch im Tempel dahin wirken, daß wenigstens von uns aus der große Prophet nicht mehr verfolgt werden wird, indem wir uns beim Hohen und nun eigentlich bösen Rate nicht mehr beteiligen werden; ob aber darum der Hohe Rat abstehen wird, den großen und mächtigen Propheten zu verfolgen, das wissen wir wahrlich nicht! Aber nach dem, was du und der große wundermächtige Mann aus Oberägypten von ihm ausgesagt habt, wird er sich vor dem Hohen Rate sicher noch weniger fürchten als ihr beide. Denn was kann der Hohe Rat mit allen seinen Kniffen und Beschlüssen gegen die Macht eines Menschen, der mit aller Macht des Geistes Gottes ausgerüstet ist, ausrichten? – Nun habe ich geredet, und es steht nun bei dir, uns zu sagen, ob ich recht geredet habe.“
GEJ|7|149|1|1|149. — Raphaels überzeugendes Wunder
GEJ|7|149|1|0|Sagte Raphael: „Geredet hast du wohl ganz gut und recht, und ich kann dir da nichts entgegenstellen, was deine pure Rede betrifft; aber es ist bei uns vollkommenen Menschen nur das für euch Fatale, daß wir auch eure innersten Gedanken sehen, und diese stimmten mit deinen Worten nicht überein!“
GEJ|7|149|2|0|Sagte der Pharisäer: „Wie kann das sein? Wie kann man leicht anders reden und anders denken? Ist ja doch das Wort selbst nichts anderes als gewisserart ein verkörperter Gedanke!“
GEJ|7|149|3|0|Sagte Raphael: „Ja, ja, das sollte er sein; aber bei euch ist er es noch nie gewesen und war es auch diesmal nicht! Wenn dein Wort der laute Ausdruck deiner innersten Gedanken ist, dann ist es Wahrheit; wenn du aber mit dem Munde wohl ein Bekenntnis aussprichst, in deinem Gemüte aber ganz das Gegenteil dir denkst, dann ist dein Wort keine Wahrheit mehr, sondern eine Lüge, die du wohl Menschen deiner Art als eine Wahrheit aufdrängen kannst, aber Menschen unserer Art nicht, – denn wir haben das Vermögen, daß wir auch die Gedanken der Menschen sehen und hören, und da ist's mit der Lüge nichts!
GEJ|7|149|4|0|Du hast wohl in dem Punkte etwas Wahres gesagt, daß ihr euch beim Hohen Rate, so es sich irgend um die Verfolgung des großen Propheten handeln werde, nicht mehr beteiligen würdet, wie auch das, daß ihr all das angerichtete Böse nimmer gutmachen könntet, doch was ihr noch irgend vermöchtet, auch wieder gutmachen wolltet; aber das alles wollt ihr nur darum tun, weil ihr uns samt dem Propheten für Erzzauberer und nicht für wahre Boten Gottes haltet. Vor uns als vor Erzzauberern aber habt ihr nun eine große Furcht und wollet darum nicht wider uns sein. Ich aber sage es euch, daß wir keine Zauberer, sondern wirkliche Boten Gottes sind; der große Prophet aus Galiläa aber ist eigentlich kein Prophet, sondern Er ist das, was die Propheten von Ihm geweissagt haben!
GEJ|7|149|5|0|So ihr an Ihn glauben würdet, da könntet ihr auch die Vergebung eurer Sünden erlangen; wenn ihr aber nicht an Ihn glaubet und Seine Lehre nicht annehmet und auch nicht danach handelt, so bleibt eure Sünde in euch und mit ihr auch der ewige Tod. Er allein ist der Herr, wie das alle Propheten von Ihm geweissagt haben, und kann darum auch jedem, der zu Ihm kommt, seine Sünden erlassen; aber als ein von euch geglaubter Hauptzauberer wird Er euch eure vielen Sünden nicht erlassen und vergeben!
GEJ|7|149|6|0|Daß wir aber keine von euch geglaubten Zauberer sind, das will ich euch sogleich zeigen. Sehet mich an, ob ich etwas anderes bei mir habe als nur diesen meinen ganz leichten Faltenrock! Ich aber frage euch nun: Was wollet ihr, das ich nun bloß durch meinen Willen herstellen soll? Aber wählet etwas Gutes, Wahres und somit Vernünftiges!“
GEJ|7|149|7|0|Hier dachten die beiden Pharisäer nach, was sie wählen sollten, das herzustellen etwa dem vermeinten jungen Zauberer nicht zu leicht möglich wäre.
GEJ|7|149|8|0|Nach einer Weile sagten sie (die beiden Pharisäer): „Gut, holder Freund, so stelle uns einen mit reicher Frucht versehenen und völlig ausgewachsenen Feigenbaum her und das also, daß er bleibe und jahrelang fortbestehe und Früchte trage! Wir werden aber die Frucht auch sogleich kosten!“
GEJ|7|149|9|0|Sagte Raphael: „Es steht zwar geschrieben: ,Du sollst Gottes Allmacht nicht versuchen, sondern du sollst Gott dienen!‘; aber da es sich hier bloß darum handelt, euch den Unterschied zwischen einem Zauberer und einem Menschen, der mit dem Geiste aus Gott wirkt, zu zeigen, so soll euer Verlangen auch alsbald erfüllt werden! Wo wollt ihr, daß der Baum stehe?“
GEJ|7|149|10|0|Sagte der Pharisäer: „Siehe, dort, wo gegen den Rand des Hügels ein brauner Stein liegt, ebendort kannst du ihn hinstellen!“
GEJ|7|149|11|0|Sagte Raphael: „Gut denn, so will ich, daß alsogleich ein Feigenbaum nach eurem ausgesprochenen Verlangen an der bezeichneten Stelle stehe! Es sei!“
GEJ|7|149|12|0|In dem Augenblick stand auch schon der Feigenbaum an der bezeichneten Stelle. Da erschraken die Pharisäer und die Leviten so sehr, daß sie sich vor lauter Angst und Staunen kaum ein Wort zu reden getrauten.
GEJ|7|149|13|0|Raphael aber sagte zu ihnen: „Nun, der von euch verlangte Baum ist auf seinem Platze, strotzend vollbeladen mit reifer Frucht; gehet nun hin und kostet die Feigen, und urteilet, ob sie eine nichtige Zauberei oder eine volle Wahrheit sind!“
GEJ|7|149|14|0|Darauf sagte ein Pharisäer: „O du allmächtiger Bote Jehovas, das sehen wir nun schon, daß das ewig keine Zauberei, sondern die Macht und Kraft des Geistes Gottes im Menschen ist! Gott möge es uns vergeben, daß wir gegen Seine Allgewalt gefrevelt haben! Wir getrauen uns nicht, die Frucht, die Gottes Allmacht nun gar so wundersam geschaffen hat, zu kosten; denn das hieße Gott noch mehr versuchen!“
GEJ|7|149|15|0|Sagte Raphael: „Oh, oh, so fromm seid ihr noch lange nicht! Ihr fürchtet nur, daß euch diese Frucht schaden könnte, und ihr getrauet euch nur darum nicht, sie zu kosten! Es sollen aber die anderen Menschen zuvor hingehen und die Früchte kosten; ihr werdet dann ja doch sehen, ob euch die Früchte schaden werden?!“
GEJ|7|149|16|0|Darauf begaben sich sogleich Nikodemus, Joseph von Arimathia und noch einige zu dem schönen Baume, lösten gleich mehrere Feigen von den Zweigen, verzehrten sie mit großer Lust und lobten sehr den Wohlgeschmack. Da gingen auch die Pharisäer hin und kosteten auch die gar herrlich aussehenden und sehr zum Genusse lockenden Feigen und konnten den Wohlgeschmack nicht genug rühmen.
GEJ|7|149|17|0|Als sie etliche von den Feigen verzehrt hatten, gingen sie ganz voll Staunen wieder zum Engel hin, betrachteten ihn vom Kopfe bis zum Fuße und sagten nach einer Weile (die Pharisäer): „Bist du, junger Mensch, wirklich auch nur bloß ein Mensch wie wir, oder bist du irgendein höheres Wesen?“
GEJ|7|149|18|0|Sagte Raphael: „Ja, ich bin nur gar sehr ein Mensch, aber freilich wohl nicht euch gleich; denn ihr seid bisher eigentlich noch keine wahren Menschen, sondern nur halbbelebte Menschenformen, denen aber noch vieles abgeht, bis sie zu vollkommenen Menschen werden. Was wollet ihr noch, daß ich euch zeigen soll?“
GEJ|7|149|19|0|Sagten die Pharisäer, denen nun doch endlich einmal ein Licht aufgegangen war: „O du lieber, sicher gleich einem Samuel und David vom Geiste Jehovas erfüllter Jüngling, es genügt uns dieses Zeichen! Uns reut es, daß wir das eine Mal Gott versuchten und ein Zeichen von dir verlangten; wir glauben nun schon ganz vollkommen, daß das keine Zauberei, sondern ein reines Gotteswunder ist. Es wäre ein Frevel, so wir, wie gesagt, noch ein weiteres Zeichen von dir verlangten; du selbst aber als ein in aller Gnade Gottes stehender Jüngling kannst nach deinem eigenen Willen tun, was dir gefällig ist.
GEJ|7|149|20|0|Uns deucht es nun ohnehin, daß du auch der wunderbare Erbauer jener großen Feldsäule bist, die man von hier aus noch recht gut sehen kann. Denn sie ist nicht auf eine natürliche Art und Weise dorthin gekommen, weil man nicht die allergeringste Spur von durch die Aufstellung einer so schweren Säule notwendig bewirkten Boden- und Grasverwüstungen entdecken kann; sie muß also wundersam entstanden sein. Und so es dir durch die Gnade und Kraft Gottes in dir möglich ist, solch einen Baum voll reifer und höchst wohlschmeckender Feigen in einem schnellsten Augenblick zu erschaffen, – warum sollte es dir nicht möglich sein, jene Säule eben auf die gleiche Weise ins Dasein zu rufen?!
GEJ|7|149|21|0|Denn bei Gott, der die ganze Erde mit allem, was sie trägt und nährt, aus nichts erschaffen hat, muß ja alles möglich sein; in dir aber wirkt auch Gottes Gnade und Macht, und so muß auch dir alles möglich sein. Du darfst nur fest wollen, und es ist schon alles da, was du willst! Davon sind wir nun schon vollkommen überzeugt und bedürfen keines noch andern Zeichens von dir. Aber du hast Weisheit und Macht und kannst darum dennoch tun, was dir wohlgefällig ist.“
GEJ|7|150|1|1|150. — Das innere Wesen des Menschen
GEJ|7|150|1|0|Sagte Raphael: „Nun gut denn, so werde ich es auch also machen! Da ihr nun angenommen habt, daß ich auch der Erbauer und Aufsteller jener Feldsäule dort am Wege nach Jerusalem bin, so sage ich euch nun hinzu, daß es auch also ist. Es ist aber dadurch dargetan, daß die Sache, sich also verhaltend, die Gewißheit darstellt, daß der innerste Geist im Menschen auch ein Herr aller Naturkräfte, die in allen Elementen walten, ist und sein muß, weil sie ohne den Geist, der aus Gott ist und allenthalben wirkt, gar nicht da wären; ist er aber unleugbar das, so muß ihm auch alles nach den ewigen Normen der göttlichen Ordnung möglich sein.
GEJ|7|150|2|0|Bevor aber ein Mensch zu solcher Fähigkeit gelangt oder gelangen kann, muß er sich durch die allergenaueste Befolgung des Willens Gottes, der ihm durch Moses und durch die Propheten geoffenbart worden ist, eben diesen Willen Gottes so sehr zu eigen machen, daß er dann frei aus sich nicht anders handeln kann, als wie es ihm der Wille Gottes in seinem Herzen weist, – was für den, der Gott erkannt hat und Ihn über alles liebt, eben nichts Schweres ist, weil ihm die Liebe zu Gott dazu die Kraft stets in dem Maße erhöht erteilt, als er im Herzen in der Liebe zu Gott wächst und in solcher Liebe auch in der Liebe zum Nächsten.
GEJ|7|150|3|0|Hat sich ein Mensch auf diese Weise mit Gott geeint, so ist er auch schon erfüllt mit dem Geiste aus Gott; denn die Liebe zu Gott und die Erfüllung Seines heiligen Willens ist ja eben schon der vollauf tätige Geist Gottes im Menschen, weil dessen neuer Wille nicht mehr des Menschenfleisches schwacher und ohnmächtiger, sondern der allmächtige reine Gotteswille ist.
GEJ|7|150|4|0|Wer aber solchen Willen völlig in sich hat, dem muß dann ja auch offenbar alles möglich sein, was er will; denn was er dann will, das will auch Gott in ihm, – Gott aber ist doch sicher wohl alles möglich!
GEJ|7|150|5|0|Darum sollet ihr euch eben nicht so sehr wundern, wenn die alten Propheten gar oft große Zeichen wirkten. Denn sie wirkten aus sich als pure Menschen ebensowenig irgendwelche Zeichen, wie ihr je wahre Zeichen gewirkt habt; da sie aber durch ihren reinen Lebenswandel oft schon von der Wiege an voll des Geistes aus Gott waren, so wirkte dieser allmächtige Geist die großen Wunderzeichen, und dieser Geist erfüllte auch ihre Herzen mit dem Lichte aller Weisheit aus Gott, und was sie dann aus solcher Weisheit zum Volke redeten, das war nicht mehr Menschen-, sondern Gottes Wort.
GEJ|7|150|6|0|Da ich aber, wie auch noch einige von diesen hier sich befindenden Menschen, eben auch also mit dem Geiste und Willen Gottes erfüllt bin, so muß mir ja alles werden, was der Wille Gottes in mir will, und es kann sich mir nichts widersetzen. So ich diese ganze Erde zertrümmern und völlig zerstören wollte, so würde das, wenn ich ernstlich wollte, ebenso sicher gelingen, als es mir nun gelingen wird, jenen dort am ziemlich fernen Gebirge hervorragenden großen Felsen in einem Augenblick zu zerstören.
GEJ|7|150|7|0|Sehet hin, dort zwischen Mitternacht und Morgen befindet sich eben der erwähnte stark vorspringende Fels, dessen Vernichtung wohl niemandem einen Schaden bringen wird, da er ohnehin den Besitzern jenes Berges und dessen Waldungen mehr zum Schaden als zu irgendeinem Nutzen gereicht. Ich will, – und seht, der Fels besteht nicht mehr! Seine ganze Masse befindet sich nun schon bei tausend Tagereisen weit von hier in der Tiefe eines großen Meeres!“
GEJ|7|150|8|0|Sagten die Pharisäer ganz erstaunt: „Aber wir sahen ihn nicht von dannen sich heben und durch die Luft fliegen!“
GEJ|7|150|9|0|Sagte Raphael: „Habt ihr ja zuvor doch auch diesen Baum nicht langsam aus dem Boden emporwachsen sehen! Was der Geist Gottes will, das geschieht so, wie Er es will; denn Zeit und Raum kommen bei Ihm in keinen Anschlag. Will Er aber, daß da alles in einer zeitenfolgerechten Ordnung geschieht, wie ihr das an der Natur der Dinge dieser Erde sehet, so geschieht es auch also, wie Er es will; denn die Zeit wie der Raum sind auch Dinge, die da stets und ewig hervorgehen aus Seinem Willen und aus Seiner Ordnung!
GEJ|7|150|10|0|Die Zeder wächst nach Seinem Willen oft viele Jahrhunderte hindurch, bis sie zu ihrer größten Größe und Stärke gelangt, eine Kleepflanze ist mit ihrer Vollendung in wenigen Tagen fertig; siehst du aber den Blitz aus einer Wolke fahren, so braucht er sehr wenig Zeit zu seiner Herabkunft von der Wolke bis zur Erde, und so sehet ihr aus dem, daß dem Geiste Gottes alle Dinge möglich sind. – Begreifet ihr nun etwas davon?“
GEJ|7|150|11|0|Sagten die noch immer höchst verblüfften Pharisäer: „Ja, ja, wir begreifen das nun wohl schon so, wie das Menschen von unserer alten Blindheit begreifen können; aber die ungeheure Schnelligkeit des Erfolgs des göttlichen Willens im Menschen, wie nun in dir, werden wir wohl schwerlich je begreifen! Das gewisse Hier und Dort zugleich, das faßt ewig kein noch so heller Menschenverstand.“
GEJ|7|150|12|0|Sagte Raphael: „Warum denn das nicht? Könnet ihr euch in euren Gedanken nun nicht sogleich zum Beispiel in eure Wohnungen versetzen?“
GEJ|7|150|13|0|Sagte ein Pharisäer: „O ja, das wohl, – aber natürlich ohne die allergeringste Wirkung!“
GEJ|7|150|14|0|Sagte Raphael: „Das sicher, weil ihr mit dem alles erfüllenden, alles durchdringenden und überall wirkenden Geiste aus Gott nicht eins seid! Dieser Geist ruht zwar wohl im innersten Zentrum eurer Seele, aber er ist da noch ganz isoliert von dem allgemeinen Geiste, weil er durch eure zu geringe Liebe zu Gott auch eine viel zu geringe Nahrung hat, daß er sich in der Seele ausbreiten, sie durchdringen und sich also durch euer ganzes Wesen ausbreiten könnte, das heißt nicht etwa räumlich, sondern in der Sphäre der Willensfähigkeit, die in ihm ebenalso vorhanden ist wie in Gott Selbst, von dem er als ein unverwüstbares Lebensfünklein in das Herz der Seele gelegt wurde.
GEJ|7|150|15|0|In der Willenssphäre ausbreiten heißt aber, daß die Seele selbst ihren Willen dem erkannten Willen Gottes völlig unterordnet und sich freiwillig ganz von ihm beherrschen läßt.
GEJ|7|150|16|0|Ist das der Fall, daß sich eine Seele, gleichsam wie von außen herein, von dem erkannten und genau befolgten Willen Gottes bis in ihr Innerstes durchdringen läßt, so erweckt dieser erkannte und befolgte Wille Gottes den in der Seele Innerstem ruhenden und schlummernden Geist aus Gott. Dieser vereinigt sich dann alsbald mit dem ihm gleichen, die ganze Seele durchdrungen habenden Willensgeiste, der der eigentliche Geist Gottes ist, ist dann eins mit ihm in allem, wie das Gott – wennschon für Sich in einem noch endlos höheren Grade – auch also ist und bleibt, gleichsam wie da auch eins ist ein Auge dem andern, obschon bei einem Menschen auch ein Auge stets schärfer und leichter sieht als das andere.
GEJ|7|150|17|0|Wenn der Mensch es dahin gebracht hat, dann ist sein Gedanke, mit dem er sich an irgendeinen noch so fernen Ort versetzt hat, kein leerer und wirkungsloser, sondern er stellt die ganze, alles bewirken könnende Wesenheit eines solchen vollkommenen Menschen an den Ort geistig hin. Diese sieht, hört und vernimmt alles, weil sie mit dem endlosen Willensgeiste alles durchdringt und beherrscht, ohne dadurch nur einen Augenblick ihre individuelle Selbständigkeit zu verlieren. Weil sie aber alles durchdringt und beherrscht, so kann sie auch als ein mit dem wahren Geiste Gottes erfüllter Gedanke alles bewirken in einem Augenblick, was der vollkommene Mensch will.
GEJ|7|150|18|0|Aber solange der Mensch diesen seligsten und allein wahren Lebenszustand nicht erreicht hat, vermag er seine Gedanken und Ideen nur durch seine Leibesglieder in irgendeine unvollkommenste Verwirklichung zu bringen, und das nur in der gerichteten Naturmäßigkeit. Der Gedanke für sich aber ist nichts anderes als dein Abbild in einem Spiegel – ohne Wesenheit, ohne Kraft und ohne alle Macht. Aber das sagt er dir dennoch, daß du dich in ihm augenblicklich in einem noch so fernen Orte befinden kannst, wenn auch nach der dir gemachten Erklärung ohne alle Wirkung.
GEJ|7|150|19|0|Du wirst nun wohl verstehen, wie es mir möglich war, jenen Fels dort am ziemlich fernen Gebirge abzulösen und ihn in die Tiefe eines fernsten Meeres zu versenken.
GEJ|7|150|20|0|Ich habe vor euch diese Zeichen aber nicht darum gewirkt, um euch vor uns in irgendeine Furcht zu versetzen oder euch zur Annahme einer neuen Lehre, die eigentlich wohl die älteste Lehre auf der Erde ist, zu nötigen, sondern bloß darum habe ich die Zeichen gewirkt, um euch zu zeigen den rechten Weg zur Gewinnung der wahren und vollkommenen Lebenskraft aus Gott, ohne die der Mensch in seiner Seele so lange so gut wie wahrhaft tot zu betrachten ist, solange er nicht nach der Art, die ich dir gezeigt habe, völlig eins mit dem Willen Gottes geworden ist.“
GEJ|7|151|1|1|151. — Die göttliche Führung der Menschen
GEJ|7|151|1|0|(Raphael:) „Ihr mit eurem gänzlich verkehrten und von Gott völligst abgewichenen Tempelwesen aber seid noch überaus ferne davon und werdet euch davon noch immer mehr entfernen! Ihr hoffet auf einen weltlichen Messias, der euch aus der euch über alles verhaßten Botmäßigkeit der Römer befreien und aus euch wieder ein großes und gefürchtetes Volk machen werde; aber solch ein Messias wird ewig nicht zu euch kommen.
GEJ|7|151|2|0|Es ist aber der verheißene, wahre Messias in der Person des euch so sehr verhaßten Galiläers zu euch gekommen und will bei euch ein geistiges Reich auf Erden gründen und euch geben das verlorene Paradies, das da ist die bei euch gänzlich verlorengegangene Erkenntnis des einen, wahren Gottes und Seines Willens, was da endlos höher steht denn alle Reiche und Schätze der Erde; allein, ihr wollet das nicht und verfolget den Heiligsten aller Heiligkeit in Gott und wollet Ihn sogar fangen und töten.
GEJ|7|151|3|0|Urteilet da selbst, ob ihr durch solche eure Denkungs- und Handlungsweise je in einen Zustand des des wahren und vollkommenen Lebens eines Menschen gelangen könnet! Redet nun und gebet mir eine rechte Antwort!“
GEJ|7|151|4|0|Sagte ein Pharisäer: „Ja, ja, du hast wahrlich in allem recht geredet, und wir sehen nun die große Wahrheit ein, daß wir durch unsere ganz eigene Schuld so endlos weit vom wahren Ziele des Menschenlebens uns entfernt haben; aber wir sehen nun auch, daß wir auf diese Weise so gut wie rettungslos verloren sind. Denn der Tempel wird in seiner übergroßen Verblendung seine Gesinnung nicht ändern, und so sind wir verloren, und die Bedeutung der Zeichen am Himmel in der vorigen Nacht ist uns jetzt erst so recht sonnenklar geworden.
GEJ|7|151|5|0|Was uns vier allhier betrifft, so werden wir wohl nach allen unseren Kräften auf den Wegen zu wandeln anfangen, die du uns gezeigt hast; aber unser sind etliche Tausende, die noch um vieles finsterer und ärger sind, als wir je waren, bei denen dieses Licht nie zum Leuchten kommen wird. Was wird aus diesen werden, so sie in ihrer Bosheit hartnäckig verharren?“
GEJ|7|151|6|0|Sagte Raphael: „Die Gelegenheit ist da und wird noch eine kurze Zeit bei euch verharren. Wer da freiwillig kommen wird, der wird angenommen werden; wer aber nicht kommen wird, sondern verharren wird in seiner Blindheit, der wird zugrunde gehen. Denn aufgedrungen wird die Lehre zur Gewinnung des inneren Lebens niemandem, weil ihm das für seine Seele auch nichts nützen würde. Das Naturleben auf dieser Erde wird dem Menschen wohl gegeben, – aber das innere Leben muß er selbsttätig erwerben.
GEJ|7|151|7|0|Ich sage es euch: Das Geheimnis und das Bedürfnis des inneren vollkommenen Lebens liegt jedem Menschen so nahe und so klar auf der Hand, daß wahrlich die Sonne am hellsten Mittage nicht klarer scheinen könnte! Aber es hilft das bei der notwendigen Freilassung der Selbstbestimmung der Menschenseele am Ende dennoch nicht viel, weil der Mensch von Natur aus träge und somit untätig ist, was denn auch wieder notwendig ist, weil der Mensch sonst keine Gelegenheit hätte, sich selbst zum Leben zu erwecken, um auf diese Weise ein gleich selbständiger Meister seines wahren Lebens zu werden.
GEJ|7|151|8|0|Aber die größte Anzahl von Menschen dieser Erde läßt sich aus ihrem süßen Trägheitsschlafe nicht einmal so weit wachrütteln, daß sie doch wenigstens einmal erführe, wie höchst wunderbar angenehm der werdende Tag anbricht. Sie schläft lieber in den halben Tag hinein, und wenn sie dann doch endlich einmal wach wird, so wird sie erst recht ärgerlich, daß es schon hellster Tag geworden ist, der sie nicht noch eine Zeitlang so ganz ruhig schlafen ließ.
GEJ|7|151|9|0|Da frage ich im Namen des Herrn: Wem soll man denn ein solches Menschengeschlecht vergleichen? Die Tiere haben ihre Zeit zur Ruhe und zu ihrem Schlafe. Wenn sie wach sind, so sind sie tätig in ihrer Art, gleich den Ameisen und Bienen, und sorgen treulich für ihre Zukunft – denn solches liegt in ihrem Instinkt –; aber der Mensch trotz aller Offenbarung, weil er notwendig einen ganz freien Willen hat, gefällt sich in seiner Trägheit und will nicht das Licht, sondern nur die Nacht und die vollste Finsternis, damit er fortwährend desto behaglicher seinen todbringenden Schlaf fortpflegen kann.
GEJ|7|151|10|0|Was kann aber Gott, der mit Seiner Allmacht in das Leben eines Menschen nicht mehr so wie bei den Pflanzen und Tieren einwirken kann und darf, um aus dem freiesten und völlig selbständig sein sollenden Menschenleben kein gerichtetes Tier- oder Pflanzenleben zu gestalten, da anderes tun, als was sorgsame Eltern, denen das Heil und Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt, ihren schlafsüchtigen Kindern tun?
GEJ|7|151|11|0|Sie versuchen, die Kleinen mittels allerlei Lärm aufzuwecken; und wollen die Kinder das Bett noch immer nicht verlassen, so müssen sie – die Eltern nämlich – nach einer Rute greifen und den zu schlafsüchtigen Kindern einige etwas unangenehme Ratschläge erteilen, die ihnen auf eine handgreifliche und wirksame Weise sagen, daß es schon sehr an der Zeit sei, aufzustehen und sich den Geschäften des hellen Tages zu widmen.
GEJ|7|151|12|0|Und sehet, dasselbe tut gerade nun, wie auch allzeit, der Herr mit den Menschen! Oft und oft ruft Er sie durch Seine erleuchteten Boten, daß sie wach werden sollen am schon ganz hellen Tage; aber die Kinder achten des Rufes der Boten nicht, beschimpfen sie gar, schaffen sie aus dem Hause und tun ihnen sogar Leid an. Da kommt der Vater Selbst und sagt laut: ,Aber Kinder, es ist schon heller Tag geworden; stehet auf, und gehet an euer leichtes Tagesgeschäft!‘
GEJ|7|151|13|0|Da tun die Kinder, wie die Israeliten zu Mosis Zeiten, als wollten sie im Nu aufwachen und aufstehen zum leichten Tagesgeschäft. Wenn aber der Vater das Schlafgemach wieder verläßt auf eine kurze Zeit, da achten die Kinder Seines Rufes nicht mehr, sondern schlafen alsbald wieder ein und schlafen noch ärger ein denn zuvor.
GEJ|7|151|14|0|Der Vater sendet wieder Boten, daß sie nachsähen, ob die Kinder schon aus dem Bette sind; aber die Boten kommen zurück und sagen: ,Vater, Deine Kinder schlafen nun noch ärger denn je zuvor einmal!‘ Da sagt der Vater: ,Ah, das geht nicht! Davon müssen wir sie abbringen; denn sonst gehen sie Mir noch alle zugrunde. Nun muß die Rute in Anwendung gebracht werden!‘
GEJ|7|151|15|0|Da kommt der Vater abermals Selbst mit der Rute. Und siehe, einige, Kinder springen aus Furcht vor der Rute wohl aus dem Bett des Todes, ziehen sich an und gehen noch ganz schlaftrunken an ihr Tagesgeschäft und murren, weil der Vater sie mit der Rute zum Wachen und Arbeiten geweckt hat; aber der größte Teil der Kinder läßt die Rute über sich schwingen, gerät in eine blinde Zornwut, steht hastig auf, stürzt sich dann auf den Vater und würgt Ihn. Was verdienen solche Kinder dann?“
GEJ|7|151|16|0|Sagen die Pharisäer: „Oh, wehe solchen Kindern! Über die wird der tief beleidigte Vater in einen mächtigen Zorn geraten und wird sie verstoßen aus Seinem Hause und nimmerdar erkennen als Seine Kinder. Sie werden in der Fremde und in den Wildnissen der Erde gleich den Hunden unter den harten Heiden umherirren müssen und da und dort den Dienst der elendesten Sklaven verrichten. Wer wird sich da ihrer erbarmen?!“
GEJ|7|151|17|0|Sagte Raphael: „Nur der Vater allein, so sie reuig zu Ihm wieder zurückkehren; die aber nicht werden zurückkehren wollen, die wird der Vater nicht irgend eigens aufsuchen lassen und sie mahnen zur Umkehr, sondern sie werden im Elende belassen werden so lange, bis sie dasselbe selbst zur Umkehr nötigen wird.
GEJ|7|151|18|0|Aber ihr gehöret nun unter jene Kinder, die sich doch noch, wenn auch mit vieler Mühe von des Vaters Seite und vielen Murren von ihrer Seite, am hellsten Tage aus dem Schlafbett haben treiben lassen. Da ihr nun einmal aus dem Bett seid, so steiget nicht wieder in dasselbe, sondern bleibet auf dem offenen Felde am Tage des Vaters, so wird euch der Vater liebgewinnen und euch helfen bei der Arbeit der Vollendung eures Lebens; kehret ihr aber in euer altes Bett zurück, so werdet ihr den herzlosen Zuchtmeistern übergeben werden, welche da heißen: Armut, Not, Elend, Blindheit, Verlassenheit, Schmerz und Verzweiflung!
GEJ|7|151|19|0|Denn der Mensch birgt in sich die sieben Geister Gottes, die in ihm das seligste ewige Leben bereiten. Ebenso hat er auch in sich die sieben Geister der Hölle, wie ich sie zuvor benannt habe. Diese bereiten in ihm den unter ihren Bedingnissen ewigen Tod und seine Qualen.
GEJ|7|151|20|0|Was ich euch aber jetzt gesagt habe, ist ewige Wahrheit aus Gott. Wenn ihr euch danach kehren werdet, so werden euch eure Sünden vergeben werden, und ihr werdet zur Vollendung des Lebens eurer Seelen gelangen.“
GEJ|7|152|1|1|152. — Die Verschiedenheit der Gaben des Geistes
GEJ|7|152|1|0|Hierauf fragte der zweite Pharisäer, sagend: „O du vom Geiste Gottes voll erfüllter junger und – sage – zweiter Samuel! So wir doch noch möglicherweise zur Vollendung des inneren Lebens gelangen könnten, würden wir da auch zu der inneren Kraft gelangen, die wir an dir, wir zuvor an dem vollkommenen Menschen aus Oberägypten erprobt haben?“
GEJ|7|152|2|0|Sagte Raphael: „Es gibt keine Vollendung des Lebens, mit der nicht auch die innere Kraft eng verbunden wäre, weil das vollendete Leben auch die vollendete Kraft selbst ist. Doch ist in der Gabe des Geistes aus Gott an die Menschen, je nach ihrer inneren Eigentümlichkeit, auch notwendig eine Verschiedenheit, und diese Verschiedenheit ist darum da, damit in alle Ewigkeit die seligen Geister sich gegenseitig dienen können nach dem Maße ihrer Liebe zu Gott und aus dieser Liebe zu sich gegenseitig.
GEJ|7|152|3|0|Daher erhält der eine in der Vollendung seines inneren Lebens die Gabe der Vorsehung, der andere die Gabe der Weisheit im Ausdruck des Wortes und der Rede, ein anderer die Gabe der Erfindung und Schöpfung, wieder ein anderer die Gabe der Stärke des Willens, ein anderer die Kraft der Liebe, und wieder ein anderer die Gabe in der Macht des Ernstes, ein anderer die der Geduld, und wieder ein anderer besonders die Gabe der Macht der Erbarmung, und wieder ein anderer die der Macht der Demut. Und so fort ins Endlose ist bei einem dies und bei einem andern jenes vorwiegend, auf daß, wie schon gesagt, ein Geist den andern in diesem oder jenem unterstützen kann; doch im Notfall hat auch ein jeder Geist in sich alle Fähigkeiten vereint und kann wirken in jeder erdenklichen und noch so besonderen Gabe des Geistes aus Gott.
GEJ|7|152|4|0|Wenn ihr bei der möglichen Vollendung eures inneren Lebens denn auch nicht gerade meiner Gabe auf dieser Erde völlig habhaft werdet, so werdet ihr aber einer andern Gnade und Gabe habhaft und werdet mit ihr euren Nebenmenschen ebenso dienen können, wie ich nun euch mit meinen Gaben gedient habe. Wer aber einmal einer besonderen Gnade und Gabe aus Gott teilhaftig wird in einem besonderen Grade, der wird in allen anderen Gaben nicht stiefmütterlich gehalten werden.
GEJ|7|152|5|0|Daß sich das aber also verhält, das könnet ihr schon aus den endlos verschiedenen Talenten, Fähigkeiten und Eigenschaften der Menschen auf dieser Erde schließen. Der eine ist ein besonders guter Redner, der andere ist ein Maler, ein anderer ein Sänger, wieder ein anderer ein vorzüglicher Rechner, ein anderer ein Mechaniker, noch ein anderer ein Baumeister; der eine ein Zeugmacher, Weber, ein anderer ein Apotheker, ein anderer ein Bergwerksmann. Und so ist ein jeder mit irgendeinem besonderen Talent schon von Natur aus begabt; aber er ist trotz des ihm eigentümlichen besonderen Talentes auch mit allen andern menschlichen Fähigkeiten, wennschon in einem minderen Grade, beteilt und kann jede derselben durch Mühe und Fleiß zu einer wahren Vollendung ausbilden.
GEJ|7|152|6|0|Wie ihr nun aber diese Verschiedenheit schon hier wahrnehmen müsset, so werdet ihr es auch einsehen, daß die Verschiedenheit der Gaben des Geistes Gottes an die Lebensvollendeten eine noch ums unaussprechbare viel entschiedenere ist und sein muß, weil ohne eine solche Verschiedenheit keine wahre und allerlebendigste Seligkeit möglich wäre.
GEJ|7|152|7|0|Ja, der Weg bis zur Lebensvollendung ist für jedermann ein gleicher. Er gleicht völlig des Ausflusse des Lichtes aus der Sonne und dem Herabfallen des Regens aus der Wolke. Aber dann schaue dir die endlos verschiedene Wirkung des gleichen Sonnenlichtes und des ebenso gleichen Regens sowohl im Reiche der Mineralien als auch der Pflanzen und der Tiere an! Wie du aber da eine endlose Verschiedenheit schon in der Kreatur der Materie merken mußt, eine desto größere Verschiedenheit ergibt sich dann erst im lebensvollendeten Reiche der seligsten Engel. Und das hat Gottes höchste Weisheit und Liebe darum also angeordnet, damit die Seligkeit der Geister eine desto größere werde.
GEJ|7|152|8|0|Darum fraget nicht, ob ihr eben auch in eurer möglichen Lebensvollendung meine Eigenschaften überkommen werdet, sondern wandelt in aller Demut und Liebe nur auf dem euch nun bekanntgegebenen Lichtwege unaufhaltsam fort, und ihr werdet dann schon ganz hell und lebendig innewerden, zu welcher Gabe des Geistes aus Gott ihr werdet gelangt sein!
GEJ|7|152|9|0|Der Leib des Menschen hat ja auch höchst verschiedene Teile und Glieder, die alle lebendig und in ihrer Art zur Erhaltung des ganzen Menschen tätig sind; habt ihr aber schon je in euch unter den Teilen und Gliedern eures Leibes eine Klage in der Art etwa vernommen, daß die linke Hand lieber die rechte wäre, oder der Fuß lieber das Haupt, oder das Auge lieber das Ohr, oder umgekehrt?
GEJ|7|152|10|0|Wenn der Leib ganz gesund ist, so ist auch ein jeder seiner Teile und Glieder ganz vollkommen mit seiner Stellung, Lage, Bestimmung und Eigenschaft zufrieden und wünscht sich ewig keinen Umtausch.
GEJ|7|152|11|0|Und sehet, ebenso steht es in der Gesellschaft der Menschen und Geister, die in ihrer Gesamtheit auch einem Menschen gleicht! Da vertritt ein Teil die Augen – das sind die Seher –, ein Teil die Ohren – das sind die Vernehmer –, ein Teil die Hände – das sind die Tatkräftigen –, ein Teil die Füße – das sind die stets zum höheren Licht vorwärts Schreitenden –, ein Teil das Herz – das sind die Mächtigen in der Liebe –, ein Teil den Magen – das sind die Aufnehmer vom Guten und Wahren aus Gott, die dadurch die ganze Gesellschaft ernähren –, ein Teil ist wieder gleich dem Gehirne – das sind die Weisen, die da gleichfort die ganze Gesellschaft ordnen –, und so geht das vom Kleinsten bis zum Größten ins Unendliche fort, und jedes noch so geringe Glied, und jede einzelne Fiber, der Gesellschaft ist in seiner Art vollkommen mächtig und selig und teilhaftig der Fähigkeiten und Eigenschaften der ganzen Gesellschaft, gleichwie da auch deine Füße vollkommen teilhaftig sind des Lichtes deiner Augen und deine Augen der Fähigkeit deiner Füße. Es freut sich dein Auge, daß es samt dem ganzen Leibe von den Füßen dahin weitergetragen wird, wo es neue Wunder und Dinge erschaut und sich im Verstande und Herzen darüber erfreut; aber diese Freude wird dann auch dem Fuße also mitgeteilt, als wäre der Fuß selbst vollkommen das Auge, das Ohr, der Verstand und das Herz selbst!
GEJ|7|152|12|0|Wenn ihr das so recht überdenket, so werdet ihr auch sicher mit jeder Gabe des Geistes Gottes, die ihr nur immer überkommen werdet, mehr als vollkommen zufrieden sein können. – Habt ihr mich aber nun auch wohl verstanden?“
GEJ|7|152|13|0|Sagten die Pharisäer, im höchsten Grade erstaunt über die Weisheit Raphaels: „O du wahrer, himmlischer Samuel! Wie gar sehr weise bist du! Nun haben wir dich erst ganz verstanden! Und das hast du alles von dem großen und weisesten Galiläer überkommen?“
GEJ|7|152|14|0|Sagte Raphael: „Ewig alles nur von Ihm!“
GEJ|7|152|15|0|Sagten die Pharisäer: „Nun erst möchten wir ihn selbst sehen und sprechen! Wir sind nun keine Feinde mehr von ihm, sondern sehr reuige Freunde. Zeige uns seinen Aufenthalt an, daß wir hingehen und ihm unseren innersten Dank darbringen können! Wir werden den Tempel ganz sicher stehen lassen und ihm nachfolgen!“
GEJ|7|153|1|1|153. — Die Sühne der Pharisäer
GEJ|7|153|1|0|Raphael aber berief nun, statt den beiden Pharisäern auf ihre Frage nach Mir sogleich zu antworten, Lazarus und Nikodemus zu sich und sagte erst hierauf zu den beiden Pharisäern: „Kennet ihr diesen Mann, den besonders ihr am meisten zu verfolgen angefangen habt, weil er euch am Ende doch nicht mehr das leisten konnte und wollte, was alles ihr von ihm verlangt habt?“
GEJ|7|153|2|0|Sagten die beiden Pharisäer: „Oh, den überreichen Lazarus kennen wir sicher sehr wohl und wissen es auch, was wir an ihm verbrochen haben! Was wir ihm werden zu ersetzen imstande sein, das werden wir ihm auch nächstens aus unserem höchsteigenen Privatschatze ersetzen. Aber wir haben seine Herberge auf dem Ölberge mit einem Fluche belegt, der im Tempel eingetragen ist; den werden wir freilich nicht anders als mit einem bedeutenden Lösegeld aus dem schwarzen Buche tilgen können. Wir aber werden dem guten Lazarus das Geld aus unserem Schatze geben, und er wird damit den lästigen Fluch schon löschen können!“
GEJ|7|153|3|0|Sagte Raphael zu Lazarus: „Bist du mit diesem Antrage zufrieden?“
GEJ|7|153|4|0|Sagte Lazarus: „Ich bin damit sicher ganz zufrieden, obschon ich da auch den aufrichtigen Willen schon fürs Werk annehmen und somit auch euch beiden der beste Freund sein will und werde. Übrigens muß ich euch, meine lieben Freunde, offen bekennen, daß mir euer Fluch viel mehr genützt als irgend geschadet hat; denn dadurch sind alle Fremden gerade mir zugeströmt, als sie das bei den Zöllnern in Erfahrung gebracht hatten, daß meine Herberge vom Tempel aus verpönt sei. Denn da urteilten die Fremden also: ,Die Herberger der Stadt, denen die bekannt beste und billigste Herberge auf dem Berge schon lange ein Dorn im Auge war, haben sich sicher mit allerlei Opfern einerseits und mit ebenfalls allerlei lügenhaften Verleumdungen anderseits hinter den bekannt höchst opfersüchtigen Tempel gesteckt und haben das bewirkt! Jetzt gehen wir erst recht allein der Bergherberge zu und geben ihr unser Geld für ihre sicher billigste und beste Bewirtung!‘
GEJ|7|153|5|0|Und so sehet nun, ihr lieben Freunde, wir ihr mir durch den Fluch nicht nur nicht geschadet, sondern nur sehr genützt habt, und wie ich darum gar keinen Grund habe, auf euch ärgerlich zu sein! Also ist es auch gar nicht nötig, den Fluch aus dem Buche löschen zu lassen, da er meiner Herberge offenbar zum größten Nutzen gereicht.
GEJ|7|153|6|0|Zudem aber ist noch das in Betracht zu ziehen, daß mir ganz dasselbe begegnen kann, was schon mehreren begegnet ist: sie haben den Fluch auch gelöst, – aber nach Verlauf eines Jahres, und oft noch früher, hat der Tempel schon wieder einen Grund gefunden, ihre Herberge von neuem wieder mit einem Fluche zu belegen, und der dadurch Benachteiligte mußte dann das doppelte Lösegeld zahlen, so er seine Sache entflucht haben wollte. Denn es heißt ja in eurer Regel: ,Wenn der erste Fluch durch ein Opfer gelöst ist, aber aus bestimmten Gründen dieselbe Sache vom Tempel aus noch einmal mit einem neuen Fluche belegt wird, so macht der neue Fluch den alten auch wieder geltend, und es müssen darum zwei Flüche gelöst werden. Und auf diese Weise kann sich die Sache bis zum zehnten Fluche steigern.‘
GEJ|7|153|7|0|Um aber diesen höchst unnötigen Geldausgaben zu entgehen, läßt man den ersten Fluch stehen, besonders so er einem mehr nützt als schadet, und wird ein fester römischer Bürger, – und der Tempel kann dann im schwarzen Buche von Zeit zu Zeit zusammenaddieren und sich die Summe anschauen, wie gut sie in den großen Opferstock zu legen wäre, wenn sie jemand bezahlete!
GEJ|7|153|8|0|Dafür also, daß ihr, nun meine lieben Freunde, mir aus eurem Schatze das Lösegeld geben wollet, tuet anderen verschämten Armen Gutes, weil ich den Tempelfluch wirklich recht gut brauchen kann! Also könnet ihr auch mit dem Gelde tun, das ihr mir für den von euch mir zugefügten Schaden zu geben willens seid; denn ich bin – dem Herrn alles Lob – schon lange für alles mehr denn tausendfach entschädigt. Und so wollen wir, wenn ihr allen Ernstes das tun wollet, was ihr diesem jungen Freunde versprochen habt, auch so die besten Freunde für immer verbleiben!“
GEJ|7|153|9|0|Sagte der eine Pharisäer: „Das werden wir; denn wir haben hier Dinge erlebt, die uns ins höchste Erstaunen gesetzt haben und nach allen Richtungen, hin und her, die allerpurste Wahrheit sind, während dagegen unser ganzes Tempeltum schon ganz rein des Satans ist. Wir werden uns daher ehestmöglich ganz aus dem Tempel entfernen, wie das schon mehrere getan haben, und werden dann ganz unserer inneren Überzeugung leben.
GEJ|7|153|10|0|Dieser junge, gottähnliche Freund, vor dem auch unsere innersten Gedanken nicht sicher sind, kann es dir sagen, daß wir dazu metallfest entschlossen sind; aber nur den berühmten Galiläer möchten wir zuvor noch sehen und sprechen und aus seinem Munde einige Weisungen empfangen, was wir etwa noch zu tun haben, um möglicherweise noch eher nur zu einem geringsten Grade der inneren Lebensvollendung zu gelangen, als wir das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschen werden.“
GEJ|7|153|11|0|Sagte Lazarus: „Aber es hat euch der junge Freund, ein echter Diener des Herrn, ja ohnehin alles gezeigt und gesagt, was ihr für die Erreichung der inneren Lebensvollkommenheit zu tun habt; ein mehreres wird euch auch der Herr Selbst nicht sagen!“
GEJ|7|153|12|0|Sagte der Pharisäer: „Freund, da hast du wohl ganz recht – denn es kann ja nur eine Wahrheit geben –; aber diesen großen Mann Gottes nur zu sehen, muß für den, der an ihn zu glauben angefangen hat, ja auch eine noch größere Zuversicht erwecken, als so man bloß mit seinen Dienern und Jüngern spricht! Es ist bei uns wahrlich keine eitle Neugier, ihn zu sehen und zu sprechen; sondern weil solches von ihm gehört und nun auch gesehen haben, so ist in uns eine große und mächtige Liebe zu ihm erwacht, und eben darum möchten wir ihn selbst irgendwo sehen und sprechen. Der gotterfüllte junge Freund wird es sicher ganz genau wissen, wo er, der Geheiligte Gottes, sich nun aufhält! Wäre er nun auch irgendwo in Galiläa, so möchten wir ihm sogleich nachziehen, ihn aufsuchen und ihn um Lehre und Rat bitten.“
GEJ|7|153|13|0|Sagte Lazarus: „Hat Er ja doch schon zu öfteren Malen im Tempel das Volk gelehrt! Habt ihr Ihn da denn nicht gesehen und gar leicht selbst gesprochen?“
GEJ|7|153|14|0|Sagten die Pharisäer: „Du weißt es ja ohnehin, daß der sogenannte Hohe Rat im Tempelteile, der fürs Volk bestimmt ist, beinahe gar nie zu sehen ist, weil er da nichts zu tun hat, und so haben wir es wohl vernommen, daß er im Tempel war und daß er auch große Zeichen gewirkt habe, – aber gesehen und gesprochen haben wir ihn nicht! Und so möchten wir ihn denn eben jetzt aufsuchen, sehen und, wenn möglich, sprechen!“
GEJ|7|153|15|0|Sagte Lazarus: „Aber ich weiß es, daß doch viele Pharisäer, Schriftgelehrte und Älteste im Tempel Ihn gesehen und gesprochen haben und gegen Ihn auch so feindlichst gesinnt wurden, weil Er ihnen ihre Ungerechtigkeiten und Betrügereien vor dem Volke vorhielt! Da ist es ja um so merkwürdiger, daß ihr im Hohen Rate nun nichts eifriger zu beschließen hattet, als wir ihr den Herrn irgend fangen und dann aber auch sogleich töten könntet! Und ihr als nach dem Hohenpriester die ersten Machthaber solltet im Ernste Ihn bisher noch nicht gesehen und gesprochen haben?! Wahrlich, das klingt denn doch ein wenig sonderbar!“
GEJ|7|153|16|0|Sagte der Pharisäer: „Das sicher, und doch ist es also! Ich sage dir nun sogar das, daß der große Heilsmann sich nun sogar unter euch befinden könnte, und wir würden ihn sicher nicht erkennen, so er selbst sich uns nicht zu erkennen geben würde! Wir hielten heimlich schon diesen wahren zweiten Samuel dafür; nur kam er uns denn doch etwas zu jung vor, da wir vernommen haben, daß der große Heilsmann schon bei dreißig Jahre Alters haben soll, was uns aber auch nicht ganz genau bekannt ist. Aber wir haben nun nur die größte Sehnsucht, ihn selbst zu sehen und zu sprechen! Darum sage es uns doch, wo wir ihn sehen und sprechen können!“
GEJ|7|153|17|0|Hierauf schwieg Lazarus, da er merkte, daß Ich Selbst bei dieser Gelegenheit aus der Hütte hervortrat und zu ihm herabkam.
GEJ|7|154|1|1|154. — Der Herr und die Pharisäer
GEJ|7|154|1|0|Die Pharisäer aber wandten sich, da ihnen Lazarus keinen Bescheid gab, wieder an Raphael und sagten: „Aber sage du uns doch, warum wir von euch nicht erfahren dürfen, wo sich nun der große Heilsmann aus Galiläa aufhält!“
GEJ|7|154|2|0|Hier trat Ich vor die Pharisäer und sagte: „Hier bin Ich, ein guter Hirte unter Meinen Lämmern, und fliehe nicht, so da Wölfe sich Meiner Herde nahen; denn diese Lämmer sind Mein eigen. Ich bin kein Mietling, der die Flucht ergreift, wenn er den Wolf unter seine Herde kommen sieht. Der Mietling flieht, weil die Schafe nicht sein eigen sind. Was kümmert ihn das Eigentum seines Dienstherrn?!
GEJ|7|154|3|0|Ich aber bin der Herr Selbst, habe lieb Meine Schafe, weil sie Mein eigen sind, Mich kennen und Meine Stimme allzeit wohl vernehmen, wenn Ich sie rufe.
GEJ|7|154|4|0|Ihr seid zwar auch Hirten; aber die Schafe sind nicht euer Eigentum. Wenn ihr von ihnen nur Wolle habt, dann kümmert ihr euch wenig mehr darum, ob die schon oft geschorenen Schafe von Wölfen oder Bären zerrissen werden; denn das Fleisch der Schafe ist ja ohnehin nicht euer.
GEJ|7|154|5|0|Ihr seid anfangs auch als reißende Wölfe unter diese Meine Herde gekommen, – aber Ich als ihr guter Hirte bin darum nicht geflohen und habe nicht verlassen diese Meine Herde; denn ehe Ich diese Herde verließe, gäbe Ich Mein Leben für sie. Tätet auch ihr das für eure Herde?“
GEJ|7|154|6|0|Sagte ein Pharisäer: „Herr und Meister, wahrlich, bis zu dieser Stunde hätten wir das nicht getan; aber nun, da wir der hohen Gnade teilhaftig geworden sind, dich selbst persönlich kennengelernt zu haben, würden wir als auch nur deine letzten Mithirten auch unser Leben für die Sicherung deiner Schafe wahrlich in die Schanze schlagen! Ja, wir selbst waren gegen die Menschen bisher nichts als reißende Wölfe in Schafpelzen! Aber es ist uns hier ein großes Licht aufgegangen, wir haben unsere Gesinnung gänzlich geändert und wollen von nun an auch deine Jünger sein. Denn in unserer Tempellehre waltet nichts als Tod und Gericht und des Lebens größte Nacht und Finsternis; aber in deiner Lehre ist Licht, Leben und dessen nie besiegbare Kraft, wovon wir die allerüberzeugendsten Beweise gesehen haben.
GEJ|7|154|7|0|Darum haben wir denn auch den festen Entschluß gefaßt, den Tempel für immer zu verlassen und uns ganz nach deiner Lehre zu richten, um dadurch vielleicht noch einen nur geringsten Grad der wahren, inneren Lebensvollendung zu erreichen, wozu uns dein junger Diener, wie zuvor auch dieser Mann aus Oberägypten, denn Weg ganz hell erleuchtet gezeigt haben. Wir wollten aber dennoch auch dich selbst noch näher kennenlernen, um von dir selbst etwa noch nähere Anweisungen dahin zu bekommen, was alles wir tun sollen, um deiner Gnade nur in einem ganz geringen Grade teilhaftig zu werden.
GEJ|7|154|8|0|Vergib uns aber zuvor auch unsere vielen und großen Sünden, besonders jene, die wir unmöglich mehr irgend wieder gutmachen können! Was wir aber wieder gutmachen können, das werden wir aus Liebe zu dir auch also wieder gutzumachen uns eifrigst bestreben, wie du solches uns anzudeuten die Güte und Gnade haben wirst. Zugleich aber bitten wir dich, o Herr und Meister, auch darum um Vergebung, daß wir dir hier lästig geworden sind!“
GEJ|7|154|9|0|Sagte Ich: „Ja, ja, es wäre nun das von euch schon alles noch recht, wenn ihr nicht gar so viel und gar so gewissenlos gesündigt hättet! Ein derartiges und vieljähriges Sündigen ohne Unterlaß wider Gott, wider alle Nebenmenschen und sogar wider alle Natur hat eure Seelen derart geschwächt und so gänzlich verunstaltet, daß es euch wohl eine sehr große Mühe kosten wird, bis eure Seele in euch ein menschliches Aussehen bekommen wird.
GEJ|7|154|10|0|Ihr wußtet in eurer hochaufgeblähten Weltblindheit freilich nicht, was ihr tatet, und seid nur darum etwas zu entschuldigen; aber es hat von Mir aus an euch geheim ins Herz gelegten Ermahnungen auch nie gemangelt, die euch laut sagten: ,Fürchte Gott und tue nicht Unrecht den Menschen!‘ Aber dieser Ermahnungen achtetet ihr nicht, und einer hielt den andern eure bösen Menschensatzungen vor und sagte: ,Es ist klüger, strenge nach den einmal aufgestellten Satzungen zu handeln, als sich zur Unzeit seinen eigenen Barmherzigkeitsgefühlen zu überlassen und dann zum Gespött der Angesehenen und Mächtigen des Landes zu werden!‘ Das hat euch endlich ganz entmenscht, und ihr wurdet in eueren Seelen zu den allerwildesten und reißendsten Raubtieren. Und sehet, da steckt es nun bei euch! Wie werdet ihr nun aus euren blutdürstigen wahren Tigerseelen Menschenseelen machen?“
GEJ|7|154|11|0|Sagten mehr kleinlaut die beiden Pharisäer: „Ja, Herr und Meister, der du uns auch inwendig durchschauest, das alles wird sich wohl sicher genaust also verhalten, wie du das uns nun allergnädigst geoffenbaret hast; aber eben darum möchten wir ja von dir einen Rat bekommen, wie uns zu helfen wäre. Wie wir von deinen Dienern erfahren haben, so sind dir ja alle Dinge möglich, und wir sind da denn nun auch voller Zuversicht, daß du auch uns noch wirst helfen können, wenn du nur willst. Wahrlich, Herr und Meister, wir sind allerfestest bereit, alles zu tun, was du uns zur Besserung unserer Seele nur immer anraten wirst!“
GEJ|7|155|1|1|155. — Die drei Grade der inneren Lebensvollendung
GEJ|7|155|1|0|Sagte Ich: „Versprechen ist um vieles leichter, als das Versprochene halten! Ihr hänget noch zu sehr an der Welt und an euren großen Schätzen, an denen viel Blut von Witwen und Waisen klebt, und das ist für die Weltmenschen stets jene große Kluft, über die sie höchst schwer kommen.
GEJ|7|155|2|0|Doch wie bei Gott alle Dinge möglich sind, so ist es auch dem noch so verstockten Weltmenschen und Sünder möglich, sich bald und wirksam zu ändern, wenn er ernstlich im vollen Glauben und Vertrauen auf Gott das tut, was die göttliche Weisheit ihm rät. Er muß da an sich selbst durch einen plötzlichen Umschwung seines Willens ein wahres Wunder wirken, und zwar in der gänzlichen Selbstverleugnung bezüglich aller seiner früheren Schwächen, Gewohnheiten, Gelüste und argen Leidenschaften, die aus ungegorenen und sehr unlauteren Naturgeistern seines Fleisches in die Seele aufsteigen und sie verunreinigen und verunstalten.
GEJ|7|155|3|0|Nun zählet aber nach, mit wie vielen allerartigen Leidenschaften ihr behaftet seid! Fasset den ernstesten Willen, sie alle zu verlassen und dann Mir nachzufolgen! Könnet ihr das, so könnet ihr auch bald zu einer inneren Lebensvollendung gelangen; aber ohne das ist es sehr schwer und sehr mühevoll.“
GEJ|7|155|4|0|Sagten die Pharisäer: „Was den ernsten Willen anbelangt, so soll es bei uns an solchem keinen Mangel haben; denn hatten wir doch des ernstesten Willens zur Sünde in Hülle und Fülle, warum sollten wir ihn nicht auch haben zur Erfüllung des Guten?“
GEJ|7|155|5|0|Sagte Ich: „Ja, ja, da habt ihr eben nicht unrecht geredet! Aber der Wille zur Sünde findet im Menschen stets eine große Unterstützung, und zwar in den Anreizungen und Leidenschaften seines Fleisches; aber für den Willen zum Guten findet er in seinem Fleische gar keine Unterstützung, sondern allein im Glauben an einen wahren Gott, und besonders in der Liebe zu Ihm, und dazu auch in der Hoffnung, daß die von Gott ihm gemachten Verheißungen in volle Erfüllung gehen werden.
GEJ|7|155|6|0|Wer sonach durch den festen und lebendigen Glauben, durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten und durch die ungezweifelte Hoffnung alle die argen Leidenschaften seines Fleisches bekämpfen kann und sonach völlig Herr über sich wird, der wird dann auch bald Herr der ganzen äußeren Natur und befindet sich eben dadurch, daß er vollkommen Herr über sich geworden ist, auch schon im ersten Grade der wahren, inneren Lebensvollendung, obwohl es da noch zu öfteren Malen an allerlei Versuchungen keinen Mangel haben wird, die ihn zur Begehung einer oder der andern leichten Sünde reizen werden.
GEJ|7|155|7|0|Versteht er nun auch, mit allen seinen Sinnen dahin einen festen Bund zu schließen, daß sie sich von allen irdischen Anreizungen abwenden und sich pur dem rein geistigen Wesen zukehren, so ist das schon ein sicheres und lebenslichtvolles Zeichen, daß der innere Geist aus Gott die Seele ganz durchdrungen hat, und der Mensch befindet sich da im zweiten Grade der inneren, wahren Lebensvollendung.
GEJ|7|155|8|0|In diesem Grade ist dem Menschen auch jene Stärke und Lebensfreiheit eigen geworden, daß er, weil er in seiner Seele ganz erfüllt ist mit dem Willen Gottes und nach demselben handeln kann, keine Sünde je mehr begehen kann; denn da er selbst rein geworden ist, so ist ihm auch alles rein.
GEJ|7|155|9|0|Aber obwohl der Mensch da schon ein vollkommener Herr der gesamten Natur ist und die hellste Überzeugung in sich hat, daß er unmöglich mehr fehlen kann, da all sein Tun von der wahren Weisheit aus Gott geleitet wird, so ist und bleibt er dadurch doch nur im zweiten Grade der inneren Lebensvollendung.
GEJ|7|155|10|0|Aber es gibt noch einen dritten und allerhöchsten Grad der innersten Lebensvollendung.
GEJ|7|155|11|0|Worin aber besteht denn diese, und wie kann der Mensch sie erreichen?
GEJ|7|155|12|0|Diese besteht darin, daß der vollendete Mensch, wohl wissend, daß er nun als ein mächtiger Herr der ganzen Natur ohne Sünde tun kann, was er nur immer will, aber dennoch seine Willenskraft und Macht demütig und sanftmütig im Zaume hält und bei jedem seinem Tun und Lassen aus der pursten Liebe zu Gott nicht eher etwas tut, als bis er unmittelbar von Gott aus dazu beordert wird, – was eben für den vollendeten Herrn der Natur auch noch eine recht starke Aufgabe ist, weil er in seiner vollen Weisheit allzeit erkennt, daß er nach dem in ihm selbst wohnenden Willen aus Gott nur recht handeln kann.
GEJ|7|155|13|0|Doch ein noch tiefer gehender Geist erkennt es auch, daß zwischen dem sonderheitlichen Willen Gottes in ihm und dem freiesten und endlos allgemeinsten Willen in Gott noch ein großer Unterschied besteht, weshalb er seinen sonderheitlichen Willen ganz dem allgemeinsten göttlichen Willen vollkommen unterordnet und nur dann aus schon immer eigener Kraft etwas tut, wenn er dazu unmittelbar von dem alleinigen und eigensten Willen in Gott beordert wird. Wer das tut, der ist in sich zur innersten und allerhöchsten Lebensvollendung gelangt, welche da ist die Lebensvollendung im dritten Grade.
GEJ|7|155|14|0|Wer diese erlangt, der ist auch völlig eins mit Gott und besitzt gleich Gott die höchste Macht und Gewalt über alles im Himmel und auf Erden, und niemand kann sie ihm ewig mehr nehmen, weil er vollkommen eins mit Gott ist.
GEJ|7|155|15|0|Aber zu dieser höchsten Lebensvollendung, in der sich die Erzengel befinden, kann niemand gelangen, bevor er nicht den ersten und zweiten Grad der Lebensvollendung erlangt hat.
GEJ|7|155|16|0|Es hat aber ein jeder Erzengel die Macht, alles das in einem Augenblick zu bewirken, was endlos alles Gott Selbst bewirken kann; aber dessenungeachtet wirkt doch kein Erzengel pur aus sich etwas, sondern erst dann, wenn er dazu von Gott Selbst beheißen ward. Darum bitten selbst die höchsten Erzengel Gott allzeit, so sie diese oder jene Mängel, besonders bei den Menschen dieser Erde, sehen, daß Gott sie beheißen möge, dieses oder jenes zu tun.
GEJ|7|155|17|0|Sehet diesen Jüngling an! Er befindet sich im vollen dritten Grade der inneren Lebensvollendung, und sein Wille ist schon so gut wie eine vollbrachte Tat; aber er tut dennoch aus sich heraus und für sich nichts, sondern nur das, was Ich will. So Ich ihm aber sage: ,Nun handle pur aus dir und für dich!‘, so wird er dann auch das tun und zeigen, was in ihm ist.“
GEJ|7|155|18|0|Sagten die Pharisäer: „So ist der junge Mensch schon einem Erzengel gleich; denn Dein Inneres solle ja eben die Fülle des puren Geistes Gottes sein?“
GEJ|7|155|19|0|Sagte Ich: „Ja, ja, selig der, der das in seinem Herzen glaubt!“
GEJ|7|156|1|1|156. — Über das Kloster- und Einsiedlerleben. Der Zweck der Versuchungen
GEJ|7|156|1|0|Sagten die Pharisäer: „Herr und Meister! Wir haben nun die Schwierigkeiten zur Erlangung der inneren Lebensvollendung, aber auch die endlosen Vorteile aus deinem wahrhaft göttlichen Munde vernommen. Die Schwierigkeiten haben uns nicht entmutigt, alles zu tun, was du uns nur immer vorschreiben wirst. Sollen wir uns auch unter den größten Schmerzen körperlich verstümmeln, so sind wir auch dazu vollernstlich bereit!“
GEJ|7|156|2|0|Sagte Ich: „Oh, das wäre die größte Torheit; denn wer einen Feind wahrhaft besiegen will, der muß sich ihm im offenen Felde entgegenstellen und sich nicht hinter allerlei Bollwerk verschanzen. Denn so der Feind die Schanzen sieht, da steht er freilich auf eine Weile vom offenen Angriff ab, weil er erkennt, daß er so dem wohlverschanzten Gegner mit seiner Macht nicht gewachsen ist; aber er belagert den wohlverschanzten Gegner und zieht dann von allen Seiten Verstärkungen an sich. Wenn sich der Feind dann stark genug fühlt, so greift er den noch immer wohlverschanzten Gegner an und besiegt ihn mit leichter Mühe.
GEJ|7|156|3|0|Aber Ich setze sogar den Fall, daß der Feind dem wohlverschanzten Gegner dennoch nichts hat anhaben können, solange dieser innerhalb seiner starken Schanzen blieb. Aber der Gegner wird, aus Furcht vor dem stärkeren Feinde, doch nicht ewig innerhalb seiner Schanzen bleiben können. Er wird dieselben endlich doch einmal verlassen und das offene Feld betreten müssen. Wie wird es ihm aber dann ergehen, so ihn der irgendwo geheim lauernde Feind angreifen wird? Ich sage es euch: dieser zweite offene Kampf wird ihm dann um vieles beschwerlicher werden, als so er den Feind gleich das erstemal offen angegriffen hätte!
GEJ|7|156|4|0|Der Mensch kann sich auf der Welt freilich von der Welt ganz abziehen gleich den Einsiedlern des Karmel und Sion, die da kein Weib ansehen und sich kümmerlich von Wurzeln und allerlei Beeren, wildem Honig und Johannisbrot ernähren. Auch verschneiden sie sich sogar des Reiches Gottes wegen, weil sie dann in keine Versuchung geraten können, in der sie irgendein Gebot Mosis übertreten könnten. Sie haben darum kein Eigentum, haben keine Eltern, haben keine Weiber und Kinder, haben selbst keine Männlichkeit. Sie bewohnen wilde Bergschluchten, damit die Schönheit der üppigen Erdfluren sie nicht reizt; sie reden nicht miteinander, damit nicht jemandem ein Wort aus dem Munde fahre, das ihn oder seinen Nachbarn ärgern könnte.
GEJ|7|156|5|0|Unter solchen höchst dummen Lebensabstraktionsverhältnissen und unter solchen Verwahrungen vor der Möglichkeit, eine Sünde zu begehen, halten sie freilich wohl die Gesetze Mosis; aber zu wessen Nutzen und Frommen? Ich sage es euch: Das nützt ihnen nichts und den anderen Menschen auch nichts! Denn Gott hat dem Menschen die verschiedenen Kräfte, Anlagen und Fähigkeiten nicht darum gegeben, daß er sie in irgendeiner Klause als Einsiedler verschlafen soll, sondern daß er nach dem geoffenbarten Willen Gottes tätig sei und dadurch sich und seinem Nächsten nütze.
GEJ|7|156|6|0|Also hat Gott zu den Menschen auch niemals gesagt: ,Verstümmle und verschneide dich, auf daß dich das Fleisch des Weibes nicht reize und du dich enthaltest der Hurerei und des Ehebruchs!‘, sondern Gott hat zu Adam, als Er ihm das Weib gab, nur gesagt: ,Gehet hin, vermehret euch und bevölkert die Erde!‘ Und bei Moses heißt es: ,Du sollst nicht Unzucht und Hurerei treiben, sollst nicht begehren deines Nächsten Weib und sollst nicht ehebrechen!‘
GEJ|7|156|7|0|Der Mensch muß also in der Welt wirken und freiwillig den bösen Verlockungen der Welt widerstehen. Dadurch wird stark seine Seele, und die Kraft des Geistes Gottes wird sie durchdringen. Aber durch ein Leben des Faultieres kommt kein Mensch je zum wahren, ewigen Leben, das in sich die höchste und vollendetste Tätigkeit in all den zahllos vielen Lebensschichten und Sphären bedingt.
GEJ|7|156|8|0|Solche Menschen sündigen freilich so wenig, wie irgendein Stein sündigt; aber ist das etwa ein Verdienst für den Stein? Es wird aber die Seele ihren verstümmelten Leib ablegen müssen; was wird sie dann jenseits machen in ihrer vollsten Schwäche und gänzlichen Untätigkeit?
GEJ|7|156|9|0|Dort werden dann doch die Prüfungen aller Art über sie kommen, die sie zur vollen und wahren Lebenstätigkeit aneifern sollen, und diese Prüfungen werden für die mit ihren schon diesirdischen Fähigkeiten ausgestattete Seele ganz entsprechend dieselben sein, die sie hier waren, aber für die pure Seele sicher notwendig stärker denn hier, weil jenseits das, was eine Seele denkt und will, sich auch schon wie in der Wirklichkeit vor sie hinstellt.
GEJ|7|156|10|0|Hier hat sie nur mit ihren unsichtbaren Gedanken und Ideen zu tun, die sie leichter bekämpfen und sich auch deren entschlagen kann; aber wo die Gedanken und Ideen zu einer wohl sichtbaren Realität werden – frage –, wie wird die schwache Seele da wohl ihre eigengeschaffene Welt bekämpfen? Wen hier der pure Gedanke zum Beispiel an seines Nachbarn schönes, junges Weib schon mit allen brennenden Leidenschaften erfüllt, wie wird es dem dann ergehen, so ihm der Gedanke des Nachbarn Weib ganz nach seinem Wunsche und Willen in der vollsten, wennschon nur scheinbaren Wirklichkeit darstellen wird?!
GEJ|7|156|11|0|Darum also wird es drüben mit den Versuchungen wohl um vieles schlimmer sich gestalten denn hier. Und was wird die Seele wohl geben können, um sich aus der harten Gefangenschaft ihrer eigenen bösen Leidenschaften zu befreien? Und doch wird sie drüben um gar vieles selbsttätiger werden müssen, um sich aus dem Irrsal ihrer eigenen Gedanken, Ideen und Bilder zu befreien; denn bevor sie nicht zuerst selbst Hand ans Werk legen wird, wird ihr keine Hilfe durch irgendein unvermitteltes Erbarmen Gottes oder irgendeines andern Geistes zugute kommen, wie solches auch schon hier auf Erden zum größten Teil der Fall ist.
GEJ|7|156|12|0|Denn wer da Gott nicht ernstlich sucht, sondern ganz den Gelüsten der Welt nachgeht, der verliert Gott, und Gott wird ihm keine Zeichen geben, aus denen er erkennen könnte, wie tief und wie weit er schon von Gott abgewichen ist. Erst wenn er aus eigenem Antrieb und Bedürfnis Gott wieder zu suchen anfangen wird, wird Gott Sich auch ihm zu nahen anfangen und Sich vom Suchenden auch insoweit finden lassen, inwieweit es dem Suchenden ein wahrer Ernst ist, Gott zu finden und zu erkennen.
GEJ|7|156|13|0|Darum ist es also mit der gewissen frommen Trägheit gar nichts; denn sie hat vor Mir keinen Lebenswert!“
GEJ|7|157|1|1|157. — Wie wahre Reue und Buße beschaffen sind
GEJ|7|157|1|0|(Der Herr:) „Wer zu Mir wohl sagt: ,Herr, Herr!‘, der ist noch ferne vom wahren Reiche Gottes; wer aber an Mich glaubt und das tut, was zu tun Ich ihn gelehrt habe, der wird das auch erreichen, was ihm verheißen und gezeigt ist, und wird erst durch das Tun in sich gewahr werden, daß die Worte, die Ich geredet habe, nicht Menschenworte, sondern wahrhaft Gottesworte sind; denn Meine Worte sind in sich selbst Liebe, Licht, Kraft und Leben. Meine Worte tun euch offen kund Meinen Willen. Wer aber Meinen Willen in sich aufnimmt und danach tut, der wird in sich das ewige Leben haben und wird leben fort und fort, so er auch, wenn es möglich wäre, dem Leibe nach stürbe viele hundert Male.
GEJ|7|157|2|0|So ihr aber schon einen so großen Ernst habt, sobald als möglich wenigstens in den ersten Grad der inneren Lebensvollendung zu gelangen, dann gehet heim, teilet eure sehr überflüssigen großen Schätze unter die gar vielen Armen, und kommet dann und folget mir nach, so werdet ihr euch dadurch den für euch noch sehr langen und weiten Weg zum Reiche Gottes sehr abkürzen! In Meiner Nachfolge aber sollet ihr ebenso einfach bekleidet einhergehen, wie ihr da sehet, wie höchst einfach auch Ich und alle Meine wahren Jünger bekleidet sind. Ihr brauchet da keinen Stock und in eurem Rock und Mantel keine Säcke sondern allein ein williges und offenes Herz; für alles andere wird schon der Vater im Himmel sorgen!“
GEJ|7|157|3|0|Bei diesem Rate machten die zwei Pharisäer wie auch die zwei Leviten ganz bedeutend saure Gesichter, und der eine Pharisäer sagte: „Herr und Meister, ich sehe wohl ein, daß du da höchst wahr und recht geredet hast; aber bedenke, daß wir Weiber und Kinder haben, die wir zuvor denn doch in eine gewisse Ordnung bringen und mit dem Nötigsten versorgen müssen! Haben wir das ehestmöglich abgetan, dann wollen wir unseren Überfluß schon unter die Armen verteilen und dir dann mit freudigem Herzen nachfolgen.“
GEJ|7|157|4|0|Sagte Ich: „Sind denn eure Weiber und Kinder besser als jene gar vielen Witwen und Waisen, die ihr um all ihre Habe gebracht und in die größte Not und in das größte Elend gestürzt habt? Wenn diese nun durch schweres Tagewerk sich ihr kümmerliches Brot verdienen müssen, während eure Weiber und Kinder im ungerechten Überflusse prassen und sich vor lauter Hochmut noch obendrauf nicht zu helfen wissen und verächtlich dahin spucken, wo die arme Witwe mit ihren halbnackten und durch den Hunger abgezehrten Kindern um einen kargen Lohn arbeitet, deren Güter ihr auf die ungerechteste und liebloseste Weise verschlungen habt, – was Ungerechtes wäre dann das etwa, so auch eure stolzen und übermütigen Weiber und Kinder einmal in dieser Welt darbten und dadurch zu der für ihre Seelen höchst wohltätigen Erkenntnis kämen, wie wohl es etwa den armen Witwen und Waisen getan hat, vor denen sie oft ausgespuckt und sie ein zerlumptes Gesindel genannt haben, das kaum wert sei, von der Sonne beschienen zu werden!
GEJ|7|157|5|0|Doch Ich will euch damit ja nicht irgend bemüßigen, daß ihr das tun sollet; denn euer Wille ist ebenso frei wie der Meinige; aber da ihr Mich um Rat gefragt habt, was ihr tun sollet, um desto eher zur inneren Lebensvollendung zu gelangen, so habe Ich euch auch den ganz rechten und vollwahren Rat gegeben.
GEJ|7|157|6|0|Ich habe es euch aber ja auch schon zum voraus gesagt, daß ein Versprechen geben viel leichter ist, als dasselbe halten. Ich sage euch aber noch hinzu: Wer um Meines Namens willen nicht Haus, Acker, Weib und Kind verlassen kann, der ist Meiner auch noch lange nicht wert; und wer seine Hände an den Pflug des Reiches Gottes legt, sich aber dabei noch umsieht nach den Dingen der Welt, der ist noch lange nicht geschickt zum Reiche Gottes! Das wisset ihr nun; tuet, was ihr wollet!“
GEJ|7|157|7|0|Sagte der Pharisäer: „Aber, Herr und Meister, siehe, dein sicher wahrer Freund Lazarus, wie auch Nikodemus und Joseph von Arimathia sind sicher noch um sehr vieles reichere Menschen, als wir da sind! Warum verlangst denn du von ihnen nicht das, was du von uns verlangt hast?“
GEJ|7|157|8|0|Sagte Ich: „Zwischen ihren und euren Gütern ist ein gar himmelgroßer und – hoher Unterschied! Ihre Güter sind durchaus ein streng gerechtes Besitztum. Sie sind gerechte Stammgüter, und die darin enthaltenen, wahrlich königlich großen Schätze sind das Produkt eines wahren und doch höchst uneigennützigen Fleißes und des wirksamen Segens aus den Himmeln Gottes. Zugleich sind die drei Genannten nun beinahe die einzigen Unterstützer der vielen Tausende, die durch euer gottloses Treiben und Gebaren arm und elend geworden sind. Sie sind somit noch die wahren Sachwalter Gottes auf Erden über die ihnen anvertrauten Güter der Erde und betrachten ihre Güter auch als nichts anderes als nur als das, was sie als ein Geschenk von oben sind, das sie zur Versorgung der vielen Armen zu verwalten und zu bestellen haben.
GEJ|7|157|9|0|Ist das etwa auch mit euren zusammengeraubten Gütern der gleiche Fall?! Ja, solche Menschen sollten nur noch viel mehr besitzen und könnten das auch auf die gerechteste und Gott wohlgefälligste Weise, wenn ihr ihnen nicht durch allerlei List und Betrug und auch Gewalt gut die Hälfte abgenommen hättet. Ihr habt euch dann damit gemästet, und sie mußten so manchen Armen darum karger beteilen. War das dann etwa auch eine Gott wohlgefällige Handlung von euch, und konnte Gott solche eure Güter je segnen? Ja, der Segen der Hölle ruht darauf, aber der Segen Gottes sicher nicht; denn ruhte darauf Gottes Segen, so könnte Ich euch davon wohl die wahrste Kunde geben!
GEJ|7|157|10|0|Vergleichet euch darum ja nicht mit diesen dreien und auch nicht mit diesen hohen Römern da, die auch überreich sind, aber ihr Reichtum ist ein gerechter! Und auch sie sind die Wohltäter von vielen Tausenden und haben des Segens von oben in Hülle und Fülle, obschon sie Heiden sind; aber sie stehen als solche Gott um ein Unaussprechliches näher denn ihr als Juden.
GEJ|7|157|11|0|Von solchen weltreichen Menschen, wie ihr da seid, sage Ich in Meiner vollsten göttlichen Macht und Kraft zu euch, wie Ich das schon einem euch sehr ähnlichen Reichen gesagt habe: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, denn ein solcher Reicher in das Reich Gottes! – Habt ihr das nun vernommen?“
GEJ|7|157|12|0|Sagten nun die Pharisäer: „O Herr und Meister, wir erkennen nun nur zu sehr die Wahrheit deiner Worte und haben auch schon in uns den vollen Entschluß gefaßt, deinen Rat genau zu befolgen; aber wir bitten dich, daß du uns dazu die gehörige Kraft und den rechten Mut erteilen mögest! Denn jetzt erst fangen wir an, so recht innezuwerden, wie schwer es für die Seele ist, die einmal von der Macht der Hölle ergriffen ist, sich aus deren Gewalt frei zu machen. Wenn du, o allmächtiger Herr und Meister, einem Gefangenen nicht hilfst, so bleibt er gefangen in Ewigkeit!“
GEJ|7|157|13|0|Sagte Ich: „Jawohl, da habt ihr recht geredet; daher sollet ihr jeden ungerechten Pfennig dem ersetzen, den ihr darum betrogen habt! Denn so ihr das nicht tuet, so könnet ihr in das Reich Gottes nicht eingehen, und gleich euch auch nicht ein jeder andere.
GEJ|7|157|14|0|Aber da ihr gar vielen von denen, die ihr betrogen habt, den ihnen zugefügten Schaden unmöglich wieder gutmachen könnet, so verteilet alles, was ihr habt, mit gutem Willen und Herzen unter die Armen, und habt darum keine Furcht vor der Welt, dann werden euch eure vielen Sünden erlassen werden, und ihr möget dann kommen und Mir nachfolgen! Wo Ich aber sein werde, werdet ihr gar leicht erfahren, wenn es euch ernst ist, Mir nachzufolgen. Es wird euch das wohl einen starken Kampf kosten; aber wer da gerecht und klug kämpft, der siegt auch sicher, und ein sicherer Sieg ist doch wohl auch sicher allzeit des Kampfes wert.
GEJ|7|157|15|0|Nun habe Ich euch alles gesagt, was ihr zu tun habt, und ihr könnet euch mit der Unwissenheit nimmer entschuldigen. Von nun an kommt es auf euren Willen und auf eure Klugheit an.“
GEJ|7|158|1|1|158. — Von der gerechten Klugheit und Vorsicht
GEJ|7|158|1|0|Sagte ein Pharisäer: „Herr und Meister, wir dürfen also nach deinem Worte die gerechte Klugheit und Vorsicht bei der Verteilung unserer Schätze an die Armen wohl anwenden?“
GEJ|7|158|2|0|Sagte Ich: „Was Ich einmal gesagt habe, das ist gesagt für die Ewigkeit; denn dieser ganze sichtbare Himmel und diese Erde werden vergehen, aber Meine Worte ewig nimmer.
GEJ|7|158|3|0|So jemand aber selbst die beste Handlung beginge, stellte aber die Sache dumm an, so hat eine solche Handlung keinen Wert, weil durch sie das Gute nicht erreicht wird. Wenn jemand aber seinem Nächsten etwas Gutes tun will, so tue er das nicht vor den Augen der Welt und lasse sich darum nicht öffentlich loben und preisen, sondern er tue das im geheimen also, daß nahe seine Rechte nicht weiß, was die Linke tut, und Gott, der auch das Geheimste sieht, wird solche Werke mit Seinem Segen belohnen!
GEJ|7|158|4|0|Wäre das aber klug, so ihr eure Schätze darum dem Tempel übergäbet, damit dieser sie unter die Armen verteile? Der Tempel würde euch darum wohl offen vor aller Welt selig preisen, doch den Armen wäre damit wahrlich nicht geholfen!
GEJ|7|158|5|0|Aber suchet euch einen gerechten Mittelsmann, und ihr werdet da am besten gehandelt haben; eure Namen bleiben unbekannt, ihr entgehet dem Lob und Preis der Welt, und den Armen ist da am besten geholfen! Denn es ist besser, bei einem gerechten Mittelsmann für viele Arme eine Versorgung nach rechtem Ziel, Maß und Bedürfnis zu gründen, als einem oder dem andern Armen auf einmal viel Geld in die Hand zu geben; denn das könnte gar leicht den armen, schon sehr demütig gewordenen Menschen in den Hochmut erheben und seine geduldige und gottergebene Seele verderben.
GEJ|7|158|6|0|Einen solchen Mittelsmann aber werdet ihr schon gar leicht finden. Ich kann euch hier gleich fünf anzeigen. Da ist Nikodemus oder Joseph von Arimathia, der Freund Lazarus oder da der Wirt im Tale von Unter-Bethania oder der neben ihm stehende große Herbergswirt an der großen Heerstraße unweit Bethlehem.
GEJ|7|158|7|0|Und so habe Ich euch denn auch diesen Weg gezeigt; wenn es den Eurigen karg gehen sollte, würden sie bei diesen auch sicher am ehesten eine nötige und Mir Selbst wohlgefällige Unterkunft für Leib und Seele finden.“
GEJ|7|158|8|0|Sagten die Pharisäer: „Herr und Meister, wir danken dir, daß du uns auch diesen Rat gegeben hast! Noch heute zum Teil, ganz gewiß aber am ersten Tage nach dem Sabbat soll er ins Werk gesetzt werden! Oh, durch diesen deinen Rat ist uns ein schwerer Stein von unserer Brust genommen worden! Ja, nun haben wir ein leichtes Handeln und Fürgehen!
GEJ|7|158|9|0|Wie wäre es denn, Herr und Meister, so wir jedem von den uns angezeigten Freunden einen Teil unserer Schätze übergäben, damit auf einen nicht zu viel der Versorgungsmühe käme?“
GEJ|7|158|10|0|Sagte Ich: „Das kommt nun auf euch an; da ist das eine so gut wie das andere!“
GEJ|7|158|11|0|Mit dem waren nun die beiden jetzt gänzlich bekehrten Pharisäer völlig zufrieden, gingen hin zu den fünfen und besprachen sich mit ihnen.
GEJ|7|158|12|0|Aber da traten auch die beiden Leviten zu Mir und sagten: „Herr und Meister, was sollen wir denn tun? Unser Vermögen ist noch klein, und was wir besitzen, haben wir geerbt und hätten somit ein gerechtes Vermögen in unseren Händen. Aber wenn auch wir dir folgen dürfen, so möchten auch wir tun, was da die beiden Obersten tun.“
GEJ|7|158|13|0|Sagte Ich: „Das steht euch frei. Aber sehet diese Meine alten Jünger an, sie haben auch einen ganz gerechten Besitz daheim und haben Weiber und Kinder, – sie haben um des Reiches Gottes willen alles verlassen und sind Mir nachgefolgt! Das könnet auch ihr tun!
GEJ|7|158|14|0|Aber Ich sage euch auch das: Die Vögel haben ihre Nester, und die Füchse haben ihre Löcher; aber Ich, als auf dieser Erde dem Leibe nach auch ein Menschensohn, habe nicht so viel eigenen Besitz, daß Ich darauf nur Mein Haupt hinlegen könnte.“
GEJ|7|158|15|0|Sagten die beiden Leviten: „Und doch ist der Himmel Dein Thron und diese Erde der Schemel Deiner Füße!“
GEJ|7|158|16|0|Sagte Ich: „Das hat euch auch nicht euer Fleisch, sondern euer innerer Geist eingegeben! Bleibet in dieser Erkenntnis und sammelt euch Geduld, so werdet ihr leicht zur inneren Vollendung des Lebens gelangen! Gehet sonach denn auch hin und besprechet euch mit dem Lazarus allein!“
GEJ|7|158|17|0|Das befolgten die beiden Leviten sogleich und gingen zu Lazarus.
GEJ|7|159|1|1|159. — Die geistige Sehe der Oberägypter
GEJ|7|159|1|0|Es trat aber Nikodemus zu Mir und sagte: „Herr, ich danke Dir! Durch die volle Bekehrung dieser beiden Obersten ist mir eine große Angst genommen worden; denn gerade vor diesen hatte ich stets die größte Furcht.“
GEJ|7|159|2|0|Sagte Ich: „Lassen wir das nun gut sein! Ich werde nun ein wenig ruhen und den beiden dann auch ein Zeichen geben; darauf erst werden sie in die volle Festigkeit des Glaubens an Mich eingehen. Nun aber besprechet euch!“
GEJ|7|159|3|0|Darauf ging Ich in die Hütte und ruhte ein wenig.
GEJ|7|159|4|0|Ich verblieb eine kleine halbe Stunde in der Hütte ruhend, beschied aber Petrus, Jakobus und Johannes, die bei Mir in der Hütte waren, daß sie hinabgingen zu den sieben Ägyptern und ihnen kundgäben die Grundzüge des Evangeliums, und daß sie vorbereitet sein sollen auf ein Zeichen, das Ich wirken werde.
GEJ|7|159|5|0|Die drei Jünger taten das und wurden von den sieben sehr gut aufgenommen. Petrus aber verwunderte sich über alle Maßen, als er inne wurde, daß besonders der erste von allen Meinen vielen Lehren und Taten und sogar von Meiner Jugendgeschichte viel mehr wußte als er selbst. Jakobus und Johannes, die wohl am meisten von allem aus Meiner Jugendzeit unterrichtet waren, weil sie mit Mir aufgewachsen sind, mußten selbst mit vieler Verwunderung dem Oberägypter das vollste Recht widerfahren lassen.
GEJ|7|159|6|0|Petrus aber meinte geheim bei sich: „Da hat uns der Herr wieder einmal ganz ordentlich aufsitzen lassen! Denen sollen wir das Evangelium beibringen, – und sie kennen es ohnehin besser als wir alle drei zusammen! Warum hat uns denn der Herr das angetan?“
GEJ|7|159|7|0|Der Oberägypter aber merkte in sich wohl, was Petrus dachte, und sagte darum: Was denkst du nun darüber so eifrig nach, warum euch der Herr zu uns gesandt hat, da wir Seine Lehre ja ohnehin besser kennten und verstünden denn ihr? O seht, liebe Brüder, der Herr wußte, und das in höchster Klarheit, daß ihr schon so manches zu vergessen angefangen habt, und hat euch eben darum auf eine halbstündige Unterredung zu uns gesandt, auf daß ihr bei uns das wenige Verlorene wieder zurückerhalten sollet!
GEJ|7|159|8|0|Es steht aber ja auch in euren Büchern gezeichnet, und das also: ,Die aber mit dem Herrn sind, haben manches verloren. Da aber kommen Fremde von fernen Landen und geben den Kindern die verlorenen Perlen und Edelsteine von unschätzbarem Wert zurück. Und der Herr ist darum gar freundlich auch den Fremden und nimmt sie auf in die Wohnungen Seiner Kinder.‘
GEJ|7|159|9|0|Sehet, liebe Brüder, auch dieser euch ganz unbedeutend scheinende Zwischenfall war vom Herrn schon lange vorgesehen, und da alles erfüllet werden muß vom Kleinsten bis zum Größten, was die Propheten von Ihm geweissagt haben, so konnte und durfte auch diese kleine Weissagung nicht unerfüllt bleiben.“
GEJ|7|159|10|0|Sagte darauf Petrus: „O lieber Freund, sage du mir es doch, wie du dir das alles so höchst genau hast zu eigen machen können!“
GEJ|7|159|11|0|Sagte der Oberägypter: „Wenn dein Geist und deine Seele eins sein werden – was ihr alle Seine Erwählten bald zu gewärtigen haben werdet –, dann wirst du das schon ganz klar einsehen; aber die Seele, die noch stark an ihren Leib gebunden ist, kann das nicht einsehen und begreifen.
GEJ|7|159|12|0|Ich kenne aber nicht nur das, was in euren Büchern geschrieben steht, sondern ich kenne auch die alten Schriften der Ägypter, der Parsen, Gebern, Indier, Sinesen und die Schriften des alten Meduhed bei den Ihyponesen. Kurz, was auf dieser Erde vom Nordpol bis zum Südpol ist und besteht, ist mir so klar bekannt wie dir daheim deine Fischerhütte in der Nähe der Stadt Kapernaum, in der der Herr schon so viele Zeichen gewirkt hat, – und dennoch die wenigsten an Ihn glauben, weil sie blinde Krämer, Makler und Geldwucherer sind. Also, was diese Erde trägt, enthält und faßt, das ist mir wohlbekannt; doch über die Erde hinaus sehe ich noch schwach.
GEJ|7|159|13|0|Ich kenne wohl die Fest- und Wandelsterne auseinander und kann der letzteren Lauf und Stand berechne, da ich schon in meiner frühen Jugend der altägyptischen Feldmeßkunst kundig war, es steht in mir auch eine Vermutung fest, der nach ich die Wandelsterne als dieser Erde ähnliche Welten betrachte; aber ich konnte bis jetzt noch nicht in meinem Geiste bis zu ihnen hindringen. Aber der Herr wird mir schon hier auch noch diese Fähigkeit geben, und ich werde dann überglücklich sein.
GEJ|7|159|14|0|Ihr habt aber darüber vom Herrn schon durch Sein Wort die höchste und wahrlich vollendetste Aufklärung und Belehrung erhalten. Um die weiß ich auch, und so gehet mir an Wissen auch am gestirnten Himmel nichts ab in dieser neuen Zeit; aber ich möchte das alles in meinem Geiste auch wie mit meinen eigenen Augen also schauen, wie ich die ganze Erde beschauen kann. Das wird mir und auch meinen sechs Gefährten hier zuteil werden. Dann, dann, Freund, werde ich erst ganz vollkommen sein; denn dann erst werde ich die ewige Größe des Herrn stets mehr und mehr begreifen.“
GEJ|7|160|1|1|160. — Glauben und Schauen. Der geistige Entwicklungsgang des Oberägypters
GEJ|7|160|1|0|Sagte Petrus: „Ja, Freund, wenn du das weißt, was wir wissen, was willst du dann noch mehr? Ist denn ,Fest und ungezweifelt glauben‘ nicht ebensoviel wie ,Schauen im Geiste‘?“
GEJ|7|160|2|0|Sagte der Oberägypter: „Du hast da zum Teile wohl recht, aber ganz vollkommen dennoch nicht! Der feste und ungezweifelte Glaube der Seele erweckt im Menschen wohl ein volles Bestreben mit der zuversichtsvollen Hoffnung, daß er das, was er glaubt, auch einmal in der Wirklichkeit schauen möchte und auch schauen werde; mit der Zunahme des Glaubens an Kraft und Festigkeit aber wächst auch die Begierde und die Sehnsucht, das Geglaubte auch einmal in seiner Vollkommenheit zu schauen und dadurch im höchsten Lebensmaße zu genießen. Und siehe, Freund, demnach steht das Schauen wohl um gar unbeschreibbar vieles über dem puren Glauben; denn das Schauen ist ja eben die ewige Krone des Glaubens!“
GEJ|7|160|3|0|Sagte Petrus: „Ja, da hast du wohl schon ganz vollkommen recht; aber der Herr ist eben nicht sehr freigebig mit der Gabe des Schauens. Auf Augenblicke hat Er uns dann und wann auch das Schauen vergönnt; aber vom Bleiben dieses beseligendsten Vermögens der Seele war bis jetzt noch keine Rede.“
GEJ|7|160|4|0|Sagte der Oberägypter: „Ah, das meine ich auch! Er hat es euch aber doch schon zu öfteren Malen verheißen. Das Vermögen werdet aber auch ihr erst dann überkommen, wenn ihr im Geiste aus Ihm völlig wiedergeboren werdet. Und dann müssen wir hier als noch im Fleische Umherwandelnde das auch nicht also annehmen, als ob wir dann nichts anderes tun sollen, als nur in einem fort die Wunder Seiner endlosen Schöpfungen betrachten; denn wir haben auf dieser Erde aus Liebe zu Ihm und aus Liebe zum Nächsten noch gar manche Pflichten zu erfüllen, und da heißt es dann, nicht in einem fort schauen. Doch der Mensch soll sich auch von Zeit zu Zeit eine Sabbatruhe gönnen, und da kann und soll er schauen oder sich wenigstens im inneren geistigen Schauen üben. Das bleibende, volle Schauen überkommt der Mensch erst nach der Ablegung des Leibes. – Bist du nicht auch dieser meiner Ansicht?“
GEJ|7|160|5|0|Sagte Petrus: „Nun sicher wohl ganz vollkommen; mich nimmt es nur im hohen Grade wunder, wie du in eurer Wildnis zu solch einer inneren, wahren Lebensweisheit gelangt bist! Wer war dein Lehrer?“
GEJ|7|160|6|0|Sagte der Oberägypter: „Zumeist ich selbst durch mein rastloses Suchen und Forschen! Doch war mein Vater Feldmesser zu Memphis, Theben und Diadeira (Diathira), welche Kunst auch ich von ihm erlernt habe. Als ich aber diese Kunst schon vollkommen innehatte, da fing er an, mich in die großen und verborgenen Geheimnisse des Tempels zu JA BU SIM BIL einzuweihen; aber er starb, noch ehe ich in alles eingeweiht war.
GEJ|7|160|7|0|Sein Tod war für mich ein Verlust von tausend Leben. Ich zog darum mit meinen Gefährten nilaufwärts so weit, als es nur möglich war. Da fanden wir Grotten, die uns hinreichenden Schutz vor den glühenden Sonnenstrahlen gaben. Die Grotten lagen knapp am Nil, der sich zwischen den mächtigen Felswänden in tausend Wasserfällen durchwindet. Weiter als bis dorthin war am Strome nicht mehr möglich fortzukommen, außer wir hätten vom Strome viel weiter unten nach rechts in die große Wüste einbiegen und den Weg der Nubier fortziehen müssen; aber unsere mitgenommenen Ziegen wären da samt uns ohne Wasser bald verschmachtet. Kurz, bei unseren Grotten fanden wir noch ein letztes Plätzchen mit einigem Rasen leidlich bewachsen, an dem unsere Tiere ein ganz erkleckliches Futter fanden. Und so beschlossen wir, mit unseren kleinen Familien da zu bleiben.
GEJ|7|160|8|0|Als ich die erste Nacht in der Grotte, mich dem Schutze des großen Gottes anempfehlend, übernachtete, da erschien mir im Traume mein dem Leibe nach verstorbener Vater und belehrte mich, was ich tun solle und wie mich verhalten, um allda fortleben zu können. Er zeigte mir auch an, daß es in dieser Gegend eine Menge Raubtiere, Löwen, Panther und gar riesig große Aare gäbe und belehrte mich, wie ich auch ohne Waffen bloß durch das feste Vertrauen auf den großen Gott und durch den festen, völlig furchtlosen Willen ein Herr aller solcher Tiere werden könnte.
GEJ|7|160|9|0|Als ich am Morgen erwachte und aus der Grotte ins Freie trat, da auch kam ein mächtiger Löwe ganz behaglich auf die Grotte zu, die sicher seine Wohnung war. Als er meiner ansichtig wurde, da hielt er inne und fing mit seinem Schweife an, ganz gewaltig die Luft zu peitschen. Ich kam ihm mit meinem unerschrockenen, festen Willen entgegen und gebot ihm festen Blickes, daß er für immer diese Gegend verlasse. Und siehe, der Löwe kehrte um und verlor sich irgendwohin in die Wüste! Dasselbe geschah bald darauf mit zwei Panthern und am selben Tage mit einem Riesenaar, dem unsere weidenden Ziegen in die Augen stachen.
GEJ|7|160|10|0|Ich hatte mich sonach schon an diesem ersten Tage überzeugt, was ein Mensch im wahren Vertrauen auf den einen, wahren, großen Gott und durch seinen unerschrockenen, festen Willen alles zu bewirken vermag. Ich stellte mich am Abend vor die Grotte, empfahl alles dem Schutz des allmächtigen, großen Gottes und gebot der gesamten Natur, uns in der Ruhe zu lassen. Solches geschah denn auch.“
GEJ|7|161|1|1|161. — Die innere Offenbarung des Oberägypters
GEJ|7|161|1|0|(Der Oberägypter:) „In der Nacht aber kam der Vater abermals zu mir und sagte zu mir, daß ich also ganz recht gehandelt habe, machte mich aber zugleich mit dem Willen des großen Gottes bekannt und forderte mich auf, solchen genauest zu befolgen und ihn dadurch zu meinem Willen zu machen; dadurch würde ich dann ein vollkommener Herr der Natur und ihrer Elemente, gleichwie das auch die ersten Menschen der damals noch um vieles gefährlicher bestellten Erde waren.
GEJ|7|161|2|0|Als wir am Morgen wieder erwachten, erzählte ich allen den Traum und forderte sie auf, im Ernste dem großen Gott für den Schutz zu danken, Ihn aber auch inbrünstigst zu bitten, daß Er uns Seinen Schutz nimmerdar entziehen möge. Das geschah, und ich teilte darauf allen den mir im Traume durch den Geist meines Vaters enthüllten Willen Gottes mit und forderte sie auf, denselben mit der größten Liebe, Achtung und Dankbarkeit zu Gott auf das strengste zu erfüllen.
GEJ|7|161|3|0|Alle gelobten mir das, und sieh, da wurde es plötzlich ganz hell in unserer selbst am Tage stark dunklen Grotte, und wir ersahen in ihr noch mehrere Gänge, die wir mutig durchsuchten und dabei noch andere Grotten fanden, die weiter stromaufwärts mehr oder minder bequeme Ausgänge hatten! Und so fanden wir eine Menge guter Wohnungen, die später von meinen Gefährten bewohnt wurden. In diesen Grotten fanden wir auch etliche ganz reine Naphthaquellen. Wir schöpften das Öl in unsere mitgenommenen Lampen, mit denen wir dann unsere Naturwohnungen ganz gut beleuchten konnten. Wir erkannten alle, daß dieser Fund eine ganz besondere Gnade von oben war, und dankten darum mit aller Inbrunst dem großen Gott.
GEJ|7|161|4|0|Als wir Ihm unseren Dank dargebracht hatten, da vernahmen wir eine helle Stimme, die in wohl vernehmlichen Worten also zu uns sprach: ,Tut alle Meinen euch geoffenbarten Willen, und alle Tiere dieser Wildnis sollen euch dienen nach eurem Willen! Doch sollet ihr von ihnen nur das verlangen, was ihr zur Ernährung eures Leibes notwendig brauchet; darum sollet ihr euch aber auch nicht sammeln einen Vorrat!
GEJ|7|161|5|0|In der mittelsten Grotte werdet ihr Salz finden in großer Menge; mit dem salzet euch die Fische, die für euch die Aare aus dem Nil holen werden! Leget sie auf die von der Sonne stark erhitzten Steinplatten, und genießet sie dann! Beim Ausgange der ersten Grotte befindet sich unter einem graulichten Steine eine frische Wasserquelle; schlaget den mehr weichen Stein durch, und ihr werdet sogleich ein gutes Trinkwasser in gerechter Menge bekommen! Löwen und Panther, wie auch noch andere Tiere dieser Gegend verfolget nicht, und sie werden euch darum dienen, wenn ihr ihres Dienstes bedürfen werdet!‘
GEJ|7|161|6|0|Mit dem verstummte die Stimme; wir aber dankten Gott abermals für die Offenbarung und erkannten daraus auch, daß es im Ernste Gottes Wille sei, daß wir diese Gegend zu unserem Wohnplatze gewählt hatten.
GEJ|7|161|7|0|Dieses alles wirkte auf mein Herz und Gemüt gewaltig, weil sich da alles in der Tat bestätigte, was mir geoffenbart wurde. Ich fing darauf an, weiterzuforschen, bekam ein inneres Wort und tat nach dem, was ich in mir selbst vernommen hatte. Es gelang mir das meiste, nur wenn dann und wann in mir ein kleiner Zweifel über das Gelingen aufstieg, gelang es mir nicht, und ich mußte mich auch des kleinsten Zweifels völlig entledigen, wonach mir dann aber auch alles derart gelang, daß ich fürder an gar keinen Zweifel auch nur denken konnte, und ich gewahrte in etlichen Jahren in mir das, was ehedem der Geist Henochs zu den Pharisäern geredet hatte. Denn wohin ich mich mit meinen Gedanken auch immer versetzt habe auf der ganzen Erde, dort war ich auch schon wirkend mit Augen, Ohren, Mund, Nase, Händen und Füßen.
GEJ|7|161|8|0|Meine Gefährten – bis auf einen – haben es freilich noch nicht so weit gebracht; aber sie sind alle auf dem besten Wege dazu, und ich habe sie darum auch hierher mitgenommen, damit sie hier das Allerhöchste vernehmen und den großen Gott, zu dem ich sie im Geiste geführt hatte, hier in der Person eines uns gleichen Menschen schauen und hören sollen. Sie sind darum nun auch gleich mir voll der höchsten Freude und Wonne. – Und so weißt du nun durch meine ganz kurze Darstellung, wie ich und auch meine Gefährten zu unserer inneren Lebensvollendung gekommen sind.
GEJ|7|161|9|0|Ihr habt es hier freilich als wahre Kinder des Herrn leichter; wir aber sind Fremde und müssen mehr tun, um von Gott dem Herrn auch nur an Kindesstatt aufgenommen zu werden. – Bist du mit meiner Darstellung zufrieden?“
GEJ|7|161|10|0|Sagte Petrus: „Mehr als vollkommen, und ich habe darüber eine große Freude, daß der Herr auch in weiten Fernen jenen Menschen Sich offenbart, die Ihn ernstlich suchen, Ihn lieben und sich Ihm ganz anvertrauen.
GEJ|7|161|11|0|Aber nun kommt Er schon aus der Hütte, um der beiden bekehrten Pharisäer wegen ein Zeichen zu wirken. Darum wollen wir nun wieder bloß Herz, Aug und Ohr sein!“
GEJ|7|161|12|0|Hier trat Ich zu Petrus hin und sagte: „Nun, Simon Juda, wie habt ihr bei diesen Fremden Meinen Auftrag erfüllt?“
GEJ|7|161|13|0|Sagte Petrus: „Herr, Du hast es wohl gewußt, daß diese Fremden nur uns und nicht wir ihnen Dein Evangelium predigen werden, und hast uns eben darum zu ihnen gesandt, daß sie uns das sagen sollen, was uns leider noch abgegangen ist aus dem Grunde, weil wir schon so manches von Deinen Lehren und Taten vergessen hatten. Wir danken Dir, o Herr, aber auch darum; denn wir haben von diesen Fremden nun wahrlich viel gewonnen!“
GEJ|7|161|14|0|Sagte Ich: „Dann ist es auch gut also, und so wollen wir nun noch ein Zeichen zur Bekräftigung des Glaubens dieser vier Templer wirken. Gehe hin, und heiße sie hierher kommen!“
GEJ|7|162|1|1|162. — Abraham erscheint vor den Templern
GEJ|7|162|1|0|Petrus ging hin und richtete Meinen Auftrag an die Templer aus, und diese kamen schnell zu Mir und sagten: „Herr, du hast uns schon die größten Beweise geliefert, so daß wir nun auch nicht den allergeringsten Zweifel mehr darüber haben, was und wer du bist, und wir verlangen von dir darum kein Zeichen mehr; doch so du schon eins wirken willst, so werden wir dir dafür sicher höchst dankbar sein aus dem tiefsten Grunde unseres Herzens!“
GEJ|7|162|2|0|Sagte Ich: „Ihr sehet nun wohl schon so ziemlich ein, daß eben Ich der verheißene Messias bin, und daß es nach Mir keinen mehr geben wird; aber ihr sehet noch nicht ein, daß der Messias niemand anders ist als eben derselbe Jehova, der dem Moses am Sinai die Gesetze gab und darum am letzten Festtage im Tempel von Sich wohl aussagen konnte: ,Eher denn Abraham war Ich!‘, weshalb ihr Mich denn auch steinigen wolltet. Damit ihr das aber einsehet, erfahret und dann auch fest glaubet, will Ich euch eben ein besonderes Zeichen wirken. Und so habt denn alle wohl acht darauf, was da alles geschehen wird!
GEJ|7|162|3|0|Ich will nun als ein Herr auch der Geisterwelt, daß Mein Abraham hier erscheine und euch ein Zeugnis gebe von Mir; wenn er da sein wird, da möget ihr selbst mit ihm reden!“
GEJ|7|162|4|0|Hierauf senkte sich eine lichte Wolke auf den Hügel nieder, und aus der Wolke trat Abraham hervor, verneigte sich tief vor Mir und sagte: „Wie höchst überaus und wie lange schon habe ich mich Deines Tages der Herniederkunft gefreut, und meine Freude übersteigt nun alle Grenzen, weil ich Deinen Tag auf Erden gesehen habe! Aber so sehr ich mich auch über Dich, o Herr Jehova Zebaoth, freue, so wenig Ursache habe ich, mich über meine Nachkommen zu freuen! Wahrlich, die Nachkommen der Hagar sind um vieles besser in ihrer Art denn die Nachkommen aus der Sara!
GEJ|7|162|5|0|O Herr, Deine Liebe zu diesem entarteten Geschlechte und Deine Geduld mit ihm übersteigt alle Grenzen Deiner endlosen Schöpfungen!
GEJ|7|162|6|0|Als ich Dich dereinst bat, daß Du die zehn Städte mit Sodom und Gomorra noch verschonen möchtest um der etlichen Gerechten willen, da lautete Deine Antwort bitter: Du möchtest ihrer wohl schonen, so darin nur in allem zehn und am Ende gar nur zwei bis drei völlig Gerechte sich befänden. Da aber auch diese nicht da waren bis auf den einzigen, Lot, so schontest Du der zehn Städte nicht, rettetest allein den Lot, alles andere ward mit Feuer vertilgt.
GEJ|7|162|7|0|Wenn ich nun diese meine Nachkommen betrachte, so kommt auf die dreifache Anzahl der einstigen Bewohner der zehn Städte kaum ein Gerechter, und Du, o Herr, schonst dieses hurerische und ehebrecherische Geschlecht noch! Für Deine unbegrenzte Liebe und übergroße Geduld verfolgen Dich die Elenden noch und sind von dem argen Wahne beseelt, Dich sogar zu töten.
GEJ|7|162|8|0|O Herr, laß doch einmal ab von Deiner zu großen Geduld! O Herr, lange wartete ich auf den Isaak; nur Deine Kraft erzeugte ihn im Leibe der Sara. Als er schon ein gar rüstiger Junge geworden, da verlangtest Du, um zu prüfen meinen Glauben und meinen Gehorsam, daß ich ihn Dir opfern solle. Ich unterzog mich Deinem Willen; aber Du Selbst hieltest mich dann ab von der vollen Ausführung des anbefohlenen Werkes, beschertest mir dafür einen Ziegenbock, den ich dann an Stelle Isaaks zu opfern hatte, und gabst mir den Isaak wieder. Oh, wie gar sehr wohl tat das meinem Herzen!
GEJ|7|162|9|0|Doch es wäre damals besser gewesen, so ich an Stelle des Bockes dennoch Isaak geopfert hätte, auf daß aus ihm nicht ein Geschlecht hervorgegangen wäre, das schon in der Wüste unter dem Sinai in Deiner heiligsten Gegenwart ein goldenes Kalb anzubeten begann und nun ärger geworden ist denn alle noch so finsteren Heiden und anderen Kinder der Welt, die von der Schlange gezeugt worden sind auf dem Wege der großen Hurerei Babels. O Herr, strecke einmal aus Deine Rechte und vertilge Deine Feinde!“
GEJ|7|162|10|0|Diese Worte betonte der Geist Abrahams mit einer gewaltig ernsten Stimme.
GEJ|7|162|11|0|Ich aber sagte zu ihm: „Du weißt es, daß Ich hinfort die Menschen nicht mehr aus Meinem Eifer, sondern sie nur durch sie selbst will richten lassen, der wenigen Gerechten willen, die vor dem Mammon dieser Welt ihre Knie noch nicht gebeugt haben. Darum lassen wir nun die freiwillig stumme und blinde Welt wandeln ihre Wege und das Gericht über sich führen, das sich eben die Welt selbst bereitet zu ihrem Untergange.
GEJ|7|162|12|0|Meine wahren Kinder aber will Ich Selbst führen die Wege des Lichtes und die Pfade des Lebens. Was zu retten ist, das soll nun auch gerettet werden; was sich aber nicht will retten lassen und nicht frei werden will vom eigengeschaffenen Gericht und Tode, dem werde auch zuteil, was es will!
GEJ|7|162|13|0|Will jemand die Freiheit und mit ihr das ewige Leben, so werde es ihm auch zuteil; will aber jemand das Gericht und den Tod, so werde ihm auch das zuteil! Denn von nun an wird kein Jude mehr sagen können: ,Ich hätte schon auch die Wege des Lichtes betreten, wenn ich von ihnen eine Kunde erhalten hätte!‘ – Ich habe allenthalben Selbst gelehrt und gewirkt, und heute noch werde Ich etliche siebzig Jünger entsenden, die Meine Lehre an alle Enden des ganzen alten Judenreiches hinaustragen sollen und sie verkünden den Heiden und Juden, und in einem Jahre werden in Meinem Namen Meine alten und ersten Jünger dieses Evangelium hinaustragen in alle Welt. Wohl jedem, der es annehmen und sein Leben danach richten wird!“
GEJ|7|162|14|0|Hierauf verneigte sich der Geist Abrahams wieder tief vor Mir, dankte Mir und verschwand.
GEJ|7|162|15|0|Da sagten die beiden Pharisäer: „Herr, Herr und Meister von Ewigkeit, das war wohl ein tüchtiges Zeichen; wir meinen: Wenn das alles auch die anderen Pharisäer gesehen hätten, so würden sie sicher auch ebenso gläubig werden, wie wir nun gläubig geworden sind. Warum wirkst Du denn vor ihnen keine solchen Zeichen?“
GEJ|7|162|16|0|Sagte Ich: „Weil eben Ich am allerbesten weiß, wie sie ein solches Zeichen aufnehmen würden! Ihr vier seid nun wohl die letzten, die aus dem Tempel noch zu retten waren; mit allen andern ist nichts mehr! Ich werde aber demungeachtet auch noch zu öfteren Malen im Tempel lehren und werde auch Zeichen wirken; aber ihr werdet euch dann selbst überzeugen können, welchen Eindruck das auf die Templer machen wird. Ja, es wird noch viel Volk an Mich zu glauben anfangen, aber diese Hohen des Tempels in dieser Welt nimmer!“
GEJ|7|163|1|1|163. — Moses und Elias ermahnen die neubekehrten Pharisäer
GEJ|7|163|1|0|(Der Herr:) „Gebet aber nun noch weiter acht! Es sollen zu eurer völligen Beruhigung noch mehrere Zeugen aus dem Jenseits kommen und euch sagen, daß eben Ich der verheißene Messias der Juden zunächst und durch sie auch aller Menschen der ganzen Erde bin! Wählet aber nun selbst, wen ihr sehen und sprechen wollet!“
GEJ|7|163|2|0|Sagten die beiden: „Herr, wenn Du es schon einmal also willst, so laß uns Moses und Elias sehen; denn die beiden waren wohl sicher Deine größten Propheten!“
GEJ|7|163|3|0|Sagte Ich: „Allerdings! Weil ihr sie gewählt habt, so will Ich denn auch, daß sie kommen!“
GEJ|7|163|4|0|Als Ich das ausgesprochen hatte, da fuhr es aus der reinen Luft wie ein starker Blitz, und die beiden Zeugen standen mit sehr ernster Miene vor den Pharisäern, verneigten sich auch tiefst vor Mir, und Moses zeigte unter sehr feurigen Blicken mit der rechten Hand auf Elias hin und sagte mit einer donnerähnlichen Stimme: „Kennet ihr den?“
GEJ|7|163|5|0|Da erschraken die beiden Pharisäer gewaltig und konnten Moses vor Angst nicht antworten; denn sie erkannten in Elias nur zu bald Johannes den Täufer, zu dessen Gefangennehmung und Enthauptung sie selbst das meiste beigetragen hatten.
GEJ|7|163|6|0|Elias aber sagte: „Da euch die scharfe Axt an die Wurzel gelegt ist, so erkennet ihr erst, daß euer Gericht vor der Tür ist. Es war für euch die höchste Zeit, daß ihr euch bekehrt habt, und da der Herr, der Allmächtige, euch Selbst gnädig ward, so vergebe auch ich euch den an mir begangenen Frevel. Aber tausendfaches Wehe denen, die ihre argen Hände auch an den Leib des Herrn legen werden! Das Gericht und der Fluch ist ihnen schon an die Stirne gezeichnet.“
GEJ|7|163|7|0|Hierauf faßte der eine Pharisäer etwas mehr Mut und sagte mit bebender Stimme: „O großer Prophet, wer hätte es denn je geahnt, daß in dir der Geist des Elias verborgen war?!“
GEJ|7|163|8|0|Sagte Elias: „Steht es denn nicht geschrieben, daß Elias zuvor kommen werde und bereiten die Wege des Herrn? Habt ihr denn nicht gelesen: ,Sieh, eine Stimme des Rufenden in der Wüste – bereitet dem Herrn die Wege! – Siehe! – Ich sende Meinen Engel vor Dir her, daß er ebne Deine Fußstapfen!‘
GEJ|7|163|9|0|So ihr aber das wußtet, warum glaubtet ihr nicht? Warum verfolgtet ihr mich, und warum verfolgtet ihr bis jetzt auch den Herrn?“
GEJ|7|163|10|0|Sagte voll Angst der Pharisäer: „O du großer Prophet, habe Geduld mit unserer großen Blindheit; denn nur diese ist die Hauptschuld an all dem von uns und durch uns verübten Bösen!“
GEJ|7|163|11|0|Sagte Elias: „Was euch der Herr vergeben hat, das werde euch auch von uns vergeben! Aber hütet euch sehr, daß euch nicht abermals eine neue Versuchung blende; denn aus einem neuen Abgrunde würdet ihr schwerlich je wieder zum Lichte erstehen!“
GEJ|7|163|12|0|Hierauf verschwanden die beiden Propheten wieder, und die Pharisäer wandten sich bittend an Mich, daß Ich kein ähnliches Zeichen mehr wirken solle; denn es habe sie das schon in eine zu große Angst und Furcht versetzt.
GEJ|7|163|13|0|Sagte Ich: „So euch schon das in eine so große Angst und Furcht versetzt hat, wie würdet ihr euch denn dann befinden, so Ich euch die große Anzahl aller derer vorstellen würde, die durch eure große Rach- und Verfolgungssucht auf die elendeste Weise aus dieser Welt geschafft worden sind?“
GEJ|7|163|14|0|Sagten die Pharisäer: „O Herr und Meister, tue Du uns nun nur das nicht an; denn das würde unser Tod sein!“
GEJ|7|163|15|0|Sagte Ich: „Das eben nicht, solange Ich nun um eures Glaubens willen bei euch bin; denket euch aber, daß ihr denn doch einmal mit allen jenen Seelen im großen Jenseits sicher zusammenkommen werdet! Was werdet ihr ihnen zur Antwort geben, so sie euch vor dem Throne Gottes mit Allgewalt zur Rechenschaft fordern werden?“
GEJ|7|163|16|0|Sagten die Pharisäer: „O Herr und Meister von Ewigkeit, wir wollen ja in dieser Welt noch alles tun, was Du uns nur immer zu tun befehlen willst; aber laß dann jenseits uns zu keiner solchen Verantwortung kommen, – denn da könnten wir auf tausend ja nicht eins erwidern! Gib uns aber in Deiner Güte und Erbarmung einen Rat, was wir noch tun sollen, um dereinst auch jenseits von solch einer Angst und peinlichsten Plage verschont zu werden!“
GEJ|7|163|17|0|Sagte Ich: „Was ihr zu tun habt, das habe Ich euch schon gesagt, und ihr werdet dadurch zum Licht und Leben gelangen; aber das sage Ich euch auch, daß es für euch gut ist, daß ihr euer Gewissen genau durchforschet und so die ganze Größe all eurer Sünden und Laster, die ihr begangen habt, durchschauet.
GEJ|7|163|18|0|Habt ihr das getan, dann habt ihr euch fürs erste der Sünden entäußert, werdet auch einen rechten Abscheu vor ihnen überkommen und sie wahrhaft im Herzen bereuen; dazu werdet ihr dann auch leicht und wirksam den festen Vorsatz fassen, ja keine Sünde mehr zu begehen, sondern nur den Wunsch stets lebendiger in euch fühlen, jeden Schaden, den ihr je jemandem zugefügt habt, nach allen euren Kräften wieder gutzumachen. Ihr werdet dazu in voller Tat wohl nicht imstande sein, besonders bei denen, die sich schon jenseits befinden; aber da werde Ich euren festen Willen fürs Werk annehmen und für euch alles gutmachen, was ihr Übles angerichtet habt.
GEJ|7|163|19|0|Aber ihr müsset das wohl höchst ernst beherzigen, sonst kann mit euch wohl das geschehen, was der Prophet Elias zu euch geredet hat; denn ihr werdet noch so manche Versuchungen zu bestehen haben! Ein altes Fleisch legt seine alten Gewohnheiten nicht so leicht ab, wie jemand in seinem ersten guten Vorsatze sich das vorstellt. Ihr werdet zwar mit Mir ziehen; aber an Meiner Seite, solange Ich noch auf dieser Erde umherwandeln werde, werdet ihr gleich Meinen anderen Jüngern in noch gar manche Versuchungen kommen, und es wird sich dann auch schon zeigen, wie schwach euer Fleisch noch ist, wenn der Geist in euch schon zu einer bedeutenden Stärke gediehen ist. Darum aber ist es eben so notwendig, alles aufzubieten, damit die Seele aus der alten Gefangenschaft des Fleisches kommen mag, und das kann nur dadurch geschehen, daß ihr das tuet, was Ich euch angeraten habe; denn die Sünde verläßt die Seele in dem Maße, in welchem die Seele die Sünde als Sünde erkennt, sie bereut, verabscheut und sie hinfort nicht mehr begeht. – Habt ihr das nun wohl begriffen?“
GEJ|7|164|1|1|164. — Ein Schnelligkeitswunder Raphaels
GEJ|7|164|1|0|Sagten die Pharisäer: „Wir danken Dir, o Herr, für diesen höchst reinen und wahren Unterricht; er ist uns lieber als die gar entsetzlichen Zeichen, die unser Gemüt mit einer zu großen Angst erfüllen. Wir werden Deinen heiligen Rat nach der Möglichkeit unserer Kraft erfüllen. Aber da wir von nun an nur noch ein paar Stunden lang Tag haben, so werden wir uns nun in die Stadt begeben und heute noch mit unseren Schätzen und mit unseren Familien Ordnung machen, auf daß wir morgen als am Sabbat schon bei Dir sein können.“
GEJ|7|164|2|0|Sagte Ich: „Wenn das euer vollkommener Ernst ist, so bleibet ihr nur hier, und die Sache wird sich noch ganz anders machen lassen! Ich werde Meinem jugendlich aussehenden Diener den Auftrag erteilen, daß er für euch das Geschäft abmache und eure Familien nach Bethania ins Haus des Lazarus bringe, alle eure Schätze aber hierher; er wird das gar bald in der besten Ordnung ausgeführt haben. – Ist euch das wohl also recht?“
GEJ|7|164|3|0|Sagten die Pharisäer: „Ja, Herr, wenn das möglich wäre, so wäre uns das wohl gar überaus recht!“
GEJ|7|164|4|0|Sagte Ich: „Bei Gott sind alle Dinge möglich! Was aber Mein Diener vermag, das hat er euch schon zuvor gezeigt. Gehet aber hin und redet selbst mit ihm!“
GEJ|7|164|5|0|Sagten die Pharisäer: „O Herr und Meister, rede lieber Du mit ihm, und es wird dann alles in der viel besseren Ordnung geschehen, als wenn wir ihm irgendeinen ungeschickten und unweisen Rat erteilten!“
GEJ|7|164|6|0|Sagte Ich: „Nun gut denn, da ihr das in eurem Herzen erkennet und wünschet, so will Ich auch das tun.“
GEJ|7|164|7|0|Hier berief Ich den Raphael und erteilte ihm innerlich den Wink, daß er das vollführe.
GEJ|7|164|8|0|Da fragte Raphael die Pharisäer, in wie langer Zeit sie das ganze Geschäft beendet haben möchten.
GEJ|7|164|9|0|Sagten die Pharisäer: „O du lieber Diener Jehovas, das steht ganz bei dir! Wenn es aber vor dem Abende sein und geschehen könnte, so wäre uns das natürlich sehr lieb; denn morgen ist Sabbat, an dem man kein Geschäft schlichten kann und darf.“
GEJ|7|164|10|0|Sagte Raphael: „Was würdet ihr denn dazu sagen, so ich euer Geschäft nun schon in der besten Ordnung und Genauigkeit vollführt hätte?“
GEJ|7|164|11|0|Sagten die Pharisäer: „Wie könnte denn das wohl möglich sein? Du warst ja nicht auch nur einen Augenblick von hier abwesend! Und wie könnten unsere Familien jetzt schon in Bethania sein? Sie haben durch die große Stadt mehr denn eine gute Stunde zu wandeln, und von der Stadt zieht sich der Weg bis nach Bethania für schwache Füße auch gut an zwei Stunden Zeit nach römischem Maße! Es ist sonach das als etwas rein Unmögliches zu betrachten!“
GEJ|7|164|12|0|Sagte Raphael: „Ich habe aber das schon vor ein paar Stunden gewußt, daß die Sache sich also gestalten werde, und habe eure Familien schon mit den ordentlichsten Weisungen weiter befördert, die sich nun schon bei einer halben Stunde lang ganz gut in Bethania befinden; eure Schätze aber befinden sich schon in den Händen derer, die ihr selbst nach dem Rate des Herrn dazu bestimmt habt, und so ist das ganze Geschäft schon abgemacht.
GEJ|7|164|13|0|Damit ihr euch aber davon zum Teil selbst überzeugen möget, so gehet hinauf in die Hütte mit mir, und ihr werdet da den Teil, der auf Nikodemus entfallen ist, in den Augenschein nehmen können!“
GEJ|7|164|14|0|Hierauf gingen die beiden Pharisäer und die zwei Leviten mit Raphael in die Hütte und fanden ihre ihnen wohl bekannten Schätze in guter Ordnung auf einem darin befindlichen Tische.
GEJ|7|164|15|0|Als sie das ersahen, schlugen sie die Hände über dem Haupte zusammen und sagten (die Pharisäer und Leviten): „Ja, ja, da waltet Gottes Kraft! Das sind Dinge, die keinem Menschen möglich sind! Aber sage uns, du holdester Diener des allein wahrhaftigen, allmächtigen Gottes, in welcher Weise ist denn dir das möglich gewesen?“
GEJ|7|164|16|0|Sagte Raphael: In ganz derselben Weise, die ich euch früher schon ganz klar und gut gezeigt habe! Denn mein Gedanke, vereint mit meinem Willen, der wieder gänzlich der Wille Gottes ist, ist soviel wie ich selbst; ich kann mich durch ihn überall als vollkommen wirkend vergegenwärtigen. Wer das vermag, der ist gottähnlich vollendet in seinem inneren Leben.
GEJ|7|164|17|0|Also ist auch Gott, als Wesen persönlich nur Einer, nun hier in der Person des Herrn vollkommen gegenwärtig und befindet Sich in der ganzen Unendlichkeit sonst nirgendwo. Aber Er ist durch Seinen Willen und durch Seine überklaren Gedanken dennoch in der ganzen Unendlichkeit als vollwirkend gegenwärtig. Wenn Er das nicht wäre, so gäbe es keine Erde, keinen Mond, keine Sonne und keine Sterne und somit auch keine anderen Geschöpfe auf und in ihnen. Denn alle die Weltkörper und ihre Geschöpfe sind vom Alpha bis zum Omega Seine durch Seinen Willen fest und unwandelbar gehaltenen Gedanken und Ideen, die Er im Menschen zu selbständigen Wesen umgestaltet, und das also, daß sie Ihm in allem völlig ähnlich sein sollen, – was natürlich ein Werk Seiner Liebe und Seiner ewigen Weisheit ist. Und nun habe ich es euch gesagt, wie die Dinge stehen, und wir verlassen nun diese Stelle!“
GEJ|7|164|18|0|Darauf begaben sich die fünf wieder zu uns herab, und ein Pharisäer trat zu Nikodemus hin und zeigte ihm an, was sich in der Hütte befand.
GEJ|7|164|19|0|Nikodemus aber erwiderte ihm: „Freund, ich habe schon die Kunde davon, und es wird alles nach dem Rate des Herrn also geschehen, wie es sicher am besten sein wird! Nun aber seien wir alle wieder in Ruhe; denn der Herr wird abermals etwas vornehmen, was Ihm in Seiner Ordnung als für heute notwendig erscheint!“
GEJ|7|165|1|1|165. — Der Herr sendet die Sklavenhändler in ihre Heimat
GEJ|7|165|1|0|Auf diese Worte des Nikodemus ward alles ruhig, und Ich berief den Sklavenhändler Hiram und seine Gefährten zu Mir und sagte zu ihnen: „Ihr habt in diesen wenigen Tagen viel gehört, gesehen und erfahren. Ihr wisset nun gleich Meinen Jüngern, was ein jeder Mensch zu tun hat, um das ewige Leben seiner Seele zu erreichen. So ihr danach tun und leben werdet, so werdet auch ihr das sicher erreichen, was Ich jedermann verheißen habe, der nach Meiner Lehre leben und handeln wird.
GEJ|7|165|2|0|Aber auch ihr habt daheim noch so manches gutzumachen, was ihr als finstere Heiden verbrochen habt; machet sonach, wie nur immer möglich, all das von euch euren Nebenmenschen zugefügte Unrecht wieder gut, und ihr werdet schon darum von Mir einer wahren Lebensgnade gewärtigt werden! Dann suchet aber auch diese Meine Lehre den anderen Menschen beizubringen, und wirket dahin, daß sie auch in der Tat lebendig ausgeübt werde! Wendet ab euer Ohr und Herz von euren Wahrsagern, und trachtet auch dahin, daß sich die dortigen Menschen nach euch richten, und seid die rechten Priester eurer Nebenmenschen, und ihr sollet darum einen großen Schatz der geistigen Gaben aus Mir schon in jüngster Zeit überkommen!
GEJ|7|165|3|0|Aber auf dem Wege nach eurer Heimat machet Mich nicht ruchbar; denn wo es nötig war, und wo Ich von für Meine Lehre reifen Menschen wußte, da bin Ich schon ohnehin Selbst bei ihnen gewesen mit Worten und Zeichen, und sie bedürfen nun eines Weiteren nicht; wenn es aber Zeit sein wird, da werde Ich schon ohnehin Meinen Geist über sie ausgießen, der sie dann in alle Wahrheit leiten wird. Kurz, auf dem Wege machet durchaus kein Wesen und keinen eitlen Lärm von Mir! Aber daheim könnet ihr euer Volk ordentlich lehren; redet aber auch daselbst nicht zu viel von den Zeichen, sondern habt vor allem nur Meine Lehre vor euren Augen! Denn das Heil für die Menschen liegt ja ohnehin nicht in den gewirkten Zeichen, sondern in Meiner Lehre und hauptsächlich in der lebenstätigen Befolgung derselben!
GEJ|7|165|4|0|Wenn ihr aber lehret in Meinem Namen, so denket zuvor nicht lange ängstlich darüber nach, was ihr reden werdet, sondern wenn ihr in Meinem Namen zu den Menschen reden werdet, so werden euch durch Meinen Geist die rechten Worte schon ins Herz und in den Mund gelegt werden! Das gilt auch für alle, die nach euch das Volk in Meinem Namen lehren werden.
GEJ|7|165|5|0|Erbauet Mir aber ja keine Tempel, und machet auch nicht gleich den Heiden gewisse Tage im Jahre zu besonderen Tagen, sondern bestimmet in der Woche einen Lehrtag, der euch am günstigsten dünkt, und lasset in eure Häuser die Menschen zu euch kommen, und lehret sie! Teilet auch euer Brot mit den Armen und laßt euch dafür nicht extra ehren, und begehret von niemanden einen Lohn oder ein Opfer; denn umsonst habt ihr es bekommen und sollet es also auch umsonst wieder an eure Nebenmenschen austeilen! Den Lohn dafür habt ihr in allem von Mir zu gewärtigen.
GEJ|7|165|6|0|So aber da jemand von den Vermögenden käme und euch freiwillig ein Dankopfer brächte, da nehmet es an, und beteilet damit die Armen! Der euch aber in Meinem Namen ein Opfer brachte, den schätzet darob nicht höher als den armen Bruder, auf daß er nicht eitel werde und sich erhebe über seine armen Brüder, sondern nur wachse in der Liebe zu ihnen, so wird sein Opfer von Mir angesehen werden, und Meine Gnade wird ihm darum zum Lohne werden, und Mein Segen wird ihm reichlich sein Opfer vergelten! Denn wer euch, Meinen nun gedungenen Arbeitern, also opfern wird, der wird es Mir opfern, und sein Lohn wird nicht unterm Wege bleiben.
GEJ|7|165|7|0|Wenn ihr aber also das Volk in Meinem Namen werdet unterwiesen haben, dann werde Ich auch einen größeren Apostel zu euch senden, der wird dann den Gläubigen in Meinem Namen die Hände auflegen und wird sie also taufen in Meiner Liebe, in Meiner Weisheit und in Meiner Kraft, und sie werden dadurch empfangen den Heiligen Geist aus Gott und durch ihn erreichen die volle Wiedergeburt ihres Geistes in ihrer Seele, und dadurch und damit auch das ewige Leben und dessen Kraft.
GEJ|7|165|8|0|Nun wisset ihr in aller Kürze, was ihr in der Folge tun sollet und auch sicher tun werdet, und somit empfanget Meinen Segen, und ziehet heute noch eurer Heimat zu; denn morgen als an einem Sabbat der Juden würdet ihr schwer weiterkommen!
GEJ|7|165|9|0|Ziehet aber jene breite Straße, die nach Galiläa führt, und ihr werdet um die dritte Stunde der Nacht einen kleinen Ort erreichen; daselbst bleibet bis an den Morgen, da werdet ihr gut aufgenommen werden! Von da weg werde Ich es euch ins Herz und in den Sinn legen, welchen Weg ihr weiterhin zu ziehen haben werdet, um ohne irgendein Ungemach in euer Land zu kommen. Und so möget ihr nun unter Meinem euch schützenden und begleitenden Segen euren Weg alsogleich antreten!“
GEJ|7|165|10|0|Hierauf dankte Hiram für alles, empfahl sich Meiner Gnade und verließ uns.
GEJ|7|165|11|0|Hier machte Lazarus die Bemerkung, daß es ihn nun sehr wundernehme, daß sich diese Sklavenhändler nicht auch bei ihren hierhergebrachten Jungen beurlaubt hätten.
GEJ|7|165|12|0|Sagte Ich: „Das wollte Ich nicht und hatte dazu sicher Meinen weisen Grund. Die Jungen unterhalten sich dort am nördlichen Abhange dieses Hügels ganz gut, und es wäre unklug gewesen, sie darin zu stören. Diese Menschen habe Ich nun denn auch in Meinem Namen entsendet, und das war gut; denn sie werden ein Licht verbreiten in ihrer Gegend.
GEJ|7|165|13|0|Aber nun lasset abermals etwas Brot und Wein hierherbringen, und Ich werde da noch andere erwählen, sie stärken und hinaussenden in die Welt! Tut also, was Ich wünsche!“
GEJ|7|166|1|1|166. — Die Aussendung der siebzig Arbeiter als Boten des Heilandes. Ev. Lukas, Kap. 10
GEJ|7|166|1|0|Nikodemus berief alsbald seine anwesenden Diener und sandte sie hinab, daß sie brächten Brot und Wein in rechter Menge. Da gingen diese eiligst hinab und brachten Brot und Wein, wie es ihnen befohlen war, in rechter Menge.
GEJ|7|166|2|0|Als auf diese Weise Brot und Wein herbeigeschafft war, da berief Ich alsbald die noch immer anwesenden siebzig Arbeiter zu mir (Luk.10,1) und sagte zu ihnen: „Da ist Brot und Wein! Nehmet, esset und trinket und stärket euch; denn danach werde Ich euch hinaussenden vor Mir in die Städte, Märkte und Dörfer, damit ihr die Menschen vorbereiten möget auf Meine Ankunft! Aber nun esset und trinket; nachher wollen wir weiter reden über diesen wichtigen Punkt!“
GEJ|7|166|3|0|Darauf nahmen die Berufenen Brot und Wein und stärkten sich.
GEJ|7|166|4|0|Als sie mit dem Sichstärken fertig waren, da dankten sie, und einer aus ihrer Mitte sagte: „Nun, Herr und Meister, sind wir bereit, von Dir die Weisungen anzunehmen, die Du uns gnädig wirst erteilen wollen! Dein Wille geschehe; er allein sei unsere künftige Tatkraft!“
GEJ|7|166|5|0|Sagte Ich: „Also wohl denn! Sehet, die Ernte ist groß, das Feld mit reifer Frucht erstreckt sich über die ganze Erde hin; aber es gibt immer noch wenige Arbeiter! Bittet darum den Herrn der Ernte, daß Er viele Arbeiter aussende in Seine Ernte.“ (Luk.10,2)
GEJ|7|166|6|0|Sagte der Redner: „Ja, Herr, darum bitten wir Dich auch; denn Du bist der Herr der Ernte“
GEJ|7|166|7|0|Sagte Ich: „Also gehet denn hin zu je zwei und zwei in die Orte des ganzen Judenlandes, und auch in das Land der Samariter!
GEJ|7|166|8|0|Ich sende euch als Lämmer unter die Wölfe, die ihr aber nicht zu fürchten nötig habt; denn Meine Kraft wird euch Mut geben wider sie. (Luk.10,3) Traget darum keine Beutel, keine Taschen, keine Stöcke, keine Schuhe an den Füßen, und also sollet ihr auch nicht zwei Röcke tragen! Seid ernst und dabei doch sanftmütig! Grüßet auch niemanden auf der Straße, verlanget aber auch nicht, daß euch jemand grüße; denn ihr seid ja alle gleiche Kinder ein und desselben Vaters im Himmel! (Luk.10,4) Nur einer ist euer Herr und Meister, ihr alle aber seid Brüder. Euer Gruß sei die wahre gegenseitige Bruder- und Nächstenliebe; was darunter oder darüber ist, ist vom Argen! Daraus aber wird man erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid, daß ihr euch untereinander liebet, wie auch Ich euch liebe.
GEJ|7|166|9|0|Wo ihr aber in einem Orte in ein Haus kommet, da sprechet: ,Der Friede sei mit diesem Hause!‘ (Luk.10,5) So daselbst ein Kind des Friedens sein wird, da wird auch euer Friede auf ihm ruhen; wo aber nicht, da wird euer Friede sich wieder zu euch wenden. (Luk.10,6) Wo ihr aber den Frieden finden werdet, in dem Hause bleibet, und esset und trinket ohne Angst und Gewissensskrupel, was man euch auf den Tisch setzen wird! Denn so ihr als Arbeiter für das Reich Gottes in einem Hause seid, da seid ihr auch, wie ein jeder fleißige Arbeiter, eures Lohnes wert.
GEJ|7|166|10|0|Wo aber einmal zwei von euch hie und da in einem Hause eines Ortes aufgenommen sind, da bleibet auch im selben Hause und ziehet der Versorgung wegen nicht von einem Hause in ein anderes; denn es ist nicht fein, weil ihr in einen Ort oder in ein Haus nicht als irgendwelche arbeitsscheue Bettler kommt, sondern als reichbegabte Überbringer Meines Wortes und dadurch des wahren Reiches Gottes und Seines ewigen Segens. (Luk.10,7)
GEJ|7|166|11|0|Würdet ihr aber selbst in eine Stadt kommen, in der zum größten Teile Heiden wohnen, und würdet ihr daselbst in einem solchen Hause gut aufgenommen sein, so bleibet auch daselbst, und esset, was man euch auftragen wird! Denn was zum Munde hineingeht, verunreinigt den Menschen nicht, sondern nur das verunreinigt den Menschen, was zum Munde herausgeht, – wie Ich solches euch schon am Ölberg klar gezeigt habe, worin das besteht, was als aus dem Munde herausgehend den Menschen verunreinigt. (Luk.10,8)
GEJ|7|166|12|0|Wo ihr aber in eine Stadt oder in einen andern Ort kommet, und ihr werdet da in keinem Hause aufgenommen, da gehet heraus auf die offfenen Gassen und Straßen und sprechet: ,Auch den Staub, der sich in eurer Stadt an unsere Füße gehängt hat, schütteln wir auf euch zurück! Doch aber sollet ihr wissen, daß euch das Reich Gottes nahe war!‘ (Luk.10,10-11)
GEJ|7|166|13|0|Ich sage euch aber, daß es an jenem Tage, den Ich euch am Ölberge gezeigt habe, der Stadt Sodom erträglicher ergehen wird als solch einer Stadt, die euch nicht annehmen wird! Wehe dir, Chorazin, wehe dir, Bethsaida! Wären solche Taten zu Tyrus und Sidon geschehen, die bei euch geschehen sind, so hätten sie in Sack und Asche Buße getan; darum wird es Tyrus am Tage des Gerichtes erträglicher ergehen denn euch! Und du, Kapernaum, die du bis in den Himmel erhoben bist, sollst in die Hölle hinabgestoßen werden!“ (Luk.10,12-15)
GEJ|7|166|14|0|Hier sagten einige Meiner alten Jünger unter sich: „Aber seht, wie kommt Er denn nun wieder in solch einen Eifer wider jene Städte, die Er schon einmal in Kis bei Kisjonah in gleichem Eifer also sehr bedroht hat! Es ist wohl wahr, daß Er dort den wenigsten Glauben gefunden hat, was den ganzen Ort betrifft; aber einige haben Ihn doch aufgenommen und als den wahren Sohn Gottes und Mittler der Juden wohl erkannt! Wir selbst gehören ja auch zu Kapernaum! Es ist doch merkwürdig, was Er an manchen Tagen mit Kapernaum zu tun hat!“
GEJ|7|166|15|0|Sagte Ich zu den also sich verwundernden Jüngern: „Was schmollet ihr denn unter euch? Was ist Chorazin, was Bethsaida, und was Kapernaum? Die sind es, die Meine Lehre nicht annehmen wollen und trotz aller Zeichen nicht glauben, daß Ich der verheißene und nun in diese Welt gekommene Messias bin! Habe Ich euch doch auch schon einmal vor Mir ausgesandt in die Städte und andere Orte, und wie seid ihr in den gewissen Städten aufgenommen worden? Ihr habet Feuer vom Himmel über sie gerufen! Kann es euch nun wundernehmen, so Ich bei dieser Gelegenheit, wo Ich nun auch wieder Jünger vor Mir hinaussende in die Welt der Greuel, eben jene Sentenz wiederhole, auf daß auch sie wissen sollen, wie sie sich gegen solche Menschen zu benehmen haben, die Ich mit dem Namen eben jener Städte bezeichne, in denen es euch ganz und gar nicht gut ergangen ist?!
GEJ|7|166|16|0|Darum sage Ich aber nun zu euch allen, und nicht nur zu diesen siebzig: Wer euch hört, der hört auch Mich; wer euch aber verachtet, der verachtet auch Mich. Wer aber Mich verachtet, der verachtet doch sicher auch den, der Mich in diese Welt gesandt hat; denn Ich und Derselbe sind Eins.“
GEJ|7|166|17|0|Hierauf legte Ich über die siebzig Meine Hände und sagte: „Nehmet hin die Macht Meines Willens! So ihr zu allerlei kranken und bresthaften Menschen kommen werdet, da leget ihnen die Hände auf in Meinem Namen, und es wird besser werden mit ihnen! So ihr kommet zu solchen, die das besessen sind von Teufeln (unreinen Geistern im Fleische), so gebietet ihnen eben auch in Meinem Namen, und sie werden ausfahren vom Fleische der Geplagten und werden dahin ziehen, wohin ihr sie bestimmen werdet!
GEJ|7|166|18|0|Also gebe Ich euch auch Macht über die bösen Geister in der Luft, über die im Wasser und über die argen Geister in den Höhlen der Erde. Ferner gebe Ich euch die Macht, auf Skorpione zu treten und auf Schlangen zu gehen, wie auch jeden Feind von euch zu treiben, und nichts wird euch irgend zu beschädigen imstande sein.
GEJ|7|166|19|0|Fürchtet euch aber auch nicht, zu wandeln in der Nacht, und habet keine Angst vor einem Sturme, vor Blitz und Donner; denn auch über das könnet ihr gebieten, und das böse Getier der Wälder und Wüsten wird fliehen vor euren Augen. Und also ausgerüstet könnet ihr nun schon von hier fortziehen in der Bekleidung, in der ihr nun da steht.
GEJ|7|166|20|0|Aber das merket euch auch noch hinzu: Umsonst habe Ich euch nun das alles gegeben, und also sollet ihr es an die würdigen Menschen wieder austeilen; doch den Schweinen von Menschen sollet ihr diese Perlen nicht vorwerfen! Und nun hebet euch und ziehet, dahin euch der Geist leiten wird!“
GEJ|7|166|21|0|Hierauf dankten Mir die siebzig für solche großen Gnadengaben und zogen je zu zwei und zwei nach allen Richtungen.
GEJ|7|167|1|1|167. — Die Aufgabe der siebzig Ausgesandten
GEJ|7|167|1|0|Als die Pharisäer und auch die bekannten Judgriechen das sahen, da kamen auch sie zu Mir und sagten: „Herr, wir glauben ja ebenso fest an Dich, wie die glauben, die Du nun ausgesandt hast, und kennen nun auch Deine Lehre vollkommen! Wolltest Du denn uns nicht auch also hinaussenden vor Dir hin in die Welt?“
GEJ|7|167|2|0|Sagte Ich: „Es wird schon auch an euch die Reihe kommen; doch für jetzt genügen diese siebzig. So Ich erhöhet und aufgefahren sein werde, dann werdet auch ihr und noch viele andere hinausgesandt werden, um allen Menschen das Evangelium vom Reiche Gottes zu verkünden; aber für jetzt bleibet als getreue Zeugen Meiner Worte und Taten bei Mir, denn auch da seid ihr ebenso notwendig wie die Abgesandten nun draußen.
GEJ|7|167|3|0|Es haben aber die nächtlichen Zeichen der vorvorigen Nacht weit und breit gar viele Menschen geschaut und stehen noch in großen Ängsten, weil sie die Bedeutung der großen Erscheinung nicht kennen. Wenn nun die Ausgesandten zu ihnen kommen, so werden sie den Betrübten und Bekümmerten einen rechten Trost bringen. Und seht, das ist ein Hauptgrund, warum Ich heute schon die siebzig ausgesandt habe! Verstehet ihr nun die großen und weisesten Absichten des Vaters im Himmel?“
GEJ|7|167|4|0|Als diese das vernommen hatten, waren sie zufrieden und fragten nun auf dem Hügel um nichts Weiteres mehr.
GEJ|7|167|5|0|Hierauf trat Lazarus zu Mir und fragte Mich, sagend: „O du großer, allerliebster Freund, Meister und Herr aller Menschen, siehe, die Sonne fängt schon an, sich so ziemlich stark dem Untergange zu nahen! Wirst Du diese Nacht über hier verweilen oder Dich doch wieder auf meinen Ölberg zurückbegeben? Wäre nach meinem Herzenswunsche das letztere der Fall, so würde ich sogleich jemanden dahin entsenden, auf daß meine Leute Vorkehrungen für uns träfen.“
GEJ|7|167|6|0|Sagte Ich: „Wir werden alle, aber erst in der Nacht, auf deinen Ölberg zurückkehren; denn nun am Tage würde unsere Ankunft von den Templern irgendwie bald und leicht entdeckt werden. Was aber unsere leibliche Versorgung betrifft, so werden wir hier schon noch ganz gut versorgt werden; denn unser Freund Nikodemus hat ja auch eine große Herberge und ein großes Wohnhaus. Und so werden wir uns erst gegen die Mitte der Nacht in aller Stille auf deinen Ölberg begeben, auf daß da niemand ein Ärgernis an uns nehme!“
GEJ|7|167|7|0|Mit diesem Bescheid war Lazarus zufrieden.
GEJ|7|167|8|0|Ich aber behieß den Raphael, nun unsere Jungen zu versorgen, da sie schon ein wenig hungrig geworden waren.
GEJ|7|167|9|0|Hier meinte Nikodemus, ob es nicht füglich wäre, so die Jungen in der Herberge etwa leichter eine rechte Stärkung bekämen.
GEJ|7|167|10|0|Sagte Ich: „Laß das nur gut sein; Mein Diener weiß es schon, was er nun zu tun hat! Es wird alles in der besten Ordnung geschehen, und also sei es denn auch!“
GEJ|7|168|1|1|168. — Ratschläge des Herrn zu Agrikolas Heimreise. Die Stärkung des Glaubens und Vertrauens durch Übung. Die Reife für den Empfang von Gnaden gaben
GEJ|7|168|1|0|Darauf trat der Römer Agrikola zu Mir und sagte: „Herr und Meister, da sich nun alles von hier zu entfernen beginnt, so haben denn auch wir Römer daran zu denken angefangen, wie und wann auch wir unsere Rückreise antreten werden! Da ich aber nun besonders in Deiner Gegenwart ohne Deinen Rat nichts unternehmen und ausführen will, so bitte ich Dich auch in dieser Hinsicht um Deinen göttlich weisen Rat.“
GEJ|7|168|2|0|Sagte Ich: „Dich, Freund, drängt jetzt noch keine Zeit, da du vom Kaiser aus ja ohnehin die Weisung hast, daß du nötigenfalls mehr denn ein halbes Jahr von Rom wegbleiben kannst! Es ist aber nun hier im Judenlande, wie im ganzen euch Römern gehörigen Asien, eben nichts von irgendeiner besonderen Regierungswichtigkeit vorhanden, und weil du darum deine Heimreise antreten kannst, wann es dir beliebt, so meine Ich, wenn du solches erst etwa übermorgen tuest, so wirst du ob des noch längeren Verharrens bei Mir nichts verlieren. Erst in einem Jahre wirst du vom Kaiser mit einer Mission nach Britannien betraut werden, bei welcher Gelegenheit dich dein ältester Sohn, der deinen Namen trägt, begleiten und alldort auf eine längere Zeit ein hohes Amt überkommen wird. Ob du demnach nun auch um einen ganzen Monat später nach Rom zurückkommst, so macht dir das nichts; denn du wirst da noch immer früh genug daheim eintreffen.
GEJ|7|168|3|0|Ich möchte dir aber auch noch den Rat erteilen, wie du auf deinen großen Schiffen am sichersten nach Hause kommen kannst. Siehe, es treten nun bald die Tag- und Nachtgleichungsstürme ein, die, weil sie gerade vom Westen herwehen, den Schiffen, die von Osten nach Westen steuern, sehr hinderlich sind! Daher würdest du in dieser Zeit über das große Mittelländische Meer nicht wohl weiterkommen. Darum schlage du den Heimweg über Kleinasien zu Lande ein, und laß deine Schiffe hinauffahren bis an die erste Meerenge. Cyrenius wird dir bis dahin schon eine sichere und beste Gelegenheit verschaffen. Dort kannst du das schmale Meer leicht und ohne alle Gefahr überschiffen und von dort weg längs der Ufer Griechenlands bis nach Dalmatia gelangen. Von dort aus wirst du den schmalsten Teil des Adriatischen Meeres leicht überschiffen. Von dort weg weißt du den sichern Weg nach Rom ohnehin. Aber die Schiffe wirst du erst um ein paar Monde später in einen südlichen Hafen unter Rom überbringen lassen können, was da auch noch früh genug sein wird. Ich habe dir das nun nur deshalb mitgeteilt, damit du auch in irdischer Beziehung keinen Schaden erleidest.“
GEJ|7|168|4|0|Sagte Agrikola: „Herr, ich danke Dir für diesen Deinen natürlich- guten Rat, den ich auch allergenauest befolgen werde! Aber ich kann bei dieser Gelegenheit dennoch nicht umhin, dahin meine Bemerkung zu machen, daß ich auch trotz der Gegenwinde des Mittelmeeres mit dem festesten Vertrauen und Glauben auf Deine allmächtige Hilfe eben über das Mittelmeer in die Häfen Roms gelangen könnte; denn Dir, o Herr, sind ja, wie ich mich wohl überzeugt habe, alle Dinge möglich! Warum sollte Dir das entweder nicht möglich oder wenigstens nicht genehm sein? Ich werde aber dennoch Deinen ersten Rat strenge befolgen und habe diese Frage nur meines puren Wissens wegen aufgestellt.“
GEJ|7|168|5|0|Sagte Ich: „Du hattest ganz recht, daß du Mich also gefragt hast; denn siehe, Ich habe dir den ersten Rat auch nur darum gegeben, um dir eine Gelegenheit zu verschaffen, dich selbst zu erproben, wie stark dein Glaube und dein Vertrauen auf Meine Liebe, Weisheit, Kraft und Macht ist!
GEJ|7|168|6|0|Ist dein Glaube und dein Vertrauen auf Mich so stark, daß dich in jeder noch so drohenden Gefahr kein noch so geringer Zweifel mehr befällt, und das dahin, als möchte Ich dir aus irgendeinem geheimen Grunde etwa nicht helfen, so kannst du es schon wagen, auf dem Meer auch gegen die größten Stürme zu steuern; denn so du ihnen in Meinem Namen gebötest zu verstummen, so würden sie auch verstummen im Augenblick, in dem du ihnen das gebötest. Aber dazu, Freund, ist dein Glaube und dein Vertrauen denn doch noch trotz deines guten Willens ein wenig zu schwach!
GEJ|7|168|7|0|Du zweifelst wohl nicht im geringsten darüber, daß Mir da wohl alles zu bewirken möglich ist; aber du würdest zweifeln, ob Ich das, um was du Mich bittest, wohl auch allzeit tun werde, und siehe, auch dieser gewisserart bescheidene Zweifel würde dich, trotzdem Ich dir auch hülfe, wenn du Mich bätest, in eine stets große Furcht und Angst versetzen, und daher ist es diesmal für dich besser, so du Meinen ersten Rat befolgst!
GEJ|7|168|8|0|Der Glaube und das Vertrauen müssen zuvor auch geübt werden, bis sie völlig dazu taugen, den eigenen Willen mit dem Meinen also zu einen, daß das Gewollte ohne das geringste Mißlingen geschehen muß. Denn nur durch den vollen und lebendigen Glauben und also auch durch das gleiche Vertrauen kann sich ein Mensch im Geiste und in Meinem Namen überall als vollwirkend hinversetzen, und es muß geschehen, was er will.
GEJ|7|168|9|0|Du wirst aber erst mit der Zeit im Glauben und Vertrauen diejenige Festigkeit überkommen, durch die dein Wille vollkräftig wird; und du wirst den Elementen wirksam gebieten können in Meinem Namen. Du wirst aber selbst bei Gelegenheit der von Mir dir angeratenen Heimreise schon auch auf manche kleinen Gefahren kommen; aber sie werden dir nichts anhaben können, da Ich dich allenthalben beschützen werde. In einem Jahre aber, wenn du nach Hispania, Gallia und Britannia ziehen wirst, wirst du auch schon jenen Grad der Glaubens- und Willenskraft besitzen, gegen die sich kein Feind wird auflehnen können; jetzt aber besitzest du das noch nicht.“
GEJ|7|168|10|0|Sagte abermals Agrikola: „Herr und Meister, die siebzig Arbeiter, die Du ehedem als Jünger in die Welt fortsandtest, sind doch sicher auch nicht um vieles fester im Glauben und Vertrauen gewesen als ich und meine Gefährten, und Du hast ihnen dennoch Fähigkeiten erteilt, die wahrlich nichts zu wünschen übriglassen! Die ihnen erteilten Gaben sind ihnen zu ihrem Amte freilich wohl notwendiger als unsereinem; aber die Notwendigkeit allein kann da ja doch nicht die völlig gültige Bedingung zum Empfang solcher wunderbaren Fähigkeiten sein! Ich wäre da der Meinung nach Deiner Aussage, daß man dazu durch den Glauben und durch das Vertrauen befähigt sein muß. Ob die siebzig aber dazu schon völlig befähigt waren, das ist nun freilich eine ganz andere Frage, die nur von Dir als völlig wahr und gültig beantwortet werden kann!“
GEJ|7|168|11|0|Sagte Ich: „Diese siebzig waren schon ganz wohl befähigt dazu, weil sie ganz einfache Menschen und schon seit ihrer Jugend im Glauben und Vertrauen fest sind. Sie fragten bei den verschiedenen Zeichen, die vor ihren Augen gewirkt wurden, nicht, wie etwa dieses oder jenes möglich war, sondern sie glaubten, daß Mir nichts unmöglich ist, und daß am Ende auch ihnen alles, was sie in Meinem Namen wollen, möglich sein muß. Und siehe, infolge solchen ganz ungezweifelten Glaubens und Vertrauens habe Ich ihnen auch leicht und wirksam die von euch allen vernommenen Fähigkeiten erteilen können!
GEJ|7|168|12|0|Bei ihnen war der Glaube vor dem Wissen, bei euch aber ging das Wissen dem Glauben voran, und das ist für den Empfang der wahren inneren geistigen Fähigkeiten ein großer Unterschied! Aber es macht das nun nichts; denn auch ihr werdet, so ihr mit der Weile nicht schwach im Glauben werdet, dieselben Fähigkeiten erhalten. – Hast du, Agrikola, Mich nun verstanden?“
GEJ|7|168|13|0|Sagte Agrikola: „Ja, nun habe ich Dich ganz verstanden und danke Dir aus aller Tiefe Meines Herzens für diese Deine gar wichtige Belehrung; ich werde sie in mir mit allem Eifer zu verwirklichen suchen!
GEJ|7|168|14|0|Aber, Herr, dort auf der Straße, die sich von Morgen hierher zieht, sehe ich eine ganze Karawane diesem Orte zuziehen! Da sie wahrscheinlich hier übernachten wird, so wird für uns in der Herberge nicht viel Raum übrigbleiben. Sind das Juden, Griechen oder gar Perser?“
GEJ|7|168|15|0|Sagte Ich: „Mich kümmert dieses Handelsvolk wenig; aber wenn du schon durchaus wissen willst, wer diese Karawane ist, und woher sie kommt, so kann Ich dir das ja wohl auch sagen. Es ist das eine Karawane, die aus Damaskus hierher kommt und übermorgen von da weiter nach Sidon ziehen wird; sie führt allerlei Metallgerätschaften mit sich auf den Markt. Diese Menschen sind Juden und Griechen. Wenn du ihnen heute noch etwas abkaufen willst, so kannst du das tun; denn morgen dürfen sie keinen Markt halten.“
GEJ|7|168|16|0|Sagte Agrikola: „Das werde ich nicht tun; denn mit solchen Dingen sind meine Schiffe und mein Hauswesen daheim ohnehin reichlichst ausgestattet. Aber was werden wir nun machen? Die Sonne steht schon am Horizont!“
GEJ|7|168|17|0|Sagte Ich: „So lassen wir sie stehen! Wir wollen nun, als am Anfange des Abends, ein wenig ruhen; denn wir haben gearbeitet zur Genüge! Dann wird es sich schon zeigen, was alles uns der Abend noch bescheren wird.“
GEJ|7|169|1|1|169. — Des Herrn Mahnworte an die nordische Jugend. Von den Engeln. Himmel und Hölle. Das Wesen der inneren Geistessehe
GEJ|7|169|1|0|Hierauf ging Ich ein wenig fürbaß an den Feigenbaum, nahm Mir etliche Feigen und verzehrte sie. Darauf besuchte Ich die Jugend, die gerade in bester Ordnung mit dem Verzehren des Brotes und Obstes von bester Art beschäftigt war. Als sie Meiner ansichtig ward, da erhoben sich alle und brachten Mir in einer sehr herzlichen Weise den Dank dar für alle die guten Gaben, die ihnen zuteil geworden waren.
GEJ|7|169|2|0|Einige wollten Mir ganz getreu zu erzählen anfangen, was sie sich von Meinen Lehren und Taten schon alles gemerkt hätten, und die sieben, die auf dem Ölberge zeitweilig um Mich waren, und denen Ich die Fähigkeit verlieh, die hebräische Sprache zu verstehen und auch zu reden, fingen an, laut zu bekennen, daß Ich der Herr des Himmels und der Erde sei, und daß sie das auch schon ihren Gefährten beigebracht hätten.
GEJ|7|169|3|0|Ich aber belobte sie und empfahl ihnen, daß sie solchen Glauben bei sich im Herzen nur treuest bewahren und in der großen Weltstadt Rom, in der sie sich bald befinden würden, sich ja nicht von ihrer Weltpracht, ihrer Hoffart, ihren Götzen und ihren Verlockungen berücken lassen sollten, sondern sie sollten in allem die Lehren und Ermahnungen des Römers, der sie alle, wie ein rechter Vater seine Kinder, schon in ein paar Tagen mit nach Rom nehmen werde, getreuest befolgen und sich in allem keusch und ordentlich benehmen, so werde Ich Selbst an ihnen ein ganz besonderes Wohlgefallen haben und ihnen allerlei Gnaden erteilen.
GEJ|7|169|4|0|Sie sollten aber auch das stets vor Augen haben, daß Ich allsehend und allwissend sei und sogar um jeden Gedanken weiß, den irgendwo ein Mensch in sich noch so geheim denkt. Das solle sie allzeit abhalten, irgend etwas wider die Gesetze der wahren Lebensordnung zu tun; denn so wie Ich gern jedem Menschen, der eines reinen Herzens ist, alle möglichen Gnaden aus den Himmeln erteile, ebenso aber habe ein jeder Übertreter der weisen Gesetze der wahren Lebensordnung auch Meine Zuchtrute zu befürchten.
GEJ|7|169|5|0|„Bis jetzt waret ihr“, sagte Ich ferner zu den Jungen, „rein wie Meine Engel im Himmel, und das war auch der Grund, aus dem Ich Selbst euch aus den harten Banden der Sklaverei befreit habe. Bleibet aber auch in der Folge also rein, und Meine Engel werden mit euch wandeln und euch beschützen vor jeglichem Ungemach und werden euch führen und leiten auf den Wegen des Lebens, die in Meine Himmel führen! – Habt ihr, Meine lieben Kindlein, euch das nun wohl gemerkt?“
GEJ|7|169|6|0|Sagten alle, und besonders die sieben ersten: „O Du lieber Vater und Herr, das haben wir uns nun gar wohl gemerkt und werden es auch ganz genau befolgen! Aber wie sehen denn Deine Engel aus, und wo sind Deine eigentlichen Himmel?“
GEJ|7|169|7|0|Sagte Ich: „Sehet, der scheinbare Jüngling, der euch bisher in Meinem Namen versorgt hat, ist einer Meiner ersten Engel! Er hat hier der Menschen wegen wohl auch einen Leib; aber den kann er auflösen, wann er will. Wenn er aber das tut, so stirbt er darum nicht, sondern lebt als ein purer Geist gleich Mir ewig fort und schafft und wirkt. Wie aber dieser euch nun bezeichnete Engel voll Kraft und Macht als nur einer da ist, so gibt es deren in Meinen Himmeln noch zahllos viele.
GEJ|7|169|8|0|Da ihr aber auch gefragt habt, wo sich irgend Meine Himmel befinden, so sage Ich euch: Meine Himmel befinden sich überall, wo es fromme, reine und gute Menschen und Geister gibt. Dieser ganze sichtbare Raum, der nirgends ein Ende hat, ist der Himmel ohne Ende und Anfang, aber nur für gute Menschen und Geister. Wo aber böse Menschen und Geister hausen, da ist dieser Raum kein Himmel, sondern die Hölle, welche da ist das Gericht und der ewige Tod, den in dieser Welt die Materie darstellt, die in sich auch ein Gericht und somit tot ist.
GEJ|7|169|9|0|Wer daher nur nach den Schätzen dieser Welt giert, die pur Materie, Gericht, Hölle und Tod ist, der geht dadurch auch mit seiner Seele in den Tod. Es halten sich alle bösen Geister denn auch zumeist in der Materie dieser Erde auf; die guten und reinen Geister aber bewohnen für beständig nur die reinen Lichträume des freien Ätherraumes.
GEJ|7|169|10|0|Damit ihr, Meine lieben und reinen Kinderchen, euch aber davon auch eine bleibende Vorstellung machen könnet, so werde Ich euch nun auf einige Augenblicke die innere Geistessehe auftun, da ihr dazu ohnehin schon eine besondere Anlage habt, und ihr werdet da in Meine Himmel wie von dieser Erde weg schauen!“
GEJ|7|169|11|0|Hier fragte noch ein Junger, sagend: „O Du lieber Vater und Herr, was ist denn die innere Geistessehe?“
GEJ|7|169|12|0|Sagte Ich: „Seht, Kindlein, wenn ihr schlafet, so ist euer leibliches Auge geschlossen, und ihr schauet in euren hellen Träumen dennoch allerlei wundersame Gegenden, Menschen, Tiere und Bäume, Blumen, Gesträuche und Sterne und noch allerlei andere Dinge heller und reiner als die Dinge dieser Welt mit euren leiblichen Augen! Und sehet, solches alles, was ihr in den Träumen schauet, ist geistig, und das schauet ihr mit eurer inneren Geistessehe, die aber im irdisch wachen Zustande geschlossen ist und bleibt, und die kein gewöhnlicher Mensch gleich dem Fleischesauge beliebig öffnen kann, – was von Mir aus also eingerichtet seinen höchst weisen Grund hat!
GEJ|7|169|13|0|Ich aber kann, so Ich will, jedem Menschen auch die innere Sehe zu jeder Zeit auftun, und er kann dann Geistiges und Naturmäßiges zugleich schauen, und das will Ich nun auch euch tun, zu eurer tieferen Belehrung, die sich eurer Seele für bleibend einprägen soll. Und so will Ich, daß ihr schauen sollet Meine Himmel!“
GEJ|7|169|14|0|Als Ich das ausgesprochen hatte, da ersahen auch schon alle eine zahllose Menge von Engeln um sich, die sich mit ihnen gar freundlich besprachen und sie zum Guten aufmunterten. Zugleich aber ersahen sie auch, wie durch die Materie der Erde schauend, eine Menge häßlicher und unseliger Wesen, deren Sinnen und Trachten es war, sich noch immer tiefer in die Materie zu verscharren und zu begraben. Zugleich aber ersahen sie in den Ätherräumen auch gar herrliche Gegenden und hie und da gar sehr prachtvolle und wunderbar schöne Gebäude, worüber sie nicht genug erstaunen konnten. Im Geiste wurden sie in diesen Gegenden auch von den Engeln umhergeführt, die ihnen vieles zeigten und auch erklärten.
GEJ|7|169|15|0|Nach einer Weile aber berief Ich alle wieder ins irdisch wache Leben und Schauen zurück und fragte sie, wie ihnen das Geschaute gefallen habe.
GEJ|7|169|16|0|Da fehlten den Jungen die Worte, mit denen sie das hätten beschreiben können, was alles für wundervollste Herrlichkeiten sie da geschaut hatten; nur um das bat Mich besonders der weibliche Teil, daß Ich sie noch eine Zeitlang solche himmlischen Schönheiten möge schauen lassen.
GEJ|7|169|17|0|Aber Ich sagte zu ihnen: „Solange ihr noch in dieser Welt zu leben habt – der Willensfreiheit wegen, damit ihr dereinst freie und selbständige Geister werden könnet –, ist das, was ihr nun geschaut habt, völlig hinreichend; denn es wird das einen großen Eifer in euch erwecken, nach Meiner Lehre und nach Meinen Geboten zu leben und zu handeln.
GEJ|7|169|18|0|So ihr in der Erfüllung Meines Willens schon ganz vollkommen sein werdet, da werdet ihr auch noch in diesem Leben zu der Eigenschaft gelangen, eure innere Geistessehe wie auch euer inneres Geistesohr völlig in eurer Gewalt zu haben.
GEJ|7|169|19|0|Worin aber Meine Lehre und Mein Wille an die Menschen dieser Erde besteht, davon habt ihr schon etwas vernommen und werdet dann erst in Rom von dem Römer alles Weitere überkommen. Wenn ihr aber in allem wohl unterrichtet sein werdet, dann könnet auch ihr davon solche unterrichten, die euch danach fragen werden, welchen Glauben ihr habt und welcher Lehre ihr lebet, und warum.
GEJ|7|169|20|0|Und nun aber könnet ihr euch bald aufmachen und euch von Meinem Engel hinab in den Ort, und zwar in die Herberge, führen lassen! Dort könnet ihr euch dann von dem wohl unterhalten, was ihr nun alles gehört und gesehen habt, und Mein Engel wird euch so manches erklären, was ihr mit eurem Verstande noch nicht habt begreifen können!“
GEJ|7|169|21|0|Hierauf dankten Mir alle wieder, und Ich begab Mich wieder zu der alten Gesellschaft im Vordergrunde des Hügels.
GEJ|7|169|22|0|Als Ich da ankam, fragte Mich Lazarus, was die Jugend im Hintergrunde des Hügels noch mache, und ob sie nicht etwa gleich von da nach dem Ölberge zu führen wäre.
GEJ|7|169|23|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund, Ich habe schon für alles gesorgt und den Jungen Meine Weisungen gegeben, und somit habe Ich dich deiner Sorge enthoben! Denn obschon gute Menschen für ihre Nebenmenschen auch gar wohl sorgen, so sorge Ich aber schon lange zuvor; und würde Ich nicht vorsorgen, da ginge alle Welt bald aus den Fugen. – Aber nun lassen wir alles das; denn es wird nun gleich etwas anderes auftauchen!“
GEJ|7|170|1|1|170. — Die Handelskarawane aus Damaskus
GEJ|7|170|1|0|Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da kam die auch noch bei uns seiende Helias eiligst zu Mir und sagte voll Angst und voll Furcht: „Aber Herr, Herr, um aller Himmel willen, was ist denn das? Ich betrachtete dort die vom Morgen herkommende Karawane, wie sie mit ihren Kamelen und Saumrossen sich gegen uns her bewegt, – aber hinter ihr zieht nun eine andere, ganz entsetzlich aussehende Karawane einher! Statt Kamele und Saumrosse sieht man gräßlich aussehende feurige Drachen, und statt der Menschen ersieht man wahrhaftigste Teufelsgestalten, die mit glühenden Schlangen umwunden und an der Brust mit einem Totenkopf geziert sind! O Herr, Herr, was soll das nun auf einmal bedeuten?“
GEJ|7|170|2|0|Auf diese atemlose Erzählung der Helias gingen alle an den gen Morgen liegenden Rand des Hügels und bemerkten dieselbe eben nicht angenehm anzuschauende Erscheinung, und es kamen auch alle mit der etwas ängstlichen Frage zum Vorschein, was denn doch das wieder bedeuten solle.
GEJ|7|170|3|0|Sagte Ich: „Seht und begreifet! Daß die voran daherziehende Karawane aus lauter höchst welt- und gewinnsüchtigen Kaufleuten besteht, das werdet ihr hoffentlich wohl schon seit langem wissen; denn ein Kaufmann aus Damaskus ist um gar nichts besser als ein Dieb und ein Straßenräuber. Diese Kaufleute erweisen dem Käufer alle möglichen Höflichkeiten, damit er ihnen ja so viel als nur möglich um teures Geld abkaufen möge. Hat er ihnen ihre Ware aber einmal abgekauft, so möchten sie ihn, wenn sie die strengen Weltgesetze nicht fürchteten, aber auch gleich ermorden, die verkaufte Ware wieder zurücknehmen und ihn dann dazu noch seines übrigen Geldes und seiner Habseligkeiten berauben. Aber bei allem solchen ihrem inneren Sinnen und Trachten sind sie vor der Welt angesehene und hochgeschätzte Menschen, und ihre Nebenmenschen können sich nie tief genug vor ihnen verbeugen.
GEJ|7|170|4|0|Auf daß ihr alle aber, als nun Meine Jünger und Freunde, diese arge Art in ihrer wahren, inneren Gestalt ein wenig besser kennenlernen sollet, als das bis jetzt der Fall war, so tat Ich zu diesem Zwecke eure innere Sehe auf, und ihr erschautet mit den leiblichen Augen die voranziehende weltliche Karawane, wie sie also ein jedes gesunde Menschenauge sehen kann; aber hinter ihr ersahet ihr die entsprechende innere, geistige Karawane.
GEJ|7|170|5|0|Die glühenden Drachen bezeichnen die brennende Gier, alle Schätze dieser Erde ganz an sich zu bringen. Die auf den Drachen reitenden Teufel sind eben die Kaufleute als Weltmenschen. Die Umgürtung mit Schlangen bezeichnet ihre kaufmännische List, Klugheit und Schlauheit. Die Totenköpfe aber bedeuten die große Mordlust solcher wahren Weltteufel. Denn wenn es diesen möglich wäre, so würden sie gleich alle reichen Menschen ermorden, um sich dann auf die bequemste Art in den Vollbesitz aller Güter und Schätze dieser Erde setzen zu können. Da das hier bei diesen Kaufleuten der Fall ist und Ich es wohl weiß, daß ihr auf solche Menschen selbst noch manchmal große Stücke haltet, so mußte Ich sie vor den Augen eurer Seele doch wohl enthüllen!
GEJ|7|170|6|0|Da ihr das nun geschaut habt der vollsten inneren Wahrheit nach, so werde eure innere Sehe nun wieder geschlossen, – und ihr sehet nun wieder die pure äußere Karawane unter diesem Hügel vorüberziehen! – Wie gefiel euch wohl dieses Bild?“
GEJ|7|170|7|0|Sagte hier Nikodemus: „Herr, ich habe schon meine etlichen Knechte mit dem strengen Auftrage hinab in die Herberge gesandt, daß diese Karawane in meiner Herberge ja um keinen Preis eine Unterkunft finden und nehmen darf! Das wäre mir eine schöne Wirtschaft, solchen Wesen eine Unterkunft zu geben! Ich werde als Bürgermeister sogar sogleich auch hier alle Anstalten treffen, daß sie noch weit über unseren Flecken hinaus ihre Unterkunft werden suchen müssen. Solche Wesen würden unseren sonst sehr freundlichen Ort ja am Ende derart verpesten, daß darauf niemand mehr darin bestehen könnte! Ah, da müssen gleich ganz scharfe Gegenmittel ergriffen und ins Werk gesetzt werden, um solch ein Unheil von unserem Orte abzulenken! – Herr, ist es nicht recht also?“
GEJ|7|170|8|0|Sagte Ich: „Daß du sie in deine Herberge nicht aufnimmst, daran tust du wohl; doch die Karawane auch aus dem ganzen Orte hinauszuschaffen, wäre unklug! Denn fürs erste steht die Karawane unter dem Schutze der für alle Handelsleute gegebenen römischen Freizügigkeitsgesetze, und fürs zweite gibt es auch in diesem Orte recht viele Menschen, die infolge ihrer inneren Sinnesart nicht um ein Haar besser sind als diese Handelsleute und sonach in gar keiner Gefahr stehen, irgend noch schlechter zu werden, als sie ohnehin schon lange sind; und endlich fürs dritte aber können sogar bei diesen Damaszenern ein paar Versuche gemacht werden, ob sich ihre Sinnesart vielleicht teilweise doch noch ändern könnte und möchte. Denn auf dieser Welt ist bei manchen noch so bösen Menschen noch immer eine Besserung eher und leichter möglich als dereinst jenseits bei der nackten Seele.
GEJ|7|170|9|0|Und so stehe du von deinem zweiten Vorhaben nur wieder ab! Aber was das erste betrifft, so bin Ich, wie Ich das schon gleich anfangs gesagt habe, ganz einverstanden; denn wir und sie hätten uns wahrlich unter einem Dache nicht wohl vertragen! Denn Himmel und Hölle müssen voneinander wohl geschieden sein. – Bist du mit diesem Meinem Rate nun wohl zufrieden?“
GEJ|7|170|10|0|Sagte Nikodemus: „O Herr, das sicher; aber nur das kommt mir nun wahrlich etwas bitter und ärgerlich vor, daß auch dieser mein Lieblingsort auch von solchen Menschen bewohnt wird, die in ihrer Sinnesart den Handelsleuten aus Damaskus ganz gleichkommen!“
GEJ|7|170|11|0|Sagte Ich: „Siehe, dort etwas rückwärts stehen noch die sieben, die Ich in jener alten Hütte des reichen Barabe vom Hungertode gerettet habe! Sie sandten ihre nackten Kinder zu den Bürgern dieses Ortes, daß sich doch einer oder der andere ihrer erbarmen möge; aber da fanden die Kinder lauter steinerne Herzen. Wenn aber also, wie kann es dich nun wundernehmen, wenn Ich den Bürgern dieses Fleckens kein besseres Zeugnis geben kann! Wenn Ich dich erst die hohen Menschen von Jerusalem mit der inneren Sehe sehen ließe, – was würdest du dann wohl dazu sagen?
GEJ|7|170|12|0|Darum sage Ich euch: Diese Welt ist gleich der Hölle in allem; nur ist sie hier verhüllt vor den Augen der Menschen, gleichwie also auch verhüllt ist der Himmel in Wort und Tat. Hier kann darum der Himmel heilbringend auf die Hölle einwirken; aber wo beide enthüllt sind, da geht es mit dem Einwirken schlecht oder im höchsten Grade schon gar nicht mehr.
GEJ|7|170|13|0|Als die beiden Pharisäer hierher kamen, da kam in ihnen verhüllt auch die Hölle vollkommen hierher; aber sie kamen hier, ohne es zu ahnen, auch in den vollen Himmel.
GEJ|7|170|14|0|Es hat aber der Himmel ebenso drei Grade, wie auch die Hölle drei Grade oder Stufen hat.
GEJ|7|170|15|0|Die sieben Oberägypter stellten den untersten Grad des puren Weisheitshimmels dar, und nur in diesen durften die Höllengeister aus Jerusalem zuerst treten. Da fing ihnen ein Licht an aufzugehen, und sie wurden gewahr, daß sie völlig im Argen der Hölle waren. Als sie dessen immer mehr inne wurden, da senkte sich das Licht des zweiten Himmelsgrades in der Person Raphaels zu ihnen, und sie fingen an, das Bedürfnis zu fühlen, ihr Arges abzulegen und sich zum Lichte zu kehren. Als sie sich im grellen Weisheits- und Liebelichte des zweiten Himmels erst so recht klar beschauten, da erst durchdrang sie wirkliche Reue, und es entstand in ihnen der Drang nach Mir als dem höchsten Grade der Himmel. Und als Ich Selbst dann zu ihnen kam, da wurden sie auch alsbald ganz bekehrt und stehen so nun als Kandidaten für den ersten Himmelsgrad da.
GEJ|7|170|16|0|Wenn wir sie aber mit unserer Macht, wie sie als wahre Teufel zu uns gekommen sind, gleich von hier getrieben hätten, so stünden sie nun sicher nicht auf dem glücklichen Standpunkte, auf dem sie nun stehen! Und siehe, also steht es auch mit den Handelsleuten aus Damaskus, die sich nun im Orte befinden, aber keine Ahnung davon haben, daß sie dem Reiche Gottes so nahe gekommen sind! Wir aber werden, unter ihnen seiend, bald eine Gelegenheit finden, sie davon etwas Weniges merken zu lassen, und es wird sich dann schon zeigen, was sich eben da Weiteres wird verfügen lassen.
GEJ|7|170|17|0|Nun aber, da die Handelsleute schon zum größten Teil eine Unterkunft gefunden haben, wollen wir denn auch diesen Hügel verlassen und uns vorerst auf eine Stunde lang in dein Wohnhaus begeben, darauf erst in deine Herberge gehen und alldort ein Abendmahl zu uns nehmen! Darauf wird sich dann schon von selbst zeigen, was da noch alles zu machen sein wird.“
GEJ|7|170|18|0|Sagte nun noch Agrikola: „Herr, unsere Jugend sehe ich nirgends mehr! Ist sie schon irgendwo hinab?“
GEJ|7|170|19|0|Sagte Ich: „Aber lieber Freund, hast du denn nicht zuvor vernommen, was Ich zu Lazarus gesagt habe? Wie kannst du da nun noch einmal darum fragen?! Die Jugend ist schon bestens versorgt und befindet sich bereits in der Herberge, und das im treuesten Geleite Raphaels; daß ihr da nichts abgehen wird, dessen kannst du völlig versichert sein! Aber nun wird aufgebrochen und hinab in den Ort gegangen werden! Auf dem Hügel darf Mich nun niemand mehr um irgend etwas fragen! Also sei es!“
GEJ|7|171|1|1|171. — Der Herr erklärt das zweite Kapitel Jesajas
GEJ|7|171|1|0|Auf diese Meine Bestimmung erhob sich alles, und wir gingen ganz behende hinab in den Ort, und das zwar in das Haus des Nikodemus, um es nach seinem geheimen Wunsche zu segnen. Als wir uns im Hause befanden, vernahmen wir bald einen großen Lärm auf dem Marktplatze, und unser Agrikola fragte gleich in einem diktatorisch heftigen Tone, was es da draußen auf dem Marktplatze gäbe.
GEJ|7|171|2|0|Sagte Ich: „Freund, solange Ich bei dir bin, solltest du wohl kaum um so etwas fragen! Weißt du denn noch nicht, welche Macht Mir allzeit zu Gebote steht?! Dazu weiß Ich doch sicher um alles, was da geschieht in der ganzen Unendlichkeit; darum kümmere dich um derlei Dinge nicht mehr, wenigstens nicht in Meiner Gegenwart!“
GEJ|7|171|3|0|Sagte Agrikola: „O Herr, ich danke Dir auch für diese Zurechtweisung! Ich werde mir das auch für alle künftigen Fälle gar wohl merken; denn die Heftigkeit in solchen Fällen ist und bleibt noch immer mein Hauptfehler. Ich denke nun sehr oft an die von Dir, o Herr, angepriesene Geduld, und ich will sie denn auch mir ganz zu eigen machen; aber wenn so plötzlich eine Versuchung über mich kommt, so kommt gleich meine alte Sünde wieder zum Vorschein. Aber von nun an soll sie für immer ihren Abschied bekommen haben!“
GEJ|7|171|4|0|Sagte Ich: „Ganz gut also! Der Vorsatz ist gut, obschon du noch einige Male die alte Sünde begehen wirst. –
GEJ|7|171|5|0|Aber nun schaffet Mir das Buch des Propheten Jesajas her; darin muß Ich euch eine große Stelle beleuchten!“
GEJ|7|171|6|0|Auf das brachte unser Nikodemus alsbald das Buch zu Mir. Als das Buch Jesaja durch Nikodemus herbeigeschafft war, da schlug Ich sogleich das 2. Kapitel auf und las es also allen Anwesenden laut vor:
GEJ|7|171|7|0|„,Das ist es, was Jesaja, der Sohn Amoz', sah von Juda und Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg, darauf des Herrn Haus steht, gewiß höher sein denn alle Berge und wird über alle Höhen erhaben werden, und alle Heiden werden dahin laufen.‘“ (Jes.2,2)
GEJ|7|171|8|0|Hier fragten Nikodemus und die beiden Pharisäer, sagend. „Herr und Meister, wo ist denn der Berg des Herrn, darauf Sein Haus steht?“
GEJ|7|171|9|0|Sagte Ich: „O sehet, wie weltlich, sinnlich und wie voll Materie ihr noch seid! Bin nicht Ich der Berg aller Berge, auf dem das wahre Haus Gottes steht? Was aber ist das sehr wohnliche Haus? Das ist Mein Wort, das Ich schon durch alle die Propheten zu euch, ihr Juden, durch mehrere Jahrhunderte geredet habe und nun Selbst aus dem Munde eines Menschensohnes rede. Ich bin sonach der Berg, und Mein Wort ist das wohnliche Haus auf dem Berge, und da um uns stehen die Heiden aus allen Teilen der Erde, die hierher gekommen sind, zu besehen den Berg und Wohnung zu nehmen in seinem höchst geräumigen Hause.
GEJ|7|171|10|0|Aber für die Juden, wie sie nun sind, ist das wahrlich die letzte Zeit, weil sie den Berg und sein Haus fliehen und die Hohen es sogar zu zerstören drohen. – Verstehet ihr nun diesen Vers?“
GEJ|7|171|11|0|Sagten alle: „Ja, Herr, nun ist er uns wohl völlig klar; aber es hat dieses Kapitel noch mehrere Verse, die uns noch lange nicht klar sind! Herr, erkläre sie uns noch weiterhin!“
GEJ|7|171|12|0|Sagte Ich: „Habt nur Geduld; denn übers Knie läßt sich kein Baum brechen!
GEJ|7|171|13|0|Jesajas aber spricht also weiter: ,Viele Völker werden (das heißt in der Zukunft) hingehen und sagen: Kommt und laßt uns auf den Berg des Herrn gehen zum Hause des Gottes Jakobs, daß Er uns lehre Seine Wege und wir dann wandeln auf Seinen Steigen; denn von Zion wird das Gesetz ausgehen und von Jerusalem Sein Wort!‘ (Jes.2,3)
GEJ|7|171|14|0|Daß hier unter Zion (Z'e on = Er will) ebenfalls der Berg, also der Herr oder Ich, und unter Jerusalem das Haus Gottes auf dem Berge, also Mein Wort und Meine Lehre zu verstehen ist für jetzt und für alle Zukunft, das wird nun wohl auch schier keinem Zweifel mehr unterliegen.
GEJ|7|171|15|0|Wer aber sind nun die Völker, die da sagen: ,Kommt und laßt uns auf den Berg des Herrn, das heißt zum Menschensohne oder Gottmenschen, gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, daß Er uns lehre Seine Wege und wir dann wandeln auf Seinen Steigen!‘?
GEJ|7|171|16|0|Sehet, diese Völker sind jene Menschen, die in aller Zukunft sich zu Mir bekehren werden, sich Mein Wort aneignen und Meinen Willen tun werden; denn die Wege zum Leben zeigt ja Mein Wort, und die Steige sind Mein den Menschen durch das Wort kundgemachter Wille, dessen genaue Befolgung freilich bedeutend unbequemer ist als die pure Anhörung Meines Wortes, wie auch sicher um gar vieles bequemer auf einer breiten und ebenen Straße zu wandeln ist, als zu gehen auf schmalen und oft sehr steilen Steigen.
GEJ|7|171|17|0|Aber wer in sich selbst auf den höchsten aller Berge und da in Mein lebendiges Wort, welches ist das Haus Gottes auf dem Berge, kommen will, der muß nicht pur auf der Straße, die zum Berge führt, wandeln und auf ihrer Fläche stehenbleiben, sondern er muß sich auch an die schmalen und oft sehr steilen Steige machen; denn nur auf diesen gelangt er vollends auf den Berg und da in das lebendige Haus Gottes.
GEJ|7|171|18|0|Was dieses bedeutet, habe Ich euch nun schon erklärt, wie auch, was der Prophet eigentlich unter Z'e on und unter Jeruzalem verstanden haben will; darum sagt er denn auch, daß von Z'e on das Gesetz, also Mein Wille, und von Jeruzalem, oder aus Meinem Munde natürlich, Mein Wort komme.
GEJ|7|171|19|0|Wer also Mein Wort, das Ich zu allen Zeiten durch die Propheten zu den Menschen geredet habe, hört, es annimmt und danach lebt, der kommt dadurch zu Mir und also auch zum lebendigen Wort und seiner Kraft; denn Ich Selbst bin ja das lebendige Wort und seine Kraft, und alles, was der endlose Raum faßt, ist ja auch nur Mein lebendiges Wort und seine ewige Kraft und Macht. – Habt ihr das nun wohl auch verstanden?“
GEJ|7|171|20|0|Hierauf sagte einer aus der Zahl jener Pharisäer, die auf dem Ölberge zu Mir gekommen waren, und der ein Schriftgelehrter war: „Herr und Meister, Deine Erklärung über die zwei Verse war so hell wie die Sonne des Mittags, und mir wurde alles klar und einleuchtend; aber nun kommt der vierte Vers, und der lautet also:
GEJ|7|171|21|0|,Und der Herr wird richten unter den Heiden und strafen die Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen; denn es wird kein Volk wider das andere ein Schwert aufheben, und die Menschen werden hinfort nicht mehr kriegen lernen.‘ (Jes.2,4)
GEJ|7|171|22|0|Wer sind da die Heiden und wer die Völker, die, nachdem sie einmal bestraft sein werden, sich gegenseitig nicht mehr bekriegen dürften? Diese Völker müssen noch in einer fernsten Zukunft erst geboren werden; denn die gegenwärtigen Generationen mit ihren stolzen, hab- und herrschsüchtigen Königen werden Kriege führen bis ans Ende der Welt.“
GEJ|7|171|23|0|Sagte Ich: „Du bist zwar wohl ein Schriftgelehrter, indem du die Gesetze und alle Propheten noch ganz wohl im Gedächtnis hast, doch vom Verstehen derselben im wahren Geiste war bei dir wohl noch nie eine Rede! Du betratest den breiten und ebenen Weg; aber auf den schmalen Steig, der auf den Berg der wahren Erkenntnis führt, hast du noch keinen Fuß gesetzt.
GEJ|7|171|24|0|Wer durch das Handeln nach dem Gesetze nicht auf die volle Höhe des Berges des Herrn und ins Haus Gottes oder zum inneren lebendigen Worte aus Gott und zu Gottes lebendigem Worte in sich gelangt, der erkennt auch nicht den wahren, inneren, lebendigen Geist des Gesetzes und der Propheten.“
GEJ|7|172|1|1|172. — Der Herr erklärt die Zukunftsbilder Jesajas (Jes. 2, 1-5)
GEJ|7|172|1|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Aber warum haben denn alle Propheten so verdeckt gesprochen und geschrieben? Es mußte ihnen ja doch am meisten daran gelegen sein, daß ihre Worte von den Menschen verstanden würden!“
GEJ|7|172|2|0|Sagte Ich: „Derlei Einwendungen sind vor etlichen Tagen auch auf dem Ölberge gemacht worden, und Ich habe euch ihren Ungrund gezeigt; somit brauche Ich hier das schon einmal Gesagte nicht mehr zu wiederholen.
GEJ|7|172|3|0|Was für ein Gotteswort aber sollte das sein, das keinen inneren Sinn hätte? Oder kannst du dir wohl einen Menschen denken, der kein Eingeweide hätte, oder einen, der so durchsichtig wäre wie ein Wassertropfen, so daß man schauen könnte seine ganze innere Einrichtung, die dich trotz ihrer Künstlichkeit sicher im höchsten Grade anwidern würde?
GEJ|7|172|4|0|Oh, lernet doch alle einmal wahrhaft weise denken! Ich aber werde euch nun den hier auf der Hand liegenden wahren Sinn des vierten Verses Jesaja zeigen, und so habet denn darauf wohl acht!
GEJ|7|172|5|0|,Der Herr, der Ich es bin im Worte, wird richten unter den Heiden und strafen viele Völker.‘
GEJ|7|172|6|0|Wer sind die Heiden, und wer die Völker? – Die Heiden sind alle jene, die den einen, wahren Gott nicht kennen und an Seiner Statt tote Götzen und den Mammon dieser Welt anbeten und am meisten verehren. Von solchen ist das Judentum nach allen Seiten hin umlagert, und wohin ihr nun in der Welt gehen wollet – ob gen Morgen, gen Mittag, gen Abend oder gen Mitternacht –, so werdet ihr nichts als Heiden in aller Art und Gattung antreffen! Ihr wisset aber, wie nun von allen Seiten der Welt die Heiden hohen und niederen Standes und von nah und weit zu Mir gekommen sind. Sie hörten Mein Wort und sahen Meine Zeichen, wurden voll Glaubens, nahmen an Meine Lehre, und Mein Wort richtet und rechtet nun unter ihnen, wodurch sie aufhören Heiden zu sein und übergehen zu der Zahl der Gesalbten Gottes und zu der Zahl des wahren Volkes Gottes.
GEJ|7|172|7|0|Aber auch sie werden nicht bleiben, wie sie nun belehrt und bestellt sind; denn es werden bald falsche Gesalbte unter ihnen aufstehen, werden auch Zeichen tun, berücken Könige und Fürsten, werden sich bald eine große Weltmacht aneignen und mit Feuer und Schwert die Menschen verfolgen, die sich nicht zu ihnen werden bekennen wollen, und sich am Ende in viele Sekten und Parteien spalten, und das sind eben die vielen Völker, die Ich als der Herr strafen werde ihrer Lieblosigkeit, ihrer Falschheit, ihres Eigennutzes, ihres Hochmutes, ihres Starrsinnes, ihrer Herrschsucht und ihres bösen Haders und gegenseitigen Verfolgens und Kriegführens wegen. Bis aber diese Zeit kommen wird, wird es noch eine Weile dauern, wie es von Noah an bis jetzt gedauert hat. [Anm: Noah starb 2145 v. Chr. gemäß Gr.Ev.Joh. Bd. 8, Kap. 86, 3 / 1. Mose 5; 1. Mose 9, 29.] 
GEJ|7|172|8|0|Wie es aber war zu den Zeiten Noahs, da die Menschen freiten und sich freien ließen, große Feste und Gastmähler hielten, sich groß ehren ließen und gegen jene verheerende Kriege führten, die sich vor ihren Götzen nicht beugen wollten, wo dann bald die große Flut kam und die Täter des Übels alle ersäufte, eben also wird es auch sein in jener künftigen Zeit. Aber dann wird der Herr mit dem Feuer Seines Eifers und Seines Zornes kommen und alle solche Täter des Übels hinwegfegen von der Erde.
GEJ|7|172|9|0|Da wird es kommen, daß die verschonten Reinen und Guten und die wahren Freunde der Wahrheit und des Lichtes aus Gott aus den Schwertern Pflugscharen, aus den Spießen Sicheln machen und die Kunst Krieg zu führen vollends aufgeben werden, und es wird dann fürder kein wahres gesalbtes Volk wider das andere mehr ein Schwert erheben, außer den noch irgend in den Wüsten der Erde übriggebliebene Heiden; aber auch diese werden ermahnt und dann von der Erde gefegt werden.
GEJ|7|172|10|0|Da wird die Erde gesegnet werden von neuem. Ihr Boden wird tragen hundertfältige Frucht von allem, und den Ältesten wird die Macht gegeben sein über alle Elemente.
GEJ|7|172|11|0|Siehe, also ist dem Geiste nach für diese Erde zu verstehen der vierte Vers, den du als ein Schriftgelehrter für gar so unverständlich hieltst!
GEJ|7|172|12|0|Aber innerhalb dieses naturmäßig wahren, geistigen Sinnes ist freilich noch ein tieferer rein geistiger und himmlischer Sinn verborgen, den aber ihr nun mit eurem noch puren Weltverstande nicht fassen könntet, und solcher ist auch nicht mit Worten darzustellen. So ihr aber auf dem Berge des Herrn werdet in das Haus Gottes eingegangen sein und sodann kommen von diesem Hause Jakobs, wie davon der Prophet spricht im kurzen fünften Verse, dann erst werdet ihr wandeln im wahren Lichte des Geistes aus Gott. (Jes.2,5) – Sage du Mir nun, ob du das alles nun besser verstehst als ehedem!“
GEJ|7|173|1|1|173. — Über die scheinbar ungerechten Führungen der Menschen
GEJ|7|173|1|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, Herr und Meister, also ist der Prophet wohl zu verstehen, und der Sinn ist nun klar und wahr, obwohl man da die Frage stellen könnte und sagen: Aber warum läßt Du, Herr, es denn zu, daß gegen zweitausend Jahre in die Zukunft hin die Menschen abermals wieder so böse werden, wie sie zu den Zeiten Noahs waren? Und warum muß zumeist der arme Mensch am meisten leiden, und das dazu auch noch, wenn er in allem ein Gott möglichst wohlgefälliges Leben führt?
GEJ|7|173|2|0|So habe ich selbst einmal einen Fall erlebt, wo eine arme, streng nach den Geboten Gottes lebende Familie eine ganz kleine Besitzung hatte; ihr unfern aber hatte eine reiche und weltlich sehr angesehene Familie eine große Besitzung. Diese war hartherzig und gab nie einem Armen ein Almosen, während die arme Familie allzeit bereitwillig ihr weniges Brot mit den andern Armen teilte. An einem wetterschwülen Tage aber kam ein starkes Gewitter, und der Blitz traf die Hütte der guten, armen Familie, die zu der Zeit sich auf einem Acker befand und daselbst ihr Gerstenkorn einsammelte. Die Hütte verbrannte natürlich mit allem, was sich darin befand, wie Kleidung, Nährvorräte und die nötigen Haus- und Wirtschaftsgerätschaften. Dasselbe Gewitter zog aber auch über die große Behausung der reichen und unbarmherzigen Familie; aber da fuhr kein verheerender Blitz aus der Wolke in das Haus des reichen Besitzers. Warum wurde denn hier der harte Reiche verschont und warum nicht lieber der Arme?
GEJ|7|173|3|0|Derlei geschieht sehr oft, und die Menschen kommen dadurch ganz leicht zu dem Glauben, daß es entweder gar keinen Gott gebe, oder Gott kümmere Sich gar nicht um die Menschen. Und ich möchte einen Hauptgrund des Glaubensverfalles eben darin finden. Denn ein jeder Mensch hat ein natürliches Rechtsgefühl, das mit dem Glauben an einen guten und höchst gerechten Gott allerengst verbunden ist; wird dieses zu oft und zumeist auf eine sehr empörende Weise verletzt, so wird mit der Zeit auch der Glaube verletzt und geschwächt, und die Menschheit sinkt dann nach und nach stets mehr und mehr in die Nacht des Un- oder Aberglaubens und fängt an, in ihrer Not überall Hilfe und Trost zu suchen, wo ihr nur immer eine Hilfe geboten wird, und geht auf diese Weise in das Götzentum oder in den Stoizismus über.
GEJ|7|173|4|0|Ist auf diese Art und Weise die Menschheit in mehreren Jahrhunderten zum allergrößten Teile so schlecht wie nur immer möglich geworden, dann kommen wohl freilich Strafgerichte über Strafgerichte; aber ich meine da, daß solche wohl nie nötig wären, wenn die Menschen durch gewisse Vorkommnisse nicht so oft auf zu harte Glaubensproben gestellt worden wären.
GEJ|7|173|5|0|Ich urteile hier nur als ein natürlicher Mensch; aber so wie ich nun geurteilt habe, so urteilen gar sehr viele Menschen und verschlimmern sich dabei und dadurch. – Was sagst nun Du, Herr und Meister, dazu?“
GEJ|7|173|6|0|Sagte Ich: „Ist deine arme Familie nach dem Unglück auch gleichfort unglücklich geblieben, und hat sie darauf in großer Not und großem Elende schmachten müssen?“
GEJ|7|173|7|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Nein, das eben nicht; denn das Unglück hatte die Herzen der Nachbarn erweicht, und sie beschenkten die arme Familie also, daß sie nachher mehr hatte als vor dem Unglück.
GEJ|7|173|8|0|Aber es gibt auch Fälle, wo eine einmal ohne Verschulden von einem Unglück heimgesuchte Familie schon gleichfort unglücklich verbleibt, – und diese auch häufig vorkommenden Fälle sind es eigentlich, durch die nach meiner Ansicht die Menschheit am meisten verschlimmert wird. Oder habe ich auch da unrichtig geurteilt?“
GEJ|7|173|9|0|Sagte Ich: „Solche Fälle kommen fürs erste wohl selten vor, und wenn sie vorkommen, so haben sie fürs zweite sicher ihren weisen Grund. Bei deiner ersten beispielsweise aufgestellten armen Familie lag der Grund ihrer Unglücklichwerdung darin: Ihre Hütte war schon sehr morsch und wäre bei einer kleinen Erderschütterung eingestürzt und hätte gar leicht ihre biederen Einwohner erschlagen. Die Familie hatte aus diesem Grunde schon mehrere Male ihre reichen Nachbarn gebeten, daß sie ihr darin dahin helfen möchten, daß sie sich eine neue Hütte erbauen könnte. Aber ihre Bitten blieben unerhört. Da wurde an einem Tage zugelassen, daß ein Blitz der alten und morschen Hütte ein Ende machen mußte. Das erweichte dann die Herzen der Nachbarn; sie schossen ein Kapitälchen zusammen, erbauten der armen Familie eine neue und feste Wohnhütte und versahen sie noch reichlich mit allerlei Nahrungsmitteln also, daß die arme Familie nach dem Unglück um vieles besser stand als vorher und darauf auch leichter einem noch ärmeren Menschen irgend etwas tun konnte denn zuvor. Und so war dein vermeintes Unglück für die biedere arme Familie nur ein wahres Glück, das von Mir also vorgesehen und zugelassen ward.
GEJ|7|173|10|0|Was aber die anderen Heimsuchungen betrifft, die als ein gekommenes Ungemach denn auch dem Menschen anhangend verbleiben, so ist eine solche Familie schon allzeit durch ihre eigene Schuld in Armut versunken. So sie dann in ihrer Armut leicht von einem noch härteren Schlage zum Behufe des Erweckens aus ihrer altgewohnten Trägheit getroffen wird, so ist es dann wieder ihre eigene Schuld, wenn sie noch fernerhin in ihrer Trägheit verharrt und somit auch im Unglück verbleibt. Diese Art Menschen sind dann freilich wohl der Meinung, Gott erhöre ihre Bitte nicht, oder Er kümmere Sich gar nicht um die Menschen; allein diese Menschen sind nur zu träge. Sie haben keinen Ernst sowohl in den weltlichen Arbeiten als auch in der Beachtung der Gebote Gottes und in ihren lauen und vertrauenslosen Bitten zu Gott, und sie werden aus diesem Grunde denn auch im bleibenden Ungemach belassen auf so lange hin, bis sie von der stets stärker drückenden Not am Ende doch noch zur Tätigkeit erweckt und dadurch dann auch glücklicher werden.
GEJ|7|173|11|0|Sieh, es gab einst im Morgenlande einen König über ein großes Volk! Das Volk aber, da es gutes Land bewohnte, ward träge und verarmte von Jahr zu Jahr mehr und mehr. Da dachte der König bei sich nach, wie er diesem Übel steuern könnte.
GEJ|7|173|12|0|Es kam ihm der gute Gedanke, und er sagte bei sich: ,Ich werde dem Volke größere und schwerer zu erschwingende Steuern auferlegen und dieselben durch meine Krieger mit der unnachsichtlichsten Strenge erpressen lassen, und das so lange fort, bis das Volk im allgemeinen tätiger wird!‘
GEJ|7|173|13|0|Gedacht und getan! Und siehe, im Anfange murrte und wehklagte das Volk ganz entsetzlich und wäre gegen den vermeintlich zu harten König aufgestanden, wenn es sich leichter seiner Trägheit entledigt hätte! Die brennende Not aber erweckte das Volk zur größeren Tätigkeit. Es ward dadurch auch bald wohlhabender und bezahlte dem Könige die verlangten großen Steuern leichter als zuvor die kleinen.
GEJ|7|173|14|0|Als der König nach einigen Jahren merkte, daß sein Volk recht tätig und arbeitsam geworden war, da sandte er Herolde hinaus in alle Teile seines Reiches und ließ eine bedeutende Ermäßigung der Steuern verkünden.
GEJ|7|173|15|0|Aber da sagten die Ältesten aus dem Volke: ,Wir danken dem weisen Könige für diese Gnade, bitten ihn aber auch zugleich, daß er die gegenwärtigen Steuern auf Grund des wahren Volkswohls also, wie sie sind, belassen möge; denn sowie das Volk weniger Steuern zu entrichten haben wird, wird es auch bald träger und untätiger werden und am Ende die kleinen Steuern schwerer bezahlen als die großen!‘
GEJ|7|173|16|0|Als der König diese Äußerung von den Ältesten seines Volkes vernahm, belobte er sie sehr ihrer Weisheit wegen und sah, wie sein Volk stets tätiger und tätiger und dadurch auch stets wohlhabender und glücklicher ward. Und als das Volk von den Ältesten erfuhr, daß der weise König es aus eben dem Grunde nur mit so großen Steuern belegt hatte, um es tätiger und glücklicher zu machen, da lobte es des Königs Weisheit und zahlte ihm freiwillig noch mehr, als was ihm zu zahlen vorgeschrieben war.
GEJ|7|173|17|0|Und siehe, also mache es auch Ich Selbst mit den trägen und untätigen Menschen! Tue Ich da jemandem ein Unrecht?“
GEJ|7|173|18|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr, nun bin ich schon wieder ganz im klaren und danke Dir aus dem vollsten Grunde meines Herzens für diese Deine Aufhellung meines Verstandes!
GEJ|7|173|19|0|Ich bitte Dich aber nun um die Fortsetzung in der Beleuchtung des Jesajas. Der sechste Vers ist noch dunkler denn die früheren fünf; und so bitten wir Dich inständigst, daß Du uns eine weitere Erklärung geben möchtest!“
GEJ|7|174|1|1|174. — Erklärung von Jesajas 2,6-22. Die Gnadeneröffnungen des neuen Lichtes
GEJ|7|174|1|0|Sagte Ich: „Wohl denn, und also vernehmet das Wort weiter! Des Propheten Worte aber lauten:
GEJ|7|174|2|0|,Du, Herr, aber hast zugelassen Deinem Volke, daß es fahren ließ das Haus Jakobs; denn Deine Völker treiben es nun ärger denn die Fremden im Aufgange! Sie sind nun auch Tagewähler (und Zeichendeuter) wie die Philister und machen der fremden Kinder viele zu den ihrigen. Ihr Land ist voll Silber und Gold, und ihrer Schätze ist kein Ende; und ihr Land ist auch voll Rosse, und ihrer Wagen ist kein Ende. Auch ist ihr Land voll Götzen, und sie, die Menschen, beten an ihrer Hände Werk, das ihre Finger gemacht haben. Da bückt sich der Pöbel, und da demütigt sich der Junker. Das wirst Du, Herr, ihnen nicht vergeben. Ziehe denn hin, du treuloses Volk, zu den Felsen der Berge, und verbirg dich in die Erde aus Furcht vor dem Herrn und vor Seiner herrlichen Majestät!‘ (Jes.2,6-10)
GEJ|7|174|3|0|Diese fünf Verse gehören auf ein Feld, weil sie den elenden Zustand der Kirche oder des Hauses Gottes auf Erden anzeigen, und das bei den Juden, die vor dieser Zeit waren, sowohl, als bei denen, die nach uns sein und kommen werden.
GEJ|7|174|4|0|Die Trägheit in der Ausübung der Gebote Gottes aber ist der Grund, warum Ich es zulasse, daß Mein Volk das Haus Jakobs auf dem Berge des Herrn fahren läßt und das Handeln der rohesten und trägsten Völker, die in den Morgenlanden gleich den wilden Tieren hausen, ganz getreulich nachahmt.
GEJ|7|174|5|0|Und was nun die Pharisäer und die ihnen gleichen Juden tun, das werden auch unsere Nachkommen tun: Sie werden im Volke eine Menge Tage einsetzen, denen sie eine besondere Kraft und Wirkung andichten werden, und wer dagegen zeugen wird, den werden sie mit Feuer und Schwert verfolgen. Also werden sie auch sein Zeichendeuter, werden um Geld den Menschen Glück und Unglück vorherverkünden und sich dafür ganz außerordentlich loben und bezahlen lassen; denn solch eine müßige Arbeit trägt am Ende ja doch mehr ein als die Pflugschar und die Sichel.
GEJ|7|174|6|0|Damit aber ihr müßiges Einkommen desto größer wird, so werden sie, wie nun die Pharisäer, ihre Apostel in alle Welt hinaussenden und die Fremden zu ihren Kindern machen. Diese waren schon als finstere Heiden zu nichts nütze; wenn sie aber dann des wahrsten Weltphilistertums werden, so werden sie noch ums Hundertfache ärger werden, als sie ehedem waren! Dadurch aber wird ihr finsteres Land voll Silbers und Goldes werden, und ihre Gier nach den Schätzen dieser Welt wird kein Ende und kein Ziel haben, und also auch ihre Herrschsucht und Kriegswut, – was der Prophet im Bilde durch die Rosse und Wagen in einer Unzahl ausdrückt. Aber auch ihr Herrschterritorium wird sein voll Götzen und Tempel, wie solches trotz der persönlichen Warnung Gottes schon Salomo der Weise angefangen hat, der seiner fremden Weiber wegen Götzentempel um Jerusalem errichten ließ. Vor solchen Götzen werden die blinden Narren sich bücken und anbeten ihrer eigenen Hände und Finger Werk in der dummen Meinung, Gott dadurch angenehm zu werden. Und wer das nicht tun wird, der wird verfolgt werden dem Leibe nach auf Leben und Tod. Denn es werden viele Könige des größeren Glanzes ihrer Throne wegen auf den Unsinn der Weltphilister halten und werden mit Feuer und Schwert verfolgen die stets wenigen Freunde des Lichtes und der lebendigen Wahrheit.
GEJ|7|174|7|0|Und siehe, da wird kommen der Herr und wird strafen solche Völker, die unter Seinem Namen so viele Menschen berückt haben!
GEJ|7|174|8|0|Da wird auf einmal von allen Seiten auftauchen das wahre, lebendige Licht, und die Freunde der Nacht werden geschlagen werden für immerhin. Sie werden zwar fliehen zu den Felsen (die Großen und Mächtigen der Erde) und werden sich vergraben unter ihr unfruchtbares Erdreich, aus Furcht vor der Wahrheit und Majestät des Herrn; aber es wird ihnen das wenig nützen.
GEJ|7|174|9|0|Denn es spricht der Prophet nun wieder weiter und sagt laut: ,Denn alle hohen Augen (Herrscherstolz) werden gedemütigt werden, und alle die hohen Leute werden sich bücken müssen; denn der Herr wird allein hoch sein zu derselbigen Zeit und dann ewig immer fort und fort (Jes.2,11). Denn des Herrn Zebaoth Tag (Licht) wird gehen über alles Hoffärtige und Hohe und über alles vor der Welt Erhabene, daß es erniedrigt werde (Jes.2,12) also auch über alle erhabenen Zedern Libanons (Priester) und über alle Eichen in Basan (Hauptstützen des Götzenpriestertums zu aller Zeit) (Jes.2,13); über alle hohen Berge (Regenten) und über alle erhabenen Hügel (alle Hoffähigen) (Jes.2,14); über alle hohen Türme (Feldherren) und über alle festen Mauern (Kriegsheere) (Jes.2,15); auch über alle Schiffe auf dem Meere (solche, die am Staatsruder sitzen) und über alle irdisch köstliche Arbeit (die große Staatenindustrie) (Jes.2,16). Und das wird geschehen, auf daß sich alles bücken muß, was hoch ist unter den Menschen, und sehr gedemütigt werden alle hohen Leute und der Herr allein hoch sei zu der Zeit (Jes.2,17). Mit den Götzen aber wird es dann ganz aus sein in jener Zeit (Jes.2,18). Ja, da wird man wohl auch noch in die Höhlen der Felsen gehen und in der Erde Klüfte (des Mammons Verstecke), und das aus Furcht vor dem Herrn und vor Seiner herrlichen Majestät (das Licht der ewigen Wahrheit), so Er Sich aufmachen wird, zu schrecken (strafen) die Erde (Jes.2,19). Ja, zu der Zeit wird ein jeder hinwerfen seine silbernen und goldenen Götzen in die Löcher der Maulwürfe und Fledermäuse (Jes.2,20) – welche Götzen er sich machen ließ zur Anbetung –, auf daß er sich desto leichter verkriechen könne in die Steinritzen und Felsenklüfte aus Furcht vor dem Herrn und vor Seiner herrlichen Majestät, so Er Sich aufmachen wird, zu schrecken die Erde (Jes.2,21); aber es wird das niemandem irgend etwas nützen. Darum lasset nun ab von dem Menschen, der irgendeinen Odem in der Nase hat (der Odem in der Nase bezeichnet den weltlichen Hochmut); denn ihr wisset es nicht, wie hoch er etwa in der Welt steht (Jes.2,22)!‘
GEJ|7|174|10|0|Nun, da habt ihr die ganze, leicht faßliche Erklärung des ganzen zweiten, höchst beachtenswerten Kapitels des Propheten Jesaja! Die letzten Verse erklären sich von selbst, so man die Bedeutung der ersten wohl verstanden hat.
GEJ|7|174|11|0|Aber Ich sage euch, daß es wahrlich auch also geschehen wird jetzt schon in jüngster Zeit und dann nach etwa gegen neunzehnhundert Jahren wieder im Vollmaße; denn es gibt selbst in Meinem Rate kein anderes Mittel, so dem Menschen die vollste Willensfreiheit belassen werden muß, als nur dies einzige, mit dem man von Zeit zu Zeit der menschlichen Trägheit fruchtbringend begegnen kann; denn sie ist die Wurzel aller Sünden und Laster! – Habt ihr das alles wohl verstanden?
GEJ|7|174|12|0|Ihr werdet nun wohl weniger Freude in euch darüber empfinden, – aber eine desto größere die künftigen Völker, so ihnen neuerdings diese Kunde gegeben wird in ihrer großen Drangsal und in der Zeit, in welcher sich ein Volk wider das andere erheben wird, um es zu verderben. – Doch darüber soll uns noch das nächste Kapitel ein näheres Licht verschaffen!
GEJ|7|174|13|0|Doch nun saget es Mir, wie ihr diese Sache von größter Wichtigkeit aufgefaßt habt! Ich sage darum ,von größter Wichtigkeit‘, weil Ich euch das als Meinen künftigen Nachfolgern vor allem ans Herz legen will, euch selbst und alle eure Jünger vor der Trägheit zu verwahren. Und so möget ihr nun reden von dem Geiste, dem ihr im Jesajas begegnet seid; dann gehen wir leicht aufs dritte Kapitel über!“
GEJ|7|174|14|0|Sagten die Jünger und auch einstimmig die andern Anwesenden: „Herr, was Du anordnest, willst und zulässest, ist sicher übergut, überweise und gerecht; denn Du als der Schöpfer und Meister der Menschen und aller Dinge in der Welt weißt es ja am allerbesten, was für die Menschen am allerbesten taugt. Wären das Silber, das Gold, die Edelsteine und die köstlichen Perlen zum pursten Nachteil Deiner Menschen, so hättest Du wahrlich derlei böse Dinge nicht erschaffen!
GEJ|7|174|15|0|Wer weiß es außer Dir, ob die Menschen ohne solche Reizmittel nicht etwa noch um vieles träger geworden wären, als sie bei allen diesen tausendmal tausend Reizmitteln ohnehin sind und mit der Zeit noch mehr werden? Wenn da aber gar viele aus zu großer Liebe zu diesen Reizmitteln zu wahren Teufeln unter den Menschen werden, weil sie sich von dem falschen Glanze des Goldes haben blenden lassen, so hast Du ja der Zuchtmittel in endlosester Fülle Dir zu Gebote stehend, und wir sind da der Meinung, daß am Ende der Zeiten der Welt alles nach Deinem geheimsten und ewigen Ratschlusse noch gut ausgehen wird.
GEJ|7|174|16|0|Wir als Deine erwählten Jünger werden sicher alles aufbieten, um die Menschen nach Deinem Ratschluß in der gerechten und wahren Tätigkeit zu erhalten und sie für solche zu begeistern und zu beleben. Ob sie aber das in der ferneren Zeitenfolge in ihren Nachkommen auch so beachten werden, das ist freilich wohl eine sehr bedeutend andere Frage! Allein, da wirst schon Du Selbst alles geschehen lassen, was zum Besten der Menschen wird am besten taugen können, ob Kriege, Pestilenz, Teuerung, Hungersnot, oder Friede, Gesundheit und gesegnete, fruchtreiche Jahre und Zeiten! Und so hätten wir nun unsere Meinung vor Dir, o Herr, offen ausgesprochen und bitten Dich um die Fortsetzung in der Beleuchtung des Propheten.“
GEJ|7|174|17|0|Sagte Ich: „Diesmal bin Ich mit eurer Äußerung völlig zufrieden, und da ihr die Erklärung des zweiten Kapitels des Propheten wohl aufgefaßt habt, so können wir nun denn auch kurz gefaßt auf das dritte Kapitel übergehen. Und so denn höret Mich!“
GEJ|7|175|1|1|175. — Erklärung des 3. Kapitels Jesajas. Die Zustände einer geordneten Gemeinde
GEJ|7|175|1|0|(Der Herr):“ „Auch dieses folgende Kapitel hat seine weissagende Geltung für jetzt und für die Folge jener Zeiten, die Ich euch ehedem kundgegeben habe.
GEJ|7|175|2|0|Also aber lautet der erste sehr bedeutungsvolle Vers des Propheten: ,Sieh, der Herr, Herr Zebaoth wird von Jerusalem nehmen allerlei Vorrat und desgleichen von ganz Juda, allen Vorrat des Brotes und allen Vorrat des Wassers!‘ (Jes.3,1)
GEJ|7|175|3|0|Unter dem Ausdruck ,Jerusalem‘ verstehet hier das gegenwärtige Judentum, wie es jetzt ist und schon lange früher auch also war; unter ,Juda‘ aber verstehet die künftigen Generationen, die dann durch die Annahme Meiner Lehre zu dem Stamme Juda gezählt werden. Diese werden durch ihre große Trägheit auch in einem noch viel größeren Maße dasselbe Los zu gewärtigen haben wie nun im engeren Maße die Juden.
GEJ|7|175|4|0|Unter der Wegnahme des Brotvorrates verstehet die Wegnahme der Liebe und der Erbarmung, und unter der Wegnahme des Wasservorrates verstehet die Wegnahme der wahren Weisheit aus Gott, und die Folge davon wird sein, daß sie alle in großer Irre und Finsternis der Seele wandeln werden und keiner dem andern wird raten können; und so auch einer dem andern etwas raten wird, so wird ihm der Rat- und Lichtbedürftige doch nicht trauen und wird sagen: ,Wie redest du mit mir vom Lichte und befindest dich in der gleichen Finsternis wie ich!‘ Daß dann die Menschen durch ihr eigenes Verschulden infolge ihrer Trägheit völlig hilflos dastehen werden, gibt der Prophet in den folgenden Versen treulich also kund, indem er sagt:
GEJ|7|175|5|0|,Also werden ihnen weggenommen werden Starke und Kriegsleute, Richter, Propheten, Wahrsager und Älteste (Jes.3,2); Räte und weise Werkleute und kluge Redner und Hauptleute über fünfzig, wie auch die ehrlichen Leute (3,3).‘
GEJ|7|175|6|0|Ich setze hier geflissentlich die Hauptleute und die ehrlichen Leute zuletzt, statt gleich anfangs des dritten Verses, und habe schon Meinen Grund dazu. Und nun vernehmet die Beleuchtung!
GEJ|7|175|7|0|Wer sind denn die Starken und die Kriegsleute? Das sind solche, wie dereinst war der David voll Glauben und Vertrauen auf Mich, und die Kriegsleute sind solche Menschen, die sich von dem Glauben und Vertrauen des Einen voll begeistern lassen, auf daß sie allzeit siegen über alle noch so vielen Feinde des Guten und Wahren aus Gott.
GEJ|7|175|8|0|Wenn aber bei den Menschen der volle Mangel des lebendigen Wassers aus den Himmeln eingetreten ist und alles Fleisch mit seinen Seelen sich in der dicksten Finsternis befindet, wer wird dann unter den Menschen ein rechter und gerechter Richter sein? Wer wird da haben die Gabe der Weissagung? Und so sie auch jemand noch für sich hätte, wer wird ihm glauben ohne inneren Verstand, daß es also ist?! Wer wird für die Geistesblinden und -tauben wahrsagen können? Und wen wird die finstere Menschheit wegen hervorragender Weisheit als einen wahren Ältesten erwählen und zu ihrem Hirten machen mögen? Daher erkennet nun diese Sache recht!
GEJ|7|175|9|0|Wem Brot und Wasser in ihrer geistigen Bedeutung weggenommen sind, dem ist dadurch alles genommen; denn wen Gott mit der geistigen Blindheit straft und züchtigt, der ist am meisten gestraft und gezüchtigt. Denn dem ist dadurch alles genommen, und er steht völlig rat- und hilflos da. Das ist aber dann auch schon das äußerste Mittel, mit dem der zu überhand genommen habenden Trägheit der Menschen und allen ihren vielen Lastern stets am allerwirksamsten begegnet werden kann.
GEJ|7|175|10|0|Daß aber die Menschen sich mit der Wegnahme des geistigen Brotes und Wassers wahrhaft im größten Elende befinden müssen, und was ihnen dadurch noch alles benommen ist, bezeugt der Prophet noch weiter im dritten Verse, wo er ausdrücklich sagt: Den Menschen werden genommen werden auch die Räte oder Ratgeber und weise Werkleute in allen Zweigen der menschlichen Bedürfnisse, also auch kluge Redner, die sonst mit ihrer Weisheit gar vieles Gute bewirkt haben.
GEJ|7|175|11|0|Das Übelste an der Sache aber ist die miterfolgte Wegnahme der, sage, fünfzig Hauptleute! Wer sind diese, und was hat die Zahl fünfzig hier zu tun? Das werden wir nun gleich ganz wohl einsehen.
GEJ|7|175|12|0|Wenn wir uns eine ganz große und vollkommen geordnete Gemeinde von Menschen vorstellen, so hat sie, so sie mit allem wohl versorgt sein will, in allem numerisch fünfzig Hauptzweige zu ihren Lebensbedürfnissen schon von alters her zu besorgen und zu bestellen. Was darüber ist, gehört schon der Hoffart an, und was darunter, das ist dann schon Schwäche, Mangel und Armseligkeit. Damit aber jeder einzelne Zweig der gezählten Bedürfnisse nutzwirkend versehen und gehandhabt wird, so muß er auch einen kundigen Hauptmann als Vorsteher und Leiter an der Spitze haben, der sich im Betriebe seines Werkes von Anfang bis zu Ende wohl auskennt; fehlt der und steht an seiner Stelle ein Unkundiger, so wird dieser Bedürfniszweig der ganzen Gemeinde bald schlechte oder auch gar keine Früchte mehr zu tragen anfangen.
GEJ|7|175|13|0|Wie wird aber eine große Gemeinde erst dann bestehen, wenn sie durch ihre Trägheit und Fahrlässigkeit endlich aller fünfzig Hauptleute bar wird? Ich sage es euch: Gerade also, wie die große Gemeinde der Juden nun besteht, in der nur gewisse Diebe und Räuber noch etwas besitzen und sich auf Kosten der Armen mästen und für ihre Bäuche sorgen, dafür aber Tausende in der tiefsten Armut hilflos verschmachten. Denn wo ist der weise Hauptmann, der für sie sorgete und ihnen Arbeit und Brot gäbe in einem oder dem andern Erwerbszweige? Sehet, dieser ist nicht da in gar manchen Zweigen, und somit ist auch alles andere nicht da! Es gibt zwar nun wohl auch noch gewisse Hauptleute, die den verschiedenen Zweigen vorstehen, aber nicht fürs Volk, sondern für sich, und sie sind darum nur Diebe und Räuber und keine rechten Hauptleute wie zu den Zeiten Meiner Richter.
GEJ|7|175|14|0|Ihr habt nun gesehen, wie das äußere und innere Wohl der Menschen einer großen Gemeinde von den Hauptleitern in den verschiedenen Bedürfniszweigen abhängt; aber von wem hängt denn in einem Lande, das von einem Fürsten oder Könige regiert wird, eine rechte Aufstellung der besprochenen Hauptleute in einer großen Menschengemeinde vor allem ab? Sehet, eben von einem weisen Könige!
GEJ|7|175|15|0|Was sagt aber unser Prophet da, was der Herr den trägen, gottvergessenen Gemeinden noch tun wird?
GEJ|7|175|16|0|Höret, seine Worte lauten ferner also: ,Ich, spricht der Herr, will ihnen Jünglinge zu Fürsten geben, und Kindische sollen über sie herrschen! (Jes.3,4) Und das Volk wird Schinderei treiben, ein Mensch wider den andern, ein jeglicher sogar wider seinen Nächsten, und der Junge wird sich stolz erheben über den Alten und ein loser, betrügerischer Mann über den Ehrlichen!‘ (Jes.3,5)
GEJ|7|175|17|0|Die Worte des Propheten sind hier für sich so klar und wahr, daß sie keiner weiteren Erklärung bedürfen; nur auf die großen und offenbar bösesten Folgen kann Ich euch aufmerksam machen, obschon sie auch leicht von selbst zu finden sind. Wenn bei einem solchen Wirrwarr in einem Lande einmal alle Lebensverhältnisse in die größte Unordnung geraten und durch die Not alle Menschen einer Gemeinde in die größte Unzufriedenheit gesetzt werden, dann gibt es denn auch eine schonungslose Empörung über die andere. Das Volk erwacht und steht auf und treibt Fürsten und die selbstsüchtigen Hauptleute in die Flucht oder erwürgt sie gar. Und da ist es, wo man sagt: ,Ein Volk zieht wider das andere.‘
GEJ|7|175|18|0|Denn der Mensch vermöge seiner trägen Beschaffenheit läßt sich so lange noch allen Druck gefallen, wie er in seiner Blindheit noch seinen Magen mit einer noch so mageren Kost füllen kann; wenn aber einmal auch diese aufhört und er nichts als den Hungertod vor seinen Augen hat, dann erwacht er sicher und wird zu einer hungerwütenden Hyäne. Und bis dahin muß es kommen, damit die Menschheit zum Erwachen kommt.“
GEJ|7|176|1|1|176. — Der Zusammenbruch der falschen Religionsgebäude, gedeutet aus Jesajas 3,6-27
GEJ|7|176|1|0|(Der Herr:) „Nun aber ist alles zerstört und niedergemacht. Wem nur irgendeine Schuld gegeben werden kann, daß er durch seine unbarmherzige Selbstsucht auch zum allgemeinen Völkerunglück beigetragen hat, der fällt als ein leider trauriges Opfer der allgemeinen Volksrache. Aber was dann? Die Menschen haben nun keinen, gar keinen, weder einen guten noch einen bösen, Führer mehr. Sie befinden sich in der vollendetsten Anarchie, in der am Ende ein jeder tun kann, was er will; ein anderer, Stärkerer, kann ihn aber auch strafen nach seiner Herzenslust.
GEJ|7|176|2|0|Da treten dann die Weiseren zusammen und sagen: ,So geht es nicht, und so kann es auch nicht bleiben! Wir Weiseren und Mächtigeren wollen uns einverstehen und das Volk dahin stimmen, daß es mit uns wähle ein weises Oberhaupt. Und es ist ein Großhaus, das zwei Brüder von mancher anerkannten Erfahrung innehabe! Was geschieht da und dann? Der Prophet soll es uns ganz getreulich sagen! Und was sagt da der Prophet?
GEJ|7|176|3|0|Höret! Er sagt: Dann wird einer seinen Bruder aus seines Bruders Hause ergreifen und sagen: ,Du hast Kleider (Kenntnisse und Erfahrungen), sei unser Fürst und hilf du diesem Umfalle!‘ (Jes.3,6) Er aber wird zu der Zeit sagen und schwören: ,Höret, ich bin kein Arzt, und es ist weder Brot (Glaubens-Gutes) noch Kleid (Glaubens-Wahres) in meinem Hause! Setzet mich darum nicht zum Fürsten im Volke!‘ (Jes.3,7). Denn Jerusalem ist reif und fällt dahin, und Juda (die späte Zeit) liegt ebenfalls da; denn ihre Zunge und ihr Tun ist wider den Herrn, indem sie den Augen Seiner Majestät (dem Lichte Seiner Weisheit) widerstreben (Jes.3,8). Es ist das vor aller Welt offen und kundig. Ihr Wesen hat kein Hehl; denn sie rühmen ihre Sünde wie zu Sodom und Gomorra und sind frech und verbergen sich sogar nicht. Wehe ihrer Seele; denn damit bringen sie sich selbst in alles Unglück (Jes.3,9)!‘
GEJ|7|176|4|0|Aber der gewählte Fürst, der allenfalls auch Ich Selbst sein könnte, sagt weiter: ,Gehet und prediget zuvor den Gerechten, daß sie gut werden, und sie werden dann die Frucht ihrer Werke essen (Jes.3,10)! Wehe aber den Trägen und Gottlosen; denn sie sind allzeit böse, und es wird ihnen vergolten werden nach ihren Werken, und wie sie es verdient haben (Jes.3,11)! Höret, darum sind Kinder Fürsten Meines Volkes, und sogar Weiber herrschen über sie. Mein Volk, deine (falschen) Tröster verführen dich (siehe Rom!) und zerstören den Weg, den du gehen sollst (Jes.3,12)!
GEJ|7|176|5|0|Aber der Herr steht da, zu rechten, und ist (nun) aufgetreten, die Völker zu richten (Jes.3,13). Und der Herr kommt zu Gerichte mit den Ältesten Seines Volkes (die Schrift) und mit seinen Fürsten (die Erweckten in der jüngeren Zeit); denn ihr (Pharisäer und Römer) habt den Weinberg verderbt, und der Raub von den Armen ist in eurem Hause (Jes.3,14).
GEJ|7|176|6|0|Warum zertretet ihr Mein Volk, und warum zerschlaget ihr noch mehr die Person der Elenden? Also spricht (nun) voll des höchsten Ernstes der Herr (Jes.3,15).
GEJ|7|176|7|0|Und der Herr spricht weiter: Darum, daß die Töchter Zions stolz sind (die falschen Lehren der Hure Babels) und gehen mit aufgerichtetem Halse und mit geschminkten Angesichtern, treten (übermütig) stolz einher, schwänzen (gleich einem hungrigen Hunde) und tragen gar köstliche Schuhe an ihren Füßen (Jes.3,16), darum wird der Herr die Scheitel der Töchter Zions kahl machen (den Verstand nehmen), und Er wird darin noch ihr einziges und bestes Geschmeide wegnehmen (Jes.3,17).
GEJ|7|176|8|0|Zu jener Zeit wird der Herr ihnen auch wegnehmen den Schmuck an den köstlichen Schuhen (die Blindgläubigen), und die Hefte (treuen Anhänger) und die Spangen (die verschiedenen Orden) (Jes.3,18), die Ketten, Armspangen und die Hauben (als das abergläubische Zunftwesen) (Jes.3,19), die Flitter, die Gebräme, all die Goldschnürlein, Bisamäpfel, die Ohrenspangen (Jes.3,20), die Ringe und Haarbänder (Jes.3,21), die Feierkleider, die Mäntel, die Schleier und die (großen) Beutel (Jes.3,22), die Spiegel, die Koller, die Borten und die Kittel (alles die glänzende Zeremonie der Hure Babels) (Jes.3,23). Da wird dann Gestank für den guten Geruch werden, ein loses Band für den guten Gürtel, eine Glatze für ein krauses Haar (Schlangenklugheit der Hure Babels), und für einen weiten Mantel wird ihr werden ein enger Sack; und solches alles wird ihr werden an der Stelle ihrer vermeinten Schöne (Jes.3,24).
GEJ|7|176|9|0|Dein Pöbel wird durch das Schwert fallen, und deine Krieger im Streite (Jes.3,25). Und ihre Tore werden trauern und klagen (weil niemand mehr durch sie wird gehen wollen), und sie wird jämmerlich sitzen auf der Erde (Jes.3,26). Es werden aber in jener Zeit die Kriege die Männer so rar machen, daß dann sieben Weiber einen Mann ergreifen werden (oder aus den sieben Sakramenten wird nur eins werden) und sprechen werden: Wir wollen uns selbst nähren und kleiden, laß uns aber nur nach deinem Namen heißen, auf daß unsere Schmach von uns genommen werde (Jes. 3,27)!‘
GEJ|7|176|10|0|Und sehet nun, meine Freunde: Was der Prophet da gesagt hat, das wird so gewiß in Erfüllung gehen, als wie gewiß und wahr Ich euch das nun Selbst erläutert habe. Denn die Menschen können für eine größere Länge der Zeit die Wahrheit nicht ertragen, werden müde und versinken allzeit wieder in ihre alte, Gericht und Tod bringende Trägheit, und es läßt sich dann wahrlich nichts anderes tun, als durch die äußersten Mittel die Menschen wieder zu erwecken und sie wieder in die alte Tätigkeit auf den Wegen und Steigen des Lichtes und Lebens zu versetzen.
GEJ|7|176|11|0|Darum sage Ich es euch nun noch einmal: Warnet die Menschen vor allem vor der geistigen Trägheit; denn mit ihr treten dann alle die Übel ein, von denen der Prophet geredet hat, und Ich muß sie leider zulassen! Denket darüber nach, und wir werden in der Herberge noch ein Wörtlein darüber sprechen! – Doch nun wollen wir uns aber auch sogleich dahin begeben; denn wir werden in dieser Nacht noch manches zu tun bekommen!“
GEJ|7|177|1|1|177. — Die Rangsucht. Hochmut und Demut
GEJ|7|177|1|0|Wir kamen nun in die große Herberge des Nikodemus, allwo schon ein wohlbereitetes Abendmahl unser harrte. Da sich aber unter Meinen Jüngern nun schon eine ziemliche Anzahl von Templern befand, die aber noch so geheim bei sich auf ihre alte Tempelvorrangordnung hielten, so entspann sich unter ihnen ein kleiner Streit dahin, wer am großen Tische mehr obenan oder mehr untenan Platz nehmen solle. Demzufolge besetzten denn auch sogleich unser Schriftgelehrter und die zwei an diesem Nachmittage bekehrten Pharisäer gewohntermaßen sogleich die ersten Plätze und achteten dabei nicht darauf, daß erstens Ich Selbst noch keinen Platz genommen hatte, also auch die Römer, die drei Magier aus Indien und auch die Oberägypter nicht, was dem Nikodemus wie auch dem Lazarus sichtlich nicht sonderlich wohlgefiel.
GEJ|7|177|2|0|Da ging Ich zu ihnen hin und sagte: „Höret, in Meinem Reiche aber gibt es gar keine Rangordnung, sondern daselbst heißt es wahrlich nur: Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst ganz bescheiden erniedrigt, der soll erhöht werden!
GEJ|7|177|3|0|Wenn du zu Gaste geladen bist und kommst zum Gastmahlstische, so setze dich nicht sogleich obenan an den Platz, den der Gastgeber vielleicht für einen noch Vornehmeren bestimmt hat! So dieser dann käme und der Gastgeber zu dir sagte: Freund, setze du dich weiter unten an, weil ich diese Plätze für noch Vornehmere bestimmt habe!, würde dir das dann nicht sehr unangenehm sein, so dich der Gastgeber vor der ganzen Gesellschaft notgedrungen hätte beschämen müssen? (Luk.14,7-9)
GEJ|7|177|4|0|Wenn du aber als ein geladener Gast kommst und dich bescheiden untenan setzest, der Gastgeber aber kommt und zu dir sagt: ,Freund, rücke herauf auf den ersten Platz; denn die Plätze da unten sind bestimmt für die gemeineren Gäste!‘, so wirst du darob sicher eine rechte Freude haben. Und es soll unter euch auch das ein Hauptlehr- und Lebensgrundsatz bleiben: Wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, der soll erhöht werden! (Luk.14,10.11)
GEJ|7|177|5|0|Also wird es auch sein in Meinem Reiche dereinst. Wer da wird sein der Kleinste und Geringste, der wird auch sein der Größte. Denn im Himmel ist alles gegen diese Weltordnung verkehrt; was vor den Augen der Welt groß und glanzvoll ist, das ist im Himmel ganz klein und gering und ohne allen Glanz und Prunk.
GEJ|7|177|6|0|Diese Lehre soll aufgezeichnet werden, und wo Mein Evangelium gepredigt wird, da muß auch dieses getreu allen Menschen gepredigt werden!
GEJ|7|177|7|0|Ich bin doch der Herr Selbst, und seht, Ich bin von ganzem Herzen sanftmütig und demütig! Seid ihr alle dasselbe, so wird es sich dadurch vor allem weisen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!“
GEJ|7|177|8|0|Hierauf erhoben sich die etlichen Pharisäer, sichtlich etwas unangenehm berührt, von ihren Plätzen und wollten sich sogleich ganz untenan setzen.
GEJ|7|177|9|0|Da aber sagte Ich: „Wo ihr nun sitzet, da bleibet! Denn es ist nun unter uns ganz gleich, wo jemand sitzt; denn nun hängt der Rang des Platzes von der Person ab, die ihn einnimmt. Bin Ich der Herr, so bin Ich es auf jedem Sitze, den Ich einnehme, und einem andern wird dieser oder jener Sitz niemals eine Herrlichkeit verleihen.
GEJ|7|177|10|0|Was nützete es dir wohl, so du zum Beispiel nun nach Rom gingest und setztest dich auf des Kaisers Thron, und er ließe sich den Scherz gefallen und setzte sich daneben auf eine gemeine hölzerne Bank? Du wirst darum dennoch nie ein Kaiser sein, und er wird auch auf der Holzbank der mächtige Kaiser bleiben. Daher hängt der Rang des Platzes nicht von ihm selber ab, sondern allzeit nur von dem, der ihn einnimmt; und so bleibet nun nur auf euren ersten Plätzen!
GEJ|7|177|11|0|Darauf ging Ich und setzte Mich mit Meinen Jüngern und mit Raphael, Lazarus und Nikodemus ganz unten an, und Agrikola sagte: „O Herr und Meister, nun sehe ich es nur zu gut ein, wo für jeden Menschen der eigentliche erste Platz ist! In der wahren Demutstiefe ist der erste Rangplatz einem jeden wahren Menschen verborgen! Auch wir Römer haben da ein altes gutes Sprichwort – es lautet also: Laus propria sordet (Eigenlob stinkt) –, und ich fand es nun aus Deinem Worte, daß es also ist, und bin nun recht froh, daß wir Römer ohne Offenbarung denn doch durch Denken und Prüfen dahintergekommen sind, was nun im Lichte Deiner Weisheit sich wahrlich um vieles besser ausnimmt als so manche neuen Institutionen des Tempels bei euch, den der weiseste aller Könige der Erde erbaut hat!“
GEJ|7|177|12|0|Sagte Ich: „Siehe, darum aber wird auch das Licht den Juden genommen und euch Heiden überantwortet werden, wie solches geschrieben steht in den Propheten!“
GEJ|7|177|13|0|Sagte der eine Pharisäer: „Was wird denn dann mit den Juden geschehen?“
GEJ|7|177|14|0|Sagte Ich: „Das habe Ich euch schon gezeigt und hinreichend beschrieben, und aus den nächtlichen Zeichen habt ihr es lesen können! Denn ihr seid nun ums Tausendfache mehr Heiden geworden, als da nun irgendwo auf der Erde welche bestehen. Darum werden die Juden wie Spreu durch den Sturm zerstreut werden unter alle Völker der Erde und werden nimmerdar ein Land und einen König zu eigen besitzen.“
GEJ|7|177|15|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Aber es hat der Herr dem David doch einen ewigen Thron verheißen!“
GEJ|7|177|16|0|Sagte Ich: „O ja, das wohl, und es wird auch also sein, aber nicht materiell, wie allenfalls ihr das meinet, sondern geistig.
GEJ|7|177|17|0|Ein jeder wird nach Meinem Worte in sich werden ein David in Meinem Reiche für ewig, – aber auf dieser Welt, sage Ich euch, seid fortan jeder weltlichen Obrigkeit, ob sie gut oder böse ist, untertan; denn die Macht, die sie hat, ist ihr von oben gegeben!
GEJ|7|177|18|0|Niemand von euch aber bestrebe sich, je ein Herrscher zu werden auf Erden; denn wer da so oder so über die Menschen herrschen soll, wird schon von oben dazu den Ruf bekommen, und es wird ihm in sein Herz gelegt werden, wie er seine Völker wird zu beherrschen haben. Stolze und hochmütige Menschen sollen von einem stolzesten und hochmütigsten Könige beherrscht werden, und gute und demütige werden auch solche Herrscher bekommen und unter ihrem Zepter glücklich und gut leben. Es wird in der Zukunft demnach ganz von den Menschen abhängen, wie ihre Herrscher sein werden. Das merket euch auch ganz besonders!
GEJ|7|177|19|0|Nun aber, da die Speisen schon aufgetragen sind, wollen wir essen und trinken und stärken unsere Glieder!“
GEJ|7|177|20|0|Darauf ward alles ruhig, und ein jeder aß und trank, was er vor sich hatte.
GEJ|7|178|1|1|178. — Der Herr schlichtet den Streit zwischen den Damaszenern und den Wirten von Emmaus
GEJ|7|178|1|0|Die Mahlzeit dauerte bei einer halben Stunde lang, und als wir uns alle hinreichend gesättigt und gestärkt hatten, entstand draußen auf der Straße wieder ein Tumult und ein großer Lärm, auf den bald mehrere Menschen zu uns in den großen Speisesaal kamen und mit Nikodemus reden wollten.
GEJ|7|178|2|0|Dieser erhob sich und fragte sie mit ernster Miene, was es denn gäbe, und was sie nun so spät am Abende wollten.
GEJ|7|178|3|0|Da trat ein Damaszener zu ihm und sagte: „Herr, wir haben es erst jetzt in die volle Erfahrung gebracht, daß du der Oberste dieses Ortes bist, und wir sind denn gekommen, um bei dir dahin eine gerechte Beschwerde vorzubringen, daß wir hier als reisende Handelsleute sehr übel aufgenommen worden sind! Wir wollen nach Recht und Billigkeit schon alles bezahlen, was wir verzehren, – aber gerade die ganze Haut lassen wir uns von diesen elenden und überhabsüchtigen Emmausern nicht abziehen! Es muß uns da Recht gesprochen werden, oder wir appellieren an den Kaiser, dessen treue Untertanen wir sind!“
GEJ|7|178|4|0|Sagte weiter Nikodemus: „Und worin besteht denn so ganz eigentlich das Unrecht, das euch hier im Orte zugefügt worden ist?“
GEJ|7|178|5|0|Sagte der Wortführer: „Streng gerechter Herr! Wir haben unsere Wagen und Lasttiere draußen auf einem großen, freien Platze aufgestellt und gingen dann teilweise in die verschiedenen Herbergen dieses Ortes, weil wir in dieser großen Herberge keine Unterkunft haben bekommen können. Wir haben uns nun mit einer sehr mageren Kost gestärkt und wollten alles, was wir verzehrt hatten, auch sogleich nach Recht und Billigkeit bezahlen, – allein diese Wirte haben uns eine Rechnung gemacht, die wir in Damaskus einem Gaste, obschon wir auch gerade nichts verschenken, auch dann nicht machen würden, so er ein ganzes Jahr bei uns zehren würde! Ah, das ist in dieser Welt ja doch noch nie dagewesen!“
GEJ|7|178|6|0|Sagte Nikodemus: „Was habt ihr denn gegessen und getrunken, und wieviel hat man dafür von euch verlangt?“
GEJ|7|178|7|0|Sagte der Wortführer: „Streng gerechter Herr! Wir bekamen jeglicher einen mäßigen Fisch, ein Stück gesäuerten Brotes und einen Becher ganz mittelmäßigen Weines, und nicht mehr und auch nicht weniger. Und dafür verlangten diese wahren Wucherer von jedem – sage – hundert Groschen, ein Geld, mit dem man sonst nach dem weiten Indien und von dort wieder zurück reisen kann! Ah, so was ist denn doch noch nie erhört worden! – Was sagst du, strenger und gerechter Herr, dazu?“
GEJ|7|178|8|0|Sagte Nikodemus: „Habt ihr den Wirten das von ihnen verlangte Geld etwa auch schon hingegeben?“
GEJ|7|178|9|0|Sagte der Wortführer: „Streng gerechter Herr! Da müßten wir große Narren gewesen sein! Aus dem Grunde, weil wir ihnen das verlangte Geld wohlweise vorenthielten, ist ja eben dieser Tumult auf der offenen Straße entstanden! Sie wollen uns nun gleich Straßenräubern unsere Waren wegnehmen, und wir suchen eben aus diesem Grunde gegen eine solche rohe Gewalt gerechten Schutz bei dir; wird uns der nicht, so sollen diese elenden Emmauser die Damaszener kennenlernen!“
GEJ|7|178|10|0|Sagte Nikodemus: „Nun, ihr habt eure Sache hier vorgebracht, und es wird euch auch, wenn sich alles genau also verhält, wie ihr es mir angezeigt habt, Recht und volle Gerechtigkeit werden; bevor ich aber euch die volle Gerechtigkeit kann angedeihen lassen, muß ich auch eure Gegner anhören, was diese etwa gegen eure Beschwerde bei mir vorbringen können! Das müßt ihr euch schon gefallen lassen!“
GEJ|7|178|11|0|Sagte der Wortführer: „Uns ist das schon ganz recht; sie sollen nur vortreten!“
GEJ|7|178|12|0|Sagte Nikodemus: „So jemand von den höchst unbilligen Wirten und Herbergehaltern da ist, der trete vor und rede!“
GEJ|7|178|13|0|Es befanden sich drei solche Wirte unter den fremden Klägern, traten vor und sagten: „Wir leugnen es nicht, daß wir die von ihnen angegebene Summe fürs Abendmahl von ihnen wirklich verlangt haben, was wahrlich vielzuviel ist; aber wir waren auch schon zu öfteren Malen in Damaskus, wo wir unsere Sachen auf den Markt brachten. Wir hielten uns allzeit nur drei Tage auf und sind in den Herbergen auch ebenso haarsträubend teuer gehalten worden. Wenn wir sie nun ums Zehnfache teurer halten, als wie da bei uns andere Reisende gehalten werden, so nehmen wir von ihnen nur das zurück, was sie schon seit lange her von uns zuviel genommen haben. Und so wir nun das tun, da meinen wir, daß wir nach dem Gesetze Mosis, wo es heißt ,Auge um Auge, und Zahn um Zahn!‘ da kein Unrecht begehen!“
GEJ|7|178|14|0|Sagte nun Nikodemus: „Ja, da wird es dann schwer, einer wie der andern Partei ein volles Recht zuzuerkennen! Denn ihr Damaszener habt lieblos gehandelt an den Emmausern, und diese handeln nun unrecht an euch! Es ist darum leichtbegreiflich schwer, ein rechtes Urteil zu sprechen. Vergleichet euch, und entschädiget euch gegenseitig, und euer Streit hat vor Gott und vor den gerecht denkenden und wollenden Menschen ein Ende!“
GEJ|7|178|15|0|Sagte der Damaszenische Wortführer: „Streng gerechter Herr, wir kennen nur ein Recht, und das heißt bei uns Billigkeit! Es ist schon wahr, daß an den öffentlichen Markttagen in unserer großen Stadt die Handelsleute etwas teurer gehalten werden als jene, die ihnen ihre Waren abkaufen; aber das ist auch wahr, daß diese Emmauser von uns nun geradesoviel verlangt haben, als was sie bei uns allenfalls in zehn Jahren zuviel bezahlt haben, wofür wir aber ganz und gar nicht können, da wir keine Herberge halten, sondern bloß ganz einfache Handelsleute sind, die mit dem in aller Welt Handel treiben, was die Kunst ihrer Hände geschaffen hat. Wollen sich die Emmauser Wucherer an uns Damaszenern entschädigen, so sollen sie hingehen und sich dort an den Herbergshaltern entschädigen, aber nicht an uns, die wir sie niemals bei den Artikeln, die sie von uns gekauft haben, überhalten (übervorteilt) haben!“
GEJ|7|178|16|0|Sagten darauf die Emmauser: „Das werden wir wohl nicht tun; denn wir haben geschworen, das überteure Damaskus nie wieder zu besuchen! Diese sollen uns nur bezahlen, was wir verlangen, und sollen sich dann daheim bei ihren teuren Herbergshaltern an unserer Statt schadlos halten!“
GEJ|7|178|17|0|Nun trat Nikodemus zu Mir und fragte Mich, was er da tun solle.
GEJ|7|178|18|0|Sagte Ich: „Die Damaszener haben recht, und die Emmauser sind höchst unbillige Wucherer! Sie sollen verlangen, was Recht ist, und nach dem soll ihnen ein jeder der Handelsleute für sich nur zwei Groschen bezahlen und nicht einen Stater mehr! So die Emmauser in Damaskus überhalten (übervorteilt) worden sind, so waren sie offenbar selbst schuld daran; denn sie wollten sich dort als reiche Menschen zeigen und schwelgten und praßten oft übermütig, und es war von den Damaszenern schon ganz recht, daß sie sich dafür auch ganz ordentlich zahlen ließen. Wenn aber diesen Emmausern die Rechnung in Damaskus zu hoch dünkte, so hätten sie sich ja damals bei den dortigen Richtern beschweren können! War ihnen aber infolge ihrer hochmütigen Großtuerei damals die Rechnung recht, so muß sie auch jetzt recht sein! Wollen sie aber diesen Damaszenern nun eigenmächtig Gewalt antun, so wird auch ihnen Gewalt angetan werden! Sie können nun eins oder das andere wählen und tun, wie sie wollen; wir werden aber dann auch tun, was wir wollen werden!“
GEJ|7|178|19|0|Diese Meine Worte vernahmen die Damaszener recht gut, aber auch die drei Emmauser.
GEJ|7|178|20|0|Die Damaszener aber traten zu Mir, und der Wortführer sagte: „Höre, du uns gänzlich unbekannter Freund! Du hast da gesprochen die allerreinste Wahrheit; also war es auch! Diese Menschen haben, weil sie in der großen Nähe der großen Stadt Jerusalem wohnen und hausen, uns Damaszener nahe schon für gar nichts gegen sie angesehen und zeigten uns durch ihr übermütiges Schwelgen, wie reich und geldmächtig sie gegen uns seien; sie bekamen von unseren Wirten denn auch, was sie verlangten, und es war ihnen damals nichts zu teuer. Jetzt erst muß ihnen die Reue über ihre bei uns verübte Schwelgerei gekommen sein, und sie wollten sich nun an uns gänzlich Unschuldigen entschädigen, wie die Tatsache hier das nur zu klar beweist. Aber du, edelster und wahrhaftigster Freund, hast nun ein völlig rechtes Urteil gefällt, und wir fügen hier nur diese Bitte bei, daß es auch tatsächlich ausgeführt werden möchte!“
GEJ|7|178|21|0|Hierauf traten ganz keck die drei Wirte vor und sagten: „Gegen die Ausführung dieses Urteils werden wir uns zu schützen wissen! Wer bist du denn, daß du es wagst, gegen uns aufzutreten und die betrügerischen Damaszener in Schutz zu nehmen?“
GEJ|7|178|22|0|Sagte Ich: „Hier, da an Meiner Rechten, sitzen die machthabenden Römer, die um Meinetwillen sogar von Rom hierhergekommen sind! Diese werden es euch schon sagen, so ihr euch nicht Meinem Urteile werdet fügen wollen, wer Ich so ganz eigentlich bin! Dann aber auch wehe euch, ihr wucherischen Seelen! Was Ich gesagt habe, bei dem wird es auch verbleiben! Tut ihr nun, was ihr wollet!“
GEJ|7|178|23|0|Auf diese Meine Worte entfernten sich die drei Wirte schnell und faßten den Sinn, mit ihren Knechten, Gefährten und Helfershelfern die Karawane, die sich draußen im Freien befand, anzugreifen und sich zahlhaft zu machen. Ich gab solches auch Nikodemus und Agrikola zu verstehen.
GEJ|7|178|24|0|Agrikola, der nun die harten Emmauser durchaus nicht mehr leiden konnte, fragte gleich den Nikodemus, ob römisches Militär sich im Orte befinde.
GEJ|7|178|25|0|Und Nikodemus antwortete: „Mächtiger Freund, es liegen hier für beständig bei hundert Mann römische Soldaten!“
GEJ|7|178|26|0|Sagte Agrikola: „Bescheide mir den Kommandanten hierher!“
GEJ|7|178|27|0|Sagte Ich: „Freund, wenn eine Gefahr im Verzug ist und in der sicheren Aussicht steht, so kommt da deine wohlgemeinte Anordnung schon um ein bedeutendes zu spät! Ich habe darum durch Meinen Raphael schon alles besorgt, und die römischen Soldaten leisten bereits schon, was ihnen anbefohlen wurde. Sie werden die halsstarrigen Wirte bald hierher bringen; denn als diese mit ihren Helfershelfern sich den Wagen und Lasttieren nahten, wurden sie von den daselbst schon aufgestellten Soldaten umringt und gefangengenommen. Sie werden nun auch alsbald hierher vor diese Herberge gebracht werden, und der Kommandant wird hereintreten und Nikodemus ums Urteil befragen.“
GEJ|7|178|28|0|Agrikola war das natürlich vollkommen recht, und Nikodemus fragte Mich, was für ein Urteil er da fällen solle.
GEJ|7|178|29|0|Sagte Ich: „Hast du doch ehedem vernommen, was Ich zu diesen hier noch anwesenden Damaszenern gesagt habe! Wollen sich die Wirte aber damit durchaus nicht zufriedenstellen, so nimm du den von Mir ausgesprochenen Betrag von den Damaszenern in Empfang, und verteile ihn bei einer rechten Gelegenheit unter die Armen! Die bösen Wirte aber sollen dafür volle drei Tage hindurch im Kerker verweilen und dann bei ihrer Freilassung ernstlich ermahnt und bedroht werden; das wird genügen, sie für künftige Fälle nüchtern und billig zu stimmen.“
GEJ|7|178|30|0|Als Ich Nikodemus solchen Rat erteilt hatte, da trat auch schon der römische Kommandant zu uns in den Speisesaal, trug Nikodemus vor, was es gäbe, und verlangte von ihm das Urteil.
GEJ|7|178|31|0|Und Nikodemus sagte dem Kommandanten, was Ich ihm zuvor gesagt hatte.
GEJ|7|178|32|0|Dieser hinterbrachte das sogleich den Wirten, die aber das Urteil unter allerlei Vorwänden nicht annehmen wollten. Da aber machte der Kommandant mit ihnen gleich vollen Ernst und warf sie in einen Kerker, und die Damaszener legten, als sie das vernahmen, sogleich die von Mir ausgesprochene Zahlung für das Abendmahl für die gesamte Karawane in die Hände des Nikodemus und dankten Mir über Hals und Kopf für das von Mir ausgesprochene Urteil.
GEJ|7|179|1|1|179. — Ein kleines Evangelium an die Damaszener
GEJ|7|179|1|0|Der Wortführer aber befragte Mich noch eigens, womit er Mich dafür belohnen könnte, daß Ich zu ihren gerechten Gunsten ein so wirksames Urteil ausgesprochen habe; denn sie hielten Mich nun für einen wahren Richter dieses Ortes.
GEJ|7|179|2|0|Ich aber sagte zu dem Wortführer: „Ich nehme von niemand für Meine Lehre und für Mein Urteil je irgendeinen Lohn! Aber Ich sage euch nun, abgesehen des Rechtes in eurer Sache, das euch hier zuteil geworden ist, daß auch ihr fürderhin billig und gerecht seid gegen jedermann, mit dem ihr irgendwo verkehret; denn die Unbilligkeit und Ungerechtigkeit unter den Menschen auf der Erde ist das größte Übel, das auf der Welt die Brüder und Schwestern entzweit und Feindschaften stiftet. Wo aber diese einmal bestehen, da gibt es kein Heil mehr unter den Menschen, sondern Neid, Haß, Raub, Totschlägerei, Mord und Krieg.
GEJ|7|179|3|0|Es werden aber in jüngster Zeit Meine Jünger zu euch kommen; die nehmet ihr auf, und was sie euch lehren werden, das nehmet an und tut danach! Was ihr ihnen tun werdet, das werde Ich also ansehen, als hättet ihr es Mir getan. Dies ist der Lohn, den Ich für Mein gerechtes Urteil von euch verlange! – Habt ihr Mich wohl verstanden?“
GEJ|7|179|4|0|Sagte der Wortführer: „Jawohl, jawohl, du gerechtester Richter, wir haben dich verstanden; denn wir als alte Handelsleute und Fabrikanten verkehren mit unseren guten Erzeugnissen ja beinahe mit allen Völkern der bekannten Erde und verstehen daher auch alle Zungen der Erde, obschon wir hier vor allem nur den Sinn deiner Worte im Auge behalten. Wenn aber deine Jünger uns in Damaskus besuchen werden, so fragen wir dich hier nur um das Kennzeichen, damit wir nicht etwa falsche anstatt der rechten aufnehmen!“
GEJ|7|179|5|0|Sagte Ich, auf alle nun Meine Jünger hindeutend: „Dahier sitzen sie, sehet sie euch an! Der eine oder andere wird zu euch kommen und wird euch verkünden die Lehre des Heils für eure Seelen. Es wird aber nach etlichen Jahren von Mir ein Apostel in eurer Stadt für die Heiden erweckt werden, der wird euch zeigen die volle Wahrheit. Aber zuvor wird er ein Feind sein Meines Lichtes, dann nach der Erweckung aber der größte Eiferer für dasselbe. Aber vor ihm werden noch mehrere andere, die er verfolgen wird, zu euch kommen; diese nehmet wohl auf, und euer Lohn wird darum nicht klein genannt werden können!
GEJ|7|179|6|0|Denn wer einen Propheten gläubig aufnimmt in Meinem Namen, der wird auch eines Propheten Lohn ernten. Meine Jünger und Apostel aber werden sein wahre Propheten, und somit Knechte Gottes des Herrn, von dem auch Ich gesandt bin in diese Welt zum Heile aller Menschen, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben und handeln werden. – Habt ihr nun auch das verstanden?“
GEJ|7|179|7|0|Sagte der Wortführer: „Jawohl, jawohl, du weiser und überaus gerechter Richter! Aber wie wir aus diesen deinen Worten so nebenbei noch gar überaus wohl gemerkt haben, so bist du nicht nur ein überaus weise gerechter Richter, sondern auch ein wahrer Prophet der Juden, – und da müssen wir dich schon von ganzem Herzen bedauern; denn die Juden, wie sie nun sind, sind durch ihre unersättliche Habgier die größten Feinde der alten und noch mehr der neuen Propheten geworden. Die Hirten (Pharisäer), Ältesten (Priester) und Schriftkenner sollen nach den Satzungen Mosis nichts besitzen, sondern nur von den Zehnten und mäßigen Opfern leben; aber diese Pharisäer, Ältesten und Schriftkenner wollen nun schon gleich das ganze Land ihr Eigentum nennen und es als solches auch behaupten und benutzen, und alles Volk soll nur für sie arbeiten und dabei zur immer größeren Ehre Gottes nichts haben und Hunger und Durst leiden bis zum Verzweifeln.
GEJ|7|179|8|0|Ah, wir Damaszener waren und sind zum Teil noch ganz gute und echte Juden; aber von Jerusalem darf uns kein Sendling kommen, um uns für diese schlechte und allerbetrügerischste Stadt zu stimmen! Wer das tun würde, der dürfte wohl nicht zu uns kommen; denn kommt ein solcher, so wird er alsbald zur Stadt hinausgewiesen, wo er dann das Weite suchen kann. Aber wenn Propheten und Richter deiner Art zu uns kommen, diese nehmen wir allzeit gerne an und auf, wenn wir auch zum größten Teil Griechen, Altsyrier und Babylonier sind; denn von den wahren Propheten kann jeder Mensch etwas Wahres und somit auch Gutes vernehmen. Und so werden von uns auch alle gut aufgenommen werden, die du uns als deine wahren Jünger zusenden wirst!“
GEJ|7|179|9|0|Sagte Ich: „Da ihr nun noch Weile habt, so bleibet auch noch hier, und ihr sollet noch so manches vernehmen und sehen! Hier ist noch Brot und sind Fische und auch Wein. Setzet euch, und esset und trinket; denn in dieser Herberge wird man euch dafür sicher keine hundert Groschen anrechnen!“
GEJ|7|179|10|0|Da nahmen die etlichen Kaufleute Platz und fingen an, recht wacker zu essen und zu trinken, und lobten sehr die Güte des Weines, des Brotes und der wohl zubereiteten Fische.
GEJ|7|180|1|1|180. — Der Herr erweckt eine verstorbene Witwe
GEJ|7|180|1|0|Als sie aber noch aßen und tranken, da kamen eine Menge Weiber und Kinder klagend und weinend in den Saal und baten den Nikodemus, daß er ihnen ihre Männer und Knechte, die ehedem von den römischen Soldaten eingesperrt worden waren, freigeben möchte.
GEJ|7|180|2|0|Aber Nikodemus sagte: „Eure Männer und Knechte werden in drei Tagen schon freigelassen werden, aber auch nicht einen Augenblick früher! Es ward ihnen zur Nachgiebigkeit geraten; da sie solche aber nicht annehmen wollten, so sollen sie nun ihren Starrsinn auch büßen!“
GEJ|7|180|3|0|Hier trat eine Tochter vor und sagte: „Herr, meine Mutter liegt daheim sterbenskrank! Sie ist eine Witwe und hat nur einen sonst recht treuen Knecht, der unser Haus ganz wohl besorgte. Dieser unser Knecht kam ehedem, als der Tumult auf der Straße entstand, nur ganz zufällig dazu, daß er als ein Emmauser zugunsten unserer Wirte einige Worte redete. Weil er aber das getan hat, so wurde er auch von den Soldaten ergriffen, gebunden und ins Gefängnis geführt. Ich bitte euch, ihr lieben Richter und Herren, nun um meiner sterbenskranken Mutter willen, daß ihr unseren Knecht, der ganz unschuldig ins Gefängnis gekommen ist, wieder freigeben möchtet!“
GEJ|7|180|4|0|Sagte hier Nikodemus: „Daß euer Knecht wohl weniger Schuld am Tumulte hat als die Wirte und ihre eigenen Knechte, das bezweifle ich gar nicht; aber er war denn doch so ein Helfershelfer dabei, und es geschah ihm darum kein Unrecht, daß er mit den andern in das Gefängnis kam. Aber wenn es sich mit deiner Mutter, die ich wohl kenne, also verhält, daß sie sterbenskrank ist, so werde ich hier unseren Hauptrichter fragen, ob Er es zugibt, daß euer Knecht freigelassen wird. Gedulde dich darum ein wenig!“
GEJ|7|180|5|0|Hierauf wandte sich Nikodemus natürlichermaßen an Mich und fragte Mich des Knechtes wegen, was da zu tun sei.
GEJ|7|180|6|0|Ich aber sagte: „Besagter Knecht kann darum aus dem Gefängnisse nicht freigelassen werden, weil er sich gar nicht darin befindet; denn als er merkte, daß der Starrsinn die Wirte und ihre Knechte nach deiner Androhung ins Gefängnis bringen wird, da riß er gleich und noch rechtzeitig aus und verbarg sich draußen in derselben Hütte, in der wir heute morgen diese arme und kranke Familie angetroffen haben. Ich werde aber nun Raphael entsenden, und er wird ihn alsbald hierher bringen; dann erst wollen wir das Weitere verhandeln.“
GEJ|7|180|7|0|Ich gab Raphael einen Wink, und er begab sich schnell aus dem Saale und kam in wenigen Augenblicken mit dem Knechte wieder zu uns in den Saal. Als der Knecht sich im Saale befand, fing er an, alle darum um Vergebung zu bitten, daß auch er sich aus purer Neugierde am Tumult ein wenig beteiligt habe.
GEJ|7|180|8|0|Sagte Ich: „Sei darum in Zukunft klüger, und beteilige dich ja an keinem Tumulte mehr, sonst könnte es dir einmal übel ergehen! Jetzt aber gehe du mit dieser Tochter jener kranken Mutter, bei der du im Dienste stehst, nach Hause, und bringet die kranke Mutter hierher, und Ich werde sehen, ob ihr wohl noch zu helfen ist!“
GEJ|7|180|9|0|Da entfernten sich die beiden schnell, kamen aber gar bald weinend wieder, und der Knecht sagte: „O du guter Richter und sicher auch ebenso guter Arzt, die Mutter dieser Tochter und meine Dienstfrau ist gestorben! Als wir nach Hause kamen, lag sie schon völlig entseelt in ihrem Bette; der wird darum wohl nicht mehr zu helfen sein!“
GEJ|7|180|10|0|Sagte Ich: „So ihr glauben könntet, da könntet ihr auch sehen die große Herrlichkeit der Macht Gottes im Menschen!“
GEJ|7|180|11|0|Sagten beide: „O Herr, die Macht Gottes ist wohl groß und herrlich, aber gegen den Tod hat sie doch kein Kräutlein erschaffen! Es gibt wohl sicher gar wundersame Mittel, mit denen die schwersten Krankheiten geheilt werden können, – aber macht ein Mittel einen Toten je wieder lebendig?! Wir glauben wohl, daß die Seelen der Menschen nach des Leibes Tode für sich fortleben, daß aber der einmal tote Leib je wieder zum Leben erweckt wird, ist wohl schwer zu glauben! Man spricht von einem Jüngsten Tage, an dem etwa alle, die in den Gräbern schon lange vermodert sind, wieder auferstehen werden; aber uns scheint das nur so eine leere Trostlehre zu sein, damit sich die Menschen vor dem Tode nicht gar zu sehr fürchten möchten. Wir aber meinen, daß ein jeder, der einmal gestorben ist, in Ewigkeit nie wieder auferstehen wird.
GEJ|7|180|12|0|Was aber mit der Seele nach dem Tode des Leibes geschieht oder geschehen wird, das wird auch nur Gott allein wissen; denn zurück ist unseres Wissens wohl noch keine Seele gekommen, die gesagt hätte, wie es drüben in irgendeiner andern Welt aussieht. Wir danken dir, du bester Richter und Heiland, für deinen guten Willen, unsere Mutter gesund zu machen; aber da sie bereits gestorben ist, so ist ihr auch nicht mehr zu helfen, und es wäre wahrlich sehr ungeschickt von uns gewesen, so wir die Tote hierher gebracht hätten!“
GEJ|7|180|13|0|Sagte Ich: „Die Verstorbene könnte ja wohl auch nur scheintot sein, und in diesem Falle könnte sie wohl wieder ins Leben zurückgerufen werden!“
GEJ|7|180|14|0|Sagte die Tochter: „O du bester Heiland, die Mutter starb an der völligen Auszehrung, an der sie als unheilbar volle fünf Jahre litt! Wer aber an solch einer Krankheit stirbt, der ist kein Scheintoter, sondern ein völlig wirklich Toter! Darum lassen wir sie nun nur ruhen; denn diese könnte nur ein Gott wieder ins Leben zurückrufen, aber keines Menschen Kunst und Macht jemals!“
GEJ|7|180|15|0|Sagte Ich: „Du hast einesteils für deine Erkenntnis freilich wohl recht, und auch darum, weil du Mich nicht kennst; aber es hätte dir dabei doch etwas auffallen sollen, als Ich zuvor genauest anzugeben imstande war, wohin sich euer Knecht versteckt hatte, obschon Ich auch während des Tumultes diesen Meinen Platz nicht einen Augenblick lang verlassen habe. Wenn Ich aber das imstande war, da dürfte Ich etwa wohl noch manches andere zu bewirken imstande sein, so ihr daran glauben würdet und euch die Mühe nähmet und die Verstorbene hierher brächtet.“
GEJ|7|180|16|0|Sagten beide: „O bester Heiland, wenn es dir und allen andern hohen Gästen nicht unangenehm wäre, so wollten wir die Tote bald hierhergeschafft haben; aber ihr sitzet hier beim fröhlichen Mahle, und es wird sich eine Leiche dabei sicher nicht schicksam ausnehmen!“
GEJ|7|180|17|0|Sagte Ich: „Ob sich das schicken wird oder nicht, das wird schon die Erfahrung zeigen; gehet denn und schaffet die Verstorbene hierher!“
GEJ|7|180|18|0|Hierauf entfernten sich die beiden und brachten mit Hilfe von noch ein paar Dienstmägden die Verstorbene samt dem Bette, darin sie völlig tot lag, in den geräumigen Saal.
GEJ|7|180|19|0|Als die Tote da lag, da wurden alle Anwesenden ein wenig erschüttert und sahen bald Mich und bald wieder die Leiche an.
GEJ|7|180|20|0|Ich aber erhob Mich und sagte: „Wer unter euch ein Kundiger ist, der trete hin zur Leiche und untersuche, ob sie völlig tot ist!“
GEJ|7|180|21|0|Sagten die meisten: „O Herr und Meister, die braucht wohl niemand mehr zu untersuchen; denn der sieht man den vollen Tod schon von weitem an!“
GEJ|7|180|22|0|Sagte Ich: „Nun gut denn, so will Ich aber, daß sie lebe, aufstehe und völlig gesund sei und bleibe bis in ihr hohes Alter!“
GEJ|7|180|23|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da erhob sich das tot gewesene Weib eilends aus dem Bette, besah sich die Gäste und fragte darauf ihre teils erschrockene und teils wieder hoch erstaunte Tochter: „Wo bin ich denn, und was ist mit mir vorgegangen?“
GEJ|7|180|24|0|Sagte die Tochter: „Liebe Mutter, du warst todkrank und bist vor einer Stunde zu meinem größten Leidwesen auch gestorben! Und siehe, dieser wunderbare Heiland hat dich nun wieder erweckt und dir die volle Gesundheit und dazu noch ein langes Leben verheißen und sicher auch verschafft!“
GEJ|7|180|25|0|Sagte die Erweckte: „Ja, ja, ich lebe und fühle mich wahrlich ganz vollkommen wohl und gesund! Aber womit werden wir nun diesen wunderbaren Heiland gebührend zu belohnen imstande sein, da ich im Grunde nur eine arme Bürgerswitwe bin?“
GEJ|7|180|26|0|Sagte Ich: „So ihr von eurer Habe etwas mit einem Armen teilet, so ist das ebensoviel, als tätet ihr das Mir! Du aber warst eben noch dasjenige barmherzige Weib, das von seiner spärlichen Habe am meisten und am öftesten gerne den noch Dürftigeren und Ärmeren etwas mitteilte; weil du aber barmherzig warst gegen deine armen Nächsten, so hast du auch Barmherzigkeit bei Mir gefunden. Nun aber setze dich zum Tische und iß und trink, auf daß deine Glieder und Eingeweide gestärkt werden!“
GEJ|7|180|27|0|Da setzte sich das Weib mit der Tochter und mit ihren Dienstleuten zu einem Tische, und es wurden ihnen gegeben frisch bereitete Fische, Brot und Wein. Und sie alle aßen und tranken ganz wohlgemut und dankten sehr für die ihnen erwiesene Wohltat.
GEJ|7|180|28|0|Als sie sich aber also wohl gestärkt hatten, da erhoben sie sich alle vom Tische, Mich hoch lobend und Mir dankend. Die Dienstleute nahmen das Bett und trugen es nach Hause; das Weib und ihre Tochter aber blieben noch und lobten Mich und dankten Mir noch mehr.
GEJ|7|180|29|0|Ich aber sagte zur Tochter: „Was sagst du, Kleingläubige, denn jetzt? Kann man einen Toten erwecken oder nicht?“
GEJ|7|180|30|0|Sagte die über alle Maßen gerührte Tochter: „Dir, o Herr und Meister, ist so etwas sicher ganz allein nur möglich! Darum bist du aber auch sicher mehr als ein purer Menschenheiland! Dich werden alle Geschlechter loben und preisen bis ans Ende der Welt; denn solche Taten können den Menschen nicht verborgen bleiben.“
GEJ|7|180|31|0|Sagte Ich: „Da hast du wohl recht geurteilt, – doch vorderhand machet mich nicht zu ruchbar in eurer Gemeinde! Nun aber könnet ihr euch nach Hause begeben!“
GEJ|7|180|32|0|Hierauf dankten die beiden Mir noch einmal und entfernten sich dann, von Nikodemus und Joseph von Arimathia bis zu ihrem Hause begleitet, bei welcher Gelegenheit diese den beiden ihre reichliche Unterstützung versprachen und also auch ihr Versprechen treulichst erfüllten.
GEJ|7|180|33|0|Als die beiden zurückkamen, da sagte zu Mir Nikodemus: „Herr, wir haben dieser von Dir erweckten Witwe unsere volle Unterstützung zugesagt, und Ich meine, daß wir dadurch nicht gefehlt haben!“
GEJ|7|180|34|0|Sagte Ich: „Wann hat einer je gesündigt, so er ein rechtes Werk der Barmherzigkeit ausgeübt hat? Doch was ihr tuet, das tuet im stillen, und lasset euch darum nicht loben von der Welt; denn es genügt mehr als vollkommen, so Gott, vor dem nichts unbekannt und verborgen bleibt, das sieht und weiß, was da jemand Gutes tut im verborgenen. Wer sich aber des Guten wegen, das er getan hat, von der Welt loben und ehren läßt, der empfängt dadurch auch schon seinen Lohn für seine ausgeübten guten Werke und wird dafür dereinst in Meinem Reiche einen sicher höchst geringen Lohn finden. Darum aber soll sogar deine rechte Hand nicht erfahren, was deine linke getan hat. Dieses fasset auch in euer Herz und tut danach, so werdet ihr leben und euren Lohn finden in den Himmeln!“
GEJ|7|180|35|0|Hierauf sagten die beiden nichts mehr; denn sie merkten, daß es nicht nach Meinem Sinne war, daß sie Mir laut vor allen Anwesenden sagten, was Gutes zu tun sie sich vorgenommen hatten.
GEJ|7|180|36|0|Die Damasker Handelsleute aber waren bei dieser Gelegenheit ganz außer sich vor lauter Verwunderung geworden, und der Wortführer sagte in tiefster Ehrfurcht vor Mir: „Herr und Meister, Du bist wahrlich mehr als ein purer Mensch! Schicke daher nur ehest Deine Jünger zu uns und wir werden sie hören und ehren, und werden tun, was sie uns lehren werden in Deinem Namen. Wir danken Dir aber nun auch für alles, was wir hier empfangen und auch gesehen haben. Wir werden uns nun in unsere Herberge begeben und dort unseren noch sehr blinden Gefährten mitteilen, was wir nun in einer Stunde Zeit alles erlebt haben; und so empfehlen wir uns Deiner Gnade!“
GEJ|7|180|37|0|Hierauf verließen uns auch diese Kaufleute.
GEJ|7|181|1|1|181. — Die Rückkehr auf den Ölberg. Die Trägheit als größtes Übel
GEJ|7|181|1|0|Ich aber sagte zu Nikodemus: „Ich habe dir gestern am Ölberge das rechte Licht über die Noahische Sündflut hier zu geben versprochen, und das soll denn auch werden. Mein Raphael wird euch das tun, und Ich werde unterdessen ein wenig ruhen.“
GEJ|7|181|2|0|Hierauf trat Raphael vor und erklärte die Flut also, wie Ich sie (nota bene!) euch in Meiner Haushaltung erklärt habe. Und alle wurden voll Staunens darüber.
GEJ|7|181|3|0|Als Raphael mit der Erklärung über die Noahische Flut nach einer Stunde Zeit zu Ende kam, worüber – wie schon erwähnt – alle Anwesenden sich sehr wunderten, sagte Ich: „Höret, nun ist es nahe gegen die Mitte der Nacht gekommen und für uns die Zeit zum Aufbruch! Lasset uns daher von hier auf den Ölberg ziehen; denn nun ruhen die Augen unserer Feinde, und wir können uns ungesehen der Stadt nahen! Doch aber wollen wir nicht in einem Haufen gehen, sondern mehr zerstreut, und keiner rede etwas auf dem Wege; denn es hat der Tempel gegen die Nacht zu Kundschafter ausgesandt, teils um Meinetwillen, teils aber auch wegen der noch nicht zurückgekehrten zwei Pharisäer und zwei Leviten. Aber die Kundschafter haben nun eine große Furcht, daß ihnen in der Nacht etwas Übles begegnen könne. Darum werden sie niemanden anreden, so auch jemand in ihre Nähe käme, aber natürlich schweigend; würden aber zwei miteinander reden, so würden sie bald erkennen, ob jemand ein Jude aus Jerusalem oder ein Grieche, ein Galiläer oder ein Römer ist, und würden zu ihm treten und ihn fragen, woher er komme in der Mitternacht. Daher beachten wir auch diese kleine Vorsicht!“
GEJ|7|181|4|0|Sagte hier der Oberägypter: „Herr und Meister! So auch wir mit Dir gehen dürfen, da gewähre uns gnädigst, daß wir voranziehen, und die bösen Kundschafter werden vor uns fliehen wie ein verfolgter Hase vor den ihm nachjagenden Hunden; denn wir werden sie aufwittern, auf sie mit Hast losgehen, und sie werden fliehen, weil sie uns unserer dunkelbraunen Gesichtsfarbe wegen, die sich nun beim Mondlicht vollends schwarz ausnimmt, für ihre Teufel halten werden! Oder sollten sie uns etwas anhaben wollen, so mache ich mit ihnen das, was die beiden vornehmen Römer Agrippa und Laius von uns erzählt haben, das ihnen begegnet ist in unserem Lande. Wir bannen sie sieben Tage lang auf den Fleck, auf dem sie stehen, oder so lange, als es uns gebietet Dein heiliger Wille.“
GEJ|7|181|5|0|Sagte Ich: „Meine lieben Freunde, was ihr nun für Mich tun möchtet, das könnte Ich auch Selbst tun, so das gut und gerade nötig wäre, wie Ich solches auch schon getan habe und noch gar vieles andere, wo es gerade gut und nötig war; aber hier wäre es weder gut noch nötig, und so lassen wir das, und wir ziehen gerade also von hier, wie Ich das ehedem bestimmt habe! Da Mich aber auch die beiden Römer, die hier in Emmaus wohnen, auf den Ölberg geleiten, so möget auch ihr bei uns verweilen diese Nacht und den morgigen Tag, der – wie ihr wohl wisset – bei den Juden ein strenger Feiertag ist; denn Ich Selbst werde morgen wieder im Tempel lehren. Aber am Tage darauf könnet dann auch ihr wieder mit den Römern in eure Heimat ziehen!“
GEJ|7|181|6|0|Hier dankten die Oberägypter für diese Weisung und traten zurück.
GEJ|7|181|7|0|Ich aber erhob Mich und sagte: „Wer mit Mir ziehen will, der erhebe sich und gehe!“
GEJ|7|181|8|0|Alle erhoben sich bis auf das Weib und die Kinder des Nikodemus; diese wären wohl auch sehr gerne mitgezogen, aber es ward ihnen bedeutet, hier zu verbleiben. Ich trat voran, und alles folgte Mir.
GEJ|7|181|9|0|Am Platze fragte Mich noch Agrikola wegen der Jugend.
GEJ|7|181|10|0|Und Ich sagte: „Sei still und ruhig; die ist durch Meinen Diener bereits schon an Ort und Stelle, und du wirst sie alle auf dem Ölberge antreffen!“
GEJ|7|181|11|0|Von da ward bis auf den Ölberg rasch, aber ganz still fortgeschritten.
GEJ|7|181|12|0|In einer kleinen halben Stunde befanden wir uns schon in der Nähe von Jerusalem und stießen da auf einige Wächter. Diese aber ließen uns ganz unbeirrt weiterziehen; denn wir waren ihnen zu viele, und sie hielten uns für Römer und Griechen, mit denen sie durchaus in keinen Konflikt zu kommen wünschten, und das schlossen sie daraus, weil wir nach der Sitte der Römer und Griechen in Abteilungen ankamen und keinen Laut miteinander wechselten, was eben auch die Sitte der Römer war bei ihren Wachstreifungen. Bald erreichten wir das Tor der Gartenmauer und bald darauf auch die Herberge auf dem Ölberg und begaben uns auch sogleich in den großen Speisesaal, der ganz wohl erleuchtet unser harrte.
GEJ|7|181|13|0|Der Herbergswirt des Lazarus fragte Mich, ob er irgendwelche Speisen und Getränke aufsetzen lassen solle.
GEJ|7|181|14|0|Sagte Ich: „Um diese Zeit ist es dem Menschen nicht gut, so er eine Speise zu sich nimmt; denn auch die Eingeweide des Menschen müssen eine Ruhe haben. Aber für den Morgen sorge für ein Mahl!“
GEJ|7|181|15|0|Mit diesem Bescheide war der Wirt zufrieden, begab sich dann zu Lazarus und übergab ihm eine bedeutende Summe Geldes, das er an diesem Tage eingenommen hatte, und sagte ihm, daß das meiste davon die abgezogenen Sklavenhändler bezahlt hätten.
GEJ|7|181|16|0|Da sagte Lazarus: „Aber von diesen hättest du ja doch nichts annehmen sollen!“
GEJ|7|181|17|0|Sagte der Wirt: „Lieber Freund, das wollte ich auch nicht – denn ich wußte es ja, daß sie bei dir Freundschaftsgäste waren –; aber sie sagten: ,Wir haben hier des Lebens größte Schätze empfangen, die mit allem Golde der Welt nicht zu bezahlen sind. Wie könnten wir es zulassen, daß dabei auch noch wir und unsere Knechte hätten freigehalten werden sollen?! Da nimm nur getrost diese Kleinigkeit für deinen Herrn und für dich!‘
GEJ|7|181|18|0|Darauf legten sie diese sieben Säcke, mit lauter schweren Goldstücken gefüllt, auf den Tisch und entfernten sich sehr schnell. Ich konnte dann natürlich nichts anderes machen, als sie für dich behalten. Und hier die etlichen hundert Groschen habe ich von andern Gästen eingenommen; denn es kamen bald recht viele Gäste, zumeist Fremde, herauf und zehrten wacker und zahlten gut. Mehrere wollten hier übernachten; aber ich entschuldigte mich dadurch, daß ich ihnen treu erzählte, wie ich schon ohnehin etliche hundert Gäste erwarte, die den Tag über nur einen Ausflug nach Emmaus gemacht hätten und am Abende wieder zurückkommen würden. Nur einen alten, mühseligen Pilger habe ich behalten und ihm in meinem Zimmer ein Nachtlager bereitet.
GEJ|7|181|19|0|Unter andern war nachmittags auch jene Weibsperson hier, welche zuerst die hohen Römer hierher gebracht hatte. Sie aß und trank hier und erkundigte sich sehr angelegentlich nach dem Herrn und Meister. Diese zahlte dafür diese zehn Silberlinge. Aber ich traute der Person nicht, weil sie leicht eine Kundschafterin des Tempels hätte sein können, da sich derlei liederliche Personen für Geld nur zu bekannt zu allen Dingen verwenden lassen, und sagte ihr darum auch nicht, wohin der Herr und Meister von hier gezogen ist.
GEJ|7|181|20|0|Es war dieser Person sichtlich so höchst leid, hier nicht zu erfahren, wohin ihr Heiland gezogen sei, daß sie weinte und ich darauf mit mir selbst in einen Zweifel kam, ob ich ihr doch noch sagen solle, wo Er Sich befinde. Aber da kam mir plötzlich der gute Gedanke: ,Du bist entweder eine bestechliche und feile Person, oder du bist eine höchst langweilige Schwärmerin, – als was sie sich schon am ersten Abende hier gezeigt hat –, und der Herr und Meister kann dich weder in der einen, noch in der andern Form brauchen!‘, und ich sagte ihr deshalb auch nichts. Aber ich sagte zu ihr ganz wohlmeinend das: ,So du schon eine so große Sehnsucht nach dem Herrn und Meister hast, der dich geheilt hat, so lebe du nach Seinem Worte, und Er, dem auch unsere geheimsten Gedanken nicht unbekannt sind, wird es schon zur rechten Zeit zulassen, daß du mit Ihm zusammenkommen wirst!‘ Dieser meiner Mahnung pflichtete sie auch völlig bei und ging dann weiter. Und da hast du aber auch schon alles, was sich hier in deiner Abwesenheit von irgendeiner Bedeutung zugetragen hat. Und nun sage du mir, ob ich auch wohl in allem recht gehandelt habe!“
GEJ|7|181|21|0|Sagte Lazarus: „Freund, wie allzeit, so auch heute, und ich glaube auch, daß unser aller Freund und Herr und Meister mit dir ebenso zufrieden sein wird, wie ich es bin; und diese etlichen hundert Groschen und Silberlinge behalte du für deine Mühe!“
GEJ|7|181|22|0|Sagte der Wirt: „Freund, ich bekomme von dir ohnehin zu viel Lohn, um noch darüber etwas annehmen zu sollen; aber da ich weiß, daß jeglicher deiner Aussprüche so gut wie ein voller Schwur ist, so muß ich das Geld wohl schon annehmen! Aber für mich nehme ich es sicher nicht; denn ich werde dazu schon eine rechte Menge bedürftiger Abnehmer finden.“
GEJ|7|181|23|0|Hier trat Ich Selbst zu den beiden und sagte, nachdem Ich zuvor Meine Hände auf ihre Achseln gelegt hatte: „Also ist es recht, Meine lieben Freunde! Auch völlig nach Meinem Sinne hast du heute hier hausgehalten! Wahrlich sage Ich es euch: Du, Mein Jordan, bist samt dem Bruder Lazarus vor Mir mehr als hundert Länder voll Ungerechtigkeit und Eigenliebe!
GEJ|7|181|24|0|Wahrlich, so Ich hier nicht einige Männer, wie ihr es seid, und an ihrer Spitze eben euch gefunden hätte, Ich würde nicht an diesem Orte weilen! Wandelt also fort auf Meinen Wegen, und Ich bin dann, wie nun, nicht nur euer Herr und Meister, sondern euer wahrer und leibhaftiger Bruder, und was Mein ist von Ewigkeit, das wird auch euer sein immerdar!
GEJ|7|181|25|0|Oh, wären doch alle Menschen euch gleich, so stünde es ganz anders auf der Erde! Aber die Trägheit der Menschen ist das alte Garn des Satans, in das sie sich willigst fangen lassen zu ihrem ewigen Verderben. Und doch konnten die Menschen nicht vollkommener erschaffen werden, als sie erschaffen worden sind! Sie haben Vernunft, Verstand, den freiesten Willen und ein sie allzeit mahnendes gerechtes Gewissen und dazu auch überall und zu allen Zeiten von Mir erweckte, tätigste und den Engeln gleich weise Männer und Lehrer; aber ihre wollustvolle Trägheit zieht sie gleichfort von allem Rechten, Wahren und Guten ab, und so verfallen sie dem Reiche des Verderbens, und es kann ihnen da nichts helfen als ein Gericht über das andere und eine Strafe über die andere. Und selbst das hilft nur der unbedeutendsten Minderzahl.
GEJ|7|181|26|0|Wahrlich, die ganze Erde hätte nie einen Mißwachs und eine Mißernte, wenn die Menschen nur halbwegs euch glichen; aber so finden sich nun im ganzen Judenlande nicht tausend, die da ganz wären, wie sie sein sollen. Aber auch dieser tausend wegen will Ich das Land mit keiner gänzlichen Plage heimsuchen. Die Guten aber sollen allzeit insoweit von jeglicher Plage verschont werden, als sie selbst wahrhaftig gut sind; insoweit sie aber irgend mit der Welt mittun, sollen sie auch teilhaftig werden an der Plage der Welt.
GEJ|7|181|27|0|Glaubet es Mir, daß Ich wahrlich keine Freude daran habe, zuzulassen, daß auf der Erde die trägen Menschen mit tausenderlei Plagen gar oft heimgesucht werden! Aber es geht das schon einmal nicht anders; denn wenn ein Herr seine stets schläfrigen und der Trägheit sehr ergebenen Knechte nicht beinahe täglich zur nötigen Arbeit erweckte, so würde es mit seiner Ernte und mit seinem Gewinne übel und höchst mager aussehen. Nur des Herrn Eifer im rechtzeitigen Erwecken seiner vielen Knechte und Arbeiter bringt ihm und ihnen Nutzen. Die sich aber verstecken, um nur fortschlafen zu können und nicht arbeiten zu müssen, die müssen es dann denn auch sich selbst zuschreiben, wenn sie zugrunde gehen.
GEJ|7|181|28|0|Lasset daher alle, die euch zu Gebote stehen, in allem, was recht, wahr und gut ist, stets wach und tätig sein, so habt ihr für Meine Aussaat einen guten Samen gesät, der uns eine hundertfältige Frucht als Ernte bringen wird, und ihr werdet einen großen Teil an der Ernte für ewig haben!
GEJ|7|181|29|0|Aber da es nun schon spät in der Nacht geworden ist, so lasset uns bis zum Morgen eine nötige Leibesruhe nehmen; denn der morgige Tag, obwohl ein Sabbat, wird unsere Kräfte wieder sehr in Anspruch nehmen!“
GEJ|7|181|30|0|Damit waren alle Anwesenden völlig zufrieden und begaben sich auf ihre Ruhestellen. Ich aber blieb auf Meinem Lehnstuhl die ganze noch übrige Nacht hindurch ruhend sitzen.
GEJ|7|182|1|1|182. — Ein merkwürdiger Sonnenaufgang
GEJ|7|182|1|0|Am Morgen des Sabbats, etwa eine Viertelstunde vor dem Aufgange der Sonne, erhob Ich Mich vom Stuhl und begab Mich sofort hinaus ins Freie. Das merkten bald Petrus, Jakobus und Johannes, und sie kamen zu Mir hinaus, bevor noch die Sonne aufgegangen war.
GEJ|7|182|2|0|Wir vier begaben uns gleich auf die volle Anhöhe, waren aber nicht lange allein; denn die sieben Oberägypter kamen uns bald nach, und der erste Oberägypter sagte: „Herr, vergib uns, daß wir Dir so bald nachgefolgt sind; denn auf dieser Erde werden wir Dir im Fleische wohl nimmer nachfolgen können, und es wird dieser Erde das endlos und ewig seltenste Glück auch nimmer zuteil werden, daß sie von den leiblichen Füßen ihres Schöpfers je mehr betreten wird! Wir aber haben das unbeschreibbare Glück, von dieser größten Deiner endlosesten ewigen Wundertaten Augen- und Ohrenzeugen zu sein, und so wäre es eine gar grobe Sünde, Dich auch nur einen Augenblick aus den Augen zu lassen und nicht zu vernehmen ein jegliches Wort aus Deinem Munde.“
GEJ|7|182|3|0|Sagte Ich: „Wer Mir nachfolgt, der geht niemals fehl, und wohl jedem, der eures Sinnes ist; aber es gibt, wie ihr es leicht gewahret, gar viele, die da nun noch ganz gut schlafen, obschon die Sonne nahe am Aufgange steht. Doch lassen wir sie ruhen, – sie werden schon auch noch erwachen zur rechten Zeit am Tage! Aber gar viele werden erst erwachen an ihrem Lebensabende, und dieses Erwachen in der Nacht des Lebens wird ihnen wenig Trost geben.
GEJ|7|182|4|0|Wohl aber noch immer denen, die da noch wach werden in einer hellen Sternennacht! Aber nicht so wohl denen, die da an einem dicht umwölkten Abend erwachen werden; denn sie werden eine lange, finsterste und trostloseste Nacht zu durchwachen haben. Und so sie auch wieder werden schlafen wollen in der finsteren Nacht, so wird aber dennoch kein Schlaf über sie kommen. Das wird eine böse Zeit sein auf dieser Erde! Doch wer im Wachen auch die finsterste Nacht hindurch verharren wird bis ans Ende seiner irdischen Tage, der soll selig werden!“
GEJ|7|182|5|0|Hier fragte Mich Petrus: „Herr, da wird es mit allen schlimm aussehen, die da gern lange in den Tag hinein schlafen oder, wie es so manche gibt, gar in den ganzen Tag hinein schlafen aus Schlafsucht! Wäre denen denn nicht rechtzeitig noch zu helfen?“
GEJ|7|182|6|0|Sagte Ich zu ihm: „Aber Simon Juda, wie lange werde Ich dich in deiner Dummheit denn noch ertragen müssen?! Redete Ich denn vom natürlichen Leibesschlafe? Da sieh diese sieben Heiden an! Wie oft sollen diese dich als einen Erzjuden beschämen? Diese haben Mich gar wohl verstanden, – warum denn du nicht, da du doch schon so lange um Mich bist?“
GEJ|7|182|7|0|Sagte Petrus: „Herr, habe doch Geduld mit meiner noch großen Unverständigkeit in so manchen Dingen!“
GEJ|7|182|8|0|Sagte Ich: „Die habe Ich wohl, und du wirst dennoch der Petrus bleiben; aber zur höheren Erkenntnis wird dich nur Mein Geist – und nie dein Fleisch – bringen und erheben, wenn Ich aufgefahren sein werde!
GEJ|7|182|9|0|Doch nun habet alle wohl acht auf den heutigen Aufgang der Sonne, der für diese Gegend der Erde heute ein seltener sein wird! Frage sich aber dann ein jeder, ob er ihn auch im geistigen Sinne verstanden habe! Denn alles, was auf dieser naturmäßigen Welt geschieht, kann nicht anders geschehen als durch das Einfließen aus den Himmeln Gottes; und was da einfließt durch aller Engel Himmel in die Naturwelten, geht ursprünglichst von Mir aus. Darum habt nun wohl acht; denn auch die Natur muß zeugen von Mir vor euch!“
GEJ|7|182|10|0|Als Ich diese Worte geredet hatte, da tauchte auch schon die Sonne über den Horizont, und als diese schon so einen halben Grad hoch über dem Horizonte sich befand, da stieg eine zweite Sonne, aber um einen ganzen Grad nördlicher, über den Horizont, der ersten und wahren Sonne vollkommen ähnlich. Es war dies nämlich eine vollkommen ausgebildete Nebensonne, – was eben zu den selten vorkommenden Erscheinungen gehört.
GEJ|7|182|11|0|Die Oberägypter aber kannten sich da gleich aus, und der erste Oberägypter sagte: „Herr, in dieser Klarheit sind derlei Erscheinungen bei uns selten! Ich selbst habe nur eine einmal nach der Regenzeit gesehen, und seither sind vierzig Jahre vergangen. Ich könnte von dieser Erscheinung in meiner inneren Art und Weise auch den geistigen Sinn darstellen.“
GEJ|7|182|12|0|Sagte Ich: „Das weiß Ich wohl; denn ihr stehet noch unversehrt in der alten Noahischen Kirche, in der die Menschen noch im festen Verbande mit den Engeln bis zu den Zeiten Abrahams standen – mit Ausnahme der Nachkommen Nimrods, die zuerst sich mit der Welt zu tun machten und dadurch gesunken sind –, und so habt ihr auch eine rechte Offenbarung in euch und verstehet dieser Erscheinung innersten Sinn. Aber noch nicht also steht es mit diesen Meinen Jüngern! Sie sind voll Glaubens und voll guten Willens, aber das volle Licht in ihnen muß ihnen erst werden, wenn eben in ihnen alle die sieben Geister aus Gott ehest in der vollen Ordnung sein werden.
GEJ|7|182|13|0|Darum muß Ich sie denn auch zum Wohle aller Völker wie ein äußerer Lehrer leiten, auf daß sie ihre Handlungen nach Meiner ewigen Ordnung aus ganz eigenem Willen verrichten können; und darum will Ich denn hier auch nur von ihnen über diese Erscheinung eine Entäußerung vernehmen. Und so rede nun du, Simon Juda!“
GEJ|7|182|14|0|Sagte Petrus: „O Herr, so ich das nun erklären soll aus mir, da wird es mir wahrlich schlecht gehen! Ich sehe nun zwei vollkommene Sonnen und weiß nicht einmal, welche da die rechte ist! Und da unten auf den Straßen stehen auch eine Menge Menschen und betrachten diese Erscheinung und wissen sicher noch weniger als ich. Ich als nun schon ein sein sollender Weiser verstehe nichts, – wie muß dann diese Erscheinung erst denen da unten vorkommen?!“
GEJ|7|182|15|0|Damit wollte Petrus Mir ausweichen; aber Ich sagte: „Du, die da unten gehen uns nun nichts an! Ich habe nun hier nur mit euch zu tun und sehe, daß du diese Erscheinung nicht verstehst; Ich muß darum Meinen Jakobus fragen!“
GEJ|7|182|16|0|Sagte auch dieser (Jakobus): „Mein Herr und Meister! Mir geht es da aber auch nicht um ein Haar besser als dem Bruder Simon Juda! Ich weiß auch nicht, welche unter den zwei Sonnen eigentlich die rechte ist; denn da ist die eine so groß und lichtstark wie die andere. Auch den Vögeln in der Luft scheint das sonderbar vorzukommen; denn sie schweigen und geben keinen Laut von sich, und es kommt mir vor, als wollten sie damit sagen: ,Welche ist die rechte? Denn wir wollen eine falsche mit unserem Gesange nicht begrüßen!‘“
GEJ|7|182|17|0|Sagte Ich: „Deine Bemerkung war gut, obwohl du sie selbst nicht verstanden hast. Da ihr aber schon diese Erscheinungen nicht verstehet, – was werdet ihr denn nun sagen, so dort weiter südwärts noch eine dritte Sonne zum Vorschein kommen wird? Sehet nur hin, die Anlage dazu hat sich durch eine Dunstmasse in der Luft schon gebildet, und sogleich wird dort auch eine dritte diesen zweien ganz ähnliche Sonne zum überraschenden Vorschein kommen! – Und seht nun, sie strahlet schon!“
GEJ|7|182|18|0|Es war nun auch noch eine dritte vollkommen ausgebildete Sonne zu schauen. Aber da fingen die Menschen auf den Straßen an sich zu fürchten, und viele ergriffen die Flucht und verliefen sich in die nächsten Häuser. Die Beherzteren aber blieben dennoch stehen und betrachteten diese seltene Naturerscheinung. Die Vögel in der Luft aber wurden sehr unruhig, und man bemerkte auch bald eine Menge Aare und Geier hoch in der Luft herumfahren. Einer verfolgte den andern. Und als die Tauben und andere kleine Vöglein diese vielen mächtigen Feinde über sich gewahr wurden, da ergriffen sie auch die Flucht und verbargen sich, so gut sie das nur konnten.
GEJ|7|182|19|0|Hier machte der Oberägypter die Bemerkung: „Es ist aber wahrlich sonderbar! Als ich vor vierzig Jahren – aber nur mit einer Nebensonne – die gleiche Erscheinung in meinem Orte betrachtete, da kamen auch bald eine Menge dergleichen Raubvögel in der hohen Luft zur Sicht und kämpften sichtlich miteinander, was sonst wohl äußerst selten der Fall ist. Heute werden auch wieder die Löwen und Panther miteinander Krieg führen. Dieser dritten Sonne Erscheinung verstehe aber ich nun selbst nicht völlig klar, obwohl ich so ziemlich eine helle Ahnung von ihr in mir fühle.“
GEJ|7|183|1|1|183. — Die Ursache der Nebensonnen
GEJ|7|183|1|0|Hier kamen auch die andern Jünger nach, bis auf Judas Ischariot, und mit ihnen Lazarus, Nikodemus und der Wirt Jordan. Als diese Mich ersahen, da konnten sie nicht schnell genug fragen, was dies wäre, und was es zu bedeuten hätte.
GEJ|7|183|2|0|Und unser Lazarus machte hierzu noch die Bemerkung: „Herr, es ist doch wahrlich höchst merkwürdig! Es leuchten nun drei Sonnen ganz helle, und dennoch bemerke ich eine gewisse unheimliche Düsterheit sowohl in der Luft, wie noch mehr über dem Boden der Erde, und der hohen Berge Spitzen sehen ganz dunkel aus, und es ist danebst ganz fröstelnd kühl. Drei Sonnen sollten denn doch mehr Helle erzeugen und mehr Wärme hervorbringen als eine einzige! Wie kommt denn das?“
GEJ|7|183|3|0|Sagte hier der Oberägypter: „Freund Lazarus, deine Bemerkung aus der ganz natürlichen Wahrnehmung ist ganz richtig, und ich habe vor vierzig Jahren bei einer ähnlichen Erscheinung in Oberägypten die ganz gleiche Erfahrung gemacht, wovon ich dir den natürlichen Grund wohl angeben könnte, doch den tieferen, geistigen nicht, besonders bei zwei Nebensonnen schon gar nicht!“
GEJ|7|183|4|0|Sagte Lazarus: „So zeige mir wenigstens die natürliche Ursache!“
GEJ|7|183|5|0|Sagte der Oberägypter: „Sieh, Freund, in der höchsten Luftregion, die sich so im Durchschnitt wohl bei zehn Libanonshöhen über dem festen Boden der Erde erstreckt, sammelt sich zu gewissen Zeiten und in gewissen Jahren ein feiner Dunst! Durch seine gewisse größere Festigkeit kommt das große Luftmeer über der Erde zu einer völligen Ruhe – wenn freilich nur teilweise –, wie man das zu gewissen Zeiten auch auf dem großen Weltmeere wohl sehen und beobachten kann, wo auch ein gewisser Teil der Meeresfläche ganz in der vollsten Spiegelruhe steht, während es oft ringsherum wogt. Wenn eine solche teilweise Ruhe sich denn zuweilen auch auf der großen Luftmeeresoberfläche ereignet, so spiegelt sich auf derselben das Bild der Sonne ebenso rein ab wie auf einem ganz ruhigen Meeresspiegel, und wir bemerken dadurch aus ganz natürlichen Gründen eine Nebensonne. Und gibt es mehrere solcher beschriebenen Ruhestellen, so werden dann auch ebenso viele Nebensonnen zu sehen sein, als wie viele solcher Ruhestellen sich auf der Luftmeeresoberfläche gebildet haben, vorausgesetzt, daß ihre Neigungen sich in einer solchen Lage befinden, daß das von ihnen aufgenommene Bild in gerader Richtung nach einer mit eben solcher Ruhestelle korrespondierenden Gegend hinfallen muß. Wird die Lage der Ruhestelle eine andere, so hat für diese Gegend die Nebensonne entweder ganz aufgehört, oder es ist nur noch ein besonderer Schein zu sehen. Ist aber die Ruhestelle wogend geworden, dann ist es mit der Nebensonne auch ganz zu Ende.
GEJ|7|183|6|0|Nach solchen Erscheinungen aber, die infolge des vorerwähnten feinen Dunstes in der höchsten Erdluftregion zustande kommen und dem auch die Schuld an der Minderung des Lichtes und der Wärme zuzuschreiben ist, kommen dann bald dichtere Wölkchen, bald darauf schwerere und bald darauf auch der Regen zum Vorschein.
GEJ|7|183|7|0|Und damit hast du in aller Kürze den natürlichen Grund dieser Erscheinung dargestellt; den eigentlichen, rein geistigen aber kennt freilich nur allein der Herr, und hernach auch der, dem Er es offenbaren will. Ich habe davon wohl auch Ahnungen, aber darum noch lange keine Klarheit – besonders in dem, was die Zukunft dicht verschlossen hält. Hast du das wohl verstanden?“
GEJ|7|183|8|0|Sagte Lazarus: „Ja, du mir sehr schätzenswerter Freund, das habe ich nun wahrlich recht gut und klar verstanden und kann nicht umhin, hier die eben nicht bedeutungslose Bemerkung zu machen, daß bei uns Juden in Beziehung auf eine reine Beurteilung der Erscheinungen in der großen Natur und deren Grunderkenntnis bis jetzt noch nie etwas geschehen ist. Einzelne für sich haben vielleicht wohl so manches entdeckt und von so mancher Erscheinung auch den Grund eingesehen; aber sie behielten das für sich und teilten es wohlweislich niemandem mit; denn fürs erste hatten sie dabei einen guten Verdienst – besonders unter den helleren Heiden –, und fürs zweite mußten sie solche Kenntnisse und Wissenschaften aus Furcht vor den Pharisäern verborgen halten, um von ihnen nicht auf das äußerste verfolgt zu werden.
GEJ|7|183|9|0|Ich aber bin da der Meinung: Eine rechte Erkenntnis und Beurteilung der tausendfach verschiedenen Erscheinungen in der Natur würde die Menschen am ehesten von allerlei Aberglauben und seinen verderblichsten Folgen abhalten, und es wäre darum für die Folge sehr wünschenswert, daß die Menschen auch in dieser Hinsicht irgendeinen gründlichen Unterricht erhalten könnten. – Bist Du, o Herr und Meister, damit nicht auch einverstanden?“
GEJ|7|183|10|0|Sagte Ich: „Niemand mehr denn Ich; denn ein Mensch kann die tieferen, übersinnlichen Wahrheiten ja nie völlig in ihrer vollen Tiefe fassen und begreifen, so er den Boden nicht kennt, auf dem er steht und geht als selbst ein natürlicher Mensch, und Ich Selbst habe euch eben darum ja schon so vieles erklärt auf dem Gebiete der besonderen Erscheinungen in dieser Naturwelt. Ich habe euch praktisch gezeigt die Gestalt der Erde und wie da entsteht Tag und Nacht, habe euch gezeigt die Ursache der Sonnen- und Mondfinsternisse und der Sternschnuppen, und habe euch gezeigt den Mond, die Sonne, alle die Planeten und den ganzen endlos weiten gestirnten Himmel.
GEJ|7|183|11|0|Und Ich habe euch auch gesagt, daß ein Mensch erst dann Gott vollauf lieben kann, wenn er Ihn in seinen zahllos vielen Werken auch stets mehr und mehr und reiner und reiner erkannt hat. So Ich euch aber solches Selbst sehr anempfohlen habe, so versteht es sich ja wohl von selbst, daß Ich mit deiner guten Meinung auch völlig einverstanden bin. Und Moses hätte nicht ein sechstes und siebentes Buch von den Dingen und Erscheinungen in der Natur und dazu noch einen prophetischen Anhang mit der alten Entsprechungslehre zwischen der Natur- und Geisterwelt geschrieben, so er das zur wahren und reinen Bildung der sämtlichen Juden nicht für höchst notwendig erachtet hätte.
GEJ|7|183|12|0|Aber schon unter der Zeit der Könige ist dieser wichtige Zweig der Vorbildung teils durch den im Wahren stets finsterer und habsüchtiger gewordenen Teil der Priester und andernteils auch durch die Könige selbst mehr und mehr vernachlässigt worden. Und als dann schon unter den ersten Nachkommen Salomos das Reich geteilt wurde, da ging dieser Wissenszweig bald derart ganz verloren, daß ihr nun kaum mehr wisset, daß einst eine solche Wissenschaft bei den Juden von Moses an bis unter Samuel sehr gepflegt worden ist.
GEJ|7|183|13|0|Ich habe euch darum schon gar vieles erklärt, und ihr sehet nun auch schon gar vieles ein; aber die Hauptsache ist und bleibt das unablässige Streben nach der vollen Wiedergeburt des Geistes in die Seele; denn durch sie ganz allein wird der Mensch erst in alle Wahrheit und Weisheit gehoben und hat dann ein vollkommenes, zusammenhängendes Licht vom Irdischen bis ins reingeistig Himmlische, und mit dem Lichte auch das ewige Leben, was dann endlos mehr ist als alle Wissenschaften in allen Dingen der Natur.
GEJ|7|183|14|0|Was nützte es aber einem Menschen, wenn er auch alle die Dinge und Erscheinungen in der ganzen Naturwelt allerwahrst und genaust vom Größten bis zum Kleinsten erkennete und scharf zu beurteilen imstande wäre, wäre aber dabei von der Wiedergeburt des Geistes in die Seele dennoch also ferne wie diese Erde vom Himmel? Würden ihm die vielen Wissenschaften wohl das ewige Leben verschaffen können?! Urteile nun, und sage Mir dann deine Meinung!“
GEJ|7|183|15|0|Sagte Lazarus: „O Herr und Meister, dann wäre es besser, so der Mensch nie zur Welt geboren worden wäre! Denn ein sich selbst wohlbewußtes Leben, das denken, schließen und so vieles begreifen und zustande bringen kann, und dem, o Herr, Deine Werke oft gar so wunderbar wohl gefallen und es beseligen, wäre ohne eine bestimmte Aussicht auf ein ewiges und vollendetes Fortbestehen nach meiner Ansicht viele tausend Male elender als das nackte des allerelendesten Wurmes in einer der allerunreinsten und gestankvollsten Pfützen der ganzen Erde.
GEJ|7|183|16|0|Und wer einen Menschen zu einer helleren Denkungsweise von der Wiege an heranerzöge, würde an der Menschheit das allergrößte Verbrechen begehen; denn der würde den Menschen doppelt und noch mehrfach auf die qualvollste Art töten, denn dadurch würde er aus einem Menschen ja offenbar die allerelendeste Kreatur zeihen.
GEJ|7|183|17|0|Das Tier lebt freilich auch; aber es ist seiner selbst sicher nur höchst stumpf bewußt, kann nicht denken, kennt nicht den Tod, weiß nicht zu schätzen des Lebens Wert und kann darum auch keine Furcht vor dem Tode haben und ist darum glücklich.
GEJ|7|183|18|0|Aber da sehe man sich den Menschen an, der des Lebens unschätzbaren Wert nur zu gut kennt! Wenn er das inne würde, daß mit des Leibes Tode alles rein aus und gar werde, so müßte er ja gar bald in alle Verzweiflung übergehen, sein Dasein viele tausend Male verwünschen und verfluchen, und der größte Wohltäter der Menschheit wäre dann der, welcher die Macht und Kraft besäße, die gesamte Menschenkreatur auf der ganzen Erde und auch sich selbst zu töten und somit gänzlich auszurotten, – oder er müßte die Kunst besitzen, alle Menschen auf einmal in den tiefsten, seiner selbst nicht mehr bewußten Blödsinn zu versetzen, was am Ende dasselbe wäre, als so er sie alle getötet hätte.
GEJ|7|183|19|0|Wenn ferner der Mensch keine Aussicht, ja nicht einmal irgendeine begründete Hoffnung auf ein ewiges Leben hätte, so müßte er erstens Gott Selbst – so er an einen glaubte – sein Leben lang, statt loben und preisen, nur verwünschen; Moses und alle Propheten müßte er als die größten Menschenfeinde verfluchen, und der größte Narr wäre der, welcher auch nur ein Jota des Gesetzes beachtete!
GEJ|7|183|20|0|Aus dem aber geht doch klar hervor, daß das Streben des Menschen – wenn er einmal die Wege kennt – nach der Wiedergeburt seines Geistes in seine Seele das allererste und allerhöchste Bedürfnis ist; denn ohne dieses hört er auch bei aller seiner noch so klaren Wissenschaft völlig auf, ein Mensch zu sein. Er ist da weiter nichts als ein wohlverständiges, vielwissendes und dabei um so elenderes Tier in Menschengestalt. – Herr und Meister, habe ich da recht oder nicht?“
GEJ|7|184|1|1|184. — Der Herr erklärt die Erscheinung der Nebensonnen
GEJ|7|184|1|0|Sagte Ich: „Ganz sicher, und siehe, dennoch gibt es nun eine Unzahl Menschen auf der Erde, die erstens an gar keinen Gott und Schöpfer glauben und also auch nicht im geringsten an ein ewiges Leben der Seele, sondern sie leben ganz gut und vergnügt fort, jauchzen und jubeln, sind dabei noch voll Hochmutes und voll Habgier, lassen andere für sich arbeiten, und wer sie an ein ewiges Leben der Seele nach dem Tode des Leibes erinnern würde, den würden sie verlachen und verspotten und zu ihm sagen: ,Du Narr, wenn du einmal gestorben sein wirst, dann komme und lehre uns, und wir werden dir glauben; aber solange du noch selbst samt uns auf den Tod wartest, glauben wir deinen Phantasieworten nicht!‘ Was würdest du dann zu einer solchen Gegenrede sagen?“
GEJ|7|184|2|0|Sagt Lazarus: „Herr, da ließe sich freilich wenig oder für mich eigentlich schon auch gar nichts entgegensagen! Denn Menschen, die einmal schon zu tief im Tode der Materie stecken, sind kaum mehr völlig zum wahren Glauben und noch weniger zum Leben im Geiste zu bekehren. Darum meine ich nun, daß Du uns lieber so ein wenig die geistige Bedeutung dieser nun noch wohl sichtbaren drei Sonnen erklären mögest!“
GEJ|7|184|3|0|Sagte Ich: „Das werde Ich nun schon auch tun; aber Ich mußte dir denn doch zuvor noch zeigen, daß die Menschen ohne die geringste Aussicht auf ein ewiges Leben auch mit dem bloß zeitlichen Leben recht sehr zufrieden sind. Und solcher Menschen mit der bestimmten Aussicht auf ein ewiges Leben, wie du nun unter Meinen Jüngern auch einer bist, gibt es in dieser Zeit noch gar wenige, und es wird deren auch niemals gar zu viele auf dieser Erde geben. Daß sich aber diese Sache also verhält und sich leider auch in der späten Zukunft also verhalten wird, das zeigt eben diese heutige Erscheinung der drei Sonnen an.
GEJ|7|184|4|0|Du und ihr alle wisset es, daß am Firmamente nur eine Sonne leuchtet, und ihr sehet nun aber drei. Also wisset ihr auch, daß es nur einen wahren Gott und Schöpfer gibt, und dennoch werden durch allerlei falsche Vorspiegelungen in der Folge die dummen Menschen aus dem einen wahren Gott drei Götter machen.
GEJ|7|184|5|0|Dann wird das Lebenslicht schwach werden unter den Menschen auf Erden, und die Liebe zu Gott und dem Nächsten wird erkalten; dann werden die wenigen noch Reingläubigen in eine große Furcht geraten, gleich diesen kleinen Vöglein, und die Könige der Erde werden gleich werden den gewaltigen Raubtieren und werden miteinander beständig einen mörderischen Krieg führen, und die zu den drei Göttern beten, werden nicht erhört werden.
GEJ|7|184|6|0|Die erste Nebensonne, die mehr nordwärts beinahe zugleich mit der rechten Sonne aufging – die durch die Entsprechung Mich Selbst vorstellt –, bezeichnet den Gegenpropheten oder den Gegengesalbten, der aufstehen und sagen wird: ,Sehet, ich bin der wahrhaft Gesalbte Gottes! Mich höret, wollet ihr selig werden!‘ Ich aber sage es euch, daß sich von euch niemand verleiten lasse! Denn dieser wird sein ein Sendling der Hölle sein und wird durch seine Trugkünste allerlei wunderliche Zeichen tun und wird ein gar frommes Gesicht schneiden und beten und opfern; aber sein Herz wird sein voll des bittersten Hasses gegen alle Wahrheit, die er verfolgen wird mit Feuer und Schwert, und er wird verfluchen alle, die sich nicht nach seiner Lehre verhalten. Dieser wird auch aushecken die drei Götter und sie anbeten lassen. Ich werde als ein Erlöser der Welt wohl auch darunter sein, aber geteilt in drei Personen. Man wird wohl noch einen Gott im Munde führen, aber dabei dennoch drei Personen anbeten, von denen eine jede für sich auch ein vollkommener Gott sein wird und wird eigens angebetet werden müssen.
GEJ|7|184|7|0|Aber nicht lange darauf wird sich eine zweite Nebensonne oder ein zweiter Gegengesalbter erheben, der den ersten in allem verdunkeln wird. Dieser wird noch um zehnmal ärger sein denn der erste. Denn der erste wird doch noch Meinem Worte nicht gar zu hinderlich in den Weg treten; aber der südliche wird Mein Wort und Meine Lehre im ganzen förmlich verbieten und wird aus derselben nur das nehmen, was gerade in seinen argen Kram taugen wird. Er wird Mein Zeichen wohl an allen Straßenecken aufrichten und verehren lassen; aber neben dem werden noch viele tausend andere prangen, und das zumeist solche, an denen er ein Wohlgefallen hat.
GEJ|7|184|8|0|In jener Zeit werden Hochmut, Zwietracht und gegenseitiger Haß den höchsten Grad erreichen. Da wird ein Volk wider das andere ziehen, ein Krieg wird dem andern folgen, und es werden kommen große Erdbeben, Mißjahre, Teuerung, Hungersnot und Pest. Da werde Ich aber dem Gegengesalbten seine Wurzeln verderben, daß er dann welken wird wie ein Baum, dem man alle Wurzeln abgehauen hat. Da wird sein viel Fluchens, Jammerns, Heulens und Klagens, und es wird den bösen und nichtigen Nebensonnen, obschon sich beide von Mir ihren falschen Glanz erborgen werden, ergehen, wie es nun den Nebensonnen vor euren Augen ergeht. Sehet, sie werden trüber und trüber, die Sonnengestalt geht in einen schwach schimmernden Dunst über, dafür aber tritt desto herrlicher, glänzender und erwärmender die eine wahre Sonne hervor. Nun sehet ihr auch die Vöglein aus ihren Verstecken hervorkommen und voll Munterkeit die eine wahre Sonne mit ihrem Gesange begrüßen, und die großen Raubvögel verlieren sich und eilen ihren finsteren Wäldern zu.
GEJ|7|184|9|0|Und also wird es denn auch geschehen in jenen Zeiten. Alles, was da hoch sein wird, wird erniedrigt werden. Die Spitzen der Berge werden zu einem ebenen und fruchtbaren Lande werden müssen. Da wird man nicht fragen und sagen: ,Wer ist der König über dieses Land?‘, sondern: ,Wer ist der erste und größte Wohltäter dieses glücklichen Volkes? Lasset uns hinziehen zu ihm, auf daß auch wir kennenlernen seine Weisheit nach der Ordnung Gottes!‘
GEJ|7|184|10|0|Wenn diese glückliche Zeit kommen wird, da werden Wölfe, Bären, Lämmer und Hasen friedlich miteinander aus einer Quelle trinken. – Habt ihr das alles nun wohl verstanden?“
GEJ|7|184|11|0|Sagte hier unser Nikodemus: „Verstanden hätten wir das nun wohl so ziemlich; aber gerade angenehm klang diese Weissagung nicht, und man möchte hier immer noch fragen und sagen: Aber Herr, muß denn das alles also geschehen, bis endlich doch einmal Dein Wahrheitslicht ganz frei und ungehindert über die ganze Erde wird leuchten dürfen? Wir haben nun Dein reinstes Wort und Licht empfangen und werden es auch also weiterverbreiten, und seine seligsten Folgen werden es den Menschen ja doch zeigen, daß das von uns gepredigte Wort das allein wahre und echte ist. Und ich sehe da doch nicht ein, wer es dann noch wagen könnte, dagegen mit einer falschen Lehre aufzutreten.“
GEJ|7|184|12|0|Sagte Ich: „Leichter ist gut reden als gut handeln, und in dem Handeln liegt der Same des Unkrautes, der auch unversehens mit der Aussaat des reinen Weizens in das Erdreich des Menschenherzens ausgestreut wird. Dieser wird Wurzeln fassen und dann gewaltig fortwuchern unter dem reinen Weizen und diesen vielfach ersticken und zugrunde richten. Darum sollet auch ihr nicht nur pure Hörer, sondern vielmehr Täter Meines Wortes sein! Aber auch ihr werdet euch im Handeln der großen und mächtigen Welt wegen zurückhalten, ja ihr selbst werdet Mich wohl im Verborgenen still in euch bekennen, werdet euch aber kaum getrauen aus Furcht vor der Welt in Meinem Namen zu reden und noch weniger zu handeln; denn es könnte die Welt das merken und euch dann zur Verantwortung ziehen, dieweil sie merkte, daß auch ihr euch nach Mir gerichtet habt, da eure Handlungen solches bezeugten. Und sehet, da wird es dann wahrlich nicht auf die Frage ankommen, warum solches alles, was Ich euch nun geweissagt habe, wird geschehen müssen, bis in den spätesten Zeiten erst die Wahrheit völlig frei werde und gesegnet die Völker, sondern auf euch allein wird es da ankommen, ob ihr die Welt mehr oder weniger fürchten werdet denn Mich.
GEJ|7|184|13|0|Durch eure Furcht vor der Welt wird der böse Same mit dem Weizen ausgesät werden, und daraus werden die beiden Nebensonnen hervorgehen. Und Ich habe auch eben aus diesem Grunde nun dieses also entstehen lassen und habe auch darum diese Weissagung gemacht, auf daß ihr euch dann, wenn es also kommen wird, erinnern möget – noch hier oder auch jenseits –, daß Ich euch das alles schon zum voraus angezeigt habe.
GEJ|7|184|14|0|Darum aber sage Ich euch nun noch einmal, was Ich schon gesagt habe: Fürchtet die nicht, die wohl euren Leib töten, aber weiter der Seele keinen Schaden zufügen können, sondern so ihr schon jemanden fürchtet, da fürchtet vielmehr Den, in dessen Macht auch das Leben oder der Tod eurer Seele ruht!
GEJ|7|184|15|0|Es werden zwar viele von euch wohl den rechten Mut an den Tag legen, aber alle nicht, und selbst von euch werden sich mehrere an Mir ärgern.
GEJ|7|184|16|0|Es wird der Hirt gebunden und geschlagen werden, und die Schafe werden sich zerstreuen, und es wird über sie kommen eine große Furcht, Traurigkeit und Bangigkeit. Aber Ich werde sie dann wieder aufsuchen, versammeln und ihnen geben Mut und Kraft gegen die Feinde des Lichtes aus den Himmeln. Doch nun nichts Weiteres mehr von dem; denn Ich habe euch das nun nur darum gezeigt, daß ihr euch zur rechten Zeit daran erinnern und recht handeln möget, auf daß es bei euch nicht auch heiße nach einem alten Spruche: ,Aus den Augen, aus dem Sinn!‘ – Nun aber ist es auch schon Zeit zum Morgenmahle! Und so wollen wir uns denn auch ins Haus begeben!“
GEJ|7|185|1|1|185. — Des Herrn Anordnung für den Besuch des Tempels
GEJ|7|185|1|0|Nikodemus und Joseph von Arimathia aber, wie auch der alte Rabbi, kamen hier in eine kleine Verlegenheit, am Sabbat nach dem Sonnenaufgang am Morgenmahle teilzunehmen.
GEJ|7|185|2|0|Ich aber sagte zu ihnen: „So ihr schon hier des Sabbats wegen Bedenken in euch aufkommen lasset – da ihr nun doch schon wissen solltet, daß Ich auch ein Herr des Sabbats und des Moses bin –, wie wird es euch erst dann ergehen, wenn ihr wieder im Kollegium der Pharisäer und Ältesten von Jerusalem sitzen werdet?“
GEJ|7|185|3|0|Auf diese Meine Worte hin ermannten sich die drei und gingen mit uns ins Haus, aßen und tranken mit uns und wurden dabei voll guter Dinge.
GEJ|7|185|4|0|Und der alte Rabbi sagte: „Ja, ja, der Herr und Meister hat in allem recht! Eine alte Gewohnheit ist wie ein rostiges Hemd; man kann es mit allem Fleiße dennoch nimmer völlig rein machen!“
GEJ|7|185|5|0|Sagte Ich: „Da hast du ein wahres Wort geredet; ziehet daher den alten Menschen völlig aus, und leget einen neuen an, – denn der alte Mensch tauget hinfür nicht mehr! Aber nun esset und trinket noch, dann lasset uns in den Tempel gehen!“
GEJ|7|185|6|0|Sagte darauf Nikodemus: „Getrauest Du Dich wohl noch einmal unter die Wüteriche des Tempels?“
GEJ|7|185|7|0|Sagte Ich: „Ihretwegen gehe Ich auch nicht in den Tempel, sondern des Volkes wegen, das heute um Meinetwillen hierhergekommen ist; und darum fürchte Ich die Wüteriche nicht! Aber nun trachten wir, bald in den Tempel zu kommen!“
GEJ|7|185|8|0|Auf diese Meine Bemerkung getraute sich keiner mehr, Mir eine Gegenvorstellung zu machen; denn es dachte sich ein jeder und sagte bei sich: ,Er hat Macht über Himmel und Hölle und hat da nicht Not, sich vor des Tempels Wüterichen zu scheuen oder gar zu fürchten!‘
GEJ|7|185|9|0|Bevor Ich aber noch hinabging in den Tempel, fragten Mich die Römer und auch die Jünger, ob auch sie mit in den Tempel gehen sollten, und was unterdessen mit der Jugend geschehen solle.
GEJ|7|185|10|0|Sagte Ich: „Keinem von euch kann jemand den Eintritt in den Tempel verwehren; die Jugend aber bleibt hier, und Mein Diener weiß es schon, was er zu tun hat. So ihr aber in den Tempel gehet, dann gehet voraus, und wählet euch die rechten Plätze; Ich aber werde gleichwohl nachkommen. Doch Meine alten Jünger bleiben und gehen mit Mir; denn für sie tut das not, auf daß sie Zeugen von allen Meinen Worten und Taten seien!“
GEJ|7|185|11|0|Sagte der Römer Agrikola: „Das möchte ich zwar auch sein, aber es geschehe da wie überall und allzeit Dein allein heiliger Wille!“
GEJ|7|185|12|0|Sagte Ich: „Wenn du allein gerade auch bei Mir als ein Zeuge sein willst, so kannst du dich auch an Meine alten Jünger anschließen; denn Ich werde, bevor Ich Meinen Mund vor den Juden auftun werde, noch ein Zeichen wirken. Ein Blindgeborener, den wir unfern des Tempels treffen werden, soll sehend werden, und das gerade heute als an einem Sabbat: Und so möget ihr andern nun vorausgehen, ihr vier aber, die ihr erst gestern zu Mir übergegangen seid, tut besser, so ihr hier bleibet; denn im Tempel würdet ihr alsbald erkannt und verfolgt werden.“
GEJ|7|185|13|0|Das sahen die vier auch ein und blieben auf dem Ölberg.
GEJ|7|185|14|0|Es trat aber auch noch Nikodemus zu Mir und fragte Mich, wie er mit seinen beiden Gefährten unbemerkt hinabkommen könnte.
GEJ|7|185|15|0|Sagte Ich: „Schließet euch den Oberägyptern an, die werden euch schon also hinabführen, daß euch niemand bemerken wird!“
GEJ|7|185|16|0|Damit waren auch diese zufrieden und machten sich mit den Oberägyptern sogleich auf den Weg, und alle die andern folgten ihnen bald nach; nur die noch immer bei Mir weilenden drei Magier blieben noch und schickten sich an, Mir auch nachzuziehen.
GEJ|7|185|17|0|Da sagte Simon Juda, genannt Petrus: „Herr, willst Du denn, daß auch die drei mit uns ziehen sollen?“
GEJ|7|185|18|0|Sagte Ich: „Was kümmert dich das? Als Ich alle andern voranziehen hieß, da habe Ich diese drei nicht ausgenommen; aber ihrem Willen und Herzen habe Ich darum keinen Zwang angelegt, und sie können tun, was sie wollen, und wozu sie der Sinn ihres Herzens antreibt. Was aber Mir recht ist, darüber sollst du dich nicht also kümmern, als wäre es etwa etwas Unrechtes; denn die uns nachfolgen, wandeln sicher nicht auf einem Irrwege.“
GEJ|7|185|19|0|Damit war denn auch unser Petrus zufrieden, und wir fingen an, uns auf den Weg zu machen.
GEJ|7|185|20|0|Schließlich trat noch der Wirt Jordan zu Mir und fragte Mich wegen eines Mittagsmahles.
GEJ|7|185|21|0|Ich aber sagte zu ihm: „Mein Freund Jordan, nun heißt es, geistig Hungernde und Dürstende speisen und tränken, was viel mehr wert ist denn die Speise für den Leib und der Trank für eine trockene Kehle! Darum sorge du dich nun nicht schon für ein Mittagsmahl; wenn Ich aber wiederkehre, da wird sich schon alles zur rechten Zeit noch finden!“
GEJ|7|185|22|0|Mit diesem kurzen Bescheide war denn auch der Wirt völlig zufrieden, berief hernach bald alle Diener des Hauses zusammen und gab ihnen allerlei gute Lehren, so daß darauf alle, bei dreißig an der Zahl, an Mich glaubten; denn früher wußten sie, obwohl sie gar viele Zeichen sahen, bei sich doch nicht recht, was sie so ganz eigentlich aus Mir hätten machen sollen. Damit hatte denn nach Meinem Rate auch Jordan geistig Hungrige und Durstige in Meinem Namen gespeist und getränkt.
GEJ|7|185|23|0|Ich aber zog, als Ich solchen Rat dem Jordan gesagt hatte, mit Meinen Jüngern sogleich hinab in die Stadt, allwo in allen Gassen und Straßen eine große Menschenmenge hin und her und auf und ab wogte.
GEJ|7|186|1|1|Der Herr und Seine Widersacher. (Ev. Joh. Kap. 9)
GEJ|7|186|1|1|186. — Die Heilung des Blindgeborenen vor dem Tempel. Ev. Job. 9,1-34
GEJ|7|186|1|0|Als wir aber auf dem großen, freien Platze vor dem Tempel ankamen, da ersahen wir alsbald auf einem Steine sitzend einen noch ganz jungen Bettler von etlichen zwanzig Jahren, der schon als völlig blind zur Welt geboren worden war. (Joh.9,1)
GEJ|7|186|2|0|Als das Meine Jünger sahen, da wußten sie schon, daß dieser eben der Blindgeborene sein werde, dessen Ich schon auf dem Berge erwähnte, und sie fragten Mich darum, sagend: „Herr und Meister! Wer hat denn da gesündigt – dieser selbst oder seine Eltern –, daß er darum blind zur Welt geboren worden ist?“ (Joh.9,2)
GEJ|7|186|3|0|Sagte Ich: „Aber wie ihr doch noch gar so unsinnig fragen möget! Wie kann der im Mutterleibe gesündigt haben und darum zur Strafe blind geboren worden sein? Ich sage euch aber: Weder dieser Blinde noch seine Eltern haben da gesündigt, sondern es ward das also zugelassen, auf daß die Werke Gottes offenbar würden an ihm vor den Menschen. (Joh.9,3) Denn Ich muß nun wirken die Werke Dessen, der Mich gesandt hat, solange der Tag währt (auf Erden nämlich durch des Herrn persönliche Gegenwart). Es wird auch kommen die gewisse Nacht, von der Ich euch schon geredet habe, und da wird niemand etwas wirken können. (Joh.9,4) Dieweil Ich in dieser Welt bin, bin Ich offenbar das Licht der Welt. (Joh.9,5) Nach Mir kommt die Nacht.“
GEJ|7|186|4|0|Da sahen die Jünger einander an und sagten: „Was nützt da den Menschen der jetzige Geistestag, so es nach Seiner Heimkehr wieder Nacht wird ärger denn jetzt?“
GEJ|7|186|5|0|Sagte Ich: „Will Ich denn etwa, daß es hernach Nacht werde? O nein, aber der Menschen Trägheit wird das wollen, und der Wille muß dem Menschen frei gelassen werden, auch dann noch, so er durch ihn zu einem zehnfachen Teufel würde; denn ohne den freiesten Willen hört der Mensch auf, Mensch zu sein, und ist nichts als eine Maschine, – was Ich euch schon oftmals klar gezeigt habe.“
GEJ|7|186|6|0|Hierauf sagte keiner etwas, da sie Meinen Ernst merkten.
GEJ|7|186|7|0|Als Ich aber das den Jüngern sagte, beugte Ich Mich zur Erde, nahm etwas Lehm, bespützte ihn mit Meinem Speichel und machte daraus einen Kot, den Ich dann auf die Augen des Blinden strich. (Joh.9,6)
GEJ|7|186|8|0|Darauf sagte Ich zum Blinden: „Nun gehe hin zu dem Teiche Siloah (das heißt, Ich sandte ihn hin, und er ward geführt von seinem Führer), und wasche dich!“
GEJ|7|186|9|0|Da ging er hin, wusch sich und kam sehend wieder zurück. (Joh.9,7)
GEJ|7|186|10|0|Seine Nachbarn aber und die ihn zuvor gesehen hatten, daß er ein blinder Bettler war, sprachen: „Ist dieser nicht eben der Blinde, der zuvor auf dem Steine saß und bettelte?“ (Joh.9,8)
GEJ|7|186|11|0|Da sagten einige: „Ja, ja, er ist es!“
GEJ|7|186|12|0|Andere wieder sagten: „Der war blind geboren, und es ist noch nie erhört worden, daß je ein solcher wäre sehend gemacht worden! Aber er sieht dem Blinden sonst in allem ganz ähnlich.“
GEJ|7|186|13|0|Aber der Blindgewesene sagte endlich selbst: „Was ratet ihr über mich? Ich bin es, der zuvor blind war, und sehe!“ (Joh.9,9)
GEJ|7|186|14|0|Da fragten ihn, die um ihn waren: „Wie sind dir deine Augen zum Sehen geöffnet worden? Wer tat dir das?“ (Joh.9,10)
GEJ|7|186|15|0|Und er antwortete ihnen, sagend: „Der Mensch, der zu mir im stillen sagte, daß er Jesus (Mittler, Heiland) heiße, machte einen Kot, beschmierte damit meine Augen und sagte dann, daß ich hingehen solle zum Teiche Siloah und dort waschen meine Augen waschen. Und ich tat das, ging hin, wusch meine Augen und ward sehend.“ (Joh.9,11)
GEJ|7|186|16|0|Da sprachen sie weiter zu ihm: „Wo ist denn nun derjenige Jesus?“
GEJ|7|186|17|0|Sagte er: „Das ist doch eine sonderbare Frage von euch! Ihr waret doch sehend, als er mir die Augen mit dem Kote bestrich und habt ihn nicht bemerkt, – wie hätte ich ihn denn als ein Blinder bemerken sollen? Da mir solches unmöglich war, so kann ich nun auch nicht wissen, wo er ist, obwohl ich es selbst wissen möchte, wo er und welcher es ist, damit ich ihm meinen vollsten Dank darbringen könnte.“ (Joh.9,12)
GEJ|7|186|18|0|Als der Mensch aber den Fragenden solch eine Antwort gab, da sagten, die um ihn waren: „Ah, das ist ein rechtes Wunder, und der Mensch, der dich sehend gemacht hat, muß ein großer Prophet sein! Das müssen unsere Erzjuden und Pharisäer, die da behaupten, daß in dieser Zeit wegen der Heiden so lange kein Prophet mehr auferstehen werde, bis die Juden alle die Heiden aus dem Lande geschafft haben würden, erfahren, daß es dennoch jetzt, wie zuvor, große Propheten gibt trotz der Heiden in unserem Lande! Darum laß dich von uns nur hinführen zu den Pharisäern; wir alle werden dir Zeugenschaft abgeben!“
GEJ|7|186|19|0|Damit war auch der vormals Blinde ganz einverstanden und ließ sich vor die Pharisäer in den Tempel führen. (Joh.9,13)
GEJ|7|186|20|0|(Es muß hier noch einmal eigens bemerkt werden, daß es nicht nur Sabbat war, an dem Ich diesen Blinden geheilt habe; es war der Nachfestsabbat, der noch um vieles strenger gefeiert werden mußte als irgendein mehr gemeiner Sabbat. (Joh.9,14) (NB.: Es war damals bei den Juden derselbe Unfug, wie er nun in den sogenannten Oktaven nach den großen Festsonntagen bei euch gang und gäbe ist.) An einem solchen Sabbat war es bei den Pharisäern ein um so größeres Verbrechen, so man da irgendein Werk verrichtet hatte.)
GEJ|7|186|21|0|Als der Geheilte nun vor den Pharisäern stand, da erzählten ihnen die, die ihn hingeführt hatten, alles, was sich da als völlig Wunderbares ereignet hatte.
GEJ|7|186|22|0|Als die Pharisäer solches erfahren hatten, da wandten sie sich an den Geheilten und fragten ihn selbst, obgleich sie von den Zeugen schon alles erfahren hatten, dennoch abermals, und mit ihnen zur größeren Bekräftigung auch noch die Zeugen, wie er wäre sehend geworden.
GEJ|7|186|23|0|Und er sagte: „Kot legte er mir auf die Augen; darauf wusch ich mich nach seinem Rate mit dem Wasser des Teiches Siloah und ward sehend, wie ich auch jetzt vor euch sehend bin!“ (Joh.9,15)
GEJ|7|186|24|0|Darauf sagten einige der Pharisäer: „Der Mensch, der diesen Blinden geheilt hat, kann nicht von Gott (zu einem Propheten) erweckt sein, weil er einen so hohen Sabbat nicht hält und heiligt!“
GEJ|7|186|25|0|Dagegen aber sagten die Zeugen und auch etliche hellere Juden und Pharisäer: „Wie möglich aber kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun?“
GEJ|7|186|26|0|Und es entstand dadurch eine Zwietracht und ein Streit unter ihnen. (Joh.9,16)
GEJ|7|186|27|0|Als sie eine Zeitlang also miteinander stritten und nicht eins werden konnten, da wandten sich jene, die Mich für einen sündigen Menschen erklärt hatten, wieder an den Geheilten und fragten ihn abermals (die Pharisäer): „Was sagst denn du selbst von dem, der dir die Augen aufgetan hat, daß er sei?“
GEJ|7|186|28|0|Und er sagte: „Ich sage das, was die, die mich hierherführten, von ihm sagten: Er ist ein Prophet!“ (Joh.9,17)
GEJ|7|186|29|0|Da sagten die, welche Mich als einen sündigen Menschen erklärt hatten (die Pharisäer): „Wir glauben aber gar nicht, daß dieser je blind war, sondern ihr habt euch also verabredet, um eine Sache wider uns an den Tag zu fördern!“
GEJ|7|186|30|0|Da sagten die Zeugen, und das mit einem bedeutenden Nachdruck: „Es hat dieser Mensch auch noch seine Eltern! Er wird es wissen, wo sie wohnen. Lasset sie kommen, und fraget sie! Die werden es wohl am besten wissen, ob dieser Mensch je gesehen hat!“
GEJ|7|186|31|0|Da ließen sie seine Eltern kommen, die noch nichts davon wußten, daß ihr Sohn sehend geworden war. (Joh.9,18)
GEJ|7|186|32|0|Als diese bald daher kamen, wurden sie sogleich verfänglich befragt (die Pharisäer): „Ist das euer Sohn, von welchem ihr saget, daß er blind geboren sei? Wenn also, wie ist er denn nun sehend geworden?“ (Joh.9,19)
GEJ|7|186|33|0|Die Eltern aber antworteten ganz schlicht und einfach: „Daß dieser Mensch wahrlich unser Sohn ist, und daß er blind geboren ward, das wissen wir (Joh.9,20); wie er aber nun sehend geworden ist, und wer ihm die Augen aufgetan hat, das wissen wir nicht! Er ist aber ja schon alt genug, und so lasset ihn für sich selbst reden!“ (Joh.9,21)
GEJ|7|186|34|0|Solches aber redeten die Eltern, die Mich schon kannten und vermuteten, daß Ich den Sohn sehend gemacht haben dürfte, darum also vor den Pharisäern und Juden, weil sie sich vor ihnen fürchteten; denn sie wußten es, daß sich die Haupt- und Erzjuden schon lange dahin in ihrem Urteil geeinigt hatten, jeden, der Mich als den Gesalbten Gottes bekennte, in den schwersten Bann zu tun. (Joh.9,22) Und darin lag der ganz kluge Grund, warum die Eltern zu den Pharisäern und Erzjuden gesagt haben: „Er ist alt genug – fraget ihn selbst!“ (Joh.9,23)
GEJ|7|186|35|0|Da riefen sie zum andern Male den Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm (die Pharisäer): „Gib Gott allein die Ehre; denn wir wissen, daß der Mensch, der dich sehend gemacht hat, ein Sünder ist!“ (Joh.9,24)
GEJ|7|186|36|0|Da erwiderte ihnen der geheilte Mensch und sagte: „Ob der Mensch ein oder auch kein Sünder ist, das weiß ich wahrlich nicht; aber das eine weiß ich sehr wohl, nämlich daß ich von Geburt an vollkommen blind war und nie den Tag von der Nacht unterscheiden konnte, und daß ich nun so vollkommen alles sehe wie ihr!“ (Joh.9,25)
GEJ|7|186|37|0|Da sprachen sie wieder zu ihm (die Pharisäer): „So sage es uns denn recht und wahr: Was tat dir der Mensch, und wie hat er dir die Augen aufgetan?“ (Joh.9,26)
GEJ|7|186|38|0|Antwortete der Geheilte mit sichtlicher Ungeduld: „Ich habe es euch soeben gesagt, – habt ihr mich denn nicht angehört? Was wollet ihr denn nun dasselbe noch einmal hören? Wollet ihr etwa gar seine Jünger werden, – was euch wahrlich nicht schaden würde?!“ (Joh.9,27)
GEJ|7|186|39|0|Da wurden die Pharisäer und die Erztempeljuden schon zornig, verfluchten den Menschen gleich wegen solcher Frage und sagten dann ganz voll Grimmes: „Du wohl magst sein Jünger sein, – wir aber sind Jünger Mosis. (Joh.9,28) Wir wissen, daß Gott mit Moses geredet hat; von diesem Menschen aber, der dich sehend gemacht hat, wissen wir nicht, von wannen er ist!“ (Joh.9,29)
GEJ|7|186|40|0|Der Geheilte aber sah sie alle mit einer forschenden Miene an und sagte darauf: „Das ist wahrlich ein sehr wunderbares Ding, daß ihr noch nicht wisset, von woher der wundertätige Mensch sei! Und dennoch sehet ihr doch augenscheinlich an mir, daß er mir Blindgeborenem das Augenlicht gegeben hat. Der Mensch hat schon sicher mehrere solcher Zeichen getan, und ihr saget noch, daß ihr nicht wisset, von woher er sei?!“ (Joh.9,30)
GEJ|7|186|41|0|Sagten darauf mit heftiger Stimme die Pharisäer und Erztempeljuden: „Wir wissen aber, daß Gott die Sünder nicht erhört! Gott erhört nur einen Gottesfürchtigen, der ohne Sünde ist und in allem den Willen Gottes tut.“ (Joh.9,31)
GEJ|7|186|42|0|Sagte darauf der Geheilte: „Hm, sonderbar! Von aller Welt aber ist es noch niemals erhört worden, daß je jemand einem – sage – Blindgeborenen die Augen aufgetan hätte! (Joh.9,32) Wäre dieser Mensch nicht von Gott aus mit solch einer Macht und Kraft erfüllt, wahrlich, er könnte so etwas nicht zustande bringen (Joh.9,33), gleichwie auch ihr, obwohl ihr saget, daß ihr Mosis Jünger seid, sicher nicht imstande seid, einem Blindgeborenen die Augen zu öffnen; denn könntet ihr das, so wüßte das schon lange die ganze Welt, und eure Häuser wären von unten bis oben mit Gold gesteckt voll!“
GEJ|7|186|43|0|Auf diese Antwort des Geheilten wurden die Pharisäer und Erztempeljuden noch grimmiger und schrien förmlich vor Wut: „Was, du bist in allen Sünden schon zur Welt geboren und willst uns hier noch lehren?“
GEJ|7|186|44|0|Darauf ergriffen sie ihn und stießen ihn samt seinen Eltern und Zeugen hinaus. (Joh.9,34)
GEJ|7|186|45|0|Als alle diese nun draußen waren, da rief der Geheilte noch laut zurück: „Gott vergelte es euch, ihr Übermütigen, und Gott erleuchte eure Seelenblindheit!“
GEJ|7|186|46|0|Da warfen sie die Türe zu und kümmerten sich weiter nicht um den Geheilten, der ihnen die Wahrheit ganz trocken ins Gesicht gesagt hatte.
GEJ|7|187|1|1|187. — Der Herr spricht mit dem Geheilten und den Pharisäern. Ev. Joh. 9,35-41
GEJ|7|187|1|0|Dieser Mensch kam darauf natürlich mit allen, die mit ihm waren, sogleich in die große Tempelhalle, in der sich alles Volk ansammelte, und jeder fragte ihn, was denn mit ihm in der Ratshalle der Pharisäer und Erzjuden vorgefallen sei.
GEJ|7|187|2|0|Und der Mensch erzählte das ganz frei und offen, und alle, die das hörten, wurden erbittert über die verstockte Härte der Pharisäer und Tempeljuden.
GEJ|7|187|3|0|Und so kam es denn auch zu Meinen Jüngern und auch vor Mich, daß die Templer den Geheilten samt seinem Anhange hinausgestoßen hatten.
GEJ|7|187|4|0|Und Ich sagte zu den Jüngern: „Lasset uns ihn aufsuchen, auf daß der Arme Den kennenlerne, der ihm das Augenlicht gegeben hat!“
GEJ|7|187|5|0|Und wir gingen und fanden ihn auch bald unter dem Volke.
GEJ|7|187|6|0|Es waren ihm aber auch einige jener Pharisäer, die nicht strenge wider ihn waren, in die große Volkshalle gefolgt, um zu vernehmen, was er etwa da zum Volke reden werde, und wie sich etwa das Volk darüber äußern werde.
GEJ|7|187|7|0|Ich aber trat sofort vor den Geheilten hin und sagte zu ihm: „Höre Mich, du, der du von den Pharisäern und von den Erztempeljuden hinausgestoßen worden bist! Glaubst du an den Sohn Gottes?“ (Joh.9,35)
GEJ|7|187|8|0|Da antwortete der Geheilte: „Herr, welcher ist es? Ist Er hier im Tempel? Und hat Er mir das Augenlicht gegeben? Zeige mir Ihn, auf daß ich an Ihn glaube!“ (Joh.9,36)
GEJ|7|187|9|0|Sagte Ich: „Du hast Ihn schon gesehen, obwohl noch nicht erkannt; aber Der ist es, der nun mit dir redet!“ (Joh.9,37)
GEJ|7|187|10|0|Da sagte der Geheilte: „Ja, Herr, das glaube ich! Du bist es! Ich habe Dich, als ich vom Teiche zurückkam, sicher gesehen, aber nicht erkannt! Wärest Du nicht Gottes Sohn, nicht Christus, der Verheißene, nimmer hättest Du mich Blindgeborenen sehend machen können! Darum glaube ich, daß Du wahrhaft der Sohn Gottes bist!“
GEJ|7|187|11|0|Hierauf fiel er vor Mir auf seine Knie nieder und betete Mich an. (Joh.9,38) Ich jedoch hieß ihn, sich wieder zu erheben.
GEJ|7|187|12|0|Als die umstehenden Pharisäer und mehrere Tempeljuden, obschon der mehr gemäßigten Partei angehörend, das von Mir wie auch von dem Geheilten vernahmen, daß Ich der verheißene Gesalbte Gottes sei, da fingen sie an, sehr ihre Nasen zu rümpfen, und wurden geheim sehr ärgerlich und gallig.
GEJ|7|187|13|0|Da Ich aber solches alsbald merkte, so sagte Ich laut: „Ich bin zum Gericht auf diese Welt gekommen, auf daß jene, die nicht sehen, sehend werden, und jene, die da sehen, blind werden!“ (Joh.9,39)
GEJ|7|187|14|0|Als die Pharisäer und die Tempeljuden, die da um Mich waren, solches vernahmen, da konnten sie sich nicht mehr halten, sondern öffneten den Mund und sagten zu Mir: „Sind denn wir auch schon blind, oder werden wir nach deiner Sentenz erst blind werden, weil wir nun noch sehend sind?“ (Joh.9,40)
GEJ|7|187|15|0|Sagte Ich darauf: „Wäret ihr blind an eurer Seele, so hättet ihr auch keine Sünde an euch; da ihr euch aber selbst das Zeugnis gebt, daß ihr sehend seid, so bleibt eure Sünde an euch haften, mit ihr das Gericht und der ewige Tod. (Joh.9,41) Denn Ich bin in diese Welt gekommen von Gott gesandt als die Wahrheit, das Licht und das Leben. Wer an Mich glaubt und tut nach Meinem Worte, der wird haben in sich das ewige Leben und wird nicht sehen und fühlen den Tod!“
GEJ|7|187|16|0|(NB. Was von nun an im Tempel verhandelt wurde, ist zum Teil wohl von den andern Evangeliumsaufzeichnern niedergeschrieben worden, aber in keiner ganz passenden Reihenfolge, darum man ihre Aufzeichnungen auch unharmonisch nannte. Johannes aber zeichnete die weitere Verhandlung darum nicht auf, weil derlei bei Meinen Reden sehr häufig vorkam und auch den wichtigsten Punkten nach aufgezeichnet wurde.
GEJ|7|187|17|0|Das folgende 10. Kapitel ergibt sich erst um drei Monde später, auch wieder im Tempel zu Jerusalem, im Winter, bei Gelegenheit des sogenannten Tempelweihfestes.
GEJ|7|187|18|0|Diese Bemerkung war darum nötig, auf daß ihr wisset, in welcher Ordnung das Wort von Mir an die Juden und Pharisäer ergangen ist.
GEJ|7|187|19|0|Da das aber nun gezeigt ist, so will Ich hier die weitere Verhandlung im Tempel vor den Juden und Pharisäern folgen lassen.)
GEJ|7|188|1|1|188. — Der Herr beleuchtet die Widersprüche der Pharisäer
GEJ|7|188|1|0|Hierauf sagten die Pharisäer: „Wir sehen es wohl ein, daß dir besonders in der Heilung verschiedener menschlichen Erzkrankheiten, die sonst wohl kaum je ein Arzt zu heilen imstande sein dürfte, eine ungewöhnliche Kraft innewohnt, wie bis auf diese Zeiten noch niemals erhört worden ist. Ja, es ist uns sogar nicht unbekannt, daß es dir sogar möglich sein soll, jüngst verstorbene junge Menschen ins Leben zurückzurufen oder zu erwecken! Also haben wir auch vernommen, daß du sonst ein ganz nüchterner, sittlicher und äußerst wohltätiger Mensch seist und für deine außerordentlichen Heilungen noch nie von jemandem etwas verlangt hast. Siehe, das sind deine unbestreitbar guten und ausgezeichneten Seiten!
GEJ|7|188|2|0|Aber daß du dich dabei vor aller Welt für den Sohn Gottes ausgibst und sagst, daß du der verheißene Gesalbte Gottes seist, und dabei aber nicht achtest der Satzungen Mosis und umgehst mit Heiden, Zöllnern und Sündern aller Art und Gattung, – siehe, das sind deine schlechten und sehr üblen Seiten, die der Tempel, der streng auf die Satzungen Mosis hält, niemals wird gutheißen können!
GEJ|7|188|3|0|Warum erhöhst du dich denn wegen deiner besonderen Eigenschaften so sehr vor den Menschen, während du doch sichtlich auch nur ein Mensch bist? Wer von uns kann dich achten, so du auch von uns verlangst, daß wir glauben sollen, daß du Gottes Sohn seist und der verheißene Gottesgesalbte, und verdammest den, der das aus gar manchen Gründen nicht glauben kann? Du sagtest wohl, daß du die Wahrheit, das Licht und das Leben seist, – aber womit kannst du uns das denn wohl beweisen, daß sich die Sachen also verhalten? Beweise uns das, und überzeuge uns davon, und wir wollen an dich glauben!“
GEJ|7|188|4|0|Sagte Ich: „Sehet diese Steine an, die da zerstreut am Boden herumliegen! Eher denn euch überzeuge Ich diese Steine, daß eben Ich Derjenige bin, von dem Moses und die Propheten geweissagt haben!
GEJ|7|188|5|0|So Ich Zeichen wirke, die vor mir nie ein Mensch, noch der größte aller Propheten gewirkt hat, so sollten euch denn doch die Augen aufgehen, damit ihr die Zeichen dieser Zeit wohl erkennen möchtet zu eurem Heile! Aber ihr seid blind, taub und verstockt in euren Herzen und sehet, vernehmet und empfindet darum nichts. Und darin liegt auch das Gericht über euch in euch selbst und mit ihm der sichere Tod eurer Seelen.
GEJ|7|188|6|0|Ihr übertünchet wohl jährlich die Gräber der Väter und der Propheten; aber eben das, was die übertünchten Gräber sind, das seid auch ihr. Dem Außen nach seid ihr wohl bekleidet nach der Ordnung Mosis und Aarons, auf deren Stühlen ihr sitzet, – aber inwendig seid ihr voll Moders und Ekelgeruchs!
GEJ|7|188|7|0|Ihr sagtet nun, daß es von Mir eine schlechte und sehr üble Seite sei, daß Ich mit Heiden, Zöllnern und Sündern umgehe, und daß Ich ein Sabbatschänder sei und die Satzungen Mosis nicht halte. Wie haltet aber ihr dessen Satzungen? Ich sage es euch aber, daß eben ihr die Satzungen Mosis nicht einmal dem Scheine nach ganz ordentlich haltet; wohl aber habt ihr selbst eine Menge nichtiger und wertloser Satzungen gemacht, die ihr zu eurem irdischen Besten haltet und dabei das arme Volk bedrücket und aussauget. Hat das wohl auch irgend Moses geboten? So es aber nach den Satzungen Mosis gar wohl gestattet und sogar befohlen ist, auch am Sabbat dem Esel, dem Ochsen und den Schafen das Futter zu reichen und sie zur Tränke zu führen, und einem Esel, der in eine Grube oder in einen Brunnen gefallen ist, herauszuhelfen, sollte es da nicht um so mehr recht und billig sein, einem bedrängten Menschen auch an einem Sabbat zu helfen? O ihr Blinden, ihr Tauben und ihr Toren am Herzen und am Verstande! Ist denn ein Mensch vor Gott weniger wert als ein Tier?!
GEJ|7|188|8|0|Hat nicht Moses geboten, sagend: ,Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest und es dir wohl ergehe auf Erden!‘? Warum saget denn ihr dann den Kindern: ,Kommet her und bringet dem Tempel ein Opfer; das wird euch dienlicher sein!‘ Wenn ihr solches lehret, handelt ihr da nach dem Gesetze Mosis?!
GEJ|7|188|9|0|Hat Moses nicht auf das feierlichste jedermann geboten, daß man die Witwen und Waisen nicht unterdrücken soll?! Was tut aber ihr? Ihr schützet den Witwen und Waisen lange und wirkend sein sollende Gebete vor und bemächtiget euch dabei ihrer Habe, und wenn dann die Witwen und Waisen, so ihnen eure Gebete nichts nützen, sich weinend darum bei euch beschweren, so stoßet ihr sie hinaus und saget, daß sie Sünder seien, für die Gott auch die kräftigsten Gebete nicht erhöre! Saget, hat Moses wohl je ein solches Tun und Treiben geboten? Ihr handelt in allem wider die Gesetze Mosis, und Mir saget ihr, daß Ich den Gesetzen Mosis zuwiderhandle?!
GEJ|7|188|10|0|Sehet, dieweil ihr eben von Moses ganz abgewichen seid, so seid ihr mit Blindheit geschlagen worden und könnet nun den hellsten Tag vor euren Augen nicht mehr ersehen, – und das ist euer Gericht, euer Tod und eure Verdammnis! So säuget ihr die Mücken mit euren leeren und teuerst bezahlten Gebeten und verschlinget dafür ganze Kamele, und dennoch saget ihr, daß ihr Mosis Jünger seid! Wie könnet ihr aber Mosis Jünger sein, so ihr – wie schon gesagt – allen Satzungen Mosis, ärger denn alle Heiden, zuwiderhandelt? Darum aber wird das Licht auch von euch genommen und den Heiden gegeben werden.
GEJ|7|188|11|0|Ich bin in diese Welt gekommen, um euch auf dem freundlichsten und liebevollsten Wege durch Lehre und Taten auf die rechten Lebenspfade zu bringen; ihr aber verfolget Mich auf allen Wegen und Stegen und suchet Mich zu fangen und zu töten, da ihr saget und behauptet, Ich sei ein Volksverführer und Volksaufwiegler. Ich aber habe auch Zeugen, und Gott Selbst, der in Mir ist wie Ich in Ihm, ist Mein Zeuge, daß ihr alle böse Lügner seid vor Gott und vor allem Volke.
GEJ|7|188|12|0|Die Römer, die nun die irdischen Herren des Landes der sein sollenden Kinder Gottes sind, und die mit ihren scharfen Augen alles sehen und bemerken, was irgend nur im geringsten ihrer Herrschaft gefährlich werden könnte, hätten Mich, so sie an Mir irgendeine Volksaufwieglerei entdeckt hätten, schon lange vor die Gerichte gezogen! Da sie aber von allem dem, dessen ihr Mich beschuldiget, noch nie auch das Allergeringste entdeckt haben, so begegnen sie Mir auch auf allen Wegen auf das freundlichste und erweisen sich als Menschen voll Glaubens, voll Liebe und voll Achtung gegen Mich, Meine Lehre und Meine Taten. Darum aber werden sie auch in Mein Licht und Leben aufgenommen werden; ihr aber werdet hinausgestoßen werden in die äußerste Finsternis, wie es geschrieben steht, und da wird sein viel Heulens und Zähneknirschens!“
GEJ|7|188|13|0|Als Ich solches geredet hatte, da wurden auch diese noch gemäßigteren Juden und Pharisäer voll Ärgers und sagten: „Siehe, wie du doch unsinnig redest! Wer verfolgt dich denn, und wer sucht dich zu töten? Wenn du Gutes lehrst und den Menschen Gutes erweisest, darum verfolgt dich niemand und sucht dich auch niemand zu töten; aber wenn du als ein Mensch, wie auch wir nur Menschen sind, vorgibst, daß du ein Gottes-Sohn seist und somit der Verheißene, der Gesalbte Gottes – was nach dem Ausspruche der Propheten soviel sagen will als Jehova Selbst –, so mußt du denn doch selbst einsehen, daß wir das so lange als eine allerärgste Gotteslästerung ansehen müssen, als wie lange du uns entweder nicht die genügenden Beweise dartust, daß du der vollsten Wahrheit nach der verheißene Gesalbte Gottes bist und wir an dich glauben können, oder du mußt vor uns und vor dem Volke dein Zeugnis über dich selbst widerrufen! Solange du aber da weder das eine noch das andere tun wirst, wirst du dir auch gefallen lassen müssen, daß dich der Tempel als einen Gotteslästerer verfolgen wird! Haben wir nicht recht, wenn wir dir das nun vor allem Volke vorhalten?!“
GEJ|7|188|14|0|Sagte Ich: „So, – ihr habt nun geredet, und das also geredet, gleichwie ein Stockblinder über die Farben des Lichtes urteilt und redet; und weil ihr also urteilet und redet, so sprechet ihr damit auch selbst euer eigenes Verdammungsurteil aus. Ich werde euch nicht richten, sondern das Wort, das Ich schon so oft vergeblich zu euch geredet habe, wird euch richten.
GEJ|7|188|15|0|So ihr den Propheten Jesajas gelesen und nur in Wenigem verstanden habt, so müsset ihr denn doch wissen, was das sagen will: ,Eine Jungfrau wird uns einen Sohn gebären, und Sein Name wird sein ,Emanuel‘, das heißt, ,Gott mit uns‘!‘ Hat sich denn das nicht wie auch alles andere eben an Mir erfüllt?! Wenn es aber also und ewig nicht anders ist, – würde Ich da nicht euch gleich ein Lügner sein, wenn Ich nun eurer finstersten Ansicht zuliebe bekennen würde, Ich sei nicht Der, der Ich doch vor Gott, vor allen Himmeln und vor aller diesirdischen Kreatur bin?!
GEJ|7|188|16|0|Ihr wollet andernteils einen solchen Beweis von Mir haben, der euch unwiderruflich und ganz sonnenklar überzeugte, daß eben Ich der verheißene Gesalbte Gottes bin. Saget Mir aber, wie Ich für euch und eure Stockblindheit denn das anstellen soll!
GEJ|7|188|17|0|So Ich vor euch Werke und Taten verrichte, die vor Mir kein Mensch je verrichtet hat, so Ich Lahme und Krüppel heile, daß sie dann völlig gesund und kräftig einherspringen wie Hirsche, wenn Ich weiter Gichtbrüchige, Aussätzige heile, den Tauben und Stummen das volle Gehör und die Rede gebe, die Blinden sehend mache, die Besessenen von ihren argen Plagegeistern befreie, sogar die Toten durch die Macht Meines Wortes wieder zum Leben erwecke und bei Gelegenheiten noch gar manche andere Taten verrichte, die außer Gott niemandem möglich sind, und dabei den Armen am Geiste das Evangelium von der lebendigen Ankunft des Reiches Gottes auf Erden predige und Mich kein Mensch je einer Sündenbegehung zeihen kann – und ihr dann saget, daß Ich alles das durch die Hilfe Beelzebubs, des Obersten aller Teufel, zustande bringe, so frage Ich euch, welche anderen Zeichen soll Ich vor euren Augen noch wirken, auf daß ihr glauben würdet, daß Ich wahrhaft der Gesalbte Gottes bin?
GEJ|7|188|18|0|So Ich euch noch tausend und abermals tausend andere Zeichen leisten würde, so würdet ihr abermals sagen, daß Ich solches alles durch die Hilfe des Obersten der Teufel gewirkt habe! Was würden bei solcher eurer stockblinden Ansicht euch dann Meine ferneren Zeichen wohl nützen? Ich sage es euch aber: Ebensowenig als man einem Blindgeborenen einen Begriff von irgendeiner Farbe beibringen kann, gleichalso kann man auch euch keinen für euch begreiflichen Beweis von dem geben, daß Ich der vollsten Wahrheit nach der Gesalbte Gottes bin!
GEJ|7|188|19|0|Und sehet, diese böse Nacht in eurer Seele ist denn auch euer Untergang, euer eigenes Gericht und euer wahrer Tod! Denn Ich allein bin der Weg, das Licht, die Wahrheit und das ewige Leben. Wer an Mich glaubt und nach Meinem Worte lebt und handelt, der auch überkommt von Mir den Geist des ewigen Lebens, und Ich allein werde ihn zum Leben erwecken an seinem jüngsten Tage in Meinem Reiche; wer Mich aber flieht, verachtet und verfolgt, der flieht, verachtet und verfolgt auch sein eigenes Leben und kann es ewig nie von woanders her erhalten als nur allein von Mir.
GEJ|7|188|20|0|Wer sonach von Mir das ewige Leben seiner Seele nicht annehmen will und sich gegen alles von Mir Ausgehende sträubt, der bleibt auch tot in Ewigkeit.
GEJ|7|188|21|0|Wer aber das Leben haben will, der muß es von Dem nehmen, der das Leben selbst ist, also das Leben hat und dasselbe geben kann, wem Er es geben will. Aber dieser Er gibt das Leben nur dem, der danach dürstet.
GEJ|7|188|22|0|Mein Wort und Meine Lehre aber sind eben das nun allen Menschen dargebotene Leben. Wer demnach, wie schon gesagt, Mein Wort und Meine Lehre tatsächlich annimmt, der nimmt auch das Leben der Seele von Mir an.
GEJ|7|188|23|0|Wenn aber unmöglich anders denn also nur, wie Ich es euch und allen andern nun hier gezeigt habe, sich die Sache des ewigen Lebens verhält, – woher wollet und werdet ihr denn euer erhofftes ewiges Leben für eure Seelen hernehmen?“
GEJ|7|189|1|1|189. — Ein Pharisäer entwickelt seine Weltanschauung
GEJ|7|189|1|0|Sagte ein Pharisäer, der sich für einen Hochweisen dünkte: „Siehe, aus dieser deiner Rede habe ich nun erst so recht klar erkannt, daß du daherredest, als wärest du ein Wahnsinniger, der von dem wahren Wesen Gottes, von Seiner endlosen Weisheit, Macht und Größe und von Seiner Einrichtung der Verhältnisse dieser Welt und ihrer Geschöpfe gar keinen wahren Begriff hat und auch nicht haben kann. Denn siehe, so das ewige Leben einer Menschenseele nun bloß an den vollen Glauben an dich, an dein Wort und an deine Lehre gebunden ist und eine jede Seele, die entweder an dich nicht glaubt und sich nicht richtet nach deiner Lehre oder – was zum allermeisten der Fall ist – von dir ohne ihr Verschulden nichts weiß und wissen kann, den ewigen Tod zu gewärtigen hat, so bist du samt dem Gott, der dich in die Welt gesandt hat, das allerunweiseste und allerungerechteste Allmachtswesen, das sich ein hellerer Menschenverstand je denken kann!
GEJ|7|189|2|0|Was können denn die Menschen dafür, die vor Hunderten und Tausenden von Jahren vor uns gelebt haben und von deiner allein alle Seelen belebenden Lehre unmöglich je etwas haben vernehmen können? Diese Armen sind nach deinem Worte also alle samt und sämtlich im ewigen Tode!?
GEJ|7|189|3|0|Weiter, – was können denn die zahllosen Völkerschaften dafür, die auf der weiten Erde irgendwo leben und fortbestehen und von deiner Lehre vielleicht in tausend Jahren noch keine Silbe werden vernommen haben?! Diese Armen sind demnach auch als für ewig tot anzunehmen und anzusehen?!
GEJ|7|189|4|0|So hätte denn dein Gott mit aller seiner unergründlich tiefen Weisheit und Güte mit all dem von ihm Erschaffenen endlich dahin die größte Freude und darin sein größtes Wohlgefallen, daß er alle seine so höchst weise eingerichteten Geschöpfe nach einem kurzen Dasein wieder töte und gänzlich vernichte!
GEJ|7|189|5|0|Wozu kam dann ein Moses und alle die anderen Propheten? Wozu waren die stets schwer zu haltenden Gesetze Mosis gut, und wozu die oftmaligen und vielen Plagen, die Gott über die Juden und anderen Völker verhängte, so sie nicht nach Seinem geoffenbarten Willen handelten und lebten?
GEJ|7|189|6|0|Ich meine: Zur Erreichung des ewigen Todes der Seele nach dem Abfalle des Leibes wäre schier ein jedes Hundeleben völlig gut genug gewesen. Wozu da Menschen erziehen und geistig ausbilden?! Für die Gewinnung des sicheren ewigen Todes der Seele eines Menschen nach dem Tode des Leibes benötigt der Mensch nichts Weiteres, als daß er gleich den Tieren nur seinen täglichen Fraß kennt; wozu ihn da denken lehren und urteilen und schließen? Das verbittert ja offenbar sein elendstes Dasein! Ja, alle nun leider geistig geweckten Menschen sollten alle Kinder gleich nach der Geburt erwürgen, auf daß diese als später erwachsene und denkend ihrer selbst bewußte Menschen weiter nicht mit allerlei geplagt würden und auch niemals in die Furcht kämen, das oft doch süß schmeckende Leben endlich für ewig verlieren zu müssen.
GEJ|7|189|7|0|Ich gestehe es hier offen, daß ich nach deiner Lehre dem von dir gepredigten Gott auch selbst von der weitesten Ferne her nicht den allergeringsten Dank schulde; denn er hat mich ja nicht zu irgendeinem Glücke von Bestand, sondern nur zum größten, die ganze Zeit meines Lebens bitterst gefühlten Unglück in diese Welt gesetzt. Je eher er mich wieder vernichtet, eine desto größere Wohltat erweist er mir!
GEJ|7|189|8|0|Und wahrlich gesagt: Ein ausnahmsweise ewiges Leben der Seele durch den nunmaligen Glauben an dich, an dein Wort und an deine Lehre möchte ich schon darum nicht, weil ich als eine ewig fortlebende Seele denken müßte, daß zahllose Menschenscharen ganz schuldlos für ewig von deinem Gott vernichtet worden sind! Da ist mir ein ewiges Nichtsein ja doch endlos lieber als irgendein leidiges ewiges Dasein!
GEJ|7|189|9|0|Aus diesen meinen Worten wirst du, wenn du nur eines gesunden Gedankens fähig bist, samt deinen blinden Jüngern einsehen, daß deine Lehre zur wahren Beglückung der Menschen noch um vieles untauglicher ist als die Lehre der Sadduzäer, die sie nach dem griechischen Weltweisen Diogenes umgestaltet haben, und die für alle Menschen weit tröstender ist als deine Lebenslehre, nach der man nur allein durch den Glauben an dich zum ewigen Leben der Seele gelangen kann. Wahrlich, für solche deine Lehre wird dir kein wahrer Menschenfreund je dankbar sein! Und nun soll alles Volk im Tempel und auch außerhalb des Tempels urteilen, ob ich da auch nur ein ungerechtes Wort dir gegenüber geredet habe! – Entgegne mir, wenn du das kannst!“
GEJ|7|190|1|1|190. — Das ewige Leben der Seelen
GEJ|7|190|1|0|Sagte Ich mit einer ernsten Miene: „Du wagst viel Ungerechtes und Unwahres vor dem Volke Mir ins Gesicht zu sagen! Wäre Ich euch Juden und Pharisäern gleich zornmütig, so würdest du nun für diese deine kecke, wahrheits- und sinnlose und hochmutsvolle Rede einen Lohn von Mir überkommen, daß sich darüber alles Volk entsetzen würde, da es dadurch sicher schnellst zu der Einsicht käme, daß Mir alle Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist; aber Ich bin von ganzem Herzen sanftmütig, bin Selbst voll Demut und werde dich vor dem Volke nur mit Meinem Worte strafen!
GEJ|7|190|2|0|Du hast Mich des Wahnsinns beschuldigt, dieweil Ich lehre, daß der, welcher an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt, das ewige Leben in sich haben wird, – wer aber nicht an Mich glaubt und nicht nach Meinem Worte lebt, in sich haben wird das Gericht und mit demselben den ewigen Tod.
GEJ|7|190|3|0|Dummer und blinder Pharisäer! Was ist denn nach deinem höchst materiellen Begriffe das ewige Leben der Seele in Meinem Reiche, das nicht von dieser Welt ist, und was ist denn das Gericht und mit ihm der ewige Tod?
GEJ|7|190|4|0|Verstündest du dieses Geheimnis, so würdest du anders urteilen und reden; aber weil du blind bist an deiner Seele und finster in deinem Herzen, so urteilst du über geistige Dinge geradeso wie ein Blindgeborener über den Lichtschmelz der Farben.
GEJ|7|190|5|0|Ist denn bei dir der ewige Tod der Seele und ihre – sage – unmögliche gänzliche Vernichtung für ewig hin ein und dasselbe? Siehe, du und dein ganzes Kollegium seid der Seele nach schon lange völlig tot; seid ihr aber darum vernichtet?! Ihr werdet auch ewig nie vernichtet werden, aber bleiben, wie ihr nun seid, in euren Sünden, die da sind der Seele Tod darum, weil sie in solch einem Zustande nimmerdar zu einer höheren und reineren Erkenntnis emporsteigen kann, sondern in ihrer Finsternis und in ihren alten Weltzweifeln, deren eure Seelen voll sind, bleiben muß.
GEJ|7|190|6|0|In dieser Welt aber drücken sie euch weniger, weil ihr euch mit allen Dingen der Welt gar gut zu trösten verstehet; aber wenn eure Seelen bald ohne die irdischen Leiber sich in der eigenen, aus ihnen hervorgehenden geistigen Weltsphäre befinden werden ohne Liebe und ohne Licht in sich, – wie wird es ihnen dann ergehen?!
GEJ|7|190|7|0|Ich weiß das aber sehr wohl und kenne das und weiß es nur zu klar, wie ihr alle gänzlich von dem Worte Gottes abgewichen seid, – und darum bin Ich Selbst, der Ich im Geiste Derselbe bin, der auf Sinai dem Moses die Gesetze gab, sowie dereinst dem Adam und später nach der Sündflut dem Noah, dem Abraham, dem Isaak und Jakob, wie nach Moses auch den vielen Propheten, nun verheißenermaßen in diese Welt im Fleische eines Menschen gekommen, um euch alle durch Lehre und Taten aus eurem Gerichte und Tode zu erlösen, weil ihr trotz allen den Urvätern, trotz Moses und allen Propheten in die harte Gefangenschaft der Sünde und des Todes geraten seid.
GEJ|7|190|8|0|So Ich euch nun Selbst lehre, weil alle Meine früher an euch Menschen gesandten Boten nichts ausgerichtet haben, bin Ich dann und darum ein Wahnsinniger? O du Schlangenbrut, du Otterngezüchte, wie lange werde Ich dich noch in deinem Gerichte und in deinem Tode ertragen müssen!
GEJ|7|190|9|0|Du meinst, daß die Menschen, die vor Mir gelebt haben und Mein nunmaliges an euch gerichtetes Wort nicht hören, an Mich also nicht glauben und somit auch das ewige Leben nicht einernten konnten, sowie auch jene nicht, die nun in fernen Landen leben und zumeist Heiden sind? O du blinder Pharisäer! Da sieh hin, sieben Männer aus dem fernsten Oberägypten, sie kennen Mich, lebten nach Meinem Willen, und ihre Seelen haben schon lange das ewige Leben und dessen nie versiegbare Kraft und Macht überkommen. Sie sollen dir ein Zeichen geben!“
GEJ|7|190|10|0|Hier trat der erste Oberägypter vor und sagte: „Höre, du elender Hurer und Ehebrecher, zehn Väter, aus denen du hervorgegangen bist, sollen erscheinen und dir sagen, daß sie sich wohl elend im Jenseits befinden, aber nicht vernichtet sind!“
GEJ|7|190|11|0|Da umstanden plötzlich, gar elend aussehend, die Gerufenen den Pharisäer, und sein Vater, den er gar wohl erkannte, sagte: „Weil ich war, wie du nun bist, so bin ich nun also elend, wie du mich schaust, und du wirst auch so elend, wie ich und alle die Vorväter nun sind und auch sicher bleiben werden; denn uns leuchtet kein Glaube und keine Hoffnung!“
GEJ|7|190|12|0|Fragte der Pharisäer ganz erstaunt: „Kann euch denn nimmer geholfen werden?“
GEJ|7|190|13|0|Sagte der Geist: „O ja, so wir das wollten; aber wir haben den Willen dazu nicht, gleichwie du ihn auch schon in dieser Welt nicht hast und Den verfolgst, der dir helfen könnte, – und wir tun dasselbe!“
GEJ|7|190|14|0|Hier verschwanden die Geister und Ich sagte: „Was ist nun deine Meinung?“
GEJ|7|190|15|0|Da sagte der Pharisäer: „Ihr alle seid Zauberer und Magier, und diese Erscheinung habt ihr hergezaubert! Ich werde mich darum mit euch nicht mehr abgeben und mich zurückziehen.“
GEJ|7|190|16|0|Das Volk aber sagte: „Oh, oh, seine Weisheit hat sich gehäutet, darum geht er nun voll Schande zurück!“
GEJ|7|190|17|0|Die Tempeljuden aber ermahnten das laute Volk; dieses aber wurde noch lauter und fing an zu zischen und zu pfeifen. Da zogen sich alle Pharisäer und alle die Tempeljuden in aller Eile zurück.
GEJ|7|190|18|0|Das Volk aber bat Mich, daß Ich es belehren möchte.
GEJ|7|190|19|0|Ich aber ermahnte das Volk Selbst zur Ruhe, und es ward alsbald ruhig. Darauf erst fing Ich an, das Volk zu lehren über die Liebe zu Gott und zum Nächsten, und warnte es vor den Irrlehren der Pharisäer.
GEJ|7|191|1|1|191. — Ein neuer Plan der Templer, den Herrn zu fangen
GEJ|7|191|1|0|Es kam aber durch etliche unter dem Volke versteckte Spione zu den Ohren der Pharisäer, daß Ich das Volk also lehrte. Da hielten sie einen Rat, was sie wider Mich unternehmen sollten, um Mich zu fangen und zu verderben.
GEJ|7|191|2|0|Aber die Gemäßigteren sagten: „Ihr könnet zwar tun, was ihr wollet; aber wir versichern euch zum voraus, daß ihr gegen ihn nichts ausrichten werdet. Denn fürs erste hängt ihm viel Volk an, und fürs zweite besitzt er eine uns unbegreifliche Zaubermacht, durch die ihm alle Mächte und Kräfte der Natur und Geisterwelt zu gehorchen scheinen, und fürs dritte ist er in der Schrift derart bewandert, daß wir alle gegen ihn pure Pfuscher sind, und zum vierten hat er die hohen Römer, die ihn sicher für einen Halbgott halten, fest für sich. Auch die alten, wunderlichen Ägypter, Perser, Araber, Indier und noch andere Morgenländer hat er um sich, und da wird es nun schon sehr schwer werden, gegen ihn etwas Erfolgwirkendes zu unternehmen. Wollet ihr aber uns etwa keinen Glauben schenken, so gehet selbst hinaus und erkundiget und überzeuget euch von allem selbst!
GEJ|7|191|3|0|Sind gestern nachmittag nicht die zwei allerbewährtesten Pharisäer hinaus nach Emmaus gezogen mit zwei unserer schlauesten Leviten? Wo sind sie etwa nun? Wir wissen es nicht. Vorgestern haben wir unsere vertrautesten Spione und Häscher nach ihm ausgesandt und haben ihnen die feste Weisung gegeben, uns noch vor dem Abende Nachricht zu bringen, was sie irgend in Erfahrung gebracht haben, und es kam keiner bis zur Stunde zurück! Wo sind sie hingekommen? Welche entsetzlichen Verlegenheiten haben uns die vorgestrigen Erscheinungen in der Nacht bereitet! Wer außer ihm und seinen Helfershelfern konnte sie bewirkt haben?!
GEJ|7|191|4|0|Heute haben drei aufgegangene Sonnen uns und alles Volk in eine große Verwirrung gebracht! Auch das scheint von ihm bewirkt worden zu sein! Es scheint sich an ihm alles zu bestätigen, was wir von anderwärts über ihn und sein Wirken in Erfahrung gebracht haben, und so ist es nun von uns ein eitles Ding, so wir uns vornehmen, ihm irgendeine Gewalt anzutun. Hätte er nur eine geringste Furcht vor uns, so würde er es wohlweislich bleiben lassen, im Tempel offen lehrend aufzutreten; denn unsere Strenge gegen solche Menschen wird ihm so gut bekannt sein wie uns selbst. Das ist so unsere nüchterne Meinung; ihr aber könnet nach der großen Mehrheit eurer Stimmen noch immer tun, was euch gut dünkt, und wir werden euch nicht in den Weg treten.
GEJ|7|191|5|0|Das aber glauben wir nach unserem allzeit nüchternen Nachdenken: Ist seine Sendung etwa doch von Gott geheim verordnet, so werden wir sie nicht zu unterdrücken imstande sein; ist sie aber nur ein pures Menschenwerk, so wird sie auch von selbst wieder zerfallen in den Staub der Vergessenheit. Kann nun unser Wort gegen ihn nichts ausrichten, so werden unsere Taten noch weniger vermögen!“
GEJ|7|191|6|0|Sagte nun einer von der Erzpartei des Kaiphas: „Wenn denn nun schon alles sich so verhält, wie ihr das nun wohlmeinend vorgebracht habt, so ratet ihr denn, was da Rechtens zu tun sein könnte; denn gar so unbeirrt können wir diese Sache, die uns den Untergang bringen muß, ja doch wohl nicht vor sich gehen lassen!“
GEJ|7|191|7|0|Sagte darauf der Gemäßigte: „Wenn wir ihn durch eine kluge und wohlberechnete Frage und Rede nicht vor dem Volke und vor den Römern entlarven und verdächtig machen können, so sind wir so gut wie fertig; durch Taten werden wir ihm nicht im geringsten zu schaden imstande sein! Das ist unsere feste und wohlbegründete Meinung.“
GEJ|7|191|8|0|Sagte darauf der Erzpharisäer: „Der Rat ist gut und läßt sich hören, und wir können da ja einen Versuch machen; denn an schlauen, klugen und guten Rednern hat es bei uns noch keinen Mangel, obwohl uns schon eine bedeutende Anzahl der sonst bewährtesten Redner in diesen Zeiten abhanden gekommen sind, was wir wahrscheinlich auch dem verruchten Nazaräer zu verdanken haben. Wer von uns getraut sich denn, gegen eine große Belohnung dieses Amt zu übernehmen?“
GEJ|7|191|9|0|Hier traten ein Schriftgelehrter und ein Pharisäer, der auch der Römergesetze wohl kundig war, auf, und die beiden sagten: „Betrauet uns mit diesem Amte, und wir werden ihn bald und leicht gefangen haben; denn uns ist noch keiner durchgekommen!“
GEJ|7|191|10|0|Der ganze Rat war damit einverstanden, und Kaiphas sagte mit großer Gravität: „Gut, so verkleidet euch, auf daß euch das Volk nicht erkenne! Tretet durch die große Volkstür in den Tempel, und machet eure Sache gut, und mein und Gottes Wohlgefallen wird euch zuteil werden!“
GEJ|7|191|11|0|Hierauf verkleideten sich die beiden und gingen nach der Anweisung des Kaiphas in den Tempel, wo Ich noch das Volk über die Liebe zu Gott und zum Nächsten belehrte; aber die Hohenpriester (Obersten), Pharisäer und auch noch etliche Schriftgelehrte trauten den zweien nicht völlig, verkleideten sich auch und zogen ihnen nach in den Tempel, um selbst Zeuge zu sein, was die beiden mit Mir ausrichten würden, und stießen im Tempel zu ihnen.
GEJ|7|192|1|1|192. — Die Pharisaer versuchen den Herrn zu fangen
GEJ|7|192|1|0|Die beiden kamen bald vor Mich hin und fragten Mich gleich ganz keck, als Ich ein wenig ausruhte: „Meister, wir wissen es, daß du außerordentliche Dinge verrichtest, die vor dir kein Mensch je verrichtet hat! Sage es uns denn doch einmal, aus was für Macht du solches alles zu verrichten imstande bist; denn du als ein Meister wirst doch wohl sicher am besten wissen, durch welche Kräfte und Mittel dir all die Wundertaten zu verrichten möglich sind (Matth.21,23)!“
GEJ|7|192|2|0|Sagte Ich: „O ja, das weiß Ich gar sehr wohl, und sehet, Ich will es euch auch sagen; aber zuvor werde Ich euch um etwas fragen! Beantwortet ihr Mir Meine an euch gestellte Frage recht, so will Ich euch dann auch sagen, aus welcher Macht Ich Meine Taten verrichte (Matth.21,24)!“
GEJ|7|192|3|0|Sagten die beiden: „Frage du uns nur immerhin; wir werden dir keine Antwort schuldig bleiben!“
GEJ|7|192|4|0|Sagte Ich: „Gut denn; also saget es Mir frei und offen vor allem Volke: Woher war die Taufe Johannis, des Sohnes ebendesselben Zacharias, der von euch in diesem Tempel zwischen dem Altar und dem Allerheiligsten erwürgt worden ist? War dieses Johannis Taufe vom Himmel oder nur von den Menschen? Denn an euch liegt es, das vor dem Volke als etwas Bestimmtes auszusprechen. Ihr seid wohl in anderen Kleidern und seid gleich anderen Pilgern beim großen Volkstor in den Tempel gekommen; aber dessenungeachtet seid ihr dennoch schnell erkannt worden. Machet eure Sache aber gut, sonst bleibt der euch verheißene Lohn unterm Wege, den ihr dafür erhalten könntet, so ihr Mich finget in der Rede!“
GEJ|7|192|5|0|Da gedachten sie bei sich und sagten still zueinander (die Pharisäer): „Das ist eine ganz verzweifelt feine Frage! Denn sagen wir des Volkes wegen: Die Taufe Johannis war vom Himmel, so wird er und das Volk zu uns sagen: Wenn so, warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt, und warum habt ihr ihn verfolgt und Herodes beredet, daß er ihn zuerst in den Kerker werfen und darauf enthaupten ließ (Matth.21,25)?‘ Sagen wir aber, daß die Taufe vom Menschen war, so wird sich alles Volk wider uns erheben; denn das Volk hält Johannes gleichfort für einen wahren Propheten (Matth.21,26) und würde über uns herfallen, so wir so etwas von Johannes aussagten. Darum ist da schwer, diesem Menschen eine rechte Antwort zu geben!“
GEJ|7|192|6|0|Sagte im geheimen noch ein anderer: Mir fiel nun ein guter Gedanke ein! Sagen wir das eine oder das andere, so geben wir uns gefangen; wir müssen hier tun, als hätten wir uns um solche Aus- und Mißgeburten des verdorbenen Judentums gar nie gekümmert, weil das zu tief unter unserer Würde sich befand! Und um der langen Rede einen kurzen Sinn zu geben, sagen wir ganz einfach: Das wissen wir nicht; denn über eine so geringfügige Begebenheit dem Tempel gegenüber haben wir uns gar nie gekümmert!“
GEJ|7|192|7|0|Nach solch einer Beschlußnahme wandten sich die beiden wieder an Mich und sagten: „Meister, auf deine Frage können wir dir gar keine Antwort geben; denn wir wissen das nicht, von wem die Taufe des Johannes war! Denn ganz offen gesagt: wir haben uns um diese viel zuwenig gekümmert!“
GEJ|7|192|8|0|Sagte Ich zu ihnen: „Nun gut, weil ihr Mir das nicht sagen wollet, so sage auch Ich euch nicht, aus welcher Macht Ich Meine Werke verrichte (Matth.21,27)!
GEJ|7|192|9|0|Was dünkt euch aber? Sehet, es hatte ein Mann zwei Söhne! Er ging zu dem ersten und sagte zu ihm: ,Mein Sohn, gehe hin und arbeite heute in meinem Weinberge (Matth.21,28)!‘ Der Sohn aber sagte: ,Vater, ich will das nicht tun; denn ich scheue mich vor der schweren Arbeit!‘ Als aber der Vater von ihm gegangen war, da reute es den Sohn; er stand auf und ging hin in den Weinberg und arbeitete den ganzen Tag mit allem Fleiß und Eifer (Matth.21,29).
GEJ|7|192|10|0|Der Vater aber ging darauf zum zweiten Sohne und sagte auch zu diesem, was er zum ersten gesagt hatte. Und dieser antwortete: ,Herr und Vater! Ja, ich werde sogleich dahin gehen und arbeiten!‘ Als aber der Vater von ihm ging, da blieb der Sohn daheim und ging nicht in den Weinberg, daß er dort arbeitete (Matth.21,30). – Welcher von den beiden Söhnen hat denn hier den Willen des Vaters erfüllt?“
GEJ|7|192|11|0|Sagten die Befragten: „Eine wahrhaft kindische Frage! Hier hat ja doch offenbar der erste Sohn des Vaters Willen erfüllt (Matth.21,31a)! Denn mit der abschlägigen Antwort hatte er dem Vater sicher nur eine überraschende Freude machen wollen; denn am Worte liegt doch offenbar weniger als an der Tat. Aber wofür soll dieses Bild gut sein, und was hast du uns damit sagen und zeigen wollen?“
GEJ|7|192|12|0|Sagte Ich: „Ich werde euch das schon erläutern, wenn ihr schon so blind seid, daß ihr das nicht von selbst einsehen möget! Der Vater ist der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Die beiden Söhne aber sind, und zwar der erste: die von Gott berufenen wahren Propheten, die aber eben im Anfange mit der Berufung nicht zufrieden waren, wie das schon Moses gar klar dadurch an den Tag legte, daß er sich weigerte, ob seiner schweren Zunge das hohe Amt zu übernehmen, und darum Gott bat, daß Er ihm den Bruder Aaron zum Dolmetscher gebe. Aber gearbeitet hat dann doch nur Moses. Der zweite Berufene führte wohl das Wort; aber gearbeitet hat nur Moses. Und so ging es dann bis auf diese Zeiten immer schlimmer herab.
GEJ|7|192|13|0|Da die zweiten, die das Versprechen und das Gelübde machten, im Weinberge Gottes zu arbeiten, stets nur das Versprechen machten, daß sie arbeiten würden, aber dann doch nichts taten, so mußte sich Gott wieder an die Hartzüngigen wenden. Diese gaben ihm zwar kein Versprechen, aber sie arbeiteten; so sie aber dann arbeiteten, da fielen die zweiten über sie her und verfolgten sie aus Eifersucht und wollten ihnen die gute Arbeit verwehren, damit die wahren Arbeiter nicht angesehen werden sollten vom Vater des Weinbergs.
GEJ|7|192|14|0|Und so waren in dieser jüngsten Zeit Zacharias und darauf sein Sohn Johannes wohlbestellte Arbeiter im Weinberge des Herrn, obwohl im Anfang ihres inneren Berufes sich ein jeder von beiden geweigert hat, dieses Amt zu übernehmen, weil sie die große Trägheit und die glühende Eifersucht derer wohl kannten, die Gott das Versprechen und das Gelübde gaben, im Weinberge zu arbeiten, aber dann stolz die Hände in den faulen Schoß legten und nicht nur selbst nichts arbeiteten, sondern noch den guten und eifrigen Arbeitern mit Feuer und Schwert verboten, zu arbeiten.
GEJ|7|192|15|0|Darum sage Ich euch: Wahrlich, wahrlich, Zöllner und Huren werden wohl eher in den Himmel kommen denn ihr (Matth.21,31b)! Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht, wie auch eure Vorfahren den alten Propheten nicht geglaubt haben; aber die Zöllner und Huren glaubten dem Johannes, taten Buße und besserten sich. Ihr sahet das wohl und sahet auch euer Unrecht ein; aber ihr tatet dennoch nicht, was die Zöllner taten, damit es ja nicht etwa ruchbar werde, daß auch ihr an ihn geglaubt hättet (Matth.21,32). Darum werden auch die Zöllner und die Huren eher ins Gottesreich eingehen als ihr, die ihr da endlos große Dinge auf euren Beruf haltet und euch damit also brüstet vor aller Welt, als hättet ihr Gott Himmel und Erde erschaffen helfen.
GEJ|7|192|16|0|Aber Ich sage es euch: Eben darum seid ihr die Allerletzten vor Gott! Denn alles, was vor der Welt groß und glänzend ist, das ist vor Gott ein Greuel. Ihr wollet nicht in den Himmel und vertretet noch denen, die hinein wollen, den Weg. Darum aber werdet ihr dereinst auch desto mehr Verdammnis überkommen.
GEJ|7|192|17|0|Ich sage euch das, weil Ich das Recht und die Macht dazu habe und keine Furcht habe vor den Menschen dieser Welt, wie ihr sie habt; denn Ich kenne Gott und die Macht Seines Willens, der nun in Mir ist und will und handelt. Ihr aber kennet Gott nicht, und Sein Wille ist nicht in euch! Darum aber fürchtet ihr dann die Welt und handelt nach dem, was sie euch vorschreibt in euren Herzen; und da ihr das tuet, so bereitet ihr euch auch selbst euer Gericht, eure Verdammnis, und mit ihm den wahren, ewigen Tod. Dieser aber besteht eben darin, daß ihr fortwährend Sklaven eurer stets wachsenden Trägheit und Sinnlichkeit bleiben und ihre schnöden und argen Früchte einernten werdet.“
GEJ|7|192|18|0|Sagte einer der beiden: „Du redest frei und offen zu uns, die wir so gut Menschen sind, wie du einer bist. Hat es dem allmächtigen Gott gefallen, uns Menschen nur für die Hölle zu erschaffen, so hätte Er Sich da wohl die Mühe ersparen können; denn dafür wird Ihn keine Seele loben. Wir aber meinen, daß Gott die Menschen noch immer zu etwas Besserem erschaffen hat, und hoffen darum, daß Er als das weiseste und vollkommenste Wesen uns Menschen deshalb, weil wir so oder so zu handeln durch unüberwindbare Umstände genötigt werden, nicht schon gleich auf ewig in allen Qualen der Hölle wird peinigen wollen.
GEJ|7|192|19|0|Daß wir so manchem Menschen, der sich uns als ein Prophet darstellt, nicht gleich glauben können, davon ist der Grund wohl sehr begreiflich; denn würde der Tempel das tun, so wäre er schon lange kein Versammlungspunkt der noch an Moses glaubenden Juden mehr! Warum läßt sich denn ein von aller Macht Gottes erfüllter Prophet von den Juden ergreifen und sogar töten? Geschieht das, so fallen seine Jünger dann aber auch schon, wie die Erfahrung lehrt, beinahe allzeit von ihm ab und werden wieder Juden, wie sie es vor dem Propheten waren. Warum läßt denn Gott solches zu?
GEJ|7|192|20|0|So die Propheten Seine besonders erweckten und berufenen Arbeiter sind und wir denselben trägen Sohn darstellen, der dem Vater wohl versprochen hat, im Weinberge zu arbeiten, aber dann sein Wort nicht hielt – wie kommt es denn, daß sich die von Gott so hoch bevorzugten Arbeiter von uns trägen Nichtstuern noch allzeit haben besiegen lassen? Wie hat denn dein Gott so etwas zulassen können?“
GEJ|7|193|1|1|193. — Das Gleichnis von den Weingärtnern
GEJ|7|193|1|0|Sagte Ich: „Gott hat jedem Menschen einen vollkommen freien Willen gegeben und einen Verstand und ein ihn mahnendes und allzeit zurechtweisendes Gewissen, ohne welche drei Stücke der Mensch nur ein bloßes Tier wäre.
GEJ|7|193|2|0|Dem Menschen aber ist zur Probe seines freien Willens auch die Trägheit und die Eigenliebe angeboren in seinem Fleische, in dem sich der Mensch auf dieser Welt am meisten behaglich fühlt.
GEJ|7|193|3|0|Der Mensch aber soll aus eigener Kraft das als ein Übel für seine Seele an sich erkennen und es mit den von Gott ihm gegebenen Mitteln so lange fort bekämpfen, bis er ein vollendeter Meister über alle seine leiblichen Leidenschaften geworden ist. Das kommt aber dem sinnlichen und trägen Menschen zu unbequem und unbehaglich vor; er läßt sich lieber von seinen wachsenden sinnlichen Leidenschaften so fest als nur immer möglich umstricken und zieht dadurch Tausende nach, weil es auch ihrem Fleische wohltut, sich in aller Trägheit und ihrer Wollust zu baden.
GEJ|7|193|4|0|Aber was ist von dem die arge Folge? Die Seele, statt sich aus den Banden der Materie auf dem Wege der von Gott ihr angeratenen rechten Tätigkeit loszumachen und am Ende sogar ihr Materielles zu vergeistigen und wahrhaft zu beleben, begibt sich nur stets tiefer und tiefer in den Tod ihrer Materie.
GEJ|7|193|5|0|Wenn das bei den Menschen einmal zu allgemein zu werden beginnt, so erbarmt sich Gott der Menschen und sendet stets zur rechten Zeit Wecker unter die trägen Menschen. Wenn diese aber dann ihr Werk beginnen, so werden die vielen Trägen über die Wecker toll, fallen über sie her, und mißhandeln sie und erwürgen sie gar in ihrer blinden Wut, damit sie dann wieder in ihrer ihrem Fleische so wohltuenden Trägheit fortschlafen können.
GEJ|7|193|6|0|Weil aber Gott eben die Menschen nur fürs ewige Leben und nicht für den ewigen Tod erschaffen hat, so läßt Er auch nicht ab, den trägen und sinnlichen Menschen fort und fort allerlei Wecker zukommen zu lassen, damit sie, die trägen Menschen nämlich, sich aufrichten möchten zur wahren, die Seele belebenden Tätigkeit.
GEJ|7|193|7|0|Werden die mahnenden Propheten nicht angehört, sondern nur verfolgt, so sendet dann Gott bald andere und schärfere Wecker wie Mißwachs, Teuerung, Kriege, Hungersnot und Pestilenz und noch gar manche andern Plagen.
GEJ|7|193|8|0|Bekehren sich die Menschen und werden wieder tätig nach dem göttlichen Rate, dann nimmt Gott bald wieder die Plagen von den Menschen; kehren sich aber die Menschen nicht daran, so hat dann Gott schon noch große Wecker im Vorrate, und diese sehen dann aus wie die Sündflut Noahs und die Zerstörung von Sodom und Gomorra!
GEJ|7|193|9|0|Wenn ihr in euren Sünden also fortbeharret, bis das gegebene Maß voll wird, dann werdet auch ihr die letzten großen und erschrecklichen Wecker ehest zu gewärtigen haben. Ich habe euch das nun gesagt, auf daß ihr, wenn es über euch kommen wird, euch Meiner Worte wohl erinnern möget.“
GEJ|7|193|10|0|Sagten die beiden: „Was tun wir denn Arges, daß darum über uns so etwas kommen sollte?“
GEJ|7|193|11|0|Sagte Ich: „Was ihr tut und noch allzeit getan habt, das werde Ich euch nun sogleich in einem Gleichnisse dartun, – und so höret Mich!
GEJ|7|193|12|0|Es war ein weiser Hausvater, der pflanzte einen Weinberg und führte einen festen Zaun um ihn; dazu grub er eine Kelter und baute einen festen Turm darüber, in dem gar viele Menschen wohnen konnten. Als das alles beendet war, da übergab er alles den Weingärtnern, nachdem sie ihm zuvor Treue, Aufrichtigkeit und Fleiß und Eifer versprochen und er ihnen einen gar guten Lohn ausgesetzt hatte, mit dem die Weingärtner sich sehr zufriedenstellten. Und der Hausvater, da er noch gar viele anderartige Geschäfte hatte, konnte ganz ruhig über Land ziehen, da er alles in der besten Ordnung bestellt hatte (Matth.21,33).
GEJ|7|193|13|0|Als dann herbeikam die Zeit der Ernte, sandte der Hausvater seine Knechte (Propheten und Lehrer) hin, auf daß sie in Empfang nähmen die Früchte des Weinberges (Matth.21,34). Als aber die Weingärtner, die dem Hausvater alle Treue und Aufrichtigkeit und allen Fleiß und Eifer versprochen hatten, die Knechte ersahen, da berieten sie sich also untereinander und sagten: ,Ei was, wir sind unser viele und werden mit den wenigen Knechten des Herrn bald fertig werden und werden die Ernte fein unter uns verteilen!‘ Damit waren alle die bösen Weingärtner einverstanden, und sie ergriffen die Knechte, die vom Herrn gesandt waren, die Früchte in Empfang zu nehmen. Den einen stäupten sie, den andern töteten sie, und den dritten steinigten sie (Matth.21,35).
GEJ|7|193|14|0|Als das vor den Hausvater kam, da ward er voll Ärgers und sandte abermals Knechte hin, aber in einer größeren Anzahl, als da war die der ersten. Und seht, die Weingärtner überwältigten auch diese und taten mit ihnen, was sie mit den ersten getan hatten (Matth.21,36).
GEJ|7|193|15|0|Als auch das vor den Hausvater kam, da ward er ordentlich traurig und gedachte bei sich, ob er mit seinen Weingärtnern ein strenges Gericht halten solle, oder ob er infolge seiner großen Güte und Geduld noch einmal versuchen solle, seine Weingärtner zur freiwilligen Herausgabe seiner Früchte aufzufordern. Da gedachte er bei sich und sprach: ,Ich weiß, was ich tun werde! Ich werde meinen einzigen Sohn dahin entsenden! Vor diesem werden sie sich scheuen und werden tun nach seinem gerechtesten Verlangen (Matth.21,37)!‘
GEJ|7|193|16|0|Als aber die Weingärtner den Sohn ersahen, da sprachen sie untereinander: ,Das ist der Erbe! Kommt und laßt uns auch den töten, und wir bringen dadurch sein Erbgut an uns (Matth.21,38)!‘ Und sie ergriffen ihn, stießen ihn zum Weinberge hinaus und töteten ihn daselbst (Matth.21,39). –
GEJ|7|193|17|0|Was meinet ihr nun: Was wird der Herr des Weinberges, wenn er darauf selbst, mit großer Macht begleitet, zu den bösen Weingärtnern kommen wird, ihnen wohl tun (Matth.21,40)?“
GEJ|7|193|18|0|Da sagten die beiden: „Er wird die Bösewichter alle übel umbringen und seinen Weinberg sicher andern Weingärtnern anvertrauen, die ihm die Früchte zur rechten Zeit ausliefern werden (Matth.21,41)!“
GEJ|7|193|19|0|Sagte Ich: „Da habt ihr nun ganz wahr und gut geurteilt; aber wisset ihr auch, daß unter dem Weinberge die Kirche zu verstehen ist, die Gott als der besagte Hausvater durch Moses gegründet hat, daß ihr Priester die euch nun gezeigten argen Weingärtner seid, daß die Knechte die vielen Propheten sind, die Gott zu euch gesandt hat, und daß nun eben Ich der Erbe des Vaters bin, über den ihr nun Tag für Tag Rat haltet, wie ihr ihn ergreifen, aus seinem Eigentum hinausstoßen und auch töten könntet, auf daß ihr dann ganz unbeirrt auf seinem Throne herrschen könntet und des Weinbergs Früchte unter euch teilen?“
GEJ|7|193|20|0|Sagten darauf die beiden: „Wo sind denn hernach die, welche dich, wenn du wahrhaft der Erbe bist, zu töten trachten? Wir sind nicht hierher gekommen, um dich nun zu ergreifen und zu töten, sondern wir sind gekommen, um dich ernstlich zu erforschen, ob du wohl der vollen Wahrheit nach derjenige bist, der uns verheißen ward. Wir müssen da an der Schwelle der alten Kirchentüre Wache halten, damit nicht etwa auch in dieser wundersüchtigen Zeit, in der die Essäer und auch andere Magier ihre gute Ernte halten, sich ein falscher Christus einschleiche und das leichtgläubige und blinde Volk mit seinen falschen Lehren und Wundertaten berücke und verführe. Wer demnach nicht vor uns die Feuerprobe besteht, der ist ein Eindringling und ein Betrüger, und wir haben das Recht, ihn zu ergreifen und hinauszustoßen.
GEJ|7|193|21|0|Wenn du der wahre Christ bist, – warum ärgert es dich denn, so wir dich vor dem Volke erproben? Finden wir, daß an dir kein wie immer gearteter Betrug haftet, so werden wir dich auch allem Volke als den vorstellen, als den du dich uns selbst vorstellst; erkennen wir aber mit unserem Scharfsinn, daß du dich nur selbst zu etwas machst – etwa auf Kosten deiner geheimen Zauberei –, so liegt uns die von Gott auferlegte Pflicht ob, dich als einen Betrüger und Gotteslästerer hinauszustoßen und nach dem Gesetze zu bestrafen. Wenn wir aber also handeln, wie kannst du uns da mit den argen Weingärtnern in einen Vergleich stellen und uns dadurch vor allem Volke verdächtigen?“
GEJ|7|193|22|0|Sagte Ich: „Weil Ich dazu allen Grund habe und Mich vor euch nicht fürchte! Ich will euch aber den Grund noch näher bezeichnen: Wie ihr nun seid, und wie ihr euch gebärdet, also war es auch schon seit sehr lange her der gleiche Fall. Auch diese (eure Vorgänger) hielten sich stets für die völlig rechtmäßigen Wächter und Bearbeiter des Weinberges Gottes; allein, wo und wie sie arbeiteten, da behielten sie die Früchte für sich und haben das Gesetz Gottes verkehrt und gar vertauscht mit einem weltlichen Gesetze zu ihrem diesweltlichen Besten.
GEJ|7|193|23|0|Da sandte Gott die Propheten zu ihnen, und sie verfolgten sie mit Feuer und Schwert, indem sie vor dem Volke dieselben stets für falsche Propheten erklärten, und jeden Menschen für einen Frevler und Gotteslästerer der der Propheten Lehre annahm und danach lebte.
GEJ|7|193|24|0|Hundert Jahre später erst wurden die von ihren zeitgenössischen Priestern verfolgten Propheten als wahre Propheten anerkannt, und es wurden ihnen Denkmäler errichtet, die ihr nun noch heutzutage aus lauter scheinbarer Ehrfurcht alljährlich übertünchet; aber an ihr, der Propheten, Wort glaubet ihr heute ebensowenig, wie ihre zeitgenössischen Priester ihnen geglaubt haben. Und wie sie die alten Propheten verfolgt haben, so auch verfolget ihr die heute zu euch gesandten Propheten, erkläret sie für falsche, stoßet sie hinaus und tötet sie!
GEJ|7|193|25|0|So ihr das aber tuet – was ihr nicht leugnen könnet –, habe Ich da nicht recht, euch für jene argen Weingärtner zu erklären, die nach eurem Urteil der Herr des Weinberges bald gar übel umbringen wird?! Wächter seid ihr wohl, aber gleich jener räuberischen Art, die vor einer Räuberhöhle Wache halten!
GEJ|7|193|26|0|Was kümmert euch das Wohlgefallen Gottes, an den ihr noch nie geglaubt habt? Euch kümmert nur eure Weltehre, weil sie euch viel Gold, Silber und viele Edelsteine und dazu noch das Erste und Beste von allem, was das Land erzeugt und trägt, abwirft. Denn glaubtet ihr an Gott, so hieltet ihr auch Seine Gesetze, in welchen steht: ,Du sollst nicht verlangen, was deines Nächsten ist!‘ und: ,Du sollst nicht töten!‘ Ihr aber verlanget und nehmet gleich schon alles, was eures Nächsten ist, das er sich im Schweiße seines Angesichtes erworben hat. Wer euch aber das Verlangte nicht geben will, den verfolget ihr ärger denn hungrige Wölfe ein Lamm, und wer euch als von Gott erweckt ermahnt, daß ihr unrecht handelt, den ergreifet ihr alsbald und tötet ihn.
GEJ|7|193|27|0|Daß ihr aber also und nicht anders handelt, das weiß nicht nur Ich, sondern das weiß nun schon ein jeder Mensch und weint und klagt über eure rücksichtsloseste Härte. Ihr leget den armen Menschen unerträgliche Lasten auf; ihr selbst aber rühret sie nicht mit einem Finger an!
GEJ|7|193|28|0|Saget es hier dem Volke, ob euch zu solch einer frechsten und gewissenlosesten Gebarung je Moses oder ein anderer Prophet ein Gesetz gegeben hat! Wo steht es geschrieben, daß ihr die Habe der Witwen und Waisen gegen verheißene lange Gebete an euch bringen dürfet, und wann hat Moses befohlen, wahrhafte Propheten für falsche zu erklären und sie zu verfolgen und zu töten?!
GEJ|7|193|29|0|Wenn ihr aber alles das tuet – was ihr nimmer leugnen könnet –, so ist es doch klar am Tage vor aller Welt, daß eben ihr die argen Weingärtner seid, von denen Ich geredet habe!“
GEJ|7|193|30|0|Hier wurden die zwei Pharisäer samt den andern gar sehr aufgebracht, daß Ich ihnen solches vorhielt, und alles Volk sagte: „Ja, ja, der redet die vollste und nackteste Wahrheit! Ganz also ist es und nicht um ein Haar anders!“
GEJ|7|193|31|0|Als das Volk solches laut aussprach, da sagten die beiden gar drohenden Angesichtes: „Sage uns, wer du denn bist, daß du es wagst, uns solches vor dem Volke ins Gesicht zu sagen! Kennst du unsere Rechte und unsere Gewalt nicht? Wie lange willst du unsere Geduld noch auf die Probe stellen?“
GEJ|7|193|32|0|Sagte Ich: „Ich bin nun Der, der Ich mit euch rede; dann habe Ich wahrlich nicht die allergeringste Furcht vor eurer Gewalt, weil euer eingebildetes Recht vor Gott und allen ehrlichen Menschen das höchste Unrecht ist. Was aber die Geduld betrifft, so hättet ihr wohl füglich fragen sollen, wie lange Ich mit euch noch eben die Geduld haben soll, die ihr mit Mir zu haben wähnet; denn Mir ist alle Gewalt und Macht gegeben im Himmel und auf Erden. Mein Wille kann euch verderben und werfen in das Feuer Meines Zornes; ihr aber könnet Mir nichts tun, indem Ich euch um vieles eher verderben kann, als ihr es vermöchtet, an Mich nur einen Finger zu legen. Ja so Ich es zulassen werde eurer zu großen Bosheit wegen, daß ihr eure schnöden Hände an Mich leget, dann auch ist der Tag eures Gerichtes und eures Unterganges herbeigekommen!“
GEJ|7|194|1|1|194. — Die Frage der Pharisäer nach dem Reiche Gottes
GEJ|7|194|1|0|Sagte einer der beiden: „Was redest du alles für gotteslästerlichen Unsinn zusammen! Sind wir denn nicht die von Moses und Aaron bestellten Bauleute am Hause Gottes auf Erden, wie solches auch geschrieben steht?“
GEJ|7|194|2|0|Sagte Ich: „Ja, ja, es steht solches zwar wohl geschrieben; aber es stehet auch noch etwas anderes geschrieben, und das will Ich euch darum sagen, da ihr schon der Bauleute Erwähnung getan habt. Was aber da, euch sicher auch wohlbekannt, geschrieben steht, das lautet also, wie ihr solches auch in der Schrift gelesen habt: ,Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Dem Herrn ist solches geschehen und stehet zu schauen nun wunderbar vor euren Augen (Matth.21,42)!‘ Darum sage Ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und den Heiden gegeben werden und wird bei ihnen seine Früchte bringen (Matth.21,43).“
GEJ|7|194|3|0|Da sagten die zwei: „Was soll denn mit dem Eckstein, für den du dich zu halten scheinst, weiter geschehen?“
GEJ|7|194|4|0|Sagte Ich: „Mit dem von euch verworfenen Steine, der nun dennoch zum Eckstein geworden ist, hat es für die Folge diese Bewandtnis: Wer auf den Eckstein hinfallen wird, wie ihr nun, der wird zerschellt werden; auf wen aber der Eckstein fallen wird – was ihr zu erwarten habt –, den wird er zermalmen! – Habt ihr das nun verstanden (Matth.21,44)?“
GEJ|7|194|5|0|Auf diese Meine Erklärung fingen auch die andern anwesenden Hohenpriester und Pharisäer an, erst zu begreifen, daß sie dieselben seien, die der über sie herfallende Eckstein zermalmen werde (Matth.21,45). Da wurden sie sehr ergrimmt und fingen an, unter sich zu beraten, wie sie Mich etwa doch ergreifen und verderben könnten (Matth.21,46a).
GEJ|7|194|6|0|Aber die Gemäßigteren rieten ihnen ab und machten sie aufmerksam auf das viele Volk, das Mich für einen großen Propheten hielt (Matth.21,46b), und daß Ich dem Volke schon sicher aus dem Grunde sattsam dargetan habe, was die Hohenpriester und die Pharisäer allzeit mit den Propheten gemacht haben. Es wäre daher ratsam, Mich zuvor in der Rede zu fangen, Mich daraus vor dem Volke mit vollem Grunde für einen Lügner und Betrüger zu erklären und darauf erst Mich zu ergreifen und den Gerichten zu überantworten, wozu dann das Volk nichts mehr sagen könne. Solange Ich aber in der Rede nicht zu fangen wäre, wäre es wohl äußerst gewagt, Mich gerade in dieser Zeit zu ergreifen, in der das Volk durch die nächtlichen Zeichen am Himmel noch zu aufgeregt wäre.
GEJ|7|194|7|0|Die Hohenpriester und Pharisäer sahen das bald ein, verbissen ihren Grimm und beschlossen, Mich weiterhin mit der List der Rede zu fangen.
GEJ|7|194|8|0|Auf solch einen Beschluß wandten sie sich wieder an Mich in einer Art von Güte, weil sie sich vor dem Volke sehr fürchteten, und fragten Mich, sagend (die Pharisäer): „Meister, da du schon in der Schrift gar so sehr bewandert bist, so möchten wir nun von dir denn doch auch erfahren, worin denn das Reich Gottes bestehen wird, das uns genommen und den Heiden gegeben und bei ihnen die erwünschten Früchte tragen wird. Was ist überhaupt das Reich Gottes, – was verstehst du darunter? Ist es der Himmel, in welchen nach dem Leibestode alle Gläubigen zu kommen hoffen, oder besteht es schon irgendwo auf dieser Erde, was nach deiner Rede der Fall zu sein scheint, weil es ansonst nicht den Heiden gegeben werden könnte, von denen doch im wahren, geistigen Himmel keine Rede sein kann, weil es nirgends geschrieben steht, daß dereinst auch die finsteren Heiden in den Himmel Gottes aufgenommen werden? Solche deine Rede kam uns aus deinem Prophetenmunde etwas rätselhaft vor, weshalb wir dich ersuchen, uns diese Sache näher zu erklären!“
GEJ|7|194|9|0|Hier frohlockten sie heimlich schon; denn sie meinten, daß Ich Mich mit dieser Rede schon gefangen hätte und ihnen auf solche ihre schlaue Frage eine rechte Antwort schuldig bleiben würde. Auch das Volk machte hier und da schon bedenkliche Mienen und ward sehr gespannt darauf, wie Ich Mich etwa aus solch einer Schlinge ziehen werde.
GEJ|7|194|10|0|Ich aber richtete Mich auf wie ein Held und machte eine Miene, in der keine Verlegenheit zu erkennen war, und fing an, wie folgt, abermals in Gleichnissen mit ihnen zu reden (Matth.22,1), sagend: „Weil ihr voll Trägheit, voll Sinnlichkeit und des selbstsüchtigsten Hochmutes seid, so ist es euch auch unmöglich, das Geheimnis und die Wahrheit des Reiches Gottes zu verstehen! Ihr stellet euch den erhofften Himmel als irgendeine überherrliche und auch große Örtlichkeit über den Sternen vor, in welcher die frommen Seelen nach dem Tode des Leibes oder – wie da einige von euch noch der blöderen und unsinnigeren Meinung sind – erst nach vielen tausend Jahren am von euch noch nie verstandenen Jüngsten Tage aufgenommen und dann ewig im größten Wohlleben gleichfort schwelgen werden. Und von solchem eurem Himmel, der sonst nirgends als nur in eurer überdummen Phantasie besteht, sollen die finsteren Heiden nach euerm höchst selbstsüchtigen Glauben ausgeschlossen sein! Ja, sage Ich euch, von solchem eurem Himmel werden sie auch für ewig ausgeschlossen sein, weil es unmöglich ist, in einen Himmel aufgenommen zu werden, der in der Wahrheit nirgends besteht!
GEJ|7|194|11|0|Auf daß sich aber dereinst niemand damit entschuldige, daß er nicht gewußt habe, worin anders gestaltet der wahre Himmel besteht, so will Ich euch des Volkes wegen in Bildern zeigen, worin der wahre Himmel allenthalben in der ganzen Unendlichkeit und hier auf dieser Erde, in und über allen Sternen ganz gleichartig besteht. Und so denn höret Mich!“
GEJ|7|195|1|1|195. — Das Gleichnis vom König und seinem Hochzeitsmahl
GEJ|7|195|1|0|(Der Herr:) „Das Himmel- oder Gottesreich ist gleich einem Könige, der seinem Sohne Hochzeit machte (Matth.22,2). Er sandte darum seine Knechte und Diener aus, auf daß sie einluden gar viele vornehme Gäste zur königlichen Hochzeit. Aber die Geladenen sagten bei sich: ,Was bedürfen wir einer königlichen Hochzeitstafel; wir haben es daheim besser und brauchen niemandem zu danken!‘ Und es wollte darum keiner der Geladenen zur königlichen Hochzeit kommen (Matth.22,3).
GEJ|7|195|2|0|Als der König Kunde erhielt, daß die erstgeladenen Gäste nicht kommen wollten, da sandte er abermals andere Knechte aus und sprach zuvor zu ihnen: ,Saget den Gästen: Siehe, meine Hochzeit habe ich bereitet! Meine Ochsen und mein Mastvieh ist geschlachtet, und alles ist bereitet; darum kommet alle zur Hochzeit (Matth.22,4)!‘
GEJ|7|195|3|0|Da gingen die Knechte hin und richteten das treulich den einzuladenden Gästen aus. Die Geladenen aber kehrten sich abermals nicht daran, sondern verachteten das und gingen der eine auf seinen Acker und der andere zu seiner anderartigen Hantierung, und noch andere ergriffen die Knechte und verhöhnten sie und töteten sogar etliche (Matth.22,5.6).
GEJ|7|195|4|0|Als das der König hörte, da sandte er alsbald in seinem gerechten Zorne seine Heere aus und brachte alle diese Mörder um und zündete ihre Stadt an und ließ sie von Grund aus verwüsten (Matth.22,7).
GEJ|7|195|5|0|Darauf sprach der König abermals zu seinen Knechten: ,Die Hochzeit ist zwar wohl bereitet, aber die geladenen Gäste waren ihrer nicht wert; darum gehet nun hin auf alle die gemeinen Straßen und Gassen und ladet zur Hochzeit, wen ihr findet (Matth.22,8.9)!‘
GEJ|7|195|6|0|Und die Knechte gingen und brachten, wen sie nur immer fanden, Böse und Gute. Und sehet, die Tische wurden voll besetzt (Matth.22,10)!
GEJ|7|195|7|0|Als die Tische aber auf diese Weise bestellt waren, da ging der König hinein in den großen Speisesaal, die Gäste zu besehen. Da ersah er einen, der kein auch nur von fernehin hochzeitlich Kleid anhatte, während doch alle andern, als sie geladen wurden, nach Hause eilten und sich so gut, als es ihnen möglich war, in der Eile hochzeitlich schmückten (Matth.22,11).
GEJ|7|195|8|0|Da fragte der König die Knechte: ,Warum hat denn jener Mensch sich nicht hochzeitlich geschmückt, auf daß er meine Augen erquickte und den vielen anderen Gästen kein Ärgernis gäbe?‘
GEJ|7|195|9|0|Die Knechte aber sagten: ,O mächtigster König, das ist einer von den Erstgeladenen, die nicht kommen wollten! Wir fanden ihn nun beim dritten Einladen auch auf der Straße, luden ihn abermals ein und rieten ihm, daß auch er sich schmücken solle mit einem hochzeitlichen Kleide. Er aber sagte: Ei was da! Ich will mir der Hochzeit wegen keine saure Mühe machen, sondern ich werde zur Hochzeit gehen, wie ich bin! Und so ging er denn auch, wie wir ihn auf der Gasse trafen, mit den andern Gästen zur Hochzeit herein, und wir wehrten ihm es nicht, da wir dazu von dir aus kein Recht hatten!‘
GEJ|7|195|10|0|Als das der König von den Knechten vernahm, da ging er hin zu dem, der kein Hochzeitskleid anhatte, und sagte zu ihm: ,Wie mochtest du da wohl hereinkommen, ohne hochzeitlich geschmückt zu sein mit einem Hochzeitsgewande? Siehe, die Tische sind voll besetzt nun mit Armen, davon ein Teil böse war und nur ein geringer Teil gut; aber alle haben sich geschmückt also, daß nun mein Auge ein rechtes Wohlgefallen an ihnen hat! Du aber warst schon ein erstes Mal geladen und wolltest nicht folgen der Einladung, und da nun die dritte, allgemeine Einladung erging, so hast du dich doch bewegen lassen, hereinzugehen, jedoch ohne allen Hochzeitsschmuck, und hast doch des Vermögens zur Genüge für ein Hochzeitsgewand! Warum tatest du mir denn solch eine Schande an (Matth.22,12a)?‘
GEJ|7|195|11|0|Da ward der also Gefragte im höchsten Grade unwillig über den König und wollte sich auch nicht einmal entschuldigen und den König um Vergebung bitten, sondern er blieb stumm und gab dem Könige keine wie immer geartete Antwort, obwohl zuvor der König ihn als Freund angeredet hatte (Matth.22,12b).
GEJ|7|195|12|0|Diese böse Verstocktheit ärgerte aber den König also sehr, daß er zu seinen Dienern sagte: ,Dieweil dieser Mensch also verstockt ist und meine große Herablassung und Freundlichkeit nur mit Unmut, Zorn und Verachtung belohnt, so bindet ihm Hände und Füße (Liebewillen und Weisheit) und werfet ihn in die äußerste Finsternis (purer Weltverstand) hinaus (in die Materie)! Da wird sein Heulen und Zähneklappen (Weltliche Streitereien über Recht, Wahrheit und Leben) (Matth.22,13).‘
GEJ|7|195|13|0|Ich aber sage euch hiermit, daß zum wahren Reiche Gottes auch von Gott aus durch Seine erweckten Knechte auch viele von euch geladen und berufen worden sind, aber auserwählt dann nur wenige (Matth.22,14); denn einmal wollten sie der Einladung gar nicht Folge leisten, darauf widersetzten sie sich derselben – wie es nun der Fall ist –, und als zum dritten Male auch alle Heiden zur Hochzeit geladen wurden, sich schmückten und zur Hochzeit kamen, da kam der Erstgeladenen nur einer im unhochzeitlichen Gewande, und dieser ist das Bild eures Starrsinns, der euch in die äußerste Weltfinsternis und Not hinausstoßen wird. Und darum werden unter den vielen schon von Anbeginne Berufenen sich gar wenig Auserwählte befinden, und es wird also das wahre Reich Gottes von euch genommen und den Heiden gegeben werden; ihr aber werdet in eurer äußersten Weltfinsternis suchen und zanken und streiten und werdet das nun verlorene und von euch gewichene Reich Gottes nimmerdar finden bis ans Ende der Welt.
GEJ|7|195|14|0|Das wahre und lebendige Reich Gottes aber kommt nicht mit und besteht nicht im äußeren Schaugepränge, sondern es ist im Innersten des Menschen; denn welcher Mensch es nicht in sich hat, für den besteht es auch ewighin in der ganzen Unendlichkeit nicht und nirgends.
GEJ|7|195|15|0|Darin aber besteht das Reich Gottes im Menschen, daß er die Gebote Gottes hält und von nun an glaubt an Den, der in Mir zu euch gesandt worden ist.
GEJ|7|195|16|0|Wahrlich sage Ich euch: Wer an Mich glaubt und nach Meinem Worte tut, der hat das ewige Leben in sich und damit auch das wahre Reich Gottes; denn Ich Selbst bin die Wahrheit, das Licht, der Weg und das ewige Leben!
GEJ|7|195|17|0|Wer das entweder aus Meinem Munde oder auch aus dem Munde derer, die Ich als Meine rechten und gültigen Zeugen nun schon aussende und in der Folge noch mehr aussenden werde, vernimmt und nicht glaubt, daß es also und nicht anders ist und auch ewig nicht anders sein kann, der kommt nicht ins Reich Gottes, sondern er bleibt in der Nacht seines eigenen Weltgerichtes. Ich habe solches nun zu euch geredet; wohl dem, der sich danach kehren wird!“
GEJ|7|196|1|1|196. — Die Zinsgroschenfrage
GEJ|7|196|1|0|Als die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Pharisäer solches von Mir vernahmen, da wußten sie nicht, was sie weiteres gegen Mich hätten unternehmen sollen, um Mich in der Rede zu fangen. Denn mit der Frage wegen des Reiches Gottes hatten sie nichts ausgerichtet, weil sie Mir darauf nichts zu entgegnen vermochten, und weil alles Volk sich laut dahin aussprach, daß Ich da die allervollkommenste Wahrheit geredet und gelehrt hätte.
GEJ|7|196|2|0|Auch die anwesenden Gemäßigteren sagten: „Wir haben euch schon ehedem gesagt, daß ihm mit Fragen aus der Schrift nicht beizukommen sein wird, da er darin offenbar bewanderter sein kann als wir selbst! Ihr müßtet nur über römische Gesetze, die er als ein sein wollender Prophet gegenüber den Gesetzen Mosis nicht billigen kann, ihn um seinen Rat und um seine Meinung fragen! Da wäre es noch am ehesten möglich, ihn zu fangen! Aber es müßten ihm da schon von gar tüchtigen Gesetzeskundigen Fragen gestellt werden!“
GEJ|7|196|3|0|Damit waren sie alle einverstanden und hielten unter sich geheim einen Rat, wie sie das anstellen sollten, um Mich auf die angeratene Weise irgend in der Rede zu fangen (Matth.22,15).
GEJ|7|196|4|0|Da gingen einige hinaus zu den Jüngern des römischen Rechtes und auch zu den rechtskundigen Dienern des Herodes und versprachen ihnen einen großen Lohn, so mich diese in der Rede zu fangen vermöchten (Matth.22,16a).
GEJ|7|196|5|0|Da kamen diese bald mit verstellten freundlichen Mienen und sagten (Diener des Herodes): „Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und den Weg Gottes recht lehrst und nach niemand fragst, so ihm auch ungenehm sein sollte deine Lehre! Denn du achtest nur die Wahrheit und niemals das Ansehen einer Person, darum du auch allzeit ein freies Urteil aussprechen kannst (Matth.22,16b). Siehe, wir sind Rechtskundige, und es kommt uns immer sonderbar vor, daß wir Juden, die wir nach dem Gesetze Mosis frei sein sollen, nun aber dem Kaiser nach Rom doch den Zins zahlen müssen. Was meinst du da in dieser Hinsicht? Ist es recht, daß auch wir Juden dem Kaiser nun den Zins zahlen müssen, obschon wir eine Urkunde haben, laut der wir uns trotz der römischen Oberherrschaft frei nach unserem Mosaischen Gesetze bewegen dürfen. Was sagst du dazu (Matth.22,17)?“
GEJ|7|196|6|0|Da Ich aber nur zu gut ihre Schalkheit schon gleich bei ihrem Eintritte merkte, sah Ich sie mit ernster Miene an und sagte laut: „Heuchler, was versuchet ihr Mich? Weiset Mir vor eine Zinsmünze (Matth.22,18.19a)!“
GEJ|7|196|7|0|Und sie reichten Mir sogleich einen römischen Groschen dar (Matth.22,19b).
GEJ|7|196|8|0|Ich aber sagte weiter: „Wessen ist das Bild, und wessen die Überschrift (Matth.22,20)?“
GEJ|7|196|9|0|Und sie antworteten: „Wie du es siehst, offenbar des Kaisers!“
GEJ|7|196|10|0|Sagte Ich: „Nun, so gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist (Matth.22,21)!“
GEJ|7|196|11|0|Als sie das vernahmen, verwunderten sie sich über Meine Weisheit und sagten zu den Priestern: „Diesen Weisen möget ihr selbst prüfen; denn wir sind seiner Weisheit nicht gewachsen (Matth.22,22a)!“
GEJ|7|196|12|0|Darauf gingen sie davon (Matth.22,22b).
GEJ|7|196|13|0|Ich aber besprach Mich abermals frei mit dem Volke über die Unsterblichkeit der Menschenseele, was einige anwesende Sadduzäer anzog, mit denen Ich, wie folgt, bald in Berührung kam.
GEJ|7|196|14|0|Es war aber während dieser Verhandlungen natürlich um die Mittagszeit geworden, und es fragten Mich darum einige Jünger, ob es nun, da Ich die Pharisäer so gut wie völlig besiegt habe und alles Volk auf Mich halte und an Mich glaube, nicht rätlich wäre, aus dem Tempel zu gehen und sich nach einem Mittagsmahl umzusehen.
GEJ|7|196|15|0|Sagte Ich: „Dazu hat es noch lange Zeit und Weile; denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von jeglichem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt. Ich muß arbeiten, solange es Tag ist; wenn die Nacht kommt, da ist mit diesem Volke nicht gut umgehen und arbeiten. Die Pharisäer sind nun wohl hinausgegangen, um unter sich einen neuen Rat zu halten, ob Ich nicht doch noch etwa auf eine Weise zu fangen wäre. Sie werden darum bald wiederkommen und sich um Mich herumtummeln. Dort aber steht ein Schock Sadduzäer, die es auch schon scharf auf Mich abgezielt haben, und die werden nun bald mit Mir zu reden anfangen. Bei dieser Gelegenheit wird es an der Gegenwart der Pharisäer und Schriftgelehrten auch keinen Mangel haben, und somit bleiben wir hier im Tempel, weil ja auch das Volk hier verbleibt. So aber schon jemand von euch sich hinaus begeben will, um seinen Leib zu versorgen, der kann auch das tun; lieber ist es Mir, so er bleibt.“
GEJ|7|196|16|0|Als die Jünger das von Mir vernommen hatten, da blieben sie, und keiner von ihnen ging aus dem Tempel.
GEJ|7|197|1|1|197. — Jesus und die Sadduzäer. Die Ehe im Himmel
GEJ|7|197|1|0|Es traten aber darauf gleich die Sadduzäer, die da der rein kynischen Meinung sind und an keine Auferstehung und an kein Fortleben der Seele nach dem Leibestode glauben, zu Mir und fragten Mich (Matth.22,23), sagend: „Meister, Moses hat gesagt, wennschon gerade nicht ausdrücklich geboten: ,Wenn der Mann eines Weibes ohne Kinder stirbt, so möge sein Bruder um seines verstorbenen Bruders Weib freien und dann seinem Bruder einen Samen erwecken (Matth.22,24).‘ Nun sind aber bei uns sieben Brüder gewesen. Der erste freite ein Weib, starb aber bald, ohne im Weibe einen Samen erweckt zu haben. Auf diese Weise kam das verwitwete Weib nach dem Rate Mosis an den zweiten Bruder (Matth.22,25). Aber auch diesem ging es wie seinem verstorbenen Bruder; und das Weib kam also fort an den siebenten ohne Frucht und starb am Ende selbst (Matth.22,26.27). Wenn es mit der Auferstehung nach des Leibes Tode seine Richtigkeit hat, so fragt es sich hier, wessen Weib wird es im andern Leben sein? Denn hier hatte sie ja alle sieben Brüder zu Männern gehabt (Matth.22,28)!“
GEJ|7|197|2|0|Sagte Ich: „Oh, da irret ihr euch sehr, und kennet die Schrift nicht und noch um vieles weniger die Kraft Gottes (Matth.22,29)! In der von euch unverstandenen Auferstehung werden die Menschen völlig gleich sein den Engeln Gottes und werden weder selbst freien noch sich freien lassen (Matth.22,30). Denn die Ehe im Himmel ist eine andere denn die eure auf dieser Erde.
GEJ|7|197|3|0|Gleichwie aber da auf Erden ein gerechter Mann und ein gerechtes Weib miteinander verbunden sind, also sind im Himmel die Liebe und die Weisheit miteinander verbunden.
GEJ|7|197|4|0|Wenn ihr aber schon also bewandert seid in der Schrift, so werdet ihr ja auch das gelesen haben, wo es geschrieben steht, daß Gott also und verständlich geredet hat: ,Ich bin der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs (Matth.22,31.32a)!‘ Gott aber ist nicht ein Gott der Toten, sondern ein Gott der Lebendigen (Matth.22,32b). Wenn aber Gott sicher ein Gott der Lebendigen und nicht der Toten und nach eurem Begriffe völlig Vernichteten ist, so müssen Abraham, Isaak und Jakob auch jetzt noch fortleben und müssen schon seit lange her auferstanden sein zum wahren, ewigen Leben. Denn wäre das nicht der Fall, so hätte Gott zu Moses eine Unwahrheit gesprochen, so Er sagte: ,Ich bin der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs‘, da Gott nur ein Gott derer, die da irgend leben und sind, sein kann und nicht auch derer, die nicht leben und auch nirgends sind. Denn so etwas zu behaupten und zu glauben, wäre wohl der größte Unsinn in der Welt!
GEJ|7|197|5|0|Als aber Abraham noch im Fleische auf der Erde wandelte und zu ihm die Weissagung geschah, daß Ich Selbst dereinst – was nun vor euren Augen erfüllt ist – in diese Welt auch im Fleische als ein Menschensohn kommen werde, und ihm auch verheißen ward, daß er Meinen Tag und Meine Zeit in dieser Welt selbst schauen werde, da hatte er eine mächtige Freude darob. (Joh.8,56)
GEJ|7|197|6|0|Und Ich kann euch der vollsten Wahrheit nach die Versicherung geben, daß er Meinen Tag und Meine Zeit auf dieser Erde auch gesehen hat und sie noch gleichfort sieht und sich darob gar höchlich freut. Könnte er das wohl auch, so er nicht schon seit lange her auferstanden wäre, oder so er völlig tot und, wie ihr da meinet, für ewig zunichte geworden wäre?“
GEJ|7|197|7|0|Sagten die ganz besiegten Sadduzäer: „So zeige uns den auferstandenen Vater Abraham, und wir wollen dir glauben, was du hier gesagt hast!“
GEJ|7|197|8|0|Sagte Ich: „So ihr Meinen Worten nicht glaubet, so würdet ihr der leichtmöglichen Erscheinung Abrahams auch nicht glauben und würdet sagen: ,Siehe da, wie ist dieser Mensch doch ein Magier und will uns blenden!‘ Ich sage euch aber: Ich Selbst bin das Leben und die Auferstehung; wer an Mich glaubt, der hat das Leben und die Auferstehung schon in sich.
GEJ|7|197|9|0|Da sehet hier viele, die noch im Fleische wandeln und sind im Geiste schon auferstanden und werden hinfort den Tod auch nicht mehr fühlen und schmecken, sondern fortan ewig leben. Diese haben Abraham, Isaak und Jakob auch schon gesehen und gesprochen und wissen, woran sie sind; ihr aber wisset noch lange nicht, woran ihr seid, obwohl ihr lebet und auch denket und wollet. Habt ihr Mich verstanden?“
GEJ|7|197|10|0|Als die Sadduzäer diese Lektion von Mir bekommen hatten, sagten sie nichts mehr und zogen sich zurück.
GEJ|7|197|11|0|Das Volk aber entsetzte sich förmlich über Meine große Weisheit (Matth.22,33) und sagte bei sich: „Dieser ist wahrlich mehr als ein purer Prophet; denn er spricht wie ein selbstmächtiger Herr. Wäre er nur ein purer Prophet, so würde er nicht also reden als ein Herr voll der höchsten Macht aus Gott; denn wer da sagt: Ich bin das Leben und die Auferstehung Selbst; wer an Mich glaubt, der wird den Tod nicht sehen, fühlen und schmecken, denn er hat das Leben und die Auferstehung schon in sich!, – das kann außer Gott niemand von sich aussagen! Wir wissen aber, daß allen Juden ein Messias verheißen ist, dessen Namen groß sein werde; denn Er wird heißen Immanuel, das ist: Gott mit uns. Dieser Mensch ist das sicherlich; denn woher käme ihm sonst solche Macht und Weisheit?“
GEJ|7|198|1|1|198. — Der Herr fragt die Pharisäer, was sie von Christus halten. Das Wesen des Menschen. Vom dreieinigen Wesen Gottes
GEJ|7|198|1|0|Also redete das Volk unter sich. Doch die auch schon wieder anwesenden Pharisäer und Schriftgelehrten vernahmen nichts von dem, was das Volk über Mich für eine Meinung aussprach; aber das vernahmen sie dennoch, daß Ich den Sadduzäern das Maul gestopft habe (Matth.22,34), und sie hatten darob eine große, heimliche Freude, weil ihnen die Sadduzäer sehr verhaßt waren. Aber darauf bekamen sie wieder Mut, sich an Mir weiter zu versuchen, ob sie Mich etwa doch irgendwie in der Rede fangen könnten.
GEJ|7|198|2|0|Und es trat ein Schriftgelehrter zu Mir und sagte: „Meister, ich habe mich überzeugt, daß du wahrlich allen Ernstes ein selten weiser und der Schrift wohlkundiger Mann bist; sage mir darum: Welches ist wohl das vornehmste Gebot im ganzen Gesetze (Matth.22,35.36)?“
GEJ|7|198|3|0|Sagte Ich: „Das vornehmste und alles in sich enthaltende Gebot lautet: Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte! Siehe, das ist das vornehmste und größte Gebot! Das andere aber ist diesem gleich und lautet: Du sollst auch deinen Nächsten lieben wie dich selbst, das heißt, du sollst ihm alles dasjenige allzeit mit Freuden tun, was du auch wollen kannst, daß er dir desgleichen täte, so du es benötigtest und es in seinem Vermögen stünde! An diesen zwei Geboten hanget das ganze Gesetz und alle Propheten. Oder wisset ihr etwa irgendein noch vornehmeres Gebot (Matth.22,37-40)?“
GEJ|7|198|4|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Mir ist kein vornehmeres bekannt, und so hast du auch recht geantwortet!“
GEJ|7|198|5|0|Es waren nun schon eine Menge Pharisäer und Schriftgelehrte um Mich versammelt und berieten sich, was sie Mich weiterhin fragten sollten, daß Ich ihnen aufsäße und sie Mich fangen könnten.
GEJ|7|198|6|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Höret, daß ihr Mir in einem fort Fragen gebet, bei denen ihr vermutet, daß Ich zu fangen wäre, erkennen alle Hierseienden! Ich habe euch nun schon eine Menge Fragen beantwortet und euch gezeigt, daß Ich nicht zu fangen bin; darum aber will Ich euch nun wieder eine Frage geben! Wenn ihr Mir diese beantwortet, so möget ihr Mich dann schon auch wieder eins oder das andere fragen (Matth.22,41)!“
GEJ|7|198|7|0|Sagten die Pharisäer: „Gut, so frage uns; auch wir werden dir keine Antwort schuldig bleiben!“
GEJ|7|198|8|0|Sagte Ich: „Nun, so saget es Mir: Was dünkt euch von Christus? Wessen Sohn wird Er sein (Matth.22,42a+42b)?“
GEJ|7|198|9|0|Sagten die Pharisäer: „Wie es geschrieben steht: Er ist ein Sohn Davids (Matth.22,42c).“
GEJ|7|198|10|0|Sagte Ich: „Hm, sonderbar, wenn also, wie nennt Ihn denn David selbst im Geiste einen Herrn, indem er sagt: ,Der Herr hat gesagt zu meinem Herrn: Setze Dich zu Meiner Rechten, bis Ich lege Deine Feinde zum Schemel Deiner Füße!‘? So aber David Ihn einen Herrn nennt, – wie ist Er denn sein Sohn (Matth.22,43-45)?“
GEJ|7|198|11|0|Sagte darauf ein Pharisäer: „Wir wissen es wohl, daß David im Geiste also von Christus geredet hat; aber wer versteht es, was er unter dem ,Herrn‘ verstanden haben wollte, der zu seinem Herrn geredet hat, und wer derjenige Herr sein soll, den David ,seinen Herrn‘ nannte? Denn wir können doch nach der Lehre Mosis nicht annehmen, daß zu Davids Zeiten schon an zwei Herren, von denen ein jeder ganz Gott wäre, gedacht und auch geglaubt wurde! Der Herr, der zum Herrn Davids geredet hat, muß doch offenbar ein anderer sein als der Herr, den David seinen Herrn nennt; denn wie hätte sonst David sagen können: ,Der Herr sprach zu meinem Herrn?‘ Wer aber kann nun das verstehen? Wenn du das verstehst, so erkläre es uns, und wir werden dann glauben, daß du aus dem Geiste Gottes redest!“
GEJ|7|198|12|0|Sagte Ich: „Wenn ihr als sein wollende Schriftgelehrte die alte Redeweise der Hebräer nicht verstehet, wie wollet ihr dann erst ihren Geist verstehen?
GEJ|7|198|13|0|Der Herr, also Jehova, wird doch etwa auch ein Herr Davids, also auch sein Herr gewesen sein? Und David hat sonach auch nicht gefehlt, so er gesagt hat: ,Mein Herr sprach zu meinem Herrn.‘ Wenn er aber also geredet hat, so ist es ja doch klar, daß die nur durch die Wortfügung scheinbaren zwei Herren im Grunde nur ein und derselbe Herr sind! Oder saget ihr nicht selbst: ,Mein Geist sprach zum Verstande meiner Seele?‘ Ist denn der Geist eines Menschen nicht in seiner Seele wohnend und somit eins mit der Seele, obschon er als die eigentliche Lebenskraft in der Seele edler und vollkommener ist als die substantielle Seele in und für sich selbst?
GEJ|7|198|14|0|In Gott aber befinden sich auch unterscheidbar zwei Wesenhaftigkeiten, obschon sie Sein Urgrundsein und sonach Sein unteilbares Eine Ursein ausmachen.
GEJ|7|198|15|0|Die eine unterscheidbare Wesenhaftigkeit ist die Liebe als die ewige Lebensflamme in Gott, und die andere unterscheidbare Wesenhaftigkeit aber ist als Folge der allerhellsten Lebensflamme das Licht oder die Weisheit in Gott.
GEJ|7|198|16|0|Wenn aber also und unwiderlegbar nicht anders, ist da die Liebe in Gott nicht ganz dieselbe Herrlichkeit in Gott wie Seine Weisheit?
GEJ|7|198|17|0|Wenn aber David sagte: ,Der Herr sprach zu meinem Herrn‘, so hat er damit nur das gesagt, daß die erbarmungsvollste Liebe in Gott in alle ihre Weisheit drang und zu ihr sagte: ,Setze Dich zu Meiner Rechten, werde Wort und Wesen, werde Eins mit aller Meiner Lebensmacht, und alles, was des Lichtes Feind ist, muß sich dann beugen vor der Liebelebensmacht in ihrem Lichte!‘
GEJ|7|198|18|0|Was aber damals David im Geiste aussagte, das steht nun verkörpert wunderbar vor eurem Gesichte! Warum aber verschließet ihr eure Augen und wollet nicht innewerden, daß die große Verheißung nun erfüllt vor euch steht und redet und euch lehrt die Wege des wahren Lebens aus und in Gott?“
GEJ|7|198|19|0|Als die Pharisäer solches aus Meinem Munde vernahmen, da überfiel sie eine Art Furcht vor Meiner Weisheit, so daß sich von ihnen keiner getraute, Mir eine weitere Frage zu geben, um Mich damit zu versuchen (Matth.22,46).
GEJ|7|198|20|0|Und der gemäßigtere Teil der Templer sagte so mehr im geheimen zu den Wüterichen: „Wir haben es euch ja in ganz guter Meinung zum voraus gesagt, daß mit diesem Menschen nichts auszurichten ist! Denn erstens hat er in seinem Willen eine so unbegreiflich wunderbare Macht, mit der er Berge versetzen und vernichten kann, zweitens hat er alles Volk und die Römer diamantfest für sich, und drittens ist er so unbegreiflich weise, daß wir ihn mit aller unserer Weisheit mit keiner noch so schlau gestellten Frage nur insoweit fangen können, daß wir ihn dann beim Volke verdächtigen könnten. Je mehr wir ihn fragen, desto mehr verdächtigen wir uns nur selbst vor dem Volke, das uns nach aller Länge und Breite auszulachen anfängt. Welchen Gewinn aber haben wir dann davon? Wir hätten weit besser getan, so wir uns mit ihm nie eingelassen hätten! Nun aber ist das Üble für uns so gut wie fertig; was wollen wir nun tun? Wir meinen: Das klügste wäre nun noch, dieser ganzen Sache völlig den Rücken zu kehren und sich offen um sie gar nicht mehr zu kümmern!
GEJ|7|198|21|0|Sollte das wirklich etwa möglicherweise doch eine Gottesfügung sein, so sträuben wir uns vergeblich dagegen; ist sie das aber nicht, so wird sie von selbst also vergehen, daß von ihr in Kürze den Menschen keine Erinnerung an sie übrigbleiben wird, wie das schon zu öfteren Malen der Fall war. Das ist nun unsere Meinung; ihr aber könnet darum noch immer tun, was euch gut dünkt, obschon ihr euch bis jetzt habt überzeugen müssen, daß wir recht gehabt haben!“
GEJ|7|198|22|0|Sagte geheim ein Oberpriester, so daß das Volk davon nichts vernahm: „Ja, ja, ihr habt gerade wohl recht; aber sollen wir es dulden, daß er uns vor dem Volke, das unsere gute Melkkuh ist, gar so herabsetzt?!“
GEJ|7|198|23|0|Sagte ein Gemäßigter: „Das ist alles ganz wahr und richtig; aber schaffet nun ein Mittel her, die verdorbene Sache jetzt anders zu machen, und wir werden euch gerne mit allem unterstützen! Aber wir sind hier nur der Meinung, daß sich dagegen schwerlich ein taugliches Mittel wird vorfinden lassen, und mit untauglichen Mitteln werden wir dieser Sache nur einen stets größeren Vorschub leisten und unsere Lage verschlimmern.“
GEJ|7|198|24|0|Sagte ein Oberpriester: „Wie wäre es denn, so wir ihn angingen, daß er selbst uns vor dem Volke als das darstellte, was wir nach Moses denn doch sind?“
GEJ|7|198|25|0|Sagte ein Gemäßigter: „Das könnte vielleicht besser taugen als alle die Fallen, die wir ihm schon gelegt haben! Versuche das jemand, aber wahr und ernstlich; vielleicht nützt es doch in etwas! Denn soviel es uns scheint, so ist er im Grunde doch kein böser und rachsüchtiger Mensch, da wir ja von allen Seiten her vernommen haben, daß er armen Menschen viel Gutes erweisen soll, ansonst das arme Volk auch sicher nicht so große Stücke auf ihn halten würde.“
GEJ|7|198|26|0|Darauf berieten sie untereinander, wer das auf sich nähme, mit Mir in dieser Hinsicht zu reden. Es erklärte sich bald ein Gemäßigter dazu und wurde dann der Reihe nach von allen als gut bestätigt. Dieser kam zu Mir und wollte Mir sein Anliegen vorbringen.
GEJ|7|198|27|0|Ich aber ließ ihn nicht zu Worte kommen und sagte ihm gleich ins Gesicht: „Was du Mir nun sagen willst, weiß Ich nur zu klar und zu bestimmt; daher kannst du dir füglich die Mühe ersparen, hier vor Mir auch nur ein Wort von euerm Anliegen zu verlieren. Was Ich aber für und wider euch zum Volke und auch zu Meinen Jüngern zu reden habe, das weiß Ich auch, – und so kannst du entweder gehen, oder bleiben und hören, was Ich reden werde!“
GEJ|7|198|28|0|Als der Pharisäer solches von Mir vernommen hatte, kehrte er sich um und ging wieder unter seinesgleichen, allwo alle ihre Ohren spitzten, was Ich alles für sie und auch wider sie zum Volke reden werde.
GEJ|7|199|1|1|199. — Des Herrn Rede über die Schriftgelehrten
GEJ|7|199|1|0|Ich aber öffnete bald Meinen Mund und sprach: „Auf dem Stuhle Mosis sitzen wohl nun die Schriftgelehrten und die Pharisäer (Matth.23,1.2). Alles, was sie euch sagen als von Moses und den Propheten herrührend, was ihr tun sollet, das haltet, und tuet es auch; aber nach ihren Werken sollet ihr euch nicht richten und nicht also tun, wie sie tun und machen (Matth.23,3a+3b)!
GEJ|7|199|2|0|Sie sagen euch zumeist Gutes und Wahres, das ihr tun sollet; aber sie selbst tun nicht, was sie lehren (Matth.23,3c). Sie binden euch zu schweren und oft unerträglichen Lasten und legen solche den Menschen auf den Hals; sie selbst aber wollen dieselben auch nicht mit einem Finger anrühren (Matth.23,4).
GEJ|7|199|3|0|Alle Werke, die gut zu sein scheinen, tun sie nur, um von den Menschen als seiende Diener Gottes gesehen zu werden! Darum machen sie auch ihre Denkzettel breit (die Denkzettel waren Aufzeichnungen für die, welche zu ihrem guten Fortkommen große und lange Gebete und Opferungen teuer bezahlt hatten) und die Säume an ihren Kleider groß (die großen Säume an den Kleidern zeigten einen strengen und anhaltenden Opfer- und Betdienst an, der aber auch nur im längeren Tragen der großen Säume bestand) (Matth.23,5).
GEJ|7|199|4|0|Sie sitzen gern obenan an den Speisetischen, wie auch in den Schulen, und haben es gern, daß man sie grüßt auf dem Markte (ein großer Platz, wo viele Menschen miteinander verkehren), und daß sie von den Menschen ,Rabbi‘ genannt werden (Matth.23,6.7).
GEJ|7|199|5|0|Aber ihr, so ihr auch Meine Jünger seid und werden möget, sollet euch nicht also nennen lassen! Denn nur einer ist euer wahrhafter Meister, und der bin Ich (Christus); ihr aber seid lauter gleiche Brüder unter euch (Matth.23,8).
GEJ|7|199|6|0|Ihr sollet auch niemanden auf der Erde von nun an im vollen Sinne der Wahrheit Vater nennen; denn nur einer ist euer wahrer Vater, der Ewige im Himmel nämlich (Matth.23,9)!
GEJ|7|199|7|0|Und nochmals sage Ich euch, daß ihr euch ja nie und niemals von jemandem Meister in Meiner Lehre nennen und grüßen lasset; denn ihr wisset es nun schon, wer da euer Meister ist (Matth.23,10).
GEJ|7|199|8|0|Also soll unter euch auch keine Rangordnung bestehen, wie sie da nun im Tempel und in der Menschenwelt besteht, sondern der Größte und Höchste unter euch sei der anderen Brüder Diener und Knecht! Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; wer sich aber aus Liebe zu seinen Brüdern selbst erniedrigt, der soll erhöht werden (Matth.23,11.12)!“
GEJ|7|199|9|0|Als die Pharisäer aber solche Lehre von Mir vernahmen und Mich mit zornigen Augen ansahen, da rief alles Volk Mir laut zu: „O Meister, du allein bist wahrhaftig; also sollte es sein unter allen Menschen, so wäre diese Erde schon ein wahrer Himmel! Aber wie es nun geht und steht unter den Menschen, wo ein jeder oft um ein kaum Denkbares mehr und höher sein will, als da ist sein Nächster, da ist die Erde eine wahre Hölle; denn in dem eingebildeten Hoheitsdünkel verfolgt ein Mensch den andern und erdrückt den Schwachen mit seinem nie zu sättigenden Hochmutseifer. O wehe nun der armen und schwachen Menschheit dieser Erde! Es wäre da ja für gar viele besser, so sie nie geboren worden wären!
GEJ|7|199|10|0|O Meister, wir erkennen, daß dein Wort ein wahres Gotteswort ist, aber, die es hören, befinden sich mit Haut und Haaren in der Hölle. Darum wird ihnen dein göttliches Wort auch keinen Nutzen bringen; denn die es am meisten anginge, werden sich auch am wenigsten danach kehren und richten. Schon jetzt blecken und fletschen sie mit den Zähnen ihres verbissenen Zornes gleich hungrigen Wölfen und Hyänen nach einem Lamme auf der Weide!“
GEJ|7|200|1|1|200. — Das Wehe des Herrn über die Pharisäer
GEJ|7|200|1|0|Derlei Reden von seiten des Volkes rauchten den Pharisäern und Schriftgelehrten sehr in die Nase, und es erhoben sich darum einige Redner und fingen an, besänftigende Worte an das aufgeregte Volk zu richten, wobei sie es aber nicht unterließen, Mich und Meine Lehre zu verdächtigen und in den Schatten zu ziehen; sie zeihten Mich großer und ungebührlicher Anmaßungen und sagten, daß Ich dadurch das Gebot Mosis aufhebe, so Ich fordere, daß von nun an kein Kind mehr seinen Eltern die Ehre erweisen dürfe, sie mit dem Worte ,Vater‘ oder ,Mutter‘ zu begrüßen, da doch Moses ausdrücklich geboten habe, daß man Vater und Mutter ehren solle.
GEJ|7|200|2|0|Das Volk geriet dadurch in allerlei zweifelsvolle Fragen unter sich, und einige sagten: „Ja, ja, da kann man den Pharisäern und Schriftgelehrten wieder nicht unrecht geben! Er scheint sich da in seinem Eifer denn doch einmal verstiegen zu haben!“
GEJ|7|200|3|0|Da kam der gemäßigte Pharisäer zu Mir und sagte: „Hörst du das Volk nun reden? Siehe, uns hast du sehr verdächtigt vor dem Volke, so daß es eine starke Stimme wider uns erhob; wir aber merkten es wohl, daß du dich sogar wider Moses verstiegen hast, und es war hoch an der Zeit, das Volk eines Besseren zu belehren. Das Volk sieht nun den Irrtum ein, und ich frage dich, was du nun noch Weiteres machen willst.“
GEJ|7|200|4|0|Sagte Ich: „Bei euch werde Ich Mir wahrlich nicht Rates holen, was Ich nun noch weiter tun und reden werde! Ihr habt, als Johannes das Volk belehrte und es zur Buße ermahnte, das auch getan zur Behauptung eures Weltrechtes, aber ihr tatet keine Buße und hieltet auch das Volk davon ab mit eurer Heuchelrede, was ihr nun soeben wieder tuet. Aber darum werdet ihr euch selbst auch desto mehr Verdammnis auf den Hals laden. Das sagt dir Der, welcher die Macht hat, euch zu erhalten oder zu verderben, je nachdem ihr durch eure Handlungen das eine oder das andere wollet.
GEJ|7|200|5|0|Ihr Narren im Herzen und im Gehirne! Wenn ihr selbst Gott euren Vater nennet und saget, daß man den Namen Gottes nicht lästern solle, – wie möget ihr dann Gott den Menschen gleichstellen?! Ist denn da ein Unterschied dann, so ihr Gott euren Vater nennet und den aber auch, der euch im Schoße eines Weibes gezeugt hat?
GEJ|7|200|6|0|Ihr wollet Schriftgelehrte sein und kennet nicht mehr den Unterschied der urhebräischen Worte Jeoua und Jeoutza! Das erste heißet ,Vater‘ und das zweite ,Zeuger‘. Wenn aber also und nicht anders, – wer sonst als ihr hat das Volk in den gräßlichsten Irrtum gebracht?!
GEJ|7|200|7|0|Darum wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr tollen Heuchler, die ihr das wahre Himmelreich durch eure große Trägheit, Dummheit und Bosheit stets den Menschen, die hinein möchten, verschließet! Wahrlich, ihr werdet auch nicht hinein kommen und keiner, der in der Folge auch also tun wird, wie ihr da nun tuet!
GEJ|7|200|8|0|Ihr selbst kommet nicht hinein in das Gottesreich der Wahrheit und des Lebens, und die noch irgend hinein wollen, die lasset ihr nicht, sondern ihr verfolget und verdammet sie und versperret ihnen auf diese Art alle Wege zum Licht und zum ewigen Leben. Darum auch werdet ihr desto mehr Verdammnis überkommen (Matth.23,13)!
GEJ|7|200|9|0|Wehe euch ferner, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr der Witwen und Waisen Häuser fresset und wendet dafür lange und kräftige Gebete vor! Auch darum werdet ihr desto mehr Verdammnis überkommen (Matth.23,14)!
GEJ|7|200|10|0|Wehe euch noch fernerhin, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr argen Heuchler! Ihr ziehet über Länder und Meere, damit ihr irgendeinen Heiden zum Judengenossen machet; ist er es geworden, so machet ihr bald aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, als ihr es seid. Auch dafür werdet ihr euren Lohn in der Hölle ernten (Matth.23,15)!
GEJ|7|200|11|0|Und abermals wehe euch, ihr verblendeten Leiter, die ihr saget: Wer da schwört bei dem Tempel, das ist und gilt nichts; wer aber schwört bei dem Golde des Tempels einen falschen Eid, der ist schuldig und strafbar! O ihr Narren und Blinden! Was ist da größer und mehr: der Tempel, durch den das Gold geheiligt wird, oder das für sich lose Gold (Matth.23,16.17)?
GEJ|7|200|12|0|Also saget und lehret ihr auch: Wer da schwört bei dem Altar, das ist auch nichts; aber wer da einen falschen Eid schwört bei dem Opfer, das auf dem Altare liegt, der ist schuldig und strafbar. O ihr Narren und Blinden! Was ist auch da größer: das Opfer oder der Altar, der das Opfer heiligt (Matth.23,18.19)?
GEJ|7|200|13|0|Ist es denn nicht also nur wahr und richtig, daß ein jeder, der beim Altare schwört, dadurch auch bei allem schwört, was auf dem Altar ist; und wer da schwört beim Tempel, der damit auch bei allem schwört, was im Tempel ist? Und wer endlich schwört beim Himmel, der schwört sicher auch bei dem Throne Gottes und somit auch bei Dem, der darauf sitzt oder – besser – ruht und herrscht (Matth.23,20-22).
GEJ|7|200|14|0|Und abermals wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr großen Heuchler, die ihr wohl verzehntet die alte Münze – Till und Kümmel – nach dem alten Gesetze zu eurem Vorteile, beachtet aber dabei das Schwerste und Größte nicht, nämlich ein rechtes und wahres Gericht, den Glauben und die Barmherzigkeit, auf daß vor euch einem jeden ein volles Recht zuteil würde. Ich sage hier aber nicht, daß man das erste nicht tun solle; aber das sage Ich, daß man darum das zweite, um gar vieles Wichtigere nicht lassen solle, wie ihr solches tuet (Matth.23,23)!
GEJ|7|200|15|0|O ihr grundverblendeten Leiter: Mücken säuget ihr wohl, aber dafür verschlucket ihr Kamele! O wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler in allem, die ihr eure im Tempel geheiligten Becher und Schüsseln wohl auswendig reinlich haltet, aber euch über das kein Gewissen machet, so inwendig diese Gefäße voll Raubes und geilen Fraßes sind! O du blinder Pharisäer, reinige zuerst das Innere des Bechers und der Schüssel, damit dann auch das Auswendige der Wahrheit nach rein werde (Matth.23,24-26)!
GEJ|7|200|16|0|Und noch weiter wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler allzumal! Ihr seid gleich den übertünchten Gräbern, diese scheinen auswendig wohl auch recht hübsch daher, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und voll ekligsten Unflats. Solche Gräber sind euer volles und wahres Ebenmaß. Auch ihr scheinet von außen den Menschen als fromm; aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend aller Art und Gattung (Matth.23,27.28).
GEJ|7|200|17|0|Und gar überaus wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler durch und durch! Ihr erbauet nun den alten Propheten Grabdenkmäler und schmücket also der Gerechten Gräber und saget und klaget: ,Oh, wären wir zu unserer Väter Zeiten in der Welt gewesen, so würden wir nicht mit den blinden Vätern teilhaftig sein an ihrem unschuldig vergossenen Blute!‘ Eben dadurch aber gebet ihr euch selbst das Zeugnis, daß ihr wahre Kinder derer seid, die die Propheten getötet haben! Wohlan, so erfüllet auch an Mir das arge Maß eurer Väter, wie ihr es schon an Zacharias und an Johannes erfüllet habt? Ihr Schlangen, ihr Otterngezüchte, wie wollet ihr bei solch eurem Gebaren der höllischen Verdammnis entrinnen (Matth.23,29-33)?!“
GEJ|7|201|1|1|201. — Der Herr beruhigt das Volk
GEJ|7|201|1|0|Auf diese Meine nun ganz schonungslose Rede fing das Volk wieder von neuem an zu jubeln und sagte: „Wenn dieser Mensch nicht wahrhaft Christus wäre und nicht in sich die vollste göttliche Kraft besäße, nimmer hätte er den Mut haben können, diesen Wüterichen solche Kardinalwahrheiten ins Gesicht zu schleudern! Jeden andern hätten sie schon lange ergriffen und vor Wut zerrissen; aber vor dem stehen sie wie schuldbewußte, grobe Verbrecher vor einem unerbittlichen Richter. Ja, ja, also ist es! Er hat ihnen nichts anderes als nur die vollste Wahrheit ganz geradeaus vorgesagt und hat ihnen als Herr auch ihren schon lange wohlverdienten Lohn gezeigt. Dies Tempelgeschmeiß ist aber nun auch nicht mehr wert, als daß man es ohne alles Bedenken ergreifen, an den Jordan hinaustreiben und dort ersäufen sollte als die allerwahrsten Sündenböcke vom ganzen, großen Judenlande!“
GEJ|7|201|2|0|Sagte Ich zum Volke: „Urteilet nicht, als wäre euer das Richteramt und die Verhängung der Strafen, sondern habet auch Geduld mit den Sündern! Denn es steht geschrieben nach dem Worte aus dem Munde Gottes: ,Der Zorn und die Rache sind Mein!‘ Ihr Menschen aber denket, daß Gott der Herr allein der gerechteste Richter ist, der zur rechten Zeit alles Gute zu belohnen und alles Böse zu bestrafen weiß! Euch steht es zu, auch mit den Sündern Geduld zu haben. Denn so da jemand eines sehr kranken Leibes ist, so wäre es denn doch ganz sonderbar, daß man einen Menschen darum gleich strafen sollte, weil er sicher zumeist selbst schuld war, daß er so krank und elend geworden ist. Aber wenn dann ein allbewährter Arzt kommt, dem Kranken sagt, daß ihm noch ganz wohl zu helfen wäre, so er sich einer ordentlichen ärztlichen Behandlung unterzöge und nach dem Rate des verständigen Arztes täte, der Kranke sich aber dann gar nicht an den Rat des Arztes kehren will, so muß er es sich dann freilich wohl selbst zuschreiben, wenn er, auf seinem Starrsinne beharrend, offenbar gar elend zugrunde gehen muß.
GEJ|7|201|3|0|Und seht, geradeso geht es mit diesen blinden Schriftgelehrten und Pharisäern! Ich als ein wahrer Arzt habe ihnen nun die großen Gebrechen ihrer Seele gezeigt und damit auch die Heilmittel verordnet; wenn sie dieselben aber verachten und sie gar nie in Anwendung bringen wollen, so werde nicht Ich sie darum richten, sondern die Folgen ihres Starrsinns werden sie richten und ins Elend und Verderben stürzen.
GEJ|7|201|4|0|Gott hat darum dem Menschen Gebote gegeben zum Heile seiner Seele. Will er sie befolgen, so wird er leben und glücklich sein für ewig; will er sie aber durchaus nicht befolgen, so wird er sich dafür nur selbst strafen. Denn Gott hat einmal eine ganz feste und unwandelbare Ordnung gestellt, ohne die kein Dasein eines Geschöpfes denkbar möglich wäre. Diese Ordnung hat Er dem freien Menschen durch viele Offenbarungen treuest gezeigt, und der Mensch soll sich infolge seines freiesten Willens selbst danach richten, leiten und bilden. Tut der Mensch das, so wird er sich selbst vollenden nach dem Willen Gottes und wird ein freies, selbständiges, Gott ähnliches Wesen, ausgerüstet mit aller göttlichen Liebe, Weisheit, Macht und Kraft, und wird dadurch erst die wahre Kindschaft Gottes ererben. Diese aber kann ihm unmöglich anders zuteil werden als nur auf den Wegen, die ihm zu dem allerhöchsten Behufe zu allen Zeiten treulichst gezeigt worden sind.
GEJ|7|201|5|0|Es kommt nun beim Menschen pur auf den wahren Glauben und dann auf seinen eigenen freiesten Willen an. Glaubt und tut er danach, so wird er das glücklichste Wesen in der ganzen Unendlichkeit Gottes; glaubt er aber nicht und tut er auch nicht danach, so muß er es sich nur selbst zuschreiben, wenn er an seiner Seele gleichfort elender wird und blinder und toter.
GEJ|7|201|6|0|Ich bin ja nun darum Selbst als ein Mensch zu euch gekommen, um euch die rechten Wege zu zeigen, weil ihr allen Meinen Boten an euch noch nie ganz vollkommen geglaubt und somit auch nicht nach ihren Worten getan habt!
GEJ|7|201|7|0|Wenn ihr aber nun auch Mir Selbst nicht glaubet und nicht tun wollet nach Meiner Lehre, so frage Ich euch aber dann, wer nach Mir noch zu euch kommen soll, dem ihr dann glauben werdet tun nach seiner Lehre. So ihr Mir, dem Meister alles Lebens, nicht glauben möget, – wem wollet ihr dann nach Mir glauben, danach tun und selig werden?
GEJ|7|201|8|0|Daß Mir aber nicht geglaubt wird, und daß man auch nicht tun will nach Meiner Lehre, davon geben euch die Templer doch sicher das allersprechendste Zeugnis!“
GEJ|7|202|1|1|202. — Die Willensfreiheit des Menschen. Menschliche Ungeduld und Gottes Langmut
GEJ|7|202|1|0|Sagte einer aus dem Volke, der in der Schrift auch bewandert war: „Herr und Meister, es gibt unter uns viele, die Deine Lehren gehört und Deine vielen Zeichen gesehen und tiefst bewundert haben, und es entstand unter uns die Rede: ,Wenn dieser Mensch bei aller seiner noch nie dagewesenen Weisheit und bei aller der ersichtlichen, völlig gottähnlichen Wundertatsmacht und ebensolcher Kraft, vor der sogar der starre Tod sich beugen muß, noch nicht der verheißene Messias sein soll, da fragen wir ernstlich, ob möglicherweise der rechte Messias, so Er kommen würde, wohl größere Zeichen tun könnte! Wir glauben das nicht und werden es auch nicht glauben! Denn der Mensch, der ohne irgendein Mittel, sondern lediglich nur durch sein Wort alle noch so harten Krankheiten heilt, sogar abgängige Glieder wieder ersetzt – wie wir das bei Bethlehem gesehen haben –, tote Menschen zum Leben erweckt, den Winden und Stürmen gebietet und seinen Willen auch an der Sonne, am Monde und an allen Sternen sichtbar macht, – ist ein Gott und kein Mensch mehr!‘
GEJ|7|202|2|0|Siehe, Herr und Meister, solche Rede ist nun unter uns gang und gäbe, und wir glauben darum, daß Du nicht nur einer der allergrößten Propheten, sondern wahrlich der Herr bist!
GEJ|7|202|3|0|Du hast zwar wohl auch einen Leib wie wir, aber in solchem Deinem Leibe ist die Fülle der Gottheit verborgen, und Deine Worte und Taten sind Zeugen von ihrem wunderbaren Dasein in Dir. Das glauben wir nun einmal fest und werden uns von den argen Tempelwüterichen nicht mehr irreführen lassen.
GEJ|7|202|4|0|Wir aber haben eine Bitte an Dich, o Herr! Verkürze doch Deine heilige Geduld, und strecke einmal vollends Deine unverbesserlichen Feinde unter den Schemel Deiner Füße, und züchtige sie mit der Rute, die sie sich lange wohl verdient haben!“
GEJ|7|202|5|0|Sagte Ich: „So ihr an Mich wahrhaft glaubet, so müsset ihr Mir in der Weisheit, die alle Dinge in der Welt leitet und schlichtet, auch nicht vorgreifen, sondern eure Geduld mit der Meinen vereinen und euch denken: In dieser Lebensfreiheitsprobewelt ist die Ordnung ein und für alle Male so gestellt, daß da ein jeder Mensch tun kann, was er will; denn nur durch die vollste Freiheit seines Willens kann er sich das wahre, ewige Leben seiner Seele erkämpfen. Wie er aber einen freien Willen hat, so hat er auch eine rechte Vernunft und einen freien Verstand, durch den er alles Gute und Wahre wohl erkennen und beurteilen kann, und da ihm die Kräfte danach reichlichst verliehen sind, so kann er auch völlig danach handeln.
GEJ|7|202|6|0|Erkennt der Mensch das Gute und das Wahre, handelt aber dennoch freiwillig dawider, so baut er sich selbst das Gericht und seine eigene Hölle und ist darum schon in dieser Welt ein vollkommener Teufel. Und sehet, das ist dann die Strafe, die sich ein Mensch ohne Mein Wollen selbst antut!
GEJ|7|202|7|0|Darum kümmert euch nicht um Meine große Geduld und Liebe zu den Menschen, ob sie gut oder böse sind! Ich ermahne sie nur, wenn sie durch ihre eigene Schuld auf Abwege geraten sind; aber Ich kann sie mit Meiner Allmacht dennoch nicht ergreifen und zurücksetzen auf die rechten Wege des Lebens, weil das soviel hieße wie ihnen die Freiheit ihres Willens nehmen, was soviel wäre wie ihnen das Leben der Seele und des Geistes in ihr nehmen.
GEJ|7|202|8|0|Darum gehe ein jeder, wie er gehen will! Es ist für den Menschen mehr als genug, daß er die Wege kennt und die sicheren Folgen, die er erreichen muß, ob sie gut oder böse sind. Denn ein jeder Mensch, wenn er zum Gebrauch seiner Vernunft und seines Verstandes kommt, weiß es, was nach den Offenbarungen aus den Himmeln recht und gut – oder auch, was da unrecht und böse ist. Die Wahl, danach zu handeln, ist seinem freien Willen völlig anheimgestellt.
GEJ|7|202|9|0|Wenn ihr das recht erkennet, so dürfet ihr nicht klagen über Meine Geduld und Langmut; denn es muß einmal auf dieser Erde, die ein Erziehungshaus für werdende wahre Kinder Gottes ist, also und nicht möglich anders sein.
GEJ|7|202|10|0|Wo die Menschen aber berufen sind, völlig gottähnliche Geister und Wesen zu werden, da muß ihre Willensfreiheit auch umgekehrt dahin den ins Endloseste gehenden freiesten Spielraum haben, sich zu einem vollendetsten Teufel zu gestalten, der aber dann freilich als selbst schuldig der elendeste Träger dessen sein wird, was er sich durch seinen Willen selbst bereitet hat.
GEJ|7|202|11|0|Ich werde darum niemanden seiner bösen Taten wegen durch Meine Allmacht richten und strafen, sondern er sich selbst und das unwandelbare Gesetz Meiner ewigen Ordnung, das jedem auf dem Lichtwege der vielen Offenbarungen kundgemacht worden ist schon von Anbeginn des menschlichen Seins auf dieser Erde.
GEJ|7|202|12|0|So ihr das nun verstanden habt, so übet euch denn auch in der Geduld und habt auch in euch ein wahres Mitleid nicht nur mit den kranken Leibern, sondern viel mehr noch mit den kranken und blinden Seelen der Menschen, so werdet ihr am leichtesten und ehesten zur wahren und vollen Gottähnlichkeit gelangen und gleich werden den Engeln im Himmel!“
GEJ|7|203|1|1|203. — Die Zukunft Jerusalems
GEJ|7|203|1|0|Sagte nun abermals einer der gemäßigten Pharisäer: „Meister, ich und noch mehrere von uns sehen es wohl ein, daß du ein gar gewaltiger Lehrer bist und frei und offen redest, ohne nur im geringsten irgend auf das Ansehen eines Menschen zu achten, und es ist völlig wahr, daß jedem Menschen durch die Propheten der rechte Weg zum Leben geoffenbart ist! Nun, mit diesen Offenbarungen hätten die Menschen ja auch ganz genug; wozu aber wird es dann zugelassen, daß da irdische Könige und Machthaber noch eigens mit ihren argen Weltgesetzen kommen müssen und dadurch zuallermeist die arme, schwache Menschheit verderben? Ich meine, daß das wahrlich nicht nötig wäre. Denn wie die Menschen nach dem Willen und nach der unwandelbaren Ordnung Gottes zu leben und zu handeln haben, das ist in den Offenbarungen ja ohnehin vollkommen gezeigt. Wozu dann noch die Zulassung von gar zu herrsch- und habgierigen Fürsten, Königen und nun gar Kaisern?“
GEJ|7|203|2|0|Sagte Ich: „Das hat im Anfange nicht Gott durch irgendeine Offenbarung also bestimmt und angeordnet – denn Er gab den Menschen nur im Geiste geweckte, wahrhafte und gerechte Führer und Richter –; aber mit der Zeit, als es dem Volke zu wohl erging und es reich war an allem, was die Erde nur immer Gutes und Kostbares trägt, da war es mit den schlichten und bescheidenen Führern und Richtern nicht mehr zufrieden. Es fing an zu murren und verlangte unter dem treuen Samuel einen König, der auch also glänzen sollte wie die Könige der andern heidnischen Völker, die mit ihren Königen Abgötterei trieben.
GEJ|7|203|3|0|Als das Samuel in seinem Geiste Gott vortrug, was das Volk von ihm begehre mit großem Ungestüm, da sprach Gott in Seinem Zorn zu Samuel: ,Es hat dieses Volk vor Mir schon mehr Sünden der gröbsten Art begangen, als es da gibt des Grases auf der ganzen Erde und des Sandes im Meere, und nun will es zu allen diesen großen und vielen Sünden noch diese größte hinzubegehen, daß es sich nicht mehr mit Meiner Regierung zufriedenstellt, sondern gleich den gottlosen Heiden einen König verlangt. Ja, es werde diesem undankbarsten Volke ein König als eine scharfe Rute und Geißel gegeben, unter dem es heulen und wehklagen wird!‘
GEJ|7|203|4|0|Siehe, solches und noch mehreres hat Gott warnend zum Volke geredet, um es von seinem tollen Verlangen abzubringen.
GEJ|7|203|5|0|Als aber alles nichts gefruchtet hatte und das Volk hartnäckig auf seiner Forderung bestand, da erst gebot Gott dem Knechte Samuel, den Saul zum Könige der Juden zu salben.
GEJ|7|203|6|0|Siehe, so entstanden überall die Könige, wo die Völker mit der sanften Regierung Gottes nicht mehr zufrieden waren und durchaus aus ihrer Mitte einen Menschen zum Könige haben wollten!
GEJ|7|203|7|0|War da nicht wieder nur der böse Wille der Menschen jener Satan, der sie in ein oft unerträgliches Elend gezogen hat?! Gott hat die Menschen in den verschiedensten Teilen der Welt oft lange genug gewarnt, unter sich einen Menschen zum Könige, mit aller irdischen Macht ausgerüstet, zu erwählen, und zeigte ihnen alle die schlimmen Folgen, die für sie daraus erwachsen werden; aber die Menschen verstopften gegen die Stimme Gottes Herzen und Ohren und haben sich nur selbst ihr Elend bereitet! Was sie sich aber selbst bereitet haben, das sollen sie denn nun auch ertragen!
GEJ|7|203|8|0|Ja, wenn ein ganzes Volk eines Sinnes zu Gott flehte, daß Er es wieder führen, leiten und regieren möge, wie solches im Anfange der Fall war, wahrlich, Gott würde das ernste Flehen eines Volkes nicht unerhört lassen! Aber da eben die Könige stets zu viele Günstlinge für sich haben und dem Volke, das anders möchte, keine Freiheit gönnen und es auch zumeist zugunsten des Königs schon von der Wiege an bilden und erziehen lassen, so fühlt das Volk wohl den Druck des Königs, aber es weiß nicht, wohin es sich wenden soll, damit ihm geholfen werden möchte; denn es haben die Machthaber gleich zu Anfang ihrer Herrschaft eingesehen, daß ein von Gott erleuchtetes Volk sich von ihnen bald wieder losmachen würde.
GEJ|7|203|9|0|Darum suchten sie auch mit Hilfe falscher Propheten, wie ihr nun davon noch ein trauriger Überrest seid, das Volk zu betören und es für den einen und wahren Gott blind zu machen. Als solches aber kann es aus sich ohne von Gott geweckte Menschen den rechten Weg zu Gott nicht mehr finden, sondern lebt in seiner angewohnten Abgötterei fort und sucht sich nur irdische Vorteile von seinem König oder dessen Günstlingen zu erwerben durch allerlei Mittel, – und wären diese an und für sich noch so schlecht. Kommt dann, von Gott erweckt, ein rechter Prophet, so wird er nicht nur gar nicht als ein solcher erkannt, sondern als Gotteslästerer noch verfolgt und oft getötet, wie das alles bei euch schon gar oft der Fall war.
GEJ|7|203|10|0|Wenn aber also, wie soll da Gott einem so tief herabgesunkenen Volke irgend mehr helfen können, wo einmal das Volk trotz seines großen Elendes jede von Gott ihm gebotene Hilfe hartnäckigst von sich weist? Wo es aber also, wie bei euch nun, zugeht, da ist die Frage eitel, warum Gott neben den Offenbarungen auch weltliche Regenten zuläßt, die mit ihren Weltgesetzen die Menschen verderben.
GEJ|7|203|11|0|Wollen denn die Menschen etwas anderes, oder wollet ihr es?! So ihr das wolltet, so würdet ihr Mich nun gläubig hören und tun nach Meiner Lehre; denn Ich bin als der euch retten wollende Herr Selbst zu euch gekommen. Was tut ihr aber? Ihr haltet Rat über Rat, wie ihr Mich ergreifen und töten könntet! Wenn ihr aber und viele Tausende mit euch das tuet, da saget ihr nun selbst, wer außer Mir euch noch retten und helfen könnte!“
GEJ|7|203|12|0|Sagte der Pharisäer: „Meister, du beschuldigest uns immer, als hätten wir selbst unsere Hände mit dem Blute der Propheten besudelt! Was können denn wir dafür, was unsere blinden Väter getan haben? Hätten wir mit unserer gegenwärtigen Erkenntnis und Einsicht zu den Zeiten der Propheten gelebt, so hätten wir sie sicher nicht gesteinigt! Also haben wir zu den Zeiten Samuels auch nicht nach einem König gerufen; aber so wir schon einen König haben müßten zur Strafe, so wäre uns ja doch ein Jude lieber denn ein Heide. Ich wollte von dir im Grunde nur das beleuchtet haben, warum wir Juden nun von heidnischen Gesetzen uns müssen beherrschen lassen.“
GEJ|7|203|13|0|Sagte Ich: „Die Ursache liegt darin, weil ihr schon seit lange her die Gesetze Mosis und der Propheten verworfen und an ihre Stelle eure argen und unsinnigen Satzungen gestellt habt. Es waren euch die Weltsatzungen lieber als die weisen Gebote Gottes, und so hat Gott an euch denn auch das im Vollmaße geschehen lassen, was ihr gewollt habt und noch immer wollet; denn wolltet ihr die Gebote Gottes und die Lehren der Propheten lieber denn die Gesetze der Welt, so würdet ihr Mich hören, euch bekehren und tun nach Meinen Lehren, da Ich doch nichts anderes als das alte Wort Gottes predige, von dem ihr so weit abgewichen seid, daß ihr es aus Meinem Munde kommend nimmerdar erkennen möget. Aber ihr hasset und verfolget Mich nur, als wäre Ich ein gemeiner Sünder und Verbrecher, und so bleibt die Rute und das Schwert der Heiden über euch.
GEJ|7|203|14|0|Es steht aber auch geschrieben: ,Siehe, Ich sende zu euch Propheten, Weise und wahre Schriftgelehrte! Von denselben werdet ihr etliche töten und sogar gleich den Heiden kreuzigen, und wieder etliche werdet ihr geißeln in euren Schulen und werdet sie verfolgen von einer Stadt zur andern (Matth.23,34), auf daß über euch zu sühnen komme all das gerechte Blut!‘ – sage – vom frommen Abel, den Kain erschlug, bis zum Blute des Zacharias, der ein Sohn des frommen Barachias war, welchen ihr getötet habt zwischen dem Tempelvorhang und dem Opferaltar (Matth.23,35). Wahrlich, Ich sage es nun euch: Weil ihr also gehandelt habt und auch jetzt noch gleich also handelt, so ist alles solches über euch gekommen (Matth.23,36), und es wird noch viel Ärgeres über euch kommen; denn ihr selbst wollet es also und machet und bereitet es euch also!
GEJ|7|203|15|0|O Jersualem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigst jene, die zu dir gesandt sind! Wie oft habe Ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; und ihr Kinder wolltet euch nicht versammeln lassen unter Meine schützenden Flügel! Darum aber wird dies euer Haus wüste und öde gelassen werden, und das also sehr, daß in seinen Mauern auch nicht einmal die Nachteulen und Krähen wohnen werden (Matth.23,37.38)!
GEJ|7|203|16|0|Merket euch das, damit, wenn das alles jüngst über euch und eure Kinder kommen wird, ihr euch dann erinnern möget, daß Ich euch das zum voraus gesagt habe, und wie euch das auch die nächtliche Erscheinung am Himmel in einem Bilde sehen ließ!“
GEJ|7|203|17|0|Hier fragte Mich der Pharisäer, woher Ich solches wohl wüßte, daß Ich der Stadt solche bösen Dinge vorausverkünden könne. Und so Ich nun etwa Jerusalem wieder verlassen werde, wann Ich dann wiederkäme; denn er werde bei den Hohenpriestern für Mich eine gute Vorrede tun.
GEJ|7|203|18|0|Sagte Ich: „Ich werde mit all den Meinen den Tempel nun alsbald verlassen, und ihr werdet Mich hierher nicht eher kommen sehen, als bis ihr rufen werdet: ,Heil Dem, der da kommt im Namen des Herrn (Matth.23,39)!‘“
GEJ|7|203|19|0|Hierauf begab sich der Pharisäer wieder zurück zu den andern und sagte: „Meine Freunde, mit dem kämpfen wir vergeblich, wie ich das schon gleich anfangs bemerkt habe! Nun haben wir uns über fünf Stunden mit ihm abgegeben und haben nichts ausgerichtet, sondern mit unserem Eigensinne nur das Volk gegen uns gereizt. Es fragt sich nun, wer es wieder einmal für uns stimmen wird.“
GEJ|7|203|20|0|Auf diese Bemerkung gab dem Pharisäer niemand eine Widerrede, und alle verließen den Tempel.
GEJ|7|203|21|0|Ich aber ermahnte noch einmal das Volk und vertröstete es; dann aber ging auch Ich aus dem Tempel mit allen, die zu Mir gehörten, und wir gingen wieder auf den Ölberg, allwo schon ein wohlbereitetes Mahl uns erwartete.
GEJ|7|204|1|1|204. — Der Herr mit den Seinen auf dem Ölberg
GEJ|7|204|1|0|Als wir uns wieder auf dem Ölberge befanden, da kamen uns auch Nikodemus, Joseph von Arimathia und der alte Rabbi nach, und Nikodemus sagte gleich zu Mir: „O Herr, Du meine Liebe aller Liebe, heute, heute hast Du einmal diesen Wüterichen die Wahrheit ganz unverhüllt unters Gesicht gerieben! Ja, das war ja ein Wunder über Wunder, daß sie heute nicht, wie letzthin, nach den Steinen gegriffen haben! Ich habe aber schon bei jedem Deiner heiligen und wahrsten Worte eine so wahre und große Freude empfunden wie nicht bald je irgendwann. Das Herrlichste an der Sache aber war erstens, daß beinahe das ganze im Tempel anwesende Volk Deine heilige Lebenslehre annahm, und zweitens, daß die Pharisäer und Schriftgelehrten mit jeder an Dich gestellten Fangfrage gerade sich selbst am meisten gefangen und beim Volke aber auch den letzten noch an ihnen haftenden Funken Glauben und Vertrauen rein eingebüßt haben.
GEJ|7|204|2|0|Oh, das war gut für die anmaßenden und herrschsüchtigen Gleisner, Heuchler und selbstsüchtigen Zeloten, die sich nun schon höher stellten als Gott und Moses selbst, wie sie auch das dem Volke beibrachten, daß Gott nur durch sie mit dem Volke verkehre und nur ihre Stimme und Gebete anhöre und erhöre. Heute aber ist es ihnen klar vor dem Volke dargetan worden, in welchem Ansehen sie vor Gott stehen, und das war schon so etwas Vortreffliches, wie es schon nichts Vortrefflicheres mehr geben kann! Na, die werden nun wieder Beratungen über Beratungen halten, von denen eine schlechter und dümmer sein wird als die andere!
GEJ|7|204|3|0|Das beste dabei ist noch das, daß sie unter sich in ihren Ansichten gespalten sind! Die Gemäßigteren sehen es doch wenigstens ein, daß sie gegen Dich nichts ausrichten können; aber die eigentlichen Erztempler sehen auch das nicht ein, obschon sie eben heute ihre völlige Ohnmacht fühlen müssen. Kurz, ich bin nun über Deinen Totalsieg über diese argen Finsterlinge so höchst erfreut, daß ich nun schon laut zu rufen anfangen möchte: Heil Dem, der in Dir zu uns gekommen ist im Namen des Herrn!“
GEJ|7|204|4|0|Sagte Ich: „Ja, ja, du hast recht gefühlt und recht gesprochen; aber Mir wäre an der Sache dennoch das Liebste gewesen, wenn auch die Pharisäer und alle die Schriftgelehrten die Wahrheit erkannt und ihren Sinn geändert hätten. Aber so sind sie nun ebenso verstockt, wie sie ehedem waren.
GEJ|7|204|5|0|Sie haben durch ihre Spione gemerkt, daß Ich Mich mit Meinen Jüngern und all den andern Freunden auf diesen Berg begeben habe, und es werden kaum zwei Stunden Zeit verrinnen, so werden wir hier ihre neuen Knechte und Häscher ersehen. Aber Meine gewisse euch schon bekanntgegebene Zeit ist noch nicht da, und so werde Ich durch Meinen Raphael und vorerst aber durch die noch anwesenden sieben Oberägypter ihnen eine ganz wohlgenährte Züchtigung zukommen lassen, und wir werden dann wieder eine Zeitlang vor ihnen Ruhe haben. Nun aber gehen wir an unsere Tische und stärken unsere Glieder! Die da unten aber sollen nun machen, was sie wollen!“
GEJ|7|204|6|0|Hier kam Raphael mit der ihm anvertrauten Schar und dem gab Agrikola kund, daß er nun nach Meinem Willen all den jungen Leuten die römische, griechische, wie auch die jüdische Sprache zu reden beigebracht habe und sie sonach in Rom gut zu verwenden sein würden, da sie die genannten Sprachen nicht nur vollkommen reden, sondern auch schreiben und lesen könnten.
GEJ|7|204|7|0|Darüber war unser Agrikola hoch erfreut, weil er sich dabei und dadurch einer großen Sorge und Arbeit überhoben sah. Die Jungen grüßten Mich nun in der jüdischen Zunge und begaben sich dann auf Meine Weisung in die Zelte, wo auch für sie die Tische ganz gut bestellt waren.
GEJ|7|204|8|0|Wir aber gingen darauf unverweilt in unseren Speisesaal, setzten uns in der alten Ordnung an unsere Tische und nahmen zu uns die wohlbereiteten Speisen und den überaus guten Wein.
GEJ|7|205|1|1|Aus den Jünglingsjahren des Herrn
GEJ|7|205|1|1|205. — Joseph verweigert einem Griechen seine Dienste
GEJ|7|205|1|0|Nach etwa einer Stunde wurden durch den Wein die Zungen sehr gelöst, und es wurde bald ganz lebendig im Saale.
GEJ|7|205|2|0|Ich Selbst erzählte den Gästen so manches aus Meiner Jugendzeit, worüber sich alle Anwesenden in hohem Grade ergötzten. Die anwesenden bekehrten Pharisäer und Schriftgelehrten bestätigten das alles, und einer erzählte sogar kurz gefaßt von der Begebenheit im Tempel, als Ich mit zwölf Jahren Alters im Tempel alle die Hohenpriester, Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer mit Meiner Weisheit ins größte Erstaunen gesetzt hatte, und fügte noch die Bemerkung hinzu, daß schon in jener Zeit stark die Meinung sogar im Tempel sich einige Jahre hindurch erhielt, daß Ich möglicherweise etwa doch der verheißene Messias sei. Aber man habe darauf von Mir nichts mehr gehört und meinte, daß Ich als ein geistig zu früh geweckter Knabe entweder gestorben sei, oder daß die Essäer Mich irgend kennengelernt und in ihre Schulen genommen haben, natürlich infolge Übereinkunft mit Meinen irdischen Eltern. Und so sei diese Sache beim Tempel dann nach und nach völlig eingeschlafen und erst in dieser jüngsten Zeit durch Mein öffentliches Auftreten wieder wachgerufen worden.
GEJ|7|205|3|0|Als die Pharisäer solche ihre Erzählung beendet hatten, da erzählten auch Johannes, Jakobus und auch die andern Jünger so manches aus Meiner Jugendzeit, und Jakobus gab sogar die wunderbare Art der Schwangerwerdung Mariens, Meine Geburt und Flucht nach Ägypten und Meinen dreijährigen Aufenthalt daselbst, wie auch das meiste, was sich dort alles zugetragen hatte, zum besten, worüber alle höchlichst erstaunten. Viele beneideten nun Jakobus um das Glück, daß er gleichfort um Mich hatte sein können.
GEJ|7|205|4|0|Hierauf aber sagte dann auch Lazarus: „Herr und Meister, es freut mich nun zwar unbeschreibbar, mich Deinen Freund von meinem ganzen Herzen nennen zu dürfen; aber noch seliger wäre ich als Jakobus, der Dich ordentlich aus den geöffneten Himmeln zur Erde herab hat kommen sehen und stets an Deiner Seite war. Wenn ich doch auch Jakobus gewesen wäre!“
GEJ|7|205|5|0|Sagte Ich: „Jakobus ist allerdings ein völlig glücklicher Mensch und ist auch von den Engeln des Himmels selbst oft beneidet worden, freilich aber nur in einem höchst edlen Sinne; aber er hat darum dennoch keinen Vorzug vor einem andern Menschen. Sein Wert liegt auch nur einzig und allein darin, daß er Mein Wort hört, glaubt und aus Liebe zu Mir danach handelt; wer aber das tut, der hat ganz denselben Vorzug, wie ihn da hat dieser Mein lieber Bruder Jakobus.
GEJ|7|205|6|0|Höret aber nun eine seltene Begebenheit aus der Zeit nach Meinem zwölften Jahre, in der man von Mir eben nichts Besonderes vernommen hat!
GEJ|7|205|7|0|Ich habe sonst Meinem Nährvater Joseph als ein Zimmermann stets fleißig und unverdrossen arbeiten helfen, und wo Ich mitarbeitete, da ging die Arbeit auch allzeit gut und ausgezeichnet vonstatten.
GEJ|7|205|8|0|Einst aber kam auch ein Grieche, der ein Heide war, zu Joseph und wollte mit ihm wegen des Baues eines ganz neuen Hauses und eines großen Schweinestalls einen gar vorteilhaften Akkord (Vereinbarung) machen.
GEJ|7|205|9|0|Joseph aber war ein reiner und strenger Jude und sagte zum reichen Griechen: ,Siehe, wir haben ein Gesetz, das uns verbietet, mit Heiden umzugehen und ihnen irgendwie Dienste zu erweisen! Wärst du ein Jude, so könnte ich mit dir leicht handelseins werden; da du aber ein finsterer Heide bist, so kann ich um alle Schätze der Welt deinem Verlangen nicht nachkommen und einen Schweinestall aber schon gar nie und nimmer in Arbeit nehmen, und wärest du auch ein Jude!‘
GEJ|7|205|10|0|Da sagte der Heide ganz aufgeregt zu Joseph: ,Siehe, du bist doch ein sonderbarer Mann! Ich bin freilich wohl ein Grieche, aber ich selbst und mein ganzes Haus haben unsere vielen Götter schon lange über Bord ins Meer geworfen und glauben nun an eben den Gott, an den du glaubst, und haben von Ihm auch schon so manche unverkennbaren Gnaden empfangen. Daß wir aber die Beschneidung nicht annehmen, hat seinen Grund darin, daß wir nicht eurem unersättlichen Tempel untertan sein wollen, sondern allein dem Gott und Herrn, der nun nirgends mehr entheiligt und verunehrt wird als eben in eurem Tempel, dessen schnöde Einrichtung wir Heiden besser kennen als ihr durch euren Tempel schon ganz verdummten Juden. So aber euer allein wahrer Gott auch über uns Heiden Seine Sonne scheinen läßt, warum wollet denn ihr uns verachten?‘
GEJ|7|205|11|0|Da sagte Joseph: ,Du irrst dich, so du meinst, daß wir Juden euch verachten; aber wir haben ein Gebot von Moses, das uns den Umgang mit den Heiden untersagt und uns auch verbietet, mit ihnen Handel und Wandel zu treiben. So ein reiner Jude das tut, so verunreinigt er sich auf eine lange Zeit. Und siehe, ich aber bin noch ein Jude, der das ganze Gesetz seit seiner Kindheit strenge beachtet und nun in seinen alten Tagen nicht gegen dasselbe zu handeln anfangen wird!‘
GEJ|7|205|12|0|Sagte der Grieche: ,Gut, mein Freund, ich werde dich auch nicht dazu verleiten; denn auch ich bin schon so alt wie du und kenne dich schon länger, als du dir das vorstellen magst. Da du aber mit uns Heiden deines Gesetzes wegen es schon gar so strenge nimmst in dieser Zeit, – warum hast denn du es damals nicht so strenge genommen, als du wegen der Verfolgung von seiten deiner Glaubensgenossen mit deinem jungen Weibe und deinen Kindern zu uns Heiden nach Ägypten geflohen kamst?
GEJ|7|205|13|0|Siehe, Freund, eure Gesetze sind alle gut und wahr; aber sie müssen auch im Geiste der inneren Wahrheit aufgefaßt und alsdann erst tätig ins Leben übertragen werden! Wer sich nur an den Buchstaben des Gesetzes bindet, der ist dem Reiche der Wahrheit noch ferne. Als du in Ägypten warst, da arbeitetest du wohl auch für uns Heiden, bliebst dabei aber dennoch ein ganz reiner Jude. Warum solltest du nun unrein werden?
GEJ|7|205|14|0|Damals aber hattest du ein gar wundersames Söhnlein, das wir Heiden seiner wunderbaren Eigenschaften wegen beinahe wie einen Gott verehrten. Was ist aus jenem Kinde geworden? So es nicht irgend gestorben ist, so muß es nun schon ein erwachsener Jüngling sein!‘
GEJ|7|205|15|0|Sagte Joseph nun etwas verlegen, weil er den Griechen nun wohl erkannt hatte: ,Ja, höre, du mein Freund! Du hast mir in Ostrazine wahrlich viele Freundschaft erwiesen, und es wäre nun unbillig von mir, so ich deinem Verlangen widerstrebte; aber als ein strenger Jude werde ich mich dennoch zuvor mit dem Ältesten dieser Stadt besprechen und werde dann handeln nach seinem Rate.‘
GEJ|7|205|16|0|Darauf sagte der Grieche: ,Aber meines Wissens hast du dir in Ostrazine stets bei deinem Söhnlein Rat geholt, wenn du etwas zu tun dir vornahmst! Wenn jener Sohn noch lebt, so wird er nun sicher noch weiser sein, als er damals war! Fragst du ihn nun nicht mehr, was irgend Rechtens wäre, so er, wie gesagt, noch lebt?‘
GEJ|7|206|1|1|206. — Des Herrn Verhältnis zu den Priestern als Jüngling
GEJ|7|206|1|0|(Der Herr:) „Hier zeigte Joseph mit der Hand auf Mich, der Ich einige Schritte von ihm entfernt auf der Werkstätte einen Laden zu durchsägen hatte, und sagte: ,Dort auf der Werkstatt siehst du ihn arbeiten! Es ist sonderbar: Als er ein Kind war bis ins vollendete zwölfte Jahr, waren ich und die Mutter, die nun in der Küche beschäftigt ist, wahrlich der vollsten Meinung, daß er unfehlbar der uns verheißene Messias werden wird; doch nach dem vollendeten zwölften Jahre hat sich all das früher so göttlich Scheinende an ihm derart verloren, daß wir nun davon an ihm keine Spur mehr entdecken können. Er ist sonst sehr fromm, willig und fleißig und tut ohne Murren alles, was wir ihm nach seiner Kraft zu tun geben; aber, wie gesagt, von all dem Wunderbaren ist an ihm nichts mehr zu entdecken. So du willst, da kannst du selbst mit ihm reden und dich von allem, was ich dir gesagt habe, selbst überzeugen.‘
GEJ|7|206|2|0|Hierauf trat der Grieche zu Mir und sagte: ,Höre, du mein lieber Jüngling, ich habe dich vor achtzehn Jahren schon gekannt und bewunderte deine damals rein göttlichen Eigenschaften, die, so wie deine Worte, mich zuallermeist bestimmten, euren Glauben anzunehmen, obwohl ich darum die Beschneidung nicht annahm. Aber ich habe eures Glaubens wegen dennoch Ägypten verlassen, um hier tiefer in eure weisheitsvollen Lehren einzudringen, und zu allem dem warst eben du der Hauptgrund! Und nun vernahm ich von deinem Vater, den ich schon lange nicht mehr gesehen und gesprochen hatte, daß du alles das Göttlich-Wunderbare, das dir als einem Kinde eigen war, gänzlich verloren habest. Wie ist denn das hergegangen?‘
GEJ|7|206|3|0|Ich sah den Griechen groß an und sagte: ,Wenn du in unsere Lehre wohl eingeweiht bist, so werden dir auch Salomos weise Sprüche nicht unbekannt sein. Und siehe, da lautet einer, demzufolge in dieser Welt alles seine Zeit hat! Als Ich ein Kind war, da war Ich sicher noch kein kräftiger Jüngling; da Ich nun aber ein kräftiger Jüngling bin, so bin Ich kein Knabe mehr, und arbeite gleich einem jeden andern Jünglinge mit allem Fleiß und Eifer, weil das Mein Vater im Himmel also will. Ich kenne Ihn und erkenne auch allzeit Seinen Willen und tue nur das, was Er will. Und siehe, das ist dem Vater im Himmel wohlgefällig!
GEJ|7|206|4|0|Ich wirkte als zarter Knabe wahrlich große Zeichen, um den Menschen anzuzeigen, daß Ich als ein Herr aus den Himmeln in diese Welt gekommen bin; aber die Menschen hielten mit der Zeit nicht viel darauf und ärgerten sich sogar, wenn Ich vor ihren Augen ein Zeichen wirkte. Ich aber bin dennoch Derselbe geblieben, der Ich bin, und werde wieder vor den Menschen die Zeichen wirken und ihnen anzeigen, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist. Wann Ich aber das tun werde, das wird eben von Mir Selbst zur rechten Zeit bestimmt werden. Wohl dem, der an Mich glauben und sich an Mir nicht ärgern wird!
GEJ|7|206|5|0|Du aber möchtest, daß dir Mein Nährvater ein neues Haus und einen großen Schweinestall bauen soll. Und das soll er auch tun! Denn was vor Mir recht ist, das ist auch vor Gott keine Sünde. Den Juden aber war ein rechter geschäftlicher Umgang mit ehrlichen Heiden nie verwehrt; verwehrt war und ist den Juden nur im Umgang mit den Heiden, ihr Götzentum und ihre argen Lehren, Sitten, Gebräuche und Handlungen anzunehmen. Wo aber ein Heide sich im Glauben der Juden befindet und sonach durch seinen Glauben an den einigen, allein wahren Gott wahrhaft beschnitten ist im Herzen und in seiner Seele, da kann man mit ihm schon Umgang pflegen!‘
GEJ|7|206|6|0|Sagte hierauf Joseph: ,Nun, nun, das ist viel, daß du einmal so viel und so weise geredet hast, und ich erkenne es auch, daß du da völlig recht hast; aber muß man da dennoch auch die Priester nicht vor den Kopf stoßen und sich zuvor mit ihnen beraten, um von ihnen nicht als ein Ketzer gescholten zu werden. So man sich aber zuvor mit ihnen beratet ob einer Arbeit, die dem Buchstaben nach doch immer nicht auf dem gesetzlichen Boden steht, und gibt irgendein kleines Opfer, so erlaubt ein weiser Priester auch allzeit gern eine Arbeit, die für sich nicht wohl im Gesetze begründet ist. Ich werde darum sogleich zu unserem Ältesten gehen und werde ihm diese Sache vortragen.‘
GEJ|7|206|7|0|Sagte Ich: ,Was wirst du aber dann tun, so er dir diese Arbeit anzunehmen dennoch nicht erlauben wird – trotz des angebotenen Opfers?‘
GEJ|7|206|8|0|Sagte Joseph: ,Ja, dann werden wir die Arbeit offenbar nicht annehmen können!‘
GEJ|7|206|9|0|Sagte Ich: ,Höre, wenn Ich dereinst Meine große Arbeit beginnen werde, so werde Ich die Priester nicht fragen, ob Ich solch eine große Arbeit, die sehr wider ihre eitlen Tempelsatzungen gerichtet sein wird, werde unternehmen dürfen oder nicht, sondern Ich werde die große und schwere Arbeit unternehmen aus Meiner höchsteigenen Macht und Kraft! Denn was vor Gott recht ist, das muß auch vor allen Menschen recht sein, ob sie das Rechte wollen oder nicht!‘
GEJ|7|206|10|0|Sagte abermals Joseph: ,Mein lieber Sohn, wenn du also handeln wirst, so wirst du wenig Freunde in der Welt zählen!‘
GEJ|7|206|11|0|Sagte Ich: ,Wahrlich, wer ängstlich nach der Freundschaft der Welt trachtet, der verwirkt dadurch leicht die Freundschaft Gottes! Ich aber gebe hier den Rat: Wir erweisen diesem Griechen die Freundschaft und fragen da unsere herrsch- und habgierigen Priester gar nicht und tun, was da Rechtens ist; denn dieser Mensch hat uns viele Freundschaft erwiesen, und wir sollten ihm nun unserer Priester wegen die von ihm angesuchte Freundschaft versagen? Nein, das tun wir nicht! Und getrauest du dir das nicht, so werde Ich allein ihm das Haus und den Stall aufbauen!‘
GEJ|7|206|12|0|Sagte darauf Joseph: ,Nein, was hast du denn heute auf einmal?! So eigensinnig und stützig habe ich dich ja schon seit Jahren nicht gesehen und auch nicht also reden hören! Wenn mich angesehene Juden und Älteste besuchen und oft gerne mit dir redeten, da bist du ganz karg mit deinen Worten und bist noch kaum je so gebieterisch aufgetreten; und nun kam ein Heide, und du willst ihm gleich alles tun, was er nur wünscht! Wie kommt denn nun das bei dir auf einmal? Ich möchte nun schon wieder zu glauben anfangen, daß du auch für diesen Griechen möchtest Wunder zu wirken anfangen, – was du doch schon so lange vor keinem Juden getan hast!‘
GEJ|7|206|13|0|Sagte Ich: ,Ereifere dich nicht, du Mein alter und ehrlich gerechter Freund! Wenn Ich Mich vor den Juden zurückziehe, so habe Ich sicher Meinen wohlweisen Grund dazu! Hat denn hier auch nur ein Jude außer dir einen wahren und vollen Glauben? Als Ich als noch ein Knabe dann und wann ein Zeichen wirkte, da sagten sie, daß Ich besessen sei und gar mit der Hilfe des Teufels solche Dinge wirke, die sonst kein Mensch zu wirken imstande sei.
GEJ|7|206|14|0|Als du selbst einmal den Ältesten fragtest, ob in Mir möglicherweise etwa doch der Geist eines großen Propheten verborgen sei, weil bei Meiner Geburt so große Zeichen geschehen seien, da sagte der blinde Pharisäer voll Ärgers: ,Es steht geschrieben, daß aus Galiläa nie ein Prophet aufsteht; darum ist schon eine solche Frage für verdammlich zu halten!‘ Wenn aber die Priester und auch die andern Juden hier also beschaffen sind, vor wem sollte Ich dann ein Zeichen wirken und warum?!
GEJ|7|206|15|0|Dieser Grieche aber ist voll guten Glaubens und ist ein Freund des inneren und wahren Lebenslichtes, der sich auch nicht ärgert, so Ich ihm ein Zeichen wirke; und so ist es denn doch auch begreiflich, warum Ich Mich gegen ihn auch ganz anders benehme, als Ich Mich gegen diese finsteren Juden benehme.
GEJ|7|206|16|0|Ich aber sage dir: Weil nun die Juden also sind, so wird ihnen das Licht des Lebens genommen und den Heiden gegeben werden! Es kommt das Heil aller Völker zwar von den Juden, und das Heil bin Ich; weil Mich aber die Juden nicht annehmen und anerkennen wollen, so wird das Heil ihnen genommen und den Heiden überantwortet werden!‘“
GEJ|7|207|1|1|207. — Der Herr gibt als Jüngling Proben Seiner Allmacht
GEJ|7|207|1|0|(Der Herr:) „Hierauf sagte der Grieche zu Joseph: ,Nun erst erkenne ich deinen wunderbaren Sohn ganz wieder und habe eine große Freude darob, daß er uns Heiden nicht also beurteilt wie die andern Juden, die sich für die pursten Kinder Gottes betrachten und halten, aber als Menschen vor lauter Hochmut ordentlich stinken und sich untereinander ärger denn Hunde und Katzen verfolgen. Schon als ein zartes Kind hat dieser dein Sohn sich zu öfteren Malen über das Judentum, wie es jetzt besteht, bitter beklagt; aber nun als ein erwachsener Jüngling hat er sich klarer ausgesprochen und gezeigt, wie es so ganz eigentlich mit den Juden steht. Ich freue mich über sein Urteil nun um so mehr, weil er mir dabei ordentlich aus dem innersten Grunde meiner Seele geredet hat.
GEJ|7|207|2|0|Ist denn das von einem ersten Volke Gottes eine Art, so sie jeden Heiden, der doch auch ein Mensch ist, gleich verdammen, und das sogar dann auch, wenn man ihnen noch so große Wohltaten erwiesen hat?! Warum verdammen sie denn unser Gold und Silber nicht?! Das ist für sie wohl schon zur Genüge; aber wenn unsereiner nur ihre Hausflur betreten hat, so halten sie ihr Haus und auch sich selbst auf einen ganzen Tag für verunreinigt! O der Narren! Für solch einen Wahnglauben habe ich gar keine Worte, um ihn als schlecht und dumm zur Genüge bezeichnen zu können! Und siehe, das bezeugte nun auch dein gottähnlich wunderbarer Sohn, und es hat mir das nun eine so große Freude gemacht wie sonst noch nie etwas anderes!
GEJ|7|207|3|0|Da wir aber nun diese Sache klar besprochen haben und wissen, was man von den Weltsatzungen der Juden zu halten hat, und man andernteils aber auch noch recht wohl weiß, daß du aus gar vielen Juden der ehrlichste und wahrhafteste bist und dich nicht an die leeren Formen bindest, so können wir nun schon miteinander abmachen, wie und unter welchen Bedingungen du mir das Wohnhaus und den großen Schweinestall erbauen möchtest. Dein wunderbarer Sohn wird es schon machen, daß du dabei von keiner Seite her irgend beanstandet wirst. Rede du, Freund, nun, was du dir da denkst!‘
GEJ|7|207|4|0|Sagte Joseph: ,Mein wundersamer Sohn und auch du habet wohl ganz vollkommen recht; kommt aber dann die Sache etwa doch auf, so werde dann nur ich zur Verantwortung gezogen werden! Wegen der Kosten werden wir ganz leicht fertig werden.‘
GEJ|7|207|5|0|Sagte Ich: ,Höre, du Mein irdischer Ernährer Joseph! Von Meinem Willen allein hängt es ab, ob dich bei der guten Arbeit jemand verraten kann; denn so Ich hier auch aus den gezeigten Gründen schon lange keine Zeichen mehr gewirkt habe, so bin Ich aber dennoch ganz Der, der Ich im Anfange war, und Mir sind alle Dinge möglich! Sonne, Mond, Sterne und diese ganze Erde, wie auch alle Himmel und die ganze Hölle müssen Mir gehorchen und sich richten nach Meinem Willen, – und Ich sollte da eine Furcht haben vor den finsteren und blinden Priestern unserer Synagoge?!
GEJ|7|207|6|0|Mache du nur mit dem Ehrenmanne den rechten Bauvertrag, – alles andere überlasse Mir! Wir werden dann mit dem Bau leicht fertig werden; denn Dem es möglich war, Himmel und Erde zu erbauen, Dem wird es etwa doch auch leicht möglich sein, einem biederen Griechen, der in seinem Herzen ein vollkommener Jude ist, ein rechtes Wohnhaus und einen Schweinestall zu erbauen! Ich sage es euch, daß ein Schweinestall wahrlich nicht zu jenen Bauten zu rechnen ist, die dem menschlichen Geiste eine Ehre machen; aber lieber ist Mir nun ein noch so schmutziger Schweinestall als der Tempel zu Jerusalem und gar manche Synagoge im großen Judenlande!‘
GEJ|7|207|7|0|Sagte Joseph: ,Aber höre, du mein Sohn, wie redest du heute gar so sehr vermessen?! Wenn das jemand von der Stadt gehört hätte und verklagte uns, was würde da aus uns werden? Wir würden ja der schrecklichsten Gotteslästerung beschuldigt werden und würden auch ohne Gnade gesteinigt werden!‘
GEJ|7|207|8|0|Sagte Ich: ,Sorge du dich um etwas anderes! Wer kann uns hören, wenn Ich es nicht will, und wer wird uns steinigen, wenn Ich ein Herr aller Steine bin? Da sieh hier diesen Stein, den Ich nun aufgehoben habe! Ich will nun, daß er für die Sinne der Welt völlig zunichte werde! Und siehe, er ist es schon! Wenn ein dummer Jude dann solche Steine nach uns würfe, werden sie uns wohl irgendwie schaden können?! Da sieh hinauf zur Sonne! Sieh, wie sie leuchtet mit ihrem hellen Lichte! Da Ich aber auch ein Herr über die Sonne bin, so will Ich, daß sie nun einige Augenblicke lang kein Licht von sich geben soll! Und siehe, es ist nun finster wie in der Nacht!‘
GEJ|7|207|9|0|Hier erschrak Joseph und auch der Grieche, und die, die im Hause waren, kamen voll Entsetzen heraus und fragten ängstlich, was denn das nun wäre, und was es zu bedeuten hätte.
GEJ|7|207|10|0|Ich aber sagte: ,Nun bin Ich schon so lange bei euch, und ihr kennet Mich noch nicht! Das ist Mein Wille! Ich aber will nun wieder Licht! Und sehet, die Sonne leuchtet wieder so vollkommen wie zuvor! Zu bedeuten aber hat das sonst nichts, als daß ihr alle wissen und erkennen sollet, daß Ich bei euch bin.‘
GEJ|7|207|11|0|Da sagten alle: ,Dem Herrn alles Lob, – unser Jesus hat wieder seine Kraft von Gott überkommen!‘
GEJ|7|207|12|0|Sagte Ich: ,Ich habe nichts überkommen; denn all die Kraft und die Macht sind Mein. Ich und Der, der in Mir lebt, sind Eins und nicht Zwei. – Und nun sage du, Joseph, Mir, ob du noch eine Furcht vor den Juden und Ältesten der Synagoge hast!‘
GEJ|7|207|13|0|Sagte Joseph: ,Ja, du mein liebster Sohn und auch mein Herr, bei so bewandten Umständen habe ich wohl keine Angst und Furcht mehr; denn nun erst habe ich völlig mein Heil gesehen. Nun werden wir aber auch ohne weiteres Bedenken uns sogleich an den bewußten Bau machen und heute noch uns dahin begeben, wo dieser unser alter Freund sein Haus und den Stall erbaut haben will!‘
GEJ|7|207|14|0|Sagte der Grieche: ,Ich danke euch zum voraus; der Lohn wird im reichsten Maße folgen. Die Stelle aber ist von hier nicht gar so weit, und da ich gute Lasttiere draußen bei der Herberge stehen habe, so werden wir noch heute vor dem Sonnenuntergange leicht die Stelle erreichen, allwo ich mit den Meinen wohne.‘
GEJ|7|207|15|0|Hierauf berief Joseph die andern Brüder und teilte ihnen mit, was sogleich zu geschehen habe. Aber Joses meinte, daß es gut wäre, so einer von ihnen daheim bliebe, weil auch im Orte alle Tage etwas auskommen (vorkommen) könne; zugleich falle das weniger auf, und die Aufseher der Synagoge, die auf dieses Haus Meinetwegen ohnehin stets ihre Augen und Ohren gerichtet hätten, würden den Abgang Josephs weniger merken und nicht nachfragen, wo und bei wem er eine Arbeit genommen habe.
GEJ|7|207|16|0|Darauf sagte Ich: ,Auch du sollst einmal recht haben, doch nicht ganz! Ich sage und verordne aber, daß außer Jakobus niemand mit uns zu gehen braucht und wir somit nur für drei das nötigste Werkzeug mitzunehmen brauchen, und das nur deshalb, damit man wisse, daß wir uns als Zimmerleute vom Hause wegbegeben. Jakobus, mache dich darum reisefertig!‘
GEJ|7|207|17|0|Jakobus ging, machte sich reisefertig und schaffte das Werkzeug her.
GEJ|7|207|18|0|Als wir drei mit dem Griechen aber schon unsere Füße in Bewegung setzen wollten, da kam Maria, Meines Leibes Mutter, und fragte uns, wie lange wir aus sein würden.
GEJ|7|207|19|0|Sagte Joseph: ,Weib, das läßt sich bei solch einer großen Arbeit wohl nicht zum voraus bestimmen!‘
GEJ|7|207|20|0|Sagte darauf Ich: ,Die Menschen können das freilich wohl nicht; doch Mir ist auch das möglich!‘
GEJ|7|207|21|0|Sagte Maria: ,Nun, so sage du es mir, wie lange ihr aus sein werdet!‘
GEJ|7|207|22|0|Sagte Ich: ,Volle drei Tage, das ist heute, morgen und übermorgen; am Sabbat noch vor dem Sonnenaufgange werden wir wieder hier sein!‘
GEJ|7|207|23|0|Sagten alle: ,Wie werdet ihr drei in zwei Tagen ein großes Wohnhaus und einen großen Schweinestall aufbauen?‘
GEJ|7|207|24|0|Sagte Ich: ,Das wird unsere Sache sein; ihr andern aber kümmert euch nur, daß daheim eure Arbeit in der Ordnung sei!‘
GEJ|7|207|25|0|Da sagte Maria zu Mir: ,Aber, mein liebster Sohn, wie kommst du mir heute doch wieder einmal gar so sonderbar vor! Du bist heute ja ganz gebieterisch! Wie kommt denn das?‘
GEJ|7|207|26|0|Sagte Ich: ,Weil Ich das eures Heiles wegen sein muß! Aber nun halte uns nicht länger auf; denn mit diesem Reden gewinnt keiner von uns etwas. Für den Menschen ist seine Zeit gar kostbar!‘
GEJ|7|207|27|0|Sagte Maria: ,Ja, ja, dir kann man in nichts widersprechen, – du hast allzeit recht; daher reiset nur glücklich, und kommet glücklich wieder!‘“
GEJ|7|208|1|1|208. — Die Einkehr bei dem griechischen Wirte
GEJ|7|208|1|0|(Der Herr:) „Hierauf machten wir uns aber auch gleich auf den Weg zur Herberge hin, wo des Griechen Lasttiere auf uns warteten.
GEJ|7|208|2|0|Als wir da ankamen, gab es bald der Neugierigen viele, die uns mit Fragen belästigten, und der Herbergswirt, Josephs guter Bekannter, sagte zu ihm: ,Freund, ich möchte heute keine Reise unternehmen; denn es ist eine Sonnenfinsternis gewesen, und ein solcher Tag galt schon bei den Alten als ein Unglückstag!‘
GEJ|7|208|3|0|Sagte Ich: ,Wie klug ihr Leute doch seid! Auf solche leeren, aller Wahrheit baren Sagen haltet ihr; aber alles, was rein und wahr ist, das tretet ihr in den Kot und wollet es nicht hören. Daher halte du uns mit solchen leeren Dingen nicht auf!‘
GEJ|7|208|4|0|Sagte der Wirt: ,Oh, du mein lieber Geselle, die alten Menschen waren auch kluge Leute; daher sollen die Jungen deren Erfahrungen wohl beachten, sonst werden sie manches Ungemach zu erleiden bekommen!‘
GEJ|7|208|5|0|Sagte Ich: ,Befolge du nur, was Moses und die Propheten gelehrt haben; das wird dir nützlicher sein, als auf die Neumonde und auf die glücklichen und unglücklichen Tage zu halten! Wer Gottes Gebote hält und Gott über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst, der hat keine Unglückstage zu fürchten; wer aber das nicht tut, für den ist ein jeder Tag ein wahrer Unglückstag!‘
GEJ|7|208|6|0|Sagte der Wirt: ,Na, na, das weiß ich auch; aber darum kann man auch auf die Sagen der Alten noch immer etwas halten!‘
GEJ|7|208|7|0|Darauf grüßte er den Joseph nochmals und wünschte ihm viel Glück auf die Reise und zum Geschäfte. Wir bestiegen dann die Lasttiere, und unsere Reise ging rasch vorwärts über Berge und Täler westwärts auf dem Wege gen Tyrus.
GEJ|7|208|8|0|Als wir aber den halben Weg zurückgelegt hatten und eine Herberge erreichten, die auch einem Griechen gehörte, da sagte unser Grieche: ,Freunde, hier werden wir uns ein wenig stärken und den Lasttieren ein Futter reichen lassen!‘
GEJ|7|208|9|0|Dieser Antrag war dem Joseph ganz recht, obwohl er gleich fragte, ob man da wohl auch den Juden erlaubte Speisen bekäme.
GEJ|7|208|10|0|Sagte der Wirt: ,Ja, mein Freund, da wird es bei mir wohl eine kleine Not haben! Schweinefleisch habe ich wohl geräuchert zur Genüge, also auch gesäuertes Brot und Salz und Wein; aber etwas anderes wird nun nicht vorrätig sein.‘
GEJ|7|208|11|0|Sagte Joseph: ,Da wird es für uns etwas schlimm ausschauen; denn das Fleisch der Schweine dürfen wir Juden nicht essen und also auch in dieser Zeit kein gesäuertes Brot, da bei uns die Zeit der ungesäuerten Brote eingetreten ist. Hast du denn keine Fische und auch keine Hühner und Eier?‘
GEJ|7|208|12|0|Sagte der Wirt: ,Siehe, diese Herberge steht hoch auf einem Berge! Woher sollte man da die Fische nehmen? Also geht es hier auch mit der Zucht der Hühner schlecht; denn fürs erste gedeihen sie wegen Mangels am entsprechenden Futter beinahe gar nicht, und fürs zweite gibt es hier zu viele Raubvögel aller Art, die nicht nur die Zucht der Hühner nahezu unmöglich machen, sondern auch die Schafzucht sehr erschweren, weil die Lämmer vor den Luftbestien nicht einen Augenblick völlig sicher sind. Ich habe darum nur etwas Rind, als Stiere, Ochsen und Kühe und natürlich auch einige Kälber, und dazu auch Schweine, die hier ganz gut fortkommen; den Wein aber muß ich selbst kaufen in Tyrus. So steht es hier; was aber da ist, das will ich euch reichlich und billig geben.‘
GEJ|7|208|13|0|Sagte Ich: ,Bringe nur her, was du hast, und wir werden es schon essen!‘
GEJ|7|208|14|0|Sagte Joseph: ,Aber Sohn, was wird denn das Gesetz Mosis dazu sagen?‘
GEJ|7|208|15|0|Sagte Ich: ,Hast du denn schon wieder vergessen, wer Ich bin? Der in Mir ist, hat dem Moses die Gesetze gegeben, und Ebenderselbe sagt nun zu dir: Iß, was dir auf den Tisch gesetzt wird, wo du es nicht anders haben kannst; denn dem Reinen ist alles rein!
GEJ|7|208|16|0|Moses hat das Fleisch der unflätigen Tiere den Juden nur darum zu essen untersagt, auf daß sie selbst nicht noch unflätiger würden, als sie schon von Geburt an waren; aber im Notfalle durften auch die Juden das Fleisch der als unrein bezeichneten Tiere essen. Wir selbst aber waren nie unrein und werden auch nie unrein werden, und so kann uns auch keine Speise, wenn sie wohl bereitet ist, verunreinigen.‘
GEJ|7|208|17|0|Mit dieser Meiner Erklärung war Joseph und auch Jakobus zufrieden, und der Wirt brachte uns sogleich wohlgeräuchertes und gut zubereitetes Schweinefleisch, Brot, Salz und einen guten Wein, und wir verzehrten alles ganz wohlgemut. Unser Grieche aber machte natürlich den Zechmeister und hatte eine rechte Freude, daß wir uns mit seinem Mahle so ganz zufriedengestellt hatten.
GEJ|7|208|18|0|Nach dem eingenommenen Mahle aber sagte Ich zu dem Herbergswirte: ,Dieser deiner Herberge ist nun ein großes Heil widerfahren! Vom heutigen Tage an kannst du Hühner und Schafe züchten, soviel du magst und kannst; denn Ich will, daß diese Gegend von keinem Raubtiere mehr belästigt werde, weder am Boden noch in der Luft, solange du und deine Nachkommen diese Anstalt und Gegend besitzen werden. Wenn aber dereinst andere und schlechtere Wirte sich in den Besitz dieser Herberge und Gegend setzen werden, so sollen sie auch wieder von der alten Plage heimgesucht werden!‘
GEJ|7|208|19|0|Sagte der Wirt: ,Junger Freund, wie kannst du mich überweisen daß das auch geschehen wird, was du mir nun so ganz ernstlich, als zweifeltest du nicht im geringsten daran, verheißen hast?‘
GEJ|7|208|20|0|Sagte Ich: ,Das wird so sicher geschehen, wie gewiß du in deinem Hause einen Schatz besitzest, den weder du noch einer von deinen Angehörigen und auch deine Vorfahren nicht gekannt haben! Nimm einen Spaten und hebe damit nur drei Spannen tief gerade an der Stelle, wo du nun stehst, den Boden, der aus Lehm besteht, aus, und es wird sich dir der Schatz zeigen, mit dem du dann nach deinem Belieben schalten und walten kannst!‘
GEJ|7|208|21|0|Der Wirt brachte sogleich einen Spaten und hob mit Beihilfe seiner Knechte den Fußboden bald bis in die angezeigte Tiefe aus und fand zu seinem großen Erstaunen mehrere schwere Goldgefäße, die zusammen ein Gewicht von mehr als zweihundert Pfund hatten. Nun fragte er freilich gleich, wie und wann diese wertvollsten Dinge dahinein gekommen seien.
GEJ|7|208|22|0|Sagte Ich: ,Du bist nun wohl schon der siebente Besitzer dieser alten Herberge, seitdem diese Dinge, die damals einer morgenländischen Karawane entwendet wurden, allhier – aus Furcht, entdeckt zu werden – in diesem Boden vergraben worden sind. Mehr brauchst du nicht zu wissen. Die aber, die diesen Schatz hier vergraben haben, waren nicht deines Stammes, und du bist kein Abkömmling von ihnen – denn du stammst von Athen her –; jene Besitzer aber waren Cyperer und waren Diebe, obschon gerade keine Raubmörder.‘
GEJ|7|208|23|0|Sagte abermals der Wirt: ,Aber wie kannst du das alles so genau wissen? Wer hat dir das angezeigt?‘
GEJ|7|208|24|0|Sagte Ich: ,So gut Mir jeder deiner geheimsten Gedanken bekannt ist in und aus Mir Selbst, ebenalso ist Mir auch das in und aus Mir Selbst bekannt! Damit du aber siehst, daß Mir auch Deine Gedanken genauest bekannt sind, so sage Ich dir, was du dir heute morgen gar lebhaft gedacht hast. Du dachtest dir also: ,Diese meine Herberge ist wohl zuzeiten recht besucht und wirft manchen Gewinn ab; aber fände sich ein Käufer, der sie mir abkaufte um einen Preis, daß ich dafür in Tyrus eine bessere Herberge errichten könnte, so würde mir das wohl so lieb sein wie nicht leichtlich etwas Zweites in der Welt!‘
GEJ|7|208|25|0|Siehe, das war dein Hauptgedanke! Darauf aber dachtest du nach, ob du diesen deinen Gedanken auch deinem Weibe mitteilen solltest; aber du fandest bald, daß das noch nicht an der Zeit wäre, weil dein Weib dann ungeduldig werden könnte und mit Ungestüm dich beschwören würde, solchen deinen Gedanken nur sogleich auszuführen. – Sage nun, ob Ich wohl genau um deine Gedanken weiß oder nicht!‘
GEJ|7|208|26|0|Hier wurde der Wirt ganz außer sich vor Verwunderung und sagte darauf: ,Nein, nein, ich habe viel gesehen, gehört und erfahren; aber so etwas ist mir noch nie vorgekommen! Ja, nun glaube ich dir auch ungezweifelt, daß diese Gegend von den Raubtieren völlig gesäubert werden wird. Du hast mir nun überaus viel Gutes erwiesen, – wie werde ich dich dafür gebührend zu belohnen imstande sein? Was verlangst du, daß ich dir dafür tun soll?‘
GEJ|7|208|27|0|Sagte Ich: ,Höre, du bist zwar auch ein Heide, aber du glaubst an deine vielen Götter nicht und hast dich darum mit unserer Lehre vertraut gemacht, was von dir sehr wohlgetan war! Ich aber sage es: Glaube du nur fest an den allein wahren Einen Gott der Juden, liebe Ihn sogar über alles, und liebe aber auch deine Nebenmenschen also wie dich selbst, tue ihnen, was du vernünftigermaßen wollen kannst, daß sie das gleiche auch dir tun möchten, und du tust Mir dadurch Genüge für alles, was Ich dir nun getan habe; eines materiellen Lohnes aber bedarf Ich wahrlich nicht!‘
GEJ|7|208|28|0|Hier staunte der Wirt abermals über Meine vollste Uneigennützigkeit und wollte von unserem Griechen keine Bezahlung für das annehmen, was wir bei ihm verzehrt hatten.
GEJ|7|208|29|0|Doch unser Grieche wollte das nicht und zahlte alles mit dem Beisatze: ,Was du entbehren kannst, das verteile du unter die Armen, und du wirst angenehm sein dem allein wahren Gott der Juden und eigentlich aller Menschen!‘
GEJ|7|208|30|0|Der Herbergswirt versprach auf das feierlichste, das alles zu tun und sein ganzes Haus zum Glauben der Juden zu bekehren.
GEJ|7|208|31|0|Darauf erhoben wir uns, bestiegen abermals unsere Lasttiere und zogen weiter. Der noch zurückzulegende Weg war ein recht anmutiger, und so erreichten wir noch eine Stunde vor dem Untergange der Sonne den Ort unserer Bestimmung.“
GEJ|7|209|1|1|209. — Die Belehrung auf dem Berggipfel
GEJ|7|209|1|0|(Der Herr:) „Es war dies ein alter Flecken, auch auf einem ziemlich hohen Berge gelegen, von dessen höchster Spitze man an einem reinen Tage schon das große Meer sehen konnte. Zuoberst des Fleckens standen unseres Griechen auch schon sehr schadhaft gewordene Häuser und Stallungen, die natürlich alle niederzureißen und andere dafür zu erbauen waren.
GEJ|7|209|2|0|Als Joseph das alles wohl besichtigt hatte, da sagte er zu Mir: ,Mein Sohn, wenn wir das natürlichen Weges niederzureißen und dann wieder neu aufzubauen haben, dann haben wir allda weit über ein Jahr zu tun und zu arbeiten!‘
GEJ|7|209|3|0|Sagte Ich: ,Laß darum in dir keine Sorge aufkommen! Was Ich sagte, das wird auch geschehen! Doch heute und morgen nicht; aber übermorgen wird alles in der größten Ordnung dastehen.‘
GEJ|7|209|4|0|Fragte nun der Grieche, sagend: ,Ich möchte euch heute abend doch ganz gut jüdisch bewirten; aber es geht mir in dieser Hinsicht auch ein wenig schlecht. Mit den Fischen als der Lieblingskost der Juden geht es bei uns auch um kein Haar besser, als es dem Wirte geht, bei dem wir unser Tagesmahl hielten; denn es gibt hier keinen bedeutenden Bach, keinen See, und bis zum Meer ist es wohl noch ein wenig zu weit. Aber Hühner, Eier und Lämmer und Kälber habe ich wohl, desgleichen gesäuertes Brot, Salz und einen guten Wein, den ich selbst in meinen vielen und großen Weinbergen baue. Es kommt nun pur auf euch an, zu wählen, und es soll alles zur rechten Zeit bereitet sein.‘
GEJ|7|209|5|0|Sagte Joseph: ,So laß uns ein Lamm bereiten; alles andere wird schon ohnehin recht und in der Ordnung sein!‘
GEJ|7|209|6|0|Sagte der Grieche: ,Ganz gut! Es soll meiner vielen Lämmer bestes und fettestes geschlachtet und bereitet werden! – Aber es fragt sich nun, was wir bis zum vollen Abende machen sollen, damit uns die Zeit nicht zu lang wird!‘
GEJ|7|209|7|0|Sagte Ich: ,Da gehen wir auf die volle Höhe deines Berges und besehen uns dort diese Gegend, die sehr schön ist, so ein wenig, und es kann sich da noch so manches ereignen, das uns vielen Stoff zum Nachdenken und zum Besprechen bieten kann!‘
GEJ|7|209|8|0|Als ich diesen Wunsch geäußert hatte, waren alle damit vollkommen einverstanden. Wir machten uns auf und waren auch bald auf dem Berge, das heißt, auf dessen höchster Kuppe.
GEJ|7|209|9|0|Von da ersahen wir bald das große Meer ganz, da es ein gar reiner Sommertag war, und wir waren alle sehr vergnügt über diesen großartig herrlichen Anblick.
GEJ|7|209|10|0|Und Joseph sagte selbst ganz gerührt: ,Oh, ist doch diese Erde als die Erziehungsstätte der Kinder Gottes schon so schön, daß man sich nichts Schöneres und Herrlicheres wünschen kann; wie schön muß dann erst der Himmel sein, den wir nach dem Tode dieses Leibes und nach der Auferstehung am Jüngsten Tage zu erwarten haben! Es liegt zwischen diesem matten Leibesleben und jener herrlichen Auferstehung eine gar lange, leblose, finstere Nacht; aber ich betrachte die Sache also: Wenn jemand eine ganze Nacht im Leibesleben noch durchwachen müßte, wie lang müßte sie ihm vorkommen? Da aber der Mensch die ganze lange Nacht gar süß durchschläft, so kommt sie ihm am Morgen oft noch zu kurz vor. Und so meine ich, daß uns am Tage der Auferstehung die lange Nacht nicht zu lang vorkommen wird. Der liebe Herr hat ja alles allerbestens also eingerichtet, daß es zum Glück und größten Heile jener Menschen gereichen muß, die Seine Gebote halten und mit aller Zuversicht auf Ihn vertrauen.‘
GEJ|7|209|11|0|Darin stimmte auch unser Grieche mit der Meinung des alten Joseph überein, fragte Mich aber doch, was Ich dazu sage.
GEJ|7|209|12|0|Ich aber sagte: ,Ja, ja, das sind wohl recht schöne und weise klingende Worte! Es war das ein recht gutes Bild; nur das einzig Fatale hat es, daß es nicht auch also wahr ist, wie es sich recht schön und erbaulich aussprechen und anhören läßt. So Ich nun aber bei euch bin, – warum fraget ihr denn Mich nicht, wie sich die Sachen mit dem Leben der Seele nach dem Abfalle des Leibes verhalten werden? Ich werde es doch besser wissen als ihr! Ich aber weiß nichts von einer beinahe ewig langen Todesnacht der Seele nach dem Abfalle des Leibes, sondern in dem Augenblick, in dem der schwere Leib von dir abfallen wird, wirst du dich auch schon in der Auferstehung befinden und fortleben und wirken in Ewigkeit, das heißt, wenn du als ein Gerechter vor Gott diese Welt verlassen wirst.
GEJ|7|209|13|0|Stirbst du aber als ein Ungerechter vor Gott, so wird dann wohl eine sehr lange Nacht zwischen deinem Leibestode und deiner wahren Auferstehung folgen – aber keine dir unbewußte, sondern eine der Seele wohl bewußte –, und das wird der Seele rechter und lange währender Tod sein. Denn ein Tod, um den die Seele nicht wüßte, wäre ihr auch kein Tod; aber der Tod, dessen sie bewußt sein wird im Reiche der unlauteren Geister, wird ihr zur großen Pein und Qual werden. Sehet, also stehen die Sachen! Und weil ihr das nun wisset, so denket und redet ein anderes Mal klarer und wahrer; um was ihr aber nicht wisset, um das fraget Mich, damit ihr durch eure Worte nicht in allerlei Irrwahn verfallet! Das merket euch alle!‘
GEJ|7|209|14|0|Sagte darauf der Grieche: ,Ja, also ist es, und also muß es sein, und anders kann es nicht und nimmer sein! Aber da wir nun schon hier eine wunderherrliche Rundschau genießen und diese offenbar nur unsere lebendige, fühlende und empfindende Seele durch die Augen des Leibes wie durch ein paar Fenster ihres zeitweilig belebten wandelnden Hauses, das wir Leib nennen, selbst schaut, darüber denkt und sich an der Herrlichkeit hoch ergötzt, so fragt es sich, ob die Seele auch nach dem Abfalle des Leibes diese Welt und ihre Schönheit wird schauen und beurteilen können, das heißt, wenn sie sich irgendwo auf dieser Erde Boden befände. – Was kannst du, gottvoller Jüngling, darüber für einen Aufschluß geben?‘
GEJ|7|209|15|0|Sagte Ich: ,Des vollkommenen und gerechten Menschen Seele wird nicht nur diese ganze Erde mit einem Blick durch und durch und über und über beschauen und über alles hellst und vollkommenst urteilen können, sondern noch über endlos mehr; denn diese Erde ist nicht die einzige im endlosen Schöpfungsraume, sondern es gibt deren noch gar endlos viele und auch um gar vieles größere im endlos großen Schöpfungsraume und ebenso viele entsprechende im Reiche der reinen Geister.
GEJ|7|209|16|0|Doch über das kann ein Mensch erst dann eine helle Vorstellung bekommen, wenn er es vom Geiste Gottes im Herzen seiner Seele vernimmt und in ein erweitertes Schauen übergegangen ist.
GEJ|7|209|17|0|Kurz und gut, die vollkommene Seele kann alles; nur die unvollkommene, die geistig blind ist, die wird nichts anderes sehen können als die leeren und wesenlosen Ausgeburten ihrer eitlen Einbildung. Wenn aber dann eine Seele auch im andern, leiblosen Leben in sich gehen und sich möglicherweise bessern wird, so wird sie dadurch dann auch in ein helleres, wahreres Schauen übergehen, – aber freilich auf einem längeren und um vieles beschwerlicheren Wege als hier. Und jetzt wisset ihr auch in dieser Hinsicht das Nötigste; glaubet, daß es also und nicht anders ist, und haltet die Gebote, so werdet ihr vollkommen werden in euren Seelen!‘
GEJ|7|209|18|0|Sagte darauf noch der Grieche: ,Das glaube ich nun auch ungezweifelt fest und bin überzeugt, daß es also ist; aber uns Griechen fehlt es noch an einer richtigen und wahren Vorstellung von der Gestalt und Form einer Seele. Möchtest du uns nicht auch noch darüber einen Wink geben?‘
GEJ|7|209|19|0|Sagte Ich: ,O ja, was euch frommt, das tue Ich stets gerne! Siehe, die Seele hat dieselbe Gestalt und Form wie ihr Leib, aber nur in durchaus vollkommenerem Maße. Doch ist hier nur von einer vollkommenen Seele die Rede. Sie hat alles, was ihr Leib hatte, aber natürlich und von selbst verständlich zu anders gestalteten Zwecken. Aber ihr geistiger Leib ist nicht Materie, sondern pure Substanz.
GEJ|7|209|20|0|Die Substanz aber ist gleich dem aus der Sonne gehenden Lichte, das gegenüber der Materie wie gar nichts zu sein scheint und dennoch der Grundstoff der Materie ist, ohne mit ihr ein und dasselbe zu sein; denn aller Urstoff ist frei und ungebunden. Und so wisset ihr nun auch um das.
GEJ|7|209|21|0|Damit ihr euch aber davon noch einen klareren Begriff machen möget, so mache Ich euch nur darauf aufmerksam, daß ihr euch zurückerinnert an Erscheinungen verstorbener Menschen, die ihr schon auf Momente zu öfteren Malen gesehen und sogar gesprochen habt. Haben sie ein anderes Aussehen gehabt, als sie bei ihren Leibeslebzeiten hatten?‘
GEJ|7|209|22|0|Sagte der Grieche: ,Ja, ja, jetzt erkenne ich erst völlig, daß du in allem die volle Wahrheit geredet hast! Ich habe schon zu gar vielen Malen derlei Erscheinungen gehabt, habe mit mehreren Verstorbenen sogar gesprochen und bin von ihnen über manches sogar belehrt worden, und ich habe sie nie anders gesehen denn in der vollkommenen Menschengestalt. Ich danke dir darum für diese Belehrung.‘
GEJ|7|209|23|0|Auch Joseph und Jakobus gaben Mir dasselbe Zeugnis, wie das derselbe Jakobus nun hier als Mein Jünger bezeugen kann.
GEJ|7|209|24|0|Als aber während dieser Meiner Belehrungen die Sonne untergegangen war, verließen wir alle froh und heiter die schöne Höhe und begaben uns ins Haus des Griechen, allwo schon ein wohlbereitetes Abendmahl auf uns wartete, das wir denn auch mit einer rechten Lust verzehrten, und uns sodann gleich zur Ruhe begaben, deren besonders Joseph schon sehr bedurfte.“
GEJ|7|210|1|1|210. — Die Reise nach Tyrus
GEJ|7|210|1|0|(Der Herr:) „Am Morgen gingen wir schon eine Stunde vor dem Aufgange der Sonne ins Freie, und zwar wieder auf die schon bekannte Anhöhe, von der aus wir die schöne Gegend im Morgenlicht recht wohl betrachten konnten. Namentlich konnte man im Morgenlicht die Meeresgegenden über Tyrus hin um vieles besser ausnehmen als in der Abendbeleuchtung. Dazu kam noch die gewisserart neu belebte Natur sowohl der Pflanzen als auch um so mehr der Tierwelt; und wir vergnügten uns in der freien Natur über eine Stunde lang.
GEJ|7|210|2|0|Darauf fing Joseph an, mit dem Griechen über das nötige Baumaterial zu reden, und fragte ihn, ob er wohl Holz in rechter Menge und in gut getrocknetem Zustande besitze.
GEJ|7|210|3|0|Da sagte der Grieche: ,Meister Joseph, etwas wird wohl schon dasein, ob es aber genügen wird, das muß deine Einsicht bestimmen! Sollte etwas abgehen, nun, so habe ich hier den schönen Zedernwald, der uns den Abgang schon ersetzen wird! Nach dem Morgenmahle kannst du ja mein zusammengebrachtes Baumaterial gefälligst in Augenschein nehmen. Ich meine nach meinem Verstande wohl, daß des Baumaterials in genügender Menge dasein dürfte.‘
GEJ|7|210|4|0|Sagte Joseph: ,Ganz gut und wohl, das werden wir nach dem Morgenmahle sogleich vornehmen und darauf einen Bauplan machen!‘
GEJ|7|210|5|0|Sagte Ich: ,Diese Arbeit und Mühe können wir uns für heute ersparen; denn morgen werden wir weder ein Baumaterial und noch weniger irgendeinen Bauplan vonnöten haben. Meine Meinung aber wäre, daß wir heute nach Tyrus ziehn und uns dort ein wenig umsehen, ob es nicht jemanden gibt, der irgend unserer Hilfe benötigt.‘
GEJ|7|210|6|0|Auch damit war der Grieche einverstanden und sagte: ,Da müssen wir aber schon trachten, daß wir uns mittels meiner Lasttiere bald auf den Weg machen; denn man hat von hier bis nach Tyrus gute sieben Stunden lang zu tun, bis man dahin kommt!‘
GEJ|7|210|7|0|Uns war sein Antrag recht, und so begaben wir uns denn auch sogleich zum schon bereiteten Morgenmahle, und eine kleine Stunde darauf befanden wir uns schon ganz wohlgemut auf dem Wege nach Tyrus. Unser kleiner Zug aber ging ohne einen Aufenthalt fort, und so erreichten wir die Stadt schon nach fünf Stunden, was den Griechen sehr wundernahm. Und er gestand es offen, diesen Weg noch nie in so kurzer Zeit zurückgelegt zu haben; denn eine gewöhnliche Karawane hätte, um diese sehr gedehnte Strecke zu durchreisen, wohl einen vollen Tag vonnöten gehabt. Es war sonach diese Reise für unseren Griechen auch so ein kleines Wunder.
GEJ|7|210|8|0|Als wir in Tyrus ankamen, kehrten wir allda in einer guten Herberge ein, und der Grieche bestellte sogleich ein Mittagsmahl nach der Sitte der Juden, da man eine Menge guter Fische haben konnte, und an Wein – besonders aus Griechenland – hatte es hier auch keinen Mangel. Wir ruhten uns ein wenig aus, da uns die Reise etwas müde gemacht hatte. Währenddem ward unser Mittagsmahl denn auch fertig, das wir auch gleich zu uns nahmen. Der Grieche bezahlte sogleich alles und begab sich danach mit uns an eine Stelle, von der aus man das Meer und die vielen Schiffe ganz gut übersehen konnte.
GEJ|7|210|9|0|Als wir uns da schon eine Zeitlang am Meere, seinen Wogen und Schiffen aller Art und Gattung ordentlich satt geschaut hatten, da sagte Joseph: ,Da wir nun das eigentlich Merkwürdigste dieser Stadt hier gesehen haben und der Weg dahin, von wo wir hergekommen sind, ein ebenso weiter ist, wie er hierher war, so wird es nun wohl schon an der Zeit sein, daß wir uns wieder auf den Heimweg machen.‘
GEJ|7|210|10|0|Sagte Ich: ,O Joseph, dazu hat es heute noch Zeit; hier aber wird unsere Gegenwart gar bald notwendig werden. Sehet hinaus, wie dort in noch bedeutender Ferne ein großes Schiff seine große Not mit dem stets wachsenden Sturme hat! Das Schiff trägt unseren Cyrenius; den dürfen wir nicht zugrunde gehen lassen! Er war in Kleinasien und kommt nun wieder heim; der Sturm aber läßt ihn nun nicht ans Land kommen. Er hat uns dereinst wahrhaft große Freundschaften erwiesen, und an uns ist es nun auch, ihm zu helfen, und das ist der ganz eigentliche Grund, aus dem Ich heute hier in Tyrus sein wollte.‘
GEJ|7|210|11|0|Sagte Joseph: ,Wie werden wir denn dort so weit über das tobende Meer kommen und wie dort dem Oberstatthalter helfen können?‘
GEJ|7|210|12|0|Sagte Ich: ,Habt ihr denn nicht gestern gesehen, wie Mein Wille auch bis zur Sonne hingereicht hat? Konnte Ich der Sonne gebieten, so werde Ich nun wohl auch dem Meere zu gebieten imstande sein! Ich hätte aber das wohl auch von der Ferne aus tun können; aber es ist hier dennoch besser, daß wir alle uns hier an Ort und Stelle befinden, – was ihr später schon ganz klar einsehen werdet. Aber jetzt heißt es vor allem helfen – und darauf dann erst reden!‘
GEJ|7|210|13|0|Hierauf streckte Ich Meine Hände über das tobende Meer aus und sagte laut: ,Lege dich zur Ruhe, du tobendes Ungetüm! Ich will es, und also sei es!‘
GEJ|7|210|14|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da trat plötzlich eine vollkommene Ruhe auf dem Meere ein, und das Schiff des Cyrenius ward von einer unsichtbaren Macht schnell an das sichere Ufer gezogen und auf diese Weise vor dem sicheren Untergang mit allem und jedem gerettet.
GEJ|7|210|15|0|Es befanden sich aber noch mehrere Menschen allda zugegen, wo Ich das bewirkt hatte, und fingen sich hochverwundernd an zu fragen, was Ich denn etwa doch für ein Mensch sei, daß Mir die Elemente gehorchen. Einige meinten, daß Ich irgendein gar berühmter Magier sein müsse; die andern aber meinten, daß Ich ein frommer Mensch sein werde und darum in der Gnade der Götter stehe, die Mich erhörten, wenn Ich sie um etwas bäte. Noch andere wieder bemerkten und sagten, Ich sei ein Jude, die ihre oft gewaltigen Propheten haben, und Ich werde schier ein solcher Seher der Juden sein oder gar ein Essäer. Es entstand darum ein großes Gerede auf dem Platze; aber es getraute sich dennoch kein Mensch in Meine Nähe, daß er Mich fragte, wer Ich sei.
GEJ|7|210|16|0|Es kam aber nun auch das Schiff ans Ufer, und alles eilte hin, um den Oberstatthalter zu begrüßen. Wir aber blieben auf unserem Platze.“
GEJ|7|211|1|1|211. — Das Wiedersehen mit Cyrenius
GEJ|7|211|1|0|(Der Herr:) „Als Cyrenius an das Ufer kam da, sagte er zu den Hohen, die ihn beglückwünschten: ,Ich danke euch für eure aufrichtige Teilnahme an meinem sicher zu erwarten gewesenen Unglück; aber es ist im höchsten Grade zu verwundern, wie der so gewaltigst sich erhoben habende Sturm sich so plötzlich legte. Das erinnerte mich lebhaft an eine ähnliche Begebenheit bei Ostrazine in Ägypten. Da befand sich ein wunderbares Kind einer dahin geflüchteten Judenfamilie, das den Sturm auch so plötzlich gestillt hat, wobei es aber andernteils auch einen Sturm hervorrufen konnte. Es werden seit der Zeit wohl bei zwanzig Jahre sein. Ich habe schon alle Nachforschungen anstellen lassen, um jene Familie irgendwo ausfindig machen zu können, aber es war bisher alles eine vergebliche Mühe. Ich habe mich nun auch schon seit langem jener Familie nicht mehr erinnert; aber das plötzliche Aufhören dieses Sturmes hat mir wieder die ähnliche Erscheinung ins Gedächtnis gerufen, die ich, wie gesagt, schon einmal erlebt habe.
GEJ|7|211|2|0|Es ist wahrlich höchst merkwürdig! Wenn einmal ein solcher Sturm hier zu wüten anfängt, so dauert das mehrere Tage, bis sich das große Meer nur insoweit wieder beruhigt hat, daß man sich mit einem Schiffe hinaus in die hohe See zu steuern getrauen darf, – und da sehet nun hinaus, wie gar so ruhig ohne den geringsten Wogenschlag das ganze Meer geworden ist! Also hat es mich auch gar wundersam befremdet, wie mein Schiff, gleichsam wie durch eine geheime Kraft gezogen, sich schnell dem Ufer näherte. Ich sage: da ging es nicht mit natürlichen Dingen zu!‘
GEJ|7|211|3|0|Sagte ein Hoher zu Cyrenius: ,Da sieh hin auf jenen freien ins Meer vorspringenden Platz! Dort siehst du noch die vier Menschen. Ein Mensch von etwa zwanzig Jahren Alters hat während des Sturmes seine Hände ausgestreckt, gebot dem Sturme zu schweigen, und der Sturm schwieg. Wir wissen es nicht, wer er ist, halten ihn zunächst aber dennoch für einen Propheten der Juden; denn ein Jude ist er seiner Kleidung nach. Ob er wirklich den Sturm mit seinem Machtworte gestillt hat, getrauen wir uns gerade nicht fest zu behaupten; doch sonderbar bleibt es immer, daß der Sturm gerade auf seinen laut ausgesprochenen Befehl zu schweigen anfing. Es wäre da wirklich der Mühe wert, diesen Menschen, was und wer er ist, näher zu erforschen!‘
GEJ|7|211|4|0|Sagte Cyrenius: ,Halt, da geht mir nun ein Licht auf! Es kann sehr leicht sein, daß jener Mensch eben jener wunderliche Sohn der schon angeführten Judenfamilie ist, die ich früher erwähnt habe. Mit dem muß ich selbst reden!‘
GEJ|7|211|5|0|Hierauf begab sich Cyrenius eiligst auf den Platz, auf dem wir vier noch standen und von dem aus wir das nun ruhige Meer mit seinen mannigfachen Erscheinungen betrachteten, wie auch die verschiedenartigsten Seefische und viel anderes Getier, das, durch Meinen Willen genötigt, sich hier zeigen mußte.
GEJ|7|211|6|0|Als Cyrenius bei uns ankam, da fragte er den ihm in seinem Gedächtnisse noch ziemlich bekannt gebliebenen Joseph, sagend: ,Freund, bist du nicht derselbe Jude, der vor ungefähr zwanzig Jahren infolge der Verfolgung von seiten des alten Herodes sich mit seiner kleinen Familie durch meine Vermittlung nach Ägypten, und zwar nach Ostrazine, geflüchtet hatte? Und wenn du der Mann bist, so sage es mir auch, was aus jenem Wunderknäblein geworden ist, das ich offenbar für einen Gott hielt!‘
GEJ|7|211|7|0|Hier verbeugte sich Joseph tief und sagte darauf: ,Hoher Gebieter, es ist eine zu große Ehre, die du uns armen Zimmerleuten aus Nazareth dadurch erwiesen hast, daß du dich selbst zu uns herauf bemühtest, wo du doch nur gebieten konntest, daß wir zu dir hinzukommen hätten! Aber da du schon hier bist, so sage ich dir mit allem Danke in meinem Herzen für all das Gute, das du mir und meiner Familie wahrlich wahr vor ungefähr zwanzig Jahren hier schon und nachher in Ägypten erwiesen hast, daß ich wirklich derselbe Zimmermann Joseph bin, und daß auch dieser nun schon erwachsene Junker, nun auch ein Zimmermann, eben derselbe ist, den du damals als einen Wunderknaben hattest kennengelernt.‘
GEJ|7|211|8|0|Als Cyrenius das vernommen hatte, da fing sein Gesicht vor Freude ordentlich zu strahlen an.
GEJ|7|211|9|0|Er umarmte zuerst Joseph und küßte ihn klein ab, dann aber kehrte er sich zu Mir und sagte: ,O Herr, hältst Du mich als einen großen Sünder vor Dir wohl auch für so wert, Dich küssen zu dürfen?‘
GEJ|7|211|10|0|Sagte Ich: ,Wohl dir und allen Heiden, daß ihr Mich um vieles eher erkannt habt in euren Sünden als die Juden in ihrem Lichte! Darum aber wird das Licht des Lebens auch den Juden genommen und euch Heiden gegeben werden. Du aber komme nur her, und küsse Mich! Denn wer mit deiner Liebe zu Mir kommt, und hätte er auch der Sünden so viele an seiner Seele, als wie es da gibt des Grases auf der ganzen Erde und des Sandes im großen Meere, den werde Ich nicht verstoßen, sondern ihn aufnehmen wie ein Vater seinen Sohn aufnehmen wird, der für ihn zwar verlorengegangen, aber wieder gefunden ward!‘
GEJ|7|211|11|0|Als unser Cyrenius solche Worte aus Meinem Munde vernommen hatte, da ward er bis zu Tränen gerührt, trat zu Mir hin, umarmte Mich und küßte Mich dabei auch klein ab. Darauf erst dankte er Mir für die wunderbare Errettung aus der großen Lebensgefahr. Zugleich aber lud er uns auch ein, mit ihm in seine Residenz zu gehen, allwo er uns bewirten wolle und wir ihm alles erzählen sollten, was sich unterdessen mit uns irgend alles zugetragen habe.
GEJ|7|211|12|0|Ich aber sagte: ,Lieber Cyrenius, diesen Abend wollen wir wohl deinem Wunsche nachkommen; aber wir müssen morgen früh bei diesem Griechen sein, der über sieben Stunden weit von hier zu Hause ist, weil wir daselbst ein neues Wohnhaus und einen großen Schweinestall zu erbauen haben.‘
GEJ|7|211|13|0|Sagte Cyrenius: ,Ganz gut, Du mein göttlicher Freund, – ich selbst werde euch dahin begleiten und, da ich nun eine Zeitlang Muße habe, auch einige Tage bei euch verweilen. Denn da ich euch nur wieder einmal gefunden habe, so werde ich euch nicht so bald wieder aus den Augen lassen!‘
GEJ|7|211|14|0|Sagte Ich: ,Das ist alles ganz gut, wohl und schön von dir, und wir werden deiner Einladung auch Folge leisten. Aber nun möchten wir noch eine Zeitlang hier verweilen; denn Ich möchte da Meinem Bruder Jakobus und auch dem biederen Griechen Anastokles die verschiedenen Tiere des Meeres zeigen, und dazu werden wir schon noch ein paar Stunden zu tun haben.‘
GEJ|7|211|15|0|Sagte Cyrenius: ,O Herr, das möchte wohl auch ich selbst mitansehen und sicher auch die andern dort, die im kleinen Hafen auf mich warten!‘
GEJ|7|211|16|0|Sagte Ich: ,Ganz gut, so laß sie alle heraufkommen; denn es ist das der günstigste Ort dazu!‘
GEJ|7|211|17|0|Da berief Cyrenius alle die andern, bei siebzig an der Zahl, herauf. Sie stellten sich an den gedehnten Rand des erhöhten Vorsprungs und fingen bald an, sich über Hals und Kopf zu wundern, als sie auf der spiegelreinen Oberfläche des Meeres zuvor nie gesehene Meerestiere vorüberziehen sahen.
GEJ|7|211|18|0|Cyrenius sagte voll Verwunderung: ,O du endlos große Phantasie des einen wahren Gottes! O du größte Fülle der verkörperten Gedanken Gottes! Welch eine nimmer endenwollende Mannigfaltigkeit! Welche Kolosse von Meeresungeheuern kommen immer von neuem hierher, angezogen durch eine unsichtbare schöpferische Macht! Über eine gute Stunde dauert schon dieser wunderbare Vorüberzug, und noch ist von weitem kein Ende abzusehen! Wir kennen die tausendsten nicht einmal dem Namen nach, und Du, o Herr, rufst sie in Deinem Willen nach Deiner Weisheit sicher bei ihren Namen, und alle folgen Deinem allmächtigen Rufe! O sehet und achtet alle darauf, die ihr hier seid; denn ihr schauet nun, was noch nie das Auge eines Sterblichen geschaut hat!‘
GEJ|7|211|19|0|Hier fragte ein Hoher den Cyrenius, ob das alles Ich veranlasse.
GEJ|7|211|20|0|Sagte Cyrenius: ,Wer sonst? Wir beide sicher nicht!‘
GEJ|7|211|21|0|Sagte der Hohe: ,Wenn der Mensch das kann, dann muß er ja offenbar ein Gott sein, und wir werden ihm wohl eine göttliche Verehrung durch unsere Priester erweisen lassen müssen.‘
GEJ|7|211|22|0|Sagte Cyrenius: ,Lasset das nur gut sein; denn ich kenne Ihn schon lange und weiß am besten, was Er will, und was Ihm angenehm ist! Mit einem Priester könnten wir Ihn nur von uns vertreiben.‘
GEJ|7|211|23|0|Als unser Cyrenius solches zu dem Hohen gesagt hatte, machte dieser von einem Priester gar keine Erwähnung mehr.
GEJ|7|211|24|0|Es kamen aber nun die seltensten Muschel- und Schaltiere vorüberzuschwimmen, und Cyrenius äußerte den Wunsch, daß er einige von diesen gar so herrlichen Muscheln und Schnecken zum Andenken an diesen Wundertag besitzen möchte.
GEJ|7|211|25|0|Sagte Ich zu ihm: ,So sage es einem deiner Diener, daß er sich mit einem Fahrzeuge auf dem Wasser hierher begeben soll, und Ich werde ihm von da hinab schon andeuten, welche Stücke, die schon reif sind, er aus dem Wasser heben soll!‘
GEJ|7|211|26|0|Das geschah sogleich. In wenigen Augenblicken ruderten unter dem Vorsprunge drei ganz tüchtige Fahrzeuge, und die gewandten Fischer hoben alle die von Mir angezeigten Prachtstücke aus dem Wasser und füllten damit ihre Fahrzeuge.
GEJ|7|211|27|0|Darauf sagte Ich zu Cyrenius: ,Laß sie die Nacht hindurch in Kalkwasser legen, nehmet morgen jedes Stück behutsam heraus, und reiniget die schöne Schale von dem fleischigen Inhalte, trocknet sie wohl ab und bestreichet sie dann inwendig mit etwas Nardus! Dann können sie in deiner Schatzkammer zum Angedenken aufbewahrt werden.‘
GEJ|7|211|28|0|Auch das wurde pünktlich befolgt, und Cyrenius kam da zu einem Schatze, der mehrere tausend Pfunde Goldes wert war.
GEJ|7|211|29|0|Nach zwei Stunden endete der Zug, und wir fingen an, unsern Punkt zu verlassen.“
GEJ|7|212|1|1|212. — Im Palaste des Cyrenius
GEJ|7|212|1|0|(Der Herr:) „Der Grieche Anastokles aber entschuldigte sich, daß er kaum mit uns werde zu Cyrenius gehen können, da er in der Herberge noch so manches zu besorgen habe.
GEJ|7|212|2|0|Ich aber sagte zu ihm: ,Laß du nun die Herberge Herberge sein, – die wird das ihrige schon zu tun wissen; das aber, was dir bei uns zuteil wird, wird dir mehr nützen als die Herberge, und dein Haus – da du nun wohl weißt, mit wem du es in Mir zu tun hast – wird morgen noch eher fertig sein, als wir morgen von hier zu deinem Hause zurückkommen werden.
GEJ|7|212|3|0|In der Nacht soll in deinem Hause die Verwandlung also vor sich gehen, daß es niemand von deinen Leuten merken soll! Doch am Morgen werden sie gar sehr verwunderlich große Augen machen, so sie in einem ganz neuen Hause, das aber dennoch dem alten völlig ähnlich, nur in allem größer und bequemer sein wird, sich befinden werden, – wie das auch mit dem Stalle der Fall sein wird. Wenn du das nun aus Meinem Munde weißt, so kannst du nun schon ganz ruhig sein und mit uns zu Cyrenius gehen, allwo wir uns alle wohlbefinden werden.‘
GEJ|7|212|4|0|Sagte darauf Anastokles: ,Ja, wenn also, da laß ich freilich die Herberge Herberge sein und gehe mit euch zu Cyrenius! Vielleicht wird er sich auch meiner noch von Ostrazine aus erinnern!‘
GEJ|7|212|5|0|Sagte Ich: ,Laß das nur fein Mir über, das werde schon Ich machen; denn Ich kann alles, was Ich will!‘
GEJ|7|212|6|0|Mit dem war unser Anastokles ganz zufrieden und ging nun mit uns in den prachtvollen Palast des Cyrenius und seiner hohen Räte, Minister und Feldherren, die alle in dem großen Palaste wohnten.
GEJ|7|212|7|0|Als wir in die Gemächer des Cyrenius kamen, da gingen dem Griechen vor lauter Verwunderung ordentlich die Augen über; denn solch eine Pracht und solch einen Reichtum hatten seine Augen noch nie irgend zuvor einmal gesehen.
GEJ|7|212|8|0|Geheim sagte er (Anastokles) zu Mir: ,Aber Meister voll göttlicher Kraft, das ist ja unmenschlich, was es da für Schätze und namenlose Reichtümer gibt! Was besitzt ein Mensch und wie blutwenig dagegen viele Hunderttausende!‘
GEJ|7|212|9|0|Sagte Ich: ,Es ist aber also besser; denn hätten alle Menschen solche und so viele Schätze, so hätten sie erstens keinen Wert, und zweitens würden die Menschen bald allen Tätigkeitseifer verlieren und am Ende gleich den Tieren in aller Trägheit fortleben. Sie würde dann nur der Hunger und der Durst zu der erforderlichen Tätigkeit antreiben; alles andere hätte für sie keinen Reiz und Eifer. Wenn aber solche glänzenden Schätze und Reichtümer sich nur in den Händen weniger kluger Menschen befinden, so haben sie dann für alle anderen Menschen der großen Seltenheit wegen auch einen kaum schätzbaren Wert, und die Menschen werden dabei tätig und arbeitsam, um sich bei solchen Reichen nur etwas ganz Geringes von den kostbarsten Schätzen zu verdienen. Und siehe, das ist ja gut!
GEJ|7|212|10|0|Da ersiehst du wohl große Massen Goldes und Silbers und eine unzählige Menge der kostbarsten Edelsteine und Perlen; so dir Cyrenius nur eine der herrlichen Perlen darum gäbe, daß du ihm irgendeine Arbeit verrichten solltest, da würdest du sicher bald alle deine Kräfte möglichst anstrengen, um dir nur eine solche Perle zu verdienen. Hättest du aber solcher Perlen ohnehin eine solche Menge, so würdest du dann der einen Perle wegen deine Kräfte sicher nicht anstrengen und bei dir sagen: ,Oh, der einen Perle wegen kann da arbeiten, wer da will! Ich habe ihrer ohnehin zur Genüge und kann mir gut geschehen lassen!‘ Aus dem aber magst du schon ersehen, daß es in der Welt für die Menschen ganz gut ist, so dergleichen große Schätze und Reichtümer sich stets nur in den Händen weniger befinden. – Siehst du das ein?‘
GEJ|7|212|11|0|Sagte der Grieche: ,Wer sollte das nicht einsehen, wenn Du es einem erklärst? Cyrenius aber ist zwar ein strenger, doch dabei auch ein gerechter und guter Regent und gedenkt allzeit der wahrhaft Armen, obschon er jeden zuvor wohl prüft, ob er ein wahrhaft Armer oder, wie es oft der Fall ist, nur ein Träger ist, dem das Arbeiten nicht schmeckt. Weil er aber ein solcher Mann ist, so ist es auch recht und billig, daß er so große Schätze und Reichtümer besitzt.‘
GEJ|7|212|12|0|Und also ward denn auch unser Grieche nun ruhiger und konnte die Pracht des Palastes leichter und gleichgültiger ertragen.
GEJ|7|212|13|0|Während Ich aber mit dem Griechen Meine Sache hatte, besprach sich Cyrenius mit Joseph angelegentlichst über Mich, und was Ich unterdessen alles getan hatte, was Joseph und Jakobus ihm auch in Kürze alles getreu mitteilten, wobei er eine große Freude hatte. Gut bei zwei Stunden lang dauerte das Fragen und Erzählen, woran auch die meisten hohen Räte und Minister teilnahmen, die sich über Mich nicht genug verwundern konnten.“
GEJ|7|213|1|1|213. — Über die wahre Gottesverehrung. Jesus als Vorbild der Menschen
GEJ|7|213|1|0|(Der Herr:) „Am Schlusse der Erzählung Josephs sagte ein hoher Ratsherr zu Cyrenius: ,So aber das alles sich an diesem Menschen erwahret (bewahrheitet), so muß er ja ohne weiteres ein Gott sein; denn von einem natürlichen Menschen hat noch niemand je vernommen, daß er solche Taten bloß durch die Macht seines Willens verrichtet hätte. Wir haben wohl auch schon eine Menge von Magiern gesehen, die allerlei wunderliche Taten verrichtet haben, – aber man wußte auch zum größten Teile nur zu bald, wie und durch welche Mittel. Auch im tiefen Hinterägypten soll es Menschen geben, die durch ihren Willen und Blick alle Tiere zu bändigen vermögen, – aber das ist doch alles nichts gegen das Vermögen dieses Menschen!
GEJ|7|213|2|0|Er will es, und die Elemente beugen sich vor seinem Willen. Er befiehlt den Tieren des Meeres wie ein Feldherr seinen Kriegsscharen, und sie gehorchen seinem Gebote. Ich bedarf für mich keiner weiteren Zeichen zum Beweise, daß sein ganzes Wesen völlig göttlicher Natur sein muß. Denn wer das kann und vermag, was dieser Mensch kann und vermag, dem muß auch alles andere möglich sein. Bei dem Menschen möchte ich behaupten, daß er auch eine Welt erschaffen würde, wenn er es wollte. Darum sollten wir ihm denn auch eine göttliche Ehre erweisen!‘
GEJ|7|213|3|0|Sagte nun Ich zu dem Rate: ,Wie würdet ihr denn das anstellen, Mir eine göttliche Ehre zu erweisen?‘
GEJ|7|213|4|0|Sagte der Rat: ,Nun, wie wir bei uns den obersten Gott Jupiter verehren, oder wie eure Priester ihren gestaltlosen Jehova verehren!‘
GEJ|7|213|5|0|Sagte Ich: ,Freund, von den beiden Verehrungen könnte Ich wahrlich keine brauchen, weil weder die eine noch die andere eine rechte und wahre Gottesverehrung ist!
GEJ|7|213|6|0|Die wahre und vor Gott gültige Verehrung aber besteht darin: erstens, daß man allein nur an Einen wahren Gott, der Himmel und Erde und alles, was da ist, erschaffen hat, ungezweifelt fest glaubt, zweitens diesen einen durch den Glauben erkannten Gott über alles liebt und nach Seinem Willen lebt und handelt, und drittens, daß man auch seinen Nebenmenschen also liebt wie sich selbst.
GEJ|7|213|7|0|Siehe, in diesen drei Stücken liegt die wahre Gottesverehrung; alles andere aber ist eitel und hat vor Gott nicht den allergeringsten Wert!
GEJ|7|213|8|0|Nur was die Liebe tut, das ist getan und ist ein wahres Etwas vor Gott; was man aber tut aus der gewissen Furcht vor der Macht Gottes, um Gott zu besänftigen und milder zu stimmen, das ist vor Gott ein Greuel. Denn zur Verrichtung der vermeintlichen Gottesdienstwerke auf alle möglichen zeremoniellen Weisen werden schon einmal allzeit und überall gewisse Priester bestellt. Diese halten sich darum auch für um vieles würdiger, als da ist ein anderer Mensch, lassen sich ungeheuer ehren, halten die anderen Menschen tief unter sich, sind voll des stinkendsten Hochmutes, halten sich am Ende schon gleich selbst für Götter und richten nach ihrer Willkür die armen Nebenmenschen, die oft um tausend Male besser sind denn die stolzen und herrschsüchtigen Priester. Meinst du wohl, daß Gott an solchen pomp- und prunkvollen Verehrungen, von den beschriebenen Priestern verrichtet und vom Volke teuer bezahlt, eine Lust und Freude haben wird?
GEJ|7|213|9|0|Ich sage es dir: Wenn solch ein Dienst Gott zur Ehre verrichtet wird und Gott in Seiner allerhöchsten Weisheit möchte daran eine Freude haben, so wäre Er kein Gott, sondern gleich dem diensttuenden Priester ein blinder, dummer Mensch voll Hochmut und voll Herrschsucht. Wie kann aber jemand das dem wahren Gott zumuten, der aus Seiner ewigen Liebe, Weisheit und Macht ja ohnehin alles aus Sich erschaffen hat und durch Seine ewige Güte und Erbarmung auch alles ewig fort und fort erhält? Wo ist denn in der ganzen Unendlichkeit Gottes ein Wesen, das gegen Gott sich wirksam auflehnen und sich mit Ihm in einen Kampf stellen könnte? Gottes Gedanke und Wille ist ja alles, was der endlose Schöpfungsraum enthält! So Gott diese Erde nicht mehr bestehen lassen wollte, so sie mit Ihm kämpfen möchte, da braucht Er ja nur zu wollen, daß sie nicht mehr sei, und sie ist nicht mehr! Und deshalb braucht Gott von den Menschen, die Er zu Seinen wahren Kindern machen und erziehen will, keine andere Verehrung, als daß sie Ihn als einen wahren, heiligen Vater über alles lieben und allzeit gerne tun, was Er ihnen als Seinen Willen bekanntgibt.
GEJ|7|213|10|0|Darum sage Ich euch allen hier: Was vor der Welt groß ist, das ist vor Gott ein Greuel! Aber wahrhaft groß vor Gott ist ein demütiger Mensch, der Ihn über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst und sich nicht erhebt über sie als irgendein Herr, sondern nur als ein wohltun wollender Freund.
GEJ|7|213|11|0|Nehmet euch aber nun ein Beispiel an Mir! Ich bin sicher einer wie sonst keiner in der Welt! In Meiner Macht und Gewalt liegt Himmel und Erde, und Ich bin doch von ganzem Herzen sanftmütig und demütig und bin darum da, um euch allen, Hohen und Niederen, zu dienen. Tut ihr desgleichen, und ihr werdet Mich Selbst dadurch am besten ehren!‘“
GEJ|7|214|1|1|214. — Die Willensfreiheit des Menschen
GEJ|7|214|1|0|(Der Herr:) „Als alle diese Worte aus Meinem Munde vernommen hatten, da staunten sie über Meine Weisheit, und Cyrenius selbst sagte: ,Ja, ja, das sind nicht Worte, wie sie die Menschen von sich geben, sondern das sind wahrhaft Gottes Worte; denn da leuchtet aus jedem, gleich der Sonne, die strahlendste Wahrheit, gegen die auch der schärfste Menschenverstand nichts einzuwenden vermag.
GEJ|7|214|2|0|Sehen wir unsere Götter und ihre Priester an! Welch ein Unsinn, und welch eine böse Torheit! Und da strahlet die Wahrheit wie eine Sonne! Daher sage ich nun nichts als: Herr, hilf uns bald aus unserer großen Not!
GEJ|7|214|3|0|Es gibt unter uns gar viele physisch arme Menschen, denen wir Reichen und irdisch Mächtigen wohl allzeit helfen können, wenn wir das nur wollen; aber wir alle sind geistig arm, und diese Armut ist um gar vieles ärger als die physische, weil da von uns keiner dem andern helfen kann. Denn was man selbst nicht hat, das kann man auch keinem andern geben. Du aber bist im Geiste überreich und kannst uns von Deinem endlos großen Überflusse ja schon so viel zukommen lassen, als nötig ist zu unserer Hilfe.
GEJ|7|214|4|0|Vor allem laß die volle Wahrheit in die Herzen der Menschen dringen und zeige uns an, wie wir von der ärgsten Plage für unsere Seelen auf dieser Erde los werden können!
GEJ|7|214|5|0|Diese ärgste Plage aber ist unser Götzen- und Priestertum. Diese tausendmal tausend privilegierten Betrüger der Menschen verstehen sich auf die Magie und Zauberei, oder – besser gesagt – sie treiben allerlei Trugkünste, blenden dadurch die von ihnen mit aller Blindheit geschlagene Volksmenge und sind eben dadurch, weil sie stets zunächst mit dem Volke verkehren, im vollen Besitze der Volksmacht, was uns die Aufhellung des Volkes unendlich erschwert; denn wollte am Ende selbst der Kaiser fürs Volk bessere Schulen errichten, so würden die argen Priester nur zu bald alles Volk gegen den Kaiser hetzen und er wäre samt seinem Kriegsheere verloren.
GEJ|7|214|6|0|Daher leiden wir helleren und besseren Römer und Griechen eine große Not, von der wir uns mit allen Schätzen der Welt nicht losmachen können. Gib Du uns da ein Mittel dagegen an, – und es wird dann auch bei uns helle werden, – und es wird dadurch uns und vielen tausendmal tausend Menschen geholfen sein!‘
GEJ|7|214|7|0|Sagte Ich: ,Du hast einen gar guten Sinn, und was du wünschest, das wird auch geschehen. Doch so plötzlich, wie Ich den Meeressturm bändigte, geht es mit der geistigen Hilfe nicht; denn da hatte Ich nur mit jenen Geistern und Kräften zu tun, die noch lange keinen eigenen freien Willen haben und Mir sonach auch unbedingt gehorchen müssen.
GEJ|7|214|8|0|Ein jeder Mensch aber hat den vollkommen freien Willen, demnach er frei tun kann, was er will, und sein Gehorchen ist darum notwendigerweise ein bedingtes. Gott Selbst kann und darf ihn mittels Seiner Allmacht nie und niemals zwingen, sondern den Menschen nur in solche Lagen führen, durch die er zu einer reineren Erkenntnis wie aus sich selbst, auf dem Wege der Erfahrung geschöpft, gelangen und so auch dann seinen Willen durch seinen eigenen Verstand leiten kann.
GEJ|7|214|9|0|Würde Gott aber mit Seiner Allmacht aus Seiner Weisheit heraus den Willen des Menschen leiten, so wäre der Mensch um nichts besser denn ein Tier; ja, er stünde sogar noch unter demselben, weil sogar dem Tiere schon eine kleine Willensfreiheit insoweit verliehen ist, als es, wie euch die Erfahrung lehrt, auch ein Verständnis und ein Gedächtnis hat, den Hunger, Durst und Schmerz fühlt und darum auch, wenn auch noch so stumpf, etwas denken, urteilen kann und durch seine Stimme, Miene und Gebärden auch das kundgeben kann, was es für sein Bedürfnis will.
GEJ|7|214|10|0|Ein Mensch aber, der in seinem Wollen pur von der Allmacht Gottes abhinge, wäre beinahe so wie ein Baum, der also wachsen und bestehen muß, wie ihn der Wille Gottes gestellt hat.
GEJ|7|214|11|0|Aus dem aber kannst du schon entnehmen, daß es mit der rechten Bildung eines Menschen etwas ganz anderes ist als mit der plötzlichen Stillung eines Meeressturmes. Wären die Menschen auch also zu behandeln, wahrlich, da wäre es nun eine rechte Torheit von Mir, mit euch weise und wahrheitsvoll belehrend zu reden, sondern Ich könnte ja gleich die lichtvollsten Gedanken in eure Seele legen und dann euren Willen mit Meiner Macht zwingen, nicht anders zu wollen und zu handeln als nur so, wie Ich Selbst es will. Wäre aber jemandem dadurch etwas geholfen, so Ich ihn zu einer puren Maschine Meines allmächtigen Willens machte?
GEJ|7|214|12|0|Eure noch so argen und selbstsüchtigen Priester aber sind auch ganz Menschen voll freien Willens und können darum tun, was sie wollen, und das um so mehr, weil eure weltlichen Gesetze ihnen keinen Hemmschuh anlegen und ihr sie anderseits eben also, wie sie sind, fürs Volk gut gebrauchen könnet.
GEJ|7|214|13|0|Wer aber von ihrem Joche frei werden will, der suche die Wahrheit und halte sich an sie; denn jeder Mensch kann nur durch die in sich gefundene Wahrheit völlig frei werden von dem Joche der Finsternis, die eine Geburt des tausendköpfigen Aber- oder Wahnglaubens ist.
GEJ|7|214|14|0|Wenn ihr das verstanden habt, so tuet auch danach, und eure Priester werden euch erstens keinen Schaden zufügen können und sich fürs zweite selbst aufheben, so sie auf eurem Felde der lichtvollen Wahrheit mit ihren Narrenpossen keinen Anklang mehr finden werden.‘“
GEJ|7|215|1|1|215. — Die Erziehung der Menschheit
GEJ|7|215|1|0|(Der Herr:) „Sagte hier wieder der hohe Rat: ,Aber wie könnte denn das besonders den Hohenpriestern schaden, wenn sie so von deinem Gotte aus nur wenigstens ein paar Jahre lang mit Seiner Allmacht und Weisheit dahin genötigt würden, dem Götzentum abhold zu werden und das Volk die Wahrheit zu lehren? Sollten sie dann, so sie von der Allmacht Gottes wieder freigelassen würden, wieder zum alten Götzentume zurückkehren wollen, so würde sie dann das hell gewordene Volk schon sicher auf eine Art zurechtweisen, daß sie sich nimmer wieder an das alte Götzentum kleben möchten! Habe ich recht oder nicht?‘
GEJ|7|215|2|0|Sagte Ich: ,Wenn so etwas tunlich und für die Menschen heilsam wäre, so benötigte Gott der Priester nicht, sondern da könnte Er auch die Bäume und die Steine reden machen, was fürs Volk noch wirksamer wäre. In jedem Falle aber würde das dem freien Willen der Menschen nicht nur nichts nützen, sondern der freien Bildung des inneren selbständigen Lebens der Seele nur schaden; denn würden auf einmal alle eure Priester vor dem nun noch größtenteils sehr abergläubischen und im Falschen begründeten Volke wider die alten Götter und Götzenbilder laut zu predigen anfangen, so würde sie das Volk als Feinde seiner alten Götter ansehen, sie ergreifen und erwürgen. Würden aber Bäume und Steine das Volk lehren, so würde das Volk ja dadurch ungeheuer in seinem Erkennen und Wollen genötigt werden, würde auch bald über all die Götzen und ihre Priester herfallen und sie zerstören.
GEJ|7|215|3|0|Sage nun, wem damit etwas geholfen wäre! Dem Volke nicht; das stünde in einem gerichteten und durch und durch genötigten Glauben, Erkennen und Wollen, durch das ihre Seelen ebensowenig frei werden könnten als durch den alten Aberglauben, der nun doch schon bei vielen Menschen unter euch sehr durchsichtig geworden ist auf dem Wege des eigenen Forschens und Denkens.
GEJ|7|215|4|0|Wie aber ein besprochener, den Menschen durch Wunder aufgedrungener Lichtglaube nichts nützen würde, da er so gut wie der alte ein Aberglaube wäre, so würde er auch den Priestern um so weniger nützen und euch auch nicht. Oder kannst du beweisen, daß du wahrlich ein Weiser bist, so du nur die Fragen, die du dir selbst stellst, beantwortest?
GEJ|7|215|5|0|Wenn Ich nun zum Beispiel die Säulen in diesem Palaste gar leicht reden machte, ihnen dann allerlei Fragen gäbe von der größten Weisheitstiefe und die Säulen Mir dann darauf Antworten gäben so wahr und weise, wie das keinem Menschen in der Welt, wie auch keinem Engelsgeiste im Himmel möglich wäre, was würdest du dann dazu sagen?‘
GEJ|7|215|6|0|Sagte der hohe Rat: ,Das wäre einesteils offenbar sehr wunderbar; aber die Säulen könnten am Ende doch nur nach deinem Willen und nach deiner Erkenntnis die weisen Antworten geben, und das wäre dann ebensoviel, als wenn du dir selbst Fragen geben und sie dann beantworten würdest!‘
GEJ|7|215|7|0|Sagte Ich: ,Das hast du nun ganz gut beurteilt und darüber ein rechtes Wort gegeben. Und siehe, geradeso wäre es auch mit dem Menschen, dem Gott die einmal für ewig gestellte Lebensordnung durch die Macht Seines allmächtigen Willens einprägen würde! Da würde im Menschen dann Gott Selbst wollen und auch Selbst handeln. Was sollte aber dann bei einem so bewandten Umstande aus der freiesten Lebensselbständigkeit des Menschen werden?
GEJ|7|215|8|0|Gott aber hat die Menschen Sich nicht zu gewissen Spielpuppen, sondern zu Ihm völlig ähnlichen Ebenbildern erschaffen, die Er nicht als pure Geschöpfe Seiner allmächtigen Laune, sondern als wahre Kinder Seiner ewigen Vaterliebe aus Sich ins Dasein gestellt und sie mit der Ihm ganz ähnlichen schöpferischen Eigenschaft begabt hat, sich ganz frei aus der eigenen Lebenskraft von selbst nach dem eigenen freiesten Willen bis zur völligsten Gottähnlichkeit heranzubilden. Und siehe, daher geht es bei der Bildung der Menschen nicht, daß man ihren freiesten Willen durch ein wie immer geartetes göttliches Muß hemme, sondern man muß ihnen unter selbst den bösesten Umständen den freiesten Willen belassen, und das sogar dann, wenn es Mich Selbst das irdische Leben am Kreuzpfahle kosten sollte!
GEJ|7|215|9|0|Seht, so viel Liebe hat die göttliche Weisheit für die Menschen, die sie einmal als ihre Kinder in diese Welt gestellt hat zur Probung des ihnen gegebenen freiesten Willens! Daher fasset das, begreifet es, und richtet keine weiteren unnützen Fragen an Mich; denn Gott hat aus Sich eine Ordnung für ewig gestellt, und bei der wird es auch ewig verbleiben! Und von nun an, so ihr wollet, reden wir von etwas anderem!‘
GEJ|7|215|10|0|Sagte hier Cyrenius: ,Aber Du, mein Herr und Meister in allen Dingen, wirst doch darum nicht ungehalten sein? Wir sind einmal das, was wir sind: noch stark irdisch begriffsstutzige Menschen und bitten Dich darum um Deine Geduld.‘
GEJ|7|215|11|0|Sagte nun Joseph: ,Die hält bei ihm nie gar zu lange aus! Es ist nun schon geratener, ihn in Ruhe zu lassen; denn gesagt und geredet hat er nun wahrlich schon sehr viel. Wenn er aber einmal so auftritt, da ist es schon am besten, ihn gehen zu lassen und das zu tun, was er angeraten hat. Da richte ich, als gleichsam sein Vater, auch nichts mit ihm aus. Er wird dann auf einmal stille und läßt uns reden, was wir wollen. Darum lasset, ihr lieben, hohen Freunde und Gönner, ihm nun nur eine Weile Ruhe; er wird dann schon wieder selbst mit etwas kommen!‘
GEJ|7|215|12|0|Sagte Cyrenius zu Joseph: ,Aber sage mir doch, ob Er Sich nicht doch irgendwann in etwas ein wenig widersprochen hat!‘
GEJ|7|215|13|0|Sagte Joseph: ,Noch nie! Was er einmal sagt, das ist schon so gut wie für die ganze Ewigkeit gesagt, und das oft bei den kleinsten und geringfügigsten Dingen! Das kann ich aller Wahrheit nach bezeugen.‘
GEJ|7|215|14|0|Sagte darauf Cyrenius: ,Ja, da ist es dann allerdings schon geratener, sich also zu verhalten, wie Er es wünscht; denn Sein Inneres ist erfüllt vom Geiste Gottes, und es geschieht, was Er will. Da können wir schwachen Menschen uns mit Ihm in keinen Kampf einlassen, wie ich mich davon schon vor zwanzig Jahren überzeugt habe. Aber es fragt sich nun, von was anderem wir nun wohl noch reden sollen, da Er doch die allerdenkwürdigste Erscheinung dieser Zeit, wie auch aller anderen Zeiten ist und bis ans Ende der Welt bleiben wird.‘“
GEJ|7|216|1|1|216. — Die Kritik des Römers über die irdischen Zustände
GEJ|7|216|1|0|(Der Herr:) „Sagte hierauf Joseph: ,Oh, da werde ich dir gleich einen Stoff angeben, und der wird ihn schon wieder anziehen! Höret, was habt denn ihr, die ihr doch in so manche Geheimnisse eingeweiht seid, für einen Begriff von der Erschaffung eines ersten Menschenpaares auf dieser Erde?‘
GEJ|7|216|2|0|Sagte hierauf der hohe Ratsherr: ,Freund, was das anbelangt, so besteht über nichts in der Welt so viel Rätselhaftes als eben über diesen höchst fraglichen Punkt! Darüber etwas Bestimmtes und Sicheres zu sagen, ist und bleibt für uns Menschen unmöglich, und je mehr man darüber bei allen bekannten Völkern der Erde forschen mag, in ein desto größeres Labyrinth von Ungewißheiten gerät man. Wer sich so recht fest dem blinden Glauben an die eine oder die andere Volkssage in die Arme geworfen hat, ist da nahe noch immer am besten daran. Wo man zur Wahrheit nicht gelangen kann, da sehe man sich nach einer recht lebhaften Phantasie um, und man befindet sich in solch einem recht lebhaften Traume zumeist um vieles glücklicher als beim ewigen Suchen nach einer Wahrheit, die wahrlich nimmer zu finden ist!
GEJ|7|216|3|0|Die Perser haben eine andere Sage als die Indier und ihr Juden, die Skythen wieder eine andere, wir Römer und Griechen eine andere, also auch die Hinterägypter, und die mir bekannten Germanen wieder eine ganz andere! Ah, es wäre da zu viel zu reden, und man stünde am Ende doch noch am alten Flecke.
GEJ|7|216|4|0|Ich bin darum der Meinung, dieses allerunfruchtbarste Thema ganz fallen zu lassen; denn da kommen wir ebensowenig jemals ins klare wie die Astronomen über die Wesenheit der Gestirne am Firmamente.
GEJ|7|216|5|0|Ich meine da also: Gibt es nach dem Abfalle des Leibes wirklich irgendein höheres und vollkommeneres Leben, so werden wir im selben auch sicher tiefere Wahrheiten begreifen; und sollte es nach dem Leibestode auch mit dem Leben der Seele aus und gar sein, so haben wir wahrlich nichts verloren, so wir nicht gar zu weise geworden sind. Siehe, Freund, so denken wir vielerfahrenen und besseren Römer!
GEJ|7|216|6|0|Es ist auch eine schwere Sache, zu beweisen, daß des Menschen Seele nach dem Tode fortlebt, aber noch immer leichter, als mit einer Bestimmtheit darzutun, ob, wie oder wann entweder ein Menschenpaar oder wohl auch mehrere Menschenpaare in einer gleichen oder zu sehr verschiedenen Zeiten auf diese Erde gesetzt worden sind. Das kann nur ein Gott wissen, aber nimmer ein kurzsichtiger und auch viel zu kurzlebiger Mensch; denn wenn er aus seinen vielen Erfahrungen vielleicht eben zu den Anschauungen tieferer Wahrheiten gelangen könnte, dann muß er schon von der Welt abfahren! Weil ich das nur zu gut kenne, so liegt mir an derlei Dingen und Forschungen auch wahrlich nichts mehr! Kurz und gut, die ganze Lebenseinrichtung auf der Erde ist und bleibt für denkende Menschen schlecht.
GEJ|7|216|7|0|Sollen wir auch zur Kindschaft Gottes berufen sein, so kann dieselbe sicher nur von einem geringsten Teile der Menschen erreicht werden! Warum denn nicht von allen? Warum müssen denn gut nahe ein Dritteil Menschen schon eher als noch unmündige Kinder sterben? Was können diese von Gott und ihrer einstigen Bestimmung wissen und wie sich durch den rechten Gebrauch ihres freien Willens zur Gottähnlichkeit emporschwingen?
GEJ|7|216|8|0|Darum sage und behaupte ich: Der blindeste Narr ist um tausend Male glücklicher als der größte Weise, und wir tun hier am vernünftigsten, wenn wir uns hier mit andern Dingen unterhalten als mit solchen unfruchtbarsten Betrachtungen; denn je mehr ein Mensch weiß und versteht, desto klarer wird es ihm, daß er am Ende vollkommen nichts weiß. Und für solch eine höchst langweilige Lebensunterhaltung werde ich mich eben nie zu sehr bedanken. Ich habe geredet!‘
GEJ|7|216|9|0|Sagte hierauf Cyrenius: ,Ja, ja, mit unserem ganz natürlichen Verstande die Sache betrachtet, hast du vollkommen recht; aber –‘
GEJ|7|216|10|0|Sagte der Ratsherr: ,Aber hin, und aber her! Wo haben wir aber einen andern als nur einen natürlichen Verstand?! Wenn der nicht ausreicht, wo nehmen wir dann irgendeinen übernatürlichen her?! Ein Mensch ist sich doch am allernächsten – und kennt sich nicht; wie sollte er dann erst etwas ihm ferner Stehendes erkennen?! Lasset mich da aus! Des Menschen Natur ist ohne sein Wollen und Wissen entweder ganz verdorben und taugt zu nichts mehr, oder der Mensch ist dazu wie verdammt, über jedes Tier hinaus seine Unvollkommenheit zu fühlen und dadurch so unglücklich als möglich zu sein. Denn ich habe noch nie einen wahrhaft glücklichen Weisen gesehen. Je weiser jemand ist, desto unglücklicher ist er auch am Ende seiner Tage. Sein größter Freund aber ist dann stets der Tod. Wahrlich, eine sonderbare Liebhaberei eines allmächtigen und höchst weisen Gottes: in einem gleichfort erschaffen und gleich darauf wieder zerstören!‘“
GEJ|7|217|1|1|217. — Gottes Absicht mit den Menschen
GEJ|7|217|1|0|(Der Herr:) „Sagte darauf Ich: ,Freund, du bist ein wenig aufgeregt, weil Ich ehedem euch allen die Wahrheit über die Bestimmung der Menschen vorgetragen habe; aber es macht das eben nichts! Ich habe solche Zweifelsklippen in dir gesehen und wollte, daß du dich ihrer offen entäußern sollst; darum mußte Joseph denn auch mit einem solchen Thema kommen, das dir die Zunge am rechten Flecke löste. Du hast auch ganz gut geredet und deine Zweifel und Bemängelung der Menschennatur vorgebracht. Nun aber ist die Reihe an Mich gekommen, und Ich kann dir darüber etwas ganz anderes sagen, als was du dir über die Sache denkst, die nun unter euch verhandelt worden ist.
GEJ|7|217|2|0|Sieh, wenn Gott die Menschen nur für diese Erde erschaffen hätte, dann wäre es wohl eine sonderbare Liebhaberei von Seiner Seite, in einem fort zu erschaffen und es dann wieder zu zerstören; aber weil Er die Menschen für ein höheres und ewiges Leben erschaffen hat und sie nur so lange auf dieser Erde bestehen läßt, bis sie die nötigste Willensfreiheitsprobe oder mindestens den Durchgang durchs Fleisch gemacht haben, so ist das eine wahre und lebendige Liebhaberei Gottes zu Seinen Menschen, daß Er sie auf dieser Jammerwelt nur so lange im Fleisch erhält, als es eben für einen oder den andern Menschen höchst nötig ist! Verläßt der eigentliche Mensch diese Erde, so wird er jenseits schon in solche Schulhäuser geführt werden, die geeignet sind, um zur höheren und wahrsten Lebensvollendung zu gelangen. Da wird er dann schon auch über die Genesis der ersten Menschen der Erde eine wahre Aufklärung bekommen.
GEJ|7|217|3|0|So mancher aber wird auch schon, der Mitmenschen wegen, auf dieser Erde gleich Mir vollendet werden, aber nur auf dem alleinigen Wege der wahren Gottesverehrung, die Ich euch ehedem gezeigt habe, als ihr berietet, Mir eine göttliche Verehrung zu erweisen.
GEJ|7|217|4|0|Damit du aber fortan nicht mehr zweifelst über das bestimmte Leben der Seele nach des Leibes Tode, so werde Ich dir die Augen der Seele eine Zeitlang auftun, und du wirst uns dann kundtun, was du alles geschaut hast. Aber Ich will dir das auch nur tun, wenn du das willst.‘
GEJ|7|217|5|0|Sagte der Ratsherr: ,Ja, ich möchte das! Und tue du mir das!‘
GEJ|7|217|6|0|Hierauf rief Mich unser Joseph beiseite und sagte geheim zu Mir: ,Höre, du mein liebster Sohn des Allerhöchsten, mache es mit den hohen Römern nicht zu bunt; denn es kommt mir immer vor, als verstünden sie für längerhin deine Sache falsch! Der hohe Ratsherr hat ehedem das so ziemlich zu verstehen gegeben, obschon er anfangs dafür war, dir eine göttliche Verehrung zu erweisen.‘
GEJ|7|217|7|0|Sagte Ich: ,Sei du darob ganz unbesorgt! Die Erscheinung, die Ich für ihn nun werde kommen lassen, die wird ihn schon eines ganz anderen Sinnes zeihen (machen)!‘
GEJ|7|217|8|0|Sagte Joseph: ,Tue du denn, was dir gut dünkt!‘
GEJ|7|217|9|0|Hierauf versetzte Ich bloß durch Meinen innern und nicht laut ausgesprochenen Willen den Ratsherrn in das sogenannte zweite Gesicht, und er ward sogleich umringt und umgeben von seinen vielen verstorbenen Verwandten, Freunden und Bekannten, und am Ende kam sogar Julius Cäsar auch noch zum Vorschein, worüber sich der Ratsherr überaus zu erstaunen anfing und Mich hastig fragte: ,Ist das alles Wahrheit oder eine Täuschung?‘
GEJ|7|217|10|0|Sagte Ich: ,Rede mit ihnen, sie werden es dir sagen; denn eine Truggestalt kann nicht reden!‘“
GEJ|7|218|1|1|218. — Ein Bericht der Geister über das Jenseits
GEJ|7|218|1|0|(Der Herr:) „Hierauf fragte der Ratsherr die ihm erschienenen Geister, ob sie Wahrheit oder nur etwa eine Täuschung seiner etwa irgend verzauberten Sinne wären.
GEJ|7|218|2|0|Sagten die Geister: ,Wir sind Wahrheit, und wenn du das nicht einsiehst und nicht begreifen willst, so täuschest du dich nur selbst!‘
GEJ|7|218|3|0|Sagte der Ratsherr: ,Warum kann ich euch denn nur jetzt sehen, und warum nicht auch zu anderen Malen? Warum zeigtet ihr euch mir nicht, so ich selbst schon zu öfteren Malen sehnlichst nach euch verlangte?‘
GEJ|7|218|4|0|Sagten die Geister: ,Du könntest uns auch zu öfteren Malen sehen und sprechen, wenn deine Seele nicht so geblendet wäre von der Sinnenlust der materiellen Welt.
GEJ|7|218|5|0|Die einfachen Urmenschen dieser Erde konnten das; als aber dann die späteren Nachkommen stets mehr und mehr in das Materielle der Welt versanken, da verloren sie auch die Fähigkeit, die abgeschiedenen Seelen zu sehen und mit ihnen zu verkehren. Dadurch aber kam über sie die Nacht der Zweifel, in der sie sogar auch den Glauben an ein Fortleben nach dem Tode des Leibes verloren und sich dann untereinander ängstlich zu fragen anfingen, ob es nach dem Leibestode wohl ein Fortleben der Seele gäbe.
GEJ|7|218|6|0|Und siehe, dieser zweifelhafte Zustand der gröbstsinnlichen Menschen ist eine wahre Strafe für ihre sittliche Verderbtheit, und es ist recht also! Denn ohne diese bittere Strafe würden die Menschen sich noch mehr und noch tiefer in das Gericht der Materie versenken; so aber hält sie doch die Furcht vor dem Leibestode davon ab, weil sie nicht wissen und innewerden können, was nach dem Leibestode mit ihnen geschehen wird!
GEJ|7|218|7|0|Wir haben auf der Welt in unserem Leibesleben alle die ganz gleiche Strafe empfunden und waren voll von allerlei Zweifeln; nur die wirkliche Trennung vom Leibe hat uns erst die Überzeugung gebracht, daß man nach dem Abfalle des Fleisches fortlebt. Aber es geht bei dem Fortleben nur dem wohl, der auf der Welt im Leibe gerecht war und gute Werke ausgeübt hat; den Ungerechten, Verleumdern, Harten und völlig Lieblosen aber geht es schlimm, ja tausend Male schlimmer als denen hier, die in den finsteren Kerkern schmachten.
GEJ|7|218|8|0|Du bist zwar wohl ein gerechter Mann, aber dabei doch hart und unerbittlich. Wenn du zu uns herüberkommen wirst in solcher deiner Sinnesart, so wirst du auch die strenge und unerbittliche Gerechtigkeit, aber keine Liebe und Erbarmung finden. Denn keine Seele findet bei uns etwas anderes, als was sie in ihrem Gemüte mit sich gebracht hat; denn erst bei uns steht man auf seinem höchsteigenen Grund und Boden. Verstehe das, und richte dich danach, damit du wohlversorgt zu uns herüberkommst; denn du hast nun eine bessere Gelegenheit, als wir sie je gehabt haben!
GEJ|7|218|9|0|Sagte darauf der Ratsherr: ,Nun glaube ich, daß ihr Wahrheit und keine Täuschung seid! Saget mir aber, wer der junge Jude ist, der vor uns so wunderbare Werke verrichtet!‘
GEJ|7|218|10|0|Sagten die Geister: ,Der ist Der, der Er ist, der Er war, und der Er hinfort sein wird! Ein mehreres dürfen wir dir von Ihm nicht sagen; denn das gebietet uns Sein Wille. Er aber ist ja bei euch, und du kannst Ihn selbst fragen!‘
GEJ|7|218|11|0|Hierauf wandte sich der Ratsherr sonderheitlich zu Julius Cäsar und fragte ihn, sagend: ,Du warst auf der Erde ein gar kluger und mächtiger Held; unter deine Gebote mußte sich alles fügen. Wie lebst du aber nun in der Welt der Geister?‘
GEJ|7|218|12|0|Sagte der Geist (Julius Cäsar): ,Ich habe in der Welt schon einen bösen Lohn geerntet für das, was ich nur zu meinem Ruhme getan habe; und darum habe ich in mir auch wenig Gutes herübergebracht, und mein Lohn war darum eine große Armut, und mein Weltruhm glich hier einer finsteren Nacht, in der ich nur wenige Sternchen hie und da durch dichte schwarze Wolken schimmern sah.
GEJ|7|218|13|0|Ich war lange so ganz allein ohne die allergeringste Gesellschaft und hatte niemanden als mich allein. Ich mochte rufen, bitten, weinen, herumgehen und suchen, wie ich wollte, und es half alles nichts. Ich rief alle Götter; aber es kam keine Antwort. Nach einer langen, traurigen, verzweiflungsvollen Dauer meines elendesten Zustandes kam mir in den Sinn, mich an den Gott der Juden zu wenden. Da ward es heller um mich, und die wenigen Sternchen wurden auch heller, und es schien, daß sie mir näher kamen. Als ich das merkte, da faßte ich mein volles Vertrauen zu dem Gott der Juden und bat Ihn inständigst, daß Er mir helfen möchte aus meiner großen Not und Qual.
GEJ|7|218|14|0|Da ward es abermals heller um mich und ein Stern senkte sich ganz in meine Nähe. Und ich erkannte bald, daß der Stern eine vollkommene Menschengestalt annahm, und dieser Mensch war einer, dem ich in der Welt einmal eine wahre Wohltat erwies, und dieser sagte zu mir: ,Wohl dir, daß du in deiner Nacht den wahren Gott der Juden gefunden hast! Verbanne deine falschen Götzen, und verbanne auch deinen eigenen größten Götzen, deinen Cäsar-Ruhm; begib dich in die volle Demut, und ich will dich zu mir in meine Wohnung nehmen!
GEJ|7|218|15|0|Da bat ich abermals den Gott der Juden, daß Er mir nähme den Ruhm und alle die falschen Götzen. Darauf kamen auch die andern Sternchen als Menschen zu mir und sagten: ,Wir sind auch wie du auf der Erde gewesen; aber wir waren arme und von deinen Priestern verfolgte Juden; du aber hast uns beschützt, beschenktest uns und halfst uns, wieder in unser Land zu kommen. Nun bist du arm und hast von allen deinen irdischen Schätzen nichts als nur das, was du uns getan hast; und so sind wir nun auch durch die Zulassung Gottes zu dir gekommen, um dir das Gute, das du uns getan hast, zu vergelten. Willst du ohne allen Ruhm mit uns wandeln, so folge uns, und du sollst bei uns eine Unterkunft finden!‘
GEJ|7|218|16|0|Da ging ich und kam bald in eine gar wunderliebliche Gegend. Es war wie ein breites Tal mit einem schönen großen See. Das Tal war in weiter Ferne eingefaßt mit hohen und gar ergötzlich anzusehenden Bergen. Im Vordergrunde standen ein paar Wohnhäuschen, wie man sie auf der Welt als Wohngebäude unter dem Namen Fischerhütten in großer Menge gar wohl kennt. In größerer Ferne ersah ich noch mehrere ähnliche Hütten. Die Felder hatten ein üppiges Grün. Aber Bäume sah ich nur wenige; doch waren sie voll der schönsten Früchte.
GEJ|7|218|17|0|In die Wohnhütte, die bei meiner Ankunft zur rechten Hand sich befand, zog ich ein, und zwar zu dem Freunde, der in meiner größten Not zuerst zu mir kam, und fand da gleich etwas zu essen und zu trinken; doch alles war höchst einfach, erfreute mich aber dennoch um gar vieles mehr, als mich auf der Welt je meine großen Schätze und Paläste erfreut haben.
GEJ|7|218|18|0|Als ich mich so ganz selig in der Hütte befand und mich auch hinreichend gestärkt hatte, da führte mich mein Freund wieder aus der Hütte und wir ersahen einen Kahn auf dem klaren Spiegel des Sees, in welchem sich ein Mensch befand, der mit einem Handruder gegen uns zusteuerte. Ich fragte meinen Freund, wer etwa der Schiffer sein möchte. Und der Freund sagte: ,Dieser kommt über den uns unbekannt langen See dann und wann zu uns herab und zeigt uns stets mit vieler Freundlichkeit an, was wir alles für weiterhin zu tun haben werden. Danach heißt es dann wieder arbeiten. Wir begeben uns dann wieder zu der angeratenen Arbeit, arbeiten mit allem Fleiße, mit aller Freude und Lust, und unser Fleiß wird von dem Gott der Juden alle Male gesegnet. Als wir in diese Gegend kamen gleich wie nun du, da sah sie noch sehr wüst und öde aus; nur durch unseren Fleiß und Eifer ist sie in den gegenwärtigen blühenden Zustand gekommen. Also wirst auch du nun fürderhin mit uns arbeiten wollen und wirst dabei auch den Segen überkommen, den wir überkommen haben!‘‘“
GEJ|7|219|1|1|219. — Das Leben Julius Cäsars im Jenseits
GEJ|7|219|1|0|(Der Herr:) „(Julius Cäsar:) ,Ich war darob hoch erfreut und begab mich mit meinem Freunde an das Ufer des Sees. Der Schiffer stieg alsbald ans Land und sagte: ,Da oben am Ufer des Sees, rechts landwärts, gibt es noch einen argen Sumpf, Worin sich noch allerlei arges Geschmeiß aufhält und zuweilen die Luft dieser Gegend verunreinigt. Diesen Sumpf wollet ihr austrocknen! Traget gutes Erdreich so lange hinein, bis die Sumpftiefe, die nicht bedeutend ist, ausgefüllt sein wird, und ihr werdet dadurch diese eure Gegend um ein bedeutendes verbessern und dadurch ein fruchtbares Stück Landes mehr haben!‘ Der Freund und auch ich dankten ihm mit Freuden für diesen Rat. Er fuhr darauf schnell wieder ab, und wir machten uns aber auch gleich an die wahrlich schwere Arbeit.
GEJ|7|219|2|0|Im Hause fanden sich zu der angeratenen Arbeit auch gleich die nötigen Werkzeuge vor. Wir nahmen sie mit aller Lust und Freude, gingen an die bezeichnete Stelle und begannen zu arbeiten. Aber es ward mir beim Anblick des bedeutenden Sumpfes dennoch angst und bange; denn da gab es ein gar greulich aussehendes Geschmeiß aller Art und Gattung in einer solchen Menge, daß ich zum Freunde sagte: ,Höre, bis wir den Sumpf austrocknen, vergehen auf der Erde mindestens hundert volle Jahre!‘
GEJ|7|219|3|0|Sagte darauf der Freund: ,Was kümmern uns da die vergangenen Jahrzeiten der Erde! Hier gibt es keine solche Zeit, denn hier dauert ein und derselbe gleiche, ewige Tag, und unsere Zeit liegt in unserem Willen. Dieser Sumpf aber ist nur eine notwendige Erscheinlichkeit deiner inneren, deinem Herzen noch anhaftenden Unlauterkeit, und es ist hier vor allem deine Aufgabe, dich davon zu reinigen durch den ernsten Willen und durch die Geduld, die du auf der Erde gar nicht kanntest. Ich aber will dir helfen, und so wird auch dieser ekelhafte Sumpf bald und leicht in ein fruchtbares Land umgestaltet werden!‘
GEJ|7|219|4|0|Als ich das erfuhr, da festete ich meinen Willen und fing mit aller Geduld an zu arbeiten. Im Anfang hatte die Sache wohl das Gesicht, als wollte der Sumpf ewighin nimmer voll werden; aber nach und nach zeigte es sich doch, daß wir nicht vergeblich arbeiteten, und so ward der arge Sumpf denn auch bald mit guter Erde völlig ausgefüllt, das Geschmeiß wurde von der Erdlast erdrückt und begraben für ewighin, und wir gewannen ein gutes und schönes Stück Land und setzten auch bald eine neue Wohnhütte hin, die wir für die ankommenden Fremden in Bereitschaft halten, denen wir zumeist auf dieselbe Weise forthelfen, wie der besagte Freund mir fortgeholfen hat.
GEJ|7|219|5|0|Der Schiffer aber ist seitdem schon mehrere Male bei uns gewesen und hat uns stets wieder neue Arbeiten angezeigt, die wir auch verrichteten und dadurch unsere Gegend in ein wahres Eden umwandelten. Ich wohne noch daselbst und verlange für mich auch nichts Höheres, Schöneres und Besseres. Lasse du demnach auf dieser Welt ab von allem, was da irdisch groß und wertvoll ist; denn bei uns hüben haben nur die wahrhaft edlen und guten Werke und Taten einen Wert!‘
GEJ|7|219|6|0|Sagte hierauf ganz verblüfft der gestrenge hohe Ratsherr zum Geiste des Julius Cäsar: ,Wo befindet sich denn irdisch die von dir nun treulich beschriebene Gegend?‘
GEJ|7|219|7|0|Sagte Julius Cäsar: ,Auf dieser Erde befindet sich die beschriebene Gegend wohl nirgends, kann aber örtlich dennoch auch überall vorhanden sein; denn wo ich bin, da ist auch die Gegend. Ich habe nach und nach das wohl kennengelernt, daß der Ort, die Gegend und alles, was mich in unserer Welt als scheinbar leblose Materie umgibt, aus mir – gewisserart wie ein Baum aus der Erde – hinausgewachsen ist, oder: ich selbst bin der Schöpfer der Welt, die ich bewohne. Ich und meine Freunde, weil wir von einer gleichen Liebe, vom gleichen Willen und somit auch von einer gleichen Denkweise sind, bewohnen darum auch eine gleiche Landschaft; aber es können auf demselben Punkte auch noch zahllos viele andere Geister wohnen, und ein jeder in einer anderen Gegend. Das ist der große Unterschied zwischen uns Geistern und euch noch irdischen Menschen.‘
GEJ|7|219|8|0|Sagte der Ratsherr: ,Das verstehe ich nicht! Wie können denn auf ein und demselben Punkte mehrere Gegenden und Landschaften vorhanden sein?‘
GEJ|7|219|9|0|Sagte Julius Cäsar: ,Oh, ganz leicht, und am Ende sogar ganz natürlich auch noch dazu! Siehe, in ein und demselben Gemach schlafen zum Beispiel hundert Menschen, und alle träumen! Der eine ist in Rom, der andere in Athen, ein dritter in Jerusalem, ein vierter in Alexandria und so fort, ein jeder ganz woanders, und das so lebhaft, daß er am Tage nicht genug davon erzählen kann. Ja, wie möglich kann denn das wohl sein? Alle hundert in ein und demselben Schlafgemach – und doch ein jeder in einer ganz anderen Gegend?! Ja, wie ist denn aber das, wenn auf einem Felde sich Tausende von Menschen befinden und ein jeder in ein und demselben Momente etwas anderes sieht?
GEJ|7|219|10|0|Siehe, also aber stehen ungefähr die Dinge und Sachen in der andern, oder besser, in unserer Geisterwelt! Der Unterschied zwischen unserer und dieser eurer Welt besteht bloß darin: Wir Geister wohnen so ganz eigentlich in unserer völlig eigenen Welt, ihr aber wohnet in der Gotteswelt. Denn unsere Welt ist das Werk unserer Gedanken, Ideen, Begierden und unseres Willens; diese Welt aber ist das Werk der Liebe, der Gedanken, der Ideen und des Willens Gottes.
GEJ|7|219|11|0|Darum ist der Mensch das Ebenmaß Gottes, hat in sich die schöpferische Eigenschaft und kann sich im reingeistigen Zustande seine Welt selbst erschaffen und sonach in seinem vollkommenen Eigentume wohnen. Dieses wirst du nun doch verstanden haben?!‘
GEJ|7|219|12|0|Sagte der Ratsherr: ,Dann sind die Menschen, die dich umgeben und mit dir umgehen, ja auch nur deine Werke und dein Eigentum in der Welt, die aus dir wie ein Traumbild hervorgegangen ist!‘
GEJ|7|219|13|0|Sagte Julius Cäsar: ,Auch das zum Teil; aber ich könnte ohne ihr Wollen sie mir nicht vergegenwärtigen und noch weniger mit ihnen umgehen, sie sehen, hören und sprechen. Es hat aber das auch eine sehr bedeutende Ähnlichkeit mit dem diesirdischen Sehen, Hören und Fühlen der Nebenmenschen. Denn du siehst den wirklichen Menschen auch nicht, sondern nur sein Abbild in dir, fühlst ihn nur durch dein eigenes Gefühl und hörst den Ton seiner Rede in deinem Ohr, das also eingerichtet ist, daß es die durch die Luft zu ihm gelangenden Töne nachahmt. Bist du aber blind, taub und gefühlsstumm, so besteht für dich kein Nebenmensch, wenn er sich auch in deiner nächsten Nähe befände. Wenn du aber auch hörst, siehst und fühlst und dir in deiner Idee auch noch so viele Menschen vorstellst, so wirst du aber, wenn kein Mensch da ist, dennoch keinen sehen, hören und fühlen.
GEJ|7|219|14|0|Und so muß auch in der Geisterwelt der Geist, mit dem du verkehren willst, dasein – zum wenigsten mit seinem Willen, seiner Liebe und seinem Erkennen. Ohne das bist du allein, oder die Menschen, die du auf Augenblicke siehst, sind nichts als Phantome deiner Phantasie, haben für sich kein Sein, keine Realität und können sonach mit dir auch in keinen Wechselverkehr treten; denn all das Ihrige bist du selbst.
GEJ|7|219|15|0|Darin aber besteht auch der ewig gleiche und endlos große Unterschied zwischen Gott und uns Ihm ähnlichen Menschen, daß nur Gott allein aus Seinen großen Gedanken Menschen ins vollkommene, selbständige und ganz freie Dasein rufen kann, während wir Geister wohl Phantome, aber keine Realitäten ins erscheinliche Dasein stellen können. So ist auch die Welt, die ein Geist bewohnt, nur mehr ein Phantom denn eine Wirklichkeit; denn es haben mich vollkommenere Geister auch ihre Welt sehen lassen auf ein und demselben Flecke, und solche Welt hatte ein ganz anderes Aussehen denn die, welche ich bewohne. Doch das wirst du erst dann völlig verstehen und einsehen, wenn du selbst ein Bewohner deiner inneren Geisteswelt werden wirst.
GEJ|7|219|16|0|Jetzt aber habe ich dir zur Genüge gezeigt, wie es mit dem Leben nach dem Abfall des Leibes steht; darum frage du uns nun um nichts Weiteres mehr!‘“
GEJ|7|220|1|1|220. — Vom Glauben und Schauen
GEJ|7|220|1|0|(Der Herr:) „In diesem Momente nahm Ich dem Ratsherrn die innere Sehe, und er sah keinen Geist mehr. Aber er fragte Mich darauf ganz ängstlich, wohin denn nun die Geister gezogen seien, da er keinen mehr sehen, hören und sprechen könne.
GEJ|7|220|2|0|Sagte Ich: ,Sie sind nun noch ebenso da, wie sie zuvor da waren; aber du kannst sie nun nicht mehr sehen, hören und sprechen, weil deine Seele noch zu sehr mit deinem Fleische und noch gar nicht mit dem Geiste Gottes in ihr vereint ist. Wenn du dich aber bestreben wirst, dich mit dem Geiste in dir zu einen, so wirst du auch die Geister, die um dich sind, allzeit sehen, fühlen und sprechen können. – Hast du das nun wohl begriffen?‘
GEJ|7|220|3|0|Sagte der Ratsherr: ,Jawohl, – aber mir geht es nun wie einem Betrunkenen, der auch manchmal ganz gescheit und gleich darauf auch wieder ganz dumm ist und spricht: Da werde ich Jahre brauchen, bis ich darüber in mir zu einer vollen Klarheit gelangen werde!‘
GEJ|7|220|4|0|Sagte Ich: ,Wer da eifrig sucht, der wird auch das finden, was er sucht. Es kann sich aber ein Mensch – wie das nur zu allgemein und häufig geschieht – sein Leben durch lange hin abmühen, daß er verderbe seinen Leib und noch mehr seine Seele; so kann er im Gegenteile sich ja auch abmühen zum ewigen Vorteile seiner Seele.
GEJ|7|220|5|0|So die Menschen so vieles wagen zum Vorteil ihres Leibes, der sterben wird in kurzer Zeit, – warum denn nicht um so mehr für die Seele, die ewig zu leben bestimmt ist? Und so sei auch du in der Zukunft tätiger für die Wohlfahrt deiner Seele denn für die Wohlfahrt deines Leibes, und es wird dann schon heller und klarer in dir werden! –‘
GEJ|7|220|6|0|Mit dieser Meiner Belehrung waren alle zufrieden und lobten sehr Meine Weisheit.
GEJ|7|220|7|0|Cyrenius aber sagte zu Mir: ,Herr, warum durften denn wir die Geister, welche mein Ratsherr sah und sprach, nicht auch sehen und sprechen?‘
GEJ|7|220|8|0|Sagte Ich: ,Unter euch ist keiner, der da ungläubiger wäre als eben der Ratsherr. Für ihn war ein handgreiflicher Beweis nötig. Er glaubt nun, weil er den Ungrund seiner Zweifel gesehen hat. Aber das gereicht ihm zu keinem Verdienst, da er nicht nötig hat, fürderhin in sich den Beweis mühsam zu suchen, daß die Seele nach dem Abfalle des Leibes fortlebt.
GEJ|7|220|9|0|Wer aber das nicht gesehen hat, was er gesehen hat, der glaubt, was Ich ihm sage, und der Glaube ist für die Seele heilsamer als das Schauen, weil im Glauben sich die Seele freier bewegt als im Schauen. Ich aber kenne deinen Glauben und weiß, daß dir die Werke, die du Mich wirken sahst, schon als ein vollster Beweis dafür dienen, daß das vollwahr ist, was Ich sage; und so wäre es da ganz nutzlos, dir noch die Verstorbenen zu zeigen, daß sie dir sagten, daß Ich die Wahrheit zu euch rede.
GEJ|7|220|10|0|Wenn du aber durch deine Mühe voll des lebendigen Glaubens werden wirst, so wirst du dann schon auch aus dir selbst zum wahren und deine Seele nicht mehr nötigenden und freien Schauen gelangen. Siehe, in dem also besteht der gute Grund, warum ihr andern das nicht habt mit ansehen dürfen, was der zweifelvolle Ratsherr geschaut hat!‘
GEJ|7|220|11|0|Als Cyrenius und die vielen anderen Gäste solches von mir vernommen hatten, dankten sie Mir sehr für solch eine Aufklärung und waren danach recht froh, daß sie die erschienenen Geister nicht gesehen und gesprochen hatten.
GEJ|7|220|12|0|Da es aber bei dieser Gelegenheit Abend geworden war, so wurden alsbald Lichter angezündet, und es ward uns angezeigt, daß das Abendmahl im großen Speisesaale aufgetragen sei. Da erhob sich Cyrenius und lud alle Anwesenden ein, am Abendmahle teilzunehmen. Aber etliche Ratsherren entschuldigten sich damit, daß sie angaben, sie müßten das zuvor ihren Familien kundgemacht haben, weil diese sonst mit ihrem Abendmahle auf sie warten würden.
GEJ|7|220|13|0|Ich aber sagte zu Ihnen: ,Erfüllet den Willen des Cyrenius! Eure Familien sind bereits schon in Kenntnis davon, daß ihr nun hier zu Gaste geladen seid!‘
GEJ|7|220|14|0|Fragte ein Ratsherr: ,Wer hat denn unseren Familien nun in der kurzen Zeit diese Nachricht geben können?‘
GEJ|7|220|15|0|Sagte Ich: ,Eben Der, dem es möglich war, den Meeressturm zu stillen! Darum bleibet und glaubet, daß es also ist!‘
GEJ|7|220|16|0|Auf diese Meine Worte blieben alle, und wir gingen in den Speisesaal. Es war darin ein eigener (besonderer) Tisch, auf dem sich für Mich, für Joseph, Jakobus und auch für den Griechen Anastokles bestbereitete Judenspeisen und ein gar vorzüglicher Wein befanden.
GEJ|7|220|17|0|Als Joseph solch eine besondere Aufmerksamkeit für uns merkte, sagte er zu Cyrenius: ,Aber, hoher Freund und Gebieter, warum denn für uns wenige solch eine besondere Aufmerksamkeit? Wir hätten uns ja wohl auch mit den Speisen, die ihr Römer zu euch nehmet, ganz zufriedengestellt!‘
GEJ|7|220|18|0|Sagte mit großer Freundlichkeit Cyrenius: ,Freund, ich kenne dich noch von Ostrazine aus und weiß, daß du ein strenger Beachter eurer Judengesetze bist, und es war nun ja auch meine Pflicht, euch also zu bewirten, daß dabei euer Gemüt nicht beengt wird. Wir Römer aber sind an unsere Speisen gewöhnt, die abends zumeist im Fleische solcher Tiere bestehen, die ihr nicht esset, und so mache du dir nun nichts daraus, wenn ich für euch eigene Speisen bereiten ließ!‘
GEJ|7|220|19|0|Mit dem war unser Joseph zufriedengestellt, und wir setzten uns an unsern Tisch. Die Römer aber lagerten sich um den großen Tisch, aber also, daß Cyrenius ganz nahe an unserem Tische Platz nahm, um mit uns während des Mahles über verschiedenes reden zu können.“
GEJ|7|221|1|1|221. — Adam und Eva, die ersten Menschen der Erde. Die Präadamiten
GEJ|7|221|1|0|(Der Herr:) „Wir aßen und tranken ganz wohlgemut, und es ward während des Mahles, als der Wein die Zungen gefügiger gemacht hatte, von dem Ratsherrn, der mit den Geistern geredet hatte, abermals die Frage gestellt, ob es einstens nur ein Menschenpaar oder mehrere auf den verschiedenen Punkten und Teilen der Erde gegeben habe. Denn das hätten ihm die Geister nicht gezeigt, und doch möchte er das auch mit einer begreiflichen Bestimmtheit wissen, weil schon ehedem davon die Rede erhoben worden sei.
GEJ|7|221|2|0|Hierauf ersuchte Mich Cyrenius, daß Ich dem Ratsherrn diese Sache erklären möchte.
GEJ|7|221|3|0|Ich aber sagte zu Cyrenius: ,Das könnte Ich wohl tun, aber es wird das niemandem irgend besonders frommen! Was aber den Menschen zu wissen not tut, das hat Moses in seiner Genesis und am Ende noch in zwei alles erklärenden Büchern, die in unserer Zeit nicht mehr anerkannt und als Apokrypha verworfen werden, ganz klar dargetan. Wer demnach wissen will, wie die Entstehung der Menschen auf dieser Erde vor sich ging, der lese Mosis Schriften und glaube, daß es also und nicht anders war, so hat er darin den vollwahren und rechten Beweis, ob im Anfange nur ein Menschenpaar oder wohl etwa mehrere Menschenpaare zugleich auf die Erde gesetzt wurden.
GEJ|7|221|4|0|Ich kann hierzu nur das beifügen, daß von den Menschen, die zur Werdung der Gotteskinder berufen sind, nur ein Paar, nämlich Adam und sein Weib Eva, auf die Erde gesetzt worden ist. Mit dem ist auch die geistige Erziehung vom Himmel aus begonnen und bis zur heutigen Stunde fortgesetzt worden.
GEJ|7|221|5|0|Daß es aber auch schon lange vor Adam menschenähnliche Wesen gegeben hat, das ist ganz sicher und wahr, und es bestehen noch derlei Wesen auf der Erde; aber es ist zwischen ihnen und den eigentlichen freien Menschen ein gar übergroßer Unterschied.
GEJ|7|221|6|0|Denn der wahre Mensch kann sich selbst bis zur vollen Gottähnlichkeit heranbilden und kann Gott und Seine Werke durch und durch erkennen, vergleichen, beurteilen und ihren Zweck begreifen; aber der gewisse Tiermensch wird dazu wohl nimmer imstande sein.
GEJ|7|221|7|0|Daß aber auch die Tiere mit der Zeit und mit mancher Mühe der wahren Menschen auch eine Art höherer Bildung annehmen, das habt ihr alle an euren Haustieren erfahren. Die Menschen würden mit den Tieren noch mehr ausrichten, wenn sie gleich den einfachen Urvätern der Erde mit ihrem jenseitigen Geiste aus dem Herzen Gottes in einer wahren und vollen Verbindung stünden.
GEJ|7|221|8|0|Es gibt aber im tiefen Hinterägypten dennoch Menschen, die den Urvätern noch ähnlich sind. Diese sind noch Herren der Natur, und sie muß ihnen dienen nach ihrem Willen. Aber um das zu werden, muß sich der wahre Mensch in seiner Seele nicht unter die Natur, sondern im Geiste über alle Natur der Materie und des Fleisches erheben. Denn in der Natur aller Materie liegt das Gericht, die Ohnmacht und der Tod; nur im Geiste liegt die ewige Freiheit, das wahre Leben und alle Macht und Gewalt. Daß sich die Sache aber also verhält, davon habe Ich euch draußen am Meere den Beweis geliefert.
GEJ|7|221|9|0|Trachtet daher danach, daß eure Seele eins werde mit dem Geiste, – der wird euch dann schon von selbst in alle Weisheit leiten; aber ohne den werdet ihr stets schwanken zwischen Licht und Finsternis und zwischen Leben und Tod, und zwischen Freiheit und Gericht!
GEJ|7|221|10|0|Zu der Vereinigung des Geistes aus Gott mit der erschaffenen Seele aber gelangt der Mensch dadurch, daß er an den einen wahren Gott lebendig wahr glaubt, Ihn über alles liebt und den Nebenmenschen wie sich selbst. Wer das weiß und tut, der wird dann schon in sich erfahren, daß Ich nun die volle Wahrheit zu euch geredet habe!‘
GEJ|7|221|11|0|Auf diese Meine Worte stellten sich alle zufrieden, und es wurde über den Anfang des Menschengeschlechtes auf dieser Erde weiter nicht mehr gefragt.“
GEJ|7|222|1|1|222. — Der Scheinwert äußeren Kulturfortschritts
GEJ|7|222|1|0|(Der Herr:) „Wir aßen und tranken nun wieder fort, aber freilich nur mit rechtem Maß und Ziel. Cyrenius besprach sich dabei über manche häuslichen und baulichen Dinge mit uns, und die anderen Gäste hörten uns an und gaben Mir und dem Joseph in allem recht.
GEJ|7|222|2|0|Schließlich meinte ein Feldherr, der bis jetzt noch kein Wort geredet hatte: ,Es wäre bezüglich der Baukunst auch darauf vor allem das Augenmerk zu richten, ob den Schiffen auf dem Meere nicht eine solche Einrichtung gegeben werden könnte, daß man erstens den Stürmen einen größeren Widerstand bieten könnte, als das bis jetzt der Fall ist. Zweitens aber möchte ich bei größeren Schiffen das Ruderwerk vermieden haben; denn sind die Ruder zu hoch über Bord angebracht, so werden dazu zu lange Stangen benötigt. Diese werden schwer geleitet, brauchen eine große Anzahl kräftiger Ruderer, üben dabei doch wenig Kraft im Wasser aus und brechen bei Stürmen leicht. Sind die Ruder aber, wie das bei kleineren Uferfahrzeugen der Fall ist, niederer angebracht, so dringt bei einem nur etwas höherem Wogengange das Wasser durch die Ruderöffnungen in das Schiff, und man hat da nichts zu tun, als in einem fort das Wasser aus dem Schiffe zu schöpfen, so man nicht untergehen will. Und endlich fürs dritte haben unsere großen Schiffe noch den Fehler, daß sie wegen der vielen Ruderer zu wenig Raum haben, eine rechte Anzahl von anderen Reisenden aufzunehmen, und man kommt trotz der vielen Ruderer dennoch nicht vom Flecke bei auch nur einem kleinen Gegenwind.
GEJ|7|222|3|0|Siehe, du mein lieber, junger überweiser und wunderbar mächtiger Mann, du könntest uns Römern auch darin einen guten und wahren Rat erteilen! Die alten Phönizier sollen Fahrzeuge gehabt haben, mit denen sie sogar den großen Ozean, etwa gar weithin, schnell und sicher befahren konnten. Wir Römer müssen uns gleichfort mit den Uferfahrten begnügen und getrauen uns nur bei ruhigen Tagen und Zeiten über das hohe Meer zu fahren. Was meinst du da in dieser Hinsicht?‘
GEJ|7|222|4|0|Sagte Ich: ,Ja, du Mein Freund, da wird es mit einem rechten und guten Rate etwas schwer halten! Denn was nützte dir ein solcher, so du ihn am Ende doch nicht ins Werk setzen könntest?
GEJ|7|222|5|0|Zu einer guten und sicheren Meerfahrt gehört vor allem eine genaue Kenntnis des gestirnten Himmels, dann die Kenntnis der Erde und besonders der Lage des Meeres, seiner Größe und Tiefe. Ihr habt aber diese Kenntnis noch lange nicht und könnet sie auch nicht haben, weil eure dummen Priester mit aller Gewalt dawider eifern würden; daher würden euch auch besser eingerichtete Schiffe nichts nützen, weil ihr sie ja doch nicht gebrauchen könntet.
GEJ|7|222|6|0|Die Phönizier hatten wohl etwas brauchbarere Schiffe, aber nicht um irgendein bedeutendes. Mit den Segeln konnten sie bei günstigem Winde wohl besser umgehen als ihr; aber sie mieden auch das hohe Meer und waren auch nur Uferfahrer.
GEJ|7|222|7|0|Wollet ihr aber euer Seewesen besser einrichten, so müsset ihr das von den Indiern, die am Meere wohnen, lernen; denn die können mit den Segeln umgehen, wennschon auch noch lange nicht auf eine ganz vollkommene Art.
GEJ|7|222|8|0|Sehet ihr aber nur, daß ihr es dahin bringet, daß eure Seele bald eins wird mit dem göttlichen Geiste, so wird euch dann der Geist schon auch zeigen, wie ihr euer Seewesen gar sehr verbessern könnet!
GEJ|7|222|9|0|Übrigens sind für diese Zeit eure Schiffe ganz gut und sehr brauchbar. Die späten Nachkommen aber werden schon noch gar wunderbar kunstvolle Schiffe erbauen, mittels welcher sie, an Schnelligkeit Vögeln gleich, nach allen Richtungen über alle Meere hin werden fahren können; aber es wird das das Glück der Menschen weder physisch und noch weniger geistig erhöhen, sondern gar gewaltig vermindern. Darum bleibet nun nur noch recht lange bei dem, was ihr habt; denn eine zu große Verbesserung in irdischen Dingen ist stets eine wahre und dauernde Verschlimmerung im Geistigen, das der doch nur allein kultivieren soll Mensch mit allen Kräften seines Lebens.
GEJ|7|222|10|0|Was nützt es dem Menschen, so er auch alle Schätze der Welt für sich gewinnen könnte, litte aber dadurch den größten Schaden an seiner Seele?! Kennt ihr denn noch nicht die kurze Lebensdauer alles Fleisches auf dieser Erde und das endliche Los des Fleisches? Ob du nun als ein Kaiser oder als ein Bettler stirbst, so ist das für jenseits alles eins! Wer hier viel hatte, der wird jenseits viel entbehren müssen, wer aber hier wenig oder auch wohl nichts hatte, der wird jenseits auch wenig oder nichts zu entbehren haben und wird desto leichter und eher zu den inneren und allein wahren, lebendigen Geistesschätzen gelangen.
GEJ|7|222|11|0|Darum waren die Urväter dieser Erde so glückliche Menschen, weil sie ihre diesirdischen Lebensbedürfnisse so einfach als möglich befriedigten. Wie aber dann besonders jene Menschen, die sich in den tiefer liegenden Tälern aufhielten, Städte zu erbauen anfingen, so ist damit auch die Hoffart in sie gefahren. Sie verweichlichten, wurden träge und verfielen bald in allerlei Laster und mit ihnen in allerlei Elend. Was Gutes hatten sie davon? Sie verloren Gott aus den Augen ihrer Seelen, und alle innere Lebenskraft des Geistes verließ sie, daß sie gleich vielen von euch an kein Leben nach dem Tode des Leibes mehr glauben konnten.
GEJ|7|222|12|0|War das nicht ein gar entsetzlicher Umtausch, so man für die größere Bequemlichkeit des materiellen Lebens das Geistige so gut wie völlig verlor?
GEJ|7|222|13|0|Wer darum ein Weiser unter euch ist, der suche nun wieder das unnötigerweise zu gute und bequeme Materieleben für das reine, wahre, geistige umzutauschen, und er wird da besser tun um ein endlos Großes, als so er die größten Erfindungen machte, wie man ganz sicher und vogelschnell über alle Meere fahren kann. Einmal wird er dennoch sterben müssen! Was werden ihm dann seine großen Erfindungen für seine Seele nützen?!
GEJ|7|222|14|0|Bleibet darum bei dem, was ihr habt! Leget keinen Wert darauf, und suchet vor allem, wie ihr mehr und mehr auf dem Wege des Geistes wandeln möget, so werdet ihr dadurch die größte und beste Erfindung für die große Schiffahrt aus diesem Irdischen ins andere, jenseitige Geistige gemacht haben!
GEJ|7|222|15|0|Was sicher für ewig währt, das zu erreichen setzet alle eure Kräfte und Mittel in die vollste Bewegung; ums Irdische für den Leib aber sorget euch nur insoweit, als es vernunftgemäß nötig ist! Daß ein Mensch essen und trinken muß und seinen Leib schützen gegen Kälte und große Hitze, das ist eine ganz natürliche Sache; aber wer eben für den Leib mehr tut als für die Seele und am Ende gar für den Leib allein sorgt, dagegen für die Wohlfahrt der Seele gar nicht, die doch ewig leben soll, der ist ein wahrhaftigst blinder und überdummer Narr.
GEJ|7|222|16|0|Ja, wenn jemand seinem Leibe ein ewiges Leben wider den Willen Gottes verschaffen kann – was unmöglich ist –, der sorge sich dann bloß um die Wohlfahrt seines Leibes; sonst aber sorge er sich um das, was ewig dauern wird und muß, weil es Gott also angeordnet hat!
GEJ|7|222|17|0|So ihr das nun wohl verstanden habt, so fraget Mich nicht mehr, wie ihr eitle, irdische Dinge um ein gar Großes verbessern könntet; denn Ich bin nur darum in diese Welt gekommen, um euch die Wege zum ewigen Leben zu zeigen und fest anzubahnen, auf daß ihr sicher und leicht auf denselben fortkommen möget!‘“
GEJ|7|223|1|1|223. — Der Weg zur geistigen Vollendung
GEJ|7|223|1|0|(Der Herr:) „Als alle diese Meine Worte vernommen hatten, sagten sie unter sich: Er hat vollkommen recht, und es läßt sich Ihm da nichts einwenden; aber wir sind schon von Geburt an zu tief in die Welt hineinversenkt worden und werden uns nun von ihr schwer mehr völlig loslösen können. Nach Seiner ganz wohlbegründeten Aussage muß sich ein jeder durch seine ganz freiwillige Selbsttätigkeit aus dem materiellen Zustand in den freien geistigen überheben und kann sich dabei auf keine wunderbare Beihilfe des wahren Gottes irgendeine besondere Hoffnung machen, weil der Mensch dabei schon eine Art Nötigung seines ewig frei bleiben sollenden Willens erleiden würde. Zur puren Selbsttätigkeit aber haben Menschen unseresgleichen offenbar zu wenig Kraft, Mut, Willen und rechte, beharrliche Geduld, und so wird es jedem von uns schwer werden, auf den uns von Ihm gezeigten Wegen ohne Müdigkeit und ohne mehrfaches Umfallen fortzukommen.
GEJ|7|223|2|0|Gut wäre die Erreichung des rein geistigen Zustandes allerdings und wäre endlos mehr wert als alle Schätze der ganzen Erde; aber der Weg dazu scheint ein sehr langer und holpriger zu sein. Es wäre darum zum Schlusse etwa gar nicht überflüssig, so wir Ihn noch fragten, in einer wie langen Zeit man bei einem gewissenhaft treuen und emsigen Wandel auf Seinen angeratenen Lebenswegen in den vollen reingeistigen Zustand gelangen kann. Denn man arbeitet sicher um vieles leichter, so man sich zum voraus bei einer Arbeit dahin eine Rechnung machen kann, in welcher Zeit sie bei einem gehörigen Fleiße völlig beendet werden kann; aber an einem Werke arbeiten, bei dem man von der zu seiner Vollendung nötigen Arbeit kein Ende und so auch nicht die Zielerreichung zum voraus absehen kann, ist und bleibt eine schwere Sache. Geben wir Ihm die vorerwähnte Frage!‘
GEJ|7|223|3|0|Man gab Mir die Frage, und Ich antwortete darauf, sagend: ,Geistige Arbeiten und geistige Wege werden nicht nach Stunden und Ellen gemessen, sondern pur nach der Kraft des Willens, Glaubens und der Liebe zu Gott und zum Nächsten.
GEJ|7|223|4|0|Wer sich auf einmal so weit selbst verleugnen könnte, von aller Welt ganz abzulassen, seine Schätze – im rechten Maße – nur den Armen widmete aus purer Liebe zu Gott, und kein Wesen triebe mit dem Fleische der Weiber, der würde wahrlich in einer kürzesten Zeit schon als vollendet dastehen! Wer aber offenbar eine längere Zeit dazu vonnöten hat, um sich von allen irdischen Schlacken und Anhängseln zu reinigen, bei dem muß der allerbeseligendste Zustand der wahren geistigen Vollendung auch länger auf sich warten lassen.
GEJ|7|223|5|0|Ihr aber seid hohe Staatsmänner und müsset erfüllen euren Beruf; das aber ist vor Gott kein Hindernis, das euch davon abhalten könnte, recht zu wandeln auf den euch von Mir gezeigten Wegen, sondern das gibt euch erst recht die Mittel an die Hand, durch die ihr um so leichter und um so eher zur wahren geistigen Vollendung gelangen könnet.
GEJ|7|223|6|0|Aber haltet nicht dafür, als wäret ihr das Amt und des Amtes Ehre und Ansehen! Des Amtes Ehre und Ansehen ist das Gesetz, und ihr seid nur dessen Handlanger. So ihr aber getreu seid und gut und gerecht, so steht auch ihr selbst in der Ehre und im Ansehen des Gesetzes, und des Gesetzes Verdienst an den Menschen, die durch das Gesetz geschützt und ruhig und sicher sind, kommt dann auch euch vor Gott zugute.
GEJ|7|223|7|0|Ihr aber seid auch überaus reiche Menschen; aber auch euer großer Reichtum ist kein Hindernis zur Erreichung des rein geistigen Zustandes, wenn ihr mit demselben mit wahrer Liebe zu Gott und zum Nächsten gleich guten und weisen Vätern im Verhältnisse zu ihren Kindern wohl umgehet und bei der Unterstützung der Armen nicht karg und geizig umgehet; denn mit welchem Maße ihr eure Liebe den Armen werdet angedeihen lassen, in demselben Maße wird es euch Gott geistig allzeit und im Notfalle auch naturmäßig entgelten.
GEJ|7|223|8|0|So ihr aber meinet, daß Gott dem Menschen, der auf dem Wege zum Reiche Gottes und Leben des Geistes emsig und ernstlich fortwandelt, gar nicht helfe, so er dann und wann müde und schwach wird, da irret ihr euch bedeutend. Ich sage es euch: Wer einmal ernstlich diesen Weg betreten hat, dem wird auch ohne sein Wissen von Gott aus geholfen, daß er weiter und endlich sicher auch ans Ziel kommt.
GEJ|7|223|9|0|Gott wird die Einung der Seele mit dem Geiste aus Ihm freilich wohl nicht mit Seiner Allmacht erzwingen, aber Er wird des Menschen Herz stets mehr erleuchten und es erfüllen mit wahrer Weisheit aus den Himmeln, und der Mensch wird dadurch geistig wachsen und kräftiger werden und wird alle Hindernisse, die sich ihm zu seiner größeren Probung noch irgendwo in den Weg stellen könnten, stets leichter und zuversichtlicher überwinden.
GEJ|7|223|10|0|Je mehr Liebe ein Mensch aber zu Gott und zum Nächsten in sich wird lebendig zu fühlen anfangen, und je barmherziger er in seinem Gemüte wird, desto größer und stärker ist auch schon der Geist Gottes in seiner Seele geworden. Denn die Liebe zu Gott und daraus zum Nächsten ist ja eben der Geist Gottes in der Seele des Menschen. Wie diese zunimmt und wächst, also auch der Geist Gottes in ihr. Ist am Ende der ganze Mensch zur reinen und allerwohltätigsten Liebe geworden, so ist auch schon die völlige Einung der Seele mit dem Geiste aus Gott erfolgt, und der Mensch hat für ewig das von Gott ihm gestellte allerhöchste Ziel des Lebens erreicht.
GEJ|7|223|11|0|Gott Selbst ist in Sich ja die allerhöchste und reinste Liebe, und also ist es auch der jedem Menschen zukommende Geist aus Gott.
GEJ|7|223|12|0|Wird die Seele durch ihr freies Wollen ganz ähnlich der Liebe des Geistes aus Gott, so ist es dann ja auch klar, daß sie mit dem Geiste aus Gott in ihr eins wird. Wird sie aber das, dann ist sie auch vollendet. Nun, dafür aber läßt sich keine genaue Zeit bestimmen, sondern das muß der Seele ihr eigenes Gefühl sagen und anzeigen.
GEJ|7|223|13|0|Die wahre, reine und lebendige Liebe ist in sich höchst uneigennützig; sie ist voll Demut, ist tätig, ist voll Geduld und Erbarmung; sie fällt niemals jemandem unnötig zur Last und duldet alles gerne; sie hat kein Wohlgefallen an der Not ihres Nächsten; aber ihre rastlose Mühe ist, daß sie helfe jedermann, der einer Hilfe bedarf.
GEJ|7|223|14|0|Also ist die reine Liebe auch im höchsten Grade keusch und hat keine Freude an der Geilheit des Fleisches, aber eine desto größere Lust an der reinen Gesittung des Herzens.
GEJ|7|223|15|0|Wenn des Menschen Seele auch also beschaffen sein wird durch ihr eigenwilliges Streben und Trachten, dann ist die Seele auch schon gleich ihrem Geiste und ist also denn auch in Gott vollendet.
GEJ|7|223|16|0|Und so wisset ihr nun ganz genau, was ihr zu tun habt, um zur reingeistigen Vollendung zu gelangen. Wer sich alles dessen emsigst befleißen wird, der wird auch am ehesten vollendet werden.
GEJ|7|223|17|0|Wer sich aber emsig und ernstlich befleißen wird, diesen Weg zu wandeln, dem wird auch allzeit und höchst wahr und sicher von Gott aus geholfen werden, daß er das allerhöchste Lebensziel erreichen wird, dessen ihr alle völlig versichert sein könnet; denn kam Gott euch nun schon durch Mich zu Hilfe, wo ihr den Weg kaum von weiter Ferne hin habt dahin zu bemerken angefangen, daß es etwa einen solchen Weg geben könne, um wieviel mehr wird Er euch erst dann zu Hilfe kommen, wenn ihr auf dem Wege selbsttätig wandeln werdet! – Habt ihr das verstanden?‘
GEJ|7|223|18|0|Über diese Meine Belehrung waren alle voll Staunen, und selbst Joseph sagte: ,Also weise und wahr habe ich ihn selbst noch kaum je reden hören!‘
GEJ|7|223|19|0|Hierauf wandte er sich zu Mir und sagte: ,Aber warum hast du denn unsere Priester noch nie auf eine solche Weise belehrt? Wenn einer von ihnen hier zugegen gewesen wäre, so hätte er von dir sicher auch eine andere Meinung bekommen!‘
GEJ|7|223|20|0|Sagte Ich: ,Die Fische im Meere getraue Ich Mich eher zu bekehren denn unsere Rabbis! Ich rate dir auch, daß weder du noch Jakobus daheim von dem etwas ruchbar machet, was hier sich alles zugetragen hat, denn da hättet ihr dann eine schwere Not mit den Rabbis. Denn ihre Herzen sind verstockter als ein härtester Stein, und ihre Seelen sind um vieles unflätiger denn ein Schwein in einer stinkenden Pfütze, und lieber erbaue Ich noch tausend Schweinestallungen für die Säue der Griechen und anderer Heiden allerorten, als daß Ich ein Wort verschwenden möchte an unsere allerdümmsten, finstersten und böswilligsten Rabbis in Nazareth, Kapernaum und Chorazin! Es wird aber schon noch eine Zeit kommen, in der Ich auch alldort Meinen Mund auftun werde, – aber zu ihrem Troste nicht, sondern zum Gericht über sie, wenn ihr böses Maß voll werden wird!‘“
GEJ|7|224|1|1|224. — Die Ankunft in Nazareth
GEJ|7|224|1|0|(Der Herr:) „Mit dem war auch Joseph ganz einverstanden, und wir begaben uns darauf zur Ruhe und reisten am nächsten Morgen, von Cyrenius und etlichen seiner Diener begleitet, nach der Wohnung unseres Griechen; denn Cyrenius wollte sich von Meinem Wunderbaue bei dem Griechen überzeugen.
GEJ|7|224|2|0|In wenigen Stunden waren wir an Ort und Stelle und ersahen schon von weitem das ganz neue Wohnhaus und den ebenso neuen und großen Schweinestall. Der Grieche und Cyrenius konnten nicht genug erstaunen, sowie auch des Griechen Leute, die nicht wußten, wie möglich das in der Nacht geschehen sei.
GEJ|7|224|3|0|Ich aber gebot ihnen allen, daß sie das vor Ablauf von zehn Jahren nicht verraten sollten.
GEJ|7|224|4|0|Alle versprachen das auf das teuerste.
GEJ|7|224|5|0|Darauf aber übergab Cyrenius dem Joseph dreißig Pfunde Goldes und der Grieche hundert Pfunde Silbers.
GEJ|7|224|6|0|Joseph nahm das an zur Unterstützung der Armen, deren stets viele bei ihm die volle Barmherzigkeit fanden.
GEJ|7|224|7|0|Darauf reisten wir ab und kamen am nächsten Tage ziemlich früh wieder nach Nazareth. Wir hätten zwar noch am selben Tage bis nach Nazareth kommen können, da uns der Grieche mit seinen guten Lasttieren nach Hause befördern ließ; aber Ich wollte das nicht, da Ich schon Meinen guten Grund dazu hatte. Wir blieben darum wieder in jener Herberge, in der wir auf der Hinreise Schweinefleisch gegessen hatten.
GEJ|7|224|8|0|Als wir aber am nächsten Tage morgens in Nazareth ankamen, da fragten gleich alle über Hals und Kopf, wie es uns ergangen wäre, was wir gemacht hätten, und ob für uns bei einem Heiden auch ein erklecklicher Verdienst herausgeschaut habe.
GEJ|7|224|9|0|Maria meinte, daß für höchstens einen und einen halben Tag Arbeit der Lohn eben nicht gar zu groß ausgefallen sein werde.
GEJ|7|224|10|0|Joseph aber sagte: ,Seid alle ruhig und stille vor allem Volke hier und auch anderorts; denn das Volk ist voll Neid beim Glücke seines Nächsten! Ich werde darum mein Herz vor den wahrhaft Armen wohl nie verschließen, und es soll mein alter Ruf mir dahin verbleiben, den jedermann also kennt: ,Wem sonst niemand hilft, dem hilft noch immer der alte, arme Joseph mit dem Wenigen, das er sich selbst schwer und redlich verdient!‘ Aber diesmal war Gott vollauf mit uns! Wir haben Wunder gewirkt und uns eine große und schwere Summe Goldes und Silbers verdient. Aber saget davon dem Volke ja nichts – und schon am allerwenigsten den Priestern! Aber es soll hier nun um so mehr heißen: ,Der alte Joseph hilft noch immer mehr den Armen!‘‘
GEJ|7|224|11|0|Als alle Anwesenden diese Worte Josephs vernommen hatten, beherzigten sie dieselben, und Maria, Meines Leibes Gebärerin, sagte dazu: ,Deine Worte, o Joseph, sind gut und wahr und werden von uns befolgt werden, gleich, als wären sie ein Gebot Gottes; aber das könnet ihr drei uns denn ja doch mitteilen, was ihr in der kurzen Zeit für einen Wunderbau bei dem Heiden ausgeführt habt, daß ihr darum so viel Goldes und Silbers erhalten habt!‘
GEJ|7|224|12|0|Sagte Joseph: ,Liebe Mutter, ich habe es euch ja gesagt, daß diesmal Gott wunderbar mit uns war! Was aber da sonderheitlich sich alles zugetragen hat, das werdet ihr gelegentlich schon noch und auch zur rechten Zeit erfahren. Jetzt aber trachtet, daß wir etwas zu essen und zu trinken bekommen; denn heute haben wir noch nichts zu uns genommen, indem wir uns schon mit dem ersten Grauen des heutigen Tages auf dem Wege befanden!‘
GEJ|7|224|13|0|Darauf eilte die Mutter mit ihren Helferinnen in die Küche, und es ward alsbald an der Bereitung eines guten Morgenmahles gearbeitet. Joseph aber brachte unterdessen das viele Geld in Verwahrung.
GEJ|7|224|14|0|Als das Mahl aber bereitet war und wir uns zu Tische gesetzt hatten, um dasselbe zu verzehren, da kam auch schon ein alter Rabbi aus der Stadt und erkundigte sich, wo wir gewesen wären, was wir gearbeitet und wieviel wir verdient hätten. Das aber wollte der habsüchtige Rabbi darum wissen, weil er von unserem Verdienste einen gewissen Opferpfennig zu beanspruchen hatte, wie das in ganz Galiläa die dumme Sitte ist.
GEJ|7|224|15|0|Joseph aber ward darob ärgerlich und sagte: ,Du kennst mich, daß ich noch allzeit meiner Pflicht treuest nachgekommen bin, und ich werde auch diesmal nicht ausbleiben; aber es ist mir das nun wahrlich ärgerlich, daß du vor Habgier daheim nicht so lange warten konntest, bis ich ohnehin, wie allzeit, selbst zu dir gekommen wäre. Wer verriet denn dir, daß ich mit Jesus und Jakobus auf eine Arbeit gegangen war?‘
GEJ|7|224|16|0|Sagte der Rabbi: ,Du warst kaum abgereist, da kam ich auf einen altgewohnten freundlichen Besuch zu dir heraus; und da hieß es, daß du mit deinen zwei Söhnen auf eine Arbeit ziemlich weit über Land gegangen seist, aber da die Arbeit nicht etwa gar zu groß sein werde, nach drei Tagen wieder nach Hause kommen werdest. Und siehe, so bin ich denn nun auch deshalb herausgekommen, um dich wiederzusehen und mir von dir so manches erzählen zu lassen, wie es irgend anderorts zugeht, und was es daselbst etwa Neues und Denkwürdiges gibt! Aber darum, was du meinst, bin ich nicht herausgekommen! Denn bei einer kaum anderthalb Tage andauernden Arbeit wirst du ohnehin nicht so viel verdient haben, daß davon der Opferpfennig von irgendeiner Bedeutung sein könnte. Und wenn du davon schon irgend etwas der Synagoge willst zukommen lassen, so brauchst du uns ja ohnehin in Barem nichts zu geben, weil wir mit dir ja ohnehin noch für die letzte Arbeit in Schuldrechnung stehen! Und so brauchst du, alter Freund, mir darum ja nicht gram zu werden, wenn ich dich heute früher als gewöhnlich besucht habe!‘
GEJ|7|224|17|0|Sagte Joseph: ,Darum bin ich wahrlich weder dir noch jemand anderem gram, sondern darum nur, weil du mich sonst nicht leichtlich je besuchtest als nur dann, wenn du vernommen hattest, daß ich entweder auf eine Arbeit hinausgehe oder von einer Arbeit wieder heimkomme. Ihr seid mir aber für meine euch gelieferten Arbeiten noch ein ziemliches Sümmchen schuldig, möchtet mir aber gerne sobald als möglich mit meinen euch allzeit zu zahlenden Opferpfennigen auch bald nichts mehr schuldig sein; darum erkundiget ihr euch denn auch so emsig, was ich für eine Arbeit hatte, und wieviel ich mir verdient habe. Wenn ich nun sicher wieder vielleicht einen ganzen Monat hindurch außerm Hause keine Arbeit haben werde, da wirst du sicher auch nicht einmal zu mir herauskommen!
GEJ|7|224|18|0|Oh, glaube es mir, daß ich es bei mir allzeit genau weiß, welches Geistes Kind der eine oder der andere meiner Freunde ist! Aber es macht mir das nichts; denn ich werde darum dennoch niemals gegen einen meiner Freunde hinterlistig sein. Und so sage ich dir auch diesmal, daß ich mir bei dieser Arbeit gerade so viel verdient habe, daß die euch davon zu entrichtenden Opferpfennige gerade so viel ausmachen, als wieviel ihr mir nach meiner stets billigsten Rechnung schuldet; und so magst du daheim die ganze Schuld streichen!‘
GEJ|7|224|19|0|Als der Rabbi das vernommen hatte, da wurde er ganz heiteren Angesichtes und sagte: ,Oh, das war gut! Mir als dem Obersten der Synagoge fiel nun ein schwerer Stein vom Herzen! Wir haben nun schon wieder eine ganz bedeutende Arbeit in Bereitschaft, und ich werde dir noch heute davon das Nähere kundmachen. Jetzt aber will ich dich auch keinen Augenblick länger mehr stören!‘
GEJ|7|224|20|0|Hierauf erhob sich der Rabbi aber auch sogleich und ging eiligst wieder nach der Stadt.“
GEJ|7|225|1|1|225. — Der Tod des Rabbi
GEJ|7|225|1|0|(Der Herr:) „Darauf aber sagte Ich, als wir zu essen begannen: ,Oh, wie ist der Mensch doch gar so entsetzlich blind! Was werden ihm die etlichen hundert Pfennige noch nützen? Denn heute noch, und das in einer Stunde, wird er sterben! Dann aber wird ein etwas Besserer an seine Stelle kommen; der wird uns aber die Arbeit zahlen, sowie auch wir ihm die Opferpfennige nicht vorenthalten werden.‘
GEJ|7|225|2|0|Sagte Maria: ,Bist du, mein lieber Sohn, nun wieder hellsehend geworden?‘
GEJ|7|225|3|0|Sagte Ich: ,Ich habe das zu sein nie aufgehört! Nur für Nazareth und seine finstere Umgebung bin Ich stumm; denn wo es keinen Glauben gibt, da gibt es auch keinen wahren Verstand und kein Licht. Darum verratet Mich nicht! Wenn ihr aber nach ein paar Stunden in der Stadt werdet das Klagen und bezahlte Weinen vernehmen, so eilet nicht voll Neugier in die Stadt gleich den andern blinden Menschen, sondern bleibet daheim, weil ihr nun schon wisset, um was es sich handeln wird! Wenn aber die Nachricht herausgebracht wird, so saget: ,Gegen den Willen Gottes kann kein Sterblicher kämpfen! Gott hat es also angeordnet, und es nützt dagegen kein Klagen, Heulen und Weinen!‘ Bis aber die Nachricht kommen wird, können wir offen arbeiten; nach der Nachricht aber lassen wir die gebotenen drei Tage ab von der offenen Arbeit und begeben uns nach Kapernaum. Am See werden wir eine Arbeit bis zum Sabbat hin finden!‘
GEJ|7|225|4|0|Sagte Joseph: ,Das ist alles recht gut; aber was werden die lautmäuligen Nazaräer dazu sagen?‘
GEJ|7|225|5|0|Sagte Ich: ,Diese Narren sollen sagen, was sie wollen; wir aber tun, was Ich euch soeben angeraten habe, und es wird dann schon also gut sein!‘
GEJ|7|225|6|0|Auf diese Meine Worte erwiderte niemand mehr etwas, und wir machten uns nach dem Morgenmahle sogleich an eine kleine Arbeit, und zwar an die Verfertigung eines Getreidekastens für einen Nachbar.
GEJ|7|225|7|0|Nach drei Stunden aber kam schon ein schwarzer Bote aus der Stadt und brachte uns die Nachricht: ,Der Rabbi-Oberste ist vor einer Stunde in der Synagoge vom Schlage Jehovas berührt worden und blieb sogleich völlig tot. Alle Wiederbelebungsversuche blieben erfolglos. Der Rabbi-Oberste ist demnach wirklich tot. Wir aber haben uns darum von nun an durch volle drei Tage der offenen Arbeit zu enthalten!‘
GEJ|7|225|8|0|Sagte Ich: ,Nur zwei Tage, weil der dritte ohnehin ein Sabbat ist!
GEJ|7|225|9|0|Da korrigierte sich auch der Bote und sagte: ,Ja ja, also nur zwei Tage!‘ Und er ging darauf weiter.
GEJ|7|225|10|0|Wir aber machten uns bald darauf auf den Weg nach Kapernaum und fanden dort in der euch schon bekannten Herberge am See noch am selben Tage eine gute Arbeit, die wir bis zum Sabbat hin fertig machten, wobei wir uns hundert Groschen verdienten. Den Sabbat hindurch aber blieben wir noch in Kapernaum am See und befanden uns ganz wohl und heiter dabei. Erst am Sonntag kehrten wir wieder heim und vernahmen von unseren Hausleuten allerlei, wie es da zugegangen sei, und daß da viele nach Joseph gefragt und sich gewundert hätten, daß der sonst so fromme Mann bei dem Begräbnisse des Obersten nicht zugegen gewesen wäre.
GEJ|7|225|11|0|Ich aber fragte sie, ob sie den also Redenden wohl auch das gesagt hätten, was zu sagen Ich ihnen angeraten habe, und was die andern darauf erwidert hätten.
GEJ|7|225|12|0|Da sagte eine Magd: ,Als wir sie also vertrösteten, gaben sie uns recht und gingen weiter.‘
GEJ|7|225|13|0|Sagte Ich: ,Also war es recht, – die Wahrheit verfehlt ja niemals ihr gutes Ziel! Wir aber haben so viel verdient am See, wie der Oberste uns für die ihm gelieferte Arbeit schuldete, und so ist auch das nun ausgeglichen! Wir können nun ruhig den Getreidekasten für den Nachbar fertigmachen.‘
GEJ|7|225|14|0|Wir gingen darauf gleich an die Arbeit, was dem Joseph sehr recht war, da er den Kasten schon gerne fertig gehabt hätte, dieweil der Nachbar seiner auch schon sehr benötigte. Es war aber mit diesem Kasten ein eigenes Ding. Sooft wir an demselben zu arbeiten anfingen, kam sicher etwas also vor, daß wir bei dieser Arbeit entweder aufgehalten oder in derselben tagelang unterbrochen wurden. Und es meinte darum Joseph, daß das von irgendeinem bösen Geiste herrühre, und wir sollten uns von ihm nun nimmer stören lassen und so lange fortarbeiten, bis der Kasten endlich völlig fertig sei. Wir tummelten uns denn auch nach Kräften, und es waren nachmittags am Kasten nur noch etliche Latten anzupassen. Und seht, es ward eines etwas entfernteren Nachbars Haus brennend! Wir mußten der drohenden Gefahr wegen unsere Arbeit schnell verlassen und des möglichen Löschens wegen zum Feuer eilen.
GEJ|7|225|15|0|Hier sagte Joseph abermals: ,Sagte ich nicht recht, daß es mit dem Getreidekasten offenbar eine bösgeistige Bewandtnis habe?! Bevor wir noch die wenigen Latten anpassen konnten, muß ein Haus zu brennen anfangen, damit wir heute ja ganz bestimmt den Kasten nicht fertig machen können! Sage du, mein liebster Jesus, es mir, was du davon hältst!‘
GEJ|7|225|16|0|Sagte Ich: ,Das sicher nicht, was du eben davon hältst, obwohl auch an deinem Dafürhalten etwas gelegen ist! Es hat unser Nachbar, dem der Kasten gehört, einen bösen Knecht, dem der alte Kasten lieber ist, aus dem er nach seinem Belieben Getreide entwenden kann, um es dann heimlich zu seinem Vorteil an vorüberziehende Getreidemakler zur Nachtzeit zu verkaufen. Obwohl wir zumeist durch andere Zwischenfälle von der Hausarbeit abgehalten worden sind, so war aber andernteils auch der böse Knecht mehrmals schuld daran, daß wir an der Kastenarbeit aufgehalten worden sind. Auch jetzt ist er schuld am Brande jenes Hauses, obschon er nun selbst am allerfleißigsten mit dem Löschen des Brandes beschäftigt ist.
GEJ|7|225|17|0|Heute in der Nacht möchte er seinem Herrn noch mehrere Malter Gerste entwenden, weil das Getreide schon morgen in den bestens abzusperrenden neuen Kasten gebracht werden soll. Er merkte aber, daß wir noch ein paar Stunden vor dem Abende mit dem Kasten fertig sein würden und sein Herr dann auch sogleich von dem Kasten Gebrauch machen dürfte. Da ging er hin zu diesem Nachbar, der mit allen seinen Leuten auf dem Felde arbeitete, und zündete ihm sein Haus an, damit wir nur heute noch nicht den Kasten fertig brächten.
GEJ|7|225|18|0|Und siehe, du Joseph, das ist also auch richtig und wahr ein böser Geist, der uns oftmals auf dem Boden des Nachbarn an der Arbeit des Kastens hinderte; doch so manche andern Zwischenfälle waren ganz natürlicher Art und waren zugelassen von Gott.
GEJ|7|225|19|0|Der Tod des Rabbi-Obersten aber lag vollkommen im Willen des Herrn; denn dieses Rabbis geheime Betrügereien an Armen, Witwen und Waisen sind schreiend geworden bis in den Himmel. Jetzt weißt du, wie sich die Sachen verhalten; aber behalte alles bei dir, und ärgere dich darum nicht!‘
GEJ|7|225|20|0|Sagte Joseph: ,Aber den bösen Knecht müssen wir doch sogleich dem Gericht überliefern?!‘
GEJ|7|225|21|0|Sagte Ich: ,Das wird nicht gehen, weil du niemanden hast, der ihn bei der Tat ergriffen hätte; Mein Zeugnis allein aber würde vor den Richtern soviel wie nichts gelten, und der Knecht könnte uns dann als offene Verleumder vors Gericht bringen. Lassen wir darum das! Gott aber, der alles sieht und weiß, wird dem bösen Knechte schon ohnehin bald den Lohn zukommen lassen, den er sich verdient hat!‘“
GEJ|7|226|1|1|226. — Der Brand im Nachbarhause
GEJ|7|226|1|0|(Der Herr:) „Sagte weiter während des fleißigen und ausgiebigen Löschens Joseph geheim zu Mir: ,Hast du über dieses alles verheerende Element nicht auch eine gleiche Macht wie über Winde und Wasser?‘
GEJ|7|226|2|0|Sagte Ich: ,Ich weiß wohl, was du nun wünschest; aber es ist das hier noch nicht so recht an der Zeit! Der böse Knecht soll sich nun nur abmühen, bis ihm vor Angst ordentlich das Hören und Sehen vergeht! Er wird sich bald sehr beschädigen durch einen Fall und wird unter großen Schmerzen davongetragen werden. Dann erst werde Ich durch Meinen Willen dem Brand ein völliges Ende machen. So viel aber wirke Ich jetzt schon, daß die Flammen dem Hause keinen besonderen Schaden zufügen können. – Nun aber gib acht, was nun geschehen wird!‘
GEJ|7|226|3|0|Es kamen nun eine Menge Menschen aus der Stadt, mehr aus Neugierde und Spektakelsucht als darum, daß sie sich an der Löschung des Brandes beteiligten. Der eifrige Knecht aber fing an, die Angekommenen zum Löschen zu nötigen, und beschimpfte auf eine rohe Art jene, die ihm nicht sogleich Folge leisteten. Die Beschimpften aber wurden voll Zorn, ergriffen den Knecht und stießen ihn mit aller Gewalt auf einen Haufen brennender Dachbalken.
GEJ|7|226|4|0|Der Knecht brach sich dabei einen Arm und bekam im Gesicht mehrere Brandwunden, so daß er darum vom Platze getragen werden mußte, und Ich sagte zu Joseph: ,Siehe, der hat seinen Lohn schon, der am Ende aus ihm noch einen besseren Menschen machen wird; Ich aber will nun, daß der Brand ein Ende nehme!‘
GEJ|7|226|5|0|Als Ich das, nur von Joseph gehört, ausgesprochen hatte, da erlosch das Feuer auch schnell derart, daß am und im Hause kein glühender Funke zu finden war. Also zeigte sich am Hause auch kein anderer Schaden als der am Dache, das natürlich über die Hälfte völlig verbrannt war. Aber da sich unter dem Dache eben nichts befand, das von den Flammen hätte zerstört werden können, so war der Schaden eben kein großer zu nennen, und wir bekamen wieder eine Arbeit, die wir aber dem an seinem Unglück schuldlosen Nachbar völlig umsonst leisteten und ihm noch das nötige Material dazu gaben.
GEJ|7|226|6|0|Es entstand aber unter dem Volke ein großes Verwundern darüber, daß das Feuer auf einmal so ganz erlosch, daß man nirgends auch nicht einmal ein Fünklein antreffen konnte, auch kein Rauch irgendwo mehr aufstieg und dazu noch die verkohlten Balken völlig kalt anzufühlen waren. Viele sagten, daß das ein offenbares Wunder sei. Andere wieder meinten, daß dies eine Folge der letzten Begießung mit schmutzigem Wasser gewesen sei. Andere wieder sagten, Gott habe die Bitte eines Gerechten erhört, und das könne niemand anders sein als eben der Knecht, den die heillose Wut einiger beleidigter Müßiggänger in den Brand stieß.
GEJ|7|226|7|0|Unser Nachbar aber, für den wir den Kasten bauten, sagte zu Joseph: ,Die Ursache des so plötzlichen Erlöschens des starken Brandes seid ihr, und ganz besonders dein jüngster Sohn! Denn ich habe seit seiner Jugend an ihm gar oft so manches Wunderbare beobachet, besonders wenn er so ganz allein war; da spielte er mit den Elementen und Kräften der Natur. Vor den Augen der Menschen aber ließ er von seiner inneren Fähigkeit schon seit mehr denn acht Jahren nichts mehr merken und tat und arbeitete wie ein anderer Mensch.
GEJ|7|226|8|0|Ich aber beobachtete ihn, wie er einmal ganz allein einen großen Zehreichbaum fällte. Unsereiner hätte mit dem Fällen eines solchen Baumes, der gut fünf- bis sechshundert Jahre Alters hatte, wohl einige Tage zu tun gehabt; er aber setzte kaum die Axt an die Wurzel, und der Baum fiel. Darauf wurde er ebenso schnell seiner dicken Äste entledigt. Die Äste zogen sich selbst auf die Seite und lagen ebensobald gescheitet beisammen, wie man sie nur in der besten Ordnung zusammenlegen kann. Der Stamm aber wurde darauf ins Geviert behauen; aber auch mit dem Behauen ging es ebenso schnell her wie zuvor mit der andern Arbeit und also zuletzt auch noch mit dem Verkleinern und Zusammenlegen der vom Stamme getrennten Scheite. Kurz und gut, die ganze Arbeit dauerte kaum eine halbe Stunde. Als er mit der Arbeit fertig war, nahm er die Axt und ging nach Hause, und gab dir an, daß der Eichbaum zum Bau völlig hergerichtet sei; du allein sollest ihn besichtigen, aber den andern Brüdern vorderhand davon keine Erwähnung machen.
GEJ|7|226|9|0|Siehe, das und mehreres habe ich so manches Mal an ihm bemerkt und bin darum auch jetzt fest der Meinung, daß er nun auch den Brand so schnell gelöscht hat! Was sagst du, Bruder, dazu?‘
GEJ|7|226|10|0|Sagte Joseph: ,Ja ja, du hast da schon ganz recht, und es wird sich die Sache schon also verhalten; aber was du nun glaubst und weißt, das behalte bei dir, ansonst wir bald allerlei Anstände mit den Synagogiern bekommen würden, was mir sehr unlieb wäre! Ich weiß die Geschichte mit dem Eichbaum noch gar wohl – und noch so manches, besonders in diesen letzten Tagen; aber wir müssen darüber schweigen, weil wir sonst seinen zukünftigen Plänen und Absichten mehr schaden als irgend nützen würden. – Verstehe das, lieber Freund, wohl, und handle danach, so wirst du wohl tun!‘
GEJ|7|226|11|0|Hierauf gingen wir von der Brandstätte wieder nach Hause und begaben uns bald zur Ruhe, da wir an diesen Tagen viel gearbeitet hatten.
GEJ|7|226|12|0|Am nächsten Tage, als am Montag, machten wir schnell den gewissen Kasten schon vor Sonnenaufgang fertig und gingen nach dem Morgenmahle gleich zu dem Nachbar, dem das Haus durchs Feuer bescädigt worden war. Und er bat uns, daß wir ihm sein stark beschädigtes Haus wieder herstellen möchten.
GEJ|7|226|13|0|Da sagte Ich zu ihm: ,Wenn du schweigen könntest und all dein Hausgesinde, auch das Weib und die Kinder, nur eine Stunde lang vom Hause entfernen könntest, so könntest du sehen die große Herrlichkeit Gottes! Dein Haus soll dann bald in der Ordnung sein!‘
GEJ|7|226|14|0|Sagte der Nachbar: ,Ich werde schweigen wie eine Mauer, und auch meine Leute werde ich nun aufs Feld hinaussenden, wo sie alle zu arbeiten haben, und ihr könnet dann machen, was euch gefällig ist!‘
GEJ|7|226|15|0|Sagte Ich: ,Gut also; tue das, und Ich werde dann das Meinige tun!‘
GEJ|7|226|16|0|Darauf beorderte der Nachbar sogleich seine Leute hinaus, und wir waren allein und ohne Zeugen.
GEJ|7|226|17|0|Als wir so dastanden und der Nachbar Mich fragte, was Ich nun beginnen werde, sagte Ich: ,Dein Haus soll nun auf eine für dich ganz wundersame Weise hergestellt werden! Es ist dir noch von den früheren Jahren her bekannt, daß es Mir gegeben ist, so manches Wunderbare durch Meinen Willen zu bewirken, Ich aber habe in der Zeit seit Meinem zwölften Altersjahre offenbar nichts mehr gewirkt wegen der großen Schlechtigkeit der Menschen und wegen ihres vollen Unglaubens. Du aber gehörst noch zu der kleinen Zahl der Gerechten und glaubst, was Ich dir sage, und so sollst du nun wieder einmal erfahren, was die Kraft und Herrlichkeit Gottes im Menschen vermag. Sieh nun an dein starkbeschädigtes Haus! Ich, Joseph und Meine Brüder werden keine Axt in die Hand nehmen, und dennoch wird dein Haus gut und haltbar hergestellt werden!‘
GEJ|7|226|18|0|Sagte der Nachbar: ,Ganz gut, du mein junger Freund, das glaube ich fest, daß dir das alles möglich ist; aber wie du siehst, habe ich noch kein Baumaterial! Wo werden wir das nun wohl hernehmen und von woher das Geld und allfällige noch andere Mittel, um das Material anzukaufen und dann herzustellen?‘
GEJ|7|226|19|0|Sagte Ich: ,Ich habe davon schon gestern also geredet, daß wir dir ohne Entgelt helfen werden, auch mit dem Material, und so hast du dich nun um nichts Weiteres mehr zu kümmern! Sieh nun nur dein Haus noch einmal an, wie es mit dem halbverbrannten Dache, gar kläglich anzusehen, dasteht! Aber Ich will es, daß es nun augenblicklich besthergestellt dastehen soll! Und sieh, wo ist nunmehr auch nur die geringste Schadhaftigkeit an deinem Hause zu bemerken?‘
GEJ|7|226|20|0|Der Nachbar erstaunte nun über alle Maßen und sagte: ,Ja, du mein junger Freund, das ist wahrlich Gottes Macht und Herrlichkeit! Ehre darum Gott in der Höhe, daß Er dem Menschen solche Kraft und Herrlichkeit gegeben hat!‘“
GEJ|7|227|1|1|227. — Die Barmherzigkeit einiger Bürger
GEJ|7|227|1|0|(Der Herr:) „Als der Nachbar aber noch Gott also pries und lobte, da kamen ein paar noch bessere Bürger aus der Stadt und wollten dem Nachbarn eine kleine Wohltat zukommen lassen.
GEJ|7|227|2|0|Als sie aber das Haus völlig hergestellt sahen, da sagten sie (die Bürger): ,Oh, siehe, da ist uns der alte Joseph zuvorgekommen! Ihr müsset ja mit allen Kräften und Mitteln die ganze Nacht hindurch gearbeitet haben, daß ihr nun das schon also vollkommen hergestellt habt, wie wir es früher noch nie vollkommener gesehen haben! Ja, ja, unser Joseph ist aber auch ein Baumeister, wie es in ganz Galiläa keinen zweiten gibt! Was aber wird da unser Joseph für eine so schnelle und vollendet gute Arbeit wohl verlangen? Was er verlangt, das wollen wir dir geben.‘
GEJ|7|227|3|0|Sagte Joseph: ,Ich verlange aber nichts, und so brauchet ihr mir auch nichts zu geben. Gebet aber das andern Armen, und es wird das besser sein, als so ihr das nach der alten Sitte wieder in die Synagoge traget!
GEJ|7|227|4|0|Sagte der eine von den beiden: ,Man soll aber ein wohlgemeintes Gut dennoch stets einem Gotteshause zuwenden, wenn der, dem es vermeint (zugedacht) war, es nicht annehmen will oder kann!‘
GEJ|7|227|5|0|Sagte Joseph: ,Ja, ja, also lautet freilich wohl eine neue Tempelsatzung; aber Moses selbst hat uns nur das ans Herz gelegt, daß wir mit unserem Überflusse vor allem für die Armen, Witwen und Waisen sorgen sollen! Von einer Versorgung irgendeines Bet- und Lehrhauses hat Moses eben nicht irgend gesprochen, außer daß er für den Stamm Levi den Zehent bestimmt hat. – Ist es nicht also?‘
GEJ|7|227|6|0|Sagten die beiden: ,Ja, ja, da sollst du auch recht haben! Aus den neuen Satzungen sieht zu viel Habsucht des Tempels heraus, die Gott sicher niemals angeordnet hat, da Er doch zu allen Menschen gesagt hat: ,Du sollst nicht begehrend trachten nach dem, was deines Nächsten ist!‘ Die Priester aber begehren gleich alles, was sie bei uns sehen, und sagen, daß es um vieles verdienstlicher sei, dem Tempel zu opfern, als irgend andere Guttaten auszuüben. Das aber kann nicht Gottes Wort sein, da es von Ihm her nur heißt, daß man seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll. Wir werden sonach das diesem Freunde Vermeinte (Zugedachte) geheim den Armen zukommen lassen.‘
GEJ|7|227|7|0|Sagte Ich: ,Da werdet ihr sehr wohl tun! Aber so ihr das tun wollet, da geht in die Nähe von Kapernaum! Am See werdet ihr eine arme Fischerhütte antreffen. Der Besitzer heißt Simon Juda und hat ein Unglück gehabt bei seinem Fischergeschäfte, so daß er sich nun nicht leicht wieder aufhelfen kann. Denn es hat ihm ein böser Mensch sein ganzes Fischereigerät entwendet, und er hat nicht, daß er sich ein neues anschaffen könnte, und darbt darum sehr mit seiner Familie. Da er sonst ein Mensch ist, der allzeit vor Gott und vor allen Menschen gerecht gewandelt hat – was Mir gar wohl bekannt ist –, so tut ihr da ein wahrhaft gutes Werk, wenn ihr diesem Mann ein Opfer bringet!‘
GEJ|7|227|8|0|Als die beiden das vernahmen, da sagten sie: ,Ah, den Mann kennen wir gar wohl und wissen auch, daß er ein sehr gerechter und billiger Mensch ist; aber das wußten wir nicht, daß er sich in so schlechten Umständen befindet! Ah, da werden wir nun sogleich dahin gehen und ihm helfen!‘
GEJ|7|227|9|0|Da empfahlen sich die beiden Bürger und eilten zu dem Fischer und gaben ihm ein hinreichendes Geld, mit dem er sich vollkommen als Fischer hat einrichten können.
GEJ|7|227|10|0|Und hier unter uns sitzt aber als nun Mein Jünger derselbe Fischer, dem vor zehn Jahren durch Meinen Rat geholfen worden ist!“
GEJ|7|227|11|0|Sagte Petrus: „Ja, Herr, das ist mir wahrlich begegnet!“
GEJ|7|228|1|1|228. — Im Walde des Nachbarn
GEJ|7|228|1|0|Ich wollte nun mit der langen Erzählung enden; aber unser Agrikola bat Mich, daß Ich noch mehreres aus Meiner Jugendzeit kundgeben solle.
GEJ|7|228|2|0|Und Ich sagte: „So höret Mich denn noch eine kurze Zeit an!
GEJ|7|228|3|0|Die beiden Bürger sind sonach abgereist, und wir sagten zu unserem Nachbar: ,Du bist nun völlig wieder in der alten Ordnung; aber das Wunder behalte bei dir so lange, bis eine Zeit kommen wird, in der du es mit Nutzen auch andern Menschen wirst mitteilen können!‘
GEJ|7|228|4|0|Sagte der Nachbar: ,Was werde ich aber meinen Leuten sagen, so sie abends nach Hause kommen und auch darob sicher voll Staunen werden, so sie das ganze Haus werden ganz hergestellt erschauen?‘
GEJ|7|228|5|0|Sagte Ich: ,Von Deinen Leuten, die ohnehin keine Glaubenshelden sind und an alles eher als an ein Wunder glauben, wirst du nicht viel gefragt werden, wie das Haus in solch kurzer Zeit wieder hergestellt worden ist; denn sie werden meinen, daß wir mit allem Fleiß und Eifer daran gearbeitet und es sonach auch leicht in einem Tage wieder hergestellt haben. Dein Weib hat sich ja selbst schon gar oft dahin geäußert, daß die Zimmerleute ein Haus ganz leicht in ein paar Tagen fertig bauen könnten, wenn sie fleißiger bei der Arbeit wären. Nun, wir waren aber diesmal sehr fleißig, und so soll dein Weib unterdessen einmal recht haben!‘
GEJ|7|228|6|0|Mit diesem Rate war der Nachbar auch vollkommen zufrieden, und wir verließen ihn und gingen wieder nach Hause und ruhten allda bis gen Mittag. Wir nahmen da unser Mittagsmahl ein und berieten uns, was wir, da keine Arbeit vorlag, am Nachmittag machen sollten.
GEJ|7|228|7|0|Joses, der älteste Sohn Josephs, meinte, daß wir irgendwohin eine Arbeit suchen gehen könnten.
GEJ|7|228|8|0|Ich aber sagte: ,Wir wollen aber, da es in dieser Umgegend noch andere Zimmerleute gibt, die auch arbeiten und leben wollen, ihnen nicht vorgreifen! Die Menschen kennen uns und unsere Arbeiten schon ohnehin und werden auch kommen, so sie unser benötigen werden; aber irgend aufdrängen werden wir uns ihnen nicht!
GEJ|7|228|9|0|Wenn wir doch schon etwas tun wollen, so begeben wir uns in den Wald unseres nächsten Nachbarn, der nur eine kleine halbe Stunde von hier entfernt ist, und wir werden dort schon eine Arbeit für heute nachmittag finden!‘
GEJ|7|228|10|0|Hier meinte Joseph, daß das wohl sein könne, obschon er von seiten des Nachbars noch keinen Auftrag dazu habe.
GEJ|7|228|11|0|Sagte Ich: ,Das überlasset nur ganz Mir! Der Auftrag liegt schon lange geheim in seinem Herzenswunsch, und wir werden ihn selbst im Walde finden, wo er mit sich Rat halten wird, wie er die zehn alten Zedern zum Bau einer neuen Scheune zurichten könnte. Er wollte in dieser Woche die Zedern durch seine drei Knechte fällen lassen und dich dann erst anreden, daß wir sie zum Bau herrichteten; aber da nun sein vermeintlich bester und erster Knecht sehr krank darniederliegt, so macht ihm das noch sehr viele Gedanken, wie, wann und durch wen er seine zehn Zedern wird zum Bau herrichten können.
GEJ|7|228|12|0|Er hat an Mich schon mehrere Male seitdem gedacht, als Ich die gewisse Eiche zugerichtet habe; aber er hat den Mut nicht, Mich oder dich darum anzureden. Wenn wir ihm aber heute in dieser Hinsicht aus unserem eigenen Antriebe zu Hilfe kommen werden, so wird ihm das sicher um so willkommener sein. Wir können uns deshalb sogleich auf den Weg machen!‘
GEJ|7|228|13|0|Sagte Joseph: ,Welche Werkzeuge nehmen wir denn mit uns?‘
GEJ|7|228|14|0|Sagte Ich: ,Wir benötigen nur einer Axt und einer Säge, und wir reichen damit vollkommen aus!‘
GEJ|7|228|15|0|Nach dem nahmen wir die Axt und die große Säge und machten uns auf den Weg.
GEJ|7|228|16|0|Maria meinte freilich, wie es denn komme, daß wir so selten daheim bleiben könnten.
GEJ|7|228|17|0|Ich aber sagte: ,Weil wir daheim nichts zu tun haben! Wenn wir daheim etwas zu tun haben, dann bleiben wir auch daheim; du aber hast daheim stets recht viel zu tun, und es ist demnach denn auch gut, daß du mehr daheim bleibest denn wir!‘
GEJ|7|228|18|0|Darauf sagte sie nichts mehr, und wir gingen und kamen auch bald an die Stelle, wo unser Nachbar ganz allein seine Zedern betrachtete und hin und her simulierte, wie er mit ihnen ehest fertig werden könnte.
GEJ|7|228|19|0|Auf einmal ersah er uns, ging allerfreundlichst auf uns zu, und sagte zu Joseph (der Nachbar:) ,O Bruder, du kommst mir nun wie tausend Male gerufen! Du weißt, daß mir eine neue Scheune ebenso not tut, wie mir der neue Getreidekasten not getan hat. Da wäre das schönste Bauholz dazu, wie man weit und breit kein schöneres findet! Aber das Herrichten dieses Holzes ist eine Sache, die mir schon viel Kopfzerbrechen gemacht hat! Ich habe wohl schon dabei gar oft an dich gedacht; aber das Umfällen dieser kolossalen Bäume ist denn doch keine Arbeit für einen Baumeister und seine Meistersöhne. Darum getraute ich mich dir gegenüber auch bis jetzt noch nichts davon zu erwähnen, obschon wir schon einige Male bloß von der Notwendigkeit einer neuen Scheune miteinander gesprochen haben. Da ihr aber nun gerade dazugekommen seid – sicher darum diesen Weg nehmend, weil ihr etwa im Gebirge eine Arbeit habt, so will ich mich nun ganz kurz mit euch beraten, was da zu machen wäre.‘
GEJ|7|228|20|0|Sagte Joseph: ,Du irrst dich, wenn du meinst, daß wir nun auf dem Wege zu einer Arbeit irgend im Gebirge sind! Wir sind gerade deinetwegen hierher gekommen, um dir das zu tun, wozu du mich anzureden dir nicht getrautest!‘
GEJ|7|228|21|0|Als der Nachbar das vernahm, wurde er über die Maßen froh und fing sogleich wegen des Lohnes mit Joseph an zu reden.
GEJ|7|228|22|0|Joseph aber sagte: ,Wenn die Scheune fertig sein wird, dann werden wir erst wegen des Lohnes reden! Nun aber laß uns nur gleich Hand ans Werk legen; denn der Tag wird noch einige Stunden währen, und wir können noch so manches richten!‘
GEJ|7|228|23|0|Sagte der Nachbar: ,Tut nach eurer Kunst und Wissenschaft; denn was ihr oft in kürzester Zeit vermöget, das ist mir nur zu bekannt, besonders dein jüngster Sohn! Aber davon rede ich nun nichts Weiteres!‘
GEJ|7|228|24|0|Sagte Ich: ,Glaubst du an Meine innere Kraft und Allgewalt?‘
GEJ|7|228|25|0|Sagte der Nachbar: ,Meister, wie sollte ich daran etwa nicht glauben, da ich doch schon so viele Beweise davon habe?!‘
GEJ|7|228|26|0|Sagte Ich: ,Nun gut denn also! Aber sehet alle zu, daß ihr Mich nicht ruchbar machet vor der rechten Zeit! Wann aber diese kommen wird, werdet ihr es von Mir schon erfahren. Nun aber gebet Mir die Axt, damit Ich sogleich diese zehn Bäume fälle!‘
GEJ|7|228|27|0|Ich nahm nun die Axt und hieb mit jedem Schlag einen Baum um, mit dem andere Holzfäller mindestens einen vollen Tag zu tun gehabt hätten.
GEJ|7|228|28|0|Als die zehn Bäume nun dalagen, da ward allen ganz absonderlich zumute, und Joseph sagte zu den andern Söhnen: ,Ihr habt schon alle an ihm gezweifelt, obschon ich euch oft gesagt habe: ,Wen Gott einmal schon von der Wiege an erwählt hat, den verläßt Er nimmer!‘ Und nun habt ihr euch alle selbst überzeugt, wie ganz und gar vollkommen Gott noch mit ihm ist und wunderbar wirket! Darum aber sollet ihr in Zukunft auch keine Zweifel über ihn haben, aber ihn auch gegen niemanden verraten; denn er weiß es schon, warum er jetzt noch im Verborgenen bleiben will!‘
GEJ|7|228|29|0|Alle gaben dem Joseph recht und gelobten auch auf das feierlichste, von dieser und auch von jeder anderen Wundertat zu schweigen, so lange, als Ich Selbst das wollen werde.“
GEJ|7|229|1|1|229. — Das Freudenmahl beim Nachbar
GEJ|7|229|1|0|(Der Herr:) „Nach diesem aber sagte Ich: ,So nehmet ihr vier nun die Säge, und teilet einen jeden Baum seiner Länge nach genau in vier Teile!‘
GEJ|7|229|2|0|Sagte Joses: ,Da werden wir mit unserer pur menschlichen Kraft lange zu tun haben!‘
GEJ|7|229|3|0|Darauf sagte Ich: ,So glaubet und tut, wie Ich euch es gesagt habe!‘
GEJ|7|229|4|0|Hierauf nahmen die vier die Säge, setzten sie auf den Stamm, und wo sie die Säge ansetzten und nur einen Zug machten, da war der Stamm auch schon völlig durchgesägt. Und so ging es gar nicht lange, bis die zehn großen Bäume in vierzig Teile zersägt waren.
GEJ|7|229|5|0|Als diese Arbeit beendet war, da sagte Ich: ,Nun habt ihr nichts weiter zu tun, als mit der Axt noch die Kronen wegzunehmen, der Stämme oberste Teile, damit Ich dann die Stämme zum Baugebrauche behauen kann!‘
GEJ|7|229|6|0|Da gingen die vier hin, – einer führte die Axt, und die drei andern räumten die zerstückten Äste auf, die zum Teil dann als Brennholz und zum Teil zu Baunägeln und Stiften wohl zu gebrauchen waren. Als nun auch diese Arbeit nach einer Stunde beendet war, da nahm Ich wieder die Axt zur Hand und behaute ins Geviert die vierzig Stämme, sozusagen mit einem Schlage und also, daß aus den dicken Wurzelstammesteilen zwei bis drei gute Baubalken wurden und die Schwarten so rein von dem Stamme abgelöst waren, daß sie dann gar gut zum Boden der Scheune dienen konnten, sowie die schwächeren fürs Dach der Scheune.
GEJ|7|229|7|0|Nach dieser Meiner Arbeit, die im ganzen auch nicht über eine Stunde angedauert hatte, legten wir die Stämme und Schwarten in eine rechte Ordnung.
GEJ|7|229|8|0|Und als so die ganze Arbeit in etlichen Stunden vollends beendet war, da sagte Ich zum überaus freudigst erstaunten Nachbar: ,Nun kommt es auf dich an, daß du sobald als möglich das gesamte Bauholz nach Hause bekommst; denn auf offener Straße kann Ich dir nicht mehr so wunderbar helfen. Also wird auch der Bau deiner Scheune – wennschon beschleunigt – nur ganz natürlich vor sich gehen; denn, wie schon gesagt, auf einem offenen Platze, wo wir von allen vorübergehenden Menschen beobachtet werden können, kann und darf Ich kein Wunder wirken ihres Unglaubens und ihrer Verstockt- und Verkehrtheit wegen. Sieh nun daher nur zu, daß dies Bauholz sobald als möglich an den rechten Ort kommt, den du wohl kennen wirst, da du doch wohl wissen wirst, wo du die Scheune erbaut haben willst. Da wir nun aber mit dieser Arbeit fertig sind, so können wir uns auch schon wieder nach Hause begeben.‘
GEJ|7|229|9|0|Sagte der Nachbar: ,Ja, das tun wir nun, und das mit der größten Freude des Herzens, weil eine Arbeit beendet ist, vor der ich mich am meisten gefürchtet habe. Aber heute abend seid ihr alle meine Gäste. Es soll sogleich ein fettes Kalb geschlachtet und wohl zubereitet werden; dazu soll aber auch alles, was im Hause Josephs Mensch heißt, geladen werden. Also soll auch mein bester Wein die Becher meines Gasttisches füllen, und wir wollen fröhlich sein im Namen Jehovas bis in die Mitte der Nacht!‘
GEJ|7|229|10|0|Sagte Ich: ,Da hast du einen guten Gedanken, und es soll das wohl geschehen nach altem Brauche für die Bauleute; aber es liegt in deinem Hause dein treuester Knecht schwer krank, und es ist darum etwas unschicklich, daß man neben einem Schwerkranken gar heiter und fröhlich ist.‘
GEJ|7|229|11|0|Sagte der Nachbar: ,Das ist zwar wohl wahr, aber des Knechtes Lager ist, wie dir das auch nicht unbekannt sein wird, nicht im Herrenhause, sondern in dem Hause, das schon mein Vater für die Dienstleute ganz zweckmäßig hat erbauen lassen, und so können wir in meinem großen Herrenhause schon gar wohl fröhlich sein, und es bleibt bei meinem Ausspruche. Mein Wille wird wohl ewig die Macht nie erlangen und haben wie der deinige; aber diesmal mußt du, mein allerwertester Freund Jesus, doch auch ein wenig mir meinen Willen gelten lassen!‘
GEJ|7|229|12|0|Sagte Ich, nun schon auf dem Heimwege: ,Ja, das werde Ich auch; denn niemand in aller Welt achtet den freien Willen der Menschen so sehr wie Ich, und du wirst von Mir noch nicht erlebt haben, daß Ich in guten Dingen je gegen jemandes Willen Mich gewendet habe, wohl aber gegen die Dummheit so vieler Menschen. Und so wie schon gesagt, will Ich, diesmal, wie auch allzeit, deinem guten Willen Folge leisten; aber dafür mußt du auch etwas tun, was nun Ich von dir verlangen werde.
GEJ|7|229|13|0|Siehe, du hieltst bis jetzt deinen ersten Knecht auch für deinen treuesten! Ich aber sage es dir, daß dein erster Knecht, dem du alles anvertraut hast, eben dein ungetreuester war! Er hat für seinen Beutel dir in einem Jahre über hundert Malter Weizen aus deinem großen Kasten zur Nachtzeit an vorüberziehende Griechen verkauft und ebensoviel Gerste, Hirsekorn, Linsen und noch andere Kernfrüchte. Du merktest wohl den Abgang; aber den Dieb im Hause merktest du nicht, hieltest andere dafür und ließest dir deshalb von uns auch einen neuen und festen Kasten, der wohl zu versperren ist, machen. Deinem ersten Knechte aber war das durchaus nicht recht, und siehe, er war stets die gar sehr pfiffige und listige Ursache, daß wir im Bau unseres Kastens oft Wochen lang verhindert worden sind; denn er verschaffte uns weit auswärts Arbeiten, damit wir nur an dem Weiterbau deines neuen Kastens verhindert wurden. Denn er sah ein, daß der neue Kasten seinem Diebesgeschäft nicht günstig ausfallen werde und suchte darum den alten solange wie möglich zu erhalten. Gestern nachmittag aber hat er gemerkt, daß der neue Kasten leicht fertig gemacht werde. Da ging er hin zum andern Nachbar und zündete ihm das Haus an, weil er uns dadurch an der Vollendung des Kastens für den gestrigen Tag darum noch hindern wolle, da er in der Nacht an die bestellten Griechen noch ein schönes Quantum Getreide aus dem alten Kasten für seinen Beutel verkaufen wollte.
GEJ|7|229|14|0|Aber damit ist auch sein böses Maß voll geworden, und Ich sagte in Mir: ,Böser Mensch, bis hierher und nun nicht mehr weiter!‘ Und er erhielt als einer, der wohl gewußt hat, warum er sich beim Löschen so eifrig beteiligte, seinen wohlverdienten Lohn. Nun weißt du, wie du mit deinem getreuesten Knechte daran bist. Was wirst du aber nun tun?‘
GEJ|7|229|15|0|Sagte ganz bestürzt der Nachbar: ,Aber Freunde, warum habt ihr mir das so lange vorenthalten? Wenn ich das nur im geringsten hätte ahnen können, so hätte ich ihn schon lange den Gerichten übergeben und hätte mich zahlhaft gemacht mit dem Gelde, das er für mein Getreide eingelöst hat.‘
GEJ|7|229|16|0|Sagte Ich: ,Dazu ist jetzt auch noch Zeit, und es soll dir kein Pfennig entgehen; denn dein Knecht ist ein Geizhals und hat all das eingelöste Geld noch auf einem Haufen in seinem Schranke wohlverwahrt. Aber nun kommt es darauf an, daß du zuvor Meinem Willen nachkommen mußt, wenn du uns heute zu Gaste haben willst. Den Knecht wirst du behalten, Ich werde ihn gesund machen, ihm aber auch seine bösen Taten vorhalten und ihn sehr bedrohen. Dann wird er dir dein Geld mit Freuden bis auf den Heller zurückstellen, und du wirst erst dann an ihm einen treuen Diener haben. Siehe, das habe Ich schon lange vorausgesehen, daß es also kommen werde, und sagte dir darum auch früher nichts, als bis Ich sah, daß der Zeitpunkt gekommen ist, der dir und ihm nützen kann und auch sicher wird. – Bist du nun damit zufrieden?‘
GEJ|7|229|17|0|Sagte der Nachbar: ,Wer sollte damit nicht zufrieden sein? Ich danke dir, du mein wahrhaft gottvollster Meister und bester und dabei dennoch gerechtester Richter! Darum soll heute bei mir ein wahres Freudenfest stattfinden, und es soll sich alles freuen in meinem Hause! Ich werde das aber auch alles wie eine Mauer bei mir behalten, und es soll nie jemand erfahren, wie mein Knecht gegen mich gehandelt hat!‘
GEJ|7|229|18|0|Sagte Ich: ,Tue das, so wirst du zeitlich und ewig glücklich sein! Denn wer seinem größten Feinde von ganzem Herzen vergeben kann, dem werden auch von Gott aus vergeben alle noch so großen Sünden.
GEJ|7|229|19|0|So wir aber bei dir den schwerkranken Knecht besuchen werden, da darf außer dir und uns, die wir hier nun gehen, niemand anders zugegen sein; damit aber die Heilung des Knechtes niemandem aufalle, so werde Ich ihn erst so in acht Tagen völlig heilen. Du aber beschäftige deine Leute nun, so wir ankommen werden, nur sogleich wegen des Gastmahles, und wir werden unter der Zeit unsere Sache mit dem Knechte verhandeln und abmachen!‘
GEJ|7|229|20|0|Als wir nun aber beim Nachbar ankamen, da ordnete er alles an, und es wurde auch unser Haus davon gleich in Kenntnis gesetzt, und es kam alsbald die Mutter Maria mit einigen Mägden an und beteiligte sich an der Bereitung des Festmahles, das in ein paar Stunden ganz fertig war.
GEJ|7|229|21|0|In der Zeit aber hatten wir mit dem Knechte zu tun. Dieser gestand alles ein, bat seinen Dienstherrn und uns um Vergebung und übergab ihm den ganzen Geldschrank mit der lebendigen Versicherung, daß er, so er wieder gesund werde, trachten werde, durch seinen Fleiß alles wieder gutzumachen. Der Nachbar vergab ihm alles und behielt ihn als ersten Knecht in seinem Dienste.
GEJ|7|229|22|0|Darauf gingen wir zum schon bereiteten Abendfestmahle und waren dabei bis in die Mitte der Nacht voll guter Dinge. –
GEJ|7|229|23|0|Seht, das waren die Taten, die Ich in Meinem zwanzigsten Jahre ausgeübt habe, aber bis jetzt nur gar wenige davon Kenntnis hatten.
GEJ|7|229|24|0|Es geht aber nun schon gegen den Abend, und es werden sich nun ehest mehrere verkleidete Pharisäer hier oben am Ölberge einfinden; die sollen bedient werden!“
GEJ|8|1|1|1|Der Herr und Seine Widersacher. (Ev. Joh. Kap. 9)
GEJ|8|1|1|1|1. — Verkleidete Pharisäer kommen zu Lazarus
GEJ|8|1|1|0|Als Ich noch kaum die letzten Worte ausgesprochen hatte, da kam schon ein Diener des Lazarus in den Speisesaal, in dem wir noch gar wohlgemut beisammensaßen, und sagte zu ihm, daß mehrere Fremde angekommen seien und mit dem Herrn der Herberge zu sprechen wünschen.
GEJ|8|1|2|0|Da fragte mich alsbald Lazarus, was er nun machen solle.
GEJ|8|1|3|0|Sagte Ich: „Du bleibst gleich uns vorderhand hier! Nur Raphael und die sieben Ägypter werden hinausgehen und mit den verschmitzten Pharisäern und Schriftgelehrten eine kleine Abhandlung halten. Was sie zu tun und zu reden haben, das wissen sie!“
GEJ|8|1|4|0|Hierauf begaben sich Raphael und die sieben Oberägypter sogleich hinaus, und Raphael fragte sie mit ernsten Worten, was sie hier suchten und wollten.
GEJ|8|1|5|0|Da sprach ein höchst heuchlerischer Pharisäer: „Junger Mensch, der du von guter Abkunft zu sein scheinst, bist du ein Abgeordneter des Lazarus, den wir kennen, und mit dem allein nur wir reden wollen? Es ist das eine sonderbare Sitte nun hier geworden, daß der Gerufene an seiner Stelle denen, die nur den Herrn sprechen wollen, einen unbärtigen Knaben entgegensendet! Gehe du hin zu Lazarus, den wir sprechen wollen, und sage ihm, daß wir, die ihn sprechen wollen, wohl in Jerusalem und in allen Landen der Juden einen viel höheren Rang einnehmen als er!“
GEJ|8|1|6|0|Sagte Raphael: „Wenn ihr denn schon gar so große Herren seid, so wundert es mich wahrlich, daß ihr, verkleidet, im schon ziemlichen Dunkel des Abends euch hier herauf auf diesen von euch in den Bann gelegten Berg und Ort begeben habt! Heißt es nicht also in eurem Fluche: ,Wer von den Juden diesen Berg betritt zur Tages- oder Nachtzeit, der sei verflucht an Leib und Seele!‘? Wenn aber also, wie mochtet ihr selbst euch heraufbegeben, um mit dem Ketzer Lazarus zu sprechen?“
GEJ|8|1|7|0|Sagte der Pharisäer: „Was verstehst du unbärtiger Knabe von dem? So wir die Macht von Gott haben, einen Ort aus guten Gründen in den Bann zu tun, so haben wir auch die Macht, ihn zum wenigsten für uns aufzuheben, wann wir wollen; denn wir stehen nicht unter dem Gesetz, sondern über demselben, so wir das sind, was du meinst. – Hast du das verstanden?“
GEJ|8|1|8|0|Sagte Raphael: „Höret! Wenn ihr euch dünket, über dem Gesetze Gottes zu stehen, da seid ihr dann ja doch offenbar mehr als Gott Selbst! Denn Gott Selbst fügt Sich ewig in Seine ewigen Ordnungsgesetze und handelt niemals wider dieselben und hebt darum auch ewig nie ein Gesetz auf – etwa aus dem Grunde, um zeitweilig Selbst, so es Ihn gelüstete, wider das Gesetz zu handeln.
GEJ|8|1|9|0|So ihr euch aber dazu zur Genüge machthabig dünket, da steht ihr ja weit über Gott; denn Gott Selbst, als das Urgesetz, besteht und handelt stets in Seinem Gesetz und steht sonach in und unter Seinem Gesetz. Wenn aber Gott Selbst das ewig auf das allerstrengste beachtet, wer gab demnach euch das Recht, euch übers Gesetz zu stellen, euch zu verkleiden, damit man euch nicht erkennen möchte, wie und wann ihr selbst euer Gesetz übertretet? So ihr Herren über das Gesetz seid, wozu dann eure Furcht, vom Volke erkannt zu werden, so ihr wider eure Gesetze handelt?“
GEJ|8|1|10|0|Sagte ganz unwillig der Pharisäer: „Was verstehst du unbärtiger Knabe von diesen höheren Dingen, über die allein die Priester des Tempels zu urteilen von Gott das Recht haben?“
GEJ|8|1|11|0|Sagte Raphael: „So, – warum hatte denn Samuel schon als Knabe das Recht, mit Gott zu reden und über göttliche Dinge zu urteilen?“
GEJ|8|1|12|0|Sagte der Pharisäer: „Wie magst du dich erkühnen, dich mit Samuel zu vergleichen?“
GEJ|8|1|13|0|Sagte Raphael: „Wie erkühnet denn ihr euch, euch über Gott und Seine Gesetze zu stellen? Wer gab euch das Recht dazu! Wahrlich, ich habe ein tausendfach größeres Recht, mich mit Samuel zu vergleichen, als ihr, euch über Gott und Seine Gesetze zu stellen!
GEJ|8|1|14|0|Aber nun habe ich eure Dummheit satt! Gebet mir Antwort auf meine erste Frage, warum ihr nun hier herauf gekommen seid, und was ihr hier wollet, sonst sollet ihr mich bald näher kennenlernen und daraus ersehen, was mich berechtigt, mich aus gar guten und wahren Gründen mit Samuel zu vergleichen!“
GEJ|8|1|15|0|Sagte der Pharisäer: „Das ist ein Geheimnis, welches wir niemand anderem als nur dem Lazarus anvertrauen können; darum hole uns den Lazarus heraus, sonst sind wir genötigt, mit Gewalt ins Haus zu dringen! Dich aber geht unser Anliegen an den Lazarus gar nichts an, und wärest du auch ein zehnfacher Samuel!“
GEJ|8|1|16|0|Sagte Raphael: „Was? Ihr habt ein Geheimnis? Wie aber kann das ein Geheimnis sein, was die Sperlinge von den Dächern schon jedermann verkünden! Ich werde euch aber euer Geheimnis hier kundgeben, damit ihr daraus entnehmen könnet, daß euer vermeintes Geheimnis schon seit lange her kein Geheimnis mehr ist.
GEJ|8|1|17|0|Seht, ihr habt in eurem Rate beschlossen – weil die von euch gestern Ausgesandten euch keine Nachricht über den Aufenthalt des euch so sehr verhaßten Propheten aus Galiläa haben bringen können, und das aus dem höchst einfachen Grunde, weil sie selbst nicht wieder zurückgekehrt sind –, erstens euch hier auf eine schlaue Weise zu erkundigen, ob etwa Lazarus hier anwesend sei, und ob er nicht wüßte, wohin etwa der Prophet gezogen ist, und zweitens, wenn Lazarus etwa nicht mehr anwesend sein sollte, den Wirt oder einen anderen Diener zu bestechen, daß er euch möglicherweise eine erwünschte Auskunft gäbe! Erhieltet ihr diese, so würdet ihr dann sogleich alle eure euch noch treu gebliebenen Häscher aussenden, um den euch so sehr verhaßten Propheten fangen und auch alsogleich töten zu lassen.
GEJ|8|1|18|0|Sehet, das ist euer gar sehr löbliches Geheimnis, das uns, und besonders mir, der ich ein größter Freund des erhabensten Propheten bin, schon seit lange her nur zu gut bekannt ist! Und nun redet wahr und treu, ob sich die Sache irgend anders verhält!“
GEJ|8|1|19|0|Hierauf sah der Pharisäer den Raphael groß an und sagte nach einer Weile: „Wer gibt dir, du unbärtiger Junge, das Recht, uns also zu verdächtigen? Erstens weißt du noch nicht, ob wir wohl im Ernste dem Tempel angehören, und ob wir Juden sind, und zweitens sagen wir, daß wir von deinem großen Propheten kaum etwas wissen! Wir haben auf unserer Reise hierher wohl hie und da etwas vernommen, daß im Judenlande ein großer Magier sich bemerkbar mache durch seine Künste oder Zaubereien, ob er aber ein Freund oder Feind der Judenpriester ist, oder ob diese ihn verfolgen, das ist uns wahrlich sicher ganz gleichgültig! Wir sind Handelsleute und kümmern uns sicher um derlei Kleinigkeiten niemals! Wenn aber also, wie kannst du uns Dinge vorhalten, die uns noch nie gekümmert haben?“
GEJ|8|1|20|0|Sagte Raphael: „So, weil euch nun das Wasser zum Munde hineinzurinnen anfängt, so möchtet ihr nun sogar euren Stand verleugnen; aber es geht das vor mir und diesen meinen sieben Gefährten mit dem Verleugnen sogar eures Charakters und Standes durchaus nicht! Damit ihr aber das einsehet und noch besser begreifet, daß ihr euch vor uns unmöglich verstellen könnet, so werde ich mir nun die Freiheit nehmen und werde euch eurer griechischen Überröcke berauben, auf daß ihr dann in euren Tempelkleidern vor uns steht; dann werdet ihr sicher nicht mehr zu leugnen imstande sein, daß ihr das seid, als was ich euch bezeichnet habe!“
GEJ|8|1|21|0|Hier griffen die Pharisäer nach ihren Überröcken und hielten sie fest, – aber es nützte das nichts; denn Raphael gebot in seinem Willen, und die Templer standen sogleich in ihren nur zu wohlbekannten Priesterkleidern da und machten Miene, die Flucht zu ergreifen. Aber die sieben Oberägypter waren schnell bei der Hand, verstellten ihnen den Weg und bedeuteten ihnen, stehenzubleiben und keinen Schritt irgend zum Entfliehen zu versuchen; wenn sie dem Verlangen nicht gehorchten, würde es ihnen gar übel ergehen.
GEJ|8|1|22|0|Um diesem Mandate mehr Gewicht zu verschaffen, zeigten sie den nun schon sehr geängstigten Pharisäern drei große Löwen, die etwas tiefer unten am Wege lagerten und sich gar grimmig gebärdeten. Dieses Mittel wirkte, und die Pharisäer – zehn an der Zahl – fingen an, Raphael um Vergebung zu bitten, und gestanden nun auch gleich alles ein, warum sie auf den Ölberg gekommen seien, und sagten auch, daß er die Wahrheit geredet habe.
GEJ|8|1|23|0|Als sie nun also dastanden in großer Angst, da sagte Raphael zu ihnen: „Saget mir nun: Wer von allen Menschen ist wohl schlechter noch als ihr? Ihr wollt Diener Gottes sein, seid aber Diener der Hölle! Welcher Teufel hat euch wohl gezeugt? Der große Meister aus Nazareth hat euch durch Worte und Taten mehr als sonnenklar gezeigt und bewiesen, daß Er der verheißene Messias ist und als solcher auch der alleinige Herr Himmels und der Erde – wie das von Ihm auch geweissagt ist durch den Mund aller Propheten –, und ihr glaubet nicht nur nicht daran, sondern verfolget noch mit aller Wut und Gier den Herrn Himmels und der Erde! O ihr ohnmächtigen Toren! Was wollet ihr denn ausrichten gegen die Gewalt des Allmächtigen, der euch mit dem leisesten Gedanken vernichten oder eure argen Seelen in die Hölle werfen kann, die ihr schon lange verdient habt? Was wollet ihr Elenden nun tun?“
GEJ|8|1|24|0|Sagte ein anderer Pharisäer: „Höre, du junger weiser Redner, wir bitten dich nun um nichts Weiteres, als daß du uns wieder unversehrt hinab in die Stadt kommen lässest, und wir geben dir die vollste Versicherung, daß wir als nun Hierseiende uns nimmerdar an der Verfolgung des wundersamen Propheten aus Galiläa irgend im geringsten beteiligen werden! Ja, wir wollen und werden sogar den andern nach Möglichkeit davon abraten! Ob wir aber unsere Amtsgenossen gegen den Wundermann werden geneigter machen können, dafür können wir dir freilich nicht gutstehen; aber daß wir unser möglichstes aufbieten werden, um die Verfolgungswut unserer Genossen zu dämpfen, dafür stehen wir euch gut! Denn wir haben es jetzt erfahren und uns selbst überzeugt, daß unsere blinde Verfolgung des Galiläers eine der größten Torheiten ist, die zu gar nichts anderem als nur zu unserem Untergange führt. Und so wollen und werden wir auch das tun, was wir dir hier gelobt haben; aber nur laß du uns, wie wir dich schon gebeten haben, unversehrt die Stadt wieder erreichen!“
GEJ|8|1|25|0|Sagte darauf Raphael: „Wohl denn! – Ihr könnet wieder abziehen, und es soll euch kein Leides geschehen; aber wehe jedem von euch, der sein hier mir gegebenes Wort brechen wird! Denn das merket euch, daß Gottes Macht, Weisheit, Allwissenheit und Ernst unendlich ist und der schwache sterbliche Mensch gegen Gott und Seine Wege ewig nichts ausrichten kann und wird!
GEJ|8|1|26|0|So ihr aber alle leicht sehet und auch wohl begreifen könnet, daß Werke, die der Gesalbte Gottes vor den Menschen verrichtet, stets derart sind, daß sie nur Gott allein bewirken kann, so werdet ihr auch einsehen, daß eben Gott Selbst innigst vereint mit dem euch so verhaßten Propheten aus Galiläa waltet und wirkt, und daß es übertöricht ist, sich den Anordnungen Gottes zu widersetzen!
GEJ|8|1|27|0|Saget das auch euren argen und blinden Genossen! Sie können ihre Wut gegen Ihn auch so weit steigern, daß sie – durch Seine Zulassung – Hand legen an Seines Leibes Leben und es töten, so werden sie damit dennoch nichts anderes erreichen als die Beschleunigung des Gerichtes über sich und ganz Jerusalem. Er aber wird nicht getötet werden können, weil Er das Leben Selbst ist, sondern Er wird fortleben und richten alle Geschlechter der Erde. Wohl dem, der an Ihn glaubt und nur Sein Wohlgefallen und Seine Freundschaft sucht!
GEJ|8|1|28|0|Nun wisset ihr, was ihr zu tun habt, und könnet nun abziehen, so ihr wollet; wollet ihr aber zuvor jetzt noch mit Lazarus ein weises Wort reden, so soll euch das nun auch gestattet sein.“
GEJ|8|1|29|0|Sagte ein Pharisäer: „So er hier ist, möchte ich mit ihm wohl reden, doch von etwas ganz anderem, als was wir ihn eigentlich haben fragen wollen. Denn warum wir heraufgekommen sind, das hast du uns nur zu klar vorgehalten; von dem aber soll bei uns nun keine Rede mehr sein, sondern von etwas ganz anderem! Wenn wir demnach mit Lazarus ein Wort reden könnten, so wäre uns das wohl sehr lieb!“
GEJ|8|1|30|0|Hierauf sagte Ich zu Lazarus im Saale: „Nun erst kannst du hinausgehen und etliche gute Worte wechseln mit den sehr geängstigten Pharisäern; doch von Meinem Aufenthalte rede nichts!“
GEJ|8|2|1|1|2. — Die Bitte der Pharisäer um sicheres Geleit
GEJ|8|2|1|0|Hierauf ging Lazarus hinaus, begrüßte nach der Sitte die Templer und fragte sie dann, was ihr Anliegen an ihn sei.
GEJ|8|2|2|0|Sagte der eine Pharisäer: „Es hatte uns zwar anfangs ein böser Geist heraufgeführt, und so war auch das, um was wir dich so ganz eigentlich haben fragen wollen, durchaus nichts Gutes. Wir sind durch die Worte dieses überklugen und weisen Jünglings und durch die sonderbare Macht dieser sieben Männer, die uns noch umstehen, eines Besseren belehrt worden und haben bald eingesehen, wie eitel töricht unsere böse Mühe war, und so sind wir denn auch von ihrem losen Grunde ganz abgestanden.
GEJ|8|2|3|0|Nun aber bitten wir dich freundschaftlichst, daß du uns gestatten möchtest, dich als deine Freunde wieder in Bethanien besuchen zu dürfen, allwo wir über gar manches mit dir unter vier Augen sprechen möchten. Dann bitten wir dich nun aber auch, daß du uns ein sicheres Geleit über den Berg bis in die Stadt möchtest angedeihen lassen; denn da, etwas weiter unten am Wege, liegen drei Löwen, die sicher den sieben Männern angehören, weil sie sich auf ihren Ruf sogleich eingefunden haben. Diese bösen Tiere werden – was schon öfter der Fall gewesen sein soll – wahrscheinlich wohlgezähmt den sieben anstatt der Hunde zum Schutze auf ihren Reisen dienen, aber trotz ihrer Zahmheit ist ihnen dennoch nicht zu trauen! Ein noch so böser Hund kennt auch zur Nachtzeit seinen Hausherrn; aber einen Fremden packt er an und reißt ihn, und das wäre von den drei Löwen um so mehr zu erwarten! Darum bitten wir dich, daß du den sieben andeuten möchtest, daß sie die drei Bestien wieder zur Seite schaffen möchten.“
GEJ|8|2|4|0|Hierauf sagte Lazarus: „Wenn euer innerer Sinn gleichlautend ist euren Worten, und wenn ihr den Schaden, den ihr an gar vielen Armen, Witwen und Waisen verübt habt, nach Möglichkeit wieder gutmachen wollet, so könnet ihr ganz ruhig an diesen Löwen vorüberziehen, und es wird sich keiner nach euch umsehen; aber so ihr in eurem Herzen dennoch eines andern Sinnes seid, als wie gelautet haben eure Worte, da wäre es für euch eben nicht geheuer, sich den Löwen zu nahen! Darum prüfet selbst euer Herz, und saget es offen heraus, wie dessen Sinn lautet!
GEJ|8|2|5|0|Auch nach Bethanien, und zwar in mein Wohnhaus, werdet ihr so lange schwerlich einen Eingang finden, solange ihr im Herzen nicht eines andern Sinnes seid, als wie da lauten eure Worte; denn auch mein Haus bewachen ähnliche Hüter, wie diese drei da unten sind. Wer zu mir redlichen Sinnes kommt, der hat nichts zu befürchten; wer aber unredlichen und bösen Sinnes sich meinem Hause naht, dem ergeht es übel!“
GEJ|8|2|6|0|Sagte der redeführende Pharisäer: „Du kannst es mir glauben, daß wir alle nun auch also denken, wie ich rede, und wir werden auch, wo wir irgend jemanden bedrückt haben, den Schaden nach aller Möglichkeit gutzumachen auf das eifrigste bemüht sein; aber an den drei Bestien getrauen wir uns dennoch nicht allein vorüberzuziehen! Darum gib uns dennoch ein sicheres Geleit!“
GEJ|8|2|7|0|Sagte Lazarus: „Die sieben werden euch das sicherste Geleit geben, so ihr redlichen Sinnes seid. Aber nun noch eine Frage an euch! Saget es mir, aus welchem Grunde glaubet ihr denn an Jesus aus Nazareth nicht, daß Er allein der vollwahre Messias ist? Ihr habt doch gelesen die Schrift, habt auch vernommen Seine Lehre und gesehen die Zeichen, die Er wirkt! Wie möglich könnet ihr über alles das noch so verstockten Sinnes sein? Tausende von Juden und Heiden glauben an Ihn, und viele Heiden kommen von allen Enden der Erde, verneigen sich vor Ihm, nehmen Sein Wort an und glauben, daß Er der Herr ist; nur ihr, die ihr allem Volke mit einem besten Beispiele vorangehen sollet, sträubet euch dagegen, ärger denn die harten Berge den Stürmen.
GEJ|8|2|8|0|Der Herr kam im Fleische als Mensch auf diese Erde, wie Er es durch den Mund der Propheten Selbst geoffenbart hat, und tut nun auch die Werke, die ebenfalls die Seher schon vor Jahrhunderten besungen haben – was ihr als Schriftgelehrte am ehesten erkennen müßtet –, und dennoch glaubet ihr, wie gesagt, nicht an Ihn! Worin liegt denn davon wohl der Grund?“
GEJ|8|2|9|0|Sagte der Pharisäer: „Das, liebster Freund, wollen wir in Bethanien bei dir jüngst einmal ganz klar besprechen; hier aber kann ich dir nun so viel sagen, daß es nun im Tempel eine höchst schwere Sache ist, ein Mensch zu sein. Man ist zwar ein Priester, aber darum ein Mensch nicht. Ein jeder ist ein Feind des andern und sucht ihm zu schaden, um daraus für sich einen Nutzen zu ziehen, und so muß man darinnen und dort, wo man als Mensch lieber weinen möchte, mit den Wölfen heulen, damit man von ihnen nicht zerrissen wird. Aber laß nun das nur noch eine kurze Zeit gut sein, und dieses Tempelgetriebe wird einen großen Umsturz erleiden; denn für die Länge der Zeit gibt es darin kein Bleiben mehr!
GEJ|8|2|10|0|Nun kennst du auch unsere eigentliche innere Gesinnung; habe darum die Güte, den sieben zu sagen, daß sie uns wohlbehalten von diesem Berge hinab bis zur Stadt geleiten möchten!“
GEJ|8|2|11|0|Hierauf erst sagte nun wieder Raphael zu den Pharisäern: „Warum beeilt ihr euch denn nun so sehr, wieder in die Stadt zu kommen? Wenn ihr wahrhaft gut und ehrlichen Sinnes seid und auch schon saget, daß ihr an den Messias glauben wollt, so seid ihr ja auch hier bei uns sicherer als in der Stadt! Ihr seid doch mit dem Sinne heraufgekommen, um als des Messias Feinde hier auszukundschaften, wo Er Sich etwa aufhalte? So ihr aber nun gegen Ihn anders gesinnt worden seid, warum wollet ihr euch nun als Seine Freunde nicht nach Ihm erkundigen, wo Er Sich aufhält, damit ihr Ihn aufsucht und euch Ihm zeiget als solche, die an Ihn glauben?“
GEJ|8|2|12|0|Sagte der Pharisäer: „Lieber junger Weiser, so wir das täten, da könnte uns das übel angerechnet und etwa so gedeutet werden, als wollten wir, zum bösen Spiele eine gute Miene machend, nun dennoch aus euch herausbringen, wo sich nun der Messias aufhält. Es liegt uns aber nun wahrlich nichts mehr daran, wo er sich aufhalten mag! Denn seine Feinde sind wir fürwahr nicht mehr; sich ihm aber nun als bekehrte Freunde vorzustellen, fühlen wir uns noch viel zu schlecht und seiner unwürdig, und so ist es denn ja doch begreiflich, daß wir uns nun gar nicht nach seinem irgendwoigen Aufenthalt näher erkundigen können und wollen und darum auch schon in unseren Wohnungen sein möchten, um uns selbst treu zu beraten, was wir in der Folge zu tun haben werden, um uns in uns vollends ihm anzuschließen. Zudem müssen wir vor allem aber auch das Fruchtlose unseres Unternehmens dem Tempel anzeigen, auf daß er nicht, bevor er noch von uns eine Nachricht bekommt, schon andere Kundschafter aussende und so die ganze Stadt und die ganze Umgegend beunruhige. Wir glauben, euch nun alle unsere Gründe genügend dargetan zu haben, die uns nötigen, sobald als möglich wieder in den Tempel und in unsere Wohnungen zu kommen, und so gewähret uns den sicheren Abzug!“
GEJ|8|2|13|0|Sagte nun Raphael: „Ich kann euch aber versichern, daß der Tempel bis morgen auf eure Nachrichterstattung warten wird, und er wird darum keine neuen Kundschafter aussenden. Hier aber hat Lazarus auch der Gemächer zur Genüge, in denen ihr euch beraten könnet, und hat auch der Speisen und des besten Weines in Hülle und Fülle, damit ihr euch stärken könnt. Mein Rat an euch, weil ihr schon einmal da seid, wäre, daß ihr mindestens bis zur Mitte der Nacht hier verbliebet und euch dann erst unter sicherem Geleite in die Stadt hinabbegäbet. Aber so ihr nun schon durchaus hinab wollet, so sollet ihr von uns auch nicht mehr aufgehalten werden! Die Löwen – wie ihr das noch gut sehen könnet – sind bereits weg, und dort im nächsten Zelte liegen eure griechischen Mäntel! Tut nun, was ihr wollt!“
GEJ|8|3|1|1|3. — Die Glaubensansichten eines Pharisäers
GEJ|8|3|1|0|Auf diese Worte Raphaels wußten die Pharisäer nicht so recht, was sie nun tun sollten.
GEJ|8|3|2|0|Aber einer von ihnen sagte nach einer Weile: „Wißt ihr was? Der Junge wird recht und wahr gesprochen haben, und ich bin darum der Meinung, daß wir bis Mitte der Nacht gerade hier verbleiben sollten, wenn uns Lazarus ein Zimmer anweisen kann, in dem wir unbeirrt allein sein könnten, um die Sache des Messias unter uns genau und gut besprechen zu können und danebst noch so manches andere mit unserem Freunde Lazarus.“
GEJ|8|3|3|0|Damit waren alle einverstanden, und Lazarus führte sie durch ein anderes Tor ins Haus, wies ihnen da ein geräumiges Zimmer an und ließ auch sogleich den Tisch darin decken und Brot, Wein, wie auch andere Speisen in großer Menge auftragen und wohlleuchtende Lampen aufstellen, was alles den Pharisäern so ganz wohlgefiel, daß einer von ihnen sogleich die Bemerkung machte: „Ja, wenn also, da können wir es auch bis zum Morgen hier aushalten und lassen unsere Amtsgenossen im Tempel gute Männer sein! Die sollen auf eine Nachricht von uns nur ganz fein bis zum Morgen warten!“
GEJ|8|3|4|0|Damit waren alle einverstanden, und ein Ältester, der soviel wie ein Oberster war, wohl bewandert in allerlei Weltweisheit, sagte, als der Wein seine Zunge gelöst hatte: „Wo es dem Menschen wohl geht, da soll er auch bleiben, und so bleiben wir auch bis zum Morgen hier, und ich möchte mit euch, meine lieben Amtsgenossen, etliche freie Worte reden! Denn im Tempel geht das nicht; aber hier, wo wir ganz unbeirrt beisammensitzen und von niemandem behorcht werden, der uns schaden könnte, kann man schon auch ein freies Wort reden!
GEJ|8|3|5|0|Es ist doch ein sonderbares Ding um den Menschen! Was ist eigentlich der Mensch, der sterbliche Gott der Erde, der ihren Boden bebaut und große Werke mit seinem Verstand und mit der Kraft seiner Hände in ein harmonisches Dasein schafft? Ich sage es euch: Der Mensch ist nichts als ein elendestes Tier; denn er weiß es, daß er sterben muß und wird, während kein Tier davon eine Ahnung zu haben scheint, daher es bis zu dem Zeitpunkt seines Verendens ganz ruhigen Gemütes fortleben kann, ohne jemals einen Gedanken zu haben, daß es dereinst sterben werde. Es tut der Mensch darum wohl daran, wenn er sein elendes Leben manchmal ein wenig erheitert und den schwarzen Gedanken an den Tod auf Augenblicke verscheucht.
GEJ|8|3|6|0|Die Macht, die den Menschen ins Dasein rief, kann nach meinem Urteil nie eine weise und gute gewesen sein, gleichwie auch ein Mensch nie gut und weise genannt werden könnte, der die kunstvollsten Werke schaffte, um sie dann, wenn sie durch seine Sorge und Mühewaltung ihre höchste Vollendung erreicht haben, wieder zu zerstören und die abscheuvollen Trümmer und Reste gänzlich alles Daseins zu berauben und darauf gleich wieder dieselben Werke von neuem für den gleichen Zweck zu schaffen.
GEJ|8|3|7|0|Wer das so recht beim Lichte betrachtet, der kann sich in (unter) Gott als der alles erschaffenden Macht unmöglich etwas höchst Weises und Gutes vorstellen. Denn wäre sie ganz gut und weise, so müßte sie ja auch für den Fortbestand ihrer allerkunstvollsten Werke, wie wir Menschen es sind, gesorgt haben! Aber nichts von dem! Wenn ein Mensch erst in seinem rechten Alter eine größere Vollendung im Wissen, Denken und Handeln erreicht hat, dann fängt er aber auch schon zu sterben an; er wird schwächer und schwächer, seine Lebenskräfte nehmen von Tag zu Tag ab, und das so lange fort, bis er das Leben ausgehaucht hat. Was dann mit ihm geschieht, wißt ihr alle, und es ist nicht nötig, die Sache näher zu beschreiben.
GEJ|8|3|8|0|Freilich haben wir wohl in unserer Gotteslehre die Versicherung, daß es im materiellen Menschen noch einen geistigen gibt, der nach dem Abfalle des Leibes fortlebt, – aber was nützt dem Menschen eine Lehre und nach ihr der Glaube, so dafür niemandem ein unumstößlicher Beweis gegeben ist?!
GEJ|8|3|9|0|Welche erhabenen Väter, Weise und Propheten haben vor uns gelebt nach den besten und weisesten Gesetzen, glaubten ungezweifelt an einen Gott, beteten Ihn an und liebten und ehrten Ihn über alle Maßen und glaubten auch ungezweifelt fest an ein ewiges Leben nach dem Tode des Leibes! Aber endlich mußten diese großen und weisen Glaubenshelden denn doch sterben, und es ist von ihnen bis zu uns nichts übriggeblieben als ihre Namen und ihre in der Schrift aufgezeichneten Taten und Lehren! Wohin sind denn aber ihre Seelen gekommen?
GEJ|8|3|10|0|Wer von uns allen hat denn je im Ernste und der vollsten Wahrheit nach eine nach dem Tode irgendwo fortlebende Seele gesehen und gesprochen?! In einem Traume höchstens oder in einer bösen Fieberhitze! Es gibt wohl Menschen, die da behaupten, daß sie mit den Seelen verstorbener Menschen geredet haben; aber das sind Menschen, denen zumeist alle Wissenschaft und alle Beurteilungsfähigkeit mangelt, und sie gefallen sich oft und zumeist selbst darin, den anderen Menschen aus ihrer natürlichen Phantasie und lebhaften Einbildung übernatürliche Dinge zu erzählen, um sich dadurch ein gewisses mystisches Ansehen zu verschaffen, an dem ihnen oft mehr liegt als einem Magier an seinem baren Gewinne.
GEJ|8|3|11|0|Man muß auch das eingestehen, daß es mitunter Menschen gibt, die zur Bekräftigung ihrer Aussagen und Lehren gewisse wundervolle Taten verrichten und damit ihren Lehren das Wahrheitszeugnis aufprägen wollen, wie wir das nun an dem wirklich merkwürdigen Propheten aus Nazareth erleben. Er lehrt dabei das Volk auch ganz gut und verheißt allen, die an ihn glauben, das ewige Leben der Seele.
GEJ|8|3|12|0|Ja, das ist alles recht schön und sogar gut, weil das gar vielen Menschen eine gewisse Beruhigung verschafft und ihnen die Furcht vor dem Tode benimmt; aber das haben auch die alten Propheten getan, und Tausende von Menschen haben fest geglaubt und haben ihren Glauben sogar mit dem Martertode besiegelt. Die Zeit aber hat die großen Propheten samt ihren Gläubigen hinweggerafft, und es ist von ihnen bis auf uns, wie schon gesagt, nichts übriggeblieben als ihre in den Schriften verzeichneten Namen und Taten, die wir aber auch ohne alle weitere Überzeugung bloß nur glauben müssen!
GEJ|8|3|13|0|Warum kommt denn nicht einmal eine irgend jenseitig fortlebende Seele zu uns und sagt es uns: Ich bin zum Beispiel der jenseits glücklichst fortlebende Elias, Daniel, David oder Jesajas? Ich sage es euch: Wie die alten Propheten samt Moses vergangen sind, so werden wir samt dem nun so berühmten Propheten, der sogar Tote erwecken soll, vergehen, und die späteren Nachkommen werden von uns und ihm gerade das überkommen, was wir von den alten Propheten überkommen haben. Wenn sich auch der Glaube vielleicht viele Jahrhunderte mit manchen Zusätzen und Entstellungen erhalten wird, so wird die lebendig wahre Überzeugung aber doch auf ein Haar ganz dieselbe sein, die wir nun von dem Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes haben.
GEJ|8|3|14|0|Es wäre ein solches Fortleben der Seele nach dem Leibestode freilich etwas unschätzbar erhaben Großes, und ein Mensch würde gewiß alles tun, wodurch er sich eines solchen Lebens völlig versichern könnte, wenn er für dasselbe irgendwelche haltbaren Beweise hätte; aber diese haben allzeit gemangelt, und es ist darum nicht zu verwundern, daß der einst bei den Alten noch so kernfeste Glaube bei uns erkaltete.
GEJ|8|3|15|0|Wer von dem mehr gebildeten und erfahreneren Teil der Menschen besucht denn nun noch vollgläubig den Tempel? Die Hohen und Weisen gehen nur des gemeinen Volkes wegen in den Tempel und tun, als wäre ihr Glaube noch so kernfest, damit dann das Volk etwa doch bei sich denkt und sagt: ,Es muß denn doch etwas daran sein, weil die Hohen, Gelehrten und Weisen, die alles wissen können, so viel darauf halten!‘
GEJ|8|3|16|0|Ich bin darum wahrlich kein Feind des berühmten Galiläers, weil er die armen Menschen von neuem wieder für ein Leben der Seele nach dem Tode des Leibes begeistert und ihnen einen guten Trost gibt; aber es ist mir nur das nicht recht, daß er uns bei jeder Gelegenheit als die größten Volksbetrüger darstellt und als ein weise sein wollender Mann nicht bedenkt, daß er im Grunde doch dasselbe am Volke tut, dessen er uns beschuldigt. Er rede nur, wie ich nun, die Wahrheit, wie sie die alte Erfahrung lehrt, zum Volke, und er wird schwerlich so viele Anhänger haben, wie er sie nun hat.
GEJ|8|3|17|0|Das ist so mein wahrer Glaube und mein treues Bekenntnis vor euch, meine Amtsgenossen, das ich aber nur unter uns ausgesprochen habe, weil ich es wohl weiß, daß ihr alle in euch geradeso denkt wie ich; im Tempel vor dem Volke und vor unseren vielen und sehr blinden Amtsgenossen aber heißt es freilich wohl anders reden! Was saget ihr alle zu dieser meiner Ansicht?“
GEJ|8|4|1|1|4. — Ein Schriftgelehrter weist auf die Ordnung Gottes hin
GEJ|8|4|1|0|Sagte ein anderer Schriftgelehrter: „Ich kann dir nicht unrecht geben und bin vielfach auch deiner Ansicht; aber als eine völlig ausgemachte Wahrheit kann ich deine Meinung und Ansicht denn doch auch nicht annehmen! Denn ich kann denn doch nicht glauben, daß Gott als sicher ein allerweisester Schöpfer Himmels und der Erde, der doch Sonne, Mond, Sterne und diese Erde gleichfort erhält, uns Menschen als ganz sicher die vollendetsten Werke Seiner Weisheit und Macht pur zu Seinen vergänglichen Spielpuppen geschaffen hat!
GEJ|8|4|2|0|Daß der Mensch nur ein kurzes diesirdisches Leben hat, davon scheint der Grund denn doch mehr darin zu liegen, daß seine Seele sich in ihrem Leibe gewisserart ausbilde, eine gewisse und haltbare Gediegenheit erhalte, auf daß sie dann in einer andern, ihrem Wesen ähnlichen Welt, die unbegrenzt sein muß, fortbestehen kann.
GEJ|8|4|3|0|Denn wenn der Mensch mit Leib und Seele nur für diese materielle Welt bestimmt wäre, die sicher ihre Grenzen hat, wenn sie auch noch so groß ist, so würde infolge der täglichen Vermehrung der Menschen, so sie auch dem Leibe nach unsterblich wären, diese Erde, die dazu noch aus viel mehr Wasser als aus festem, bewohnbaren Boden besteht, eben für die Menschen bald zu klein und enge werden; es müßte Gott nach einer bestimmten Zeit die Menschen nur unfruchtbar machen und sie auch nimmer älter werden lassen, damit sie dann in einer gewissen normalen Kraft und Stärke gleich ewig fortleben und den Boden der Erde zu ihrem Unterhalte bearbeiten könnten.
GEJ|8|4|4|0|Daß die Menschen aber mit der Zeit eines solchen notwendig einförmigen Lebens auch satt würden, das können wir mit aller Bestimmtheit annehmen; denn es lehrt uns ja die tägliche Erfahrung, daß jeder in ein und demselben stets gleichen Lebensverhältnisse sich sehr zu langweilen und nach irgendeiner Veränderung zu sehnen anfängt, und so würde selbst der allererfinderischste Mensch nach vielen tausend Jahren mit den ihn ergötzenden Veränderungen zu Ende kommen und endlich in eine größte Langeweile geraten, die er mit nichts mehr verscheuchen könnte.
GEJ|8|4|5|0|Aus diesen sicher inhaltsschweren Betrachtungen aber ist es wohl ersichtlich, daß Gottes Weisheit die Menschen für ein anderes, höheres und freieres Leben erschaffen hat und nicht für eine in allem höchst beschränkte Welt, die wohl gut genug ist, um dem Menschen als eine erste Bildungsstufe zu dienen, aber nie dazu bestimmt sein kann, ihm einen seligen ewigen Unterhalt zu geben.
GEJ|8|4|6|0|Aus diesen und noch manchen andern Gründen aber glaube ich an die Unsterblichkeit unserer Seelen, weil ihre Sterblichkeit uns Gott, dessen Macht und höchste Weisheit aus allen Seinen Werken hervorleuchtet, so wie auch Seine Güte und Gerechtigkeit, entweder als ohnmächtig und unweise oder auch als gar nicht daseiend vorstellen würde.
GEJ|8|4|7|0|Das kann aber doch kein nur einigermaßen heller denkender Mensch behaupten, daß irgendeine blinde und stumme Kraft Werke, wie da wir Menschen es sind, in ein geordnetes Dasein rufen könnte. Denn was man selbst nicht hat, davon kann man auch unmöglich jemand anderem etwas geben. Oder stellt einen sehr dummen Menschen, der kaum seine Muttersprache lallen kann, als Lehrer einer fremden Sprache in eine Schule! Was wird der wirken? Nichts mehr als eine Bildsäule! Darum muß es ja einen höchst weisen und allmächtigen Gott geben, was ein jeder hellere Denker als höchst wahr bekennen muß.
GEJ|8|4|8|0|Ist aber der allmächtige Gott höchst weise, so ist Er auch höchst gut und gerecht und hat mit uns Menschen sicher höchst wahre und gute Absichten und hat durch den Mund der Propheten und anderer weiser Menschen auch allen anderen Menschen kundgetan, was Er mit uns Menschen für Absichten hat, und was aber auch die Menschen zu tun haben, um hier auf Erden schon ein gutes und recht seliges Vorleben zu genießen und sich durch dieses Vorleben für das nachfolgende ewige Leben so tüchtig und empfänglich wie möglich zu machen.
GEJ|8|4|9|0|Ein Gott aber, der das getan hat und noch gleichfort tut, hat uns Menschen, ja sicher nicht einmal eine Mücke, zu keinem leidigen Spielzeug Seiner Launen erschaffen! Oder kann man sich einen weisen und somit auch guten Menschen denken, der daran sein größtes Vergnügen hätte, seine armen Nebenmenschen in einem fort auf das grausamste quälen zu sehen? Soviel aber ich die Menschen in allen Verhältnissen und Richtungen betrachtet habe, habe ich auch stets bemerkt, daß Gott den Menschen durchaus kein Leid zufügt; sondern das tun sich die Menschen gegenseitig und auch ein jeder nur zu oft und am allermeisten sich selbst. Denn erstens treibt die Menschen ihre nie zu sättigende Selbstsucht und Habgier dazu an, daß sie sich nach aller Möglichkeit verfolgen und sich gegenseitig dadurch Übel und Qualen aller Art und Gattung bereiten und zuziehen; und weil sie dabei auf den geoffenbarten Willen Gottes nicht mehr achten, so gelangen sie durch die ungeordnetsten Lebensweisen auch in allerlei böse Leibeskrankheiten, die ihnen dieses Vorleben höchst verbittern.
GEJ|8|4|10|0|Frage: Ist da auch etwa Gottes Weisheit und Güte daran schuld? Wenn das der Fall wäre, so müßten jene hoch zu ehrenden Menschen, die stets streng nach den Gesetzen Gottes gelebt haben, vor ihrem Abscheiden von dieser Welt auch mit solchen bösen Krankheiten zu Tode gemartert werden wie diejenigen, die von ihrer Jugend an schon ein gottloses Leben geführt haben und dadurch die Natur ihres Wesens in die größte Unordnung brachten. O nein, ich selbst habe mich schon gar oft überzeugt, daß der nach der Ordnung Gottes lebende Mensch zumeist ein hohes Alter erreicht und am Ende eines sichtlich ganz sanften Todes stirbt.
GEJ|8|4|11|0|Es gibt hie und da freilich wohl auch Beispiele, daß recht fromme und gerechte Menschen am Ende auch mit irgendeiner eben nicht sehr sanften Todesart von dieser Welt scheiden; aber da können wir immer zwei Fälle annehmen, und diese können wohl darin bestehen, daß Gott so einem Menschen eine größere Geduldsprobe zukommen läßt, damit seine Seele fürs Jenseits eine desto größere Gediegenheit erlange. Warum? Das wird Gott sicher höchst klar wissen!
GEJ|8|4|12|0|Im zweiten Fall aber kann der im gesetzten Alter fromm und gerecht gewordene Mensch durch so manche Jugendsünden doch seines Leibes Natur leicht in irgendeine Unordnung gebracht haben, und diese kann ihm dann am Ende seines Lebens auch so manche bitteren Folgen zum Verkosten bringen, die ihm die letzten Stunden eben nicht zu den angenehmsten machen dürften. Aber das können wir als völlig sicher und gewiß annehmen, daß von der Wurzel an ganz nach der Ordnung Gottes lebende Menschen stets höchst sanft dahinsterben.
GEJ|8|4|13|0|Das ist nun so mein wahres Bekenntnis, bei dem ich für mich bis an den Rand dieses meines Erdenlebens treu verbleiben werde; von euch aber glaube und tue ein jeder, was er will!“
GEJ|8|5|1|1|5. — Die Pharisäer besprechen sich über den frühen Tod von Kindern und über den Messias
GEJ|8|5|1|0|Hierauf sagte der erste Redner: „Ja, da kann ich dir wahrlich nichts anderes einwenden, als daß du uns bei allen deinen überaus guten Ansichten nicht auch darüber einen Aufschluß gegeben hast, wie sich der frühe Tod der Kinder mit der Weisheit, Güte und Gerechtigkeit Gottes vereinen läßt.
GEJ|8|5|2|0|Der Mensch ist nach deiner Ansicht von Gott berufen, sich durch ein wohlgeordnetes Vorleben auf dieser Erde eine wahre und der Absicht Gottes gemäße Gediegenheit und Solidität seiner Seele zu verschaffen – denn daß das in der Absicht Gottes liege, davon zeige sich der Grund ja klar in aller Offenbarung durch den Mund der Urväter und Propheten –; aber was wird dann jenseits mit und aus den Kindern, die wegen ihres frühen Todes eigentlich weder ein ungeordnetes und noch weniger ein geordnetes Vorprobeleben aufzuweisen haben? Wenn des Menschen Seele nur durch ein wohlgeordnetes Vorprobeleben zum gediegenen, wahren, ewigen Leben gelangen kann, durch was gelangt dazu dann die Seele eines Kindes? Oder stirbt die Kindesseele mit dem Leibe?“
GEJ|8|5|3|0|Sagte darauf der zweite, gute Redner: „In der Urzeit der Menschen weiß kein Mensch etwas davon, daß damals auch Kinder gestorben wären; den frühen Tod der Kinder haben nur die Sünden der Eltern bewirkt, und sie sind darum wissentlich oder unwissentlich schuld am frühen Tode ihrer Kinder. Aber Gott wird in Seiner höchsten Weisheit auch für die unschuldigen Seelen der Kinder zu sorgen wissen; sie werden sicher im großen Jenseits das hier nicht durch ihre Schuld Versäumte nachzuholen bekommen!
GEJ|8|5|4|0|Ist denn diese Erde etwa die einzige Welt? Sehen wir den gestirnten Himmel an! Große Weise der Vorzeit und selbst Moses in seinen Beibüchern, die wir zwar noch haben, aber ihnen keinen Glauben schenken, haben gezeigt, daß Sonne, Mond und alle Sterne Welten seien, und oft um gar vieles größer, als die unsrige da ist; wenn aber so, da wird es für Gottes Weisheit und Macht wohl auch ein leichtes sein, für die Seelen der Kinder eine andere und vielleicht auch um manches bessere Vorlebensprobewelt zu bestimmen, auf der sie dann ihre Lebensvollendung erreichen werden.
GEJ|8|5|5|0|Daß Gott im ewig großen Schöpfungsraume noch andere Schulerden für Menschen haben wird, daran ist wahrlich nicht zu zweifeln, – haben ja doch auch wir kleinen und schwachen Menschen für unsere Kinder mehr als nur ein einziges Schulhaus! Was aber schon bei uns noch ohnmächtigen Menschen möglich ist, warum sollte das dem allmächtigen und höchst weisen Gott etwas Unmögliches sein?
GEJ|8|5|6|0|Die Urväter, die sicher mehr denn wir nun mit dem Himmel Gottes im Verbande standen, wußten gar wohl darum, daß es also ist; wir aber haben durch unseren materiellen Weltsinn alles, was des Geistes ist, verloren und wissen kaum mehr etwas Näheres davon. Ich bin zwar auch nur ein Materiemensch, aber ich habe viel gelernt und erfahren und rede darum nun also, wie ich rede. Freilich kann ich im Tempel vor allen nicht auch also reden!“
GEJ|8|5|7|0|Sagte der erste Redner: „Nun kann ich dir nichts mehr einwenden und bin recht froh, daß du mich auf eine andere Meinung gebracht hast. Aber es ist nun auch an der Zeit, auf unser Hauptthema, nämlich auf den sonderbaren Propheten aus Galiläa, zurückzukommen. Ich habe gleich anfangs dahin meine Bemerkung gemacht, daß es auf der Erde immer gewisse und sonderbare Menschen gibt, aus deren Worten und Taten sich unleugbar eine höhere, gottähnliche Begabung leicht erkennen läßt, wie das eben bei unserem Galiläer der Fall zu sein scheint.
GEJ|8|5|8|0|Aber auch bei andern Menschen fehlt es an ähnlichen Begabungen nicht. Nehmen wir nur heute das plötzliche Verschwinden unserer Mäntel und die Herbeizauberung der drei Löwen! Das ist ein offenbares Wunder, das ein gewöhnlicher Mensch nicht begreifen kann. Nun könnten aber diese auch sagen: ,Ich oder der da ist euer Messias, weil er Wunder zu wirken imstande ist!‘, – was wir denn doch nicht annehmen können! Denn würden wir das, so würde es bald vor lauter Messiassen wimmeln. Die Essäer wirken auch Wunder, aber darum sind sie noch lange keine Messiasse. Der Galiläer aber offeriert sich uns als ein solcher. Was sollen wir dazu sagen?“
GEJ|8|5|9|0|Sagte der zweite, gute Redner: „Meine Meinung wäre diese, die ich aber aus begreiflichen Gründen nicht habe aussprechen können: Seine Lehren und Taten sind mir wohlbekannt. Er ist ganz mit Leben und Tat der reinste Jude, ganz im Sinne Mosis. Wie es aber nun bei uns im Tempel mit dem lieben Moses aussieht, das wissen wir alle nur zu gut, und auch er scheint es ganz perfekt zu wissen, ansonst er uns heute vormittag nicht so derbste Brocken vorgeworfen hätte. Zudem aber hat er auch an dem Blindgeborenen ein wahres Gotteswunder bloß durch seinen Willen gewirkt, was vorher wohl niemandem möglich war, und so bin ich nun der Meinung, wir sollten als scharfe Beurteiler die Sache auf sich beruhen lassen. Kommt Zeit, kommt auch der Rat. Ist er am Ende denn doch das, als was er sich offen allen Menschen ankündet, so werden wir gegen ihn schon ewig nichts ausrichten; ist er aber am Ende dennoch nicht das, so wird er auch gegen uns nichts ausrichten – trotz allen seinen Wundern!
GEJ|8|5|10|0|Das beste ist, so wir im geheimen alle seine Lehren und Taten prüfen. Finden wir sie ganz rein und seine Taten ganz göttlicher Art, dann werden auch wir an ihn glauben; ist aber für uns von ihm aus diese Bedingung nicht erfüllt, dann bleiben wir, was wir sind, und überlassen alles andere Gott!“
GEJ|8|5|11|0|Mit dem waren nun alle einverstanden und aßen und tranken darauf wieder.
GEJ|8|5|12|0|Nach dieser Rede aber kam auf Mein Geheiß Lazarus wieder zu ihnen. Er wußte um alles, was sie geredet hatten, denn Ich hatte das allen gesagt.
GEJ|8|6|1|1|6. — Lazarus erzählt seine Erfahrungen mit dem Herrn
GEJ|8|6|1|0|Als die jetzt wohlgesättigten Pharisäer des Lazarus bei ihnen ansichtig wurden, drückten sie alle ihre Freude aus, daß er nun ungerufen zu ihnen gekommen sei.
GEJ|8|6|2|0|Er aber grüßte sie auch, sagend (Lazarus): „Es freut mich sehr, daß ihr euch auf diesem von euch in den Bann gelegten Orte doch so wohl befindet! Aber ich meine nun, da mir alles bekannt ist zu meiner rechten Herzensfreude, was ihr hier ganz allein miteinander verhandelt habt, so werdet ihr wahrlich recht weisen Männer von eurem Bannfluche gegen diese meine Besitzung eben keinen besonderen Gebrauch machen?“
GEJ|8|6|3|0|Sagte der erste Redner: „Das sicher nicht; aber wie – bei Moses! – hast du bei verschlossenen Türen und Fenstern denn vernehmen können, was wir so leise wie möglich unter uns gesprochen haben? Sage uns den Inhalt unserer Reden, sonst müssen wir glauben, daß du uns hier zum besten haben willst!“
GEJ|8|6|4|0|Hier beteuerte ihnen Lazarus, daß so etwas höchst ferne von ihm sei, und trug ihnen darauf alles Wort für Wort vor, was sie ehedem miteinander verhandelt hatten.
GEJ|8|6|5|0|Als die Pharisäer das vernahmen, da sagte der erste wieder: „Aber wie – um alle Sterne am Himmel! – bist du dahintergekommen?“
GEJ|8|6|6|0|Sagte Lazarus: „Hast doch du selbst in deinen Worten bekannt, daß es in der Welt Menschen gäbe, die mit gar seltenen Fähigkeiten begabt sind! Warum sollte zum Beispiel ich nicht auch mit so mancher seltenen Fähigkeit von Gott aus begabt sein? Aber ich kann euch noch etwas viel Wichtigeres sagen, und das besteht darin, daß ihr infolge eures Wissens und Redens dem Reiche Gottes recht nahe wäret, wenn euch die böse Luft des Tempels nicht daran hinderte. Besonders aber bezeichne ich dafür deinen Gegenredner, dem du am Ende selbst in allem beistimmtest, sowie auch alle die andern, darum ihr alle nun mit dem gar sehr werten Gegenredner auf ein und demselben Punkte stehet zu meiner wahrlich großen Freude; denn Männer euresgleichen werden sich nun nicht gar viele mehr im ganzen Tempel vorfinden. Darum sage ich euch, als nun euer alter und wahrer Freund, daß ihr dem Reiche Gottes nun näher stehet, als ihr es ahnet!“
GEJ|8|6|7|0|Sagte nun der zweite Redner: „Lieber Freund, erkläre du dich deutlicher! Was willst du uns damit denn sagen? Wie sollen und können wir nun hier dem Reiche Gottes näher sein, als wir es zu ahnen imstande sind? Sollen wir hier etwa sterben? Hast du uns etwa – Gift in den Wein getan?“
GEJ|8|6|8|0|Sagte Lazarus: „Wie könnet ihr als wahrlich gescheite Leute euch so etwas nur denken! Ich will ja gleich aus euren Bechern trinken, um euch zu beweisen, wie irrig ihr da denket; ihr werdet noch lange genug auf dieser Erde zu leben haben! Nur mit eurem Wissen seid ihr dem Reiche Gottes nahe gekommen und mit eurem geheimgehaltenen Glauben, aber nicht mit eurem irdischen Leben!“
GEJ|8|6|9|0|Sagte der erste Pharisäer: „Was verstehst du denn hernach unter dem Reiche Gottes?“
GEJ|8|6|10|0|Sagte Lazarus: „Nichts anderes als nur die rechte Erkenntnis Gottes in eurem Gemüte! Würdet ihr dazu aber auch noch Den als das annehmen, was Er wahrhaft ist, den ihr bis jetzt verfolgt habt, so wäret ihr schon auch völlig im lichtvollsten Reiche Gottes! Verstehet ihr mich nun, was ich euch damit habe sagen wollen, als ich sagte: ,Ihr seid dem Reiche Gottes näher gekommen, als ihr es ahnen möget!‘?“
GEJ|8|6|11|0|Sagte nun wieder der erste Redner: „Nun gerade recht, daß du uns auf dieses Thema gebracht hast! Daß du auf den sonderbaren Galiläer alles hältst, das wissen wir schon eine ziemliche Zeit lang, und wir haben dir das, ob recht oder unrecht, auch tatsächlich zu erkennen gegeben. Das ist uns nichts Neues. Aber da du den Mann sicher besser kennst denn wir und wir nun hoffentlich wieder wahrhaftige Freunde geworden sind, weil du durch deine uns früher unbekannte Fähigkeit dich selbst überzeugt hast, wie wir eigentlich bei uns denken, so wäre es nun bestens an der Zeit, daß eben du uns den Mann möchtest näher kennen lehren. Du brauchst uns darum seinen irgendwoigen und etwa nunmaligen Aufenthalt gar nicht anzugeben, weil wir von dem lächerlichen Beschlusse des Tempels ja ohnehin nimmer Gebrauch machen wollen und werden; ja, wir brauchen den Galiläer auch nicht etwa der verschlagenen Tempelpriester wegen näher kennenzulernen, sondern nur allein unsertwegen, und kannst du nun schon ganz offen von ihm zu uns reden!“
GEJ|8|6|12|0|Sagte darauf Lazarus: „Wie und wo Er geboren ist, und was sich bei Seiner Geburt schon alles zugetragen hat, als der alte, böse Herodes vor dreißig Jahren zu Bethlehem Seinetwegen die schwere Menge der unschuldigen Knäblein von ein bis zwei Jahren Alters hat ermorden lassen, weil ihm die drei Weisen aus dem fernen Morgenlande, die ein Stern hierhergeführt hatte, die Kunde gebracht hatten, daß den Juden ein neuer König zu Bethlehem geboren worden sei, das alles wisset ihr so gut wie ich; aber ihr wisset es nicht, daß jener neugeborene König der Juden durch göttliche Vorsehung und Waltung nicht in die Hände des grausamen Herodes geraten ist, sondern durch Gottes Hilfe und durch die Vermittlung des damaligen noch jungen römischen Hauptmanns Kornelius glücklich nach Ägypten und – ich glaube – in die alte Stadt Ostrazine entflohen ist und erst, als der alte Herodes nach drei Jahren, von Läusen gefressen, gestorben ist, in die Gegend von Nazareth ganz wohlbehalten zurückgekehrt und dort in ganz stiller Zurückgezogenheit ohne irgendwelchen besonderen Unterricht zu einem Manne herangewachsen ist.
GEJ|8|6|13|0|Als er zwölf Jahre alt war, kam er mit Seinen irdischen Eltern zu der vorgeschriebenen Knabenprüfung nach Jerusalem, blieb drei volle Tage im Tempel und setzte durch Seine Antworten und Fragen alle Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer ins größte Erstaunen, was mir mein Vater, der für Ihn wegen der Armut Seiner Eltern sogar die höhere Prüfungstaxe bezahlt hatte, erzählte.
GEJ|8|6|14|0|Auch das wird den älteren von euch noch sicher erinnerlich sein, wenn gerade schon das nicht, daß er der Wut des alten Herodes entflohen und nach drei Jahren aus Ägypten wieder nach Nazareth zurückgekehrt ist.
GEJ|8|6|15|0|Und sehet nun, der Mann, der nun so große Werke verrichtet bloß durch die rein göttliche Macht Seines Willens und Seines Wortes, ist ebenderselbe vor dreißig Jahren zu Bethlehem neugeborene König der Juden und ebenderselbe weise Knabe, der vor zwanzig Jahren den ganzen Tempel ins größte Erstaunen gesetzt hat!
GEJ|8|6|16|0|Nun wisset ihr einmal genealogiter [Die Abstammung betreffend], mit wem ihr es in dem nun so außerordentlichen Galiläer zu tun habt, und das gehört auch sehr dazu, um über Ihn ein günstiges Urteil fällen zu können.
GEJ|8|6|17|0|Was Er aber nun tut, das wisset ihr teilweise, haltet aber davon das meiste, was euch von Ihm, Seinen Lehren und Taten hinterbracht wurde, mehr denn zur Hälfte für Fabeln und Übertreibungen des Volkes, das an Ihm hängt und an Ihn glaubt, – und da eben irret ihr euch groß!
GEJ|8|6|18|0|Ich bin wahrlich, wie ihr mich auch wohl kennet, der Mensch nicht, der die Katze im Sacke kauft! Ich habe mich darum auch bei Ihm sehr genau selbst mehrorts und längere Zeit hindurch überzeugen wollen, was denn eigentlich an diesem Manne sei. Und seht, ich, der ich doch auch in der Schrift bewandert bin, fand an Ihm nie etwas Verdächtiges, wie gar so oft schon an den marktschreierischen Magiern und Zauberern!
GEJ|8|6|19|0|Seine Lehren sind vollkommen die des Moses und der Propheten, und Seine Wunder wirkt Er nur, wo es not ist, und läßt sich von niemandem dafür je etwas bezahlen. Kurz und gut, Sein kräftiges Wort ist reinstes Gotteswort, Seine Weisheit Gottes Weisheit, und Seine Taten sind ebenso nur Gottes Taten, weil es keinem Menschen möglich ist, daß er sie bewerkstellige!
GEJ|8|6|20|0|Als ich vor mehr als einem halben Jahre mit Ihm und Seinen damals vielen Jüngern nach Bethlehem zog, da fanden wir daselbst vor den Toren der alten Stadt Davids eine große Menge Bettler, weil alldort ein Fest abgehalten wurde. Diese Armen beiderlei Geschlechts baten uns unter großem Gejammer um ein Almosen. Am allermeisten schrien ganz Verstümmelte ohne Hände und manche auch ohne Füße, und ich wollte sie auch nach meinen Kräften beteilen.
GEJ|8|6|21|0|Er aber gab mir zu verstehen, daß es dazu noch Zeit sei, und fragte die Armen dann, ob sie sich, so sie völlig gesund wären und ihre geraden Glieder hätten, nicht lieber mit der Arbeit ihrer Hände das nötige Brot verdienen möchten. Alle beteuerten, wenn das möglich wäre, so würden sie lieber Tag und Nacht arbeiten als nur einen Augenblick mehr jemanden um ein Almosen bitten. Er aber sagte darauf: ,So stehet auf und wandelt, und suchet euch Arbeit!‘ Auf dieses Wort hin waren alle augenblicklich von ihren allerartigen Übeln geheilt. Die Blinden sahen, die Tauben und Stummen hörten und redeten, die Lahmen sprangen auf wie junge Hirsche, und die Verstümmelten ohne Hände und Füße bekamen – sage – ganz offenbar neue Glieder, und das war alles das Werk eines Augenblicks! Ich aber nahm dann gleich alle diese so wunderbar Geheilten in meine Dienste, beschenkte sie sogleich und wies ihnen an, wohin sie zu gehen hatten.
GEJ|8|6|22|0|Wenn man selbst Zeuge einer solchen Tat und noch von hundert anderen war, von denen man nicht einmal mehr sagen kann: ,Siehe, diese waren größer und denkwürdiger denn die anderen!‘, wenn man auch gesehen hat, daß Seinem Willen auch alle Tiere, alle Elemente, die ganze Natur, selbst Sonne, Mond und Sterne und die Meere der Erde wie auch ihre Berge gehorchen, und Er Selbst sagt: ,Ich und der Vater im Himmel sind Eins! Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater. Wer da an Mich glaubt, der wird das ewige Leben haben; denn Ich Selbst bin die Wahrheit, der Weg und das Leben!‘, so kann man bei gesunden Sinnen und bei gesunder Vernunft denn doch nimmer zweifeln, daß es also ist, wie Er es lehrt, und wie das von Ihm schon von – sage – Adam an alle Väter, Patriarchen und Propheten geweissagt und gelehrt haben.
GEJ|8|6|23|0|Ich glaube nun vollkommen fest und ungezweifelt an Ihn und getraue mir das auch vor aller Welt laut zu bekennen, weil ich meine unumstößlichen Gründe dafür habe; ein anderer aber kann tun, was er will! Nun wisset ihr in Kürze das Wichtigste, was den großen Galiläer betrifft, in vollster Wahrheit und möget nun selbst urteilen, was ihr von Ihm zu halten und zu glauben habt!“
GEJ|8|7|1|1|7. — Lazarus rügt die Lauheit der Pharisäer
GEJ|8|7|1|0|Sagte der zweite, gute Redner: „Ja, Freund Lazarus, da kann ich dir durchaus nicht unrecht geben; denn wäre ich an deiner Stelle, so würde ich auch das tun, was du tust! Aber so kann ich das, wie jede andere bessere Überzeugung, nur geheim bei mir behalten, weil ich in meiner Stellung nicht offen gegen den argen Weltstrom schwimmen kann. Du aber bist ein überreicher und nun durch dein römisches Bürgerrecht ein ganz freier Mann und kannst des Guten so viel tun, als du nur immer willst. Niemand kann dir in die Quere treten! Wie wir Templer aber nun stehen, das weißt du ohnehin! Darum können wir nur im stillen der Wahrheit zugetan sein; offen aber sind wir genötigt, der Lüge das Wort zu reden. Daß es sich aber mit uns, die wir noch den älteren und besseren Tagen angehören und die Wahrheit für uns wohl begreifen, leider nun in dieser neueren Lügenzeit also verhält, weißt du so gut wie wir.
GEJ|8|7|2|0|Ich glaube nun das, was du glaubst, und es ist also und wird nie anders werden, da zu große und unleugbarste Beweise aller Art und Gattung nur zu sehr dafür sprechen und zeugen; aber wir können offen dennoch nichts dafür tun, außer daß wir uns im Rate jeder Stimmung weder dafür noch dawider ganz kategorisch enthalten und bei guter Gelegenheit dartun, daß bei dieser Gelegenheit ein jeder Verfolgungsversuch ein rein vergeblicher ist. Und ich meine, daß wir dadurch der guten Sache, wennschon nicht gerade förderlich, so aber doch nicht als hinderlich erscheinen, und das kann denn am Ende doch auch nicht als etwas völlig Schlechtes angesehen werden! – Was ist da deine Meinung, Freund Lazarus?“
GEJ|8|7|3|0|Sagte Lazarus: „Freund, offen gesagt: Wenn man von einer so großen und alles Sonnenlicht übertreffenden Wahrheit in sich völlig überzeugt ist, sich aber offen vor der Welt dennoch nicht getraut, sich zu ihren Gunsten auszusprechen – abgesehen von jeder wie immer gearteten Stellung in dieser Welt –, so ist man da immer mit einem Menschen zu vergleichen, der da nicht kalt und auch nicht warm ist. Wenn ich mir nun denken und laut der größten und unwiderlegbarsten Beweise gläubigst sagen muß: ,Das ist der Herr Selbst, durch dessen Liebe, Gnade und Willen ich lebe!‘ – wie das auch alle Propheten von Ihm vorausgesagt haben –, so ist Er allein mir alles und alle Welt und der ganze Tempel nichts mehr! Er hat nun erfüllt, was Er verheißen hat; Er, der auf Sinai dem Moses und unseren Vätern die Gebote gegeben hat, ist nun leibhaftig unter uns und zeigt uns durch Worte und Taten, daß Er es ist, der ewig getreue, wahrhaftige Jehova. Wie ist es da einem wahren Menschen noch möglich, sich bei einer so endlos hochwichtigsten Lebenssache lau zu verhalten?!
GEJ|8|7|4|0|Ich an eurer Stelle, indem ihr es ohnehin einsehet, daß es mit dem Tempel, wie er nun bestellt ist, keinen langen Halt mehr haben wird, würde mein Vermögen nehmen und sehen, ein wahrer Lebensjünger des Herrn zu werden. Ihr könnt von nun an im Tempel nicht für euer irdisches Leben viel mehr irgend gewinnen, weil die Opferungen von Jahr zu Jahr aus sehr begreiflichen und euch wohlbekannten Gründen um ein sehr bedeutendes magerer werden. Dazu seid ihr aber auch schon so ziemlich an der Neige eurer irdischen Lebensjahre und müsset euch selbst sagen: Mit uns wird es auf dieser Welt wahrscheinlich nicht gar zu lange mehr dauern! Was dann?
GEJ|8|7|5|0|Über das Jenseits habt ihr meines guten Wissens wohl Vermutungen, aber durchaus noch lange keine Gewißheit. Der Herr, der nun wunderbarstermaßen unter uns Menschen als Selbst Mensch wandelt, könnte euch das Jenseits zeigen und euch des künftigen Lebens versichern, und das wäre für euch doch sicher der größte Lebensgewinn! Was dünket euch?“
GEJ|8|7|6|0|Sagte der erste Redner: „Ja, ja, Freund, da hast du ganz wohl gesprochen, und es wird sich mit dem Galiläer die Sache auch also verhalten; aber man muß auch das bedenken, wie man sich auf eine gute Art vom Tempel frei machen kann, damit es den andern Amtsgenossen nicht auffalle. Wären wir nicht die Ältesten des Tempels, so könnten wir uns unter irgendeinem Vorwande aus dem Tempel entfernen, etwa als Judenapostel, um irgend Heiden zum Judentum zu bekehren; aber wir sind dazu schon zu alt und bekleiden die ersten Stellen im Tempel, und so ist das eine schwere Sache.
GEJ|8|7|7|0|Wir könnten uns wohl in den Ruhestand setzen lassen gegen Rücklassung des zehnten Teiles unseres Vermögens, aber wir würden dadurch der guten Sache des erhabenen Galiläers offenbar mehr schaden als nützen; denn so wir unsere Stellen im Tempel verlassen, so werden sie ehest von anderen besetzt, die ohnehin schon darauf lauern. Diese unsere Stellvertreter würden als gewisserart neue Kehrbesen der guten Sache des Galiläers sicher um noch gar viele Male wütender entgegentreten als wir, die wir nun durch dich wissen, was wir zum wenigsten für uns von ihm zu halten haben.
GEJ|8|7|8|0|Wir können nun im Hohen Rate beschwichtigend für den Galiläer wirken und ihm so manche Hindernisse bei seinem erhabenen Lehramte aus dem Wege räumen, weil wir als Älteste des Tempels denn doch auf den Hohepriester, der in seiner Sphäre ein wahrer Tyrann ist, einen bedeutenden Einfluß haben, und können ihm auch bei guter Gelegenheit so manches Außerordentliche mitteilen und ihm zeigen, wer der ihm so überaus verhaßte Galiläer ist, und daß es ein Wahnsinn ist, sich als ein schwacher Mensch einem Menschen entgegenzustellen, dessen Wille eine ganze Welt im Augenblick zu vernichten imstande ist.
GEJ|8|7|9|0|Wenn wir dem Hohenpriester das so recht kernfest darstellen, so wird er in seinem wilden Eifer sicher kühler werden und nicht oft Tag und Nacht Rat halten, wie der Galiläer mit seinem ganzen Anhange zu ergreifen und zu verderben wäre. Wir für uns aber werden dann geheim schon wohl eine Gelegenheit finden, als nunmehr wahre Freunde und Anhänger des Galiläers mit ihm irgend persönlich zusammenzukommen und uns von ihm belehren zu lassen. Ich meine, daß diese meine Ansicht sich auch hören läßt?“
GEJ|8|7|10|0|Sagte Lazarus: „Oh, allerdings; aber es sieht dabei für euch selbst der Wahrheit nach noch wenig Heil heraus! Was ihr von nun an zu Seines Amtes Gunsten im Tempel tun wollet, hat ein gutes, menschliches Ansehen; aber so ihr bedenket, daß Er, den ihr noch immer den berühmten Galiläer nennet, wahrhaft der Herr Selbst ist, dem alle Weisheit und Macht zu Gebote steht, so muß es euch dabei ja doch klar sein, wie albern und eitel der Gedanke ist und wie dumm des Menschen Einbildung, in seiner sterblichen Schwäche und Blindheit irgend durch einen Rat oder durch eine Tat Gott helfen zu wollen. Er bedarf unserer Hilfe ewig nicht, sondern wir nur der Seinigen!
GEJ|8|7|11|0|Wenn Er uns Menschen Gutes in Seinem Namen tun und wirken läßt, so geschieht das nur unseres eigenen Heiles wegen; denn dadurch üben wir uns in der wahren und lebendigen Liebe zu Gott und aus dieser zum Nächsten. Je mehr aber jemand in der Liebe zu Gott und zum Nächsten in seinem Herzen zugenommen hat, desto mehr Fähigkeiten wird er von Gott erhalten, Ihn und den Nächsten noch immer mehr und mehr lebendigst lieben zu können!
GEJ|8|7|12|0|Aber darum benötigt Gott unserer Tätigkeit nicht, wie etwa wir Menschen der Tätigkeit unserer Knechte und Mägde benötigen, sondern so wir nach Seinem Rate und nach Seiner Lehre tätig sind, so sind wir das nur zu unserem Heile, aber ewig nie etwa zum Heile des Herrn, der Selbst das ewige Heil aller Kreatur ist.
GEJ|8|7|13|0|Daß sich hier die Sache also und nicht anders verhält, werdet ihr nun wohl leicht selbst einsehen, das heißt, so ihr in eurem berühmten Galiläer das sehet und erkennet, was ich schon lange gesehen und erkannt habe, nämlich, daß Er der Herr Selbst ist.
GEJ|8|7|14|0|Haltet ihr Ihn aber noch immer für einen bloß außerordentlichen Menschen, der bei allen seinen wunderbaren Fähigkeiten denn zuweilen doch auch noch der Mithilfe der Menschen bedarf, dann ist das, was ihr für Ihn tun wollet, allerdings löblich; denn die Nächstenliebe gebietet uns das, daß wir Menschen uns gegenseitig mit Rat und Tat behilflich sein sollen.“
GEJ|8|8|1|1|8. — Die Bedenken der Pharisäer über den Herrn
GEJ|8|8|1|0|Sagte nun wieder der erste Redner: „Lieber Freund Lazarus, du hast da ganz richtig geurteilt, so sich die Sache mit dem wundersamen Galiläer im vollsten Ernste also verhält, wie du sie uns aus deiner wohlerwiesenen Überzeugung mitgeteilt und getreu dargestellt hast, laut der wir auch der vorwiegenden Meinung sind, daß sich diese Sache auch also verhalten wird. Aber bei einer so endlos hochwichtigen Sache ist von unserer Seite als Juden – dem Volke Gottes – sehr notwendig, eine starke Prüfung anzustellen und zuvor gar vieles wohl zu bedenken und zu überlegen, ob möglicherweise doch etwa irgend etwas in einem sehr verborgenen Hintergrunde stecken könnte, das am Ende der Sache doch ein anderes Gesicht geben könnte, als für was sie ein von den Wundereffekten gewisserart berauschter und im Gemüt und Verstande gefangengenommener Mensch von ihr sich vorstellte.
GEJ|8|8|2|0|Siehe, so ist mir, wie auch uns allen, ehedem draußen sehr aufgefallen, wie zuerst der junge, wohlberedte Mensch uns unsere Mäntel bloß durch sein Wort und durch seinen Willen abnahm in einem so schnellen Augenblick, daß wir uns dawider gar nicht versehen konnten und auch gar nicht wußten, wohin unsere Mäntel verschwunden waren. Weiter kamen die sieben, dem Aussehen nach Ägypter oder Araber; es kostete sie nur einen Wink, und drei grimmige Löwen waren zu unserem Entsetzen da! Siehe, das sind von Menschen hervorgebrachte Wunder, was sich nicht leugnen läßt. Wenn nun der junge Mensch, dem es an der Weisheit auch nicht gebricht, von sich aussagte: ,Ich bin Christus; meine Wundertat beweist euch das!‘, – würdest du ihn dann wohl auch gleich als das annehmen, was er aussagt, daß er sei? Oder so einer jener sieben Männer ein gleiches von sich vorgäbe, würdest du ihm wohl auch den Glauben schenken? Haben, wie wir aus der Schrift lesen, nicht auch Moses wie die andern Propheten nach ihm große Wunder gewirkt und waren darum doch nicht Christus?!
GEJ|8|8|3|0|Nun wirkt der wundersame Galiläer auch große und jedermann höchst auffallende Wunder, hat dazu auch eine wahrlich höchst weise Rede und sagt, daß er Christus sei! Nun, daß er von sich das aussagt, was kein anderer Wundertäter von sich ausgesagt hat, das genügt noch nicht vollkommen als ein Beweis, daß er darum auch schon das wirklich ist, als was er sich vor den Menschen ausgibt! Wir nehmen es nun nach deinem Zeugnisse wohl an und glauben, daß sich die Sache also verhalten wird; aber darum kann es uns noch nicht benommen sein, die Sache nebstbei noch immer nach allen Richtungen hin zu prüfen. Finden wir dabei nirgends einen auch nur scheinbaren Widerspruch, so werden wir auch alsogleich das tun, was du uns wahrlich sehr weise und freundlich angeraten hast.
GEJ|8|8|4|0|Siehe, du kannst noch ganz andere und sonderheitliche Beweise haben, die wir nun noch nicht kennen, diese können dich zu einer tieferen und inneren Überzeugung geführt haben! Nun, solches mangelt uns offenbar aus leicht begreiflichen Gründen; denn wir selbst haben persönlich ihn, den berühmten Galiläer, nur etliche Male im Tempel gesehen und gehört und hörten nur von seinen Wundertaten aus anderer Menschen Munde vieles; aber selbst Augenzeugen waren wir eigentlich von nur sehr wenigem, das in der Heilung eines Gichtbrüchigen und jüngst in der eines Blindgeborenen bestand. Und das, Freund, genügt uns nun wahrlich um so weniger, als wir eben heute abend den jungen Menschen, der auch ein Galiläer zu sein scheint, und die sieben andern Männer auch Wunder wirken sahen und daraus wohl entnommen haben, daß andere Menschen auch Wunder zu wirken imstande sind.
GEJ|8|8|5|0|Was die weise Rede anbelangt, so sprach auch der junge Mensch höchst weise wie ein wahrer Prophet, und unsere Mäntel schützten uns nicht vor seinem Scharfblick; und so können wir bis jetzt noch immer sagen: Weder Wundertaten noch weise Reden und Lehren sind für uns genügende Beweise, daß darum der Galiläer schon im vollsten Wahrheitsernste der verheißene Messias sei, von dem es geschrieben steht, daß Er sei Jehova, der Herr Selbst.
GEJ|8|8|6|0|Auch du selbst gabst uns ehedem einen gar sonderbaren Beweis, wie ein Mensch auch durch seinen sehr geweckten Scharfsinn sogar die innersten Gedanken und geheimen Reden Wort für Wort wissen kann und vielleicht noch manches andere, was er aber einem Freunde, um niemand anderm ein Ärgernis zu geben, nur unter vier Augen sagen würde. Da aber sogar dir schon, als nur einem Menschen unseresgleichen, eine solche Fähigkeit innewohnt, die etwas sehr Wunderbares ist, warum sollen dem Galiläer nicht auch solche besonderen Fähigkeiten innewohnen, die jedem andern Menschen als ein offenbares Wunder vorkommen müssen, weil ihm die Wege zur Erlangung solcher besonderen Fähigkeiten gänzlich unbekannt sind und selbst die Menschen, die solche besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten besitzen, einem andern darin gar keinen Unterricht entweder geben oder geben wollen.
GEJ|8|8|7|0|Es gab einst Prophetenschulen, in die aber nur solche Menschen, und das schon als Jünglinge, aufgenommen wurden, die sich schon von der Geburt an durch gewisse besondere Eigenschaften bemerkbar gemacht hatten; vor allem soll dazu ein höchst sittlicher und, was die Fleischnatur des Menschen betrifft, auch höchst keuscher Charakter erforderlich gewesen sein.
GEJ|8|8|8|0|Nun, das sehen wir wohl ein, daß in einer sittlich ganz unverdorbenen Menschennatur sich ganz andere Fähigkeiten entwickeln können als in der kranken eines ganz gewöhnlichen, sinnlich unsittlichen Menschen; aber ein solcher hernach mit außerordentlichen Fähigkeiten begabter Mensch kann darum doch noch lange und eigentlich gar nie sagen, daß er vor anderen natürlich schwachen Menschen ein Gott sei.
GEJ|8|8|9|0|Ich selbst habe in meiner Jugendzeit einmal einen ganz einfachen Hirten gesehen, den seine Gefährten ihren König genannt haben. Dieser Mensch war sehr sittlich und fromm. Er hatte keinen Hirtenstab und brauchte nur zu wollen, und seine Herde folgte seinen Winken und seinem Worte und Willen. Ob er noch andere Dinge zu bewirken imstande war, weiß ich nicht; aber warum konnte er solche seine besondere Eigenschaft nicht zu einem Gemeingut auch der anderen Hirten machen?
GEJ|8|8|10|0|Darum bleibt es bei mir solange ein fester Satz, daß es auf der Welt immerhin einige besonders befähigte Menschen geben kann; aber man muß darum sehr auf der Hut sein, solch einen irgend besonders befähigten Menschen als einen in diese Welt aus den Himmeln gekommenen Gott anzusehen und anzuerkennen.
GEJ|8|8|11|0|Es hat ja unter den alten Propheten auch große und kleine gegeben, aber Gott war weder Moses noch Elias. Ich habe dir nun meine Meinung ganz klar ausgesprochen, und du kannst nun darüber nach deinem Gutdünken urteilen, wie du nur immer magst und kannst!“
GEJ|8|8|12|0|Sagte nun Lazarus in einem ganz freundlichen Ton: „Nach dem irdisch- menschlichen Verstande hast du ganz wahr und richtig gesprochen und konntest auch wohl füglich nicht anders urteilen und sprechen, weil dir, wie auch deinen Amtsgenossen, noch gar vieles mangelt, um den erhabensten Galiläer vollends als das anzuerkennen, was Er trotz deiner Zweifel und allervernünftigst scheinenden Einwendungen und Einwürfe dennoch ist.
GEJ|8|8|13|0|Glaubet es mir, daß ich mich auch nicht durch eine gewisse Wunderberauschtheit habe hinreißen lassen, den erhabensten Galiläer als den Messias anzuerkennen! Oh, da haben ganz andere Dinge mich dazu bestimmt!
GEJ|8|8|14|0|Ihr bewundert nun wohl auch den jungen Menschen, die sieben Ägypter und daneben sogar nun auch mich; aber ich sage es euch, daß ihr weder den jungen Menschen noch die sieben Ägypter, die noch ganz einfache und unverdorbene Menschen sind, wie es einst die Urväter auf der Erde waren, kennet und also auch nicht wisset, wie es mir möglich war, auf ein Haar genau zu wissen, was ihr allein untereinander geredet habt!“
GEJ|8|8|15|0|Sagte der erste Redner: „Nun, so erkläre uns das näher, und wir werden dann sehen, ob wir dir vollends im Glauben folgen können!“
GEJ|8|9|1|1|9. — Das Zeugnis des Lazarus über den Herrn
GEJ|8|9|1|0|Sagte Lazarus: „Hast du denn in der Schrift nicht gelesen: Wenn der Herr als ein Menschensohn auf diese Erde kommen wird, so werden die wenigen Gerechten sehen die Engel aus den Himmeln herniederkommen und Ihm dienen!? Was werdet ihr aber sagen, so ich euch sage: Das habe ich und viele an meiner Seite gesehen, und es war das weder ein Traum, noch weniger irgendeine andere Täuschung, sondern eine volle, mit Händen zu greifende Wahrheit! Und der junge Mensch ist eben auch ein Engel, und das ein Erzengel auch noch dazu!
GEJ|8|9|2|0|Den sieben Männern im tiefsten Hinterägypten aber hat es ihr innerer Geist angezeigt, daß bei uns Juden die große Verheißung in die volle Erfüllung gegangen ist, und sie machten sich auf und kamen, vom Geiste geführt, zu uns, um selbst zu sehen den Herrn aller Herrlichkeit als Menschen wandeln und lehren unter uns Menschen, die wir so blind sind, daß wir das noch nicht erkennen mögen, was jene überweit von hier entfernt wohnenden Menschen schon im hellsten Lichte schauen.
GEJ|8|9|3|0|Was aber meine Fähigkeit anbelangt, durch die ich wissen konnte, was ihr allein untereinander geredet habt, so habe ich sie zuvor nie besessen, sondern der große, erhabenste Galiläer, der Herr, hat sie mir gegeben infolge meines Glaubens an Ihn und meiner Liebe zu Ihm und Seinetwegen zu den vielen armen Nebenmenschen.
GEJ|8|9|4|0|Was ich euch hier gesagt habe, ist eine heilige Wahrheit; aber ich kann sie euch nicht anders bezeugen, als daß ich euch ein für alle Male sage: Also ist es und nicht anders, und ich glaube darum, daß der erhabenste Galiläer lebendigst wahr der verheißene Messias, Jehova Zebaoth ist. Wer an Ihn glaubt und Ihn auch über alles liebt und seine Nächsten wie sich selbst, der wird das wahre, ewige Leben in sich haben!
GEJ|8|9|5|0|Und nun könnet ihr aber deswegen tun, was ihr wollet; denn dies ist auch des Herrn heiliger Ausspruch: Der Wille muß sogar dem Teufel frei gelassen bleiben; denn ohnedem wäre der Mensch kein Mensch und kein Ebenmaß Gottes. Er wäre ein Tier, dessen Seele keine Freiheit hat und darum also tun muß, wie es von der Allmacht Gottes getrieben wird.
GEJ|8|9|6|0|Alles, was ihr sehet auf der Erde und am Firmament, ist gerichtet und steht unter dem unwandelbaren Gesetze des Muß. Der Mensch muß sich dieses starre und unwandelbare Gesetz auf eine kurze Zeit hin nur für seinen Leib gefallen lassen; denn den Leib des Menschen leitet, was dessen Form, Wachstum und kunstvollste organische Einrichtung wie auch die normale Dauer des Fleischlebens betrifft, nur die Allmacht Gottes, und Gott kann darum auch jeden kranken Leib augenblicklich heilen mittels der Macht Seines göttlichen Willens. Aber mit der freien Seele des Menschen hat die Allmacht Gottes nichts zu tun! Darum sind auch die Verhaltensregeln, die Gott für die Seelen der Menschen den Menschen gegeben hat, nicht unter Muß, sondern unter ,Du sollst‘ gegeben.
GEJ|8|9|7|0|Wir haben die Gesetze von Gott demnach ohne Muß erhalten und können sie beachten, wenn wir sie beachten wollen; darum wird auch nun vom Herrn aus gar niemand gezwungen, sich im Glauben an Ihn zu wenden, sondern wer das aus sich frei will. Aber man bedenke die Folgen für die Seele im Jenseits, wo sie ebenso frei bleiben wird, wie sie jetzt ist, nur mit dem Unterschied, daß sie dort alles aus sich wird schöpfen müssen, was sie zu ihrem ewigen Lebensunterhalte benötigen wird. Aber wie wird es ihr da dann ergehen, so sie sich nach dem Rate Gottes hier keine geistigen Schätze und Materialien in sich selbst angesammelt hat?
GEJ|8|9|8|0|Wie Gott Sich hier wegen der vollsten Lebensfreiheit der Seele mit Seiner Allmacht ferne hält, so wird Er Sich vermöge Seiner ewigen Ordnung auch ewig ferne halten. Hier auf dieser Erde aber hat jeder Mensch für seine Seele den Vorteil, daß ihm die Allmacht Gottes allerlei Schätze zu seinem Gebrauche hinzugegeben hat, mit denen er sich bei rechtem Gebrauche nach dem Rate Gottes übergroße geistige Schätze für seine Seele für ewighin erwerben kann. Jenseits aber fällt eine irgend von Gott erschaffene Schätze- und Nährwelt ganz weg; da wird eine jede Seele, als ein Ebenmaß Gottes, sich alles selbst erschaffen müssen aus sich, das heißt, aus ihrer eigenen Weisheit und aus ihrem eigenen freiesten Willen. Wie wird es ihr aber ergehen, wenn sie nicht im Verbande mit dem Willen Gottes, mit Seiner Weisheit und Liebe je gestanden ist?
GEJ|8|9|9|0|Was wird da eine blinde, finstere und sonach gänzlich ohnmächtige und an allen inneren, geistigen Schätzen völlig arme Seele – sage – jenseits anfangen und machen? Wenn ihr das nur einigermaßen bedenket, so müsset ihr es doch einsehen, wie höchst dumm es ist, sich jetzt der größten Zeit der Gnade Gottes des Herrn nicht teilhaftig machen zu wollen, wo man sie vor sich hat, wie man vielleicht ewig nie wieder im solch allerhöchsten Grade die wundervollste Gelegenheit vor sich haben wird!
GEJ|8|9|10|0|Ich habe euch nun alles gesagt, was ein wahrheitsliebender Freund euch sagen kann, und ich sage euch nun noch einmal das, was ich euch schon etliche Male gesagt habe: Ihr seid von mir aus aber darum durchaus nicht gebunden und könnet tun, was ihr wollet; denn eure Seelen sind ebenso vollkommen frei, wie da ist die meinige.“
GEJ|8|9|11|0|Als die Pharisäer den Lazarus also reden hörten, da sagte der zweite Redner, der, wie schon bekannt, ein tüchtiger Schriftgelehrter war: „Daß der Freund Lazarus, der sicher als ein Privatmann beinahe so wohlhabend ist wie kaum ein zweiter im Lande, durchaus kein Interesse haben kann, so wir seinem Rate folgen, das ist mehr als mit beiden Händen zu greifen! Denn was sollte ihm an unserem Golde und Silber, Perlen und Edelsteinen wohl gelegen sein? Er hat dessen so viel, daß er sich damit ganz leicht ein Königreich kaufen könnte! Er beredet uns also nicht, darum an den Galiläer zu glauben, daß wir etwa aus dem Tempel träten und dann unsere Schätze gegen Zinsen in seine Wechselbank legten; das sei ferne von uns, so etwas von ihm zu glauben, da er ohnehin schon vor ein paar Jahren seine Wechselbank für immer gesperrt hat! Aber er als ein bekannt gar tüchtiger Beurteiler aller möglichen Begebnisse in dieser Welt hat die Sache des großen Galiläers durchaus nicht irgend einseitig betrachtet und hat mit seinem bekannt scharfen Geiste den rechten Kern in dieser sonderbaren Sache gefunden; darum täten wir wahrlich wohl am besten, so wir ohne weiteres das täten, was er uns als Freund angeraten hat!
GEJ|8|9|12|0|In unserem Tempel gibt es nun wahrlich sehr wenig irgend mehr zu gewinnen! Der materielle Gewinn ist so gut wie zum größten Teil dahin, für unsere Seelen aber gibt es im Tempel nur stets größere Verluste, aber nie mehr einen Gewinn; darum würden wir ganz klug tun, so wir uns denn auch endlich in diesen unseren alten Tagen umsähen, wie es nach unserem Leibestode, der bei uns sicher eben nicht gar zu lange auf sich wird warten lassen, mit unseren Seelen aussehen wird. Ich wäre sogleich dabei, mich vollends vom Tempel frei zu machen, so auch ihr alle dasselbe tätet!
GEJ|8|9|13|0|Aber nur eines möchte ich vorher noch zu einer leicht erfüllbaren Bedingung stellen, und das bestünde darin: Ich möchte nun noch einmal mit dem Jungmenschen reden, den der Freund Lazarus uns soeben zuvor als einen Erzengel bezeichnet hat. Sage mir, Freund Lazarus, wäre das nun wohl etwa möglich?“
GEJ|8|9|14|0|Sagte Lazarus: „Oh, nichts so leicht möglich als das! Ich darf ihn nur rufen, und er wird im Augenblick sich hier befinden!“
GEJ|8|9|15|0|Sagte der zweite Redner: „Ich bitte dich, Freund, tue das; denn ich brenne vor Begierde, nun diesen Erzengelmenschen zu sehen und zu sprechen!“
GEJ|8|10|1|1|10. — Raphael gibt sich zuerkennen
GEJ|8|10|1|0|Hierauf berief Lazarus nach Meiner ihm schon im großen Speisesaale gegebenen Instruktion sogleich den Raphael, und dieser war auch im Augenblick in dem kleinen Speisesaale, in welchem sich eben die Pharisäer nun mit Lazarus befanden.
GEJ|8|10|2|0|Als Raphael gar so plötzlich vor den Pharisäern stand, da erstaunten sie überaus darüber, wie er gar so schnell auf den Ruf des Lazarus hatte dasein können.
GEJ|8|10|3|0|Als Raphael zum hohen Erstaunen aller nun da vor den Pharisäern stand und sie ihn mit sehr bedeutungsvollen Blicken musterten, da sagte, von einer geheimen, tiefsten Ehrfurcht durchschauert, der zweite Redner: „Sage uns, du geheimnisvoller Jüngling, ist die Sache sicher also, wie sie uns unser Freund Lazarus ehedem berichtet hat?“
GEJ|8|10|4|0|Sagte Raphael: „Warum zweifelt ihr daran? Habt ihr es zuvor denn nicht selbst erfahren, daß ein Mensch meines Alters unmöglich meine Fähigkeiten besitzen kann? Ja, ich sage es euch: Wie es euch Lazarus nur etwas zu früh enthüllt hat, gerade also verhält sich auch alles! Ich bin nicht wie ihr ein irdischer Mensch, sondern ich bin wahrlich ein Bote des Herrn! Mein Name ist Henoch, Raphael bin ich aber nun genannt, weil ich auf dieser Welt, als ich in der Urzeit auch als ein irdischer Mensch das Fleisch trug, keinen Tod des Leibes auf dieser Erde genossen habe, gleich dem Propheten Elias. Denn Gott der Herr hat mich in einem Augenblick verwandelt. Doch solche Gnade hat der Herr etwa nicht mir allein erwiesen, sondern auch andern, die Ihn über alles liebten.
GEJ|8|10|5|0|Aber ihr seid allzeit voll Unglauben gewesen und seid es auch jetzt um so mehr! Doch zu eurem Heile gereicht euch solche eure Zweifelsucht nimmer! Wenn ihr das alles nicht frei glaubet, so wird euch auch keine äußere oder innere Macht dazu zwingen; denn euer Wille muß völlig frei sein, weil ihr ohne den freien Willen, wie euch das schon Freund Lazarus erklärt hat, nicht Menschen, sondern pur stumpfsinnige Tiere wäret, ähnlich den Affen der Wälder Afrikas.
GEJ|8|10|6|0|Ich sage es euch nun: Wer nun noch die Vergänglichkeit dieser Welt und ihre nichtssagenden bösen Ämter mit ihrem beklagenswerten Ansehen mehr schätzen und lieben kann als den Herrn, der nun leibhaftig unter euch Menschen wandelt und wir, Seine Himmelsdiener, mit Ihm, der ist ein großer Narr bei allem seinem Weltverstande, ist des Herrn nicht wert, und Seine Hilfe wird ihm nicht zuteil werden. Wer den Herrn erkannt hat und Ihn nicht sucht, den wird auch der Herr nicht suchen mit Seiner Gnade!“
GEJ|8|10|7|0|Sagte der zweite Redner, der sich an der endlos schönen Gestalt Raphaels nicht genug weiden konnte: „Ja, ja, du bist wahrlich ein Erzengel! Ich glaube nun alles, und es ist nun die größte Sehnsucht in mir wach geworden, mit dem erhabensten Galiläer irgend zusammenzukommen, vor Ihm niederzuknien und Ihn um Vergebung zu bitten für alle die großen Sünden, die ich auf dieser Welt schon begangen habe!“
GEJ|8|10|8|0|Das sagten darauf auch die andern neun Pharisäer und Schriftgelehrten.
GEJ|8|10|9|0|Darauf sagte Raphael: „Nun wohl denn, so möget ihr am Morgen wieder in den Tempel euch begeben! Werden euch eure nun beinahe durchgehends argen und finsteren Gefährten fragen, was ihr in Erfahrung gebracht habt, da antwortet ihr: ,Wir haben mit Eifer geforscht und haben Ersprießliches erfahren. Aber es tut uns sehr not, die Forschung zu unserm Heile noch weiter fortzusetzen, um alles, was da not tut, in volle Erfahrung und beste Kenntnis zu bringen. Darum werden wir auch heute die Forschung fortsetzen und erst dann im Rate wieder erscheinen, wenn wir alles erfahren haben werden!‘
GEJ|8|10|10|0|Auf solche eure Äußerung wird man euch gerne gehen lassen. Dann kommet aber nach Bethanien, und sorget euch um nichts Weiteres mehr! Denn für alles andere wird dann schon von mir aus nach dem allmächtigen Willen des Herrn gesorgt werden. Von allem andern aber, das ihr hier erfahren habt, redet nichts! Wie ich es euch nun gesagt habe, so tuet!“
GEJ|8|10|11|0|Darauf verschwand Raphael, und auch Lazarus empfahl sich bei den Templern.
GEJ|8|10|12|0|Die Templer besprachen sich nun noch bis über die Mitternacht über das Erlebte und Vernommene und schliefen dabei auf den guten Ruhestühlen ein.
GEJ|8|11|1|1|11. — Des Herrn Lob an Lazarus
GEJ|8|11|1|0|Ich aber sagte zum nun wieder zu uns zurückgekehrten Lazarus: „Mein Sohn, Mein Freund und Mein Bruder! Du hast deine heutige Aufgabe zu Meiner vollsten Zufriedenheit gelöst; denn es ist nun der letzte Rest der noch klarer denkenden Templer gewonnen, und das ist gut für Meine Sache. Denn auf diese nun Gewonnenen fußte zumeist der Hohe Rat; denn sie haben Kenntnisse und Erfahrungen und haben einen guten Mund. Was nun, wenn auch noch in einer großen Anzahl, im Tempel haust und regiert, ist vollends blind, dumm und böse.
GEJ|8|11|2|0|Es sollen aber die nun Gewonnenen dennoch also beim Tempel verbleiben, wie da verbleiben unser Nikodemus und Joseph von Arimathia. Denn würden sie den Tempel ganz verlassen, so würden die andern, voll des bittersten Unmutes, zu wüten und derart zu toben anfangen, daß die Römer noch vor der Zeit zu den Waffen greifen müßten und verderben Volk und Land. So aber diese Ältesten bleiben, da können sie zu unseren Gunsten noch so manches hintanhalten und auf den Grimm der vielen andern beschwichtigend einwirken. Aber es ist dennoch gut, daß sie morgen unter einem klugen Vorwande nach Bethanien kommen, und daß auch ihre sehr bedeutenden irdischen Schätze in die Verwaltungskammer des Lazarus kommen; denn dadurch sind die zehn nicht mehr an den Tempel gebunden und können sich frei von ihm entfernen, wann sie wollen und auf wie lange sie wollen, und dabei dennoch Mitglieder des Tempels verbleiben, auf daß ihre Stellen nicht von argen Heuchlern alsbald besetzt werden.
GEJ|8|11|3|0|Der Grund, den sie angeben werden, warum sie längere Zeit vom Rat und Tempel entfernt bleiben werden, ist ganz gut; denn die Templer werden, in die zehn all ihr böses Vertrauen setzend, meinen, sie gehen darauf aus, um Mich ganz bestimmt irgend zu fangen. Aber da werden sie im großen Irrtume sein! Die zehn werden wohl ausgehen, um größere Forschungen nach Mir und über Mich vorzunehmen, aber nicht zugunsten des Tempels, sondern zugunsten ihrer Seelen.
GEJ|8|11|4|0|Darum ist das heute ein letzter und guter Fang aus dem Tempel; denn die zehn waren noch die letzten grünen Zweiglein am alten, schon gänzlich verdorrten und totmorschen Baume des Tempels. So sie als noch brauchbare Pfropfreiser auf einen jungen und frischen Stock gesetzt werden, können sie in Kürze noch gar viele und gute Früchte zum Vorschein bringen.
GEJ|8|11|5|0|Eines aber will Ich ihnen heute noch tun, und das bestehe darin, daß alle zehn einen ganz für sie höchst denkwürdigen Traum haben sollen. Der wird ihnen morgen und noch lange hin vielen Stoff zum Denken und zum Reden geben. Worin er bestehen wird, das werden sie euch morgen in Bethanien schon kundgeben mit aller ihrer Beredsamkeit.
GEJ|8|11|6|0|Nun aber wollen wir uns erst an unser Nachtmahl machen; denn zuvor mußte Ich euch ja alles von Wort zu Wort kundgeben, was draußen mit den Templern vorgenommen und verhandelt worden ist. Und so, mein Freund Lazarus, kannst du nun die gutbereiteten Fische, gutes Brot und noch mehr guten Wein auf die Tische setzen lassen! Denn diese Nacht hindurch, die für euch alle eine sehr denkwürdige sein muß, werden wir uns nicht dem Schlafe weihen, sondern wachen und dabei noch gar manches erfahren. Darum tue du, Freund, nun das, was Ich dir gesagt habe!“
GEJ|8|11|7|0|Darauf ging Lazarus mit Raphael sogleich hinaus, und es war alles in wenigen Augenblicken bestens besorgt. Wir aßen und tranken nun ganz wohlgemut und besprachen dabei so manches, was zum Nutzen der Menschen dient, wie auch, was die Pharisäer unter sich besprochen und abgemacht haben.
GEJ|8|11|8|0|Es hatten aber besonders die Römer, Nikodemus und Joseph von Arimathia eine große Freude daran, daß die zehn ärgsten Pharisäer, die im Hohen Rat stets unbeugsam gegen Mich zu Felde gezogen waren, sich nun doch hatten umstimmen lassen.
GEJ|8|11|9|0|Sagte Ich: „Es ist dadurch ein großer Sieg für die gute Sache des Lebens wohl erkämpft worden, aber die Hölle ist darum noch gleichfort überaus tätig, und der Fürst der Lüge und Finsternis ist nun tätiger, daß er verderbe die Aussaat des neuen Lebens aus Mir, als er es je zuvor war, und ihr werdet, bevor von nun an ein Jahr um sein wird, die argen Früchte seiner Tätigkeit schon gar wohl wahrnehmen!“
GEJ|8|12|1|1|12. — Von der Materie und ihrer Gefahr
GEJ|8|12|1|0|Sagte nun etwas aufgeregt Agrikola: „Aber, Herr und Meister, Du bist doch endlos weise und bist voll des allmächtigsten Willens; auch stehen Dir zahllos viele Legionen der mächtigsten Engel, wie da Raphael einer ist, zu Gebote; auch wir Römer wollen in diesweltlicher Beziehung für das Gedeihen der guten Sache gegen die Macht aller Teufel in den Kampf gehen und wollen den Spruch im Herzen und im Munde führen: ,Eher soll die ganze Erde in eitle Trümmer zerfallen, als daß zerstört werde nur ein Häkchen an der Wahrheit und Gerechtigkeit dessen, was uns Deine Lehre verkündet hat!‘
GEJ|8|12|2|0|Du aber bist allein allmächtig zur Übergenüge und bedarfst weder der Hilfe Deiner zahllos vielen Engel und noch weniger unserer römischen Kriegsheere; da ist es Dir ja doch ein leichtestes, dem irgendwo im geheimen gegen dich wirkenden Fürsten der Lüge und der Finsternis für ewig sein arges Handwerk zu legen! Was tun denn wir Menschen mit einem völlig unverbesserlichen Verbrecher? Wir werfen ihn entweder in ein sogenanntes ewiges Gefängnis, oder wir geben ihm nach dem Gesetz den Tod als eine gerechte Strafe! Denn ein Mensch, der einmal zu einem vollendeten Teufel geworden ist, ist ja um gar viele Male besser von der Erde vertilgt, als daß er fortlebe zum größten Unheile der andern, besseren Nebenmenschen. Tue Du, o Herr und Meister, desgleichen auch mit dem Fürsten der Lüge und der argen Lebensfinsternis, und es wird dann Ruhe und Ordnung und Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit auf der Erde herrschen unter den Menschen!“
GEJ|8|12|3|0|Sagte Ich: „Du hast da gut reden, weil du jetzt noch nicht verstehst und einsiehst, worin eigentlich die Hölle und worin der Fürst der Lüge und der Finsternis besteht!
GEJ|8|12|4|0|Du hast recht, daß du sagst, daß Ich sicher die Macht habe, die Hölle samt ihrem Fürsten und allen seinen Teufeln zu vernichten; aber so Ich das tue, dann hast du keine Erde mehr unter deinen Füßen, keine Sonne, keinen Mond und ebenso auch keine Sterne mehr! Denn alle materielle Schöpfung ist ja ein fortwährendes Gericht nach der nie verrückbaren Ordnung Meines Willens und Meiner Weisheit. Dieses muß sein und bestehen, damit die Seelen der Menschen auf dem harten Boden des Gerichts die Freiheit und die volle Selbständigkeit des ewigen, unverwüstbaren Lebens sich erkämpfen können.
GEJ|8|12|5|0|So Ich nach deinem Rate nun alle materielle Schöpfung auflöste, da müßte Ich ja auch unter einem jeden Leib der Menschen vertilgen, der denn doch ein notwendiges Werkzeug der Seele ist, weil sie nach Meiner höchsten Weisheit und tiefsten Erkenntnis sich nur einzig und allein mit diesem Werkzeuge das ewige Leben erkämpfen und erwerben kann.
GEJ|8|12|6|0|Obwohl aber der Leib der Seele zur Erreichung des ewigen Lebens unumgänglich notwendig ist, so ist er aber leicht auch das größte Unheil für die Seele; denn wenn sie sich von den notwendigen Reizungen ihres Fleisches betören läßt, ihnen nachgibt und sich ganz in dieselben mit aller ihrer Liebe und mit allem ihrem Denken und Wollen versenkt, so ist sie in das Gericht ihres eigenen Fürsten der Lüge und Finsternis eingegangen, aus dem sie höchst schwer zu erlösen sein wird.
GEJ|8|12|7|0|Und siehe, was dein Leib für deine Seele ist, das ist die Erde für das ganze Menschengeschlecht! Wer sich zu sehr von dem Glanze ihrer Schätze blenden und gefangennehmen läßt, der kommt auch selbst- und freiwillig in ihr Gericht und in ihren materiellen Gerichtstod, aus dem er ebenfalls noch schwerer sich befreien wird.
GEJ|8|12|8|0|Weil nun aber die Menschen der Erde stets mehr und mehr der glänzendsten Schätze zu entlocken verstehen, um damit ihrem Fleische die größtmögliche Wohlfahrt, Behaglichkeit und Wollust zu verschaffen, so ist eben das die besonders erhöhte Tätigkeit des Fürsten der Hölle, welche in sich ist das ewige Gericht und somit der Tod der Materie und der Mittod jener Seelen, die sich aus oberwähnten Gründen von ihr haben gefangennehmen lassen.
GEJ|8|12|9|0|Mit welcher Allmacht und Weisheit willst du dagegen als für ewig wirksam kämpfen? Ich sage es dir und euch allen: Mit keiner andern als mit der Wahrheit, die Ich euch gelehrt habe, und mit der Macht der möglichsten Selbstverleugnung und der wahren und vollen Demut des Herzens!
GEJ|8|12|10|0|Wolle du nur das, was du als wahr erkennst, und handle danach auch der Wahrheit gemäß und nicht irgend aus weltlichen Gründen zum Schein wie also tun da unten die Templer und auch gar viele Heiden, so hast du dadurch die ganze Hölle und ihren Fürsten in dir besiegt! Alle bösen Geister, die in aller Materie vorhanden sind, werden dir nichts mehr anhaben können, und kämen sie dir auch im endlos großen Vereine aus der Materie des gesamten, großen Schöpfungsmenschen entgegen, so würden sie vor dir dennoch also fliehen müssen, wie lockere Spreu und der Sand der Wüsten vor dem mächtigen Sturmwind.
GEJ|8|12|11|0|Aber wenn dich die Schätze der Erde gefangenhalten, so daß du, um in ihren vollen Besitz zu gelangen, auch die erkannte Wahrheit verleugnen würdest, dann bist du in deiner Seele schon ein Besiegter von der Macht der Hölle und ihres Fürsten, der da heißt Lüge und Finsternis, das Gericht, das Verderben und der Tod.
GEJ|8|12|12|0|Sieh an unsere sieben Ägypter! Sie kennen alle inneren, verborgenen großen Schätze der Erde und könnten dieselben auch in großen Massen ausbeuten; aber sie verachten das, leben lieber höchst einfach und suchen nur die Schätze des Geistes, und so haben sie aber auch noch unverrückt jene wahren, urmenschlichen Eigenschaften, durch die sie als wahre Herren und Gebieter über die gesamte Natur dastehen, was sicher nicht der Fall wäre, wenn sie sich von den Reizen der Natur je hätten irgend gefangennehmen lassen.
GEJ|8|12|13|0|Wenn ein Hausvater und Hausherr die rechte und gute Ordnung in seinem Hause erhalten will, so muß er mit seinem Gesinde nicht gemein werden und sich bald fügen in dessen allerartige Schwächen. Denn tut er das, so wird er ein Gefangener seines losen Hausgesindes, und wenn er dann zu einem oder zum andern sagen wird: ,Tue dies!‘ oder ,Tue jenes!‘, – werden ihm da seine über ihn mächtig gewordenen Diener wohl noch gehorchen? O nein, sie werden ihn nur verhöhnen und verlachen!
GEJ|8|12|14|0|Also auch wäre es der Fall mit einem Feldherrn, so er sich unterordnete seinen Kriegern, die ihre Kraft und ihren Mut nur dem Feldherrn verdanken. Es käme der Feind, und er geböte dann den Kriegern, den mächtig drohenden Feind anzugreifen und zu besiegen, würden die Krieger dem schwach gewordenen Feldherrn wohl gehorchen? O nein, sie würden sich sträuben und sagen: ,Wie magst du, Schwacher, uns gebieten? Hast du nicht den Mut und den Willen je gehabt, uns ernstlich den Gebrauch der Waffen einüben zu lassen und tändeltest nur mit uns wie ein Spielgefährte, wie kannst du uns nun gegen den Feind führen? Du warst nie unser Meister, sondern wir die deinen! Wie wirst du es nun auf einmal anstellen, uns alten Meistern über dich ein Meister zu werden?‘
GEJ|8|12|15|0|Sehet, so auch ergeht es einem jeden Menschen, der nicht schon von der frühesten Zeit an von seinen Eltern und Lehrern streng angehalten wird, sich in allen möglichen fleischlichen Leidenschaften selbst zu verleugnen, damit diese nicht die Herren und Meister über seine Seele werden! Denn sind sie einmal der Seele über den Kopf gewachsen, so hat diese dann einen schweren Stand, über alle die Begehrungen und Reizungen ihres Fleisches zu gebieten, weil sie eben in ihrem Fleische schwach und nachgiebig und hinfällig geworden ist.
GEJ|8|12|16|0|Wird aber eine Seele schon von Jugend an nach der Wahrheit des klaren Verstandes vernünftig also geleitet und geübt, daß sie stets mehr Herr ihres Fleisches wird und demselben ja nicht mehr gewährt, als was ihm von der Natur aus nach Meiner Ordnung gebührt, so wird solch einer Seele auch von selbst verständlich alle Welt mit ihren Schätzen und ihren andern Lustreizen gleichgültig, und die also nun rein im Geiste starke Seele ist dadurch denn auch nicht nur Herr über ihres Leibes Leidenschaften, sondern auch ein Herr über die gesamte Natur der Welt und somit auch ein Herr über die gesamte Hölle und ihren Fürsten der Lüge und der Finsternis.
GEJ|8|12|17|0|Nun wisset ihr, wer und was eigentlich die Hölle und der Fürst der Lüge und der Finsternis ist, und wie er zu bekämpfen und sicher zu besiegen ist. Tut es denn auch also, so werdet ihr Menschen auf dieser Erde sein Reich bald und leicht vollends zerstört haben, und ihr werdet wahre Herren der ganzen Erde und eurer und ihrer Natur sein!“
GEJ|8|13|1|1|13. — Agrikolas Ansichten über die Zukunft der Lehre des Herrn
GEJ|8|13|1|0|Sagte nun Agrikola: „Herr und Meister, Du hast mir nun wieder eine neue und übergroß-wichtige Wahrheit enthüllt, und ich sehe nun klar ein, daß es so sein soll. Aber wo steckt da nun nahezu in aller Welt die Erziehung des Menschen schon von Kindesbeinen an? Man weiß ja nicht einmal, wie und wo man bei der Erziehung der Kinder anfangen und wo enden soll!
GEJ|8|13|2|0|Da wird den reichen Eltern ein Kind geboren. Sie haben eine wahre Affenliebe zu ihm und gewähren ihm alles, was sie ihm nur in den Augen ansehen, und verzärteln es oft auf eine unausstehliche Weise. Sie selbst getrauen sich nicht, ein solches Kind nur mit einem ernsteren Worte ob seiner vielen Unartigkeiten zu strafen, und tut das dann später etwa ein Lehrer, so hat er sich das Kind und die Eltern zu Feinden und Verfolgern gemacht; schon die alten Römer sagten: ,Wen die Götter haßten, aus dem haben sie einen Schulmeister gemacht!‘ Nun, die Eltern sind blinde Toren, und der Schulmeister muß es sein, wenn er leben will. Woher sollen dann solche Kinder eine rechte Menschenerziehung bekommen?
GEJ|8|13|3|0|Bei solcher Erziehung aber, wie sie nun in der besonders großen Herrenwelt nahezu allgemein gang und gäbe ist, muß ja der Mensch und die gesamte Menschheit derart entmannt (degeneriert) werden, daß er gar nie mehr von irgendwoher erfahren kann, wie der eigentliche, wahre Mensch aussehen und beschaffen sein soll! Und ich muß es hier offen gestehen, daß auf dieser Erde noch gar viele Stürme über ihre Gefilde und Meere dahinbrausen werden, bis die Menschheit wieder auf den großen und wahren Standpunkt zurückkommen wird, von dem sie im Urbeginne ausgegangen ist.
GEJ|8|13|4|0|Es müßten nun gute Schulen nicht nur für Kinder, sondern auch für die blinden Eltern ernstlich errichtet werden, in denen sie alle die großen Wahrheiten erlernen müßten, die ein jeder kennen und wissen muß, um, als nach ihnen tätig, ein wahrer Mensch werden zu können.
GEJ|8|13|5|0|Aber woher wird man für so zahllos viele Menschen die rechten Lehrer nehmen? Du, o Herr und Meister, hast wohl schon eine Menge Jünger gebildet, die da wissen, was dazu gehört, um ein wahrer Mensch nach Deiner Ordnung zu werden und zu sein; aber was ist ihre Zahl gegen die nahe endlos große Zahl der Menschen auf der ganzen Erde? Dazu kommt noch die große Roheit und gänzliche Verwilderung der Menschen und Völker auf der Erde und die starre Begründung in ihren Sitten und Gebräuchen und auch ihre verschiedenen Sprachen!
GEJ|8|13|6|0|Wie möglich kann ein Mensch gegen alle diese kolossalsten Hindernisse kämpfen und wie sie besiegen? Du bist doch der Herr Selbst, und alles gehorcht Deinem Willen, und dennoch stößt Du Selbst hier in den Ländern der Bildung auf unübersteigbare Hindernisse. Auf welche Hindernisse werden dann erst die wenigen Jünger stoßen?
GEJ|8|13|7|0|Ja, gut wäre es, wenn man Deine göttliche Lehre so über eine Nacht hin in aller Menschen Herzen legen könnte samt dem Eifer, danach zu handeln! Aber das liegt nicht in Deiner Absicht, weil ein jeder Mensch sich alles das nur durch den Unterricht von außen her zu eigen machen muß und dann den ernsten Willen fassen, danach zu handeln. Aber es wird auf diese Weise mit der Menschheit wohl nur sehr langsam vorwärtsgehen, und es ist da gar keine Zeit zu ermessen, in der alle Menschen auf der ganzen Erde Deine Lehre überkommen werden, und so wird Deiner Lehre reinstes Lebenslicht nur stets ein Eigentum weniger Menschen bleiben, und es fragt sich selbst da, wie langehin ganz rein!
GEJ|8|13|8|0|Denn solange die Menschen nicht von der Wahrheit Deiner Lehre lebendigst durchdrungen sein werden, werden sie in ihren Weltgelüsten nebenbei dennoch stets verharren, mehr oder weniger, was am Ende gleich ist, und werden sich aus Deiner Lehre bald mit manchen Zusätzen eine irdische Erwerbsquelle schaffen, und es wird dann mit Deinen späteren Jüngern um nichts besser stehen, als wie es nun steht mit den vielen Juden und Heiden, und der wahre Segen und die lebendige Frucht Deiner Lehre wird ferne sein den Menschen. Ich bin zwar kein Prophet; aber es sagt mir das so mein ziemlich klarer Verstand, der mir durch meine vielen Erfahrungen zuteil geworden ist, und ich glaube, daß ich in dieser Sache ein ganz wahres Urteil ausgesprochen habe.“
GEJ|8|14|1|1|14. — Des Herrn Rede über die Zukunft Seiner Lehre
GEJ|8|14|1|0|Sagte darauf Ich: „Das hast du zwar wohl, und Ich weiß es wohl auch, daß es zum größten Teil also gehen wird, aber es macht das im ganzen dennoch nichts aus, denn in Meiner Schöpfung gibt es für die Seelen noch eine Menge Schulhäuser. Wer es in Jerusalem nicht lernt, dem wird es andernorts verkündet werden!
GEJ|8|14|2|0|Ja, Ich weiß und sehe es, wie nach Mir eine Menge falscher Lehrer aufstehen und zu den Menschen sagen werden: ,Sehet, hier ist Christus!‘ oder ,Dort ist er!‘! Aber Ich sage es nun euch, und ihr saget es euren Nächsten und euren Kindern, daß man solchen falschen Lehrern nicht glaube, denn sie werden aus ihren Werken leicht zu erkennen sein!
GEJ|8|14|3|0|Wie aber ein rechter Jünger nach Meinem Worte beschaffen sein soll, das hast du gestern zu Emmaus auf dem Berge des Nikodemus bei der Gelegenheit erfahren, als Ich die etlichen siebzig aussandte, daß sie ausbreiteten Meine Lehre.
GEJ|8|14|4|0|Wo du demnach Lehrer antreffen wirst, die also nach Meinem Willen die Lehre von der Ankunft des Reiches Gottes unter den Menschen ausbreiten werden, diese halte du und jedermann für echte und vollends wahre Lehrer; wo aber Lehrer zwar auch unter Meinem Namen aus Meiner Lehre ein Geschäft machen werden um Geld und andere Schätze, die halte du für falsche und von Mir niemals berufene Ausbreiter Meiner Lehre! Denn Meine wahren Jünger und Ausbreiter Meiner reinen Lehre werden stets irdisch arm, gleich Mir, aber darum geistig überreich sein; denn sie werden nicht nötig haben, Meine Lehre und Meine Worte von einem Vorgänger gewisserart durch ein langweiliges Erlernen sich zu eigen zu machen, sondern Ich werde ihnen Meine Lehre und Meinen Willen in ihr Herz und in ihren Mund legen.
GEJ|8|14|5|0|Aber die falschen werden durch ein langes Lernen von ihren ebenfalls falschen Lehren sich allerlei Lehren, Worte und Sprüche zu eigen machen müssen und werden dann erst, wenn sie alles mühsam werden erlernt haben, von ihren großtuenden und prahlerischen Lehrern und Vorstehern unter allerlei leerer und blinder Zeremonie zu Jüngern geweiht werden, wie solches nun auch geschieht im Tempel bei den Pharisäern, Schriftgelehrten und Ältesten und auch bei euch Heiden, wo der Priesterstand eine ordentliche Kaste bildet, die sich vom Vater auf den Sohn vererbt, und ein Mensch aus dem Volke nur dann aufgenommen wird, wenn irgendein Priester keine Kinder hat, und selbst da nur als ein Kind, das hernach erst zu einem Priester erzogen wird.
GEJ|8|14|6|0|Wie sonach ein wahrer von Mir berufener Lehrer und Ausbreiter Meiner reinen Lehre von einem falschen zu unterscheiden sein wird, das habe Ich euch allen nun klar dargetan, und es wird sich da leicht ein jeder vor den falschen Lehrern und Propheten hüten können; wer ihnen aber zugetan sein wird und wird ihnen Glauben schenken, sie ehren und ihnen noch in allem behilflich sein, der wird es nur sich selbst zuzuschreiben haben, so er von ihnen dann verschlungen wird.
GEJ|8|14|7|0|Ja es wird sogar geschehen, daß die falschen Propheten sich auf goldene Throne emporschwingen werden und die wahren von Mir Erwählten und Berufenen mit aller Hast verfolgen werden. Wenn aber das eintreffen wird, dann wird auch ihr Gericht und ihr Ende über sie kommen, und Meine Lehre wird dennoch fortbestehen unter gar vielen Menschen auf der Erde; aber sie wird stets nur als ein freies Gut unter den Menschen im stillen glänzen, leuchten und trösten, nie aber als eine Herrscherin über ganze Völker auf einem Herrscherthrone mit Krone, Stab und Zepter gebieten.
GEJ|8|14|8|0|Wo das in Meinem Namen der Fall sein wird, da werde Ich Selbst ferne sein, und anstatt Meiner Liebe wird die Habsucht, der Geiz, Neid und Verfolgung aller Art und Gattung unter den Menschen zu Hause sein, und ein Betrug wird dem andern die Hände reichen. Wenn ihr aber solche Früchte Meiner sein sollenden Lehre unter den Menschen sehen werdet, so werdet ihr es ja wohl merken, welches Geistes Kinder die auf den Thronen herrschenden Propheten sind und von wem ihre falschen Lehren stammen!
GEJ|8|14|9|0|Wenn du aber allzeit das Rechte und Wahre wirst haben können, wenn du nur ein Verlangen danach haben wirst, so wirst du dein Herz doch wohl nicht dem Falschen zuwenden? Und so wisset ihr nun, daß trotz all der späterhin auftauchenden falschen Propheten und Lehrer im stillen und Prunklosen Meine reine Lehre bis ans Ende der Zeiten unter den Menschen fortbestehen wird.
GEJ|8|14|10|0|Daß aber diese Meine Lehre erst nach und nach unter alle Völker der Erde ausgebreitet wird, davon habe Ich euch die Gründe schon mehrfach klar gezeigt; denn wann ein Volk zur Aufnahme Meiner Lehre reif ist, das weiß Ich sicher wohl am besten!
GEJ|8|14|11|0|Was aber zur möglich schnellen Ausbreitung Meiner Lehre in alle nur etwas reifen Punkte der Erde geschehen konnte, das ist auch geschehen und wird bald ein viel mehreres noch geschehen; und so können wir dieses Thema nun schon ohne weitere Bemerkungen auf sich beruhen lassen, da wir noch um vieles wichtigere Dinge zu besprechen haben.“
GEJ|8|14|12|0|Sagte nun wieder Agrikola: „Das wird schon allerdings also sein, denn Du allein weißt es am besten, was auf dieser leidigen Erde noch alles zu geschehen hat; aber unsereiner, der keinen Blick in die Zukunft machen kann und sehen, wie sich die Sachen noch gestalten werden, dem von Dir aus nur vergönnt ist, sein diesirdisches Freiheitsprobeleben nach Deiner Lehre möglichst glücklich durchzumachen, und der aber dabei noch gar viele Hindernisse auf dem Wege des Lichtes aufgestellt findet, wird dennoch selbst beim besten Wissen und Willen von der Sorge ergriffen und fragt notgedrungen: Was wird mit der Zeit aus allem dem werden?
GEJ|8|14|13|0|Wird Deine nun so heilig reine Lehre zu allen Menschen kommen, und wann? Oder wird sie stets nur ein besonderes Gut weniger Erwählter bleiben? Nach Deinen nun erflossenen Worten scheint wohl nur das letzte der Fall zu sein! Nun, auch recht; denn was Dir, o Herr und Meister, recht ist, das muß wohl auch uns Menschen recht sein, da wir die Sache ohne Dich nicht ändern können; aber weil es Dir wohlgefallen hat, uns Menschen, Deinen Geschöpfen, nebst dem freien Willen auch einen ebenso freien Verstand zu geben, so hast Du uns dadurch auch ein freies Urteil eingeräumt, und demzufolge habe ich denn auch also geredet, wie ich geredet habe!
GEJ|8|14|14|0|Aber ich habe Deiner Gegenrede entnommen, daß Du denn doch mit den Menschen ganz außerordentliche Pläne und Absichten hast, ansonst Du es nicht zuließest, daß neben Deiner nun einmal gegebenen reinsten Lehre und neben Deinen wohlunterrichteten Jüngern noch andere, falsche aufstehen und die Menschen von neuem wieder in die gottloseste Finsternis verleitet werden; so kann ich freilich für weiterhin nicht mehr reden und werde mich nun wieder ganz aufs Zuhören verlegen.“
GEJ|8|14|15|0|Sagte Ich: „Freund, daran wirst du sehr wohl tun! Besser ist das Hören als das Predigen, solange man den rechten Grund dazu noch viel zu wenig kennt.
GEJ|8|14|16|0|Glaube es Mir: Welten erschaffen ist ein leichtes; aber freie Menschen also ins Dasein zu rufen und sie aus sich selbst vollenden zu lassen, wobei die göttliche Allmacht vermöge der Ordnung ihrer Liebe und Weisheit schweigen und untätig sein muß, das bleibt am Ende auch für Mich eine Sache, die nicht leicht zu nennen ist! Da hilft Mir nichts als Meine unbegrenzte Geduld und übergroße Sanftmut.
GEJ|8|14|17|0|Darum müssen die Menschen durch ihr höchsteigenes Glauben und Tun in allerlei gute und böse Zustände versetzt werden, damit sie erst aus den Folgen ihres Glaubens und ihrer Handlung klug werden und am Ende selbstwillig das rechte Licht zu suchen anfangen.
GEJ|8|14|18|0|Wie aber alle Kreatur auf dieser Erde zwischen Tag und Nacht und zwischen Sommer und Winter gedeiht materiell, so auch der Mensch geistig.
GEJ|8|14|19|0|Als die Urmenschen dieser Erde geistig am hellen Tage wandelten, da war ihnen am Ende das Licht ordentlich lästig geworden, als aber bei ihnen dann später die geistige Nacht eingetreten war, da erst fingen sie an, den Wert des geistigen Tages zu begreifen und zu schätzen, und die Besseren suchten ängstlich das verlorene Paradies.
GEJ|8|14|20|0|Es ward dann wenigen wieder gegeben, zu finden den geistigen Tag, und viele rannten zu den glücklichen Wiederfindern des geistigen Tages und ließen sich leiten zu dessen Lichte hin. Aber auch viele von der Welt Geblendete begriffen nimmer, was da ist ein geistiger Tag, und blieben in ihrer Nacht, durch ihre eigene Trägheit dazu genötigt. Diese genossen dann freilich wohl nichts von dem Glück eines geistigen Tages und befanden sich in einer großen Not; aber diese Not war dennoch ein guter Wächter für die Glücklichen, weil sie wohl sahen, welche Früchte dem Menschen aus seiner geistigen Nacht erwachsen.
GEJ|8|14|21|0|Siehe, so denn geschieht es, daß neben den Erleuchteten sich auch stets Unerleuchtete aufhalten und fortpflanzen werden! Aber darum wird es auf dieser Erde an wahrhaft erleuchteten Menschen nie einen Mangel haben, und diesen wird stets die Gelegenheit geboten sein, die Unerleuchteten mit ihrem wahren Lebenslichte zu erleuchten; und welche Erleuchteten das tun werden in Meinem Namen, deren Lohn wird groß sein in Meinem Reiche dereinst!
GEJ|8|14|22|0|Selbst erleuchtet sein durch Meine Gnade ist ein großes und unschätzbares Glück für den Menschen; aber noch tausend Male schätzbarer ist es, mit seinem wahren Lebenslichte auch andere, die in der Finsternis wandeln, zu erleuchten, das heißt, wenn sie das Licht annehmen wollen. Aber das sei euch auch zu wiederholten Malen gesagt, daß ihr die Perlen Meiner Lehre nicht den Schweinen von Menschen vorwerfen sollet! – Denn welcher Mensch einmal eine rechte Sau geworden, der bleibt auch eine Sau! Denn wenn so ein Mensch in einer gewissen guten Stunde auch ein wahres und gutes Wort recht wohlgefällig anhört und es auch aufnimmt, so geht er aber dennoch bei der nächsten Gelegenheit seiner alten Pfütze zu und wirft sich mit aller Behaglichkeit in dieselbe und bleibt gleichfort die alte Sau. – Also, solchen Menschen ist kein Evangelium zu predigen, und Ich habe für solche dann schon ein anderes, das ihnen ihre eigene Natur predigen wird unter vielen Schmerzen, Heulen und Zähneknirschen!
GEJ|8|14|23|0|Und nun haben wir wieder einen wichtigen Punkt verhandelt und können auf etwas ganz anderes ganz getrost übergehen. Wer von euch noch in irgend etwas einen Zweifel hat, der trete auf und rede; denn Ich will es, daß ihr morgen mit Mir wohlerleuchtet diesen Ölberg verlassen sollet! Darum steht es nun einem jeden von euch frei, zu reden, wie es ihm sein Sinn gibt.“
GEJ|8|14|24|0|Sagten darauf die meisten: „Herr, wir fühlen gar keinen Zweifel mehr in uns und sind ganz glücklich darob!“
GEJ|8|15|1|1|15. — Die zukünftige Bevölkerungsdichte der Erde. Die Beschwerden des Alters
GEJ|8|15|1|0|Aber einer der indischen Magier, die auch noch bei uns waren, sagte: „Großer Herr und Meister, ich hätte noch so manches, worüber mir ein helleres Licht nicht schaden könnte! Wenn ich Dich sonach um etwas fragen würde, würdest Du mich dann wohl einer Antwort aus Deinem Munde würdigen?“
GEJ|8|15|2|0|Sagte Ich: „Du bist nicht minder ein Mensch als irgendein anderer, und das ist genug! Und so frage denn, um was du nur immer willst, und Ich werde dir antworten!“
GEJ|8|15|3|0|Hierauf besann sich der Magier ein wenig, ob die Frage wohl etwa nicht eine zu alberne und gemeine wäre; aber er ermannte sich dennoch bald und sagte: „Herr, etwas finde ich nach meinen gemachten Erfahrungen auf dieser Erde denn doch eben nicht besonders zum Behufe des Fortbestandes der Menschen eingerichtet! Wenn diese Sache von Dir aus nicht in etwas abgeändert und gewisserart verbessert wird, so wird es mit dem Fortbestande der Menschen mit der Länge der Zeit seine entschiedene Not haben.
GEJ|8|15|4|0|Siehe, Menschen und Tiere vermehren sich von Tag zu Tag und benötigen auch stets mehr Nahrung; aber der Boden der Erde bekommt nirgends einen Zuwachs und irgendeine Vergrößerung! Wenn die Sache noch ein paar Tausende von Jahren also zugehen wird, so wird es mit dem Fortbestande der Menschen seine entschiedene Not haben müssen. – Was sagst Du, o Herr, zu dieser meiner Meinung und Ansicht?“
GEJ|8|15|5|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund, diese Sorge hättest du dir aus mehrfachen Gründen ganz und gar ersparen können; denn wie viele Menschen der nun bewohnbare Teil der Erde gar wohl fassen kann, das ist schon seit ewigen Zeiten von Mir wohlst berechnet gewesen. Wenn die Erde – was bis jetzt nur von ihr zur Beherbergung der Menschen trockengelegt ist – also noch zehntausend Jahre fortbesteht und das Menschengeschlecht alle Jahre sich verdoppeln oder auch verdreifachen wird, so werden auf dieser Erde noch zehnmal so viele Menschen, wie sie nun bestehen, recht wohl fortbestehen können. Und sollten denn mit der Zeit im Ernste so viele Menschen auf dieser Erde zum wirklichen Vorschein kommen, daß der jetzige große und trockengelegte Boden der Erde sie nimmer ernähren könnte, nun, so haben wir noch eine Menge Mittel im Vorrat, um in einem Augenblick noch für hunderttausendmal so viele Menschen, als deren jetzt auf der Erde wohnen, aus dem Meere ganze Weltteile herauszuheben! Was sonach diesen dir so bedenklichen Punkt betrifft, da kannst du völlig außer aller Sorge sein!
GEJ|8|15|6|0|Es wohnen jetzt auf der Erde eine so große Anzahl von Menschen, daß du nun gar keine so große Ziffer kennst, mit der du die Zahl bezeichnen könntest, und dennoch gibt es auf der Erde noch so große Strecken völlig unbewohnten Bodens, daß ein Mensch, der sie bereisen und besichtigen wollte, in tausend Jahren noch kaum alle durchgemacht hätte. Und doch besitzen gewisse reiche Menschen für sich ganze große Landteile, die für ihr Nährbedürfnis wahrlich mehr als hundertfach zu groß ausgemessen sind! Nimm du mit der Zeit eine etwas gleichere Verteilung des Erdbodens an, und alle Menschen – wären ihrer noch hundertfach so viele wie jetzt – werden noch eine hinreichende Nahrung und Unterkunft für ihren Leib finden, und dann schon ganz besonders leicht, wenn sie nach Meiner Lehre leben werden! – Bist du mit dieser Meiner Erklärung nun wohl zufrieden?“
GEJ|8|15|7|0|Sagte der Magier: „Herr und Meister, ganz vollkommen, und es ist mir nun um ein großes leichter ums Herz! Aber ich hätte nun noch eines, worüber ich von Dir noch um ein kleines mehr Licht haben möchte, als ich es mir bis jetzt in Deiner erhabensten Gesellschaft habe zu eigen machen können. Es ist zwar davon schon die Rede geführt worden, und es sind aus Deinem Munde auch Erklärungen erflossen, die mir viel Licht gegeben haben; aber einiges ist mir dabei dennoch dunkel geblieben. Weil ich mit meinen Gefährten nun schon einmal an der Urquelle des Lichtes stehe, so möchte ich denn auch in allem, was mir noch dunkel ist, ein wenig nur noch mehr erleuchtet sein, als das bis jetzt hat geschehen können.
GEJ|8|15|8|0|Siehe, Herr und Meister, es ist wahrlich ein großes und überherrliches Ding um das Sein und Leben eines Menschen! Er wird gezeugt, geboren und von da an von seinen Alten erzogen zu einem Menschen, der denken, reden und handeln kann nach den Begriffen, die ihm durch die Erziehung beigebracht worden sind, wie auch nach denen, die er als ein denkender Mann durch seine Vernunft und durch seinen auf dem Wege der Erfahrungen gebildeten Verstand selbst gefunden hat.
GEJ|8|15|9|0|Wenn dann ein Mensch von gutem Willen seine geistigen Kräfte unter mancher großen Mühe und oftmals bitteren Erfahrungen auf eine für ihn möglichst höchste Stufe gebracht hat, so fangen seine physischen und auch geistigen Kräfte zu schwinden an, der Leib wird mühselig, alt und gebrechlich, wird krank und stirbt dann auch unter zumeist großen Schmerzen und unter großer Angst und Furcht vor dem Tode.
GEJ|8|15|10|0|Nun weiß ich wohl aus Deinem Munde, daß für die Menschen der Tod gar nichts Schreckliches hätte und auch völlig schmerzlos wäre, wenn sie in der ihnen geoffenbarten Ordnung geblieben wären und fortgelebt und -gehandelt hätten; nun ist aber das ein Umstand, der für die Menschen von einer höchst bedauerlichen Art ist, daß so viele ohne ihr Verschulden von einer in den Urzeiten geoffenbarten Menschenlebensordnung unmöglich etwas wissen können, daher auch in einer vollsten Widerordnung zu leben genötigt sind. Sie sind sonach durchaus nicht schuld an ihrer Lebensunordnung; aber sie müssen dennoch die argen Folgen davon so gut tragen, als ob sie dieselben durch ihre Schuld verdient hätten. Nun, das finde ich, aufrichtig gesprochen, von Dir aus für eine sehr sonderbare Einrichtung im Mechanismus des menschlichen Leibes!
GEJ|8|15|11|0|Es ist das Gesetz ganz gut, daß der, der einen Menschen tötet, auch mit dem Tode soll bestraft werden zum warnenden Beispiel für andere, denen vielleicht auch irgendein Mensch für ihre argen Gelüste im Wege steht. Aber ein Gesetz, daß zum Beispiel auch ein Mensch, der vom Dache fiel und durch seinen Fall einem gerade unten stehenden Menschen das Leben nahm, auch mit dem Tode bestraft werden soll, wäre doch so ungerecht, wie es schon nichts Ungerechteres in der Welt geben könnte! Und siehe, geradeso kommt mir auch die soeben angeregte göttliche Verfügung hinsichtlich der Krankheiten und des qualvollsten Leibestodes der meisten Menschen vor; sie erleiden damit eine Strafe, die sie im Grunde nie als verschuldet verdient haben! Das könntest Du für die Folge etwa doch anders einrichten!
GEJ|8|15|12|0|Es sind zwar eben die Indier, die oft die größten Schmerzen viele Jahre lang mit der größten Standhaftigkeit erdulden, weil unsere Gotteslehre ihnen sagt, daß Gott an denen sein größtes Wohlgefallen habe, die die größten Schmerzen langehin mit der größten Geduld und Standhaftigkeit ertragen. Aber bei dem Anblick solcher oft gräßlichsten Leiden und Schmerzen sträubt sich das Gemüt eines Menschenfreundes von unbefangenem und vorurteilsfreiem Gemüte und fragt den Schöpfer der Erde und der Menschen: ,Allmächtiger und sicher höchst weiser Gott! Kannst Du an den unsäglichen Qualen und Schmerzen Deiner Geschöpfe denn wohl im Ernste ein Wohlgefallen haben? Sind die Menschen verrückt in ihrer Vernunft und in ihrem Verstande, so hast Du ja doch der Mittel zur Genüge, sie allzeit von neuem wieder also zu erleuchten, wie Du die erstgeschaffenen Menschen dieser Erde erleuchtet hast!
GEJ|8|15|13|0|Warum lässest Du aber zu, daß sich Tausende von Geschlechtern zuvor auch Tausende von Jahren blutigst durchquälen müssen, bevor nur ein Fünklein Deines Lichtes unter sie ausgestreut wird?‘
GEJ|8|15|14|0|Sieh, Herr, das ist eine gar gewichtige Frage von unserer höchst geplagten menschlichen Seite an Dich, den Herrn und Schöpfer der Erde und der Menschen! Gib uns darüber ein wahres Licht!“
GEJ|8|16|1|1|16. — Über die Inkarnierung der Sternbewohner
GEJ|8|16|1|0|Sagte Ich: „Freund, darüber habe Ich euch vor ein paar Tagen ein klares Licht gegeben. Wenn du es nicht völlig begriffen hast, so kann Ich wahrlich nicht dafür! Sieh hinauf zu den Sternen! Ich sage dir, daß sie alle weltengroße Erden sind, auf denen auch Menschen wie hier wohnen.
GEJ|8|16|2|0|Viele jener zahllos vielen Menschen auf den Sternenerden wissen es durch ihre Engel, daß eine Seele nur hier auf dieser Erde zur wahren Kindschaft Gottes gelangen kann, aber nur durch ein höchst beschwerliches und mühevolles Fleischleben. Wenn sie es wünschen, so wird es zugelassen, daß ihre Seelen auch auf diese Erde ins Fleisch gezeugt werden. Sind sie aber einmal da, so müssen sie sich auch das durchzumachen gefallen lassen auf eine kurze Zeit, weil sie dadurch auch für ewig den Triumph der vollen Gottähnlichkeit ernten, und dafür können sie sich schon auch etwas gefallen lassen, da doch Ich Selbst aus Liebe zu Meinen Kindern Mir auch freiwillig gar vieles gefallen lasse und Mir noch ein Größtes und Bitterstes werde müssen gefallen lassen, zum Heile aber für Meine Kinder.
GEJ|8|16|3|0|Das Reich Gottes kann nur mit Gewalt und großen Opfern gewonnen werden! Das bedenke wohl, wie auch das, was Ich darüber schon gesagt habe! – Hast du nun das wohl verstanden?“
GEJ|8|16|4|0|Sagte darauf der Magier: „Ja, Herr und Meister, ich habe das nun wohl verstanden und habe mich an das auch wohl zurückerinnert, was Du vor ein paar Tagen eben über diesen Gegenstand geredet hast, und ich danke Dir für alles, was wir nun an Deiner heiligen Seite zum ewigen Wohl unserer Seelen gewonnen haben. Wenn denn auch unseren Leib Leiden und Schmerzen heimsuchen werden, so werden wir sie aus Liebe zu Dir auch mit aller Geduld ertragen; denn auch wir können nun nicht wissen, unter welchen anderen Bedingungen wir auf diese Erde ins Fleisch gesetzt worden sind, als daß wir Gott suchen, erkennen und Ihn dann unter allen noch so bitteren Umständen über alles lieben sollen, wollen und auch werden.
GEJ|8|16|5|0|Denn mir scheint es, daß Du gerade denen, die Deinem Herzen am nächsten stehen, stets größere Lebensproben zukommen läßt als jenen, die sich durch ihr Tun und Treiben Deinem Herzen entfernter befinden. Denn ich habe schon oft bei unseren Reisen in allen Teilen der Erde Menschen getroffen, die nahe an gar keinen Gott glaubten und ihre Nebenmenschen oft ärger als wilde Tiere behandelten, aber dabei selbst eine unverwüstliche Leibesgesundheit besaßen und im größten Wohlleben schwelgten. Am Ende starben sie noch dazu eines schmerzlosen, blitzschnellen Todes!
GEJ|8|16|6|0|Während ich wieder andernorts gar fromme und in ihrem Glauben sehr gottergebene und gute Menschen mit aller Geduld oft im größten Elende antraf, was mir die Fürsorge eines guten und höchst weisen Gottes und selbst das Dasein eines solchen in ein sehr zweifelhaftes Licht stellte.
GEJ|8|16|7|0|Nun haben sich solche Zweifel bei uns freilich wohl gänzlich gelegt, und wir wissen und erkennen nun, woran wir sind, und in welchen mannigfachen Verhältnissen die verschiedenen Menschen auf dieser Erde ihr Freiheitsprobeleben durchzumachen haben; aber dabei muß ich doch nach meinem Gefühle sagen und bekennen, daß eben dieses Freiheitsprobeleben eine schwere Aufgabe für die Menschen ist, wenn sie auch durch ihre Lösung den größten und ewigen Lebensvorteil erreichen.
GEJ|8|16|8|0|Wir Menschen konnten vor unserem Dasein nie gewollt haben, dazusein, sondern nur Du allein konntest das wollen, und wir sind demnach Deine Werke, für die Du sorgst, damit sie vollends das werden können, wozu Du sie erschaffen und bestimmt hast.
GEJ|8|16|9|0|Weil es denn aber einmal so und nicht anders ist und Du uns nun Selbst die Wege lichtvoll gezeigt hast, die wir zu wandeln haben, so wollen wir denn auch treu und dankbarst auf denselben dem Ziele zuwandern, das Du uns gestellt hast, und die Dornen, die sich hie und da uns in den Weg stellen, standhaft und mit möglichster Geduld und Ergebung in Deinen Willen überschreiten. Das ist nun mein wie auch meiner Gefährten fester und ernster Entschluß. Du aber als nun unser wohlerkannter Herr des Lebens lasse nicht zu harte Proben und Prüfungen über uns kommen zur Zeit unseres Scheidens von dieser Erde, und sei also auch allen andern Menschen nach ihrem Lebensverdienste gnädig und barmherzig!“
GEJ|8|16|10|0|Sagte Ich: „Um was ihr den Vater bitten werdet in Meinem Namen, das wird euch auch gegeben werden. Denn der Vater allein ist gut und hat kein Wohlgefallen an den Leiden der Menschen; aber Er hindert auch nicht, daß solche über die Menschen kommen, so sie aus lauter Weltsinn des Vaters vergessen, keinen Glauben haben und sich selbst in alles das begeben, was ihnen alles mögliche Ungemach bereiten und bringen muß.
GEJ|8|16|11|0|Wandelt gleichfort auf den Wegen, die Ich euch nun treulich gezeigt habe, so werdet ihr wenig zu leiden haben, und euer Abgang von dieser Welt wird ein leichter sein!
GEJ|8|16|12|0|Nur über jene kommen am Ende zumeist bittere Leiden, die aus allerlei Welttümlichkeiten ihre Seele zu sehr in ihr Fleisch vergraben haben; denn eine solche Seele muß, damit sie nicht völlig verderbe in ihrem Fleische, mit großer Gewalt von ihm losgetrennt werden, und dies muß dann auch im Leibe große Schmerzen erzeugen. Und das ist noch gut für die Seele, weil sie durch die Schmerzen und Leiden von ihren fleischlichen Gelüsten gereinigt wird und dadurch im Jenseits einen leichteren Fortgang und ein sichereres Vorwärtsschreiten auf der Bahn des geistigen Lebens findet.
GEJ|8|16|13|0|Ganz welttümliche Menschen aber, die an keinen Gott glauben und dabei doch ein gesundes Leben bis in ihr hohes Alter genießen und am Ende auch eines schnellen und schmerzlosen Todes sterben, haben ihren Lebenslohn auch schon auf dieser Welt empfangen und werden im Jenseits sehr schwer je mehr einen zu gewärtigen haben. In der Gesellschaft solcher wird die äußerste Finsternis walten, und es wird sein viel Heulen und Zähneknirschen unter ihnen.“
GEJ|8|16|14|0|Sagte der Magier: „Herr und Meister, wenn aber solche Menschen, die nun denn doch zumeist Heiden sind, nicht dafür können, daß sie von einem wahren Gott nie etwas vernommen haben und darum auch an keinen glauben konnten, so ist dann ein gar fürchterliches Fortbestehen ihrer Seelen im Jenseits doch eine zu arge Strafe! Ja, Menschen wie nun wir, die Gott wohlerkannt haben und an Ihn glauben müssen, weil Er vor ihnen sichtbar da ist und sie Selbst lehrt die Wege des Lebens, – wenn sie dennoch abfielen und Böses täten, verdienten dann wohl ein solches von Dir nun sehr erschrecklich ausgesprochenes Los im Jenseits; aber Menschen, die da nicht dafür können, daß sie nahezu mehr Tiere als Menschen auf der Welt waren, erscheinen vor meinem Verstande als unzurechnungsfähig, und eine jenseitige Strafe für ihre hier verübten bösen Taten scheint mit der göttlichen Ordnung und mit der der Liebe Gottes entstammenden Gerechtigkeit in keiner besonderen Harmonie zu stehen; denn wo jemand auf dieser Erde keinen Gott und somit auch Dessen Willen nicht kennt und kein anderes Gesetz hat als das nur, das ihm seine Natur und seine Leidenschaften vorschreiben, der kann ja dem ungekannten Willen Gottes gegenüber auch keine Sünde begehen und für dieselbe gestraft werden. Herr und Meister, siehe, da ist nun wieder ein noch finsterer Winkel in Meiner Seele, den Du mir noch gnädigst ein wenig heller erleuchten möchtest!“
GEJ|8|17|1|1|17. — Die Behandlung der Menschen diesseits und jenseits
GEJ|8|17|1|0|Sagte Ich: „Auch über diesen Punkt ist hier schon das Rechte und völlig Geeignete gesagt worden, und ihr habt das auch von Meinen Jüngern teilweise wohl erfahren; aber es geht euch mit dem Merken eben nicht am besten, und es ist darum in euch wieder so mancher Lebenswinkel ein wenig dunkel geworden. Aber so ihr leben werdet nach Meinem Worte, so werdet ihr in euch die Taufe des Geistes überkommen, welche da ist die wahre, innere Wiedergeburt des Geistes in eurer Seele. Dieser lebendigste Geist alles Lichtes und aller Wahrheit wird euch dann schon in alle Wahrheit leiten, und es wird dann auch alles helle werden in euch, was nun dunkel und finster ist.
GEJ|8|17|2|0|Das aber, was dir schon dein mehr geklärter Verstand sagt, daß es als von Gott also verordnet sicher ungerecht und unbillig wäre, kennt Gottes Liebe und Weisheit auch also und sicher noch um gar vieles heller: daß man den nicht strafen kann, dem man kein Gesetz zur Befolgung gegeben hat.
GEJ|8|17|3|0|Aber es besteht nun kein Volk irgend auf der ganzen Erde, das da ganz ohne alle Gesetze wäre. Denn Gott hat unter allen Völkern nach dem Bedürfnisse derselben weise Männer erweckt und berufen, und diese haben ihnen Gesetze gegeben und ihnen auch gesagt und gezeigt, daß es einen Gott gibt, der alles erschaffen hat und auch alles forterhält, leitet und regiert. Also lehrten die benannten weisen Männer die Menschen auch, daß Gott diejenigen, die die Gesetze befolgen, belohnen werde hier und jenseits, die Widersacher aber auch züchtigen und unnachsichtlich strengst bestrafen werde auch hier schon und gar sicher jenseits, weil die Seele des Menschen nach dem Tode des Leibes in einer anderen Welt der Geister fortlebe und nach ihrem Tun gerichtet werde.
GEJ|8|17|4|0|Siehe, solche Kunde hat jedes Volk erhalten, und wenn es diese zu vergessen beginnt, so wird es gleich von neuem wieder daran erinnert, teils durch abermals neuerweckte weise Männer und teils und stets aber durch das eigene Gewissen, und so kann sich da niemand, der einen Verstand und seine gesunden Sinne hat, so ganz entschuldigen, so er wider seine ihm bekannten Gesetze handelt. Wenn er aber jenseits ohnehin in den Zustand seiner Liebe und seines freien Willens kommen wird, so wird auch niemand Gott gegenüber sagen können, daß Er an diesem oder jenem irgend ungerecht gehandelt habe; denn einem Selbstwollenden geschieht kein Unrecht.
GEJ|8|17|5|0|Jeder Seele wird drüben das werden, was sie will. Ist es Böses, so wird sie zuvor darauf wohl aufmerksam gemacht, welche Folgen es notwendig haben wird. Wird sie sich daran kehren, so kann ihr bald und leicht geholfen werden; kehrt sie sich aber nicht daran, so wird ihr unbehindert belassen werden, also alles zu haben und zu genießen, wie sie es aus ihrer Liebe heraus will.
GEJ|8|17|6|0|Die Liebe aber, ob guter oder böser Art, ist das eigenste Leben der Seele eines jeden Menschen, Engels und des Teufels; nehmen wir der Seele die Liebe, so nehmen wir ihr auch das Leben und das Dasein. Das aber kann ewig nicht in der reinen Ordnung Gottes bestehen; denn könnte nur das kleinste Atom in der Schöpfung vernichtet werden und gänzlich das Dasein für ewig verlieren, so würde Gott Selbst dadurch an Seinem Dasein ein Atom verlieren, was aber unmöglich ist.
GEJ|8|17|7|0|Und so kann eine Menschenseele um so weniger je ihr Dasein völlig verlieren; aber sie kann höchst unglücklich und unselig werden durch ihren höchst eigenen Willen und kann, so sie es nur ernstlich will, auch wieder durch ihren eigenen freien Willen glücklich und vollends selig werden.
GEJ|8|17|8|0|Wenn aber die Lebensverhältnisse und Zustände für die Seele also gestaltet und geordnet sind, wie möglich anders und besser und gerechter könnten sie gestaltet und geordnet sein? – Verstehest du nun das, und ist dein noch dunkler Winkel nun auch schon um etwas heller?“
GEJ|8|17|9|0|Sagte der Magier: „Herr und Meister alles Lebens, ich bin nun schon wieder um ein bedeutendes heller geworden! Ja, weil die Sache sich also verhält und auch also verhalten muß, so läßt sich von unserer menschlichen Seite Dir gegenüber auch nicht die allergeringste Einwendung mehr machen, und ich habe mit dem mein Fragen beendet.“
GEJ|8|17|10|0|Sagte Ich: „Da wirst du nun vorderhand sehr wohl daran tun! Aber es wird sich schon wieder geben, wo du noch um gar manches fragen wirst. Doch nun ist es an der Zeit, daß wir zu etwas anderem übergehen. Wer von euch nun noch irgend etwas wissen möchte, der trete hervor und rede und frage; denn heute stehet euch allen die Pforte der Himmel weit geöffnet!“
GEJ|8|18|1|1|18. — Die Pforte des Himmels und das Reich Gottes
GEJ|8|18|1|0|Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da trat schnell der gewonnenen Pharisäer einer hervor und sagte: „Herr und Meister, da Du nun ausgesprochen hast, daß uns allen die Pforte des Himmels weit offen steht, – könnte es denn nicht geschehen, daß wir nun alle die geöffnete Pforte des Himmels mit unseren Augen besehen könnten, um uns doch nur so einen kleinen Begriff von der inneren Gestalt des Himmels machen zu können, von dem man durch die geöffnete Pforte sicher einen kleinen Teil wird erschauen können?“
GEJ|8|18|2|0|Sagte Ich: „Wie lange werde Ich noch müssen um euch sein und wie lange euch in eurem materiellen Sinne ertragen?! Wer ist denn die Pforte ins wahre Himmelreich? Ich bin die Pforte, der Weg und der Himmel Selbst! Wer Mich hört, an Mich glaubt und den Vater in Mir über alles liebt, der wandelt durch die rechte Pforte alles Lebens und Seins den lichten Weg in das Reich der Himmel, das geistig geschaffen ist aus Meiner puren Liebe in der lichtesten und lebendigsten Form aus Meiner Weisheit.
GEJ|8|18|3|0|Sehet weder hinauf noch hinab mit euren Fleischesaugen, wollt ihr die wahre Gestalt und das Wesen des Himmels, welcher ist das Reich Gottes, ergründen, sondern richtet die Augen eures Gemütes in euer innerstes Liebelebensbewußtsein, da werdet ihr den Himmel erschauen, und das überall, auf welchem Punkte Meiner Schöpfungen ihr euch auch immer befinden möget, ob auf dieser Erde oder auf einer andern, das wird stets gleich sein; denn die Gestalt des Himmels wird sich nach dem formen aus eurem Lebensgrunde, wie dieser nach Meinem Worte und durch eure guten Werke beschaffen sein wird. Erst durch solchen euren Himmel werdet ihr dann auch in Meinen ewigen und endlos großen Himmel gelangen.
GEJ|8|18|4|0|Das merket euch alle wohl: Das Reich Gottes ist nirgends ein äußeres Schaugepränge und kommt auch nicht in einer äußeren Zeichnung und Form zu euch, sondern es ist inwendigst in euch und besteht im Geiste der reinen Liebe zu Gott und zum Nächsten und in der Wahrheit des Lebens der Seele daraus; denn wer keine Liebe weder zu Gott noch zum Nächsten in sich hat und gewahrt, der hat auch kein Leben in sich und keine Auferstehung, welche da ist der Himmel im Menschen, und sonach auch kein Leben im selben, sondern nur das Gericht und den alsogestaltig sicher ewigen Tod gegenüber dem allein wahren und vollkommenen Leben im Himmel.
GEJ|8|18|5|0|Es leben gewisserart die Seelen der Bösen nach dem Tode auch fort; aber es ist das nur ein Scheinleben gleich dem aller Materie und gleich dem, das gewisse Tiere haben, die den ganzen langen Winter in irgendeiner Erdhöhle schlafen und vollkommen untätig sind.
GEJ|8|18|6|0|So ihr das nun ein wenig tiefer betrachtet, so werdet ihr doch hoffentlich zu Mir nicht mehr sagen: Herr, zeige uns die Pforte des Himmels und so etwas Weniges vom Himmel selbst, oder zeige uns etwa auch die Hölle, auf daß wir, durch ihren Anblick gewarnt, uns desto leichter von allen Sünden enthalten! Wer also fragte, den müßte Ich einen Toren nennen; ein jeder Mensch hat entweder den Himmel oder im schlimmsten Falle auch die Hölle vollkommen in sich und kann alles in sich beschauen.
GEJ|8|18|7|0|Aber wer die Hölle in sich birgt, der ist taub und blind in seinem Gemüte; nur dann und wann mahnt ihn sein Gewissen daran, ansonst er der Hölle in sich nicht gewahr werden könnte, – denn eine höllisch gewordene Seele ist schon so gut wie vollends im Tode durch das Gericht aller ihrer Materie.
GEJ|8|18|8|0|Aber eine Seele, die durch ihre guten Werke nach Meinem Willen den Himmel in sich hat, die kann in sich auch am hellen Tage den Himmel wohl gewahren und von Zeit zu Zeit in nächtlichen hellen Traumgesichten in sich erschauen. Denn es sind darum dem Menschen Traumgesichte gegeben, damit er durch sie in einem Verkehr mit der Welt der Geister minderer oder höherer Art während seines diesirdischen Lebens verbleiben kann, je nachdem sie in sich mehr oder weniger des wahren Himmels durch ihre guten Werke nach dem Willen Gottes erbaut und eigentlich erschaffen hat.
GEJ|8|18|9|0|Wandelt also nach Meinen Geboten, und ihr werdet leicht und bald in euch gewahren die Gestalt und die Wesenheit des Himmels! – Habt ihr das nun wohl auch verstanden?“
GEJ|8|18|10|0|Sagten die Juden, Römer, Ägypter und Indier: „Ja, Herr und Meister, und wir danken Dir herzinniglichst für solche Deine Belehrung an uns, die wir trotz all dem vielen und großen Lichte, das Du uns hattest zukommen lassen, noch immer stark blind und taub sind! Daher aber bitten wir Dich denn auch, daß Du Geduld habest mit unseren noch immer großen Schwächen; aber wir werden uns fürder schon also zusammennehmen, daß Dein heiliges uns gespendetes Licht in uns stets heller und heller soll zu leuchten beginnen.“
GEJ|8|19|1|1|19. — Die Ohnmacht des Menschen
GEJ|8|19|1|0|Sagte Ich: „Was ihr aber immer tut, das tuet stets in Meinem Namen; denn ohne Mich vermöget ihr nichts Wirksames zum Heile eurer Seelen zu tun! Und wenn ihr am Ende schon alles getan habt, was euch zur Erlangung des wahren, ewigen Lebens zu tun geboten und angeraten ist, da saget und bekennet in euch wie auch vor der Welt, daß ihr faule und unnütze Knechte gewesen seid! Denn nur Gott allein ist Alles in Allem und wirket auch in dem Menschen alles Gute.
GEJ|8|19|2|0|Wo ein Mensch den erkannten Willen Gottes tut, da tut er nicht nach seinem eigenen Willen, sondern nach dem Willen Gottes; was aber der Wille Gottes tut im Menschen oder im schon reinen Engel, das ist dann sicher nicht ein Werk pur des Menschen oder eines Engels, sondern ein Werk dessen, wessen der Wille ist, nach dem ein Werk vollbracht ward.
GEJ|8|19|3|0|Des Menschen Werk zu seinem Heile ist dabei nur das, daß er aus Liebe zu und aus wahrer Ehrfurcht vor Gott den erkannten Willen Gottes mit seinem freien Willen vollends zu seinem Willen gemacht hat und dann nach demselben handelt. Aber von da an wirkt nicht mehr des Menschen Wille, sondern der Wille Gottes alles Gute im Menschen, und so ist denn das Gute im Menschen auch nur ein Werk Gottes, was der rechte und wahre Mensch anzuerkennen hat in seiner rechten Demut. Schreibt sich aber ein Mensch ein gutes Werk als sein eigenes Verdienst zu, so zeigt er dadurch schon, daß er weder sich und noch weniger Gott je wahrhaft erkannt hat, und er ist darum noch ferne vom Reiche Gottes.
GEJ|8|19|4|0|Darum gebet allzeit Gott in allem die Ehre, und handelt stets in Seinem Namen, so werdet ihr die Liebe Gottes in euch haben! Wer aber die Liebe Gottes in sich hat, der hat alles für Ewigkeiten in sich.
GEJ|8|19|5|0|Daneben aber merket euch nun auch das: Wenn der Mensch wider den erkannten Willen Gottes Böses tut, so ist die Tat nicht ein Werk Gottes, sondern des Menschen völlig eigene Tat; denn da hat der Mensch seinen eigenen freien Willen nicht dem erkannten Willen Gottes untergeordnet, sondern demselben nur allzeit widerstrebt, und es kann von ihm füglich gesagt werden, daß seine bösen Taten völlig sein eigen sind. Aber eben darum hat der Mensch durch den großen Mißbrauch seines freien Willens sich selbst gerichtet und in seiner Blindheit sich dadurch unglücklich gemacht.
GEJ|8|19|6|0|Sehet, es ist da mit diesen geistigen Dingen nahe also wie mit einem weisen Feldherrn und mit seinen ihm untergebenen Kriegern! Die Krieger müssen wohl zu vielen Tausenden in den heißen und blutigen Kampf; aber keiner von ihnen darf anders als nur nach dem Plan und Willen des Feldherrn kämpfen. Wer das tut, der führt auch einen glücklichen Kampf; wer von den vielen Kriegern aber etwa bei sich dächte: ,Ah, ich habe selbst Mut, Kraft und auch rechte Kenntnisse, und ich werde auf meine eigene Faust mich in den Kampf begeben und mir für mein Haupt eine Krone erkämpfen!‘ und träte aus der Kampfesplanlinie seines kriegserfahrenen Feldherrn, der wäre schon so gut wie verloren; denn er würde von den Feinden bald gefangen und arg zugerichtet werden. Und wer schuldet daran? Niemand als er selbst! Warum hat er den Willen seines weisen Feldherrn nicht für immer zu dem seinigen gemacht? Er hätte da ein leichtes gehabt, über die Feinde mitzusiegen. Da er für sich selbst einen Feldherrn und einen Krieger zugleich machen wollte, so ward er auch bald und leicht eine Beute der Feinde.
GEJ|8|19|7|0|Ich aber bin auch, und das einzig und allein, ein Feldherr des Lebens gegen alles, was dem Leben ein Feind ist. Wer da unter Meinen Geboten und nach Meinen Plänen kämpft, der wird auch gegen die vielen Lebensfeinde leicht zu kämpfen haben und sie auch leicht besiegen; wer sich aber ohne Mich und nach seinem eigenen Verstande und Willen in den Kampf mit den vielen Feinden des Lebens einlassen wird, der wird gefangen und dann arg zugerichtet werden. Ist er aber einmal in der harten Gefangenschaft, wer wird ihn dann aus derselben erlösen, wo er seine ärgsten Lebensfeinde nur in sich selbst zu suchen und zu bekämpfen hat?!
GEJ|8|19|8|0|So aber jemand an Meiner Seite leicht den Sieg über gar viele Feinde erkämpft, so ist dann der Sieg ja doch nur Mein Werk; denn er konnte den Sieg ja doch nicht anders als nur durch die genaue Befolgung Meines Willens, Planes und Rates erkämpfen. Ist der erkämpfte Sieg aber Mein Werk, so ist er auch Mein Ruhm und Mein Verdienst!
GEJ|8|19|9|0|Ihr werdet nun hoffentlich zur Genüge einsehen, wie und warum ihr ohne Mich nichts Verdienstliches zum ewigen Heile eurer Seele wirken könnet, und warum ihr dann noch, so ihr alles getan habt, was euch weisest zu tun geboten war, frei vor Mir zu bekennen habt, daß ihr faule und unnütze Knechte an Meiner Seite waret.
GEJ|8|19|10|0|Wenn ein Landmann seinen Acker bebaut, so düngt er ihn, ackert dann das Erdreich mit dem Pfluge auf, streut das Weizenkorn in die Furchen und eggt es darauf ein, und er hat dann bis zur Ernte nichts mehr zu tun. Ist darauf die Ernte des Landmanns pures Verdienst und Werk, oder ist sie nicht vielmehr in allem Mein Werk und Verdienst? Wer schuf ihm das kräftige Ochsenpaar für seinen Pflug? Wer gab ihm Holz und Eisen, wer das Samenkorn mit dem lebendigen Keime? Wer legte in diesen schon zahllos viele neue Keime und Körner? Wessen war das alles erwärmende und alles belebende Licht der Sonne? Wer sandte den fruchtbaren Tau und Regen? Wer gab den wachsenden und reifenden Halmen das Gedeihen und wer am Ende dem Landmanne selbst das Leben, die Kraft, die Sinne, die Vernunft und den Verstand?
GEJ|8|19|11|0|Wenn ihr nun dieses Bild so ein wenig tiefer überdenket, so wird es euch doch klar werden, wie höchst wenig als Werk und Verdienst bei der Bestellung des Ackers auf den Landmann entfällt? Ganz bei klarem Lichte betrachtet wohl beinahe gar nichts, – und doch mag dieser sagen: ,Sehet, das habe ich alles meinem Fleiße zu verdanken!‘ Aber daran denkt er kaum, wer der alleinige Hauptbearbeiter des Weizenackers war! Sollte er nicht vielmehr in seinem Herzen sagen und bekennen: ,Herr, Du großer, guter und heiliger Vater im Himmel, ich danke Dir für solche Deine Sorge! Denn alles das war, ist und wird sein allzeit nur Dein Werk; ich war dabei ein fauler und völlig unnützer Knecht!‘?
GEJ|8|19|12|0|Wenn sich aber das schon bei einer materiellen Arbeit wohl geziemte, – um wieviel mehr geziemt sich das dann erst zu sagen und zu bekennen von seiten eines Menschen, dem Ich seinen geistigen Lebensacker mit allem und jedem bearbeiten helfe, wobei er schon eigentlich nichts anderes zu tun hat, als an Mich zu glauben und dann Meinen göttlichen Willen als ein purstes Geschenk aus Mir sich also anzueignen, als wäre er so ganz sein, obwohl er im Grunde des Grundes dennoch pur Mein ist! Wenn solch ein Mensch mit dem Vollbesitze Meines Willens dann alles vermag und große Dinge und Werke verrichten kann, wessen ist dann das Hauptverdienst?“
GEJ|8|20|1|1|20. — Über die Gesetze des Herrn
GEJ|8|20|1|0|Hier sagten wieder alle: „Herr und Meister! Alles, alles ist von Ewigkeit her nur Dein alleiniges Werk und Dein alleiniges Verdienst! Wir Menschen sind ja allzeit in allem gar nichts gegen Dich! Nur Deine Liebe und Gnade hat uns das Dasein gegeben und will uns nun gar noch zu ihren ihr ähnlichen Kindern erheben, und so sind wir ja selbst in allem Dein Werk, und unsere Vortrefflichkeit ist Dein alleiniges Verdienst! Verlasse, o Herr und Meister, nur Du uns nie und niemals; denn ohne Dich sind wir vollends nichts! Was wüßten wir nun aus uns von allen den geistigen Dingen, von Dir und Deinem allmächtigen Willen? Und so wie wir nun Dir allein alles zu verdanken haben, so auch werden unsere späten Nachkommen auch nur Dir alles zu verdanken haben, so sie sich möglicherweise auch noch in unserer Einsicht und in unserm reinen Glauben befinden werden. Aber Du, o Herr und Meister, wirst wohl dafür sorgen, daß sie nicht zu ferne von dem Lichte kommen werden, das uns nun gar so helle leuchtet!“
GEJ|8|20|2|0|Sagte Ich: „Das wird so wie bis jetzt den Bearbeitern Meiner Äcker und Weinberge auch für die Folge überlassen werden; und da wird es wohl sehr darauf ankommen, wie von ihnen Mein nun wohl erkannter Wille gehandhabt wird, ob recht oder möglicherweise auch verkehrt. Habt darum wohl acht darauf, daß nach Meinem leiblichen Scheiden von euch nicht Zänkereien und Streitigkeiten vorkommen; denn diese würden dann vollwahr die Mutter des Gegenchristen auf dieser Erde werden! Ich sage euch dieses nun zum voraus, auf daß ihr das verhütet. Zwar werdet ihr es wohl verhüten, – ob aber eure Nachjünger das auch also tun werden, das ist darum nun eine noch andere Frage, weil denn auch ihr freier Wille so gut wie der eurige geachtet werden muß.
GEJ|8|20|3|0|Meine Lehre gibt euch die höchste Freiheit und kann darum nicht mit dem Schwerte und mit den Ketten der finsteren Sklaverei verkündet werden; denn was dem Menschen die höchste Lebensfreiheit verschaffen kann und wird, das muß er auch in seiner vollen Freiheit anerkennen und annehmen. Wie Ich aber alles das euch umsonst gegeben habe, also sollet ihr es denen, die es von euch haben möchten, auch wieder umsonst geben!
GEJ|8|20|4|0|Also habe Ich auch niemandem von euch einen Zwang angetan, sondern in der vollsten Freiheit habe Ich euch nur zugerufen: Wer da will, der komme, höre, sehe und folge Mir nach! Und ihr tatet das aus eurem freien Willen heraus. Und also tuet auch fürder in Meinem Namen, und ihr werdet guten Weges zu wandeln haben!
GEJ|8|20|5|0|Wer aber daraus ein Muß machen wird, der wird Mein Jünger nicht sein, und auf seinem Wege wird er Felsen, Klippen und Dornen finden. Nehmet euch alle an Mir ein rechtes und wahres Beispiel! Was kostete es Mich denn, nun in einem Augenblick alle Menschen auf der ganzen Erde durch Meine Allmacht geradeso zur Annahme Meiner Lehre und zur vollsten Befolgung Meines Willens zu zwingen, als wie es Mir möglich ist, in einem Augenblick aller anderen Kreatur den Weg mit Muß vorzuzeichnen, den sie streng nach Meinem Willen zu gehen hat? Aber welche als selbständig sich selbst wahrhaft beglückende, sittliche Lebensfreiheit hat sie wohl dabei? Ich sage es euch: gar keine!
GEJ|8|20|6|0|Denn eine stumpfe und höchst beschränkte Intelligenz mit einem Fünklein Meines Mußwillens, nach dem sie tätig sein muß, ist doch sicher ein ganz anderes Ding als eine nach allen möglichen Richtungen hin unbeschränkteste Innewerdung, verbunden mit einer lichtvollen Vernunft, hellem Verstande und dazu mit dem allerunumschränktest freien Willen, dem Ich nie durch ein ,Du mußt!‘, sondern allzeit nur mit dem freien ,Du sollst!‘ Meine Gebote und Meinen väterlichen Rat gab! Denn alle die Gebote, die Ich den Menschen gab, waren eigentlich niemals Gesetze, sondern nur Ratschläge, die Meine ewige Liebe und Weisheit den freien Menschen erteilte. Aus diesen Meinen den Menschen erteilten Ratschlägen haben dann erst die Menschen in der Meinung, Mir dadurch eine desto größere Ehre zu erweisen, strengst zu haltende Gesetze gemacht, deren Nichthaltung sie mit zeitlichen und ewigen Strafen sanktionierten.
GEJ|8|20|7|0|Moses selbst tat viele dazu, um den Juden eine desto größere Achtung vor dem geoffenbarten Willen Gottes zu verschaffen, und andere taten dasselbe. Und die gegenwärtigen Pharisäer haben den höchsten Kulminationspunkt nicht nur der Dummheit, sondern auch der notwendig daraus hervorgehenden Bosheit erreicht. Daß die Sache des Judentums nun auf so unbeschreibbar schlechten Füßen steht, ist eine notwendige Folge davon, daß die Menschen aus Meinen freiest gegebenen Ratschlägen Mußgesetze gemacht haben. Wie verträgt sich aber ein Mußgesetz mit dem freiesten Willen und mit dem ebenso freien und durch nichts beschränkten Verstande der Menschen?
GEJ|8|20|8|0|Der freie Wille des Menschen wird eine helle Erleuchtung seines Verstandes sicher gern und stets mit dem größten Dank als eine Gnade von oben annehmen; aber ein strenges Mußgesetz wird er in seinem Willen und Gemüte verfluchen. Darum ist ein jeder Mensch, der unter einem Gesetze mit Muß steht, so gut wie gleichfort gerichtet und somit auch wie verflucht.
GEJ|8|20|9|0|Wer sonach den Menschen Mußgesetze in Meinem Namen geben wird, der wird ihnen anstatt Meines Segens nur das harte Joch und die schwere Bürde des Fluches geben und sie zu neuen Sklaven der Sünde und des Gerichts machen.
GEJ|8|20|10|0|Darum gehe eure Sorge bei der Weiterverbreitung Meiner Gebote vor allem darauf hin, daß ihr ihnen damit kein neues und schwer zu tragendes Joch auf den Nacken bürdet, sondern daß ihr sie dadurch von dem alten frei machet!
GEJ|8|20|11|0|Wenn der Mensch mit freiem Gemüte die lichte Wahrheit Meiner Lehre und Meines besten väterlichen Willens erkennen und einsehen wird, so wird er sich dann schon selbst mit seinem freien Willen ein auch freies Mußgesetz daraus machen und wird frei danach handeln, und das auch allein nur wird ihm zur wahren Wohlfahrt der Seele gereichen, aber ein ihm gegebenes Mußgesetz schwerlich je oder auch gar niemals, und das darum, weil erstens ein Mußgesetz für den freien Willen eines Menschen ganz wider Meine göttliche Ordnung ist und den Menschen nur verfinstert und nie erleuchtet, und zweitens, weil mit dem Mußgesetz sich die Gesetzverkünder sogleich eine höhere, nur ihnen zukommende Gewalt anmaßen, darum bald stolz, hochmütig und herrschsüchtig werden und zu den als rein göttlich pronunzierten (ausgesprochenen) Satzungen auch aus einer angemaßten göttlichen Gewaltsinnehabung, vor der ihre Gläubigen oft mehr als vor Gott Selbst zittern und beben müssen, eigene arge Satzungen als göttlichen und ihnen neu geoffenbarten Willen hinzufügen und auf deren Beachtung stets ein viel größeres Gewicht legen als auf die Beachtung der rein göttlichen Gebote.
GEJ|8|20|12|0|Daraus aber geht dann hervor finsterer Aberglaube, Abgötterei, Haß gegen Andersgläubige, Verfolgung, Mord und die verheerendsten Kriege. Die Menschen begründen sich dabei mit allerlei finsterem Unsinn, daß sie am Ende der Meinung und des Glaubens werden, Gott einen angenehmen Dienst zu erweisen, wenn sie an ihren andersgläubigen Nebenmenschen die größten Frevel und Missetaten begehen. Und daran schulden allein die Mußgesetzgeber!
GEJ|8|20|13|0|Darum aber werden sie auch jenseits in der Hölle, deren eifrige Diener sie hier waren, sicher die ersten Plätze unter den allerunerbittlichsten Mußgesetzen einnehmen; denn in Meinen Himmeln herrscht nur die höchste Freiheit, aber dadurch auch die höchste Eintracht, durch die reine Liebe und größte Weisheit bewerkstelligt.
GEJ|8|20|14|0|Ich habe euch das nun treu und offen dargestellt und lichtvoll erklärt, und ihr wisset nun denn auch frei ohne einen geringsten inneren Zwang, was ihr als Ausbreiter Meines Evangeliums zu beachten habt. Aber so da jemand von euch oder euren Jüngern anders wird handeln wollen, so wird er wohl gewarnt, aber es wird ihm von Mir darum kein innerer Zwang aufgebürdet werden. Doch an den faulen und schlechten Früchten werden es die besseren Menschen wohl bald merken, wessen Geistes Kind so ein Nachjünger ist.
GEJ|8|20|15|0|Da Ich euch aber nun solches kundtue, sollet ihr aber dennoch nicht des Glaubens sein, als höbe Ich damit das durch Moses gegebene Gesetz auf; denn es ist ja ganz dasselbe, das Ich euch in seiner ursprünglichen Reinheit wiedergebe. Nur das alte verrostete ,Muß‘ hebe Ich auf und gebe euch die alte volle Freiheit wieder; und darin besteht eben hauptsächlich das Werk der Erlösung eurer Seelen aus dem harten Joche des Gerichts und des eigentlichen Satans, des euch schon bekannten Fürsten der Nacht und der Finsternis, daß ihr von nun an unter keinem Mußgesetz in Meinem Namen mehr stehen sollet.
GEJ|8|20|16|0|Wie aber Ich nun euch allen die volle Freiheit aus Mir Selbst wiedergebe, so tut ihr in Meinem Namen auch euren Brüdern dasselbe! Taufet sie im Namen Meiner ewigen Liebe, welche da ist der Vater, des Wortes, das da ist des Vaters fleischgewordener Sohn, und dessen Geistes aller Wahrheit, und löschet in ihnen dadurch das alte Erbübel aus, das da ist das euch nun wohlbekannte und verdammliche Muß des Gesetzes! – Und nun frage Ich euch, ob ihr alle das verstanden habt.“
GEJ|8|21|1|1|21. — Agrikola bittet um Richtlinien zur Jugenderziehung
GEJ|8|21|1|0|Es bejahen das wohl alle; aber Agrikola tritt zu Mir hin und sagt: „O Herr und Meister, ich selbst begreife und erkenne nun tief die reinste, göttliche Wahrheit dieses Deines lichtvollsten Ausspruches und sehe es nun auch ein, daß eben das ewig zu verwünschende Muß des Gesetzes, ein Werk der menschlichen Blindheit, den Menschen notwendig alles höheren Lichtes berauben muß, weil es ihm alle jene Quellen verstopft, durch die das rein geistige Licht aus den Himmeln in ihn einfließen könnte und eben dadurch auch seine Seele mit der eisernsten Gewalt in die finstere Materie zieht und erdrückt. Aber dies größte Übel ist in unserer Zeit zu einer solchen Macht und Größe herangewachsen, daß es schwerlich je völlig vom materiellen Boden der Erde zu verbannen sein wird.
GEJ|8|21|2|0|Nehmen wir nur unseren römischen Gesetzeskram an, zu dessen strenger Aufrechthaltung mindestens 800000 blindeste und roheste Krieger und eine nicht minder große Zahl der allerfinstersten Heidenpriester mit ihren Plenipotenzen [unumgeschränkten Vollmachten] als treue Wachen dastehen. Diesen seelenmörderischen Damm zu durchbrechen und zu vernichten, ist menschlichen Kräften auch beim besten Willen und der größten und allerenergischsten Klugheit so gut wie völlig unmöglich.
GEJ|8|21|3|0|Ich rede hier nur von unserem Staate, in dem bekanntlich noch bis jetzt die meiste Zivilisation anzutreffen ist, und will von anderen Reichen der Erde nicht reden, in denen die Menschheit sich von den wilden Tieren der Erde um nicht vieles unterscheidet. Aber wenn ich schon bei uns Römern auf Schwierigkeiten stoße, die vorderhand sicher unüberwindbar sind, – wie wird sich dann diese Sache erst bei den ganz wilden Völkern dieser Erde machen?
GEJ|8|21|4|0|Ja, einzelne, wie ich und sicher noch mehrere es sind, werden alles das mit größter Freude annehmen; aber wie sich in diesem reinen Geisteslichte werden Gesellschaften und Gemeinden zu bilden anfangen, so werden sich die Priester hinter den Kaiser stecken und ihn so lange torquieren (plagen), bis er selbst gegen solche Gemeinden das Schwert wird ziehen müssen. Da wird das alte Mußgesetz dann erst recht mit ehernen Klammern und Ketten um die armen Völker geschlungen werden. Wehe darauf dem, der es dann noch wagen wird, irgendwo diese Deine Lehre unter den Menschen auszubreiten!
GEJ|8|21|5|0|Und nun muß ich zu dem noch eines Punktes Erwähnung tun, der mir auch von großer Wichtigkeit zu sein scheint, und das ist die Erziehung der Jugend von der Wiege an. Viele tausendmal tausend Kinder sind schon entweder durch die wahre Affenliebe der Eltern zu ihren Kindern oder oft auch durch ihre tyrannische Strenge und sonstige Blindheit total verzogen. Dazu kommen dann noch – sage – für den sogenannten besseren Teil der Menschen in den Städten die Schulen, die alle unter dem Zepter der Priester stehen, in denen die Kinder wohl lesen, schreiben und rechnen lernen, aber von etwas rein Geistigem nie etwas anderes vernehmen als allerlei Dinge des finsteren Aberglaubens.
GEJ|8|21|6|0|Frage: Wie wird man da zu wirken haben, um erstens den Eltern der Kinder zu zeigen und begreiflich zu machen, wie sie von Hause aus ihre Kinder erziehen sollen? Und sollte es möglich sein, daß man in diesem ersten zu einem günstigeren Resultate gelangt ist, – wie soll man dann zu wirken anfangen, um den öffentlichen Volksschulen jene Einrichtung zu verschaffen, aus der für die Menschen ein wahres Seelenheil nach Deiner Lehre erwachsen soll? Herr und Meister, so unbeschreibbar gut und wahr Deine Ratschläge an und für sich schon sind und noch mehr durch ihre lebendige und möglich allgemeine Praxis wären, so nahezu unmöglich erscheint die Bekehrung der Menschen im nur einigermaßen allgemeinen dazu auf einem ganz natürlichen Wege. Da wird Deine Allmacht denn doch so in recht dicken und großen Portionen ziemlich augenscheinlich mitwirken müssen, ansonst mit der Menschheit, wie sie jetzt beschaffen ist, bis ans Ende der Zeiten nicht viel auszurichten sein wird.
GEJ|8|21|7|0|Ich bin wohl kein Prophet, aber ich habe als nun schon ein ziemlich alter Staatsmann gar viele Erfahrungen gemacht, kenne die Staatsmaschine und kenne die Völker und kann somit auch ein sicheres Prognostikon (Voraussage) stellen, wie diese Sache auf dem natürlich-menschlichen Mitteilungswege aufgenommen und welche Wirkung es machen wird.
GEJ|8|21|8|0|Darum zeige Du uns neben der höchst rein göttlich wahren Lehre, von der ich nun für mich und in der Folge auch sicher für mein ganzes Haus erfüllt bin, auch die sicheren Wege und Mittel, wie wir schwachen Menschen sie unseren gar vielen Mitmenschen wirkungsvoll werden mitteilen können! Denn sonst werden die Menschen mit seltenen Ausnahmen bis ans Ende der Zeiten dieser Erde das verbleiben, was sie nun sind: nichts als mit einiger Vernunft und etwas materiellem Verstande, gepaart mit einem sinnlich freien und bösen Willen, begabte Tiere.“
GEJ|8|22|1|1|22. — Die Ordnung der geistigen Entwicklung
GEJ|8|22|1|0|Sagte Ich: „Du hast nun als ein ehrlicher Staatsmann recht weise gesprochen, und es verhalten sich die Dinge auch also, wie du sie Mir recht hell und ohne irgendeinen Vorhalt dargestellt hast; und Ich sage es dir, daß wir sie nun in diesem Momente auch nicht ändern wollen, wenn wir das auch sicherlich wohl imstande wären.
GEJ|8|22|2|0|Denn wie selbst der irdische Tag nicht auf einmal anbricht, sondern vom ersten, kaum merkbaren Grauen bis zum vollen Sonnenaufgange nur durch gar viele Lichtzunahmestufen nach und nach, ebenso geht es auch mit dem werdenden geistigen Tage bei den Menschen auf dieser Erde. Denn ließe Ich den vollen geistigen Tag allen Menschen auf einmal plötzlich werden, so würden die Menschen, solange sie ihren schweren Leib noch zu tragen haben, dann träge und würden sich nicht mehr viel mit dem Suchen und Forschen abgeben. Sie würden wohl die Gebote halten und handeln nach der in ihnen helleuchtenden Wahrheit, aber das sicher mehr auf eine mechanische, als auf eine vollends lebendige Art; und so ist es sicher besser, daß die Menschen erst so von Stufe zu Stufe durch ihr eigenes Suchen, Forschen und Handeln den geistigen Tag in sich entstehend gewahren und, dabei eine große Freude habend, auch ihre noch in der eigenen Nacht wandelnden Brüder belehren und sie auch zum Suchen des eigenen inneren Geistestages anregen und aneifern, als daß ein jeder Mensch ohne eigenes Tun und Handeln gleich in alle Fülle des inneren Geistestages durch Meine Allmacht versetzt würde.
GEJ|8|22|3|0|Es werden besonders in dieser gar finsteren Zeit Meine diese Lehre ausbreitenden Jünger auch mit all dem ausgestattet sein, was nun allein in Meiner Macht steht, und werden in Meinem Namen große Zeichen zu wirken imstande sein, wo und wann selbige zum wahren Wohle der Menschen nötig sein werden; aber es wird dennoch das stets einen um gar vieles größeren Wert haben, wo die Bekehrungen zum Glauben an Mich und Handeln nach Meiner Lehre geschehen werden.
GEJ|8|22|4|0|Denn durch das reine Wort erleidet die Seele keinen Zwang, sondern bleibt völlig frei im Erkennen und Handeln, während vor der Lehre gewirkte Zeichen der Seele offenbar einen Glaubenszwang auferlegen und dann eben um nichts besser sind als das Muß des Gesetzes.
GEJ|8|22|5|0|Was aber eure äußeren Staatsgesetze betrifft, so sollen sie bestehen fürs Fleisch der Menschen; denn solange der Mensch nicht vollends im Geiste wiedergeboren ist, sind ihm äußere Staatsgesetze notwendig, weil sie ihn in der Demut und Geduld üben, die zur Erreichung der vollen Wiedergeburt höchst notwendig sind, andernteils aber den gar finsteren und bösen Menschen abhalten, seinen Nebenmenschen Böses in zu großem Maße zuzufügen, indem sie mit scharfgezogenen Linien jedem das Seinige zuweisen und den mutwillig dawider Handelnden züchtigen.
GEJ|8|22|6|0|Ich sage euch darum auch, daß ihr der weltlichen Macht untertan bleibet, ob sie euch minder gut oder auch gar böse dünkte; denn ihre Gewalt ist ihr von oben verliehen. Wer aber einmal im Geiste wiedergeboren ist, den wird so wenig wie Mich Selbst ein weltliches Gesetz mehr beirren.
GEJ|8|22|7|0|Die Kinder aber sollen mit wahrer und ernster Liebe behandelt und erzogen werden. Jede Verzärtelung und Nachgiebigkeit von seiten der Eltern ist ein großer Seelenschaden für die Kinder, der den Eltern als Schuld gerechnet werden wird.
GEJ|8|22|8|0|Weise Eltern werden auch mit weisen Kindern gesegnet werden.
GEJ|8|22|9|0|Bei der Erziehung der Kinder aber ist ein Muß so lange nötig, bis das Gute der Gesetze zu einem freiwilligen und freudigen Gehorsam geworden ist. Ist der Fall eingetreten, so hat das Kind des Gesetzes Muß in sich selbst aufgehoben und ist zum freien Menschen geworden.
GEJ|8|22|10|0|Tuet demnach das, was ihr nun gehört habt, so wird alles gut und recht werden! – Wer noch etwas hat, der frage, und Ich werde ihm Licht geben, damit er wandle und handle am hellen Tage!“
GEJ|8|23|1|1|23. — Die Wege zur Beseitigung des heidnischen Priestertums
GEJ|8|23|1|0|Hier trat der zu Emmaus wohnende Römer Agrippa mit seinem Gefährten Laius zu Mir und sagte: „Herr und Meister! Du hast uns nun wahrlich übergroße und herrliche Dinge kundgetan, und uns sind dabei wie schwere Steine von unserer Brust hinweggetan worden; aber etwas, das unser Freund Agrikola auch als eine große Gegensache bei der Ausbreitung Deiner Lehre dargestellt hat, hast Du nun doch noch nicht besonders berührt, und das ist die schwer mögliche Besiegung des über alle Maßen hartnäckigen heidnischen Priestertums.
GEJ|8|23|2|0|Es geht schon hier mit den Judenpriestern, die doch einen Begriff von dem einen, wahren Gott haben, schwer; um wie vieles schwerer wird sich das dann erst bei den materiellst verknöcherten Heidenpriestern machen, die von einem wahren Gott gar keine Ahnung haben und ihre Götter, die sie vor dem Volke anbeten, und denen das Volk opfern muß, aus der oft gröbsten Materie, wie Stein, Erz und Holz, bei den Bildnern anfertigen lassen. Da wäre es demnach wohl auch gut, so Du uns darüber etwas sagen würdest.“
GEJ|8|23|3|0|Sagte Ich: „Auch darum sollet ihr euch keine leere und eitle Sorge machen! Denn fürs erste sage Ich euch, daß ihr eher hundert heidnische Priester für Meine Lehre gewinnen werdet denn einen Pharisäer, denn es haben die heidnischen Priester durch die griechischen und auch nach ihnen gebildeten römischen Weltweisen ungeheuer viel an ihrem alten Ansehen verloren; und zweitens ist durch die vielen umherziehenden Magier, die von allen Orten der Erde nach Rom kamen, auch ihr Wunderwirken in einen großen Mißkredit beim Volke gekommen. Es macht des gewissen Anstandes und Ansehens wegen wohl noch so manches mit und schaut des Zeitvertreibes wegen die Spektakel an; aber es hat keinen besonderen Glauben mehr daran. Und es wird sonach auch geschehen, daß im Volke bald gar kein heidnischer Priester mehr bestehen, während das Pharisäertum der Juden sich noch gar lange fort erhalten wird. Und was aber noch ärger als das alte Pharisäertum sein wird, das wird leider darin bestehen, daß sich unter Meinem Namen ein neues Pharisäertum bilden wird, das viel ärger denn das gegenwärtige sein wird!
GEJ|8|23|4|0|Als Ich euch die zwei Kapitel des Propheten Jesajas erklärt habe, da habe Ich euch auch das neue Pharisäertum gezeigt und brauche es euch nun nicht noch einmal zu zeigen und zu enthüllen.
GEJ|8|23|5|0|Was aber nun die heidnischen Priester betrifft, so fängt sie ihre eigene Finsternis bereits schon selbst sehr zu drücken an, und es sehnen sich viele nach einem möglich besseren und wahren Lichte. Viele ziehen darum von Zeit zu Zeit nach Ägypten, um dort von irgendeinem Weisen über die Bestimmung des Menschen ein höheres Licht zu bekommen, und es steht darum im geheimen mit dem heidnischen Priestertum eben nicht so sehr schlecht, wie ihr es euch vorstellt, und Ich habe darum dieses Umstandes wegen keine besondere Erwähnung tun wollen; weil ihr euch aber darunter eine gar so unübersteigbare Klippe vorgestellt habt, so war es denn auch nötig, euch eines Bessern zu belehren.
GEJ|8|23|6|0|Ich sage euch allen nur ganz besonders das und lege es euch lebendig ans Herz, daß ihr aus Meiner Lehre ja unter gar keiner Bedingung ein Mußgesetz für die Menschen machet, damit sie doch wenigstens unter wenigen in ihrer freien Reinheit verbleibe bis ans Ende der Zeiten dieser Erde und Ich darum auch im Geiste stets gleichwirkend unter euch.
GEJ|8|23|7|0|Es werden mit der Zeit wohl sicher eine Menge halb- und ganz falscher Propheten in Meinem Namen vorgeblich aufstehen, und es werden die einen dies und die andern jenes behaupten; die Sehenden in der reinen Lehre werden ihnen aber sicher in aller Sanftmut und Geduld entgegenarbeiten und am Ende den Sieg auf ihrer Seite haben.
GEJ|8|23|8|0|Aber es wird der ganz Reinen Zahl gegen die der Unreinen stets nur eine geringe sein; und sehet, das kann Ich nicht verhüten – außer Ich mache alle freien Menschen durch Mein Machtwort zu Tiermaschinen –, und ihr werdet das im allgemeinen um so weniger imstande sein!
GEJ|8|23|9|0|Hätte Ich aber das bei den Menschen durch Meinen allmächtigen Willen verhüten wollen, so hätte Ich wahrlich nicht nötig gehabt, je ins Fleisch dieser Erde zu treten; denn alle andere Kreatur hätte Ich auch ewig fort von Meinen Himmeln aus pur durch Meinen allmächtigen Willen lenken und regieren können, wie Ich das auch jetzt tue und ihr darum an aller Kreatur sicher keine noch so geringe Veränderung zu merken vermöget. Denn der Steine, der Pflanzen und der Tiere wegen bin Ich wahrlich nicht als nun Selbst ein leibhaftiger Mensch auf diese Erde gekommen, sondern nur des in seinem Willen und Erkennen völlig freien Menschen wegen! Und da kann Ich Selbst ihm kein göttliches Muß, sondern nur die vollste göttliche Freiheit als ein wahres Evangelium aus den Himmeln geben und danach den Menschen frei wählen und handeln lassen.
GEJ|8|23|10|0|Daß aber auch dafür gesorgt ist, daß nach Meiner Ordnung die Nichtbeachtung Meiner Lehre auch stets die alten bösen Folgen nach sich ziehen wird, dessen könnet ihr völlig versichert sein, und das ist genug zur Bändigung jener Menschen, die von Meiner reinen Lehre eine gute Kunde erhielten, sich aber dann doch wieder zur Welt kehrten.
GEJ|8|23|11|0|Zu einer gewissen Zeit aber werde Ich, wenn die Trübsal zu groß wird, die Erde vom alten Unflate schon zu reinigen verstehen! Solches aber habe Ich euch schon gezeigt, was da sind die bösen Folgen der Sünde leiblich und moralisch für die Seele; der Körper wird verfallen in allerlei böse Krankheiten, und die Seele in allerlei Zweifel durch den Unglauben oder falschen Glauben und in aus diesem hervorgehende dumme und böse Handlungen.
GEJ|8|23|12|0|An allem dem aber wird der, der im reinen Lichte des Lebens steht, bald und leicht erkennen, in welchem Geisteslichte die physisch und moralisch geplagten Menschen sich befinden. Wo ihr solche sehen werdet, da gehet hin und saget zu ihnen: ,Der Friede sei mit euch! Ihr wandelt auf Irrwegen, und wir sind zu euch gekommen, vom Geiste des Herrn geführt, um euch zu verkünden das wahre Evangelium, die Wege zum Lichte des Lebens, welches ist das wahre Heil der Seele in Gott!‘
GEJ|8|23|13|0|So man euch dann aufnehmen wird, so bleibet, lehret sie erkennen die Wahrheit und handeln nach ihren leicht zu fassenden Grundsätzen! Haben sie diese freudig angenommen und haben auch alsbald danach zu handeln bereitwillig angefangen, so betet über sie, leget den Kranken die Hände auf, damit sie geheilt werden von ihren Übeln, und taufet sie dann auf die Weise wahrhaft, wie Ich sie euch zuvor gezeigt habe, und ihr werdet dadurch nach Meinem Willen ein Mir wohlgefälliges Werk ausgerichtet haben, und euer Lohn im Himmel wird dadurch um vieles vergrößert werden.
GEJ|8|23|14|0|Wo und wann ihr irgendeine solche Gemeinde bekehrt, sie geheilt und in Meinem Namen gefestet habt, so stellet dann aus ihrer Mitte den kundigsten und getreuesten Mitbürger zu einem freundlichen Hüter und Aufseher über die Gemeinde. Erteilet ihm besonders die Gaben des Heiligen Geistes, auf daß er ein wahrer Wohltäter der ihm anvertrauten Gemeinde werden und sein kann. Aber bindet ihn auch nicht mit einem Mußgesetz, was auch er gegen die Glieder der Gemeinde zu beachten haben soll, mit Ausnahme der Kinder, wie Ich euch dafür schon eine Weisung gegeben habe.
GEJ|8|23|15|0|Aber obwohl ein solcher Hüter von euch bestellt wird in Meinem Namen, so soll er aber dennoch darum keinen irdischen Rang haben, sondern er soll sein gleich euch ein demütigster und wie ein geringster Diener der ihm anvertrauten Brüder und Schwestern und soll sich von ihnen nicht ehren oder von ihnen für seine ihnen geleisteten Dienste gar belohnen lassen; denn was er umsonst erhalten hat, das soll er umsonst wieder geben in aller Liebe zu seinen irgend schwächer begabten Brüdern und Schwestern.
GEJ|8|23|16|0|Was ihm aber die freie Liebe seiner Gemeinde bieten wird, das soll er auch annehmen gleich also, wie Ich solches auch euch gestattet habe; denn wer einem von Mir Gesandten etwas Gutes tun wird, der wird auch den Lohn eines Gesandten ernten. Und somit wisset ihr nun alles, was euch vor allem zu wissen nötig war; vieles andere werdet ihr zur rechten Zeit überkommen.“
GEJ|8|24|1|1|24. — Die Dreieinigkeit in Gott und Mensch
GEJ|8|24|1|0|Hier trat ein Pharisäer zu Mir und sagte: „Herr und Meister! Du hast in Deiner Rede zu uns gesagt, daß Deine Jünger, die Deine wahre Lebenslehre ausbreiten werden, jene, die vollends Deine Lehre tatsächlich angenommen haben, durch die Auflegung ihrer Hände taufen, das heißt stärken sollen im Namen des Vaters, welcher die Liebe ist, im Namen des Wortes, das da ist der Sohn oder die Weisheit des Vaters, und im Namen des Heiligen Geistes, welcher da ist der alles vermögende Wille des Vaters und des Sohnes.
GEJ|8|24|2|0|Ich aber denke mir da: Wenn Deine Jünger alle die gläubig Gewordenen nur in Deinem Namen oder allein im Namen des Vaters tauften, so würde das für viele leicht daraus hervorgehende Streitfragen ein Hinderungsmittel sein; denn mit den drei wennschon allerhöchsten und hochheiligsten Begriffsnamen können in der Folge die begriffsschwächeren Menschen ganz leicht auf den Glauben von drei besonderen Göttern als drei göttlichen Persönlichkeiten gebracht werden, gleichwie der uralte reine Glaube an nur einen, wahren Gott mit der Zeit bei den alten Ägyptern sich aus den vielen Eigenschaften Jehovas eine zahllose Menge von Göttern schuf, die dann die blinde Phantasie der Menschen in allerlei für sich bestehende und besonders wirkende göttliche Wesen umwandelte, ihnen Tempel erbaute und sie dann auch besonders verehrte, aber dabei auch in den krassesten Materialismus derart versank, daß sie den also sich vorstellenden göttlichen Persönlichkeiten oft die gemeinsten menschlichen Schwachheiten und lasterhaften Leidenschaften zuschrieb.
GEJ|8|24|3|0|Das könnte mit der Zeit, als etwa nach mehreren Jahrhunderten, auch wieder der Fall werden, daß die mehr dummen und blinden Menschen bloß infolge der bei der Taufe vernommenen allerhöchsten Begriffsnamen anfingen, sich drei Götter vorzustellen, und es würde dann auch sicher das nicht auf sich warten lassen, daß man die drei sich also vorgestellten Götter auch besonders zu verehren anfinge in ihren eigens erbauten Tempeln. Geschieht aber das, so wird es dann auch nicht lange währen, daß die Menschen auch Deine ihnen dem Namen nach bekannt gewordenen Jünger und auch ihre Nachfolger Dir gleich zu verehren und in ihnen erbauten Tempeln anzubeten anfangen werden. Dem wäre nach meiner Meinung dadurch am leichtesten und dauerndsten vorgebeugt, wenn man Gott den Menschen nur unter einem Begriffsnamen bekannt machte. – Was sagst Du dazu?“
GEJ|8|24|4|0|Sagte Ich: „Da hast du ganz wohl und recht gesprochen; aber Ich kann da dennoch nicht umhin, euch allen ans Herz zu legen, das zu tun; denn unter den drei Begriffsnamen ist das Wesen Gottes wie ganz erklärt den Menschen vollständig dargestellt.
GEJ|8|24|5|0|Es ist wahr, daß dabei gewisserart für einen schwachbegriffsfähigen Menschen eine Art göttlicher Dreipersönlichkeit zum Vorschein kommt; aber man kann das, um der tiefsten und innersten Wahrheit in allem völlig getreu zu bleiben, ja doch nicht anders geben, als wie es eben ist.
GEJ|8|24|6|0|Siehe, der Mensch ist ganz nach dem Ebenmaße Gottes erschaffen, und wer sich selbst vollkommen kennen will, der muß wissen und in sich erkennen, daß er als ein und derselbe Mensch eigentlich auch aus drei Persönlichkeiten besteht! Du hast einmal einen Leib, versehen mit allen notwendigen Sinnen und anderen für ein freies und selbständiges Leben nötigen Gliedern und Bestandteilen vom größten bis zum kaum denkbar kleinsten. Dieser Leib hat zum Bedarf der Ausbildung der geistigen Seele in ihm ein ganz eigenes Naturleben, das sich von dem geistigen Seelenleben in allem streng unterscheidet. Der Leib lebt von der materiellen Nahrung, aus der das Blut und die andern Nährsäfte für die verschiedenen Bestandteile desselben gebildet werden.
GEJ|8|24|7|0|Das Herz hat in sich einen eigens belebten und derartigen Mechanismus, daß es sich in einem fort ausdehnen und darauf wieder zusammenziehen muß und dadurch das den Leib belebende Blut mit den andern aus demselben entstehenden Säften in alle seine Teile treibt und durch das Sichzusammenziehen auch wieder in sich zurück aufnimmt, um es mit neuen Nährteilen zu sättigen und dann wieder zur Ernährung der verschiedenartigsten Leibesbestandteile von neuem hinauszutreiben, in welchen zahllos vielen und allerverschiedenartigsten Bestandteilen auch ebenso viele und verschiedene Naturgeister wohnen, die die ihnen zusagenden und zur Ernährung und Erhaltung eben der von einem solchen Geiste beherrschten Teile notwendigen Nähr- und Erhaltungsstoffe aus dem Blute nehmen und sie dann eben den von ihnen, das heißt den von eigenen Geistern beherrschten Teilen assimilieren und so den ganzen Leib kräftigen und stärken, ohne welche fortwährende eigene Tätigkeit des Herzens der Mensch keine Stunde lang dem Leibe nach leben würde.
GEJ|8|24|8|0|Siehe, mit dieser Lebenstätigkeit hat die Seele gar nichts zu tun; denn sie liegt mit dem freien Willen der Seele in gar keiner Verbindung und ebenso auch die eigene Tätigkeit der Lunge, der Leber, der Milz, des Magens, der Gedärme, der Nieren und so noch von zahllos vielen andern Bestandteilen ihres Leibes, die sie gar nicht kennen und für die sie denn auch nicht Sorge tragen kann, und dennoch ist der Leib als eine für sich ganz abgeschlossene Persönlichkeit ein und derselbe eine Mensch und tut und handelt also, als wären beide eine und ganz dieselbe Persönlichkeit! Wer von euch aber kann da sagen, daß Leib und Seele völlig ein Ding seien!
GEJ|8|24|9|0|Betrachten wir aber nun die Seele für sich, und wir werden finden, daß sie auch für sich ein ganz vollkommener Mensch ist, der substantiell geistig auch in sich und für sich die ganz gleichen Bestandteile enthält wie der Leib und in höherer geistiger Entsprechung sich derselben auch also bedient wie der Leib seiner materiellen.
GEJ|8|24|10|0|Obschon aber einesteils der Leib und andernteils die Seele für sich zwei ganz verschiedene Menschen oder Personen darstellen, von denen eine jede für sich eine ihr ganz eigentümliche Tätigkeit innehat, von der sie sich am Ende nicht einmal eine Rechenschaft über das Wie und Warum geben können, so machen sie aber im Grunde des eigentlichen Lebenszweckes dennoch so ganz nur einen Menschen aus, daß da niemand weder von sich noch von jemand anderm sagen und behaupten kann, daß er nicht ein Einmensch, sondern nur ein Zweimensch sei. Denn es muß der Leib der Seele dienen und diese mit ihrem Verstande und Willen dem Leibe, weshalb diese auch für die Handlungen, zu denen sie den Leib benutzt hatte, ebenso verantwortlich ist wie für ihre höchst eigenen, die in allerlei Gedanken, Wünschen, Begehrungen und Begierden bestehen.
GEJ|8|24|11|0|Wenn wir aber das Leben und Sein der Seele für sich noch näher betrachten, so werden wir auch bald und leicht finden, daß sie als auch noch ein substantielles Leibmenschwesen für sich um nichts höher stünde als allenfalls die Seele zum Beispiel eines Affen. Sie würde wohl eine instinktmäßige Vernunft in einem etwas höheren Grade innehaben denn ein gemeines Tier, aber von einem Verstande und einer höheren freien Beurteilung der Dinge und ihrer Verhältnisse könnte da nie eine Rede sein.
GEJ|8|24|12|0|Dieses höhere und eigentlich höchste und Gott völlig ähnliche Vermögen in der Seele bewirkt ein rein essentiell geistiger dritter Mensch, eben in der Seele wohnend. Durch ihn kann sie Wahres vom Falschen und Gutes vom Bösen unterscheiden und kann frei nach allen erdenklichen Richtungen hin denken und völlig frei wollen, wodurch sie sich selbst dem in ihr wohnenden Geiste, je nachdem sie sich mit ihrem von ihm unterstützten freien Willen für das reine Wahre und Gute bestimmt, nach und nach völlig ähnlich, also stark, mächtig, weise und als in ihm wiedergeboren, identisch macht.
GEJ|8|24|13|0|Ist das der Fall, dann ist die Seele so gut wie ein Wesen mit ihrem Geiste, so wie auch die edleren Leibesteile einer vollkommenen Seele – welche Leibesteile eigentlich in den gar sehr verschiedenen Leibesnaturgeistern bestehen – ganz in den geistig substantiellen Leib, den ihr das Fleisch der Seele nennen könnet, übergehen und am Ende dadurch auch in den essentiellen des Geistes, darunter auch zu verstehen ist die wahre Auferstehung des Fleisches an dem jüngsten und wahrsten Lebenstage der Seele, der dann erfolgt, wenn ein Mensch vollkommen im Geiste wiedergeboren wird, entweder schon hier in diesem Leben oder etwas mühevoller und langwieriger jenseits.
GEJ|8|24|14|0|Obschon aber ein im Geiste vollends wiedergeborener Mensch ganz nur ein vollkommener Mensch ist, so besteht seine Wesenheit aber dennoch ewigfort in einer in sich wohl unterscheidbaren Dreiheit.
GEJ|8|24|15|0|Wie aber das, das will Ich euch allen nun ganz klar dartun, und so habt denn auch alle wohl acht darauf!“
GEJ|8|25|1|1|25. — Die Tätigkeiten der drei Körper des Menschen
GEJ|8|25|1|0|(Der Herr:) „Ihr merket an jedem Dinge, so ihr nur ein wenig aufmerksam sein wollet, und an jeder Sache ein unterscheidbares Dreifaches: Das erste, das euch in die Augen fällt, ist doch sicher die Außenform; denn ohne diese wäre kein Ding und keine Sache denkbar und hätte auch kein Dasein. Das zweite aber, so das erste einmal da ist, ist offenbar der Inhalt der Dinge und der Sachen; denn ohne den wären sie auch gar nicht da und hätten auch keine Form oder Außengestalt. Was ist denn nun das dritte zum Dasein eines Dinges oder einer Sache ebenso Notwendige wie das erste und zweite? Sehet, das ist eine innere, jedem Ding und einer jeden Sache innewohnende Kraft, die den Inhalt der Dinge und Sachen gewisserart zusammenhält und das eigentliche Wesen desselben ausmacht. Und weil eben diese Kraft den Inhalt und somit auch die Außenform der Dinge und Sachen ausmacht, so ist sie auch das Grundwesen von allem wie immer gearteten Dasein, und ohne sie wäre ebensowenig ein Wesen, ein Ding oder eine Sache denkbar wie ohne einen Inhalt und ohne eine äußere Form.
GEJ|8|25|2|0|Ihr sehet nun, daß die benannten drei Stücke an und für sich sicher wohl unterscheidbar sind, da die Außenform nicht ihr Inhalt und der Inhalt nicht die ihn bedingende Kraft selbst ist. Und doch sind die benannten drei Stücke völlig eins; denn wäre keine Kraft da, so gäbe es auch keinen Inhalt und sicher auch keine Form desselben.
GEJ|8|25|3|0|Gehen wir nun zu unserer Seele zurück! Die Seele muß des sicheren und bestimmten Daseins wegen einmal eine Außenform, die eines Menschen nämlich, haben. Die Außenform ist demnach das, was wir den Leib oder auch das Fleisch nennen, ob noch materiell oder vergeistigt substantiell, das ist da ganz einerlei.
GEJ|8|25|4|0|Ist aber die Seele als ein Mensch der Form nach da, so wird sie auch einen der Außenform entsprechenden Inhalt haben. Dieser Inhalt oder innere Körper der Seele ist ihr eigenes Lebenswesen selbst, also die Seele.
GEJ|8|25|5|0|Ist das alles aber da, so ist auch die Kraft da, die die ganze Seele bedingt, und diese ist der Geist, der am Ende alles in allem ist, da es ohne ihn unmöglich eine gediegene Substanz und ohne diese auch keinen Leib und somit auch keine Außenform gäbe.
GEJ|8|25|6|0|Obschon aber die drei wohl unterscheidbaren Persönlichkeiten im ganzen nur ein Wesen sind, so müssen sie aber dennoch eigens als unterscheidbar benannt und erkannt werden.
GEJ|8|25|7|0|Dem Geiste oder der ewigen Essenz wohnt die Liebe inne als die alles bewirkende Kraft, die höchste Intelligenz und der lebendig feste Wille; alles das zusammen erzeugt die Substanz der Seele und gibt ihr die Form oder das Wesen des Leibes.
GEJ|8|25|8|0|Ist die Seele oder der Mensch also einmal da nach dem Willen und nach der Intelligenz des Geistes, so zieht sich der Geist ins Innerste zurück und gibt der einmal daseienden Seele nach seinem innersten Willen und nach seiner innersten Intelligenz einen wie von ihm getrennten freien Willen und eine freie und gewisserart selbständige Intelligenz, die sich die Seele teilweise durch äußere Wahrnehmungssinne und teils durch ein inneres Innewerden also aneignet und dann so vervollkommnet, als wäre die vervollkommnete freie Intelligenz ihr eigenes Werk.
GEJ|8|25|9|0|Infolge dieses notwendig also gestalteten Zustandes, in dem sie sich wie getrennt von ihrem Geiste fühlt, ist eben die Seele auch einer sowohl äußeren wie inneren Offenbarung fähig. Empfängt sie diese, nimmt sie sie an und tut danach, so fängt sie dadurch auch an, sich mit ihrem Geiste zu einen und geht dadurch dann auch stets mehr in dessen unbeschränkte Freiheit über, sowohl in Hinsicht der Intelligenz und der Willensfreiheit nach eben der lichtvollen Intelligenz, wie auch in der Kraft und Macht, alles das bewirken zu können, was sie erkennt und will.
GEJ|8|25|10|0|Daraus aber könnet ihr wieder erkennen, daß die Seele als der in die lebendige Substanz umgewandelte Gedanke des Geistes, der im Grunde der Geist selbst ist, doch gewisserart als ein zweites aus dem Geiste Hervorgehendes angesehen und betrachtet werden kann, ohne deshalb ein anderes zu sein, als da ist der Geist selbst.
GEJ|8|25|11|0|Daß endlich die Seele als ein Individuum auch mit einem äußeren Leibe umkleidet erscheint, der gewisserart als die dritte Persönlichkeit erscheint, das zeigt euch die tägliche Erfahrung. Der Leib dient der Seele als eine äußere Offenbarung ihres innersten Geistes und hat den Zweck, die Intelligenz und den freien Willen der Seele nach außen zu kehren, zu beschränken und dann erst die innere Unbeschränktheit der Intelligenz und des Willens und dessen wahrer Kraft zu suchen, sicher zu finden und dadurch ein endlos verherrlichtes und völlig individuell selbständiges Eins zu werden mit dem innersten Geiste, der immer selbst das alleinige Etwas und durchgreifende Sein des Menschen ist.
GEJ|8|25|12|0|Da ihr nun aus dieser Meiner Erklärung hoffentlich einsehen müsset, wie ein Mensch in und für sich, so wie auch in untergeordneten Graden ein jedes andere, aus einem gewissen unterscheidbaren Drei besteht, so wollen wir zum Schlusse dieser hochwichtigsten Beleuchtung und Verhandlung zu dem dreieinigen Wesen Gottes selbst übergehen, auf daß ihr hell und klar einsehen möget, warum Ich euch infolge der höheren und inneren lebendigen Wahrheit habe anbefehlen müssen, daß ihr die Menschen, die an Mich glauben und Meine Lehre tatsächlich angenommen haben, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen, das heißt stärken sollet.
GEJ|8|25|13|0|Und so habt denn abermals wohl acht darauf, was ihr nun zur wahrsten Vervollständigung des Ganzen aus Meinem Munde vernehmen werdet!
GEJ|8|25|14|0|Sehet, die Schrift der Propheten, wie ihr das nun schon alle gar wohl wisset, sagt und erklärt, daß Ich, namens Jesus, Christus – auch Menschensohn genannt, der wahre Gott sei, obschon Er unter verschiedenen Namen, als Vater, Sohn und Geist bezeichnet und benannt wird! Und dennoch ist Gott nur eine persönliche Herrlichkeit in der vollkommensten Form eines Menschen.
GEJ|8|25|15|0|Wie aber, euch nun schon bekannt, die Seele, ihr Außenleib und ihr innerster Geist geeint sind also, daß sie nur ein Wesen oder gewisserart am Ende nur eine individuelle Substanz ausmachen, unter sich aber doch ein wohl unterscheidbares Drei sind, eben also geeint sind der Vater, Sohn und Geist, wie das obenerwähnt auch klar lehrt die Schrift der alten Väter und Propheten.
GEJ|8|25|16|0|David sagte einst, daß seine Seele, sein Leib und sein Geist vor Gott möchten als unsträflich befunden werden. Wenn aber da die Worte des alten, weisen Königs also lauteten, könnte man da nicht auch sagen und fragen: Wie? Besteht denn der Mensch aus drei Personen oder aus drei Menschen? So aber das schon beim Menschen nicht angehen kann, bei dem seiner Bildung und wahren Lebensvollendung wegen die Zerspaltung seines Drei doch gar fühlbar notwendig da ist, – wie könnte dann erst Gott, der in Sich von Ewigkeit her höchst vollendet nur Einer ist, in drei verschiedene Personen oder gar in drei Götter zerteilt werden?“
GEJ|8|26|1|1|26. — Das Wesen Gottes
GEJ|8|26|1|0|(Der Herr:) „Höret! Wenn Gott als der Schöpfer aller Wesen, aber dennoch unterschieden von allen andern von Ihm geschaffenen Wesen, sicher ewig war, ist, und sein wird, legt Ihm das etwa irgendeine unwandelbare Notwendigkeit, zu verharren im gewissen Urzentrum, auf?! Wenn schon dem Menschen eine freie Bewegung nach jeder Richtung des Leibes sogar und noch endlos mehr dem Geiste nach gegeben ist, wie sollte Sich da allerfreieste Gott in dem beschränken, worin Er sogar Seinen Geschöpfen die vollste Freiheit gab? Ich sage es euch: Die göttliche Unendlichkeit in allem hat die Macht, Sich auch endlos frei zu bewegen! Ihr steht demnach sicher wohl auch das Recht zu, Ihre Herrlichkeit ins Fleisch zu wandeln, um Selbst gegenüber den von Ihr geschaffenen Menschen auch als ein ewig vollkommenster Mensch schau- und begreifbar dazustehen.
GEJ|8|26|2|0|Aber die Macht hat die endlose Herrlichkeit Gottes nicht und kann sie unmöglich haben, andere, Ihr völlig gleiche Gottheiten außer Sich zu schaffen; denn könnte Sie das, so müßte Sie außerhalb des einen unendlichen Raumes auch noch mehrere ebenso unendliche Räume erschaffen können, was wohl sicher jeder nur ein wenig helldenkende Mensch schon von ferne für einen allerbarsten Unsinn ansehen und anerkennen muß. Denn wenn der eine Raum nach allen denkbaren Richtungen hin unendlich ist, wo sollte dann ein zweiter ebenso unendlicher Raum seinen Anfang nehmen?
GEJ|8|26|3|0|Ein nur zweiter vollkommener Gott mit der vollsten unendlichen Herrlichkeit ist demnach ebensowenig denkbar wie ein zweiter unendlicher Raum, und ihr könnet daraus nun klar ersehen, daß Ich als nun euch gleich auch ein Menschensohn im Fleische wandelnd kein zweiter, sondern nur ein und derselbe Gott bin, der Ich vor aller Kreatur von Ewigkeit her war und also auch bleiben werde in alle Ewigkeit. Ich kann darum nichts wider Meine ewige Herrlichkeit tun, aber alles für dieselbe.
GEJ|8|26|4|0|Würde Ich außer Mir noch zwei Götter schaffen, wie etwa den Sohn und den Heiligen Geist, so daß dann beide von Mir individuell unterschieden wären, so müßten sie ja notwendig auf alle Meine Machtvollkommenheit Anspruch machen, da ohne diese kein Gott denkbar ist, sowenig wie der Begriff eines zweiten und gar dritten vollkommen unendlichen Raumes unter einer gewissen Teilung und gegenseitigen Beschränkung. Wenn aber das denkbar möglich wäre, wie sähe es dann mit dem nur einen möglichen Hoheitsrechte Gottes aus?
GEJ|8|26|5|0|Es kann aber nur ein solches endloses göttliches Hoheitsrecht geben! Denn gäbe es deren drei, so wäre das endlose Einreich Gottes zersplittert, und sein Bestand wäre ebenso undenkbar möglich wie der Bestand von drei unendlichen Räumen nebeneinander.
GEJ|8|26|6|0|Das Einreich des nur einen Gottes kann ewig bestehen, weil Er allein nur ein Einiger König und Herr desselben ist, wie solches denn geschrieben steht in der Schrift der Propheten, die aus dem Munde Gottes also geweissagt haben: ,Gott wird Seine Herrlichkeit keinem andern geben‘ (Jes.42,8). Denn allein Ich, Christus, bin der Einzige Gott! Menschen, Engel, Herrschaften und Gewalten, ja alle Dinge im Himmel und auf allen Erden haben sich allzeit vor Mir gebeugt und werden sich auch in Ewigkeit nur vor Mir beugen und nie vor einem andern, gleichwie auch alle für eure Begriffe noch so endlos groß scheinenden Weltenschöpfungsräume von dem nur einen unendlichen Schöpfungsraume verschlungen werden und ihm gegenüber als völlige Nichtigkeiten erscheinen.
GEJ|8|26|7|0|Wenn unter dem Namen Vater, Sohn und Heiliger Geist nicht ein für Sich bestehender, grund- und einwesiger Gott zu verstehen wäre und man anstatt dessen einen von dem Vater unterschiedenen Sohn und ebenso einen unterschiedenen Heiligen Geist annehmen müßte, – was für ein Gott wohl müßte dann der Vater sein?
GEJ|8|26|8|0|Wenn nach der Schrift der Propheten, die der grobe, selbstverschuldete Unverstand der Menschen nicht faßt, der Vater den Sohn mit aller Macht und Gewalt im Himmel und auf allen Erden und Welten bekleidet und den Heiligen Geist als einen Mitwirker Ihm beigesellt hat behufs der Heiligung und Bewaltung der nun euch gegebenen neuen Lehre aus den Himmeln, zu deren Haupt eben nur der Sohn, den Ich vorstelle, wie auch zum Haupte aller andern Dinge gemacht ist, so frage Ich euch: Was für einen Gott machet ihr dann da aus dem Vater? Könnet ihr überhaupt noch einen Gott aus Ihm machen?
GEJ|8|26|9|0|Und könnet ihr euch in der materiell-menschlichen Blindheit noch einen vorstellen, so müsset ihr Ihn euch offenbar als müßig und tatlos vorstellen, da ihr doch offenbar einsehen müßt, daß Er bei so bewandten Umständen nichts mehr zu wirken und auch nichts mehr zu regieren hätte. Ihr müßtet euch nur nach der höchst finsteren menschlichen Art vorstellen, daß der Gott-Vater etwa wegen Seines hohen Alters gleich dem alten Könige Pharao in Ägypten, der die Regierung dem Joseph übergab, auch nun also Seiner Schwäche und Mühseligkeit wegen sie dem Sohne für ewig übergeben habe, damit Er Sich nun in Seiner Ruhe ganz müßig könne wohlgeschehen lassen!
GEJ|8|26|10|0|Könnet ihr euch wohl denken, daß der Vater alt geworden sei, und daß Er Sich nun zur Ruhe setzen wolle, indem Er nun außer Sich einen vollkommen Ihm gleich allmächtigen Sohn und weiter noch einen gleich allmächtigen Heiligen Geist habe, den Er etwa aus Sich und Seinem Sohne hervorgebracht habe, denen Er nun die ganze Regierung übergeben und, Sich Selbst abdankend, überweisen wolle?
GEJ|8|26|11|0|Oh, wie überheidnisch dumm, blöde und blind müßte da der Menschenverstand sein, dem es möglich würde, in solch eine Raserei zu geraten!
GEJ|8|26|12|0|Besteht ein Sohn und ein Heiliger Geist unterschieden von und außer dem Vater im Gleichen, wie da bestehen Engel und Menschen, so können sie weiter nichts als nur Seine Geschöpfe sein, weil sie ihr etwa noch so vollkommenes Wesen nur von dem einen Schöpfer und nicht aus sich infolge der höchsteigenen und ewigen Machtvollkommenheit erhalten haben.
GEJ|8|26|13|0|Wie aber kann da eine vollkommene, göttliche Verwandtschaft oder eine wesentliche Einheit zwischen einem Geiste ohne Leib und Form und einem Geiste mit Leib und Form bestehen? Kann von dem Sohne, der eine leibliche Person ist und, wie ihr sehet, einen Körper hat, gesagt werden, daß Er in dem Vater sei, wenn der Vater keinen Leib, keine Gestalt und keine Form hat? Oder kann der leib-, gestalt- und formlose unendliche Vater im Sohne sein?
GEJ|8|26|14|0|Weiter: Wenn der Heilige Geist eine vom Vater und Sohne ausgehende dritte für sich dastehende Person ist, wie kann sie da mit beiden gleich geeigenschaftet und gleich ewig sein? Oder kann das, was sein Sein von einem andern erhält, gleich sein dem, das sein Sein ewig aus sich selbst hat? Kann je die Ewigkeit gleich sein der stets flüchtigen Zeit oder ein beschränkter Raum der Unendlichkeit?
GEJ|8|26|15|0|Wenn man auch annehmen kann, daß alle Zeiten der Zeiten in der Ewigkeit stecken, sich bewegen und verändern, so kann man aber unmöglich denken, sagen und behaupten, daß die Ewigkeit in der irgend noch so lange währenden Zeit enthalten ist, gleichwie man auch wohl denken, sagen und behaupten kann, daß da alle noch so großen, aber endlich doch noch begrenzten Räume sicher wohl im endlosen Urraume enthalten sind, aber dieser unmöglich auch in ihnen.
GEJ|8|26|16|0|Wenn sonach der Heilige Geist wirklich gleich einem andern Geschöpf vom Vater und Sohn als eine für sich wesenhafte Person ausginge, dann wäre er ja offenbar ein Gott der Zeit und nicht der Ewigkeit! Ein solcher Gott aber könnte dann, wie alles Zeitliche, mit der Zeit aufhören zu sein! Wenn aber das, wer würde und könnte dann allen Menschen und Engeln ein ewiges Dasein geben und erhalten?!
GEJ|8|26|17|0|Damit euch aber diese allerhöchst wichtige Sache noch heller und klarer einleuchtend wird, so verfolgen wir dieses Thema noch weiter, und ihr höret Mich!“
GEJ|8|27|1|1|27. — Der Herr als Sohn
GEJ|8|27|1|0|(Der Herr:) „Wenn ferner der Sohn von Ewigkeit her war, wie konnte Er gezeugt werden? Und wenn der Heilige Geist eben auch von Ewigkeit her war, wie konnte er vom Vater und Sohn ausgehen und also seinen Ursprung nehmen? Wenn nach eurem Sinne und Verstand die von euch beanstandeten drei göttlichen Personen, aus denen die späteren Menschen leicht drei Götter machen könnten, insgesamt ewig, das heißt ohne Anfang sind, so konnte dann ja nicht einer dem andern den Anfang des Seins geben!
GEJ|8|27|2|0|Ich bin, als nun ein Mensch im Fleische vor euch, der Sohn und bin niemals von einem andern als nur von Mir Selbst gezeugt worden und bin eben darum Mein höchsteigener Vater von Ewigkeit. Wo anders könnte da der Vater sein als nur im Sohne, und wo anders der Sohn als nur im Vater, also nur ein Gott und Vater in einer Person?
GEJ|8|27|3|0|Dieser Mein Leib ist sonach die verherrlichte Gestalt des Vaters der Menschen und Engel wegen, damit Ich ihnen ein begreiflicher und schaubarer Gott bin, und ihr könnet Mich nun schauen, hören und sprechen und doch leben dabei! Denn ehedem hieß es, daß Gott niemand sehen und dabei leben könne. Ich bin denn nun durchgängig Gott; in Mir ist der Vater, und die von Mir nach Meiner Liebe, Weisheit und nach Meinem allmächtigen Willen ausgehende Kraft, die den ewig endlosen Raum allenthalben erfüllt und auch überall wirkt, ist der Heilige Geist.
GEJ|8|27|4|0|Ich, wie ihr Mich nun als Gottmenschen unter euch sehet, bin mit Meiner ganzen Urzentralwesenheit sicher vollkommen und ungeteilt unter euch hier in diesem Speisesaale auf dem Ölberg und befinde Mich darum als ein wahrster Gott und Mensch zugleich nirgends anderswo, weder auf dieser Erde und noch weniger auf einer andern; aber durch die von Mir ausgehende Kraft, die da ist der Heilige Geist, erfülle Ich wirkend dennoch alle Himmel und den irdisch materiellen und endlosen Raum. Ich sehe da alles vom Größten bis zum Kleinsten, kenne alles, weiß um alles, verordne alles und schaffe, leite und regiere alles.
GEJ|8|27|5|0|Wenn ihr aber nun solches wohl wisset aus Meinem Munde, so werdet ihr auch verstehen, aus welchem Grunde ihr die Menschen, die an Mich glauben und nach Meiner ihnen bekanntgemachten Lehre auch handeln werden, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes durch die Auflegung der Hände stärken sollet.
GEJ|8|27|6|0|So ihr nun den Grund einsehet, da werdet ihr auch einsehen, daß infolge der Nennung der drei Eigenschaftsnamen die Menschen, so sie von euch wahr und richtig unterrichtet werden, nicht leicht auf die Idee von drei persönlich wesenhaften Göttern verfallen werden. Aber Ich lege euch das denn auch teuerst ans Herz, daß ihr den Menschen allenthalben ein rechtes und wahrheitsvolles Licht gebet; denn wo es an dem gebrechen wird, da werden die Menschen denn auch leicht und bald verkümmern und in allerlei Irrlehren übergehen, und es wird dann schwerhalten, sie auf die Wege der vollen Wahrheit zu bringen.
GEJ|8|27|7|0|Daß aber auch bei aller eurer Treue dennoch falsche Lehrer und Propheten aufstehen und gar viele Menschen verführen werden, das werdet ihr wohl nicht zu verhindern vermögen, und es wird euch das auch nicht zur Last gerechnet werden, sowenig als es einem Landmann, der reinen Weizen auf seinen Acker säte, und dem sein Feind zur Nachtzeit Unkraut darunter streute, zur Sünde gerechnet werden kann, so auf seinem Acker unter dem Weizen das Unkraut wuchert und die gute Frucht schwächt.
GEJ|8|27|8|0|Es ist wohl Mein Liebeswunsch, daß alle Menschen dieser Erde die lichten Wege der Wahrheit betreten und auf denselben dem ewigen Leben zuwandeln möchten; aber weil Ich Mich aus euch schon bekanntgegebenen Gründen mit Meiner Allmacht da völlig zurückziehen muß, so ist ein jeder Mensch völlig frei und kann am Ende glauben und tun, was er selbst will.
GEJ|8|27|9|0|Ihr aber werdet bei der Weiterverbreitung Meiner Lehre am besten tun, so ihr den Verstand und mit demselben das Gemüt der Menschen bearbeitet. Denn wo einmal der Verstand und das Gemüt durchdrungen sind, da wird der Glaube durch den guten Willen lebendig und erfolgvoll tätig; ohne die rechte Aufhellung des Verstandes und Gemütes aber bleibt der Glaube nur eine stumme und blinde Annahme dessen, was der Mensch von irgendeiner autorisierten Seite her vernommen hat. Solch ein Glaube aber ist so gut wie nahe gar keiner; er belebt das Gemüt nicht zur freiwilligen und das Herz beglückenden Tat und ist sonach denn auch tot, weil er ohne freie und Freude erzeugende Werke ist.
GEJ|8|27|10|0|Werke aber, die der Mensch durch ein äußeres Muß erzwungen verrichtet, haben für die Seele keinen Wert, da sie dieselbe nicht beleben, sondern erdrücken, weil sie nicht freiwillig aus innerer Überzeugung mit Freude, sondern nur aus Furcht vor der angedrohten Strafe unter geheimem Ärger, Grimm und Zorn vollbracht werden.
GEJ|8|27|11|0|Wenn Ich aber schon zu euch sage, daß ihr so vollkommen in der Erkenntnis und reinen Liebe sein sollet, als wie vollkommen da ist der Vater im Himmel, so sollen das auch eure Jünger sein! Darum sage Ich euch noch weiter: Prüfet alles wohl zuvor, und behaltet dann das Gute und Wahre!
GEJ|8|27|12|0|Was Ich euch aber anrate, daß ihr es für euch selbst beachten möget, das tut auch euren einstigen Jüngern! Ich könnte von euch nun ja auch gar wohl verlangen, daß ihr Mir auch ohne weitere Erklärungen glaubet, was Ich euch sage und zu tun anrate, denn die Zeichen, die Ich vor euren Augen gewirkt habe, haben Mir doch sicher jene Autorität verschafft, die euch nötigt, Mir zu glauben; aber ein solcher genötigter Glaube ist noch lange kein inneres Licht der Seele und belebt sie nicht freudig zur Tat.
GEJ|8|27|13|0|Daß es aber also ist, das beweiset ihr durch euer beständiges Fragen, und ihr bekennet dadurch offen, daß der pure Autoritätsglaube der Seele viel zu wenig Licht bietet, dessen Mangel euch dann erst Meine Erklärungen in euch decken. Wenn ihr aber nun neben allen Meinen gewirkten Zeichen und Lehren noch immer helle Erklärungen verlanget und diese euch wohltun, so werden das auch eure Jünger von euch verlangen, und ihr sollet damit nicht sparsam sein, so ihr dem Auftreten der falschen Propheten nach aller Möglichkeit steuern wollet!
GEJ|8|27|14|0|Ihr werdet auch Zeichen wirken, und die Falschen werden durch allerlei Trugwerk dasselbe tun, und es werden daher die von euch gewirkten Zeichen stets ein magerer Beweis für die Echtheit der von euch dem Volke gepredigten Lehren sein und bleiben; aber was ihr dem Verstande und dem Gemüte der Menschen durch lichtvolle Worte einprägen werdet, das wird als ein lebendiger Beweis für die Wahrheit der Lehre aus Meinen Himmeln ewig unvertilgbar bleiben. Solch eine hell begriffene Wahrheit wird euch und eure Jünger dann erst vollends frei machen. – Und nun habe Ich euch allen wieder vieles enthüllt und euch viel Licht gegeben und frage euch darum abermals, ob ihr das auch wohl begriffen habt.“
GEJ|8|27|15|0|Sagten alle: „Ja, Herr und Meister, das haben wir nun gar wohl begriffen; denn nun hast Du wieder einmal ganz frei und offen geredet!“
GEJ|8|27|16|0|(Hierauf sagte Ich:) „Es ist noch Zeit; so jemand noch weiter etwas wissen will, der komme und frage!“
GEJ|8|28|1|1|28. — Vom unendlichen Raum und der Ewigkeit
GEJ|8|28|1|0|Auf diese Meine Aufforderung erhob sich einer der gewissen Judgriechen, die da schon bekannt sind, und sagte: „Herr und Meister, wir haben bis jetzt aus Deinem Munde, wie auch durch Deine Zulassung aus dem Munde Raphaels schon so viele und lichtvollste Wahrheiten vernommen, daß ich nun wahrlich hin und her denken kann, wie ich will und mag, und ich finde nichts mehr, das mir unbekannt wäre, und es wird darum einem jeden von uns nun schwer werden, Dich noch über etwas zu fragen, worüber Du uns noch keine Erklärung gegeben hättest. Was Du uns aber erklärt hast, das ist auch also erklärt, daß es selbst ein ganz einfacher Verstand ganz hell fassen und begreifen muß, und so bleibt uns nun nahe schon gar nichts mehr übrig, um das wir Dich fragen und dabei um eine noch hellere Beleuchtung bitten könnten.“
GEJ|8|28|2|0|Sagte Ich: „Wohl deiner Seele, wenn sie nun schon so viel Lebenslicht eingesogen hat! Wenn du aber schon in dir keinen unerleuchteten Winkel mehr finden kannst, so wird schon etwa ein anderer sich finden, der in sich noch so manche Dunkelheit verspüren wird, und mit der Zeit vielleicht auch wieder du selbst!“
GEJ|8|28|3|0|Als der Judgrieche solches von Mir vernommen hatte, verneigte er sich vor Mir und setzte sich auf seinen Platz.
GEJ|8|28|4|0|Darauf sagte aber Lazarus: „Herr und Meister, ich hätte wohl noch so einige dunkle Winkel in mir; wenn Du sie mir gnädigst aufhellen wolltest, so würde das für meine Seele ein großes Labsal sein!“
GEJ|8|28|5|0|Sagte Ich: „Wohl kenne Ich, wonach es dich dürstet, und Ich könnte dir auch darüber eine lichtvollste Antwort ins Herz legen; aber da es sich hier um die Erleuchtung aller hier Anwesenden handelt und damit auch so mancher von euch allen gewahren möge, ob es in ihm wohl schon vollends hell ist, so frage du nur offen, und Ich werde dir auch vor allen laut und offen antworten!“
GEJ|8|28|6|0|Sagte darauf weiter Lazarus: „Herr und Meister! Nach dem, was Du uns erklärt hast von den großen Sphären und Weltkörpern, von den Hülsengloben und von dem Großen Schöpfungsmenschen, ist es mir über die schaudererregende endlose Größe des ewig unbegrenzten Raumes nicht unbedeutend hell geworden; aber ich habe da doch bald darauf eine sehr große und sehr finstere Kluft gefunden, über die auch mein kühnster Gedanke nicht zu fliegen wagte!
GEJ|8|28|7|0|Siehe, daß der Schöpfungsraum unendlich ist und also nach keiner Richtung hin je ein Ende haben kann, das ist mir und auch sicher jedem andern klar! Aber wie sieht es mit dessen ewigem Bestande aus? Wer hat ihn so endlos weit ausgedehnt, und wie und wann? Was ist so ganz eigentlich die Ewigkeit, und wie ist in der Zeit und im Raume Gott Selbst ewig und in allem unendlich? Siehe, Herr und Meister, es ist das für einen sterblichen Menschen zwar Dir gegenüber eine sicher höchst ungeschickte Frage; aber was kann da die auch in dieser Sphäre nach Licht dürstende Seele dafür, wenn solche Gedanken in ihr wach werden?“
GEJ|8|28|8|0|Sagte Ich: „Du nanntest das eine Mir gegenüber höchst ungeschickte Frage; Ich aber heiße sie eine ganz gute und sehr geschickte Frage und will euch allen darauf auch eine möglichst helle Antwort erteilen!
GEJ|8|28|9|0|Seht! Gott, Raum und Ewigkeit sind wieder gleich den Begriffen Vater, Sohn und Geist. Der Vater ist durchgehend Liebe und sonach ein ewiges Streben nach dem vollendetsten Sein durch die Kraft des ewigen Willens in ihr. Der Raum oder der Sohn ist das aus dem ewigen Streben der Liebe auch ewig gleich hervorgehende Sein, und die Ewigkeit oder der Geist als die endlose Urkraft im Vater und Sohne ist die Bewegung und Effektuierung (Verwirklichung) der Bestrebungen der Liebe im Sohne.
GEJ|8|28|10|0|Hätte der Raum einmal etwa wie aus einem Punkte sich ins Endlose nach allen Richtungen hin auszudehnen angefangen, so wäre er erstens bis zur Stunde ebensowenig unendlich, als es für sich der Große Schöpfungsmensch ist. Zweitens aber stellt sich von selbst die Frage auf, was dann das war, das sicher nach allen erdenklichen Richtungen endlos weit hinaus den Punkt umgeben hat, aus dem dann erst der unendliche Schöpfungsraum sich ausgedehnt hat. War das der lichtlose Äther, oder war es das heidnische Chaos, oder war das eine völlig feste Masse, oder war es Luft oder Wasser oder Feuer?
GEJ|8|28|11|0|Wenn es eines von den benannten Dingen war, wie hat der Raumpunkt in sich die Kraft haben können, solche endlosen Massen von sich hinaus ins unendlichmal Unendliche zu verdrängen, und wohin sind dann die verdrängten Massen gekommen, so aus dem ursprünglichen Punkte der ewig unendliche Raum hervorgegangen sein soll? Sie müßten sich dann notwendig außerhalb des unendlichen Raumes befinden, wie sie sich ursprünglich außerhalb des Punktes befunden haben, aus dem der endlose Raum hervorgegangen sei. Wenn aber das auch nur zu denken möglich wäre, so wäre der Schöpfungsraum ja dennoch wieder begrenzt und beschränkt und würde auch bei einem ewig andauernden sich weiter und weiter Ausdehnen dennoch nie unendlich werden.
GEJ|8|28|12|0|Ihr erseht aus dem, daß der Schöpfungsraum notwendig ewig nach allen Richtungen hin unendlich war und nie einen Anfang hat nehmen können, und da Gott, Raum und Ewigkeit identisch sind, wie Ich euch das schon gezeigt habe, so ist Gott, der alle diese Begriffe in Sich vereinigt, ja auch ohne Anfang, weil ein Anfang von Gott ebenso unmöglich zu denken ist wie der Anfang im Werden des unendlichen Raumes und mit ihm der ewigen Zeit. Ich meine, daß das nun schon so hinreichend klar dargetan ist, daß ein jeder darüber vollends im klaren sein kann.
GEJ|8|28|13|0|Aber Ich sehe dennoch eine gewisse dunkle Klippe in euch, über die ihr noch nicht hinwegzukommen imstande seid. Und sehet, diese Klippe besteht darin, daß ihr euch den endlosen und ewigen Raum als an und für sich tot und ohne alle Lebensintelligenz seiend vorstellt und daher auch nicht begreifen könnet, wie Gott als das alleinige ewige Lebensprinzip Sich im ewigen und endlosen Tode gewisserart Selbst gefunden und Sich als das vollendetste Leben erkannt und begriffen hat.
GEJ|8|28|14|0|Ja, wenn man vom endlosen und ewigen Schöpfungsraume sich den Begriff macht, dann kann man freilich auch schwer oder gar nicht begreifen, wie der unendliche Geist – Gott – Sich im ewig unendlichen Tode als ein vollendetstes Leben auch von Ewigkeit her hat zurechtfinden können!
GEJ|8|28|15|0|Machet euch daher gerade die entgegengesetzte Vorstellung vom ewig unendlich großen Raume, denket euch, daß es in ihm nicht einmal ein leb- und intelligenzloses Pünktchen gibt, und daß selbst das, was vor euch wie tot und völlig leblos sich darstellt, nicht tot und leblos, sondern nur von dem allmächtigen Willen Gottes also gerichtet ist, wie ihr das an einem Weltkörper selbst oder an seinen leblos scheinenden Bestandteilen gar wohl bemerken könnet!
GEJ|8|28|16|0|Wenn aber alle Weltkörper und ihre mannigfachsten Bestandteile nichts anderes sind und sein können als durch den allmächtigen Willen Gottes fixierte Ideen und Gedanken Desselben, wie können sie dann von den Menschen für tot und völlig intelligenzlos angesehen werden?
GEJ|8|28|17|0|Wenn Gott, der mit dem endlosen Raume und seiner ewigen Zeit identisch, aber durchgängig in Sich das höchste und allervollendetst vollkommene Leben ist, wie möglich soll dann das, was nur aus Ihm hervorgeht, tot, leb- und intelligenzlos sein?!
GEJ|8|28|18|0|Was demnach als daseiend euch wie tot vorkommt, das ist nur also von Gott aus gerichtet und kann wieder ins völlig freie Leben zurückkehren, sobald Gott an solch einem gerichteten Dinge die festen Bande Seines Willens löst.
GEJ|8|28|19|0|Ihr habt desgleichen von Mir Selbst und durch Meine Zulassung auch von Raphael bewerkstelligen sehen, als da Steine entweder plötzlich in den ursprünglichen Lebensäther verwandelt wurden oder dieser zu einem festen Steine wurde, wovon euch die Säule am Wege gen Emmaus sicher ein sehr handgreifliches Beispiel bietet.
GEJ|8|28|20|0|Wenn aber das alles also und unmöglich anders sich verhält, so müsset ihr, um zu lebendig wahren Begriffen über Gott zu gelangen, allen Tod aus dem endlosen Raume vollends verbannen und euch nichts als Leben über Leben und Intelligenz über Intelligenz vorstellen, weil es in dem unendlichen Intelligenz-Machtwesen Gottes ewig keinen Tod geben kann.“
GEJ|8|29|1|1|29. — Das Verhältnis zwischen den Wesen und der Universalintelligenz
GEJ|8|29|1|0|(Der Herr:) „Daß dem mit einem eigenen Lebensbewußtsein begabten Menschen aber der endlose Schöpfungsraum und das gar endlos viele in ihm Enthaltene wie stumm, tot und intelligenzlos vorkommt, hat seinen weisesten Grund darin, daß sein Lebensbewußtsein wegen der Gewinnung der vollsten, Mir ähnlichen Lebensselbständigkeit durch Meinen Willen von dem allgemeinen Lebensbewußtsein und dessen endlosester und höchster Intelligenz völlig abgesondert ist, damit es sich in sich selbst finde und sich dadurch zum ewigen Selbstfortbestande auf dem ihm wie von außen her geoffenbarten Wege auch selbst bilde und befestige.
GEJ|8|29|2|0|Solange aber ein Mensch mit sich selbst wegen der Gewinnung seiner Lebensselbständigkeit zu tun hat, ahnt er kaum, daß er von lauter Leben und von der höchsten Lebensintelligenz umgeben und seinem Leibe nach auch durchdrungen ist, ohne dessen er eigentlich gar nicht da wäre. Wenn er aber nach dem ihm geoffenbarten Willen Gottes mit sich selbst fertig geworden ist, indem sein innerster Geist ihn ganz durchdrungen hat, da tritt der ganze Mensch dann auch in den freien Verband mit dem höchsten Leben und dessen lichtester Intelligenz in der allgemeinsten Unendlichkeit Gottes, ohne dabei sein Selbstisches und Persönliches zu verlieren. Dann aber gewahrt er außer sich auch keinen toten und stummen Raum und keine toten Steine mehr, sondern da wird für ihn alles Leben und lichte, sich selbst wohlbewußte Intelligenz.
GEJ|8|29|3|0|Daß es aber also ist und sich verhält, beweist euch ja zuerst klar Meine von euch oft erprobte Allwissenheit. Wie könnte Ich denn um gar endlos vieles und alles wissen, wenn der Raum zwischen Mir, das heißt Meiner individuell-persönlichen Wesenheit, und zum Beispiel der Sonne oder einem andern noch um gar vieles ferneren Objekte ein lebloser und ein intelligenzloser wäre? Und zweitens beweist das auch schon die Weisheit gar vieler Menschen, die, obwohl ihren Ort nicht verlassend, um gar vieles wissen, was irgend in weiter Ferne sich befindet, wie und was mit demselben vor sich geht oder erst in der Folge vor sich gehen wird.
GEJ|8|29|4|0|An den sieben Ägyptern habt ihr gleich ein sprechendes Beispiel. Wer hat sie benachrichtigt, daß Ich da sei? Sie wurden in sich aus der großen und allgemeinen Intelligenz dessen inne, wie auch des Weges, der sie hierher brachte. Wäre der Raum zwischen hier und Oberägypten ein leb- und intelligenzloser, so wären sie dessen auch unmöglich innegeworden, was hier ist und geschieht.
GEJ|8|29|5|0|Des Menschen Seele ist in ihrem Leibe nur durch eine gar dünne, mit der allgemeinen Lebensintelligenz in keiner Verbindung stehenden Wand getrennt, und das genügt, daß sie in ihrem natürlichen Zustande zumeist gar keine Ahnung nur von dem hat, was oft zunächst, als hinter ihrem Rücken, ist und geschieht, und auch nicht einmal den tausendmal tausendsten Teil von dem begreift, was vor ihren Augen ist und vorgeht. Und das macht alles die höchst dünne, obbezeichnete Scheidewand zwischen ihrem speziellen und dem allgemeinsten endlosen Raumleben. Wenn aber diese Scheidewand von einer großen Dichte und Ausdehnung wäre, was würde dann erst so eine mächtig isolierte Seele von dem wissen, was sie nach allen Richtungen hin umgibt?!
GEJ|8|29|6|0|Daß aber eine Seele dann und wann aus nur Mir bekannten Gründen durch eine stärkere und dichtere Scheidewand von dem allgemeinen allerintelligentesten Gottleben getrennt ist, das könnet ihr an den Blöden, Stummen und sogenannten Trottelmenschen gar wohl ersehen; eine solche Seele ist darum auch nur einer sehr mageren und dann und wann auch gar keiner Bildung fähig.
GEJ|8|29|7|0|Warum aber auch das zugelassen wird, das weiß Ich gar wohl, und etliche von Meinen alten Jüngern wissen es teilweise auch; ihr andern aber werdet alles dessen schon noch innewerden.
GEJ|8|29|8|0|Tierseelen, wie auch die der Pflanzen, aber sind von dem allgemeinen Gottraumesleben nicht strenge geschieden und sind darum aus dem Innewerden zu dem ohne allen Unterricht geschickt, wozu sie ihrer Beschaffenheit und Einrichtung nach bestimmt sind. Jedes Tier kennt seine ihm zusagende Nahrung und weiß sie zu finden; es hat seine Waffen und weiß sie ohne alle Übung zu gebrauchen.
GEJ|8|29|9|0|So kennt auch der Geist der Pflanzen genauest den Stoff im Wasser, in der Luft und im Erdreich, der seiner besonderen Individualität dienlich ist. Der Geist oder die Naturseele der Eiche wird nimmer und niemals den Stoff an sich ziehen, von dem die Zeder ihr Sein und Wesen schafft. Ja, wer lehrt denn das eine Pflanze, daß sie gleichfort nur den für sie bestimmten Stoff an sich ziehen mag? Seht, das alles ist die Wirkung der höchsten und allgemeinsten Raumlebensintelligenz; aus dieser schöpft eine jede Pflanzen- und Tierseele die ihr speziell nötige Intelligenz und ist dann nach deren Weisung tätig.
GEJ|8|29|10|0|Wenn aber also, wie das ein jeder Mensch aus der Erfahrung allzeit ersehen und wohl erkennen kann, so ist es ja klar, daß der endlose Raum und alles in ihm ein Leben und eine allerhöchste Intelligenz ist, von der die Menschenseele nur darum kein erschauliches Innewerden hat, damit sie mittels ihrer abgesonderten Intelligenz, die von höchst großem Umfange ist, ihre bleibende Lebensselbständigkeit sich erschaffen kann, was aber keine Pflanzen- und Tierseele vermag und darum für sich keine gesonderte, sondern nur eine mengbare und sonach bis zur Menschenseele hin eine unzählig oftmalige Veränderungsexistenz hat, von der ihr auch keine Erinnerung zurückbleibt, weil sie nach jeder Mengung und Wesensänderung auch in eine andere Intelligenzsphäre übergeht.
GEJ|8|29|11|0|Selbst die Seele des Menschen, als die höchst potenzierte Zusammenmengung von Mineral-, Pflanzen- und Tierseelen, hat für ihre Präexistenzen keine Rückerinnerung, weil die speziellen Seelenteile in den obbenannten drei Reichen keine eigene und streng gesonderte, sondern für ihre Art nur aus dem allgemeinen Gottraumleben gewisserart entliehene Intelligenz besaßen. Es sind zwar in einer Menschenseele alle die zahllos vielen speziellen Vorintelligenzen vereinigt beisammen, und das bewirkt, daß die Menschenseele aus sich alle Dinge wohl erkennen und verständig beurteilen kann, aber ein spezielles Rückerinnern an die früheren Bestands- und Seinsstufen ist darum nicht denkbar und möglich, weil in der Menschenseele aus den endlos vielen Sonderseelen nur ein Mensch geworden ist.
GEJ|8|29|12|0|Wenn aber der Mensch von dem Geiste alles Lebens und Lichtes vollends durchdrungen wird, so wird er solche Ordnung auch also in sich erschauen, wie Ich Selbst sie in Mir ewig und allzeit erschaue, daß nämlich aus Mir alles besteht und Ich Alles in Allem bin. – Und nun sage Mir, du Freund Lazarus, ob du das alles nun auch wohl begriffen hast! Und es steht auch einem jeden von euch frei, sich darüber zu äußern.“
GEJ|8|30|1|1|30. — Vom Wissen der Zukunft
GEJ|8|30|1|0|Sagte nun Lazarus: „Herr und Meister! Diese Deine nunmalige Erklärung übertrifft alles, was wir bis jetzt von Dir gehört und gesehen haben, und es wird mir erst jetzt vollends klar, warum Du Selbst zu uns Menschen als Selbst Mensch gekommen bist, um uns zu belehren über Gott und über uns selbst: weil wir von Dir aus bestimmt sind, ewig fortzuleben in der höchstmöglichen Selbständigkeit, was wir aber erst durch unsere Selbsttätigkeit nach Deiner Lehre uns frei erringen müssen, wollen und mit Deiner Hilfe auch werden.
GEJ|8|30|2|0|Jetzt erst haben wir einen vollständig richtigen Begriff über Dich und auch über uns selbst und wissen auch, warum dies und jenes zu tun notwendig ist; denn ohnedem wäre es wohl keinem Menschen möglich, das wahre, ewige Leben zu erringen. Nun kennen wir das Wesen Gottes wahrhaft und kennen aber auch uns selbst. Nun ist es also denn auch ein leichtes, auf dem wohl erleuchteten Wege zum Leben fortzuwandeln. Aber wie viele tausendmal Tausende von Menschen haben keine Ahnung von allem dem und sind genötigt, den Weg des Verderbens fortzuwandeln! Wann sie möglich daraus, so wie wir nun, werden erlöst werden können, das weißt Du allein; uns aber bleibt nur der Wunsch übrig, daß die Menschenseelen sobald als möglich aus der zu großen Drangsal möchten befreit werden. Denn je heller und freier wir nun durch Deine Gnade werden, desto mehr und tiefer fühlen wir auch das Unglück aller derer, denen diese Gnade nicht zuteil wird.
GEJ|8|30|3|0|Aber was läßt sich da machen? Wenn Du Selbst das also zuläßt aus Dir bekannten, sicher höchst weisen Gründen, so muß das denn auch uns also recht sein. Aber wie lange wird das noch dauern, bis alle Menschen auf der ganzen Erde eines Glaubens, eines Lichtes und eines wahren Brudersinnes werden?“
GEJ|8|30|4|0|Sagte darauf auch Agrikola: „Ja, das ist auch fortwährend mein Kummer! Auch mich fängt mein stets helleres Licht im Herzen darum ganz ordentlich zu beengen an, weil ich dabei den Abstand der andern, beinahe gesamten Menschheit nur zu klar erschaue. Herr und Meister, Dir ist die Zukunft so bekannt, wie Dir sicher alle unsere Gedanken und Wünsche bekannt sind, und so könntest Du uns schon auch eine ganz bestimmte Zeit angeben, in der doch sicher der größte Teil der Menschen sich eines höheren und wahren Lebenslichtes wird zu erfreuen haben!“
GEJ|8|30|5|0|Sagte Ich: „Es ist dem Menschen, solange er auf dieser Erde als im Geiste noch nicht völlig wiedergeboren wandelt, eben nicht gar besonders zum Guten dienlich, wenn er um gar zu vieles weiß, und die ihm zu klar enthüllte Zukunft würde sein noch zu wenig starkes Gemüt erdrücken und leicht zur Verzweiflung bringen.
GEJ|8|30|6|0|Bedenke du nur den einzigen Umstand, wie es den Menschen zumute wäre, so sie ganz bestimmt wüßten, in welcher Zeit und Stunde sie dem Leibe nach sterben werden! Es ist ihnen schon unangenehm zu wissen, daß sie sicher sterben müssen; wie noch unangenehmer wäre es ihnen, auch das Jahr, den Tag und die Stunde zu wissen, wann der Leibestod über sie kommen werde!
GEJ|8|30|7|0|Ah, etwas ganz anderes ist es mit dem hier schon völlig im Geiste alles Lebens wiedergeborenen Menschen, der sein künftiges Leben schon in aller Klarheit in sich hat und allerwahrst und lebendigst fühlt! Der kann seines Leibes Ziel und Ende schon ganz genau zum voraus wissen; denn die Zeit der Abnahme der schweren Bürde wird ihn nicht mit Trauer, sondern nur mit einer höchsten Freude erfüllen. Aber bei einem gewöhnlichen Menschen würde solch eine bestimmte Voraussicht sicher von einer höchst traurigen Wirkung sein.
GEJ|8|30|8|0|Darum forschet auch ihr nicht zu emsig nach der Gestaltung der Zukunft, sondern begnüget euch mit dem, was ihr als zum Heile eurer Seele Nötiges wisset, und dann auch mit dem, daß Ich in Meiner Liebe und Weisheit darum weiß und sicher alles so werde kommen lassen, wie es zu jeder Zeit für die gute oder auch entartete Menschheit sicher noch immer am besten sein wird, und ihr werdet dann auch jede böse und gute Zukunft erträglich finden!
GEJ|8|30|9|0|Wenn ihr aber selbst im Geiste des Lebens werdet wiedergeboren sein, so werdet ihr auch in die Zukunft zu schauen imstande sein und werdet darob nicht betrübt und schwach werden.
GEJ|8|30|10|0|Wie es sich aber in der ferneren Zukunft gestalten wird, habe Ich erstens durch die Nachterscheinung schon ziemlich klar gezeigt und noch klarer in der Erklärung der zwei Kapitel des Propheten Jesajas, und Ich werde euch schon noch ein Weiteres von dem Ende der eigentlichen argen Menschenwelt zeigen, womit ihr zwar auch nicht besonders zufrieden sein werdet. Aber in dieser nunmaligen Mitternachtsstunde lassen wir die Sache noch auf sich beruhen; denn wir haben noch um vieles notwendigere Dinge miteinander zu besprechen und zu verhandeln. Wer von euch denn noch etwas hat, der frage, und Ich werde ihn erleuchten.“
GEJ|8|31|1|1|31. — Agrippa erzählt sein Erlebnis mit einem besessenen Illyrier
GEJ|8|31|1|0|Sagte hierauf Agrippa: „Herr und Meister, weil Du in dieser Nacht mit dem Lichtgeben schon einmal so freigebig bist, so möchte ich von Dir bei dieser Gelegenheit über eine sonderbare Lebenserscheinung unter den Menschen eine rechte Aufhellung haben!
GEJ|8|31|2|0|Siehe, ich bin gleich dem Freunde Agrikola ein um recht vieles wissender und auch in manchen seltenen Dingen wohlerfahrener Mensch und kann darum auch über so manches reden, was gerade nicht jedem Menschen möglich wäre. Ich kam vor mehreren Jahren in hohen Amtsgeschäften nach Illyrien in Europa. Dieses Illyrien ist ein sehr gebirgiges und zum großen Teil auch ein ödes und hartes Land, und seine Bewohner sind darum auch wenig gebildet und haben mit dem von ihnen bewohnten Lande viele Ähnlichkeit. Sie sind hart, im Geiste wenig fruchtbar, aber dafür in allerlei Sagen und besonders in allerlei Aberglauben stark und wie ihr Land an allerlei Unkraut sehr fruchtbar.
GEJ|8|31|3|0|Nun, in einem Flecken, wo wir Römer schon seit langer Zeit eine feste Burg haben, fand ich eine Gruppe Menschen, worunter sich auch ein paar Priester befanden. Diese hatten mit einem Menschen von etwa dreißig Jahren Alter zu tun, von dem sie mir angaben, daß er schon jahrelang von einem Kakodämon (böser Geist) besessen sei und sie nun Versuche machten, ihn von diesem zu befreien. Der Mensch sei der Sohn einer in diesem Orte angesehenen Familie, und es leide das ganze Haus, ja zuzeiten sogar der ganze Ort von diesem Menschen eine rechte Höllenqual, und doch könne der Mensch nichts dafür, da er selbst dabei der am meisten Geplagte sei.
GEJ|8|31|4|0|Ich hielt das anfangs für eine Narrheit dieser Menschen und daneben aber auch für einen feinen Kniff der Priester, die sich irgendein dazu präpariertes Menschenindividuum ausgesucht hätten, um durch dessen vielleicht nur eingelernte Raserei das wundersüchtige Volk sich anheischiger und an sie gläubiger zu machen. Aber als ich mich bald darauf mit allen meinen Sinnen überzeugte, daß des Menschen Raserei durchaus keine natürliche sein konnte, weil seine Kraftäußerungen sich zu einer solchen Höhe steigerten, gegen die die sogenannten Herkulischen Arbeiten purste Kinderspielereien wären, so fing ich selbst an, das Vorhandensein eines Kakodämons in dem Menschen aus völliger Überzeugung zu glauben.
GEJ|8|31|5|0|Die zwei Priester, die sich bei dem unglücklichen Menschen nach vorausgegangenen Symptomen wohl recht gut auskannten, sagten zu den andern, lauter starken Männern: ,Die Zeit des Tobens und Rasens wird bald erscheinen; darum bindet und knebelt ihn nun sogleich mit den stärksten Stricken und Ketten!‘ Denn nur dann werde den Menschen der Kakodämon verlassen, so er dessen etwa geweihte Stricke und Ketten nicht zu zerreißen imstande sein werde.
GEJ|8|31|6|0|Darauf wurde der Mensch mit Stricken und Ketten derart zusammengeknebelt, daß nach einer solchen Knebelung hundert Herkulesse sich nimmer hätten rühren können. Darauf entfernten sich die Priester und auch die andern Menschen auf wenigstens hundert Schritte von dem Geknebelten und baten auch mich, das Gleiche zu tun. Ich tat auch, was sie mir rieten.
GEJ|8|31|7|0|Es dauerte aber keine zwanzig Augenblicke, nachdem wir uns in der vorbesagten Ferne befanden, da erhob sich unter gräßlichem Gejauchze der Mensch pfeilschnell, zerriß in einem Augenblick Stricke und Ketten in viele Stücke, sprang darauf gleichfort gräßlich jauchzend unglaublich hoch vom Boden in die Luft, faßte dabei aber auch noch mehrere hundert Pfund schwere Steine und schleuderte sie gleich leichten Bohnen um sich herum. Als dieses Toben und Rasen bei einer Stunde lang angedauert hatte, da sank der Mensch ganz ohnmächtig auf den Boden, und wir durften uns ihm wieder nahen.
GEJ|8|31|8|0|Die beiden Priester richteten Fragen an ihn, daß er ihnen sage, wie es ihm ergangen sei. Er aber wußte nichts von seiner Raserei, sondern erzählte nur ein Traumgesicht, nach dem er sich in einer sehr schönen Gegend befunden habe. Bei dieser kurz dauernden Erzählung war der Ton seiner Stimme ein ganz sanfter, wie der einer geduldig leidenden Mutter; aber bald änderten sich Ton und Sprache. Es ward ihm der Mund weit, wie durch eine magische Gewalt aufgesperrt und eine ganz fremde, donnerähnlich kräftige Stimme in griechischer Zunge drang aus dem weit aufgesperrten Munde an unsere Ohren mit ungefähr diesen Ausdrücken:
GEJ|8|31|9|0|,O ihr elenden Mücken unter Menschenlarven wollet mich da aus diesem gemieteten Hause vertreiben!? Alle römischen Heere sind das nicht imstande! Ehe noch ein Stein zur Erbauung Roms in Bereitschaft lag, ja gar lange eher war ich der berühmte König Cyaxares, der erste dieses Namens, habe die Skythen geschlagen, mit Lydien Krieg geführt. Meine zweite Tochter Mandane wurde des Königs der Perser Weib und Mutter des berühmten großen Cyrus, dessen Vater Kambyses hieß. Mehr brauchet ihr nicht zu erfahren!
GEJ|8|31|10|0|Dieses Fleischhaus aber, das ich nun beliebig bewohne und mich daraus nicht vertreiben lasse, stammt von meinem Blut, und ich besitze es darum mit Recht! Darum ist alle eure Mühe, mich daraus zu vertreiben, eine vergebliche; ich kann in diesem meinem Hause mich unterhalten, wie es mir gefällig ist!‘
GEJ|8|31|11|0|Auf dieses sonderbare Gespräch stieß er noch einige gräßliche Verwünschungen und Drohungen über die beiden Priester aus, riß den Menschen einige Male, worauf dieser wieder zu sich kam, sich äußerst schwach fühlte und etwas zu essen verlangte. Er wurde, als er nach zu sich genommener Speise etwas kräftiger ward, wieder befragt, ob er darum wisse, was er zuvor geredet habe. Er verneinte das mit seiner natürlichen, weichen Stimme, wohl aber erinnere er sich, daß er geschlafen habe und sich im Traume unter weißgekleideten Jünglingen befand.
GEJ|8|31|12|0|Ich besprach mich dann sonderlich mit den Priestern und auch mit des Menschen noch lebenden Eltern und riet ihnen, daß man solch einem Menschen auf eine gute Art das Leben nehmen sollte, so werde der Kakodämon dann sein Haus wohl verlassen müssen. Aber da versicherten mir alle, daß dies so gut wie rein unmöglich wäre und der, welcher so etwas unternähme, sich selbst in die größte Lebensgefahr begeben würde. Es habe das schon einer versucht, sei aber sehr böse zugerichtet davongekommen. Ich bin bald darauf von dem unseligen Orte abgezogen und habe mir dieses treu erlebte Faktum wohl notiert, habe es auch oft schon weisen Menschen erzählt, auch hier den Juden schon, aber von einer nur einigermaßen genügenden Erklärung darüber war da noch nie eine Rede.
GEJ|8|31|13|0|Man erzählte mir wohl auch manches von Menschen, die von Teufeln oder bösen Geistern besessen seien, und daß es sehr schwer sei, solche Leidende zu heilen; aber niemand wußte mir zu sagen, wer eigentlich solche Teufel oder böse Geister seien, und wie sie in einem armen und schwachen Menschen sich einbürgern und dessen Natur gänzlich beherrschen mögen und dürfen. Oft fände man schon Kinder, die von den bösen Geistern jämmerlich geplagt werden.
GEJ|8|31|14|0|Herr und Meister, was ist da wohl dahinter? Betrug von seiten eines solchen unglücklichen Menschen ist da wohl sicher keiner möglich; denn das, was ich an dem Illyrier erlebt habe, war sicher so ferne von einem Betruge wie von einem Ende der Welt bis zum andern.“
GEJ|8|32|1|1|32. — Der Herr erklärt das Wesen der Besessenheit
GEJ|8|32|1|0|Sagte Ich: „Deine Erfahrung ist eine ganz richtige, und Ich Selbst habe hier im Lande der Juden und auch bei den Griechen mehrere von solchen Übeln befreit. Es gibt demnach wirklich solche Menschen, die von bösen Geistern auf eine Zeitlang, im Fleische aber nur, in Besitz genommen werden, ohne dadurch der Seele eines solchen Besessenen nur im geringsten schaden zu können.
GEJ|8|32|2|0|Die das Fleisch eines Menschen in Besitz nehmenden argen Geister sind im Ernste Seelen verstorbener Menschen, die einst auf der Welt ein arges Leben geführt haben, und das wohl wissend, daß ihr Tun ein böses war.
GEJ|8|32|3|0|Es kommt aber das Besessensein nur unter jenen Menschen vor, bei denen der Glaube an einen Gott und an die Unsterblichkeit der Seele rein gar geworden ist.
GEJ|8|32|4|0|Diese an sich schlimm aussehenden Vorkommnisse in den glaubensfinsteren Zeiten sind demnach eine Zulassung, damit die Ungläubigen darin eine derbe Mahnung erhalten, daß ihr Unglaube ein eitler ist, und daß es nach dem Abfalle des Leibes ein sicheres Fortleben der Seele des Menschen gibt und sicher auch einen Gott, der die Bosheit und Dummheit der Menschen auch jenseits gar wohl zu züchtigen imstande ist.
GEJ|8|32|5|0|Der arge Geist, der da das Fleisch eines Menschen in Besitz nimmt, erfährt trotz seines bösen Sträubens die für ihn kaum erträglichen Demütigungen und wird darauf in sich sanfter und lichter; und die Zeugen vom Vorkommen solcher Zustände werden aus ihrem zu materiellen und finsteren Lebenswandel wie mit Gewalt gerissen, fangen an, über Geistiges nachzudenken, und werden besser in ihrem Tun und Lassen.
GEJ|8|32|6|0|Und so hat diese unter den Menschen vorkommende und sehr schlimm aussehende Sache auch wieder in den Zeiten der größten Glaubensnot ihr entschieden Gutes, wie du das bei deinen Illyriern sicher selbst wahrgenommen hast.
GEJ|8|32|7|0|Die beiden Priester, die ehedem das Volk durch allerlei magische Betrügereien an sich zu fesseln verstanden, für sich nichts glaubten, aber sich dabei dennoch bedeutende Schätze sammelten, sind durch jenen Besessenen auf ganz andere Gedanken gekommen und haben von ihren Betrügereien bedeutend abgelassen; denn der böse Geist hat es ihnen schon mehrere Male vorgedonnert, daß sie sehr elende Betrüger seien, und daß er um vieles besser sei denn sie, die ihn in ihrer Ohnmacht bekämpfen wollten.
GEJ|8|32|8|0|Die beiden Priester glauben nun vollends an ein Fortleben der Seele nach des Leibes Tode und glauben nun an einen Gott, weil ihnen der Geist auch mehrere Male ins Gesicht geschrien hat, daß er selbst als ein böser Geist um gar vieles mehr sei als zehntausend Legionen ihrer eingebildeten Götter, mit deren Hilfe sie ihn austreiben wollten; aber es gäbe nur einen wahren Gott, dem er gehorchen würde, so dieser ihm geböte, aus dem Fleischhause zu ziehen.
GEJ|8|32|9|0|Solches aber vernahmen auch die andern Menschen und sind darum auch eines andern und besseren Glaubens geworden, und es ist somit solch ein Besessensein eben nicht immer etwas gar so Schlechtes und von Gott wie ungerecht Zugelassenes, wie es sich die menschliche Vernunft vorstellt.
GEJ|8|32|10|0|Bei Menschen, die im wahren und lichtvoll lebendigen Glauben sind, kommt das Besessensein schon gar nie vor, weil des Menschen Seele und der Geist in ihr auch den Leib also durchdringen, daß da kein fremder und etwa auch noch arger Geist in ein lauteres und durchgeistigtes Fleisch dringen kann; aber wo die Seele eines Menschen finster, fleischlich und materiell geworden ist und dadurch auch ängstlich und furchtsam, krank und schwach, daß sie einem fremden Eindringling keinen Widerstand leisten kann, da geschieht es auch leicht, daß dann und wann die argen Seelen, die sich nach dem Austritt aus dem Leibe zumeist in jenen niederen Regionen dieser Erde aufhalten und ihr Unwesen treiben, wo die Menschen ihres Gelichters im Fleische leben, in den Leib irgendeines schwachen Menschen dringen, sich zumeist im sinnlichsten Unterleibe ansetzen und sich als fremde und stets arge Geister durch das Fleisch des Besessenen nach außen hin zu äußern anfangen.
GEJ|8|32|11|0|Für die Seele aber erleidet der Besessene niemals einen Schaden, wie Ich das schon gleich anfangs bemerkt habe, und so ist das Besessensein, wie auch schon gesagt, eben nicht so etwas Arges, wie es den Menschen vorkommt.
GEJ|8|32|12|0|Wo ihr aber in der Folge solche Besessene antreffen werdet, da leget ihnen in Meinem Namen die Hände auf, und die argen Geister werden den Besessenen verlassen. Solltet ihr aber irgendeinen treffen, der von einem hartnäckigen Geiste besessen ist, den bedrohet, und er wird dann sogleich gehorchen dem, der ihn ernst und vollgläubig in Meinem Namen bedroht hat! Denn wo durch euch Meine Lehre den Menschen gepredigt wird, da ist es nicht mehr nötig, daß auch die Teufel den ganz gefallenen Glauben aus dem Fleische eines Besessenen bei den Menschen aufrichten sollen. Wo die Engel lehren, da sollen die Teufel in die Flucht geschlagen werden!
GEJ|8|32|13|0|Was aber nun jenen illyrischen Besessenen betrifft und auch seine Umgebung, so lebt er noch und ist nun von seiner Plage befreit, und seine Umgebung glaubt nun an einen, ihnen freilich noch unbekannten Gott, wie auch an die Unsterblichkeit der Seele, und so jemand von euch in der Bälde dahin kommen wird in Meinem Namen, so wird er bei jenen Menschen und auch im weiten Umkreise jenes Landes ein leichtes haben, jene Menschen zum wahren Glaubenslichte zu bekehren und ihren Aberglauben zu vernichten. – Hast du, Agrippa, das nun wohl verstanden?“
GEJ|8|33|1|1|33. — Die Örtlichkeit der Geisterwelt
GEJ|8|33|1|0|Sagte Agrippa: „Herr und Meister, das ist mir nun, wie auch sicher den andern, klar, und ich danke Dir für dieses Licht. Doch etwas Kleines habe ich dabei noch zu bemerken, und das besteht darin, daß Du uns auch anzeigen möchtest, wo sich örtlich im Vergleich mit dieser Erde die eigentliche Geisterwelt befindet. Du hast in Deiner Rede zwar wohl so ein Fünklein fallen lassen, aber ich konnte daraus noch nicht völlig klug werden. Wenn es Dir genehm wäre, so möchte ich Dich wohl darum bitten, mir auch in dieser Hinsicht das Geeignete zu sagen.“
GEJ|8|33|2|0|Sagte Ich: „Es hat zwar alle Geisterwelt, wie Ich das schon einige Male dargetan habe, mit dem Raume und der Zeit dieser materiellen, gerichteten und somit unfreien Welt durchaus nichts mehr zu tun; aber er (der Raum), als eine äußerste Hülle, ist am Ende dennoch der Träger aller Himmel und aller Geisterwelten, weil diese sich irgend außerhalb des unendlichen Schöpfungsraumes nirgends befinden können. Und so muß es, um klar und für euch verständlich zu reden, auch gewisse Räumlichkeiten geben, in denen sich die Geisterwelten wie örtlich befinden, obschon besonders einen vollendeten Geist die Örtlichkeit des Raumes ebensowenig angeht wie dich nun dieser Ölberg, wenn du dir Rom oder Athen denken willst, denn für den Geist gibt es sogestaltig weder einen bestimmten Raum noch irgendeine gemessene Zeit.
GEJ|8|33|3|0|Aber was das sogenannte individuelle Wesen eines Geistes betrifft, so kann es sich dennoch sowenig wie Ich nicht völlig außer Raum und Zeit befinden; und so befinden sich denn auch die Seelen der von dieser materiellen Welt Abgeschiedenen in einer bestimmten örtlichen Räumlichkeit, obwohl besonders die lebensunvollendeten keine Ahnung davon haben, – sowenig wie du in einem Traume, in dem du dich zwar auch bald in dieser und bald in einer ganz anderen Gegend recht behaglich und sogar tätig befindest, ohne dabei die materiell- räumliche Örtlichkeit für dein persönliches Individuum auch nur um eine Linie zu verändern.
GEJ|8|33|4|0|Du willst aber von Mir die eigentliche, gleichsam stabile Örtlichkeit kennenlernen, in der sich besonders die lebensunvollendeten Seelen nach dem Tode des Fleisches befinden, und Ich will dir das denn auch treulich kundgeben. Und so höre Mich denn und verstehe Mich wohl, was Ich dir darüber sagen werde!
GEJ|8|33|5|0|Wenn ein Mensch in seinem Leibesleben eine besondere Liebe für diesen oder einen andern Ort auf der materiellen Welt hatte, so bleibt er auch als abgeschiedene Seele in demselben Ort, oft viele hundert Jahre lang und wird dessen auch, wenn auch unklar, zuweilen inne auf dem Wege der geistigen Entsprechungen.
GEJ|8|33|6|0|Wo du demnach auf dieser Erde einen Ort hast, da hast du auch schon eine Örtlichkeit für die Welt der Geister, die in sich aber freilich wohl keine materielle, sondern nur eine geistige ist, weil sie aus der gewissen Phantasie der Geister mittels ihres Willens entsteht.
GEJ|8|33|7|0|Du kannst demnach eine solche von dir selbst geschaffene Welt kreuz und quer durchreisen, bleibst aber als Individuum dennoch fest in ein und derselben materiellen Örtlichkeit.
GEJ|8|33|8|0|Es sei aber zum Beispiel ein Mensch, der eine große Sehnsucht dahin in sich trägt, den Mond, die Sonne und auch die Sterne näher kennenzulernen. Wenn eines solchen Menschen Seele entleibt wird, so ist ihre materielle Örtlichkeit auch schon dort, wohin sie ihre Liebe gezogen und gestellt hat. Dort wird sie auch bald durch die Geister jener Welten in Verkehr treten und ihre dortigen Anschauungen und Studien in tätigsten Angriff nehmen.
GEJ|8|33|9|0|Ist eine Seele aber hier schon von der Liebe zu Gott vollends durchdrungen, so wird ihre materiell-individuelle Bestandsörtlichkeit zwar aus der Nähe dieser Erde als der Erziehungswiege für die Kinder Gottes nicht verändert, aber sie wird durch Mich dennoch im hellsten Lebenslichte die ganze Unendlichkeit nach dem stets steigenden Bedürfnisse ihrer Intelligenz und daraus hervorgehenden Seligkeit durchwandern können, ohne dabei die materiell-räumliche Örtlichkeit für ihr individuelles Sein auch nur um eine Linie verändern zu dürfen, gleichwie auch Ich sie im Geiste nicht verändere und dennoch allenthalben in der ganzen Unendlichkeit zugleich gegenwärtig bin.
GEJ|8|33|10|0|Ein Mehreres und Tieferes kann Ich dir darüber jetzt nicht sagen; wenn du aber im Geiste selbst wiedergeboren sein wirst, so wirst du auch noch ein Mehreres sonnenklar verstehen. – Hast du nun das wohl verstanden?“
GEJ|8|33|11|0|Sagten hierauf Agrippa und auch viele andere: „Herr und Meister, wir danken Dir für diese Deine uns allen sehr nötig gewesene Erklärung; denn wir alle hatten die Gelegenheit zu öfteren Malen, Besessene aller Art und Gattung zu sehen und zu beobachten, und wußten uns die Sache unmöglich anders zu erklären, als daß solche Unglücklichen von ganz wirklichen Teufeln besessen und somit auch ihre Beute sind, wenn sie ihrer nicht los werden können.
GEJ|8|33|12|0|Unter solcher Beurteilung über das Vorkommen des Besessenseins waren wir genötigt, entweder den Besessenen selbst als einen gröbsten Sünder und von Gott schon auf dieser Welt als vollends verdammt anzusehen, oder wir zuckten da über die Liebe und höchste Gerechtigkeit Gottes besonders dann heimlich mit unseren Achseln, wenn wir uns oft von der Unbescholtenheit des Besessenen sowohl als auch von der Frömmigkeit seiner Eltern gelegentlich nach allen Richtungen hin überzeugen konnten, was uns wahrlich nicht zu verargen war. Aber nun hat diese Sache freilich ein ganz anderes Gesicht bekommen, und wir sind über die Maßen froh, daß wir durch Deine Gnade auch da ins reine gekommen sind.“
GEJ|8|33|13|0|Sagte Ich: „Nun, wohl denn also, so ihr nun auch in dieser Sphäre im klaren seid, da haben wir bis zum Morgen noch bei vier Stunden Zeit, uns noch über so manches zu besprechen und ins reine zu stellen. Wenn jemand von euch irgend im unklaren ist, so frage er laut, und es soll ihm ein rechtes und helles Licht werden; denn euch will Ich es geben, das Geheimnis alles Gottesreiches wohl zu verstehen!“
GEJ|8|34|1|1|34. — Das Wesen Satans
GEJ|8|34|1|0|Hier trat wieder einer der zu Emmaus bekehrten Pharisäer, der ein Schriftgelehrter war, auf und sagte: „Herr und Meister! Wir wissen nun wohl, was es mit den Besessenen der Wahrheit nach für eine Bewandtnis hat, und wer im Grunde die argen Geister sind, von denen hie und da eine Menschennatur in Besitz genommen wird; aber es wird in der Schrift dennoch von den wirklichen, urerzbösen Teufeln und von ihrem Fürsten, dem Satan, sehr augenfällig gesprochen und auch gesagt, daß der Satan, auch Luzifer genannt, und eine zahllose Menge der nach ihm sich gerichtet habenden Engel von Gott verstoßen und ins ewige Höllenfeuer verworfen worden sind.
GEJ|8|34|2|0|Also steht es auch geschrieben, wie eben der Satan in der Gestalt einer Schlange die ersten Menschen zum Falle brachte, und wie Gott durch ihn den frommen Hiob versuchen ließ.
GEJ|8|34|3|0|Was hat es nun nach Deiner neuen Lehre mit dem Satan und mit seinen ihm untergeordneten Teufeln für eine Bewandtnis? Wer und wo ist der Satan, und wer und wo sind die Teufel?
GEJ|8|34|4|0|Wenn es uns schon von Dir aus gegönnt ist, das gesamte Geheimnis des Gottesreiches zu verstehen, so müssen wir auch in dieser Sache im klaren sein, und Du wolle uns großgnädig darüber eine verständliche Aufklärung geben!“
GEJ|8|34|5|0|Sagte Ich: „Darüber ist von Mir schon vieles gesagt und erklärt worden, und Meine älteren Jünger wissen es, woran sie sind; aber da du bei Mir noch ein Neuling bist, so magst du wohl danach fragen, was dir noch nicht verkündet ward, und so magst du Mich vernehmen!
GEJ|8|34|6|0|Siehe, was der endlose Raum als eine Materie in sich faßt, das ist gerichtet und dadurch gefestet durch die Macht des Willens Gottes! Wenn es nicht also wäre, da befände sich keine Sonne, kein Mond, keine Erde und gar keine Kreatur im ganzen endlosesten Raume; nur Gott allein bestünde in der Anschauung Seiner großen Gedanken und Ideen.
GEJ|8|34|7|0|Gott aber hat schon von Ewigkeit her Seine Gedanken wie gleichsam aus Sich hinausgestellt und sie verkörpert durch Seinen allmächtigen Willen. Diese verkörperten Gedanken und Ideen Gottes aber sind dennoch keine so ganz eigentlichen Körper, sondern sie sind gerichtetes Geistiges und Gefäße zur Ausreifung für ein selbständiges Sein. Es sind das sonach Geschöpfe, bestimmt, wie aus sich und aus eigener Kraft neben Mir, dem ihnen sichtbaren Schöpfer, für ewig fortzubestehen.
GEJ|8|34|8|0|Alle Kreatur als ein gerichtetes Geistiges ist gegen das schon Rein- und Freigeistige noch unrein, unreif, daher noch nicht gut, und kann dem reingeistig Guten gegenüber als an und für sich noch schlecht und böse angesehen werden.
GEJ|8|34|9|0|Verstehe sonach unter ,Satan‘ im allgemeinen die ganze materielle Schöpfung und unter ,Teufel‘ das getrennte Spezielle derselben.
GEJ|8|34|10|0|Wenn ein Mensch auf dieser Welt nach dem erkannten Willen Gottes lebt, so erhebt er sich dadurch aus der geschöpflichen Gefangenheit und geht in die ungeschöpfliche Freiheit Gottes über.
GEJ|8|34|11|0|Ein Mensch aber, der an einen Gott nicht glauben und darum auch nicht handeln will nach dessen den Menschen geoffenbarten Willen, versenkt sich dann stets mehr und mehr und tiefer und tiefer in das geschaffene Materielle und wird geistig unrein, schlecht und gerichtet böse und somit ein Teufel; denn alles pur Geschaffene und Gerichtete ist, wie schon gezeigt, dem ungeschaffenen Rein- und Freigeistigen gegenüber unrein, schlecht und böse, nicht aber etwa darum, als hätte Gott aus Sich je etwas Unreines, Schlechtes und Böses erschaffen können, sondern nur in und für sich darum, weil es erstens des Daseins wegen notwendig ein Geschaffenes sein muß, begabt mit Intelligenz und Tatkraft und im Menschen auch mit freiem Willen, und zweitens, weil es in sich das geschaffen Gegebene, um zur möglichen Selbständigkeit zu gelangen, selbsttätig zu verwenden und wie in sein Eigentümliches zu verkehren hat.
GEJ|8|34|12|0|Vor Gott aber gibt es nichts Unreines, nichts Schlechtes und nichts Böses; denn Dem Reinen ist alles rein, und alles ist gut, was Gott geschaffen hat, und Gott gegenüber gibt es denn auch keinen Satan, keinen Teufel und somit auch keine Hölle. Nur das Geschaffene in und für sich ist alles das so lange, als es ein Geschaffenes und Gerichtetes zu verbleiben hat und endlich im Besitze des freien Willens, ob gut oder böse, verbleiben will.
GEJ|8|34|13|0|Wenn es denn in der Schrift heißt, daß Satan in der Gestalt einer Schlange das erste Menschenpaar verführt habe, so will das soviel sagen als: Das erste Menschenpaar, das Gott und Seinen Willen wohl kannte, hatte sich von der Anmut der materiellen Welt bestechen lassen, und ihres gerichteten Fleisches Begehren und Stimme sagte: ,Wir wollen sehen, was daraus wird, so wir einmal dem wohlerkannten Willen Gottes zuwiderhandeln! Denn Gott Selbst hat uns das Handeln freigestellt; wir können dadurch an unserer Erkenntnis ja nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Denn Gott weiß es sicher, was uns durch ein freies Handeln werden kann, wir aber wissen es nicht; darum handeln wir einmal nur nach unserem Sinn, und wir werden dann durch die Erfahrung auch das wissen, was nun Gott allein weiß!‘
GEJ|8|34|14|0|Und siehe, also aßen die beiden von dem verbotenen Baume der Erkenntnis auf dem Wege der selbst machen wollenden Erfahrung und versanken dadurch um einen Grad tiefer in ihr gerichtetes Materielles, das dem freien Geistleben gegenüber auch ,der Tod‘ genannt werden kann.
GEJ|8|34|15|0|Sie erkannten darauf wohl, daß in ihrem Fleische das Mußgericht und der Tod daheim ist, der bei der steigenden Weltliebe auch die freie Seele in sein Gericht und in seine Unfreiheit begraben kann, und so verloren sie denn auch das reine Paradies, das in der vollen Einung der Seele mit ihrem Geiste bestand, und mochten aus sich heraus dasselbe wohl nicht völlig wiederfinden; denn ihre Seele war vom Stachel der Materie verletzt worden und hatte dann viel zu tun, um sich noch so frei als möglich über dem Gerichte des geschaffenen Muß zu erhalten, wie das nun bei allen Menschen der Fall ist, – und Ich bin darum in diese Welt gekommen, um den Menschen wieder den wahren Lebensweg zu zeigen und das verlorene Paradies durch Meine Lehre wiederzugeben.
GEJ|8|34|16|0|Also ist es auch bei Hiob der Fall. Hiob war ein irdisch äußerst glücklicher Mann und hatte viele Güter. Er war aber auch ein weiser und Gott sehr ergebener Mensch, der strenge nach dem Gesetze lebte. Sein außerordentlicher Wohlstand machte aber dennoch sein Fleisch mehr und mehr begierlich und machte große Anforderungen an den Geist in ihm.
GEJ|8|34|17|0|Der gerichtete Geist des Fleisches sagte gewisserart zur Seele: ,Ich will denn doch sehen, ob ich dich durch alle meine irdischen Freuden und Leiden von deinem Gott nicht abziehen, dich in deiner Geduld nicht ermüden und nicht in mein Mußgericht setzen kann!‘
GEJ|8|34|18|0|Da kostete es Hiob einen mächtigen Kampf; denn einerseits standen ihm alle irdischen Freuden zu Gebote, die er zwar genoß, aber dieselben übten über seine Seele dennoch keine Herrschaft aus, und sie blieb mit dem Geiste im Verbande.
GEJ|8|34|19|0|Da aber der arge Geist der Materie mit der Seele auf diese Art nichts ausrichtete, so ward die Seele Hiobs durch allerlei körperliche Unannehmlichkeiten versucht, die bildlich im Buche dargestellt sind. Aber Hiob bestand sie alle mit Geduld, obschon er hie und da murrte und über seine Not klagte, aber am Ende dennoch allzeit offen bekannte, daß ihm Gott zuvor alles gegeben, nun weggenommen und ihm wiedergeben könne, und das noch mehr, als Er ihm genommen hatte wegen der Vollstärkung der Seele im Geiste.
GEJ|8|34|20|0|Wenn aber also, wer war dann der Satan, der den frommen Hiob so sehr versuchte? Es war der gerichtete Geist seines Fleisches, das heißt dessen verschiedenartige Begierlichkeiten!
GEJ|8|34|21|0|Aber einen gewissen persönlichen Ursatan und persönliche Urteufel hat es in der Wirklichkeit niemals woanders gegeben als nur in der gerichteten Weltmaterie aller Art und Gattung. Daß aber der Satan und die Teufel von den alten Weisen unter allerlei Schreckensbildern dargestellt wurden, hat den Grund darin, damit die Seele unter allerlei argen Formen sich einen Begriff bilde, welch eine Not ein freies Leben zu erleiden hat, so es sich wieder von dem Gerichte der Materie gefangennehmen läßt.“
GEJ|8|35|1|1|35. — Über die Persönlichkeit des Satans
GEJ|8|35|1|0|(Der Herr:) „Ich Selbst habe Meinen ersten Jüngern einmal den Satan in einem entsprechenden Bilde auftreten lassen, und sie entsetzten sich gewaltigst vor demselben. Desgleichen geschah auch zu öfteren Malen bei den Altvätern dieser Erde; doch damals ward keine Erklärung darum wörtlich hingesetzt, weil die Alten, aus dem Geiste Weise, die bildliche Darstellung auf dem Wege der inneren Entsprechungen wohl verstanden und darum auch sagten: Erschrecklich ist es, in die Gerichtshände Gottes zu fallen, das heißt: Erschrecklich ist es für eine Seele, die schon einmal zum vollen Selbstbewußtsein gelangt ist, sich wieder von dem nie wandelbaren Gerichtsmuß des göttlichen Willens in der Materie gefangennehmen zu lassen.
GEJ|8|35|2|0|Daß dieses für die Seele als etwas Erschreckliches bezeichnet wird, das lehrt jedermann die Erfahrung eines Sterbenden, der zuvor nicht die volle Wiedergeburt im Geiste erlangt hat.
GEJ|8|35|3|0|Warum fürchtet sich denn solch eine Seele gar so sehr vor dem Tode ihres Leibes? Weil sie, als noch in sein Mußgericht verstrickt, auch mit zu sterben wähnt! Daß das also der Fall ist, das könnet ihr bei allen jenen ersehen und wohl erkennen, die darum an ein Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes entweder gar nicht oder nur schwer glauben, weil sie auch entweder ganz oder zum größten Teil im Gerichte ihres Fleisches steckt und somit auch dessen Tod mitempfinden muß auf so lange hin, als sie nicht von demselben durch Meinen Willen völlig getrennt wird.
GEJ|8|35|4|0|Da ihr nun aber hoffentlich wohl erkennen werdet, was es mit dem eigentlichen Satan und seinen Teufeln für eine wahre Bewandtnis hat, so werdet ihr daraus auch von selbst in euch darüber klarwerden können, daß es auch mit der Hölle die gleiche Bewandtnis haben muß. Sie ist gleich dem Satan in sich das ewige Mußgericht, also Welt und ihre Materie.
GEJ|8|35|5|0|Warum aber wird der Satan auch ein Fürst der Finsternis und der Lüge genannt? Weil alle Materie das nicht ist, was sie zu sein scheint, und wer sie in seiner Liebe dem Scheine nach erfaßt und sich von ihr gefangennehmen läßt, der befindet sich denn auch offenbar im Reiche der Lüge und, der Wahrheit gegenüber, im Reiche der Finsternis.
GEJ|8|35|6|0|Wer zum Beispiel die sogenannten Schätze aus dem Reiche der toten Materie zu sehr liebt, sie für das hält und schätzt, was sie zu sein scheinen, und nicht für das, was sie der Wahrheit nach sind, der befindet sich dadurch schon im Reiche der Lüge, weil seine Liebe als der Grund seines Lebens sich in sie wie ganz blind versenkt hat und sich höchst schwer aus solcher Nacht zum Lichte der vollen Wahrheit wieder emporschwingen kann.
GEJ|8|35|7|0|Wer aber das Gold nur als eine entsprechende Erscheinlichkeit betrachtet, durch die das Gute der Liebe in Gott, wie durch das reine Silber die Wahrheit der Weisheit in Gott, dargestellt wird, der kennt denn auch den wahren Wert des Goldes und Silbers, steht somit im Reiche der Wahrheit, und seine Seele wird nicht erstickt im trüglichen Scheine und dessen Gericht.
GEJ|8|35|8|0|So hatten denn bei den Alten und allen Propheten Gold, Silber und die verschiedenen Arten der Edelsteine nur allein die wahre Bedeutung; als Materie aber hatten sie keinen Wert und konnten darum einer Seele auch nicht gefährlich werden. Aus der Erkennung des wahren Wertes der Materie erkannten sie auch leicht und bald deren naturmäßige Tauglichkeit und Brauchbarkeit und schöpften daraus den wahren Nutzen.
GEJ|8|35|9|0|Als aber mit der Zeit die Menschen die Materie ihres Glanzes und ihres Scheines wegen zu schätzen und zu achten anfingen, da gingen sie in ihr Gericht über, wurden blind, hart, habgierig, geizig, lügnerisch, zänkisch, betrügerisch, hochmütig, böse und kriegs- und eroberungssüchtig und gerieten dadurch ins Götzen- und Heidentum und somit auch in die eigentliche Hölle, aus der sie ohne Mich nicht erlöst werden konnten.
GEJ|8|35|10|0|Darum mußte Ich Selbst die Materie anziehen, mit ihr das Gericht, und muß es durchbrechen, damit Ich dadurch zur Eingangspforte ins ewige Leben werde für alle Gefallenen, wenn sie durch diese Pforte zum Leben eingehen wollen. Darum auch bin Ich die Tür zum Leben und das Leben Selbst. Wer nicht durch Mich eingeht, der kommt nicht zum Leben im Lichte der ewigen Wahrheit und der Freiheit, sondern bleibt gefangen im Gerichte der Materie.
GEJ|8|35|11|0|Nun aber ergibt sich noch eine Frage von selbst, und diese lautet: Gibt es denn sonach im Ernste keinen persönlichen Satan und keine persönlichen Teufel?
GEJ|8|35|12|0|Und Ich sage: O ja, es gibt deren schon hier, noch im Fleische wandelnd, und noch um ein Großes mehr im großen Jenseits, die auch fort und fort bemüht sind, einen argen Einfluß auf das Diesseits auszuüben, und das einmal durch die rohen Naturgeister, die noch in allerlei Materie weilen, der bestimmten Ausreifung wegen, und dann aber auch unmittelbar durch gewisse geheime Einflüsterungen, Anreizungen und Verlockungen. Sie merken bei den Menschen gar wohl die verschiedenen Schwächen und Anlagen zu denselben, bemächtigen sich derselben und fachen sie zu glühenden Leidenschaften an.
GEJ|8|35|13|0|Ist aber eines Menschen Schwäche einmal zur glühenden Leidenschaft geworden, dann befindet er sich schon ganz in dem Zustande des Gerichtes der Materie und ihrer argen Geister, und es ist für ihn dann schwer, sich davon loszumachen.
GEJ|8|35|14|0|Der Satan ist die Zusammenfassung des gesamten Materiemußgerichtes, und was seine Persönlichkeit betrifft, so ist diese an und für sich nirgends da, wohl aber ist sie als ein Verein aller Art und Gattung von Teufeln nicht nur dieser Erde, sondern aller Welten im endlosen Schöpfungsraume anzusehen, gleichwie auch nach Meiner euch schon gegebenen Erklärung alle die zahllos vielen Hülsengloben am Ende ihrer gemeinsamen Zusammenfassung einen übergroßen Schöpfungsmenschen darstellen.
GEJ|8|35|15|0|Im kleineren ist freilich auch ein Verein aller Teufel eines Weltkörpers ein Satan, und im kleinsten Maße ein jeder einzelne Teufel für sich.
GEJ|8|35|16|0|Solange es aber keinen Menschen auf einem Weltkörper gab, gab es auf demselben auch keinen persönlichen Teufel, sondern nur gerichtete und ungegorene Geister in aller Materie eines Weltkörpers; zur Materie aber gehört alles, was ihr mit euren Sinnen wahrnehmet.
GEJ|8|35|17|0|Aber das könnet ihr auch annehmen, daß es nun wohl auf keinem Weltkörper ärgere und bösere Teufel gibt als eben in und auf dieser Erde. Wenn es ihnen zugelassen wäre, so würden sie die Erde und ihre Bewohner gar arg zurichten – aber es wird das nicht zugelassen –, und damit die Teufel das nicht tun können, so sind sie eben darum mit aller Blindheit und somit auch mit der größten Dummheit behaftet, und ihre Vereine gleichen jenen Sicherheitsanstalten dieser Erde, in denen die argen Narren und Wahnsinnigen festgehalten werden, auf daß sie den andern Menschen nicht schaden können.
GEJ|8|35|18|0|Aus dem bisher Gesagten könnet ihr alle nun wohl mit voller Vernunft und erleuchtetem Verstande einsehen, was es mit dem Satan und mit seinen Teufeln für eine Bewandtnis hat, und habt nun nicht mehr nötig, darüber um ein Weiteres zu fragen. – Und nun sage du, Schriftgelehrter, ob du das alles auch wohl verstanden hast!“
GEJ|8|36|1|1|36. — Die Örtlichkeit der persönlichen Teufel
GEJ|8|36|1|0|Sagte darauf der Schriftgelehrte: „Ja, Herr und Meister, denn Du hast über diese Sache nun so klar und umfassend als möglich gesprochen und hast uns dabei Deine Schöpfungsart und -weise ordentlich wie ganz zergliedert gezeigt, und so mußte uns die Sache ja vollends klarwerden, das heißt, insoweit es dem immerhin beschränkten Menschenverstande klarwerden kann, denn das Wissen allein ist noch lange kein alles durchdringendes Schauen; aber es genügt uns, weil wir das, was wir wissen, völlig vom Grunde aus wissen.
GEJ|8|36|2|0|Aber da Du uns nun schon so vieles über diese schwer zu fassenden Dinge gesagt hast, so wolle uns nun dazu noch die Örtlichkeiten des Aufenthaltes der persönlichen Teufel etwas näher bezeichnen, auf daß wir dieselben meiden können; denn so sich ein Mensch oder auch eine ganze Gesellschaft in einer solchen Örtlichkeit unwissend befände, so könnte ihr das am Ende sehr übel zustatten kommen. Darum wolle Du auch in dieser Hinsicht die Gnade haben, uns das ein wenig näher zu beleuchten!“
GEJ|8|36|3|0|Sagte Ich: „Du denkst noch sehr materiell! Was liegt denn an irgendeiner gewissen Örtlichkeit, in der sich irgend geistige Teufelspersönlichkeiten besonders aufhalten könnten?
GEJ|8|36|4|0|Wenn deine Seele aus Mir nur rein und stark ist, so kann sie sich in der ärgsten Teufel Vereine befinden, so werden sie ihr nicht im geringsten einen Schaden zufügen können. Denn eine reine und aus Mir starke Seele befindet sich mitten unter zahllosen Legionen von persönlichen Teufeln dennoch vollkommen im Reiche der Himmel, die da nicht irgend sind wie ein äußeres Schaugepränge, sondern inwendig im Herzen der vollkommenen Seele; denn also wird die Seele zu einer Mir ähnlichen Schöpferin ihres seligsten Wohnreiches, in das ewig kein persönlicher Teufel wird zu dringen vermögen.
GEJ|8|36|5|0|Und so kann einer reinen und aus Mir starken Seele auch schon auf dieser Erde die örtliche, etwa mindere oder größere Wohnlichkeit der persönlichen Teufel wohl eine ganz gleichgültige sein; denn die reine und aus Mir starke Seele trägt allerorts ihren Himmel ebenso in und mit sich wie der persönliche Teufel seine Hölle oder sein Gericht.
GEJ|8|36|6|0|Aber da wir nun schon davon reden, so will Ich euch gleichwohl auch die besonders wohnlichen (bewohnten) Örtlichkeiten der persönlichen Teufel etwas näher bezeichnen, und so höret denn:
GEJ|8|36|7|0|Seht unter den Menschen jene öffentlichen Häuser und Gebäude an, in denen viel betrüglicher Handel und Wandel getrieben wird, wie zum Beispiel nun im Tempel und in vielen andern Kauf- und Verkaufhäusern! Das sind denn auch besondere Wohnörtlichkeiten für die vielen persönlichen Teufel. Also sind auch jene Häuser, in denen allerlei Unzucht, Hurerei und Ehebruch getrieben wird, ebenfalls besondere Ortswohnlichkeiten für die persönlichen Teufel. Ebenso auch sind jene Berge und Höhlen, in denen die Menschen mit großer Hast und Gier dem Golde, Silber und andern Erdschätzen nachgraben, von den persönlichen Teufeln sehr stark und mächtig bewohnte Örtlichkeiten; desgleichen Wälder und Höhlen, in denen sich Diebe, Räuber und Mörder aufhalten; also auch die Kriegslager und -felder, die Wege der kaufmännischen Karawanen und die Flüsse, Seen und Meere, auf denen ein starker Gewinnhandel betrieben wird.
GEJ|8|36|8|0|Und weiter sind die Länder und Gründe, Wiesen, Äcker, Weinberge und Wälder der harten Heiden und auch der jüdischen geizigen und hartherzigen Reichen besonders beliebte Wohnorte für die persönlichen Teufel, imgleichen auch die Luft über und in den bezeichneten Wohnörtlichkeiten und das Feuer, die Wolken und der Regen, und auch alle Götzentempel und falschen Orakel.
GEJ|8|36|9|0|Ferner halten sich die persönlichen Teufel gar sehr zahlreich dort auf, wo ihr eine große irdische Pracht und den mit ihr noch verbundenen starken Hochmut erschauet.
GEJ|8|36|10|0|An Orten aber, die von Menschen nicht bewohnt werden und auch von ihren Sünden nicht verunreinigt worden sind, halten sich auch die persönlichen Teufel nicht auf, außer es bereisete sie eine weltgewinnsüchtige Menschenkarawane; dieser zuliebe würden sich dann dort auch die persönlichen Teufel bald wohnlich einfinden.
GEJ|8|36|11|0|Nun hast du, Freund, auch das angezeigt erhalten, was du von Mir noch hattest erfahren und für dich wissen wollen.
GEJ|8|36|12|0|Warum aber die persönlichen Teufel gerade die angezeigten Wohnörtlichkeiten lieben, das liegt für den, der das Frühere nur einigermaßen aufgefaßt hat, von selbst klar auf der Hand und bedarf darum keiner weiteren Erklärung.“
GEJ|8|37|1|1|37. — Einblicke in die Gründe der Urschöpfung
GEJ|8|37|1|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Aber wie werden die Teufel dessen inne? Können sie diese Erde und auch uns Menschen samt unserem Handeln sehen?“
GEJ|8|37|2|0|Sagte Ich: „O ja, aber nur das, was da ist ihresgleichen. Ich sage es dir: Auch da versammeln sich schnell die bösen Geier, wo sich ein ihnen wohlschmeckendes Aas befindet.
GEJ|8|37|3|0|Ich allein weiß es von Ewigkeit her, was dazu erforderlich ist, um einen Gedanken aus Mir zu einem freien Wesen, und das in der vollsten göttlichen Selbständigkeit, darzustellen; daher weiß Ich auch nur ganz allein, was dazu gehört, um dieses allerhöchste Werk vollkommen zu realisieren. Ob nun Tod, Gericht, Mensch oder Engel, das ist vor Meinen Augen bis zur Realisierung des Hauptzweckes Meiner Liebe und Weisheit ganz ein und dasselbe. Denn, wisse du, der Ewige hat immer Zeit genug dazu. David sagte zwar, daß tausend Jahre vor Gott kaum ein Tag seien, Ich aber sage dir, du nun Mein schriftgelehrter Freund: tausendmal tausend Jahre sind vor Mir kaum ein allerflüchtigster Augenblick!
GEJ|8|37|4|0|Siehe, du bist nun da, und zahllose myriadenmal Myriaden Schöpfungen, wie nun diese es ist, liegen schon vollendet hinter uns, der natürlichen Zeitenfolge nach! Welche Beschwerde kannst du darum gegen Mich anbringen, daß Ich dich nun erst in dieser jüngsten Zeit habe ins Dasein treten lassen? Und welche Beschwerde werden dann erst die gegen Mich anstrengen können, die Ich erst nach vergangenen äonenmal Äonen langen Zeit- und Ewigkeitsfolgen ins Dasein rufen werde?
GEJ|8|37|5|0|Ich bin ja doch der Herr Meiner ewigen Gedanken und Ideen und kann sie ins selbstbewußte freie Dasein rufen, wann Ich will! Denn Ich stehe ewig unter keinem Gesetz, weil Ich Selbst das Gesetz von Urewigkeit her bin, und Ich kann darum in der göttlich moralischen Angelegenheit auch ein Gesetz, was nur von Mir ausgehen kann und in Meinem Wollen liegt, ergehen lassen, wie und wann Ich aus Meiner Liebe und Meiner Weisheit heraus es will!
GEJ|8|37|6|0|Wer außer Mir kann das voraussehen, und wer Mich dazu nötigen und bestimmen, als nur Ich Mich Selbst aus Meiner ewigen Ordnung heraus?
GEJ|8|37|7|0|Mein ewig freiester Wille ist das Gesetz über Meine Gedanken und Ideen, die zwar von Ewigkeit in Mir ihr nur für Mich beschauliches Dasein haben; wenn es Mir aber nach Meiner Liebe wohlgefällig ist, sie in ein festes und selbständiges Dasein treten zu lassen, so bestimmt Meine Weisheit Meinen Willen zum Gesetz über Meine Gedanken und Ideen, und sie werden zu Realitäten wie außerhalb Meines Seins, und sie müssen dann also fortbestehen als äußere selbständige Realitäten, solange Meine Liebe und Weisheit Meinen Willen als das Gesetz aller Gesetze über sie gutachtlich und zweckdienlich waltend erhält.
GEJ|8|37|8|0|Und siehe, also ist der Fortbestand auch der persönlichen Teufel ein Gesetz, das in sie gelegt ist nebst dem noch immer eigenen freien Willen! Solange sie selbst Mich nicht als Den anerkennen wollen, der Ich von Ewigkeit her war, noch bin und ewig sein werde, so lange auch wird Mein Mußgesetz nicht von ihnen weichen; denn zöge Ich Mein Mußgesetz hinweg, so hätte ihr Dasein für sich als ein selbständiges ein Ende.
GEJ|8|37|9|0|Ob sich aus seinem freien Willen ein schon für sich bestehendes Wesen jetzt oder etwa erst gar nach einer für dich undenklich langen Zeit bessert und ins Reich der Wahrheit übergeht, das kann Mir wohl nur ein und das selbe sein, und Ich werde darum Meine ewige Ordnung nicht um ein Haar ändern; wer es aber in sich anders haben will, der kann das auch, denn es sind ihm alle Mittel dazu gegeben.
GEJ|8|37|10|0|Da Ich euch nun aber auch die Wohnörtlichkeiten der argen und bösen Seelen, die die eigentlichen persönlichen Teufel sind, angezeigt habe, so meidet, wenn ihr euch noch irgend schwach fühlet, dieselben; denn an solchen Orten droht dem Schwachen noch immer Gefahr! Wer sich aber als ein noch Schwacher in eine Gefahr begibt, der kommt auch leicht in der Gefahr um, oder er kommt zum wenigsten nicht leicht ganz ohne Schaden davon.
GEJ|8|37|11|0|Lasset euch denn auch nicht gelüsten nach all dem unlauteren und unreifen Zeug dieser Welt, dieweil ihr als nun schon auf der letzten Stufe der inneren Lebensvollendung stehende Menschen das alles hinter euch habt! Trachtet nur stets nach vorwärts und nicht mehr nach dem unreifen Rückwärts, so werdet ihr leicht und bald am wahren Lebensziel stehen, und es wird euch dann nicht mehr gelüsten, auch nur Blicke nach dem unreifen Rückwärts zu machen! – Habt ihr alle das nun auch verstanden?“
GEJ|8|37|12|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, auch das ist uns nun klargeworden, und wir wissen nun, wie wir auch in dieser Beziehung daran sind; aber es gibt unter den Menschen doch so manche Erscheinungen, mit denen man doch noch nicht so recht im klaren ist. So zum Beispiel kenne ich selbst im Judenlande mehrere alte Burgen und von den Menschen vielleicht schon einige Jahrhunderte nicht mehr bewohnte alte Häuser. In denen spukt es oft so entsetzlich, daß sich kein sonst noch so beherzter Mensch ihnen nur von weitem zu nahen getraut, und wehe dem, der etwa wie zufällig oder auch des leidigen Sachverhaltes unkundig, solchen Orten in die Nähe kommt! Denn ein solcher Mensch wird sehr übel bedient, und noch um vieles übler der, welcher gar mutwilligerweise sich an einen solchen Ort hinbegeben möchte. Nun, solche eben nicht selten vorkommenden Orte sind schon gar viele Jahre lang weder von einem noch dem andern groben Sünder betreten worden, und man darf sie dennoch nicht betreten. Was ist hernach das?“
GEJ|8|37|13|0|Sagte Ich: „O Mein Freund, da steckt nicht immer das dahinter, was du meinst, sondern zumeist etwas ganz anderes. Laß du solche berüchtigten Burgen und alten Meierhöfe nur von einer mutigen Kriegerschar umringen, und Ich stehe dir dafür, daß sich bei solch einer Gelegenheit deine sonst so gefährlichen Erscheinungen derart zurückziehen werden, daß kein Krieger von ihrem allfälligen Dasein auch nur das Allergeringste merken wird!
GEJ|8|37|14|0|Es gibt wohl hie und da schon auch solche Örtlichkeiten, in denen sich Seelen von schon lange verstorbenen Menschen aufhalten und sich dann und wann den vorüberziehenden Menschen auf eine oder die andere Art bemerkbar machen. Das sind Seelen, die bei ihren Leibeslebzeiten zu mächtig in ihren irdischen Besitz verliebt waren und, um ihn zu vermehren, auch so manche große Ungerechtigkeit begangen haben. Solche auch höchst materiell gewordenen Seelen halten sich dann auch nach dem Abfalle des Leibes in jenen Örtlichkeiten auf, die ihnen bei ihren Leibeslebzeiten über alles lieb und teuer waren, und das oft so lange, bis von ihrem meist so teuren Besitz jede Daseinsspur verweht worden ist. Dann erst fangen sie an, jenseits mehr und mehr darum in sich zu gehen, weil sie in sich selbst zu gewahren anfangen, daß aller irdische und zeitliche Besitz ein eitler und leerer Wahn ist und war.
GEJ|8|37|15|0|Doch solche Seelen können nie in eine gar zu fühlbare Bosheit ausarten, und ihr höchst beschränktes und machtloses Dasein kann keinem Menschen auch nur einen moralischen Schaden zufügen, im Gegenteil wirkt ihr Sich-dann-und- wann-Kundgeben oft ganz gut auf den Unglauben so manches Weltmenschen ein, der dann gläubig wird und sein Weltleben ändert, weil er nach dem Tode des Leibes ein Fortbestehen der Menschenseelen erfährt, das ihm eben nicht von einer guten und seligen Art zu sein scheint.“
GEJ|8|38|1|1|38. — Vom Gebet für die Verstorbenen
GEJ|8|38|1|0|(Der Herr:) „Also derlei Geister eben auch nicht guter und reiner Art können einem Menschen nicht gefährlich werden, und es ist gut, für solche Seelen zu beten. Denn das Gebet einer mit wahrer Liebe und Erbarmung erfüllten Seele im vollen Liebevertrauen auf Mich hat eine gute Wirkung auf solche wahrlich armen Seelen im Jenseits, denn es bildet um sie einen gewissen Lebensätherstoff, in dem sie wie in einem Spiegel ihre Mängel und Gebrechen erkennen, sich bessern und dadurch leichter zum Lebenslichte emporkommen.
GEJ|8|38|2|0|Und Ich Selbst biete euch diese Gelegenheit, damit ihr auch euren abgeschiedenen Brüdern und Schwestern wahrhaft nützlich werden könnet.
GEJ|8|38|3|0|Aber wie sollet ihr für sie denn beten?
GEJ|8|38|4|0|Das geht ganz leicht! Ihr sollet bei euren Gebeten nicht etwa der Meinung sein, als möchtet ihr Mich dadurch zu einer größeren Erbarmung bewegen, da Ich wahrlich Selbst endlos barmherziger bin denn alle besten und liebevollsten Menschen der ganzen Welt zusammengenommen, sondern traget ihnen gläubig und aus dem wahren Liebegrunde eures Herzens, eben im Herzen, das Evangelium vor, und sie werden es vernehmen und sich auch danach richten! Und auf diese Weise werdet ihr auch den wahrhaft Armen im Geiste das Evangelium predigen, das ihnen von großem Nutzen sein wird.
GEJ|8|38|5|0|Alles andere Beten und Plärren aber nutzt keiner abgeschiedenen Seele auch nur im geringsten, sondern schadet ihr vielmehr, weil sie sich, so sie derlei inne wird, nur ärgert, weil dergleichen Gebete für die Seelen der Verstorbenen, wie das bei den Pharisäern vor allem sogar gesetzlich gang und gäbe ist, mit großen Opfern bezahlt werden müssen.
GEJ|8|38|6|0|Die Art und Weise, wie Ich euch nun gezeigt habe, für die Verstorbenen zu beten und für ihre geistige Armut zu sorgen, ist sicher ein fruchtbarer Segen für sie; dagegen ist ein hochbezahltes Gebet der Pharisäer ihnen ein Fluch, den sie sehr fliehen und tiefst verachten.
GEJ|8|38|7|0|Dieses möget ihr euch auch als einen guten Rat, euch von Mir gegeben, wohl merken und ihn auch sehr wohl beachten; denn dadurch werdet ihr euch wahre, große, mächtige und sehr dankbare Freunde im großen Jenseits schaffen, die euch, so ihr in irgendeine Not gerietet, nicht verlassen werden weder dies- noch jenseits! Solche Freunde werden dann eure wahren Schutzgeister sein und sich allzeit um das Wohl ihrer Wohltäter kümmern.
GEJ|8|38|8|0|Aber ihr könnet euch diese nur erwerben, wenn ihr für sie auf die euch von Mir angezeigte Weise bekümmert und besorgt seid. Ihr brauchet da aber eben nicht auf alte Burgen und Meierhöfe zu warten, sondern das könnet ihr allzeit tun so vielen abgeschiedenen Seelen, als ihr euch solche nur immer vorstellen möget; denn euer Glaube, eure wahre Liebe und Erbarmung und die Wahrheit aus Mir reichen noch endlos weit über die großen Sphären des euch gezeigten großen Weltenmenschen hinaus. Denn ihr seid nicht Meine Geschöpfe nur, sondern ihr seid Mir, eurem Vater, gleich endlos mehr, und der Große Schöpfungsmensch ist nicht einmal ein fühlbarer Daseinspunkt im kleinsten Lebensnerv eures kleinen Fußzehens, – freilich alles das nur geistig oder vom Standpunkte der tiefsten Wahrheit aus betrachtet.
GEJ|8|38|9|0|Wahrlich sage Ich euch: Euch ist ein endlos großer Wirkungskreis zugemittelt (zugedacht), dessen Größe ihr selbst aber erst dann vollendeter erschauen werdet, wenn ihr dereinst in Meinem ewigen Reiche in einem Vaterhause mit Mir wohnen und wirken werdet! Denn jetzt ist euch das alles nur noch so ein wunderlicher Traum, wie das auch oft bei guten Kindern frommer Eltern der Fall ist; aber was Ich euch hier sage, ist tiefe und göttliche Wahrheit.
GEJ|8|38|10|0|Wie Mir Selbst alle Macht und Gewalt im Himmel und auf dieser winzigen Erde eigen ist, ebenso soll sie auch euch allen, die ihr an Mich glaubet und Mich über alles liebet, vollends eigen werden; denn die Kinder eines Vaters dürfen nicht minder vollkommen sein, als wie endlos vollkommen da ist ihr Vater.
GEJ|8|38|11|0|Bei den Menschen auf dieser Erde sieht das zumeist wohl anders aus, besonders wo der Vater seine irdischen Kinder zu sehr verhätschelt; aber das ist bei Mir wahrlich nicht und niemals der Fall, denn Ich weiß es von Ewigkeit her, was da Meinen Kindern not tut.
GEJ|8|38|12|0|Nun, Ich habe euch jetzt so einen kleinen Vorgeschmack gegeben, damit ihr daraus entnehmen sollet, wer Ich bin, und wer ihr seid und eigentlich noch viel mehr werden sollet. Darum tuet überall und allzeit nach Meinem Worte, und ihr werdet das auch mit einer Leichtigkeit erreichen, was ihr nach Meinen Vaterworten zu erreichen habt; denn einen sichereren und mächtigeren Bürgen, als Ich Selbst es bin, hat die ganze Ewigkeit und Unendlichkeit nicht. Aber, wie gesagt, merket euch das ja wohl im tiefsten Grunde eures Lebens, ansonst Ich umsonst solches zu euch geredet hätte!
GEJ|8|38|13|0|Suchet für eure Mir dargebrachten kleinen Opfer nicht Entschädigungen in dieser Welt – denn wahrlich, da wäret ihr Meine Kinder nicht, sondern Kinder dieser Welt und Erde, die da ist ein schlechter Fußschemel Meiner Liebe und Meines Ernstes –, sondern tut alles, was ihr tut, aus wahrer, lebendigster Liebe zu Mir, eurem Vater, und Ich werde dann schon etwa auch wissen, womit Ich Meinen lieben Kindern eine wahre Gegenfreude werde zu machen haben!
GEJ|8|38|14|0|Wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Keines Menschen Auge hat es je geschaut, keines Menschen Ohr gehört und keines Menschen Sinn je gefühlt, was Ich für jene Meiner Kinder in der Bereitschaft halte, die Mich als ihren Vater wahrhaft mit einfältigem Herzen lieben!
GEJ|8|38|15|0|Aber das sage Ich euch allen auch: Neben der Welt her lasse Ich Mich durchaus nicht schleppen! Denn entweder alles her oder auch alles hin; aber die gewisse Halbheit ist ein Ding der finsteren Heiden und trägt ihnen denn auch schlechte Früchte.
GEJ|8|38|16|0|Was kann es denn einem Menschen nützen, so er besäße alle Schätze der Welt, aber dabei großen Schaden litte an seiner Seele? Darum kümmert euch allzeit nur um Schätze, die die Motten nicht verzehren und der Rost nicht zerfressen kann, so werdet ihr auch allzeit bestens daran sein!
GEJ|8|38|17|0|Also, diesen Rat merket euch auch wieder und befolget ihn, so werdet ihr ein gutes Sein auch schon auf dieser Erde haben und die andern Menschen, die an euch glauben werden, mit euch; alles andere aber soll schmachten, damit sein Fleisch nicht zu hochmütig werde! Denn nur Ich ganz allein bin der Herr und tue nach Meiner ewigen Weisheit allzeit, was Ich will! Die Welt möge da Zeter schreien, wie stark und mächtig sie das nur immer will und mag, und das bald über dieses und jenes, und Ich werde niemals horchen auf ihr eitles Geplärr!
GEJ|8|38|18|0|Aber was Mir Meine wahren Kinder und Freunde vortragen werden, auf das werde Ich auch horchen und dem Übel leicht und bald abhelfen; doch alles, was Welt heißt und ist, soll von nun an ums hundertfache mehr gezüchtigt werden, als es je vom Anfange der Welt her der Fall war! Das ist auch Mein Wort, und die Zeiten werden es die Menschen lehren, daß Ich nun diese Worte nicht vergeblich ausgesprochen habe.
GEJ|8|38|19|0|Wehe allen Weltsüchtigen und Meinem Willen Widerspenstigen! Denn diese Erde ist eine Wiege für Meine Kinder, und diese werden nicht tüchtig ohne die Zuchtrute; und helfen da sanftere Mahnstreiche nichts, so werden dann schon schärfere und sehr ernste in die volle Anwendung gebracht werden, was da Meine Sorge sein wird. Doch nun haben wir noch den einen Teil deiner Frage zu berichtigen!“
GEJ|8|39|1|1|39. — Über Geisterspukruinen
GEJ|8|39|1|0|(Der Herr:) „Du, Mein schriftgelehrter Freund, hast Mir in deiner Frage von gar entsetzlich polternden Geistern in alten Burgen und Meierhöfen Erwähnung getan, und Ich sage es dir, daß sich die Sache auch – besonders in diesen Zeiten – also verhält; aber Ich kann dir da auch die vollste Versicherung geben, daß dies durchaus keine gefährlichen Geister, wohl aber oft recht sehr gefährliche und grundschlechte Menschen sind, die im Vereine mit heidnischen Magiern, auch jüdischen Expriestern und abgedankten oder so durchgegangenen Essäern ihr arges Spiel treiben. Diese Menschen haben allerlei böses Gesindel im guten Solde und sammeln sich durch Raub, Mord und allerlei andere echt teuflische Trugkünste große Schätze, und die alten Burgen mit ihren unterirdischen Gängen dienen ihnen zu den für ihr Handwerk bequemsten Werkstätten.
GEJ|8|39|2|0|Will ein harmloser Mensch sich diesen wahren Höllennestern nahen, so wird er, damit der Betrug nicht ans Tageslicht kommt, ja nicht in die Nähe gelassen, aber durch ihre bösen Künste so in Angst versetzt, daß er dann selbst der beste Beschützer und Verteidiger eines solchen Höllennestes bleiben muß; denn er erzählt das tausend andern Menschen von Mund zu Mund, und alle halten das für etwas erschrecklich Übernatürliches, und keiner von Tausenden wagt sich dann je mehr auch nur in einige Nähe eines solchen wahren Höllennestes. Aber, wie Ich das schon gleich einleitend in dieser deiner Frage bemerkt habe, lassen wir nur ein wohlgerüstetes römisches Kriegsheer sich solch einer verrufenen Spukgeisterburg nahen, und die Geister werden sich nicht rühren, sondern durch ihre geheimen, unterirdischen Gänge schleunigst die Flucht ergreifen.
GEJ|8|39|3|0|Ich sage es dir: In solchen von dir angeführten Burgen und Meierhöfen halten sich wenige der eigentlichen verteufelten Menschenseelen auf, die ihre Leiber schon lange abgelegt haben, aber dafür oft eine desto größere Menge solcher, die noch im Fleische ihren überteuflisch schlechten Lebenswandel führen und gewöhnlich um vieles ärger sind als die jenseitigen absoluten Teufel! Ich meine, daß dir aus dieser Meiner Darstellung nun diese Sache auch sehr anschaulich klar sein dürfte! Oder hast du noch irgendeinen Zweifel, so lasse ihn uns hören!“
GEJ|8|39|4|0|Hierauf trat der Römer Agrikola wieder auf und sagte: „Ah, so geht es in solchen Nestern zu? Gut, daß ich nun auch dieses aus dem Munde des allerwahrhaftigsten Zeugen erfahren habe! Diese Art Spukgeister werde ich schon auszutreiben verstehen! Auch bei uns in Europa kenne ich eine Menge solcher berüchtigten Nester, und es wird solchen Geistern mit Fleisch und Blut bald das Handwerk gelegt werden!“
GEJ|8|39|5|0|Sage Ich: „Es wird dir dabei aber um ein bedeutendes schwerer ergehen, als das hier in den Judenlanden der Fall wäre; denn bei euch steht eure effektive Heidenpriesterschaft besonders interessiert mit im argen Spiel. Solange dort Meine euch nun gegebene Lehre nicht einmal einen bedeutenden Vorsprung genommen haben wird, wird sich mit den europäischen Spuknestern mit irgendeiner Gewalt nicht viel anfangen lassen. Aber das beste Mittel gegen solch einen großbetrügerischen Unfug ist die Aufklärung des besseren Volksteiles; denn weiß dieser einmal so recht verläßlich, wie sich der vollen Wahrheit nach diese Sachen verhalten, so erfährt es von ihm auch bald der Pöbel, und der ist dann ehest der Hauptaustreiber solcher bösen Geister mit Fleisch und Blut.
GEJ|8|39|6|0|Wer die Vögel fangen will, muß nicht gleich mit Prügeln in den Stauden herumzuschlagen anfangen, sondern er muß zuvor die Garne legen und dann erst mit dem Werfen der Prügel nach den Stauden anfangen, und die Vögel werden sich dann haufenweise selbst in den Garnen fangen.
GEJ|8|39|7|0|Wo gewisse Weltregierungsmaximen zu eng mit dem betrügerischsten Priestertum verbunden sind, da läßt sich mit offener Gewalt vorderhand eben nicht viel ausrichten; aber nachderhand wird sie schon recht wohl zu gebrauchen sein.
GEJ|8|39|8|0|Doch hier im Judenlande, und namentlich in Galiläa, habe Ich Selbst schon ein paar solcher Trugstätten zerstört, wovon dir Cyrenius etwas wird erzählen können. Es bestehen aber noch welche, und mit denen werde Ich auch noch bald fertig werden, so wie Ich auch mit den bösen Götzentempeln in Samosata am Euphrat fertig geworden bin.
GEJ|8|39|9|0|Aber bei euch im noch tief heidnischen Europa läßt sich jetzt eben nichts anderes gegen solche Spukwerke unternehmen als nur das, was Ich dir früher angezeigt habe.
GEJ|8|39|10|0|Es wird Europa einst im Glauben Asien bei weitem übertreffen; aber für jetzt ist es im allgemeinen noch sehr roh und unreif, weil es noch zu tief im allerfinstersten Heidentum steckt und dasselbe auch nach vielen Hunderten von Jahren nicht völlig wird fahren lassen können. Aber es werden dort auch viele in Meinem Namen in der vollsten Wahrheit stehen, aber von den Heiden auch gleichfort mehr oder weniger verfolgt werden. Aber Ich werde dann einmal ein größtes Gericht über alle wie immer gearteten Heiden ergehen lassen, und das wird dann allen Heiden den vollkommenen Rest geben. – Aber nun lassen wir noch den Schriftgelehrten reden.
GEJ|8|39|11|0|Sage nun du, Mein schriftgelehrter Freund, was du noch irgend nicht verstehst! Denn als ein wahrer Schriftgelehrter mußt du auch die Schrift vollends verstehen, und so gebe Ich nun dir und den andern Gelegenheit, euch über alles, was euch noch unklar ist, bei Mir sicher das rechte Licht zu verschaffen.“
GEJ|8|39|12|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, ich bin nun schon über alles, was mir am wichtigsten schien, vollends aufgehellt worden durch Deine Güte und Gnade; aber da Du Selbst ehedem von einem allergrößten Gericht über alle Heiden Erwähnung gemacht hast, so könntest Du uns ja auch die Zeit näher bestimmen, wann das alles eintreffen wird.
GEJ|8|39|13|0|Es haben davon wohl auch Daniel und Jesajas in dunklen Bildern geredet, und Du Selbst hast zwei volle dahin deutende Kapitel des Jesajas erklärt, wie auch den sicheren Untergang Jerusalems; aber von einer bestimmten Zeit hast Du darin nichts Besonderes angedeutet. Da wir nun aber von Dir schon so vieles erfahren haben, so könntest Du darüber, und namentlich über das letzte Gericht über die Heiden allerorten, auch etwas Bestimmtes kundtun, wie auch, wie solches Gericht geartet sein wird, und welche Zeichen ihm vorangehen werden. Denn ohne gewisse Mahnzeichen läßt Du niemals ein Gericht über die Menschen ergehen.“
GEJ|8|39|14|0|Sagte Ich: „Mein lieber schriftgelehrter Freund! Du hast wahrlich eine ganz gute Frage nun gestellt, und Ich werde sie euch allen auch beantworten; aber ihr müßt euch das Heidentum in jener Zeit, deren Ich Erwähnung tat, nicht also vorstellen, wie da nun beschaffen ist das Heidentum in der Jetztzeit. Es werden die Götzentempel der Jetztzeit wohl schon lange zerstört sein; aber an ihre Stelle werden vom Widerchristen eine Unzahl anderer, und das sogar unter Meinem Namen, erbaut werden, und ihre Priester werden sich als Meine Stellvertreter auf Erden überhoch ehren lassen und werden alle Weltschätze an sich zu ziehen am allermeisten bemüht sein. Sie werden sich mästen; aber das Volk wird in großer Not sein geistig und leiblich.
GEJ|8|39|15|0|Seht, wenn jenes Heidentum wird überhandgenommen haben, dann wird auch ehest das große Gericht über die neue Hure Babels ausgegossen werden! Ein Näheres werde Ich euch später sagen, jetzt aber lasset uns zuvor etwas Wein zu uns nehmen!“
GEJ|8|40|1|1|40. — Brot und Wein in geistiger Entsprechung. Von den Zeremonien
GEJ|8|40|1|0|Lazarus ließ sogleich einen frischen Wein bringen und sagte: „Das Große und Allererhabenste, was wir nun aus Deinem Gottesmunde vernommen haben, muß auch mit einem frischen Weine bekräftigt und in unseren Herzen besiegelt werden!“
GEJ|8|40|2|0|Sagte Ich: „Da hast du, Freund und Bruder Lazarus, recht! Alles Gute und Wahre findet im Brot und Wein seine volle Entsprechung. Darum werdet ihr nach Mir zu Meinem Gedächtnis auch beim mäßigen Genusse des Brotes und des Weines stets versichert sein können, daß Ich im Geiste, so wie nun im Leibe, bis ans Ende aller Zeiten dieser Erde Mich unter euch, Meinen Kindern, Brüdern und Freunden, persönlich befinden werde. Werdet ihr Mich mit euren Fleischesaugen auch gerade nicht allzeit erschauen, so wird es euch aber dennoch euer Herz sagen: ,Freuet euch; denn euer Herr, Gott und Vater ist unter euch und segnet für euch das Brot und den Wein! Seid denn fröhlich und heiter in Seinem Namen, und gedenket dabei der armen Brüder und Schwestern und besonders der Armen im Geiste!‘
GEJ|8|40|3|0|Wenn euch euer Herz eine solche Mahnung geben wird, da denket und glaubet allzeit, daß Ich Mich persönlich unter euch befinde, und um was Gutes und Wahres fürs Leben der Seele ihr Mich da bitten werdet, das werde Ich euch denn auch allzeit bereitwilligst und wohlverständlichst geben.
GEJ|8|40|4|0|Die Mich aber da mit großer Liebe ihrer Herzen begrüßen werden, die werden sich auch bald mit ihren Augen überzeugen, daß Ich wahrhaft persönlich Mich unter euch befinde. Was Ich aber hier euch sage und beteuere, das gilt auch ganz gleich allen euren wahren und getreuen Nachfolgern. – Aber nun gib den frischen Wein her; denn Ich bin durstig geworden!“
GEJ|8|40|5|0|Hierauf ward ganz frischer und bester Wein kredenzt. Ich trank, und auch alle andern tranken und lobten den Wein, der durch Meinen Willen sehr gewürzt und versüßt war.
GEJ|8|40|6|0|Als wir uns also gestärkt hatten, da sagte abermals der Schriftgelehrte, ob Ich nun schon willens wäre, ihm das zu beantworten, um was er Mich gefragt hatte.
GEJ|8|40|7|0|Ich aber sagte: „Freund, es gibt da noch andere Dinge, die nun nötiger sind, daß sie besprochen werden, als das Ende des Heidentums. Lassen wir erst den Morgen herankommen und die im andern Gemache ruhenden Pharisäer zuvor von hier abziehen, und Ich werde euch dann im Freien das Wie- und Wann-Ende des Welt- und Heidentums bildlich dartun.
GEJ|8|40|8|0|Nun aber wollen wir, wie schon bemerkt, von etwas anderem reden, das vorderhand wichtiger sein wird, als das traurig und höchst bedrängnisvoll aussehende Welt- und Heidentumsende. Was dünket euch, worüber wir nun zuerst reden könnten, und was zu wissen und zu glauben euch allen recht not tut?“
GEJ|8|40|9|0|Hier sagte einmal wieder Petrus: „Herr, ich hätte nun etwas; so auch ich nun reden dürfte – darum ich Dich bitte –, so wüßte ich an Dich eine Frage zu stellen!“
GEJ|8|40|10|0|Sagte Ich: „So rede! Denn nun hat ein jeder von euch das Recht zu reden und zu fragen.“
GEJ|8|40|11|0|Sagte nun Petrus: „Herr, Moses hat zur Reinigung der Sünder gewisse äußere Mittel verordnet, wie sie jedem Juden wohlbekannt sind. Sollen wir uns deren auch bedienen? Haben sie für den Menschen eine ihn heiligende Kraft, und sind sie zur Erlangung des ewigen Lebens der Seele unumgänglich notwendig?
GEJ|8|40|12|0|Sollen auch die Heiden sich beschneiden lassen, so sie Deine Lehre annehmen werden, oder genügt bei ihnen schon die Taufe allein? Und sollen auch die andern Läuterungsmittel nebst der Beschneidung bei den zu uns bekehrten Heiden stattfinden?“
GEJ|8|40|13|0|Sagte Ich: „Wer ein Jude ist und die Beschneidung hat, der soll sie auch gleichfort haben; aber die Beschneidung selbst für sich ist nichts und hat für niemand einen irgend geheimen und gewisserart seelenmagisch heiligenden Wert.
GEJ|8|40|14|0|Den Menschen heiligt nichts als der lebendige Glaube und seine tätige Liebe zu Gott und zum Nächsten.
GEJ|8|40|15|0|Wer aber gesündigt hat gegen Gott und gegen seinen Nächsten, der erkenne wahrhaft reuig seine Sünden, bitte Gott ernstlich um Vergebung, mache am Nächsten die ihm zugefügten Unbilden gut und sündige fürder nicht mehr, so ist er dann auch schon völlig gereinigt; denn dadurch, daß er die Übel gutgemacht hat und keine Sünde mehr begeht, werden ihm selbstverständlich auch die Sünden nachgelassen.
GEJ|8|40|16|0|Wer aber das nicht tut, der bleibt in den Sünden und in ihren argen Folgen auch dann ganz gleich fort, so für ihn auch zehntausend Böcke wären geschlachtet und in den Jordan geworfen worden. Dieses und auch alle andern äußeren Reinigungsmittel bessern und heiligen den Menschen nicht im geringsten, sondern allein sein wahres und aufrichtiges Handeln nach Meiner Lehre, und daß er glaubt an den einen, wahren Gott, und also auch an Mich im Herzen.
GEJ|8|40|17|0|Ich aber habe euch ja ohnehin gesagt, daß ihr jedermann, der lebendig und wahrhaft Meine Lehre und also auch Mich Selbst an- und aufgenommen hat, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen sollet; dazu aber genügt die Auflegung der Hände und als ein äußeres Zeichen der wahren, inneren Reinigung durch den Geist Gottes ein Waschen mit reinem Wasser. Und das genügt für Juden und Heiden völlig.
GEJ|8|40|18|0|Alles andere hat hinfort keinen Wert vor Mir, so wie da vor Mir auch keinen Wert hat ein äußeres und noch so langes Lippengebet. Wer da will und wünscht, daß sein Gebet bei Mir erhört werde, der bete im stillen Kämmerlein seines Herzens vollgläubig zu Mir, und Ich werde ihm geben, um was er gebeten hat.
GEJ|8|40|19|0|Ich sage euch abermals, wie Ich das schon oft gesagt habe: Suchet in allem allein nur die Wahrheit, diese wird euch völlig frei machen!
GEJ|8|40|20|0|Es ist ganz gut, daß der Mensch nach der Lehre Mosis rein halte auch seinen Leib. Durch Unreinigkeit kommen allerlei böse Krankheiten in das Fleisch und Blut und erzeugen Unlust und Traurigkeit in der noch schwachen Seele; aber was das Fleisch vom Schmutze reinigt, das reinigt die Seele nicht von ihren Sünden. Waschen sich doch die Juden vor und nach einem Mahle die Hände und oft auch die Füße, und wir tun das oft nicht, und doch sind wir reiner mit ungewaschenen Händen als die strengen Juden mit allzeit gewaschenen Händen und Füßen.
GEJ|8|40|21|0|Und nun kurz und gut: Kein äußeres Reinigungsmittel hat für den inneren Menschen irgendeine Heiligung, sondern allein der lebendige Wahrheitsglaube, seine Liebe und seine guten Werke. – Habt ihr das nun verstanden?“
GEJ|8|40|22|0|Sagte Petrus: „So denn wird es in der Folge auch nicht nötig sein, daß wir gleich den Tempelpriestern die Ehen einsegnen?“
GEJ|8|40|23|0|Sagte Ich: „An und für sich ganz und gar nicht; denn das Band der Ehe schließt genügend das gegenseitige Gelöbnis vor den Eltern oder sonstigen wahrhaftigen Zeugen. Aber so ihr in einer Gemeinde, die ihr irgend in Meinem Namen werdet gegründet haben, die Ehen einsehet und sie segnet in Meinem Namen, so wird ihnen das zum Nutzen und zur Bekräftigung ihres Bundes dienen. Es geschehe das nur von eurem guten Willen als ein Liebesdienst ausgehend.
GEJ|8|40|24|0|Ich gebe euch aber dieses nur als einen guten Rat und nicht etwa als ein Gesetz. Und also soll auch von euch um so weniger ein Gesetz daraus gemacht werden; denn welch eine arge Wirkung Mußgesetze auf die freiwollende Seele ausüben, habe Ich euch in dieser Nacht mehr denn zur Genüge gezeigt, wie auch deren notwendige Folgen, und so sei unter euch alles nur eine freie Handlung der wahren und reinen Liebe und nie eines gebieterischen Zwanges. Daran nur wird man erkennen Meine wahren Jünger, daß sie unter sich nur das freie Gesetz der Liebe üben und sich untereinander lieben, wie nun Ich euch liebe.
GEJ|8|40|25|0|Aber solch eine bezahlte Einsegnung der Ehe durch einen gebieterischen und überhochmutsvollen Priester in oder außer dem Tempel hat vor Mir nicht den allergeringsten Wert, sondern nur Mein vollstes Mißfallen. Was Mir aber mißfällt, das ist auch sicher wider Meine Ordnung und ist ein Übel und eine Sünde, die wahrlich keinem Menschen einen Segen bringt. So ihr aber das wohl begriffen habt, da handelt auch also, und ihr werdet dabei wohl tun!“
GEJ|8|40|26|0|Sagte hierauf Agrikola: „Herr und Meister, da werden auch wir Römer wohl tun, so wir unser Ehewesen also einrichten! – Und was sagst Du denn für oder gegen die Vielweiberei?“
GEJ|8|41|1|1|41. — Die Vielweiberei
GEJ|8|41|1|0|Sagte Ich: „Wer von euch Heiden in Meiner Lehre wandeln wird, der wird sich auch solchen Meinen Rat allzeit wohl gefallen lassen. Doch was da betrifft die Vielweiberei, so soll es bei Meinen Nachfolgern sein, wie es war im Anfange der Menschen auf dieser Erde, da Gott nur einen ersten Mann schuf und ihm auch nur ein Weib gab; denn wer schon einmal ein Weib geehelicht hat, dem er seine volle Liebe und unwandelbare Treue gelobt hatte, und er freit dann noch ein zweites und ein drittes Weib hinzu, und mancher noch mehrere, so begeht er dabei ja offenbar gegen das erste Weib einen Ehebruch, und da steht es aber im Gesetz: ,Du sollst nicht ehebrechen!‘
GEJ|8|41|2|0|Ich sage es euch, daß die Vielweiberei von großem Übel ist; denn sie zeihet (macht) die Seele ganz sinnlich durch die zu große Wollust des Fleisches und ist und bleibt eine böse Geilerei und Hurerei und offenbare Ehebrecherei.
GEJ|8|41|3|0|Alle mit diesen Gebrechen Behafteten werden ins Reich Gottes nicht eingehen, – wie könnten sie das auch? Ihre Seele ist ja zu sehr in ihres Leibes sinnliche Fleischmasse vergraben und kann nichts Geistiges mehr fassen und fühlen! Darum gelangen solche Wollüstlinge schwer oder auch nahe gar nicht ins Gottesreich. Denn worin das eigentliche Gottesreich besteht, das habe Ich euch allen schon überhinreichend erklärt.
GEJ|8|41|4|0|Aber so schädlich für die Seele des Menschen die Mehrweiberei auch ist, so gebe Ich euch dawider doch kein Gesetz, sondern überlasse alles dem freien Willen jedes Menschen, zeige euch die Wahrheit und gebe euch den guten Rat.
GEJ|8|41|5|0|Ebenso aber verhält es sich auch, so ein Mann sich Sklavinnen als Beischläferinnen oder Kebsweiber hält, denn auch mit ihnen bricht er gegen das ordentliche Weib die Ehe.
GEJ|8|41|6|0|Ein Mann aber, der mit gar keinem ordentlichen Weibe, sondern nur mit Beischläferinnen sein geiles Leben fortführt, ist ebenfalls so schlecht, und oft schlechter noch, als so mancher schwache Ehebrecher, denn er schadet nicht nur seiner Seele, sondern auch den Seelen seiner wollüstigen Beischläferinnen. Solche Menschen bereiten sich schon in dieser Welt ein böses und bitteres Los und ein noch schlechteres und bittereres im Jenseits, denn sie haben durch ihren Wandel beinahe allen Seelenätherlebensstoff vergeudet!
GEJ|8|41|7|0|Wer immer nach Meiner Lehre eine baldige und volle Wiedergeburt im Geiste seiner Seele wünscht, der führe ein möglichst keusches Leben und lasse sich nicht berücken und betören vom Fleische der Jungfrauen und Weiber; denn dieses zieht den Lebenssinn der Seele nach außen und verhindert dadurch gewaltigst die Wachwerdung des Geistes in der Seele, ohne die aber keine volle Wiedergeburt der Seele in ihrem Geiste denkbar möglich ist!
GEJ|8|41|8|0|Eine gute, mit Vernunft, Weisheit und Selbstverleugnung gepaarte Ehe verhindert die geistige Wiedergeburt nicht, aber die Geilheit und Wollust macht sie unmöglich. Darum fliehet sie ärger denn die Pestilenz!
GEJ|8|41|9|0|Wollüstlinge beiderlei Geschlechts, wenn sie auch nach einer Zeit völlig in sich gehen und durch eine große Selbstverleugnung ein völlig keusches Leben zu führen anfangen und durch solch eine rechte Buße auch die volle Vergebung ihrer Sünden erlangen, werden doch die volle geistige Wiedergeburt auf dieser Welt schwer oder auch gar nicht erlangen, sondern nur eine teilweise; denn es hat die Seele solcher Menschen zu tun genug, sich nur so weit von ihrem Fleische frei zu machen, daß sie des Geistes Mahnungen insoweit vernehmen kann, als sie zu ihrem Heile notwendig sind. Ein solcher Mensch kann zwar noch sehr gut und weise werden und viel Gutes wirken; aber zu der wundermächtigen Tatkraft wird er schwer in der Fülle gelangen. Das kann solch eine Seele erst im Jenseits erlangen.
GEJ|8|41|10|0|Es gleicht eine solche Seele einem Menschen, der viele Jahre lang siech und krank war und endlich durch ein wahres und rechtes Heilmittel gesund geworden ist. Ja, gesund ist nun so ein Mensch wohl und kann, wenn er hinfort ganz ordentlich lebt, auch noch ein gesundes und hohes Alter erreichen; aber die Kraft eines von der Wiege an völlig gesunden Menschen wird er kaum mehr erreichen, weil seine inneren Muskeln, Nerven und Fibern durch die lange Krankheit erstens an der gehörigen Ausbildung verhindert worden sind, und zweitens, was die Hauptsache ist, sie haben auch nicht in den verschiedenen Bewegungen und Anstrengungen geübt werden können.
GEJ|8|41|11|0|Wie aber ein solcher von der lange angedauert habenden Krankheit, ob Mangel an der inneren Ausbildung der Muskeln, Nerven und Fibern und ob Mangel an der Übung derselben, nicht leicht zur vollen Leibeskraft eines urgesunden Menschen gelangen kann, so geht es entsprechend einer lange krank gewesenen Seele; denn es fehlt ihr die ursprüngliche Ausbildung der wahren und reinen Liebe zu Gott, somit auch des Glaubens und des Willens. Fehlt ihr aber dies erste, so fehlt ihr dann sicher noch mehr die Übung der bezeichneten drei Stücke, und es bleibt die Mächtigkeit dieser drei Lebensstücke der Seele eines völlig gebesserten Wollüstlings stets zurück, obschon im Himmel über die volle Bekehrung eines Sünders mehr Freude waltet als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben. Denn soll eines Menschen Liebe, Glaube und Wille wahrhaft tatkräftig werden, so müssen sie schon von Jugend an gehörig ausgebildet und dann recht geübt werden.
GEJ|8|41|12|0|Aber wie Ich die Macht habe, jede noch so schwere und langdauernde Krankheit also vollkommen zu heilen, daß der von Mir geheilte Mensch auch also kräftig wird, als wäre er von der Geburt an nie krank gewesen, ebenso kann von nun an die Seele eines vollends bekehrten Sünders auch noch zu jener inneren Kraft gelangen wie die Seele eines Gerechten, der einer Buße nie bedurft hatte. Aber es kostet sie das viele sich selbst verleugnende Mühe.
GEJ|8|41|13|0|Wer da Kinder hat, der übe sie schon von früher Jugend an in den drei Stücken, und sie werden dann mit der Besiegung der Welt in sich ein leichtes haben!
GEJ|8|41|14|0|Seht, das alles gebe Ich euch nur als einen guten Rat und nicht als irgendein Gesetz; denn unter dem Mußgesetz kannst du Mensch nicht der freie Gründer deines Heiles werden! Wer sich aber solchen Meinen Rat selbst in seinem Willen als ein Mußgesetz auferlegt und danach handelt und lebt, der tut wohl daran. – Habt ihr alle das aber nun auch wohl verstanden?“
GEJ|8|42|1|1|42. — Die rechte Buße
GEJ|8|42|1|0|Sagten alle: „Ja, Du wahrlich allerweisester Herr und Meister, die wahre und vollkommene Buße ist und bleibt also das einzige und alleinige Seelenheilmittel (sacramentum), und alles andere ist nichts und hat keinen Lebenswert. Das sehen wir nun alles wohl und ganz rein ein. Aber was sagst Du, o Herr und Meister, zu den strengen Büßern in Sack und Asche? Sind bei der strengen Buße der Sack und die Asche notwendig?“
GEJ|8|42|2|0|Sagte Ich: „Das ist es ebensowenig, als es von eurer Seite nun auch nicht notwendig war, Mich darum zu fragen, da Ich euch doch ohnehin hinreichend klar gezeigt habe, worin die wahre und bei Mir allein Wert habende Buße eines Sünders besteht. Was sollen denn Sack und Asche dem Menschen für eine Heiligung seiner Seele bieten? Sack und Asche wurden bei den Alten nur als entsprechende Bilder aufgestellt, unter denen die rechte Buße zu verstehen war; denn der Sack bezeichnet die äußere Demut und die Asche die wahre innere der Seele. Aber das faule Tragen eines Sackes und das Bestreuen des Hauptes mit der Asche hat einem Menschen ebensowenig eine Heiligung gebracht wie das Fasten und Kasteien, – wie auch der Krieger, der sich vor dem Feinde in eine sichere Höhle aus Furcht und Angst verkriecht, statt mit ihm mutvoll in einen Kampf zu treten, wohl auch schwerlich mit einer Siegerkrone gekrönt wird.
GEJ|8|42|3|0|Darum fort mit Sack und Asche, fort mit dem Kasteien und Fasten, und fort mit der Opferung der Böcke und fort mit allen andern Tempelopfern wegen der Vergebung der Sünden; denn sie haben vor Mir nicht den allergeringsten Lebenswert! Aber dafür herbei mit einem festen und unbeugsamen Willen zur wahren inneren Lebensbesserung! Herbei mit der lebendigen Liebe zu Gott und zum Nächsten, und herbei mit dem vollen Glauben an Gott und Dessen Menschwerdung in Mir; denn nur das heiligt den Menschen und macht stark und voll-lebend die Seele in Meinem in ihr waltenden Geiste!
GEJ|8|42|4|0|Bei dem bleibet, und lehret es auch alle andern Völker, so werdet ihr Mir das angedrohte Gericht über alle Heiden in den späten Zeiten ersparen; aber ihr müßt vor den Menschen nicht zittern und beben, sondern in gutem und mutvollem Willen ihnen den vollen göttlichen Ernst der Wahrheit offen verkünden! Und werdet auch ihr nicht ganz imstande sein, alles Heidentum vollends siegreich zu bekämpfen in kurzer Zeit, so wird aber das die reine Wahrheit in den späten Zeiten doch gar wohl vermögen. Denn das große euch von Mir angekündigte Gericht über das Reich der Lüge wird eben in dem Siege der Wahrheit über sie bestehen, und das wird keine andere Wahrheit sein als eben diese, die Ich euch hier nun verkünde.
GEJ|8|42|5|0|In jenen Zeiten werde Ich wieder Männer und sogar Mägde erwecken, die den Menschen diese Wahrheit ebenso rein und klar überliefern werden aus Meinem Munde in ihren Herzen, wie Ich sie nun euch Selbst mit Meinem leiblichen Munde verkünde, und solche Wahrheit wird für alle blinden Heiden der mächtige und unerbittliche Richter sein.
GEJ|8|42|6|0|Also keinen Sack und keine Asche mehr, sondern in allem die volle Wahrheit und den festen Willen!
GEJ|8|42|7|0|Also, Meine Jünger und Freunde, habe Ich nun offen und in keinen Bildern zu euch geredet, und eben also verstehet und begreifet das auch ihr offen und durch die Tat; denn das Wissen allein nützt der Seele wenig oder nichts! Wer aber durch die Tat der Wahrheit ein rechtes Opfer bringt, der wird das ewige Leben ernten.
GEJ|8|42|8|0|Und nun saget Mir abermals, ob euch noch irgendeine finstere Dummheit drückt, und ob ihr diese Meine klaren Worte auch der vollen Wahrheit nach verstanden habt! Ich frage euch um das aber nicht, als wüßte Ich es nicht, wie und ob ihr alles das verstanden habt, sondern Ich frage euch nur darum, daß auch ihr euch lebendig selbst fragen sollet, wie sich die Wahrheit in euch selbst gestaltet; denn nur das gehört zu eurem eigenen Leben. Und so möget ihr nun abermals reden!“
GEJ|8|42|9|0|Sagten alle wie aus einem Munde: „O Herr und Meister, wir haben nun alles wohl begriffen, was Du uns erklärt hast, und sehen auch die volle Wahrheit des Gesagten und Erklärten ein! Wir werden darum auch das in der Tat ausführen, erstens für uns selbst, und werden es auch getreu den andern Menschen, die eines guten Willens sind, also beibringen. Aber es bedünket uns dennoch sehr, ob diese golden lichte Wahrheit von den vielen gar sehr blinden Menschen als das freudig angenommen wird, was sie in sich ist. Denn wer da sehend ist, der hat sicher auch stets eine große Freude am werdenden Tag; doch für den Stockblinden ist Nacht und Tag schier etwas ganz gleiches.
GEJ|8|42|10|0|Es gibt nun aber eine übergroße Menge im Geiste stockblinder Menschen, die sich nur in der alten mystischen Zeremonie glücklich fühlen und sich gegen Gott, den sie freilich noch nie erkannt haben, zu versündigen wähnen, wenn sie von den alten Gebräuchen irgend etwas vergeben müßten und somit ausziehen den alten Menschen wie ein altes, morsches Kleid und anziehen einen ganz neuen.
GEJ|8|42|11|0|Mit solchen Menschen wird sich schwer reden und handeln lassen, was da leicht vorauszusehen ist; denn wer nicht schon auf dem Wege vieler Erfahrungen zu einem helleren Denken gelangt ist, der wird diese noch so lichtvolle Wahrheit dennoch nicht als das ganz lebendig in sich aufnehmen, was sie ist, sondern aus seiner alten verrosteten Gewohnheit am Altmystischen kleben bleiben, die alten Sitten und Gebräuche als einen über alles hochzuverehrenden Gottesdienst ansehen und diese neuen, lichtvollsten Wahrheiten am Ende für Ketzereien betrachten und sie verachten und verfolgen. Und so wird es schwer werden, diese allerlichtesten Wahrheiten den gar vielen Blinden als auch für sie wirksam beizubringen.
GEJ|8|42|12|0|Also besteht bei den Juden eine alte Gewohnheit, derzufolge sie sich durch ein Bekenntnis einem Priester zu zeigen haben, auf daß er um ihre Sünden wie auch um ihre guten Werke wisse, sie gegeneinander abwäge und vergleiche, um danach zur Sühnung der Sünden die Bußwerke und die Reinigungsopfer zu bestimmen. Der Mensch nun, der sich so einem Priester gezeigt und darauf auch das getan und vollbracht hat, was ihm vom Priester auferlegt wurde, betrachtet sich darauf für vollkommen gereinigt und vor Gott gerechtfertigt; aber so man ihn näher betrachtet, so ist und bleibt er nach einer solchen Reinigung gleichfort ganz der gleiche ungebesserte Mensch und begeht bis zum nächsten Bekenntnisse nicht nur die alten Sünden wieder, sondern oft noch einige neue hinzu, und da zeigt es sich offenkundig, daß diese alte Reinigungssitte den Menschen nicht nur nicht besser, sondern oft nur noch schlechter macht, als er früher war.
GEJ|8|42|13|0|Aber man versuche gegen diesen alten Unfug aufzutreten und zu lehren, und man wird die Flucht ergreifen müssen, wenn man nicht gesteinigt werden will! – Was aber sagst Du, o Herr und Meister, dazu?“
GEJ|8|43|1|1|43. — Sündenvergebung
GEJ|8|43|1|0|Sagte Ich: „Darum sollet ihr eben nur die Wahrheit den Menschen predigen! Die sie annehmen werden, die werden frei und selig werden; die sie aber nicht annehmen werden, die werden denn auch verbleiben in ihren Sünden und in deren Gericht und geistigem Tode.
GEJ|8|43|2|0|Ich verpflichte euch ja nicht, diese Wahrheiten des Lebens allen Menschen in der kürzesten Zeit beizubringen, derart, daß sie auch schon völlig danach leben sollen. Vorderhand habe Ich ja nur euch gegeben, das Geheimnis des Gottesreiches zu verstehen, und nicht auch allen in dieser Zeit gar sehr arg blinden Menschen. Nachderhand aber werdet ihr schon auch Menschen in Menge finden, die sich euch mit allem Eifer anschließen und mit euch wirken werden zum Gedeihen der von Mir euch verkündeten Wahrheiten.
GEJ|8|43|3|0|Was aber da für sich betrifft die von euch berührten Sündenbekenntnisse vor den Priestern, so sind sie in der Art und Weise, wie sie nun bestehen, schlecht und somit völlig verwerflich, weil sie die Menschen nicht bessern, sondern sie nur in ihren Sünden bis an ihr Ende verharren machen; aber Ich bin auch wieder nicht dawider, so ein schwacher und seelenkranker Mensch im guten Willen einem stärkeren und seelengesunden Menschen seine Schwächen und Gebrechen treu bekennt, weil dann der gesunde und lichtstarke Mensch ihm aus wahrer Nächstenliebe leicht jene wahren Mittel an die Hand geben kann, durch die des schwachen Nächsten Seele erstarken und gesund werden kann. Denn auf diese Weise wird dann ein Mensch dem andern ein rechter Seelenheiland. Aber Ich mache daraus auch kein Gesetz, sondern gebe euch damit auch nur einen guten Rat; und was Ich tue, das tuet auch ihr, und lehret jedermann die Wahrheit!
GEJ|8|43|4|0|Das Bekenntnis allein aber reinigt einen Menschen ebensowenig von seinen Sünden, wie das einen leiblich Kranken schon gesund macht, so er einem Arzte seine Leiden, und wie er dazu gekommen ist, noch so treu bekennt, sondern er muß darauf auf den Rat des weisen und kenntnisreichen Arztes hören und ihn dann auch getreu befolgen und alles in der Folge meiden, was ihn zum Leiden gebracht hat.
GEJ|8|43|5|0|Also ist es auch gut, daß in einer Gemeinde ein jeder Bruder den andern kennt, sowohl in seinen starken wie schwachen Seiten, damit einer den andern der vollen Wahrheit nach seelisch und auch leiblich unterstützen kann und mag. Wer aber verschlossen sein und bleiben will in der Meinung, daß er durch sein Bekenntnis jemanden ärgern könnte, dem soll niemand seine Schwächen herausfordern!
GEJ|8|43|6|0|Wenn aber jemand von euch ein Weiser ist, und sein Geist offenbart ihm die Schwächen des schwachen und ängstlichen Bruders, so gebe ihm der Weise unter vier Augen einen guten Rat und helfe ihm mit Rat und Tat aus der geheimen Not, und sein Lohn wird nicht unterm Wege irgendwo steckenbleiben!
GEJ|8|43|7|0|Doch lasset jedem den freien Willen, und tut niemandem einen Zwang an; denn ihr wisset es nun, daß ein jeder moralische Zwang völlig wider Meine ewige Ordnung ist! Was Ich nicht tue, das tuet auch ihr nicht!
GEJ|8|43|8|0|Und so hätten wir nun auch die rechten Worte über das offene Bekenntnis der Schwächen und geheimen Sünden geredet; alles, was darüber oder darunter ist, das ist wider Meine Ordnung und ist vom Übel.
GEJ|8|43|9|0|Ihr sollet aber dem schwachen Bruder, der sich einem Stärkeren von euch traulich enthüllt hat, ja nicht mit einer richterlich drohenden Miene begegnen, sondern ihm stets mit aller Liebe und Freundlichkeit die Wahrheit offen kundtun und ihm auch die Mittel an die Hand geben, durch die er leicht und sicher geheilt werden kann, so wird er auch den Mut dazu nicht sinken lassen und wird ein dankbarer Jünger der freien Wahrheit werden; aber wenn ihr ihm mit allerlei Strafpredigten kommen werdet, so werdet ihr nicht nur nichts oder wenig ausrichten mit ihm, sondern ihr werdet ihn noch um vieles elender machen, als er je zuvor war.
GEJ|8|43|10|0|Es wird aber in den späteren Zeiten leider geschehen, daß die Sündenbekenntnisse vor den falschen Propheten in Meinem Namen noch mehr gang und gäbe werden, als sie je unter den Pharisäern und Erzjuden es waren, und das wird zum Fall und zum Gerichte der falschen Propheten unter Meinem Namen führen. Denn diese werden den Menschen gleich den Heiden sagen, daß sie allein das von Gott ihnen erteilte Recht haben, allen Sündern die Sünden nachzulassen oder auch vorzuenthalten; also werden sie auch gegen große Opfer ihre blinden Günstlinge für alle Himmel selig und heilig sprechen.
GEJ|8|43|11|0|Wenn das geschehen wird, dann wird bald jene Zeit herbeikommen, in der das große Gericht über das neue Heidentum ergehen wird. Darum seid denn vorsichtig mit den offenen Bekenntnissen, damit sie euch nicht zu bald in einem noch ärgeren Sinne nachahmen, als wie das nun bei den Pharisäern und Erzjuden der Fall ist!
GEJ|8|43|12|0|Ich habe es euch, besonders Meinen alten Jüngern, auch einmal gesagt, daß ihr denen, die an euch gesündigt haben, die Sünden vergeben könnet, und denen ihr sie vergeben werdet hier auf Erden, denen sollen und werden sie auch im Himmel vergeben sein; solltet ihr aber wegen sichtlicher Unverbesserung (Unverbesserlichkeit) guten Grund haben, ihnen die Sünden, die sie gegen euch begangen haben, vorzuenthalten, so werden sie ihnen auch im Himmel vorenthalten sein.
GEJ|8|43|13|0|Wir haben aber schon damals ausgemacht, daß ihr erst dann das Recht haben sollet, den Sündern ihre Sünden gegen euch vorzuenthalten, so ihr ihnen zuvor schon siebenmal siebenundsiebzig Male vergeben habt.
GEJ|8|43|14|0|So aber ihr als Meine nächsten Jünger erst auf die besagte Weise das Recht von Mir aus habt, nur den Sündern gegen euch die Sünden vorzuenthalten oder auch zu vergeben, so ist es ja klar, daß kein Priester je das Recht von Gott aus haben konnte, auch fremde Sünden zu vergeben oder vorzuenthalten.
GEJ|8|43|15|0|Wer zum Beispiel sich an Kaiphas versündigt hat, dem kann Kaiphas die Sünden auch vergeben oder nach Gestalt der Sache auch vorenthalten; wer sich aber gegen Herodes versündigt hat, der hat mit Kaiphas, und er mit ihm, nichts zu tun, sondern nur allein mit Herodes. Wer sich aber versündigt hat gegen den Tempel, der soll sehen, wie er mit dem Tempel ins reine kommt!
GEJ|8|43|16|0|Aber da meine Ich freilich nicht den Tempel, wie er nun beschaffen ist, sondern wie er einst beschaffen war – denn nun wäre auch Ich ein Sünder gegen den Tempel, wie ihr alle es seid –, und wir werden dann auch vor dem Tempel kein Sündenbekenntnis abzulegen haben; denn nun sind wir der vollstwahre Tempel Gottes, der da unten aber ist eine Mördergrube geworden. Darum wird es denn auch bald zur Ernte seiner bösen Früchte kommen, die er auf seinen Äckern ausgesät hat. Da wird man von seinen Dornen und Disteln keine Trauben und Feigen ernten.
GEJ|8|43|17|0|Wie aber nun der Tempel – sage – im Namen Jehovas bestellt ist, ebenso und noch um vieles ärger wird dereinst das neue Heidentum in Meinem Namen bestellt sein; aber die Ernte seiner Früchte wird noch um vieles schlechter ausfallen, als wie da bald die Ernte dieses Tempels da unten ausfallen wird.
GEJ|8|43|18|0|Ihr werdet an dem neuen Heidentum wohl keine Schuld tragen, wie auch die Propheten keine Schuld tragen, daß nun der Tempel da unten also geworden ist, wie er nie hätte werden sollen, sondern alle Schuld werden die Menschen tragen, denen es ihre behagliche Trägheit nicht zuließ, die Wege der Wahrheit selbsttätig zu wandeln, sondern lieber die andern und namentlich die sogenannten Priester für sich um ihnen dargereichte schmutzigste Opfer wandeln zu lassen, – aber auch nicht die Wege der Wahrheit, sondern nur die Wege des Truges und der Lüge. Allda führt dann ein Stockblinder den andern so lange, bis beide zu einer Grube kommen und sodann auch beide hineinfallen.
GEJ|8|43|19|0|Wenn ihr dieses nun aus Meinem Munde vernommen habt, so verstehet es aber auch der vollen Wahrheit nach, und lasset euch niemals von der Trägheit der Vornehmen berücken! Denn wer da nicht selbst arbeiten will, der soll auch nicht essen aus der Schüssel des Lebens!“
GEJ|8|43|20|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Nun, das war über alle Maßen klar von Dir geredet, und die Wahrheit des Gesagten ist mit Händen zu greifen! Hätten Moses und die Propheten auch so klar zum Volke geredet, wie Du, o Herr und Meister, nun zu uns geredet hast, so stünde das ganze Judentum auf einem ganz andern Fuße, als es da in dieser argen Zeit steht! Wenn solche Deine Lehre unter das Volk kommen wird, so wird sie sicher für alle Zeiten ganz andere Früchte tragen; denn von uns aus wird sie wahrlich so wenig verändert an die andern Menschen übergehen, als wie die Sterne am Himmel unverändert auf- und niedergehen. Wir bitten Dich, o Herr und Meister, wolle Du uns nur stets mit Deiner Gnade und Hilfe nimmerdar verlassen, wie auch jene nicht, die nach uns Deine Völker führen und leiten werden!“
GEJ|8|44|1|1|44. — Die Naturgeister der Luft
GEJ|8|44|1|0|Sagte Ich: „Du hast nun zwar recht wohl geredet, und es wird sich diese nun euch gegebene Lehre bis ans Ende der Zeiten rein bei den Reinen erhalten; aber wenn du meinst, daß es nun mit dem Judentum auch anders stünde, so Moses und die Propheten ebenso klar zu dem Volke geredet hätten, wie Ich nun zu euch geredet habe, da sage Ich dir, daß du darob in einer großen Irre bist. Denn hätten Moses und die Propheten in der Weise zum Volke gesprochen, wie Ich nun zu euch geredet habe, da hätte das Volk, das sich damals nur in der Bildersprache am leichtesten verständigen konnte, weder Moses noch die Propheten verstanden.
GEJ|8|44|2|0|Damals besaß selbst das ganz einfache und gemeine Volk die Wissenschaft der Entsprechungen, und seine Schrift waren Bilder, und seine Sprache richtete sich nach den dem Volke wohlbekannten Bildern. Als aber das Volk dann später irdisch wohlhabender und angesehener geworden war, da bekam es auch bald eine Menge irdischer Bedürfnisse, und um diese zu befriedigen, mußte es sich auch eine Menge natürlicher Mittel dazu verschaffen. Nun, die vielen Bedürfnisse und die vielen Mittel bekamen auch ihre ganz einfachen Wortnamen, hinter denen keine entsprechenden Bilder sich vorfanden. Diese erst später von den Menschen gebildeten einfachen Namen der vielen Bedürfnisse und der Mittel zu ihrer Herbeischaffung verdrängten dann nur zu bald die Bilderschrift und ihre innere Bedeutung, und so waren da weder Moses noch die Propheten schuld daran, daß sie von den gegenwärtigen Juden nicht mehr verstanden werden, sondern nur die Menschen selbst, die durch ihren selbstverschuldeten und immer wachsenden Weltsinn die Kunde der alten Schrift und Sprache, die immer Tiefgeistiges in sich barg, ganz verloren haben.
GEJ|8|44|3|0|Hättest du zu Mosis Zeiten also geredet, wie du nun redest, so hätte dich damals weder Moses noch einer der andern Propheten verstanden; da sich aber nun bei euch die alte Sprache aus den euch bekanntgegebenen Gründen in dieser Zeit so gänzlich verloren hat, so müßt ihr auch darin die Ursache suchen, wegen der ihr nun Moses und die Propheten nicht verstehen könnet.
GEJ|8|44|4|0|Aber nun fängt es im Aufgange zu grauen an, und unsere Templer im andern Saale fangen an, sich dahin zu rühren, um bald den Weg in ihre Wohnungen anzutreten und dort die sich fest vorgenommenen Anordnungen zu ihrer Abreise zu treffen. So sie bald von hier abgezogen sein werden, dann werden wir uns hinaus ins Freie begeben und daselbst unsere Betrachtungen machen.
GEJ|8|44|5|0|Du, Freund Lazarus, aber wirst wohl tun, wenn du einige deiner Knechte den Templern zum Geleit bis zum Gartentore mitgehen lässest; denn sie sehen in ihren Gedanken die drei Löwen unten am Wege lauern, was ihnen das Fortgehen ängstlich macht. Darum laß einige Knechte zu ihnen in ihr Gemach treten und ihnen sagen, daß von den Löwen keine Spur mehr vorhanden ist! Sollten sie aber noch bedenklich sein, da auch sollen ihnen die Knechte die Begleitung anbieten, die die Templer mit Freuden annehmen und darauf aber gleich abziehen werden, und wir können uns dann sogleich ins Freie hinausbegeben.“
GEJ|8|44|6|0|Lazarus tat das sogleich, und in wenigen Augenblicken waren die Knechte schon dienstfertig und in einer kleinen Viertelstunde geschah auch schon der Abzug der Templer.
GEJ|8|44|7|0|Darauf berief Ich Meinen Raphael und sagte der Anwesenden wegen laut zu ihm: „Du aber versorge nun unsere Jungen, und bringe sie vor uns nach Bethanien auf einem Wege, der kein allgemeiner ist! Dort erwartet uns; denn wir werden in drei Stunden nachkommen!“
GEJ|8|44|8|0|Da begab sich Raphael eiligst zu der Jugend und brachte auch alles schnell zurecht.
GEJ|8|44|9|0|Unterdessen war es heller geworden, und wir verließen die Herberge und begaben uns auf die Anhöhe, die schon beschrieben ist. Am Himmel schimmerten noch die größeren Sterne, der Mond in schon starker Sichelgestalt und der Planet, Venus genannt, was alles einen herrlichen Anblick gewährte.
GEJ|8|44|10|0|Es war aber der Morgen ziemlich kühl, und die Römer sagten: „Herrlich wäre dieser seltene Anblick wohl, wenn der Morgen nur nicht so empfindlich kühl wäre!“
GEJ|8|44|11|0|Sagte Ich: „Diese Kühle ist zwar für die Haut ein wenig unangenehm, aber dafür stärkend für Leib und Seele; denn nun ziehen die reineren Geister in der Luft an uns vorüber. Aber so es euch zu kühl ist, da will Ich schon machen, daß es euch von innen aus wärmer wird. Doch wir andern bleiben in dieser reinen Temperatur!“
GEJ|8|44|12|0|Da sagten die Römer: „Oh, da bleiben auch wir; denn eine größere Stärkung für Leib und Seele kann auch uns Römern nicht schädlich sein!“
GEJ|8|44|13|0|Und so blieb darauf alles heiter und zufrieden, und niemand achtete der Kühle mehr.
GEJ|8|44|14|0|Da aber sagte Agrikola zu Mir: „Herr und Meister, haben denn die nun an uns vorüberziehenden Geister auch irgendeine für sich abgegrenzte Gestalt, oder sind sie gestaltlos nur so ineinander verschwommen wie im Meere ein Tropfen Wasser in den andern?“
GEJ|8|44|15|0|Sagte Ich: „Mein Freund, da wird es ein wenig schwer werden, dir in dieser Hinsicht eine völlig verständige Antwort zu geben; aber wir wollen es auf eine andere Art versuchen! Ich werde euch Römern auf einige Augenblicke wieder die innere Sehe auftun, und ihr möget euch dann selbst eine rechte Antwort aus dem Geschauten verschaffen!“
GEJ|8|44|16|0|Das war den Römern recht, und Ich öffnete ihnen sogleich die innere Sehe, auch dem Agrippa und dem Laius, die uns aus Emmaus hierher gefolgt und noch bei uns waren.
GEJ|8|44|17|0|Nun ersahen diese eine zahllose Menge von allerlei Gestalten gedrängt aneinander an sich vorüberschweben, und Agrippa sagte: „Ah, das ist aber doch sonderbar! Welch eine Unzahl von nicht beschreibbaren Formen und Gestaltungen! Da sieht man allerlei Kräuter und Pflanzen, auch Sämereien dazwischen! Auf den Pflanzen ersieht man auch eine Menge von allerlei Insekteneierchen, deren Larven und auch schon ausgebildete Insekten. In ihnen, sowohl in den Pflanzen, deren Sämereien, wie auch in den Insekteneierchen, in deren Larven, wie auch in deren schon völlig ausgebildeten Insektenformen ersieht man wie helleuchtende Punkte und zwischen den besagten Formen ersieht man unermeßbar viele ganz kleine Lichtpünktlein mitschweben. Und es geht alles bunt und munter durcheinander, und keines vermengt sich mit dem andern. Also, das sind die reineren Naturgeister?“
GEJ|8|44|18|0|Hierauf machte Ich wieder der Römer innere Sehe zu, und sie sahen wieder nichts als nur die reine Luft.
GEJ|8|44|19|0|Da sagte Agrikola: „Herr und Meister, was haben denn diese Geister für eine besondere Bestimmung? Wird aus ihnen erst alles das in der materiellen Welt, wozu sie offenbar die Anlagen in ihren Formen in sich tragen, oder sind das gewisserart die Seelen verstorbener Pflanzen und Kräuter und Bäume und Insekten?“
GEJ|8|44|20|0|Sagte Ich: „Das zweite nicht, aber das erste wohl in der Weise, wie ihr sie nun mittels der inneren Sehe geschaut habt!
GEJ|8|44|21|0|Ihre Intelligenz, die sich auch durch die Form offenbarte, treibt sie an, sich mit all dem schon Bestehenden auf dieser Erde zu einen, was ihrer Form engst verwandt ist. In den Pflanzen werden sie hernach tätig, und von ihrer Vielheit und erhöhten Tätigkeit hängt dann auch der Reichtum einer oder der andern Ernte ab, sowie auch die Vielheit der verschiedenartigsten Kleintiere, die ihr Mücklein, Insekten und Würmchen nennet. Das sind aber auch stets die ersten Tiere einer werdenden Erde, deren Seeleneinigung dann erst die größeren Tiere einer Erde ins Dasein ruft.“
GEJ|8|44|22|0|Sagte Agrikola: „Herr und Meister, aber warum konnten wir denn nun keine Seelen von schon verstorbenen Menschen dieser Erde sehen?“
GEJ|8|44|23|0|Sagte Ich: „Aus zwei Ursachen. Fürs erste habe Ich eure innere Sehe nur so weit aufgetan, daß ihr die schon mehr in die Materie übergehenden Naturgeister habt erschauen können, was zum untersten Grade des inneren Schauens gehört, welches manche einfachen Menschen von Natur besitzen. Mit diesem Grade des inneren Schauens aber lassen sich die Seelen, besonders die schon vollendeteren, nicht erschauen, weil dieses Schauen noch mehr zum materiellen als zum reinen, geistigen Schauen gehört.
GEJ|8|44|24|0|Zum zweiten aber, was die unlauteren Seelen betrifft, die ihr mit diesem euch von Mir nun auf einige Augenblicke verliehenen inneren Schauen hättet sehen können, so befand sich deren keine an diesem Orte, und so habt ihr auch keine sehen und wahrnehmen können; denn derlei Seelen wittern die Örtlichkeit Meiner persönlichen und vollen Gegenwart und meiden dieselbe auf das allersorgfältigste. – Und da hast du nun die beiden Ursachen, warum ihr bei dieser Gelegenheit keine abgeschiedenen Seelen habt sehen und wahrnehmen können!“
GEJ|8|44|25|0|Mit dieser Erklärung waren alle Römer vollkommen zufrieden und fragten Mich um derlei weiter nicht mehr.
GEJ|8|45|1|1|45. — Agrikola gedenkt der Maria von Magdalon
GEJ|8|45|1|0|Aber Agrikola, der ein äußerst gefühlvoller Mann war, erbat sich bei Mir das Wort und sagte: „Oh, welche unermeßlichen Schätze haben wir nun kaum volle acht Tage hindurch geerntet! Wir haben das Allerhöchste, das Allererste und Allergrößte hier gefunden! Und wem nach Deiner geheimen Gnade haben wir dieses nie beschreibbare Glück zu verdanken? Sehet und höret! Jenem noch jungen Weibswesen, das uns am ersten Abende unserer Hierherkunft den Weg hier herauf wies!
GEJ|8|45|2|0|Jenes Weibswesen, das nach meiner unmaßgeblichen Beurteilung jenen weiblichen Persönlichkeiten anzugehören scheint, die es mit der Keuschheit und anderen Sittenreinheiten eben nicht zu genau nehmen, war ohne weiteres von Deinem Willen geheim inspiriert, und es mußte ein Wegweiser zum Lichte des Lebens werden.
GEJ|8|45|3|0|Nun, ich als ein Römer kenne das besagte Weibswesen sicher durchaus nicht und kenne auch dessen Wohnung und Namen nicht, also kann ich auch nicht wissen, ob es arm oder reich ist und einer Unterstützung bedarf. Aber wenn es etwa doch in die Klasse der Armen gehörte, was ich als das Wahrscheinlichste annehmen kann, so möchte ich ihm durch den Freund Lazarus aus wahrer menschlicher Dankbarkeit eine Unterstützung zukommen lassen, was sicher recht und billig wäre; denn der Freund Lazarus wird es schier wissen, wie es mit dem Wesen steht. Es wundert mich sehr, daß es uns nicht wieder besucht hat hier auf diesem Berge des Heils. In Emmaus, wie ich mich entsinne, soll es Dich, o Herr und Meister, etwa haben suchen wollen und hat sich hier zuvor erkundigt nach Deinem Aufenthalt, aber keine Kunde erhalten, und so kam es wahrscheinlich auch gar nicht dahin. Aber wir sind nun schon wieder einige Tage hier, und es wundert mich wieder, daß es nicht mehr zum Vorschein gekommen ist!“
GEJ|8|45|4|0|Sagte Ich: „Jene Maid wußte es nicht, daß Ich Mich hier noch aufhalte; aber sie hat es gestern in Bethanien erfahren aus dem Munde der Schwestern unseres Freundes Lazarus und ist nun auf dem Wege hierher. Um die Zeit des Aufgangs der Sonne wird sie auch hier eintreffen, und du kannst mit ihr alles Gute und Rechte abmachen.
GEJ|8|45|5|0|Was aber ihren bisherigen Lebenswandel anbelangt, so hast du richtig geurteilt; aber sie hat dabei stets der Armut gedacht, weil sie als eine irdische Schönheit durch ihren Wandel zu großen Schätzen gekommen ist und schon von ihren Eltern aus mit allem reich ausgestattet war.
GEJ|8|45|6|0|Dort, weit gen Mittag, ersiehst du auf einem Hügel ein Schloß, es führt den Namen Magdalon. Dort ist die Maid geboren, und das Schloß, viele Gärten, Äcker, Wiesen, Weinberge und Waldungen sind nun ihr Eigentum, da ihr ihre Alten schon vor ein paar Jahren gestorben sind. Sie hätte schon mehrere Male ehelichen können, aber die Templer hielten sie davon ab, weil sie bei ihr stets eine gute Herberge fanden und sich auch sonst mit ihr gut unterhielten. Aber seit sie Mich ersah, kennenlernte und Meine Worte hörte, ist es anders in ihrem Hause, Verstande und Herzen geworden; und weil sie viel geliebt hatte die Armen, so wurden ihr auch viele ihrer Sünden vergeben.
GEJ|8|45|7|0|Ihr Name ist Maria von Magdalon. Ihrer Armut wegen benötigt sie sonach keine Unterstützung von eurer Seite; aber so sie von euch für ihre vielen Armen etwas wird annehmen wollen, so könnet ihr es ihr ja wohl antragen. Und so wisset ihr nun auch, wer und woher jene Maid ist, und wie sie heißt; doch auch ihre Schuld sei in den Sand geschrieben!
GEJ|8|45|8|0|Und nun gut von dieser Sache, und wir betrachten nun lieber den schönen Morgen, aus dessen Gestaltungen nach allen Richtungen hin ihr so manches, besonders für die letzte Zeit der neuen Heiden, werdet entnehmen können!“
GEJ|8|46|1|1|46. — Das Gericht des Heidentums
GEJ|8|46|1|0|Hier sagten Meine alten Jünger: „Herr und Meister, Du hast uns ja verheißen, noch hier ein Näheres darüber kundzutun, und so tue nun das, da nun wohl die schicksamste Gelegenheit dazu wäre!“
GEJ|8|46|2|0|Sagte Ich: „Wann dazu die schicksamste Gelegenheit ist, das weiß wohl Ich am besten, und dann habe Ich eben euch schon gar vieles davon kundgegeben, was auch sicher also kommen wird, weil Ich an dem freien Willen der Menschen nichts ändern darf – und ihr es nicht ändern könnet!
GEJ|8|46|3|0|Aber es hat mit Meiner Geburt das Gericht der Heiden allerorten schon begonnen und dauert nun in stets erhöhterem Maße fort und wird noch bis zum Vollichte unter den Menschen auf dieser Erde fortdauern nahe an 2000 Jahre.
GEJ|8|46|4|0|Wie ihr aber nun in der Morgengegend allerlei Wolken sich bilden und sich am Horizonte hinlagern sehet, als wollten sie sich dem Aufgange der Sonne hinderlich entgegenstellen, also wird sich gegen den einst kommenden großen Aufgang der geistigen und ewigen Wahrheitssonne auch eine große Masse von allerlei Hinderungswolken aufzutürmen anfangen und unter den Menschen vielen Schaden anrichten, aber den endlich großen Aufgang der Wahrheitssonne doch nicht verhindern können.
GEJ|8|46|5|0|Ihr habt ehedem noch recht viele schöne Sterne am Himmel leuchten sehen, und am Untergange sahet ihr auch Sterne, die in der tiefen Nacht geleuchtet haben. Sehet, die gingen als gute Boten den noch sichtbaren Morgenboten voran und wirkten in der Nacht; und das ist nun euer Beruf!
GEJ|8|46|6|0|Wenn aber am geistigen Morgenhorizonte aufgehen werden die noch helleren Morgenboten, so wird das ein Zeichen sein, daß ihnen bald die große und allgemeine Lebens- und Wahrheitssonne folgen wird. Ihr hellstes Licht wird ein unerbittliches Gericht sein aller Lüge und alles Truges, und sie wird samt ihren Jüngern und Verehrern und samt ihrem großen Weltpompe hinabgeschleudert werden in den Abgrund der Verachtung, des gerechten Zornes und der Vergessenheit. Denn dann werden die erleuchteten Menschen nicht mehr gedenken des Truges und des lange gedauert habenden Gerichts.
GEJ|8|46|7|0|Wie ihr aber nun wohl schon gut merken könnet, daß das ehedem so drohend schwarz aussehende Gewölk anfängt, golden leuchtende Säume zu bekommen, so werdet ihr es in jener Zeit auch merken, wie die Menschen, die vor kurzem noch ganz finster und wahre Feinde des Lichtes der Wahrheit waren, von allen Seiten von den Lichtstrahlen der Wahrheit stets mehr und mehr und heller und heller erleuchtet und dann auch als selbst leuchtend zu Feinden der alten Lüge werden. Und solches Erleuchten von der dem vollen Aufgange sich nähernden Wahrheitssonne aus den Himmeln wird sein Mein Menschensohnszeichen allen Wahrhaftigen auf der Erde und das beginnende große Gericht über die Hure des neuen Babels.
GEJ|8|46|8|0|Da werden die Liebhaber der Wahrheit hoch aufzujubeln anfangen und werden Mich loben, daß Ich ihnen schon zum voraus gesendet habe Meines Aufgangs Zeichen am Himmel des inneren Geistestages. Aber die Feinde der Wahrheit werden zu heulen und mit den Zähnen sehr zu knirschen anfangen und werden sich, soviel noch irgend möglich, in finstere Winkel zu verbergen suchen mit ihren stets weniger werdenden Getreuen, was ihnen aber nichts nützen wird; denn so dann die volle Wahrheitssonne aufgegangen sein wird, so wird ihr Licht alle noch so finsteren Löcher und Winkel und Höhlen durchleuchten, und die Feinde des Lichtes werden auf der ganzen neuen Erde keine Zufluchtsstätte mehr finden.
GEJ|8|46|9|0|Ich Selbst aber werde als die ewige Wahrheit in jener Sonne sein und durch ihr Licht bei den Menschen als Herrscher und Leiter ihres Lebens und ihrer zeitlichen und geistigen und ewigen Geschicke.
GEJ|8|46|10|0|Und somit habe Ich euch nun der vollen und leichtbegreiflichen Wahrheit nach das große Gericht des neuen und alten Heidentums gezeigt. Aber Ich werde euch später für die Menschen noch ein Bild geben, das ihr dann auch den Menschen mitteilen könnet, aber nicht ohne die wahre Erklärung. – Nun aber betrachten wir die Morgenszene wieder ruhig weiter!“
GEJ|8|47|1|1|47. — Die Zukunft Roms und des Antichristen
GEJ|8|47|1|0|Nach der Zeit von einer Viertelstunde, in der wir alle die Morgenszenen mit vieler Aufmerksamkeit betrachteten, sagte Ich wieder zu allen Anwesenden: „Nun erst habet wohl acht darauf, was sich alles noch vor dem vollen Aufgange der Sonne ordentlich bildlich zeigen wird; denn Ich will es, daß auch ihr mit euren Augen schauen sollet, wie sich in der letzten Zeit des neuen Heidentums alles gestalten wird!“
GEJ|8|47|2|0|Nun richteten alle mit verdoppelter Aufmerksamkeit ihre Augen nach dem Osten. Es war bis zum vollen Aufgange noch eine gute halbe Stunde Zeit, und es konnte somit noch so manches Bild sich vor den Augen der beobachtenden Jünger entwickeln.
GEJ|8|47|3|0|Zuerst ersah man einen dichten und völlig schwarzen Nebel weithin von dem Horizonte aufsteigen. Als dieser Nebel die ungefähr siebenfache Höhe der fernen Gebirge des Horizonts erreichte, da wurde er bald wie glühend; denn er ward von einer Unzahl von Blitzen durchzuckt, daß darum alle die Anwesenden meinten, daß dort nun ein gräßliches Gewitter wüten werde.
GEJ|8|47|4|0|Ich aber sagte: „Sorget euch um etwas anderes, denn von dieser Erscheinung sieht außer uns niemand etwas nur im geringsten!“
GEJ|8|47|5|0|Es ward darauf weiterhin wieder mit aller Ruhe beobachtet, was da alles nachkommen werde.
GEJ|8|47|6|0|Und siehe, auf dem obersten schwarzen und von den vielen Blitzen durchglühten Rande des Genebels zeigte sich eine große Stadt!
GEJ|8|47|7|0|Und Ich sagte: „Sehet an das Bild des neuen Babels!“
GEJ|8|47|8|0|Da sagte Agrikola: „Herr, das hat mit unserem Rom eine bedeutende Ähnlichkeit! Nur bemerke ich eine Menge Ruinen ringsherum, doch in der engeren Stadt nebst den alten mir nur zu wohl bekannten Gebäuden wohl auch eine Menge neuer Gebäude und Tempel, deren Giebel sonderbarerweise mit Kreuzen verziert sind. Was bedeutet nun das wohl?“
GEJ|8|47|9|0|Sagte Ich: „Siehe, das ist der Untergang des alten und zugleich der Anfang des neuen Heidentums! Etwa schon in 500-600 Jahren, von nun an gerechnet, wird es alldort buchstäblich so aussehen. Beobachtet aber das Gebilde nun nur weiter!“
GEJ|8|47|10|0|Wieder richteten alle ihre Aufmerksamkeit auf das Gebilde, dessen Szenen sich schnell nacheinander entwickelten. Und siehe, man ersah große Völkerzüge und viele arge Kämpfe und Kriege, und in der Mitte der Stadt ersah man etwas sich hoch erheben wie einen Berg! Auf dem Berge stand ein hoher und großer Thron, aussehend, als wäre er von glühendem Golde. Auf dem Throne saß mit einem Stabe, dessen oberstes Ende ein dreifaches Kreuz zierte, ein Herrscher mit einer dreifachen Krone auf dem Haupte. Aus seinem Munde gingen zahllose Pfeile, und aus seinen Augen und aus seiner Brust zuckten ebenso zahllos viele Blitze des Zornes und des höchsten Hochmutes. Und es zogen ihm Könige zu, von denen sich viele vor ihm tiefst verneigten. Die sich vor ihm also verneigten, die sah er freundlich an und bestätigte ihre Macht; die sich aber vor ihm nicht verneigten, die wurden von seinen Pfeilen und Blitzen arg verfolgt und zugerichtet.
GEJ|8|47|11|0|Hier sagte Agrippa: „Herr, das gibt kein gutes Vorbild für die späteren Beherrscher des neuen Babels! Es scheint wohl, daß ihre Macht eine noch größere, aber auch eine um vieles grausamere sein wird, als sie nun ist. Denn jetzt werden nur die ärgsten Verbrecher mit dem Kreuze bestraft, aber nur mit dem einfachen; der aber hält gar ein dreifaches in seiner Herrscherhand sogar allen andern Königen entgegen! Herr und Meister, erkläre uns das nur ein wenig!“
GEJ|8|47|12|0|Sagte Ich: „Das stellt keinen besonderen Herrscher über viele Länder und Völker vor, sondern nur die sichtliche Persönlichkeit des Antichristen. Das dreifache Kreuz aber bezeichnet Meine Lehre, die daselbst eben dreifach verfälscht den Königen und ihren Völkern aufgedrungen werden wird: falsch im Wort, falsch in der Wahrheit und falsch in der lebendigen Anwendung.
GEJ|8|47|13|0|Die Könige aber, die sich vor ihm nicht beugen, und die er verflucht, die sind es, die noch mehr oder weniger in der Wahrheit der alten Lehre verbleiben. Es erreichen sie wohl seine Pfeile und Blitze, aber sie können ihnen dennoch keinen Schaden von einiger Erheblichkeit zufügen. – Aber beobachtet nun das Gebilde weiter; denn Ich kann euch durch dasselbe nur die Hauptmomente zeigen!“
GEJ|8|47|14|0|Nun sahen wieder alle mit erhöhter Aufmerksamkeit hin.
GEJ|8|47|15|0|(Der Herr:) „Und siehe, es sammeln viele Könige, die sich zuvor noch vor dem, der auf dem Throne sitzt, tiefst verneigt hatten, ihre Kriegsscharen und ziehen gegen ihn! Seht, das gibt einen erbitterten Kampf, und es sinkt sein erhabener Thron schon sehr bedeutend tief ganz zur Stadt herab, und ihr sehet nur etliche Könige, die sich, so pro forma nur, vor ihm verneigen, während aber von den vielen andern von ihm abgefallenen Königen nun gar viele Pfeile und Blitze auf ihn zurückgesandt werden. Aber nun ist von ihm beinahe gar nichts mehr zu sehen, und das wird geschehen schon nach 1000 bis 1500 bis 1600 und 1700 Jahren.
GEJ|8|47|16|0|Aber nun sehet abermals hin! Sehet, er macht Versuche, sich abermals zu erheben, umgeben mit schwarzen Rotten, und einige Könige reichen ihm die Hände, um ihm zu helfen; aber sehet, die das tun, die werden alsbald ganz ohnmächtig, und ihre Völker reißen ihnen die Kronen vom Haupte und geben sie den starken Königen! Und sehet! Nun sinkt sein Thron, und die starken Könige eilen herbei und zerteilen ihn in mehrere Teile, und so geht für ihn nun alle seine Macht, Höhe und Größe unter! Wohl schleudert er noch Pfeile und matte Blitze um sich, aber sie beschädigen niemanden mehr; denn die allermeisten kehren auf ihn selbst zurück und verwunden ihn und seine matten und finsteren Horden.“
GEJ|8|48|1|1|48. — Vom tausendjährigen Reich
GEJ|8|48|1|0|(Der Herr:) „Aber nun sehet, wie die Sonne bereits alles mit ihrem Lichte zu durchdringen anfängt, und ihr sehet die finsteren Horden nach allen Seiten hin fliehen, nur dahin nicht, von woher die Sonne kommt! Vor ihrem Lichte schwindet nun alles und sinkt in das Reich der Vergessenheit.
GEJ|8|48|2|0|Nun aber sehet noch einmal hin, und ihr ersehet, wie aus den lichten Wölklein sich eine neue Erde bildet! Was wohl stellen die lichten Wölklein dar? Es sind das Vereine von lauter solchen Menschen, die von der göttlichen Wahrheit durchleuchtet sind. Und sehet, nun rücken diese Vereine enger und enger zusammen und bilden so einen großen Verein, und sehet, das ist eben die neue Erde, über der sich ein neuer Himmel ausbreitet voll Licht und Klarheit!
GEJ|8|48|3|0|Ihr müsset aber dabei nicht etwa der Meinung sein, als würde dann diese natürliche Erde vergehen und in eine neue umgewandelt werden, sondern nur die Menschen werden durch die Vollaufnahme der göttlichen Wahrheit in ihre Herzen als wahre Brüder und Schwestern in Meinem Namen unter sich eine neue geistige Erde schaffen.
GEJ|8|48|4|0|Auf dieser neuen Erde werde Ich Selbst dann sein und herrschen unter den Meinen, und sie werden mit Mir Umgang pflegen und Mich nimmerdar aus ihren Augen verlieren.
GEJ|8|48|5|0|Aber betrachtet nun auch nebenbei die alte Erde! Seht, wie aus der neuen Erde in stets dichteren Strömen Lichter hinab auf die alte Erde schweben und diese so entzünden, daß sie wie in vollen Flammen zu stehen scheint! Da sehet ihr gar viele Tote wie aus den Gräbern hervor ans Licht gehen, und wie sie auch bald bekleidet werden mit dem Gewande der Wahrheit und dann auch aufwärtsschweben in das Reich der neuen Erde.
GEJ|8|48|6|0|Aber zugleich merket ihr auch, wie noch ein gar großer, finsterer Teil sich auch bestrebt, das Gewand des Lichtes über sein schwarzes anzuziehen und daraus und damit aus Eigennutz und aus Herrschsucht abermals ein neues antichristliches Heidentum zu schaffen; aber Ich Selbst lasse Meinen Zorn über sie hereinbrechen, das ist das Feuer Meiner Wahrheit, und Meine Engel der neuen Erde fallen wie mit flammenden Schwertern über sie her und schlagen jede weitere finstere Bestrebung in die Flucht und in den Abgrund der gänzlichen Vernichtung.
GEJ|8|48|7|0|Dies ist dann das allerletzte und größte Gericht um tausend Jahre später. Diese Zeit wird genannt werden Mein tausendjähriges Reich auf Erden, das durch dies allerletzte Gericht auf eine ganz kurze Zeit noch einmal eine kriegerische Unterbrechung haben wird; aber der Sieg wird ein baldiger und für alle künftigen Zeiten ein gänzlicher sein. Von da an wird aus den Himmeln und aus der Erde ein Hirt und eine Herde werden. Der Hirt werde wie allzeit Ich sein, und die Herde werden die Menschen auf Erden ausmachen im vollen Vereine mit den Seligen in Meinen Himmeln.
GEJ|8|48|8|0|Denn diese Letztgenannten werden wieder so, wie es in den Urzeiten der Menschen auf dieser Erde war, sichtbar mit den Menschen auf der Erde verkehren. Aber bevor das geschehen wird, wird auch die natürliche Erde ganz mächtige Umgestaltungen erleiden. Große Länder und Reiche, die jetzt noch das große und tiefe Meer bedeckt, werden zum fruchtbarsten Boden emporgehoben werden, und gar viele jetzt noch sehr hohe Berge werden erniedrigt und mit ihren zerbröckelten Spitzen gar viele tiefe Gräben und Täler ausgefüllt werden und ein fruchtbares Land bilden.
GEJ|8|48|9|0|Da in jener Zeit die Menschen nicht mehr nach irdischen und vergänglichen Schätzen gieren und geizen werden, so werden auf der Erde auch hunderttausendmal so viele Menschen, als nun auf derselben leben, gar wohl versorgt und glücklich leben können. Zugleich aber werden in jener Zeit auch alle die bösen, das Fleisch mächtig quälenden Krankheiten von der Erde verschwinden. Die Menschen werden ein heiteres und hohes Alter erreichen und viel Gutes wirken können, und niemand wird eine Furcht vor dem Tode des Leibes haben, weil er mit klaren Blicken das ewige Leben der Seele vor sich sehen wird.
GEJ|8|48|10|0|Die Hauptsache im Wohltun wird in jener Zeit in der rechten Erziehung der Kinder bestehen und daß der Starke mit aller Liebe das physisch schwächere Alter nach allen Kräften unterstützen wird.
GEJ|8|48|11|0|Es werden aber auf der neuen, glücklichen Erde auch Ehen geschlossen werden, aber also wie im Himmel nach Meiner Ordnung, und es werden auch Kinder gezeugt werden in großer Anzahl, aber nicht auf dem Wege der puren Geilsucht, sondern auf dem Wege des wahren Liebeernstes, und das bis ans Ende aller Zeiten dieser Erde.
GEJ|8|48|12|0|Da habt ihr nun ein treues Bild von dem letzten Gerichte über alle Heiden auf der ganzen Erde, das ihr auch ganz leicht und wohl verstehen könnet!“
GEJ|8|49|1|1|49. — Die Mission der Gotteskinder im Jenseits. Die Dauer der Erde
GEJ|8|49|1|0|Hier fragten Mich die Jünger: „Herr und Meister! Werden wir aus dem Reiche der Geister das auch alles mit anschauen und mit empfinden können? Und wie lange wird dann die glückliche Erde noch fortbestehen bis zum vollen Ende ihrer Zeiten?“
GEJ|8|49|2|0|Sagte Ich: „Was eure erste Frage betrifft, so versteht es sich ja ohnehin von selbst, daß ihr aus den Himmeln das alles nicht nur allerklarst sehen, hören und fühlen werdet, sondern ihr werdet die Hauptleiter daselbst und zu allen Zeiten sein, – aber nicht nur auf der neuen Erde, sondern über den ganzen Großen Schöpfungsmenschen, wie auch über alle endlos vielen Vereine aller Himmel, die ewig nirgends begrenzt sind.
GEJ|8|49|3|0|Darum sage Ich es euch abermals, daß es kein Mensch je geschaut, noch gehört und in keines Menschen Sinn jemals empfunden worden ist, was Gott denen bereitet hat, die Ihn wahrhaft lieben.
GEJ|8|49|4|0|Ich könnte euch sogar jetzt noch vieles sagen und auch schon zeigen, aber ihr könntet das jetzt noch nicht ertragen; wenn aber der Geist aller Wahrheit und alles Lebens über euch kommen wird und ihr in ihm wiedergeboren sein werdet, so wird er euch in alle Tiefen Meines Lichtes leiten und erheben. Dann erst werdet ihr es begreifen und einsehen, welche großen Worte Ich nun zu euch und also auch durch euch zu allen Menschen geredet habe.
GEJ|8|49|5|0|Was aber eure zweite Frage betrifft, so ist sie wahrlich noch sehr albern; denn unsere Rechnung hat gar keine Zahl, durch die man die übergroße Vielheit der Erdjahre bestimmen könnte, die bis zu ihrem Zeitende verrinnen werden, und wäre selbst das irgend möglich, so kann das denen, die im Geiste ewig fortleben werden, wohl nur ganz ein und dasselbe sein.
GEJ|8|49|6|0|Ich sage es euch: Von solch einer irgend bestimmten Zeit und Stunde weiß auch kein Engel im Himmel; das weiß allein der Vater im Himmel! Denn die ganze Schöpfung ist Sein großer Gedanke, der aber kein Zeitgedanke, sondern ein ewiger ist wie sein allmächtiger Träger und Festhalter. Ich habe es aber ja ohnehin erst unlängst gezeigt, wie endlich einmal alles Materielle ins rein Geistige, aber wie selbständig Seiende verwandelt wird, und es ist sonach wohl nicht mehr nötig, euch noch ein mehreres darüber zu sagen.
GEJ|8|49|7|0|Sehet und betrachtet nun lieber die herrliche Morgennatur des Tages, und wie das stets kräftiger werdende Licht der Sonne alle Dünste und Trübnisse der Erde verscheucht, und lernet daraus, wie in der Folge das geistig auch euer Geschäft sein wird, und ihr werdet besser daran tun, als so ihr euch zu emsig um das erkundiget, was euch nun noch lange hin nichts angeht!
GEJ|8|49|8|0|Um was ihr euch zu sorgen habt, das habe Ich euch schon gar oft gezeigt; um alles andere aber habt ihr euch gar nicht zu sorgen! Ja, Ich sage euch, daß es sogar unnötig und eitel ist – so ihr lebendig an Mich haltet im Glauben und in der Liebe –, daß ihr euch sorget um den kommenden Tag, was ihr essen und trinken und womit ihr euren Leib bekleiden werdet!
GEJ|8|49|9|0|Bekommt man auf dem Markte nicht hundert Sperlinge um einen Pfennig? Wie gering ist also ihr Wert vor den Menschen, und dennoch sorgt der Vater im Himmel für sie und bekleidet sie wohl! Ihr seid als Menschen aber doch sicher mehr wert als die Sperlinge?
GEJ|8|49|10|0|Betrachtet da diese Feldblumen und Lilien! Salomo in aller seiner Pracht war nicht so herrlich bekleidet, wie sie da sind. Wer sorgt denn da für ihr Gewand? Darum ist alle derlei Sorge eitel von euch, und noch eitler die ums einstige völlige Zeitenende dieser Erde! – Habt ihr alle Mich nun wohl verstanden?“
GEJ|8|49|11|0|Alle bejahten dies bis auf Judas Ischariot. Dieser meinte, daß es ihm nicht ganz klar wurde, was Ich da auf dem Berge von dem letzten Heidengerichte geweissagt habe.
GEJ|8|49|12|0|Ich aber sagte zu ihm: „So wende dich an jene, denen es klar geworden ist! Was die Römer als Heiden fassen, das sollte nun dir als einem Juden und einem alten Jünger wohl auch schon faßbar sein!“
GEJ|8|49|13|0|Hierauf sagte er nichts mehr, denn er hatte es wohl gemerkt, warum Ich ihm solch eine Antwort gegeben hatte, und zog sich wieder zurück.
GEJ|8|50|1|1|50. — Die Dankbarkeit der Römer gegenüber der Maria von Magdalon
GEJ|8|50|1|0|Als wir uns aber da auf dieser Höhe noch eine Zeitlang vergnügten, da ersahen wir alle die gewisse Maria von Magdalon zur Herberge des Lazarus kommen, und sie fing auch sogleich bei dessen Dienern sich nach Mir zu erkundigen an. Diese aber hießen sie warten, bis Ich zurückkehren werde; aber sie ließ sich nicht zurückhalten, als sie uns bald und leicht auf der Anhöhe gewahrte, und zog eilenden Schrittes zu uns herauf.
GEJ|8|50|2|0|Als sie sich unserem Standorte nahte, da ging ihr Agrikola entgegen, grüßte sie freundlich und führte sie dann vollends zu uns, wo sie auch von den andern Römern auf das freundlichste begrüßt wurde.
GEJ|8|50|3|0|Sie (Maria von Magdalon) aber sagte: „Ich weiß es wahrhaftig nicht, aus welchem Grunde mir hier eine solche Ehre zuteil wird! Ich bin nur eine Sünderin und verdiene, von allen Menschen tief verachtet zu werden; aber daß ich auch einer Ehre würdig wäre, besonders von solchen hohen Herren, wie ihr es seid, das fasset mein Verstand nicht. Dazu bin ich nun nur hergekommen, um allein dem Herrn meines Lebens zu danken, da Er mich von den argen Geistern des Fleisches erlöst hat; aber um mich ehren zu lassen, bin ich nicht hierher gekommen!“
GEJ|8|50|4|0|Sagte Agrikola: „Höre, du holde Maria von Magdalon! Wir alle, die wir aus Rom hierher gekommen sind, haben dir gar vieles zu verdanken; denn hättest du uns an jenem Abende vor ungefähr acht Tagen nicht hierherauf den Weg gezeigt und uns auch geführt, so hätten wir vielleicht gar nicht das ewig unschätzbare Glück gehabt, den Herrn alles Lebens und alles Seins persönlich kennen, Ihn als den allein wahren Gott erkennen und über alles lieben zu lernen. Siehe, darin liegt denn auch einzig und allein der Grund, dessentwegen wir dir so dankbar sind und auch fortan bleiben werden; und so wundere dich nun darob nicht also sehr, wenn wir dir so freundlich entgegenkommen! Denn wir erachten das als unsere Pflicht, weil du uns zu einem so unschätzbarsten Glück verholfen hast.
GEJ|8|50|5|0|Denn wir haben ein gutes Staatsgesetz, laut dem derjenige, der durch einen andern Menschen zu einem großen und wahren Glück gelangt ist, eben diesem Menschen zeitlebens im hohen Grade dankbar zu verbleiben hat durch Gebärden, Worte und Taten, auch dann, wenn der Mensch, durch den ein anderer zum großen Glücke kam, nicht darum wußte, daß er seinem Nebenmenschen zu einem Glücke verhelfen werde. Die Dankbarkeit hat sich auch auf des Glück verursachenden Menschen Nachkommen zu erstrecken.
GEJ|8|50|6|0|Was sind aber alle materiellen Glücksgüter, zu denen ein Mensch durch einen andern gelangen kann, gegen diese rein geistigen, die wir hier geerntet haben? Durch diese haben wir den allein wahren Gott und durch Ihn uns selbst, die wir verloren waren, und das wahre ewige Leben unserer Seelen gefunden, und das ist endlos mehr, als so du uns zu allen Schätzen der Erde verholfen hättest. Und darum sind wir dir, da du die erste Veranlasserin dazu warst, auch allen Dank für alle Zeiten schuldig.
GEJ|8|50|7|0|Wärest du eine Arme an irdischer Habe, so würden wir dich auch königlich belohnen; da du aber ohnehin mit den Gütern dieser Erde reichlichst versehen bist, so können wir dir wohl unsere Dankbarkeit mit nichts anderem als mit unseren wahren und ungeheuchelten Worten, wie sie in unserem Herzen gewachsen sind, allerfreundlichst ausdrücken, und du wirst solche unsere dir pflichtschuldigste Dankbarkeit nicht von dir weisen?“
GEJ|8|50|8|0|Sagte nun ebenfalls in einem sehr freundlichen Ton die Maria von Magdalon: „Es ist das wohl gar sehr schön und artig von euch edlen Römern, daß ihr mir darum dankbar sein und bleiben wollet, weil ich euch zufällig – wahrlich ohne mein Wissen und Wollen – zu einem, wie sich's leicht begreifen läßt, so endlos großen Glück verholfen habe, aber es gebührt mir darum dennoch kein Dank und keine Ehre; denn das war alles also des Herrn Wille, und ich selbst war nur Sein stummes und blindes Werkzeug. Und so seid ihr dem Herrn allein auch nur allen Dank und alle Ehre schuldig!“
GEJ|8|50|9|0|Sagte abermals Agrikola: „O du liebe und holdeste Maria von Magdalon! Das wissen wir auch, daß wir alle nur Ihm allein alles zu verdanken haben; aber wir denken da nun also: Wollen wir dem Herrn unsere wahrste und vollste Dankbarkeit für die endlos große Gnade erweisen, die Er uns nun in einem so nie erhört überschwenglichsten Maße erwiesen hat, so dürfen wir das Werkzeug, dessen Er Sich zu unserer Heiligung bedient hat, doch nicht verächtlich über die Achseln anblicken, sondern es auch ehren des Herrn wegen. Und nur in dieser Hinsicht ehren wir nun dich denn auch, abgesehen davon, ob du zu unserem größten Lebensglücke ein sehendes oder nur blindes Werkzeug in der allmächtigen Hand des Herrn warst, und ich bin der Meinung, daß das auch in der Folge beachtet werden wird. Denn wenn man das Werkzeug des Herrn nicht mit dankbarem Herzen begrüßen möchte, wie stünde es dann mit der wahren Nächstenliebe, die wir doch nach der Lehre des Herrn sogar unseren Feinden schuldig sind und sicher um so mehr denen, durch die uns der Herr so große Gnaden zukommen ließ?
GEJ|8|50|10|0|Siehe, du unsere nun holdeste und unvergeßliche Freundin, da habe ich recht und lasse es mir von gar niemand bestreiten und nun schon am allerwenigsten von dir, die der Herr zu unserem Glücks- und Leitstern auserkoren hat, und wir dir darum Ehre und wahre Liebe schulden! Laß mich darum nur bei meinem guten Rechte!“
GEJ|8|50|11|0|Sagte die Maria von Magdalon: „Ja, ja, in dieser Hinsicht hast du, hoher Herr, schon ganz recht, aber ich selbst werde darum den Herrn, meine einzige Liebe, loben, rühmen und preisen immerdar, daß Er mich, eine große Sünderin, zu einem blinden und stummen Werkzeuge gemacht hat! Denn hätte ich gewußt, daß Er hier oben sei, so hätte ich euch nicht hierherauf geführt; denn ich hätte es als eine zu grobe Sünderin ja selbst nicht gewagt, mich dem Herrn zu nahen, da ich von der Wahrheit Seiner Lehre und Seines heiligsten göttlichen Wesens nur zu tief überzeugt bin und auch einsehe, daß eine Sünderin, wie ich eine war, nie wert sein und werden kann, sich Seiner heiligsten Person zu nahen.
GEJ|8|50|12|0|Ich aber wußte erstens nicht, daß sich der Herr hier aufhalte mit Seinen getreuen Jüngern; aber das wußte ich, daß diese Bergherberge eine der besten von ganz Jerusalem ist. Und weil diese Herberge gewöhnlich von den Fremden besucht wird, so habe ich, da ihr mich in einer Straße der Stadt aufhieltet und um eine gute Herberge befragtet, euch hierherauf geführt und habe daher von euch nur den Dank nach menschlicher Weise zu beanspruchen, der mir als einer Wegweiserin zu einer guten Herberge gebührt; aber dafür, daß ihr hier der höchsten Gnade des Herrn teilhaftig geworden seid, gebührt mir wahrlich kein noch so geringer Dank, da es unmöglich in meiner Absicht hat liegen können, euch solche hier zu verschaffen, indem ich selbst keine Ahnung haben konnte, daß ihr einer solchen hier würdet teilhaftig werden. Daher gebet darum nur allein dem Herrn allen Dank und alle Ehre, und gedenket deshalb meiner nicht, worum ich euch sogar inständigst bitte!“
GEJ|8|50|13|0|Hierauf sagte Ich: „Höre du, Meine Maria! Du hast nun ganz wohl und wahr gesprochen und hast völlig recht in deinem Teile; aber auch die Römer haben recht in dem ihrigen. Daß du Mir allein alle Ehre und allen Dank zuwendest, dadurch zeigst du, daß du vom wahren Geiste der Demut vollends erfüllt bist und dir darum auch alle deine Sünden vergeben sind; aber auch die Römer zeigen, daß sie vom rechten Geiste der Nächstenliebe durchdrungen sind, und begehen deshalb keine Sünde gegen Mich, so sie dich in ihrer dankbaren Erinnerung behalten, wenn du auch nur ein blindes Werkzeug Meiner Liebe und Meines Willens warst.
GEJ|8|50|14|0|Ich aber sage nun bei dieser Gelegenheit allen: Ihr sollet zwar nicht suchen Dank und Ehre bei den Menschen, denen ihr in Meinem Namen werdet Gutes getan haben, so wie auch Ich Selbst bei den Menschen desgleichen nicht suche, da Der, der in Mir wohnt, Meine allerhöchste Ehre ist; aber so euch die Menschen für die in Meinem Namen erwiesenen höchsten Lebenswohltaten verunehren und mit Undank begegnen werden, so werde Ich ihnen das ebenso anrechnen, als hätten sie Mir Selbst das angetan! Denn wer den rechten Jünger, den Ich erweckt habe, nicht ehrt und ihm in Meinem Namen nicht dankbar ist, der ehrt auch Mich, den Herrn und Meister, nicht und ist Mir für die ihm erwiesene Gnade auch nicht dankbar.
GEJ|8|50|15|0|Denn so Ich Jünger und Propheten erwecke, so geschieht das nicht der Jünger und Propheten allein wegen, sondern aller Menschen wegen; und darum sollen die Jünger und Propheten auch als das geachtet werden, als was sie von Mir berufen sind. Wer denn einen Jünger und einen Propheten in Meinem Namen mit Liebe und rechter dankbarer Achtung aufnehmen wird, dem werde Ich es auch also anrechnen, als hätte er Mich Selbst also aufgenommen, und er wird denn auch dereinst eines Jünger- und Prophetenlohnes teilhaftig werden. Und deren Lohn wird wahrlich kein geringer sein!
GEJ|8|50|16|0|Aber wehe auch jenen falschen Jüngern und Propheten, die sich gleich den Pharisäern und Hochpriestern von den Menschen werden ehren lassen und solches von den Menschen sogar gesetzlich verlangen werden! Wahrlich, die sollen als Diebe und Räuber angesehen werden und dereinst vor allen Engeln zu großen Schanden werden! Je mehr Ehre sie sich in dieser Welt für sich nehmen werden, desto mehr der ärgsten Schande werden sie dereinst zu gewärtigen haben.
GEJ|8|50|17|0|Dieses sollet ihr euch alle auch wohl merken und könnet das auch leicht; denn so ihr Mein Gebot der wahren und reinen Nächstenliebe recht in Betrachtung ziehet, so werdet ihr es gar leicht begreifen, daß jedem echten und wahren Menschen der stinkende Hochmut seines Nebenmenschen am meisten weh tut!“
GEJ|8|51|1|1|51. — Die bevorstehenden Gerichte
GEJ|8|51|1|0|(Der Herr:) „Daher sei ein jeder voll Sanftmut und Demut, und ihr werdet euch dadurch gegenseitig die größte und wahrste Menschenehre erweisen und in Frieden und Ruhe miteinander leben und verkehren!
GEJ|8|51|2|0|Ehrsucht und Hochmut aber erzeugen Mißmut, Ärger, Verachtung, Groll, Zorn und am Ende Rache, Krieg und sein böses Gefolge. Der Hochmütige und Ehrgierige ist auch stets voll Selbstsucht und Habgier; und weil er alles nur für sich zur Erhöhung seiner Weltehre gewinnen will, so ist dann davon die traurige Folge, daß Hunderte und Tausende um ihn dann nichts haben und in der größten Armut und Not leben müssen, wie das auch zu den Zeiten Noahs der Fall war und in der letzten Zeit des neuen Heidentums noch mehr der Fall sein wird.
GEJ|8|51|3|0|Aber eben dieser böse und vollends höllische Zustand unter den Menschen wird das Gericht sein, das sie sich selbst schaffen werden. Die übergroße Zahl der Armen und Gedrückten wird sich endlich über ihre überhochmütigen Bedrücker erheben und mit ihnen ein Garaus machen, und das wird sein eine zweite Sündflut durch das Zornfeuer der am Ende zu arg und mächtig gedrückten Armut.
GEJ|8|51|4|0|Aber auch ein natürliches Feuer wird in jener Zeit viele Orte verwüsten; denn es werden in jener Zeit die Menschen aus zu hoch übertriebener irdischer Gewinnsucht gleich bösen Würmern in die Tiefen der Erde dringen und darin allerlei Schätze suchen und auch finden. Wenn sie aber an die mächtigen Lager begrabener Urwälder der Erde kommen werden und sie zur Feuerung und Schmelzung der Metalle und noch zu vielen anderen Dingen gebrauchen werden, so wird auch das letzte Gericht, das sie sich selbst bereiten werden, vor der Türe sein.
GEJ|8|51|5|0|Am meisten aber werden die zu leiden haben, die da wohnen werden in den großen Städten der Könige und der dermaligen Mächtigen der Erde.
GEJ|8|51|6|0|Darum bleibet alle stets in der Sanftmut und Demut und dadurch in der wahren Nächstenliebe, so wird kein Gericht unter euch erzeugt werden; denn wo in jener Zeit die Menschen in Meiner Ordnung leben werden, dort wird auch kein letztes Gericht zum Vorschein kommen. Ich habe euch das nun deshalb zum voraus gesagt, auf daß ihr es auch den andern Menschen sagen und verkünden sollet, damit sich am Ende niemand entschuldigen kann, daß er nicht vor der Gefahr gewarnt worden sei.“
GEJ|8|51|7|0|Sagten alle: „Herr und Meister, an unserem Eifer für die gute und wahre Sache wird es uns mit Deiner Hilfe wahrlich nicht fehlen; aber es gibt der Menschen viele auf der Erde, die groß und weit ist, und wir werden nicht in alle ihre Orte kommen können, und so wird das Böse unter dem Guten und Wahren fortwuchern, und wir werden wohl nicht imstande sein, demselben vollen Einhalt zu tun!“
GEJ|8|51|8|0|Sagte Ich: „Dafür werdet ihr, wie ein jeder wahrhaft Gute in Meinem Namen, auch zu keiner Verantwortung gezogen werden. Denn es genügt, daß den Menschen die Wahrheit verkündet wird; das Leben und Handeln danach ist ihre höchst eigene Sache. Wer danach leben und handeln wird, der wird in kein Gericht kommen, sondern das ewige Leben ernten und selig werden.“
GEJ|8|52|1|1|52. — Maria von Magdalon und der Herr
GEJ|8|52|1|0|Hier trat die Maria von Magdalon näher zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, kann auch ich noch selig werden und dereinst das ewige Leben ernten? Denn ich bin eine große Sünderin, und mir kommt es in Deiner heiligsten Nähe stets mehr und mehr vor, daß ich auch Deiner allergeringsten Gnade zu unwürdig bin!“
GEJ|8|52|2|0|Sagte Ich: „Bleibe du nur fortan in der reinen Liebe, und sündige nicht mehr! Das sei deine Sorge; um alles andere werde schon Ich für dich Sorge tragen. Ich habe dich befreit von deinen unreinen Geistern und habe zu dir auch gesagt: Deine Sünden sind dir vergeben, weil du den Armen viel Liebe erwiesen hast und nun auch Mich liebst über alles. Zu wem Ich aber sage: ,Deine Sünden sind dir vergeben!‘, dem sind sie auch wahrhaft vergeben. Aber er muß hinfort keine Sünden mehr begehen; denn sündigt er von neuem wieder, so versetzt er sich in einen noch ärgeren Zustand, als da war sein erster. Aber Ich sehe bei dir den ernsten Willen, nicht mehr zu sündigen, und so wirst du auch verbleiben in Meiner Gnade und Liebe. Wer aber in Meiner Gnade und Liebe verbleibt, der hat schon das ewige Leben in sich und mit ihm die ewige Seligkeit.
GEJ|8|52|3|0|Wer aus Liebe zu Mir alles tut, was die Nächstenliebe fordert, dem werde auch Ich alles tun, was in Meiner Macht steht. In Meiner Macht aber steht nicht nur vieles, sondern alles. So du, liebe Maria, nun das weißt, da sei du frohen Gemütes, und tue fortan Gutes, und Ich werde dich nicht verlassen!“
GEJ|8|52|4|0|Hierauf fiel die Maria von Magdalon zu Meinen Füßen, dankte Mir mit dem gerührtesten Herzen und benetzte Meine Füße mit ihren Tränen und trocknete sie mit ihren Haaren. Meinen alten Jüngern aber kam diese Szene etwas zu lange dauernd und nach ihrer Meinung auch etwas unanständig vor, und sie murrten heimlich unter sich.
GEJ|8|52|5|0|Ich aber merkte das und sagte zu ihnen: „Warum ärgert denn ihr euch darob? Ich bin schon lange unter euch, und ihr habt Mir eine solche Liebe noch nie bezeigt, und Ich verlangte sie von euch auch nicht. Darum aber sage Ich euch nun auch: Wo immer Mein Evangelium den Menschen gepredigt wird, da soll auch dieser Maria volle Erwähnung gemacht werden; denn sie hat Mir einen großen Liebedienst erwiesen. Das merket euch auch! Du, Maria, aber erhebe dich nun wieder, und sei Meiner vollen Liebe und Gnade versichert!“
GEJ|8|52|6|0|Darauf erhob sich die Maria und dankte Mir nochmals mit dem liebevollsten Herzen.
GEJ|8|52|7|0|Die Jünger aber baten Mich und sie um Vergebung ob ihrer kleinen Ungeduld.
GEJ|8|52|8|0|Und Ich sagte: „Lernet die Schwachen ertragen, so werdet ihr dadurch mehr Stärke eurer Seelen vor Mir an den Tag legen, als so ihr nur mit den Helden kämpfet und über sie sieget!
GEJ|8|52|9|0|Nun aber ist die Sonne schon ziemlich hoch über den Horizont gestiegen, und das Morgenmahl steht in Bereitschaft; wir wollen dasselbe zu uns nehmen und uns dann von hier nach Bethanien begeben!“
GEJ|8|52|10|0|Darauf begaben wir uns behende ins Haus und nahmen das Morgenmahl ein, an dem auch unsere Maria teilnahm.
GEJ|8|52|11|0|Nach dem Morgenmahle aber machte Lazarus mit seinem Wirte die Rechnung und nahm den Gewinn, wie auch die andern Schätze und Kostbarkeiten mit sich. Es hatten daran zehn Maultiere zu tragen, da auch die Schätze von den etlichen bekehrten Pharisäern dabei waren, die Lazarus zur Verwaltung übernahm.
GEJ|8|52|12|0|Nikodemus, Joseph von Arimathia und der alte Rabbi empfahlen sich Meiner Gnade und Liebe, dankten für alles und gingen samt den Magiern in die Stadt, allwo sie zu tun hatten. Die Magier aber begaben sich zu den Ihrigen, die schon mit vieler Sehnsucht ihrer harrten. Die beiden Römer aber, die zu Emmaus wohnten, zogen mit den sieben Oberägyptern nach Emmaus, von wo aus dann die letzteren nach einigen Tagen wieder in ihr Land zogen. Alle andern Anwesenden aber zogen mit uns nach Bethanien.
GEJ|8|52|13|0|Es braucht hier nicht weiter und sonderheitlich angegeben zu werden, welche Menschen noch da waren, da dieselben im Verlaufe der erzählten Begebenheiten auf dem Ölberge ohnehin mehrere Male benannt und bezeichnet wurden.
GEJ|8|52|14|0|Maria von Magdalon bat Mich auch, uns nach Bethanien nachkommen zu dürfen, und fragte Mich, wie lange Ich wohl in Bethanien verweilen werde.
GEJ|8|52|15|0|Und Ich sagte: „Ich werde daselbst drei Tage hindurch ruhen; denn Ich habe nun viel gearbeitet, und auf viel Arbeit kann man sich eine kleine Rast nehmen. Wenn du dein Haus bestellt haben wirst, dann komme zu uns nach Bethanien!“
GEJ|8|52|16|0|Darauf begab sich auch die Maria sogleich nach Hause, um daselbst schnell alles zu ordnen, und das auf einige Tage, da sie es sich vornahm, diese Zeit bei Mir zuzubringen.
GEJ|8|53|1|1|53. — Die Reise nach Bethanien
GEJ|8|53|1|0|Schließlich fragte Mich noch Agrikola, ob er nicht eines von den Goldgeschirren, die wunderbar für den Tisch der Römer geschaffen worden waren, zum Gedächtnisse mitnehmen dürfe gegen Erlegung eines ausgesprochenen Geldwertes.
GEJ|8|53|2|0|Und Ich sagte zu ihm: „Was für euch geschaffen ward, das gehört euch auch, und ihr könnet es daher auch ohne Erlegung eines Geldbetrages mit euch nehmen. Zudem wirst du ohnehin der Armen genug von hier mit dir nach Rom nehmen und sie dort wohl versorgen, und so sind in der materiellen Hinsicht diese Gefäße wohl nur ein ganz geringer Lohn für das, was du Mir zuliebe tust. Darum nimm nur alles, was sich irdisch Kostbares auf eurem Tische befindet! Aber betrachte das nicht etwa als einen wirklichen Lohn für alles das, was du aus Liebe zu Mir den vielen Armen und Bedrängten tust; denn dein Lohn dafür wird ein ganz anders gestalteter sein auf Erden schon, und über alles jenseits in Meinem Reiche.
GEJ|8|53|3|0|Sorge daheim aber ernst und gut für die, welche Ich dir zur Pflege übergeben habe! Du wirst nach einem Jahre nach dem äußersten Westen Europas in Regierungsangelegenheiten eine Reise machen müssen mit einem Sohne von dir, und du wirst dort lange und viel zu tun haben. In der Zeit aber bestelle dein Haus wohl, damit alle die, welche Ich dir anvertraut habe, ja keine Not weder leiblich und noch weniger seelisch zu erleiden haben sollen!“
GEJ|8|53|4|0|Sagte Agrikola, von der Liebe zu Mir ganz zu Tränen gerührt: „O Herr und Meister, das wird wohl meine erste und größte Sorge sein, und ich hoffe, daß mir mit Deiner Hilfe alles wohl und bestens gelingen wird! Aber verlasse ja Du mich niemals, und lasse keine zu starken Versuchungen über mich und mein Haus kommen! Ich kenne wohl nun ganz gut meine von Dir mir geschenkte Stärke; aber ich kenne auch meine alten, höchsteigenen Schwächen. Sollte mich dann und wann eine oder die andere gemahnen zu einem Falle, – o Herr, da ergreife mich und stärke meinen Willen, auf daß ich mich aufrecht erhalte und nicht falle!“
GEJ|8|53|5|0|Sagte Ich: „Wahrlich, um was du den Vater, den du nun kennst, bitten wirst in Meinem Namen, das wird dir auch gegeben werden! Darum sei du stets voll Trostes und voll der wahrsten und lebendigsten Zuversicht; denn Ich werde, so du im lebendigen Glauben und in der Liebe zu Mir verharrst, stets bei dir sein und werde dich führen und leiten, wie auch jeden, der deines Glaubens und deiner Liebe sein wird!“
GEJ|8|53|6|0|Hierauf dankten Mir alle Römer und auch alle die, welche die Römer in ihre Sorge und Pflege aufnahmen.
GEJ|8|53|7|0|Wir waren nun reisefertig und begaben uns hinab auf die Straße, die nach Bethanien führte.
GEJ|8|53|8|0|Als wir an der Mauer der Stadt vorüberzogen, da sagte der Wirt im Tale, der auch mit uns heimzog, wie auch der an der großen Heerstraße unweit Bethlehem: „Herr, sieh doch diese furchtbar starken Mauern der Stadt an! Wie wohl werden die mit menschlichen Kräften zerstört werden können?“
GEJ|8|53|9|0|Sagte Ich: „Was Menschenhände schufen, das können sie auch zerstören. Denn es sind die Menschen überhaupt geschickter im Zerstören als im Schaffen, und so werden sie zur rechten Zeit auch Meister dieser starken Mauern werden. Ich sage euch: Nicht ein Stein wird auf dem andern gelassen werden! In ein paar Jahrhunderten werden die Menschen die Stelle suchen, auf welcher nun noch der Tempel steht, und werden sie nicht finden.
GEJ|8|53|10|0|Wie war es denn zu den Zeiten Noahs vor der großen Flut? Ich habe euch das gezeigt vor einigen Tagen! Konnten die Menschen jener Zeit sogar Berge zerstören, wodurch die inneren Gewässer der Erde zum Ausbruch kamen und die Frevler ersäuften, also werden die Menschen desto leichter mit dieser Mauer fertig werden zur rechten Zeit!“
GEJ|8|53|11|0|Mit diesem Bescheide waren die beiden zufrieden, und wir zogen auf der Straße weiter und kamen bald an ein Mauthaus.
GEJ|8|54|1|1|54. — Der habsüchtige Zöllner und der Herr. Vom Liebetätigen Glauben. Über Schadenersatz
GEJ|8|54|1|0|Der Zöllner aber erkannte Mich bald, trat zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, seit Deine Worte und Lehren mich auf dem Ölberge durchdrungen haben, bin ich wahrlich ein ganz anderer Mensch geworden und danke Dir nun noch einmal aus vollem Herzen für die übergroße Gnade, die Du mir und meinem Hause erwiesen hast! Ich habe alles von Dir Vernommene allen meinen Angehörigen treulich mitgeteilt, und sie glauben nun an Dich; lasse darum auch Deinen Segen über mein ganzes Haus walten!“
GEJ|8|54|2|0|Sagte Ich: „Weil du solches getan hast, so wird das Heil dir und deinem Hause auch nicht ferne bleiben! Aber du forderst dennoch auch sogar von den Einheimischen den Zoll, wenn der Fremden zu wenige nach Jerusalem kommen; wenn aber die Fremden kommen, so verlangst du willkürlich um vieles mehr, als es nach dem Gesetz bestimmt ist. Das aber habe Ich wahrlich nicht gelehrt, und ein solches Handeln steht nicht im allerentferntesten Verbande mit der Nächstenliebe, die Ich jedermann vor allem ans Herz legte. Hast du aber die Nächstenliebe in der Tat nicht, da bist du ferne von Meinem Reiche; denn der pure Glaube ohne die Werke der Liebe ist tot und der, welcher ihn hat, mit ihm. Darum ändere du dein Handeln, ansonst dir wenig Heil aus deinem Glauben an Mich erwachsen wird!
GEJ|8|54|3|0|Daß du ein Zöllner bist, von dem die Templer sagen, daß er gleichfort ein großer Sünder sei, das wird dir von Mir aus nicht zur Sünde gerechnet; aber daß du die Wanderer bedrückst und von ihnen forderst, was über die gesetzliche Gebühr geht, das ist wider die Nächstenliebe und ist somit auch eine grobe Sünde, die keinem Menschen ein Heil bereitet. Ändere darum dein Handeln, so du ein rechter und fruchtbarer Jünger nach Meiner Lehre sein willst!“
GEJ|8|54|4|0|Sagte der Zöllner nun ganz betroffen: „O Herr und Meister, ich sehe nun, daß es vor Deinen Augen nichts Verborgenes gibt, und ich werde darum mein Handeln völlig ändern! Dir aber danke ich nun abermals inbrünstigst für diese Deine Ermahnung.“
GEJ|8|54|5|0|Sagte Ich: „Mache aber auch an den Armen den ihnen zugefügten Schaden gut, sonst baust du deine künftige Nächstenliebe auf hohlem Sandgrunde!“
GEJ|8|54|6|0|Als der Zöllner solches von Mir vernahm, verneigte er sich und sagte: „Herr und Meister, an meinem Willen dazu wird es nicht fehlen, aber an der Möglichkeit, da ich die allermeisten nicht kenne und ihnen die manchmaligen Überbürdungen nicht zurückerstatten kann!“
GEJ|8|54|7|0|Sagte Ich: „So habe den ernsten Willen dazu und tue, was dir möglich ist, so wird dir der Wille als Werk angerechnet werden! Es gibt aber um Jerusalem noch Arme genug, die dann und wann einer Hilfe bedürfen; denen tue du Gutes und bringe ihnen ein Opfer, so wirst du dein Unrecht sühnen!“
GEJ|8|54|8|0|Auf diese Meine Worte verneigte sich der Zöllner abermals, versprach auf das feierlichste, Meinen Rat zu befolgen, und wir zogen dann weiter.
GEJ|8|54|9|0|Auf dem halben Weg nach Bethanien aber saß am Wege ein Blinder, der da bettelte. Er hatte aber einen Führer bei sich, der dem Blinden sagte, daß Ich vorüberzöge.
GEJ|8|54|10|0|Als der Blinde das vernahm, da fing er sogleich aus voller Brust zu schreien an: „O Jesus von Nazareth, Du wahrer Heiland der Menschen, hilf mir armem Blinden!“
GEJ|8|54|11|0|Weil er aber gar so stark schrie, so bedrohten ihn Meine Jünger und verwiesen ihm sein starkes Schreien und sagten, daß Ich ihm auch so helfen könne, wenn er auch nicht gar so heftig schreie.
GEJ|8|54|12|0|Ich aber verwies das den Jüngern und sagte: „Warum ärgert ihr euch denn darum, daß dieser Blinde Mich um Hilfe angeht? Ist euch sein Geschrei lästig, so haltet euch die Ohren zu, und lasset ihn Mich um Hilfe rufen! Denn sähe er, so würde er nicht also schreien; da er aber wahrlich völlig stockblind ist, so schreit er, damit Ich ihn erhören möchte, wenn sein Geschrei von Mir vernommen wird. Euch aber hat er nicht um Hilfe angerufen, sondern nur Mich, und so geht euch sein Schreien auch nichts an, und ihr habt euch darüber nicht zu ärgern und den Blinden nicht zu bedrohen!“
GEJ|8|54|13|0|Da wurden die Jünger still, und Ich trat zum Blinden hin und sagte: „Hier stehe Ich vor dir. Was willst du denn, daß Ich dir nun tun soll?“
GEJ|8|54|14|0|Sagte der Blinde: „O guter Heiland, Herr und Meister, gib mir mein Augenlicht wieder; denn ich habe wohl vernommen, daß Du alle Blinden wohl heilen und sehend machen kannst! Und so bitte ich Dich, daß Du Dich nun auch meiner erbarmen möchtest!“
GEJ|8|54|15|0|Sagte Ich: „Glaubst du denn wohl so ganz ungezweifelt fest, daß Ich dir helfen kann?“
GEJ|8|54|16|0|Sagte der Blinde: „Ja, Herr und Meister, nur Du ganz allein kannst mir helfen, wenn Du das willst!“
GEJ|8|54|17|0|Sagte Ich: „Nun, so will Ich denn, daß du wieder sehen sollst! Aber das sage Ich dir auch, daß du in Zukunft nicht mehr sündigest; denn so du in deine alten Sünden verfallen würdest, da würdest du auch wieder blind werden! Darum beachte wohl, was Ich dir nun gesagt habe!“
GEJ|8|54|18|0|Der Blinde versprach Mir das aufs feierlichste, und Ich berührte darauf mit dem Finger seine Augen, und er war im Augenblick sehend und wußte sich darob vor lauter Freuden nicht zu helfen und dankte Mir mit aufgehobenen Händen, daß Ich ihm geholfen habe.
GEJ|8|54|19|0|Ich aber sagte darauf zu ihm: „Da du sehend geworden und sonst noch ein kräftiger Mensch bist, so erhebe dich nun von dieser Stelle und suche dir in irgendeinem Hause einen Dienst und verdiene dir das tägliche Brot; denn der Müßiggang ist stets der Grund und der Anfang zu allerlei Sünden und Lastern!“
GEJ|8|54|20|0|Sagte der nun sehend gewordene Blinde: „O Du guter Heiland, Herr und Meister! Gar gerne möchte ich nun dienen und arbeiten, wenn sich nur irgend ein Dienstgeber vorfände! Ich und dieser mein Führer würden wohl gar gerne arbeiten, so uns jemand in Arbeit nähme.“
GEJ|8|54|21|0|Hier traten sogleich die beiden Wirte hervor und sagten: „So gehet mit uns, und ihr sollet sogleich Dienst und Arbeit haben; denn wir sind Besitzer von vielen Äckern, Gärten, Wiesen und Weinbergen!“
GEJ|8|54|22|0|Als die beiden das vernahmen, da wurden sie überfroh, erhoben sich von ihren alten Bettelsitzen und zogen ganz wohlgemut mit uns fort nach Bethanien, wo sie einen ganzen Tag wohlverpflegt wurden.
GEJ|8|55|1|1|55. — Auf dem Grundbesitz des Lazarus
GEJ|8|55|1|0|Als wir nach Bethanien kamen, da ersahen Mich die beiden Schwestern des Lazarus schon von weitem und liefen Mir mit offenen Armen entgegen.
GEJ|8|55|2|0|Als sie zu Mir kamen, konnten sie nicht genug lobend erzählen, was sich unterdessen alles Gutes in Bethanien zugetragen habe, während Ich Mich zu Jerusalem aufhielt, und welche Freude ihnen am Morgen die Ankunft der vielen Jungen verursachte; aber zugleich bedauerten sie auch, daß die lieben Jungen nicht in Bethanien verbleiben würden, wie ihnen das der Raphael angezeigt habe.
GEJ|8|55|3|0|Ich aber sagte ihnen den Grund, und sie stellten sich zufrieden.
GEJ|8|55|4|0|Dabei erreichten wir den Hof und begaben uns denn auch sogleich ins Haus, wo in einem großen Saale die Jungen Mich empfingen und als Vater begrüßten, und das mit so herzlichen Worten, daß darob alle zu Tränen gerührt worden sind.
GEJ|8|55|5|0|Von diesem Saale bezogen wir einen anderen Saal.
GEJ|8|55|6|0|Als wir in dem schon angezeigten Saale uns befanden und uns gewisserart zu einiger Ruhe geordnet hatten, da ließ Lazarus Brot und Wein auf die Tische setzen und ersuchte uns, daß wir uns damit ein wenig stärken möchten. Wir taten das denn auch eben nicht ungern, da wir von dem kleinen Marsche ein wenig müde geworden waren. Doch diese Müdigkeit war wahrlich kaum des Erwähnens wert; aber da die Römer den Wunsch geäußert hatten, auch diese Stammbesitzung des Lazarus, die von großem Umfange war, näher kennenzulernen, so war da eine kleine leibliche Vorstärkung eben ganz am rechten Orte. Wir nahmen denn auch das Brot und den Wein, nachdem Ich beides zuvor gesegnet hatte, und aßen und tranken ganz wohlgemut das Gegebene.
GEJ|8|55|7|0|Nach dieser kleinen Leibesstärkung aber begaben wir uns abermals ins Freie und durchzogen den größten Teil der Besitzungen des Lazarus, und die Römer verwunderten sich sehr über den großen Reichtum des Lazarus.
GEJ|8|55|8|0|Aber dieser sprach (Lazarus): „Liebe Freunde, ich besitze noch bei dreißigmal soviel, als was ihr hier nur flüchtig habet übersehen können! Aber all dieser große Besitzesreichtum macht mich darum nicht glücklich, weil ich ihn auf dieser Erde völlig mein nennen kann; denn heute bin ich wohl noch vor den weltlichen Gesetzen ein rechtmäßiger Besitzer, doch morgen fordert der Herr die Seele von mir, und diese wird vor Ihm Rechnung zu legen haben, wie und zu welchem Frommen sie die Erdengüter, die ihr anvertraut worden waren, getreu verwaltet hat. Und sehet, da wird es dann wohl gar mancher Seele schwer ergehen, vor dem Herrn in der Rechenschaft bestehen zu können! Daher sind wir wohl nur, vom rechten Standpunkte des Lebens auf dieser Welt aus betrachtet, zeitweilige Verwalter solcher Erdengüter zum Frommen der armen Menschheit, aber niemals Besitzer. Denn der ewig rechtmäßige Besitzer ist allein der Herr; wir aber besitzen nur das Recht, diese Erdengüter zum Frommen der bedürftigen Menschen zu verwalten und sie zweckdienlich zu bearbeiten.
GEJ|8|55|9|0|Und so bin denn auch ich kein Besitzer von allem dem, sondern nur ein noch immer schwacher Bearbeiter und Verwalter. Der aber nun als der allerhöchste Lebensfreund unter uns wandelt und ein wahrster Herr alles Lebens ist, Der ganz allein ist auch der wahre Besitzer dieser und aller Güter der Erde, und es wird uns dereinst zum Heile gereichen, so Er zu uns sagen wird: ,Ihr habet Meine euch anvertrauten Güter wohl verwaltet!‘“
GEJ|8|55|10|0|Sagte Agrikola: „Was du nun von deinen Gütern denkst und sagst der vollen Wahrheit nach, das werde auch ich von den meinen denken und sagen und nach Möglichkeit auch dir gleich handeln. Dich, o Herr, aber bitten wir schon jetzt, daß Du mit uns dereinst nicht eine allzustrenge Rechnung über unser Gebaren mit Deinen uns nur zur Verwaltung verliehenen Erdengütern halten möchtest! Denn am Willen, recht zu tun, soll es uns nicht mangeln; aber ob die äußeren, finsteren Weltverhältnisse uns dann und wann nicht manchen unerwarteten und unvorhergesehenen Strich durch unsere gute Rechnung machen werden, das liegt außer unserer Macht, und Du, o Herr, wirst uns für solche möglichen Fälle gnädig und barmherzig sein.“
GEJ|8|55|11|0|Sagte Ich: „Was da immer geschehen wird wider euren Willen, dafür werden die Rechnung zu geben haben, die euch dann und wann als Hindernisse in den Weg getreten sind. Denn die vor Mir allein gültige Rechnung wird in euren Herzen geschrieben stehen. Da ihr aber nun Meine Freunde seid, so werdet ihr auch als dieselben verbleiben in Ewigkeit!
GEJ|8|55|12|0|Denn wahrlich sage Ich euch: Selig seid ihr, die ihr nun das sehet und höret, was alle Patriarchen und Propheten zu sehen und zu hören so sehnlichst wünschten! Aber es war damals noch nicht an der Zeit. Im Geiste sehen und hören sie nun das auch und freuen sich über die Maßen darob; doch ihrem Fleische blieb das verborgen, und den künftigen Generationen wird das auch mehr oder minder verborgen bleiben. Für euch aber ist es nun ein leichtes, zu glauben und danach zu handeln, denn ihr seid nun Augen- und Ohrenzeugen von allem dem, was auf dieser Erde noch nie ein Menschenauge geschaut und ein Menschenohr gehört hat; aber in der Folge werden nur jene selig, welche, so sie auch nicht sehen und hören werden, wie ihr nun, dennoch glauben und nach dem Glauben handeln werden. Darum aber wird ihr Verdienst ihnen noch höher angerechnet werden.“
GEJ|8|55|13|0|Sagten Meine Jünger: „Wenn Du, o Herr, in der Folge niemandem mehr sichtbar und vernehmbar wirst, wie wirst Du denn dann bei den Deinen verbleiben bis ans Ende der Zeiten?“
GEJ|8|55|14|0|Sagte Ich: „Das war einmal wieder eine ausgezeichnet blöde Frage von euch! Wie vieles und Großes habe Ich euch schon verkündet und gezeigt, und dennoch verstehet ihr noch wenig von der inneren Weisheit in Gott! Ich kann doch nicht ewig in diesem Fleische auf dieser materiellen Welt verbleiben, und Ich habe es euch schon zu mehreren Malen gesagt, was Mir noch begegnen wird, damit das Sündenmaß der Juden voll werde und ihr Gericht über sie komme, und noch fraget ihr beinahe wie Blindgeborene nach den Farben des Lichtes, wie Ich dann in der Folge bis ans Ende der Zeiten bei den Meinen verbleiben werde! Weil ihr aber das noch nicht verstehet, so will Ich es euch noch einmal sagen:
GEJ|8|55|15|0|Ich werde im Geiste, im Worte und in der Wahrheit bei den Meinen verbleiben, und die in großer Liebe zu Mir sich befinden werden, die werden Mich auch persönlich auf Momente zu sehen bekommen. Die aber nach Meinem Worte leben und nach der inneren Wahrheit desselben sorglich forschen werden, mit denen werde Ich reden durch das Verständnis ihres Herzens und werde also legen Meine Worte in ihr Gemüt, und in Meinem Namen wohlerzogene Jünglinge und Mägde sollen Gesichte haben, in denen ihnen erklärt wird Meine Wesenheit, die Himmel und das ewige Leben, wie auch das Los der Abtrünnigen und Bösen, und auch also werde Ich verbleiben bei den Meinen bis ans Ende der Zeit dieser Erde. Das alles verstehet nun recht, und fraget Mich um derlei nicht wieder!“
GEJ|8|55|16|0|Die Jünger stellten sich mit dieser Meiner Antwort ganz zufrieden und fragten Mich dann fürder nicht mehr um solches.
GEJ|8|56|1|1|56. — Die Sonderstellung der Erde
GEJ|8|56|1|0|Als wir aber noch zwischen den Äckern und Gärten schon ganz in der Nähe von Bethanien umherwandelten und dann bald auf dem schon bekannten Lieblingsruheplatze des Lazarus auf einer kleinen Anhöhe anlangten, um allda im Freien ein wenig auszuruhen, da wir bei der Besichtigung der Gründe des Lazarus denn doch bei drei Stunden lang auf den Füßen zugebracht hatten, da trat einer aus der Zahl der Römer zu Mir und fragte: „Herr und Meister, bis jetzt habe ich nur zugehört und für mich noch kein Wort geredet und sage nun, daß alles von Dir, wie auch von dem sonderbaren Engel Gesprochene, Erklärte und von uns Gesehene mir das unwidersprechbarste Zeugnis von Deiner unmittelbaren und persönlichen Göttlichkeit gab. Aber Du erklärtest uns auch den gestirnten Himmel und hast uns durch Deine Güte und durch die Allmacht Deines heiligen Willens in derartige Zustände versetzt, in denen wir die andern Erdkörper ebenso klar besehen konnten wie nun mit den fleischlichen Augen die Gefilde dieser Erde, und fanden überall Menschen und eine Menge anderer Geschöpfe. Ja, wir fanden in den geschauten andern Erdkörpern sogar noch um vieles herrlichere Länder und Gegenden und Menschen und andere Geschöpfe in einer auch um vieles höheren Vollendung, und die Schönheit und große Regelmäßigkeit ihrer Wohngebäude übertraf die dieser Erde ums unbeschreibbare.
GEJ|8|56|2|0|Nun, als ich bei mir darüber allerlei Betrachtungen anstellte, da warf sich in meinem Herzen die Frage auf, wie und aus welchem Grunde Du, o Herr, gerade auf dieser in jeder Hinsicht mageren Erde hast einen diesmenschlich fleischlichen Leib anziehen wollen, da Dir zu diesem Zwecke doch zahllose Myriaden der herrlichsten und größten Sonnenwelten zu Gebote gestanden wären. Könntest oder wolltest Du uns darüber nicht auch noch so einige für uns Römer verständlichere Aufschlüsse geben?“
GEJ|8|56|3|0|Sagte Ich: „O ja, – obschon Ich euch alle bei der Enthüllung der materiellen Schöpfung und namentlich bei der Darstellung und klaren Erklärung der Sonnenordnung in einer Hülsenglobe und hernach des ganzen großen Schöpfungsmenschen darauf wohl aufmerksam gemacht habe, wie und warum Ich gerade auf dieser Erde und auch eben in dieser Zeit das Leibliche angezogen habe; aber so Ich es euch auch wieder erkläre, so werdet ihr das doch auf den vollen Grund nicht einsehen, und das so lange nicht, bis ihr nicht selbst im Geiste wiedergeboren werdet. Aber dessenungeachtet kann Ich euch dennoch noch einen ganz kurzen Wink darüber geben, weil Ich es zum voraus sehe, daß eben dieser Punkt unter den künftigen Weltweisen und Theosophen ein ganz bedeutsam und bedenklich strittiger werden kann und auch werden wird. Und so höret Mich denn nochmals an!
GEJ|8|56|4|0|Der eigentliche Grund liegt freilich nur in Meiner Weisheit und in Meinem Willen. Daß ein jeder Mensch, so wie auch jedes warmblütige Tier, ein Herz hat, von dem sein leibliches Leben abhängt, das werdet ihr wohl alle wissen, aber ihr kennet den Bau des Herzens nicht, Ich aber kenne ihn gar wohl und weiß darum auch, was im Herzen ist, durch das dasselbe belebt wird.
GEJ|8|56|5|0|Es befinden sich im Herzen zwei überaus kleine Kämmerlein, die den beiden großen Blutkammern entsprechen. Für eure Augen würden diese beiden Kämmerlein wohl kaum als kleinste Pünktlein sichtbar sein. So klein aber auch diese Pünktlein sind, so bedingen sie durch ihre Einrichtung doch ganz allein zuerst das Leben des Herzens und durch dasselbe das Leben des ganzen Leibes und aller seiner zahllos vielen Teile und Organe.
GEJ|8|56|6|0|Das eine erste und somit allerwichtigste Kämmerlein entspricht dem, was des Geistes und somit des eigentlichen Lebens ist, und wir wollen es das bejahende und somit wahre nennen. Das zweite, gewisserart minder wichtige, obschon zum natürlichen Leben des Leibes auch unumgänglich notwendige, aber wollen wir das der Materie entsprechende, also auch das verneinende nennen. Dieses hat für sich kein Leben, sondern ist nur ein Aufnahmegefäß fürs Leben, welches es mit jedem erneuten Herzschlage aus dem bejahenden Kämmerlein wie von neuem aufnimmt und es dann dem ganzen Leibe durch das Blut mitteilt.
GEJ|8|56|7|0|Aus diesem leicht faßlichen Bilde könnet ihr nun schon entnehmen, wie das Herz in seinem Lebensgrunde beschaffen ist und sein muß, auf daß es dem ganzen Leibe das Leben verschaffe. Daß das Herz dann noch eine sehr weitwendige und überaus kunstvolle und höchst weise organisch-mechanische Einrichtung zur Fortförderung des in ihm entwickelten Lebens hat und haben muß, das versteht sich auch ohne weitere Erklärung von selbst; denn wo etwas weitergebracht werden soll, da müssen zu dem Zwecke auch wohlgebahnte Wege und Überbringungsmittel bestehen und dasein. Wir aber brauchen zur Beleuchtung unserer Sache hauptsächlich nur die beiden Kämmerlein, und von ihnen eigentlich nur das bejahende.“
GEJ|8|57|1|1|57. — Entsprechung zwischen dem Mikrokosmos und Makrokosmos. Die Grunde der Menschwerdung des Herrn auf dieser Erde
GEJ|8|57|1|0|(Der Herr:) „Seht, wie im Kleinen ein jeder Mensch zum Behufe seines leiblichen kurzen Probelebens eingerichtet ist, also ist entsprechend auch in den weitesten Umrissen der ganze große Schöpfungsmensch eingerichtet!
GEJ|8|57|2|0|Denket euch, daß eben diese Hülsenglobe, in der sich diese Erde mit dem Monde, der Sonne und allen zahllos vielen andern Sonnen und Erdkörpern befindet, zur Einrichtung des Herzens im Großen Schöpfungsmenschen gehört, und daß eben diese Sonne mit ihren Planeten, von denen sie umbahnt wird, das bejahende Lebenskämmerlein darstellt und in diesem Lebenskämmerlein eben diese Erde entsprechend den eigentlichen geistigen Grundlebensstoff bedingt und ausmacht, was wohl nie ein Weltweiser einsehen wird, wie und warum. Aber Ich als der Schöpfer der Unendlichkeit aus Mir weiß darum und kann es euch denn auch also sagen, wie sich diese Sache verhält.
GEJ|8|57|3|0|Ich bin aber von Ewigkeit der Grund alles Lebens und alles Seins und bin somit auch die urbejahende Lebenskammer im ewigen Lebensherzen der Unendlichkeit.
GEJ|8|57|4|0|So Ich denn nach Meiner Liebe, Weisheit und Ordnung in Mir Selbst beschlossen habe, das Leiblich-Menschliche anzuziehen, so konnte Ich der ewigen Ordnung gemäß in dem Großen Schöpfungsmenschen ja das auch nur auf dem Punkte realisieren, der Meinem Urwesen, wenn auch aus Mir geschaffen, völlig entspricht.
GEJ|8|57|5|0|Es ist zwar damit nicht gesagt, daß gerade diese Erde, auf der wir nun sind, den eigentlichen Hauptbejahungspunkt darstellen müßte. Das könnte auch eine andere Erde, zu dieser Sonne gehörig, sein, und es war auch schon eine andere dazu bestimmt; aber deren Bewohner haben sich noch um vieles unwürdiger benommen als nun die Bewohner dieser Erde, und so ward jene Erde verworfen und verwüstet samt ihren Bewohnern.
GEJ|8|57|6|0|Da aber nun diese Erde seit den Zeiten Adams dazu erkoren ward und auf ihrem Boden Ich nun das Leibmenschliche angenommen habe, so wird sie als das auch verbleiben bis ans Ende der Zeiten der gerichteten Geister in aller Materie, und ihr werdet aber auch die Austräger des Urgrundlebens in alle Unendlichkeit und Ewigkeit im Geiste aus Mir verbleiben und eben darum Meine wahren Kinder sein.
GEJ|8|57|7|0|Sehet, da ist nun ganz kurz und so klar als möglich der Grund vor euch hingestellt, warum Ich nur auf dieser und auf keiner andern noch so großen und vollkommenen Erde habe das Leibmenschliche aus purer Liebe zu nun Meinen Kindern anziehen können!
GEJ|8|57|8|0|Es gibt aber neben diesem Hauptgrunde auch noch andere Gründe, die da mit in die Bestimmung Meines Willens der ewigen Ordnung gemäß gezogen werden können. Allein diese Nebengründe sind denn doch nur notwendige Folgen des eigentlichen Hauptgrundes, und wir brauchen sie darum nicht gar zu namentlich vorzuführen.
GEJ|8|57|9|0|Ein solcher Grund ist einmal die gänzliche Demütigung und Erniedrigung, ohne die sich auch ein höherer Geist nicht mit dem Fleische der Lebensprobe umkleiden und dann wieder ins völlig freieste und selbständige Leben übergehen oder zurückkehren kann; und das stellt auch diese Erde dar.
GEJ|8|57|10|0|Das bejahende Lebenskämmerlein im Herzen ist, was die Leibesteile betrifft, sicher auch das unansehnlichste Partikelchen des ganzen Leibes, ist finster und wird nie von den Strahlen der Sonne erleuchtet und wird selbst von den Menschen, denen es doch das Leben schafft und gibt, gar nicht erkannt und geachtet. Ja, wenn man davon zu den Weltweisen redete, so würden sie mit den Achseln zucken und sagen: ,Wie möglich kann das mächtige allgemeine Leben eines Menschen wohl nur von einem kaum sichtbaren kleinen Pünktlein abhängen?!‘ Aus dem aber geht ja doch klar hervor, daß selbst die größten Weltweisen ihren eigenen Lebensgrund nicht von fernehin kennen, geschweige erst ein anderer Tagesmensch.
GEJ|8|57|11|0|Und doch muß ein jeder Mensch, der sich selbst und Gott wahrhaft erkennen will, in dies sein allerunansehnlichstes Herzlebenskämmerlein auf dem Wege der äußersten Demut und Fügsamkeit eingehen und das aus demselben empfangene Leben geistig wieder zurückgeben! Wenn ein Mensch das tut, so erweitert er das Lebenskämmerlein und erleuchtet es durch und durch. Ist aber das geschehen, so wird dann das ganze Herz und vom Herzen aus der ganze Mensch erleuchtet und erkennt sich selbst und dadurch auch Gott, weil er da erst gewahren und erschauen kann, wie das Leben in diesem Kämmerlein aus Gott einfließt, sich da sammelt und zu einem freien, selbständigen Leben ausbildet.
GEJ|8|57|12|0|In diesem Kämmerlein wohnt sonach der eigentliche Geist aus Gott, und so die Seele des Menschen in dies Kämmerlein durch die rechte Demut, Fügsamkeit, wie die Liebe des rechten Menschen zur ewigen, unerschaffenen Liebe Gottes eingeht, so einigt sich dadurch die Seele mit dem ewigen Geiste aus Gott und dieser mit der geschaffenen Seele, und das ist dann eben die Wiedergeburt der Seele im Geiste aus Gott.
GEJ|8|57|13|0|Wie aber ein rechter Mensch das tun muß, um in sich zur vollen Herrlichkeit des Lebens einzugehen, also habe es nun auch Ich Selbst euch allen zum wahren Muster und zu einem wahrsten Wegweiser im Großen Schöpfungsmenschen getan und bin darum auf diese Erde, weil sie nach Meiner ewigen Ordnung eben, wie schon gezeigt, dem bejahenden Herzenskämmerlein entspricht, gekommen, um so zu Meiner eigenen und dadurch auch zu eurer größten Herrlichkeit einzugehen in alle Gewalt im Himmel und auf allen Erden.
GEJ|8|57|14|0|Ich war wohl schon von Ewigkeit her in Mir Selbst in aller Macht und Herrlichkeit, aber Ich war dennoch für kein geschaffenes Wesen ein schau- und begreifbarer Gott, auch nicht für einen vollkommensten Engel. So Ich Mich jemandem, wie dem Abraham, Isaak und Jakob, gewisserart beschaulich machen wollte, so geschah das dadurch, daß Ich einen Engel besonders mit dem Geiste Meines Willens also erfüllte, daß er dann auf gewisse Momente Meine Persönlichkeit darstellte. Aber von nun an bin Ich allen Menschen und Engeln ein schaubarer Gott geworden und habe ihnen ein vollkommenstes, ewiges und selbständig freiestes und somit wahrstes Leben gegründet, und eben darin auch besteht Meine eigene größere Verherrlichung, und so denn auch die eurige.
GEJ|8|57|15|0|Denn wie konnten selbst die vollkommensten Engel und auch die frömmsten Menschen dieser und aller andern Erden den niemals geschauten und daher auch niemals vollkommen begriffenen Gott wahrhaft verherrlichen durch eine wahre und lebendige Liebe zu Ihm? Denn da hieß es allzeit: ,Gott kann niemand schauen und dabei erhalten das Leben; denn die pure Gottheit in Sich ist ein verzehrendes, ewiges Feuer!‘ Dies Feuer ist nun in Mir bedeckt und gedämpft durch diesen Meinen Leib, und es heißt nun nicht mehr: ,Gott kann niemand schauen und leben!‘, sondern: ,Von nun an wird ein jeder Engel und Mensch Gott schauen und leben können; und wer nicht Gott schauen wird, der wird ein sehr elendes und gerichtetes Leben haben!‘
GEJ|8|57|16|0|Dieses nun euch Gesagte und Gezeigte ist demnach sicher auch ein Nebenhauptgrund, warum Ich eben nur auf dieser Erde das Fleischmenschliche angenommen habe.
GEJ|8|57|17|0|Wie ihr aber nun aus dieser Darstellung sicher habet klar entnehmen müssen, warum Ich auf dieser und auf keiner andern Erde das Fleischmenschliche habe annehmen können, so werdet ihr auch noch das Weitere ebenso klar entnehmen und einsehen können.
GEJ|8|57|18|0|Ihr habt gesehen, wie das gewisse allerunansehnlichste bejahende Herzlebenskämmerlein als das eigentliche Grundlebensprinzip des Menschen auch allein der hellsten und wahrsten Intelligenz fähig und sonach schon in sich das Licht, die Wahrheit und das Leben ist. Also verhält es sich auch mit den Menschen dieser Erde. Sie sind gegenüber den Menschen der andern Erden ursprünglich auch höchst unansehnlich, verdeckt, finster, klein, schwach und ohnmächtig und sind von den Geistern der andern Weltkörper auch wie ungekannt und kennen sich am Ende auch selbst nicht; aber eben in ihrer verborgenen inneren Lebenstiefe sind sie aus Mir der Grundlebenspunkt des ganzen Großschöpfungsmenschen und können aus sich darum auch solch allerhöchste Lebensfähigkeiten entwickeln, die bei den Menschen anderer Erden nur in einem höchst einseitigen und untergeordneten Grade vorkommen.
GEJ|8|57|19|0|Vermöge solcher höchsten und gottähnlichen Fähigkeiten der Menschen dieser Erde, zu denen auch besonders eine wohlartikulierte äußere und innere Sprache, die Schreib- und Rechenkunst und noch gar manches andere gehört, sind sie denn auch allein geeignet, das geoffenbarte Wort aus dem Munde Gottes einmal vorerst im äußeren Buchstaben- oder Bildersinne und daraus dann auch im wahren geistigen und endlich auch im tiefsten himmlischen Lebenssinne zu vernehmen.
GEJ|8|57|20|0|Diese Fähigkeit aber ist etwas unschätzbar Großes und Vorzügliches, gleichwie auch die Lebens- und Intelligenzfähigkeit des bejahenden Herzlebenskämmerleins der allerunschätzbarst vollkommenste und edelste Teil des ganzen Menschen ist. Und Ich konnte darum auch wieder nur zu euch auf diese Erde und zu niemand anderem auf einer anderen Erde kommen.
GEJ|8|57|21|0|Sehet, das ist denn wieder so ein Grund, aus dem Ich auch eben nur auf dieser Erde das Fleischmenschliche habe annehmen können! Und darin bestehen schon so die Hauptgründe Meiner Menschwerdung auf dieser Erde.
GEJ|8|57|22|0|Und nun denket darüber ein wenig nach, und äußert euch, wie ihr das nun begriffen habt!“
GEJ|8|58|1|1|58. — Des Römers Verständnis für die Erklärung des Herrn
GEJ|8|58|1|0|Sagte der Römer: „Ja, ja, Herr und Meister, das kann Deiner nunmaligen Erklärung zufolge unmöglich anders sein als gerade also, wie Du es uns nun dargestellt hast. Begreifen können wir das freilich wohl noch lange nicht zur Genüge; aber wir glauben es ungezweifelt, weil Du als die ewige Wahrheit und Weisheit Selbst es uns also, wie es ist und sein muß, gezeigt hast. Denn Du als der Schöpfer aller Dinge mußt ja wohl am besten wissen, wie und in welcher Ordnung Deine Werke erschaffen sind, zu welchem Zwecke das eine und das andere. Wir können demnach derlei Verhältnisse Deiner ewigen und uns Menschen bis jetzt völlig unenthüllten Ordnung nur von Dir enthüllt vernehmen und glauben alles, was Du uns sagst, wenn wir mit unserem Verstande und noch weniger mit unseren Sinnen auch nicht in die vollen Tiefen Deiner Weisheit zu dringen vermögen. Wir danken Dir für diese übergroße Enthüllung.
GEJ|8|58|2|0|Damit, was wir nun von Dir vernommen haben, hast Du uns aber auch eine Waffe in die Hand gegeben, mit der wir alle Weltweisen und alten Theosophen am ehesten zu Boden strecken werden können. Denn das ist ein Beweis wie kein zweiter, aus der innersten Lebensquelle eines jeden Menschen geschöpft, die darum mit dem ganzen endlos Großen Deiner Schöpfung im allerwahrsten Entsprechungsverbande stehen muß, weil der Mensch als ein Dir Selbst nun vollends ähnliches Wesen den allervollendetsten Schlußstein aller Deiner Werke darstellt und darum das in kleinster Gestalt ist, was da ist die gesamte endlos große Schöpfung.
GEJ|8|58|3|0|Daß aber der Weg zum wahren, freien und selbständigen Leben ein sehr enger und schmaler ist, das geht aus dieser Deiner wunderbarst großen Enthüllung auch wie von selbst klar hervor; aber man sieht es auch ein, daß es also sein muß und unmöglich anders sein kann.
GEJ|8|58|4|0|Wer sich selbst und dadurch auch Dich wahrhaft und lebendig finden will, der muß durch das engste Pförtlein in sich dringen, sonst bleibt er außerhalb seines Herzlebenskämmerleins. Nur die Liebe zu Dir und zum Nächsten erweitert das sonst so enge Pförtlein, die wahre Demut macht die sonst sich so groß dünkende Seele klein, und die rechte Sanftmut macht sie schmiegsam; und nur eine also zubereitete Seele kann dann durch das enge Pförtlein in das Lebenskämmerlein ihres göttlichen Geistes dringen und daselbst mit ihm eins und dadurch in ihm auch neu- oder wiedergeboren werden. Das habe ich nun so als etwas für unser diesirdisches Probeleben unumgänglich Praktisch-Notwendiges aus Deiner großen Enthüllung herausgefunden und bin denn auch auf den wahren und rechten Grund gekommen, warum Du uns die Liebe zu Gott und zum Nächsten und die Demut und Sanftmut vor allem so teuer und wichtig ans Herz gelegt hast.
GEJ|8|58|5|0|So wir aber nun den Grund kennen, wie auch, was wir auf diesem Wege unfehlbar sicher zu erreichen haben, so haben wir denn auch nun leicht zu handeln und werden das auch mit dem möglichsten Fleiße und Eifer tun!
GEJ|8|58|6|0|Denn wissen wir in unserer großen Lebensarmut, wo der große und reichste Schatz verborgen ist, und haben wir auch die Mittel und Werkzeuge, denselben für uns zu erbeuten, so müßten wir doch die größten Toren sein, wenn wir zu seiner sicheren Auffindung und Hebung unsere Hände gewisserart träge in den Schoß legten und uns gleich den geistblinden Weltmenschen nach dem höchst vergänglichen Kote der gerichteten Weltmaterie zerbalgten, der heute noch etwas zu sein scheint und morgen von den Winden und Stürmen verweht wird wie wertloseste Spreu.
GEJ|8|58|7|0|Oh, Dank Dir, o Herr und Meister, daß Du uns nun den Grund der tiefsten Dinge Deiner Schöpfung so klar enthüllt hast!
GEJ|8|58|8|0|Aber nun, o Herr und Meister von Ewigkeit, – noch eine kleine Frage hätte ich im Hintergrunde! Ich weiß es wohl, daß Du schon eine Ewigkeit voraus hellst gewußt hast, um was ich Dich nun fragen möchte; aber ich frage Dich dennoch offen, erstens, weil Du es also haben willst, und zweitens der andern wegen, die hier sind, damit sie innewerden, um was es sich noch weiter handelt.
GEJ|8|58|9|0|Die Frage aber lautet: Haben die Bewohner anderer Erden entweder gar keine Kunde und Kenntnis von Dir, oder, haben sie welche, wie kommen sie dazu? Sind die Menschen anderer Erden und Welten auch wahrhaft Menschen, oder sind sie nur der Außenform nach Menschen, dem Innen nach aber noch gewisse, uns Menschen dieser Erde ähnlich gestaltete Tiere, die von einem gewissen weisen, von Dir in sie gelegten Instinkt geleitet werden, wie wir Ähnliches schon hier bei gewissen Tieren in der Art und Weise beobachtet haben, daß wir nahe daran waren, ihnen einen gewissen Grad von Verstand, Vernunft und Beurteilungsfähigkeit zuzumuten?
GEJ|8|58|10|0|Nun, darüber, o Herr und Meister, noch ein Lichtlein, und wir sind dann für unsere Seelen aber schon ganz versorgt!“
GEJ|8|59|1|1|59. — Das Verhältnis unserer Erde zu anderen Welten
GEJ|8|59|1|0|Sagte Ich: „Du hast Meine Worte in der Beantwortung deiner ersten Frage ganz wohl begriffen und hast von Meiner euch gemachten Enthüllung eine so treffliche und wahre Anwendung auf euer Leben gefunden, wie Ich Selbst sie euch nimmer klarer hätte zu geben vermocht, und wer also nach deiner Rede durch das enge Pförtchen in sich eingehen wird, der wird auch vollends wahr in seinem Geiste zum ewigen Leben wiedergeboren werden. Aber weil du eben Meine euch gemachte Enthüllung gar so klar und gut begriffen hast, so ist es nahezu ein Wunder, daß du die volle Antwort auf deine zweite Frage nicht auch in dir wahrgenommen und vollauf gefunden hast.
GEJ|8|59|2|0|Siehe, wenn die Menschen dieser Erde im anbetrachtenden Vergleiche zum endlos großen Schöpfungsmenschen das sind, was ihres Herzens bejahendes Herzenskämmerlein gegen ihren ganzen Umfang ist, der denn doch auch lebt und nach den Normen des Verstandes, Willens und mitunter auch noch des Instinktes tätig ist, so ist da dann deine zweite Frage ja ganz leicht und offen zu beantworten!“
GEJ|8|59|3|0|Sagte der Römer: „Ja ja, Herr und Meister, es kommt mir nun die Sache schon beinahe selbst also vor! Es ist mir, als hätte ich die Sache schon; aber – ich habe sie eigentlich doch noch nicht! Darum habe Du denn doch die Güte und Gnade für mich und uns alle und führe uns auf den rechten Weg!“
GEJ|8|59|4|0|Sagte Ich: „Nun gut denn, Ich will es tun! Siehe und höre!
GEJ|8|59|5|0|Der Hauptlebensgrund liegt sowohl für den Leib als auch für die Seele im bekannten bejahenden Herzenskämmerlein. Wenn dieses tätig ist, so leben von ihm aus auch alle endlos vielen Teile deines ganzen Wesens derart, als wären sie selbst Lebenskämmerlein, Lebensbewirker und Lebensträger. Und siehe, deine Glieder können durch eine rechte Übung wahrlich in gar vielen Dingen zu einer erstaunlichen Kraft und kunstvollsten Fertigkeit gelangen! Wem aber haben sie am Ende dennoch alle ihre Eigenschaften und großen Kunstfertigkeiten zu verdanken? Siehe, alles nur dem gewissen Herzenskämmerlein; denn ohne dieses wären ja alle Glieder ebenso tot und unbeweglich wie die eines ehernen Götzenbildes!
GEJ|8|59|6|0|Ja, von wem erlernten denn eines Künstlers Glieder solche Fertigkeiten, und das ein jedes Glied nach seiner besonderen Bauart und zweckdienlichen Befähigung? Siehe, alles nur aus dem Herzenskämmerlein, und das zwar stufenfolgerecht!
GEJ|8|59|7|0|Die ersten Lebensregungen machen von Stufe zu Stufe das ganze Herz tätig. Von da geht die Tätigkeit durch das Blut in die Lunge, Leber und Milz über und von da aus in die andern Eingeweide und in den Kopf und alle seine Teile.
GEJ|8|59|8|0|Ist der Kopf einmal in der Ordnung und das Gehirn ausgebildet, so geht beim Menschen dann das Denken, Urteilen, Schließen und Verstehen und Begreifen an und von da dann erst die rechte und weise Übung der äußersten Glieder, die dann alle noch so kunstvolle Arbeit bald so gut und weise verrichten, als hätten sie es selbst zu einem eigenen, freien und selbständigen Leben gebracht. Ich sage dir aber noch etwas darüber:
GEJ|8|59|9|0|Wenn ein Mensch im Geiste wiedergeboren ist, so kann er auch in allen seinen Seelen- und Leibesteilen denken und für sich ganz wohlvernehmbar reden und ist dann in seinem ganzen Wesen Mir gleich Geist, Leben, Kraft, Gedanke und ein vollends lebendiges Wort. Von woher ist denn das der Mensch geworden? Siehe, schon wieder alles nur aus seinem bejahenden Herzenskämmerlein!
GEJ|8|59|10|0|Wie aber der Mensch seinen gesamten Unterricht und seine gesamte Ausbildung nur aus seinem Herzenskämmerlein überkommt, in gleicher Weise erhalten die Menschen anderer Welten ihre bestimmte Ausbildung auch nur aus des Großen Schöpfungsmenschen Herzenskämmerlein – das freilich wohl überaus groß ist – je nach ihrer eigenen Gestaltung und Befähigung.
GEJ|8|59|11|0|Das Wie kannst du nun freilich wohl noch nicht fassen; wenn du aber im Geiste völlig wiedergeboren sein wirst, dann wirst du das große Wie und Warum klar fassen und wohl begreifen. Hast du nun schon so einen Schein, wie die Menschen anderer Welten zu Meiner Erkenntnis gelangen und auch weise und selig werden?“
GEJ|8|60|1|1|60. — Die Bedeutung unserer Erde
GEJ|8|60|1|0|Sagte der Römer: „O Herr und Meister, durch diese Deine nun zweite Beleuchtung dieser für mich und sicher auch für jeden andern hochwichtigen Sache bin ich auch in eine ganze Sonne voll des stärksten Lichtes versetzt worden! Wir auf dieser Erde, als mit Dir in der nächsten und innigsten Liebe- und Weisheitslebensverbindung stehend, sind für den ganzen, endlos großen Schöpfungsmenschen gerade und in Anbetracht Deiner größten Nähe zu uns notwendig das, was in unserem Herzen das bejahende Lebenskämmerlein ist. Die andern Weltkörper mit ihren Menschen, die Hülsengloben mit ihren Sonnenallen und Zentralsonnen verhalten sich zu uns wie unsere andern Leibes- und Seelenteile zu dem Herzenslebenskämmerlein.
GEJ|8|60|2|0|Du bist nun einmal hier bei uns in Deiner vollkommensten und intensivsten Gottpersönlichkeit und beherrschest die ganze Unendlichkeit also auch sicher von nirgendwo anders als eben von da aus, wo Du ganz und vollends gegenwärtig bist, – und wir Menschen dieser Erde und zuallernächst nun dieses Ortes in unserer großen Liebe zu Dir sind Deine auch sicher nächste und durch die Annahme Deiner Lehre, Deiner göttlichen Liebe und Weisheit lebendigste und durch Deinen Willen mächtigste und tätigste Umgebung.
GEJ|8|60|3|0|Wenn also und unmöglich und undenkbar anders, wie kann es da anders sein, als daß von uns aus durch Deinen Willen alle Bildung auch in alle zahllosesten andern Weltkörper und deren Bewohner auf eine uns freilich unbekannte Weise überströmen muß, gleichwie auch das Grundleben und alle sonstige Bildung aus dem kleinsten Herzkämmerlein auf eine dem Grundleben im Kämmerlein sicher auch bis zur vollen Wiedergeburt unbekannte Weise in den ganzen Menschen überströmt!
GEJ|8|60|4|0|Daß sich die Sache ganz sicher also verhält, das unterliegt nun keinem Zweifel; an dem Wie aber liegt vorderhand darum nicht soviel für uns als geistig noch unmündige Kinder Deiner Liebe und Gnade. Denn Du, dem das große Wie sicher schon von Ewigkeit her nur zu überklar bekannt ist, bist ja unter uns und wirst auch im Geiste vorzüglich bei uns bleiben nicht nur bis ans Ende der Zeiten, sondern nach meiner Meinung schon gleich ewig! Bleibst Du aber gleich ewig fort bei und unter uns, so kann sich das Bestands- und Bildungsverhältnis in der ganzen Unendlichkeit ja auch nie ändern, weil sich unser gegenwärtiges Verhältnis, das heißt zwischen Dir und uns, ja auch nie ändern kann.
GEJ|8|60|5|0|Denn das Herzenslebenskämmerlein wird nie etwa in die Augen, Ohren, Nase oder in den Magen, die Nieren, die Milz oder in die Hände und Füße des Leibes oder gar in dessen Extremitäten versetzt werden, obwohl sicher ein jedes dieser Teile, groß oder klein, auch ein eigenes Hauptlebensorgan ganz besonders eingerichtet haben wird, ansonst es das Leben aus dem Grundleben des Herzenskämmerleins nicht auf- und annehmen und für seinen besonderen Zweck tätigst gebrauchen könnte.
GEJ|8|60|6|0|Denn das Auge verwendet das vom Herzen in ihn einströmende Leben sicher ganz anders als das Ohr, und so jeder Teil des Menschen anders zu seinem Zwecke, und am Ende ist dennoch das endlos Viele nur ein vollends Ganzes und entspricht völlig dem Urgrundleben im Herzen und findet sich dort wie in seiner Urheimat; und hat es sich da gefunden, so ist dieses Sichfinden ja eben das, was Du, o Herr, so treffend die Wiedergeburt im Geiste nanntest.
GEJ|8|60|7|0|Und nun durchzuckt mich ein gar endlos großer Gedanke so hell und licht, wie da oben leuchtet die Sonne! Neben der Wiedergeburt eines Menschen auf dieser Erde, von der wir nun schon sonnenklar wissen, worin sie besteht und wir sie auch sicherst erreichen werden, leuchtet noch eine andere, endlos große Wiedergeburt im Geiste hervor, nämlich die des ganzen großen Schöpfungsmenschen!
GEJ|8|60|8|0|Ich würde aus mir sicher in diesem Leben wohl nie darauf gekommen sein, wenn Du, o Herr, mir nicht einen sehr klaren Wink dazu gegeben hättest; aber diesen hast Du mir nur wie ein Fünklein groß gegeben, und siehe, er hat sich in mir nun zu einer leuchtenden Sonne umgewandelt!
GEJ|8|60|9|0|Siehe, Du sagtest aus Deiner endlosen Klarheit, daß bei einem völlig im Geiste wiedergeborenen Menschen sein Grundleben alle seine endlos vielen Teile derart durchströmt, daß dann im ganzen Menschen ein Ur- und Grundleben wird und der Mensch dann auch in allen seinen Teilen denken, urteilen, schließen und für sich wohlverständlich reden kann, wodurch dann der ganze Mensch Dir ähnlich zu einem lebendigen Worte wird!
GEJ|8|60|10|0|Wie aber bei einem völlig im Geiste seines Grundlebens seienden und von ihm ganz durchdrungenen Menschen alles ein hellstes und lebendigstes Wort wird, also muß es endlich ja auch beim ganzen großen Schöpfungsmenschen der gleiche Fall werden. Er wird durch Dich von uns in allen seinen noch so endlos vielen Teilen durchdrungen werden, und unser Leben und Licht wird in der ganzen endlosen Größe des Urschöpfungsmenschen wirken und leuchten, und so wird der ganze große Schöpfungsmensch mit uns und Dir, o Herr, auch nur ein großes und lebendiges Wort werden.
GEJ|8|60|11|0|Und so kommt es mir nun vor, als verstünde ich nun auch schon so ein wenig von dem großen Wie; denn nur also und nicht anders kann es Deiner ewigen Ordnung gemäß gehen, daß da von uns Menschen dieser Erde aus endlich auch der ganze große Schöpfungsmensch in allen seinen Teilen mit unserer Erkenntnis und Bildung durchdrungen und uns gleich lebendig wird.
GEJ|8|60|12|0|Und nun noch etwas als einen Wahrheitsbeleg aus Deinem Munde hinzu; denn ich habe durch Deine Gnade schon von meiner Kindheit an ein überaus scharfes und starkes und bis jetzt noch unverwüstliches Gedächtnis gehabt und habe mir darum auch jedes Wörtlein, das Du gesprochen, gar wohl gemerkt.
GEJ|8|60|13|0|Siehe, Du hattest uns auf dem Berge so eine Geschichte Wiederkehr eines gewissen verlorenen Sohnes zu seinem Vater erzählt, um uns die Größe Deiner göttlich-väterlichen Barmherzigkeit so recht anschaulich zu machen; aber ich urteilte schon damals über Deine Worte ganz anders als vielleicht so mancher andere aus seinem zwar guten, aber sonst vielleicht doch noch etwas beschränkteren Gesichts- und Auffassungskreise und dachte mir das um so leichter, weil Du Selbst uns ganz bedeutungsvolle Winke dazu gabst.
GEJ|8|60|14|0|Dieser gewisserart verlorene und dann zum Vater wieder zurückgekehrte Sohn scheint mir im kleinen Maßstabe zunächst wohl nur die nun schon bekannt wie geartete Wiedergeburt eines Menschen dieser Erde anzudeuten, aber im größten Maßstabe auch zugleich jene einstige totale des ganzen großen Schöpfungsmenschen. Denn, Herr, Deine Worte sind keine Menschenworte, sondern sie sind Gottesworte, und diese gelten nicht nur uns, sondern durch uns auch der ganzen Unendlichkeit naturmäßig und geistig. Denn es ist ja die ganze Schöpfung von Ewigkeit her auch Dein Gedanke, Dein Wort und Dein Wille.
GEJ|8|60|15|0|Herr und Meister, habe ich in meiner noch starken, menschlichen und heidnischen Schwäche Deine mir erteilte Belehrung wohl nur so annähernd richtig aufgefaßt?“
GEJ|8|61|1|1|61. — Die Hauptaufgabe des Menschen
GEJ|8|61|1|0|Sagte Ich: „Freund und Bruder Markus, Sohn einer Aurelia als der züchtigsten und wohlerzogensten Patrizierin, du hast Meine an dich ergangene Belehrung nicht nur annähernd richtig und wohl verstanden, sondern du hast da den Nagel auf den Kopf getroffen, und Ich sage hier noch abermals: Also wird das Licht von den Juden genommen und den viel weiseren Heiden gegeben werden. Denn die lange Nacht der Heiden hat sich in den Tag umgewandelt, und der Tag der Juden sinkt in die dickste Nacht hinab.
GEJ|8|61|2|0|Bringet sie Mir her von ganz Jerusalem und vom ganzen Judenlande, und es wird sich auch nicht einer darunter finden, der nun diesem Meinem Markus in der wahren Weisheit sich vergleichen könnte!
GEJ|8|61|3|0|Wahrlich sage Ich dir, daß du nun mit deinem rechten Verstande Meinem Herzen eine große Freude gemacht hast; denn Meine Worte sind in deinem Herzen lebendig geworden! Darum aber wirst du und auch deine Gefährten in der kürzesten Zeit die volle Wiedergeburt in Meinem Geiste in euch erlangen.
GEJ|8|61|4|0|Du, Markus, aber stehest nun schon am Eingange des engen Lebenspförtchens in dein Grundlebenskämmerlein; denn wäre das nicht der Fall, so hättest du Meine Worte nicht in solch einer Lichttiefe aufgefaßt, wie du sie aufgefaßt hast. Denn solches kann dem Menschen nicht sein Fleisch, sondern nur Mein in ihm schon für seine Seele erwachter Geist geben.
GEJ|8|61|5|0|Aus dem aber könnet nun ihr alle ersehen und wohl erkennen, in welchen Wahrheits- und Weisheitstiefen diejenigen sich befinden werden, die sich der vollen Wiedergeburt ihrer Seelen in Meinem Geiste werden zu erfreuen haben. Ich sage es euch hier noch einmal, was Ich euch schon zu öfteren Malen gesagt habe: daß es keines Menschen Auge je gesehen, keines Menschen Ohr je gehört und keines Menschen Sinn je empfunden, was Gott denen für eine endlose und nie mit einem Fleischmunde auszusprechende Seligkeit bereitet hat, die Ihn wahrhaft, das heißt werktätig lieben!
GEJ|8|61|6|0|Ich habe in Mir Selbst sicher von Ewigkeit her unvermeidbar die allerhöchste Seligkeit im höchsten Vollgenusse; denn Meine Liebe, Meine Weisheit und Meine endloseste Macht bietet Mir in Mir Selbst ewig den unnennbar allerseligsten Vollgenuß Meines göttlichen, allervollkommensten Lebens, und Ich als euer Vater sage es euch: Was Ich habe, das sollet auch ihr als Meine liebsten Kinder haben! Denn wo ist schon auf dieser Erde irgendein Vater, der mit den Kindern, die er mehr denn sich selbst liebhat, nicht gern alle seine Freuden teilen würde, und am Ende selbst erst dann die größte Freude hat, wenn er seine lieben Kinder voll Freuden um sich versammelt hat?
GEJ|8|61|7|0|Meinet ihr etwa, daß der Vater im Himmel über Seine Kinder, die Ihn über alles lieben, eine mindere Freude haben wird? O mitnichten, sondern eine noch endlos größere! Darum aber wird Er ihnen auch endlos größere Freuden bereiten, als das einem irdischen Vater vom allerbesten Herzen seinen Kindern gegenüber je möglich ist oder sein kann; denn euer Vater im Himmel hat dazu wahrlich Mittel in der unendlichsten und ewig wunderbarst abwechselnden Menge.
GEJ|8|61|8|0|Aber tut darum auch gern und mit großem Eifer, was Ich euch nicht befohlen, sondern als Vater nur angeraten habe, und ihr werdet es in euch bald gewahren, welch ein Lohn euer harrt!
GEJ|8|61|9|0|Saget es aber selbst, und denket darüber recht wohl nach: Wäre ein Kaufmann, der da wüßte, daß er um einen annehmbaren Preis eine der allergrößten Perlen von einem sicher unschätzbaren Werte zu kaufen bekäme, nicht ein allergrößter Narr, so er, wenn er auch eben nicht soviel Geld besäße, nicht sogleich alle seine wenig werten Güter verkaufte und dafür dann die unschätzbare Perle sich ankaufte? Denn die unschätzbare Perle ist doch vor den Augen der Menschen unaussprechbar mehr wert denn alle seine früheren Güter zusammengenommen.
GEJ|8|61|10|0|Und sehet, also steht es auch mit dem Werte der Wiedergeburt der Menschenseele in ihrem Urlebensgeiste aus Mir! Ist diese nicht wert, daß ein rechter Mensch auf alle Weltschätze verzichtet und aus allen seinen Kräften nur nach der größten Lebensperle, nämlich nach der Wiedergeburt der Seele im Urlebensgeiste, nach allen seinen Kräften trachtet? Oder ist es nicht besser, für das ewige Leben der Seele zu sorgen denn um alle vergänglichen Schätze der Welt, die vergehen und verwesen, und zum ewigen, klaren Leben ihrer Seelen wohl nahe niemals völlig wieder zurückkehren?
GEJ|8|61|11|0|Es ist wohl wahr, daß während des Lebens auf dieser Erde die Seele aus ihrem Fleische das ihr Verwandte sich aneignet und es in ihr Wesen verkehrt und nach dem gänzlichen Abfalle des Leibes, und zwar aus dem Verwesungsäther nach und nach auch noch das ihr Entsprechende sich zu ihrer Bekleidung aneignet; aber das ist darum kein Lebensschatz einer Seele, sondern nur eine in Meiner Ordnung begründete Lebenseigentümlichkeit einer jeden Seele, die niemals zu ihrem Verdienste gerechnet werden kann, weil das nur Meiner Sorge Sache ist.
GEJ|8|61|12|0|Aber das ist auch dabei als etwas Sicheres und Wahres anzunehmen, daß bei einer reinen und nach Meinem Willen gelebt habenden Seele mehr von ihrem irdischen Leibe in sie übergehen wird denn bei einer unreinen und sündigen Seele; denn war ein keuscher Leib hier schon eine Zierde der Seele, so wird er es in einem verklärten geistigen Zustande sicher noch desto mehr sein.
GEJ|8|61|13|0|Aber auch selbst das gehört nicht zum eigentlichen Lebensverdienst der Seele, sondern es ist auch eine die Seele lohnende Anordnung von Mir, und es wäre selbst da eine eitle Torheit einer Seele, so sie sich um diesen ihr auch im Jenseits bleibenden Erdenschatz, der doch zu ihrem Ich gehört, nur einen Augenblick lang sorgen möchte. Ja, es wäre diese Sorge jener von gar sehr törichten Eltern ganz zu vergleichen, die sich vor allem nur darum kümmern, ob ihre Kinder wohl eine höchst schöne und anmutige Gestaltung überkommen werden, und wie sie es machen sollen, daß ihr eitel törichter Wunsch in Erfüllung ginge, bedenken aber dabei nicht, daß das Wachstum und die Gestaltung nur allein von dem Willen Gottes abhängen und kein Mensch daran etwas ändern kann.
GEJ|8|61|14|0|Für eine jede Seele ist darum ganz allein nur das einzige notwendig, daß sie in sich suche und auch finde Mein Lebensreich im kleinen Grundlebensherzenskämmerlein; alles andere wird ihr ja ohnehin als eine freie Zugabe von Mir werden.
GEJ|8|61|15|0|Darum sagte Ich auch schon mehrere Male zu euch, daß ihr euch nicht ängstlich sorgen sollet, was und wo ihr etwas zu essen und zu trinken bekommen und womit ihr euren Leib bekleiden werdet, sondern suchet vor allem nur Mein Reich und seine wahrste Gerechtigkeit in euch! Alles andere wird euch schon so hinzugegeben werden; denn der Vater im Himmel weiß es, wessen ihr zu eurem irdischen Unterhalte bedürfet.
GEJ|8|61|16|0|So ihr heute arbeitet und esset und trinket, so habt ihr euch für die Zeit schon hinreichend gesorgt für den Tag der Mühe. Es wäre darum eitel, sich am Tage der Arbeit auch schon für den morgigen Tag zu sorgen; wenn ihr ihn erleben werdet, so wird er schon seine Sorgen für euch mit sich bringen. Denn nur der Tag, an dem ihr noch lebt und arbeitet, ist von Mir euch auf die Rechnung gegeben; der kommende ruht noch in Meiner Hand und ist euch noch nicht auf eure Rechnung verliehen. Und es ist darum töricht, sich in irdischer Richtung heute auch schon für morgen zu sorgen; denn es stehet ja doch rein nur bei Mir, ob Ich einen Menschen den kommenden Tag erleben lasse oder nicht.
GEJ|8|61|17|0|Es sorgte sich auch ein Hausherr und Besitzer größerer Gründe und Herden einmal derart zum voraus, daß er, um seinen irdischen Reichtum zu erhöhen und zu sichern, neue Scheunen, Stallungen und große und feste Getreidekästen erbauen und dazu noch zur größeren Sicherung eine starke und hohe Mauer um die Neubauten errichten ließ. Und als dann alles fertig war, da sagte er: ,Ah, nun wird es mir leicht in meinem so sorgenvollen Herzen; denn von nun an werde ich ohne Sorgen und Kummer mit meiner großen Habe ganz ruhig fortleben können!‘ Aber als er so sich tröstend noch fortredete, da ertönte eine Stimme wie ein Donner und sagte: ,O du irdisch eitler Tor! Was rühmest du dich nun und tröstest dich, als wärest du der Herr deiner Seele und deines Lebens? Siehe, noch in dieser Nacht wird man deine Seele trennen von deinem Fleische, um das du so viel zu sorgen hattest. Was werden dann der Seele alle deine großen Sorgen, Mühen und Arbeiten wohl nützen?‘ Da erschrak der Mensch und erkannte, daß er für seine Seele sich gar wenig noch gesorgt hatte, und starb alsbald auf diese Kunde.
GEJ|8|61|18|0|Fraget euch selbst nun, wozu dem Menschen seine viele Sorge in der Welt ums Weltliche nunmehr dienlich war! Wäre es nicht klüger gewesen, so er lieber seine Seele recht und wohl versorgt hätte und hätte in sich das Reich Gottes gefunden, wie das viele Alten auch in sich gefunden haben, und auch sogar die Heiden, wie ihr das bei den sieben Ägyptern wohl habt merken können?
GEJ|8|61|19|0|Ich will aber damit nicht sagen, als sollte darum ein rechter Mensch etwa Meinem Willen zufolge gar keine irdische Arbeit verrichten! Oh, das sei ferne; denn der leibliche Müßiggang ist der Erzeuger und Ernährer aller Laster! Im Gegenteil soll ein jeder Mensch gar sehr emsig und tätig sein und im Schweiße des Angesichtes sein Brot essen.
GEJ|8|61|20|0|Es kommt hier nur auf die Absicht an, in welcher ein Mensch tätig und arbeitsam ist. Wer also sorgsam, tätig und arbeitsam ist, wie da Mein Freund und Bruder Lazarus es ist, der sucht auch kräftig und sehr wirksam in sich Mein Reich und dessen Gerechtigkeit und wird es auch finden, gleichwie er es schon gefunden hat zum größten Teile und du auch, Mein lieber Markus. Sei du darum nun froh und heiter; denn du hast die große Perle schon dir zu eigen gemacht und wirst deinen Brüdern zu einer tüchtigen Stütze dienlich werden.
GEJ|8|61|21|0|Aber nun ruhen wir ein wenig, denn Ich sehe dort den Weg entlang, der von Westen hierher führt, etliche jener Jünger zurückkommen, die Ich von Emmaus ausgesandt habe; sie werden bald hier sein, und wir werden hören, wie es ihnen ergangen ist.“
GEJ|8|62|1|1|62. — Die Rückkehr der siebzig Jünger zum Herrn
GEJ|8|62|1|0|Wir warteten noch eine kurze Zeit, und es kamen die von Emmaus ausgesandten Jünger bei uns an; denn es ward ihnen von ihrem Geiste angezeigt, daß Ich Mich in Bethanien und nun auf dem schon bekannten Hügel aufhalte unter Meinen Freunden.
GEJ|8|62|2|0|Es waren von den Angekommenen anfangs nur etliche vierzig, aber es kamen auch andere, von ihrem Geiste getrieben, in wenigen Augenblicken zu Mir, auf daß sie alle vor Meinen Freunden zeugten, wie sich schon in den wenigen Tagen bei ihnen alles erfüllt hatte, was Ich ihnen bei der Aussendung vorhergesagt und verheißen hatte.
GEJ|8|62|3|0|Es kamen mit ihnen aber auch noch andere in allerlei Dingen erfahrene und gelehrte Juden und Griechen, damit einige von Mir Selbst die Worte des Lebens zu vernehmen vermöchten, die andern aber, daß sie Mich versuchten, ob Ich wohl im Ernste Der wäre, als den Mich die ausgesandten Jünger ihnen verkündet hatten.
GEJ|8|62|4|0|Als nun alle die nun genannten Jünger und die andern Juden und Griechen um Mich versammelt waren, da fragte Mich ein Jude, sagend: „Meister, diese Jünger haben uns eine gute Kunde von dir gebracht, haben in deinem Namen unsere Kranken gesund gemacht und die Besessenen von den bösen Geistern befreit! Wir haben daraus ersehen und erkannt, daß du entweder ein rechter Prophet seist, oder daß aber auch im Ernste in dir der verheißene Messias verborgen sei. Da wir aber aus den Worten der Boten dennoch nicht völlig haben klar werden können, so sind wir denn auch hierher gekommen, um aus deinem Munde zu vernehmen, wie es mit dem steht, was uns deine Boten verkündet haben. Wolle darum unsere Hierherkunft nicht ungütig aufnehmen!“
GEJ|8|62|5|0|Hierauf wandte Ich Mich an die anwesenden Jünger und sagte zu ihnen: „Wer euch hört, der höret auch Mich; wer aber euch verachtet, der verachtet auch Mich. Wer aber Mich verachtet, der verachtet auch Den, der Mich gesandt hat. Der Mich aber gesandt hat, der ist Eins mit Mir, und eben Der ist es, von dem ihr saget, daß Er euer Gott sei; aber ihr habt Ihn noch nie erkannt, und so möget ihr auch Den nicht erkennen, den Er gesandt hat. Ich aber sage nun zu euch, Meinen Jüngern, daß ihr alle treu, wahr und recht den Menschen Mein Wort verkündet habt.“
GEJ|8|62|6|0|Hierauf traten die etlichen siebzig Jünger voll Freude näher zu Mir und sagten: „O Herr, in Deinem Namen waren uns auch die ärgsten Teufel untertan, und wir hatten eine große Freude darob!“
GEJ|8|62|7|0|Darauf sagte Ich in verdeckter Rede: „Ja, ja, Ich sah wohl den Satanas vom Himmel fallen wie einen Blitz (die Sichtung des Falschen vom Wahren), aber das genügt noch nicht, sondern das Handeln nach der Wahrheit, damit die Wahrheit im Menschen zu einem lebendigen Gute werde!
GEJ|8|62|8|0|Sehet, Ich habe euch aus Mir die Macht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten, und also auch über alle Gewalt der Feinde! Doch deshalb freuet euch nicht, wohl aber freuet euch darüber, daß eure Namen nun im Himmel geschrieben sind; und das ist nun auch Meine große Freude! Darum preise auch Ich in dieser Meiner Menschnatur Dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß Du solches verborgen hast den Klugen und Weisen der Welt und hast es geoffenbart den Unmündigen. Ja, Vater, also war es schon von Ewigkeit wohlgefällig vor Dir!
GEJ|8|62|9|0|Ich sage es nun euch Weltweisen und Klugen: Mir ist vom Vater alle Gewalt übergeben im Himmel und auf Erden! Aber von euch weiß es niemand, wer und was der Sohn ist; nur Mein ewiger Vater weiß es. Und also weiß und erkennt es auch niemand von euch, wer der Vater ist als nur der Sohn und der dann auch, dem es der Sohn offenbaren will. Denen es aber der Sohn hat offenbaren wollen, denen hat Er es auch schon geoffenbart; aber denen, die da große Stücke auf ihre Weisheit und Klugheit halten, wird das der Sohn nicht offenbaren!“
GEJ|8|62|10|0|Hierauf wandte Ich Mich zu Meinen sämtlichen nun hier anwesenden Jüngern und sagte insbesondere zu ihnen: „Wahrlich sage Ich euch: Selig sind die Augen, die das sehen, was ihr sehet und gesehen habt, und selig die Ohren, die das hören, was ihr höret und gehört habt! Denn Ich sage es euch nochmals: Gar viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und hören, was ihr höret, und haben es nicht gesehen und auch nicht gehört!
GEJ|8|62|11|0|Aber es gibt nun auch welche hier, die das auch sehen und hören, was ihr sehet und höret; aber sie vernehmen davon doch nichts und verstehen und fassen auch nichts, denn sie sind und bleiben verstockt und blind im Herzen. Wer aber verstockt und blind im Herzen ist, der ist auch verstockt und blind im Gehirne und im ganzen Leibe; denn wenn schon das, was im Menschen Licht sein soll, Finsternis ist, wie groß wird dann erst des ganzen Menschen Finsternis sein?
GEJ|8|62|12|0|Ihr wisset es auch, daß das Salz die erste und beste Würze für die Speise ist; wo aber das Salz selbst faul geworden ist, womit sollen dann die Speisen gewürzt werden? Ihr aber seid nun ein rechtes Salz fürs Leben der Menschen; sehet aber zu, daß ihr nicht auch faul werdet, gleichwie die Pharisäer und Schriftgelehrten faul geworden sind und deshalb die Menschen nicht zum ewigen Leben, sondern nur zum Tode versalzen mit ihrem faul gewordenen Salze!“
GEJ|8|63|1|1|63. — Ein Schriftgelehrter versucht den Herrn
GEJ|8|63|1|0|Es befand sich aber unter denen, die mit den etlichen siebzig Jüngern zu Mir nach Bethanien gekommen waren, auch ein Schriftgelehrter. Diesen verdrossen Meine Worte.
GEJ|8|63|2|0|Er trat darum zu Mir hin, in der Absicht, Mich zu versuchen, und sagte darum (der Schriftgelehrte): „Meister, ich habe deinen Worten entnommen, daß du in der Schrift wohlbewandert bist und ein rechtes Urteil aussprichst; sage denn nun auch mir, was ich tun soll, um gleich deinen Jüngern selig zu werden!“
GEJ|8|63|3|0|Sagte Ich: „Wie stehet es denn im Gesetze Gottes geschrieben, und wie liesest du, was geschrieben ist, als ein Schriftgelehrter?“
GEJ|8|63|4|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus allen Kräften und aus dem ganzen Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst!“
GEJ|8|63|5|0|Sagte darauf Ich zum Schriftgelehrten: „Du hast völlig recht geantwortet. Tue das, so wirst du leben! Denn das Rechte wissen allein gibt und bringt niemandem das ewige Leben. Es ist das Wissen allerdings nötig, weil man ohne dieses als ein Blinder ohne Führer am Wege stünde; aber so der Blinde sehend geworden ist durch die Wissenschaft, aber dann auf dem Wege nicht fortwandeln will, so nützt ihm sein Licht wenig oder nichts. Wer da nicht weiß, was er tun soll und es sonach auch nicht tun kann, der hat auch keine Sünde, so er das Rechte nicht tut; wer aber das Rechte weiß und nicht tut, obgleich er weiß, daß es ein Rechtes ist, der hat die Sünde!“
GEJ|8|63|6|0|Hierauf sah Mich der Schriftgelehrte groß an und sagte, sich vor Mir gleichsam rechtfertigen wollend: „Meister, ich erkenne, daß du in der Wahrheit wohlerfahren bist, und weiß auch, daß es zum wahren, Gott wohlgefälligen Leben nicht genügt, die Gesetze nur allein zu kennen, sondern danach zu leben und zu handeln! Gott über alles lieben kann man sicher nur dadurch, daß man alle Seine Gebote genau befolgt; aber so man den Nächsten wie sich selbst lieben soll, da muß man zuvor ja doch wissen, wer denn so ganz eigentlich der Nächste ist, den man wie sich selbst lieben soll. Wen soll ich als meinen Nächsten ansehen?“
GEJ|8|63|7|0|Darauf sagte Ich: „Das ist wahrlich zum Staunen, daß du als ein Schriftgelehrter nicht weißt, wer dein Nächster ist. Ich will dir ein Geschichtlein erzählen, aus dem soll dir klar werden, wen du als einen Nächsten anzusehen hast.
GEJ|8|63|8|0|Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho in Geschäften, fiel auf dem Wege aber unter die Räuber. Diese zogen ihn bis auf die Haut aus, schlugen ihn darauf beinahe zu Tode, gingen mit ihrem Raube davon und ließen den Menschen halbtot liegen.
GEJ|8|63|9|0|Es begab sich aber zufällig, daß auch ein Priester aus Jerusalem dieselbe Straße hinabzog. Er sah den Menschen, den die Räuber übel zugerichtet hatten, am Wege liegen, ging aber ganz unbekümmert vorüber. Desgleichen kam bald nach dem Priester auch ein Levite und tat wie der Priester.
GEJ|8|63|10|0|Bald darauf kam auch ein Samariter an dieselbe Stelle, und als er den Menschen da liegen sah, da jammerte ihn des Halberschlagenen Not. Er ging zu ihm, verband ihm seine Wunden, goß Öl und Wein hinein, hob ihn auf sein Lasttier und brachte ihn also in eine Herberge und pflegte ihn den Tag und die Nacht hindurch selbst. Als er am nächsten Tage sah, daß es mit dem Verwundeten bei rechter Pflege wohl besser werde, so berief er den Wirt, gab ihm zwei Groschen und sagte zu ihm: ,Da ich dringende Geschäfte habe, so reise ich nun ab; du aber pflege seiner, bis ich in etlichen Tagen wiederkommen werde! Was du mehr brauchen solltest, das werde ich dir dann getreu ersetzen!‘ Dann reiste er ab, und als er nach einigen Tagen wiederkehrte, fand er den Menschen, über den er sich erbarmt hatte, gut gepflegt und soweit geheilt, daß er ihn nach Jerusalem zurückbringen konnte, bezahlte dem Wirte nochmals zwei Groschen und bekleidete den Geheilten noch obendarauf.
GEJ|8|63|11|0|Was meinst du nun? Welcher von den dreien war dem wohl der Nächste, der unter die Räuber und Mörder gefallen ist?“
GEJ|8|63|12|0|Da sagte der Schriftgelehrte: „Offenbar der, der ihm die Barmherzigkeit erwiesen hat!“
GEJ|8|63|13|0|Sagte Ich: „Gut, so gehe du hin und tue desgleichen! Ein jeder Mensch, der in irgend etwas deiner Hilfe bedarf, ist dein Nächster; und so du ihm hilfst, da bist auch du sein Nächster. Und so du ihm geholfen hast, da hast du ihn als deinen Nächsten auch geliebt wie dich selbst; denn die wahre Nächstenliebe besteht eben darin, daß ihr euren Nebenmenschen alles das tuet, was ihr vernünftigerweise wünschen könnet, daß sie im Notfalle auch euch tun möchten. – Weißt du nun, wer dein Nächster ist?“
GEJ|8|63|14|0|Hierauf getraute sich der Schriftgelehrte Mich um nichts Weiteres mehr zu fragen, zog sich zurück und sagte zu seinen Gefährten: „Wahrlich, in diesem Galiläer steckt ein mächtiger Wahrheitsgeist! Es lohnt sich der Mühe, ihn zu hören!“
GEJ|8|63|15|0|Darauf aber sagte einer von den Jüngern: „Noch mehr aber lohnt sich's der Mühe, also zu leben und zu handeln, wie Er lehrt; denn Er ist der Herr und hat alle Macht in Sich über Leben und Tod. Wer Seine Lehre tut, der wird von Ihm das Leben überkommen!“
GEJ|8|63|16|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Wenn er der Messias der Juden ist, da hast du ganz recht; aber so er das ist und alle Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden besitzt, so kann er ja das den Hohenpriestern sagen; und sträuben sie sich, das anzunehmen und zu glauben, so verwerfe er sie und züchtige sie mit Feuer aus den Himmeln, wie Gott dereinst Sodom und Gomorra gezüchtigt hat!“
GEJ|8|63|17|0|Sagte der Jünger: „Du redest nach der Weise der Menschen; wir aber reden nach der Weise Seines Geistes! Wir aber wissen es schon aus Ihm, was Er noch alles tun wird, und kennen Seine Macht, und wir sind Zeugen von allem, was Er in Jerusalem gewirkt hat und was gelehrt; und so können wir auch reden, und wir wissen es, woran wir sind, und was noch alles geschehen wird.
GEJ|8|63|18|0|Haben nicht alle Hohenpriester die Zeichen am Himmel gesehen, die ihnen klar andeuteten, was sie bei ihrer Verstocktheit zu gewärtigen haben? Aber es hat das auf sie keinen Eindruck gemacht, außer den des Hasses gegen Ihn, und sie trachten nun noch mehr und halten Rat über Rat, wie sie Ihn ergreifen und töten könnten! Aber Er wandelt dennoch frei im ganzen Judenlande und hat keine Furcht vor Seinen vielen und sich übermächtig dünkenden Feinden. Wäre Er nicht der Herr aller Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden, so würde Er schon lange aus dem Lande geflohen sein. Aber da Er wohl weiß, welche Macht und Gewalt Ihm eigen ist, so flieht Er vor Seinen Feinden nicht, sondern geht ohne alle Scheu und Furcht in den Tempel und lehrt das Volk von der Ankunft des Reiches Gottes auf Erden und bedroht die Pharisäer und Juden mit aller Schärfe Seiner Rede. Wer anders als nur Er als der Herr aller Macht und Kraft würde sich das wohl zu tun getrauen? Das aber wird doch für jeden Vernünftigen mehr als ein genügender Beweis sein, daß nur Er und kein anderer mehr der wahre Messias und somit auch der Herr ist!
GEJ|8|63|19|0|Wir haben Seine Taten und Seine Wunderzeichen gesehen und haben vernommen die ewige Wahrheit Seiner Worte und glauben darum auch lebendig an Ihn; ihr habt dasselbe gesehen und gehört und glaubet doch nicht, daß Er der verheißene und nun in diese Welt zu uns gekommene Messias ist!
GEJ|8|63|20|0|Worin kann da wohl der Grund eures Unglaubens zu suchen sein? Sehet, in der großen Blindheit und Verstocktheit eurer Herzen liegt da der Grund! Ihr seid doch Schriftgelehrte und kennet es aus der Schrift, unter welchen Zeichen und Bedingungen der Messias in diese Welt kommen wird. Nun, alles das trifft nun bei Ihm auf ein Häkchen überein! Ist aber das unbestreitbar der Fall, wie möget ihr noch zweifeln und einen andern erwarten?
GEJ|8|63|21|0|Ja, ihr werdet in eurer Blindheit wohl einen andern erwarten; der aber wird nicht kommen bis ans Ende der Welt und ihrer Zeiten! Ihr habt uns also reden hören vor ein paar Tagen zu Bethlehem und auch an andern Orten, und wir erklärten euch die Schrift, obschon wir als einfache Menschen nie lesen und schreiben gelernt haben, und wirkten Zeichen vor euren Augen zum Wohle und Frommen der Menschen, daß ihr euch darob hoch erstauntet; ich aber frage nun euch, von wem haben denn wir solche wunderbaren Fähigkeiten, oder in welcher Schule haben wir solches alles wohl erlernen können?
GEJ|8|63|22|0|Oh, gäbe es eine solche Schule irgend in der Welt, so wüßtet ihr sicher um sie und hättet sie zu eurem Vorteile auch schon besucht! Aber es besteht keine solche Schule in der Welt außer allein nun unter diesem Herrn und Meister von Ewigkeit, der, zwar auch mit Fleisch und Blut angetan, als ein sichtbarer Mensch unter uns wandelt, aber in Seinem Geiste eben Derjenige ist, durch dessen Liebe, Weisheit, Wort und Willen alle Himmel, diese Erde und alles, was auf ihr ist, erschaffen worden sind.
GEJ|8|63|23|0|Wer es nun nicht von Ihm lernt, der überkommt es auch nicht, und würde er auch alle die hohen Weltweisheitsschulen besuchen. Und wer es nicht von Ihm erlernt hat, der kommt auch nicht zum ewigen Leben und nicht zu Ihm; denn es steht geschrieben: ,In jener Zeit werden alle, die da wollen, von Gott gelehrt; des Vaters Geist wird sie erziehen!‘ Und wer da nicht vom Vater wird gezogen sein, der wird nicht kommen zum Sohne, in welchem der Vater wohnt, den ihr nicht kennet und noch nie erkannt habt, und also auch nicht kennet den Sohn und wer Er ist, wie Er dir das Selbst gesagt hat.
GEJ|8|63|24|0|Wir aber kennen nun den Sohn und den Vater in Ihm, da Er uns das Selbst geoffenbart hat; und Er hat uns das geoffenbart, weil wir an Ihn alsogleich geglaubt haben. Er hat aber auch offen gesagt und gezeigt, wer Er ist. Aber ihr glaubtet nicht und glaubet noch nicht; darum werdet ihr aber auch verbleiben in eurer Sündennacht und sterben in ihrem Tode. Merket euch das! Denn wir als Seine nun wahrhaftigen Zeugen haben das schon in Bethlehem zu euch gesagt, als ihr uns bedrohtet, und hatten keine Furcht vor euch und sagen es euch nun abermals ohne alle Furcht und Scheu in Seiner Gegenwart, auf daß Er Selbst euch verdolmetschen kann, ob wir recht oder unrecht zu euch geredet haben.
GEJ|8|63|25|0|Ihr seid uns wohl hierher nachgezogen, als wolltet ihr die Wahrheit aus Seinem eigenen Munde vernehmen; aber eigentlich seid ihr mit uns nur darum hierher gewandert, um den Herrn der Herrlichkeit Gottes zu versuchen. Er aber hat es euch gezeigt, wie unsinnig es ist, als ein schwacher, sterblicher Mensch den Herrn des Lebens und des Todes zu versuchen. Und ihr seid darum denn auch verstummt und hattet nichts Weiteres mehr, um Ihn nochmals zu versuchen. Darum werdet ihr nun schier am besten tun, so ihr alsbald diese geheiligte Stätte verlasset und euch in eure alten Sündennester zurückziehet, auf daß euch nicht noch etwas Ärgeres begegne, als euch schon begegnet ist!“
GEJ|8|64|1|1|64. — Die Beschwerde der Schriftgelehrten
GEJ|8|64|1|0|Diese sehr triftige Rede des einen Jüngers rauchte dem Schriftgelehrten sehr in die Nase, wie auch seinen Gefährten, und sie kamen darum zu Mir und fragten Mich, sagend: „Meister, hast du deinen Jüngern das Recht gegeben, mit uns also zu reden? Wenn wir alsofort nicht glauben mögen, was sie glauben, sondern als Gelehrte noch allerlei andere Beweise suchen, so geht sie das doch sicher wenig oder nichts an! Kommen sie uns gut und sanft entgegen, so werden wir sie auch anhören und ihre Aussage in guter Art prüfen; kommen sie uns aber so wie nun entgegen, so bleibt uns dann am Ende ja auch nichts übrig, als ihnen auch so zu begegnen, wie sie uns entgegenkommen! Haben Sie aber von dir aus das Recht, uns Gelehrten also zu begegnen, dann werden sie mit uns auch wenig ausrichten!“
GEJ|8|64|2|0|Sagte Ich: „Ein jedes Wort, das der eine Jünger zu euch redete, habe Ich ihm in den Mund gelegt und habe also Selbst durch Seinen Mund zu euch geredet. Und es ist daher eure Frage damit auch schon völlig beantwortet und zeigt euch, von wem Meine Jünger das Recht haben, also mit euch zu reden. Ihr aber möget nur die Wahrheit niemals hören und haltet die eitle Schmeichelei und Heuchelei in Ehren; darum kommt euch Meine Rede hart und roh vor und macht euch ärgerlich.
GEJ|8|64|3|0|Ich aber sage es euch: Wer, wie ihr, einmal im Falschen begründet ist und auch falsch lehrt und dafür von den blinden Menschen noch eine große Ehre begehrt, da er sich selbst in seiner Blindheit für etwas Großes hält, dem kommt die lichte Wahrheit stets hart und seine vermeinte Ehre verletzend vor und macht ihn ärgerlich. Aber Ich sage es euch, daß ein solcher Mensch, so er sich in seinem Falschen nicht durch die lichtvollste Wahrheit demütigen lassen will, auch niemals in die Wahrheit eingehen wird, sondern er wird sich gleichfort in seiner Finsternis ehren lassen, aber dann auch untergehen in derselben.
GEJ|8|64|4|0|Es war einmal ein Mensch, der wahrlich viel gelesen hatte von allen Wegen und Straßen, und man ehrte den Menschen seiner Wissenschaft wegen, und der Mensch hielt denn auch große Stücke auf diese Ehre. Obwohl er aber von den Wegen und Straßen in der Welt vieles wußte, so hatte er aber dennoch persönlich die von ihm aus den Schriften der Römer und Griechen bekannten Wege niemals bereist.
GEJ|8|64|5|0|Es fügte sich aber, daß gegen guten Sold ein königlicher Mensch, der eine weite Reise vorhatte, diesen wegkundigen Menschen zu einem Führer dingte, obschon er auch noch andere Führer bei sich hatte, die zwar nicht so gelehrt waren wie er, aber schon viele Reisen gemacht hatten und denn auch aus der Übung mit den vielen Wegen und Straßen bekannt waren.
GEJ|8|64|6|0|Da begab es sich aber bei einer Reise im tiefen Ägypten, in welchem Lande der Königliche in etlichen Tagen die alte Stadt Memphis erreichen wollte, daß er sich mit den Reisekundigen beriet, wie man dahin wohl den nächsten und sichersten Weg einschlagen könnte. Die alten Reise- und Wegkundigen rieten, daß man die Straße längs des Stromes, wenn sie auch etwas gedehnter wäre, einhalten solle. Aber der Gelehrte sagte: ,Ihr wisset nichts, und was ihr gewußt habt, das wisset ihr nun schon lange nicht mehr; ich allein habe die Wege und Straßenzüge der Ägypter, Griechen und Römer studiert, und mir sind sie alle wohlbekannt. Ich schlage hier vor, daß der gerade Weg durch die Wüste genommen wird und wir also Memphis um drei Tage eher erreichen mögen, als so wir am Strome fortziehen!‘
GEJ|8|64|7|0|Dem Königlichen gefiel dieser Vorschlag, und er stellte den Wegkundigen zum Führer.
GEJ|8|64|8|0|Mit vielen Beschwerden zog die Karawane schon tagelang durch den Sand, und es fing ihr schon an Wasser und Lebensmitteln zu gebrechen an.
GEJ|8|64|9|0|Da berief der Königliche abermals die Führer und stellte den Wegkundigen zur Rede und bedrohte ihn, so er durch seinen Starrsinn die Karawane auf Abwege gebracht hätte.
GEJ|8|64|10|0|Da sagten auch die alten Führer: ,Herr, wenn wir nicht umkehren und nicht dem Aufgange zu den Weg nehmen, sondern fort und fort dem Untergange zuziehen, so werden wir auch alle untergehen!‘
GEJ|8|64|11|0|Der gelehrte Wegweiser aber wollte noch dartun, daß er recht habe, da es ihm gar sehr an seiner Weltehre gelegen war.
GEJ|8|64|12|0|Aber da befahl der Königliche, den Weg nach dem Aufgange zu nehmen. Alle gehorchten und erreichten in drei Tagen glücklich wieder den Strom und in sieben Tagen die alte Stadt.
GEJ|8|64|13|0|Was hat der eingebildete und ehrsüchtige gelehrte Wegkundige der Karawane wohl genützt? Wenn sie ihm vollends gefolgt wäre, so wäre sie offenbar zugrunde gegangen; aber dadurch, daß sie ihm nur einige Tage lang gefolgt ist, ist sie auch um so viel später und ermüdeter ans Ziel gelangt.
GEJ|8|64|14|0|Als der Königliche aber in Memphis ankam, da sagte er zum eingebildeten Wegkundigen: ,Du hast deine Aufgabe schlecht gelöst; daher sollst du in der Folge der letzte und geringste unter meinen Dienern sein! Du mußt in deiner Demut durch die Erfahrung klug und brauchbar werden, ansonst du keines Lohnes wert bist, wohl aber einer gerechten Strafe!‘
GEJ|8|64|15|0|Und was der Königliche dem eingebildeten Wegkundigen sagte, das sage Ich auch euch Schrift- und Gottesgelehrten. Auch ihr führet in eurem Ehrdünkel die Menschen anstatt dem Aufgange des inneren Lebens nur dem traurigen Untergange desselben zu; und so man es euch sagt, da werdet ihr voll Ärgers und Grimmes, weil ihr in euren Köpfen wohl die toten Buchstaben der Schrift herumtraget, aber den belebenden Geist, der in ihnen steckt, noch nie erkannt habt, weil eure Herzen stets voll Hochmutes und Weltsinnes waren und der nur in der wahren Demut des Herzens wohnende Geist noch nie zum hellen und lichtvollen Leben hat erwachen können.
GEJ|8|64|16|0|Weil ihr aber fürderhin zur Führung Meiner Karawanen nicht mehr taugt, so habe Ich in der alten und ersten Art und Weise wieder ungelehrte, aber der Wege der wahren Herzensdemut und Nächstenliebe wohlkundige und erfahrene Führer bestimmt, und diese werden Meine durch euch in die Wüste verleiteten Karawanen wieder an den Strom des Lebens zurückleiten; ihr aber, so ihr noch fürder in eurem Hochmute verharret, werdet dem nicht entgehen, was dem Hochmute als Lohn folgt! Denn Ich sage es euch: Der pure Buchstabe der Schrift tötet, nur der Geist macht lebendig. Diesen aber überkommen nur jene, die Mir nachfolgen in der Demut und Liebe.
GEJ|8|64|17|0|Solange euch noch ein sogar gutgemeintes Wahrheitswort aus dem Munde eures Nebenmenschen kränken und beleidigen kann, stehet ihr ferne vom Reiche Gottes! Wer aber Mein wahrer Jünger und Nachfolger sein will, der muß sogar seinen wahren und erwiesenen Feinden vergeben, für die beten, die ihm fluchen, und die segnen, die ihn hassen und verwünschen, also auch denen Gutes erweisen, die ihm einen Schaden zugefügt haben, so wird er eher glühende Kohlen der Reue über den Häuptern seiner Feinde sammeln, als so er Böses mit Bösem vergilt.
GEJ|8|64|18|0|So ihr verbleibet in eurem Starrsinn und eurer hochmütigen Verstocktheit, da wird das Licht von euch genommen und den Heiden gegeben werden, was schon lange vorgesehen ist, und ihr euch nun zu dem Behufe unter dem Joche der Heiden befindet und euch ihre harten Gesetze müsset gefallen lassen, weil ihr die leichten Gesetze Gottes mit euren Füßen zertreten habt.
GEJ|8|64|19|0|Ich kam nun, um euch wieder zu versammeln und aufzurichten, und will euch durch die Macht der Wahrheit wahrhaft frei machen. So ihr aber in eurer selbstgeschaffenen Sklaverei verbleiben wollet, so bleibet, und Ich werde Mein Licht geben den Heiden; ihr aber werdet gelassen werden in der Nacht eurer Sünden, und die Heiden werden fortan herrschen über euch. Dieses euer gelobtes Land aber wird zertreten von den Feinden und wird hinfort wüste und öde verbleiben. Das sei euch gesagt zu eurer Danachachtung!
GEJ|8|64|20|0|Wenn sich das alles an euch erfüllen wird, so werdet ihr Mich wohl erkennen und ausrufen: ,Herr, Herr!‘; aber Ich werde euch nicht anerkennen, sondern zu euch sagen: ,Ich habe euch niemals anerkannt; darum weichet von Mir, ihr Feinde der Wahrheit!‘“
GEJ|8|65|1|1|65. — Die Heuchelei der Schriftgelehrten
GEJ|8|65|1|0|Als der Schriftgelehrte und seine Gefährten solches von Mir vernommen hatten, konnten sie nichts mehr finden, das sie Mir hätten einwenden können.
GEJ|8|65|2|0|Aber der Schriftgelehrte besann sich und sagte zu Mir: „Meister, ich erkenne es ja, daß du ein wahrhaftiger und weiser Lehrer bist, lehrest das Wort Gottes recht und achtest weder das Ansehen einer Person, noch das eines Volkes. Also wissen wir auch, was in den Propheten von der Ankunft des Messias geschrieben steht, und wir sind auch bei uns schon halbwegs des Glaubens, daß du der verheißene Messias sein kannst; denn wir haben vieles von deinen Lehren und Taten gehört und manches auch selbst erlebt, da wir dich als einen merkwürdigen Nazaräer schon über zehn Jahre lang kennen und schon damals von dir manches Unbegreifliche erlebt haben, wie zum Beispiel wunderbar schnell hergestellte Bauten, Krankenheilungen, reiche Fischereien und sogar eine unbezweifelte Erweckung eines Menschen, der durch einen gewaltigen Fall ums Leben kam. Solches und noch anderes mehr erfuhren wir von deinem geheimen Wirken, obschon du selbst wie auch dein Vater Joseph das unter den Menschen nicht wolltet ruchbar werden lassen.
GEJ|8|65|3|0|Aber damals war nie auch nur im entferntesten von dir irgend zu vernehmen, daß du ein Prophet seist und noch weniger der verheißene große Messias der Juden und aller Menschen der Erde. Erst seit etwa kaum zwei Jahren und etlichen Monden darüber ist es allenthalben laut und offenkundig von dir geworden, daß du im Volke aufgestanden bist und von dir durch Worte und Taten zeugest, daß eben du der verheißene Messias seist.
GEJ|8|65|4|0|Wir sind denn auch nicht hierhergekommen, um von dir irgendein Wunderzeichen zu verlangen, sondern nur, daß wir höreten deines Mundes Rede; denn daheim warst du alles eher denn ein Redner, und das also, daß selbst dein wohlberedter Vater Joseph uns darüber seine Not klagte, als fürchtete er sich, daß du mit der Zeit noch ganz stumm und blöde werden könntest, weil von dir oft wochenlang kein Wort herauszubringen war. Und nun bist du ein Volkslehrer geworden, vor dem man, wie vor jedem großen Propheten, die allergrößte Hochachtung haben muß.
GEJ|8|65|5|0|Daß du als der uns schon lange wohlbekannte Sohn des Zimmermanns Joseph gar der Messias selbst seist, ja, das konnten wir denn trotz all dem, was wir über dich vernommen haben, denn doch nicht gleich so unbedingt völlig glauben. Und so wir nun von Bethlehem und von noch weiter hierher gekommen sind, angeregt durch deine zu uns gekommenen Jünger, um uns von dieser höchst wichtigen Sache selbst näher zu überzeugen, so kannst du uns darob ja doch nicht gram werden; denn so du vom höchsten Weisheitsgeiste nach der Aussage deiner Jünger und nun auch nach deiner eigenen durchdrungen und erfüllt bist, so wirst du es ja doch einsehen, daß uns keine böse Absicht zu dir hierher geleitet hat.
GEJ|8|65|6|0|Heißt es ja schon in den alten Sprüchen der Weisheit, daß man alles wohl prüfen und dann annehmen und behalten solle das Gute! So wir als Menschen das nun auch an dir tun, so sind wir deshalb ja doch noch als keine vor dir verdammlichen Sünder anzusehen! Du hast doch den Jüngern, die ehedem ganz ungelehrte Leute waren, ein solches inneres Licht erteilet, demzufolge sie dich als den verheißenen Messias alsbald erkennen mochten; warum enthältst du denn uns solch ein Licht vor? Müssen denn wir darum, weil wir in der Annahme des Glaubens an dich etwas bedenklicher sind, von dir zur ewigen Finsternis verurteilt sein? Siehe, du hast uns ehedem ein gar gutes Geschichtchen über das, wer unser Nächster sei, gegeben! Wir aber sind auch arm am Lichte, und es täte uns da auch ein barmherziger Samariter noch um vieles mehr not, als jener vor Jericho dem halberschlagenen Menschen not tat; aber in dir scheint er sich für uns eben noch nicht vorfinden zu wollen. Was sagst du, weisester Meister, nun dazu?“
GEJ|8|65|7|0|Sagte Ich: „So deine Mundrede auch die deines Herzens wäre, so hättet ihr zur Heilung eurer zerschlagenen Seelen auch mehr denn einen barmherzigsten Samariter gefunden! Aber solange ihr in euren Herzen ganz anders fühlet, als was da aussprechen eure glatten Zungen, so lange auch werdet ihr an Mir den vermeinten barmherzigen Samariter nicht finden. Ich aber habe euch dennoch dadurch Meine Barmherzigkeit bezeiget, daß Ich euch eben das sagte, was Ich euch gesagt habe! So ihr es beherzigen wollet, wozu Ich euch niemals nötigen werde, so wird es auch in euch licht und helle werden.
GEJ|8|65|8|0|Daß ihr Mich als des Zimmermanns Sohn nach eurem blinden Urteil wohl kennet, das weiß Ich wohl; aber ihr habt selbst eingestanden, daß ihr von Mir zuweilen vernommen habt, daß Ich Taten verrichtet habe, die keinem Menschen möglich wären. So hättet ihr doch in der Schrift nachschlagen können, und ihr hättet darin schon mit leichter Mühe gefunden, Wer Sich hinter dem Zimmermannssohne verborgen aufhält, wie das in jener Zeit sogar viele Heiden gefunden haben. Aber das tatet ihr niemals, und seid ihr von einem Menschen besseren und helleren Lichtes bei guten Gelegenheiten darauf aufmerksam gemacht worden, so dachtet ihr nicht nur nie darüber weiter nach, sondern bedrohtet einen jeden, der solch eine Meinung hegte, und hieltet Mich teilweise für einen Besessenen und, so es gut ging, teilweise auch für einen talentierten Magier, der seine geheime Kunst dort oder da bei guter Gelegenheit erlernt hat, um sich in der Folge damit etwa große Schätze bei den Heiden zu erwerben.
GEJ|8|65|9|0|Als ihr aber nun von Mir wieder Kunde erhieltet, da sagtet ihr in eurem bösen Rate wider Mich: ,Ah, nun ist uns von dem Menschen alles klar! Sein Vater Joseph soll in gerader Linie von David abstammen?! Der Alte hat in seinem Sohne Talente verspürt und hat ihn irgend geheim in aller Zauberei unterrichten lassen, die bei den Heiden als etwas Götterhaftes angesehen wird. Er hat sich dadurch schon viele große Heiden zu Freunden gemacht; und weil diese unsere Feinde sind, so hat er die Idee gefaßt, in seinem Zauberer von einem Sohne sich durch ihre Gunst auf den Thron Davids emporzuschwingen und uns als die Feinde der Heiden dann mit einem Schlag zu stürzen und mit der Essäer Hilfe zugrunde zu richten, die auch bei den Römern im großen Ansehen stehen. Dem aber muß um jeden Preis vorgebeugt werden, dadurch, daß wir ihn bei einer günstigen Gelegenheit aufgreifen und ihm das Leben nehmen, wonach es dann mit ihm sicher für immer gar sein wird. Denn ist er nur ein böser Zauberer und will uns zugrunde richten, dann ist es wohl recht, daß wir ihn lange eher zugrunde richten, als er uns irgend wird zu schaden imstande sein; und sollte er im Ernste der Christ sein, so werden wir ihm nichts anhaben können und können dann hinterdrein noch früh genug glauben, daß er der Christ sei, und er wird es uns nicht zum Übel anrechnen können, so wir an ihm alles eher versuchen mußten, bis wir ihn als den verheißenen Christ annahmen, und er wird uns dann erst noch als Eiferer für die Wahrheit obendrauf loben und hoch belohnen müssen.‘
GEJ|8|65|10|0|Sehet, also denket ihr im Herzen, wie auch der ganze Tempel in Jerusalem ebenalso denkt, und nicht einer von euch hat auch nur von ferne den Wunsch, daß Ich etwa doch der Christ sein möchte, sondern nur, daß Ich als ein von euch Erwürgter für ewig tot bleiben solle!
GEJ|8|65|11|0|So aber bei euch das der Lieblingswunsch ist und kein anderer, welchen Wunsch sollte dann Ich der Wahrheit gemäß für euch in Meinem Herzen tragen? Seid ihr bei solch eurem Wunsche und Willen gegen Mich wohl noch Meiner Erbarmung wert? Urteilet darüber selbst! Ich aber bin endlos besser denn der Beste von euch und erweise euch dennoch diese große Barmherzigkeit dadurch, daß Ich es euch nun offen sage, wie ihr inwendig beschaffen seid, auf daß ihr euch erkennen möget und eines ganz andern Sinnes werdet; denn noch wäre das bei euch möglich! Aber welche Barmherzigkeit erweiset ihr Mir dafür? Oder redet nun offen, ob Ich euch nun etwas anderes als eben nur die reine Wahrheit ins Gesicht gesagt habe!“
GEJ|8|65|12|0|Hier machten alle große Augen, und keiner hatte den Mut, Mir zu widersprechen.
GEJ|8|66|1|1|66. — Sündenvergebung
GEJ|8|66|1|0|Es trat aber alsbald mit ganz ernster Miene der Römer Agrikola zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, ist es möglich, daß es unter den Juden gar so elendeste Kreaturen geben sollte, die so etwas gegen Dich geheim im Herzen tragen können? O Du großer Gott! Hast Du für sie denn kein verzehrendes Feuer mehr? Von solchen elendesten Kreaturen verdient ja doch ein jeder tausend Male gekreuzigt zu werden! Wahrlich, ich habe schon manches Böseste über das vernommen, wie die Templer gegen Dich gesinnt sind, aber das habe ich noch nicht gehört!“
GEJ|8|66|2|0|Sagte Ich: „Freund, wundere dich dessen ja nicht gar besonders; denn es wird bald die Zeit kommen, in der du noch ganz anderes von dieser argen Art über Mich hören wirst! Denn sie wird nicht eher ruhen in ihrem geheimen Grimme gegen Mich, als bis Ich Selbst, wie Ich es euch schon zum voraus angedeutet habe, es zulassen werde, daß sie an Mir Selbst das Maß ihrer Greuel vollmachen werden; dann aber wird auch kommen das große Gericht über sie, von dem der Prophet Daniel geweissagt hat, als er stand an der geheiligten Stätte, und von dem Ich dir auch schon zum voraus eine Wahrkunde gab!“
GEJ|8|66|3|0|Sagte Agrikola: „O Herr und Meister, es ist ganz gut, daß Du mir solches geoffenbart hast; denn dadurch werden wir Römer dann schon am klarsten wissen, was wir nachher zu tun haben werden!“
GEJ|8|66|4|0|Sagte Ich: „Ihr werdet handeln, so ihr dazu berufen werdet! – Aber nun lassen wir das; es wird nun bald etwas anderes zum Vorschein kommen!“
GEJ|8|66|5|0|Als der Schriftgelehrte solches alles vernommen hatte, da fing er an, in sich zu gehen, und sagte nach einer Weile: „Herr und Meister, nun erkenne ich, daß Du mehr als der Sohn Josephs, des Zimmermanns, bist, der vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet hat! Denn so Du weißt, was im Herzen eines Menschen vor sich geht, so mußt Du ein Gott sein! Und siehe, dieweil Du vermochtest, solches hell und der Wahrheit getreust uns ins Gesicht zu sagen, was keinem sterblichen Menschen je möglich wäre, so fange ich nun an zu glauben, daß Du sicherlichst der Messias bist! Herr und Meister, stärke mich in meinem Glauben!“
GEJ|8|66|6|0|Sagte Ich: „Der Glaube allein wird dich nicht selig machen, sondern die Tat nach dem Lichte des Glaubens, auf daß der Glaube lebendig werde. Mache aber auch das Unrecht, das du vielfach an deinen Nebenmenschen begangen hast, soviel es möglich ist, wieder gut, so werden dir deine Sünden vergeben werden; denn solange jemand nicht den letzten ungerechten Stater an seinem Nebenmenschen berichtigt hat, wird er ins Reich Gottes nicht eingehen!“
GEJ|8|66|7|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, da werden wenige ins Reich Gottes eingehen! Denn wie häufig ist das der Fall, daß man selbst beim besten Willen das an jemand wissentlich verübte Unrecht gar nicht mehr wieder gutmachen kann, und solcher Verhinderungsfälle gibt es eine Menge. Was soll man da tun, um zur Vergebung der Sünden zu gelangen?“
GEJ|8|66|8|0|Sagte Ich: „Wo ein Mensch, der sein Unrecht erkannt und bereut hat, das unmöglich an seinem Nebenmenschen mehr gutmachen kann, was er ihm geschadet hat, so bekenne er sein Unrecht reuig und wahr im Herzen vor Gott und bitte Ihn um Vergebung und daß Er, dem alle Dinge möglich sind, an dem Geschädigten den ihm zugefügten Schaden gutmachen wolle und möge, so wird Gott solch eine aufrichtige Bitte auch allzeit sicher erhören und dem ernst gutwilligen und reuigen Bittsteller die Sünde vergeben, besonders wenn derselbe durch Liebewerke an anderen wieder gutzumachen bemüht ist, was er an denen, die für ihn nicht mehr da sind, hätte gutmachen sollen.
GEJ|8|66|9|0|Wer aber auch das nicht mehr könnte, dem solle durch eine rechte Reue und durch seinen wahrhaft guten Willen von Gott aus geholfen sein. Aber solange die Gelegenheit noch da ist, daß du das deinem Nebenmenschen angetane Unrecht selbst noch gutmachen kannst, da nützet dir der pure gute Wille, Reue und Bitte wenig oder nichts, sondern allein die Tat. Nach dieser erst sollst du auch Gott um Vergebung deiner Sünden bitten, und sie werden dir auch von Gott aus vergeben werden, so du dir den wahren und ernsten Vorsatz im Herzen gemacht hast, keine Sünde mehr zu begehen, und den gemachten Vorsatz auch aus allen deinen Lebenskräften, die unter der Herrschaft deines freien Willens stehen, hältst.
GEJ|8|66|10|0|Fällst du aber wieder in deine alten Sünden von neuem, so bleiben dir auch alle die begangenen auf der Rechnung. Denn hast du an deinem Nächsten ein begangenes Unrecht einmal gutgemacht, daß ihr dann Freunde geworden seid, begehest aber bald darauf entweder an demselben Freunde oder an einem andern ein neues Unrecht, so kommt dir auch das schon gutgemachte vor dem Gericht als ein erschwerender Beweis für deine neu begangene Sünde entgegen, und du wirst von dem Gerichte auch doppelt so stark bestraft werden, als du für deine erste Untat wärest bestraft worden. Wenn aber schon die weltlichen Richter also ihre Urteile fällen, und das mit Recht, so wird Gott sicher mit einem verstockten Sünder, der sich wohl manchmal bessert und sein Unrecht sühnt, aber bald wieder von neuem zu sündigen anfängt, nicht milder verfahren.
GEJ|8|66|11|0|Der Mensch kann also nur dadurch die wahre und volle Vergebung seiner begangenen Sünden erlangen, so er erstens seine Sünden als ein Unrecht gegen seine Nebenmenschen erkennt, sie bereut und nach Möglichkeit wiedergutmacht, und zweitens aber dann auch Gott um Vergebung bittet mit dem ernsten Vorsatz, die Sünden nicht mehr zu begehen und dem gemachten guten Vorsatz auch treu zu bleiben. So ihr das in euren Herzen euch treu und wahr vornehmen und dann aber auch nach der Vornahme handeln werdet, so sage Ich es euch schon hier: Eure Sünden sind euch von Mir vergeben!“
GEJ|8|66|12|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister! Deine Lehre ist scharf, aber wahr, und ich werde nach aller Möglichkeit trachten, ihr in der Tat nachzukommen. Aber Du sagtest, daß Du uns die Sünden vergibst im voraus, so wir Deiner Lehre nachkommen werden. Hast Du denn auch an Gottes Stelle das Recht und die Macht, den Menschen ihre Sünden zu vergeben?“
GEJ|8|66|13|0|Sagte Ich: „Mit euch Blinden ist schwer von der Pracht der Farben zu reden! Habe Ich denn nicht zuvor gesagt, daß Mir alle Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden zukommt?“
GEJ|8|67|1|1|67. — Der Herr erweckt einen Knecht vom Tode
GEJ|8|67|1|0|Als Ich dieses laut zu dem Schriftgelehrten sagte, da kam die eine Schwester des Lazarus, die Martha nämlich, nahe außer Atem zu uns auf den Hügel und brachte uns die Nachricht, daß ein Knecht von einem hohen Gerüst, auf dem er etwas zu tun hatte, herabgefallen sei und nun kein Lebenszeichen mehr von sich gebe. Sie bat Mich, daß Ich ihm helfen möchte.
GEJ|8|67|2|0|Und Ich sagte: „Nun, so laß ihn durch die andern Knechte hierher bringen, und Ich werde sehen, was Ich tun werde!“
GEJ|8|67|3|0|Auf diese Worte eilte die Martha wieder hinab, und der sich zu Tode gefallene Knecht wurde, auf einer Trage liegend, in wenigen Augenblicken vor Mich hingebracht.
GEJ|8|67|4|0|Und Ich sagte: „Habe Ich es euch nicht zum voraus gesagt, daß wir ehest etwas anderes zu tun bekommen werden?“
GEJ|8|67|5|0|Hierauf sagte Ich zu dem Schriftgelehrten, der seine Augen starr auf den Toten richtete: „Untersuche ihn, weil du in diesem Fache auch Kunde besitzest, ob dieser Knecht wohl völlig tot ist!“
GEJ|8|67|6|0|Hierauf besah und befühlte er den Toten vom Kopfe bis zu den Fußzehen und fand ihn vollkommen tot; denn er war vom Gerüst auf den Kopf hinabgestürzt, und es war ihm die Hirnschale eingedrückt und das Genick völlig gebrochen.
GEJ|8|67|7|0|Als der Schriftgelehrte solche den Tod sicher bewirkende Beschädigungen an dem Toten fand, da sagte er: „Herr und Meister, den kann nur Gott wieder lebendig machen; für menschliche Hilfe ist er unwiederbelebbar!“
GEJ|8|67|8|0|Sagte Ich: „Was dünket dich, was da leichter zu sagen ist, ob: ,Deine Sünden sind dir vergeben!‘, oder zu diesem Toten wirkungsvoll zu sagen: ,Stehe mit geheiltem Leibe auf und wandle!‘?“
GEJ|8|67|9|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, das erste offenbar leichter als wirkungsvoll das zweite! Denn das erste kann ein jeder Mensch zu dem sagen, der an ihm gesündigt hat, und das gilt nach Deiner Lehre dann auch sicher vor Gott; das zweite aber mit Wirkung ist nur Gott allein möglich und vielleicht dem auch, dem Gott dazu die Macht verleihen würde.“
GEJ|8|67|10|0|Sagte darauf Ich: „Auf daß du aber siehst und wohl merkest, daß Mir auch die Macht zukommt, dem gebesserten Sünder seine Sünden als für ewig gültig zu vergeben, so sage Ich nun aus Meiner höchsteigenen Macht zu diesem Toten: Sei geheilt, stehe auf und wandle!“
GEJ|8|67|11|0|In diesem Augenblick richtete sich der Tote auf, ersah Mich vor sich und dankte Mir inbrünstigst für die Heilung.
GEJ|8|67|12|0|Der Schriftgelehrte aber sagte zum nun wieder Lebenden: „Mensch, du warst völlig tot, und der Herr hat dich nicht nur geheilt, sondern Er hat dich auch völlig von neuem wieder belebt; darum danke Ihm auch für dein neues Leben!“
GEJ|8|67|13|0|Sagte Ich: „Wer für die Heilung dankt, der dankt auch fürs Leben, und das genügt!“
GEJ|8|67|14|0|Hierauf aber wandte Ich Mich wieder an den neubelebten Knecht und sagte zu ihm: „Ein anderes Mal aber sieh dich vor, und besteige kein hohes Gerüst ohne besondere Not! Wenn aber ein solches zu besteigen ist, so überlaß das denen, die darin geübt sind; denn eine jede unnötige Prahlerei straft sich allzeit von selbst, wie es nun auch bei dir der Fall war.
GEJ|8|67|15|0|Dazu aber merke dir noch etwas, und das besteht darin: Wolle dich unter deinen Mitknechten niemals durch allerlei Wagestücke hervortun, um von deinem Dienstherrn als ein erster Knecht geachtet zu werden und dann über deine Mitknechte herrschen zu können, sondern sei du nur treu und fleißig in dem, was dir zusteht, so wirst du nie mehr das Unglück haben, hoch herabzufallen und dir das Genick zu brechen, womit des Leibes Tod verbunden ist! Denn wer hoch steigt, der fällt dann auch tief herab.“
GEJ|8|67|16|0|Auf diese Meine Worte dankte der Knecht abermals und ging mit seinen Mitknechten, die ihn auf der Trage zu Mir gebracht hatten, wieder hinab mit dem Vorsatz, Meine Worte sein Leben lang zu befolgen.
GEJ|8|67|17|0|Hierauf aber sagte Ich noch zum Schriftgelehrten: „Dies Zeichen, das Ich zur Stärkung eures Glaubens nur gewirkt habe, behaltet bei euch, und gebet es niemand anderm vor der rechten Zeit kund! Ich weiß es, warum Ich das also will. Nun aber könnet ihr gehen mit den Jüngern wieder dahin, wohin euch Mein Geist führen wird! Im Tale beim Wirte werdet ihr alle zu essen und zu trinken bekommen.“
GEJ|8|67|18|0|Hierauf begaben sich diese wieder von dannen, und wir begaben uns auch zum Mittagsmahle, da es schon ziemlich spät an der Zeit war.
GEJ|8|67|19|0|Wir stiegen nun den Hügel hinab und begaben uns ins Haus und darin in den großen Speisesaal, allwo ein gutes Mahl für uns schon bereitet war. Wir setzten uns an die Tische, und Ich berief den Raphael, daß er auch einigen Jungen, die alle in einem andern Hause des Lazarus untergebracht waren, bedeuten solle, sich zu uns zu begeben und an unserem Tische teilzunehmen. Und Raphael ging und brachte zwölf Jünglinge und zwölf Fräulein, die von ausnehmender Schönheit und nun auch schon durch Meinen Einfluß der hebräischen, griechischen und römischen Sprache kundig waren. Diese vierundzwanzig wurden an einem besonderen Tische untergebracht, an dem Raphael präsidierte.
GEJ|8|67|20|0|Als Agrikola diese schöne junge Gesellschaft eine Zeitlang mit großem Vergnügen betrachtet hatte, da sagte er ganz gerührt: „O Herr, mit diesem Geschenk hast Du mir wahrlich eine übergroße Freude gemacht; denn auf diese Weise bin ich nun der Vater von vielen Kindern geworden und werde für sie auch so und noch besser besorgt sein wie für meine eigenen! Nur bitte ich Dich um ein noch recht langes und gesundes Leben, damit ich alle, die Du mir anvertraut hast, geistig und auch leiblich bestens versorgen kann; am Willen dazu wird es mir nie mangeln und so auch nicht am Handeln!“
GEJ|8|67|21|0|Sagte Ich: „Darüber freue auch Ich Mich, und Ich werde dir auch geben, um was du Mich bitten wirst; aber du wirst daheim wenig Zeit finden, weil du – wie Ich dir schon angezeigt habe – dich bald nach Britannia wirst zu begeben haben und dort viel zu tun bekommen wirst. Was wirst du dann mit den Jungen tun?“
GEJ|8|67|22|0|Sagte Agrikola: „Herr, dann, wie allzeit, werde ich Mich im Herzen an Dich wenden, und Du wirst mich nicht ratlos lassen!“
GEJ|8|67|23|0|Sagte Ich: „Also hast du ganz wohl dich beraten und Mir auch ganz wohl geantwortet! Wenn du aber nach Britannia gehen wirst, so kannst du diese vierundzwanzig Leutchen mit dir nehmen; sie werden dir gute Dienste tun. Nun aber essen und trinken wir!“
GEJ|8|67|24|0|Darauf aßen und tranken wir wohlgemut und besprachen uns über allerlei gute und seltene Dinge.
GEJ|8|67|25|0|Maria, des Lazarus jüngere Schwester, aber setzte sich auf einen niederen Stuhl neben Mich zu Meinen Füßen und horchte auf Meine Worte, wie sie das auch sonst tat.
GEJ|8|67|26|0|Da aber diesmal viele Gäste da waren, und Martha in Sorge kam, allein die vielen und hohen Gäste etwa nicht gut genug bedienen zu können, so kam sie zu Mir und sagte: „Herr, sieh, ich habe viel zu tun; sage doch Du der Schwester, daß sie mir helfe!“
GEJ|8|67|27|0|Da sagte Ich: „Martha, Martha, du bist noch die gleiche, obwohl Ich dir schon ein paarmal aus dem gleichen Grunde Meine Meinung sagte! Du sorgst dich viel um das, was der Welt ist, aber Maria hat sich den besseren Platz erwählt; darum soll sie auch allda bei Mir verbleiben. Wir aber haben ja ohnehin zu essen und zu trinken in Überfülle. Was sorgst du dich nun noch um ein mehreres?“
GEJ|8|67|28|0|Martha aber sah ihren Fehler alsbald ein, beließ die Maria bei Mir und verrichtete allein mit den Dienstleuten leicht die noch übrige Arbeit.
GEJ|8|68|1|1|68. — Kindererziehung
GEJ|8|68|1|0|Als wir aber also beisammensaßen und ganz wohlgemut aßen, tranken und uns über allerlei Dinge besprachen, da fingen die großen Hunde im großen Hofe stark zu bellen an.
GEJ|8|68|2|0|Lazarus, darauf aufmerksam gemacht, sagte zu Mir: „Herr und Meister, sicher nahen sich meinem Bethanien wieder ungeladene Gäste! Aber es ist gut, daß Du mir die Wächter gabst; wir sind durch sie vor lästigen Besuchern gesichert. Aber nachsehen sollte man etwa doch, was es gibt, weil die Tiere einen gar so starken Lärm machen.“
GEJ|8|68|3|0|Sagte Ich: „Lasse du das nur gut sein; denn Ich weiß es schon, was es draußen gibt! Erinnerst du dich nicht mehr der Pharisäer, die gestern nacht bei dir bis zum Morgen verblieben sind? Siehe, diese haben es dir ja versprochen, heute Meinetwegen heraus nach Bethanien zu kommen! Siehe, diese und noch einige nähern sich nun diesem Orte und wollen in dieses dein Hauptwohnhaus einkehren; aber es ist noch nicht an der Zeit, und das darum um so weniger, weil sie heute vormittag wieder im Rate gesessen sind und ihre gestrigen Gesinnungen schon wieder um ein bedeutendes geändert haben. Es sind noch ein paar weitmaulige, wahre Zeloten bei ihnen, und so haben sie nun gut warten, bis sie hereinkommen werden. Sende aber du einen deiner Diener hinaus; der soll sie in die Herberge der Fremden bringen! Gen Abend werden wir dann schon sehen, was wir tun werden.“
GEJ|8|68|4|0|Lazarus entsandte sogleich einen Diener, und es geschah, wie Ich es anbefohlen hatte.
GEJ|8|68|5|0|Lazarus aber sagte darauf: „Das wundert mich von den gestrigen Pharisäern sehr, daß sie wieder eines anderen Sinnes geworden wären, indem Du doch Selbst gesagt hast, daß dies wohl etwa die letzten und einzigen seien, die sich aus der großen Zahl der Templer zu Dir bekehrt haben! Und wir waren auch alle des ganz frohen Glaubens.“
GEJ|8|68|6|0|Sagte Ich: „Sei darob nicht zweiflig und bange! Diese werden uns auch bleiben; aber gerade jetzt sind sie noch nicht völlig bekehrt. Doch wenn der Abend sich nahen wird, dann werden sie auch eines anderen und besseren Sinnes werden, und wir wollen dann zu ihnen gehen. Für jetzt aber bleiben wir hier ganz heiteren Mutes beisammen, und es wird sich noch so manches finden, darüber wir unter uns einige Worte werden wechseln können.“
GEJ|8|68|7|0|Damit waren Lazarus und alle Anwesenden völlig zufrieden.
GEJ|8|68|8|0|Es wurde darauf eine kurze Zeit völlig still an unserem Tische; nur am Tische der Jungen wurde dann und wann ein Wort gesprochen, indem die Jünglinge den Raphael um allerlei befragten und er sie darüber auch stets freundlichst belehrte.
GEJ|8|68|9|0|Wir behorchten sie, und die bei uns anwesenden vier Templer, die in Emmaus zu uns getreten waren, wie auch die sieben, die am Ölberge schon früher zu uns gestoßen waren, sagten: „Solch ein Unterricht gibt aus! Denn von solch einem Lehrer lernt die Jugend ja in einer Stunde mehr als bei einem Weltlehrer in zehn Jahren! Herr, unsere Weiber und Kinder befinden sich auch hier in Bethanien, in irgendeinem Hause des Lazarus unter gebracht, wenn sie auch nur eine Stunde lang solch einen Lehrer aus den Himmeln hätten, welch ein großer Vorteil wäre das für sie!“
GEJ|8|68|10|0|Sagte Ich: „Allerdings wäre das ein großer Vorteil für sie; aber sie wären nicht fähig, von solch einem Lehrer den Unterricht anzunehmen, weil ihre Herzen und Seelen schon mit zu vielen weltlichen Dingen vollgepfropft sind. Diese Jungen aber sind von möglichst keuschem Sinne und sittlich unverdorben; ihnen ist jede Sünde noch fremd, und sie haben viel Not und Elend ausgestanden und mußten sich an Entbehrungen aller Art gewöhnen, daher sie auch aller Leidenschaften, denen Kinder reicher Eltern unterworfen sind, völlig bar geworden. Ihre Seelen sind demnach engelrein und somit fähig, den göttlichen Geist in sich unbehindert sich ausbreiten zu lassen. Und sieh! Darin liegt denn auch der Grund, daß sie schon als Kinder nun von einem ersten Engel unterrichtet werden können; denn nur solche höchst reinen und gänzlich unverdorbenen Seelen können von den Engeln des Himmels unmittelbar unterrichtet werden, Kinder aber, wie die eurigen, nur, so es gut geht, mittelbar.
GEJ|8|68|11|0|Ich sage es euch: Wenn die Eltern es verstünden, ihre Kinder also zu erziehen, daß diese ihre Unschuld und Seelenreinheit erhalten könnten nur bis in ihr vierzehntes Jahr, so würden ihnen auch aus den Himmeln Lehrer und Führer unmittelbar gegeben werden; aber da das nun in dieser Zeit unter den besonders angesehenen Juden schon gar nie mehr vorkommt, so haben auch die Lehrer aus den Himmeln mit euren Kindern unmittelbar nichts mehr zu tun.
GEJ|8|68|12|0|Aber bei den Patriarchen war das sehr häufig der Fall, und hie und da geschah das auch noch in diesem, wie auch im vorigen Säkulum. Meines Leibes Mutter wie auch Mein Nährvater Joseph, dann auch der alte Simeon, die Anna, der Zacharias, sein Weib Elisabeth und sein Sohn Johannes und noch etliche sind von den Engeln aus den Himmeln erzogen worden, und das unmittelbar; aber die Benannten sind von ihren Alten (Eltern) auch in der größten Sitten- und Seelenreinheit von der Wiege an erzogen worden, was aber bei euren Weltkindern wohl nie der Fall war.
GEJ|8|68|13|0|Allein, es wäre das wohl gar überaus gut für die Menschen, obwohl das zur Erlangung der Seligkeit und des ewigen Lebens nicht gerade unbedingt nötig ist; denn es ist bei Mir und somit auch im Himmel unendlich mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut und sich wahrhaft bessert, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben, wie Ich euch das schon einmal gesagt habe. Darum tuet nun das, was Ich euch lehre, und ihr werdet leben; denn Ich, der Ich euch das sage, bin mehr denn alle Engel der Himmel, und somit auch sicher Meine Lehre!“
GEJ|8|68|14|0|Sagte nun ein Schriftgelehrter, dessen Weib und Kinder auch in Bethanien sich befanden: „Herr, mein Weib und meine sieben Kinder haben meines guten Wissens allzeit streng nach dem Gesetze leben müssen, und die Seelen der Kinder dürften wohl noch ganz rein sein! Diese könnte ich ja doch wohl hierher bringen lassen? Sie würden hier sicher für ihr ganzes künftiges Leben viel gewinnen. Was meinst Du, o Herr, da?“
GEJ|8|68|15|0|Sagte Ich: „Da meine Ich dennoch also, daß es für dein Weib und für deine Kinder, die nicht so rein sind, wie du das meinst, besser ist, wenn sie heute bleiben, wo sie sind; denn morgen ist auch noch ein Tag und übermorgen auch einer, und da wird es sich schon noch fügen, daß Ich auch mit euren Weibern und Kindern zusammenkommen werde. Und nun machet Mir in dieser Hinsicht keine Vorstellungen mehr!“
GEJ|8|68|16|0|Nach diesen Meinen Worten machten sie Mir auch keine derartigen Vorstellungen mehr.
GEJ|8|69|1|1|69. — Die Frage des Markus nach der Erdgeschichte
GEJ|8|69|1|0|Da wir aber nun ganz in aller Ruhe wohlgemut beisammensaßen, da sagte der Römer Markus, den wir schon als einen tiefen Denker haben kennengelernt, zu Mir: „Herr und Meister, erlaubst Du es mir, weil wir gerade Muße haben, an Dich noch eine Frage zu stellen? Es drückt mich noch etwas, und ich möchte darüber eine noch nähere Aufklärung haben, als Du sie uns auf dem Ölberge hast zukommen lassen.“
GEJ|8|69|2|0|Sagte Ich: „Rede und frage du nur immer zu, denn in dir wohnt eine helle Seele! Ich weiß zwar wohl, was du noch hast, aber Ich habe der andern wegen gern, daß eben du redest und fragst, auf daß auch sie wissen, um was es sich handelt; denn es ist das stets ein großer Fehler bei den Menschen, daß nur wenige in sich merken, was und wo es ihnen fehlt. Denn würden die Menschen das merken und fühlen, so würden sie auch mit großem Fleiß und Eifer das Abgängige suchen und zu finden trachten und würden auch vieles finden. Weil sie aber träge sind und nicht wissen und fühlen, was ihnen noch mangelt, so suchen sie das Mangelnde auch nicht und finden es auch nicht. Wer aber sucht, der findet, und wer da bittet, dem wird gegeben, und wer da anklopft, dem wird aufgetan! Und so sage du nun nur, über was du noch ein helleres Licht haben möchtest, als es euch auf dem Ölberge gegeben worden ist!“
GEJ|8|69|3|0|Sagte nun unser Römer Markus: „Siehe, Herr und Meister, Du Selbst hast es laut gesagt, daß der Mensch Gott nicht völlig über alles lieben könne, der Ihn nicht, soweit es ihm nur immer möglich ist, zu erkennen trachtet; und da habe ich nun nach längerem Nachdenken gefunden, daß mir noch gar manches mangelt!
GEJ|8|69|4|0|Siehe, ich habe in Illyrien und auch in unseren weiten Länderstrichen mehrere Bergwerke und gewinne da allerlei Metalle, wie Gold, Silber, Blei und eine große Menge Eisen, das wir gar wohl gebrauchen können!
GEJ|8|69|5|0|Aber beim Baue in den Bergen habe ich schon so Seltsames und Denkwürdiges aufgefunden, und das sehr tief unter dem gewöhnlichen Erdboden. Es waren das Knochen und Gerippe von einst auf der Erde lebenden riesenhaft großen Tieren. Wann haben diese die Erde bewohnt, und wie konnten sie so tief unter – sage – sogar hohe Berge geraten? Also fand man in Ägypten und auch in Hispania sogar Knochen und Gerippe, die mit denen eines Menschen eine große Ähnlichkeit hatten; nur waren sie auch wenigstens ums Vier- bis Fünffache größer und stärker als die eines jetzigen Menschen. Also fand ich noch gar manche Seltenheiten, deren ich hier näher zu gedenken nicht für nötig finde.
GEJ|8|69|6|0|Du hast uns auf dem Berge wohl ganz kurz eine Erwähnung davon gemacht, daß es vor Adam auf der Erde schon gar lange eine Art Menschen gegeben habe, die aber noch wenig freien Willen hatten, sondern sich mehr den Tieren ähnlich instinktmäßig bewegten und auch nach dem Instinkte handelten. Erst vor etwa viertausend Jahren erscheint nach der Juden Schrift der erste Mensch Adam mit einem vollends freien Willen und mit einem auch ebenso freien Verstande und gibt selbst aus sich seinen Nachkommen weise Gesetze und Anordnungen.
GEJ|8|69|7|0|Hier wage ich eine große Frage zu stellen, und diese besteht darin: War diese Erde zur Zeit Adams hie und da noch von den Vormenschen bewohnt, und hat sich dieses Geschlecht vielleicht auch irgendwo an gewissen Punkten der Erde bis auf unsere Zeiten erhalten, und wird es sich vielleicht auch noch länger forterhalten? Und wie kamen die Knochenüberreste der Vorwelttiere sogar unter die Grundfesten der Berge und ebenso auch die riesigen Überreste der Präadamiten?
GEJ|8|69|8|0|Herr, darüber gib mir noch einen näheren Aufschluß; denn was wir forschenden Römer bis jetzt schon aufgefunden haben, das und sicher noch ein mehreres werden unsere Nachkommen finden.
GEJ|8|69|9|0|Die uns bekannten Bücher Mosis geben uns über die Bestandsverhältnisse der Erde vor Adam gar keinen Aufschluß. Moses beginnt gleich mit der höchst mystischen Schöpfungsgeschichte, die aber mit dem, was wir nun auf der Erde finden, in gar keinem Zusammenhang steht, – ja, nur die höchsten Widersprüche aufstellt.
GEJ|8|69|10|0|Wenn Du uns über das nun kein höheres Licht zukommen läßt, so wird das besonders bei den späteren Nachkommen große Wirrnisse erzeugen, und Deine Lehre wird großen Spaltungen unterworfen werden. Denn Deine Lehre ruht auf der mosaischen; ist aber jene in irgend etwas dunkel, so kann Dein Licht nicht zur vollen Helle auf der Erde kommen. Darum gib Du uns auch da noch einen helleren Aufschluß; wir bitten Dich darum!“
GEJ|8|70|1|1|70. — Vom naturwissenschaftlichen Inhalt des 6. und 7. Buches Mosis. Das Alter der Erde
GEJ|8|70|1|0|Sagte Ich: „Höre, du Mein Mir sehr liebgewordener Markus! Gar vieles habe Ich euch schon gesagt und gezeigt und werde euch auch noch das sagen und zeigen; aber alles das euch nun Gesagte und Gezeigte wird nicht viel über eure nächsten Nachkommen hinauskommen, weil die Weltmenschen das nicht fassen, nicht begreifen und somit auch nicht glauben werden. Du hast wohl einen ganz guten Grund aufgestellt, demzufolge eine von dir beanspruchte Erklärung über die Dinge und Bestandsverhältnisse dieser Erde zur wahren Festigung des Glaubens der Menschen an Meine Lehre besonders als notwendig erscheint. Doch habe Ich es euch aber auch gesagt, daß über alles in Meiner Schöpfung Vorkommende einem jeden, der im Geiste wiedergeboren wird, eben der Geist es offenbaren wird. Wem es aber der Geist offenbaren wird, der wird es dann auch im wahren Lichte lebendig begreifen, wie sich alle die dir nun noch so unbegreiflich scheinenden Dinge verhalten.
GEJ|8|70|2|0|Was Ich euch aber nun mündlich darüber sagen werde, das werdet ihr Mir wohl glauben, weil Ich es euch sage; aber in der Tiefe begreifen werdet ihr es auch nicht, und noch weniger werdet ihr imstande sein, den andern nun im Geiste noch völlig blinden Menschen einen rechten Begriff davon beizubringen. Und so werden die Menschen noch lange zu warten haben, bis für sie alle die sogenannten großen Fragen werden beantwortet werden können, auf eine solche Weise, daß sie ihnen verständlich werden.
GEJ|8|70|3|0|Siehe, auch die Juden sind als einst das erleuchtetste Volk der Erde, abgesehen, daß ihnen Moses selbst alles erklärt hatte durch den Mund seines Bruders Aaron in zwei nachgetragenen Büchern, nun dahin gekommen, daß sie von allen dergleichen urweltlichen Dingen rein nichts mehr wissen und verstehen. Alles, was sie irgend von solchen Urüberresten finden, bezeichnen sie als eine Wirkung der von ihnen nicht mehr verstandenen noachischen Sündflut. Lehre sie etwas anderes, so werden sie dich als einen Ketzer verdammen!
GEJ|8|70|4|0|Ihr Heiden habt in eurer Götterlehre die mythische Kunde gleich von zwei großen Erdüberflutungen und schreibt ihnen zunächst den ursächlichen Grund der Erscheinungen zu, und das Volk hängt fest daran. Saget ihm nun die Wahrheit, so wird es euch verlachen und, wenn es gut geht, dazu sagen: ,Ei, wer kann das wissen? Das wissen nur die Götter!‘ Was könnet ihr ihm dann entgegnen? Sieh, darum werden die Menschen in dieser Hinsicht erst dann die Wahrheiten zu fassen imstande sein, wenn sie erstens in allerlei Wissenschaften werden bewandert sein, und zweitens, so es ihnen ihr geweckter Geist offenbaren wird!
GEJ|8|70|5|0|Euch aber will Ich nun gleichwohl einige Winke geben, wie sich die Sachen etwa verhalten, obschon Ich es nur zu klar einsehe, daß ihr das alles mit eurem gegenwärtigen Verstande nicht fassen werdet, weil fürs erste euch dazu der Begriff von überaus großen Zahlen mangelt, und weil ihr fürs zweite von den Sternen und ihren Größen, Entfernungen und Bewegungen nun nur das wisset und glaubet, was Ich euch darüber gesagt habe; aber es ist alles das so lange auch bei euch nur ein äußeres Wissen, bis es sich in eurem Geiste als eine selbständige und selbstgeschaffene lichtvolle Wahrheit gestalten wird.
GEJ|8|70|6|0|Daß diese Erde ein derartig hohes Alter hat, daß ihr die Zahl ihrer Bestandjahre gar nicht fassen könntet, wenn Ich sie euch auch darstellen würde, das habe Ich euch schon auf dem Ölberge gezeigt. Kurz aber und gut, die Erde besteht als ein Weltkörper für eure Begriffe schon nahezu unendlich lange und hat viele Veränderungen auf ihrer Oberfläche zu erleiden gehabt, bis sie zu ihrer gegenwärtigen Gestalt gediehen ist. Feuer, Wasser, Erdbeben und andere große Stürme, besonders in ihren Urzeiten, waren die Handlanger, die aus ihr nach Meinem Willen das gemacht haben, was sie nun ist. Und damit sie fortbesteht und zur zeitweiligen Ernährung von noch viel mehr Menschen und anderen Kreaturen noch fähiger wird, so müssen Feuer, Fluten, Erdbeben und kleine und große Stürme noch in ihr, auf ihr und über ihr nach rechtem Bedarf tätig sein.“
GEJ|8|71|1|1|71. — Die ersten beiden Erdbildungsperioden
GEJ|8|71|1|0|(Der Herr:) „Als die Erde in ihren Urzeiten nur so weit gediehen war, daß sich über ihren Gewässern nur einige größere und kleinere Inseln erhoben, die mit dem Meeresschlamme überdeckt waren, da legte Ich auch bald aus Meiner Weisheit und aus Meinem Willen allerlei Pflanzensamen in den fruchtbaren Schlamm. Und siehe, da wurden solche Inseln denn auch bald bepflanzt, und zwar zuerst mit allerlei seltenen Gräsern, Kräutern und kleinen und später auch überaus großen Bäumen!
GEJ|8|71|2|0|Als solche Inseln also bewachsen waren, da legte Ich dann auch Eier oder Samen zur Bildung einer für jenen Erdzustand tauglichen Tierwelt, die zuerst nur in allerlei kleinen und dann größeren Würmern bestand und im Verfolge aus Insekten und endlich, als der trockener gewordene Boden schon des Futters in großer Fülle hatte, auch aus riesig großen Tieren, deren Aufgabe es war, sich mit den noch sehr rohen Kräutern und Baumästen zu nähren und mit ihrem Kote den Boden mehr und mehr zu düngen, und endlich auch mit ihren umgestandenen (verendeten) riesig großen Leibern, von deren Knochen ihr auch noch in den tiefen Höhlen und Schächten der Erde Überreste finden möget.
GEJ|8|71|3|0|Aus der Verwesung solcher Tiere entwickelten sich nach Meinem Willen auch wieder eine Menge neuer Tiere in der Gestalt von kleineren und größeren Würmern und aus ihnen allerlei Insekten.
GEJ|8|71|4|0|Nennen wir nun das einen Erdbildungsabschnitt. Es versteht sich aber schon von selbst, daß der Erdkörper vordem schon beinahe zahllose Male allerlei Vorveränderungen unterworfen werden mußte, weil dieser Zustand ohne jene Vorgänge nie hätte stattfinden können. Allein alle solche Vorgänge gehen euch ebensowenig etwas an wie jene zum Beispiel eines ins Erdreich gelegten Weizenkornes bis dahin, wo endlich aus dem Keime eine vollreife und sehr gesegnete Frucht zum sicher sehr brauchbaren Vorschein kommt. Kurz, Ich habe euch nun die Erde in ihrer ersten Befruchtungsblüte gezeigt, wo in ihrem Oberboden allerlei Samen für Kräuter und Bäume gelegt worden sind und Eier für allerlei Getier, für was alles schon lange zuvor im Wasser der Grund gelegt worden ist; denn gewisse und sehr verschiedenartige Wasserpflanzen und -tiere sind offenbar in allem um sehr vieles älter als die Tiere der festen Erde und die Tiere der Luft.
GEJ|8|71|5|0|Ihr habt nun einen ersten Abschnitt der ersten Fruchtbodenbildung der Erde in Meinen Worten angeschaut und habt dabei euch selbst denken müssen, daß auf diesem Urfruchtboden für ein besseres Getier, geschweige erst für einen Menschen, ein Sein nicht stattfinden konnte. Aber es war dieser sauere Zustand dennoch notwendig, da ohne ihn kein zweiter und vollendeterer hätte folgen können, so wenig, als ohne die vorgängige Magersauerknospe je auf einem Baume eine reifere und endlich ganz reife Frucht zum Vorschein kommen kann.
GEJ|8|71|6|0|Zum Vollreifwerden einer Baumfrucht aber gehören nach dem Magersauerknospenbilden doch sicher noch eine Menge Vorgänge, die freilich nur Mein Auge ganz genau beobachten kann; und das ist sicher bei der Reifebildung eines Weltkörpers noch um so mehr der sehr bedingt notwendige Fall.
GEJ|8|71|7|0|Wir haben nun die Erde in ihrer Magersauerknospengestaltung gesehen. Was geschieht denn bei einem Baume im ersten Frühjahre, wenn die Magersauerknospe so recht geschwollen und grünsaftig wird? Sehet, sie springt, von innen gedrängt, auf, wirft ihre erste Umhüllung gewisserart über Bord ins Meer der Vergänglichkeit und Auflösung und entfaltet sich zu einer größeren Vollkommenheit, damit aus ihrer Mitte sich dann die Blätter als die notwendigen Begleiter der nachfolgenden Blüte zur Entwicklung der Frucht entfalten können. Obschon aber, wie schon bemerkt, ein Baum nur ein höchst magerer Vergleich zur Entwicklung eines Weltkörpers ist, so kann er euch aber dennoch als ein gutes Bild dienen, dem ihr in einem sehr verjüngten Maße entnehmen könnet, wieviel dazu gehört, bis ein Weltkörper tauglich wird, um Menschen eurer Gattung zu tragen und zu ernähren.
GEJ|8|71|8|0|Diese erste Periode oder der erste Abschnitt der Erdbefruchtung in der noch allerrohesten und unkultiviertesten Art geht nach sehr vielen tausendmal tausend Jahren, wie sie nun auf dieser Erde gerechnet werden, unter; denn damals gab es für diese Erde noch keine bestimmten Jahreszeiten, und die schon da waren, die dauerten ein wenig länger als die nunmaligen.
GEJ|8|71|9|0|Was wir in der ersten Periode gesehen haben, das ging durch zugelassene und, noch besser, fest angeordnete Feuerstürme aus dem Innern der Erde unter, und nach einer großen Anzahl von jetzigen Erdjahren erhoben sich größere Landstrecken, schon mit Bergen geziert, aus den großen Tiefen der Meere der Erde, mit einem schon um vieles fruchtbareren Schlamme überdeckt.
GEJ|8|71|10|0|Zur rechten Zeit wurden aus Meiner Weisheit und aus Meinem Willen vollkommenere Sämereien in diesen Schlamm gelegt, und bald ward es eines schon gar üppigen Aussehens auf den größeren Länderstrecken der noch immer jungen Erde.
GEJ|8|71|11|0|Als es nun abermals des Futters in großer Menge auf den verschiedenen größeren Länderstrecken gab, da ward von Mir aus auch gleich in der weisesten Ordnung für eine größere und schon vollkommenere Anzahl der kleinen und großen Konsumenten gesorgt. Da ward das Wasser zwischen den Länderstrecken von größeren Tieren belebt, und die größeren Länderstrecken hatten ihre großen Verzehrer dessen, was ihr Boden an neuen Pflanzen, Kräutern und Bäumen bot.
GEJ|8|71|12|0|Gräser, Pflanzen, Kräuter, Gesträuche und gar riesige Bäume erzeugten teilweise schon Samen und konnten sich fortpflanzen; doch der größere Teil wuchs immer noch den Pilzen gleich aus dem fruchtschwangeren Boden der Länderstrecken, und die Tiere entstanden auf nahezu die Art und Weise wie die euch bekannten Drachen des Nilstromes in Ägypten, nämlich aus den Eiern, und konnten in der Luft wie auch im Wasser leben und sich auch nähren von Pflanzen im Wasser und auf den Länderstrecken, auf denen es aber auch noch lange nicht irgend zu trocken aussah.
GEJ|8|71|13|0|Denn in dieser gewisserart für das fruktitive Pflanzen- und Tierleben fortschreitenden Bildungsperiode der Erde konnte es ebensowenig wohnlich trocken aussehen wie bei den sich mehr und mehr entfaltenden Baumknospen; denn so es bei diesen ein trockenes Aussehen hat, dann sieht es mit der Blüte und mit der nachfolgenden Frucht sicher eben nicht am besten aus.“
GEJ|8|72|1|1|72. — Die Entwicklung der Erde bis zu den Voradamiten
GEJ|8|72|1|0|(Der Herr:) „Die zweite Vorbildungsperiode dauerte wieder eine für euch nicht aussprechbare Zeit von jetzigen Erdjahren. Aber die Erde war noch lange nicht tauglich, warmblütige Tiere, geschweige Menschen von noch so unterer Art, zu tragen; daher ging sie auch wie die erste unter, und es dauerte dann wieder lange, bis eine dritte Vorbildungsperiode zum Vorschein kam.
GEJ|8|72|2|0|Natürlich gingen zwischen einer und der andern Hauptvorbildungsperiode eine Menge auch sehr stürmischer Zwischenperioden vor sich, deren Bedeutung zunächst nur Ich als der Schöpfer am besten kenne und endlich auch der Geist, dem Ich es offenbaren will.
GEJ|8|72|3|0|Es entstand aus den vielen notwendigen Vorgängen wieder eine dritte Periode. Nun treten schon gar bedeutend große Länder aus dem Meere hervor, getrieben durch das innere Feuer der Erde, natürlich nach Meinem Willen. Die Vegetation wird noch um vieles reichhaltiger und immer noch riesiger Art; die Tiere ebenso wie die Vegetation. Aber auch diese Periode, die ebenfalls überaus lange angedauert hat, und die man gewisserart mit der Blüte eines Baumes vergleichen könnte, war so wie die beiden früheren noch lange nicht geeignet, dem Menschen zu einem Wohnorte zu dienen; daher ging auch diese unter und begrub so wie die erste und zweite ihre Produkte sowohl in der vegetabilen wie in der animalischen Sphäre, nur nicht so tief wie die erste.
GEJ|8|72|4|0|Darauf gab es wieder eine Menge Zwischenperioden, und es kam nach langen Zeiten eine vierte Vorbildungsperiode zum Vorschein. Die Landteile wurden wieder um vieles größer, die Vegetation abermals auch um vieles üppiger, und es fing an, im Wasser, auf den schon trockeneren Landen, wie auch in der Luft von allerlei kleinen und daneben auch von größeren Tieren sehr lebendig zu werden, und es gab darunter schon sogar warmblütige Säugetiere, die nicht mehr mittels der Eier in diese Welt kamen, sondern auf dem Wege der natürlichen Zeugung, und sonach lebendige Junge zur Welt brachten, mit Ausnahme der Wassertiere, einiger großer Amphibien, der Vögel, Würmer und Insekten.
GEJ|8|72|5|0|Diese vierte Hauptvorbildungsperiode dauerte ungemein lange, und der Boden der Erde wurde da schon von Zeit zu Zeit von den Strahlen der Sonne beleuchtet, und an einigen Bäumen fing sich schon eine Frucht zu zeigen an, die euch aber freilich eben noch nicht besonders gemundet hätte; aber sie diente der damaligen Tierwelt doch zu einem guten Futter.
GEJ|8|72|6|0|Auch in dieser vierten Vorbildungsperiode gab es noch nichts Menschenähnliches auf der Erde.
GEJ|8|72|7|0|Es kamen wieder große Erdumwälzungen und begruben auch zum größten Teil alles, was ihr damals als eine Kreatur benamset hättet, und ihr findet aus dieser Periode auch gar vieles und manches unter dem Boden der Erde begraben, das sich aber von den Produkten der ersten drei Perioden hier und da schon sehr wesentlich unterscheidet.
GEJ|8|72|8|0|Nach langen Zeiten, in deren Verlauf nun auf der Erde schon eine größere Ruhe und Ordnung eintrat, und nach vielen noch immer sehr großen Erdstürmen sehen wir nun eine fünfte Erdvorbildungsperiode auftauchen. Aus dem tiefen Meeresgrunde erheben sich von neuem große Länder, schließen sich an die aus den früheren Perioden schon bestehenden an und bilden schon ordentliche Festlande.
GEJ|8|72|9|0|In dieser fünften Periode entstehen die meisten und höchsten Berge der Erde. Ihre überhohen Spitzen werden von den Blitzen zertrümmert und dann durch gewaltige Erdbeben und durch mächtige Wolkenbrüche entstandene Strömungen in die tiefen Täler und Gräben der Erde geschoben. Dadurch werden weitgedehnte Ebenen und minder breite Täler und Triften gebildet, auf denen dann alles besser gedeihen kann.
GEJ|8|72|10|0|Mit dem Beginn dieser Periode wird die Erde auch in eine geordnete Umbahnung um die Sonne gebracht. Tag und Nacht wechseln schon regelrecht, auch des Jahres Zeiten, obschon noch unter allerlei Veränderungen, weil die Schwankungen der Erdpole noch immer bedeutend sind und in dieser Periode auch noch sein müssen.
GEJ|8|72|11|0|In dieser Periode, in der sich schon ein bleibendes Festland gebildet hat, beginnen die regelmäßigen Meeresströmungen von 14000 zu 14000 Erdjahren. Durch diese wird nach und nach einmal die südliche Erdhälfte und darauf wieder die nördliche vom Meer überschwemmt zur weiteren Fruchterdbildung über die oft sehr weitgedehnten Steingeröllwüsten. Denn nach ungefähr 14000 Jahren hat das Meer so viel fruchtbaren Schlamm über die wüsten Steingeröllflächen und Täler gelegt, daß sie dann, so das Meer wieder zurücktritt und der zurückgelassene Schlamm zu einem gediegeneren Boden wird, überaus fruchtbar sind.
GEJ|8|72|12|0|Es bedurfte bei dieser fünften Periode wohl mehr denn tausendmal tausend Jahre, bis aller gut gelegene Erdboden vollends für eine neue Schöpfung von einer großen Anzahl der verschiedenartigsten Pflanzen, wie Gräser, Kräuter, Sträucher und Bäume, und dann auch für allerlei Tiere und voradamitische Menschen geeignet war.
GEJ|8|72|13|0|In dieser Periode sehen wir schon eine große Menge von allerlei Fruchtbäumen und anderen Fruchtgewächsen aller Art und Gattung für Tiere und für die damaligen Vormenschen. Doch von einem Ackerbau ist da noch keine Rede, wohl aber benutzen die Vormenschen schon gewisse Tierherden und führen ein rohes Nomadenleben, haben kein Gewand und bauen sich auch keine Häuser und Hütten; aber auf den dicken Baumästen errichten sie sich den Vögeln gleich gewisse feste Wohn- und Ruhenester und schaffen sich Vorräte von Nahrungsmitteln, die sie nach und nach verzehren. Ist der Vorrat aufgezehrt, so gehen sie wieder scharenweise auf neue Jagd nach Nahrungsmitteln aus. Wenn es frostig wird, weil in dieser Periode auch der Schnee zum gedeihlichen Vorschein kommt, so ziehen diese Menschen samt ihren Haustieren, die in Mammuts, großen Hirschen, Kühen, Ziegen und Schafen bestehen – auch der Elefant, das Nas- und Einhorn, allerlei Affen und auch Vögel gehören dazu –, in wärmere Gegenden.
GEJ|8|72|14|0|Mehr gegen das Ende dieser Periode erscheint auch der Esel, das Kamel, das Pferd und das Schwein, welche Tiere auch von diesen Vormenschen beherrscht werden. Denn so viel höheren Vernunftinstinkt besitzen sie, daß sie die benannten Tiere beherrschen und auch gebrauchen können teils zum Tragen, teils zur Jagd und teils zur Gewinnung der Milch und der Wolle, mit der sie sich ihre Nester wohl auslegen und sich so ein weiches Lager bilden.
GEJ|8|72|15|0|Sprache haben sie eigentlich in der Art, wie sie nun unter Menschen gang und gäbe ist, keine; aber sie haben dennoch gewisse artikuliertere Laute, Zeichen und Gebärden als selbst die vollkommensten Tiere und können sich gegenseitig verständigen, was sie für ein Bedürfnis haben, und kommen dann auch einander zu Hilfe. Wird jemand krank, gewöhnlich wegen hohen Alters, so kennt er schon das Kraut, das ihm hilft; kann er nicht mehr gehen und es suchen, so tun das die andern für ihn.
GEJ|8|72|16|0|Nur ein Feuer machen und es benutzen, das können sie nicht; so sie es aber hätten sehen können, wie es die Adamiten später machten, so würden sie es ihnen nachgemacht haben, weil bei ihnen der Nachahmungstrieb ein sehr vorherrschender ist und ihre Intelligenz mit einem gewissen Grade des freien Willens schon weit über die Intelligenz eines noch so vollkommenen Affen ragt. Also würden sie auch reden erlernen können nach unserer Weise, doch aus sich nie eine weise Rede erschaffen.
GEJ|8|72|17|0|Als Menschen aber waren sie riesig groß und überaus stark und hatten auch ein so starkes Gebiß, daß sie sich dessen statt der Schneidewerkzeuge bedienen konnten. Ebenso hatten sie auch einen höchst starken Geruchs- und Gefühlssinn und gewahrten schon von weitem, wenn sich ihnen etwas Feindliches nahte; mit ihren Augen und mit ihrem Willen bändigten sie die Tiere und mitunter auch die Naturgeister.
GEJ|8|72|18|0|Obschon aber diese fünfte Vorbildungsperiode gar sehr viel tausendmal tausend Jahre währte, so war unter diesen Menschen doch keine wie immer geartete Fortschrittskultur bemerkbar, sondern sie lebten ihr einförmiges Nomadenleben fort und waren somit nur eine Vordüngung der Erde fürs gegenwärtige Mir in allem völlig ähnliche Menschengeschlecht.
GEJ|8|72|19|0|Die Farbe ihrer noch ziemlich behaarten Haut war zwischen dunkel- und lichtgrau; nur im Süden gab es auch haarlose Stämme. Ihre Form hatte eine bedeutende Ähnlichkeit mit den Mohren der Jetztzeit. Sie pflanzten sich bis zu Adam in den Niederungen und dichten Wäldern fort; aber auf die Berge verpflanzten sie sich niemals.“
GEJ|8|73|1|1|73. — Die beiden letzten Entwicklungsperioden der Erde
GEJ|8|73|1|0|(Der Herr:) „Zu den Zeiten Adams, mit dem die sechste Periode beginnt, hatte die Erde wieder teilweise große Umwälzungen zu bestehen durchs Feuer und durchs Wasser, und da ging bei dieser Gelegenheit das beschriebene Voradamitengeschlecht samt ihren Haustieren nahezu ganz unter, so auch die vielen Wälder und deren andere Tiere, die nicht zu den Haustieren zu rechnen sind; nur einige Gattungen der Vögel blieben, wie auch die Tiere der Berge und der Gewässer der Erde.
GEJ|8|73|2|0|Es erhielten sich hier und da die beschriebenen Vormenschen wohl noch, aber höchst schütter mit den Adamiten bis in die Zeiten Noahs in Asien; aber sie verkümmerten nach und nach, weil sie keine ihnen entsprechende Nahrung in rechter Genüge mehr fanden. Doch in einigen tiefen Gegenden des südlichen Afrika und auf einigen größeren Inseln der weiten Erde sind noch einige verkümmerte Nachkommen aus der fünften Periode anzutreffen. Sie sind aber noch ganz wild; nur haben sie sich von den Nachkommen Kains doch hier und da eine etwas größere Kultur angeeignet. Sie können zu verschiedenen Arbeiten abgerichtet werden, aber aus sich im Grunde doch nichts erfinden. Ein Teil steht ja etwas besser, weil er aus der Vermischung der Kainiten und später auch der Lamechiten hervorging; aber auch dieser Teil ist zu einer höheren und tieferen Geistesbildung nicht geeignet.
GEJ|8|73|3|0|Diese Art von Menschen aber wird sich alldort, wo sie nun ist, noch lange forterhalten und fortpflanzen und nach und nach von den Adamiten auch noch mehr Bildung annehmen, aber dabei doch nie zu einem großen Volke werden. – Da habt ihr nun die Präadamiten aus der fünften Erdvorbildungsperiode.
GEJ|8|73|4|0|Bei deren Beginn hatte diese Erde auch den Mond zu ihrem Begleiter und Regulator ihrer Bewegung um die Sonne und um ihre eigene Achse bekommen; freilich hatte auch der Mond nicht sogleich die Gestalt, die er jetzt hat. Bis er zu dieser kam, hatte er auch für ihn große und sturmvolle Perioden durchzumachen, die freilich wohl nicht so lange andauerten wie die der Erde.
GEJ|8|73|5|0|Fraget Mich aber nun nicht, warum denn das Ausbilden eines Weltkörpers eine so undenkbar lange Zeit vonnöten hat, denn das liegt in Meiner Weisheit und Ordnung. Wenn aber der Herr eines Weinbergs alle Arbeit in einem Augenblick könnte fertig haben, was würde er dann das ganze Jahr hindurch tun? Der kluge Weinbergsbesitzer aber teilt sich die Arbeit ein, hat alle Jahre etwas zu tun, und diese tägliche Tätigkeit bereitet ihm auch stets eine neue Seligkeit. Und sehet, also ist es auch bei Mir der Fall; denn Ich bin in der ganzen Unendlichkeit ewig das allertätigste, aber darum auch das allerseligste Wesen.
GEJ|8|73|6|0|So im Frühjahre die Kinder eines Hausvaters im Garten die Kirschen, Pflaumen, Birnen und Äpfel blühen sehen, so haben sie wohl zwar auch eine Freude darüber, aber sie möchten doch schon gleich die reifen Früchte sehen und genießen, als sich pur nur an den schönen Blüten ergötzen. Aber der weise Vater sagt zu den noch sehr von der Ungeduld befangenen Kindern: ,Nur Geduld, meine lieben Kinder! Alles in dieser Welt hat nach der Anordnung Gottes seine Zeit, und alles kommt in ihr zu seiner Reife! Darum habet auch ihr nur Geduld; auch diese nun blühenden Bäume werden in wenigen Monden mit reifen und süßen Früchten voll behangen dastehen, und wir werden sie dann mit dem Vater im Himmel genießen!‘ Das beruhigt dann die Kinder.
GEJ|8|73|7|0|Und so möget auch ihr beruhigt sein, wenn ihr auch nicht schon allenthalben auf dieser Erde die vollreifen Früchte Meiner Lehre erschauet; zur rechten Zeit werden sie schon zur Reife gelangen. Denn das könnet ihr euch wohl denken, daß Ich nicht umsonst und vergebens den lebendigen Samen Meines Wortes unter euch ausgestreut habe. Von heute aber bis morgen kann die Vollreife noch nicht erfolgen.
GEJ|8|73|8|0|Und sehet, was schon bei einem Baume eine gewisse Zeit braucht nach Meiner Ordnung, das benötigt es nach derselben sicher um so mehr bei einer Erde! Denn es ist da nicht hinreichend, daß eine Welt nur als ein übergroßer Klumpen von Steinen, Erde und Wasser im großen Ätherraume sich befindet, denn ein solcher Klumpen wäre völlig tot, und es könnte auf ihm nichts wachsen und leben. Eine Welt aber, die Lebende tragen und ernähren soll, muß zuvor selbst lebend werden. Dazu aber gehört, daß sie zuvor unter allerlei Einflüssen und Prozessen innerlich gleich einem großen Tier organisch völlig ausgebildet wird.
GEJ|8|73|9|0|Es hat zwar jeder werdende Weltkörper, gleich wie ein Embryo im Mutterleibe, schon alle Anlagen zu einer vollkommenen tierisch-organischen Lebensform, aber sie liegen im Anfange der Bildung wie chaotisch untereinandergemengt; erst nach und nach ordnen sie sich und werden dann zu einem organisch lebenden Ganzen. Wie aber dieses Ordnen vor sich geht, das weiß Ich, weil Ich allein in allem der Grundordner bin. Wenn ihr aber selbst im Geiste werdet vollendet sein, da werdet es auch ihr einsehen, wie dieses Ordnen vor sich geht.
GEJ|8|73|10|0|Nach und aus den euch nun so einfach und klar als möglich dargestellten Bildungsperioden könnet ihr aber noch etwas entnehmen, und zwar den eigentlichen Urgrund, aus dem der Prophet Moses die Schöpfung in sechs Tage eingeteilt hat.
GEJ|8|73|11|0|Diese sechs Tage sind demnach die euch gezeigten sechs Perioden, die ein jedes geschaffene Wesen einmal naturmäßig und dann, wie es bei euch Menschen der Fall ist, auch seelisch und geistig zu seiner Reife und Vollendung durchzumachen hat.
GEJ|8|73|12|0|Nach diesen erst kommt die siebente Periode der Ruhe, welche ist das seligste, ewige Leben. Ruhe aber heißt die siebente Periode darum, weil den vollendeten Geist kein Zwang, kein Gericht und keine ängstliche Sorge mehr drückt, sondern sein Sein in die vollste Wissenserkenntnis- und freieste Willensmacht übergeht für ewig.
GEJ|8|73|13|0|Und nun sage du, Mein lieber Markus, Mir, wie du nun diese Meine Erklärung verstanden hast!“
GEJ|8|74|1|1|74. — Die seelische Entwicklung der Voradamiten
GEJ|8|74|1|0|Sagte Markus ganz voll Staunens: „Herr und Meister von Ewigkeit! Ich und hoffentlich auch alle die andern haben Deine gnädige Erklärung wohl aufgefaßt, von einem durchdringenden Vollverständnisse aber kann bei uns nun darum sicher keine Rede sein, weil uns eben das mangelt, was Du Selbst uns angezeigt hast. Aber wir sind in uns dennoch dahin zu einer klaren Anschauung gelangt, daß wir erstens nun wissen, für was wir die in den Tiefen der Erde aufgefundenen Reliquien zu halten haben, und wie sie durch die mehrfachen periodischen Umwälzungen der Erde und ihre nachherigen Meereswanderungen in solche Tiefen gekommen sind, und zweitens erkannte zum wenigsten ich, was der große Prophet Moses mit seinen sechs Schöpfungstagen so im Hinterhalte angedeutet hat. Und das genügt uns vorderhand, und wir können ganz ruhig nun abwarten, bis wir durch unsere eigene geistige Vollendung ein Weiteres erfahren werden. Aber das sehe ich auch ein, daß das nur eine Lehre für wenige ist und auch bleiben wird.
GEJ|8|74|2|0|Nur eine Frage ist mir, wenigstens für mich, noch übriggeblieben, und Du, o Herr und Meister, wirst es mir gnädigst erlauben, Dir damit noch einmal zur Last zu fallen?“
GEJ|8|74|3|0|Sagte Ich: „Du weißt es ja, daß Ich dich gern vernehme, und so magst du wohl reden!“
GEJ|8|74|4|0|Sagte der Römer Markus: „Herr und Meister! Die besprochenen Voradamiten, obschon nur mit einer instinktartigen Intelligenz und mit nur wenig freiem Willen begabt, hatten ja doch auch Seelen, die als solche nicht sterblich, obwohl vielleicht wandelbar sein können. Was hat es nun mit diesen Seelen für eine Bewandtnis? Wo und was sind sie nun in dieser sechsten Erdperiode, und was wird etwa noch fürder aus ihnen werden? Man könnte das freilich wohl schon eine anmaßende und frevelhafte Frage nennen; aber da ich noch immer ein wißbegieriger Römer und kein schläfriger Jude bin, so magst Du mir diese Frage auch noch zugute halten und mir darüber eine ganz kurze Antwort geben!“
GEJ|8|74|5|0|Sagte Ich: „O ja, warum sollte Ich das nicht? Haben wir ja doch der Zeit noch zur Genüge dazu, und so magst du Mich nun wohl anhören! Siehe! So sogar die Stein-, Pflanzen- und Tierseelen fortleben und in ihrem von der Materie freien Zustande durch die Einung schon in – sage – Menschenseelen übergehen und dann im Leibe eines Menschen zu wahren Menschen werden können, so werden die Seelen der Voradamiten doch auch ein Fortleben haben, gleichwie auch die Seelen der Menschen aller anderen Welten im endlosen Schöpfungsraume ein ewiges Fortleben haben.
GEJ|8|74|6|0|Als im Reiche der Geister fortlebende Seelen aber werden sie auf irgendeinem großen Weltkörper, das heißt auf seinem entsprechenden geistigen Boden, in tiefere Erkenntnisse über Gott und Seine Macht und Weisheit geleitet, leben so auch ganz selig fort und können auch noch immer seliger werden. Doch wo sich in dieser Hülsenglobe solch ein großer Weltkörper befindet, das wäre wohl sehr unnütz, so Ich dir auch das anzeigte, weil du solch einen Weltkörper mit deinen Sinnen nicht wahrnehmen könntest, und von einer Überzeugung dessen, ob es dort wohl also aussehe, wie Ich es dir beschriebe, könnte bei deinen Leibeslebzeiten ohnehin so lange keine Rede sein, solange du in deinem Geiste nicht völlig wiedergeboren werden würdest; und so mußt du dich bis dahin nun schon mit dem begnügen, daß Ich dir sage: In Meines Vaters Hause gibt es gar viele Wohnungen! Einst in Meinem Reiche wird euch allen alles klar werden. – Hast du Mich verstanden?“
GEJ|8|74|7|0|Sagte Markus: „O ja, Herr und Meister! Aber nun noch etwas, weil da eins so das andere gibt!
GEJ|8|74|8|0|War zur Zeit der Voradamiten diese Erde auch schon das gewisse Lebenskämmerlein im Herzen des Großen Schöpfungsmenschen?“
GEJ|8|74|9|0|Sagte Ich: „Wenn auch nicht völlig in der handelnden Wirklichkeit, so doch in der Bestimmung dazu; als handelnd war in jener Vorzeit ein anderer Weltkörper, dessen Menschen aber zu sehr in den größten Hochmut und in die vollste Gottvergessenheit übergingen, und die noch an einen Gott glaubten, die achteten Seiner nicht, boten Ihm Trotz und suchten Ihn in ihrer Blindheit gewisserart vom Throne Seiner ewigen Macht zu stürzen. Sie suchten Ihn, und arge Weltweise sagten, daß Gott im Zentrum ihrer Erde Wohnung habe; man müsse dahin Minen machen und Ihn dort gefangennehmen. Sie gruben denn auch entsetzlich tiefe Löcher in jene Erde, wobei gar viele zugrunde gingen.
GEJ|8|74|10|0|So Ich zu ihnen Boten sandte und sie warnte, so wurden diese allzeit erwürgt, und die Menschen besserten sich nicht. Und siehe, da ließ Ich zu, daß jene Erde von innen aus in viele Stücke zerrissen wurde! Und das geschah zu Anfang der sechsten Periode dieser Erde, und diese Erde ward zum Lebenskämmerlein. Wo aber jene Erde sich auch um diese Sonne kreisend befand, darüber wollen wir noch etwas Näheres bestimmen. Aber lasse du, Lazarus, einen frischen Wein bringen; dann wollen wir weiterreden!“
GEJ|8|75|1|1|75. — Vom Weintrinken. Die Belehrung über den zerstörten Weltkörper
GEJ|8|75|1|0|Lazarus ging nun mit einigen Dienern und brachte frischen Wein, der von einem ganz besonders guten Geschmack war. Mit diesem wurden die Becher wieder angefüllt, und wir tranken alle davon und wurden gestärkt im ganzen Leibe, und alle wurden voll des besten Mutes und priesen Mich, daß Ich so gute und stärkende Dinge auf diese Erde gesetzt habe.
GEJ|8|75|2|0|Ich aber sagte: „Ja, ja, es ist solch ein Wein ein stärkendes Getränk, aber nur dann, so er mit Maß und Ziel getrunken wird! Wer den Wein aber unmäßig zu sich nimmt und sich berauscht, für den ist er dann kein stärkendes, sondern ein sein ganzes Wesen schwächendes Getränk. Darum genießet dieses Getränk allzeit mäßig in Meinem Namen, so wird es euch stärken auch zum ewigen Leben der Seele; im übermäßigen Genusse dieses Getränkes aber ruht der arge Geist der Geilheit und der Unzucht. Dieser Geist aber belebt die Seele nicht, sondern tötet sie für den wahren Lebensgeist aus den Himmeln und macht auf dieser Erde die geistige Wiedergeburt der Seele in dem Geiste aus den Himmeln nahe zu einer Unmöglichkeit. Dieses merket euch auch!“
GEJ|8|75|3|0|Ich sagte aber das nun eben nicht der guten Wahrheit willen allein, da Ich solches schon mehrere Male gesagt hatte, sondern weil Judas Ischariot zu gewaltige Züge tat und dem vollen Berauschtwerden nahestand. Er merkte das wohl, stand vom Tische auf und zog sich ins Freie und besichtigte das Städtchen Bethanien.
GEJ|8|75|4|0|Als er draußen war, sagte der Jünger Andreas: „Bin recht froh, daß der unheimliche Mensch sich entfernt hat; denn er kommt mir seit einiger Zeit immer verdächtiger vor, und Deine Lehren und großen Zeichen machen auf ihn keinen Eindruck. Er gewinnt sonach nichts und doch will er uns nicht verlassen! Wenn ich, o Herr, Deine Macht hätte, da wäre der schon lange nicht mehr in unserer Gesellschaft!“
GEJ|8|75|5|0|Sagte Ich: „Er hat aber auch einen freien Willen, und demzufolge kann er auch bleiben oder gehen, wie und wann er will. Ihr habt aber gesehen, daß Ich sogar den Teufeln nach ihrem Willen gestattete, in die Säue zu fahren, und so gestatte Ich auch diesem Menschen, der unter euch auch ein Teufel ist, zu bleiben oder zu gehen; denn von Mir aus ist jeder Mensch und Geist vollkommen frei. Ein jeder aber wird sich durch sein Handeln auch seinen Lohn bereiten. Will er ein Engel werden oder ein Teufel, das steht jedem frei. – Doch nun nichts mehr von dem, denn wir haben über andere Dinge noch viel zu reden!
GEJ|8|75|6|0|Wir hatten zu Anfang der sechsten Periode gesehen, wie ein Weltkörper von innen aus zerstört, und wie mit Adam diese Erde zum Lebenskämmerlein im Großen Schöpfungsmenschen wurde. Ich aber werde euch nun den Stand jener zerstörten Welt zeigen, und zwar wie sie früher war, und wie sie jetzt aussieht; dann aber werde Ich euch auch zeigen, in welchem Verhältnisse diese Erde ehedem zum Großen Menschen stand, das heißt, nur in geistiger Entsprechungsweise, aber nicht in der materiellen Wirklichkeit. Da euch aber solches ohne eine bildliche Versinnlichung mit puren Worten nicht gezeigt werden kann, so werde Ich euch nun durch Meinen Willen die Sonne mit allen ihren Planeten in einem kleinen Maßstabe darstellen, und ihr werdet bei dem Anschauen solch eines Bildes Meine Worte bald und leicht fassen, und so denn habet nun alle wohl acht!“
GEJ|8|75|7|0|Als Ich solches ausgesprochen, da entstand im freien Luftraume eine Kugel von einer Handspanne Durchmesser; diese stellte die Sonne vor. In möglich annähernd guten Verhältnissen der Größen und Entfernungen – für welch letztere der Saalraum freilich zu klein war, um sie in voller verhältnismäßiger Richtigkeit darzustellen – wurden auch alle Planeten mit ihren Monden dargestellt, und zwar so wie damals, als der zu Anfang der sechsten Periode zerstörte Planet mit seinen vier Monden noch nicht zerstört war. Ich erklärte allen die Stellungen der Planeten, benannte sie sowohl in der jüdischen wie auch in der griechischen Sprache, und sie sahen den Planeten, von dem nun die Rede ist, zwischen Mars und Jupiter schweben und seine vier Monde um ihn kreisen. An Größe kam er dem Jupiter gleich, nur hatte er mehr Festland als der Jupiter und auch einen höheren Luftkreis über sich und eine stärkere Polneigung und darum auch eine schiefere Bahnlinie um die Sonne.
GEJ|8|75|8|0|Als alle das nun wohl begriffen hatten, da sagte Ich weiter: „Sehet, also stand die Ordnung von jetzt an zurückgezählt vor ungefähr viertausend Jahren. Dann aber geschah die euch angezeigte Zerstörung dieses Planeten. Wie und warum sie geschah, das habe Ich euch schon gesagt. Nun aber sehet, wie es mit dem Planeten nach der erfolgten Zerstörung aussieht!“
GEJ|8|75|9|0|Alle sahen nun nach dem Planeten, der sich nun in viele größere Stücke auseinanderteilte. Nur die vier Monde blieben ganz; da sie aber ihren Zentralkörper verloren hatten, so gerieten sie in Unordnung, und sie entfernten sich voneinander mehr und mehr auch aus dem Grunde, weil sie durch die Berstung des Hauptplaneten einen sehr merklichen Stoß erhalten hatten.
GEJ|8|75|10|0|Die Stücke des Planeten aber zerteilten sich in dem sehr breiten Raume zwischen der Mars- und Jupiterbahn. Eine große Menge kleinerer Trümmer entfernte sich auch über die beiden angezeigten Bahnen, und es fielen etliche in den Jupiter, etliche in den Mars, etliche sogar auf diese Erde, in die Venus, in den Merkur und auch in die Sonne.
GEJ|8|75|11|0|(Der Herr:) „Ja sogar die körperlich sehr riesenhaft großen Menschen wurden bei der Berstung des Planeten in großer Anzahl in den freien Himmelsraum hinausgeworfen, gleichwie auch die anderen Kreaturen. Einige verdorrte Leichname schweben noch im weiten Ätherraume umher, einige sitzen und liegen tot und ganz verdorrt in ihren Häusern, die auf den größeren Planettrümmern noch bestehen; etliche von jenen Menschenleichen fielen sogar auch auf diese Erde, auf der sie aber schon nach etlichen hundert Jahren aufgelöst wurden, und so auch in andere Planeten.
GEJ|8|75|12|0|Dieses Planeten große Meere verteilten sich bei der Berstung auch mit ihren Einwohnern aller Art und Gattung in größere und kleinere Tropfen, von denen einige viele Stunden Durchmaß haben, auch festeres Erdreich in sich bergen und auch von manchen Tieren noch bewohnt werden. Auf den vier Monden aber leben noch die früheren Geschöpfe, nur in einem schon mehr verkümmerten Zustande, also auch auf etlichen wenigen größten Stücken des Planeten, aber in einem noch mehr verkümmerten Zustande; auf den kleineren Trümmern aber waltet kein organisches Leben außer dem der Verwitterung und langsamen Auflösung.“
GEJ|8|76|1|1|76. — Über die Bewohner des zerstörten Weltkörpers
GEJ|8|76|1|0|Als den Anwesenden das also gezeigt und erklärt wurde, da sagte Markus, der Römer: „O Herr und Meister, das muß auf jenem Planeten für seine Menschen ja doch etwas unbeschreibbar Schreckliches gewesen sein! Sie mußten ja alle aus Verzweiflung gestorben sein! Und was ist aus ihren Seelen geworden?“
GEJ|8|76|2|0|Sagte Ich: „Daß eine solche Katastrophe für jene Menschen etwas sehr Entsetzliches war, das ist ganz sicher; aber sie waren selbst schuld daran. Sie sind zuvor schon viele und lange Zeitläufe hindurch belehrt, ermahnt und gewarnt worden. Es ward ihnen gezeigt, was sie zu erwarten haben. Sie hielten aber alles das in ihrer großen Weltklugheit für Hirngespinste und eitle Faseleien von seiten jener Seher, die in ihrer Schlichtheit und irdischen Armut nur etwa darum solche Dinge einem leichtgläubigen Volke vorsagten, damit sie zu einem Ansehen und auch zu einer körperlichen Versorgung kämen. Die Großen und Vornehmen glaubten ihnen nicht nur nicht, sondern verfolgten sie nach allen Richtungen auch mit Feuer und Schwert; ja, sie stellten sich am Ende allem dem, was nur nach etwas Geistigem roch, so ernst entgegen, daß ein jeder, der es wagte, irgend etwas an einen Geist nur von ferne hin Bezughabendes laut auszusprechen oder zu schreiben, ohne alle Gnade getötet wurde, und es war sonach denn auch nicht mehr möglich, dem zu großen Hochmute und der zu unbarmherzigen Härte jener Menschen zu begegnen.
GEJ|8|76|3|0|Jene Menschen waren in irdischen Dingen sehr erfinderisch und erfanden schon vor gar vielen Tausenden von Jahren dieser Erde eine Art Sprengkörner. Diese zerstörten alles, wenn sie angezündet wurden. Wenn ihr von jenen bösen Sprengkörnern etwa zehntausend Pfund etwa tausend Mannslängen tief unter den Berg Libanon in einem Haufen in einer Höhle aufschichtetet und dann anzündetet, so würden sie sich dann alle in ein und demselben Augenblick entzünden und den ganzen großen und hohen Berg in viele Stücke zerreißen, wie solches auch die Hanochiten vor Noah mit gar manchem Berge taten, dadurch die inneren Wasserschleusen der Erde öffneten und dann alle in den hochgestiegenen Fluten umkamen.
GEJ|8|76|4|0|Sehet, mit solchen bösen, ihnen von den Teufeln angegebenen Erfindungen trieben denn auch die Menschen des nun zerstörten Planeten ihr stets größeres Unwesen und Spiel am Ende schon in dem großartigsten Maße. Sie führten Kriege, und einer unterminierte des andern Land tief nach allen Richtungen hin und füllte die Minen mit großen Haufen solcher teuflischen Sprengkörner. Diese wurden dann auf eine künstliche Art angezündet und zerstörten das ganze große Land. Mit solchen Länderzerstörungsversuchen trieben sie es stets weiter und weiter und machten auch stets tiefere und großartigere Löcher ins Innere ihrer großen Erde, die beinahe zweitausendmal größer war als diese Erde, und kamen endlich einmal doch zu tief, wodurch der Erde innere Kammern, die von Natur auch mit dem Urfeuerstoff weit und tief angefüllt sind nach zahllos vielen Richtungen hin, mit in den heftigsten Schnellbrand gerieten. Und sehet, solche innere Feuergewalt trieb dann den ganzen großen Planeten aus seinen Fugen und machte ihn nach allen Richtungen hin zerplatzen, und die argen Menschen hatten samt ihrer Erde ihr Ende erreicht!
GEJ|8|76|5|0|Ich wußte wohl darum, daß es also kommen werde, und hatte es auch schon mit dieser Erde vorgesehen, daß sie nun das ist, was sie ist. Diese Erde aber entsprach ursprünglich schon dem demütigst letzten Teile am Leibe des Menschen, nämlich dem untersten Hautnervenwärzchen des kleinen Zehens am linken Fuße – zwar nicht der Örtlichkeit, sondern, wie gesagt, der demütigen geistigen Bedeutung nach –, und nun ist sie die Trägerin Meiner eigentlichen Kinder, die sich nach Meinem ihnen geoffenbarten Willen selbst aus ihrem freien Willen zu richten und zu erziehen haben.
GEJ|8|76|6|0|Es besteht aber selbst in physischer Hinsicht zwischen dem Hauptlebenswärzchen im Herzen und dem untersten Hautnervenwärzchen des kleinen Linkfußzehens eine Verbindung und Entsprechung, und so kann man besonders in der demütig geistigen Beziehung sagen, daß diese Erde zuvor auch bei dem Großen Schöpfungsmenschen dem obbezeichneten Zehenhautnervenwärzchen entsprach und daher nun auch das Hauptlebenswärzchen im Herzen des Großen Schöpfungsmenschen ist und auch bleiben wird, das heißt, geistig durch die auf ihr gewordenen Kinder Meiner Liebe und Weisheit. Aber sie kann das auch noch physisch eine für euch undenkbar lange Zeit verbleiben, ob es auch auf ihrem Boden zu großen Veränderungen kommen wird. Denn auch die späteren Nachkommen werden wieder die bösen Sprengkörner erfinden und noch eine Menge anderer Zerstörungswerkzeuge und werden viele, viele Verheerungen auf der Erde anrichten; daß sie aber nicht in zu große Tiefen der Erde werden kommen können, dafür wird von Mir aus schon vorgesehen werden.
GEJ|8|76|7|0|Also werde Ich auch die Meinen auf dieser Erde nimmerdar als Waisen lassen, sondern im Geiste bei ihnen verbleiben bis ans Ende ihrer Zeiten, und es wird darum eine solche Zerstörung auf dieser Erde nimmerdar geschehen können; aber örtliche Verheerungen und Verwüstungen werden wohl sicher vor sich gehen, und die Menschen werden dabei auch in große Ängste, Schrecken und Trübsale geraten, und es werden viele verschmachten vor Furcht und banger Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen könnten. Aber sie werden auch selbst schuld sein an allem, was über sie kommen wird.
GEJ|8|76|8|0|Und so habe Ich vor euch nun enthüllt, was es mit jenem nun zerstörten Weltkörper zu seiner Zeit und was es nun mit dieser Erde für eine Bewandnis hat und auch fürder haben wird; ihr aber fraget euch nun selbst, ob ihr wohl alles verstanden habt!“
GEJ|8|77|1|1|77. — Gleichnisse vom Reiche Gottes
GEJ|8|77|1|0|Sagte nun der Römer Markus: „O Herr und Meister, das ist mir wenigstens nun alles wohl klar; aber das sehe ich nun auch ganz hell ein, daß dieses die Menschen, die das von irgendher vernehmen werden, nicht fassen und begreifen werden; denn dazu gehören wohl die allergewaltigsten Vorkenntnisse! Wir haben es nun an Deiner Seite freilich leicht, weil Du uns alles mit Hilfe Deiner Allmacht, Liebe und Weisheit so darstellen kannst, daß wir selbst die wunderbarsten Dinge verstehen können; wir aber vermögen das nicht, und so werden sich diese wunderbaren Dinge von uns aus den andern Menschen schwer oder auch gar nicht begreiflich machen lassen können.“
GEJ|8|77|2|0|Sagte Ich: „Das macht ja aber auch nichts; denn das habe Ich ja nur euch enthüllt und kundgemacht wegen des tieferen Verständnisses des Reiches Gottes. Denen es aber in der Folge not tun wird, des Reiches Gottes wegen Meine Werke tiefer zu verstehen, denen wird es schon Mein Geist in ihnen enthüllen, und er wird sie in alle Wahrheit und Weisheit leiten. Die andern Menschen aber tun genug, so sie an Mich glauben und nach Meinen Geboten leben und handeln. Denn es sind gar sehr viele wohl berufen zum Reiche Gottes, aber der Auserwählten gibt es nur wenige, denen es gegeben ist, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen.
GEJ|8|77|3|0|So ihr sie aber verstehet, da besteht zwischen Mir und euch und durch euch auch mit den andern Menschen ein rechtes Band, und Ich bin also in euch, wie auch ihr in Mir, und eines mehreren bedarf es vorderhand nicht.
GEJ|8|77|4|0|Das Reich Gottes ist hier gleich einem Senfkörnlein, das wohl eines der kleinsten Samen ist, so es aber ins gute Erdreich gesät wird, da wächst es bald zu einem förmlichen Baume heran, daß hernach des Himmels Vöglein kommen und unter seinen Ästen und Zweigen Wohnung nehmen.
GEJ|8|77|5|0|Mein Wort aber ist das kleine Körnlein. Leget es nur in die guten Herzen der Menschen, und es wird sich in ihnen auch bald zu einem Baume entfalten, unter dessen Ästen und Zweigen die hellen Erkenntnisse, aus den Himmeln kommend, Wohnung nehmen werden!
GEJ|8|77|6|0|Also ist Mein Reich auch wieder zu vergleichen einem Weibe, das, um Brot zu backen, drei Scheffel Mehl nahm und dazu nur wenig Sauerteig gab. Als sie aber dann den Teig anmachte, so ward er von dem wenigen Sauerteige dennoch bald im rechten Maße durchsäuert. Seht, auch Mein Wort ist da wieder der wenige Sauerteig, gemengt unter viel Mehl, und es genügt zur Durchsäuerung von viel Mehl! Darum gebet den Menschen in Meinem Namen nur so viel, als es vorderhand nötig ist; das Weitere wird dann schon Mein Wort aus sich wirken!
GEJ|8|77|7|0|Wem ein Kind geboren wird, der sorge sich nur um dessen Gesundheit; das Wachsen hängt von Mir allein ab.
GEJ|8|77|8|0|So ihr Meine Lehre den Menschen überbringt in der Wahrheit, die ihr von Mir überkommen habt, so machet sie auch darauf aufmerksam, daß man deren Früchte erst dann ernten kann und wird, so man von der Liebe zur Welt und ihren Schätzen sich im Herzen völlig abgewendet hat; denn die Liebe zu den Dingen der Welt ist eine dunkelgraue Wolke, die sich stets zwischen die Sehe der Seele und das Licht aus den Himmeln stellt!
GEJ|8|77|9|0|Aus diesem Grunde haben die meisten Menschen aus dem schwachen Schimmer, der eine Folge des reinen, hinter der dunkelgrauen Wolke leuchtenden Himmelslichtes ist, wohl nur so ganz schwache Ahnungen von etwas Höherem und Übersinnlichem; aber weil die besagte Wolke nicht weicht und statt heller nur zumeist immer dunkler wird und häufig ganz finster, so begreifen und fassen sie auch nichts von der reinen Weisheit aus den Himmeln, sind sonach denn auch stets voll Sorgen, voll Furcht und voll Ängste und glauben an allerlei dumme Dinge und suchen Trost und Beruhigung bei den toten Götzen und ihren Priestern, weil sie des wahren Trostes aus den Himmeln nicht gewärtig werden können, indem die besagte Wolke zwischen der Sehe der Seele und der Sonne der Himmel unverrückt liegenbleibt.
GEJ|8|77|10|0|Denn sehet! Der Mensch gleicht da einem Wanderer, der an einem trüben Tage reist, wenn dichte Nebel Täler und Berge belagern. Obwohl solche Nebel die ganze sonst gar herrliche Gegend völlig unsichtbar machen, so besteht aber die Gegend dennoch; nur ihre reinen Abbilder können nicht zum Auge des Wanderers gelangen, und er kann sich darum auch keinen Begriff und keine Vorstellung von dem machen, was der dichte Nebel vor seinen Augen verhüllt. Er betrachtet wohl den Weg und erkennt aus den nur schwach ersichtlichen Wegzeichen, daß er etwa wohl auf dem rechten Wege wandelt. Aber es kommen oft Seitenwege, die erfüllen ihn dann schon wieder mit Furcht und Sorge, weil er nicht recht wissen kann, welcher Weg da wohl der rechte ist. Er wartet, ob nicht ein anderer Wanderer ihm nach- oder entgegenkäme. Es kommen wohl welche; aber es geht ihnen wie dem, der von ihnen das Rechte zu erfahren wünschte. Der eine meint, zu dem angesagten Orte führe etwa wohl der Mittelweg; ein anderer sagt, daß das die Stelle sei, wo der Weg zum angesagten Orte nach rechts abbiegt; ein dritter behauptet das Gegenteil, und ein vierter meint und sagt: ,Wir kennen uns hier alle nicht aus; daher kehren wir gerade um und verweilen an dem Orte, von dem wir ausgegangen sind, bis sich der Nebel verziehen wird, und wir können dann mit Sicherheit unsere Wanderschaft antreten!‘
GEJ|8|77|11|0|Und sehet, aus diesem Bilde könnet ihr nun recht wohl ersehen, wie es nun den meisten Menschen auf der Wanderung zum Reiche Gottes ergeht!
GEJ|8|77|12|0|Es deckt dieses ewigen herrlichen Reiches reinste Gegenden und Fluren, Berge, Täler, Gärten und Städte, Bäche, Flüsse, Ströme, Seen und Meere der vorbesprochene Nebel der Weltliebe vor den Augen der Seele. Daher sei eure Aufgabe, da Ich in euch den Nebel hinweggefegt habe, daß ihr dasselbe auch bei denen vor allem tuet, bei denen ihr Mein Wort verkünden werdet; denn so ihr das unterlassen würdet, so würdet ihr Häuser auf dem Sande bauen, die nicht halten würden, so da kommen würden Stürme, Regengüsse und Fluten, sondern sie würden zusammenstürzen und von den argen Wässern fortgerissen werden.
GEJ|8|77|13|0|Wenn ihr aber bei der Ausbreitung Meines Wortes die gewissen Nebel zuvor hinwegfegen werdet, da werdet ihr Häuser auf Felsen bauen, und werden da auch kommen Stürme, Regengüsse und Fluten, so werden sie den Häusern, die auf festen Felsen erbaut sind, nichts anhaben können.
GEJ|8|77|14|0|Sehet, niemand kann zwei Herren, die einander anfeinden, dienen; denn er muß es entweder mit dem einen oder mit dem andern halten und muß demnach auch mit ein Freund oder ein Feind des einen oder des andern sein! Also kann auch niemand der Welt und ihrem toten Mammon und zugleich aber auch dem lebendigen Reiche Gottes dienen; denn das ist unmöglich.
GEJ|8|77|15|0|Darum muß der, welcher dem Reiche Gottes dienen will, das Reich der Welt aus seinem Herzen schaffen! Wie aber das zu geschehen hat, das habe Ich euch allen schon gar oft nicht nur mit hellen und lebendigen Worten, sondern auch durch allerlei Taten gezeigt. Tut denn auch ihr desgleichen, und ihr werdet viele und gute Früchte ernten!
GEJ|8|77|16|0|Die Ernte wäre als eine große und überreiche zu erwarten, und viel Weizen stünde schon völlig zum Schnitte reif; aber der Schnitter gibt es noch wenige. Darum bittet auch ihr den Herrn der Ernte, daß Er ehest viele Schnitter dinge für Seine Felder!
GEJ|8|77|17|0|Aus allem dem aber könnet ihr nun doch wohl entnehmen, was ihr bei der Ausbreitung Meiner Lehre bei den Menschen vor allem zu bewerkstelligen habt; das viele und das Außerordentliche aber braucht ihr nicht allen Menschen zu verkünden, sondern nur denen, die euch im Amte folgen werden! Was Ich aber nun euch zu einer Richtschnur gesagt habe, das saget ihr auch denen, die euch in eurem von Mir euch anvertrauten Amte folgen werden, und es wird dann alles gut gehen! – Habt ihr alle das nun wohl verstanden?“
GEJ|8|78|1|1|78. — Die Bedeutung des Vorbildes
GEJ|8|78|1|0|Sagte Markus, der Römer, und mit ihm einstimmig auch Agrikola: „Herr und Meister, verstanden hätten wir Dich wohl und sehen es auch ein, daß das Hinwegfegen des gewissen Weltliebenebels eine unerläßliche Vorbedingung bei jedem Menschen sein muß, weil er ohne sie nie wahrhaft und in sich lebendig überzeugt in Dein Reich eingehen kann; aber uns deucht es, daß es eben mit dem Hinwegfegen des gewissen Weltliebenebels, der gar starr zwischen der Sehe der Seele und dem Reiche Gottes haftet, wohl seine größten Schwierigkeiten haben wird, und das aus gar außerordentlich vielen Gründen.
GEJ|8|78|2|0|Einmal ist und bleibt für die jüngere, leiblich gesunde und mit den nötigen Lebensbedürfnissen wohlversehene Menschheit die Erde mit ihren zahllos vielen und anmutigsten Abwechslungen sicher ein um so überwiegender großer Reiz, weil ein solcher Mensch von der inneren Herrlichkeit des in ihm kaum noch keimenden Reiches Gottes keinen Dunst hat und durch seine wenn noch so sittliche äußere Welterziehung auch keinen hat bekommen können.
GEJ|8|78|3|0|Wenn man nun solch einem Menschen sagen wird, daß er an allen den Schönheiten der Erde nicht hängen solle, weil solche Erdliebe wie ein dichter Nebel ihm die Herrlichkeit des höheren und ewigen Reiches Gottes verhüllt und den Blicken seiner Seele entrückt, wird er da nicht sagen: ,So zeiget mir jene Herrlichkeiten, und ich will denen dieser Erde den Rücken zeigen!‘? Wie werden wir bei solch einem Menschen, der am Ende doch auch recht hat in seiner Art, seinen Weltnebel ausfegen?
GEJ|8|78|4|0|Aber es seien das Menschen weltlich guter Art, und wir können uns dabei wohl denken, daß kein Baum auf einen Hieb mit einer noch so scharfen Axt zum Falle kommt, – und kommt Zeit, kommt auch Rat! Aber es gibt eine übergroße Menge solcher, die von ihrer Weltstellung in allem abhängen; zu denen gehört einmal der Priesterstand, dann der weitverzweigte Staatsbeamtenstand und endlich der zumeist noch ganz rohe Soldatenstand. Bei allen diesen vielen Legionen von Menschen ist der Weltliebenebel eine feste, finstere Masse, und das zum größten Teile. Wie wird der auszufegen sein? Von den Dienern und Sklaven, die doch auch Menschen sind, aber gewöhnlich in aller besseren Bildung tief unten stehen, wollen wir hier gar nicht reden. Es wird mit dem vorauszugehen habenden Wegfegen des Weltliebenebels schon bei den meisten Juden eine schwere Arbeit sein, wie schwer erst dann bei den andern Völkern der Erde! Darum, weil diese erste Arbeit, so schwer sie sei, eine gar wichtige ist, bitten wir Dich, o Herr und Meister, um eine noch nähere Aufklärung, wie wir das anstellen sollen, um nicht vergeblich zu arbeiten!“
GEJ|8|78|5|0|Sagte Ich: „Meine lieben Freunde, daß nun diese Arbeit keine leichte ist und gar manche Anstrengungen und große Opfer kosten wird, bis von ihr die erwünschten Lösungen zum Vorschein kommen werden, das weiß ich wohl am allerbesten; aber Ich gebe euch ja auch die Mittel und die nötigen Behelfe an die Hand, durch die ihr an geeigneten Stellen das ebenso, wie Ich nun an euch, werdet bewirken können, – und mehr kann Ich euch doch nicht geben, als was Ich Selbst habe! Zur rechten Stunde und zur rechten Zeit wird es euch schon Mein Geist in euch völlig klar anzeigen, was ihr zu tun haben werdet, um das zu bewirken, was zum Empfange des Reiches Gottes nötig ist.
GEJ|8|78|6|0|Die Menschen werden dadurch inne, was ihnen fehlt und abgeht, und werden sich dann vielfach bestreben, das zu erlangen, was sie an euch wohl gewahren werden. Denn da sage auch Ich in eurer Zunge: Exempla trahunt (Beispiele ziehen). Denn so jemand es an euch sehen wird, was das heißt, im Besitze des Reiches Gottes sein, dann wird er sicher kommen und euch fragen: ,Wie seid denn ihr dazu gekommen?‘ Und sehet, dann werdet ihr auch leicht zu reden haben, und die gewissen Nebel werden dann vor euren Worten und Taten bald flüchtig werden, gleichwie auch die eurigen vor Meinen Worten und Taten flüchtig geworden sind!
GEJ|8|78|7|0|Daß ihr nun aber schon gleich etwa in einem Jahre oder gar an einem Tage alle Berge und Hügel den Tälern gleichmachen sollet, das verlange Ich von euch ja gar nicht. Es genügt, daß ein jeder von euch mit seinem eigenen guten und redlichen Willen nur das tut, was er kann; um das Weitere werde dann schon Ich Selbst sorgen. Ich werde von euch doch nicht mehr verlangen, als Ich Selbst bei dem Stande des freien Willens der Menschen tun kann! Oder wäre es nicht töricht von einem starken Vater, von seinen noch schwachen Kindern zu verlangen, daß sie um vieles schwerere Bürden tragen sollen, als er sie trägt? Ich sage es euch, und ihr werdet es selbst erfahren, daß das Joch, welches Ich euch auferlegt habe, sanft und die Bürde zu tragen leicht ist.
GEJ|8|78|8|0|Aber dessenungeachtet wird sich die Welt sträuben, von ihrem Scheinlichte zu lassen, und wird zur Zeit, wenn das Licht aus den Himmeln schon bei gar vielen Menschen volle Aufnahme wird gefunden haben, große Kämpfe gegen das Eindringen des reinen Himmelslichtes führen, und es wird da viel unschuldiges Blut vergossen werden; aber am Ende wird dennoch das Reich Gottes auf dieser Erde für ewig den Sieg davontragen, und alles Scheinlicht der Welt wird untergehen und allen Wert verlieren wie ein falsches Gold und Silber vor den Augen des Kenners.
GEJ|8|78|9|0|Daß aber die Menschen auch eine Freude an der schön gezierten Erde haben können, das habe Ich ja nie untersagt; aber nur sollen sie dabei allzeit Dessen in ihrem Herzen gedenken, der die Erde so schön gemacht und geziert hat, so werden sie in ihrem Herzen und Gemüte erbaut werden. Denn wer Gottes Werke mit den rechten Augen betrachtet, der kann schon auch eine eitle Lust daran haben. Die Freunde der schönen Natur der Erde sind auch sicher bessere Menschen und sind leicht zum Reiche Gottes reif zu machen.
GEJ|8|78|10|0|Aber die Freunde der toten Schätze der Erde, die Freunde ihres Mammons, sind schwer zu einem besseren Lichte zu bekehren. Solches zeigt sich bei den Pharisäern, vielen andern reichen Juden und bei den vielen Kaufleuten, Wechslern und Krämern. Diesen Leuten vom Reiche Gottes zu predigen, hieße die Mohren weiß waschen zu wollen. Diese Art Menschen sind den Schweinen gleich, denen ihr die Perlen aus den Himmeln niemals als ein Futter vorlegen sollet.
GEJ|8|78|11|0|Denn Menschen dieser Art werden nach ihrem Leibestode erst in dem kahlen Monde ihre Todsünden abzuwaschen bekommen, und vom Reiche Gottes werden sie stets hübsch weit entfernt bleiben; denn diese werden ins neue Jerusalem niemals eingelassen werden. Menschen, die aller Liebe zu Gott und zum Nächsten bar sind, die sind auch des Reiches Gottes in sich bar. Diese sollen denn auch bleiben in ihrem schwarzen Scheinlichte! Im Monde soll ihre Wohnstätte sein, und das nur auf jener Seite, die er starr, stets unverrückt, der Materie dieser Erde zuwendet.
GEJ|8|78|12|0|Es ist das nun zwar etwas Neues, was Ich euch hier nun gesagt habe, aber wahr; darüber werden wir bei einer anderen Gelegenheit vielleicht noch ein paar Wörtlein fallen lassen, obschon es Mir nicht angenehm ist, über Schweineställe und Narrenzwinger dieser Erde viele Worte zu verlieren. – Habt ihr das alles nun wohl verstanden?“
GEJ|8|78|13|0|Alle dankten Mir für diese Belehrung, und wir setzten uns wieder zu Tische, nahmen wieder etwas Brot und Wein, und Matthäus zeichnete sich mehreres von dem Gehörten auf.
GEJ|8|79|1|1|79. — Reden und Handeln ist besser als Schreiben. Von den echten und falschen Evangelien
GEJ|8|79|1|0|Es fragte Mich auch der Jünger Johannes, ob auch er, da es noch an der Zeit wäre, von dem Gehörten und Geschehenen sich Notierungen machen solle.
GEJ|8|79|2|0|Sagte Ich: „Es genügt, was Matthäus aufgezeichnet hat; alles aber gehört ohnehin nicht fürs Volk und noch weniger für die gewissen Menschenschweine, deren Ich Erwähnung machte. Ihr werdet aber nach Mir noch der Zeit zur Genüge überkommen, aus dem Geiste heraus zu schreiben, was ihr nun von Mir vernommen und gesehen habt.
GEJ|8|79|3|0|Denn Ich werde in der fernen Zukunft auch Knechte erwecken und werde ihnen durch den Geist in ihrem Herzen das alles zum Schreiben diktieren, was nun seit der Zeit geschehen und gelehrt worden ist, als Ich in das Lehramt trat und euch zu Meinen ersten Jüngern machte, und auch das, was nachkommen wird und noch gar vieles andere dazu; und so Mir das möglich sein wird in der fernen Zukunft, so wird es wohl bei euch um so möglicher sein, euch durch den Geist eures Herzens alles in die Feder zu sagen, was Ich des Aufzeichnens für nötig finden werde.
GEJ|8|79|4|0|Ihr sollet aber im Anfange euch eben nicht mit zu vielem Schreiben abgeben, sondern nur mehr mit dem Reden, damit die Menschen einmal erfahren, um was es sich da handelt!
GEJ|8|79|5|0|Sind die Menschen von dem einmal in Kenntnis gesetzt, und haben sich in Meinem Namen Gemeinden gebildet, so könnet ihr dann an solche Gemeinden auch wohl schreiben, so ihr in einer entfernten Gemeinde zu tun haben werdet. Doch in der Gemeinde, in der ihr prediget, braucht ihr an sie keinen Brief zu schreiben; so ihr sie aber verlasset, da könnet ihr ihr auch ein schriftliches Gedenkzeichen hinterlassen.
GEJ|8|79|6|0|Aber ermahnet die Gemeinde ja wohl auf das lebendigste, daß sie mit derlei Hinterlassenschaften keine Abgötterei treibe gleichwie die Pharisäer und Juden mit den Büchern Mosis und mit den Propheten; denn die Genannten machen nun tiefe Verbeugungen vor dem Kasten im Tempel, in dem die Bücher aufbewahrt sind, und beten die Gesetzestafeln an und meinen, daß sie dadurch Gott eine rechte Verehrung erweisen. O der blinden Narren! Was ist denn mehr und besser: die Gesetzestafeln anzubeten in der Meinung, Gott dadurch eine rechte Ehre zu bezeigen, oder die Gesetze, die auf den Tafeln geschrieben sind, im Leben zu beachten? Das zweite, das allein recht wäre, tut kein Templer und kein Jude der Wahrheit nach; aber das erste, was ohne Wert ist, tun sie gewissenhaft, weil es ihnen sicher weniger Mühe macht.
GEJ|8|79|7|0|Darum aber sage Ich euch nun das, auf daß ihr erstens nicht zu viel schreibet, sondern mehr redet, damit man in der Folge nicht auch mit Meiner neuen Lehre das tue, was nun die Templer und die Erzjuden mit den Büchern Mosis tun und mit den Gesetzestafeln und Propheten, und ihnen sogar gewisse magische Wirkungen zuschreiben, die sie nie besessen haben. Das also suchet alle sorgsamst wohl zu vermeiden!
GEJ|8|79|8|0|Ferner aber sollet ihr vorderhand auch darum nicht zu viel schreiben, auf daß der Schreibgeist in der ersten Zeit unter den Menschen nicht zu übermäßig geweckt werde. Es ist besser, so die Menschen nach Meiner vernommenen Lehre mehr handeln als dieselbe niederschreiben; denn so der Schreibgeist unter den Menschen zu früh wach wird, so werdet ihr in kurzer Zeit nach Mir eine Unzahl von geschriebenen Evangelien sogar unter euren Namen entstehen sehen, und ihr werdet viel zu tun haben, alle die falschprophetlichen Geschreibsel zu widerlegen. Darum möget ihr wohl viel reden, aber wenig schreiben! Wenn aber die rechten Zeiten kommen werden, dann soll schon auch viel geschrieben werden! – Habt ihr das nun wohl verstanden?“
GEJ|8|79|9|0|Sagte nun Simon Juda: „Herr, da wäre es am Ende ja besser, so entweder gar nichts geschrieben werden würde, oder es solle gar alles genauest aufgezeichnet werden, damit dann nur eine wahre Schrift aus Deinem Munde bestünde, von der dann erst autorisierte und vollkommene Abschriften für andere Völker könnten genommen werden! Denn ich denke mir, daß gewisse Menschen mit der Zeit auch das von uns gepredigte Wort etwa schlecht und unrichtig aufschreiben werden, und so können ja auch auf diese Art noch eine Menge falscher Evangelien ans Tageslicht gefördert werden, und die späteren Menschen werden sich dann nicht mehr auskennen, welch ein Evangelium das rechte und wahre ist, und das wird dann auch zu allerlei Glaubensspaltungen führen.“
GEJ|8|79|10|0|Sagte Ich: „Simon Juda, Ich verwerfe deine Ansicht nicht und sage auch nicht, daß ihr etwas Unweises zugrunde läge; aber das, was Ich euch geraten habe, ist und bleibt vorderhand besser!
GEJ|8|79|11|0|Ihr möget aber tun, was ihr nur wollet und möget, so werdet ihr es für die Folge der Zeiten nicht verhindern können, daß neben dem wahren und echten Evangelium sich auch eine Menge Afterevangelien entwickeln, und es wird für die späteren Nachkommen, die ein oder das andere geschriebene Evangelium in die Hand bekommen werden, stets schwer sein zu bestimmen, ob es ein echtes ist.
GEJ|8|79|12|0|Darum aber soll nun Mein Wort von euch nur mehr mit dem Munde gepredigt werden; da werden die wahren Bekenner schon von selbst in sich zum lebendigen Worte aus Mir gelangen und werden dann nicht nötig haben, dies oder jenes geschriebene Evangelium zu prüfen, ob es wohl ein echtes und wahres ist.
GEJ|8|79|13|0|Aber so ihr nun gleich nach Mir statt viel zu predigen nur viel schreiben würdet, so würden eure Schriften sicher um so eher von andern Menschen mit allerlei Weglassungen oder auch Zusätzen nachgeschrieben werden, und die Menschen müßten sogestaltig sehr bald zu fragen anfangen, ob die Schriften wohl echt und verläßlich von euch herrühren. So ihr aber persönlich lehret und euch im Falle der Notwendigkeit auch als das durch Zeichen manifestiert, so wird da niemand fragen, ob ihr wohl meine echten Jünger seid und eure Worte völlig die Meinigen sind.
GEJ|8|79|14|0|O ja, wenn ihr Mich schon einmal häufig werdet verkündet und viele in Meinem Namen werdet getauft haben, und so dadurch auch schon viele werden zum inneren lebendigen Evangelium gelangt sein, dann, wie gesagt, könnet ihr auch schreiben, auf daß die Nachkommen in euren Schriften ein Zeugnis haben, daß und wie Ich euer Herr und Meister war, und wie ihr Meine Jünger gewesen seid. Aber solche eure Schriften sollen dann auch nur bei jener Gemeinde aufbewahrt und bewacht werden, bei denen sich durch ihr Handeln auch das innere, lebendige Evangelium von Vater zu Sohn und so fort erhalten wird und ihr demnach nicht als pur geschriebene, sondern in den Herzen der Menschen als lebendigtätige Apostel zum wahren und ewigen Zeugnisse verbleibet.
GEJ|8|79|15|0|Wo bei einer Gemeinde das nicht der Fall sein wird, da sollen ihr die Schriften auch nicht zur Aufbewahrung übergeben werden; denn sie würden ihr auch darum nichts nützen, weil ihre im Geiste des Herzens toten Nachkommen ihre Echtheit gar nicht mehr zu prüfen imstande wären und nicht mehr erkenneten eine falsche Schrift von innen heraus, sondern nur nach der Mehrheit der Stimmen in ihrem allgemein blinden Rate, wie das nun im Tempel bei den Pharisäern und Hohenpriestern der Fall ist. Was können aber viele Stimmen von blinden Menschen gegen die eine Wahrheit machen? Ich sage es euch: So da ein in sich lebendiger und lichtvoller Mensch die Wahrheit aussagt, was können da zahllose Ratsstimmen gegen die eine Wahrheit noch vermögen?
GEJ|8|79|16|0|Es gibt nur eine Wahrheit, die ebensogut nur ein Mensch wie Myriaden Engel aussprechen und erweisen können. Wenn sich aber nun eine Weltweisheit dagegenstemmt, weil die Wahrheit nicht zu ihrem weltlichen Vorteile taugt, wird die Wahrheit darum etwa wohl weniger Wahrheit sein?!
GEJ|8|79|17|0|Die Lüge kann sich im großen Menschenrate durch zahllose Stimmen vertreten lassen, so wird sie darum doch nie zur Wahrheit.
GEJ|8|79|18|0|Darum sorget euch nicht, was da besser sei, ob das gepredigte oder das geschriebene Wort; denn an der Frucht läßt sich die Wahrheit gar wohl erkennen! Die Lüge baut ihre Häuser auf lockeren Sand, die Wahrheit aber auf Felsen, und da kann die Hölle keinen Feldzug dawider unternehmen; denn sowenig die Finsternis der Nacht je zum Tageslichte wird, sowenig wird auch die Lüge je zur Wahrheit. Und es können darum zehntausend falsche Evangelien geschrieben werden, so wird immer nur das das einzig wahre sein und verbleiben, das sich im Menschen, so er nach Meinen Worten leben und handeln wird, nach Meiner Verheißung lebendig offenbaren wird, – und dieses lebendige Evangelium wird auch bis ans Ende aller Zeiten der einzige Prüfstein sein und bleiben, ob ein geschriebenes Evangelium echt oder falsch ist.
GEJ|8|79|19|0|An den Früchten also müsset ihr das erkennen; denn von den Disteln erntet man keine Feigen und von den Dornhecken keine Trauben! Aus dem aber wird man leicht erkennen, ob jemand Mein Jünger ist oder nicht. Meine Jünger und auch ihre Jünger werden sich allzeit lieben, wie auch Ich euch allzeit liebe; aber die unechten Jünger werden sich schon entweder offen oder heimlich ganz gewiß hassen. Denn darin besteht die eigentliche schwarze und arge Frucht der Lüge, daß sie sich stets haßt, weil eine Lüge von der andern niemals überflügelt sein will; die Wahrheit aber sucht nur fortwährend ihresgleichen und liebt sie stets mehr und mehr, gleichwie auch ein Licht das andere niemals verdunkelt, sondern nur heller und heller zeihet (macht) und am Ende ein hellstes und vereintes Licht bewirkt.
GEJ|8|79|20|0|Das Licht hat sonach eine große Liebe zu noch mehr Licht; aber die Lüge haßt die Lüge, weil sie ihren Verrat fürchtet. Sehet, darin besteht ein Hauptkriterium, wie man die Wahrheit von der Lüge sogar mit verbundenen Augen gar wohl unterscheiden kann!
GEJ|8|79|21|0|Darum wird man die falschen Evangelien auch stets ganz leicht von den echten unterscheiden können; denn die falschen werden sich gegenseitig stets verfolgen und hassen, – aber die echten werden sich lieben wie Zwillingsbrüder und werden einander suchen und auch bald und leicht finden.
GEJ|8|79|22|0|Ich meine nun, du Mein lieber Simon Juda, daß Ich nun wohl klar genug zu euch geredet habe! Aber nun entscheide du bei dir selbst, ob du Mich auch wohl verstanden hast!“
GEJ|8|79|23|0|Sagte Simon Juda: „Herr, diesmal hast Du einmal wieder ausnahmsweise klar zu uns gesprochen, und ich habe Dich in allem überklar verstanden und sicher auch alle die andern. Aber ich habe aus dieser Deiner sonnenhellen Rede auch entnommen, daß man Dir auf tausend auch nicht eins entgegnen kann. Das ist aber auch völlig recht also; denn könnte man das, da wärest Du nicht der Herr und Meister von Ewigkeit! Aber es soll uns diese Deine Rede auch zu einer immerwährenden Richtschnur bleiben! Und wir danken Dir alle für diese gar so helle Belehrung!“
GEJ|8|79|24|0|Sagte Ich: „Haltet sie aber nur auch fest, ansonst fallet ihr, ehe ihr's euch versehen könnet!“
GEJ|8|80|1|1|80. — Die Salbung in Bethanien
GEJ|8|80|1|0|Hierauf wandte Ich Mich wieder zum Römer Markus und fragte ihn, ob er auch das verstanden habe.
GEJ|8|80|2|0|Sagte Markus: „Und ob ich es verstanden habe! Aber ich habe nun noch immer mit dem Monde als gewisserart einem Straforte für zu weltsüchtige Weltmenschen zu tun. Du hast es uns versprochen, daß Du noch etwas darüber uns erklären und zeigen wirst; darum bitten wir Dich denn nun, daß Du Dein Versprechen uns gegenüber auch erfüllen mögest.“
GEJ|8|80|3|0|Sagte Ich: „Das werde Ich auch tun; denn was Ich verheiße, das geht auch in Erfüllung, nur muß dazu auch die rechte Zeit kommen. Sieh, es ist nun noch Tag, weil die Sonne noch nicht untergegangen ist; lassen wir daher die Nacht kommen und die Sterne der Erde leuchten, dann wird sich so etwas euch besser erklären lassen als am hellen Tage, wo euer Auge noch mehr mit irdischen Bildern durchtrübt ist! Für jetzt aber wird sich schon noch etwas anderes auffinden lassen, worüber wir noch vor dem Abend einige Worte wechseln können; am Anfange des Abends aber wollen wir die gewissen Pharisäer und Schriftgelehrten besuchen und mit ihnen einige Worte tauschen.“
GEJ|8|80|4|0|Mit dem begnügte sich der Römer Markus, und wir nahmen wieder etwas Wein und Brot zu uns.
GEJ|8|80|5|0|Wir ruhten nun so bei einer halben Stunde lang, als ein Diener des Lazarus zu uns in den Saal kam und sagte, daß draußen ein gar schönes junges Weib mit ein paar Dienern angekommen sei und den sehnlichsten Wunsch habe, den Herrn zu sehen und zu sprechen. Solle sie hereingelassen werden, oder solle man ihr eine andere Wohnung anweisen.
GEJ|8|80|6|0|Sagte Ich: „Das angekommene Weib kenne Ich; darum lasset sie hereinkommen!“
GEJ|8|80|7|0|Mit dem entfernte sich der Diener, und Lazarus und die Jünger fragten Mich, was es für ein Weib sei.
GEJ|8|80|8|0|Und Ich sagte: „Ihr kennet die Maid Maria von Magdalon, die heute frühmorgens auch schon bei uns am Ölberge war. Diese hat daheim schnell ihre Haussachen geordnet und sich beeilt, hierher zu kommen; darum ärgere sich niemand von euch darob, daß sie nun hierher gekommen ist!“
GEJ|8|80|9|0|Als Ich diese Worte noch kaum ausgeredet hatte, da trat die Maid auch schon, wohlgekleidet und geschmückt, in den Saal, fiel Mir gleich zu Füßen, öffnete sogleich eine goldene Büchse, die mit der kostbarsten Nardussalbe gefüllt war, und salbte damit Meine Füße, denn dies war bei den vornehmsten Juden als eine der höchsten Ehrenbezeigungen von alters her gebräuchlich, so man jemandes Füße, wenn er von einem königlichen Hause abstammte, mit der Nardussalbe salbte.
GEJ|8|80|10|0|Als aber Meine Jünger das merkten, sprachen sie untereinander: „Ist denn das Weib irrsinnig geworden? Die Salbe hätte mindestens um zweihundert Groschen verkauft werden können, welches Geld man dann unter die Armen hätte verteilen können, – und der Herr bedarf ja derlei weltlicher Ehrenbezeigungen nicht!“
GEJ|8|80|11|0|Ich aber sah die murrenden Jünger an und sagte: „Was kümmert und ärgert euch das denn schon wieder?! Arme werdet ihr stets unter euch haben, Mich aber nicht, wie Ich nun unter euch bin. Dies Weib aber hat nun ein gutes Werk an Mir getan, und wo dies Mein Evangelium gepredigt wird, da soll auch dieses Weibes und dieser Begebenheit wohl erwähnt werden! Ich bin doch schon lange unter euch, und ihr habt Mir zum Waschen Meiner Füße noch nie einen Krug reinen Wassers gereicht; dies Weib aber hat heute morgen schon Meine Füße mit ihren Tränen gewaschen und ist nun wiedergekommen und hat Mir die Füße gesalbt. Wie mag euch dann das ärgern? So es aber geschrieben steht, daß Ich ein Sohn Davids sei, da gebührt Mir ja auch, daß jemand Mir diese königliche Ehre erweiset!“
GEJ|8|80|12|0|Auf diese Meine Worte sagte niemand irgend mehr etwas dagegen, und alle belobten das Weib und ihre Tat.
GEJ|8|80|13|0|Darauf aber erhob sich das Weib und wollte gehen.
GEJ|8|80|14|0|Ich aber sagte: „Nun bleibe du bei Mir; denn von nun an sollst auch du eine Zeugin Meiner Taten und Erbarmungen werden und bleiben!“
GEJ|8|80|15|0|Da blieb das Weib voll Freuden, und Lazarus bewirtete sie freundlichst und ließ auch ihre Diener bewirten. Und wir unterhielten uns dann bis nahe gen Abend, bei welcher Gelegenheit uns diese Maid so manches von ihren Erlebnissen treuherzig erzählte.
GEJ|8|80|16|0|Als das Weib uns aber bei einer Stunde lang ihre Erlebnisse in sittsamster Weise erzählte, da meinten einige der zu Mir bekehrten Pharisäer, daß sich so manches des von dem Weibe Erzählten für diese erhabene Gesellschaft nicht fein schicke; solches aber bemerkten sie eigentlich nur darum, weil in der ganz guten Erzählung des Weibes so manches ganz zart eingeflochten war, was auch sie sehr nahe anging.
GEJ|8|80|17|0|Ich aber belobte des Weibes Offenheit und Treuherzigkeit und sagte dann zu den Pharisäern und Schriftgelehrten: „Meine nun ein wenig aufgeregten Freunde! Ärgert euch darum ja nicht, daß nun durch den Mund dieses Weibes so manches an das Tageslicht vor Mir kam, woran auch ihr einen bedeutenden Schuldanteil an eurem Fleische traget! Wenn euch aber schon die Worte des Weibes, das niemandes Namen nannte, in eurem Gemüte beirren, warum beirrt euch denn nicht auch Meine Allwissenheit? Ich sage es euch: Jenseits im Reiche der Geister wird man euch das laut von den Dächern herab verkünden, was ihr auf dieser Welt noch so sehr zu verbergen suchtet; darum ist es besser, ein kleines Gericht noch in dieser Welt zu bestehen und sich eine leichte Demütigung gefallen zu lassen, als jenseits vor allen Engeln der Himmel zuschanden zu werden.
GEJ|8|80|18|0|Wer sich hier auf dieser Erde als ein besserer Mensch zeigen will, als er es der Wahrheit nach ist, in dem rastet noch ein heuchlerischer Sinn; mit diesem aber kann man ins Gottesreich noch nicht wohl gelangen. Wer aber vor Mir einst wird bestehen wollen, der muß sich auch der Welt so zeigen, wie er beschaffen ist, dann wird er auch vor Mir und Meinen Engeln kein weiteres Gericht mehr zu bestehen haben, so er sich in seinem Tun und Lassen gebessert hat.
GEJ|8|80|19|0|Sehet an dies Weib! Sie hat wahrlich viel gesündigt; weil sie aber voll Offenheit im Herzen ist und dabei auch viele Werke der Nächstenliebe ausgeübt hat, so ist ihr nun auch vieles vergeben, und sie ist Mir nun lieber denn so mancher Gerechte, der nie gesündigt hat. Denn der Gerechten wegen bin Ich nicht in diese Welt gekommen, sondern nur der reuigen Sünder wegen, gleichwie auch ein Arzt nur zu denen geht, die seiner bedürfen, und nicht zu den Gesunden, die des Arztes nicht bedürfen.“
GEJ|8|80|20|0|Auf diese Meine Worte sagten die ein wenig ärgerlich gewordenen Pharisäer und Schriftgelehrten nichts mehr und stellten sich mit dieser Zurechtweisung zufrieden.
GEJ|8|80|21|0|Darauf aber bat Mich das Weib, daß Ich mit ihr Geduld haben möchte, und sie werde auf das eifrigste bemüht sein, noch alles gutzumachen, was durch sie je irgend Sündiges verübt worden sei.
GEJ|8|80|22|0|Ich aber sagte liebfreundlich zu ihr: „Du hast wenig mehr gutzumachen; aber andere hätten an dir gar vieles gutzumachen! Aber da sage Ich dir: Vergib allen, die an dir und gegen dich gesündigt haben, so wie auch Ich dir vergeben habe, und Ich werde dann auch denen vergeben ihre Sünden gegen dich! Nun aber iß und trink, und stärke deine Glieder!“
GEJ|8|80|23|0|Sagte die Maid: „O Herr! Du allein bist für mich das beste Brot und der allerkräftigste und süßeste Wein aus den Himmeln; Du allein bist die rechte und wahrste Lebensstärkung meiner Seele und meines Leibes; sei nur Du mir gleichfort gnädig und barmherzig, und verlasse mich arme Sünderin nicht!“
GEJ|8|80|24|0|Sagte Ich: „Meine liebe Tochter, diese Worte hat dir dein Fleisch nicht gegeben, sondern der Geist der Liebe im Herzen deiner Seele!
GEJ|8|80|25|0|Ja, Ich bin ein wahres Brot aus den Himmeln und also auch ein wahrer Wein; wer dies Brot essen und den Wein trinken wird, den wird es ewig nicht hungern und nicht dürsten. Ich bin sonach eine rechte Speise und ein rechter Trank; wer Mich genießen wird im Geiste und in der Wahrheit, der wird den Tod nicht sehen, noch fühlen und schmecken. Aber darum iß und trink nun auch leiblich dieses irdische Brot und den irdischen Wein!“
GEJ|8|80|26|0|Darauf nahm die Maid erst Brot und aß und trank dazu auch etwas Wein.
GEJ|8|81|1|1|81. — Der Tod des Menschen
GEJ|8|81|1|0|Ein Schriftgelehrter aber, der als ein zu Mir Bekehrter bei uns war, sagte: „Herr und Meister! Du hast nun zu der herrlichen Maria von Magdalon gesagt, daß Du Selbst ein wahres Brot aus den Himmeln seist und so auch ein rechter Wein, und wer dies Brot und den Wein genießen wird, der werde auch den Tod nicht sehen, fühlen und schmecken ewiglich. Ich weiß wohl, daß Du unter ,Brot‘ Dein Wort und unter dem ,Wein‘ den lebendigen Geist im selben gemeint hast, so wie unter ,Essen des Brotes‘ die Annahme Deines Wortes und unter ,Trinken des Weines‘ das Handeln nach Deiner göttlichen Lehre, die sicher aus den Himmeln ist, weil Du Selbst der alleinige allerhöchste Herr des Himmels und auch der Erde bist; aber daß der, welcher das wahre Himmelsbrot essen und den Wein aus den Himmeln trinken wird, gar nicht sterben werde, das ist etwas ganz Neues, und ich weiß nun nicht, wie ich das begreifen soll. Denn man kann das wohl auch von allen Menschen sagen, daß sie den Tod nicht sehen, nicht fühlen und auch nicht schmecken; denn solange noch ein Mensch lebt, sieht, fühlt und schmeckt er den Tod sicher auch nicht, – ist er dann aber gestorben und tot, so sieht, fühlt und schmeckt er den Tod sicher auch nicht, weil er kein Leben und somit auch keine wie immer geartete Empfindung mehr hat. Du siehst, daß diese Sache nach meinem Erkennen einen doppelten Sinn in sich enthält und demnach zu wünschen ist, daß Du als der Herr über Leben und Tod uns diese Sache ein wenig klarer darstellen möchtest.
GEJ|8|81|2|0|Alle die Altväter und Propheten, die auch streng nach Deinem ihnen geoffenbarten Willen gelebt und gehandelt haben, sind am Ende denn doch gestorben, und wir werden auch sicher alle sterben müssen, weil Du Selbst uns auf den Abfall des Fleisches von der Seele schon bei verschiedenen Gelegenheiten nur zu deutlich und klar aufmerksam gemacht hast; und nun sagtest Du aber, daß es für den, der Deine Lehre annehmen und werktätig befolgen wird, keinen Tod geben wird. Wie sollen wir das verstehen?“
GEJ|8|81|3|0|Sagte Ich: „Freund, bei dir wird es noch mancher Probe benötigen, bis es in dir ganz helle wird! Meinte Ich denn etwa, daß ein Mensch, der nach Meinem Worte leben wird, auch leiblich gleichfort auf dieser Erde leben werde? Wie kann man aber als ein Schriftgelehrter so blind und sinnlos denken und urteilen! Dem Leibe nach wird wohl freilich ein jeder Mensch sterben, und sein Leib wird den Tod sicher nicht sehen, fühlen und schmecken, – aber desto mehr die Seele eines Sünders, so er nicht nach Meiner Lehre sich bessern und eine rechte und wahre Buße tun wird! Denn bei wem die Seele noch gar sehr ins Fleisch und dessen sinnliche Lust vermengt und verwachsen ist, bei dem auch wird eben die Seele den Tod sehr sehen, fühlen und schmecken, so für den Leib die Stunde des Abfallens kommen wird.
GEJ|8|81|4|0|Sieh nur einen Verbrecher an, so er nach den Gesetzen zum Tode auf den Richtplatz hinausgeschleppt wird, wie es seiner Seele dabei zumute wird! Die Seele sieht erstens schon den natürlichen Tod und fühlt und schmeckt ihn auf eine gar qualvolle Weise, und zweitens dauert der Tod für die ohnmächtige und geistig tote Seele jenseits noch gar lange fort, und das erstens, weil sie sich in ihrer Ohnmacht und völligen Verlassenheit an denen, die ihren Leib getötet haben, nicht nach ihrem brennenden Zorne rächen kann, und zweitens, weil sie in die größte Lebensfinsternis gerät, aus der sie keinen Ausweg findet und daher in die ärgste Qual gelangt, so lange, bis sie ihr eigenes Arge zu erkennen und geduldig zu ertragen beginnt. Heißt denn das nicht den Tod sehen, fühlen und schmecken?!
GEJ|8|81|5|0|Eine Seele aber, die nach Meiner Lehre in ihrem Geiste aus Mir schon auf dieser Erde vollends wiedergeboren wird, wird solch einen Tod sicher ewig nicht sehen, fühlen und schmecken, weil sie mit dem vollsten und hellsten Lebensbewußtsein frei von aller Qual aus dem Leibe scheiden wird, wenn Ich sie zu Mir für ewig berufen werde. Ich sage es euch: Es werden von euch viele, welche die geistige Wiedergeburt werden erreicht haben, zu Mir von dieser Erde bitten und sagen: ,Herr, wie lange wirst Du uns noch die schwere Bürde des Fleisches auf dieser Erde herumtragen lassen?‘ Und Ich werde zu ihnen in aller Liebe sagen: ,Geduldet euch noch eine kurze Zeit, und Ich werde euch eurer Bürde entledigen!‘ Und so einer und der andere von euch von den Heiden um Meines Namens willen zum Tode geführt wird, so wird er lachen und frohlocken, daß er als Blutzeuge seines Fleisches entledigt wird, und wird Seligkeit und Wonne empfinden selbst in des Fleisches Schmerzen. Wenn aber ganz sicher also und nicht anders, habe Ich da dann doppelsinnig geredet also, wie du als ein Schriftgelehrter es willst verstanden haben? Rede nun du, ob dir die Sache nun noch also vorkommt!“
GEJ|8|81|6|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, Herr und Meister, nun ist mir auch diese Sache klar! Ich begreife sie nun und bin auch sehr froh darob, obschon ich dabei dennoch offen gestehen muß, daß der noch so beseligende Leibestod für die, welche noch auf der Erde im Fleische zu verbleiben haben, durchaus nichts Anmutiges und Wünschenswertes, sondern nur das Gegenteil aufzuweisen hat und für die Ehre, ein Mensch und gewisserart Herr der Natur zu sein, sehr entwürdigend erscheint, weil der vernunftvolle Mensch, der sich in seinem Denken, Glauben und Wissen bis zur vollen Gotteserkenntnis emporschwingt und in seinem Herzen auch Gottes Liebe trägt, am Ende beim Sterben vor jeglichem Tiere nicht nur nichts voraus hat, sondern demselben weit nachsteht.
GEJ|8|81|7|0|Denn das Tier weiß zum voraus sicher nicht, daß es sterben wird, und der Mensch muß sich mit diesem höchst unangenehmen Bewußtsein sein ganzes Leben lang herumtreiben, und es ist sonach auch eben nicht ganz unbegreiflich, daß sich manche Menschen bloß aus dem Grunde in alle sinnlichen Weltfreuden stürzen, weil sie der bittere Gedanke an den sicheren Tod gewisserart dazu nötigt.
GEJ|8|81|8|0|Im besonders gesunden Menschengemüte ist ein heiterer Seligkeitssinn sicher der vorherrschendste, denn wer wird etwa nicht wollen froh, glücklich und heiter sein? Aber inmitten der den Menschen oft so beseligenden Gefühle steigen die schwarzen und das Gemüt ängstigenden Gedanken an den sichern Tod auf, und mit der Seligkeit hat es da auf Tage lang ein Ende!
GEJ|8|81|9|0|Ja, wenn ein jeder Mensch das wüßte, was wir durch Deine Gnade nun wissen, dann würde er sich aus dem Gedanken an den Tod wohl auch eben nichts machen! Aber wie wenige gibt es derer, die das wissen. Und so sind sie nach meiner Ansicht auch zu entschuldigen, so sie sich inmitten ihres ihnen stets klar bewußten Elendes nach aller Möglichkeit hin zerstreuen, damit sie nicht als große Freunde eines glücklichen Lebens alle Augenblicke mit dem Gedanken an den Tod und an das Grab erschreckt werden. Ich sehe nun wohl ein, daß der Mensch mit dem Tragen der schweren Fleischbürde nie völlig selig werden könnte, und daß am Ende der Leibestod für ihn ein unschätzbarer Gewinn ist; aber diese Begünstigung hätte dem Menschen doch vom Schöpfer können erteilt werden, daß sein Tod nichts Bitteres und sein Gemüt oft so sehr Beängstigendes an sich hätte? Der Mensch könnte ja in einem Augenblick aufgelöst und der Bewohner einer andern Welt werden!
GEJ|8|81|10|0|Wozu das oft lange Hinsiechen bis zum Tode, wozu die Schmerzen, und wozu das Bittere des Todes und das darauf im Grabe lange Verwesen und Vergehen des toten Leibes?
GEJ|8|81|11|0|Kurz und gut, mit der gewöhnlichen Todesart der Menschen bin ich durchaus nicht einverstanden und kann sie nicht als etwas Billiges ansehen!“
GEJ|8|82|1|1|82. — Die Ursachen der Schmerzen vor dem Tode
GEJ|8|82|1|0|Sagte Ich: „Da kann Ich Selbst dir eben nicht ganz unrecht geben; denn auch Ich bin mit der gewöhnlichen Todesart der Menschen durchaus nicht einverstanden. Aber was kann da Ich dafür, so die Menschen sich selbst eine so bittere und unangenehme Todesart bereiten? Lebten die Menschen nur nach der ihnen schon vom Urbeginne hellst geoffenbarten Ordnung, so gäbe es auch nicht einen, der sich über das Bittere des Todes beklagen könnte.
GEJ|8|82|2|0|Die Altväter starben alle eines leichten und ganz sanften Todes; denn ihre Seelen verließen, so der Engel sie rief, mit großer Freude den Leib, der von den Kindesjahren an bis ins hohe Alter keine Schmerzen zu bestehen hatte, sondern stets zumeist kräftig und gesund verblieb, und der endliche Leibestod war auch keine Folge von großen Leiden und Schmerzen, sondern er erfolgte nur auf den stets ersehnten Ruf eines Engels, nach welchem die Seele frei und ohne allen Zwang aus dem Leibe trat, der Leib aber ohne den geringsten Schmerz gewisserart einschlief.
GEJ|8|82|3|0|Als aber dann die Menschen anfingen, stets mehr und mehr nach ihrem Sinne zu leben und sich mehr und mehr der Unzucht, Hurerei und andern schwelgerischen und die Sinne betäubenden Genüssen ergaben, so verdarben sie selbst ihre gesunde Natur, wurden schwach, elend und krank, und ihr Leibestod mußte dann selbstverständlich einen andern Charakter annehmen.
GEJ|8|82|4|0|Wenn du ein Messer nimmst, dich irgend ins Fleisch schneidest und dabei einen Schmerz empfindest, kannst du das bei gesunder Vernunft dem Schöpfer zur Schuld legen, oder möchtest du da nicht etwa auch sagen: ,Ja, warum hat denn der Schöpfer dem Menschen nicht einen unempfindlichen Leib gegeben?‘ Ich aber sage dir: So dein Leib völlig unempfindlich wäre, wie möglich könnte er dann lebendig sein? Nur ein völlig toter Leib ist auch völlig unempfindlich!
GEJ|8|82|5|0|Ich setze aber den Fall, daß ein Mensch, wenigstens nach außen hin, einen unempfindlichen Leib hätte, etwa so, wie da sind seine Haare. Was wäre davon bei einem leichtsinnigen Menschen die nur zu bald sichere Folge? Selbstverstümmelungen aller Art und Gattung, so daß die Menschen am Ende gar keine menschliche Gestalt mehr hätten und auch zu keiner Arbeit mehr fähig wären.
GEJ|8|82|6|0|Damit aber die Menschen wenigstens doch noch ihre Außengestalt nicht zu sehr verstümmeln können, so ist ihnen die Empfindlichkeit als ein guter Wächter gegeben worden. Zudem aber versteht es sich schon von selbst, daß ein Mensch, der keine Empfindung für Schmerzen hätte, auch keine Empfindung für die Wonne und Seligkeit haben könnte; denn da bedingt eins das andere, und es kann eines ohne das andere nicht bestehen, ja nicht einmal gedacht werden.
GEJ|8|82|7|0|Ich weiß aber wohl, daß die Menschen infolge ihrer großen Blindheit nun und schon seit langem namentlich beim Sterben sehr viel leiden, und das erstens, weil sie zum größten Teil gar keine sichere Kunde vom Fortleben der Seele nach des Leibes Tode haben und gar viele schon in dem Glauben der Sadduzäer stecken, und zweitens, weil die Menschen durch ihre höchst unordentliche Lebensweise ihren Leib mit allerlei unreinen Geistern angefüllt haben, aus denen mit der Zeit unvermeidbar auch allerlei böse und schmerzvolle und auch den frühen Tod zur Folge habende Krankheiten entstehen müssen. Und so bin Ich auch aus dem Grunde Selbst im Fleische auf diese Erde gekommen, daß Ich dem Menschen jene Wege zu wandeln vorzeichne, auf denen er erstens wieder wahr und lebendig inne wird, daß und wie seine Seele als sein eigentliches Ich nach dem Tode des Leibes fortlebt, und zweitens, daß er so lange, als er auf dieser Erde zu leben hat, gesund und kräftig bleibe bis in ein hohes Alter und sein Scheiden kein schmerzliches und qualvolles, sondern ein fröhliches und höchst beseligendes werde. Und so kann Ich als der Herr des Lebens euch die volle Versicherung geben, daß derjenige, der – wohl verstanden! – Mein Brot essen und Meinen Wein trinken wird, den Tod nicht sehen, fühlen und schmecken wird. Mit andern Worten gesagt: Wer nach Meiner Lehre leben wird, der wird auch in ihre allbeseligende Wirkung versetzt werden. – Ich meine nun, daß du, Mein schriftgelehrter Freund, diese Sache anders verstehen wirst, als du sie ehedem verstanden hast?“
GEJ|8|82|8|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, nun verstehe ich die Sache freilich wohl anders und besser, als ich sie zuvor verstanden habe, und ich bin Dir auch von ganzem Herzen dankbar für das uns allen auch in dieser Hinsicht gegebene Licht; denn ich halte das für etwas höchst Wichtiges für den Menschen, daß er es wisse und am Ende auch lebendig fühle, was es mit dem Tode des Leibes für eine Bewandtnis hat, und wodurch dieser seine alten Schrecken, Schmerzen und Qualen verlieren kann. Denn nur durch ein sicheres und lebenswahres Innewerden alles dessen kann sich der Mensch erst zur wahren Würde eines Menschen von Gott aus erhoben fühlen, und sein Tierisches sinkt in den Staub der Nichtigkeit zurück.
GEJ|8|82|9|0|Aber es ergibt sich hier noch eine gar gewichtige Frage an Dich, da nur Du allein sie uns als lebensgültig beantworten kannst. Siehe, Herr und Meister, wir haben nun mit vollem und unser ganzes Wesen überzeugendem Glauben Deine Lehre angenommen und werden auch strenge nach ihren heiligst wahren Grundsätzen leben und handeln. Aber wir haben zuvor doch schon eine ziemliche Reihe von Jahren sicher nicht nach Deiner Ordnung unter allerlei Sünden durchgemacht. Es mögen sich bei solchen Gelegenheiten auch so manche unreinen Geister in unser Fleisch eingeschlichen und eingewurzelt haben, was ich nun aus so manchen Krankheiten, die ich schon zu bestehen hatte, nur zu klar entnehme. Werden diese leiblichen Krankheitsgeister durchs tätige Essen Deines Brotes und durchs Trinken Deines himmlischen Weines wohl noch so ganz hinausgeschafft werden können, daß sie in meinem Scheidungsmomente mich nicht mit einiger Qual drücken werden, oder werde ich der begangenen Sünden wegen am Ende doch noch auch die Herbe des Todes ein wenig fühlen und schmecken müssen?“
GEJ|8|82|10|0|Sagte Ich: „Wenn du also leben wirst, daß deine Seele in ihrem Geiste vollends wiedergeboren wird, so wird eben der Geist dann mit allen in deinem Fleische noch steckenden unreinen Geistern auch bald und leicht vollends fertig werden, und du wirst eines ganz seligen Todes sterben auch dem Leibe nach; aber so da jemand im allgemeinen zwar wohl nach Meiner Lehre ganz ernstlich leben und handeln, aber so geheim bei sich doch auch noch in seine alten Gewohnheiten verfallen wird, ja, da wird er diesseits auch nicht die völlige Wiedergeburt der Seele im Geiste erlangen können und wird sich's am Ende in aller Demut und Geduld schon müssen gefallen lassen, so er beim Scheiden mit noch manchen Leiden zu kämpfen haben wird. Denn da werden die Leiden das Feuer sein, durch das des Menschen Lebensgold von gar manchen Schlacken gereinigt wird; denn etwas geistig Unreines kann in den Himmel nicht eingehen, was soviel gesagt haben will als: Der reine Geist aus Gott kann sich nicht eher völlig einen mit der Seele, als bis diese alles der Materie und ihrem Gerichte Angehörige völlig aus sich für immer verbannt hat. – Wer demnach eines seligen Leibestodes von dieser Welt scheiden will, der muß auch das wohl berücksichtigen!
GEJ|8|82|11|0|Auch sollet ihr im Essen und Trinken mäßig sein und nach keinen verkünstelten Leckereien gieren, so werdet ihr des Leibes Gesundheit lange erhalten, und der Tod in einem hohen Alter wird gleich sein dem süßen Einschlafen eines müde gewordenen Arbeiters im wahren Weinberge Gottes. Die Seele wird dabei selig und hellsehend der morsch gewordenen Leibeshülle entschweben und alsogleich von vielen Freunden in die unbeschreibbaren Freuden der Himmel eingeführt werden und wird endlos froh und heiter sein, daß sie einmal von dieser Welt und ihrem Jammer erlöst worden ist.
GEJ|8|82|12|0|Wer sonach vollkommen nach Meiner Lehre leben und handeln wird, der wird auch vollkommen mit ihren seligen Wirkungen gesegnet werden; wer aber unvollkommen leben und handeln wird, der wird auch danach den Segen ernten. – Hast du, Mein Freund, das nun verstanden?“
GEJ|8|83|1|1|83. — Der Zweck des langsamen Verwesens der Leichname
GEJ|8|83|1|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, nun erst bin ich vollkommen im klaren, was da die Sache des Sterbens betrifft; doch ein paar Nebensachen, die zwar nicht wesentlich zum Akte des Sterbens gehören, möchte ich von Dir wohl noch erklärt haben, weil man bei der Ausbreitung Deiner Lehre, und zwar namentlich unter den Heiden, denn doch wohl darum befragt werden könnte, wo man dann, so man von Dir darüber nicht belehrt wäre, mit der Antwort offenbar steckenbleiben müßte.
GEJ|8|83|2|0|Die zwei Punkte aber bestehen darin: Erstens: Warum muß der Leib des Menschen nur langsam verwesen und zunichte werden? Es läge ja in Deiner Macht, ihn in einem Momente aufzulösen und in etwas anderes zu verwandeln; denn dies langsame Verwesen und Vergehen eines toten Leibes macht auf jeden Menschen einen unangenehmen Eindruck, und die Verwesung vieler Leichname verpestet die Luft und wirkt schädlich auf die Gesundheit der lebenden Menschen. Würde aber ein Leichnam, sobald er vollends tot ist, etwa also vergehen wie allenfalls eine Schneeflocke an der Sonne, so wäre es erstens eine für den Menschen würdigere Erscheinung, und zweitens hätten die Menschen von der pestilenzialischen Ausdünstung während der langweiligen (lange dauernde) Verwesung des Leichnams nichts zu befürchten und würden auch die oft doch bedeutenden Unkosten des Begrabens und die traurige Mühe sich ersparen. – Das wäre sonach der erste Punkt, über den ich von Dir eine nähere Aufklärung haben möchte.
GEJ|8|83|3|0|Der zweite aber besteht darin und lautet: Wird die Seele, so sie des Leibes entledigt sein wird, auch auf diese Erde, wenn sie das möchte, zurückschauen können, ihre Veränderungen und auch das Tun und Treiben der Menschen bemerken? – Das wäre der zweite Punkt, über den ich auch noch von Dir, o Herr und Meister, ein paar Wörtlein vernehmen möchte!“
GEJ|8|83|4|0|Sagte Ich: „Mein Freund, was da betrifft den ersten Punkt, so ist es schon einmal so in Meiner Ordnung begründet, daß der Leichnam aus gar verschiedenen und sicher sehr weisen Gründen nur langsam verwest und sich verwandelt. Wenn ein Mensch aber nach Meiner Ordnung gelebt hat, so wird sein toter Leib ohnehin schneller verwandelt und wird während dem Akte der Verwesung keine pestilenzialische Ausdünstung verbreiten. Nur wo in eines Menschen Leibe sich durch seine Sünden viele unreine Geister angesammelt haben, die sich dann während des Aktes der Verwesung lösen, da entwickelt sich der pestilenzialische Ekelgeruch und kann auf die Gesundheit der anderen Menschen einen bösen Einfluß nehmen, wenn der Leichnam zu lange unbegraben irgend im Freien sich befindet; doch ein paar Tage geben da auch noch keinen fühlbaren Ausschlag.
GEJ|8|83|5|0|Würde Ich aber einen Leichnam, der voll unreiner Geister ist, plötzlich auflösen lassen, so würden die dadurch in großer Masse freigewordenen unreinen Geister sich wohl auch gleich auf die Leiber der nächsten Menschen in Blitzesschnelle stürzen und sie sehr verderben und manche sogar töten.
GEJ|8|83|6|0|Beim langsamen Verwesen aber werden die unreinen Geister einmal zu einer Unzahl kleiner und auch größerer Würmer; diese verzehren den Leichnam und endlich auch sich untereinander, verwesen dann selbst, steigen in schon lauteren Feuchtigkeiten auf die Oberfläche der Erde, wo sie wieder in allerlei Kräuter übergehen, und von diesen dann in ein reineres Gewürm und Insektentum. Und siehe, also will es Meine Weisheit und Meine Ordnung, und Ich habe dir nun eben so viel gesagt, was darüber dem Menschen zu wissen notwendig ist; ein Weiteres aber wird dir schon der Geist verkünden, wenn du es zu wissen benötigen wirst.
GEJ|8|83|7|0|Was aber deinen zweiten Fragepunkt betrifft, so versteht es sich von selbst, daß vollendete Seelen, wie Ich euch das schon auf dem Ölberge gezeigt habe, nicht nur diese Erde, sondern auch die ganze Schöpfung, wenn sie es wünschen, werden sehen und nach allen Richtungen durch und durch beobachten können, und es werden ihnen auch die auf den Weltkörpern lebenden Menschen und auch die andern Geschöpfe zur Leitung und Führung anvertraut werden, und da ist es wohl von selbst verständlich, daß vollendete Seelen auch die materiellen Schöpfungen sehen müssen und werden.
GEJ|8|83|8|0|Aber unvollendete und böse und finstere Seelen werden das nicht vermögen; denn es wäre das auch nicht gut, weil sie in ihrer großen Schadenfreude und Rachgier der Erde und allen Geschöpfen sicher großen Schaden zufügen würden. Sie halten sich zwar in den Niederungen dieser Erde auf, auch in manchen Höhlen und Löchern der Erde; aber sie sehen dennoch den von ihnen besessenen Ort nicht, sondern nur das haltlose und lockere Gebilde ihrer Phantasie. Nur zuweilen wird es einem oder dem andern gestattet, des materiellen Ortes, den ein solcher Abgeschiedener bewohnt, innezuwerden. In solch einem Zustande weiß er dann auch, was irgend ein ihm verwandter oder auch ein anderer Mensch auf der Erde tut, wie es ihm geht, und noch so manches andere, – aber alles nur einige Augenblicke lang; dann kehrt er gleich wieder in seinen nichtigen Phantasieort zurück, wo er seinesgleichen findet. Denn es ist das auch bei den unvollendeten und argen Seelen der Fall, daß die Gleichgesinnten sich in Vereine zusammenbünden, aber freilich in keine guten; denn in gute Vereine bünden sich nur die seligen Geister. Alles andere habe Ich euch auch schon auf dem Ölberge erklärt und euch gezeigt, und somit wäre das einmal abgetan. – Habt ihr das wohl verstanden?“
GEJ|8|83|9|0|Sagten alle samt dem Schriftgelehrten: „Ja, Herr und Meister; sei Du uns Sündern nur stets gnädig und barmherzig, auf daß wir dereinst nicht in die Vereine arger Seelen gelangen mögen, und habe Geduld mit noch manchen unseren Schwächen! Dir allein sei alles Lob und alle Ehre ewig!“
GEJ|8|84|1|1|84. — Das Verbrennen und Einbalsamieren der Leichen
GEJ|8|84|1|0|Als alle vor Mir solches ausgesprochen hatten, da trat noch Agrikola zu Mir und sagte: „Herr und Meister, bei uns Römern werden die Leichname, besonders vornehmer Menschen, verbrannt und die Asche dann in gewissen Urnen und Krügen an dazu bestimmten Orten und Stellen aufbewahrt, oder die Leichname gar hochstehender Herren werden einbalsamiert und dann in den Katakomben aufbewahrt; nur das ganz arme Volk und die Sklaven werden begraben auf den dazu bestimmten wohleingefriedeten Stellen. Ist das also zu belassen oder zu ändern? Was sagst Du zum Verbrennen und Einbalsamieren der Leichname?“
GEJ|8|84|2|0|Sagte Ich: „So ihr es nicht ändern könnet, da belasset es beim alten Brauch! Aber das Verbrennen ist besser noch als das Einbalsamieren, durch das der Akt der Verwesung sehr verzögert wird; aber ein rechtes Beerdigen des Leichnams ist das Beste. Nur soll dabei darauf gesehen werden, daß ein Leichnam erst dann beerdigt wird, wenn er vollkommen tot ist, was ein Arzt aus der Gesichtsfarbe und dem üblen Verwesungsgeruch wohl muß beurteilen können; denn bei den Scheintoten stellen sich die eigentlichen Todeszeichen nicht ein. Darum sollen sie auch nicht eher beerdigt werden, als bis sie erkennbar völlig tot sind.
GEJ|8|84|3|0|Ein vollkommener Mensch wird wohl freilich nie in den Scheintod kommen; aber der materielle und genußsüchtige Mensch leicht, weil seine Seele oft mit zu großer Liebe an ihrem Fleische hängt. Wenn so ein Mensch auch kalt, steif, atem- und pulslos wird und kein Lebenszeichen von sich gibt, so ist aber die Seele doch noch im Leibe und bemüht sich ängstlich, ihn wieder zu beleben, was ihr nach einigen Tagen auch zumeist gelingt. Wird aber ein solcher Mensch zu bald in die Erde vergraben und wird dann im Grabe wieder auch dem Leibe nach lebendig, so könnet ihr es euch wohl vorstellen, daß das für ihn, wenn auch nur auf einige Augenblicke, einen sicher höchst verzweiflungsvollen Zustand abgeben muß. So ihr aber lebet nach Meiner Lehre, in der vor allem unter euch die Nächstenliebe zu pflegen ist, da gehört auch das sehr zu einem Akte der wahren Nächstenliebe, daß ihr darauf wohl sehet, daß kein Scheintoter begraben oder verbrannt wird. So ihr es aber merket, daß da jemand im Scheintode liegt, da bringet ihn in ein Gemach mit guter und frischer Luft, betet über ihm, und leget ihm die Hände auf, und es wird mit ihm besser werden!
GEJ|8|84|4|0|Sollte manches Menschen Scheintod hartnäckiger sein, so habt Geduld, und haltet ihn nicht eher für tot, als bis sich die wahren Todeszeichen an ihm wohlerkenntlich zu zeigen anfangen! Denn was ihr zuverlässig wünschet, daß es euch die Menschen tun möchten, so ihr in einen solchen Zustand, der immer ein trauriger ist, gerietet, das tut ihr auch ihnen! Das merket euch, ihr Römer, ganz besonders! Denn mit dem Beerdigen der verstorbenen Armen und Sklaven macht man bei euch eben keine besonderen Umstände, – und Ich habe euch nun darauf aufmerksam gemacht.“
GEJ|8|84|5|0|Als die Römer dieses von Mir vernahmen, dankten sie mir, daß Ich sie darauf aufmerksam gemacht habe, und versprachen Mir, darauf alle denkbare Sorgfalt zu verwenden.
GEJ|8|85|1|1|85. — Der Herr und die neubekehrten Pharisäer
GEJ|8|85|1|0|Als nun auch über diesen Gegenstand, den der Schriftgelehrte hervorgehoben hatte, alles Nötige erörtert worden war und der Abend schon sehr nahe war, da entsandten die schon vor einigen Stunden nach Bethanien gekommenen Pharisäer einen Diener an den Lazarus, daß er zu einer guten Besprechung zu ihnen kommen möchte; denn sie möchten nun von ihm erfahren, ob sie vergeblich nach Bethanien gekommen seien.
GEJ|8|85|2|0|Hierauf fragte Mich Lazarus, was er nun tun solle.
GEJ|8|85|3|0|Sagte Ich: „Die Anwesenden haben nun viel für und wider Mich verhandelt, haben sich nun aber dahin geeint, daß sie Mir nicht mehr feindlich entgegentreten wollen, und so gehen nun Ich und du und unsere römischen Freunde zu ihnen. Alle andern aber verbleiben hier, bis wir wiederkommen. Mein Raphael aber wird euch schon das angeben, was wir bei den Pharisäern verhandeln werden. Und so begeben wir uns zu den auf uns Harrenden!“
GEJ|8|85|4|0|Ich ging voran, und Lazarus und die Römer folgten Mir.
GEJ|8|85|5|0|Im Vorhofe begegnete uns Judas Ischariot und fragte, wohin Ich ginge.
GEJ|8|85|6|0|Und Ich sagte: „Dahin du nicht gehest! Das Weitere kannst du im Hause vernehmen!“
GEJ|8|85|7|0|Da sagte er nichts Weiteres darauf, zog sich ins Haus, und wir gingen zu den Pharisäern. Lazarus machte hier den Vortritt, der den Templern schon bekannte Raphael begleitete ihn. Ich und die Römer aber harrten noch ein wenig im Vorhofe.
GEJ|8|85|8|0|Als unser Lazarus mit dem Raphael in das sehr geräumige Gemach der Templer eintrat, begrüßten sie ihn mit der ihnen eigenen Höflichkeitssitte, die unser Lazarus auch ganz wohl zu erwidern verstand, womit die Templer auch ganz zufrieden waren. Nach dieser gegenseitigen Begrüßung ging es sogleich auf die Hauptsache über, die natürlich in nichts anderem bestand als nur in dem, was da selbstverständlich Mich betreffen mochte.
GEJ|8|85|9|0|Ein sehr auf seine Weisheit eingebildeter Schriftgelehrter, den wir schon vom Ölberge aus kennen, sagte zu Lazarus: „Freund, du weißt es sicher noch, was wir gestern abend besprochen und auch so gut wie völlig abgemacht haben! Wir sind darum heute so früh, als es uns nur immer möglich war, zu dir heraus gewandert. Aber wir sind hier, Freund, wahrlich nicht in einer solchen Art empfangen worden, an der wir eine gerechte Freude hätten haben können. Denn von deinen Hunden wären wir beinahe ganz böse zugerichtet worden, so uns nicht deine Diener zu Hilfe gekommen wären! Das war schon einmal der Empfang nicht, wie man uns Templer zu empfangen pflegt!
GEJ|8|85|10|0|Allein, auch aus dem würden wir uns wenig oder am Ende auch gar nichts gemacht haben; aber du selbst verhießest uns, daß wir heute mit dem Messias persönlich zusammenkommen würden. Nun sind wir schon einige Stunden hier, und wir haben nicht nur nichts von der allfälligen Anwesenheit des Messias zu Gesichte bekommen, sondern du hast uns sogar nicht mit deiner sonst allbekannten Gastfreundlichkeit empfangen, wie oft zu andern Malen, und wir durften sogar nicht in dein Haupthaus einkehren, sondern wurden in diese deine Fremdenherberge gewiesen, – und das war, siehe, sicher nicht ganz recht von dir, und das um so weniger, weil du unseres Wissens zu Hause warst und auch keine dringenden Geschäfte hattest! Aber lassen wir das alles nun beiseite, weil du mit dem wunderbaren Jungen nur jetzt gekommen bist und wir mit euch beiden über die Hauptsache reden können!
GEJ|8|85|11|0|Sage uns denn nun, ob der Nazaräer, der der verheißene Messias sei, was wir selbst unter uns als eine ziemlich ausgemachte Sache betrachten, irgend schon hier in Bethanien sich befindet, oder ist Er – dir bekannt – irgendwo andernorts? Denn nun läge es uns um unser selbst willen sehr daran, mit Ihm eine nähere Bekanntschaft zu machen. Wir hatten heute vormittag eine große und schwere Probe Seinetwegen im Hohen Rate zu bestehen. Doch wir haben uns am Ende dennoch ganz erträglich durchgefochten, obschon wir selbst – abgesehen von all dem, was wir gestern bei dir erfahren und gehört haben – in unserer Annahme etwas schwankend geworden sind; aber nun haben wir alle die uns bekannten Umstände näher erwogen und sind aus unserem Schwanken herausgekommen. Darum möchten wir nun eben mit Ihm Selbst sprechen. Verschaffe uns dazu die Gelegenheit, und wir sind und bleiben wieder die alten guten Freunde!“
GEJ|8|85|12|0|Sagte Lazarus: „Wäret ihr bei eurer Hierherkunft so einig gewesen, wie ihr es nun so ziemlich seid, so hättet ihr auch alsbald die Gelegenheit haben können, mit dem wahrhaftigsten Messias zu reden; aber ihr waret sehr uneinig, und es waren einige unter euch vorherrschend der Ansicht, daß das die beste Probe wäre – um zu erforschen, ob Er der Messias sei oder nicht –, daß man Seiner mit Gewalt habhaft würde und Ihn den Gerichten zum Tode überantwortete. Sei Er der Messias, so werde Ihn wohl niemand zu töten imstande sein; sei Er aber nur so ein außerordentlicher Mensch, wie es deren schon so manche auf der Welt gegeben habe, so werde Er im Tode erliegen, und es werde dann niemandem mehr in den Sinn kommen, Ihn je für den Messias zu halten. Sehet, diese eure vorherrschende Annahme war denn auch der Grund, warum ihr erstens nicht in mein Haupthaus habt eingelassen und zweitens darin auch nicht dem Messias habt vorgestellt werden können!
GEJ|8|85|13|0|Da ihr aber nun einverständlich von dieser argen Annahme abgegangen seid und einen andern Beschluß gefaßt habt, so könnet ihr nun auch das Glück haben, den Messias zu sehen und auch zu sprechen. Kommet Ihm aber ja nicht mit forschenden Herzen und Blicken entgegen, sondern mit Glauben und mit der Liebe, so wird auch Er euch mit Seiner Liebe entgegenkommen, – sonst aber mit Seiner alles durchdringenden Weisheit, und da werdet ihr auf tausend nicht eins zu erwidern imstande sein! Denn so Er es wohl wußte, mit welchen Gesinnungen ihr hierher gekommen seid, wie ich sie euch nun offen kundtat, da weiß Er auch um jeden Gedanken, der irgend etwa noch so still und geheim in eurem Gemüte aufsteigt. Dies sei somit ein freundlicher Rat an euch, den ihr befolgen möget zu eurem zeitlichen und ewigen Wohle!“
GEJ|8|85|14|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Du hast nun wohl geredet und hast uns abermals Erstaunliches gesagt, und wir werden uns nach deinem Rate verhalten; aber nun bringe uns vor den Weisesten aller Weisen!“
GEJ|8|85|15|0|Hier öffnete Raphael die Tür und sagte: „O Herr, komme herein zu denen, die nun nach Dir dürsten!“
GEJ|8|85|16|0|Und Ich trat mit den zehn Römern in das große Zimmer und sagte zu den Pharisäern und Schriftgelehrten: „Der Friede sei mit allen, die eines guten Willens sind, und somit nun auch mit euch, da ihr in eurem Gemüte auch eines besseren Willens geworden seid! Warum suchet ihr Mich, und was wollet ihr von Mir?“
GEJ|8|85|17|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, warum wir Dich nun suchen, weißt Du sicher ebensogut, wie Du es zuvor wußtest, mit welchen Gesinnungen wir hierher nach Bethanien gekommen sind! Wir zweifeln nun auch für uns und in uns gar nicht mehr, daß Du der verheißene Messias bist, aber wir möchten nun aus Deinem Munde vernehmen, was wir tun sollen, um in unserer sicher höchst fatalen Stellung Deiner Gnade und Erbarmung doch nur einigermaßen würdig zu erscheinen.“
GEJ|8|85|18|0|Sagte Ich: „Sitzet doch ein Nikodemus und auch ein Joseph von Arimathia auch oft in eurem Rate! Was diese tun, das könnet ja auch ihr tun, so ihr es wollet! Ich aber habe schon zu öfteren Malen im Tempel offen gelehrt und habe euch durch Worte und Zeichen klar gezeigt, wer Ich bin. So ihr das im Herzen glaubet und auch danach handelt, so werdet ihr leben und selig werden; glaubet ihr aber nicht und tut auch nicht danach, so werdet ihr euer Leben und eure Seligkeit verwirken.
GEJ|8|85|19|0|Der Tempel aber, wie er nun ist und besteht, ist schon lange kein Gotteshaus mehr, sondern er ist zu einer Räuberhöhle und Mördergrube geworden. Ihr Pharisäer, Hohenpriester und Schriftgelehrten habt ihn dazu umgestaltet; darum aber kann auch für keinen Menschen aus dem Tempel mehr ein Heil zum ewigen Leben seiner Seele erwachsen. Nun bin Ich die lebendige Arche des Bundes, bin auch der Tempel und das Heil und die Wahrheit und das ewige Leben! Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt, der wird auch das ewige Leben in sich haben und selig werden in Meinem Reiche.
GEJ|8|85|20|0|Mein Reich aber wird nicht sein ein Reich von dieser Welt, sondern ein Reich einer andern Welt, die ihr noch nie erkannt habt; denn hättet ihr je jene Welt erkannt, so hättet ihr auch Mich erkannt, als Ich zu euch in den Tempel kam, und hättet ihr Mich erkannt, so hättet ihr auch Den erkannt, der Mich gesandt hat, von dem ihr saget, daß Er euer Gott sei. Aber der Vater, der Mich gesandt hat, hat Mich nicht also gesandt, wie man in der Welt einen Menschen aussendet, sondern also, daß hier der Sender und der Gesandte Eines sind!
GEJ|8|85|21|0|Wer da glaubt, daß der Vater in Mir ist und Ich im Vater bin, der kann sagen, daß er den Vater und den Sohn gesehen und gesprochen hat; vom Erkennen aber kann erst dann die Rede sein, so Ich Mich jüngst vollends wieder in Meinem Reiche befinden werde und Ich über die, so an Mich glauben und Meine Worte behalten und nach ihnen leben und handeln, Meinen Geist ausgießen werde.“
GEJ|8|85|22|0|Sagte nun der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, Deine Worte sind entschieden und bestimmt ausgesprochen! Von einem Menschen also ausgesprochen, würden sie als eine höchste Gotteslästerung angesehen werden, auf die Moses die Todesstrafe gesetzt hat; es ist daher aber unter den Juden auch noch nie erhört worden, daß sich je jemand selbst die höchste Würde und Ehre Gottes anmaßte und beilegte außer der Heidenkönig Nebuchkadnezar, der aber darum auch von Gott gezüchtigt worden ist.
GEJ|8|85|23|0|Du aber hast keine Furcht vor dem Gesetz und noch weniger vor den Menschen, und Deine Taten, von denen wir vieles schon vernommen und manches selbst erfahren haben, bezeugen, daß Deinem Willen alle Mächte und Kräfte dieser Welt und auch der Himmel untertan sind; so müssen wir bei uns und für uns wohl glauben, daß Du eben Der bist, als den Du Dich nach allem, was die Propheten von dem kommenden Messias aussagten, uns schon im Tempel und nun hier wieder dargestellt hast.
GEJ|8|85|24|0|Wir glauben nun an Dich, und so glauben wir auch, daß Du uns auch nun, wie in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft, ehest aus der noch härteren Gefangenschaft der Römer befreien und uns wieder zu einem freien, selbständigen und für immer mächtigen Volke machen wirst. Tust Du das, so werden alle Juden an Dich glauben, sonst aber sicher nur wenige!“
GEJ|8|85|25|0|Sagte Ich: „Selig werden nur diejenigen werden, die sich an Mir nicht ärgern werden und glauben, daß Ich der verheißene Messias bin! Ich aber bin nicht gekommen, um den Juden abermals ein irdisches und vergängliches Reich zu gründen, sondern ein geistiges in der Liebe zu Gott und zum Nächsten und somit ein Reich des Lichtes und aller Wahrheit aus Gott, ohne Lüge und ohne Trug.
GEJ|8|85|26|0|Wer aber da meint, daß Ich nun ein irdisches Reich gründen werde, der irrt sich groß. Die Römer sind nun eure irdischen Herren und werden als solche auch in der Zukunft so lange bleiben, wie es Gott gefallen wird. Wenn ihr euch aber wider sie auflehnen werdet, dann werden sie euch auch zerbrechen und zermalmen.
GEJ|8|85|27|0|Wer sich aber in Meinem Reiche, das nun auch den Römern gegeben wird, befinden wird, der wird sich vor keiner Macht der Welt zu fürchten haben, gleichwie auch Ich Mich vor keiner Weltmacht fürchte. Hier aber an Meiner Seite stehen bereits zehn der irdisch höchst beamteten Römer aus Rom; diese mögen euch auch Zeugenschaft über Mich geben, ob Ich je nach einer Weltherrschaft getrachtet habe, und sie sollen euch auch sagen, was sie als Heiden von Mir halten!“
GEJ|8|85|28|0|Als die Pharisäer solche Worte von Mir vernommen hatten, da wurden sie der anwesenden hohen Römer wegen sehr verlegen und wußten nicht, was sie nun tun sollten.
GEJ|8|86|1|1|86. — Das Zeugnis des Markus über den Herrn
GEJ|8|86|1|0|Der Römer Markus aber trat zu ihnen hin und sagte in der griechischen Zunge, deren auch die Pharisäer mächtiger waren als der römischen: „Meine Freunde, werdet deshalb ja nicht verlegen, weil ihr euch vor uns nun so hübsch offen geäußert habt, daß ihr unsere Herrschaft gerne loswerden möchtet und den auch nahe unbedingt für den rechten Messias halten würdet, der euch wieder zu einem freien, großen und mächtigen Volk auf dieser Erde machen würde! Denn sehet, an derlei Äußerungen von eurer Seite sind wir ja schon seit lange her gewöhnt, und wir lassen uns ihretwegen auch kein graues Haar wachsen. Wir bleiben da noch immer bei unserem alten Sprichwort: LEO NON CAPIT MUSCAS [Ein Löwe fängt keine Fliegen.], weil wir uns dazu wahrlich noch stark und mächtig genug fühlen.
GEJ|8|86|2|0|Ihr aber habt nun für euch vor dem Herrn und Meister bekannt, daß ihr an Ihn für euch und bei euch glauben wollet und werdet, auch wenn dieser wahrste Messias nicht nur der Juden, sondern auch aller andern Menschen der Erde die irdischen Verhältnisse nicht ändern werde; und das war so ziemlich wohl von euch gesprochen, und wir vergeben euch darum auch eure eben nicht sehr schmeichelhafte Äußerung. Aber nur nimmt es uns wahrlich im hohen Grade wunder, daß ihr als in euren Schriften wohlbewanderte Leute erst jetzt das so ein wenig zu begreifen anfanget, was wir Römer teilweise schon lange als eine unumstößliche Wahrheit eingesehen und gar wohl erkannt haben.
GEJ|8|86|3|0|Sehet, dieser Jesus aus Nazareth, aber geboren zu Bethlehem nach eurer Rechnung im 4151. Jahre nach der Entstehung Adams, und zwar im Monat Januar am siebenten Tage in der Mitternacht, ist der äußeren Geburt nach sicher so gut ein Jude, wie ihr es seid!
GEJ|8|86|4|0|Wir haben aber schon seit lange her Kunde von allem, was sich bei Seiner Geburt und auch später dann und wann mit Ihm Wunderbares zugetragen hat, und wir ließen es an guten Kundschaftern auch nie so ganz mangeln und verloren Seine höchst denkwürdige Persönlichkeit auch niemals, euch gleich, leichtfertig so ganz aus den Augen; denn wir erhielten von Ihm Kunde durch Cyrenius und Kornelius, und da wir schon alle Männer von 50-65 Jahren Alters sind, so wird es euch auch wohl begreiflich sein, daß wir auch sicher schon so manches dürften erfahren haben.
GEJ|8|86|5|0|Wir Heiden, die wir von euch blind gescholten werden, haben aber schon lange auch bei und für uns gedacht – und das um so mehr, als wir uns auch mit euren Gesetzen und Propheten vertraut gemacht haben –, daß hinter dem wunderbaren Nazaräer etwas höchst Außerordentliches verborgen sein müsse, und ob Er nicht etwa gar der nach den Propheten allen Menschen verheißene Messias sei. Nun aber sind wir darüber, wenn vorderhand auch nur bei und für uns, über alle Zweifel, daß Er auch vollends wahr das ist, als was wir Ihn schon lange zu sein vermuteten.
GEJ|8|86|6|0|So aber nun wir blinden Heiden das einsehen, daß Er der große Weltmessias ist, und Ihn auch als einen Herrn über uns und über alle Herrscher der Erde preisen, obschon Er äußerlich, wie schon bemerkt, nur ein Jude ist, der als solcher bei uns wahrlich in keinem besonderen Ansehen steht, – was hinderte dann euch, diesen euren so großen und endlos erhabenen Landsmann sogleich als Den anzuerkennen, der Er ohne allen Zweifel ist?! Ist das nicht eine Ehre auch für euch, daß wir irdisch mächtigen Römer Ihn, der der äußeren Geburt nach ein Jude ist, als einen Herrn und Meister über alle Herren der Welt anerkennen und preisen, wodurch wir denn auch treu, offen und wahr an den Tag legen, daß Er uns Römer im Geiste aller Wahrheit völlig besiegt hat, welchen Bekenntnisses wir uns auch nie schämen werden, da es uns nur zum größten Ruhme gehört, daß Er auch uns unter Sein allmächtiges und väterliches Zepter als Kinder aufgenommen hat! Und ihr Juden haltet in eurem Hochmut und in eurer großen Blindheit nur Rat über Rat, wie ihr Ihn, den allmächtigen Herrn aller Herrlichkeit, ergreifen und gar töten könntet! Saget es uns Heiden nun, wie das bei euch nur denkbar sein kann!“
GEJ|8|86|7|0|Auf diese energische Anrede des Römers Markus stutzten die Pharisäer noch mehr und wußten nicht, was sie ihm erwidern könnten.
GEJ|8|86|8|0|Der Römer aber forderte sie dennoch auf, daß sie reden sollten, was sie nur könnten und wollten, und es würde ihnen nichts zu einem Übel angerechnet werden; denn freie und ehrliche Menschen dürften sich auch vor Gott allzeit frei und ehrlich ohne Vorhalt aussprechen.
GEJ|8|87|1|1|87. — Die Gründe der Templer für ihr Verhalten dem Herrn gegenüber
GEJ|8|87|1|0|Hier besann sich ein Ältester und sagte: „Ihr hohen Römer und unsere Gebieter, ihr habt ganz recht, daß ihr uns einen schon lange verdienten Vorwurf machet; denn wir Juden befinden uns schon seit gar langem an der reinsten Quelle und wollen nicht daraus trinken! Aber wer schuldet daran? Seht, so jemand einen Schatz hat, da achtet er ihn nicht so hoch wie derjenige, der ihn nicht hat und ihn sich erst mühevoll irgend erwerben muß, so er ihn besitzen will! Hören wir von fremden Propheten und Weisen, so gieren wir nach ihrer Weisheit; aber die heimischen Propheten und Weisen achten wir nicht, weil wir sie von ihrer Geburt an kennen und dann bei ihrem Auftreten sagen: ,Woher kommt diesem die Weisheit und die wunderliche Tatkraft?‘ Kurz und gut, der Mensch und besonders wir schon alt gewordenen Juden sind träge und gleichgültig geworden gegen alles, was unter uns, wenn auch noch so außerordentlich, als neu auftritt; denn unser gewohntes und gemächliches Leben scheut alle weitere Arbeit und Mühe, und wir feinden aus diesem alleinigen Grunde daher alles an, was uns in unserer Ruhe und altgewohnten Behaglichkeit zu stören anfängt.
GEJ|8|87|2|0|Wir sehen unser Unrecht bei uns und für uns sogar recht gut und klar ein, können uns aber dennoch des gewissen Ingrimms gegen den, der uns stört, nicht entschlagen. Wer schuldet wohl daran? Siehe, unsere alte und schon lange nicht mehr gestörte Gewohnheit! Je greller nun eine solche unsere behagliche Ruhe störende Erscheinung auftritt, desto unangenehmer wirkt sie auch auf uns und reizt uns zum Widerstand.
GEJ|8|87|3|0|Ihr Römer seid Herren eines großen und mächtigen Reiches und lasset euch auch ganz behaglich gut geschehen, so im ganzen Reiche der Friede herrscht; so ihr aber von irgendeinem Teile des Reiches die Kunde erhaltet, daß dort das Volk sich wider euch erhoben hat, so fraget ihr auch nicht, ob etwa jenes Volk wegen zu großer Bedrückungen sich wider euch mit vollstem Menschenrechte erhoben hat, sondern ihr entsendet bald ein mächtiges Heer und züchtiget das aufgestandene Volk ohne alle Gnade und Rücksicht darauf, ob das Volk mit Recht oder Unrecht aufgestanden ist. Warum denn also? Weil euch das aufgestandene Volk aus eurer Ruhe und Behaglichkeit nur ein wenig aufgerüttelt hat. Ihr kennet das Volk und fraget dann auch in eurem Rate: ,Aber wie hat es dem Völklein nur beifallen können, sich wider uns zu erheben?‘, und saget dann: ,Na warte, du Völklein, du sollst deinen Mut und Aberwitz teuer büßen!‘ Warum saget ihr da nicht unter allerlei weisem Bedenken: ,Das kleine Volk hat sich zwar wider uns erhoben; aber wir wollen Friedensboten und auch Friedensrichter dahin entsenden, und diese sollen den Grund erforschen und auch in gute Erfahrung bringen, ob das Volk ein wohl erweisbares und gutes Recht dazu hatte!‘ Nein, das tut ihr nicht, und so ihr auch erführet, daß sich sogar ein Gott an die Spitze des bedrängten und darum aufgestandenen Volkes gestellt hätte, sondern ihr entsendet gleich ein Heer und fallet schonungs- und rücksichtslos über das Volk her; und solltet ihr vom Volke etwa gar einige Male geschlagen werden, dann wird der Beelzebub bei euch erst ganz und gar los sein, auch dann, so ihr gar wohl einsehen würdet, daß das Volk ein vollstes Recht hatte, sich wider euch zu erheben. Kurz, das Volk hat einmal eure Ruhe und Behaglichkeit gestört, und dafür bietet ihr dann auch alles auf, um es zu züchtigen, auch dann, so, wie gesagt, selbst ein Gott aus Seiner Güte, Weisheit und Erbarmung das Volk wider euch zum siegenden Aufstand ermuntert hätte!
GEJ|8|87|4|0|Seht, so fragt bei gewissen Gelegenheiten der Mensch nicht nach Wahrheit und Recht, sondern handelt in seinem blinden Zorn und Grimm wider den, der ihn in seinem vermeintlichen Recht gestört hat, ob er es bei sich auch wohl einsieht, daß er schon von lange her in allem unrecht und seiner Ruhe und Behaglichkeit zuliebe auch stets nur die Lüge und den Betrug zu seinem Schutzschilde hatte!
GEJ|8|87|5|0|Das ist nun auch bei den allermeisten Templern der Fall. Sie sehen bei und für sich wohl ein, daß sie schon seit langem wider das Gesetz Mosis und wider das Volk im Unrecht sind, und daß der große Meister aus Nazareth vollkommen recht hat; aber Er stört sie in ihrer irdischen Ruhe und Behaglichkeit, und sie hassen Ihn darum und möchten Ihn aus demselben Grunde vernichten, wie da jemand, der in einem süßen Schlummer sich befindet, eine lästige Fliege, die ihn in seiner behaglichen Ruhe stört, zu fangen und zu vernichten trachtet.
GEJ|8|87|6|0|Du, hoher Römer, magst da freilich fragen und sagen: ,Ja, haben denn die Templer gar keinen Glauben mehr an einen Gott und an Sein Wort aus dem Munde der Propheten?‘ Da kann ich dir aus meiner höchsteigenen, vieljährigen Erfahrung sagen, daß es wohl vielleicht im ganzen Judenlande keinen Laien unter den Juden gibt, der da weniger Glauben hätte als ein Templer, besonders so er schon alt geworden ist. Die Jungen haben manchmal wohl noch so einen Schimmer von einer Art Autoritätsglauben; aber wenn sie so nach und nach innewerden, daß die Ersten und Alten, Schriftgelehrten und Vorgesetzten gar keinen Glauben haben, so verlieren sie dann auch allen Glauben, werfen sich bei und für sich geheim den griechischen Weltweisen in die Arme, genießen das spannelange Leben, so gut sie es nur immer vermögen, und der alte Jehova und Moses und die Propheten sind nichts als für sie nur darum bedeutungsvolle Aushängeschilder, weil sie ihnen durch die ihnen geweihten Satzungen und Zeremonien viele und große Schätze eintragen, mit denen sie ihr Wohlleben stets mehr und mehr fördern können.
GEJ|8|87|7|0|So haben sich die Templer die Sache einmal recht gut eingerichtet und haben sich auch alles stets aus dem Wege zu räumen verstanden, was sich ihnen irgend in den Weg gestellt hat; und was sie allzeit taten, das tun sie noch und werden es, solange sie bestehen werden, fort tun.
GEJ|8|87|8|0|Da hast du, hoher Römer, nun die Gründe ganz klar dargestellt, warum die Templer nun auch gegen diesen Nazaräer, den aber wir nun Hierseiende wohl der vollen Wahrheit nach für den verheißenen Messias halten, gar so zu Felde ziehen. Sie sagen: ,Lasset uns ihn erst ergreifen und töten, dann wird es sich schon zeigen, ob er wohl der verheißene Messias ist, ob es einen Gott gibt, und ob die Propheten alle keine Menschheitsbetrüger waren!‘
GEJ|8|87|9|0|Daß der ganze Tempel nun also denkt und auch also handeln will, dafür können wir wahrlich nicht, und solange wir auch im Tempel beamtet sind, können wir gegen dessen unsinnigstes Geheul wenig oder nichts ausrichten; es ist schon viel, so wir dann und wann beschwichtigend einwirken können. Ich habe auf deine Aufforderung nun treu und wahr geredet, und du, hoher Römer, magst nun darüber dein Urteil aussprechen!“
GEJ|8|88|1|1|88. — Kultus und Priestertum
GEJ|8|88|1|0|Sagte darauf der Römer Markus: „Ich bin dir für diese deine nun völlig rückhaltlose Beleuchtung sehr verbunden, und wir Römer werden in Kürze wohl wissen, was wir mit solch einem Priestertum werden zu tun und zu machen haben. Wo die Menschen nur des einträglichen Amtes wegen sich dem Priestertum weihen und nicht der ewigen Wahrheit aus Gott wegen, da wird es auch bald an der Zeit sein, ein solches arge Priestertum von der Wurzel auszurotten und ein besseres und wahres an seine Stelle zu setzen!
GEJ|8|88|2|0|Ich als ein wohlerfahrener Römer aber denke nun also, und der Herr Selbst gibt es mir ins Herz: In der Folge kein Priestertum, keine Tempel und keine Sabbate, Feiertage, Gedächtnistage und keine Jubeljahre und Olympiaden mehr, – sondern ein jeder Mensch trachte, nach der Lehre des Herrn ein rechter Lehrer seiner Mitmenschen und ein rechter Vater seiner Kinder zu werden! Die Tempel sollen in Wohltätigkeitshäuser für die Armen umgestaltet werden; und die Sabbate, Feiertage und andere nichtssagende Gedächtnistage sollen in Wohltatstage umgestaltet werden, so werden sich bald alle Menschen als wahre Brüder im Herrn umarmen und lieben!
GEJ|8|88|3|0|Aber solange sich noch ein Mensch einen Priester unter einem gewissen Divinationsansehen nennen und als solcher sich von seinen Mitmenschen ehren und bezahlen lassen wird, solange man Tempel bauen, Sabbate und andere Festtage halten und mit allerlei Zeremonie zelebrieren wird, wird es böse mit der Menschheit aussehen. Ist von Gott aus nicht ein jeder Tag ein Tag des Herrn, an dem man Gott im Herzen gläubigst und über alles liebend bekennt und dem Nächsten Gutes tut geistig und leiblich? Ich bin nun wohl dieser von allem Vorurteile freien Meinung und glaube auch, daß ein jeder Denker eben dieser Meinung sein wird, die ich nun ausgesprochen habe.“
GEJ|8|88|4|0|Sagte darauf der Schriftgelehrte: „Deine Meinung, hoher Römer, hat nach der natürlichen Menschenvernunft viel für sich; aber wir müssen auf das auch Rücksicht nehmen, was Gott durch den großen Propheten Moses eingesetzt hat, wo es ausdrücklich heißt: ,Sechs Tage sollst du arbeiten; aber am siebenten Tage, als am Sabbate, sollst du ruhen und dich von aller schweren, knechtlichen Arbeit enthalten und sollst diesen Tag Gott, deinem Herrn, weihen und Ihm allein dienen nach der Art, wie sie durch Aaron dem Volke vorgeschrieben ist!‘
GEJ|8|88|5|0|Wenn nun deine Meinung zur Realität und die Satzungen Mosis aufgehoben würden, so wäre das ja doch soviel als: der Gott, der zu Moses redete und nun in dem wunderbaren Nazaräer abermals wie persönlich zu uns redet, widerspräche Sich Selbst!
GEJ|8|88|6|0|Ich bin auch gegen ein kastenartiges Priestertum, aber Älteste und Rabbi muß es doch bei jedem Volke geben; denn nicht ein jeder Mensch hat den Geist und das Talent, sich zu einem wahren Rabbi auszubilden, und hat hier und da auch ein gewöhnlicher Mensch Geist und Talent, so fehlen ihm die Zeit und die rechten Mittel! Darum hat Moses den Stamm Levi bestimmt zum Priestertum und hat den andern Stämmen den Zehent auferlegt, von dem dieser Stamm solle erhalten werden, damit er sich pur dem Lehramte widmen könnte.
GEJ|8|88|7|0|Ich bin aber nun auch der Meinung, daß die notwendigen Volkslehrer nicht gerade aus dem Stamme Levi hervorgehen sollten, weil das wie ein Kastentum erscheint, sondern ein jeder Mensch, mit Geist, Talent und Zeit versehen, sollte das Recht haben, sich zu einem Lehrer auch in göttlichen Dingen zu bilden; ist er aber dann ein tüchtiger Lehrer geworden, so solle die Gemeinde, der er als Lehrer dient, ihn auch erhalten und aus Achtung und Liebe nicht gestatten, daß er sich neben seinem Lehramte mit dem Spaten und Pfluge sein Brot im Schweiße seines Angesichtes erwerben muß.
GEJ|8|88|8|0|Was aber deine Ansicht über die Tempel und sonstigen Fest- und Feiertage außer dem Sabbat betrifft, so bin auch ich deiner Meinung; denn derlei hat Moses nicht eingesetzt. Ein Tag in der Woche aber ist ja von selbst verständlich des Volkes wegen notwendig, daß es sich an demselben irgend an einem tauglichen Orte versammle und da über Gott und seinen Willen belehrt werde, damit es nicht entweder in die volle Gottlosigkeit oder in die schmutzigste Abgötterei verfalle. Das ist nun meine Meinung, und es wäre uns lieb, daß nun der Herr und Meister Selbst darüber auch Seine Meinung uns vernehmen ließe.“
GEJ|8|89|1|1|89. — Sabbat und Priesterstand
GEJ|8|89|1|0|Sagte nun Ich: „Gut denn, und so vernehmet Mich! Ihr habt beide recht und wahr geredet; aber von nun an bin auch Ich der Meinung, die der Freund Markus ausgesprochen hat, weil die Sache ganz der Natur und der rechten Vernunft eines Menschen und somit auch der Weisheit und Ordnung Gottes angemessen ist, aber Ich verwerfe darum auch deine Ansicht nicht. Aber ihr Priester sollet aus dem Sabbat nicht einen gewissen magisch wirkenden Tag machen und die Menschen mit harten Strafen belegen, so sie sich im Notfalle auch am Sabbat ihr Brot verdienen müssen. Denn eine nötige Tat, besonders zum sichtlichen und uneigennützigen Wohle des armen Bruders, entheiligt den Sabbat nicht nur niemals, sondern heiligt ihn tausendfach mehr denn alles eitle Geplärr im Tempel und in den Synagogen.
GEJ|8|89|2|0|Denn wer den Sabbat durch edle Taten heiligt, der heiligt ihn auch wahrhaft und werktätig und somit lebendig, was allein vor Gott einen Wert hat. Wer aber den Sabbat nach eurer Art heiligt, der schändet ihn; denn er ehrt Gott mit den Lippen, wie der Prophet gesprochen hat, aber sein Herz ist ferne von Gott, weil es ferne vom Nächsten ist.
GEJ|8|89|3|0|Es sollen ja auch freie und wahre Lehrer in einer Gemeinde sein, die sich da nicht ihr Brot mit der Arbeit ihrer Hände verdienen sollen; aber so du der ganz guten Meinung bist, daß die Menschen an einem Sabbat sich an einem Orte versammeln sollen, um da über Gott und Seinen Willen wieder wie von neuem unterrichtet und an Ihn wohl erinnert zu werden, da soll das denn auch statthaben. Aber darauf hat dann der Lehrer ja auch sechs Arbeitstage! Wenn er einmal im Geiste geweckt ist, so braucht er die sechs Tage ja auch nicht nur mit dem zuzubringen, sich für den kommenden Sabbat etwa mühsam vorzubereiten, was er der Gemeinde vortragen wird; denn wer aus dem Geiste Gottes redet, dem wird das, was er zu reden hat, in dem Augenblick in sein Herz und auf seine Zunge gelegt werden.
GEJ|8|89|4|0|Wenn aber das nach Meiner Verheißung sicherst geschehen wird, wie es auch allzeit zu den Zeiten der Urväter und zu den Zeiten der Propheten also geschehen ist, so meine Ich, daß es an den sechs Arbeitstagen auch für den Gemeinderabbi eben nicht unnütz wäre, so er auch als ein Muster für seine Gemeinde irgendeine gute und nützliche Handarbeit verrichten möchte und sich dadurch sein tägliches Brot verdiente, damit er den Gliedern der Gemeinde nicht um gar alles zu kommen genötigt wäre und diese ihn dann sicher um so mehr achtete und ihm nachstrebte, weil sie in seiner Haustätigkeit den schönsten und wahrsten Beweis seiner Uneigennützigkeit, seiner Liebe zur und seiner Gerechtigkeit für die Gemeinde vor Augen hätte.
GEJ|8|89|5|0|Ich meine, daß dies um gar sehr vieles besser wäre, als, den gegenwärtigen Templern gleich, die sechs Arbeitstage mit völligem Nichtstun zu vergeuden und statt einer nützlichen Beschäftigung nur zu schwelgen, zu prassen, zu huren, ehezubrechen, zu betrügen und sich sogestaltig für die Hölle und für den ewigen Tod zu mästen. Das ist so Meine Meinung!
GEJ|8|89|6|0|Ah, etwas anderes ist es jetzt für die, welche Ich nun in alle Welt aussende, um zu predigen das Evangelium allen Völkern der Erde! Diese Meine ersten Boten haben weder Zeit noch die Gelegenheit, sich mit den Händen ihr Brot zu erwerben; darum heißt es für sie auch: Esset und trinket, was euch aufgesetzt wird auf den Tisch! Und weiter: Sorget euch nicht für den kommenden Tag, was ihr essen und trinken und womit ihr den Leib bekleiden werdet – denn dies wäre stockfinster und ganz heidnisch! –, sondern suchet vor allem nur das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit unter den Völkern auszubreiten mit allem Fleiß und Eifer, so wird euch alles andere schon wie von selbst zufallen; denn der Vater im Himmel weiß, wessen ihr bedürfet! Aber wie gesagt, das gelte nur für die von Mir nun in alle Welt Ausgesandten; wo aber einmal feste und stehende Gemeinden, in Meinem Namen gegründet, bestehen werden, da soll dann Meine früher ausgesprochene Meinung zur aktiven Geltung kommen!
GEJ|8|89|7|0|Denn Ich will es durchaus nicht, daß dann die Gemeinderabbi regelmäßig sechstägige Trägheitsdiener sein sollen, da in der Trägheit die Wurzel aller Laster zu Hause ist. Ein in Meinem Namen wahrhaft vollauf tätiger Gemeinderabbi aber wird eben auch unter den sechs Tagen öfter die Gelegenheit finden und haben, den Gemeindegliedern mit allerlei guten Beispielen voranzugehen, um sie zur tätigen Nachahmung zu ermuntern im wahren und lebendigen Geiste, und da ist dann ein jeder solcher Tag gleich dem Sabbat ein Heilstag für die ganze Gemeinde.
GEJ|8|89|8|0|Also ist es auch durchaus nicht unumgänglich für das Seelenheil der Menschen nötig, daß gerade der jüdische alte Sabbat als ein besonderer Unterweisungstag verbleiben solle; denn dazu kann ein jeder Tag nach Umständen gewählt werden. So sich der alte Sabbat zur Verrichtung einer nötigen Arbeit zum Besten der Gemeinde günstig gestaltet, während mehrere Wochentage infolge eines Unwetters ungünstig waren, so arbeitet am Sabbat und bestimmet einen andern Tag für den Unterricht! Denn ein jeder Tag, an dem ihr Gutes tun werdet in Meinem Namen, wird ein wahrer Sabbat sein; denn am Namen des Tages liegt gar nichts, sondern nur daran, was jemand an einem Tage getan hat.
GEJ|8|89|9|0|Also ist es auch gar nicht nötig, daß gerade alle acht Tage ein fixierter Unterrichtstag stattfinden soll, sondern der kann nach Zeit und Umständen bestimmt werden; denn das Wort Gottes läßt sich an einem andern Tage ebensogut predigen und anhören, und die bestimmte Anzahl der Tage von einer Predigt bis zur andern hat vor Mir gar keinen besonderen Wert und macht die Predigt selbst und auch die Menschen nicht besser.
GEJ|8|89|10|0|So der Gemeinderabbi aber sieht, da es ihm im Geiste von Gott aus angezeigt wird, daß irgend ein Gemeindeglied auf Abwege geraten ist, so gehe der Rabbi alsogleich hin und ermahne ihn und warte dazu nicht den Sabbat ab; denn der Tag wird für den Verirrten und wieder Zurechtgebrachten ein rechter Sabbat sein, an dem er sich völlig gebessert hat.
GEJ|8|89|11|0|Wenn der Gemeinderabbi in einem Jahr nur eine wahre Predigt der Gemeinde gehalten hat, und die Gemeinde lebt und handelt dann fest und treu danach, so braucht sie dann auch sobald keine zweite Predigt mehr. Denn wer nach Meiner Lehre lebt und handelt, für den braucht der Gemeinderabbi nicht mehr zu predigen an jedem Sabbat, denn für den ist dann schon ohnehin ein jeder Tag ein rechter Sabbat, und die wahre und lebendige Predigt trägt er in seinem Herzen, die ihm vom Geiste eingegossen wird.“
GEJ|8|90|1|1|90. — Die rechte Sabbatheiligung
GEJ|8|90|1|0|(Der Herr:) „Nur für die Kinder mag die Gemeinde ein eigenes Schulhaus errichten und es mit einem oder bei einer größeren Gemeinde nach Bedarf auch mit mehreren wohlerfahrenen und sittsamen Lehrern versehen, die der Jugend das Lesen der Schrift, also auch das Rechnen, das Selbstschreiben und noch mehrere nützliche Kenntnisse beizubringen haben. Haben sie das an jedem Tage gewissenhaft und redlich mit Fleiß und Eifer getan, so haben sie auch an einem jeden Tage den Sabbat geheiligt; und der Gemeinderabbi wird dasselbe tun, wenn er solch eine Schule zu öfteren Malen besucht und Lehrer und Schüler zu Fleiß und Eifer ermuntert und ihnen von Zeit zu Zeit gute Lehren gibt in Meinem Namen. Was er aber da zu reden haben wird, für das wird schon von Mir aus gesorgt werden.
GEJ|8|90|2|0|Also ist es auch recht, so eine stehende Gemeinde sich nebst dem Schulhause für Kinder ein Versammlungshaus errichtet, in dem sie sich von Zeit zu Zeit in Meinem Namen versammeln kann und mag. Aber es soll in einem solchen Hause dann nicht nur pur der bestellte Gemeinderabbi das Recht zu reden und zu predigen haben, sondern ein jedes männliche Gemeindeglied, so es von Meinem Geiste dazu ermuntert worden ist. Denn es soll in einem solchen Hause nicht nur von der Schrift und von den Propheten und von Mir gepredigt werden, sondern auch von andern Dingen zur tieferen und wahren Erkenntnis Gottes und zur Belebung der Liebe zu Gott und dem Nächsten; und da soll der reden, der von Meinem Geiste in ihm dazu ermuntert wird, und die Gemeinde samt ihrem Gemeinderabbi soll ihn hören. Und so sie das tun wird an was immer für einem Tage, da wird sie auch eine wahre Sabbatheiligung begehen.
GEJ|8|90|3|0|Ich will aber damit nicht sagen, daß ihr deshalb die Ordnung der Zeit und die Zählung der Stunden, der Tage, der Wochen, der Monde und der Jahre ganz außer acht lassen sollet; das könnet und sollet ihr auch immerhin tun. Aber ihr sollet nicht die gewissen Tage, weil sie in der Woche oder im Monde oder im Jahre die soundsovielten sind und diesen und jenen Namen haben, für besser und heilsvoller halten als die andern; denn an der Zahl und am Namen liegt gar nichts, sondern nur am Leben und Handeln nach dem geoffenbarten Willen Gottes.
GEJ|8|90|4|0|Denn wer da an einem Sabbat an seinem Nächsten gesündigt hat, für den war der Sabbat wahrlich kein Sabbat! So aber jemand an einem andern Tage seinem Nächsten etwas Gutes erwiesen hat, für den war auch dieser andere Tag ein vollkommener Sabbat.
GEJ|8|90|5|0|Darum soll in der Folge unter Meinen wahren Nachfolgern alles völlig frei sein, und nichts kann einen Tag zu einem wahren Sabbat erheben als allein nur Taten, die aus der wahren und lebendigen Liebe zu Gott und dem Nächsten hervorgehen. Pfui und Schande solch einer dümmsten Menschensatzung, die das für eine Sabbatschändung erklärt, so man einem Armen und Bedrängten auch an einem Sabbat eine Hilfe bringt! Pfui und Schande solchen Priestern, die das Volk lehren, daß Gott ein Wohlgefallen habe an ihrem ekligen Geplärre und an ihren Opferzeremonien, die nur ein Greuel vor Mir sind, wie sie es auch allzeit waren!
GEJ|8|90|6|0|Darum werde der Sabbat nun erst ein wahrer Werktag, und alle Zeremonie bestehe im reinen Handeln nach Meinem Worte; das werde Ich allzeit mit Wohlgefallen ansehen und die wahren Sabbatheiliger auch belohnen mit aller Meiner Gnade und Liebe. – Also spricht nun der Herr!
GEJ|8|90|7|0|Die aber den Sabbat heiligen werden in der Weise, wie die Templer es nun tun und schon seit lange her getan haben, und die dem Sabbat eine gewisse magische Heiligungswirkung zuschreiben, so wie den gewissen Festtagen und den Neumonden, die sollen von der Feuerflut Meines gerechten Zornes verzehrt werden! – Das hat nun auch der Herr gesprochen, vor dem alle Tage, Wochen, Monde und Jahre völlig gleich sind.
GEJ|8|90|8|0|Habt ihr das nun verstanden, wie da für alle Zeiten und Ewigkeiten gültig lautet Meine Meinung? Denn wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Himmel und Erde, die ihr nun sehet, werden einst vergehen; aber Meine Worte werden bleiben in Ewigkeit! Das ist nun so Meine Meinung!“
GEJ|8|90|9|0|Als die Pharisäer solches von Mir vernahmen, wußten sie nicht, was sie Mir darauf erwidern könnten; die Römer aber frohlockten heimlich, weil Ich die Ansicht des Markus durch Meine Rede gutgeheißen hatte, zu der Ansicht des Schriftgelehrten aber ganz überaus bedeutende Änderungen anriet. Es merkten aber das die Pharisäer und ärgerten sich heimlich, obschon sie davon offen nichts merken ließen.
GEJ|8|91|1|1|91. — Die Berufung eines Schriftgelehrten auf Moses
GEJ|8|91|1|0|Nach einer Weile tieferen Nachdenkens erst sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, ich habe nun bei mir Deine Worte so gut als möglich erwogen und habe gefunden, daß Du nach den reinsten Menschenvernunftprinzipien ganz recht hast und nach dem, was Du ohne allen Zweifel bist, auch recht haben mußt; aber nachdem in Dir der ewige Geist Jehovas wohnt, Dein Herz Sein Thron ist, und Er aus Dir redet und durch Seinen allmächtigen Willen handelt und die ganze Schöpfung erhält und regiert, so begreife ich nicht, wie Er einst auf Sinai dem Moses die Heiligung des Sabbats gar strenge durch ein eigenes Gesetz mit beigegebener Art und Weise, wie der Sabbat zu heiligen ist, hat geben können? Er hätte damals als Einer und Derselbe ja auch so reden können, wie Du nun klar und weise vor uns geredet hast, und man wäre nie auf eine tatlose und zeremonielle Heiligung des Sabbats verfallen! Ja, man weiß es sogar, daß Juden, die den Sabbat durch knechtliche Arbeit entheiligt haben, von Gott augenscheinlich gezüchtigt worden sind! Warum hat demnach Gott durch Moses nur den Sabbat zu heiligen befohlen und warum denselben nicht so gestellt, wie Du ihn nun gestellt hast? Gott ist ja doch ewig unveränderlich in Seinen Ratschlüssen und kann Seine Worte nicht ändern!“
GEJ|8|91|2|0|Sagte Ich: „Nun hat der Schriftgelehrte aus dir gesprochen; aber er hat in dieser Sprache auch offen gezeigt, daß er die Schrift noch nie auch nur im geringsten Teile verstanden hat – und am allerwenigsten die Bücher Mosis! Damals war es für die in Ägypten sehr entarteten Juden notwendig, daß ihnen ein Tag zur Rast von der knechtlichen Arbeit und zur Anhörung des Wortes Gottes anbefohlen wurde; denn ohne ein solches Gebot wären sie nach wie vor, wie sie sich's in Ägypten zur Gewohnheit gemacht hatten, wohl an keinem Tage zu einer Ruhe und noch weniger zur Anhörung des Wortes Gottes gelangt. Denn das jüdische Volk war sinnlich und sorgte sich Tag und Nacht um nichts anderes, als wie es sich Mittel verschaffen könnte, um den Bauch mit Fleisch vollzufüllen. Darum gab Gott damals schon einmal aus ganz natürlichen und dann aber auch aus geistigen Gründen einen bestimmten Tag, und zwar denselben, den schon die Urväter zum Ruhetag erwählt hatten, den Sabbat nämlich, zur Ruhe und zur Anhörung des Wortes Gottes.
GEJ|8|91|3|0|Aber das hat Gott in Seinem Sabbatgesetz gar niemandem geboten, daß er am Sabbat niemandem einen notwendigen und guten Dienst erweisen solle. Solch ein Gebot habt erst ihr an die Stelle des mosaischen gesetzt und ließet nur dem auch am Sabbat eine Arbeit und ein notwendiges und an und für sich gutes Werk verrichten, der euch dafür ein starkes Lösegeld und sonstige reiche Opfer dargebracht hatte.
GEJ|8|91|4|0|So du aber meinst, daß Gott die einmal gegebene Form eines in einer gewissen Zeit notwendigen Gesetzes nicht ändern könne, weil Er in Sich ewig unveränderlich ist, wie habt denn hernach ihr euch die Freiheit zu nehmen getraut, das Gesetz Mosis so arg nach eurem Gutdünken und zu eurem materiellen Wohle umzuändern, daß ihr nun tatsächlich auch nicht ein Häkchen von dem mehr beachtet, was Moses und die Propheten gelehrt und anbefohlen haben?
GEJ|8|91|5|0|So euch denn die Gesetze Mosis und seine Schriften gar so heilig sind, warum habt ihr denn dann das sechste und siebente Buch Mosis und den rein prophetischen Anhang als unecht seiend verworfen und habt ein anderes Menschenwerk an dessen Stelle gesetzt?
GEJ|8|91|6|0|War die alte Bundeslade nicht ein Heiligtum allen Juden gewesen? Als aber schon vor dreißig Jahren die Rauch- und Feuersäule ob eurer bösen Taten entfloh und die Lade, von ihrer Kraft verlassen, im Allerheiligsten dastand, da habt ihr sie in einer Kammer aufbewahrt und eine andere, aus der der Fremden wegen ein natürliches Feuer brannte und auch ein natürlicher Rauch aufstieg, an ihre Stelle gesetzt. Warum habt ihr denn das getan? Hat dafür etwa auch Moses ein Gesetz gegeben, in dem es hieße, daß ihr solches tun dürfet?
GEJ|8|91|7|0|Ja, es haben wohl die Propheten davon geweissagt, daß in der Zeit, die nun vor euch da ist, die alte Lade des Bundes in eine neue und lebendige vor aller Menschen Augen umgewandelt werden wird; aber also, wie ihr es eigenmächtig gemacht habt, haben es die Propheten sicher nie gemeint! Denn wäret ihr aus den Propheten überzeugt gewesen, daß vor dreißig Jahren solches nach dem Willen Gottes zu geschehen habe, so hättet ihr davon dem Volke sicher durch lange Reden verkündet und hättet es auch zu großen Opfern aufgefordert; das aber ließet ihr gar fein und weislich bleiben, und das Volk weiß bis zur Stunde von solcher eurer eigenmächtigen Gebarung nichts.
GEJ|8|91|8|0|Wisset ihr aber, daß unter der neuen Bundeslade die Propheten nur Mich gemeint haben, – warum verkündet ihr das dem Volke nicht, und warum verehret ihr an Meiner Statt eurer Hände eitel nichtiges und totes Werk?
GEJ|8|91|9|0|Ihr berufet euch stets auf Moses und auf die Propheten; so Ich euch nun den rechten und allein wahren Sinn und inneren Geist der Schrift zeige, wie kommt es aber dann, daß in der Tat gerade ihr Templer die größten Leugner Gottes, Mosis und aller Propheten seid?
GEJ|8|91|10|0|Moses hat aus wohlweisen Gründen das ihm von Gott geoffenbarte Wort und namentlich dessen inneren lebendigen Sinn und Geist in entsprechende Bilder verhüllt, und was er euch enthüllt hat, das habt ihr verworfen. Nun bin Ich Selbst gekommen und enthülle euch das Verborgene, warum glaubet ihr es nun nicht und suchet Mich nur zu fangen mit dem, was ihr selbst noch nie geglaubt und noch weniger je begriffen habt?“
GEJ|8|92|1|1|92. — Über die Einführung des Sabbats
GEJ|8|92|1|0|(Der Herr:) „Seht, es ist das seit den ersten Zeiten der Menschen der Brauch gewesen, die Woche in sieben Tage einzuteilen, welche Einteilung die Menschen auf dem natürlichen Wege von den Mondvierteln ableiten und auf dem übersinnlichen Wege, der ihnen geoffenbart wurde, aber von den sieben Geistern in Gott, von denen ihr auch etwas gehört, aber noch niemals nur ein Wörtlein verstanden habt.
GEJ|8|92|2|0|Von den sieben Geistern aber ist es der siebente, der wie rückwirkend alle die sechs vorangehenden durchläutert und durchsänftet, und dieser siebente Geist heißt die tätige Erbarmung. Und seht, auch aus dem Grunde hat Gott durch Moses den siebenten Tag als den Sabbat bestimmt, daß ihr euch am selben von der knechtlichen Arbeit für den eigenen Bauch enthalten und bei der Zusammenkunft vor der Hütte, darin die Lade stand, nach den armen Brüdern, Schwestern, Witwen und Waisen umsehen und euch über sie werktätig erbarmen sollet; denn darin besteht ja das ganze Gesetz Mosis und alle Propheten, daß ihr im vollen Glauben an Gott und in der Liebe zu Ihm an euren armen Nächsten die Werke der rechten Barmherzigkeit ausüben sollet, und darin besteht auch allein der wahre und Mir wohlgefällige Gottesdienst!
GEJ|8|92|3|0|Wenn aber also und nie denkbar anders, wie hätte Moses je sich nur in einem noch so schlechten Traume einbilden können, daß der Sabbat von Gott dazu bestimmt worden sei, daß an ihm kein Jude auch seinem armen Nächsten ein Werk der Barmherzigkeit erweisen solle und dürfe?
GEJ|8|92|4|0|Denket euch selbst, ob das Gott eine Ehre erweisen heißt, so ein Mensch einen ganzen Tag erstens im vollsten Müßiggange zubringt und dann zweitens entweder zu Jerusalem im Tempel oder andernorts in einer Synagoge oder in seinem Hause hockend zubringt, sich etliche Male die Zehn Gebote und einige Psalmen Davids und noch anderes aus der Schrift herz-, gedanken- und somit kopflos entweder selbst vormurmelt und vorplärrt oder sich vormurmeln und vorplärren läßt von einem Priester, dem er darum ein Opfer reicht, weil er des blinden Glaubens ist, daß das Gemurmel und das Geplärr aus dem Munde eines Priesters kräftiger und Gott wohlgefälliger sei als sein eigenes! O ihr Unsinnigen! Denket euch doch, ob es möglich sei, daß der allweiseste Gott an solchen nur von euch und nie von Moses und von den Propheten erfundenen und sogar zum Gesetz gemachten Torheiten und Narrenpossen jemals ein Wohlgefallen haben konnte und Er, der ewig unveränderlich Gleiche, es jetzt haben kann oder je wird haben können!
GEJ|8|92|5|0|Ja, die Menschen, die Gott erkennen und Ihn über alles lieben, sollen im Herzen auch zu Ihm beten. Aber wie? Erstens durch die rechte Befolgung Seines Willens, durch die Ausübung der Werke der Nächstenliebe, und zweitens sollen sie im Herzen lebendig und voll Liebe also zu Gott reden:
GEJ|8|92|6|0|,Unser liebevollster Vater, der Du wohnst in Deinen Himmeln! / Dein Reich der ewigen Liebe und Wahrheit komme tatsächlich zu uns! / Dein allein heiliger Wille, das Sein aller Wesen, werde auch unter uns also zur Tat, wie er es in allen Deinen Himmeln und Schöpfungsräumen ist! / Gib uns, Deinen Kindlein, das Brot des Lebens! / Unsere Schulden vergib uns, so wie wir unseren Brüdern, die uns beleidigt haben, vergeben! / Lasse nicht Versuchungen und Reizungen zur Sünde über uns kommen, denen wir in unserer Schwäche schwer oder gar nicht widerstehen könnten, sondern befreie uns von allen Übeln! / Dein Name werde allzeit geheiligt, hoch gepriesen und über alles gelobt; denn Dein ist alle Liebe, Weisheit, Kraft und Macht ewig!‘
GEJ|8|92|7|0|Sehet, das ist ein rechtes Gebet zu Gott, so es von jemandem im Herzen lebendig und wahr und vollernstlich ausgesprochen wird! Aber auch dieses Gebet hat keinen Wert, so es auch von jemandem im Munde tausend Male ausgesprochen würde, sondern es muß sich im Herzen lebendig, wahr und voll Willensernstes aussprechen, und der Mensch muß das auch durch die Tat zeigen, was die Rede seines Herzens ausspricht, sonst ist alles Beten ein Greuel vor Gott; denn der ewig lebendige Gott, als die Liebe, Weisheit, Kraft und Macht, läßt Sich nicht durch leere und tote Lippenworte und sinnlose Opfer und Zeremonien ehren, sondern allein durch Werke nach Seinem Willen. Diese aber kann und soll ein jeder Mensch an jedem Tage und nicht nur allein am Sabbat ausüben; tut der Mensch aber das, so macht er jeden Tag zu einem wahren Sabbat und braucht nicht auf den siebenten Tag der Woche zu warten, der als Tag vor Mir um kein Haar einen größeren Wert hat als ein anderer. Sehet, das ist auch so Meine Meinung! Und du, schriftgelehrter Templer, kannst Mir nun eine Widerrede machen, wenn du einen Grund dazu hast.“
GEJ|8|92|8|0|Sagte der Schriftgelehrte: „O Herr und Meister, das werde ich nun wohl und auch für immer bleiben lassen; denn nun erst habe Ich klar erkannt, daß Du wahrhaft der Gesalbte Gottes bist! Ja, Du hast in allem recht, und der Vorwurf, den Du uns Templern machst, ist wahr und strotzt von Gerechtigkeit. Aber wir sind leider eben vom Tempel aus gefangen und können für diese Deine wahrste Gottessache nichts tun.
GEJ|8|92|9|0|Du, o Herr, aber bist mächtig; tue Du nach Deiner Gnade, Liebe und Weisheit, was Dir wohlgefällig ist! So wir aber auch im Tempel verbleiben, da werden wir wahrlich in keinem Rate je mehr wider Dich ein Wort abgeben, wohl aber bei Gelegenheiten den Hohenpriestern zeigen, was an dieser Sache ist. So Du uns aber eigens anzeigen wollest, was wir tun sollen, so werden wir das auch tun, um von Dir in Gnaden angenommen zu werden. Herr und Meister, was ist da Dein Wille mit und an uns?“
GEJ|8|92|10|0|Sagte Ich: „Ich habe euch nun doch schon einiges gesagt, aus dem euer Verstand wohl Meinen Willen wird erkannt haben! Tuet danach, so werdet ihr auch das Leben überkommen! Der Tempel wird euch nicht hindern, im Herzen an Mich zu glauben und nach Meinem Willen zu handeln und, wo es not ist, Mich auch zu bekennen vor der Welt; denn das sage Ich euch auch: Wer Mich bekennen wird vor der Welt, den werde Ich auch bekennen vor Meinem Vater im Himmel. – Und nun könnet ihr wieder nach Jerusalem ziehen; wenn euch aber die Templer nach Mir fragen werden, so machet Mich nicht ruchbar! Mein Segen mit euch! Amen.“
GEJ|8|92|11|0|Hierauf erhoben sich voll Rührung die Templer, dankten Mir für die Belehrung und für die Erlösung aus ihrem Wirrsal und machten sich, da es schon ziemlich dunkel geworden war, auf den Heimweg, und Lazarus gab ihnen einige Begleiter mit einer Fackel mit, was den Templern sehr angenehm war. Wir aber begaben uns wieder in den Saal und setzten uns an unseren Tisch. Hier erst äußerten die Römer ihre vollste und größte Freude über alles, was Ich den Templern gar so offen und göttlich wahr gesagt hatte.
GEJ|8|92|12|0|Alle aber baten Mich um das den Templern gezeigte wahre Gebet. Da aber trat Raphael zu Agrikola und übergab es ihm auf Pergament geschrieben, wofür Mir die Römer nicht genug danken konnten.
GEJ|8|92|13|0|Ich aber sagte darauf zu Lazarus: „Bruder, wir haben nun wieder gearbeitet, darum laß uns vor dem Mahle etwas Wein und Brot bringen, damit wir uns stärken mögen!“
GEJ|8|93|1|1|93. — Die Lieblingsspeise des Herrn
GEJ|8|93|1|0|Und Lazarus besorgte gleich alles. Als wieder Brot und frischer Wein auf den Tisch gebracht wurde und wir uns ein wenig erlabten, da kam die Martha und fragte Mich, was Ich zum Abendmahle wohl am liebsten äße.
GEJ|8|93|2|0|Sagte Ich: „Siehe, du Meine liebe Martha! Die Menschen, die Mein Wort hören und nach demselben leben, sind Meine liebste Speise und auch Mein liebster Trank! – Hast du diese Worte nun wohl verstanden?“
GEJ|8|93|3|0|Sagte mit etwas ängstlich verblüffter Stimme die Martha: „Aber Herr und Meister! Du wirst doch nicht Menschenfleisch essen wollen?“
GEJ|8|93|4|0|Sagte Ich: „Du, Meine liebe Freundin, bist in den Dingen des Geistes noch nicht zu tief gedrungen! Meine Ich denn eine Speise für den Geist oder fürs Fleisch, so Ich sage, daß jene Menschen Meine Lieblingsspeise und Mein Lieblingstrank sind, die Mein Wort hören, es beherzigen und danach leben und handeln? Ich sage es dir und auch allen, die hier sind: Der Mensch lebt nicht allein vom Brote und Weine, sondern vielmehr von jeglichem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt, so er danach tut; und es ist sonach das Wort Gottes eine allervorzüglichste Nährspeise für den ganzen Menschen, während das Brot dieser Erde nur allein seinen sterblichen Leib ernährt und nicht zugleich seine Seele und seinen Geist.
GEJ|8|93|5|0|Wie aber Gott durch das Wort die Hauptspeise für den ganzen Menschen ist, so ist dann auch der Mensch, der Gott erkennt, Ihn über alles liebt und Seinen Willen erfüllt, ebenfalls eine gute und höchst erquickliche Speise für die ewige Liebe in Gott. Wenn du das nun verstanden hast, so magst du uns heute zum Abendmahle ein gutes Gericht von wohlzubereiteten Fischen auf den Tisch setzen!“
GEJ|8|93|6|0|Sagte die Martha: „O Herr und Meister, jetzt habe ich Dich schon verstanden, Daß Du zuvor nur eine geistige Speise und einen geistigen Trank gemeint hast, und ich danke Dir inbrünstigst für Deine große Geduld mit mir; aber da Du nebstbei Deinen Wunsch für ein wohlzubereitetes Gericht von edlen Fischen ausgesprochen hast, so kann ich nun nicht umhin, Dir offen zu bekennen, daß uns der Fischvorrat gerade heute ganz ausgegangen ist. Beim Mittagsmahle ist der ganze Rest verzehrt worden, und ich bin nun mit Deinem Wunsche in eine große Verlegenheit versetzt. Was soll ich nun tun?“
GEJ|8|93|7|0|Sagte Ich mit freundlichster Miene: „Ja, Meine liebe Martha, das ist nun freilich eine etwas unangenehme Geschichte! Woher sollst du nun so viele edle Fische bekommen, die für uns alle genügen würden?“
GEJ|8|93|8|0|Sagte die Martha, noch verlegener denn zuvor: „O Herr und Meister, ich weiß es wahrlich nicht; aber Du könntest mir da wohl raten und helfen!“
GEJ|8|93|9|0|Sagte Ich: „Ja, das könnte Ich allerdings, wenn du dafür einen rechten und festen Glauben hättest!“
GEJ|8|93|10|0|Sagte Martha: „O Herr und Meister, ich glaube ja alles! Denn Du bist ja die ewige Liebe und Wahrheit selbst, und was Du sagst und willst, das geschieht auch allzeit sicher und gewissest!“
GEJ|8|93|11|0|Sagte Ich: „So gehe denn und sieh nach in dem Weiher, der sich, in einen großen Stein gehauen, in eurer großen Küche unter dem stets fließenden Brunnquell befindet, und du wirst darin Fische für heute und morgen in hinreichender Menge finden!“
GEJ|8|93|12|0|Auf diese Meine Worte eilte die Martha samt ihrer Schwester Maria in Begleitung der Maria von Magdalon hinaus in die große Küche, und sie fanden den Weiher voll mit den besten Fischen aus dem Flusse Jordan, und ihr Staunen darüber war groß. Sie kamen bald wieder und erzählten allen das Wunder, und ihr dankbares Erstaunen nahm nahe schon kein Ende.
GEJ|8|93|13|0|Ich aber sagte zur Martha: „Oh, erstaune darüber doch nicht gar so sehr, da Ich vor euren Augen ja doch schon so manches Zeichen gewirkt habe, sondern gehe nun und bereite uns ein gutes Abendmahl!“
GEJ|8|93|14|0|Auf diese Meine Worte eilte die Martha und auch die Maria hinaus in die Küche und setzten allda alles in Bewegung, damit das Abendmahl in einer Stunde Zeit bestens bereitet werden könnte. Es war aber ein sternenheller Abend, und im Westen waren noch die letzten Strahlen der untergegangenen Sonne ersichtlich, was wir durch die offenen Fenster wohl merken konnten, und es äußerten besonders die Römer den Wunsch, nun eine kurze Zeit im Freien an Meiner Seite den gestirnten Himmel und so manche abendliche Erscheinung zu besehen und zu beobachten.
GEJ|8|93|15|0|Und Ich sagte: „Gut, so gehen wir eine Stunde lang hinaus, und es wird sich so manches sehen, beobachten und erkennen lassen!“
GEJ|8|94|1|1|94. — Eine Betrachtung des Sternhimmels
GEJ|8|94|1|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da waren alle Anwesenden, deren es eine bedeutende Anzahl gab, sogleich bereit, auch die Stunde im Freien zuzubringen, und wir erhoben uns und gingen hinaus, wo ein großer und ganz freier Platz war. Alle staunten nun über die unzählbar große Menge der Sterne und priesen die Allmacht und Größe Gottes.
GEJ|8|94|2|0|Als wir so eine Zeitlang den gestirnten Himmel beobachtet hatten, da fragte Mich Markus, der Römer, sagend: „Herr und Meister, das sind also bis auf einige wenige Planeten lauter Sonnen, um die abermals die zu ihnen gehörigen Planeten und Monde und auch Schweifsterne bahnen?“
GEJ|8|94|3|0|Sagte Ich: „Allerdings, wie Ich euch solches schon auf dem Ölberge gezeigt habe; doch sehet ihr unter diesen vielen Sonnen auch mehrere Zentralsonnen, um die sich, wie euch schon bekannt, die Planetarsonnen mit allen ihren Planeten in großen Kreisen bewegen, und wieder sehet ihr jene größeren Zentralsonnen, um die sich ganze Sonnengebiete bewegen, und auch ein paar solche Zentralsonnen, um die sich in überweiten Kreisen schon ganze Sonnenalle bewegen. Aber so Ich sie euch nun auch mit den Fingern zeigte, so würde euch das wenig oder auch gar nichts nützen; wenn ihr aber im Geiste erweckt sein werdet, dann wird euch der Geist des innersten Lebens und aller Wahrheit schon ohnehin in alles Licht leiten und führen. Wie aber das möglich ist und auch sein wird, davon habe Ich euch schon auf dem Ölberge einige selbstanschauliche Erfahrungen machen lassen. Hier kann Ich euch nur das wiederholen, daß es in Meines Vaters Hause gar viele und große Wohnungen gibt.“
GEJ|8|94|4|0|Sagte abermals Markus: „Herr und Meister, ich danke Dir auch für diese Belehrung! Aber nun möchte ich von Dir doch auch so ganz bestimmt vernehmen, wo nun die Sonne sich befindet! Du hast uns wohl gezeigt, und das auf eine höchst wunderbar sinnige Weise, wie da alle Weltkörper eine runde Kugelform haben, und somit auch diese unsere Erde; aber ich hatte in meinen jüngeren Jahren im äußersten Südwesten Hispaniens zu tun, und da fing ein furchtbar großes Meer sich auszubreiten an. Ich bestieg daselbst mit mehreren Gefährten eines der höchsten Ufergebirge, und zwar in der Meinung zu sehen, ob dieses Meer etwa doch gleich dem Mittelländischen irgendwo ein Ende nähme. Aber ich irrte mich groß; denn da war von keinem Ende nur eine allerleiseste Spur zu entdecken! Wohin wir auch unsere scharfen Augen nach Westen richteten, entdeckten wir nichts als Wasser und Wasser.
GEJ|8|94|5|0|Von dem besagten Berge aus sah ich denn auch die Sonne vollkommen ins Meer sinken. Es bestätigte mir dies auch das: Als die Sonne vollends ins Wasser sich versenkte, da erlosch ihr Feuer und Licht aber auch so vollkommen, daß nach ihrem vollen Untergange keine Spur von einer Abenddämmerung mehr wahrzunehmen war, und die besagte Erscheinung brachte uns auf den Schluß, daß die Sonne, der Mond und alle Sterne im tiefen Westen geradezu buchstäblich wahr ins Meer sinken und in 12, manchmal 14 und manchmal – im hohen Sommer – auch schon in 9 Stunden irgendwo im fernsten Osten wieder aus dem Meere emporsteigen.
GEJ|8|94|6|0|Daß sich die Sache in der großen Wirklichkeit sicher ganz anders verhält, das weiß ich nun wohl; aber die Erscheinung, daß die Sonne, so sie augenscheinlich ins große Meer untersank, keine Spur von einer Abenddämmerung – besonders an sehr reinen und wolkenlosen Abenden – hinterläßt, ist im Ernste denn doch etwas sonderbar. – Wie soll ich mir das erklären?“
GEJ|8|94|7|0|Sagte Ich: „Nun, nun, Mein lieber Freund Markus, siehe, nach etwa tausend Jahren werden über derlei euch jetzt noch gar wundersam vorkommende Erscheinungen sogar die Kinder die ganz richtigen Begriffe haben!
GEJ|8|94|8|0|Siehe, dein großes Weltmeer hat auch seine Begrenzung im tiefen Westen, wie jedes andere Meer; und es gibt dort noch ein gar großes Festland, das aber von den späteren Nachkommen von Europa gen Westen hin aufgefunden werden wird. Von den nordöstlichen Landfesten Asiens aber ist es schon vor nahezu mehr denn tausend Jahren entdeckt worden und ist in (seit) dieser Zeit von verschiedenen Völkern Asiens, darunter auch sogar von den alten Phöniziern, Trojanern und Griechen bewohnt.
GEJ|8|94|9|0|Von Europa aus gen Westen hin aber wird es erst dann entdeckt werden können, wenn sich ihre Schiffe in einem besseren Zustande befinden werden, als sich die eurigen dermalen befinden.
GEJ|8|94|10|0|Daß aber die Sonne im tiefen Westen, von Hispania aus betrachtet, ohne zurückgelassene Dämmerung untergeht, besonders an sehr reinen und dunstfreien Abenden, davon liegt die Ursache erstens in der großen und weithin gedehnten Luftmasse, die am Ende auch das Licht der Sonne ebenso schwer hindurchdringen läßt, als wie schwer dasselbe auf den tiefen Grund des Meeres dringt. Wo dieses seicht ist, wirst du den Meeresgrund sicher noch zur Genüge erleuchtet erschauen, weil das Licht nur mit einer ganz wenig Tiefe habenden Wassermasse zu tun hat; aber wo das Meer einmal etliche 20-100 Manneslängen tief ist, da wirst du keinen von der Sonne erleuchteten Grund mehr wahrzunehmen imstande sein. Siehe, da hast du denn einen Grund, warum die Sonne im fernen Meereswesten oft ohne alle zurückgelassene Dämmerung untergeht!
GEJ|8|94|11|0|Der zweite Grund aber liegt eben in der oftmaligen völligen Dunstlosigkeit; denn finden die Lichtstrahlen der Sonne nahe ganz und gar nichts derart Dichtes, daß sie auf dasselbe fallen und von da wie gebrochen wieder weiter geworfen werden können, so können sie als daseiend auch nicht wahrgenommen werden. Solches kannst du am Monde, wie auch an den übrigen Planeten, lernen.
GEJ|8|94|12|0|Siehe, der Mond wie auch die andern Planeten sind an und für sich ebenso finstere Körper, wie da ist diese Erde! Das Licht geht von der Sonne als einem runden Körper nach allen möglichen Richtungen aus; aber es äußert sich nur da als rückstrahlend und ersichtlich daseiend, wo es einen Gegenstand trifft, von dem es dann zurückstrahlt und von euren Augen wahrgenommen wird.
GEJ|8|94|13|0|Wenn Ich dir nun einen großen Gegenstand in der allfälligen Entfernung des Mondes dieser Erde stellte, so würdest du sogleich wahrnehmen, daß die Sonne nicht ins Meer dieser kleinen Erde gesunken ist, sondern sich nun, so wie am Tage, auf ihrem freien Platz befindet und allen Erden, die um sie bahnen, ihr Licht samt der Wärme spendet. Was aber auf dieser Erde, wie gleichfalls auf den andern Erden, die ihr Planeten nennt, den Tag und die Nacht bewirkt, das habe Ich euch schon mehr als hinreichend gezeigt, und so magst du dich nun schon von deiner alten Weltstandsansicht ganz frei machen.“
GEJ|8|94|14|0|Sagte Markus: „Ich danke Dir, o Herr und Meister, auch für diese Belehrung! Sie ist zwar nicht von der hohen Art, wie wir schon Lehren aus Deinem heiligen Munde empfangen haben, aber ich betrachte sie für uns auch in der Weltanschauung noch sehr irrig daran seiende Römer auch für sehr wichtig und erhaben. Denn wenn der Mensch in einer Sache, sei sie auch nur eine diesweltliche, in der Irre ist, so muß er dann auch in anderen, geistigen Dingen in allerlei Irrtümer geraten; denn ein Irrtum erzeugt den andern so lange, bis der ganze Mensch voll Irrtümer und Torheiten wird. Fängt es aber bei einem Menschen oft nur bei einer kleinen Sache an, licht zu werden, so breitet sich das Licht dann nach und nach auf größere und wichtigere Dinge aus, und der Mensch gelangt so zur wahren Weisheit. Darum Dir, o Herr, Dank auch für solche Belehrungen, die uns Römern von einem besonders großen Nutzen sind!“
GEJ|8|95|1|1|95. — Von der Kraft des Kleinen
GEJ|8|95|1|0|Als Markus Mich darob sehr lobte, weil Ich ihm diese Erklärung machte, sagte Ich zu ihm: „Du hast nun ganz wohl geredet und hast mit deinem Lobe Meinem Herzen eine rechte und wahre Freude gemacht; denn wer eine geringer scheinende Gabe nicht ehrt, ist auch keiner größeren wert. Ich sage es euch aber, daß Ich es stets also tue, wie ihr das in aller Natur der Erde sehen könnet: Sowie Ich etwas Übergroßes zu tun scheine, da ist die Wirkung aus wohlweisen Gründen eine mindere; wo Ich aber kaum merkbar etwas zu tun scheine, da ist die Wirkung stets eine endlos große und unverwüstliche. Daher könntet ihr sagen: Ich bin im Großen klein, aber im Kleinsten endlos groß!
GEJ|8|95|2|0|Wenn Ich einen gewaltigsten Gewittersturm verheerend über Länder und Meere ziehen lasse, so sagen die Menschen: ,Wie furchtbar groß und mächtig bist Du, o Herr!‘ So Ich aber ein unscheinbares Samenkörnlein in die Erde lege, das dann keimt, wächst und einen starken und mächtigen Baum aus seiner Unscheinbarkeit ins Dasein stellt, so wird dabei kein Mensch voll Staunens ausrufen: ,Wie groß und mächtig bist Du, o Herr!‘, sondern er betrachtet dies viel größere Wunder mit ganz gleichgültigem Gemüte und sagt höchstens: ,Ja, ja, es muß das schon alles so sein, daß nach dem Willen des Herrn aus kleinen Samen große Bäume und Wälder entstehen.‘
GEJ|8|95|3|0|So staunen die Menschen auch über sehr hohe Berge, breite Ströme, große Seen und Meere und achten eines fruchtbaren Hügels und einer reinen, ihren Durst stillenden Quelle kaum; aber bei Mir steht der fruchtreiche Hügel bei weitem über dem unfruchtbaren hohen Ararat und die reine Quelle bei weitem über dem Ozean. Denn diese sind schon mit dem Leben aus Mir wunderbar sehr nahe verwandt; aber der Ararat und der Ozean stehen noch sehr tief im Gerichte und stehen vom Leben noch ferne.
GEJ|8|95|4|0|Darum achtet auch ihr auf Meine oft gering scheinenden Worte; denn eben in diesen Worten gebe Ich euch mehr des Liebelebens aus Mir, als so Ich euch eine ganze Hülsenglobe ordentlich in Atome vor euren Augen und Ohren zerlegte! Denn von Meiner endlosesten Weisheit und Macht könnet ihr nur einzelne Tröpflein einschlürfen, aber aus dem Lebensborne Meiner Vaterliebe könnet ihr allzeit Ströme in euch schlürfen.
GEJ|8|95|5|0|Und sehet, also ist es auch der Fall, so Mich die Menschen lieben, ehren und preisen! Wer Mich liebend im stillen ehrt und preist und erkennt dabei in aller Demut seine Geringheit und Mein Alles, der ehrt Mich wahrhaft im Geiste und in der Wahrheit vollkommen, und Ich habe ein großes Wohlgefallen an ihm, und es erzeugt das etwas ganz gering Scheinende eine große Wirkung. Wer Mich aber mit großem Weltgepränge, mit allerlei nichtiger Zeremonie und langen Gebeten und Gesängen ehrt und preist und dabei glaubt, daß Mir das wohlgefällt, der ist in einer großen Irre; denn derlei Preisung ist vor Mir ein Greuel, so sie von den Priestern ausgeht; und so das unwissende Volk Mich dadurch zu ehren wähnt und dadurch sich von Mir eine Gnade erbitten will, so wird es von Mir nicht erhört werden in einem großen Maße, auf daß es zur Einsicht komme, daß Ich an solchen großen und prunkvollen Gebeten und Verehrungen gar kein Wohlgefallen habe.
GEJ|8|95|6|0|So viele Nährfrüchte auf den hohen Bergspitzen wachsen, so viele Gnadenfrüchte sollen auch den Menschen werden, die Mich mit den großen Geprängen anbeten, preisen und verehren! Denn wer zu Mir nicht im Herzen, im Geiste und in aller Wahrheit betet, der wird auch nicht erhört werden; denn würde Ich solche Gebete erhören, so würde Ich Selbst der Lüge und dem Heidentume den begünstigenden Vorschub leisten, was von Mir wohl nie jemand, der nur einen helleren Verstand besitzt, erwarten wird. Denn Ich Selbst bin das Licht, der Weg, die Wahrheit und das Leben, wie möglich könnte Ich dann der Finsternis, den Irrpfaden, der Lüge und dem Tode hold sein?
GEJ|8|95|7|0|Darum sage Ich euch auch, daß Ich weder im Sturmgebraus noch in dem Wüten des Feuers, sondern im sanften Gesäusel der wehenden Morgenluft einhergehe. Wer Mir dann in solcher Stille seines Gemütes entgegengehen wird, der wird Mir auch begegnen.“
GEJ|8|95|8|0|Sagte nun Markus: „O Herr und Meister, wie groß und herrlich und wie voll Liebe und ewiger Wahrheit sind Deine Worte, und wie glücklich ist der, welcher sie begreift und nach ihrem Sinne handelt! Aber wie wenige gibt es nun derer, die das vernehmen und wohl beherzigen möchten! Doch wir werden das wohl tun, was Du uns angeraten hast; denn wir wissen und glauben nun lebendig, daß Du allein der Herr und Meister, der allein eine und wahrste Gott von Ewigkeit bist, und daß alles, was die Unendlichkeit faßt, von Dir erschaffen ist und fort und fort erhalten wird. Darum auch sei Dir allein alles Lob, aller Preis und alle unsere Liebe und Anbetung in der Tat!
GEJ|8|95|9|0|Aber da wir nun hier schon einmal das nie beschreibbare Glück haben, Dich als den ewigen Meister aller Dinge leibhaftig unter uns zu haben, so wäre es von uns wissensgierigen Römern wahrlich unverzeihlich, so wir uns nicht noch mit allerlei Fragen an Dich wendeten – denn Du allein kannst uns ja nur sagen, wie sich diese und jene Dinge verhalten –, und so hätte ich nun bei dieser Gelegenheit noch eine kleine Frage.“
GEJ|8|96|1|1|96. — Die Entstehung des Windes
GEJ|8|96|1|0|Sagte Ich: „Um was du Mich nun fragen möchtest, weiß Ich bereits, und so will Ich dir die Fragestellung ersparen und dir gleich mit der Antwort auf deine Frage entgegenkommen.
GEJ|8|96|2|0|Siehe, der Wind, der nun so ziemlich kühl zu wehen angefangen hat, hat die gewisse Frage in dir hervorgerufen! Du möchtest gerne wissen, von wannen der Wind ursprünglich kommt, und wohin er geht; aber es ist das für dich schwer zu fassen, wenn es für Mich auch ein leichtes wäre, es dir zu sagen.
GEJ|8|96|3|0|So vernehmen auch viele Menschen des Windes Zug, aber sie wissen es nicht, von woher er urständlich kommt, und wohin er zieht, und noch weniger fassen und begreifen sie, von woher der geistige Wind in ihren Herzen kommt, und wohin er zieht. Daher sind sie denn auch gleichfort unverständigen Herzens und kennen nicht einmal ihre Seele und noch weniger den Geist in ihr, und Mich als den Ur- und Hauptlebenswind aber mögen sie schon am allerwenigsten erkennen.
GEJ|8|96|4|0|Siehe, nichts in der materiellen Schöpfung kann entstehen und fortbestehen ohne einen geistigen Grund, und also auch der Wind, der nun wehet, sicher nicht!
GEJ|8|96|5|0|Ich habe euch schon auf dem Ölberg einen Wink gegeben und bei einer anderen Gelegenheit Meinen Jüngern noch einen ausführlicheren, daß diese Erde, wie auch ein jeder andere Weltkörper, ein tierisch-organisches Leben hat und somit auch alle die natürlichen Verrichtungen und Erscheinungen des organisch- tierischen Lebens äußert. Sie muß erstens ernährt werden, und das so wie etwa ein großes Tier. Weil sie aber ein tierisches Leben hat, so muß sie auch eine Art Herz, Lunge, Milz, Leber, Nieren, Magen und, kurz, in Entsprechung alle jene Eingeweide haben, die auch einem vollkommenen Tier zum Leben notwendig sind. Hat die Erde aber alles das in sich, so versteht es sich auch schon von selbst, daß auf ihrer Oberfläche alle möglichen Äußerungen ihres inneren organisch-tierischen Lebens wahrgenommen werden von euch Bewohnern eben der Oberfläche der Erde.
GEJ|8|96|6|0|Die Erde atmet sonach auch, und das von sechs Stunden zu sechs Stunden. Sechs Stunden braucht sie zum Einatmen und sechs Stunden zum Ausatmen. Nun, solches Ein- und Ausatmen wird auf der ganzen Erde, und zwar viermal durch einen periodischen Windzug wahrgenommen, der, obschon er für die ganze Erde genommen zur gleichen Zeit bewirkt wird, aber auf der Oberfläche derselben nicht gleichzeitig wahrgenommen werden kann, weil es da vermöge der täglichen Umdrehung der Erde um ihre Achse und infolge dieser Erdbewegung wegen des stets wandelbaren Standes der Sonne über der Erde vom Morgen zum Niedergange hin nicht gleichzeitig Mittag oder Morgen, Abend und Mitternacht sein kann.
GEJ|8|96|7|0|Sehr weit im Osten von hier ist jetzt schon Mitternacht, und sehr weit im Westen, als etwa in jenen Landen, von denen Ich ehedem sagte, daß sie über dem großen Ozean sich befinden, wird's jetzt um die Mittagszeit sein. Kurz und gut, auf der ganzen Erdperipherie sind zum Beispiel eben jetzt alle Tageszeiten vertreten, und so kann eine Lebensäußerung der Erde, wenn sie für sie auch in ein und demselben Momente geschieht, nicht in ein und derselben Tageszeit wahrgenommen werden.
GEJ|8|96|8|0|Der Wind, der nun weht, rührt eben von einer solchen atemholenden Lebensäußerung der Erde her. Aber du mußt dir das nicht also vorstellen, als hätte die Erde einen Mund oder eine Nase, und der durch diese Werkzeuge ausgestoßene Atem wäre nun etwa gar schon vom Nord- oder Südpol hier angekommen, sondern derlei Winde entstehen vielmehr nur dadurch, weil sich die Erde bei ihrem Einatmen namentlich als besonders fühlbar unter dem Meere als ihrem weicheren Teile nach ausdehnt und sich so erweitert, daß das Meer allenthalben um etliche Handspannen steigt und beim Ausatmen, wobei die Erde sich wieder mehr verengt und zusammenzieht, wieder um so viel fällt, als es während der Einatmungszeit gestiegen ist. Und sieh, dieses Fallen und Steigen des Meeres bringt denn auch die periodische Bewegung der die Erde umgebenden atmosphärischen Luft zustande, die du nun als Wind wahrnimmst! Denn kein Wind ist etwas anderes als nur eine oft mehr oder minder heftige Fortströmung der Luft; auch der heftigste Sturmwind ist nichts anderes. Die Ursachen aber, durch welche die Luft in eine Strömung versetzt wird, können verschieden sein; um sie dir alle aufzuzählen und genau zu beschreiben, würden mehrere Tage erforderlich sein.
GEJ|8|96|9|0|Daß Winde, die vom Norden kommen, kalt, und die vom Süden kommenden warm sind, das bewirken die klimatischen Verhältnisse. Im Norden der Erde ist es des vielen Schnees und Eises wegen kalt, und also kann von dorther auch kein warmer Wind kommen. Gen Süden wird es ob der mehr senkrecht auf die Erde fallenden Sonnenstrahlen stets wärmer und am Mittelgürtel der Erde sogar heiß, wie du das schon aus der Erfahrung weißt, und so sind die vom Süden herkommenden Winde denn auch warm; in den großen Sandwüsten werden sie oft sengend heiß. Im eigentlichen und tiefen Süden aber werden die Südwinde des dortigen Polareises und Schnees wegen ebenfalls wieder sehr kalt, gleichwie hier auf der nördlichen Erdhälfte die Nordwinde es sind.
GEJ|8|96|10|0|Und damit, Freund Markus, hast du vorderhand eine hinreichende Erklärung über die natürliche Entstehungsursache der Winde; ein Weiteres wird dir zur rechten Zeit schon dein eigener Geist verkünden, so wie auch einem jeden, der im Geiste wiedergeboren wird.
GEJ|8|96|11|0|Daß aber bei allem, was auf der Erde und auch auf allen andern Weltkörpern geschieht, im Hintergrunde Geister wirken, das habe Ich euch schon gezeigt, und so können wir nun mit diesen Erklärungen enden.
GEJ|8|96|12|0|In den späteren Zeiten aber werden ohnehin nur zu viele Forscher aller Naturerscheinungen aufstehen und alles abwägen und wohl berechnen, was zur Bekämpfung vieler Irrtümer und zur Vernichtung des schwarzen Aberglaubens sicher gut und nützlich sein wird; aber es werden dennoch viele solcher Naturforscher sich derart zu weit verirren, daß sie den geistigen Standpunkt ganz verlieren und sich in der toten Materie herumtreiben werden, und das ist dann auch nichts Gutes mehr.
GEJ|8|96|13|0|Es soll ein Mensch wohl in allen Dingen und Erscheinungen den wahren Grund wohl erkennen; aber er soll das aus seinem lebendigen Geiste überkommen, damit er alles im Geiste und in der vollen Wahrheit erkennt und somit dabei den geistigen Lebensgrund nicht verliert. Steht der Mensch mit seinem Erkennen auf diesem Standpunkte, so kann er mit seinen Belehrungen über alle möglichen Dinge und Vorkommnisse den Nebenmenschen auch wahrhaft und lebendig nützen, aber als ein purer Naturkundiger mehr schaden als nützen; denn was nützte es einem Menschen, so er besäße und verstünde alle Dinge der Welt, aber dabei Schaden litte an seiner Seele? Wäre ihm das dann zu etwas nütze in der andern Welt?“
GEJ|8|97|1|1|97. — Über die materialistische Naturforschung
GEJ|8|97|1|0|(Der Herr:) „Siehe, bei den alten Ägyptern gab es zu den Zeiten der späteren Pharaonen auch eine Menge bloß äußerer Naturforscher und Naturkundiger, und ihre geschriebenen Werke füllen noch jetzt große Säle und Schränke und Kästen! Du hättest wohl ein paar Jahrhunderte zu tun, um alle die Bücher und Rollen und Tafeln durchzulesen. Und siehe, die Seelen jener Naturkundigen setzen auch jenseits ihr Forschen und Suchen fort, fallen von einem Irrtum in den andern, lassen sich von einem Engel nicht belehren und bleiben in ihrem Wahne und suchen der Kräfte Urgrund stets in der Materie, die für sie so gut wie gar nicht da ist; denn sie zerplagen sich nur in ihrer Scheinmaterie, die nirgends anders als nur in ihrer lockeren und überleicht veränderlichen Einbildung und Phantasie besteht!
GEJ|8|97|2|0|Daß es sich mit jenen Seelen also verhält, kannst du Mir wohl glauben; aber Ich frage da: Welcher Lebensnutzen erwächst daraus für sie? Siehe, gar keiner; denn solange sie in ihrem Wahne verharren, kann für sie ja doch wohl nie ein Lebensheil erblühen und zu einer reifen Frucht werden! Daher ist auch hier ein pures Forschen in den Dingen der Natur nur insoweit von einem vorübergehenden irdischen Nutzzweck, als sich daraus für die Menschen so manche Sachen entwickeln können, die zu weltlichen Zwecken wohl zu gebrauchen sind; aber alle noch gar vielen Erfindungen, welche in der Folge von den Naturkundigen ins Werk gesetzt werden, werden so lange das Gepräge der Unvollendetheit an sich tragen, als sie nicht von solchen Menschen ins Werk gesetzt werden, die die Kräfte der Natur der Materie nur aus dem licht- und wahrheitsvollen Geistesgrunde heraus erkennen und dadurch auch wahre Herren der gesamten Natur sind, wie ihr davon ein Beispiel an den sieben Oberägyptern gesehen habt.
GEJ|8|97|3|0|Aber Menschen, die es einmal in der wahren Erkenntnis ihrer selbst und daraus auch in der gesamten Natur und ihrer Kräfte weit gebracht haben, werden zu ihrer diesirdischen Beschäftigung ganz etwas anderes und Besseres wählen, als sich mit der Herstellung von allerlei künstlichen und materiell nützlichen Dingen, Maschinen und Produkten abzugeben; denn geistige Menschen werden allzeit vor allem bestrebt sein, sich stets mehr Mir zu nahen und sich die Fülle des ewigen Lebens eigen zu machen. Denn nur das allein kann für den wahren Denker und Seher einen reellen Wert haben, weil es ihm ewig verbleibt, alles Diesirdische aber nur insoweit, als es ihm zur Erreichung des großen Hauptzweckes behilflich sein kann.
GEJ|8|97|4|0|Wer da sagt: ,Siehe, ich besitze viele Güter, habe große Schätze und setze allerlei neue und kunstvolle Dinge ins Werk; denn ich verschaffe mir Künstler von allen Weltgegenden, die allerlei Dinge zu schaffen verstehen!‘, dem sage Ich aber da: Wie lange wirst du denn alles das noch dein nennen können? Siehe, morgen schon kann man deine Seele vom Leibe nehmen, und was wird sie dann von allem dem, was du nun noch dein nennest, mit hinübernehmen? Ich sage da: Gar nichts als nur das, was sie in dieser Welt irgend jemandem wahrhaft Gutes erwiesen hat! Hat sie aber das nicht, so werden ihr die hier verlassenen vielen Güter, Schätze und kostbaren Dinge jenseits eine große und schwer übersteigliche Scheidewand zwischen Meinem Reiche und ihrem Wesen aufstellen, da auf ihrer Seite viel Heulens und Zähneknirschens vorkommen wird.
GEJ|8|97|5|0|Daher suche vor allem ein jeder von euch das wahre Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, die da besteht in der wahren und lebendigen Liebe zu Gott und in der tätigen Liebe zum Nächsten, alles andere wird, so es not tut, als eine freie Gabe hinzugetan werden.
GEJ|8|97|6|0|Lasset die Winde wehen und die Wolken ziehen ihre Wege, und achtet auf alle die Naturerscheinungen auf dieser Erde nicht höher als auf die des inneren Lebens; denn die Früchte fürs ewige Leben werden nur aus den letzteren hervorwachsen. Und so hätten wir auch über diesen Punkt zur Genüge geredet, und ihr werdet Mich auch verstanden haben.“
GEJ|8|97|7|0|Sagte Markus: „Ja, Herr und Meister, was Du nun geredet hast, haben wir sicher alle verstanden, und Du hast in dieser Deiner Belehrung abermals dargetan, daß Du der alleinige Schöpfer, Herr, Erhalter und Leiter aller Dinge in der Sinnen- und Geisterwelt bist. Ich bin Dir dafür abermals von neuem zu allem Dank für ewig hin verpflichtet. Nun wissen wir einmal ganz, was unsere Erde für eine Gestalt hat, und was sie ist und wie beschaffen.
GEJ|8|97|8|0|Wir haben zwar von Dir wohl auch schon auf dem Berge und bei der großen Darstellung der sechs Schöpfungsperioden die Erde sehr großartigst enthüllt bekommen; aber nun haben wir über ihren gegenwärtigen Stand eine ganz klare und richtige Ansicht bekommen, und die ist für uns auch von großer Wichtigkeit. Wir werden nun davon mit der Zeit und durch unseren Einfluß auf den Unterricht der Jugend es doch dahin bringen, daß man die Erde nicht mehr für einen großen Länderkreis, sondern für eine große Kugel halten wird, und daß der Tag und die Nacht nicht durch den täglichen Umlauf der Sonne um die Erde, sondern nur durch die selbständige Umdrehung der Erde um ihre Mittelpunktsachse in der Zeit von 24-25 unserer Stunden bewirkt wird. Oh, das ist ein gar großer Vorteil für unser wahres Fortbildungssystem, und wir werden uns auch alle Mühe geben, daß zunächst unsere Kinder in allem zu einer möglichst richtigen Bildung gelangen werden.“
GEJ|8|98|1|1|98. — Die Wachsamkeit der Seele
GEJ|8|98|1|0|Als Markus diese Worte gesprochen hatte, da wurde gen Südwesten eine Feuerröte ersichtlich, die hinter einem Berge aufstieg.
GEJ|8|98|2|0|Alle fragten Mich, was dies wäre und zu bedeuten hätte.
GEJ|8|98|3|0|Ich aber sagte: „Freunde, da ist es kaum der Mühe wert, einer solchen ganz gemein natürlichen Erscheinung eine geringste Aufmerksamkeit zu schenken! Auf dem hinteren Teile jenes eben nicht zu hohen Berges haben Schafhirten eine Menge dürres Holz am Tage zusammengebracht und haben es nun, da es schon ganz dunkel geworden ist, angezündet, und das verbrennt nun und wird auch bald ganz verbrannt sein. Darin besteht die Bedeutung dieser Erscheinung.“
GEJ|8|98|4|0|Sagte Agrikola: „Da ist wahrlich nicht viel daran zum Besten der Menschen!“
GEJ|8|98|5|0|Sagte Ich: „Das sicher nicht; aber die Pharisäer haben dieses Feuer von Jerusalem aus doch auch bemerkt und werden schon allerlei Deutungen daraus zu machen verstehen. Es ziehen über jenes Gehügel nun Reisende nach Tyrus hinauf und werden auf dem Rückwege Jerusalem besuchen, und durch sie werden die Pharisäer wieder Lügen gestraft werden, und das wird noch die beste Wirkung dieser Erscheinung sein.
GEJ|8|98|6|0|Aber nun sind im Hause unsere Köchinnen auch schon mit dem Nachtmahle fertig; diese Nacht wird uns wenig Sehenswertes mehr bieten, und so wollen wir uns denn auch ins Haus begeben und darin das Nachtmahl verzehren!“
GEJ|8|98|7|0|Als Ich solches noch kaum ausgesprochen hatte, da kam auch schon ein Diener aus dem Hause und benachrichtigte uns, daß das Nachtmahl bereitet sei; und wir gingen denn auch sogleich ins Haus, setzten uns zu Tische und nahmen die wohlzubereiteten Fische zu uns, und so das Brot und den Wein. Alles war heiteren Mutes, weil auch Ich heiteren Mutes war.
GEJ|8|98|8|0|Die Maria von Magdalon erzählte der Maria und Martha mehrere Geschichten von den Templern, und wie sich diese alle Mühe gegeben haben, sie zu verführen und auf ihre Seite zu bringen, und welch große Geschenke sie ihr dargebracht haben. Sie aber gedachte: ,Das können die Armen brauchen‘; und so habe sie denn auch rein nur der Armen wegen der Sündgier der Templer Gehör gegeben. Aber selbst diese Art, sich zur Sünde verleiten zu lassen, war für sie vom Übel; denn sie sei bald von sieben bösen Geistern in Besitz genommen worden, und da habe sie gar viel auszustehen und zu leiden gehabt. Und sie erzählte da so manches noch aus der Zeit ihres Leidens und auch, wie eben Ich sie von jenen argen Geistern erlöst habe, bei welcher Gelegenheit sie sich auch wieder an Mich in aller Liebe in Herzensinbrunst wandte.
GEJ|8|98|9|0|Ich aber beruhigte sie und behieß sie nun zu essen und zu trinken.
GEJ|8|98|10|0|Hierauf fragte Mich Markus wieder, ob die aus dieser Maid vertriebenen argen Geister auch von der Art waren wie jener in Illyria.
GEJ|8|98|11|0|Sagte Ich: „Allerdings; denn nur solche noch höchst materiellen Geister oder, hier besser gesagt, Seelen tun solches, wenn sie dazu eine Gelegenheit bekommen. Wie sich aber derlei Gelegenheiten ergeben, das habe Ich euch insoweit, als es euch zu wissen nötig war, gezeigt. Und so wollen wir auch nichts Weiteres darüber verhandeln; denn Ich wollte Mir hier mehr Ruhe gönnen, als das auf dem Ölberg der Fall war. Aber sehet da, Ich bekam hier mit euch mehr zu tun als auf dem Ölberg an irgendeinem Tage. Doch es macht das nun nichts; denn solange es Tag ist, soll man auch arbeiten; kommt dann die Nacht und die Finsternis, in der sich nie gut arbeiten läßt, so kann man sich erst die Ruhe gönnen. Wer aber in der Nacht ruht, der schlafe nie zu fest, damit er vernehmen kann, ob etwa Diebe in sein Haus dringen, die des Tiefschläfers Habe sich zueignen wollen!“
GEJ|8|98|12|0|Sagte hier Petrus: „Herr und Meister, wenn man einmal des Abends von der oft schweren Arbeit und Mühe sehr schlafmüde wird, dann ist es wohl sehr schwer, sich selbst im Schlafe zu überwachen. Wie möglich soll ein Mensch das anstellen?“
GEJ|8|98|13|0|Sagte Ich: „Also wohl freilich nicht, wie du es verstanden hast; aber so ein Mensch dem Leibe nach auch noch so fest schläft, so wacht doch seine in Mir starke Seele, und diese wird den Leib, wenn es not ist, schon erwecken.
GEJ|8|98|14|0|Darum eben aber habe Ich solches zu euch nun geredet, auf daß ihr eure Seelen rein erhalten sollet; denn eine unreine Seele ist am Ende so materiell wie ihr Leib und kann nicht wachen über denselben, da auch ihr innerer Geist über die festschlafende Seele nicht wachen kann, weil sie von seinem Einfließen nichts vernehmen kann und mag.“
GEJ|8|98|15|0|Sagte nun Thomas: „Herr und Meister, wir wissen es wohl, daß unsere Seelen noch lange nicht zur Genüge rein sind, aber was sollen wir tun, damit sie nach Deinem Wohlgefallen rein werden möchten?“
GEJ|8|98|16|0|Sagte Ich: „Nun, das habe Ich euch wohl schon gar oftmals gesagt und gezeigt! Tut nur allzeit danach, und das Feuer eurer Liebe zu Gott und zum Nächsten wird euren Seelen schon ehest das verschaffen, was ihnen noch irgend abgeht! So Ich erst aufgefahren sein werde und über euch ausgießen werde Meinen Geist, dann auch werden eure Seelen rein werden wie ein reines Gold; aber bis dahin verharret in aller Liebe und rechter Geduld!“
GEJ|8|98|17|0|Mit dem waren die Jünger zufrieden und fragten Mich um nichts Weiteres mehr an diesem Abend.
GEJ|8|99|1|1|99. — Erfüllte und unerfüllte Weissagungen. Die Willensfreiheit des Menschen und die Allwissenheit Gottes
GEJ|8|99|1|0|Es fragte Mich aber nun einer der Pharisäer, der auch sein Weib und seine Kinder in Bethanien hatte: „Herr und Meister, würdest Du mir gram werden, so ich hinginge, zu begrüßen mein Weib und meine Kinder?“
GEJ|8|99|2|0|Sagte Ich: „O mitnichten, aber siehe da diese Meine ältesten Jünger; sie haben daheim auch Weiber und Kinder, und keiner fragt Mich wie du nun! Ich aber sage es dir nun und so auch euch allen: Wer da irgend in der Welt noch eines oder das andere mehr liebt als Mich, der ist Meiner nicht wert, und wer einmal seine Hand an den Pflug legt und sich nach rückwärts, das heißt nach dem, was der Welt ist, umsieht, der ist noch nicht geschickt zum Reiche Gottes. Meinst Du wohl, daß darum dein Weib und deine Kinder versorgter sein werden, so du sie in dieser Nacht noch sähest und sprächest? – Das ist nun so Meine Meinung; übrigens steht es dir vollkommen frei, zu tun, wie es dir gut dünkt.“
GEJ|8|99|3|0|Als der Pharisäer solches von Mir vernommen hatte, da hatte er auch keine Lust mehr, nun am späten Abend sein Weib und seine Kinder zu besuchen und blieb ganz ruhig am Tische sitzen.
GEJ|8|99|4|0|Es fragte Mich aber nun ein anderer aus der Zahl der Judgriechen, der auch ein Pharisäer war, sagend: „Herr und Meister, Du weißt schon von Ewigkeit her in Deinem Geiste, was Du am morgigen Tage alles tun und unternehmen wirst! Manchmal hast Du uns das schon frei von Dir aus angezeigt, und so kann es nun ja auch nicht etwa gar zu weit gefehlt sein, so ich Dich nun darum frage, was Du etwa am morgigen Tage alles unternehmen wirst.“
GEJ|8|99|5|0|Sagte Ich: „So es dir und den andern not täte und dienlich wäre, da würde Ich es euch auch schon sagen, was Ich morgen alles unternehmen werde; aber weil das eben nicht der Fall ist, so sage Ich es euch auch nicht.
GEJ|8|99|6|0|Es ist aber für den Menschen eben nicht gut, so er zu viel voraus weiß, was in der Zukunft als bestimmt geschehen wird; denn das würde die Menschen entweder zur Verzweiflung bringen oder sie am Ende ganz lau und untätig machen.
GEJ|8|99|7|0|Und auf dieser Erde, auf der die Gotteskinder erzogen werden, geht es mit dem Weissagen über die Zukunft auch unmöglich mit einer solchen Bestimmtheit, wie das auf irgendeinem andern Weltkörper der Fall sein kann; denn bei der vollen Freiheit des Willens der Menschen dieser Erde kommt es ja zuallernächst darauf an, was die Menschen selbst wollen, und wie sie nach ihrem Erkennen und Willen handeln.
GEJ|8|99|8|0|Wenn Ich nun sagete: ,Du magst nun erkennen, wollen und handeln, wie du willst, so wird als ganz bestimmt doch nur das geschehen, was Ich da will und dir verkünde!‘, ja, wenn es also wäre, da wäre Ich wahrlich ganz zwecklos zu euch Menschen von den Himmeln herabgekommen, und alle Meine Lehre an euch wäre eitel!
GEJ|8|99|9|0|Ja, Ich sage noch mehr: Wenn in der sittlichen und staatlichen Hinsicht nur das geschehen müßte, was Ich euch verkünde, und zwar unabänderlich, so hättet ihr Menschen keine höhere Bestimmung als die Tiere; und wozu hättet ihr dann eure Vernunft, euren Verstand und eure Liebe und aus ihr den vollkommen freien Willen? Ich kann euch nur dahin als ganz bestimmt zum voraus sagen, daß über euch dies oder jenes kommen wird, wenn ihr so oder so wollet und handelt; aber wenn Ich je einem Volke oder auch nur einem Menschen als ganz bestimmt zum voraus anzeigen würde, daß dies oder jenes als ganz bestimmt geschehen werde, so wäret ihr nicht bestimmt, Kinder Gottes zu werden, und Ich wäre in Meinem Geiste nicht euer Vater.
GEJ|8|99|10|0|Gehet zurück auf alle Propheten, die zukünftige Dinge geweissagt haben, ob je einer etwas als unabweichbar Kommendes geweissagt hat! Ein jeder hat seine Weissagung nur stets unter gewissen Bedingungen aufgestellt, die sich stets auf die Besserung oder Verschlimmerung der Menschen bezogen. Nur Meine Fleischwerdung ist den Menschen als ganz bestimmt ohne ihr Wollen und Handeln geweissagt worden zu ihrem Heile, darum sie auch pur Mein Werk ist; obschon sie aber das ist, so lasse Ich aber nun dennoch einen jeden, der es nur will, teilnehmen an diesem Meinem größten Werke.
GEJ|8|99|11|0|Jonas mußte, von Meinem Geiste getrieben, zu den Niniviten gehen und ihnen ihren Untergang verkünden, so sie in ihrer Bosheit verharren würden. Er tat es ungern, da er als ein Prophet wohl wußte, daß Meine Vorausanzeigen stets auf Bedingungen gestellt sind. Das Volk von Ninive aber besserte sich, und das Tatsächliche Meiner Androhung blieb natürlich aus, was selbst den Jonas ärgerte.
GEJ|8|99|12|0|Ähnlich verhielt es sich mit dem Propheten Jeremias, einem Sohne Hilkias, aus den Priestern zu Anathot im Lande Benjamin, den Ich berufen hatte zur Zeit Josias, des Sohnes Amons, Königs von Juda, in seinem dreizehnten Regierungsjahre, und so auch zur Zeit des Königs Jojakim, Josias Sohn, und bis ans Ende des elften Jahres Zedekias, auch eines Sohnes Josias, Königs von Juda, und bis aufs Gefängnis Jerusalems im fünften Monde. Ja, dieses Propheten Weissagung ist vielfach in Erfüllung gegangen, und die Gefangenschaft erfolgte, aber nicht deshalb, weil Ich es den damaligen Meiner ganz vergessen habenden Juden durch den genannten Propheten hatte voraus verkünden lassen, sondern weil die Juden sich nicht besserten, den Propheten nur verlachten und beschimpften und am Ende sogar verfolgten, daß er selbst unwillig ward und alles Geschriebene vertilgte, und Ich ihn dann von neuem alles wieder niederschreiben hieß und ließ.
GEJ|8|99|13|0|Die Juden waren sonach selbst schuld, daß an ihnen zum größten Teile das zum leidigen Vollzug kam, was ihnen angezeigt wurde. Aber an vielen Juden, die sich wahrhaft gebessert hatten, ging der böse Teil der Weissagung des Jeremias nicht in Erfüllung, sondern nur der gute.
GEJ|8|99|14|0|Und so zerfällt auch alles, was Ich euch geweissagt habe und noch weissagen werde, von selbst begreiflich notwendig in zwei Teile, und das entweder im Eintreffen des Schlimmen oder im Eintreffen des Guten; also wird auch die Zeit nie als fest angegeben, sondern sie richtet sich stets ganz nach dem Wollen und Handeln der Menschen! Denn wie könnte Ich zu einem noch so entarteten Volke sagen: ,Weil du so sehr arg geworden bist und nicht geachtet hast Meine ernsten Mahnungen an dich, so sollst du, von heute an gerechnet, mit Blitz und Donner und Pech und Schwefel vom Himmel in sieben Tagen von der Erde vertilgt werden!‘, – das Volk aber nähme sich das sehr zu Herzen, täte Buße in Sack und Asche und kehrte sich zu Mir?! Werde Ich bei einem solch bewandten Umstande auch noch am siebenten Tage Meine Androhung in Vollzug setzen, weil Ich Selbst sie verkündet habe? O nein, – sondern Ich werde Mich des in sich gegangenen Volkes erbarmen und werde es segnen und nicht züchtigen!
GEJ|8|99|15|0|Ihr habt die Zeichen gesehen und wisset, was Ich Selbst über die Zukunft Jerusalems geweissagt habe, aber darum ist davon noch keine Folge, daß das auch als ganz unabänderlich bestimmt eintreffen müsse, sondern es wird das alles vom Wollen und Handeln der Juden und Templer abhängen!“
GEJ|8|99|16|0|Sagte hier der Pharisäer: „Aber Herr, Du mußt es doch für Dich als ganz bestimmt voraussehen, ob sich die Juden und Templer bessern oder nicht bessern werden, und danach dann auch sagen, daß über sie das angezeigte Gericht entweder nicht kommen oder für bestimmt kommen wird!“
GEJ|8|99|17|0|Sagte Ich: „Ja, so denkst du als ein Mensch, – aber Ich denke da ganz anders. Hast denn du noch nie in der Schrift gelesen hier und da, wo es hieß: ,Und Gott hatte von diesem Volke sein Gesicht abgewandt.‘? Was will aber das sagen? Siehe, das will soviel sagen: Ich sehe, so Ich ein Volk ein-, zwei-, drei- bis sieben Male ermahnt habe, dann nicht mehr darauf, was es will, und was es dann tut; kurz und gut, das Volk oder auch ein jeder Mensch für sich kann da wollen und tun, was ihm beliebt, und Ich nehme von nichts Kenntnis und Wissenschaft bis entweder zu seiner vollen Besserung oder bis zu seinem Sündenvollmaße. Wie dann das Volk oder auch ein Mensch will und handelt, so wird es ihm auch werden! Denn Ich habe das auf der Erde schon so eingerichtet, daß auf jede Handlungsweise der Menschen der sichere Erfolg von selbst kommen muß.
GEJ|8|99|18|0|Und so denn wird auch der morgige Tag kommen, ohne daß Ich euch nun zu weissagen brauche, wie er aussehen wird. Wenn auch zuzeiten reine Lichtgeister den Menschen etwas weissagen werden, so wird es doch auch bei dem verbleiben, was Ich euch nun gesagt habe, und was eure Vernunft als allein wahr erkennen muß. Da wir aber heute zur Genüge über Verschiedenes verhandelt haben, so wollen wir uns nun auch einmal wieder zur Ruhe begeben und unsere Eingeweide durch den Schlaf stärken.“
GEJ|8|99|19|0|Darauf erhoben sich alle und begaben sich dahin, wo ihre Ruhestätten für sie bereitet waren. Ich aber blieb auf Meinem Ruhestuhl im Saale bis zum Morgen.
GEJ|8|100|1|1|100. — Sitten und Gebräuche
GEJ|8|100|1|0|Nachdem sich in dieser Nacht ein jeder ganz wohl ausgeschlafen und ausgeruht hatte, standen samt Mir alle schon mehr denn eine Stunde vor dem Aufgange der Sonne auf und wuschen sich nach der Sitte der Juden; die Römer aber wuschen sich nach ihrer Sitte mit wohlriechenden Wässern und bestrichen sich hernach mit ebenfalls wohlriechendem Öl, das natürlich einen großen Wohlgeruch in den Zimmern des Hauses verbreitete.
GEJ|8|100|2|0|Da traten einige Jünger zu Mir und sagten: „Herr, diese haben wohl unseren Glauben und unsere Überzeugung angenommen, aber in ihren heidnischen Gebräuchen scheinen sie dennoch verbleiben zu wollen! Diese ihre Wässer, Öle und Salben mögen sehr kostspielige sein, und da wäre es für sie ja auch dienlicher, sich gleich uns nur mit purem und frischem Wasser zu waschen und das viele Geld, das ihre Wässer, Öle und Salben sicher kosten, für die Armen zu verwenden!“
GEJ|8|100|3|0|Sagte Ich: „Wer den Armen das tut, was diese Römer tun, der hat auch das Recht, so er dazu des Vermögens in hinreichender Menge besitzt, auch seinen Leib zu pflegen nach der Art und Weise, wie er schon von Kindesjahren an gewöhnt worden ist; denn ihnen ist das zu einem so natürlichen Bedürfnisse geworden wie euch das reine und frische Wasser. Ich aber sehe nicht darauf, ob und womit jemand seine Haut gereinigt und belebt hat, sondern nur allein darauf, ob er gewaschenen und reinen Herzens vor Mir ist.
GEJ|8|100|4|0|Daher, so ihr den Völkern Mein Evangelium verkünden werdet, sollet ihr sie auch belassen in ihren Leibespflegesitten; denn es genügt für einen jeden, daß er an Mich und Meinen Namen glaubt und nach Meiner Lehre lebt; seinen Leib aber soll er nähren und pflegen, wie er das von Kindheit an gewohnt war, damit er nach seiner Art frisch und gesund verbleiben kann.
GEJ|8|100|5|0|Kurz und gut, was ihr sehet, das Ich dulde, das duldet auch ihr! Was Ich aber zu jedermanns Seelenheile euch angeraten habe, das ratet auch ihr – ohne euch zu ärgern, ob es jemand annimmt oder auch nicht annimmt – denen an, zu denen ihr von Meinem Geiste geführt werdet!
GEJ|8|100|6|0|Auch ihr sollet essen und trinken, was euch irgend auf den Tisch aufgesetzt wird, und sollet nicht Wesens machen mit dem materiellen äußeren Judentum, das vor Mir keinen Wert hat, sondern handeln nach dem Geiste des wahren, inneren und lebendigen Judentums, so werdet ihr Meine wahrhaftigen Jünger sein, und Ich werde ein Wohlgefallen haben an euch und euren Werken und werde unter euch im Geiste verbleiben bis ans Ende der Zeiten dieser Erde! – Habt ihr Mich verstanden?“
GEJ|8|100|7|0|Sagte einmal Johannes: „Herr, Du sagst immer: ,Bis ans Ende der Zeiten dieser Erde!‘ Gut, wenn aber diese aus sein werden, was wird denn dann werden für die ganze Ewigkeit, und werden wir denn bis ans Ende der Zeiten dieser Erde hier verweilen und stets allen Völkern der Erde Dein Evangelium predigen müssen?“
GEJ|8|100|8|0|Sagte Ich mit freundlicher Miene zu Meinem Lieblinge: „Aber bist du noch manchmal voll kindischen Sinnes und Verstandes! Ihr werdet der leiblichen Persönlichkeit nach auch nicht länger auf dieser Erde zu leben haben wie irgendein anderer ordentlicher und gesunder Mensch; aber ihr werdet teils fortleben geistig wirkend in allen jenen, die euch in Meinem Namen nachfolgen werden, – andern Hauptteiles nach aber werdet ihr ewig fortleben bei Mir in Meinen Himmeln und werdet von da aus mehr denn jetzt einfließen und einwirken können auf die Menschen dieser Erde, die vor allem aus euch schon bekannten Gründen die Bestimmung haben, Meine Kinder gleich euch zu werden.
GEJ|8|100|9|0|Bis aber das eigentliche Ende der Zeiten dieser Erde kommen wird, das wird für euch bis jetzt noch unbegreifbar lange währen! Denn siehe, alle Materie dieser Erde besteht aus gerichteten und erst frei zu machenden Seelen. Rechnet ein Atom Materie auf die Substanz einer Seele und daß auf ein Jahr nur 10000 mal 10000 Seelen aus dem Gerichte der Materie erlöst werden können auf dem Wege, den Ich euch schon zu öfteren Malen gezeigt habe – und das aus dem Grunde, weil auf dem Boden der Erde mit solch einem jährlichen Zuwachs von einer so großen Menschenzahl nicht mehr Seelen bestehen können –, so werdet ihr wohl einsehen, daß die Erde noch hübsch lange, wennschon noch unter manchen Veränderungen, auch in der materiellen Beziehung fortbestehen wird.
GEJ|8|100|10|0|Dazu aber kommt noch, daß die Materie der Erde aus der Sonne und aus dem sie umgebenden Äther stets von neuem eine Vermehrung erhält, die freilich geringer ist, als was das jährliche Erlösungsquantum ausmacht, und sogestaltig werdet ihr es noch um so mehr einsehen, in ein wie sehr langes Dauern der Bestand dieser Erde bis in ihre letzten Zeiten noch hinausgeschoben ist. Allein, alles das ist also von Mir schon von Ewigkeit her verordnet, und die Zeit kommt nur dem noch die Last des Fleisches tragenden Menschen langewährend vor; in Meinem Reiche aber werdet ihr die Zeit und ihre Dauer mit ganz andern Augen und mit einer ganz andern Einsicht und Weisheit betrachten. – Sehet, so stehen die Sachen!
GEJ|8|100|11|0|Aber nun gehen wir wieder ins Freie hinaus! Denn es werden nun bald alle Anwesenden aus ihren Gemächern in diesen Saal kommen; Ich aber will Mich zuvor mit euch wenigen schon im Freien befinden.“
GEJ|8|100|12|0|Als Ich das mit den etlichen Meiner alten Jünger gesprochen hatte, und zwar mit Petrus, Johannes, Andreas, Jakobus und Matthäus, da kam auch unser Lazarus zu uns, begrüßte Mich und fragte Mich, wann Ich das Morgenmahl einnehmen möchte.
GEJ|8|100|13|0|Und Ich sagte: „Bald nach dem Aufgange (Sonnenaufgang), da Ich Mich dann bis auf den Abend hin nach einem Orte hinbegeben werde, von dem wir dann erst am Abend hierher wiederkehren werden; den Ort selbst aber, den wir besuchen werden, werdet ihr schon nachher erfahren!“
GEJ|8|100|14|0|Als Lazarus das vernahm, da ging er hinaus und ordnete alles an; Ich aber ging mit den etlichen Jüngern sogleich ins Freie, und Lazarus kam mir bald nach.
GEJ|8|101|1|1|101. — Der Kranichzug
GEJ|8|101|1|0|In einer Entfernung von etwa tausend Schritten von dem Städtchen Bethanien befand sich ein freier Hügel, der auch zum Besitztum des Lazarus gehörte. Auf diesen gingen wir zu und bestiegen ihn auch bald und leicht, da er eben nicht gar zu hoch war; aber da er ganz frei dastand, so gewährte er eine herrliche Rundschau, und man sah von ihm aus auch ganz gut bis nach Jerusalem.
GEJ|8|101|2|0|Als wir uns ganz auf der Höhe befanden, da ersahen wir von Nordwesten her einen starken Zug Kraniche in der Luft kommen, und Lazarus meinte, daß dies eine seltene Erscheinung sei, diese Vögel so frühmorgens weiterziehen zu sehen; denn gewöhnlich ziehen sie erst um den Mittag herum, am meisten aber in den Nachmittagsstunden. Es müßte das etwas ganz Besonderes bedeuten; denn diese Vögel haben einen gar scharfen Instinkt und fühlen schon tagelang ein ihnen drohendes Ungemach in der Natur, wo sie sich aufhalten ihres Unterhaltes wegen, machen sich zur Reise bereit, und auf ein gegebenes Zeichen ihres Führers erheben sie sich auf einmal und ziehen einem andern sicheren Orte zu.
GEJ|8|101|3|0|Sagte Ich: „Da hast du die Natur dieser Vögel wahrlich recht wohl beobachtet, und es ist das diesen Vögeln gegeben; aber hier zeigen sie mitunter auch etwas anderes an. Würdest du in der alttreuen Kunde der Entsprechungen zwischen der Geister- und Sinnenwelt wohlbewandert sein, was du schon noch werden wirst, so würdest du die eigentliche Bedeutung dieses morgendlichen Kranichfluges auch ganz verstehen; so aber verstehst du nur das, was du durch die Erfahrung der Natur dieser Vögel entnommen hast.
GEJ|8|101|4|0|Gebet aber nun wohl acht darauf, was diese sonst äußerst vorsichtigen Vögel machen werden, so sie gerade über uns hinwegfliegen werden!“
GEJ|8|101|5|0|Hierauf ward von uns der Flug dieser Vögel scharf ins Auge gefaßt, wie er sich in der schönsten Ordnung uns nahte. Es waren an hundert Vögel in der langen Reihe, und genau sieben bildeten die kurze Winkelreihe, die allzeit aus den alten, kräftigen und gewisserart erfahrenen männlichen Führern besteht.
GEJ|8|101|6|0|Als der Kranichzug über unseren Häuptern schwebte, mindestens bei vierhundert Mannshöhen hoch, da machte er halt, die Reihe löste sich auf, und die hundertsieben Kraniche fingen an, in Kreisen zu fliegen, und senkten sich niederer und niederer und das so lange, bis sie kaum sieben Mannshöhen hoch über uns herumkreisten und uns durch ihren eben nicht sehr wohlklingenden Gesang gewisserart die Ehre bezeigten. Dieses dauerte ein paar Minuten lang, und die Vögel senkten sich dann unter den Hügel in die Ebene hinab, auf der sich ein ziemlich großer Teich befand, in welchem Lazarus fürs Haus die Fische zog, die freilich nur zu den gewöhnlichen gehörten. In diesem Teiche nahmen die Vögel Wasser zu sich, soviel sie dessen zu ihrem Weiterflug bedurften. Als sichtlich alle damit versorgt waren, da gaben die sieben Ältesten das wohlerkennbare Zeichen zum Aufbruch, und alle Vögel erhoben sich wie mit einem Schlag in die Luft, machten aber vor ihrem gänzlichen Abflug noch einmal etliche Kreisflüge um den Hügel, auf dem wir uns befanden. Darauf aber hoben sie sich, in Kreisen fliegend, schnell zur ursprünglichen Höhe, stellten daselbst sogleich die frühere Linienordnung her und zogen dann gen Nordost; erst in einer ziemlichen Ferne veränderten sie ihre nordöstliche Fluglinie in eine südöstliche und kamen uns außer Sicht.
GEJ|8|101|7|0|Hier sagte abermals Lazarus: „Herr und Meister, wenn man das mit der rechten Aufmerksamkeit betrachtet, so ist es auch ein vollkommenes Wunder!“
GEJ|8|101|8|0|Sagte Ich: „Wie möchtest du Mir das wohl erklären bloß so aus deinem Gemüte?“
GEJ|8|101|9|0|Sagte Lazarus: „Herr und Meister! Wie es sich ganz natürlich zeigte, so war es auch schon in dem bloß natürlichen Verhalten ein Wunder; denn diese Vögel sind gar sehr klug und scheinen gar wohl zu wissen oder stark zu fühlen, daß wir Menschen, und namentlich wir Juden, eben nicht zu ihren Freunden zu zählen sind, und so ist es auch noch nie erhört worden, daß eben diese Vögel sich einer Anzahl Menschen je so freundlich genaht haben.
GEJ|8|101|10|0|Bei den Griechen, die diesen Vögeln eine Art von göttlicher Verehrung bezeugten, soll das eben nicht zu selten der Fall gewesen sein, daß diese Vögel sich ihnen in einer vielleicht ebenso freundlichen Weise genaht haben, wie das nun hier der Fall war; aber, wie gesagt, bei uns Juden ist das noch nie der Fall gewesen, wenigstens meines Wissens und meiner Erfahrung nach nicht. Und so halte ich das für ein wahres Wunder! Denn diese klugen Vögel haben es gemerkt, wer sich nun hier auf diesem Hügel befindet – nämlich auch ihr Herr und Schöpfer –, und das bewog sie, sich von der großen Flughöhe bis in die nächste Nähe dieses Hügels herabzulassen, um hier gewisserart nach ihrem Instinkt und nach ihrer Empfindung ihren Schöpfer und Herrn zu begrüßen und zu beehren.
GEJ|8|101|11|0|Mein Teich hat zudem auch noch niemals die Ehre gehabt, daß sich Kraniche, die nur ein reinstes Seewasser zu ihrem Trank nehmen, von seinem etwas trüben Wasser Labung genommen hätten; sie mußten also wohl geahnt haben, daß Du mit Deinem heiligen und allmächtigen Willen geheim das Wasser des Teiches gesegnet und für sie gekräftigt hast. Sie empfanden das sicher wohl, daher erhoben sie sich nach eingenommenem Wasser und umkreisten abermals jubelnd diesen Hügel, Dir gewisserart den Dank für die Wassersegnung darbringend, und erhoben sich erst nach Dir dargebrachtem Danke jubelnd zu ihrer ersten Flughöhe und setzten, also von Dir gestärkt, ihren wohlgeordneten Flug weiter fort.
GEJ|8|101|12|0|Daß sie von hier nicht gleich in der südöstlichen Richtung ihren Flug fortsetzten, davon scheint wohl mehr ihr scharfer, nahe an unsere Vernunft grenzender Instinkt der Grund gewesen zu sein. Denn in solcher Richtung wären sie dem Toten Meere etwa zu nahe gekommen, dessen weithin reichende böse Ausdünstung ihnen leicht einen Schaden hätte zufügen können. Sie nahmen darum ganz weise, könnte man sagen, anfangs die nordöstliche Richtung, und als sie außer aller Gefahr, die ihnen etwa in der größeren Nähe des bösen Meeres gedroht hätte, sich befanden, dann erst schlugen sie jene Richtung ein, nach der sie sicher gefahrlos an den Ort ihrer Bestimmung gelangen konnten.
GEJ|8|101|13|0|Das ist nun nach meiner ganz natürlichen Beobachtung und Ansicht sicher ein wahres Wunder vor den Augen eines jeden Menschen, der von Jugend an gewohnt war, alle Erscheinungen in der Naturwelt mit schärferen Blicken und auch mit einem tätigeren Verstande zu beobachten, als das die gewöhnlichen Weltweisen zu tun pflegen und eigentlich zu tun imstande sind. – Habe ich recht geredet, o Herr und Meister?“
GEJ|8|101|14|0|Sagte Ich: „Ja, ja, du Mein lieber Freund und Bruder, du hast diese Sache sehr wohl und gut aufgefaßt; denn also verhielt sich diese Sache auch, bloß von einem natürlichen Standpunkte aus betrachtet. Aber hinter dem steckt freilich eine noch um gar unglaubbar tiefere Weisheit, die aber nur der erkennen kann, der sich in einem inwendigen geistigen Schauen und Fühlen befindet und den Tod seiner Materie insoweit wohl besiegt hat, inwieweit er in die Seele noch hinüberragte und sie ängstigte.
GEJ|8|101|15|0|Damit ihr alle hier seienden wenigen aber auch davon absonderlich zum voraus einige Winke habt, so will Ich sie euch geben, bevor uns noch die andern finden werden; und so vernehmet Mich denn!“
GEJ|8|102|1|1|102. — Die geistigen Entsprechungen des Kranichzuges
GEJ|8|102|1|0|(Der Herr:) „Seht, alles in der Naturwelt, was sich da in allen ihren drei Reichen befindet, und alle noch so unbedeutenden Erscheinungen sind Schrift und Sprache für die erleuchtete Seele des Menschen. Und so war und ist es auch der von uns beobachtete Kranichflug. Daß diese Vögel Mir hier eine gewisse Ehrerbietung bezeigten, das ist ganz sicher; aber es wäre unvernünftig anzunehmen, daß diese Tiere Mich irgend erkannt hätten. Die Sache verhält sich da ganz anders, und das euch vollends wunderbar Vorkommende kehrt ins ganz getreu Natürliche zurück.
GEJ|8|102|2|0|Seht, ein jeder Mensch hat als ein geistig, seelisch und naturkörperlich lebendes Wesen ebenso eine Außenlebensatmosphäre um sich, wie sie ein jeder Weltkörper, jeder einzelne Stein wieder eigens für sich und so ein jeder Baum und jedes Gewächs nach seiner Art und also auch ein jedes Tier hat; denn ohne solch eine Außenlebensatmosphäre könnte weder eine Erde noch ein Stein, noch ein anderes Mineral, noch ein Gewächs und ein tierisch lebendes Wesen bestehen.
GEJ|8|102|3|0|Daß sich die Sache aber also verhält, könnet ihr einer von euch schon sicher oft erprobten Erfahrung entnehmen, daß ihr zum Beispiel in einem Eichenwald sicher von einer ganz anderen Empfindung bemeistert werdet als in einem Zedernwalde. Ein ganz anderes Gefühl bemächtigt sich des Menschen, wenn er sich auf einem Kalkfelsen befindet, und ein anderes auf einem Granitfelsen; ein anderes Empfinden hat der aufmerksame Mensch in einem Weinberge und ein anderes in einem Garten mit Feigenbäumen; und dasselbe wandelbare Gefühl hat der Mensch bei der Annäherung verschiedener Tiere und noch mehr bei der Annäherung verschiedener Menschen. Ein sehr fühlender Mensch empfindet das schon oft auf eine beträchtliche Ferne und fühlt es, ob ihm ein guter oder ein böser Mensch begegnen wird.
GEJ|8|102|4|0|Und sehet, das empfinden auch die Tiere, und manche um vieles schärfer als irgendein materieller und wenig über Gutes und Wahres denkender Mensch.
GEJ|8|102|5|0|Ist ein Mensch von einer vollendet guten Art, und ist er in seiner Seele von göttlichem Geiste erfüllt, so wird seine Außenlebensatmosphäre auch stets kräftiger und in weite Fernen hin zu reichen anfangen. Wenn solch einem Menschen sich dann auch selbst die reißendsten Tiere nähern, so werden sie von seiner Außenlebensatmosphäre durchdrungen und gesänftet, werden sich ihm voller Freundlichkeit nähern und ihm nichts zuleide tun, und er wird ihnen sogar mit seinem Willen gebieten können, und sie werden sich ihm gehorsam erweisen.
GEJ|8|102|6|0|Beispiele von der Wahrheit des Gesagten findet ihr bei den Urvätern der Erde, bei den Patriarchen und bei den Propheten; und in dieser Zeit habt ihr das schon selbst an Meiner Seite gar vielfach erprobt.
GEJ|8|102|7|0|Nun, Ich Selbst sicher am meisten und auch ihr mit Mir haben wohl sicher die am allerweitesten über uns selbst hinausreichende Außenlebensatmosphäre von höchster Kraft, Güte und Vollkommenheit!
GEJ|8|102|8|0|Die von uns gesehenen Kraniche, die sich den Sommer hindurch in den nördlicheren Sümpfen und kleinen Seen Griechenlands aufhielten, sind nun im Herbst in die Zeit ihrer Wanderung gekommen, die ihnen ihr scharfer Instinkt anzeigt. Diese uns aus den nächsten Sümpfen daher zur Sicht gekommenen Kraniche haben unsere Außenlebensatmosphäre auch am allerersten und am allermeisten empfunden und sind ihrem Zuge nachgeflogen. Als sie vollends hierher gekommen sind, wurden sie auch von einem mächtigen Wohlgefühl derart bemeistert, daß sie denn haltmachten und sich in unsere völlige Nähe herabsenkten und hier, um uns kreisend, in einer großen Wonne schwelgten. Sie wurden wie ganz gesättigt und nahmen darum auch das Wasser, – erstens, um sich den Durst zu stillen, und zweitens, um für ihren Weiterflug einen Vorrat zu haben, da ihre Reise bis in die großen Ebenen Indiens bestimmt ist.
GEJ|8|102|9|0|Sehet, was ihr denn nach eurer Meinung an den Kranichen als Wundersames zu beobachten glaubtet, war im Grunde etwas ganz Natürliches, das aber freilich nun nur Der erkennen kann, der die gesamte Einrichtung aller Kreatur wohl kennt!
GEJ|8|102|10|0|Es ist das alles zwar auch ein Wunder, aber kein Wunder einer solchen Art, die eigentlich von der blinden Menschheit als ein Wunder angesehen wird also, als wäre so ein Wunder eine Art göttlicher Magie, sondern ein Wunder für den im Geiste geweckten Menschen von ganz natürlicher Art.
GEJ|8|102|11|0|Sollte nun etwa noch ein zweiter Kranichzug in einer Stunde nachkommen, so werdet ihr an ihm ganz die gleiche Erscheinung erleben, sie aber auch besser begreifen als die erste.
GEJ|8|102|12|0|Aber was besagt denn solch ein Kranichflug durch die Schrift und Sprache der inneren geistigen Entsprechung? Wer kann das Bild lesen und es im Worte treu und wahr und verständlich aussprechen? – Sehet, das ist eine ganz andere Frage, die sicher schwerer zu beantworten ist denn das, was ihr aus der Erscheinung als ein pures Wunder zu sein des Glaubens waret!
GEJ|8|102|13|0|Diese Vögel bewohnen nur reine Sümpfe in der Nähe von Seen, die ein reines Wasser haben; in stinkenden und faulen Pfützen wird man sie schwerlich je antreffen. Ihre Nahrung sind gesunde und lebendige Fischlein und auch anderes reines Seegewürm.
GEJ|8|102|14|0|Nun, das reine Wasser bezeichnet in der geistigen Entsprechung reine und durch nichts mehr getrübte Erkenntnisse der vollen Wahrheit aus den Himmeln.
GEJ|8|102|15|0|Diese Tiere stellen demnach die Menschen dar, die stets bemüht sind, nach reinen Erkenntnissen zu trachten und ihre Seele mit den lebendigen reinen Fischlein (lebendiges Wort aus Gott) und reinem Gewürm (reine Erfahrungserkenntnisse aus dem Bereich der Natur) zu sättigen.
GEJ|8|102|16|0|Infolge dessen, daß die hier in Rede stehenden Tiere sich also nur mit dem Reinen abgeben, sehen wir bei ihnen eine überwiegende Intelligenz und Ordnung in allem, was wir aus dem Bereich ihrer Tätigkeit kennen. Wo sie wohnen, stellen sie sehr sorgsame Wachen auf, die durch einen gewissen Ton die ganze Gemeinde zu benachrichtigen haben, so sich derselben irgendein Feind naht, den der aufgestellte Wächter aus dessen ihm weit vorangehenden Außenlebensatmosphäre durch sein scharfes Gefühl untrüglich wahrnimmt. Also merken diese Tiere auch genau die Zeit ihrer Wanderung; und wenn sie diese antreten, so geschieht es stets mit der größten Vorsicht und Ordnung, wie ihr euch davon schon oft zu überzeugen die Gelegenheit gehabt habt.
GEJ|8|102|17|0|Sehet, so wird auch der Mensch, und am Ende eine ganze große Gemeinde, alles aus seinen ganz reinen Erkenntnissen in eine gewisse bestmögliche Ordnung stellen, in allem Tun und Handeln die rechte Vorsicht und Weisheit anwenden und somit auch davon fürs ganze Leben und für ewig die besten und sichersten Erfolge ernten!
GEJ|8|102|18|0|Der geradlinige Flug der Kraniche bedeutet den festen und ernsten Charakter, niemals von der einmal wohlerkannten Wahrheit abzuweichen; denn mit dieser sicher höchst geraden geistigen Richtungs- und Wanderlinie kommt der Mensch am ehesten zum fürs Leben ersprießlichsten Ziel.
GEJ|8|102|19|0|Beim Weiterflug dieser Vögel habt ihr vorne die gewissen Führer der ganzen langen Linie bemerkt. Sehet, das geht abermals aus der reinen Kost hervor!
GEJ|8|102|20|0|Wenn nun die Seelen der Menschen einer Gemeinde mit der reinen Wahrheitskost genährt werden, so werden sie auch aus ihrer Mitte die Weisesten bald und leicht herausfinden und ihnen die Leitung und Führung übergeben und völlig anvertrauen; diese aber bleiben dann auch, solange sie auf dieser Erde leben, ihre Leiter und Führer, und ist einer von ihnen hinübergewandert, so wird er alsbald durch einen Würdigsten aus der Gemeinde ersetzt, und des Hinübergewanderten Geist wird auch vom Jenseits herüber als ein wahrer Schutzgeist über die zurückgelassene Gemeinde wachen und wird mit ihr in der seligsten Gemeinschaft und im Verkehr stehen und belehrend auf sie einwirken, wie das auch der Fall war bei den Urvätern, Patriarchen und vielen Propheten. Und so wird sich solch eine wohlgeordnete Gemeinde sicher auch stets in einer wahren, himmlischen Glückseligkeit schon hier auf dieser Erde befinden.
GEJ|8|102|21|0|Denn nur der Mensch, der in diesem Leben schon in einem Vollmaße das innere Lebenslicht besitzt, indem er sich, Gott und dessen liebevollsten und weisesten Absichten mit den Menschen klar erkennt und keinen Tod, sondern nur ein ewiges, allerseligstes Leben klar vor sich sieht, kann auch hier auf Erden schon in einer ganz himmlischen Weise selig sein, während ein anderer Mensch, der sich nicht in solch einer Lebensordnung befindet, von einem Zweifel in den andern verfällt, sich mit allerlei finsteren Gedanken ängstigt und, um diese zu verscheuchen und zu betäuben, sich am Ende allen sinnlichen Genüssen in die Arme wirft und so anstatt ein Kind des Himmels nur ein Kind der Hölle und ihres alten Gerichtes wird.
GEJ|8|102|22|0|Die sieben Führer stellen auch die Vollzahl des Guten und Wahren der Himmel aus Gott dar, weil in solcher Vollzahl die euch schon bekanntgegebenen sieben Geister Gottes, als in der rechten Ordnung wirkend und handelnd, dargestellt sind. Daher genügen auch einer jeden Gemeinde sieben Vorsteher in der Ordnung der sieben Geister in Gott; aber da muß dennoch ein jeder die sieben Geister in sich als völlig tätig haben, aber dabei dennoch in der Führung der Gemeinde einen Hauptgeist vertreten.
GEJ|8|102|23|0|Eine solche Gemeinde wird dann sein wie ein vollkommener Mensch vor Gott, wie solches in den Himmeln der Fall ist, der aus zahllos vielen Vereinen besteht und ein jeder Verein gewisserart einen vollkommenen Menschen darstellt. Die Unterschiede zwischen den Vereinen bestehen nur darin, daß in zahllos mannigfachen Verhältnissen des Mehr oder Weniger in einem oder dem andern Vereine der eine oder der andere Geist Gottes als reichlicher ausgebildet und vertreten erscheint.
GEJ|8|102|24|0|Aus diesen nun angezeigten Verhältnissen, die zwischen mehr oder minder ins Unendliche gehen, entstehen auch die endlos vielen und mannigfaltigen Formen in der materiellen Schöpfung, gleichwie aus sieben einfachen Grundfarben eine endlose Mannigfaltigkeit von allen möglichen Farben und aus den sieben einfachen Tönen in der reinen Musik eine nie endende Mannigfaltigkeit von Melodien und entzückenden Harmonien geschaffen werden kann.
GEJ|8|102|25|0|Sehet, so wie Ich euch hier nur in einem ganz kurzen Abriß von der Natur und dem Fluge der Kraniche ein entsprechendes geistiges und himmlisches Bild gezeigt habe, also besteht auch Entsprechung von allem, was euch diese Erde zu sehen, zu hören, zu riechen, zu schmecken und zu fühlen bietet! Aber nicht der Leib, noch eure ängstliche Seele, sondern nur allein der lebendige und ewige Geist aus Gott im Herzen eurer Seele kann euch dazu den Eröffnungsschlüssel geben; darum bestrebet euch der Wiedergeburt eures Geistes in eurer Seele, und die ganze Schöpfung mit allen ihren zahllos vielen Erscheinungen wird für euch sein wie ein großes und aufgeschlagenes Buch, in dem ihr den Grund der göttlichen Liebe, Weisheit und Macht gar wohl werdet erschauen und klarst begreifen können! – Habt ihr dieses nun wohl verstanden?“
GEJ|8|102|26|0|Sagten alle: „Ja, Herr, Du großer Gott und Meister von Ewigkeit, denn diesmal hast Du wieder einmal ganz klar und offen geredet! Wer in Deiner Schule nicht gut, erleuchtet und weise wird, der wird es sonst wohl sicher niemals und nirgends!“
GEJ|8|103|1|1|103. — Die Ankunft der Römer beim Herrn
GEJ|8|103|1|0|Hierauf sagte Lazarus: „Herr und Meister! Es ist aber wahrlich schade, daß diesen gar so besonderen Unterricht die sehr wißbegierigen, biederen Römer nicht auch haben vernehmen können! Was werden wir ihnen sagen, so sie uns sicher fragen werden, was hier in ihrer Abwesenheit sich alles ereignet habe? Dürfen wir ihnen von der großen Belehrung über den Flug der Kraniche etwas mitteilen?“
GEJ|8|103|2|0|Sagte Ich: „So Ich es für gut und nötig für sie erachtet hätte, da hätte schon auch Ich sicher am ersten dafür gesorgt, daß sie daran teilgenommen hätten; aber da das für sie vorderhand noch nicht nötig ist, sondern nur für euch wenige, die tieferen Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen, so habe Ich das auch nur euch wenigen als etwas Besonderes gezeigt und enthüllt.
GEJ|8|103|3|0|Es haben aber eben die Römer, wie vor ihnen auch die Griechen, aus den unverstandenen alten Lehren und Weissagungen der alten Ägypter, die diese aus den Entsprechungen zwischen der Sinnen- und Geisterwelt vollwahr ableiteten, ihr finsteres Heiden- und Götzentum abgeleitet, und mehr als die Hälfte ihrer Priester beschäftigt sich mit den Erscheinungen auf dieser Naturwelt und machen daraus allerlei Wahrsagereien. Der Morgenflug der verschiedenen Vögel ist ihnen dazu sehr dienlich, so wie das Blut und die Eingeweide der vor dem Aufgange geschlachteten Tiere, ebenso die Winde, der Zug der Wolken, der nächtliche Stand der Sterne und die Färbung des Himmels; auch zünden sie morgens ein Feuer an und machen auch daraus allerlei Wahrsagereien und lassen sich dafür von groß und klein bezahlen. Wenn nun die hierseienden Römer Mich über den Flug der Kraniche hätten also reden hören, da wären sie uns gleich mit einer Unzahl von Fragen über gar viele Erscheinungen, die sie erlebt haben, und von denen nach den Wahrsagungen ihrer Zeichendeuter auch dann und wann manches eingetroffen ist, über den Hals gefallen, und wir hätten da tagelang zu tun, bis wir sie nur halbwegs der Wahrheit gemäß befriedigt hätten.
GEJ|8|103|4|0|So sie Meiner Lehre gemäß leben und handeln werden, so werden sie schon durch ihren Geist ohnehin auch in alle andere Weisheit geleitet werden; wüßten sie aber nun auch das, was Ich nun nur euch anvertraut habe, so würden sie daheim beinahe schon nichts anderes mehr tun, als mit aller Hast und Gier die Erscheinungen der Naturwelt beobachten und sie zu enträtseln versuchen, dabei aber wegen Mangel der Geisteseinung mit der Seele in allerlei Irrtümer verfallen, was für die Entwicklung ihres inneren Lebens wahrlich nicht ersprießlich wäre. Aus diesem Grunde behaltet das von Mir euch Erklärte vorderhand nur bei euch! – Nun aber werden sie bald bei uns sein, da sie es von Raphael erfahren haben, wo wir uns befinden.“
GEJ|8|103|5|0|Als Ich das den wenigen gesagt hatte, da kam auch schon die ganze Schar aus dem Städtchen ins Freie, ward bald unser ansichtig und ging auf uns zu.
GEJ|8|103|6|0|Raphael aber führte nach Meinem Willen die Jugend auf einen andern größeren Hügel und hatte sein Wesen mit ihr. Als er den Jungen den Hügel zeigte, auf dem Ich Mich befand, da fielen alle auf ihre Knie und lobten und priesen Mich voll Inbrunst als den guten, lieben Vater.
GEJ|8|103|7|0|Nun kamen aber auch schon die Römer und alle andern Jünger an. Nur die etlichen bekehrten Templer, deren Weiber mit den Kindern sich in Bethanien befanden, waren nicht dabei, weil sie eben von ihren Weibern und Kindern erschaut und somit auch aufgehalten worden waren, wofür sie nicht konnten; denn Ich Selbst ließ das zu, auf daß sie dann den Tag über von ihnen in Ruhe gelassen werden möchten. Mit den benannten Templern kamen wir denn auch erst beim Morgenmahle zusammen.
GEJ|8|103|8|0|Als die Römer zuerst am Hügel zu Mir kamen, grüßten sie Mich auf das liebevollste, und Agrikola sagte: „O Herr und Meister, wie froh sind wir doch, daß wir Dich wiedergefunden haben, und daß wir nun sehen, daß Du uns mit Deiner heiligen Persönlichkeit nicht verlassen hast! Wir waren schon alle ängstlich geworden, da wir Dich im Hause nicht fanden und dann bei uns der Meinung geworden sind, daß Du mit den wenigen Jüngern irgendwohin etwa schon gleich auf den ganzen Tag verreist seist. Deine zurückgebliebenen Jünger waren selbst unserer Meinung, darum, weil Du gestern aus wohlweisen Gründen niemandem einen Aufschluß geben wolltest, was Du etwa heute unternehmen werdest. Am Ende unseres Fragens und Ratens gab uns der herrliche Raphael dahin den Aufschluß, daß du Dich in der Nähe, als hier, befändest. Da brachen wir denn auch eilends auf, eilten hierher und fanden Dich auch zu unserem Troste. Und wir sind nun über die Maßen froh, daß wir Dich, unser Alles, nur wieder in unserer Mitte haben!“
GEJ|8|103|9|0|Sagte Ich: „Also bin auch Ich froh, daß ihr noch so ziemlich früh vor dem Aufgange hier bei Mir euch eingefunden habt; denn wer an Mir Freude hat und Mich liebt, an dem habe auch Ich Freude und liebe ihn.
GEJ|8|103|10|0|Es werden aber Zeiten kommen, in denen Mich auch die Menschen suchen, aber nicht so bald und leicht finden werden, wie das nun bei euch der Fall war.
GEJ|8|103|11|0|Wer Mich aber ernstlich suchen wird im Herzen und in der Tat nach Meinem Worte, der wird Mich auch finden und eine größte Freude haben, daß er Mich gefunden hat. Wer Mich aber einmal wird gefunden haben, der wird Mich auch nicht mehr verlieren! Auf gewisse Augenblicke, zur größeren Probung seiner Liebe und Geduld, werde Ich wohl noch dann und wann Mein Antlitz vor ihm verhüllen, aber ihn deshalb nicht verlassen!
GEJ|8|103|12|0|Wohl aber denen, die Ich recht viel prüfen werde; denn aus dem werden sie erkennen, daß Ich sie überaus liebe! Denn wer viel geprüft wird und die Prüfungen wohl bestehen wird, der wird jenseits in Meinem Reiche auch über Vieles und Großes gesetzt werden; wer aber weniger geprüft wird seiner Schwäche wegen, der wird auch über Wenigeres und Geringeres gesetzt werden.
GEJ|8|103|13|0|Ihr alle aber werdet um Meines Namens und der Wahrheit willen auch noch gar manche Proben zu bestehen bekommen, und eure Geduld, die in euch noch der schwächste Geist ist, wird der Feuerprobe nicht entgehen. Wenn aber solches über euch kommen wird, so denket an diesen Hügel, und daß Ich euch solches zum voraus verkündet habe; aber denket auch im Herzen, daß Ich da im Geiste zu euch kommen, euch stärken und kräftiglichst helfen werde! Dieses alles merket euch alle auch besonders wohl! Denn in diesen Tagen und auch in den künftigen Zeiten leidet das Reich Gottes Gewalt, und die es mit Gewalt an sich reißen, die werden es auch besitzen. In den künftigen Zeiten aber wird es also sein, wie Ich euch das nun durch ein Gleichnis zeigen werde.“
GEJ|8|104|1|1|104. — Das Gleichnis vom hungrigen Wanderer
GEJ|8|104|1|0|(Der Herr:) „Es war ein Mensch, den es in der Nacht auf dem Wege sehr zu hungern begann. Da kam er nahe in der Mitternachtsstunde in einen Ort. Da war ein Haus, das einer Herberge glich, aber alles schlief schon im Hause. Der Wanderer aber fing an die Haustür und auch an die Fenster zu pochen an, und da er eine Zeitlang pochte, so ward der Herr der Herberge wach, ging ans Fenster und fragte mit unwilliger Stimme den späten Wanderer, was es denn sei, darum er in so später Nachtstunde gar so unverschämt an Türen und Fenster poche.
GEJ|8|104|2|0|Der Wanderer aber sagte: ,O Herr, ich komme weiten Weges, habe den ganzen Tag über nichts zu essen und zu trinken bekommen, da auf dem ganzen Wege durch die Wüste kein Haus und keine Herberge anzutreffen war; darum bitte ich dich, daß du dich nun meiner erbarmen und mir ein Brot geben möchtest, daß ich mich sättigen und stärken kann, sonst verschmachte ich!‘
GEJ|8|104|3|0|Da sprach der Herr der Herberge: ,Was fällt dir denn ein, in so später Stunde der Nacht von mir ein Brot zu verlangen! Warte, bis der Tag kommen wird!‘
GEJ|8|104|4|0|Der Wanderer aber ließ sich mit diesem Bescheide nicht abfertigen, sondern bat den Herbergsherrn noch viel mehr und um vieles dringender um Brot.
GEJ|8|104|5|0|Da gab der Herbergsherr denn doch nach, – und so er dem Wanderer gewisserart auch nicht aus Erbarmung das verlangte Brot gab, so gab er es ihm doch des in so später Nacht unverschämten Bittens wegen.
GEJ|8|104|6|0|Und sehet, aus diesem Bilde könnet ihr entnehmen, wie ein Mensch, der seinen ganzen Erdenlebenstag auf ödem Wege durch die Wüste des weltlichen Irrsals sicher kein Brot zum Leben seiner Seele finden und bekommen konnte, dabei in die tiefe Lebensnacht hineinkommend, am Ende doch noch in der Nacht, dieweil er doch den Weg fortwanderte, an eine Herberge kam, von der er wenigstens dahin überzeugt war, daß sich darin ein Brot des Lebens vorfinden werde!
GEJ|8|104|7|0|Da fing er denn auch an zu pochen und zu bitten, und es ward ihm am Ende seiner Zeit doch noch zuteil, was er in der Wüste der Welt lange vergeblich gesucht hatte.
GEJ|8|104|8|0|Und sehet, das heißt denn in diesen Tagen und noch mehr in den künftigen finsteren Zeiten das Reich Gottes mit Gewalt an sich reißen; denn wer da suchen wird, der wird auch finden, so er auf dem noch so öden Wege nicht stehenbleibt. Wer an die Türe pochen wird, wenn auch schon in der Nacht, dem soll dennoch aufgetan werden, und wer da bitten wird mit Beharrlichkeit, dem wird auch gegeben werden, um was er gebeten hat! – Habt ihr dieses Bild nun wohl verstanden?“
GEJ|8|104|9|0|Sagte Agrikola: „Herr und Meister, verstanden haben wir dieses Bild wohl, aber es ist darin, wie ich es entnommen habe, eben nichts so ganz Tröstliches, wie wir solches schon aus Deinen vielen andern Lehren und Worten überkommen haben. Es ist schon wahr, daß die Erreichung eines großen Glückes auch zum voraus großer Opfer und Anstrengungen bedarf; aber so man nach meiner Meinung einen vollends ernsten und festen Willen hat, völlig nach Deiner Lehre zu leben – was ich nach meiner Beurteilung für eben nichts besonders Schweres und überaus Anstrengendes halte, indem Du doch Selbst gesagt hast, daß Dein Joch sanft und Deine Bürde leicht sei –, so muß ich nun aufrichtig gestehen, daß ich aus diesen Worten, nach denen das Reich Gottes in diesen Tagen, wie auch in einer künftigen, wüsten Zeit nur mit Gewalt und Anstrengung wird an sich gerissen werden können, das Trostvolle des sanften Joches und der leichten Bürde nicht herausfinden kann.
GEJ|8|104|10|0|Wohl aber finde ich in diesen Deinen Worten, daß die Ausbreitung Deiner Lehre, so überaus göttlich wahr sie auch immerhin ist, viele und große Kämpfe und sogar die blutigsten Kriege nach sich ziehen wird! Denn so auf dieser Erde zufolge der Erhaltung und möglichen Gutbildung des freien Willens die vielen Teufel und die nur wenigen echten Engelmenschen ein gleiches und durch nichts als höchstens durch strenge Staatsgesetze etwas beschränktes Handlungsrecht haben, da braucht das Gewinnen des Reiches Gottes freilich wohl sehr viel Gewalt; aber mit dem sanften Joch und mit der leichten Bürde, Herr und Meister, sieht es da ganz schmal aus!
GEJ|8|104|11|0|Es ist das nur so meine Ansicht, und ich bin der Meinung, daß ich eben auch nicht ganz unrecht haben werde. Aber ich bitte Dich dennoch, daß Du uns das, wie man eigentlich dem Reiche Gottes Gewalt antun muß, um es an sich zu reißen, ein wenig näher beleuchten möchtest! Denn ich möchte Dein sanftes Joch und die leichte Bürde und die Gewalt ein wenig näher beisammen haben.“
GEJ|8|105|1|1|105. — Was es heißt, dem Himmelreich Gewalt antun
GEJ|8|105|1|0|Sagte Ich: „Freund, dem Ernstwollenden ist jede Mühe und Arbeit ein sanftes Joch und eine leichte Bürde; aber wenn du bei einer ernsten Arbeit die Mühe scheust, so wirst du mit derselben nicht gar füglich zum erwünschten Gewinne gelangen, und die rechte Mühe und Kräfteanstrengung ist ja eben die Gewalt, die ein jeder Mensch dem Reiche Gottes antun muß, um es sich vollends zu eigen zu machen!
GEJ|8|105|2|0|Siehe, ihr selbst tuet dem Reiche Gottes eine wahrhaft große Gewalt an; aber weil ihr es euch vollernstlich zu eigen machen wollet, so scheuet ihr auch keine Mühe und keine Opfer, und Mein Joch kommt euch dennoch gar sanft und Meine euch auferlegte Bürde gar leicht und gering vor. Bedenket nur, daß ihr aus Liebe zu Mir die vielen Jungen mit euch nach Rom nehmet und sie dort in Meinem Namen auch bestens versorgen werdet! Ihr nehmet aber nebstdem noch die arme Familie von Emmaus, die Familie Helias und mehrere bekehrte Templer mit ihren Weibern und Kindern ebenfalls mit euch und werdet auch für sie sorgen, – und sehet, darin liegt eine gar große Gewalt, die ihr als Heiden dem wahren Reiche Gottes antut, um es vollends an euch zu reißen, und ihr werdet demselben noch eine größere Gewalt antun, da euch euer voller Glaube an Mich, eure Liebe zu Mir und euer fester und vollends guter Wille noch mehreres zu tun nötigen wird, als ihr bis jetzt schon getan habt! Und es wird euch das alles doch nur ein sanftes Joch und eine leichte Bürde sein, weil ihr selbst es also gern und vollernstlich wollet.
GEJ|8|105|3|0|Wenn du, Freund, das nun so mit dem rechten Verstandesauge ansiehst und beurteilst, so wirst du es wohl einsehen, daß hier das sanfte Joch, die leichte Bürde und die dem Reiche Gottes anzutuende Gewalt ganz auf ein und dasselbe hinauslaufen.
GEJ|8|105|4|0|So du aber zum Beispiel nun unsere Templer betrachtest und daneben gar viele Weltmenschen, so frage dich selbst, ob das, was ihr zur Gewinnung des Reiches Gottes nun ganz leicht tuet, für sie nicht eine derartige Gewaltanstrengung für ihren Willen wäre, mit der man schon gleich die Berge der Erde verschieben könnte! Und wenn sie, die es könnten, dem Reiche Gottes nicht eine solche Gewalt antun werden, wie ihr sie ihm schon freudigst angetan habt, so werden sie es auch wahrlich nicht überkommen!
GEJ|8|105|5|0|Und wie es nun ist in diesen Tagen und in dieser Zeit, also wird es bei den Weltmenschen auch in den künftigen Zeiten der Fall sein; denn es wird diese Erde nie einen gänzlichen Mangel an weltsüchtigen Menschen haben, und denen wird Mein Joch nicht sanft und Meine Bürde nicht leicht vorkommen. Und so sie in ihren letzten Tagen etwa doch noch gewillt werden, das Reich Gottes zu gewinnen in der langen Nacht ihres Erdenlebens, so werden auch sie an die Türen zu pochen anfangen müssen, um nur ein wenig Brotes zur Lebenssättigung ihrer Seele aus den nur untersten Himmeln zu erlangen.
GEJ|8|105|6|0|Darum wird der, welcher um Meinetwillen viel tun und viele Tatenopfer bringen wird, auch viel vom Reiche Gottes überkommen; wer aber, dem nächtlichen Wanderer gleich, am Ende seiner Reise durch diese Welt vor Meiner Tür ernstlich zu pochen und zu bitten anfangen wird, der wird wohl auch nicht verstoßen werden, aber er wird nur wenig bekommen, weil er zur Gewinnung des Reiches Gottes sich auch nur eine kleine Mühe gab und es erst dann zu suchen begann, als ihn die äußerste Not dazu zwang.
GEJ|8|105|7|0|Daß ein solcher Mensch dem Reiche Gottes nur eine sehr geringe Gewalt angetan hat, ist sicher leicht begreiflich, und es ist daher auch leicht begreiflich, daß ein solcher Mensch aus dem Reiche Gottes keinen großen Anteil zu erwarten haben wird! Denn mit welchem Maß jemand hier mißt, mit demselben Maß wird ihm auch im Reiche Gottes zurückgemessen werden.
GEJ|8|105|8|0|Wer also dem Reiche Gottes, um es zu gewinnen, eine große Gewalt angetan hat, der wird im selben auch schon hier auf Erden zu einer großen Macht und Gewalt gelangen; wer aber dem Reiche Gottes, um es zu gewinnen, nur eine kleine Gewalt angetan hat, der wird auch im selben eine ganz kleine Macht und Gewalt überkommen und wird jenseits diejenigen ewig nicht erreichen, die schon hier auf dieser Erde groß und mächtig vor Mir geworden sind. – Hast du, Mein Freund, das nun wohl verstanden?“
GEJ|8|106|1|1|106. — Über das Jenseits
GEJ|8|106|1|0|Sagte Agrikola: „Ja, Herr und Meister, nun ist mir freilich alles klar geworden, und wir danken Dir alle aus dem tiefsten Grunde unserer Herzen für diese Deine uns so liebreich und gnädig erteilte Belehrung!“
GEJ|8|106|2|0|Als der Römer diesen Dank ausgesprochen hatte, da fing es im Osten schon an, sehr golden helle zu werden, und es ward sehr munter in der Natur. Die Vöglein fingen an, in der buntesten Weise ihre Lieder anzustimmen, die frischen Morgenwinde fingen an, lebhafter zu wehen, und des eben nicht unansehnlichen Teiches recht schöne Wasserfläche wurde wellengeschäftig, als hätte sie eine Freude an den Liebkosungen des Morgenwindes. Also ward auch das Gras belebt, und der blaue und duftige Rauch aus den Kaminen der Häuser wurde von dem Morgenwind auch in allerlei seltenen Formen und Wendungen in der Luft verweht, und so gab das eine recht schöne und heiter bewegte Morgenszene ab.
GEJ|8|106|3|0|Als wir alle mit recht vieler Lust und Freude die Morgenszenen eine Zeitlang betrachteten und es dabei immer heller und heller ward, da kamen eine Menge Turteltauben von Osten her geflogen, ließen sich auch um den Teich nieder und nahmen Wasser zu sich.
GEJ|8|106|4|0|Das gefiel den Römern, und unser Markus meinte und sagte: „Herr und Meister, sieh, unseren manchmal eben nicht ungeschickten Zeichendeutern würde das, so um diese Zeit von Osten her Scharen von Vögeln dieser Art kommen, einen frühen Winter, aber von kurzer Dauer, andeuten; im Monde des Januarius aber komme dann schon ein beständiger Frühling. Nun, das hatte schon manchmal seine Richtigkeit und öfter ja als nein; aber Du als der Herr der gesamten Natur wirst uns da sicher eine bessere Auskunft geben können, und es wäre das auch gut für uns, damit wir, auf dem wahren Grunde stehend, so manche einheimischen Irrtümer bekämpfen und nur die reine Wahrheit an ihre Stelle setzen könnten. – Was sagst Du zu dem, was ich Dir über die Bedeutung dieses Vogelfluges anzeigte?“
GEJ|8|106|5|0|Sagte Ich: „Darüber, Freund, werden wir nicht viele Worte verlieren! Alle solche Zeichendeutungen sind von alten Erfahrungen wohl abgeleitet, und es kann hier und da noch etwas Wahrscheinliches an ihnen kleben; aber sie sind schon unter den Griechen und besonders bei euch Römern durch allerlei phantastische Zusätze derart entstellt worden, daß nun beinahe keine völlig wahre Silbe daran klebt.
GEJ|8|106|6|0|Aber hier bedeutet dieser Turteltaubenflug gar nichts anderes, als daß die Tauben morgens gewöhnlich in einer größeren Menge diesem Teiche zueilen und da Wasser nehmen, damit sie dann zu ihrem Herumfliegen größere Kraft erhalten; denn ohne Wasser könnte am Ende kein Vogel mehr fliegen.
GEJ|8|106|7|0|Warum aber ein jeder Vogel zum Fliegen des Wassers benötigt, das könnet ihr jetzt noch lange nicht begreifen; aber die Menschen in den kommenden Zeiten werden auch hinter solche Geheimnisse nach und nach kommen. Sieh, nun haben diese Vögel ihren Durst gestillt, und sie erheben sich und fliegen wieder zumeist dahin, von woher sie gekommen sind! Lassen wir sie fliegen!“
GEJ|8|106|8|0|Als Markus solches von Mir vernommen hatte, da fragte er nicht mehr nach der Bedeutung der Zeichen und betrachtete wieder ganz wohlgemut die Szenen des schönen Morgens.
GEJ|8|106|9|0|Als wir alle so recht heiteren Mutes die schönen Morgenszenen betrachteten, die dadurch an Lebhaftigkeit gewannen, daß die Hirten ihre Tiere auf die Weideplätze hinaustrieben und andere Menschen an ihre Feldarbeiten hinauszugehen begannen, da fingen am Aufgangshorizont eine Menge der sogenannten Lämmerwölkchen sich zu bilden an, die, vom Lichte der dem Aufgange sich schon sehr nahenden Sonne stark erleuchtet, einen überaus schönen Anblick gewährten.
GEJ|8|106|10|0|Da sagte der Römer Markus: „Herr und Meister, wahrlich, dieser Morgen ist so schön, daß ich mich gar nicht erinnern kann, jemals einen noch schöneren gesehen zu haben! Da könnte man schon beinahe sagen: In Deinen wirklichen Himmeln kann es auch nicht schöner und herrlicher aussehen!“
GEJ|8|106|11|0|Sagte Ich: „O du Mein Freund, du bist nun wohl sehr heiter erregt in deiner Seele und machst da einen Vergleich mit dem wahren, ewigen Himmel, da du ihm diese vergängliche Morgenpracht gleichstellst, und es ist dir das sehr zu verzeihen, weil du dir auf dieser Erde von der endlosen, unvergänglichen Schönheit und Herrlichkeit der Himmel Gottes nicht den allerleisesten Begriff machen kannst! Und würde Ich dich nur einen Augenblick im Geiste dahin versetzen, so könntest du nicht mehr auf dieser Erde leben, denn die zu unbeschreibbar große Anmut der Himmel, das Licht, die Freundlichkeit und des Lebens höchstes Wohlgefühl würde dein Fleisch in einem Augenblick vernichten und die Sinne deiner Seele derart ermatten und betäuben, daß sie selbst dahinfiele und lange wie tot und völlig bewußtlos daläge. Ich müßte ihr dann die Erinnerung des Geschauten und Empfundenen völlig wegnehmen, ansonst für sie eine Existenz irgend gewisserart außer den Himmeln nicht mehr denkbar möglich wäre. Darum muß aber auch eine jede Seele von Stufe zu Stufe geleitet und geführt werden und muß pur und lauter werden wie reinstes Gold, auf daß sie fähig wird, in die endlosen Freuden der Himmel Gottes einzugehen.
GEJ|8|106|12|0|Siehe, das Licht der irdischen Sonne ist gegen das Licht der Himmel fürwahr so gut wie eine barste Finsternis, und doch vermagst du mit deines Leibes Augen nicht unverwandt hineinzuschauen; und tätest du das nur eine halbe Stunde lang, so würdest du erblinden. Was würde aber dein ungewohntes und zum Schauen des höchsten Lichtes nicht eingerichtetes Auge dann beim Anblicke des eben höchsten und mächtigsten Lichtes tun, so es von Mir zugelassen würde, selbes zu erblicken?
GEJ|8|106|13|0|Daher, Mein lieber Freund, ist deine freudige Erregung beim Anschauen dieses schönen und heiteren Morgens wohl recht gut, und ein Mensch, der also fühlt wie du, hat sicher ein gutes Herz und ist im ganzen schon als ein besserer und edlerer anzunehmen, – aber zu meinen, daß die Himmel Gottes auch kaum etwas Herrlicheres aufweisen könnten, als wie herrlich da ist dieser Morgen, das wäre ein großer Irrtum! Aber Ich bin sonst mit deiner Empfindung ganz zufrieden.“
GEJ|8|106|14|0|Sagte darauf Markus: „Herr und Meister, als wir in den ersten Tagen nach unserer Ankunft am Ölberge bei Dir waren, da zeigtest Du uns auf einige Augenblicke die Scharen von zahllos vielen Engeln, die in einer Art lichtvollen Luft schwebten, sich regten und bewegten und von Dir zeugten. War das noch nicht der eigentliche Himmel?“
GEJ|8|106|15|0|Sagte Ich: „O ja Freund! – aber ebenso verhüllt und verdeckt, wie verhüllt und verdeckt der Erzengel Raphael vor euch sich zeigt. Könntest du ihn in seiner rein himmlischen Glorie und Schönheit erschauen, so würde dir das den Leib augenblicklich töten und deine Seele auf lange hin betäuben. Es ist darum sein inneres Wesen mit einer Art körperlichen Umkleidung verhüllt, auf daß die, mit denen er umgeht und verhandelt in Meinem Namen, seine persönliche Gegenwart ertragen können. Darum sagte Ich euch ja, daß es keines Menschen Auge je geschaut, kein Ohr gehört und keines Menschen Sinn je empfunden hat, welche Freuden und Seligkeiten Gott denen, die Ihn über alles wahrhaft lieben, in den Himmeln bereitet hat.
GEJ|8|106|16|0|Sehet, ihr alle befindet euch nun fürwahr als in Meiner nächsten Nähe leiblich und auch geistig durch euren Glauben an Mich und durch eure Liebe zu Mir im allerhöchsten und vollkommensten Himmel zwar, aber ihr dürfet von der Gestalt desselben dennoch nichts gewahren, weil ein solches Gewahren eure Leiber töten würde, solange ihr im Geiste noch nicht vollends wiedergeboren seid! Wenn ihr aber im Geiste vollends wiedergeboren sein werdet, dann werdet ihr auch der Himmel Gestalt, die aus eurem Geiste wie ein Baum aus dem Keime des Samenkorns hervorgehen wird, zu gewahren anfangen. – Aber nun wird unsere Sonne gleich über den Horizont emportauchen, und das wollen wir denn auch recht aufmerksam betrachten!“
GEJ|8|106|17|0|Als Ich diese Rede über der Himmel Gestalt beendet hatte, da tauchte auch die Sonne in voller Majestät über dem fernen Horizont auf, während sie schon eine halbe Stunde vorher die hohen Spitzen der Berge mit ihren Strahlen vergoldet hatte. Wir betrachteten den herrlichen Aufgang so lange ruhig, bis die ganze Sonne über dem Horizont stand und ihre Strahlen auch die Täler zu erleuchten anfingen.
GEJ|8|107|1|1|107. — Der Zweck der Berge
GEJ|8|107|1|0|Hier fragte Mich abermals Markus, sagend: „Herr und Meister; ist aber das nicht auch sonderbar, daß die höchsten Berge, deren Kuppen und Spitzen offenbar im ganzen um eine Stunde früher von der Sonne beschienen werden und daher auch einen längeren Tag als die Täler haben, mit ewigem Schnee und Eis bedeckt sind, während es in den Tälern und Ebenen warm und im Sommer oft unerträglich heiß wird? Bei uns in Europa, im Westen unseres Reiches, gibt es Alpen, die noch keines Menschen Auge je ohne Schnee und Eis gesehen hat, während es in der Ebene und in den vielen Tälern zwischen den hohen Alpen sehr warm ist; ja selbst in unserem Sizilien haben wir einen Berg, der dazu noch in seinem Innern voll Feuers ist und sein muß, weil er an vielen Stellen beständig raucht und dampft, und doch ist seine höchste Spitze gleichfort mit Schnee bedeckt. Nun, worin liegt denn da der Grund?“
GEJ|8|107|2|0|Sagte Ich: „So Ich dir den wahren Grund auch sage, wirst du ihn dennoch nicht verstehen; aber weil du Mich schon einmal gefragt hast, so muß Ich dir denn auch eine Antwort geben.
GEJ|8|107|3|0|Siehe, so du ein Stück Metall und zugleich ein Stück weiches Holz an die Sonne legst, so wirst du schon nach ein paar Stunden das Metall so stark erwärmt haben, daß du es mit der Hand kaum wirst anfühlen können, am weichen Holze aber wirst du kaum eine Erwärmung wahrnehmen.
GEJ|8|107|4|0|Wenn du zum Beispiel die schwarzen und steinigen Ufer des Toten Meeres um die Mittagszeit befühlst, so wirst du sie nahezu glühheiß finden, und befühlst du dann das Wasser, so wirst du es im Vergleich mit den Ufern kalt finden. Da könntest du dann auch fragen und sagen: ,Ja, Herr und Meister, wie ist denn das? Warum wird das Metall und das schwarze Gestein so stark von den Sonnenstrahlen in derselben Zeit erwärmt, in der das weiche Holz und besonders das Wasser von einer besonderen Erwärmung noch nahezu nichts verspüren läßt?‘
GEJ|8|107|5|0|Und Ich kann dir da, weil dir die Vorkenntnisse noch mangeln, nur so viel sagen, daß die dichteren Körper zur Aufnahme der Wärme aus dem Lichte um vieles tauglicher sind denn die weniger dichten. Und so ist denn auch die Luft ein Körper, der in sich die Eigenschaft hat, daß er in den Tiefen der Erde durch den Druck der oberen, auf ihm liegenden Luftschichten dichter ist als auf den Höhen der Berge; und weil denn also die Luft in den Tiefen der Erde um vieles dichter ist als auf den Berg- und Alpenhöhen, so ist sie denn auch erwärmbarer als auf den Höhen. Siehe, das ist so der ganz gewöhnliche, natürliche und für dich auch noch am ehesten begreifbare Grund, warum es auf den Höhen der Berge, wenn sie länger von der Sonne beschienen werden, kälter ist als in den Tiefen und Tälern!
GEJ|8|107|6|0|Aber es gibt da freilich auch noch andere Gründe, die du, so Ich sie dir auch verkündete, nun nicht verstehen würdest und könntest. Aber es werden schon noch Zeiten kommen, wo die Menschen auch die tieferen Gründe von derlei Erscheinungen ganz klar erkennen, berechnen und einsehen werden; aber sie werden darum dem Reiche Gottes nicht näherstehen als ihr nun, die ihr das noch lange nicht begreifet als alterfahrene Staatsmänner, was dann schon die Kinder einsehen und wohlbegreifen werden, sondern derlei zu sehr Natur- und Weltgelehrte werden sich oft sehr ferne vom Reiche Gottes befinden, und so sie es suchen werden in den ihnen enthüllten Kräften der Naturwelt, werden sie es schwer oder auch gar nicht finden. Darum suchet nur vor allem das wahre Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit in euch, alles andere wird euch schon zur rechten Zeit von selbst als eine freie Zugabe werden!
GEJ|8|107|7|0|Das aber könnet ihr euch als ein wohlentsprechendes Bild hinzumerken! Der hohen Berge Spitzen und Kuppen gleichen jenen Weltweisen, die auch viel Verstandeslicht haben, – dabei aber sind sie sehr eingebildet und stolz, tragen ihre Köpfe hoch und schauen mit Verachtung auf die ungelehrte Welt herab, ja sie erheben ihr stolzes Haupt sogar über jene ihnen ebenbürtigen Gelehrten, die allenfalls im Staatenrangleben mit ihnen nicht auf einer gleich hohen Stufe stehen, wenn diese Minderhochstehenden ihnen an fruchtbarer Gelehrtheit auch überlegen sind.
GEJ|8|107|8|0|Und seht, da geben uns eben die höchsten Berge ein gar vortreffliches Bild! Je höher ein Berg ist, und eine desto weitere Aussicht man von seiner höchsten Spitze genießen kann, desto unfruchtbarer ist ein solcher Berg auch und ist kalt und mit Schnee und Eis bedeckt. Nicht einmal ein allerverkümmertstes Moospflänzchen werdet ihr zum Beispiel auf des Ararats höchster Kuppe finden; auf seinen um vieles niedereren Nachbarhöhen aber werdet ihr schon allerlei Moos- und andere Steinpflänzchen antreffen, auf den noch niedereren schon allerlei Gras und Alpenkräuter und noch tiefer herab schon Sträucher und Bäume.
GEJ|8|107|9|0|Also aber steht es auch mit all den hohen Weltweisen und Naturgelehrten, besonders so sie dazu noch infolge ihrer Gelehrtheit vom Staate aus irgend hochgestellt sind; sie sind voll Eigendünkel, voll Hochmut, sehen alles tief unter ihnen stehend, sind darum kalt und gefühllos, haben keine Liebe außer die starre für sich selbst und für die eigene Höhe. Darum sind sie denn aber auch trotz ihres Lichtes, das keine Lebenswärme enthält, völlig unfruchtbar und dienen dem Staatsoberhaupte wohl als eine Art Hoheitsprunk, in der Tat aber wenig oder zumeist gar nichts, während die Niedereren schon arbeiten und dem Staat durch die ins Werk gesetzten Kenntnisse nützen, und die noch niederer Gestellten arbeiten noch mehr und nützen dem Staat und den Menschen offenbar auch noch um vieles mehr.
GEJ|8|107|10|0|So sind denn die hohen Berge in einem Lande wohl eine Pracht, und der Wanderer, so er ihrer ansichtig wird, wundert sich über ihre Höhen; aber so man die landwirtschaftliche Frage stellte, welchen praktischen Nutzen das Land von seinen hohen Bergen hat, und welche Früchte sie ihm tragen, so wird darauf die Antwort sicher so kahl und mager ausfallen, als wie kahl und mager eben die hohen Berge selbst sind.
GEJ|8|107|11|0|Ich will aber damit nicht sagen, als wären der Erde hohe und höchste Berge etwa als völlig nutz- und zwecklos da. In bezug auf die ganze Erde sind sie höchst notwendig, denn sie nötigen die atmosphärische Luft, daß sie sich mit der ganzen Erde in der bestimmten Tag- und Nachtzeit in der Mittelpunktsachse drehen und bewegen muß, ansonsten kein Geschöpf vor der Heftigkeit der beständigen Luftströmung bestehen könnte. Denn die Bewegung der Erde um ihre Achse ist hier, wo wir uns nun befinden, schon so schnell, daß wir in jedem Augenblick um gute zwei Stunden von Westen nach Osten hin fortgerückt werden.
GEJ|8|107|12|0|So die Erde nun ganz glatt und von Bergen und Hügeln ganz entledigt sich befände, so würde die sie umgebende Luft gewisserart stillstehen und sich mit der Erde nicht mitbewegen; aber dieses Stillstehen der Luft würde dennoch ein fortwährendes, selbst die heftigsten Orkane weit übertreffendes Luftströmen sein, bei dem, wie gesagt, auf der Oberfläche der Erde kein geschöpfliches Sein und Bestehen je denkbar möglich wäre.
GEJ|8|107|13|0|Da die Erde aber nun besonders in der Nähe ihres Mittel- und somit Hauptumschwungsgürtels, den die späteren Erdkundigen Äquator benennen werden, auch zumeist die höchsten Berge in weit gedehnten Reihen besitzt, deren Spitzen weit über die Wolken hinausragen, so nötigen sie die Luft zur steten Mitbewegung um die Achse der Erde, und ihr merket daher von dieser heftigsten Luftströmung nichts; daß aber die Luft dennoch manchmal in eine Strömung gerät, die sich, wie nun am Morgen, durch einen Wind bemerkbar macht, davon habe Ich euch die Ursache und den Entstehungsgrund schon gezeigt und brauche nun nicht noch einmal davon zu reden anzufangen.
GEJ|8|107|14|0|Und seht, das ist denn schon einmal der eine Nutzzweck der hohen Berge, für die gesamte Erde dargestellt! Neben dem aber haben die hohen Berge und so auch ihr Schnee und Eis eine Menge anderer Zwecke, die von den späteren Naturkundigen auch werden erkannt werden; aber für euch ist es nun noch nicht an der Zeit, in alle Geheimnisse der Naturwelt eingeweiht zu werden; und würde Ich sie euch auch dartun und erklären, so würdet ihr sie nicht fassen, weil euch die nötigen Vorkenntnisse dazu mangeln.
GEJ|8|107|15|0|Nur das kann Ich euch noch sagen, daß in und um die Erde in einem fort unsichtbare Kräfte strömen, die zur Belebung der Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt, zu der auch der Mensch dem Leibe nach gehört, höchst notwendig sind, und diese unsichtbaren Kräfte werden auch von den Bergen und ihrer Vegetation, Natur und Beschaffenheit geregelt und geleitet, darum die Bewohner der Berge auch stets gesünder und rüstiger sind als die Bewohner von großen Ebenen und tiefen Tälern.
GEJ|8|107|16|0|Damit habe Ich euch nun an diesem Morgen einen Naturlehrer gemacht, insoweit es für euch vorderhand notwendig ist, damit ihr nicht in euren alten Irrtümern zu verbleiben nötig haben sollet; wenn aber der Geist der vollen Wahrheit und des Lebens in euch eins mit eurer Seele wird, so wird er euch schon ohnehin weiter und in alle Weisheit leiten. – Habt ihr das wohl verstanden?“
GEJ|8|108|1|1|108. — Die Bedeutung der Lehre des Herrn
GEJ|8|108|1|0|Sagten alle, Mir dankend, daß sie das wohl verstanden hätten, und unser Markus, und mit ihm auch die andern Römer, sagte noch insbesonders: „Herr und Meister! Nun fange ich und auch meine Gefährten an, immer klarer einzusehen, daß zu einer richtigen Erkenntnis Gottes und zu einem ungezweifelten lebendigen Glauben an Ihn eine richtige Erkenntnis der Erde und alles dessen, was in und auf ihr ist und in die Erscheinlichkeit tritt, unumgänglich nötig ist; denn daraus ersieht man erst, daß diese Erde und alles, was auf ihr ist, einen höchst weisen und allmächtigen und somit auch höchst guten Urheber und Schöpfer haben mußte, weil eine blinde, ihrer selbst nicht einmal bewußte Macht, die wir Heiden das Fatum nennen, unmöglich auf der Erde und in jedem einzelnen Geschöpfe alles gar so weise und zweckdienlich eingerichtet hätte.
GEJ|8|108|2|0|Es liegt also schon in der richtigen Erkenntnis der Natur und ihrer weisest geordneten Kräfte ein unumstößlicher Beweis vom Dasein eines ewigen und höchst weisen, allmächtigen und überguten Gottes und Schöpfers aller Dinge und aller Wesen. Ist aber dieser Beweis einmal da und unbeugsam festgestellt, so ist dann der vollwahre Glaube an einen Gott ja eine selbstverständlich ausgemachte Sache.
GEJ|8|108|3|0|Wenn dann dazu noch Deine Lehre vom Fortleben der Seele nach des Leibes Tode und vom wahren, inneren und lebendigen Reiche Gottes hinzukommt und der Mensch zu der Kenntnis gelangt, was er ist, und warum er da ist, und wie er zu leben und zu handeln hat, um zur Kindschaft Gottes zu gelangen, so wird er das auch sicher tun, und das um so mehr, weil er eben auch aus Deiner Lehre erfahren wird, welches Los er nach dem Tode des Leibes zu gewärtigen hat, so er in seinen Irrtümern und Bosheiten verbleibt.
GEJ|8|108|4|0|Herr und Meister, ich rede hier nicht als ein Jude, sondern als ein vielerfahrener Heide, und sage: Deine Lehre vom Reiche Gottes und von der allein wahren und ewigen Bestimmung des Menschen ist offenbar das Höchste, Reinste und Wahrste und zugleich auch das überzeugend Faßlichste, was je die Menschen als eine Lehre von Gott und von ihrer Bestimmung vernommen haben, und für uns ist sie nun um so faßlicher und glaubbarer, weil wir das unaussprechliche Glück haben, sie aus Deinem Gottesmunde zu vernehmen; denn wir sehen Dich, hören Dich und können und dürfen mit Dir, dem allein wahren Gott und Herrn von Ewigkeit, über die verschiedensten Dinge und Verhältnisse uns besprechen.
GEJ|8|108|5|0|Wir für uns bedürfen wahrlich keines andern Beweises vom wirklichen Dasein eines Gottes als eben nur Dich Selbst; aber wir sind unser nur zehn, denen das unbeschreibbare Glück und die ewig unverdiente Gnade zuteil geworden ist, in Dir den ewigen Herrn aller Himmel, aller Welten und alles Lebens gefunden zu haben.
GEJ|8|108|6|0|Du wirst persönlich nicht mit uns nach Europa und nach Rom ziehen und dort Dich also wie hier offenbaren durch Worte und Taten, auf daß alle Heiden Dich erkennen und an Dich glauben möchten, sondern wir allein werden Dich ihnen verkünden und sind auch schon zum voraus überzeugt, daß unsere Arbeit und Mühe keine fruchtlose sein wird. Aber unsere Stammesgenossen daheim sind gar sehr kritische Menschen und glauben an eine Sache erst dann, wenn sie sich von ihrem wirklichen Dasein von möglichst vielen Seiten die klaren und ganz untrüglichen Beweise verschafft haben, was nun um so notwendiger ist, weil bei unseren Weltweisen und Klugen der Atheismus gang und gäbe geworden ist und kein höher Gebildeter mehr an einen oder den andern Gott denkt und noch weniger glaubt.
GEJ|8|108|7|0|Und da, siehe o Herr und Meister, bin ich der Meinung, müssen vor der Verkündigung Deines heiligsten Namens und Deiner Lehre die Beweise fürs unbestreitbare Dasein eines allein wahren Gottes vorerst aus der Natur und Ordnung dieser Erde und ihrer Wesen klar aufgestellt werden! Haben diese einmal Wurzel gefaßt, dann wird es sicher auch ein leichtes sein, Deinen Namen und Deine Lehre also zu verkünden, daß man allgemein an Dich glauben und Dich für den allein wahren Gott halten, anbeten und lieben wird in Worten und Taten.
GEJ|8|108|8|0|Den Kindern kann man freilich bald und leicht etwas glaubbar machen, – doch Männern, wie wir sie in Rom und vielen andern Städten in einer übergroßen Anzahl haben, muß man ganz anders kommen, so man sie für etwas gewinnen will! Und aus eben diesem Grunde habe ich mich denn auch bemüht, mir über verschiedene Dinge und Erscheinungen in der Sphäre dieser materiellen Welt so manche Aufhellungen zu verschaffen, und danke Dir denn schon im voraus im Namen aller derer, die etwa durch mich zu Dir bekehrt werden, daß Du uns Römern solche Aufhellungen nicht vorenthalten hast!“
GEJ|8|108|9|0|Sagte Ich: „Das wußte Ich gar wohl, wofür ihr euch von Mir über dieses und jenes Erklärungen erbeten habt, und Ich lobe euren Eifer und guten Willen, und eure Arbeit und Mühe um Meines Namens willen soll stets mit Meinem Segen gekräftigt sein!
GEJ|8|108|10|0|Aber Ich sage dennoch, daß ihr die Menschen nicht zu sehr auf die Natur der materiellen Dinge der Welt anweiset, daß sie Gott in ihnen suchen sollen. Ihr werdet damit die Menschen zu einem Ahnen und Wittern des Daseins eines Gottes, aber nie zu Dessen voller Erkenntnis und zum wahren und lebendigen Glauben an Ihn bringen.
GEJ|8|108|11|0|So ihr aber Meine Lehre, wie ihr sie von Mir klarst und reinst überkommen habt, euren Brüdern gebet, so werden sie euch hören und werden die Lehre auch annehmen, und da Meine Worte Kraft, Macht und Leben in sich bergen, so werden sie auch eine ganz andere Wirkung in den Herzen und Gemütern eurer Brüder hervorbringen als alle erdenklichen Beweise aus dem Bereiche der materiellen Welt und ihrer Ordnung.
GEJ|8|108|12|0|Wenn aber dann die Menschen an Mich glauben werden und auch leben und handeln nach Meiner Lehre und also nach Meinem Willen, da werden sie dann schon den wahren Lehrer und Weiterführer in sich finden, der sie in alle andern Wahrheiten führen wird.
GEJ|8|108|13|0|Wer Gott und Sein ewiges Lebensreich finden will, der muß das in sich, also in seines Herzens stillem Kämmerlein in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu suchen anfangen. Und wer da ernstlich zu suchen angefangen hat und im Suchen nicht nachläßt, der wird auch das finden, was er gesucht hat; aber wer im Suchen lau wird, der wird das, was er wohl finden möchte, so es ihm keine zu große Mühe kostete, auf dieser Welt und auch jenseits schwerlich oder auch gar nicht finden.
GEJ|8|108|14|0|Schicket daher nur Mein lebendiges Wort voraus und machet dann erst hinterher die, welche Mein Evangelium angenommen haben, auf den Grund und auf die Erscheinungen der Dinge und ihrer Ordnung in dieser Welt aufmerksam, und ihr werdet also die besten Erfolge von eurer Arbeit und Mühe ernten!
GEJ|8|108|15|0|Nun aber wollen wir diesen Hügel wieder verlassen und uns zum bereits fertigen Morgenmahle begeben und dann sehen, was wir an diesem Tage noch alles unternehmen werden!“
GEJ|8|108|16|0|Die Römer und auch alle die andern dankten Mir für den ihnen gegebenen Rat, und wir begaben uns sogleich in den Ort und ins Haus, wo in dem großen Speisesaale die wohlzubereiteten Fische, Brot und frischer Wein in voller Menge auf den Tischen sich befanden. Wir setzten uns denn auch sogleich dazu; Ich segnete wie allzeit zuvor Speise und Trank, und dann aßen und tranken wir. Für die Jungen sorgte unser Raphael.
GEJ|8|109|1|1|109. — Der Herr verläßt Bethanien
GEJ|8|109|1|0|Als wir das Morgenmahl schon über die Hälfte aufgezehrt hatten, da erst kamen auch die etlichen Templer, die ihre Weiber und Kinder besucht hatten, und Lazarus wies sie an einen freien Tisch und ließ ihnen bringen, was wir hatten, und sie aßen und tranken.
GEJ|8|109|2|0|Als wir das Morgenmahl aber völlig aufgezehrt hatten, da traten die Templer, die mit ihrem Morgenmahle auch zu Ende gekommen waren, zu Mir und entschuldigten sich des Besuches ihrer Weiber und Kinder wegen und baten Mich, daß Ich sie doch auch besuchen und segnen möchte.
GEJ|8|109|3|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Höret, wer an Mich glaubt, Mein Wort annimmt und danach lebt und handelt, der hat auch Meinen Segen in der Fülle; daher trachtet, daß auch eure Weiber und Kinder, die nun noch stark an den leeren Zeremonien des Tempels hängen und Mich und Meine Jünger heimlich bei sich für Ketzer wider den Tempel halten, an Mich glauben und nach Meiner Lehre handeln werden, dann wird auch Mein Segen ihnen zuteil werden! Aber so, wie sie bei uns hier jetzt noch beschaffen sind und nur daran denken, daß ihre Söhne auch schon bald zu den Angesehensten des Tempels gehören möchten, da bin Ich wahrlich nicht gewillt, zu ihnen zu kommen und sie besonders zu segnen. Gehet hin und belehret sie erst, und es wird sich morgen dann schon zeigen, ob sie schon reif für Meinen Segen sind! Ihr könnet heute hier verweilen und die Sache mit euren Weibern und Kindern behandeln. So Ich am Abend wieder hierher kommen werde, dann möget auch ihr euch wieder zu Mir begeben!“
GEJ|8|109|4|0|Als Ich das diesen etlichen Templern gesagt hatte, da fragten sie Mich, wohin Ich Mich den Tag über begeben würde, auf daß Mir einer oder der andere etwa in einem Notfalle nachkäme.
GEJ|8|109|5|0|Sagte Ich: „Fürs erste wird bei euch kein wie immer gearteter Notfall eintreten, und fürs zweite bleibt Raphael hier der Jungen wegen, und ihr könnet euch bei ihm Rat holen; und so brauchet ihr nun nicht zu wissen, wohin Ich Mich diesen Tag über begeben werde. So Ich aber wiederkommen werde, dann werdet ihr es schon erfahren, wo und was Ich gewirkt habe.“
GEJ|8|109|6|0|Mit diesem Bescheid waren die etlichen Templer zufrieden, dankten Mir darum und begaben sich wieder zu ihren Weibern und Kindern.
GEJ|8|109|7|0|Darauf sagte Ich zu den andern Anwesenden: „Wem es eine Freude macht, Mir zu folgen, dahin Ich nun gehe, der folge Mir!“
GEJ|8|109|8|0|Auf diese Meine Einladung erhoben sich alle und machten sich reisefertig. Auch die Maria von Magdalon fragte Mich, ob auch sie Mich begleiten dürfe.
GEJ|8|109|9|0|Sagte Ich: „Das steht dir frei; so du aber hier verbleibst bei den Schwestern des Lazarus und hilfst ihnen in der Bedienung der Gäste, die zum Teil schon hier sind, zum andern Teil aber heute noch nachkommen werden, so ist es Mir lieber. So aber Gäste aus Jerusalem und auch aus andern Orten hier ankommen und nach Mir fragen werden, da machet Mich nicht ruchbar, und die Angekommenen sollen wieder also weiterziehen, wie sie hierher gekommen sind!“
GEJ|8|109|10|0|Die Magdalena dankte Mir für diese Worte und blieb bei den beiden Schwestern; desgleichen blieb auch die Helias mit den Ihrigen und die arme Familie aus Emmaus.
GEJ|8|109|11|0|Wir aber machten uns auf und gingen zuerst zu dem Wirte im Tale, der bei uns war samt dem Wirte an der großen Heerstraße, unweit Bethlehem, der auch noch bei uns war und Meine Belehrungen anhörte.
GEJ|8|109|12|0|Als wir bei dem Wirte ankamen, da ging uns das gesamte Hausvölklein entgegen, grüßte uns und hatte eine große Freude an uns. Das Weib bat Mich, daß Ich mit allen, die mit Mir seien, über den Mittag zu Gaste bleiben möchte.
GEJ|8|109|13|0|Ich aber sagte: „Weib, dein guter Wille gilt Mir als ein vollbrachtes Werk; was du aber immer den Armen tun wirst in Meinem Namen, das wird von Mir also angesehen werden, als hättest du solches Mir getan. Es werden heute über den Mittag aber auch eine Menge Gäste hierher kommen, und es werden sich etliche nach Mir erkundigen; da aber machet Mich nicht ruchbar, und so euch jemand fragen wird, wohin Ich gezogen wäre, da redet die Wahrheit und saget: ,Wir wissen es nicht!‘ Und es liegt darin auch der Grund, warum Ich heute auch Meinen Jüngern nicht zum voraus sage, wohin Ich gehe, und was Ich tun werde. Gen Abend aber werde Ich wieder auch hierher kommen und eine Stunde lang verweilen. Beachtet nun, was Ich euch angeraten habe!“
GEJ|8|109|14|0|Alle gelobten Mir das, und wir zogen im Tale südwärts weiter, und es begegneten uns viele Menschen, zumeist Griechen und auch Ägypter, die über Jerusalem nach Damaskus mit allerlei Waren zogen: von denen kümmerte sich niemand um uns, und wir konnten sonach unseren Weg unaufgehalten fortsetzen.
GEJ|8|109|15|0|Als wir so eine gute Stunde lang fortgewandert waren, da fragte Mich ganz geheim denn doch Lazarus, der stets an Meiner Seite einherging, sagend: „Herr und Meister! Nun könntest Du es mir ja doch sagen, wohin Du Dich begeben wirst. Denn ich und alle, die wir hier sind, werden Dich sicher nicht verraten!“
GEJ|8|109|16|0|Sagte Ich: „Wir ziehen in einen Ort nahe bei Bethlehem. Was dort geschehen wird, das werdet ihr alle schon am Orte und an der rechten Stelle erschauen und ganz wohl erfahren.“
GEJ|8|109|17|0|Sagte Lazarus: „Es ist nun schon gut, daß ich nur wenigstens das weiß! Aber da dürfen wir schon recht gut auftreten; denn der Weg dahin ist eben nicht ein kurzer.“
GEJ|8|109|18|0|Sagte Ich: „Darum werden wir daselbst dennoch zur rechten Zeit und früh genug eintreffen; denn Mir ist es auch möglich, einen langen Weg in einer ganz kurzen Zeit zu durchwandern.“
GEJ|8|109|19|0|Sagte Lazarus: „O Herr und Meister, ich weiß wohl, daß Dir nichts unmöglich ist; aber ich fragte Dich dennoch, damit wird diesen etwas öden Weg nicht ganz lautlos fortwandern, und weil ein jedes noch so unbedeutend scheinende Wort aus Deinem Munde mich stets mit einer neuen Kraft belebt.“
GEJ|8|109|20|0|Sagte Ich: „Ja, ja, da hast du ganz recht und wahr geredet; denn Meine Worte sind in sich auch pur Geist, Kraft und Leben. Aber nun wandern wir wieder schweigsam weiter, denn es wird uns bald ein Zug römischer Soldaten begegnen, die da nach Galiläa ziehen, und wir werden mit ihnen eine kleine Mühe zu überstehen bekommen!“
GEJ|8|110|1|1|110. — Der Herr befreit gefangene Kinder aus den Händen römischer Soldaten
GEJ|8|110|1|0|Wir zogen von da noch bei dreitausend Schritte ganz schweigsam vorwärts und ersahen den Zug Soldaten mit ihren Waffen die Heerstraße, die hier über eine Anhöhe führte, hereinziehen. Sie machten viel Lärm, wie es bei ihnen üblich war, und wühlten mit ihren Füßen den Straßenstaub so auf, daß mit ihnen auch eine ordentliche Staubwolke einherzog.
GEJ|8|110|2|0|Da meinte Agrikola, daß wir von der Straße etwa so ein wenig abbiegen sollten, weil derlei rohe Kriegsknechte, die bei solchen Märschen nicht selten betrunken seien, mit den ihnen in den Weg kommenden Wanderern eben nicht gar zu freundlich umzugehen pflegten.
GEJ|8|110|3|0|Sagte Ich: „Da hast du wohl ganz recht; aber da seid ihr Römer wohl selbst schuld daran, daß eure Kriegsknechte gar so rohe und wilde Menschen sind! Gebet Ihnen nebst dem Unterricht im Gebrauch der Waffen auch den Unterricht, daß sie Menschen werden, und sie werden sich dann auch als solche betragen!“
GEJ|8|110|4|0|Agrikola und auch die anderen Römer merkten sich diese Meine Bemerkung, und als der wilde Zug in unsere Nähe kam, bogen wir denn auch einige Schritte vom Wege ab. Aber es nützte uns das wenig; denn die Führer hießen die Kriegsknechte haltmachen, gingen dann ganz keck auf uns los und fragten uns, wer wir wären und wohin wir zögen, und in welchen Geschäften und Angelegenheiten.
GEJ|8|110|5|0|Da trat Agrikola vor und sagte zum ersten Führer: „Kannst du lesen?“
GEJ|8|110|6|0|Sagte dieser (der Führer): „Ohne das wäre ich kein Oberführer!“
GEJ|8|110|7|0|Hier zog Agrikola eine Pergamentrolle aus einer Tasche, die er bei sich trug, und wies sie dem kecken Führer vor. Als dieser ersah, was in der Rolle stand, da erschrak er und entschuldigte sich.
GEJ|8|110|8|0|Aber Agrikola bedrohte ihn und verwies ihm sein tumultuarisches Benehmen mit scharfen und sehr eindringlichen Worten.
GEJ|8|110|9|0|Da zogen sich die Führer gleich in aller Ruhe und Ordnung zurück.
GEJ|8|110|10|0|Agrikola und die andern Römer aber traten darauf zu der Schar der Krieger und untersuchten sie, wie sie sonst geordnet und bestellt wäre. Da fanden sie aber in der Mitte der Schar etliche junge Mädchen und auch zwei Jünglinge, deren Hände auf den Rücken gebunden waren.
GEJ|8|110|11|0|Als die Römer solches mit starker Entrüstung bemerkt hatten, da fragten sie sogleich die Führer, was dieses zu bedeuten hätte, ob diese Menschen irgendeines Verbrechens schuldig seien, und welcher Nation sie angehören.
GEJ|8|110|12|0|Die Führer wurden sehr verlegen und wußten nicht, was sie dem strengen und hohen Römer für eine Antwort geben sollten.
GEJ|8|110|13|0|Da fingen aber die Mädchen und die beiden Jünglinge den Agrikola in hebräischer Zunge weinend zu bitten an, daß er sie aus der Gewalt dieser rohen und grausamen Krieger befreien möchte; denn sie seien Kinder ganz ehrlicher Eltern in der Nähe von Bethlehem, hätten diesen Kriegern nichts zuleide getan, und ihre Eltern, die dort eine Herberge hätten, hätten alle diese Krieger nach ihrem Verlangen wohl bewirtet mit zehn Schläuchen Wein und mit dreißig Brotlaiben und hätten am Ende für das Verlangte nicht mehr als siebzig Groschen begehrt.
GEJ|8|110|14|0|(Die Gefangenen): „Da wurden aber diese Soldaten so böse und zahlten nicht nur nichts, sondern verlangten von den Eltern noch als eine Strafe für das, daß eben die Eltern es gewagt hatten, von den Soldaten die siebzig Groschen zu verlangen, über tausend Groschen. So viel Geld aber hatten die Eltern nicht, und sie baten diese Krieger um Vergebung und Nachsicht. Aber da half kein Bitten und Flehen; die Eltern wurden daheim im Hause mit Stricken an die Türpfosten fest angebunden. Darauf fingen die Grausamen uns sieben Kinder zusammen, banden unsere Hände auf den Rücken und trieben uns mit ihnen fort also, wie ihr hohen Herren uns nun da sehet. Was sie mit uns vorhaben, das wissen wir unmöglich; daß sie mit uns aber sicher nichts Gutes vorhaben, das können wir uns wohl denken. O ihr lieben und großen Herren! Befreit uns doch um Jehovas willen von diesen Wüterichen!“
GEJ|8|110|15|0|Hier fing Agrikola vor Zorn ordentlich zu glühen an, befahl, die sieben Kinder augenblicklich freizulassen – was auch sogleich geschah –, und sagte dann zu den Führern: „So beschützet ihr als Römer die Rechte unserer Untertanen? Wisset ihr nicht, wie die Hauptregel, die ein jeder Krieger beschwören muß, lautet? Diese lautet: ,Lebe ehrenhaft, beleidige niemand ohne Grund; wer dich aber beleidigt, so du nach dem Gesetze handelst, der soll vor ein Gericht gestellt werden!‘ Und am Ende heißt es: ,Gib und laß einem jeden das, was sein ist!‘ Habt ihr da nach dieser alten Hauptregel gehandelt? Wer hat euch das Recht erteilt, auf dem Marsche von einem Ort in den andern die Herbergen zu brandschatzen, die unsere Untertanen sind und unter dem Schutze unserer Gesetze stehen?“
GEJ|8|110|16|0|Die Führer erblaßten, denn sie kannten die unerbittliche Strenge des ihnen schon lange bekannten Staatsmannes und baten ihn um Gnade.
GEJ|8|110|17|0|Agrikola aber sagte: „Diese Kinder und ihre Eltern haben euch auch um Gnade und Erbarmen gebeten! Habt ihr den Unschuldigen keine Gnade und kein Erbarmen bezeigt, wie wagt ihr Frechen nun, mich um Gnade anzuflehen! Ich werde euch als gemeine Räuber und Mörder behandeln lassen und diese Kriegsknechte zu den gemeinsten Galeerensklaven machen! Jetzt kehret um, und ziehet vor uns nach Bethlehem! Dem Obersten werde ich die Weisung geben, was mit euch, ihr Elenden, zu geschehen hat!“
GEJ|8|110|18|0|Hierauf trat Ich zu Agrikola hin und sagte zu ihm: „Freund, du hast nun ganz wohl getan, daß du erstens diese Kinder befreit hast, und zweitens, daß du diese betrunkenen Soldaten mit deiner Sentenz völlig nüchtern gemacht hast. Aber die eigentliche Schuld an ihrer Roheit tragen nicht so sehr sie selbst, als der, der sie nach Galiläa beordert hat. Der behielt das kaiserliche, für diese Schar bestimmte Zehrgeld für sich und erlaubte ihr, daß sie sich auf dem Marsche umsonst in den Herbergen und auch bei den Landleuten ihren Bedarf verschaffen kann, entweder mit Güte oder mit Gewalt. Du weißt aber, daß eure Krieger, so sie von ihren Vorgesetzten zum Plündern eine Erlaubnis bekommen, da keine Schonung kennen und den Löwen, Tigern und Hyänen gleichen; daher ist hier das Vergehen dieser Krieger bei weitem geringer, als es dem Ansehen nach erscheint.
GEJ|8|110|19|0|Der Hauptfehler und der eigentliche Grund von solchen Übergriffen aber liegt in eurem zu unbedingten Vertrauen auf eure Feldherren und Obersten. Ihr versehet sie mit allen möglichen Generalvollmachten, denen zufolge dann ein jeder in seinem Bezirk einen förmlichen Kaiser spielt und tut, was er will, ohne sich viel um Roms allgemeine Gesetze zu kümmern, da er selbst in seinem Bezirk nach seiner Laune und Willkür Gesetze geben kann und darf.
GEJ|8|110|20|0|Ist hier und da ein Oberster von Natur aus ein guter und gerechter Mensch, so werden die ihm untergebenen Bezirke auch gut zu leben und handeln haben; ist aber ein Oberster irgend zu sehr auf seinen Privatvorteil bedacht, da wehe allen denen, die unter der Macht seines Schwertes stehen! Und sieh, das ist nun eben hier in dem großen Bezirk Bethlehems der Fall!
GEJ|8|110|21|0|Der gegenwärtige Hauptmann, der die höchste Macht von euch aus in seinen Händen hat und ganz so handelt, wie es ihm von Rom aus gestattet ist, ist auf seinen Vorteil bedacht und macht denn auch solche Anordnungen, bei denen er sicher nie zu kurz kommt; aber das Volk wehklagt und verflucht im Herzen die römische Oberherrschaft und Tyrannei. Die Sache verhält sich ganz genau also, wie Ich sie dir nun dargestellt habe, und es fragt sich nun, wer bei dieser Handlung zur eigentlichen Strafe zu verurteilen ist.
GEJ|8|110|22|0|Siehe, Ich wußte wohl darum, daß hier in der Nähe von Bethlehem das vor sich gehen wird und zog mit euch denn auch eben deshalb hierher, auf daß hier diesem Übel möge abgeholfen werden; aber es muß dort geholfen werden, wo eigentlich der Fehler steckt! Denn hier mit der Bestrafung dieser Soldaten wird niemandem etwas geholfen sein; gib ihnen einen Verweis, eine ordentliche Vorschrift, wie sie sich in der Folge benehmen sollen, und lasse ihnen ein Zehrgeld für die Reise nach Galiläa zukommen, und sie werden dann ganz in der Ordnung an den Ort ihrer Bestimmung gelangen!
GEJ|8|110|23|0|Dem Hauptmanne, den wir heute mittag in derselben Herberge, von der diese Kinder sind, treffen werden, aber nimm die Generalvollmacht, und gib ihm Gesetze, und es wird dann alles in der Ordnung sein!“
GEJ|8|110|24|0|Sagte hier Agrikola: „Ja, ja, Herr und Meister, Du hast auch hier schon wieder ganz vollkommen recht, und ich werde auch ganz nach Deinen Worten die Verfügungen treffen! Doch vor allem sollen wir uns nun beeilen, in die Herberge zu kommen, und die Eltern dieser lieben Kinder von ihrer Qual und Not befreien.
GEJ|8|110|25|0|Sagte Ich: „Dafür ist schon gesorgt; denn die Nachbarsleute haben ihnen den Gefallen erwiesen, und sie sind nun in die Stadt zum Hauptmann gegangen, die Anzeige wegen ihrer Kinder zu machen, auf daß ihnen diese wieder zurückgegeben werden möchten. So wir in die Herberge kommen werden, da werden auch die Eltern dieser Kinder zurückkommen.
GEJ|8|110|26|0|Der Hauptmann wird ihnen Recht widerfahren lassen, wird dieser Schar einen Reiter nachsenden, dem sie die Kinder unversehrt zu übergeben hat, und wir dürfen nun nicht zu lange mehr harren, so wird der Reiter auch schon hierher kommen; diesem aber gib dann du die Weisung an den Hauptmann, daß er um die Mittagszeit in der Herberge zu dir zu kommen habe, und so werden wir ihn denn auch in der Herberge schon antreffen, so wir hinkommen werden. Die Kinder aber werden wir mit uns nehmen.“
GEJ|8|110|27|0|Die Führer aber vernahmen, was Ich mit Agrikola gesprochen hatte, und sahen, daß er sich nach Meinen Worten richtete, und sie wollten vor Mir niederfallen und Mir danken.
GEJ|8|110|28|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Nur dieses Mal habe Ich euch gerettet; wenn ihr aber andernorts euch abermals so benehmen werdet, wie ihr euch in der Herberge benommen habt, dann werdet ihr nicht mehr gerettet werden. Nun aber wartet hier, bis ihr abgefertigt werdet, und ziehet dann ruhig und in der Ordnung weiter!“
GEJ|8|110|29|0|Für diese Meine Worte dankten sie Mir und nannten Mich einen großen Weisen, dessen Wort mächtiger sei denn die sonst so unerbittliche Strenge des hohen und mächtigen Agrikola; auch nannten sie Mich den Gerechtesten aller Gerechten, und sie und auch ihre Schar lobten Mich laut.
GEJ|8|110|30|0|Darauf gab ihnen Agrikola eine Anweisung, mittels welcher sie in Bethanien zu verweilen hatten, bis er zurückkehren werde, und Brot und Wein zu bekommen hatten nach rechtem Bedarf, was dann er bezahlen werde, und daß er auch für das weitere Zehrgeld sorgen werde, gebot ihnen zugleich auf das strengste, sich gut und ordentlich zu betragen, was sie ihm denn auch feierlichst gelobten. Darauf befahl er ihnen, weiterzuziehen. Sie ordneten sich, dankten Mir noch einmal und setzten sich in Bewegung.
GEJ|8|111|1|1|111. — Die Ankunft in der Herberge
GEJ|8|111|1|0|Als sie sich etwa ein paar tausend Schritte von dieser Stelle entfernt befanden, da ersahen wir, die wir auch weiterzogen, schon von ferne den Reiter einhersprengen. Es dauerte nicht lange, so war er auch schon bei uns, blieb stehen und fragte uns hastig, ob wir nicht der Kriegerschar begegnet seien, und ob diese nicht Judenkinder in ihrer Mitte mit sich führte.
GEJ|8|111|2|0|Agrikola zeigte ihm, wer er sei, belehrte ihn über alles und zeigte ihm auch die geretteten Kinder, worüber der Reiter sehr erfreut wurde. Aber darauf gab er dem Reiter auch die Weisung an den Hauptmann, wie Ich sie ihm zuvor angeraten hatte.
GEJ|8|111|3|0|Der Reiter kehrte darauf schnell um und ritt eiligst nach der Stadt, die von da noch bei anderthalb Stunden Weges entfernt lag, und wir zogen mit den Kindern, die sich mit besonderer Liebe um Mich scharten, unseren Weg weiter.
GEJ|8|111|4|0|Die fünf Mädchen, von denen das älteste siebzehn und das jüngste zehn Jahre zählte, klagten, daß sie Schmerzen in den Händen hätten, weil sie zuvor so fest gebunden waren; desgleichen klagten auch die beiden Jünglinge.
GEJ|8|111|5|0|Ich aber bestrich mit Meiner Hand ihre Hände und fragte sie, ob sie nun noch einen Schmerz verspürten.
GEJ|8|111|6|0|Da sagten sie (die Kinder) freudig: „O du guter Mann, wir fühlen nun keine Schmerzen mehr! Wie aber hast du das jetzt gemacht, daß wir nun gar keine Schmerzen mehr fühlen? Ah, du mußt ja gar ein wunderbarer Heiland sein! Du hattest doch keine Salbe und kein Öl, und doch haben wir nun gar keine Schmerzen mehr! Zu Hause haben wir eine Großmutter, die ist schon lange sehr krank, und kein Heiland kann ihr helfen; vielleicht könntest du ihr auch helfen auf die Art, wie du nun uns geholfen hast?“
GEJ|8|111|7|0|Sagte Ich: „Ja, ja, ihr Meine lieben Kinder, so wir dahin kommen werden, da wird es sich schon zeigen, was sich alles mit eurer Großmutter wird machen lassen! Habt ihr aber nicht noch einen kranken Menschen im Hause?“
GEJ|8|111|8|0|Sagten die Kinder: „O du wundersamer Heiland, wie fragst du uns darum, als wüßtest du schon ohnehin, daß auch einer unserer besten Knechte schon über ein halbes Jahr von einem bösen Fieber gequält wird? Bist du denn schon einmal in unserer Herberge gewesen und hast daselbst übernachtet?“
GEJ|8|111|9|0|Sagte Ich: „Meine lieben Kinder, seht, Ich bin persönlich wohl noch niemals in eurer Herberge gewesen, aber mit Meinem Geiste bin Ich überall! Und so weiß Ich denn auch um alles, was irgend ist und geschieht, und kann den Bedrängten und Elenden auch helfen, so sie wahrhaft auf Gott vertrauen und nach den Geboten Gottes handeln und leben!“
GEJ|8|111|10|0|Sagten die Kinder: „Wie machst du es aber, daß du mit deinem Geiste dich überallhin versetzen kannst, und dann alles sehen und hören kannst, wie irgend etwas ist und geschieht? Das ist ja nur Gott allein möglich! Hast du denn etwa den Propheten gleich den Geist Gottes von Zeit zu Zeit in dir? Denn die Propheten, so sie weissagten, wurden, wie wir es gelernt haben, mit dem Geiste Gottes erfüllt. Bist etwa auch du ein Prophet?“
GEJ|8|111|11|0|Sagte Ich: „Ja, ihr Meine lieben Kinder! Was Ich so ganz eigentlich bin, das würdet ihr jetzt noch nicht begreifen, so Ich es euch auch sagen würde. Aber mit dem Geiste Gottes in Mir hat es seine Richtigkeit; denn ohne den kann kein Mensch etwas wahrhaft Gutes und Ersprießliches tun. Daheim bei euren Eltern aber werden wir uns schon noch näher kennenlernen.
GEJ|8|111|12|0|Seht, dort in der Ferne aber kommen eben eure Eltern uns schon entgegen; denn sie haben es schon von dem Reiter in Erfahrung gebracht, daß ihr euch ganz wohl bei uns befindet! So ihr nun wollet, da könnet ihr ihnen entgegeneilen und ihnen sagen, daß wir alle bei ihnen einkehren werden.“
GEJ|8|111|13|0|Als die Kinder das von Mir vernommen hatten und ihre Eltern in der Ferne erkannten, da fingen sie an, ihnen entgegenzulaufen, und waren auch bald zu der Eltern größter Freude bei ihnen. Wir aber ließen uns mehr Zeit; denn die Gegend, weil höher gelegen, war hier schön, und die Römer hatten genug zu schauen und zu bewundern und Lazarus und die beiden mit uns ziehenden Wirte ihnen genug zu erklären.
GEJ|8|111|14|0|Als die Eltern von ihren Kindern erfuhren, wie wir sie aus den Händen der rauhen Krieger befreit haben, und daß wir in ihrer Herberge einkehren werden, da kehrten sie um, eilten mit den Kindern nach ihrem Hause, um daselbst zu unserem Empfange und zu unserer Bewirtung Anstalten zu treffen und alles aufs möglich beste zu ordnen. Es blieb ihnen wohl freilich nicht viel Zeit übrig, da von unserem Standpunkte aus nur mehr eine halbe Stunde Weges Entfernung bis zur Herberge war; aber wir ließen uns, wie schon früher erwähnt, beim Gehen Zeit, da die Römer diese Gegend in der Nähe Bethlehems sehr denkwürdig fanden und sich bald nach diesem und jenem erkundigten.
GEJ|8|111|15|0|Wir verbrachten daher noch eine gute Stunde auf dem Wege bis zur Herberge, und so hatten die Besitzer derselben Zeit, bis zu unserer Ankunft das Nötigste anzuordnen und vorzubereiten. Es ward ein fettes Kalb geschlachtet und für uns wohlzubereitet, und noch manches andere.
GEJ|8|111|16|0|Als wir aber der Herberge schon sehr nahe kamen, da eilten uns die beiden Eltern samt ihren sieben Kindern entgegen, grüßten uns auf das höflichste, bewillkommten uns und dankten uns mit Tränen in den Augen für die Wohltat, die wir ihnen durch die Rettung ihrer Kinder erwiesen hatten.
GEJ|8|111|17|0|Desgleichen dankten uns auch die Kinder nochmals aufs herzlichste und sagten zu den Eltern, auf Mich hinweisend: „Dies ist der wundersame Heiland, der unsere wunden Hände bloß durchs Bestreichen geheilt hat und uns auch versprach, die arme Großmutter und auch unseren Knecht ganz vollkommen gesund zu machen. Er muß ein großer und von Gottes Geist erfüllter Weiser sein, – denn er wisse um gar alles, was in der ganzen Welt irgend ist und geschieht!“
GEJ|8|111|18|0|Die Eltern traten darauf zu Mir hin und sagten: „Nochmals dir, du sichtlich großer Menschenfreund, besonders unseren innigsten Dank für die große Wohltat, die du unseren Kindern erwiesen hast, und wir bitten dich denn auch, daß du auch unserer alten Mutter, und wo möglich auch unserem braven Knechte helfen möchtest; denn wir glauben fest und ungezweifelt unseren Kindern, was sie uns von dir ausgesagt haben, und uns bestärkt im Glauben auch die Gegenwart des uns wohlbekannten Lazarus aus Bethanien und der beiden uns ebenfalls bekannten Wirte. Denn diese Männer wären sicher nicht so leicht zu uns gekommen, so du sie nicht hierhergezogen hättest. Die andern Herren aber kennen wir noch nicht näher; nur sehen wir unter ihnen der Tracht nach Römer und Griechen. Diese sind sicher auch nur dir zulieb zu Fuß hierher gekommen; denn so vornehme Römer machen nicht leichtlich einen Weg von etlichen Stunden zu Fuß. Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, du bist auf jeden Fall mehr, als du zu sein scheinst! Ihr kommet sicher aus der Gegend Bethaniens und werdet müde sein; wollet ihr euch denn nicht ins Haus begeben und darin ausruhen, bis das Mittagsmahl vollends bereitet sein wird?“
GEJ|8|111|19|0|Sagte Ich: „Seht, hier unter dem Schatten eurer Obstbäume und im Freien läßt sich's angenehmer ruhen, und es gibt ja hier auch eine Menge Tische und Bänke, die wir benutzen können! Zugleich weiß Ich aber, daß der Hauptmann um etwas früher als wir von Bethlehem zu Pferde hierher gekommen ist, mit dem diese Staatsmänner aus Rom etwas zu verhandeln haben. Er stärkt sich nun mit seinen zwei Gefährten mit Brot und Wein, und wir wollen ihn dabei nicht stören; wenn er sich wird gestärkt haben, dann wolle er herauskommen und sich mit diesen Römern besprechen.“
GEJ|8|112|1|1|112. — Die Krankenheilungen in der Herberge
GEJ|8|112|1|0|Nach dieser Meiner Bescheidung aber erinnerte Mich ganz zutrauensvoll der Wirt an die alte kranke Mutter und an den kranken Knecht und bat Mich, daß Ich derer gedenken möchte.
GEJ|8|112|2|0|Sagte darauf Ich: „Seht, bei Gott sind alle Dinge möglich! Wenn ihr glaubet, da sollen die beiden Kranken, ohne daß Ich sie ansehe und berühre, allein durch Meinen Willen und Mein Wort völlig geheilt werden!“
GEJ|8|112|3|0|Sagte der Mann: „Herr und wundersamer Heiland, ich glaube deinen Worten! Denn ein Mann, wie du einer bist, erfüllt gleich einem Propheten mit Weisheit und Wahrheit, hat sicher noch nie eine Unwahrheit gesprochen! Wenn es nicht also wäre, hättest du solches nicht zu uns geredet. Dieweil du aber solches zu uns geredet hast, so glauben wir auch ungezweifelt, daß du unsere beiden Kranken heilen kannst durch die Macht deines Willens und Wortes, und wir bitten dich darum, nur durch deinen Willen und durch dein Wort unsere beiden Kranken zu heilen!“
GEJ|8|112|4|0|Sagte Ich: „Nun wohl denn, so will Ich denn, daß die beiden Kranken auf einmal vollkommen gesund ihr Krankenlager verlassen sollen! Gehet aber nun zu ihnen, reichet ihnen etwas Speise und Trank zu ihrer Stärkung, und sie sollen darauf ins Freie wandeln! Doch saget es ihnen nicht alsogleich, daß Ich solches an ihnen getan habe; erst nach dem Mittagsmahle sollen sie Mich näher kennenlernen!“
GEJ|8|112|5|0|Die Kinder, die solches auch vernommen hatten, sagten gleich: „Gott in Seinen Himmeln alles Lob, daß Er den guten Menschen, die nach Seinen Geboten leben, solche Kraft und Macht gegeben hat! Nun ist unsere Großmutter sicher schon ganz gesund und zugleich auch unser braver und treuer Knecht!“
GEJ|8|112|6|0|Darauf begaben sich die Kinder samt den Eltern sogleich in das Haus zu den Kranken und fanden zu ihrem größten Erstaunen die beiden vollkommen gesund, frisch und heiter.
GEJ|8|112|7|0|Und die beiden bekannten einstimmig, daß es ihnen so vorgekommen sei, daß sich eine ganz hellweiße Flamme über sie gleich einem Blitze ergossen habe, worauf sie alle Schmerzen verließen und sie sich ganz wohl und sehr gesund fühlten und es ihnen auch vorkam, daß sie so gestärkt wären, daß sie ganz füglich das Bett verlassen könnten.
GEJ|8|112|8|0|Da sagte der Herbergsherr, der ein Sohn der krank gewesenen Mutter war: „Uns hat das ein angekommener Gast gesagt, daß ihr gesund geworden seid, das Bett verlassen und zu eurer noch größeren Stärkung Speise und Trank zu euch nehmen könnet; darum verlasset nun getrost das Bett, kleidet euch frisch an, und nehmet dann Speise und Trank und stärket euch nach Herzenslust!“
GEJ|8|112|9|0|Auf diese Worte erhoben sich die beiden Geheilten aus den Betten, kleideten sich an und nahmen darauf Speise und Trank zu sich. Darauf wollten sie den fremden Gast sehen; aber der Sohn ermahnte sie zur Geduld und sagte zur Mutter, daß sie den Gast schon nach dem Mittagsmahle kennenlernen würden. Und die beiden begnügten sich damit.
GEJ|8|112|10|0|Wir aber ruhten unter den Bäumen und besahen die schöne Gegend, die, weil diese Herberge auf einer ziemlichen Anhöhe sich befand, sich von hier besonders gut ausnahm. Denn eine kleine Stunde von hier gen Südost lag Bethlehem mit seinen alten Ringmauern und Türmen auf einer gleichen Anhöhe, nur ein Tal mit vielen Äckern, Wiesen und Gärten trennte unsere Herberge, bei der die Hauptstraße eben nach Bethlehem vorüberführte, von der Stadt Davids. Man sah aber von unserer Anhöhe noch eine Menge Ortschaften und auch einzelne Burgen und Gehöfte und gen Westen auch große und wohlbestellte Weinberge, und im weiten, schon blau gefärbten Umkreise waren hohe Gebirge zu sehen, deren Majestät der ganzen Gegend einen noch erhöhteren Reiz verlieh. Es ist darum begreiflich, daß unsere Römer, die große Freunde von schönen Gegenden und Landschaften waren, sich bei dem Beschauen dieser Gegend ganz besonders vergnügten und gleichfort zu fragen hatten, was dies und jenes sei, wie es heiße, wem es gehöre und wie der und der andere Ort wäre, und was sich in den größeren Orten etwa besonders Denkwürdiges zugetragen habe.
GEJ|8|112|11|0|Und Lazarus, die beiden Wirte und mitunter auch ein oder der andere Jünger hatten da zu erklären genug. Die Römer vertieften sich derart in die Betrachtung dieser Gegend, daß sie beinahe vergaßen, daß der Hauptmann aus Bethlehem sich schon bei einer Stunde lang ihretwegen hier befinde und in großer Besorgnis stehe, was er etwa von den mächtigen Gebietern alles vernehmen werde.
GEJ|8|113|1|1|113. — Der Bericht des Wirtes über die Pharisäer
GEJ|8|113|1|0|Endlich kam der Wirt wieder zu uns, erzählte uns mit großem Dankgefühl die wunderbare Heilung der beiden Kranken und sagte zu Mir: „Herr! Du bist mehr als ein Mensch meiner Art! Du bist nicht nur ein Heiland, der seinesgleichen in der Welt nicht mehr hat, sondern du bist ein großer Prophet, der uns in dieser Zeit schon höchst not tut; denn wenn es unsere Pharisäer noch lange so forttreiben, wie sie es jetzt machen, so geht aller Glaube an einen Gott unter.
GEJ|8|113|2|0|Ich habe wohl von Reisenden, die hier blieben, schon so manches von einem Propheten gehört, daß er große Zeichen wirke und die Menschen wieder zum wahren Glauben an einen Gott bekehre; aber die Pharisäer sollen ihm sehr feind sein.
GEJ|8|113|3|0|Vor ungefähr etwa einem Jahre oder auch weniger noch soll er auch in Bethlehem und in den umliegenden Ortschaften sein wundersames Wesen getrieben haben, davon ich aber selbst nichts gesehen habe, da ich ob der vielen Sorge und Arbeit zur Aufrechterhaltung dieser meiner großen Herberge beinahe schon gar nirgends hinkomme und Jerusalem schon über zehn Jahre nicht gesehen habe, selbst ins nahe Bethlehem nur sehr selten persönlich komme, – und so weiß ich, was ich weiß, nur so vom flüchtigen Hörensagen.
GEJ|8|113|4|0|Es kommen wohl auch beinahe jede Woche etliche Pharisäer von Bethlehem hierher, aber diese um so etwas zu fragen, wäre eine vergebliche Mühe; denn sie verdammen gleich alles, was sich als etwas Außerordentliches darstellt, und erklären schon das für eine sehr sträfliche Sünde, so man ihnen auch noch so harmlos erzählt, daß man davon nur so von weitem her habe reden hören. Es ist darum unsereinem denn auch nicht zu verargen, daß man sich nahe schon um gar nichts anderes mehr kümmert und sorgt als nur um sein eigenes Hauswesen.
GEJ|8|113|5|0|Nun, so vor einigen Tagen waren in der Nacht wahrlich außerordentliche Dinge am Himmel zu sehen. Man ging da wohl zu den Pharisäern und dachte sich, was Wunder man da alles hören werde, und dachte auch daran, daß der gute, alte Jehova doch endlich wieder einmal ein Zeichen von Sich den Juden gebe. Aber nichts von allem dem! Die Pharisäer unterrichteten das Volk mit ganz heiterer Miene dahin, daß die ganze großartigste Erscheinung, die für uns Juden keinen guten Propheten abgab, ein von den Römern durch die Essäer, die in allerlei Zauberei wohlbewandert seien, bewirkter Volksbetrug sei und sonst nichts zu bedeuten habe, als daß die Römer, denen besonders der hohe und reiche Teil der Juden schon lange nicht besonders gewogen sei, durch derlei Mittel das mehr leicht- und abergläubische Volk betören und gegen ihre jüdischen Oberen aufreizen und dadurch einen allgemeinen Judenaufstand wider die etwas schwach gewordene Obermacht der Heiden verhindern wollten. Mit solcher Erklärung ging man denn wieder ganz gleichgültig und guten Mutes ohne weitere Besorgnisse nach Hause und kümmerte sich um die ganze noch so schrecklich aussehende Erscheinung gar nicht mehr.
GEJ|8|113|6|0|Bald darauf sah man drei Sonnen aufgehen. Man fragte und bekam zur Antwort, das bezeichne Wind und ein bald eintretendes rauhes Wetter. Und man ging wieder ohne weitere Bedenklichkeiten nach Hause.
GEJ|8|113|7|0|So sollen auch vor wenigen Tagen sich in dieser Gegend gewisse Verbreiter einer neuen Lehre, die eben von dem Propheten aus Galiläa ausgehen soll, herumgetrieben und auch Zeichen von außerordentlicher Art gewirkt haben, und es soll sich schon viel Volkes an sie halten. Wieviel daran Wahres ist, weiß ich natürlich kaum; denn zu mir ist niemand gekommen, der nur von weitem einem solchen Neulehreboten gleichgesehen hätte.
GEJ|8|113|8|0|Ich aber fragte erst vor ein paar Tagen einen aus Bethlehem hierher gekommenen Synagogiker, was es mit den gewissen Neulehreboten, die sich in dieser Gegend herumtreiben sollen, für eine Bewandtnis habe, und er sagte mir: ,Ei, derlei müßiges und arbeitsscheues Gesindel treibt sich, seit die Römer unsere Herren sind, ja stets in einer Unzahl herum! Es wird von ihnen geduldet und unterstützt, und wir können dawider wenig oder nichts tun!‘
GEJ|8|113|9|0|Ja, gegen solch eine Erklärung konnte man vernünftigermaßen auch wieder nichts einwenden! Denn erstens hat man selbst gar keine näheren Kenntnisse von allem dem, was nun alles im ganzen großen Judenreiche ist und geschieht, und zweitens kann man sich selbst dann, so man von etwas Außerordentlichem auch nähere Kenntnisse hätte, mit den wohlberedten Synagogikern ja in kein Gespräch einlassen, denn man würde einmal mit ihnen nichts ausrichten und dann auch in die Gefahr kommen, von ihnen nach allen Richtungen hin verfolgt zu werden. Und so bleibt man denn lieber so ein stiller Landbürger und kümmert sich weder um eines noch ums andere, obschon man nur zu wohl einsieht, daß die Synagogiker auch nur ihres Bauches wegen das sind, was sie sind, und bei sich noch weniger an einen Gott glauben als einer dieser meiner vielen Obstbäume.
GEJ|8|113|10|0|Und ich sagte darum zuvor, daß es nun schon höchst nötig wäre, so wieder einmal ein wahrer und mächtiger Prophet aufstünde; denn sonst verliert das Volk ehest allen Glauben an einen allein wahren Gott. Du scheinst mir nach deiner Macht und inneren Weisheit ein solcher zu sein, und ich bin dessen nun froh, daß ich in dir nun endlich einmal selbst einen solchen Mann zu Gesichte bekommen habe, der gut ein Elias sein könnte.
GEJ|8|113|11|0|Jetzt glaube ich wieder, daß es in den früheren Zeiten Propheten gegeben hat, die von Gott des blinden und ungläubigen Volkes wegen mit einer besonderen Weisheit und Macht ausgerüstet worden sind. Bisher war solch ein Glaube bei mir in das Reich der frommen Märchen hinabgesunken. Aber wo ich nun selbst gesehen habe, daß dein Wille und Wort zwei Kranke, die jeder sonst noch so bewährte Heiland für unheilbar erklärte, auf einen Schlag derart frisch und gesund gemacht hat, da ist auch mein Glaube an einen Gott und an die Propheten wieder vollkommen hergestellt, – was mir lieber ist, als so mir jemand der halben Welt Schätze geschenkt hätte.
GEJ|8|113|12|0|Aber nun kommt der Hauptmann heraus und wird sicher mit den hohen Römern zu verhandeln haben, und da dürfte ich mich wohl als überflüssig hier dabei befinden, und so wird es Zeit sein, daß ich mich ins Haus begebe!“
GEJ|8|113|13|0|Sagte Ich: „Gerade jetzt bist du notwendig dabei! Denn die Römer haben eben deinetwegen mit dem Hauptmanne etwas zu reden. Durch seine Verfügung bist du heute von der vorüberziehenden Kriegerschar zu einem nicht verdienten Schaden gekommen, der dir wird ersetzt werden müssen, und das eben vom Hauptmanne, und darum mußt du als ein benachteiligter Kläger vor den hohen Richtern gegenwärtig sein; denn wo es keinen Kläger gibt, da gibt es auch keinen Richter!“
GEJ|8|113|14|0|Sagte der Wirt: „Ja, ja, du machtvoller und weiser Heiland, das wäre schon alles recht; aber der Hauptmann wird nachher auch mein Herr verbleiben! Kommt er nun durch mich zu einem bedeutenden Schaden, so werde ich dann, so ihr von hier fort sein werdet, meine große Not mit ihm haben, – und so möchte ich ihm schon fast lieber alles nachsehen, als mich hintendrein förmlich ans Kreuz binden lassen.“
GEJ|8|113|15|0|Sagte Ich: „Da sorge du dich nur um etwas anderes; denn es wird dadurch der Hauptmann erst ein Mensch und auch dein wahrer Freund werden! Daß du aber Meinen Worten schon den vollsten Glauben schenken kannst, dafür habe Ich dir schon mehr als einen handgreiflichen Beweis geliefert.“
GEJ|8|113|16|0|Sagte der Wirt: „Ja, wenn so, da bleibe ich freilich wohl da! Sollen etwa auch mein Weib und meine Kinder und mein einziger nächster Nachbar, der mir zu Hilfe gekommen ist, da meine Dienstleute auf dem Felde Arbeit hatten und nicht zu Hause waren, herzuberufen werden?“
GEJ|8|113|17|0|Sagte Ich: „Dessen hat es nicht not, – du allein, als das Haupt des Hauses, genügst!“
GEJ|8|113|18|0|Mit dem begnügte sich denn auch unser Wirt und blieb allein bei uns.
GEJ|8|114|1|1|114. — Die Klagen über Herodes
GEJ|8|114|1|0|Auf das erst begab sich der Hauptmann voller Demut zu Agrikola, grüßte ihn und bat ihn, daß er kundtäte seinen hohen und mächtigen Willen.
GEJ|8|114|2|0|Agrikola sah ihn sehr ernst an und sagte: „Ihr von uns mit aller rechtlichen Macht begabten Hauptleute machet davon, wie Ich leider nun bei meiner Bereisung Palästinas mehrere Erfahrungen davon gemacht habe, einen sehr bedeutenden und ärgerlichen Mißbrauch! Heute habe ich einen solchen von dir in eine mir höchst mißliebige Erfahrung gebracht. Wie wirst du dich nun rechtfertigen vor mir? Denn du bist angeklagt von den Soldaten und faktisch von diesem ehrlichen und braven Bürger. Ich weiß um deine ganze Schuld so gut wie du selbst und brauche sie dir nicht vorzutragen; daher rede du nun und rechtfertige dich!“
GEJ|8|114|3|0|Sagte der Hauptmann: „Mächtiger Gewaltträger des Kaisers und der weisen Gesetze Roms oberster Ausfolger und Bestimmer! Rechtfertigen kann ich mich vor dir nicht, obschon ich streng genommen dem Inhalte der in Rom mir erteilten Vollmacht gerade nicht dawidergehandelt habe; aber aus Menschlichkeitsrücksichten hätte ich freilich auch anders handeln können, weil mir es freisteht, auch milde zu sein, so ich es für gut finde. Hier war zwar kein Grund vorhanden, die Soldaten mit etwas zu vielen Freiheiten in eine andere Provinz ziehen zu lassen, aber ich wollte eine kleine Ersparung machen und habe ihnen die Zehrpfennige vorenthalten, dafür aber ihnen erlaubt, sich für den notwendigen Mundbedarf mäßig auf dem Wege bei den großen Herbergen schadlos zu halten. Und darin besteht für hier meine Hauptschuld, die ich völlig, und das zehnfach, gutmachen will.
GEJ|8|114|4|0|Das aber, daß die Soldaten samt den wohlinstruierten Führern schon von hier von der ihnen nur mäßigst erteilten Freiheit einen groben Mißbrauch zu machen sich getrauten, habe ich nicht erwarten und voraussehen können, indem sie sich nun schon drei volle Jahre hindurch in Bethlehem stets so betragen haben, daß noch keine Klage über sie von jemandem geführt wurde. Zudem waren sie an geschäftslosen Tagen abwechselnd schon oft hier, haben gezehrt und gezahlt, was der Wirt wohl wissen wird. Daß sie aber nun bei ihrem Abzuge sich auf eine solche Weise schon hier benommen haben, als wären sie in einem Feindeslande, dafür kann ich wahrlich nicht; denn dazu habe ich ihnen keine Instruktion gegeben.
GEJ|8|114|5|0|Da ich aber dennoch die Schuld trage, daß von den Soldaten hier solch eine Ungebührlichkeit begangen wurde, so will ich auch, wie schon gesagt, jeden Schaden zehnfach gutmachen. Ich habe geredet.“
GEJ|8|114|6|0|Sagte darauf Agrikola: „Das ist nun nicht mehr als recht und billig; aber sollte in der Folge noch einmal so etwas vorkommen, und ich erfahre das in Rom, dann wird mein Richterspruch ganz anders lauten! Denn so weit erstrecken sich die euch von uns im Namen des Kaisers erteilten Vollmachten nicht, daß ihr ganz nach eurer Willkür den Soldaten das ihnen Gebührende vorenthalten und es für euch behalten dürftet. Nur in dringenden Fällen, wo sich etwa in einem Lande Unruhen und Aufstände zeigen, wäre allenfalls solch ein Mittel in Anwendung zu bringen, damit die Krieger den Aufständischen fürchterlicher und rücksichtsloser begegnen mögen. Doch ist selbst da so lange eine weise Mäßigung der zu großen Strenge stets vorzuziehen, als es nur immer möglich ist; denn ein zu geplagtes Volk wird zu einer Regierung nie eine Liebe und Anhänglichkeit an den Tag legen. Das geheime Zornfeuer wird in ihm fortglühen; sowie es einmal von irgendwoher Luft bekommen wird, wird es in alles verheerende Flammen ausbrechen, denen dann schwer ein Schutzdamm wird gesetzt werden können. Das hast du nun als allzeit gültige Instruktion für deine fernere Amtswaltung strenge zu beachten.
GEJ|8|114|7|0|Nun aber kommt es auf den Wirt an, daß er treu und wahr ansage, wieviel die Soldaten bei ihm verzehrt haben, und wieviel er für die Mißhandlung seiner selbst, seines Weibes und besonders seiner Kinder beansprucht. Und am Ende hast du dem Lazarus, einem getreuen Wirte von Bethanien, der hier zu meiner Rechten sich befindet, heute noch die Zehrpfennige für die Soldaten zu bezahlen. – Nun rede du, Wirt dieser Herberge!“
GEJ|8|114|8|0|Sagte der Wirt: „Höre, du hoher Gebieter! Mir ist durch diesen weisesten und wundermächtigsten Heiland eine unschätzbar große Wohltat zuteil geworden, und ich stehe mit meinem Vermögen, Gott dem Herrn alles Lob, noch so als ein Bürger da, daß ich den mir von den Soldaten zugefügten Schaden ganz leicht ertragen kann, und mache darum auf gar keine Entschädigung irgendeinen Anspruch. Will aber der sonst mir stets freundliche Hauptmann und Gebieter über Bethlehem und diese ganze Gegend den Armen eine Wohltat erweisen, so stehe das bei ihm und seinem freien Willen! Was aber deine und des Lazarus Sachen sind, da habe ich nichts zu reden.“
GEJ|8|114|9|0|Sagte Agrikola, ganz gerührt von dem Edelmut des Wirtes: „Wahrlich, solch ein Edelmut ist mir wohl nur äußerst selten vorgekommen, und der Hauptmann wird ihn auch zu würdigen verstehen!“
GEJ|8|114|10|0|Sagte der Hauptmann: „Ja, bei allen Mächten der Himmel, das werde ich auch! Nicht nur zehnfach, sondern tausendfach werde ich solch einen Edelmut mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln zu belohnen nimmerdar unterlassen. Was aber das betrifft, was ich an den Lazarus zu bezahlen habe, so wird das Geld binnen einer Stunde hergeschafft werden; meinen Geheimschreiber und Säckelmeister will ich sogleich darum entsenden. Aber dann erlaubet mir, daß ich als ein nun bekehrter Sünder in eurer Gesellschaft verweilen darf; denn auch ich möchte den wundersamen Heiland näher kennenlernen und ihm auch den Dank dafür abstatten, daß er schon zum voraus diesem edlen Wirt das vergütet hat, was ich ihm zu vergüten gehabt hätte!“
GEJ|8|114|11|0|Sagte Agrikola: „Du magst schon bleiben als nun unser Freund, und die nähere Bekanntschaft mit unserem größten Heilsmanne wird dir von größtem Nutzen sein, und du wirst Ihm bald noch mehr zu verdanken bekommen, als was du Ihm nun zu verdanken hast. Siehe aber nun mit Lazarus in Ordnung zu kommen; denn ich habe auf dem Wege den Führern der Soldaten die Weisung mit seiner Einwilligung gegeben, sich dort mäßig auf deine Kosten verpflegen und sich auch die von dir ihnen vorenthaltenen Zehrpfennige ausbezahlen zu lassen!“
GEJ|8|114|12|0|Sagte nun Lazarus: „Nun lasset auch mich ein Wort reden! Da dieser Hauptmann nun gar so edelsinnig geworden ist und mir vor zehn Jahren auch eine entschieden große Freundschaft erwiesen hat bei meinen Besitzungen, die sich in dieser Umgebung befinden, so mache auch ich es unserem edlen Wirte nach, und der freundliche Hauptmann ist denn auch mir nichts mehr schuldig! Er möge dafür den Armen und Bedrängten stets ihr Recht beschützen und sie schirmen vor des Herodes Übergriffen und großen Willkürlichkeiten; denn in dieser Gegend macht er sich noch breiter denn in Jerusalem.“
GEJ|8|114|13|0|Sagte hier abermals der Wirt: „Ja, Herodes ist unsere größte Plage! Wir würden mit einer noch größeren Liebe an dem Kaiser hängen, als das nun der Fall ist, wenn er uns, was sicher ganz leicht ginge, nur von dieser Plage befreien möchte. Wir wissen wohl, daß Herodes als ein Lehensfürst nach Rom einen großen Tribut bezahlt; aber dafür entschädigt er sich zehnfach durch überstarke Steuererpressungen und schont niemanden. Wenn seine Steuererpresser kommen, da heißt es gutwillig zahlen, was und wieviel sie verlangen. Da wird keine Frist gegeben, sondern da heißt es: Zahlen! Wer das Geld nicht hat, dem wird alles genommen, Vieh und Getreide, und reicht das nicht aus, auch Weib und Kinder. Wenn der so um alles beraubte Mann dann die verlangten Steuern bis zu einem gesetzten Termin nicht bezahlen kann, so werden sein Vieh, Getreide, und Weib und Kinder auf offenen Märkten verkauft. Ja, das ist denn doch etwas Entsetzliches! Da kann man sich bei den römischen Gerichten beschweren, wie man will, so findet man keinen Schutz, und das ist denn doch ein himmelschreiendes Unrecht!
GEJ|8|114|14|0|So wir dem Kaiser den jährlichen Zinsgroschen zahlen, so tun wir das gerne – denn erstens ist das nicht viel, und zweitens wissen wir, warum wir den kleinen Zins bezahlen; denn der Kaiser gibt uns dafür weise Gesetze und sorgt durch seine Gerichte und durch seine Soldaten für die Aufrechterhaltung der guten Ordnung im Lande –; Herodes aber fordert das Zehnfache, ja oft sogar das Hundertfache als purer von Rom aus begünstigter Lehensfürst und tut und gibt uns nichts dafür. Wir haben freilich vom Kaiser aus das Recht, uns von Herodes loszukaufen; aber es ist das mit vielen Umständen und Kosten verbunden. Wir Reichen dieser Gegend und auch anderorts haben das auch getan und befinden uns nun ganz wohl dabei; aber die ärmeren Besitzer, die das nicht können und sich vor den Drohungen der Priester, die es mit dem Herodes halten, fürchten, sind desto elender daran, weil dieser wahre Tyrann, obschon er das Lösegeld bekommt, dann bei den andern die Steuern derart erhöht, daß sie auch für die Losgekauften das bezahlen müssen, was wir ehedem bezahlt haben.
GEJ|8|114|15|0|So habe zum Beispiel ich an den Herodes jährlich hundert Groschen mindestens zu zahlen gehabt. Als ich mich aber schon vor zehn Jahren um tausend Silbergroschen losgekauft habe, so war Herodes ja ohnehin ganz entschädigt, da er die tausend Groschen zu zehn von hundert in die Wechselbude legte. Aber das genügte dem großen Schwelger nicht; er legte die von mir nicht mehr zu bekommenden hundert Groschen auf zwanzig andere ihm pflichtige Untertanen, so daß ein jeder nun um fünf Groschen mehr zahlen muß denn zuvor. Und beschweren sich diese bei den Römern, so finden sie nur selten einen Schutz, sondern man rät ihnen auch den Loskauf. Ja, das wäre schon alles recht, wenn die am meisten Bedrängten nur die Mittel dazu hätten! Und dann ist es bei dem Sichloskaufen in Hinsicht auf das willkürliche und unbeschränkte Gebaren des Herodes auch wahrlich eine wahre Gewissenssache und ein Verstoß gegen die Nächstenliebe; denn ich habe mir mein Los wohl verbessert, aber dafür das von zehn und zwanzig andern verschlimmert.
GEJ|8|114|16|0|Ihr hohen und weisen Gewaltträger des Kaisers, ich habe euch nun die Sache so dargestellt, wie sie ist; seid darum bedacht, daß endlich einmal diesem großen Übel Einhalt getan werde! Jeder würde darum dem Kaiser gerne den zehnfachen Zins bezahlen, so er nur von der Herodesplage befreit wäre, und der Kaiser würde dabei sicher mehr denn um die Hälfte mehr erhalten, als was der Herodes an ihn bezahlt; denn wir wissen es ja, wieviel Herodes zu zahlen hat, und das macht nicht den hundersten Teil von dem aus, was die Untertanen an den Herodes zahlen müssen.“
GEJ|8|114|17|0|Sagte Agrikola: „Ja, ich sehe es nur zu gut und klar ein, was Herodes treibt, und es sind ihm auch schon manche Schranken gesetzt worden und werden auf diese deine Beschwerde ehest noch größere gesetzt werden! Doch für den Augenblick läßt sich das nun nicht ändern; denn er hat sich neuerdings mit dem Lande auf zehn Jahre belehnen lassen und hat dafür den vom Kaiser gesiegelten Vertrag in seinen Händen. Aber dessenungeachtet werden wir beim Kaiser das schon erwirken, daß dem losen Treiben des großen Schwelgers die rechten und wirksamen Schranken gesetzt werden. Doch bevor ich nun schon hier im Namen des Kaisers etwas anordne, werde ich auch hier diesen allerweisesten Herrn und Meister um einen rechten Rat bitten, und Er wird es mir sagen, was da vor allem not tut.“
GEJ|8|115|1|1|115. — Die göttliche Führung des Judenvolkes
GEJ|8|115|1|0|Hierauf wandte sich Agrikola an Mich und sagte: „O Herr und Meister! Gib Du uns Römern nach Deiner Liebe, Gnade und Gerechtigkeit einen Rat, was in dieser wahrlich sehr argen Sache zu tun wäre zum Wohle dieser Menschen!“
GEJ|8|115|2|0|Sagte Ich: „Da läßt sich nun nicht viel tun; denn nach euren Gesetzen muß ein Vertrag aufrecht und geltend erhalten werden auf die bestimmte Zeit hin, wenn der Vertragsbesitzer die im selben enthaltenen Bedingungen erfüllt. Aber im Vertrage steht es nicht, daß Herodes die Steuern derer, die sich losgekauft haben und römische Bürger geworden sind, auf die nicht Losgekauften verlegen könne, und so könnet ihr ihm das wohl verbieten. Es hat zwar solches schon der Landpfleger Pontius Pilatus zum Teil getan und hat sich den Herodes dadurch zum Feinde gemacht, aber es wirkte das eben nicht viel, und Herodes tut noch, was er will, und kümmert sich wenig um den Landpfleger; denn er hat ja im Vertrage vom Kaiser die klar ausgesprochene Befugnis, im Lande sich aller Rechte eines Königs insoweit zu bedienen, inwieweit sie nicht den Gesetzen Roms als widerstrebend und mit diesen unvereinbar erscheinen.
GEJ|8|115|3|0|Nun, nach solch einer ihm erteilten Befugnis, die sicher nicht zu den weise überdachten gehört, kann er gar manche schreiendste Ungerechtigkeit ausüben, und ihr könnet ihn laut eurem Vertrage zu keiner Verantwortung ziehen.
GEJ|8|115|4|0|Daß er aber nun geizt und das Volk im hohen Grade bedrückt, liegt in dem Umstande, daß er soviel Geldes zusammenbringen möchte, um damit euch Römern das ganze Land, als für alle Zeiten geltend, zu seinem Nutzen und Zwecke abzukaufen, um so ein von euch ganz unabhängiger Herrscher über ganz Judäa zu sein. Er wird es zwar nicht dahin bringen, aber da er einmal diesen Sinn und Vorsatz hat, so handelt er auch also nun, um ihn nach seiner Idee einmal bei gutem Winde aus Rom in Ausführung zu bringen.
GEJ|8|115|5|0|Ich könnte alles das, wie es nun besteht, wohl mit einem Gedanken ändern, und das ganze Haus des Herodes bis auf seine entferntesten Verwandten bestünde nicht mehr, aber Ich tue das dennoch nicht, weil er als eine Zuchtrute für den Geiz und für die Hoffart des Volkes von Gott zugelassen ist.
GEJ|8|115|6|0|Denn als die Juden unter den Richtern standen, hatten sie außer dem Zehnten keine Steuern und waren reich und mächtiger denn irgend ein Volk der Erde. Da wurden sie übermütig in ihrem Glanze und wollten einen König haben, der an Glanz, an Pracht und an Macht alle Könige der Erde überträfe. Und es ward ihnen ein König gegeben. Aber mit ihm kam auch alles Elend über das mit der Regierung Gottes unzufrieden gewordene Volk.
GEJ|8|115|7|0|Da murrten und klagten die Menschen noch ärger denn jetzt, und viele baten Gott um Abhilfe; aber Gott ist nicht ein Wesen, das gleich einem Menschen von heute bis morgen seinen einmal gefaßten Entschluß ändert – denn täte Er das, so bestünde schon lange keine Erde und keine Sonne mehr! –, und so beließ Er denn auch die Juden unter den Königen. Die Könige aber waren so lange weise und leiteten das Volk gerecht, als das Volk selbst gut und weise und gerecht nach den Gesetzen Gottes verblieb. Wie sich aber das Volk unter sich zu übernehmen begann und Hurerei und allerlei Ungerechtigkeit zu treiben anfing, da wurden auch unweise und harte und ungerechte Könige über dasselbe gesetzt.
GEJ|8|115|8|0|Und als das ganze Judenvolk bis auf nur wenige nahezu ins Heidentum überging, da kam es denn auch in die Gefangenschaft der Babylonier, damit es da erfahre, wie sich's unter der Herrschaft der finstersten Heiden leben läßt. Da erst kehrte das Volk wieder zu seinem alten und allein wahren Gott zurück, und Gott machte es wieder zu einem selbständigen Volke und gab ihm weise und gerechte Lenker.
GEJ|8|115|9|0|Aber es dauerte abermals nicht lange, und das Volk verfiel in seine alten Sünden und Übel, und Gott stellte es nach und nach also, wie es verdientermaßen nun steht und seufzet und klagt.
GEJ|8|115|10|0|Und Gott ist nun Selbst zum Volke im Fleische gekommen also, wie die Propheten es geweissagt haben, und will es erlösen und glücklich machen für Zeit und Ewigkeit; aber das große Volk glaubt es nicht, so es auch davon hört und selbst mit den offensten Augen schaut, und verfolgt den allmächtigen Helfer und will von Ihm nichts hören. Darum aber läßt denn Gott auch zu, daß das blinde und arg gewordene Volk nach allen Richtungen hin geplagt werde und noch stets mehr geplagt werden wird, und es wird noch kommen, daß es unter alle Völker der Erde zerstreut werden wird und wird kein Land haben, das es sein nennen könnte.
GEJ|8|115|11|0|Weil das Volk aber nun also ist, so muß es nun auch von den Römern und noch mehr von deren Lehensfürsten geplagt werden. Wer aber da noch weise und gerecht ist und die Gebote Gottes achtet und hält, der wird auch Gerechtigkeit, Gnade und Hilfe finden bei Gott und den Menschen, und die Hab- und Herrschsucht des Herodes wird ihm nichts anhaben können, davon Lazarus und viele andere zeugen können.
GEJ|8|115|12|0|Wer aber noch gedrückt wird, der wende sich zuerst wahrhaft an Gott und bitte Ihn im Herzen um Hilfe, und es wird ihm geholfen werden, so er sich enthält von allen den vielen Sünden, die unter den Juden nun mehr denn unter den Heiden gang und gäbe sind!
GEJ|8|115|13|0|Siehe, Freund Agrikola, also stehen die Sachen, und du wirst aus dem Gesagten nun schon entnehmen können, was du in bezug auf den Herodes zu tun hast!“
GEJ|8|115|14|0|Sagte Agrikola: „Ja, Herr und Meister, Du allein Wahrhaftigster und Getreuer, nun weiß ich ganz klar, was mir zu tun übrigbleibt; was Dir, o Herr, recht ist, das ist auch mir recht!“
GEJ|8|116|1|1|116. — Der Hauptmann und der Wirt erkennen den Herrn
GEJ|8|116|1|0|Während Ich aber also mit Agrikola redete, hatten Mich der Hauptmann, seine beiden Gefährten, die in seinem Dienste standen, und auch der Wirt scharf beobachtet, und der Hauptmann sagte nach den Worten des Agrikola: „Herr und Meister und wundersamer Heiland, so wie nun Dich habe ich noch nie einen Menschen reden hören! Mir scheint, – mir scheint es stark, daß hinter Dir ganz wer anderer steckt, als Du in Deiner Harmlosigkeit zu sein scheinst! Du bist sicher der große Mann aus Galiläa, von dem mir schon Kornelius und mehrere andere Römer Kunde gemacht haben? Und bist Du eben Derselbe, dann ist mir nun alles klar, und ich für mich weiß es schon, mit Wem wir da zu unserer höchsten Beseligung zu tun haben. Sei mir aber darob nicht gram, daß ich solches hier ausgesprochen habe!“
GEJ|8|116|2|0|Sagte Ich: „O mitnichten, – aber sonderbar ist es dennoch, daß die Heiden das Licht früher erschauen als so viele Juden, die doch schon von Urbeginne an zum Lichte berufen waren! Aber sei es nun, wie es da ist, Ich habe darum schon also verordnet, daß nun das Licht von vielen Juden genommen und den Heiden gegeben werden wird. Sie waren lange blind und sehnten sich nach dem Lichte, und weil sie sich nach dem Lichte sehnten, so fanden sie es auch; die Juden aber prahlten mit dem, daß sie allein das Licht haben, sind aber nun blind geworden, also daß es ein Schweres ist, sie nun wieder sehend zu machen.
GEJ|8|116|3|0|Meine Worte sind das Licht und das Leben, und Meine Taten zeugen, daß Meine Worte lebendig sind, weil der Geist, der in ihnen ist, kein toter, sondern ein ewig lebendiger und über alles mächtiger ist; denn bevor je etwas geschaffen war, da war schon das Wort, das ihr nun höret. Das Wort war bei Gott, und Gott Selbst war das Wort. Das Wort aber ist nun Fleisch geworden und wohnt nun unter euch. Ich kam in Mein Eigentum zu den Meinen, und diese erkennen Mich nicht!
GEJ|8|116|4|0|O der großen Blindheit der Juden, und das namentlich der in dem Tempel und in den Synagogen sitzenden und sich breitmachenden! So Ich sie rufe, da vernehmen sie nichts, und zeige Ich ihnen das große Licht, so sehen sie es nicht an. Darum wehe ihnen am Tage des Gerichts, das über Jerusalem kommen wird! Doch nun nichts weiteres mehr von dem!“
GEJ|8|116|5|0|Sagte hierauf der Wirt: „O Herr und Meister! Du scheinst etwas ungehalten zu sein auf mich, weil ich Dich nicht sobald tiefer erkannte, wie Dich die Römer erkannten; aber dafür kann ich ja doch wohl nicht! Herr und Meister, sage es rund heraus, daß in Dir die Fülle der Gottheit wohne körperlich, und ich und mein ganzes Haus werden es glauben! Denn die Zeichen, die Du wirkest, kann ja nur Gott allein wirken und der Mensch erst dann auf Augenblicke lang, so er vom Gottesgeiste auf eben gewisse Augenblicke lang durchdrungen und ergriffen worden ist; denn kein Mensch könnte die zu endlose Macht und Gewalt des Geistes Gottes in sich ertragen und dabei erhalten das Leben!
GEJ|8|116|6|0|Wer demnach aber Dir gleich die Fülle des Geistes Gottes körperlich in sich fasset und trägt und also auch gleichfort lebt und handelt, der ist soviel wie Gott Selbst. Denn hat der Geist Gottes uns Menschen aus Seinem Worte und Willen einen Leib mit der lebendigen Seele erschaffen und geben können, warum sollte Er Sich Selbst, so es Ihm wohlgefällt, nicht auch einen reinsten Leib geben können nach der Ordnung Seiner Liebe und Weisheit?!
GEJ|8|116|7|0|Du, o Herr und Meister, magst aus dem wohl schier endlos heller als ich ersehen, daß ich nicht zu den begriffsstutzigen Juden gehöre, sondern das bald und leicht glaube, was ich als handgreiflich wahr erkenne; darum wolle Du mir deshalb nicht gram werden, weil der Hauptmann als ein Heide Dich eher erkannte als ich, der ich ein Jude bin!“
GEJ|8|116|8|0|Sagte Ich: „So Ich dir gram werden könnte, da wäre Ich nicht zu dir gekommen! Ich habe aber wohl schon lange gewußt, was dir am heutigen Tage begegnen werde, und kam darum mit diesen Meinen Freunden hierher zu dir, um dir zu helfen! Und da Ich das getan habe, bin Ich dir doch sicher nicht gram, sondern ein gar erster und größter Freund. Was Ich aber ehedem gesagt habe, das gilt allen Juden und allen Völkern der Erde, und auch denen, die in den Sternen wohnen.
GEJ|8|116|9|0|Nun aber will Ich dir noch etwas sagen, und du wirst dann um so klarer einsehen, warum Ich nun als ein erster und wahrster Freund zu dir gekommen bin.
GEJ|8|116|10|0|Siehe, dort in der Nähe der Stadt besteht im Vordergrunde unweit von der Straße eine Grotte, die noch heutigentags zu einem Schafstalle dient! Dort wurde Ich, als Kaiser Augustus die erste Volksbeschreibung im Judenlande anbefahl, von einer Jungfrau, die nie einen Mann erkannt hatte, um die Mitternacht herum geboren und gepflegt. Es geschahen aber zum Erkennungszeichen für die Menschen, auf daß sie gewahreten, Wer da ins Fleisch der Menschen getreten ist, große Zeichen am Himmel und auch auf der Erde, die von euch Hirten zuerst erschaut wurden.
GEJ|8|116|11|0|Du als damals noch ein Hirte auf jener bedeutenden Trift, die noch heute euer Gemeingut ist, warst einer der ersten, die zu der Grotte kamen und den neugeborenen König der Juden begrüßten und Ihm die Ehre erwiesen.
GEJ|8|116|12|0|Als du aber die Chöre der Engel vernahmst, da sagtest du zu mehreren zu der Grotte gekommenen Hirten: ,Seht, seht! Dieses Knäbleins Antlitz strahlt ja wie die Morgensonne, und es ist volle Tageshelle in der Grotte! Da ist mehr als nur ein neugeborener König der Juden! Das ist der verheißene Messias; das ist Der, von dem alle Propheten geweissagt haben! Der wird uns bringen das Heil, und darum sollen wir Ihn anbeten!‘
GEJ|8|116|13|0|Da warst auch du es, der folgenden kurzen Psalm den andern Hirten vorsang: ,Gott sei uns gnädig und segne uns! Er lasse uns Sein Antlitz leuchten – Sela! –, daß wir auf Erden erkennen Seinen Weg und unter allen Heiden Sein Heil! Es danken Dir, Gott, die Völker, es danken Dir alle Völker! Die Völker freuen sich und jauchzen, daß Du die Leute recht richtest und regierest die Leute auf Erden, Sela. Es danken Dir, Gott, die Völker, es danken Dir alle Völker! Das Land gibt sein Gewächs; es segne uns Gott, unser Gott! Es segne uns Gott, und alle Welt fürchte Ihn!‘
GEJ|8|116|14|0|Siehe, diesen Psalm hast du damals, von deinem inneren Geiste getrieben, auf Mich gerichtet und hast hernach, als du nach deinem Vater Besitzer dieses Gutes geworden bist, unweit von hier an der Straße einen wohlbehauenen Stein setzen lassen und schriebst mit eigener Hand den Psalm darauf, also, daß er für jedermann wohl zu lesen und zu erkennen ist, da du ihn in der hebräischen, griechischen und römischen Schrift und auch in den drei Zungen geschrieben hast mit einer unverlöschbaren Farbe!
GEJ|8|116|15|0|Aus dem aber kannst du nun schon ersehen, daß Ich dich gar wohl kenne, und daß Ich dir nicht gram bin, wie du es dir dachtest, denn du warst ja eben einer der ersten, der Mich erkannt hat schon bei Meiner Geburt, und hast Mir gegeben die rechte Ehre, und so wirst du nun sicher auch nicht der Letzte sein, der Mich nun wiedererkennen wird!“
GEJ|8|116|16|0|Hier ward unser Wirt zu Tränen gerührt und sagte: „Gott, Herr und Meister! Es ging mir das im Geiste vor, daß es also sein werde, wie ich Deiner nur ansichtig wurde; aber ich getraute mich doch nicht, mich darüber laut zu äußern. Da Du mich nun aber gnädigst daran erinnert hast, so ist es nun ja außer allem Zweifel, daß Du Derselbe bist, dem schon vor zweiunddreißig Jahren mein Lieblingspsalm allein gegolten hat. O welch ein endlos großes Heil ist nun meinem Hause widerfahren! O Herr, o Gott! Welchen Psalm soll ich Dir denn jetzt vorsingen?“
GEJ|8|116|17|0|Sagte Ich: „Wir bleiben schon bei dem, den du Mir zuerst gesungen hast; denn der enthält schon ohnehin alles, was der ewigen Wahrheit gemäß ist, und Ich bin damit zufrieden!“
GEJ|8|116|18|0|Da bat Mich der Wirt, ob er nun nicht alles das im Hause dem Weibe, seiner geheilten Mutter, seinen Kindern und auch seinem geheilten Knechte verkünden dürfte, welch ein Heil ihnen allen widerfahren sei.
GEJ|8|116|19|0|Sagte Ich: „Das tun wir erst nach dem Mittagsmahl, das nun nicht lange mehr auf sich wird warten lassen. Bis dahin aber werden wir schon noch etwas anderes zu besprechen bekommen.“
GEJ|8|117|1|1|117. — Der Wirt berichtet vom ersten Besuch des Herrn
GEJ|8|117|1|0|(Der Herr:) „Siehe, Ich war vor einem Jahre hier und habe in der Umgegend viele Lahme, Krüppel und Blinde geheilt! Als Ich dann von da nach Galiläa zog, da ging Mir viel Volkes nach bis nach Kapernaum. Dieses Volk wollte Mich am Wege zum Könige erheben, weil es die Zeichen sah, die Ich gewirkt habe. Als Ich aber in Kapernaum in einer Synagoge sie treu tiefe Worte aus dem Geiste hören ließ, da fingen alle an sich zu ärgern, sagten, das sei eine harte Lehre, wer solle diese hören und verstehen, und verließen Mich und zogen wieder heim. Da du mehrere von jenen kennst und mit ihnen sicher auch so manches darüber wirst gesprochen haben, so möchte Ich es eben von dir nun vernehmen, was diese Menschen nun so von Mir urteilen.“
GEJ|8|117|2|0|Sagte der Wirt: „O Herr, der Du die Herzen und die Nieren der Menschen prüfest, was soll ich Dir nun noch erzählen können, um das Du etwa nicht um gar endlos vieles besser wüßtest denn ich!?“
GEJ|8|117|3|0|Sagte Ich: „Ja, du Mein lieber Freund, es handelt sich hier nicht darum, ob Ich das schon zum voraus weiß oder nicht, sondern es handelt sich hier um deine eigene Entäußerung und volle Reinigung deiner Gedanken und Worte, und darum möchte Ich das von dir ausgesprochen vernehmen! Zudem müßten dann alle Menschen vor Mir wie ganz stumm wandeln, da sie, die Mich einmal erkannt haben, das wohl allzeit voraussetzen können, daß Ich um gar alles weiß, was in ihnen vorgeht.
GEJ|8|117|4|0|Ich aber will, daß auch ihr reden sollet und euch frei entäußern dessen, was in euch ist; und so kannst du dich vor Mir nun in aller Kürze schon auch entäußern dessen, was du von den Menschen so hier und da vernommen hast!“
GEJ|8|117|5|0|Sagte der Wirt: „Ja, Gott, Herr und Meister, es wäre das schon alles recht, so alles das, was diese Menschen von Dir sagen, ziemlich wäre, es Dir vor diesen Menschen wiederzusagen; aber die Sache steht ein wenig anders!“
GEJ|8|117|6|0|Sagte Ich: „Stehe sie, wie sie wolle, das macht hier nichts; rede du nur frei heraus!“
GEJ|8|117|7|0|Sagte abermals der Wirt: „Gott, Herr und Meister! Die Menschen, mit denen ich über Dich sprach, ohne Dich wie nun gekannt zu haben, sagten, daß ein großer Prophet, der zu Jerusalem wie auch in dieser Gegend gar weise Lehren an das Volk gehalten habe, danebst auch solche Zeichen, besonders in der Heilung der Kranken aller Art und Gattung wirke, die vorher wohl nie ein Mensch gewirkt habe. Diese Menschen wurden dem großen Propheten – wie sich Dich nennen – sehr zugetan, folgten ihm auf dem Fuße nach und hatten auch darum eine große Freude an ihm, weil sie gar wohl erkannten, daß er kein Freund der nun schon allgemein verhaßten Pharisäer ist. Bis gen Kapernaum haben sie nichts Anstößiges an ihm gefunden, außer daß er ihnen auf einem Berge, wo er sie zuvor noch wunderbar mit wenigen Broten und Fischlein gespeiset hatte und sie ihn zum Könige ausrufen wollten, durchgegangen ist und seine alten Jünger verlassen hat, aber in später Nacht doch wieder zu ihnen kam, etwa wunderbar auf dem wogenden Meere wie auf trockenem Lande einhergehend.
GEJ|8|117|8|0|Alle hatten eine große Freude, daß er wieder nachgekommen ist und freuten sich auf den kommenden Tag und auf seine Lehren und Taten. – Aber diese anzuhoffenden Freuden seien sehr zu Wasser geworden; denn am nächsten Tage habe er so unsinnige Worte in einer Synagoge zum Volke geredet, daß sich darüber sogar seine alten Jünger sehr geärgert haben und ihn bis auf wenige alle verließen, und so denn alle die von hier ihm gefolgten Menschen. Denn sie sind der festen Meinung geworden, daß er in Wahnsinn verfallen sei; denn er solle in jener seiner Rede ganz vollernstlich alle aufgefordert haben, sein Fleisch zu essen und sein Blut zu trinken, ohnedem niemand das ewige Leben überkommen könnte; denn er werde nur den zum Leben erwecken am gewissen Jüngsten Tage, der sein Fleisch essen und sein Blut trinken werde.
GEJ|8|117|9|0|Ja, das ist denn freilich wohl etwas stark, und ich konnte es den sonst für alles Höhere sehr eingenommenen Menschen gerade nicht verdenken, daß sie auf solch eine Predigt durchgegangen sind und noch heute beklagen, daß es Gott zugelassen habe, daß so ein entschieden großer Prophet auf einmal habe irrsinnig werden müssen, dem die Menschen doch schon so viel Gutes zu verdanken haben.
GEJ|8|117|10|0|So Du aber schon eine solche Rede gehalten hast, da hast Du auch sicher dadurch den Menschen eine verborgene Wahrheit kundtun wollen nach der Weise der alten Propheten, wie ich das mir freilich erst jetzt vorstelle. Doch so ich auch vor einem Jahre in der Gesellschaft gewesen wäre, so wäre sicher auch ich mit den andern durchgegangen.
GEJ|8|117|11|0|Aber nun kann ich es mir schon vorstellen, was Du den Menschen damit hast sagen wollen, und ich meine, daß wir nun bald Dein Fleisch und Blut genießen werden materiell, so wie wir nun aus Deinem Munde geistig wahrhaft Dein Fleisch und Blut genossen haben. Und so habe ich denn nun nach Deinem Willen geredet ohne einen Vorbehalt.“
GEJ|8|117|12|0|Ich belobte nun den Wirt, und alle Anwesenden hatten eine große Freude an ihm, und Meine alten Jünger staunten über seinen Verstand, wie auch die Römer.
GEJ|8|118|1|1|118. — Die Schilderung des Wirtes über seine Herberge
GEJ|8|118|1|0|Nun aber kamen auch die Kinder und luden uns zum Mittagsmahl, und wir folgten der Einladung. Das Herbergshaus aber, wohl eines der bei weitem schönsten und großartigsten im ganzen weiten Umkreis, war durchgehend aus wohlbehauenen Quadersteinen erbaut und hatte zwei gewölbte Stockwerke noch übers ebenerdige Geschoß. In jedem Stockwerk befanden sich drei große Säle, von denen in jedem bei Siebenhundert speisen konnten. Außer den drei Speisesälen aber befanden sich in jedem Stockwerk auch dreißig Wohnzimmer, jedes mit zwei Fenstern versehen, die freilich nicht mit Glasrahmen (Glasscheiben), wie (nota bene) in dieser Zeit in Europa, zu verschließen waren; aber es gab damals in Damaskus Fabriken, die ein wie das gegenwärtige Glas völlig durchsichtiges Pergament erzeugten, und mit solchem Pergamente waren die vielen Fensterrahmen ganz zierlich gedeckt, und der Zugwind und die oft große Tageshitze konnten nicht in die Säle und in die Zimmer dringen. Diese Art Fenstereinrichtung war etwas Seltenes, weil sie zu kostspielig war, und man bediente sich dafür der verschieden gefärbten Vorhänge innerhalb der Fenstergitter.
GEJ|8|118|2|0|Wir wurden über bequeme und breite Marmorstufen in das zweite Stockwerk geführt und da in den mittleren Hauptsaal, in dem eine große und lange Tischtafel für uns gedeckt war. Da gab es des feinsten Brotes in großer Menge und große Becher aus Silber und Gold voll des besten Weines. Das wohlzubereitete Kalb lag schon wohlzerteilt auf den vielen Speiseschüsseln, die auch aus reinstem Silber gemacht waren. Danebst aber gab es auch noch eine Menge bestzubereiteter Nebengerichte, als bestzubereitete Fische, so auch Hühner, Tauben und Lämmer und allerlei gute Früchte, bestehend aus allerlei Obstgattungen und süßen Beeren.
GEJ|8|118|3|0|Die Römer machten da große Augen, und Agrikola sagte: „Wahrlich, so eine Pracht und solch ein Reichtum ist mir schon lange nicht mehr untergekommen, und solch eine wohl und reichlichst besetzte Tafel auch nicht, und des Kaisers Speisesaal in Rom übertrifft diesen nicht an zierlichster Pracht!“
GEJ|8|118|4|0|Als sich die Römer von ihrem Staunen ein wenig erholt hatten, setzten wir uns an den Tisch und begannen zu essen und zu trinken, und alle erquickten sich überwonniglich am vortrefflich bereiteten Mittagsmahle, konnten aber natürlich nicht die Hälfte des Bereiteten aufzehren, da es in zu großem Maße vorhanden war.
GEJ|8|118|5|0|Unter dem Essen ward wenig geredet. Erst als der Wein den Gästen die Zungen mehr und mehr löste, da fingen zuerst die Römer an, gesprächig zu werden, und Agrikola fragte den überaus vergnügten und dabei dennoch sehr fromm gestimmten Wirt: „Aber sage du mir: Trägt denn eine solche Herberge doch so viel Gewinn, daß schon sicher deine Voreltern ein solch großartigstes Prachtgebäude haben erbauen können?“
GEJ|8|118|6|0|Sagte der Wirt: „Gerechter und mächtiger Herr, eine solche Herberge bringt im Verlaufe eines Jahres wohl freilich einen schönen Gewinn; aber so ich auch die Gewinne von hundert Jahren zusammentäte, so wäre es dennoch nicht möglich, damit ein solches Haus aufzubauen.
GEJ|8|118|7|0|Siehe, die Fensterdeckung hatte wohl mein Vater und zum Teil auch schon ich errichtet; aber das Haus und seine Mauern sind schon gar alt und älter als die Stadt Bethlehem, die David, der große König der Juden, erbauen ließ, darum sie auch noch die Stadt Davids heißt!
GEJ|8|118|8|0|Dieses Haus soll zum Teil schon Saul, der erste König der Juden, erbaut haben; und als nach ihm David zum Könige durch Gottes Ratschluß gesalbt worden ist, da habe er es erst vollendet, bevor er noch an der Stadt zu bauen angefangen hatte, und hat es hernach auch lange Zeit bewohnt. In diesem Hause hat er viele seiner Psalmen geschrieben, von denen etliche noch in den weißen Marmorsteinen zu sehen und für den in der alten Schrift Kundigen auch zu lesen und zu verstehen sind.
GEJ|8|118|9|0|Auch die Schüssel und der Becher, die ich dem anbetungs- und der allerhöchsten Verehrung würdigsten Herrn und Meister vorgesetzt habe, sollen noch aus den Zeiten Davids ein Eigentum dieses alten Hauses sein. Er allein aber wird es am besten wissen, ob daran etwas Wahres ist.
GEJ|8|118|10|0|So sollen auch ich und meine Voreltern nach einer Seitenlinie von David abstammen. Das wenigstens aber ist gewiß, daß es in unserer Hauschronik, die einige Jahrhunderte zurückreicht, nicht vorkommt, daß je jemand dieses Haus und Gut irgend durch einen Kauf an sich gebracht habe. Sei ihm aber nun, wie ihm wolle, so ist doch das sicher und wahr, daß erstens dieses Haus weder mein Großvater noch mein Vater und noch weniger ich erbaut habe und es nun zweitens mit allem und jedem, was zum Hause gehört, und was das Haus enthält, mein volles und rechtliches Eigentum ist und ich niemandem in der Welt etwas schulde.
GEJ|8|118|11|0|Die Silber- und Goldgeräte sind wohl zum größten Teil von meinen mir aus unserer Hauschronik schon mehr bekannten Voreltern stets redlich und ehrlich angeschafft worden. Ich habe bis jetzt noch nichts von derlei Kostbarkeiten ins Haus geschafft; denn erstens ist dies Haus damit ohnehin reichlichst versehen, und fürs zweite halte ich wahrlich auf alle derlei Dinge nicht viel, weil wir sie, so herrlich sie auch sind, über kurz doch alle verlassen werden müssen, und vor dem ewigen Richter werden dann nur jene Schätze einen Wert haben, die wir uns durch die Befolgung Seines uns durch Moses und Seine Propheten geoffenbarten heiligsten Willens werden zu eigen gemacht haben.
GEJ|8|118|12|0|Das ist so mein lebendiger Sinn, den ich auch bis zum Grabe stets getreu beachten werde, und von jetzt an um so lebendiger, da mir durch die nie erwartete Ankunft des Herrn und Gottes ein so endlos großes Heil widerfahren ist. Aber nun wende ich mich ehrfurchtsvollst an den Herrn Selbst!“
GEJ|8|119|1|1|119. — Über Wohltaten
GEJ|8|119|1|0|Sagte Ich: „Ja, ja, Ich weiß es nun schon, was du vor allem möchtest! Lasse jetzt nur deine Mutter, dein Weib, deine Kinder und auch deinen Knecht zu Mir kommen, doch von dem Besonderen, was du von Mir weißt, künde ihnen noch nichts! Wenn Ich aber gen Abend von hier wieder werde abgereist sein, dann kannst du ihnen je nach ihrer Fassungsfähigkeit auch die Hauptsache verkünden und ihnen sagen, daß alle, die an Mich glauben, Meine Gebote halten aus innigster Liebe zu Mir und also die Nächsten als Arme und Hilfsbedürftige lieben mit Rat und Tat, das ewige Leben haben werden in Meinem Reiche, das keinen Anfang und kein Ende hat. Und nun gehe und bringe sie hierher!“
GEJ|8|119|2|0|Hierauf ging der Wirt und brachte alsbald all die Seinen in den Speisesaal und stellte sie Mir vor, dabei zu den Seinigen sagend: „Vor diesem wahrsten Heiland aller Heilande der Welt verbeugt euch tief, und danket Ihm allein für die uns erwiesene übergroße und mit allen Schätzen der ganzen Welt nie bezahlbare Wohltat und Gnade!“
GEJ|8|119|3|0|Die Kinder und das Weib kannten Mich wohl ohnehin schon und nahten sich Mir alsogleich auf eine ehrfurchtsvoll freundlichste Weise und priesen Gott, daß Er einem Menschen solch wahrhaft göttliche Macht verliehen habe. Die geheilte Mutter und der geheilte Knecht aber überboten sich ordentlich an Dankes- und Lobesbezeigungen, die sie mit Worten und Gebärden ausdrückten.
GEJ|8|119|4|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Danken für eine empfangene Wohltat ist schön, recht und billig; denn man ist dem, der einem Liebe bezeigt hat, auch wieder alle Liebe und Freundschaft schuldig. Aber es ist das eben keine zu große Kunst im Leben; die größere und verdienstlichere Kunst des Lebens ist: die Gebote Gottes halten; die größte und am meisten verdienstliche Kunst im Leben aber ist: allen seinen Feinden von Herzen vergeben, denen, die uns Arges wünschen, wollen und auch tun, dagegen wo möglich Gutes erweisen und für die beten und sie segnen, die uns hassen und fluchen.
GEJ|8|119|5|0|Wer das tut, der sammelt bessernde Glühkohlen über den Häuptern seiner Feinde, macht sie am ehesten zu seinen reumütigen Freunden, und er selbst hat dadurch für alle seine Sünden von und vor Mir die vollkommenste Nachlassung und ist schon auf Erden den Engeln Gottes gleich.
GEJ|8|119|6|0|Tut auch ihr desgleichen, so wird Gottes Gnade und Segen nie von eurem Hause und von euch weichen!
GEJ|8|119|7|0|So ihr aber schon Gelder darleihet, da leihet sie auch den Armen, die es euch nicht wieder mit Wucher zurückzahlen können, so werdet ihr dafür die Zinsen als einen großen Schatz im Himmel finden!
GEJ|8|119|8|0|Wenn ihr diesem oder jenem eine Wohltat erweiset, da machet es nicht also, daß dann ein anderer, der's tun kann, es euch ersetze entweder durch ihm auferlegte größere Zinsen oder durch Verminderung des Liedlohnes bei denen, die genötigt sind, euch zu dienen, sondern was ihr Gutes tut den Armen, das tut aus Liebe zu Gott und zum Nächsten frei, so werdet ihr den Ersatz im Himmel finden!“
GEJ|8|119|9|0|So da manchmal kommen unfruchtbare Jahre, da werdet nicht karger, verkaufet euer Korn nicht teurer, backt das Brot nicht kleiner und schlechter, und vermindert den Liedlohn des Arbeiters nicht, so werdet ihr darum allen Segen von oben haben!
GEJ|8|119|10|0|Aber so ihr in den Notzeiten karget gegen eure Nächsten, da wird auch Gott kargen mit Seinem Segen über eure Felder, Weinberge und Herden, und ihr werdet euch dadurch wenig Schätze im Himmel sammeln. Das merket euch wohl und handelt danach ohne Bedenken, und ihr werdet für zeitlich und ewig des Segens in Hülle und Fülle haben!“
GEJ|8|119|11|0|Als Ich dieser Familie solches gesagt und angeraten hatte, da sagte nach einer Weile der Wirt selbst: „Ja, ja, vor den Augen des allsehenden Geistes aus Gott bleibet nichts, auch nicht das Allergeringste verborgen!
GEJ|8|119|12|0|Es ist bei uns und in meinem Hause das seit jeher der Brauch gewesen, also zu sagen und auch also zu handeln: ,Tue jedermann Gutes, so es ihm not tut; aber vergiß dabei deinen eigenen Vorteil nicht!‘ Ich aber sehe es nun in Deinem Lichte, o Herr und Meister, daß diese Denkungs- und Handlungsweise durchaus nicht der göttlichen Ordnung gemäß ist, und so werde ich auch da in der nächsten Folge eine ganz andere Ordnung einführen. Ich werde zwar noch dann und wann mein Geld jemandem, so er dessen bedarf, gegen gesetzlich mäßige Zinsen darleihen; aber so da jemand kommen wird, der Mir auch keine Zinsen zahlen kann, und mir wird bekannt sein, daß er wirklich in einer Not steckt, so werde ich ihm auch zu jeder Zeit das Nötigste ohne Zinsen darleihen und im äußersten Notfalle auch schenken. Feinde zähle ich wohl gar sehr wenige und habe ihnen daher denn auch wenig zu vergeben. Sollte ich aber, was nicht für uns vorauszusehen ist, in der Folge welche bekommen, so werde ich mit ihnen also verfahren, wie Du es nun uns allen angeraten hast!“
GEJ|8|120|1|1|120. — Über Nächstenliebe
GEJ|8|120|1|0|Sagte Ich: „Daran wirst du sehr wohl tun! Aber nun werde Ich dir noch etwas sagen, und zwar gleichnisweise zu deinem Gemüte: Siehe! Du möchtest dich in gewissen Angelegenheiten und Geschäften auf eine weite Reise begeben! Da du aber schon viele Tagereisen in fremden Landen von Hause entfernt wärest, fügte es sich – wie sich solches schon gar oft in der Welt durch Zulassung von oben ereignet hat –, daß du um all dein auf die lange und weite Reise mitgenommenes Vermögen kämest und es dir dann gar sehr verzweifelt im fremden Lande und in einem weltfremden Orte zumute würde, und du gingest dann mit traurigstem Gemüte und sicher höchst betrübtem Gesichte im fremden Orte einher.
GEJ|8|120|2|0|Ein Mensch aber merkete dir das wohl an und fragte dich: ,Freund, du scheinst sehr traurig und ganz niedergeschlagen zu sein! Sage mir, wo es dir fehlt!‘
GEJ|8|120|3|0|Du erzähltest ihm dann dein Unglück, und er spräche darauf zu dir: ,Freund, komme, ich will dir helfen; aber sei in der Folge vorsichtig und verwahre wohl, was dein ist! Kannst du es mir gelegentlich erstatten, was ich dir nun gebe, so wird es wohl von dir gehandelt sein; und solltest du das nicht können, so hast du an mir keinen Gläubiger!‘ Darauf gäbe dir der Mensch aber, was du verloren hattest.
GEJ|8|120|4|0|Sage nun Mir und auch dir selbst, in welch einem hohen Grade würde das dein ganzes Gemüt erfreuen, und wie sehr würdest du darob Gott und solch einen edlen Menschen loben und preisen; und so du dann wieder ganz glücklich zurückkämest, würdest du da nicht alles aufbieten, um dich solch einem Menschen und danebst auch Gott allerdankbarst zu erweisen?!
GEJ|8|120|5|0|Nun aber denke dir das auch von einem andern Menschen, der aus weiter Ferne zu dir kommt, dem ein Unglück begegnet ist, und der vor deiner reichen Herberge voll Traurigkeit weilt, weint und nicht aus und ein weiß, was er tun soll. So du nun zu ihm hinausgingest und fragtest ihn, sagend: ,Freund, du bist sehr traurig und scheinst in einer großen Verlegenheit zu sein? Wo fehlt es dir? Sage es mir ganz offen, denn siehe, ich bin der Mensch, der, insoweit es nur immer in meiner Macht steht, dir zu helfen bereit ist‘, und der Mensch sagte dann zu dir: ,Ach, edler Freund, ich bin von gar fernem Lande in Geschäften hierhergereist, fiel aber unfern von hier unter Diebe, und diese nahmen mir all mein Geld weg, bestehend in zwanzig Pfunden Goldes, und dazu noch tausend Groschen dieses Landes gangbarer Münze, und nun stehe ich völlig vermögenslos da und weiß mir so ferne von Meinem Lande und Hause nicht zu raten und auch nicht zu helfen!‘ Du aber sagtest dann zu ihm: ,Freund, komme, und ich will dir helfen! Deinen Namen, dein Land und deinen Ort brauchst du mir nicht einmal anzugeben; wie aber dieses Land, dieser Ort, und wie auch ich heiße, wirst du schon erfahren! Kannst du mir das Dargeliehene einmal abstatten, so wirst du daran vor Gott und allen guten und gerechten Menschen wohl tun; und solltest du das nicht können, so wird es auch so gut sein!‘, darauf gäbest du ihm dann, was er verloren hatte, – was meinst du, wie Gott solch ein Werk der wahren Nächstenliebe ansehen und lohnen würde, und wie dieser durch dich nun von neuem glücklich gemachte Mensch, so er nach Hause käme, dann sicher alles aufböte, um sich dir dankbar und erkenntlich zu erweisen, weil du ihm eine so große Freundschaft ohne allen Eigennutz erwiesen hast?! Und sollte dieser Mensch auch deiner möglicherweise im Taumel seines Erdenglückes nicht gedenken wollen, wird in dem Falle etwa dann nicht Gott deiner hundertfach gedenken?
GEJ|8|120|6|0|Wahrlich, wer solche Taten übt ohne Eigennutz, sondern aus purer, reiner Nächstenliebe, der ist auch ein größter Freund Gottes und ist schon auf dieser Erde gleich den Engeln des Himmels und hat schon die Fülle des Reiches Gottes in seinem Herzen!
GEJ|8|120|7|0|Denn ein fremder Armer ist ums Hundertfache ärmer denn ein einheimischer, der bei allen denen, die seine Not wohl kennen, leicht eine Hilfe noch findet; aber der fremde Arme gleicht einem unmündigen Kinde, das seine Not noch niemandem angeben kann, außer durchs Weinen. Darum seid auch barmherzig gegen Fremde, so werdet ihr auch im Himmel Barmherzigkeit und Aufnahme finden; denn für den Himmel seid ihr bis jetzt noch lauter verunglückte Fremde auf eurer irdischen Wanderung dahin! – Was sagst du nun zu dieser Meiner Rede?“
GEJ|8|120|8|0|Sagte der Wirt: „Herr und Meister! Was soll unsereiner da anderes dazu sagen? Das ist eine reinste Wahrheit, und unsereinem bleibt nichts anderes übrig, als deren reinen, göttlich wahren Sinn bei vorkommenden Fällen ins Werk zu setzen. Denn was mir wohltun würde, so ich in einem fremden Lande in eine Not käme, das bin ich auch dem Fremden in meinem Lande schuldig! Denn Menschen sind ja auch die, welche in den von uns weit entfernten Ländern und Reichen wohnen. Wenn sie auch andere Sitten und einen andern Glauben haben, so soll man das nach meiner Ansicht in keine Betrachtung ziehen und nicht tun nach der Lehre unserer Pharisäer, die da sagen, daß ein wahrer Jude alle Heiden so lange als Hunde betrachten solle, solange sie in ihrem Heidentum verharren, – und wer einem Heiden eine Wohltat erweise, sich den Zorn Gottes zuziehe und seine Seele den Teufeln verschreibe, sondern er soll lieber auch den Heiden sich freundlich erweisen und ihnen zeigen, daß er als ein Jude ein guter und freundlicher Mensch ist, und der Heide wird ihn eher fragen und sagen: ,Freund, wie lautet deines Glaubens Lehre, aus der so gute Menschen hervorgehen?‘, als so ich mich ihm gegenüber als ein harter und noch dazu als ein feindlich verschlossener Jude erweise.
GEJ|8|120|9|0|So ich einem Heiden eine wahre Freundschaft bezeige, da ist ja davon keine Folge, daß ich dadurch selbst in seinen finsteren Glauben übergehe, wie es die Pharisäer lehren, sondern ich bleibe ein Jude und habe durch meine Freundlichkeit dem Heiden nur den Weg gezeigt, auf dem auch er ein rechter Jude werden kann.
GEJ|8|120|10|0|Wahre Liebe und Sanftmut sind für alle Menschen sicher ein um vieles wirksamerer Lehrer und Bekehrer als der Zorn und dessen Rachelust gegen jene, die sicher ohne ihr Verschulden in des Geistes Nacht sich befinden! Wie es sicher höchst töricht und unmenschlich arg wäre, einen Menschen deshalb, weil er das Licht der Augen verloren hat, zu hassen, zu fliehen, zu verachten und ihm keine Liebe zu erweisen, um so törichter und ärger aber scheint es mir zu sein, so man Menschen, die im Geiste blind sind und sich nicht helfen können, haßt und verachtet und niemals bestrebt ist, ihnen auch nur von ferne hin eine menschliche Freundlichkeit zu erweisen.
GEJ|8|120|11|0|Daß wir Juden uns aber leider gegen die Fremden zumeist hart und unfreundlich erwiesen, daran schuldet wohl niemand als allein unsere Priester, die es lieber haben möchten, daß man ihnen alle die besten Früchte opferte und die Fremden mit Stachelbeeren bedienete. Aber von nun an wird es in meinem Hause ganz anders werden! Dein Wort, Herr und Meister, wird in der Folge die Handlungsordnung meines ganzen Hauses sein, und ich werde dafür sorgen, daß auch meine Nachbarn im weiten Umkreise sich nach mir richten werden.“
GEJ|8|120|12|0|Sagte Ich: „Du hast nun in allem wohl und wahr geredet, und es ist also. Die Blindheit der Pharisäer ist an allem Argen, das nun unter den Juden gang und gäbe ist, allein schuld. Sie selbst sind blinde Führer der Blinden, die, wenn sie an einen Graben kommen, sicher beide hineinfallen und dann keiner dem andern heraushelfen kann; darum sollet ihr von ihnen auch nichts anderes annehmen und anhören, als nur die Lehren Mosis und der Propheten. Ihre Satzungen aber sollet ihr verabscheuen, gleichwie auch ihre Werke, die eitel böse sind!
GEJ|8|120|13|0|Es heißt ja wohl, daß auf den Stühlen Mosis und Aarons die Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer sitzen. Es sei denn auch also! Darum nehmet von ihnen aber auch nur das an, was sie von Moses und Aaron euch vortragen; alles andere aber betrachtet als ein übertünchtes Grab, das nach außen hin wohl prunkt, aber im Innern voll Moders und eklen Gestankes und Todes ist.
GEJ|8|120|14|0|Nun habe Ich euch das Notwendigste der vollsten Wahrheit nach gesagt und gezeigt. So ihr danach leben und handeln werdet, dann werdet ihr auch den Lohn ernten, den Ich euch verheißen habe; denn Ich Selbst habe die Macht, ihn euch zu geben, wie Ich auch die Macht habe, alle leiblich Kranken durch Mein Wort und durch Meinen Willen völlig gesund zu machen und die Toten zu beleben, wofür alle, die hier um Mich sind, Mir vor euch ein gültiges Zeugnis geben können und auch geben werden nach Mir, wenn Ich dahin werde zurückgekehrt sein, von wannen Ich gekommen bin. – Aber nun genug von allem dem, und wir wollen nun noch dein Haus ein wenig näher in Augenschein nehmen!“
GEJ|8|121|1|1|121. — Besichtigung des alten Königshauses
GEJ|8|121|1|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, da geschieht meinem Hause doch wahrlich zu viel Heil und zu viel der nie verdienten Gnade, denn bisher habe ich noch wenig Verdienstliches zum ewigen Leben gewirkt!“
GEJ|8|121|2|0|Sagte Ich: „Freund, Gott sieht aber nicht auf das, was du schon getan oder nicht getan hast in der Beschränktheit deines inneren Lichtes und Willens, sondern nur auf das sieht Gott, was du von nun an in der Folge tun wirst! Da aber Gott deinen ernsten Willen wohl sieht, so kannst du auch schon zum voraus Seiner Gnade und des rechten und vollwahren Heiles dich erfreuen. Hätte Ich dich nicht schon lange eher gekannt als du Mich, so wäre Ich nicht in dein Haus gekommen.“
GEJ|8|121|3|0|Mit dieser Meiner Versicherung war der Wirt vollends zufrieden und dankte Mir mit den Seinen für solche Lehren und für alle Gnade, die Ich seinem Hause erwiesen habe.
GEJ|8|121|4|0|Darauf sagte er zu den Seinen, daß sie im zweiten Stockwerke, in dem wir uns befanden, alle Zimmer und Gemächer öffnen sollten, was denn auch alsogleich geschah.
GEJ|8|121|5|0|Wir bewegten uns zuerst nach rechts in den anstoßenden großen Saal, der vor Reichtum und alten Denkwürdigkeiten strotzte. In diesem Saale befand sich schon eine große Marmorplatte in der Wand gen Mittag, in der folgender Psalm Davids mit unverlöschbarer Farbe noch ganz wohl leserlich geschrieben stand und nun vom Hebräischen ins jetzige Deutsche verdolmetscht also lautete (Ps. 8): Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist Dein Name in allen Landen, da man Dir danket wie im Himmel! Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge (die Heiden) hast Du Dir eine Macht zubereitet um Deiner Feinde (die Pharisäer und Schriftgelehrten) willen, daß Du vertilgest diesen Feind, diesen Rachgierigen. Denn ich (David oder das bessere Judenvolk) werde sehen die Himmel, Deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die Du bereitest. (Der ,Himmel‘ bedeutet die Lehre, die ,Finger‘ das Leibliche des Herrn, der ,Mond‘ die Liebe des Herrn zu den Menschen, und die ,Sterne‘ die endlos vielen Wahrheiten, die aus der Liebe hervorgehen.)
GEJ|8|121|6|0|Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkest, und des Menschen Kind, daß Du Dich dessen annimmst? (Unter ,Mensch‘ wird hier das ganze Menschengeschlecht und unter ,Kind‘ desselben Schwäche und Blindheit verstanden.) Du wirst ihn lassen eine Zeit von Gott verlassen sein; aber mit Ehre und Schmuck wirst Du ihn dann krönen. (Siehe die Zeit des babylonischen Hurentums! Unter ,ihn‘ ist zu verstehen das Christenvolk ohne das innere Gotteslicht.) Du wirst ihn zum Herrn machen über Deiner Hände Werk; alles hast du unter seine Füße getan. (Unter ,ihn‘ verstehe man hier den Herrn vom Standpunkte der reinen Lehre aus den Himmeln, die am Ende alles durchleuchten und beherrschen wird.) Schafe und Ochsen allzumal, dazu auch die wilden Tiere; die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer, und was im Meere geht. (Darunter sind zu verstehen alle Menschen und Geschlechter der Erde. Hoch und nieder, jung und alt, gebildet und ungebildet, Starke und Schwache werden sich erfreulich sonnen am lebendig machenden Lichte aus den Himmeln.) Herr, wie herrlich ist nun Dein Name in allen Landen!‘
GEJ|8|121|7|0|Als Ich den Psalm also von der Marmorplatte abgelesen hatte, da hatten alle eine große Freude, und der Wirt bat Mich, daß Ich ihm denn auch ganz kurz die Erklärung dieses Psalmes geben möchte; denn es komme ihm vor, daß darunter ein weiser und prophetischer Sinn verborgen sei.
GEJ|8|121|8|0|Und Ich sagte zu ihm: „Da hast du abermals ganz richtig geurteilt, und Ich werde dir auch den verborgenen Geist der Wahrheit zeigen; aber du wirst ihn nicht völlig fassen, weil David da von der noch fernen Zukunft sprach und sang.“
GEJ|8|121|9|0|Hierauf erklärte Ich den verborgenen Geist des Psalmes in der Weise – nur etwas gedehnter –, als er hier nun in den Einschlußzeichen kurz und leicht verständlich dargestellt ist. Damit war der Wirt sehr und dankbarlichst zufrieden und die andern alle auch; denn sie fanden das mit dem völlig übereinstimmend, was Ich ihnen schon bei andern Gelegenheiten über das Los Meiner Lehre und über die ferne Zukunft geweissagt hatte in wohlverständlicher Rede.
GEJ|8|121|10|0|Darauf führte uns der Wirt zu einem uralten Schrank, der gar zierlich aus Zedern- und Ebenholz gemacht war, öffnete ihn und sagte: „Dieser Schrank enthielt die besonderen Schriften und Aufzeichnungen des großen und mächtigen Königs, von denen sich nun nichts mehr vorfindet. Ich benutze ihn aber nun zum Aufbewahren alles dessen, was ich an Schätzen, aus jenen Zeiten herstammen sollend, besitze.“
GEJ|8|121|11|0|Er öffnete darauf mehrere geheime Fächer dieses großen Kastens und zeigte uns eine Partie Darmsaiten, die David selbst gemacht hatte, eine Steinschleuder und ein paar Steine, dann eine Lanze, mehrere Schreibtafeln, was alles die Römer mit großer Aufmerksamkeit betrachteten und bewunderten.
GEJ|8|121|12|0|Mich aber fragte der Wirt, sagend: „Herr und Meister, ist dieses Reliquienzeug wohl echt aus den Zeiten Davids?“
GEJ|8|121|13|0|Sagte Ich: „Freund, ob echt oder unecht, das ist da nun wohl einerlei, denn alles das hat für den wahren, nur nach dem Geiste der Lebenswahrheiten aus Gott strebenden Menschen gar keinen Wert. Was aber als Hinterlassenschaft des weisen Königs der Juden einen Wert hat, das ist der Geist in seinen Schriften und Gesängen, und auch das, was die Chronik von seinen Taten für die Menschen aufbewahrt hat. Denn einst im andern Leben wird der Mensch nur von dem sein seligstes Dasein haben, was er sich durch gute Taten nach dem Willen Gottes zu eigen gemacht hat.
GEJ|8|121|14|0|Übrigens schadet es einer durch gute Taten edlen und reinen Seele nicht, so sie eine Freude an den geschichtlichen Altertümern hat; nur enthalte sie sich einer Art übertriebener Verehrung für derlei Dinge, die als in sich tote Gegenstände für ihr inneres Leben keinen Wert haben können.
GEJ|8|121|15|0|Wer solche Dinge zu hoch verehrete, der triebe mit ihnen eine Art schädlicher Abgötterei und verfiele am Ende leicht in allerlei Aberglauben. Und das wäre eben dem finsteren Heidentume gleich, dem um des Reiches Gottes willen, das nun zu allen Menschen kommt, nach allen Richtungen zu steuern ist, auf daß es nicht in der neuen Lehre Wurzel fasse, sie verunreinige, verderbe und den inneren Sinn des dir erklärten Psalms vor der Zeit unter den Menschen bewahrheite, in der die Menschen eben durch allerlei Aberglauben von einer Gottlosigkeit in die andere versinken werden.
GEJ|8|121|16|0|Darum zeige du diese Reliquien auch nur solchen Menschen, die von keinem Aberglauben beseelt sind, sondern sie nur als pure geschichtliche Dinge betrachten und ihnen keine sogenannte magische Heilswirkung beilegen.
GEJ|8|121|17|0|Sieh an die Berge und ihr Gestein! Das sind Werke der Macht und Weisheit Gottes und sind für dich schon unaussprechbar alt, sind als solche sicher um gar vieles denkwürdiger als die Werke von der Hand eines Menschen. Welcher Vernünftige aber möchte die Berge darum verehren oder gar anbeten, weil sie unfehlbar Werke der Allmacht und Weisheit Gottes sind und ein überhohes Alter aufzuweisen haben! Sie sind und bleiben Materie und haben ihre Bestimmung zum Nutzen der Erde.
GEJ|8|121|18|0|Und so haben derlei Altertümer auch nur den kleinen Nutzen, daß sie als Beweise der Geschichte teilweise dienen können, insoweit sie als erweisbar echt betrachtet werden können, was aber freilich für die nach der reinen Wahrheit forschenden Menschen in allen Dingen eben etwas schwer darzutun ist.
GEJ|8|121|19|0|Diese Sachen da sind zwar echt, – aber so auch Ich dir das Zeugnis gebe, so erhöht das ihren Wert nicht. Und so weißt du nun auch, was du von diesen Reliquien zu halten hast. Du kannst nun diesen Schrank denn auch wieder schließen und uns in den andern Saal führen der Römer wegen!“
GEJ|8|122|1|1|122. — Der Herr erklärt den 93. Psalm
GEJ|8|122|1|0|Hier dankte Mir der Wirt abermals auch für diese Belehrung, schloß den Schrank, und wir gingen in den Saal gen Morgen. Der strotzte abermals von allerlei Schätzen und Altertümern, an denen die Römer viel Behagen fanden.
GEJ|8|122|2|0|Und unser Agrikola sagte: „Freund, du und deine Eltern und Voreltern müßt sehr schweigsam gewesen sein über das, was ihr besaßet und du nun noch besitzest; denn sonst hätten wir davon doch schon irgendeine Kunde einmal nach Rom erhalten! Denn diese Schätze haben einen doppelten Wert; erstens bestehen sie aus edlen Metallen, Perlen und sehr kostbaren Edelsteinen, und dann haben sie namentlich für euch Juden einen großen geschichtlichen Wert.“
GEJ|8|122|3|0|Sagte der Wirt: „Mächtiger Herr, es ist aber da auch in mehrfacher Hinsicht nötig, sehr schweigsam zu sein, nicht so sehr der Römer als vielmehr der Priester wegen. Denn wüßten diese um alles das, so hätten sie mir und diesem Hause schon sicher seit lange her keine Ruhe gegeben und hätten auch schon so manches zu ihren gewinnsüchtigen Zwecken davongeschleppt; aber da verraten wir nicht, was da ist, obgleich wir schon viele Male von Priestern um dieses und jenes befragt worden sind. Und so habe ich denn nun auch darum mehr Ruhe vor den Priestern, weil ich mich mit allen meinen Besitztümern unter den Schutz der Römer gestellt habe. In diesem oberen Stocke aber beherberge ich auch selten die Reisenden, da sie zu ebener Erde und im ersten Stockwerk leicht untergebracht werden können und ich noch andere Nebengebäude habe, in denen ich viele Reisende beherbergen kann. Von Dieben und Räubern aber habe ich auch nichts zu befürchten; denn erstens ist, wie ihr gesehen habt, dieses Haus mit starken und hohen Ringmauern eingeschlossen, über die man nicht steigen kann, und zweitens ist diese Gegend ringsum zu bevölkert und ehrlich, und die Diebe und Räuber halten sich da fern, und so haben diese Schätze hier gut und sicher ruhen. Aber dort ist wieder eine Psalmplatte! Der Herr wolle sie uns verdolmetschen!“
GEJ|8|122|4|0|Sagte Ich: „Ja, ja, das wird weiser sein, als lange zu bewundern die alten Schätze, die für die Seele und für den Geist keinen Wert haben! So ihr euch aber in der Folge Schätze sammelt, da sammelt euch solche, die vom Roste nicht zerstört und von den Motten nicht zernagt werden können! Was nützen dem Menschen alle Schätze der ganzen Welt, so er dabei an der Seele Schaden leidet? So in die Seele durch die Liebe zu den toten Weltschätzen der Keim des Todes gelegt worden ist, durch den die Seele in den Tod der Materie übergeht, – wer wird sie dann erretten aus den ehernen Armen des Gerichtes, das der Seele Liebe und Scheinleben geworden ist?“
GEJ|8|122|5|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, bei Gott sind ja doch wohl alle Dinge möglich!“
GEJ|8|122|6|0|Sagte Ich: „Jawohl, das sicher; aber in der Ewigkeit geht alles um gar vieles langsamer vorwärts als auf dieser Welt, auf der alles nur eine gewisse Zeit, die stets sehr flüchtig ist, dauert, sich bald und leicht verändert und in der Art, wie es da war, zu sein für immer aufhört.
GEJ|8|122|7|0|Im Reiche der Geister aber gibt es keinen Zeitenflug mehr, und du kannst nicht sagen: ,Heute tue ich das und morgen jenes!‘, sondern alles liegt schon als eine fertige Tat und als ein ausgeführtes Werk in der Seele. So dies übler Art ist, woher wird die fortlebende Seele dann einen neuen Stoff und eine neue Einsicht nehmen, um in sich das daseiende Arge umzugestalten?
GEJ|8|122|8|0|Es wird zwar dort den Seelen wohl auch vergönnt sein, sich zu ändern; aber das wird dort bei sehr in die Welt versunkenen Seelen oft höchst lange dauern, und am Ende wird doch nur weniges als sicher erreicht werden. Denn die Liebe ist das Leben der Seele. Ist diese geistig und somit nach der Ordnung in Gott gut, so hat die Seele auch ein wahres und vollkommenes Leben in sich und lebt vollkommen in großer Klarheit ewig fort, und das ist dann schon ein rechtes ewiges Leben; ist aber die Liebe in der Seele eine materielle und somit eine tote, weil gerichtete, so ist das Leben der Seele auch gleich der Liebe in ihr.
GEJ|8|122|9|0|Solch ein Leben kann kein wahres, sondern nur ein Schein- und Trugleben sein. Und weil es das ist, so ist es auch kein ewiges Leben, weil es in seiner Unart nicht fortbestehen kann, sondern sich ändern muß entweder zum Guten oder im schlimmsten Falle zum Grundbösen, das da ist das harte Mußgericht und der eigentliche ewige Tod, aus dessen harten Banden sich eine Seele ebenso schwer losmachen wird, als da ein harter Stein sich selbst in ein reines und fließendes Quellwasser umwandeln kann.
GEJ|8|122|10|0|Darum habt die Welt nicht lieb, sondern fliehet sie in ihrem verlockenden Wesen, und benützet ihre Schätze zu guten Werken und ihr werdet dadurch die wahren für Seele und Geist überkommen!
GEJ|8|122|11|0|Und nun wollen wir sehen, was dereinst David auf die vor uns in der Wand befestigte Steinplatte geschrieben hat!
GEJ|8|122|12|0|Was da geschrieben steht aber lautet also (Ps.93): ,Der Herr ist König und herrlich geschmückt (mit Liebe, Weisheit und Macht); der Herr ist geschmücket und hat ein Reich (das Reich Gottes auf Erden) angefangen, soweit die Welt ist, und also zugerichtet, daß es bleiben soll. Von dem an stehet der Stuhl (der Wahrheit und des Lebens) fest; Du, o Herr, bist ewig! Die Wasserströme erheben sich, die Wasserströme erheben ihr Brausen, die Wasserströme heben empor die Wellen. Die Wasserwogen im Meere sind groß und brausen greulich; der Herr aber ist noch größer in der Höhe! Dein Wort ist eine rechte Lehre, und die Heiligkeit ist die Zierde Deines Hauses ewiglich.‘
GEJ|8|122|13|0|Sehet, also lautet der ganz kurze, aber überaus inhaltgroße und -schwere Psalm, der nun ganz in diese Zeit sein verborgenes Licht ausbreitet und auch schon die Zukunft beleuchtet!
GEJ|8|122|14|0|Der Stuhl der ewigen Wahrheit wird nun wohl aufgerichtet für die ganze Erde und wird auch bleiben; aber die Wasserströme der Heuchler, Lügner, der Pharisäer und falschen Propheten erheben sich auch und fangen an, stets ärger gegen die Wahrheit, die aus den Himmeln zu den Menschen dieser Erde gekommen ist, zu brausen, und heben ihre Machtwellen gegen das Licht, um es zu ersticken. Auch die Wasserwogen im Meere sind groß geworden und brausen greulich.
GEJ|8|122|15|0|Das deutet auf die künftigen großen Kämpfe zwischen Licht und Finsternis; aber des Herrn Wahrheit steht über ihnen und wird endlich siegen über alles, was falsch und böse ist. Die Waffe wird sein das reine Wort aus dem Munde Gottes, eine rechte Lehre des Lebens, und wird bleiben ewig; denn wie Gott ewig ist und mächtig, also ist es auch Sein Wort! Und wie die Heiligkeit das Licht und die Zierde Gottes ist, also ist sie auch die Seines Wortes und Seiner Lehre.
GEJ|8|122|16|0|Das Haus Gottes aber ist nicht etwa der tote Tempel zu Jerusalem, sondern die Menschen, die das Wort Gottes hören, es mit Freuden in sich aufnehmen und danach leben. – Nun habe Ich euch denn auch diesen Psalm vorgelesen und erläutert; an euch aber ist es nun, es Mir offen zu bekennen, ob ihr den Psalm auch richtig verstanden habt.“
GEJ|8|122|17|0|Sagte darauf der Wirt: „O Herr und Meister, wer soll das auch nicht verstanden haben? Denn was David aus seinem von Gott ihm eingehauchten Geiste geschrieben hat, das stehet ja nun tatsächlich wunderbarst vor uns und enthüllt uns auch schon die ferne Zukunft, so wie nun die Gegenwart. Das Brausen der Wasserströme und die großen Meereswogen gefallen mir wohl freilich durchaus nicht; aber was läßt sich dagegen tun und was dawider vorkehren? Denn solange die Welt das bleiben muß, was sie ist, ein läuterndes Jammerhaus für die Seelen der Menschen, und solange auf der Erde der Tag mit der Nacht wechselt und der Mensch seinen freien Willen haben wird, wird es auch schwerlich je ganz helle werden in den Gemeinden und in den Herzen der Menschen. Wohl dem, der das Licht überkommt und es dann zum Glücke seines Hauses in seinem Hause behält und wohl pflegt!“
GEJ|8|122|18|0|Sagte Ich: „Da hast du recht; aber wer ein rechtes Licht in seinem Hause hat und pflegt, der halte es nicht ganz verborgen, sondern lasse es auch von Zeit zu Zeit bei guter Gelegenheit über sein Haus hinaus leuchten! Und wenn das dann viele Häuser tun werden, dann wird auch des Geistes Finsternis in der Welt sich sehr vermindern, und die Nacht selbst wird zum Tage werden. – Aber nun lasset uns denn noch die andern Gemächer dieses Hauses in seinem zweiten Stockwerke besehen! Denn die Römer möchten alles in Augenschein nehmen!“
GEJ|8|123|1|1|123. — Geschichtliche Bemerkungen über das Davidshaus
GEJ|8|123|1|0|Darauf durchwanderten wir alle Gemächer, die mit allerlei Kostbarkeiten geschmückt waren.
GEJ|8|123|2|0|Als wir darauf wieder in unseren Speisesaal kamen und uns zu dem Tische, der noch mit allerlei Speisen und Getränken wohlbesetzt war, setzten und einer und der andere auch noch etwas aß und trank, da sagten die Römer: „Fürwahr, das ist ein wahres Königshaus und zeugt von der einstigen Größe des Judenvolkes! Nur eines wundert uns, und das besteht geschichtlich darin, wie dieses Haus in der Zeit der Herrschaft Babylons, die doch lange nach dem Könige David durch volle vierzig Jahre dauerte, verschont worden ist! Denn wie man es liest, so hat der König Babylons, als er dieses Land erobert hatte und Jerusalem und den Tempel zerstört, sich auch aller Schätze dieses Landes bemächtigt und sie nach Babylon geschleppt. Hatte er da keine Kenntnis von den großen Schätzen dieses merkwürdigen alten Königshauses?“
GEJ|8|123|3|0|Sagte der Wirt: „Nach der Chronik dieses Hauses haben die Babylonier dieses Haus verschont! Denn erstens trieben sie ihr Wesen doch hauptsächlich nur in und um Jerusalem in den gewissen zehn Städten, auch in Samaria und auch in Galiläa. Diese damals noch sehr armselig aussehende Gegend um Bethlehem schonten sie mehr und nahmen ein mäßiges Lösegeld; die Bewohner aber führten sie nicht in die Gefangenschaft, sondern verlangten von ihnen nur die Untertänigkeit, die volle Anerkennung der Herrlichkeit Babylons und die jährliche Zahlung des Tributs. Wer sich willig dazu bekannte und ihnen das Verlangte an dem festgesetzten Termine abgab, der hatte dann Ruhe; aber wo die Babylonier auf einen hartnäckigen Widerstand kamen, da wurde freilich alles niedergemacht, und Häuser und Städte wurden geplündert und verwüstet. Dies war aber in Bethlehem nicht der Fall, und so steht das alte Bethlehem noch, wie es in den Zeiten Davids erbaut worden ist, und also auch dieses Haus. Zudem hatte diese Gegend, die noch stets Gott dem Herrn am getreuesten geblieben ist, Gott auch nicht so hart heimsuchen lassen wie das stolze alte Jerusalem und auch die zehn reichen Handelsstädte, die viel Goldes und Silbers besaßen. Das scheint nach meiner Ansicht denn auch der Grund zu sein, aus dem sich die Babylonier hier milder benommen haben denn in den anderen Städten und Orten.“
GEJ|8|123|4|0|Sagte Agrikola: „Ja, ja, es wird sich das schon also verhalten; denn so die Babylonier Herren dieses großen Judenreiches geworden sind, da durften sie es ja vernünftigermaßen nicht von allen Arbeitskräften entblößen. Hätten sie das getan und das Land menschenleer gemacht, von wem hätten sie sich den Tribut können bezahlen lassen? Daß sie aber die Menge der damals Vorzüglichsten als Geiseln nach Babylon in die Gefangenschaft werden geschleppt haben, das ist ganz sicher und wahr, und so kann dieser Ort und diese Gegend, wo sich das Volk ruhig und ohne Widerstand ergab, auch mehr verschont worden sein. Wir Römer, die wir als Krieger und Eroberer mit den Eroberten auch sicher nicht zu barmherzig umgehen, tun das auch und erweisen uns gegen ein Volk oder gegen eine Stadt oder Gemeinde, die sich uns frei und freundlich ergibt, nie als Feinde, sondern sogleich als Freunde.“
GEJ|8|123|5|0|Hierauf bat der Wirt die Römer, daß sie daheim von dem, was sie hier gesehen haben, keinen Verrat machen möchten.
GEJ|8|123|6|0|Sagte Agrikola: „Sorge du dich nicht darum, denn uns Römern ist das Eigentumsrecht heilig, und unsere Gesetze hängen die Diebe, Räuber, Mörder und Verräter ans Kreuz! Habe du darum ganz sorglos, was du hast, und sei gegen die Armen nach deinem Vermögen wohltätig, wie es dir der Herr und Meister angeraten hat, so wirst du Ruhe haben, denn auch wir Römer glauben an den Herrn und an die Erfüllung Seiner Verheißungen.“
GEJ|8|123|7|0|Nach diesen Worten des Römers erhoben wir uns vom Tische, begaben uns wieder ins Freie und fingen an, Anstalten zum Rückzuge nach Bethanien zu ordnen, von denen aber freilich der Wirt nichts wissen wollte. Da wir aber doch darauf bestanden, so bat er uns, doch noch wenigstens eine Stunde bei ihm zu verbleiben. Das taten wir denn auch, besprachen uns noch über manches und traten dann, vom Wirte begleitet, den Rückweg an. Der Wirt, sein Weib, seine Kinder und auch seine Mutter samt dem geheilten Knechte aber dankten Mir noch vor der Abreise auf das innigste und baten Mich, daß Ich ihrer nicht vergessen möchte, wenn sie wieder elend würden. Ich versicherte sie dessen, gab ihnen Meinen Segen und entließ sie dann bis auf den Wirt, der, wie schon bemerkt, uns bis nach Bethanien begleitete.
GEJ|8|124|1|1|124. — Die Erregung der Jünger des Johannes
GEJ|8|124|1|0|Es war aber schon ziemlich spät am Nachmittage, und es ist darum auch begreiflich, daß wir so ziemlich spät nach dem Untergang in Bethanien ankamen, wo aber dennoch zu unserem Empfang alles bestens vorbereitet war, weil Raphael in des Lazarus Hause alles anzeigte, daß und wann wir zurückkommen würden. Auf dem Wege aber ereignete sich diesmal nichts besonders Erwähnenswertes. Wir zogen ganz ruhig unseren Weg weiter.
GEJ|8|124|2|0|Die Römer besprachen sich mit Lazarus und mit den Wirten, die bei uns waren, über so manches, und auch Meine Jünger redeten über die Erscheinung dieses Tages viel unter sich.
GEJ|8|124|3|0|Ich Selbst aber redete wenig, ging zumeist schweigend voraus und hatte niemanden an Meiner Seite. Ich aber tat das um des schnelleren Weiterkommens wegen; denn sonst hätten die, welche viel miteinander zu reden hatten, alle Augenblicke ein sogenanntes Plauderständchen gemacht, und wir wären vor Mitternacht schwerlich ganz nach Bethanien gekommen, indem wir uns ohnehin noch beim Talwirte eine kleine Stunde aufzuhalten hatten, da Ich es der Familie am Morgen versprochen hatte.
GEJ|8|124|4|0|Bei unserem raschen Fortschreiten gelangten wir denn auch in etlichen Stunden Zeit zum Talwirte, der uns alsbald Brot und Wein aufsetzen ließ und Mich bat, daß Ich eine kleine Stärkung zu Mir nehmen möchte, was Ich denn auch tat der Anwesenden wegen, weil diese sich, bis auf unseren Judas Ischariot, nicht getraut hätten, vor Mir etwas zu nehmen; aber als Ich etwas Brot und Wein zu Mir nahm, da griffen dann alle recht wacker zu und aßen und tranken.
GEJ|8|124|5|0|Es waren aber hier auch einige Jünger Johannes des Täufers zugegen, die zwar noch viel vor uns hierher gekommen waren, weil sie willens waren, nach Galiläa zu gehen, allwo sie etwas zu verrichten hatten; aber da sie von der Hauswirtin vernommen hatten, daß Ich am Abend hier mit vielen Jüngern anlangen würde, so blieben sie in dieser Talherberge, um Mich zu sehen, zu hören und zu sprechen.
GEJ|8|124|6|0|Als wir aber ankamen und in der großen Speisestube Platz genommen hatten und uns mit Brot und Wein labten, da ärgerten sich heimlich diese Johannesjünger, daß wir ihnen nicht alsogleich bei unserem Eintritte unsere Aufmerksamkeit gespendet hatten.
GEJ|8|124|7|0|Und es kam einer zu Mir und sagte: „Herr und Meister, wissen denn Deine Jünger nicht, daß man sich zuvor die Hände waschen soll, besonders nach einer zurückgelegten Reise, bevor man ein Brot in die Hände nimmt, es bricht und dann ißt? Ich aber sehe, daß alle Deine Jünger mit ungewaschenen Händen das Brot brechen und dann essen! Es hat ja auch Moses das befohlen, und was dieser befohlen hat, das soll ein wahrer Jude ja auch tun!“
GEJ|8|124|8|0|Als die Jünger und auch die Römer diese Anrede an Mich vernahmen, da wurden sie ärgerlich und wollten dem Johannesjünger mit unsanften Worten einen Verweis geben.
GEJ|8|124|9|0|Ich aber beruhigte sie und sagte darauf: „Lasset den Ärger von eurer Seele, denn dieser verunreinigt den Menschen im Herzen, und das ist vom Übel; aber das Brot mit ungewaschenen Händen brechen und essen verunreinigt den Menschen nicht. So euch Jünger des Johannes aber das ärgert und ihr aber schon zum voraus erfahren habt, daß Ich an diesem Abend hier anlangen werde, warum habt ihr denn Mir zur Ehre nicht Anstalten getroffen, daß uns schon bei unserem Eintritt Wasser und ein Waschbecken samt Tüchern nach der Weise der Juden wäre vorgestellt worden!
GEJ|8|124|10|0|Ich sage euch, ihr durchs Wasser gereinigten Johannesjünger, ihr beachtet auch gleich den Juden alles äußere Gepränge genau und waschet und reiniget euch siebenmal am Tage, auf daß ihr stets reinen Leibes verbleibet; aber eure Herzen und Seelen sind noch sehr ungewaschen, und ihr stehet darum auch noch ferne vom Reiche Gottes.
GEJ|8|124|11|0|Johannes hat in der Wüste Buße gepredigt mit scharfer Rede zur Vergebung der Sünden und hat seine Jünger, die sein Wort annahmen und Buße gewirkt haben, im Flusse Jordan getauft und hat allen gezeigt den Weg zu Mir, Dem es allein zukommt, den Menschen ihre Sünden wahrhaft zu vergeben! So ihr aber nun vor Mir stehet, wie kommt es denn, daß ihr euch so benehmet, als wäret ihr über Mich und über Meine Jünger? Hat euch das auch Johannes gelehrt?“
GEJ|8|124|12|0|Auf diese Meine Antwort und schließliche Frage ward der Jünger des Johannes sehr verlegen und wußte nicht, was er Mir hätte erwidern sollen.
GEJ|8|124|13|0|Da trat aber ein anderer, der bescheidener war, vor und sagte zu Mir: „Herr und Meister, ich habe den weisen Sinn Deiner Rede vernommen und in ihm die vollste und reinste Wahrheit ersehen; doch aber hat er mir mein Herz ganz trübselig gemacht, als Du uns eben sagtest, daß wir noch ferne vom Reiche Gottes uns befinden, während wir schon des Glaubens waren, in der Mitte desselben zu stehen. Was sollen wir denn tun, um in das Reich Gottes zu gelangen?“
GEJ|8|124|14|0|Sagte Ich: „Tuet das, was Meine Jünger tun, und richtet die Menschen nicht nach dem Außenschein, sondern nach dem inneren Wert! Kehret allzeit nur vor eurer Haustüre, und sehet nicht auch schon zuvor nach des Nachbars Tür, ob der Weg zu ihr schon gefegt ist! Wenn ihr den Weg vor eurer Tür gereinigt haben werdet, dann erst könnet ihr auch zum Nachbar sagen: ,Freund, siehe, ich habe meinen Weg vor meines Hauses Tür schon gereinigt, du aber noch nicht; so du Zeit und Muße hast, da reinige denn auch den Weg zu deines Hauses Tür! Hast du aber ein anderes dringlicheres Geschäft, da laß es zu, daß ich auch deinen Weg rein mache!‘ Wenn dann dein Nachbar zu dir sagen wird: ,Tue mir den Liebesdienst!‘, dann kannst du den Weg vor deines Nachbars Tür reinigen; doch zuvor reinige den deinen!
GEJ|8|124|15|0|Ein jeder Jünger ist niemals mehr denn sein Meister. So er aber durch Fleiß und Eifer so vollkommen wird, wie da ist sein Meister, dann wird er ihm auch gleichen. Wenn der Jünger aber dem Meister gleicht, da wird er auch tun, was sein Meister tut und getan hat. Dann auch hat er aufgehört, ein Jünger zu sein, und ist gleich auch ein Meister. Ist er das, dann erst kann auch er sich Jünger dingen und sie lehren seine Kunst und Wissenschaft vollkommen.
GEJ|8|124|16|0|Ihr aber seid noch lange keine Meister, sondern nur höchst schwache Jünger des Johannes. Wie könnet ihr euch denn nun schon selbst Jünger anwerben und sie lehren etwas, das ihr selbst nicht kennet? Ist es denn nicht schon eine alte Lebensregel, nach der niemand jemandem etwas geben kann, was er zuvor nicht selbst besitzt? Wie könnet ihr denn eure Jünger die Erkennung des Reiches Gottes lehren, dem ihr selbst noch ferne seid? Lernet daher zuvor selbst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit erkennen von dem Meister, der das Reich Gottes in sich hat und es euch auch geben kann! Habt ihr es dann in euch vom rechten Meister überkommen, dann erst könnet ihr es auch den andern Menschen, die es haben wollen und suchen, mitteilen und geben, und der rechte Meister wird euch darum loben und eine rechte Freude an euch und euren Jüngern haben!
GEJ|8|124|17|0|Aber wenn ein Meister euresgleichen als Führer der andern, die blind sind, noch selbst blind ist, wohin wohl wird er seine Jünger bringen? Werden da nicht Führer und Jünger, so sie zu einer Grube kommen, zugleich hineinfallen, wo dann keiner dem andern wird heraushelfen können? So ihr aber schon durchaus Lehrer sein wollet, so lernet es selbst zuvor von Dem, der da ist ein wahrer Meister und Lehrer!“
GEJ|8|125|1|1|125. — Die Bitte der Johannesjünger
GEJ|8|125|1|0|Als dieser zweite Jünger des Johannes solches von Mir vernommen hatte, da sagte er: „Herr und Meister, wir erkennen, daß Du allein ein rechter und wahrster Meister und vollkommenster Lehrer bist; nimm Du uns nun zu Deinen Jüngern an, und wir wollen Dir folgen und alles von Dir erlernen! In einem Tage werden wir von Dir sicher mehr erlernen, als wir bei Johannes in einem Jahre erlernt haben. Wir wollen Dir folgen, wohin Du auch immer ziehen willst!“
GEJ|8|125|2|0|Sagte Ich: „Das wäre wohl ein ganz guter Vorsatz von euch; aber bevor Ich zu euch sage: ,Kommet!‘, muß Ich euch noch auf etwas aufmerksam machen; steht euch das nicht im Wege, dann möget ihr Mir immerhin als Jünger folgen! Sehet, die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher; aber Ich als des Menschen Sohn habe auch nicht einmal einen Stein auf der ganzen Erde, den Ich unter Mein Haupt legen könnte! Habt ihr aber ein rechtes Vertrauen und einen lebendigen Glauben, so möget ihr Mir folgen!“
GEJ|8|125|3|0|Sagte ein anderer Jünger: „Herr und Meister, wir benötigen nur Deiner Lehre, – unseren Leib werden wir schon selbst versorgen; denn wir sind vermögliche Leute und brauchen nicht, daß wir vom Meister auch ernährt werden sollen.“
GEJ|8|125|4|0|Sagte Ich: „Was Ich zu euch gesagt habe, das habe Ich nicht darum gesagt, als wollte Ich euch von dem Tische fernehalten, an dem Ich noch allzeit mit allen Meinen Jüngern gespeiset habe; aber darum habe Ich das zu euch gesagt, daß ihr als Meine Jünger nicht etwa an einen materiellen Erwerb an Meiner Seite denken sollet, – denn so etwas gibt es bei Mir nicht! Bei Mir ist nur ein Erwerb für sich gestattet, und der heißt: das Reich Gottes und das ewige Leben! So ihr nur um dessentwillen Mir als Jünger folgen wollet, so könnet ihr Mir auch folgen!“
GEJ|8|125|5|0|Sagte der Jünger: „Herr und Meister! Wir haben Weiber und Kinder, und haben auch Häuser, Äcker, Wiesen, Gärten und Weinberge und Ochsen, Kühe, Kälber, Esel, Schafe, Ziegen und allerlei zahmes Geflügel in großer Menge, und wir treiben mit allem dem denn auch einen rechtmäßigen Handel und haben noch nie jemanden übervorteilt. Solches hat uns auch der sonst überstrenge Prophet Johannes nicht verwehrt und dabei gesagt, daß es Gott wohlgefällig sei, so der Mensch arbeitet und also gerecht sorgt fürs Haus und für alle ihm Angehörigen; wer aber mit den Gaben, die ihm Gott beschert hat, einen Wucher treibe, der werde von Gott mit zornigen Augen angesehen werden und keine Gnade bei Ihm finden.
GEJ|8|125|6|0|Wir gingen sonach denn auch unter die Menschen und erzählten ihnen, was wir von Johannes gesehen und gehört hatten. Nun, bei solchen Gelegenheiten haben wir denn freilich auch dessen Erwähnung gemacht, daß wir dies und jenes zu verkaufen haben um einen möglich billigsten Preis; und es wurden uns nach dem gemachten Antrage denn auch die angebotenen Dinge gern und häufig abgekauft, und wir konnten mit dem Erlösegeld unser Hauswesen stets ehrlich und wohl bestellen. Darin bestand denn hernach auch der Erwerb, den wir mit unserem Jünger- und nun Predigeramte verbanden. So Dir, o Herr und Meister, aber das nicht genehm wäre, wenn wir als Deine Jünger auch dann und wann an Deiner Seite unserer Häuser und Familien gedächten, da können wir uns auch davon enthalten und für die Besorgung unseres Hauswesens ganz andere Verfügungen treffen. Du darfst uns denn nur Deinen Willen bekanntgeben, und wir werden danach handeln!“
GEJ|8|125|7|0|Sagte Ich: „Ihr könnet tun, wie ihr wollet; denn ein jeglicher Mensch hat seinen vollkommen freien Willen. So aber jemand als Mein Jünger Mir folgt zur Gewinnung des Gottesreiches, der muß bis zur Zeit der vollen geistigen Neugeburt Haus, Weib und Kinder aus Liebe zu Mir verlassen; denn beim Suchen und Forschen nach dem Reiche Gottes muß er alle Sorge um Dinge dieser Welt Dem allein überlassen, der um alles weiß, und dessen allmächtiger Wille alles vermag. Denn sorgt sich ein wahrer Jünger an Meiner Seite auch um Dinge der Welt, so gleicht er einem Ackersmann, der seine Hände wohl an den Pflug legt, sich aber dabei stets nach rückwärts umsieht, nicht achtet auf den Gang des Pfluges und sonach nicht geschickt ist zum Reiche Gottes.
GEJ|8|125|8|0|Da sehet Meine alten Jünger! Sie haben um Meinetwillen auch Haus, Hof und Weiber und Kinder verlassen und sind Mir nachgefolgt; aber ihr irdisches Hauswesen besteht fort und ist versorgt.
GEJ|8|125|9|0|Wer als Mein Jünger der Welt nicht völlig entsagen kann, der wird nicht stark im Gottesreiche werden; denn Gott und der Welt dienen, geht schwer oder auch wohl gar nicht. So aber jemand im Reiche Gottes stark geworden ist, dann erst kann er wahrhaft auch aller Welt nützlichst dienen.
GEJ|8|125|10|0|Als in den älteren Zeiten auf den gewissen Bergen noch die wahren Schulen der Propheten bestanden, da mußte der, welcher ein rechter Prophet werden wollte, sich von aller Welt völlig zurückziehen und in sich suchen das lebendige Wort Gottes; hatte er das gefunden, so wurde er auch freigelassen und war so erst fähig, der Welt wahrhaft nützend zu dienen.
GEJ|8|125|11|0|Wie aber die wahren Propheten und in der Vorzeit auch die Patriarchen der Welt gedient und genützt haben, das kennet ihr aus der Schrift, und Ich brauche es euch nicht zu erzählen. Und somit kennet ihr nun Meinen Willen und Meinen Rat und könnet nun tun, wie es euch beliebt.
GEJ|8|125|12|0|Wer nicht zuvor völlig Gottes wird, ehe er wirkend kehrt zur Welt, den verführt die Welt und verschlingt bald und leicht sein Herz und seine Seele; wer aber zuvor ganz Gottes geworden ist, dem kann die Welt nichts mehr anhaben; denn er hat um sich einen festen Damm und für sich eine Burg erbaut, die von den Pforten der Hölle nicht überwunden werden kann.“
GEJ|8|125|13|0|Als die etlichen Johannesjünger solches von Mir vernommen hatten, da dachten sie nach, was sie tun sollten.
GEJ|8|125|14|0|Einer von ihnen, der zuerst geredet hatte, aber sagte zu den andern: „Wisset, ich rate, daß wir nun alsogleich bleiben, so wir Ihm als Jünger folgen wollen! Unser Hauswesen ist ohnehin gut bestellt, und an Arbeitern und Mitteln fehlt es ihm nicht, und eines Weiteren bedarf es nicht. Was der Herr und Meister aber zu uns nun gesagt hat, das ist wahr, und wir wollen denn auch sogleich bei der Wahrheit verbleiben!“
GEJ|8|125|15|0|Hierauf traten sie zu Mir und baten Mich, daß Ich ihnen erlaube, alsogleich zu bleiben.
GEJ|8|125|16|0|Und Ich sagte: „So bleibet, und werdet zu guten und tätigen Arbeitern in Meinem Weinberge!“
GEJ|8|125|17|0|Sagte einer: „Herr und Meister! Wie hast Du denn einen Weinberg nun und hast doch zuvor bekannt, daß Du auch nicht einen Stein besäßest, den Du unter Dein Haupt legen könntest?“
GEJ|8|125|18|0|Sagte Ich: „Diese Welt ist Mein Weinberg, und die Menschen, die Mein Wort hören und halten und an Mich, den wahren Gottessohn, glauben, sind die guten und edlen Reben, die durch ihre guten Werke Mir auch viele Frucht bringen werden; aber zwischen den edlen Reben gibt es auch gar viele unedle, und diese sollen auch veredelt werden, und dazu benötiget es vieler und kräftiger Arbeiter. Wohl denen, die sich als tüchtige Arbeiter in solchem Meinem Weinberge erweisen werden, und zwar aus Liebe zu Gott und zum Nächsten!“
GEJ|8|125|19|0|Nach diesen Worten dankten sie Mir und blieben und fingen an, sich mit Meinen alten Jüngern zu besprechen.
GEJ|8|126|1|1|126. — Der Hauptmann aus Bethlehem kommt zum Herrn
GEJ|8|126|1|0|Als aber nun diese Sache geordnet war, da kam auch der Hauptmann aus Bethlehem, den wir in der Herberge verlassen hatten, mit noch etlichen Gefährten uns zu Pferde nach; denn er wollte Mich noch einmal sehen und hören und hatte auch mit den Römern noch manches zu besprechen.
GEJ|8|126|2|0|Als er draußen die Pferde den Knechten übergeben hatte, da kam er sogleich zu uns ins große Zimmer und sagte zu Mir (der Hauptmann): „O Du großer Herr und Meister! Als ihr die Herberge verlassen hattet, bin ich erst wie aus einem Traume erwacht und wollte mich erst so ganz Dir anempfehlen, aber da waret ihr schon über Berg und Tal. Mich aber ergriff darauf eine übermächtige Sehnsucht, Dich noch einmal zu sehen, zu sprechen und zu hören. Ich ließ mir denn auch alsobald die besten Reitpferde von Bethlehem bringen und ritt mit diesen meinen Gefährten hierher im schnellen Trabe und vernahm draußen von den Leuten dieses Hauses, daß Du hier eine kleine Rast genommen hast. Da hüpfte mir vor Freude das Herz im Leibe. Ich sprang samt meinen Gefährten eiligst vom Pferde und eilte herein und bin nun da, um Dich zu begrüßen und Dir von ganzem Herzen zu danken für die endlos große Gnade, die ich von Dir zum Heile auch meiner Heidenseele empfangen habe. Nimm daher, o Herr und Meister, auch gnädig solchen meinen Dank an!“
GEJ|8|126|3|0|Sagte Ich: „Freund, solcher Heiden mehr, wie du einer bist, so wird es bald licht und helle unter den Menschen auf dieser Erde werden! Aber leider gibt es solche Menschen und Heiden nur wenige, und so steht trotz Meiner Darniederkunft dem Menschen im allgemeinen eine lange andauernde geistige Nacht bevor, in der noch viele Kriege pro und contra geführt werden, aber es wird dabei der wahre Sieg der ewigen Wahrheit über die Nacht alles Falschen und Bösen ein unentschiedener verbleiben.“
GEJ|8|126|4|0|Sagte der Hauptmann: „Herr und Meister! In der großen Herberge bei Bethlehem hat es Dich nur eines Wortes und Willens gekostet, und zwei von allen Ärzten für unheilbar erklärte Kranke wurden gesund. Weil Dir das möglich war, so wäre es Dir ja auch ebenso leicht möglich zu sagen: ,Höret, ihr finsteren Seelen! Ich will, daß es in euch licht werde!‘, und siehe, es würde durch ein solches Machtwort, von Dir mit Willen ausgesprochen, sicher auf der ganzen Erde auch nicht mehr einen finsteren und bösen Menschen geben!“
GEJ|8|126|5|0|Sagte Ich: „Da hast du einesteils wohl ganz recht; aber Ich, der Ich es wohl am besten kenne, wie der ganze Mensch beschaffen ist und auch also beschaffen sein muß, um ein Mensch und kein Menschtier zu sein, sage dir da, daß der Mensch nur dem Leibe nach eine gar kunstvoll und weise eingerichtete Maschine ist, deren Gesundheit, Erhaltung und Gebrauchsfähigkeit nicht von der Freiheit des menschlichen Willens abhängt, sondern allein von Dem, der sie geschaffen und gebaut hat. Wenn denn der Maschine etwas fehlt, da kann der Meister derselben auch leicht durch Seinen allmächtigen Willen helfen, ohne dadurch der Erkenntnis-, Glaubens- und Willensfreiheit des Menschen nur im geringsten schädlich zu werden. So Ich es aber auch mit jemandes Seele und Geist so täte, so wäre ihre eigene Lebenskraft, die da besteht in ihrer freien Liebe, in dem ebenso freien Denken, Forschen und Erkennen, im Glauben und im freien Wollen, so gut wie gebrochen und zerstört und mit ihr denn auch alle individuelle Selbständigkeit. Was hätte dann eine solche Seele, was am Ende Ich Selbst davon?
GEJ|8|126|6|0|Die Seele des Menschen muß daher durch einen guten Unterricht und dann durch ihr eigenes Forschen, Prüfen, Erkennen, Glauben und Wollen ins innere, lebendige Licht ihres aus Gott ihr innewohnenden Geistes gelangen, dann ist ihr für ewig wahrhaft geholfen; jede andere Gewalt, ihr nach deiner Idee zu helfen, würde nur zerstörend und nie heilend auf ihre Lebenselemente einwirken.
GEJ|8|126|7|0|Und siehe, darum denn nehme Ich auch Jünger an und lehre Selbst also, wie da lehret ein recht weiser Vater seine Kinder, was sie zu glauben, zu kennen und dann zu tun haben; denn würde Ich sie mit Gewalt auf einen Schlag mit Meinem Geiste erfüllen, so wäre es mit ihrer eigenen Selbständigkeit, mit ihrem eigenen Suchen, Forschen, Prüfen, Erkennen, Glauben und Wollen aus, aber auch aus mit ihrem individuellen Leben und mit dessen Freiheit.
GEJ|8|126|8|0|So Ich sie aber nun lehre, die volle Wahrheit zu erkennen und danach selbständig zu handeln, so ist dadurch ihrer Seelen vollste Freiheit nicht im geringsten gehemmt, und was sie sich nach Meiner Lehre ehest werden errungen und erkämpft haben, das wird dann ihr Werk und auch ihr volles Eigentum sein.
GEJ|8|126|9|0|Und siehe, das ist denn auch also nach der ewigen Ordnung der Wille Gottes für die wahre und allein wahrhaft nützliche Lebensbildung der Menschen auf dieser Erde, und nur auf diese Art und Weise kann eine Seele zum wahren, ewigen Leben gelangen und am Ende gottähnlich zur Selbstschöpferin ihres Lebens und ihres Himmels werden!
GEJ|8|126|10|0|Aus diesem dir nun dargetanen Grunde ist es Mir wohl ein leichtes, eines Menschen kranken Leib, aber nicht auch damit eine kranke und finstere Seele zu heilen. Ich heile aber wohl auch die Seelen, aber nur durch Meine Lehre, wenn sie dieselbe gläubig annehmen und dann danach wollen und handeln. Wer aber das will, der hat eben in solchem festen Willen schon ohnehin Meinen Geist sich angeeignet und in ihm eine hinreichende Lebenshilfskraft in sich, die er dann mit allem Recht sein nennen kann, wenn er auch einsieht, daß das dennoch nur Meine Kraft in ihm ist und handelt und waltet.
GEJ|8|126|11|0|Wer daher Gelegenheit hat, zu erteilen den Menschen Meine Lehre und Meinen Willen, der wird als ein treuer Arbeiter in Meinem Menschenlebensweinberge auch seinen Lohn in Meinem Reiche überkommen. – Hast du das nun wohl aufgefaßt und begriffen?“
GEJ|8|127|1|1|127. — Des Hauptmanns Bedenken über die Führung der Menschen
GEJ|8|127|1|0|Sagte der Hauptmann: „Ja, Herr und Meister, das ist mir nun ganz klar geworden! Der äußere Leibmensch ist sonach der Seele nur als eine Stütze zu ihrer Selbstentfaltung von Gott gegeben und liegt zum größten Teile in der Willensmacht Gottes, ist aber dennoch also eingerichtet, daß sich die Seele seiner auch nach ihrem Willen bedienen kann. Bedient sie sich desselben nach Deinem Willen, den sie aus Deiner Lehre wohl erkennen kann, so gereicht ihr das zum größten Nutzen, da sie sich im Leibe so zum wahren selbständigen und ewigen Leben ausbilden kann; bedient sie sich aber ihres Leibes auf eine Deiner Ordnung widerstrebende Weise, so bringt ihr das ein sicheres und offenbar notwendiges Verderben. Aber da kommen wir nun eben auf einen Punkt, den ich schon lange aus ganz wohl überdachten Gründen bei mir selbst gegenüber einem weisen und sicher allmächtigen Gott und Schöpfer sehr beanstandet habe!
GEJ|8|127|2|0|Siehe, wie viele tausendmal tausend Menschen sind ohne ihr Verschulden in die dickste Nacht ihrer Seelen geraten und müssen also denn auch alle verkümmern und zugrunde gehen, weil sie vielleicht auch in tausend Jahren noch nicht das Glück haben werden, von Deiner hier ausgesprochenen Lehre auch nur ein Wort zu vernehmen! Wie viele aber sind schon auf der Erde seit sicher vielen Tausenden von Jahren zugrunde gegangen, die von Deiner Lehre nie etwas haben vernehmen können! Dieser lange lichtlose Aktus zum sicheren Untergange so zahllos vieler Seelen kommt mir von seiten einer allgütigsten und weisesten Vorsehung Gottes ganz bedeutend traurig aussehend vor.
GEJ|8|127|3|0|Es fehlt den Menschen eben nicht am Ernste, auf gar vielen Punkten dieser Erde die Wahrheit zu suchen, wie ich mich davon selbst überzeugt habe, und es fand schon mancher auch so eine Spur davon –, aber wo lag denn die Bestätigung, gültig für den Verstand der Menschen, daß die von einem eifrigen Sucher und Forscher aufgefundene Lebenswahrheitsspur wohl eine ganz rechte war? Man lernte sie kennen, zollte ihr auch den Beifall, aber man kam auch zu andern emsigen Forschern nach der Lebenswahrheit, und man überzeugte sich bald, daß sie auf ganz andere Spuren gekommen waren, die mit der des ersteren gar keine noch so ferne Ähnlichkeit, aber dennoch gar manches für sich hatten.
GEJ|8|127|4|0|Ja, es besteht wohl kein mir bekanntes Volk auf der Erde, insoweit ich sie kenne, das nicht an irgendeine Gottheit glaubte und hielte, aber wie materiell sind solche Lehren und Begriffe von einem allerhöchsten und weisesten Gottwesen. Aber das eine und sicher nur allein wahre Gottwesen scheint Sich ewig wenig darum zu kümmern, ob da ganze Völker und Geschlechter in der dicksten Irrtumsnacht zugrunde gehen und verderben!
GEJ|8|127|5|0|Und so kann nun, wie es durch Dich nun hier der Fall ist, die einzig wahre und allerhöchste Gottheit kommen und den vielen tausendmal Tausenden das wahrste Lebenslicht verkünden, und die Menschen werden es im allgemeinen dennoch nicht annehmen, und es werden gar viele sagen: ,Waren unsere Vorfahren, die schon lange gestorben sind, denn nicht auch Menschen wie wir? Was haben sie denn verschuldet, daß ihnen die allein und ewig wahr seiende Gottheit das Lebenslicht vorenthielt?
GEJ|8|127|6|0|Eine wahre Gottheit muß allzeit für eine rechte Erleuchtung der Menschen gesorgt haben; hat sie das aber erweislichermaßen nicht getan, was sie eben jetzt zu tun vorgibt, so ist sie entweder nie eine wahre Gottheit gewesen, oder sie wollte es nicht aus einer gewissen Verachtung der Menschen dieser Erde, die ihr vielleicht nicht zu Gesichte gestanden sind, weil sie vielleicht ebenso nicht geraten sind wie gar viele Früchte, die ein Baum nach der Blüte ansetzt, sie aber aus irgendeinem Mangel des inneren Lebenssaftes nicht ernähren kann und sie zu vielen Tausenden abwirft und am Boden verderben und zertreten läßt, – von welcher sehr unökonomischen Wirtschaft eine allsehende und höchst weise Gottheit etwa auch wissen müßte, sie aber doch duldet und immerfort zuläßt.‘
GEJ|8|127|7|0|Ich für mich bin nun wohl höchst ferne davon, Dir mit solchen Bedenken entgegenzukommen, aber ich weiß es, daß sie in den Menschen schon gar alte und tiefgehende Wurzeln getrieben haben, und wir von der Wahrheit Deiner Lehre und vom Dasein der wahren Gottheit in Dir noch so durchdrungenen Menschen werden ohne eine besondere Hilfe von Dir wohl nie imstande sein, alle die tausendmal tausend Irrtümer bei den Menschen segensvoll auszurotten. Denn so wir als selbst nur schwache Menschen ihnen auch allergetreust das kundtun werden, was wir selbst gesehen und gehört haben, – wer wird es uns aber glauben?
GEJ|8|127|8|0|Also, dazu bedürfen wir denn auch einer besonderen Hilfe für beständig von Dir, o Herr und Meister, sonst ist alle unsere Arbeit und Mühe eine vergebliche, und es ist nach meiner Ansicht besser, die Menschheit auch für alle Zukunft in ihrem finstersten Wahne ebenso verderben zu lassen, wie sie Tausende von Jahren vor uns zugrunde und in ein volles Nichts übergegangen ist. Denn was kann einem allmächtigen und ewigen Gott an einer solchen Welt voll Menschen gelegen sein, und was den zugrunde gegangenen und ewig nicht mehr seienden Menschen an einem Gott?
GEJ|8|127|9|0|Wenn das ewige Fortleben einer Menschenseele nun allein nur von dem abhängt, daß man um Deine Lehre wisse und dann nach ihr lebe und handle, dann wird es wohl wenig so Glückliche geben, die ewig leben werden! Sollten sich aber die Sachen mit dem Fortleben der Seelen nach dem allzeit etwas grausamen Tode des Leibes anders verhalten, so nehme ich alle meine menschlichen Bemerkungen zurück und will mich gerne eines Besseren belehren lassen.
GEJ|8|127|10|0|Ich habe nun treu und offen geredet und bin auch bereit, alles mögliche zu tun und zu wirken, um möglichst viele Menschen aus ihrer Todesnacht an den ewigen Tag des Lebens zu stellen; aber ich möchte nun denn auch aus Deinem Munde, o Herr und Meister, vernehmen, wie die Sachen vom Urbeginn an stehen, und was ich zu tun habe. – Ich habe geredet.“
GEJ|8|128|1|1|128. — Das Verhältnis zwischen Gott und den Menschen
GEJ|8|128|1|0|Sagte Ich: „Ja, ja, du Mein ganz aufrichtiger Freund, du hättest mit deiner scharfen Bemerkung ganz recht, wenn sich die Sachen zwischen Gott und den Menschen also verhielten, wie du es aus deinen gemachten Erfahrungen im Namen der gesamten Menschheit nun vor Mir dargetan hast; aber die Sachen verhalten sich ganz anders, und somit hat deine scharfe Darstellung der Verhältnisse zwischen Gott und den Menschen keinen andern Grund als die völlige Unkenntnis eben der Verhältnisse zwischen Gott und den Menschen.
GEJ|8|128|2|0|Gott hat schon vom Urbeginn an der freien Menschheit, also dem ersten Menschenpaare, Seinen Willen treuest geoffenbart, und die Hauptnachkommen des ersten Menschenpaares waren in einer steten Verbindung mit Gott und mit den Engeln, die ehedem auch, wennschon auf einem andern Erdkörper als Körpermenschen gelebt haben, und wurden in allen Dingen hellst belehrt und waren denn auch dadurch vollkommene Menschen und Herren der gesamten Natur; denn ihrem Willen waren sogar alle andern Geschöpfe, wie auch die Elemente untertan.
GEJ|8|128|3|0|Aber ihre vielen Kinder, die sich nach und nach auf der Erde verschiedene Wohnplätze aussuchten und sohin selbständig wurden, wollten sich die Vormundschaft Gottes und noch weniger die ihrer Eltern und sonstigen Anverwandten nicht mehr gefallen lassen. Sie trachteten, in der Welt reich und berühmt zu werden, und als sie das wurden, da wurden sie auch träge und hochmütig und kümmerten sich um Gott und Seinen ihnen noch gar wohl bekannten Willen wenig mehr. Sie taten, was sie wollten. Und hat Gott sie durch allerlei Züchtigungen auch ermahnt, die Er ihnen allzeit durch allerlei Zeichen, wie durch weise Boten bekanntgemacht hatte, da lachten sie, verhöhnten Gott, Seine Mahnungen, und mißhandelten die an sie gesandten Boten.
GEJ|8|128|4|0|Unter sich errichteten sie dann Schulen nach ihrem Sinne. Ihre Lehrer aber machten sich bald die ihnen bekannten Schwächen zunutze und richteten ihren Unterricht also ein, daß er der Gemeinde schmeichelte und sie bis zu den Sternen erhob. Eben solche Lehrer wurden als Leiter der Menschen einer Gemeinde bald zu machthabenden Königen und waren als solche auch stets die ersten Urheber der Abgötterei, des Götzentums und des entweder blinden Aberglaubens oder auch der vollkommenen Gottlosigkeit.
GEJ|8|128|5|0|Gott aber ließ dennoch nie ab und ließ auch unter solchen Heiden stets Männer aufstehen, die durch Lehren und Taten ihnen zeigten die große Trübsal, in der sie lebten, und ihnen auch zeigten des Lebens rechte Wege. Solche Männer aber bekamen stets nur wenige Jünger und wurden von andern Volkslehrern und Priestern und sogenannten Weltweisen verachtet, verfolgt und für Narren erklärt, und die Hohen und Weltmächtigen wollten von solchen Demutspredigern schon gar nie etwas hören.
GEJ|8|128|6|0|Wenn aber also, wie nun heutzutage die vielen Beispiele selbst Mir gegenüber nur zu klar zeigen, – was hätte Gott den Menschen denn noch tun sollen und können, um sie beim lebendigen Glauben an Ihn zu erhalten bei stets gleicher Belassung ihres freien Willens?
GEJ|8|128|7|0|Auch diesmal, wo Ich persönlich unter die Juden gekommen bin, um sie wieder um Mich zu versammeln, habe Ich dafür gesorgt, daß die Kunde von Mir in allen euch bekannten Weltteilen den Menschen gemacht wurde auf die jedem Volke entsprechende Art. Gehe aber hin und frage die Menschen und Völker, und du wirst Antworten bekommen, über die du sicher höchlichst erstaunen wirst!
GEJ|8|128|8|0|Du meinst aber nun ebenfalls großirrtümlich, daß von jetzt an nur jene Seelen ein ewiges Leben nach des Leibes Todes haben werden, die nun Mein Wort hören, an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben und handeln, alle andern Seelen aber für ewig vernichtet würden.
GEJ|8|128|9|0|Gegen solche deine Meinung, die nun auch vielen andern Menschen eigen ist, kann Ich dir auf pur vernunftgründigem Wege vorerst nur das sagen, daß eines jeden Menschen Leben eine Kraft aus Gott ist, die Gott Selbst mit aller Seiner Allmacht ebensowenig zerstören und vernichten kann wie Sich Selbst; denn würde Gott die aus Ihm allein hervorgegangenen Lebenskräfte zerstören und vernichten können, so müßte Er da bei Sich zuerst anfangen, weil im Grunde des Grundes ja eben Er Selbst alles in allem von Ewigkeit her ist! Gott kann wohl jegliche Materie, die nichts als Seine durch Seinen Willen festgehaltene Idee ist, auflösen und sie in Geistiges und Unwandelbares zurücktreten lassen, aber vernichten ewig nicht, weil Er Sich Selbst und Seine Ihm ewig klaren Gedanken und Ideen nicht vernichten kann.“
GEJ|8|129|1|1|129. — Die Unsterblichkeit der Menschenseele
GEJ|8|129|1|0|(Der Herr:) „Daß aber aller Menschen Seelen, ob gute oder böse, nach des Leibes Tode fortleben, davon haben bei allen Völkern der Erde gewisse mehr in sich gekehrte Menschen mehr als viele tausendmal Tausende von allersprechendsten und überzeugendsten Beispielen erlebt, indem sie mit den Seelen der leiblich Verstorbenen oft sogar jahrelangen Verkehr und belehrenden Umgang hatten.
GEJ|8|129|2|0|So aber pure und ganz materielle Weltmenschen daran nicht glauben aus dem Grunde, weil ihnen noch nie etwas Ähnliches zu Gesichte gekommen sei, kann da etwa auch Gott die Schuld gegeben werden? Diese Weltmenschen suchen das ja nie, und so finden sie es auch nicht; die es aber suchen, die finden es auch unter allen Völkern der Erde.
GEJ|8|129|3|0|Sieh, diese Römer hatten Mir Selbst von solchen Erscheinungen erzählt, die sie selbst erlebt haben! Sind sie darum unwahr für dich, weil du noch nichts Ähnliches gesehen und wahrgenommen hast?
GEJ|8|129|4|0|Hinter Asias höchsten Bergen im weiten Osten besteht ein großes Kaiserreich, das Sihna oder China heißt. Besteht es darum etwa nicht, weil du es noch niemals gesehen hast? Und noch weiter im Osten, ganz vom großen Weltmeere umflossen, besteht abermals ein großes Kaiserreich namens Jhipon (Japan). Besteht es etwa deshalb auch nicht, weil du bis jetzt noch nie etwas davon gehört hast? Ja, Freund, auf dieser Erde bestehen noch gar große Reiche und Weltteile außer den dir bekannten drei Weltteilen, wenn du sie auch nicht kennst; aber Ich kenne sie und kann dir sagen, daß sie da sind und von den Menschen in der Zukunft auch aufgefunden werden.
GEJ|8|129|5|0|Überall aber leben schon Menschen und sind nicht ohne Offenbarung von oben und von seiten solcher Geister, die einst dort auch im Fleische gewandelt haben. Daß aber solcher Menschen Seelen nicht alsogleich beim Hinübertritt ins Reich der Geister sich in einer solchen Lebenslichtvollendung befinden können, das ist doch sicher und leicht daraus erklärbar, weil auch hier die Menschen, deren Seelen sehr weltliebig geworden sind, nur schwer und mühsam auf den rechten Lebenslichtweg zu bringen sind. Der Leib des Menschen kann weder etwas glauben noch wollen; er dient der Seele eine kurze Zeit nur als ein Werkzeug zur Tätigkeit nach außen und sonach auch zu ihrer Ausbildung. Das Denken, Lieben, Wollen und Handeln nach den erkannten Wahrheiten ist Sache der Seele.
GEJ|8|129|6|0|Wie schwer und mühsam aber oft eine weltliebige und zur Trägheit geneigte Seele das reine Gute und Wahre begreift und sich danach zu handeln entschließt, das kannst du an deinen eigenen Kindern merken; und so geht es einer hier verwahrlosten Seele im großen Jenseits sicher noch um vieles schlimmer, weil sie sich in dem Leibesleben in allerlei Irrtümern und daraus im Falschen und Bösen begründet hat. Eine solche Begründung aber ist gleich wie eine Erhärtung der Liebe und des Willens der Seele, welche beide aber eben das Leben und das individuelle Sein ausmachen. Wenn Ich da einer solchen Seele ihre Liebe und ihren Willen auf einmal hinwegschaffte, so wäre dadurch ja auch die ganze Seele hinweggeschafft!
GEJ|8|129|7|0|Es muß daher mit solchen Seelen gar behutsam zu Werke gegangen werden, um sie so nach und nach, von ihnen ganz unbemerkt, auf den rechten Weg zu bringen. Dazu gehört aber eine gar allerhöchste göttliche Liebe, Weisheit und Geduld; denn man muß eine solche Seele, stets nur wie von außen her einwirkend, in solche Zustände durch ihr Wollen, Trachten und Handeln kommen lassen, in denen sie aus sich innezuwerden anfängt, daß sie sich in großen Irrtümern befindet. Fängt eine Seele an, diese in sich wahrzunehmen, dann wird in ihr auch schon der Wunsch rege, den Grund zu erfahren, aus dem sie, sozusagen, auf kein grünes Gras, sondern nur auf düsterere und fruchtlosere Wüsteneien gelangt.
GEJ|8|129|8|0|Nun, in solch einem Zustande ist es dann erst an der Zeit, solch einer Seele einen ihr wie ganz ebenbürtig aussehenden weisen Geist entgegenkommen zu lassen, der sich dann mit ihr über dies und jenes besprechen kann, wodurch es denn in solch einer verirrten Seele dann auch schon lichter wird und sie nun wie völlig aus sich zu erkennen anfängt, daß sie sich in großen Irrtümern befindet und sich nach dem wahren Lichte stets mehr und mehr zu sehnen anfängt.
GEJ|8|129|9|0|Du siehst nun ganz leicht, daß in einem solchen schon besseren Zustande eine Seele schon anders zu denken anfängt und ihre Liebe und ihr Wollen als ihr eigentliches Ich, Leben und Sein eine andere Richtung aus sich selbst nimmt; ist das nun da, so kommt dann eine ehedem noch so im Finstern wandelnde Seele auch bald und leicht zum wahren Lebenslichte.
GEJ|8|129|10|0|Aber eine nach deiner Meinung urplötzliche Umwandlung der Seele wäre soviel wie ihre völlige Vernichtung. Ich hätte ja auch, statt hier bei den Juden, bei euch Römern oder auch bei einem andern Heidenvolke als das, was Ich hier bin, auftreten können; aber was hätte das bei dem blinden und sehr abergläubischen Volke für eine Wirkung gemacht, gegen die auch die weiseste Lehre nichts gefruchtet hätte? Siehe, das Volk hätte Mich für einen oder den andern Gott zu halten und anzubeten angefangen und Mir Opfer gebracht in Hülle und Fülle, und Meine Jünger, die auch schon so manches in Meinem Namen zu wirken vermögen, hätte es als Halbgötter angestaunt und ihnen auch Opferaltäre und sogar Tempel erbaut, und so hätte Ich bei einem heidnischen Volke sein Götzentum nicht nur nicht zerstört und aufgehoben, sondern nur vermehrt.
GEJ|8|129|11|0|Die Juden aber, die besonders in dieser Zeit zumeist ganz glaubenslos geworden sind, obschon sie die Schrift und die Verheißung Meiner Herniederkunft haben, aber aus der Tradition doch noch wissen, wie Gott das Volk geführt hat, wenn sie daran auch zweifeln, sind eben am geeignetsten noch, Meine persönliche Gegenwart zu ertragen, da sie mit Mir keine Abgötterei treiben können. Denn die Mich erkennen, die wissen es aus dem rechten Grunde, wer Ich bin; die Ungläubigen aber halten Mich für einen Magier und die Mittelklasse für einen Propheten. Da ist sonach mit Meiner Gegenwart keine Seele in ihrer Eigentümlichkeit und in ihrem freien Willen gefährdet, und so muß denn das Licht auch von dem Judenvolke in alle Welt ausgehen.
GEJ|8|129|12|0|Wenn du mit deiner Verstandesschärfe nun dies von Mir dir Gesagte so ganz genau prüfst, dann wirst du schon innewerden, daß du Mir gegenüber mit einer ganz irrigen Meinung aufgetreten bist.
GEJ|8|129|13|0|Wenn Gott nicht der Menschen zur stets größeren Sättigung Seiner Liebe bedurft hätte, so hätte Er sie auch nie erschaffen; da Er sie aber erschaffen hat, so kümmert Er sich auch um sie und um ihre ewige Erhaltung und zeigt dadurch, daß Ihm gar alles an den Menschen gelegen ist. Es sollte den Menschen darum aber auch alles an Gott gelegen sein! Hast du, Mein Freund, das nun wohl begriffen?“
GEJ|8|129|14|0|Sagte der auf diese Meine Lehre ganz erstaunte und von aller Ehrfurcht ergriffene Hauptmann: „Herr und Meister, so wie Du nun geredet hast, hat noch kein Weiser je zu einem Menschen geredet! Du hast mir jetzt erst ganz vollkommen gezeigt, wer Du bist. Ich danke Dir für die mir nun erwiesene große Gnade, bitte Dich aber auch von ganzem Herzen um Vergebung dafür, daß ich es gewagt habe, mit Dir so keck und dumm zu reden.“
GEJ|8|129|15|0|Sagte Ich: „Wer also redet, wie du geredet hast, dem ist es um die Wahrheit ernst, und Ich gebe ihm da gerne ein rechtes Licht; wer aber da weder kalt noch warm ist, sondern lau, der ist Meines Lebenslichtes auch nicht wert und wird es auch so lange nicht überkommen, als ihm darum nicht völlig ernstlich zu tun sein wird. Ich aber weiß es, daß es gar vielen Heiden aus euch schon lange ernstlich darum zu tun war, während die Juden stets lauer und lauer geworden sind; darum aber wird nun das Licht den Juden auch genommen und euch Heiden gegeben werden in aller Fülle. Aber sorget und wachet darum, daß es dann bei euch nicht in ein neues Heidentum umgestaltet wird; denn ein solches wäre schlimmer noch denn euer jetziges! Ihr werdet zwar darum wohl sorgen, aber am Ende das Auftreten der falschen Propheten doch nicht verhindern können. Darum wachet alle, und hütet euch vor den falschen Propheten, die ihr leicht an ihren Werken erkennen werdet!“
GEJ|8|129|16|0|Hier kam ein Bote von Bethanien und sagte, daß daheim schon alles bereitet sei zu unserem Empfange.
GEJ|8|129|17|0|Da sagte Ich: „Unsere Raststunde ist nun vorüber, und wir wollen denn auch weiterziehen. Wer Mir folgen will, der folge Mir!“
GEJ|8|130|1|1|130. — Die Rückkehr des Herrn mit den Seinen nach Bethanien
GEJ|8|130|1|0|Hier erhoben sich alle, auch die Johannesjünger, und folgten Mir eifrig ins nahe Bethanien. Auch der Hauptmann folgte mit seinen Gefährten nun zu Fuße, indem er seine Pferde bei dem Talwirte zurückließ.
GEJ|8|130|2|0|In einer halben Viertelstunde kamen wir denn auch schon nach Bethanien.
GEJ|8|130|3|0|Es war zwar die dritte Stunde nach dem Untergange der Sonne vorüber, aber zu einem wohlbereiteten Nachtmahle noch immer früh genug, und Ich wollte es auch so haben, daß wir um solche Zeit nach Bethanien gekommen sind, auf daß wir von der gafflustigen Menge nicht beobachtet werden konnten; denn an diesem Tage sind nach unserem Abzuge viele Menschen, jung und alt, nach Bethanien gekommen, weil sie vernommen hatten, daß Ich Mich allda aufhielte. Da sie Mich aber nicht fanden und ihnen auch niemand sagte, wohin Ich gezogen sei, und wann Ich wiederkommen würde, so blieben sie des Vergnügens wegen nur bis zum Sonnenuntergang in Bethanien und kehrten dann wieder nach Jerusalem zurück. Einige aber kehrten schon in der Zeit um, als die uns schon bekannten Soldaten in Bethanien eintrafen, nach der Anweisung im Hause des Lazarus ihre Speise und die Zehrpfennige erhielten und dann nach kurzer Rast wieder weiterzogen; denn Ich hatte es dem Raphael also in den Sinn gegeben, daß die Soldaten nicht auf die Rückkehr der Römer warten sollten. Es war denn um diese Zeit, da wir ankamen, alles in der besten Ordnung, und wir waren für uns, von niemandem beirrt, da.
GEJ|8|130|4|0|Als wir ins Haus traten, da empfingen uns mit vieler Liebe und Freundlichkeit die Schwestern des Lazarus und die Maria von Magdalon, also auch Mein Raphael mit etlichen Jungen, die noch wach geblieben waren, und die am meisten talentiert waren und eine große Sehnsucht hatten, Mich wiederzusehen.
GEJ|8|130|5|0|Lazarus aber führte seinen Schwestern den Wirt aus der Gegend von Bethlehem vor und auch den Hauptmann und die etlichen Johannesjünger; und die Schwestern bewillkommten sie und wiesen ihnen am Tische die Plätze an.
GEJ|8|130|6|0|Als dies alles vorüber war, da setzten wir uns zu Tische und nahmen ein bestbereitetes Nachtessen zu uns. Die Römer hatten aber mehr Durst als Hunger und leerten bald ihre Becher, die auch gleich wieder gefüllt wurden. Der Wein löste ihre Zungen, und so wurde es bald recht lebhaft im Speisesaal.
GEJ|8|130|7|0|Dem Hauptmanne, seinen Gefährten und dem Wirte aus der Nähe Bethlehems aber fiel unser Raphael auf, der nun neben Mir am Tische ebenfalls speiste, und das diesmal absichtlich noch mehr als zu andern Malen, um eben die Fremden auf sich aufmerksam zu machen. Diese betrachteten ihn denn auch stets aufmerksamer und konnten sich heimlich nicht genug verwundern, wie ein sonst so holdester Jüngling gar so viel essen könne.
GEJ|8|130|8|0|Da das aber besonders dem Hauptmanne auffiel, so fragte er Mich, sagend: „Herr und Meister, vergib es mir, so ich Dich nun in Deiner Eßruhe ein wenig störe! Siehe, der sonst so zarte und über alle Begriffe schöne Jüngling ißt ungewöhnlich viel! Es beneidet ihn wohl sicher niemand um das, was er verzehrt; aber ich habe wahrlich nur Angst darum, daß ihm das Zuviel, was er verzehrt, denn am Ende doch schaden könnte, und daß er dann krank würde, indem er da leicht ein böses Fieber bekäme. Es wäre wahrlich jammerschade um solch einen holden Jüngling, der vermöge seines sehr geistreichen Aussehens sicher etwas Großes werden könnte!“
GEJ|8|130|9|0|Sagte Ich: „Freund, deine Sorge laß du nur Mir über! Dieser Junge ist schon lange Mein Diener und weiß selbst gar wohl, was er zu tun hat, und wieviel er von einer oder der andern Speise verzehren kann. Täte er also, wie er es tut, nicht recht, so würde Ich es ihm schon sagen. Hätte er nun nicht also gegessen, daß es dir ein wenig übernatürlich vorkommen mußte, so wärest du ja auf ihn um vieles weniger aufmerksam geworden; da du nun aber auf ihn aufmerksam geworden bist, so wirst du von ihm auch noch andere Dinge erfahren, und es wird dich dann gar nicht mehr so sehr wundern, daß er etwas mehr als ein gewöhnlicher Mensch von den Speisen und Getränken zu sich nehmen kann. Von nun an kannst du schon mit ihm selbst verkehren.“
GEJ|8|131|1|1|131. — Die Frage nach der Persönlichkeit Raphaels
GEJ|8|131|1|0|Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, da wandte er sich sogleich an den vermeinten Jüngling und sagte zu ihm: „Höre, du mein junger und überholder Freund! Wie kommt es denn, daß du nun in deiner Jugend im Essen und Trinken geradezu mit Riesen dich messen könntest, und daß es dir nicht schadet?“
GEJ|8|131|2|0|Sagte Raphael: „Ich bin aber meiner Kraft nach auch ein Riese, wenn ich der Gestalt nach es auch nicht zu sein scheine! So du es willst, da kann ich dir sogleich ein Pröbchen liefern?“
GEJ|8|131|3|0|Sagte der Hauptmann: „Wenn dir so etwas möglich ist, so zeige mir etwas von deiner Riesenkraft!“
GEJ|8|131|4|0|Sagte darauf Raphael: „Ganz wohl! Sieh, dort an der Wand zwischen den beiden großen Fenstern steht eine eherne Säule, die dazu dient, daß man in den Festzeiten sie als einen Opferaltar gebraucht; denn sie ist ein Hausopferaltar, und es wurden in den früheren Zeiten viele Opfer darauf verbrannt. Nun ist diese nahe mannshohe Säule freilich nur eine pure Zierde dieses Speisesaales. Für wie schwer schätzest du diese Säule, die nebst ihrer Höhe auch einen sehr beachtenswerten Umfang hat?“
GEJ|8|131|5|0|Sagte der Hauptmann, indem er zuvor aufstand und die Säule wohl prüfte und besichtigte: „Ja, du mein liebster junger Freund, dieser Säule Gewicht ist kaum zu schätzen; ich meine, daß darüber uns der Hausherr Lazarus etwas Näheres sagen könnte.“
GEJ|8|131|6|0|Hierauf sagte Lazarus: „Diese Säule ist auf zwanzigtausend Pfunde geschätzt und wurde aus Korinth schon vor zweihundert Jahren mit großer Mühe und vielen Kosten hierhergeschafft.“
GEJ|8|131|7|0|Sagte der Hauptmann: „Ja, für so schwer hätte ich sie auch mindestens geschätzt! Und was wirst du, mein holdester junger Freund, nun mit dieser ungeheuer schweren Säule machen?“
GEJ|8|131|8|0|Sagte Raphael: „Ich werde sie aufheben und ganz ruhig und ohne alle Anstrengung hinstellen, wo immer du sie hingestellt haben willst!“
GEJ|8|131|9|0|Sagte der Hauptmann: „Du hast es gesagt und willst auch solches tun, und so versuche solche deine Riesenkraft an dieser Säule, und stelle sie um ein Fenster weiter!“
GEJ|8|131|10|0|Als der Hauptmann solches ausgesprochen hatte, da stand Raphael auf, ging zur Säule hin, griff sie mit beiden Händen an, hob sie schnell mit so großer Leichtigkeit in die Höhe, als hätte er es mit einer Federflaume zu tun und stellte sie mit gleicher Leichtigkeit auf die angezeigte Stelle, ließ sie dort einige Augenblicke stehen und setzte sie auf des Lazarus Bitte wieder an die alte Stelle zurück.
GEJ|8|131|11|0|Als er mit dieser Kraftprobe fertig war, da sagte er, freundlich lächelnd, zum über alle Maßen erstaunten Hauptmanne (Raphael): „Nun, mein Freund, wirst du doch einsehen, warum ich etwas mehr esse als ein anderer Mensch?!“
GEJ|8|131|12|0|Sagte der Hauptmann: „Mein holder junger Freund, wenn deine Riesenkraft von dem abhinge, daß du ungefähr viermal soviel Speise verzehrst wie unsereins, dann könntest du mit dem Gewichte dieser Säule noch lange nicht so spielen, als hättest du es mit der Last einer kleinen Feder zu tun; denn da müßtest du wohl auch für hundert Menschen essen können, weil nach meinem Urteile da wohl eine Kraft von hundert Menschen erforderlich wäre, um dir gleich Meister von dieser Säule zu werden. Deine Riesenkraft scheint demnach einen ganz andern Grund zu haben! Und ich werde mich wahrscheinlich nicht zu weit irren, so ich sage, daß hinter deiner noch nie erhörten Riesenkraft dieser Meister aller Meister, ein wahrer Gott aller Götter steckt! – Was sagst du nun zu solcher meiner Meinung?“
GEJ|8|131|13|0|Sagte Raphael: „Ja, ja, da hast du wohl recht geantwortet; aber dieser Meister steckt auch hinter einem jeden Menschen und hinter gar allem, was da ist, und so auch hinter dir, und du kannst diese Säule dennoch nicht von der Stelle schaffen! Wie verstehst du demnach solches?“
GEJ|8|131|14|0|Sagte der Hauptmann: „Das ist nach meiner Beurteilung ganz leicht zu verstehen! Wem Er mehr Kraft in einem oder im andern geben will, entweder für immer oder auch nur für einen Moment, der hat sie denn auch; mir und auch gar vielen andern Menschen aber hat Er nur so viel Kraft gegeben, wie mir als einem gewöhnlichen Menschen nötig ist.
GEJ|8|131|15|0|Nun, warum Er gerade dich mit einer so außerordentlichen Kraft ausgerüstet hat, das ist eine ganz andere Frage, die außer Ihm und sicher auch dir niemand wird beantworten können!“
GEJ|8|131|16|0|Sagte darauf Raphael: „Da hast du im Grunde auch recht, obwohl es hier außer dir, deinen Gefährten und dem Wirt aus der Gegend um Bethlehem wohl keinen Menschen geben wird, der es nicht wüßte, mit wem er es in meiner Person zu tun hat. Ich aber habe vernommen, daß du unten beim Talwirte dahin eine ganz energische Rede an den Herrn und Meister gehalten hast, daß Gott Sich um die Bildung der Menschen gar wenig kümmere und die Menschen am Ende um alles innere Lebenslicht kommen müßten. Du verlangtest dabei auch, daß die Seelen der leiblich Verstorbenen sich den noch hier Lebenden zeigen sollten, auf daß diese daraus ersehen und lebendig glauben könnten, daß es nach dem Leibestode ein Fortleben der Seele gibt, und wie allenfalls dasselbe geartet ist.
GEJ|8|131|17|0|Der Herr hat dich darüber wohl belehrt, und du hast die Belehrung auch verstanden, obschon du selbst noch nie eine schon abgeschiedene Seele gesehen hast. Der Herr hätte dir wohl schon beim Talwirte die Augen dahin öffnen können, daß du sogleich mit den Seelen der Verstorbenen hättest in einen sichtbaren Verkehr treten können; aber Seiner Weisheit gefiel es, dir erst hier das zu zeigen, was dir zu einem lebendigen Glauben noch abgeht. Und dieses Geschäft hat der Herr in meine Hände gelegt, und ich habe mich denn auch schon beim Essen also benommen, daß ich dir auffallen mußte. Ich kann dir nebst meiner Kraftprobe nun schon auch noch andere Proben geben, so du sie verlangst!“
GEJ|8|131|18|0|Hier sann der Hauptmann nach, um was er nun den Raphael angehen solle.
GEJ|8|131|19|0|Es meldeten sich aber auch die etlichen Johannesjünger und sagten zu Raphael: „Höre, du junger Simson, du hast nur wenige bezeichnet, die dich nicht kenneten; wir kennen dich aber auch nicht! Offenbare dich denn auch uns; denn wir sind über das Fortleben der Seelen nach dem Leibestode auch noch in keinem hellen Glauben!
GEJ|8|131|20|0|Als Johannes im Gefängnis enthauptet wurde, da überkam uns eine große Angst und Trauer, und wir sehnten uns sehr, daß sein Geist zu uns käme und uns eine Weisung gäbe, was wir nun Weiteres unternehmen sollten. Aber unser Sehnen blieb bis zur Stunde unerfüllt, und wir kamen so unter uns schon mehrere Male zu der Annahme der Sadduzäer, die an ein Fortleben der Seele nach des Leibes Tod nicht glauben.
GEJ|8|131|21|0|Wir urteilten also: So die Seele besonders eines so frommen Lehrers fortlebt und somit auch fühlt und denkt, so kann es ihr doch auch im Jenseits nicht gleichgültig sein, was ihre noch hier lebenden Jünger machen, und wie sie sich in einem trostlosen Zustande befinden! So diese Jünger aber nun schon oft mit Tränen den Geist des Getöteten baten, daß er ihnen erscheinen möchte und sie doch nur insoweit vertrösten, daß er nach dem Tode in der Welt der Geister glücklich fortlebe, er aber alle die dringenden Bitten unerhört läßt, was anders läßt sich dann denken als: Der Glaube an das Fortleben der Seele nach des Leibes Tode ist nichts denn ein allgemein gedachter und ausgesprochener frommer Wunsch, aber keine je völlig erweisbare Wahrheit!
GEJ|8|131|22|0|Diese Annahme aber ist wahrlich für jene Menschen, die etwas tiefer denken, als das bei den gewöhnlichen, leichtfertigen, leichtgläubigen und sich um nichts Höheres kümmernden Menschen der Fall ist, durchaus nichts Tröstliches, und das um so weniger, weil die meisten Menschen am Ende den sie vernichtenden Tod mit den oft größten Leiden und unerträglichsten Schmerzen sich erkaufen müssen. Du, junger Simson, wirst daraus wohl ersehen, daß auch wir allen Grund haben, dich näher kennenzulernen!“
GEJ|8|131|23|0|Sagte Raphael: „Dieser Meinung bin ich zwar auch, aber es wird mit euch etwas schwer zu verhandeln sein, weil eben der Glaube als das Lebenslicht der Seele bei euch noch nie auf den stärksten Füßen gestanden ist! Es hat euch aber ja schon ein Jünger des Herrn über mich etwas in die Ohren geraunt, darum ich euch denn auch nicht völlig unter diese zählen konnte, die über mich gar nichts wüßten! Aber ihr sagtet: ,Ach, höre auf mit solcher Rede! Wie kann das sein, und wer kann so etwas glauben?!‘ Ja, Freunde, wenn ihr dem Jünger, der mich gar gut kennt, nicht glaubet, wie werdet ihr dann mir glauben? Werdet ihr da in euch nicht auch sagen: ,Ah, da hört alles auf! Der junge Magier versteht sich wohl schon sehr darauf, durch allerlei Zauberei unseren Verstand breitzuschlagen!‘ Was werde ich euch darauf dann weiter tun können, um euch im Glauben zu stärken?“
GEJ|8|131|24|0|Sagte einer der Jünger: „Darum, junger Simson, kümmere dich nicht; denn so viel Urteilsgabe besitzen wir schon, um die Wahrheit von etwas Falschem sondern zu können, ansonst wir nie Jünger eines Johannes geworden wären!“
GEJ|8|131|25|0|Sagte Raphael: „Nun wohl denn, so sehet und höret auch ihr!“
GEJ|8|132|1|1|132. — Vom Geisterbeschwören
GEJ|8|132|1|0|Darauf erst kam wieder der Hauptmann zu Worte und sagte: „Ich habe mir nun schon etwas ausgedacht und bitte dich darum, mir einen bekannten Geist erscheinen zu lassen, auf daß ich mit ihm selbst rede und er frei aus sich mir antworte und meinen Glauben aufrichte. Wir haben ja schon gar manchen Bekannten vor uns im großen Jenseits, auch unsere Eltern und etliche Kinder; so mir von diesen einer erscheint, da werde ich ihn auch wohl sicher erkennen?! Wenn du auch so etwas vermagst, so tue es; ich werde dir darum danken!“
GEJ|8|132|2|0|Sagte darauf Raphael: „Höre, dir einen Geist nach deiner Idee als eine Art Gespenst erscheinen zu lassen, auf daß du ihn mit deines Fleisches Augen sähest und mit deiner Zunge ihn um ein und das andere fragen könntest, das geht wahrlich nicht an, weil ich da die ewige Ordnung Gottes ganz verkehren und gänzlich umändern müßte!
GEJ|8|132|3|0|Eure sogenannten Geisterbanner und Geisterbeschwörer, die aber für sich erstens selbst an das Dasein eines Geistes nur einen höchst schwachen Glauben haben, und zweitens noch weniger je einen Geist der Wahrheit nach, außer in einem hellen Traume, gesehen haben, tun es wohl also: sie rufen mit ihren mystischen, aber in sich völlig sinnlosen Zeichen und Wortformeln einen Verstorbenen, der dann entweder nach einem dreimaligen oder auch siebenmaligen Rufen und Beschwören denn gewöhnlich zum großen Schrecken dessen, der ihn rufen ließ, auch unter allerlei Feuer und großem Gepolter und Krachen erscheint und mit sehr drohender und verstörter Miene und Sprache den, der ihn rufen ließ, fragt, was er wolle, und warum er ihn in seiner Ruhe störte. Aber solch ein Geist hat die Geisterwelt selbst noch nie gesehen, glaubt so wenig an sie wie sein Beschwörer und ist nichts als ein verstellter Mensch, der sich oft schon jahrelang mit dem Geisterbeschwörer im festen und wohleinstudierten Geschäfts- und Gewinnsbunde befand.
GEJ|8|132|4|0|Die Erscheinung eines solchen gewöhnlich höchst groben Geistes versetzt dann den, der ihn rufen ließ, in einen Glauben an das Fortbestehen und Fortleben der Menschenseelen nach dem Tode des Leibes, – aber was ist das für ein Glaube? Siehe, ein ganz grundfalscher! Dieser Glaube nützt dann dem Menschen auch nicht nur nichts, sondern schadet ihm oft ganz gewaltig; denn erstens bewirkt er bei dem, der ihn rufen ließ, einen ganz gröbst materiellen Begriff von einem Geiste, und zweitens versetzt er den blinden und leichtgläubigen Rufer besonders dann durch allerlei Drohungen und böse Prophezeiungen in eine große Furcht und Angst, so dieser dem Geisterbeschwörer ein nicht hinreichend erstaunlich großes Opfer dargebracht hat.
GEJ|8|132|5|0|Will er sich von der Qual mehr und mehr befreien, so muß er sich wieder an den Geisterbeschwörer mit größeren Opfern wenden; dieser bespricht sich dann mit dem Geiste, den er noch einmal ruft, und der Geist wird ein zweites Mal auch gewöhnlich ein wenig gemütlicher. – Also, Freund, eine derartige Geisterbeschwörung hast du von mir durchaus nicht zu erwarten, sondern eine ganz andere!
GEJ|8|132|6|0|Damit du aber zu einer wahren und nicht falschen Anschauung eines wirklichen Geistes, der kein vermeintliches Gespenst ist, gelangen kannst, so mußt du zuerst wissen, was ein Geist ist, und unter welchen Lebensverhältnissen ein Mensch einen wahren Geist sehen und sprechen kann.
GEJ|8|132|7|0|Da eine Seele, oder nach deinem Begriffe ein Geist, durchaus nichts Materielles ist, so kann er mit den Materieaugen auch niemals gesehen und mit keinem bloß materiellen Sinne wahrgenommen werden; der Mensch, der aber doch einen wirklichen Geist sehen, hören und sprechen will, muß zuvor selbst geistig werden, da nur sein Geistiges und niemals sein Fleischliches einen wahren Geist sehen, hören und sprechen kann.
GEJ|8|132|8|0|Du bist aber nun noch sehr materiell, und dein rein Geistiges ist in dir noch sehr unentwickelt. Es ist daher hier nötig, bei dir auf einige Augenblicke lang dein verborgenes Inneres, das geistig ist, zu stärken und es gewisserart über deine Fleischmaterie hinaus sehfähig zu machen, und du wirst dann nicht nur einen Geist, sondern gar viele zu sehen, zu hören und auch zu sprechen bekommen. Wenn dir das genehm ist, so habe ich dazu schon auch die hinreichende Kraft, dich plötzlich in einen solchen Zustand zu versetzen, in welchem du die Seelen der Verstorbenen wirst sehen, hören und sprechen können.“
GEJ|8|132|9|0|Als der Hauptmann solche Rede von Raphael vernommen hatte, da sagte er: „Ganz gut, so du das ohne Beeinträchtigung meiner leiblichen Gesundheit vermagst, dann tue es!“
GEJ|8|133|1|1|133. — Der Bericht des Hauptmanns über das durch den Geschaute
GEJ|8|133|1|0|Hier streckte unser Raphael die Hände über den Hauptmann aus und zugleich auch über seine Gefährten und über die etlichen Jünger des Johannes, und im Augenblick ward ihre innere Sehe geöffnet, und sie sahen sogleich eine große Anzahl ihnen wohlbekannter Geister, und den Jüngern erschien auch Johannes, belehrte sie über Mich und verwies ihnen ihren Unglauben.
GEJ|8|133|2|0|Dem Hauptmann aber erschien auch sein Vater und pries ihn glücklich, daß er schon auf der materiellen Erde das allerhöchste und ewige Lebensglück für seine Seele gefunden habe, und ermahnte ihn mit sehr eindringlichen Worten, daß er dieses Glück ja niemals einem vergänglichen Erdenglück opfern solle. Der Hauptmann gelobte ihm solches auch auf das feierlichste.
GEJ|8|133|3|0|Darauf erweckte Raphael die Seher wieder aus ihrer Verzückung, und zwar mit der vollen Rückerinnerung an alles das Gesehene und Gehörte.
GEJ|8|133|4|0|Als die Erweckten sich nun wieder in einem natürlichen Zustande befanden, da sagte der Hauptmann: „Ah, das war ja wie ein heller Traum! Aber es war doch ein großer Unterschied zwischen einem Traum und diesem Gesichte; denn in einem Traume erscheinen einem Träumenden selten Menschen, die schon verstorben sind, sondern zumeist doch nur solche, die noch in dieser Welt leben, und sehr oft auch solche, von denen man nicht weiß, ob sie leiblich noch leben oder ob sie irgend auch schon verstorben sind. So sind die Gegenden in den Träumen zumeist phantastischer Art und haben an und für sich keinen Bestand, ebenso die Tiere und die Pflanzen, und verwandeln sich schnell.
GEJ|8|133|5|0|Aber da war die Sache ganz anders! Denn erstens befand ich mich nicht, wie in einem Traume, stets nur in einem leidenden, sondern in einem wie völlig selbständig tätigen Zustande, und zweitens war alles, was ich sah, sehr beständig, und die Menschen waren auch vollkommen Menschen. Ihre Sprache war gut, wahr und ernst, und sie gaben mir gar wohl zu verstehen, daß sie nicht in einer traumartigen Unkenntnis alles dessen sind, was ich auf der Erde denke, will und tue.
GEJ|8|133|6|0|Zugleich aber sah ich auch meine Gefährten, den Wirt und die etlichen Johannesjünger, sah auch ihren Meister und vernahm, was er zu ihnen gesprochen hat.
GEJ|8|133|7|0|Also ersah ich auch des Wirtes Ahnen bis in den zehnten Stamm zurück und bemerkte unter ihnen königliche Gestalten, die sich in einer mehr geheimen Sprache mit ihm besprachen, die ich nicht verstand.
GEJ|8|133|8|0|Die Gegend glich einer irdischen. Man sah schöne Berge, Felder, Gärten, Weinberge und eine Menge Wohnhäuser, die gar schön und bestgeordnet aussahen, und die gar große Gegend war wohlerleuchtet, obschon ich kein leuchtendes Gestirn am hellblauen Firmament entdecken konnte. Das Sonderbarste aber war, daß ich durch die ganz klar geschaute Geistergegend auch so manches von dieser materiellen Gegend erblicken konnte, aber nur wie auf Momente, und dennoch blieb die Geistergegend konstant, und das alles beweist mir nun schon hinreichend, daß das von mir Gesehene kein eitel leerer Traum, sondern Wahrheit war.
GEJ|8|133|9|0|Jetzt kommt es nur noch darauf an, ob auch die andern – aber treu und wahr dasselbe gesehen und gehört haben, was ich gesehen und gehört habe! Tun sie das so treu und wahr, wie ich es getan habe, dann ist die vollste Wahrheit, mehr als tausendfach erwiesen, klar vor uns da, daß es nach dem Tode des Leibes ein sicheres und bestandvolles Fortleben der Seele eines jeden Menschen, ob Heide oder Jude, gibt.“
GEJ|8|134|1|1|134. — Der Traum des Hauptmanns
GEJ|8|134|1|0|(Der Hauptmann:) „Nun wollen auch die andern offen kundgeben, ob auch sie dasselbe gesehen und gehört haben! Denn ich verlange das nicht umsonst, da es mir um die reine Wahrheit zu tun ist, um daraus darzutun, daß dieses Gesicht kein Traum, sondern Wahrheit war.
GEJ|8|134|2|0|Denn es träumte mir einmal von einem meiner liebsten Brüder so lebhaft, daß wir in Athen beisammen waren und uns über eine wichtige Angelegenheit besprachen. Ich war aber damals noch in Rom und der Bruder auf der Insel Rhodus, wo er zu tun hatte. Ich zeichnete mir den gehabten Traum auf, um ihn nicht zu vergessen. Nach einem halben Jahre kamen aber im Ernste ich und der Bruder in Athen auf demselben Platze zusammen, auf dem wir in meinem Traume zusammengekommen waren, und der Gegenstand unserer Besprechung, wennschon mit etwas andern Worten, war derselbe, über den wir uns schon im Traume vor einem halben Jahre besprochen hatten.
GEJ|8|134|3|0|Ich fragte denn nach der Besprechung den Bruder, ob er vor einem halben Jahre nicht auch in der und der Nacht einen solchen Traum gehabt hätte, wie ich ihn gehabt habe, und zeigte dem Bruder bei dieser Gelegenheit die getreue Aufzeichnung, die ich mit nach Athen genommen hatte, und er durchlas sie mit großer Aufmerksamkeit und verwunderte sich sehr, daß sich mein gewisserart prophetischer Traum nun in Athen beinahe buchstäblich bewahrheitet hatte, versicherte aber dabei, daß er für seine Person davon nie einen Traum und auch keine entfernte Ahnung hatte, daß wir uns in Athen sehen und sprechen würden. Über den zu besprechenden Gegenstand habe er wohl für sich schon oft nachgedacht und sich darum nach Rom zu mir begeben wollen, auch habe er nach mir oft eine große Sehnsucht gehabt; aber daß wir uns so ganz zufällig in Athen treffen, sehen und sprechen würden, davon habe er, wie gesagt, nie eine Ahnung und noch weniger einen ähnlichen Traum gehabt.
GEJ|8|134|4|0|Dieser Traum war sonach für mich etwas Wahres; warum aber wußte denn der Bruder gar nichts davon, da die Sache ihn doch um vieles näher anging denn mich? Was war der Bruder in meinem Traume? Nichts als ein Bild, das sich die Phantasie meiner Seele als lebend plastifizierte und ihm sicher die von ihm gesprochenen Worte in den Mund legte! Nur ich war das eigentliche Ich, alles andere war eine Schöpfung der Phantasie meiner Seele, für die ich aber nicht sagen kann, ob sie sich dabei frei und selbständig tätig oder doch nur leidend verhielt.
GEJ|8|134|5|0|Und darin liegt denn nun auch der Grund, warum ich hier auch die andern – die wie ich noch im materiellen Leben seiend – vernehmen möchte, ob sie erstens auch mich, wie ich sie, gesehen haben, und zweitens, ob sie auch alles andere also gesehen und gehört haben, wie ich es gesehen und gehört habe, und wollen sie darum nun treu, wahr und offen reden; denn es handelt sich hier um die allerwichtigste Lebenswahrheit für einen jeden Menschen! Es ist das ein wahres Aut Caesar, aut nihil! [Entweder Kaiser oder nichts!, d.h. alles oder nichts!] Denn sind derlei Erscheinungen auch nur den Träumen gleich, aus denen kein Weiser ein wahres ewiges Fortleben der Seele des Menschen nach seinem Leibestode beweisen kann, so ist jede Sittenlehre ohne wahren Wert, und ihre Gesetze und Forderungen und Verheißungen haben nur fürs zeitliche und bürgerliche Gemeinleben einen kleinen, aber dabei immer illusorischen Wert; was aber das Geistige betrifft, so gehört es in den alten Augiasstall.
GEJ|8|134|6|0|Ist aber solch eine Erscheinung eine durch mehrere vollkommene Wahrheitsfreunde erwiesene Wahrheit, dann erst erscheint die tröstende Sittenlehre, besonders in ihrem stets vorwiegend geistigen Teile, in einem ganz andern Lichte. Ich als ein großer Wahrheitsfreund habe euch das nun ernst ans Herz gelegt, und so redet denn nun auch die volle, ungeheuchelte Wahrheit!“
GEJ|8|134|7|0|Hierauf erzählten alle ganz offen, was sie gesehen und gehört hatten, und beschworen ihre Erzählung als ungeheuchelt wahr.
GEJ|8|134|8|0|Als der Hauptmann die Erzählungen vernommen hatte und dabei die vollste Überzeugung gewann, daß das Gesehene und Gehörte seine vollwahrste Realität hatte, da sagte er zu Raphael: „Siehe, du junger Riese, das ist für mich nun mehr als tausend der weisesten Reden und Lehren und Wundertaten der noch so außerordentlichen und seltenen Menschen, die ihre Nebenmenschen nur so lange zur Verwunderung hinreißen mit Worten und Taten, als sie selbst unter ihnen leben, aber als von dieser Welt Abgeschiedene dann für immer erlöschen und verstummen! Den hinterbliebenen Menschen bleibt aber dann nichts anderes zu tun, als blind und ohne alle weitere Überzeugung aufs Geratewohl zu glauben, daß es am Ende vielleicht doch so sein könnte, wie die lange verstorbenen Weisen die Menschen gelehrt haben!
GEJ|8|134|9|0|Jetzt aber glaube ich nicht nur an ein ewiges Fortleben der Menschenseelen nach des Leibes Tode, sondern ich selbst bin faktisch davon vollkommen überzeugt und kann es darum auch gar vielen andern Menschen verkünden, daß der alte Glaube an einen allein wahren Gott und an das ewige Fortleben der Seele nach dem Leibestode eine völlig hellst aus mehrfacher untrüglicher Erfahrung erwiesene Wahrheit ist, von der sich ein jeder Mensch, wenn er treu nach dem Worte und geoffenbarten Willen des nur einen, ewig wahren Gottes lebt, selbst überzeugen kann.
GEJ|8|134|10|0|Ah, nun hat aber auch für mich ein jedes Wort, das ich aus dem wahrst heiligen Munde des Meisters der Meister vernommen habe, erst den wahren und allerlebendigsten Wert, und ich werde mich bestreben, diese Lehre nicht nur an mir selbst durch Taten zu realisieren, sondern auch Tausende auf diesen Weg zu bringen und zu setzen!
GEJ|8|134|11|0|Es wäre freilich wohl auch gut, so ich selbst im Notfalle die Macht und Kraft besäße, auch andere Menschen auf die nun von uns erlebte Art und Weise zu überzeugen, daß ich die volle Wahrheit rede; doch es bedarf dessen vorderhand weniger, da ein jeder Mensch, der mich nur ein wenig näher kennt, es nur zu gut weiß, daß das, was ich sage, eine wohl erwiesene Wahrheit sein muß, da ich mich noch niemals durch bloße Worte habe zufriedenstellen lassen.
GEJ|8|134|12|0|Das wäre sonach nun vollends gut und abgemacht, aber da ich hier schon einmal meinen Traum erzählt habe, so möchte ich denn nun auch von dir, du junger, weiser Riese, über so manches in selbem vorkommende Sonderbare eine kleine Beleuchtung erhalten. Denn daß er sicher sehr viel Geistiges in sich enthält, das ist gar nicht zu bezweifeln! Aber wie hängt er mit dem erst nach einem halben Jahre erfolgten Materiellen zusammen? Was war das im Traume gesehene Athen, und was war der Bruder, und woher nahm er die Worte, die er, sich als ein Objekt außer sich befindend, zu mir gesprochen hat? Denn des Bruders irgend freigewordene Seele konnte er nicht sein, weil der Bruder durchaus nichts davon wußte.“
GEJ|8|135|1|1|135. — Raphaels Rede über das Wesen des Traumes
GEJ|8|135|1|0|Sagte nun Raphael: „Zwischen deinem gehabten Traum und dem, was du nun geschaut hast, ist freilich ein ganz bedeutender Unterschied, aber dessenungeachtet war dein Traum doch auch geistiger Art, wie das ein jeder Traum mehr oder weniger ist. Aber er ist darum kein völlig klares geistiges Schauen, weil in solch einem Traume die Seele nicht also in der vollen Verbindung mit dem Geiste in ihr sich befindet, wie es nun bei dieser Erscheinung der Fall war.
GEJ|8|135|2|0|Siehe, in der Seele gibt es drei sehr unterscheidbare Schau- und Wahrnehmungsgrade! Der erste ist, selbst im Traume der materiellen Naturmenschen, bei denen der innere Geist noch so untätig ruht wie der Pflanzengeist im Keimhülschen eines Samenkornes, nur ein pur naturmäßiger.
GEJ|8|135|3|0|Die Seele trägt als eine Welt im Kleinen alles in sich, was die Erde im großen Maße in und über sich enthält und faßt.
GEJ|8|135|4|0|So des Leibes Sinne im Schlafe wie tot und untätig ruhen, da beschaut die Seele, die nicht schlafen und tot werden kann, ein und das andere aus den materiellen Gebilden in sich, belebt sie auf Momente und erheitert sich, so sie auf etwas Schönes und Angenehmes geraten ist; ist sie aber auf etwas Arges und Unschönes geraten, da wird sie auch im Traume ängstlich und müht sich ab, der sie molestierenden (bedrängenden) Erscheinung durch den vollen Rücktritt in ihres Leibes Fleisch los zu werden.
GEJ|8|135|5|0|Was eine Seele in solchem ersten Schaugrade in einem Traum ersieht, hat dann freilich keine objektive, sondern nur eine leidende, subjektive und verbandlose Realität; denn sie beschaut da nur in der materiellen Weise ihr eigenes Weltkonglomerat und ist dabei zum Teil tätig und zum Teil leidend.
GEJ|8|135|6|0|Aber in einem Traume, wie du ihn gehabt hast, befindet sich eine Seele in der Übergangsstufe von dem ersten Sehgrade in den zweiten und höheren. In diesem Falle ist die Seele von ihrem pur Materiellen schon mehr isoliert, tritt gewisserart aus ihrem Fleische, setzt sich durch ihren Außenlebensäther mit der Außenwelt in eine volle Verbindung und sieht und fühlt da Fernes und Wahreres aus den auf sie einwirkenden Lebens- und Sachverhältnissen auf der Erde.
GEJ|8|135|7|0|Aber weil dieser Schaugrad der Seele schon ein höherer ist, so geschieht es sehr oft, daß die Seele, so sie beim Erwachen wieder in den Leib zurücktritt, von dem in diesem höheren Schaugrade Gesehenen und Vernommenen nichts mehr weiß, weil davon im Gehirne gewisserart keine Abzeichnung hatte genommen werden können, aus der dann im leiblichen Wachsein die Seele hätte ersehen können, was sie in ihrem freieren Lebenszustande gesehen und getan hat.
GEJ|8|135|8|0|Doch manche Menschen, wie auch du einer bist, haben die Fähigkeit, auch das in dem höheren Schaugrade Gesehene und Vernommene aus dem Traume oder freierem Seh- und Handelnszustande der Seele ins Fleischgehirn zu zeichnen; und so die Seele sich dann wieder in den Leib zurückzieht und auch leiblich erwacht, so ersieht sie da im Gehirne alles, was sie in ihrem freieren und höheren Schaugrade gesehen, getan und vernommen hat.
GEJ|8|135|9|0|Und so hatte dein Bruder in derselben Nacht wohl auch das gleiche Traumgesicht, wie du es gehabt hast, aber seine Seele hatte nicht die Fähigkeit, das in ihrem höheren Schaugrade Gesehene und Vernommene ins Fleischgehirn zu zeichnen, und so konnte sie sich an dasselbe auch nicht auch nur ahnungsweise erinnern. Du hast demnach deines Bruders Seele völlig wahr gesehen und gesprochen.
GEJ|8|135|10|0|Daß aber deine und auch deines Bruders Seele im Traume das schon um ein halbes Jahr früher getan haben, das liegt in der sehr feinen Fühlbarkeit der freieren Seele, die aus den in ihr zugrunde liegenden Bedürfnissen und deren folgerechten Tat- und Sachverhältnissen sich in ihrem freien Zustande das schon vergegenwärtigt, was der Erdzeit nach erst um vieles später geschieht. Es hat aber eine jede Seele auch im leiblich wachen Zustande das Vermögen, sich für die Zukunft Pläne zu machen und dieselben sich als schon vollendete Werke vorzustellen; aber weil der Seele in ihrem Fleische das reinere und bestimmtere Sehen und Fühlen aller zur Ausführung eines gefaßten Planes nötigen Bedingungen und Verhältnisse offenbar mangelt, so wird an den vorgefaßten Plänen auch noch gar manches geändert, sowohl in der Form und Zweckdienlichkeit, als auch in der Zeit, in der die Seele nach ihrem vorgenommenen Plane das Werk schon in seiner vollsten Vollendung betrachtete.
GEJ|8|135|11|0|Könnte aber eine Seele auch im leibwachen Zustande ebenso klar alles übersehen, wie sie das in ihrem freieren Schau- und Fühlzustande vermag, da würde an dem einmal gefaßten Plane auch nichts mehr geändert werden, und er würde auch in der völlig genau bestimmten Zeit als ein vollendetes Werk dastehen; denn eine frei sehende und frei fühlende Seele durchschaut schnell alle Verhältnisse, Bedingungen und die möglichen Hindernisse, wie auch zugleich die besten und sicheren Mittel, durch welche die Hindernisse sicherst zu beseitigen sind, und so muß ja das, was sie sich vorgenommen hatte, auch in der bestimmten Zeit geschehen.
GEJ|8|135|12|0|Und siehe, darin liegt denn auch die Vorhersehungsfähigkeit einer freieren und reineren Seele nicht nur für das, was sie zunächst angeht, sondern auch für das, was außer ihr irgend in der Welt geschehen, werden und vor sich gehen wird, weil sich eine solche rein-, fein- und fernsehende und -fühlende Seele den Verband aller für die kommenden Ereignisse schon lange vorhanden seienden Verhältnisse, Bedingungen und Ursachen mit ihren bestimmten Wirkungen unverhüllt und also auch wie plastisch vollendet vorstellen kann, was bei einer unfreien und noch sehr materiellen Seele unmöglich der Fall sein kann. Da hast du nun ganz natürlich klar dargestellt, in welch einem Zustande sich deine und deines Bruders Seele in deinem Traume befand, und wie und warum!
GEJ|8|135|13|0|Aber solch ein Zustand ist noch nicht der volle zweite Hellsehungsgrad der Seele, weil der Geist in ihr da noch nicht in einem höheren Verbande sich befindet, sondern nur also, wie allenfalls der Pflanzengeist im Samenkeimhülschen, wenn das Samenkorn ein paar Tage lang in der fruchtbaren Erde liegt, das Hülschen zu zersprengen beginnt und seine Tätigkeit zu äußern anfängt.“
GEJ|8|136|1|1|136. — Die höheren Grade des Hellsinnes
GEJ|8|136|1|0|(Raphael:) „Der volle zweite und wohlunterscheidbare höhere Schau- und Fühlgrad der Seele tritt im Leibesleben wie auch im Traume dann ein, wenn der Geist in der Seele also tätig zu werden anfängt wie der Pflanzengeist im Samenkorne, so er aus der eigentlichen Seele, die im Fleische des Kornes ruht, die Wurzeln in die Erde und die Keimblättchen übers Erdreich zu bilden und zu ziehen begonnen hat. Die Seele fängt da an, sich zu einer wahren Form zu entfalten und dringt einesteils in sich, gleich wie der werdenden Pflanze Wurzeln in die Erde dringen und aus der Gotteskraft in derselben die rechte Nahrung einzusaugen beginnen, während andernteils die Pflanze selbst aber, also von innen aus genährt, sich als das eigentliche und wahre Formwesen der Seele infolge der inneren Nahrung aus der reinen, wahren und lebendigen Gotteskraft in die Sphäre des Lichtes erhebt und zur endlichen Vollendung höher und ausgebildeter emporwächst.
GEJ|8|136|2|0|Alles das aber geschieht durch die stets steigende Tätigkeit des Geistes in der Seele, der sich eben dadurch mit der Seele stets mehr eint. In diesem Zustande der Seele ist ihr Schauen und Fühlen kein dumpfes Ahnen mehr, sondern schon ein helles und klares Bewußtwerden aller Lebensverhältnisse, und wie dieselben sich zum eigenen Leben verhalten.
GEJ|8|136|3|0|Der Mensch erkennt in diesem zweiten und höheren Schaugrade sich und auch Gott und kann da auch die Geister oder respektive Seelen der sowohl schon verstorbenen, als auch der noch im Fleische lebenden Menschen schauen und auch beurteilen, wie sie beschaffen sind. Solch eines Menschen Traumgesichte werden denn auch keine materiellen und unreellen, sondern geistig, rein, wahr und somit reell sein, und es wird da wenig Unterschied mehr zwischen dem Hellsehen im wachen Zustande oder im leiblich schlafenden Traumzustande eines Menschen sein.
GEJ|8|136|4|0|Und siehe, in einen solchen Zustand habe ich euch denn ehedem durch meine mir innewohnende Kraft auch versetzt, und eure Seele konnte da denn auch ungehindert die Seelen schon lange auf der Erde verstorbener Menschen sehen und auch sprechen. Aber ihr konntet in solchem zweithöheren Schaugrade nur solche Geister sehen und sprechen, die sich mit euch auf einer gleichen Stufe befanden, bis auf den Johannes, der seiner Jünger wegen sich aus den Himmeln in die beschriebene zweite Seh- und Fühlsphäre herab aus eigener Macht versetzte, ansonst ihr ihn als einen höchst vollendeten Geist nicht hättet ersehen und sprechen können.
GEJ|8|136|5|0|Daß euch aber das Gesehene in der vollen und klaren Erinnerung geblieben ist, das bewirkte auch ich durch die Zulassung des Herrn; denn es ward das von euch Gesehene und Vernommene sogleich in euer Fleischgehirn und auch in euer Herz und in eure Nieren gezeichnet. Ohne dieses hättet ihr von all dem Gesehenen und Vernommenen ebensowenig etwas herüber ins erdwache Leben gebracht, als die Seele deines Bruders, mit der du nach deiner Traumerzählung in Athen zusammengekommen bist, von dem etwas mitgebracht hat ins leibwache Leben, was sie träumend mit dir in Athen verhandelt hatte.
GEJ|8|136|6|0|Es gibt gewisse fromme Menschen, die beinahe täglich zur Stärkung der Seele im Leibesschlafe in der Geisterwelt leben und handeln. Wenn sie aber wieder leibeswach werden, so wissen sie nichts davon; nur ein gewisses tröstlich- stärkendes Gefühl gewahren sie in sich, und es kommt manchem vor, als hätte er angenehme Dinge gehört und gesehen.
GEJ|8|136|7|0|Nur solche Menschen, die sich gleich den Propheten schon im Übergange in den dritten und somit höchsten und hellsten Schau- und Gefühlsgrad befinden, weil ihr Geist sich schon völliger mit der Seele zu einen angefangen hat, bringen das in der auch schon höheren Geisterwelt Geschaute und Vernommene in den leibeswachen Zustand zurück und können es ihren Nebenmenschen wieder verkünden. In solch einem Zustande befanden sich die meisten kleinen Propheten.
GEJ|8|136|8|0|Betrachte du aber nun zum Beispiel einen Weizenhalm, wie er sich bis dahin entfaltet, wo auf seinem höchsten Wachstumspunkte die Fruchtähre sich zu zeigen und zu entfalten beginnt! Siehe, dasselbe geschieht beim Menschen, wenn die Seele anfängt, völlig in ihren Geist überzugehen.
GEJ|8|136|9|0|Durch das Handeln im zweiten Hellschaugrade hat nur der Geist die immer noch zum halben Teile materielle Seele zu bearbeiten angefangen und breitete sich in ihr immer mehr aus, und das so lange fort, bis von ihm die ganze Seele erfüllt und geistig belebt wurde.
GEJ|8|136|10|0|In diesem dritten Stadium aber fängt die Seele an, durch die Liebe des Geistes ganz entzündet, in den Geist überzugehen und alle ihre immer noch mit der Materie verwandte Substanz in die rein geistige Essenz umzugestalten, und da wird die wahre Fruchtähre fürs freie, ewige Leben gebildet.
GEJ|8|136|11|0|In diesem Zustande wird ein Mensch denn ganz ins Licht gehoben, fängt an, vom selben ernährt zu werden, und je mehr Nahrung er vom selben erhält, desto weniger nimmt er als stets mehr und mehr vergeistigte Seele Nahrung von der seelisch-materiell substantiellen Sphäre an. Die Lebensähre blüht, einigt sich dadurch mit dem Geiste der Liebe, und das erzeugt dann das Lebenskorn, das anfänglich mit der Milch aus den Himmeln genährt wird, in kurzer Zeit aber mit stets helleren und ewig festen und unwandelbaren Wahrheiten.
GEJ|8|136|12|0|Und sieh! Da wird das Lebenskorn reif, und das Leben der Seele, das im zweiten Schaugrade als gewisserart vereint mit dem Geiste den Kornhalm bildet, befindet sich nun im vollreifen Lebenskorne, darum denn der früher so emsig gebildete Halm welk wird, völlig abstirbt und sich vom Lebenskorne abscheidet und mit dem Korne keine Gemeinschaft mehr hat!
GEJ|8|136|13|0|Siehe, das ist denn auch dann der dritte und höchste Schau- und Lebensgrad der Seele! In diesem Zustande sieht und vernimmt dann die Seele alles, was in der ganzen Schöpfung ist und irgend besteht. Sie sieht den Himmel offen und kann mit aller Geisterwelt in den lichtesten und lebendigsten Verkehr treten. Was solch eine Seele dann sieht, vernimmt und fühlt, das kann nimmer aus ihrer hellsten Erinnerung entschwinden; denn ihr hellster Schau- und Fühlkreis ist ein allumfassender, ewig bleibender und alles durchdringender.
GEJ|8|136|14|0|In solch einem Zustande befanden sich die großen Propheten, und in solch einem Zustande befinden sich auch alle vollendeten Geister der Himmel, und ich selbst befinde mich auch in einem solchen Zustande, ansonst ich dir ihn nicht hätte beschreiben können, – denn niemand kann jemand anderem etwas geben, was er selbst nicht hat, was du wohl einsehen wirst.“
GEJ|8|137|1|1|137. — Raphael bekennt sich als Geist
GEJ|8|137|1|0|(Raphael:) „Wie aber kann ein Mensch schon auf dieser Welt in diesen Zustand des Lebens gelangen?
GEJ|8|137|2|0|Der Mensch muß das Wort Gottes, in welchem Er dem Menschen treu Seinen Willen offenbart, einmal mit freudigem, dankbarem und willigem Herzen und Verstande annehmen. Dadurch legt er schon das wahre Lebensweizenkorn in das fruchtbare Erdreich.
GEJ|8|137|3|0|Darauf muß er aber auch ungesäumt nach dem Willen Gottes zu handeln anfangen. Dieses Handeln ist dann der belebende Regen, durch den der göttliche Geist in die Seele des Lebenskornes überzugehen bewogen wird. Nun heißt es dann zuerst in sich gehen durch die wahre Demut, durch die Geduld, Sanftmut, durch die wahre Liebe zum Nächsten und durch die rechte Barmherzigkeit. So ein Mensch lebendig und mit allem Eifer in diese Stücke eingeht, so gehet er dadurch auch in seine eigenen Lebenstiefen und schlägt die geistigen Lebensnährwurzeln ins Erdreich der Gotteskraft, die solche Wurzeln dann gierig einsaugen und den Lebenshalm zum Gotteslichte emporzutreiben, zu bilden und zu vollenden anfangen. In diesem Zustande geht die Seele denn auch stets mehr in die immer lebendiger werdende Liebe zu Gott über, und zwar in dem Maße, als ihr Geist auch immer tätiger in die Seele übergeht.
GEJ|8|137|4|0|Wenn des Menschen Lebenshalm auf diese Weise bis zur Ähre gediehen ist und die Seele sich ganz in der Liebe zu Gott und in ihrem Lebenslichte und in ihrer Lebenswärme befindet, so fängt sie damit auch an, selbst in ihren Geist überzugehen und völlig eins zu werden mit ihm. In diesem seligen Zustande wird die Lebenskornähre zuoberst am Halme ersichtlich und bildet sich nun im reinen Gotteslichte schnell aus bis zur Blüte; die Blüte aber zeigt dann die volle Liebe- und Lebenseinigung mit ihrem Geiste und also auch mit Gott.
GEJ|8|137|5|0|Aus dieser Einigung entsteht dann die wahre Lebensfrucht, deren volle Reifwerdung erhaben ist über alles Irdische im vollen Lebenslichte Gottes. Daß ein Mensch sogestaltig sich denn da auch im hellsten Schauen und lebendigsten Innewerden über alles in aller Geisterwelt, wie auch in aller materiellen Schöpfung befindet, das wird wohl niemand bezweifeln, der das von mir nun Dargestellte, mit der Wachstumsordnung einer Pflanze vergleichend, nun mit einiger Aufmerksamkeit überdenkt. – Und nun habe ich geredet, und dir steht das Recht zu, auch wieder zu reden.“
GEJ|8|137|6|0|Sagte darauf voll Staunens der Hauptmann: „Höre, du mein junger, holdester Freund, du mußt sicher schon im Mutterleibe diesen Lebensweg zu betreten angefangen haben, ansonst es wohl nicht denkbar ist, daß ein Mensch in deiner Jugend sich in solch eine Lebenshöhe emporschwingen könnte! Doch sei das nun, wie es wolle; es ist genug, daß du dich in aller Lebensvollendung befindest. Aber wenn du einmal auch diesen deinen Leib ablegen wirst, wirst du alsdann als ein reiner Geist mit den Menschen dieser Erde so wie jetzt verkehren können?“
GEJ|8|137|7|0|Sagte Raphael: „Allerdings, aber nur mit solchen, die sich durch ihren Lebenswandel nach der Lehre des Herrn in jenen Zustand werden erhoben haben, in welchem sie dafür befähigt sein werden!“
GEJ|8|137|8|0|Sagte wieder der Hauptmann: „Hast du nun auch gar keine Furcht mehr vor dem Tode des Leibes?“
GEJ|8|137|9|0|Sagte Raphael: „Wie möglich könnte ich diese haben, da ich ja schon ganz ins ewige Leben des Geistes aus Gott übergegangen bin und somit auch mein Leib in meiner Gewalt steht! Ich selbst kann diesen verwandeln, wann ich will, und kann mir ihn wieder schaffen, wie und wann ich will. – Glaubst du mir das?“
GEJ|8|137|10|0|Sagte der Hauptmann: „Das wäre stark! Solches habe ich noch niemals vernommen! Kannst du mir darüber auch einen begreifbaren Beweis geben, und ich will dich darob sehr loben.“
GEJ|8|137|11|0|Sagte Raphael, freundlich lächelnd: „Oh, damit kann ich dir schon dienen! Da greife nun meinen Arm an und befühle ihn, ob er Fleisch und Knochen hat!“
GEJ|8|137|12|0|Der Hauptmann tat das und sagte: „Mein junger Freund, dein Arm ist stark und völlig männlich kräftig. Du hast feste Muskeln und starke Knochen.“
GEJ|8|137|13|0|Sagte darauf wieder Raphael: „Damit du aber nun siehst und erfährst, daß ein Mensch, im höchsten und hellsten Schaugrade stehend, auch vollkommen ein Herr über seinen Leib ist, so fasse mich nun noch einmal am Arme und sage es mir, ob meine Muskeln noch so fest und meine Knochen noch so hart sind wie zuvor!“
GEJ|8|137|14|0|Der Hauptmann tat das, griff aber den Arm des Raphael gleich also durch und durch, als wäre er ein pures Luftgebilde.
GEJ|8|137|15|0|Da erschrak der Hauptmann und sagte: „Höre, du bist ein seltsames Wesen! Mir wird es nun fürwahr ganz unheimlich zumute! Ich sehe dich noch wie zuvor, und du hast keinen Leib mehr, sondern bist nun ein pures Luftgebilde und stehst vor mir wie ein Phantom. Ah, das ist stark, – das ist noch nie erhört worden! Man hat wohl schon davon gehört, daß es zu einer gewissen Zeit Magier gegeben habe, die sich hätten unsichtbar machen können, aber dabei doch ihre leibliche Festigkeit behielten; denn sie hätten dann etwa in ihrer Unsichtbarkeit doch große Lasten von einem Orte zum andern bewegen können. Du aber bist nun noch als ein vollkommener Mensch sichtbar und bist es dabei gewisserart nicht, und es fragt sich nun sehr, ob du nun als ein pures Luftgebilde noch jene Säule aufheben könntest!
GEJ|8|137|16|0|Sagte Raphael: „So gut und sicher wie zuvor! Aber damit du siehst, daß ich nun noch mehr vermag denn zuvor, so werde ich jene Säule mit meinen Armen gar nicht mehr berühren, sondern ich werde sie bloß mit meinem Willen aufheben, sie eine Zeitlang frei in der Luft halten und sie dann wieder auf ihren Platz hinstellen.“
GEJ|8|137|17|0|Als Raphael solches noch kaum ausgesprochen hatte, da schwebte die Säule auch schon frei in der Luft, und dem Hauptmanne wurde nun noch ängstlicher zumute. Er wußte nun nicht mehr, was er dazu sagen sollte, und staunte bald die in der Luft schwebende Säule und bald wieder den Raphael an.
GEJ|8|137|18|0|Erst als Raphael die Säule wieder an ihren alten festen Platz zurückstellte, da erst erholte sich der Hauptmann und auch seine Gefährten von ihrem Staunen, und er sagte: „Nein, jetzt ist meine Sprache zu Ende! Denn worüber einem Menschen alle natürlichen Gedanken und Begriffe völlig fehlen, da fehlen ihm auch Worte und die vernünftige Rede. Du solltest dich nun nur auch noch völlig unsichtbar machen können, so würde ich darüber sicher ein blödester Narr werden!“
GEJ|8|137|19|0|Sagte nun Raphael: „Auch das könnte ich, so ich es nun wollte; aber damit du kein Narr werdest, so bleibe ich wieder als ein leibhaftiger Mensch. Ich habe es dir aber nun nur zeigen wollen, daß ein Mensch, der sich einmal im dritten und höchsten Schau- und Seinsgrade befindet, keinen Tod mehr vor sich hat, sondern ein ganz vollkommener und freiest selbständiger Herr über sein Leben und somit auch über seinen Leib und dessen Tod ist. In dem Grade aber, wie ich es nun bin, können es die Menschen auf dieser Erde wohl nur höchst selten und sehr schwer werden; denn es sind die meisten schon zu verweltlicht und haben danach auch zu wenig des festesten und beharrlichen Willens und lebendigen und ungezweifelten Glaubens. Wenn sie aber einmal werden ihren Unglauben abgelegt haben, dann werden sie, mir gleich, als reine und vollendete Geister das tun und bewerkstelligen können, was ich tue und bewerkstellige!“
GEJ|8|137|20|0|Sagte hier schnell der Hauptmann: „Bist denn du schon ein reiner und vollendeter Geist?“
GEJ|8|137|21|0|Sagte Raphael: „Allerdings, denn ein unvollendeter Geist kann das nicht tun und bewirken, was ich tue und bewirke.“
GEJ|8|137|22|0|Sagte abermals der Hauptmann, der nun schon ganz verwirrt war: „Ja, können denn die ganz reinen und vollendeten Geister auch alle so essen und trinken wie du? Wozu das, wenn sie durch die irdische Kost keinen Leib zu erhalten haben?“
GEJ|8|137|23|0|Sagte Raphael: „Wohnt in unserem Herrn und Meister nicht der allerhöchste Geist Gottes vollkommen, und Er nimmt doch auch die diesirdische Nahrung zu Sich? Wenn es dir möglich ist, irdische Kost zu dir zu nehmen, warum sollte es einem vollendeten Geiste, der auch durchaus ein Mensch ist, nicht möglich oder für ihn irgend zwecklos sein, auch dieser Erde Kost zu sich zu nehmen und sie in sich zu verkehren in sein Element?
GEJ|8|137|24|0|Ist denn nicht alles, was dem Menschen zur Nahrung dient, Gottes Wort und Gottes Wille? So du, als noch ein Naturmensch, deinen Leib sättigest mit der Naturkost, da nimmt davon die Seele auch ihren substantiell geistigen Teil in sich auf und verwendet ihn zur Festigung ihrer Form; tut aber das die noch unvollkommene Seele, wennschon auf eine ihr unbewußte Weise, so wird das wohl auch ein sich seiner selbst höchst klar bewußter vollendeter Geist um so mehr tun können, da es ihm möglich ist, alle Materie plötzlich aufzulösen und in ihr Urgeistiges umzuwandeln. – Verstehest du das?“
GEJ|8|137|25|0|Sagte der Hauptmann: „O du mein sehr sonderbarer und geheimnisvoller Freund, um das alles zu verstehen, dazu gehört mehr als der Verstand eines römischen Hauptmanns! Mir genügt es nun aber schon vollkommen, daß ich nur einmal vollkommen davon überzeugt bin, daß des Menschen Seele nach dem Leibestode fortlebt, und daß ich die Wege nun kenne, auf denen man sicher der stets helleren geistigen Vollendung entgegenschreitet; alles andere hat für mich nun einen geringeren Wert.
GEJ|8|137|26|0|Du magst nun noch ein leiblicher oder auch ein schon lange leibloser, reiner und mächtiger Geist sein, so geht mich das weiterhin wenig an. Aber das geht mich an, daß durch einen rechten Lebenswandel auch ich das werde einst, was du nun schon bist, und was du an der Seite des Herrn und Meisters auch sicher leichter hast werden können, als ich es werde werden können; ich will aber auch zu deiner Höhe nicht hinaufklimmen und werde mit viel wenigerem auch schon ganz vollkommen zufrieden sein. Denn es ist einem jeden Menschen auch sicher schon von Gott aus nicht gegeben, daß es ihm möglich wäre, sich zu deiner Höhe emporzuarbeiten; aber ein jeder danke Gott auch um das, was Er ihm gegeben hat.
GEJ|8|137|27|0|Ich danke aber nun auch dir für deine Liebe, Geduld und Mühe, die du mir zu meiner Belehrung erwiesen hast, und ich gebe dir dankbarst die volle Versicherung, daß ich mit dem, was ich von dir empfangen habe, mehr als vollkommen zufrieden bin.“
GEJ|8|137|28|0|Sagte nun Raphael: „Und ich bin auch mit dir nun ganz zufrieden und will dir und auch deinen Gefährten, so noch jemand etwas wünschet, mich dienlich erweisen. Hat jemand noch etwas, so trete er hervor und gebe es vor allen kund!“
GEJ|8|138|1|1|138. — Über das Wesen des Herrn
GEJ|8|138|1|0|Hier trat ein Johannesjünger zu Raphael und sagte: „Höre, du sonderbarer junger Mensch, ich hätte nun nur noch die einzige Bitte dahin an dich zu stellen, daß du dich selbst über dein eigentliches Wesen uns ein wenig näher enthüllen möchtest, als du dich uns bis jetzt enthüllt hast! Denn daß du ein ganz geheimnisvolles Wesen bist, darüber besteht in mir gar kein Zweifel mehr; denn das, was du nun schon alles in kurzer Zeit bewirkt hast, kann kein natürlicher Mensch bewirken, und deine Weisheit geht auch himmelhoch über alles bisherige menschliche Wissen. Daher möchte denn ich doch näher wissen, wer du eigentlich bist! Ein ganz natürlicher Mensch bist du in gar keinem Falle mehr, aber du kannst der Geist des Elias oder auch eines andern großen Propheten sein; denn es stehet ja geschrieben, daß zur Zeit, wenn der Messias zu den Menschen kommen werde, auch Elias an seiner Seite einhergehen wird als ein treuer Zeuge für die blinden Menschen. Und also stehet es auch geschrieben: ,In derselben Zeit werdet ihr sehen die Engel Gottes auf- und niedersteigen zwischen Himmel und Erde, und sie werden dienen Dem, der gekommen ist im Namen des Herrn, und auch den Menschen, die eines guten Willens sind.‘
GEJ|8|138|2|0|Du kannst demnach nun ganz leicht entweder der Geist Mosis oder Elias oder ein reiner Engel Gottes selbst sein und hast nun nur darum einen scheinbaren Leib angenommen, um dich uns Menschen sichtbar dienlich erweisen zu können. Sage es wenigstens mir, ob ich nun nicht vielleicht so ziemlich richtig geurteilt habe!“
GEJ|8|138|3|0|Sagte nun Raphael: „Es mag schon also sein, aber doch noch etwas anders! Wie es aber ist, das wirst du schon zur rechten Zeit von den andern Jüngern erfahren. Ob du das nun schon genau weißt oder auch nicht weißt, daran liegt das Heil deiner Seele nicht; aber daran liegt es, daß du an den Herrn glaubst, Ihn über alles liebst und nach Seiner Lehre lebst und handelst. In dem allein suche du das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; alles andere wird dir dann schon ohnehin als eine freie Gabe hinzugegeben werden.
GEJ|8|138|4|0|So du mich aber für den Geist Mosis oder Elias hältst, da bist du in einer Irre; denn des Elias Geist war in Johannes, der euer Meister war. Moses aber hat schon sein Zeugnis dem Herrn vor den Augen Seiner Jünger gegeben, und diese werden den andern Völkern kundgeben, wann es an der Zeit sein wird. Und somit weißt du nun vorderhand zur Genüge.“
GEJ|8|138|5|0|Hierauf setzte sich Raphael wieder neben Mir nieder und nahm Brot und Wein zu sich. Auch der Hauptmann setzte sich mit dem Johannesjünger zusammen und nahm auch noch Brot und Wein zu sich. Der Jünger aber nahm kein Brot und keinen Wein, sowie auch seine Mitjünger nicht; denn die Jünger des Johannes führten ein strenges Leben und fasteten viel. Meine Jünger aber aßen und tranken noch.
GEJ|8|138|6|0|Da sagte einer der bekehrten Pharisäer zu Mir: „Herr und Meister, warum fasten denn deine Jünger nicht, da doch des Johannes Jünger so viel fasten?“
GEJ|8|138|7|0|Sagte Ich: „Ich bin ein rechter Bräutigam denen, die an Mich halten, und die Ich erwählt habe. Warum sollen sie denn fasten, so Ich bei ihnen bin? Wenn Ich als ein wahrer Bräutigam ihrer Seelen aber persönlich nicht mehr bei ihnen sein werde, dann werden sie schon auch fasten zur Zeit der Not. Übrigens aber wird niemand darum das ewige Leben der Seele überkommen, weil er viel gefastet hat, sondern nur der, welcher den Willen Dessen tut, der Mich gesandt hat.“
GEJ|8|138|8|0|Das fiel dem Hauptmann auf, und er fragte Mich eiligst, sagend: „Herr und Meister, wie sprachst Du nun, daß nur der das ewige Leben der Seele ernten wird, der den Willen dessen tut, der Dich gesandt hat? Wer ist der, der Dich gesandt hat, und wie lautet sein Wille? Erkläre Dich da klarer, ansonst ich über diesen Deinen Ausspruch in einen offenbaren Zweifel geraten müßte! Denn einmal heißt es – wie ich das aus der Erklärung der Psalmen im Hause unseres Wirtes ersehen habe –, daß Du Selbst und allein der Herr bist, und daß der das ewige Leben der Seele überkommen werde, der Deine Lehre annimmt und nach ihr lebt und handelt, und nun sagtest Du Selbst, daß nur der das ewige Leben der Seele ernten wird, der den Willen dessen tut, der Dich gesandt hat! – Siehe! – das ist nun sehr zweideutig, und ein Mensch wie ich, dem es sicher um das ewige Leben seiner Seele ganz vollkommen ernstlich zu tun ist, wird da offenbar irre und weiß nicht, an wen er sich wenden soll, der ihm den Willen dessen, der Dich gesandt hat, treu und wahr kundtun könnte! Ich bitte Dich darum, daß Du Dich über Deinen Ausspruch nun deutlicher und bestimmter eröffnen möchtest!“
GEJ|8|138|9|0|Sagte Ich: „Es ist wohl noch viel Finsternis in euch! Der Mich gesandt hat, ist Mein ewiger Vater und ist in Mir; und so habe denn auch Ich Selbst aus Meiner Liebe zu euch Menschen Mich gesandt in diese Welt, um euch zu bringen und zu geben das ewige Leben.
GEJ|8|138|10|0|Mein Wort und Meine Lehre, die euch den Weg zum ewigen Leben zeigt, ist aber eben der Wille Dessen, der in Mir ist, und der Mich gesandt hat. Denn der Vater, als die ewige Liebe, ist in Mir, und Ich, als ihr Licht, bin in ihr.
GEJ|8|138|11|0|Sieh aber die Flamme der hier auf dem Tische leuchtenden Lampe an! Kannst du das Licht von der Flamme trennen oder die Flamme vom Lichte? Die Flamme aber ist das, was Ich ,Vater‘ und ,Liebe‘ nenne, und das Licht ist ihr Sohn, der von der Flamme ausgesendet wird, um zu erleuchten die Finsternis der Nacht. Sind da nicht die Flamme und ihr Licht ein Wesen? Und ist da nicht die Flamme ebenso im Lichte, als das Licht in der Flamme? Wenn aber also und unmöglich anders, so offenbart sich ja des Vaters Wille in dem von Ihm ausgehenden Lichte.
GEJ|8|138|12|0|Wer sonach in diesem Lichte wandelt, der wandelt auch nach dem Willen Dessen, der Mich als Sein Licht in diese Welt gesandt hat; und wer in diesem Lichte wandelt, der kann nicht fehlgehen und muß das ewige Leben ernten, weil das Licht, nach und in welchem er wandelt, das ewige Leben selbst ist.
GEJ|8|138|13|0|Nur wer dieses Licht verläßt und in der eigenen Weltnacht von neuem zu wandeln beginnt, der kann so lange nicht das ewige freie Leben der Seele ernten, als er nicht in das Licht des Lebens übergeht. Und nun wirst du, Hauptmann, Mich etwa wohl verstanden haben?“
GEJ|8|138|14|0|Sagte der Hauptmann: „Ja, ja, Herr und Meister, jetzt bin ich schon wieder im klaren und weiß nun, was ich zu tun habe, um zum ewigen Leben zu gelangen, und ich danke Dir abermals für diese gar gewichtige Belehrung. Ich habe Dich aber ehedem in Deiner Rede mit dem Pharisäer unterbrochen und bitte Dich nun, daß Du da noch weiter reden wollest!“
GEJ|8|138|15|0|Sagte Ich: „Dem habe Ich schon gesagt, was ihm not tat, und habe darum keine Fortsetzung für ihn!
GEJ|8|138|16|0|Ich hätte euch allen aber noch gar vieles zu sagen, doch jetzt könntet ihr es noch nicht ertragen; wenn aber der Geist in euch erwachen wird, der Geist der Wahrheit, den Ich in euch erwecken werde, der wird euch in alle Wahrheit und Weisheit leiten. Erst in seinem Lichte werdet ihr alle Den erst vollends erkennen, der nun solches zu euch geredet hat. – Nun aber überdenket das, was ihr vernommen habt, und besprechet euch untereinander; Ich aber werde ein wenig ruhen.“
GEJ|8|138|17|0|Nach diesen Worten ward es eine kleine Weile still im Saale; denn ein jeder dachte eine Zeitlang über all das Vernommene und Gesehene nach.
GEJ|8|139|1|1|139. — Der Sturm und sein Zweck
GEJ|8|139|1|0|Es war aber bei dieser Gelegenheit die Zeit schon gegen Mitternacht gekommen, und die Römer, von der Tagesreise etwas ermüdet, fingen beim Tische zu schlummern an, auch einige Meiner Jünger, da auch Ich Mich einem leichten Schlummer überließ; nur die Bethlehemer und die etlichen Jünger des Johannes besprachen sich noch über ein und das andere miteinander, und es kam also die volle Mitternacht herbei. Mit ihr aber erhob sich auch ein sehr heftiger Sturmwind, der von Süden her kam, der aber stets heftiger wurde und durch sein Toben, Brausen, Pfeifen und Heulen alle die Schlummernden aufweckte und die noch Wachen aber mit Furcht, Angst und Bangen erfüllte. Ich aber und etliche Meiner alten Jünger schlummerten noch fort.
GEJ|8|139|2|0|Lazarus wandte sich an den Raphael und bat ihn, daß er dem Sturme gebieten möchte, daß dieser doch wenigstens sanfter werden möchte, da er sonst für nichts und wieder nichts einen großen Schaden anrichten werde in den Weinbergen, Gärten, an den Bäumen und Häusern.
GEJ|8|139|3|0|Auch der Hauptmann, der so heftige Winde nicht leiden konnte, sagte ganz offen: „Da weiß man als ein Mensch wieder nicht, was man aus der großen Liebe und Weisheit Gottes machen soll! Wozu sollen solche heftigen Stürme wohl gut und nützlich sein? Oder hat denn Gott Selbst eine Freude daran, wenn Er die schwachen Menschen durch solch ein Toben und Wüten der Elemente erschreckt und sie in eine große Furcht und Angst versetzt? Solch ein böser Sturm macht den Menschen auch stets einen oft unberechenbaren Schaden, und zuallermeist den Armen, denen er ihre schwachen Hütten zerstört, daß sie dann dach- und fachlos herumbetteln müssen, um doch wieder zu irgendeiner armseligen Wohnhütte zu gelangen. Nein, dieser Akt der göttlichen Liebe und Weisheit ist wahrlich etwas sonderbar!“
GEJ|8|139|4|0|Hierauf wandte sich auch der Hauptmann an den Raphael und sagte: „Höre du mein wundermächtiger Freund, der du ehedem bloß durch deinen Willen jene schwere Säule in die Luft erhobst, reicht deine Willensmacht nun gegen das stets heftiger werdende Wüten des Sturmes nicht aus, um es zum Schweigen zu bringen? Wenn das so fortgeht, so liegen morgen ganze Wälder entwurzelt und zusammengebrochen am Boden! Wer wird den armen Menschen den angerichteten Schaden vergüten? Ich bitte dich, tue da doch etwas entgegen!“
GEJ|8|139|5|0|Sagte darauf Raphael: „O du mein schwacher, sturmfürchtiger Mensch! Was haderst du da gegen die Liebe, Weisheit und Ordnung Gottes! Meinst du denn, Gott lasse solch einen heftigen Wind aus einer Art Unwillen gegen die Menschen wehen? Oh, wie schwach bist du noch! Kennst du die dem Naturleben der Menschen und Tiere schädlichen Naturgeister, die sich aus dem Innern des Erdkörpers oft, und besonders in der Herbstzeit, in einem größeren Maße wegen der Befruchtung der Erdoberfläche zu entwickeln haben?
GEJ|8|139|6|0|Siehe, gerade in dieser Nacht dringen große Massen aus dem Innern der Erde auf ihre Oberfläche herauf, auf daß das kommende Jahr ein fruchtbares werde! Wenn nun diese noch sehr ungegorenen Naturgeister in Gestalt eines grauen und modrigen Dunstes sich ruhig über die Oberfläche der Erde lagern würden, so würde in solchem Dunste keines Menschen Leibesleben auch nur ein paar Stunden lang bestehen können. Welch anderes Mittel aber kannst du mir angeben, um die erwähnten aufsteigenden rohen Naturgeister für die leibliche Gesundheit der Menschen unschädlich zu machen, als eben nur den Wind, und das einen gegen die hartnäckige und gewisserart klebrige Natur solcher Geister entsprechend heftigen?
GEJ|8|139|7|0|Der Wind, der von reineren Geistern dadurch bewirkt wird, daß sie die sonst ruhige Luft der Erde in eine gewaltige Strömung versetzen, vermengt die rohen Naturgeister mit den reinen Geistern in der Luft und im Wasser und macht sie dadurch unschädlich für die Gesundheit der Menschen, der Tiere und der Pflanzen, was alles nach dem Willen Gottes geschieht, weil es also geschehen muß; und du meinest da, daß durch solche Winde Gott den schwachen Menschen einen Schaden zufügen wolle und gewisserart eine Freude daran habe, so die schwachen Menschen bei solchen Gelegenheiten vor Angst und Schrecken nahe zu verzweifeln anfangen? O du noch sehr schwachsinniger Mensch!
GEJ|8|139|8|0|Was liegt denn daran, wenn bei einer für die Erde und ihre Geschöpfe heilsamen Gelegenheit auch einige morsche Bäume und auch etliche schon sehr baufällige Wohnhütten der Menschen und einige Vogelnester zerstört werden, wenn nur das Erdreich fruchtbar und die Erdluft dem geschöpflichen Naturleben unschädlich wird?
GEJ|8|139|9|0|Wenn hie und da einem Menschen auch irgendein kleiner Weltschaden zugefügt wird, so wird es der Herr sicher auf eine ganz beste Art demselben mehrfach entschädigen; zudem aber schadet es den nur zu leicht und zu oft Gottes vergessenden Menschen gar nicht, so sie dann und wann durch besondere Naturszenen aus ihren trägen Weltträumereien aufgerüttelt werden und es erfahren, daß es höhere Kräfte und Mächte gibt, gegen die der menschliche Hochmut keinen Sieg erfechten kann.
GEJ|8|139|10|0|Darum lassen wir diesen Wind nun nur noch ein paar Stunden lang arbeiten! Wenn er sein gutes Geschäft wird verrichtet haben, dann wird er sich auch schon wieder legen. Ich könnte dem Winde aus der Macht des Herrn in mir wohl gebieten, daß er sich augenblicklich legen müßte, – aber wozu wäre das gut? Ich sage es dir: für gar nichts; denn solch ein Zeichen würde nicht um ein Mal deinen Glauben an den Herrn erhöhen. Denn stille ich den Wind dir zuliebe nur auf einige Augenblicke, so wirst du dann geheim bei dir sagen: ,Ah, der Wind hat von selbst einige Augenblicke ausgesetzt!‘ und meinen, ich sagte dir nur so dabei, daß dies Aussetzen infolge der Macht meines Willens geschehen sei. Lasse ich aber den Wind sich ganz zur Ruhe legen, so sterben schon morgen tausend Menschen an der bösen Ruhr, und das würde dir denn doch auch sicher nicht angenehm sein; denn ich weiß es, daß du und gar viele Menschen keine Freunde von Epidemien seid. Und so lassen wir, wie schon gesagt, den Wind nur fortwehen; der kleine Schaden, den er hie und da anrichten wird, wird leicht zu vergüten sein.
GEJ|8|139|11|0|Oder schadet es etwa so manchem allzu selbstsüchtigen Reichen, so er dann und wann durch die größere Not eines und des andern armen Nebenmenschen zum Mitleid und zur Barmherzigkeit aufgerüttelt wird? Ich bin der sicheren Meinung, daß so etwas der Seele des Reichen sehr nützlich ist. Der Arme aber wird Gott um so mehr danken, weil er ihm infolge seiner vor den Augen der reichen Menschen gesteigerten Not auch um vieles kräftiger geholfen hat, als es sonst geschehen konnte. Denn der früheren, schon lange gleichfort andauernden Armut und Not des armen Nachbarn gedachten die Reichen kaum und ließen ihn unberücksichtigt fortdarben; aber da Gott über ihn ein rechtes weltliches Unglück kommen ließ, so wurden die sonst zumeist harten Reichen erweicht und beschenkten den Armen darauf ansehnlich, daß ihm dann auf lange hin geholfen ward.
GEJ|8|139|12|0|Sage du nun mir: Ist Gottes Liebe und Weisheit da nicht als wirkend ersichtlicher unter den Menschen auf der Erde als irgend in einer Gegend der Erde, wie es auch deren manche gibt, die von keinem Sturmwind heimgesucht werden, darum aber auch völlig wüste und unbewohnbar daliegen?!“
GEJ|8|140|1|1|140. — Vom Zweck der Schöpfung
GEJ|8|140|1|0|Sagte der Hauptmann: „O du holder und wunderbarer Freund, mit dir sich in der Weisheit messen, wäre wohl eine sehr vergebliche Mühe; denn du hast allzeit vollkommen recht, weil du auf Grund deiner gottähnlichen Allwissenheit und Allkenntnis auch stets die unbestreitbarste Wahrheit auf eine höchst klare Weise darstellen kannst. Aber wo soll unsereiner das hernehmen, dessen Wissenschaft und Kenntnis in den Dingen der Weltnatur von einer sicher nur höchst beschränkten Art ist?
GEJ|8|140|2|0|Aber das weiß und fühlt auch der schwache und beschränkte Mensch, wo es ihm wehe tut, und seufzet und klagt oft lange vergeblich, und das kann ihm auch die höchste Liebe und Weisheit Gottes niemals zu einer Sünde rechnen. Und so denn klagte ich auch über den Wind, da ich schon oft nur zu empfindlich erfahren habe, welche Verheerungen er hie und da angerichtet hat; denn ich wußte ja nicht um den Grund seines Wütens.
GEJ|8|140|3|0|Nun aber hast du mir ihn gar klar gezeigt, und ich erkenne jetzt die Wohltat seines Wirkens und gebe dir die volle Versicherung, daß ich von nun an niemals mehr mit meinen Klagen gegen ihn zu Felde ziehen werde, – auf dem festen Lande schon am allerwenigsten! Nur auf dem Meere möchte mich, solange ich im Leibe zu leben haben werde, der Herr vor solchen Winden beschützen; denn da ist es wohl erschrecklich, sich mitten im tobendsten Kampfe des Meeres mit dem Winde auf einem gebrechlichen Schiffe zu befinden! Ich habe das schon mehrere Male erlebt und bin den starken Winden eben darum Feind geworden und habe als noch ein starrer Heide oft über solch ein Gebaren der Götter losgezogen; aber da ein heftiger Wind sicher auch auf dem Meere eine gleiche für die Erde und ihre Geschöpfe wohltätige Bestimmung haben wird, wie auf dem festen Lande, so werde ich ihn auch über dem Meere lobend in Ruhe lassen. – Holder Freund, ist es recht also?“
GEJ|8|140|4|0|Sagte Raphael: „Das ganz sicher; denn der Mensch, dessen Leben und Alles von Gott abhängt, soll Gottes Anordnungen und Fügungen, so er Gott einmal erkannt hat, allzeit lobend und preisend anerkennen und nicht darüber murren und hadern. Denn Gott der Herr weiß es stets und ewig sicher am allerbesten, warum Er auf einem Erdkörper bald dieses und bald jenes in Erscheinung treten läßt.
GEJ|8|140|5|0|Der Mensch aber hat sich dabei geduldig und voller Ergebung in den Willen Gottes zu verhalten und dabei auch also zu denken: Das geschieht nach dem Willen Gottes zum Besten des Menschen! Denn alles, was auf der Erde, im Monde, in der Sonne und in allen Sternen geschieht, das geschieht alles zum alleinigen Besten der Menschen; denn nur im Menschen liegt der Grund und der Zweck aller Schöpfung im endlosen Raume.
GEJ|8|140|6|0|Wenn ein Mensch also denkt und fühlt, so wird er auch in allen Zuständen seines diesirdischen Freiheits-, Bildungs- und Probelebens Ruhe finden und haben, und Gott wird ihn erretten aus jeder Not und wird ihn finden lassen den Weg des wahren Lebens, den Weg des Lichtes und aller Wahrheit.
GEJ|8|140|7|0|Aber wer da ungeduldig wird und über dies und jenes, das er doch nicht ändern kann, murrt und oft sogar in seinem gemeinen Grimme Lästerungen über die ihm widrig vorkommenden Erscheinungen in dieser Welt denkt und offen ausspricht, der eignet sich die Liebe Gottes nicht an, sondern entfernt sich nur mehr und mehr von ihr, und das gibt keinem Menschen weder eine irdische und noch weniger eine jenseitige Ruhe und Glückseligkeit. Denn alles geschieht ja nur durch die Liebe Gottes, wie schon gesagt, zum wahren Wohle des Menschen. Erkennt der Mensch das dankbar in seinem Gemüte an, so nähert er sich auch stets der Liebe und der Ordnung Gottes und geht dann bald und leicht ganz in dieselbe über und wird dadurch selbst weise und mächtig; tut er aber das Gegenteil, so wird er denn auch stets dümmer und in allem schwächer und machtloser.
GEJ|8|140|8|0|Ich weiß es wohl, daß es auf dieser Erde allerlei Vorkommnisse gibt, die dem Menschen nicht angenehm sein können. So gibt es oft eine lästige Hitze, also auch eine große Kälte; es gibt eine langweilige Nacht und manchen trüben Tag, das Feuer brennt und zerstört; das Wasser, so es sich über seine Ufer erhebt, verwüstet die Länder und tötet Menschen und Tiere, – und kurz: Alles, was du ansiehst in der ganzen Natur der Welt, kann dir den Tod geben, wenn du es unweise benutzest und dich in die Gefahr begibst.
GEJ|8|140|9|0|Aber darum kann Gott doch nichts ändern in Seiner wohlgeordneten Schöpfung! Sollte etwa das Feuer nicht so glühheiß und brennend und zerstörend sein, wie es ist? Wozu würde es dann wohl tauglich sein? Oder sollte das Wasser nicht flüssig sein, damit Menschen und Tiere im selben, so sie hineinfallen, nicht des Leibes Tod fänden? Oder sollen die Berge nicht hoch und steil sein, damit von ihren Zinnen niemand herabfallen und dadurch auch den Tod finden möchte? Sollte es keine reißenden Tiere geben, keine Schlangen und keine giftigen Pflanzen, weil alles das dem Leben des Menschen gefährlich ist?
GEJ|8|140|10|0|Ja, wenn der Mensch alles das seinem Leben gefährlich werden Könnende von der Erde verbannt haben wollte, da bliebe am Ende von der ganzen Erde auch kein Atom mehr übrig, und der Mensch selbst auch nicht! Es muß denn schon alles so sein und bestehen, wie es ist und besteht, und alles kann dem Menschen frommen, wenn er es nur weise benutzt; aber wer es unweise benutzt und somit nicht mit der Ordnung Gottes im Einklange wandelt, dem muß am Ende alles schädlich werden.
GEJ|8|140|11|0|Wer sich dann über die Schädlichkeit der Dinge und Einrichtungen in dieser Naturwelt ärgert und dabei gegen die Weisheit und Macht Gottes zu Felde zieht, der ärgert sich offenbar auch über Gott und verhöhnt Dessen Liebe und Weisheit; wer aber das tut, der lebt sicher nicht in Freundschaft, sondern nur in einer wahren Feindschaft Gottes des Herrn. Wird diese ihm wohl auch einen Segen bringen? Ich meine da, daß solch eine blinde Anfeindung Gottes dem Menschen zuerst Gott verlieren machen wird und der Mensch dann in seiner Gottlosigkeit kein Lebensglück mehr wird zu erwarten haben, so lange hin, als er sich nicht bekehren und Gottes Liebe, Weisheit und Ordnung in allem hochlobend anerkennen und mit der Zeit auch klar einsehen wird.
GEJ|8|140|12|0|So dich aber der Sturm auf dem Meere ärgert, da bleibe auf dem festen Lande, so es auf dem Meere stürmt, und besteige erst dann ein Schiff, so des Meeres Sturmzeiten vorüber sind; wann aber diese am meisten und am heftigsten und anhaltendsten toben, das weiß ein jeder Mensch schon, der in der Nähe des Meeres wohnt und mit demselben auch immer zu tun hat.
GEJ|8|140|13|0|Siehe, Freund, das sind auch weise Regeln, wer sie weiß und beachtet, der wird glücklich sein auch schon auf dieser Erde und wird Ruhe haben bei allen Erscheinungen und Begebnissen im irdischen Leben.“
GEJ|8|141|1|1|141. — Ein Gewitter
GEJ|8|141|1|0|Nach dieser wohlbegründet weisen Lehre aus dem Munde Raphaels dankte ihm der Hauptmann, die Jünger des Johannes und der Wirt aus der Nähe Bethlehems; denn sie hatten alle Furcht und Angst vor dem noch fortdauernden Toben und Wüten des Sturmwindes verloren. Aber es dauerte nicht lange, als ein mächtiger Blitzstrahl aus dem durch den Wind herbeigebrachten dicken und schweren Gewölke sich entlud und eine vom Hause nicht ferne stehende alte Zeder sehr beschädigte. Diesem ersten Blitze folgten nach allen Richtungen hin auch noch viele mit starkem Gekrache und den Erdboden erbeben machendem Donner.
GEJ|8|141|2|0|Unser Hauptmann war aber dem Blitze und dem Donner noch weniger hold als dem starken Wind und geriet abermals in eine große Angst und Furcht. Auch der Wirt und Lazarus und seine Schwestern samt der Maria von Magdalon wurden ängstlich und fingen an, Mich zu bitten, daß Ich dem bösen Gewitter gebieten möchte, daß es verzöge.
GEJ|8|141|3|0|Da erwachte Ich aus Meinem leichten Schlummer und sagte: „Fürchtet euch nicht, Kindlein; denn da Ich bin, hat das Gewitter keine Macht zu schaden, sondern nur zu nützen! Es wird noch eine kleine Stunde dauern, und Sturm und Gewitter werden verstummen, und morgen werden wir darum einen reinen und heiteren Tag haben, und die frische und gesunde Luft wird stärken unsere Glieder und Eingeweide.“
GEJ|8|141|4|0|Diese Meine Worte beruhigten die Gemüter der Furchtsamen, und Ich übergab Mich wieder einem leichten Schlummer.
GEJ|8|141|5|0|Als Ich da also schlummerte, da betrachteten Mich alle, die da am Tische sitzend noch wach waren, und der Hauptmann sagte: „Vom Herrn kann man wohl sagen: Si totus illabatur orbis, impavidum ferient ruinae! (Wenn die ganze Erde zerbräche, so würden ihre Trümmer über den Furchtlosen fallen!) Ja ja, wenn man der Herr und der Schöpfer und Erhalter aller Kreatur ist, dann kann man vor derlei Erscheinungen freilich wohl keine Furcht haben; aber unsereiner als nur ein schwacher und ohnmächtiger Mensch kann sich bei solch einem Gewitter dennoch nicht aller Furcht entledigen, obschon man hier festest überzeugt ist, daß einem in der nächsten Nähe des Herrn sicher nichts geschehen kann. Aber merkwürdig ist und bleibt es, daß gerade heute in der Nacht, nach einem reinsten Sonnenuntergange, solch ein Gewitter losbrechen mochte! Ich bedauere nun alle jene, die sich nun auf irgendeinem Wege, und gar besonders jene, die sich nun zu Schiffe auf dem großen Meere befinden. Oh, da wird es nun ganz entsetzlich aussehen!“
GEJ|8|141|6|0|Als der Hauptmann solche Bedenken laut werden ließ, da stimmte ihm auch der durch das starke Gedonner erwachte Agrikola bei und sagte: „Meine Schiffe in Sidon und Tyrus werden von diesem sicher allgemeinen heftigsten Sturme auch übel hergenommen worden sein! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, – der Herr schläft und achtet des Sturmes nicht, und wir Menschen haben keine Gewalt wider das Ungetüm, und so sei es denn auch, wie es ist! In einer kleinen Stunde, sagte der Herr, werde dieser Sturm sich legen. Also wird es auch sicher werden; aber bis dahin kann noch viel Unglück durch diesen Sturm angerichtet werden! Der Herr wolle gnädigst dafür sorgen, daß des Unglücks und Schadens so wenig als möglich geschehen möchte!“
GEJ|8|141|7|0|Sagte nun Raphael: „Seid doch ruhig in eurem Gemüte, es wird da keinem Gerechten auch nur ein Haar gekrümmt werden; für die Gottlosen aber ist es gut, daß sie durch einen solchen Sturm ein wenig daran erinnert werden, daß es noch einen Herrn gibt, der über alle Elemente gebietet und sie ihm auch gehorchen wie treue Diener ihrem Herrn. Deinen Schiffen zu Tyrus und Sidon aber wird dieser Sturm nichts anhaben; denn dafür sorgt schon der Herr. Und so möget ihr alle nun ganz ruhig sein; denn es wird niemandem ein Haar zerstört werden!
GEJ|8|141|8|0|Über Jerusalem aber wütet dieser Sturm nun am heftigsten, und die Blitze verschonen das eitle Gold des Tempels nicht. Es ist nun ein großes Heulen in und um den Tempel und um manches Haus. Der Blitz zündet hier und da, und die Menschen haben vollauf mit dem Löschen zu tun. Auch im Tempel hat der Blitz schon an einigen Stellen das dürre Gebälk entzündet; aber man erdrückt den Brand gleich bei seinem Entstehen, und so macht der Blitz auch im Tempel selbst keinen bedeutenden Schaden. Aber die Angst der Pharisäer ist groß, und das Volk dringt in sie, bei Gott zu bewirken, daß der Sturm sich legen möchte. Und die Pharisäer und Priester, Schriftgelehrten und Leviten machen nun ein großes Geplärr; dieses aber bleibt nun wirkungslos, und das Volk wird ungestümer und macht allerlei Drohungen und macht sich mitten im Sturme ganz lustig über die Ohnmacht der Pharisäer, die schon oft vorgegeben haben, daß sie sogar über Sonne, Mond und Sterne gleich Josua und Aaron Gewalt haben und jetzt nicht einmal dem Nachtsturme gebieten können.
GEJ|8|141|9|0|Und sehet, so hat dieser Sturm auch darin sein entschieden Gutes, daß er bei vielen Jerusalemern, die noch Stocktempler sind, den alten finsteren Aberglauben ausfegt und sehr vermindert und sie zur späteren Annahme der Wahrheit nötigt!
GEJ|8|141|10|0|Ich zeigte euch das zu dem Früheren, das ich über den Naturgrund dieses Sturmes euch schon erklärt habe, darum noch hinzu, damit ihr daraus auch das ersehen könnet, wie des Herrn Liebe und Weisheit bei solchen Gelegenheiten nicht nur für die bessere Befruchtung des Erdreichs und für die Reinigung der Luft, sondern dabei auch für die moralische höhere Befruchtung des Menschenherzens und für die Reinigung der Seelenluft sorgt, und das hat sicher noch einen größeren Wert als die größere Befruchtung des Erdreichs und die Reinigung der Erdluft.
GEJ|8|141|11|0|Wer von euch aber nun Mut hat, der erhebe sich und gehe mit mir ein wenig ins Freie, und er soll daselbst so manches ersehen und erfahren, was er bisher sicher noch nie gesehen und erfahren hat!“
GEJ|8|141|12|0|Sagte Agrikola und auch der Hauptmann: „Mit dir nun ins Freie zu gehen, wird wohl ein jeder von uns den Mut haben; aber allein ohne dich ginge uns wohl der Mut aus. Mit dir wollen wir denn nun auch ganz mutig hinaus in den ordentlichen Blitzregen gehen!“
GEJ|8|141|13|0|Darauf erhoben sich alle Römer, der Hauptmann mit seinen Gefährten, der Bethlehemer Wirt, die etlichen Johannesjünger und auch der Lazarus.
GEJ|8|142|1|1|142. — Ursache und Wirkung des Gewitters
GEJ|8|142|1|0|Als sie aber ins Freie kamen, da hielten sie sich eine Weile die Augen und die Ohren zu; denn es fuhren in einem fort Blitze auf Blitze mit heftigstem Gekrache und Gedonner aus dem schwarzen Gewölke auf die Erde herab.
GEJ|8|142|2|0|Da ermahnte sie Raphael, sagend: „Aber so haltet euch doch eure Ohren und Augen nicht zu; denn da werdet ihr von der großartigen Sturmszene wenig sehen und von dem Geheul, das sogar von Jerusalem bis zu diesem Hügel, auf dem wir nun stehen, von Zeit zu Zeit gelangt, nichts vernehmen!“
GEJ|8|142|3|0|Endlich faßten die Anwesenden mehr Mut, öffneten Augen und Ohren und konnten nun nicht genug erstaunen über die Heftigkeit des Windes, dem aber Raphael bald gebot, den Hügel zu umgehen, und es ward darum auf dem Hügel auch plötzlich völlig windstill. Also durfte auch kein Blitz in die Nähe des Hügels fahren, sondern mehr in der Ferne von einigen Morgen Ackerlandes; aber da sah es einem wahren Feuerstrome gleich, der sich im weiten Umkreise mit erdröhnendem Getöse und Gekrache aus den Wolken auf die Erde stürzte.
GEJ|8|142|4|0|Hier fragte Agrikola, sagend: „Aber sage es uns doch, wie es denn kommt, daß dieses wahre Feuermeer, das in einem fort auf die Erde herabstürzt, doch nirgends, wie man es sieht, Häuser und Bäume und auch ganze Wälder anzündet und in Brand steckt! Ich habe einmal ein ähnliches ganz trockenes Blitz- und Windgewitter in Hispania auch ungefähr um diese Zeit herum erlebt. Aber dort hat es große und wahrhaft erschreckliche Verheerungen angerichtet; doch hier sieht man wenig oder eigentlich gar nichts von einem besonderen Brande. – Wie kann man sich das erklären?“
GEJ|8|142|5|0|Sagte Raphael: „Das werdet ihr euch dann schon ganz leicht erklären, so nun bald der ganze Sturm verstummen wird. Das beständige, gar helle Licht der Blitze läßt das matte Leuchten von manchem Brande nun nicht merklich werden; aber wenn die Blitze mehr und mehr aufhören werden, dann werdet ihr schon auch mehrere starke Brände bemerken, und das besonders über der Gegend um Jerusalem. Aber daran liegt eben auch nicht viel, und wo ihr einen Brand merken werdet, da werdet darum nicht ängstlich; denn wo es zugelassen ward, daß ein Blitz ein Haus oder eine Hütte anzündet, oder auch eine Ortschaft oder den dürren Wald irgendeines Geizhalses, der sein Holz lieber verfaulen ließ, als daß er einen Armen auch nur einige dürre Reiser zu seinem Gebrauche nehmen ließ, da geschieht der guten Menschheit wahrlich kein Schaden! Und so steht es mit den Hütten, Häusern und Ortschaften; kurz und gut: Alles, was ihr nun sehet und später noch sehen werdet, geschieht nicht zum Schaden, sondern nur zum großen Nutzen der Menschen, was ihr später noch klarer fassen werdet.
GEJ|8|142|6|0|Nun aber ist die Zeit auch schon da, in der dies Gewitter aufzuhören hat; und so will ich aus dem Willen Gottes des Herrn in mir, daß die Gewitter sich legen, – und sehet, das Blitzen hat aufgehört und der Wind hat sich gelegt! Aber jetzt sehet rings umher, und ihr werdet so manches ersehen, das eure Aufmerksamkeit erregen wird!“
GEJ|8|142|7|0|Hier sahen sich die Anwesenden nach allen Richtungen um und zählten in allem etliche zwanzig Brände, darunter einen Waldbrand, der sich ganz besonders verheerend zeigte; er wütete in einem großen Bergwald hinter Emmaus und gehörte einem Jerusalemer Geizhalse, der noch nie einem Armen ein dürres Reis zum Geschenke gemacht hatte. Das wußten die Anwesenden und lobten den Herrn, daß Er einmal den argen Geizhals mit der Zuchtrute ereilt hatte. Es war aber auch südöstlich von Jerusalem ein starker Brand zu sehen, und Lazarus fragte den Raphael, wen wohl jener Brand am meisten treffe und schädige.
GEJ|8|142|8|0|Sagte Raphael: „Das ist eine Ortschaft, die zum größten Teile eben dem Geizhalse gehört, dem der brennende Wald gehört. Er hat aber alles um ein kaum erschwingbares Geld an arme Pächter hintangegeben. Diese sind denn, um ihren Pachtherrn zu befriedigen, auch genötigt, ihre Nachbarn zu betrügen, und lassen mit ihren Töchtern um Geld und allerlei andere Geschenke allerlei Hurerei treiben, wodurch jene Ortschaft zu einem wahren Sodom herabgesunken ist, und das in dem kurzen Zeitraume von kaum zwanzig Jahren, und das alles infolge des Gebarens eines reichen Geizhalses. Daß solch eine Ortschaft denn doch auch einmal eine Züchtigung überkommt, das wird von euch wohl sicher niemand für unbillig finden?“
GEJ|8|142|9|0|Sagte Lazarus: „Was der Herr tut, ist wohlgetan! Jenem Geizhalse, den ich nur zu gut kenne, habe ich selbst schon mehrere Male eine rechte Strafe für seine himmelschreienden Ungerechtigkeiten, die er zumeist an armen Menschen begangen hat, über den Hals gewünscht, und nun ist über sein frevelhaftes Treiben auch dem Herrn einmal Seine große Geduld ausgegangen, – und darum Ihm allein alles Lob! In jener Ortschaft gibt es freilich wohl auch noch etliche wenige, die ihre Knie vor Gog und Magog noch nicht gebeugt haben, – aber die wird der Herr auch sicher beschirmen!“
GEJ|8|142|10|0|Sagte Raphael: „Das kannst du dir wohl vorstellen, und sie werden nach dem Brande bald besser stehen, als sie je zuvor gestanden sind.“
GEJ|8|142|11|0|Weiter südlich war auch eine starke Feuerröte ersichtlich, und der Wirt bei Bethlehem sagte, den Raphael fragend: „O du alles wissender Freund, was wird wohl dort durchs Feuer zerstört? Bethlehem etwa doch nicht?“
GEJ|8|142|12|0|Sagte Raphael: „O nein, es ist ein Dorf der Griechen und der Sadduzäer, die mit den Schweinen einen betrügerischen Handel treiben und dabei die Menschen von Gott ganz abwegig machen durch ihre Beredsamkeit! Und da sie diese Sache nun zu bunt zu treiben angefangen haben, um die Ausbreitung der Lehre des Herrn zu hindern und sie bei den Weltmenschen möglichst zu verdächtigen, so hat ihnen nun auch der Herr bei dieser Gelegenheit einen Riegel vorgeschoben. Sie werden nun auf Jahre lang zu tun haben, um sich wieder aus dem Unglück zu erheben, und werden nun nicht Zeit haben, daran zu denken, wie sie die Ausbreitung der Lehre des Herrn behindern möchten. Sieh, mein Freund, so stehen die Sachen nun dort, und ich meine, daß denn auch jenen gottesleugnerischen Wucherern kein Unrecht geschieht!“
GEJ|8|142|13|0|Sagte der Wirt: „Oh, sicher nicht, und dem Herrn nun wieder alles Lob darum, daß Er über jene mir wohlbekannten Gottesleugner ein solches Ungemach hat kommen lassen, – denn die haben das auch schon lange verdient; und so werden auch die andern kleinen Brände, die wir von hier aus ersehen, nicht ohne Zulassung vom Herrn entstanden sein!“
GEJ|8|142|14|0|Sagte Raphael: „Allerdings; darum ängstiget euch nicht! Seht aber nun die Äste der Bäume und das Gras auf der Erde an!“
GEJ|8|142|15|0|Alle besahen nun die Äste der Bäume und das Gras, und alles glänzte wie faules Holz in einem Walde; auch die Haare auf den Häuptern schimmerten stark. Da ward es den Anwesenden unheimlich zumute, und sie fingen an zu fragen, was das sei.
GEJ|8|142|16|0|Raphael aber sagte: „Nun gehen wir wieder ins Haus, und ich werde euch im Saale den Grund dieser Erscheinung erklären!“
GEJ|8|142|17|0|Darauf begaben sich alle wieder ins Haus.
GEJ|8|142|18|0|Als die mit dem Raphael Hinausgegangenen und nun wieder in den Saal Zurückgekehrten ihre Plätze wieder eingenommen hatten, da fragte der Hauptmann alsbald den Raphael, was das Leuchten der Bäume, des Grases und sogar der Menschenhaare denn doch bedeuten möge dem wahren Grunde nach.
GEJ|8|142|19|0|Und Raphael, der auch seinen alten Platz eingenommen hatte, sagte: „Liebe Freunde, es wäre für dieser Sache Erklärung zwar morgen auch noch Zeit, aber da ihr denn schon gar so wißbegierig seid, so kann ich euch das denn auch jetzt erklären! Doch ich sage es euch, daß daran nicht gar so viel liegt, wie ihr es euch nun der Erscheinlichkeit nach vorstellt, und es hängt von dem völlig richtigen Erkennen dieser und anderer ähnlicher Erscheinungen das Heil der Seele nicht ab; aber weil sich aus Unkenntnis von derlei Erscheinungen leicht allerlei finsterer Aberglaube gestaltet, so bin ich denn doch gewisserart genötigt, euch auch diese Erscheinung vom rechten Standpunkte aus begreiflich zu machen.
GEJ|8|142|20|0|Bevor ihr aber diese Erscheinung erstens nur vom natürlichen Standpunkte aus verstehen könnet, ist es notwendig, euch zuvor die Sache des Blitzes begreiflich zu machen, auf daß besonders ihr Römer nicht noch neben der Lehre des Herrn an den fabelhaften Blitzefabrikanten Vulkan und an dessen Ausspender Jupiter denket. Und so habet denn wohl acht darauf, was ich euch nun zeigen und erklären werde!“
GEJ|8|143|1|1|143. — Das Wesen der Elektrizität
GEJ|8|143|1|0|Hier stand Raphael auf, ging vor die Türe, wo mehrere Hauskatzen auf eine Maus lauerten, nahm eine zu sich und brachte sie in den Saal.
GEJ|8|143|2|0|Da stellte er sie auf den Tisch und sagte zum Hauptmanne (Raphael): „Siehe diese ganz zahme Katze an, deren Haare auch noch den gewissen Schimmer haben! Nimm sie hin, und streiche sie vom Schweife bis zum Kopfe, und wir werden bei dem nun schon schwach gewordenen Lampenlichte sogleich eine Erscheinung bemerken, die euch auffallen wird!“
GEJ|8|143|3|0|Der Hauptmann tat das, und es fingen, besonders in dieser noch höchst elektrizitätsschwangeren Luft, eine Menge blitzheller Funken vom Rücken der Katze ordentlich knisternd zu springen an.
GEJ|8|143|4|0|Da sagte ein Jünger des Johannes, der noch so manchen alten Brocken Aberglauben geheim in seinem Herzen barg: „Ja, ja, da sieht man, und die Alten hatten recht, zu behaupten, daß eine alte Katze den Teufel im Leibe hat!“
GEJ|8|143|5|0|Raphael aber sagte: „O nein Freund, das sieht man hier wahrlich nicht; aber aus deinen Worten erkennt man, daß du, obwohl ein Jünger des Johannes, für dich doch noch nicht alles Aberglaubens ledig geworden bist! Die gleiche Erscheinung könnte ich dir auch bei andern Tieren und sogar an deinem Kopfe zeigen, und du wirst doch nicht etwa darum behaupten wollen, daß du auch einen Teufel im Leibe hast?“
GEJ|8|143|6|0|Sagte der Jünger: „Das glaube und hoffe ich auch nicht; aber woher rührt denn dann das Funkensprühen aus dem Rücken der Katze?“
GEJ|8|143|7|0|Sagte Raphael: „Wärest du mit deiner altabergläubischen Rede mir nicht ins Wort gefallen, so hätte ich die Sache nun schon zur Hälfte erklärt. So aber muß ich mit der Weitererklärung erst jetzt fortzufahren anfangen, und daher heißt es Geduld haben; denn auf einen Axthieb fällt kein Baum, außer er wäre von der Stärke eines Strohhalmes nur.
GEJ|8|143|8|0|Seht, diese Funken kommen nicht etwa aus dem Leibe der Katze zum Vorschein, sondern nur von der Oberfläche ihrer Haare, an welcher sich das luftnaturgeistige Feuer gewisserart gern anklebt, um für euch in dieser Richtung verständlich zu reden. Dieses luftnaturgeistige Feuer wollen wir das sonst schlummernde, aber durch gewisse Umstände leicht wachzurufende, in die wirkende Erscheinlichkeit tretende und den alten Ägyptern, Phöniziern und Griechen wohlbekannte Elektron oder elektrisches Feuer nennen.
GEJ|8|143|9|0|Dieses Feuer ist das eigentliche Lebenselement der Luft, durch das aus ihr am Ende die ganze Erde selbst und alles, was auf ihr und in ihr ist, lebt und sich zu Wesen gestaltet, sein natürliches Leben erhält sowie auch dessen Hauptnahrung. Doch in der gewissen Ruhe der Luft, des Wassers, der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere und der Menschen entwickelt es sich nicht, sondern ruht auch so untätig mit, und solch eine elektrische Ruhe könnte man füglich den Tod der Materie nennen.
GEJ|8|143|10|0|Dieses Feuer erfüllt aber den ganzen endlosen Schöpfungsraum Gottes und macht in seiner völligen Ruhe den Äther aus, in dem alle die zahllosen großen Weltkörper herumschwimmen, wie allenfalls die Fische im Wasser. Würden die Weltkörper in dem endlos großen Schöpfungs- und somit Ätherraume irgend auf einem Punkte ohne alle Bewegung weder nach vor- noch nach rückwärts, also in voller Ruhe stehenbleiben, so würden sie bald wie ein toter Leichnam verkümmern, vermodern und sich ganz auflösen und in den ruhigen Äther übergehen. Darum aber hat schon der Schöpfer mit Seiner Weisheit und Macht dafür wohl gesorgt, daß alle die zahllos vielen Weltkörper sich in einer steten und sehr vielfachen Bewegung im großen Ätherraume befinden, denselben fort und fort im hohen Grade beunruhigen und somit zur tätigen Erwachung nötigen.
GEJ|8|143|11|0|Um euch aber das große Wie klar darzustellen, würde uns hier zuviel Zeit rauben, und ihr könnet das alles, genauest erklärt vom Herrn Selbst, von allen Seinen Jüngern vernehmen, die allein in die großen Schöpfungsgeheimnisse eingeweiht sind. Wir wollen uns denn nur bei dieser unserer Erde so im allgemeinen ein wenig näher umsehen!
GEJ|8|143|12|0|Sehet, diese atmosphärische Luft, in der wir hier atmen und naturmäßig dem Leibe nach leben, reicht über die feste Oberfläche der Erde nach eurem Denken in die Höhe nur etliche Stunden Weges weit hinaus! Auf dieser Luftoberfläche ruht dann schon der gewisserart tote und somit ganz widerstandslose Äther.
GEJ|8|143|13|0|Die Erde aber, um ganz wahr und richtig zu reden und nicht nach der alten, höchst unrichtigen Art der alten und blinden Astrologen und Astronomen und Jahresrechner zu denken, bewegt sich in – sage – 365 Tagen und einer kleinen Zeit darüber um die große Sonne, und dazu noch in etwa 24 Stunden und etwas Kleines darüber um ihre gewisserart eigene Mittelpunktachse, was euch die Jünger auch alles noch näher erklären werden; denn nun genügt es, daß ich euch nur auf die sehr rasche Bewegung der Erde in ihrer weiten Bahn um die Sonne aufmerksam mache. Wenn ihr das nun mit eurem Verstande auch noch nicht einsehen könnet, so könnet ihr es mir aber vorderhand doch glauben, daß sich die Erde, durchschnittlich angenommen, in einer Stunde Zeit wohl bei 5760 Stunden Weges in der weiten Kreisbahn vorwärtsbewegt und dazu auch noch um ihre eigene Achse, besonders am Äquator, den ihr die glühende Sonnenlinie nennet, in einer Stunde Zeit eine Vorrückung von ungefähr 474 Stunden Weges macht.
GEJ|8|143|14|0|Ihr könnet aus diesen euch nun angegebenen Bewegungsraschheiten der Erde schon ersehen, daß allein dadurch die um die Erde ruhenden Äthergeister schon in eine ganz bedeutende Unruhe und aus ihr hervorgehende Tätigkeit versetzt werden. Dadurch wird die die Erde umgebende Luft zunächst von ihnen fort und fort gesättigt, und durch die Luft dann die ganze feste Erde selbst und alles, was auf ihr ist.
GEJ|8|143|15|0|Zu den beiden euch gezeigten Bewegungen gesellt sich noch die noch um gar vieles raschere Bewegung des Lichtstrahles aus der Sonne, durch die die Äthergeister auch im hohen Grade beunruhigt und in großen Massen zur Erde herabgetrieben werden. Dadurch geschieht es aber, daß besonders in manchen Frühjahrs-, Sommer- und Herbsttagen die Luft der Erde zu sehr gesättigt wird, und durch sie auch die Erde und mit ihr ihre Bewohner. In solchen Tagen wird es dann gewöhnlich schwül, und Menschen, Tiere und Pflanzen fühlen eine Abmattung, werden träge und sehnen sich mehr nach Ruhe denn nach irgendeiner Tätigkeit.
GEJ|8|143|16|0|Und sehet, dieses Gefühl rührt eben von den schon in einem großen Maße vorhandenen Äthergeistern in der Luft und in der Erde her, weil, wie schon gezeigt, diese Geister den ewig gleich vorwiegenden Hang zur förmlichen Todruhe haben, obschon sie in sich nicht tot sind!
GEJ|8|143|17|0|Durch solche genötigte Anhäufung aber fangen diese besagten Äthergeister stets mehr und mehr an, einen sie belästigenden Druck zu fühlen, und fangen darum auch an, sich zu regen, um sich des Druckes zu entledigen, um sodann wieder zu ihrer süßen und behaglichen Ruhe zu gelangen. Dieses Regen gibt sich durch die Winde zuerst kund, welche dann um so heftiger werden, wenn der gewisserart übersättigte Erdkörper seine inneren, noch ungegorenen Naturäthergeister herauf auf die Oberfläche der Erde und in deren niederere Luftschichten zu treiben anfängt.
GEJ|8|143|18|0|Aus dieser Durcheinandermengung der oberen und unteren Äthergeister in der Erdluft entstehen dann stets dichtere Nebel und Wolken; deren zunehmende Schwere belästigt die Äthergeister noch stets mehr, und diese fangen an, dahin einen Ausweg zu suchen und zu nehmen, wo sie den geringsten Widerstand finden, und diese Flucht der stets mehr gedrückten Äthergeister, die sich in ihrer Gedrücktheit denn auch mit den schon dichteren Geistern der Erdluft gewisserart unwillkürlich verbinden, erzeugen den heftigsten Sturmwind, der durch seine fortströmende Gewalt Bäume und Häuser zerstört und das Meer zu berghohen Wogen aufwühlt.
GEJ|8|143|19|0|Wenn aber trotz solcher Flucht die beschriebenen Äthergeister sich in einem Hintergrunde einer Erdgegend noch gleichfort mehr und mehr anhäufen, was ihr durch das stets Schwärzer- und Dichterwerden der Wolken wohl merken könnet, so wird ihnen solch ein Druck unerträglich, und sie gehen dann in einer Art Grimmwut aus ihrer Trägheit plötzlich in die größte Tätigkeit über, und diese ihre größte Tätigkeit ist dann das zerstörende Feuer des Blitzes, der nahezu mit der Schnelligkeit des Gedankens aus der ihm zu lästigen Wolke weit hinfährt mit einem großen Getöse und alles, was ihm in den Weg tritt, mit unwiderstehlicher Gewalt zerstört. Die Erd- und Luftgeister aber werden bei dieser Gelegenheit wie durch gewaltigste Stöße derart aneinandergedrängt, daß sie sich notgedrungen ergreifen müssen, dichter und dichter und materiell schwer werden und entweder als ein starker Regen oder, wenn es sehr grimmig zugeht, auch als Hagel zur Erde fallen.
GEJ|8|143|20|0|So aber die reinen Äthergeister, wie es ehedem der Fall war, durch die unreinen Erdäthergeister weithin zu sehr beleidigt werden, so steigern sie ihre Tätigkeit auch bis auf den höchsten Kulminationspunkt. In diesem Falle zerstören sie die Erdäther- und Luftgeister durch ihre allgemeine Feuertätigkeit, und es kommt da bei solchen selteneren Gelegenheiten weder ein Regen noch ein Hagelfall zum Vorschein.“
GEJ|8|144|1|1|144. — Wettererscheinungen und deren Ursache
GEJ|8|144|1|0|(Raphael): „Das Elektron ist demnach, klar dargetan, nichts anderes als zuerst die durch einen Druck und durch ein Reiben gestörte Ruhe und dann als zweites die erregte Tätigkeit der Äthergeister, die als ein zum Teil rein geistiger und zum Teil auch als der natürliche Licht- und Lebensstoff in der Erdluft, in dem ganzen Erdkörper selbst und dadurch auch in allem, was er trägt und hervorbringt, enthalten sind und sich erst dann auf eine auffallende Art zu äußern anfangen, wenn sie irgend auf die obbeschriebene Art beleidigt werden.
GEJ|8|144|2|0|Wenn ihr denn zwei Hölzer nehmet und sie heftig aneinander zu reiben anfanget, so werden die besagten Geister, die zum Teil im Holze selbst stecken und zum Teil durch die das Holz umlagernde Erdluft auch mit ihr dasselbe umgeben, offenbar beleidigt, aus ihrer Ruhe gebracht und dadurch zu ihrer stets gleichen Tätigkeit erregt, und ihr werdet am zu stark geriebenen Holze nur zu bald ihrer Gegenwart und Tätigkeit durch das Glühendwerden und endliche Verbrennen des Holzes gewahr werden.
GEJ|8|144|3|0|Ist aber einmal ein bedeutender Teil der Äthergeister tätig geworden, so werden dadurch auch die ehedem noch ruhigen Geister mit erregt und tätig, und durch diese Tätigkeit wird dann das ganze Stück Holz zerstört; und leget ihr dann auch ungeriebenes Holz dazu, so werden dessen Geister auch tätig und zerstören es, und je reichhaltiger ein Holz an derlei Geistern ist – was beim Harzholze der Fall ist –, desto eher und schneller wird es zerstört.
GEJ|8|144|4|0|Da habe ich euch nun einmal schon ein handgreifliches Beispiel von dem gezeigt, was das eigentliche Elektron ist. Gehen wir aber nun weiter!
GEJ|8|144|5|0|Nehmen wir zwei harte Steine und reiben diese recht gewaltig aneinander, und ihr werdet sogleich eine Menge Funken mit großer Schnelligkeit und Lebhaftigkeit aus denselben weit hintanspringend ersehen. Was anderes sind wieder diese Funken als die in den und um die Steine vorhandenen beleidigten und dadurch tätig gewordenen Äthergeister! Heftig aneinandergeriebene Metalle von sehr harter Beschaffenheit werden euch dieselbe Erscheinung fühlen und sehen lassen.
GEJ|8|144|6|0|So zwei Winde mit großer Heftigkeit aneinanderzustoßen anfangen, was in solchen Gegenden, wo es hohe und steile Felsgebirge gibt, leicht geschehen kann, weil da der Wind leicht an den harten Wänden abprallt und dadurch mit großer Heftigkeit gegen sich selbst zu wüten anfängt, da werdet ihr auch bald eine Menge Feuererscheinungen entdecken. Ist die Heftigkeit minder groß, nun, so gleicht sich das mehr aus, und ihr werdet dann und wann da, wo ein heftigerer Zusammenstoß geschah, einen Blitz aus dem Winde zucken sehen und hier und da einen Windwirbel entdecken, der mit großer Leichtigkeit einen oder auch mehrere starke Bäume entwurzeln wird. Erreicht aber ein solcher sich selbst bekämpfender Wind die möglich höchste Heftigkeit auf irgendeinem günstigen Punkte einer dazu geeigneten Gegend, dann entzünden sich durch die Tätigkeit sämtliche darin anwesenden Äthergeister, und eine früher beschriebene Windwirbelsäule wird dann zu einer alles verheerenden Feuerwirbelsäule, vor deren Gewalt dann die mächtigsten Bäume, feste Burgen und sogar Felsen erbeben und ihr zertrümmert weichen müssen.
GEJ|8|144|7|0|Was ist da eine solche verheerende Feuerwirbelsäule? Wieder nichts anderes als unser Elektron oder die Tatäußerung der in ihrer Ruhe zu sehr gestörten Äthergeister. Diese auf die höchste Weise tätig gewordenen Äthergeister ziehen dann auch alsbald aus der weiten Umgegend von hoch und nach allen Richtungen breit gedehnt ihresgleichen herbei, die ihnen gewisserart zu Hilfe eilen, und richten gewöhnlich oft eine so arge Verwüstung in einer Erdgegend an, daß ihre Spuren dann oft viele Jahre, ja hie und da wohl durch viele Jahrhunderte noch wohlersichtlich und bemerkbar sind.
GEJ|8|144|8|0|Kommt ein solcher Windkampf auf dem Meere, am ehesten in der Nähe einer Küste vor, so wird durch den Windwirbel natürlich auch das leicht mitbewegbare Wasser in Mitleidenschaft gezogen, und es entstehen dadurch die sogenannten Wassersäulen, vor denen sich ein jeder Schiffer zu hüten hat; denn geriete ein Schiff in solch eine Säule, so würde es ohne Rettung zugrunde gerichtet werden. In den heißzonigen Gegenden der Erde kommen oft auch Feuerwirbelsäulen über dem Meere vor, vor denen sich ein jeder Schiffer noch mehr zu hüten hat.
GEJ|8|144|9|0|Wir haben nun in den mehreren von euch auf der Erde schon erlebten und gesehenen Erscheinungen abermals gewahrt, wodurch sie hervorgebracht und bewirkt werden, was ihr Grund ist, und was sie eigentlich der Wahrheit nach in sich selbst sind. Aber wir wollen zur größeren Klärung eures Verstandes diese Sache noch weiter verfolgen und ausbeuten, denn der Hauptgrundsatz der Lehre des Herrn an alle Menschen dieser Erde und auch für alle Geister und Himmel für ewig gültig lautet: Nur die reinste Wahrheit in allen Dingen kann und wird euch frei und lebendig machen! Da aber derlei Erscheinungen auf dieser Erde notwendig unter allerlei Formen und Gestalten und somit auch unter allerlei Wirkungen und Nachwirkungen in Erscheinlichkeit treten und die blinden Menschen in allerlei falsche Mutmaßungen über den Grund und somit auch in allerlei Aberglauben versetzen, so ist es denn auch sicher gut, daß der Mensch neben der Erkenntnis und Annahme des göttlichen Willens auch die Erscheinungen, die ihm auf der Erde oft begegnen, vom Standpunkte der Wahrheit und nicht der finsteren Menschenfaselei beurteilen und erkennen kann.“
GEJ|8|145|1|1|145. — Elektrische Erscheinungen
GEJ|8|145|1|0|(Raphael:) „Wir haben zuerst gesehen, wie aus dem Rücken unserer Katze nach einigen gegen ihren Kopf geführten Strichen hervorsprühende Funken ersichtlich geworden sind. Waren etwa das auch beleidigte Äthergeister, die sich etwa an die Haare des Rückens der Katze gewissermaßen angeklebt hatten? Ja, sage ich euch, also ist es! Das Haar einer Katze ist sehr glatt und hat keine Unebenheiten, ist aber so wie eine jede andere Materie von der Luft und somit auch von den in ihr ruhenden und sicher vorhandenen Äthergeistern umlagert, und das gegen den Kopf hin darum reichhaltiger, weil die Haare da, besonders am Rücken, dichter werden als gegen den Schweif.
GEJ|8|145|2|0|Streicht man nun das Tier vom Kopfe gegen den Schweif hin, so verteilt man die gegen den Kopf hin stets reichlicher vorhandenen Äthergeister in die weniger reichlich damit versehene Gegend. Es geschieht dadurch mehr eine Begleichung als eine eigentliche Beleidigung der gewissen Geister, und die Tätigkeitsäußerung derselben unterbleibt oder wird wenigstens nicht ersichtlich; im Gegenteil aber vermehrt man beim Streichen oder Reiben gegen den Kopf zu die bekannten Geister, beleidigt sie dadurch in einem gewissen Grade, und sie lassen alsbald ihr Vorhandensein durch ihre Tätigkeit merken.
GEJ|8|145|3|0|Glatte Flächen, besonders von sehr harten Edelsteinen und vom Glas, das schon die alten Phönizier, die Philister und die Ägypter aus den Kieselsteinen zu bereiten verstanden haben, sind ganz besonders geeignet, die Äthergeister zur Äußerung ihrer Gegenwart zu nötigen, so man eben solche Flächen selbst nur mit trockenen Händen zu reiben anfängt. Und das auf diese Weise erzeugte Feuer ist wieder nichts anderes als das von mir euch beschriebene Elektron.
GEJ|8|145|4|0|Weiter ist das Verbrennen des Holzes, des Strohs, der Öle, der Harze, der Naphtha, des Schwefels und aller brennbaren Stoffe nichts anderes als ein Akt des Elektrons. Das Erglühen und Schmelzen und sogar mögliche Verbrennen der Metalle und aller Mineralien geschieht auf demselben Wege nach den steigenden Graden der Tätigkeit der in ihrer Ruhe gestörten Äthergeister. Wenn diese kontinuierlich in eine solche Tätigkeit gebracht werden, wie sich ihre Tätigkeit in einem Blitze bekundet, dann zerstören sie alle Materie und lösen sie völlig in ihr ursprüngliches Äthergeisterelement auf. Aber beim Verbrennen des Holzes, des Öles und Harzes erreichen sie niemals solch einen höchsten Tätigkeitsgrad, weil sie dabei stets in einen ihre Tätigkeit hindernden Kampf mit den gröberen, in der Materie gefesselten Naturgeistern treten.
GEJ|8|145|5|0|Wenn aber beim Akt des Verbrennens ihnen durch ein starkes Zuströmen der Luft immer größere Massen der Äthergeister gewisserart zu Hilfe kommen, dann wird auch die Hitze des Holz- und Kohlenfeuers um ein bedeutendes erhöht und kann auch die noch starreren Naturgeister in der Materie der Metalle und Steine in Tätigkeit versetzen, welche Tätigkeit dann gewöhnlich ihr Erglühen, Schmelzen, auch Verbrennen und möglich auch ihr gänzliches Auflösen bewirken kann.
GEJ|8|145|6|0|Das Wasser selbst hat in großer Menge der nun schon vielfach euch erklärten Äthergeister in sich. Es besteht als Stoff aus überaus kleinen runden Bläschen, in denen sich die eigentlichen Äthergeister eingeschlossen befinden. Weil diese Bläschen, als höchst rund und glatt, einander weniger drücken, da sie als höchst leicht verschiebbar sich gegenseitig in einem fort ausweichen, so verhalten sich die Äthergeister im Wasser auch gewöhnlich ruhig. Aber es darf das Wasser nur in einem Gefäße zum Feuer gesetzt werden, so wird es bald unruhig werden; denn die Äthergeister im Wasser werden durch die Außentätigkeit der ihnen ebenbürtigen Äthergeister erregt, fangen an, mit stets größerer Heftigkeit die eigentlichen Wasserstoffbläschen durcheinanderzutreiben und auszudehnen, und viele verlassen beim Zerplatzen der zu sehr ausgedehnten Wasserstoffbläschen ihr Wohnelement und entweichen und vereinigen sich mit den freien Äthergeistern entweder in der Erdluft, oder sie steigen gar durch die ganze Luftschicht bis zu ihren Urverwandten schnell in die Höhe.
GEJ|8|145|7|0|Daß sonach das Sieden und Verdampfen des Wassers bis auf den letzten Tropfen auch ein, um nach diesweltlicher Weise zu sprechen, elektrischer Akt ist, werdet ihr aus dem nun Gesagten wohl auch so ziemlich leicht begreifen können, und noch klarer aber wird euch das, so ich euch dabei noch auf einige Erscheinungen, die euch allen mehr oder weniger schon bekannt sind, aufmerksam mache.
GEJ|8|145|8|0|Wir wissen nun, daß die aus ihrer Ruhe gebrachten Äthergeister nur zu bald durch ihre Tätigwerdung die ihnen eigene unwiderstehliche Gewalt und Macht zu erkennen geben, und seht, das tun sie auch, so sie im Wasser durch eine stets zunehmende Außentätigkeit ihrer Gefährten, also durchs Feuer, beunruhigt werden. Wenn sie da in ihrer Aufwallung noch entweichen und sich in den Zustand der Ruhe versetzen können, so ist ihnen das natürlich lieber; aber setzt ihr in einem festverschlossenen Gefäße ein Wasser ans Feuer, so werden die im Wasser ruhenden Äthergeister es euch bald zeigen, welche Gewalt sie in sich haben, so sie tätig zu werden anfangen. Es wird nicht lange dauern, und wäre das Gefäß auch aus armdickem Eisen angefertigt, so wird es in Stücke zerrissen, und die Geister werden sich unter einem großen Knallgetöse frei machen und sich darauf in ihre angestammte Ruhe zurückziehen. – Da habt ihr schon ein erscheinliches Beispiel, aus dem ihr nun schon wieder und sicher noch klarer ersehen möget, daß auch im Wasser die Äthergeister daheim sind.
GEJ|8|145|9|0|Die reinen Äthergeister aber kann nichts so sehr in eine große Tätigkeit versetzen, als wenn die unreinen Naturgeister aus dem Innern des Erdkörpers in oft größeren Massen aufsteigen und sich mit den Luftgeistern gewisserart zu vereinen oder sich unter dieselben zu mengen anfangen, wie das soeben der Fall war. Da entsteht gleich ein großer Kampf, bei dem die unreinen Geister stets besiegt, aber dadurch auch gereinigt und fürs Leben der Pflanzen und Tiere nicht nur unschädlich, sondern sogar wohldienlich werden.
GEJ|8|145|10|0|Über dem festen Boden der Erde wüten bei solchen Gelegenheiten stets große Stürme, wie wir nun einen erlebt haben; geschieht aber eine solche massenhaftere Aufsteigung der unreinen Naturgeister irgendwo unter dem Meere, so werden dadurch die reinen Äthergeister im Wasser auch gleich höchst unruhig, und die Folge davon ist gewöhnlich der Springflutsturm, der für die Schiffer am gefährlichsten ist, weil dabei die Wogen oft zu ordentlichen Wasserbergen emporgehoben werden und selbst mit den größten, festesten Schiffen wie ein Sturmwind mit der Spreu ein arges Spiel treiben. Bei solchen Gelegenheiten werden die unreinen Geister sicher auch sehr gereinigt; aber es ist da für die Menschen eben nicht geheuer, sich dort auf dem Meere zu befinden, wo ein solcher Akt vor sich geht.
GEJ|8|145|11|0|Erfahrene Schiffer kennen das aus gewissen, solch einem Akte stets vorangehenden Warnungszeichen und begeben sich nicht in die Gefahr; sind sie aber schon auf dem Meere, so werden sie sich auch beeilen, sobald als möglich ein Ufer zu erreichen, und ist das nicht tunlich, sich doch dem hohen Meere anzuvertrauen.
GEJ|8|145|12|0|Nach einem solchen Sturme werdet ihr, so das Meer wieder ruhig geworden ist, auch die Oberfläche des Meeres, das Tauwerk des Schiffes, die Ruder und noch manches andere lichtschimmernd ersehen, so wie ihr ehedem draußen das Gras, die Bäume und sogar eure Haare leuchtend ersehen habt. Die Ursache davon ist natürlich wieder das euch nun schon zur Genüge erklärte Elektron; aber es stammt das nun nicht so sehr mehr von der besonderen Tätigkeit der Äthergeister, sondern vielmehr von den geläuterten, ehedem unreinen Naturgeistern aus dem Innern der Erde her, welche Geister sich auf diese Weise sichtbar den Pflanzen, Tieren, dem Wasser und der Luft wohldienlich zu erweisen anfangen. Die alten Naturweisen haben solchen Schimmer das Gegenelektron genannt.
GEJ|8|145|13|0|Und damit habe ich euch nun denn auch diese Erscheinung auf eine sicher begreifliche Weise erläutert, und ihr könnet dasselbe auch andern Menschen tun, damit der finstere und verderbliche Aberglaube bei den Menschen abnehme und verderbe; denn jeder Aberglaube ist wie ein tödliches Gift für die reine und die Seele allein belebende Wahrheit.“
GEJ|8|146|1|1|146. — Die Frage nach Raphaels Wesen
GEJ|8|146|1|0|(Raphael:) „Suchet daher die Menschen in allem der von euch erkannten Wahrheit nach wohl zu unterweisen, so werdet ihr das geistige Glaubensfeld wohl düngen, und der Same des Wortes Gottes wird da bald und leicht feste Wurzeln treiben, und der aus dem Samen emporkeimende Stamm wird sich zu einem wahren und kräftigen Lebensbaume entfalten!
GEJ|8|146|2|0|Nur Wahrheit und Licht in allen Dingen muß ein Mensch, der zum Leben des Gottesgeistes in sich dringen will, in sich lebendig und klar erfassen; denn jeder Schatten in der Seele kann sie auf Irrwege bringen, auf denen sie sich dann schwer zurechtfinden wird.
GEJ|8|146|3|0|So ihr aber den Menschen das Evangelium predigen werdet, da befreiet sie zuvor von dem verderblichen vielfachen Aberglauben, und sie werden dann bald der großen Segnungen des Wortes Gottes gewahr werden und zu euren Freunden werden!
GEJ|8|146|4|0|Nichts aber wird vom Herrn und allen Engeln der Himmel mit größerer Liebe und Segnung angesehen als eben die allgemeine, wahre Liebe und Freundschaft unter den Menschen; diese aber kann nur dann zu walten anfangen, wenn die Menschen sich in aller Wahrheit und im hellsten Lichte aus Gott entgegenkommen. Denn die reine Wahrheit befriedigt das Herz und macht es sanft und demütig und dadurch gegen jedermann freundlich und liebdienstlich beflissen, weich und barmherzig.
GEJ|8|146|5|0|Nehmet euch diese Worte wohl zu Gemüte und handelt danach, so werdet ihr viel Segen unter den Menschen verbreiten, und des Herrn Gnade wird in euch lebendig werden! – Habt ihr dies alles nun wohl aufgefaßt und begriffen?“
GEJ|8|146|6|0|Hier dankten alle dem Raphael und bejahten die Frage.
GEJ|8|146|7|0|Der Hauptmann aber, über die Weisheit Raphaels höchst erstaunt, sagte zu ihm: „O du holdester junger Freund, wie hast du wohl zu solch einer großen Weisheit gelangen können? Denn die Lehren, die du uns nun schon gegeben hast, und die Macht, die du besitzest, und die du uns auch schon auf eine mehrfache und wunderbarste Weise gezeigt hast, zeugen dahin, daß auch du offenbar mehr sein mußt als ein auf dieser Erde aus dem Leibe eines Weibes geborener Mensch. Sage es uns doch, ob nicht auch du so etwas von einem Gotte bist!“
GEJ|8|146|8|0|Sagte Raphael: „O allerdings, denn ein jeder Mensch, der nach dem Willen und nach der Ordnung Gottes lebt, hat die Lebensmacht und Kraft Gottes in sich, ist darum ein Kind Gottes und kann zu Gott ,Heiliger Vater‘ in aller Wahrheit und Klarheit rufen. Wer aber das tut und tun kann, der wird ja wohl auch so ein starkes Etwas von dem einen und allein wahren Gott in sich haben, nicht nur für diese Zeit, sondern für die Ewigkeit!
GEJ|8|146|9|0|Du staunest über mich, und ich sage es dir, daß nun schon mehrere Jünger des Herrn, so es nötig wäre, dasselbe zu leisten imstande wären, was ich vor euch geleistet habe. Ich bin darum nichts mehr und nichts weniger als ein Mensch, der in einer Zeit aus dem Leibe eines Weibes ist in die Welt geboren worden, aber nicht gestorben ist und auch nie sterben, sondern ewig fortleben wird, weil er in sich als ein reiner Geist ein Herr seines Lebens geworden ist, – was aber auch ihr alle werden könnet und auch werdet, so ihr nach der Lehre des Herrn leben und handeln werdet. Nun habe ich euch auch das, insoweit es für euch jetzt taugt, erklärt; ein Weiteres werdet ihr zur rechten Zeit schon noch erfahren.“
GEJ|8|146|10|0|Mit dem begnügten sich die Fragenden und fragten nicht weiter, wer Raphael noch wäre.
GEJ|8|146|11|0|Die zehn Hauptrömer aber, die da wohl wußten, was es mit dem Raphael für eine Bewandtnis hat, sagten nichts aus, da ihnen Raphael dahin einen Wink gegeben hatte, daß sie ihn nicht ruchbar machen sollten, da die Neulinge sich an einem reinen Geiste in ihrem Herzen gestoßen hätten und ihre Seele zu bald und für sie nicht heilsam den Glaubenszwang überkommen hätte.
GEJ|8|147|1|1|147. — Schnee und Eis
GEJ|8|147|1|0|Nach einer Weile fragte der Hauptmann abermals den Raphael, sagend: „Höre, du unser junger, allerholdester und hochverehrtester Freund, mir ist nun soeben noch etwas in Hinsicht auf die Wirkung des Elektrons eingefallen, und ich möchte es in Kürze von dir vernehmen, ob die Erscheinungen des Winters auch von der Tätigkeit der Äthergeister herrühren und wie.“
GEJ|8|147|2|0|Sagte darauf Raphael: „Allerdings! Im Winter, besonders in den mehr nördlichen Teilen der Erde, wie im gleichen auch in den tief südlichen Landen, Inseln und Meeren, fallen die Strahlen der Sonne stets schiefer auf die samt der atmosphärischen Luft kugelförmig runde Erde. Dadurch werden denn auch die Äthergeister auf der nördlichen und südlichen Erdhälfte gegen die Pole hin von den Strahlen der Sonne, die da offenbar schwächer werden, wie auch durch die geringer werdende Reibung der bis an den Äther hinaufreichenden Luft um vieles weniger denn im Mittelgürtel der Erde in ihrer Ruhe gestört. Dadurch aber werden sie denn auch untätiger und daher wirkungsloser.
GEJ|8|147|3|0|Solche Untätigkeit aber hat dann auch das zur Folge, daß die Luftgeister selbst untätiger werden und am Ende auch ganz ohne alle Regung wie erstarrt einander drücken würden, so in solchen Teilen der Erde nicht die inneren Erdgeister in größeren Massen aufstiegen und sie in ihrer Ruhe störten. Diese gewisserart ungeladenen Gäste verspüren die in der Luft vorhandenen Äthergeister und fangen an, zumeist dorthin flüchtig zu werden, wo es weniger Erdgeister gibt, und das geschieht nach der Richtung gegen den Mittelgürtel der Erde. Die flüchtigen Äthergeister nötigen bei solchen Gelegenheiten denn auch die ihnen verwandten Luftgeister zur Mitflucht, und es fangen daraus fürs Gefühl der Menschen, Tiere und Pflanzen eisigkalte Winde zu wehen an, die ihrer um vieles geringeren Tätigkeit wegen kalt sind; denn nur die erhöhte und vermehrte Tätigkeit erzeugt Wärme.
GEJ|8|147|4|0|Wenn sich die unreinen Geister in der Luft der Erde stets stärker und stärker mehren, so werden sich dadurch auch Dünste und Wolken stets in dichteren Massen zu bilden und zu zeigen anfangen, werden von den schon beschriebenen Winden mit fortgetragen und sehr gedrückt. Dadurch entsteht ein Kampf, bei dem die unreinen Geister in der Form des Schnees auf die Erde herabgeworfen und dabei auch gereinigt werden, und das oft in großen Massen. Das ist dann für den Erdboden wieder gut und dienlich, weil durch den Schnee die Erde gedüngt und ihre Fruchtbarkeit erhöht wird.
GEJ|8|147|5|0|Ich sehe aber in dir noch eine Frage, und die besteht darin, daß du als ein Hauptmann durch den Wissensdurst getrieben, von mir noch gerne erfahren möchtest, ob das Eis auf den Flüssen, Seen, Teichen und auch auf den Meeren auch durch die gewissen Geister erzeugt wird.
GEJ|8|147|6|0|Ganz sicher! Durch zu geringe Tätigkeit und durch ihren Trieb nach Ruhe werden sie enger aneinander, gewisserart wie gepreßt, ohne sich dabei irgend tätig zu regen; dadurch werden sie im Verein mit den Luftgeistern schwer, drücken auf die Geister des Wassers, die dadurch auch in eine völlige Untätigkeit übergehen, und diese völlige Untätigkeit ist hernach eben das, was sich dir am Wasser als Eis zeigt. Je weniger Tätigkeit in sich demnach die euch nun zur Genüge gezeigten Geister entwickeln, desto kälter muß es denn auch in den Gegenden werden, in denen den Geistern eine zu geringe Gelegenheit zur erhöhteren Tätigkeit geboten wird. Darum gefrieren im Winter denn auch rasch dahinfließende Ströme und Bäche um vieles schwerer als ganz ruhig stehende Gewässer, weil die gewissen Geister in ihnen notgedrungen tätiger sind als in den stehenden Gewässern.
GEJ|8|147|7|0|Siehe, Menschen und auch Tiere, so sie träge und untätig sind, kommen vor Wärme in keinen Schweiß, und in einer kalten Jahreszeit schon gar nicht; aber Menschen, die sich recht tätig herumtummeln, werden selbst im Winter noch an innerer Naturlebenswärme keinen Mangel haben. Die Trägheit in allem ist gewisserart der Tod und das Gericht eines jeden Wesens.
GEJ|8|147|8|0|Darum denn ermuntert auch eure Nebenmenschen zur Tätigkeit, denn in der Tätigkeit bildet sich das Leben, in der Trägheit aber der Tod. Mit dem habe ich euch nun auch in dieser Richtung ein gutes und wahres Licht gegeben; benützet es der Wahrheit gemäß, und es wird euch gute Früchte tragen!“
GEJ|8|147|9|0|Hierauf dankten wieder alle dem Raphael auch für diese Belehrung und priesen seine Weisheit, die ihm auch eigen sei in der Beleuchtung und gründlich klaren Darstellung aller früher von keinem Naturweisen nur annähernd der Wahrheit nach erkannten und erklärten Erscheinungen in der Naturwelt.
GEJ|8|147|10|0|Es konnten sich aber diese neuen Jünger von der Gestalt der Erde trotz der weisen Rede Raphaels dennoch keinen richtigen Begriff machen.
GEJ|8|147|11|0|Und der Hauptmann sagte darum zu Raphael: „Ich kann mir nun schon das meiste, über das du uns belehrt hast, recht gut vorstellen, da ich einsehe, wie die Geister oder die geheimen Naturkräfte überall beschaffen sind, und wie sie wirken; aber von der Gestalt der Erde fehlt mir noch eine richtige Vorstellung. Möchtest du mir nicht ein faßlicheres Bild von ihrer Gestalt und Beschaffenheit entwerfen?“
GEJ|8|147|12|0|Sagte Raphael: „Mein lieber Freund, mit Worten geht das wohl durchaus nicht, denn da könnte ich dir die Gestalt der Erde ein Jahr lang beschreiben, so hättest du noch keinen vollkommen richtigen Begriff von ihr; aber ich will euch Neulingen etwas anderes zu eurer helleren Aufklärung über die Gestalt der Erde tun, und zwar so ihr es wollt, das, was ich euch zur Erklärung des Fortlebens der Seele nach des Leibes Tode getan habe. Ihr werdet in solch einem erhöhten Sehzustande der Seele in wenigen Augenblicken die ganze Erde übersehen und euch dann sogestaltig den wahrsten Begriff von ihrer Gestalt selbst machen können.
GEJ|8|147|13|0|Wir werden aber dazu nicht des dritten Grades des inneren Seelen-Sehezustandes benötigen, sondern nur des zweiten, und ihr werdet die Erde ganz, wie sie ist, vom Nord- bis zum Südpol übersehen, und so ich euch aus solch einer Verzückung wieder wachrufen werde, da werde ich auch dafür sorgen, daß euch das Geschaute in der möglichst klaren Erinnerung bleiben wird. So ihr also das wollet, so will ich euch auch das tun.“
GEJ|8|147|14|0|Sagten alle: „Wir bitten dich darum, tue uns das!“
GEJ|8|147|15|0|Es traten aber auch die andern Römer auf und sagten: „Höre! Wir haben wohl zwar schon vom Herrn eine derartige und wundervolle mit Anschauung verbundene Erklärung über die Gestalt der Erde überkommen, daß wir sie vom Nord- bis zum Südpol und dem ganzen Umfange nach völlig genau kennen; aber wir meinen, daß es uns dennoch auch zum Nutzen dienen würde, so du uns nun auch mit den Neulingen in die Verzückung zögest, auf daß wir von dem Gesehenen mit in aller Wahrheit zeugen könnten! Wenn du das für gut findest, so tue auch uns den Gefallen!“
GEJ|8|147|16|0|Sagte Raphael: „Euch tut das zwar nicht mehr not; aber des größeren Zeugnisses halber kann ich euch solchen Gefallen ja auch mit erweisen, und so machet euch denn nun gefaßt darauf!“
GEJ|8|148|1|1|148. — Agrikolas Ermahnung zur Abreise
GEJ|8|148|1|0|Nach diesen Worten streckte Raphael seine Hände über sie, und sie sahen, wie von einer Höhe von mehreren hundert Stunden über der Erde sich befindend, die ganze Erde, nahmen auch ihre Drehung um ihre Polarachse wahr, übersahen alle Länder und Reiche, das Meer und die mit ewigem Schnee und Eis bedeckten Polargegenden und merkten auch der Erde runde Gestaltung, der auch die höchsten Berge keinen Eintrag machten.
GEJ|8|148|2|0|Diesmal aber ließ sie Raphael bei einer Stunde lang in dem hellsehenden Zustande, damit sie auch die Drehung der Erde entschiedener wahrnehmen konnten, wie auch die gegen den Äquator stets zunehmende Tätigkeit der Äther-, Luft- und aller reineren und gröberen Naturgeister, die sie in der Gestaltung von sehr kleinen, mehr oder weniger schimmernden Würmchen wahrnahmen. Daß sie auch alle andern Dinge, Sachen und Gegenstände auf der Erde nach allen Richtungen hin wohl ausnehmen konnten, versteht sich von selbst.
GEJ|8|148|3|0|Nach einer Stunde erweckte sie Raphael wieder in den natürlichen Zustand zurück, und alle dankten zuerst Mir, daß Ich so etwas zugelassen habe, und dann auch dem Raphael, daß er ihnen diese sie über die wahre Gestalt und Bewegung der Erde sowie auch über das Sein und Wirken der Naturgeister so klar und tief belehrende Wohltat erwiesen habe.
GEJ|8|148|4|0|Darauf fing aber auch gleich Hals über Kopf einer dem andern zu erzählen an, was er alles gesehen und wahrgenommen hatte, und ein jeder hatte darob eine große Freude, weil alles, was ein jeder gesehen und wahrgenommen hatte, bei allen genauest übereinstimmte, und die zehn Hauptrömer freuten sich auch darum noch mehr, weil das nun von neuem Gesehene und Wahrgenommene auch mit dem genauest übereinstimmte, was sie schon früher über das Wesen der Erde gehört und gesehen hatten.
GEJ|8|148|5|0|Das gegenseitige Erzählen und Wahrheitsbestätigen aber wollte nun schon nahe kein Ende nehmen und dauerte bis zum Tagesgrauen fort, während Ich und alle die andern noch fortschlummerten.
GEJ|8|148|6|0|Da ermannte sich Agrikola und sagte: „Meine Freunde und nun wahren Brüder durch die Gnade des Herrn! Der Tag unserer Abreise von hier ist im Anbrechen, und wir haben dafür noch so manches zu ordnen und zu besorgen. Wie sieht es mit unseren Dienern, mit den Lasttieren, mit unserem Reisegepäck aus? Wir sind nun schon nahe über zwölf Tage in dieser Gegend und haben uns in dieser Zeit aber auch nicht einmal darum bekümmert! Wir haben nun aber gar vieles mitzunehmen und werden deshalb auch eine viel größere Anzahl von Lasttieren vonnöten haben. Woher werden wir solche nehmen? Es ist nun im Ernste an der Zeit, daß wir dazu Vorkehrungen zu treffen anfangen.“
GEJ|8|148|7|0|Sagte Raphael: „Freunde, bis zur Stunde sind alle eure Sachen in bester Weise besorgt worden und werden auch bis zur Stunde eurer Abreise aufs beste und zweckdienlichste besorgt werden; darum kümmert euch auch jetzt nicht um das, um was ihr euch bis jetzt nicht zu kümmern nötig gehabt habt. Eure Diener und Knechte sind alle ohne euer Wissen und Wollen schon lange hier in Bethanien untergebracht, und so auch alles andere in der rechten Anzahl, denn der Herr wußte es sicher gar wohl, wessen ihr zu eurer Rückreise bedürfen werdet, und hat eben durch mich denn auch schon bestens dafür gesorgt. Darum könnet ihr in dieser weltlichen Hinsicht nun denn auch schon ganz ruhig sein!“
GEJ|8|148|8|0|Sagten die Römer: „O Freund, das wäre zu viel Gnade des Herrn für uns Heiden; aber weil sich alles schon also verhalten wird, wie du es uns nun gesagt hast, so ist es aber nun dennoch an uns schon hoch an der Zeit, mit unserem Gastwirt und Freunde Lazarus die Rechnung zu machen und ihm unsere große Schuld zu bezahlen!“
GEJ|8|148|9|0|Sagte nun Lazarus: „Freunde! Der für das eine gesorgt hat in Seiner großen Liebe und Erbarmung, der hat auch schon für das andere allerreichlichst gesorgt! Ihr werdet auf dem Wege in euer Heimatland noch eine Menge armer und notleidender Menschen hier und da treffen; denen könnet ihr Barmherzigkeit erweisen im rechten Maße. Und so habt ihr euch bis zur Stunde eurer Abreise von nun an um gar nichts mehr zu sorgen!“
GEJ|8|148|10|0|Sagte Agrikola ganz gerührt: „So geschieht hier doch ein Wunder der großen Liebe des Herrn ums andere, und wir großen und mächtigen Römer können Ihm nichts dagegen irgend Verdienstliches erweisen!“
GEJ|8|149|1|1|149. — Der Herr gibt Seine irdische Zukunft kund
GEJ|8|149|1|0|Hier erwachte Ich, richtete Mich auf und sagte: „So ihr an Mich glaubt und nach Meiner Lehre fortan lebt und handelt, so tut ihr Mir gegenüber alles, was da Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung wert ist. Ihr werdet aber in Meinem Namen noch gar vieles zu tun bekommen; werdet ihr alles aus Liebe zu Mir und zum Nächsten tun, was zu tun euch Mein Geist in euch beheißen wird, so werdet ihr dadurch Mir auch alles vergüten, was euch durch Meine Liebe und Gnade zuteil geworden ist.
GEJ|8|149|2|0|Was ihr euren armen Nebenmenschen Gutes tut, geistig und physisch, in Meinem Namen, das tut ihr Mir.
GEJ|8|149|3|0|Ihr nehmet nun auch die von Mir euch anvertraute Jugend und noch mehrere hiesige Arme aus Liebe zu Mir mit euch, die euch so manche irdischen Unkosten, Mühen und Sorgen bereiten werden, und sehet, das nehme Ich auch so an, als würdet ihr dasselbe Mir tun, und Ich werde euch dafür auch den Lohn im Himmel bereiten, und in dieser Welt werdet ihr keinen Schaden erleiden!
GEJ|8|149|4|0|So aber auch ihr, was in dieser Welt schon also zu sein und zu geschehen hat, von so manchen Prüfungen und Versuchungen heimgesucht werdet, so ertraget es in Geduld und werdet nicht unwillig, und sie werden euch zum Segen gereichen; denn welche Ich liebhabe, die prüfe ich auch und suche sie mit allerlei Proben heim.
GEJ|8|149|5|0|Ich habe euch schon auf dem Ölberge einmal zu verstehen gegeben, daß Ich in von nun an nicht gar ferner Zeit es Selbst zulassen werde, zum Gerichte der Frevler und zum Heile der Meinen, daß Mich eben die Frevler ergreifen und Meinen Leib töten werden, und das am Kreuze wie einen gemeinsten Verbrecher. So ihr davon hören werdet, da ärgert euch nicht über Mich, sondern bleibet im Glauben an Mich und in der Liebe zu Mir, und ihr werdet dadurch einen großen Teil haben an Meinem Werke der Erlösung der Menschen aus den alten und harten Banden und Fesseln der Nacht des Todes, der Sünde und Sklaverei des finsteren und den Tod bringenden Aberglaubens!
GEJ|8|149|6|0|Ich sage es euch und auch allen andern noch einmal, daß sich darob niemand ärgere und schwach werde im Glauben! Denn obschon dieser Mein Leib von den Frevlern wird getötet werden, so werde Ich aber dennoch schon am dritten Tage wieder den getöteten Leib beleben und werde auferstehen als ein ewiger Sieger über den Tod und über alles Gericht! Ich werde dann wieder zu euch kommen und werde euch geben die Kraft Meines Geistes und Willens in euch zu eurer eigenen Lebendigmachung und Beseligung für ewig!
GEJ|8|149|7|0|Ich sagte euch dieses darum nun schon zum zweiten Male und mit großer Bestimmtheit zum voraus, auf daß, so es geschehen wird, sich von euch niemand ärgere an Mir.
GEJ|8|149|8|0|Ich sage euch aber auch noch etwas, da ihr in euch nun also fragend denket: ,Ja, muß denn das also geschehen? Hat denn Er als der allweiseste und allmächtige Herr der Himmel und dieser Erde im Ernste kein anderes Mittel, um erstens die vielen Frevler zu bändigen, und zweitens, die an Ihn Gläubigen und Haltenden zu beseligen?‘
GEJ|8|149|9|0|Und sehet, das, was Ich euch darauf sage, besteht darin: Ich will es nicht, daß es also geschehe, und Ich hätte der Mittel und Wege, Meine Kinder auch ohne das, was da geschehen wird, zu erlösen und selig zu machen; aber die argen Menschen wollen es also, und darum lasse Ich es denn auch zu, daß es also geschehen möge, auf daß sich eben dadurch auch viele Frevler zur Reue, Buße und zum wahren Glauben an Mich bekehren mögen! Denn die Brut im Tempel sagt und schreit es ja in einem fort: ,Lasset uns ihn nur ergreifen und töten! Wenn er vom Grabe wieder auferstehen wird, dann wollen auch wir an ihn glauben!‘ Sie wollen also diese letzte Probe an Mir machen, und so sei es denn endlich auch einmal zugelassen. Es werden dadurch auch viele, die jetzt noch stockblind sind, sehend und an Mich gläubig werden; doch die Grundargen werden eben dadurch ihr Sündenmaß voll machen und fallen in ihr Gericht und in ihren ewigen Tod.
GEJ|8|149|10|0|Wenn Ich wieder aus dem Grabe erstehen werde, da werde Ich auch zu euch nach Rom kommen und euch selbst überzeugen von dem, was Ich nun zu euch geredet habe.“
GEJ|8|149|11|0|Hier fragte der Römer Markus, sagend: „Herr und Meister, bis wann von nun an wird solches an Dir geschehen?“
GEJ|8|149|12|0|Sagte Ich: „Bald! Eher noch, als ein Jahr um sein wird, werde Ich zu euch kommen und euch geben, was Ich euch verheißen habe. Aber nun wollen wir davon nichts Weiteres mehr verhandeln! Es fängt schon stark zu tagen an, und wir wollen den Morgen wieder im Freien zubringen!“
GEJ|8|149|13|0|Damit waren alle zufrieden und fingen an, sich mit Mir ins Freie auf den schon bekannten Hügel zu begeben.
GEJ|8|150|1|1|150. — Der Weg zur Einung mit dem Geiste und zur Wiedergeburt
GEJ|8|150|1|0|Als wir uns auf dem Hügel befanden bis auf einige Jünger, die der Schlaf noch gefangenhielt, da trat der Römer Markus zu Mir und sagte: „Herr, wirst auch Du heute diesen Ort verlassen? Und so Du ihn verlässest, möchtest Du es heute mir nicht bekanntgeben, wohin Du Dich wenden wirst, auf daß wir Römer es wüßten und Dir im Geiste um so leichter und bestimmter folgen könnten?“
GEJ|8|150|2|0|Sagte Ich: „Was den ersten Teil deiner Frage betrifft, so bin Ich da gleich einem Menschen, der viele Äcker hat und dafür sorgen muß, daß alle seine Äcker wohl bebaut werden. So er aber einen Acker einmal wohl bestellt hat, hieltest du ihn für weise, so er nun aus lauter Freude auf dem wohlbestellten Acker stehenbliebe und nicht daran dächte, daß er auch noch die andern Äcker zu bestellen hat? Siehe, Ich habe nun auch diesen Acker, den ihr alle darstellet, wohl bestellt und habe darob denn auch wahrlich eine rechte Freude!
GEJ|8|150|3|0|Aber nun heißt es auf einen andern, noch brachliegenden Acker übergehen und ihn auch wohl bebauen und bestellen. Und so werde auch Ich nach dem Morgenmahle Mich mit Meinen Jüngern von hier irgend weiter wohin begeben; doch das eigentliche Wohin sage Ich jetzt noch nicht, auf daß es bei Gelegenheit nicht jemandem aus dem Munde falle und Ich dann leichter vor der Zeit von Meinen vielen Feinden bald da- und bald dorthin verfolgt werden könnte, was Mich in Meiner Arbeit nur stören würde, weil Ich dabei stets für nichts und nichts mit Meinen Widersachern zu kämpfen hätte. Und es ist also ganz gut, daß nur Ich allein es weiß, wohin Ich Mich wenden will und werde; für jeden andern aber genügt es, daß er das erst nachderhand erfahre, wo Ich war, und was Ich alldort gewirkt habe.
GEJ|8|150|4|0|Ich will damit aber nicht behaupten, als könntet ihr Römer nicht verschlossenen Mundes sein; aber es gibt noch andere hier, die euch in dieser Tugend nicht gleichen, und es ist darum schon besser, daß Ich Selbst nicht der bin, der sich verrät. Muß denn nicht ein weiser Feldherr auch seine Kriegspläne manchmal sogar vor seinen nächsten Obersten und Hauptleuten verborgen halten, so er eine Schlacht gewinnen will? Und siehe, also tue es auch Ich! Darum machet euch nun nichts daraus, so Ich euch den irdischen Ort nicht näher angebe, den Ich besuchen werde; überall gibt es Römer und Griechen unter den Juden nun, diese werden euch dann schon bald die Nachrichten nachsenden, wo und was Ich weiter gelehrt und gewirkt habe.
GEJ|8|150|5|0|So ihr Mir aber im Geiste folgen wollet, da denket nur so recht lebendig über alles nach, was ihr von Mir vernommen und gesehen habt! Handelt und lebet im Geiste Meiner Lehre, welche die Worte des Lebens in sich birgt, so werdet ihr Mir dadurch wahrhaft und lebendig im Geiste folgen!“
GEJ|8|150|6|0|Als Markus solches von Mir vernahm, da war er mit diesem Bescheide denn auch ganz zufrieden, und auch alle die andern, und es fragte Mich dann keiner mehr, wohin Ich an diesem Tage die Reise mit den Jüngern machen werde.
GEJ|8|150|7|0|Darauf aber winkte Ich dem Raphael, daß er die Jugend versorgen und alles für die Abreise der Römer in Bereitschaft halten solle. Und Raphael verschwand auf diesen Wink augenblicklich aus Meiner Nähe. Das fiel den Neulingen schon wieder sehr auf, besonders dem Hauptmann von Bethlehem und seinen Gefährten.
GEJ|8|150|8|0|Der Hauptmann fragte Mich denn auch sogleich und sagte: „Hatte ich in der Nacht denn nicht recht, so ich den Jungen, der ein wahres lebendiges Wunder ist, für eine Art Gott hielt? Seine große Weisheit, seine Kraft und nun dieses urplötzliche Verschwinden bestätigen das doch auf eine kaum widerredbare Weise! Woher ist er denn, und wer sind dieses seltenen Jungen Eltern? Herr und Meister, darüber könntest Du uns wohl einen näheren Aufschluß geben, so Du das wolltest, und uns wäre das wahrlich sehr lieb!“
GEJ|8|150|9|0|Sagte Ich: „Das könnte Ich wohl, so es zu eurem Seelenheil unbedingt notwendig wäre; aber das ist es nicht, und so ist es vorderhand genug, daß ihr der Wahrheit nach von ihm selbst über sein Wesen das wisset, was er euch gesagt hat, als ihr ihn darum befragt habt. Glaubet ihr ihm nicht, der euch in dieser Nacht doch so manche Beweise seiner Wahrhaftigkeit gegeben hat, so würdet ihr am Ende auch über das, was Ich euch über ihn aussagen würde, die Achsel zucken und bei euch sagen: ,Ah, wie kann denn das sein?!‘ Darum behaltet Meine Lehre, glaubet an Mich und handelt danach, so werdet ihr auch bald hinter das Seinsgeheimnis Meines Raphael kommen!
GEJ|8|150|10|0|Viel wissen als noch ein purer Naturmensch beschwert Kopf und Herz; aber nach vielen edlen Handlungen viel des lebendigen Wahrheitslichtes in sein Inneres aufgenommen zu haben, das erheitert das Herz und erspart der Seele die mühsame Arbeit, oft fruchtlos im Gehirn ihres Leibeshauptes herumzuwühlen und das Wahre und Rechte doch nicht zu finden.
GEJ|8|150|11|0|Ich sage es euch: Im Geiste des Menschen liegen alle und – sage – endlos viele Wahrheiten verborgen! Suchet nur, daß ihr auf den euch nun schon bekannten Wegen zur vollen Einung mit dem Geiste in euch gelanget, dann werdet ihr nicht mehr nötig haben zu fragen, wer des Raphael Eltern seien oder waren; denn der Geist wird euch in alle Wahrheit leiten.
GEJ|8|150|12|0|Gehet hin in die Städte Ägyptens, und leset dort die ganze Zeit eures Erdenlebens alle die nahe zahllos vielen Bücher und Schriften mit allem Fleiße durch, und ihr werdet als außerordentliche Vielwisser wieder in euer Heimatland zurückkehren; aber deshalb wird euer innerer Geist noch lange nicht eins werden in euch, und ihr werdet nach der Durchlesung von vielen tausend Büchern und Schriften von dem Wesen Gottes, von eurem Geiste und von dem Fortleben der Seele ebensoviel wissen, wie ihr bis jetzt gewußt habt. Hier habt ihr in wenigen Stunden mehr gelernt und der vollsten Wahrheit nach erfahren, als euch alle Weisen der Welt hätten sagen und zeigen können.
GEJ|8|150|13|0|Darum bleibet nun auf diesem Wege, der euch allein zur lebendigen Wahrheit und Weisheit in allen Dingen führen kann, und forschet nicht zur Unzeit nach Dingen und ihren Verhältnissen, zu deren richtigen Erfassung und Ergreifung ihr noch lange nicht zur Genüge lebensreif seid; denn solch ein eitles Forschen hält die Seele nur auf, wahrhaft stets tiefer und tiefer in ihren eigenen Geist zu dringen!
GEJ|8|150|14|0|Suchet vor allem euer Lebensgefühl nach Meiner Lehre zu bilden und zu stärken, fühlet mit dem Armen seine Not und lindert sie nach euren Kräften und nach eurem Vermögen, tröstet die Traurigen, bekleidet die Nackten, speiset die Hungrigen, tränket die Durstigen, helfet, wo ihr könnet, den Kranken, erlöset die Gefangenen, und den Armen im Geiste prediget Mein Evangelium, – das wird bis in die Himmel erheben euer Gefühl, euer Gemüt, und eure Seele wird auf diesem wahrsten Lebenswege bald und leicht eins werden mit ihrem Geiste aus Gott und dadurch auch teilhaftig aller Seiner Weisheit und Macht! Und das wird doch sicher mehr sein als um vieles in der Welt zu wissen, aber dabei ein gefühlloser Mensch gegen seine Nebenmenschen zu sein und sich selbst durch sein zu wenig belebtes Gefühl das Zeugnis zu geben, daß man vom wahren Leben im Geiste noch sehr ferne steht!
GEJ|8|150|15|0|Ich sage es euch: Geist, der allein lebendige im Menschen, ist pur Liebe und ihr zartestes und ewig wohlwollendstes Gefühl. Wer demnach solche seine Liebe und deren zartestes und ewig wohlwollendstes Gefühl in seine eigenliebige Seele stets mehr und mehr aufzunehmen bemüht ist und in selben auch stets stärker, kräftiger, mutiger und gefügiger wird, der befördert dadurch die volle Einung des Geistes mit der Seele; und wird dann die Seele zu purer Liebe und Weisheit ihrem zartesten und wohlwollendsten Gefühle nach, so ist solch eine Seele denn auch schon vollends eins mit ihrem Geiste und ist dadurch denn auch im lebendigsten Besitze aller der wunderbaren Lebens- und Seinsfähigkeiten ihres Geistes, und das ist denn doch sicher mehr wert, als alle Schulen der Weltweisen der Erde durchgemacht zu haben, dabei aber ein strenger und gefühlloser Mensch zu verbleiben.
GEJ|8|150|16|0|Lasset daher vorderhand alles unnötige Forschen um den Stand der vielen Verhältnisse der Dinge und ihrer Erscheinungen, Ursachen und Wirkungen in der Welt, denn das bringt die Seele selbst in hundert Jahren ihrem wahren Lebensziele nicht um ein Haarbreit näher, weil sie dadurch zu keinem wahren, inneren Erkennen gelangen kann, sondern nur zu einem äußeren, oberflächlichen und stückweisen Wissen und blinden Mutmaßen, aus dem nie ein geordnetes und zusammenhängendes Wissen und Erkennen hervorgehen kann und die Seele sich darum in einem fortwährenden ängstlichen Suchen befindet, aus dem ihr wenig wahres Lebensheil erwächst.
GEJ|8|150|17|0|Was euch zur Tilgung des vielen Aberglaubens aus der Natur der Dinge dieser Welt zu wissen notwendig war, das hat man euch denn auch nicht vorenthalten, sondern hat es euch treu und wahr beschrieben und zum Zeugnisse der Wahrheit auch auf eine wunderbare Weise anschaulich gemacht. Und das genüge euch vorderhand! Das Weitere bis ins Unendliche aber suchet nun nur selbst auf dem euch klarst und wahrst gezeigten Wege zu erreichen und zu erwerben, und ihr werdet dann wahrlich nicht mehr zu fragen nötig haben, wer Raphael sei und wer seine Eltern! – Habt ihr das nun wohl verstanden?“
GEJ|8|151|1|1|151. — Die Hilfe des Herrn auf dem Weg zur Vollendung
GEJ|8|151|1|0|Sagte der Hauptmann: „Ich für meinen Teil bin nun schon ganz im klaren und meine, daß es auch die andern sein werden. Es ist das freilich wohl eine ganz neue Lebenslehre, die vor Dir noch keines Menschen Mund in solcher Klarheit ausgesprochen hat, obschon bei einigen mir bekannten alten Weisen darauf auch schon Anspielungen gemacht worden sind, die aber leider bei den Weltweisen selbst und noch weniger bei ihren Jüngern in eine lebendige Übung übergegangen sind und somit auch erfolglos bleiben mußten. Aber hier verhält sich die Sache ja himmelhoch anders! Denn da trittst Du als ein Meister alles materiellen und geistigen Seins und Lebens unzweifelhaft auf und lehrest uns solches klar, was sonst so manche Weltweisen nur so im Vorbeigehen unklar und sehr verworren berührt haben; und so muß denn auch alles, was Du uns hier gelehrt und gezeigt hast, wahr sein, und wer sich nach solcher Deiner Lehre richten wird, der wird auch das allzeit und sicher erreichen müssen, was Du uns als eine lebendig wahre Folge davon verheißen und best erklärt versprochen hast, und wir alle werden darum auch nicht säumen, Deine Lehre ins Werk umzugestalten.
GEJ|8|151|2|0|Es ist damit aber freilich eben keine kleine Sache, und die Erfüllung Deiner Lehre wird mit manchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben; aber wenn man – was uns Römern eigen ist – etwas nur recht ernst will, so kann man auch das Schwierigste ins Werk setzen. Bei mir wird es am ernsten Willen nicht fehlen; aber nun kommt es auch auf Dich, Herr und Meister, an, daß Du einem treuen und ernst wollenden Befolger und Täter Deiner Lehre mit der Allmacht Deines Geistes dann zu Hilfe kommst, so man denn als nur ein Mensch doch dann und wann schwach und müde werden könnte. Wohl kann ein Mensch mit großem Ernste seines Willens vieles und Großes erreichen; aber alles gerade doch nicht! Mit Deiner Hilfe aber könnte man schon allzeit des Erfolges sicher sein.“
GEJ|8|151|3|0|Sagte Ich: „Was du wünschest, das ist schon von Ewigkeit her Dessen Sache, der in Mir wohnt, denn ohne Mich könnet ihr niemals etwas wahrhaft Verdienstliches zum ewigen Leben eurer Seele wirken! Aber dennoch muß zuvor ein jeder so viel tun, als er kann aus seinem freien Willen heraus; alles andere werde dann schon Ich ganz sicher und zuverläßlich tun.
GEJ|8|151|4|0|Du mußt aber zuvor selbst ernst deine Augen von den Lockungen und Reizungen der Welt abwenden, und so auch deine andern Fleischsinne, und mußt ein Meister deiner Weltbegierden werden; wirst du das nicht, so werde Ich dich darum nicht blind, taub und stumm an deinen Leibessinnen machen, und du wirst mit ihnen gleichfort zu kämpfen haben. Aber so du es gegen deine Fleischsinne einmal nur zu einer halben Meisterschaft wirst gebracht haben, so werde Ich dich dann schon auch ehest in die ganze setzen, dessen du ganz versichert sein kannst.
GEJ|8|151|5|0|Aber so ein Mensch sich auch dann und wann recht ernst vornimmt und sagt: ,Herr, von nun an werde ich unerschütterlich verharren bei meinem Vorsatze!‘, geht aber dann hinaus, und es kommen ihm wieder so reizende Dinge in der Welt vor, daß er seine Sinne nicht davon abwenden kann und er von neuem wieder schwach, wenn auch nicht böse wird, – ja, solch ein Mensch kommt nicht weiter, bleibt stets auf dem gleichen Flecke stehen und gelangt dadurch auch nicht zu einer Viertelsmeisterschaft über seiner Sinne Begierden.
GEJ|8|151|6|0|In diesem Falle, wo seine Liebe zwischen den Reizen der Welt und Mir hin und her schwankt und nicht zu einer halben Stärke auf Meiner Seite gelangt, ja, da kann Ich solch einer Windfahne von einem Menschen noch nicht unter die Arme greifen und ihm eine volle Festigkeit geben. Denn den guten Anfang muß der Mensch infolge des ihm zu dem Lebensbehufe verliehenen freien Willens selbst machen; die volle Vollendung ist dann erst Meine Sache! Wenn du das so recht aufgefaßt hast, dann tue danach, und Meine Hilfe wird nicht unterm Wege verbleiben!“
GEJ|8|151|7|0|Mit dem war der Hauptmann denn auch zufrieden und besprach sich darüber gleich sehr ernst mit seinen Gefährten und auch mit den andern Römern.
GEJ|8|152|1|1|152. — Von der göttlichen Ordnung auf dem geistigen Lebenswege
GEJ|8|152|1|0|Der Römer Markus, der auf jedes Meiner an den Hauptmann gerichteten Worte aufmerksamst achtgegeben hatte, trat zu Mir hin und sagte: „Herr und Meister! Ich habe die Bedeutung Deiner Worte wohl erfaßt und habe ihren Sinn mir tief ins Herz geprägt; aber ich kann dabei dennoch nicht umhin, hier offen zu bekennen, daß des Menschen Leben unter solchen Selbstbildungsverhältnissen wahrlich durchaus kein Scherz ist. Die Regel läßt sich bald und leicht aussprechen, aber nicht so bald und so leicht ins Werk setzen!
GEJ|8|152|2|0|Du sagtest, daß der Mensch in der Besiegung seiner Sinne und Begierden und damit auch der besonders in den jungen Jahren stets vorherrschenden Eingenommenheit für die Reize der Welt es zu einer halben Meisterschaft bringen solle, bis er hoffen darf, daß Du ihm helfend unter die Arme greifen und ihn sodann in die volle Lebensmeisterschaft setzen werdest. Dieses hört sich wohl ganz gut, wahr und gewissermaßen auch leicht an, und man sieht auch den Grund bald ein, daß es auch also schon ganz Deiner schöpferischen Ordnung gemäß sein wird und auch sein muß; aber bedenkt man dabei, daß es für beinahe jeden noch jüngeren Menschen, auf den die Reize und Lockungen der Welt stets eine größere Gewalt ausüben denn auf unsereinen, der schon mehr an der Neige seiner Jahre steht und den Reizen und Lockungen der Welt ganz leicht den Rücken zukehrt, eine ganz außerordentlich schwere Sache ist, sich mit allen seinen Sinnen und Begierden von der Welt abzuwenden und männlich kräftig den geistigen Weg zu betreten und auf demselben fortzuwandeln, da möchte ich denn hier, wo es sich um das Allerhöchste und Wichtigste des Menschen handelt, doch diese mir nach meiner menschlichen Denkweise klug scheinende Frage stellen, ob es denn für jeden nicht ersprießlicher wäre, so Du, o Herr und Meister, ihm lieber zur Zeit seiner sicher größten Schwäche helfend unter die Arme griffest und er sonach mit Deiner Hilfe es zur Hälfte in der Lebensmeisterschaft brächte, wonach ihm dann die Erlangung der zweiten Hälfte mit den eigenen Lebens- und Willenskräften keine so großen Schwierigkeiten bieten würde wie die selbsttätige Erreichung der ersten Hälfte in der Lebensmeisterschaft.
GEJ|8|152|3|0|Ich weiß das ja aus meiner höchsteigenen Lebenserfahrung, wie mächtig die Reize der Welt oft all mein besseres Denken und Wollen rein zu Boden schlugen, meine Phantasie erhitzten und mein ganzes Gemüt mit glühenden Leidenschaften erfüllten! Ja, Herr und Meister, da wäre es gut gewesen, so Du das Ungestüm meiner Leidenschaften in mir hättest dämpfen helfen! Jetzt dämpfe ich sie selbst schon ganz leicht mit geringer Mühe, und die Selbstverleugnung in gar vielen Stücken gibt sich von selbst. Freilich ist das eben wohl kein Lebensverdienst, so man mit seiner Lebenskraft nur mehr mit wahren Zwergen von Weltleidenschaften zu kämpfen hat und sie daher auch leichter bekämpft und besiegt als in der kräftigen Jugendzeit, wo einem ein ganzes Heer gepanzerter Riesen von Leidenschaften entgegenstürmen und den schwachen Kämpfer leicht und völlig erdrücken.
GEJ|8|152|4|0|Wenn zum Beispiel in einem Dorfe oder Flecken ein Haus in Brand geraten ist, so meine ich, daß es eben während des Brandes wohl höchst an der Zeit sein dürfte, dem, dessen Haus in Brand geraten ist, dasselbe löschen zu helfen; denn gelang es ihm, selbst seinen Hausbrand zu bemeistern, und die Helfer kommen erst danach, wenn die größte Gefahr schon gedämpft ist, da kommt mir ihr Zu-Hilfe-Kommen wahrlich nicht zur rechten Zeit vor! Ich will aber diese meine Frage durch meine ausgesprochene Ansicht nicht als irgend maßgebend nun schon selbst beantwortet haben und bitte Dich darum nun um Deine Ansicht!“
GEJ|8|152|5|0|Sagte Ich: „Mein Freund, du hast auch diesmal ganz klug geredet und hast nach der diesirdischen Denkungs- und auch damit zu verbindenden Handlungsweise ganz recht; aber Ich kenne den Menschen und seinen Lebensprozeß offenbar besser als du und irgendein anderer kluger Mensch und kann dir und euch allen darum die Sache der wahren Lebensbildung denn auch nicht anders zeigen, darstellen und geben, als wie sie der vollsten Wahrheit nach ist und auch nicht anders sein kann.
GEJ|8|152|6|0|Nach der irdisch klugen Menschendenkweise wäre in der ganzen Kreaturenschöpfung auf dieser Erde nahe gar alles zu bekritteln; doch nach der höchsten Liebe und Weisheit Gottes muß alles also werden und sein, wie es wird und ist.
GEJ|8|152|7|0|Ist es gewisserart nicht sonderbar von Gott, daß er dem Menschen einen schweren Leib gegeben hat, den er erstens schwer und mühsam herumzutragen und -zuschleppen hat, und mit dem er von einer Höhe jählings herabstürzen und offenbar den Tod finden kann? Wäre es nicht klüger gewesen, dem Menschen einen ebenso leichten Leib zu geben wie einer Mücke, – und der Mensch würde damit von der höchsten Höhe herabspringen können, und es könnte ihm offenbar kein Leid geschehen, und fiele er ins Wasser, so würde er auch nicht untergehen und ersaufen!
GEJ|8|152|8|0|Wie würde es aber einem so leichtleibigen Menschen im Sturm oder auch schon bei einem nur einigermaßen heftigen Wind ergehen? Würde ihn derselbe nicht alsbald wie eine leichte Federflaume emporheben und ihn davontragen, oft viele Tagereisen weit? Wo könnten solche leichtleibigen Menschen auf der Erde dann ihre Heimat haben und halten? Könnten sie mit ihren luftleichten und zarten Händen wohl die schwere Erde bebauen und sich feste Wohnhäuser erbauen?
GEJ|8|152|9|0|Du wirst nun durch dieses Beispiel schon einsehen, warum ein Mensch auf dieser Erde einen schweren Leib haben muß, wenn er mit demselben auch vielen Gefahren ausgesetzt ist, die er aber durch seine Vernunft und durch seinen Verstand auch allzeit bekämpfen und beseitigen kann, wenn er das nur ernstlich will; denn nur der kommt in der Gefahr um, der sich in die Gefahr oft mutwillig begibt. Wir wollen aber unsere Kritik über die Beschaffenheit so mancher Kreatur noch ein wenig fortführen!
GEJ|8|152|10|0|Was dünket dich: Ist es klug, daß zum Beispiel die Früchte in einer Zeit, die zumeist noch rauh und stürmisch ist, in der größten Keimeszartheit sich über den Boden der Erde zu erheben anfangen und von den Stürmen wegen ihrer Schwäche und Zartheit nur zu oft und zu leicht stark beschädigt werden und dann nicht zum Nutzen der Menschen oder Tiere heranwachsen und reifen können? Wäre es denn nicht klüger, entweder die Gewächse gleich schon anfangs als völlig also erstarkt aus dem Boden der Erde entstehen zu lassen, daß ihnen dann die rauhen Stürme nichts mehr anhaben könnten, oder in dieser ersten Entwicklungszeit den rauhen und bösen Stürmen zu gebieten, daß sie ruhen sollen? Siehe, das könnte die menschliche Klugheit ja ganz wohlbegründet von dem weisen und allmächtigen Schöpfer aller Dinge verlangen; denn wozu etwas zu einer Zeit werden lassen, in der das Werdende noch tausend Feinden und Gefahren ausgesetzt ist?!
GEJ|8|152|11|0|Siehe, so denken und klügeln oft viele Tausende von Menschen mittels ihrer Vernunft und ihrem Weltverstande; doch Gott kann darum dennoch nicht aus Seiner ewigen Ordnung treten und läßt gleichfort alles, was da wird, einen höchst zarten und schwachen Anfang nehmen, weil Er allein es weiß und sieht, unter welchen Bedingungen aus den Naturgeistern ein festeres Werden und Sein bewerkstelligt werden kann.
GEJ|8|152|12|0|Gott aber beschützt dabei dennoch allzeit das zarte Werden eines kreatürlichen Dinges, und zur Zeit der Ernte ist dann doch nahe stets von allem so viel da, daß die Menschen, besonders die da Gott lieben und sich Ihm vertrauen, in allem genug haben und Gott auch für alles danken. Ja, es kann da schon auch Zeiten und Jahre geben, die da mager sind und den Menschen oft das Nötigste nicht geben; aber solche Zeiten und Jahre läßt der Herr nur dann kommen, wenn die Menschen vor lauter Welttum Seiner ganz zu vergessen angefangen haben. Doch die noch an Gott den Herrn auch in den Tagen der Prüfungen und Heimsuchungen festhaltenden Menschen werden auch in solchen Zeiten versorgt dastehen und sicher wenig Not zu leiden haben, dessen Ich dich völlig versichern kann.
GEJ|8|152|13|0|Und siehe, so könnte Ich dir aus der Sphäre der Dinge dieser Naturwelt noch so manches nach der menschlichen Weise beklügeln und bekritteln; aber darum könnte Ich die einmal von Ewigkeit her bestehenden Gesetze Meiner Ordnung dennoch nicht aufheben oder anders gestalten!
GEJ|8|152|14|0|Und siehe nun weiter! Wie es mit allem Kreatürlichen steht, so steht es auch nach Meiner Ordnung mit der Gewinnung der Lebensmeisterschaft des Menschen. Er muß anfangs einmal selbsttätig auftreten und gegen die ihn bestürmenden Leidenschaften mit den ihm verliehenen Waffen zu kämpfen beginnen. Tut er das, so wird ihm nach dem Maße seiner Siege über sie auch die Hilfe von Mir aus für weitere und ernstere Kämpfe und Siege verliehen werden, und er wird also am Ende doch, trotz aller Stürme, die ihm von allen Seiten in den Weg traten, das Ziel des Lebens erreichen, so wie du als ein Heide, der du von vielen Leidenschaften bestürmt worden bist, nun doch durch Mein dir Entgegenkommen das rechte Lebensziel schon so gut wie völlig erreicht hast. – Hast du das nun wohl dem wahren Geiste nach aufgefaßt?“
GEJ|8|152|15|0|Sagte Markus: „Herr und Meister, ich glaube, daß ich Deiner Rede Geist von der wahren Seite aus wohl aufgefaßt und begriffen habe! Doch wenn ich an unser Rom denke und besonders an seine verweichlichten und weltgenußsüchtigen Bewohner, so wird es mir ordentlich bange; denn diese Weltmenschen kennen nunmehr nur ihren Gaumen, ihren Bauch, den größten Luxus und haben einen unersättlichen Trieb nach Vergnügungen aller Art und Gattung. Dabei ist bei den meisten der dickste Hochmut in einem solchen Grade zu Hause, daß sie die ärmere Menschenklasse gar nicht mehr zu den Menschen zählen und mit ihnen tun, was ihnen beliebt und ihnen irgend Vergnügen verschafft, und wäre dieses von einer die Menschenwürde noch so entehrenden und tiefst beleidigenden Art.
GEJ|8|152|16|0|Es ist nicht genug, daß man in den großen, überreichen Häusern und Palästen in einem fort ein Freßgelage ums andere hält und sich dabei bis zum Wahnsinn berauscht, sondern man sorgt dabei auch für aller Art frechste Augenweiden und Ohrenschmaus. Bei einem solchen Festgelage werden auch Kämpfer bestellt, die zur größeren Belustigung der Gäste entweder mit dem Schwerte so lange kämpfen müssen, bis einer tot auf dem Platze bleibt, oder es müssen zwei Athleten so lange miteinander ringen, bis der Stärkere und Gewandtere seinen Gegner durchs öftermalige Niederwerfen und durch gewaltige Faustschläge derart beschädigt hat, daß er bald darauf seinen Geist aushaucht; und da werden die Kämpfer vor dem Kampfe noch dringlich darauf aufmerksam gemacht, daß sie erstens mit Anstand kämpfen sollen, und daß zweitens der Getötete mit allem Anstande sterben solle.
GEJ|8|152|17|0|Ja, Herr und Meister, so ich nun an alles das zurückdenke und Deine göttliche Lehre daneben betrachte, so muß es mir wahrlich bange werden! Und da meine ich denn, daß eben bei einem solchen sittlich grausam entarteten Volke, das im Grunde freilich nicht darum kann, Deine Hilfe auf eine wunderbare Weise vorauswirkend käme, auf daß wir dann Dein Wort auf einen nur um ein weniges mehr gedüngten Boden ausstreuen könnten, wo es sicherer gute Wurzeln triebe und zur segensreichen Frucht heranwüchse. Denn so, wie es noch gar viele große und überreiche Römer nun gibt, wird Deine Lehre bei ihnen schwer oder gar nicht Eingang finden, außer nur vereinzelt in einem und dem andern den unsrigen ähnlichen Häusern. In diesen meinen wohlbegründeten Bedenken liegt denn auch der Grund, warum ich ehedem die gewisse Frage aufgestellt habe.“
GEJ|8|153|1|1|153. — Der Herr belehrt die Römer
GEJ|8|153|1|0|Sagte darauf Ich: „Freund, wie übel es in Rom und seinen anderwärtigen Ländern aussieht, weiß Ich wohl am allerklarsten und habe darum euch auch schon auf diese bösen Zustände aufmerksam gemacht, auf daß ihr, wo noch solche Dinge geschehen, die euch anvertraute Jugend davon fernhalten möget! Aber darum gibt es in Rom dennoch wieder Menschen, die gleich euch an allen solchen Greueln keine Freude haben und sie verabscheuen; und diese brauchen nun nicht mehr auf eine wundersame Weise zum voraus gedüngt zu werden, auf daß Mein Wort in ihnen Wurzel fasse, denn diese sind schon dazu gedüngt.
GEJ|8|153|2|0|Jene aber, die noch an den alten, bösen Sitten und Gebräuchen hängen, sind mit keiner vorangehenden wunderbaren Düngung für Meine Lehre irgend reifer und empfänglicher zu machen; für diese muß etwas ganz anderes kommen, durch das sie aus ihrer alten Betäubung erweckt werden! Dafür wird zur rechten Zeit und am rechten Orte schon auch fürgesorgt werden.
GEJ|8|153|3|0|Es werden sich aber auch schon jetzt mehrere, die auf die alten, bösen Festspiele und wilden, kriegerischen Volksbelustigungen noch große Stücke halten, davon fernzuhalten anfangen, wenn sie mit euch über das, was ihr hier gehört, gesehen und erfahren habt, in ein Gespräch kommen werden.
GEJ|8|153|4|0|Auf daß ihr Römer aber nicht ohne den von euch verlangten Wunderdünger zur Aussaat Meiner Lehre nach Rom zurückkommet, so will Ich euch nun infolge eures starken Glaubens an Mich die Macht erteilen, daß ihr durch die Auflegung eurer Hände alle Kranken und bresthaften Menschen heilen könnet, und das wird euren Worten eine große Kraft und Wirkung verleihen.
GEJ|8|153|5|0|Doch wollet vor allem mit der nun von Mir euch verliehenen Kraft keine Prunkerei treiben, und lasset euch dafür von niemandem irgend bewundern und ehren, sondern saget und zeiget es den Geheilten, wem sie im Grunde des Grundes ihre Heilung zu verdanken haben, und wem allein dafür Ehre, Lob und Dank gebührt! Umsonst aber erteile Ich euch aus der Macht Meines Willens solche Kraft, und so denn heilet auch ihr umsonst die Menschen, die eurer Hilfe bedürfen werden!
GEJ|8|153|6|0|Ich gebe euch aber diese Kraft in der Weise noch erhöht, daß ihr die Menschen auch in jeder Ferne sich befindend heilen könnet, so ihr in euren Gedanken und im festen Glauben und Wollen in Meinem Namen ihnen die Hände aufleget.
GEJ|8|153|7|0|Mit dieser Kraft nun versehen, werdet ihr beim weisen Gebrauche derselben viele Finsterlinge zum Glauben an einen allein wahren Gott, dadurch zum Lichte des Lebens, zur vollen Wahrheit und somit auch ihre Seelen zum ewigen Leben bringen.
GEJ|8|153|8|0|Nehmet aber selbst keinen auch nur scheinbaren Anteil an den vielen alten, heidnischen Torheiten; denn deren Anschauung würde eure Herzen mit Ärger erfüllen und gegen die Toren der Welt erbittern, – und es ist der Seele nicht dienlich, so das Herz voll Galle wird!
GEJ|8|153|9|0|Denket es euch allzeit, daß eben in der Liebe, Geduld, Sanftmut und Erbarmung die größte Macht und Kraft des Geistes im Menschen sich offenbart und mächtig wirkend sich bekundet; denn könnet ihr mit Liebe und Geduld einen Narren nicht zurechtbringen, so werdet ihr das mit Ärger und Zorn noch um so weniger imstande sein. Es ist wohl auch notwendig, daß man dann und wann, wo es sehr not tut, mit dem rechten Ernste auftritt; aber hinter dem Ernste muß dennoch stets die Liebe mit dem Gewande des wahren Wohlwollens hervorleuchten. Ist das nicht der Fall, so ist der Ernst nichts als ein blinder und wirkungsloser Lärm, der viel mehr Schaden als Nutzen anrichtet.
GEJ|8|153|10|0|Wo ihr aber leicht auf den ersten Blick merken werdet, daß irgend ein oder auch mehrere Menschen zu dick und tief in aller götzenhaften Torheit der Welt vergraben sind und für die Stimme der Wahrheit weder ein Ohr und noch weniger ein Herz haben, da wendet euch von ihnen ab und habt mit ihnen keine Sache und keine Gemeinschaft, – außer es käme ein solcher Tor zu euch und verlangte einen oder den andern von euch zu hören, oder es fehlte ihm etwas und er möchte eine Hilfe von euch! So das vorkäme, da stellet ihm mit vernünftiger und für ihn begreifbarer Rede seine Torheiten vor, und hat er das angenommen, da lasset ihm denn auch die verlangte Hilfe zukommen! Aber mit der Hilfe gebet ihm auch liebernst die Mahnung, daß er in der Folge nicht mehr in der alten Torheit und ihren Sünden verharren solle; denn da werde sein zweiter Leidenszustand ein noch um vieles ärgerer werden, als wie da war sein erster, für den ihr ihm habt Hilfe angedeihen lassen. Wenn ihr diesen Meinen Rat allzeit befolgen werdet, so werdet ihr in Meinem Namen leicht zu wirken und zu handeln haben und werdet auch die besten Lebensfrüchte reichlichst ernten.
GEJ|8|153|11|0|Wenn ihr aber selbst gute Jünger werdet in Meinem Namen gebildet haben, so könnet ihr ihnen denn auch wieder in Meinem Namen die Hände auflegen, und sie werden dadurch auch der Kraft in sich gewärtig werden, die Ich euch nun durch Meinen Willen schon erteilt habe.
GEJ|8|153|12|0|Aber vor allem mache Ich euch noch einmal darauf sehr aufmerksam, daß weder einer von euch, noch späterhin irgendeiner eurer Jünger je aus den Schranken der wahren Liebe, Mäßigung, Geduld, Sanftmut und Erbarmung trete; denn ein solcher Austritt würde nur zu bald allerlei Gegenhaß, Verfolgung und Krieg zur Folge haben! Darum beachtet das vor allem, so ihr statt des Segens nicht Zwietracht, Ärger, Zorn, Haß und Verfolgung unter den Menschen ausbreiten wollet!
GEJ|8|153|13|0|Es wird zwar der Zwietracht und ihrer bösen Folgen noch viel in dieser Welt unter den Menschen entstehen, gleichwie auch viel des Unkrautes auf einem Acker unter dem reinen Weizen emporkommt, aber der reine Weizen, wenn auch spärlicher gedeihend, soll und muß doch reiner Weizen verbleiben, und euch muß das Zeugnis bleiben, daß ihr kein Unkraut unter den Weizen auf den Acker des Lebens gesät habt. Diese Meine Worte präget euch tiefst in euer Herz, und euer Wirken wird ein segensreiches sein! – Habt ihr nun das alles wohl aufgefaßt?“
GEJ|8|153|14|0|Sagten mit ganz erstaunlich frohen Mienen die Hauptrömer: „Ja, Herr und Meister, und wir danken Dir auch mit der größten Inbrunst unseres Herzens für solch große uns erteilte Gnade, die Du uns nun, ohne daß wir Dich darum zu bitten uns getraut haben, aus der endlosen Fülle Deiner Liebe frei erteilt hast! Daß wir aber die Kraft von Dir nun auch wahrhaftigst überkommen haben, das haben wir in dem Augenblick, als Du sie uns mit der Allmacht Deines Willens erteilt hast, auch auf das lebendigste empfunden; denn es ergoß sich wie ein wahrer Feuerstrom in uns, und wir empfanden sogleich eine mächtige Glaubens- und Willenskraft in uns, daß es uns nun wie lebendigst überzeugend vorkommt, als könnten wir nun in Deinem Namen mit unserem Willen auch schon gleich ganze Berge niederreißen und sie den Tälern gleich machen. Aber dehne sich in uns Deine uns von Dir verliehene Kraft aus, soweit sie nur immer mag, so werden wir von ihr stets nur im Falle der rechten Not nur insoweit einen weisen Gebrauch machen, inwieweit Du sie zu gebrauchen angeraten und nur darum auch allergnädigst verliehen hast! – O Herr und Meister Jesus Jehova Zebaoth! Ist es recht also?“
GEJ|8|154|1|1|154. — Die Anwendung der Wunderkraft
GEJ|8|154|1|0|Sagte Ich: „Allerdings! Doch so jemand von euch noch eine höhere Kraft in sich fühlt, so kann er sie, wenn es irgend zwecklich an der Zeit und am rechten Orte wäre, ja auch gebrauchen, aber ja nicht und niemals, um zu zeigen, was ihm alles möglich sei, sondern nur, so er damit geheim vor wenigen und weisen Zeugen irgend für die Menschen etwas wahrhaft Gutes bezwecken kann! Denn Ich kann euch nicht nur die Kraft zur Heilung aller leiblichen Krankheiten der Menschen erteilen; denn wer diese Kraft so, wie ihr nun, vollkommen überkommen hat, der hat mit ihr auch die Kraft über gar viele andere Dinge überkommen!
GEJ|8|154|2|0|Aber er soll damit vor der Welt sich nicht darum etwa zeigen, daß sie über ihn erstaune und ihm dann auch aufs Wort alles fest glaube, was er ihr predigt, sondern im Besitze solch einer höheren Geisteskraft aus Mir soll der Besitzer auch stets sich fragend an Mich wenden und sagen: ,Herr, ist es auch Dein Wille, daß ich nun von der mir von Dir verliehenen Kraft Gebrauch mache, so gib mir das kund in meinem Herzen, und vereine Deinen allmächtigen Willen mit Deiner mir gnädig verliehenen Kraft! Ist es aber nun nicht auch Dein Wille, so zeige mir auch solches an nach Deiner Liebe, Weisheit und Gnade!‘ Und Ich werde solche demütige Frage allzeit augenblicklich im Herzen des Fragestellers entweder mit Ja oder Nein beantworten und werde ihm auch den Grund klar zeigen, aus dem entweder ein Zeichen zu wirken oder zu unterlassen sei. Der Besitzer solcher Meiner ihm verliehenen Kraft aber wird auch ohne Meine volle Einwilligung das Wunderzeichen wohl wirken können, aber es wird weder ihm und noch weniger denen, vor welchen er es gewirkt hat, etwas nützen, – was ihr euch auch gar wohl merken könnet! Denn wer in allem völlig mit Mir wandeln und handeln wird, dessen Wirken wird auch allzeit vom wahren Segen begleitet sein.
GEJ|8|154|3|0|Vor allem aber merket euch das, was Ich euch und allen Jüngern auf dem Ölberge angedeutet habe, daß ihr, die ihr Mein Evangelium den Menschen überbringet, hauptsächlich nur durch die Macht des Wortes zu wirken bestrebt seid! Denn ein Mensch, den das Wort zur vollen Bekehrung führt, ist ein größerer Gewinn für Mein Gottesreich denn tausend Menschen, die durch Zeichen und Wunderwerke Meine Lehre anzunehmen genötigt worden sind. Denn das reine Wort und dessen Licht bleibt ewig, die Zeichen aber vergehen und haben für die Nachkommen, die davon keine Zeugen waren, nahe gar keinen Wert, weil sie nur blindlings als etwas Außergewöhnliches geschichtlich wohl geglaubt werden, aber dem Glaubenden dennoch keine volle Überzeugung von der Wahrheit Meiner Lehre verschaffen und andere zum Betruge stets sehr geneigte Müßiggänger nur zu bald und zu leicht zum Wirken falscher Zeichen und Wunder verleiten und die Zuschauer zum finsteren Aberglauben.
GEJ|8|154|4|0|Das reine Wort aber ist ein Licht in und für sich und benötiget keines Zeichens zum Zeugnisse der Wahrheit in sich, weil es selbst eben das größte Zeichen aller Zeichen und das höchste Wunder aller Wunder ist.
GEJ|8|154|5|0|So Ich vor euch nichts als nur die erstaunlichsten Zeichen gewirkt hätte, so hätten euch dieselben ebensowenig genützt wie diejenigen, die ihr schon gar oft von den Magiern und Zauberern zu eurem Vergnügen habt wirken sehen; nur hättet ihr die von Mir gewirkten sicher noch um vieles außerordentlicher gefunden als die, die ihr von den Magiern und Zauberern habt wirken sehen, und hättet noch länger davon zu erzählen gehabt.
GEJ|8|154|6|0|Was euch aber nun innerlich so hell erleuchtet und nun denn auch belebt hat, das war nur Mein Wort und nicht die Zeichen, die Ich vor euren Augen so vielfach gewirkt habe. Wirkete Ich nun noch mehrere Zeichen vor euren Augen, so würdet ihr zwar darüber abermals staunen, aber hinterdrein Mich gleich fragen und zu Mir sagen: ,Herr, wie war Dir dieses Zeichen doch wieder zu wirken möglich, und wie ging es zu, daß aus Deinem Worte und Willen zum Beispiel Brot und Wein ward?‘ Ja, da müßte Ich dann Selbst wieder das Wort ergreifen und euch das Wunderwerk so erklären, wie Ich das vor euch auch stets getan habe, daß ihr es mit eurem Verstande begriffet, wie Mir ein solches Wunder zu wirken möglich ist!
GEJ|8|154|7|0|Nun, wenn da wieder nur das Wort und nicht das Zeichen erleuchten kann, so kann das das reine und wahrheitsvolle Wort ja für sich allein auch ohne ein vorangehendes Zeichen! Darum liegt allzeit und ewig die Hauptsache und die Hauptlebensbedingung ja nur im Worte und nicht im Zeichen!
GEJ|8|154|8|0|Ein Zeichen zu wirken, so dem Menschen dazu die Kraft, wie euch nun, verliehen ist, kann nur dann von einer wahrhaft guten Wirkung in Meiner Ordnung sein, wenn der ein Zeichen zu wirken fähige Mensch aus Liebe zum Nächsten es im geheimen tut, um demselben in Meinem Namen zu nützen. Ich aber bin Der, der das sieht, wenn es auch noch so geheim geschieht, und werde es dem geheimen Zeichenwirker auch eben in der Weise zu belohnen verstehen, in welcher Weise er es in Meinem Namen gewirkt hat.
GEJ|8|154|9|0|So ihr einem kranken Menschen offen vor den Augen der Menschen die Hände aufleget, damit es besser werde mit ihm, da habt ihr zum Behufe des Zeugnisses für die Wahrheit Meines Wortes mehr als zur Genüge getan; doch im geheimen ohne offene Zeugen könnet ihr es am Tage viele Male tun und arme Leidende von ihrer Not befreien, ohne daß es auch nur einer von ihnen erfährt, wer ihn von seiner Qual erlöst hat. Ich sage es euch: Eine solche Heilung gilt bei Mir mehr als hundert offenbare vor den Augen der Welt! Darum gebrauchet auch ihr die nun von Mir euch gegebene Kraft allzeit nach Meinem euch kundgegebenen Plane, und Ich werde euch dafür zu segnen verstehen. – Habt ihr nun auch dieses wohl begriffen?“
GEJ|8|154|10|0|Dankbarst bejahten auch das alle und dachten nun sehr über alles nach, was sie nun von Mir vernommen hatten.
GEJ|8|154|11|0|Aber es trat nun auch der Hauptmann von Bethlehem zu Mir und sagte: „Herr und Meister! Sieh, auch ich bin ein Römer und glaube fest an Dich und habe Dich sehr lieb! Du hast nun den zehn Römern etwas Großes gegeben und ihnen auch treuest gezeigt, wie sie alles das zu benutzen haben. Wäre es Dir nicht genehm, nun auch mir eine gleiche Gnade zukommen zu lassen? Wahrlich, ich würde sicher auch allzeit nur den rechten Gebrauch davon machen, und besonders könnte ich solch eine Gnade den maulreißerischen Pharisäern gegenüber sehr gut brauchen; denn diese Menschen machen dem blinden Volke weis, daß sie im Notfalle sogar die Toten aus den Gräbern wieder beleben könnten, so sie das nur wollten und dürften! Von selbst wohlverständlich sind derlei Reden nichts als leerer Rauch und Dampf, hinter dem noch nie eine Wahrheit sich vorgefunden hat! Hätte ich denn auch eine solche geheime innere Kraft, so wüßte ich schon, was ich mit ihr diesen Leerschreiern gegenüber machen sollte und auch würde!“
GEJ|8|154|12|0|Sagte Ich: „Ich weiß das wohl auch schon zum voraus, und eben darum gebe Ich dir jetzt solch eine Kraft noch nicht; denn du hast noch nicht die rechte Reife dazu. Aber du hast nun auch das reine Wort und kannst es benutzen, und das ist, wie Ich zuvor klar gezeigt habe, um gar vieles mehr wert als die Zeichenwirkerei! Benutze also zuvor, was du hast, mit Erfolg, dann wird dir auch das andere hinzugegeben werden.“
GEJ|8|154|13|0|Als der Hauptmann das von Mir vernommen hatte, da war er damit denn auch zufrieden und sagte: „Ist auch wahr und gut also! Herr, es geschehe nur Dein Wille!“
GEJ|8|154|14|0|Sagte Ich: „Das, Freund, ist mehr wert als tausend Zeichen wirken!“
GEJ|8|154|15|0|Als Ich das ausgesprochen hatte, war es schon ziemlich taghell geworden und es kamen von Jerusalem drei Essäer, die irgend vernommen hatten, daß es in Bethanien bei Lazarus zu erfragen sein werde, wo Ich Mich etwa aufhalten dürfte.
GEJ|8|155|1|1|155. — Die Essäer klagen dem Herrn ihre Not
GEJ|8|155|1|0|Wir betrachteten nun ganz ruhig und wie gewöhnlich die mannigfachen Szenen des Morgens; mehrere Jünger aber besprachen sich über die Wundertatsgaben an die zehn Römer und beneideten sie heimlich darum.
GEJ|8|155|2|0|Währenddem aber brachte ein Diener des Lazarus eben auch schon die drei aus Jerusalem angekommenen Essäer zu Mir auf den Hügel, stellte sie zuerst dem Lazarus vor, und dieser brachte sie dann erst vor Mich hin.
GEJ|8|155|3|0|Ich fragte sie sogleich, was da ihr Anliegen wäre, damit sie sich vor Zeugen desselben entäußern konnten; denn Ich wußte für Mich sicher schon lange, warum sie Mich gesucht hatten, und warum sie zu Mir nun gekommen waren.
GEJ|8|155|4|0|Da verneigten sich alle drei tief vor Mir, und einer sagte: „Herr und Meister, vor mehreren Monden Zeit waren Abgesandte von uns auch zu Dir gekommen und hatten von Dir Weisungen überkommen, wie wir in unserem nun in allgemeinem und großem Ansehen stehenden Institute uns auf dem Wege der alleinigen Wahrheit wirkend verhalten sollen, ansonst wir in Kürze der Zeiten erleben würden, daß alles Unheil über uns hereinbrechen werde. Wir taten das denn auch also, wie es uns die etlichen zurückgekehrten Abgesandten als Deinen Willen eindringlich bekanntgemacht haben, und wirkten seitdem auch nicht ein falsches Wunder mehr, indem uns die Abgesandten von Dir aus die volle Zusicherung gaben, daß wir, so wir selbst genau nach Deiner Lehre zu leben und zu handeln anfangen und ernstlichst dabei verbleiben würden, in Deinem Namen, wo es nötig sein wird, schon ohnehin die größten und wahrsten Zeichen werden zu bewerkstelligen imstande sein.
GEJ|8|155|5|0|Aber wir sind nun dadurch in eine vielseitige wahre Not versunken und wissen uns nicht zu raten und noch weniger zu helfen; denn erstens kommen nun Tag für Tag aus allen Gegenden der Erde allerlei Menschen, und viele bringen uns eine Menge verstorbener Kinder zum Wiederbeleben und heulen und klagen ganz entsetzlich, so wir die Kinder zur Wiederbelebung nicht annehmen, wofür sie uns mit Gold, Silber, Edelsteinen und Perlen nahezu überschütten wollen. Alle noch so guten Gründe, die wir ihnen darstellen, warum wir derart Wunder nicht mehr wirken dürfen und wollen, bleiben fruchtlos, und wir sind unserer Ruhe und Sicherheit wegen genötigt, die toten Kinder zu übernehmen, deren wir nun seit vier Monden Zeit wenigstens bei fünfhundert zählen.
GEJ|8|155|6|0|Bis wir nach unserer alten Art diese Kinder von verschiedenem Alter wieder beleben werden, werden wohl mehrere Jahre erforderlich sein, besonders so noch wöchentlich eins und oft zwei bis drei dazukommen. Wir versuchten wohl, in Deinem Namen diese Toten wieder ins Leben zurückzurufen; aber es geschah kein Wunder, und wir mußten für diesmal wieder zu unserer alten Art zurückkehren.
GEJ|8|155|7|0|Das ist nun, wie bemerkt, der erste Grad unserer Not; der zweite und noch ärgere aber besteht darin, daß wir nun, da wir nach Deiner Lehre zu wirken und zu handeln angefangen haben, viel zuwenig Kinder für den Austausch in unseren Kinderzuchtanstalten mehr besitzen, indem wir sie nach Deinem Worte, als der höchsten Lebenswahrheit zuliebe, samt ihren Müttern und Ammen für eine bessere Bestimmung aus den Anstalten entlassen haben, dafür Sorge tragend, daß sie an der nötigen Versorgung keinen Mangel leiden sollen. Wir gaben den vielen Müttern und Ammen Geld und andere Schätze und entließen sie, indem wir ihnen für solch unser neues Gebaren natürlich einen rechten und für sie begreiflichen Grund mitteilten.
GEJ|8|155|8|0|Das ist geschehen, und zwar auf eine gute Art; aber woher nun in der Kürze in unserer Not andere Kinder hernehmen, und wie dabei dennoch in Deiner Lehre, von deren Wahrheit wir durchdrungen sind, verharren? Herr! Du siehst daraus, wie auch alle Deine Jünger, in welch einer großen Verlegenheit wir uns nun befinden! Wie sollen, wie können wir den uns von allen Seiten her drohenden Gefahren entrinnen?
GEJ|8|155|9|0|Herr und Meister, wenn Du uns da nicht auf eine wunderbare Weise hilfst, so gehen wir alle in Kürze zugrunde! Wir haben auch alle die Menschenwiederbelebungsfeste eingestellt und alle die anderen Zaubereien; aber die Menschen kommen dennoch von weit und breit und suchen bei uns Rat und Hilfe. Wenige nur begnügen sich mit der puren Belehrung, die meisten wollen Taten, wie wir sie früher gewirkt haben, – und das wollen wir nicht, weil wir es uns einmal fest und ernst vorgenommen haben, streng und so rein als möglich nach Deiner Lehre zu leben und zu handeln.
GEJ|8|155|10|0|Ah, es ist also nun wohl schwer, ein rechter Mensch in der Welt zu sein, wenn man einerseits mit der riesenhaft großen Blindheit der Menschen, die von der Wahrheit auch nicht die blasseste Idee haben, und anderseits bei sich mit der sonnenklarsten und lebendigsten Wahrheit zu tun und wahrhaft zu kämpfen hat! Ich will nichts reden von den materiellen Verlusten, die uns nun bei unserem Streben nach der reinen Wahrheit zuteil werden, denn wir haben des materiellen Vermögens noch zur Übergenüge; aber die andern Verlegenheiten, in die wir nun von Tag zu Tag immer mehr und mehr geraten, machen uns nun gänzlich ratlos. Herr und Meister, wir bitten Dich nun inständigst um Rat und um eine wahre Hilfe!“
GEJ|8|156|1|1|156. — Der Rat des Herrn an die Essäer
GEJ|8|156|1|0|Sagte Ich: „Ich weiß und sehe es, daß ihr nun vor den Menschen in eine große Verlegenheit geraten seid und auch habt geraten müssen; aber es muß das schon also kommen, wenn ein Mensch, der früher durch allerlei List, Klugheit der Welt und durch Betrug sich vor den Menschen geltend und wichtig gemacht hat, um von ihnen sich große Schätze zu erschleichen, selbst die Wahrheit zu seiner inneren Besserung ergriffen hat. Denn er will die Menschen nicht mehr täuschen und betrügen, die Wahrheit aber getraut er sich ihnen nicht zu sagen, auf daß sie zu ihm nicht im Zorne sagen: ,O du elender Betrüger! So du nun die Wahrheit bekennst und nach ihr reden und handeln kannst, warum hast du denn das nicht schon zu Anfang deines Unternehmens getan? Was haben wir dir je zuvor Arges getan, daß du dich jahrelang als ein schnöder Betrüger gegen uns erwiesen hast? Mache nun all den an uns verübten Betrug gut, sonst wirst du unserer gerechten Rache nicht entgehen!‘
GEJ|8|156|2|0|Ja, Freunde, diese sehr böse Sprache spricht zwar das innere Gewissen stets zu dem, der sich durch List und Betrug die leichtgläubige Menschheit zum Nutzen machen will und durch seine verschlagene Weltklugheit auch macht; aber ein solcher Mensch betäubt am Ende sein Gewissen, welches da ist der innerste Lebens- und Wahrheitsgeist im Menschen, und betrügt dann die blind gemachten Menschen noch immer mehr und mehr.
GEJ|8|156|3|0|Aber was nachher dann, wenn der Tag der vollen Wahrheit für alle Menschen aufgehen wird? Wohin werden sie fliehen vor denen, die sie so oft und so schonungslos betrogen und angelogen haben? Wahrlich, das wird eine arge Flucht sein, und die Fliehenden werden schreien und werden sagen: ,Berge, fallet über uns her, auf daß uns nicht ereile das Wahrheitslicht des großen Tages und uns enthülle vor den Augen derer, die wir so oft auf die schnödeste Art betrogen und angelogen haben!‘
GEJ|8|156|4|0|Ich sage es euch aber, die ihr von den großen Betrügereien um der reinen Wahrheit willen nun zurückgetreten seid; denn hier läßt sich noch gar manches durch die rechten Werke der Liebe vollends ausgleichen, doch in der andern Welt, in der alles offenbar wird, sogar der Seele geheimste Gedanken, wird das nicht mehr angehen, und der Betrüger und Lügner wird sich dort die bittersten Demütigungen gefallen lassen müssen und wird übergroß zuschanden werden vor den Augen aller Gerechten.
GEJ|8|156|5|0|Für euch nun einen rechten Rat zu ermitteln und euch auch eine rechte Hilfe zu bieten, ist selbst Mir eine schwere Sache; denn Ich als die lebendigste Wahrheit Selbst kann doch nicht über euer vergangenes Tun und Treiben eine dasselbe beschönigende Decke werfen und die Menschen in ihrem Wahne belassen, in den sie durch euch gebracht worden sind! Redet die Wahrheit nun zu allen, die zu euch kommen, belehret sie recht, und saget, daß Ich solches euch geboten habe, und gebet ihnen auch den wahren Grund an, warum ihr nun anders denket, wollt und handelt als ehedem, wo ihr selbst der Wahrheit noch ferne gestanden seid, und saget ihnen auch, daß euch nicht ein böser Wille, sondern nur ein gewisses Wohlwollen für die lichtlose und leidende Menschheit dazu bestimmt habe, durch eure Wissenschaft und erlernte Geschicklichkeit Dinge, Künste und Lehren aufzustellen, in denen gar viele Menschen ihren Trost gefunden haben! Da ihr aber nun durch Mich zur reinen Wahrheit vorgedrungen seid, so wollet ihr ihnen, die allzeit ihr Vertrauen auf euch gesetzt haben, denn nun auch die reine und lebendige Wahrheit nicht vorenthalten, die ihnen für ewig mehr nützen wird als alles, was ihr ihnen früher erwiesen habt.
GEJ|8|156|6|0|Wenn ihr alle also die Wahrheit den Menschen verkünden werdet, da werden sie nicht zornig von euch scheiden, sondern werden euch hören und später als ihre wahren Freunde leben. Denn was ihr ehedem selbst nicht hattet, das konntet ihr auch niemandem geben, was ein jeder mit einiger Vernunft begabte Mensch einsehen wird, und er wird euch darum auch nicht gram werden.
GEJ|8|156|7|0|Haltet euch nun nur allein an die Wahrheit, denn nur diese kann und wird euch frei machen und euch für die Folge allen Schutz und alle Hilfe bieten! Aber einerseits selbst in der Wahrheit sein, sich daneben aber doch das tägliche Brot mit der Lüge erwerben wollen, das verträgt sich ebensowenig wie Tag und Nacht oder Leben und Tod. – Habt ihr Mich wohl verstanden?“
GEJ|8|156|8|0|Sagten die drei Essäer: „Herr und Meister, verstanden haben wir Dich wohl und sehen es auch ein, daß Du in allem völlig recht hast; aber was werden wir mit den fünfhundert toten Kindern machen? Sollen wir sie beerdigen oder unter irgendeinem Vorwande den noch zumeist im Orte harrenden Eltern oder Anverwandten zurückstellen? Denn das drückt uns nun am meisten: Wir möchten einesteils die Hoffenden nicht ungetröstet und voll Trauer wieder heimziehen lassen, andernteils aber sagt es uns nun unser Gewissen, daß wir, die wir die reine Wahrheit überkommen haben, die ohnehin von allen Seiten zu viel betrogene und gedrückte Menschheit nicht noch weiter betrügen und drücken sollen. Geben wir ihnen nun aber auf einmal die volle Wahrheit, so werden sie unglücklich, – üben wir aber nach Möglichkeit noch das aus, was wir ehedem ausgeübt haben und machen dadurch die Traurigen glücklich und vergnügt, so haben wir sie und durch sie viele andere von neuem wieder im alten Aberglauben bestärkt und sie noch tiefer in die Finsternis getrieben. Herr, was wäre denn da der goldene Mittelweg, auf daß die Harrenden nicht trauernd und auch nicht von neuem betrogen von uns scheiden?“
GEJ|8|156|9|0|Sagte Ich: „Auch da ist schwer ein rechter Mittelweg zu finden; aber da ihr nun ernstlich alle eure alten Betrügereien hintansetzen und weiterhin wandeln wollet auf den Wegen der vollen Wahrheit aus Gott, die nun in Mir in diese Welt gekommen ist, so will Ich Selbst etwas für euch tun. Ich werde in wenigen Tagen zu euch kommen, und es wird sich dann schon zeigen, was sich da alles wird machen lassen. Nun aber möget ihr gehen und das euren Brüdern verkünden, und sie werden dann schon das Weitere der Wahrheit getreu anzuordnen verstehen!“
GEJ|8|156|10|0|Mit diesen Meinen Worten waren die drei vollends zufrieden, dankten Mir für die Belehrung, für den wahren Rat und für die Verheißung, dernach Ich sie Selbst im Verlaufe von wenigen Tagen besuchen werde, erhoben sich dann und zogen noch vor dem Aufgange ihres Weges weiter. Sie nahmen in Bethanien denn auch kein Morgenbrot zu sich; erst beim Talwirte kehrten sie ein, nahmen Brot und Wein zu sich und besprachen sich daselbst mit den Dienstleuten über vieles, was diese ihnen von Mir kundzugeben wußten, und zogen erst nach ein paar Stunden den Weg über Bethlehem weiter.
GEJ|8|157|1|1|157. — Die Krämerkarawane aus Damaskus
GEJ|8|157|1|0|Wir aber betrachteten nun wieder ungestört die Morgenszenen weiter, da der Morgen diesmal überaus rein und heiter war, weil der nächtliche Sturm die atmosphärische Luft überaus gereinigt hatte.
GEJ|8|157|2|0|Man konnte darum auch die höchsten Spitzen gar ferner Alpen und Berge gut ausnehmen, was sonst bei einer mehr mit Dünsten gesättigten Luft nicht möglich war, und so konnten wir uns an diesem Morgen von unserem Hügel an einer selten herrlichen Aussicht vergnüglich erquicken. Nur hier und da, wo die durch Nachtgewitter entstandenen größeren Brände noch nicht erloschen waren, war die Luft durch den Rauch getrübt, was aber der schönen Rundschau keinen Eintrag machte.
GEJ|8|157|3|0|Als wir nun ganz ruhig von unserem Hügel die Gegend betrachteten, da bemerkte unser Hauptmann, wie auf der breiten Heerstraße, die von Bethanien hinauf gen Jerusalem führte, eine Menge Menschen mit allerlei Lasttieren einherzogen, als Eseln, Saumrossen, Ochsen und Kamelen. Er fragte den Lazarus, was wohl dieser Zug zu bedeuten habe, und wohin er etwa seine Richtung nehmen werde.
GEJ|8|157|4|0|Sagte Lazarus, von der großen Anzahl daherziehender Menschen zu einer ungewöhnlichen Zeit selbst überrascht: „Mein bester Freund, das weiß nun auch ich nicht; denn um diese Zeit eine so starke Karawane ist etwas Ungewöhnliches. Der Zug ist auch noch zu ferne, als daß man es bestimmen könnte, ob das Juden, Griechen, Perser oder Ägypter sind. Etwas unangenehm aber wäre es mir nun wohl, wenn sie hier in Bethanien eine Rast machten und etwa gar von meinen Herbergen einen Gebrauch machen möchten. In dem Falle müßte ich sie heute schon ins Tal hinab zu meinem Freund und Nachbar bescheiden!“
GEJ|8|157|5|0|Sagte der eben auch anwesende Talwirt: „O mein lieber Bruder, diese Karawane, deren Ende noch nicht irgend zu ersehen ist, würde bei mir schwer zu bewirten und noch schwerer unterzubringen sein! Du aber hast hier in diesem Orte, der ohnehin zum größten Teile dir gehört, sieben große Herbergen, zu denen dein großes Stammhaus nicht einmal zu rechnen ist; dazu gibt es hier noch mehrere kleine Herbergen, und so kann dahier eine so starke Karawane schon um vieles eher und leichter bewirtet und auf eine kurze Zeit untergebracht werden als bei mir im Tale. Übrigens ist ja noch gar nicht irgend zum voraus anzunehmen, daß diese Karawane, die nun schon vor dem Aufgange auf dem Wege ist, nun schon hier eine Rast halten wird. Warten wir diese Sache ab, und es wird sich dann ja zeigen, was da zu machen sein wird!“
GEJ|8|157|6|0|Hier wandte sich Lazarus zu Mir und sagte: „Herr und Meister, sage Du es uns doch, was diese große Karawane zu bedeuten hat, wohin sie dieser Zeit zieht, und woher sie kommt!“
GEJ|8|157|7|0|Sagte Ich: „Ei, ei, was kümmern uns diese Damaszener Krämer, die mit allen Produkten ihres Fleißes hier vorüber nach den Städten am Ufer des Meeres ziehen, um sie dort zu verkaufen? Lassen wir sie ungestört weiterziehen!“
GEJ|8|157|8|0|Mit diesen Worten hatte Ich den Hauptmann, den Lazarus und den Talwirt ganz beruhigt, und wir betrachteten nun wieder den Morgen ganz ruhig weiter und auch die sich dem Orte nähernde Karawane, die aber freilich auf dem Wege auch eine ordentliche Wolke von Staub auftrieb; denn die stets befahrenen und begangenen Heeresstraßen im Judenlande litten nie einen Mangel an Staub, und hatte ihn der Sturmwind in der Nacht auch zum größten Teile gehoben und weit fortgetragen, so blieb aber dennoch sehr viel davon auf der Straße übrig.
GEJ|8|157|9|0|Als nun der Vortrab den Ort erreichte und auch unaufgehalten weiterzog, da tauchte auch schon die Sonne über dem fernen Horizont hervor und verklärte die ganze Gegend mit ihrem Lichte; auch der nun von den Sonnenstrahlen beleuchtete Straßenstaub war recht schön anzusehen.
GEJ|8|157|10|0|Und der Hauptmann sagte: „Ah, das Licht verherrlicht aber doch alles, was von ihm erleuchtet wird! Auch der Straßenstaub, der wahrlich nichts Anmutiges in sich hat, wird von einer gewissen Ferne zu einer erquicklichen Erscheinung, so er in den Strahlen der Sonne dahinschwimmt!“
GEJ|8|157|11|0|Sagte Ich: „Ja, ja, du hast nun eine recht gute und lehrreiche Bemerkung gemacht! Die Weltmenschen gleichen auch dem Straßenstaube in mehrfacher Hinsicht; denn erstens sind sie träge im Guthandeln und füllen des Lebens Wege mit ihrer Geringfügigkeit, die aber trotzdem dem emsig beflissenen Lebenswanderer im Guthandeln sehr lästig werden. Nur ein wahrer Gerichtssturm bringt solche Menschen in eine Tätigkeit, fegt dadurch die Lebensstraßen rein und trägt den Staub auf weitgedehnte Fluren und Äcker und Felder hin, wo dann auch aus ihm bald ein fruchtbares Erdreich wird.
GEJ|8|157|12|0|Solche Weltstaubmenschen nehmen sich auch gut aus, wenn sie vom Lebenslichte erleuchtet werden; aber mit einem rechten Lebenswandler werden sie erst als ein fruchtbares Erdreich zu vergleichen sein. Solange sie aber bloß als ein müßiger Weltstraßenstaub in der reinen Lebensluft herumprunken und glitzeln in den Strahlen der Lebenssonne, deren Licht nur ihr Äußeres und nicht auch ihr Inneres erleuchtet, da sind sie für die rechten Lebenswandler stets eine Last und gleichen sehr den Pharisäern und andern heidnischen Götzenpriestern, die allzeit, wenn irgend über und um sie sich ein Lebenssturm oder eine andere Lebenstätigkeit erhebt, sich auch erheben, die Lebenswege und die Wanderer belästigen und beschmutzen und das den Weg erleuchtende Licht trüben und schwächen.
GEJ|8|157|13|0|Von einer gewissen lichten Ferne nehmen sie sich wohl als auch erleuchtet ganz erträglich aus, und mancher möchte da denken und sagen: ,Ja, sie sind denn doch tätig und haben Licht!‘, – aber dem ist nicht also! Denn ob sie ruhig auf der Straße liegen, oder ob sie vom Winde in die Luft erhoben werden, so bleiben sie für sich dennoch träge und untätig; aber durch ihr Sicherheben werden sie dem wahren Lebenswandler immer lästig und womöglich auch schädlich. Daher beachtet auch ihr alle bei eurem künftigen Wandeln auf Meinen Lebenswegen diese kluge Vorsicht, daß ihr die gewissen breiten Weltheeresstraßen meidet und euch auf den mehr staublosen und schmalen Fußsteigen fortbeweget und selbst da mit Ruhe, Geduld und Gelassenheit auftretet, so werdet ihr mit dem Weltstraßenstaube wenig Unannehmlichkeiten zu bestehen haben!
GEJ|8|157|14|0|Aber so ihr es auf den Lebenswegen machen werdet wie die da unten auf der breiten Heeresstraße vorüberziehende Karawane, die mit aller Hast und vielem Lärm forteilt, um ja bald an die Orte zu gelangen, wo für sie ein weltlicher Gewinn zu erhaschen sein möchte, da werdet auch ihr mit dem gewissen Staube so manchen lästigen und bösen Kampf zu bestehen bekommen. Diese euch bei dieser Gelegenheit erteilte Lehre behaltet auch, und ihre Beachtung wird euch von großem Nutzen sein!“
GEJ|8|157|15|0|Hierauf sagte der Hauptmann: „Oh, wie wahr und treffend waren, o Herr und Meister, schon wieder diese Deine Worte! Auf den Lebenswegen allenthalben gibt es nun wohl eine schon kaum mehr zu ertragende Masse des lästigen Weltstaubes, und es gehört wahrlich eine große Vorsicht dazu, daß man ihn beim Gehen nicht irgend zu sehr aufrüttelt! Oh, diese Lehre werde ich mir ganz besonders ad notam [zur Kenntnis] nehmen!“
GEJ|8|157|16|0|Sagte Ich: „Tue das, und du wirst gut vorwärtskommen und eine reine Sehe behalten!“
GEJ|8|157|17|0|Als Ich solches zu dem Hauptmanne gesagt hatte, da kam auch schon ein Bote, der uns zum Morgenmahle lud.
GEJ|8|157|18|0|Da aber der Karawanenzug noch nicht vorüber war, so sagte Ich: „Lassen wir diese bestaubte und lärmende Welt nun vollends den ganzen Ort vorüberziehen; denn so wir nun sogleich uns hinabbegeben würden, da würden so manche auf uns aufmerksam werden und uns um dies und jenes angehen; so wir aber einige Augenblicke noch hier verweilen, dann weichen wir dieser Gefahr aus.“
GEJ|8|157|19|0|Damit waren natürlich alle Anwesenden wieder vollkommen zufrieden, und wir verblieben sogestaltig noch eine kleine halbe Stunde lang auf dem Hügel, in welcher Zeit die Karawane ganz vorübergezogen war, und wir konnten uns denn auch sogleich ganz unbeirrt hinab ins Haus zum Morgenmahle begeben.
GEJ|8|157|20|0|Wir gingen denn in guter Ordnung hinab, nahmen am großen Tische unsere Plätze ein und nahmen, nachdem Ich zuvor Speise und Trank gesegnet hatte, das reichlich und wohlschmeckend bereitete Morgenmahl zu uns, und die Römer ließen sich auch den Wein besonders gut schmecken, so daß unser Lazarus einige Male ihre Becher voll zu füllen bekam, worüber er eine rechte Freude hatte.
GEJ|8|157|21|0|Agrikola, dem der Wein die Zunge gelöst hatte, sagte zu Mir: „Herr und Meister, vergib es mir, daß ich beim Morgenmahle nun schon ein paar Becher Weines mehr zu mir genommen habe; aber ich tat das samt meinen Gefährten nur infolgedessen, damit mir der sichtbare Abschied von Dir erträglicher werde! Oh, könnte ich doch lieber immer bei Dir verbleiben! Alle meine Erdengüter und alle meine weltlichen Würden und Ämter gäbe ich darum!“
GEJ|8|157|22|0|Sagte Ich: „Dein Wunsch und Wille gilt bei Mir so viel, als so du das auch getan haben würdest; du aber erweisest Mir und gar vielen Menschen größere Dienste als Sachwalter der dir anvertrauten Erdengüter und der euch allen hier zu eigen gegebenen Geistesschätze. So ihr alles das nach Meinem Rate weise benützen werdet, da werde auch Ich im Geiste bei euch sein und werde euch geben zu jeder Zeit, dessen ihr bedürfen werdet; dereinst in Meinem Reiche aber werdet ihr als Meine wahren Freunde ewig bei Mir wohnen und wirkend um Mich sein. Dieses nehmet auch zu eurem rechten Troste und zur vollen Stärkung eurer Seelen in euer Herz!“
GEJ|8|157|23|0|Hierauf erhoben wir uns vom Tische, und Ich legte den Römern die Hände auf und segnete und stärkte sie. Darauf wurden alle heiter und voll Mutes und dankten Mir noch einmal mündlich für alles, was ihnen bei Mir in den etlichen Tagen zuteil geworden war.
GEJ|8|158|1|1|158. — Der Abschied vom Hause Lazarus
GEJ|8|158|1|0|Darauf berief Ich den Raphael und gab ihm den Wink, daß er nun alles zur Abreise der Römer in Bereitschaft halte.
GEJ|8|158|2|0|Da sagte Raphael: „Herr! Dein heiliger Wille voll der ewigen und endlosen Kraft und Macht in mir ist ein schon vollbrachtes Werk! – Sehet hinaus in den großen Hofraum, und ihr werdet alles in der besten Ordnung finden; auch die Jugend sitzt schon auf den geeigneten Lasttieren und harrt auf den Augenblick der Abreise von hier, vor allem aber den wahren Vater in diesem Leben noch einmal zu sehen und Ihm für alles zu danken und Ihn zu bitten, daß Er ihrer in Seiner Vaterliebe allzeit gnädig gedenken möchte.“
GEJ|8|158|3|0|Nach diesen Worten Raphaels erhob sich denn auch alles und eilte hinaus in den großen Hofraum, und alle staunten über das reine Wunder.
GEJ|8|158|4|0|Ich ging nun zu den Jungen hin und erteilte ihnen den rechten Segen, und diese dankten Mir unter vielen Tränen und wollten Mir danken mit lauten Worten, was ihnen aber vor lauter Liebetränen kaum möglich war.
GEJ|8|158|5|0|Ich aber sagte mit gar freundlicher Stimme zu ihnen: „Kinder! Ich verstehe die innere, lebendige Sprache eurer Herzen, die Mir um gar vieles lieber ist als die schönsten Worte des Mundes; verharret in solcher Liebe, und Ich als euer wahrer Vater werde im Geiste unter euch sein und euch lehren und erziehen durch Mein lebendiges Wort. Amen.“
GEJ|8|158|6|0|Hierauf gab Ich dem Raphael abermals einen inneren Wink, und er bestieg ein Lasttier, stellte sich vor die Jugend hin, und der Zug setzte sich unter der Anführung Raphaels in eine rechte Bewegung, den Weg nach Tyrus einschlagend.
GEJ|8|158|7|0|Darauf bestiegen denn auch die Römer mit aller ihrer Dienerschaft ihre Lasttiere, und mit ihnen auch alle die bekehrten Pharisäer mit ihren Weibern und Kindern und, wie bekannt, auch alle die andern hier Anwesenden, die von den Römern an- und aufgenommen wurden; diese dankten Mir auch unter vielen Tränen für alle die ihnen erwiesenen Gnaden und großen Wohltaten.
GEJ|8|158|8|0|Darauf ging Ich hin zu den Römern, reichte ihnen die Hand und gab ihnen den Rat, nun dem Zuge Raphaels zu folgen, der sie bis nach Tyrus sichtbar bis vor den Palast des Cyrenius begleiten werde. Dort aber werde er ihnen schon die rechte Weisung geben, wie sie das Meer zu benutzen haben werden.
GEJ|8|158|9|0|Agrikola dankte Mir für diese Bescheidung, fragte Mich aber noch in der Eile, was nachher Raphael machen werde.
GEJ|8|158|10|0|Ich aber sagte freundlich zu ihm: „Kümmere dich seiner nicht, denn er ist ein Geist und weiß, was er nach Meinem ihm klar bekannten Willen zu tun hat! Wenn ihr ihn irgend in Liebe zu Mir rufen werdet, so wird er nicht ermangeln, euch mit Rat und Tat zu unterstützen. – Und nun wollet auch ihr euch in Bewegung setzen!“
GEJ|8|158|11|0|Hierauf nahmen alle auch noch bei Lazarus Abschied, und so auch bei allen andern hier noch Zurückgebliebenen, und begannen darauf sich in Bewegung zu setzen. Die Römer begleiteten auch der Hauptmann, seine Gefährten und die drei Wirte, nachdem sie zuvor Mir auch Liebe, Dank und Ehre bezeigt hatten; denn sie wußten, daß Ich Mich nun auch nicht länger in Bethanien aufhalten werde.
GEJ|8|158|12|0|Und so war nun Bethanien wieder von den vielen Gästen verlassen; nur Ich mit Meinen alten Jüngern, mit den Judgriechen und mit den etlichen Jüngern des Johannes waren noch auf eine kurze Zeit zurückgeblieben. Und nun erst sagte Ich im Vertrauen, daß Ich nun in die Gegend von Jericho und der bekannten zehn Städte Mich begeben werde, und stellte es den Jüngern frei, mit Mir zu ziehen. Alle wollten mitziehen, und Ich gebot ihnen, wie auch dem ganzen Hause des Lazarus, niemandem zu sagen, wohin Ich Mich begeben habe. Und alle gelobten Mir aufs feierlichste, in allem Meinem Willen gemäß zu handeln.
GEJ|8|158|13|0|Es bat Mich nun aber auch die Maria von Magdalon (Magdalena), daß sie Mich begleiten dürfe.
GEJ|8|158|14|0|Ich aber sagte zu ihr: „Maria, das steht dir frei, wie Ich es dir ja auch verheißen habe; doch auf daß die blinde Welt an uns kein Ärgernis nehme, so würdest du besser tun, hier im Hause des Bruders Lazarus zu verbleiben und Mir, anstatt zu Fuße, im Herzen zu folgen. Die Schwestern des Bruders haben dich lieb, und du wirst ihnen manchen guten Dienst zu erweisen die Gelegenheit bekommen, was Ich auch also ansehen werde, als hättest du solchen Dienst Mir erwiesen. Doch Ich gebe dir damit dennoch kein Gebot, sondern stelle es dir ganz frei, was du nun lieber tun willst.“
GEJ|8|158|15|0|Hierauf sagte die Magdalena: „Herr! Ich werde von nun an nur stets das tun, was Dir lieber und angenehmer ist, und somit werde ich bis zu Deiner baldigen Wiederhierherkunft bei Lazarus verbleiben und Dir im Herzen folgen! Aber wir bitten Dich, o Herr und Meister, alle, daß Du ja bald wieder zu uns hierher kommen wollest! Denn ohne Dich wird unser Sein und Leben ein trauriges Aussehen haben.“
GEJ|8|158|16|0|Sagte Ich: „Maria, so Ich körperlich auch nicht bei euch und unter euch Mich befinden werde, da werde Ich aber im Geiste dennoch bei euch sein und wirken; denn im Geiste bin Ich ja gleichfort allgegenwärtig, da Ich alle Dinge in der ewigen Unendlichkeit erhalten und leiten muß. Wäre Ich im Geiste aber nicht allgegenwärtig, so würde alles Sein zunichte, und es bestünde keine Kreatur in der ganzen Unendlichkeit, – was du nun schon begreifen wirst. Denn durch die Macht Meines allerlebendigsten und allertätigsten Willens bin Ich Selbst ja von Ewigkeit her Alles in Allem, und alles ist in Mir! Der Vater, der Mich als einen Menschensohn in diese Welt gesandt hat, ist in Mir, und Ich und Er aber sind nicht zwei, sondern vollkommen Eins; des Vaters Wille ist sonach auch Mein Wille, und der wirket allenthalben.
GEJ|8|158|17|0|Den Vater für Sich aber kann freilich kein Mensch sehen; denn Er wäre ohne Mich nicht da und Ich nicht ohne Ihn, weil Ich und Er vollkommen Ein Wesen sind! Wer aber nun Mich sieht und hört, der sieht und hört auch den Vater; denn Ich als Vater habe Mich durch Meinen Willen Selbst in diese Welt gesandt. Darum wohl euch, die ihr an Mich glaubet; denn wer an Mich glaubet, der glaubt auch an den Vater, der Mich gesandt hat, und Der wird ihm darum geben das ewige Leben!
GEJ|8|158|18|0|Wenn ihr diese Worte recht beherziget, so werdet ihr fröhlich sein in eurem Gemüte; denn ihr werdet es wohl gewahr werden, daß Ich trotz Meiner leiblich persönlichen Abwesenheit dennoch bei euch sein und bleiben werde. – Maria, hast du diese Meine Worte wohl begriffen?“
GEJ|8|158|19|0|Sagte Maria: „Ja, Herr und Meister und Vater, Sohn und Geist! Darum werde ich Dir um so leichter und entschiedener im Herzen folgen können.“
GEJ|8|158|20|0|Hierauf wandte Ich Mich an Meine Jünger und sagte: „Bis jetzt habe Ich als der Herr und Meister allein gearbeitet, und ihr waret nur wie stumme Zeugen von allem, was Ich gelehrt und gewirkt habe; doch von nun an werdet auch ihr mit Mir arbeiten, gleichwie auch Raphael mit Mir gearbeitet hat sichtbar vor aller Welt Augen. Und so denn lasset uns nun von dannen ziehen!“
GEJ|8|158|21|0|Hierauf machten wir uns gleich auf den Weg nach dem Tale, auf dem man leicht in einer halben Stunde zu dem Wirte im Tale gelangt. Lazarus mit den beiden Schwestern und mit der Maria von Magdalon gaben Mir das Geleite bis zum Talwirte, der, als er Mich schon von weitem ankommend bemerkte, Mir sogleich mit offenen Armen samt seiner Familie entgegeneilte und an Mich von den Römern noch viele Grüße auszurichten hatte. Wir hielten bei seinem Hause ein wenig an, und Ich segnete auf des Wirtes Bitte seine Kinder und sein ganzes Hauswesen, wofür Mir allseitig aus dem tiefsten Herzensgrunde gedankt wurde.
GEJ|8|158|22|0|Hierauf beurlaubte sich Lazarus mit den Seinen und zog nach Bethanien nach Hause, wo schon so manche Arbeit seiner wartete.
GEJ|8|159|1|1|159. — Auf dem Wege zur Herberge
GEJ|8|159|1|0|Es war aber auch noch der Wirt von der großen Herberge an der Heerstraße, die nach Tyrus und auch nach andern Städten am Meere führte, beim Talwirte gegenwärtig; denn die Römer schlugen von hier den nach Norden führenden Weg ein, auf dem man nach Galiläa gelangt – welchen Weg auch Raphael mit den Jungen genommen hatte –, und so hatte der Wirt auf der südlichen Heerstraße eben nicht zu besonders nötig, nach Hause zu eilen. Da Ich mit den Jüngern aber diesen Weg zu nehmen hatte, um in die Orte, die Ich Mir diesmal erwählt hatte, zu gelangen, so zog der Wirt, der sich nun schon bei sechzehn Tage lang nicht zu Hause befand, nun mit uns und bat Mich schon zum voraus um die Gnade, an diesem Tage in seinem Hause von seiner Gastfreundschaft Gebrauch machen zu wollen.
GEJ|8|159|2|0|Und Ich sagte zu ihm: „Dessen kannst du schon versichert sein; aber übernachten werden wir nicht bei dir; denn Ich muß Mich beeilen, heute noch recht weit vorwärts zu kommen, da Meiner noch gar wichtige Arbeiten harren!“
GEJ|8|159|3|0|Der Wirt war mit dem Bescheide zufrieden und fragte Mich, ob er etwa vorauseilen solle, auf daß bei Meiner Ankunft alles in Bereitschaft wäre und Ich dann nicht Mich zu lange aufzuhalten nötig hätte.
GEJ|8|159|4|0|Und Ich sagte: „Ganz gut, Freund, – so du um ein bedeutendes schneller gehen kannst, so magst du schon vorauseilen; denn wir gehen alle nur eines gemäßigten Schrittes. Für solchen deinen guten Willen aber will auch Ich, daß dir deine Füße den Dienst nicht versagen, und so magst du nun schon versuchen, um wieviel du uns vorauskommen wirst!“
GEJ|8|159|5|0|Hierauf fing der Wirt, der ein großer Mann war und lange Füße (Beine) hatte, seine Schritte sehr zu beschleunigen an und kam uns schon nach einer halben Stunde Zeit so weit vor, daß wir seiner gar nicht mehr ansichtig werden konnten; und so gelangte er denn auch mehr als eine Stunde Zeit vor uns in seine Herberge.
GEJ|8|159|6|0|Als er aber nach Hause kam, da konnten ihm die Seinen nicht genug erzählen von allen den Schrecken und Ängsten, die sie in seiner Abwesenheit zu bestehen gehabt hätten; besonders aber hätte sie und alle Bewohner des Ortes der diesnächtliche wahre Feuersturm, durch den auch mehrere Häuser in der Umgegend sehr übel zugerichtet worden seien, in eine solche Angst versetzt, daß sie darob ganz ohnmächtig und beinahe wie tot geworden seien.
GEJ|8|159|7|0|Der Wirt aber sagte: „Ich weiß um das alles, und wir werden davon reden, wenn wir dazu die rechte Zeit haben werden; aber nun gibt es ein Wichtigeres zu tun! In etwa einer Stunde kommt der große Herr und Meister mit Seinen Jüngern hier an, und da sorget nun für ein gutes und reichliches Mittagsmahl für mindestens vierzig Personen, – beeilet euch, auf daß Er, so Er kommen wird, schon alles in Bereitschaft finde! Denn ihr alle wisset es, welche große Wohltat Er im vorigen Jahre unserem Hause erwiesen hat, und so ist es nun auch unsere höchste Pflicht, sich Ihm auf das tätigste dankbar zu erweisen!“
GEJ|8|159|8|0|Als der Wirt solches kaum ausgeredet hatte, da griff gleich jung und alt zu, und es ward bald alles also geordnet, daß wir bei unserer Ankunft denn auch schon ein reichliches und bestbereitetes Mittagsmahl antrafen.
GEJ|8|159|9|0|Auf dem Wege bis zur besagten Herberge aber hatte sich eben nichts irgend besonders Denkwürdiges ereignet, und so ist es denn auch nicht nötig, dessen irgendeine besondere Erwähnung zu machen. Die Jünger besprachen sich untereinander über alles, was sich in diesen Tagen in und um Jerusalem zugetragen hatte, und fragten Mich auch bald über ein und das andere um einen näheren Aufschluß, den Ich ihnen auch erteilte; und so ward dieser sonst etwas langweilige Weg recht erheiternd zurückgelegt.
GEJ|8|159|10|0|Etwa noch ein paar Morgen Landes weit vor der Herberge saßen zwei wahre Professionsbettler und baten uns um ein Almosen.
GEJ|8|159|11|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Es ist nicht fein von euch, hier zu betteln; denn ihr habt keines Almosens vonnöten! Warum habt ihr denn eure Häuser und Gründe in der Nähe von Samaria um ein teures Geld verpachtet und habt dann das Geld mit Wucher in die Wechselbank gelegt und seid reiche Leute geworden und bettelt nun in armer Kleidung auf fremdem Boden, auf daß ihr eure großen Wucherzinsen ersparet und dabei den wahren Armen dieser Gegend das ihnen Gebührende entzieht! Habt ihr als Juden denn nicht aus dem Gesetze vernommen, daß man Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll? Heißt das aber nach dem Gesetz leben und handeln, wenn man also tut wie ihr nun? Erhebet euch von diesem Platze, ihr beiden Heuchler und Betrüger, sonst soll es euch übel ergehen!
GEJ|8|159|12|0|Nur wer wahrhaft arm und auch keiner Arbeit mehr fähig ist wegen seines hohen Alters oder wegen Lähmung seiner Glieder oder seiner Sinne, der hat von Gott aus das Recht, die Barmherzigkeit seiner reicheren Mitmenschen in Anspruch zu nehmen. Und wer ihm etwas gibt, dem wird es Gott auch vergelten, und dem Beteilten wird Er die Gabe segnen und ihm auch den Lohn geben für seine Geduld, mit der er seine wahre Armut ertragen hat. So aber Gott auch dem, der in seiner Unwissenheit euch irgendein Almosen verabreicht hat, indem er euch für wirkliche Arme hielt, seine Barmherzigkeit belohnen wird, da wird Er euch als Betrüger und Heuchler desto mehr und schärfer züchtigen hier und jenseits.
GEJ|8|159|13|0|Es heißt auch: ,Wer da guten Herzens ist und einem Propheten und Lehrer einen Lohn gibt und ihm ein Opfer darbringt, der wird dereinst auch den Lohn eines Propheten ernten!‘ Seid ihr denn etwa Propheten, vom Geiste Gottes erleuchtet, auf daß ihr als ein Licht aus den Himmeln den Menschen auf der Erde vorleuchtet, die in der Nacht ihrer Sünden wandeln? Oh, das seid ihr niemals gewesen, obschon ihr schon mehrere Male, um mehr Almosen von den leichtgläubigen Menschen zu erhaschen, euch also gebärdet habt, ohne selbst bei euch an Gott zu glauben, da ihr beide schon lange im Glauben der blinden Sadduzäer stecket! Darum aber seid ihr um so strafbarer, weil ihr hier den wahren Armen dieser Gegend das ihnen Gebührende entziehet! Darum hebet euch nun nur alsbald von hier, sonst sollet ihr die Macht Dessen kennenlernen, der nun solches zu euch geredet hat!“
GEJ|8|159|14|0|Hierauf erhoben sich die beiden Bettler schnell von ihren Bettelsitzen, da sie sich höchst getroffen fühlten.
GEJ|8|159|15|0|Und einer, der Mir in seinem Gemüte recht zu geben anfing, sagte (ein Bettler): „Herr! Du mußt ein großer Weiser und gar ein Prophet sein, da du auf einem andern Wege wohl nicht leicht möglich hättest erfahren können, wie es mit uns steht. Ich für meinen Teil danke dir für diese Zurechtweisung und gebe dir auch hier treu und offen mein Versprechen, daß ich nicht nur nie mehr betteln werde, sondern ich werde aller Armen in dieser Gegend gedenken mit meinem Vermögen und werde ihnen zehnfach ersetzen, um was sie durch mich verkürzt worden sind. So du aber ein Prophet und somit ein Freund Gottes bist, da bitte auch du für mich, daß Er mir vergebe meine Sünden!“
GEJ|8|159|16|0|Sagte Ich: „Gehe hin und tue nach deinem nun Mir gemachten Versprechen, und deine Sünden werden dir vergeben sein!“
GEJ|8|159|17|0|Hier sagte auch der zweite: „Kann auch ich die Vergebung der Sünden erwarten, so ich das tue, was da tun will mein Nachbar?“
GEJ|8|159|18|0|Sagte Ich: „Du mußt wohl ein um vieles größeres Opfer bringen, so du die Vergebung deiner schweren und vielen Sünden erlangen willst; denn dein Nachbar hat das Vermögen, das er besitzt, redlich geerbt, du aber hast es durch die schmählichste Bedrückung der armen Witwen und Waisen an dich gerissen wie ein Straßenräuber. Darum siehe zu, wie du solche Schuld vor Gott und den Menschen gutmachen und tilgen wirst; denn ohne dieses wirst du die Vergebung deiner Sünden nicht erlangen!“
GEJ|8|159|19|0|Als der zweite diese Meine Sentenz vernommen hatte, ward er ganz verlegen und sagte am Ende: „Da wird mir nichts übrigbleiben, als selbst ein wirklicher Bettler zu werden.“
GEJ|8|159|20|0|Sagte Ich: „Das wird nicht nötig sein, solange du noch gute Kräfte zum Arbeiten besitzest! Gehe hin und arbeite, und du wirst dein tägliches Brot finden!“
GEJ|8|159|21|0|Sagte nun der erste und Bessere: „Gehen wir nun, und auch du tue nach dem Rate dieses wahren Propheten; und hast du alles getan, so sollst du bei mir Aufnahme und Arbeit finden!“
GEJ|8|159|22|0|Und Ich sagte: „Was dieser bei dir finden wird, wenn er allen Schaden, den er angerichtet hat, wieder gutgemacht haben wird, das sollst du auch zu seiner Zeit bei Mir finden! Aber nun gehet und handelt nach eurem Mir gemachten Versprechen!“
GEJ|8|159|23|0|Darauf verbeugten sich diese beiden Bettler und zogen eiligen Schrittes übers Gebirge in ihr Land.
GEJ|8|159|24|0|Wir aber gingen nun auch weiter und erreichten bald die große Herberge. Als wir uns derselben nahten, da entdeckte uns auch schon der überaus freundliche Wirt und zog uns mit offenen Armen entgegen. Als er uns erreicht hatte, da dankte er Mir für die Gnade, die seinem Hause durch Meinen Besuch zuteil geworden sei.
GEJ|8|159|25|0|Ich aber sagte zu ihm: „Ja, wahrlich ist deinem Hause nun ein großes Heil widerfahren; aber darum hättest du nicht nötig gehabt, ein Kalb zu schlachten, um für Mich und Meine Jünger ein Mittagsmahl zu bereiten; denn Ich sehe nur auf ein edles Herz und auf einen vollkommen guten Willen; wo Ich das wie bei dir antreffe, da bedarf es keines geschlachteten und gebratenen Kalbes und noch mehrerer anderer wohlbereiteter Speisen. Aber du hast das aus Freude getan, weil du wußtest, daß Ich über den Mittag dein Gast sein werde, und so nehme Ich deine Aufmerksamkeit denn auch freudig auf. Aber lange werden wir uns in deinem Hause nicht aufhalten, da wir noch einen gestreckten Weg vor uns haben.“
GEJ|8|159|26|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, alles geschehe nach Deinem Willen und Wohlgefallen! Ich hatte aber mit meiner Familie mich ein wenig zu ängstigen angefangen, als hättest Du etwa doch einen andern Weg eingeschlagen; denn nach meiner Rechnung hättest Du mit den Jüngern schon vor einer guten halben Stunde hier eintreffen mögen.“
GEJ|8|159|27|0|Sagte Ich: „Das wäre auch geschehen, so Ich nicht eure Heerstraße von einer schon alten Unlauterkeit hätte zu säubern bekommen. Solche gute und notwendige Arbeit hat uns denn ein wenig aufgehalten, und so mußte Ich um eine kleine Zeit später hier eintreffen; aber Ich traf nun dennoch zur rechten Zeit wie allzeit ein.“
GEJ|8|159|28|0|Sagte der Wirt: „Aber, Herr und Meister, wie möchtest Du Dich wohl mit der gemeinen Straßenreinigungsarbeit abgeben, – denn das ist eine Arbeit für unsere untersten Knechte?“
GEJ|8|159|29|0|Sagte Ich: „O Freund! So Ich eure Lebenswege nicht reinigen, fegen und ordnen würde, so wäre es um das Heil eurer Seelen geschehen! Ich bin sonach ein erster, bester und wahrster Wegmacher und Wegreiniger. Wo Ich die Wege nicht bahne und reinige, da gibt es entweder gar keine Wege, und so es schon irgend auch Scheinwege gibt, da sind sie aber dennoch so voll Unrates und Morastes, daß auf denselben kein Wanderer weiterkommen kann, sondern er ist genötigt, entweder umzukehren oder auf dem Wege im tiefen Kote zu ersticken. – Verstehe dies Bild wohl, und du wirst dann schon ins klare kommen, wie und warum Ich ein Wegmacher und ein wahrer Wegmeister bin!“
GEJ|8|159|30|0|Der Wirt verstand zwar dieses Bild nicht, aber Meine Jünger hatten es ihm bald verdolmetscht, worauf wir uns dann in das Haus begaben und im selben das wohlbereitete Mahl zu uns nahmen. Der Wein machte den Wirt und seine Familie sehr heiter und beredt, darum er Mir denn auch einen wärmsten Dank für die gewisse Straßenreinigung darbrachte. Wir hielten uns hier in allem bei anderthalb Stunden auf und belehrten des Wirtes Leute über manches und zogen fürbaß.
GEJ|8|160|1|1|160. — Vom Gottesdienst und wirksamen Gebet
GEJ|8|160|1|0|Da wir aber durch den Ort zogen, so bemerkten uns viele und erkannten, daß Ich es war; denn mehrere kannten Mich noch von Meinem vorjährigen Hiersein, und andere erkannten Mich, weil sie Mich in Jerusalem gesehen hatten. Und sie traten zu Mir und baten Mich, daß Ich im Orte verweilen und zum wenigsten eine Nacht bei ihnen verbleiben und auch vielen Kranken helfen möchte. Denn es hätten die vor etlichen Tagen zur Nachtzeit gesehenen Zeichen und der diesnächtlich wahre Feuersturm auf mehrere schwachmütige und sehr furchtsame Menschen derart böse eingewirkt, daß sie nun sehr krank darniederlägen und der Arzt des Ortes ihnen nicht helfen könne, da er das Übel nicht erkenne und somit eine dasselbe heilende Arznei auch nicht.
GEJ|8|160|2|0|Da hielt Ich mit dem Gehen inne und sagte zu denen, die Mich aufhielten: „Habt ihr denn nicht gehört, daß Gott allmächtig und barmherzig ist? Warum betet ihr nicht zu Gott und bittet Ihn um Hilfe, so ihr im Elend stecket?“
GEJ|8|160|3|0|Sagte einer: „Lieber Meister, du hast da gut reden, weil Gott dir alles gewährt, um was du Ihn in deiner geheimen Weise angehest! Aber wir Menschen können opfern, beten und bitten, soviel wir nur immer können und mögen, so nützet uns das alles nichts; denn Gott achtet unser nicht, obschon wir die Gesetze Mosis noch soviel, als nur immer möglich, treu halten und beachten. Es war aber zu den Zeiten der Propheten auch nahe also: Gott hat nur allzeit die Bitten der auserwählten Propheten erhört; die Laien haben beten und bitten können ihr Leben lang um ein oder das andere, so haben sie dennoch nichts erhalten. Oh, uns wäre es um tausend Male lieber, so Gott allzeit im Notfalle unsere Bitten erhörete, als daß wir als von Gott Unerhörte dann bei den schwachen Menschen, die uns nur selten helfen können, Hilfe suchen müssen! Aber was können und was sollen wir anderes tun, so wir nur zu klar einsehen, daß all unser Beten und Bitten uns keine Abhilfe in unseren großen Nöten verschafft?“
GEJ|8|160|4|0|Sagte Ich: „Oh, mit dieser eurer leeren Entschuldigung kommet ihr bei Mir wahrlich nicht an! Euch fehlt es nahe gänzlich am Glauben und wahren lebendigen Vertrauen auf Gott, und darum erhört Gott auch eure Bitten nicht und achtet nicht eurer Opfer. Warum betet und bittet ihr denn nicht selbst glaubens- und vertrauensvoll? Weil euch das zu unbequem vorkommt! Darum haltet ihr in der Gemeinde gewisse vom Tempel aus bevollmächtigte Vorbeter und Fürbitter, und die bezahlet ihr, auf daß sie für euch dies und jenes von Gott erflehen sollen. So ihr diesen Heuchlern euren Glauben und euer Vertrauen schenken könnet, die sich für ihre angebliche Mühe allzeit gut bezahlen lassen, und deren Gebet und Bitten euch noch nie eine Hilfe gebracht haben, – warum schenket ihr euren Glauben und euer volles Vertrauen denn nicht lieber Gott dem Herrn und Vater Selbst?
GEJ|8|160|5|0|Ich sage es euch: Daran schuldet eure Trägheit! Ihr als irdisch wohlhabende Güterbesitzer seid schon von eurer Kindheit an gewohnt, eure Knechte und Mägde für euch um einen spärlichen Lohn arbeiten zu lassen und dabei gestrenge Herren zu spielen, und glaubet auch, daß die gewissen Vorbeter und Fürbitter auch bei Gott für euch wirksam arbeiten sollen, weil ihr sie darum gut bezahlet. Aber da wendet Gott Sein Antlitz von euch ab und horcht niemals auf das ekelhafte und sinn- und geistlose Lippengeplärr eurer heuchlerischen Gottesdiener. Und darin liegt denn auch der Grund, warum euch Gott nicht helfen kann, will und mag. Denn würde Gott das tun, so würde Er als die höchste, ewige Weisheit, Liebe und Macht euch noch tiefer in das volle Verderben, das euch nur eure zu große Trägheit bereitet, hineinversenken.
GEJ|8|160|6|0|Erwecket darum euren Glauben an Gott und die wahre und lebendige Liebe und ein festes Vertrauen zu Ihm! Betet und bittet selbst im Geiste und in der Wahrheit zu Ihm, und Er wird euch dann auch sicher erhören! Betet also selbst ohne Unterlaß, tuet wahre Buße, und ertraget auch die über euch aus gutem Grunde gekommenen Leiden mit Geduld und wahrer Hingebung in den göttlichen Willen, wie ihr das aus der Geduld Hiobs möget kennenlernen, und Gott wird euch helfen aus jeglicher Not, insoweit das nur immer mit dem Heile eurer Seelen verträglich ist!
GEJ|8|160|7|0|Ihr habt Mich nun zwar selbst gebeten, daß Ich euch aus euren Nöten befreien möchte, denn ihr haltet Mich für einen Propheten, dem Gott eine große Macht gegeben hat, – und sehet, Ich kann, mag und will euch nun ebensowenig erhören und helfen wie Gott Selbst; denn Ich und Gott, den ihr nicht kennet und an Ihn darum auch nicht glaubet, sind eines Geistes, eines Willens und eines Sinnes! Was ihr nach eurer Bet- und Bittweise bei Gott nie möglich erreichen könnet, das erreichet ihr auch bei Mir nicht! Tut demnach zuvor das, was Ich euch nun angeraten habe, so werde Ich euch auch helfen, wenn Ich heute auch nicht bei euch übernachte! Es sind Mir von euch aber ja mehrere sogar bis nach Kapernaum in Galiläa gefolgt; warum haben sie sich denn dort von Mir wieder entfernt?“
GEJ|8|160|8|0|Sagte einer: „Meister! Du hattest alldort in einer Synagoge eine sonderbare Lehre von deinem Fleischessen und Bluttrinken gehalten und hast also herausgebracht, daß niemand das ewige Leben seiner Seele überkommen könne, der da nicht äße deines Leibes Fleisch und nicht tränke dessen Blut. Da befürchteten wir, daß du unsinnig werden würdest, und wir zogen uns aus diesem Grunde denn auch zurück, auf daß wir nicht in den Geruch kämen, Jünger eines irrsinnig gewordenen Propheten zu sein. Als wir dich aber vor etlicher kurzer Zeit nun zu Jerusalem auf dem Feste im Tempel wiedergefunden haben und uns mit unseren Augen und Ohren von neuem überzeugten, daß du ebenso weise und mächtig warst, als wie wir dich schon ehedem hatten kennengelernt, so glaubten wir denn auch wieder an dich, und da du nun durch diesen unseren Ort ziehest und wir dich wohl erkannten, so kamen wir denn nun auch vertrauensvoll zu dir und haben dir unsere Not vorgetragen. Kannst und willst du uns helfen, so werden wir uns nicht undankbar erweisen; kannst und willst du das aber nun aus dem von dir uns dargestellten Grunde nicht, so gedenke unser, wenn du uns dafür tauglich und würdig finden wirst!“
GEJ|8|160|9|0|Sagte Ich: „Tuet danach, und die Hilfe wird nicht unterm Wege verbleiben!“
GEJ|8|160|10|0|Hierauf winkte Ich den Jüngern, weiterzuziehen, und wir zogen denn auch unaufhaltsam weiter.
GEJ|8|160|11|0|Es folgten uns zwar etliche aus dem Orte eine Zeitlang nach; da wir aber schnell vorwärtsschritten, so blieben die, welche uns folgten, bald weit zurück, kehrten dann wieder um und zogen in ihren Ort.
GEJ|8|161|1|1|161. — Das Gleichnis vom Richter und der Witwe (Luk. 18,1-8)
GEJ|8|161|1|0|Als wir aber den Ort schon so ziemlich ferne hinter uns hatten, da fragten Mich die Jünger, sagend: „Herr und Meister! Warum hast Du denn so ganz eigentlich diesen Juden nicht geholfen, da sie Dich doch selbst sicher recht inständig gebeten haben und haben nicht Vorbeter und Fürbitter zu Dir gesandt?“
GEJ|8|161|2|0|Sagte Ich: „Hätte Ich sie in ihrer alten Trägheit und in ihrem Un- und Aberglauben noch mehr bestärken sollen, als sie es ohnehin schon seit gar langem sind? Ich habe ihnen nur den Weg gezeigt, auf dem sie zu wandeln haben. Werden sie das, so wird ihnen auch schon zur rechten Zeit geholfen werden; tun sie das aber nicht, so mögen sie denn auch bleiben, wie sie sind, und ihre Häuser auf dem Sande bauen! Uns wird das wahrlich wenig beirren; denn einem Menschen, der sich selbst gegen den Rat der Weisheit schaden will, dem geschieht kein Unrecht.
GEJ|8|161|3|0|Bei diesen aber, deren Bitte Ich unerhört ließ, tut eine Heimsuchung mit allerlei Not und Leid not; denn dadurch werden sie aus ihrer alten Trägheit aufgerüttelt, werden in der Geduld geübt, und ihre Herzen werden sanfter und barmherziger werden, als das bis jetzt der Fall war. Denn Ich bin nicht nur allzeit ein Helfer, sondern da, wo es not tut, auch ein gerechter Richter.
GEJ|8|161|4|0|Höret aber nun ein Gleichnis, aus dem ihr noch klarer ersehen möget, warum Ich den Bewohnern jenes von uns nun durchwanderten Ortes ein selbständiges und vertrauensvolles Beten und Bitten so ernstlich ans Herz gelegt habe! (Luk.18,1)
GEJ|8|161|5|0|Es war einmal in einer Stadt ein gerechter Richter, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich auch vor keinem Menschen. (Luk.18,2) Es war aber in derselbigen Stadt eine Witwe; die kam zum Richter und sprach: ,Rette mich vor meinem Widersacher!‘ (Luk.18,3) Der Richter aber tat, als vernähme er das Wort der Witwe nicht und wollte lange nicht dem Verlangen der Witwe nachkommen. Da aber die Witwe in ihrem Bitten nicht nachließ, so dachte er also bei sich: ,Ob ich mich auch vor Gott nicht fürchte und mich auch vor keinem Menschen scheue, so will ich sie aber doch retten, indem sie mir nun schon so viel Mühe macht, ansonst kommt sie am Ende und übertäubt mich ganz und gar mit ihrem Hilfegeschrei!‘“ (Luk.18,4.5)
GEJ|8|161|6|0|Sagte hier Simon Juda: „Auf diese Art muß also ein Mensch, der durch sein Beten und Bitten von Gott etwas erreichen will, Ihm ordentlich lästig und unausstehlich werden? Ich dachte aber, daß es bei Gott, der in Dir wohnt und voll der höchsten Liebe und Erbarmung ist, nur allein eines lebendigen Glaubens und Vertrauens vonnöten hätte, um erhört zu werden eher denn bei einem diesweltlichen Weltrichter?!
GEJ|8|161|7|0|Du hast uns zwar einmal ein ähnliches Bild gegeben, und zwar von jenem Hausvater, zu dem in tiefer Nacht ein Hungriger kam, ihn weckte und ihn des großen Hungers wegen um Brot bat. Der Hausvater hätte ihm in solcher Zeit aus Liebe und Erbarmung auch kein Brot gegeben, sondern nur, weil er des unverschämten Geilens des nächtlichen Brotbettlers los werden wollte.
GEJ|8|161|8|0|Diese Sache kommt mir, offen gesprochen, denn doch so ein wenig sonderbar vor! So wir Dich um etwas bitten, da erhörst Du uns gleich ohne eines nahe unverschämten Geilens, und also hast Du auch Heiden, Zöllner und eine Menge Sünder erhört und hast der Ehebrecherin Schuld in den Sand gezeichnet; doch diese Deine Lehre, wie man von Gott etwas erbitten solle, stimmt mit allem andern, was Du gelehrt hast, eben nicht zu besonders fein zusammen. Wie sollen wir das nehmen?“
GEJ|8|161|9|0|Sagte Ich: „So höret denn weiter, was der nach eurem Dafürhalten ungerechte Richter sagt, der nota bene Ich Selbst bin! (Luk.18,6) Dieser Richter sagt: Wenn denn nach dem Gleichnisse ein Weltrichter der jammernden Witwe ihr Recht erteilt, um wieviel mehr wird Gott retten Seine Auserwählten, wenn sie gewisserart Tag und Nacht rufen, daß Er mit ihnen Geduld habe und ihnen gnädig und barmherzig sei! (Luk.18,7) Ich sage es euch: Er wird sie erretten in Kürze! Doch wenn des Menschen Sohn dereinst wiederkommen wird, meinst du, Simon Juda, daß Er Glauben finden werde auf Erden? (Luk.18,8) Ja, Er wird, ebenso wie in dieser Zeit, nahe gar keinen Glauben finden, und man wird die verlachen und verhöhnen, die noch an Ihn glauben werden!
GEJ|8|161|10|0|Aber es werden dennoch auch wieder viele sein, die sich von der Weltweisheit nicht werden blenden lassen und Mein Wort offen verkünden werden; und zu denen werde Ich denn auch kommen bei Tag und Nacht, werde Mich ihnen offenbaren und werde sie beschützen vor den Verfolgungen der Welt und werde ihnen auch geben die Wundergabe, durch die Liebe zu helfen den Bedrängten, den Bresthaften und Kranken. Und es wird also dann lichter und tröstlicher werden auf Erden. – Verstehet ihr diese Weissagung?“
GEJ|8|162|1|1|162. — Die Ordnung in der Haushaltung Gottes
GEJ|8|162|1|0|Sagte Simon Juda: „Herr, wann der Zeit nach wird solches geschehen auf Erden?“
GEJ|8|162|2|0|Sagte Ich: „Simon Juda, Ich habe dir deines mächtigen Glaubens wegen die Schlüssel zum Reiche Gottes gegeben und nannte dich einen Fels, auf dem Ich Meine Kirche bauen werde, die von den Pforten der Hölle nicht besiegt werden solle. Du sollest ein neuer Aaron sein und sitzen auf dessen Stuhle. Ja, du wirst das auch dadurch, daß du Meines Wortes Verbreiter sein wirst mit den andern Brüdern.
GEJ|8|162|3|0|Aber wenn man unter den Heiden wird dessen kundig werden nach etlichen hundert Jahren, da wird man in Rom vorgeben, daß du solchen daselbst gegründet habest. Und die Völker, die mit Feuer und Schwert dazu gezwungen werden, werden den falschen Propheten auch glauben, daß du als ein erster Glaubensfürst solchen Stuhl in Rom gestellet habest und vom selben in Meinem Namen regierest die ganze Erde und ihre Fürsten und Völker. Aber siehe, das wird ein falscher Stuhl sein, von dem aus viel Unheil auf der weiten Erde wird ausgebreitet werden, und es wird da nahe niemand mehr wissen, wo du den rechten Stuhl, den Stuhl der Liebe, der Wahrheit, des lebendigen Glaubens und des Lebens aufgestellt hast, und wer dein rechter Nachfolger ist.
GEJ|8|162|4|0|Solch falscher Stuhl aber wird sich zwar lange halten, viel über die tausend Jahre hinaus, wird aber zweitausend Jahre Alters nicht erleben! Und nun rechne, wenn du rechnen kannst!
GEJ|8|162|5|0|Wenn der falsche Stuhl wird morsch geworden sein und keinen Halt mehr haben wird, dann werde Ich wiederkommen und Mein Reich mit Mir. Dann werdet auch ihr mit Mir zur Erde kommen und Meine Zeugen vor denen sein, bei denen wir noch den wahren und reinen Glauben finden werden.
GEJ|8|162|6|0|Aber in jener Zeit wird es denn auch einer großen Läuterung bedürfen, auf daß die Menschen Mich wieder erkennen und allein an Mich glauben werden. Doch was Ich euch nun im Vertrauen geoffenbart habe, davon schweiget jetzt noch! Es wird schon die Zeit kommen, in der solches laut von allen Dächern verkündet werden wird.“
GEJ|8|162|7|0|Sagten die andern Jünger: „Herr, kann denn so etwas nicht vermieden werden?“
GEJ|8|162|8|0|Sagte Ich: „O ja, da müßten die Menschen aber zu puren Maschinen umgeschaffen werden! Ihr saget auch: ,Aber warum stets so heftige Winde und Stürme auf dem Meere?‘ Gut, sage Ich, so nehmen wir diese weg, und das Meer wird keine gefährlichen Wellen und Wogen mehr treiben, und die Schiffer werden in aller Ruhe und Gefahrlosigkeit die Meere befahren können. Aber das gar sehr ruhige Meer wird dann faul werden und mit Pestilenz alle Teile der Erde erfüllen, und es wird dabei kein natürliches Leben mehr denkbar möglich sein weder auf dem trockenen Lande und ebensowenig im Meere selbst.
GEJ|8|162|9|0|Man müßte denn alles Wasser in Stein verwandeln! Wenn aber das, woher werden dann alle belebten Geschöpfe, als Pflanzen und Tiere, ihre erste und allernotwendigste Nahrung nehmen? Auf daß aber das Meer bleibe, wie es ist, und auch alle andern Gewässer, so müssen auch die Winde und Stürme bleiben, durch die das Meer beständig in der Unruhe und der daraus hervorgehenden Tätigkeit erhalten wird, damit es sein Lebenssalz nicht zu Grunde sinken lasse und faul und peststinkend werde.
GEJ|8|162|10|0|Was aber beim Meere die Winde und Stürme sind, das sind beim Menschen die zugelassenen geistigen Proben und Kämpfe, die muß ein jeder Mensch auf dieser Erde mehr oder weniger bestehen und sich durch sie zum wahren Leben emporkämpfen.
GEJ|8|162|11|0|Was aber für die Zeit der Lebensdauer für jeden einzelnen Menschen auf dieser Erde gilt im kleinen Maße, das gilt einer gedehnteren Zeit nach denn auch für ganze Völkerstämme.
GEJ|8|162|12|0|Ein kleines Bächlein durchfließt nur eine kurze Strecke, bis es sich mit einem größeren Bache vereint, der dann schon eine viel weiter gedehnte Strecke zu durchfließen hat, bis er sich in einen großen Strom ergießt; der Strom aber muß dann schon weite und große Länderstrecken durchwandern, bis er eins mit dem Weltmeere wird; dieses aber umströmt und umflutet dann die ganze Erde und belebt mit seinem Salze, das in feinster und dunstartiger Auflösung die ganze Erdluft erfüllt, was die Winde und Stürme bewirken, auch das Festland und alle naturmäßige Kreatur in und auf demselben.
GEJ|8|162|13|0|Es fallen ins große Weltmeer wohl tausenderleiartige Gewässer, reine und unreine, süße, sauere, bittere und heilsame und unheilsame, aber im Meere werden alle einig und haben ein Salz, aus dem ein zahllosfältiges organisches Naturleben seinen Grundstoff nimmt und ihn in sich nach seiner Beschaffenheit verarbeitet.
GEJ|8|162|14|0|Wie aber das große Weltmeer sich verhält zur Gesamtkreatur der ganzen Erde, also verhält sich denn das große Geisterreich zu den verschiedenen diesirdischen Lebensverhältnissen der Menschen auf dieser Erde. Jeder einzelne Mensch ist gleich einem kleinen Bächlein, eine Gemeinde ist ein etwas größerer Bach, ein großer Bach ist schon wie eine Nation, der Strom ist ein Volk, und das Meer stellt vorerst und besonders an den weiten Ufern alle Völker der Erde dar, die in ihm in ein gleiches Element übergehen; das Haupt- und in sich uferlose Meer aber bezeichnet die Menschen im Geisterreiche, das in sich Endloses birgt und sonach durch seine durchgängig lebendige Beschaffenheit der Urgrund alles Seins ist.
GEJ|8|162|15|0|Von der steten Bewegung des Weltmeeres hängt, wie schon gezeigt, alles kreatürliche Naturleben ab; je mehr das Meer durch große Stürme und Strömungen in eine größere Tätigkeit gelangt, desto mehr Lebenstätigkeit erzeugt es auch bei aller Kreatur der festen Erde und somit auch ein besseres Gedeihen.
GEJ|8|162|16|0|Wenn nach dem wohlentsprechend die Menschen in ihrer inneren Lebenstätigkeit lau, träge, schläfrig und lichtloser werden, so gibt es in der endlos großen Geisterwelt gleich große Bewegungen, und diese verursachen dann auch allerlei Bewegungen und Wogungen unter den noch auf dieser Erde lebenden Menschen durch ihr Einfließen. Da erhebt sich ein Volk wider das andere, eine Lehre bekämpft die andere, und es geht dann lange Zeiten fort, bis die Menschen dadurch in eine möglich größte Lebenstätigkeit versetzt werden.
GEJ|8|162|17|0|Dadurch wird es dann denn auch heller und lichter unter ihnen. Die scheinbare Not macht sie erfinderisch und zwingt sie auf diese Art zu einer stets größeren und geordneteren Tätigkeit. Durch solche werden dann die Völker, die ehedem voneinander kaum etwas wußten, miteinander bekannt und mit der Zeit sich gegenseitig nutzdienlich, und das Licht wächst unter ihnen von Zeit zu Zeit stets mehr und mehr und erzeugt zum ersten ein stets größeres Bedürfnis nach einer nahe greifbar erwiesenen Lebenswahrheit.
GEJ|8|162|18|0|Wenn dieses Bedürfnis am Ende ein stets allgemeineres wird und die Menschen sich mit dem puren Autoritätsglauben, der immerfort ein Grund zum finsteren und trägen Aberglauben ist, nicht mehr begnügen, dann auch ist es an der Zeit, ihnen ein großes und greifbares Lebenslicht voll Klarheit und Wahrheit zu geben.
GEJ|8|162|19|0|Und seht, also müssen die jetzt gar vielen in allerlei Trägheit und Lebensfinsternis wie von einem tiefen Schlafe behafteten Menschen auf der ganzen Erde in eine große und sturmreiche Bewegung versetzt werden, bis sie nach einer längeren Zeitenfolge dahin geweckt werden, daß sie in solchem Gewecktsein endlich zu fühlen anfangen, was ihnen mangelt!“
GEJ|8|163|1|1|163. — Über die Wiederkunft des Herrn
GEJ|8|163|1|0|(Der Herr:) „Wenn unter den Menschen solch ein Zustand eintreten wird, dann auch wird es an der Zeit sein, ihnen das zu geben, was ihnen mangelt, oder in solcher Zeit erst werde Ich wieder zu den Menschen in diese Welt kommen und werde das im Allgemeinen tun, was Ich nun tue im Sonderheitlichen nur vor wenigen Zeugen. Ich lege nun den Samen ins Erdreich und bringe dadurch den Menschen nicht den Frieden, sondern nur das Schwert zum Streite und zu großen Kämpfen und Kriegen.
GEJ|8|163|2|0|Nur der Mensch für sich, der Meine Lehre annehmen und nach ihr leben wird, wird in sich das Licht, die Wahrheit und den wahren Lebensfrieden finden, obschon er dabei mit der Welt viele Kämpfe und Verfolgungen um Meines Namens willen zu bestehen haben wird, was auch ihr alle an euch erleben werdet. Wenn Ich aber zum zweiten Male in diese Welt kommen werde, dann auch wird unter den Völkern der Erde das Gären, Kämpfen und Verfolgen ein Ende haben, und das Urverhältnis der Menschen zwischen (zu) den reinen Geistern der Himmel wird ein normales und bleibendes werden.
GEJ|8|163|3|0|Aus dem euch nun Gesagten und Gezeigten werdet ihr nun leicht erkennen und ersehen, warum es zugelassen wird, daß sich mit der Zeit neben dem kleinen und wahren Stuhle Aarons, auf den Ich nun euch setze, ein falscher und lange andauernder in der Mitte der Heiden erheben wird, und wie und warum denn auch die falschen Propheten und Lehrer in Meinem Namen sogar zugelassen werden.
GEJ|8|163|4|0|Ihr aber und eure wahren Nachkommen sollen nicht darauf achten, so sie auch den Ruf aus dem Munde der Falschen vernehmen werden, nach dem Christus hier oder dort sei. Denn Ich werde nie mehr in einem Tempel, aus Menschenhand erbaut, Wohnung nehmen, sondern nur im Geiste und in der Wahrheit derer, die Mich suchen, bitten, an Mich allein glauben und Mich also auch über alles lieben werden; ihr Herz wird Mein wahrer Wohntempel sein, und in diesem werde Ich auch zu ihnen reden, sie lehren und ziehen und führen. Dieses merket euch nun für euch ganz besonders wohl, auf daß, so das alles also kommen wird, ihr euch nicht ärgert und daran denket, daß Ich euch alles das schon zum voraus samt dem Grunde angezeigt habe!“
GEJ|8|163|5|0|Sagte darauf Simon Juda: „Herr, wir erkennen nun daraus wohl Deine Ordnung, die neben der vollsten Willensfreiheit der Menschen der Erde auch keine andere Richtung nehmen kann, als wie Du sie uns nun und schon auch zu andern Malen, wenn auch nicht so offen, dargestellt hast; aber für die Menschheit schauen da im allgemeinen noch lange keine goldenen Lebensfrüchte heraus! Aber weil die Sache schon einmal so sein muß, um endlich diese Erde zu einer wahren Lebensschule Deiner Kinder umzugestalten, so sei es denn auch also, wie Deine Weisheit es zulassen wird!
GEJ|8|163|6|0|Wir aber werden alles aufbieten, um soviel als möglich des lebendigen Wortsamens in das Herzenserdreich der Menschen zu streuen, auf daß sich daraus ehest die größten Kämpfe zwischen Licht und Finsternis unter den Menschen entwickeln mögen. Alle Gräber sollen sich öffnen, und sogar den Toten soll Dein Evangelium gepredigt werden, und das Meer soll die Toten, die es verschlungen hat, an das große Licht herausliefern! Ich meine hier nicht die Gebeine und ihr schon lange verwestes Fleisch, sondern die Seelen; auch diesen soll Dein Wort im Geiste verkündet werden!“
GEJ|8|163|7|0|Sagte Ich: „Du hast gut und recht geredet. Was hier nun auf der Materiewelt geschieht, das wird der bis jetzt auch noch sehr verkümmerten Geisterwelt wahrlich nicht vorenthalten werden. Aber es gibt nun gar viele Menschen, die bei lebendigem Leibe in den Gräbern der Lebensnacht im tiefen Grunde des großen Wahnmeeres begraben sind; diesen werdet ihr wohl das Evangelium predigen, und es werden da denn auch viele aus ihren alten Gräbern an das Licht des Lebens hervorgehen, und das gewisse Meer wird seine Gefangenen losgeben.
GEJ|8|163|8|0|Wenn das geschehen wird in großer Allgemeinheit, dann wird auch der große und allgemeine Erlösungstag allen Bewohnern der Erde hell zu tagen anfangen. Aber die Arbeit ist groß und schwer, und der rechten Arbeiter gibt es noch wenige; darum strebet vor allem auch danach, daß ihre Zahl bald eine große werde! Jeder Arbeiter in Meinem Lebensweinberge wird auch nach seinem Fleiße und Eifer einen großen Lohn zu gewärtigen haben. Hier auf dieser Erde wird er zwar stets nur ein magerer sein für euren Leib, wie er es bisher war, aber ein desto größerer und fetterer für Seele und Geist.
GEJ|8|163|9|0|Denn die Güter dieser Erde sind nur ein Schein und gleichen denen auf ein Haar, die so mancher Mensch in einem Traume besitzt. Der kleine Unterschied besteht nur darin, daß der Traumgüterbesitz die Seele des Menschen um etwas kürzer täuscht als der Außengüterbesitz dieser materiellen Welt. Aber beide vergehen, und nach dem Vergehen wird alles nur als ein Schein vor den geöffneten Augen des lebendigen Geistes dastehen, der allein allem Scheine erst eine Realität wird zu geben im wahrsten Stande sein.
GEJ|8|163|10|0|Darum trachte ein jeder vor allem nur nach den Besitztümern des Geistes, welcher ist das Licht, die Wahrheit und das Leben in der Seele! Was der Leib in rechter Mäßigkeit bedarf, das wird auf dieser Erde jedem treuen Arbeiter in Meinem Weinberge schon ohnehin wie von selbst hinzufallen; denn Ich weiß es sicher wohl am besten, was dem Menschen auch in jeder leiblichen Beziehung not tut. – Habt ihr alle Mich nun wohl verstanden?“
GEJ|8|163|11|0|Sagte Simon Juda: „Herr, ich habe Dich verstanden, und die andern Brüder sicher auch, und wir sind denn nun auch darüber vollends im klaren, warum Du ehedem die Bewohner des Ortes, den wir durchzogen haben, nicht erhört hast, obschon sie Dir ihre Not vortrugen und Dich, als wärest Du nur so ein weltlicher Arzt, um Abhilfe angingen! – Aber nun gehen wir schon eine geraume Zeit, die Sonne fängt schon an, sich ganz merklich dem Abende zuzuneigen, und ich kann noch nirgends etwas entdecken, was da einem Hause gleich sähe. Seit wir vor einer halben Stunde diese nach Jericho führende Straße betraten, sieht es sehr öde aus. Wälder und Gebüsche gibt es zur Genüge, aber sonst gibt es da nichts, und es ist begreiflich, daß sich in solch einer Gegend Diebe und Räuber aufhalten. Herr, dauert dieser Weg noch lange so fort?“
GEJ|8|163|12|0|Sagte Ich: „Laß den Weg, wie er ist, – für uns ist er ein sicherer! Ihr habt mit Mir doch die um vieles öderen Gegenden am Euphrat durchwandert, und sie waren für uns sicher und sogar sehr fruchtbar. Und so wird es auch mit diesem Wege der Fall sein. So wir über diese vor uns liegende Anhöhe, die freilich hübsch gestreckt ist, kommen werden, da werden wir auch alsbald in einen Ort gelangen, der zu den Zeiten Lots eine der zehn Städte war, nun aber nur ein ganz elender Flecken ist; dort werden wir sehen, ob es für uns etwas zu tun geben wird. Von dort weg gibt es dann schon mehrere derlei Ortschaften, und wir werden sehen, wo man uns in eine Herberge aufnehmen wird.“
GEJ|8|163|13|0|Sagte der Jünger Andreas: „Herr, das weißt Du zum voraus schon sicher als ganz bestimmt, nur willst Du es uns nun nicht näher angeben, welcher Ort es sein wird, und wie die Herberge bestellt sein wird.“
GEJ|8|163|14|0|Sagte Ich: „Und wenn auch also, was beirrt dich das? Ich aber will nun um euretwillen einmal nicht voraussehen, sondern einem Menschen gleich die Sache nehmen, wie sie auch kommen mag! Aber im ersten Orte werden wir allerlei Leute, Pharisäer, alte Schriftgelehrte und auch solche, die sich für sehr fromm halten und sich viel darauf zugute tun, antreffen. Mit diesen werden wir im Vorübergehen einiges zu tun bekommen!“
GEJ|8|164|1|1|164. — Vor der Herberge eines Zöllners. Geschichte vom Pharisäer und Zöllner (Luk. 18,9-14)
GEJ|8|164|1|0|Auf diese Meine Voraussage gingen wir dann schweigend und eiligen Schrittes vorwärts, gelangten bald auf die Anhöhe und ersahen von da auch schon ganz nahe liegend den Ort, den Ich zum ersten angegeben hatte.
GEJ|8|164|2|0|Wir kamen denn auch bald und leicht dahin und nahmen Rast vor einer Herberge, von welcher der Besitzer zugleich ein Zöllner war. Dieser fragte uns, ob wir Fremde oder Einheimische, das heißt Juden, seien.
GEJ|8|164|3|0|Und Ich sagte zu ihm: „So du doch selbst ein Jude bist, da wirst du an uns wohl auch gewahren, daß wir keine Fremden sind! Dein Weib ist wohl eine Griechin, obschon sie in jüdischer Kleidung steckt; diese etlichen aber, die bei Mir sind, sind dennoch Juden, wenn deren einige auch in griechischer Kleidung stecken.“
GEJ|8|164|4|0|Hier machte der Zöllner große Augen und sagte: „Dich hat noch nie jemand in dieser abgelegenen Gegend gesehen; woher weißt Du es denn, daß mein gar liebes Weib eine Griechin sei?“
GEJ|8|164|5|0|Sagte Ich: „Ich weiß noch gar manches von dir und deinem Weibe, von deinen zwei Kindern, die Zwillinge sind, und so auch von deinem Hause und vom ganzen Orte; aber wüßtest du, wer Der ist, der nun mit dir redet, so würdest du sagen: ,Herr, bleibe bei mir, denn der Tag neigt sich!‘
GEJ|8|164|6|0|Auf diese Meine Worte stutzte der Zöllner noch mehr und sagte: „Freund! Du bist ein sonderbarer Mensch! Entweder bist du ein Wahrsager oder ein Essäer oder gar ein wirklicher Prophet! Denn sonst könntest du denn doch unmöglich wissen, daß mein Weib eine Griechin ist, und daß wir im Ernste nur zwei Kinder haben, die richtig ein Zwillingspaar sind. Möchtest du mit deinen Gefährten denn nicht in dies mein Haus treten und eine kleine Labung zu dir nehmen? Ich sehe, daß man von dir sicher gar manches erfahren könnte, was einem von großem Nutzen wäre!“
GEJ|8|164|7|0|Sagte Ich: „Du hast ja ohnehin Gäste in deinem Hause, und es gibt wenig Raum darinnen. Zudem bin Ich kein besonderer Freund von euren hierortigen Pharisäern, Schriftgelehrten, Priestern und Frömmlern, und so bleibe Ich lieber im Freien.“
GEJ|8|164|8|0|Hier staunte der Zöllner noch mehr, da Ich ihm auch angab, welche Gäste sich in seinem Hause befänden. Darauf ging er selbst ins Haus und sagte den darin befindlichen Gästen, daß soeben eine sehr merkwürdige Gesellschaft von Menschen angekommen sei, darunter sich einer befände, der um verborgene Dinge, trotzdem er ein Fremder sei, besser wisse als so mancher Einheimische.
GEJ|8|164|9|0|Als der Zöllner solches noch kaum ausgesprochen hatte, da erhoben sich gleich alle im Hause und eilten zu uns heraus, um uns, und besonders Mich, zu besichtigen und auch zu befragen.
GEJ|8|164|10|0|Einer, der ein in den Ruhestand versetzter Pharisäer war und sich viel auf seine Ehrlichkeit und Frömmigkeit zugute tat, sagte zu Mir: „Höre, Freund, der Wirt dieser Herberge hat uns gesagt, daß du um verborgene Dinge wissest und auch, als ein hier Fremder, um dieses Ortes und dieser Gegend Verhältnisse besser wissest denn ein Einheimischer! Sage es mir nun, wer ich bin, und wie mein Charakter beschaffen ist!“
GEJ|8|164|11|0|Sagte Ich: „Auf daß du und auch noch etliche deinesgleichen, die sich samt dir für fromm und gerecht halten, es sehen möget, daß Ich euch wohl kenne, so will Ich euch eine kleine Begebenheit aus eurem Leben in aller Kürze erzählen. (Luk.18,9) Weil ihr euch für fromm und gerecht haltet, aber andere Menschen, die ihr nicht so wie euch selbst findet, verachtet, da ziehet ihr denn auch zu den Festen nach Jerusalem, bringet dem Tempel die vorgeschriebenen Opfer und rechtfertiget euch sogestaltig vor den Priestern des Tempels.
GEJ|8|164|12|0|Am Osterfeste dieses Jahres zog denn auch ein sich für fromm und gerecht haltender alter Pharisäer und eben auch ein Zöllner hinauf in den Tempel. (Luk.18,10)
GEJ|8|164|13|0|Der Pharisäer, ganz nahe an den Opferaltar hintretend, um von mehreren und vornehmeren Menschen beobachtet und bemerkt zu werden, betete bei sich, und zwar ziemlich laut, also: ,Gott, ich danke Dir, daß ich nicht bin wie viele andere Leute, als da sind Diebe, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, und wie auch der Zöllner, der mit mir heraufzog! (Luk.18,11) Denn ich faste zweimal in der Woche und gebe selbst als ein Pharisäer den Zehent von allem, was ich habe (Luk.18,12); so halte ich auch die Gebote Mosis und habe dabei auch allzeit die Satzungen des Tempels in hohen Ehren gehalten. Gib, o Gott, mir die Gnade, daß ich auch hinfort in dieser Gerechtigkeit und Sündenlosigkeit verharre und am Ende auch diese Welt also verlasse!‘
GEJ|8|164|14|0|Der Zöllner aber blieb rückwärts und recht ferne vom Opferaltare stehen und getraute sich nicht, auch nur seine Augen zum Himmel emporzurichten, sondern er schlug an seine Brust und sagte: ,O Herr, sei mir Sünder, der nicht wert ist, seine Augen hinauf zu Deinem Heiligtume zu erheben, gnädig und barmherzig!‘ (Luk.18,13)
GEJ|8|164|15|0|Wer, meinet ihr denn, verließ den Tempel als wahrhaft vor Gott gerechtfertigt: der Pharisäer, der sich selbst erhöht, oder der Zöllner, der sich vor Gott gedemütigt und erniedrigt hatte?“
GEJ|8|164|16|0|Da sagten einige, die es wohl merkten, daß Ich dies Bild auf den alten Pharisäer bezog, weil er wegen seines oftmaligen Selbstrühmens und -lobens bei ihnen, die sich auch für fromm und gerecht hielten, sehr bekannt war: „Freund, darüber kann nur Gott urteilen, dessen allsehendes Auge Herz und Nieren des Menschen prüft; wir Menschen können da kein endgültiges Urteil schöpfen! Weil dir als einem Fremden auch diese Geschichte, wie sie sich auch also zugetragen hat, gar so genau und umständlich bekannt ist, so sage du es uns, wer von den zweien den Tempel vor Gott gerechtfertigt verlassen hat!“
GEJ|8|164|17|0|Sagte Ich: „Oh, diesen Gefallen kann Ich euch schon erweisen! Ich sage es euch: Eben dieser Zöllner ging gerechtfertigt aus dem Tempel, weil er sich selbst erniedrigt und seine Schuld vor Gott im Herzen treu und wahr bekannt hatte, und kehrte also auch vor dem Pharisäer gerechtfertigt in sein Haus zurück. Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden!“ (Luk.18,14)
GEJ|8|165|1|1|165. — Eine Heilung im Spital des Zöllners. Jesus läßt die Kindlein zu Sich kommen (Luk. 18,15-17)
GEJ|8|165|1|0|Als Ich solches diesen Menschen gesagt hatte, da gedachten sie bei sich: ,Der hat wahr und recht geurteilt!‘
GEJ|8|165|2|0|Der Zöllner aber entschuldigte sich, zu Mir sagend: „Freund, du hast wohl ganz richtig geurteilt, und es würde mich dein Urteil noch mehr erfreut haben, wenn nur nicht gerade ich derselbe Zöllner gewesen wäre, der sich im Tempel vor Gott der vollen Wahrheit nach also ausgesprochen hat! Aber sei's nun, wie es ist, so kommt es mir von dir denn doch äußerst rätselhaft vor, wie dir derlei Dinge so bekannt sein können. Ich für meine Person halte dich für einen Propheten und bitte dich, daß du im Namen Dessen, der dich mit Seinem Geiste also erleuchtet hat, mein Haus und meine Familie segnen wollest!“
GEJ|8|165|3|0|Sagte Ich: „Das ist dir schon dadurch widerfahren, da Ich vor deinem Hause anhielt und die Rast nahm. Daß du aber auch erkennest, daß Ich nicht nur das Recht, sondern auch die Macht habe, dein Haus und deine Familie zu segnen, so gehe nun in das Haus, das auch dein ist und zu dieser deiner Herberge gehört!
GEJ|8|165|4|0|Jenes Haus aber hast du eingerichtet zur Beherbergung für allerlei arme, einheimische und auch fremde Kranke, und hast es versehen mit einem Arzte und vielen und guten Heilmitteln. Es befinden sich nun noch sieben schwerkranke Menschen in der Pflege, denen aber dein Arzt, so erfahren und gutwillig er auch ist, nicht helfen kann. Ich aber habe ihnen schon geholfen! Und so gehe du nun in jenes Haus, und überzeuge dich selbst!“
GEJ|8|165|5|0|Es war aber dieses Haus nur wenige Schritte von dem Haupthause entfernt, und der Zöllner und alle die andern gingen eiligst hin und fanden zum größten Erstaunen alle die sieben völlig gesund, und sie befragten sie, wer sie gesund gemacht habe, denn es müsse da ein großes Wunder geschehen sein. Denn solche Lahme, Krüppel, Blinde und Gichtbrüchige hatte noch nie ein Arzt geheilt.
GEJ|8|165|6|0|Da sagten die völlig Geheilten: „Wer uns so plötzlich und so wunderbar geheilt hat, das wissen wir nicht; denn es war niemand bei uns, auch unser Arzt nicht seit morgens. Wir empfanden aber, wie vor wenigen Augenblicken uns eine Kraft wie ein Feuer durchströmte, und wir waren gesund also, wie niemals je zuvor; wir trauten uns aber unsere Lager doch nicht zu verlassen, weil wir ja gar nicht glauben konnten, daß wir im Ernste also gesund geworden seien.
GEJ|8|165|7|0|Die zwei Blinden dienten uns wohl als ein erster Beweis, daß nicht nur sie als mit dem Augenlichte Wiederbegabte, sondern auch wir vollkommen wieder zum Besitze unserer geraden Glieder gelangt sind, aber wir glaubten dennoch nicht vollkommen an unsere noch so klar empfundene Genesung; jetzt aber glauben wir, weil ihr darum zu uns gekommen seid.
GEJ|8|165|8|0|Euch muß es irgendein wunderbarer Mensch und Heiland selbst gesagt haben, ansonst ihr nicht hierhergekommen wäret, um euch zu überzeugen, ob der Wundermann die Wahrheit zu euch geredet hat, – und so denn wisset ihr besser, wer uns geheilt hat, als wir es wissen können. Lasset uns aber nun auch unsere Bekleidung zukommen, auf daß wir hinausgehen können und unseren Dank dem wunderbaren Heilande darbringen!“
GEJ|8|165|9|0|Es geschah das denn auch alsbald auf die Anordnung des Zöllners.
GEJ|8|165|10|0|Hier machten der alte Pharisäer, ein Oberster und etliche andere Priester und Schriftgelehrte erstaunlich große Augen und wußten nicht aus und nicht ein, und einer fragte den andern, für wen er Mich hielte.
GEJ|8|165|11|0|Aber die gemeineren Bürger und auch die Geheilten sagten einstimmig: „Es ist doch sonderbar, daß Priester und Schriftgelehrte da noch also fragen können, wer der sei, der durch die Macht seines Willens die unheilbarsten Krankheiten in einem Augenblick heilen kann! Solches ist nur Gott allein möglich und einem überfrommen Menschen, der gleich den großen Propheten mit dem Geiste Gottes erfüllt ist!“
GEJ|8|165|12|0|Aber die Priester und die Schriftgelehrten bedrohten das Volk und sagten, daß es sich nicht gezieme, daß die Laien die Priester Gottes zu belehren sich erdreisten.
GEJ|8|165|13|0|Die Laien aber achteten nicht darauf, sondern gingen mit den Geheilten aus dem Krankenzimmer, traten vor Mich hin und sagten: „Heil dir, großer Meister, der du zu uns kamst im Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe und alles Lob Jehova dem Herrn, der dem Menschen solche Macht verliehen hat!“
GEJ|8|165|14|0|Darauf eilten viele der Väter und Mütter in ihre Wohnungen und brachten bald eine Menge Kinder, die mehr oder minder krank und schwach waren, und baten Mich, daß Ich sie alle segnen und dadurch gesund machen möchte. (Luk.18,15a)
GEJ|8|165|15|0|Es war aber die Anzahl der herbeigebrachten Kindlein eine ganz bedeutende, und als die Jünger vernahmen, daß Ich ein jegliches besonders anrühren möchte nach dem Wunsche der Eltern, da sagten sie: „Nun, nun, der Tag wird kaum mehr zwei kleine Stunden währen. So der Herr ein jedes dieser Kinder besonders anrühren und segnen soll, da wird der Tag auch zu Ende sein; und wir sollen noch an einen andern Ort hinziehen! Denn vom Hierbleiben ist keine Rede, weil Er schon ehedem auf dem Wege gesagt hat, daß Er im ersten Orte nicht übernachten werde. Was Er aber einmal ausspricht, von dem geht Er auch niemals um ein Haarbreit ab. Weisen wir den Zudrang der Kinder zurück mit dem guten Bemerken, daß es nicht nötig sei, daß da ein jedes der vielen Kinder besonders angerührt werde; es genüge, daß Er nur ein Wort über sie ausspreche, und sie würden alle genesen und vollauf gesegnet und gestärkt sein!“
GEJ|8|165|16|0|Auf diese Besprechung vertraten dann die Jünger den Zutritt zu Mir und bedrohten die, welche mit Ungestüm zu Mir dringen wollten. (Luk.18,15b)
GEJ|8|165|17|0|Ich aber rief dennoch all die vielen Kindlein zu Mir und sagte zu den Jüngern: „Ei, so lasset doch alle die Kindlein zu Mir kommen, und wehret ihnen das nicht; denn eben solcher Kinder ist das Reich Gottes! Wahrlich sage Ich es euch: Wer das Reich Gottes nicht als ein Kind einnimmt, der kommt nicht hinein!“ (Luk.18,16.17)
GEJ|8|165|18|0|Hierauf ließen die Jünger alle die Kindlein zu Mir kommen, und Ich rührte alle an, herzte und koste sie, und alle wurden frisch, kräftig und gesund, und Ich entließ sie unter einem nicht endenwollenden Danken der Eltern.
GEJ|8|165|19|0|Da aber traten etliche Jünger zu Mir und sagten: „Herr! Du hast hier schon wieder eine neue Bedingung zur Überkommung des Reiches Gottes aufgestellt! Wie können wir nun schon zumeist ergraute Männer wieder zu Kindern werden, um ins Gottesreich zu gelangen? Und doch hast Du soeben fest ausgesprochen, daß ein Mensch, der das Gottesreich nicht als ein Kind einnimmt, nicht hineinkommen werde! Wenn also, was nützt uns da alle unsere Mühe, Entsagung und Selbstverleugnung?“
GEJ|8|165|20|0|Sagte Ich: „Mit euch umzugehen, dazu gehört wahrlich viel Geduld! Wie lange werde Ich euch noch ertragen müssen, bis ihr reinen Verstandes werdet? So Ich sage, daß man nur als ein Kind das Reich Gottes einnehmen könne, da verstehe Ich ja nicht die leibliche, sondern nur die herzliche Kindschaft. Ein Kind hat keinen Hochmut, keinen Zorn, keinen Haß, keinen Unzuchtssinn, keine bleibenden Leidenschaften und auch keine Ungeduld; es weint wohl, so es ihm irgend zu hart geschieht, aber es läßt sich auch bald vertrösten und vergißt das gehabte Leid und umfaßt die Wohltäter mit aller Liebe. Und das soll auch ein jeder Mensch im Herzen und Gemüte sein, und dann ist auch das Reich Gottes schon sein eigen. So ihr nun das begreifet, da werdet ihr etwa doch wohl nicht mehr zu fragen nötig haben, wie ein Mensch als ein Kind das Reich Gottes einzunehmen habe? – Habt ihr das verstanden?“
GEJ|8|165|21|0|Die Jünger bejahten das und dankten Mir für diese Aufklärung.
GEJ|8|165|22|0|Darauf fragte Mich der Wirt, der bekanntlich auch Zöllner war: „Wunderbarer Heiland! Du hast nun diesem Orte eine überschwenglich große Wohltat erwiesen, die wir von dir nicht umsonst verlangen können. Sprich nun aus, wieviel wir dir schulden, und ich werde dich bezahlen!“
GEJ|8|165|23|0|Sagte Ich: „Und Ich werde aber nichts annehmen; denn welcher Mensch hat etwas, das er nicht von Gott empfangen hätte? Wie aber kann man dann Gott damit bezahlen, was ohnehin Gottes ist?
GEJ|8|165|24|0|Wenn du aber schon etwas tun willst, so tue es den Armen, und Gott wird das also annehmen, als hättest du das Ihm getan! Denn glaube es Mir, was Ich hier gewirkt habe, das habe nicht Ich gewirkt, sondern der Geist Dessen, den ihr euren Gott und Vater nennet, Ihn aber noch nie erkannt habt; Ich aber kenne Ihn und schaue allzeit Sein Antlitz. Darum frage nicht mehr, was du Mir schuldig seiest! Bringe aber etwas Brot und Wein!“
GEJ|8|165|25|0|Darauf eilte der Wirt mit den Seinen ins Haus und brachte uns Brot und Wein in rechter Genüge, und Ich und die Jünger alle stärkten damit unsere Glieder.
GEJ|8|166|1|1|166. — Der Herr und der reiche Oberste (Luk. 18,18-27)
GEJ|8|166|1|0|Als wir da das Brot und den Wein verzehrt hatten und etliche Meiner Jünger sich zu erkundigen anfingen, wie weit es bis zum nächsten Orte wäre, und wir auch Miene zur Weiterreise machten, da trat ein Oberster zu Mir und sagte: „Höre, du wahrhaft großer und guter Meister in Deiner Sache! Da Du als ein vom Geiste Gottes erfüllter Mann das Himmelreich besser zu kennen scheinst, als wir es kennen, so sage es mir, was ich wohl tun soll, um das ewige Leben zu erreichen im Himmelreiche!“ (Luk.18,18)
GEJ|8|166|2|0|Sagte Ich: „Da du Mich nur für einen Menschen deinesgleichen hältst, wie magst du Mich für einen guten Meister halten? Niemand ist gut als Gott allein nur! (Luk.18,19)
GEJ|8|166|3|0|Da du ein Jude und dazu ein Oberster der Synagoge bist, so wirst du ja wohl auch wissen, was Moses geboten hat! Da stehet unter vielem andern: ,Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsches Zeugnis geben, und du sollst Vater und Mutter ehren!‘ (Luk.18,20) Wer das beachtet, dem wird auch das ewige Leben zuteil werden.“
GEJ|8|166|4|0|Sagte hierauf der Oberste: „Lieber Meister, das alles habe ich von meiner Jugend an gehalten, und das genau und pünktlich (Luk.18,21); aber dessenungeachtet habe ich noch nichts derartig Offenbarliches an mir selbst wahr genommen, das mir eine Versicherung dahin gäbe, daß ich nach dem Tode des Leibes das ewige Leben im Himmelreiche überkommen werde.
GEJ|8|166|5|0|Man sagte mir von mehreren wohlerfahrenen Seiten, daß Menschen, deren Seelen zum Himmelreiche sich würdig gemacht haben, schon oft im Leibesleben Erscheinungen haben, aus denen sie wohl innewerden können, daß sie nach dem Abfalle des Leibes alsbald ins Himmelreich unter die Scharen der Engel aufgenommen werden. Ich aber bin nun schon ziemlich alt geworden und habe alle Gesetze Mosis von meiner Kindheit an musterhaft gehalten, – aber von einer besagten geistigen Erscheinung, die mir eine vorerwähnte innere Versicherung vom ewigen Leben der Seele hätte geben können, ist mir wahrlich noch nichts vorgekommen! Und so glaube ich wohl, was Moses und die Propheten gelehrt haben, gewisserart blind; doch von einer Vorüberzeugung ist da noch lange keine Rede!
GEJ|8|166|6|0|Und siehe, lieber Meister, aus diesem Grunde habe ich die Frage an dich gestellt; denn du als ein vom Geiste Gottes vollsterfüllter Mann wirst wohl auch schier am besten wissen, wie und ob ich für ein künftiges ewiges Leben der Seele in Gottes Himmelreiche schon in diesem Leben wahre und verläßliche Vorandeutungen und Bürgschaften haben kann! Denn der bloße Glaube nach den geschriebenen Worten ist eine schwache Stütze zur Aufrechthaltung der wahren Tugend der Menschen. Also, lieber Meister, sage mir darüber etwas Wahres!“
GEJ|8|166|7|0|Sagte Ich: „Ja, Freund, was du von den Bürgschaften und hellsten Vorandeutungen geredet hast, so hat es damit wohl seine vollste Richtigkeit! Alle wahrhaft nach der Gotteslehre lebenden, tugendhaften und frommen Menschen überkommen solche sie tröstenden und stärkenden Bürgschaften, und du hättest sie vermöge deines sonst nach dem Gesetze gerechten Lebenswandels auch schon überkommen können; aber es fehlt dir dazu noch eines, und zwar für den Zweck von größter Wichtigkeit! (Luk.18,22a)
GEJ|8|166|8|0|Siehe, du bist ein gar reicher Mann und bist, wennschon gerade nicht geizig, aber doch ein sparsamer Wirt, der es mit der Nächstenliebe stets kärglich zu drehen versteht! Dein Herz und deine Seele hängen noch viel zu mächtig an den toten Schätzen dieser Welt, und durch diese kann das sanfte Lebenslicht der Himmel nicht dringen. Solange deine Seele durch ihre Liebe zu den toten Schätzen und Reizen dieser Welt gefangen ist, solange ist sie auch wie mittot, weil ihre Liebe zu dem, was tot ist, auch tot ist so lange, wie sie an den toten Gütern dieser Welt überwiegend stark hängt.
GEJ|8|166|9|0|In solcher deiner Lebenslage kann von den inneren Lebenserscheinungen freilich wohl nie eine Rede sein! Aber Ich will dir nun einen Rat geben; wenn du diesen befolgst, so wird dir alles werden, was dir bis jetzt unmöglich hatte werden können.
GEJ|8|166|10|0|Gehe hin, verkaufe alle deine Güter und verteile den Erlös weise unter die Armen, und du wirst dir dadurch einen Schatz im Himmelreich bereiten, aus dem dir ein rechtes Lebenslicht werden wird; dann aber komme zu Mir und folge Mir nach, und du wirst da der wahrsten Bürgschaften für ein ewiges Leben der Seele in Hülle und Fülle finden! – Hast du Mich verstanden?“ (Luk.18,22b)
GEJ|8|166|11|0|Als aber der Oberste, der sehr reich war und viele Güter hatte, solches von Mir vernommen hatte, da ward er alsbald traurig, kehrte Mir den Rücken und entfernte sich von Mir. (Luk.18,23)
GEJ|8|166|12|0|Als der Wirt und auch die andern noch Anwesenden solches sahen, da sagten sie: „Ja, ja, Du lieber und wunderbarst weiser Meister, Du hast auch da wieder den Nagel fest auf den Kopf getroffen! Dieser Oberste ist sonst wohl ein gesetzlich ganz gerechter Mann, und man kann ihn nirgends einer Ungerechtigkeit zeihen; aber zu den freigebigen Menschen ist er noch nie zu zählen gewesen, und selbst alle seine Diener haben einen sehr spärlichen Lohn und eine magere Kost. Wer für ihn etwas macht, der hat selbst bei dem billigsten Verlangen einer Bezahlung für die geleistete Arbeit seine entschiedene Not. Er findet überall Fehler und zieht deshalb denn auch gleich selbst die bedungene Bezahlung oft bis über die Hälfte herab. Daher aber mag auch schon beinahe kein Handwerker mit ihm mehr etwas zu tun haben.
GEJ|8|166|13|0|Er und der alte Pharisäer, der sich nun mit ihm aus dem Staube gemacht hat, weil Du, lieber Meister, auch ihn sehr getroffen hast, taugen auf ein Haar zusammen, einer so ein Habefest wie der andere; aber wenn sie von ihren guten Werken, die sie etwa im geheimen den Dürftigen erweisen, reden, so müßte man auf den Glauben kommen, daß es schon keine wohltätigeren Menschen auf der ganzen Erde gäbe. Und wir haben darum nun eine große Freude darob, daß Du, o liebster Meister, diesen beiden die vollste Wahrheit gesagt hast.“
GEJ|8|166|14|0|Sagte Ich: „Ja, Ich habe beiden die vollste Wahrheit gesagt, aber dadurch auch den Weg gezeigt, auf dem allein sie zum ewigen Leben gelangen können; aber das sage Ich euch allen auch als allzeit gültige Wahrheit noch hinzu, und die bestehet darin: Oh, wie schwer werden solche Reichen ins Reich Gottes, welches ist das wahre, ewige Leben, kommen! Ich sage es euch: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr denn solch ein Reicher ins Reich Gottes! (Luk.18,24.25)
GEJ|8|166|15|0|Denn eine jede Seele nimmt nach dem Abfalle ihres Leibes nichts mit sich hinüber als ihre Liebe, der ihre Werke als Produkte ihres Willens nachfolgen. Hängt die Liebe der Seele aber an den toten Dingen dieser Welt so sehr, daß sie mit ihnen vollends eins geworden ist, so ist sie auch tot; und da ihr Wille gleich ist den gerichteten, toten Dingen dieser Welt, so entbehrt er der vollsten Freiheit, ist sonach auch gerichtet und somit als tot zu betrachten, – und das ist es, was man die Hölle und den ewigen Tod nennt!
GEJ|8|166|16|0|Hütet euch darum vor allem, daß eure Seelen nicht die Liebe zur Welt, ihren Schätzen und Reizen gefangennehme; denn wen die Welt einmal gefangengenommen hat, der wird sich höchst schwer von ihrer Gewalt losmachen können.“
GEJ|8|166|17|0|Darauf sagten alle, die das gehört hatten: „O Du lieber und wahrhaftigster Meister! Wer wird bei so bewandten Umständen dann selig werden? Denn mehr oder kaum um etwas weniger sind alle uns bekannten Menschen selbst- und weltliebig, und wir selbst leiden an diesem Übel.“ (Luk.18,26)
GEJ|8|166|18|0|Sagte Ich: „Ja, ja, es ist wohl leider also, und die Menschen selbst könnten sich auch ewig nimmer helfen! Was aber jetzt wie allzeit bei den Menschen unmöglich ist, das ist jedoch bei Gott möglich (Luk.18,27), und Ich bin eben darum Selbst als ein Mensch in diese Welt gekommen, um den Menschen jene Hilfe zu bringen, die sie sich ewig nimmer verschaffen könnten. Wer da nun an Mich glaubt und nach Meiner Lehre handelt, der auch wird das ewige Leben überkommen; denn Ich Selbst bin der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben.“
GEJ|8|166|19|0|Auf diese Meine Worte stutzten alle, und der Wirt sagte: „Liebster und wunderbarster Meister! Daß hinter Dir mehr verborgen steckt als etwa bloß hinter einem andern Propheten, das habe Ich bei mir im geheimen gleich wahrgenommen, obschon ich es mich nicht laut auszusprechen getraute; aber da Du nun Selbst ein großes und inhaltsschwerstes Wort über Dich ausgesprochen hast, so kann ich nun auch nichts Weiteres tun und sagen als: Herr, ich bin nun nimmer wert, meine Augen zu Dir emporzurichten, sondern sei Du mir armem Sünder gnädig und barmherzig!“
GEJ|8|166|20|0|Sagte Ich: „Sei getrost, Mein Freund! Darum bin Ich ja zu dir gekommen, da Mir deine Werke um gar vieles besser gefielen als jene des reichen Obersten und Pharisäers. Liebe du nur gleichfort Gott über alles und deine Nächsten, das die Menschen sind ohne Ausnahme ihres Standes und ihres Glaubens, wie dich selbst, tue ihnen, was du vernünftigermaßen auch wünschen kannst, daß sie dasselbe auch dir tun möchten, und du erfüllst dadurch das ganze Gesetz und auch alles, was die Propheten gelehrt haben! Tust du aber das, dann sind dir auch alle Sünden vergeben, und wäre ihre Zahl gleich der des Sandes im Meere und des Grases auf der Erde! Also ist bei Gott alles wohl möglich, was bei den Menschen unmöglich ist.“
GEJ|8|166|21|0|Für diese Belehrung dankte der Zöllner und auch alle die andern, die da anwesend waren.
GEJ|8|167|1|1|167. — Petrus fragt nach dem Lohn der Jünger (Luk. 18,28-30)
GEJ|8|167|1|0|Es trat aber nun auch Simon Juda zu Mir und sagte: „Herr, wir haben alles verlassen und sind Dir ohne allen Rückhalt nachgefolgt auf den ersten Ruf, den Du an uns gerichtet hast (Luk.18,28), und haben dafür von Dir noch nie eine diesirdische Entschädigung verlangt; aber da hier schon einmal vom Himmelreiche und vom ewigen Leben gar sehr geredet wird, so wolle denn auch uns dahin eine Versicherung geben, was wir im andern Leben werden zu gewärtigen haben!“
GEJ|8|167|2|0|Sagte Ich: „Wahrlich, es ist niemand, der sein Haus verläßt oder seine Eltern oder Brüder, Schwestern, Weib oder Kinder um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder zurückempfinge schon in dieser Zeit, und in der zukünftigen Welt aber ernte das ewige Leben! (Luk.18,29.30) So Ich euch das sage als Der, der da alles hat und auch alles geben kann und wird, was Er verheißen hat, so könnet ihr es Ihm auch glauben! Denn ihr habt es nun schon nahe ein paar Jahre hindurch gesehen, erlebt und erfahren, daß Ich noch nie ein Wort geredet habe, das da wirkungslos und unerfüllt geblieben wäre.
GEJ|8|167|3|0|Wahrlich sage Ich euch allen: Diese Erde, wie sie nun ist, und auch dieser ganze sichtbare und ebenfalls materielle Himmel werden vergehen und es werden neue Schöpfungen an die Stelle der alten treten, doch Meine Worte werden ewig bleiben und somit auch die vollste Erfüllung aller von Mir offenst ausgesprochenen Verheißungen!
GEJ|8|167|4|0|Wer an Mich glaubt und Meinen Willen tut, der wird auch das ewige Leben haben, wie Ich euch das schon bei vielen Gelegenheiten gesagt und auch klarst gezeigt habe, und es ist darum nun etwas sonderbar, wie ihr Mich darum abermals fragen könnet, was euch für das werden wird, darum ihr, alles verlassend, Mir nachgefolgt seid.“
GEJ|8|167|5|0|Sagte Simon Juda: „Herr, Du hast es ja doch gemerkt, daß ich diese Frage nun nicht so sehr unsertwegen stellte, als vielmehr dieser wegen, die hier sind, die die Welt noch sehr lieben und nun denn auch eben durch meine Frage erfahren sollen, daß wir eben diejenigen sind, die um des Reiches Gottes willen alles verlassen haben und Dir nachgefolgt sind.“
GEJ|8|167|6|0|Sagte Ich: „So Ich solche deine Absicht nicht gemerkt hätte, da hätte Ich darauf auch nicht also geredet, wie Ich geredet habe. Was Ich aber geredet habe, das habe Ich nicht so sehr zu euch, die ihr Meine Verheißungen schon lange kennet, als vielmehr zu allen Menschen geredet. Wo ihr aber in der Folge Mein Evangelium predigen werdet, da soll auch alles dessen erwähnt werden, was sich hier hauptsächlich ereignet hat.“
GEJ|8|167|7|0|Damit waren die Jünger zufrieden, und wir erhoben uns, um unsere Reise fortzusetzen.
GEJ|8|167|8|0|Der Zöllner und auch die andern Anwesenden aber fingen an, Mich zu bitten, daß Ich wenigstens diese Nacht hindurch allhier verbleiben möchte, da der Tag schon sehr an der Neige stehe.
GEJ|8|167|9|0|Ich aber sagte: „Was euch hier wohlgeschmeckt hat durch Meine Gegenwart, das wird auch euren Ortsnachbarn schmecken. Im Geiste aber werde Ich auch bei euch verbleiben, wenn ihr lebendigen Glaubens und in der rechten Liebe Meiner gedenken werdet.“
GEJ|8|167|10|0|Sie versprachen Mir das aufs treuste, und Ich segnete sie darauf und zog dann weiter, und Ich lehnte es ab, als sie Mir ein Geleit bis zum nächsten Orte, der noch eine starke Stunde Weges von hier entfernt war, geben wollten. Und sie blieben denn auch alle hier und besprachen sich die ganze Nacht über alles, was sich hier ereignet hatte. –
GEJ|8|167|11|0|Es könnte aber hier, nota bene, jemand fragen, wie es kommen mochte, daß dieses Ortes Bewohner, die denn doch auch nach Jerusalem hinauf wallfahrteten, von Mir noch nahe gar nichts sollten vernommen haben, indem doch Mein Ruf schon beinahe im ganzen Judenlande erschollen war und Jerusalem voll von Meiner Lehre und Meinen Taten angefüllt war.
GEJ|8|167|12|0|Die Sache ist für diese Orte ganz leicht zu erklären. Denn es kamen alle die Bewohner dieser Orte nur selten nach Jerusalem, weil sie zumeist sehr verarmt waren; die wenigen Reichen aber blieben auch lieber daheim, als daß sie ins teure Jerusalem eine Reise unternehmen wollten; denn erstens scheuten sie die unnötigen Auslagen, und zweitens fürchteten sie, in ihrer Abwesenheit von den vielen Armen entweder betrogen, bestohlen oder gar beraubt zu werden.
GEJ|8|167|13|0|Und so war denn von den Bewohnern dieser Orte auch einige Jahre hindurch niemand in die Nähe von Jerusalem gekommen, und es konnte denn auch, da diese Straße auch von andern Reisenden ihrer Unsicherheit wegen nicht begangen ward, Mein Ruf in diese Gegenden noch nicht verbreitet worden sein, da sie von Jerusalem denn doch schon ziemlich entfernt lagen und dazu noch mehr von Griechen und Arabern als von den Juden bewohnt waren. Und eben ihre völlige Unbekanntschaft mit Mir und Meiner Lehre bestimmte Mich, denn auch zu ihnen zu kommen und Mich ihnen zu offenbaren. Denn Ich bin ja hauptsächlich nur darum in die Welt gekommen, um zu suchen das Verlorene und aufzurichten, was in den Staub niedergebeugt war.
GEJ|8|167|14|0|Dies treu und wahrst Gesagte möge jedem zu einer hellen Antwort dienen, der da fragen möchte, wie es sein konnte, daß es im Judenlande zu Meiner Zeit und sogar späterhin auch noch Orte hatte geben können, die von Mir wenig oder auch gar nichts wußten, während anderseits bei Meinen Erdenlebzeiten Meine Lehre sogar bis nach Europa, nach Persien und sogar bis nach Indien und Ägypten schon ziemlich laut vorgedrungen war.
GEJ|8|167|15|0|Diese Worte gelten den Lesern dieses Meines nun wiedergegebenen Evangeliums. Wohl jedem, der sie in sein Herz aufnimmt, Mir die Ehre gibt, und danach handelt!
GEJ|8|167|16|0|Und nun wieder zu unserer Reise zurück! –
GEJ|8|168|1|1|168. — Leidensankündigung. Die Jünger und der Blinde am Wege nach Jericho (Luk. 18,31-43)
GEJ|8|168|1|0|Als wir uns so etwa einige hundert Schritte schon außerhalb des Ortes befanden, unsere bekannten Judgriechen und die etlichen Johannesjünger aber, von der Tagesreise ziemlich müde geworden, etwas zurückgeblieben waren, weil sie unseren raschen Schritten nicht wohl nachkommen konnten, da berief ich die Zwölfe näher zu Mir, und sie fragten Mich, was es denn gäbe.
GEJ|8|168|2|0|Und Ich sagte zu ihnen: „Höret Mich nun an, und betrübet euch nicht, denn es muß an Mir ja alles erfüllt werden, was die Propheten von Mir geweissagt haben!
GEJ|8|168|3|0|Wie wir nun da miteinander wandeln, so werden wir auch bald wieder nach Jerusalem ziehen, und es wird da alles vollendet werden, was, wie schon gesagt, die Propheten von des Menschen Sohn geschrieben haben. (Luk.18,31) Er wird überantwortet werden den Heiden, und Er wird verspottet, geschmähet und verspeiet werden (Luk.18,32), und sie werden Ihn geißeln und töten; aber am dritten Tage wird Er aus eigener Kraft und Macht wieder auferstehen und wird dann wieder bei euch sein hinfort bis ans Ende der Welt und ihrer Zeit, und ihr werdet bei Ihm in Seinem Reiche sein ewig.“ (Luk.18,33)
GEJ|8|168|4|0|Als Ich solches zu den Jüngern gesagt hatte, da sahen sie sich untereinander groß an und fragten sich gegenseitig, sagend (die Jünger): „Was hat Er denn nun schon wieder damit sagen wollen? Einmal heißt es, die Templer werden Ihn angehen, und Er wird ihnen ihr Sündenmaß zu ihrem Verderben an Sich voll machen lassen. Nun sagte Er aber von den Templern nichts, sondern nur von den Heiden, die unseres Wissens bis jetzt doch Seine noch immer besten und gläubigsten Freunde waren! Das verstehe, wer es kann und mag, wahrlich – wir verstehen das einmal nicht!“ (Luk.18,34)
GEJ|8|168|5|0|Darauf berieten sie sich untereinander, ob sie Mich darüber um einen näheren Aufschluß fragen sollten.
GEJ|8|168|6|0|Petrus aber meinte, daß Ich so etwas etwa nicht gut aufnehmen würde, darum es denn geratener wäre, diese an sich ganz unklare und leidige Sache vorderhand so, wie Ich sie ausgesprochen habe, auf sich beruhen zu lassen.
GEJ|8|168|7|0|Da Mich denn die Jünger darüber nicht weiter befragen wollten, so sagte auch Ich nichts Weiteres mehr über diese Sache.
GEJ|8|168|8|0|Wir zogen dann weiter und kamen an die Stelle, wo sich zwei Hauptstraßen durchkreuzten. Es führte zwar unsere alte Straße, auf der wir von Jerusalem kamen, auch nach Jerusalem, aber sie ging in einem fort in großen Krümmungen über Berge und Täler; die neue Straße aber, die hier über die alte ging, führte auch, Bethlehem berührend, nach Jerusalem, aber sie war ebener und besser hergestellt und ward von den Fremden und auch Einheimischen häufiger begangen. Sie war aber darum auch stets in der Nähe der Ortschaften von Bettlern besetzt, die hier die Reisenden um ein Almosen angingen.
GEJ|8|168|9|0|Wir bogen an der besagten Stelle auf die Neustraße also über, als möchten wir wieder nach Jerusalem ziehen, was jedoch nicht der Fall war; aber es lag eben der Ort, den wir besuchen wollten, an der Neustraße, und wir fanden da unfern vom Orte einen Bettler, der blind war. (Luk.18,35) Dieser und noch viele andere Bettler zogen in den Festzeiten mit ihren sehenden Begleitern auch nach Jerusalem, um sich daselbst eine größere Geldsumme zu erbetteln. Dieser Bettler war denn auch beim letzten Feste in Jerusalem und hatte dort vernommen, wie Ich daselbst große Zeichen gewirkt und Blinde sehend gemacht habe, und wußte auch um Meinen Namen.
GEJ|8|168|10|0|Die Jünger aber, von denen einige vorauseilten, um noch am Tage den Ort zu erreichen, wurden von dem Blinden erstens um ein Almosen laut angegangen, und als sie ihm sagten, daß sie kein Geld bei sich führten, wurden sie zweitens von ihm befragt, wer sie wären und wer noch bei ihnen sei, und was sie als Selbstarme in dieser mageren und ohnehin bettlerreichen Gegend suchten.
GEJ|8|168|11|0|Da sagten sie (die Jünger): „Wir sind Jünger des Herrn Jesus aus Nazareth, der mit uns zieht, damit auch diese Gegend von Ihm gesegnet werde! Wir brauchen darum denn auch kein Geld, denn Er, der Herr Jesus aus Nazareth, sorgt für uns!“
GEJ|8|168|12|0|Als der blinde Bettler das von den Jüngern vernommen hatte, die sich hier etwas verweilten, auf daß Ich und auch alle andern Jünger nachkämen – und auch bald nachgekommen sind –, da fragte der Bettler abermals, was das wäre, und ob Ich nun auch darunter sei, denn er gewahre viel Volk in seiner Nähe. (Luk.18,36)
GEJ|8|168|13|0|Da bejahten die Jünger des Bettlers Frage, und er fing alsogleich an zu rufen und sagte laut (der Bettler): „O Jesus von Nazareth, Du Sohn Davids – wie man mir das in Jerusalem gesagt hat und ich es auch glaube –, erbarme Dich meiner!“ (Luk.18,37.38)
GEJ|8|168|14|0|Die voranziehenden Jünger aber bedrohten ihn und geboten ihm, daß er nicht gar so gewaltig schreien, sondern nun schweigen solle, weil das nun in der Nähe des sichtlich bedeutenden Ortes zu viel Aufsehen mache.
GEJ|8|168|15|0|Der Bettler aber kehrte sich nicht daran und schrie noch viel mehr: „O Jesus, Du Sohn Davids, erbarme Dich meiner!“ (Luk.18,39)
GEJ|8|168|16|0|Da blieb Ich denn stehen und hieß dem sehenden Begleiter, daß er den Blinden zu Mir führen solle, was denn auch alsogleich geschah. (Luk.18,40a)
GEJ|8|168|17|0|Als er aber in Meine Nähe gebracht wurde, da sagte Ich zu ihm: „Was willst du denn, daß Ich dir tun soll?“
GEJ|8|168|18|0|Da sprach der Blinde: „Herr, daß ich sehen möge!“ (Luk.18,40b.41)
GEJ|8|168|19|0|Da sagte Ich zu ihm: „So sei denn sehend! Dein Glaube hat dir geholfen!“ (Luk.18,42)
GEJ|8|168|20|0|Und es war der Blinde alsbald sehend, folgte Mir nach und pries Gott laut, der Mir solche nie erhörte Macht verliehen habe. (Luk.18,43)
GEJ|8|169|1|1|169. — Der Herr in der Herberge zu Jericho
GEJ|8|169|1|0|Es kam aber auf der neuen Straße auch mehr Volk nach uns und hatte gesehen, was Ich dem Blinden getan hatte, verwunderte sich auch über die Maßen darob und lobte Gott und folgte Mir nach in den Ort, der Jericho hieß, was die Jünger nicht eher erfuhren, als bis wir in die alte Stadt gelangten, die sehr wüste und mager aussah und mehr Ruinen als irgend gute und bewohnbare Häuser zählte.
GEJ|8|169|2|0|Als wir schon so ziemlich in der Dämmerung in die Stadt einzogen, da traten die Menschen, die uns bei der Blindenheilung nachgekommen und zumeist Jerichoer waren, zu Mir und baten Mich, daß Ich bei ihnen verbleiben möchte.
GEJ|8|169|3|0|Ich aber sagte: „Das werde Ich wohl, – aber ihr alle seid sehr beschränkt in euren Wohnungen, und wir sind unser viele; darum führet uns lieber in eine Herberge, wo wir aufgenommen werden können!“
GEJ|8|169|4|0|Sagte ein Mann: „Herr und Meister, es sind hier wohl zwei Herbergen; aber die Wirte derselben sind sehr gewinnsüchtige Griechen, die die Gäste stets gehörig auszuziehen verstehen und sich schon beim Eintritt in ihre eben nicht sehr anempfehlenswerten Zimmer bei denselben fest zu erkundigen anfangen, wieviel Geld und welche anderen Schätze sie mit sich führen. Und sagen die Reisenden, daß sie weder mit viel Geld und noch weniger mit andern Schätzen versehen sind, so werden sie gar nicht aufgenommen. Wir aber haben gesehen, wer du bist, und welche Macht dir von Gott gegeben ist, und so täte es uns wahrlich leid, daß auch dir in dieser unserer Stadt so etwas begegnen möchte. Wir aber werden schon trachten, daß du und deine Jünger und Freunde bei uns eine möglich gute Unterkunft und Pflege findest!“
GEJ|8|169|5|0|Sagte Ich: „Euer guter Wille gilt bei Mir schon als Werk; doch Ich habe in Mir den Geist Gottes, und der sagt es Mir, was Ich zu tun habe, und so muß Ich nun in der ersten großen Herberge des gewinnsüchtigen Griechen übernachten. Er wird sich zwar anfangs sträuben, aber nachher doch das tun, was Ich werde haben wollen. Aber ihr könnet Mich wohl dahin geleiten und auch noch ein paar Stunden lang um Mich verweilen!“
GEJ|8|169|6|0|Sagte der Mann: „Herr! Du willst es also, und so geschehe denn auch dein Wille!“
GEJ|8|169|7|0|Hierauf zogen wir in der Stadt weiter und gelangten denn auch bald auf den Hauptplatz, auf dem sich die große und teure Herberge befand, deren Wirt auch bald aus derselben kam und uns fragte, ob wir bei ihm einkehren wollten.
GEJ|8|169|8|0|Und Ich sagte: „Freund, des bin Ich willens, doch Gold und Silber findest du bei Mir nicht; aber andere Schätze, von denen du bis jetzt noch keine Ahnung hast, habe Ich in Hülle und Fülle bei Mir! So du diese wirst kennenlernen, da wird dich vor deinem Golde und Silber ganz gewaltig zu ekeln anfangen!“
GEJ|8|169|9|0|Da sagte der Wirt, sich ganz freundlich zeigend: „Nun, da kommet nur herein, denn ich kann alles ganz gut gebrauchen!“
GEJ|8|169|10|0|Wir gingen nun sogleich in das Haus und nahmen Platz an mehreren Tischen. Als wir uns alle schon ganz wohlbehalten bei den Tischen befanden und an jedem Tische Lampenlichter angezündet wurden, da fragte der Wirt voll Artigkeit, was wir zu essen und zu trinken wünschten.
GEJ|8|169|11|0|Und Ich sagte: „Brot und Wein hast du wohl vorrätig, und eines Weiteren benötigen wir heute nicht. Aber du mußt uns ein gutes Brot und den besten Wein geben; denn der gewöhnliche Gastwein, den du den Gästen ums teure Geld aufzusetzen pflegst, ist kein Wein, da er aus Äpfeln und Birnen bereitet ist, und den aus Stachelbeeren gewonnenen trinke Ich nicht, sondern nur den, der aus den guten und reifen Trauben gewonnen ist, die um den Libanon wachsen, und den du auch reichlich besitzest in reinen Schläuchen, darfst du uns aufsetzen!“
GEJ|8|169|12|0|Sagte der Wirt etwas überrascht: „Freund, meines guten Wissens warst du noch nie in dieser Gegend und kannst denn auch nicht wissen, was für Weine ich in meinen Kellern habe! Es muß dir das ein hiesiger Bürger, der sicher mein Freund nicht ist, mit derlei mich verleumden wollend, verraten haben! Sage mir seinen Namen, auf daß ich ihn strafen kann, und ich schenke euch alles, was ihr hier verzehren werdet!“
GEJ|8|169|13|0|Sagte Ich: „Freund, du irrst dich; es hat dich kein Mensch verraten! Ich weiß noch um gar vieles in deinem Hause und in deiner ganzen weit ausgebreiteten Wirtschaft; doch jetzt sorge du dich nur darum, daß wir bald das Verlangte erhalten mögen!“
GEJ|8|169|14|0|Sagte der Wirt: „Ich habe meinen Dienern schon den Wink gegeben, und es wird alsbald alles nach deinem Wunsche dasein!“
GEJ|8|170|1|1|170. — Die Frage des Wirtes nach dem Herrn
GEJ|8|170|1|0|Hier bemerkte der Wirt an Meiner Seite aber den ihm nur zu wohl bekannten blinden Bettler und sah, daß er nun sehend war.
GEJ|8|170|2|0|Er trat sogleich näher zum Bettler, betrachtete ihn genauer und sagte dann (der Wirt): „Du warst ja ein Blinder von Geburt an und siehst nun, wie ich es nur zu gut merke. Wer hat dir denn deine Augen geöffnet und dich sehend gemacht?“
GEJ|8|170|3|0|Sagte der Bettler: „Dieser Herr hier, der von dir einen echten Wein und ein gutes Brot verlangt hat! Frohlocke, denn dir ist ein großes Heil widerfahren, daß Er in deinem Hause Herberge nahm, und du solltest Ihn denn auch mit der größten Achtung behandeln!“
GEJ|8|170|4|0|Sagte der Wirt, nun schon voll Staunens: „Wie hat er denn dir die Augen geöffnet?“
GEJ|8|170|5|0|Sagte der Bettler: „Er sagte auf mein Bitten: ,Werde sehend!‘, und ich ward sehend, und das ist alles, was ich dir sagen kann; du aber kannst dir nun selbst denken, wer der sein muß, in dessen Wort und Willen eine solche Macht und Gewalt liegt!“
GEJ|8|170|6|0|Der Wirt staunte nun stets mehr und mehr und betrachtete Mich mit großer Aufmerksamkeit.
GEJ|8|170|7|0|Nun brachten die Diener aber auch Brot und Wein in rechter Menge und setzten alles in guter Ordnung auf die Tische.
GEJ|8|170|8|0|Und der Wirt fragte Mich nun schon voll Ehrfurcht, sagend: „Herr, ist das Brot und der Wein wohl nach deinem Wunsche?“
GEJ|8|170|9|0|Sagte Ich: „Ganz vollkommen, darum haben deine Diener ja auch länger zu tun gehabt, weil sie dies Brot und auch diesen Wein aus einem andern Hause und Keller herbeischaffen mußten; denn die guten Sachen hast du in einem andern deiner zehn Häuser in dieser Stadt aufbewahrt. In diesem Hause aber hast du nur das, womit du gewöhnlich die Fremden bedienst, was aber von dir, der du ein sehr reicher Mann bist, eben nicht sehr löblich ist. Du bist zwar ein Grieche samt deiner ganzen Familie und achtest nicht der Juden Gesetze, obschon sie dir nicht unbekannt sind; aber es dient auch einem Heiden zur Ehre und zum Guten, wenn er ehrlich handelt und nach euren Gesetzen jedem das Seinige gibt und bietet.“
GEJ|8|170|10|0|Der Wirt wußte nun nicht, was er Mir darauf hätte erwidern sollen; wir aber nahmen nun das Brot und aßen es, und so auch den Wein und tranken ihn, und auch der Wirt aß und trank mit uns, da Ich ihm Selbst Brot und Wein darreichte, und lobte Gott und Mich.
GEJ|8|170|11|0|Der Wirt aber besprach sich mit den andern Bürgern, die uns zu ihm hin und darauf auch ins Haus begleitet hatten. Eben den Mann, der Mir zuerst eine Herberge anbot, fragte der Wirt, was er als ein erfahrener Jude wohl von Mir hielte, wer Ich wäre, und von woher Ich gekommen sei.
GEJ|8|170|12|0|Der Mann aber sagte: „Ich habe diesen wunderbaren Menschen zuvor sowenig wie du selbst gesehen! Aber von dem geheilten Blinden, der von ihm schon in Jerusalem gehört hatte, habe ich vernommen, daß er ihn mit dem Namen ,Jesus‘ und ,Sohn Davids‘ angerufen hat, und schloß daraus, daß er denn auch irgend von dorther sein werde. Der Tracht nach aber scheint er ein Galiläer zu sein, wie auch einige, die mit ihm kamen.
GEJ|8|170|13|0|Allein, sei ihm nun, wie ihm wolle, er ist einmal ein außerordentlicher Mensch, wie die Erde seit Moses und Elias noch keinen getragen hat! Der vom Bettler ihm gegebene Titel ,Sohn Davids‘ aber hat mich geheim auf den Gedanken gebracht, daß er nach den Weissagungen der Propheten entweder der vor dem verheißenen Messias der Juden kommen sollende Prophet Elias sei – oder am Ende gar der Messias selbst. Ich möchte ihn eher fürs zweite als fürs erste halten! Denn alle Propheten haben stets nur im Namen Jehovas gesprochen und gehandelt; dieser aber spricht und handelt ganz wie aus eigener Macht, und der Titel ,Sohn Davids‘ – wie schon gesagt – bestätigt diese meine geheime Ansicht noch mehr, denn also nennen die alten Propheten den kommen sollenden Messias zu öfteren Malen. – Das ist nun aber auch schon alles, was ich dir über ihn sagen kann!“
GEJ|8|170|14|0|Sagte der Wirt: „Ich bin zwar in eurer Gotteslehre zu wenig tief eingeweiht, aber um so manches weiß ich doch, und so auch über den verheißenen und dereinst kommen sollenden Messias. Doch den halten nun ja alle Juden für einen großen Kriegshelden und erwarten ihn auch als solchen, der sie von der Herrschaft der Römer befreien und dann ein großes und unbesiegbares Reich gründen werde. Du aber scheinst dem Messias mehr eine göttliche als menschliche Würde beizulegen?“
GEJ|8|170|15|0|Sagte der Mann: „Als das wird er aber auch von den Propheten und von David selbst bezeichnet; und will er im Ernste die Juden vom Joche der Römer befreien, so wird er zu solch einem Werke wohl auch mit mehr als nur mit den diesweltlichen menschlichen Heldenkräften ausgerüstet sein müssen.
GEJ|8|170|16|0|Doch alles das ist noch immer in ein großes Dunkel gehüllt, und kein Jude kann es mit irgendeiner Bestimmtheit dartun, in welcher Form und Eigenschaftung der Messias kommen wird. Und da sich das nicht bestimmen läßt, so kann der Messias auch ganz gut in dieser Form und Eigenschaftung in diese Welt kommen, in der wir nun eben diesen Wundermann vor uns sehen!
GEJ|8|170|17|0|Das ist so meine Meinung. Du aber kannst nun noch mehr Brot und Wein herbeischaffen; denn ich sehe, daß die Gäste mit dem einmal Aufgetischten bald zu Ende sein werden!“
GEJ|8|170|18|0|Darauf behieß der Wirt sogleich seine Diener, das zu tun, was ihm der Mann angezeigt hatte, und wir bekamen denn auch bald mehr Brot und Wein.
GEJ|8|171|1|1|171. — Die Frage des Wirtes nach seinem verschollenen Sohn
GEJ|8|171|1|0|Darauf trat der Wirt zu Mir hin und fragte Mich, ob auch Ich etwas vernommen habe, was er mit dem Bürger von Jericho über Mich geurteilt habe!
GEJ|8|171|2|0|Sagte Ich: „Du möchtest nun auf eine feine Weise aus Mir herauslocken, was Ich so ganz eigentlich sei. Aber auf diese Art wirst du das Gewünschte von Mir nicht leichtlich erfahren; denn wer Mich versuchen will, der hält sich selbst für einen Narren! Weiß Ich doch um gar alles, was du seit deiner Geburt getan hast, wie du von der Insel Patmos hierher gekommen und wie du reich geworden bist; und also auch weiß Ich um dein ganzes Hauswesen, um deine Familie, und so werde Ich auch wohl darum wissen, was du und der andere Bürger über Mich geurteilt habt!“
GEJ|8|171|3|0|Sagte darauf der Wirt: „Herr und Meister, daß du eine Art Allwissenheit besitzest, das habe ich gleich anfangs bemerkt; aber ich habe schon zu öfteren Malen mit derlei orakelhaften Menschen zu tun gehabt, die mir auch Dinge, um die nur ich und die Götter wissen konnten, offen aufgedeckt haben, und es wundert mich deshalb jetzt deine weissagende Fähigkeit nicht so sehr, weil derlei schon, wie gesagt, zu öfteren Malen da war. Aber ganz etwas anderes ist die Heilung des blinden Bettlers; das ist meines Wissens noch nie dagewesen und auch noch nie erhört worden! Aus dem kann ich schon für mich nun auch den Schluß machen, den ehedem der Bürger gemacht hat, und kann da die Worte eines unserer alten Weisen in gute Anwendung bringen.
GEJ|8|171|4|0|Die Worte aber lauten: ,Es bestehet kein großer und wahrhaft weiser Mann ohne einen göttlichen Anhauch.‘ Und du aber scheinst mir von einem Gott am meisten angehaucht zu sein, darum du auch solche Dinge zu bewirken imstande bist, die nur einem Gott möglich sein können. Und weil das bei dir ganz unbestreitbar der Fall ist, so kannst du auch ganz gut der den Juden verheißene Messias sein, welcher Meinung auch der Bürger, der auch mein Nachbar ist, zu sein mir unverhohlen einbekennet hat. Bist du aber das, so ist es für uns Heiden denn auch hoch an der Zeit, unser altfabelhaftes Götterwesen über Bord zu werfen und uns zu der Lehre der Juden zu kehren!
GEJ|8|171|5|0|Bist du aber das, für was ich und mein Nachbar dich halten, so ist deine Allwissenheit mehr als wohl erklärbar, und du wirst auch ganz sicher und bestimmt sagen können, wo sich nun mein ältester Sohn befindet, wie es ihm geht, und was er macht; denn ich möchte das nun um so mehr und ganz bestimmt wissen, indem nun schon zwei volle Jahre verflossen sind, ohne daß mir eine Kunde von ihm selbst oder von jemand anderm über ihn zugekommen wäre. Kannst und willst du mir diesen Gefallen erweisen, so sollst du und alle deine Gefährten durch drei volle Tage in meinem Hause umsonst auf das köstlichste bewirtet werden!“
GEJ|8|171|6|0|Sagte Ich, gleichsam zu den Jüngern Mich wendend: „Es ist doch sonderbar, – nur ein Zeichen wirkte Ich, und schon sind die Heiden zu der Mutmaßung gelangt, daß Ich der Messias sei! Wie viele Zeichen aber habe Ich daheim in Galiläa und in Jerusalem gewirkt, und wie wenige glauben an Mich, und wie viele sind Mir feind! Darum wird denn auch das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben werden, wie Ich euch das schon zu mehreren Malen gesagt habe.“
GEJ|8|171|7|0|Hierauf erst wandte Ich Mich an den Wirt und sagte: „Du wolltest von Mir erfahren, wo sich dein ältester Sohn Kado befindet, was er macht, und wie es ihm geht? Dafür willst du uns durch drei Tage umsonst bewirten! Aber wir bleiben nicht drei Tage hier, und so wirst du dein Versprechen auch nicht halten können. Und wolltest du Mich dafür etwa mit Geld belohnen, so würde Ich wahrlich keines annehmen, – und für das, was du Mir heute tust, wirst du schon die volle Vergeltung überkommen! Und so weiß Ich nun nicht, aus welchem Grunde Ich dir den gewünschten Gefallen erweisen sollte! Wie Ich aber um den Namen deines Sohnes weiß, so weiß Ich auch sicher um alles andere, was ihn betrifft; doch unter den von dir Mir gemachten Bedingungen sage Ich es dir nicht!“
GEJ|8|171|8|0|Sagte der Wirt: „Herr und Meister, so mache du mir Bedingungen, unter denen, so ich sie erfülle, du mir wollest das Gewünschte offenbaren!“
GEJ|8|171|9|0|Sagte Ich: „Gut, das läßt sich hören! Siehe, du hast große Schätze und Reichtümer, die du dir eben nicht auf die vor Mir allein gültig gerechte Weise erworben hast! Die Gesetze der Weltrichter können dich freilich nicht verdammen, weil du dich vor ihnen nach ihrem Buchstabensinne, der von euren Rechtsgelehrten aber auch sehr verschieden gedeutet werden kann, gar wohl rechtfertigen kannst; aber vor Meinem Richterstuhle würdest du mit allen deinen Rechtfertigungen nicht bestehen!
GEJ|8|171|10|0|Meine Gesetze aber lauten: Liebe den nur einen, wahren und lebendigen Gott über alles und deine Nächsten und Mitmenschen wie dich selbst! Was du nicht willst, daß sie dir täten, das tue du auch ihnen nicht; was du aber wünschest, daß es deine Mitmenschen dir tun möchten, das tue du auch ihnen!
GEJ|8|171|11|0|So dich jemand einmal arg betrogen hätte, du aber konntest ihm nach dem Wortlaute eurer Gesetze nichts anhaben, weil er offen mit dir verkehrt hatte, er aber wußte deine Schwäche zu benutzen auf dem gesetzlichen Wege und hat dich durch den abgeschlossenen Handel, Kauf oder Verkauf um tausend Pfunde betrogen – was dir um so unangenehmer war, weil du ihn darum bei keinem Richter belangen konntest, da ein jeder dir den Bescheid Volenti non fit iniuria [Dem Wollenden geschieht kein Unrecht.] gegeben hätte –, was würdest du zu dem, der dich betrogen hat, sagen, so er zu dir käme und sagte: ,Freund, ich bin zwar in allem meinem Tun und Handeln von den Gesetzen geschützt, und du kannst mir nirgends zu, – aber ich bin ein rechter Mensch geworden und bin nun gekommen, um dir alles zu ersetzen, um was ich dich je betrogen habe!‘, und er stellte dir sodann die tausend Pfunde zurück und bezahlte dir dazu auch noch die Zinsen, die dir sonst deine tausend Pfunde getragen hätten, so du sie besessen hättest? Sage es Mir, wie du solch eine Handlung aufnehmen würdest!“
GEJ|8|171|12|0|Sagte der Wirt: „Herr und Meister, sicher auf das beste von der Welt, und ich würde solch einen Menschen auch loben und rühmen vor aller Welt und würde sein bester Freund sein!“
GEJ|8|171|13|0|Sagte Ich: „So gehe du hin und tue selbst desgleichen, und du wirst dir alle, die nun geheim deine Feinde sind, zu wahren Freunden machen! Und siehe, in dem bestehen die Bedingungen, unter denen, so du sie wahr und ernstlich erfüllen willst, Ich dir auch deinen Wunsch erfüllen werde!“
GEJ|8|171|14|0|Sagte nun der Wirt: „Herr und Meister, so wahr ich lebe, und so wahr ich dich nun auch als den ansehe und bekenne, der du nach den Weissagungen eurer Propheten sicher bist, so wahr auch will und werde ich die von dir mir nun gestellten Bedingungen erfüllen; aber sage du mir nun, wie es mit meinem ältesten Sohne steht, der allzeit mein Liebling war!“
GEJ|8|171|15|0|Sagte Ich: „Gut denn also; dieweil Ich nun in deinem Herzen lese, daß du das auch tun wirst, was du Mir nun gelobt hast, so will Ich dir wohl sagen, daß dein Sohn Kado nach einer Stunde mit seinem Weibe und drei Kindern und auch mit einem großen Gefolge hier ankommen wird, und er wird dir dann selbst erzählen, wie er sich befindet, und was er alles getan hat. Du aber kannst nun durch deine vielen Diener Vorkehrungen treffen, damit dein Sohn in einem deiner zehn Häuser mit all dem vielen, das er mit sich bringen wird, wohl untergebracht werden kann! So du Mir glaubst, dann tue auch das, was Ich dir nun angeraten habe!“
GEJ|8|171|16|0|Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da konnte er sich vor lauter Freude nicht schnell genug fassen und dankte Mir zuerst für das Mitgeteilte; dann befahl er sogleich seinen Dienern, das zu tun, was Ich ihm angeraten hatte, und es ward denn auch auf einmal sehr lebendig im Hause und auch im nächsten anstoßenden Hause.
GEJ|8|171|17|0|Als nun alles vollauf tätig war, berief er auch sein Weib und seine drei älteren Töchter, die mit ihren Gehilfinnen die Küche zu besorgen hatten, und sagte (der Wirt): „In einer Stunde schon kommt unser Kado an mit großem Gefolge, darum bietet nun alles auf, damit für ihn alles in der besten Art bereitet sei, so er ankommt! In dieser Nacht soll hier ein großes Gastmahl bereitet und verzehrt werden, und ihr alle sollet Teil daran nehmen!“
GEJ|8|171|18|0|Hierauf ward es denn auch in der Küche gleich sehr lebendig.
GEJ|8|172|1|1|172. — Die Ankunft des Wirtssohnes Kado
GEJ|8|172|1|0|Als alles nun über Hals und Kopf beschäftigt war, da kam der Wirt wieder zu Mir, dankte Mir abermals für die erhaltene Kunde und sagte überfreundlich: „Herr und Meister, ich bin der zweite Blinde, den du nun auch sehend gemacht hast; denn ich fange nun an, die großen Schätze, die über alles erhaben sind, zu sehen und wohl zu begreifen, wie meinem Hause in dir das größte Heil widerfahren ist. Ja, wenn man diese Schätze betrachtet mit dem Herzen und Verstande, da sieht man wohl, wie gar nichts alle irdischen Schätze sind, und wie leer, wie ekelhaft! Aber was kann ein Mensch, der schon in aller Nacht und vollster Unwissenheit ohne sein Wollen und Wissen in diese Welt geboren worden ist, dafür, daß er das Wertloseste für kostbar hält und sich Tag und Nacht abmüht, um des Erdunrates große Haufen zusammenzubringen?
GEJ|8|172|2|0|Gebet dem Menschen nur schon von seiner Kindheit an ein rechtes Licht, und lehret ihn erkennen den wahren Gott und sich selbst, und er wird dann nicht nach Erdschätzen gieren, sondern nach den Schätzen des Lebens! Doch wo sind die Lehrer, die den Menschen das zu zeigen imstande wären, was ihnen am nötigsten wäre? Daher bitte ich dich, du lieber Herr und Meister, sende du Lehrer nach deiner Weise unter die Menschen, auf daß sie durch sie wahre Menschen werden!“
GEJ|8|172|3|0|Sagte Ich: „Nun hast du wohlgesprochen, und was du vor Mir als einen Wunsch ausgesprochen hast, das wird nun auch ins Werk gesetzt; aber mit einem Hiebe fällt kein Baum, und es gehört da wie zu allen großen und guten Werken Zeit und Geduld nach der ewigen Ordnung aus Gott. Ein jeder Mensch aber, so er die Wahrheit des Lebens für sich erkannt hat, kann und soll diese auch seinen Nebenmenschen mitteilen, und es wird dadurch leicht und bald lebenshelle unter den Menschen werden.
GEJ|8|172|4|0|Wer die von Mir dir gezeigten wahren Lebensgebote annehmen und sie auch treu beachten wird, der wird auch bald und leicht zum vollsten Lebenslicht kommen. Mehr brauche Ich dir nicht zu sagen; tue das, so wirst du das ewige Leben überkommen!
GEJ|8|172|5|0|Nun aber magst du mit deinen Leuten wohl nachsehen gehen bis zur Stelle, wo die alte und die neue Straße sich kreuzen! Sowie du dahin kommen wirst, da wird auch dein Sohn Kado dir entgegenkommen. Nimm aber eine Fackel mit dir, auf daß dich dein Sohn bald erkenne, und du auch ihn! Dann aber bringe ihn hierher; denn auch Ich habe mit ihm zu reden!“
GEJ|8|172|6|0|Nach diesen Worten verließ der Wirt eiligst das Gastzimmer und zog mit seinen Leuten und mehreren Nachbarn seinem ankommenden Sohn entgegen. Als er bald an die bezeichnete Stelle kam, da kam auch sein Kado, von einem Maultiere getragen, erkannte alsbald seinen Vater, und es war da des Umarmens und Liebkosens nahe kein Ende.
GEJ|8|172|7|0|Nach dem erst fing der Sohn an, den Vater zu fragen, wie er es denn erfahren habe, daß er nun ankommen werde.
GEJ|8|172|8|0|Da sagte der Vater: „Liebster Sohn, auf eine höchst wunderbare Weise! Doch kann ich dir nun das Weitere nicht erzählen; wenn du im Hause sein wirst, da wirst du auch all das Weitere wohl erfahren.“
GEJ|8|172|9|0|Darauf zogen sie alle behende in die Stadt und langten auch bald unter lautem Jubel bei uns an.
GEJ|8|172|10|0|Als der Sohn Kado mit seinem nur einen Weibe und seinen Kindern in unser Gastzimmer kam, da war sein erstes, sich zu erkundigen, welcher von den anwesenden Gästen es sei, der um seine Ankunft in Jericho gar so genau gewußt habe.
GEJ|8|172|11|0|Und der Vater führte ihn alsbald zu Mir hin und sagte: „Siehe, du mein geliebter Sohn, dieser Mann ist der Herr und der große Meister! Siehe aber auch unseren alten, dir noch wohlbekannten blinden Bettler an! Diesem hat der Herr und Meister das volle Augenlicht wiedergegeben und bediente sich dazu keines andern Mittels als nur seines Wortes und Willens. Was sagst du nun dazu, und was hältst du von einem solchen Menschen?“
GEJ|8|172|12|0|Der Sohn betrachtete bald Mich und bald wieder den nun vollkommen sehenden Bettler eine kleine Weile mit großer Aufmerksamkeit und sagte darauf: „Mein überaus geliebter Vater, ich werde mich gar nicht irren, wenn ich diesen Mann alsogleich für eben den halte und erkläre, von dem ich schon in Griechenland, in Kleinasien und sogar längs der asiatischen Gestade des großen Pontus gar viel Außerordentliches vernommen habe, und dessentwegen ich auch in Athen alles verkaufte und nach Palästina zog, um mir hier etwas anzukaufen und hauptsächlich aber, um mit dem großen Wundermanne persönliche Bekanntschaft zu machen, – und siehe nun, den ich vor allem suchen wollte, den finde ich nun nahe schon ganz sicher in unserem Hause!
GEJ|8|172|13|0|Du weißt es, lieber Vater, daß ich in der über vierzehn Jahre langen Zeit einen großen Handel trieb und mir dadurch auch große Reichtümer erworben habe. Daß ich dir aber nun schon über zwei Jahre lang von mir keine Nachricht habe geben können, davon lag der Grund darin, weil ich da meine Handelsgeschäfte in Kleinasien und am ganzen Pontus trieb, wo ich eben von dem Wundermanne so vieles gehört und mich dann auch bald entschlossen habe, alle meine Handelsgeschäfte samt den Häusern und andern Gütern einem Bruder dieses meines lieben Weibes zu verkaufen, hierher überzusiedeln und den berühmten Mann kennenzulernen.
GEJ|8|172|14|0|In der letzten Zeit, vor kaum einem halben Jahre, machte ich Handelsgeschäfte in Phrygia mit einem dortigen Könige namens Abgarus und teilte ihm denn auch so manches mit, was ich bei meinen großen Reisen zu Wasser und zu Lande alles erlebt habe. Unter anderm kamen wir denn auch auf unseren großen Wundermann zu sprechen, und ich war nicht wenig erstaunt, als jener obbenannte König mir von dem Manne, den er als ein Gottwesen darstellte, mehr zu erzählen wußte als ich ihm und er mir sogar bei aller seiner Ehre versicherte, daß er ihn persönlich kenne und sein Freund sei. Er beschrieb mir auch des Wundermannes Gestalt und Kleidung, und dies stimmt mit dem, was ich nun an diesem wahren Gottesmanne gefunden habe, genau überein. Und eben das bestimmte mich denn ehedem auch zu sagen, daß er ganz sicher eben der Mann sein werde, dem zuliebe ich das getan habe, was ich dir zuvor kundgab.
GEJ|8|172|15|0|Nun aber kommt es noch auf etwas an; stimmt auch das noch überein, so habe ich das, was zu suchen ich hierher kam! Eben der vorbesagte König, dem ich die vollste Versicherung gab, daß ich ehest alles aufbieten werde, um den großen Wundermann selbst kennenzulernen, schrieb einen Brief unter der Aufschrift: ,An den guten Heiland Jesus zu Nazareth in Galiläa‘. Diesen Brief habe ich bei mir und werde ihn sogleich vorweisen. Zuvor aber muß ich noch eines Umstandes, der mir nicht unwesentlich dünkt, erwähnen.“
GEJ|8|173|1|1|173. — Die Wünsche des Königs Abgarus von Edessa
GEJ|8|173|1|0|(Kado:) „Als ich bald darauf in Athen alles in Ordnung gebracht hatte und mich auch dann unaufgehalten zur Heimreise anschickte, da nahm ich von Tyrus aus meinen Weg über das alte Nazareth und erkundigte mich dort sorgfältigst nach dem guten Heilande Jesus. Man zeigte mir denn auch bald eine kleine Behausung ganz nahe bei der Stadt. Diese Behausung besuchte ich sogleich und fand darin einige recht fromme und biedere Zimmerleute, die mir ein Weib namens Maria als schon eine Witwe vorführten, die des von mir gesuchten Heilandes leibliche Mutter sei, die mir aber dennoch nicht zu sagen wußte, wo sich ihr Sohn Jesus in jener Zeit und auch jetzt aufhalte.
GEJ|8|173|2|0|Sie bat mich aber inständigst, daß ich ihn aufsuchen solle und, so ich ihn irgendwo träfe, sie davon benachrichtigen möchte, – was ich zu tun denn auch auf Treue und Ehre versprach. Sie und auch die Zimmerleute, die sich seine Brüder nannten, haben mir eine Menge Wunderdinge über Jesus, ihren Liebling, zu erzählen gewußt, wogegen aber auch ich ihnen das, was ich auf meinen Reisen von ihm erfahren, zu ihrer sichtlich großen Freude kundgegeben habe.
GEJ|8|173|3|0|Was jene Familie, die ich auch beschenkte, mir von dem lieben Heilande aussagte, stimmte ganz mit dem überein, was ich von dem Könige in Phrygia erfahren habe und, bevor ich noch nach Nazareth kam, auch schon in Tyrus und in mehreren Orten an den Gestaden des Meeres.
GEJ|8|173|4|0|Jetzt also hängt es bloß noch von dem Umstande ab, daß dieser von dir, mein lieber Vater, gezeigte Wundermann eben der liebe Heiland Jesus aus Nazareth ist, an den ich den Brief bei mir habe, und ich habe dann auch mein Heil gefunden!“
GEJ|8|173|5|0|Hierauf verneigte sich Kado vor Mir und sagte: „Herr und großer Meister, sage es mir doch, ob du vollwahr eben der bist, an den ich den Brief bei mir habe!“
GEJ|8|173|6|0|Sagte Ich: „Frage zuerst diesen geheilten Bettler und dann auch alle diese Meine Jünger; denn diese alle sind Meine nun treuen Zeugen, und sie werden dir die Wahrheit sagen und sie dir nicht vorenthalten!“
GEJ|8|173|7|0|Der Bettler aber sagte mit vieler Freude: „O Kado, forsche nicht weiter; denn du hast den so eifrig Gesuchten schon gefunden! Dieser ist der liebe und gute Heiland Jesus aus Nazareth und als solcher ein Sohn Davids, wie ihn auch die alten Propheten und Väter schon seit langem zum voraus also benamset haben.“
GEJ|8|173|8|0|Als der Sohn solches von dem Bettler vernommen hatte, da erkundigte er sich nicht mehr weiter, sondern zog den Brief aus seinem Sacke hervor und übergab ihn Mir mit den Worten (Kado): „Herr und Meister, du bist schon, den ich gesucht habe! Vergib es mir aber, daß ich dich nun so lange mit meinen Reden und Erzählungen ermüden mochte!“
GEJ|8|173|9|0|Sagte Ich: „Ich wäre heute auch nicht hier, so Ich nicht gewußt hätte, daß du noch an diesem Abende, Mich suchend, hier eintreffen würdest. Nun aber mache dir's bequem, da du von der langen Reise etwas müde geworden bist; dann komme wieder, und wir werden uns dann über noch gar manches zu besprechen haben!“
GEJ|8|173|10|0|Der Sohn dankte Mir für diesen Bescheid und ging dann sogleich mit dem Vater und mit den Seinen in ein großes Nebenzimmer, wo er seine Kleider wechselte und seine bei sich tragenden Reiseeffekten in Ordnung brachte; denn alle die vielen andern Dinge und Schätze wurden von seinen Dienern und auch von denen seines Vaters in dem großen Nebenhause untergebracht und die vielen Lasttiere versorgt.
GEJ|8|173|11|0|Der Sohn kam denn mit den Seinen und mit dem Vater auch bald wieder zu Mir zurück und bat Mich, an Meinem Tische Platz nehmen zu dürfen, was Ich ihm auch allerfreundlichst sogleich gewährte. Freilich mußten sich dafür einige Meiner Jünger dazu bequemen, an einem andern Tische Platz zu nehmen, weil Mein Tisch nur ein mehr kleiner war; aber es machte das nichts, weil ein zweiter Tisch ohnehin nicht weit von Meinem entfernt war.
GEJ|8|173|12|0|Wir saßen nun ganz fröhlich beisammen, und Kado fragte Mich, ob Ich nun vor allem den Brief des Königs nicht öffnen und durchsehen möchte.
GEJ|8|173|13|0|Sagte Ich: „Freund, das hat bei Mir keine Not; denn Ich wußte schon lange eher um den Inhalt, als der König daran gedacht hatte, Mir einen Brief zu schreiben! Öffne aber du den Brief, und lies ihn auch den andern vor; denn es werden hier wenige sein, die der griechischen Sprache nicht kundig wären! Da ist der Brief, und du magst ihn lesen!“
GEJ|8|173|14|0|Sagte Kado: „O du lieber, guter Heiland, das wäre eine zu große Frechheit von mir; denn was dich allein angeht, das brauchen wir von dir nicht zu erfahren, und weil der Brief nur auf dich lautet, so brauchen wir seinen Inhalt auch nicht zu wissen. Daß aber jener König, der dich gar so überaus mächtig liebt und vor dir die höchste Achtung hat, im Briefe auch solche seine Gefühle nur niedergeschrieben hat, wie er sie vor mir laut ausgesprochen hat, das kann sich ein jeder von selbst denken, und somit stelle ich diesen wertvollsten Brief dir allerachtungsvoll wieder zurück.“
GEJ|8|173|15|0|Hier nahm Ich den Brief, übergab ihn dem Jünger Johannes mit dem Bedeuten, daß er ihn durchlesen und dann in Meinem Namen auch beantworten solle, was Johannes auch tat, weil er in der griechischen Schreibweise wohlbewandert war.
GEJ|8|173|16|0|Und schon am nächsten Tage sandte Kado das Antwortschreiben durch drei Boten an den König und schrieb auch selbst einen Brief eben auch an denselben König, worin er ihn benachrichtigte, wie er Mich gesucht und auch überbeglückt gefunden habe.
GEJ|8|173|17|0|Nachdem Ich aber den Brief dem Johannes übergeben hatte, fragte Ich den Kado, sagend: „Und nun, kannst du der andern wegen noch vor dem Nachtessen eine kleine Erzählung zum besten geben, was jener König so von Mir mit dir in der Hauptsache gesprochen hat?“
GEJ|8|173|18|0|Sagte Kado: „O du lieber, guter Heiland! So ich alles wiedergeben sollte, was Gutes und Erhabenstes jener König von dir zu mir geredet hat, da hätte ich wohl tagelang zu tun; aber so nur die Hauptsache davon berühren, wovon ich schon in meiner ersten Vorrede einiges vorbrachte, das wird uns keine große Zeit in Anspruch nehmen.
GEJ|8|173|19|0|Des Königs größte Sehnsucht wäre, dich, o Herr und Meister, samt allen deinen Jüngern und Freunden bei sich zu haben, und das nun darum um so mehr, da er aus sicheren Quellen vernommen habe, daß dich die Hauptjuden und ihre stolzen und höchst herrsch- und habsüchtigen Priester etwa alsosehr hassen und in ihrer unbegrenzten Blindheit und Tollwut dir sogar nach dem Leben trachten. Der König aber beherrsche ein gar friedliches Land und Volk, das dich bald erkennete und dich samt dem Könige vor lauter Liebe, Hochachtung und Dankbarkeit auf den Händen trüge. In seinem Lande wärest du vor jeder Verfolgung sicher und hättest Ruhe, wie etwa sonst vielleicht nirgends.
GEJ|8|173|20|0|So hat der König auch einen Sohn, der von Zeit zu Zeit mehr oder weniger kränkelt. Daß er ihn von dir als vollends geheilt haben möchte, das weißt du, lieber und guter Heiland, von selbst sicher am besten. So hat er sich auch zu mir einmal dahin sehnend geäußert, daß er wenigstens ein treues Bild von dir haben möchte und womöglich auch von einigen deiner vorzüglichsten Jünger. Und das ist nach meiner Ansicht schon auch so die Hauptsache der Wünsche des Königs, weil er darüber viel gesprochen hat. Herr und Meister, vergib es mir, so ich mich etwa hie und da plump und unziemlich ausgedrückt habe!“
GEJ|8|173|21|0|Sagte Ich: „Du hast hier, ganz kurz gefaßt, einen ganz überaus guten Vortrag gemacht, – und siehe, dasselbe, wennschon mit etwas anders gestellten Worten nach dem Briefschreibgebrauche, steht auch im Briefe, und vorzugsweise im gegenwärtigen das, wie und warum er Mich bei sich haben möchte! Mich freut gar sehr des Königs Wunsch, und Ich werde ihn, bevor von nun an ein volles Jahr vergehen wird, im Geiste und in der vollsten Wahrheit auch realisieren; aber es werden und müssen zuvor noch gar große Dinge geschehen, von denen ihm Mein Jünger schon eine Erwähnung tun wird. Der König wird dadurch denn auch sehr beruhigt und getröstet sein.“
GEJ|8|174|1|1|174. — Das Mahl beim Wirte
GEJ|8|174|1|0|Als Ich diese Worte beendet hatte, da ward von der Küche denn auch angezeigt, daß das Gastmahl bereitet sei und auch aufgetragen werde. Da gab der Wirt das Zeichen zum Auftragen der Speisen. Und es wurden eine Menge sehr wohlbereiteter Speisen, teils nach griechischer und teils auch nach jüdischer Weise, auf die Tische gesetzt in silbernen und auf meinem Tische in goldenen Schüsseln, und der Wirt und der Sohn und dessen Weib und Kinder, wie auch dessen Mutter und heimischen jüngeren Geschwister baten Mich inständigst, an dem Nachtmahle, das nun ein wahres Freudenmahl sei, teilnehmen zu wollen, da Ich, als die Speisen aufgetragen wurden, Miene machte, Mich mit den Jüngern von dem Tische zu entfernen. Auf das viele Bitten blieb Ich denn auch samt den Jüngern am Tische, und alles ward darob überfroh und heiter im ganzen Hause. Wir aßen und tranken denn auch bei einer Stunde lang.
GEJ|8|174|2|0|Mir ward ein besonders guter Fisch vorgesetzt, der in dieser Gegend etwas gar Seltenes und Kostspieliges war, den Ich denn auch verzehrte, worüber Kado eine große Freude äußerte. Da aber auch einige der Jünger, die Fischer waren, gewisserart mit zähnewäßrigem Munde unter sich die Bemerkung über die große Köstlichkeit des von Mir verzehrten Fisches machten und Kado solche Bemerkungen vernahm, so ward es ihm leid, daß er nicht mehrere von solch edlen Fischen auch für die Jünger im Vorrate habe, sich aber für morgen schon damit versehen werde.
GEJ|8|174|3|0|Sagte Ich: „Freund, dessen hat es wohl nicht not! Die Jünger, die zumeist Fischer am Galiläischen Meere sind, haben sich nur so unter sich über den Wert des Mir vorgesetzten Fisches ausgesprochen; denn derlei Fische sind selten und darum auch kostspielig.“
GEJ|8|174|4|0|Auf diese Worte ward Kado und auch dessen Vater wieder beruhigt, und die Jünger machten darauf auch keine ähnlichen Bemerkungen mehr, sondern lobten die Köstlichkeit auch der andern Speisen, von denen nicht einmal ein Drittel verzehrt werden konnte.
GEJ|8|174|5|0|Als wir aber mit dem Gastmahl zu Ende waren, da kamen mehrere Arme von Jericho, die vernommen hatten, was sich hier ereignet hatte, und baten, daß man ihnen etwas von den Überbleibseln möchte zukommen lassen, da sie sehr hungrig und durstig wären.
GEJ|8|174|6|0|Kado fragte Mich, ob die vorgeblichen Armen auch die Wahrheit sprächen.
GEJ|8|174|7|0|Sagte Ich: „Die meisten wohl; nur ein paar sind darunter, die mehr die Neugierde und Lüsternheit hierher geführt als irgendeine Not. Doch enthaltet auch diesen nichts vor; denn seht, der Vater im Himmel läßt Seine Sonne ja auch über Ungerechte wie über die Gerechten scheinen!
GEJ|8|174|8|0|Wer da seinen Freunden Gutes erweist, der tut wohl, denn es ist ja doch eine von selbst begreifliche Pflicht, daß man denen Gutes erweist, die uns auch nur Gutes erweisen. Aber ein Größeres ist es, auch den Feinden Gutes zu erweisen. Wer das tut, der wird dereinst eine große Vergeltung im Himmel zu erwarten haben, und auf dieser Erde wird er dadurch glühende Kohlen über den Häuptern seiner Feinde sammeln, sie dadurch zuerst von ihrem Unrecht überweisen ohne Richter und Gericht und sie zu seinen Freunden umstalten (umwandeln).
GEJ|8|174|9|0|Und seht, alle, die nun hierher um die Überbleibsel bitten kamen, sind dieses Hauses Freunde nicht, weil es ihnen als ein reichstes, aber dabei auch hartherziges bekannt ist! Erfüllet ihnen denn nun auch ihr Verlangen, und sie werden morgen und fortan anders über euch urteilen!“
GEJ|8|174|10|0|Kado und sein Vater dankten Mir für diesen Rat, und der Vater befahl, die Überbleibsel in einen großen Korb zusammenzusammeln und sie also an die Bittenden auszuteilen, und ließ jedem dazu auch ein irdenes Töpfchen guten Weines verabfolgen.
GEJ|8|174|11|0|Als die Bittenden also wohl beteiligt worden waren, da fingen sie auch alsbald des Wirtes Güte und Gerechtigkeit hoch zu rühmen an, und mehrere baten ihn dazu noch freiwillig um Vergebung, so sie je über ihn irgendeine unlöbliche Meinung ausgesprochen hätten. Der Wirt aber entließ sie nun freundlich mit der Versicherung, daß er auf gar keinen Menschen mehr irgendeinen Groll habe. Und alle entfernten sich ruhig, und man vernahm noch von der Straße ins Zimmer herein ein Lob ums andere über den Wirt und seinen Sohn Kado aussprechen.
GEJ|8|174|12|0|Da sagte der Wirt zu Mir: „Oh, wie vielen Dank bin ich dir nun abermals dafür von neuem schuldig, daß du mich mit einem Male jetzt von recht vielen Feinden befreit hast durch deinen allerweisesten Rat, den ich aber von nun an auch gleichfort streng beachten werde! Aber nun will ich dir einen andern Vortrag machen, und du wirst mir auch darin sicher den besten Rat erteilen!
GEJ|8|174|13|0|Siehe, Herr und Meister, wir alle, wie es dir ohnehin nur zu klar bekannt ist, sind Griechen, und somit Heiden! Wir halten aber dennoch eure alte Gotteslehre in stets höheren Ehren, je mehr wir den Moses und die Propheten durchblättern. Wir hatten denn auch einige Male den Entschluß gefaßt, uns fest und unverbrüchlich an eure Lehre anzuschließen und so denn ihren Grundsätzen und Gesetzen gemäß zu handeln und zu leben. Aber es ging diese Sache nicht so leicht, wie wir uns das vorstellten.
GEJ|8|174|14|0|Es wäre uns sonst alles recht, was die reine Lehre selbst anbetrifft, und wir haben uns denn auch schon zu öfteren Malen in dieser Hinsicht mit einem hiesigen Rabbi besprochen. Doch dieser schwätzte uns da eine Menge von allerlei höchst lästigen und nach meinem Dafürhalten ganz überflüssigen und alles besseren und vernünftigen Sinnes völlig entbehrenden Übertrittszeremonien und, im Falle wir diese nicht an uns vollziehen ließen, nach den Gesetzen des Tempels von einem großen Enthebungsgelde vor. Und so blieben wir denn noch bis zur Stunde um so mehr Griechen, weil wir von euren Priestern wahrlich noch niemals irgendein besonders erbauliches und anlockendes Zeugnis vernommen haben.
GEJ|8|174|15|0|Was sagst du nun dazu? Sind die Übertrittszeremonien oder die großen Enthebungsgelder unbedingt notwendig, um ein rechter Jude im Herzen, Willen und Verstande zu werden, und kann man auf keine andere Weise ein vollkommener Jude werden?“
GEJ|8|175|1|1|175. — Zweck und Bedeutung der Zeremonien
GEJ|8|175|1|0|Sagte Ich: „O allerdings! Wer die Gesetze Mosis kennt und danach lebt und handelt und vollwahr und ernst im Herzen der nichtigen heidnischen Vielgötterei entsagt und also den nur einen wahren Gott über alles und seinen Nächsten, wie Ich das dir schon gezeigt habe, liebt, der ist auch schon ein vollkommener Jude und benötigt dazu keines Weiteren mehr.
GEJ|8|175|2|0|Was liegt da am Tempel zu Jerusalem, und was an aller leeren Zeremonie, die nur vor Meiner Ankunft einen vorbildlichen Sinn hatte und nun aber leer, eitel und sinnlos dasteht!
GEJ|8|175|3|0|Statt eines Enthebungsgeldes aber gedenket nur tatsächlich der Armen, und machet ein jegliches Unrecht gut, und ihr seid vor Mir und vor Gott mehr denn vollkommene Juden und werdet als solche auch den großen Teil an Meinem Reiche haben!
GEJ|8|175|4|0|So Ich euch aber das sage, da könnet ihr es Mir wohl glauben; denn der Gott, der dereinst auf Sinai zu Moses redete, der redet nun durch Mich zu euch! So Ich aber nun etwas als vor Mir recht und gültig erkläre, wer sollte euch dafür einen Gegenbeweis geben? – Hast du Mich verstanden?“
GEJ|8|175|5|0|Sagte der Wirt und auch voll Freude sein Sohn Kado: „Wer sollte das, was nach der reinsten Vernunft und nach dem schärfsten Verstande eines Menschen nur zu wahr ist, nicht verstehen? Wir danken dir auch für diesen Lichtbescheid!
GEJ|8|175|6|0|Da wir nun aber schon im Reden sind und im Fragen, so möchten wir von deiner Weisheit es erfahren, warum denn überhaupt je ein zeremonieller, sogenannter Gottesdienst eingeführt worden ist, und warum Gott solchen je zugelassen hat. Denn nach unserem Dafürhalten ist das eben stets der Grund zu allerlei Aberglauben, Vielgötterei, zum Götzentum und am Ende zur vollen Gottlosigkeit gewesen, wie wir an den Diogenischen Weltweisen ersehen. Wenn den Menschen gleich von Urbeginn an eine reine Gottes- und Menschenpflicht-Lehre gegeben worden wäre, so einfach und verständlich, wie du, o Herr und Meister, sie uns vorgetragen hast, so wäre ja sicher viel Unheil auf dieser Erde ausgeblieben.
GEJ|8|175|7|0|Moses ist unbestreitbar der reinste und wahrste Gotteslehrer und treueste Verkünder des Willens Gottes an die Menschen; aber ohne eine wenn auch noch so bedeutungsvolle Zeremonie ist auch seine Lehre nicht; und eben die Zeremonie ist nun der sichtliche Verfall des sonst so erhabenen Judentums, der mit der Zeit immer größer und größer wird. Warum wurde in der Vorzeit mit der Offenbarung einer Gotteslehre denn auch immer ein zeremonieller Kultus mit verkündet und auch zur Ausübung sogar streng anbefohlen?“
GEJ|8|175|8|0|Sagte Ich: „Freund, du hast nach der menschlichen Weise nun ganz gut geredet, und es ist im Urbeginne der Menschen auf dieser Erde ihnen die Gotteslehre auch ebenso rein gegeben worden, wie Ich sie euch nun gebe; aber die Menschen, die in der Natur der Dinge und Erscheinungen auf und über dieser Erde stets bei allem Geschehen und Werden allerlei eine vorangehende Zeremonie nur zu bald entdeckten, verfielen dadurch selbst bei allen ihren Handlungen auf eine denselben vorangehende Zeremonie und wendeten solche denn auch bei ihren Gottesverehrungen an.
GEJ|8|175|9|0|So erklärten sie, daß man Gott nur an gewissen reinen Orten anbeten und verehren solle; wer das nicht tue, der zeige, daß er vor Gott keine wahre Achtung und Ehrfurcht habe. Um solche Orte den Menschen um so ehrwürdiger zu machen, verrichtete man daselbst eine Art Opferdienst, im Anfange zwar unter wirklich reinen und vernünftig guten Absichten, da die Menschen daselbst für die von Gott erweckten Lehrer von dem Gewinn ihrer Arbeiten und ihres Fleißes einen kleinen Teil deshalb zu opfern hatten, damit die mit dem Unterrichte sich beschäftigenden Lehrer davon einen Lebensunterhalt hatten.
GEJ|8|175|10|0|Als sich die Menschen nach und nach auf der Erde mehr und mehr vermehrt und weiter und weiter ausgebreitet hatten, da vermehrten sich auch die Lehrer und ihre gottverehrlichen und von den Lehrern für rein und gotteswürdig erklärten Orte und Bet- und Opferanstalten, und als die Menschen denn auch durch ihren Fleiß reicher und wohlhabender geworden waren, so begnügten sie sich auch nicht mehr mit den nur als rein und gotteswürdig erklärten Orten, als da waren gewisse Hügel, Haine, reine Quellen und hie und da auch mit wohlriechenden Blumen angebaute Gärten, sondern erbauten ansehnlichere Hütten, später Häuser und Tempel, in denen die Lehrer das Volk belehrten, die ihnen dargebrachten Opfer annahmen und mit dem Volke allda auch zu Gott beteten mit Worten, Gebärden und auch mit Gesängen; was sie als besonders schön, herrlich und erhaben fanden, damit ehrten sie denn auch Gott als den Schöpfer solch herrlicher Dinge und weihten sie auch Ihm.
GEJ|8|175|11|0|Und siehe, so haben die Menschen selbst und besonders ihre stets reicher, aber auch stets hab- und herrschsüchtiger gewordenen Lehrer und Vorsteher nach und nach den zeremoniellen, wahrlich sogenannten Gottesdienst selbst erfunden und eingeführt, aus dem sich in der Folge nur zu bald ein wahres Götzentum erzeugt hat!
GEJ|8|175|12|0|Moses führte aber im Grunde keine Zeremonie ein, sondern erläuterte sie nur und stellte sie auf den alten und reinen Urzustand. Er zerstörte Bilder und Tempel, und nur eine Hütte war dazu bestimmt, in welcher sich die Lade befand, in der die Gesetze und Bücher Mosis und später auch die Schriften der anderen Propheten aufbewahrt waren nebst noch anderen an die Taten Gottes erinnernden Gegenständen.
GEJ|8|175|13|0|Moses aber hat nach der Weisung von Gott aus mit allem, was einer Zeremonie gleichsah, stets einen doppelten Zweck verbunden: Einer bestand darin, daß die Zeremonie in wohlentsprechender Weise alles das gleich einer Zeichenschrift darstellte, was unter Mir nun in der vollen Wirklichkeit geschieht und noch fürder geschehen wird; und zweitens verband er damit aber auch politische und für die Erhaltung der leiblichen Gesundheit und für diese Erdgegenden vollends heilsame Zwecke. Er zeichnete ihnen vor, was sie essen und trinken dürfen, und wie, wann und wie oft sie sich zu waschen und zu reinigen haben, wie ihre Wohnhäuser gebaut und beschaffen sein und welche Bekleidung die Juden tragen sollten.
GEJ|8|175|14|0|Und so hatte denn auch die Beschneidung einen ähnlichen doppelten Zweck; denn erstens war dadurch einem jeden neugeborenen Juden ein Name gegeben, das Jahr und der Tag und sogar die Stunde seiner Geburt eingeschrieben in das große Beschneidungsbuch – was alles notwendig war-, und dem neugeborenen Juden ist dadurch die Verpflichtung auferlegt worden, sich zu einem vollkommenen Menschen auszubilden, Gott zu erkennen, an Ihn zu glauben, Ihn über alles zu achten und zu lieben und Seine Gebote zu halten. Und siehe, das war der geistig-moralische Zweck der Beschneidung! Der andere Zweck aber war wieder ein staatlicher und so auch ein auf die Gesundheit und Reinheit des Leibes Einfluß habender.
GEJ|8|175|15|0|Du hast nun ein leichtes, das ganz klar einzusehen, wie die alte sogenannte Zeremonie der Juden im Grunde keine gottesdienstliche, sondern nur eine den Menschen allein wohldienliche war; daß mit der Zeit auch sie in ein völliges Götzentum überging, das sieht nun schon ein jeder nur einigermaßen heller sehende und denkende Heide ein, geschweige ein reiner, von Gott erleuchteter Jude.
GEJ|8|175|16|0|Übrigens aber geschieht in dieser Welt schon alles unter einer gewissen Zeremonie, wie Ich das schon vorerwähnt habe. Die Zeremonie ist an und für sich zwar wertlos, geht aber dennoch stets einem jeden Hauptfaktum voran und begleitet dasselbe und folgt ihm auch als sein wertloser Schatten nach.
GEJ|8|175|17|0|Betrachte nur einmal so recht aufmerksam einen werdenden Tag! Der erste Vorbote des Tages ist ein Grauen im Osten und gewisse bekannte Sterne, die vor der Sonne über den Horizont emporsteigen. Dem ersten Tagesgrauen folgt bald eine hellere Morgendämmerung, dieser die Morgenröte und noch so manches mehrere. Alle diese Morgenvorangänge sind denn gewisserart doch auch Zeremonien, die an und für sich wahrlich keinen Wert haben, und schon gar keinen erst dann, wenn die Sonne vollends aufgegangen ist.
GEJ|8|175|18|0|Also ist nun allen Juden und auch den Heiden in Mir die geistige Sonne aufgegangen, und es können sonach alle die Mich zum voraus bezeichnenden und verkündenden, wenn an und für sich noch so sinnreichen Bilder, Dinge und Zeremonien fürs wahre Leben des Menschen keinen Wert mehr haben; denn am hellen Tage wird es doch keinem vernünftigen Menschen in den Sinn kommen, eine Nachtlampe anzuzünden, um etwa dem Tage ein noch stärkeres Licht zu verschaffen.
GEJ|8|175|19|0|Wie Ich dir aber nun gezeigt habe die Zeremonie des Tagwerdens, ohne dich auf die ähnliche vor der kommenden Nacht besonders aufmerksam zu machen, so kannst du die Vorgänge des kommenden Sommers oder des Herbstes, des Winters, wie auch des Frühlings als eine Zeremonie ansehen und ebenso auch die Vorgänge beim Werden zum Beispiel eines Fruchtbaumes und noch anderer Gewächse und Kreaturen auf dieser Erde; sie sind zur Hervorbringung einer reifen und genießbaren Frucht zwar unumgänglich notwendig, aber der eigentliche Wert liegt am Ende doch nur in der reifen und guten Frucht.
GEJ|8|175|20|0|Und so ist es nun hier in der geistigen Lebenssphäre der Fall. Es gingen dieser Lichtzeit gar manche Zeremonien voran, die nun aber wertlos und eitel geworden sind, weil die Sonne des Lebens selbst aufgegangen ist und ein jeder nun die vollends reife Frucht vom Baume des Lebens nehmen kann und sich sättigen und stärken fürs ewige Leben der Seele. – So er aber das kann, wie sollte da für ihn all die vorangehende Zeremonie noch irgendeinen Lebenswert haben?
GEJ|8|175|21|0|Und so kannst du denn nun auch ein vollkommener und vor Mir gültiger Jude sein ohne die Beschneidung und ohne deren Entgelt. Denn wer am Tage wandelt, der braucht keine Morgendämmerung als irgend lebensnötig zu begrüßen, und wer von einem Baume schon die vollreifen Früchte eingeerntet vor sich hat, der hat sich doch auch wahrlich nicht mehr darum zu kümmern, wie der Baum Knospen getrieben und hernach geblüht hat, und ob er viel oder wenig Laub besaß. Denn die Hauptsache ist die Frucht; ist diese da, dann ist alles Vorangehende ohne Wert geworden.
GEJ|8|175|22|0|Ich meine nun, daß du und alle andern hier Anwesenden wohl werdet begriffen haben, wie die Zeremonie unter den Menschen entstanden ist, und welchen Wert sie in ihrer Reinheit hatte. Also aber werdet ihr nun auch begreifen, wie die Zeremonie nach und nach ausgeartet ist und nun keinen andern Wert hat und haben kann als der Schatten, der dem Wanderer folgt, so er nach der Richtung und nach dem Stande der Sonne seinen Lebensweg nimmt. – Habt ihr das nun alle wohl verstanden?“
GEJ|8|175|23|0|Sagten alle: „Ja, Herr und Meister; denn diesmal hast Du einmal wieder klar und offen geredet!“
GEJ|8|175|24|0|Dies betonten besonders die Jünger.
GEJ|8|175|25|0|Und Ich sagte darauf: „Darum lasset euch denn auch nicht mehr von irgendeiner Weltzeremonie gefangennehmen! Bleibet alle bei und in der Wahrheit; sie allein ist das Licht des Lebens und wird euch frei machen von jeglichem Wahne und Truge!“
GEJ|8|176|1|1|176. — Das Wesen der Wahrheit
GEJ|8|176|1|0|Hierauf dankte Mir abermals der Wirt und sein Sohn für diese Belehrung, sagte aber am Ende: „Daß der Mensch nur durch die Wahrheit von jedem Wahne und Truge frei gemacht werden kann, das ist gewiß eine große und heilige Wahrheit schon in und für sich; aber es haben gar viele Weise bei allen uns bekannten Völkern beständig nach der Wahrheit gefragt, sie auch emsig gesucht und haben sie nicht finden können, und noch niemand hat es als völlig ausgemacht und für die Menschen begreiflich dartun können, was die Wahrheit ist. Und so möchte ich denn nun von dir, du lieber Herr und Meister, vernehmen, was im Grunde des Grundes die Wahrheit ist; denn du wirst uns darüber wohl den besten Aufschluß geben können. Erst dann, wenn der Mensch weiß, was die Wahrheit ist, und wie und wo er sie finden kann, kann er sie auch zu seiner Lebensrichtschnur in sich aufnehmen und sich durch sie von jedem Wahne und Truge frei machen. Was ist also die volle Wahrheit, und wie und wo finden wir sie?“
GEJ|8|176|2|0|Sagte Ich mit freundlicher Miene: „Sieh Mich an, und vernimm es wohl, was Ich dir nun sagen werde: Gott, der Eine und allein Wahre, ist die Wahrheit. Wer Gott, den allein Wahren, gefunden hat, der hat auch die Wahrheit gefunden, die ihn frei und vollends lebendig machen wird. Hat der Mensch aber Gott gefunden und erkannt Dessen treu geoffenbarten Willen, und lebt und handelt danach, so ist auch der Mensch selbst in sich zur Wahrheit geworden; ist der Mensch aber das, dann ist er auch schon frei und ist vom Tode der Welt und ihrer Materie zum Leben aus Gott vorgedrungen.
GEJ|8|176|3|0|Ich sehe in dir zwar noch eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist wie diese, die Ich nun schon beantwortet habe, aber Ich werde auch für deine neue, noch nicht ausgesprochene Frage wohl eine für jedermann verständliche Antwort finden.
GEJ|8|176|4|0|Deine noch nicht ausgesprochene Frage aber lautet also: ,Gott ist schon ganz richtig allein die Wahrheit, und wer Gott gefunden hat, der hat die Wahrheit gefunden, die ihn frei machen kann; aber wo ist Gott, wer ist Er, wie lautet als vollkommen wahr Sein Wille, und endlich: wie finde ich Gott, und wie erkenne ich Ihn, daß Er es auch ist?‘
GEJ|8|176|5|0|Ja siehe, du Mein lieber Freund, diese Frage ganz lichtvoll zu beantworten, ist für Mich wohl wahrlich keine schwere Sache, aber für dich dahin dennoch, um die gegebene Antwort auch lichtvoll zu verstehen! Doch versuchen wir es!
GEJ|8|176|6|0|Siehe, Gott ist ein reinster und ewiger Geist! Dieser ewige Geist ist die purste und reinste Liebe und also das ewige Leben Selbst. Die Liebe aber ist ein Feuer und in sich ein flammend Licht, und alles das ist die Wahrheit.
GEJ|8|176|7|0|In Gott als dem ewigen Urgrunde alles Seins ist denn auch das vollkommenste Selbstbewußtsein, die höchste Intelligenz, Weisheit und Macht, und wäre es nicht also, so wäre auch nie etwas erschaffen worden; denn was in sich nichts ist, kann sich auch ewig nie zu etwas gestalten.
GEJ|8|176|8|0|In Gott ist denn auch die höchste Intelligenz und das lichtvollste Selbstbewußtsein ewig vorhanden und wirkend gegenwärtig. Und wäre es nicht also, – wer hätte da den Engeln und Menschen ein Leben mit der Intelligenz und mit dem Selbstbewußtsein zu geben vermocht? Oder ist es möglich, jemandem etwas auch dann zu geben, so man es selbst nicht hat? Kann eine stumme und rohe Kraft ein vollendetes Leben geben?
GEJ|8|176|9|0|Du hast in deinem Leben doch schon zu öfteren Malen allerlei blinde und in sich stumme Kräfte durcheinandertoben und -wüten sehen; aber hast du auch schon einmal irgendwo einen Orkan wüten sehen, der mittels seiner größten Macht- und Gewaltentwicklung auch nur einen noch so elenden Schaf- oder Schweinestall zusammengewirbelt hätte? Oder hat etwa ein Blitz einmal, so er aus der Wolke herab in die Erde schlug, je etwas anderes als nur eine höchst ungeordnete Zerstörung bewirkt?
GEJ|8|176|10|0|Betrachte du nun alle die stummen Kräfte und Gewalten, und du wirst an ihnen als Produkte ihres rohen Wirkens nie etwas entdecken, aus dem sich auch nur ein kleinstes Fünklein irgendeiner Intelligenz und Vernunft in und für sich wahrnehmen ließe! Ja, ein weiser Forscher wird auch in dem noch so rohen Wirken der blinden und stummen Kräfte und Mächte eine gewisse Ordnung und einen weisen Plan entdecken; aber das ist kein Eigentum der blinden und stummen Kräfte und Mächte, sondern ein Eigentum Gottes, der aus Seiner höchsteigenen und endlos weisen Willensmacht derlei Gewalten bewirkt, um für einen oder den andern Teil der Erde einen guten Zweck zu erreichen.
GEJ|8|176|11|0|Betrachte du die Pflanzen, Tiere und besonders den Menschen, so wirst du in allem eine größte Ordnung, einen weise angelegten Plan, verbunden mit der besten Zweckdienlichkeit, finden, was alles sich diese lebendigen Dinge nicht selbst je haben geben können, weil sie als zuvor etwa aus sich daseiend ja doch nicht und nie da waren! So sie aber nun da sind und ihr Dasein sicher einen höchst weisen Urheber vorweist, da ist es denn ja auch klar, daß nur Seine höchste Intelligenz, Seine Macht und Sein vollkommenstes Selbstbewußtsein derlei mannigfachste Wesen aus Sich Selbst hat ins Dasein rufen können.
GEJ|8|176|12|0|Der Mensch hat selbst in seiner geistig noch unentwickelten puren Naturlebenssphäre schon eine lichtvolle, weithinreichende Intelligenz, daraus die Vernunft und der Verstand wie ein Baum aus einem Samenkorne sich entfalten, mittels derer er bald sehr beachtenswürdige und wohlgeordnete Werke ins Dasein bringt.
GEJ|8|176|13|0|Wer außer Gott könnte denn dem Menschen, dessen Leib schon ein kunstvollster Organismus und eine höchst weise eingerichtete Lebensmaschine ist, Intelligenz, Selbstbewußtsein, Vernunft, Verstand, Liebe und einen ganz freien Willen mit der entsprechenden Tätigkeitskraft geben, erhalten und vollenden?! Freund, wenn du das, was Ich dir nun nur so in aller Kürze vorgestellt habe, nur einigermaßen helle überdenkst, so wirst du darin auch ganz leicht den natürlichen Weg finden, auf dem der Mensch, so er es nur ernstlich will, Gott und mit Ihm die ewige Wahrheit finden kann! Und so er diesen Weg mit aller Liebe zu Dem, den er sucht, betritt, so wird er Ihn auch finden; und hat er Ihn gefunden, so wird der Gefundene ihm auch alsbald Seinen Willen kundtun.
GEJ|8|176|14|0|Handelt der Mensch dann diesem gemäß, so wird es auch heller und lichtvoller in seiner Seele, die sich durch die Liebe zu Gott, den sie gefunden und erkannt hat, eben mit dem Geiste aus Gott stets mehr und mehr einigt.
GEJ|8|176|15|0|Und siehe nun, wenn bei dem Menschen dieser Umstand eingetreten ist, dann ist er selbst zur Wahrheit geworden, weil er in sich die Wahrheit gefunden hat; und mit dem wirst du nun wohl einsehen, was die Wahrheit ist, wie sie zu suchen und wie und wo sie auch allzeit sicher zu finden ist.
GEJ|8|176|16|0|Hast du aber die Wahrheit so gefunden, und bist du dadurch denn auch frei und rein geworden, so wird dadurch auch alles, was dich umgibt, zur Wahrheit, Reinheit und Freiheit; denn für den Wahrhaftigen ist alles wahr, für den Reinen alles rein und für den Freien alles frei. Ein mehreres benötigst du vorderhand noch nicht. Frage dich aber nun selbst, ob du das alles auch wohl verstanden hast, was Ich dir nun dargestellt habe!“
GEJ|8|176|17|0|Sagte Kado: „O Du mein lieber Heiland, Herr und Meister! Du hast mir und uns allen nun große Dinge und Wahrheiten verkündet und lichtvoll enthüllt; der alte Isisschleier ist gelüftet, der Augiasstall in mir von seinem alten Unrate gereinigt und der gordische Knoten entzweigehauen, – und das alles verdanken wir nun Dir allein! Ich bin nun zu einem wahren Herkules geworden, – aber nicht zu jenem, der unentschlossen am Scheidewege stand, sondern der entschlossen den Weg der wahren Tugend betreten hat und auf demselben auch bis ans lichtvolle Ziel fortwandeln wird.
GEJ|8|176|18|0|Ich habe Dich gesucht, wie Du es weißt, und habe Dich auch gefunden, wennschon in der Nacht, was aber um so besser und bezeichnender ist, da ich Dich am Tage wohl sehr schwerlich einmal wo gefunden hätte, da es in mir selbst Nacht und finster war. Nun aber hat es in mir schon ganz gewaltig zu morgendämmern angefangen, und die Morgenröte wird folgen, und die Sonne wird sich auch über den Horizont meines Lebens erheben! Und ich meine, daß sie demselben bereits schon jetzt näher steht, als das meine Seele bis jetzt noch zu fassen imstande ist. Kurz und gut, ich habe Dich, o lieber Herr und Meister, gesucht und habe Dich denn auch gefunden; und da ich nun von Dir erfahren habe, wie man Gott und in Ihm die Wahrheit zu suchen und auch zu finden hat, so wird mir auch das gelingen.
GEJ|8|176|19|0|Und so ich die Sache nun so ganz recht und klar überdenke, so sagt mir etwas in meinem Herzen: ,Kado, du hast schon alles gefunden und wirst weiterhin nicht mehr viel zu suchen haben!‘ Ich meine: Du, o guter und liebster Herr und Meister, und Der, den ich noch suchen soll, steht nach meinem nun in mir erwachten Gefühle so ziemlich ungezweifelt auf einer und derselben Stufe, und wer Dich gesucht und auch gefunden hat, der hat auch schon Den mit gefunden, den er noch suchen soll. Denn die Zeichen, die Du wirkst, und die Worte, die Du redest, kann kein Mensch reden und wirken. Ich möchte hiermit sagen: Herr und Meister, Du Selbst bist die Wahrheit, der Weg, das Licht und das Leben! Wer Dich gefunden hat, der hat auch schon alles gefunden! – Habe ich unrecht nun geurteilt?“
GEJ|8|177|1|1|177. — Die merkwürdige Erscheinung auf der Insel Patmos
GEJ|8|177|1|0|Sagte Ich: „Mein Freund, dein Fleisch hat dir das nicht geoffenbart! Aber nun vorderhand nichts mehr davon; wir werden später schon wieder darauf kommen! Nun aber erzähle uns du, Kado, eine Begebenheit, die dir vor zwei Jahren auf Patmos begegnet ist!“
GEJ|8|177|2|0|Als Ich das zu Kado gesagt hatte, da sagte er darauf: „Lieber Heiland, Herr und Meister, das, was mir auf Patmos, und zwar namentlich auf unserer großen Besitzung, begegnet ist, und das dreimal nacheinander, ist allerdings an sich recht denkwürdig und beachtenswert; doch ein jedes Wort aus Deinem Munde ist noch ums Unaussprechliche denkwürdiger und beachtenswerter als tausend derlei noch so gut und wahr erzählte Erlebnisse, wie da ist das meine. So ich die Sache etwas umständlich erzähle, nehme ich Dir die Zeit, in der Du gar manches Belebende an uns hättest gnädigst können ergehen lassen!“
GEJ|8|177|3|0|Sagte Ich: „Die Hauptsache habe Ich euch schon gesagt, und zu noch so manchem andern wird sich auch noch die Zeit finden; denn wir haben fünf Stunden Zeit, bis wir für unsere Glieder eine Ruhe zu nehmen nötig haben. Und so denn kannst du uns schon dein Erlebnis ganz offen und umständlich erzählen, denn Ich weiß, daß du ein guter Redner bist.“
GEJ|8|177|4|0|Sagte Kado: „Weil Du, o Herr und Meister, es haben willst, so sei es denn in Deinem Namen! Um diese Sache allen Anwesenden anschaulicher und begreiflicher darzustellen, wird es nötig sein, auch die Örtlichkeit, wo mir das Sonderbare begegnet ist, ein wenig näher ersichtlich zu machen, da es hier unter den Anwesenden denn doch mehrere geben dürfte, die sich von dieser Insel, die sich zum größten Teile bis jetzt noch in unserem Besitz befindet, keine Vorstellung machen können. Und so denn nun zur Sache!
GEJ|8|177|5|0|Die in Rede stehende Insel gehört zwar zu den kleinen, aber sie ist doch groß genug, um mehrere Hunderte von tätigen Menschen recht gut und wohl zu ernähren. Diese Insel ist wohl gleich vielen andern griechischen Inseln gebirgig, aber sie ist fruchtbar, wo sie gut bearbeitet wird. Der Wein ist gut, so auch die Feigen, Datteln und noch eine Menge anderer Baumfrüchte. Mit dem Ackerbau und mit der Viehzucht sieht es nicht so gut aus; aber dafür ist um die ganze Insel der Fischfang ein sehr reicher zu nennen. Das wäre nun so ein allgemeiner Überblick von der Insel Patmos.
GEJ|8|177|6|0|Unsere Hauptbesitzung auf dieser Insel aber befindet sich südöstlich. Sie stellt ein kleines Dorf vor, das ganz am Meere, das allda eine kleine Einbuchtung hat, erbaut ist. Hinter dem Dorfe landeinwärts erhebt sich ein nicht hohes und nicht steiles Gebirge, das zumeist mit Reben und Ölbäumen wohl bepflanzt ist; östlich aber erhebt es sich etwas, und da, wo es ganz an das Meer stößt, ist es am höchsten und fällt dann ziemlich steil bis zum Meere ab.
GEJ|8|177|7|0|Auf dieser Höhe befindet sich ein alter und noch überaus fest erbauter Turm, den wir, da er auch unser Eigentum ist, teils zu einer recht angenehmen Wohnung und seine unterirdischen, sehr geräumigen Katakomben in einen Weinkeller umgestaltet haben.
GEJ|8|177|8|0|Der Turm soll von den Phöniziern erbaut worden sein. Wozu sie ihn benutzen mochten, wäre wohl etwas schwer zu erraten, da er seiner Gestalt nach entweder ein Leuchtturm, wie auch ein Tempel, oder am Ende auch eine Art Gefängnis für Verbrecher und ebensogut auch ein Verwahrer und Behälter von geraubten Gütern aller Art sein konnte. Kurz, das gehört nun schon einer grauen Vorzeit an, und es lohnte sich kaum der Mühe, die Ursache zu ermitteln, aus welcher die Phönizier einst etwa unseren Turm mochten erbaut haben.
GEJ|8|177|9|0|Nun aber gewährt er durch seine neue Einrichtung, wie schon gesagt, erstens eine herrliche Aussicht in die weite Ferne über Land und Meer und dient darum zur angenehmsten Wohnung und zweitens zur Aufbewahrung von Weinen und auch anderen Früchten. Und auf dem höchsten Punkte ist von Erz eine große Leuchtpfanne errichtet, die in finsteren und stürmischen Nächten mit Pech und Naphtha angefüllt und angezündet wird, damit bedrängte Schiffer es schon von ferne merken können, nach welcher Richtung sie zu steuern haben, um eine sichere und von den Stürmen beinahe nie heimgesuchte Bucht erreichen zu können. – Das wäre nun eine nötige Ortsbeschreibung, und ich kann denn jetzt auch schon mit der Erzählung des von mir erlebten seltsamen Ereignisses beginnen.
GEJ|8|177|10|0|Vor zwei Jahren, so ungefähr in dieser Jahreszeit, befand ich mich mit meiner Familie und mehreren Dienern am beschriebenen Orte und hatte eben auch den größten und besten Teil der guten Ernte unters Dach gebracht. Und wie es nach getaner Arbeit stets gut ruhen ist, so ruhten wir denn auch an einem schönen Abende auf dem geräumigen Söller unseres Turmhauses und betrachteten von da das Meer mit seinem Wogenspiel, die Fischerboote, die sich auf dem Meere herumtummelten, von denen einige auch mit ihrem Fange rüstig dem Ufer zuruderten, und so gab es da bei der untergehenden Sonne noch so manches Seltene zu betrachten, was unser Meer stets reichlich produziert.
GEJ|8|177|11|0|So saßen wir ganz fröhlich so lange beisammen, bis die Nacht sich vollends über das Meer und übers Land gelagert hatte mit ihrem Sternengewande. Das Meer ward denn auch so völlig ruhig, daß wir weit die Sterne aus seinem ruhigen Spiegel beinahe ebenso rein widerstrahlend ersahen, als wie sie am hohen und weiten Firmamente zu sehen waren. Meine Familie begab sich nun, da es etwas kühl zu werden begann, ins Haus; ich selbst aber verweilte mit ein paar Dienern noch auf dem Söller und besprach mich mit ihnen über so manche Geschäfte und Arbeiten, die uns der kommende Tag bieten werde.
GEJ|8|177|12|0|Als ich noch so im Gespräche mich befand, dabei aber mit den Augen dennoch auf der weiten und ruhigen Fläche des Meeres herumschweifte, ob nicht hier oder da etwas zu entdecken wäre, dem man eine größere Aufmerksamkeit widmen könnte, da ersah ich von Osten her ein schneeweißes Wölkchen schnell sich unserer Insel zuziehen. Und je näher es kam, desto heller und größer wurde es denn auch. Ganz nahe an der Insel aber ward es so hell, daß von seinem Lichte das Meer weit- und breithin so stark erleuchtet war, daß man alles um vieles genauer hat ausnehmen können als im Vollichte des Mondes.
GEJ|8|177|13|0|Als das besagte Wölkchen die Insel vollends erreicht hatte, da erhob es sich plötzlich bis zur gleichen Höhe unseres Turmhauses. Es war zur Zeit des Sicherhebens aber von unserem Turmhause in gerader Richtung dennoch so weit entfernt, daß man eine Stunde Zeit zu gehen gehabt hätte, bis man die Stelle erreicht hätte, über der das leuchtende Wölkchen, nun ruhig schwebend und stille stehend, sich befand.
GEJ|8|177|14|0|Es stand aber das Wölkchen nur eine ganz kurze Zeit ruhig; dann aber fing es an, sich abermals und gerade auf unser Turmhaus los zu bewegen, was auf mich und meine beiden Diener einen eben nicht angenehmen Eindruck machte, und wir fanden es für geraten, uns so schnell als möglich ins Haus zu flüchten und abzuwarten, was aus dieser Erscheinung am Ende alles noch werden würde.
GEJ|8|177|15|0|Wir hatten aber kaum noch das große Zimmer erreicht, so war das Wölkchen auch schon am Turmhause und verbreitete durch sein starkes Leuchten beinahe eine volle Tageshelle im ganzen Hause, das es nach allen Seiten hin ganz eingehüllt hatte. Wir waren unser viele im Hause und waren auch lauter mutige und sehr beherzte Leute, und es getraute sich doch niemand ins Freie hinaus, um zu erforschen, was etwa doch am Wölkchen von einer gar so seltsamen Art verborgen sein möchte. Ja, es hatte uns die Neugierde und hier besonders meine Wißbegierde angetrieben, hinauszugehen, um zu erforschen, wie weit sich das Wölkchen übers Haus hinaus ausgebreitet hatte, und dennoch konnten wir nicht insoweit unserer Furcht Meister werden, daß wir unserer Neu- und Wißbegierde hätten Genüge tun können.
GEJ|8|177|16|0|Das seltsame Wölkchen aber blieb nun unverändert um unser Haus und wich weder nach links noch nach rechts, und es ward uns sehr bange, so daß wir uns nicht getrauten, das bereitete Abendmahl zu verzehren.
GEJ|8|177|17|0|Ein alter und treuer Diener meines Hauses, der mit dem Meere und seinen mannigfachen Erscheinungen sehr vertraut war, sagte nach längerem Nachdenken: ,Mir fällt nun etwas ein! Es hat mir ein Schiffer aus Palästina, der hier anhielt und Wein und Süßwasser auf sein Schiff nahm, vor einem Jahre erzählt, daß es nun im Judenreiche das Ansehen habe, als wollte der alte Gott Zeus mit allen andern Göttern den Olymp verlassen und daselbst irgend seine Residenz errichten.
GEJ|8|177|18|0|Er, Schiffer, selbst habe in einem Orte dieses Reiches Menschen gesehen und sie auch beobachtet –: was diese nur wollen und aussprechen, das geschieht dann auch augenblicklich. Allerlei böseste Krankheiten heilen sie durchs Wort allein, Blinde werden sehend, Taube hörend, Lahme und Krüppel und Gichtbrüchige, jung und alt, werden gerade und springen herum wie Hirsche und Gazellen, und sogar den Verstorbenen wird ein neues Leben gegeben. Nebst dem aber werden noch Tausende von andern nie erhörten Wundertaten verrichtet bloß durch den Willen und durchs Wort dieser Gottmenschen.
GEJ|8|177|19|0|Wer anderes als nur die hohen Götter können diese Menschen wohl sein?! Die Erdenmenschen haben in unserer Zeit allen Glauben an die Götter verloren, und der vornehme Teil hat sich schon seit lange her den verschiedenen Philosophen und Weltweisen in die Arme geworfen und das ganze Götterwesen zu einer leeren Fabel gemacht, die kaum für den gemeinen Pöbel mehr taugt; aber die hohen Götter haben sich etwa nun der blinden und glaubenslosen Menschen von neuem wieder einmal erbarmt, sind nun im noch gläubigsten Reiche der Juden in Menschengestalten auf diese Erde herabgestiegen, um ihnen zu zeigen, daß sie als die Ewigen fortbestehen, trotzdem sie nun schon von einer zahllosen Menge der weltweisen Atheisten vollkommen geleugnet werden. Gar viele Griechen und Römer reisen nun dahin und überzeugen sich selbst von dieser wunderbaren Wahrheit. –
GEJ|8|177|20|0|Nun – sprach mein alter, treuer Diener weiter –, kann es nicht sein, daß die nun im Judenreiche residierenden Götter in diesem Lichtwölkchen uns, die wir doch noch einigen alten Glauben haben und ihn auch noch nach Möglichkeit pflegen, irgendeinen Genius zugesandt haben, um dadurch auch uns ein Zeichen von ihrem Dasein auf dieser Erde zu geben? Das ist nun so meine Meinung und kann auch aus dem Umstande schon auch gleich als eine volle Wahrheit angesehen werden, weil mir die Erzählung des erwähnten Schiffers seit einem Jahre nun zum ersten Male eingefallen ist, da ich sonst wohl kaum je wieder mich ihrer erinnert hätte. Dies Wölkchen hat offenbar meine Erinnerung geweckt.‘
GEJ|8|177|21|0|Als mein Diener dies beendet hatte, da bekamen wir Mut und gingen hinaus, um unser Wölkchen zu betrachten. Als wir aber noch kaum das Freie erreicht hatten, da erhob sich auch schon das Wölkchen und zog sich ebenso schnell dahin wieder zurück, von woher es gekommen war. Wir sahen dem Wölkchen so lange nach, bis es in weiter Ferne vor unseren Augen gänzlich verschwand. Wir gingen darauf nachdenklich gestimmt wieder ins Haus, verzehrten ganz wohlgemut unser Mahl und begaben uns darauf bald zur Ruhe.“
GEJ|8|178|1|1|178. — Das zweite Erscheinen des Wölkchens
GEJ|8|178|1|0|(Kado:) „Am nächstfolgenden Tage, als wir wieder hinab in unser Dorf kamen, um unsere Geschäfte und Arbeiten zu leiten und zu ordnen, da kamen auch schon drei große Schiffe in unserem Hafen an, um wie gewöhnlich hier Wein und Süßwasser zu nehmen. Sie kamen von Sizilien und erkundigten sich angelegentlich, mit welchem Lichtstoffe wir unseren Turm auf eine Zeitlang beleuchtet hätten. Sie hätten noch nie ein so weißes Licht gesehen; sie wären in der Zeit noch mehrere Stunden Meeresfahrzeit von dem Hafen entfernt gewesen, und es wären ihre Schiffe doch so gut beleuchtet gewesen, daß sie auf ihnen nahezu wie am Tage alles gut hätten ausnehmen können.
GEJ|8|178|2|0|Also befragten uns auch die Bewohner des Dorfes kreuz und quer, was das für ein Leuchten gewesen wäre. Und mein alter, treuer Diener, der sich nun hier im Hause meines Vaters befindet, weil ich ihn auch auf allen meinen Reisen mitgenommen habe, hatte wieder seinen Mund geöffnet und erzählte den Fragern den Hergang ganz der Wahrheit getreu und gab am Ende auch wieder seine Meinung hinzu; und alle Hörer lobten sehr seine Ansicht.
GEJ|8|178|3|0|Die Schiffer aber sagten, daß sie sich im Judenreiche, wohin sie ohnehin zuerst zu steuern hätten, über diese Sache allereifrigst erkundigen würden, und so sie etwa in einem halben Jahre wieder hierher kommen würden, so würden sie uns ihre gemachten Erfahrungen getreust mitteilen. Die Schiffer fuhren darauf bald wieder ab, und wir gingen an unsere Geschäfte und Arbeiten, und es ging uns an diesem Tage alles bestens vonstatten, was einem ordentlichen Wunder gleichsah.
GEJ|8|178|4|0|Daß diesen Tag über noch viel von der vornächtlichen Erscheinung hin und her geredet worden ist, versteht sich leicht von selbst.
GEJ|8|178|5|0|An diesem Tage begab ich mich mit meinen Hausleuten etwas früher hinauf in unser Turmhaus, erstens, da wir unsere Geschäfte und Arbeiten auch ganz glücklichst eher beendet hatten als sonst, und zweitens, aufrichtig gesagt, um abermals auch an diesem Abende Beobachtungen anzustellen, ob nicht etwa wieder so ein Wölkchen von Osten her sich werde sehen lassen. Mein Weib und auch meine Kinder freuten sich sehr darauf.
GEJ|8|178|6|0|An diesem Abende war das Meer etwas unruhiger als am vergangenen, und die Fischer fuhren mit ihrem Fange denn auch früher nach Hause. Auch ein paar andere Schiffe, die von Süden kamen und dem ziemlich bewegten Meere nicht zu trauen schienen, steuerten unserem sicheren Hafen zu, und die Schiffer hingen bald ihre Fahrzeuge an unsere festen Uferstöcke, was ein sicheres Zeichen war, daß sie, einen Sturm befürchtend, zum wenigsten die Nacht über in unserem Orte verweilen würden.
GEJ|8|178|7|0|Das Meer ward gegen Abend hin auch stets unruhiger, und so man die Augen in die weite Ferne hinaus richtete, da nahm man auch recht gut wahr, daß das Meer sehr hohe Wogen trieb, darum man auch kein Schiff mehr über den Fluten schwimmend entdecken konnte; denn die Schiffer werden schon am Tage Zeichen bemerkt haben, daß das Meer die Nacht hindurch sehr hoch gehen werde, und hatten darum auch schon frühzeitig irgendeine ruhigere Bucht zu erreichen gesucht.
GEJ|8|178|8|0|Es waren zwar am ganzen weithin sichtbaren Himmel keine Wolken zu entdecken, und vom Süden her wehte nur ein ganz schwacher Wind; aber es mußten sich unter dem Meere die gewissen Tartaruswinde erhoben haben, die das Meer in eine solche Unruhe versetzten. Wir nennen dergleichen unterirdische Winde Tartaruswinde, weil wir dafür keinen andern Namen haben. Merkwürdig war es aber, daß sich trotz des stets heftiger werdenden Stürmens des Meeres keine Sturmvögel sehen ließen, auch keine Meerkälber ihren solchen Stürmen stets vorangehenden Tanz und ihr lustiges Springen haben sehen lassen. Denn an derlei Meeresungetümen hat es in unserem Meere wahrlich keinen Mangel.
GEJ|8|178|9|0|Die Sonne fing auch an, ins Meer zu tauchen, und ich befahl den Dienern, die Pfanne zu füllen und anzuzünden, da denn doch noch irgendein größeres Schiff sich auf dem Meere befinden konnte, das in der Nacht dann nicht hätte sehen können, wohin es sich retten könnte. Die große Pfanne ward denn auch bald gefüllt und angezündet und brannte schon vollauf lichterloh, als die Sonne völlig untergegangen war, und es war das gut, da es nachher kaum eine Stunde dauerte, als noch ein großes Schiff, vom etwas heftiger gewordenen Südwinde getrieben, wohlausnehmbar auf unseren Hafen zusteuerte und denselben auch glücklich erreichte!
GEJ|8|178|10|0|Diese Schiffer, auch aus Ägypten ankommend, um hier unseren Wein zu kaufen, erzählten am nächsten Tage, daß sie eine große Not mit den hochgehenden Wogen zu bestehen gehabt hätten, und daß sie sehr erfreut worden seien, als sie das ihnen schon wohlbekannte Licht von Patmos bemerkt hätten.
GEJ|8|178|11|0|Wir aber saßen trotz des großen Tobens und Brausens des Meeres ganz wohlgemut auf unserem Söller beisammen und richteten unsere Blicke nach dem Osten, ob nicht etwa das gestrige Lichtwölkchen irgendwo sich wieder möchte sehen lassen. Und es dauerte wahrlich nicht lange mehr, da war das Wölkchen auch schon im weiten Osten wieder ersichtlich geworden und machte die gleiche Bewegung, wie es gestern, wie schon erzählt, der Fall war.
GEJ|8|178|12|0|Sowie aber das wundersame Wölkchen nur ersichtlich geworden war, da legte sich auch sogleich wunderbar der Sturm des Meeres, und in wenigen Augenblicken ersah man schon wieder die Sterne aus dem ruhigen Meeresspiegel zu uns emporschimmern.
GEJ|8|178|13|0|Es dauerte denn nun auch gar nicht lange mehr, und das Wölkchen hatte unser Turmhaus umlagert, und das Leuchten kam mir dies zweite Mal noch stärker vor denn das erste Mal; denn das Meer war weit hinaus wie am Tage erleuchtet, was wir wohl ausnehmen konnten, weil diesmal das Wölkchen über unserem Turmhause schweben blieb und dasselbe nicht so wie das erste Mal ganz eingehüllt hatte. Merkwürdig aber war dies zweite Mal auch der Umstand, daß die Flamme in unserer Leuchtpfanne in dem Augenblick völlig erlosch, als das Wölkchen das Haus bis zu seiner halben Höhe herab umhüllt hatte.
GEJ|8|178|14|0|Diesmal blieb das Wölkchen sicher gut um eine Stunde länger ums Haus als das erste Mal, und uns ward dabei so wohl zumute, als es einem Gotte im Gefühle seiner Macht und ewigen Unsterblichkeit zumute sein kann; denn auch wir fühlten uns als vollends mächtig und unsterblich.
GEJ|8|178|15|0|Mein alter, getreuer Diener sagte nach einer Weile, ganz zerknirscht vor Ehrfurcht, so vor sich hin: ,O du altes, heiliges Götterlicht, das die Urmenschen hell und lebendig erleuchtet und also auch zu ordentlichen Halbgöttern umgewandelt hat, leuchte nun den Sterblichen wieder, und mache also ersticken ihr Weltlicht, wie du ersticken machtest das matte Licht unserer Meererleuchtungspfanne! Dann werden die Schiffer auf dem nur in unserer Nacht tobenden Meere des Erdenlebens Ruhe finden und wieder zu der Einsicht gelangen, warum sie von den hohen Göttern in diese Welt gesetzt worden sind.‘
GEJ|8|178|16|0|Als mein Diener solche Worte sicher ganz vollernstlich ausgesprochen hatte, da vernahmen wir alle ganz klar und deutlich aus dem Wölkchen die Worte: ,Suchet, so werdet ihr es auch finden! Das alte Lebenslicht der Himmel soll den Menschen, die eines guten Herzens und Willens sind, wieder von neuem in Überfülle gegeben werden. Von woher aber ich komme, von dorther wird auch bald das große Licht kommen.‘
GEJ|8|178|17|0|Darauf erhob sich das Wölkchen wieder und zog schnell wieder dahin, von woher es gekommen war.
GEJ|8|178|18|0|Sowie aber das wundersame Wölkchen unseren Blicken wieder völlig entschwunden war, da loderte wieder die Flamme in der Leuchtpfanne von selbst hell auf und leuchtete ganz wohl die ganze Nacht hindurch. Wir aber waren alle zerknirscht, besonders über die deutlich vernommenen Worte, die gewisserart das Wölkchen zu uns gesprochen hatte.
GEJ|8|178|19|0|Und mein alter Diener sagte: ,Oh, was würden nun unsere Weltweisen, die an nichts mehr glauben als nur an ihre Vernunft, dazu sagen, so sie das mit uns hier erlebt und geschaut hätten! Ja, ja, die Menschen, die die Götter und ihr wahres Lebenslicht suchen, mit gutem Herzen und festem Willen, und sich nicht so leicht von allen Weltzweiflern mitreißen lassen, die finden am Ende auch, was sie suchten, – was aber kein Weltweiser findet. Die Götter aber sind dem sicher nicht zugetan, der ihr Dasein leugnet, wir aber wollen von nun an den Göttern von ganzem Herzen stets mehr zugetan bleiben und werden sie auch in das Reich, in dem sie nun als sichtbare Menschen richten, walten und schalten sollen, selbst aufsuchen gehen und werden ihnen dort unsere tiefste Verehrung und einen wahren Opferdank darbringen für die Gnade, daß sie uns auf dieser verlassenen Insel durch das Lichtwölkchen heimgesucht haben!‘
GEJ|8|178|20|0|Wir alle stimmten in die guten Worte unseres Alten, und ich versprach, das selbst zu tun, sobald ich in Athen alles in die nötige Ordnung gebracht haben würde, worüber alle eine große Freude äußerten und ich selbst mich denn auch fest entschlossen habe, meine Handelsgeschäfte in Athen und auch an andern Orten zu verkaufen und dann die Götter aufsuchen zu gehen.
GEJ|8|178|21|0|Darauf begaben wir uns denn wieder ins Haus und nahmen das schon bereitete Nachtmahl zu uns, was uns diesmal besonders schmackhaft vorkam.“
GEJ|8|179|1|1|179. — Der Traum des Dorfpriesters
GEJ|8|179|1|0|(Kado:) „Wir wollten uns, wie sonst, auch diesmal nach dem Mahle gleich zur Ruhe begeben, aber es ging das diesmal nicht so ganz nach unserem Sinne; denn es kamen einige aus dem Dorfe herauf und baten, mit mir zu reden. Darunter befand sich auch unser Dorfpriester, der einem kleinen Apollo- und Zeustempel diente und daneben auch die Tageszeiten, die Planeten, die Sternbilder und auch die Winde zu beobachten hatte, um daraus gewisse nötige Weissagungen zu machen.
GEJ|8|179|2|0|Dieser Priester, auch schon ein ergrauter Mann, der nie je ein Weib und irgend Kinder hatte, weil er seinen Göttern die lebenslängliche Keuschheit geschworen hatte, auf daß sie ihn dafür mit der tiefen Weisheit in allen Dingen, denen er stets mit großem Eifer vorstand, begaben möchten, war der erste, der sogleich allerlei Fragen an mich richtete, natürlich in bezug auf die zweitmalige Erscheinung des Lichtwölkchens; denn die erstmalige war ihm nicht so ganz besonders aufgefallen, weil er der Meinung war, daß ich etwa das weiße Licht mittels des bekannten indischen Leuchtmaterials zustande gebracht hätte. Da er aber nun den Tag über mehrfach in die untrügliche Erfahrung gebracht hatte, wie das Lichtwölkchen über unser Turmhaus am Berge gekommen ist, so ließ ihn die heutige Erscheinung nicht ruhen und zog ihn zu mir auf den Berg und mit ihm denn auch noch einige erste Fischer und Uferaufseher.
GEJ|8|179|3|0|Also bei mir angelangt, sagte er (der Dorfpriester): ,Freund Kado, was hat es denn mit dem nun schon zum zweiten Male zur gleichen Zeit erschienenen Lichtwölkchen für eine Bewandtnis? Ich habe heute Verschiedenes hin und her reden hören, legte aber bei meiner vielfachen Erfahrung über allerlei Lichterzeugungen, die unsere alten Vorfahren gar gut zu machen imstande waren, kein großes Gewicht darauf. Aber weil sich die gestrige Erscheinung heute auf eine noch um vieles auffallendere Weise zur gleichen Zeit wiederholt hat, so ließ mich das nun nimmer ruhen, und ich bin darum heraufgekommen, um von dir selbst etwas Näheres darüber zu erfahren. Sei denn im Namen unseres Zeus und Apoll so gut und sage mir die Wahrheit, die dir hier schier bekannter sein wird als mir, weil die Erscheinung sich hauptsächlich dein Berghaus zu ihrer Manifestation auserkoren zu haben scheint!‘
GEJ|8|179|4|0|Darauf sagte ich zum Priester: ,Siehe, da ist mein alter treuer Diener, der ist in diesen Dingen um vieles erfahrener denn ich; den frage, und er wird dir den besten Aufschluß zu geben imstande sein!‘
GEJ|8|179|5|0|Hierauf wandte sich der Priester fragend an den Diener, und dieser erzählte dem Priester alles mit großer Offenheit eine volle Stunde lang, was ihm bekannt war, und vergaß der höchst gewichtigen Worte nicht, die wir alle aus der Lichtwolke vernommen hatten.
GEJ|8|179|6|0|Als unser alter Priester alles das mit wahrhaft großer Würdigung erfahren hatte, da sagte er: ,Es ist das nun wahrhaft etwas höchst Seltenes und somit auch Allerdenkwürdigstes! Es ist ohne Zweifel, daß die Götter einst mit den Menschen in einem innigeren Verbande und Verkehre gestanden sind als irgendwo in dieser Zeit, in der die Menschen sich von ihnen nahe gänzlich abgewandt haben, und selbst bei den wenigen, die noch einen Glauben haben, ist aber das dennoch kein wahrer lebendiger Glaube, sondern nur ein Gewohnheitsglaube, – und so ist es nun in dieser unserer gänzlich verdorbenen Welt und Zeit auch sicher unzweifelhaft wahr, daß die allzeit guten und weisen Götter sich wieder einmal der Menschen erbarmt haben und sie wieder auf den rechten und wahren Lebensweg bringen werden, weil das alle Weisen auf der ganzen Erde nimmer imstande gewesen wären.
GEJ|8|179|7|0|Aber nun muß ich bei dieser Gelegenheit doch auch eines sonderbaren Traumes Erwähnung tun, den ich in der vorigen Woche drei Tage nacheinander stets gleichgestaltig hatte, und das sozusagen stets schon am hellen Tage. Ich pflege nämlich nach meinen Morgenbeobachtungen der Sterne und der Winde, der Wolkenzüge und der Bewegungen des Meeres, der Fische und auch der Vögel in der Luft, was allzeit gut ein paar Stunden vor dem Aufgange zu geschehen hat, mich nach dem vollen Aufgange der Sonne auch auf ein paar Stunden lang auf mein gutes Ruhebett zu legen und so als ein schon alter und mühseliger Mann von meiner Arbeit und Mühe ein wenig auszuruhen. Wie ich mich aber in den vorbenannten drei Tagen zur besagten Morgenruhe begab, da schlief ich denn auch alsogleich ein und hatte, wie gesagt, dreimal folgenden stets gleichen Traum:
GEJ|8|179|8|0|Ich befand mich auf einer unabsehbar weiten Ebene; diese war geschmückt mit einer Menge von allerlei Göttertempeln, die in verschiedenen Entfernungen voneinander abstanden. Ich bemerkte darunter alle unsere bekannten Göttertempel, aber auch eine große Menge anderer, die fremden Völkern und Nationen, die mir ganz unbekannt waren, angehörten. Ich betrachtete das mit Wohlbehagen, obschon die ganze Gegend nur ungefähr also erleuchtet war wie bei uns ein ganz trüber Wintertag, wenn der Regen dicht aus dem dunkelgrauen Gewölk zur Erde niederfällt. Menschen aber bemerkte ich außer mir nicht, und das machte mit der Weile einen etwas düsteren Eindruck, und ich fing an, den Zeus und Apoll zu bitten, daß sie doch einen Menschen mir möchten zukommen lassen.
GEJ|8|179|9|0|Darauf kam denn auch ein Mann, der einem Juden gleichsah, zu mir und sagte mit ernster Stimme: ,O du alter Narr, was betest du leer zu den Göttern, die niemals waren und niemals sein werden? Bete du lieber zu dem einen, wahren Gott der Juden im Geiste und in der Wahrheit, und es wird dir gegeben werden, um was du bitten wirst!
GEJ|8|179|10|0|Siehe, alle diese Tempel mit ihren toten, von Menschenhänden gemachten Göttern werden ehest von der Erde weggefegt werden, und nur ein lebendiger Tempel für den nur einen und allein wahren, lebendigen Gott wird verbleiben, und dieser Tempel wird nun von Gott Selbst erbaut unter den Juden und Heiden und unter allen Völkern der Erde. Dieser Tempel wird leuchten wie eine Sonne über die ganze Erde, und die von seinem Lichte durchdrungen werden, werden überkommen das ewige Leben und werden Kinder des Allerhöchsten heißen. Ich aber will dir nun nur ein Fünklein von dem Lichte des neuen Tempels zeigen, und alle diese Tempel werden von der Macht dieses Fünklein-Lichtes in Staub und Asche verwandelt werden.‘
GEJ|8|179|11|0|Hierauf zog er ein kleines Buch aus einer Tasche hervor, die er an seiner Brust trug, öffnete es, und ich sah darin die Worte: ,Wer an Mich glaubt im Herzen, der wird das ewige Leben haben; denn Ich, der allein ewige und wahre Gott, bin das Licht, die Wahrheit, der Weg und das Leben.‘
GEJ|8|179|12|0|Darauf erglänzten gewaltig die von mir nun ausgesprochenen Worte, und über die ganze, weite Ebene ergoß sich wie ein mächtigster Strom das Licht, – und seht, o Jammer, alle die zahllos vielen Tempel stürzten samt ihren Göttern wahrlich in Staub und Asche übereinander, und ich sah darauf Menschen, die wie wahre Brüder und Schwestern miteinander wandelten in weißen Kleidern, und am Himmel ersah ich einen Menschen voll Lichtes wie in einer Sonne stehend, und alle, die auf der weiten Ebene miteinander wandelten, riefen zu diesem Einen Menschen: ,Lieber, heiliger Vater!‘
GEJ|8|179|13|0|Darauf erwachte ich alsbald und war vollauf gestärkt und voll gesunden und guten Mutes, und es kam mir auch in meinem Gefühle also vor, als wäre ich kein sterblicher Mensch mehr.
GEJ|8|179|14|0|Dieses Traumgesicht hatte ich, wie schon früher bemerkt, drei aufeinanderfolgende Tage unverändert gleich und gestern und heute die Erscheinung des wundersamen Lichtwölkchens und auch die Worte, die ihr aus dem Wölkchen vernommen habt, dazu, und es gestaltet sich für die Folge ganz etwas anderes, als was wir nun in unserer alten Frömmigkeit glauben. Die nahe Folge aber wird es zeigen, ob ich nun nicht richtig geurteilt habe!‘
GEJ|8|179|15|0|Darauf empfahl sich der Priester und auch alle, die mit ihm zu uns herauf gekommen waren, und wir hatten nun Ruhe, und mein alter Diener sagte: ,Es ist sonderbar, daß dem sehr frommen und tätigen Priester, dem man wohl aufs Wort fest glauben kann, so etwas drei Male hintereinander geträumt hat! Sollte es denn mit unseren alten Göttern im Ernste durch ein neues Wortlicht zu Ende gehen? Hm – hm – hm! – Ja, ja, – möglich ist alles! Merkwürdig ist es, daß nun derlei den Göttern gleiche Menschen gerade im Judenreiche aufstehen; warum nicht auch bei uns, denen nach dem Traume des Priesters die Erkenntnis des einen, wahren Gottes sicher gänzlich mangelt, und wo wir auch um vieles glaubenswilliger sind denn die Juden, deren Glaube an ihren einen Gott schon äußerst schwach geworden sein soll, während wir noch mehr oder minder an viele Götter glauben und bei ihnen Rat und Trost und Hilfe suchen?‘
GEJ|8|179|16|0|Sagte ich: ,Freund, heute wollen wir uns endlich einmal zur Ruhe begeben, die uns allen not tut; morgen aber wird sich schon eine mehrfache Gelegenheit vorfinden, bei der wir über die Sache noch so manches werden reden und urteilen können.‘
GEJ|8|179|17|0|Darauf begaben wir uns alle denn auch sogleich zur Ruhe und waren am nächsten Tage schon vor dem Aufgange auf den Beinen und begaben uns auch bald an die Geschäfte und Arbeiten.“
GEJ|8|180|1|1|180. — Die dritte Erscheinung des Lichtwölkchens
GEJ|8|180|1|0|(Kado:) „Als wir am Morgen in unser Dorf hinabkamen, da hörten wir von nichts anderem reden als von dem Lichtwölkchen. Und wie es bei solch wundersamen Gelegenheiten bei den einfachen Naturmenschen, bei denen der liebe Verstand ganz kurz ist, aber desto länger ihre Phantasie, schon zu gehen pflegt, so gab es denn auch an allerlei Deutungen über die Erscheinung keinen Mangel, die nun wieder nur kurz und anführungsweise hier wiederzugeben sich wohl nicht der Mühe lohnen würde.
GEJ|8|180|2|0|Wir hatten unter unseren Geschäften und Arbeiten auch diesen Tag beschlossen und uns noch etwas früher zur Ruhe und Stärkung auf unseren Berg und in unser Turmhaus begeben, als wie wir das gestern getan hatten, und machten uns wieder auf unserem Söller breit und bequem in der sehnsüchtigen Erwartung, ob uns auch an diesem Abend irgendeine wundersame Erscheinung zuteil werde.
GEJ|8|180|3|0|Als wir kaum eine halbe Stunde so auf dem Söller beisammensaßen und die munteren Szenen auf dem Meere betrachteten, da kam mit noch drei Gefährten uns auch unser alter Priester nach und bat mich, auch in unserer Gesellschaft den Abend zubringen zu dürfen, was ihm auch zuvorkommend gerne gestattet wurde.
GEJ|8|180|4|0|Er nahm Platz an meiner Seite und erzählte uns, was er am frühen Morgen gesehen und beobachtet hatte, und machte daraus den Schluß, daß wir auch an diesem Abende noch einmal die gleiche Erscheinung sehen würden, und er sei denn auch hauptsächlich deshalb zu uns heraufgekommen, um uns erstens darauf aufmerksam zu machen und zweitens aber auch selbst als Zeuge gegenwärtig zu sein, wie das Lichtwölkchen entstehen und von woher es den Weg zu diesem Turmhause nehmen werde. Denn er habe einen Plan gefaßt, und der bestehe in dem, daß er dem Vielgötterdienste entsagen und den Eingottesdienst einführen werde; denn es nötige ihn dazu erstens sein dreimalig gleiches Traumgesicht und zweitens die sonderbare Erscheinung des Lichtwölkchens; und erscheine das auch an diesem Abende – zum dritten Male –, so werde er um so entschiedener seinen ausgesprochenen Plan in die volle Ausführung bringen.
GEJ|8|180|5|0|Ich und alle Anwesenden lobten ihn darum, und auch mein alter, treuer Diener stimmte dem Plane des Priesters bei.
GEJ|8|180|6|0|Es wurde nun noch so manches über die Ausführung des vom Priester gefaßten Planes gesprochen, und es ward unter solchen Reden und Beschlüssen denn auch wie nahe ganz unbemerkt voller Abend, und die Sterne fingen an, vom Himmel herabzuleuchten. Da an diesem Abend das Meer ruhig war, so ließ ich die Leuchtpfanne nicht anzünden, was auch meinen Hausdienern recht war, weil sie vor dem Anzünden des Leuchtmaterials in der Pfanne stets eine Art Scheu hatten.
GEJ|8|180|7|0|Als wir noch so manches unter uns besprachen, aber dabei unsere Augen stets nach der Gegend gerichtet hielten, von der das Lichtwölkchen schon zwei Male gekommen war, da entdeckten wir es auch heute als zum dritten Male, und wir alle brachen in einen großen Jubel aus, als das gleiche Lichtwölkchen sich über den fernen Horizont erhob und sich abermals äußerst schnell zu uns her zu bewegen begann. In wenigen Augenblicken hatte es auch wieder mein Turmhaus erreicht und so wie gestern bis zur halben Höhe herab eingehüllt. Dies dritte Mal fühlten wir eine noch größere Wonne und Stärkung, und das Gefühl der Sterblichkeit hatte uns gänzlich verlassen. Das Wölkchen leuchtete an diesem Abend aber so stark, daß wir ob der Stärke des Lichtes keinen Stern am Firmament mehr sehen konnten.
GEJ|8|180|8|0|Als das Wölkchen aber sein Leuchten verstärkte, da wurden wir alle auch aufs äußerste ergriffen, und unser Priester hob seine Hände wie bittend zum Wölkchen empor und sagte: ,O du liebes und heiliges Wölkchen, richte auch heute ein tröstendes Wörtchen an uns!‘
GEJ|8|180|9|0|Und wir alle vernahmen alsbald folgende klar ausgesprochenen Worte: ,Wer das Licht sucht, der findet es auch, und es kommt zu ihm als Leben in der Nacht seines Todes und macht ihn lebendig. Suchet das Licht fürderhin mit dem rechten Ernste, und ihr werdet es dort finden, von woher ihr es nun zum dritten Male habt zu euch kommen sehen! Diese Insel ist nun wohl eine noch unansehnliche; aber es wird von ihr aus dennoch allen Völkern der Erde ein großes Licht gegeben werden, und sie wird dann eine angesehene Stätte der Geheimnisse Gottes und Seiner Pläne mit den Menschen werden und wird einen großen Namen haben. Du alter Priester aber führe deinen Plan nur aus, und bereite Mir eine Wohnstätte in den Herzen der Menschen!‘
GEJ|8|180|10|0|Nach diesen Worten verstummte das Wölkchen wieder, verließ auch bald darauf mein Turmhaus und zog sich wieder nach dem Osten zurück, also, wie es sich die zwei ersten Male zurückgezogen hatte. Wir starrten mit unseren Augen noch eine volle Stunde nach der Gegend hin, wo das Wölkchen unseren Blicken entschwand, und wollten es gleichsam noch einmal zu Gesichte bekommen; aber es war vergeblich. Merkwürdig war aber bald nach dem Verschwinden des wundersamen Wölkchens, daß sich ein starker Südostwind erhob und das Meer in ein starkes Wogen brachte, was mich nötigte, die Leuchtpfanne anzünden zu lassen. Wir wären noch länger auf dem Söller versammelt geblieben, so der Wind nicht stets heftiger hätte zu wehen angefangen; da er aber nach einer Stunde etwas zu heftig geworden war, so blieb uns nichts anderes übrig, als uns wieder ins Haus zu begeben.
GEJ|8|180|11|0|Ich lud den Priester samt seinen Gefährten ein, mit mir zu nachtmahlen.
GEJ|8|180|12|0|Er aber entschuldigte sich und sagte: ,Ich habe heute noch vieles über die Ausführung meines Planes zu denken, wie auch über die Bedeutung der aus dem Wölkchen vernommenen Worte, und dazu darf ich den Magen nicht beschweren. Aber morgen werde ich zum Morgenmahle hier erscheinen!‘
GEJ|8|180|13|0|Mit dem empfahl er sich und ging mit seinen Gefährten hinab ins Dorf. Wir aber setzten uns an unseren Speisetisch und nahmen das Nachtmahl zu uns.
GEJ|8|180|14|0|Es versteht sich von selbst, daß wir viel über die dreimalige gleiche Erscheinung, die sich nachher nicht mehr wiederholte, wie auch über die Ausführung des Planes unseres alten Priesters miteinander geredet haben, nahe bis zur Mitternacht.
GEJ|8|180|15|0|Darauf erst begaben wir uns zur Ruhe, in der wir von den heftigen Windstößen mehrere Male gestört wurden, aber am Morgen doch ganz gestärkt das Freie betraten.
GEJ|8|180|16|0|Der Priester kam auch zum Morgenmahle, wie er es versprochen, und teilte uns auch die Resultate seines nächtlichen Nachdenkens mit. Und er ließ es nicht bei seiner Vornahme stehen, sondern fing auch schon an diesem Tage an der Ausführung zu arbeiten an, wozu die wundersame Erscheinung wohl die besten Dienste leistete. Und heute seht ihr in meinem Dorfe keinen Zeus und Apoll mehr, und der Priester hat nun gleich einem Plato schon viele Jünger, die er den Gott der Juden kennen lehrt. –
GEJ|8|180|17|0|Da ist nun treu und wahr erzählt das denkwürdige Ereignis, das auf Patmos von vielen ist gesehen worden. Wie es aber eigentlich entstanden ist, und was es zu bedeuten hatte, das wirst Du, lieber Herr und Meister, wohl am allerbesten wissen. So Du uns nun darüber einige Aufhellungen geben wolltest, so würde uns das in hohem Grade glücklich machen! – Herr, vergib mir die Langweiligkeit meiner Erzählungsweise!“
GEJ|8|180|18|0|Sagte Ich: „Du hast alles ganz gut erzählt; laß aber nun deinen alten Diener hierher kommen, und Ich werde euch dann die Erscheinung auf Patmos beleuchten!“
GEJ|8|180|19|0|Darauf ward der alte Diener herbeigeholt und kam an unseren Tisch.
GEJ|8|181|1|1|181. — Naturphilosophische Ansichten
GEJ|8|181|1|0|Als der alte Diener an Meinem Tische sich befand, da fragte er alsbald den Kado, was es gäbe, und ob er nun etwas zu tun bekäme.
GEJ|8|181|2|0|Sagte Kado: „Alter Freund! Du weißt es, warum ich im eigentlichen Griechenlande alles, mit Ausnahme der Besitzungen auf Patmos, verkauft habe, und du weißt es auch, daß ich dazu hauptsächlich durch die gewissen Erscheinungen und durch den Traum unseres alten Priesters veranlaßt wurde. Wir haben die gewissen Gottmenschen denn auch mit allem Eifer gesucht, dessen du auch ein treuer Zeuge bist; wir haben auch weit und breit von ihnen reden hören, und besonders von Einem – dem guten Heilande aus Nazareth in Galiläa, dessen Mutter und Brüder wir gesehen und gesprochen haben, kurz, wir fanden tausend und abermals tausend Zeugen, – nur nicht ihn selbst!“
GEJ|8|181|3|0|Hier fiel der alte Diener dem Kado in die Rede und sagte: „Ja, nur ihn selbst haben wir noch nicht gefunden, und das ist das eigentliche Traurige an der ganzen Sache! Das Lichtwölkchen, das wir auf Patmos drei Abende hindurch gesehen und zwei Male sogar wundersamsterweise auch gesprochen haben, will sich auch in diesem Lande, von dem aus es zu uns kam, nicht auffinden oder irgendwo sehen lassen!
GEJ|8|181|4|0|Ja, liebe Freunde, voll Wunder und Herrlichkeiten ist die ganze Erde und legt damit zahllos viele Zeugnisse ab, daß es nur einen, höchst guten, weisen und allmächtigen Gott als Schöpfer und Regierer geben müsse! Alles findet der Mensch mit seinem Eifer, mit seiner Liebe und mit seinem Verstande, nur den Schöpfer, der doch überall daheim zu sein scheint, findet er nicht, und ruft er Ihn, so meldet Er Sich nicht, obschon alles, was man ansieht, Seine stete Gegenwart zu verkünden scheint. Und so, Freund Kado, werden wohl auch wir den Gottmenschen suchen und nicht finden, wie es uns bisher ergangen ist. Aber darum sollen wir das Suchen dennoch nicht aufgeben; denn aus dem Lichtwölkchen haben wir vernommen, daß wir suchen sollen, und wir werden unser Heil finden!
GEJ|8|181|5|0|Eines von mir hier klar empfundenen Umstandes aber muß ich dennoch ganz unverhohlen Erwähnung tun. Du weißt es, wie auf Patmos das Lichtwölkchen in uns ein eigentümliches Unsterblichkeitsgefühl erweckte, das sich aber nach und nach leider wieder verlor, – und nun, als ich in dieses Zimmer trat, bemächtigte sich meiner dasselbe Gefühl. Das Wölkchen kann uns darum nicht ferne sein! Was fühlst du, Freund Kado, und was meinst du?“
GEJ|8|181|6|0|Sagte Kado: „Ja, da hast du nun ganz recht geurteilt. Wir alle empfinden dasselbe und werden es von nun an auch fortwährend empfinden; denn was wir suchten, das haben wir denn hier auch gefunden! Siehe an den Mann, der mir zur Rechten sitzt, der hat offenbar das Wölkchen zu uns gesandt!“
GEJ|8|181|7|0|Als der alte Diener das vernahm, da sah er Mich voll Ehrfurcht an und sagte: „O du große Gnade und Erbarmung an uns armes, schwaches und sündiges Menschengeschlecht! Hätte mir das nicht Kado, der Treue und allzeit Wahrhaftige, gesagt, so würde ich das schwer glauben; aber so glaube ich es und begreife nun das von neuem in mir wiedererwachte Unsterblichkeitsgefühl.
GEJ|8|181|8|0|Also Du bist es, dessen Geist, Liebe und Wille uns auf der einsamen Insel in der Gestalt eines Lichtwölkchens dreimal heimsuchte? Wem anders als nur Dir allein können wir danken, daß Du Dich von uns endlich hast finden lassen?! Da wir also aber nun Dich Selbst gefunden haben, so haben wir aber auch alles gefunden, was ein Mensch nur je als Erstes, Größtes, Glücklichstes und Erwünschtestes finden kann. Ich kann nun nicht mehr reden, denn mein Herz ist zu glücklich und selig geworden.“
GEJ|8|181|9|0|Diese Worte des alten Dieners machten ein großes Aufsehen, und alle anwesenden Griechen und Juden fingen darauf an, Mich mit ganz anderen Augen zu betrachten, und sagten unter sich: „Da ist mehr denn ein mächtiger Nachkomme Davids!“
GEJ|8|181|10|0|Darauf wandte sich Kado wieder an Mich und sagte: „O Du lieber Heiland, Herr und Meister, was hat es nun mit dem Lichtwölkchen für eine Bewandtnis?“
GEJ|8|181|11|0|Sagte Ich: „Darüber brauche Ich euch jetzt keine großen und weiten Erklärungen mehr zu machen, denn dein alter Diener hat es dir bereits schon erklärt. Bin Ich auch hier nun körperlich unter euch, so bin Ich aber im Geiste durch Meine Liebe und Meinen Willen dennoch überall gegenwärtig.
GEJ|8|181|12|0|Es hat aber der alte Priester wohlgetan, daß er mit vielem Eifer den Götzendienst abbrachte (abschaffte) und die Menschen an nur einen wahren Gott zu glauben treu und wahr belehrte; der große Lohn im Himmel wird ihm dafür werden. Wie ihr Mich aber nun sehet und sprechet körperlich, so sieht und spricht Mich nun auch der alte Priester im Geiste und zeichnet sich die Worte auf in ein Buch. So ihr wieder nach Patmos kommen werdet, da werdet ihr das aus seinem Munde vernehmen, und ihr möget es dann ihm verkünden, daß Ich hier solches zu euch geredet habe. Wer an Mich glaubt und tut nach Meiner Lehre, der wird das ewige Leben ernten.
GEJ|8|181|13|0|Wohl gibt es nun viel Elend und allerlei Not unter den Menschen auf dieser Erde. Es gibt allerlei leibliche Krankheiten, die sich die Menschen selbst zumeist dadurch bereitet haben, weil sie die ihnen von Gott aus treu geoffenbarten Lebenswege verließen und durch ihre stets steigende Liebe zur Welt, zu ihrem Gerichte und Tode eben auch auf den Wegen der Welt, ihres Gerichtes und Todes zu wandeln begannen und daher denn auch notwendig all das viele Elend und alle Not über sich brachten.
GEJ|8|181|14|0|Und es gab, es gibt jetzt, und es wird auch fürderhin geben solche Weltweise, die da sagen: ,Es gibt keinen Gott! Gott ist nichts denn eine alte Fabel, welche irgend klügere Menschen einmal in einer Urzeit ausgeheckt haben, um die andern Menschen sich dienstbar und untertänig zu machen. Die Welt und alles in ihr ist zwar klug und weise und gut eingerichtet; so aber alles das irgendein von den Menschen erdichteter Gott, als in der Wahrheit bestehend, also erschaffen hätte und den Menschen als Sein sicher edelstes Geschöpf aber dabei nur darum ins Dasein gerufen hätte, damit er von der Geburt an nichts als leiden und dulden solle, so höbe dies Gottes Weisheit und Seine dieser nächst verbundene Güte und dadurch auch Ihn Selbst auf, denn ohne Weisheit gibt es keine Macht und ohne Liebe und Güte keinen Willen, je etwas in ein glückliches Dasein zu rufen.‘
GEJ|8|181|15|0|Es sei demnach alles durch die Kraft der Erde, der Sonne, der Elemente und der Planeten und all der andern Gestirne entstanden. Diese seien in sich noch ganz derb und roh und nähmen erst in ihren Produkten eine Art Sänftung und Bildung an; aber alle die noch so geschmeidigen Produkte seien am Ende denn doch noch viel zu schwach, um sich gegen die große Derb- und Roheit der vorbenannten Urkräfte zu behaupten, und sie müßten es sich am Ende gefallen lassen, von denselben vernichtet zu werden. Glücklich und weise könne nur der Mensch genannt werden, der es verstehe, sich die Spanne Lebenszeit so angenehm als möglich zu machen und als ein Weltkluger im ewigen Nichtsein das größte Glück zu suchen. Und darin liegt denn auch der Sinn, nach dem einer eurer Weltklugen sagte: ,Gehe hin und iß, trinke und tändle; denn nach dem Tode gibt es kein Vergnügen!‘
GEJ|8|181|16|0|Seht ihr, als nun hier Meine lieben Freunde, daß auch die Weltklugheit eurer Philosophen Mir gar wohl bekannt ist und schon gar lange nur zu wohl bekannt war? Und Ich sage es euch, daß es unter allem Elende und unter aller Not der Menschen nichts Ärgeres gibt als die geistige Blindheit der Menschen. Denn aus ihr entspringen notwendig alle anderen Übel unter den Menschen und werden auch so lange bestehen, als es Epikure geben wird in allen Gemeinden der Menschen; denn der Naturweltsinn solcher Weisen verdirbt nur zu bald durch sein sehr anlockendes Beispiel viele Tausende von Menschen.
GEJ|8|181|17|0|Denn ein Teil fängt an, alle Mittel aufzubieten, um selbst nach der Weise Epikurs ein Leben führen zu können; ein anderer und stets größerer Teil aber muß dabei offenbar in die größte physische und noch größere geistige Not versinken, und alles Elend und alle Not ist dann auf der Erde unter den Menschen fertig.
GEJ|8|181|18|0|Wenn aber also, kann da Gott dafür, so die Menschen im Besitze ihres vollkommen freien Willens sich von Gott abwenden und ein Leben nach ihrer Weltliebe führen? Oder sollte Gott, als infolge Seiner Liebe, Güte, Weisheit und Macht, etwa stets all das Elend und alle die Not unter den Menschen nicht bestehen lassen? Höret, so Gott das nicht zuließe, da würde es ehest noch greulicher unter den Menschen aussehen, als es nun aussieht! Was würde da mit der Zeit aus den Menschen werden? Nichts als ein rohestes und vollends geist- und lebensloses Klotzwerk gleich den heidnischen Götzen aus Stein, Metall und Holz!“
GEJ|8|182|1|1|182. — Von kommenden Dingen
GEJ|8|182|1|0|(Der Herr:) „Ihr wisset es, daß ein Mensch, der an irdischen Gütern reich geworden, zumeist auch in seinem Herzen zu einem Steine von Gefühl- und Lieblosigkeit ward. Was kümmern den viele Tausende anderer Menschen, die von Hunger, Durst und noch andern Übeln gequält werden; denn er ist einmal bestens versorgt, hat nie Hunger und Durst gefühlt und hat der Schätze in Hülle und Fülle, um sich auch ein jedes andere Vergnügen zu verschaffen, damit er ja in einem fort niemals irgend je von einer Langweiligkeit oder von einem andern Mißbehagen etwas zum Verkosten bekomme.
GEJ|8|182|2|0|Wo steht ein solcher Mensch dann in der inneren geistigen Lebenssphäre? Ich sage es euch: auf dem Punkte des ewigen Gerichtes und dessen Todes, und alle seine Umgebung befindet sich davon nicht ferne!
GEJ|8|182|3|0|Merket es euch, was Ich euch noch hinzu verkünde! So es auf der Erde einmal gar viele Epikure geben wird, dann wird auch bald ein allgemeines Weltgericht über alle Menschen auf dieser Erde von Gott aus zugelassen werden, und wir werden dann wohl sehen, ob sich wieder irgend Menschen erheben werden, die mit dem Maßstabe in der Hand zu ihren Nebenmenschen zu sagen sich getrauten: ,Sieh, dieses große Stück Land habe ich ausgemessen, die Grenzsteine ausgestellt und erkläre es als mein völlig unantastbares Eigentum, und wer sich erfrechen würde, mir da etwas streitig zu machen oder nur zu sagen: ,Freund, da hat ein jeder von uns dasselbe Recht, so er nur die Macht und die Mittel dazu besitzt, dein dir eingebildetes Recht aus den Händen zu reißen!‘, den bestrafe ich mit dem Tode!‘
GEJ|8|182|4|0|Ich sage es euch: Da wird es nimmerdar einen solchen Menschen geben! Denn so Ich zum andern Male auf diese Erde kommen werde, um Gericht zu halten über solche toten Epikureer, und aber auch, um den Lohn des Lebens zu geben dem, der viel Elend und Not aus Liebe zu Gott und zum Nächsten erduldet und ertragen hat, dann soll Mir die Erde mit keinem Maßstabe mehr zu jemandes alleinigem Nutzen vermessen werden, sondern da man stehen wird, da wird man auch ernten und seine Bedürfnisse befriedigen können; und die Menschen werden einander wohl unterstützen, aber keiner wird sagen: ,Siehe, das ist mein Eigentum, und ich bin darüber ein Herr!‘ Denn dann werden die Menschen einsehen, daß Ich allein der Herr bin, sie alle aber sind Brüder und Schwestern.
GEJ|8|182|5|0|Es sollte wohl auch jetzt also unter den Menschen sein; allein in dieser Mittelbildungsperiode der Menschen, die noch nicht durch das große Lebensfeuer gereinigt sind, wird das zugelassen bleiben, doch von jetzt an nicht mehr volle 2000 Jahre. Darauf aber wird der Geist bei den Menschen das große Übergewicht bekommen, und man wird auf der Erde kein gemessenes Mein und Dein mehr sehen, noch davon reden.
GEJ|8|182|6|0|Ihr, als nun Meine Freunde, habt einen euch zugemessenen großen Landteil der Erde. Fraget euch selbst, wer ihn euch in euer gesetzliches Eigentum zugemessen hat, und die Antwort wird sein: die von den Menschen gemachten Gesetze und euer Geld und andere Schätze, denen eben nur wieder die Menschen einen eitlen Wert erteilt haben!
GEJ|8|182|7|0|Von Gott aus gehört die ganze Erde, so wie das im Anfange der Fall war, allen Menschen gleich; die Weisen sollen sie einteilen nach dem Bedarf der Menschen und sollen sie lehren, diese zu bebauen, und die Früchte sollen dann von den Weisen zum Teile verteilt und der Überfluß in den dazu errichteten Kammern und Speichern aufbewahrt werden, auf daß niemand in der Gemeinde Not zu leiden habe!
GEJ|8|182|8|0|Aber so irgend die Reichen und Mächtigen alles an sich ziehen, so müssen dadurch dann ja auch gar viele tiefst verarmen und in allem Elende und großer Not ihr Leben dahinbringen, weil alles nur den wenigen Reichen und Mächtigen, den Armen aber nichts gehört – außer was ihnen die Reichen und Mächtigen für die für sie verrichtete schwere Arbeit kärglichst geben wollen.
GEJ|8|182|9|0|Es kann aber nun die Sache nicht anders werden, daher seid ihr Reichen und Mächtigen wahre Freunde gegenüber euren armen Brüdern und Schwestern und erweiset ihnen Liebe; speiset die Hungrigen, tränket die Durstigen, bekleidet die Nackten, tröstet die Traurigen und erlöset die Gefangenen, die durch eure Habsucht, durch eure Macht und eure Gesetze unnötigerweise in den Kerkern dem Leibe nach schmachten, und noch mehr aber in den Kerkern der Nacht ihrer Seelen! Gehet hin und befreiet sie, und Ich werde euch erlösen aus der Macht des Todes und des Gerichts!
GEJ|8|182|10|0|Seid in der Folge mit euren Erdengütern nur Meine Sachwalter, und Ich werde euch dafür geben das ewige Leben; denn Ich habe die Macht dazu und kann es geben, wem Ich es will! Mit dem Maße ihr ausmessen werdet, mit dem Maße wird euch wieder von Mir zurückgemessen werden.
GEJ|8|182|11|0|Seht, das ist auch eine gute und vollwahre Erklärung des Lichtwölkchens, das euch zum Suchen der Wahrheit und des Lebens aufgefordert hat!
GEJ|8|182|12|0|Ihr habt nun die Wahrheit in Mir gefunden; machet sie euch aber nun durch die Tat auch zu eigen, und ihr werdet leben, und der Tod der Materie wird euch nicht mehr in euren Seelen daran mahnen, als wäret ihr sterbliche Menschen, sondern die Unsterblichkeit wird hinfort euer Anteil verbleiben!“
GEJ|8|183|1|1|183. — Die Erlösung von der Materie
GEJ|8|183|1|0|(Der Herr:) „Es ist zwar keines Menschen Seele mit all ihrem Sterblichkeitsgefühle als völlig tot anzusehen, aber es ist das dennoch ein wahrer Tod der Seele, so sie in der stets wachsenden Furcht steht, das ihr so angenehm gewordene Leben bald zu verlieren oder dasselbe ewig in einem finstern Kerker qualvollst zuzubringen ohne eine Hoffnung, je daraus erlöst zu werden.
GEJ|8|183|2|0|Wisset ihr aber, was ein solches zumeist den materiellen, selbstliebigen und stolzen Heiden eigene Gefühl in ihren Seelen erzeugt, und sie darum auch nach allen möglichen Vergnügungen und Zerstreuungen haschen, um nur dieses ihnen über alles widerwärtige Gefühl soviel als möglich loszuwerden?
GEJ|8|183|3|0|Seht, das erzeugt die Welt- und Materieliebe! Solange eine Seele an den Besitz- und Reichtümern dieser Welt hängt und sie als ein volles Eigentum von Rechts wegen betrachtet und darum auch jeden Menschen, der sich seiner Armut wegen an ihnen im Notfalle vergreifen könnte oder sich gar schon irgend einmal vergriffen hätte, straft, solange auch wird sie dieses Gefühles weder in dieser noch in der andern Welt je völlig ledig werden; denn alle Materie ist gerichtet und somit gegenüber dem freien Geiste tot. So aber eine Seele an der toten Materie klebt, so kann sie auch kein anderes Gefühl haben als nur das des Todes.
GEJ|8|183|4|0|Kehrt sich aber eine Seele von der Materie ab durch den wahren und lebendigen Glauben an den Einen Gott und durch die Liebe zu Ihm und zum Nächsten in der Tat, dann wird sie solch eines Gefühles, wie das bei euch nun der Fall ist, auch bald vollends ledig werden, und das ist denn auch für jeden Menschen dann ein sicheres und untrügliches Zeichen, daß das Gericht und der Tod aus der Seele entwichen ist.
GEJ|8|183|5|0|Es ist aber das für eine einmal mit der Weltliebe erfüllte Seele wahrlich keine leichte Arbeit, und es gibt gar viele Reiche und Mächtige in der Welt, für die es schwerer ist, sich von der Materie und ihrem eingebildeten Werte zu trennen, als wie schwer es für ein Kamel wäre, durch ein Nadelöhr zu gehen. Aber es ist dennoch auch das durch die Hilfe von Gott möglich, wie das nun bei euch Griechen der Fall ist und noch immer mehr der Fall sein wird, so ihr das, was Ich euch nun angeraten habe, freiwillig zur Tat erheben werdet!
GEJ|8|183|6|0|So ihr nur glaubt, aber den Glauben nicht zur Tat erhebt, so ist der Glaube selbst noch tot und kann der Seele kein wahres Leben geben; aber durch die Tat wird der Glaube lebendig und somit auch die Seele durch ihren lebendigen Glauben. Darum sage Ich euch noch einmal: Seid denn sonach nicht pure Glauber dessen, was ihr von Mir hört, sondern liebwillige und eifrige Täter, so werdet ihr in euch das wahre, ewige Leben überkommen!
GEJ|8|183|7|0|Ich sehe nun wohl, daß ihr alle Mich als den Herrn und Meister anerkennet; aber das würde euch noch nicht das Gefühl der vollen Unsterblichkeit in euren Seelen erwecken, sondern das hat das Unsterblichkeitsgefühl in euren Seelen erweckt, daß ihr euch vollernstlich in euren Herzen entschlossen habt, das allzeit zu tun, was Ich euch angeraten habe.
GEJ|8|183|8|0|Bleibet aber auch fortan gleich nach diesem Entschlusse tätig in Meinem Namen, so wird auch das ewige Leben aus Mir in euch verbleiben, und ihr werdet in Ewigkeit keinen Tod mehr irgend fühlen noch schmecken!
GEJ|8|183|9|0|Was nützte es aber einem Menschen, so er auch der Besitzer aller Schätze der Erde wäre und sich damit alle erdenklichen Lustbarkeiten verschaffen könnte, dadurch aber an seiner Seele Schaden litte? Werden alle diese Schätze aus den harten Fesseln des Todes zu erlösen wohl imstande sein?
GEJ|8|183|10|0|Wahrlich! Der Tod kann dem Tode kein Leben geben; das kann nur die lebendige Tat nach Meiner Lehre, dieweil Ich Selbst gleichfort Liebe, Tat und Leben bin! Denn alles, was da ist in der ganzen Unendlichkeit, ist ja ein Werk Meiner Liebe und Meines Lebens. – Glaubet ihr das?“
GEJ|8|183|11|0|Sagten alle: „Ja, größter Herr und Meister aus Dir Selbst von Ewigkeit, wir glauben nun alles, und wir werden unseren Glauben auch durch die Werke nach Deiner reinsten und wahrsten Lehre beleben, so wahr Du uns, so wir je schwach werden könnten, allzeit helfen wollest!
GEJ|8|183|12|0|Aber nun noch eine kleine Frage: Hat der alte Priester auf Patmos auch diese Deine an uns gerichtete gedehntere Lehre ebenso ganz und vollständig vernommen im Geiste, wie wir sie hier vernommen haben?“
GEJ|8|183|13|0|Sagte Ich: „Allerdings, wie Ich euch das schon gesagt habe! Was Ich hier zu euch geredet habe und noch weiterhin reden werde, das lege Ich auch in den Sinn seines Herzens, und er wird es daraus nehmen und aufzeichnen für sich und für euch und für viele andere. Und so ihr nach Patmos kommen werdet, da werdet ihr euch davon selbst überzeugen.
GEJ|8|183|14|0|Nun aber gebe Ich jedem von euch die Freiheit, Mich um ein oder das andere zu fragen. Wer da noch zu seinem Heile etwas von Mir erfahren will, der frage darum; denn wer da sucht, der findet!“
GEJ|8|183|15|0|Als alle das von Mir vernommen hatten, da wurden sie sehr froh und heiter; denn sie hatten noch so manches, worüber sie Fragen an Mich zu stellen gedachten. Aber als sie Mich fragen wollten, da wußte keiner, um was er Mich eigentlich und hauptsächlich fragen sollte; und so wußten sie denn auch nicht so ganz recht, wer von ihnen zuerst eine Frage an Mich richten solle.
GEJ|8|183|16|0|Da half Ich ihnen bald aus dieser Verlegenheit, indem Ich sagte: „Nun, Kado, so frage du, so sich niemand anders zu fragen getraut!“
GEJ|8|184|1|1|184. — Das geistige Verhältnis zwischen den Epikureern und den Kynikern
GEJ|8|184|1|0|Sagte nun Kado: „Ja, Herr und Meister, ich habe in bezug auf Deine an uns gerichtete Rede und Lehre eine mir wenigstens recht sehr gewichtig scheinende Frage; so es mir gestattet ist, Dich mit einer Frage zu belästigen, da will ich wohl mit aller Freude meinen Mund öffnen.
GEJ|8|184|2|0|Sieh, o Du lieber Heiland, Herr und Meister, Du hast uns in Deiner Rede die Seelenlebensschädlichkeit des Epikureertums auf eine so höchst klare Weise dargestellt, daß wir uns denn auch alle fest entschlossen haben, demselben für immerdar zu entsagen! Aber wir haben neben dem Epikur auch noch einen anderen Weisen von einer ganz anderen Richtung; es ist das der alle Welt und ihre Reize, Schönheiten und Schätze und sogar dies Erdenleben tiefst verachtende Diogenes von Kyne.
GEJ|8|184|3|0|Dieser ist das vollendetste Gegenteil des Epikur, und weder er noch einer seiner Jünger glauben an die Unsterblichkeit der Menschenseele, und für sie erzeugt das Sterblichkeitsgefühl durchaus keine Furcht und kein Bangen, sondern alle können den Augenblick des Nichtmehrseins kaum erwarten. Dabei aber sind sie dennoch ganz ehrliche, gute und dienstfertige Menschen und halten ihr einmal gegebenes Versprechen auf das pünktlichste. Ihre Nahrung ist so mager und einfach als möglich. Sie verachten jede Bequemlichkeit, jede Pracht und leben sehr züchtig und eingezogen. Ja, sie ehren sogar die Götter und erkennen ihre Güte, Weisheit und Macht an; aber sie danken ihnen für nichts und verschmähen jede Art Belohnung, die sie irgend von einem Gotte zu erhoffen hätten, auf das tiefste. Das ewige Nichtsein ist ihr Wunsch; jede Art des Seins und Lebens aber betrachten sie als eine unerträgliche Last und Qual.
GEJ|8|184|4|0|Nun, diese Menschen sind in ihrem Handeln nahe ganz das, was ein Mensch nach Deiner Lehre sein soll. Was fehlt denn ihnen, daß sie würden, was wir nun durch Deine Gnade geworden? Und so sie sterben, werden ihre Seelen nach des Leibes Tode irgend fortleben, und wie, glücklich oder unglücklich? Ich habe diesen sonderbaren Menschen stets meine Aufmerksamkeit geschenkt, obschon ich mich mit ihrer Lehre wahrlich nie als für mich maßgebend befreunden konnte. Herr und Meister, gib uns auch darüber einen Aufschluß und über die Art und Weise, wie sie zu Deiner Lehre bekehrt werden könnten!“
GEJ|8|184|5|0|Sagte Ich: „Ja, ihr Meine nun lieben Freunde, diese Art Menschen sind darum noch schwerer auf den rechten Lebensweg zu bringen als die Epikureer, weil sie keine Liebe zum Leben haben! Die Epikureer haben sicher sehr viel Lebensliebe, nur ist sie Eigenliebe und daher auch eine den Tod gebärende Materieliebe. Wird diese aber, wie bei euch nun, durch den rechten Glauben an einen allein wahren Gott in Liebe zu Ihm und zum Nächsten umgewandelt, so sind die Epikureer dann offenbar um gar vieles besser daran als die lebensstumpfen Kyniker.
GEJ|8|184|6|0|So aber diese zum wahren Glauben an einen allein wahren Gott bekehrt werden können, so wird dadurch dann schon auch die Liebe zu Ihm, zum Nächsten und dadurch auch zu sich selbst belebt, weil Gott als die reinste und ewige Liebe durch den lebendigen Glauben im Herzen des Menschen Wohnung nimmt und dadurch denn auch alles im Menschen in Liebe und Leben umgestaltet.
GEJ|8|184|7|0|Aber, wie schon bemerkt, es sind derlei Menschen stets schwer zu bekehren hier auf dieser Erde, und also auch in der Geisterwelt, weil ihnen eben die Liebe zum Leben mangelt. Sind sie aber einmal bekehrt, dann sind sie wahre Helden im Glauben, in der Liebe und im Handeln; denn sie haben vor andern Menschen die Selbstverleugnung, die Geduld und einen großen Grad von Demut voraus, wodurch sie alle materielle Liebe, die im Fleische wohnt, leicht beherrschen und auf dem Wege des Lichtes unbeirrt fortwandeln können, was bei den andern Menschen um vieles schwerer geht.
GEJ|8|184|8|0|So die Kyniker aber als unbekehrt sterben, so leben ihre Seelen jenseits, trotz ihres Wunsches zum Nichtsein, dennoch ewig fort, was ihnen freilich wohl nicht angenehm ist; sonst aber erleiden sie keine Qual und Pein, sondern verhalten sich ganz so, wie sie sich in dieser Welt verhalten haben. Sie werden aber auch im Geisterreiche von den Engeln oft besucht und nach Tunlichkeit unbeschadet ihres freien Willens erleuchtet. Aber es gehört dazu viel Liebe, Weisheit, Mühe, Geduld und Ausharrung.
GEJ|8|184|9|0|Übrigens gibt es von dieser Art Menschen stets nur wenige, und so werden sie die andern Menschen auch schwer in einer größeren Anzahl also verderben können wie die überzahlreichen großen und kleinen Epikureer, die allenthalben zu Hause sind und ihr eigenliebiges Wesen treiben, an Gott kaum denken vor lauter Trachten nach Wohlleben und einen armen Nächsten gar nie ansehen, außer er kann zum Vorteile des Epikureers arbeiten um einen kleinen Lohn.
GEJ|8|184|10|0|Der wohllebende Epikureer verdirbt viele Menschen durch sein Beispiel, der eine, bemittelte Teil der Menschen trachtet auch nur, wohl zu leben, und der nicht Bemittelte wird dabei voll Neid und Ärger, weil er nicht so leben kann wie der Bemittelte; und so ist ein Epikureer um vieles schlechter als ein Kyniker. – Damit habe Ich dir deine Frage nun beantwortet, und es kann nun ein anderer um etwas fragen.“
GEJ|8|185|1|1|185. — Die beiden ersten Arten der Läuterungsfeuer
GEJ|8|185|1|0|Darauf erhob sich der Wirt, der Vater des Kado, und sagte: „O Herr und Meister, wie wird es denn in jener Zeit aussehen, von der Du gesagt hast, daß in ihr die Menschen vor Deiner abermaligen Ankunft durchs Feuer würden geläutert werden, und was für ein Feuer wird das wohl sein?“
GEJ|8|185|2|0|Sagte Ich: „Ja, Freund, das Feuer wird heißen große und allgemeine Not, Elend und Trübsal, wie die Erde eine größere noch nie gesehen hat. Der Glaube wird erlöschen und die Liebe erkalten, und alle armen Geschlechter werden klagen und verschmachten, aber die Großen und Mächtigen und die Könige dieser Welt werden den Bittenden dennoch nicht helfen ob des zu großen Hochmutes und daraus auch ob der zu großen Härte ihres Herzens!
GEJ|8|185|3|0|Also wird auch ein Volk sich erheben wider das andere und wird es bekriegen mit Feuerwaffen. Dadurch werden die Herrscher in große, unerschwingbare Schulden geraten und werden ihre Untertanen mit unerschwingbaren Steuern quälen. Es wird dadurch entstehen eine übermäßige Teuerung, Hungersnot, viele böse Krankheiten und Seuchen und Pestilenz unter den Menschen, Tieren und sogar Pflanzen!
GEJ|8|185|4|0|Auch werden da sein große Stürme auf dem trockenen Lande und auf dem Meere, und Erdbeben, und das Meer wird an vielen Orten die Ufer überfluten, und da werden die Menschen in große Furcht und Angst versetzt werden vor Erwartung der Dinge, die da über die Erde kommen werden!
GEJ|8|185|5|0|Das alles wird darum zugelassen werden, um die Menschen von ihrem Hochmut und von ihrer Selbstsucht und von ihrer großen Trägheit abzuwenden. Die Großen und sich mächtig Dünkenden werden mit der Langweile gezüchtigt werden und werden durch sie, um diese Qual loszuwerden, zur Tätigkeit sich anzuschicken genötigt sein.
GEJ|8|185|6|0|Und siehe, das ist die erste Gattung des Feuers, durch das die Menschen für Meine abermalige Ankunft werden geläutert werden.
GEJ|8|185|7|0|In derselben Zeit aber wird auch das natürliche Feuer einen gewaltigen Dienst zu versehen überkommen. Das Feuer wird die Schiffe auf allen Meeren mit mehr denn der Schnelligkeit der Winde umhertreiben; auch werden die Menschen durch ihren scharfen Verstand eherne Wagen und Straßen machen, und statt der Zugtiere werden sie Feuer vor den Wagen einspannen und mit seiner Gewalt schneller denn ein abgeschossener Pfeil über die Erde weit hinfahren.
GEJ|8|185|8|0|Also werden sie auch den Blitz (Elektrizität) zu bannen verstehen und denselben zum schnellsten Überbringer ihrer Wünsche und ihres Willens von einem Ende der Erde zum andern machen. Und so sie, die stolzen und habgierigen Könige, miteinander Krieg führen werden, so wird dabei das Feuer auch den entscheidendsten Dienst zu versehen bekommen; denn durch seine Gewalt werden eherne Massen in Kugelgestalt von großer Schwere in Blitzesschnelle gegen den Feind, gegen die Städte und Festungen geschleudert werden und große Verheerungen anrichten.
GEJ|8|185|9|0|Und die erfinderischen Menschen werden es mit diesen Waffen so weit treiben, daß dann bald kein Volk gegen das andere mehr einen Krieg wird anfangen können. Denn werden zwei Völker mit solchen Waffen sich anfallen, so werden sie sich auch leicht und bald bis auf den letzten Mann aufreiben, was gewiß keinem Teile einen wahren Sieg und Gewinn bringen wird. Das werden die Könige und ihre Heerführer bald einsehen und werden sich daher lieber im Frieden und guter Freundschaft vertragen; und wird sich irgend ein höchst stolzer und ehrgeizigster Störenfried erheben und gegen seinen Nachbarn ziehen, so werden sich die Friedliebenden vereinen und ihn züchtigen. Und auf diese Weise wird sich denn dann auch nach und nach der alte Friede unter den Völkern der Erde einstellen und dauernd befestigen.
GEJ|8|185|10|0|So man nach dieser Meiner Gegenwart eintausend, achthundert und nahe neunzig Jahre zählen wird, da wird es nahe keinen Krieg auf der Erde mehr geben, – und um diese Zeit herum wird auch Meine persönliche Ankunft auf dieser Erde statthaben und die größte Klärung der Menschen anfangen.
GEJ|8|185|11|0|Unter den noch mehr wilden Völkern der Erde werden wohl noch Kriege vorkommen, aber sie werden auch unter ihnen dann bald zur Unmöglichkeit werden. Ich werde sie durch Meine gerechten und mächtigen Könige und Heerführer zu Paaren treiben und unter sie Mein Licht ausschütten lassen, und sie werden dann auch zu friedlichen und lichtfreundlichen Völkern umgewandelt werden.
GEJ|8|185|12|0|Und sieh, das ist die zweite Art des Feuers, durch das die Menschen werden geläutert werden!“
GEJ|8|186|1|1|186. — Das dritte und vierte Feuer der Läuterung
GEJ|8|186|1|0|(Der Herr:) „Eine dritte Art Feuer aber wird darin bestehen, daß Ich schon etliche hundert Jahre vorher stets heller erleuchtete Seher und Propheten und Knechte erwecken werde, die in Meinem Namen die Völker allerorten ebenso klar und wahr über alles belehren und dadurch befreien werden von allerlei Trug und Lüge, die sich durch die falschen Propheten und Priester sogar in Meinem Namen den Weg bahnen werden zu ihrem Untergange – und damit den bösen Anfang in nicht gar zu langer Zeit beginnen werden und hie und da schon in dieser Meiner Zeit begonnen haben.
GEJ|8|186|2|0|Diese werden falsche Zeichen und Wunder gleich den heidnischen Priestern tun und werden viele Menschen verführen und sich dabei große irdische Schätze, Reichtümer, Macht und ein großes Ansehen bereiten; aber durch das dritte Feuer und sein hellstes Licht werden sie um alles kommen und völlig zugrunde gerichtet werden. Und die Könige und Fürsten, die ihnen werden helfen wollen, werden dabei um alle ihre Macht, um ihr Vermögen und um ihre Throne kommen; denn Ich werde da Meine Könige und Heerführer wider sie erwecken und ihnen den Sieg verleihen, und so wird die alte Nacht der Hölle und ihrer Boten auf der Erde unter den Menschen ein Ende nehmen.
GEJ|8|186|3|0|Wie aber diese Nacht nun in der heidnischen, blinden und sinnlosen Zeremonie, die man Gottesdienst nennt, besteht, so wird sie auch in jenen Zeiten bestehen, aber durch die dritte Art des Feuers aus den Himmeln gänzlich zerstört und vernichtet werden! Denn die Lüge wird den Kampf mit dem Lichte der Wahrheit aus den Himmeln ebensowenig siegreich zu bestehen imstande sein, wie die natürliche Nacht der aufgegangenen Sonne Trotz bieten kann! Sie muß fliehen in ihre finsteren Höhlen und Tiefen, und die einmal im Lichte stehen, werden die Nacht nicht mehr aufsuchen gehen.
GEJ|8|186|4|0|Ich habe dir nun die dritte Art des auf die Finsternis der Menschen höchst zerstörend einwirkenden Feuers gezeigt, und so will Ich dir denn auch noch eine vierte Art des Feuers zeigen, durch das die Erde und die Menschen und die gesamte Kreatur bei Meiner zweiten Ankunft geläutert werden sollen; und diese Art Feuer wird bestehen in großen natürlichen Erdrevolutionen aller Art und Gattung, und zwar namentlich an jenen Punkten der Erde, auf denen sich die Menschen zu große und prachtvolle Städte werden erbaut haben, darinnen herrschen wird der größte Hochmut, die Lieblosigkeit, böse Sitten, falsche Gerichte, Macht, Ansehen, Trägheit, dabei die größte Armut, allerlei Not und Elend, herbeigeführt durch das zu hoch emporgewachsene Epikureertum der Großen und Mächtigen.
GEJ|8|186|5|0|In solchen Städten werden aus übertriebener Gewinnsucht auch allerlei Fabriken im größten Maßstabe errichtet werden, und es werden in ihnen an Stelle der Menschenhände arbeiten Feuer und Wasser im Verbande von tausenderlei kunstvollen, aus Erz angefertigten Maschinen. Die Feuerung wird mittels der uralten Erdkohlen bewerkstelligt werden, welche die derzeitigen Menschen sich in übergroßen Massen aus den Tiefen der Erde verschaffen werden.
GEJ|8|186|6|0|Wenn solches Tun und Treiben durch die Gewalt des Feuers einmal seinen höchsten Punkt wird erreicht haben, da wird denn auf solchen Punkten die Erdluft auch zu mächtig mit den brennbaren Ätherarten erfüllt werden, die sich dann bald da und dort entzünden und solche Städte und Gegenden in Schutt und Asche verwandeln werden samt vielen ihrer Bewohner; und das wird dann wohl auch eine große und wirksame Läuterung sein. Was aber das auf diese Art bewirkte Feuer nicht erreichen wird, das werden andere große Erdstürme aller Art und Gattung dort erreichen, wo es von selbst verständlich nötig sein wird; denn ohne Not wird da nichts verbrannt und zerstört werden.
GEJ|8|186|7|0|Dadurch aber wird dann auch die Erdluft von ihren bösen Dünsten und Naturgeistern befreit werden, was dann auf alle andere Kreatur der Erde einen segensreichen Einfluß ausüben wird, und was dann auch der natürlichen Gesundheit der Menschen dahin dienen wird, daß alle die vielen und bösen Leibeskrankheiten aufhören werden und die Menschen ein gesundes, kräftiges und hohes Alter werden erreichen können.
GEJ|8|186|8|0|Weil die also geläuterten Menschen in Meinem Lichte stehen und lebendig und wahr die Gebote der Liebe für immerdar beachten werden, so wird der irdische Grundbesitz auch so verteilt sein unter den Menschen, daß da jedermann so viel haben wird, daß er bei einem rechten Fleiße nie eine Not zu leiden haben wird; und die Vorsteher der Gemeinden sowie die Könige werden, als völlig unter Meinem Willen und Lichte stehend, dafür sorgen, daß in einem Lande bei einem Volke nie ein Mangel eintreten soll. Und Ich Selbst werde bald da und bald dort die Menschen besuchen und sie stärken und aufrichten, wo immer die Menschen die größte Sehnsucht nach und die meiste Liebe zu Mir haben werden.
GEJ|8|186|9|0|Und mit dem hast du denn nun auch eine für euch Griechen wohlverständliche Antwort auf deine Frage. Sie ist freilich eine Weissagung für eine noch ziemlich ferne Zukunft, die aber nicht unerfüllt bleiben wird; denn alles kann eher vergehen, selbst diese Erde und der ganze sichtbare Himmel, als daß eines Meiner Worte und Verheißungen unerfüllt bliebe. – Hast du das nun wohl verstanden?“
GEJ|8|187|1|1|187. — Die Bedingungen zur Wiederkunft des Herrn
GEJ|8|187|1|0|Sagte der alte Wirt: „Ja, Herr und Meister, das haben wir alle sicher ganz wohl verstanden! Es ist, was die vier Arten des Feuers zur Läuterung der Menschen und der gesamten Erde betrifft, zwar wohl nichts Erfreuliches und Angenehmes, und man könnte da füglich fragen, warum von einem höchst weisen und höchst guten Gott so etwas zugelassen wird. Aber weil Gott eben höchst weise und höchst gut ist, so wird Er auch wohl am besten wissen, warum Er solches alles zuläßt. Wir aber danken Dir dennoch für die Enthüllung der Zukunft und sind nun gar sehr froh darob, daß wir jetzt schon auf dieser Erde leben bei Deiner diesmaligen ersten Ankunft; denn soviel es mir nun ganz klar vorkommt, so ist in dieser Zeit denn doch alles noch um ein Bedeutendes und Großes besser unter den Menschen auf der Erde, als es bei Deiner abermaligen zweiten Ankunft sein wird.
GEJ|8|187|2|0|Ich kann mir wohl freilich nun keine Vorstellung von dem machen, wo und welche großen Städte die Menschen mit der Zeit noch erbauen werden, und wie sie die Kraft der Elemente und sogar die der Blitze zu ihrem Gebrauche regeln und zügeln werden, – allein ich und sicher wir alle sind froh, daß wir das nicht begreifen und die Kraft der Elemente noch von Deiner Weisheit und Macht leiten sehen; denn verstünden wir das nun schon, so würde die arge Zeit der Läuterung durch die vier Arten Feuer sicher noch eher eintreten, als Du, o Herr und Meister, sie uns nun angekündigt hast.
GEJ|8|187|3|0|Aber da Du nun schon so gnädig warst und hast uns als für vollends bestimmt zum voraus angezeigt, daß Du noch ein zweites Mal persönlich auf diese Erde zu den Menschen für bleibend kommen werdest, so könntest Du uns ja auch noch hinzu sagen, wo Du auf diese Erde zu den Menschen wiederkommen wirst! Wie wird das Land, der Ort und das glückliche Volk heißen?“
GEJ|8|187|4|0|Sagte Ich: „Freund, auf diese deine Frage kann Ich dir nun wohl keine für euch verständliche Antwort erteilen, denn es werden in jener Zeit gar viele neue Orte, Länder und Völker entstehen, die jetzt noch keinen Namen haben; daß Ich aber nur in einem solchen Lande und an einem solchen Ort wieder zur Erde kommen werde, wo unter den Menschen noch der meiste und lebendigste Glaube und die meiste und wahrste Liebe zu Gott und zu den Nächsten bestehen wird, das kannst du als ganz sicher und vollwahr annehmen und glauben.
GEJ|8|187|5|0|Doch so Ich kommen werde, da werde Ich nicht allein kommen, sondern all die Meinen, die schon lange in Meinem Himmelreiche bei Mir sein werden, werden mit Mir in übergroßen Scharen kommen und stärken ihre noch auf der Erde im Fleische wandelnden Brüder, und es wird so eine wahre Gemeinschaft zwischen den schon seligsten Geistern der Himmel und den Menschen dieser Erde bestehen, was den derzeit lebenden Menschen sicher zum größten Troste gereichen wird.
GEJ|8|187|6|0|Und nun wisset ihr alles, was euch zu wissen nötig war. Tut danach, so werdet ihr das ewige Leben ernten; denn Ich werde euch erwecken am jüngsten Tage!“
GEJ|8|187|7|0|Da sagte Kado: „O Herr und Meister, das geschähe dann ja schon morgen? Denn ein jeder neue Tag ist für uns ein jüngster!“
GEJ|8|187|8|0|Sagte Ich: „Ich meine da keinen diesirdischen Tag, sondern einen geistigen im Jenseits. Wenn du den Leib wirst verlassen haben und eintrittst in das Reich der Geister, dann auch wird das dein jüngster Tag sein, und Ich werde dich aus dem Gerichte der Materie erlösen, und dies ist das Erwecken am jüngsten Tage.
GEJ|8|187|9|0|Da es nun aber schon um die Mitte der Nacht geworden ist, und wir morgen eine weite Reise vor uns haben, so werden wir uns für heute zur Ruhe begeben!“
GEJ|8|187|10|0|Als Ich diesen Wunsch geäußert hatte, da erhoben sich alle, dankten Mir noch einmal für alles, und der Wirt führte uns selbst in ein großes und bestbestelltes Schlafgemach, allwo wir bis zum Morgen eine erquickliche Ruhe nahmen. – Daß die Griechen noch lange unter sich von all dem Vernommenen redeten, versteht sich leicht schon von selbst.
GEJ|8|188|1|1|188. — Der Herr mit den Seinen auf dem Hügel Araloth
GEJ|8|188|1|0|Wie gewöhnlich waren wir auch diesmal schon vor dem Aufgange auf den Füßen und begaben uns sogleich ins Freie hinaus. Der Wirt und dessen angekommener Sohn Kado aber, auch schon aufseiend, bemerkten, daß Ich mit Meinen Jüngern Mich ins Freie begab, und es kam Mir darum Kado auch schnell nach und bat Mich, daß Ich doch nicht eher abreisen möchte, als bis Ich ein wohlbereitetes Morgenmahl mit Meinen Jüngern würde eingenommen haben.
GEJ|8|188|2|0|Und Ich sagte zu ihm: „Dies hätte Ich auch ohnedies getan, wenn du Mir nun auch nicht nachgekommen wärest; aber weil dich deine Liebe zu Mir dazu aufgefordert hat, so macht das Meinem Herzen eine rechte Freude, und so lade auch Ich nun dich ein, mit uns auf den Hügel zu gehen, auf dem einst Josua, der Prophet und der Führer des israelitischen Volkes ins Gelobte Land, mit der Bundeslade stand und eben diese Stadt, die in jener Zeit groß und mit einer nahezu unzerstörbaren Mauer umfangen war, durch den mächtigen Schall der Posaunen zerstört und ihre mächtigen Bewohner und Krieger, die Heiden waren und eine arge Abgötterei trieben, bis auf den letzten Menschen besiegt und vernichtet hat.
GEJ|8|188|3|0|Also auf diesen Hügel – der eben nicht zu ferne von hier sich befindet, weil dieses nunmalige Jericho sich dem Hügel näherstehend befindet denn das alte, das mehr denn um hundert Male größer war denn das jetzige, das wohl den alten Namen führt, aber vom alten Jericho nichts als etliche Ruinen aufzuweisen hat – begeben wir uns. Von dem Hügel aus werde Ich dir den wahren Stand und den Umfang des alten Jericho zeigen!“
GEJ|8|188|4|0|Sagte Kado: „O Herr und Meister! Das ist wahrlich zu viel Deiner göttlichen Gnade für mich sündigen Heiden! Aber da Du schon einmal so gnädig sein willst, so wolle Du gnädigst erlauben, daß auch mein Vater uns begleite; denn er ist ein großer Freund von solchen Dingen, die das graue Altertum und die alles zerstörende Zeit verschlungen haben. Ich werde ihn darum nun sogleich holen gehen.“
GEJ|8|188|5|0|Sagte Ich: „Es hat dessen nicht nötig, denn siehe, er kommt uns ohnehin schon nach, und der, den Ich gestern sehend gemacht habe, geleitet ihn!“
GEJ|8|188|6|0|Als Kado das sogleich auch bemerkt hatte, da ward er sehr froh, und wir gingen gemächlich vorwärts, und die beiden hatten uns denn auch bald und leicht eingeholt.
GEJ|8|188|7|0|Nach einer halben Stunde Zeit befanden wir uns denn auch schon auf dem besagten Hügel, dessen Fuß, mit Ölbäumen bewachsen, ein Eigentum unseres Wirtes war, und von dessen höchstem Punkte man eine weite Rundschau hatte.
GEJ|8|188|8|0|Als wir uns sämtlich auf des Hügels sehr geräumiger Höhe befanden, da bestieg Ich einen kleinen, in der Mitte des Hügels befindlichen Felsblock, der gerade die Höhe eines halben Mannes hatte, und auf diesem Punkte, von allen Anwesenden leicht gesehen und gehört, sagte Ich: „Höret, auf diesem Steine, auf dem Ich nun stehe, stand einst Mein Knecht Josua! Es hat das für den Menschen zwar keinen Lebenswert, aber es schadet dennoch keiner Seele, so sie in der Geschichte der Vorzeit bewandert ist; denn eine in der Geschichte der Zeiten und der Völker wohlbewanderte Seele wird nicht so leicht in allerlei Aberglauben verfallen wie eine, die von der Geschichte der Vorzeit gar keine richtige Kunde hat und darum alles in das Reich entweder des Fabelhaften, das für sie keine Wahrheit ist, oder in das Gebiet des Aberglaubens verweist, auf welchem Gebiete ein Mensch dann bald und leicht alles für buchstäblich wahr annimmt, was er irgend als etwas Besonderes vernommen hat.
GEJ|8|188|9|0|Und sehet, also geht es nun den meisten Juden, die entweder den Josua als einen Fabelmann betrachten und unter sich sagen, daß er in der Wirklichkeit gar nie bestanden hat, und wieder andere Blind-, Leicht- und Kleingläubige gibt es, die die Geschichte dieses Propheten ganz buchstäblich also annehmen, wie sie im Buche geschrieben steht, was aber auch eine gleich große Torheit ist, aus der sich schon gar große Streitigkeiten und allerlei Unglaube, Aberglaube und eine Menge Irrtümer entsponnen haben!
GEJ|8|188|10|0|Wie euch vielen wohl bekannt sein wird, so hat Josua, als er die Israeliten aus der Wüste ins Gelobte Land führte im steten Geleite des Herrn, eine Menge Zeichen und Wunder gewirkt, was erstens tatsächlich wahr ist, und zweitens aber haben seine Führungen und Taten auch einen inneren geistigen Sinn, der nun leider von keinem Juden mehr begriffen wird und darum denn auch über Josuas Handeln und Wirken so viel Unsinniges von den Pharisäern allenthalben gepredigt und gelehrt wird, daß es denn auch nicht zu hoch zu verwundern ist, wie die etwas heller denkenden Juden sich vielfach an der Lehre Mosis und der Propheten sehr gestoßen haben. Darum habe Ich euch nun denn auch auf diesen Hügel und eben auf diese Stätte geführt, auf der Josua bei der Eroberung der alten Stadt Jericho seine ersten und großen Wundertaten ausgeübt hat, wie sie ihm des Herrn Geist geboten hatte.
GEJ|8|188|11|0|Seht! Das ist der Hügel Araloth, und die Stätte, auf der wir nun stehen, heißt Gilgal und ist dieselbe, auf der Josua auf Geheiß des Herrn die Kinder Israels zum zweiten Male mit den steinernen Messern beschnitten hat!
GEJ|8|188|12|0|Der Fels aber, auf dem Ich nun stehe und euch die alte Geschichte wieder ins Gedächtnis rufe, besteht aus eben jenen zwölf Steinen, welche die eben auch zwölf Priester bei der Gelegenheit, als das Volk trockenen Fußes über den Jordan ging, aus der Mitte desselben zum Zeichen der wunderbaren Führung durch die Macht Gottes hierher gebracht und also, wie sie nun da sich noch vorfinden, aufgestellt und aneinandergefügt haben, wodurch Josua dem Volke sinnbildlich andeutete, daß die zwölf Stämme Israels, welche durch die hier zusammengelegten und – gefügten zwölf Steine vorgestellt worden sind, auch einen festen Körper bilden und also als ein einiges und mächtiges Volk unter den Gesetzen, dem Schutze und den Führungen Gottes als ein Gericht allen Heiden gegenüberstehen sollen und auch sein als ein harter Fels, an dem sich stoßen mögen alle, die wider den Willen Gottes handeln.
GEJ|8|188|13|0|Sehet! Auf eben diesem Punkte hatte Josua die Lade aufgestellt, durch deren siebenmaliges Herumtragen um die alte Stadt Jericho beim gewaltigen Schall der Posaunen die Mauern beim siebenten Herumtragen am siebenten Tage zusammenstürzten, und die Israeliten dann in die Stadt drangen und aufs Geheiß Gottes alles mit dem Schwerte niederhieben, was darin lebte, bis auf die Hure Rahab, die nach dem Geheiß Gottes samt ihrem Hause und Anverwandten verschont werden mußte, weil sie die Kundschafter, die Josua in die Stadt gesandt hatte, vor der Verfolgung des Heidenkönigs rettete, indem sie dieselben in ihrem Hause wohl verbarg!
GEJ|8|188|14|0|Auf diesem Hügel ward auch all das Gold und Silber und all die Edelsteine, die die Israeliten aus der zerstörten Stadt brachten, vor der Lade des Bundes Gott zu Ehren niedergelegt, und auf diesem Hügel erteilte Josua allen Israeliten auch das Gebot nach dem Willen des Herrn, daß die zerstörte Stadt nimmer wieder erbaut werden solle, und wer das dennoch täte und finge an, seine Hand ans Werk zu legen, darum von Gott gestraft werde. – Und so wisset ihr nun, was dieser Hügel zu bedeuten hat.
GEJ|8|188|15|0|Auf dem Punkte aber, wo einst die Lade stand, auf demselben Punkte stehet leibhaftig Der, der als ein gewaltiger Fürst mit einem Schwerte in der Hand zu Josua kam und zu ihm sagte: ,Josua, ziehe deine Schuhe aus, denn heilig ist die Stätte, auf der du stehst!‘ Da erst wurde Josua inne, wer der mächtige Fürst war, und betete Ihn darum auch an.
GEJ|8|188|16|0|Ihr wisset nun auch alle, wer Ich bin, und es betet Mich von euch niemand an. Ihr tätet das wohl, aber Ich Selbst will es nicht, weil Ich euch auf einen höheren Lebenspunkt stelle, als Josua selbst in aller seiner Macht je gestanden ist, und weil Ich jedes Lippengebet verabscheue; denn von nun an ist die Liebe zu Gott und zum Nächsten das Mir allein wohlgefällige Gebet, auf das Ich sehe und horche!
GEJ|8|188|17|0|Und so wisset ihr nun in kurzgefaßter Darstellung, was es mit diesem Hügel für eine Bewandtnis hat, und wir können nun unsere Augen gen Abend hin richten und sehen die große wüste Fläche, auf der einst die alte Heidenstadt stand.“
GEJ|8|189|1|1|189. — Über den Stand der alten Stadt Jericho
GEJ|8|189|1|0|Hier fragte Mich Petrus, sagend: „Herr, das alte Jericho stand ja gen Morgen über dem Jordanstrom, und ich weiß nicht, ob und wo wir gestern bei unserer Hierherreise den Strom übersetzt haben; denn dieses Neujericho steht doch sicher noch mehr im Morgen vom Strome, als einst das alte gestanden ist, weil Du uns nun die Stätte des alten Jericho als von hier gen Abend gezeigt hast. Wir sind gestern zwar wohl über eine sehr breite Steinbrücke gegangen, aber unter ihr im Flußbette befand sich nach meiner Meinung denn doch nicht jene Menge Wassers, daß man es fürs Wasser des Jordans hätte halten können.“
GEJ|8|189|2|0|Hierauf nahm Kado das Wort und sagte zu Petrus: „Und doch war das der Jordan! Er ist in dieser Zeit stets sehr wasserarm und ist an der Stelle, wo eine Brücke erbaut ist, auch wegen der Enge des Tales am schmalsten; aber eine halbe Stunde weiter unten gen Mittag dehnt sich der Strom schon wieder sehr aus und wird in der von hier nicht fernen Gegend des Toten Meeres gar sehr breit.“
GEJ|8|189|3|0|Auf diese Worte des Kado war Petrus und auch die andern Jünger, die gestern auch nicht gemerkt hatten, wo und wann wir über den Jordan gekommen waren, ganz beruhigt.
GEJ|8|189|4|0|Darauf aber besah sich Petrus und auch die andern Jünger die Steine, auf denen Ich stand, etwas näher und sagte nach einer kurzen Weile Nachdenkens: „Aber wie konnten die nur zwölf Priester diese großen und überschweren Steine aus dem Strome ausheben und sie dann die weite Strecke gar hierher bringen? Waren denn die zwölf Priester Riesen gleich einem Simson?“
GEJ|8|189|5|0|Sagte nun Ich: „Wie kannst aber du nun noch also fragen, der du an Meiner Seite doch schon so viele Zeichen von der Kraft des Geistes Gottes gesehen hast?! Hast du denn das vergessen, was du alles beim alten Markus in der Nähe von Cäsarea Philippi gesehen hast, und weißt du denn nicht mehr, wie Raphael erst vor ein paar Tagen im Hause des Lazarus die alte, eherne Säule emporhob, und noch tausend andere Zeichen?! Und da du solches alles gesehen hast, wie magst du da nun noch fragen, wie Josuas zwölf Priester diese Steine aus dem Jordan haben hierher bringen können? War denn Gottes Kraft zur Zeit Josuas etwa eine geringere, als sie jetzt ist? Bedenke das, und frage Mich fürder nicht mehr um solche Dinge, die schon ein geschmeidiges Kind in der Wiege begreifen kann!“
GEJ|8|189|6|0|Auf diese Meine Äußerung begriffen nun alle, wie es den zwölf Priestern wohl ganz leicht möglich war, diese Steine aus dem Strome hierher zu schaffen.
GEJ|8|189|7|0|Es trat aber darauf Kado zu Mir und sagte: „O Du lieber Herr und Meister, wenn Du mir nicht gram werden würdest, so hätte auch nun meine Wißbegierde eben in bezug auf das alte und dieses neue Jericho eine Frage, die Du schier schon ohnehin kennst.“
GEJ|8|189|8|0|Sagte Ich: „Ob Ich deine Frage auch schon kenne, so kannst du sie aber der andern wegen doch laut aussprechen!“
GEJ|8|189|9|0|Hierauf fragte Kado: „Es ist aus dem Buche Josua bekannt, und Du Selbst hast das nun in aller Kürze berührt, daß Josua auf Gottes Geheiß jedermann mit unausweichlicher harter Strafe bedroht hat, der es wagen würde, die zerstörte alte Stadt von neuem wieder aufzubauen, – und siehe, doch wohnen wir im neuen Jericho! Wie ist das wohl zugegangen, daß in dieser Zeit doch eine Stadt Jericho beinahe an derselben Stelle steht, wo einst das alte Jericho gestanden ist? Hat denn Gott nachderhand Seine Drohung zurückgenommen und also dennoch ein neues Jericho entstehen lassen?“
GEJ|8|189|10|0|Sagte Ich: „Du irrst dich! Gott hat da Sein Wort nicht zurückgenommen, und so steht an der weiten und wüsten Stätte, auf der einst das alte Jericho gestanden ist, bis zur Stunde noch kein Haus und nicht einmal eine elendste Hütte. Und warum habt ihr Neujerichoer denn es noch nie versucht, irgend auf der Altjerichostätte aus dem Schutte ein Haus aufzubauen oder doch zum wenigsten eine Hütte für eure Schafe, Ziegen oder Schweine?“
GEJ|8|189|11|0|Sagte Kado: „Ja, liebster Herr und Meister, da hat es eine eigene Bewandtnis! Jene beinahe an zwei Stunden Weges im Umfange habende völlig wüste Stätte hat eine bedeutende Ähnlichkeit mit dem Toten Meere. Es wächst da nicht einmal ein Moospflänzchen, geschweige etwas anderes. Zudem hat der sicher ganz bedeutende wüste Fleck zuzeiten eine so wilde und böse Ausdünstung, daß sie Menschen und Tiere jeder Art und Gattung töten würde, so sie sich besonders in der Nacht darauf befänden, und so wäre es sehr unklug, auf jener Stätte sich ein Wohnhaus oder auch nur eine Hütte zu erbauen.
GEJ|8|189|12|0|Merkwürdig aber ist doch der sonderbare Umstand, daß sich die arge Ausdünstung niemals über den Bereich der wüsten Stätte ausbreitet, und so lebt sich's hier in Neujericho ganz gesund, während ein Mensch, der sich nur einige Stunden auf der wüsten Stätte aufhielte, sein Leben einbüßen würde. Man hat meines Wissens zu einer Zeit diese Stätte auch dazu benutzt, daß man Verbrecher, die nach den Gesetzen den Tod verdient hatten, in der bösen Ausdünstzeit auf jene Stätte hinaustrieb, auf der sie über eine Stunde Zeit verweilen mußten. Die meisten sollen ums Leben gekommen sein. Die aber noch lebend zurückkamen, von denen sagte man, daß ihnen die Götter gnädig waren; aber sie blieben darauf dennoch siech und lebten nicht lange. Und das ist ein leicht begreiflicher Grund, warum auf jener wüsten Stätte sich bis jetzt noch kein Mensch eine Wohnstätte erbaut hat und ebensowenig schwerlich je eine erbauen wird – wie in der Nähe des Meeres, an dessen höchst wüsten Ufern es auch für keinen Menschen geheuer ist, sich irgend zu lange zu verweilen, besonders wenn einem ein Wind über die Wasserfläche gerade entgegenweht. Diese wüste Stätte aber hat doch noch das Gute, daß kein Wind ihre arge Ausdünstung über ihre Steingrenzen hinaus verwehen kann.
GEJ|8|189|13|0|Ob nun die arge Ausdünstung eine Folge jener alten Gottesstrafdrohung oder von irgend noch etwas anderem ist, das wüßte ich mir wohl nicht zu erklären; aber denkwürdig bleibt es immer, daß nun eben auf jener Stätte, auf der sich doch im Alter eine so große und mächtige Königsstadt befand – was man aus den vielen Ruinen nur zu gut erkennen kann –, in der die Menschen wohnten und ihren Handel und ihr Gewerbe trieben, nicht einmal Schlangen, Nattern und anderes giftiges Getier sein elendes bißchen Leben erhalten kann. Und so ist es denn doch auch merkwürdig, daß trotz des alten Gottesverbotes auch schon seit sehr langer Zeit von etwa einigen hundert Jahren dennoch ein zweites und neues Jericho erbaut wurde.
GEJ|8|189|14|0|O Herr und Meister! Siehe, das sind so ganz sonderbare Dinge, die so manchen in der Judenschrift wohlbewanderten Denker offenbar in bezug auf die Zeiten Josuas etwas bedenklich vorkommen müssen, und es ist eben nicht zu sehr zu verwundern, daß darob schon so mancher Jude seinen Glauben und auch sein Verständnis verloren hat. Wie ging es denn doch zu, daß nun doch noch ein Jericho dasteht?“
GEJ|8|189|15|0|Sagte Ich: „Das kommt daher, Freund, weil an dem Namen nichts gelegen ist, sondern nur allein an der Stätte. Warum aber also, darüber will Ich euch sogleich eine kleine Aufhellung geben.
GEJ|8|189|16|0|Seht, auf der Erde gibt es gewisse Punkte und oft gedehntere Flächen, die für Menschen und auch für Tiere nicht wohl zu bewohnen sind, weil daselbst aus der Erde Innerem, um für euch Griechen verständlich zu reden, zu gewissen Zeiten sich gewisse böse Dünste auf die Oberfläche emporarbeiten, die den unterirdischen Schwefel-, Erdkohlen- und giftigen Metallagern entstammen; und diese von hier bei einer halben Stunde entfernte alte Stätte ist eben auch ein solcher Punkt und jetzt ärger, als er zu den Zeiten Abrahams und Lots war, allwann beinahe zugleich mit Sodom und Gomorra auch Jericho nebst noch anderen Städten erbaut worden ist, – freilich wohl schon durch die Voreltern Lots, die damals über diese Gegend bis zum Meere hin herrschten!
GEJ|8|189|17|0|Schon die Voreltern Lots waren gewarnt worden, sich in dieser Gegend anzusiedeln und gar Städte zu erbauen. Da sie trotz der Warnung das doch taten, so ward ihnen aber anbefohlen, ein möglich keusches und reines Leben zu führen; denn nur ein keuscher und dadurch auch lebenskräftiger Mensch mit einer starken, von Gottes Geiste erfüllten Seele kann allen argen und rohen Naturgeistern widerstehen, und sie können seinem Leibe nicht schaden. Aber jene vorbenannten Menschen befolgten auch diesen Rat nicht und gingen nur zu bald in allerlei Geilerei über, wurden Götzendiener und führten ein höchst ausschweifendes und unnatürliches Prasserleben.
GEJ|8|189|18|0|Es wurden aber dennoch oft und oft reine und von Gottes Geiste erfüllte Boten zu ihnen gesandt, die sie belehrten und ihnen die sicheren Folgen zeigten, die aus ihrer Unbußfertigkeit hervorgehen würden; aber man hörte die Boten nicht an, sondern bedrohte sie, verfolgte sie und stieß sie von sich.
GEJ|8|189|19|0|Zur Zeit Lots aber war der Punkt unter den Stätten, wo die Städte standen, zum Ausbruche reif geworden, teils, weil das schon in der inneren Natur der Erde also geordnet und begründet war, und teils und zwar hauptsächlich aber auch darum, weil die besagten Menschen aller inneren geistigen Kraft bar geworden waren und daher die argen Geister der rohen und gerichteten Natur der Erde einen unbeschränkten Spielraum gewannen und ihr Wesen stets ärger und ärger treiben konnten, was ihnen nicht so leicht möglich gewesen wäre, so in einer der Städte nur noch zehn bis zwanzig geistesstarke und reine Menschen bestanden wären.
GEJ|8|189|20|0|Denn wahrlich sage Ich es euch: Ein reiner und geistesstarker Mensch ist ein Herr der Naturgeister, also ein Herr auch über die Elemente und auch über alle Tiere und über die Pflanzen und Mineralien, welcher Art und Gattung sie auch sein mögen. Denn so seine Seele mit dem Geiste Gottes erfüllt ist, in dem alle Macht und Kraft aus Gott wohnt, so kann er auch aller Natur gebieten, und sogar die Berge müssen sich beugen vor der Macht seines Willens und seines ungezweifelten Glaubens und Vertrauens auf den einen, wahren, allmächtigen Gott.
GEJ|8|189|21|0|Es bestand aber zur Zeit Lots außer ihm auch nicht ein solcher Mensch mehr, und so bekam er die Mahnung, zu fliehen, so er nicht mit allen anderen zugrunde gehen wolle. Und Lot floh und ward gerettet; denn am selben Tage geschah der alles verheerende Ausbruch, und das große Sodom und Gomorra ging an der Stelle unter, wo nun das Tote Meer sein oft noch arges Wesen treibt und noch gar lange treiben wird.
GEJ|8|189|22|0|Und seht nun, um nicht vieles besser stand es zu Josuas Zeiten mit dem alten Jericho, allwo – sage – eine Hure noch die reinste Seele hatte, darum sie auch erhalten ward, weil sie die Boten, die von Josua in die Stadt gesandt worden waren, angehört, ihre Worte beherzigt und sie in den Schutz genommen hatte!
GEJ|8|189|23|0|Josua, als ein reiner, vom Geiste Gottes erfüllter Mensch, so wie das auch seine Priester waren, hatte den inneren, zerstörenden Ausbruch jener Stätte wohl verhüten können und hatte die argen Naturgeister mehr und mehr von dieser Stätte für immer gebannt und ihnen den Tätigkeitsraum unter dem Wassergrunde des Toten Meeres angewiesen; aber dessenungeachtet mußte er den Menschen eindringlichst verbieten, auf jener gefährlichen Stätte je mehr wieder eine Stadt zu erbauen, was bis auf diesen Tag denn auch beachtet wurde und noch fernerhin beachtet werden wird.
GEJ|8|189|24|0|Und so habe Ich euch nun denn auch den Grund gezeigt, warum Josua so feierlichst geboten hatte, auf jener Stätte nie mehr wieder eine Stadt – sage, unter was immer für Namen – zu erbauen. Diese Stätte aber, wo nun dies Jericho steht, ist keine böse, obschon in der Nähe der alten, bösen Stätte sich befindend, und so hat da auch eine kleine Stadt erbaut werden können; der Name hat da gar nichts zu bedeuten.“
GEJ|8|190|1|1|190. — Der Zweck der Naturordnung
GEJ|8|190|1|0|Hierauf dankte mir Kado für diese Erklärung und bat Mich, daß nun auch Ich den argen Naturgeistern durch Meine Macht gebieten möchte, daß sie sich über jene böse Stätte hinaus weder den Menschen noch den Tieren und Pflanzen schädlich erweisen sollen.
GEJ|8|190|2|0|Sagte Ich: „Das ist schon lange zuvor geschehen, ehe du Mich darum zu bitten gedachtest; was Mein Geist durch Josuas Mund gebannt hat, das bleibet also! So weit das Gras gedeiht, und so weit Schafe und Ziegen und Ochsen und Esel weiden, ist das Land gut; doch darüber hinaus ist es böse.“
GEJ|8|190|3|0|Sagte nun der Wirt: „Es ist aber wahrlich schade um ein so bedeutendes Stück Land, daß es nicht fruchtbar gemacht werden kann; denn es könnte darauf für viele Menschen Brot in Übergenüge geerntet werden. Dir, o Herr und Meister, wäre es ja doch leicht möglich, dieses Stück Land aller seiner bösen Naturgeister ledig zu machen. Du dürftest nur ein Wort sagen, und das Land wäre gut.“
GEJ|8|190|4|0|Sagte Ich: „Freund, du hast da ganz recht, und Ich lobe deinen Glauben, – aber da kann Ich nicht deinem Wunsche gemäß handeln; denn täte Ich das, so würde Ich Meiner einmal gestellten Ordnung zuwiderhandeln, was da wohl nicht und niemals stattfinden kann und wird!
GEJ|8|190|5|0|Denn wo die Erde Berge hat, da müssen sie auch sein. Wo da Quellen, Seen und Bäche und Ströme und Meere sind, da müssen sie auch also sein wie am menschlichen Leibe die verschiedenen Sinne. Und wo sich derlei arge Flächen auf der Oberfläche der Erde vorfinden, da müssen sie sein; denn das Erdreich, die Luft und das Wasser müssen eine nahezu endlos große Anzahl von verschiedenartigen Naturgeistern in sich vereinen, auf daß aus ihnen allerlei Mineralien, Metalle und Steine entstehen und Pflanzen und Tiere, jegliches nach seiner Art, ihre Nahrung und ihren Bestand finden und haben können.
GEJ|8|190|6|0|Wo demnach die Menschen solche Flächen auf der Erde finden, auf denen weder irgendwelche Pflanzen wachsen, noch Tiere einer oder der andern Art vorkommen, da sollen sie sich auch nicht ansiedeln; denn da ist unterirdisch sicher eine solche Quelle, durch die die unlautersten Naturgeister auf die Oberfläche der Erde befördert werden, um sich mit der Luft und mit dem Wasser zu einen.
GEJ|8|190|7|0|Es gibt der gesunden Flächen in Tälern und auf den Bergen zur Übergenüge, auf denen die Menschen, wenn sie genügsam sind, ihren Unterhalt in Hülle und Fülle finden und haben können, und sie haben nicht nötig, auch die bösen Wüsten zu bewohnen und urbar zu machen.
GEJ|8|190|8|0|Siehe, das Meer bedeckt gar große Flächen der Erde, und ebenso auch die Seen und Ströme, und einen großen Teil der Erdoberfläche bilden auch jene Hochgebirge, die nicht nur ganz kahl dastehen, sondern dazu noch ihre oft weiten und breiten Hochtäler und Flächen mit stetigem Eise und Schnee bedeckt haben! Möchtest du da nicht auch zu Mir sagen: ,Herr und Meister, da Dir nichts unmöglich ist und die Menschen sich stets ganz gewaltig auf der Erde mehren und am Ende zu wenig guten Landes haben dürften, auf dem sie ihr nötiges Nährbrot gewinnen könnten, so mache Du nun die weiten Wasserflächen und die unfruchtbaren hohen Berge zum festen, guten und fruchtbaren Lande, und es werden dann die Menschen, so ihrer auch um tausendmal tausend mehr wären denn jetzt, hinreichend zur Genüge des Fruchtbodens besitzen!‘? Und Ich müßte dir darauf entgegnen: ,So Ich das täte, da würde wohl sehr viel festes Land entstehen; aber es würde nichts mehr wachsen auf solch einem trockenen Festlande.‘
GEJ|8|190|9|0|Es muß demnach schon alles also sein, wie es ist, auf daß es auf der Erde fruchtbare Länder geben kann. Wenn die Menschen nach dem ihnen geoffenbarten Willen Gottes lebten und handelten, so hätten sie der Früchte zum Ernähren des Leibes mehr denn zur Übergenüge. Denn den oft und oft unter den Menschen eintretenden Mangel an Nährmitteln und die Hungersnot erzeugen nur die Menschen selbst durch ihre Selbstliebe, Habsucht, Herrschgier, Trägheit und dabei durch einen daraus hervorgehenden Hang zum übermäßigen Wohlleben und zum diesirdischen Reichtum.
GEJ|8|190|10|0|Betrachte die vielen reichen Prachtmüßiggänger in den Städten! Sie haben viele Güter und Schätze, – und was tun sie den armen Menschen dafür, daß sie für sie im Schweiße ihres Angesichtes nahe Tag und Nacht arbeiten? Nichts und noch einmal nichts tun sie ihnen; denn der karge Tagelohn und eine schlechte und magere Nährkost steht in keinem Verhältnisse zu dem, was die Armen für die großen und reichen Prachtmüßiggänger tun, und wird von Mir aus denn auch als nichts angesehen.
GEJ|8|190|11|0|Was Gutes tut wohl zum Beispiel ein Herodes den Menschen, die ihm die ihnen auferlegten großen Steuern bezahlen müssen und für ihn den harten Frondienst verrichten? Sieh, derlei Herodesse gibt es nun in der Welt eine übergroße Menge; und diese machen die Not und alles Elend unter den Menschen und erzeugen durch ihre nie zu sättigende Habgier Teuerung und Hungersnot unter den Menschen, wofür sie aber im Jenseits ihren wahrlich für sie nicht erfreulichen Lohn erhalten werden. Denn wahrlich, wahrlich, ehe ein solcher Herodes ins Himmelreich eingeht, eher wird ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgehen!
GEJ|8|190|12|0|Darum gedenket ihr Reichen nur allzeit auch reichlich der Armen, und ihr werdet es finden, daß es auf der Erde des guten Fruchtbodens mehr denn zur großen Übergenüge gibt! – Hast du, Wirt und Besitzer großer Güter und Reichtümer, das nun wohl begriffen?“
GEJ|8|190|13|0|Sagte der Wirt: „Ja, Herr und Meister, ich habe das alles nun nicht nur ganz wohl begriffen, sondern habe auch den festen und unwandelbaren Entschluß gefaßt, danach zu handeln, und es wird auch mein Bestreben sein, viele meinesgleichen zu meiner nunmaligen Ansicht zu bringen und sie danach zum Handeln zu bewegen.“
GEJ|8|190|14|0|Sagte Ich: „Daran wirst du wohltun, und der Lohn aus den Himmeln wird für dich nicht unterm Wege verbleiben; denn wer jemanden, besonders aus der Klasse der Reichen, zum Lichte des Lebens und zum freudigen und freundlichen Handeln danach bekehrt, der wird einen gar großen Lohn des ewigen Lebens für seine Seele zu gewärtigen haben.
GEJ|8|190|15|0|Aber nun wird sogleich die Sonne vollends aufgehen, und wir wollen den Aufgang betrachten, und unsere Seelen sollen sich daran erfreuen und erheitern!“
GEJ|8|191|1|1|191. — Die Flugprobe der Griechen
GEJ|8|191|1|0|Als Ich solches gesagt hatte, da wurden alle Anwesenden still und richteten ihre Augen nach dem Aufgange; nur der alte Diener des Kado hatte seine Augen unverwandt nach Mir gewandt und sah nur Mich an und kümmerte sich nicht um den Aufgang der Weltsonne.
GEJ|8|191|2|0|Das bemerkte Kado, und er fragte in der Stille den alten Diener: „Warum kehrest denn du dein Gesicht nun nicht nach dem Rate des Herrn und Meisters von Ewigkeit nach dem Aufgange?“
GEJ|8|191|3|0|Sagte der alte Diener: „Weil der Herr und Meister von Ewigkeit für mich eine endlos größere und heiligere Lebenssonne ist denn jene dort im fernen Osten, die ich ohnehin schon gar oft auf- und untergehen gesehen habe und sie hoffentlich noch mehrere Male sehen werde. Die Weltsonne wird für mich bald völlig für immer untergehen; doch diese heiligste Sonne wird, da sie für uns nun einmal so wunderbar aufgegangen ist, unseren Seelen leuchten für ewig wie am hellsten Mittage und wird nimmerdar untergehen. Wehe aber denen, für welche diese Sonne untergehen wird! Die werden lange auf einen wiederkehrenden Aufgang zu warten bekommen! Und siehe, darum sehe ich lieber nun diese lebendige und heiligste Sonne mir an denn jene Weltsonne im fernen Osten, die Sein Werk ist gleich wie diese Erde und alles, was in, auf und über ihr ist!“
GEJ|8|191|4|0|Als Kado von seinem alten Diener solches vernommen hatte, lobte er ihn und kehrte sein Gesicht auch nach Mir und achtete nicht der soeben aufgehenden Sonne.
GEJ|8|191|5|0|Es war aber diesmal der Aufgang besonders herrlich, weil der Horizont sehr rein war; nur gen Abend hin schwebten leichte Lämmerwölkchen in der hohen Luft und belebten das Blau des Firmaments. Auch kamen verschiedene Wandervögel aus dem Norden, hoch in der Luft über uns hinwegfliegend, und richteten ihre Fluglinie nach Südwest und vermieden die Gegend des Toten Meeres. Und es war somit der Morgen ein recht heiterer und belebter, und alle Anwesenden wurden darob frohen und heiteren Mutes und lobten Mich, daß Ich ihnen einen so schönen Morgen gegeben habe.
GEJ|8|191|6|0|Als die Sonne sich aber schon einige Spannen hoch über dem Horizonte befand, da fragte Mich der Wirt, sagend: „O Herr und Meister, da Dir alle Dinge in und auf und über der Erde wohlbekannt sind, so wird es Dir auch bekannt sein, wohin die Sonne in der Nacht sich verbirgt, und von woher sie am Morgen kommt. Nach unserer sehr fabelhaften Lehre soll sie ins Meer untersinken und am Morgen wieder auf der entgegengesetzten Seite aus dem großen Meere, auf dem der Erdkreis schwimme, emporsteigen. Für das Gesicht hat es wohl also den Schein, doch der Wahrheit nach wird sich diese Sache sicher ganz anders verhalten.“
GEJ|8|191|7|0|Sagte Ich: „Ganz gewiß sehr anders, – doch es ist nun die Zeit nicht, euch das als für euch wohlbegreiflich zu erklären! Aber es werden bald etliche Essäer zu euch kommen, die fraget darum, und sie werden euch das erklären, denn sie haben darin schon von alters her ganz richtige Kenntnisse. Nach ihnen aber werden auch Meine Jünger zu euch kommen und werden euch stärken in Meinem Namen. Dann wird Mein Geist eure Seelen erfüllen und euch in vielerlei Weisheit führen. Und so lassen wir nun das noch bis dahin!“
GEJ|8|191|8|0|Mit dem war der Wirt auch wieder zufrieden und fragte Mich nicht weiter in dieser Angelegenheit.
GEJ|8|191|9|0|Ein anderer Grieche, der uns auch nachgekommen war, betrachtete vor allem den Flug der Vögel und sagte dabei: „Oh, wie gut haben es doch diese Tiere! Schnell und leicht fliegen sie durch die Luft in weite Fernen hin, wo sie ihre ihnen sicher zusagende Nahrung reichlichst finden. Nur der Mensch ist in dem, was die Bewegung anbelangt, am allerschlechtesten daran und muß sich, um bei einer weiteren Reise doch schneller vorwärtszukommen, der Füße der verschiedenen Tiere bedienen; denn mit seinen Füßen geht es immer nur langsam vorwärts. Hätte Gott ja doch auch dem Menschen so ein Flügelpaar gegeben, daß er den lieben Vögeln gleich in der Luft fortfliegen könnte, welch eine Seligkeit wäre das für den Menschen!“
GEJ|8|191|10|0|Sagte Ich: „Danke du Gott, daß Er den Menschen keine Flügel zum Fliegen gegeben hat; denn könnte der Mensch auch noch fliegen, da wäre gar nichts mehr sicher vor ihm! Er würde mit solcher Fähigkeit die Erde in kurzer Zeit leicht noch ärger zurichten als ein ägyptisches Heuschreckenheer eine Wiese und ein Feld, auf das es sich hinwirft. Darum beneide du die Vögel nicht um ihre Flugfähigkeit, und wünsche diese den Menschen nicht! Für sie genügt die Bewegungsfähigkeit, die sie haben; denn sie kommen noch schnell genug weiter, um einander zu bekriegen. Nur so ein Mensch seinem Nächsten zu Hilfe kommen solle, da wäre es gut, daß er sich schneller bewege; aber bei solchen Gelegenheiten lassen sich die Menschen sehr Zeit und wünschen sich die Flugfähigkeit der Vögel nicht. Der Mensch aber kann mit seinem Verstande und freien Willen fliegen, und dieses geistige Fliegen ist mehr wert als das materielle der Vögel. – Bist du nicht auch dieser Meinung?“
GEJ|8|191|11|0|Sagte der Grieche: „Allerdings, Herr und Meister; aber es mußte dem Propheten Elias doch sehr selig vorgekommen sein, als er im feurigen Wagen sich frei in die Luft erhob und den hohen Himmeln zuschwebte, – vorausgesetzt, daß sich das im Ernste also zugetragen hat, wie das in den Büchern der Juden zu lesen ist.“
GEJ|8|191|12|0|Sagte Ich: „Ja ja, es hat sich das wohl also zugetragen vor den Augen seiner Jünger, doch die Bedeutung jenes seltenen Ereignisses ist eine tiefgeistige, die du nicht fassen kannst. So du aber schon eine so große Lust zum Fliegen hast, da glaube nun und wolle, und Ich werde es zulassen, daß du dich in die freie Luft wirst erheben können! So du aber in der Luft schweben wirst, da siehe, daß du das Gleichgewicht behältst, und daß dieses Morgenlüftchen nicht dir Meister wird!“
GEJ|8|191|13|0|Als der Grieche das aus Meinem Munde vernahm, da glaubte und wollte er, und schnell erhob er sich mehrere Mannshöhen hoch in die freie Luft. Aber da er da keine Stützen hatte, so war auch der leichte Morgenwind gleich sein Meister und drehte ihn bald nach rechts und nach links und bald mit dem Kopfe nach abwärts und bald wieder nach aufwärts, und der Wind trug ihn so eine ziemliche Strecke vom Hügel hinweg, und er, der Grieche, schrie um Hilfe, da er sonst zugrunde gehe. Da wollte Ich, daß der Wind sich wieder dem Hügel zuwende; und so kam der fluglustige Grieche wieder über uns zu schweben.
GEJ|8|191|14|0|Und Ich sagte zu ihm hinauf: „So glaube und wolle nun wieder auf die feste Erde herabgelangen, und es wird das geschehen, was du glaubst und willst!“
GEJ|8|191|15|0|Und der Grieche glaubte und wollte und senkte sich gemach wieder zur Erde herab.
GEJ|8|191|16|0|Als er sich wieder auf der festen Erde befand, da fragten ihn die andern, wie er sich in der Luft befunden habe.
GEJ|8|191|17|0|Da sagte der Grieche: „Es steht in unseren alten Büchern geschrieben, daß die schwachen Menschen die Götter nicht versuchen sollen! Ich aber habe nun dennoch den schier (rein) wahren Gott versucht, und es geschah mir denn auch vollkommen recht, daß ich solch meinen Aberwitz in der Luft teuer gebüßt habe. Es ist für den Menschen, der nicht nach der Art der Vögel gebaut und die Luft nicht beherrschen kann, etwas Erschreckliches, so er jeder festen Stütze beraubt ist und der Wind zwischen ihm und einer Federflaume keinen Unterschied macht, wie ihr an mir das bemerkt habt. O Herr und Meister, ich danke Dir, daß Du mir wieder auf die liebe, feste Erde herabgeholfen hast! Es sollen die lieben Vögel sich in der Luft vergnügen, wie sie können und mögen; in mir wird nimmer eine Begierde danach erwachen, mich je mehr wieder einmal in der freien Luft zu befinden und mit den Vögeln das Vergnügen des Fliegens zu teilen. Bleiben wir daher nur auf dem festen Boden der Erde, der uns trägt und ernährt!“
GEJ|8|191|18|0|Als der Grieche noch also seine Empfindungen seinen Gefährten erzählte, da fragten Mich einige Jünger, die Ich in Meinem ersten Lehrjahre auch einmal durch die Luft zu Mir auf den Berg bei Kis kommen ließ, wie es denn damals mit ihnen zugegangen sei, daß sie in der Luft aufrecht erhalten worden sind.
GEJ|8|191|19|0|Sagte Ich: „Dort wirkte pur Mein Wille; da aber sagte Ich zum fluggierigen Griechen: ,Glaube und wolle selbst, und es wird dir geschehen, wie du glaubst und willst!‘ Und seht, der Grieche glaubte ungezweifelt und wollte das auch ernstlichst, und so hat ihn sein Glaube und sein Wille und nicht Mein Wille in die Luft gehoben! Aber als er sich ohne Stütze frei in der Luft befand, so ward er alsbald ängstlich und gedachte nicht daran, daß er wieder durch seinen Glauben und Willen hätte zur Erde herabgelangen können, und da erst wollte Ich, daß ihn der Wind wieder hierher trüge, wo Ich ihm dann sagte, was er zu tun habe, um wieder zur Erde herabzugelangen. Er hätte sich aber durch den Glauben in der Luft schon auch aufrechterhalten und dem Winde auch gebieten können, wie das gewisse Menschen im tiefen und hohen Indien auch recht wohl vermögen in der Zeit ihrer besonderen Begeisterung; doch derlei hat keinen Wert für die Seele des Menschen.
GEJ|8|191|20|0|Daß aber ein Mensch von einem starken und ungezweifelten Glauben und festesten Willen alles bewirken kann, sogar Berge versetzen, das habe Ich euch schon zu öfteren Malen gesagt und gezeigt, und so wird diese Erscheinung für euch wohl nichts Neues und Fremdes gewesen sein. Das Beste aber, was hier während des Aufganges der Sonne von den Griechen geredet worden ist, war die Rede des alten Dieners des Kado, und Ich werde ihn darum erwecken, und er soll ehest ein tüchtiger Arbeiter in Meinem Weinberge werden.“
GEJ|8|191|21|0|Als Meine Jünger dieses von Mir vernommen hatten, gaben sie sich zufrieden und fragten auf dem Hügel um nichts Weiteres mehr.
GEJ|8|191|22|0|Es kam aber darauf ein Diener der Herberge und lud uns zum schon bereiteten Morgenmahle; und wir verließen denn auch alsbald den Hügel, begaben uns in die Herberge und nahmen das Morgenmahl ein.
GEJ|8|191|23|0|Es ward dabei noch so manches besprochen; Ich jedoch redete nicht viel, und das nur mit dem alten Diener des Kado, dem Ich nach dem Mahle die Hände auflegte und ihn stärkte und erweckte zu einem Jünger und Ausbreiter des Evangeliums. Sein Name war Apollon. Dieser wurde darauf bald Gründer einer Gemeinde, die seinen Namen annahm.
GEJ|8|191|24|0|Wir begaben uns darauf auf die Weiterreise, nachdem Ich zuvor noch das ganze Haus nach der Bitte des Kado segnete und auch versprach, am dritten Tage wieder hier durchzureisen und mit ihnen zu reden.
GEJ|8|192|1|1|192. — In der Herberge zu Essäa
GEJ|8|192|1|0|Darauf begaben wir uns eiligen Schrittes auf den Weg und gingen wieder auf dem Wege weiter, auf dem wir gestern nach Jericho gekommen waren. Kado gab uns das Geleit bis zur Brücke über den Jordan, wo sich der Weg teilte; denn von da führte der alte nach Jerusalem, und ein neuer führte von da in der Richtung nach Ägypten zu dem Orte Essäa, der von hier noch eine gute Tagereise entfernt war. Dahin zog denn nun auch Ich, wie Ich vor einem Tage den Essäern versprochen hatte. Der Weg dahin führte über manche wüste Stätte und mundete den Jüngern nicht besonders; aber sie murrten dennoch nicht, obschon wir auf diesem Wege Hitze und Durst zu erleiden bekamen, da es auf dieser Strecke keine Herberge gab und wenig gute Quellen. Spät am Abend hatten wir Essäa erreicht. Im Orte Essäa gab es der Herbergen in Menge, weil dieser Ort von vielen Fremden stets reichlichst besucht ward aus schon bekannten Gründen.
GEJ|8|192|2|0|Wir traten gleich in die nächste beste Herberge, und der Wirt nahm uns auch sogleich sehr freundlich auf und fragte uns, womit wir bedient sein möchten.
GEJ|8|192|3|0|Und Ich sagte: „So wir Brot, Wein und etwas Salz haben, dann haben wir schon, was uns not tut!“
GEJ|8|192|4|0|Und der Wirt ließ sogleich einen großen Tisch herrichten, ließ Brot, Wein und Salz aufsetzen in rechter Menge, und wir, als von der weiten Reise sehr ermüdet, setzten uns sogleich an den Tisch, und Ich nahm die etlichen Laibe Brot, segnete sie, zerbrach sie dann, und die Jünger verteilten sie dann unter sich und aßen und tranken. Und wir wurden alsonach bald gestärkt, und die Müdigkeit wich denn auch mehr und mehr von unseren Gliedern.
GEJ|8|192|5|0|Als wir uns so nach einer halben Stunde mit Brot und Wein recht wohl gestärkt hatten, da fragte Mich der Wirt, ob wir auch Fleisch und Fische essen möchten, da er alles das vorrätig habe.
GEJ|8|192|6|0|Ich aber sagte: „Wir alle haben uns nun hinreichend gestärkt und haben noch Brot und Wein genug auf dem Tische vor uns. Morgen werden wir schon auch Fische zu uns nehmen. So du Mir aber schon einen Gefallen erweisen magst, da entsende einen Boten in die Burg der Essäer, und der soll ihnen sagen: ,Der Herr ist in deiner Herberge mit Seinen Freunden angekommen!‘ Das genügt, und die Essäer werden alsbald hierher kommen mit vielem Jubel und großer Freude.“
GEJ|8|192|7|0|Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da begab er sich sogleich hinaus zu seinen Dienern und entsandte einen sogleich in die Burg, die diesmal noch offen war, weil eine Menge Fremder von allen Gegenden der Welt mit allerlei Kranken und auch mit etlichen toten Kindern angekommen waren und die Essäer baten und beschworen, daß sie ihnen helfen möchten. Die Essäer aber brachte das nun schon in Verzweiflung; denn je mehr sie den Bittenden erklärten, ihren Bitten für diesmal nicht nachkommen zu können und zu dürfen, desto mehr drangen die Fremden in sie. Und so blieb die Burg denn auch länger offen, und der vom Wirte entsandte Bote konnte ganz ungehindert zu den Essäern gelangen.
GEJ|8|192|8|0|Als er von einem der Ersten Essäer befragt wurde, was es gäbe, da sagte der Bote sogleich, was er zu sagen hatte, und entfernte sich dann auch sogleich wieder. Als der Essäer das vernommen hatte, verkündete er es sogleich seinen Brüdern, und aller Gesichter wurden sogleich heiter.
GEJ|8|192|9|0|Es hatten aber diese Botschaft auch mehrere Fremde vernommen, und sie fragten die nun ganz heiter gewordenen Essäer, was es gäbe, wer der angekündigte Herr sei, und wer seine Freunde wären.
GEJ|8|192|10|0|Die Essäer aber sagten: „Heute ist keine Zeit mehr, euch dies große Geheimnis zu verkünden; morgen aber wird alle Kreatur hoch erstaunen über die Macht und Weisheit dieses Einen Herrn!“
GEJ|8|192|11|0|Damit gaben sich die Fremden zufrieden, verließen die Burg und begaben sich in die Herbergen. Die Essäer aber eilten darauf selbst in die Herberge, in der Ich Mich befand, und als sie Meiner ansichtig wurden, da entstand ein großer und freudigster Jubel unter ihnen. Sie konnten Mir nicht genug danken, daß Ich nach Meinem Versprechen zu ihnen gekommen sei, und baten Mich denn auch, daß Ich Mich samt allen Meinen Jüngern mit ihnen in die Burg begeben möchte.
GEJ|8|192|12|0|Ich aber sagte: „Wo Ich einmal eingekehrt bin, da bleibe Ich denn auch! Bleibet lieber ihr hier bei Mir, – das wird euch heilsamer sein! In die Burg aber werde Ich weder heute noch morgen kommen; denn was Ich euch tun werde, das werde Ich hier offen tun vor aller Welt Augen und Ohren; denn alle sollen das große Zeugnis Gottes aus Meinem Munde vernehmen!“
GEJ|8|192|13|0|Darauf dankten Mir aus voller Brust die Essäer und sagten zum Wirte, daß er nun alles, was er als Bestes und Ausgezeichnetstes in seiner Herberge besitze, auf den Tisch bringen solle.
GEJ|8|192|14|0|Ich aber sagte: „Wozu das? Wir haben uns schon mit Brot und Wein hinreichend gestärkt; tut dafür lieber den armen Fremden etwas Gutes!“
GEJ|8|192|15|0|Sagte der Erste der Essäer: „Herr und Meister! Die Armen haben wir immer in großer Anzahl bei uns und versorgen sie auch, und die nun in diesem unserem Hauptorte sich befinden, sind auch schon versorgt, – Dich aber haben wir nicht immer bei uns, und so ist es denn auch nun recht und billig, daß wir unsere möglich größte Liebe, Freundschaft und Hochachtung vor allem Dir bezeigen!“
GEJ|8|192|16|0|Und Ich sagte darauf: „Da tuet nun immerhin, was euch das Herz gebietet!“
GEJ|8|192|17|0|Da ward es gleich sehr lebendig in der Herberge, und auf unserem Tische befanden sich bald gar köstlich zubereitete Fische und auch andere Speisen. Ich Selbst nahm nur etwas von den Fischen; aber Meine Jünger nahmen auch noch andere Speisen zu sich, sowie auch die Essäer.
GEJ|8|192|18|0|Und es ward auch noch Wein genommen, aber mit Ziel und Maß; denn der Wein war stark. Und so sagte Ich denn auch zu den Jüngern: „Sehet zu, daß ihr euch nicht betrinket! Denn ihr wisset es, daß die Trunkenheit ein Laster ist, denn sie schwächt Herz und Seele und erzeugt im Fleische den Geist der Unzucht und Geilheit. Eine betrunkene Seele wird schwer ins Reich Gottes eingehen!“
GEJ|8|192|19|0|Diese Worte wirkten bei den Jüngern und bei den Essäern, und alle genossen darauf Speise und Wein in aller Mäßigkeit.
GEJ|8|192|20|0|Es ward aber bei Tische viel geredet von allerlei guten Dingen und Begebenheiten, sowohl von seiten Meiner Jünger als auch der Essäer. Ich aber redete wenig, weil Ich Mich vor dem Wirte, seinen Leuten und auch vor mehreren Fremden, die aus Neugier auch in unser Speisezimmer kamen, nicht vor der Zeit zu sehr enthüllen wollte.
GEJ|8|192|21|0|Unter den Fremden aber befand sich auch ein junger Ägypter, der sich bei einem Falle von einem Baume vor ein paar Jahren einen Fuß gebrochen hatte und nun nur mit Hilfe der Krücken sich mühsam fortbewegen konnte und dabei große Schmerzen litt. Seine Eltern brachten ihn denn auch zu den Essäern und zahlten für ihn die Pflege, auf daß er von den Essäern geheilt werde. Er befand sich aber schon ein halbes Jahr in der Pflege; aber sein Übel blieb unverändert.
GEJ|8|192|22|0|Dieser Mensch betrachtete Mich unverwandt und faßte am Ende den Mut, Mich anzureden, und er bewegte sich zu Mir hin und bat Mich, ob er mit Mir nur wenige Worte reden dürfte.
GEJ|8|192|23|0|Und Ich sagte zu ihm: „Was willst du denn, das Ich dir tun soll?“
GEJ|8|192|24|0|Sagte der Junge: „O du guter Herr, als ich dich betrachtete eine Weile, da ward es wie glühend in meinem Herzen, und ich vernahm eine Stimme in mir, die da sagte: ,Nur dieser allein kann dir helfen!‘ Auf das faßte ich dann den Mut, mich sogleich an dich zu wenden und dich auch zu bitten, daß du mir helfest. Denn ich glaube fest, daß du allein mir Armem helfen kannst!“
GEJ|8|192|25|0|Sagte Ich: „Nun denn, – so du glaubst, da geschehe dir nach deinem Glauben! – Aber so du geheilt bist, da schweige heute davon, auf daß im Orte kein Auflauf geschehe!“
GEJ|8|192|26|0|Auf diese Meine Worte ward der junge Mensch plötzlich derart gesund und so völlig geheilt von seinem Übel, daß er seine Krücken ganz zur Seite stellte und frei im Zimmer sich bewegte.
GEJ|8|192|27|0|Er konnte sich aber vor lauter Dankgefühl nicht helfen und trat zu Mir hin und sagte mit Dankestränen in seinen Augen (der Geheilte): „O du wahrer und mächtigster Wunderheiland! Das geht denn doch nicht, daß ich dir für deine mir nun erwiesene Wohltat erst morgen danken soll! Mögen die hier Seienden einen oder keinen Auflauf machen, so gebietet es mir nun mein Herz, dir aus der vollsten Brust offen zu danken, daß du mich nun so urplötzlich geheilt hast.“
GEJ|8|192|28|0|Sagte Ich: „Lasse du das nun nur gut sein, denn dein stiller Dank im Herzen ist Mir um gar vieles lieber und angenehmer als tausend der lautest ausgesprochenen Worte. Morgen kannst du zu den Fremden, die dich kannten, schon auch laut werden.“
GEJ|8|192|29|0|Mit dem stellte sich der junge Mensch zufrieden und begab sich wieder an seinen früheren Tisch, und ließ sich nun auch Brot und Wein geben und ward voll heiteren Mutes; denn den Wein hatte er schon längere Zeit nach dem Rate der Ärzte meiden müssen.
GEJ|8|192|30|0|Es fiel aber dem Wirte, seinen Leuten und mehreren hier anwesenden Fremden diese plötzliche Heilung dennoch sehr auf, und sie befragten den Geheilten, was Ich etwa so ganz geheim ihm getan habe, wodurch er geheilt worden wäre.
GEJ|8|192|31|0|Er aber sagte (der Geheilte): „Waret ihr ja doch selbst hier im Zimmer und habt gehört, wie er zu mir also gesagt hat: ,Dir geschehe nach deinem Glauben!‘ Und ich ward bei diesen seinen Worten wie durch einen Zauberschlag geheilt und bin nun so gesund, wie ich es zuvor niemals war. Das ist alles, was ich weiß und euch sagen kann; wollt ihr ein mehreres wissen, da fraget ihn selbst!“
GEJ|8|192|32|0|Als der Wirt das vernommen hatte, da ging er hin zum Jünger Andreas, den er erkannt hatte, und fragte ihn um so manches über Mich; aber Andreas beschied ihn auch auf den nächsten Tag und machte Mich nicht ruchbar vor der Zeit.
GEJ|8|193|1|1|193. — Über den Ernst des Herrn
GEJ|8|193|1|0|Nun kam ein Fremder zu Mir und sagte: „Herr und Meister, kannst du jede Krankheit der Menschen also heilen, wie du nun die des jungen Ägypters geheilt hast, und von wem hast du diese wunderbare Art, die Krankheiten zu heilen, gelernt?“
GEJ|8|193|2|0|Sagte Ich: „Höre, du neugieriger Araber, Mir ist kein Ding unmöglich, und was Ich habe, das habe Ich von Meinem Vater im Himmel! Diesen Vater aber kennt niemand denn allein Ich, und Mich kennt auch niemand also ganz, wie Mich da kennt Mein Vater! – Mit dem begnüge dich, und frage Mich um nichts Weiteres, denn du und dein Stamm seid noch ferne vom Gottesreich! Denn euer Himmel sind eure Weiber und Sklavinnen; und die solchen Himmel für den Himmel preisen, die sind noch ferne von Mir und Meinem Vater!“
GEJ|8|193|3|0|Auf diese Worte schwieg der Araber und fragte Mich um nichts Weiteres.
GEJ|8|193|4|0|Als die anwesenden Essäer aber merkten, wie Ich den Araber so ganz kurz abgefertigt hatte, da dachten sie, ob Ich etwa nicht wohl gelaunt wäre, und ob Mich etwa jemand beleidigt habe.
GEJ|8|193|5|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Wie möget ihr solches von Mir denken, da ihr Mich nun doch kennet? Ich bin nicht wie ein schwacher, mit allerlei Leidenschaften behafteter Mensch, sondern Ich bin in diese Welt gekommen, um allen Menschen zu helfen, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben und handeln werden; und so bin Ich nun, wie Ich war, bevor noch diese Erde erschaffen war, und liebe auch die Menschen, die Mich noch nicht kennen und auch noch nie erkannt haben, und es soll zur rechten Zeit auch ihnen das Evangelium gepredigt werden. Wer sich danach kehren wird, der wird das ewige Leben überkommen; wer aber das Evangelium nicht annehmen wird, der wird verbleiben im alten Gerichte und im alten Tode.
GEJ|8|193|6|0|Sorget sonach in der Folge, daß auch die vielen Toten, die zu euch kommen und bei euch allerlei Hilfe suchen, Meine Lehre überkommen und im Geiste erwachen und lebendig werden mögen, und ihr werdet ihnen dadurch wahrhaft helfen! Ich will aber, daß alle Menschen selig werden sollen! Und so Ich das will und auch darum in diese Welt gekommen bin, um allen Menschen das Tor zum ewigen Leben zu öffnen, so bin Ich nicht heute so und morgen anders, sondern stets gleich wie der Vater im Himmel, der in Mir ist, lebt, schafft, richtet und erhält.
GEJ|8|193|7|0|Da Ich es aber mit allen Menschen vollernstlich wohlwill, ohne Beschränkung ihres freien Willens, so kann Ich mit ihnen auch nicht tändeln und scherzen, sondern nur ernst verkehren und ihnen treu und wahr zeigen durch Lehre und Tat die Wege, auf denen sie zum ewigen und wahren Leben ihrer Seelen gelangen können, so sie es wollen.
GEJ|8|193|8|0|Wenn Ich aber in solchen Absichten zu den Menschen in diese Welt gekommen bin, wie sollte Ich dann dabei, gleich einem Menschen, jemals übel gelaunt sein, und wer kann Mich beleidigen? Wer Mich erkannt hat und an Mich glaubt und nach Meiner Lehre tut, der wird Mich sicher nicht beleidigen; wer Mich aber nicht erkannt hat oder nicht erkennen will, so er Mich auch erkennen könnte, der kann Mich nicht beleidigen, er beleidigt nur sich selbst, da er seinem eigenen Leben zum Feinde wird.
GEJ|8|193|9|0|Ich aber suche ja nur die seelisch und leiblich Kranken, um ihnen zu helfen, und nicht die Gesunden, die keiner Hilfe bedürfen. Welch einer Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit würde man den Arzt zeihen, der die Kranken darum haßte, verfolgte und züchtigte, weil sie eben Kranke sind?! Darum besinnet euch eines Besseren über Mich, und denket, daß Der, welcher nun also zu euch redet, ein wahrer und gerechter Arzt ist für Seele und Geist und im Notfalle auch für den Leib.“
GEJ|8|193|10|0|Als die Essäer das von Mir vernommen hatten, baten sie Mich um Vergebung darum, daß sie so gemein menschlich von Mir gedacht hatten.
GEJ|8|193|11|0|Und die Fremden sagten unter sich: „Das ist doch ein sonderbarer Wunderarzt! Der redet nicht wie irgend ein Mensch, sondern wie ein Gott! Den muß man wohl hören und sich nach seinen Worten richten!“
GEJ|8|193|12|0|Ich aber sagte zu den Essäern: „Warum bittet ihr Mich denn nun um Vergebung, so Ich es euch zuvor doch klar genug gezeigt habe, wie und warum Mich kein Mensch jemals beleidigen kann? Ich sage es euch: Vergebet euch selbst eure Sünden und Dummheiten gegenseitig, erwecket eure Liebe zu Gott und zum Nächsten, so werden euch auch von Mir aus eure Sünden vergeben sein!
GEJ|8|193|13|0|So aber jemand ein Narr, ein Blinder und ein Stummer ist, wird ihm das zu etwas nütze sein, so Ich zu ihm sagte: Ich vergebe dir deine Narrheit, dir deine Blindheit und dir deine Stummheit? Nein, das wird keinem zu etwas nütze sein; denn es wird dabei dennoch der Narr ein Narr, der Blinde ein Blinder und der Stumme ein Stummer verbleiben. So Ich aber den Narren von seinem Übel und den Blinden und den Stummen von ihrem Übel heile durch Wort, Rat und Tat, so wird allen dadurch wahrhaft geholfen sein.
GEJ|8|193|14|0|Wer demnach eine Torheit begeht, der erkenne die Torheit, lege sie ab und begehe sie nicht mehr, und sie wird ihm vergeben sein auch im Himmel; aber solange er das nicht tut und dennoch von Zeit zu Zeit Gott um die Vergebung seiner Sünden bittet, so werden sie ihm nicht vergeben werden eher, als bis er durch die volle Ablegung seiner alten Torheiten sich selbst seine Sünden vergeben hat. Ein jeder kehre daher zuerst vor seiner Tür, dann kann er auch zu seinem Nächsten gehen und zu ihm sagen: ,Siehe, ich habe nun den Unflat von mir entfernt und bin mit mir in der Ordnung; lasse denn auch, daß ich selbst nun deine Hausflur reinige dadurch, daß ich alles dir zugefügte Unrecht auf die Weise gutmache, wie du es wünschest!‘ Ja, wenn die beiden Nachbarn also ihre Sache gutmachen und freundschaftlich schlichten, dann wird sie auch im Himmel gutgemacht und geschlichtet sein! Wenn aber nicht also, dann nützet den Himmel um die Vergebung seiner Sünden bitten nichts!“
GEJ|8|194|1|1|194. — Die rechte Sündenvergebung
GEJ|8|194|1|0|(Der Herr:) „Wer da gut sehend ist, der kann wohl zu seinem Bruder sagen, so er in dessen Auge einen Splitter erschaut: ,Bruder, lasse es, daß ich dir den Splitter aus deinem Auge nehme!‘ Aber einer, der selbst nicht nur einen Splitter, sondern gar einen ganzen Balken von Sünden und Torheiten im eigenen Auge trägt, der sehe, wie er den Balken aus seinem Auge ziehen mag! Ist sein Auge rein, dann erst kann er auch seinem Bruder den Splitter aus dem Auge nehmen helfen.
GEJ|8|194|2|0|Wer da lehrt seine Mitmenschen, der lehre sie nicht nur weise und feingefügte Worte, wie das auch tun die Pharisäer und andere falsche Propheten, sondern vielmehr durch seine Taten und Werke, so wird er seine Mitmenschen zur wahren und lebendigen Befolgung bewegen! So er aber so und so lehrt, selbst aber seiner Lehre zuwiderhandelt, so gleicht er einem Wolfe in Schafspelzkleidern, der nur darum die kurzsichtigen und leichtgläubigen Schafe um sich vereinigt und ihnen weise Lehren gibt, um sie sich für seinen Rachen gefügig zu machen.
GEJ|8|194|3|0|Wird es solch einem Wolfe von einem Lehrer wohl etwas nützen, so er, heimlich sein Unrecht einsehend, zu Gott sagt: ,Herr, vergib mir meine Sünden; denn ich habe an Deinen Schafen gesündigt oftmals!‘, bleibt aber dabei dennoch der alte Wolf? Oh, dieses Bitten und Beten wird ihm gar nichts nützen; denn er ist ja noch der alte Wolf! Er lege den Wolf ganz ab und werde ein Lamm, dann hat er sich selbst seine Sünden vergeben, und sie werden ihm dann im Himmel vergeben sein!
GEJ|8|194|4|0|Wenn dein Bruder dich beleidigt und dir Übles zugefügt hat, so hast du durch die Liebe in deinem Herzen das offenste Recht, deinem Bruder die an dir begangenen Sünden zu vergeben; und so er dann auch freundlich zu dir kommt und dir dankt für deine Liebe und dir Gutes zu tun ernstlich verspricht, so sind ihm seine an dir begangenen Sünden auch im Himmel vergeben, auch dann, so du dich von ihm nicht entschädigen läßt.
GEJ|8|194|5|0|Sieht der Bruder sein an dir begangenes Unrecht aber nicht ein und verharrt in seiner Bosheit, da wird wohl deine Liebe und Geduld dir im Himmel hoch angerechnet werden, aber dem Bruder werden seine Sünden bleiben, solange er sie sich selbst nicht gänzlich vergibt, was dadurch geschehen kann, daß er sie völlig als Sünden erkennt, sie an sich verabscheut und vollends ablegt und nicht mehr begeht.
GEJ|8|194|6|0|Wie aber, wenn also und unmöglich anders, können einige von euch Essäern zu den Menschen sagen: ,Wir sind für die Menschen von dem höchsten Gott erwählt zu Seinen Stellvertretern und haben das Recht, den Menschen die uns einbekannten Sünden und Laster, als auch im Himmel gültig, zu vergeben, so der Bekenner die von uns ihm auferlegten Bußen verrichtet und dies und jenes Opfer bringt!‘ – auf welch letzteres vor allem gesehen wird?! So Ich Selbst aber keinem Menschen die Sünden zuvor vergeben kann, als bis er sie sich selbst auf die euch gezeigte Art vergeben hat, wie könnet dann ihr an Gottes Statt den Menschen gegen Opfer jene Sünden vergeben, die sie an euch nie begangen haben?!
GEJ|8|194|7|0|Ja, ihr könnet als rechte Ärzte von jenen Menschen, die bei euch Hilfe suchen, schon wohl ganz ernstlich auch verlangen, daß sie euch bekennen alle ihre Sünden und Gebrechen, auf daß ihr ihnen dann einen rechten Rat fürs fernere Leben und mit dessen genauer Befolgung auch die gewünschte Heilung der Seele und des Leibes verschaffen könnet. Doch auch in diesem Falle seid keine sündenvergebende Stellvertreter Gottes, sondern nur helfende Brüder und Freunde der an Leib und Seele leidenden Mitmenschen, denen dann auch alle Sünden im Himmel vergeben sein werden, so sie, euren Rat genau befolgend, sich selbst ihre Sünden völlig vergeben haben werden!
GEJ|8|194|8|0|Darum, wollt ihr in der Folge den Menschen wahrhaft helfen, so lehret sie vor allem, wie sie sich vor allem selbst zu helfen haben; denn ohne eine ernst vorangehende Selbsthilfe ist auch keine Hilfe von Gott aus möglich! Vorzugsweise aber gilt das für die durch allerlei Sünden schwach und krank und oft schon ganz tot gewordene Seele des Menschen, die vermöge ihres freien Willens und rechten Verstandes von Gott aus auf sich selbst angewiesen ist und sich selbst von allen Schlacken der Materie und deren Gerichtes reinigen muß, auf daß sie dann auch vom Geiste gereinigt und gestärkt werden kann.
GEJ|8|194|9|0|Leget daher alle eure alten Torheiten und leeren Trügereien ab, und machet euch frei von ihnen; reiniget dadurch eure Seelen, und Ich werde dann zu euch auch sagen können: ,Nun seid ihr auch rein vor Mir!‘ Ich werde euch dann stärken durch Meinen Geist, der euch dann beleben wird zur höheren Tatkraft und euch zeihen wird zu wahren und vollkommenen Menschen.
GEJ|8|194|10|0|So ihr nun aber das wisset und es vernommen habt aus Meinem Munde, so handelt auch danach; denn sonst nützen euch diese Meine wahrsten und lebendigsten Worte ebensowenig, als den Menschen eure leeren und unwahren und toten Worte jemals etwas genützt haben.
GEJ|8|194|11|0|Es sind Meine Worte wohl die Kraft und das Leben aus Gott Selbst, aber sie werden erst zu eurem Lebensanteile durch euer Handeln danach. Seid darum allzeit wahre Täter und nicht pure Hörer des Wortes, das Ich zu euch geredet habe, so werden euch alle eure vielen Sünden vergeben werden auch im Himmel, und Ich werde euch dann allzeit helfen können! – Habt ihr das wohl begriffen?“
GEJ|8|194|12|0|Sagte der Erste und Oberste der Essäer: „O Herr und Meister in Deinem Gottgeiste von Ewigkeit! Wer sollte das auch nicht begriffen haben? Denn diese Wahrheit ist zu sonnenhelle leuchtend, und wir haben in ihrem Lichte nun erst vollends erkannt, was der Mensch sein und wie er leben und handeln soll, um ein wahrer Mensch zu sein nach dem Willen und nach der Ordnung Gottes. Wir werden aber darum auch von nun an nicht nur die Hörer, sondern auch die lebendigsten Täter Deines heiligen Wortes sein und verbleiben bis ans Ende der Zeiten der Erde.
GEJ|8|194|13|0|Diese unsere alte Sündenburg soll materiell und geistig vom Grunde aus niedergerissen und zerstört werden, und wir werden an ihrer Statt eine von allen Seiten freie und offene aufmauern. In Zukunft sollen uns nicht mehr unserer alten Burg feste Mauern vor allerlei Feinden schützen, sondern allein die Kraft und ewige Macht Deines Gotteswortes!
GEJ|8|194|14|0|Und sollte je irgend Deine Lehre unter den Menschen durch allerlei falsche Lehrer und Propheten verunlautert werden, so soll sie in unseren freien Mauern und Herzen dennoch so rein verbleiben im Sinne, Verständnisse, Geiste und voller Tat, als wie göttlich rein sie aus Deinem heiligen Munde in unser Herz und unsere Seele gedrungen ist. Du, o Herr und Meister, aber sprich Dein allmächtiges Amen dazu, und wir Essäer als künftige freie Maurer und Erbauer Deiner Gottesburg unter den Menschen auf Erden werden auch die treuesten Erhalter derselben verbleiben!“
GEJ|8|194|15|0|Sagte Ich: „Ja, dazu spreche Ich das große Amen aus dem Munde des Vaters, der Sich in Meiner Person Selbst zu euch aus den Himmeln herabgesandt hat, und morgen sollet ihr schon die Wirkung dieses von Mir ausgesprochenen großen Amens verspüren! Doch für heute wollen wir des Tages Werk als beendet ansehen. Wer aber noch etwas zu fragen hat, der kann fragen, und Ich werde ihm die Antwort geben.“
GEJ|8|195|1|1|195. — Das Verlangen des Arabers
GEJ|8|195|1|0|Hier trat abermals ein Araber zu Mir und fragte, ob auch den Arabern ihre sicher vielen Sünden vergeben werden könnten, wenn auch sie danach täten, wie Ich das die Essäer nun gelehrt habe.
GEJ|8|195|2|0|Sagte Ich: „Jeder Mensch kann die Taufe des Geistes aus Gott überkommen, so er den allein wahren und ewigen Gott erkennt, an Ihn lebendig glaubt, Ihn dann auch über alles liebt und den Nebenmenschen wie sich selbst und also handelt, wie ihm das aus dem Munde Gottes geoffenbart ist. Aber wer die Weiber mehr liebt als Gott, der bleibt in seinen Sünden!“
GEJ|8|195|3|0|Als der Araber samt mehreren hier anwesenden Stammesgenossen solches aus Meinem Munde vernommen hatte, da stutzte er anfangs, ermannte sich aber bald und sagte: „Ja, du allerweisester und mächtigster Herr und Meister hast ganz einleuchtend gesprochen, und ich erkenne die Wahrheit deiner Rede; aber es ist ihr in unserem Erdenleben nicht so leicht nachzukommen, als wie man sich die Sache auf den ersten Augenblick vorstellt. Gott über alles lieben und an Ihn sicher auch lebendig glauben und darum auch seinen Nächsten lieben mehr denn sich selbst, wäre eben etwas ganz leichtes und zugleich höchst Beseligendes, so zu all dem das rechte und wahre Gotterkennen nicht vorausgehen müßte! Wie aber kann man einen allein wahren Gott erkennen und Ihn sich also vorstellen, wie Er ist, und wo Er ist?
GEJ|8|195|4|0|Wir sind von Geburt an Heiden, wie uns die Juden nennen, und haben von einem allein wahren Gott, außer von irgendeinem Juden in sehr unverständlichen Worten, niemals etwas vernommen, und so sind wir denn auch gleichfort bei der Lehre stehengeblieben, die wir von unseren Alten überkommen haben, und leben in den Sitten und Gebräuchen fort, in denen wir von Geburt an erzogen worden sind, und dafür kann uns irgend nur ein allein wahrer Gott nicht zur Verantwortung ziehen.
GEJ|8|195|5|0|Daß wir unsere Weiber sehr lieben, das ist wahr. Aber was sollen wir tun? Sie sind einmal da und fordern mit Mund, Gebärde, Gestalt und Natur Liebe von uns, und unsere Natur selbst gebietet uns, die schönen und zarten Weiber zu lieben, und so hätten wir es wohl für eine Sünde gehalten, die Weiber, besonders so sie noch jung und schön sind, nicht zu lieben; aber irgend einen allein wahren Gott für Sich über alles zu lieben, wäre uns gar nie möglich gewesen, weil für uns außer der Sonne und außer dem Lichte eines jeden Feuers nie einer als für uns erkenn- und wahrnehmbar bestanden hat.
GEJ|8|195|6|0|Wir haben auch Priester und allerlei außerordentliche Dinge zu bewerkstelligen imstande seiende Magier, die da sagen, daß sie solches durch geheime Kräfte der großen Natur und ihrer Geister bewirken können und darum auch unsterblich seien. Diese Priester und Magier aber wissen selbst von irgend nur einem wahren Gotte ebensowenig wie wir, kennen Ihn nicht, können darum an Ihn auch nicht glauben und Ihn noch weniger über alles lieben; denn was für uns Menschen so gut wie gar nicht da ist, das können wir denn auch unmöglich über alles lieben.
GEJ|8|195|7|0|Die Sonne als die größte Wohltäterin der Erde und ihrer Wesen aber ist da, und wir beten sie an, so wie auch das Feuer, ohne das ein Menschenleben so wenig bestehen könnte wie ohne Wasser und Brot. Und so müssen wir auch die Weiber lieben, weil sie da sind, uns die Menschen zur Welt bringen und sie als Mütter in der Kindheit mit aller Liebe, Sorgfalt und Zartheit pflegen! Sie sind gewisserart die Schöpferinnen der Menschen und haben mit ihnen viele Not und eine große Mühe und verdienen darum auch alle unsere Liebe und Achtung.
GEJ|8|195|8|0|Und das alles haben wir schon von Kindheit an gelernt und dann auch mit unserem Verstande eingesehen, daß sich die Sache also verhält, und lebten darum auch nach solcher Lehre, wofür wir nicht können, wenn es also nicht recht war.
GEJ|8|195|9|0|Wenn es aber irgend nur einen wahren Gott schon von Ewigkeit her gegeben hat, der Sich den Juden zu erkennen gegeben hat, so hätte Er Sich ja wohl auch uns Arabern, den Persern, den Indiern, den Ägyptern, Griechen und Römern und noch vielen anderen Völkern können zu erkennen geben, was meines Wissens aber bis jetzt noch nie der Fall war. Und so kann es uns ein für uns nie da gewesener Gott nicht zur Sünde rechnen, so wir nicht Seinem irgendwo und – wann geoffenbarten Willen gemäß gelebt und gehandelt haben.
GEJ|8|195|10|0|Mache uns nun Du, mächtigster Herr und Meister, mit dem einen, wahren Gott bekannt, lasse uns Ihn also erkennen, daß in uns über Sein Dasein kein Zweifel mehr haften bleiben wird, so werden wir an Ihn nicht nur lebendig glauben, sondern Ihn auch über alles lieben und Seinen Willen, so er uns bekanntgegeben würde, sicher auch allergetreust erfüllen! Aber solange das nicht geschieht, können wir einen allein wahren Gott nicht über alles lieben und Seinen uns nie bekanntgegebenen Willen auch nicht erfüllen.
GEJ|8|195|11|0|Bist du selbst der eine und allein wahre Gott, wie das aus so manchem deiner Worte, wie auch aus deiner Tatkraft nicht zu unklar zu entnehmen war, so sage und zeige uns das noch heller, und wir werden an dich lebendigst glauben, dich über alles lieben und gleich diesen Essäern deinen uns bekanntgegebenen Willen auf das genauste erfüllen! Aber das von mir Verlangte muß zuvor geschehen!“
GEJ|8|195|12|0|Sagte Ich: „Du hast nun ganz klug geredet, und es wird morgen deinem Verlangen auch Genüge geleistet werden! Aber deine Behauptung, es habe Sich Gott euch bis jetzt noch nie geoffenbart, ist nicht richtig! Gott hat Sich auch euren Voreltern ebenso wahr, treu und offen geoffenbart und ihnen kundgetan Seinen Willen; aber ihrer Nachkommen stets wachsende Welt- und Selbstliebe ließ das reine Erkennen des nur einen wahren Gottes gar bald sinken, schwächer und schwächer werden, und das Handeln nach dem geoffenbarten Willen Gottes sank denn auch mit, weil es den Menschen, die sich stets zur Welt hinaus kehrten, zu unbequem und zu sauer vorkam.
GEJ|8|195|13|0|Da traten denn auch bald solche Menschen auf, die für sich gar keinen Glauben hatten, aber als Arbeitsscheue auf Kosten der Nebenmenschen in der Welt dennoch so gut und ansehnlich als möglich leben wollten, und lehrten die leichtgläubigen Menschen das, was diesen mundete und sie mehr unterhielt als das Erkennen des einen wahren Gottes und das Handeln nach Seinem Willen; denn das Handeln nach dem Willen Gottes verlangt eine starke Selbstverleugnung, ohne die niemand Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben kann.
GEJ|8|195|14|0|Sieh, so stehen der Wahrheit nach die Sachen; aber wie du meinst, daß Sich der allein wahre Gott den Juden allein nur geoffenbart habe, ist nicht richtig!“
GEJ|8|196|1|1|196. — Gottes Offenbarungen bei den Völkern
GEJ|8|196|1|0|(Der Herr:) „Es gibt kein Volk auf der ganzen Erde, dem sich Gott nicht zur rechten Zeit geoffenbart hätte; aber dann hätten nach dem Willen Gottes die Eltern ihre Kinder fortwährend also erziehen sollen, daß diese unverwandt im lebendigen Glauben an den einen, wahren Gott geblieben wären und dadurch auch im Handeln nach dem erkannten Willen Gottes. Aber da nur zu bald den Menschen die rechte Demut und die Selbstverleugnung aus der Liebe zu Gott, wie Ich das schon gesagt habe, zu unbequem ward, so ließen sie davon ab und gingen in die Welt- und Selbstliebe über, was ihre Seelen derart verfinsterte und mit der toten Materie vereinte, daß sie alles Reingeistigen bar wurden; und es haben dann die falschen Propheten ein leichtes Spiel gehabt, die ohnehin schon sehr verfinsterten Menschen noch finsterer zu machen, als sie durch ihre Trägheit schon von der Geburt an waren.
GEJ|8|196|2|0|Denn ein jeder Mensch ist infolge dessen, daß er einen völlig freien Willen hat und sich selbst zu bestimmen und geistig auszubilden hat, in die Trägheit von Gott aus gelegt, aber also, daß er dieselbe mit seinem Willen besiegen kann, was ihn anfangs freilich wohl recht viele Mühe und ebenso viele Selbstverleugnung kostet.
GEJ|8|196|3|0|Wird der Mensch schon von seiner Kindheit an zur rechten Tätigkeit angehalten und erzogen im Gehorsam, in der Demut, Sanftmut und in der rechten Selbstverleugnung, so wird er in der reinen und wahren Erkenntnis Gottes und in der Liebe zu Ihm bald stark und mächtig werden, und Gott wird Sich ihm dann unbeschadet seiner Willensfreiheit, von neuem offenbaren können, und es wird dann heller und lebendiger in der Seele; aber da die Menschen die ihnen angeborene Trägheit nicht bekämpfen und besiegen lernen, weil dazu schon die Eltern zu lässig sind, so ersticken die Menschen schon lange eher in der ihnen notwendig angeborenen Trägheit, bevor sie nur einen Versuch gemacht haben, dieselbe in sich zu bekämpfen und zu besiegen.
GEJ|8|196|4|0|Und seht, so geht denn ein Volk ums andere in die Nacht des Lebens über und verliert alles innere, geistige Lebenslicht! Wo aber das verloren ist, wie kann da eine neue Offenbarung Platz greifen? Da ist es von Gott aus weiser, solch ein Volk ohne alle weitere Offenbarung zu lassen und es durch die bitteren Folgen, die aus der Trägheit entstehen müssen, zu erziehen und in eine Tätigkeit zu versetzen; denn die Menschen werden dann erst durch die Not zu irgendeiner nützlichen Tätigkeit genötigt und können dadurch wieder die Fähigkeit erlangen, in der sich ihnen Gott zeigen und von neuem offenbaren kann, wie das nun soeben der Fall ist.
GEJ|8|196|5|0|Und mit dem von Mir euch allen, Heiden und Juden, nun Gezeigten werdet ihr wohl einsehen, daß Gott kein Volk dieser Erde ohne eine Offenbarung gelassen hat; wenn es mit der Zeit aber dennoch um dieselbe gekommen ist, so war es auf die gezeigte Weise nur allzeit selbst schuld daran. Und du, blinder Araber, sage Mir nun, ob du das nun auch mit deinem scharfen Weltverstande wohl begriffen hast!“
GEJ|8|196|6|0|Sagte der Araber: „Herr und Meister, ich habe das wohl begriffen, und es verhält sich die Sache auch genau also; aber so schon die Trägheit das dem Menschen angeborene Übel ist, das er mit der Kraft seines freien Willens zu bekämpfen und zu besiegen hat, so solle ihm aber Gott dabei doch auf eine solche Art behilflich sein, daß der in sich selbst schwache Mensch wenigstens in einer gewissen Zeit seines Lebens leichter ein Meister und Herr seiner ihm angeborenen Trägheit werden könnte! Denn einen Menschen eher in seiner Trägheit ganz zugrunde gehen lassen, als ihm eine Hilfe zuteil wird, finde ich mit einer göttlichen Liebe, Weisheit und Erbarmung nicht so ganz recht vereinbar!“
GEJ|8|196|7|0|Sagte Ich: „Jetzt siehst du das freilich wohl noch nicht ein; wenn du aber selbst im Geiste erweckt wirst, dann wirst du auch den Grund von all dem einsehen und wohl begreifen. Aber da es nun schon um die Mitte der Nacht geworden ist und Ich und Meine Jünger eine weite Reise gemacht haben, so wollen wir unseren Gliedern eine nötige Nachtruhe gönnen; und somit ist das Tagewerk für heute beendet!“
GEJ|8|196|8|0|Als der Wirt solches von Mir vernahm und Ich Mich vom Tische erhob, da führte er Mich samt Meinen alten Jüngern in ein Schlafgemach, allwo wir uns sogleich zur Ruhe begaben.
GEJ|8|196|9|0|Die andern Jünger, die Essäer und die Fremden aber blieben noch ein paar Stunden beisammen, und es ward noch vieles von Meinen Taten und Lehren gesprochen. Und die Araber wurden gläubiger und fingen an einzusehen, wer Ich sei. Mit der Weile aber überfiel sie alle der Schlaf, und sie hielten ihre Nachtruhe am Tische.
GEJ|8|197|1|1|197. — Vom Feiertaghalten. Fragen und Bedenken der Junger hinsichtlich der Essäer
GEJ|8|197|1|0|Als der Morgen kam, da war Ich mit den Zwölfen schon wieder auf den Füßen und sagte zu Petrus: „Was dünket dich, da heute der Vorsabbat ist, auf den die hier in diesem Orte wohnenden Altjuden große Stücke halten, – soll Ich heute arbeiten zum Wohle der Menschen, oder sollen wir diesen Tag über feiern?“
GEJ|8|197|2|0|Sagte Petrus: „Herr, wie soll ich als ein schwacher, sündiger Mensch Dir da einen Rat geben können? Denn Du allein weißt es am besten, was da Rechtens ist! Es ist aber die Sonne noch nicht aufgegangen, und Du kannst mit Deinem Willen nun alles verrichten, bevor noch die Sonne diesen Ort beleuchten wird, und wir können dann, um den Altjuden kein Ärgernis zu geben, diesen Vorsabbat feiern bis zum vollen Untergange. Das Reden und Lehren aber verbietet dieser Tag ja nicht, obschon die Juden auf ihn darum große Stücke halten, weil sie des Glaubens sind, daß eben dieser Tag des Moses Geburtstag sei.“
GEJ|8|197|3|0|Sagte Ich: „Das eben ist es, warum Ich mit euch nun rede, und frage denn auch euch, ob ihr selbst auf des Moses Tag etwas haltet?“
GEJ|8|197|4|0|Sagte Petrus: „Herr, wir halten auf die Lehre Mosis, aber auf seinen Tag selbst halten wir nichts, da es ja doch nicht erwiesen ist, ob das wohl des großen Propheten Tag ist!“
GEJ|8|197|5|0|Sagte Ich: „Es ist zwar dieser Tag wohl der Tag des Propheten, aber das soll uns nicht im geringsten beirren, eben heute so tätig als möglich zu sein, um die alten Traumdeuter aus ihrem Wahne zu wecken und ihnen ihre Torheiten anschaulich zu machen. Gehen wir nun wieder ins Freie und lassen alle die andern noch ruhen, und wir werden sehen, was sich heute alles wird machen lassen!“
GEJ|8|197|6|0|Damit waren die Jünger zufrieden, und wir begaben uns sogleich ins Freie auf einen Hügel, von dem aus man ganz Essäa übersehen konnte und die weitläufigen Mauern und Burgen der Essäer. Von dem Hügel aus sah man auch die Straßen, die von vielen Seiten nach Essäa führten, und auf den meisten sah man viele Menschen nach diesem Orte ziehen, wo sie Hilfe suchten. Und so kam bald viel Volk in diesen Ort; doch unsere Herberge ward für uns frei erhalten.
GEJ|8|197|7|0|Wir betrachteten eine Weile die Zuzüge der Menschen nach dem Orte, und es kam das Weiterkommen den Jüngern sehr saumselig vor.
GEJ|8|197|8|0|Und der Jünger Simon und Jakobus der Größere sagten: „Herr, mit solch einer Vorwärtsbewegung brauchen diese Menschen von da bis nach Jerusalem sieben bis acht volle Tage zu wandeln, während wir mit dem Zwischenaufenthalt nur zwei Tage bis hierher benötigt haben. Wie konnten denn wir so bald hierher kommen, und andere Menschen, die sich dazu noch von den verschiedenen Lasttieren tragen lassen, brauchen dazu eine auffallend längere Zeit? Sind wir denn zuweilen von unsichtbaren Mächten getragen worden?“
GEJ|8|197|9|0|Sagte Ich: „Es dürfte bei uns auf den einsamen langen Wegstrecken wohl dies der Fall gewesen sein, wie das auch der Fall war, als wir das weite Gebiet am Euphrat und das obere Syrien durchzogen haben; denn mit der gewöhnlichen Fußbewegung hätten wir eine viel längere Zeit zu jener Reise benötigt. Wenn ihr einst in Meinem Namen reisen werdet, so werdet ihr euch auch mit größerer Schnelligkeit bewegen können über öde und weite Erdstrecken, allwo keine Orte sind und keine Menschen wohnen.“
GEJ|8|197|10|0|Hierauf fragte Andreas, sagend: „Herr, wenn ich die Menschen, die schon seit sicher mehreren Tagen sich hier aufhalten der Hilfe wegen, zu all diesen Neuzuziehenden zusammenzählen könnte, so möchte das wohl die Zahl von mehreren Tausenden sein! So Du nach Deiner Liebe und Erbarmung da jedem helfen wirst, der bei Dir Hilfe suchen wird, so werden wir hier viele Tage zu tun bekommen; denn diese hier Hilfe suchenden Zuzüge sind nach meiner Erfahrung beinahe alle Tage gleich. Es wird den Essäern dafür immer auch schwer zu helfen sein; denn sie sind zu einem allverbreiteten Weltrufe gekommen, den nun auf einmal zu vertilgen eine schwere Sache sein wird.“
GEJ|8|197|11|0|Sagte Ich: „Du denkst und sprichst wohl nun noch also wie ein gewöhnlicher Mensch! Hast du denn nicht vernommen, was Ich gestern dem Obersten der Essäer verheißen habe? Habe Ich euch allen, als Ich euch einmal vor Mir in die Welt sandte, doch auch die Macht erteilt, die Kranken zu heilen, die bösen Geister auszutreiben und den Armen das Evangelium zu predigen, – und ihr habt euch von der Wahrheit der von Mir empfangenen Macht vielfach tatsächlich überzeugt, da ihr durch das Auflegen eurer Hände in Meinem Namen alle Krankheiten habt heilen können, bis auf den mondsüchtigen Jüngling wegen Mangel des rechten Glaubens.
GEJ|8|197|12|0|So Ich euch aber solch eine Macht habe erteilen können, soll Ich sie nicht auch den Essäern erteilen können, da sie sich doch allerernstlichst vorgenommen haben, Mir auf Erden eine Himmelsburg, frei von allen Weltinteressen, aufzumauern? So sie aber eine solche Macht von Mir überkommen werden, und eigentlich schon überkommen haben, so werden sie auch nicht nötig haben, ihren alten Weltruf zu vertilgen, wohl aber selben in ein anderes und wahres Licht zu stellen; und wir werden uns demnach auch nicht lange hier aufzuhalten nötig haben, um etwa allen diesen vielen Hilfesuchenden – als etwa jedem einzeln – zu helfen. Es wird ihnen schon damit auch von Mir aus geholfen werden, so ihnen die Essäer in Meinem Namen allzeit werden helfen können. Und siehe, da war deine Sorge eine eitle!
GEJ|8|197|13|0|Es mögen nun nur recht viele eben bei dieser Gelegenheit in diesen Ort kommen, damit sie von der neuen und wahren Einrichtung dieses Ortes Kenntnis erhalten! Durch sie wird dann dieser Ort bald und leicht und weit- und breithin im wahren Lichte bekannt werden, und es wird gar nicht nötig sein, von da in alle Weltgegenden Boten auszusenden, die die irrwähnigen Menschen von ihrem alten Aberglauben zu befreien hätten. Wenn die Sache sich aber also und nicht anders verhalten wird, so haben wir von den vielen Zuziehenden eben gar nichts zu besorgen.“
GEJ|8|197|14|0|Sagte hierauf Petrus: „Herr, das, was Du nun geredet hast, ist klar, und wir alle sind von der vollen Wahrheit mehr denn lebendigst überzeugt, daß es also gehen wird! Aber wie wird es mit der Erweckung der vielen toten Kinder und anderer Menschen aussehen? Denn werden diese nicht erweckt, so werden die Essäer dennoch ihre alte Not haben; werden sie aber, was Dir freilich möglich ist, erweckt, so werden dann bald noch mehrere mit ihren Toten hierherziehen und diese nun bekehrten Essäer nötigen, ihre Toten wieder zu erwecken. – Wie wird nun das zu verhindern sein?“
GEJ|8|197|15|0|Sagte Ich: „Auch dafür wird gesorgt werden, und ihr alle habt euch darum nicht zu sorgen und zu kümmern! Es ist aber gut, daß dieser Ort so ganz abgeschieden von anderen Orten ist und sich darum hier auch so manches wird tun lassen, wozu andere Orte in dieser Zeit nicht geeignet gewesen wären. Und so wird sich auch dies, aber zum letzten Male, mit den Toten tun lassen. Wie und auf welche Weise, das weiß schon Ich, und ihr habt euch denn auch darum nicht zu kümmern!“
GEJ|8|197|16|0|Mit dem waren Meine alten Jünger denn auch zufrieden; nur der Judas Ischariot wollte noch einiges bemerken.
GEJ|8|197|17|0|Aber es fiel ihm gleich unser Thomas ins Wort, sagend: „Der Herr hat geredet, und darauf haben wir erst dann zu reden, wenn wir von Ihm gefragt werden, sonst aber haben wir nur zu schweigen und zu horchen!“
GEJ|8|197|18|0|Sagte Judas Ischariot: „Warum reden denn die andern, die dazu doch auch nicht von Ihm aufgefordert sind?“
GEJ|8|197|19|0|Sagte Thomas: „Das geht uns beide wieder nichts an; denn wir können es nicht wissen, ob sie nicht innerlich dazu vom Herrn aufgefordert worden sind. Denn in des Herrn Gegenwart geschieht nichts irgend so ganz ohne Seinen Willen, da Er auch der Herr unserer Gedanken, Wünsche und Begierden ist und auch fortan bleiben wird. Dem aber wird es nicht wohl ergehen, der des Herrn Stimme und Willen im eigenen Herzen nicht achtet und, so er das wohl vernimmt, sich nicht danach richtet. Das ist so meine Ansicht, die mir aber auch der Herr in mein Herz gelegt hat; denn wir Menschen vermögen aus pur unserem Wesen nichts wahrhaft Gutes zu denken und auszusprechen.“
GEJ|8|197|20|0|Darauf sagte Judas Ischariot nichts mehr und betrachtete mit uns die ziemlich öde Gegend, die aber durch die zahlreichen Menschenzuzüge nun doch sehr belebt war und daher, als an einem heiteren Morgen, immer recht erquicklich anzusehen war.
GEJ|8|198|1|1|198. — Der Herr und die arabischen Räuber
GEJ|8|198|1|0|Es führte aber auch über unseren Hügel ein Fußsteig, der, von einem höheren Gebirge, das von Arabern bewohnt war, ausgehend, denselben zum Wege nach Essäa und von da aus auch weiterhin diente. Diese Araber aber lebten zumeist von einer Art Raub. Sie hatten eine Art Recht schon seit lange her, demnach sie von den Reisenden einen Tribut nehmen durften, und fügte sich der Reisende nicht gutwillig in die Forderung, so ward ihm auch Gewalt angetan.
GEJ|8|198|2|0|Als wir so ganz harmlos die Szenen des Morgens betrachteten, da kamen bei zwanzig der vorbezeichneten Bergaraber auf dem angezeigten Fußsteige vom Gebirge zu uns, blieben stehen und fragten uns auf eine eben nicht sehr freundliche Weise, ob wir schon an irgendwelche ihres Stammes den üblichen Tribut bezahlt hätten.
GEJ|8|198|3|0|Sagte Ich: „Bis jetzt noch nicht, und wir werden das auch jetzt und später nicht tun, und das aus folgenden Gründen: Einmal führen wir nie Geld oder andere Erdschätze mit uns, – dann habt ihr kein Recht, von uns wie auch von anderen Fremden einen Tribut zu verlangen! Denn es steht geschrieben: ,Du sollst deinem Nächsten nicht tun, das du nicht willst, daß es auch er dir täte!‘ –, und endlich sind wir höchst mächtige Wesen, die solche unverschämten Tributerpresser von sich weisen und sie auch auf das empfindlichste zu züchtigen imstande sind. Daher gebe Ich euch den Rat, euch von hier alsogleich zu entfernen und von keinem Reisenden, außer auf dem Wege der Bittenden einen Tribut zu verlangen. Werdet ihr dem nun von Mir euch Geratenen Folge leisten, so werdet ihr wohl tun, widrigenfalls es euch arg ergehen wird!“
GEJ|8|198|4|0|Als die Araber das von Mir vernommen hatten, wurden einige stutzig und sagten: „Das ist eine seltene Erscheinung, daß Fremde, die uns wohlbewaffnet vor sich sehen, mit einer solchen Rede uns begegnet hätten! Und diese dreizehn Männer würden das wohl sicher auch nicht getan haben, so sie sich nicht irgendeiner besonderen geheimen Kraft gewärtig wären! Es wird demnach für uns geraten sein, uns mit diesen Menschen in nichts Weiteres mehr einzulassen!“
GEJ|8|198|5|0|Die eine Hälfte war damit einverstanden; aber die andere sagte: „Ja, so wir uns durch derlei Drohungen allzeit werden einschüchtern lassen, so können wir unser altes Recht gleich ganz aufgeben und uns aufs Betteln verlegen. So diese Fremden im Ernste weder Geld noch andere Schätze bei sich führen, so sind sie ohnehin frei; haben sie aber dennoch etwas bei sich, so werden sie uns auch den verlangten Tribut bezahlen müssen. Wir wollen sie darum untersuchen und sehen, ob sie gar ohne alles Geld und andere Schätze hier sind!“
GEJ|8|198|6|0|Hierauf traten sie ganz nahe zu Mir hin, und es versuchte einer denn auch, seine Hand an Mich zu legen. Wie er aber Mein Kleid anrührte, da fuhr ein Feuer aus der Erde, und seine Hand verbrannte. Da erschraken alle die andern derart, daß sie sogleich auf ihre Angesichter vor Mir niederfielen und Mich um Schonung anflehten.
GEJ|8|198|7|0|Ich aber sagte: „Ich habe es euch zuvor gesagt, was der zu gewärtigen hat, der uns Gewalt antäte! Einer hat es versucht und hat seinen Lohn bereits empfangen; wollet auch ihr andern denselben Lohn empfangen, so tuet uns auch Gewalt an!“
GEJ|8|198|8|0|Schrien alle: „O nein, o nein, das werden wir nimmer tun, weder an euch, ihr gottähnlichen Wesen, noch je mehr auch an einem andern, und wir werden uns an das halten, was Du uns geraten hast; aber laß uns nun in Frieden weiterziehen und lasse kein weiteres Arges über uns kommen!“
GEJ|8|198|9|0|(Darauf erwiderte Ich:) „So hebet euch denn von hinnen, und saget es auch euren Gefährten, was Ich euch gesagt habe!“
GEJ|8|198|10|0|Der aber, dem eine Hand verbrannt war, heulte vor Schmerz und bat Mich, daß Ich ihm denselben nehmen möchte; denn er glaube, daß Mir auch das möglich sei.
GEJ|8|198|11|0|Ich aber sagte: „Möglich ist es Mir sicher; aber da du der Ärgste deiner Rotte bist, so trage nun auch den Lohn, den du schon lange verdient hast! Wenn du dich aber einmal völlig bessern wirst, dann soll auch dein Leiden ein Ende haben. Unten im Orte aber wirst du einen Brunnen antreffen; dahin gehe, und tauche deine Hand ins Wasser, und dein Schmerz wird gemildert werden!“
GEJ|8|198|12|0|Darauf erhoben sich diese Bergaraber und eilten in den Ort hinab, und der mit der verbrannten Hand eilte um so mehr, daß er alsbald käme zu dem Brunnen, der gerade vor jener Herberge sich befand, in der wir eingekehrt waren, und begehrte Wasser aus dem Brunnen von dem Wächter des Brunnens. Der gab ihm denn auch gegen ein kleines Entgelt ein größeres Gefäß voll reinen Wassers, in das er sogleich seine Hand steckte und auch sogleich einen bedeutenden Nachlaß des sonst unerträglich großen Schmerzes empfand, und er lobte Mich darum, daß Ich ihm den Schmerz gelindert habe.
GEJ|8|198|13|0|Es kamen aber einige aus der Herberge und vernahmen von den Arabern, was ihnen auf dem gewissen Hügel begegnet ist. Dadurch erfuhren die Gäste der Herberge, wohin Ich am frühen Morgen gezogen bin; und alle, samt dem Wirte, begaben sich denn auch sogleich zu Mir auf den Hügel und äußerten große Freude, daß sie Mich wiedergefunden hatten. Und der Oberste der Essäer erzählte Mir, wie und was er alles mit dem Araber mit der stark verbrannten Hand gesprochen hatte, und sagte Mir auch, wie Mich derselbe gelobt hatte ob der Milderung des Schmerzes durch das Wasser des Brunnens.
GEJ|8|198|14|0|Ich aber sagte: „Siehe, das war eine ganz gute Lektion für die privilegierten Räuber dieser Gegend, durch die ein Fremder schwer kommen konnte, ohne zum Dritteile seiner Habe beraubt zu werden! Diese werden es nun auch ihren Gefährten, die auf den verschiedenen Wegen auf die Fremden lauern, um ihnen den Tribut zu diktieren und dann unbarmherzig zur Genüge abzunehmen, verkünden, was ihnen hier begegnet ist, und die Gefährten werden sicher auch von ihrem Treiben abstehen und die Fremden nicht mehr so quälen, wie das schon seit lange her der Fall war.
GEJ|8|198|15|0|Ihr werdet aber in der Folge auch dafür sorgen, daß dem alten Unfug gesteuert wird. Denn es solle nun nach Mir unter den Menschen also werden, wie es war in den Zeiten der ersten Menschen der Erde: Sie sollen als wahre Brüder freien Wandel haben auf dem Lande, das ihnen eigen ist, und sollen sich allenthalben mit der wahren Liebe begegnen und im Notfalle unterstützen nach Möglichkeit; aber sich gegenseitig in der gerechten Freiheit durch allerlei Quälereien beschränken, das ist nicht mehr himmlisch, sondern höllisch! Je mehr der Beschränkungen in der gerechten Freizügigkeit unter den Menschen durch habgierige und herrschsüchtige Menschen vorkommen werden, desto mehr der Hölle und desto weniger des Himmels wird unter den Menschen daheim sein.
GEJ|8|198|16|0|Wer aber hemmt die gerechte und zur höheren Seelenbildung so notwendige Freizügigkeit der Menschen? Zuerst die sogenannten Machthaber, deren Macht in feilen Söldlingen besteht. Diese gestatten zwar den reichen Menschen wohl das Reisen, verlangen aber dafür ein Lösegeld, geben ihm dann eine Reisekarte auf eine bestimmte Zeit, nach der er sich eine neue kaufen muß, wenn er noch eine längere Zeit umherreisen will. Es ist das aber in dieser Zeit wohl nicht anders tunlich, weil die blinden Menschen sich schon lange von Gott und somit auch von allem, was des Himmels ist, vollends abgewandt und in Knechtschaft der Sünden und der Hölle begeben haben. – Aber also, wie es nun ist, soll es unter den rechten Menschen nicht verbleiben.
GEJ|8|198|17|0|Die zweiten und noch hartnäckigeren Beschränker der gerechten Freizügigkeit der Menschen sind die verschiedenen Priester, heidnische und jüdische, welch letztere in dieser Zeit den Heiden völlig gleichkommen. Diesen ist die gerechte Freizügigkeit ihrer Gläubigen ein Greuel, weil die Menschen durchs Reisen zu erfahren werden würden und an die heimischen Betrügereien keinen Glauben mehr hätten, was auf die Einkünfte dieser Volksbetrüger und Weltmüßiggänger mit der Zeit ja einen bösen Einfluß ausüben müßte.
GEJ|8|198|18|0|Damit aber eben die bezeichneten Priester sogar jene Freizügigkeit der Menschen soviel als möglich beschränken mögen, so erteilen sie mit heimlichem Einverständnis der nunmaligen Weltregenten verschiedenen rohen Menschen gegen einen gewissen Zehent die Befugnis, die Reisenden anzuhalten, um von ihnen einen solchen Tribut zu verlangen, daß ihnen darauf das Weiterreisen entweder sehr erschwert oder oft ganz unmöglich wird.
GEJ|8|198|19|0|Und siehe, das ist dann schon die vollkommene Hölle unter den Menschen! Denn es entstehen dadurch oft die wildesten Kämpfe und Mord und Totschlägerei. Da die Reisenden es wohl schon zum voraus wissen, was ihnen auf den einen und anderen Wegen und Gegenden begegnen kann, so reisen sie in zahlreichen Karawanen und setzen sich zur hartnäckigen Wehr gegen solche Räuber, wie sie eben in dieser Gegend gar so häufig vertreten sind. Die Wirkungen und Erfolge solcher Kämpfe sind dir nur zu bekannt, und es ist darum gar nicht nötig, sie dir näher zu beschreiben. Glaubst du wohl, daß so etwas im Willen Gottes gelegen sein kann?
GEJ|8|198|20|0|Es ist zwar wohl wahr, daß, so die Freizügigkeit der Menschen nicht irgendwelche weisen Beschränkungen hätte, die Menschen am Ende alle zu reisen anfangen würden, und die fürs physische Leben der Menschen notwendige Kultur des Erdbodens würde großen Schaden leiden. Aber siehe, dafür wird schon von Gott aus gesorgt, der den Menschen, gleichwie den Bienen, verschiedene Talente gegeben hat!“
GEJ|8|199|1|1|199. — Vom Zweck und Nutzen des Reisens
GEJ|8|199|1|0|(Der Herr:) „Wenn du die Bienen betrachtest, so wirst du unter ihnen verschiedene Gattungen antreffen. Zuerst ist der Weisel, der die Hauptordnung im Hause leitet, dann gibt es Arbeitsbienen, die im Hause arbeiten, und wieder gibt es Sammelbienen, die da fleißig Reisen machen müssen, um zu sammeln Honig und Wachs, den Honig zur Nahrung und das Wachs zum Bau der Zellen. Und sieh, so haben auch Menschen schon angeboren den häuslichen Arbeitssinn und sind darum gar nicht reisegierig. Wären alle Menschen also geeigenschaftet (beschaffen), so würden sie nur zu bald ganz verkümmern und in ihren alten Sitten und Gewohnheiten den Tieren gleich verwildern.
GEJ|8|199|2|0|Daher gibt es selbst in einer kleinen Gemeinde denn auch stets solche Menschen, die einen großen Hang zum Reisen haben. Diese machen auf ihren Reisen allerlei gute und oft auch bittere Erfahrungen, mit denen reichlich ausgestattet sie dann wieder heimkehren und ihren Angehörigen dann allerlei geistigen Honigs und Wachses nach Hause bringen und so zu Lehrern und Förderern aller heimatlichen Kultur werden, was gewiß etwas ganz Gutes ist.
GEJ|8|199|3|0|Wenn aber dann jenen Menschen, die von Gott aus dazu erwählt sind, in alle Welt hinauszureisen, um für die Heimischen allerlei Schätze zu sammeln, die Freizügigkeit durch alle möglichen Hindernisse zu sehr beschränkt wird, so geschieht das sicher wider den Willen Gottes, ist somit schlecht und ein Angehör der Hölle.
GEJ|8|199|4|0|Was würde man zu Mir Selbst sagen, so Ich nicht zu den Menschen reiste in viele und verschiedene Orte? Hätten sie eine Schuld, so kein Lebenslicht unter sie käme?
GEJ|8|199|5|0|Ich Selbst aber sagte und sage noch zu allen Meinen Jüngern: ,Gehet hinaus in alle Welt zu den Völkern, und prediget ihnen das Evangelium!‘ So Ich aber das sage, da kann Ich die zu arge Beschränkung der gerechten Freizügigkeit der Menschen ja doch unmöglich billigen, sondern sie euch nur in dem Lichte zeigen, in welchem sie vor Mir steht! Denn bei der gänzlichen Beschränkung der gerechten Freizügigkeit der Menschen ist die Ausbreitung Meiner Lehre doch sicher so gut wie völlig unmöglich, und Ich werde darum auch jeden zu züchtigen verstehen, der solchem Meinem Willen entgegenhandeln wird.
GEJ|8|199|6|0|Und so denn tut ihr Essäer von nun an auch das Eurige für diesen Zweck, und sehet, daß die Straßen und Wege frei werden, und Ich werde euch darum desto mehr segnen und euch geben die Macht wider alle bösen Geister, und es soll geschehen, was ihr in Meinem Namen wollen werdet!
GEJ|8|199|7|0|Denket, ob je ein Mensch etwas finden kann, dem das Suchen verboten ist! Das Suchen, Bitten und Anpochen an des Nächsten Tür muß jedem Menschen völlig freigelassen werden. – Dieses nun, was Ich euch nun beim Aufgange der Sonne gesagt und gezeigt habe, merket euch wohl, und handelt danach!“
GEJ|8|199|8|0|Sagte der Oberste: „O Herr und Meister! Was da nur immer in unseren Kräften, die Du in uns noch gnädigst für alle Zeiten vermehren wollest, steht und stehen wird, werden wir tun! Wir haben diesen alten Unfug besonders in dieser Gegend schon lange mit der größten Mißbilligung betrachtet und sind demselben auch nach Möglichkeit entgegengetreten. Aber es hat das stets wenig gefruchtet; denn wir haben uns nur zu bald überzeugt, daß dahinter nicht so sehr Rom als Jerusalem mit dem Herodes und den Templern, in deren Augen wir ein Dorn waren, steckt. Diese haben stets ihre geheimen Boten zu diesen Arabern gesandt und haben ihnen Raubbewilligungen zu verschaffen gewußt, gegen die wir selbst am Ende ein gutes Gesicht machen mußten, um nicht selbst zu sehr gefährdet zu sein.
GEJ|8|199|9|0|Aber von nun an, wo wir wissen, was Dein Wille ist, werden wir gegen diesen alten Unfug schon auf eine sicher sehr wirksame Weise zu Felde ziehen, und alle die vielen Straßen werden von diesen Räubern sicher gereinigt werden. Auf vielen anderen Punkten aber, wo wir nicht hinkommen, und von denen aus von den Templern nach unserem Wissen noch ärgerer Unfug verübt wird, wirst schon Du, o Herr und Meister, sorgen, daß ihnen mit aller Entschiedenheit begegnet wird!“
GEJ|8|199|10|0|Sagte Ich: „Für das ist schon gesorgt weit und breit, und wird in der Folge nach Bedarf noch um vieles mehr gesorgt werden!
GEJ|8|199|11|0|Ein jeder aber, der in Meinem Namen in alle Welt hinausreisen wird, um zu verkünden den Völkern Meine Lehre so rein, wie er sie von Mir vernommen hat, wird auf allen Wegen und Straßen sicher reisen und wird von keinem Straßenräuber angefallen werden. Auf Schlangen und Molchen und Skorpionen wird er einhergehen dürfen, und sie werden ihm keinen Schaden zuzufügen vermögen, und so ihm jemand Gift in die Speise oder in den Trank mischen wird, so wird es seinem Leibe und Blute keinen Nachteil bringen. Und so er unter ganze Herden von Wölfen, Löwen, Tigern, Panthern, Hyänen, Bären und Ebern geraten wird, so werden ihm diese bösen Tiere nicht nur nichts zuleide tun, sondern ihm im Notfalle zu Diensten stehen; denn ein Mensch, der vom Geiste Gottes erfüllt ist, ist auch ein Herr über den Grimm und Zorn der argen Tiere eben also, wie er ein Herr über alle Elemente ist, so er dafür den Glauben ohne Zweifel in seinem Herzen und also auch in seiner Seele trägt.
GEJ|8|199|12|0|Aber es werden mit der Zeit auch gar viele falsche Propheten in Meinem Namen hinausreisen in alle Lande der Erde zu den fremden Völkern – dem Scheine nach wohl, um auszubreiten Meine Lehre unter allen Völkern, aber dem Hauptgrunde nach nur, um von den fremden Völkern viele Erdengüter zu gewinnen, darum sie auch Meine Lehre also verkehren und umgestalten werden, wie sie für ihre Gewinngier am meisten taugen wird.
GEJ|8|199|13|0|Nun, derlei Boten werden solchen euch hier von Mir verheißenen Schutz nicht zu gewärtigen haben! Denn wer da nicht rein für Mich und für die wahre Verbreitung des Reiches Gottes auf Erden unter den Menschen, sondern nur für sich und für seine Welt arbeiten wird, der wird von Mir niemals anerkannt werden und von Mir auch keinen Schutz und keinen Lohn zu gewärtigen haben; der mag in sich und in seiner Welt seinen Schutz, seine Hilfe und seinen Lohn suchen!
GEJ|8|199|14|0|Und wird er in seiner Not auch zu Mir rufen: ,Herr, Herr, hilf mir nun in meiner großen Not!‘, so wird ihm zur Antwort in sein Herz und Gewissen gelegt werden: ,Was rufst du, Weltling, zu Mir um Hilfe?! Ich kenne dich nicht und habe dich auch noch niemals als das anerkannt, als was du bei dir selbst, ohne allen Glauben an Mich, nur des Weltgewinnes wegen als ein falscher Lehrer in Meinem von dir vorgeschützten Namen in alle Welt hinausgereist bist. Steckst du nun in der Not und im Elende, so hilf dir nur selbst; denn Ich bin dir keine Hilfe schuldig, da du für Mich auch nichts getan hast und bist weder freiwillig durch den Glauben an Mich, noch durch die wahre Liebe für das Seelenheil der Menschen, sondern nur für dein Erdenwohl in die Welt hinausgerannt! Und noch weniger bist du von Mir je dazu berufen und aufgefordert worden! Du hast dich deiner selbst wegen in die Gefahr begeben, so hilf dir nun auch selbst, oder es mögen dir diejenigen helfen, die dich hinausgesandt haben!‘
GEJ|8|199|15|0|Es werden zwar auch Meine wahren Jünger mit den Weltmenschen und in der Folge mit den vielen falschen Propheten und Lehrern, vorgeblich in Meinem Namen, viel Ungemach und viele Verfolgung um Meines wahren Namens willen zu bestehen haben, aber sie werden dabei stets auf Meine Hilfe und auf Meinen besondern Schutz und Lohn rechnen können, – aber die Welt und ihre Propheten niemals! Sie werden sich allein mit dem Schwerte in der Hand schützen und vor den Gefahren sichern können; aber am Ende wird es heißen: Wer mit dem Schwerte umgeht, der wird auch mit dem Schwert zugrunde gehen!“
GEJ|8|200|1|1|200. — Die Belehrung der Lehrer
GEJ|8|200|1|0|(Der Herr:) „Und siehe, so sprach zu dir und zu euch allen hier Anwesenden nun Der, dem alle Macht im Himmel und auf Erden von Ewigkeit aus Ihm Selbst gegeben ist, und so könnet ihr es auch glauben, daß Ich alles das tun werde, was Ich euch verheißen habe; und so habt ihr euch um nichts anderes zu sorgen, als daß ihr Meine Lehre ebenso rein, wie ihr sie von Mir vernommen habt, den Völkern wiedergebet!
GEJ|8|200|2|0|Umsonst aber habe Ich euch die Lehre und die Macht, Wunderwerke in Meinem Namen zu wirken, gegeben, und so sollet ihr das alles auch umsonst den Völkern tun! So euch aber die Menschen um Meines Namens willen liebhaben werden und werden euch dienen wollen in allerlei Freundlichkeit, da dürfet ihr die Freundlichkeit schon auch also annehmen, wie sie so von Moses aus gestattet ist; denn wer der Liebe durch die Liebe und so dem wahren Altare Gottes auf Erden dient, der soll auch vom Altare leben!
GEJ|8|200|3|0|Wer aus wahrer Liebe einem von Mir berufenen Lehrer, Knechte und Propheten etwas Gutes tun wird, das werde Ich auch also annehmen, als hätte er das Mir getan, und er wird den Lohn eines Propheten überkommen; denn so Ich schon denen, die in ihrer Unschuld und nicht selbstverschuldeten Blindheit den falschen Lehrern und Propheten Opfer bringen, es reichlich vergelte, weil sie des Glaubens sind, dadurch Gott wohlzugefallen, so werde Ich es denen wohl um so reichlicher vergelten, die aus wahrer und reiner Liebe zu Mir denen etwas Gutes erwiesen haben, die Ich zu ihnen gesandt und für sie erweckt habe.
GEJ|8|200|4|0|Und so könnet denn auch ihr in der Folge zu denen, die bei euch Trost und Hilfe werden gefunden haben und euch nach alter Sitte und Gewohnheit fragen werden, was für ein Opfer sie euch dafür zu entrichten haben, sagen: ,Wir taten euch das aus der Liebe in Gott, die uns umsonst solche mächtige Gnade verliehen hat! Habet ihr aber auch die Liebe Gottes, den ihr durch uns habt kennengelernt, in euch, so tut, was euch diese Liebe gebietet; denn wir haben viele Arme um uns, die eurer Liebe bedürfen! Für das aber, was wir euch im Namen des Herrn getan haben, besteht keine Taxe mehr, wie sie zuvor bestanden hat, sondern das tun wir von nun an bis ans Ende der Zeiten umsonst, weil auch wir solche unschätzbarste Gnade von Gott umsonst überkommen haben zum Wohle jedes Menschen, der an den von uns gepredigten Gott lebendig glaubt, Seine Gebote hält, Ihn über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst.‘
GEJ|8|200|5|0|Wenn die Menschen euch dann freiwillig aus Liebe dies und jenes tun und geben werden, dann möget ihr es auch ohne Bedenken in aller Liebe und Freundlichkeit annehmen. Doch von den Armen sollet ihr auch unter dieser Bedingung nichts annehmen, sondern diese unterstützet noch obendarauf in aller Liebe und Freundlichkeit, auf daß sie vollends innewerden der ewigen Liebe und Freundlichkeit Gottes.
GEJ|8|200|6|0|Nun habe Ich namentlich euch Essäern das kundgemacht, wie sich in der Folge alles verhalten soll und auch wird, und was Meine rechten Jünger zu tun und zu gewärtigen haben, und so denn können wir nun diesen Hügel verlassen und uns zum schon bereiteten Morgenmahle hinab in die Herberge begeben. Nach diesem werden wir uns dann erst an das Werk begeben, um dessentwillen ihr Mich im vollsten Glauben gebeten habt, daß Ich zu euch kommen möchte.
GEJ|8|200|7|0|Was Ich aber hier zu euch geredet habe, das behaltet vorderhand bei euch, da Ich euch auch das hier ohne fremde Zeugen auf diesem einsamen Hügel anvertraut habe; doch jene, die auch in eure Fußstapfen treten werden, sollet ihr davon in volle Kenntnis setzen! Denn so da jemand in einem Amte nicht weiß, wie er demselben vorstehen soll, und nicht kundig ist, worin das Amt besteht, wie wird er das Amt dann verwalten? Daher soll ein jeder, der Mein Amt auf der Erde unter den Menschen verwalten will, im selben wohlbewandert sein und selbst in allem die lebendigen Überzeugungen haben, ansonst er ein toter und blinder Lehrer ist und bleibt!
GEJ|8|200|8|0|Denn zu einem wahren und lebendigen Lehrer in Meinem Namen gehört mehr als die Kenntnis, die Schrift zu lesen und sie dann anderen Menschen laut vorzusagen. Ich sage es euch: Der Buchstabe ist da tot, so wie auch der, welcher ihn nur liest, ihn selbst nicht versteht und darum auch nicht danach handelt, auf daß er im Geiste erwache zum Leben; der Geist allein macht lebendig und gibt das rechte Verständnis und die Tatkraft.
GEJ|8|200|9|0|Wie ihr aber nun von Gott aus belehret seid, also soll in aller Folge auch ein jeder wahre Lehrer zuvor von Gott belehrt sein, bis er in ein Gottesamt tritt; denn so ein Mensch in was immer für einem Fache ein meisterhaft guter Arbeiter werden will, so muß er das zuvor ja doch von einem Meister im Fache einer oder der andern Arbeit und Kunst wohl erlernen. In diesem Fache aber, wo es sich um das Wichtigste und Heiligste eines jeden Menschen handelt, bin Ich allein der Meister. Wer demnach die Menschen in dem unterweisen will mit dem wahren Erfolge, der muß das zuvor denn auch von Mir erlernen!
GEJ|8|200|10|0|Und darum sagte Ich zu euch, daß diejenigen, die in eure Fußstapfen treten werden und fortführen das von Mir euch nun anvertraute Amt, in allem dem wohl unterwiesen sein sollen, was Ich euch nun hier anvertraut habe. Für die andern Menschen aber genügt es, daß sie an Mich lebendig glauben, Mich über alles lieben und den Nächsten wie sich selbst. Denn darin ist enthalten der ganze Moses, das Gesetz und alle Propheten; und der Erfolg von dem ist das ewige Leben und im entgegengesetzten Falle der ewige Tod, aus dem eine Seele schwerlich zum Leben erwachen wird.“
GEJ|8|200|11|0|Sagte nun noch der Oberste: „O Herr und Meister, wir alle haben diese Deine gewichtigsten Lebensworte wohl vernommen, begriffen und auch tiefst beherzigt; nur eines ist wenigstens mir bis jetzt noch nicht völlig klar. Wir haben das, was wir in Deinem uns anvertrauten Amte zu tun und zu beachten haben, nun wohl von Dir als von dem allein wahren Meister vernommen und erlernt; wie aber werden das diejenigen vermögen, die späterhin in unser Amt treten sollen, indem Du doch sicher nicht allzeit also persönlich unter uns sein wirst, wie das eben jetzt der für uns so überglückliche Fall ist?“
GEJ|8|200|12|0|Sagte Ich, schon im Fortgehen vom Hügel: „Ihr habt aber nun selbst noch lange nicht alles von Mir erlernt, was ihr zur vollguten Verwaltung Meines euch anvertrauten Amtes benötigt, und doch werdet ihr in Kürze ohne Meine persönliche Gegenwart alles Abgängige dennoch von Mir erlernen! Denn bin Ich auch nicht in dieser Meiner nun leiblichen Person irgend gegenwärtig, so bin Ich es aber im Geiste Meiner Liebe, Weisheit, Macht und Kraft; und dieser Geist wird euch allzeit lehren, was ihr zu tun und zu reden haben werdet. Er wird euch die Worte ins Herz und in den Mund legen, die ihr zu reden haben werdet.
GEJ|8|200|13|0|Und wie ihr allzeit also von Meinem Geiste belehrt werdet in aller Weisheit aus Gott, also werden auch eure gerechten Nachfolger ohne Dazwischenkunft Meiner leiblichen Persönlichkeit in allem belehrt werden. Denn wahrlich sage Ich es euch: Wo Ich nun rede und wirke, da redet und wirkt auch nur Mein Geist, der da ist Gott als der Vater in Ewigkeit, und nicht diese Meine leibliche Person, die erst aufgelöst werden muß, um vollends in des Vaters Herrlichkeit einzugehen.
GEJ|8|200|14|0|So du aber nun das weißt, da wirst du nun wohl auch begreifen, wie da ein Mensch von Mir allzeit auch ohne diese Meine leibliche Persönlichkeit fürs ewige Leben belehrt werden kann und auch werden wird!“
GEJ|8|201|1|1|201. — Die Krankenheilungen des Obersten der Essäer
GEJ|8|201|1|0|Als der Oberste solches von Mir vernommen hatte, da dankte er Mir aus vollem Herzen; denn es war ihm dadurch wie ein schwerer Stein von seiner Brust abgenommen worden. Wir erreichten während dieser gar gewichtigen Unterredung denn auch unsere Herberge, in der schon ein reichliches und wohlbereitetes Morgenmahl unser harrte. Wir setzten uns denn sogleich an den großen für uns gedeckten und mit Speisen und Getränken wohlbesetzten Tisch. Ich dankte und segnete die Speise und den Wein, und wir nahmen dann das Morgenmahl mit Maß und Ziel fröhlichen Mutes zu uns, worüber der Wirt und sein Weib, das das Mahl für uns bereitet hatte, eine große Freude hatten.
GEJ|8|201|2|0|Auch die etlichen Ersten Essäer mit dem Obersten an der Spitze saßen an unserem Tische und aßen und tranken mit vieler Lust und Freude, so daß das etlichen Fremden, die, an anderen Tischen sitzend, auch ein Morgenbrot zu sich nahmen, derart auffiel, daß sie unter sich sagten (die Fremden): „Das muß ja gar etwas Besonderes sein, daß diese sonst immer so tiefernst aussehenden obersten Heilande nun gar so heiter sind, wie sie nie von jemandem gesehen worden sind!“
GEJ|8|201|3|0|Es hatte aber solche Rede der Oberste wohl vernommen und sagte zu den Fremden: „Höret, die ihr nun solche Betrachtungen über uns machet! Es ist genug, so die sterblichen Menschen, den Tod vor sich sehend, mit traurigen und ernsten Gesichtern auf der Erde umherwandeln und dadurch an den Tag legen, daß sie Freunde des Lebens und nicht des Todes sind. So aber ein sterblicher Mensch, das auch wir waren, vom Tode zum Leben durchgedrungen ist und angezogen hat das Kleid der vollen Unsterblichkeit, dann kann er, als schon in den Himmeln Gottes seiend, auch wohl schon auf dieser Erde voll Lust und Heiterkeit sein, was ihr nun freilich noch nicht einsehen und begreifen werdet. Aber es kann schon auch für euch die Zeit kommen, in der auch ihr das einsehen und begreifen werdet!“
GEJ|8|201|4|0|Darauf sagten die Fremden nichts mehr, und wir aßen und tranken fort.
GEJ|8|201|5|0|Als wir aber mit dem Mahle zu Ende kamen, da kam der junge Araber aus Ägypten, der von Mir am Abend geheilt worden war, mit noch einigen, die da lahm und sehr verkrüppelt waren, trat zu Mir hin und bat Mich, daß Ich auch sie heilen möchte; denn sie seien auch aus seiner Gegend und seien sich und den Nebenmenschen zur Last, was sie am meisten schmerze, weil sie in solch ihrem elenden Zustande niemandem etwas Gutes erweisen könnten und sich gleichfort von den Mitleidigen müßten bedienen und erhalten lassen.
GEJ|8|201|6|0|Sagte Ich zu dem Araber: „Ich habe es dir zwar gesagt, daß du und auch diejenigen, die gestern mit dir waren, zu den Fremden nicht davon reden sollet, was Ich an dir getan habe; nun hast du im allgemeinen das wohl beachtet und hast es aus Barmherzigkeit nur diesen etlichen Leidenden mitgeteilt, wo und wie dir selbst geholfen worden ist, brachtest sie nun her und batest selbst für sie, was deinem Herzen vor Mir ein gutes Zeugnis gibt, und so soll deine rechte Bitte bei Mir auch nicht unerhört bleiben! Denn die rechte, reine und uneigennützige Liebe und Erbarmung eines Menschen für seine leidenden Brüder wird auch bei Mir allzeit Liebe, Erbarmung und Erhörung finden; denn es steht geschrieben: ,Das Gebet eines guten, reinen, gläubigen und frommen Herzens erhört Gott zu jeder Zeit.‘
GEJ|8|201|7|0|Aber auf daß ihr in der Folge, so ihr das glauben werdet, was euch die Essäer lehren werden, auch bei ihnen eben die Hilfe finden möget, so habe Ich auch ihnen die Macht und Kraft erteilt, die Übel also in Meinem Namen heilen zu können, wie Ich dich gestern abend geheilt habe, und es soll nun der Oberste den Lahmen und Krüppeln die Hände auflegen, und es soll ihnen geholfen sein!“
GEJ|8|201|8|0|Als der Oberste das von Mir vernahm, da bat er Mich, daß diesmal doch Ich Selbst den Elenden helfen möchte; denn er fühle sich zu solch einem Werke noch viel zu unwürdig und in seinem Gemüte auch noch zu ohnmächtig.
GEJ|8|201|9|0|Sagte Ich: „Tue du nur, wie Ich es gesagt habe! Denn ein rechter Jünger muß ja stets vor dem Meister ein Werk beginnen, auf daß der Meister, so dem Jünger etwas mißlänge, ihn auf das Mangelhafte und auf den Grund des Mißlingens aufmerksam machen kann. Denn kein Jünger ist so vollkommen wie sein Meister; so er aber durch seinen Fleiß und Eifer wird wie sein Meister sein, dann wird ihm auch, so wie dem Meister, nichts mehr mißlingen. Und so tue du nun nur das, was Ich gesagt habe, und es wird dann schon alles recht und vollends gut werden!“
GEJ|8|201|10|0|Darauf erst faßte sich der Oberste und sagte: „O Herr und Meister, so geschehe nun und allzeit allein nur Dein Wille!“ Nach diesen Worten erhob er sich, trat mit großer Rührung unter die Elenden hin und sagte: „Im Namen Dessen, der allein allmächtig, überheilig und endlos gut, liebevoll und barmherzig ist, lege ich euch diese meine schwachen Hände auf, und es wolle euch dadurch der große Herr und Meister helfen!“
GEJ|8|201|11|0|Als der Oberste unter diesem Spruche, den hernach auch alle Meine Jünger bei Heilungen der Kranken gebrauchten, den Elenden die Hände auflegte, da ward ein jeder denn auch im Augenblick also geheilt, als hätte ihm nie etwas gefehlt.
GEJ|8|201|12|0|Nur einer, der durch einen Fall beide Hände bis zu den Ellbogen verloren hatte, und der zwar, als auch an den Füßen gelähmt, geheilt wurde, bekam seine Arme nicht und sagte zu dem Obersten: „Da du mich durch den Willen jenes allein allmächtigen Herrn schon von allen meinen anderen Übeln befreit hast, so glaube ich nun denn auch ungezweifelt, daß du mir auch meine verlorenen Hände wieder schaffen könntest!“
GEJ|8|201|13|0|Sagte der Oberste etwas verlegen: „Ja, du mein Freund, das wird wohl der Herr und Meister Selbst vermögen, da Seine Macht Welten aus nichts ins Dasein rufen kann, – ich aber bin nur ein schwacher Jünger und vermag das nicht; denn es ist ein großer Unterschied zwischen Heilen und Erschaffen.
GEJ|8|201|14|0|Wenn eine Pflanze im Garten verwelkt und krank dasteht, so kann man sie mit Wasser begießen, und sie wird wieder frisch und gesund werden; und das heißt man heilen. So aber im Garten auch nicht ein Pflänzchen steht, da nützt das Begießen des pflanzenleeren Bodens nichts; denn wir Menschen vermögen auch mit dem besten Willen und mit dem stärksten Glauben auch nicht ein kleinstes Moospflänzchen ins Dasein zu setzen. Das kann allein nur Gottes allmächtiger Wille!
GEJ|8|201|15|0|Und so wirst du, Freund, denn nun auch klar einsehen, daß ich als ein Mensch dir wohl durch die Gnade des Herrn und Meisters die daseienden, wenn auch noch so lahmen Glieder heilen konnte, – aber deine gänzlich verlorenen Arme kann ich dir nicht neu wieder erschaffen!“
GEJ|8|201|16|0|Das sah der Armlose wohl ein, sagte aber doch zum Obersten: „So dir aber jener große Herr und Meister schon so viel Macht erteilt hat, solche Krüppel, wie wir zuvor waren, durch dein Wort und durch die Auflegung deiner Hände wunderbar plötzlich zu heilen, was denn doch auch einem völligen Neuerschaffen gleichkommt, so wäre es aber sicher doch auch möglich, mir die verlorenen Hände wiederzugeben, was dir und jenem Meister nicht minder möglich sein dürfte als die urplötzliche Heilung unserer lahmen und gänzlich verkrüppelten Glieder, Sinne und der kranken Eingeweide! Denn siehe, ich fühle meine beiden verlorenen Hände noch gleichfort also, als hätte ich sie noch, und dann und wann fühle ich sogar noch wie einen brennenden Schmerz eben in den beiden verlorenen Händen, und ich meine da, daß meine Seele darum die Hände nicht verloren hat, wenn sie auch mein Leib verloren hat.
GEJ|8|201|17|0|Ferner bin ich der Meinung, daß auch einem Menschen ein verlorenes Fleischglied eben also von der Macht eines wahren und allmächtigen Gottes wiedergegeben werden könnte wie dem Elefanten seine abgeworfenen Zähne, dem Hirsch seine Geweihe, dem Krebse seine Scheren und selbst uns Menschen die abgeschorenen Haare und die abgeschnittenen Nägel. Es käme dabei ja nur auf den Willen Gottes und auf den rechten Glauben eines wahren Gottesjüngers und auf den des Leidenden an!“
GEJ|8|201|18|0|Auf diese sehr bedeutungsvollen Worte des Händelosen, der ein ausgewanderter Jude war, wußte der Oberste nicht, was er im Augenblick tun solle. Solle er dem Händelosen wohl noch einmal die Hände festestgläubig auflegen, oder solle er sich vorher mit Mir darüber besprechen, ob und wie möglich dem Verlangen des Händelosen gewillfahrt werden könnte? Er zog das zweite vor und kam in dieser Angelegenheit zu Mir.
GEJ|8|201|19|0|Ich aber sagte zu ihm: „Siehe, wie gut es war, daß du vor Mir ein erstes Werk vollführtest und dabei auf einen kleinen Mangel im Glauben und Vertrauen an die Liebe, Weisheit und Kraft Gottes gestoßen bist! Hättest du ungezweifelt auch die Ergänzung der verlorenen Hände des ägyptischen Juden in deinen Glauben gezogen, so hätte er seine Hände schon; aber du hast dich davor entsetzt und hieltest die Sache für unmöglich, und so gewann der Mensch denn auch seine verlorenen Hände nicht. Nun aber gehe hin und glaube fest, daß bei Mir alle Dinge möglich sind; lege ihm noch einmal deine Hände auf, und er wird auch seine Hände wieder neu erhalten!“
GEJ|8|201|20|0|Auf diese Meine Worte ging der Oberste, namens Roklus, denn auch voll des festesten Glaubens abermals zum Händelosen hin und sagte: „Da du selbst glaubst und als ein Jude die Allmacht des allein wahren Gottes kennst, so geschehe dir im Namen jenes großen Herrn und Meisters, in dem die Fülle des Geistes Gottes wohnet körperhaft, nach deinem Wunsche und Glauben!“
GEJ|8|201|21|0|Als der Oberste solches über den Händelosen ausgesprochen hatte, da bekam dieser auch alsobald seine verlorenen Hände wieder.
GEJ|8|202|1|1|202. — Die Heilung der Armen
GEJ|8|202|1|0|Alle die nun geheilten Juden und Heiden dankten Mir und lobten und priesen Mich über alle Maßen!
GEJ|8|202|2|0|Und der, welcher seine verlorenen Arme wieder erhielt, sagte laut (der Geheilte): „Allen Dank, alles Lob, alle Ehre und Liebe Gott in der Höhe, der nun einem Menschen solche Macht und Kraft gegeben hat! Viele Tausende umlagern die große Wunderburg und erhoffen dort Hilfe und Trost; doch dort wird ihnen nicht geholfen werden. Hier ist nun die wahre Wunderburg, in der jedem geholfen werden kann. Und Dank denn auch dem jungen Araber, der uns den Weg in diese wahre Wunderburg Gottes, des Herrn und Meisters, gezeigt und auf diesem rechten Wege auch hierher geführt hat!
GEJ|8|202|3|0|Oh, wüßten das die vielen Tausende, die nun schon mondelang die große Burg der anzuhoffenden Hilfe wegen umlagern, – wie eilig würden sie die tote Burg verlassen und sich hierher begeben, wo nun der ewige große Herr und Meister unter den Menschen als Selbst Mensch weilt und Seinen Freunden ewiges Leben und die Kraft, alle Krankheiten zu heilen, erteilt! Wäre für die vielen Leidenden und Trostlosen das nicht eine Botschaft rein wie aus den Himmeln kommend, so wir Geheilten ihnen die Nachricht bringen dürften, wo sich nun die wahre und lebendige Wunderburg befindet?!“
GEJ|8|202|4|0|Sagte Ich: „Weil du in dir die Überzeugung gefunden hast, wer Ich bin, so magst du ja mit den anderen Geheilten hingehen und vorderhand aber nur den Armen und Hilfebedürftigen eröffnen, wo ihnen geholfen werden kann, so sie Glauben und ein rechtes Vertrauen besitzen. Aber den Reichen, die zumeist ihre vielen toten Kinder in den wohlverschlossenen Kästen zur Wiederbelebung hierher gebracht haben, sage das noch nicht; denn denen zu helfen hat es schon noch Zeit, und es wird ihnen zuvor noch eine Predigt gemacht werden!“
GEJ|8|202|5|0|Als Ich solches diesen Geheilten gesagt hatte, dankten Mir alle und eilten dann auf den großen, freien Platz, der die große Burg und ihre weitgedehnten Ringmauern umgab und ,Der große Wartplatz‘ hieß, und benachrichtigten die Armen von der wahren Wunderburg, was ihnen um so leichter war, weil diese eine eigene, von der Burg am meisten entfernte Stelle angewiesen bekommen hatten und darum nun denn auch der wahren Wunderburg am nächsten standen.
GEJ|8|202|6|0|Als die Geheilten zu ihnen kamen und als völlig geheilt auch bald von allen erkannt wurden, da wurden sie auch sogleich von all den vielen gefragt (Arme und Hilfsbedürftige): „Wo, wo, wie und wann seid ihr geheilt worden? Vor kaum einer Stunde waret ihr noch als gar die Letzten und Äußersten bei uns, und wir sahen nicht, daß euch jemand in die Burg berufen, geführt und eingelassen hätte! Oh, führet uns auch an die Stelle des Heils hin!“
GEJ|8|202|7|0|Da sagte der Jude: „Glaubet und vertrauet, und gebet dem allein wahren einen Gott der Juden die Ehre, und folget uns, so gut ihr das könnet und möget, und es wird euch geholfen werden! Denn wo wir geheilt wurden, dort befindet sich nun die wahre und lebendige Wunderburg.“
GEJ|8|202|8|0|Als die Armen, mit allerlei Übeln, Seuchen und bösen Aussätzen Behafteten und Blinden, Tauben, Stummen, Gichtbrüchigen und allerlei Lahme und Krüppel das vernahmen, da fingen sie an, sich so gut es jedem möglich war, von dem Platze zu bewegen, und die Blinden und zu stark Lahmen und Krüppelhaften wurden selbstverständlich von ihren Begleitern geführt und auch getragen, um nur ehestmöglich an der Stelle des Heils sich zu befinden.
GEJ|8|202|9|0|Nach einer Stunde war der ganze große Platz vor der Herberge von mehr denn tausend Elenden belagert, und es kam der geheilte Jude alsbald zu uns in den Speisesaal und zeigte Mir solches ehrfurchtsvollst an.
GEJ|8|202|10|0|Da sagte Ich zum Obersten Roklus: „Gehe nun hinaus, und breite deine Hände in Meinem Namen über alle auf einmal aus, was so viel wirken wird, als hättest du jedem einzeln die Hände aufgelegt, – und sie werden alle geheilt werden!“
GEJ|8|202|11|0|Roklus tat das sogleich, und siehe, alle wurden im Augenblick geheilt!
GEJ|8|202|12|0|Als diese große Heilung geschah, da entstand ein kaum enden wollender Jubel unter den Geheilten, und viele drängten sich zum Obersten und sagten: „Oh, wie war dir das nun möglich also, wie sonst noch niemals?“
GEJ|8|202|13|0|Sagte Roklus: „Nicht mich lobet darum; denn das hat der Gott der Juden, der eine und allein wahre, euch getan! An Den glaubet und Den allein preiset darum!“
GEJ|8|202|14|0|Da fragten alle: „Wo, wo ist dieser eine und allein wahre Gott, auf daß wir vor Ihm niederfallen und Ihn allein anbeten könnten?!“
GEJ|8|202|15|0|Hier kam Ich zu Roklus hinaus und sagte zu ihm: „Sage zu ihnen, daß sie dem Gott der Juden nun nur in ihren Herzen danken sollen, was Er wohl vernehmen wird, und sich nun in ihre Herbergen begeben sollen und sich stärken mit Speise und Trank. Am Nachmittage erst sollen Mich diese Armen sehen.“
GEJ|8|202|16|0|Als der Roklus solches zu den Geheilten gesagt hatte, da gehorchten sie, erhoben sich behende vom Platze und begaben sich alsogleich in ihre Herbergen, wo sie von den Wirten unter großem Staunen sogleich auf das beste bedient wurden.
GEJ|8|202|17|0|Die Wirte aber zerbrachen sich ordentlich die Köpfe und sagten: „Da muß jemand Mächtigerer in unseren Ort gekommen sein; denn so eine Heilung ist allhier noch nie erhört worden!“
GEJ|8|203|1|1|203. — Der Versuch der Reichen
GEJ|8|203|1|0|Es bemerkten aber die nun vielen gänzlich geheilten Armen auch viele Reiche, die auch hier schon seit Monaten auf Hilfe harrten und sich's viel kosten ließen, und sagten: „Warum ist denn euch Armen, die ihr von uns den Unterhalt hattet, eher geholfen worden denn uns?“
GEJ|8|203|2|0|Sagten diese (die Armen): „Das wissen wir nicht! Wir sind aber nicht in der Burg, sondern im Freien vor der letzten und unansehnlichsten Herberge dieses Ortes geheilt worden, und so hatten wir keinen Vorzug vor euch in der großen Wunderburg! Wir glauben aber, daß sich nun die wahre Wunderburg eben in jener Herberge befindet. Gehet aber selbst hin und erkundigt euch, und es wird euch sicher Bescheid gegeben werden!“
GEJ|8|203|3|0|Als die Reichen das von den Armen vernommen hatten, wußten sie nicht, was sie im Augenblick tun und unternehmen sollten. Nach einer Weile Nachdenkens aber entschlossen sie sich dennoch und begaben sich in einer ziemlichen Anzahl zu unserer Herberge und erkundigten sich da bei den Hausleuten um die Sache. Diese aber beschieden sie zu uns in den Speisesaal.
GEJ|8|203|4|0|Die Reichen aber sagten zu den Hausleuten: „Höret! Wir sind Menschen von Welt- und anderer hoher Bildung und können und wollen da nicht sogleich samt der Tür ins Haus fallen. Gehe doch einer von euch hinein und bringe uns die Nachricht, ob es gestattet ist, nun zu den Heilanden einzutreten, und wir werden dem Überbringer einer guten Nachricht auch einen guten Lohn verabfolgen! Denn wir wissen es schon seit Jahren, daß die Heilande von hier, und ganz besonders ihr Oberster, schwer zu sehen und noch schwerer zu sprechen sind. So wir nun unangemeldet zu ihnen in das von ihnen bewohnte Zimmer träten, so würden sie uns das gar leicht verargen, und wir könnten dann noch länger warten, bis wir zu ihnen vorgelassen würden. Darum bitten wir euch, daß ihr als Hausleute von hier uns vorher anmeldet und uns auch den Eintritt zu ihnen, wie gesagt, gegen einen guten Lohn erwirket.“
GEJ|8|203|5|0|Sagte einer der Diener: „Die Heilande sind als Tischgäste im Speisesaale versammelt, und in den kann jedermann frei eintreten, ob er reich oder arm ist, und kann sich etwas zur Stärkung seines Leibes geben lassen; denn unser Wein ist gut und so auch unser Brot samt allen anderen Speisen, und es wird in dieser unserer Herberge auch niemals jemand überhalten (überfordert). Sind die Armen ohne Anmeldung in den Speisesaal getreten und ihre Bitten alsbald erhört worden, warum soll es dann euch Vornehme ungut bedünken, dasselbe zu tun? Gehet hinein, und tut, was die Armen vor euch getan haben.“
GEJ|8|203|6|0|Nach diesen Worten verließen die Hausdiener die Reichen und gingen ihrer Arbeit nach.
GEJ|8|203|7|0|Als die Reichen sahen, daß mit solch uneigennützigen Dienern nichts zu machen war, da fingen sie unter sich zu losen an, wer von ihnen als erster in den Saal treten solle. Da traf es sich aber, daß gerade den Mutlosesten das Los traf.
GEJ|8|203|8|0|Dieser aber fing an, sich zu entschuldigen, und bat die andern, daß doch sie in den Saal zuerst treten möchten, indem er dazu viel zuwenig Mut besitze. Und da schob einer den andern vor, und keiner getraute sich, die Hand an den Riegel der Türe zu legen und sie zu öffnen.
GEJ|8|203|9|0|Und einer von ihnen (an der Zahl dreißig Männer) sagte: „Es ist doch sonderbar! Ich bin doch schon oft mutvollst mit dem Schwerte den erbittertsten Feinden kämpfend gegenübergestanden und empfand in mir keine Furcht und kein Bangen, – und hier habe ich Furcht und Bangen! Wie kommt das?“
GEJ|8|203|10|0|Als die dreißig Reichen noch also miteinander redeten, da sagte Ich zu Roklus, daß er den dreißig Vornehmen die Tür öffnen und sie in den Saal zu treten beheißen solle.
GEJ|8|203|11|0|Roklus tat das sogleich. Als die dreißig aber des Obersten, den sie wohl kannten und nahe für einen Gott hielten, ansichtig wurden, da erschraken sie, verneigten sich vor ihm bis zur Erde, und keiner von ihnen hatte den Mut, ihn anzureden.
GEJ|8|203|12|0|Roklus aber sagte: „Freunde! Es ziemet dem Menschen die Demut und Bescheidenheit wohl; aber hier ist das nicht am rechten Orte. Ich bin ein Mensch wie ihr und vermag aus mir selbst ebensowenig wie irgendeiner von euch; so aber durch mein Wort und Gebet Gott, der allein Eine und Wahrhaftige, an den die Juden glauben, jemandem eine Gnade erweist, da gebührt ja auch nur Ihm allein alle Ehre und nicht mir, der ich ohnmächtig bin und aus mir selbst nichts vermag. Tretet aber nun mutig in den Saal zu uns, und bringet euer Anliegen vor!“
GEJ|8|203|13|0|Darauf erst richteten sich die dreißig mit den Köpfen wie auch mit dem ganzen Leibe wieder gerade empor und gingen nun um etwas mutiger und entschlossener in den Saal, allwo ihnen der freundliche Wirt alsbald einen Tisch anwies und sie auch befragte, ob sie Wein und Brot wünschten. Und sie verlangten sogleich beides, weil sie an diesem Morgen noch nichts zu sich genommen hatten.
GEJ|8|203|14|0|Es waren diese dreißig Männer aber aus Kahiro in Ägypten und gehörten auch dem Judenstamme an; aber ihre Voreltern waren schon zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft nach Ägypten geflüchtet, und so hatten diese dreißig Männer denn auch noch eine Wissenschaft (Kenntnis) von Moses und einigen Propheten und hielten auf den Tag Mosis, so sie sich unter den Juden befanden, – doch bei sich glaubten sie mehr an die Priester Ägyptens, an ihre Mysterien und Gesetze. Und darum wollten sie, sich hier unter vielen Juden wähnend, denn auch den Tag Mosis ehren und den ganzen Tag hindurch fasten; da sie aber ersahen, wie sich auf unserem Tische Brot, Wein und allerlei andere Speisen vorfanden, so ließen sie sich denn auch alsogleich Brot und Wein geben und aßen und tranken mit vieler Lust.
GEJ|8|203|15|0|Als sie sich sogestaltig bald hinreichend gestärkt hatten, da bekamen sie auch Mut, und einer der Vornehmsten von ihnen erhob sich von seinem Sitze, trat mit vieler Ehrfurcht vor Roklus hin und sagte: „Vergib, du oberster Heiland dieser in aller Welt höchst berühmt bekannten Burg! Wir und noch viele unseresgleichen harren schon bei zwei Monde lang mit unseren toten Kindern, die in ehernen Särgen wohlverwahrt sind, hier in diesem Orte und hätten dir schon lange gern unser Anliegen wegen der etwa noch möglichen Wiederbelebung unserer Kinder vorgebracht und haben darum denn auch unser Wartlager in der nächsten Nähe des Haupttores der Wunderburg aufgerichtet. Die Diener der Burg gaben uns wohl die Versicherung, daß wir bald an die glückliche Reihe kommen würden, – aber es war das bis jetzt ein vergebliches Hoffen.
GEJ|8|203|16|0|Weit unter uns lagerte ein großer Haufe armer Bettler und Krüppel aller Art und Gattung, die wir mit Almosen täglich bedachten. Nun, dieser Haufe hatte für sich doch gewiß die um vieles geringere Hoffnung denn wir, so bald in die Wunderburg eingelassen zu werden! Und siehe da, vor kaum einer Stunde Zeit erhob er sich, da er sicher vor uns hierher berufen wurde, und wir sahen bald darauf alle die uns schon wohlbekannten Elenden aller Art und Gattung als vollkommen geheilt von allen ihren Übeln! Sie priesen Gott über die Maßen, gingen in die Herberge und stärkten sich mit Brot und Wein. Als wir sie befragten, wo ihnen solche außerordentliche Gnade zuteil geworden sei, da bezeichneten sie eben diese Herberge als die neue und wahre Wunderburg und beschieden uns denn, auch hierher zu gehen und uns von allem selbst zu überzeugen. Und so sind wir denn nun auch hier, um endlich einmal unsere Bitten und Anliegen dir als dem wundermächtigen Obersten der Essäer in tiefster Ehrfurcht zu unterbreiten.“
GEJ|8|203|17|0|Sagte darauf Roklus: „Aber Freunde, was fehlt euch denn? Ihr seid, soviel ich sehe, gesund, und euer Anzug zeigt an, daß ihr auch sehr reiche Leute seid. Wo fehlt es denn bei euch, und worin soll euch da geholfen werden?“
GEJ|8|203|18|0|Sagte abermals einer aus der Zahl der dreißig Männer: „Allen Dank dem alten und allein wahren Gott der Juden, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, gesund wären wir wohl noch, und an allerlei Reichtümern hat es bei uns auch keinen Mangel, aber unsere Kinder sind uns gestorben, und wir sind nun beinahe gänzlich kinderlos und haben somit keine Nachkommen und keine Erben; wir wissen aber, daß hier verstorbene Kinder wieder ins Leben gerufen worden sind schon zu gar vielen Malen, und so haben wir denn auch unsere toten Kinder in verschlossenen Särgen, wie dir das schon bekannt sein wird, hierher nach Essäa gebracht, um sie möglicherweise von euch um ein verlangtes Opfer wieder ins Leben rufen zu lassen. Die Särge befinden sich in der von euch dazu bestimmten Wiederbelebungsgruft, dahin wir sie schon vor ein paar Monden abgegeben haben; und wir haben den dazu bestimmten Wärtern auch den gewissen Zins schon bezahlt. Und nun sind wir da, dich zu bitten, daß du uns die Gnade erweisen möchtest, uns unsere Kinder lebend wiederzugeben, wofür wir jedes von dir verlangte Opfer dir zu Füßen legen wollen.“
GEJ|8|203|19|0|Sagte nun Roklus: „Höret mich, Freunde, nun an! Ich weiß, daß ihr eure Kinder, bei zweihundert an der Zahl, hierher gebracht habt trotzdem, daß ich in alle mir auf der Erde bekannten Orte schon vor einem Jahre Boten ausgesandt habe, daß sie allenthalben den Menschen laut und ernst verkünden sollen, daß wir hier keine toten Kinder mehr ins Leben rufen dürfen und auch nicht werden. So wie aber unsere Boten das an vielen anderen Orten verkündet haben, also werden sie das auch in Kahiro verkündet haben, wie wir das auch nur zu bestimmt wissen. So ihr aber davon Kunde hattet, warum habt ihr euch denn die vergebliche Mühe und die großen Unkosten gemacht?“
GEJ|8|203|20|0|Sagten die dreißig: „Oberster Meister, wir hatten diese Kunde wohl auch erhalten, aber unsere zu große Trauer um unsere Kinder, die an einer Kinderseuche verstarben, wie eine ähnliche seit Menschengedenken noch niemals in unserer Stadt und Gegend grassierte, hat uns dazu genötigt, doch noch einmal zu versuchen, ob wir gegen große Opfer bei euch vielleicht doch noch etwa zu einem letzten Male Erhörung und Erbarmung finden möchten. Und sollte aber das trotz alles Bittens, Harrens und Opferns dennoch nicht mehr der Fall sein können, so haben wir uns entschlossen, unsere toten Kinder nach Galiläa zu dem neuen und großen Propheten zu bringen, von dem wir aus dem Munde der Reisenden vernommen haben, daß er durch sein Wort und durch die Macht seines Willens nicht nur alle Krankheiten heilt, sondern auch die Toten erweckt. Wir bitten nun aber dennoch zuvor dich um solch eine Gnade, – erhöre uns, und gib uns unsere Kinder lebendig wieder!“
GEJ|8|204|1|1|204. — Roklus verweist die Reichen an den Herrn
GEJ|8|204|1|0|Sagte Roklus: Seht, Freunde, ich bin ein ebenso schwacher und ohnmächtiger Mensch, wie ihr selbst es seid, und habe auch niemals die Kraft und Macht besessen, einen schon völlig toten Menschen wieder ins Leben zu rufen oder einer ihres Leibes ledig gewordenen Seele einen neuen Leib zu verschaffen! Das ist nur Gott allein möglich und einem solchen Propheten, der darum vom Geiste Gottes erfüllt ist, daß er den verirrten Menschen wieder zeige den verlorenen Weg zum ewigen Leben der Seele.
GEJ|8|204|2|0|So uns aber Gott Selbst gebietet, die verstorbenen Menschen in der von Ihm bestimmten Ruhe zu lassen und den Lebenden durch allerlei magische Künste keine unnützen Hoffnungen und leeren Freuden zu machen, so werdet ihr das auch nun einsehen, daß wir Essäer Gott gehorchen müssen, da Er Selbst Sich uns geoffenbart und gezeigt hat und wir Ihn nun erst also erkennen, daß Er ist, wie Er ist, und was Er mit uns Menschen will. Und so können wir nun nicht mehr uns mit der alten und nichtigen Magie befassen, wohl aber mit dem einen und allein wahren und allmächtigen Gott durch unsere Liebe zu Ihm und zu unseren Nächsten und durch die genaueste Erfüllung Seines uns geoffenbarten Willens; und so können und dürfen wir das denn auch nimmer tun, was Er uns untersagt hat. Bittet Ihn, den ewig großen Meister des Lebens, aber selbst! Was Er euch tun wird, das wird wahrhaft wohlgetan sein.“
GEJ|8|204|3|0|Sagte abermals ein Hauptredner aus der Zahl der dreißig: „Meister und Oberster der mächtigen Brüder! Du hattest aber doch etwa bloß nur durch die Auflegung deiner Hände und durch das ausgesprochene Wort alle die vielen Elenden urplötzlich geheilt und einem sogar die verlorenen Hände wiedergegeben und mehreren die Augen, Nasen und Ohren, was mir noch mehr zu sein deucht, als ein totes, mit allen Gliedern noch wohlversehenes Kind zu erwecken vom Todesschlafe. Konntest du das, da ist es uns dann wohl kaum glaublich, daß du auf die gleiche Weise nicht auch unsere Kinder wiederbeleben könntest, so du das nur wolltest.“
GEJ|8|204|4|0|Sagte Roklus, nun ein wenig verlegen: „Freunde, ich will euch nicht länger mehr hinhalten, sondern euch sagen und zeigen unverhüllt die volle und reine Wahrheit! Sehet, ihr habt ehedem selbst euren Entschluß dahin offen ausgesprochen, daß ihr nach Galiläa zu dem neuen, großen Propheten der Juden ziehen wollet, so ihr hier keine Hilfe finden würdet! Und ich sage es euch, daß ihr sehr recht tun würdet, so das nun nötig wäre. Ihr kennet den Propheten nicht, ich aber kenne Ihn und sage euch, daß Er endlos mehr ist als ein Prophet; denn Er ist eben Der, von dem alle Propheten geweissagt haben, daß Er im Fleische in diese Welt kommen werde und werde erlösen die Menschen, die an Ihn glauben und Ihn als den alleinigen Herrn Himmels und der Erde und alles Lebens über alles lieben werden, von der Knechtschaft der alten Sünde, des Teufels und des ewigen Todes!
GEJ|8|204|5|0|Sehet, das ist nun der Prophet, zu dem ihr hingehen wollet! Der könnte eure toten Kinder freilich wohl wieder beleben, da Ihm allein nichts unmöglich ist – und sehet weiter –: Nur in und durch Seinen Namen, der überheilig ist, habe ich auf Sein Geheiß den Elenden geholfen; darum priesen die Geheilten auch nur Ihn und nicht irgend mich! – Begreifet ihr nun diese höchst wunderbare Sache?“
GEJ|8|204|6|0|Hier machten die dreißig große Augen, und der Redner fragte ganz hastig den Roklus: „Wo, wo weilt Er, der Allmächtige, nun denn, auf daß wir zu Ihm zögen und Ihm gäben die Ihm allein gebührende Ehre?“
GEJ|8|204|7|0|Sagte Roklus: „Höret, Freunde! So ein Mensch oft unvermuteterweise einer großen Begebenheit nahe ist und mit seinem Verstande und also auch oft mit seinen Augen und Ohren nicht wahrnimmt, was Großes und Außerordentliches sich schon in seiner Nähe befindet, da hat der Mensch im Herzen einen eigentümlichen Sinn, den man das Ahnungsvermögen nennt. Ist das, was sich dem Menschen ohne sein Wissen ganz nahe befindet, etwas außerordentlich Gutes und Glück- und Segenbringendes, so wird das Herz durch das Ahnungsvermögen ganz fröhlich und heiter gestimmt, im Gegenteile aber traurig und gedrückt. Fraget nun diesen euren inneren Ahnungssinn! Wie ist er gestimmt? Was fühlen eure Herzen?“
GEJ|8|204|8|0|Sagte der Redner: „Mir wenigstens kommt es freudig also vor, als befände sich der Allererhabenste und Heiligste irgend in unserer Nähe und – wie sogar in dieser Herberge, und ich fühle darum eine besondere Freude in mir, obschon ich samt allen meinen Gefährten gerade nicht die entfernteste Ursache haben könnte, im Herzen freudig gestimmt zu sein; denn ich habe, sage, allein vier tote Kinder den weiten Weg hierher in der Hoffnung gebracht, daß sie allda neu belebt werden, und habe darauf nun volle zwei Monde vergeblich gewartet! Das ist doch sicher ein Umstand, der aus leicht begreiflichen Gründen das Herz nicht fröhlich und heiter stimmen kann; und dennoch sind wir heute schon vom frühesten Morgen an merkwürdigermaßen ganz heiter und fröhlich und können uns nicht in unsere alte Trauer zurückversetzen. Ja, es kommt mir im Herzen sogar also vor, als gäbe mir jemand die Versicherung, daß ich meine vier Kinder lebend nach Kahiro zurückbringen werde!“
GEJ|8|204|9|0|Sagten darauf auch alle die andern: „Auch wir empfinden das gleiche, und es kommt uns so vor, daß es schon also und nicht anders sein werde! Aber, da nun unsere Herzen in allerfreudigster Begierde erbrannt sind, so halte, o Meister, uns nicht länger mehr hin und sage es uns, wo sich der Allererhabenste nun befindet in Seiner Persönlichkeit! Im Geiste, was wir vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs als alte Juden noch wohl wissen, ist Er überall gegenwärtig und sieht alles, hört alles, weiß um alles und erschafft und erhält überall alles. Aber da Er Selbst nun nach den alten Verheißungen in Menschengestalt Sich unter Menschen dieser Erde aufhält und ihnen große Wohltaten erweist, so möchten wir – freilich leider allzeit große Sünder vor Gott – den alten Schöpfer und Vater der Menschen denn doch auch mit unseren leiblichen Augen sehen und mit unseren schmutzigen Ohren Seine Vaterstimme vernehmen, auf daß wir daheim es allen Menschen sagen könnten: ,Wir haben Gott gesehen und gesprochen und haben aus Seinem Munde vernommen Seinen Willen, nach dem alle Menschen handeln und leben sollen!‘ – Sage uns, du großer Meister und Oberster dieser altbekannten Wunderheilanstalt, wo Sich Der nun etwa irgend gar in unserer Nähe befindet, dessen Namen keine Menschenzunge auszusprechen vermag, wie auch die Zungen aller Engel nicht!“
GEJ|8|205|1|1|205. — Die wahre Verehrung des Herrn
GEJ|8|205|1|0|Sagte nun Roklus: „Nun denn, hebet eure Herzen und Augen empor! Dieser Mann, der hier zu meiner Rechten am Tische sitzet und unser aller Herzen und Nieren prüft, ist es, zu dem ihr nach Galiläa ziehen wolltet!“
GEJ|8|205|2|0|Als die dreißig das von Roklus vernommen hatten, da fielen sie vor höchster Ehrfurcht auf ihre Gesichter und schrien: „Ehre Dir, Gott in der Höhe! Heilig und über alles ewig mächtig ist Dein Name! O Herr von Ewigkeit, verstoße uns Kinder Abrahams nicht, und sei uns gnädig und barmherzig! Dein allein heiliger Wille sei für alle Zukunft unser Gesetz, nach dem wir handeln, leben und sterben wollen!“
GEJ|8|205|3|0|Hierauf sagte Ich: „Das ist von euch nun wohl alles gar löblich vor Mir; aber in solcher eurer Stellung kann Ich nicht reden mit euch. Erhebet euch als freie und vernünftig denkende Menschen und laßt beiseite eure übertriebene Ehrfurcht! Denn Ich bin nicht zu euch gekommen, um Mich einem Götzen gleich von den blinden Heiden anbeten und verehren zu lassen, sondern um euch Gott, den ihr vergessen habt, und Seinen Willen von neuem kennen zu lehren und auf Erden zu errichten das Reich Gottes, das wahre Reich des ewigen Lebens, und zu zerstören die alten Fesseln und Kerker der Sünde, des Teufels, des Gerichtes und des Todes der Seelen. Und da will Ich, daß die Menschen vor Mir nicht in eitler Ehrfurcht den Würmern gleich kriechen, sondern als werden könnende und sollende Kinder Gottes frei, offen und aufrecht um Mich als wahre Freunde und Brüder sich sammeln, Mich hören und auch mit Mir reden sollen. Und so ihr Meinen Wunsch und Willen nun vernommen habt, da erhebet euch und redet frei und offen mit Mir!“
GEJ|8|205|4|0|Als die noch auf ihren Angesichtern liegenden dreißig das aus Meinem Munde vernommen hatten, da erhoben sie sich gemach vom Boden, waren aber dabei dennoch ordentlich schwindlig vor lauter Ehrfurcht, und es getraute sich keiner, Mich um etwas zu fragen oder zu bitten.
GEJ|8|205|5|0|Ich aber, solches wohl sehend, sagte zu ihnen: „Ja, ihr Freunde, wenn ihr euch nun Mir gegenüber stets so verhalten werdet, da werden wir miteinander keine großen Geschäfte zu machen imstande sein! Wer hat euch denn solch eine lächerliche und zwecklose Ehrfurcht vor Gott eingehaucht? Das habt ihr von den heidnischen Götzenpriestern gelernt! Gott aber verlangt von den Menschen wahrlich nicht mehr, als daß sie an Ihn als den einen, allein wahren und ewig lebendigen Gott glauben, Seinen Namen nicht eitel nennen oder gar lästern und Ihn also als den guten Vater erkennen und über alles lieben sollen und ihre Mitmenschen wie sich selbst. Alles, was darüber ist, ist ebenso vom Übel, als was darunter ist! Darum leget nun eure übertriebene Ehrfurcht vor Mir nieder, und redet frei und offen mit Mir! Oder gefällt es euch, so ihr irgend sehet, daß die Eltern ihre Kinder also erziehen, daß diese in aller Ehrfurcht in einem fort vor ihnen, ihren Eltern nämlich, kriechen müssen?! Was wird aus solchen Kindern? Nichts als feige und am Ende dennoch selbst- und herrschsüchtige Kriecher, von denen kein Nebenmensch je etwas Gutes zu erwarten hat.
GEJ|8|205|6|0|Weil denn auch ihr eure Kinder also töricht erzogen habt, so war es denn auch ganz recht und billig, daß sie euch genommen worden sind, noch ehe eure blinde Götzentorheit ihre Seelen vollends knebeln und verderben konnte. Leget darum nun vor Mir diese Torheit ab, ansonsten Ich euch wahrlich eure Kinder nimmer zurückgeben könnte und würde!“
GEJ|8|205|7|0|Diese Meine Worte wirkten, und der Redner, zu Mir nähertretend, sagte: „O du Heiligster! Wie willst Du denn, daß wir armen sündigen Menschen Dich anrufen sollen?“
GEJ|8|205|8|0|Sagte Ich: „Herr und Meister bin Ich, und also rufet und redet Mich auch an; eines Weiteren bedarf es da wahrlich nicht! Mit dem Ausdruck ,Heiligster‘ aber kommet Mir nicht mehr! Denn Ich bin hier gleich euch nur ein Mensch und sage euch, daß da niemand heilig ist als der Geist Gottes allein! Wohl wohnt Dieser in Mir, doch der geht euch vorderhand noch nichts an. Wenn ihr aber selbst in diesem Geiste wiedergeboren sein werdet, dann erst wird Er euch auch angehen, und ihr werdet Seine Heiligkeit verstehen!
GEJ|8|205|9|0|Wenn die Menschen in ihrer Blindheit zu Gott ,heilig, heilig, heilig‘ rufen werden, da wird es elend aussehen unter ihnen! Wer zu Gott also rufen will, der muß zuvor selbst voll dieses Geistes werden, ansonst ist sein Rufen ein eitel törichtes und gleicht dem gleichen Rufen der Heiden, die, von allem Gerichte der Sünden der Welt geknechtet und gefesselt, doch unmöglich die ewige und unendliche Freiheit in Gott, was eben die Heiligkeit ist, fassen und begreifen können!
GEJ|8|205|10|0|Darum bin Ich nun, solange ihr noch im Gerichte der Welt wandelt, wohl euer Herr und Meister; wenn ihr aber selbst in Meinem Geiste frei und lebendig sehend werdet geworden sein, dann erst werdet ihr in Mir Gott erkennen und zu Ihm ,Heiliger Vater‘ rufen. Doch da werdet ihr nicht also, wie jetzt, mit dem Munde rufen, sondern in euch aus dem lebendigen Geiste; denn Gott in Sich ist ein Geist und kann daher auch nur im Geiste und dessen lebendigster und lichtfreiester Wahrheit angerufen und angebetet werden! – So ihr das nun begriffen habt, da ändert sofort euren törichten Sinn, und redet frei und offen mit Mir, und saget, was man euch hier tun soll!“
GEJ|8|206|1|1|206. — Was der Herr von den Seinen fordert
GEJ|8|206|1|0|Sagte der Redner: „O Herr und Meister! Du bist wahrlich endlos gut und weise und bist bei aller Deiner göttlichen Herrlichkeit unaussprechlich sanftmütig, demutsvoll herablassend und voll der höchsten und größten Geduld! Und das kräftigt unseren Glauben um so mehr dahin, daß Du wahrhaftig Derjenige bist, der uns durch den Mund der Propheten verheißen ward von Jehova, und daß und wie Er gründen wird ein wahres Gottesreich auf dieser Erde. Und da wir nun das ungezweifelt glauben, so glauben und erhoffen wir auch von Dir die Gnade, daß Du unsere toten Kinder uns lebend wieder zurückgeben wirst, die wir fortan sicher weiser erziehen werden, als das bis jetzt der Fall war!“
GEJ|8|206|2|0|Sagte Ich: „Ja, Ich werde euch das tun, – doch zuvor merket euch das wohl, was Ich euch nun sagen werde! So eure toten Kinder euch lebend wiedergegeben werden, da machet weder hier noch auf dem Rückwege, noch daheim ein Aufsehen, und machet Mich und auch die Essäer nicht weiter ruchbar! Denn von nun an werden keine Toten dem Fleische nach wieder ins irdische Leben erweckt werden, wohl aber viele geistig tote Seelen ins ewige Leben, für das die Menschen erschaffen worden sind. Es soll von dieser in diesem Orte letzten Tat außer diesen Meinen Jüngern, außer euch und einigen wenigen anderen Zeugen niemand etwas erfahren! Denn Ich will es nicht, daß derlei je mehr hier ausgeübt wird.
GEJ|8|206|3|0|Wer in der Folge noch tote Kinder oder auch andere Verstorbene hierher bringen wird, der wird sich nicht nur eine vergebliche Mühe machen, sondern wird dabei allerlei andersartiges Ungemach zu erleiden bekommen. So aber allerlei Kranke zur Heilung im wahren Glauben an Meinen Namen hierher gebracht werden, die sollen auch ihre Heilung finden. – Mit dem wisset ihr nun, was ihr zu tun und zu beachten habt!
GEJ|8|206|4|0|Gehet aber am Abend hin, von einem oder dem andern Essäer begleitet, in die Gruft, öffnet die verschlossenen Särge, und eure Kinder werden euch sogleich als lebend und völlig gesund folgen! Morgen früh aber reiset schnell, auf daß ihr den Tag über kein Aufsehen erreget bei den vielen Menschen, die nun in diesem Orte sich befinden!
GEJ|8|206|5|0|So euch auf dem Heimwege Menschen mit toten Kindern begegnen werden und euch fragen, wie es hier zugeht, da saget ihnen offen, was Ich euch in Hinsicht der künftig nicht mehr stattfindenden Wiederbelebung der toten Kinder gesagt habe, und sie werden dann keine weitere und vergebliche Reise hierher machen!
GEJ|8|206|6|0|Besuchet daheim auch keine Götzentempel mehr, und wird man euch zur Rede stellen, da saget, daß ihr den nur einen, allein wahren und lebendigen Gott gesucht und auch gefunden habt, und der habe euch treu, offen, hell und lebendig gezeigt, was ihr zu tun habet! Wird man euch darauf in Ruhe lassen, so bleibet, wird man euch aber zwingen, so ziehet weiter! Denn Der euch hier hilft, der kann euch auch allzeit und allenthalben helfen, so ihr an Seinen Namen glaubet und Ihm volltrauet! Habt ihr das nun verstanden, da könnet ihr nun diese Herberge wieder verlassen!“
GEJ|8|206|7|0|Sagte darauf der Redner, Mir im Herzen für alles dankend: „O Herr und Meister, da wir nun schon so viel Gnade bei Dir gefunden haben, so möchten wir uns dafür nach unseren Kräften werktätig dankbar bezeigen! Sage es uns gnädigst, was alles für Opfer wir aus großer Liebe zu Dir hier verrichten und darbringen sollen!“
GEJ|8|206|8|0|Sagte Ich: „Mir und auch den Essäern habt ihr kein anderes Opfer zu bringen, als daß ihr fortan nur an den einen wahren Gott glaubet und Ihn aus allen euren Kräften liebet und eure armen Nächsten wie euch selbst, und daß ihr bewahret eure Herzen vor der Selbstsucht, vor dem Geiz und Neide, vor der Weltliebe und vor dem Hochmute; denn alles, was vor den Augen, Ohren und Herzen der Welt groß und glanzvoll ist, das – hört! – ist vor Mir ein Greuel!
GEJ|8|206|9|0|Nehmet euch an Mir ein Beispiel! Ich allein bin der Herr und Meister, und Himmel und Erde liegen in Meiner Macht und Gewalt, und Ich bin dennoch von ganzem Herzen sanftmütig, und bin voll Demut, Geduld, Liebe und Erbarmung und lasse Mich von niemand also ehren, wie das verlangen die Pharisäer, der Heiden Priester und andere eingebildete Großen der Welt.
GEJ|8|206|10|0|Also diese Opfer bringet Mir dar, und ihr werdet euch fortwährend Meiner Liebe und Gnade zu erfreuen haben! Was ihr aber in der Liebe den Armen in Meinem Namen tun werdet, das wird von Mir stets also angesehen sein, als hättet ihr das Mir Selbst getan, und ihr werdet euch dadurch in Meinen Himmeln für ewig große Schätze sammeln. Das sind die Opfer, die Ich von euch verlange.“
GEJ|8|206|11|0|Sagte der Redner: „O Herr und Meister, diese Opfer werden wir denn auch, alles gewissenhaftest befolgend, Dir allzeit darbringen! Sollen wir die ehernen Särge hierlassen, oder sollen wir sie auch wieder mitnehmen?“
GEJ|8|206|12|0|Sagte Ich: „Das war eine törichte Frage! So ihr eure lebendig gewordenen Kinder wieder habt, wozu sollen euch daneben die Särge nützen? So euch die Menschen begegneten und sähen die leeren Särge, so würden diese es am ersten verraten, was euch hier zuteil geworden, – und das ist es, was Ich euch strenge widerraten habe. Und so denn versteht sich das ja von selbst, was da mit den eitlen Särgen zu geschehen hat. Die Brüder Essäer sollen sie in ihren Erzwerkstätten in Pflugscharen und Spaten umgestalten lassen und sie zu solchen besseren Zwecken benutzen. – Nun wisset ihr alles, was ihr zu tun habt, und so denn verlasset voll Trostes diese Herberge!“
GEJ|8|206|13|0|Darauf dankten Mir alle noch einmal laut und verließen uns.
GEJ|8|206|14|0|Am Abend aber, als die meisten Menschen sich schon in den Herbergen befanden, entsandte Ich einen Essäer in die Gruft, bei der schon die dreißig harrten und noch mehrere, die auch ihre toten Kinder nach Essäa gebracht hatten. Die dreißig aber meinten, daß solches etwa Mir nicht angenehm sein werde. Aber es hatte der Essäer schon geheim die Weisung von Mir, alle Särge öffnen zu lassen und allen aber auch zu sagen, was Ich Selbst den dreißig gesagt hatte. – Und so wurden alle die toten Kinder wieder zum Leben erweckt.
GEJ|8|206|15|0|Daß diese Tat ein übergroßes Aufsehen bei den Beteiligten erweckte, läßt sich leicht von selbst denken und braucht nicht weiter beschrieben zu werden. Alle diese Väter und auch etliche Mütter, Mir im Herzen dankend, aber stärkten sich in einer Herberge, außerhalb des Ortes auf dem Wege gen Ägypten bei einer halben Stunde weit entlegen, um im Orte selbst kein Aufsehen zu machen, und zogen am frühen Morgen in ihre Heimat.
GEJ|8|206|16|0|Es wurden die wiederbelebten Kinder auch vielseitig von den Eltern befragt, wie es ihnen in der Welt der Geister ergangen sei, und ob sie sich dessen irgend rückerinnern könnten. Die Kinder aber sagten, daß ihnen alle Rückerinnerung genommen worden sei und sie daher den Fragenden auch keinen Aufschluß geben könnten; und so hatten die Kinder denn auch Ruhe vor allem weiteren Befragtwerden. Und so ist diese Wundertat ganz ruhig und für die noch andern im Orte seienden Menschen nahe spurlos ausgeübt worden.
GEJ|8|207|1|1|207. — Die zwei hochmütigen Pharisäer aus Jerusalem in Essäa
GEJ|8|207|1|0|Als aber die dreißig die Herberge, in der Ich wohnte, verließen, da waren wir wieder eine kleine Weile unter uns allein, und Ich gab dem Roklus allerlei Weisungen, wie er sich künftig benehmen solle, so doch noch irgendwelche sich sollten beifallen lassen, ihre toten Kinder nach Essäa zur Wiederbelebung zu bringen. Ich verbot ihm aber in einzelnen Fällen, wo die Bittenden einen starken Glauben an den Tag legten, nicht, diesen oder einen andern wieder zu beleben; aber er solle sich zuvor stets zu Mir im Geiste wenden, und Ich würde es ihm kundtun, ob die Tat zu vollführen oder zu unterlassen sei. Solches nahm Roklus auch mit dem größten Danke an.
GEJ|8|207|2|0|Als wir aber noch also redeten, da kam ein Bote, aus der Wunderburg entsandt, zu uns in die Herberge und sagte, daß soeben zwei hohe Älteste und Pharisäer aus Jerusalem in die Burg gekommen seien mit einem glänzenden Gefolge und sogleich mit dem Obersten selbst höchst dringlich zu sprechen wünschten.
GEJ|8|207|3|0|Ich aber sagte: „Gehe, du Bote, hin zu den Blinden und sage es ihnen, daß sich gar viele Menschen nun in Essäa aufhalten und auch den Obersten sprechen wollen; der Oberste aber weiß schon, was er zu tun hat, und wo die Not am größten ist, und läßt sich darum von einem Paar Pharisäer, die ihre Kebsweiber und einige geschändete Knaben zur Heilung hierher gebracht haben, wenn auch in glänzenden Kleidern, nicht irremachen in seinem ordnungsvollen Tagewerk. Sie sollen nur warten, wie das sogar königliche Leute und Familien tun müssen.“
GEJ|8|207|4|0|Da verneigte sich der Bote und ging und hinterbrachte das wortgetreu den beiden Pharisäern, die sich dadurch höchlichst beleidigt fanden und in den Boten drangen, ihnen zu sagen, wo sich der Oberste aufhalte.
GEJ|8|207|5|0|Der Bote aber sagte: „Ich bin kein Herr, sondern nur ein Knecht und muß gehorchen meinem Herrn, von dem ich die strengste Weisung habe, ohne seinen Willen niemandem, sogar einem Kaiser nicht, anzuzeigen, wo sich der Herr aufhält und was er irgend tut; und so kann und darf ich auch euch nicht sagen, wo sich nun der hohe Oberste befindet. Gehet in eine Herberge, und wartet alldort, bis die Reihe an euch kommen wird! Denn hier bei uns gilt jeder Mensch gleich, und ein Fürst hat vor einem Bettler nicht den allergeringsten Vorzug!“
GEJ|8|207|6|0|Da sagte einer der beiden Pharisäer, dem das sehr in die stolze Nase gestiegen war: „Was redest du also vor uns! Ist denn diese Zauberburg mehr als der Tempel Jehovas in Jerusalem? Und dort wird dennoch ein Unterschied streng beachtet!“
GEJ|8|207|7|0|Sagte der Bote: „Das geht mich nichts an! Bei euch möget ihr als Herren schalten und walten nach eurem Belieben und nach euren Gesetzen, und wir schalten und walten hier nach unseren Gesetzen und erkennen niemand außer Gott als einen Herrn an und den auch, der von Gott Selbst uns zu einem Obersten gegeben und gesetzt worden ist! Darum tut Gott auch hier große Zeichen, und die Pharisäer selbst müssen hier Hilfe suchen, weil sie in Jerusalem keine haben und irgend finden können. Und ich als Bote habe nun geredet, und ihr könnet gehen, wie ihr gekommen seid, so ihr nicht warten wollet oder könnet!“
GEJ|8|207|8|0|Auf das kehrte der Bote den Pharisäern und ihrem schönen Gefolge den Rücken, und diesen blieb nichts übrig, als sich in eine Herberge zu begeben und dort zu warten, bis sie gerufen würden.
GEJ|8|207|9|0|Roklus aber dankte Mir abermals, daß Ich ihn vor den Pharisäern nun behütet habe.
GEJ|8|207|10|0|Darauf fragte Mich Simon Juda, sagend: „Herr und Meister, wir haben nun noch etwa ein paar Stunden bis zur Mitte des Tages! Wäre es denn nicht geraten, so wir uns abermals ins Freie begäben? Denn so wir immer hier uns aufhalten, da wird bald wieder etwas vorkommen, das uns unangenehm berühren kann. Und mir kommt es vor, als ob die zwei Pharisäer es sich vorgenommen hätten, den Obersten von Herberge zu Herberge aufsuchen zu gehen; und so sie hierher kämen, da wäre das für Dich, für den Obersten und auch für uns nichts Angenehmes. Doch ich will damit etwa ja keinen Rat gegeben haben, sondern fragte Dich nur um Deine Meinung.“
GEJ|8|207|11|0|Sagte Ich: „Eben darum bleiben wir hier, denn Ich will dem Unfuge des Raubtributnehmens ein völliges Ende machen, wozu Ich schon heute morgen den Grund gelegt habe.
GEJ|8|207|12|0|Diese zwei Pharisäer sind auch unter anderm darum hierher gekommen, um von den Straßenräubern ihren Anteil zu beheben, weil eben diese Straßenräuber unter dem Schutze der Templer und des Herodes ihren Unfug als gesetzlich erlaubt treiben dürfen.
GEJ|8|207|13|0|Die Heilung ihrer Kebsweiber und der geschändeten Knaben ist also der eigentliche Grund der Hierherreise der beiden Pharisäer nicht, sondern die Einhebung ihres Straßenraubanteils; haben sie den, dann werden sie selbst sogleich abreisen und die Kranken in der Behandlung hier lassen. Sie möchten aber eben darum mit Roklus geheim ein paar Wörtlein reden, daß er die Kranken in unentgeltliche Pflege nehme und sie, wo möglich oder tunlich, auch statt zu heilen lieber auf eine gute Art gar in die liebe Ewigkeit befördern möchte, weil diese Menschen sie in Jerusalem mit der Zeit leichtmöglicherweise doch in einen schlechten Ruf vor dem Volke bringen könnten. Seien sie aber einmal begraben, da hätten die Templer von ihnen nichts mehr zu befürchten und zu besorgen! Sollte sich aber der Oberste zu solch einem Werke der echt satanischen Nächstenliebe trotz aller ihm dafür zugesicherten Vorteile nicht herleihen wollen, so könne er sie zwar heilen, aber darauf nicht mehr nach Jerusalem zurück, sondern irgendwo anders hin, als etwa nach Ägypten, Persien oder gar nach Indien ziehen lassen.
GEJ|8|207|14|0|Seht, das haben die beiden Templer vor, und sie werden darum auch, sowie sie die mitgebrachten Kranken in der Herberge werden untergebracht haben, den Obersten mit allem Eifer aufsuchen gehen und ihn eben hier auch finden, weil sie durch einen hier Geheilten bald und leicht erfahren werden, wo sich unser Freund Roklus befindet.“
GEJ|8|207|15|0|Und seht, das wird dann eben recht sein; denn eben bei dieser Gelegenheit wird ihnen der Oberste, wie Ich ihm das ins Herz und in den Mund legen werde, das alles vorhalten können, und es wird dabei dem Straßenraubunfug ein Ende gemacht, und die Kranken, die sich nun hier in der Gewalt der Essäer befinden, werden wider sie und den ganzen Tempel zeugen, und das sicher um so mehr, so sie vom Obersten erfahren werden, welch löbliche Höllenabsichten die beiden Templer mit ihnen haben!
GEJ|8|207|16|0|Darum soll sie Roklus auch zuerst anhören, was sie ihm vorbringen werden, natürlich im Beisein der andern nun hier anwesenden Brüder Essäer, die ihm dann bei den Kranken als treue Zeugen gute Dienste leisten werden.
GEJ|8|207|17|0|So die Templer auf diese Weise enthüllt werden, da werden sie sehr gefügig sein und gern ein jedes noch so große materielle Opfer bringen, um nur nicht vor einen römischen Richter gestellt zu werden.
GEJ|8|207|18|0|Und so ist das ganz gut, daß sich das nun also fügt, wie Ich es schon lange vorgesehen habe; denn dadurch wird sich Essäa einen lange bleibenden Schutz gegen die losen Verfolgungen des Tempels gründen und sich von allen Seiten her einen sicheren Zugang bereiten.
GEJ|8|207|19|0|Wenn die beiden aber zu dieser Herberge kommen werden, da werde schon Ich dem Bruder Roklus anzeigen, daß er mit den andern Brüdern zu ihnen hinaus in den Hofraum gehe und mit ihnen die Sache auf die gehörige und fruchtbringende Weise abmache. Bis in einer Stunde nach dem Mittage wird schon alles in der Ordnung sein, und wir werden dann ganz ruhig unser Mittagsmahl einnehmen können und darauf erst ins Freie gehen, wenn die beiden Templer diesen Ort mit aller Hast und Eile werden verlassen haben. Verstehst du, Petrus, nun, warum Ich vor dem Mittagsmahle nicht ins Freie gehen, sondern hier im Saale verweilen will?“
GEJ|8|207|20|0|Sagte Petrus: „Jetzt verstehe ich das nur zu gut, klar und rein. Wir danken Dir für diesen Aufschluß.“
GEJ|8|207|21|0|Nun aber erhob sich erst Roklus, der bei Meiner offenen Beschreibung des Grundes, aus dem die beiden Templer nach Essäa mit ihren Kranken gekommen sind, beinahe vor Ärger hatte aufspringen und voll Zorns die beiden gleich gefangennehmen wollen, und sagte ganz durch und durch erregt: „O Herr und Meister! Hätte ich nun nur so ein Teilchen von Deiner Macht in Mir, so würden die beiden wahrlich nicht so leichten Kaufes von hier kommen! Wie möglich aber kannst Du, Allmächtiger und Gerechtester, solchem Unfuge der wahrsten Teufel in Menschengestalt mit aller Geduld so lange zusehen und ihnen noch oft genug gelingen lassen ihre echt satanischen Pläne in voller Tat?
GEJ|8|207|22|0|Den Tempel zu Jerusalem, der schon lange zu einer wahren Räuberhöhle geworden ist, samt seinem elendesten Priestergeschmeiß fortbestehen lassen, ist zu viel Geduld! Es werden dessen Schändlichkeiten unter dem Volke ja von Tag zu Tag ersichtlicher und ruchbarer, und das Volk fällt daher auch unverschuldetermaßen stets mehr vom Glauben an einen allein wahren Gott ab und geht zu den weit vernünftigeren und besseren Heiden über!
GEJ|8|207|23|0|Aber Du, o Herr und Meister, bist hochweise und weißt am besten, warum eben Du solches zulässest! So aber die beiden kommen werden, da erfülle, o Herr, mein Herz mit Geduld, auf daß ich das werde zu ertragen imstande sein, was sie mir vorbringen werden!“
GEJ|8|207|24|0|Sagte Ich: „Sorge du dich nicht darum; denn du wirst mit ihnen am Ende ganz wohl darauskommen und sie möglicherweise für die Wahrheit und für die gute Sache des Lebens gewinnen! Siehe, auch hier unter Meinen Jüngern befinden sich mehrere bekehrte Pharisäer, die nun schon in aller Wahrheit des inneren Lebens stehen, und es ist eben noch nicht zu lange seit dem, wo sie Mir nach Meinem Leibesleben strebten, weil Meine Worte wider sie zeugten.
GEJ|8|207|25|0|Es wird aber das Maß der Tempelgreuel bald voll werden, und bevor noch sechsmal zehn Jahre vergehen werden, wird man kaum die Stelle mehr finden, wo Jerusalem und der Tempel gestanden sind. Meine Geduld und Langmut ist wohl groß und nahe unbegrenzt, aber doch nicht unendlich auf den Weltkörpern! Mein Wille, der zu arg gewordene Welten zerstört hat, kann auch Städte und Völker vernichten, so ihr Maß der Greuel voll geworden ist. – Doch nun nichts Weiteres mehr davon. Du aber kannst dich nun schon mit deinen Brüdern hinaus in den Vorhof begeben; denn die beiden werden nicht lange auf sich warten lassen!“
GEJ|8|207|26|0|Als Roklus das von Mir vernommen hatte, da erhob er sich mit den andern Brüdern und begab sich sogleich in den Vorhof. Der Wirt aber machte sich mit den Seinen an die Bereitung eines guten Mittagsmahles.
GEJ|8|208|1|1|208. — Roklus und die zwei Templer
GEJ|8|208|1|0|Roklus aber brauchte nicht lange auf die beiden Pharisäer zu warten; denn als sie, wie schon erwähnt, von einem Geheilten erfahren hatten, wo der Oberste sich befinde und seine Wunderheilungen ausübe, da überließen sie die mitgenommenen Kranken in der Herberge dem Wirte zur Versorgung, wofür sie ihm etwas Geld gaben, und begaben sich in Begleitung des Geheilten sogleich nach unserer Herberge, um vor allem mit dem, was für sie und ihren argen Plan ihnen am wichtigsten deuchte, mit dem Obersten in die von ihnen vorgefaßte Ordnung zu kommen.
GEJ|8|208|2|0|Als sie nun in den Vorhof eintraten, ging ihnen der Oberste sogleich entgegen, grüßte sie nach der Tempelsitte und sagte: „Ihr suchet den Obersten der Essäer? Und der stehet in meiner geringen und unansehnlichen Person vor euch! Was wollt ihr von mir? Ich sage es euch aber zum voraus, daß ihr mir euer Anliegen offen und ohne allen Vorhalt vortraget, ansonst ihr vergeblich zu mir gekommen wäret!“
GEJ|8|208|3|0|Sagte einer der Pharisäer: „Das wollen und müssen wir auch; aber wir möchten der etwas geheimen Sache wegen ohne Zeugen mit dir reden und etwa in einem Gemache!“
GEJ|8|208|4|0|Sagte Roklus: „Was bei uns den Fürsten, Königen und Kaisern nicht gewährt wird, das wird auch euch nicht gewährt! Denn bei uns gibt es keinen Hinterhalt und keine wie immer geartete Geheimtuerei mehr, auf daß fürder niemand uns irgend eines oder des andern Menschentruges zeihen könne. Darum heilen wir die Kranken denn auch offen vor allen Menschen und nicht mehr in der alten, durch euch am meisten verschrienen und verdächtigten Burg. Wollt ihr sonach etwas von uns, so saget uns das hier offen! Denn wir Essäer alle sind so gut wie nur ein Mensch; was der eine weiß und kann, darf allen andern nicht verschwiegen bleiben. Ihr wisset nun, wie ihr mit uns daran seid; redet daher offen mit uns, oder gehet unverrichteterdinge wieder dahin, von woher ihr gekommen seid! Das sei euch aber auch noch gesagt, daß ihr nichts von uns verlangen wollet, das da irgend ungerecht wäre vor Gott und den Menschen!“
GEJ|8|208|5|0|Sagte der Pharisäer: „Ihr habt euch ja gänzlich umgewandelt; denn vor kaum zwei Jahren habt ihr ganz anders doch geredet und sicher auch gehandelt!“
GEJ|8|208|6|0|Sagte Roklus: „Mag sein; aber da es auf dieser Erde nichts so Vollkommenes gibt, das da keiner weiteren und höheren Vervollkommnung bedürfte, so waren auch wir noch lange nicht so vollkommen, daß wir uns nicht noch um ein gar Großes mehr hätten vervollkommnen können. Wir haben uns denn auch, obgleich wir auch noch lange nicht am großen Endvervollkommnungsziele stehen, seit etlichen Jahren um ein gar Großes vervollkommnet, und so denken, wollen, reden und handeln wir nun denn auch ganz anders!
GEJ|8|208|7|0|Früher heilten wir die Kranken unter allerlei eitel leerer Zeremonie, und das darum, weil die blinden Menschen es also haben wollten, und der schwarze Grund lag darin, daß die vielen, die hier Hilfe suchten und sie auch fanden, von ihren selbst-, herrsch- und gewinnsüchtigen Priestern, die sich als Gottesdiener ausgaben und stets überhoch ehren ließen, in allerlei zeremoniellen Aberglauben ordentlich begraben worden sind!
GEJ|8|208|8|0|Da wir es mit den Menschen, die, hoch oder nieder, unsere Brüder sind, allzeit ehrlich meinten, so konnten wir diesem alten und bösen Unfuge nicht länger mehr zusehen und haben fest beschlossen, allen Menschen in sonnenheller Wahrheit ihre alten Torheiten zu zeigen; und wir haben uns darum denn auch von allem vollends entfernt, was nur den geringsten Anschein von einem leeren Truggeheimnisse haben könnte, und reden und handeln darum nun ohne allen wie immer gearteten Hinterhalt mit jedermann, und so denn auch mit euch ohne irgendwelche Scheu, Furcht oder Rücksicht. Denn euer Tempel und ihr, als uns wohlbekannt oberste Priester im selben, seid gleich so viel wie ein jeder andere Mensch.
GEJ|8|208|9|0|Und so euer Anliegen an uns etwas den Gesetzen Gottes Widerstrebendes hat, da stehet ihr samt eurem Tempel und eurer hohen Priesterschaft weit und tief hinter den Tieren in unseren Augen! Ich habe euch nun klar und offen dargestellt, wie wir nun bestellt sind, und warum, und so werdet ihr denn nun auch hoffentlich begreifen, wie ihr euch gegen uns zu benehmen habt, so ihr irgendeinen wahren und guten Zweck eurer Mühe bei uns erreichen wollet.“
GEJ|8|209|1|1|209. — Roklus enthüllt die Absichten der Pharisäer
GEJ|8|209|1|0|Diese Ansprache des Roklus taugte freilich wohl nicht im geringsten für das, was die beiden Templer hier so ganz eigentlich erreichen wollten; und so wußten sie nun nicht, wie sie da ihr Anliegen vorbringen sollten.
GEJ|8|209|2|0|Nach einer Weile aber fiel es dem einen Pharisäer ein, den Obersten mit Drohungen anders zu stimmen und ihm gewisserart die Hölle so glühheiß als möglich zu machen, und so sagte darum der Pharisäer mit stark aufgeblähten Backen: „Höre du, dir auf deine Wahrheit und Ehrlichkeit überaus viel zugute haltender Oberster! Du hast in deinem Eifer vergessen – erstens, vor wem du stehst und redest, und zweitens hast du nicht nur gegen uns als Oberste im Tempel, sondern auch gegen den Tempel eine arge Lästerung offen ausgesprochen und hast dich dadurch im höchsten Grade sträflich gemacht! So wir dich nun verfolgen wollten, so würde es dir und deinem ganzen Anhange böse ergehen! Daher laß ohne Zeugen unter vier Augen mit dir reden, und tue dann das, was wir von dir verlangen, so wollen wir keinen weiteren Gebrauch von dem machen, was dich vor uns im höchsten Grade strafbar gemacht hat!“
GEJ|8|209|3|0|Als Roklus diese Ansprache vernommen hatte, da ward er nahe ganz glühend, sah die beiden mit einem stechend forschenden Blicke an und sagte mit sehr lauter und kräftiger Stimme: „Höret, ihr durch und durch verschmitzten Pharisäer! So wahr ein Gott lebt, den ich wohl kenne und ihr ihn aber noch nicht erkannt habt, und so wahr nun ich dastehe, rede und lebe, so wahr werde ich das nicht tun, was ihr von mir unter vier Augen zur Deckung eurer Sünden verlangetet, das ich euch tun solle! Ihr sagtet, daß ich euch und den Tempel gelästert habe und mich sohin im höchsten Grade strafbar gemacht habe; in welchem Grade aber habt dann ihr euch strafbar gemacht vor Gott, vor dem Tempel und vor dem Volke durch eure Hurerei, Ehebrecherei und Knabenschändung im Tempel?!
GEJ|8|209|4|0|Eure halb zu Tode genotzüchtigten Dirnen, Mägde und durch euch ihren Männern treulos gewordenen Weiber und geschändeten Knaben habt ihr unter dem Titel ,zur Heilung‘ hierher gebracht; aber euer Sinn und Wille ist ein ganz anderer! Euer Sündenübermaß hat für euch in Jerusalem sehr übelrüchig zu werden angefangen, und es hat euch eine große Furcht, nicht etwa vor Gott, an den ihr niemals geglaubt hat, sondern vor den Gesetzen Roms, angewandelt; und darum seid ihr mit denen, die sich nun schlecht versorgt in der Herberge am großen Platze befinden, hierher gekommen und wollet nun zur Deckung eurer übergroßen und vielen Sünden nicht, daß die von euch krank und unglücklich gemachten Menschen hier geheilt, sondern von uns ermordet und begraben oder doch zum mindesten in ein überfernes Land unter wilde Menschen und Tiere verbannt werden sollen, – und so sollen wir für euch noch den Schluß eurer Sünden machen, wofür ihr uns einen Teil eures hier geheim unterhaltenen Straßenraubanteiles überlassen wollet.
GEJ|8|209|5|0|Ihr sagtet, daß ich euch und den Tempel gelästert und mich strafbar gemacht habe. Wie stehet es denn mit euch nun? – Was ich aber, der ich die Fähigkeit von Gott überkommen habe, jeden Menschen durch und durch zu blicken und zu prüfen Herz und Nieren, hier gesagt habe, das kann ich euch mit tausend Zeugen vor Gott und allen ordentlichen weltlichen Gerichten beweisen. Und so ich das tue, wie wird es dann mit euch stehen? Ihr glaubtet mich durch euer oberpriesterliches Drohen zu einer Greueltat zu zwingen; aber es hat sich nun für euch das Blatt gewendet, und ihr stehet nun in meiner Gewalt! Was werdet ihr nun tun?“
GEJ|8|209|6|0|Sagten die beiden, ganz verblüfft über die Worte des Obersten: „Solltest du uns auch das erste beweisen können, so wird es dir aber doch schwer werden, zu beweisen, daß wir die Kranken in böser Absicht zu euch hierher gebracht haben! Solltest du etwa auf dem Wege der altägyptischen Chiromantik (Handzeichenkunde) und sicher nicht mit der Hilfe Gottes, dessen du dich sehr rühmest und nicht bedenkst, daß Gott mit Zauberern keine Gemeinschaft hat, auch in uns eine böse Absicht entdeckt haben, so wird das vor einem Gerichte keinen Wert haben; denn der pure Gedanke ist noch lange keine Tat und wäre auch dann noch keine, wenn wir dir das selbst laut anvertraut hätten, dessen du uns bezichtigt hast! Und du würdest in diesem Punkte gegen uns wohl nichts ausrichten; im ersten Punkte aber sind nahe alle Templer gleich, und es dürfte dir am Ende dann doch etwas schwer werden, wenn du auch als ein Grieche und Halbheide bei den Römern in einem großen Ansehen stehst; denn ein so großes und angesehenes Priesterkollegium, wie das unsere in Jerusalem ist, und das eine große Macht besitzt, ist nicht so leicht und wirksam anzugreifen. Daher stehe du ab von deinem Drohen, und wir wollen auch von unserem keinen Gebrauch machen und dich nicht dazu auffordern, unsere hierhergebrachten Kranken zu heilen; denn es gibt ja auch noch anderorts Heilanstalten!“
GEJ|8|209|7|0|Nach diesen Worten machten die beiden Miene zum Fortgehen; aber Roklus sagte zu ihnen: „Hierher kommen ist wohl leicht, doch von da wieder zurück- und heimkommen ist um ein sehr Bedeutendes schwerer, und ihr werdet wahrlich nicht eher aus diesem Orte gelassen werden, als bis ihr das erfüllt haben werdet, was wir euch im Namen Jehovas diktieren werden. Ihr seid in unserer Gewalt, und es wird euch schwer werden, der zu widerstreben.
GEJ|8|209|8|0|Die Kranken werden hier geheilt werden, und ihr werdet mit euren Schätzen für ihren Weiterunterhalt sorgen! Wo aber die Geheilten ihren guten und sicheren Aufenthalt nehmen werden, das wird meine Sorge sein.
GEJ|8|209|9|0|Die von euch aus hier unterhaltenen Straßenräubereien werden völlig eingestellt, und alle die geraubten Schätze werden in diesen Ort gebracht und geschafft und den noch vielen Hierseienden zurückgestellt werden! Denn es steht geschrieben: ,Du sollst nicht stehlen und begehren deines Nächsten Gut!‘
GEJ|8|209|10|0|Seid ihr nicht die ärgsten Gotteslästerer, so ihr saget, daß ihr die ersten Gottesdiener seid, und daß Er nur euer Gebet erhört, und daß euch die Macht gegeben ist, den Seelen der Menschen die Tore des Himmelreiches zu öffnen? Für euch selbst aber habt ihr noch nie an einen Gott geglaubt und Ihm in euren Herzen die rechte Ehre gegeben; wohl aber habt noch jeden auf das wütendste verfolgt, der vom Geiste Gottes erweckt und erfüllt, notwendigerweise wider euch zu zeugen angefangen hat!
GEJ|8|209|11|0|Ich selbst bin nach der kleinen Wüste am Jordan gezogen und habe angehört den Bußprediger Johannes und habe jedes seiner Worte nur zu wahr gefunden und mich denn auch daran gekehrt; ihr habt ihn wohl auch angehört, wurdet darauf voll Hasses, und er mußte eurer unersättlichen Rachgier zum schnödesten Opfer werden. Nun aber ist der große verheißene Messias voll der höchsten Weisheit und göttlichen Kraft und Macht gekommen, was Er durch Worte und Taten zeigt, und ihr suchet auch Ihn zu töten! Welches Geistes Kinder seid ihr alsogestaltig?!
GEJ|8|209|12|0|Ihr prediget den Menschen wohl die Gesetze Mosis, ihr selbst aber beachtet auch nicht eines und begehet alle Sünden, die der Teufel, der euer wahrer Vater ist, euch nur immer in eure argen Herzen legt; ihr lüget allzeit vor Gott und allen Menschen; ihr betrüget, schwöret falschen Eid; ihr stehlet, raubet, tötet und mordet, wie ich euch das vor Gott und jedem weltlichen Gerichte mit schon tausendmal tausend Zeugen sonnenklar beweisen kann, und ihr waget den einen Gotteslästerer zu schelten und dann auch zu verfolgen, der, vom wahren Geiste Gottes erweckt, wider euch zeugt und euch selbst noch vom Abgrunde des ewigen Verderbens retten möchte?!
GEJ|8|209|13|0|Saget und urteilet selbst, ob die Sodomiten es je so arg getrieben haben wie ihr, – und dennoch hat Gott sie durch Feuer vom Himmel herab von der Erde vertilgen lassen! Was wird Er wohl jüngst mit euch tun?
GEJ|8|209|14|0|Ihr werdet aus dem erkennen, daß wir Essäer euch schwarze Templer nur gar zu gut kennen und auch wohl wissen, wie gut und ehrlich ihr es mit uns meinet und den armen Juden mit dem Bann beleget, der irgend erweislich bei uns eine Hilfe suchete und sie auch fände; ihr selbst aber kommet dennoch, so es euch schlecht geht, zu uns, und begehret Hilfe! Sollte das dem armen Juden nicht auch also frommen, wie es euch selbst frommt? O ihr argen Heuchler und Gleisner, ihr Schlangenbrut und Natterngezüchte! So ihr euch nicht von Grund aus bessert, da werdet ihr desto mehr des Fluches und der ewigen Verdammnis über euch bekommen! Ihr wisset es nun, was ihr wenigstens hier zu tun habt!
GEJ|8|209|15|0|So ihr meinem vor Gott und vor allen Menschen gerechten Verlangen nicht nachkommen werdet, da werde ich euch mit der von Gott mir verliehenen Macht auf eine Weise zu züchtigen anfangen, vor der sogar alle Teufel fliehen würden! – Habt ihr mich verstanden?“
GEJ|8|209|16|0|Sagten die innerlich ganz ergrimmten Pharisäer: „O ja, Freund, das sicher, und wir werden wohl auch hier deinem Verlangen nach Möglichkeit nachkommen; was aber später der ganze Tempel für diese hier uns angetane Unbill tun wird, das wissen wir nicht. Denn wir werden im großen Rate schier alles vorbringen, was uns hier begegnet ist, wie auch – worüber uns erst jetzt ein Licht aufgegangen ist –, daß sowohl Johannes der Scharfprediger und nun ganz besonders der berühmte Nazaräer von eurer Anstalt herrühren und der Nazaräer von euch ausgegangen ist.
GEJ|8|209|17|0|Wir aber sind nun bereit, alles zu tun, was du von uns verlangt hast, und es wäre an der Zeit, uns sogleich ans Werk zu machen, da wir heute noch den Rückweg antreten möchten. Begeben wir uns denn in unsere Herberge, in der sich unsere Kranken befinden, und es kann dort in Kürze alles geschlichtet werden!“
GEJ|8|209|18|0|Sagte der Oberste Roklus: „Ganz wohl; also ist es auch mein Wille, und so gehen wir dahin!“
GEJ|8|210|1|1|210. — Roklus heilt die Kranken
GEJ|8|210|1|0|Auf diese Worte begaben sich alle in die Herberge am großen Platze.
GEJ|8|210|2|0|Als sie dort in dem Saale anlangten, in welchem sich die Kranken in einer bedeutend großen Anzahl befanden, aber auch die Räuberhauptleute schon auf die beiden Pharisäer harrten, um mit ihnen ihre Rechnungen abzumachen, da sagte Roklus zuerst zu den Kranken: „Ich bin der Oberste dieses Ortes und habe die wunderbare Macht von Gott dem Herrn, euch allen zu helfen, wie ich heute schon vielen geholfen habe, wie ihr davon schon Kunde erhalten habt; doch saget es mir ohne Scheu, durch was ihr hauptsächlich zu euren Leibesübeln gekommen seid!“
GEJ|8|210|3|0|Als die Knaben diese Aufforderung vernommen hatten, da sagten sie: „Herr, so wir nicht mehr nach Jerusalem zurückkehren müssen und von dir in Schutz genommen werden, so wollen wir alles sagen; aber müssen wir wieder nach Jerusalem zurück, da bringt uns die geringste Aussage den sicheren Tod, mit dem wir alle auf das bestimmteste bedroht sind!“
GEJ|8|210|4|0|Sagte Roklus: „So, da habt ihr alle nichts zu sorgen, wohl aber jene, die euch bedroht haben; ich werde für euch sorgen! Redet daher ohne Furcht und Scheu!“
GEJ|8|210|5|0|Hierauf fingen die Knaben ganz offen zu erzählen an, welche Schändlichkeiten die Templer mit ihnen getrieben haben und mit noch vielen ihresgleichen treiben, und daß dabei auch schon viele um ihr Leben gekommen seien und noch fürder kommen würden.
GEJ|8|210|6|0|Sagte Roklus abermals: „So! – da hört man ja gar löbliche Dinge von dem Tempel Jehovas und Seinen Dienern! Es ist aber nun schon gut, ihr lieben und armen Kinder, es wird euch schon geholfen werden. Und nun, redet ihr Mägdlein und Weiber!“
GEJ|8|210|7|0|Auch diese baten um Schutz zum voraus, weil auch sie, gleich wie die Knaben, bedroht seien.
GEJ|8|210|8|0|Sagte Roklus: „Was ich den Knaben verheißen habe, das gilt auch für euch, und so möget ihr auch frei und offen reden!“
GEJ|8|210|9|0|Da fingen diese zu reden an, daß sich dabei sogar den etlichen anwesenden Räuberhauptleuten die Haare gen Berg zu sträuben anfingen, besonders als einige Mägde und Weiber sich entblößten und gar grauenerregende Verstümmelungen an ihrem Leibe zeigten, die ihnen die unbegrenzte Geilheit der Templer zugefügt hatte.
GEJ|8|210|10|0|Als Roklus sich von allem vor Zeugen überzeugt hatte, da sah er, im höchsten Grade ernst erregt, die beiden Pharisäer und auch ihre ihnen treu ergebenen Diener, die auch anwesend waren, an und sagte: „Nein, das ist denn doch seit Anbeginn der Welt nicht dagewesen! Bei solch einem Gebaren und Treiben im Tempel sagtet ihr zu mir, daß ich den Tempel gelästert habe, da ich ihn, wie er nun bestellt ist, mit vollstem Rechte eine Räuberhöhle und eine Mördergrube nannte?! O ihr Elenden! Welch ein Teufel hat euch denn in die Welt sogar zu Priestern Jehovas gezeugt, gesetzt und geweiht? Nun wartet nur! Daß davon in Kürze sogar der Kaiser in volle Kenntnis gesetzt wird, dessen kann ich euch schon hier versichern! Was er dann machen wird, das werdet ihr vielleicht in Bälde erfahren. Doch mit euch wird von mir sehr wenig mehr geredet werden!“
GEJ|8|210|11|0|Hierauf wandte sich Roklus zu den Kranken und sagte: „Im Namen Jehovas, Der nun in dieser Zeit in der Person Jesu aus Nazareth zu uns Menschen gekommen ist, den aber die argen und blinden Pharisäer hassen und verfolgen, weil Er wider sie zeugt, und Der mir auch die Macht erteilt hat, alle Kranken bloß durch meinen Glauben und Willen zu heilen, halte ich meine Hände über euch und sage: Seid vollkommen geheilt!“
GEJ|8|210|12|0|Auf diesen Ruf wurden wie mit einem Schlage alle also vollkommen geheilt, daß man an ihren Leibern auch nicht eine Verstümmelungsnarbe hatte entdecken können, – und alle, die sie besahen, selbst die Räuberhauptleute nicht ausgenommen, sagten laut und offen: „Das ist nur der Kraft Gottes möglich und keinem Menschen. Lob, Preis und Ehre darum nur Ihm allein und größter Dank darum, daß Er die Templer in Jerusalem vor uns enthüllt hat und wir jetzt vollkommen wissen, was wir von ihnen zu halten haben!“
GEJ|8|210|13|0|Also dankten auch mit Tränen in den Augen die Geheilten und wandten ihre Gesichter von den grimmigen Pharisäern ab.
GEJ|8|210|14|0|Darauf sagte Roklus zu den beiden Pharisäern: „Dies wäre nun getan im Namen des Herrn, – und nun gehen wir zum andern Geschäfte über!“
GEJ|8|210|15|0|Da die beiden Pharisäer wohl wußten, was Roklus noch Weiteres von ihnen verlangt hatte, so sagten sie zum Obersten Roklus: „Wolle nun die Summe bestimmen, die du für den Unterhalt dieser im Ganzen bei zwanzig Personen für nötig erachtest, und wir wollen sie dir hier ausbezahlen! Was aber die Sache mit dem Straßentribute betrifft, so bist du selbst ein Herr und kannst darüber mit den Männern, die hier anwesend sind, selbst verhandeln. Von unserer Seite wird für alle Zeiten auf alles Weitere verzichtet; denn auch wir fangen nun an, unser großes Unrecht einzusehen, und werden nach aller Möglichkeit uns bemühen, dasselbe zu sühnen.
GEJ|8|210|16|0|So wir nach Hause kommen werden, so wird das unser erstes Trachten sein, uns vom Tempel zu entfernen; denn von nun an, wo wir die Kraft Gottes augenscheinlichst haben wirken sehen und von dir, du weiser und wahrlich mit Jehovas Geist erfüllter Mann, auch die uns gebührendsten scharfen Mahnworte vernommen haben und das Licht des Glaubens erwacht ist, werden wir den Rest unserer Lebenszeit denn auch anders verwenden, als das bis jetzt der Fall war. Gott der Herr wolle uns vergeben unsere vielen Sünden, die wir nicht mehr ungeschehen machen können! Und nun wolle du die Unterhaltssumme für diese bestimmen, und wir werden sie dir alsogleich einhändigen!“
GEJ|8|210|17|0|Sagte Roklus: „Ihr habt achthundert Pfunde Goldes bei euch und dazu noch zweitausend Pfunde Silbers. Zu eurer Heimreise werdet ihr kaum den hundertsten Teil eures Silbers benötigen, und so lasset die achthundert Pfunde Goldes und noch tausend Pfunde Silbers für den Unterhalt dieser, sage, einundzwanzig Personen hier, auf daß ihr damit doch in etwas eure Verbrechen an diesen vor Gott gesühnt habt! Wollet ihr aber selbst mehr tun, so wird das ein Nutzen für euch vor den Augen Gottes sein.“
GEJ|8|210|18|0|Sagten die beiden: „Wir kommen mit hundert Pfunden nach Hause und lassen zu den tausend Pfunden Silbers auch noch die neunhundert Pfunde hier; und sollten diese nun so wunderbar geheilten Menschen mit der Zeit ein mehreres benötigen, so wollen wir ihnen das von Jerusalem hierher übermitteln.“
GEJ|8|210|19|0|Sagte Roklus: „Dessen wird es nicht bedürfen, und ihr werdet daheim vieles gutzumachen haben! Die von euch hier zurückgelassene Summe ist mehr denn hinreichend für diese Menschen, für die ich auch dahin sorgen werde, daß sie sich auch durch den Fleiß ihrer Hände ihr Brot recht wohl werden verdienen können; denn es ist für jeden Menschen nützlicher, so er sich durch Arbeit einen Unterhalt verschafft, als so er durch den bloßen Reichtum im Müßiggange seinen Nebenmenschen zur Last fällt.“
GEJ|8|210|20|0|Damit waren auch die Geheilten ganz vollkommen einverstanden, und die beiden begaben sich mit dem Roklus in eine Nebenkammer, in der sie ihr Gold und Silber aufbewahrt hatten, und übergaben ihm die vorbenannte Summe; für sich aber behielten sie nur die hundert Pfunde.
GEJ|8|210|21|0|Darauf kamen sie wieder in den Saal und baten die Geheilten um Vergebung, wie auch den Roklus.
GEJ|8|210|22|0|Und Roklus sagte darauf: „Seinen Feinden auch dann vergeben, so sie ihr Unrecht nicht einsehen und gutmachen wollen, ist Gott wohlgefällig, und so sind wir das zu tun nach dem Willen Gottes um so mehr verpflichtet jenen Feinden, die ihr an uns begangenes Unrecht reuig einsehen und den festen Willen fassen, es nach Möglichkeit wieder gutzumachen. Daher werde euch beiden von uns aus alles vergeben; sehet aber auch anderorts euch um, und machet gut jegliches Unrecht, das ihr irgend jemandem zugefügt habt, und Gott der Herr wird euch dann auch dort Barmherzigkeit erweisen, wo ihr eure an den Menschen begangenen großen Sünden nicht mehr gutmachen könnet, weil sie sich nicht mehr unter den diesseits Lebenden befinden!“
GEJ|8|210|23|0|Die beiden versprachen alles Mögliche zu tun, nahmen darauf das Ihrige und begaben sich mit ihrer Dienerschaft sogleich auf den Rückweg.
GEJ|8|211|1|1|211. — Roklus und die Räuber
GEJ|8|211|1|0|Darauf nahm Roklus die noch anwesenden Räuberhauptleute vor und sagte ihnen, was sie nun zu tun hätten, so sie dem Zorne Gottes entgehen wollten. Und diese waren denn auch alsogleich bereit, alles zu tun, was er als des Ortes Oberster von ihnen verlangen werde; nur möge er von ihnen nichts Unmögliches verlangen.
GEJ|8|211|2|0|Sagte darauf Roklus: „Ihr habt besonders in den letzten sechs Wochen durch die schon lange auf unsern Zuwegen ungerecht üblichen Tribute große Beuten gemacht und habt da auch selten der Armen vollends geschont. Es befinden sich die meisten noch hier. Gehet und bringet ihnen allen, den Reichen wie den Armen, den abgenommenen Tribut zurück und begehret künftighin von niemandem je mehr irgendeine Abgabe, und es sollen auch euch eure Sünden vergeben werden!“
GEJ|8|211|3|0|Sagte einer von ihnen: „Oberster des Ortes! Dies werden wir tun, wie du es uns nun geboten hast; aber wir haben nun schon über dreißig Jahre dies ärgerliche Geschäft getrieben und haben uns dadurch schon gar viele Schätze erworben, die wir beim besten Willen den rechtmäßigen Eigentümern nicht mehr zurückstellen können, weil wir nicht wissen, wo sie daheim sind, und ob sie irgend noch leben. Was sollen wir Rechtens nun da tun?“
GEJ|8|211|4|0|Sagte Roklus: „Das habt ihr zuallermeist den Reichen abgenommen, die von hier in fernen Landen zu Hause und daselbst mit irdischen Gütern ohnehin überschüttet sind. Solche älteren Schätze aber verwaltet ordentlich, und betrachtet sie als ein Gut der Armen, die gar oft hierher, Hilfe suchend, kommen; denen greifet unter die Arme nach Bedarf, und der Herr Himmels und der Erde wird euch nachlassen eure Schulden!
GEJ|8|211|5|0|Errichtet Herbergen für die Armen, die sonst nur gar zu häufig unter dem freien Himmel wochenlang lagern mußten, und ihr werdet damit Gutes stiften und euch Freunde im Himmel durch den ungerechten Mammon sammeln! So ihr das alles nun verstanden habt, da ziehet hin, und leget eure Hände ans Werk!“
GEJ|8|211|6|0|Als Roklus das ausgesprochen hatte, dankten ihm alle darum. Die Räuberhauptleute gingen und brachten schon an diesem Tage das Verlangte, das denn auch durch die rechte Vermittlung den Eigentümern zurückgegeben ward.
GEJ|8|211|7|0|Nachdem aber die Räuberhauptleute sich aus dem Saale des zu vollbringenden Werkes wegen entfernt hatten, da wandte sich Roklus an den ihm bekannt stets ehrlichen und biederen Wirt und sagte: „Die Geheilten verbleiben fortan in deiner Pflege; sorge dafür, daß sie ihren Kräften gemäß auch eine Beschäftigung erhalten! Das für sie hier erlegte Gold und Silber aber verwalte du gut und recht, und was dir gebührt, soll dir aus den Zinsen werden; mit der Zeit werden wir damit schon eine rechte Verfügung treffen. Also wird auch für den Unterricht der Jugend gesorgt werden.
GEJ|8|211|8|0|Tue du das als ein ehrlicher Jude nach der Art der Samariter aus Liebe zu unserem einen, allein wahren Gott und auch aus Liebe zu den Menschen, und du wirst eine große Gnade von der Liebe Gottes erhalten! Tue du aber das, was du tust, in aller Freundlichkeit; denn ein freundlicher Liebtäter übt seine Wohltaten doppelt aus und wird bei Gott für seine Tat auch den zehnfachen Lohn finden schon hier und jenseits sicher den hundertfachen! Da ich nun im Namen des Herrn nach Seinem Willen diese gar gewichtige Sache wohl geschlichtet habe und es nun schon um die Mitte des Tages geworden ist, so werde ich mich nun mit meinen Brüdern in die Herberge, die du wohl kennst, begeben; denn dort harret der große Herr und Meister unser. Wer einer Hilfe benötigt, der begebe sich dorthin!“
GEJ|8|211|9|0|Hierauf fragte der Wirt, sagend: „Freund, ist das etwa gar der große Prophet aus Galiläa, dessen du ehedem vor den Pharisäern bei der Auflegung deiner Hände über die Kranken wohl erwähntest und in seinem Namen auch eben diese Kranken heiltest?“
GEJ|8|211|10|0|Sagte Roklus: „Ja, Freund, eben Derselbe ist es! Aber wohlgemerkt, Er ist kein Prophet, sondern Er ist das, was ich von Ihm aussagte, nämlich – der Herr Selbst, was du und auch alle diese Geheilten mir glauben könnet!
GEJ|8|211|11|0|Sagte der Wirt: „O Freund, Den möchte auch ich sehen und hören; denn ich habe schon von den vielen Fremden, Juden und Heiden aller Art und Gattung, die hier durchgereist sind, ja gar große Dinge vernommen! Die Heiden halten Ihn alle für einen Gott; nur die Juden sagen, daß Er ein großer Prophet sei. O Freund! Den möchte ich wohl sehen und hören, wie ich das schon gesagt habe, so es mir gestattet wäre!“
GEJ|8|211|12|0|Sagte Roklus: „Nicht nur dir, sondern jedermann ist es gestattet, zu Ihm zu kommen, und für die Geheilten ist es mehr denn eine Pflicht, Ihm den Dank für die Heilung darzubringen; denn nicht ich, sondern nur Er allein hat sie geheilt durch die Allmacht Seines heiligen Willens. Doch verharret nun noch ein paar Stunden; nach dieser Zeit möget ihr alle kommen!“
GEJ|8|211|13|0|Sagten darauf auch die Geheilten: „O du Freund des sogestaltig Allerhöchsten, wie mögen wir Sünder zu Ihm kommen und anschauen Sein heiligstes Angesicht?! Solch einer Gnade werden wir ja ewig nie würdig sein!“
GEJ|8|211|14|0|Sagte Roklus, von der Demut der Geheilten ganz gerührt: „Hätte Er euch eure Sünden, an denen die Templer die Hauptschuld tragen, nicht vergeben, so hätte Er euch auch nicht geheilt; da Er euch aber geheilt und euch sonach auch sicher eure Sünden vergeben hat, so seid ihr um so mehr verpflichtet, in aller Liebe zu Ihm hinzukommen in der euch angezeigten Zeit und Ihm allein darzubringen den Dank!“
GEJ|8|211|15|0|Auf diese Worte des Roklus faßten alle Mut und versprachen zu kommen und zu tun, was er ihnen angeraten hatte.
GEJ|8|211|16|0|Darauf empfahl Roklus nochmals dem Wirte die Pflege der Geheilten, verließ dann mit seinen Brüdern den Saal und begab sich eiligst wieder zu Mir.
GEJ|8|212|1|1|212. — Das Speisewunder des Herrn
GEJ|8|212|1|0|Wir waren aber noch alle an unserem Tische beisammen, und als Roklus mit seinen Brüdern uns also fand, da hatte er darob eine große Freude; nur meinte er, daß Ich in der Zeit, die er mit den Pharisäern zugebracht hatte, so manches heilbringende, lebendige Wort würde geredet haben.
GEJ|8|212|2|0|Sagte Ich: „Lieber Freund und sogar Bruder! Es sei dir darob nicht bange; denn Ich habe Meinen Jüngern nur das vorgetragen, wie und was du völlig nach Meinem Willen mit den Pharisäern, mit den Kranken, mit den gewissen Hauptleuten und am Ende mit dem Wirte und abermals mit den Geheilten verhandelt hast! Du bist Mir wahrlich zu einem tüchtigen Rüstzeuge wider Meine Feinde geworden; und weil du Mir treu warst im Kleinen, so werde Ich dich auch über Größeres setzen.
GEJ|8|212|3|0|Aber nun setze dich mit den Brüdern nur wieder zu Mir; denn es wird sogleich das Mittagsmahl aufgetragen werden, das Ich Selbst bestellt habe aus Meiner nie erschöpfbaren Speisekammer, und also auch der Wein aus Meinem Keller! Denn so Mir, dem Herrn, in dir und deinen Brüdern gar tüchtige Arbeiter für Meine Äcker und Weinberge geworden sind, so sollen sie denn auch von Mir bestens bewirtet werden an diesem Tage, in dieser Zeit!“
GEJ|8|212|4|0|Bei diesen Worten kam unser Wirt in den Speisesaal und sagte etwas verlegen zu Mir: „Herr und Meister, als ich Dich ehedem ergebenst fragte, was für ein Dir genehmes Mittagsmahl ich bereiten solle, da sagtest Du gnädigst, daß ich mich darum für diesen Mittag nicht kümmern solle, denn Du Selbst werdest diesmal ein Mittagsmahl bereiten. Wir warteten aber nun über eine Stunde ganz vergeblich auf Dich in der Küche und rührten für diesen Tisch nichts an. Nun aber wäre es schon an der Zeit, die Speisen auf die Tische zu setzen, und noch ist nichts bereitet! Was soll ich nun tun?“
GEJ|8|212|5|0|Sagte Ich: „O Freund, wie eitel ist doch deine Sorge! Meinst du denn, daß Ich etwa, euch Menschen gleich, einer vollen Speisekammer, einer Küche und eines mit vollen Weinschläuchen reichlich versehenen Kellers bedarf? Siehe, Ich bin nun unter Meinen Freunden, die Mich wohl erkannt haben und auch also wohl gewirket in Meinem Namen, und sie haben große Zeichen geleistet durch die Macht Meines Wortes und ihres Glaubens an Mich, und so will Ich nun denn auch für sie ein Wunder stellen. In der Küche steht freilich wohl nichts bereitet für uns, – aber besiehe nun die Tische!“
GEJ|8|212|6|0|Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da waren alle die noch vom Morgenmahle auf den Tischen stehengebliebenen Schüsseln voll der besten Speisen, bestehend in Fischen der edelsten Art, wohlbereitetem Kalb- und Lammfleische, allerlei süßen Früchten und in bestem Brote; und also waren auch alle Krüge bis oben voll gefüllt mit dem besten Weine, der das Herz stärkte und die Eingeweide erquickte.
GEJ|8|212|7|0|Als der Wirt dies sah, da schlug er sich mit den Händen an die Brust und sagte: „O Herr und Meister! Wer das sieht und an Dich noch nicht glaubt, daß in Dir in aller Fülle wohnt der Geist Gottes und Dessen Macht, Kraft und Gewalt, der müßte mit einer tausendfachen Blindheit geschlagen sein in seiner Seele und in seinem Verstande!
GEJ|8|212|8|0|Es ist zwar alles ein Wunder, Deiner Macht und Weisheit entstammend, und der Himmel und diese Erde sind voll nur Deiner Werke, die uns aber als Wunder dennoch nicht so auffallen, weil wir uns an deren zeitweiliges Entstehen, Bestehen und auch Wiedervergehen schon von Geburt an gewöhnt haben; aber dieses plötzliche Entstehen solcher Speisen, die sonst nur von der Menschen Hand bereitet werden, und so auch des Weines aus dem pursten Nichts ist etwas ganz himmelhoch anderes!
GEJ|8|212|9|0|Denn so ein Baum aus einem Samenkorne nach und nach erwächst, groß und stark wird und Früchte zu tragen anfängt, so ersieht man dabei allerlei Mittel als Ursachen der wie aus ihnen hervorgehenden Wirkungen. Aber wo sind da die Mittel? Da gibt es keinen Baum, auf dem diese verschiedenen Früchte gewachsen und im Lichte und in der Wärme der Sonne gereift wären! Auf welchem Acker ist der Weizen zu diesem herrlichen Brote geerntet worden? In welchem Wasser sind diese Fische gefangen worden, wo sind die Lämmer und das Kalb geschlachtet worden und bei welchem Feuer so wohl zubereitet, und in welchem Weinberge gedieh dieser Wein?
GEJ|8|212|10|0|Alles entstand plötzlich nur durch die endlose Macht Deines Willens! Und das eben ist's, was mich in ein höchstes Erstaunen setzt, und zwar darum, weil nach meiner Erfahrung Du, als unfehlbar der Urschöpfer aller Dinge im Himmel und auf Erden, alles nur in einer unwandelbaren Ordnung so nach und nach entstehen läßt, und es geht da eines aus dem andern hervor; hier aber war es ein Moment, und ein früheres Nichts ward urplötzlich zu dem, was nun vor unseren staunenden Augen und Herzen die Speisetische füllt! O Herr und Meister in Deinem Geiste schon von Ewigkeit, wäre es Dir denn nicht auch möglich, eine ganze Welt also in ein vollendetes Dasein zu setzen und auf derselben alles andere eben auch also in einem Augenblick entstehen zu lassen, was den Menschen alle Arbeit und Mühe und gar viele Sorgen ersparen würde?“
GEJ|8|212|11|0|Sagte Ich: „O ja, Freund, das könnte Ich sicher, so das dem Menschen frommen würde, so er in alle Trägheit verfiele und also denn auch bald in alle Materie und in ihr Gericht versänke! So Ich aber will, daß der Mensch in seinem weltlichen Freiheitsprobeleben nur durch allerlei Tätigkeit sich an Erfahrungen und daraus hervorgehenden Kenntnissen stets mehr und mehr bereichere und Gott und sich erkennen lerne, da muß die Welt selbst und alles in und auf ihr gerade also entstehen und bestehen, wie es eben entsteht und besteht.
GEJ|8|212|12|0|Siehe, da hast du ganz kurz den Grund, aus dem Ich auf den materiellen Welten alles nur nach und nach entstehen und auch wieder vergehen lasse; denn die materiellen Welten mit allem, was in, auf und über ihnen ist, sind nicht für den ewigen Bestand erschaffen worden, sondern nur die Seelen der Menschen, die eben aus dem Gerichte der Materie hervorgehen und sich im Menschen zum unvergänglichen, ewigen Leben kräftigen und also auch in Meinem Geiste erstarken in aller Liebe zu Mir!
GEJ|8|212|13|0|Wenn Ich aber hier unter Meinen geistig nun beinahe schon völlig vollendeten Jüngern und Freunden von Meiner urewigen Ordnung eine kleine Ausnahme mache, so wird dadurch keine Seele in eine ihr verderbliche Trägheit und bleibende Untätigkeit versetzt, und Ich habe euch allen dadurch gezeigt, daß bei Gott alles möglich ist.
GEJ|8|212|14|0|Nun aber setze auch du dich her zu uns, und iß und trinke! Nach dem Essen werden wir schon noch Zeit finden, so manches ganz wohl zu besprechen.“
GEJ|8|212|15|0|Darauf setzte sich der Wirt zu unserem Tische, aß und trank ganz wacker mit uns und konnte die Güte der Speisen nicht genug rühmen und preisen, – was denn auch alle andern taten.
GEJ|8|213|1|1|213. — Das Weib des Wirtes
GEJ|8|213|1|0|Es kam aber bald auch sein Weib in den Speisesaal, um den ihr zu lange ausbleibenden Mann zu fragen, was Ich für ein Mittagsmahl angeordnet hätte, und ob Ich wohl Selbst an der Bereitung desselben in der Küche irgend auf eine wundersame Weise mitwirken werde.
GEJ|8|213|2|0|Als sie aber sogleich bemerkt hatte, daß wir alle an den mit Speisen und Trank reich besetzten Tischen saßen und aßen und tranken, da schlug sie die Hände über dem Haupte zusammen und sagte (das Weib): „Aber um Moses willen, dessen Tag wir heute ehren, was ist denn das?! Woher sind denn diese Speisen und woher der Wein geholt worden?“
GEJ|8|213|3|0|Sagte der Wirt: „Frage da nicht vergeblich! Denn so wir es dir auch sagten, da würdest du das dennoch nicht fassen; später einmal wirst du es schon auch erfahren, woher diese Speisen gekommen sind. Jetzt aber sieh du nur in der Küche darauf, daß alle die anderen Gäste in den andern Speisezimmern ordentlich bedient werden!“
GEJ|8|213|4|0|Darauf ging das Weib sogleich wieder in die Küche und tat ihre Pflicht. Aber es ging ihr dennoch nicht aus dem Kopfe, woher die Speisen gekommen seien, daher sie unter der Dienerschaft des Hauses denn auch ein Hauptexamen dahin vornahm, durch wen, wie und wann und von woher die Speisen geholt worden seien. Als aber alle auf das wahrste beteuerten, daß sie das nicht wüßten, da hielt das Weib es vor Neugier nicht mehr aus und kam abermals zu uns, um sich da etwa bei einem Meiner Jünger zu erkundigen, was es mit den Speisen für eine Bewandtnis habe.
GEJ|8|213|5|0|Da sagte ein Essäer zum Weibe: „Wenn du nicht zu blind in deinem Verstande wärest, da hättest du ja schon merken sollen, was alles für Wunder sich schon hier und auch außerhalb dieses Hauses zugetragen haben, bloß durch den Willen des ewig großen Herrn und Meisters, – und also sind auch diese Speisen entstanden. Sie sind wahrlich aus den höchsten Himmeln hierher geschafft worden. Du aber tritt zu mir und verkoste alles, und sage dann als eine gute Küchenmeisterin, wie dir diese Himmelskost mundet!“
GEJ|8|213|6|0|Da trat das Weib etwas verlegen zum Essäer hin und verkostete die Speisen, das Brot und den Wein und gestand, daß sie in ihrem ganzen Leben noch nie so etwas über alle Maßen Wohlschmeckendes verkostet habe. Sie glaube nun schon selbst, daß diese Speisen in keiner irdischen Küche bereitet worden seien.
GEJ|8|213|7|0|Der Essäer aber wies mit der Hand auf Mich und sagte: „Siehe, da sitzet der ewig große Speisenmeister, der nun dieses herrliche Mittagsmahl wundervollst in einem Augenblick nicht irgend nach menschlicher Art bereitet, sondern rein also erschaffen hat, wie Er auch auf der ganzen Erde für alle Kreatur ewigfort die ihr zusagende Kost erschafft! Und nun weißt du vorderhand genug; glaube, auf daß du selig werdest! Es ist diesem Hause ein großes Heil widerfahren, und also auch dem ganzen Orte, und wir werden Gott darum nie zur Genüge loben und preisen können. – Und nun kannst du, Weib, schon wieder an deine Arbeit gehen; aber von dem, was du nun hier erfahren hast, rede nicht zu andern Menschen, denn der Herr und Meister will es nun also!“
GEJ|8|213|8|0|Da ging das Weib zu Mir und dankte Mir für das, was es genossen hatte, und begab sich dann wieder in die Küche.
GEJ|8|213|9|0|Ich aber sagte zu allen: „Es ist zwar schon vom Anfange her kein Weib berufen worden, als eine Prophetin vor einem Volke zu weissagen; aber so ein Weib frommen Herzens ist und hält die Gebote und erzieht ihre Kinder weise in der wahren Gottesfurcht und Liebe, so ist sie gleich auch einem Propheten, und der Geist aus Gott nimmt auch in ihrem Herzen Wohnung.
GEJ|8|213|10|0|Darum sollet ihr in der Folge, so ihr Mein Wort predigen werdet, die Weiber nicht, wie es bis jetzt oft der Fall war, ausschließen, sondern auch ihnen nichts vorenthalten, was euch vom Gottesreich geoffenbart worden ist; denn was die Weiber als Mütter und erste Erzieherinnen die Kinder lehren, ist bleibender und mehr wert als der Unterricht aller hohen Schulen auf der Welt!
GEJ|8|213|11|0|Wenn ein Weib weise ist, so werden auch ihre Kinder weise; ist ein Weib aber dumm und ungebildet, so werden auch die Kinder schwerlich zu Propheten gemacht werden können. Da gilt das Sprichwort, laut dem ein Apfel nie weit vom Baume fällt.
GEJ|8|213|12|0|Es ist schon ganz recht, daß ein Weib eine gute und emsige Hauswirtschafterin ist und auch ihre Kinder in der Hauswirtschaft bildet und übt; aber noch besser ist es, wenn sie als selbst vom Geiste der Wahrheit aus Gott erfüllt auch ihrer Kinder Herzen mit demselben Geiste erfüllt. Solchen Kindern wird dann leicht und wirksam Mein Evangelium zu predigen sein. Dies beachtet in der Folge denn auch wohl!“
GEJ|8|213|13|0|Roklus, die andern Essäer und der Wirt dankten Mir für diese Belehrung, und Roklus sagte noch ganz besonders: „Ja, Herr und Meister, das ist bei uns, und ganz besonders bei den Juden um Jerusalem, stets der große Fehler gewesen, daß auf die wahre Herzens- und Verstandesbildung der Weiber viel zuwenig Rücksicht genommen worden ist, worin denn auch der Grund der völligen Verfinsterung und des Verfalls der Menschen im reinen Glauben an einen Gott vor allem zu suchen ist! Wir werden daher denn von nun an auch den Weibern nichts vorenthalten, was zu ihrer geistigen Bildung gleichwie den Männern gehört.“
GEJ|8|213|14|0|Sagte Ich: „Tuet das, und es wird dann bald hell unter den Menschen werden! Wenn man aber irgendwann späterhin diesen Meinen euch nun gegebenen Rat nicht befolgen wird und die Weiber wieder weltlich und hoffärtig werden, dann wird die alte Finsternis unter den Menschen wieder auftauchen, und der Glaube wird erlöschen und die Liebe erkalten; und es wird also von neuem eine Trübsal unter den Menschen sein, wie sie ehedem noch nie da war. Denn nun ist durch Mich allen Menschen das hellste Licht aufgegangen. Wenn der Mond irgend verfinstert wird, so wird darob die Nacht der Erde wohl auch größer, aber am Ende dennoch um gar vieles erträglicher, als so am hellsten Mittage die Sonne völlig verfinstert werden würde. Denket über dieses Bild bei euch wohl nach!“
GEJ|8|213|15|0|Sagten Meine Jünger: „Herr und Meister, dieses Bild ist für uns nicht klar! Was stellt der Mond vor, und was die Sonne? Wie sollen wir das deuten?“
GEJ|8|213|16|0|Sagte Ich: „Wie lange werde Ich noch unter euch wandeln müssen, bis ihr vollends verständig werdet? – Die Zeit von Adam an in bezug auf die geistige Bildung der Menschen durch die vielen Propheten auf dem Wege der Offenbarungen ist gleich dem Lichte des Mondes gewesen. Der Mond wechselt mit seinem Lichte und ist eine Zeitlang gar nicht zu sehen, wächst darauf wieder, bis er voll wird. So ging es mit der Erkenntnis Gottes bis auf diese Zeit. Sie stieg bei den verschiedenen Völkern bis zum Vollichte durch das Wort und durch die Zeichen der Propheten. Diese waren sonach stets gleich dem Vollichte des Mondes, der auch kein eigenes Licht hat, sondern ein von der Sonne erborgtes, wie denn auch alle Propheten zu allen Zeiten nur ein aus Gott als aus der Sonne der Engel und Geister erborgtes Licht hatten und mit demselben den Menschen vorleuchteten.
GEJ|8|213|17|0|Neben und nach den Propheten erhoben sich auch andere Lehrer, machten allerlei Zusätze und Erklärungen und verdunkelten soartig die Urlehre stets mehr und mehr, so, daß dann bald von ihr nichts mehr da war. Da mußten sich die Menschen in ihrer Nacht mit dem schwachen Schimmer der Sterne behelfen, bis wieder irgendein Prophet unter ihnen erweckt wurde. Die also finster gewordene Geistesnacht wirkte auf das Gemüt der Menschen sicher nicht so betrübend, da ihr Glaube an Einen Gott gleich dem Schimmer der vielen Sterne nie völlig erlöschen konnte.
GEJ|8|213|18|0|Aber nun ist in Mir den Menschen die Sonne der Himmel selbst aufgegangen. Diese hat kein erborgtes, sondern ihr höchsteigenes übermächtiges Licht, das in sich nicht zu- und abnimmt. Und wer Mich erkannt hat, der wird Mich nicht einmal mehr und bald darauf wieder weniger erkennen. Aber es ist sehr möglich, daß dieses helle Licht im Menschen durch seinen Weltsinn und durch die Hoffart ganz erlischt, und dann wird es mit ihm im Vergleiche also stehen, als wie es mit der Erde stünde, so die Sonne, die alles hellst erleuchtet und erwärmt, am Himmel auf einmal gänzlich ausgelöscht werden würde. Da wird der Sterne Schimmer den Menschen keinen Trost mehr bieten können, da ohne die Sonne auf der Erde vor Kälte alles erstarren und sterben müßte.
GEJ|8|213|19|0|Wenn von nun an der Glaube an Mich als Mein Lebenslicht im Menschen erlöschen wird, so wird mit ihm auch die Liebe als die Lebenswärme vollends erkalten, und das wird dann eine solche Trübsal unter den Menschen derart zur Folge haben, daß sie sich für um gar vieles unglücklicher fühlen werden als ein zertretener Wurm, der sich im Staube windet und krümmt. Und viele werden laut rufen: ,Wie glücklich sind doch die Tiere gegen uns Menschen! Sie leben und kennen den Tod nicht; wir aber müssen leben, um den Tod und seine Schrecken stets vor uns zu haben!‘
GEJ|8|213|20|0|Seht, darin besteht die große Trübsal unter den Menschen, so das Licht und die Liebe sie verlassen hat! Daher suchet, daß die Menschen im Lichte verbleiben, dann werden sie auch in der Liebe verbleiben und keinen Tod vor sich sehen, fühlen und schmecken! – Habt ihr das nun wohl verstanden?“
GEJ|8|213|21|0|Sagten alle: „Ja, Herr und Meister; aber es ist dennoch traurig, daß das möglich ist!“
GEJ|8|213|22|0|Sagte Ich: „Allerdings, – aber Ich kann darum dem Menschen den freien Willen nicht nehmen, weil er ohne den kein Mensch wäre. Doch nun nichts Weiteres mehr von dem! Nun essen und trinken wir noch und stärken unsere Glieder, dann werden wir wieder arbeiten!“
GEJ|8|213|23|0|Darauf aßen und tranken wir ganz wohlgemut, und es ward noch so manche Bemerkung über den Wohlgeschmack der Speisen, des Brotes und des Weines gemacht.
GEJ|8|214|1|1|214. — Das größte Wunder des Herrn: Sein Wort
GEJ|8|214|1|0|Als wir das Mahl beendet und uns von den Tischen erhoben hatten, da fragte der Wirt einen Jünger, ob Ich schon zu öfteren Malen ein solches Wunder gewirkt hätte.
GEJ|8|214|2|0|Da sagte der befragte Jünger: „Auf eine gleiche Weise sind schon oft mehrere Tausende von Menschen unter freiem Himmel auf einmal gespeist worden! Also hat der Herr auch zu öfteren Malen, wo man keinen Wein, sondern nur Wasser, und das nicht von der reinsten Art, hatte, dasselbe durch Seinen Willen für uns und für viele andere in den stets besten Wein verwandelt, gleichwie Er also durch Sein Wort und durch Seine Lehre unser altes, faul und trüb gewordenes Glaubenswasser in ein dem besten Weine gleich lebendiges umgestaltet. Wahrlich, der Herr hat seit kaum zweieinhalb Jahren überaus viele und große Wunderwerke gewirkt, so daß sie kaum mehr zu zählen und in Büchern beschrieben werden könnten! Doch das größte und für ewig bleibende Wunder ist Sein Wort; wer sich nach dem richtet, der wird das ewige Leben in sich haben.
GEJ|8|214|3|0|Die Zeichen aber, die der Herr nun wirkt, sind für uns nur Zeugen, daß Er eben der Herr ist. In der Folge aber werden nicht mehr die jetzt von Ihm gewirkten Zeichen Zeugen von Seiner Gottherrlichkeit sein, sondern Seine Lehre im Herzen der Menschen, die nach ihr leben und handeln werden; denn sie wird in uns die beseligendsten Zeichen des wahren und sich hellbewußten ewigen Lebens bewirken, – was mehr ist, als so der Herr nun vor uns noch so viele und große Wunderzeichen wirkete, von denen wir und unsere Nachfolger den späteren Nachkommen wohl erzählen könnten, die sie uns aber dennoch nur halbwegs glauben und oft auch leicht gar nicht glauben möchten. Und so werden die nun gewirkten Zeichen auf die Nachwelt wenig zur Erhöhung ihres Glaubens wirken, wohl aber die auf sie übergegangene Lehre als in sich die hellste und unbestreitbarste Wahrheit!
GEJ|8|214|4|0|Freund, daß wir hier nun da sind, ist wohl ganz sicher, wahr und gewiß, und daß der Herr nun vor unseren Augen große Zeichen gewirkt hat, das bezweifelt von uns wohl keiner; doch in etwa hundert Jahren wird das alles in das Reich der Weltgeschichte gehören und wird – wie alles, was diesem Reiche angehört – zum großen Teile von vielen bezweifelt und nicht geglaubt werden.
GEJ|8|214|5|0|Aber die lichte Wahrheit, da zwei und zwei die Summe vier ausmachen, wird bis ans Ende aller Zeiten unbezweifelt stehenbleiben und so denn auch die Lehre aus dem Gottmunde des Herrn, der nach ein jeder Mensch Gott erkennen, an Ihn allein glauben und Ihn über alles lieben soll und seinen Nächsten wie sich selbst, eben also als eine nie bestritten werden könnende Lebenswahrheit, weil ohne sie erstens kein nur hier auf Erden zeitlich und materiell bestelltes gesellschaftliches Beisammenleben der Menschen bestehen könnte, und zweitens, weil ohne sie und ihre tätigste Beachtung keine Seele das ewige Leben aus Gott überkommen könnte. Denn die Liebe ist der ewige Geist des Lebens und also das Leben selbst in und für sich.
GEJ|8|214|6|0|Wenn dann die Menschen unter sich und gegen Gott aller Liebe bar geworden sind, so geht daraus auch die mathematische Wahrheit hervor, daß sie auch des inneren und eigentlich allein wahren Seelenlebens bar geworden sind. Darum kümmere du dich in der Folge nur um des Herrn uns geoffenbarte Lehre und deren lichtesten Wahrheitsgeist, und handle danach, auf daß dir das ewige Leben werde; denn die Zeichen können weder dir noch jemand anderem das ewige Leben verschaffen.
GEJ|8|214|7|0|Daß der Herr ewig in sich und für sich allmächtig ist und höchst weise, das zeigen uns nicht nur die nun gewirkten Wunderzeichen, sondern das bezeugt zu allen Zeiten vor aller Menschen Augen die große Schöpfung, die stets allen denkenden Menschen laut zuruft: Hinter diesen zahllos vielen und weise-großen Werken muß ein höchst weiser und allmächtiger ewiger Werkmeister verborgen sein! Obschon aber der Mensch Seinen Ruf vernimmt und den Werkmeister auf die eine oder auf die andere Weise zu suchen beginnt – woran er wohltut –, so fühlt er dabei aber dennoch seine eigene Ohnmacht und Schwäche, die er nicht in eine gottähnliche Kraft umwandeln kann.
GEJ|8|214|8|0|Aber so du nun nach der uns geoffenbarten Lehre des Herrn leben und handeln wirst, da wird deine Ohnmacht und Schwäche durch die Gottesliebekraft in dir zur Selbstmacht und Stärke umgewandelt werden, und das wird dir sicher heilsamer sein, als so du noch weiterhin ein Zeuge von noch vielen tausend Zeichen wärest, aber bei dir doch in deiner alten Ohnmacht und Schwäche verbliebest! Siehe, das ist so meine wohlgegründete Ansicht!“
GEJ|8|214|9|0|Sagte Ich zum Jünger, der nun also geredet hatte: „Nathanael, zu dir habe Ich nicht mehr not zu sagen: ,Wie lange werde Ich dich noch ertragen müssen, bis du verständig wirst in Meinem Reiche!‘ Denn dir ist das rechte Verständnis schon geworden, und darum sage Ich zu deiner Rede nun das Amen und bestätige alles von dir Gesagte als eine vollste und reinste Wahrheit; denn also ist es, und also wird es auch bleiben für immerdar.
GEJ|8|214|10|0|Wer Mich suchen wird in Meinen Werken und Zeichen, der wird eine sehr schwere und mühevolle Arbeit haben und wird leicht erlahmen unter der großen Last und Bürde; wer Mich aber suchen wird in und durch die Liebe, der wird Mich als die Kraft alles Lebens in sich bald und leicht finden. Und hat er Mich gefunden, dann hat er auch schon alles gefunden als das ewige Leben, dessen Macht, Kraft und Weisheit. Das merket euch alle, und prediget es auch den andern Menschen!
GEJ|8|214|11|0|Nun aber gehen wir hinaus ins Freie und sehen uns ein wenig um, was es irgend hie und da gibt!“
GEJ|8|215|1|1|215. — Der Herr und der abergläubische Wirt
GEJ|8|215|1|0|Auf das verließen wir den Speisesaal und begaben uns, vom Wirte begleitet, ins Freie, wo es an diesem Tage recht angenehm war, weil durch einen Nordostwind des Tages Hitze sehr gemildert wurde. Wir begingen von unserer Herberge aus den ganzen, ziemlich gedehnten Ort und kamen denn auch vor die große Herberge, in der Roklus in Meinem Namen die einundzwanzig Kranken geheilt hatte.
GEJ|8|215|2|0|Der Wirt bemerkte uns und eilte mit den Seinen und mit den Geheilten zu uns heraus und grüßte uns auf das tiefste. Gleich darauf aber fragte er nach Mir, und Roklus zeigte ihm Meine Person. Da umringten Mich alle und dankten Mir für die ihnen erwiesene große Wohltat, und der Wirt selbst fand schon kein Ende seines Lobens und Preisens mehr.
GEJ|8|215|3|0|Ich aber sagte zu ihm und zu allen: „Erhebet euch nun nur wieder vom Boden; denn es genügt, so ihr Mich in euren Herzen wahrhaft lobet und preiset; was aber das Herz beschließt und tut, daran nehmen und haben auch alle andern Glieder teil!“
GEJ|8|215|4|0|Hierauf erhoben sich alle vom Boden und baten Mich, daß Ich mit solch Meiner allmächtigen Gnade sie nimmerdar verlassen möchte.
GEJ|8|215|5|0|Und Ich sagte zu ihnen: „So behaltet Mich denn auch fortan in euren Herzen durch die Liebe zu Gott und zu euren Nächsten lebendig, sodann wird auch Meine Gnade gleichfort bei euch verbleiben. Solltet ihr aber in der bezeichneten Liebe in euren Herzen je schwach oder gar lau und kalt werden, so wird desgleichen auch Meine Liebe und aus ihr hervorgehende Gnade auch schwach, lau und kalt werden.
GEJ|8|215|6|0|Hütet euch vor Fraß und Völlerei; denn durch das wird die Liebe zu Gott vermindert und die Welt- und Selbstliebe genährt und gestärkt, und mit ihr das Gericht der Materie und ihres Todes! Also hütet euch auch vor der Unkeuschheit und aller Hurerei; denn Unkeusche, Hurer und Ehebrecher werden in Mein Lebensreich nicht eingehen!
GEJ|8|215|7|0|Die ihr aber nun von euren Leibesübeln geheilt worden seid, zu euch sage Ich, daß ihr hinfort euch zu keiner Sünde mehr verleiten lasset; denn dann würde euch Meine Gnade wieder entzogen werden, und ihr würdet in noch größere Übel verfallen!
GEJ|8|215|8|0|Hütet euch aber auch vor der Trägheit und vor dem Müßiggange; denn der ist die Wurzel von allen Lastern und Übeln der Menschen!
GEJ|8|215|9|0|Da ihr das nun aus Meinem Munde vernommen habt, so haltet es, und lebet und handelt danach, und Meine Gnade wird nicht von euch weichen! Amen.“
GEJ|8|215|10|0|Als Ich solches geredet hatte, da dankten Mir wieder alle darum.
GEJ|8|215|11|0|Und der Wirt sagte darauf zu Mir: „O Du ewig großer Herr und Meister, möchtest Du denn nicht auch mein Haus betreten, auf daß es gesegnet würde durch die Tritte Deiner gebenedeiten Füße?“
GEJ|8|215|12|0|Sagte Ich: „Höre du, der du eine gute Meinung von Meinen Füßen hast, Meine Fußtritte werden deinem Hause keinen Segen hinterlassen; aber so du mit den Deinen nach Meinem Willen lebst und handelst, so wird das deinem ganzen Hause zum wahren und bleibenden Segen werden! An derlei glaubten und glauben noch jene, die von allerlei finsterem Aberglauben gefangengehalten werden, der in sich tot ist und keine Lebensmacht hat. Was können jemandem gewisse Zeichen oder Reliquien, gewisse Steine, Zahlen und die Neumonde und Sternzeichen nützen? Sie nützen nicht nur nichts, sondern schaden nur der Seele und durch sie auch dem Leibe! Und so können auch meines Leibes Fußtritte weder diesem Orte, den Ich nun auch betrete, noch einem Hause etwas nützen; aber das nützet euch allen, daß Ich zu euch gekommen bin und habe euch kundgetan Meinen Willen und euch gezeigt die Wege, die ihr zu wandeln habt, um auf ihnen zu gelangen zum ewigen Leben.
GEJ|8|215|13|0|Es liegt aber wohl auch in den Steinen, Metallen, Kräutern, ihren Wurzeln und Früchten eine heilsame Kraft für gar manche Leibeskrankheiten; aber man muß sie ordentlich erkennen und sie dann bei gewissen Krankheiten vernünftig anzuwenden verstehen. Aber wer derlei als ein Zaubermittel gebraucht, der sündigt wider die Vernunft und wider die weise Ordnung Gottes!
GEJ|8|215|14|0|Siehe, du Mir sonst recht lieber und freundlicher Wirt! Ich kenne dich und weiß es recht wohl, daß du ein recht ehrlicher und billiger Mann bist; aber Ich habe dennoch auch etwas wider dich.
GEJ|8|215|15|0|Du verwahrest in deinem Hause gewisse Steine und Hölzer und bist des Glaubens, daß darob kein Feind in dein Haus kommen kann. Also hast du auch in deinem Stalle allerlei Dinge unter der Türschwelle verscharrt, als etwas Eisen, Schwefel, Eierschalen und ein gewisses Holz, woraus die Magier ihre Zauberstäbe machen, – und das hülfe nach deinem Glauben wider die Zauberei der Hexen und erhalte die Tiere gesund. So müssen auch deine Kinder, dein Weib, alle deine Diener und Mägde gewisse Paketchen tragen, damit sie vor gar allen Übeln bewahrt werden, und du selbst trägst auch solches stets bei dir aus dem gleichen Grunde.
GEJ|8|215|16|0|Und vor einiger Zeit waren etliche sehr mystisch tuende Araber bei dir, die dir angaben, daß ein jeder von ihnen bei dreitausend Jahre alt sei, denn sie hätten das wahre Schlangenkräutlein gefunden, hätten es verzehrt und seien darob unsterblich geworden. Um ihrer pfiffig ausgedachten Lüge aber desto mehr den Schein der Wahrheit zu verleihen, haben sie dir aus ihrer sehr regen Phantasie eine Menge gar wunderseltsamer Märchen und Fabeln erzählt, die durch ihr schon dreitausend Jahre langes Leben sich auf der Erde unter Menschen, Tieren, Pflanzen und Steinen zugetragen hätten, – was du alles als wahr angenommen hast.
GEJ|8|215|17|0|So hast du von den erwähnten Lügnern auch allerlei Zaubermittel um ein teures Geld gekauft und hast ihnen noch eine Summe Goldes hinzugelegt, damit sie dir das Schlangenkräutlein verschafften, das sie dir aber erst in sieben Jahren bringen könnten, weil dasselbe gar überaus weit von hier auf einem Berge zu finden sei, und das nur an einem gewissen Tage und selbst an dem gewissen Tage in einer bestimmten Stunde! Und sieh, das alles glaubtest du fest!
GEJ|8|215|18|0|Ich sage dir nun aber: Lege du allen solchen finsteren Aberglauben ab; denn das alles ist ein von verschiedenen Priestern unter den eben so verschiedenen Völkern der Erde fein ausgedachter Betrug, und es klebt daran nicht ein Sonnenstäubchen groß von irgendeiner Wahrheit!
GEJ|8|215|19|0|Von den dreitausend Jahre alt sein wollenden Arabern ist auch nicht einer nur fünfzig Jahre alt, vom Dasein eines den Menschen unsterblich machen sollenden Schlangenkräutleins weiß Ich als der Schöpfer Himmels und der Erde nichts, und deine Wunderpakete sind nicht wert, in eine Kloake geworfen zu werden.
GEJ|8|215|20|0|Und so halte du in der Folge denn auch nichts mehr darauf; alles aber halte darauf, was Ich dir durch den Mund des Roklus gesagt habe, und lebe und handle danach, so wirst du bald in dir selbst ein ganz anderes Unsterblichkeitskräutlein finden, als welches dir die betrügerischen Araber erst in sieben Jahren zu bringen versprochen haben, das sie dir aber auch in tausend Jahren nicht bringen würden, so auch sie und du so lange auf dieser Erde leben möchtet oder könntet.
GEJ|8|215|21|0|Siehe, das ist es, was Ich wider dich hatte! So du das alles für immer beiseite schaffen wirst, so wird Mein Segen vollends in dein Haus einziehen, sonst aber nicht, wenn Ich persönlich Mich auch noch so oft in deinem Hause befände!“
GEJ|8|215|22|0|Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, dankte er Mir für diese Belehrung und versprach Mir auf das feierlichste, alles zu tun, was Ich ihm angeraten habe; denn er war bei sich darob nicht wenig erstaunt, als er es nur zu klar wahrnahm, wie Mir auch die geheimsten Dinge nicht unbekannt sind. Darauf aber bat er Mich dennoch abermals, daß Ich sein Haus betreten und bei ihm nehmen möchte etwas Brot und Wein.
GEJ|8|215|23|0|Und Ich sagte: „Sei du völlig versichert, daß Ich deinen Willen fürs Werk annehme; was du aber nun Mir tun willst, das tue du den Armen, und Ich werde es also nehmen, als hättest du das Mir getan! Wir aber haben hier vor dem Abende noch gar manches zu schlichten und zu berichtigen, und so müssen wir arbeiten, solange der Tag währt. Willst du aber am Abend Mein Gast sein, da komme in die Herberge, in der Ich nun wohne!“
GEJ|8|215|24|0|Der Wirt dankte Mir für diese Einladung. Wir zogen darauf im Orte weiter, und der Wirt begab sich mit all den Seinen wieder ganz frohen Mutes in sein Haus und besprach sich über alles aus Meinem Munde Vernommene mit den Seinen.
GEJ|8|216|1|1|216. — Die Armenherberge der Essäer
GEJ|8|216|1|0|Wir aber gerieten bald zu einer andern Herberge, in der eine Menge Armer waren, die erst seit ein paar Stunden vor der Herberge lagerten, weil darin kein Platz für sie hergestellt war; denn diese Herberge war zumeist für die Armen bestellt.
GEJ|8|216|2|0|Hier fragte Ich den Roklus, sagend: „Warum ist diese Herberge allein für die Armen verpflichtet? Könnten denn nicht auch die andern Herbergen einen Teil solcher Verpflichtung übernehmen?“
GEJ|8|216|3|0|Sagte Roklus: „Herr und Meister, Dir brauche ich den mir schon lange widerwärtigen Grund dieses Unfuges nicht zu beschreiben, indem Dir ohnehin alle noch so geheimen Dinge und Verhältnisse nur zu bekannt sind; aber um einen Rat bitte ich Dich, wie dem wirksam begegnet werden könnte!“
GEJ|8|216|4|0|Sagte Ich: „Oh, dem kann doch auf die allerleichteste Weise abgeholfen werden! Sage nun du, als der Oberste dieses Ortes, durch einen deiner Brüder allen hiesigen Herbergshaltern: ,Der Herr hat es befohlen, daß eine jede Herberge für mindestens zehn Arme einen Platz im Hause in der steten Bereitschaft zu halten hat; welche Herberge aber aus gutem Willen mehr tun will, die wird auch dafür ihres Lohnes gewärtig werden!‘, – und in einer kleinen Stunde wirst du keinen Armen im Freien lagernd antreffen!
GEJ|8|216|5|0|Warum soll denn dieser Wirt allein von euch ein Stipendium der unterzubringenden Armen wegen überkommen, der wohl zehn beherbergt und also dann und wann auch hundert, euch aber statt zehn stets ums Doppelte soviel angibt und sich dafür von euch überzahlen und dann aber selbst die wirklich beherbergten Armen dennoch darben und hungern läßt?! Diesem Übel muß demnach ganz vom Grunde aus gesteuert werden!“
GEJ|8|216|6|0|Auf diese Meine Worte entsandte Roklus sogleich vier seiner Brüder in alle Herbergen des Ortes, mit Ausnahme der einzigen, in der wir wohnten. Und es dauerte kaum eine kleine halbe Stunde, da kamen von allen Herbergen abgesandte Diener, sagten den Armen, warum sie gekommen seien, und die Armen erhoben sich sogleich vom harten Boden und ließen sich dankbar von den Dienern in die Herbergen führen.
GEJ|8|216|7|0|Der Wirt der Armenherberge aber, das bemerkend, wie die ihm bekannten Diener anderer Herbergen die Armen wegführten, ward darüber unwillig und wollte das verhindern.
GEJ|8|216|8|0|Er trat darum ganz barsch zum Roklus hin und sagte (der Wirt): „Oberster! Ich stehe mit dir ja in einem Kontrakte, laut dem ich allein die Armen zu versorgen habe. Warum werden sie mir jetzt entzogen?“
GEJ|8|216|9|0|Sagte Roklus: „Höre, ist denn das eine Versorgung, so man die vielen mit allerlei Übeln behafteten Armen, gleichwie die Griechen ihre Schweine, hier auf offenem Platze ohne Betten und ohne Nahrung und Trank lagern und schmachten läßt, während man im ziemlich geräumigen Hause leere Zimmer für reiche Ankömmlinge in Bereitschaft hält?! Du hast dich von uns schon für gar viele Arme die Versorgung bezahlen lassen und hast von den vielen in deiner Rechnung Angeführten kaum die Hälfte stets nur schlecht versorgt! Darum wird von dieser Stunde an dies Verhältnis geändert werden und das Stipendium am Ende unter alle verteilt. – Hast du das nun verstanden?“
GEJ|8|216|10|0|Der Wirt machte dazu ein grimmiges Gesicht und sagte: „Oberster, welcher Leumund hat mich bei dir also grausamlichst verleumdet?“
GEJ|8|216|11|0|Sagte Roklus: „Kein Leumund, sondern der Mund eines höchst Wahrhaftigen, vor dessen allsehenden Augen auch unsere geheimsten Gedanken, Wünsche und Begierden nicht verborgen sind, und der ein Herr ist, groß und erhaben über alles im Himmel und auf Erden, und der alles erhält, leitet und regiert – ein Herr alles Lebens und Seins –, und Der hat es mir auch aufgetragen, dich dafür zu strafen! Dir bleibt denn von nun an auch nichts übrig, als deine vielen Sünden zu bereuen, dich völlig zu bessern und alles Unrecht nach Möglichkeit gutzumachen, ansonst du von Gott dem Herrn eine ärgere Züchtigung zu gewärtigen haben wirst.
GEJ|8|216|12|0|Daß du aber uns und die Armen betrogen hast, das hat sich ja soeben gezeigt; denn statt sie, wenigstens die gar Elenden, in den für Kranke hergerichteten Gemächern unterzubringen, ließest du alle auf dem harten Boden lagern. Darum bessere dich, und frage nicht mehr nach dem, der dich irgend verraten hätte!“
GEJ|8|216|13|0|Als der Wirt solch eine ernste Rüge und Mahnung von Roklus erhalten hatte, da ward es ihm bange, und er fing an, sehr in sein Gewissen zu gehen, und versprach dem Roklus denn auch, alles, was er ungerechterweise an sich gebracht hatte, an ihn zurückzubezahlen und in der Zukunft für die Beherbergung der Armen kein Stipendium mehr zu verlangen.
GEJ|8|216|14|0|Darauf sagte Roklus zu ihm: „Tue das, so wird Gott der Herr dir auch vergeben deine Sünden, und deine Seele wird Barmherzigkeit vor Ihm finden! Wärest du ein Grieche oder ein Römer, und somit ein Heide, der von dem einen, wahren Gotte nie etwas vernommen hat und auch nicht weiß um Seinen den Menschen durch den Mund der Propheten geoffenbarten Willen, so wäre dein Handeln zu entschuldigen; denn wer das Gesetz nicht kennt, der kann es auch nicht beachten. Aber du bist ein Jude, und dazu meines guten Wissens noch ein Schriftgelehrter! Und es war denn von dir aus auch um so sträflicher, an allerlei Betrügereien die Heiden im hohen Grade zu übertreffen. Aber so du dich nach deinem Worte wahrhaft und ernstlichst bessern willst und wirst, so seien dir im Namen des Herrn denn auch vergeben deine Sünden!“
GEJ|8|216|15|0|Dafür dankte der Wirt, verneigte sich vor dem Roklus und ging in sein Haus.
GEJ|8|216|16|0|Wir aber begaben uns auch weiter in dem Orte, und Ich sagte zu Roklus: „Du hast deine Aufgabe abermals gut gelöst, und wir haben eine gute Arbeit beendet. Daß du Mich vor dem schriftgelehrten Wirte nicht ruchbar gemacht hast, war auch ganz wohl; denn der ist noch nicht reif, Meine Persönlichkeit, als von ihm erkannt, zu ertragen. Wenn Ich aber morgen diesen Ort verlassen habe und der Wirt zu dir kommen wird, sein Unrecht zu bezahlen, dann kannst du ihm denn auch sagen, wie Ich Mich in deiner Gesellschaft befand, und welche Lehre und Macht Ich euch erteilt habe, wovon ihr ihn überzeugen könnet, und er wird euch dann noch gute Dienste leisten.“
GEJ|8|216|17|0|Roklus, das von Mir vernehmend, dankte Mir für solch ein Zeugnis und für solch einen Trost, was alles er nicht im geringsten verdient habe, und sagte darauf: „O Herr und Meister! Willst Du uns denn im Ernste schon morgen verlassen?“
GEJ|8|216|18|0|Sagte Ich: „Mit Meiner Persönlichkeit allerdings, doch mit Meinem Geiste nicht; denn Ich habe andernorts noch vieles zu tun, auf daß alles erfüllt werde, was von Mir die Propheten geweissagt haben! Ihr aber werdet ohne Meine persönliche Gegenwart auch ungehinderter in Meinem Namen lehren und handeln können, als so Ich persönlich gegenwärtig wäre; der Grund davon ist leicht zu begreifen.“
GEJ|8|216|19|0|Roklus sah den Grund auch bald ein, und wir gelangten während dieses Besprechens wieder an eine Stelle im Orte, und zwar in der Straße, die nach Ägypten führte, allwo es für uns wieder eine Arbeit gab.
GEJ|8|217|1|1|217. — Die Wundertaten in der Herberge vor dem Tore
GEJ|8|217|1|0|Es war das eine Stelle schon außerhalb des Tores des geschlossenen Ortes, der selbstverständlich mit einer starken Mauer nach allen Richtungen hin umfangen war. Außerhalb der Mauer und ihren Toren aber gab es auch noch Häuser und Herbergen, in denen die Zureisenden zumeist ihre Lasttiere unterzubringen pflegten und oft auch selbst Herberge nahmen. Auf der vorbezeichneten Straße befand sich in der Entfernung von gut siebenhundert Schritten außerhalb des Tores denn auch eine solche Herberge, in der eine Menge Gäste sich befanden; darunter waren viele Ägypter, Griechen, Römer und auch einige Juden, die mit den Heiden allerlei Handel trieben.
GEJ|8|217|2|0|Vor der Herberge war ein großer Platz, gut mit Gras bewachsen. Auf diesem lagen eine große Menge Särge, in denen tote Kinder sich befanden, deren Väter und Mütter in der Herberge warteten, ob sie von den Essäern die erwünschte Bewilligung erhalten würden, ihre Toten in den wohlverschlossenen Särgen in die Burg bringen zu dürfen. Die Eltern hatten zwar um die Bewilligung zu öfteren Malen nachgesucht, erhielten aber aus dem Grunde keine, weil die schon bekannte Wiederbelebungskammer mit derlei Särgen ohnehin überfüllt war, und weil die Essäer derlei nicht mehr annehmen konnten und durften.
GEJ|8|217|3|0|Aber die in der bezeichneten Herberge Harrenden waren von weither gekommen in der Hoffnung, ihre toten Kinder wieder neu belebt nach Hause zu führen, und konnten daher denn auch nicht wissen, daß die Essäer keine toten Kinder mehr lebendig machten; es war daher für die Eltern um so bitterer, hier zu vernehmen, daß sie ihre weite Reise umsonst gemacht hatten.
GEJ|8|217|4|0|Als wir die Särge, hundertzehn an der Zahl, betrachteten, ersah uns der Wirt, der den Obersten gar wohl kannte, und sagte das alsogleich den traurigen Gästen, daß der Oberste mit seinen Brüdern unter den Särgen umhergehe und sie betrachte, was für die Traurigen ein gutes Zeichen sei; denn so der Oberste selbst eine solche Besichtigung vornehme, da könnten die Harrenden sich schon der besten Hoffnung hingeben, daß ihre Bitten erhört würden.
GEJ|8|217|5|0|Auf solche Vertröstung erhoben sich eiligst alle Gäste und gingen zu uns heraus, die wir die Aufschriften der Särge lasen, und alle baten den Obersten mit Tränen in den Augen, daß er sie doch nicht unverrichteterdinge in ihre fernen Heimaten zurückreisen lassen möchte; denn sie wußten es ja doch nicht, daß in diesem alten Wunderorte keine toten Kinder mehr wiederbelebt werden.
GEJ|8|217|6|0|Sagte Roklus zu den Bittenden: „Es sind aber schon seit einem Jahre und darüber von hier aus Boten nach allen Richtungen gesandt worden, um den Menschen kundzutun, daß hier keine Toten mehr wiederbelebt werden! Habt ihr davon denn keine Kunde erhalten?“
GEJ|8|217|7|0|Sagten die Befragten: „Nein, mächtiger Oberster! Nicht einmal nur so von weitem her haben wir von jemandem eine Kunde erhalten; denn hätten wir davon etwas reden hören, so wären wir sicher daheim geblieben und hätten uns nicht so große Unkosten gemacht! Wir sind zum größten Teile freilich erst vor einigen Tagen hier angekommen und haben in der Herberge noch wenig verzehrt, auch haben wir vor ein paar Stunden Zeit den uns auf dem Wege hierher abgenommenen Tribut wieder zurückerhalten, was uns eine rechte Freude gemacht hat, – aber so wir nun etwa darum sollen unverrichteterdinge von hier umkehren, da möchten wir lieber einen zehnfachen Tribut bezahlen. O mächtigster Oberster! Nur diesmal erhöre noch unsere Bitten! Wir wollen ja gerne warten und uns zu jeglichem Opfer bekennen, wenn du uns nur gnädigst erhören wollest!“
GEJ|8|217|8|0|Sagte Roklus: „Ja, ihr meine lieben Freunde, ihr seid in der Ferne darin etwas irrig berichtet worden, daß hier Kinder, die oft schon Monde lang völlig tot in den Särgen liegen, wieder belebt werden können! Das ist dann und wann bei frisch verstorbenen wohl möglich, wenn sie scheintot sind; aber Kinder, wie die in den Särgen, kann nur ein Gott allein wieder beleben!“
GEJ|8|217|9|0|Hier fragte schnell ein Grieche, sagend: „Welchen Gott meinst du wohl? Denn wir zählen der Götter viele! Welcher unter ihnen ist da wohl der Mächtigste? Sage es uns, und wir wollen ihm opfern, und du bitte ihn für uns!“
GEJ|8|217|10|0|Sagte Roklus: „Unter euren Göttern gibt es ewighin keinen, da alle eure Götter nur erdichtet und ihre Bildnisse nur von Menschenhänden gemacht sind. Der allein wahre und allmächtige Gott ist nur Der, den die Juden anrufen; Dem allein ist alles möglich!“
GEJ|8|217|11|0|Sagte wieder der Grieche: „Das haben unter uns lebende und Handel treibende Juden auch gesagt, und wir haben denn auch dem Gott der Juden große Opfer allerbereitwilligst dargebracht, die von einem Judenpriester auch in Empfang genommen worden sind, mit dem Bedeuten, daß die Opfer alsbald nach Jerusalem gebracht würden, wo der allein wahre Gott fortwährend in einem übergroßen und prachtvollsten Tempel wohnt.
GEJ|8|217|12|0|Aber trotz unserer bedeutenden Opfer und trotz der Versicherung des Judenpriesters, daß uns sein allein wahrer Gott sicher helfen werde, blieben unsere Kinder dennoch gleichfort tot; und so meine ich denn nun, daß auch diesmal mit dem Gott der Juden nicht besonders viel auszurichten sein dürfte. Doch du wirst das hier vielleicht wohl besser wissen als der ehedem bezeichnete Judenpriester, der, offen gesagt, bei sich selbst kein zu großes Vertrauen zu seinem Gott zu haben schien, weil er dessen uns vorgesagte Gebote nach meiner Beobachtung am wenigsten beachtete. Was hätten wir denn nach deinem Dafürhalten zu tun, auf daß uns der allein wahre Gott der Juden hülfe?“
GEJ|8|217|13|0|Sagte Roklus: „Ja, ihr meine lieben Freunde, da heißt es, zuvor an diesen Gott lebendig im Herzen glauben, Seine Gebote unter allen Umständen halten, Ihn dann über alles lieben und seine Mitmenschen wie sich selbst! Wer das nicht tut, den erhört Gott nicht.
GEJ|8|217|14|0|Ich und meine Brüder aber tun das und haben denn auch die untrüglichsten Beweise, daß unser allein wahrer Gott allzeit gerne unsere Bitten erhört, vorausgesetzt, daß wir Ihn um nichts Törichtes bitten! Wendet euch denn im Herzen gläubigst an unseren Gott wie an einen allerbesten Vater, und gelobet Ihm denn auch, daß ihr eure toten Götzen verlassen und genau halten werdet Seine Gebote, und es soll sich zeigen, ob euch unser Gott erhört hat!“
GEJ|8|217|15|0|Alle, Ägypter, Römer und Griechen, gelobten das feierlichst.
GEJ|8|217|16|0|Roklus aber setzte noch eine Bedingung hinzu, sagend: „Ich habe nun eurem feierlichen Gelöbnisse entnommen, daß es euch allen vollkommen ernst ist, zu dem einen, allein wahren Gott der Juden zurückzukehren, von dem sich eure Urväter schon vor nahe an 1700 Jahren abgewandt haben, und ich habe darum nun in mir schon die volle Gewißheit, daß Gott eure Wünsche befriedigen wird. Aber, was hier geschehen wird, das behaltet bei euch, und machet uns nicht noch mehr ruchbar, als wir ohnedem es schon sind; denn was nun heute hier geschieht, das wird fürderhin nicht mehr geschehen!
GEJ|8|217|17|0|Aber Kranke aller Art und Gattung, Blinde, Taube, Stumme, Lahme, Krüppel, Gichtbrüchige, Aussätzige, Besessene, mit bösen Fiebern Behaftete und Narren können hier ihr Heil finden. Wollet ihr auch diese Bedingung erfüllen, so möget ihr eure Särge öffnen und eure nun schon belebten Toten herausnehmen und ihnen zu essen geben, im Anfange Milch und dann erst eine frische Fleischbrühe mit etwas Brot und gen Abend auch etwas Wein!
GEJ|8|217|18|0|Glaubet ihr nun aber auch alle ungezweifelt, daß alle die Kinder in den Särgen schon leben?“
GEJ|8|217|19|0|Sagten alle: „Ja, dir, du mächtiger Freund des einen, allein wahren und allmächtigen Gottes, glauben wir ohne den allergeringsten Zweifel!“
GEJ|8|217|20|0|Sagte Roklus darauf auf Meine innere Beheißung: „So geschehe euch denn nach eurem Glauben im Namen Jesus Jehova Zebaoth! Und nun öffnet die Särge!“
GEJ|8|217|21|0|Auf diese Worte sprangen alle zu ihren Särgen, öffneten sie, und ihre Kinder, von denen einige schon über ein Jahr in den Särgen verschlossen waren, erhoben sich frisch und gesund aus denselben.
GEJ|8|217|22|0|Die Freude, die darob die Eltern hatten, die zumeist sehr wohlhabend waren, war leichtbegreiflich eine unbeschreibliche, und es war da des Dankens, Lobens und Preisens nahe kein Ende. Die Kinder wurden bald darauf versorgt, wie es den Eltern zuvor anbefohlen ward.
GEJ|8|217|23|0|Nota bene: Es könnte nun nach nahe zweitausend Jahren jemand fragen: ,Ja, wie möglich konnte denn solch eine Wundertat so ganz verschwiegen bleiben, wie noch eine Menge anderer?‘
GEJ|8|217|24|0|Die Antwort lautet ganz kurz also: Weil Ich Selbst es also verordnet habe, damit für die Folge nur allein die reine Lehre die Menschen leite und führe und nicht die den freien Willen des Menschen hemmende Macht der Wundertaten, wie Ich das schon oft gezeigt habe. Hier am Orte zur Zeit Meiner nur wenigen bekannten kurzen Gegenwart in Essäa aber machten derlei große Wundertaten darum kein so großes Aufsehen, weil eben dieser Ort schon seit langem weit und breit als ein Wunderort nur zu bekannt war. Ein Nichtgelingen einer Wundertat hätte da offenbar ein größeres Aufsehen gemacht als ein vollkommenes Gelingen, das da ein jeder Mensch schon so sicher erwartete wie die Nacht auf den Tag und den Tag auf die vorübergehende Nacht. Zudem ist es da allen, die hier Hilfe fanden, von Meiner Zeit an stets auf das ernsteste geboten worden, das Wunder nicht ruchbar zu machen.
GEJ|8|217|25|0|Es sind aber von Meinen und der Essäer Taten dennoch viele Aufzeichnungen geschehen, die vielfach in Ägypten in den großen Bibliotheken aufbewahrt, aber später von den blinden Mohammedanern, wie bekannt, vernichtet worden sind. Und so kam es, daß die Menschen in dieser Zeit von den großen Wundern, die in jener Zeit geschehen sind, beinahe nichts mehr wissen, wozu aber auch die alte Hure Babels ihr Entschiedenstes beigetragen hat. Das Wie wird in diesen Zeiten jedem denkenden Forscher ohnehin bekannt sein!
GEJ|8|217|26|0|Es bestehen aber im Orient dennoch auch noch große Aufzeichnungen, und es werden zur rechten Zeit schon auch welche an das Tageslicht gefördert werden. In denen steht noch gar manches, was in den nunmalig bekannten vier Evangelien nicht vorkommt; doch findet sich in jenen eine chronologische Ordnung nicht vor, gleichwie auch in den vieren nicht, was aber nichts macht. Denn die Hauptsache ist und bleibt ja doch nur immer die reine Lebenslehre; wer diese annimmt und an Mich glaubt, der wird durch den Geist auch in alles andere geführt werden.
GEJ|8|217|27|0|Dieses Nebenhergesagte diene und genüge jedem, der noch irgendeinen Zweifel über Mich und über Mein Walten in jener Zeit hatte, als ein tröstender und beruhigender Beweis für die Wahrheit des in diesen nun schon vielen Büchlein Gesagten und Gezeigten.
GEJ|8|217|28|0|Und nun wieder zu unserer Sache zurück!
GEJ|8|218|1|1|218. — Über die Verwendung der Helfer der Essäer
GEJ|8|218|1|0|Als das beschriebene Wunderwerk vollbracht war und die Eltern sich mit ihren Kindern in der Herberge befanden, da kam der Wirt, dem dies Wunderwerk auch als etwas in diesem Orte ganz Natürliches vorkam, gleichwie auch seinen Hausleuten, zu uns und fragte den Roklus, ob und wieviel er von ihnen zum Besten der vielen Armen, die sich von Tag zu Tag in diesem Orte mehrten, für die große Wundertat anrechnen solle, welches Geld er dann, wie allzeit, gewissenhaft an den Verwalter der Armenversorgung abgeben würde.
GEJ|8|218|2|0|Sagte Roklus, wie Ich es ihm geheim ins Herz gelegt hatte: „Mir ist diese Gnade von Gott umsonst verliehen worden, und so verlange ich denn auch von niemandem irgendein Opfer. Wer aber selbst aus seinem freien Willen für die vielen Armen, an denen es bei uns keinen Mangel hat, etwas tun will, das nehme und übergebe es der Anstalt! Die ehernen Särge aber lasse sogleich in die Burg schaffen, auf daß sie hier zur offenen Schau nicht zu lange liegenbleiben!“
GEJ|8|218|3|0|Sagte der Wirt: „Wie aber dann, wenn etwa die Fremden die Särge zum Gedächtnisse wieder werden nach Hause mitnehmen wollen?“
GEJ|8|218|4|0|Sagte Roklus: „Dann sage ihnen, daß ich das also befohlen habe! Wer aber dennoch einen Sarg mitnehmen wollte, dem sage, daß ihm darum auf dem Heimwege sein Kind sterben werde, und es wird sich dann keiner weigern, den Sarg hier zu lassen!“
GEJ|8|218|5|0|Als der Wirt solches von Roklus vernommen hatte, da verneigte er sich vor uns und eilte darauf ins Haus, um alles zu veranlassen, was Roklus ihm geboten hatte.
GEJ|8|218|6|0|Wir aber verließen diese Stelle darauf gleich, zogen uns in den Ort zurück und begaben uns an ein anderes Tor, außerhalb dessen sich eine von den Essäern schon seit langem gestiftete Freiherberge befand. Es war das nach der Burg wohl das größte Gebäude im Orte, bei dem sich auch viele und große Gärten befanden, die samt dem Gebäude eigens mit einer hohen und starken Mauer umfangen waren, die von hundert zu hundert Schritten mit einem Wachturme versehen war. In dieser Herberge, die vom Orte aus zwischen Morgen und Mittag gelegen war, befanden sich nebst einer Menge von allerlei Krüppeln aber auch noch eine Menge Hegekinder, die nach dem früheren, schon bekannten Gebrauche der Essäer den Eltern als ihre wiederbelebten Kinder gegeben wurden.
GEJ|8|218|7|0|Als wir in dieser Herberge ankamen, da sagte Roklus zu Mir: „O Herr und Meister! Siehe, da ist nun noch mein größter Sorgenpunkt! Die vielen Krüppel heilen und sie dann für irgendeinen andern Dienst verwenden, wäre nun besonders bei Deiner Gegenwart ein leichtes; aber diese vielen Krüppel waren in den früheren Zeiten besonders bei den großen Totenerweckungsszenen einverstandene Helfershelfer und wissen auch, wie die verstorbenen Kinder hier wieder belebt worden sind! Machen wir sie nun gesund und verschaffen ihnen irgendwo anders in der Welt eine Bedienstung, so kann es leicht geschehen, daß einer oder der andere in einer gewissen guten Stunde unsern alten Betrug verrät, und wir dürften dann in große Verlegenheiten kommen, durch die weder uns noch irgendeinem andern Menschen zu Nutz und Frommen gedient sein würde.
GEJ|8|218|8|0|Diese zumeist nun krüppelhaften und siechen Menschen beiderlei Geschlechtes aber, die zu ihren Leiden durch die vielen Anstrengungen gekommen sind, die sie zu bestehen hatten, dauern mich nun, und ich möchte ihnen helfen durch Deine Gnade. So sie aber gesund geworden sein werden, da werden sie wieder in ihr altes Amt eintreten wollen, was ihnen früher manchen Gewinn abwarf, da sie von den vielen Fremden als Wiedererweckte oft reichlich beschenkt worden sind. Dieses Amt aber besteht nun nicht mehr, und wir sind mit ihnen somit in einer rechten Verlegenheit. Ein Rat von Dir könnte uns da allein helfen.
GEJ|8|218|9|0|Mit den Hegekindern ist da leichter eine gute Verfügung zu treffen, weil diese den Grund nicht kennen, warum sie da sind. Wohl aber kennen solchen ihre Pfleger und Erzieher; allein, diese gehören zu uns und wissen schon, wie nun die Sachen in diesem Orte stehen. Und so haben wir von ihnen nichts zu befürchten; denn sie sind auch durch mich über Dich unterrichtet und halten, obgleich sie auch zumeist Heiden sind, alles auf Dich und Deine Lehre. Nur die Krüppel und Siechen liegen uns, wie schon gesagt, zumeist am Herzen!“
GEJ|8|218|10|0|Sagte Ich: „Die Krüppel und Siechen sind pur Heiden und hängen noch an ihren alten Götzen. Machet sie zu Bekennern des einen, wahren Gottes, und zeiget ihnen die Kraft des Geistes aus Gott im Menschen, erwecket in ihnen den Glauben und die Liebe nach Meiner Lehre, und heilet sie dann, so werdet ihr von ihnen nichts mehr zu befürchten haben; sie werden euch dann noch gar manchen guten Dienst erweisen. Da sie aber einmal schon zu euch gehören, so sollen sie denn auch bei euch verbleiben! Ihr aber wollet hier ja ohnehin vieles umgestalten, damit von den alten, falschen Dingen nichts mehr vorhanden sein solle; da werdet ihr vieler Arbeiter benötigen und werdet alle, die in diesen Mauern hausen, gar wohl brauchen können. Zudem habt ihr der irdischen Güter in solcher Hülle und Fülle, daß ihr damit leicht zehntausend Menschen erhalten und ernähren könnet tausend Jahre hindurch, und so werdet ihr auch alles, was nun hier in diesen Mauern weilt, gar wohl auf eine ganz kurze Zeit hin wohl erhalten und ernähren können. – Bist du damit nicht auch vollkommen einverstanden?“
GEJ|8|218|11|0|Sagte Roklus: „O Herr und Meister, Du ewige Liebe, Güte und Erbarmung! Das war auch heimlich schon lange mein Plan; aber meine Brüder wollten gerade in dieser Beziehung meine Ansicht nicht teilen. Da sie das aber nun aus Deinem Munde ganz klar und deutlich vernommen haben, so werden wir mit Deiner Gnade und Hilfe auch in diesem Punkte leicht in die beste Ordnung gelangen, und mir ist nun eine wahre Tausendpfundelast von der Brust genommen worden. Willst Du, o Herr, Selbst diese Herberge und deren innere Einrichtungen in Augenschein nehmen?“
GEJ|8|218|12|0|Sagte Ich: „Freund, für Mich sicher nicht, da Ich darin alles vom Größten bis zum Kleinsten nur zu genau kenne; aber um euer selbst willen und um Meiner Jünger willen will Ich schon auch in diese eure Anstalt gehen und sie mit euch durchwandern in den wichtigeren Teilen!“
GEJ|8|219|1|1|219. — Bei den Hegekindern der Essäer
GEJ|8|219|1|0|Darauf erst betraten wir die inneren Räumlichkeiten, die in jeder Hinsicht, weltlich genommen, sehr großartig waren. Wir kamen also denn auch zu den Kindern, die uns gar freundlich entgegeneilten, um uns zu begrüßen nach der Art und Sitte, die ihnen hier durch die Erziehung beigebracht worden ist, und Ich befragte mehrere, wie es ihnen hier gefalle.
GEJ|8|219|2|0|Da antworteten mehrere Knaben, sagend: „O du bester Herr, hier geht es uns gut; aber es geschieht dann und wann, daß einer oder der andere, den wir liebhatten, aus unserer Mitte genommen wird – und kommt aber dann nimmer wieder zurück –, und das macht uns oft sehr traurig, weil wir von niemandem erfahren können, was mit ihm geschehen ist. Ist er umgebracht oder verkauft worden, oder ist sonst etwas mit ihm geschehen? Kurz, wir älteren Kinder, die wir auch schon denken können, werden dadurch sehr oft in unseren Herzen beunruhigt, und unser Zustand ist dann ein martervoller. Sage doch du uns, was mit jenen Kindern geschieht, die von uns für immer genommen werden!“
GEJ|8|219|3|0|Sagte Ich: „Ihr lieben Kleinen, habet da keine Furcht! Allen Kindern, die von hier genommen wurden, geht es irdisch genommen gut; denn sie sind bestens untergebracht und werden von denen, die sie übernahmen, als Kinder geliebt und gepflegt. Doch in der geistigen Hinsicht geht es den meisten darum übler, weil sie zumeist an die reichen Heiden hintangegeben werden.
GEJ|8|219|4|0|Das größte Glück der Menschen aber besteht einzig und allein nur darin, daß sie schon in den frühen Kinderjahren den einen und allein wahren Gott kennen und Ihn als den wahrsten und besten Vater aller Menschen über alles lieben lernen. Die Heiden aber kennen diesen Vater nicht, weil sie von solchen Eltern abstammen, die Ihn auch nicht erkannt hatten. Und seht, darum sind solche Kinder, die aus eurer Mitte an die finsteren Heiden hintangegeben worden sind, in der geistigen Hinsicht übel daran, weil sie unter den Heiden ihren wahren Vater im Himmel, der ein ewiger Geist ist voll Güte, Liebe, Weisheit und endloser Macht, nicht erkennen und über alles lieben lernen können.
GEJ|8|219|5|0|Doch von nun an, ihr Meine gar lieben Kindlein, dürfet ihr keine Furcht mehr haben; denn es wird fortan niemand mehr aus eurer Mitte hintangegeben werden, sondern ihr werdet alle hier verbleiben und den wahren Vater aller Menschen kennen und über alles lieben lernen und werdet darauf als freie und weise Menschen unter den andern Menschen viel Gutes und daneben viel Nützliches stiften können. Darum seid alle nun heiter und fröhlich und folgsam gegen eure Lehrer, so wird der Vater im Himmel für euch sorgen, daß ihr zeitlich und ewig im Reiche des Vaters im Himmel überaus glücklich werdet! Daß es euch aber also ergehen wird, das wird euch euer Oberster Roklus auch selbst verkünden. – Seid ihr, Meine lieben Kindlein, nun damit zufrieden?“
GEJ|8|219|6|0|Sagte ein Knabe, der viel Geist hatte: „O du bester Herr, mit dir wären wir wohl ganz zufrieden; aber das, was du nun ausgesprochen hast, hat der strenge Oberste noch nicht ausgesprochen, und solange der schweigt, sind wir noch nicht sicher daran. Sage du ihm, daß er uns auch treu und wahr solch einen Trost gibt, dann erst werden wir ganz fröhlich sein können!“
GEJ|8|219|7|0|Sagte Ich: „Er wird es euch schon sagen zur rechten Zeit. Ich aber bin ja ein Herr, gar mächtig auch über euren Obersten, und was Ich sage und will, das wird er auch tun. Dessen könnet ihr ganz volltrauigst versichert sein.“
GEJ|8|219|8|0|Sagte der Knabe: „Bist du etwa gar der Kaiser von Rom, weil du ein Herr gar mächtig auch über unsern Herrn bist?“
GEJ|8|219|9|0|Sagte Ich: „Ja, ihr Meine lieben Kindlein, Ich bin noch um ein gar ungeheures ein größerer Herr als der Kaiser Roms; doch solche Meine Herrlichkeitsgröße könntet ihr nun noch nicht fassen! Roklus selbst wird euch alles zur rechten Zeit schon ganz klar zeigen, und ihr werdet dann schon begreifen, wie Ich ein rechter Herr über euren Obersten und ebenso über den Kaiser Roms bin, und ihr werdet Mich erst dann recht loben und preisen und eine übergroße Freude haben darob, daß Ich euch nun Selbst besucht habe.“
GEJ|8|219|10|0|Hierauf versicherte denn auch Roklus mit freundlichster Miene, daß er alles das allergenauest tun werde, was Ich ihnen vorher verheißen habe.
GEJ|8|219|11|0|Auf dieses Versprechen des Roklus erst wurden die Kindlein ganz ruhig und glaubten, daß es nun also werde.
GEJ|8|219|12|0|Ich segnete darauf die Kindlein und herzte und koste sie, und wollte nun gehen; aber diese, zu Mir Liebe und Vertrauen fassend, umringten Mich und baten, daß Ich doch nur noch eine kurze Zeit bei ihnen verweilen möchte.
GEJ|8|219|13|0|Und Ich sagte: „Ja, diesen Bittstellern kann Ich nichts abschlagen, und will darum noch eine halbe Stunde lang bei ihnen verweilen.“
GEJ|8|219|14|0|Als die Kindlein solches von Mir vernahmen, da wurden sie überfröhlich, und der Knabe fragte Mich ganz zutrauensvoll, sagend: „O du lieber und höchst guter, größter Herr! Du hast uns ehedem von dem überguten Geistvater im Himmel etwas gesagt, daß wir Ihn kennen und über alles lieben lernen sollen. Ja, das werden wir auch ganz sicher, so wir Ihn einmal werden erkannt haben! Aber wie werden wir Ihn erkennen, wer wird Ihn uns zeigen? Kennst du Ihn etwa so recht gut? Wenn du Ihn kennst, da beschreibe du Ihn uns, und wir werden Ihn denn auch gleich über alles zu lieben anfangen, wenn wir Ihn Selbst auch noch nicht kennen!“
GEJ|8|219|15|0|Sagte Ich: „Ja, Meine lieben Kindlein, diese Sache ist nun freilich noch ein wenig schwer, weil ihr von Ihm noch gar keine Vorbegriffe habt; aber Ich werde es dennoch versuchen, euch welche zu geben, und so höret Mich nun nur recht aufmerksam an!
GEJ|8|219|16|0|Der Vater im Himmel ist der reinste, vollkommenste und ewige, überlebendige Geist, der nie einen Anfang genommen hat und auch nie ein Ende nehmen wird. Er hat schon von Ewigkeit her aus Sich Himmel und diese Erde und alles, was auf ihr ist, mittels Seiner Allmacht erschaffen.
GEJ|8|219|17|0|Wenn ein Mensch auf dieser Erde etwas schaffen will, so muß er dazu Materie und allerlei Werkzeuge haben; der Vater im Himmel aber benötigt, so Er etwas erschafft, weder einer schon daseienden Materie, noch eines Werkzeuges, um mittels desselben aus der rohen Materie etwas zu machen, – Sein allmächtiger Wille ist Sein Werkzeug.
GEJ|8|219|18|0|Er hat denn auch die Menschen erschaffen, daß sie Ihn erkennen und über alles lieben sollen, auf daß sie von Ihm erhielten das ewige Leben.
GEJ|8|219|19|0|Damit aber die Menschen wissen, wie sie untereinander zu leben haben, so hat ihnen der Vater im Himmel durch gewisse Propheten Seinen Willen geoffenbart. Wer danach lebt und handelt, der überkommt das ewige Leben.
GEJ|8|219|20|0|Menschen, die recht fromm sind und den Vater über alles lieben und nach Seinen Geboten leben, bekommen schon in dieser Welt die Stimme des Vaters zu hören und auch zu sehen Sein Angesicht. Seid ihr, Meine lieben Kindlein, darum nur recht fromm, so werdet ihr solch ein größtes Glück auch schon auf dieser Welt genießen!“
GEJ|8|219|21|0|Die Kindlein versprachen, alles das zu tun, was Ich ihnen angeraten habe, wenn sie nur einmal den Vater im Himmel hören und sehen könnten, und fragten Mich, ob Ich den Vater im Himmel schon oft gehört und gesehen habe, und wie Er wohl aussehe.
GEJ|8|219|22|0|Sagte Ich mit sehr freundlicher Miene: „Meine lieben Kindlein! Ich höre und sehe den Vater immer, und Er sieht geradeso aus wie Ich, und Seine Stimme klingt auch so wie die Meine; wer sonach Mich sieht und hört, der sieht und hört auch den Vater im Himmel. Seht Mich daher nur recht gut an, und ihr könnet dann sagen, daß ihr den Vater im Himmel schon gesehen und gehört habt!“
GEJ|8|219|23|0|Hier schauten die Kinder Mich fest an und sagten nach einer Weile: „Wenn der Vater im Himmel so aussieht wie du, da muß Er sehr gut sein, und wir lieben ihn schon jetzt über alles! Wenn du als ein höchster Herr auf dieser Welt auch so allmächtig wärest wie der Vater im Himmel, da wäre nachher ja gar kein Unterschied zwischen dir und Ihm?“
GEJ|8|219|24|0|Sagte Ich: „Ja wohl, das wäre dann schon also, – und wer weiß es, ob Ich nicht auch so dann und wann ein wenig allmächtig bin?“
GEJ|8|219|25|0|Sagte der Knabe: „O du allerbester, größter Herr auf der Welt! Möchtest du uns denn nicht auch etwas zeigen von deiner kleinen Allmacht?“
GEJ|8|219|26|0|Sagte Ich: „O ja, Meine liebsten Kindlein; aber da müssen wir hinaus in den großen Garten uns begeben!“
GEJ|8|219|27|0|Das war den Kindlein recht, und wir begaben uns in den großen Garten, der recht viele freie Plätze hatte, auf denen nichts angepflanzt war.
GEJ|8|219|28|0|Als wir in dem Garten waren, fragte Ich die Kindlein, sagend: „Höret, möchtet ihr auf den vielen freien Plätzen, auf denen nichts angepflanzt ist, nicht allerlei Bäume mit süßen Früchten haben?“
GEJ|8|219|29|0|Sagten die Kindlein: „Ja, wenn das zu machen möglich wäre, so wäre das wohl überaus gut! O wir bitten dich darum, so du das vermagst!“
GEJ|8|219|30|0|Sagte Ich: „So gehet denn hin, und ehe ihr hinkommen werdet, werden für euch die erwünschten Bäume auch schon auf allen freien Plätzen, mit Früchten voll beladen, in Bereitschaft stehen!“
GEJ|8|219|31|0|Die Kindlein eilten darauf sogleich nach den freien Plätzen, die auch schon voll bestellt waren mit allerlei Fruchtbäumen, worüber die Kinder eine große Freude hatten und auch gleich die Früchte, die am Boden lagen, aufklaubten und verkosteten; und da ihnen die Früchte gar so vortrefflich schmeckten, so fingen sie auch gleich ordentlich an, dieselben zu verzehren.
GEJ|8|219|32|0|Wir aber verließen den Garten bei dieser Gelegenheit und begaben uns, da es schon gen Abend mit dem Tage gekommen war, von den Kindlein unbemerkt, in unsere Herberge.
GEJ|8|220|1|1|220. — Des Herrn Abschied von den Essäern
GEJ|8|220|1|0|Hier angelangt, sagte Ich zum Wirte: „Nun kannst du für ein Abendmahl sorgen; denn wir haben nun tüchtig gearbeitet, und wer da arbeitet, der soll auch essen!“
GEJ|8|220|2|0|Der Wirt ging denn auch sogleich, ein Abendmahl zu bestellen.
GEJ|8|220|3|0|Ich aber gab dem Roklus noch allerlei Weisungen, was er alles zu tun haben werde, so er die stets besten Zwecke erreichen wolle. Und so gab Ich ihm auch den Rat, wie er es den Kindlein beibringen solle, daß sie in Mir den Vater im Himmel gesehen und gesprochen haben.
GEJ|8|220|4|0|Es wurden nun auch einige Essäer in die Burg entsendet wegen der schon bekannten Wiederbelebung der toten Kinder. Und als sie bald zurückkamen, war auch das Abendmahl schon bereitet, und wir setzten uns denn auch alsogleich zu den Tischen und nahmen wohlgemut dasselbe zu uns.
GEJ|8|220|5|0|Nach dem Mahle entließ Ich die Essäer alle mit den Weisungen, was sie noch in dieser Nacht tun sollten. Sie dankten Mir und begaben sich an ihr Geschäft. –
GEJ|8|220|6|0|Als die Essäer, bis auf Roklus, uns nach Meinem Willen verlassen hatten, da besprachen wir uns noch über gar manches bis nahe gen Mitternacht hin, und Roklus zeichnete sich dabei auch alles ganz kurz in sein Gedenkbuch, was sich alles an diesem für diesen Ort sicher denkwürdigsten Tage vom Morgen bis zum Abende hin ereignet hatte. Gen Mitternacht aber erhob er sich auch vom Tische, dankte Mir für alles aufs inbrünstigste und bat Mich, daß Ich am Morgen ihm gestatten möchte, Mich vor Meiner Abreise noch einmal zu besuchen und eine gute Strecke Weges zu begleiten.
GEJ|8|220|7|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, du kannst tun, was du willst, und was deine wahre und lebendige Liebe zu Mir tut, ist allzeit wohlgetan! Doch du wirst morgen schon sehr früh wichtige Dinge zu tun und zu schlichten bekommen, die sich schwer werden aufschieben und überlegen lassen; daher nehme Ich deinen Willen, Mich am Morgen noch einmal zu besuchen und eine Strecke weit zu begleiten, fürs Werk an.
GEJ|8|220|8|0|Ich Selbst aber werde am frühen Morgen mit Meinen Jüngern Mich auf den Weg nach Jericho machen, um nach dem Untergange an Ort und Stelle zu sein. Du meinst freilich wohl, daß dieser weite Weg sich auf eine natürliche Weise in einem Tage wohl nicht werde zurücklegen lassen. Ich aber sage es dir, daß bei Mir alle Dinge möglich sind. Es ist morgen freilich wohl ein Sabbat, an dem ein Jude auch nicht reisen sollte. Ich aber bin ein Herr auch über den Sabbat und sage es dir, daß ein jeder Mensch auch an einem Sabbat Gutes wirken kann und soll! Ich aber will dadurch den Sabbat nicht irgend aufheben; doch der Juden alte Sabbatsträgheit hebe Ich auf, und Meine Jünger sollen denn auch an jeglichem Sabbate tätig sein in Meinem Namen! Denn durch die Trägheit am Sabbat wird Gott eine schlechte Ehre erwiesen.
GEJ|8|220|9|0|Ich sagte dir das, auf daß du auch in dieser Hinsicht den Brüdern Meinen Willen kundmachest, weil einige unter ihnen bei sich noch große Stücke auf des Sabbats Trägheit halten.
GEJ|8|220|10|0|Und so weißt du nun alles, was euch allen vorderhand not tut. So ihr aber bei verschiedenen Gelegenheiten in Meinem Namen lehren und wirken werdet, da denket nicht, wie und was ihr reden und wie ihr ein Werk beginnen und beenden sollet; denn Ich Selbst werde euch stets alles ins Herz und in den Mund legen und wohl erleuchten euren Verstand und stärken euren Mut und Willen! Mit dieser Versicherung kannst du dich nun denn auch voll Trostes zur nötigen Leibesruhe begeben, auf daß du morgen unverdrossen wirken kannst.“
GEJ|8|220|11|0|Nach diesen Meinen Worten begab sich nach einem nochmaligen herzlichsten Gruße an Mich und Meine Jünger Roklus mit Liebetränen in den Augen aus der Herberge in die Burg, und wir begaben uns denn auch zur Ruhe.
GEJ|8|220|12|0|Am frühen Morgen verließen wir unsere Ruhestätten und richteten uns zur Abreise.
GEJ|8|220|13|0|Es trat aber der freundliche Wirt zu Mir und bat Mich, daß Ich denn doch vor der Abreise ein Morgenmahl zu Mir nehmen möchte, weil der Weg ein weiter und öder sei, auf dem man eine volle Tagesreise weit keine Herberge antreffe.
GEJ|8|220|14|0|Sagte Ich: „Freund, deren bedürfen wir auch nicht; denn Ich Selbst bin die Herberge aller Herbergen! Du hast es gestern zu Mittag gesehen, wie wir alle ohne Deine Küche sicher bestens versorgt worden sind, – und sieh, also kann Ich es denn auch auf dem herbergslosen Wege tun!
GEJ|8|220|15|0|Es werden aber nach unserer Abreise bald Arme eben aus der Gegend um Jericho hier Hilfe suchend in dieser Herberge einkehren; diese bewirte du an unserer Statt, und du wirst dadurch ein Mir wohlgefälliges Werk ausüben!“
GEJ|8|220|16|0|Der Wirt versprach Mir, alles zu tun, wie Ich es allen gesagt und geraten habe, und bat Mich, daß Ich seiner stets gnädig gedenken möchte.
GEJ|8|220|17|0|Und Ich versicherte ihn dessen und sagte: „Bleibe du unverwandten Sinnes und Herzens durch die tätige Befolgung Meiner Lehre in Mir, und Ich werde mit Meiner Gnade und Liebe bleiben in dir geistig kräftig und tätig! Amen.“
GEJ|8|220|18|0|Darauf traten wir schnell ins Freie und zogen vom Orte ab.
GEJ|9|1|1|1|Der Herr auf dem Weg von Essäa nach Jericho.
GEJ|9|1|1|1|1. — Der Herr begegnet einer Schar armer Wallfahrer
GEJ|9|1|1|0|Als wir uns schon bei einer Stunde Weges ferne vom Orte befanden, da kamen uns obbezeichnete arme Wallfahrer aus der Gegend um Jericho entgegen und baten uns um ein Almosen.
GEJ|9|1|2|0|Und Ich sagte zu den Judgriechen: „Gebet ihnen von eurem Überfluß; denn diese sind ebenso arm in der Welt wie Ich Selbst, der Ich auch keinen Stein also als ein Eigentum besitze, daß Ich ihn als das unter Mein Haupt legen könnte! Füchse haben ihre Löcher und die Vögel ihre Nester; aber diese Armen haben nichts zu eigen außer sich selbst und ihre dürftigste Bekleidung. Daher beteilet sie!“
GEJ|9|1|3|0|Auf diese Meine Worte legten alle Judgriechen und auch die etlichen Jünger des Johannes ein gutes Sümmchen zusammen und übergaben es mit Freuden den Armen, und diese dankten Mir und den Gebern mit aufgehobenen Händen und baten uns um Vergebung, daß sie uns auf dem Wege aufgehalten hätten, fragten uns als Juden aber auch ängstlich und bekümmert, ob sie vor dem Aufgange wohl Essäa erreichen würden.
GEJ|9|1|4|0|Sagte Ich: „Was sorget ihr euch, durch das Gehen auf dem Wege den Sabbat zu entheiligen? Hat doch weder Moses noch irgendein anderer Prophet je ein Gebot gegeben, daß man an einem Sabbat nicht reisen solle; die neuen Tempelsatzungen aber sind keine Gottesgebote und haben vor Gott auch keinen Wert. Es ist aber heute noch früh, und ihr werdet in einer Stunde den Ort erreichen. So ihr aber in den Ort kommen werdet, da kehret in die erste Herberge ein, die sich außerhalb des Tores des Ortes befindet! Dort werdet ihr eine gute Aufnahme und Pflege finden, denn Ich habe euch dort schon angesagt. Wer aber Ich bin, das werdet ihr in Essäa schon erfahren; und so ziehet nun weiter!“
GEJ|9|1|5|0|Es machten diese Armen wohl große Augen darum, daß Ich ihnen solches alles gesagt habe; aber sie getrauten sich dennoch nicht zu fragen, wie Ich solches alles wissen konnte, und zogen weiter.
GEJ|9|1|6|0|Auf dem Wege aber fragten Mich die Jünger, warum diese Armen eigentlich nach Essäa zögen, da es ihnen doch nicht anzusehen war, als wären sie irgend krank; denn kranke Menschen seien niemals so gut bei Fuß.
GEJ|9|1|7|0|Sagte Ich: „Diese ziehen auch nicht darum nach Essäa, um sich dort heilen zu lassen, sondern um als gänzlich Verarmte dort eine Arbeit und Unterstützung zu finden; denn sie haben es von Reisenden in Erfahrung gebracht, daß die Essäer in dieser jüngsten Zeit sehr wohltätig gegen wirkliche Arme geworden seien, und so denn machten sie sich auf den Weg nach Essäa, weil sie daheim keine Arbeit und somit auch keinen sie ernährenden Verdienst finden konnten, was ihrer Gegend zu keinem Ruhme gereicht und sie darum von Mir auch spärlich gesegnet wird.
GEJ|9|1|8|0|Es waren aber unter diesen Armen doch auch etwelche Kranke, als sie daheim ihre Reise antraten; aber es kamen einige der von Mir ausgesandten etlichen siebzig Jünger zu ihnen in ihrer armseligen Gegend und machten sie gesund, und so war denn nun auch kein Kranker unter ihnen. Die Jünger rieten ihnen auch, ihrer Armut wegen nach Essäa zu wandern, allwo sie sicher Arbeit und Versorgung geistig und leiblich finden würden. Und so denn machten sich diese Armen denn auch alsbald auf den Weg.“
GEJ|9|1|9|0|Sagte Petrus: „Da müssen sie bald nach uns sich auf den Weg gemacht haben, da sie nun schon da sind; denn sie können sich ja doch nicht uns gleich auf eine wunderbare Weise vorwärtsbewegen?“
GEJ|9|1|10|0|Sagte Ich: „Das geht uns aber auch gar nichts an! Sie werden nun den Ort ihrer Bestimmung bald erreicht haben, und das genügt; an dem Tage und an der Stunde aber liegt nichts, und so lassen wir nun das!“
GEJ|9|1|11|0|Mit diesem Meinem Bescheid waren alle zufrieden. Wir schritten rüstig vorwärts und kamen denn auch schnell weiter, was besonders in dieser Gegend ganz gut und zweckmäßig war; denn sie war sehr öde, und mehrere Stunden weit war kein Baum, kein Gesträuch und so auch kein anderes Gewächs anzutreffen. In dieser Gegend begegnete uns denn auch kein Mensch, und wir konnten uns daher mit Windesschnelle fortbewegen und hatten auf diese Weise die weite und sehr öde Strecke Weges denn auch bald hinter unserm Rücken.
GEJ|9|1|12|0|Als wir diesen für jeden Wanderer unwirtlichsten Weg hinter uns hatten, zu dessen Begehung wir trotz unserer Windesschnelle bei zwei Stunden Zeit benötigten, da sonst ein Wanderer selbst auf einem Kamele wohl beinahe einen vollen Tag auf der öden Wegstrecke zubringen mußte, da kamen wir wieder in eine wirtliche Gegend, in der sich am Wege denn auch eine Herberge nebst mehreren zumeist den Griechen gehörenden Wohn- und Wirtschaftshäusern befand.
GEJ|9|1|13|0|Bei der Herberge angelangt, sagten einige Jünger: „Herr, wir haben nun eine sehr weite Strecke Weges zurückgelegt und sind durstig geworden! Wäre es Dir denn nicht genehm, so wir hier eine kleine Erfrischung nähmen und uns zur Löschung des Durstes ein Wasser geben ließen?“
GEJ|9|1|14|0|Sagte Ich: „Das können wir allerdings tun; aber es ist hier eine wasserarme Gegend, und der Wirt wird sich auch das Wasser gut bezahlen lassen, denn er ist ein sehr gewinnsüchtiger Heide, wie das die meisten Griechen sind. Wollet ihr das Wasser bezahlen, so können wir in die Herberge treten, eine kleine Rast nehmen und uns Wasser und etwas Brot geben lassen.“
GEJ|9|1|15|0|Sagten die Judgriechen und auch die Jünger des Johannes, da sie Geld bei sich hatten: „Herr, das tun wir mit vieler Freude! So der Wirt auch einen trinkbaren Wein hat, da wollen wir auch einen Wein bezahlen!“
GEJ|9|1|16|0|Sagte Ich: „Das steht euch hier frei. Tuet sonach das Eurige, und Ich werde das Meine tun! Und so treten wir in die Herberge!“
GEJ|9|2|1|1|2. — Das Wunder im Hause des Wirtes
GEJ|9|2|1|0|Wir traten darauf sogleich in die Herberge, und der Wirt kam uns überaus höflich entgegen und fragte uns, womit er uns dienen dürfe.
GEJ|9|2|2|0|Sagte Ich: „Wir sind hungrig und durstig, und so gib uns etwas Brot und Wasser!“
GEJ|9|2|3|0|Sagte der Wirt: „Meine Herren, ich habe auch Wein! Wollet ihr nicht lieber einen Wein trinken, der bei mir sehr gut ist, als das Wasser, das in dieser Gegend kaum zum Kochen taugt?“
GEJ|9|2|4|0|Sagte Ich: „Dein Wein ist wohl eben nicht ungut; wir aber sind irdisch nicht so wohlhabend, um uns mit deinem teuren Weine unsern Durst zu löschen. Daher bringe du uns nur, was wir begehrt haben, und wir werden damit denn auch zufrieden sein! Nimm aber das Wasser aus dem Quellbrunnen in deinem Weinkeller und nicht aus der Zisterne im hintern Hofraum; denn das Wasser wird bei dir auch gezahlt, und es muß daher gut, frisch und rein sein!“
GEJ|9|2|5|0|Der Wirt sah Mich groß an und sagte: „Freund, meines guten Wissens bist du nun wohl das erste Mal in meinem Hause! Wie weißt du denn, wie es bestellt ist? Wer kann dir das verraten haben?“
GEJ|9|2|6|0|Sagte Ich: „Oh, wundere dich dessen nicht, sondern bringe uns das Verlangte! Bin Ich mit diesen Meinen Freunden auch nun das erste Mal unter deines Hauses Dache, so ist Mir in ihm dennoch nichts unbekannt. Wie aber das möglich ist, das weiß schon Ich, wie Ich denn auch weiß, daß deine älteste und liebste Tochter Helena schon drei volle Jahre an einem bösen Fieber leidet und du es dich schon viel hast kosten lassen, und es hat ihr dennoch kein Arzt und noch weniger einer deiner vielen Hausgötter, die du um ein teures Geld aus Athen hast bringen lassen, geholfen. Und siehe, so weiß Ich noch um mehreres in deinem Hause! Aber nun gehe, und bringe uns das Verlangte, auf daß wir uns stärken und dann weiterziehen können!“
GEJ|9|2|7|0|Hierauf berief der über alle Maßen erstaunte Wirt ein paar Diener und ließ uns Brot, Salz und mehrere Krüge frischen Wassers bringen.
GEJ|9|2|8|0|Als das alles auf dem Tische sich vor uns befand und die durstigen Jünger gleich nach den Krügen greifen wollten, da sagte Ich zu ihnen: „So wartet doch ein wenig noch, bis Ich das Wasser segne, damit es niemandem schade; denn auch das Quellwasser in dieser Gegend ist fiebrig, da es in sich unlautere Naturgeister enthält!“
GEJ|9|2|9|0|Da warteten die Jünger, und Ich behauchte die Krüge und sagte zu den Jüngern: „Nun ist das Wasser gesegnet und gereinigt; aber esset zuvor etwas Brot, dann erst trinket mit Ziel und Maß, auf daß ihr nicht berauscht werdet!“
GEJ|9|2|10|0|Die Jünger taten das; und als sie zu trinken anfingen, da sagten sie mit verwundert freundlichen Mienen: „Ja, solch ein Wasser heißt es freilich mit Maß und Ziel trinken, auf daß man nicht berauscht wird!“
GEJ|9|2|11|0|Das merkte der Wirt und sagte zu den beiden Dienern: „Wie? Habt ihr denn diesen sonderbaren Gästen Wein gebracht, da sie doch ausdrücklich nur Wasser verlangt haben?“
GEJ|9|2|12|0|Sagten die Diener: „Herr, wir haben getan, wie uns befohlen ward! Wie aber nun aus dem Wasser Wein geworden ist, das wissen wir nicht; der es aber behauchet hat, der wird es schon wissen, wie das Wasser zu Wein hat werden können. Den frage du, denn der scheint mehr zu verstehen als wir alle in dieser Gegend!“
GEJ|9|2|13|0|Hierauf trat der Wirt an unsern Tisch, und wir gaben ihm zu trinken. Als er den Krug beinahe ganz geleert hatte, da sagte er voll Staunens zu Mir: „Bist du denn irgendein großer und berühmter Magier oder gar ein mir noch unbekannter Gott, daß du solches bewirken kannst? Ich bitte dich darum, daß du mir solches sagest!“
GEJ|9|2|14|0|Sagte Ich: „Wenn du deine Götter aus deinem Hause schaffst, an sie nicht mehr glaubst, so will Ich dir gleichwohl sagen, wer Ich bin, und dir auch zeigen den einen rechten, wahren, aber dir noch völlig unbekannten Gott, der auch deiner Tochter helfen könnte, so du an Ihn glaubtest und Ihm allein die Ehre gäbest.“
GEJ|9|2|15|0|Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da sagte er: „Du führest sonderbare Worte in Deinem Munde! Die Götter alle vernichten, wäre gerade keine Kunst, – erfahren das aber unsere Priester oder die Römer, so wird es mir übel ergehen; denn ein Vergreifen am Bilde eines auch nur Halbgottes ist bei uns mit schweren Strafen belegt. Ich müßte mit meinem ganzen Hause zuvor ein Jude werden und mich darüber vor einem Gerichte mit Schrift, Siegel und Beschneidung ausweisen, wonach mir das Recht eines römischen Bürgers abgenommen würde und ich es als ein Jude dann um ein schweres Geld wieder erkaufen müßte, so ich fernerhin ein römischer Bürger sein wollte! Es ist, wundersamer Freund, dein an mich gestelltes Verlangen etwas in dieser meiner Stellung kaum Ausführbares. Aber da weiß ich einen Rat: Schaffe du mir die Götter aus dem Hause unter Zeugen, die in meinem Hause mir zu Diensten stehen, und ich werde dann im stillen mit meinem ganzen Hause nur dem mir von dir gezeigten Gott die Ehre geben!“
GEJ|9|2|16|0|Sagte Ich: „Wohl denn, so gehe nun in deinem Hause umher, und überzeuge dich, ob noch ein Götze, groß oder klein, eines deiner vielen Gemächer ziert!“
GEJ|9|2|17|0|Als der Wirt darauf nachsehen wollte, da kamen ihm schon mit verzweifelten Mienen alle Hausgenossen schreiend entgegen und heulten: „Dem Hause muß ein großes Unglück werden, denn alle Götter haben es auf einmal verlassen!“
GEJ|9|2|18|0|Da sagte der Wirt mit herzhafter Miene: „Seid darob ruhig! Die toten, von Menschenhänden gemachten Götter nur, die niemandem etwas nützen und in einer Not helfen können, sind sicher von einem wahren, lebendigen und über alles mächtigen Gott zunichte gemacht worden; dafür ist aber höchstwahrscheinlich der eine, allein wahre, lebendige und über alles mächtige Gott in unser Haus gekommen, den uns dieser Sein schon für sich übermächtiger Diener näher kennen lehren und sogar zeigen wird! Und so ist durch die Entfernung der toten und gänzlich machtlosen Götter unserem Hause kein Unheil, sondern nur ein höchstes Heil widerfahren.
GEJ|9|2|19|0|Auf daß ihr aber glaubet, daß es wundersam also ist und sich verhält, so besehet hier diese unsere Wasserkrüge! Diese sind auf Verlangen eben dieses wundersam mächtigen Dieners des einen, wahren Gottes voll Wasser durch meine hierseienden zwei Diener, die das vor aller Welt bezeugen können, auf diesen Tisch gestellt worden. Und es wollten diese Gäste, nachdem sie sicher durstig waren, alsbald das Wasser trinken, aber der mächtige Gottesdiener sagte zu ihnen, daß sie das Wasser erst dann trinken sollen, so er es zuvor gesegnet haben werde. Darauf behauchte er die Krüge und das Wasser, und das Wasser ward augenblicklich in den besten Wein verwandelt. Da ist noch ein voller Krug; nehmet und verkostet den Inhalt, und urteilet, ob er Wasser oder Wein der allerbesten Art ist!“
GEJ|9|2|20|0|Hierauf nahm das Weib des Wirtes den Krug, verkostete dessen Inhalt und verwunderte sich übergroß, sagend: „Höret, das ist noch nie erhört worden! Ein solches Wunderwerk kann nur einem Gott möglich sein! Ich habe einmal in Athen wohl auch wundertätige Magier gesehen, die auch das Wasser bald in Blut, bald in Milch und bald wieder in Wein und in allerlei noch andere Dinge verwandelten; aber ich als eine damals überaus schöne und reiche Griechin hatte nur zu bald von einem mir nachstellenden Apollopriester gründlich erfahren, wie derlei wunderbar aussehende Verwandlungen auf eine ganz natürliche Art bewerkstelligt werden können. Das nahm mir aber auch den Glauben an alle Magier und ihre falschen Wunder.
GEJ|9|2|21|0|Aber da ist keine irgend geheime und versteckte Falschheit zu entdecken, und es ist das demnach eine vollkommen wahre Wundertat eines lebendigen Gottes, was ich nun vollends glaube und in diesem Glauben auch verbleiben werde bis an mein Ende. Und nun verkostet ihr alle diesen Wein, und urteilet!“
GEJ|9|2|22|0|Hierauf verkosteten alle den Wein und fanden die Sache so, wie sie der Wirt und sein Weib beschrieben hatten.
GEJ|9|3|1|1|3. — Die Heilung der fieberkranken Helena
GEJ|9|3|1|0|Darauf aber sagte der Wirt weiter zu seinen nun anwesenden Hausleuten: „Wir haben uns nun überzeugt, daß dieser uns noch völlig unbekannte Diener des einen, wahren Gottes ein wahres Wunder gewirkt hat, um uns zur Erkenntnis des einen, wahren Gottes zu bringen; aber er hat mir auch zuvor andere Beweise gegeben, die nicht minder wunderbar sind und denen ich entnahm, daß es mit ihm eine gar überaus seltsame Bewandtnis haben müsse, denn er weiß um alle noch so verborgenen und geheimgehaltenen Einrichtungen und Verhältnisse unseres Hauses genauer als oft wir selbst.
GEJ|9|3|2|0|Und so weiß er auch um die bis jetzt unheilbare Krankheit unserer liebsten Tochter Helena, und er hat mir denn auch versprochen, sie zu heilen, so ich die toten Götzen, groß und klein, alle aus dem Hause schaffe und dann mit meinem ganzen Hause auf den einen, allein wahren Gott halte und Ihm die Ehre gebe. Ich aber getraute mich dennoch selbst nicht, mich an den toten Götzen zu vergreifen, aus Furcht, zuerst von jemandem verraten und dann von den Priestern und Gerichten bestraft zu werden, sagte aber dann zum wundersamen Diener des einen, wahren Gottes: ,Schaffe du sie vor Zeugen aus dem Hause, so bleiben wir unverantwortlich!‘ Und seht, er tat das in einem Augenblick, und es sind demnach alle unsere vielen Götzen ebenfalls auf eine höchst wundersame Weise im Hause rein zunichte gemacht worden, und wir alle sind nun des Zeugen und können weder von den Priestern und noch weniger von einem römischen Gericht darob zu einer Verantwortung gefordert werden, was ihr alle so gut begreifen werdet wie ich selbst!
GEJ|9|3|3|0|Aber da nun dieser heute so Unerwartetes plötzlich vor unseren Augen entfaltet hat, so möge denn auch nun noch unsere Tochter geheilt und uns allen der eine, allein wahre Gott bekanntgegeben und gezeigt werden, auf daß wir allesamt Ihm allein die Ehre geben und nach Seinem Willen handeln und leben können!“
GEJ|9|3|4|0|Damit waren nun alle Anwesenden völlig einverstanden, und der Wirt wandte sich nun samt seinem Weibe und seinen Kindern an Mich und bat Mich um die mögliche Heilung der kranken Tochter.
GEJ|9|3|5|0|Und Ich sagte: „Weil du glaubst mit all den Deinen, so geschehe auch nach eurem Glauben! Gehet aber nun in das Gemach eurer Tochter, und überzeuget euch, ob sie nun schon geheilt ist! Dann aber bringet sie hierher, auf daß auch sie verkoste von diesem Weine des Lebens und lerne Den erkennen, der sie geheilt hat!“
GEJ|9|3|6|0|Als Ich das ausgesprochen hatte, da verließen alle eiligst unser Speisezimmer, um zu sehen, ob Helena wohl geheilt sei. Als sie bei ihr ankamen, da fanden sie sie ganz vollkommen gesund, und sie erzählte denn auch, wie sie von einem Feuer durchströmt worden sei und das Fieber und alle Schmerzen und alle ihre frühere Schwäche sie urplötzlich verlassen hätten. Es entstand darob ein großer Jubel. Die Tochter verließ denn auch sogleich das Krankenlager, kleidete sich an und ward unter Jubel denn auch bald zu Mir gebracht.
GEJ|9|3|7|0|Als ihr gesagt ward, daß Ich der Heiland sei, da fiel sie Mir zu Füßen und benetzte sie mit Tränen des Dankes. Also dankten Mir denn auch alle die andern für die wunderbare Heilung der Helena.
GEJ|9|3|8|0|Ich aber sagte zu ihr: „Erhebe dich, Tochter, und trinke den Wein aus dem Kruge, der dir zunächst steht, auf daß du gestärkt werdest am ganzen Leibe und an deiner Seele!“
GEJ|9|3|9|0|Da erhob sich behende die Helena, nahm bescheiden den Krug und trank daraus den sie stärkenden Wein, dessen Wohlgeschmack sie nicht genug loben und rühmen konnte.
GEJ|9|3|10|0|Als sie gestärkt war, da fingen wieder alle an, Mich zu bitten, daß Ich sie nun denn auch den einen, wahren Gott möchte erkennen lehren und Ihn ihnen dann auch zeigen, so das möglich wäre.
GEJ|9|3|11|0|Sagte Ich: „So höret denn, was Ich nun in aller Kürze zu euch reden werde!
GEJ|9|3|12|0|Es gibt beinahe keinen Griechen, der im Judenlande lebt und handelt, der mit der Lehre Mosis und der andern Propheten nicht vertraut wäre. Also der Gott, den Moses den Juden verkündete, der Gott, der auf dem Berge Sinai mit Moses und durch ihn und seinen Bruder Aaron unter Blitz und Donner redete und später gleichfort durch den Mund der Propheten und vieler anderer weiser Männer, dessen Name Jehova heißt und überheilig ist, ist der eine, allein wahre, ewig lebendige, höchst weise, übergute und über alles mächtige Gott, der den Himmel mit Sonne, Mond und allen Sternen und diese Erde mit allem, was in ihr, auf ihr und über ihr ist, aus Sich erschaffen hat.
GEJ|9|3|13|0|An diesen Gott glaubet, haltet Seine euch bekannten Gebote, und liebet Ihn dadurch über alles, daß ihr eben Seine Gebote haltet, und liebet aber auch eure Mitmenschen, so wie ein jeder von euch sich selbst liebt, das heißt, tuet ihnen alles, was ihr vernünftigerweise wünschet, daß sie dasselbe auch euch tun möchten, so wird der eine, allein wahre Gott euch allzeit gnädig sein und gerne erhören eure Bitten!
GEJ|9|3|14|0|Er wird Sich euch dann nicht als ein ferner und harthöriger Gott, sondern als ein stets naher, euch über alles liebender Vater erweisen, der eure Bitten niemals unerhört lassen wird.
GEJ|9|3|15|0|In dem bestehet alles, was der eine, allein wahre Gott als auch der allein wahre Vater aller Menschen von den Menschen verlangt. Die das tun werden, die werden nicht nur über und über gesegnet sein schon auf dieser Erde, sondern sie werden auch überkommen nach dem Abfalle des Leibes das ewige Leben ihrer Seele und werden dort sein ewig, wo der Vater ist selig über selig. Kennet ihr nun den allein wahren Gott?“
GEJ|9|3|16|0|Sagten alle: „Ja, so Der es ist – was wir nun nicht mehr bezweifeln –, da kennen wir Ihn aus den uns gar wohl bekannten Schriften! Des Moses Lehre hat uns allzeit wohlgefallen; aber als wir uns nur zu oft überzeugten, wie ganz entgegengesetzt sie besonders von den Hauptpriestern befolgt wird, und wie gar nichts Arges ihnen der allein wahre Gott als Strafe für ihre Frevel, die sie an ihren Nebenmenschen begehen, tut und erweist, so dachten wir: Was Wahres wohl kann an einer Lehre haften, an die aus allen Taten nur zu wohl ersichtlich ihre ersten Vertreter und sogenannten Gottesdiener nicht einen Funken Glauben besitzen?!
GEJ|9|3|17|0|Denn daß man seinen Nebenmenschen wie sich selbst lieben soll, das ersieht man ja auf den ersten Blick aus den Geboten Mosis. Man sehe aber auch, wie die Vorsteher der Lehre Mosis ihre Nebenmenschen lieben, und man müßte mit der dicksten Blindheit geschlagen sein, um das nicht zu merken, wie eben die Vorsteher der Lehre an sie nicht im geringsten glauben. Denn ein rechter Glaube muß sich ja doch vor allem durch das Handeln nach der Lehre als wahr darstellen, und das besonders bei den Vorstehern und Ausbreitern der Lehre. Wenn aber diese durch ihr Handeln vor jedermanns Augen nun schon ganz ohne alle Scheu und Furcht vor einem allein wahren Gott zeigen, daß sie nichts glauben, – wie sollen dann wir Fremde uns zu ihrer Lehre bekennen?
GEJ|9|3|18|0|Und siehe, du mächtigster, wahrer Diener und Priester des einen, allein wahren Gottes, das war denn auch stets der Grund, warum wir an der Wahrheit und Echtheit der Lehre Mosis ebensogut zweifelten wie an unserer Vielgötterei! Wir machten der Welt und ihrer Gesetze wegen am Ende wohl alles mit, aber wir bei uns glaubten wahrlich an einen Gott nicht mehr, – wohl aber glaubten wir an die allwaltenden Kräfte der Natur, die wir durch unsere Weltweisen etwas näher haben kennen gelernt.
GEJ|9|3|19|0|Aber nun haben sich die Sachen bei uns allen infolge deines Wirkens und Redens gewaltigst geändert, und wir glauben nun ungezweifelt an den einen, allein wahren Gott der Juden, der dir, weil du sicher allzeit Seinen Willen erfüllt hast, solch nie erhörte rein göttliche Macht erteilt hat.
GEJ|9|3|20|0|Wir werden uns aber nur allein an Mosis Lehre und niemals an ihre Vorsteher in Jerusalem halten. Es sind auch schon spät in dieser Nacht von Essäa herkommend uns ein paar solcher Vorsteher vorgekommen, die über ihre eigene Tempelwirtschaft ganz gewaltig loslegten und die große Weisheit und Macht der Essäer sehr rühmten, und wir dachten uns: ,Wenn ihr über euch selbst schon so losziehet, was sollen dann erst wir Fremden von euch halten?‘ Aber sie gefielen uns dennoch, weil sie die Wahrheit bekannten. Heute frühmorgens sind sie weitergezogen. Wir wären nun, was die Lehre betrifft, in der Ordnung; aber es ist nun noch ein Punkt übrig, und der besteht in deinem Endversprechen.
GEJ|9|3|21|0|Du versprachst, uns auch den allein wahren Gott zu zeigen, was dir sicher so wie alles andere möglich sein wird. Da du uns schon unaufgefordert soweit glücklich gemacht hast, daß du uns mit Tat und Wort den einen, allein wahren Gott hast erkennen gelehrt, so vollende nun unser Glück denn auch dadurch, daß du uns den allein wahren, einen Gott zeigest! Wir alle bitten dich darum allerinständigst!“
GEJ|9|4|1|1|4. — Der Herr zeugt von Sich
GEJ|9|4|1|0|Sagte Ich: „Ja, Meine lieben Kinder, das geht aber eben um euretwillen nicht gar so leicht, wie ihr das meinet; aber weil Ich euch auch das versprochen habe, so sollet ihr alle den einen, allein wahren Gott auch schauen. Aber zuvor muß Ich euch wohl ermahnen, daß ihr das Geschaute vor dem Verlaufe eines vollen Jahres nicht ruchbar machet.“
GEJ|9|4|2|0|Alle versprachen Mir das auf das feierlichste.
GEJ|9|4|3|0|Und Ich sagte dann weiter: „Wohl denn, so höret Mich, und machet eure Augen und Herzen weit auf!
GEJ|9|4|4|0|Ich Selbst, der Ich nun mit euch rede, bin es also, wie das die Propheten den Menschen verkündet haben! Es hat Mir nach Meinem ewigen Ratschlusse gefallen, als Selbst Mensch mit Fleisch und Blut unter die in der alten Nacht der Sünde irrenden und verschmachtenden Menschen als ein hellstes und lebenbringendes Licht zu kommen und sie zu erlösen vom harten Joche des Gerichtes und des ewigen Todes.
GEJ|9|4|5|0|Ich kam aber nicht nur zu den Juden, die von Uranbeginn das Volk des einen, wahren Gottes waren und sich auch noch also nennen, – obwohl gar viele ob ihrer argen Taten schon seit langem ein Volk der Hölle geworden sind, sondern auch zu den Heiden, die zwar auch von demselben ersten Menschen dieser Erde abstammen, sich aber im Laufe der Zeiten von den Reizen der Welt also haben verlocken lassen, daß sie dadurch von dem einen, wahren Gott abfielen, Ihn nicht mehr erkannten und sich dann aus der toten und vergänglichen Materie selbst Götter nach ihrer Lust und nach ihrem Belieben schufen und sie dann verehrten und anbeteten, wie das noch gegenwärtig gar sehr der Fall ist, und wie ihr das wohl kennet.
GEJ|9|4|6|0|Damit also auch die Heiden die ewige und lebendigste Wahrheit, als in Gott allein seiend, erkennen sollen, so kam Ich denn auch zu den Heiden und gebe ihnen das selbstwillig lange verlorene Lebenslicht wieder, und also auch das ewige Leben.
GEJ|9|4|7|0|Ich Selbst bin das Licht, der Weg, die ewige Wahrheit und das Leben. Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt, der hat das ewige Leben schon in sich und wird nimmerdar weder sehen noch fühlen den Tod, so er dem Leibe nach auch tausendmal stürbe; denn wer an Mich glaubt, Meine Gebote hält und Mich sonach liebt über alles, der ist in Mir und Ich im Geiste in ihm. In dem aber Ich bin, in dem ist auch das ewige Leben.
GEJ|9|4|8|0|Und so habe Ich euch denn auch den allein wahren, einen Gott gezeigt, wie Ich euch das zuvor verheißen habe. Und nun aber erforschet euch selbst, ob ihr das auch glaubet! Ja, ihr glaubet nun auch das, – bleibet aber auch in diesem Glauben als wahre Helden, und lasset euch von niemandem mehr davon abwendig machen, so werdet ihr leben, und Meines Willens Kraft wird in euch sein und bleiben! Also sei es und bleibe es!“
GEJ|9|4|9|0|Als Ich das zu den anwesenden Heiden geredet hatte, da wurden sie von einem tiefsten Ehrfurchtsschauder ergriffen, und es getraute sich niemand ein Wort zu reden.
GEJ|9|4|10|0|Ich aber sagte mit freundlicher Stimme: „Fasset euch doch, Kinder! Bin Ich als ein wahrster Vater aller Menschen denn gar so fürchterlich aussehend, daß euch vor Mir nun ein solcher Schauder ergreift? Seht, Mir ist wohl sicher nichts unmöglich – denn in Mir ist alle Kraft, Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden –, aber das kann Ich nicht machen, daß Ich nicht das wäre, was Ich bin, und ihr auch nicht das, was ihr seid! Ich bin einmal Der, der Ich bin, war und sein werde von Ewigkeit zu Ewigkeit, und ihr werdet auch dasselbe sein und bleiben. So Ich euch nun Meine lieben Kinder nenne, so seid ihr Mir ja vollends ebenbürtig, und so ihr nach Meiner Lehre und also nach Meinem Willen lebet und handelt, da werdet ihr wahrlich nicht minder vollkommen sein, als Ich Selbst es bin, und werdet dieselben Zeichen wirken können, die Ich wirke. Denn welche Freude können einem vollkommenen Vater unvollkommene Kinder wohl gewähren? Darum lasset fahren eure zu große Ehrfurcht vor Mir, und fasset dafür ein volles Vertrauen und die Liebe zu Mir, und ihr werdet Mir um gar vieles angenehmer, wohlgefälliger und werter sein!
GEJ|9|4|11|0|Wahrlich, wer Mich liebt, der hat nicht not, sich vor Mir zu fürchten! Denn die Gott zu sehr fürchten, die haben Ihn erstens noch niemals recht erkannt, und ihr Herz steht noch ferne von Seiner Liebe, und zweitens stehen solche zu furchtsamen Kinder auch in der selbstverschuldeten Gefahr, in ihrem Glauben und Erkennen irre zu werden, weil ihnen die Furcht den Mut und Willen schwächt, sich Mir im Herzen soviel als nur immer möglich zu nahen und dadurch auch in aller Lebenswahrheit aus Mir erleuchtet zu werden. So ihr das verstanden habt, da lasset fahren eure Furcht vor Mir, und fasset Liebe und vollstes kindliches Vertrauen zu Mir!“
GEJ|9|4|12|0|Als Ich solches zu ihnen geredet hatte, da wich die götzenhafte Furcht aus ihren Herzen, und sie fingen Mich traulicher zu loben und zu preisen an, und in ihren Herzen wurde mehr und mehr die Liebe wach. Aber so ganz trauten sie dem Landfrieden dennoch nicht, denn ihre aus dem Heidentume lang gepflegten Begriffe von der Unerbittlichkeit und ewigen Macht und Strenge eines Gottes wollten und konnten nicht so bald verwischt werden. Doch nach einer Stunde, welche Zeit Ich noch in der Herberge verweilte, wurden sie alle zutraulich, und Ich gab ihnen noch so manche Lehre, die ihre Liebe zu Mir stärkte und befestigte.
GEJ|9|5|1|1|5. — Die Ankunft in Jericho
GEJ|9|5|1|0|Es fragten darauf aber Meine Jünger, die da Geld bei sich hatten, den Wirt, was da für das Brot und für das Quellwasser zu zahlen wäre.
GEJ|9|5|2|0|Der Wirt aber sagte: „Oh, wie könnet ihr mich darum fragen, da ich doch nun Gott dem Herrn und somit auch euch, Seinen sicher nächsten Freunden, ein ewiger Schuldner verbleiben werde? Ein jedes Wort, das Er zu uns geredet hat, ist ja endlos mehr wert als alle Schätze der Erde! So ihr bleiben möchtet tausend Jahre in diesem Meinem Hause und zehren Tag und Nacht, und ich würde auch nur einen Stater dafür verlangen, so wäre ich wahrlich nicht mehr wert, als daß man mich lebendigen Leibes den Schlangen und Drachen zum Fraße vorwürfe! Es ist nun aber nicht ferne mehr vom Mittage; welch ein Glück wäre das für mich, so Gott der Herr bei mir mit euch das Mittagsmahl nehmen möchte!“
GEJ|9|5|3|0|Sagte darauf Ich: „Dein Wille gilt Mir fürs Werk! Wir aber müssen nun weiterziehen, da es auch andernorts arme Kinder gibt, denen Ich helfen will. Es werden aber bald arme Pilger hierher kommen, und zwar in der Richtung von Essäa gen Jericho. Sie haben dort wohl die Gesundheit ihres Leibes vollkommen wieder erhalten, aber des Geldes haben sie wenig und sind hungrig, durstig und müde; denen gib du Speise und Trank und auch die Nachtherberge, und Ich werde das also annehmen, als hättest du es Mir getan!“
GEJ|9|5|4|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Gott, so die Armen ein volles Jahr hierbleiben wollen, so sollen sie ihre Verpflegung haben! So sie auf der Heerstraße gehen, da will ich ihnen sogleich meine Lasttiere und Wagen, mit Pferden bespannt, entgegensenden und sie hierher bringen lassen.“
GEJ|9|5|5|0|Sagte Ich: „Auch da gilt dein Wille fürs Werk! Die von Mir dir angesagten Pilger sind von Essäa aus übers Gebirge hierher schon gestern in der Nacht abgegangen und werden denn in ein paar Stunden auf dem Bergsteige hierher kommen, und es würde ihnen daher mit deinen Lasttieren und Wagen schlecht gedient sein. Wenn sie aber morgen von hier abgehen werden, so kannst du ihnen einen oder den andern Dienst erweisen, so sie eines solchen benötigen werden.
GEJ|9|5|6|0|In der Folge aber wolle du dir das Wasser von niemandem mehr bezahlen lassen; denn Ich habe auch dafür gesorgt, daß deine Brunnen gleichfort ein reichliches und gesundes Wasser geben werden. Sei allzeit barmherzig gegen Arme, und du wirst auch Barmherzigkeit bei Mir finden! Meinen Segen und Meine Gnade hast du erhalten, und er wird dir auch bleiben, so du tätig in Meiner Lehre verbleiben wirst; und somit werden wir uns nun wieder auf die Weiterreise begeben.“
GEJ|9|5|7|0|Nach diesen Worten erhob Ich mich schnell und ging mit den Jüngern hinaus.
GEJ|9|5|8|0|Es versteht sich von selbst, daß uns der Wirt mit den Seinen eine Strecke unter Tränen, Dank und Lobpreisung begleitete; als wir aber unsere Schritte sehr zu beschleunigen anfingen, da blieben die Begleiter zurück und kehrten wieder heim.
GEJ|9|5|9|0|Wir aber zogen, da es auf dieser Strecke um die Mittagszeit keine Wanderer gab, wieder mit der Schnelligkeit des Windes vorwärts; wo wir aber wieder in eine Gegend kamen, die da bevölkert war, da gingen wir denn auch natürlichen Schrittes vorwärts. Und so kamen wir bis zum Abend hin in die Nähe von unserem Jericho.
GEJ|9|5|10|0|Es war da ein schöner Rasenplatz. Auf diesem ruhten wir bis zum vollen Sonnenuntergang; denn Ich wollte nicht bei Tageslicht in die Stadt gehen, und das darum um so weniger, weil die beiden Pharisäer, die wir trotz ihrer schnell trabenden Kamele eingeholt hatten, nur ein paar Morgen Landes weit vor uns sich der Stadt nahten.
GEJ|9|5|11|0|Als wir auf unserem Rasenplatz unter mancherlei Besprechungen ruhten, da kam aus dem nahen Zollhause ein Zolldiener zu uns und fragte uns, von woher wir gekommen seien, und ob wir auf diesem Platze die Nacht über verweilen würden.
GEJ|9|5|12|0|Sagte Ich: „Es geht dich weder das eine noch das andere etwas an; aber so du es schon wissen willst, da sage Ich es dir, daß wir erstens heute gar von Essäa her kommen, und zweitens, daß wir hier nun ein wenig ausruhen und uns dann in die Stadt begeben werden.“
GEJ|9|5|13|0|Als der Zolldiener vernahm, daß wir gar von Essäa an einem Tage bis nach Jericho zu Fuß gekommen seien, da schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte: „Oh, das ist wohl einem schnellbeinigen Kamel möglich, aber von Menschenfüßen ist so etwas noch niemals erhört worden! Da müsset ihr geflogen sein!“
GEJ|9|5|14|0|Sagte Ich: „Das ist unsere Sache; du aber gehe in die Stadt, dieweil du Zeit hast, und sage es dem Kado, dessen Vater euer Oberherr ist: er wolle heraus zu Mir kommen; denn Ich, der Herr, harre hier seiner!“
GEJ|9|5|15|0|Da fragte der Zolldiener: „Herr, so ich dem Kado deinen Namen nicht angeben kann, wird er dann wohl auch zu dir herauskommen?“
GEJ|9|5|16|0|Sagte Ich: „Auch dann! Gehe, und es wird dir der Lohn schon werden; denn ein jeder willige Arbeiter ist seines Lohnes wert!“
GEJ|9|5|17|0|Auf diese Meine Worte begab sich der Zolldiener schnell in die Stadt und hinterbrachte das dem Kado.
GEJ|9|6|1|1|Der Herr in Jericho
GEJ|9|6|1|1|6. — Das Wiedersehen mit Kado
GEJ|9|6|1|0|Als Kado das vernahm, da wartete er keinen Augenblick mehr, gab dem Zolldiener einen Groschen Botenlohn und eilte so schnell als möglich zu Mir heraus.
GEJ|9|6|2|0|Als er beinahe atemlos bei uns ankam, da erhoben wir uns vom Rasenplatz, und Ich reichte ihm die Hand; er aber umarmte Mich, drückte Mich an seine Brust, überschüttete Mich mit vielen Freundschaftsküssen und sagte endlich ganz in Freude und Wonne zerflossen (Kado): „O Herr und Meister, welch eine unbeschreibbare Freude hast Du mir durch Deine sobaldige Wiederkunft bereitet! O wir Glücklichen, daß wir Dich wieder in unserer sündigen und Deiner ewig unwürdigen Mitte haben! Es sind nun nur erst drei Tage, die Du von hier abwesend warst, und mir sind sie nahe zu drei Jahren geworden; denn unseres ganzen Hauses größte Sehnsucht nach Dir hat unsere Geduld auf eine starke Probe gesetzt. Wärest Du heute nicht gekommen, so hätte ich morgen schon in aller Frühe unsere besten Kamele in Bewegung gesetzt und wäre Dir nach Essäa nachgezogen. Oh, weil Du nur gekommen bist, so ist nun schon alles wieder vollkommenst gut und in der besten Ordnung! Aber nun, o Herr und Meister, Du unsere einzige Liebe und unser höchstes Bedürfnis, komme, komme nun mit mir, auf daß unser ganzes Haus überselig werde!“
GEJ|9|6|3|0|Sagte Ich: „Deine Freundlichkeit hat Mein Herz erquickt, und Ich werde mit dir gehen; aber wir wollen uns noch einige Augenblicke Zeit lassen! So es dunkler wird, werden wir in die Stadt ziehen, auf daß wir für die gafflustige Volksmenge kein Aufsehen machen; denn es sind wegen des morgigen Marktes viele Fremde hier, und diese sollen unseren Einzug nicht begaffen und bekritteln. Bei deinem Vater sind ja nun auch ein paar Pharisäer eingezogen; diese werden bald untergebracht sein, und dann können wir ganz unbeirrt in dein Haus kommen.“
GEJ|9|6|4|0|Das war dem Kado ganz recht; aber er berief noch einmal den Zolldiener und sandte ihn in die Herberge, auf daß er seinen Leuten sagen solle, daß sie ein bestes Nachtmahl bereiten sollten. Warum, das würden sie in einer kurzen Zeit schon allerfreudigst erfahren.
GEJ|9|6|5|0|Darauf eilte der Zolldiener abermals in die Stadt und richtete die Botschaft aus.
GEJ|9|6|6|0|Da sagte der Vater des Kado: „Ich ahne es schon, um was es sich handelt! Gehe, und sage es dem Kado, es werde alles in der besten Ordnung besorgt werden!“
GEJ|9|6|7|0|Als der Zolldiener wieder zurückkam und dem Kado des Vaters Antwort hinterbrachte und der Abend schon ziemlich dunkel zu werden begann, da sagte Ich: „Nun können wir uns schon ganz gemächlich weiterzubewegen anfangen, und wir werden von niemandem auf dem Wege mehr beobachtet und erkannt; und sieht uns auch jemand, so wird er uns für ankommende Handelsleute halten, was uns nicht beirren wird.“
GEJ|9|6|8|0|Wir kamen gemach denn auch ganz unbeirrt in des Kado Herberge.
GEJ|9|6|9|0|Vor der Herberge angelangt, sagte Ich zu Kado: „Freund, nun gehe du zum voraus hinein, und sage es deinen Angehörigen, daß Ich mit Meinen Jüngern von Essäa angekommen bin! So Ich aber ins Gastzimmer eintreten werde, da sollen sie keinen zu großen Freudenlärm machen, um die etlichen Fremden nicht zu vorzeitig auf Mich aufmerksam zu machen. Also sollen sie Mich auch nicht als ,Herr‘ und ,Meister‘ anrufen, sondern nur als einen guten Freund; denn Ich sehe ja ohnehin nur aufs Herz und niemals auf den Mund. Warum Ich es nun aber also haben will, davon wirst du den Grund schon später einsehen und bestens begreifen. Gehe, und tue das!“
GEJ|9|6|10|0|Kado eilte nun ins Haus und unterrichtete die Seinen also, wie Ich es ihm aufgetragen hatte.
GEJ|9|6|11|0|Ich ging darauf in das große Gastzimmer, in dem schon ein großer Tisch für uns gedeckt war.
GEJ|9|6|12|0|Als wir eintraten, kam uns freilich alles freundlich entgegen. Der Vater und die Mutter des Kado, wie auch dessen Weib und Kinder grüßten Mich auf das freundlichste und baten Mich, Platz zu nehmen, indem Ich von der weiten Reise wohl sicher müde sein würde. Diese Ansprache war ganz gut und ließ die Fremden gegen Mich und Meine Jünger gleichgültig. Aber bei all der gut gewählten Ansprache kamen allen die Tränen der höchsten Freude zur Folge in die Augen, namentlich dem Vater des Kado und dem alten, treuen Diener des Kado, der Apollon hieß. Aber Ich stärkte sogleich ihr Gemüt, und so konnten sie Meine Gegenwart weiter wohl ohne Tränen ertragen.
GEJ|9|6|13|0|Wir setzten uns denn sogleich an den Tisch, und der Wirt, der Kado, dessen Weib und Kinder, wie auch auf Mein Verlangen der Apollon setzten sich Mir zunächst; des Kado Mutter aber hatte ohnehin in der Küche zu tun, und des Kado Geschwister hatten die Gäste zu bedienen.
GEJ|9|6|14|0|Als wir nun so ganz wohlgemut am Tische saßen, auf dem sich schon des besten Weines und Brotes in Hülle und Fülle befand, da wollten einige Jünger, und hauptsächlich unser Judas Ischariot, gleich danach greifen, weil es sie schon bedeutend hungerte.
GEJ|9|6|15|0|Ich aber sagte: „Habt ihr schon bisher ausgehalten, so werdet ihr wohl noch die etlichen Augenblicke ohne zu verhungern und zu verdursten auszuhalten imstande sein! Wartet auf die warme Speise; wenn diese auf dem Tische stehen wird, dann erst nehmet zuvor etwas Brot mit Salz und darauf einen kleinen Schluck Weines, dann wird euch das Nachtmahl stärken und frisch und heiter machen, sonst aber nur Glieder und Eingeweide schwächen! Der Mensch muß auch suchen, seinen Leib gesund zu erhalten, so er seine Seele von Traurigkeit und Angst befreit haben will. Wie Ich es tue, also tuet es auch ihr!“
GEJ|9|6|16|0|Die Jünger dankten Mir für diesen Rat und befolgten ihn auch.
GEJ|9|7|1|1|7. — Der Herr und der kranke Kaufmann aus Sidon
GEJ|9|7|1|0|Es hatten einige Fremde gemerkt, daß Ich den Jüngern solchen Rat gegeben hatte, und es stand einer auf, der ein Kaufmann von Sidon war, ging zu Mir hin und sagte: „Guter Freund, vergib mir, daß ich mir die Freiheit genommen habe, als ein Fremder dich hier anzureden! Ich merkte aus deinen Worten, die du an deine Freunde gerichtet hast, daß du ohne Zweifel ein Arzt sein werdest; und so möchte auch ich dich um einen Rat bitten, was ich tun und anwenden soll, um von meinem schon mehrjährigen Leiden im Magen befreit zu werden.“
GEJ|9|7|2|0|Sagte Ich: „So du meinst, daß Ich ein Arzt sei, da nimm denn von Mir auch den Rat an! Iß nicht, wie es bisher der Fall war, zuviel und zu fettes Schweinefleisch, und trinke nicht so viel des stärksten Weines den ganzen Tag hindurch, dann wird dein Magenleiden schon ein Ende nehmen! Das ist Mein ärztlicher Rat; wenn du den befolgst, so wird es dir mehr dienen denn dein Aloesaft, der dir wohl den Magen ausräumt, auf daß du ihn darauf wieder desto mehr anfüllen kannst. Der Mensch lebt nicht, um zu essen, sondern er ißt nur, um zu leben, und dazu bedarf es keines vollgestopften Magens und keiner täglichen Nervenberauschung durch einen möglich stärksten Wein.“
GEJ|9|7|3|0|Als der Fremde das von Mir vernommen hatte, sagte er ganz erstaunt: „Du hast mich zuvor doch noch nie gesehen! Wie kannst du so genau wissen, wie ich lebe?“
GEJ|9|7|4|0|Sagte Ich: „Wahrlich, Ich müßte ein schlechter Arzt sein, so Ich nicht imstande wäre, einem Kranken von seiner Stirne abzulesen, wie er lebt, und wie er zu seiner Krankheit gekommen ist! Tue das, was Ich dir geraten habe, und enthalte dich von der Wollust, dann wird dein Magen schon besser werden!“
GEJ|9|7|5|0|Der Fremde dankte Mir für diesen Rat und legte drei Goldstücke vor Mir auf den Tisch.
GEJ|9|7|6|0|Ich aber gab sie ihm mit den Worten zurück: „Gib du sie den Armen; denn Ich bedarf weder des Goldes noch des Silbers, nach dem die Menschen gar so mächtig gieren!“
GEJ|9|7|7|0|Da nahm der Fremde sein Gold wieder und sagte: „Nun erkenne ich erst, daß du ein wahrer Arzt bist! So es mit mir besser wird, da sollen die Armen das Hundertfache von mir erhalten!“
GEJ|9|7|8|0|Mit dem begab er sich wieder an seinen Tisch, und auf den unsern wurden Speisen aufgetragen.
GEJ|9|7|9|0|Die Speisen bestanden in gar wohlbereiteten Fischen, in drei gebratenen Lämmern und in zwanzig eben auch gebratenen Hühnern und danebst in mehreren edlen Obstgattungen. Wir fingen nun denn auch sogleich zu essen an, und jedem schmeckten die Speisen, das feine Weizenbrot und der Wein, und es ward an unserem Tische bald recht lebhaft.
GEJ|9|7|10|0|Als die Fremden das merkten, wie wir an unserem Tische es uns wohlschmecken ließen und es ihnen auch bekannt war, daß es in dieser Herberge stets sehr teuer zu zehren war, da sagte eben der Fremde, dem Ich zuvor für seinen Magen einen guten Rat gab, so mehr in der Stille zu seinen Gefährten: „Ja, nun wird es mir erst klar, warum der Arzt von mir die drei Goldstücke nicht annahm! Gäste, wie er und seine Gefährten es sind, die solch eine kostspielige Mahlzeit einnehmen können, haben der Schätze sicher mehr denn wir und da sind nur drei Goldstücke für solch einen schon überreichen Arzt sicher zu wenig! Oh, solch ein Nachtmahl kostet in dieser Herberge mindestens fünfhundert Groschen! Ja, ja, wer das Geschick hat, ein berühmter Arzt zu sein, der ist glücklicher und reicher denn ein König, der bei solch einem Arzte, so er krank geworden ist, um große Schätze Hilfe suchen muß! Denn mag ein König noch so mächtig und reich sein, da kann er sich aber doch nicht heilen und vom Tode retten, so er krank und schwach wird. Da läßt er den besten Arzt, den es nur irgend gibt, oft von großer Ferne um ein großes Geld kommen, und hat ihm der Arzt geholfen, so wird er mit noch größeren Summen belohnt. Und das wird bei diesem Arzte auch ganz sicher der Fall sein, daß er sich bei Königen und Fürsten schon gar große Summen wird erworben haben, daher er auch ganz anders leben kann als wir armen Kaufleute aus Sidon und Tyrus.“
GEJ|9|7|11|0|Meine Jünger vernahmen auch diese Bemerkung von seiten des Fremden, und es wollte Jakobus der Ältere ihm schon in die Rede fallen.
GEJ|9|7|12|0|Ich aber sagte zu ihm, auch mehr mit leiser Stimme: „Lassen wir sie reden und urteilen über uns, denn dadurch schaden sie uns wahrlich nicht! So ihr in Meinem Namen den Menschen in aller Welt das Evangelium predigen werdet, so werdet ihr allerlei Urteilen, die die Menschen über euch schöpfen werden, nicht entgehen. Werden die Urteile zwar blind und dumm sein, da lasset die Menschen reden, so ihre Urteile nur kein Böses in sich enthalten! Sind die Urteile aber böser Art, dann möget ihr die bösen Beurteiler entweder vor einem Richter zur Rede stellen, oder ihr verlasset den Ort und schüttelt auch den Staub von euren Füßen über solch einen Ort, und Ich werde dann im geheimen schon den Richter über solch einen Ort und seine Bewohner machen! Und so lassen wir diese nun auch über uns reden und urteilen, wie sie wollen, und wie sie es verstehen; denn über sein Verständnis hinaus kann kein Mensch ein Urteil über eine Sache oder über irgendein Verhältnis schöpfen, sowenig als es einem Ochsen möglich ist, einen Psalm Davids zu singen, oder einem Blinden, zu führen einen Blinden! Darum sollen euch in der Folge derlei Vorkommnisse durchaus nicht mehr beirren!“
GEJ|9|7|13|0|Alle gaben Mir recht und dankten Mir für diesen Rat.
GEJ|9|7|14|0|Apollon aber sagte hinzu: „O Herr und Meister, Du hast ewig wohl in allem recht; aber es ist hier nur der Umstand, daß wir durch diese Fremden dennoch darin sehr beirrt sind, daß Du Selbst, um Dich nicht ruchbar zu machen, auch uns nichts Besonderes sagen kannst und wir Dich auch um nichts Außerordentliches fragen können.“
GEJ|9|7|15|0|Sagte Ich: „O Freund, sorge du dich darum nicht! Bis zur Mitternacht hin wird des Außerordentlichen noch gar vieles vorkommen; denn Ich bin heute, als an einem gut beendeten Tagewerke, guten Mutes, und ihr alle sollet es auch also sein! Nun aber essen und trinken wir und lassen uns in unserer Freude durch niemanden stören!“
GEJ|9|7|16|0|Darauf aßen und tranken wir ganz wohlgemut und die Fremden an den andern Tischen auch.
GEJ|9|8|1|1|8. — Der Gesang eines Harfners vor dem Herrn
GEJ|9|8|1|0|Da es aber in Jericho Markt war, der sieben Tage hindurch andauerte, so kamen dahin nebst vielen Kaufleuten auch allerlei Gaukler, Pfeifer, Sänger, Harfner und Leierer, die abends von Herberge zu Herberge zogen und den Gästen um eine kleine Bezahlung allerlei vorzeigten und vormachten; und so kam denn in unsere Herberge ein Sänger mit einer Harfe, die er recht gut zu behandeln verstand und dazu auch mit einer reinen Stimme die Psalmen Davids sang.
GEJ|9|8|2|0|Als er ins Zimmer trat, da bat er die Gäste um die Erlaubnis, sich um einen kleinen Lohn produzieren zu dürfen.
GEJ|9|8|3|0|Die Fremden, zumeist Griechen und Römer, sagten: „Ah, gehe du mit deinem alten Judengekrächze! Die Musik, die göttliche Kunst, ist ja nur unter den Griechen zu Hause! Wenn dich aber der Haupttisch dort anhören will, so werden wir nichts dagegen haben; doch einen Lohn wirst du von uns nicht ernten.“
GEJ|9|8|4|0|Darauf kam der arme Harfner und Sänger an unseren Tisch und bat uns um die Erlaubnis, sich für und nur vor uns produzieren zu dürfen.
GEJ|9|8|5|0|Und Ich sagte mit freundlicher Stimme: „Produziere du dich nur ohne Scheu und Bedenken, denn Ich kenne dich und weiß es, daß du ein reiner Sänger ganz in der Weise Davids bist! Der Lohn soll dir darum gar reichlich werden!“
GEJ|9|8|6|0|Darauf verneigte sich der Sänger und Harfner tief vor uns, stimmte seine Harfe rein und verwunderte sich selbst, sagend: „Wahrlich, das ist ein guter Saal für Musik und Gesang; denn so himmlisch hell und rein habe ich noch niemals die Saiten meiner Harfe ertönen hören!“
GEJ|9|8|7|0|Sagte Ich: „Nun, wenn also, da magst du dich nun schon zu produzieren anfangen!“
GEJ|9|8|8|0|Darauf griff der Harfner mit kunstgeübten Fingern in die Saiten und ließ ein ergreifendes Vorspiel ertönen. Als die Fremden die höchst reinen Töne und kunstvollen Tonweisen vernahmen, da wurden sie stille und hörten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem Künstler zu.
GEJ|9|8|9|0|Bei vollster Stille im ganzen Saale begann der Künstler unter gar herrlich klingender Begleitung mit einer wunderreinen und auch höchst wohlklingenden Stimme folgenden Psalm Davids zu singen: „Singet dem Herrn ein neues Lied; singe dem Herrn alle Welt! Singet dem Herrn, und lobet Seinen Namen! Prediget einen Tag um den andern Sein Heil! Erzählet den Heiden Seine Ehre, unter allen Völkern Seine Wunder; denn der Herr ist hoch und groß zu loben, wunderbarlich über alle Götter! Denn alle Götter der Völker sind tote Götzen; nur der Herr hat den Himmel gemacht. Es stehet herrlich und prächtig vor Ihm und gehet gewaltiglich und löblich in Seinem Heiligtume.
GEJ|9|8|10|0|Ihr Völker, bringet her dem Herrn, bringet her dem Herrn Ehre und Macht! Bringet her dem Herrn die Ehre Seinem Namen, bringet Geschenke, und kommet in Seine Vorhöfe! Betet an den Herrn im heiligen Schmuck, und es fürchte Ihn alle Welt! Saget es unter den Heiden, daß der Herr allein König sei und habe Sein Reich, so weit die Welt ist, bereitet, daß es bleiben solle, und richtet die Völker recht! Himmel, freue dich, und du, Erde, sei fröhlich; das Meer brause, und was darinnen ist! Das Feld sei fröhlich, und alles, was darauf ist, und lasset alle Bäume im Walde rühmen vor dem Herrn; denn Er kommt, und Er kommt zu richten das Erdreich! Er wird den Erdboden richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit Seiner Wahrheit.“ (96.Psalm).
GEJ|9|8|11|0|Als unser Sänger und Harfner diesen Psalm ausgesungen hatte, machte er noch ein Nachspiel und schloß damit seine Produktion. Da überhäuften ihn die Fremden mit Lob und Beifall und gestanden, daß sie in ihrem ganzen Leben etwas Herrlicheres sowohl in der Saitenmusik und ebenso auch im Gesange nicht vernommen hätten und baten ihn auch um Vergebung, daß sie ihn gar so roh und grob empfangen hätten, baten ihn aber zugleich auch um die Wiederholung des gesungenen Psalmes.
GEJ|9|8|12|0|Der Sänger aber fragte Mich, ob er das noch einmal tun dürfe.
GEJ|9|8|13|0|Und Ich sagte: „Tue das nur immerhin, denn herrlicher hat auch David diesen Psalm nicht gesungen!“
GEJ|9|8|14|0|Und der Sänger sagte: „Herr, wer du auch seist, – ich selbst auch noch niemals! Es kam mir unterm Singen wahrlich vor, als wäre mir Jehova ganz nahe gewesen und hätte mich wohlgefällig behorcht; und wieder kam es mir vor, als hätten ganze Chöre der Engel mit mir gestimmt. Oh, wenn mir doch die Kunst und Stimme bliebe, so würde ich der glücklichste Mensch auf der Erde sein und alle Heiden durch meinen Gesang zu unserm Jehova bekehren!“
GEJ|9|8|15|0|Sagte Ich: „Singe du nun nur noch einmal den 96. Psalm, und sei versichert, du frommer Samarite, daß dir die Kunst und Stimme erhalten bleibt bis ans Ende deiner irdischen Lebenstage, – und im Himmel sollst du vor dem Throne des Allerhöchsten ein lieblicher Sänger sein und bleiben ewig! Aber nun singe!“
GEJ|9|8|16|0|Sagte der Sänger: „O Herr, du mußt ein Prophet sein aller Wahrheit nach; denn so wie du reden gewöhnliche Menschen nicht! Doch nun nichts Weiteres mehr davon, denn ich muß ja noch einmal den Psalm singen!“
GEJ|9|8|17|0|Hierauf griff er wieder in die Saiten, und sie klangen noch heller und reiner denn das erste Mal, und so war es auch mit seiner Stimme. Alle Meine Jünger, unsere Wirtsleute und ebenso auch die Fremden wurden zu Tränen gerührt, und die Meinen an unserem Tische am meisten, da sie wohl wußten, Wem dieser Psalm galt.
GEJ|9|9|1|1|9. — Des Sängers Lohn
GEJ|9|9|1|0|Als der Sänger auch zum zweiten Male den Psalm vollendet hatte, da erhob sich unter den Fremden ein ordentlicher Lobes- und Beifallssturm, und sie beschenkten ihn mit vielen Goldstücken und luden ihn ein, sich an ihren Tisch zu setzen und mit ihnen zu essen und zu trinken.
GEJ|9|9|2|0|Er aber sagte (der Sänger): „Ich danke euch für die mir angetane Ehre und für das mir so reichlich gespendete Almosen; doch ich bin noch ein altreiner Jude – wenn ich auch erst dreißig Jahre Alters zähle –, und darf eure Speisen nicht genießen. Zudem hat mir nur dieser Herr hier die Erlaubnis zur Produktion erteilt, und so werde ich auch nur das tun, was er mir gebieten wird!“
GEJ|9|9|3|0|Da belobten die Fremden des Künstlers Treue, und Ich behieß ihn, sich an unsern Tisch zu setzen und mit uns zu essen und zu trinken, – was er mit vielem Dank denn auch sogleich tat.
GEJ|9|9|4|0|Es ging aber unser Wirt und der Kado und brachten dem Harfner ein reichliches Almosen, das er beinahe gar nicht annehmen wollte, da er ohnehin schon von den andern Tischen zu reichlich beschenkt worden sei.
GEJ|9|9|5|0|Ich aber sagte zu ihm: „Nimm du nur an, was man dir mit Freuden gibt; denn du selbst hast ein gutes Herz und teilst gerne mit den Armen auch von dem wenigen, was du dir mit deiner Kunst mühsam erwirbst! So du dir von nun an aber mehr erwerben wirst, so wirst du deinem guten Herzen auch einen größeren Tätigkeitsraum gewähren können. Den Armen wohltun, ist Gott wohlgefällig, und für die Armen arbeiten und sammeln, ist herrlich vor Gott und wird allzeit schon in diesem und noch mehr im andern Leben belohnt.“
GEJ|9|9|6|0|Sagte der Harfner: „Ja, du gütigster Herr, also ist es, und ich habe auch allzeit also geglaubt, obschon es mich mit dem diesirdischen Lohne lange stecken ließ, und ich doch schon seit beinahe fünfzehn Jahren treu in diesem Sinne meine schwache Kunst ausgeübt habe. Doch diesmal ist mir eine reiche Ernte geworden, und Gott dem Herrn, der mich in meiner Armut einmal angesehen hat, alles Lob und Ehre und allen meinen Dank dafür immerdar! Aber nun möchte ich dich, du bester Herr, denn doch auch um etwas fragen, wenn du mir das gnädigst erlauben möchtest.“
GEJ|9|9|7|0|Sagte Ich: „Oh, recht gerne! Frage du nur, und Ich werde dir die Antwort nicht schuldig bleiben!“
GEJ|9|9|8|0|Darauf fragte Mich der Harfner, sagend: „O du bester Herr, dem ich nächst Gott mein großes Glück zu danken habe, wie weißt du denn gar so genau um alle meine Lebensverhältnisse, – und ich weiß mich doch nicht zu entsinnen, dich jemals irgend gesehen zu haben?“
GEJ|9|9|9|0|Sagte Ich: „Das ist auch gar nicht nötig; es genügt, so nur Ich dich schon gar oftmals gesehen und gehört habe. Siehe, du hast dich nun hier produziert und bist von uns allen fest angesehen worden! Wir werden dich denn auch leicht überall wiedererkennen, wo wir uns auch treffen mögen; du aber wirst uns alle gewiß nicht so leicht wiedererkennen, und das aus dem ganz einfachen und natürlichen Grunde, weil sogar viele Tausende von Menschen sich einen irgend in etwas besonders ausgezeichneten Menschen leichter merken und ihn in allem beobachten können als der eine Mensch die vielen Tausende, vor denen er sich produziert hatte. Siehe, das ist der ganz natürliche Grund, warum auch allenfalls Ich dich besser kennen kann als du Mich.
GEJ|9|9|10|0|Es kann aber schon auch andere Gründe geben, die du nun aber nicht wohl verstehen würdest, so Ich sie dir auch sagte; darum ist es der Fremden wegen besser, davon zu schweigen. Du hast aber ehedem selbst gesagt, daß Ich etwa ein Prophet sei, weil du in Meiner Nähe um vieles besser geharft und gesungen habest denn sonst irgendeinmal. Bin Ich für dich allenfalls denn ein Prophet, so kann Ich etwa als ein solcher ja aus dem Geiste Gottes in Mir auch wohl wissen, wie es mit deinen Lebensverhältnissen steht. Und so hast du nun einen natürlichen und einen übernatürlichen Grund, aus dem Ich dich allzeit besser kennen kann als du Mich oder jemand andern von uns. – Bist du nun im klaren?“
GEJ|9|9|11|0|Sagte der Harfner: „Ja, du bester und wahrlich auch sehr weiser Herr, ich heiße dich nicht umsonst weise! Denn ich habe es auf meinen Hin- und Herwanderungen auf dieser lieben Gotteserde mehrfach erfahren, daß wahrhaft gute Menschen auch stets weise Menschen waren. Daß aber die guten Menschen im Erdenglück den harten und bösen Menschen nachstehen, daran schuldet nicht etwa die aus ihrer Weisheit geschöpfte Klugheit, als wäre sie eine mindere denn die listige der Harten und Bösen, sondern ihre Herzensgüte, die aus ihr hervorgehende Geduld und die Liebe zur Wahrheit, zu Gott und sogar zu den Feinden, die am Ende doch auch noch Menschen sind, wenn auch blind und taub, und aus dem allen erst die rechte und wahre Weisheit, die die vergänglichen Güter dieser Welt eben nie höher schätzt, als sie von allen großen und wahrhaft Weisen allzeit geschätzt worden sind. Und siehe, du wahrhaft bester Herr, darum nannte ich dich denn auch einen Weisen, weil ich so viel Güte in dir fand!“
GEJ|9|9|12|0|Sagte Ich: „Da bist du am Ende ja auch ein Weiser, weil du meines guten Wissens auch ein guter Mensch bist?“
GEJ|9|9|13|0|Sagte der Harfner ganz bescheiden: „Bester Herr, ich werde mich dessen wohl nie rühmen, und es mögen darüber die Weisen über mich urteilen! Aber das kann ich von mir aus über mich bekennen, daß ich sehr weise und hochgelehrt sich dünkende Menschen schon um vieles dümmere Handlungen begehen sah, als ich sie je begangen habe. Ich bin der Meinung: An den einen, allein wahren Gott unter allen noch so oft widrigen Lebensumständen ungezweifelt fest glauben und aus wahrer Gottesfurcht und Liebe Seine heiligen Gebote halten, ist offenbar weiser als im Glauben schwach werden, Gott den Rücken zuwenden und sich als ein hochgeehrter Weltweiser in alle erdenklichen Lustbarkeiten der Welt stürzen und also leben und handeln, als hätten die andern Menschen gar kein Recht auf dieser Erde, auf die sie doch auch von Gott aus gestellt worden sind, auch umherzuwandern und sich ihre nötigste Nahrung und andern Lebensunterhalt zu suchen! O bester und weiser Herr, habe ich da recht oder unrecht geurteilt?“
GEJ|9|9|14|0|Sagte Ich: „Ganz vollkommen recht und somit auch recht sehr weise! Aber nun iß und trinke du nur nach deinem Bedürfnisse!“
GEJ|9|9|15|0|Der Harfner aß und trank nun nach Herzenslust, da er schon sehr hungrig und durstig war; doch merkte man an ihm keine Eßgier und noch weniger einen Säufersinn.
GEJ|9|10|1|1|10. — Des Griechen Frage an den Herrn in bezug auf die Schöpfungsgeschichte
GEJ|9|10|1|0|Während aber unser Harfner ganz bescheiden aß und trank, machten die Jünger unter sich große Augen und staunten nicht wenig über seine weisen Worte.
GEJ|9|10|2|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Wie staunet ihr denn nun gar so über unseres Sängers Verstand? Habt ihr denn das noch nie gehört, daß Gott dem auch allzeit den Verstand gibt, dem wahrhaft Er zu Seiner Ehre ein Amt gegeben hat?! Ich sage es euch: Dieses Sängers Amt ist wahrlich eines der geringsten nicht auf dieser Erde; denn er erweicht durch die große Wärme seines Gesangs und seines Saitenspiels die harten Herzen, und in sie dringt dann leicht das Wort und die ewige Wahrheit.
GEJ|9|10|3|0|Wenn Saul die Harfe Davids vernahm, da ward sein steinern Herz mürbe, und der böse Geist wich von ihm, und es steht auch in der Schrift darum: ,Lobet Gott den Herrn mit Psalmen, reiner Stimme und wohlgestimmten Harfen!‘ Was ein Johannes war, das soll der Harfner und Sänger euch werden!“
GEJ|9|10|4|0|Mit diesen Worten waren die Jünger höchlichst zufrieden und begriffen die Ursache der weisen Rede des Harfners.
GEJ|9|10|5|0|Aber die Worte des Psalms konnten die Heiden nicht unters Dach bringen und sagten untereinander: „Schade um den Künstler! Wenn er mit seiner götterhaft reinen Stimme unsere Götter nach der Weise Homers besänge gleich einem zweiten Orpheus, er würde in Athen und Rom vergöttert werden und sich große Schätze sammeln!“
GEJ|9|10|6|0|Nach dergleichen weniger als nichtssagenden Gesprächen erhob sich derselbe Fremde, dem Ich zuvor einen Rat für seinen Magen gab, kam an unseren Tisch hin, noch einmal den Sänger hochbelobend, und sagte: „Um Vergebung, so ich euch irgend störe; aber so wir schon einmal als Gäste uns in diesem Saale zusammengefunden haben, und wahrlich keine Ursache haben, uns gegenseitig anzufeinden, so möge uns denn auch gegenseitig gegönnt sein, bei dieser wahrlich unerwartet herrlichsten Gelegenheit einige freundliche Worte miteinander zu verkehren! Denn ob wir Heiden sind und ihr Juden seid, das macht bei mir wenigstens dem wahren Menschenwerte gar keinen Eintrag, und ihr scheinet in dieser Hinsicht auch meiner Meinung und Lebensansicht zu sein!“
GEJ|9|10|7|0|Sagte Ich: „Freund, vor Mir kann ein jeder Mensch sein freies Wort aussprechen, und so auch du und jeder deiner Genossen! Wenn du etwas hast, so rede offen!“
GEJ|9|10|8|0|Sagte der Grieche: „Wir welterfahrenen und gebildeten Griechen sind zwar wohl schon lange über alle unsere Götterfabeln hinaus, und die besseren Juden halten auf ihren Eingottstempel vielleicht nicht um vieles mehr als wir Griechen und Römer auf unsere Vielgöttertempel. Dieser Harfner und Sänger sang einen mir nicht völlig unbekannten Psalm des einstigen Königs der Juden, der in der Reihe der Könige eures Volkes der zweite war und David hieß. Die Dichtung ist voll verborgener Theosophie; was aber daran klar ist, das scheint in dem zu bestehen, daß der große, mächtige, tapfere und auch siegreiche König als ein Eingottsbekenner alle Heiden erobern wollte, um sie auch zu bekehren zu seinem Glauben, weil ihm dies das Regieren um gar vieles erleichtert und sein Ansehen bei allen Völkern um ein gar großes erhöht hätte. Ob er aber bei sich wohl gar so ernstlich auf den einen Gott hielt, wie das aus seinen Dichtungen ersichtlich ist, das ist eine ganz andere Frage! Möglich wohl, – aber man könnte sich aus so manchen seiner Handlungen auch das Gegenteil denken! Doch sei ihm nun, wie ihm wolle, David war und bleibt ein großer und höchst denkwürdiger Mann in jeder guten Hinsicht, und die Erde wird Könige seinesgleichen wenige aufzuweisen haben, und ich kann den Sänger nur loben, daß er sich als ein reiner Altjude des großen Königs Psalmen zum Gegenstande seiner Musik und Sangesproduktionen machte. Doch bei aller seiner großen Vortrefflichkeit ist er dadurch, daß er nur ein Davidssänger ist, etwas einseitig. Würde oder könnte er auch unserer alten Dichter Psalter singen gleich einem Orpheus, und käme er als solcher nach Athen und Rom – wie ich das schon früher bemerkt habe –, so könnte er sich große Schätze erbeuten! Doch lassen wir das und gehen nun auf die Hauptsache über!
GEJ|9|10|9|0|Unter anderm fiel mir in dem Psalm besonders die Stelle auf, die also lautete: ,Alle Götter der Völker sind tote Götzen; aber der Herr (also der eine, lebendige Gott der Juden) hat Himmel und Erde gemacht.‘ Sage mir doch, ob sich die Sache der vollen und erweisbaren Wahrheit nach denn auch also verhält! Denn wir Heiden nehmen vor dem ausgebildeten Dasein der Erde und des Himmels einen chaotischen Stoff an, aus dem dann irgend uns unbekannte mehr oder weniger intelligente Kräfte, die später von den phantasiereichen Menschen zu Göttern gemacht wurden, die Erde mit allem, was sie trägt, und auch den Himmel nach und nach geformt haben; ihr aber lasset alles von dem einen Gott in sechs Tagen oder etwa Zeitperioden aus nichts erschaffen. Welches ist da wahr? Zahllos viele Menschen in allen uns weit und breit bekannten Teilen der Erde glauben mit kleinen Unterschieden das, was wir und schon die ältesten Ägypter als eine nahezu erweisbare Wahrheit geglaubt haben; ihr aber seid von unserem Glauben so fern wie der Himmel von der Erde! Wer hat nun recht, und welches ist wahr? Kannst du die Wahrheit eurer Lehre erweisen, so lassen ich und alle meine Gefährten unsern Glauben und werden Juden; sonst aber bleiben wir, was wir sind, und werden von dem Sänger auch nicht begehren, daß er je nach Athen oder Rom kommen solle.“
GEJ|9|11|1|1|11. — Der Herr heilt den magenkranken Griechen
GEJ|9|11|1|0|Sagte Ich: „Freund, du verlangst etwas ganz Sonderbares nun von Mir! Dein Verstand ist zu sehr mit weltlichen und somit materiellen Dingen angefüllt; wie wird er da Geistiges zu fassen imstande sein? Wir echten, alten und wahren Juden aber haben unseren Verstand mit den geistigen Dingen erfüllt und können denn auch geistige Dinge als für uns wohl erweisbar leicht begreifen.
GEJ|9|11|2|0|Es besteht Entsprechung wohl zwischen dem, was des Geistes und was der Materie ist. Wärest du in solcher Wissenschaft bewandert, da wäre es dir leicht zu erweisen, daß nur wir alten und reinen Juden in der vollen Wahrheit stehen, alle Heiden sich aber im Falschen und Unwahren trotz aller ihrer Weltweisheit befinden; aber solche innere Wissenschaft ist euch fremd, und es kann euch denn auch auf einem andern Wege schwer erwiesen werden, daß nur wir Juden allein in der vollen Wahrheit stehen.
GEJ|9|11|3|0|David hat den einen, wahren Gott nur darum besungen, weil er an Ihn nicht nur geglaubt, sondern Ihn auch gesehen und allzeit mit Ihm geredet hat. Und unser Sänger hat, als selbst ein reiner Jude, wohl sehr recht, daß er durch sein Harfenspiel und durch seinen Gesang nur Dem die Ehre gibt, dem von Ewigkeit her allein die Ehre gebührt. Er soll darum auch den Heiden, die schon David zur alten Wahrheit zurückgerufen hat, nur die Psalmen Davids vorsingen, auf daß ihre Herzen weicher und offener werden zum Erkennen und Anbeten des nur einen, ewig wahren Gottes, der nicht ein den wahren Menschen so verborgener und unzugänglicher Gott ist, als wie da euch sind eure wahrlich nur erdichteten und nachher von Menschenhänden aus der toten Materie gemachten Götter. Daß sich aber die Sache also verhält, das können wir dir wohl alle sogar praktisch beweisen, obschon du dadurch der innern, geistigen und somit allein in sich lebendigen Wahrheit nicht näherstehen wirst, als du nun stehst.“
GEJ|9|11|4|0|Sagte der Grieche: „Freund, so gib mir einen praktischen Beweis, und ich werde mit allen meinen Gefährten an den Gott der Juden glauben und auch die etwa von Ihm ausgehenden Gebote halten und dazu noch viele Tausende zu meinem Glauben bekehren!“
GEJ|9|11|5|0|Sagte Ich: „Gut denn, einen solchen Beweis kann Ich als ein wahrer Jude der Juden, der Ich den einen, allein wahren Gott und Herrn Himmels und der Erden wohl kenne und auch weiß, daß Er ist, und wie Er ist, dir alsogleich vor deine Augen stellen! Du leidest noch an deinem Magen, darum du dich auch beinahe nichts zu essen und zu trinken getraust, obschon du nun Hunger und Durst ziemlich mächtig verspürst. Wieviel hast du schon deinen Götzen geopfert nach dem Rate der Priester, und wieviel Arzneien hast du schon verschluckt! Hat alles das dein Leiden nur im geringsten gemildert? Du sagst: ,Nein, nicht im geringsten!‘ Ich aber will dir durch die innere Anrufung des einen, allein wahren Gottes der Juden im Augenblick derart helfen, daß du nimmerdar ein Magenleiden verspüren sollst!“
GEJ|9|11|6|0|Sagte der Grieche: „O Freund, so dir das möglich ist ohne Arznei, dann glaube ich nicht nur allein an euren Gott und werde Ihm auch sogleich alle Ehre erweisen samt allen meinen Gefährten, sondern ich will dir auch die Hälfte meines nicht kleinen Vermögens zukommen lassen!“
GEJ|9|11|7|0|Sagte Ich: „Freund, dessen benötige Ich nicht; denn Mein allein wahrer und allmächtiger Gott gibt Mir und uns allen allzeit, dessen wir bedürfen. Und so benötigen wir nicht euch Heiden gleich der irdischen Schätze; denn die Schätze des Geistes Gottes in uns stehen endlos höher, als was da wert ist die ganze Erde und der ganze sichtbare Himmel, wovon du dich sogleich überzeugen wirst. Siehe, nun rufe Ich stille in Mir Gott den Herrn an, daß Er dir heile und stärke deinen Magen, – und sage mir nun, ob dein Magen schon besser ist!“
GEJ|9|11|8|0|Hier erstaunte der Grieche über alle Maßen und sagte: „Ja, nun glaube ich ungezweifelt, daß nur euer Gott ein allein wahrer ist! Denn als du, Freund, die Worte zu eurem Gott noch kaum völlig ausgesprochen hattest, da ward es mir plötzlich so wohl im Magen, wie ich zuvor ein solches Wohlsein selbst in meinen gesundesten Jugendjahren noch niemals empfunden habe, und dieses Wohlbefinden fühle ich nun gleichfort und habe nun erst einen rechten Hunger und Durst. Deinem allein wahren Gott sei von nun an allein all mein Dank, alle Ehre und alle meine tiefste Hochachtung und Ergebung in Seinen heiligen, über alles mächtigen Willen bis zu meinem Lebensende! Oh, Er aber wolle uns Heiden erleuchten, gleichwie Er euch erleuchtet hat, auf daß wir Ihn möchten tiefer und tiefer erkennen und Ihm geben allein eine rechte, Ihm wohlgefällige Ehre!
GEJ|9|11|9|0|Und du, ausgezeichnetster Psalmsänger, bleibe nur bei deiner guten, wahren Kunstweise, und besinge allzeit und überall des allein wahren und lebendigst allmächtigen Gottes Ehre; denn nur Ihm allein gebührt alle Ehre, nicht nur von uns Menschen, sondern nach dem Psalme auch von der gesamten Kreatur, die Sein Werk ist. Denn nun sehe ich es schon ein, daß nur Er allein alles, Himmel und Erde, Sonne, Mond und alle die zahllos vielen Sterne, erschaffen hat. Wie? Um das werde ich niemals fragen; denn es ist genug, daß ich nun weiß, daß Er ganz allein der Urgrund aller Dinge ist, und daß nichts als nur Sein Wille der eigentliche Stoff jedes Daseins ist. In diesem Glauben will und werde ich fortan leben, handeln, denken und endlich auch sterben.
GEJ|9|11|10|0|Dir liebstem und vom Geiste Gottes erfülltem Freunde aber danke ich auch, daß du mich in diesem allerwichtigsten Lebenspunkte so treu und wahr belehrt hast, wodurch mir beinahe mehr geholfen ist als durch die Heilung meines böse gewesenen Magens. Doch da es mich nun schon sehr nach Speise und Trank gelüstet, so werde ich mich nun wieder an unsern Tisch setzen und mäßig meinen Leib erquicken und stärken!“
GEJ|9|11|11|0|Sagte Ich: „Tue das nun ohne Furcht und Scheu, und bitte im Herzen Gott vor dem Essen, daß Er dir und allen Menschen die Speisen und den Trank segnen möchte, und Er wird solche Bitte allzeit erhören, und dir wird dann jegliche für die Menschen bestimmte Speise wohl dienen und deinen Leib wahrhaft nähren und stärken! Also sei es und bleibe es!“
GEJ|9|11|12|0|Auf diese Meine Worte begab sich allerdankbarst der Grieche wieder an seinen Tisch, bat Gott um Seinen Segen und aß und trank darauf mit heiterm Mute und hatte keine Furcht mehr, daß ihm Speise und irgendein Trank je mehr schaden könnte. Was aber nun der eine Grieche tat, das taten auch alle seine vielen Gefährten und aßen und tranken darauf noch weiter mit großer Lust und Freude; auch redeten sie viel untereinander von der Wahrheit bezüglich des Seins des Gottes der Juden und konnten sich noch immer nicht zur Genüge verwundern über das, daß der wahre Gott der Juden die Menschen, die an Ihn lebendig glauben, auf Ihn all ihr Vertrauen setzen und Seine Gebote halten, also sehr mit Seiner Macht unterstützt, daß man am Ende bald glauben könnte, daß sie selbst Götter seien.
GEJ|9|11|13|0|Nach mehreren solchen Besprechungen, während deren wir uns über die Vorgänge in Essäa besprachen, erhoben sich die nun vollends gesättigten Griechen, dankten dem wahren Gott der Juden für Seinen Segen und baten Ihn, daß Er allzeit mit solcher Gnade bei ihnen und bei allen Menschen, die Ihn darum anflehen werden im Glauben und Vertrauen, verbleiben wolle.
GEJ|9|12|1|1|12. — Der Herr gibt den Griechen Ermahnungen
GEJ|9|12|1|0|Darauf kam der Grieche wieder zu Mir und sagte: „Liebster Freund, war es also recht mit unserer Bitte und unserem Dank?“
GEJ|9|12|2|0|Sagte Ich: „Du hast Kinder daheim, die du sehr lieb hast; wenn es sie hungert und sie bitten dich um Brot, wirst du ihnen das Brot als den Segen deiner Vaterliebe vorenthalten, wenn sie dich etwa nach einer dummen, eingelernten Form darum bitten? Siehst du doch als ein Mensch und Heide nur auf das Herz deiner Kinder, und ihr Lallen gilt dir mehr als die schmuckvollste Rede eines Rhetors. Um wie vieles mehr sieht Gott als der allein wahre Vater aller Menschen nur auf deren Herzen und nicht auf die eitlen Worte des Mundes und auf deren künstlich geordnete Form!
GEJ|9|12|3|0|Eure Bitte und euer Dank, wennschon in schlichte Worte eingekleidet, kam aus euren Herzen, und so hatte der allein wahre Vater der Menschen im Himmel auch ein rechtes Wohlgefallen daran. Bleibet also, und es wird euch dann zur rechten Zeit ein höheres Licht aus den Himmeln hinzugegeben werden! Wendet euch allzeit in der vollsten Liebe eurer Herzen zu Gott, dem ewigen Vater im Himmel, und Er wird sich allzeit zu euch kehren mit dem lebendigen Lichte der ewigen Wahrheit in Ihm!
GEJ|9|12|4|0|Aber um Gott recht zu lieben, müßt ihr auch eure Nächsten lieben wie euch selbst und niemandem ein Unrecht zufügen. Was ihr nicht wünschet, daß man es euch antue, das tut auch euren Nebenmenschen nicht an! Ich verstehe das in einer vernünftigen und weisen Hinsicht und Beziehung; denn so könnte sonst auch ein Raubmörder verlangen, daß man darum auf ihn nicht fahnden und ihn den Gerichten übergeben solle, weil er in solcher Absicht auf niemanden fahndet, – und derlei Ungereimtheiten noch eine Menge.
GEJ|9|12|5|0|Wer sonach seinen Nebenmenschen treu und vernünftig und somit auch wahrhaft liebt, der liebt auch Gott und wird von Gott wiedergeliebt. Wer aber schon seinen Nächsten nicht liebt, den er doch sieht, wie wird er dann Gott lieben, den er nicht mit seinen Augen sehen, noch mit seinen Ohren hören kann?
GEJ|9|12|6|0|Ihr seid Handelsleute und Wechsler, und es ist euch ein großer Gewinn denn auch lieber als ein kleiner und somit gerechter; Ich aber sage es euch: Seid in der Folge in allem gerecht, und denket, wie es euch lieber ist, daß ein anderer gegen euch gerecht und billig ist, also seid auch ihr gerecht und billig gegen eure Nächsten im Preis, Maß und Gewicht! Denn mit welchem Maß, Gewicht und Preis ihr eure Nebenmenschen bedienet, mit demselben Maße wird es euch Gott der Herr und Vater im Himmel wiedervergelten. Denn Lügner und Betrüger in jeder diesirdischen Lebensbeziehung werden von Gott nicht angesehen und in Sein ewiges Lebensreich nicht eingehen. Das kann Ich euch wohl sagen, weil Ich Gott und Sein Reich und Seinen ewigen Herrscherthron und Seinen Willen gar wohl kenne.
GEJ|9|12|7|0|Habt ihr das verstanden, so tuet auch danach, und es wird der wahre und lebendige Segen nicht von euch genommen werden! So ein Mensch in einem Königreich des Königs Gesetze kennt und sie auch stets treulich befolgt und der König darum weiß, so wird er dem Menschen wohlgewogen sein, ihn achten und liebhaben und ihn auch leicht in ein Amt setzen zum Lohne seiner Treue. So ihr aber nun durch Mich vernommen habt den Willen des einen, wahren Gottes, so tuet denn auch danach, und ihr werdet Gnade bei Gott finden!“
GEJ|9|12|8|0|Sagte der Grieche: „Freund, wir danken dir für diese wahrlich allerweiseste Belehrung und versprechen dir auch, daß wir von nun an treulich danach leben und handeln werden! Aber da es nun eben noch nicht so spät in der Zeit der Nacht ist und ich nun aus deinen Reden und aus deiner Handlung an mir ersehen habe, daß du den allein wahren Gott gar wohl kennst und als völlig nach Seinem Willen lebend und handelnd dich auch Seiner Liebe und Freundschaft erfreust, so kannst du aus dem Lichte Gottes in dir uns ja auch noch so einige Winke geben, wie Gott wohl aus Sich ohne Stoff und Materie diese Erde hat erschaffen können. Ich habe wohl schon ausgesprochen, daß der Stoff, aus dem alles erschaffen ist, pur in dem allmächtigen Willen Gottes besteht; aber dessenungeachtet muß ich dennoch darüber nachdenken, wie möglich etwa doch aus dem puren Willen Gottes der Stoff und die Materie geworden sind. So wir Griechen davon nur so einen kleinen Begriff bekämen, dann wären wir aber auch über die Maßen zufrieden.“
GEJ|9|12|9|0|Sagte Ich: „Ihr verlanget wahrlich Dinge, die der menschliche Verstand niemals völlig begreifen kann; und begriffe er auch ein Näheres in des Reiches Gottes tiefsten Geheimnissen, so würde ihn das der Liebe Gottes nicht näher bringen! Denn niemand kann wissen, was in Gott ist, denn allein nur der Geist Gottes; wer aber Gottes Gebote hält und Ihn liebt über alles, der bekommt dann auch den Geist Gottes in sein Herz, und dieser sieht dann auch in die Tiefen Gottes.
GEJ|9|12|10|0|Tut denn nur, was Ich euch geraten habe; ihr werdet dadurch in alle höhere Weisheit geleitet werden, und es wird euch dann das, was euch nun unbegreiflich und unmöglich dünkt, so klar und leichtfaßlich werden wie eurer Kinder Spielzeug!
GEJ|9|12|11|0|Auf daß ihr aber noch einen Beweis habt, wie Gottes Wille in Sich alles ist, als erstens pur Geist und dann auch Stoff und Materie, so bringet Mir einen völlig leeren Krug von eurem Tische her!“
GEJ|9|12|12|0|Da brachte sogleich ein anderer Grieche einen völlig leeren Krug und stellte ihn vor Mir auf den Tisch, sagend: „Hier, Freund Gottes, ist ein bis auf den letzten Tropfen vollkommen geleerter Krug!“
GEJ|9|12|13|0|Sagte Ich: „Gut denn, gebet nun wohl acht, und nehmet den Krug in eure Hand! Seht, wie er noch leer und sogar trocken ist! Ich aber will nun aus dem Willen Gottes in Mir, daß der ziemlich große Krug im Augenblick voll des reinsten und besten Weines werde, den ihr dann zur besonderen Stärkung eurer Glieder trinken könnet!“
GEJ|9|12|14|0|Als Ich das ausgesprochen hatte, war der Krug auch schon voll des besten Weines.
GEJ|9|12|15|0|Als die beiden Griechen das gar wohl ersahen, da sagten sie höchst erstaunt: „Ja, nun sahen wir alleraugenscheinlichst, daß der Wille des einen, wahren Gottes Alles in Allem ist, darum Ihm allein alle Ehre! Wir brauchen das Wie gar nicht zu wissen, es genügt, daß wir wissen, daß es also und nicht anders ist und sein kann.“
GEJ|9|12|16|0|Sagte Ich: „Nun, da ihr den Wein habt, der ebenso nur der Wille Gottes ist wie der, den ihr daheim in den Schläuchen in großer Menge besitzet, so trinket ihn denn auch und saget, wie er euch schmeckt!“
GEJ|9|12|17|0|Da verkosteten die Griechen den Wein und konnten abermals nicht zur Genüge staunen über seine Güte und Kraft.
GEJ|9|13|1|1|13. — Die unverschämten Gymnastiker und ihre gerechte Bestrafung
GEJ|9|13|1|0|Als sich aber die Griechen über das Wunderwerk an ihrem Kruge noch gar löblich besprachen, da kam noch eine Gesellschaft von einer Art Künstlern, die aber Griechen waren. Ihre Kunst bestand aber darin, daß sie allerlei gymnastische Bewegungen und Sprünge machen konnten. Diese ersuchten auch den ihnen wohlbekannten Wirt, ihre armselige Kunst vor den Gästen produzieren zu dürfen.
GEJ|9|13|2|0|Der Wirt aber fragte auch diesmal Mich, ob er ihnen das gestatten solle.
GEJ|9|13|3|0|Sagte Ich: „Du bist der Herr in deinem Hause und kannst tun, was dir gut dünkt! Uns geht aber das nichts an, und wir werden uns um deren heidnische Produktion auch gar nicht kümmern. Ich aber muß gar viele Torheiten der Menschen mit aller Geduld und Langmut ertragen; warum sollte Ich diese Dummheit nicht mit ertragen? Frage aber die Griechen, ob sie nun eine solche nichtssagende und für die Menschheit gänzlich unnütze Produktion wünschen! Ist sie ihnen genehm, so können sie sich von diesen armseligen Menschen ja einige ihrer Künste vormachen lassen; ist den Griechen aber das nicht genehm, dann können sie diese Gymnastiker auch gehen lassen.“
GEJ|9|13|4|0|Auf das ging der Wirt hin und besprach sich mit den Griechen.
GEJ|9|13|5|0|Diese aber sagten (die Griechen): „Freund, wir haben hier das Höchste aller Künste gehört, gesehen und sind nun ganz mit dem allein wahren Gott der Juden beschäftigt, und da taugen derlei gar zu dumme und den Menschen nie einen Nutzen bringende Künste nicht mehr vor unseren Augen. Wir kennen aber diese Gymnastiker ohnehin schon lange samt ihren Leistungen und wollen sie nun nicht noch einmal wieder kennenlernen, und so können sie von uns aus gehen, wie sie gekommen sind.“
GEJ|9|13|6|0|Als der Wirt von den Griechen diesen ganz guten Bescheid erhielt, da sagte er zu den Gymnastikern: „Da von eurer nichts nützenden Kunst niemand etwas zu sehen wünscht, so könnet ihr wieder gehen, wie ihr gekommen seid!“
GEJ|9|13|7|0|Mit diesem Bescheide waren die Gymnastiker schlecht zufrieden, und ihr Oberster sagte: „Herr, wir sind mit unserer Kunst beinahe die halbe Welt aus- und durchgereist und sind allenthalben höchst bewundert worden; es ist uns noch niemals verweigert worden, uns zu produzieren! Wir sind zum mindesten wahre Halbgötter und sind die ersten Günstlinge des großen Gottes Mars, wie auch des Apollo und der neun Musen, und diese werden sich rächen an diesem Hause für die Schmach, die uns hier angetan wurde!“
GEJ|9|13|8|0|Sagte der Wirt, ganz in heiterer Stimmung: „Seit wir alle in diesem Hause den nur einen und allein wahren Gott der Juden haben kennengelernt, haben wir vor den toten Göttern der Ägypter, Griechen und Römer wahrlich nicht die allergeringste Furcht mehr; und so möget ihr uns mit euren Götzen drohen, wie ihr wollet, so wird uns das in unserer Ruhe nicht im geringsten beirren.
GEJ|9|13|9|0|So ihr aber schon die halbe Welt nach eurer Aussage bereist und euch auch schon sicher große Schätze und Reichtümer erworben habt, so bereiset als seiende wahre Halbgötter noch die übrige halbe Welt, und lasset euch hoch ehren, wie ihr wollet, doch uns lasset in Ruhe! Wollet ihr hier aber irgendeinen Spektakel machen darum, weil hier kein Mensch von eurer Kunst etwas sehen will, so dürfte euch so etwas teuer zu stehen kommen; denn es befindet sich ein gar mächtiger Herr hier an meinem Tische, dem nichts unmöglich ist. Der würde euch für eure Zudringlichkeit sicher höchst empfindlich zu züchtigen imstande sein! Und so gehet denn nun lieber gutwillig aus diesem meinem Hause!“
GEJ|9|13|10|0|Sagte der Oberste ganz ergrimmt: „Wenn du nun vor den erhabenen Göttern keine Furcht mehr hast, so du sie als tot und nichtig bezeichnest gegenüber dem chimärenhaften Gott der Juden, der nichts als eine leere Dichtung ist, da wisse, du Götterverachter: Ich selbst bin der Gott Mars und werde dies Land durch Krieg, Hunger und Pest zu verderben verstehen! Als Gott aber habe ich sicher keine Furcht vor irgendeinem allmächtigen Juden an deinem Tische!“
GEJ|9|13|11|0|Hierauf aber sagte Ich zu dem Mars-Obersten: „Du frecher Heide, nun siehe, daß ihr weiterkommt, – sonst sollst du die Macht des allein wahren Gottes der Juden zu verkosten bekommen!“
GEJ|9|13|12|0|Auf diese Meine Worte ward der Oberste erst recht grob und fing an, gegen Mich aufzubegehren.
GEJ|9|13|13|0|Ich aber bedrohte ihn noch einmal, und da er noch nicht gehen wollte, so sagte Ich zu ihm: „Weil du auf Meine Aufforderung dich nicht entfernen wolltest, so werde Ich dich durch die Kraft und Macht des Judengottes nun im Augenblick hundert Tagereisen ferne von hier samt deiner Gesellschaft entfernen; dort kannst du dich dann als den Gott Mars von den Mohren anbeten lassen! Und so denn fort mit euch!“
GEJ|9|13|14|0|Als Ich das ausgesprochen hatte, da verschwanden die argen Gymnastiker denn auch augenblicklich und wurden versetzt unter jene Mohren in Afrika, die wir schon in Cäsarea Philippi kennengelernt haben, allwo sie bald in der von Mir ausgehenden Lehre unterwiesen und also zu Meinen Jüngern wurden.
GEJ|9|13|15|0|Wir aber besprachen uns dann noch über manches und auch über die schnelle Entfernung der vorgeblichen Halbgötter.
GEJ|9|13|16|0|Und es war so die Mitternacht herbeigekommen, in der wir uns denn auch zur Ruhe begaben.
GEJ|9|13|17|0|Auch der Harfner und Sänger blieb bei uns; der fing an, es zu begreifen, vor wem er seine Psalmen gesungen hatte, darum seine Liebe zu Mir denn auch stets mächtiger wurde.
GEJ|9|14|1|1|14. — Der Griechen Gedanken über das Verschwinden der Gymnastiker
GEJ|9|14|1|0|Die Griechen aber blieben denn die ganze Nacht auf und konnten über das gar so plötzliche Verschwinden der Gymnastiker nicht ins klare kommen und fragten sich untereinander, ob Ich es mit ihnen wohl ganz ernst gemeint habe, oder ob Ich sie durch die Gewalt Gottes in Mir nur so bloß hinaus in irgendeinen andern Stadtteil getrieben habe.
GEJ|9|14|2|0|Aber der erste Redner sagte: „Ich meinesteils bin der Meinung, daß der machtvolle Freund des einen, wahren Gottes durchaus niemals etwas nur so pro forma ausspricht; sondern was er einmal im Verein mit der innern, in ihm wohnenden Kraft des Jehova fest ausspricht, das geschieht auch ohne die allergeringste Abänderung also, wie er es ausgesprochen hat. Und so werden die Gymnastiker sich nun denn auch schon dort befinden, wo er etwa im tiefen Afrika einen Platz für sie bestimmt hat!“
GEJ|9|14|3|0|Sagte ein anderer: „Wenn sie durch die Luft – was denn doch am wahrscheinlichsten ist – dahin in mehr denn Blitzesschnelle geworfen worden sind, so wird es ihnen bei einer solchen Wanderung sicher nicht am besten ergangen sein!“
GEJ|9|14|4|0|Sagte der erste Grieche: „Darum sorge ich mich nicht; denn er hat mit seinem Machtworte von einer Beschädigung der Gymnastiker nichts merken lassen; und so meine ich, daß sie ihre wundersame Wanderung unversehrt werden gemacht haben. Wie es ihnen aber an dem neuen und ganz fremden Orte weiter ergehen wird, das ist wohl freilich eine ganz andere Frage. Wer weiß es aber, warum er das also hat geschehen lassen? Vielleicht kann mit unseren armseligen Künstlern auch noch ein guter Zweck zu erreichen sein?“
GEJ|9|14|5|0|Dieser Meinung waren bald auch die andern Griechen, und sie schlummerten bei solchen Gesprächen gen Morgen an ihrem Tische denn auch ein.
GEJ|9|14|6|0|Ich Selbst schlief diesmal mit den Jüngern bis zum vollen Sonnenaufgang in einem ordentlichen Schlafgemach; denn Ich wollte Mich mit den Jüngern der vielen Marktleute wegen nicht zu früh in die offene Stadt begeben, da Ich da wohl erkannt worden wäre, – was in der Stadt unter den Menschen ein Mich vor der Zeit ruchbar machendes Aufsehen erregt hätte. Und so blieb Ich denn auch bis nahe gen Mittag hin in der Herberge.
GEJ|9|14|7|0|Als Ich mit den Jüngern wieder in das große Gastzimmer kam, da waren unsere Griechen auch schon wach und saßen schon ganz wohlgemut bei dem für sie bereiteten Morgenmahle und begrüßten Mich freundlichst.
GEJ|9|14|8|0|Es ward aber auch für uns das Morgenmahl bereitet, und wir setzten uns denn auch sogleich zum Tische und nahmen es ein.
GEJ|9|14|9|0|Die Griechen fragten Mich aber auch gleich nach ihrem eingenommenen Morgenmahle um das etwa sicher sehr traurige Los der Gott weiß es wohin geworfenen Gymnastiker, und Ich sagte ihnen auch, wie es ihnen ergehe, noch weiter ergehen werde, und was sie fernerhin tun würden.
GEJ|9|14|10|0|Damit waren die Griechen denn auch zufrieden, baten Mich noch einmal um den Segen Jehovas und begaben sich dann bald an ihre Marktgeschäfte.
GEJ|9|14|11|0|Ich aber sagte zu ihnen, daß sie Mich nicht vor ihren Mitkaufleuten am Vormittage ruchbar machen sollten, – was sie Mir auch versprachen und ihr Versprechen nach Möglichkeit auch hielten.
GEJ|9|14|12|0|Als unsere Griechen fort waren, da fragten Mich die Jünger, sagend: „Herr, bis gen Mittag sind noch etliche Stunden! Sollen wir diese ganz müßig zubringen oder sollen wir etwas tun?“
GEJ|9|14|13|0|Sagte Ich: „Wir sind nun schon nahe an dritthalb Jahre beisammen, und ihr habt wenig irgend etwas anderes zu tun gehabt, als daß ihr Mich allenthalben begleitet, angehört und Meine Taten angestaunt habt, und ihr habt dabei niemals Hunger und Durst gelitten und seid nie nackten Leibes einhergegangen. Habt ihr es schon so lange, ohne etwas Besonderes zu tun, ausgehalten, so werdet ihr es etwa wohl auch heute bis gen Mittag aushalten, ohne irgend etwas Besonderes zu tun!
GEJ|9|14|14|0|Wenn Ich nicht mehr unter euch sein werde körperlich und an euch Mein Amt übertragen werde, dann werdet ihr schon genug zu tun haben; für jetzt aber besteht eure Tätigkeit darin, daß ihr allenthalben Meine Zeugen seid. Es wird aber gar nicht lange hergehen, bis wir etwas auch hier im Hause zu tun bekommen werden, und es wird euch die Zeit nur zu schnell verrinnen!“
GEJ|9|14|15|0|Mit diesem Bescheid waren die Jünger wieder zufrieden, blieben ruhig am Tische sitzen und besprachen sich mit den Jüngern des Johannes.
GEJ|9|14|16|0|Mein Jünger Johannes aber nahm sein Schreibzeug aus seiner stets mit sich getragenen Reisetasche und machte sich ganz kurze Noten über unsere Reise und Taten von Jericho nach Essäa und von da wieder nach Jericho.
GEJ|9|14|17|0|Ich Selbst aber besprach Mich mit dem Wirte, mit seinem Sohne Kado und mit seinem alten Diener Apollon über verschiedene, mehr diesweltliche Dinge, welche zum Nutz und Frommen in landwirtschaftlichen Angelegenheiten dienlich waren, wofür Mir die drei sehr dankten, weil ihnen derlei Mittel zum besseren Fortkommen der Landwirtschaft vorher ganz unbekannt waren.
GEJ|9|15|1|1|15. — Eine Gerichtsverhandlung in der Herberge
GEJ|9|15|1|0|Als wir so bei einer Stunde Dauer uns mit Wort und Rat unterhielten, da entstand auf dem Platz vor dem Hause unseres Wirtes ein ungewöhnlich großer Lärm, und es hatte sich darum viel Volkes in wenigen Augenblicken angesammelt. Das lockte auch einige Meiner Jünger an die Fenster des Saales.
GEJ|9|15|2|0|Ich aber berief sie zurück, sagend: „Wozu diese Neugier? Wir werden es etwa wohl noch früh genug erfahren, was es gibt! Etwas gar zu Erbauliches sicher nicht, und das, was schlecht ist, erfährt man allzeit nur zu früh, so man es auch etwas später erfährt.“
GEJ|9|15|3|0|Darauf zogen sich die etlichen neugierigen Jünger wieder an den Tisch zurück.
GEJ|9|15|4|0|Es dauerte aber gar nicht lange, da brachten mehrere Kaufleute mit ganz ergrimmten Gesichtern drei mit Stricken fest geknebelte Hauptdiebe, die im Gedränge bei den Kaufleuten Geld und auch andere Dinge gestohlen hatten, in das Gastzimmer zum Wirte, um sie da anzuklagen, weil eben der Wirt in dieser Stadt eine Art Bürgermeister und Marktrichter war und die Diebe zu verhören und dann dem Hauptgericht zur Bestrafung zu überantworten hatte.
GEJ|9|15|5|0|Es war aber dem Wirte dieser Fall nicht angenehm um Meinetwegen. Aber was wollte er machen? Er mußte die Kaufleute und noch andere Zeugen anhören und die drei schon allbekannten Diebe in ein festes Gewahrsam nehmen.
GEJ|9|15|6|0|Als die Kaufleute das ihnen Gestohlene wieder zurückerhielten, da entfernten sie sich denn auch bald wieder und gingen in ihre Verkaufsbuden.
GEJ|9|15|7|0|Ich aber sagte zum Wirte: „Freund, da außer uns nun niemand hier ist, so lasse du die drei Diebe aus der festen Kammer hierher bringen, und Ich werde mit ihnen reden!“
GEJ|9|15|8|0|Solches tat der Wirt, und die drei Diebe wurden von seinen Knechten zu uns gebracht.
GEJ|9|15|9|0|Als sie vor Mir standen, redete Ich sie also an: „Ihr seid Juden aus der Gegend unweit von Bethlehem. Habt ihr nicht erlernt das Gesetz Gottes, darin es heißt, daß man nicht stehlen soll? Wer erteilte euch denn die Befugnis, wider das göttliche Gesetz zu handeln? Redet frei und offen, so ihr nicht einer noch härteren Strafe verfallen wollet als die, die euch auf euer Verbrechen ohnehin erwartet!“
GEJ|9|15|10|0|Auf diese Anrede sagte einer der drei Diebe: „Herr, sei uns gnädig und barmherzig, und ich will dir alles vom Grunde aus sagen, wie sich diese ganze Sache verhält! Sieh, wir sind drei Brüder, und unsere Eltern besaßen wahrlich in der Nähe der Stadt Davids Haus, Grund und Boden und waren samt uns und noch unseren vier Schwestern, die wohl die Schönsten in der ganzen Gegend waren, ganz gute und fromme Menschen und waren auch wahrlich wohlhabend.
GEJ|9|15|11|0|Es starb aber der Vater um etliche Jahre früher denn die Mutter, die stets große Stücke auf die Priester besonders in Jerusalem hielt; was diese ihr mit frommer Miene sagten, das galt ihr für Gottes Wort.
GEJ|9|15|12|0|Die frommen Gottesdiener aber benutzten nur zu bald die blinde Leichtgläubigkeit der Mutter, malten ihr den Himmel mit den buntesten Farben überaus herrlich vor, die Hölle (Scheoul) aber dagegen so schrecklich qual- und martervoll, als einer bösen Menschenphantasie nur immer möglich ist. Auf daß sich unsere Mutter auf dieser Welt schon völlig des Himmels versichern könne, so müsse sie nach dem Rate der gar entsetzlich frommen Priester alles verkaufen und das Geld dem Tempel zum Opfer bringen; auch die vier Schwestern müsse sie dem Tempel übergeben, auf daß er für sie sorge und sie bewahre in der jungfräulichen Reinheit und Keuschheit. Denn so eine der Töchter sich einem Manne vor der Ehe ergäbe, so würde solche Sünde die Seele der Mutter in den allertiefsten Grund der Hölle auf ewig verdammen. So die Mutter aber das täte, was er als der Priester, der Tag für Tag mit Gott verkehre und Seinen Willen kenne, ihr anrate, so komme sie nach des Leibes Abfall nicht nur sogleich in das himmlische Paradies, sondern sie werde auch vom Tempel aus im heiligen Witwenstifte zur größeren Heiligung ihrer Seele versorgt werden, wo etwa an den Sabbaten und hohen Festen die frömmsten Witwen von den Engeln Gottes bedient werden und kein Teufel sich mehr einer Seele nahen kann, um sie zu verführen.
GEJ|9|15|13|0|Das galt unserer Mutter so viel, als hätte ihr das Jehova unter Blitz und Donner vom Berge Sinai herab verkündet.
GEJ|9|15|14|0|Wir drei Söhne, die wir das lose Treiben der Templer schon ein wenig durchschaut hatten, widerrieten der Mutter, das zu tun; aber das half nichts, und sie verkaufte in kurzer Zeit alles, und wir mußten das schwere Geld ihr noch in den Tempel schaffen helfen.
GEJ|9|15|15|0|Wir aber fragten dann ganz traurig den Obersten im Tempel, was denn wir nun als an den Bettelstab Gebrachte tun sollten. ,Wer wird uns versorgen, und wo werden wir nun einen Dienst und ein Brot finden?‘
GEJ|9|15|16|0|Da gab uns der Oberste drei Silberlinge und jedem ein gewisses Päckchen, darin sich etliche Reliquien befanden, und sagte: ,Mit den drei Silberlingen könnet ihr sieben Tage lang leben, und die in den drei heiligen Päckchen wunderbar anwesende Kraft Gottes wird euch alles zu eurem Glücke gelingen helfen, was ihr immer unternehmen werdet. Ihr könnet im Besitze dieser Päckchen auch stehlen und rauben, nur nicht morden, außer im Notfalle einen reichen Heiden und auch einen Samariten, und es wird euch das von Gott aus zu keiner Sünde gerechnet werden, weil ihr durch die fromme und Gott überaus wohlgefällige Tat der Mutter vor Ihm gerechtfertigt und den Engeln gleich geheiligt seid! Darauf bestrich er uns mit einem Stabe und hieß uns gehen.“
GEJ|9|16|1|1|16. — Die Lebensgeschichte der Räuber
GEJ|9|16|1|0|(Die drei Räuber:) „Wir waren anfangs wohl sehr traurig und zogen weinend in unsere Gegend zurück, um allda ein Unterkommen zu finden. Wir fanden auch Dienste, die aber wahrlich so elend waren, wie es schon nichts Elenderes geben kann. Von einem Lohne war schon gar nirgends eine Rede. Um eine für die Schweine zu schlechte Kost mußten wir beinahe Tag und Nacht schwer arbeiten und wurden bei allem unserm Fleiße allzeit nur beschimpft und getadelt; und suchten wir irgendeinen andern, vielleicht doch besseren Dienst, so fanden wir statt einen bessern nur einen noch schlechteren.
GEJ|9|16|2|0|Wir litten so fünf Jahre hindurch mehr denn so mancher Heidensklave, und da man uns nirgends einen Geldlohn gab und wir auch sahen, wie schändlich wir von den Templern aller unserer Güter unter dem Titel ,Zur Ehre Jehovas‘ beraubt worden waren, und auch stets heller einzusehen anfingen, daß der Tempel zu Jerusalem kein Gotteshaus, sondern eine wahre Räuberhöhle und Mördergrube ist, so verloren wir denn auch allen Glauben an einen Gott, und die ganze Lehre Mosis und der Propheten galt uns nur als ein Menschenwerk, durch das sich die pfiffigeren und zum Arbeiten trägen Menschen durch die Hände der Armen und leichtgläubig blinden Menschen eine feste Burg erbauten, um aus derselben die Menschen zu knechten, für sich arbeiten zu lassen und sich dabei im größten Wohlleben zu mästen.
GEJ|9|16|3|0|Ob wir die besagten fünf elendesten Jahre hindurch uns an keinen Diebstahl gewagt haben? Nein! Weil uns unser Glaube an einen allsehenden Gott davon noch abhielt. Aber nach dieser Zeit fingen wir uns ernstlicher zu fragen an, ob es wohl einen Gott gäbe, – und stets lauter kam uns aus unseren Erfahrungen die Antwort entgegen: Nichts gibt es! Alles ist Trug und Lüge, erfunden von trägen und phantasiereichen Menschen zu ihrem irdischen Wohle! Nur wir ohne unser Verschulden arm gewordenen Menschen sollen die Gesetze halten und an einen Gott glauben; die Reichen und Arbeitsscheuen haben das nicht nötig, weil sie wissen, daß am Moses und all den Propheten kein wahres Wörtlein haftet. Denn wäre es anders, so müßten sie ja doch selbst im Glauben stehen und die Gesetze halten, die an und für sich fürs irdische Zusammenleben der Menschen wohl ganz gut sind, aber in sich dennoch keinen moralisch geistigen Wert haben; denn hätten sie den, da müßten ja doch vor allem die Priester zum Beispiel für die blinden Laien strenge danach leben.
GEJ|9|16|4|0|Kurz, unter solchen gewiegten Betrachtungen in unserem Elende und infolge der stets totalen Unerhörtheit aller unserer vielen Bitten, die wir unter vielen Tränen zu den Sternen emporsandten, und ferner noch mehr infolgedessen, als wir vernommen hatten, daß unsere Mutter in dem gewissen Stifte auffallend bald nach ihrem Eintritt gar elend gestorben sei und unsere schönsten Schwestern von den Pharisäern beinahe zu Tode geschändet worden seien, war es vollends aus mit all unserem Glauben, und wir beschlossen, uns an der argen Menschheit zu rächen und ihr zu Gefallen keine leichtgläubigen, blinden Narren mehr zu machen.
GEJ|9|16|5|0|Wir fingen an, uns an den Reichtümern der Wohlhabenden zu vergreifen, und es gelang unserer Schlauheit stets, mit heiler Haut durchzukommen. Dies gab uns doch noch so ein kleines Vertrauen zu unseren gewissen Paketchen, und wir befanden uns ganz wohl bei unserem Geschäfte durch einige Jahre. Doch diesmal waren wir zu wenig vorsichtig und wurden ergriffen, was uns denn auch wahrlich nichts macht; denn wir sind alles mögliche Elend schon gewohnt und unser Leben ist uns schon lange zum höchsten Überdruß geworden, und jeder von uns wünscht sich den Tod. Doch bevor wir etwa ans Kreuz gebunden werden, soll laut der gräßlichste Fluch über die ganze Erde, über alle Menschen und anderen Kreaturen, über Sonne, Mond und Sterne und über die Naturkraft, die uns in ein so elendes Dasein rief, überlaut ausgesprochen werden, und wir werden es den Menschen zeigen, was und wieviel an ihrem allein wahren Gott, an Seinen Gesetzen und an Seinen Priestern gelegen ist.
GEJ|9|16|6|0|Wir haben zwar bis jetzt noch keine Mordtat begangen, und das aus dem Grunde, weil wir Elenden jedem sein elendes Leben gönnten und niemand von seinem größten Elende befreien wollten, – doch wer sich uns widersetzte auf den Straßen, der ward von uns arg zugerichtet; denn aus unseren Herzen ist schon lange ein jeder Tropfen barmherzigen Blutes entschwunden. Wahrlich, könnten wir mit einem Schlag gar alle Menschen auf der ganzen Erde vernichten, so wäre das für uns ein größtes Labsal, und irgendein harter und tauber Gott könnte sich dann wieder andere elende Menschenkreaturen aus den Pfützen und Sümpfen zu Seinem tyrannischen Vergnügen zusammenmodeln!
GEJ|9|16|7|0|Und nun weißt du, gestrenger Herr und Richter, alles und kannst über uns Elende nach deinem Gutdünken urteilen; doch bedenke wohl zuvor, wer und was die Schuld an unserem Elend war! Wir haben treu, wahr und offen, wie du es verlangt hast, geredet.“
GEJ|9|17|1|1|17. — Die Entrüstung und gute Absicht des Wirtes
GEJ|9|17|1|0|Als der eine Dieb vor Mir solches ausgeredet hatte, da schlug der Wirt, Kado und der alte Apollon dreimal die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte: „Nein, Herr und Meister, das von den Pharisäern von Jerusalem zu hören, macht mich ordentlich grimm- und wutwirre im ganzen Gemüte, und ich begreife nun wahrlich nicht, wie ein Gott, den du uns auf die allerwahrste und lebendigste Weise kennen lehrtest, solchen Greueln so viele Jahre lang mit einer wahrlich unbegreiflichen Geduld zusehen kann und wie zulassen solche Missetaten. Gegen solche Priester sind ja die Straßendiebe und Räuber noch wahre Engel!
GEJ|9|17|2|0|Wahrlich, wenn diese drei dadurch so elend geworden sind, wie der eine es ausgesagt hat, so verdienen erstens die elenden Templer, die ärger denn die Heidenfurien handeln, mit einem Hieb vernichtet zu werden, und diese drei verdienen zweitens nicht nur keine Strafe, sondern noch eine Belohnung; denn daß sie das geworden sind, als was sie nun vor uns stehen, daran schuldet doch wohl niemand anders denn solche fluchwürdigsten Priester, die sich als Diener des einen, allein wahren Gottes allenthalben überhoch ehren und anbeten lassen, als Menschen aber alle wilden und reißenden Wald- und Wüstenbestien an Grausamkeit himmelhoch übertreffen.
GEJ|9|17|3|0|Herr und Meister, es wäre da wahrlich an der Zeit, über solche Ausgeburten der wahrhaftigen Hölle ein sie vernichtendes Gericht loszulassen; denn diese Ärgsten aller Argen müssen ja schon eine solche Masse Greuel an ihren Nebenmenschen begangen haben, daß deren Zahl kein Mensch mehr auszusprechen vermag! Diese drei aber dauern mich als einen Heiden in der Seele, und ich werde sie mit keiner Strafe belegen, sondern sie freilassen, und sie sollen und werden in meinem Hause ihr gutes Unterkommen haben ihr Leben lang und mir als treue Zeugen allzeit zur Seite stehen, wo es sich darum handeln wird, gegen die Teufel im Tempel zu Jerusalem kräftigst zu wirken. Es soll mir nur bald wieder so ein Judenpriester, wie das sehr oft geschieht, mit einer Klage wider jemanden kommen, bei dem er noch einen Zehnt einzutreiben hat! Ich werde ihm dann schon sagen, wie er heißt, und was er von mir für ein Recht zu gewärtigen hat! Und habe ich einmal das Zeitliche verlassen, so wird mein liebster Sohn Kado in meinem Geiste fortzufahren verstehen.“
GEJ|9|17|4|0|Hierauf wandte er sich zu den drei Dieben mit freundlicher Miene und sagte: „Seid ihr mit meinem Urteil zufrieden, und wollet ihr meinen Antrag annehmen?“
GEJ|9|17|5|0|Sagte der eine, der schon ehedem geredet hatte: „Also, unter den Heiden gibt es noch wahre Menschen, die man unter den Juden nicht mehr findet, die sich frechstermaßen das erwählte Volk Jehovas und Kinder Gottes nennen, dabei aber wahre Kinder aller Teufel sind! Mit vielen Freuden und mit dem dankbarsten Herzen nehmen wir deinen Antrag an und wollen dir treuer dienen als jemand, den du zu deinen treusten Dienern gezählt hast. Wir wollen von nun an das Gute des Guten wegen tun und die Wahrheit um ihrer selbst willen zu unserer ferneren Lebensrichtschnur erwählen, und keine Hölle, als der Juden jenseitige Seelenstrafe für ihre Sünden, soll uns vom Bösen abhalten und kein Himmel, als ewiger Seelenlohn für ihre guten Taten, uns zum Guten und Wahren ermuntern, sondern das Gute und Wahre für sich soll unser wahrhaftigster Himmel sein, und wir werden uns nach allen unseren Kräften emsigst bestreben, uns diesen Himmel anzueignen.
GEJ|9|17|6|0|Aber nun bitten wir dich, uns von den Fesseln zu befreien; denn wir haben sie zu tragen wahrlich nicht verdient. Wahrhaft gute Menschen werden das wohl auch einsehen, und ein gerechter Richter sollte lieber diejenigen auf das schonungsloseste züchtigen, die durch ihr unbarmherzigstes Handeln und Gebaren die Menschen zu Verbrechern machten und nicht so sehr die Verbrecher, die nur die Not, Verzweiflung und der Zorn über die unbegrenzte und frechste Bosheit der Menschen zu Handlungen zwang, die an und für sich zwar böse, aber bei Menschen, wie wir sind, sicher sehr zu entschuldigen sein sollen.
GEJ|9|17|7|0|Oh, wie viele schmachten in den Kerkern, die, von ihrer Kindheit an gerechnet, sicher die allergeringste Schuld tragen, daß sie Verbrecher geworden sind; denn entweder sind sie durch eine schlechte Erziehung oder auf die Art wie wir zu Verbrechern geworden.
GEJ|9|17|8|0|Wenn es einen höchst guten, weisesten und dabei sicher gerechtesten Gott gäbe, so müßte Er das ja doch auch einsehen und mit Seiner Allmacht jene Menschen züchtigen, die der Hauptgrund an der stets zunehmenden Verschlimmerung der Menschen waren und noch gleichfort sind und bleiben werden bis ans mögliche Ende der Welt und ihrer argen Zeit. Aber weil die großen und mächtigen Teufel in Menschengestalt für ihre noch so großen Greueltaten nahezu nie sichtlich von Gott aus zum abschreckenden Beispiel für andere ihresgleichen bestraft werden, sondern sich ganz frei und auch allzeit hochgeehrt im größten Wohlleben bewegen und dazu noch mehr Greuel auf Greuel ungestraft begehen können, so kann es uns denn wahrlich auch nicht verargt werden, so wir sagen und behaupten, daß es bei so bewandten Umständen keinen eigentlichen Gott, wie Ihn uns die Schriften Mosis und der anderen Propheten darstellen, je gegeben hat und je geben kann, sondern irgendeine uns Menschen unbekannte Kraft der Erde unter Einwirkung der Sonne, des Mondes, der Planeten, der andern Sterne und der vier Elemente haben auch uns armseligste Menschen so wie alle andern Wesen und Dinge ohne ihr Wollen produziert, und man wird ungefähr also ins Dasein gerufen von sich ihrer selbst sicher so wenig bewußten Kräften der rohen Natur, als wie wenig sich der Mensch alles dessen bewußt ist, wie sein Leib wächst, und wie auf seiner Haut allerlei Haare und das ihm lästige Ungeziefer produziert wird. Darum ist ein Narr derjenige, der nur die geringste Freude an seinem so elend bestellten und allzeit vergänglichen Leben hat und dazu noch voll Demut und tiefster Hingebung einem nirgends seienden Gott für ein solches Leben dankt.
GEJ|9|17|9|0|Ja, ein rechter Mensch soll Gott wohl suchen, – und hat er Ihn gefunden und von Ihm erfahren, warum er in diese elende Welt gesetzt worden ist, und ob es wohl der vollsten Wahrheit nach ein jenseitiges Fortleben der puren Seele gibt, dann soll er Ihm auch in aller Liebe des Herzens danken für solch ein Leben und Sein, das hinter sich gar große Bestimmungen wohl erweisbar birgt. Aber wo ist der Sucher auf der Erde anzutreffen, dem es der vollen Wahrheit nach gelungen wäre, solch einen Gott irgend gefunden zu haben?
GEJ|9|17|10|0|Haben Ihn aber irgend Menschen jemals gefunden, wie man derlei in der Schrift häufig liest, warum läßt Er Sich denn von uns gegenwärtigen Menschen nicht mehr finden? Sind wir etwa weniger Menschen, als es da die in der Schrift benannten Menschen waren? Von der Geburt an sind sicher alle Menschen gleich höchst unschuldige Wesen gewesen; wer anders trägt denn hernach die große Schuld an der gegenwärtigen Verkümmerung der Menschen als eben ein solcher Gott, der Sich wohl von den Alten hat finden und erkennen lassen, aber uns, ihre Nachkömmlinge, nicht mehr erhört und ansieht und uns Schwache der vollen Willkür der herzlosesten mächtigen Tyrannen und somit allem Elende preisgibt?“
GEJ|9|18|1|1|18. — Die Religion der drei Räuber
GEJ|9|18|1|0|(Die Räuber:) „Ja, wir armen Suchenden werden von den vielartigen Mächten zu einem Blindglauben mit Feuer, Schwert und Kreuz gezwungen; aber die Tyrannen können ungestraft tun, was sie wollen, – denn sie stehen außerhalb des Gesetzes. Ich aber frage da die reine Menschenvernunft, ob das auch recht ist im Falle des wirklichen Daseins eines höchst guten, weisen, allwissenden und allmächtigen Gottes, dem doch alle Menschen gleich sein sollen, indem sie Sein und nicht ihr eigenes Werk sind. Wenn sie nun ungeratener sind, als sie früher einmal waren, können sie darum? Oder kann der darum, der blind oder taub aus dem Mutterleibe in diese Welt gestellt worden ist und dann ein elendes Leben zu durchleben hat?
GEJ|9|18|2|0|Oh, oh, Freunde, es gibt für einen Denker wohl um tausend Male mehr Gründe, am wahren Dasein eines Gottes zu zweifeln, als an dasselbe zu glauben! Doch wir wollen damit aber noch immer nicht als irgend unwandelbar fest begründet aussprechen, daß aller Glaube an einen Gott ein eitler, von den phantasiereichen Menschen erfundener Trug sei, den sie durch allerlei Zauberwunder den leichtgläubigen, verstandesblinden Menschen als volle Wahrheit darstellen, um sie dann desto leichter für sich dienstwillig zu machen.
GEJ|9|18|3|0|War die große Masse einmal gehörig breitgeschlagen, da half es dann den wenigen Helldenkern nichts mehr, sich dem wohlgenährten Volksbetruge entgegenzustellen, sondern jeder mußte, um nicht als ein Frevler gegen die einmal festgestellte Wahrheit auf das grausamste gemartert zu werden, auch nach der Melodie tanzen und springen, wie sie ihm von den sogenannten Gotteslehrern stets mit fürchterlich drohender Miene und Stimme vorgesungen ward. Und hat sich einer erdreistet, solch einen Gotteslehrer um das Wesen Gottes näher zu fragen, da bekam er sicher eine Antwort, ob der ihm bald das Hören und Sehen vergangen ist, wie das heute bei allen Priesterkasten, Heiden und Juden der unbezweifelte Fall ist.
GEJ|9|18|4|0|Hat jemand im stillen selbst nach dem Dasein eines Gottes zu forschen und zu suchen angefangen, so fand er gleich uns nichts als nur die stets gleichwirkenden stummen Kräfte der großen Natur, und er erlosch mit der Überzeugung, daß alle seine Mühe eine vergebliche war.
GEJ|9|18|5|0|Da wir an uns selbst bis jetzt diese Erfahrung auch zu machen die Ehre hatten, so kann uns abermals von einem vernunftreichen Menschen nicht verargt werden, so wir an einen Gott unter solchen Umständen nicht glauben können, und ebensowenig an ein Fortleben der Menschenseelen nach des Leibes Tode. Wir glauben wohl, daß in der großen Natur im Grunde nichts völlig vergehen, sondern nur seine Formen wechseln kann; ob aber unsere gegenwärtige Menschenform in einer andern, sicher sehr geteilten Form auch ein Denken und Selbstbewußtsein haben wird, das ist eine andere Frage.
GEJ|9|18|6|0|Kurz und gut, wir haben nun auch zur Genüge unsere Gründe dargetan, aus denen wir an dem Dasein eines Gottes zweifeln, und warum wir von nun an als Menschen den wahren Himmel nur in der Wahrheit und ihrem Guten suchen und auch finden wollen; und so haben wir euch in dieser unserer Darstellung auch treu und wahr gezeigt, daß wir keinen Hinterhalt haben, und so bitten wir dich nun noch einmal, daß du, Bürgermeister dieser Stadt, uns von den Fesseln befreien wollest!“
GEJ|9|18|7|0|Hierauf befahl der Wirt den Dienern, den dreien die Fesseln abzunehmen, was denn auch sogleich geschah. Darauf aber hieß der Wirt die drei in ein anderes Gemach führen und ihnen zu essen und zu trinken geben, sie aber auch ganz frisch bekleiden, indem ihre Bekleidung sich schon in einem sehr elenden Zustande befand.
GEJ|9|19|1|1|19. — Über die Führung der Menschen
GEJ|9|19|1|0|Als die drei sich ganz wohlgemut in einem Nebenzimmer befanden, da erst sagte der Wirt zu Mir: „Was, o Herr und Meister, sagst denn nun Du zu der ganz verzweifelt wohlbegründeten Rede dieser drei? Nein, ich habe doch schon so manches von unseren Weltweisen gehört und selbst gelesen, aber so etwas Gediegenes ist mir noch niemals vorgekommen! Man kann ihnen sowohl im Sonderheitlichen wie auch im Allgemeinen wahrlich selbst beim besten Willen und Glauben nichts entgegenstellen. Denn es steht mit der Menschheit im Allgemeinen wie auch im vielfach Sonderheitlichen genau so, und ich bin nun eben auf Deine Meinung im höchsten Grade begierig, wie Du da Dich Selbst entschuldigen und rechtfertigen wirst.“
GEJ|9|19|2|0|Sagte Ich: „Es sei euch allen darum nicht bange; denn Ich Selbst habe das alles so kommen lassen der etlichen Erztempeljuden wegen, die sich dort im anstoßenden Zimmer befinden. Sie sind heute in der Nacht von Jerusalem hier angekommen und haben im soeben angezeigten Zimmer die Wohnung auf etliche Tage gemietet. Diese haben an der Wand scharf gehorcht, was hier im Saale über sie alles gesprochen wurde, und der Redner hat mit starker Stimme sie gerade so gezeichnet, wie sie auch sind. Und das war denn auch gut.
GEJ|9|19|3|0|Diese Juden kamen hierher, um einen rückständigen Zehent unter deinem Beistande einzuheben. Du aber wirst nun etwa wohl wissen, welchen Beistand du ihnen leisten wirst! Wenn sich die drei werden erholt haben, dann lasse sie wieder hierher bringen, und wir werden dann die Sache schon ganz gut weiterhin ab- und ausmachen!“
GEJ|9|19|4|0|Sagte der Wirt und auch Kado: „Gedacht haben wir es uns wohl, daß sich die Sache also verhalten werde, doch auszusprechen getrauten wir uns das darum nicht, weil wir Dich erstens vor den dreien nicht vor der Zeit verraten wollten, und zweitens, weil uns die Rede des Redners allen Ernstes zu einer Aufmerksamkeit nötigte und wir sehen wollten, wie weit es der Mensch mit der Schärfe seines Verstandes bringen kann. Und wahrlich, vom rein menschlichen Standpunkte aus betrachtet, hatte der Redner auch in seiner Darstellung der Verhältnisse zwischen Schöpfer und Geschöpf denn auch recht; denn es ist für unseren Menschenverstand wahrlich schwer zu begreifen, warum Du die Menschen eine so lang andauernde Zeit auf eine nähere Offenbarung Deiner Selbst, Deines Willens und Deiner Absichten mit den Menschen hattest können harren und in der dicksten Lebensnacht zahllos viele verschmachten lassen. Und wie viele werden noch verschmachten, ohne von Dir etwas zu erfahren; und so sie von den Ausbreitern Deiner Lehre auch erfahren, daß Du in Menschengestalt Selbst auf diese Erde kamst und den Menschen gezeigt hast die Wege zum ewigen Leben der Seelen, – werden sie es wohl glauben so fest wie wir nun, daß es auch also war, wie sie von Deinen Boten benachrichtigt worden sind?“
GEJ|9|19|5|0|Sagte Ich: „Ihr als Menschen habt allerdings sehr recht, so zu reden, zu fragen und zu urteilen; aber Mich als den Schöpfer fordert Meine Liebe, Meine Weisheit und Ordnung auf, Mich Meinen Geschöpfen gegenüber stets so zu verhalten, wie es für sie zu jeder Zeit am allernotwendigsten ist.
GEJ|9|19|6|0|Vom ersten Menschen dieser Erde bis zu dieser Stunde sind die Menschen nie auch nur ein Jahr lang gänzlich ohne alle Offenbarung, von Mir ausgehend, geblieben, – aber stets also, daß ihr völlig freier Wille keine Nötigung zu erleiden hatte, weil der Mensch ohnedem kein Mensch, sondern nur eine Maschine Meines Willens wäre.
GEJ|9|19|7|0|Es ward darum dem Menschen aber auch der Verstand gegeben als ein gutes Licht, um mit demselben Gott und Seinen Willen zu suchen, – was denn auch zu allen Zeiten gar viele Menschen getan und beim rechten Ernste auch das gefunden haben, was sie suchten.
GEJ|9|19|8|0|Daß Sich aber Gott nicht so bald und so leicht finden läßt, wie es so gar manche Menschen eben gerne hätten, das hat seinen höchst weisen Grund darin: Würden die Menschen mit leichter Mühe das finden, was sie suchen, so hätte das Gefundene bald keinen Wert mehr für sie, und sie gäben sich wenig Mühe mehr, noch weiter zu suchen und zu forschen; sie begäben sich in die Trägheit, und der von ihnen gar so leicht und bald gefundene geistige Schatz würde ihnen noch weniger nützen, als so sie ihn ängstlich gleichfort suchen müssen und in dieser Welt doch nur selten und schwer völlig finden. Darum geschehen große Offenbarungen selten, damit die Menschen, in ihrer Seelennacht geängstigt, selbst Hand ans Werk legen müssen und mit allem Eifer suchen die ewige Wahrheit und also Mich.
GEJ|9|19|9|0|Daß die Menschen in dieser Welt während ihres Suchens gar oft auf allerlei Abwege und auch in allerlei Bedrängnisse geraten, ist wohl ein diesirdisches Übel; aber dies entsteht nicht etwa aus dem tätigen Ernst des Suchens, sondern aus der leidigen Trägheit im Suchen, die eine Frucht der übertriebenen Welt- und Eigenliebe ist, vermöge der sich die Menschen das Streben nach dem Reiche des Geistes so bequem als möglich machen möchten. Wenn das andere, noch trägere Menschen merken, so sagen sie dann bald und leicht zu den lau Suchenden: ,Ei, was gebt ihr euch doch noch für Mühe, das zu suchen, was wir schon lange in größter Klarheit gefunden haben! So ihr uns glauben und dienen und statt eures fruchtlosen Selbstsuchens und Forschens kleine Opfer bringen wollt, so werden wir euch alles treu verkünden, was wir leicht und bald gefunden haben!‘
GEJ|9|19|10|0|Nun, den trägen und Mühe scheuenden Suchern ist solch ein Antrag willkommen, sie nehmen ihn an und glauben, was ihnen jene unter Mithilfe von allerlei falschen Wundern und Zeichen, die die noch Trägeren im Suchen der Wahrheit erfunden haben und zum Besten ihres diesirdischen Wohllebens vor den Blinden mit allerlei Zeremonie darstellen, mit ernster Miene sagen. Auf diese Art entstehen dann die vielen Gattungen des Aberglaubens, Lügen, Betrug und völlige Lieblosigkeit und mit ihr alles Unheil auf der Erde unter den Menschen.
GEJ|9|19|11|0|Ihr fraget nun freilich in euch, warum Ich so etwas zulasse. Und Ich sage es euch: Aus dem Grunde lasse Ich so etwas zu, weil es für die Menschenseele, die zum ernsten Suchen zu träge, besser ist, daß sie doch etwas glaube und durch den Glauben sich in eine Ordnung füge, als so sie völlig erstürbe in ihrer Trägheit und Arbeitsscheu. Geht die Sache des Betrugs und der Bedrückung einmal zu weit, dann zwingt zuerst die Not die Leichtgläubigen zum weiteren Selbstforschen nach der Wahrheit. Sie merken den Betrug, verlassen ihre Trägheit und fangen an, ernstlich selbst zu forschen und scheuen den Kampf nicht, – und es geht daraus bald allerlei Licht hervor. Und zweitens ist darauf eine an solche lang betrogene und darum eifrige Sucher von Mir neu erteilte Offenbarung eine ihnen ums unaussprechliche willkommenere und für die Vertreibung des alten Aberglaubens auch wirksamere.
GEJ|9|19|12|0|Da habt ihr nun von Mir aus eine ganz klare Beleuchtung dahin, warum Ich auf dieser Erde unter Menschen so manches nach ihrem freiesten Willen zulasse, was vor dem Richterstuhle der Menschen eben nicht als ganz gut und weise erscheint, aber im Grunde des Grundes doch höchst gut und weise ist.
GEJ|9|19|13|0|So weit nun für euch. Aber nun lasset die drei wieder hereinkommen, und Ich werde mit ihnen reden!“
GEJ|9|20|1|1|20. — Nojeds Frage nach der wahren Gotteslehre
GEJ|9|20|1|0|Hierauf berief der Wirt sogleich die drei, und sie kamen denn alsogleich in besserem Zustande und somit auch heitereren Mutes und dankten dem Wirte für die ihnen erwiesene große Freundschaft.
GEJ|9|20|2|0|Der Redner aber bat um die Erlaubnis, zum Dank noch einige Worte hinzufügen zu dürfen.
GEJ|9|20|3|0|Und der Wirt sagte: „Rede nur, aber fasse dich kurz; denn es steht euch nun noch etwas gar Wichtiges zu eurem größten Heile zu vernehmen und zu erfahren bevor.“
GEJ|9|20|4|0|Sagte der Redner, der Nojed hieß: „Freund und edelster der Menschen, das werde ich auch beachten; denn dein Wunsch soll fortan unser Gesetz sein! Da wir in dir als einem Heiden einen wahren Menschen gefunden haben und auch eine Weisheit mit wahrer Güte vereint, wie man dergleichen unter den Juden wohl nicht mehr antrifft, so gedachten wir eurer Götter und kamen auf die Idee, daß sie vielleicht doch mehr als eine Fabel sind. Wir möchten mit eurer Lehre nun näher vertraut werden, um auch euren Göttern zu opfern und alle Ehre zu erweisen.
GEJ|9|20|5|0|Denn ich denke da also: Unter welcher Gotteslehre die besten Menschen anzutreffen sind, die muß auch selbst die beste und wahrste sein. Unsere Gotteslehre ist es wahrlich nicht, weil die in ihr geborenen und erzogenen Menschen nun sicher wohl die schlechtesten sind, die es auf der weiten Welt nur je irgend geben kann. Ihre Priester aber sind schon allgemein bei den besseren Völkern als eine wahre Menschenpest bekannt und anerkannt. Und eine Gotteslehre, in deren geistigem Schoße statt gute und weise Menschen nur wahre Tiger und Hyänen und Wölfe und Bären erzogen werden, kann keine gute und noch weniger wahre Lehre sein. – Was sagst du, edler Menschenfreund, zu dieser unserer Idee?“
GEJ|9|20|6|0|Sagte der Wirt: „Meine Freunde, über diese Sache besprechet euch mit diesem neben mir sitzenden Freunde; denn er ist ums unaussprechbare kundiger und weiser denn ich und alle noch so guten und weisen Griechen!“
GEJ|9|20|7|0|Sagte Nojed: „Dein Wunsch ist uns Gesetz! Dieser Mann und Herr ist dem Ansehen nach zwar auch ein Jude, kann aber durch den Umgang mit Griechen sehr weise geworden sein; denn wäre er ein Jünger des Tempels, dann wäre es schade, mit ihm irgend viel noch so helle und wahrheitsvolle Worte zu verlieren.“
GEJ|9|20|8|0|Hierauf wandte er sich an Mich und sagte: „So du kein Tempeljünger bist und das Wahre und Gute also gesucht und auch gefunden haben kannst, wie wir es nun suchen und irgend zu finden hoffen, da gib uns du dein Urteil über unsere von uns laut ausgesprochenen Ideen! Haben wir nicht recht, nur dort die Wahrheit und ihr Gutes zu suchen, wo wir gute und weise Menschen gefunden haben?“
GEJ|9|20|9|0|Sagte Ich: „Oh, allerdings; aber darum ist die Gotteslehre Mosis dennoch die allein wahre, wenn sie in dieser Zeit von den Schweinen im Tempel auch also zertreten und zerstört wurde wie das alte Babylon und Ninive und noch mehrere solcher alten Hurenstädte.
GEJ|9|20|10|0|Glaubet es Mir: Unser Jehova war von Ewigkeit her der allein wahre, gute, lebendige Gott und hat die Bitten derjenigen, die an Ihn ungezweifelt glaubten, Seine Gebote hielten und somit Ihn über alles und ihre Nächsten wie sich selbst liebten, niemals unerhört gelassen! Wenn Er zur größeren Läuterung der Menschenseelen oft auch mit der vollen Erhörung ihrer Bitten ein wenig zögerte, so hat Er sie aber darum dennoch niemals völlig unerhört gelassen und hat sie stets zu einer Zeit erfüllt, in der es die Bittenden oft am wenigsten gedachten.
GEJ|9|20|11|0|Ihr selbst habt – was Ich gar wohl weiß – unter großer Drangsal Gott oftmals um die Wegnahme eures Elends gebeten. Er aber ließ euch, die ihr zuvor in großem Wohlstande, aber dabei auch in vieler leiblichen und geistigen Trägheit als hochangesehene Leute gelebt habt, durch einige Jahre eine ernstere und härtere Schule des Lebens durchmachen, auf daß ihr nicht nur des Erdenlebens Anmut, sondern auch dessen Bitteres selbst erfahren solltet, um danach erst den wahren Wert des Lebens und dessen Zweck in euch selbst zu erforschen und zu erkennen.
GEJ|9|20|12|0|Ihr aber habt nun auch des Lebens Wermutbecher bis zum letzten Tropfen verkostet und seid dadurch zu wahren und tief denkenden Menschen geworden, fähig zur Aufnahme des wahren und lebendigen Gotteslebenslichtes aus den Himmeln, und so hat Gott denn auch nun in dem Moment eure Bitten erhört, in dem ihr Seiner Hilfe am meisten bedurftet!
GEJ|9|20|13|0|Und was Er nun euch getan hat, das hat Er getreust schon gar sehr vielen Menschen getan, wenn sie sich wahrhaft gläubig in ihrer Not an Ihn gewendet haben, und so könnet ihr nun nicht mehr sagen, daß der wahren Juden Gotteslehre falsch und unwahr sei; wohl aber ist das die Götterlehre aller Heiden!
GEJ|9|20|14|0|Meint ihr, daß dieser Wirt, als ein Patrizier dieser Stadt, euch wohl als noch ein Heide die Barmherzigkeit erwiesen hätte? Oh, mitnichten! Als ein Heide hätte er euch mit aller Schärfe des römischen Gesetzes behandelt; da er aber im Herzen kein Heide mehr ist, samt seinem ganzen Hause, sondern ein wahrer Jude gleich dem Abraham, Isaak und Jakob, so hat er euch denn auch auf Meinen Rat das angedeihen lassen, was ihr nun schon genießet und weiterhin noch mehr genießen werdet. – Erkennet ihr das?“
GEJ|9|21|1|1|21. — Die Familienverhältnisse des Hiponias, des Vaters der drei Diebe
GEJ|9|21|1|0|Sagte Nojed: „O weiser Freund, das riecht wohl sehr nach der Wahrheit, und es wird sich die Sache schon auch also verhalten; denn es steht ja geschrieben, daß Gottes Ratschlüsse unerforschlich und Seine Führungen und Wege unergründlich sind. Aber warum mußte unsere Mutter, die doch allzeit streng nach den Gesetzen des Tempels handelte und lebte, und so auch unsere vier allerunschuldigsten Schwestern von Jehova so gänzlich verlassen werden? Ist des Tempels Lehre eine gänzlich zerstörte und zertretene, was konnten da wohl die Mutter und die armen unschuldigen Schwestern dafür? Unsere Mutter, wie wir es als etwas Bestimmtes und Wahres vernommen haben, ist bald nach ihrem Eintritt in das schöne Gottesstift gestorben – wahrscheinlich an einem Gifte –, und die Schwestern sind über Hals und Kopf genotzüchtigt worden, und wer weiß es, was da noch Weiteres mit ihnen geschehen ist. Konnte daran der gute und höchst weise Gott der Juden auch ein Wohlgefallen haben, weil Er solches zugelassen hat? Kannst du uns auch darüber eine beruhigende Auskunft verschaffen, so wollen wir denn auch feste und gläubige Juden verbleiben!“
GEJ|9|21|2|0|Sagte Ich: „Oh, nichts leichter als das, – und so höret! Euer Vater, der Hiponias hieß – so wie der Älteste von euch –, war ein zum Judentum bekehrter Jude nach der reineren Lehre der Samaritaner. Er hielt nichts von den leeren Zeremonien und allerlei andern Betrügereien des Tempels. Er hatte aber dabei stets seine große Not mit seinem Weibe, die samt euren ihr ganz nachgeratenen Schwestern eine wahre Tempelnärrin war. Euer ehrlicher Vater grämte sich deshalb zu Tode und bat Gott noch auf dem Sterbelager, daß Er das Weib und die Töchter noch diesseits möchte erfahren lassen, daß sie nicht auf Seinen Wegen, sondern auf den Wegen des Fürsten der Lüge und der Macht des Todes wandeln. Gott aber erhörte die Bitte des Ihm in der Wahrheit stets unverändert treu ergebenen Vaters.
GEJ|9|21|3|0|Und welches Mittel wäre da zur Besserung der fünf Weiber, die all ihr Heil nur vom Tempel erwarteten, wohl tauglicher und wirksamer gewesen, als sie das so hochstehende Heil des Tempels verkosten zu lassen? Die Mutter, als die größte Tempelnärrin, hat zwar ihr irdisches Leben im Tempel geendet, ist aber dabei zum wahren Glauben ihres Mannes, dem sie so vielen Kummer bereitet hat, gänzlich zurückgekehrt und hat des Tempels Tun und Treiben aus dem Grunde des Herzens verachten gelernt. Und eure Schwestern lernten die sie bedienenden Engel Gottes auch bald aus der Erfahrung unter vielen Tränen sehr wohl näher kennen, bekamen bald einen großen Abscheu vor ihnen und befinden sich nun auf eine höhere Fügung und Zulassung Gottes ganz gesund und voll des rechten Glaubens und Vertrauens auf den allein wahren Gott der Juden in Essäa im Hause des großen Platzwirtes, allwo ihr sie bei Gelegenheit sehen und sprechen könnet. Heute aber ist noch kaum der vierte Tag, daß sie von zwei Erzpharisäern dahin zur Heilung mit mehreren andern gebracht worden sind. Alles Weitere werdet ihr bei Gelegenheit aus ihrem Munde erfahren können.
GEJ|9|21|4|0|Wenn sich aber die Sache also verhält, könnet ihr nachher noch behaupten, daß der Gott der Juden eine erdichtete, leere Fabel sei?“
GEJ|9|21|5|0|Sagte Nojed: „Freund, du bist ein Prophet, und wir glauben dir und glauben nun auch wieder an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs! Denn wärest du kein Prophet, erfüllt mit dem Geiste Jehovas, so könntest du nicht um unsere Namen und noch weniger um unsere geheimsten Lebensverhältnisse so genau wissen. Darum sei nun von neuem alle Ehre dem allein wahren Gott der Juden, der uns so wunderbar zu wahren Menschen durch Seine Sorge umgestaltet hat! In welchem Lande aber bist du ein Prophet geworden? Bist auch du ein Samaritaner?“
GEJ|9|22|1|1|22. — Über die Bestimmung der Menschen
GEJ|9|22|1|0|Sagte Ich: „Höre du, Nojed, samt deinen Brüdern Hiponias und Rasan! Ich bin kein Samaritan, wie du es meinst und verstehst, und doch bin Ich auch ein Samaritan; also bin ich auch kein Jude und doch wieder ein Jude; also bin Ich auch kein Heide und doch wieder ein Heide, ansonst Ich mit den Heiden keinen freundlichen Umgang hätte. Kurz und gut, Ich bin alles mit allem und in allem! Denn wo die Wahrheit, die Liebe und ihr Gutes in vollster Gemeinschaft walten, da bin auch Ich bei allen Menschen auf der ganzen Erde und verdamme niemand, der nach der Wahrheit strebt und ihrem Guten.
GEJ|9|22|2|0|Welcher aber aus Welt- und Selbstliebe der Wahrheit und allem Guten aus ihr den Rücken kehrt und somit notwendig sündigt wider die Wahrheit und wider ihr Gutes, welches da ist die reine Liebe in Gott von Ewigkeit, der sündigt auch wider die Ordnung Gottes und wider deren unwandelbare Gerechtigkeit und verdammt sich selbst.
GEJ|9|22|3|0|Erkennt er aber sein großes Übel und kehrt zur Wahrheit zurück und fängt an, dieselbe und ihr Gutes zu suchen und danach auch tätig zu werden, dann weicht die Verdammnis in dem Maße von ihm, als in welchem Maße er vollernstlich die gefundene Wahrheit zu seiner Lebensrichtschnur macht, und Gott greift ihm da auch unter die Arme und erleuchtet ihm stets mehr und mehr Herz und Verstand und kräftigt seinen Willen, und das gleich dem Heiden wie dem Juden. Und so bin Ich aus dem in Mir wohnenden Geiste Gottes Alles in Allem im Heiden wie im Juden. –
GEJ|9|22|4|0|Du hältst Mich auch für einen rechten Propheten, und Ich sage es dir, daß Ich auch einer bin, – und bin es doch auch wieder nicht! Denn ein Prophet mußte tun, was ihm der Geist Gottes zu tun gebot. Ich aber bin da Selbst Herr und Diener, schreibe Mir die rechten Wege Selbst vor, und niemand kann Mich zur Rechenschaft ziehen und sagen: ,Warum tust du das?‘ Denn Ich Selbst bin aus und in Mir die Wahrheit, der Weg und das Leben; und wer nach Meiner Lehre tun wird und glaubt, daß Ich Selbst die Wahrheit, der Weg und das Leben und somit ein gänzlich unabhängiger, freiester Herr bin, der wird auch gleich Mir in sich das ewige Leben haben.
GEJ|9|22|5|0|Denn so die Menschen dieser Erde Kinder Gottes werden wollen, so müssen sie in allem so vollkommen zu werden trachten, als wie vollkommen da ist der ewige und heilige Vater im Himmel, der in Sich ist die ewige Wahrheit, die ewige Liebe und Macht und alles das endlos Gute, Gerechte und Herrliche aus ihr. Darum heißt es auch in der Schrift: ,Nach Seinem Ebenmaße schuf Gott den Menschen, und zu Seinem Ebenbilde machte Er ihn und blies ihm Seinen Odem ein, auf daß er eine lebendige, freie Seele werde!‘
GEJ|9|22|6|0|Auf diese Weise sind die Menschen dieser Erde nicht etwa pure Geschöpfe der Allmacht Jehovas, sondern Kinder Seines Geistes, also Seiner Liebe, und somit – wie es auch geschrieben steht – selbst Götter.
GEJ|9|22|7|0|So sie aber das sind, was ihnen auch ihr freiester und durch nichts beschränkter Wille laut sagt, da sind sie auch freieste Herren und Richter über sich selbst. Aber vollkommene und Gott völlig ähnliche Herren werden sie erst dann und dadurch, wenn sie den ihnen treu geoffenbarten Willen Gottes zu ihrem eigenen durch das Handeln nach demselben machen, was ihnen auch völlig freisteht.
GEJ|9|22|8|0|Darum aber wirkt denn Gott auch nur höchst selten sichtbar unter den Menschen, weil er ihnen schon von Uranbeginn die Fähigkeit aus Sich gegeben hat, sich aus eigener Kraft nach und nach bis zur höchsten, gottähnlichen Lebensstufe erheben zu können.
GEJ|9|22|9|0|Wer demnach, sobald er zum Gebrauch seiner Vernunft kommt, die Wahrheit und ihr Gutes zu suchen beginnt und nach dem, was er gefunden hat, auch gleich handelt, der hat schon den rechten Weg betreten, und Gott wird ihm denselben stets mehr und mehr erleuchten und ihn zu Seiner Herrlichkeit führen. Wer aber träge wird, auch durch seinen eigenen Willen, und sich an diese Welt und ihre Lustreize hängt, die nur zur Probung des freien Willens vor die äußeren und vergänglichen Sinne des Materie- oder Leibmenschen gestellt sind, der richtet sich auch selbst freiwillig und macht sich dem, was tot und gerichtet ist, ähnlich, – ist somit auch schon so gut wie gerichtet und tot.
GEJ|9|22|10|0|Und dieser Tod ist dann das, was du unter dem Begriff ,Hölle‘ als Strafe der Seele für ihre Sünden verworfen hast, da du nimmer aus Furcht vor solch einer Strafe die Sünde meiden, wie auch einen Lohnhimmel fürs Handeln nach der erkannten Wahrheit erhoffen willst. Und Ich gebe dir da ganz recht; denn es gibt wahrlich nirgends eine solche Hölle, noch einen solchen Himmel. Und dennoch gibt es eine Hölle und einen Himmel, aber nicht irgend außerhalb des Menschen, sondern in ihm, je nachdem er sich selbst richtet auf die soeben gezeigte Art und Weise.
GEJ|9|23|1|1|23. — Über die Notwendigkeit und den Zweck der Versuchungen
GEJ|9|23|1|0|(Der Herr:) „Wäre aber diese Welt nicht mit allen erdenkbaren Lustreizen versehen, sondern wäre sie nur das für den Menschen, was da ist eine Wüste für die wilden Tiere, so wären sein gottähnlicher freier Wille, seine Vernunft und sein Verstand ihm auch vergeblich gegeben; denn was sollte da seine Liebe erregen und diese nach der Erregung begehren und wollen, und was könnte da seine Vernunft läutern und seinen Verstand erwecken und beleben?
GEJ|9|23|2|0|Das nahezu endlos viele und höchst Mannigfaltige, gut und schlecht, edel und unedel, ist also nur des Menschen wegen da, auf daß er alles sehe, erkenne, prüfe, erwähle und es zweckmäßig gebrauche; daraus kann er dann auch schon zu schließen anfangen, daß das alles ein höchst weiser, guter und allmächtiger Urheber also geschaffen und eingerichtet hat, Der, wenn der Mensch aus sich so zu urteilen beginnt, dann wahrlich niemals säumt, Sich dem denkenden Menschen näher zu offenbaren, wie das noch zu allen Zeiten der Menschen unbestreitbar der Fall war.
GEJ|9|23|3|0|Aber natürlich, wenn die Menschen sich zu sehr in die bloßen Lustreize der Welt verrennen und verstricken und nur denken, daß sie bloß darum da sind, um sich als vernünftige und denkende Wesen von der mit allem reichst ausgestatteten Welt auch alle erdenklichen Wohlgenüsse zu bereiten und des eigentlichen Zweckes gar nicht gewahr werden, warum sie in die Welt gesetzt worden sind, und wer sie in die Welt gesetzt hat, da kann von einer eigentlichen und höheren Offenbarung Gottes und Seines Liebewillens so lange keine Rede sein, als bis die Menschen durch allerlei Not und Elend wenigstens so weit zu denken anfangen, daß sie fragen und sagen: ,Warum mußten denn wir in diese elende Welt kommen, und warum müssen wir uns denn so plagen und martern lassen bis in den sichern Tod als dem elenden Schlußpunkte unserer Verzweiflung?‘, – wie auch du, Nojed, ehedem auf eine ganz ähnliche Weise weltweise gefaselt hast.
GEJ|9|23|4|0|Dann ist auch die Zeit da, in welcher Sich Gott den Menschen wieder von neuem zu offenbaren beginnt durch den Mund geweckter Menschen zuerst, durch andere Zeichen und auch durch allerlei Gericht an jenen Menschen, die durch allerlei Lug und Trug und Bedrückung der armen und schwachen Menschen reich und mächtig, stolz und lieblos und voll Übermutes geworden sind und bei sich an keinen Gott mehr denken und noch weniger im Herzen glauben, sondern sich nur in alle Lustbarkeiten der Welt stürzen und die armen Menschen mit Füßen treten und ihnen gar nicht mehr den Wert eines Menschen, sondern kaum den eines gemeinen Tieres erteilen.
GEJ|9|23|5|0|Wenn das einmal auf der Welt unter den Menschen das gewisse Übermaß erreicht hat, dann kommt auch ein großes Gericht und mit demselben auch eine große und unmittelbare Offenbarung Gottes an die Menschen, die noch einen Glauben an Gott und also auch eine Liebe zu Ihm und zum Nächsten in ihrem Herzen bewahrt haben.
GEJ|9|23|6|0|Da werden die Gottesleugner und stolzen Betrüger und Bedrücker von dem Erdboden hinweggefegt und die Gläubigen und Armen aufgerichtet und aus den Himmeln erleuchtet werden, wie das nun soeben der Fall ist und später, nach nahe 2000 Jahren, auch wieder einmal der Fall werden wird. Die Zeit aber, in der so etwas vor sich gehen kann und sicher wird, ist ebenso leicht zu erkennen, wie ihr im Spätwinter aus dem das herannahende Frühjahr leicht erkennet, so ihr die Bäume betrachtet, wie ihre Knospen stets angeschwollener und saftiger werden und von ihren Ästen und Zweigen der Saft gleich den Tränen der Menschen auf die Erde herabträuft und diese gewisserart um die Erlösung von der Not des Winters, in der so viele Bäume schmachteten, anfleht.
GEJ|9|23|7|0|Wenn alsonach einmal die armen Menschen auch anfangen, in ihrem Herzen vom Lichte der Wahrheit aus Gott heller und angeschwollener zu werden und dabei aber durch die unbarmherzige und maßlose Bedrückung den Erdboden mit ihren Tränen sehr zu befeuchten anfangen, dann ist das große geistige Frühjahr in die volle Nähe gekommen.
GEJ|9|23|8|0|Wenn ihr drei und auch ihr, Meine schon älteren Freunde, das so recht betrachtet, so werdet ihr es bald und leicht herausbekommen, um welche Zeit es nun ist, und was Ich so ganz eigentlich für ein Landsmann bin.“
GEJ|9|24|1|1|24. — Nojeds Bedenken gegen die Göttlichkeit des Herrn
GEJ|9|24|1|0|Sagte Nojed nun ganz voll Staunens: „O du großer und unbegreiflich weiser Freund! Diese deine Rede klang seltsam in unseren Ohren und Herzen! Daß du mehr als ein Prophet bist, das entnahmen wir aus deinen Worten; denn so weit hat es außer Moses und Elias wohl kein Prophet gebracht, und selbst diese sprachen niemals von ihrer eigenen Herrlichkeit, sondern stets nur von der Herrlichkeit Gottes. Du aber sagtest, daß du ganz eigenmächtig ein Herr bist, tun kannst, was du willst, und kein Gott und noch weniger ein Mensch kann und darf dich zur Rechenschaft ziehen und fragen: ,Warum tust du dieses und jenes?‘ Höre, wenn dieses von dir selbst über dich uns gegebene Zeugnis ohne Zweifel sich sicher bewahrheitet, dann ist zwischen dir und Gott gar kein anderer Unterschied mehr, als daß du gleich uns ein in der Zeit gewordener Gott bist und Jehova aber Gott schon von Ewigkeit her ist! Nun, das ist für unseren Verstand denn doch wahrlich etwas zu hoch gestellt, trotzdem auch wir wohl wissen, daß Gott durch den Mund des großen Propheten zu den damals frommen Juden gesagt hat: ,Ihr seid Götter, so ihr genau haltet Meine Gebote und dadurch Meinen Willen zu dem eurigen macht!‘
GEJ|9|24|2|0|Es lebten aber hernach bis auf uns her gar viele Juden, die Gottes Gebote von Kindheit an auf das strengste erfüllten; aber unter ihnen gab es auch nicht einen, der sich's zu sagen und zu behaupten nur von weitester Ferne her getraut hätte, daß er gleich Gott ein eigenmächtiger Herr sei, der weder vor Gott und noch weniger vor den Menschen für all sein Tun und Lassen irgend je eine Rechnung abzugeben schuldig ist. Freund, wie sollen wir das denn der Wahrheit gemäß wohl verstehen?“
GEJ|9|24|3|0|Sagte Ich: „Ganz leicht und klar! Habe Ich denn nicht gesagt, daß ein Mensch, der Gott und Seinen Willen völlig erkannt hat und unwandelbar nach demselben handelt und somit den Willen Gottes ganz zu dem seinigen macht, Gott gleich ist?! So aber Gott ein Herr ist durch Seine Liebe, Weisheit und Macht, so ist es im Geiste ja auch der, der in allem Gott gleich geworden ist.
GEJ|9|24|4|0|Ich meine, daß das denn doch etwas nicht schwer Begreifliches sei. Denn über was sollte er vor Gott oder gar vor einem Menschen eine wie immer gestaltige Rechnung ablegen, so er nur aus dem Willen und Geiste Gottes denkt, will, spricht und handelt?
GEJ|9|24|5|0|Ist denn der reine Wille Gottes im Menschen etwa weniger ein göttlicher Wille als in Gott Selbst, und ist er etwa auch weniger selbständig mächtig denn in Gott, der durch eben Seinen Willen überall und also sicherst auch im Menschen gegenwärtig ist und wirkt? Darum soll ein rechter Mensch denn auch also vollkommen werden und sein, als wie vollkommen da ist der Vater im Himmel. Ist der Mensch aber das, ist er dann nicht auch ein Herr voll Weisheit, Macht und Kraft?!“
GEJ|9|24|6|0|Sagte darauf Nojed: „Großer und wahrlich überweiser Freund! Du hast lebendig und lichtvoll wahr gesprochen, und ich kann dir da nichts entgegenstellen; aber eines bleibt daneben doch auch noch wahr, und das besteht darin: Der Mensch kann es wohl auf dem Wege der gänzlichsten Selbstverleugnung dahin bringen, daß er Gott ähnlich und somit auch mächtig wird, wie sich das besonders bei den großen Propheten auf das leuchtendste bewährt hat; aber darum ist und bleibt der Mensch doch nur gewisserart ein in der Zeit gewordener und somit bei aller seiner Gott ähnlichen Vollkommenheit ein untertäniger und beschränkter ganz kleiner Gott, während Jehova ewig, also ohne Anfang, unendlich in Zeit und Raum und somit durch gar nichts beschränkt ist. Und dieser überendlos große Unterschied zwischen dem einen und ewig allein wahren Gott und dem in der Zeit gewordenen Menschgott wird wohl ewig nie hinweggefegt werden können.“
GEJ|9|25|1|1|25. — Der natürliche Mensch und der vom Geiste Gottes durchdrungene Mensch
GEJ|9|25|1|0|Sagte Ich: „Da hast du wohl recht gesprochen und geurteilt. Der geschaffene Mensch wird sich da freilich mit dem eigentlichen Urwesen Gottes nie vergleichen können; aber in dem geschaffenen Menschen wohnt denn auch ein ungeschaffener, ewiger Geist aus Gott durch den urewigen Willen Gottes, und der kann dann ja im Menschen ebensowenig irgendeine Beschränkung haben als im eigentlichen Urwesen Gottes Selbst, da er doch eins mit demselben ist.
GEJ|9|25|2|0|Oder meinst du wohl, daß das Licht der Sonne darum ein jüngeres und beschränkteres ist, das soeben die Erde erleuchtet und erwärmt, als jenes, das vor undenklichen Zeiten diese Erde erleuchtet und erwärmt hat? Ich sage es dir, daß du ein ganz kluger und richtiger Denker und Sprecher bist; aber im Geiste der vollen Wahrheit aus Gott wirst du erst dann denken und sprechen, wenn deine Seele in dem ewigen Geiste aus Gott zur völligen Einung gelangt sein wird. Das aber kann und wird nur dadurch geschehen, daß du in der Folge mit deinem freien Menschenwillen den erkannten Willen Gottes völlig zu dem deinen machen wirst in aller Rede und Tat. – Hast du das verstanden?“
GEJ|9|25|3|0|Sagte Nojed: „O Freund, da wird es bei uns noch einer langen Zeit benötigen; denn wir haben noch gar viel von der Welt in uns! Bis diese vollends hinausgeschafft sein wird und wir von der allmächtigen Gegenwart des göttlichen Geistes in uns etwas wahrzunehmen anfangen werden, oh, da wird – wie schon bemerkt –, noch eine geraume Zeit in das Meer der ewigen und nie wiederkehrenden Vergangenheit hinab verrinnen!“
GEJ|9|25|4|0|Sagte Ich: „Das ist auch eine noch sehr diesirdisch menschliche Sprache! Denn siehe, für den göttlichen Geist auch im Menschen gibt es weder eine vergängliche Zeit noch irgendeinen beschränkten Raum und somit auch keine Vergänglichkeit, noch irgendeine ferne Zukunft, sondern nur eine ewige Gegenwart! Doch in dieser Welt hat alles seine Zeit, und keine Frucht am Baume wird schon mit der Blüte reif; so du aber nach dem Willen Gottes von heute an unwandelbar zu leben und zu handeln dir fest vornimmst, dann wirst du auch bald anders reden.
GEJ|9|25|5|0|So wie du nun geurteilt und geredet hast, so haben schon gar viele geurteilt und geredet; als sie aber aus Meinem Munde vernommen hatten, was sie zu tun und wie zu leben haben, und danach aber auch alsbald die Hand ans Werk legten, da ging es denn auch schnell vorwärts.
GEJ|9|25|6|0|So ihr in Bälde nach Essäa kommen werdet, da werdet ihr an dem Obersten Roklus schon ein Beispiel finden, wie weit es ein Mensch, dem es um seine geistige Vollendung völlig ernst ist, in kurzer Zeit mit der Liebe und Gnade Gottes bringen kann.
GEJ|9|25|7|0|Wenn Ich aber nun ganz bald mit diesen Meinen Freunden von hier abreisen werde, so werdet ihr von dem Wirte schon auch ein Näheres über Mich in Erfahrung bringen und werdet mit desto größerem Eifer und Ernst nach Meinem Rate zu handeln und zu leben anfangen, und es wird sich dann auch gar wohl fühlbar der Segen Jehovas an euch bemerkbar machen.
GEJ|9|25|8|0|Und nun habe Ich euch nichts Weiteres mehr zu sagen, darum, weil ihr es nicht ertragen würdet; wenn aber Gottes Gnade und Liebe in euch wach wird, dann wird sie euch schon von selbst in alle euch in dieser Welt nötige Weisheit leiten. Und so denn möget ihr euch nun schon wieder in euer vom Wirte euch angewiesenes Zimmer begeben!“
GEJ|9|25|9|0|Die drei dankten Mir für alles, was Ich ihnen getan und gesagt habe, und begaben sich in ihr Zimmer, in welchem sie sich so lange verborgen aufhielten, als wie lange der Markt andauerte, um nicht von einem oder dem andern Kaufmanne oder Käufer erkannt und belästigt zu werden.
GEJ|9|26|1|1|Der Herr auf dem Wege von Jericho nach Nahim in Judäa (Lukas 19)
GEJ|9|26|1|1|26. — Des Herrn Abreise von Jericho. Zachäus auf dem Maulbeerbaum
GEJ|9|26|1|0|Als wir nun wieder allein waren, da sagte der Wirt zu Mir: „O Herr und Meister, möchtest Du denn nicht noch über den Mittag bei uns verweilen?“
GEJ|9|26|2|0|Sagte Ich: „Freund, was euch not tat, mit dem habe Ich euch wohl versehen! Bleibet nun in Meiner Lehre, und handelt und lebet danach, so werde Ich denn auch bleiben mit Meinem Geiste in euch; aber mit Meinem Leibe muß Ich Mich nun schon der vielen Armen, Blinden und Toten wegen von hier wegbegeben. Zudem werde Ich, so Ich nun am Tage durch Jericho ziehen werde, ohnehin von vielen Menschen erkannt werden, die Mir bei Meinem Abzuge vor- und nachlaufen werden, was viel Aufsehen machen wird. Bliebe Ich erst über Mittag hier, in welcher Zeit sich viele Gäste hier einfinden werden, so würde das Meine Gegenwart noch ruchbarer machen. Und das will Ich der anwesenden etlichen Templer wegen nicht! Daher werde Ich Mich mit Meinen Jüngern denn nun auch sogleich in der Richtung gen Nahim hin von hier begeben.“
GEJ|9|26|3|0|Auf dieses sagte Ich denn auch zu den Jüngern, daß sie sich zur Abreise fertigmachen sollten.
GEJ|9|26|4|0|Diese taten das denn auch, und wir fingen an, uns in Bewegung zu setzen. Da aber das mehrere Knechte des Hauses vernommen hatten, so liefen sie auf den Platz hinaus und sagten es vielen, daß alsbald der berühmte Heiland Jesus aus Nazareth aus dem Hause abziehen werde, und zwar auf dem Wege gen Nahim hin.
GEJ|9|26|5|0|Als das Volk das vernahm, da lief es eine geraume Strecke auf dem Wege großenteils voraus, und es ward auf diese Weise die Straße bis hinaus über des Zachäus, der ein Zöllneroberster war, großes Zollhaus mit Menschen angefüllt; denn alle wollten in Mir den Mann sehen, von dem sie schon so viele Wunderdinge vernommen hatten.
GEJ|9|26|6|0|Es befand sich aber des Zachäus Zollhaus eine gute halbe Stunde Weges außerhalb der Stadt in entgegengesetzter Richtung von der, in welcher wir nach Jericho gekommen waren. Als Zachäus sah, wie sich viel Volk aus der Stadt auf der Straße noch über sein Zollhaus hinaus dränge, da trat er aus seinem Hause und befragte die Menschen, was es da gäbe.
GEJ|9|26|7|0|Und die Befragten sagten, daß Ich als der berühmte Heiland Jesus aus Nazareth in Galiläa mit Meinen Jüngern bald nach dieser Straße gen Nahim ziehen werde und sie Mich sehen wollten.
GEJ|9|26|8|0|Als Zachäus das vernahm, da sagte er: „Oh, den muß ja auch ich um so mehr sehen! Denn ich habe gar große Wunderdinge über ihn vernommen von meinem Freunde Kado, dem alten und dem jungen, und von dessen altem Diener Apollon, wie auch von einem von dem Heilande vor etlichen Tagen sehendgemachten Blinden, und es war mir unbeschreiblich leid, daß ich ihn nicht zu sehen bekam, da er nach seiner ersten Ankunft in Jericho schon am nächsten Morgen etwa nach Essäa gegangen ist. Da er nun abermals über Jericho ebendiese Straße weiterziehen wird, so muß ich ihn denn auch sehen, und koste es, was es da nur immer wolle!“
GEJ|9|26|9|0|Da sich aber das Volk immer mehr an der Straße anhäufte und unser Zachäus, als ein kleiner Mensch von Statur, wohl sah, daß er Mich so schwerlich durch die Volksmasse hindurch werde zu Gesicht bekommen können, so bestieg er alsbald einen Maulbeerbaum und harrte also, bis Ich käme und vorüberzöge. (Luk.19,1-4)
GEJ|9|26|10|0|Während aber das Volk schon die Gassen der Stadt und mehr noch die offene Straße bis über das Zollhaus um Meinetwillen besetzt hatte und Ich Mich noch im Vorhause Kados mit den Jüngern befand, weil Ich darum wohl wußte, wie Mich die zu dienstfertigen Hausdiener Kados ohne Auftrag ruchbar gemacht hatten, so sagte Ich zum noch an Meiner Seite stehenden Wirte, was da in aller Eile geschehen sei, worüber er seine Knechte scharf zur Rede zu stellen Mir versprach.
GEJ|9|26|11|0|Ich aber riet ihm, das zu unterlassen, da die Knechte das in einem guten Sinne getan hätten. Aber Ich begehrte vom Wirte, daß er uns bei des Hauses Hinterflur hinauslassen solle, weil an der Hauptflur zu viele Menschen auf Mich harrten.
GEJ|9|26|12|0|Der Wirt tat das sogleich, und wir kamen also leicht, von der großen Volksmenge ungesehen, durch eine schmale und wenig begangene Gasse ins Freie und schlugen da einen Feldweg ein, der sich etwa bei hundert Schritte vor dem großen Zollhause mit der Hauptstraße vereinte, und entgingen so dem großen Gedränge in der Stadt sowohl, als dem größten Teil der Hauptstraße von der Stadt bis zum Zollhause entlang.
GEJ|9|26|13|0|Als wir aber in der schon gezeigten Nähe des großen Zollhauses auf die Hauptstraße kamen und Ich von einigen Menschen erkannt wurde, da entstand bald ein großer Lärm, und viele jubelten aus vollem Halse, sagend: „Er ist da, er ist da – der große Heiland aus Nazareth! Heil ihm, und Heil auch uns, daß wir ihn nun zu sehen bekamen!“
GEJ|9|26|14|0|Meine Jünger aber bedrohten das lärmende Volk und behießen es zu schweigen.
GEJ|9|26|15|0|Ich aber verwies ihnen ein solches Benehmen dem Volke gegenüber, sagend: „Ich bin der Herr! Wenn Ich des Volkes lauten Jubel ertrage, so werdet ihr ihn wohl auch zu ertragen imstande sein! Liebe und Geduld leite allzeit eure Schritte, und nie ein Drohen und Herrschen! Es ist ja doch ums nie Beschreibbare herrlicher, von den Menschen geliebt denn gefürchtet zu sein!“
GEJ|9|26|16|0|Als die Jünger solches von Mir vernahmen, da gaben sie nach, und wir gingen ruhigen Schrittes vorwärts und kamen so bald an den Maulbeerbaum, auf dem der kleine Zöllneroberste Zachäus unser harrte.
GEJ|9|26|17|0|Als wir an den Baum gekommen waren, da blieb Ich stehen, sah empor und sagte: „Zachäus, steige nun nur eilig vom Baume herab; denn Ich muß heute in deinem Hause einkehren!“ (Luk.19,5)
GEJ|9|26|18|0|Da stieg Zachäus auch schnell vom Baume und nahm Mich samt Meinen Jüngern mit der größten Freude auf. (Luk.19,6)
GEJ|9|26|19|0|Als aber das Volk solches sah, da fing es alsbald an zu murren und sagte: „Oh, da sehet nun den Heiland an, der seine Werke durch die Macht des Geistes Gottes verrichte! Das muß ein schöner Geist Gottes sein, der bei Zöllnern, die doch allzeit die größten Sünder sind, einkehrt, ißt und trinkt!“ (Luk.19,7)
GEJ|9|26|20|0|Und es fing darauf das murrende Volk an, sich mehr und mehr zu verlieren.
GEJ|9|26|21|0|Als aber Zachäus merkte, daß das Volk solche Bemerkungen über Mich machte, da ward er um Meinetwillen ärgerlich übers Volk, trat zu Mir hin und sagte laut: „Siehe, o Herr, ich weiß auch ohne des Volkes Zeugnis, daß ich ein Sünder bin, und bin somit auch höchst unwürdig, daß du, Gerechtester, bei mir einkehren magst; da du mich aber dennoch so übergnädig angesehen hast und erweisest mir eine so übergroße und unschätzbarste Freundschaft, so will ich die Hälfte meiner vielen Güter den Armen geben, – und so ich jemanden irgend betrogen habe, der komme, und ich will es ihm vierfach wieder zurückerstatten!“ (Luk.19,8)
GEJ|9|26|22|0|Als das noch in großer Anzahl anwesende Volk solche laut ausgesprochene Äußerung von Zachäus vernahm, da legte sich auch das Murren; denn einige Bessere sagten untereinander: „Da seht, ein Mensch, der das tun will und auch sicher wird, ist noch der allerärgste Sünder nicht! Denn Almosen bedecken die Menge der Sünden, und wer ein unrecht an sich gebrachtes Gut dem vierfach vergütet, dem er es entrissen hat, der hat seine Schuld vor Gott und vor den Menschen getilgt, – und es ist sonach dem Heilande nicht zu einem Fehler zu rechnen, so er bei einem sich gar sehr bessern wollenden Sünder einkehrt.“
GEJ|9|26|23|0|Andere, besonders die Armen, aber berechneten schon zum voraus, ob und wieviel sie etwa bei der Güterverteilung von Zachäus bekommen würden. Und noch andere aber dachten auch schon daran, wie sie etwa mit falschen Zeugen vor den Zachäus treten könnten und ihm erweisen, daß auch sie von ihm um etwa soundso viel in der und jener Zeit und bei dieser und jener Gelegenheit betrogen worden seien, um von ihm dann vierfach soviel zurückzuerhalten.
GEJ|9|26|24|0|Ich aber habe später im Hause den Zachäus auf das alles aufmerksam gemacht und ihm die rechte Klugheit und Vorsicht empfohlen, die er auch treulich befolgte.
GEJ|9|27|1|1|27. — Das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden
GEJ|9|27|1|0|Als das Volk sich aber mehr und mehr verlief, da sagte Ich laut zum nun ganz glücklichen Zachäus: „Heute ist diesem Hause und somit auch dir ein großes Heil geworden, indem auch du ein Sohn Abrahams bist! (Luk.19,9) Denn Ich als der Menschensohn und wahre Heiland bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was da verloren war (Luk.19,10), und komme als Heiland nur zu den Kranken und nicht auch zu den Gesunden, die des Arztes Hilfe nicht bedürfen.
GEJ|9|27|2|0|Ich bin also in diese Welt gekommen, auf daß Ich den Menschen wiederbringe das Reich Gottes, das sie nun schon seit lange her völlig verloren haben, und dessen Gerechtigkeit, die unter den Menschen nicht mehr besteht. Ich bin sonach der Weg, die Wahrheit, das Licht und das Leben; wer an Mich glaubt, der wird das ewige Leben haben!“
GEJ|9|27|3|0|Als das noch immer ziemlich zahlreich anwesende Volk das hörte, da sagte es unter sich: „Es hat dieser Mensch zwar wohl höchst wunderbar seltene Eigenschaften, – aber daß er sich für den hält, der uns das verlorene Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit wiederbringen werde, da lebt er in einer großen Einbildung und Selbstüberschätzung! Denn wir sind doch aus der Nähe von Jerusalem und wissen noch nichts davon, daß nun solches geschehen solle! Wenn er aber sagt und behauptet, daß er das verlorene Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit uns wiederbringen werde, so kann er uns dasselbe ja auch sogleich offenbaren! Was zögert er denn noch und hält unsere Erwartung vergeblich in Spannung?“
GEJ|9|27|4|0|Ich aber wandte Mich darauf zu dem also unter sich urteilenden Volke und sagte eben darum zu ihm, weil Ich Mich bei ihm wahrlich so gut wie in der Nähe Jerusalems befand, folgendes Bild: „Ihr habt recht, daß ihr saget, daß ihr aus der Nähe von Jerusalem seid und von der Wiederbringung des Reiches Gottes und desselben Gerechtigkeit nichts wisset und nun hier begehret, daß sich das Reich Gottes alsogleich offenbaren solle, so es sich durch Mich offenbaren kann und will!
GEJ|9|27|5|0|Ich befinde Mich nun an eurer Seite wahrlich in der Nähe des blinden Jerusalem, das mit offenen Ohren nichts hört und mit weit aufgesperrten Augen nichts sieht! Wie oft war Ich schon in Jerusalem und habe euch gelehrt und vor euren Augen Zeichen zum Zeugnis der Wahrheit über den Grund Meines Kommens in diese Welt gewirkt, und ihr saget es noch, daß ihr von der Wiederbringung des Reiches Gottes und dessen Gerechtigkeit nichts wisset, und verlanget nun von Mir, so Ich der Wiederbringer des Reiches Gottes und dessen Gerechtigkeit sei, daß Ich denn nun alsbald das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit auch vor euch offenbaren solle. Gut denn! Ich will es tun, und so vernehmet denn folgendes Bild (Luk.19,11):
GEJ|9|27|6|0|Ein Edler zog in ein fernes Land, daß er ein Reich einnähme und dann wiederkäme. (Luk.19,12) Vor seiner Abreise aber forderte er zehn Knechte vor sich, gab ihnen zehn Pfunde und sprach: ,Handelt damit, bis ich wiederkomme! (Luk.19,13) Wer von euch mir einen guten Gewinn bereiten wird, der wird nach seinem Verdienste auch den gebührenden Lohn ernten!‘
GEJ|9|27|7|0|Darauf verzog der Edle. Die Knechte aber fingen an, mit den Pfunden zu handeln, nütz und unnütz.
GEJ|9|27|8|0|Die heimischen Bürger aber waren dem Edlen, der ihr Herr und König war, feind, und als sie vernahmen, daß er verreist sei und die Knechte für ihn handelten, da sandten sie eine Botschaft dahin zu ihm, wohin er gezogen war und ließen ihm sagen: ,Wir wollen nimmer, daß du fürder über uns herrschest!‘ (Luk.19,14)
GEJ|9|27|9|0|Es begab sich aber, daß der Herr wiederkam, nachdem er das Reich eingenommen hatte, und forderte dieselben zehn Knechte, denen er das Geld zum Handeln gegeben hatte, zuerst zu sich, um zu erfahren, wie viel ein jeglicher gewonnen hatte. (Luk.19,15)
GEJ|9|27|10|0|Da trat der erste zu ihm und sprach: ,Herr, dein Pfund hat zehn Pfunde erworben! (Luk.19,16) Hier ist dein Pfund, und da die zehn Pfunde hinzu! Und der Herr sagte zu ihm: ,Ei du frommer und treuer Knecht! Dieweil du im Geringsten treu gewesen, so sollst du nun Macht haben über zehn Städte!‘ (Luk.19,17)!
GEJ|9|27|11|0|Darauf kam ein zweiter Knecht und sagte: ,Herr, dein Pfund hat fünf Pfunde getragen! (Luk.19,18) Hier ist dein Pfund und die fünf Pfunde hinzu!‘ Und der Herr sprach auch zu diesem Knechte: ,Also sollst du auch Macht haben über fünf Städte!‘ (Luk.19,19) Und also geschah es auch den andern, die mit dem einen Pfunde etwas erworben hatten.
GEJ|9|27|12|0|Es kam aber auch, als besonders berufen, ein dritter und eigentlich ein letzter Knecht und sagte: ,Sieh da, Herr, hier ist dein Pfund, das ich in einem Schweißtuche aufbewahrt behalten habe! (Luk.19,20) Ich fürchtete mich vor dir, da ich wohl wußte, daß du ein harter Mann bist, der da nimmt, das er nicht gelegt hat, und erntet, wo er nicht gesät.‘ (Luk.19,21) Der Herr aber sprach zu ihm: ,Aus deinem Munde richte ich dich, du Schalk! Wußtest du, daß ich ein harter Mann sei und nehme, da ich nicht gelegt, und ernte, da ich nicht gesät habe (Luk.19,22), warum hast du denn mein Geld nicht in eine Wechselbank gegeben, auf daß es mir einen Wuchergewinn erworben hätte?!‘ (Luk.19,23) Da verstummte der Knecht, weil er sich da weiter nicht mehr entschuldigen konnte.
GEJ|9|27|13|0|Der Herr aber sagte zu den andern Knechten: ,Nehmet diesem trägen Knechte das Pfund weg, und gebet es dem, der mir zehn Pfunde erworben hat! (Luk.19,24) Er wird mit ihm am besten gebaren!‘
GEJ|9|27|14|0|Da sprachen die Knechte zu ihm: ,Dieser hat ja ohnehin das meiste!‘ (Luk.19,25)
GEJ|9|27|15|0|Der Herr aber sagte zu den Knechten: ,Oh, wahrlich, Ich sage euch: Wer da hat, dem wird noch mehr gegeben werden, daß er dann in großer Fülle habe; wer aber nicht hat – wie ihr in Jerusalem –, dem wird auch ehest genommen werden, was er irgend noch hat! (Luk.19,26) Jene Meine Feinde aber, die nicht wollten, daß Ich herrsche über sie (die Pharisäer nämlich), bringet her, und erwürget sie vor Mir!‘ (Luk.19,27)
GEJ|9|27|16|0|Auf daß ihr aber auch verstehet, was dies Bild besagt, so will Ich es euch in aller Kürze zerlegen, – und so höret:
GEJ|9|27|17|0|Der Herr, der verreiste, um ein fernes Reich einzunehmen, ist Gott, der durch Moses zu euch geredet hat. Er übergab den Juden auf zwei steinernen Tafeln die zehn Pfunde (Gesetze des Lebens), mit denen die ersten Juden wohl gehandelt haben und darum auch bald zu einer großen Macht gelangten.
GEJ|9|27|18|0|Die Zeit der Könige aber ist jener andere Knecht, der dem Herrn nur fünf Pfunde erworben hat; daher war ihre Macht auch nach ihrem Gewinne wohl bemessen. Wie diese Zeit aber im Gewinne für den Herrn stets magerer ward, das zeigte Ich euch im Gebaren der noch übrigen Knechte, und ihr möget sie näher erforschen im Buche der Könige und in der Chronika.
GEJ|9|27|19|0|Der dritte, ganz träge Knecht aber stellt diese Zeit dar, in der die Pharisäer das ihnen von Gott verliehene Pfund vor den Augen, Ohren und Herzen im wahren Schweißtuche der armen und betrogenen Menschheit verbergen und es auch nicht in die Wechselbank der Heiden also, wie sie es von Gott erhalten haben, legen wollen, auf daß es dem Herrn Wuchergewinn brächte, – sondern sie legen ihren eigenen Unrat, den sie als Gold ausschreien und damit für ihren Leib Wucher treiben, in die Bank der noch blinden Heiden.
GEJ|9|27|20|0|Diese jetzigen Pharisäer und Juden sind denn auch jene argen Bürger, die dem Herrn feind sind und nicht wollen, daß Er über sie herrsche. Darum wird ihnen denn auch geschehen, was Ich euch hier in dem Bilde gezeigt habe: Erstens, weil sie nichts erworben haben, wird ihnen auch das genommen, was sie noch hatten, und wird dem gegeben werden, der da nun wahrlich das meiste hat, – und das sind nun die Heiden, die zugleich jenes ferne Reich darstellen, dahin der Herr verreist ist, um es einzunehmen. Und Er hat es bereits eingenommen und ist nun in Mir heimgekehrt, um Rechnung zu machen, wie es euch das Bild in mannigfachem Lichte vor Augen gestellt hat.
GEJ|9|27|21|0|Kurz, das Licht wird den Juden genommen und den Heiden gegeben werden! Die Zeit der Bestrafung der Gott dem Herrn feindlichen Bürger ist sehr nahe herbeigekommen, und die, denen das Licht gegeben wird und schon gegeben worden ist, werden jene neuen Diener des Herrn sein, welche die Feinde des Herrn erwürgen werden.
GEJ|9|27|22|0|Das, was Ich euch nun geoffenbart habe, ist auch Gottes Reich, das Ich euch wiederbringe samt seiner Gerechtigkeit. Wer das beherzigen und das zum Handeln dargeliehene Pfund treu und gewissenhaft verwalten wird, der wird auch den Lohn des Lebens finden.
GEJ|9|27|23|0|Das habe Ich zu euch, ihr Bürger in und um Jerusalem, geredet; wohl dem, der es gewissenhaft beherzigen wird!“
GEJ|9|28|1|1|28. — Der Herr heilt den Sohn des Zachäus
GEJ|9|28|1|0|Als die Juden solches von Mir vernommen hatten, wurden sie ärgerlich, und es sagten einige unter sich: „Die Pharisäer haben am Ende doch recht, so sie diesen Galiläer verfolgen; denn aus seiner Rede leuchtet klar hervor, daß er die Römer, die ihn seiner Zaubertaten wegen für einen Gott halten, auf uns hetzen wird, die uns ganz sicher alle unsere Rechte nehmen und uns vollends zu ihren Sklaven machen werden. Wenn er der Wiederbringer des verlorenen Reiches Gottes und dessen Gerechtigkeit ist, und das soll in dem bestehen, was er uns nun geoffenbart hat, da soll er sein Gottesreich und dessen schöne Gerechtigkeit nur selbst behalten! Und so er fortfährt, uns Juden ein solches Gottesreich und dessen Gerechtigkeit stets lauter zu verkünden, da kann es wohl gar leicht geschehen, daß die Juden ihn noch eher erwürgen werden, als er die Juden mit Hilfe der Römer!“
GEJ|9|28|2|0|Als Meine Jünger solches Gerede vernahmen, sagten sie zu Mir: „Herr, vernimmst Du nun nicht, was diese reden? Wirst Du sie nun wohl ungestraft von dannen ziehen lassen?“
GEJ|9|28|3|0|Sagte Ich: „Es hat noch keiner seine Hand nach Mir ausgestreckt, um Mich zu ergreifen; warum sollte Ich sie da bestrafen? Ich habe zuvor geredet, und nun reden sie unter sich und fangen an, sich davonzumachen; denn Mein Wort hat ihnen nicht gemundet, und dafür strafe Ich die Blinden nicht. Wenn sie aber einmal die Hände nach Mir ausstrecken werden, dann wird auch die Strafe über sie kommen, wie Ich sie euch schon zu mehreren Malen gezeigt habe. Und so lassen wir sie nun ungestraft reden und ihren Weg gehen! Wir aber begeben uns nun in das Haus des Freundes Zachäus, und er wird uns ein Mittagsmahl bereiten.“
GEJ|9|28|4|0|Auf diese Meine Worte begaben wir uns in das Haus des Zachäus, und er ließ uns sogleich Brot und Wein geben und behieß seine Leute, alles aufzubieten, um uns auf das möglich Beste zu bewirten.
GEJ|9|28|5|0|Als wir nun in einem größten und reichst ausgestatteten Zimmer uns befanden und uns mit Brot und Wein labten und stärkten, da fing unser Zachäus an, Mir aus voller Brust auch darum zu danken, daß Ich den ihm sehr widerwärtigen Jerusalemern das verkündet habe, was sie sich schon lange verdient haben. Denn Zachäus, obwohl ein Nachkomme Abrahams, war ein Samaritan und darum bei den Jerusalemern um so mehr verhaßt.
GEJ|9|28|6|0|Er fragte Mich denn auch, ob Ich etwas dawider hätte, daß er ein Samaritan sei.
GEJ|9|28|7|0|Ich aber sagte zu ihm: „Bleibe du, was du bist, und sei in allem gerecht aus wahrer Liebe zu Gott und zum Nächsten, und du wirst Mir so besser gefallen denn die Juden, die des Tempels Gold küssen und die Armen von ihrer Häuser Türen mit Hunden wegtreiben lassen! Darum werde auch Ich sie ehest in alle Welt hinaustreiben lassen unter fremde Völker, und sie werden fürder kein eigen Land und kein Reich mehr besitzen. Aber nun lassen wir sie noch eine kurze Zeit walten und sündigen, bis ihr Maß voll werde!“
GEJ|9|28|8|0|Nach dieser Meiner kurzen Rede dankte Mir Zachäus wieder, bat Mich aber, daß Ich ihm einen Rat gäbe, was er mit seinem ältesten, bereits sechzehn Jahre zählenden Sohne machen solle, der seit drei Jahren irrsinnig sei und beinahe von Tag zu Tag in eine größere Raserei verfalle. Er habe zu dem Sohne schon alle ihm bekannten besten Ärzte kommen lassen, und alle hätten versucht, den Sohn zu heilen; doch alle ihre Wissenschaft und Mühe sei nicht nur gänzlich erfolglos geblieben, sondern der Sohn sei nach jedes Arztes Behandlung noch ärger denn vorher geworden.
GEJ|9|28|9|0|Da sagte Ich zu Zachäus: „Freund, derlei Übel heilt kein irdischer Arzt mit seinen Kräutern! Bringe aber den Sohn hierher, und du sollst die Macht der Herrlichkeit Gottes sehen!“
GEJ|9|28|10|0|Da befahl Zachäus seinen Knechten, daß sie den Sohn, wohl gebunden, aus seinem wohlverschlossenen Gemache bringen sollten.
GEJ|9|28|11|0|Da sagten die Knechte: „Herr, das wird sich vor diesen fremden Gästen gar übel machen; denn erstens rast er nun beinahe unausgesetzt, und zweitens stinkt er ärger denn alle Pestilenz, da er sich gleichfort mit seinem Kote beschmiert!“
GEJ|9|28|12|0|Da sagte Ich: „Bringet ihn nur hierher; denn Ich will ihn sehen und heilen!“
GEJ|9|28|13|0|Sagte ein Knecht, der viel im Hause galt: „O Freund, nur Gott allein kann den heilen, aber auf dieser Erde kein Mensch mehr! Wenn du auch den heilst, dann bist du kein Mensch, sondern ein Gott!“
GEJ|9|28|14|0|Sagte Ich: „Das kümmere dich nicht, sondern tue, was dir geboten ist!“
GEJ|9|28|15|0|Da gingen die Knechte und brachten den Sohn, vor dem sich alle Meine Jünger entsetzten und sagten: „Mit dem steht es noch ärger, als was wir sahen in der Landschaft der Gadarener!“
GEJ|9|28|16|0|Ich aber erhob Mich, bedrohte die bösen Geister im Sohne und hieß sie, ihn augenblicklich für immer zu verlassen.
GEJ|9|28|17|0|Da rissen sie noch einmal den Sohn und fuhren in Gestalt von vielen schwarzen Fliegen aus dem Sohne, welcher darauf völlig gesund ward.
GEJ|9|28|18|0|Ich aber sagte nun zu den Knechten: „Nun führet ihn hinaus an den Brunnen, und reiniget ihn; gebet ihm auch frische Kleidung, und bringet ihn wieder hierher, auf daß er mit uns halte das Mittagsmahl!“
GEJ|9|28|19|0|Das geschah denn auch. Und als der Sohn nun gesund und gereinigt an unserem Tische sich befand, da kamen alle im Hause wohnenden Verwandten und Bekannten in unser Zimmer und konnten nicht zur Genüge erstaunen über solch eine schnelle Heilung des Sohnes, und Zachäus dankte Mir über alle Maßen für diese Heilung.
GEJ|9|28|20|0|Der Hauptknecht aber sagte zu Mir: „Herr, Du bist kein Mensch wie unsereins, sondern Du bist ein wahrer Gott, den wir Menschen allzeit anbeten wollen und werden!“
GEJ|9|28|21|0|Als der Knecht noch also redete, da ward auch das Mittagsmahl auf den Tisch gesetzt, und wir fingen an zu essen.
GEJ|9|29|1|1|29. — Der Grund für die Zulassung der Besessenheit des Sohnes
GEJ|9|29|1|0|Während des Essens und Trinkens fragten mehrere den geheilten Sohn, der nun ganz frisch und heiter aussah, ob er in seinem kranken Zustande auch große Schmerzen zu bestehen hatte.
GEJ|9|29|2|0|Er aber sagte (der geheilte Sohn): „Wie kann ich nun das wissen? Denn ich war ja so gut wie tot und hatte kein Gefühl und wußte auch nichts um mich! Das aber weiß ich dennoch, daß ich mich fortwährend in einem Traume befand und in einer schönen Gegend mich mit guten Menschen unterhielt.“
GEJ|9|29|3|0|Das wunderte die Anwesenden, und sie konnten das nicht fassen, und Zachäus fragte Mich, wie das doch möglich wäre, und warum so etwas von Gott zugelassen werde.
GEJ|9|29|4|0|Sagte Ich: „Freund, darüber wollen wir nun nicht viele Worte verlieren! Bei solchen Übeln zieht sich die Seele ins Herz zurück, und ein oder oft auch viele arge und unreine Geister bewohnen den übrigen Leib und tun mit ihm, was sie wollen, wovon aber die im Herzen ruhende Seele nichts wahrnimmt.
GEJ|9|29|5|0|Es werden aber derlei Besessenheiten darum zugelassen, auf daß die Menschen, bei denen der Glaube an Gott und an die Unsterblichkeit der Seele beinahe ganz erloschen ist, doch wieder an etwas Geistiges zu denken und auch zu glauben anfangen. Denn auch ihr seid schon schwachen Glaubens geworden, und so war euch diese Lektion auch sehr notwendig vor Meiner Ankunft in dieses Haus.
GEJ|9|29|6|0|Wenn Ich früher gekommen wäre, so hättest du selbst Mir nicht also geglaubt, wie du Mir nun glaubst; und wäre dein Sohn, auf den du die größten Stücke hieltest, nicht in das Übel gekommen, so hätte dich der Stolz und Hochmut derart zugerichtet, daß du zu einem wahren Teufel unter den Menschen geworden wärest. Du hättest allen Glauben an Gott aus dir verbannt und die Menschen als pure Maschinen eingeschätzt, die vor dir nur dann irgendeinen Wert hätten, so sie dir beinahe umsonst dienten und dir zu noch größeren Reichtümern verhülfen.
GEJ|9|29|7|0|Als aber dein Sohn, als dein Liebling und dein größter Stolz, also krank ward, wie Ich ihn nun hier angetroffen habe, da ward es dir ganz anders ums Herz. Du fingst an, wieder an einen Gott zu denken und zu glauben und wurdest demütigeren Herzens. Du hattest freilich daneben noch deine Zuflucht zu allen dir irgend bekannten Ärzten, ob Heiden oder Juden – was dir gleich war, – genommen und hattest dich's viel kosten lassen; aber als du sahst, daß deinem Sohne gar kein Arzt, auch kein Essäer und noch weniger irgendein Zauberer hatte helfen können, da wurdest du traurig und fingst an, ernstlicher darüber nachzudenken, warum Gott, so Er irgend einer sei, dich mit einem solchen Übel heimgesucht habe.
GEJ|9|29|8|0|Du fingst wieder an, in der Schrift zu lesen, und fandest dein Handeln und Gebaren deinen Nebenmenschen gegenüber für stets mehr und mehr ungerecht und hattest denn auch Gott gelobt, daß du vollernstlich all das von dir begangene Unrecht wieder mehrfach gutmachen wollest.
GEJ|9|29|9|0|Als solche Vorsätze in dir stets ernster und wahrer geworden waren und du auch in dem klarer geworden warst, daß dir nur der allmächtige Vater im Himmel helfen könne, da kam Ich dann auch bald in diese Gegend, und du hast es vernommen, was Ich an dem Blinden getan habe.
GEJ|9|29|10|0|Da ward dein Glaube an Gott denn auch mächtiger und lebendiger, dieweil du vom alten und vom jungen Kado ein Zeugnis über Mich vernommen hast, das in dir keinen Zweifel übrigließ, daß Ich kein purer Prophet, sondern der Herr Selbst sei. Und siehe, also bist du denn auch dahin reif geworden, daß Ich nun bei dir einkehrte und mit Meiner Macht deinem Sohne half.
GEJ|9|29|11|0|Wenn du nun das wohl überdenkst, so wird es dir wohl klar sein, warum Ich über Menschen, in deren Herzen noch nicht jeder Himmelslebensfunke völlig erloschen ist, allerlei Übel zulasse.
GEJ|9|29|12|0|Freilich bei ganz verdorbenen und lebensverschlagenen Menschen, die keiner Mahnung von Mir aus mehr wert sind, bleiben derlei sie bessernde Zulassungen denn auch unterm Wege; denn sie fruchten nicht mehr und zeihen die Argen, daß sie noch ärger werden. Diese Art Menschen aber verzehren ihr Materieleben auch hier; nach diesem Leben aber erwartet sie ihr eigenes Gericht, das da ist der andere und ewige Tod.
GEJ|9|29|13|0|Über den Ich noch allerlei Leiden und Trübsal zulasse, dem helfe Ich denn auch zur rechten Zeit; den Ich aber sein irdisch stolzes und schwelgerisches Wohlleben unbeirrt fortgenießen lasse, der trägt sein Gericht und seinen ewigen Tod schon in sich und sonach auch allenthalben mit sich. Und somit weißt du nun denn auch, warum so mancher Weltgroße und Weltreiche ungestraft bis zu seines Leibes Tode hin fortsündigen und fortgreueln kann.“
GEJ|9|30|1|1|30. — Vom Maße des Guten und Bösen
GEJ|9|30|1|0|(Der Herr:) „Es ist von Mir aus in dieser Welt aber einem jeden ein gewisses Maß gestellt, sowohl im Guten und Wahren, als auch im Bösen und Falschen.
GEJ|9|30|2|0|Hat der Gute durch seinen Eifer dieses Maß völlig erreicht, dann hören auch alle weiteren Versuchungen auf, und er geht dann im Volllichte aus den Himmeln von einer Lebensvollendungsstufe zu einer noch höheren und also ins Unendliche vorwärts.
GEJ|9|30|3|0|Hat aber der Böse ebenso auch sein böses Maß voll gemacht, so hören dann auch weitere Mahnungen auf, und er sinkt von da an denn auch stets tiefer und tiefer in die dickere Nacht und in das härtere Gericht seines schon toten Lebens und Seins und wird von Mir aus weiter nicht mehr angesehen als ein Stein, in dem kein Leben, sondern nur das Gericht und das ewige Muß Meines Willens, den die Alten den ,Zorn Gottes‘ nannten, ersichtlich ist.
GEJ|9|30|4|0|Wie lange aber ein Stein von großer Härte brauchen wird, bis er nur zu einem noch lange hin unfruchtbaren Erdreich erweicht wird, das ist eine Frage, die auch kein noch so vollkommener Engel, im höchsten Himmelslichte stehend, beantworten kann; denn darum weiß allein der Vater, der in Mir ist, wie auch Ich in Ihm.
GEJ|9|30|5|0|So aber einmal gar zu viele Menschen sich im Vollmaße ihres Bösen befinden, so wird von Mir aus, der noch wenigen Guten und Auserwählten wegen, die Zeit ihres ungestraften argen Waltens abgekürzt, und ihr eigenes Gericht und ihr Tod verschlingt sie vor den Augen der wenigen Gerechten, wie das zu Noahs und zu Abrahams und Lots Zeiten und auch zur Zeit Josuas teilweise der Fall war und von nun an auch fürderhin noch zu öfteren Malen der Fall sein wird.
GEJ|9|30|6|0|Den Anfang werden die Juden bald erleben und später auch andere Reiche mit ihren Fürsten und Völkern; nach etwa nicht völlig 2000 Jahren aber wird abermals kommen ein größtes und allgemeinstes Gericht zum Heile der Guten und zum Verderben der Weltgroßen und völlig Lieblosen.
GEJ|9|30|7|0|Wie aber das Gericht aussehen und worin es bestehen wird, das habe Ich schon allen Meinen hier mit Mir anwesenden Jüngern mehrere Male geoffenbart, und sie werden es nach Mir den Völkern der Erde verkünden. Wohl dem, der es beherzigen und sein Leben danach einrichten wird, auf daß er nicht ergriffen werde von dem Gerichte!
GEJ|9|30|8|0|Und nun weißt du, Mein Freund Zachäus, zur Genüge, was du für dein Seelenheil zu tun und zu wirken hast, und wir haben uns nun an deinem Tische auch zur Genüge gestärkt mit Speise und Trank, – und so wollen und werden wir uns wieder erheben und auf den Weg nach Nahim begeben; denn Ich muß heute noch vor dem Untergange im benannten Orte eintreffen.“
GEJ|9|30|9|0|Sagte nun Zachäus: „O Du allein wahrer Herr und Meister! Es ist bis in den benannten Ort von hier noch eine weite Strecke Weges, und es wird auf eine natürliche Art wohl sehr schwer hergehen, heute vor dem Untergange den Ort zu erreichen; denn er liegt ja um vieles näher bei Jerusalem, als da die Ferne von hier bis zum von Dir benannten Orte ausmacht! In einem Tage kann man den Weg dahin auf Kamelen wohl machen, aber zu Fuß in von nun an kaum eines halben Tages Zeit wird das ohne Wunder wohl nicht möglich sein!“
GEJ|9|30|10|0|Sagte Ich: „Das, Freund, wird schon Meine Sorge sein! Konnten wir den noch weiteren Weg von hier bis nach Essäa in einem Tage ohne Kamele durchwandern, so werden wir auch den um ein bedeutendes kürzeren von hier bis Nahim durchmachen. Du hast freilich wohl eine Sehnsucht dahin, daß Ich noch hier verzöge bis zum Morgen; aber Ich allein weiß es am besten, was Ich vorhabe, und so denn muß Ich auch handeln, nicht wie Mein Fleisch es will, sondern wie Der es will, der in Meiner Seele wohnt. Und so muß Ich heute noch vor dem Untergange in dem vorbestimmten Orte eintreffen.
GEJ|9|30|11|0|Gedenke Meiner Lehre, und handle danach, so wirst du leben im Lichte aus Gott! Und so du vernehmen wirst, daß die Pharisäer Mich fangen und diesen Meinen Leib töten werden – was auch zugelassen werden wird zu ihrem Untergange, aber auch zur Auferstehung der vielen Toten, die nun noch in den Gräbern des Un- und Wahnglaubens schmachten und kein Leben des Geistes in sich haben –, da ärgere dich nicht darob, und werde nicht zaghaften Glaubens; denn Ich werde am dritten Tage wieder auferstehen und werde kommen zu allen Meinen Freunden und ihnen geben das ewige Leben!
GEJ|9|30|12|0|Über Meine Feinde aber wird hereinzubrechen anfangen das Gericht zu ihrem Untergange, den noch viele jetzt Lebende sehen werden. Ich habe dir nun denn auch das gesagt, und du weißt es nun, wie du dich in der Folge zu verhalten hast.
GEJ|9|30|13|0|Ich habe dir nun auch ein Pfund dargeliehen; verwalte es gut und recht, auf daß Ich es, so Ich wiederkomme, von dir mit Zinsen wieder zurückerhalte! Über Kleines bist du nun gestellt, und über Großes sollst du dann gestellt werden; denn wer im Kleinen treu ist, der wird auch im Großen treu bleiben.“
GEJ|9|30|14|0|Nach diesen Worten segnete Ich des Zachäus ganzes Haus und begab Mich mit Meinen Jüngern sogleich auf den Weg.
GEJ|9|31|1|1|31. — Das heidnische Dorf mit dem Merkurtempel
GEJ|9|31|1|0|Es stand aber noch viel Volk auf der Straße, das Mich noch einmal sehen und sprechen wollte; denn es war durch die Hausleute ruchbar geworden, was Ich des Zachäus Sohne getan hatte. Ich aber ließ Mich nicht beirren und ging rasch durch die Menge unaufhaltsam. Da Mich aber mehrere Hunderte geleiten wollten, so blieb Ich eine kurze Weile stehen und bedeutete den Nacheilenden, daß sie umkehren und nach Hause ziehen sollten, was sie dann auch taten.
GEJ|9|31|2|0|Doch als Ich also vom Volke aufgehalten ward, da drängte sich auch ein Weib, das schon mehrere Jahre am Blutgange litt, und dem niemand helfen konnte, zu Mir. Dies Weib rührte Meinen Rock an im vollen Glauben, daß ihr das Hilfe bringen werde, und sie ward denn auch im Augenblick geheilt.
GEJ|9|31|3|0|Ich aber befragte zur Probe die Jünger und die andern Menschen, sagend: „Wer hat Mich da angerührt im Glauben? Denn Ich gewahrte, daß von Mir eine Kraft ausging.“
GEJ|9|31|4|0|Da sagten die Jünger und etliche andere Menschen: „Da sieh, dies zudringliche Weib hat Dich angerührt!“
GEJ|9|31|5|0|Da fiel das Weib vor Mir nieder und bat Mich um Vergebung; denn sie fürchtete, daß sie deshalb bestraft werde.
GEJ|9|31|6|0|Ich aber sagte zu ihr: „Stehe auf und gehe nach Hause; denn dein Glaube hat dir geholfen! Sündige aber nicht mehr, so du gesund bleiben willst!“
GEJ|9|31|7|0|Da erhob sich alsbald das Weib und begab sich, die Macht Gottes lobend, nach Hause.
GEJ|9|31|8|0|Ich aber entließ darauf eiligst das Volk und zog mit den Jüngern schnell weiter.
GEJ|9|31|9|0|Wir kamen bald in eine wüste Gegend, durch die die Straße gebahnt war. Da zog in dieser Zeit kein Wanderer, und wir konnten so ungesehen die sonst bei zehn Stunden lange Wegstrecke auf die schon bekannte Weise in einer kaum halben Stunde Zeit zurücklegen und eine Gegend erreichen, die zum Teil von Juden und zum Teil von Griechen und eingewanderten Babyloniern bewohnt war.
GEJ|9|31|10|0|Wir kamen an ein Dörfchen, das den Griechen gehörte. In der Mitte dieses Dörfchens befand sich auf einem Hügel ein Tempel, der dem heidnischen Gott Merkur geweiht war. Für die Duldung dieses Heidentempels im Judenlande aber mußten die Bewohner dieses Dörfchens an den Tempel zu Jerusalem jährlich einen namhaften Tribut bezahlen und bekamen darauf allzeit vom Tempel aus die Bewilligung, ihrem Gott Merkur aufs neue wieder ein volles Jahr hindurch Opfer darzubringen und ihm zu Ehren gewisse Feste halten zu dürfen. Dieser Tag – es war ein römischer Merkurtag, obschon der Juden Nachsabbat – war aber gerade ein Festtag des obbenannten Heidengottes, und die Griechen trieben ihr Wesen mit ihrem Götzen.
GEJ|9|31|11|0|Als wir an die Stelle kamen, da hielten uns die Griechen auf und verlangten, daß auch wir aus alter Sitte, also aus einer Art Höflichkeit, unsere Knie vor dem Götzen beugen möchten.
GEJ|9|31|12|0|Ich aber sagte: „Höret, ihr blinden Heiden solltet lieber vor dem allein wahren Gott der Juden eure Knie und Herzen beugen! Denn dieser euer toter und machtloser Götze ist ein Werk von Menschenhänden, also um vieles minder als eine kleinste und unansehnlichste Moospflanze; der eine und allein wahre Gott der Juden aber hat pur aus Sich Himmel und Erde und alles, was sie trägt, erschaffen. Darum sollen alle Menschen nur an den einen, wahren Gott glauben, Ihn allein anbeten und keine anderen, toten Götzen haben und sie mit allerlei unvernünftiger und die Menschenwürde entehrender Zeremonie ehren.“
GEJ|9|31|13|0|Sagte ein Grieche: „So wir nach Jerusalem kommen, da weigern wir uns nicht, unsere Knie vor eurem Gott zu beugen, obschon wir recht gut wissen, daß im großen Tempel Salomos sich kein Gott unter irgendeiner Gestalt befindet. Einen Kasten nur haben die Juden, aus dem zu gewissen Zeiten eine Naphthaflamme emporlodert, die aber so heilig gehalten wird, daß sie nur von dem Obersten und Höchsten der Judenpriester etliche Male im Jahre gesehen und angebetet werden darf. Wir wissen aber auch, daß der Kasten der Juden gleich wie dieser unser Gott von Menschenhänden gemacht worden ist; wie sagst du dann, daß der Gott der Juden der allein wahre ist und aus sich Himmel und Erde erschaffen hat, darum denn auch alle Menschen an ihn glauben, ihn allein anbeten und ehren und nicht irgendwelche anderen Götzen haben sollen?
GEJ|9|31|14|0|Freund, mir kommt es vor, daß wir uns in bezug auf die Wahrheit, welcher Gott ein wirklicher sei, gar nichts vorzuwerfen haben! Wir ehren in unseren Göttern als Symbole der verschiedenen Kräfte der Natur eben nur die von uns mehr oder weniger erkannten Kräfte der großen Natur und nicht die von Menschenhänden gemachte Statue samt ihrem Tempel, und das ist doch sicher vernünftiger, als so ihr Juden einen alten Kasten samt dem Tempel für den allein wahren Gott haltet und anbetet! Daß wir aber euch hier aufforderten, eure Knie im Vorübergehen höflichkeitshalber vor unserem Merkur zu beugen, da wollten wir euch damit ja nicht von eurem Judentume abwendig machen und euch sonach zu einer Sünde wider euren Gott verlocken!
GEJ|9|31|15|0|Kannst du und alle deine Gefährten uns aber einen faktischen Beweis liefern, daß trotz meiner vernünftigen Gründe wider die von euch behauptete Wahrheit nur euer Gott der allein wahre ist, so sind wir nicht hartwillig und wollen gar bald und leicht nur allein zu eurem Gott uns kehren!“
GEJ|9|31|16|0|Sagte Ich: „Freund, einen solchen Beweis können wir dir schon liefern, ohne von euch zu verlangen, daß ihr eure Knie vor uns beugen sollet; aber Ich muß euch zuvor eine Bedingung setzen, die ihr vorher zu erfüllen versuchen müßt, ob sie euch gelingt oder nicht. Gelingt sie euch, dann wollen auch wir unsere Knie vor eurem Merkur beugen und dann als Juden weiterziehen; gelingt euch die Erfüllung der gestellten Bedingung nicht, so werde Ich euch schon den faktischen Beweis liefern, daß der Gott der Juden der allein wahre ist, und ihr werdet euch von euren kostspieligen Götzen abwenden und selbstwillig eure Herzen und Knie vor unserm Gott beugen.
GEJ|9|31|17|0|Die Bedingung aber besteht darin: Ihr habt schon gestern und heute euren Götzen geehrt und in dem Tempel die Opfer niedergelegt, und es muß darum der Götze guten Willens sein und alsbald erhören irgendeine an ihn gerichtete Bitte.
GEJ|9|31|18|0|Seht, dort an den Stufen des Tempels sitzt ein blindgeborenes Mägdlein von zwölf Jahren Alters! Sie ist ein Liebling ihrer wohlhabenden Eltern, und sie gäben alles darum, so demselben die Sehkraft verliehen werden könnte. Wendet euch darum alle mit der Bitte an euren Gott, daß er der Blinden die Augen öffnen wolle! Denn derlei Blinde heilt kein Mensch auf der ganzen Erde nun; das kann nur einem allmächtigen Gott möglich sein. Heilt euer Gott die Blinde, dann wollen auch wir uns vor ihm beugen; heilt er sie aber höchstwahrscheinlich nicht, sodann werde Ich sie heilen mit der Kraft des Geistes unseres Gottes, der in Mir wohnt, und werde von dieser Stelle aus, wo Ich Mich nun befinde, nachdem das Mägdlein wird sehend geworden sein, aber auch den Tempel samt seinem Götzen im Augenblick derart vernichten, daß ihr nicht einmal die Stelle wiedererkennen sollet, auf der nun der Tempel samt dem Götzen steht. Gehet und erfüllet die euch gestellte Bedingung!“
GEJ|9|31|19|0|Sagte der Grieche, der auch der Vater der Blinden war: „Freund, wir wollen den Versuch machen, wie ich ihn schon einige Male gemacht habe – leider allzeit ohne den geringsten Erfolg! Aber was haben wir dann von euch zu fordern, so dich, Freund, etwa auch dein allein wahrer Gott im Stiche ließe und nicht erhörete dein Verlangen? Denn ich habe schon mit gar vielen Juden, die auch ganz ernstlichst an ihren Gott glaubten, in diesem Punkte geredet, und es hat mir ein jeder treu gestanden, daß es mit der alsogleichen Erhörung eurer Ihm dargebrachten Bitten auch seine sehr geweisten Wege habe. Ich aber will darum in das, was du zu leisten versprachst, keinen Zweifel setzen, weil deine Worte äußerst zuversichtsvoll klangen. Aber wenn dein Gott am Ende dennoch in der Wirkung unserem Gotte gliche, was dann?“
GEJ|9|31|20|0|Sagte Ich: „Dann wollen wir eure Sklaven sein unser Leben lang! Aber nun gehet zu eurem Gott, und traget ihm eure Bitte vor!“
GEJ|9|32|1|1|32. — Die Heilung des blinden Mädchens Achaia
GEJ|9|32|1|0|Auf diese Meine Worte gingen die Griechen zu ihrem Götzen und hoben ein starkes Bittgeheul an, das eine kleine halbe Stunde lang währte, natürlich ohne allen Erfolg.
GEJ|9|32|2|0|Als sie ihr Bittgeheul beendet hatten, da kam der Grieche wieder zu Mir und sagte: „Freund, wie du siehst, so ist unsere Mühe nun, wie immer, eine völlig fruchtlose gewesen! Nun kommt die Reihe an dich, uns den versprochenen faktischen Beweis zu liefern, laut dem euer Gott der allein wahre sei. Gelingt es dir, so wollen wir dann auch gleich euch für alle Zeiten Juden werden!“
GEJ|9|32|3|0|Sagte Ich: „So gehe denn hin, und bringe Mir deine blinde Tochter, und überzeuge dich, daß sie noch völlig blind ist! Darauf erst werde Ich ihr die Augen öffnen.“
GEJ|9|32|4|0|Da ging der Grieche sehr erfreut, weil er nun schon glaubte, daß seine Tochter sehend werde, hin zur Blinden und brachte sie zu Mir, sagend: „Hier, lieber Freund, ist die noch vollkommen Blinde; wolle ihr denn mit der Hilfe und lebendigen Macht deines Gottes die Augen öffnen!“
GEJ|9|32|5|0|Sagte Ich zum Mägdlein: „Achaia, möchtest du sehen, so wie die andern Menschen sehen das Licht und zahllos viele andere herrliche Dinge auf der Erde?“
GEJ|9|32|6|0|Sagte das Mägdlein: „O Herr, wenn ich sehen würde durch deine Macht, dann wäre ich wohl überglücklich und würde dich lieben mehr denn alles in der Welt! O so tue mir die Augen auf!“
GEJ|9|32|7|0|Und Ich behauchte ihre Augen und sagte: „Achaia! Ich will, daß du sehest in diesem Moment, und daß du in der Folge nimmerdar blind werdest!“
GEJ|9|32|8|0|Als Ich diese Worte über das Mägdlein ausgesprochen hatte, da ward das Mägdlein denn auch schon vollkommen sehend und wußte vor Freude nicht, was sie nun gleich zuerst tun sollte, und also ging es auch ihren Eltern.
GEJ|9|32|9|0|Nach einer kurzen Weile erst fiel das Mägdlein samt ihren Eltern und Geschwistern vor Mir nieder und sagte: „O Herr! Du bist mehr denn alle Menschen auf der ganzen Erde! Du bist Selbst der eine und allein wahre Gott nicht nur der Juden, sondern aller Menschen auf dem ganzen Erdkreis! Dir allein will ich jedes Opfer darbringen und Dich allein lieben, loben und preisen mein Leben lang!“
GEJ|9|32|10|0|Sagte Ich: „Achaia, wie kommt dir denn das in den Sinn, daß du Mich nun als einen Gott anpreisest? Siehst du denn nicht, wie Ich gleich den andern, die um dich sind, ein Mensch bin?“
GEJ|9|32|11|0|Sagte das Mägdlein: „Das wohl, das wohl, – aber nur dem Anscheine nach in der Außenform; doch Dein Inneres ist voll der Kraft Gottes, und diese ist ja der eigentliche und allein wahre Gott! Zudem hast Du zu mir nicht gesagt: ,Der Gott der Juden mache dich sehend!‘, sondern Du sagtest: ,Achaia, Ich will, daß du sehest!‘, und ich ward sehend! Du hast mir sonach aus Deiner Macht geholfen, die rein göttlich sein muß, da ich sonst wohl blind geblieben wäre für immerdar. Dir darum alle meine Liebe und tiefste Verehrung!“
GEJ|9|32|12|0|Nach dieser Beteuerung kamen auch alle die andern und lobten und priesen Mich, und aller Augen waren auf Mich gerichtet.
GEJ|9|32|13|0|Während aber alle Mich betrachteten und lobten und priesen, schaffte Ich denn auch den Tempel samt seinem Götzen hinweg durch die Macht Meines Willens und sagte darauf zu den Griechen: „Weil ihr nun den rechten und allein wahren Gott gefunden habt, so habe Ich denn auch aus Meiner Machtvollkommenheit euren Götzen samt seinem Tempel schon vernichtet. Gehet hin, und suchet die Stelle, wo der Tempel gestanden ist!“
GEJ|9|32|14|0|Da sahen sich alle nach dem Tempel um und konnten nicht mehr bestimmen, wo ehedem derselbe gestanden war; denn Ich hatte nicht nur den Tempel mit dem Götzen, sondern auch den Hügel vernichtet.
GEJ|9|32|15|0|Als die Griechen das sahen, da fingen sie an, Mich noch lauter zu loben und zu preisen und fragten Mich, was sie nun tun sollten, um der ihnen nun erwiesenen Gnade würdiger zu erscheinen.
GEJ|9|32|16|0|Ich belehrte sie mit wenigen Worten, und sie nahmen alle Meine Lehre an und bildeten bald eine gute Gemeinde in Meinem Namen.
GEJ|9|33|1|1|Der Herr in Nahim in Judäa
GEJ|9|33|1|1|33. — Die Erweckung des toten Jünglings zu Nahim
GEJ|9|33|1|0|Als Ich die Lehre an sie beendet hatte, machten wir uns gleich auf die Weiterreise, da die Sonne schon dem Abend sich zu nahen begann. In einer Stunde erreichten wir Nahim. Es versteht sich aber leicht von selbst, daß uns die über alles erstaunten und zu Meiner Lehre völlig bekehrten Griechen bis nach Nahim begleiteten und wir somit eine recht zahlreiche Karawane bildeten.
GEJ|9|33|2|0|Nota bene: Hier kommt eine Begebenheit vor, die eine große Ähnlichkeit mit jener hat, die sich im ersten Lehrjahre zu Nain in Galiläa zugetragen hatte, die folgende aber trug sich in Nahim in Judäa zu, – daher die beiden sich ähnlich sehenden Begebenheiten nicht miteinander zu verwechseln sind. –
GEJ|9|33|3|0|Als wir sonach in großer Anzahl vor das Tor des Städtchens kamen, da trugen die Leichnamsträger in Begleitung der Trauernden einen verstorbenen Jüngling als den einzigen Sohn einer Witwe zum Grabe; die Witwe aber weinte gar sehr um ihren einzigen Sohn. Als der Leichenzug in unsere Nähe kam, da hielt er an, bis wir vorüberzögen.
GEJ|9|33|4|0|Ich aber trat zur Witwe, tröstete sie und befragte sie auch, wie lange ihr Sohn schon tot sei.
GEJ|9|33|5|0|Die Witwe aber antwortete: „Herr! Ich kenne dich nicht, wer du bist; aber deine Trostworte haben sehr gelindert meinen Schmerz! Wer hat es dir aber nun hinterbracht, daß der Verstorbene mein Sohn sei?“
GEJ|9|33|6|0|Sagte Ich: „Das weiß Ich von Mir Selbst und habe nicht nötig, daß Mir das jemand verkünde.“
GEJ|9|33|7|0|Sagte die Witwe: „Weißt du, daß der Verstorbene mein Sohn ist, so wirst du auch wissen, wie lange er tot ist!“
GEJ|9|33|8|0|Sagte Ich: „Weib, du hast richtig geurteilt; denn Ich weiß es auch, daß dieser dein Sohn vor drei Tagen an einem hitzigen Fieber verstorben ist. Aber so du Vertrauen hättest, da könnte Ich dir deinen Sohn wieder beleben und ihn dir wiedergeben!“
GEJ|9|33|9|0|Sagte die Witwe: „O Herr! Deine Rede erquickt wohl gar sehr mein Herz, doch einen Toten kann und wird nur Gott nach Seiner Verheißung am Jüngsten Tage wiederbeleben! Oder bist du ein großer Prophet, erfüllt mit dem Geiste Gottes, daß du mit dessen Allgewalt auch einen Toten lebendig machen kannst?“
GEJ|9|33|10|0|Sagte Ich: „Das wirst du schon noch erfahren in dieser Nacht, da Ich in deiner Herberge verbleiben werde; nun aber öffnet den Sarg, und Ich will den Jüngling beleben und ihn der traurigen Mutter wiedergeben!“
GEJ|9|33|11|0|Auf das öffneten die Träger den Sarg, und Ich trat hinzu, nahm den Jüngling bei der Hand und sagte: „Jüngling! Ich will es, stehe auf, und wandle mit deiner Mutter nach Hause!“
GEJ|9|33|12|0|Auf diese Meine Worte erhob sich der Jüngling im Sarge, und als man die Tücher, mit denen die Juden ihre Toten umwanden, ablöste, da stieg er auch sogleich aus dem Sarge ganz kräftig und gesund, und Ich gab ihn der über alle Maßen erstaunten Mutter.
GEJ|9|33|13|0|Dieses Zeichen aber bewirkte bei allen Anwesenden – selbst Meine alten Jünger nicht ausgenommen –, ein ordentliches Entsetzen, so daß einige die Flucht ergriffen und andere vor lauter Staunen ganz stumm dastanden und sich nicht ein Wort zu reden getrauten.
GEJ|9|33|14|0|Ich aber behieß die Träger, den leeren Sarg hinwegzutragen, auf daß nun Mutter und Sohn ganz heiteren Gemütes Mir danken konnten für die ihnen erwiesene Gnade. Und die Träger taten voll der höchsten Ehrfurcht, was Ich ihnen befohlen hatte.
GEJ|9|33|15|0|Als der Sarg hinweggeschafft war und dadurch auch die Erinnerung an den Tod, da erst fingen zuerst die uns bis hierher geleitet habenden Griechen von neuem an, Mich hoch zu loben und zu preisen, und sagten laut: „Das kann kein Mensch bewirken, sondern nur ein Gott!“
GEJ|9|33|16|0|Die Juden aber sagten: „Ja, ja, nur Gott sind solche Dinge möglich! Doch Gott ist ein purer Geist, und es kann Ihn niemand sehen und daneben behalten das Leben; diesen Menschen aber sehen wir, und der Tod bleibt ferne, und so ist dieser Mensch wohl sicher ein neu auferweckter großer Prophet voll Geistes aus Gott; aber darum ist er selbst dennoch kein Gott!“
GEJ|9|33|17|0|Sagten die Griechen: „Ihr wisset, was ihr wisset; aber wir wissen auch, was wir wissen! So ihr wohl saget, daß solches nur Gott allein möglich sei und ein solcher Mensch solche Taten nur darum bewirken kann, weil er mit dem Geiste Gottes erfüllt ist, so gestehet ihr es ja selbst, daß der Geist Gottes in Ihm unmöglich etwas anderes ist als eben Gott Selbst! Wenn wir nun Ihn als einen wahren Gott loben und preisen, so sind wir sicher näher an der Quelle der großen Wahrheit, aus der alles Licht und Leben kommt, denn ihr Juden, die ihr Den nicht für einen wahrsten Gott haltet, der da sagt: ,Ich will es!‘ und nicht: ,Der Geist Gottes in Mir will es!‘, und es geschieht dann alsogleich, was Er mit dem Munde ausspricht und will!
GEJ|9|33|18|0|Wir sind Heiden gewesen noch vor ein paar Stunden Zeit, und dieser Gottmensch kam zu uns und hat meine blindgeborene Tochter Achaia mit einem Wort sehend gemacht und ebenso auch unsern Götzentempel in einem Augenblick derart vernichtet, daß von ihm aber auch nicht eine leiseste Spur übrigblieb und man gar die Stelle nicht mehr erkennt, wo er gestanden ist, und Er tat solches alles bloß aus Sich, also aus Seiner höchsteigenen göttlichen Machtvollkommenheit. Wenn Er aber also wirkt und handelt, so muß Er auch Selbst ein wahrster Gott sein und braucht keinen noch höheren und wahreren Gott zu bitten, daß Er Ihm helfe, eine Wundertat zu bewerkstelligen; denn Er Selbst ist schon der höchste und wahrste Gott!
GEJ|9|33|19|0|So denken und urteilen nun wir Heiden, und Er wird uns auch aus Sich geben das wahre, ewige Leben, wie Er nun auch diesem Jüngling das irdische Leben aus Sich wiedergegeben hat, so wir leben und handeln werden nach Seiner Lehre und treu Seinen Willen erfüllen; denn Er Selbst ist der Urquell alles Seins und Lebens!“
GEJ|9|34|1|1|34. — Der Streit um die Persönlichkeit des Herrn
GEJ|9|34|1|0|Nach dieser ganz gediegen wahren Rede des Griechen sagte ein Jude dieses Ortes, der ein Rabbi war und einer Synagoge vorstand: „Du, als ein Heide in unserer Schrift sicher wenig bewandert, urteilst wohl recht gut, und man kann dir in vielen Stücken nicht unrecht geben; aber wenn du in unserer Schrift mir gleich bewandert wärest, so würdest du sicher auch ein wenig anders urteilen! Siehe, sooft Gott Sich eines frommen Menschen eben der Menschen wegen bedient hat, da konnte ein solcher Mensch nicht anders handeln und reden, als wie er von dem Geiste Gottes getrieben ward! Einer unserer ersten der vier Großpropheten redete zum Volke nahe stets also, als wäre er Gott Selbst gewesen, was ihm die Juden auch oft zum Vorwurfe machten; aber er konnte eben nicht anders reden und handeln, als wie er vom Geiste Gottes angetrieben worden war.
GEJ|9|34|2|0|Ein Beispiel seiner Rede wird dir die Sache heller machen. So sagt der besagte Prophet, der Jesajas hieß, unter anderem gleich im Anfange seines 42. Kapitels, wo er wahrscheinlich auf diesen vom Geiste Gottes erfüllten Mann eine Vorandeutung machte: ,Siehe, das ist Mein Knecht, – Ich erhalte Ihn; und Er ist Mein Auserwählter, und Meine Seele hat an Ihm Wohlgefallen. Ich habe Ihm Meinen Geist gegeben, – Er wird das Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien und rufen; auf den Gassen wird man nicht hören Seine Stimme. Das zerstoßene Rohr wird Er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. Er wird das Recht wahrhaftig halten lehren. Er wird nicht mürrisch und greulich sein, auf daß Er das Recht auf Erden aufrichte.
GEJ|9|34|3|0|Also spreche Ich, Gott der Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs, der dem Volke, das darauf ist, den Odem gibt und den Geist denen, die darauf halten. Ich, der Herr, habe Dich gerufen mit Gerechtigkeit, Ich habe Dich bei der Hand gefaßt und habe Dich behütet und habe Dich zum Bund unter das Volk gegeben und zum Licht der Heiden. Du sollst öffnen den Blinden die Augen und die Gefangenen aus den Gefängnissen führen und die da sitzen in der Finsternis und in den Kerkern. Ich, der Herr, das ist Mein Name, will Meine Ehre keinem andern geben, noch Meinen Ruhm irgendeinem Menschengötzen. Siehe, was da kommen soll, verkündige Ich nun zuvor und verkünde Neues; ehe denn es aufgeht, lasse Ich es euch hören.‘
GEJ|9|34|4|0|Siehe nun, du mein sonst recht weiser Grieche, also sprach einst Gott durch den Mund eines Menschen, daß man meinen möchte, der Mensch Jesajas sei im Ernste der Herr Selbst! Dem aber war dennoch nicht also. Und wie es damals war, also ist es auch heutzutage. Dieser wundertätige Mann ist demnach nichts anderes als jener durch den Propheten angezeigte Knecht Gottes, Sein Auserwählter zum Heile auch der Heiden, wie er es euch ehedem auch tatsächlich bewiesen hat.
GEJ|9|34|5|0|Gott wird ihn darum auch mit dem höchsten Ruhme krönen und ihn machen zum Könige aller Völker der Erde, indem Er ihm eine so große Macht gegeben hat, wie sie zuvor noch nie einem Menschen eigen war. Doch deshalb ist und bleibt er dennoch nur ein Mensch und ist aus sich heraus kein Gott und noch weniger irgendein Menschengötze, wie ihr Heiden deren eine Menge aufzuweisen habt. Er ist ein Knecht Gottes, begabt mit aller erdenklichen Macht, ein besonders Auserwählter, und darum sichtlich ein erster Liebling Gottes.
GEJ|9|34|6|0|Siehe, so urteilen wir in der Schrift wohlbewanderten Juden; ihr aber, die ihr gewohnt seid, aus jeder außerordentlichen Erscheinung einen Gott zu machen, haltet solch einen vom Geiste Gottes erfüllten Menschen um so eher gleich für den wahren Gott, weil er vor euren Augen Zeichen gewirkt hat, die ganz sicher nur Gott allein möglich sind. Aber er wirkt derlei unerhörte Wunderdinge doch nicht aus seiner eigenen Menschenkraft, sondern nur durch die ihm auf eine Zeitlang verliehene Willensmacht Gottes. So stehen diese Sachen, und ich bin überzeugt, daß er sich selbst kein anderes Zeugnis geben wird.“
GEJ|9|34|7|0|Sagte darauf der Grieche: „Du hast auch nun wohl geredet und dürftest in manchem auch wohl so für den Weltverstand der Menschen recht haben. Aber es hat der von dir angezogene Prophet in seinen vielen Kapiteln auch noch anders gesprochen, was mir, trotzdem ich ein Heide bin, nicht unbekannt ist, und das dürfte sich wohl mehr zu meines Urteils Gunsten gestalten denn zu des deinen!“
GEJ|9|34|8|0|Sagte der Rabbi: „So lasse hören, was du weißt!“
GEJ|9|34|9|0|Sagte der Grieche: „Gut, wie ist denn hernach die Stelle zu verstehen, wo der Prophet also spricht: ,Uns ist ein Knabe geboren, ein Sohn ist uns gegeben, dessen Herrschaft Er trägt auf der eigenen Schulter! Sein Name ist: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Gott, Ewigkeit, Vater, Friedensfürst.‘ – Wie erklärst du mir dies Zeugnis des Propheten?“
GEJ|9|34|10|0|Darauf wußte der Rabbi nichts zu antworten, sagte bloß so hingeworfen: „Nun ja, das steht wohl auch im Jesajas; doch es ist dieser Prophet in gar vielen seiner Weissagungen sehr dunkel und unverständlich, und man kann da nicht sicher feststellen, was er darunter gemeint hat.“
GEJ|9|34|11|0|Sagte der Grieche: „Sonderbar, daß du als schriftkundiger Jude hier also urteilen magst, und das geborene Kind und der gegebene Sohn, dessen großen Namen der Prophet offen ausgesprochen hat, stehet doch unverkennbar in der Person, in Wort und Tat vor uns! Er ist als nun ein uns sichtbarer Mensch auch ein Knecht, an dem Gott Sein höchstes Wohlgefallen hat aus dem Grunde, weil Er sicher in aller Fülle in Ihm wohnt. Sein Leib ist nur der Knecht; aber Seine Seele ist Gott von Ewigkeit. Dieser Leib ist doch sicher ein allerhöchst Auserwählter Gottes, an dem Er Sein innigstes Wohlgefallen hat! Ich als ein Heide werde hier nach meinem natürlichen Sinne schier der Wahrheit näherstehen, als du mit aller deiner dir nach deinem eigenen Zeugnisse unklaren und unverständlichen Schriftkundigkeit!“
GEJ|9|34|12|0|Hierauf sagte der Rabbi gar nichts mehr, ward ärgerlich und ging davon.
GEJ|9|34|13|0|Ich aber sagte zu Meinen Jüngern, die sich über den blinden Rabbi im geheimen auch ärgerten: „Da habt ihr abermals ein Beispiel, wie das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben wird. Diese Griechen waren vor ein paar kleinen Stunden noch feste Götzendiener, und nun stehen sie im wahren Lichte schon um gar vieles höher denn die sich auf ihre Schriftkundigkeit so viel einbildenden Juden! Seid denn froh, daß es nun einmal also gekommen ist! Wahrlich, Davids Thron wird nicht mehr unter den Juden, sondern unter den Heiden aufgerichtet werden!“
GEJ|9|34|14|0|Hier erst fiel Mir die Witwe mit ihrem Sohne recht zu Füßen und sagte: „O Herr, Herr! Jetzt erst gehen mir die Augen auf! Du bist der uns verheißene Messias! Oh, vergib es unserer Blindheit, daß wir Dich nicht alsogleich erkennen mochten!“
GEJ|9|34|15|0|Ich aber sagte zu ihr: „Hebe dich vom Boden, gehe mit deinem Sohne nach Hause und bereite uns ein Abendmahl; denn heute bleiben wir in deiner Herberge! Ich habe dir das zwar schon ehedem gesagt, aber nun tue alsbald, was Ich dir geboten habe!“
GEJ|9|34|16|0|Hierauf erhob sich das Weib alsogleich vom Boden und eilte gar selig mit ihrem Sohne nach Hause und machte sich sogleich an die Bereitung eines guten Abendmahles, dessen wir schon bedürftig waren.
GEJ|9|35|1|1|35. — Über die Zulassung von Not und Krankheit
GEJ|9|35|1|0|Da aber die Sonne bereits schon untergegangen war, so sagte Ich zu den Griechen: „Ich stelle es euch nun ganz frei: Ihr könnet, so ihr Unterkunft findet, diese Nacht hier in Nahim verbleiben oder aber auch euch nach Hause begeben. Es wird für euch das eine wie das andere von keinem Nachteile sein.“
GEJ|9|35|2|0|Sagte der Grieche, der Vater der Blinden und der Vorsteher des griechischen Dörfchens: „Oh, Du Herr, Herr, Herr von Ewigkeit, wegen der Unterkunft hat es hier seine ganz guten Wege! Wir sind unser wohl bei hundert Personen stark, die aber alle bei der glücklichen Witwe eine ganz geräumige Unterkunft finden können und mit Deiner allmächtigen Hilfe auch werden. So wir heute Nacht um Dich verweilen dürfen, so bleiben wir, und sollte uns in dieser Nacht zu Hause auch aller unser Weltquark zugrunde gehen; denn ein Wort aus Deinem Gottesmunde zu vernehmen, ist endlos mehr wert denn alle Schätze der Erde und mehr als die Sonne, der Mond und alle Sterne! Wir bleiben darum hier. So viel, als die Herberge kosten wird, haben wir schon Gelder bei uns; und sollte es alle unsere Güter kosten, so blieben wir dennoch bei Dir, o Du Herr, Herr, Herr! Denn haben wir auch alle unsere Erdengüter um Deinetwillen verloren, aber dabei Deine Gnade lebendig gefunden, so haben wir dadurch ja einen endlos großen Gewinn gemacht! Darum bleiben wir, zu jedem uns möglichen Opfer bereit, hier in Deiner Nähe!“
GEJ|9|35|3|0|Sagte Ich: „So bleibet, – für alles andere wird schon von Mir aus gesorgt sein! Denn wahrlich sage Ich es euch: Wer in der Folge nicht eures Sinnes und Glaubens sein wird, dessen Seele wird schwerlich das Reich Gottes einernten! Wenn ihr gleichfort so im Herzen bei Mir verbleiben werdet, da werde auch Ich bleiben, im Geiste kräftig wirkend, bei und unter euch; und bei denen Ich bleiben werde, die werden keinen Mangel und keine Not je zu erleiden haben, weder für ihre irdischen Bedürfnisse und noch weniger für die Bedürfnisse der Seele.
GEJ|9|35|4|0|Mangel, Not und allerlei Elend lasse Ich nur dann unter die Menschen kommen, wenn sie von Mir ganz abgefallen und zum Teil finstere und dumme Götzendiener und zum Teil pur selbstsüchtige und gottlose Weltlinge geworden sind. Denn Not und Mangel nötigen die Menschen zum Denken über die Ursachen ihres Elends, machen sie erfinderisch und scharfsichtig, und es werden auf diese Art bald ganz kluge und weise Männer aus einem Volke aufstehen, die ihren Mitmenschen die Augen öffnen und ihnen die Quellen des allgemeinen Elends zeigen, und viele treten dann bald aus den Schranken ihrer Trägheit und rüsten sich zum Kampfe gegen jene mächtig gewordenen Müßiggänger, die über die durch sie mit Blindheit geschlagenen Völker tyrannisch herrschen und die eigentlichen Gründer des allgemeinen Elends auf dieser Erde sind. Diese werden unter oft schweren Kämpfen entweder gänzlich besiegt und vertrieben oder zum wenigsten dahin genötigt, den Völkern solche Gesetze zu geben, unter denen sie bestehen können. Und so kehrt dann allzeit nach dem Maße Glück und Wohlstand unter den Menschen ein, in welchem Maße die Menschen wieder zu dem einen allein wahren Gott zurückzukehren angefangen haben.
GEJ|9|35|5|0|Würden die Menschen sich nie von Gott abwenden, so würden sie auch nie in eine Not und in ein Elend verfallen.
GEJ|9|35|6|0|Wenn ihr sonach auch in euren Nachkommen stets in und bei Mir im Glauben und in der Tat nach Meiner Lehre verbleiben werdet, so werdet ihr auch nie ein Elend zu bestehen haben. Auch des Leibes Krankheiten werden eure Seelen nicht ängstlich und kleinmütig machen; denn des Leibes Krankheiten sind allzeit nur die bitteren Folgen der Nichtbefolgung der von Mir den Menschen allzeit klar ausgesprochen gegebenen Gebote.
GEJ|9|35|7|0|Wer diese schon von seiner Jugend an treu zu halten anfängt, der wird bis in sein hohes Alter keines Arztes bedürfen, und seine Nachkommen werden nicht an den Sünden ihrer Eltern zu leiden haben, wie das bei den alten, Gott getreuen Völkern oft durch Jahrhunderte der Fall war. Aber wenn die Menschen auszuarten angefangen haben, dann sind auch bald schwere Körperleiden über sie gekommen und haben sie die Folgen der Gering- oder Garnichtachtung der Gebote Gottes kennen gelehrt.
GEJ|9|35|8|0|Denn so da ist ein Mensch nur, der eine kunstvolle Maschine zu irgendeinem Gebrauch anzufertigen versteht, so versteht er sicher auch, wie sie zum zweckdienlichen Gebrauch zu verwenden ist, und wie man die Maschine zu handhaben hat, daß sie nicht verdorben und sodann zum ferneren Gebrauch völlig untauglich wird. Und wenn der sachkundige Verfertiger der Maschine dem, der sie ihm zum Gebrauch abgekauft hatte, sagt und zeigt, was er zu beachten hat, um von der Maschine einen dauerhaft nützlichen Gebrauch machen zu können, so muß der Käufer das ja auch genau beachten, was ihm der Maschinenmeister gesagt hat. So aber der Käufer mit der Weile das entweder aus Eigen- oder Leichtsinn nicht mehr beachtet, wie die Maschine zu behandeln und zu gebrauchen ist, so muß er es sich selbst zuschreiben, daß die Maschine verdorben ist und somit für den guten Gebrauch entweder ganz oder doch zum Teil unbrauchbar geworden ist.
GEJ|9|35|9|0|Gott aber ist der große Maschinenmeister des menschlichen Leibes, den Er zum nützlichen Gebrauch für die Menschen als eine gar kunstvollste Maschine wohl eingerichtet hat. Gebraucht die Seele diese belebte Maschine nach dem ihr klar erteilten Rat, der in den Geboten Gottes besteht, so wird der Leib auch in seiner stets wohl brauchbaren Gesundheit verbleiben; mißachtet aber mit der Zeit die träg und sinnlich gewordene Seele diese Gebote des ewig großen Maschinenmeisters, so muß sie es sich denn auch selbst zuschreiben, so ihr Leib in allerlei Elend verfallen ist. Ich meine, daß ihr alle Mich wohl verstanden habt, und so wollen wir uns nun in die Herberge begeben.“
GEJ|9|35|10|0|Die Griechen konnten Mir nicht genug danken für diese Belehrung, und auch Meine Jünger sagten: „Das war einmal wieder ein klares Wort!“
GEJ|9|35|11|0|Darauf machten wir uns auf den Weg und begaben uns in die schon bekanntgegebene Herberge, allwo schon ein reichliches und wohlbereitetes Mahl unser harrte.
GEJ|9|36|1|1|36. — Der Grund des Besuches des Herrn bei der Witwe
GEJ|9|36|1|0|Da aber die Witwe auch die Griechen ankommen sah, da ward ihr bange, weil sie zu wenig vorbereitet habe.
GEJ|9|36|2|0|Ich aber beruhigte sie und sagte, daß das Bereitete für alle genügen werde.
GEJ|9|36|3|0|Sie glaubte, und wir setzten uns an die Tische und hatten mehr als hinreichend zu essen und zu trinken.
GEJ|9|36|4|0|Es fing aber alles sich überhoch zu verwundern an – und ganz besonders die Witwe, die am besten wußte, für wie viele Gäste sie die Speisen bereitet hatte –, wie nun mehr als dreimal so viele Gäste schon bei einer Stunde lang aßen und tranken, und man merke den Speiseschüsseln noch nicht an, daß in ihnen der Speise weniger geworden wäre. Auch die Weinkrüge schienen sich von neuem selbst zu füllen.
GEJ|9|36|5|0|Als die Sache noch eine Weile so andauerte, da kam die Witwe mit ihrem Sohne zu Mir und sagte: „O Herr, nun erst weiß ich ganz, wer in Deiner höchst heiligen und anbetungswürdigen Person mein unwürdigstes Haus betrat! Die Griechen hatten recht, dem alten Rabbi auf seine eingebildete Judenweisheit zu zeigen, daß sie die bei weitem Weiseren sind. Er hat sich auch weislich davongemacht und ist nun am Abend, wie sonst doch gewöhnlich, nicht zu mir gekommen. Aber nun, o Herr, Herr, möchte ich denn doch auch aus Deinem heiligsten Munde erfahren, was mich denn vor Dir so würdig gemacht hat, daß Du mir armen Sünderin solche Gnaden erweisen mochtest!“
GEJ|9|36|6|0|Sagte Ich: „Ich kenne wohl dein Leben schon von der Wiege an, aber Ich kenne auch dein Herz, dem viele Arme ihr Leben zu danken haben; und darum bin Ich zu dir gekommen in deiner größten Not. Denn du selbst bist schon ziemlich alt und schwächlich geworden, und dieser dein einziger Sohn sollte deine Hauptstütze werden, wie du dir das auch mit Recht erhofftest; aber er ward krank und starb. Da Ich da wohl ersah deinen Schmerz und deine Not, aber daneben auch die sicher bald eintretende Not der vielen Armen, die infolge deiner eigenen Schwäche und Hilflosigkeit ihre bisherige Versorgung in deinem Hause mehr und mehr verloren hätten, so kam Ich, um nicht nur allein dir, sondern auch den vielen andern Armen und durch allerlei Not Bedrängten wunderbar zu helfen.
GEJ|9|36|7|0|Siehe, das ist der eigentliche Grund, der Mich bestimmte, zu dir zu kommen! Denn wahrlich, wahrlich sage Ich euch allen: Wer da nach seinem Vermögen den armen und bedrängten Nebenmenschen allzeit Barmherzigkeit und Liebe erweist in aller Freundlichkeit, der wird auch bei Mir Erbarmung, Liebe und Freundlichkeit finden; denn darin besteht das wahre Reich Gottes, das in Mir nun zu euch gekommen ist, daß ihr Gott liebet über alles und eure Nächsten wie euch selbst. Wer das tut, der erfüllt das ganze Gesetz und steht in der vollen Gnade Gottes, und Jehovas segnende Hand ist über ihm. Wer in solcher Liebe verharrt, der ist und bleibt in Mir und Ich in ihm. Wer aber in Mir ist, wie auch Ich in ihm, der hat in sich das ewige Leben und wird den Tod nicht sehen und schmecken; denn er ist also schon in dieser Welt ein rechter Bürger des Reiches Gottes, in dem es ewig keinen Tod mehr gibt. Beherziget das alle wohl, und handelt danach; denn darum kam Ich Selbst in diese Welt, um den Menschen also das wahre Gottesreich zu überbringen und sie zu erlösen von aller Blindheit und vom Tode ihrer Seelen, der euch bisher hart gefangenhielt. So nun jemand von euch noch etwas wissen will, der mag fragen, und Ich werde ihm antworten.“
GEJ|9|36|8|0|Als Ich solches ausgeredet hatte, da wandte sich der neu belebte Sohn der Witwe an Mich und sagte: „O Herr des Lebens, sieh, ich war völlig tot und lebe nun durch Deine Gnade wieder. Werde ich von nun an bei der genauesten Beachtung Deines uns nun bekanntgegebenen heiligen Willens gleich ewig fortleben und nimmerdar sterben? Denn das Sterben ist ganz entsetzlich bitter, und ich möchte es nicht wieder noch einmal verkosten! Ist man einmal tot, dann verspürt man freilich keinen Schmerz mehr, und alle Angst und Furcht ist dahin, weil man um sich nichts mehr weiß, nichts fühlt, sieht und hört; aber bis man völlig tot ist, das geht höchst ängstlich und schmerzhaft zu! Daher möchte ich Dich, o Herr des Lebens, wohl bitten, mich und auch alle andern guten Menschen nicht mehr sterben zu lassen!“
GEJ|9|36|9|0|Sagte Ich: „Mein lieber Sohn! Ich habe es ja ehedem schon euch allen treuest und wahrst verkündet, daß die, welche an Mich glauben, Mich über alles lieben und ihre Nächsten wie sich selbst, den Tod nicht sehen, fühlen und schmecken werden; denn wer nach Meinem Worte das ewige Leben in sich hat, wie kann der sterben?
GEJ|9|36|10|0|Du sagtest aber auch, daß der Tod dann wohl auch gewisserart gut sei, so man einmal völlig tot ist, weil man da nichts mehr höre, sehe und fühle und somit um sich nichts mehr wisse; aber das, Mein lieber Sohn, ist wohl nicht also, wie du nun nach deinem Gefühle urteilst! Dir kommt es nun freilich so vor, als wärest du in deinem leibestoten Zustande völlig tot und bewußtlos gewesen; aber dem war nicht so.
GEJ|9|36|11|0|Denn daß du nun keine Rückerinnerung an das hast, was deiner Seele in ihrer Abwesenheit vom Leibe alles begegnet ist, das habe Ich ganz weise angeordnet; denn wäre deiner Seele die Rückerinnerung geblieben an das, wie sie im Paradiese sich höchst wohl und selig unter vielen Engeln befand, und wie sie dann traurig geworden ist, als ihr diese verkündeten, daß sie nach dem Willen Jehovas noch einmal in ihren Leib werde zurückkehren müssen, so würdest du dich als nun wieder mit deinem Leibe vereint, nicht so heiter wie jetzt befinden. Ich könnte dir die vollste Rückerinnerung gleich wieder verschaffen, so Ich das wollte; doch Ich würde dir dadurch nichts Gutes erweisen, weil du dadurch für diese Welt, in der du noch vieles zu wirken bekommen wirst, auf viele Jahre hin völlig untüchtig werden würdest.
GEJ|9|36|12|0|Es wird in deinem hohen Alter schon wieder einmal eine Stunde kommen, in der Ich deine Seele aus dem Leibe zu Mir rufen werde; dann werde Ich dir auch die Rückerinnerung an den dreitägigen Zustand im Paradiese Meiner Engel zum voraus geben, und du selbst wirst Mich dann kniend bitten, dich als Seele aus ihrem morsch gewordenen Leibe zu erlösen.
GEJ|9|36|13|0|Dein Leib wird dann freilich noch einmal und für immer tot werden, und es wird in ihm kein Lebensbewußtsein zurückbleiben; aber du wirst dann fortleben im vollkommensten Bewußtsein deiner selbst und wirst mit Meinen Engeln, von einer Weisheits- und Liebesstufe stets seliger werdend, emporsteigen und den Vater, der in Mir wohnt, stets tiefer und tiefer erkennen und bewundern Seine end- und zahllos vielen und großen Schöpfungen.
GEJ|9|36|14|0|Siehe, du Mein lieber Sohn, also ist es, und also wird es sein, und du kannst das Mir wohl glauben; denn Ich, der dich nun wieder in dieses Erdenleben zurückgerufen hat, und Ich als die ewige Liebe, Weisheit, Macht, Kraft, Licht, Wahrheit und Leben Selbst habe es dir nun geoffenbart!“
GEJ|9|37|1|1|37. — Die Bedingung zur persönlichen Offenbarung Gottes
GEJ|9|37|1|0|(Der Herr:) „Jetzt mußt du freilich das alles nur glauben; so aber dein Glaube durch Werke lebendig wird, so wirst du durch den lebendigen Glauben schon auch ins Schauen, Selbstfühlen und tiefstes dich überzeugendes Erkennen übergehen, und das ist für die Seele des Menschen um gar vieles besser, als so sie erst etwas als für überzeugend wahr annimmt, was sie durch ihr eigenes Suchen und Forschen mühevoll auf dem Erfahrungswege sich als eine Wahrheit zu eigen gemacht hat.
GEJ|9|37|2|0|Es ist wohl solch eine suchende und emsig forschende Seele sicher auch ihres Lohnes wert, da doch jeder Arbeiter seines Lohnes wert ist, aber besser ist eine Seele, die, so sie die Wahrheit – sage – aus dem Munde Gottes vernimmt, da glaubt und danach tätig ist; denn dadurch eint sie durch die Liebe Meinen Geist mit sich, der ihr in einer Stunde Zeit mehr der lichtvollsten Weisheit geben kann und auch gibt, als sie sich auf dem Wege des höchsteigenen Forschens in hundert Jahren erwerben kann. Aber darum sollte auch eine frommgläubige Seele das gerechte Suchen und Forschen nicht auf die Seite setzen! Denn es sollte ein jeder Mensch alles prüfen, was er von Menschen vernimmt, und das Gute, das auch allzeit wahr ist, behalten; doch was leicht erkennbar von Mir Selbst den Menschen geoffenbart wird, das braucht der Mensch nicht viel zu prüfen, sondern nur zu glauben und danach zu handeln, und die lebendige Wirkung wird sich ihm bald sehr bemerkbar zu machen anfangen.
GEJ|9|37|3|0|Wer an Mich glaubt, Meinen Willen tut und Mich liebt über alles und seinen Nächsten wie sich selbst, zu dem werde Ich Selbst kommen und Mich Ihm treulich offenbaren. In der Folge aber wird es also sein, daß am Ende ein jeder, den es wahrhaft nach Mir als der ewigen Wahrheit dürstet, von Mir belehrt werden wird; denn Ich, als die Wahrheit im Vater, bin gleich wie ein Sohn, der Vater aber ist die ewige Liebe in Mir. Wen sonach die Liebe oder der Vater zieht, der kommt auch zum Sohne oder zur Wahrheit.
GEJ|9|37|4|0|Darum ist es besser, sich Mir durch die Liebe zu nahen als durch das Erforschen der puren Wahrheit. Denn mit der Liebe kommt auch der Geist der Wahrheit unfehlbar gleich also, wie mit dem Feuer, so es sich zur lebendigen Flamme gesteigert hat, das Licht; aber so jemand ein irgend fernes Licht wohl ersieht und demselben nacheilt, da wird er sicher länger zu tun haben, bis er an die Stelle des Lichtes gelangen mag, um daselbst auch von des Lichtes lebendiger Flamme zum Leben erwärmt zu werden.
GEJ|9|37|5|0|Wer Gott wahrhaft sucht, der muß Ihn im eigenen Herzen, also im Geiste der Liebe, in der alles Leben und alle Wahrheit verborgen ist, suchen, und er wird Gott und Sein Reich auch so leicht und bald finden, – auf jedem andern Wege aber schwer und in dieser Welt oft wohl gar nicht.
GEJ|9|37|6|0|Es heißt auch in der Schrift, daß der Mensch Gott anbeten solle. Wie aber soll er Gott anbeten, so er erstens Gott noch niemals anders als höchstens vom Hörensagen erkannt hat und dabei kaum glaubt, daß es einen solchen Gott gibt, und zweitens, er auch nicht von ferne hin weiß, was Gott anbeten heißt! An dem gewissen Lippengebet, bei dem das Herz ferne ist, kann aber Gott ja doch wohl, als Selbst die ewige und reinste Liebe, kein Wohlgefallen haben.
GEJ|9|37|7|0|Gott anbeten heißt: Ihn stets über alles lieben und den Nächsten wie sich selbst. Und Gott wahrhaft lieben heißt: Seine Gebote treust halten unter oft noch so mißlich scheinenden Lebensverhältnissen, die Gott, so es nach Seiner Liebe und Weisheit irgend nötig ist, über einen und den andern Menschen kommen läßt zur Stärkung und Lebensübung der von der Materie zu sehr angezogenen Seele; denn Gott allein kennt jede Seele, ihre Natur und Eigenschaft, und weiß es auch am klarsten und besten, wie ihr auf den wahren Lebensweg zu helfen ist.
GEJ|9|37|8|0|Gott ist in Sich also der höchste und reinste Geist, weil die reinste Liebe, und muß daher von jenen, die Ihn wahrhaft anbeten wollen, im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden, und das ohne Unterlaß das ganze Leben hindurch, wie das auch tun alle Engel im Himmel ewig!
GEJ|9|37|9|0|Wäre das Lippengebet eine rechte und Gott wohlgefällige Anbetung, und Gott verlangte das von den Menschen und Engeln, so wäre Er ebenso schwach, eitel und unweise wie ein blinder und hoffärtiger Pharisäer, der von jedermann über alles hochgeehrt sein und über alles herrschen will. Denn so ein Mensch zu Gott Tag und Nacht mit dem Munde beten sollte, und das ohne Unterlaß, wo würde er dann die Zeit zur andern nötigen Arbeit hernehmen und wie für sich und die Seinen die nötige Leibesnahrung schaffen? Leider gibt es nun unter den Juden eine Menge solcher Narren und wird es auch fürderhin geben, die Gott mit nahe endlos langen Lippengebeten anbeten und meinen, daß das ein wahrer Gottesdienst sei und Gott daran ein Wohlgefallen habe, besonders, wenn ein solches Lippengeplärr mit allerlei Zeremonie begleitet wird.
GEJ|9|37|10|0|Allein, wahrlich sage Ich euch allen: Wo Ich also von den Menschen angebetet und geehrt werde, da werde Ich sofort Mein Gesicht abwenden und einer solchen Anbetung und Verehrung nimmerdar achten, und das darum, um den dummen Menschen praktisch zu zeigen, daß vor Mir derlei Anbetungen und Verehrungen ein wahrer Greuel sind und Ich ihrer niemals achte, besonders jener schon gar niemals, die von den Priestern ums Geld verrichtet werden, weil da der Betende, der darum von einem andern bezahlt worden ist, bloß zum Scheine, zumeist ohne allen Glauben, ein solches Gebet hinmurmelt, und der, dem das Gebet helfen soll, selbst zu träge ist, seine Knie vor Gott zu beugen und daher lieber andere für sich beten läßt.
GEJ|9|37|11|0|Liebet daher Gott über alles und eure Nächsten wie euch selbst, und tut sogar denen Gutes, die euch Böses tun, und betet sogestaltig auch für eure Feinde, und bittet ebenso für die, welche euch hassen und verfluchen, und vergeltet nicht Böses mit Bösem – außer im höchsten Notfalle, um einen wahren Bösewicht dadurch vom Wege des Lasters möglicherweise auf den Weg der Tugend zu setzen –, und Ich werde solch eine wahre und lebendige Anbetung mit dem innigsten väterlichen Wohlgefallen ansehen und wahrlich keine eurer Bitten unerhört lassen! Aber ein pures Lippengebet ohne Herz und vollsten Glauben werde Ich niemals ansehen und irgend erhören. Ich habe euch nun getreust den rechten Lebensweg gezeigt; wandelt und handelt also, und ihr werdet dadurch sein und bleiben in Mir und Ich in euch!
GEJ|9|37|12|0|In wem aber Ich bin durch seine Liebe zu Mir und daraus zum Nächsten, der wird nicht in der Nacht des Gerichtes und des Todes der Seele, sondern gleichfort am hellsten Lebenstage wandeln.
GEJ|9|37|13|0|Und nun sage, du Mein lieber Sohn, Mir, wie und ob du das wohl verstanden hast? Denn so du es recht verstanden hast, so wirst du auch recht danach handeln und voll Lichtes werden!“
GEJ|9|38|1|1|38. — Die Sorge des Jünglings
GEJ|9|38|1|0|Sagte der Jüngling: „O Herr, Herr und ewiger Meister des Lebens, ich habe das alles wohl verstanden und begriffen, und es kommt mir nun wahrlich vor, als ob es in meinem Herzen nun schon ganz frei und lebenshelle geworden wäre, und ich bin darum auch schon zum voraus lebendigst überzeugt, daß es mit der Zeit, so ich nach Deiner heiligsten Lehre erst selbst vollernstlich die Hand ans Werk legen werde, in mir noch um gar vieles lebensheller werden wird! O Herr, Herr! Lasse doch viele, ja alle Menschen also in Deiner Liebe erleuchtet werden, und wir Menschen werden uns dann schon in dieser Welt im Paradiese befinden!
GEJ|9|38|2|0|Aber ich gewahre in mir nun auch die starke Nacht in Jerusalem, mit der wir bis zu einem allgemeinen Lebensvolltage gar viele Kämpfe zu bestehen haben werden; denn in meinem nun in mir erwachten Lichte sehe ich erst den ganz entsetzlichen Gegensatz zwischen Deiner reinsten Lehre und den haarsträubend machenden Trug- und somit grundfalschen Lehren und elendsten Gesetzen des Tempels. Wie wird man denen zu begegnen imstande sein? Denn die Templer haben die irdische Macht noch immer in ihren Händen und verfolgen jeden anders Glaubenden, Denkenden und Handelnden mit Feuer und Schwert. So sie uns, wenn sie hierher kommen, nach Deiner Lehre lebend und handelnd treffen werden und uns um den Grund angehen werden, so werden wir als in Deiner Wahrheit stehende Menschen doch auch nur die Wahrheit sagen müssen, um nicht als Lügner vor ihnen und auch vor Dir, o Herr, Herr, zu erscheinen!
GEJ|9|38|3|0|Du ewiger Herr alles Seins und der Himmel und der Erde, gib uns auch da einen Rat; denn ich, obschon noch ein junger Mensch, sehe das nun auf einmal nur schon zu gut ein, wie wir uns da nicht ohne die bittersten und harten Verfolgungen von seiten der Templer in vielleicht schon jüngster Zeit befinden werden, und das um so mehr, je ernster und reger wir nach Deiner Lehre leben und handeln werden. O Herr, Herr, was wird da zu machen sein?“
GEJ|9|38|4|0|Sagte Ich: „Nun, nun, du Mein lieber Sohn! Bin Ich erstens denn nicht mächtiger denn der Tempel, der auch an Mich nicht glaubt, sondern Mich nur in einem fort verfolgt, zu fangen und zu verderben trachtet? Wer an Mich glaubt, auf Mich baut und vertraut, dem werde Ich doch wohl auch wider die blinde Macht des Tempels zu Hilfe kommen können! Glaubst du das wohl?“
GEJ|9|38|5|0|Sagte der Jüngling: „O Herr, Herr, vergib mir meine eitel törichte Furcht, ich glaube, ich glaube das ungezweifelt! Du als der ewig alleinige Herr über Leben und Tod wirst die Deinen zu schützen wissen auch gegen die Macht aller Höllen, so sehr sie auch bemüht sind auf der ganzen Erde, das Reich Gottes zu vernichten und das Reich des ewigen Todes aufzubauen.“
GEJ|9|38|6|0|Sagte Ich: „Ganz sicher, wahr und gewiß! Aber ich sage dir als etwas Zweites noch hinzu: Seid auch ihr zwar in euch sanft gleich den Tauben, gegen die Welt hin aber klug gleich den Schlangen! Denn Ich will es nicht, daß ihr Meine Perlen offen all den Weltschweinen vorzeigen und vorwerfen sollet.
GEJ|9|38|7|0|So man euch aber irgend zur Rede stellen wird, da werde schon Ich euch die Antwort in den Mund legen, – und wahrlich, man wird euch auf tausend nicht eins zu erwidern imstande sein. So Ich euch auch noch diese Versicherung gebe, da könnet ihr in Meinem Namen jedem Kampfe, der euch irgend erwarten dürfte, schon ganz mutvoll ins Angesicht schauen. Denn in dieser Zeit wird die Ausbreitung Meines Reiches unter den Menschen Gewalt brauchen, und die es werden haben wollen, werden es auch mit Gewalt an sich reißen müssen! Doch der sichere Sieg wird darum nicht schwer zu erkämpfen sein, weil Ich Selbst als der mächtigste Held den Kämpfern um Mein Reich alle Hilfe werde angedeihen lassen! – Verstehst du auch das?“
GEJ|9|38|8|0|Sagte der Jüngling: „Ja, Herr, Herr, mit Deiner Gnade ist alles leicht zu verstehen; denn mit Deiner Lehre gibst Du dem, der ernstlich nach ihrem göttlichen Sinne leben will, auch das richtige Verständnis und damit auch den Mut, für die göttliche, reine und lebensvolle Wahrheit den Kampf mit jedem Feinde aufzunehmen und siegreich zu bestehen. Denn ich war tot, und Dein göttlich allmächtiges Wort hat meine Glieder wieder belebt und das Herz von neuem zu pulsieren genötigt, und ebenso hat Dein allmächtiger Wille nun denn auch unsere Schüsseln und Krüge nicht leer werden lassen. Zudem hast Du uns allen noch das größte Lebensgut hinzugetan durch die Gabe Deiner Lehre, durch die wir nun schon ganz lebendig wissen und gar wohl erkennen, was wir zu tun haben und warum.
GEJ|9|38|9|0|So wir nun das alles wissen und Dich, o Herr, Herr, auch als den allein wahren Gott erkannt haben, so muß uns das ja den vollsten Glauben und das innigste Vertrauen geben, daß Du uns auch im Kampfe wider die Feinde der Wahrheit schützen und schirmen und den sicheren Sieg über sie allzeit verleihen wirst, weil Du als die ewige Wahrheit uns das treu verheißen hast. Wohl werden wir im Herzen sanft sein gleich den Tauben, aber es wird uns auch an der Klugheit unseren allfälligen Feinden gegenüber nicht fehlen mit Deiner Hilfe, o Herr, Herr!“
GEJ|9|39|1|1|39. — Die Frage des Jakobus nach dem geistigen Sinn der Erweckung des toten Jünglings
GEJ|9|39|1|0|Nach diesen für einen Jüngling sehr geistvollen Worten, über die sogar alle Meine Jünger sehr erstaunten, sagte Mein alter Jünger Jakobus der Ältere: „Herr und Meister! Du weißt es, wie selten ein Wort über meine Lippen kommt; doch hier fühle ich einen eigenen Drang im Herzen, auch einmal ein paar Worte zu reden, so Du mir solches gestatten wollest.“
GEJ|9|39|2|0|Sagte Ich: „Mein lieber Bruder! So Ich nicht wollte, daß auch du einmal unter Menschen redetest, da hätte Ruhe dein Herz wie immer; also aber will Ich, daß auch du einmal redest, und so öffne du nun nur den Mund und rede, was dir dein innerer Sinn geben wird!“
GEJ|9|39|3|0|Hierauf erhob sich Jakobus und sprach: „Schon stark über zwei Jahre waren wir in schon gar vielen Orten und Landen mit Dir und waren Zeugen von den schon nahe zahllos vielen Wundertaten, die Du mit Deinem Willen verrichtet hast, und hast auch uns die Macht gegeben, in Deinem Namen die Kranken zu heilen und die Besessenen von ihren bösen Geistern zu befreien; kurz und gut, so jemand das alles, wovon wir Zeugen waren, in Bücher schreiben würde, so würde er damit wohl in hundert Jahren noch lange nicht fertig werden, und der Verstand der noch so weltweisen Menschen würde den Sinn solcher Schriften auch nicht fassen und begreifen. Doch diese Deine Tat hier in Nahim hat mich nun ganz besonders erregt, und ich gestehe es hier ganz offen und sage: Hinter dieser Deiner Tat scheint ein ganz besonderer, tief geistiger und prophetischer Sinn zu liegen.
GEJ|9|39|4|0|Es liegt da wohl am Ende hinter jeder Deiner vielen Lehren und Taten ein tiefer geistiger Sinn verborgen, und ich selbst habe mir schon so manches ganz geheim bei mir enträtselt; aber hinter dieser Deiner Tat scheint nach meinem Gefühle etwas ganz besonders Großes und für die Zukunft sehr Wichtiges verborgen zu sein, und mich dürstet nun ganz mächtig danach, von Dir auch nur so einige Winke zu überkommen, wohin sich diese Deine Tat als weissagend wendet!“
GEJ|9|39|5|0|Sagte Ich: „Du hast recht geurteilt, Mein lieber Bruder Jakobus, der du schon von Meiner diesirdischen Geburt an stets um Mich warst und somit auch von gar allen Meinen diesirdischen Schritten, Tritten, Worten und Taten ein treuer Zeuge warst, nun noch bist und auch bleiben wirst. Hinter dieser Tat steckt freilich wohl etwas ganz Besonderes; doch das, was dahinter verborgen ist vor den Augen der Menschen, ist für den Menschenverstand, wie er jetzt besteht, und für den euren nicht wohl faßbar.
GEJ|9|39|6|0|Ich sehe in Mir freilich die ganze, nie endende Ewigkeit enthüllt und somit auch das als eine schon vollendete Tat, was hinter dieser Meiner Tat verborgen ist; aber euer Geist kann, wie nun noch in seiner Kindheit, das nicht schauen und fassen.
GEJ|9|39|7|0|Weil du aber schon so ein geheimer Denker bist und auch selbst begreifst und fühlst, daß Ich nichts tue, was da nicht für die ganze Unendlichkeit und Ewigkeit eine wohlentsprechende Bedeutung hätte, und du nur so einige Winke für dich von Mir haben möchtest, da kann Ich dir denn auch einige Winke geben, und so höre!
GEJ|9|39|8|0|Siehe, warum Ich Selbst als ein Menschensohn in diese Welt gekommen bin, das habe Ich euch und auch gar vielen andern Menschen nur schon zu oft mit steter Hinweisung auf die Propheten kundgetan und habe das hier früher wieder berührt. Ich habe euch aber auch schon sattsam gezeigt, welchen Verlauf in den künftigen Zeiten diese Meine Lehre, die da ist eine wahrhaft von Mir Selbst neu gegründete Kirche, unter den Menschen nehmen wird. Das habe Ich euch in Jerusalem auch mit großen Zeichen am Firmamente gezeigt; und sieh, jene letzte und allerfinsterste Zeit, in der Meine Lehre in ein tausendfach größeres Götzentum ausarten wird, als je auf der ganzen Erde bis auf diese Zeit eine reine Gotteslehre ausgeartet ist, in der man verstorbenen und von den Priestern heilig und selig gesprochenen Menschen und sogar ihren vermoderten Gebeinen Tempel und Altäre erbauen und ihnen in selben göttliche Verehrung erweisen wird, entspricht eben dieser Begebenheit.
GEJ|9|39|9|0|Ich habe euch, Meinen Jüngern, schon bei mehreren Gelegenheiten offen gesagt und gezeigt, daß Mein Reich nicht von dieser Welt ist, daß ihr euch auch nicht sorgen sollet um den kommenden Tag, was ihr essen und trinken werdet, sondern suchen, das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit unter den Menschen auszubreiten, und sollet euch dafür von niemand als irgend pflichtgemäß bezahlen lassen, sondern nur das annehmen, was euch der Menschen Liebe in Meinem Namen geben wird; denn umsonst habt ihr alles von Mir empfangen, und umsonst sollet ihr es auch wieder andern geben!
GEJ|9|39|10|0|Also habe Ich auch zu euch und zu den andern etlichen siebzig Jüngern, die Ich in Emmaus hinausgesandt habe, daß sie verkündeten den Menschen das Evangelium aus den Himmeln, gesagt, daß keiner haben solle zwei Röcke, keinen Sack, um etwas einzustecken, und auch keinen Stock, um sich gegen einen Feind zur Wehr zu setzen; denn Mein Name, Mein Wort und Meine Gnade genüge jedem!
GEJ|9|39|11|0|Also habe Ich euch und vielen andern Menschen auch treu und offen gesagt, daß ihr niemanden richten sollet, um nicht einmal selbst gerichtet zu werden, daß ihr auch niemanden verfluchen und verdammen und nie jemanden feindlich verfolgen sollet, um nicht dasselbe an euch zu erleben; denn mit dem Maße ihr ausmessen werdet, mit eben dem Maße wird es euch zurückbezahlt werden!
GEJ|9|39|12|0|Ja, ihr sollt nur beten für die, welche euch hassen und fluchen, und Gutes erweisen denen, die euch Arges zu tun bestrebt sind, so werdet ihr den Lohn von Mir zu erwarten haben und werdet so glühende Kohlen über den Häuptern eurer Feinde sammeln und sie so am ehesten zu euren Freunden machen!
GEJ|9|39|13|0|Und sehet, unter dem Banner der wahren und lebendigen Nächstenliebe habe Ich euch zu lehren, zu leben und zu handeln befohlen und habe euch auch gesagt, daß man euch daran allzeit als Meine wahren Jünger erkennen wird, so ihr euch untereinander also als Brüder lieben werdet, wie Ich Selbst euch liebe, und daß man allzeit Meine wahren Nachfolger pur an den Werken der uneigennützigsten Nächstenliebe erkennen wird.
GEJ|9|39|14|0|Aber sehet, so wird es in jener finstersten Zeit nicht sein, sondern gerade solcher Meiner euch treust geoffenbarten Lehre nur schnurgerade entgegengesetzt!“
GEJ|9|40|1|1|40. — Über die geistigen Zustände unserer Zeit
GEJ|9|40|1|0|(Der Herr:) „Der wahre Glaube und die reine Liebe werden in jener Zeit ganz erlöschen. An ihrer Stelle wird ein Wahnglaube unter allerlei ärgsten Strafgesetzen den Menschen aufgedrungen werden, gleichwie da auch ein böses Fieber dem Menschenleibe den Tod aufdrängt. Und so sich irgendeine von Meinem Geiste gestärkte Gemeinde wider die falschen und von Gold, Silber, Edelsteinen und andern großen Erdengütern strotzenden und allerhochmütigsten und herrsch- und selbstsüchtigsten Lehrer und Propheten, die sich als eure allein wahren Nachfolger und Meine Stellvertreter den Menschen zur tiefsten Verehrung darstellen werden, erheben und ihnen zeigen wird, daß sie nur gerade das Gegenteil von dem sind, als was sie sich den Menschen mit der frechsten und Gottes vergessendsten Keckheit darstellen, indem sie sie zwingen, nur bei ihnen allein das Seelenheil und die Wahrheit zu suchen, so wird es da Kämpfe und Kriege und Verfolgungen geben, wie sie seit dem Beginne der Menschen auf dieser Erde noch nicht stattgefunden haben.
GEJ|9|40|2|0|Doch der allerärgste und allerfinsterste Zustand wird nicht lange währen, und es wird kommen, daß die falschen Lehrer und Propheten sich selbst am Ende den Todesstoß geben werden. Denn es wird da Mein Geist, das ist der Geist aller Wahrheit, unter den vielfach bedrängten Menschen wach werden, die Sonne des Lebens wird gewaltig zu leuchten beginnen, und die Nacht des Todes wird sinken in ihr altes Grab.
GEJ|9|40|3|0|Ich habe euch aber von dieser nun dargestellten finsteren Zeit schon mehrere Male geweissagt und habe nur darum ihrer nun wieder erwähnt, auf daß ihr um so leichter die Entsprechung in diesem heute abendlichen Begebnis mit jener künftigen Zeit findet.
GEJ|9|40|4|0|Seht, dies kleine Städtchen, beinahe von allen Seiten mit heidnischen Dörfchen und Flecken umgeben, ist noch von einer kleinen Anzahl Juden bewohnt, die gleich mit einigen Altsamariten sich in einem reineren Judentume befinden, und denen die Tempelgesetze vielfach ein Greuel sind! Sie sehen des Tempels arges und wirres Treiben gar gut ein, obschon sie sich demselben nicht widersetzen können. Ihre Nachbarn sind Heiden, die auf ihre Götzen zwar auch nichts halten, aber des äußeren Scheines halber doch noch so tun müssen, als hielten sie etwas darauf. Sie glauben aber eigentlich schon an gar nichts mehr als allein an einen guten Gewinn, den sie irgend erbeuten können.
GEJ|9|40|5|0|Und seht, also wird es in jener von Mir geweissagten Zeit auch sein, freilich in einem großen Weltumfange!
GEJ|9|40|6|0|Es wird eine reine Gemeinde ähnlich diesem Städtchen fortbestehen, umgeben zunächst mit völlig glaubenslosen Menschen, die nur allerlei gewinnbringende Industrie treiben werden und sich weder um Meine reine Lehre und noch weniger um das verrufene Heidentum Roms in jener Zeit kümmern werden. Bei solchem Umstande wird es in der reinen Gemeinde denn auch sehr verwitwet und traurig auszusehen anfangen.
GEJ|9|40|7|0|Meine reine Lehre wird gleichen der traurig gewesenen Witwe, deren toten Sohn Ich zum Leben wieder erweckt habe; der Glaube aber bezeichnet den toten Sohn, den Ich erweckte. Ihn tötete das arge Fieber, das da wieder gleicht dem Weltgewinnsinne, in den auch dieses Völkchen überging, und zwar auf Grund des widersinnigsten und argen Betrugtumes Jerusalems und daneben auch auf Grund der gänzlichen Glaubenslosigkeit der diesen Ort umgebenden Heiden, die in der geweissagten argen künftigen Zeit den Namen ,Industrielle‘ haben werden.
GEJ|9|40|8|0|Also auf dem Grunde alles dessen geht der ehedem reine, wenn auch darum junge Glaube, weil er sich erst vor etwa sechzehn Jahren durch einen hier eingewanderten Samariten, der eben der Gemahl dieser Witwe war, hier eingebürgert hatte, durch das Weltsinnsfieber zugrunde, da er stirbt und wir ihm als einem Toten begegneten.
GEJ|9|40|9|0|Aber da komme Ich Selbst, bekehre die Heiden und komme mit ihnen hierher am größten Trauerabende dieser Gemeinde und mache den toten Glauben wieder lebendig und gebe ihn der Witwe, also der reinen Gotteslehre wieder zurück; und es werden nun nach dieser Meiner Tat auch alle die Heiden hierher kommen und den wieder neubelebten Glauben an einen, allein wahren Gott annehmen und ihr Leben einrichten nach Seinem ihnen bekanntgegebenen Willen.
GEJ|9|40|10|0|Das blinde Mädchen aber, das Ich sehend gemacht habe, stellt die völlig glaubenslose Industrie jener Zeit dar, von der nun die Rede ist, und sie wird eine derart karge und magere sein, daß die zu stolzen und prachtliebenden Könige von den Menschen sogar große Steuern mit aller Gewalt von dem fordern werden, was sie essen und trinken werden, und es wird dadurch entstehen eine große Not, Teuerung, Glaubens- und Lieblosigkeit unter den Menschen, die sich gegenseitig betrügen und verfolgen werden.
GEJ|9|40|11|0|Doch – das merket euch wohl! – so die Not am größten sein wird, dann werde Ich der wenigen Gerechten wegen kommen, und werde das Elend vertilgen von der Erde und Mein reines Lebenslicht leuchten lassen in den Herzen der Menschen.
GEJ|9|40|12|0|Und nun habe Ich dir, du Mein lieber Bruder Jakobus, die Winke, die du von Mir gewünscht hast, mit dem Gesagten auch gegeben, und du als ein kräftiger Denker wirst das Weitere leicht finden.
GEJ|9|40|13|0|Obschon aber ein solches Vorerkennen der leidigen Zukunft die Seele des Menschen nicht seliger zeiht, so schadet es ihr auch nicht, wenn sie sich in den Entsprechungen übt und durch sie das erkennt, wie alles Sichtbare, was da ist und geschieht in dieser Welt, mit der inneren und verborgenen Welt der Geister, die alle Zeiten und Räume als stets in enthüllter Gegenwart in sich faßt, auf das innigste zusammenhängt und aufeinander Beziehung hat. – Habt ihr nun das alles wohl verstanden?“
GEJ|9|41|1|1|41. — Die Frage der Jünger über die Verdunklung der reinen Lehre Christi
GEJ|9|41|1|0|Sagten darauf alle: „Ja, Herr und Meister, was Du uns jetzt wieder erläutert hast, das haben wir wohl verstanden; nur das ist uns noch trotz dem vielen, was wir darüber schon aus Deinem Munde vernommen haben, stets nicht völlig klar, warum Du es zulässest, daß in dieser Welt in einem fort nach einem aus Deinen Himmeln unter die Menschen gekommenen Lichte wieder eine langwierige dichteste Geistesnacht folgen muß.
GEJ|9|41|2|0|Wir alle, die wir nun aus Deinem Munde die reinste Lehre erhalten, werden sie als lebendige Zeugen Deiner persönlichen Gegenwart, Deiner Taten und Lehren auch ebenso rein den andern Menschen überliefern, und unsere Nachfolger werden dasselbe wieder tun. Und sollte es jemanden geben, der den Menschen in Deinem Namen etwa ein anderes Evangelium predigen würde, so wirst Du das ja sehen und sicher klarst darum wissen! Solch einem Propheten wird Deine Macht ja doch den Mund zuschließen können! Wenn das geschähe, dann sehen wir nicht ein, wie da Deine reinste und göttlichste Lehre je verfälscht und am Ende in ein finsterstes und plumpstes Heidentum verkehrt werden könnte.
GEJ|9|41|3|0|Sagte Ich: „Ihr sehet jetzt noch gar vieles nicht ein, was Ich aber wohl einsehe! Und so hätte Ich euch gar vieles noch zu sagen und zu erklären, aber ihr würdet das nun noch nicht fassen und ertragen. So Ich aber nach Meiner Auffahrt Meinen Geist aller Wahrheit über euch ausgießen werde, dann wird er euch in alle Weisheit führen, und ihr werdet dann alles einsehen und fassen, was ihr jetzt noch lange nicht einsehen und fassen könnet.
GEJ|9|41|4|0|Sehet aber und gebet wohl acht darauf, was Ich euch nun noch sagen werde! Ich werde euch aber keine Lehre geben, sondern nur vielen Sinn enthaltende Beispiele, aus denen euch klarer werden mag, warum ihr jetzt trotzdem, daß ihr schon so vieles von Mir gesehen und gehört habt, noch gar vieles nicht einsehen und fassen könnet.
GEJ|9|41|5|0|Seht und betrachtet das Licht der Sonne in seiner mannigfachsten Wirkung auf die Kreaturen nur dieser Erde und also auch die verschiedenartigste Wirkung des Regens auf das Erdreich, auf die Pflanzen, Tiere und Menschen! Da stehen auf demselben Felde heilsame Kräuter und mitten unter ihnen aber giftiges Unkraut. Woher nehmen die Giftkräuter ihr Gift, da sie doch von einer und derselben Sonne beschienen, in der gleichen Erde ihre Wurzeln haben und vom gleichen Regen und Tau befeuchtet und belebt werden?
GEJ|9|41|6|0|Seht, das wirkt der innere Geist und verkehrt das Licht und den Regen in sein Eigentümliches! Der Löwe, der Panther, der Tiger, die Hyäne, der Wolf und noch eine Menge anderer Raubtiere nähren sich vom Fleische sanfter Tiere und werden auch von derselben Sonne beschienen und erwärmt, und löschen sich den Durst mit demselben Wasser wie die sanften und zahmen Haustiere; woher kommt ihnen ihre Wildheit? Seht, die erzeugt ihr innerer Geist, der das Sanfte in sich in die reißende Wildheit verkehrt!
GEJ|9|41|7|0|Gehet weiter hin in ein Haus, und ihr werdet daselbst finden ein mit mehreren Kindern wohlgesegnetes Elternpaar! Diese Kinder haben alle nur einen und denselben Vater, eine und dieselbe Mutter, genießen an der Eltern Tische dieselbe Kost, empfangen den gleichen Unterricht und genießen die gleiche Pflege; aber da ist das eine leiblich stark, das andere schwach, ein anderes ist munter und voll Fleiß in allem und wieder ein anderes mürrisch und träge. Wieder ein anderes dieser Kinder ist voll Talente und lernt und begreift alles leicht. Ein anderes wieder ist zwar voll guten Willens; aber es fehlt ihm an Talenten, lernt schwer und begreift alles nur mühsam und selten ganz so, wie etwas zu Erlernendes begriffen werden soll. Und so werdet ihr unter diesen Kindern noch eine Menge anderer Unterschiede merken. Ja, wie kommt denn das? Möchtet ihr da nicht auch sagen: ,Aber, Herr und Meister, wie und warum läßt denn Du das zu? Was kann das wohl für einen weisen Zweck haben?‘
GEJ|9|41|8|0|Ja, sehet, auch daran schuldet der innere freie Geist, und er bewirkt solches alles; und wäre dem nicht also, so gäbe es auch keinen inneren freien Geist, dessen Aufgabe es ist, sich aus sich selbst zu einem selbständigen Sein auszubilden und zu gestalten.
GEJ|9|41|9|0|Wie und warum aber also, das habe Ich euch schon bei verschiedenen Gelegenheiten gezeigt und es euch auch anschaulich zur Genüge erklärt; aber dennoch fasset ihr derlei Dinge noch nicht in der rechten Tiefe, dieweil der ewige Geist aller Wahrheit und Weisheit eure Seelen noch nicht völlig durchdrungen und erfüllt hat.
GEJ|9|41|10|0|So ihr aber diese euch nun vorgezeigten Bilder nur einigermaßen durchdenket, so wird es euch auch bald und leicht klarer werden, wie mit der Zeit ein noch so reinstes Licht aus Meinen Himmeln in eine dickste Heidenfinsternis verkehrt werden kann und auch wird, und daß Ich am Ende das doch eher zulassen muß, als mit aller Meiner Macht und Gewalt den freien Lebensgeist im Menschen zu knebeln.
GEJ|9|41|11|0|Wie würde euch eine Erde wohl gefallen, auf der ein Ding dem andern so völlig ähnlich wäre, wie ein Auge dem andern? Wie gefielen euch die Menschen, die sich in allem so gleich sähen wie die Sperlinge, von denen keiner weiser und stärker ist als sein ihm völlig ähnlicher Nachbar? Ich meine, daß euch so eine mathematisch gleiche Welt in der kürzesten Zeit sehr zu langweilen anfinge. Und wäre das in Meinen freien Himmeln etwa anders, so es dort nicht noch endlosere Verschiedenheiten und Mannigfaltigkeiten gäbe?
GEJ|9|41|12|0|Oder was würdet ihr von Meiner Weisheit denken, so Ich aller Wesenheit nur die Gestalt eines Eies gegeben hätte? Seht, es ist demnach schon alles recht und gut also, wie es ist! Ihr sehet, wie schon gesagt, nun freilich von gar vielem den Grund nicht ein; aber es wird die Zeit schon kommen, in der ihr das alles fassen und begreifen werdet. Und somit wollen wir uns nun mit dem begnügen, was uns bis jetzt gegeben ist.
GEJ|9|41|13|0|Nun aber stehen noch Speisen und Wein vor uns auf den Tischen, und wir wollen denn auch noch etwas für unseren Leib tun. Dann aber werden wir uns zur Nachtruhe begeben und uns morgen früh wieder auf den Weg machen. Wohin, das wird uns der Geist des Vaters künden.“
GEJ|9|41|14|0|Auf diese Meine Rede erstaunten die Griechen über alle Maßen und lobten und ehrten Mich. Ich aber aß und trank noch ungestört weiter, und so auch alle die andern. Nach dem Essen aber erhob Ich Mich, und die Witwe ließ Mir und den Jüngern gute Lager bereiten. Die Griechen aber blieben bei ihren Tischen.
GEJ|9|42|1|1|42. — Der Witwe und des erweckten Sohnes Zeugnis vor dem Volke
GEJ|9|42|1|0|Da die Witwe aber vernahm, daß Ich am Morgen früh mit Meinen Jüngern abreisen würde, so sorgte sie auch dafür, daß zeitlich zur Genüge ein Morgenmahl bereitet werde. Als wir denn am frühen Morgen vom Nachtlagerzimmer in das Gastzimmer kamen, da war das Morgenmahl auch schon bereitet, und die Witwe trat mit ihrem Sohne zu Mir und bat Mich, daß Ich vor der Abreise mit Meinen Jüngern das Morgenmahl zu Mir nehmen möchte.
GEJ|9|42|2|0|Ich aber sah, daß der Griechen Tische noch nicht gedeckt waren, und sagte zur Witwe: „Siehe, auch die Griechen, die an Mich glaubend geworden sind, sollen nicht mit nüchternem Magen heimkehren! Decke auch ihren Tisch, damit sie sehen, daß Ich nicht nur den Juden, sondern auch den Heiden das Brot des Lebens gebe!“
GEJ|9|42|3|0|Als die Witwe das vernahm, da eilte sie hinaus in die Küche, um auch für die Griechen ein Morgenmahl zu bereiten.
GEJ|9|42|4|0|Als sie aber in die Küche kam, da fand sie schon ein genügendes Morgenmahl vollauf wohlbereitet und fragte ihre Küchenmägde unter großem Staunen, wer denn da das zweite Morgenmahl für die Griechen in so kurzer Zeit bereitet hätte.
GEJ|9|42|5|0|Die Mägde aber sagten: „Wir wissen das nicht und haben auch niemanden außer uns in der Küche gesehen; aber was du nun mit großem Staunen ersiehst, das ersahen wir auch mit gleichem Staunen, und es überfällt uns eine Furcht. Der große und mächtige Prophet, der dir gestern den Sohn belebte, wird das veranlaßt haben durch die Macht seines Willens! Ja, ja, es ist unter den Juden ein großer Prophet aufgestanden, und Gott hat in ihm Sein Volk, das Seiner sehr zu vergessen begann, wieder einmal sichtlich heimgesucht, – und auf diese Heimsuchung, so sich die Menschen nicht alsbald bekehren und Buße wirken werden, wird sicher folgen ein großes Gericht und wird vertilgen alle Übeltäter.“
GEJ|9|42|6|0|Sagte die Witwe: „Ja wohl, ja wohl, da möget ihr ganz recht haben! Aber, da nun auch auf eine so überaus wundersame Weise das Morgenmahl auch für die Griechen bereitet ist, so traget es sogleich in das Gastzimmer, und setzet es auf den Tisch, an dem die Griechen sitzen; denn also will es der große und mit aller Gottesgeisteskraft erfüllte Prophet!“
GEJ|9|42|7|0|Auf diese Worte der Witwe wurde das wundersam bereitete Morgenmahl denn auch sogleich auf den Griechentisch gebracht, und wir begannen denn auch sogleich das wohlbereitete Morgenmahl einzunehmen und waren dabei voll guten Mutes.
GEJ|9|42|8|0|Es wollte aber die Witwe den Griechen, die sich über die schnelle Bereitung des für sie von Mir verlangten Morgenmahles sehr wunderten, zu erzählen anfangen, wie es bereitet wurde.
GEJ|9|42|9|0|Ich aber sagte zu ihr: „Weib, was du reden willst, dafür wird sich, nachdem Ich abgereist sein werde, noch eine hinreichende Zeit finden lassen; jetzt aber essen und trinken wir, was auf die Tische gesetzt ist!“
GEJ|9|42|10|0|Auf diese Meine Ermahnung schwieg die Witwe und aß und trank mit uns.
GEJ|9|42|11|0|Nach einer halben Stunde Zeit hatten wir alle das Morgenmahl eingenommen, und Ich erhob Mich mit Meinen Jüngern vom Tische, und wir schickten uns zur Abreise an.
GEJ|9|42|12|0|Als wir aber gewisserart schon die Füße in Bewegung setzen wollten, da kamen schon eine Menge Menschen von der Stadt vor das Herbergshaus der Witwe und wollten sich da erkundigen, ob der vom Tode erweckte Sohn der Witwe wohl noch lebe, und ob die Erweckung eine wirkliche oder etwa nur eine scheinbare gewesen sei. Denn es hätten auch schon große Zauberer, die oft aus den fernen Morgenländern nach Judäa herübergekommen seien, tote Menschen wieder lebendig gemacht; aber das Leben wäre nur von kurzer Dauer gewesen, indem es nur ein Schein-, aber kein wirkliches Leben war, und sie möchten darum nun sogleich erfahren, ob der Sohn noch fortlebe, oder ob er das Leben wieder zu verlieren anfange, wie etwa das nach allen zauberischen Wiederbelebungen noch stets der unausbleibliche Fall gewesen sei.
GEJ|9|42|13|0|Da fragte Mich die Witwe, was sie den zudringlichen Fragern sagen solle.
GEJ|9|42|14|0|Und Ich sagte zu ihr: „Schicke den Sohn hinaus zu den Fragern! So sie ihn ganz frisch und gesund ersehen werden, da wird er selbst die allerbeste Antwort auf alle ihre albernen Fragen sein. Es hat sie der hiesige Rabbi also beredet aus Ärger, weil ihm gestern die Griechen dargetan haben, daß sie den Propheten Jesajas besser verstehen denn er als ein alter Schriftgelehrter. Der Rabbi also hat die Frager über die Zauberer, von denen er selbst nur reden gehört, aber nie einen gesehen hat, also unterrichtet, daß sie nun zweifeln; wenn sie aber den Sohn sehen werden, so werden ihre Zweifel weichen.
GEJ|9|42|15|0|Nehmet euch aber in acht vor dem Rabbi und vor den Pharisäern; denn sie werden, um ihrer Behauptung den Glauben und Triumph beim Volke zu erhalten, dem Sohne, so sie ihn gleichfort gesund leben sehen werden, nach dem Leben trachten und werden ihn irgend zu vergiften suchen! Darum ladet sie ja nicht zu Gaste, und lasset euch auch von ihnen niemals zu Gaste laden, und nehmet von ihnen auch keine sonstigen Dinge an, so werden sie euch nichts antun können! Das beachtet, und Ich werde euch vor allen andern Gefahren bewahren! Und nun gehe du mit dem Sohne hinaus, auf daß sie dadurch die einfachste und beste Antwort auf ihre vielen Fragen erhalten!“
GEJ|9|42|16|0|Hierauf ging die Witwe mit dem Sohne hinaus zu den vielen Fragern und sagte zu ihnen, mit der Hand deutend: „Sehet, ihr Zweifler alle, dieser mein Sohn lebt und ist frisch und gesund! Er ist somit von dem großen, mit dem Geiste Gottes erfüllten Propheten nicht scheinbar, sondern wirklich vom Tode zum Leben erweckt worden. Gehet hin, und saget das auch dem Rabbi, der euch so töricht unterwiesen hat!“
GEJ|9|42|17|0|Hierauf sagte auch der Sohn, den alle wie ein Weltwunder angafften: „Ja, ja, ich lebe, bin auch ganz heiter, frisch und gesund und werde nach der Verheißung Dessen, der mich vom Tode zum Leben erweckt hat, auch fortleben; und so ich Seinen Willen fortan tun und völlig erfüllen werde, da werde ich auch gleichfort leben und keinen Tod je mehr sehen, fühlen und schmecken. Gehet hin und saget auch das dem Rabbi, auf daß möglicherweise auch er gläubig und selig werden möge!“
GEJ|9|42|18|0|Als die Frager den ihnen wohlbekannten Sohn also gesehen und gesprochen hatten, da wich aller Zweifel von ihnen, und einige fingen an, darum auf den Rabbi unmutig zu werden, weil er sie hierüber ganz falsch unterrichtet hatte.
GEJ|9|42|19|0|Als die Witwe mit ihrem Sohne wieder ins Zimmer kam, dankte sie samt ihrem Sohne Mir für den guten Rat und hatte eine große Freude, daß sie die vielen lästigen Frager so bald und so leicht losgeworden waren.
GEJ|9|43|1|1|43. — Die Zeichen der geistigen Gegenwart des Herrn
GEJ|9|43|1|0|Darauf aber trat noch der Grieche, welcher schon früher der Wortführer war, zu Mir und sagte: „Herr, Herr, Gott und Meister von Ewigkeit in Deinem Geiste! Du verläßt uns nun zwar in Deiner sichtbaren Persönlichkeit, aber wir bitten Dich, daß Du mit Deinem höchsten Gottgeiste bei uns bleiben wollest, und uns nur dann und wann ein Zeichen geben, das uns ein Bürge sei, daß Du unser gedenkest und also im Geiste auch bei uns seiest.“
GEJ|9|43|2|0|Sagte Ich: „Ja, das wird auch also sein bis ans Ende der Zeiten dieser sichtbaren Welt! Doch nicht nur ein Zeichen, sondern mehrere sollet ihr allzeit haben davon, daß Ich im Geiste bei euch, unter euch und in euch gegenwärtig bin! Die sicheren und niemals trügenden Zeichen aber werden allzeit und ewig folgende sein:
GEJ|9|43|3|0|Erstens, daß ihr Mich mehr liebet denn alles in der Welt! Denn so jemand irgend etwas in der Welt mehr liebt denn Mich, der ist Meiner nicht wert; wer Mich aber wahrhaft liebt über alles, der ist eben durch solche wahre Liebe in Mir, und Ich bin in ihm.
GEJ|9|43|4|0|Ein zweites Zeichen Meiner Gegenwart bei euch sei auch das, daß ihr aus Liebe zu Mir eure Nächsten und Nebenmenschen, jung und alt, ebenso liebet wie euch selbst; denn wer seinen Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann der Gott in Mir lieben, den er nicht sieht? Wenn ihr Mich auch jetzt sehet und höret, so werdet ihr Mich in dieser Welt fortan doch nicht mehr sehen! Und so ihr Mich nicht sehen werdet, wird eure Liebe also bleiben, wie sie nun ist, da ihr Mich sehet? Ja, es wird bei euch die Liebe wohl bleiben; aber sehet auch, daß sie bei euren Nachkommen also bleiben wird! Denn so Mich jemand wahrhaftig im Herzen über alles lieben wird dadurch, daß er leben und handeln wird nach Meinem ihm geoffenbarten Willen, zu dem werde Ich Selbst wie persönlich im Geiste kommen und werde Mich ihm als vollends gegenwärtig offenbaren.
GEJ|9|43|5|0|Ein drittes Zeichen Meiner Gegenwart bei, in und unter euch wird auch das sein, daß euch allzeit alles gegeben wird, um was ihr den Vater in Mir in Meinem Namen ernstlich bitten werdet. Aber es versteht sich von selbst, daß ihr Mich nicht um dumme und nichtige Dinge dieser Welt bittet; denn so ihr das tätet, da zeigtet ihr ja doch offenbar, daß ihr derlei Dinge mehr liebtet denn Mich, und das wäre dann wahrlich kein Zeichen Meiner Gegenwart bei, in und unter euch.
GEJ|9|43|6|0|Ein viertes Zeichen Meiner mächtigen Gegenwart bei, in und unter euch wird auch das sein, daß so ihr den leiblich kranken Menschen aus wahrer Nächstenliebe in Meinem Namen die Hände auflegen werdet, es mit ihnen besser werden soll, wenn das Besserwerden zum Heile ihrer Seelen dienlich ist.
GEJ|9|43|7|0|Es versteht sich aber auch da von selbst, daß ihr dabei allzeit saget im Herzen: Herr, nicht mein, sondern nur Dein Wille geschehe! Denn ihr könnet es nicht wissen, ob und wann das Besserwerden des Leibes einer Seele zum Heile dienlich ist, und ein ewiges Leben auf dieser Erde im Leibe ist keinem Menschen beschieden! Daher kann das Händeauflegen auch nicht allzeit und jedem Menschen von seinen Leibesübeln Befreiung verschaffen. Aber ihr werdet dennoch keine Sünde dadurch begehen, so ihr jedem Kranken die euch angezeigte Liebe erweiset; den Helfer werde schon Ich machen, so es zum Seelenheile des Menschen dienlich ist, – was Ich allein nur wissen kann.
GEJ|9|43|8|0|So ihr irgend aus der Ferne vernommen habt, daß da ein oder der andere Freund von euch krank daniederliegt, da betet über ihn, und leget im Geiste die Hände auf ihn, und es soll auch besser werden mit ihm!
GEJ|9|43|9|0|Dabei aber bestehe das im Herzen nur auszusprechende Gebet in folgenden wenigen Worten: ,Jesus, der Herr, wolle dir helfen! Er stärke dich, Er heile dich durch Seine Gnade, Liebe und Erbarmung!‘ So ihr das voll Glauben und Vertrauen zu Mir über einen noch so ferne von euch sich irgendwo befindenden kranken Freund – oder Freundin – aussprechen und dabei über ihn im Geiste eure Hände halten werdet, so wird es mit ihm zur Stunde besser werden, wenn das zu seinem Seelenheile dienlich ist.
GEJ|9|43|10|0|Ein noch fünftes Zeichen Meiner Gegenwart bei, in und unter euch aber wird auch noch das sein, daß ihr, so ihr Meinen Willen allzeit tuet, in euch des Geistes Wiedergeburt erreichen werdet. Das wird sein eine wahre Lebenstaufe, da ihr dabei mit Meinem Geiste erfüllt und dadurch in alle Weisheit eingeführt werdet.
GEJ|9|43|11|0|Nach diesem fünften Zeichen aber strebe ein jeder vor allem! Denn an dem sich dieses Zeichen gewärtigen wird, der wird schon in dieser Welt das ewige Leben haben und wird das tun und schaffen können, was Ich tue und schaffe; denn er wird da sein eins mit Mir.
GEJ|9|43|12|0|Nun habe Ich euch die Zeichen Meiner Gegenwart gezeigt; tuet danach, so werdet ihr bei, in und unter euch Meines Geistes ehestens wahrhaftigst gewahr werden!“
GEJ|9|44|1|1|44. — Die rechte Verehrung des Herrn
GEJ|9|44|1|0|Hierauf fragte Mich der Grieche, sagend: „O Herr und Meister! Da wir alle nun das ewig nie genug schätzbarste Glück hatten, Dich Selbst in Deiner göttlichen Persönlichkeit kennenzulernen, und aus Deinem Munde die Worte des Lebens vernommen haben, so wäre ich wenigstens für uns Griechen der Meinung, daß wir Dir ein Haus erbauten, in welchem wir allwöchentlich einmal uns versammelten, auf daß wir Deine Lehre besprächen und darin Moses und die Propheten läsen; denn an anderen Tagen ist ja doch ein jeder von uns mehr oder weniger mit einer Arbeit belastet, bald da und bald dort, und es ist da nicht leicht möglich, sich über Deine Lehre und Taten gegenseitig zu besprechen und zur Tätigkeit nach Deinem Willen zu ermuntern. O Herr und Meister, sage es uns doch, ob Dir das wohlgefällig wäre!“
GEJ|9|44|2|0|Sagte Ich: „Wozu da ein eigenes Haus erbauen, da ihr ja ohnehin eure Wohnhäuser habt, in denen ihr euch auch in Meinem Namen versammeln könnet, um euch über Meine Lehre zu besprechen und die gemachten Erfahrungen mitzuteilen, die sich aus dem Wandel nach dem Willen Gottes sicher für jedermann ergeben werden?! Also ist es auch nicht notwendig, einen bestimmten Feiertag dazu einzuführen, den ihr, etwa wie die Pharisäer den Sabbat, den Tag des Herrn benennetet, da doch ein jeder Tag ein Tag des Herrn ist und man also auch an jedem Tage gleich Gutes tun kann. Denn Gott sieht weder auf den Tag und noch weniger auf ein Ihm zur Ehre und Anbetung erbautes Haus, sondern Gott sieht nur auf das Herz und auf den Willen des Menschen. Ist das Herz rein und der Wille gut und den ganzen Menschen zur Tat ziehend, so ist das schon das wahre und lebendige Wohnhaus des Geistes Gottes im Menschen, und sein allzeit guter und tätiger Wille nach dem erkannten Willen Gottes ist der wahre und darum auch allzeit lebendige Tag des Herrn!
GEJ|9|44|3|0|Sehet, das ist die Wahrheit, und bei der sollet ihr denn auch unverwandt bleiben! Alles andere aber ist eitel und hat vor Gott keinen Wert.
GEJ|9|44|4|0|Es werden aber die Menschen in der späteren Zeit Mir wohl gewisse Häuser erbauen und darin, gleich den Pharisäern im Tempel zu Jerusalem und gleich den Heidenpriestern in den Götzentempeln, einen gewissen Gottesdienst verrichten an einem bestimmten Tage in der Woche, zu dem sie dann noch mehrere gewisse große und Hauptfeiertage im Jahre hinzufügen werden. Aber wenn das wider Meinen Rat und Willen unter den Menschen gang und gäbe werden wird, dann werden sich die vorbesprochenen Zeichen Meiner lebendigen Gegenwart bei, in und unter den Menschen völlig verlieren! Denn in den von Menschenhänden unter dem Titel ,Gott zur größeren Ehre!‘ erbauten Tempeln werde Ich ebensowenig daheim sein, wie nun im Tempel zu Jerusalem!
GEJ|9|44|5|0|So ihr aber aus Liebe zu Mir in einer Gemeinde ein Haus erbauen wollet, so sei das ein Schulhaus für eure Kinder, und gebet ihnen auch Lehrer nach Meiner Lehre hinzu! Also möget ihr auch ein Haus erbauen für Arme und Kranke und Bresthafte! Versorget solch ein Haus mit allem, was zur Pflege der darin wohnenden Menschen nötig ist, und ihr werdet euch dadurch Meines Wohlgefallens allzeit zu erfreuen haben! Alles andere und Weitere ist vom Übel und hat, wie schon gesagt, keinen Wert vor Gott.
GEJ|9|44|6|0|In einem wohlbestellten Schulhause aber könnet da schon auch ihr eure Versammlungen und Besprechungen in Meinem Namen halten und habt nicht not, zu dem Zwecke noch irgendein drittes Haus zu erbauen.
GEJ|9|44|7|0|Wie aber Gott im Geiste und in der Wahrheit ohne Unterlaß anzubeten ist, das habe Ich euch allen klar und wohlbegreifbar gezeigt, und so habe Ich euch nichts Weiteres mehr hinzuzufügen. Ich habe euch den Weg gezeigt, auf dem fortwandelnd ihr zu aller Wahrheit und Weisheit gelangen könnet, und das war vorderhand für euch notwendig. Nun aber wandelt und handelt also, und suchet vor allem in euch das Gottesreich, alles andere wird euch hinzugegeben werden!“
GEJ|9|44|8|0|Auf diese Meine Worte verneigten sich alle Anwesenden und dankten Mir in voller Inbrunst auch für diese Belehrung. Auch die Witwe mit ihrem Sohne trat noch einmal vor Mich hin, und beide dankten Mir für die ihnen erwiesene Liebe, und Ich erteilte darauf allen den Segen, und wir begaben uns darauf schnell auf die Weiterreise.
GEJ|9|44|9|0|Als wir durch das Städtchen zogen, da sahen uns viele, die gestern Zeugen waren von dem, was Ich dem Sohne der Witwe getan hatte, und liefen auf uns zu und riefen laut: „Heil dir, du großer Prophet des Herrn! Durch dich hat Gott Sein Volk nun abermals in seiner großen Verlassenheit heimgesucht. Dank und Ehre Ihm, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, jetzt und in alle Ewigkeit! O du von Gottes Geiste vollst erfüllter großer Prophet, möchtest du uns denn nicht gestatten, daß da einige von uns mit dir zögen, damit sie so vernähmen deine Lehre und sie uns dann verkündeten? Denn wir haben gestern deinen wenigen Worten entnommen, daß du voll göttlicher Weisheit bist, – und von der möchten wir mehreres vernehmen!“
GEJ|9|44|10|0|Sagte Ich: „Dessen habt ihr nun nicht nötig! Wollet ihr aber nach Meiner Lehre leben und handeln, da haltet die Gebote Gottes, die Moses gab, und ihr werdet so auch völlig nach Meiner Lehre leben; denn Ich bin nicht in diese Welt gekommen, um Moses und die Propheten aufzuheben, sondern zu bestätigen und alles zu erfüllen, was in ihren Büchern geschrieben steht.
GEJ|9|44|11|0|Wollet ihr aber Näheres über Mich Selbst in Erfahrung bringen, so gehet zu der Witwe hin, bei der sich auch noch die Griechen befinden! Diese werden es euch schon verkünden, was sie aus Meinem Munde vernommen haben.“
GEJ|9|44|12|0|Auf diese Worte aber verließen Mich diese Zudringlinge und begaben sich zur Witwe hin.
GEJ|9|45|1|1|Des Herrn Zug durch Samaria
GEJ|9|45|1|1|45. — Die Karawane der Räuber
GEJ|9|45|1|0|Ich aber zog mit den Jüngern schnell weiter auf dem Wege, der auch gen Jerusalem führt. Aber Ich zog noch nicht alsogleich nach Jerusalem, sondern machte einen großen Umweg, und zwar durch Samaria und einen Teil von Galiläa, in welchen Provinzen Mich die Menschen schon größtenteils kannten und hie und da ihre Kranken zu Mir brachten, und Ich sie auch heilte.
GEJ|9|45|2|0|Der Weg aber, den wir zu durchreisen hatten, war ein ziemlich verlassener und war deshalb auch wenig begangen, und wir konnten, ohne viel gesehen zu werden, oft mit Windesschnelle uns fortbewegen, wie wir das bei weit zu machenden Reisen auch immer getan hatten.
GEJ|9|45|3|0|Als wir uns gen Mittag hin schon in Samaria befanden, da begegnete uns eine kleine Karawane, die über Jericho nach Ägypten zog.
GEJ|9|45|4|0|Der erste Führer der Karawane aber hielt vor uns an und fragte uns in griechischer Zunge, ob man auf diesem Wege wohl gut nach Jericho und von dort weiter nach Ägypten kommen könne.
GEJ|9|45|5|0|Ich aber sagte zu ihm: „Wie bist du denn ein Führer geworden, so du selbst der Wege unkundig bist?“
GEJ|9|45|6|0|Sagte der Führer: „Wir sind noch weit hinter Damaskus zu Hause und machen in unserem Leben zum ersten Male diese weite Reise; daher sind wir denn auch oftmals genötigt, hie und da uns nach dem rechten und nächsten Weg zu erkundigen, was hier oft auch schwierig ist, weil nur selten jemand unserer Zunge mächtig ist.“
GEJ|9|45|7|0|Sagte Ich: „Höre, so ein Wanderer eines Weges, den er zu bereisen hat, wahrhaft unkundig ist, da tut er ganz recht und wohl, so er sich bei jemand nach dem rechten und möglich nächsten Weg, der in ein fremdes Land führt, erkundigt; aber es ist nicht fein von dir, uns hier auf dem Wege unter dem Vorwande auf- und anzuhalten, als wärest du des Weges, den du wohl schon bei zwanzig Male durchwandert hast, unkundig! Der Grund aber, aus dem du uns hier aufhältst, ist ein ganz anderer und wahrlich kein löblicher! Du meinst, daß wir geheime Schätze mit uns tragen, deren ihr euch auf eurem Raubzuge bemächtigen möchtet, und deshalb hast du uns angehalten. Doch wir tragen derlei, das du meinst, nicht bei uns; aber andere Schätze für Seele und Geist tragen wir in höchster Fülle bei uns und geben sie auch jedermann umsonst hin, der sie zur Rettung seiner Seele vollernstlich zu besitzen wünscht!“
GEJ|9|45|8|0|Auf diese Worte stutzte der Führer und fragte Mich in noch keckerem Ton: „Woher weißt du das von uns, und wer hat uns dir verraten?“
GEJ|9|45|9|0|Sagte Ich, auch mit kräftigerer Stimme: „Ich kenne dich und deine siebzig Gefährten schon von deiner Geburt an! Dein rechter Name ist Olgon, den du aber nie, sondern dafür in jedem Orte nur einen erdichteten Namen angibst, so wie auch jeder deiner Helfershelfer, damit man sich in einem Orte, den ihr beraubt habt, nach euch schwer erkundigen kann, um nach euch zu fahnden und euch den Gerichten zu überantworten.
GEJ|9|45|10|0|Also wollet ihr nun auch nicht nach Ägypten ziehen; aber ihr wisset, daß in Jericho ein großer Markt abgehalten wird, von dem ihr etwas gewinnen möchtet. Und das wisset ihr auch, daß, von heute an gerechnet in vier Wochen, in Jerusalem das Fest der Tempelweihe abgehalten wird, zu welchem Feste stets viele Fremde mit allerlei Schätzen und Waren kommen, von denen ihr sehr vieles gebrauchen könnt. Aber Ich sage es euch: Diesmal werdet ihr einen schlechten Fang machen!“
GEJ|9|45|11|0|Sagte der Führer, nun schon voll Zorns: „Wollt ihr noch gesunden Leibes von dieser Stelle kommen, da schweiget, so ihr uns denn schon kennet, allenthalben von uns, und ziehet nun eiligst von dannen; denn auch ich kenne euch und schwöre euch bei allen Göttern die fürchterlichste Rache, so ich es irgend in Erfahrung bringe, daß ihr uns verraten habt! Wir leben wohl vom Raub, aber sind darum dennoch keine Mörder; denn wären wir das, so erginge es euch nun schlecht!“
GEJ|9|45|12|0|Sagte Ich: „Kenntest du Mich, so würdest du zu Mir sagen: ,Herr, sei mir großem Sünder gnädig und barmherzig, und vergib mir meine Sünden; denn ich will mich bessern und Buße tun und will mich bemühen, alles Unrecht, das ich jemandem angetan habe, nach Möglichkeit gutzumachen!‘ Aber dieweil du Mich nicht kennst, so bist du entschlossen, in deinen Sünden zu verharren, und schwörest mir Rache bei allen Göttern, da du doch ein Jude bist und die Gesetze Mosis kennst. Wärst du im Ernste nur ein Grieche, da hätte Ich es nicht zugelassen, daß du Mich angehalten hättest; aber weil du auch ein Sohn Jakobs bist, so habe nur Ich das also zugelassen, auf daß dir eine Gelegenheit werde, die Wahrheit zu erfahren und in ihr einen besseren Fang für dein Leben zu machen, als der da wäre, auf den ihr ausgegangen seid.“
GEJ|9|45|13|0|Sagte darauf in einem gemäßigten Tone Olgon: „So sage du es mir, wer du seist, auf daß ich dann anders mit dir reden kann!“
GEJ|9|45|14|0|Sagte Ich: „Ich bin einer, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, und der Gewalt Meines Willens sind alle Dinge untertan; denn Mein Wille ist Gottes Wille, und Meine Kraft ist Gottes Kraft, die über alle Kräfte ewig waltet und herrscht. Jetzt weißt du, wer Der ist, der mit dir redet!“
GEJ|9|45|15|0|Sagte Olgon: „Oh, oh, – wie so denn?! Wenn dir denn schon alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, da wärst du ja mehr denn Moses und alle andern Väter und Propheten; denn sie haben nur eine kleine Macht auf dieser Erde innegehabt, wie wir solches in der Schrift gelesen haben. Und du hättest aber gar alle Macht im Himmel und auf dieser Erde inne? Ah, so etwas habe ich noch niemals aus dem Munde eines Menschen vernommen, – er müßte nur irrsinnig sein, was aber bei dir doch nicht der Fall zu sein scheint, weil du erstens schon das Ansehen danach nicht hast und man zweitens in deiner Rede auch nichts Irriges gewahrt. Wenn dir im Ernste eine solche vollkommenste Gottesmacht innewohnt, so gib uns davon eine Probe, und wir wollen deinem Worte glauben und tun nach deinem Willen!“
GEJ|9|45|16|0|Sagte Ich: „So ihr schweigen könnet vor den Juden in Jerusalem und besonders vor den Pharisäern im Tempel und auch andernorts, dahin ihr kommet und Pharisäer treffet; denn vor dieser Menschenunart soll das Licht der Himmel nicht leuchten!“
GEJ|9|46|1|1|46. — Das Bekenntnis der Räuber
GEJ|9|46|1|0|Sagte Olgon und auch einige Gefährten von ihm: „Ja, wir werden schweigen! Denn auch wir sind die dicksten Feinde der unersättlichen Pharisäer! Wir waren zuvor alle ehrliche Juden und standen im Dienste der Pharisäer. Da wir rüstige und beherzt mutige Menschen waren und auch die Schrift verstanden, so erklärten sie uns eben die Gesetze der Nächstenliebe also: Es stehe wohl geschrieben, daß man nicht stehlen und rauben und auch nicht nach des Nächsten Gut lüstern sein solle, – aber dies sei nur zu verstehen von den Juden untereinander. Wer aber klug, mutig und kräftig sei, der könne den Heiden ihre Schätze stehlen und auch mit Gewalt wegnehmen, wie er nur immer kann und mag, und er begehe keine Sünde vor Gott; im Gegenteil, es habe Gott nur ein besonderes Wohlgefallen an einem solch mutigen und klugen Juden, der den Gottesfeinden ihre irdischen Schätze stiehlt und raubt und davon einen Teil dem Tempel opfert. Doch solle man die beraubten Heiden ohne Not nicht töten, auf daß sie dann nicht mit ihrem tyrannischen Gesetz über die ohnehin von ihnen schon über alle die Maßen gedrückten Juden herfallen und sie ganz zu Tode erdrückten.
GEJ|9|46|2|0|Und siehe, weil wir die Stimme der Pharisäer für Gottes Stimme hielten, so wurden wir denn auch, ohne uns ein Gewissen daraus zu machen, Diebe und Räuber; denn wir bestahlen und beraubten die Heiden ja – nach unserem anfänglichen Dafürhalten – im Auftrage Jehovas, gleichwie auch der große König David im Auftrage Gottes die Philister und noch andere arge Heidenvölker vom Boden der Erde vertilgen mußte, wie ihm das Gott sicher zu einem Verdienste anrechnete, da Er ihn den Mann nach Seinem Herzen nannte!
GEJ|9|46|3|0|So dachten auch wir lange Zeit hin, Männer nach dem Herzen Jehovas zu sein; aber als wir mit der Zeit selbst dahinter kamen, wie die Templer selbst sich an den Gütern der Juden zu vergreifen anfingen und das Vermögen der armen Witwen und Waisen an sich rissen, ehebrachen, auch Knaben und Mägdlein schändeten und noch eine Menge anderer Greuel begingen, da ließen wir den ganzen Glauben an einen Gott und an Moses fahren und trieben unser Geschäft für uns, – und es waren nun denn auch reiche Juden vor uns nicht sicher! Wir haben uns darum denn auch in der Griechen und Römer Kleider gesteckt, um als solche auch oft reiche Pharisäer und andere reiche Juden mehr denn irgend Griechen und Römer von ihren Schätzen befreien zu können. Doch den Armen haben wir niemals etwas weggenommen, wohl aber sie oft beschenkt, besonders wenn wir so recht reiche Beuten uns errungen hatten.
GEJ|9|46|4|0|Weil du nach dem, daß du in deiner wundersamen Allkundigkeit genau wußtest, wer wir sind, und dir auch mein rechter Name nicht fremd war, auch das sicher wissen wirst, daß es sich mit uns auch also verhielt, wie wir es dir nun treu und offen erzählt haben, so wirst du als ein weisester Prophet auch den Grund einsehen, warum wir in dieser Zeit und schon seit mehreren Jahren wahre Erzfeinde der Pharisäer und aller reichen Erzjuden geworden sind. Und so du uns zur Neubelebung unseres Glaubens an Gott und an dich, Seinen außerordentlichen Gesandten und Erwählten, nun ein Zeichen deiner Allmacht über alles im Himmel und auf Erden geben willst, so kannst du auch versichert sein, daß wir dich den Pharisäern niemals verraten werden. Gib uns denn etliche Proben deiner gottähnlichen Allmacht im Himmel und auf Erden!“
GEJ|9|46|5|0|Sagte Ich: „Gut denn, weil ihr nun die Wahrheit geredet habt und habet vor Mir offen kundgetan, wie es euch ergangen ist, so fällt alle eure Schuld an die Pharisäer zurück, die darum auch desto mehr Verdammnis überkommen werden –, und euch aber vergebe Ich eure bisherigen Sünden, so ihr in der Folge euer bisheriges Tun und Treiben völlig aufgebet und als ehrliche Juden euch auch ehrlich ernähret und fortbringt, was ihr leicht tun könnet, da ihr euch der irdischen Mittel bisher schon in Übergenüge zu eigen gemacht habt, mit denen ihr aber auch reichlich der Armen, ob Juden oder Heiden – was nun eins ist –, gedenken sollet. Versprecht ihr Mir auch das offen und treu, so will Ich euch denn auch sogleich die Proben von dem geben, was Ich Selbst von Mir zu euch gesagt habe.“
GEJ|9|46|6|0|Sagten alle, sich mit den Händen auf die Brust schlagend: „Herr, das wollen und werden wir tun, so wahr wir uns mit unseren eigenen Händen auf unsere Brust schlagen, und so wahr wir, durch dich neu angeregt, an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben und alle Seine Gebote genauest halten wollen, auch in allen unseren Kindern und Kindeskindern bis ans Ende der Welt, so uns Gott helfen wolle!“
GEJ|9|47|1|1|47. — Die Umgestaltung der Wüste
GEJ|9|47|1|0|Sagte Ich: „Nun wohl denn also! Gebet denn acht, und entsetzet euch nicht; denn es wird euch kein Haar gekrümmt werden! Sehet, hier ist eine wüste Gegend von mehreren tausend Morgen Landes; nichts als kahles, wüstes Gestein, kaum hie und da mit einem halbverdorrten Dorngestrüpp bewachsen und mit wenigen Disteln. Diese Wüste ist auch ihrer Unfruchtbarkeit und ihrer sonstigen Zerstörtheit wegen für nichts als höchstens für einen elenden und schwer und mühsam zu begehenden Saumweg tauglich.
GEJ|9|47|2|0|So Ich hier mit dieser Gegend eine Änderung vornehme und sie dann euch und euren Nachkommen zu eigen gebe, so wird dabei niemand in seinem Landbesitzeigentum beeinträchtigt. Ihr aber habt euch ohnehin zumeist in dieser Wüste und in ihren vielen Klüften und Höhlen aufgehalten und sie so zu eurer Hauptheimat gemacht, was den an diese Wüste angrenzenden Samaritern und teilweise auch Galiläern und Juden nur zu wohl bekannt ist, und so werdet ihr diese Gegend auch in ihrem fruchtbaren und blühenden Zustande unbeanstandet euer Eigentum nennen können.
GEJ|9|47|3|0|Doch bevor Ich noch vor euch und für euch diese Wüste segnen werde, muß Ich euch zeigen, daß Ich auch der Herr aller Mächte und Kräfte der Himmel bin, und so tuet nun eure Augen, Ohren und Herzen auf! – Offenbaret euch, ihr den Fleischesaugen verborgenen Mächte und Kräfte Meiner Himmel!“ –
GEJ|9|47|4|0|Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da ward allen die innere Sehe aufgetan, und sie ersahen zahllose Heere von Engeln und vernahmen einen hohen Lobgesang, dessen Sinn aber ihre Seelen nicht zu fassen vermochten; und viele der lichtesten Engel senkten sich zu Mir hernieder und beteten an Meinen Namen.
GEJ|9|47|5|0|Als die früheren Räuber das sahen, überkam sie eine große Furcht.
GEJ|9|47|6|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Was fürchtet ihr euch denn vor diesen Meinen Engeln, die Mir untertan sind und bleiben seligst für ewig? Bin ja doch nur Ich der alleinige Herr über alles im Himmel und auf Erden, und ihr habet vor Mir euch lange nicht gefürchtet, obschon Ich euch das gesagt habe!“
GEJ|9|47|7|0|Hierauf stiegen auch die Räuber alle von ihren Saumtieren, warfen sich auf die Knie und baten Mich um Barmherzigkeit.
GEJ|9|47|8|0|Diese Erscheinung aber dauerte bei einer Viertelstunde lang, während welcher Zeit Ich den um Mich knienden Engeln gebot, daß sie über diese Gegend alsbald den mächtigsten Blitz, Wind und Regensturm bescheiden sollten, auf daß Ich darauf diese Wüste in ein Fruchtland segne!
GEJ|9|47|9|0|Darauf fing diese Erscheinung nach Meinem Willen zu verschwinden an; aber an ihrer Stelle fing der irdische Lufthimmel sich mit den dichtesten Wolken zu füllen an. Es dauerte keine halbe Stunde, so fingen vom Süden her so heftige Orkane zu wüten an, daß die Räuber und selbst Meine Jünger Mich zu bitten anfingen, sie nicht zugrunde gehen zu lassen.
GEJ|9|47|10|0|Ich aber sagte: „Habt ihr an Meiner Seite derlei doch oftmals erlebt, und es ist euch dabei niemals ein Haar gekrümmt worden! So Ich bei euch bin, ihr Kleingläubigen, welche Macht soll euch da beschädigen können?“
GEJ|9|47|11|0|Mit dem gaben sich die Jünger wieder zufrieden. Es war aber einige Schritte weiter vorwärts eine geräumige Höhle. Als der Sturm aber stets heftiger ward, ein Blitz dem andern zu tausendmal tausendweise folgte und der Regen in Strömen aus den Wolken zu stürzen begann, da nahmen die Räuber ihre Saumtiere und flüchteten sich mit ihnen in die Höhle, während Ich mit den Jüngern an der offenen Stelle verblieb, ohne auch nur von einem Tropfen Regen berührt zu werden.
GEJ|9|47|12|0|Der Sturm aber dauerte auch nur eine volle halbe Stunde lang, und dennoch hatten die mächtigen Blitze das wüste Gestein der ganzen Wüste mehr denn mannstief zu einem grauen Lehmteige zermalmt und zerknetet, und die kreuz- und querströmenden Fluten hatten damit die vielen Gräben und Schluchten ausgefüllt und sie dadurch für Äcker und Gärten tauglich gemacht. Die vielen andern Erdlöcher und Höhlen aber hatte unsichtbar Mein Wille ausgefüllt, und so ward die ganze, nicht unbedeutend große Wüste in der kurzen Zeit von im ganzen kaum einer vollen Stunde zu einem üppigen Acker- und Weinberglande umgestaltet. Der Sturm war zu Ende, der Himmel klärte sich auf, und die Sonne beschien mit ihren warmen Strahlen nun einen neuen Erdboden.
GEJ|9|48|1|1|48. — Die Segnung der Wüste durch den Herrn
GEJ|9|48|1|0|Nun kamen denn auch unsere Räuber ganz kleinmütig aus der Höhle, die Ich nicht verschwemmen und ausfüllen ließ, zum Vorschein, und Ich berief den Olgon zu Mir.
GEJ|9|48|2|0|Und als er kam mit noch einem Paar seiner ersten Gefährten, da sagte Ich zu ihm: „Nun, Olgon, glaubst du, daß Ich Der bin, als den Ich Mich dir mit dem Munde vorgestellt habe?“
GEJ|9|48|3|0|Sagten Olgon und seine beiden Gefährten: „Ja, o Herr, Herr! Wir glauben das ja nun weit über auch den kleinsten Zweifel hinaus! Du bist kein Erwählter Jehovas, sondern Du bist wahrlich, wahrlich und nun leibhaftig wundersamst Er, Er – Selbst! O sei uns armen und allzeit schwachen Sündern vor Dir gnädig und barmherzig!“
GEJ|9|48|4|0|Sagte Ich: „Ich habe euch eure Sünden, an denen die Pharisäer die Schuld haben, schon vergeben; habt ihr aber nach eurem Gewissen noch an jemand irgend etwas verbrochen wider das Gesetz Mosis, so machet das an ihm gut, – und so er es euch vergeben wird, da ist es euch auch völlig vergeben in allen Himmeln.
GEJ|9|48|5|0|Solltet ihr aber einen harten Menschen finden, der es euch nicht vergeben wollte, so lasset euch darum nicht bange werden im Herzen, denn da wird euer guter Wille fürs Werk bei Mir angenommen werden, und der unversöhnliche Mensch wird seine Härte auf seiner Rechentafel als Schuld aufgezeichnet finden! – Denn Ich allein bin der weiseste und allergerechteste Richter, der allein einem jeden sein wahrstes Urteil allerwirksamst zukommen läßt.
GEJ|9|48|6|0|Aber nun habt ihr von Mir ein förmliches Land zum Geschenk also erhalten, daß es euch auch nicht einmal ein Engel der Himmel, geschweige ein Mensch streitig machen könnte; aber wie ihr sehet, so sieht es nun noch öder und unwirtlicher aus denn zuvor, obschon es nun durch eine außerordentliche Umwälzung ungemein fruchtbar geworden ist. Es fragt sich nun, wie ihr es bebauen werdet.“
GEJ|9|48|7|0|Sagte Olgon: „O Herr, Herr! Das ginge nach meiner Idee nun ganz sicher, leicht und gut! Siehe, o Herr, Herr, als Du die Erde erschaffen hast durch Deines Geistes allmächtigsten Gottwillen, da hattest Du ja doch auch nicht irgend für die zahllos vielen Pflanzen den Samen zuvor schon irgend vorrätig besessen, außer pur in Deinem allmächtigen Willen! Du aber bist in Ewigkeit Derselbe, der Du auch zu Anfang der wunderbaren Erschaffung der ganzen großen Erde warst. Besame nun Du die Gegend mit der Allmacht Deines Gottwillens, und die Gegend wird sicher also am allerbesten angebaut sein! O Herr, Herr, tue auch hier dasselbe, und die ganze ehedem wüsteste Gegend wird ehest in ein wahres Eden umgewandelt werden!“
GEJ|9|48|8|0|Sagte Ich: „Ja glaubet ihr denn wohl auch ungezweifelt, daß Ich auch das zu tun imstande wäre?“
GEJ|9|48|9|0|Sagte Olgon: „O Herr, Herr! Dir ganz allein ist nichts unmöglich! Was Du sagst, ist ewige Wahrheit, und wir glauben sie ungezweifelt, und was Du willst, das geschieht, und wir wollen und werden Deinen Willen auch tun also, wie Du ihn durch Moses und durch die Propheten den Menschen geoffenbart hast. Und wir haben nun ja auch aus Deinem Munde vernommen, was Dein Wille ist, und wir werden treu danach handeln; aber besame Du, o Herr, Herr, die jetzt noch wüste Gegend!“
GEJ|9|48|10|0|Sagte Ich: „Also sei es denn, wie ihr glaubet! – Wie wüste und öde da war diese Gegend, ebenso wüste und öde war euer Herz, Sinn und Wille, und eure völlige Glaubenslosigkeit erzeugte die Härte eures Herzens, das völligst dem Steinboden dieser Wüste glich. Ich aber erweckte in euren Herzen einen mächtigen Sturm und erweichte es durch den geöffneten Himmel in euch, durch die Wahrheitsblitze Meiner Worte, durch die euch gezeigte Sturmmacht Meines Willens und endlich durch den gewaltigen Regenerguß Meiner Liebe und Erbarmung und habe euch denn auch wieder besamet mit vieler Wahrheit aus dem Munde Gottes, die euch die wahrsten Früchte des Lebens bringen wird, so ihr nach ihr leben und handeln werdet. Wie Ich aber euch besamt habe nun in aller Kürze mit allerlei Frucht zum ewigen Leben der Seele, also ist nun auch besamt diese Wüste mit allerlei Frucht zur Nahrung eures Leibes.
GEJ|9|48|11|0|Ihr seid euer siebzig an der Zahl, und so ihr diese Gegend nach den verschiedenen Richtungen durchwandern werdet, so werdet ihr auch schon ebenso viele mit allem versehene Wohnhäuser finden; und wer eines oder das andere in Besitz nehmen soll, das wird euch ein am Hause angeschriebener Name zeigen. Binnen kurzem wird die Gegend vor euren Augen ergrünen und erblühen. – Nun möget ihr gehen zu besehen, was Ich für euch getan habe!
GEJ|9|48|12|0|Verbreitet aber Mein Wort auch unter den Heiden, die häufig zu euch kommen werden; doch von dem Wunderzeichen schweiget vorderhand, und machet auch nachderhand nicht viele Worte, es genügt zu sagen, daß bei Gott alles möglich ist.“
GEJ|9|48|13|0|Auf diese Meine Worte zog Ich mit den Jüngern wieder sehr schnell weiter, und ehe sich die bekehrten Räuber umsahen, waren wir schon weit von ihnen entfernt.
GEJ|9|49|1|1|49. — Die Übernahme der fruchtbaren Kolonie
GEJ|9|49|1|0|Es hatten zwar die bekehrten siebzig Räuber durch den Mund Olgons angegeben, daß sie noch weit hinter Damaskus daheim wären; aber es war das auch unwahr, da sie mit ihren Weibern und Kindern nur gewisse schwer zugängliche Höhlen und Grotten dieser Gegend bewohnten. Aber sie machten ihre Raubzüge oft wohl auch in der Gegend um Damaskus, kehrten aber dann mit der Beute allzeit wieder in diese Gegend zurück, die ihnen vor allen Nachstellungen immer den sichersten Schutz bot.
GEJ|9|49|2|0|Als wir ihnen zu ihrem abermaligen großen Staunen in wenigen Augenblicken aus den Augen völlig entschwunden waren, da machten sie sich denn auch auf und zogen längs der Wüste so weit zurück, allwo ihre Weiber und Kinder in einer schwer zugänglichen großen Grotte, die von dem Sturme mehr verschont blieb und auch nicht verschlammt ward, mit ihren Habseligkeiten wohnten. Als die siebzig Männer in die Grotte so bald wieder zurückkamen, da staunten darob ihre vor Furcht und Angst, die in ihnen der plötzlich entstandene, nie erhörte Sturm bewirkte, noch bebenden Weiber und Kinder, daß sie so bald und ohne Beute zurückgekehrt seien.
GEJ|9|49|3|0|Die Männer aber erzählten in Kürze alles, was sich mit ihnen unerhörtest wundersamstermaßen zugetragen hatte, und daß sie nun – was die Weiber schon lange gewünscht hatten – von dem Raubmachen für alle Lebenszeit abgestanden seien, aber dafür von einem mit dem Geiste Gottes erfülltesten Manne eine endlos bessere Lebensbeute zum ewigen Leben der Seele erhielten, als da wert wären alle Schätze der Erde.
GEJ|9|49|4|0|Sie erzählten auch den immer neugieriger werdenden Weibern und Kindern, wie der Gott gleich mächtige Mann durch Sein Wort und Seinen Willen durch eben den erschrecklichen Sturm diese alte, unwirtlichste Wüste in ein wahres, fruchtbarstes Eden umgestaltet und ihnen zum unbestreitbarsten Eigentum gegeben habe, und daß auf den verschiedenen Punkten dieser ehemals so wüsten Landschaft auch schon fertige und mit allem wohlversehene Wohnhäuser in Bereitschaft stünden, die sicher auch nur die rein göttliche Macht des besagten Mannes erschaffen habe.
GEJ|9|49|5|0|Als die Weiber solches von ihren Männern erfuhren, so hieß es, nur gleich ohne viel Säumens die wunderbaren Häuser aufsuchen gehen. Die Männer aber meinten, daß das vor drei Tagen kaum möglich sein werde, weil die Klüfte, Gräben und Schluchten noch voll Schlammes sein würden, in den man leicht ganz versinken und den Tod finden könnte.
GEJ|9|49|6|0|Als die Weiber das vernahmen, da gaben sie nach; aber nach drei Tagen gingen sie die Wohnhäuser suchen, und es fand ein jeder das für ihn bestimmte und bezog es auch alsbald.
GEJ|9|49|7|0|Es waren aber diese Wohnhäuser also gestellt, daß sie von den diese Gegend durchziehenden Wanderern von keinem Punkte des Weges irgend gesehen werden konnten, was für die Bewohner ganz gut war, auf daß sie nicht von den Reisenden vor der Zeit überlaufen werden mochten, die sie gleich mit tausend Fragen belästigt hätten, wie und wann die Bewohner sie erbaut und wie sie diese alte Wüste fruchtbar gemacht haben.
GEJ|9|49|8|0|Denn nach ein paar Wochen merkte man der Wüste Meinen Segen schon an allen Punkten an, und viele diese ehemalige Wüste durchwandernde Samariter und Griechen fragten hie und da emsig, wer diese Wüste so kultiviert habe, und es konnte ihnen niemand einen Bescheid geben. Die es aber wohl wußten, die ließen sich nicht viel unter den andern Menschen sehen, – in der ersten Zeit schon gar nicht. Erst als einige Früchte zu reifen begannen, da kamen auch Samariter und hielten Rat, an wen das Land verteilt werden solle, so es nicht schon irgend eingewanderte Besitzer hätte.
GEJ|9|49|9|0|Da kam denn auch Olgon mit mehreren seiner Gefährten herbei und sagte zu denen, die da Rat hielten: „Freunde, diese ganze weite Wüste war nie jemandes Eigentum, wie auch die weite Meeresfläche nie noch jemandes ausgemessenes Eigentum war. Wir als von den Pharisäern verfolgte Juden, weil wir ihrem argen Sinne nicht dienen konnten und wollten, haben diese Wüste in unsern Wohnbesitz genommen und haben sie mit der alleinigen Hilfe des Herrn Himmels und der Erde fruchtbar gemacht, und wahrlich, Jehova Selbst hat sie uns zum unbestreitbaren Eigentum gegeben, und somit brauchet ihr fernerhin keinen Rat darüber mehr zu halten, wem nun diese fruchtbare Gegend zum Eigentume fallen solle; denn sie ist schon von siebzig Familien in Besitz genommen, die auch in dieser Gegend ihre Wohnhäuser wohl eingerichtet haben.“
GEJ|9|49|10|0|Als die Beratenden solches von Olgon vernommen hatten, da stutzten sie und fragten einen römischen Richter, der mit ihnen diese Gegend durchzog, wie das zu nehmen wäre, indem diese Wüste denn doch ganz samaritanischer Boden sei und die Samariter darauf im allgemeinen ein Besitzrecht hätten.
GEJ|9|49|11|0|Der Richter aber sagte: „In welchem Lande immer eine seit undenklichen Zeiten besitzlose vollkommene Wüste besteht und sich auch kein Landsasse zu einem Besitze einer solchen Wüste je vor einem Gericht gemeldet hat, so ist eine solche Wüste frei und wird als Besitz auch von dem Gerichte dem ersten besten eingeräumt, der sich für den Besitzer erklärt hat. Da sich diese Männer, denen diese ehemalige vollkommene Wüste die Kultur verdankt, nun als Besitzer erklärt haben, so wird ihnen der unbestreitbare Besitz vom Gericht aus eingeräumt.
GEJ|9|49|12|0|Als Kultivierern einer Wüste, die zuvor niemandes Eigentum war, kommt ihnen aber noch die Begünstigung zu, daß sie volle zwanzig Jahre die Befreiung von jeder Art Steuer zu genießen haben. Wollen sie sich jedoch freiwillig nach einer gemachten guten Ernte zu einem Ehrentribut für den Kaiser bekennen, so werden sie sich auch bei allen irgend für sie mißlichen Angelegenheiten eines besonderen Schutzes von seiten Roms zu erfreuen haben. Ich, ein Richter im Namen des mächtigen Kaisers in Rom, habe geredet und also befohlen!“
GEJ|9|49|13|0|Durch diesen Akt ging denn auch das in Erfüllung, daß den siebzig Familien den Besitz der kultivierten Wüste niemand streitig machen konnte. In ein paar Jahren war diese Gegend schon eine der fruchtbarsten und wurde von allen Reisenden hoch bewundert; und die Besitzer hatten sich schon nach einem Jahre freiwillig zur Entrichtung eines Ehrentributs für den Kaiser beim Gerichte gemeldet und wurden dadurch zu römischen Bürgern erklärt und gemacht, was ihnen viele Vorteile gewährte.
GEJ|9|49|14|0|Aber diese neugeschaffene Gemeinde blieb auch viele Jahre hindurch, obschon sie große Proben zu bestehen hatte, am reinsten, gleichwie auch die der Essäer. Freilich – in den späteren Zeiten ging auch dieser schönste Teil Samarias unter den verheerendsten Kriegen und Völkerwanderungen zugrunde und ward wieder zur alten Wüste.
GEJ|9|49|15|0|Und nun kehren wir wieder zu uns selbst zurück!
GEJ|9|50|1|1|50. — Der Herr mit den Seinen in einer Herberge in Samaria
GEJ|9|50|1|0|Wir kamen am selben Tage in die Stadt Samaria und kehrten daselbst in einer mehr abgelegenen Herberge ein. Als wir in die Herberge eintraten, da kam uns der Wirt gleich ganz freundlich entgegen, denn er hoffte, bei uns einen Gewinn zu machen. Es waren aber die Jünger, da sie seit dem Morgen weder etwas gegessen noch getrunken hatten, schon sehr hungrig und durstig, was Ich wohl wußte, obwohl sie diesmal nicht, wie oft zu andern Malen bei ähnlichen Gelegenheiten, heimlich unter sich ein wenig murrten.
GEJ|9|50|2|0|Und Ich fragte darum sogleich Selbst den Wirt, sagend: „Freund, wir haben heute schon einen sehr weiten Weg durchwandert und haben von frühmorgens an nichts zu uns genommen, da auf dem ganzen Wege auch nicht eine Herberge anzutreffen war, und sind darum hungrig und durstig. Was kannst du uns in Bälde zum Essen und zum Tranke bieten?“
GEJ|9|50|3|0|Sagte der Wirt: „Ihr seid eurer nahe an vierzig Mann an der Zahl, und es werden darum ebenso viele Fische und Brote und auch ebenso viele Becher Weines sicher nicht zu viel sein!“
GEJ|9|50|4|0|Sagte Ich: „Lasse von den Fischen die doppelte Anzahl bereiten; denn deine Fische sind kleiner Art, und da sind zwei nicht zuviel für einen von uns. Sieh aber, daß sie bald und gut bereitet werden! Vorderhand aber gib uns Wein, Brot und Salz!“
GEJ|9|50|5|0|Sagte der Wirt etwas verlegen: „Ja, meine lieben und wertesten Herren Gäste, es wäre schon alles recht also, wenn ich nur den von euch erwünschten Vorrat an allem dem hätte! Es wird mir mit den Fischen sowohl, wie auch mit dem Brote etwas schlecht gehen, da ich mich nicht so reichlich damit einrichte, indem meine Herberge wegen ihrer unvorteilhaften Abgelegenheit im ganzen nur spärlich besucht wird, aber mit Wein kann ich schon noch ordentlich dienen. Kurz, was da ist, das sollet ihr auch haben; mehr aber kann auch Gott Selbst nicht von einem Menschen verlangen!“
GEJ|9|50|6|0|Sagte Ich: „Da hast du zwar ganz recht geredet; doch mit den Fischen steht es bei dir dennoch besser, als wie du es hier bekannt hast! Aber du hast geheim nur so eine kleine Sorge, als dürften wir dir am Ende die achtzig Fische nicht bezahlen können, und gibst uns darum einen geringeren Vorrat an! Mit dem Brote, ja da geht es dir heute etwas kärglich, aber mit den Fischen nicht; habe darum keine Sorge, und laß für uns schnell die verlangte Anzahl Fische bereiten, und bringe uns Brot und Wein!“
GEJ|9|50|7|0|Hierauf ging der Wirt eilig, schaffte alles an und ließ sogleich durch seine Diener Brot, Wein und Licht in das Gastzimmer bringen; denn es war schon tiefer Abend, und im Zimmer war die Nacht vollends herrschend geworden. Als das Gastzimmer nun erleuchtet war, da kam auch der Wirt wieder zu uns und gab uns die Versicherung, daß wir binnen einer halben Stunde Zeit bestens bedient werden würden. Dabei aber betrachtete er uns mit der größten Aufmerksamkeit und wußte nicht recht, für was und für wen er uns halten solle; denn etliche von uns trugen griechische Kleidung, etliche jüdische und etliche gleich Mir die galiläische.
GEJ|9|50|8|0|Da aber den Wirt die Neugierde zu sehr zu plagen begann, so wandte er sich in aller Artigkeit an einen ihm zunächst stehenden Jünger, und zwar an den Thomas, und sagte (der Wirt): „Erlaube mir, Freund, eine Frage!“
GEJ|9|50|9|0|Sagte Thomas: „Dort obenan sitzt der Herr, an Den richte deine Frage! Er wird sie dir am besten beantworten! Wir andern alle sind Seine Jünger und Diener Seines Willens.“
GEJ|9|50|10|0|Auf das kam der Wirt zu Mir und sagte: „Herr, vergib mir meine Freiheit und gewissermaßen Zudringlichkeit! Ich möchte denn doch wissen, welches Landes Kinder ihr seid. Nach der Kleidung seid ihr Judäer, Galiläer und auch Griechen. Welch ein Geschäft treibet ihr wohl? Handelsleute seid ihr sicher nicht, da ihr keine Waren mit euch führt, und irgendwelche Künstler oder Zauberer scheint ihr auch nicht zu sein; denn dazu habt ihr ein zu offenes Aussehen. Und wie wußtest du, daß ich mit Fischen weit besser versehen sei als mit dem Brote? Kurz und gut, euer ganzes Erscheinen hier in meiner abgelegenen und stets nur spärlich besuchten Herberge kommt mir ein wenig sonderbar vor. Ihr müßt es mir schon vergeben, so ich hier etwas offener, wie sonst gebräuchlich, mit euch rede.“
GEJ|9|50|11|0|Sagte Ich: „Höre, du sehr neugieriger Wirt! Wenn wir uns werden mit dem Brote, Weine und den Fischen gestärkt haben, dann werde Ich dir schon sagen, was wir für Landsleute sind. Jetzt sorge du nur, daß das Abendmahl bald bereitet wird, und bringe nun noch mehr Wein und Brot; denn mit der ersten sehr mäßigen Gabe sind wir bereits zu Ende!“
GEJ|9|50|12|0|Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da ging er sogleich und brachte Brot und Wein zur Genüge.
GEJ|9|50|13|0|Und Ich sagte zu ihm: „Da siehe, es scheint dir nun auch mit dem Brote besser zu gehen denn zuvor; auch kommt mir dieses Brot größer und besser vor als das, welches du uns zuerst aufgesetzt hast! Wie kommt denn das?“
GEJ|9|50|14|0|Nota bene: Ich wußte es wohl, wie das kam, und fragte den Wirt nur, auf daß er sich selbst prüfen möchte.
GEJ|9|50|15|0|Der Wirt machte auf Meine Frage große Augen und wußte nicht, was er Mir darauf hätte antworten sollen. Er verkostete das ihm auch fremd vorkommende Brot und fand es überaus wohlschmeckend.
GEJ|9|50|16|0|Nach einer Weile erst sagte er (der Wirt): „Sonderbar! Ich weiß doch sonst um alles, was in meinem Hause ist und geschieht; aber woher mein Weib etwa im geheimen dieses wahre Königsbrot bezogen hat, das weiß ich wahrlich nicht! Es ist nur noch das schon ordentlich wunderbar, daß nun meine Brotkammer ganz voll mit derlei Brotlaiben angefüllt ist. Aber sei das nun schon, wie es wolle, – ich bin nur froh, daß ich wieder mit dem Brote sicher auf mehrere Tage hin bestens versorgt bin! Aber mein Weib muß ich denn doch ein wenig ausforschen, woher das Brot bezogen wurde, und wer es bezahlt hat, und um welchen Betrag. Denn derlei wahres Königsbrot ist teuer, und es dürfte ein Laib wohl vier Pfennige kosten!“
GEJ|9|50|17|0|Hierauf berief er sein Weib und fragte sie, woher das Brot gekommen sei, von dem nun auf einmal die Brotkammer ganz voll sei, und wie teuer es wäre.
GEJ|9|50|18|0|Das Weib kostete auch das Brot, machte ein noch verwunderteres Gesicht denn zuvor der Wirt und schwor bei ihrer Treue, daß auch sie nicht im geringsten wisse, von woher das Brot gekommen sei.
GEJ|9|50|19|0|Es wurden darauf auch mehrere Dienstleute befragt, ob sie nicht wüßten, woher das viele und überaus gute Brot in die Brotkammer gekommen sei. Aber auch diese schworen, daß sie davon nicht die leiseste Kunde hätten.
GEJ|9|50|20|0|Sagte Ich zum Wirte: „Was fragst du da nun lange herum? Sei froh, daß deine Kammer voll Brotes ist, und siehe, daß die bestellten Fische bald auf den Tisch kommen; hernach wird sich vielleicht noch manches Rätsel lösen lassen!“
GEJ|9|51|1|1|51. — Des Wirtes Fragen nach dem Herrn
GEJ|9|51|1|0|Darauf ging der Wirt mit dem Weibe und mit den Dienstleuten wieder in die Küche, und bald darauf wurden die bestellten und sehr wohlzubereiteten Fische und eine große Schüssel voll mit wohlgekochten Linsen auf unseren Tisch gesetzt, und wir fingen an zu essen, und der Wirt selbst mußte mit uns halten, ward dabei voll frohen Mutes und wußte uns eine Menge zu erzählen, was sich seit wenigen Jahren in Samaria alles, und das wundersamstermaßen, zugetragen habe.
GEJ|9|51|2|0|Unter anderem erzählte er auch, sagend (der Wirt): „Es nimmt mich gerade wunder, daß ihr als Judäer, Galiläer und Griechen von dem berühmten Galiläer, der ungefähr vor zweieinhalb Jahren mit mehreren Jüngern hierher gekommen ist und hat da gelehrt von der Ankunft des Reiches Gottes mit wunderbarer Rede und hat in der Stadt und in der Umgebung Wunder gewirkt, die nur Gott allein möglich sein können, beinahe nichts zu wissen scheinet! Es sind wohl erst unlängst Judäer hierher gekommen und sagten, daß sie von Ihm ausgesandt seien, um zu predigen allen Völkern das Evangelium. Und wir glaubten ihnen das auch; denn sie bestätigten ihre Aussage auch durch sehr beachtenswerte Wunderzeichen, indem sie bloß durch die Auflegung ihrer Hände im Namen ihres Aussenders gar viele Kranke plötzlich geheilt haben. Zudem war ihre Lehre ganz dieselbe, die Er in der erwähnten Zeit Selbst hier gelehrt hat, und so glaubten wir den Jüngern um so mehr.
GEJ|9|51|3|0|Sagt mir doch, weil wir nun schon einmal so recht fröhlich beisammen sind, was ihr von dem großen und für mich wahrlich über alles denkwürdigen und auch weit über alle Menschen erhabenen Manne wisset! Denn bei uns Samaritern gilt Er unwiderruflich für den verheißenen Messias, für den Retter und Erlöser der Menschen aus der Gewalt jeglichen Feindes der Wahrheit, der Liebe, des Lebens und dessen Freiheit. Oh, saget es mir doch, ob und was ihr von Ihm wisset und auch von Ihm haltet!“
GEJ|9|51|4|0|Sagte Ich: „Freund, wir wissen gar sehr vieles von Ihm und halten auch alles auf Ihn; aber da Er nach deiner Aussage vor zweiundeinhalb Jahren Selbst hier war, gelehrt und Zeichen gewirkt hat, so wirst du Ihn ja doch auch einmal persönlich gesehen haben? Oder ist dir keine Gelegenheit zuteil geworden, Ihn bei Seiner Gegenwart in dieser Stadt persönlich zu sehen?“
GEJ|9|51|5|0|Sagte der Wirt: „Freunde, das ist für mich eben das Bedauerliche! Ich war eben in jener Zeit von hier abwesend, weil ich in Tyrus ein Handelsgeschäft abzumachen hatte, und meine Leute haben von Seiner Anwesenheit erst dann etwas vernommen, als Er schon über Berg und Tal war. Ich kam darauf nach ein paar Tagen nach Hause und hörte in der ganzen Stadt und Umgegend nichts als nur von dem Manne, Seiner Lehre und Seinen Taten reden, die so unglaublich groß und wunderbar sind, daß sie ein Fremder, dem man es erzählt, gar nicht glauben kann, so wahr sie auch bloß durch das Wort und durch den Willen jenes Mannes bewerkstelligt worden sind.
GEJ|9|51|6|0|Es lebt hier ein Arzt im besten Wohlstande mit einem Weibe, die vormals bekanntermaßen, was die Keuschheit anbelangt, etwa nicht im besten Rufe gestanden ist. Der erwähnte Arzt habe mit dem Manne etwa die größte Bekanntschaft gehabt und hat von Ihm auch die Wunderkraft überkommen, die Kranken verschiedener Art zu heilen bloß durch das Auflegen der Hände. Von dem erwähnten Arzte habe ich denn auch das meiste über jenen Mann aller Männer in Erfahrung gebracht. Er hat mir auch Seine äußere Gestalt beschrieben; aber die beste Beschreibung läßt die Wirklichkeit stets in der Dunkelheit. Man schafft sich in der Phantasie wohl ein Bild, das aber am Ende mit der Wirklichkeit dennoch keine Ähnlichkeit hat. Und so kann ich mir aus gar leicht begreiflichen Gründen von der Gestalt des großen Gottmenschen keine rechte Vorstellung machen.
GEJ|9|51|7|0|Es treibt sich im Lande Samaria auch ein gewisser Johannes herum, der vormals ein Bettler war, nun aber auch die von dem großen Manne vernommene Lehre den andern Menschen predigt, selbst ein strenges Leben führt und durchs Gebet und durchs Händeauflegen im Namen des großen Mannes auch viele Kranke heilt und auch die Besessenen von ihren Plagegeistern befreit. Nun, dieser erwähnte Mann war auch schon einige Male bei mir und hat mir vieles erzählt, und ich habe ihn darum nach meinen Kräften auch allzeit bestens bewirtet; aber darum kann ich mir die Gestalt des großen Gottmenschen dennoch nicht vollkommen vorstellen.
GEJ|9|51|8|0|Ich bin auch schon vor einem Jahre, als ich von Seinem Wirken viele und große Dinge von vielen Reisenden erfahren habe, Ihm einen ganzen Monat lang nachgezogen und bin in Orte gekommen, in denen Er kurz vorher gelehrt und gewirkt hatte; aber wenn ich in einem Orte ankam und mich emsigst nach Ihm erkundigte, da hieß es: ,Ja, vor zwei oder drei Tagen war Er hier und hat dies und jenes gesprochen und dies und jenes getan!‘, und ich fand auch Beweise genug, daß es also war.
GEJ|9|51|9|0|Kurz, ich habe alles in reichlicher Fülle gefunden, das mir zum vollgültigsten Beweise diente, daß Er da war und gehandelt hatte; nur Ihn Selbst konnte ich bis zur Stunde noch nicht zu Gesichte bekommen. Ich habe aber von einem besseren Juden aus Bethlehem, der auch alles auf den großen Gottmenschen hält und an Ihn glaubt, erfahren, daß Er an allen großen Festtagen in Jerusalem und zwar im Tempel Sich aufhält und das Volk lehrt, obgleich Ihm die finsteren und argen Pharisäer im höchsten Grade aufsässig sind. Und so will ich, obschon ich ein von den Erzjuden verachteter Samariter bin, am nächsten Tempelweihfeste dennoch nach Jerusalem ziehen und sehen, ob ich den großen Gottmenschen doch etwa einmal zu Gesicht bekommen werde.
GEJ|9|51|10|0|Für jetzt aber macht mich ein Wanderer schon überglücklich, so er mir nur recht vieles von Ihm zu erzählen weiß; kann er das, und hält er auch im Glauben alles auf den mir so heilig gewordenen großen Mann, dann kann er bei mir im Hause die Zeit zubringen, wie lange er will, kann und mag, und es kostet ihn sein Aufenthalt und auch selbst die beste Kost nichts. Und wahrlich, so ihr mir ebenfalls recht vieles von dem großen Manne zu erzählen wisset – aber wohl der vollen Wahrheit getreu –, da werdet auch ihr bei mir die Zeche höchst leicht bezahlen. Erzählet mir daher, ihr lieben Männer, auch etwas von Ihm!“
GEJ|9|51|11|0|Sagte Ich: „Ja, du Mein lieber Freund, Ich könnte dir freilich gar manches über deinen großen Gottmenschen, in dem die Fülle der Gottheit körperlich wohnt, erzählen und könnte dir am Ende sogar Sein treuestes Ebenbild zeigen, so du deinen Mund wenigstens nur etliche Tage hindurch im Zaume halten könntest; aber in diesem Stücke scheinst du eben kein besonderer Meister zu sein?!“
GEJ|9|51|12|0|Sagte der Wirt: „Ja, was meinen heiligen Gottmenschen betrifft, da dürftest du eben nicht ganz unrecht haben; denn was einem Menschen eine zu große Freude macht und das Herz in die vollste Bewegung setzt, das kann man auch schwer verschweigen. Doch wenn es sein muß, dann kann schon auch ich schweigen, dessen ihr alle völlig versichert sein könnet.“
GEJ|9|52|1|1|52. — Das Edelfischwunder
GEJ|9|52|1|0|Sagte Ich: „Nun gut denn, Ich will sehen, ob Ich dir etwas Rechtes und Wahres über deinen großen Mann werde zu erzählen imstande sein, – und so höre denn!
GEJ|9|52|2|0|Siehe, soweit Ich den Mann kenne, so ist Er nach Meinem Erkennen eben derselbe Jehova, der schon mit Adam, Noah, mit dem Abraham, Isaak und Jakob, mit Moses und mit noch vielen andern Propheten geredet hat. Der Unterschied zwischen damals und jetzt besteht nur darin, daß Er, als der ewige Herr aller Kreatur, damals nur als der reinste Geist voll Liebe, Leben, voll der höchsten Weisheit, Macht, Kraft und Gewalt mit dem geweckten Geiste der Menschen geredet und Sich ihnen also geoffenbart hat. In dieser Zeit aber – wie Er das auch zu gar öfteren Malen durch den Mund der Propheten verheißen hat – hat es Ihm wohlgefallen, aus größter Liebe zu den Menschen dieser Erde, die Er zu Seinen Kindern erschaffen hat und ihnen auch schon zu Adams Zeit Selbst diesen Namen gab, Selbst das Fleisch anzuziehen und sie als ein sichtbarer Vater für Sich zu erziehen, auf daß sie ewig dort bei Ihm sein, leben und wohnen sollen, wo Er Selbst Sich ewig befindet und schafft und regiert die Unendlichkeit.
GEJ|9|52|3|0|Darum heißt es ja: Im Anfang war das pure Wort, und Gott war das Wort im Munde der Urväter der Erde, aller wahrhaft Weisen und Propheten. Das ewige Wort, also Gott Selbst, ist aber nun Fleisch geworden, also ein Mensch, und so kam der Vater zu Seinen Kindern, aber diese erkennen Ihn nicht. Er kam also in Sein Eigentum, und man will Ihn nicht als den alleinig wahren und ewigen Vater anerkennen. Aber es gibt dennoch auch viele, die Ihn als Den, der Er ist, anerkennen und mit aller Liebe sich an Ihn allein halten, und das Juden und Heiden, und zwar die Heiden mehr denn die Juden; darum aber wird auch nach Seinem Worte das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben werden.
GEJ|9|52|4|0|Wenn du das, was Ich dir nun von dem großen Manne gesagt habe, zu würdigen verstehst, so wirst du daraus wohl auch entnehmen, daß Ich den großen Mann gewiß sehr wohl kenne!“
GEJ|9|52|5|0|Sagte der Wirt voll Freuden: „Oh, oh, oh, überaus wohl und ausgezeichnet also! Das ist auch unser Glaube! Ich hätte euch das schon lange gerne bekannt; aber weil ihr keine Samariter seid, so mußte ich klug zu Werke gehen, um mich nicht – wie mir das schon einige Male begegnet ist – gewissen unnötigen Grobheiten auszusetzen. Denn das Heiligste gehört nach meiner Ansicht nicht vor die Schweine, die in aufgeblähter Menschengestalt vor uns einhergehen und uns für gar vieles minder halten, als was sie sich zu sein dünken.
GEJ|9|52|6|0|Weil ihr aber solches von dem Gottmenschen haltet, so seid ihr denn auch meine freien Gäste, wie lange ihr auch immer bei mir bleiben wollet. Ich bin zwar kein reicher Wirt, aber so viel habe ich schon noch im Vorrat, daß wir es in einem Jahre nicht aufzehren werden. O Freude und übergroße Freude, daß ich in euch so tief erleuchtete Freunde und treue Bekenner des allein wahren Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs gefunden habe! Aber jetzt nur gleich mehr und besten Weines her, und zu den wenigen Fischen, die sämtlich kleiner Art waren, und da ich an Fischen nur noch einen ganz geringen Vorrat haben dürfte, vier Lämmer geschlachtet und schnell bestens zubereitet; denn solch wahre Gottesfreunde dürfen in meinem Hause keinen Hunger und Durst leiden!“
GEJ|9|52|7|0|Sagte Ich zum Wirte: „Lasse die Lämmer für heute noch am Leben, sieh aber dafür in deinem größeren Fischbehälter nach; denn Mir kommt es vor, als befänden sich darin noch eine Menge großer und edler Fische aus dem See Genezareth! Wenn sich welche vorfinden, so lasse sie, etwa vierzig Stück, für uns zubereiten!“
GEJ|9|52|8|0|Sagte der Wirt, mit den Achseln zuckend: „Darin waren sie wohl vor ein paar Wochen; ob sich aber nach deiner mir ganz unerklärlich scharfsinnigen Wahrnehmung jetzt auch noch welche darin befinden, das getraue ich mir nicht zu behaupten! Ich bin zwar bei dem Ausfischen meines größeren Fischbehälters nicht zugegen gewesen, und so wäre es allerdings möglich, daß da einige zurückgeblieben sind. Aber von vierzig Stück wird da wohl schwerlich die Rede sein können! Ja, im großen Behälter, der aber ein paar Feldwege von hier entfernt ist, da habe ich wohl noch einen ziemlichen Vorrat von allerlei Fischen, aber von den Edelfischen wird wenig darunter sein; denn der Edelfisch ist ein Raubfisch, und so man ihn unter die andern Fische gibt, so macht er einen großen Schaden unter ihnen.
GEJ|9|52|9|0|Aber ich will auf dein Wort, weil du mir durch dein Bekenntnis eine so große Freude gemacht hast, denn doch nachsehen gehen, wie es mit den Edelfischen aussieht. Sollte es mit ihnen merkwürdigerweise etwa auch so stehen wie mit den Broten, über deren Vermehrung und Veredlung ich noch lange nicht im klaren bin, dann müßte ich beinahe zu denken anfangen: du selbst bist auch so ein schon bevollmächtigter Gesandter des großen Mannes, meines einzigen Herrn und Gottes! Und ich glaube, daß ich nicht weit fehlen werde, so ich euch alle als das begrüße. Aber jetzt zu den Edelfischen!“
GEJ|9|52|10|0|Auf das eilte der Wirt schnell hinaus zu seinem in der Küche für das Hausgesinde noch beschäftigten Weibe und sagte ihr das.
GEJ|9|52|11|0|Das Weib aber sagte: „Ei du gar zu leichtgläubiger Mann, woher denn vierzig Edelfische? Auch nicht einen mehr wirst du darin finden! Ich habe sie ja alle vor fünf Tagen dem Arzte, der eine große Mahlzeit gab, verkauft und das schöne Geld in deinen Kasten gelegt, und er wird uns für die ihm erwiesene Gefälligkeit durch jemanden, der schweigen muß, mit dem Königsbrote unsere Brotkammer angefüllt haben!“
GEJ|9|52|12|0|Sagte der Wirt: „Höre, du stets etwas hartgläubiges Weib! Das mag also, aber eher auch nicht also sein; aber deine alte Hartgläubigkeit wird mich nicht abhalten, den größeren Fischbehälter in Augenschein zu nehmen. Ob du mit- oder auch nicht mitgehen willst, das wird mir eines sein!“
GEJ|9|52|13|0|Auf diese Worte des Wirtes ging das Weib denn doch mit dem Wirte, – und wie sehr staunten beide, als sie den Behälter so voll der edelsten Fische fanden, daß sie darob ein ordentliches Grauen überfiel.
GEJ|9|52|14|0|Der Wirt berief abermals alle seine Dienstleute zusammen und befragte sie ernstlich, ob sie nicht wüßten, wie diese vielen und sehr kostbaren Edelfische in den Fischbehälter gekommen seien. Aber alle schworen beim Himmel, daß sie das nicht wüßten.
GEJ|9|52|15|0|Da sagte der Wirt: „Wahrlich, da geht es nicht mit natürlichen Dingen zu! Das hat einer der am Abend angekommenen Gäste, die alle etwas Rätselhaftes an sich haben, getan.“
GEJ|9|52|16|0|Zum Weibe und zu der Küchendienerschaft sich wendend, sagte er: „Kurz, die Fische sind wundersamsterweise einmal da zu vielen Hunderten, – so nehmet nun denn statt vierzig gleich fünfzig! Machet ein größeres Feuer, und bereitet sie nach bester Art; denn von diesen werde ich selbst ein paar verzehren!“
GEJ|9|52|17|0|Darauf griffen die Knechte gleich zu und hoben die verlangten Fische alsbald aus dem Behälter. Und ehe eine Stunde Zeit verrann, standen die schönen Edelfische schon bestbereitet vor uns auf dem Tische.
GEJ|9|53|1|1|53. — Der Wirt erkennt den Herrn
GEJ|9|53|1|0|Der Wirt aber war schon vorher wieder zu uns in das Gastzimmer gekommen und hatte auch seinen ältesten Sohn, der auf einem Auge blind war, mitgenommen.
GEJ|9|53|2|0|Als er voll Staunens zu uns kam, da sagte er zu Mir (der Wirt): „Guter und liebster Freund, ich habe gleich nach deinem mir gemachten Bekenntnisse über den großen Mann die Mutmaßung in mir geschöpft, daß einer unter euch irgendein schon besonders bevollmächtigter Gesandter des großen Gottmenschen sein dürfte; denn die kleineren sind voraus entsendet worden, und nun kommen die großen nach. Aber jetzt, wo ich auch den größeren Fischbehälter voll der edelsten Fische fand, und das auf dein Wort, so ist denn nun auch schon gar kein Zweifel mehr, daß ihr offenbar Gesandte jenes großen Gottmenschen seid, dem du das vollkommenst wahre Zeugnis gegeben hast. Einer unter euch wird sicher der Erste sein, und das am Ende gar du? Wenn das der Fall ist, da sage es mir, auf daß ich dich ganz besonders ehren kann; denn bei uns gilt noch immer der Satz: Ehret den, dem die Ehre gebührt!“
GEJ|9|53|3|0|Sagte Ich: „Kümmere du dich nun dessen nicht! Ich bin wohl ein Erster unter diesen Meinen Gefährten, – aber in einer ganz anderen Weise, als du es meinst. Es ist nur gut, daß die Edelfische da sind und noch ein guter Wein; alles andere wird sich schon noch später, und das zur rechten Zeit, zeigen.
GEJ|9|53|4|0|Was ist denn mit diesem deinem halbblinden Sohne da?“
GEJ|9|53|5|0|Sagte der Wirt: „Ah, wie weißt du denn, daß dieser mein Sohn halbblind ist?“
GEJ|9|53|6|0|Sagte Ich: „Oh, das zu erkennen, wird doch etwa keine so wunderbare Sache sein! Sieht er dir ja doch ganz ähnlich. Du bist geistig halbblind, und dieser dein Sohn natürlich. Am Ende kann noch euch beiden geholfen werden! Haben denn die Jünger des großen Mannes, von denen du ehedem erzählt hast, diesem deinem Sohne das eine Auge nicht zu heilen vermocht?“
GEJ|9|53|7|0|Sagte der Wirt: „Ja, einen Versuch haben sie wohl gemacht; aber der ist ihnen eben nicht gelungen. Auch der gewisse Johannes war darum schon ein paar Male hier; aber auch dem gelang es nicht, meinem Sohne das Licht des einen Auges wieder zu verschaffen. Und so muß er sein bißchen Ungemach schon mit Geduld ertragen. Ich habe ihn in der Meinung, daß ihr etwa doch die noch mächtigeren Jünger des Herrn wäret, mit hereingenommen, ob vielleicht ihr ihm helfen könntet. Aber weil ihr das etwa nicht seid, da kann er schon wieder an seine Arbeit in die Küche gehen!“
GEJ|9|53|8|0|Sagte Ich: „Ah, darum soll auch er nur da verbleiben, – er wird sicher noch eher sehend werden denn du!“
GEJ|9|53|9|0|Sagte der Wirt: „Aber liebster Freund! Sieh doch meine Augen an, – ich sehe auf beiden Augen ganz vortrefflich gut! Wie kann da mein halbblinder Sohn eher sehend werden denn ich?“
GEJ|9|53|10|0|Sagte Ich: „Ich habe es dir ja zuvor gesagt, daß du nur geistig halbblind bist; und dein physisch halbblinder Sohn wird noch eher sein volles Augenlicht bekommen, als du dein seelisches! Aber nun nichts mehr von dem; denn nun kommen schon die Fische, die wir noch verzehren werden, denn das erste Gericht war für vierzig Mann und darüber etwas karg bemessen, trotz der Beigabe des Linsengerichts. Aber diesmal mußt auch du und dein Sohn mitessen; dein Weib aber soll heute von diesen Fischen nichts zu essen bekommen, ihres harten Glaubens wegen. Morgen kann sie sich auch einen Fisch bereiten und ihren Glauben stärken.“
GEJ|9|53|11|0|Als die Fische sich auf dem Tische befanden, da griffen Meine sämtlichen Jünger, nachdem Ich Mir zuvor einen Fisch genommen hatte, gleich wacker zu; denn diese Art Fische waren ihnen als die besten schon lange bekannt. Wir aßen und tranken nun voll guten Mutes und ließen oft den großen Mann aus Galiläa leben, was den Wirt stets über die Maßen fröhlich stimmte, darum er auch nur stets Denselben mit einem Becher Wein begrüßte und Ihn überhoch leben ließ. Dabei erzählten auch Meine Jünger abwechselnd eine und die andere Begebenheit von unseren Wanderungen und auch manches von Meiner Kindheit, was alles dem Wirte über alles angenehm war.
GEJ|9|53|12|0|Als das Erzählen, das nahe in die Mitternacht hinein dauerte, zu Ende war, da wandte sich der Wirt mit der Bitte an Mich und sagte: „Mein lieber und selten weiser Freund, ihr habt mir nun so vieles von dem großen Gottmenschen erzählt, daß ich nun schon der glücklichste Mensch in der ganzen Welt zu sein mich dünke und zum größten Teile auch wirklich bin; aber ich wäre nun auch ganz glücklich und so selig wie ein erster Engel im Himmel, wenn ich nur noch ein wohlähnliches Abbild vom großen Gottmenschen zu sehen bekäme! Du, Freund, hast mir zuvor versprochen, daß du ein solches wirst sehen lassen. Wenn du ein solches bei dir hast, so bitte ich dich, daß du mich es wollest sehen lassen!“
GEJ|9|53|13|0|Sagte Ich: „Ja, ja, du hast recht, Ich habe dir das versprochen und werde Mein Versprechen auch halten; aber Ich sagte nachher auch, als du deinen halbblinden Sohn zu uns hereingebracht hattest, daß er noch früher ganz sehend werden würde und du am Ende in deiner halbblinden Seele wohl etwa auch ganz sehend werden würdest. Denn als ein an deiner Seele halbblinder Mensch wirst du das wahrste Abbild des Herrn und Meisters immer nicht ganz wohl ausnehmen und lebendig betrachten können. Lasse nun denn deinen Sohn zu Mir kommen, und Ich werde sehen, ob Ich sein blindes Auge werde öffnen und mit dem Lichte erfüllen können!“
GEJ|9|53|14|0|Auf diese Meine Worte, die den Wirt stutzen machten, stellte er den Sohn zu Mir hin, und sagte (der Wirt): „Da ist der Sohn, Freund! Versuche nun auch du, ob es dir gelingen wird, ihn sehend zu machen!“
GEJ|9|53|15|0|Sagte Ich: „Gut, Mein Freund, Ich will, daß dein Sohn Jorab sehe! – Es sei!“
GEJ|9|53|16|0|Auf diese Meine Worte ward des Sohnes blindes Auge auch schon sehend, auf welche plötzliche Heilung Vater und Sohn ordentlich erschraken, und der Sohn zum Vater sagte: „Vater, der Mann muß mit dem großen Gottmenschen in einer viel innigeren Verbindung stehen als alle die andern, die mich in Seinem Namen zu heilen versuchten! Jene sagten: ,Im Namen des Herrn Jesus Jehova werde Licht deinem Auge!‘, – und siehe, ich blieb dennoch blind. Dieser aber sagte: ,Ich will, daß dein Sohn Jorab sehe! Es sei!‘ Der Freund hat mich also durch seine eigene Macht geheilt, da er sagte: ,Ich will es!‘ Er ist darum der große Gottmensch Selbst und niemand anders! Und du, Vater, bist noch halbblind an deiner Seele, wenn du solches nicht alsobald merkst – und Er, Er Selbst ist das treueste Abbild Seiner Selbst voll des Lebens, der Macht und Kraft Gottes; denn nur Gott allein kann sagen: ,Ich will es!‘, – ein Mensch aber nur: ,Gott der Herr wolle dies und jenes!‘“
GEJ|9|53|17|0|Als der Sohn solches ausgeredet hatte, da ward auch der Wirt sehend, erkannte Mich und fiel vor Mir auf die Knie nieder und fing an, Mich um Vergebung zu bitten.
GEJ|9|53|18|0|Ich aber sagte: „Freund, was soll Ich dir vergeben? Daß du Mich erst jetzt erkannt hast, das wollte Ich also! Und somit sei du nun erst ganz selig! Aber sage es niemandem in deinem Hause, bevor Ich dir das zu tun anzeigen werde! Siehe aber nun, daß wir ein Nachtlager bekommen! Morgen werden wir dann schon das Weitere bestimmen.“
GEJ|9|53|19|0|Der Wirt erhob sich nun vom Boden und fing an, Mir über alle die Maßen zu danken, daß Ich ihn solch einer unschätzbaren Gnade gewürdigt habe.
GEJ|9|53|20|0|Ich aber sagte zu ihm: „Mache nun nicht so viel Aufhebens, damit dein Hausgesinde nicht vor der Zeit auf Mich aufmerksam gemacht werde! So dein Weib und deine andern Kinder und deine Hausleute den Jorab sehend erschauen und dich und ihn fragen werden, wie er sehend geworden sei, da saget: Die angekommenen Gäste haben das vermocht; denn der große Herr ist mit ihnen mehr denn mit jenen, denen es nicht gelang, dem Jorab das blinde Auge in Seinem Namen zu heilen. – Aber nun gehe und laß uns ein Nachtlager bereiten!“
GEJ|9|53|21|0|Da ging der Wirt und ließ uns im großen Schlafsaale etliche vierzig Ruhestühle zurechtrichten und kam dann und zeigte Mir solches ehrerbietigst an. Und wir erhoben uns von unseren Bänken und begaben uns zur Ruhe.
GEJ|9|53|22|0|Der Wirt aber besprach sich dann noch über vieles mit seinem Weibe und auch mit seinen mündigen Kindern; aber Mich verriet er dennoch nicht, obschon sein Weib einige Male die Bemerkung machte, daß am Ende doch Ich Selbst eben jener wunderbare Meister sein könnte, der schon vor zweieinhalb Jahren in Samaria so große Zeichen gewirkt habe. Ich wolle Mich aus gewissen Gründen etwa nur nicht, wie dies bei Meinem ersten Besuche dieser Stadt der gleiche Fall war, sogleich zu erkennen geben. Am Tage werde sie Mich schon schärfer ins Auge fassen, da sie Mich bei Meiner ersten Anwesenheit in diesem Orte wohl ein paar Male zu sehen das Glück gehabt habe. Und bei solchen Besprechungen schliefen denn auch die Wirtsleute ein und ruhten samt uns bis zum Sonnenaufgang.
GEJ|9|54|1|1|54. — Die Entsprechung der Begebenheiten in der Herberge
GEJ|9|54|1|0|Am Morgen aber war gleich das ganze Haus besorgt, um für uns ein bestes Morgenmahl zu bereiten. Wir erhoben uns auch von unseren Ruhestühlen und begaben uns wieder in das Gastzimmer, in welchem der Tisch mit reichen und kostbaren Tischgeräten geschmückt war. Da gab es viel Goldes und Silbers und das Tischtuch war von feinstem Byssus und war an den Enden mit Gold und Perlen eingearbeitet. Auch die gestrigen Bretterbänke waren mit reich geschmückten Stühlen vertauscht worden.
GEJ|9|54|2|0|Als Meine Jünger das ersahen, da sagten sie: „Da sieh, Herr und Meister, wie sehr Dich dieser Wirt ehrt! Eine solche Aufmerksamkeit von seiten eines Wirtes haben wir noch kaum irgendwo erlebt!“
GEJ|9|54|3|0|Sagte Ich: „Meinet ihr denn, daß Ich daran ein Wohlgefallen habe? An der Liebe des Wirtes nur habe Ich ein Wohlgefallen, aber an dieser Pracht gar nicht! Weil Ich aber wohl wußte, mit welchem Glauben und mit welcher Liebe der Wirt an Mir hängt, obschon er von Mir nur hatte reden hören und darum denn auch die große Sehnsucht hatte, Meine Person nur einmal in seinem Leben zu sehen, so kam Ich denn auch mit euch in sein Haus, um Mich so in seiner nächsten Nähe von ihm finden, erkennen und am Ende auch erschauen zu lassen. Warum Ich das also einleitete und auch also geschehen ließ, das sollet ihr als Meine ersten Nachfolger und Jünger, die ihr vor allem die Geheimnisse Meines Reiches auf Erden zu verstehen habt, aus Meinem Munde erklärt vernehmen!
GEJ|9|54|4|0|Seht, in der Folge werden Mich auch gar viele Menschen, so sie von Mir hören werden, in aller Welt mit großem Eifer suchen, und also auch Mein Reich. Sie werden Mich aber, als halbblind an der Seele, dennoch nicht völlig finden, wenn sie da- und dorthin Mir nachziehen werden, so ihnen die Menschen sagen werden nach ihrem Forschen: ,Er war wohl hier, und ist nun dort und dort, gehet hin, und ihr könnet Ihn wohl finden!‘ Und die Mich Suchenden werden hineilen, um Mich zu finden, und werden Mich dennoch nicht finden, – wie Ich euch auch schon zu öfteren Malen angedeutet habe, daß da viele sagen werden: ,Sehet, hier ist Er!‘ oder ,Dort ist Er!‘ oder ,Er ist in diesem Hause, oder in jener Kammer!‘, so glaubet es nicht; denn so jemand ungezweifelt an Mich glaubt und Mich wahrhaft im Herzen über alles liebt und darum auch seinen Nächsten wie sich selbst und hat dabei aber auch eine stets wachsende Sehnsucht, Mich Selbst zu erschauen und Mich und Meinen Willen tiefer und heller zu erkennen, so werde Ich also, wie es hier der Fall ist, ganz unerwartet schon in seiner nächsten Nähe gegenwärtig sein, obschon er Mich noch irgendwo unbekannt ferne zu sein glaubt, und gebe Mich ihm denn auch bald nur in seiner nächsten Nähe zu erkennen, mit ihm in einem und demselben Hause wohnend und mit ihm Mahl haltend.
GEJ|9|54|5|0|Wer Mich in der Folge, so Ich wieder in Meine Himmel zurückkehren werde, wahrhaftig wird finden, sehen und sprechen wollen, der wird Mich nicht in der Welt oder in gewissen Häusern, Tempeln und Kammern, sondern in seiner nächsten Nähe, das heißt, in seinem Herzen suchen müssen; und wer Mich also suchen wird, der wird Mich auch finden, aber so lange auch nicht erkennen, wenn Ich auch schon bei ihm sein werde, solange er an seiner Seele halbblind verbleiben wird.
GEJ|9|54|6|0|Halbblind an der Seele aber ist ein Mensch so lange, als er zwar im Glauben an Mich und in der Liebe zu Mir wächst, aber dabei aus der Einwirkung der Welt in ihren vielen Richtungen von Zeit zu Zeit in allerlei kleine Zweifel und Lebensstumpfheiten gerät und Mich darum, so Ich Mich oft auch in seiner nächsten Nähe befinde und mit ihm wie ein bester Freund handle und rede, dennoch nicht gewahrt und Mich denn auch voll Hochachtung, rechtem Glauben und auch voll Liebe fragt, wo Ich sei, und ob er Mich wohl je einmal zu Gesichte bekommen werde, und wie und wann, und ob möglich schon in dieser oder dereinst erst in der andern und ewigen Seinswelt.
GEJ|9|54|7|0|Sein physisch halbblinder Sohn aber bezeichnet des Menschen Sinn und Gemüt. Der Sinn ist das noch diese Welt schauende Auge, das Gemüt aber ist das für diese Welt und ihre Reize blinde, aber darum nach innen gekehrte Auge, das Ich aber ansehe und es völlig heile und erleuchte. Sowie aber dieses Auge lebendig wird, so überwältigt es bald das Weltsinnsauge und kehrt es auch nach innen. Wenn dieses geschieht, so wird der ganze Mensch erleuchtet und sehend und ersieht und erkennt Mich bald und leicht und verwundert sich dann, wie er Mich so lange nicht hatte erkennen mögen, da Ich Mich doch schon lange in seiner vollen Nähe leicht erkennbar wirkend und durch viele Tatsachen redend und lehrend befand.
GEJ|9|54|8|0|Das, was Ich euch gesagt habe, das könnet auch ihr die Menschen lehren und ihnen zeigen, wie ein Mensch von Mir heimgesucht wird, so er Mich zuvor im wahren Glauben sucht, und aus diesem in der Liebe zu Mir und aus der in der Liebe zum Nächsten. Merket euch das wohl!“
GEJ|9|54|9|0|Die Jünger und besonders Mein Jakobus major dankten Mir sehr für diese Beleuchtung; denn – wie schon bekanntgegeben – der benannte Jünger war am meisten mit den Entsprechungen beschäftigt, und so auch Johannes und Petrus.
GEJ|9|55|1|1|55. — Die Tafelpracht beim Morgenmahl
GEJ|9|55|1|0|Als Ich diese Erklärung beendet hatte, da kam auch der Wirt mit dem geheilten Sohne und kündigte uns an, daß das Morgenmahl alsbald bestens bereitet auf den Tisch gesetzt werde? Zugleich aber bat er in aller Ehrerbietung Mich um einen Rat, was er tun solle, indem sein Weib und seine Kinder ihn in einem fort ordentlich quälten, daß er ihnen sagen solle, wer und woher Ich sei, daß Ich dem Sohne ohne ein Mittel das eine blinde Auge wieder sehend habe machen können. Er wie auch der geheilte Sohn aber wollten Mich darum nicht verraten, weil Ich ihnen das untersagt habe.
GEJ|9|55|2|0|Ich aber sagte: „So Ich nach dem Morgenmahle ohnehin bald weiterziehen werde, dann erst entdecke ihnen, wer und woher Ich bin; denn so du ihnen das nun sogleich sagen würdest, da wäre bald Meine Gegenwart in der ganzen Stadt ruchbar, und du könntest vor Zudrang der Menschen in deinem Hause sehr belästigt werden. Du wirst noch nach Meinem Abgange mit den Neugierigen deine Not bekommen; um wie vieles mehr würde das nun während Meiner Gegenwart der Fall sein!“
GEJ|9|55|3|0|Mit dem war der Wirt und der Sohn völlig zufrieden und ging und besorgte das Morgenmahl.
GEJ|9|55|4|0|Es ward darauf sogleich in silbernen Schüsseln auf den Tisch gebracht, so wie auch der Wein in großen silbernen Bechern. Meine Schüssel und Mein Weinkelch aber waren aus reinstem Golde angefertigt, und Ich fragte den Wirt, warum er das getan hätte, da Ich an derlei irdischer Pracht niemals ein Wohlgefallen habe.
GEJ|9|55|5|0|Er aber verneigte sich tief vor Mir und sagte (der Wirt): „O Herr und Meister, ich weiß es wohl, daß Du an derlei niemals ein Wohlgefallen hast, daß man Dich nur mit einem mit reiner Liebe erfüllten Herzen wohlgefällig ehren und preisen kann. Du hast aber in Mir schon einen Menschen gefunden, der Dich im Herzen über alles geehrt und gepriesen hat und Dich fortan also noch mehr ehren und preisen wird. Ich aber dachte mir, daß ich eine Sünde begehen würde, so ich Dir als dem höchsten Herrn Himmels und der Erde nicht auch die Ehre erwiese, die man doch besseren Menschen zu erweisen pflegt!
GEJ|9|55|6|0|Du hast ja die ganze Erde mit allem, was sie enthält, erschaffen, und so denn auch ihr Gold und Silber, und so zeugen ja auch diese Metalle, die von den Menschen schon seit gar lange her als die edelsten und somit auch wertvollsten anerkannt worden sind, von Deiner Liebe, Weisheit, Macht, Größe und Ehre! Und so denke ich in meiner Schlichtheit, daß es besser ist, Dich als den Schöpfer auch des Goldes und des Silbers mit diesen Metallen nach unserer menschlichen Weise zu ehren, als mit ihnen einen schmählichen Wucher zu treiben oder um ihretwillen die blutigsten Kriege zu führen und tausendfaches Unheil über die arme Menschheit wie aus der Hölle heraufzubeschwören.“
GEJ|9|55|7|0|Sagte Ich: „Ja, ja, da hast du freilich auch wohl recht; wenn alle Menschen dir gleich dächten und deines Herzens und Sinnes wären, dann würden ihnen Gold und Silber und Perlen und alle die kostbaren Edelsteine niemals zum Unheil werden! Aber weil die Menschen, die darauf sehen, daß Gott mit Gold und Silber und Perlen und Edelsteinen geehrt werde, ganz anders zu denken anfangen und sonach auch bald eines andern Sinnes werden, so wäre es sehr unweise von Gott, wenn Er Sich mit dem ehren ließe, was unter den Menschen zu allen Zeiten das meiste und größte Unheil gestiftet hat.
GEJ|9|55|8|0|So wie du dachten auch die Erzväter der Erde und ehrten Gott vor goldenen und silbernen Altären und verrichteten ihre Preis- und Lobgebete in mit Gold und Silber und mit allerlei Edelsteinen reichlichst gezierten Tempeln, wie du solches im Tempel zu Jerusalem wohl ersehen kannst. Was war aber die Folge davon? Siehe, eben dadurch sind die benannten Metalle, Perlen und Edelsteine in der Einbildung der Menschen so überaus wertvoll geworden!
GEJ|9|55|9|0|Als die Menschen am Ende von dem Werte dieser gottesverehrlichen Dinge in eine zu hohe Idee geraten sind, haben sie denn auch stets mehr und mehr in der Erde herumzuwühlen angefangen und suchten Gold, Silber und Perlen und Edelsteine, vergaßen dabei nach und nach auch Gott und meinten, Gott schon dadurch im höchsten Grade zu ehren und ungeheure Gnaden von Ihm zu erhalten, wenn sie Ihm zur Ehre irgend den größten Brocken Goldes, Silbers und der Edelsteine auf den Altar legen konnten.
GEJ|9|55|10|0|Da aber doch nicht alle Menschen so geschickt waren, die benannten Dinge zu finden, um sich durch sie Gott wohlgefällig erweisen zu können, so befragten sie sich bei den Erzvätern, die zugleich Priester waren, wie viele Schafe, Kühe, Ochsen oder auch Kälber und Stiere sie anstatt soundso viel Goldes oder Silbers Gott zum Opfer bringen sollten, um Ihm wohlgefällig zu werden gleich dem, der da pur Gold und Silber Gott zum Opfer darbringt.
GEJ|9|55|11|0|Da merkten es nur zu bald die Ältesten oder Priester, daß sich dabei ein einträgliches Geschäft mit dem Gottesdienste gar leicht und etwa auch unschädlich verbinden ließe, und daß das zur Erbauung und Beruhigung der Menschen auch ganz wohl dienlich wäre. Und so fingen die Priester an, Gold und Silber und Perlen und Edelsteine zu wägen und bestimmten den Wert nach der Anzahl der verschiedenen Tiere, später auch nach dem Maße des Getreides, der Früchte, des guten Bauholzes, des Weines, der Kleidungsstoffe und noch einer Menge anderer Dinge.
GEJ|9|55|12|0|Dadurch entstand schon der Tausch- und Stechhandel, die arge und wucherische Wechslerei, darauf Neid, Haß, Zorn, Verfolgung, Lüge, Betrug, Geilheit, irdische Pracht, Größe und Hoheit und Stolz und Verachtung unter den Menschen, da man ihren Wert nicht mehr nach ihrem inneren Seelenadel, sondern nur nach dem Gewichte des Goldes und Silbers, der Perlen und Edelsteine, nach der Größe der Herden, der Äcker und Weinberge und nach dem größeren Besitze auch anderer Dinge bestimmte.
GEJ|9|55|13|0|Daß die Armen die Reichen beneideten und durch allerlei List ihnen den Reichtum zu schmälern anfingen, wodurch Dieberei und Raub und Mord auch nicht lange auf sich warten ließen, ist eine selbstverständliche Sache. Denn mit dem stets mehr überhandnehmenden Materialismus geht das Geistige zugrunde, und Gott wird den Menschen am Ende ein alter, verbrauchter, nichtiger und wertloser Begriff, von dem sie sich keine Vorstellung mehr zu machen imstande sind, und die volle Gottlosigkeit und mit ihr alle erdenkbaren Übel werden unter den Menschen auf die allergewissenloseste Weise gang und gäbe, und die Menschen greifen zu den Waffen, und der sich besser dünkende Teil sucht dann den böseren mit Gewalt zu unterjochen; und hat er das, dann gibt er Gesetze, deren Nichtbeachtung er mit den ärgsten Strafen belegt. Und so entstehen dann die Machthaber und ihnen gegenüber die Sklaven auf der Erde.
GEJ|9|55|14|0|Siehe, das macht alles das Gold, das Silber, die Perlen und die Edelsteine, so die Menschen in der Meinung, daß diese Dinge die reinste und edelste Materie seien, sie auch zur äußeren Verehrung auf was immer für eine Art anwenden!
GEJ|9|55|15|0|Was die äußere Verehrung und Verherrlichung Gottes anbelangt, dafür hat schon Gott Selbst von Ewigkeit her gesorgt; denn Er hat darum den Himmel und alle sichtbare Natur – als diese ganze Erde, den Mond, die Sonne und die zahllos vielen Sterne, die zumeist lauter ums kaum Aussprechliche große Weltkörper sind voll Lichtes und voll der wunderherrlichsten Dinge und Kleingeschöpfe auf ihren übergroßen und überweit gedehnten Flächen und Gefilden – erschaffen, und das genügt zur Außenverherrlichung des großen Gottes und Meisters über alles von Ewigkeit, und Er bedarf darum keines Goldes, Silbers und keiner Perlen und geschliffener und polierter Edelsteine dieser Erde.
GEJ|9|55|16|0|Die wahre und Gott allein wohlgefällige Verehrung und Verherrlichung besteht und bestehe denn allzeit nur in einem reinen, Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst liebenden Herzen und somit – was dasselbe ist – auch in der getreuen Haltung der Gebote, die Er durch Moses allen Menschen gab; alles andere ist eitel und töricht auch von seiten eines reinen und Gott wohlgefälligen Menschen. Wird die äußere Verehrung aber noch von solchen Menschen, wie es da sind die Pharisäer und die Götzenpriester und -priesterinnen, und auch von anderen Scheinfrommen und Augendienern und Gleisnern Gott, an den sie bei sich gar nicht glauben und nie geglaubt haben, dargebracht, und das um Geld und andere bedeutende Opfer, so gilt das vor Gott nicht nur nichts, sondern es ist das ein Greuel vor Ihm, und dasselbe ist auch alles, was vor den Augen der Welt groß und glänzend ist. Das, Mein Freund, merke dir, da du es nun aus dem Munde Dessen vernommen hast, der Sich mit gar keiner Materie ehren und preisen läßt, sondern allein nur mit einem reinen, Ihm völlig ergebenen Herzen und Willen!“
GEJ|9|55|17|0|Sagte der Wirt, nun ganz verlegen: „O Herr und Meister von Ewigkeit, so Dir diese meine auch äußere Verehrung, wie ich das nun schon ganz gründlich einsehe, nicht angenehm ist, so soll alles sogleich anders bestellt werden!“
GEJ|9|55|18|0|Sagte Ich: „Jetzt laß nur alles so, wie es ist; denn die wohlbereiteten Fische werden uns diesmal auch aus den goldenen und silbernen Schüsseln wohlschmecken, und desgleichen auch der Wein! Aber für ein anderes Mal laß das hinweg!“
GEJ|9|55|19|0|Mit dem war der Wirt zufrieden, und wir begannen das Morgenmahl zu uns zu nehmen.
GEJ|9|56|1|1|56. — Die Prophetenschulen
GEJ|9|56|1|0|Während des Essens aber fragte Mich der Wirt, ob er nicht den Arzt davon ganz im geheimen benachrichtigen solle, daß ich hier sei.
GEJ|9|56|2|0|Sagte Ich: „Da würdest du dir eine vergebliche Mühe machen; denn er und sein Weib sind über Land gezogen und werden erst in ein paar Tagen wieder heimkommen. Wenn sie zu dir kommen werden, dann kannst du es ihnen schon melden, was alles sich während ihrer Abwesenheit hier zugetragen hat. Aber nun essen und trinken wir nur ganz ungestört fort!“
GEJ|9|56|3|0|Darauf aßen und tranken wir ganz wohlgemut, und der Wirt und sein geheilter Sohn taten dasselbe und konnten den Wohlgeschmack der Edelfische nicht genug rühmen.
GEJ|9|56|4|0|Und der Wirt konnte sich der ganz guten Bemerkung nicht erwehren, sagend nämlich: „O Herr und Meister! Also wohl dürften die erst erschaffenen Fische in den Wassern der Erde auch besser geschmeckt haben als die nachher unter sich gezeugten; denn diese Edelfische sind auch keine gezeugten, sondern von Dir, o Herr und Meister, frisch erschaffene, und haben darum denn auch einen außerordentlichen Wohlgeschmack.“
GEJ|9|56|5|0|Sagte Ich: „Ja, ja, da magst du auch wohl recht haben! Aber also ist auch das Wort, das aus Meinem Munde geht, kräftiger und wirksamer als das Nachwort eines Propheten; es kann aber das Nachwort auch zur gleichen Kraft erhöht werden in jedem Menschen, wenn es durch die Tat im Herzen und Willen wohl zubereitet wird.
GEJ|9|56|6|0|Mein Wort ist schon das Leben in sich und macht lebendig jeden, der es mit gutem Herzen vernimmt, – denn es geht da sogleich das Grundleben alles Lebens ins Leben des Menschen über; das Wort des Propheten aber ist nur ein getreuer Wegweiser und zeigt dem Menschen, wie er zu dem lebendigen Worte aus Meinem Munde gelangen und durch dasselbe ins Leben des Geistes übergehen kann.
GEJ|9|56|7|0|Ich sage euch allen: Am Ende muß ein jeder Mensch in seinem Herzen von Gott belehrt werden; denn wer da am Ende nicht vom Vater oder vom Gottgeiste in Mir belehrt wird auf dem Wege der reinen Liebe zu Mir und zum Nächsten, der kommt nicht zu Mir, dem Sohne der ewigen Liebe, der Ich bin das ewige Licht, der Weg, die Wahrheit und das Leben selbst; denn Ich bin des Vaters Weisheit in Mir Selbst. Solches verstehet ihr zwar jetzt noch nicht völlig, aber ihr werdet es verstehen, so ihr nach Meiner Auffahrt im Geiste aus Mir wiedergeboren werdet; denn das ist der ewig in Sich Selbst vollst lebendige Geist aller Wahrheit, und der wird euch leiten in alle Weisheit. Und so hattest du wohl recht, zu sagen, daß die frischerschaffenen Fische ums unvergleichbare wohler schmecken denn die nachher unter sich gezeugten.“
GEJ|9|56|8|0|Sagte darauf der Wirt: „O Herr und Meister, ich habe so manches von der einstmaligen Prophetenschule gehört, die besonders in den Zeiten der Richter sehr gang und gäbe war und sich dann auch noch unter den Königen nahezu bis an unsere Zeiten fort erhielt. Aber ich konnte dennoch nie so recht klar dahinterkommen, worin die eigentlichen Lehr- und Übungselemente dieser Schule bestanden. Wer aber einmal ein Prophet der vollen Wahrheit gemäß geworden ist, durch dessen Mund hatte aber auch unverkennbar der Geist Jehovas geredet, was mehrere der großen Propheten denn auch durch die Tat bewiesen haben.
GEJ|9|56|9|0|Worin bestanden denn hernach die Lehr- und Übungselemente einer Prophetenschule?“
GEJ|9|56|10|0|Sagte Ich: „Höre, du Mein Freund, was damals nur in allerlei Entsprechungen für diese gegenwärtige Zeit vorbildend geschah, das steht nun in der Erfüllung vor dir! Von gottesfürchtigen Eltern schon von der Geburt an rein und wohl erzogene Kinder, natürlich vor allem Knaben, die auch sicher zuallermeist physisch völlig gesund und kräftig waren, wurden von den im Geiste geweckten Richtern und Priestern in der Weise Aarons in diese Schule aufgenommen, in der sie zuerst des Lesens, Rechnens und Schreibens wohl kundig werden mußten; dann wurden sie in der Schrift wohl unterwiesen, das heißt in den Büchern Mosis, und sodann auch in der Länder- und Völkerkunde der den Menschen bekannten Erde.
GEJ|9|56|11|0|Dabei aber wurden sie auch sorglichst angehalten, die Gebote Gottes nicht nur zu erkennen, sondern auch strenge, und das soviel als möglich freiwillig und sich selbst bestimmend, zu beachten. Sie wurden dabei nach ihrem Alter und nach dem Grade ihrer geistigen Entwicklung gar manchen Proben und Prüfungen ausgesetzt, auf daß sie in sich selbst zu der lebendigen Überzeugung kamen, inwieweit sie schon in der Kraft, aller Welt und ihren Reizen zu widerstehen, zugenommen haben.
GEJ|9|56|12|0|Vor allem mußten sie vor der Trägheit als der Mutter aller andern Sünden und Übel bewahrt werden, darum sie denn auch zu allerlei ihren Kräften angemessenen körperlichen Arbeiten angehalten wurden.
GEJ|9|56|13|0|Waren sie einmal in aller Selbstverleugnung und Selbstbesiegung groß und stark geworden, so wurden sie durch die Wissenschaft der Entsprechungen in ihr Inneres geführt, wodurch sie zum lebendigen Glauben und zu einem unbeugsamen Willen unter der Einung mit dem wohlerkannten und auch schon von Kindheit an stets genau beachteten Willen Gottes gelangten, wodurch sie dann auch schon so manche Zeichen zu bewirken imstande waren, weil ihr eigener Selbstwille mit dem Willen Gottes eins geworden war und der Glaube, als ein wahres, lebendiges Licht aus den Himmeln, in ihren erleuchteten Herzen keinen Zweifel mehr zuließ.
GEJ|9|56|14|0|War das alles einmal in der wahren und lebendigen Ordnung, so wurden sie eben durch den lebendigen Glauben und durch den in aller Tat mit dem Willen Gottes geeinten Selbstwillen mit dem Geiste Gottes nach der individuellen Fähigkeit erfüllt, wodurch die innere Sehe erweitert ward und sie dadurch auch zukünftige Dinge und Begebenheiten voraussahen in entsprechenden Bildern, die sie dann für die Nachwelt aufzeichneten.
GEJ|9|56|15|0|Wer einmal in diesen Zustand, in welchem er Gesichte bekam, gelangte, der gelangte auch zum innersten, lebendigen Worte und vernahm also die Stimme Jehovas in sich, und das war das Gotteswort, das der Prophet wie aus dem Munde Gottes den Menschen verkündete und eigentlich verkünden mußte, weil er von dem in ihm waltenden Geiste Gottes dazu angetrieben worden ist. Und siehe, also sah die Schule der Propheten aus, und auf die beschriebene Art wurden die Menschen in einer förmlichen und wahren Lebensschule zu Propheten gebildet!“
GEJ|9|57|1|1|57. — Die wahren Propheten
GEJ|9|57|1|0|(Der Herr:) „Aber es wurden fromme und an Gott allzeit fest glaubende und Ihn im Herzen liebende Männer oft auch ohne die vorangehende Schule zu wahren Propheten erweckt. So waren Moses und Aaron selbst große Propheten und sind dazu in keiner Schule gebildet worden; denn ihr Glaube, ihr Gott ergebenes Herz und Gott Selbst waren ihre Schule. Also wurden auch Elias und Jonas, Josua und Samuel zu wahren Propheten ohne vorangehende Schule; denn Gott Selbst war ihr Meister und ihre Schule.
GEJ|9|57|2|0|So waren auch die Erzväter zuallermeist Seher und Propheten ohne Schule; denn Gott allein, an den sie ungezweifelt hielten und glaubten, war ihre Schule, in der Er ihnen Seinen Willen offenbarte. Und selbst in diesen Zeiten gab es Seher und Propheten, die nicht in der Schule zu Sehern und Propheten erzogen worden sind; denn Gott sieht allzeit nur auf das Herz der Menschen und nicht auf die Schule, in der ein Mensch zu dieser oder jener Geschicklichkeit gelangt ist.
GEJ|9|57|3|0|Siehe da diese, Meine Jünger! Keiner von ihnen hat je eine Prophetenschule gesehen, und dennoch werden von ihnen viele Größeres leisten denn alle alten Seher und Propheten; denn Ich allein bin ihr Meister und ihre Schule, und so wird es in der Folge sein und bleiben bis ans Ende der Zeiten dieser Erde.
GEJ|9|57|4|0|Es werden in der Zukunft wohl gar viele Schulen errichtet werden, aus denen wohl eine Unzahl falscher Lehrer und Propheten hervorgehen werden, aber nur sehr wenige der wahren dem Willen Gottes gemäß.
GEJ|9|57|5|0|Wahrlich sage Ich dir: In der Folge wird nur der ein Seher und Prophet, der an Mich glauben, Mich über alles, seinen Nächsten wie sich selbst lieben und Meine Lehre tatsächlich befolgen wird! Darum wird aber auch nicht ein jeder, der gläubig zu Mir rufen wird: ,Herr, Herr!‘, in Mein Reich eingehen, sondern nur der, welcher Meinen in Meiner Lehre klar ausgesprochenen Willen tun wird.
GEJ|9|57|6|0|Darum seid denn auch ihr nicht nur pur eitle Hörer, sondern sofortige Täter Meines Wortes, so werdet ihr in euch auch das wahre Reich Gottes überkommen! Erwartet aber niemals, als werde das Reich Gottes, als das Reich des inneren Lebens, jemals mit irgend äußeren Zeichen und äußerem Glanzgepränge zu den Menschen kommen, sondern es ist inwendig in euch! Wer es auf die von Mir euch gezeigte Art und Weise sucht in sich und es nicht also findet, der sucht es in aller Welt und in allen Gestirnen vergeblich.
GEJ|9|57|7|0|Der Pfad zum wahren und lebendigen Reiche Gottes ist somit ein sehr schmaler und oft mit allerlei Dornengestrüpp überwachsener. Demut und vollste Selbstverleugnung ist sein Name. Für den Weltmenschen ist er völlig ungangbar.
GEJ|9|57|8|0|Wer aber an Mich glaubt und Meine Gebote hält, dem werden die Dornen auf dem Pfade zum Reiche Gottes nicht die Füße verwunden. Nur ein ernster Anfang ist schwer; wenn der Ernst aber bleibt und nicht durch allerlei Weltrücksichten geschwächt wird, so ist die volle Erreichung des Reiches Gottes in sich etwas ganz Leichtes. Denn solch einem stets vollernstlichen Bestreber nach dem Gottesreiche in sich ist Mein Joch sanft und leicht die ihm zu tragen von Mir aufgelegte Bürde, und Ich werde den ernsten Suchern des wahren Reiches Gottes stets laut in ihren Herzen zurufen: ,Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und belastet seid! Ich Selbst komme euch schon mehr denn auf dem halben Wege entgegen und will euch vollauf kräftigen und erquicken!‘
GEJ|9|57|9|0|Die aber zu Mir nur wohl ,Herr, Herr!‘ rufen, ihre Hauptsorge aber pur weltlichen Dingen zuwenden und nur so nebenbei nach dem trachten werden, was des Reiches Gottes ist, zu denen werde Ich sagen: ,Was rufet ihr Weltlinge Mich, und was schreiet ihr? Mein Herz hat euch noch nicht erkannt. Um was ihr euch sorget, das bringe euch auch die von euch gewünschte Hilfe!‘ Wahrlich sage Ich euch: Solche Menschen werden diesseits schwerlich je das wahre und lebendige Reich Gottes in sich finden und werden ihren Nebenmenschen gegenüber schlechte Lehrer, Seher und Propheten darstellen; und im Jenseits wird es für solche halbtoten Seelen noch ums unvergleichbare schwerer sein, das Reich Gottes in sich zu suchen und zu finden.
GEJ|9|57|10|0|Darum arbeite ein jeder, solange der Tag währt; denn es kommt darauf die Nacht, da wird es sich schwer arbeiten lassen! – Hast du, Mein Freund, das von Mir nun Gesagte wohl auch verstanden?“
GEJ|9|57|11|0|Sagte der Wirt: „Ja, Herr und Meister über alles, ich danke Dir für diese Belehrung aus der innersten Tiefe meines Lebens! Nun bin ich über das Wesen der alten Prophetenschule ganz im klaren. Ich bitte Dich aber auch zugleich, daß Du mir, so ich ernster, als es bis jetzt der Fall war, den schmalen und dornigen Pfad zum Gottesreiche betreten werde, gnädig schon gleich auf den ersten Schritt entgegenkommest und mir helfest, auf daß ich im Fortschreiten auf dem schmalen und dornigen Lebenswege nicht müde, verzagt und ungeduldig werde!“
GEJ|9|58|1|1|58. — Die Nachfolge des Herrn
GEJ|9|58|1|0|Sagte Ich: „Um was du Mich nun gebeten hast, das habe Ich bereits schon jetzt getan, und so wirst du nun ein leichtes Fortschreiten haben! Denn wem Mein Lebenslicht leuchtet, der wird auf dem Wege mit seinen Füßen nicht leichtlich mehr an einen Stein stoßen, und die Dornen wird er wohl vermeiden mögen. Wer mit Mir wandelt, der hat allenthalben schon einen wohlgebahnten Weg; wer aber ohne Mich dem Reiche Gottes, als dem inneren Reiche des Lebens und aller Wahrheit, zuwandelt, der hat wohl einen langen, schmalen und sehr dornigen Weg zu durchwandern, wie das bei gar vielen alten Weisen aller Völker der Erde von jeher der Fall war und auch künftighin der Fall sein und bleiben wird.
GEJ|9|58|2|0|Du hast es von nun an leicht, und so auch gar viele, die Mich gesehen und gehört haben und völlig an Mich glauben; aber die Nachkommen werden nur durch den puren Glauben in das Reich Gottes gelangen. Wer Mich aber sieht und hört, der glaubt leicht und kann auch leicht nach Meinem Worte leben und handeln. Aber wer Mich künftighin nicht mehr in Meinem Fleische sehen wird, der wird es schwerer haben, in das wahre und lebendige Reich Gottes zu gelangen; denn er wird es pur glauben müssen, was ihm die ausgesandten Boten von Mir erzählen werden.
GEJ|9|58|3|0|So er aber das Vernommene willig in sein gläubig Herz aufnehmen und eine rechte Freude ob der vernommenen Wahrheit haben wird, da wird denn auch alsbald die Taufe des Geistes aus Mir über ihn kommen, und er wird in ihr das geöffnete Tor ins Gottesreich wohl erschauen. Von der Weg ins volle Gottesreich ein leichter sein.
GEJ|9|58|4|0|So ihr aber das alles nun wohl wisset, so freuet euch des, daß Gott das alles schon von Anbeginn her also angeordnet hat! Und so ihr zu den Menschen von Mir und Meinem Reiche reden werdet, da saget ihnen auch das, was Ich nun zu euch geredet habe; aber machet es ihnen auch vor allem begreiflich, daß Mein Reich nicht irgend von dieser Welt ist, – sondern es ist das inwendige Reich aller Wahrheit und alles Lebens im Innersten des Menschen. Wer es in sich gefunden hat und in dasselbe durch den lebendigen Glauben und durch die tätige Liebe einging, der hat die Welt, das Gericht und den Tod überwunden und wird gleichfort das ewige Leben haben.
GEJ|9|58|5|0|Es kommt zwar das, was Ich euch jetzt gesagt habe, für den Weltverstand gleich wie eine Torheit anzuhören vor; aber es ist darum dennoch die höchste Weisheit alles Lebens in Gott. Wohl dem, der sich an ihr nicht stößt!
GEJ|9|58|6|0|Niemand kann wissen, was im Menschen alles als zum Leben Notwendiges verborgen ist, als nur der Geist, der im Innersten des Menschen ist und wohnt; und so weiß auch kein Weltweiser, was Gott Selbst und was in Ihm ist, als nur der Geist Gottes, der alle Tiefen Dessen durchdringt.
GEJ|9|58|7|0|Wenn der Geist im Menschen aber nicht als das wahre Lebenslicht erweckt wird, da ist es finster im Menschen, und er erkennt sich nicht; wenn durch den Glauben an Mich und durch die Liebe zu Mir und zum Nächsten aber der Geist im Menschen erweckt und zum hellen Lichte entzündet wird, dann durchdringt der Geist den ganzen Menschen, durch und durch, und der Mensch erschaut da, was in ihm ist und erkennet sich. Und wer sich erkennt, der erkennt auch Gott; denn der wahre und ewige Lebensgeist im Menschen ist nicht ein Menschengeist, sondern ein Gottesgeist im Menschen, ansonst der Mensch kein Ebenmaß Gottes wäre.
GEJ|9|58|8|0|So ihr das nun wohl verstanden habt, da wollen wir uns nun, als leiblich und geistig gestärkt, vom Tische erheben und unsere Reise von hier nach Galiläa hin antreten.“
GEJ|9|58|9|0|Alle beteuerten, daß sie das wohl verstanden hätten, und dankten Mir für diese Belehrung.
GEJ|9|58|10|0|Der Wirt meinte freilich, ob Ich etwa doch noch bis zum Mittage hin in seinem Hause verweilen möchte.
GEJ|9|58|11|0|Ich aber sagte zu ihm: „Sieh, in dieser Welt hat alles seine Zeit, also auch das Kommen, Bleiben und Gehen! Ich weiß aber, wo heute noch eine große Arbeit Meiner harrt, und so muß Ich denn auch nun dahin ziehen, wo die Arbeit Meiner harrt! Zudem wird in einer Stunde eine große Karawane von aus Jericho kommenden Kaufleuten bei dir einkehren, und ihr werdet viel zu tun bekommen. Die Kaufleute werden dir vieles von Mir zu erzählen wissen; erzähle du aber auch ihnen, daß Ich hier war, doch sage es ihnen nicht, wohin Ich den Weg eingeschlagen habe!“
GEJ|9|58|12|0|Der Wirt beteuerte nochmals, daß er alles streng halten werde, was er als Meinen Willen erkannt hatte, und dankte Mir auch noch einmal für die ihm erwiesenen Wohltaten; und Ich gab den Jüngern den Wink zum Aufbruch.
GEJ|9|58|13|0|Wir erhoben uns denn darauf vollends und betraten den Weg. Der Wirt und sein geheilter Sohn gaben Mir über tausend Schritte weit das Geleit und kehrten darauf voll guter Dinge wieder nach Hause zurück.
GEJ|9|59|1|1|59. — Der Fruchtsegen in einem kleinen Dorfe Samarias
GEJ|9|59|1|0|Als aber der Wirt nach Hause kam, da sagte sein Weib in einem schmollenden Tone zu ihm: „Warum hast du mich mit den andern Kindern denn nicht gerufen, auf daß auch ich mit den andern Kindern mich bei dem wundersamen Heilande hätte geziemend empfehlen können?“
GEJ|9|59|2|0|Sagte der Wirt: „Weib, so das nötig gewesen wäre, so hätte dich schon der Heiland Selbst gerufen; weil aber das sicher nicht nötig war, so bist du deines kleinen Unglaubens wegen nicht gerufen worden, und so du den Heiland gar näher erkannt hättest, so hätte von Seiner Anwesenheit bald die ganze Stadt gewußt, was Er aber nicht haben wollte, und so ist auch das gut, daß eben Er Selbst das alles also hat geschehen lassen. In der Folge, so unser Arzt wieder nach Hause kommen und uns sicher besuchen wird, da wirst du schon noch früh genug erfahren, wer so ganz eigentlich der wundersame Heiland war.
GEJ|9|59|3|0|Aber nun sieh dich mit allem wohl vor; denn von jetzt an etwa in einer halben Stunde Zeit wird eine starke Kaufleutekarawane bei uns einkehren, wie mir das der wahrlich allwissende Heiland zum voraus angezeigt hat, und wir werden da viel zu tun bekommen; darum sieh dich mit allem in der Küche wohl vor!“
GEJ|9|59|4|0|Als das Weib das vernommen hatte, da eilte sie sogleich in die Küche und setzte alle ihre Gehilfen und Gehilfinnen in Bewegung; denn sie glaubte nun dem, was der Wirt ihr als von Mir verkündet anzeigte.
GEJ|9|59|5|0|Und als allerlei Speisen, mit denen die Kaufleute stets zu bedienen waren, beinahe schon völlig zum Genusse bereitet waren, da kam denn auch schon die von Mir angekündigte Karawane an und konnte sich nicht höchlich genugsam verwundern, wie der Wirt diesmal schon zum voraus wissen konnte, daß sie um diese Zeit ankommen würden.
GEJ|9|59|6|0|Es ward nachher noch vieles darüber geredet, und die Kaufleute begriffen denn auch bald, wie der Wirt um die Zeit ihrer Ankunft hatte wissen können. Und es glaubten darauf auch mehrere Kaufleute, die da von Mir abermals gehört hatten, an Mich.
GEJ|9|59|7|0|Wir aber zogen unseren Weg ruhig weiter und kamen denn um die Mittagszeit nahe an ein Dorf, das noch in Samaria lag. Um das Dorf waren viele Fruchtbäume, zumeist Feigen und Oliven, Äpfel und Pfirsiche, und die Jünger bekamen Lust, sich mit den Früchten ein wenig zu erquicken.
GEJ|9|59|8|0|Als wir vollends in das Dorf kamen, da fragten die Jünger einige anwesende Dorfleute, ob sie sich von den Früchten etwas nehmen dürften.
GEJ|9|59|9|0|Die Dorfleute aber sagten: „Was Wunder! Wie wollet ihr Juden von uns Samaritern Früchte essen?“
GEJ|9|59|10|0|Sagten die Jünger: „Wir sind wohl Juden, aber keine Pharisäer, die euch hassen, – und so mögen wir schon von euren Bäumen die Früchte essen, so ihr sie uns geben wollet; und wir wollen sie euch auch bezahlen!“
GEJ|9|59|11|0|Da sagten die Dorfleute: „Da esset, soviel ihr möget! Aber Geld werden wir von euch nicht annehmen; denn wir haben auch Gott um kein Geld gebeten, als Er unsere Fruchtbäume segnete!“
GEJ|9|59|12|0|Da gingen die Jünger hin und aßen von den Früchten nach ihrer Lust, und je mehr sie aßen, desto voller wurden die Bäume.
GEJ|9|59|13|0|Es merkten aber das bald die Bewohner des Dorfes und gingen hin zu den Jüngern und sagten: „Wie verzehret ihr denn unserer Bäume Segen? Wir merken es auffallend genug, daß unsere Bäume nicht nur nichts an den Früchten verlieren, sondern es werden die Bäume derart sichtlich voller, daß ihre Äste und Zweige die Last kaum mehr zu tragen imstande sind. Merket ihr das denn nicht, da ihr so ganz gleichgültig die Früchte verzehret? Es ist das ja ein helles und augenscheinlichstes Wunder!“
GEJ|9|59|14|0|Sagte darauf der Apostel Andreas: „Was ihr sehet, das sehen wir auch; aber wir Essenden bewirken das nicht, sondern eure uneigennützige Nächstenliebe bewirkt das! Wir sind für euch Fremde, und ihr habt uns gastfreundlich von euren in dieser Gegend mühsam gepflegten Obstbäumen die süßen Früchte ohne Entgelt freundlichst zu essen gestattet, und es hat das Gott dem Herrn wohlgefallen, und so hat Er euch und eure Fruchtbäume nun sichtlich vor unsern und euren Augen wegen der von euch uns erwiesenen Freundschaft und Liebe gesegnet.
GEJ|9|59|15|0|Es ist das freilich in dieser Zeit ein seltener Fall; aber er ist darum ein seltener, weil auch das ein äußerst seltener Fall geworden ist, daß man fremden Reisenden ohne Entgelt Freundschaft und Liebe erweist. Denn wohin man nur immer kommt und von einem oder dem andern Menschen eine Freundschaft erwiesen haben will, so geschieht das wohl um ein Entgelt; aber aus einer puren Nächstenliebe geschieht das so selten wie ein derartiges Gottessegenwunder, wie ihr es nun vor Augen habt.
GEJ|9|59|16|0|Bleibet darum gleichfort in der treuen Beachtung der uneigennützigen Nächstenliebe, und liebet auch Gott durch die treue Beachtung Seiner Gebote, und ihr werdet euch über den Mangel des Segens Gottes wahrlich nie zu beklagen haben! Gott bleibt Sich allzeit und ewig gleich, nur die Menschen sind veränderlich, vergessen in ihrem Welttaumel Ihn und betrachten Seine Satzungen als ein Machwerk pur menschlicher Klugheit und tun dann dabei, was ihnen nach ihrem Verstande gut dünkt. Bei solchem Glauben und bei solchem Handeln nach dem Weltglauben aber sieht Gott auf die Seiner beinahe gänzlich vergessenden Menschen nicht mehr mit dem Auge Seiner Gnade und Liebe, sondern mit dem Auge Seines Zornes.
GEJ|9|59|17|0|Bei solchen Lebensumständen der Menschen werden die göttlichen Segenswunder wohl gar leicht und sicher zu den allerseltensten Erscheinungen auf dieser Erde unter den Menschen; aber wo sich irgend noch Menschen vorfinden, die an Gott noch ungezweifelt glauben, Seine Gebote halten und ihre Herzen und Seelen noch nicht mit der schnöden Gier nach dem Weltmammon besudelt und beschmutzt haben, da erweist Sich Gott ihnen auch, wie es in den Zeiten der Erzväter geschah, stets als ein Seine Kinder segnender bester Vater, – nur den Seiner nicht achtenden Weltkindern zeigt Er Sich als ein unerbittlicher Richter und züchtigt sie mit allerlei Ungemach, und Seine segnende Rechte ist nicht über Weltlinge ausgestreckt.
GEJ|9|59|18|0|So ihr lieben und einfachen Bewohner dieses kleinen Dorfes das beherziget, da wird es euch auch leicht begreiflich sein, warum Gott euch hier augenscheinlichst euren guten Willen gesegnet hat.“
GEJ|9|59|19|0|Sagte darauf ein Ältester dieses Dorfes: „Freund, der du hier gar weise im Namen Jehovas des Herrn geredet und dadurch auch gezeigt hast, daß du kein Anhänger der schlechten Lehre der Pharisäer bist, du bist ganz unseres Sinnes und hast wahrlich in allem recht; aber ich bin schon ein alter Bürger dieses Dorfes und weiß es, daß seine Einwohner noch stets fest an die Satzungen Mosis, durch den Gott geredet hat, halten. Und was wir euch von Herzen gerne nach eurem Wunsche erwiesen haben, das haben wir auch schon vielen andern, die hungrig und durstig durch unser kleines Dorf gezogen sind, ebenso erwiesen; aber eine solche wunderbare Segnung haben wir dennoch nie erlebt, obwohl ich aber dabei auch offen gestehen muß, daß wir bei aller unserer Freigebigkeit uns noch nie über den Mangel an Gottes Segen haben zu beklagen gehabt. Doch, wie gesagt, auf eine so auffallende Weise haben wir noch nie eine Gottessegnung zu sehen bekommen!
GEJ|9|59|20|0|Es scheint denn hier noch ein ganz besonderer Umstand obzuwalten, den ihr uns vielleicht aus sehr weisen Gründen nicht offenbaren wollet oder dürfet. Sei es aber nun, wie es wolle! Die Sache ist einmal ein augenfälligstes Wunder, das niemand leugnen kann, und wir wollen uns da nicht näher nach dem eigentlichen geheimen Grund desselben erkundigen. Doch eines fällt mir auf, und das ist, daß einer von euch, der dort am Wege auf euch wartet, nichts von unseren Früchten verkosten wollte! Ist er denn entweder ein Erzjude, der von Samaritern nichts annehmen will, oder ist er kein Freund der Baumfrüchte, wie sie bei uns gedeihen?“
GEJ|9|59|21|0|Sagte Andreas: „Freund, Er ist weder das eine noch das andere! Wer aber Ihn erkannt hat, der hat mehr erkannt, als was alle Welt je zu fassen imstande sein wird; denn Er ist darum auch unser aller Herr und Meister!“
GEJ|9|59|22|0|Diese Worte des Andreas fielen dem Alten sehr auf, und er sagte darum auch (der Alte): „Habe ich nicht recht geurteilt, so ich sagte, daß bei diesem augenfälligsten Wunder nebst der besonderen Gnade von oben noch ein ganz eigentümlicher, geheimer Grund obwalte? Und dieser geheime Grund wird sicher in jenem Manne zu suchen sein, den du euren Herrn und Meister nanntest. – Habe ich recht geurteilt oder nicht?“
GEJ|9|59|23|0|Sagte Andreas: „Freund, wenn es dir so vorkommt, da gehe hin zu Ihm, und rede mit Ihm Selbst! Denn wir wissen, was wir zu tun und zu reden haben. – Er aber ist der Herr und kann tun und reden, was Er will.“
GEJ|9|60|1|1|60. — Der Grund des Wohlergehens der Bewohner
GEJ|9|60|1|0|Als der Alte das vernahm, da ging er alsbald zu Mir hin und sagte: „Höre du, Herr und Meister dieser Männer, die sich mit den Früchten unserer Bäume gelabt haben! Warum wolltest denn du dich nicht auch mit sicher deinen Jüngern und Dienern an den wohlreifen Früchten erlaben?“
GEJ|9|60|2|0|Sagte Ich: „Weil es Mich nun nicht so sehr nach dem Genusse der süßen Baumfrüchte verlangte, als vielmehr nach den um ein gar vieles süßeren Früchten eurer Herzen und eures guten Willens; denn wenn jemand einem Meiner rechten Jünger und Diener eine wahre und uneigennützige Liebe erweist, so nehme Ich das ebenso an, als hätte er es Mir Selbst erwiesen.
GEJ|9|60|3|0|Ich aber bin mit Gott, und Gott ist mit Mir; und die mit Mir sind, die sind denn sonach auch mit Gott, und Gott ist mit ihnen. Gott ist aber auch mit jedem, der lebendig an Ihn glaubt, Seine Gebote hält, Ihn über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst. So aber jemand seinen Nächsten – gleichviel, ob er ein Heimischer oder ein Fremder ist – schon nicht ohne Entgelt liebt und ihm aus irgendeiner Not hilft, den er als ein ihm ähnliches Ebenmaß Gottes doch sieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht sieht?
GEJ|9|60|4|0|Darum ist die wahre und uneigennützige Liebe zum Nächsten mit der Liebe zu Gott eins, und Gott belohnt solche Liebe schon in dieser Welt und wird sie noch mehr belohnen dereinst jenseits in Seinem ewigen Reiche mit dem ewigen Leben. Wahrlich, auch nicht ein Trunk Wassers, den ihr einem Durstigen dargereicht habt aus gutem Herzen, wird euch unvergolten bleiben!“
GEJ|9|60|5|0|Sagte der Alte: „Herr und Meister, aus deinen Worten entnehme ich, daß du wahrlich ein Herr und Meister bist! Mit Wasser haben wir die Reisenden schon gar oft erquickt; denn wir haben einen gemeinsamen Brunnen, der ein gar frisches Wasser enthält. Wir würden aber auch oft gerne einen müden Wanderer mit einem Becher Weines erquickt haben, so wir einen besäßen; aber unsere Gegend ist eine magere, und die Rebe gedeiht hier nicht wohl. Um uns aber einen Wein zu kaufen, haben wir weder des Geldes noch der Herden in der dazu erforderlichen Menge, und so stehen wir denn so manchem armen Wanderer nur mit dem bei, was wir notdürftig haben; der liebe, große und allmächtige Vater im Himmel nehme denn auch unsern Willen fürs Werk an!“
GEJ|9|60|6|0|Sagte Ich: „Das hat Er auch schon seit langem, und ihr habt darum noch niemals eine besondere Not gelitten; in der Folge aber wird Er schon noch augenfälliger um euer zeitliches und noch mehr aber um eurer Seelen Heil sorgen, dessen ihr völlig versichert sein könnet! Denn wer auf Ihn, wie ihr, vertraut, den verläßt Er niemals. So Er ihm oft auch nicht sogleich augenblicklich und augenscheinlich hilft, so läßt Er ihn aber doch nicht irgend völlig sinken.
GEJ|9|60|7|0|Denn Gott prüft jeden wohl zuvor, bis Er ihm augenscheinlich hilft; hat ein Mensch aber auch in aller Prüfung seine Treue und Liebe zu Ihm bewahrt, dann kommt denn auch auf einmal, ehe sich's ein Mensch versieht, die allzeit augenscheinliche Hilfe von Gott, und Sein Segen bleibt dann immerdar über dem Getreuen. Das behaltet ihr alle in euch, und denket: Gott hat euch zum Wohle eurer Seelen geprüft, ihr habt die Prüfung wohl bestanden, und so kam Er nun mit aller lohnenden Fülle Seines Segens zu euch, und Sein Segen wird euch zum bleibenden Gute werden.
GEJ|9|60|8|0|Mich kennet ihr nicht und wisset nicht, wer Ich bin; aber es wird die Zeit kommen und ist eigentlich schon da, in der ihr ausrufen werdet: ,Heil dem Sohne Davids, der zu uns gekommen ist im Namen des Herrn!‘ – Habt ihr denn nicht Kunde erhalten von dem, was sich vor zwei Jahren in Samaria zugetragen hat?“
GEJ|9|60|9|0|Sagte der Alte: „Herr und Meister und nun deiner eigenen Aussage zufolge ein Abkömmling aus der Linie des großen Königs der Juden, wir kommen wohl nur selten nach der Stadt Samaria, die mehr denn einen halben Tag Weges von hier entfernt ist, und wissen darum auch wenig von dem, was sich in ihr etwa alles zuträgt und ereignet; aber durch Reisende haben wir vernommen, daß sich in der von dir besagten Zeit durch einen neu erstandenen großen Propheten gar unglaublich wunderbare Dinge sollen zugetragen haben. Er soll den Samaritern auch allerlei trostvolle Lehren gegeben haben, über die sich aber dennoch einige Priester und auch andere Weltmenschen sollen geärgert haben, – ob mit oder sicherer ohne wahren Grund, das vermochten wir in unserer Schlichtheit nicht zu beurteilen und vermochten nicht über eine uns unbekannte Sache zu richten.
GEJ|9|60|10|0|Aber etwas anderes ist uns erst vor kurzem begegnet, wovon wir alle ebenso wie heute von der wunderbaren Baumfrüchtevermehrung Zeugen waren, und das bestand darin: Es kamen auch so um die Mittagszeit aber nur zwei Männer, dem Anzuge und der Zunge nach aus Jerusalem, zu uns und baten uns um etwas Brot und auch um einige reife Früchte unserer Bäume, was alles wir ihnen nach unseren Kräften gerne gaben. Als sie sich damit gestärkt hatten, nahm auch ich mir die Freiheit, sie zu befragen, wer sie wären, woher sie gekommen seien, wohin sie weiter ziehen würden, wo ihre Heimat und was ihre Beschäftigung sei.
GEJ|9|60|11|0|Und sie sagten: ,Wir waren vor noch nicht gar langer Zeit ganz gewöhnliche und zumeist sehr gedrückte Diener und Knechte und dann und wann, wenn wir keinen bestimmten Herrendienst hatten, auch schlecht belohnte Tagelöhner in Jerusalem. Aber da kam ein Mann voll göttlicher Kraft, Macht und Weisheit aus Galiläa nach Jerusalem und lehrte alles Volk mit gar mächtiger Rede und tat große und nie erhörte Zeichen, und gar viel Volk fing an, an Ihn zu glauben zum großen Ärger der Pharisäer und Schriftgelehrten, deren arge Volksbetrügereien Er ohne alle Scheu vor dem Volke offen aufdeckte und ihnen wie einer, der Macht hat, scharf ans Gewissen ging.
GEJ|9|60|12|0|Dieser von Gott in die Welt gesandte Mann, der auch gleichfort einen mächtigen Erzengel zu Seinem Begleiter hatte, nahm auch uns, da wir völlig an Ihn glaubten, zu Seinen Jüngern an, gab uns Weisheit und allerlei Macht, zu heilen die Krankheiten des Leibes und der Seele und von den Menschen auszutreiben die bösen Geister; und Gifte und giftige Tiere können uns nicht schaden, auch dann nicht, so wir irgend genötigt wären, über Skorpionen und Vipern barfuß einherzuschreiten.
GEJ|9|60|13|0|Unsere Hauptarbeit und Beschäftigung aber besteht darin, daß wir in des von Gott gesandten Gottmenschen Namen als dessen Gesandte die Ankunft des Reiches Gottes auf Erden unter den Menschen, gleichviel ob Juden oder Heiden, verkünden und ihnen sagen, daß in Seiner Person der von den Propheten verkündete Messias nun in diese Welt gekommen ist, um sie zu erlösen vom alten und überharten Joche der Sünde, der Lüge, des Truges, die da seien das Gericht und der ewige Tod.‘
GEJ|9|60|14|0|Ich fragte die beiden um die Elemente der neuen Lehre, durch die das Reich Gottes auf die Erde unter die Menschen kommen solle. Und siehe, da redeten sie so wie du und auch, wie einer deiner Jünger nun mit uns geredet hat, und wir fanden, daß sie die Wahrheit redeten, und glaubten völlig ihren Worten!“
GEJ|9|61|1|1|61. — Die vollständige Heilung des Besessenen
GEJ|9|61|1|0|(Der Alte:) „Es war aber unter uns ein Mensch, der schon seit dreißig Jahren irrsinnig war und sich dann und wann in die Wälder verlief, allwo er von den argen Geistern derart gequält ward, daß er oft so stark und entsetzlich heulte und brüllte, daß sogar die wildesten Tiere vor ihm jählings die Flucht ergriffen. Wenn er wieder aus den Wäldern zu uns zurückkam, da war er ruhig; aber so man ihn befragte, was er in den Wäldern gemacht habe, da wußte er sich dessen niemals zu entsinnen.
GEJ|9|61|2|0|Dieser sehr zu bedauernde Mensch befand sich zur Zeit gerade hier im Dorfe, als die beiden Männer uns besuchten, und wir stellten ihn ihnen auf ihr Verlangen vor. Da legten sie die Hände auf ihn und geboten den argen Geistern im Namen des Gottessohnes Jesus, aus dem Menschen zu fahren und seinen Leib auf immerdar zu verlassen. Da aber schrien die bösen Geister so stark wie ein Kriegsheer aus dem von ihnen so lange geplagten Menschen: ,Den Jesus Zebaoth Jehova, geboren ins Fleisch von einer zarten Jungfrau in einem Schafstalle zu Bethlehem und zum kräftigen Manne aufgewachsen in Altnazareth in Galiläa, kennen wir und sind auch Seiner Allmacht untertan, weil es uns nicht möglich ist, ihr zu widerstreben; aber euch kennen wir nicht und werden euch auch nicht gehorchen!‘
GEJ|9|61|3|0|Darauf aber beriefen im Geiste die beiden Männer gar ernstlich ihren Jesus zu Hilfe. Wir vernahmen auf diesen Ruf wie einen mächtigen Donner aus der Höhe, und die argen Geister verließen plötzlich den Geplagten, und wir sahen sie wie einen großen Schwarm schwarzer Fliegen eiligst von dannen brausen, und der vorher so viele Jahre geplagte Mensch ward darauf völlig gesund und befindet sich noch bis zur Stunde so unter uns im Dorfe. So du, Herr und Meister deiner Jünger, ihn etwa sehen wolltest, so könnte ich ihn herführen lassen!
GEJ|9|61|4|0|Und siehe, das war eine seltene Begebenheit in unserem sehr abgelegenen Dorfe, – und ich möchte nun denn auch erfahren, ob etwa auch ihr so Abgesandte von jenem mächtigen Jesus Zebaoth Jehova aus Nazareth seid, weil auch ihr, gleich den zwei Männern, weise redet und nun auch an unseren Fruchtbäumen augenscheinliche Wunder durch eure Gegenwart geschehen sind.“
GEJ|9|61|5|0|Sagte Ich: „Laß zuvor den geheilten Menschen herkommen, und es wird sich dann schon zeigen, wer Ich bin, und wer Meine Jünger sind!“
GEJ|9|61|6|0|Auf diese Meine Worte ward alsbald der geheilte Mann aus einem Hause, wo er arbeitete, zu Mir gebracht, und er fragte Mich, was Ich von ihm begehre, das er Mir tun solle.
GEJ|9|61|7|0|Ich aber sagte zu ihm: „Daß du Mir irgendeinen Dienst erweisen sollst, das verlange Ich von dir wahrlich nicht; aber Ich kann dir einen guten Dienst erweisen und ließ dich darum zu Mir kommen. Du bist erst vor kurzem von zwei Männern von deinen Plagegeistern erlöst worden?“
GEJ|9|61|8|0|Sagte der Befragte: „Ja, mein Herr, die argen Geister haben mich – Dank sei Gott in der Höhe! – verlassen; doch eine gewisse körperliche Schwäche und die stets steigende Furcht vor dem in meinem Alter sich sichtlich nahenden Tode wollen mich trotz alles Betens und Vertrauens auf Gott doch nicht verlassen, und ich kann mich darum über gar nichts in der Welt mehr freuen. Siehe, das ist auch ein großes und sehr traurig aussehendes Übel, besonders für einen unter lauter ärgsten Plagen altgewordenen Menschen. Kannst du mich etwa davon befreien, dann würdest du mir freilich einen größten und mir wohltuendsten Dienst erweisen!“
GEJ|9|61|9|0|Sagte Ich: „Ja, mein Freund, das vermag Ich aus Meiner höchsteigenen Machtvollkommenheit und bedarf dazu keines andern Wesens Hilfe! Und so will Ich, daß du nun alsogleich so stark und kräftig werdest, wie du zuvor noch niemals warst, und so verlasse dich denn auch für immerdar die eitel törichte Furcht vor dem Tode des Leibes, der eigentlich kein Tod, sondern nur ein helles Licht ins wahre, ewige Leben ist!“
GEJ|9|61|10|0|Als Ich diese Worte über den Menschen ausgesprochen hatte, da ward er plötzlich voll einer jungmännlichen Kraft, und die Furcht vor dem Tode verließ ihn alsbald gänzlich also, daß er vor lauter Freude zu jubeln und Mir aus voller Brust für diese Heilung zu danken anfing und Gott pries, der Mir solch eine Macht verlieh.
GEJ|9|61|11|0|Hierauf trat wieder der Alte zu Mir und sagte voll Staunen und Ehrfurcht: „O Herr und Meister, mir kommt es nun vor, als wüßte ich schon, wer Du so ganz eigentlich bist!“
GEJ|9|61|12|0|Sagte Ich: „Wenn es dir also vorkommt, da rede, wie es dir vorkommt!“
GEJ|9|61|13|0|Und der Alte sagte: „Herr und Meister, vergib mir meine Dreistigkeit, daß ich mit Dir rede! Es geht aus allem, was ich nun vernommen habe, hervor, daß eben Du der Jesus Zebaoth Jehova bist; denn kein Sterblicher von Anbeginn der Welt könnte es je sagen: ,Ich tue dir das aus meiner höchsteigenen Machtvollkommenheit!‘, und es gelänge ihm wunderbarsterweise auf ein Haar, was er will und ganz einfach mit leichtverständlichen Worten ausspricht. Du, Freund, aber hast nicht zu Gott oder dem Jesus Zebaoth Jehova gerufen: ,Hilf mir!‘, sondern Du sagtest: ,Ich will es also aus Meiner höchsteigenen Machtvollkommenheit!‘
GEJ|9|61|14|0|Was bist Du demnach? – Du Selbst bist da der einzig allein wahre Jesus Zebaoth Jehova, – und so verbirg denn nicht länger Dein durch der Propheten Weissagungen verheißenes Messiasantlitz, auf daß wir in Dir Den begrüßen, lieben, loben und preisen können, der Du bist, und Dir niemand gleicht weder auf Erden noch im Himmel! Denn so Du Jehova Zebaoth bist – was ich für mich nicht im geringsten bezweifle –, so gebührt Dir allein alle Ehre und Anbetung von uns Menschen, die wir Dich erkannt haben aus Deinen Worten und aus Deinen Taten!“
GEJ|9|61|15|0|Sagte Ich: „Was ihr tun wollt, das tuet im Herzen; denn alles Lob aus dem Munde hat vor Mir keinen Wert! Nur vor euren Brüdern bekennet Meinen Namen auch offen mit dem Munde, und redet von Meiner Lehre und von Meinen Taten, und tuet nach Meinen Worten, und handelt und lebet nach Meiner Lehre, die euch Meine zwei Gesandten verkündet haben, und Ich werde euch bekennen vor Meinem Vater; und den Ich bekennen werde vor Meinem Vater, der wird in sich haben das ewige Leben.
GEJ|9|61|16|0|Nun aber werden wir unseren Weg wieder weiter fortsetzen; denn Ich muß Mich noch vielen zeigen, die so wie ihr schon völlig an Mich glauben, aber auch eine große Sehnsucht haben, Mich zu sehen.
GEJ|9|62|1|1|62. — Die Verheißung und der Segen des Herrn für die Bewohner des Bergdorfes
GEJ|9|62|1|0|(Der Herr:) „So ihr bleibet in Meiner Lehre, da werde Ich auch bleiben im Geiste bei euch also, wie bei allen Menschen, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben und handeln und jene, die Ich ausgesandt habe, zu predigen allen Völkern das Evangelium von der Ankunft des Reiches Gottes auf Erden, und worin es besteht, und was sein Wesen ist, gleich euch in aller Liebe und Freundlichkeit aufnehmen und ihnen geben zu essen und zu trinken.
GEJ|9|62|2|0|Denn die Ich nun aussende, sind gleich den Propheten; wer aber einem Propheten irdisch Gutes erweist, der wird auch eines Propheten Lohn ernten; dieser aber besteht darin, daß Ich im Geiste also, wie im Propheten, bei ihm sein und bleiben werde, und er wird an Meinen Segnungen keinen Mangel haben.
GEJ|9|62|3|0|Ihr habt eure Grundstücke, die sehr steinig sind, bisher schwer bearbeitet, und eure Äcker, Gärten und Wiesen haben euch nur eine magere Ernte gebracht; aber ihr habt nicht gemurrt, danktet Gott auch für das wenige, und Er aber segnete euch auch das wenige, und es langte aus für euch und durch eure Nächstenliebe auch für manchen Fremden, der hungrig, durstig und oft auch nackt zu euch kam.
GEJ|9|62|4|0|Da ihr Mir aber mit dem wenigen treu waret, so sollen von nun an eure Gründe, die wohl keinen kleinen Flächenraum haben, ihr sehr steiniges Ansehen verlieren, und ihr werdet in der Folge reiche Ernten machen und werdet auch viele Diener benötigen. Kurz, der Geist, den Ich in euch erwecken werde, wird euch lehren, wie ihr in der Folge eure diesweltliche Wirtschaftung werdet zu besorgen und zu bestellen haben.
GEJ|9|62|5|0|So aber eure Gründe voll Segens sein werden, da übernehmt euch nicht, sondern bleibet, wie ihr nun seid, und Mein Segen wird auch bei euch bleiben natürlich und geistig! Also sei es, und also bleibe es, gleichwie ihr tatsächlich in Meiner Lehre bleiben werdet!“
GEJ|9|62|6|0|Auf diese Meine Worte warfen sich alle die anwesenden Bewohner dieses kleinen Bergdorfes auf ihre Knie vor Mir nieder und dankten Mir für die Gnade, die Ich ihnen erwiesen habe. Der Alte und der ganz Geheilte aber konnten vor lauter Dankestränen kaum reden. Ich aber hieß sie aufstehen und sich nun heiteren Mutes an ihre Geschäfte begeben, was sie denn auch taten; nur der Alte und der Geheilte blieben noch und betrachteten Mich und Meine Jünger mit wonniglichen Blicken.
GEJ|9|62|7|0|Und der Geheilte sagte: „Oh, wie glücklich doch müssen diese Deine auserwählten Jünger sein, die stets um Dich, o Herr, und Zeugen von allen Deinen Taten und Lehren sein können!“
GEJ|9|62|8|0|Sagte Ich: „Darum werden sie späterhin, so Ich in dieser Meiner sichtbaren Person nicht mehr bei ihnen sein werde, sondern dort, von wannen Ich gekommen bin, aber auch um so stärkere Lebensproben und allerlei Verfolgungen von seiten der Welt zu bestehen bekommen; denn die Welt, wie sie nun ist, ist blind und taub, wird sie hassen um Meines Namens willen, wie sie auch Mich haßt, weil sie Mich noch nie erkannt hat und auch nicht erkennen und so in ihren Sünden und Greueln zugrunde gehen wird.
GEJ|9|62|9|0|Und sehet, da werdet ihr es in dieser Welt leichter haben, obwohl man auch euch häufig erforschen wird, ob auch ihr an Mich glaubet und nach Meiner Lehre handelt und lebet!
GEJ|9|62|10|0|So man aber euch darum fragen wird, da werdet nicht ängstlich und denket auch nicht nach, was ihr den Fragern und Versuchern zur Antwort bringen sollet! Es wird euch zur Stunde, wann ihr es benötigen werdet, die rechte Antwort schon in den Mund gelegt werden, und eure Versucher werden euch auf tausend auch nicht eins zu erwidern imstande sein. Auch dessen kann Ich euch völlig versichern.“
GEJ|9|62|11|0|Darauf wurden die beiden beruhigt, und Ich winkte den Jüngern, daß es an der Zeit zur Weiterreise sei.
GEJ|9|62|12|0|Da fingen die Jünger an, sich auf den Weg zu machen, und Ich trat unter sie, und wir verließen in Windesschnelle das Bergdorf. Und ehe sich die Bewohner desselben noch so recht umsehen konnten, waren wir ihnen auch schon aus dem Gesichte völlig entschwunden, welch schnelles Entschwinden einige der Bewohner des Dorfes in die Meinung versetzte, als wären wir Geister gewesen; aber der Alte und der Geheilte erklärten ihnen, wer Ich sei, und wie Mir darum auch alles möglich ist.
GEJ|9|62|13|0|In einem Jahre darauf, als ihre steinigen Gründe sich in gar üppige Fluren umzugestalten anfingen, da ward auch ihr Glaube noch kräftiger, und Ich trat von Zeit zu Zeit sichtbar unter ihnen auf und stärkte sie im Glauben und in der Liebe, in der Geduld und Sanftmut. Denn es wurden einige von ihnen, als sie vernommen hatten, daß Ich in Jerusalem bin gekreuzigt worden und am Kreuze starb, sehr ängstlich und bedenklich im Glauben; und so war es denn auch nötig, daß Ich auch persönlich zu ihnen kam, Mich ihnen als Herr und als der Besieger des Todes zeigte, sie tröstete, und ihnen auch aus der Schrift erklärte, wie das alles an Mir hatte geschehen müssen, auf daß durch die finstere Pforte des Todes eine jede Seele, die an Mich glaubt, in die ewige Herrlichkeit eingehe, in die Ich eingegangen bin, und in der Ich Mich schon von Ewigkeit befand. Was aber geschah, das sei aus Liebe zu den Menschen geschehen, auf daß sie durch den Glauben an Mich und an Meine Menschwerdung zu ihrem Heile, aber auch zum Gerichte der argen Welt, zu Meinen wahren Kindern würden, Mir gleich in allem. Und es wurden dann eben diese Bewohner des Bergdorfes, das in wenigen Jahren sehr ansehnlich ward, zu wahren Helden im Glauben und in der Tat danach.
GEJ|9|63|1|1|63. — Der Herr mit den Seinen in einem Urwald in Samaria
GEJ|9|63|1|0|In einer Stunde aber gelangten wir in einen dichten Wald, durch den der Weg führte gen Galiläa hin. Der Wald dauerte bei drei guten Stunden Weges, und es war kein Haus irgend am Wege.
GEJ|9|63|2|0|Und es fragten Mich die Jünger, warum ein solcher Wald von niemandem benützt werde.
GEJ|9|63|3|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Seid froh darüber, daß in dem Gelobten Lande noch ein so gesunder Wald besteht und noch nicht der menschlichen Habgier zum schnöden Opfer geworden ist! In diesem Walde könnet ihr noch Stellen finden, an denen der Honig aus den Bäumen wie ein kleiner Bach fließt; denn in solchen Wäldern sind noch reichlich Bienen vorhanden und bereiten den Honig.
GEJ|9|63|4|0|Dazu habe Ich auch allerlei Getier erschaffen, das da erstens für den natürlichen Bestand der Erde ebenso notwendig ist wie dem Menschen das Auge zum Sehen, und zweitens zur fortschreitenden und selbständigen Ausbildung der Seelen auf dieser Erde vollends unerläßlich ist, wie Ich euch das bei andern Gelegenheiten schon ganz umständlich und durch die Eröffnung eurer inneren Sehe auch wesentlich gezeigt habe; und so werdet ihr denn auch einsehen, daß das Getier aller Art und Gattung, weil es zur endlichen Ausbildung des Menschen nach Meiner Ordnung dasein muß, neben dem Menschen auf dieser Erde doch auch eine Wohnstätte haben muß. Und dazu sind denn auch hie und da auf der Erde derlei größere und dichtere Wälder notwendig. Sie haben aber daneben noch tausendfach andere Zwecke.
GEJ|9|63|5|0|Vor allem sind sie die ersten Aufnahmegefäße für zahllos viele Naturgeister, die im Reiche der Pflanzen ihre erste, schon mit einer geordneten Intelligenz gesonderte Inkorporierung erhalten und insoweit zu einer Reife gelangen, durch die sie dann schon ins intelligentere und freiere Tierleben übergehen können, – was alles Ich euch auch schon gezeigt habe, weil Ich es also will, daß ihr alle Geheimnisse des Reiches Gottes auf Erden wohl erkennen sollet.
GEJ|9|63|6|0|Solange derlei Wälder auf der Erde in gerecht reichlichem Maße bestehen und die stets aus allen Sternen zur Erde kehrenden und aus dieser Erde sich entwickelnden und aufsteigenden Naturgeister in solchen Wäldern ihre Aufnahme und wohlgeordnete Unterkunft finden, so lange werdet ihr über dem Erdboden hin weder zu heftige Elementarstürme, noch irgend zu verschiedenartig pestilenzische Krankheiten auftauchen sehen; wenn aber einmal die zu gierende Gewinnsucht der Menschen sich zu sehr an den Wäldern der Erde vergreifen wird, dann wird für die Menschen auch böse zu leben und zu bestehen sein auf dieser Erde und am bösesten dort, wo die Lichtungen der Wälder zu sehr überhandnehmen werden, – was ihr euch auch merken könnet, um die Menschen vor solch einer losen Industrie rechtzeitig zu warnen.
GEJ|9|63|7|0|Seht, in den ersten Zeiten der Menschen auf dieser Erde wußte man weder von gezimmerten Häusern und noch weniger von gemauerten Burgen; solche Wälder dienten auch den Menschen zur Wohnung, und sie erreichten in diesen naturlebendigen Wohnungen ein überhohes und völlig gesundes Alter. Im Norden sowohl Asiens als auch Europas und noch anderer großer und kleinerer Weltteile, auch auf der südlichen Erdhälfte, wohnen noch heutzutage ganz kräftige und gesunde Menschen, in naturmäßiger Hinsicht genommen, in Wäldern, und so ist ein solcher Wald nicht etwas so Furchtbares und Nutzloses, als sich das der kurzsichtige Verstand der Menschen vorstellt! Wenn ihr das begriffen habt, dann seid nun nur recht heiteren Mutes darüber, daß wir hier noch so einen recht gesunden Urwald angetroffen haben.“
GEJ|9|63|8|0|Während Ich aber den Jüngern dieses über den dichten Wald eröffnete, kamen wir auf eine freiere Stelle des Waldes, die mit alten Zedern umwachsen war. Und da war eine Zeder, die hohl war und darum eine große Masse Bienen in sich beherbergte, die so viel Honig bereiteten, daß dieser, weil er von den Bienen nicht verzehrt werden konnte, allenthalben aus den Ritzen und Spalten des mächtigen Baumes so reichlich herausfloß, daß eine Vertiefung, von dem Baume etwas nach abwärts, wie ein kleiner Teich ganz mit dem besten Honig vollgefüllt zu sehen war und von den Jüngern bald ein Abfluß von dem wahren Honigteiche nach rechts weit in den Wald hinein entdeckt wurde.
GEJ|9|63|9|0|Und Petrus sagte: „Da ist wahrlich noch ein Stückchen des alten Kanaan, in dem Honig und Milch in Bächen floß! Es ist nur ordentlich wunderbar, daß die stets unersättliche Habsucht der Menschen diesen wahren Honigsee bis jetzt noch nicht entdeckt hat. Herr und Meister, schade, daß wir kein Brot bei uns haben, – da könnten wir uns ganz wohl mit dem Honigbrote sättigen!“
GEJ|9|63|10|0|Sagte darauf Philippus: „Einen Laib Brotes hätte ich wohl bei mir; aber wir sind nun unser etliche vierzig an der Zahl, und es wird darum wenig auf einen kommen!“
GEJ|9|63|11|0|Sagten darauf die Johannesjünger: „Wir haben auch noch ein paar Laibe, die wir schon in Jericho gekauft haben, und so dürfte das Brot doch, wenn auch in kärglicher Weise, für uns alle wohl auslangen!“
GEJ|9|63|12|0|Sagte Ich: „Wenn es euch schon hungert, da verteilet unter euch die drei Laibe, und esset!“
GEJ|9|63|13|0|Die Jünger taten das und übergaben auch Mir ein bestes Stück.
GEJ|9|63|14|0|Darauf segnete Ich das Brot, und es vermehrte sich also, daß wir nun alle des Brotes zur Übergenüge hatten. Wir setzten uns denn um den Teich, tauchten das Brot in den Honig, und die Jünger, und ganz besonders Judas Ischariot, konnten sich an dem süßen Brote nicht zur Genüge satt essen.
GEJ|9|63|15|0|Diese Mahlzeit dauerte bei einer halben Stunde lang, und Ich sagte: „Nun haben wir alle genug des Honigbrotes gegessen, und es ist Zeit, daß wir diese für euch gar zu süße Waldstelle verlassen und sehen, heute vor dem Untergange noch Galiläa zu erreichen, denn hier sind wir noch in Samaria.“
GEJ|9|63|16|0|Sagte Petrus: „Herr, wahrlich, hier wäre es gut, ein paar Tage lang zu verbleiben und so ein wenig auszuruhen! Hier wären wir auch vor der oft lästigen Zudringlichkeit der Menschen sicher; denn diese Stelle hat vor uns ganz sicher noch kein Mensch entdeckt, weil der Honigteich noch so voll ist, daß er überfließt.“
GEJ|9|63|17|0|Sagte Ich: „Die Menschen haben zwar diese Waldstelle nicht entdeckt, aber mehrere Bären dieses Waldes schon lange, und diese werden nicht zu lange auf sich warten lassen. Wollt ihr mit solchen Bewohnern diese Nacht an diesem Honigteiche zubringen, da könnet ihr schon hier übernachten. Doch Ich werde da nicht in der Gesellschaft der Bären verweilen, und mit der Macht Meines Willens will Ich sie nicht bezwingen und ihnen ihre Mahlzeit schmälern!“
GEJ|9|63|18|0|Als die Jünger von der Ankunft mehrerer Bären hörten, vor denen die meisten einen Abscheu hatten, da waren sie denn auch gleich zur Abreise bereit. Ein jeder tauchte noch einmal seinen Rest Brotes in den Honig, erhob sich dann schnell vom Boden, und wir verließen diese Stelle und zogen unseren Weg weiter, den wir uns aber eine ziemliche Strecke weit erst bahnen mußten, weil wir uns ehedem, um zu unserem Honigteiche zu gelangen, von der gebahnten Straße bergaufwärts entfernen mußten.
GEJ|9|63|19|0|Nach einer Weile gelangten wir mit mancher kleinen Mühe wieder zu der gebahnten Straße noch im Walde, auf der wir uns dann wieder mit Windesschnelle vorwärtsbewegten und so denn auch schon in einer halben Stunde das Land Galiläa erreichten.
GEJ|9|64|1|1|Der Herr in Galiläa.
GEJ|9|64|1|1|64. — In der Landherberge
GEJ|9|64|1|0|Es waren aber die Jünger auf die Honigmahlzeit sehr durstig geworden, und da wir zu einer Landherberge kamen, so verlangten sie zu trinken.
GEJ|9|64|2|0|Der Wirt aber entschuldigte sich, daß er außer etwas Zisternenwasser und Schafmilch keine Getränke besitze, und die Jünger begnügten sich mit der Schafmilch, die der Wirt in reichlichem Maße besaß, und stillten sich damit den Durst.
GEJ|9|64|3|0|Als sich die Jünger den Durst gestillt hatten, da fragten die sogenannten und schon bekannten Judgriechen und auch die Jünger des Johannes, die alle recht viel Geld bei sich hatten, was die Milch koste.
GEJ|9|64|4|0|Der Wirt aber sagte: „Wer unter euch ein Jude ist, der ist frei – denn so ein Jude zum ersten Male in meiner Herberge eine Labung verlangt, so ist es bei mir Sitte, daß sie ihm ohne Entgelt gereicht wird –; aber die Griechen bezahlen die Labung, und zwar ein jeglicher mit einem Pfennige!“
GEJ|9|64|5|0|Die Judgriechen aber, obschon sie Juden waren, sagten: „Freund, wir tragen zwar der Griechen Kleidung, sind aber beschnitten und sind darum Juden und keine Griechen! Es macht das aber nichts. Du hast eine so billige Rechnung gestellt, daß wir sie dir nicht nur einfach, sondern dreifach bezahlen wollen und auch werden; denn deiner Schafe Milch war frisch und gut, und wir haben uns unseren Durst gestillt, und so ist deine Rechnung zu gering gestellt! Hier, empfange du das Geld!“
GEJ|9|64|6|0|Mit dem übergab ihm einer der Judgriechen ein Silberstück im Werte von hundert Pfennig.
GEJ|9|64|7|0|Der Wirt aber entschuldigte sich, daß er so ein Geldstück nicht wechseln könne und sagte: „Da ihr nach eurer für mich völlig glaubwürdigen Aussage denn auch Juden seid, da seid auch ihr frei, und ich nehme von euch kein Geld an, weder klein und noch weniger groß!“
GEJ|9|64|8|0|Sagte darauf Ich zum Wirte: „Wer so billig rechnet wie du, der begeht keine Sünde, so er das annimmt, was ihm die Gäste freiwillig darreichen.“
GEJ|9|64|9|0|Auf dies Mein Wort nahm der Wirt das Geldstück an und sagte: „Da zahlt einer für den andern! Es ist zwar diese keine Straße, auf der oft und viele Karawanen ihre Reisen machen – denn die Reisenden scheuen den großen und dichten Bergwald, in welchem sich allerlei Raubtiere aufhalten und die Reisenden besonders in der Winterszeit oft sehr belästigen –; aber im Frühjahr und im Sommer kommen doch noch Reisende auf dieser alten Straße, die von den Philistern gebahnt worden sein soll, und darunter werden sich schon etliche vorfinden, denen eine entgeltlose Verpflegung ganz gut zustatten kommen wird.
GEJ|9|64|10|0|Oh, hätte ich nur eine gute Brunnquelle bei meiner sonst großen Landwirtschaft, so würde es zu gewissen Zeiten an hier zusprechenden Gästen nicht fehlen; aber alle meine Zisternen haben oft kaum so viel nur halbwegs trinkbaren Wassers, als ich für meine Wirtschaft benötige. Ich kann darum denn auch nur selten Fremde bei mir beherbergen. Seht, es geht der heutige Tag auch schon seinem Ende zu, und ich möchte euch gern über die Nacht beherbergen, weil der nächste Ort, ein kleiner Flecken, bei zwei Stunden Weges von hier entfernt ist, – aber ich habe keinen Wein, beinahe kein Brot und kein Salz! Denn wir leben hier wahrlich nur von der Milch unserer Schafe und Ziegen und von ihrem geräucherten Fleisch – auch Hühner kommen hier gut fort und legen viele Eier –; nur muß ich stets recht viele wohlbewaffnete und mutige Hirten halten, damit meine Herden von den Raubtieren keinen zu großen Schaden erleiden. Seid ihr aber mit meiner Hauskost zufrieden, da möget ihr immerhin hier bei mir die Nacht zubringen. Ich habe von euch des Geldes zur Genüge erhalten und würde euch am Morgen keine neue Rechnung machen. Mein Weib und meine schon erwachsenen fünf Töchter bereiten unsere Hauskost recht gut.“
GEJ|9|64|11|0|Sagte Ich: „Freund, wir werden zwar heute nicht hier, sondern im nahen Flecken übernachten; aber da Ich eben ein Meister in der Auffindung der reinen und lebendigen Brunnenwasserquellen bin, so will Ich Mich bei deinem Hause ein wenig umsehen, ob sich nicht eine Stelle irgend finden lasse, unter der sich etwa eine reiche Wasserquelle befindet.“
GEJ|9|64|12|0|Sagte der Wirt: „O Freund, da wirst du dir eine ebenso vergebliche Mühe machen, wie sich das hier schon mehrere Wasserkundige gemacht haben, die in der ganzen weiten Umgegend Wasser suchten und mit allen ihren Werkzeugen, mittels denen man das Vorhandensein irgendeiner unterirdischen Quelle wohl wahrnehmen soll, keine solche Stelle gefunden haben! Wahrlich, da müßte zuvor Gott in dieser Gegend erst eine Brunnenwasserquelle erschaffen, ansonst wird sich hier wohl keine finden lassen, – und um mein Haus herum schon am allerwenigsten; denn da habe ich mit meinen Knechten schon das Unterste zum Obersten aufgewühlt und fand nichts als taubes und trockenes Gestein.“
GEJ|9|64|13|0|Sagte Ich: „Es kommt da nun nur auch auf eine kleine Probe an. Vielleicht gelingt es Mir besser als dir und allen deinen Wasserfühlern?!“
GEJ|9|64|14|0|Sagte der Wirt: „O Freund, du kannst es wohl versuchen, – aber da habe ich einen schwachen Glauben!“
GEJ|9|64|15|0|Sagte Ich: „Das macht vorderhand nichts; denn du wirst schon nachderhand zu einem stärkeren Glauben kommen!“
GEJ|9|64|16|0|Hierauf fragte Ich den Wirt, auf welcher Stelle er sich in der Nähe seines Hauses eine reiche Brunnquelle wünschen würde.
GEJ|9|64|17|0|Sagte der Wirt: „Freund, das auch noch? Ja, wenn du so einen Hirtenstab Mosis besäßest, siehe, da wäre dieser bei zwei Mannslängen hohe harte Fels der geeignetste Punkt dazu! Hatte der Fels in der Wüste sein Wasser geben müssen auf Mosis Geheiß, als er mit dem Stab in den Felsen stieß, so könnte dieser Fels dasselbe tun. Aber es gibt nun keinen Moses mehr und einen solchen Stab auch nicht, und so wird unser Fels wohl auch nimmerdar zu einem Wasserbrunnen werden.“
GEJ|9|64|18|0|Sagte Ich: „Freund, hier vor dir ist mehr denn Moses und alle Propheten, und Mein Wille ist mächtiger als dein Hirtenstab Mosis! Siehe, Ich werde mit keinem Stabe an den Fels schlagen, ja denselben nicht einmal mit einem Finger berühren, und der Fels wird so viel des reinsten und besten Trinkwassers von sich für lange hin geben, daß du und deine Nachkommen an keinem Wassermangel je zu leiden haben sollen!“
GEJ|9|64|19|0|Auf das wandte Ich Mich zum Felsen hin und sagte: „Ich will, daß aus dir ein ganzer Bach voll des reinsten und besten Wassers hervorzuquellen anfange, dann fortfließe tausend Jahre lang und erst dann versiege, wenn finstere Heiden diese Stätte zertreten werden!“
GEJ|9|64|20|0|Auf diese Meine Worte löste sich im Augenblick ein Stück von der Wand des Felsens, und es schoß mit einem starken Gebrause ein so mächtiger Wasserstrom hervor, daß dann von dem Felsen weg etwas abwärts dem tiefergelegenen Tale zu sogleich ein so starker Bach zu fließen begann, daß er sich bald ein Bett grub und im selben fortfloß.
GEJ|9|65|1|1|65. — Der Herr gibt Sich dem Wirte zu erkennen
GEJ|9|65|1|0|Als der Wirt das ersah, da erschrak er und wußte nicht, was er nun hätte sagen sollen.
GEJ|9|65|2|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, wie sieht es nun mit der Schwäche deines Glaubens aus?“
GEJ|9|65|3|0|Sagte darauf der Wirt, noch ganz voll Staunens: „O Freund, was da meinen Glauben an dein Wort betrifft, da könntest du mir nun schon zum Glauben vorstellen, was du wolltest, und ich würde es dir glauben! Wahrlich, du mußt ein gar mächtiger Prophet sein, ja größer noch als Moses und Elias! Du magst schon vielerorts große Zeichen gewirkt haben, um den verfallenen Glauben an den einen wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs wieder von neuem aufzurichten und die alte Gottesfurcht in den Herzen der Menschen wieder zu erwecken; aber ich lebe hier zwischen den Bergen von aller Welt ganz abgeschlossen und erfahre wenig, was irgend in der weiten und großen Welt ist und geschieht, und die seltenen Wanderer auf dieser alten Straße halten auch nur selten aus den ehedem angeführten Gründen bei mir an, – und so kann nun schon gar viel Wunderbarstes sich in der Welt zugetragen haben, und es ist dennoch nichts davon bis zu unsern Ohren gekommen. Was ist denn so ganz eigentlich deine Sache, die du an der Spitze dieser deiner Gefährten hauptsächlich betreibst? Denn es kommt mir vor, daß du nicht nur darum in der Welt umherziehst, um wasserleere Gegenden mit Wasser zu versehen!“
GEJ|9|65|4|0|Sagte Ich: „Da magst du wohl recht urteilen; aber es nimmt Mich wunder, daß du, als selbst ein Galiläer, von Mir bis jetzt noch nichts solltest vernommen haben. Du kamst vor etlichen Jahren ja doch zu öfteren Malen nach Nazareth, in welcher Stadt Ich lange als ein Zimmermann an der Seite des alten, dir wohlbekannten Joseph gearbeitet habe! Und da hast du über Mich denn auch allerlei erfahren. Erinnerst du dich dessen denn gar nicht mehr?“
GEJ|9|65|5|0|Sagte nun der Wirt, gar große Augen machend: „Du – wärest eben jener Zimmermannssohn, von dem die Nazaräer allerlei Märchen und Fabeln erzählten und ihn für einen halb irrsinnigen Sonderling erklärten? Ja, ja, von jenem Zimmermanne habe ich wohl vor etlichen Jahren so manches gehört, aber das meiste nur aus seiner Jugendzeit; denn als ein reif gewordener Jüngling und nachher als schon ein Mann soll er gar wenig von seinen Kinderfähigkeiten mehr innegehabt haben, redete nur wenig und tat auch keine Zeichen mehr, und man hat sich denn auch wenig mehr um ihn gekümmert.
GEJ|9|65|6|0|Also – du bist des alten Joseph jüngster Sohn, auf den er gar große Hoffnungen setzte, aber am Ende selbst daran zu zweifeln begann, da du nahezu ganz stumm geworden wärest und etwa gar keine Zeichen mehr wirktest! Ah, nun wird mir so manches klar, was ich früher nimmerdar geglaubt hätte! Aber nun erst möchte ich aus deinem Munde erfahren, was nun der Zweck deines Umherreisens ist, und jetzt erst wünsche ich vollends, daß ihr diese Nacht bei mir verbleiben möchtet!“
GEJ|9|65|7|0|Sagte Ich: „Siehe, wenn Ich bald werde dahin zurückgekehrt sein, von woher Ich gekommen bin, dann werden Meine Jünger in alle Welt ausgesandt werden und werden in Meinem Namen den Menschen predigen, was sie von Mir gelernt haben, und es wird dir dann der Zweck Meines nunmaligen Umherreisens schon bekanntgemacht werden.
GEJ|9|65|8|0|Wer an Mich und an Mein Wort glauben und danach handeln wird, aus dessen Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen, und es wird ihn nimmerdar dürsten; denn er wird in sich haben das ewige Leben in der Wahrheit und im Geiste aller Liebe aus Gott.
GEJ|9|65|9|0|Es ist aber ein leichtes, einem Fels zu gebieten, daß er ein natürliches Wasser aus sich hervorströmen lasse; aber da die Menschen in ihren Gemütern und Herzen nun um vieles härter geworden sind, als da ist dieser Fels, der auf Mein Wort das Wasser von sich strömen läßt, so ist es auch um ein großes schwerer, die Menschen dahin zu bringen, daß aus ihren Lenden das Wasser des Lebens ströme, – welches Wasser da ist die ewige Wahrheit in Gott und nun im Worte an die Menschen ergeht.
GEJ|9|65|10|0|So es im Worte auch an dich ergehen wird, dann glaube und handle, und du wirst im Gottesreiche zu einem Brunnen werden, aus dem sich viele nach der Wahrheit Dürstende fürs ewige Leben ihrer Seelen erlaben werden. Da hast du nun dargestellt den Zweck Meines Umherreisens.
GEJ|9|65|11|0|Du wünschtest aber auch, daß Ich diese bald kommende Nacht in deinem Hause zubringen möchte. Allein das kann Ich dir nun nicht gewähren; denn siehe, der Tag wird noch eine Stunde währen, und Ich muß arbeiten, solange der Tag währt! Es harret heute Meiner vor dem Untergange noch eine wichtige Arbeit, und Ich muß darum sogleich weiterreisen mit Meinen Jüngern. Merke es dir aber, was Ich zu dir nun geredet habe; denn es wird bald die Zeit kommen, in der du das höher denn alle Schätze der Welt achten wirst mit deinem ganzen Hause!“
GEJ|9|65|12|0|Hierauf winkte Ich den Jüngern zum Aufbruch und somit zur Weiterreise, und wir machten uns auf und zogen gleich weiter.
GEJ|9|65|13|0|Der Wirt aber gab uns auf ein paar hundert Schritte das Geleit, dankte Mir für die ihm erwiesene wundersame Wohltat und bat Mich, ehest wieder zu ihm zu kommen und bei ihm länger zu verweilen, als das jetzt der Fall war.
GEJ|9|65|14|0|Und Ich sagte zu ihm: „Freund, also, wie diesmal, wirst du Mich wohl nicht mehr sehen; aber wenn du von Meinen Jüngern über Mich und Meinen Willen wirst unterrichtet sein und an Meinen Namen glauben wirst, da werde Ich im Geiste zu dir kommen und auch bleiben bei und in dir. Das verstehst du jetzt noch nicht; aber wenn es geschehen wird, dann wirst du das auch verstehen!“
GEJ|9|65|15|0|Auf diese Worte empfahl sich der Wirt und kehrte nachdenkend wieder nach Hause zurück, und wir zogen unseren Weg, der sich auf einem freien Bergrücken fortzog, ruhig weiter und betrachteten die sehr romantische Gegend nach allen Seiten.
GEJ|9|65|16|0|Als der Wirt aber bald wieder nach Hause kam, da standen alle seine Leute, bei vierzig an der Zahl, und betrachteten unter großem Staunen und Verwundern den Fels, aus dem nun ein so reichliches Wasser hervorströmte, und fragten den Wirt, wer Ich denn wäre, und wie Ich das angestellt hätte, daß der Fels nun ein so reines und reichliches Wasser von sich strömen lasse.
GEJ|9|65|17|0|Der Wirt erzählte ihnen wohl alles, was er gesehen und gehört hatte; aber seine Leute verstanden von allem nichts.
GEJ|9|65|18|0|Nur ein ganz schlichter Hirte, der eine Herde Schafe nach Hause brachte und sie gleich an der frischen Quelle tränkte, sagte: „Ihr ratet, fraget und forschet um allerlei, – und die Wahrheit scheint hier ganz nahe zu liegen! Ein Mensch, der bloß durch sein Wort machen kann, was keinem Menschen möglich ist, der muß voll des Geistes Gottes sein; denn derlei zu bewirken ist nur Gott allein möglich! Aber da Gott unserem Hause hiermit eine übergroße Gnade erwiesen hat, so sollten wir denn auch nun zuerst Ihm danken und lobpreisen Seinen herrlichsten Namen; und morgen sollten wir sogleich unsere Hände ans Werk legen und da unten, wo die Ebene ohnehin schon eine recht weite Einsenkung hat, einen Teich machen, in dem sich das hier abfließende Wasser sammle und unseren Herden zu einer bequemeren Tränke diene, als das hier der Fall ist, wo das Wasser zu rasch von dem Fels ins Tal hinab entweicht!“
GEJ|9|65|19|0|Alle belobten den Hirten wegen dieses guten Einfalls und Rates, und es nahmen mehrere Knechte sogleich Krampen, Spaten und Hauen in die Hände und brachten es in einer Stunde so weit zustande, daß das Wasser sich in die vorbezeichnete Ebene bewegen und daselbst sammeln mußte; und in ein paar Tagen war die ganze Ebene, die ohnehin nur aus kahlem Gestein bestand, in einen förmlichen See umgestaltet, worüber sich später viele Reisende hoch verwunderten, da sie in den früheren Zeiten hauptsächlich nur darum diese Gegend gemieden hatten, weil sie im Sommer allda an Wassermangel litten.
GEJ|9|65|20|0|Diese alte Straße ward denn auch bald von vielen Reisenden durchzogen, und der Wirt wurde auch bald so reich, daß er aus der ehedem kaum beachteten kleinen Herberge eine große errichtete und stets viele Gäste hatte. Viele zogen auch des bald verbreiteten Wunders wegen dahin und hielten sich mehrere Tage in dieser Herberge auf.
GEJ|9|65|21|0|Der Wirt aber ward später auch ein Hauptverbreiter Meines Evangeliums, indem er zuvor von Meinen Jüngern darin wohlunterrichtet worden war.
GEJ|9|65|22|0|Das ist als Nachtrag für dieses als denkenswert zu erwähnen gewesen.
GEJ|9|65|23|0|Und so kehren wir nun wieder zu uns selbst zurück!
GEJ|9|66|1|1|66. — Die Heilung der zehn Aussätzigen (Luk. 17,11-19)
GEJ|9|66|1|0|Wir kamen denn nach einer kleinen Stunde in die Nähe eines Fleckens oder Marktes, und da kamen uns zehn mit bösem Aussatze Behaftete entgegen. Diese waren alle aus der Nähe von Nazareth und mußten schon ein volles Jahr hindurch im Freien lagern, weil sie niemand in eine Herberge aufnehmen wollte und ihnen auch kein Arzt helfen konnte. (Luk.17,11.12)
GEJ|9|66|2|0|Diese Zehn, als sie vollends in Meine Nähe kamen, erkannten Mich und auch mehrere Meiner Jünger, blieben stehen, erhoben ihre Stimme und sprachen: „O Jesus, Du lieber Meister, wir kennen Dich und Deine göttliche Macht, erbarme Dich unser; denn wir leiden nicht nur oft kaum erträgliche Schmerzen, sondern alles flieht unsere Nähe!“ (Luk.17,13)
GEJ|9|66|3|0|Ich aber sagte zu ihnen: „So helfe euch denn euer Glaube! Kehret nun aber wieder in den Markt zurück und zeiget euch einem Priester, der auch ein Arzt ist (wie das gewöhnlich die Judenpriester zu sein sich einbildeten), der wird euch ein vor der Welt gültiges Zeugnis geben, daß ihr nun völlig rein seid! Dann aber gehet hin, und nützet den Menschen durch eurer Hände Arbeit, und sündiget nicht mehr, auf daß es mit euch nicht noch ärger werde, als es bis jetzt war; denn derlei Übel am Leibe bewirkt die Sünde der Geilheit! Gehet nun, und tut, was Ich euch befohlen habe!“
GEJ|9|66|4|0|Da kehrten die Gereinigten eiligst wieder in den Markt zurück und gingen zu einem Priester, zeigten sich ihm und baten ihn, daß er ihnen ein Zeugnis gebe.
GEJ|9|66|5|0|Und der Priester besah sie, fand sie völlig rein und gab ihnen denn auch gegen ein kleines Opfer ein Zeugnis, und zwar – wie es gebräuchlich war –, einem jeden ein eigenes, bestehend in einem Blättchen geglätteter Eselshaut, das mit einem Stern bezeichnet war.
GEJ|9|66|6|0|Mit diesem Zeugnisse gingen sie denn auch in eine Herberge und wurden mit der Vorzeigung des beschriebenen Zeugnisses denn auch sogleich ohne allen Anstand in die Herberge als Gäste aufgenommen. (Luk.17,14)
GEJ|9|66|7|0|Einer aber sagte zu seinen früheren Leidensgefährten: „Höret, der liebe Meister Jesus aus Nazareth hat uns durch Seine wunderbare göttliche Macht von unserem großen Übel geheilt; ich erachte es darum für unsere erste Pflicht, daß wir nun alsbald umkehren, Ihm entgegenziehen und Ihm nochmals unseren Dank darbringen!“
GEJ|9|66|8|0|Da sagten die andern: „Du hast wohl recht; aber es ist die Sonne schon untergegangen, und es fängt an zu dämmern, und Er wird nun draußen vor dem Markte nicht auf uns warten, daß wir zurückkämen und Ihm unseren mündlichen Dank darbrächten. Wir danken Ihm im Herzen, und Er, der auch weiß, was ein Mensch denkt, wird es uns doch nicht zu einem Übel anrechnen, so wir Ihm nun nicht irgend entgegenziehen, wo Er schwerlich mehr zu treffen sein wird.“
GEJ|9|66|9|0|Der eine aber sagte: „So der liebe Meister Jesus die Gedanken der Menschen, wie wir das an Ihm schon erfahren haben, auch in der Ferne erkennt, so wird Er auch erkennen, daß ich nun zurückkehre an die Stelle, wo wir gereinigt worden sind, um Ihm da die Ihm gebührende Ehre zu geben, – ob Er dort weilt oder nicht!“
GEJ|9|66|10|0|Und die andern sagten: „Tue du immerhin, was dir gut und recht dünkt; wir aber glauben auch nichts Unrechtes zu tun, so wir tun, was uns auch gut und recht dünkt!“
GEJ|9|66|11|0|Da gingen die neun in die Herberge, der eine aber kehrte an die Stelle zurück, auf der er gereinigt worden war, und an der Ich mit Meinen Jüngern des herrlichen Abends wegen auch noch verweilte. Als er zu Mir kam, empfand er eine große Freude, daß er Mich noch an derselben Stelle weilend fand, an der er eine halbe Stunde zuvor mit den andern neun vom bösen Aussatze gereinigt worden war.
GEJ|9|66|12|0|Er fiel denn auch alsbald auf sein Angesicht vor Mir nieder und pries Gott mit lauter Stimme, sagend (der geheilte Aussätzige): „O Jesus, Du lieber, guter Meister, Du Sohn des lebendigen, ewigen Gottes, der Du mit Ihm einer Natur und Wesenheit bist und also auch alles vermagst, was der Vater vermag, ich danke Dir und preise Dich darum, daß Du mir und auch den andern, meinen Leidensgefährten, eine so große Gnade erwiesen hast! Ehre, Lob und Preis Dir im gleichen Maße wie dem ewigen Vater im Himmel, der in Dir, Seinem Sohne, zu uns armen Sündern gekommen ist, um zu erfüllen, was Er durch den Mund der Erzväter und Propheten treu und offen verheißen hat! Oh, bleibe Deine Liebe, Gnade und Erbarmung stets bei uns, und lasse, o Jesus, das auch den Blinden im Geiste erkennen!“ (Luk.17,15.16)
GEJ|9|66|13|0|Sagte Ich: „Stehe auf! Denn dein großer Glaube hat dir geholfen! Du bist ein Samariter und hast Mich erkannt, und bist gekommen und hast Gott wohlgeziemend die Ehre gegeben; daher wirst du auch in Meiner Liebe verbleiben. Aber was ist denn mit den andern neun? Sind sie nicht auch dir gleich rein geworden? Und so sie rein geworden sind, warum kamen sie nicht mit dir, daß auch sie dir gleich Gott die Ehre gegeben hätten? Hat sich außer dir denn keiner gefunden, der umgekehrt wäre, zu geben Dem die Ehre, der ihn gesund gemacht hat? Ein Fremdling also weiß es besser, was Gott gebührt, als die, welche sich als die Kinder Gottes ehren lassen! Darum aber wird den Kindern diese Ehre auch bald weggenommen und den Fremden gegeben werden!“ (Luk.17,17-19)
GEJ|9|66|14|0|Der Samariter aber kniete noch am Boden vor Mir, und Ich sagte zu ihm abermals mit freundlichen Worten: „Stehe nun nur ganz auf, und gehe in die Herberge; denn dein Glaube hat dir geholfen! Sage es aber auch deinen Gefährten, die da Juden sind, was Ich zu dir gesagt habe!“
GEJ|9|66|15|0|Da richtete sich der Geheilte vollends auf und ging hin in die Herberge und fand seine Gefährten, wie sie sich beim Brote und Weine gar gut geschehen ließen.
GEJ|9|66|16|0|Als er zu ihnen kam, da fragten sie ihn alsogleich, ob er Mich wohl noch irgend angetroffen habe.
GEJ|9|66|17|0|Und er erzählte ihnen ganz ernst und offen, was Ich zu ihm gesagt hatte.
GEJ|9|66|18|0|Da überfiel die neun eine Furcht, daß sie wieder in den Aussatz zurückverfallen könnten. Da aßen und tranken sie nicht mehr und bereuten, daß sie nicht auch das getan hatten, was der Samariter getan hatte.
GEJ|9|66|19|0|Ich aber kam bald nach mit Meinen Jüngern und kehrte in derselben Herberge ein; nur ward uns ein großes Zimmer sogleich angewiesen, und der Wirt selbst, der auch mehr ein Samariter denn ein Jude war, fragte uns gleich, was wir essen und trinken möchten.
GEJ|9|66|20|0|Ich aber sagte: „Laß uns nur geben, was du hast, und wir werden es genießen!“
GEJ|9|66|21|0|Da befahl der Wirt sogleich seinen Dienern, Brot und Wein zu bringen, und später sollten für uns Fische in gerechter Menge wohl bereitet werden.
GEJ|9|66|22|0|Wie es der Wirt anbefohlen hatte, so geschah es denn auch.
GEJ|9|66|23|0|Als wir eine kurze Weile uns beim Brote und Weine gütlich geschehen ließen, da lockte die Neugier die Hausleute zu uns, damit sie sähen und erführen, wer wir seien, und von woher wir gekommen seien. Als sie uns aber ersahen, da wurden sie inne, daß wir sicher dieselben wären, von denen die zehn Aussätzigen ihre Reinigung erhalten hatten; denn diese hatten uns schon zuvor genau beschrieben, und so erkannten die Hausleute in uns nur zu bald, daß wir die Wunderheilande seien.
GEJ|9|66|24|0|Das ward auch dem Wirte sogleich mitgeteilt, – daher er sich denn auch um uns gleich näher umzusehen und sich nach unserem Stande und Gewerbe zu erkundigen anfing. Er setzte sich an unseren Tisch, nahm auch Brot und Wein und fragte einen Meiner Jünger, ob wir wohl dieselben Männer wären, aus deren Mitte einer, namens Jesus, die zehn Aussätzigen bloß durch die Macht seines Wortes völlig gereinigt habe.
GEJ|9|66|25|0|Der Jünger, namens Jakobus der Kleinere, aber sagte: „Dort zuoberst am Tische sitzet der Herr; Den frage, und Er wird dir antworten, was da Rechtens ist!“
GEJ|9|66|26|0|Da kam der Wirt denn auch sogleich zu Mir und sagte: „Höre, Freund, bist du der wundersame Heiland, der außerhalb des Marktes die zehn von ihrem bösen Aussatze reingemacht hat bloß durch seines Wortes Macht und Kraft? Bist du der nun schon allbekannte Jesus aus Nazareth?“
GEJ|9|66|27|0|Sagte Ich: „Führe die hierher, die dir das gesagt haben; sie werden es dir wohl wieder sagen, ob Ich es bin!“
GEJ|9|66|28|0|Da ging der Wirt alsbald hin und brachte etliche der Gereinigten zu uns, und diese sagten gleich mit einer Stimme (die Geheilten): „Ja, ja, dieser ist es, der uns Undankbaren die große Gnade erwiesen hat!“
GEJ|9|66|29|0|Und es fielen nun auch die neun, die zuvor nicht umgekehrt waren, vor Mir nieder und gaben Mir die Ehre.
GEJ|9|66|30|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Weil euch die Furcht, als könntet ihr wieder mit dem Aussatze behaftet werden, zu Mir getrieben hat, so seid nun auch ihr gekommen, um Gott die Ehre zu geben! Es sei euch diesmal vergeben, und ihr sollet rein verbleiben; aber in der Folge wird bei denen Mein Segen nicht verbleiben, die da zu bequem sein werden, nach einer empfangenen Gnade Dem die Ehre zu erweisen, von dem sie die Gnade erhalten haben. Erhebet euch nun und gehet, und sündiget hinfort nicht mehr!“
GEJ|9|66|31|0|Da erhoben sich die Gereinigten, dankten noch einmal und begaben sich wieder in ihr ihnen angewiesenes Zimmer.
GEJ|9|66|32|0|Der Wirt aber wußte nun, mit wem er es zu tun habe. Er ward darauf gleich voll Hochachtung vor Mir, ging hinaus in die Küche und befahl seinen Köchinnen, daß sie für uns die allerbesten Fische bereiten sollten, was denn auch geschah.
GEJ|9|67|1|1|67. — Pharisäer und Schriftgelehrte versuchen den Herrn (Luk. 17,20.21)
GEJ|9|67|1|0|Es befanden sich aber auch abends stets alle in diesem Markte amtierenden Pharisäer, Rabbis und ein Schriftgelehrter in dieser Herberge, und der Wirt benachrichtigte sie in der Meinung, Mir eine angenehme Gesellschaft zu bereiten, daß Ich, der Ich zuvor die zehn ganz wunderbar von dem bösen Aussatze gereinigt habe, nun auch sein Gast sei und Mich mit mehreren Gefährten im großen Speisesaale befinde.
GEJ|9|67|2|0|Als die etlichen Pharisäer, der Schriftgelehrte und die Rabbis das vom Wirte vernommen hatten, erhoben sie sich gleich von ihrem Tische und sagten unter sich: „Nun gut, dem wollen wir hier auf den Zahn fühlen, ob es mit ihm wohl die Bewandtnis hat, die nun schon weit und breit, sogar unter den Heiden ruchbar geworden ist. Er soll der verheißene Messias der Juden sein und das Reich Gottes auf Erden gründen. Wir werden sehen, wie er sich uns gegenüber behaupten wird.“
GEJ|9|67|3|0|Mit diesem Vorsatze kamen sie denn auch, vom Wirte geleitet, zu uns in den großen Speisesaal, ließen sich gleich einen Tisch decken und ihn mit dem besten Weine und Brote und mit wohlbereiteten Fischen und noch anderen Speisen best besetzen. Als der Tisch zum großen Vergnügen ihrer Dickbäuche sehr wohl besetzt war, da setzten sie sich und zeigten gleich durch Worte und Gebärden, daß sie die Herren im Orte seien.
GEJ|9|67|4|0|Wir aber taten so ganz gleichgültig gegen sie, als hätten wir kaum gemerkt, daß sie in unserem Speisesaale Platz genommen haben; wir aßen und tranken und redeten über ganz gleichgültige Dinge. Es wurden nun auch auf unseren Tisch die Fische gebracht, und wir fingen an, sie zu verzehren.
GEJ|9|67|5|0|Es merkten aber die Pharisäer, daß wir die kostbarsten Edelfische aßen und daneben auch den besten Wein tranken. Da wandte sich ein Pharisäer an den Wirt und sagte: „Warum hast denn du nicht auch für uns solche Fische bereiten lassen? Sind wir denn minder als diese Galiläer, von denen wir etliche gar wohl kennen?“
GEJ|9|67|6|0|Sagte der Wirt: „Ob minder oder nicht minder, das ist mir gleich; was da jemand bestellt, das bekommt er auch! Was ihr bestellt habt, das steht auch auf eurem Tische; wollet ihr aber auch Edelfische, so ist es noch Zeit, sie auch für euch herrichten zu lassen, soviel ihr deren wollt!“
GEJ|9|67|7|0|Die Pharisäer aber wußten es, daß derlei Fische sehr kostspielig sind, und daß der Wirt sich derlei Speisen auch stets gut bezahlen ließ, und so bestellten sie keine Edelfische. Aber einer sagte, um der Pharisäer Geiz zu beschönigen: „Konnten wir als die Ersten derlei Fische nicht haben, so wollen wir sie auch als die Zweiten nicht!“
GEJ|9|67|8|0|Sagte der Wirt: „Ihr möget nun sagen, was ihr wollet, so beirrt mich das nicht im geringsten! Wer kann mir denn vorschreiben, jemandem, der nur etwas zu essen begehrt hat, ohne zu bestimmen, worin die Speise bestehen soll, zu geben, was ich will, und wer kann mir gebieten, dem für das, was er fest begehrt hat, etwas anderes auf den Tisch zu setzen? Kurz und gut, bei mir gilt der alte Grundsatz: Jedem das Seinige!“
GEJ|9|67|9|0|Sagte der Pharisäer: Da hast du wohl recht, und wir können dagegen nichts einwenden; aber sonderbar ist es immerhin von dir, der du eben nicht im Rufe eines freigebigen Mannes stehst, daß du gerade diesen Galiläern, die alle nicht gar weit her sind, und bei denen sehr die Frage sein kann, ob sie dir die kostbaren Fische auch zu bezahlen imstande sein werden, einen gar so guten Willen erweisen mochtest!“
GEJ|9|67|10|0|Sagte der Wirt: „Auch das geht euch schon wieder nichts an! Menschen, wie ihr da seid, sind bei mir wahrlich nichts Seltenes; aber Menschen wie der euch bekannte Heiland Jesus aus Nazareth, der durch die wahrhaft überwunderbare Macht seines Wortes und Willens zehn mit dem bösesten Aussatze behaftete Männer, denen ihr das Zeugnis vor kaum einer Stunde gegeben habt, in einem Augenblick zu reinigen und sie völlig gesund zu machen vermag, sind gar überaus selten und sind eigentlich noch gar nie dagewesen, – und es wird da wohl jedermann sehr begreiflich sein, daß man ihnen diejenige Aufmerksamkeit freiwillig erweist, die ihnen gebührt.“
GEJ|9|67|11|0|Auf diese ganz gute Gegenbemerkung wußten die Pharisäer nichts mehr zu erwidern und machten zum für sie nach ihrer Meinung bösen Spiel eine gute Miene, obschon sie innerlich voll Ärgers waren. Sie aßen und tranken darauf ganz wacker, und wir taten dasselbe und kümmerten uns nicht, was die ärgerlichen Pharisäer machten, und was sie untereinander für Worte wechselten.
GEJ|9|67|12|0|Als aber der Wein die Pharisäer so recht erhitzt hatte und sie mit Mir in einen Wortwechsel zu kommen trachteten, da erhob sich der Schriftgelehrte, stellte sich ganz keck vor Mich hin und sagte: „Meister, sage es uns doch, aus was für einer Macht verrichtest denn du deine offenkundigen Wunderwerke?“
GEJ|9|67|13|0|Sagte Ich: „Ich will euch das sagen, – doch zuvor müsset ihr Mir eine Frage beantworten! Saget Mir: War des Johannes Predigt und Taufe von Gott verordnet, oder war sie ein pures Menschenwerk?“
GEJ|9|67|14|0|Hierauf wußte der Schriftgelehrte nicht, was er Mir erwidern solle. Denn er dachte: ,Sage ich: ,Sie war von Gott verordnet!‘, da wird er zu mir sagen: ,Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt?‘, und sage ich: ,Sie war ein pures Menschenwerk!‘, so haben wir gleich den Wirt und morgen den ganzen Markt wider uns; denn alle halten den Johannes für einen von Gott erweckten Propheten!‘
GEJ|9|67|15|0|Nach einer Weile erst sagte er (der Schriftgelehrte): „Meister, das wissen wir alle wahrlich nicht, und ich kann dir da weder mit Ja noch mit Nein antworten!“
GEJ|9|67|16|0|Sagte Ich: „Dann kann Ich auch dir nicht sagen, aus welcher Macht Ich Meine Wunderwerke verrichte, und so sind wir miteinander wieder wie vorher!“
GEJ|9|67|17|0|Es kam aber nun auch ein Pharisäer zu Mir und sagte: „Meister, uns ist über dich schon gar Verschiedenes zu Ohren gekommen, und unter anderm auch das, daß durch dich das Reich Gottes auf Erden gegründet werde! Durch deine Taten zeugest du über dich selbst, daß du der seist, den alle Juden infolge der alten Verheißung erwarten. – Siehe, auch wir wollen an dich glauben; aber sage es uns doch, wie und wann das Reich Gottes kommen wird unter die Menschen auf dieser Erde!“
GEJ|9|67|18|0|Sagte Ich: „So, wie ihr euch das vorstellet, ganz sicher nicht!“
GEJ|9|67|19|0|Sagte der Schriftgelehrte nun: „Wie denn anders hernach?“
GEJ|9|67|20|0|Sagte Ich: „Das Reich Gottes wird nicht kommen mit irgendeinem äußeren Schaugepränge, und man wird da nicht sagen: ,Sieh, hier oder da ist es!‘; denn das Reich Gottes ist kein materielles, sondern ein geistiges Reich, da Gott Selbst in Sich der urewige und reinste Geist ist und Sein Reich daher auch nicht für den Leib, sondern für dessen Seele und Geist gegeben und auf dieser Erde errichtet wird. Seele und Geist aber sind inwendig im Menschen und nicht außerhalb desselben; und so ist das Reich Gottes auch nur inwendig im Menschen, und so es zum Menschen kommen wird, da wird er dessen nur in sich gewahr werden und nicht irgend außer sich.“ (Luk.17,20.21)
GEJ|9|67|21|0|Auf diese Meine Antwort wußten die Pharisäer nichts mehr zu erwidern und begaben sich wieder zu ihrem Tische.
GEJ|9|67|22|0|Und der Wirt frohlockte heimlich, daß Ich den Pharisäern den Mund gestopft habe, und ließ auf unseren Tisch frischen und besten Wein aufsetzen und sagte zu Mir: „Esset und trinket, soviel ihr wollet; der Zechmeister bin ich diesmal!“
GEJ|9|67|23|0|Und wir aßen und tranken ganz wohlgemut.
GEJ|9|67|24|0|Da das die Pharisäer sahen, da ärgerten sie sich noch mehr und sagten so ganz laut unter sich: „Der soll der von Gott in diese Welt gesandte Messias sein? Wie ist er doch ein Fresser und Vollsäufer samt seinen Jüngern! Dazu aber wissen wir auch noch, daß er mit Zöllnern, Heiden und andern Sündern umgeht und das Brot mit ungewaschenen Händen ißt, und so mag er noch so viele Wunder wirken, und es wird dennoch kein wahrer Schriftgelehrter und Pharisäer an ihn glauben!“
GEJ|9|67|25|0|Sagte hierauf der Wirt: „Daran wird Ihm auch sicher sehr wenig gelegen sein! So Er der Herr ist – wie ich das nun auch glaube –, da wird Er, als in Sich der vollkommenste Geist aus Gott, wohl nicht nötig haben, Sich nach unseren Weltsatzungen zu richten, sondern wir nach denen, die Er uns geben wird!“
GEJ|9|67|26|0|Sagten die Pharisäer: „Was du uns sagst, das ärgert uns nicht, da wir wohl wissen, daß du mehr ein Samariter denn ein Jude bist; uns ärgert nur das, daß er viele Juden durch seine Lehren und Taten verführt und sich als etwas ausgibt, das er nicht sein kann, weil er das Gesetz Mosis in vielen Stücken nicht hält!“
GEJ|9|67|27|0|Hierauf erhob Ich Mich mit ernster Miene und sagte: „Wem soll Ich diese Unart von Menschen vergleichen? Johannes aß und trank nahe nichts denn nur Heuschrecken und wilden Honig und führte ein strenges Büßerleben; da sagten sie: ,Wie ist doch der Mensch ein Gleisner und Scheinheiliger!‘ Aber das sagten sie, weil Johannes ihnen ihre volle Gottlosigkeit und ihrer Sünden Unzahl vorhielt, darum sie es durch Herodes dahin brachten, daß er ihn ins Gefängnis werfen und darin enthaupten ließ.
GEJ|9|67|28|0|Ich esse und trinke, mache keinen Frömmler und Kopfhänger und begegne jedermann freundlich, und helfe jedem, der zu Mir kommt, glaubt und sich von Mir Hilfe erfleht, und da sagen sie: ,Wie ist der Mensch doch ein Vollsäufer und Vielesser und ein Freund der Sünder, Zöllner und Heiden und achtet der Satzungen Mosis nicht!‘
GEJ|9|67|29|0|Aber was ist denn hernach das, so sie lehren: ,So du opferst, ist es dir nützlicher, als so du selbst ehrest Vater und Mutter!‘? Heben da nicht sie Gottes Gebote auf und quälen die Menschen mit den Satzungen, die sie zum Besten ihres Bauches erfunden haben? Darum werden sie aber dereinst auch desto mehr Verdammnis überkommen! Sie bürden den Menschen unerträgliche Lasten auf, sie selbst aber rühren dieselben auch nicht mit dem kleinen Finger an! Für die großen Opfer versprechen sie lange Gebete zu halten, die sie dann von ihren untergeordneten Dienern herz- und sinnlos ekelig den betrogenen und blinden Menschen vorplärren lassen. Sind sie da nicht denen gleich, die da Mücken säugen und dafür Kamele verschlingen?
GEJ|9|67|30|0|Ja, ja, sie essen das Brot wohl mit gewaschenen Händen, aber ihr Herz ist voll Unflates und Schmutzes. Sie gleichen darum auch den fein und zierlich übertünchten Gräbern, die inwendig voll Moders und Gestankes sind. Mit ungewaschenen Händen das Brot essen, verunreinigt den Menschen nicht – und schon am allerwenigsten dort, wo man oft keine Gelegenheit hat, sich vor dem Brotessen die Hände zu waschen –; aber Lüge, Betrug, Neid, Geiz, Fraß und Völlerei, Stolz, Haß, Zorn, Unzucht, Hurerei und Ehebruch und Gottesleugnung bei sich selbst verunreinigen den ganzen Menschen und machen aus ihm ein Kind der Hölle!“
GEJ|9|67|31|0|Als die Pharisäer solches von Mir vernommen hatten, da wurden sie ganz grimmig, erhoben sich von ihrem Tische und verließen den Saal, was uns allen sehr lieb war.
GEJ|9|67|32|0|Und der Wirt kam zu Mir und konnte Mir nicht genug danken darum, daß Ich diesen Pharisäern die Wahrheit so ganz unverhüllt ins Gesicht geschleudert habe, und auch alle Meine Jünger lobten Mich.
GEJ|9|67|33|0|Der Wirt sagte am Ende: „O Herr und Meister, diese Deine Rede wird etwa doch einen oder den andern dieser Pharisäer auf eine bessere Meinung von Dir bringen?“
GEJ|9|67|34|0|Sagte Ich: „Eher wäschest du zehn Mohren weiß, als daß da einer dieser Gleisner sich bekehre und Buße tue! Wo in einem Menschen der Geiz, Neid und die Herrschsucht zu tiefe Wurzeln getrieben haben, da ist von einer wahren Besserung schwer eine Rede mehr! Aber lassen wir sie nun brüten unter sich; morgen ist auch noch ein Tag, an dem sich etwas tun lassen wird!“
GEJ|9|68|1|1|68. — Der Herr heilt den kranken Knecht des Wirtes
GEJ|9|68|1|0|(Der Herr:) „Du hast aber einen kranken Knecht, der dein Liebling ist, weil er dir stets am treuesten und eifrigsten gedient hat, der nun schon ein volles Jahr, von der Gicht geplagt, sich nicht vom Krankenlager erheben kann. So du es wünschest und glaubst, da kann Ich ihm helfen.“
GEJ|9|68|2|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, so Du mir solche Gnade erweisen willst, so will ich alles tun, was zu tun Du nur immer von mir verlangen wollest!“
GEJ|9|68|3|0|Sagte Ich: „So geschehe dir nach deinem Glauben! Gehe hin und siehe, ob dein Knecht noch leidet!“
GEJ|9|68|4|0|Da ging der Wirt eiligst in das Gemach, in dem der kranke Knecht sich befand, und siehe, der Knecht war gesund und erzählte dem Wirte, daß es ihm klar vorkam, als ob es um ihn geblitzt hätte, worauf ihn im Augenblick aller Schmerz und alle Schwäche verließen, derart, daß er sich nun gleich vom Krankenbett erheben möchte! Es müsse da Gott an ihm ein Wunder gewirkt haben.
GEJ|9|68|5|0|Der Wirt aber sagte: „Stehe nur getrost auf, und komme dann in den Großen Saal; dort wirst du Den sehen, der dich also wundersam gesund gemacht hat!“
GEJ|9|68|6|0|Der Knecht tat bald, was ihm der Wirt anbefohlen hatte; dieser aber kehrte sogleich wieder mit dem dankbarsten Herzen zu uns zurück.
GEJ|9|68|7|0|Als der Wirt wieder zu uns kam und seinen Dank Mir dargebracht hatte, da kam auch bald der geheilte Knecht nach, und mit ihm kamen auch die andern Hausleute und Diener und Mägde und fragten, welcher von uns derjenige wäre, der den Oberknecht so wunderbar von seiner Gicht geheilt habe.
GEJ|9|68|8|0|Und der Wirt zeigte mit seiner Hand auf Mich und sagte: „Dieser Gottmensch hier, von dem ich offen also sagen und bekennen muß, daß wir alle nicht von ferne hin würdig sind, daß Er zu uns kam und die Türschwellen meines Hauses betrat. Diesem danket alle für die uns erwiesene Gnade, und gebet Ihm allzeit vor allen Menschen die Ehre!“
GEJ|9|68|9|0|Auf diese Worte des Wirtes fiel der geheilte Knecht alsbald Mir zu Füßen, dankte Mir und pries Mich laut, was denn auch die andern Hausleute, Diener und Mägde taten, wodurch im Hause ein großer Lärm entstand, der auch von den Pharisäern, obschon sie sich in einem von unserem Saale entlegenen Gemach befanden, vernommen wurde und einer von ihnen nachzusehen kam, was es da gäbe.
GEJ|9|68|10|0|Als er aber erfuhr, daß Ich den Knecht von der Gicht völlig geheilt hatte und auf welche Weise, da ward er ärgerlich und sagte zum Wirte, den er zu sich berief (der Pharisäer): „Nimm dich in acht vor diesem Volksaufwiegler; denn so er etwa durch die Hilfe des Obersten der Teufel oder durch eine andersartige Zauberei, die er etwa von den Essäern erlernt hat, solche Wunder wirkt, da werden das bald die Römer erfahren, wie ihm alles Volk nachläuft und ihn am Ende gar zu einem Könige aller Juden machen will, und werden dann kommen über uns und werden uns gar übel zurichten!“
GEJ|9|68|11|0|Sagte der Wirt: „Dieses Wundertäters wegen, den die Römer sicher schon lange besser kennen denn wir, befürchte ich von ihrer Seite nichts; nur von eurer Seite hätte ich alles zu befürchten, so ich nicht ein römischer Untertan wäre! Aber ihr solltet euch fürchten vor diesem Manne, der voll des Geistes Gottes sein muß, ansonst es Ihm unmöglich wäre, solche Zeichen zu wirken und Taten zu verrichten, die nur Gott allein möglich sein können; wer aber voll des Geistes Gottes ist, der ist auch ein wahrer Herr über alles im Himmel und auf Erden, und die Ihn anfeinden, haben nur Ihn und nicht Er sie zu fürchten! Deine an mich gerichtete Warnung wird daher denn auch in meinem Gemüte niemals Wurzeln schlagen!“
GEJ|9|68|12|0|Als der Rabbi, der auch schon ein minderer Pharisäer war, solches vom Wirte vernommen hatte, ward er noch ärgerlicher denn ehedem, sagte nichts mehr darauf und begab sich wieder zu seinen Gefährten.
GEJ|9|68|13|0|Als er bei ihnen ankam, da fragten sie ihn alsogleich, was es gegeben habe.
GEJ|9|68|14|0|Der Rabbi aber wurde nach den Worten des Wirtes bei sich doch nachdenkend und machte darum einen ganz gleichgültigen Bericht über das, was da vorgefallen sei, und die Hausleute hätten darüber einen kleinen Jubellärm geschlagen, der wenig zu bedeuten habe.
GEJ|9|68|15|0|Damit begnügten sich die andern Pharisäer und fragten nichts weiter, sondern schwelgten fort und sagten: „Lassen wir dem verblüfften Wirte die Freude, in einem herumziehenden Wunderarzt, der offenbar aus der Schule der Essäer stammt, auf die auch die Römer große Stücke halten, seinen Heiland und Messias zu preisen; in einigen Wochen wird bei ihm schon alles wieder verraucht und vergessen sein!“
GEJ|9|68|16|0|Und es war eine solche Stimmung der schon ziemlich berauschten Pharisäer für uns gut, weil wir dadurch Ruhe vor ihnen hatten und uns über gar wichtige Dinge besprechen konnten.
GEJ|9|68|17|0|Auch die in unseren Saal gekommenen Hausleute, Diener und Mägde gingen wieder nach dem Geheiß des Wirtes an ihr Geschäft; denn sie hatten mehrerer Fremden wegen, die von Kapernaum hierher in diesen Markt zumeist der Handelsgeschäfte wegen gekommen waren, noch manches zu verrichten. Nur der geheilte Knecht blieb bei uns, aß und trank mit uns und stärkte sich.
GEJ|9|69|1|1|69. — Der Wert der Tempelsatzungen
GEJ|9|69|1|0|Der Wirt aber sagte zu Mir: „O Herr und Meister, da wir nunmehr in der Ruhe beisammensitzen und von niemand so leicht gestört zu werden zu befürchten haben und es auch noch nicht zu spät in der Nacht ist, so bitte ich Dich, mir so manches zu sagen, was zur Erlangung des wahren Heils der Seele nötig ist!“
GEJ|9|69|2|0|Sagte Ich: „Glaube ungezweifelt an Gott, halte Seine Gebote, liebe Ihn über alles aus allen deinen Kräften und deine Nebenmenschen wie dich selbst und glaube, daß Ich der verheißene Messias bin, der Ich nun im Fleische in diese Welt kam als die ewige Wahrheit, das Licht und das Leben Selbst, auf daß alle, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben, das ewige Leben haben sollen! Wenn du alles das glaubst und danach tust, so wirst du für deine Seele das wahre und lebendige Heil dir erwerben und behalten in Ewigkeit.
GEJ|9|69|3|0|Siehe, das allein genügt vollkommen zur Erreichung des Reiches Gottes in dir; alles andere ist eitel und hat zum Nutzen der Seele keinen Wert vor Gott. So Ich als der Herr alles Lebens dir das sage, da kannst du es auch glauben, daß es also und nicht anders ist.“
GEJ|9|69|4|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, ich glaube das nun ungezweifelt fest; nur hat Moses noch eine Menge Regeln und Verordnungen gegeben, wie die Speisen, die man als Jude allein nur essen darf, das öftere Waschen des Leibes, das Fasten, das Bußetun in Sack und Asche, das Tragen eines härenen Rockes, und so noch eine Menge, das man sich schwer merkt und daher noch schwerer beachtet und darum auch stets in der Furcht steht, voller unwissentlich begangener Sünden zu sein. Wie soll man sich denn in diesen Stücken verhalten? Ist die strenge Beachtung aller der von Moses und auch den andern Propheten gegebenen Verordnungen eine unerläßliche Bedingung zur Erreichung des göttlichen Wohlgefallens?“
GEJ|9|69|5|0|Sagte Ich: „Wenn du das beachtest, was Ich dir ehedem gesagt habe, so hast du dadurch auch schon alles erfüllt, was in Moses und allen Propheten zu tun vorgeschrieben steht. Der Mensch muß essen und trinken zur Erhaltung des Leibeslebens; aber die Speisen und der Trank sollen rein und frisch sein. Und so ist es für den Leib auch gut und gesund, ihn möglichst rein zu halten, und ebenso auch in allem rein, mäßig und nüchtern zu sein. Und so sind derlei Verordnungen auch gut und heilsam nicht nur für die Juden, sondern für alle Menschen; denn in einem kranken Leibe kann auch die Seele sich nicht so leicht zu dem erheben, was ihr Heil fördern und sie zum ewigen Leben kräftigen kann.
GEJ|9|69|6|0|Siehe, darum hat Gott durch Moses und auch durch die andern Propheten das verordnet, was auch für die Zeit des Erdenlebens dem Leibe des Menschen frommt, und der Mensch tut wohl daran, so er auch solche Regeln beachtet!
GEJ|9|69|7|0|Wer aber das tut, was Ich dir ehedem gesagt habe, den leitet dann schon der Geist des Reiches Gottes im eigenen Herzen und zeigt ihm auch die Regeln zur Wohlfahrt seines Fleisches; und also ist in dem, was Ich dir gesagt habe, auch schon alles enthalten! – Hast du das nun alles wohl verstanden?“
GEJ|9|69|8|0|Sagte der Wirt und mit ihm auch dankbarst der geheilte Knecht: „O Herr und Meister, wir danken Dir von ganzer Seele, von ganzem Herzen und aus allen unseren Lebenskräften für diese Deine gar weise und wahre Belehrung, die da ein ganz anderes Licht in uns angezündet hat als die langen Predigten der Pharisäer, die nur auf die strenge Haltung der vielen äußeren Dinge und Regeln alles Heil der Menschen setzen; aber auf die Haltung der Gebote Gottes, durch die die Seele allein geläutert und zum ewigen Leben gekräftigt werden kann, halten sie beinahe gar nichts und sagen, daß ein Mensch dafür opfern könne, – was ihm nützlicher sei als die starre und schwere Haltung der Gebote.
GEJ|9|69|9|0|Und so sieht man gar oft die Menschen schwere Opfer vor die Türen der Pharisäer legen; aber einen Menschen, der da strenge die Gesetze Mosis hielte, sieht man beinahe schon gar nicht mehr. Denn sie sagen: Wenn man durch die Opfer dasselbe vor Gott erreichen kann und von den Sünden noch mehr gereinigt wird als durch die eigene schwere Haltung der Gebote, so ist das Opfern um vieles bequemer und das Gewissen leichter, weil nach den Worten der Pharisäer die Opfer alles vor Gott sühnen, die Haltung der Gebote aber nur insoweit, als ein Mensch ein und das andere Gebot strenge und gewissenhaft zu halten imstande war.
GEJ|9|69|10|0|Nun, wenn man solche Lehre mit dem vergleicht, was Du, o Herr und Meister, mir angeraten und allerhellst erklärt hast, so besteht darin ja ein unendlicher Unterschied. Bei Dir ist alles die volle und lebendige Wahrheit und bei den Pharisäern faule und tote Lüge, durch die wahrlich keine Seele das ewige Leben erreichen kann. Herr, was sollen wir aber in der Folge nun den Pharisäern gegenüber tun?“
GEJ|9|69|11|0|Sagte Ich: „Was sie als reines Wort Mosis und der Propheten predigen, das höret an, und tut nach dem reinen Worte; aber an ihre eigenen Satzungen haltet euch nicht, denn diese sind vor Gott ein Greuel!
GEJ|9|69|12|0|Es steht ja auch geschrieben: ,Siehe, dies Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!‘ Ich aber sage euch: Das Ende dieser Menschenlehrer ist nahe herbeigekommen! Ich bin darum zu euch gekommen als die Wahrheit, der Weg und das Leben und werde von der Erde hinwegfegen die Lüge und ihre bösen Werke. Ich werde zwar in Kürze diese Welt verlassen, und es wird in der Zeit Meiner sichtbaren Abwesenheit die Lüge und ihr Falsches und Böses noch eine Zeit fortwuchern unter den Menschen auf der Erde; aber Ich werde dann zur rechten Zeit wiederkommen mit aller Macht und Kraft zu euch Menschen und werde der Herrschaft der Lüge und des Truges ein Ende machen!
GEJ|9|69|13|0|Ich bereite aber auch schon jetzt in den Herzen der Menschen den Grund dazu und erbaue einen neuen Tempel und eine neue Stadt Gottes. Lasset uns den Bau ehest vollenden, damit für immerdar zerstört werde der alte Tempel und die Stadt der Lüge, des Truges und aller Bosheit!
GEJ|9|69|14|0|Dieses werdet ihr nun wohl noch nicht in aller Reinheit verstehen; aber so ihr von Meinem Geiste durchdrungen sein werdet, dann werdet ihr auch das in aller Klarheit verstehen und werdet daran euch wohl erinnern, was Ich euch zum voraus gesagt habe.“
GEJ|9|69|15|0|Diese Meine Worte wollten auch den Jüngern nicht recht einleuchtend vorkommen, darum sie auch unter sich also zu reden anfingen (die Jünger): „Von einer zweiten Wiederkunft auf diese Erde hat Er schon zu öfteren Malen geredet, aber stets mehr in unbestimmten Weisen nach Art der Propheten! Gehen wir Ihn nun einmal so recht ordentlich an, – vielleicht sagt Er diesmal etwas Näheres und Bestimmteres darüber!“
GEJ|9|70|1|1|70. — Die Wiederkunft des Herrn (Luk. 17,22-36)
GEJ|9|70|1|0|Nach solcher Beratung aber wandten sich die Jünger an Mich und sagten: „Herr und Meister, Du hast uns schon zu öfteren Malen gesagt, daß es uns gegeben sein solle, die Geheimnisse des Reiches Gottes wohl zu verstehen, und Du hast uns auch schon so vieles überklar enthüllt, daß wir im Geiste Deine unendliche Schöpfung und noch tausenderlei anderes wohl erkennen, wovon sich kein Weltweiser je einen Begriff gemacht hat und sich auch durch sein eigenes Forschen und Suchen nie einen vollklaren Begriff wird machen können, darum denn auch bis auf uns alles menschliche Wissen ein Stückwerk ist. Sage uns denn auch einmal über Deine abermalige Wiederkunft etwas Bestimmtes! In welcher Zeit wirst Du wiederkommen, und wo und wie? Denn uns dünket, daß auch das zum Verstehen der Geheimnisse des Reiches Gottes gehört.“
GEJ|9|70|2|0|Sagte Ich: „Auch das habe Ich euch schon mehrere Male ganz umständlich gezeigt; aber weil auch ihr von Meinem Geiste nicht völlig durchdrungen seid, so verstehet ihr das denn auch noch nicht in der rechten Tiefe. Das Jahr, den Tag und die Stunde kann Ich euch darum nicht fest bestimmen, weil das ja alles auf dieser Erde von dem vollkommen freien Willen der Menschen abhängt. Darum weiß das denn auch kein Engel im Himmel, sondern allein nur der Vater und der auch, dem Er es offenbaren will. Zudem ist das allergenauest zum voraus zu wissen zum Heile der Seele durchaus nicht unumgänglich notwendig.
GEJ|9|70|3|0|Wäre es wohl gut für den Menschen, so er den Tag und die Stunde Seines Ablebens ganz genau zum voraus wüßte? Für sehr wenige, im Geiste völlig Wiedergeborene, ja; aber für zahllos viele wäre das wohl ein großes Übel! Denn die herannahende Stunde ihres Ablebens würde sie derart mit aller Furcht, Angst und Verzweiflung erfüllen, daß sie entweder so zu Feinden des Lebens würden, daß sie sich vor der Zeit das Leben nähmen, um dadurch der Todesangst zu entgehen, oder sie würden in eine derartige Lebensträgheit geraten, in der für die Seele wahrlich wenig Heil zu erwarten wäre. Und also ist es für den Menschen besser, so er nicht alles als ganz bestimmt zum voraus weiß, was, wie und wann in dieser Welt dieses und jenes über ihn kommen kann und auch kommen muß.
GEJ|9|70|4|0|Ich sage es euch: Es wird die Zeit kommen, in der ihr in euren Glaubensnachkommen fragen werdet, wie nun hier, wann der Tag des Menschensohnes kommen werde, und werdet begehren, ihn zu sehen, und werdet ihn dennoch nicht sehen nach eurem Begehren. (Luk.17,22) Und es werden sich in jenen Zeiten aber viele erheben und hervortun und werden mit weiser Miene sagen: ,Siehe hier, siehe da und dann ist der Tag!‘ Aber da gehet nicht hin und folget nicht solchen Propheten. (Luk.17,23)
GEJ|9|70|5|0|Der Tag Meiner abermaligen Wiederkunft wird gleich sein einem Blitze, der vom Aufgange bis zum Niedergange oben am Wolkenhimmel fährt und über alles leuchtet, was unter dem Himmel ist. (Luk.17,24) Bevor aber das kommen wird, da wird – wie Ich euch das schon mehrere Male verkündet habe – des Menschen Sohn noch vieles leiden müssen und wird gänzlich verworfen werden von diesem Geschlechte (Luk.17,25), nämlich von den Juden und Pharisäern, und in den späteren Zeiten von jenen, die man neue Juden und Pharisäer nennen wird.
GEJ|9|70|6|0|Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird es auch geschehen in der Zeit der abermaligen Ankunft des Menschensohnes. (Luk.17,26) Sie aßen und tranken ganz wohlgemut, sie freiten und ließen sich freien bis auf den Tag, da Noah in die Arche stieg und dann die Flut kam und alle ersäufte. (Luk.17,27) Desgleichen auch, wie es geschah zu den Zeiten Lots: sie aßen und tranken, sie kauften und verkauften und pflanzten und bauten. (Luk.17,28) An dem Tage aber, den Ich euch auf dem Ölberge näher erklärt habe, da Lot aus Sodom ging, regnete es schon Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um. (Luk.17,29)
GEJ|9|70|7|0|Sehet nun, also wird es auch sein und geschehen in jenen Zeiten, wenn des Menschen Sohn abermals wieder wird geoffenbart werden! (Luk.17,30) Wer an demselben Tage auf dem Dache ist und weiß um den Hausrat im Hause, der steige nicht vom Dache, um den Hausrat zu holen! – was aber so zu verstehen ist: Wer da ein wahres Verständnis hat, der bleibe in dem Verständnisse und steige nicht unter dasselbe in der Furcht, daß er dadurch etwa seine Weltvorteile einbüßen könnte; denn derlei wird zugrunde gerichtet werden. (Luk.17,31a)
GEJ|9|70|8|0|Desgleichen ein weiteres Bild: Wer auf dem Felde (der Erkenntnisfreiheit) sich befindet, der wende sich nicht nach dem um, was hinter ihm ist (alte Truglehren und deren Satzungen), sondern er gedenke des Weibes Lots und strebe in der Wahrheit vorwärts. (Luk.17,31b.32)
GEJ|9|70|9|0|Ich sage euch noch ein Weiteres: In derselben Zeit werden zwei in einer Mühle sein und die gleiche Arbeit verrichten. Der eine wird angenommen und der andere verlassen werden, das heißt, der gerechte Arbeiter wird angenommen und der ungerechte und eigennützige verlassen werden. Denn wer da seine Seele der Welt wegen zu erhalten sucht, der wird sie verlieren; wer sie aber um der Welt willen verlieren wird, der wird ihr das Leben erhalten und ihr zum wahren, ewigen Leben helfen. (Luk.17,33)
GEJ|9|70|10|0|Und noch weiter sage Ich euch: In einer und derselben Nacht der Seele werden zwei in einem und demselben Bette liegen. Da wird auch der eine angenommen und der andere verlassen werden (Luk.17,34), das heißt, zwei werden sich zwar dem Äußeren nach in der Sphäre eines und desselben Glaubensbekenntnisses befinden, der eine aber wird sein im lebendigen Glauben in der Tat und wird darum auch angenommen werden in das lebendige und lichtvolle Reich Gottes, der andere aber wird bloß am äußeren Kultus festhalten, der keinen inneren Lebenswert für Seele und Geist hat, und wird, da sein Glaube als ein ohne die Werke der Nächstenliebe toter dasteht, nicht in das lebendige und lichtvolle Reich Gottes aufgenommen werden.
GEJ|9|70|11|0|Und weiter werden auch zwei auf dem Felde der Arbeiten sich befinden. Der eine, der da arbeiten wird im lebendigen Glauben aus Liebe zu Gott und aus Liebe zum Nächsten ohne Eigennutz, wird auch ins wahre Reich Gottes aufgenommen werden; der aber da auf dem gleichen Felde gleich den Pharisäern arbeiten wird ohne inneren lebendigen Glauben aus purem Eigennutz, der wird selbstverständlich verlassen und ins lebendige und lichtvolle Reich Gottes nicht aufgenommen werden! (Luk.17,37)
GEJ|9|70|12|0|Seht, also wird es mit der abermaligen Ankunft des Menschensohnes sich verhalten und gestalten! So ihr von Meinem Geiste in der Folge aber tiefer durchdrungen sein werdet, dann wird euch über all das von mir euch Gesagte auch ein helles Verständnis werden; für jetzt aber kann Ich euch das nicht klarer und deutlicher verkünden.“
GEJ|9|70|13|0|Sagten die Jünger: „Herr und Meister, es ist das schon alles recht also; und wir glauben Deinen Worten; aber wo und wann der irdischen Zeit nach wird das geschehen? Das könntest Du uns ja doch auch noch hinzusagen!“
GEJ|9|71|1|1|71. — Die letzte Zeit vor der Wiederkunft des Herrn (Luk. 17,37)
GEJ|9|71|1|0|Sagte Ich: „Es ist wahrlich zum Staunen, wie unverständig ihr noch seid! Ich habe es euch ja doch schon oft genug angedeutet, warum sich da die irdische Zeit nicht ebenso auf ein Haar – wie ihr das meinet – mit Gewißheit bestimmen läßt, wie daß Ich euch wohl genau auf einen Augenblick vorausbestimmen könnte, wann dieser oder jener Berg und seine Felsenspitzen von einem Blitze zerstört werden! Denn da haben wir es mit einer gerichteten Materie zu tun, die in allem ganz von der Macht Meines Willens abhängt; aber bei den Menschen, die einen freien, sich selbst bestimmenden Willen haben, geht das nicht ebenso, wovon Ich euch den Grund schon gar oft gezeigt habe, und ihr werdet ihn endlich doch einmal einsehen und sollet Mir darum auch nicht gleichfort mit den gleichen Fragen kommen!
GEJ|9|71|2|0|So ihr aber das Wann und Wo schon durchaus näher bestimmt haben wollet, da merket, was Ich euch nun sagen werde: Wo ein Aas irgend ist, da sammeln sich auch bald die freien Adler.“ (Luk.17,37)
GEJ|9|71|3|0|Sagten die Jünger: „O Herr und Meister, da hast Du schon wieder etwas gesagt, was wir nicht verstehen können! Wer ist das Aas, und wer sind die Adler; und wo wird das Aas sein, und von woher werden die freien Adler kommen?“
GEJ|9|71|4|0|Sagte Ich: „Sehet euch nun das faule und glaubenslose Pharisäertum an, und ihr sehet das Aas! Ich und alle, die an Mich glauben, Juden und Heiden, aber sind die Adler, die das Aas bald völlig aufzehren werden. Ebenso ist der Seele Sündennacht ein Aas, um das sich das Licht des Lebens auszubreiten anfängt und das Aas, wie der Morgen die Nacht, mit allen ihren Nebeln und Truggebilden vernichtet.
GEJ|9|71|5|0|Wie aber das nun vor unseren Augen mit dem faulen und wahrheits- und glaubenslosen Judentume geschieht, das sicher ein gar gewaltiges Aas geworden ist, mit dem es nach etwa fünfzig Erdenjahren zu Ende kommen wird, ebenso wird es in einer späteren Zeit mit der Lehre und Kirche stehen, die Ich nun gründe. Diese wird auch zu einem noch ärgeren Aase werden, als nun das Judentum ist, und es werden denn auch die freien Licht- und Lebensadler von allen Seiten über sie herfallen und sie als ein alle Welt verpesten wollendes Aas mit dem Feuer der wahren Liebe und mit der Macht ihres Wahrheitslichtes verzehren. Und es kann das noch eher geschehen, als da nach Mir, wie Ich nun leiblich unter euch bin, zwei volle Tausende von Erdenjahren verrinnen werden, – was Ich euch auch schon bei anderen Gelegenheiten angedeutet habe.
GEJ|9|71|6|0|Ihr aber habt damals gemeint und meinet es auch jetzt, warum das von Gott denn also zugelassen werde. Ich aber habe euch dagegen auch schon oft, wie diesmal, gezeigt, daß Ich die Menschen, denen ein völlig freier Wille zu ihrer Selbstbestimmung gegeben ist, mit Meines Willens Allmacht nicht also halten kann und darf wie alle andere Kreatur, klein und groß, in der ganzen Unendlichkeit; denn täte Ich das, so wäre der Mensch kein Mensch, sondern ein durch Meine Allmacht gerichtetes Tier oder eine Pflanze oder ein Stein. Das werdet ihr nun hoffentlich wohl einsehen und begreifen und Mich um Dinge nicht so leicht mehr fragen, die ohnehin für jeden nur einigermaßen helleren Denker klar am Tage liegen.
GEJ|9|71|7|0|Wenn aber nun schon in dieser Zeit, in welcher Ich noch im Fleische auf dieser Erde unter euch wandle und lehre, sich etwelche aufgemacht haben, in Meinem Namen umherziehen und zu ihrem materiellen Vorteile auch Meine Lehre ausbreiten, aber darunter auch ihren eigenen unlauteren Samen mengen, aus dem zwischen dem mageren Weizen auf dem Acker des Lebens und dessen Wahrheit bald viel böses Unkraut emporwachsen wird, – wird es dann in den späteren Zeiten zu verwundern sein, so sich in Meinem Namen noch mehrere falsche und unberufene Lehrer und Propheten erheben und mit gewaltiger Rede, mit dem Schwerte in der Hand, zu den Menschen schreien werden: ,Sehet, hier ist Christus!‘ oder ,Dort ist Er!‘?
GEJ|9|71|8|0|So aber ihr und später eure rechten und reinen Nachfolger das hören und sehen werdet, so glaubet solchen Schreiern nicht! Denn an ihren Werken werden sie ebenso leicht zu erkennen sein wie die Bäume an ihren Früchten; denn ein guter Baum bringt auch gute Früchte. Auf Dornhecken wachsen keine Trauben und auf den Disteln keine Feigen.
GEJ|9|71|9|0|Worin aber das Reich Gottes besteht, und wie und wo es sich im Menschen selbst nur entfaltet, das habe Ich vor euch ehedem zu den Pharisäern gesagt; und so werdet ihr denn wohl auch einsehen und begreifen, daß denen nicht zu glauben sein wird, die da rufen werden: ,Siehe da, siehe dort!‘ Denn wie der Geist inwendig im Menschen ist und alles Leben, Denken, Fühlen und Wissen und Wollen urstämmlich von ihm ausgeht und alle Fibern durchdringt, also ist auch das Reich Gottes als das wahre Lebensreich des Geistes ja auch nur inwendig im Menschen und nicht irgend auswendig oder außerhalb des Menschen.
GEJ|9|71|10|0|Wer das in sich recht auffaßt und es der vollen, lebendigen Wahrheit nach begreift, dem wird ein falscher Prophet in Ewigkeit nichts anzuhaben imstande sein; wer aber in seinem Gemüte einer Windfahne oder einem Schilfrohre im Wasser gleicht, der wird freilich schwerlich den ruhevollen und wahrheitshellen Hafen des Lebens finden. Darum seid denn auch ihr keine Windfahnen und Schilfrohre, sondern seid wahre Lebensfelsen, denen Stürme und Wasserwogen nichts anhaben können! – Habt ihr dieses nun wohl begriffen?“
GEJ|9|71|11|0|Sagten die Jünger: „Ja, Herr und Meister, nun haben wir Dich wohl wieder begriffen, da Du uns die Sache auch lichtvoll und mit verständlichen Worten erläutert hast; aber wenn Du in oft sehr verhüllten Bildern zu uns sprichst, so können wir nicht darum, so wir sagen: ,Herr, wo da, wie also?‘ Wir danken Dir nun aber auch, wie allzeit, für solche Deine uns erteilte Gnade und bitten Dich, daß Du mit uns auch stets die gleiche Geduld haben mögest!“
GEJ|9|71|12|0|Sagte Ich: „So Ich wäre, wie da sind die Menschen, da wäre Mir Meine Geduld mit euch wohl schon zu öfteren Malen zu kurz geworden; aber weil Ich Der bin, als den ihr Mich kennet, und bin voll der höchsten Geduld, Langmut, Liebe und Sanftmut, so werdet ihr euch über Meine Geduld auch nie zu beklagen haben. Seid aber auch also geduldig, sanft- und demütig, wie Ich das von ganzem Herzen bin, und liebet euch als wahre Brüder untereinander, wie auch Ich euch liebe und allzeit geliebt habe, so werdet ihr es dadurch aller Welt zeigen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid! Keiner von euch dünke sich mehr zu sein denn sein Nebenjünger, denn ihr seid alle gleiche Brüder; nur Ich allein bin euer Herr und Meister und werde das auch sein und verbleiben in alle Ewigkeit, gleichwie zu allen Zeiten dieser Welt. Denn so der Vater mit Seinen Kindern keine Geduld hätte, wer anders sollte da mit ihnen noch Geduld haben?
GEJ|9|71|13|0|Wir haben nun schon eine geraume Zeit miteinander fürs Gottesreich gewirtschaftet, und ihr habet auch in solcher Zeit so manche Fehler begangen, und nicht einer von euch ist von Mir noch verstoßen worden, sogar der eine nicht, den Ich euch schon zu öfteren Malen bezeichnet habe, und der bis zur Stunde noch ein Teufel ist, der sich noch nicht gebessert hat. Aber Meine Liebe und Geduld hat ihn noch nicht gerichtet; um wieviel weniger wird sie diejenigen richten, die mit aller Liebe und vollstem Glauben an Mir hängen! Darum könnet ihr auch allzeit Meiner höchsten Liebe und Geduld völlig versichert sein; denn wer in Mir bleibt, in dem bleibe auch Ich.“
GEJ|9|72|1|1|72. — Das Reich Gottes
GEJ|9|72|1|0|Sagte nun der Wirt in aller Ehrfurcht und Hochachtung: „O Herr und Meister, Deine Taten sind allerwunderbarst, – aber Deine Worte sind wahrhaft pur Wahrheit und Leben. Denn so Du handelst, da merkt es auch ein Blinder, daß in Deinem Willen mehr als eine menschliche Kraft und Macht waltet; aber wenn Du sprichst, da erkennt man erst in der Fülle, daß Du der Herr Selbst bist! Denn die Weisheit Deiner Rede ist mehr denn das hellste Licht der Mittagssonne.
GEJ|9|72|2|0|Aber nun muß auch ich mir noch die Freiheit nehmen und des Reiches Gottes wegen an Dich, o Herr und Meister, eine Frage stellen. So Du es mir zuvor allergnädigst gestatten wollest, will ich reden.“
GEJ|9|72|3|0|Sagte Ich: „Rede du, was du nur immer willst, und Ich werde dir antworten!“
GEJ|9|72|4|0|Sagte nun der Wirt: „Herr und Meister, Du hast nun vieles von Deiner abermaligen Ankunft und somit auch von der Ankunft des Reiches Gottes auf dieser Erde gar überweise geredet zu Deinen lieben Jüngern und daneben auch zu mir und zu meinem von Dir geheilten Oberknecht. Da fiel mir denn doch eines sehr auf, und das von einer irgendwann in der Ferne der Zeiten werden sollenden und somit auch von der wahren Ankunft des Reiches Gottes auf Erden.
GEJ|9|72|5|0|Und also sagtest Du auch, daß das Reich Gottes nicht irgend mit äußerem Schaugepränge unter die Menschen kommen werde, sondern es sei schon inwendigst im Menschen, der es nur zu suchen, zu finden und also in sich zu entfalten habe.
GEJ|9|72|6|0|Ich aber bin da nun einer solchen Meinung, daß wir uns alle hier in Deiner Gegenwart befinden, die sich sichtlich nicht in uns, sondern noch sehr außer uns befindet, und wir mit aller Zuversicht sagen können: Siehe, hier ist Christus, der von Ewigkeit gesalbte Herr aller Herrlichkeit, und Er Selbst ist Alles in Allem und somit auch das ewige Reich Gottes und das Leben und die Wahrheit! Da Du nun aber bei uns bist, so ist ja auch Dein Reich nicht in uns, sondern bei uns in unserer Mitte.
GEJ|9|72|7|0|Wird in der von Dir uns vorhergesagten Zeit sich diese heiligste Sache auch also verhalten, oder wird Deine zweite Ankunft von der jetzigen doch eine sehr verschiedene sein?“
GEJ|9|72|8|0|Sagte Ich: „O du Mein lieber Freund, du hast nun wahrlich ganz gut geredet, und Ich kann dir sagen, daß dir das nicht dein Fleisch und Blut, sondern nur dein Geist eingegeben hat; aber darum verhält sich die Sache von der einstigen Wiederkunft des Menschensohnes dennoch also, wie Ich sie euch allen klar genug gezeigt habe.
GEJ|9|72|9|0|Du hast ganz recht, so du nun sagst, daß das Reich Gottes in Mir zu euch gekommen ist und sich bei euch und in eurer Mitte befindet; aber das genügt noch nicht zur Erreichung und vollen Erhaltung des ewigen Lebens der Seele, weil das Reich Gottes in Mir wohl zu euch gekommen, aber darum noch nicht in euer Inneres gedrungen ist, was erst dann geschehen kann und wird, wenn ihr ohne alle Rücksicht auf die Welt Meine Lehre ganz in euren Willen und somit auch in die volle Tätigkeit aufgenommen habt. Wenn das einmal der Fall sein wird, dann werdet ihr nicht mehr sagen: ,Christus, und mit Ihm das Reich Gottes, ist zu uns gekommen und wohnt bei und unter uns!‘, sondern ihr werdet sagen: ,Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir!‘ Wenn das bei euch der Fall sein wird, dann auch werdet ihr das in der Fülle lebendig begreifen, wie das Reich Gottes nicht mit äußerem Schaugepränge zu und in den Menschen kommt, sondern sich nur inwendig im Menschen entfaltet und die Seele in sein ewiges Leben zieht, festigt und erhält.
GEJ|9|72|10|0|Es muß zwar dem Menschen zuvor von außen her der Weg gezeigt werden durch das Gotteswort, das da kommt aus den Himmeln zum Menschen, und wo man sagen kann: ,Der Friede sei mit dir; denn das Reich Gottes ist nahe zu dir gekommen!‘ Aber darum ist der Mensch noch nicht im Gottesreiche, und das Reich Gottes ist nicht in ihm.
GEJ|9|72|11|0|Aber so der Mensch ungezweifelt zu glauben anfängt und durch sein Tun nach der Lehre den Glauben lebendig macht, dann erst entfaltet sich das Reich Gottes also im Menschen, wie sich im Frühjahre das Leben in der Pflanze sichtlich von innen aus zu entfalten anfängt, wenn die Pflanze von dem Lichte der Sonne beschienen und erwärmt und dadurch zur inneren Tätigkeit genötigt wird.
GEJ|9|72|12|0|Alles Leben wird wohl wie von außen her angeregt und geweckt, – aber die Entstehung, Entwicklung, Entfaltung, Formung und Festigung geht dann immer von innen aus.
GEJ|9|72|13|0|Also müssen auch Tiere und Menschen die Nahrung zuerst von außen her in sich aufnehmen; aber dieses Aufnehmen der Speise und des Trankes ist noch lange nicht die wahre Ernährung des Leibes, sondern diese geht erst dann vom Magen in alle Teile des Leibes aus. Wie aber gewisserart der Magen das Lebensnährherz des Leibes ist, also ist auch das Herz im Menschen der Nährmagen der Seele zur Erweckung des Geistes aus Gott in ihr, und Meine Lehre ist die wahre Lebensspeise und der wahre Lebenstrank für den Magen der Seele.
GEJ|9|72|14|0|Und so bin Ich denn in Meiner Lehre an die Menschen ein wahres Lebensnährbrot aus den Himmeln, und das Tun nach ihr ist ein wahrer Lebenstrank, ein bester und kräftigster Wein, der durch seinen Geist den ganzen Menschen belebt und durch die hellst auflodernde Liebesfeuerflamme durch und durch erleuchtet. Wer dieses Brot ißt und diesen Wein trinkt, der wird keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken in Ewigkeit.
GEJ|9|72|15|0|So ihr das nun verstanden habt, so tuet auch danach, und Meine Worte werden in euch zur vollsten und lebendigsten Wahrheit werden!“
GEJ|9|73|1|1|73. — Eine Belehrung des Herrn über das Essen Seines Fleisches und das Trinken Seines Blutes
GEJ|9|73|1|0|Sagten nun die Jünger: „Herr und Meister, diese Deine Belehrung an uns ist wohl verständlich, – aber als Du einmal in Kapernaum, wo Dir so viel Volk aus allen Gegenden um Jerusalem nachgezogen ist, eine ähnliche Lehre von dem Essen Deines Fleisches und vom Trinken Deines Blutes geredet hast, da war das offenbar eine harte Lehre, besonders für jene Menschen, die Dein einfaches und klares Wort nicht also verstanden haben, wie es dem wahren Sinne nach zu verstehen war, darum denn damals Dich auch viele der damaligen Jünger verlassen haben. Wir selbst verstanden das anfangs nicht, nur der Wirt, der niemals ein eigentlicher Jünger von Dir war, hat uns die Sache verdolmetscht, und so wir nun jene Lehre mit dieser vergleichen, so besagt sie dasselbe, was Du nun wohl in höchster und handgreiflicher Klarheit gelehrt hast. – Haben wir recht oder nicht?“
GEJ|9|73|2|0|Sagte Ich: „Allerdings, denn Brot und Fleisch sind da eines und dasselbe, so wie auch Wein und Blut, und wer da in Meinem Worte das Brot der Himmel ißt und durch das Tun nach dem Worte, also durch die Werke der wahren, alleruneigennützigsten Liebe zu Gott und zum Nächsten den Wein des Lebens trinkt, der ißt auch Mein Fleisch und trinkt Mein Blut. Denn wie das von den Menschen genossene natürliche Brot im Menschen zum Fleische und der getrunkene Wein zum Blute umgestaltet wird, so wird in der Seele des Menschen auch Mein Wortbrot zum Fleische und der Liebetatwein zum Blute umgewandelt.
GEJ|9|73|3|0|Wenn Ich aber sage: ,Wer da ißt Mein Fleisch‘, so ist damit schon bedeutet, daß er Mein Wort nicht nur in sein Gedächtnis und in seinen Gehirnverstand, sondern auch zugleich in sein Herz, das da – wie bereits gezeigt – der Magen der Seele ist, aufgenommen hat, und im gleichen auch den Liebetatwein, der dadurch nicht mehr Wein, sondern schon das Blut des Lebens ist; denn das Gedächtnis und der Verstand des Menschen verhalten sich zum Herzen beinahe geradeso, wie der Mund zum natürlichen Magen. Solange das natürliche Brot sich noch unter den Zähnen im Munde befindet, ist es noch kein Fleisch, sondern Brot; wenn es aber zerkaut in den Magen hinabgelassen und dort von den Magensäften durchmengt wird, so ist es seinen feinen Nährteilen nach schon Fleisch, weil dem Fleische ähnlich. Und also ist es auch mit dem Weine oder auch mit dem Wasser, das sicher auch den Weinstoff in sich enthält, da ohne das Wasser, das das Erdreich zur Ernährung aller Pflanzen und Tiere in sich birgt, die Rebe erstürbe. Solange du den Wein im Munde behältst, geht er nicht ins Blut über; aber im Magen wird er gar bald in dasselbe übergehen.
GEJ|9|73|4|0|Wer demnach Mein Wort hört und es in seinem Gedächtnisse behält, der hält das Brot im Munde der Seele. Wenn er im Gehirnverstande darüber ernstlich nachzudenken anfängt, da zerkaut er das Brot mit den Zähnen der Seele; denn der Gehirnverstand ist für die Seele das, was die Zähne im Munde für den Leibmenschen sind.
GEJ|9|73|5|0|Ist vom Gehirnverstande Mein Brot, also Meine Lehre, zerkaut oder als volle Wahrheit verstanden und angenommen, so muß sie dann auch von der Liebe zur Wahrheit im Herzen aufgenommen werden und durch den festen Willen in die Tat übergehen. Geschieht das, so wird das Wort in das Fleisch und durch den ernstfesten Tatwillen in das Blut der Seele, das da ist Mein Geist in ihr, umgestaltet, ohne das die Seele so tot wäre wie ein Leib ohne das Blut.
GEJ|9|73|6|0|Der ernstfeste Tatwille aber gleicht einer guten Verdauungskraft des Leibmagens, durch die der ganze Leib gesund und stark erhalten wird; ist aber die Verdauungskraft des Magens schwach, so ist der ganze Leib schon krank und schwach und siecht selbst bei den besten und reinsten Speisen.
GEJ|9|73|7|0|Ingleichen geht es der Seele, in deren Herzen der Wille zur Tat nach der Lehre ein mehr schwacher ist. Sie gelangt nicht zur vollen, gesunden, geistigen Kraft, bleibt so halb hin und halb her, gerät leicht in allerlei Zweifel und Bedenken und fängt bald die eine und bald eine andere Kost zu prüfen an, ob sie ihr nicht besser und stärkender anschlüge. Aber es ist damit der einmal schon schwächlichen Seele dennoch nicht völlig geholfen. ,Ja‘, aber fraget ihr nun in euch, ,ist denn einer schwächlichen Seele dann auch nicht mehr völlig zu helfen?‘ O ja, sage Ich. Wie aber?“
GEJ|9|74|1|1|74. — Die Bedeutung der Tat nach dem Worte Gottes
GEJ|9|74|1|0|(Der Herr:) „Höret! So ein Mensch einen schwachen Magen hat, so nimmt er einmal einen euch wohlbekannten Kräutertrank, durch den die schlecht verdauten Speisen auf dem bekannten natürlichen Wege aus dem Magen und den Gedärmen hinweggeschafft werden; die schlecht verdauten Speisen aber gleichen den in der Seele erwachten Bedenken, ob sie dies und jenes wohl völlig glauben und danach tätig sein solle.
GEJ|9|74|2|0|Wenn aber der natürlich schwache Magen einmal gereinigt ist, was ist dann zu tun, damit er wieder stark werde und stark bleibe? Der Mensch werde recht tätig und mache dabei in der frischen und reinen Luft eine rechte Bewegung, und der Magen wird dadurch zuerst seine volle und gesunde Kraft wieder erhalten. Und seht, das tue denn auch die Seele! Sie reinige ihr Herz von all den irrtümlichen Lehren, Begriffen und Ideen, nehme die Wahrheit, wie Ich sie euch lehre, liebewillig und vollgläubig auf und werde danach recht tätig und regsam, und sie wird dadurch bald sehr erstarken und auch völlig und unverändert bleibend gesund werden!
GEJ|9|74|3|0|Darum sei denn keiner von euch nur Hörer, sondern sogleich auch ein ernstwilliger und emsiger Täter Meines Wortes, so werden dadurch auch ehest alle Bedenken und Zweifel aus seiner Seele entwichen sein.
GEJ|9|74|4|0|Wie aber der natürliche Leibesmagen in seinem kräftig gesunden Zustande allerlei reine und im Notfalle auch unreine Speisen in sich aufnehmen kann, ohne einen Schaden zu leiden, weil er durch seine Tätigkeit alles Unreine entweder von sich wegschafft oder ins Reine verkehrt, ebenso tut das auch der kräftige und völlig gesunde Magen der Seele; und es ist demnach dem Reinen alles rein, und selbst der unreinste geistige Pestdunst der Hölle kann in ihm keinen Schaden bewirken.
GEJ|9|74|5|0|So ihr denn im Vollbesitze Meines Reiches in euch sein werdet, da werdet ihr über Schlangen und Skorpionen einherwandeln und Gifte aus der Hölle trinken können, und es wird euch das nimmerdar schaden.
GEJ|9|74|6|0|So ihr nun das alles wohl begriffen und aufgefaßt habt, so werdet ihr denn nun auch das der vollen und lebendigen Wahrheit nach einsehen, was Ich in Kapernaum unter dem ,Mein-Fleisch-essen‘ und unter dem ,Mein-Blut-trinken‘ von euch verstanden haben wollte, und ihr werdet das hinfort auch sicher keine harte Lehre mehr nennen.
GEJ|9|74|7|0|Es sind aber für den puren Menschenverstand die Dinge und gar viele Erscheinungen schon in der sichtbaren Naturwelt grundursächlich schwer dahin zu erklären, auf daß er darauf von allen möglichen, den bösen Aberglauben nährenden Irrtümern frei werde und so den Weg der Wahrheit wandle; um wie vieles schwerer begreiflich erst sind dann die dem Fleischesauge des Menschen unsichtbaren, himmlisch geistigen Dinge, Kräfte, Wirkungen und Erscheinungen für den puren Gehirnverstand und für die Seele ersichtlich zu machen!
GEJ|9|74|8|0|Darum sage Ich euch denn auch allzeit: In alle Weisheit in geistigen, himmlischen Lebensverhältnissen und in deren Kraft und Macht werdet ihr erst dann eingeweiht werden, so ihr auf die Art und Weise, wie Ich sie euch ausführlich klar gezeigt habe, in Meinem Geiste völlig neu geboren sein werdet. Und nun fraget euch selbst, ob ihr das alles auch in der rechten und vollen Wahrheitstiefe verstanden und begriffen habt!“
GEJ|9|74|9|0|Sagten die Jünger: „Ja, Herr und Meister, wenn Du also vor uns die Geheimnisse des Reiches Gottes enthüllst, dann sind sie für uns denn auch leicht verständlich; aber so Du Deinen Mund in Gleichnissen auftust, dann ist der Sinn Deiner Worte für uns stets schwer und manchmal gar nicht verständlich. Aber so Du dann die Gleichnisse uns erklärst, da erst sehen wir ein, daß derlei Bilder und Gleichnisse zu geben nur der göttlichen Allweisheit möglich ist. O Herr, wir danken Dir aus dem tiefsten Herzensgrunde für Deine übergroße Geduld mit und für Deine Liebe zu uns! So wir aber als Menschen irgendwann schwach und müde werden sollten auf dem Wege zur wahren Neu- und Wiedergeburt Deines Geistes in uns, dann, o Herr, verlasse uns nicht, sondern stärke uns, und laß uns nimmerdar schwach werden! Und wenn unser Gemüt ängstlich und traurig wird, wenn Du in der Zukunft nicht mehr sichtbar unter uns wandeln wirst, dann komme mit Deiner Gnade und Erbarmung, und tröste uns, und belebe unsere Liebe, unsern Glauben und unser Hoffen und unser Erwarten!“
GEJ|9|74|10|0|Sagten der Wirt und sein geheilter Oberknecht: „O Herr und Meister, um das, um was Dich die Jünger gebeten haben, bitten auch wir Dich!“
GEJ|9|74|11|0|Sagte Ich: „Wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Um was ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird euch auch gegeben werden! Wo aber ist ein Vater unter den Menschen, die doch zumeist eitel böse sind, der einem Kinde, das ihn um ein Stück Brot bittet, einen Stein gäbe, oder einer Tochter, die ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange?
GEJ|9|74|12|0|So aber schon die Menschen, die – wie gesagt – eitel böse sind, ihren Kindern gute Gaben erteilen, um wieviel mehr wird der ganz allein übergute Vater im Himmel denen Gutes erweisen, die Ihn liebend und gläubig darum bitten.
GEJ|9|74|13|0|Darum möget ihr allzeit fröhlichen Herzens und frohen Mutes sein; denn der heilige und übergute Vater wacht allzeit über euch und sorgt um euer Wohl und Seelenheil.
GEJ|9|74|14|0|Der Vater aber ist in Mir, wie Ich allzeit und ewig in Ihm bin, und Ich gebe euch die volle Versicherung, daß Ich euch niemals als Waisen belassen werde bis ans Ende der Zeiten dieser Erde.
GEJ|9|74|15|0|Wahrlich sage Ich euch: Wer Mich wahrhaft lieben und Meine Gebote halten wird, zu dem werde Ich kommen und Mich ihm selbst offenbaren, und es wird sich dann ein jeder überzeugen können, daß er sich nicht als Waise in der Welt befindet! Wem Ich Mich aber also offenbaren werde, der behalte das nicht für sich, sondern teile solchen Trost auch seinen Brüdern mit, auf daß auch sie dadurch getröstet und gestärkt werden.
GEJ|9|74|16|0|Wer die Schwachen gerne stärkt, die Betrübten tröstet und den Leidenden gerne hilft, der wird in allem dem den zehnfachen Lebenslohn von Mir zu gewärtigen haben. Dessen könnet ihr allzeit völlig versichert sein!“
GEJ|9|74|17|0|Diese Meine Worte machten alle fröhlich und heiter, und der Wirt ließ unsere Becher abermals mit seinem besten Weine füllen, und wir tranken denn auch und unterhielten uns noch bei einer Stunde lang.
GEJ|9|75|1|1|75. — Der nächtliche Gewittersturm
GEJ|9|75|1|0|Nach einer Stunde aber ward es unruhig auf der Straße; denn es entstand ein starker Wind und tobte mit großem Ungestüm durch die Türen und Fenster des Hauses. Darob entsetzten sich denn auch die Pharisäer so sehr, daß ein paar zu uns kamen und den Wirt ängstlich fragten, was daraus werde.
GEJ|9|75|2|0|Der Wirt aber, der selbst ängstlich wurde über den so plötzlich entstandenen Sturm, sagte: „Wie möget ihr Gottesdiener mich darum fragen? Ihr kennet doch sonst alles und saget, daß Gott auf der Welt ohne euch, die ihr Seine einzigen Stellvertreter und Seine Diener und Knechte seid, nichts vermöge. So werdet ihr nun wohl auch am besten wissen, warum Gott diesen gewaltigen Sturm gar so plötzlich hat entstehen lassen, und was daraus werden wird. Was soll ich als ein von euch noch stets geächteter Halbsamariter da wissen, wo ihr Gott so nahe Stehende selbst voll Furcht und Angst zu fragen anfanget?“
GEJ|9|75|3|0|Sagte einer der Pharisäer: „Nun, nun, so fahre als ein Bürger Roms nur nicht gleich so in die Höhe! Vielleicht weiß uns da der wundersame Nazaräer, der in alle Geheimnisse der Natur sicher sehr eingeweiht ist, etwas zu sagen? Denn so etwas ist ja noch gar nie dagewesen! Ein Sturm, wie er nun immer ärger zu wüten anfängt, fängt doch stets mit einem schwächeren Winde an, der immer heftiger wird, so lange, bis er in einen Orkan ausartet; aber diesem Sturm ist auch nicht das leiseste Lüftchen vorangegangen, sondern er kam wie eine mächtige Flut urplötzlich und tobt und rast nun mit stets zunehmender Heftigkeit fort, und da kann man denn doch wohl fragen, was daraus werden solle?“
GEJ|9|75|4|0|Während der Pharisäer noch also fortreden wollte, entlud sich draußen ein starker Blitz, dem alsbald ein gar gewaltig dröhnender Donner folgte. Da stürzten die beiden Pharisäer, von Schreck und Angst genötigt, ganz zu uns hin und suchten bei uns Schutz und Trost. Es dauerte aber gar nicht lange, als sich ein zweiter Blitz mit noch größerer Heftigkeit entlud, der auch die andern Pharisäer und den Schriftgelehrten zu uns brachte. Alles im ganzen Hause war von Furcht und großer Angst erfüllt und drängte sich in unseren Saal, und die Pharisäer verkrochen sich unter den Tisch, an dem sie ehedem gesessen hatten.
GEJ|9|75|5|0|Es fragte Mich aber darauf der Wirt, sagend: „Herr und Meister, die Zeit in der Nacht zu messen, wenn man keine Sterne sieht, ist eine schwere Sache; aber so nach meinem Gefühl dürfte es nun wohl schon in die Nähe der Mitternacht gekommen sein. Die meisten von der Tagesarbeit müden Menschen haben sich schon sicher vor zwei Stunden zur Ruhe begeben und sollten zur Nachtzeit Ruhe haben; dieser Sturm aber wird doch sicher niemanden in der Ruhe lassen, da sein Toben ein so heftiges ist, daß sogar ein Halbtoter wach und mit aller Angst und Furcht erfüllt werden muß. Warum ist denn doch nun dieser Sturm so urplötzlich entstanden? Sieh, ich bin doch ein Mensch, der so leicht nicht kleinmütig wird; aber ich gestehe es offen, daß ich nun trotz Deiner allmächtigen Gegenwart von dem Toben und Wüten dieses Sturmes, der sich nicht im geringsten legen will, in allerlei Besorgnisse versetzt werde. Kannst oder willst Du diesem Sturme nicht auch gebieten, sich zu legen? Denn die Nacht ist ja eine Zeit der Ruhe der ganzen Natur und nicht eine Zeit der gewaltigsten Unruhe. Warum müssen denn sicher gar viele Tausende von Menschen und Tieren von solch einem Nachtsturm in eine größte Angst und Furcht versetzt werden?“
GEJ|9|75|6|0|Sagte Ich: „Siehst du nun auch Mir irgendeine Furcht und Angst an? Laß du diesen äußeren Sturm nur immerhin wüten und toben; denn es wird durch ihn keinem Gerechten ein Haar gekrümmt werden!
GEJ|9|75|7|0|Um vieles ärger ist der innere Sturm eines großen Sünders, wenn sein Ende naht und er den ewigen Tod vor sich sieht und Gottes Zorn über seinem Haupte. Wird der bei Gott wohl auch noch eine Gnade und Erbarmung zu erlangen hoffen können, der nie einem Armen auch nur die kleinste Barmherzigkeit erwiesen, wohl aber gar viele Menschen ins größte Elend und in die drückendste Not gestürzt hat? Siehe, Freund, ein solcher Seelensturm ist ums unaussprechbare erschrecklicher denn ein solcher Natursturm, durch den der Erde eine große Wohltat und daneben hie und da nur ein sehr kleiner Schaden zugefügt wird. Darum lassen wir diesen Natursturm nun nur wüten und toben noch eine Weile, und wir werden dabei dennoch voll guter Dinge und voll guten Mutes sein!“
GEJ|9|75|8|0|Als Ich damit den Wirt getröstet und beruhigt hatte, da entluden sich wieder mehrere gar gewaltige Blitze, denen ein gar mächtig erdröhnender Donner folgte, daß darob das ganze starke Haus des Wirtes erbebte.
GEJ|9|75|9|0|Als die unter einem Tische zusammenhockenden Pharisäer das Erbeben des ganzen Hauses wahrnahmen, da fingen sie mit zitternder Stimme laut zu rufen an: „Jehova, Du Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, erbarme Dich unser, und laß uns nicht zugrunde gehen, etwa gar dieser zauberischen und frevelhaft kecken Essäer wegen, die sich Juden nennen, aber mit den Samaritern, Heiden, Zöllnern und anderen Sündern umgehen und sich über uns, Deine rechten Diener erheben und uns allerorts bei den Menschen verdächtigen, Deinen Namen eitel nennen und, wie wir es wissen, auch zu öfteren Malen den Sabbat schänden!“
GEJ|9|75|10|0|Als die Pharisäer solches noch kaum ausgesprochen hatten, da entluden sich wieder mehrere noch heftigere Blitze mit starkem Gekrache, und ein Blitz hatte sogar in die dem Hause des Wirtes gegenüberstehende Synagoge geschlagen und das Holzwerk, das Dach und die Bänke, Tische und Kästen, in Brand gesteckt.
GEJ|9|75|11|0|Der Wirt ersah das alsbald durch die Fenster des Saales und sagte zu den Pharisäern: „Erhebet euch, und gehet löschen; denn der letzte Blitz hat in die Synagoge eingeschlagen und das Holzwerk entzündet! Kurz, die Synagoge steht in Flammen; darum gehet hin, und suchet eure Schätze und Heiligtümer zu retten!“
GEJ|9|75|12|0|Als die Pharisäer das vernahmen, da sprangen sie gleich auf, machten im Hause einen großen Lärm und wollten Mich und Meine Jünger zum Löschen des Feuers zwingen.
GEJ|9|75|13|0|Ich aber sagte mit ernster Stimme: „Was kümmert Mich euer Feuer und eure Synagoge! Ihr habt ja ohnehin schon euren Gott angerufen. Warum erhört Er eure Bitte denn nicht? Wahrlich, so Ich, als ein von euch blinden Pharisäern vermeinter Essäer, den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bitten würde, daß Er dem Sturme geböte, aufzuhören, so würde der Sturm auch alsbald aufhören! Ich werde aber das nun nicht tun; denn ihr haltet mich für einen Ketzer und Sünder gegen euren Gott, an den ihr selbst in euren Herzen noch nie geglaubt habt. Wendet euch nun nur an euren Gott, und sehet, ob Er euch erhören und helfen wird!“
GEJ|9|75|14|0|Auf das wurden die Pharisäer noch zudringlicher und baten uns, ihnen zu helfen, so da bei der schon starken Überhandnahme des Feuers noch eine Hilfe möglich wäre.
GEJ|9|75|15|0|Auch der Wirt bat Mich, sagend: „O Herr und Meister, so Du auch diese blinden Pharisäer nicht erhören willst, so wolle doch mich erhören! Denn siehe, mein Haus ist nur bei siebzig Schritte von der brennenden Synagoge entfernt; wenn der heftige Wind umschlüge, so stünde auch mein Haus in Gefahr, Feuer zu fangen, und das um so leichter, weil der Sturmwind von keinem Regen begleitet ist!“
GEJ|9|75|16|0|Sagte Ich: „Ich habe dir schon einmal die Versicherung gegeben, daß dem Gerechten kein Haar gekrümmt werde, und so der Wind zehnmal umschlüge, so wird dadurch dir und deinem Hause noch kein Unheil begegnen. Derlei Winde aber schlagen nicht so leicht um, was Ich wohl kenne, und so hast du nun nichts zu befürchten.
GEJ|9|75|17|0|Es sind aber in dieser Synagoge gar viele ungerechte Schätze aufgehäuft, um die arme Witwen und Waisen, in der Fremde umherirrend, seufzen und wehklagen, während diese blinden Pharisäer, die sich von den Juden als Gottes Diener ehren lassen, sich hier ganz sorglos und um das wahre Wohl der Menschen unbekümmert mästen. Daher ist denn auch kein Schade um derlei Schätze, an denen Gott ewig nie ein Wohlgefallen haben kann. Diese hier aber, die nun zum gerechten Schaden kommen, werden in der Folge noch ebensogut leben, wie sie bisher gelebt haben!“
GEJ|9|76|1|1|76. — Der jüngere Pharisäer beginnt den Herrn zu erkennen
GEJ|9|76|1|0|Als die Pharisäer das von Mir vernommen hatten, da sagte der eine, der unter ihnen noch der Bessere war, zu dem Schriftgelehrten: „Du, der Galiläer hat an und für sich wahrlich nicht unrecht. Seine Worte stechen zwar wie scharfe Pfeile; aber er spricht die Wahrheit! Warum hat der Blitz denn gerade unsere Synagoge treffen müssen? Der Galiläer kennt unsere Wirtschaft und kann ihr wahrlich kein Lob erteilen und weiß es denn auch recht wohl, daß Gott unsere Bitte unerhört lassen wird. Wir sollten uns ihm nun freundlicher nähern, und er könnte uns vielleicht doch wunderbar erretten. Wer von uns kann es denn nur mit einiger Gewißheit behaupten, daß er nicht eben Der ist, der uns verheißen worden ist?“
GEJ|9|76|2|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Fängst auch du an, wider uns zu zeugen? Steht es denn nicht geschrieben: ,Aus Galiläa steht kein Prophet auf!‘?“
GEJ|9|76|3|0|Sagte der bessere Pharisäer: „Ja, ja, das steht wohl also geschrieben; aber das steht auch nirgends geschrieben, daß der Messias nicht in Galiläa erstehen könnte. So er aber Der wäre, da ist er dann aber auch kein Prophet, sondern der Herr Selbst, und es hätte dann das, was in der Schrift steht, auf ihn keinen Bezug!“
GEJ|9|76|4|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, wenn es so wäre, dann freilich nicht; aber wer kann das erweisen, und wer getraute sich das?“
GEJ|9|76|5|0|Sagte der Pharisäer: „Er selbst und nun schon vielleicht viele Hunderttausende von Zeugen! Für unsern Unglauben aber kann er nicht. Hier aber ist nun eine Gelegenheit, uns zu zeigen, daß er mehr denn ein Prophet ist, und wir wollen und werden dann auch an ihn glauben!“
GEJ|9|76|6|0|Hierauf sagte der Schriftgelehrte nichts mehr, ging aber hinaus, um nachzusehen, welchen Schaden etwa das stets wachsende Feuer schon angerichtet habe. Da aber der Sturmwind gleichfort so heftig wehte, daß sich ein Mensch kaum aufrecht stehend halten konnte, und die Blitze auch beinahe unausgesetzt die Luft und das dichte Gewölk mit starkem Gedonner durchkreuzten, so blieb der Schriftgelehrte mit noch einem ihn begleitenden Pharisäer nicht lange draußen als ein Beobachter stehen, sondern kehrte bald wieder in den Saal zurück und zeigte es den andern an, daß nun von der Synagoge nicht viel mehr zu retten sein werde, indem das Feuer schon zu mächtig geworden sei und man im Orte zu wenig Wasser und zu wenig mutige Menschen zum Löschen besitze.
GEJ|9|76|7|0|Der bessere Pharisäer aber trat wieder zu Mir und sagte: „Meister, Du hast es vernommen, was ich über Dich zu unserem Schriftgelehrten geredet habe, und er konnte mir darauf nichts irgend Haltbares erwidern, schwieg daher lieber, ging aber doch hinaus, um nachzusehen, ob es sich etwa noch der Mühe lohnte, die Synagoge zu löschen und so auch noch einige Kostbarkeiten zu retten. Damit hatte er andeuten wollen, daß er auch an Dich zu glauben anfinge, so Du durch Deine Wundermacht den Brand der Synagoge löschen und so denn auch einige wenige Schätze retten würdest. Da aber das böse Feuer nun schon bald alles verzehrt und zerstört haben wird, so wird er sich nun denken: ,Da ist weder mit natürlichen noch mit wunderbaren Mitteln mehr etwas zu retten, und so bleibe ich bei meinem Unglauben.‘
GEJ|9|76|8|0|Ich für mich und meinen Teil aber denke und urteile da nun ganz anders; denn mir genügen die zwei Zeichen, die Du hier gewirkt hast, nämlich erstens die Reinigung der zehn Aussätzigen und zweitens die Heilung des Oberknechtes, und ich glaube, daß Du unwiderlegbar der Gesalbte Gottes bist und Dir darum auch nichts unmöglich ist. Und so glaube ich denn auch, daß Du den Sturm stillen und unsere Synagoge noch löschen und uns das Notwendigste zum Leben retten könntest, so Du das wolltest! Herr und Meister, vergib es mir, so ich mich ehedem irgend an Dir versündigt habe, und lasse wenigstens mich sehen, daß Du auch ein Herr der Elemente und der großen Natur bist!“
GEJ|9|76|9|0|Sagte Ich: „Selig bist du, da du glaubest, und Ich will dir auch tun nach deinem Glauben! Gehe denn nun mit Mir hinaus ins Freie, und wir wollen sehen, was ein rechter Glaube vermag!“
GEJ|9|76|10|0|Darauf ging Ich mit dem besseren Pharisäer hinaus ins Freie und besah mit ihm den starken Brand, der bereits im ganzen großen Gebäude wütete, und sagte zu ihm, der ohne Furcht und Angst mit Mir war: „Meinst und glaubst du noch, daß es Mir möglich wäre, mit einem Worte den gewaltigen Sturm zu stillen und den Brand zu löschen und dadurch zum wenigsten deine Habe zu retten?“
GEJ|9|76|11|0|Sagte der Pharisäer ganz zutraulich: „Ja, Herr und Meister, jetzt erst glaube ich das ganz ohne etwelchen Zweifel! Sprich Du nur ein Wort, und es wird unfehlbar geschehen, was Du willst!“
GEJ|9|76|12|0|Sagte Ich: „Nun, so geschehe denn, wie du es glaubest!“
GEJ|9|76|13|0|Als Ich das ausgesprochen hatte, da legte sich urplötzlich der Sturm, und der Brand der Synagoge verlosch auch derart, daß im ganzen großen Gebäude auch nicht ein glühendes Fünklein aufzufinden war.
GEJ|9|76|14|0|Hierauf fiel der Pharisäer vor Mir auf seine Knie nieder und pries laut die Kraft und Macht Gottes in Mir.
GEJ|9|76|15|0|Ich aber hieß ihn aufstehen; denn es fingen nun auch alle, die die Furcht und Angst in den großen Saal getrieben hatte, an, sich ins Freie zu begeben, da sie es wohl merkten, daß der Sturm gänzlich nachgelassen hatte und durch die Fenster vom Brande der Synagoge auch nichts mehr zu entdecken war.
GEJ|9|76|16|0|Als der Schriftgelehrte mit den anderen Pharisäern das merkte und auch den Himmel ganz wolkenlos erblickte, da sagte er: „Höret, das ist mehr, als was sich ein noch so weiser Mensch je hätte können träumen lassen! Was können wir aber nun tun? Glauben wir an den Galiläer, so wird uns bald der ganze Tempel mit glühenden Scheiten am Genicke sitzen, – und glauben wir ihm nun noch nicht, so haben wir das Volk der ganzen Umgegend wider uns. Da wird es nun schwer werden, die goldene Mittelstraße zu finden und auf ihr fortzuwandeln. Doch davon wollen wir erst morgen weiterreden. Nun aber schaffet uns Lichter, auf daß wir uns alsbald überzeugen mögen, welch einen Schaden wir durch den Brand erlitten haben!“
GEJ|9|76|17|0|Da brachte der Wirt Lichter, aus Wachs angefertigt, und alles begab sich nach der Synagoge, um nachzusehen, was da alles durch das Feuer zerstört worden sei. Die Pharisäer fanden bald, daß das Feuer in ihren Wohnungen eine große Verheerung angerichtet hatte, und fingen darob sehr zu jammern an; als sie aber in die Wohnung des besseren und gläubigen Pharisäers kamen, in der Ich Mich mit ihm befand, da ergriff alle ein großes Staunen, als sie da alles unversehrt und in der besten Ordnung antrafen.
GEJ|9|77|1|1|77. — In der beschädigten Synagoge
GEJ|9|77|1|0|Da trat der Schriftgelehrte zu Mir und sagte: „Meister, warum hast denn Du nicht auch unsere Wohnungen also beschützt wie diese hier?“
GEJ|9|77|2|0|Sagte Ich: „Warum habt denn ihr nicht auch also geglaubt wie dieser eine hier?“
GEJ|9|77|3|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Wir konnten uns doch nicht selbst zum Glauben zwingen! Zum vollen Glauben gehört eine gediegenere Überzeugung als die, die wir über dich haben konnten. In dieser von allerlei Zauberern und Wundertätern strotzenden Zeit ist es schwer – besonders für einen alten Schriftgelehrten –, die Wahrheit aus den vielen ähnlichen Erscheinungen herauszufinden und sie dann auch ungezweifelt als das, was sie sei, anzunehmen und ungezweifelt zu glauben!“
GEJ|9|77|4|0|Sagte Ich: „Wer zwang denn diesen euren Gefährten zum Glauben, und wie fand denn er aus den vielen falschen Erscheinungen die Wahrheit heraus? Seht, das liegt nicht im Gehirnverstande des Menschen, sondern in seinem besseren und aufrichtigeren Herzen!
GEJ|9|77|5|0|Ihr habt euch schon gar lange kein Gewissen mehr daraus gemacht, die Menschen zu eurem äußeren Weltvorteile auf alle nur mögliche Art und Weise zu belügen und zu betrügen; dieser allein tat das nicht, da er bei sich noch auf die Gebote Gottes etwas hielt und sie nicht also verkehrte, wie ihr sie verkehrt habt.
GEJ|9|77|6|0|Ihr hattet in euren Herzen keinen Glauben und somit auch keine Lebenswahrheit mehr, und darin liegt der Grund, aus dem ihr Mich nicht erkennen mochtet und an Mich auch keinen Glauben fassen konntet; denn wo keine Wahrheit und kein Leben ist, da kann sich auch keine noch so helle Wahrheit mit ihrem Leben eine Aufnahme und eine bleibende Wohnung verschaffen.
GEJ|9|77|7|0|Wo aber noch eine Wahrheit mit ihrem Leben in einem Menschenherzen wohnt, da greift denn auch bald und leicht eine höhere Wahrheit Platz und erzeugt den lebendigen Glauben und dessen Kraft. Und das war denn bei diesem eurem Gefährten der Fall, und Ich habe denn also auch geschehen lassen, wie er geglaubt hat. Da habt ihr nun den Grund eures Unglaubens und der Härte eures Herzens, der euch ebenso blind macht und erhält wie euresgleichen allenthalben im ganzen Judenlande. Ich habe nun geredet und werde Mich nun wieder in die Herberge begeben.“
GEJ|9|77|8|0|Auf diese Meine Worte wußte der Schriftgelehrte samt seinem Anhange nichts zu erwidern; Ich aber begab Mich darauf im Geleit des bekehrten Pharisäers, des Wirtes und des geheilten Oberknechtes sogleich nach der Herberge, in der alle die Jünger noch am Tische saßen und sich über Meine Lehren und Taten besprachen.
GEJ|9|77|9|0|Die andern Pharisäer und der Schriftgelehrte aber durchsuchten mit mehreren Hausleuten des Wirtes die Synagoge mit Hilfe der Lichter klein durch, um zu sehen, was alles ihnen durch den Brand zerstört worden sei. Sie hätten das auch am nächsten Tage tun können; aber da sie viel Gold, Silber und noch andere Schätze, in der Synagoge verschiedenen Winkeln und Mauerlöchern wohl versteckt, besaßen, so wollten sie sich überzeugen, inwieweit das Feuer etwa auch diese wohlverborgenen Schätze verschont oder unverschont gelassen habe. Als sie nach fleißigem Durchsuchen der Winkel und Mauerlöcher denn doch noch so manches unversehrt vorfanden, da ward es ihnen etwas wohler ums Herz; sie stellten aber dennoch eine Wache auf, die in etlichen Knechten des Wirtes gegen einen guten Lohn bestand, damit ihnen niemand etwas stehle und sie noch ärmer mache, als sie nun zu sein glaubten.
GEJ|9|77|10|0|Wir aber hatten unterdessen noch über so manches Besprechungen angestellt, die hier sonderheitlich nicht wiedergegeben zu werden brauchen, weil sie ohnehin an den Orten, wo sie vorgekommen sind, mehr denn hinreichend klar dargestellt und erklärt worden sind.
GEJ|9|77|11|0|Besonders ward hier unsere Reise von Jericho bis hierher von Meinen Jüngern klar und kurz und bündig erzählt, worüber der Pharisäer, der Wirt, sein Knecht und sein Weib und etliche seiner erwachsenen Kinder höchlichst erstaunten und der Pharisäer laut zu öfteren Malen ausrief: „Nein, das ist mehr als endlosmal zu viel, um selbst die Steine sehend zu machen! Und meine Gefährten bleiben noch blind und suchen ihre elenden Weltschätze zu verwahren, während die allerhöchsten und ewig unvergänglichen Schätze des Lebens hier in der überschwenglichsten Fülle aufgetischt werden. Aber was kann unsereiner da machen, wo der Herr des Lebens so oftmals vergeblich die größten Zeichen wirkt und den Menschen Lehren gibt, die allein nur aus dem Herzen und Munde Gottes kommen können? Ich lebe leider unter Wölfen und muß, um von ihnen nicht zerrissen zu werden, mit ihnen heulen. Aber sie werden mich von nun an nicht mehr zum Heulen bringen; denn ich weiß nun schon, was ich tun werde!“
GEJ|9|77|12|0|Als unser Pharisäer noch solche Ausrufungen machte, da kam auch der Schriftgelehrte und wollte zu erzählen anfangen, wie das Feuer doch eine bedeutende Menge der Schätze unversehrt gelassen hätte.
GEJ|9|77|13|0|Aber der Pharisäer erhob sich gleich gegen ihn und sagte: „Ich bitte dich, schweige hier an der heiligen Stätte von dem fluchwürdigsten Unflate der Welt! Dieser Unflat hat die Menschen zu Teufeln gemacht und ihre Seelen in den Pfuhl des ewigen Todes gestürzt. Hier unter uns aber weilt der Herr des Lebens, dem alle Macht über alles im Himmel und auf Erden innewohnt, und ist gekommen, um uns vom alten Joche der Hölle und des ewigen Todes zu erlösen durch Seine Liebe, Gnade und übergroße Erbarmung, – und du suchst den Unflat der Hölle wohl zu verwahren, auf daß du dann noch blinder, verstockter und toter wirst in deiner Seele, als du ohnehin schon bist! Hier stehen die Pforten der Himmel weit geöffnet, und du und die anderen Gefährten bemühet euch, für euch die Hölle wohl zu erhalten. Oh, wie groß muß da eure Seelenblindheit und Herzensverstocktheit sein!
GEJ|9|77|14|0|Frage dich selbst! Wer kann Der wohl sein, dem Winde, Stürme, Blitze, Feuer und alle andern Elemente und Kräfte der Natur gehorchen? Ich habe Ihn erkannt und bin nun schon überselig darob; warum erkennest denn du Den noch nicht, der dich mit dem leisesten Hauche Seines allmächtigen Willens vernichten oder in die Hölle verstoßen kann? Weil du an dem bösen Unflate der Welt mit Leib und Seele hängest und tot und blind im Herzen bist!“
GEJ|9|78|1|1|78. — Die geistige Finsternis des Schriftgelehrten
GEJ|9|78|1|0|Als der Schriftgelehrte dieses von unserem bekehrten Pharisäer vernommen hatte, da ward er zwar dem Außen nach unwillig; aber innerlich fing er doch an nachzudenken und sagte nach einer Weile: „Glücklich der, dem ein offenes Herz gegeben ist; mir ist es bis jetzt noch nicht gegeben worden! Ich habe die Schrift wohl studiert und suchte die Wahrheit, – was kann nun ich darum, daß ich sie nicht finden konnte? Was nützte mir, so ich las: ,Gott hat mit Abraham, Isaak, Jakob und noch mit vielen andern so und so geredet und hat Sich durch Moses und durch die andern Propheten den Menschen geoffenbart.‘? Warum hat Er denn mit mir und vielen andern meinesgleichen nicht geredet? Bin ich denn weniger Mensch, als es die waren, mit denen Gott geredet und Sich ihnen geoffenbart hat?
GEJ|9|78|2|0|Erst jetzt ist abermals ein Mensch unter uns aufgestanden, der uns von neuem wieder zeigt, daß die Schrift keine pure von herrschsüchtigen Menschen erfundene und erdichtete Fabel ist, und daß es einen Gott gibt, dem alle Himmel und alle Mächte und Kräfte der Natur untertan sind. Und so ist es auch nun an der Zeit, zu denken und zu forschen, wie und wodurch bewogen Gott nun wieder einen Menschen erweckt hat, der uns durch Taten und Worte zeigt, daß die Schrift Wahrheit und keine Fabel ist.
GEJ|9|78|3|0|Ich bin Mensch geworden nicht durch meinen Willen und nicht durch meine Kraft, sondern durch einen unerforschlichen Willen und durch dessen ebenso unerforschliche Kraft und Macht. Kann ich denn dafür, wenn mich diese Kraft und Macht nicht auch also leitete, daß ich an ihrem Dasein nie hätte zweifeln können? Laß mich nun darum denken, auf daß ich in mir auf den Weg komme, auf dem die alte Wahrheit von neuem wohlerkennbar werde; dann erst rede du mit mir!“
GEJ|9|78|4|0|Darauf sagte der bekehrte Pharisäer: „Wie groß muß denn die Herzens- und auch Verstandesblindheit bei einem Menschen sein, der bei solchen Erscheinungen und besonders bei solchen Lehren noch denken und alles genau erwägen will, ob und wie Gott bewogen werden konnte, in dieser Zeit von Seinem allmächtigen Dasein den Menschen dieser Erde wieder einmal ein Zeichen zu geben, und ob das Zeichen auch ein vollgültig wahres sei. O Herr und Meister voll rein göttlicher Kraft, sei auch den Blinden und Verstockten gnädig und barmherzig!“
GEJ|9|78|5|0|Sagte Ich: „Freund, lasse du das; denn es hat auf dieser Welt alles seine Zeit! In der Seele deines Gefährten steckt noch zu viel Gold und Silber dieser Welt, und da kann das Reich Gottes nicht so leicht Platz greifen wie bei Menschen, deren Seelen nicht von dem Mammon dieser Welt verhärtet und blind geworden sind. Der schiebt die Schuld auf Gott, daß Er ihn vernachlässigt habe, – bedenkt aber nicht, daß auch er gar manche und sehr bedeutungsvolle Mahnungen von Gott aus erhalten hat, die ihm zu einer großen Leuchte für seine Seele hätten werden können, wenn sie nicht schon von Kindheit an mit aller Gold- und Silbergier wäre angefüllt worden.
GEJ|9|78|6|0|Er war damals schon im Tempel, als das offenbare Wunder mit dem Hohenpriester Zacharias geschah, den sie, weil er die großen Mißbräuche und Betrügereien der herrschsüchtigen Pharisäer und ihrer getreuen Anhänger zu rügen und abzuschaffen anfing, zwischen dem Altare und dem Allerheiligsten erwürgt haben. Er war auch im Tempel, als Simeon und die alte Anna lebten, und hat ihre Worte gehört; er war auch noch im Tempel, als Ich als ein zwölfjähriger Knabe die unverkennbarsten Zeichen von dem Geiste gab, der in Mir wohnt, und er kannte Johannes, den Bußprediger in der Wüste, der ein Sohn des Zacharias und der alten, frommen Elisabeth war.
GEJ|9|78|7|0|Aber er erkannte vor lauter Gold und Silber das Licht aus den Himmeln nicht, obschon es Tausende geradewegs mit Händen haben greifen können. Er dachte wohl recht viel in seinem Gehirne nach, – aber was nützet der Seele, deren Herz mit lauter Mammon verhärtet und verfinstert ist, ein solches Denken, das da gleicht einem flüchtigen Irrlichte, das wohl gleich einem Blitz die Nacht auf einen Augenblick erleuchtet, aber gleich darauf eine viel ärgere Finsternis zur Folge hat, als sie ehedem den Boden der Erde deckte?
GEJ|9|78|8|0|Wahrlich aber sage Ich: So aber ein solches Verstandeslicht im Menschen schon die purste Finsternis ist, wie groß und stark muß dann erst die eigentliche Nacht des Herzens und der Seele selbst sein! Darum laß du diesen Schriftgelehrten mit seinem Irrlichte nur das Reich Gottes suchen; je länger er es also suchen wird, desto weniger wird er es finden! So er sein Herz und dadurch auch seine Seele nicht völlig von dem Mammon frei macht, so lange auch wird er ins Gottesreich nicht eingehen.
GEJ|9|78|9|0|Seine Rede gleicht nur der eines Blinden, der auch teils Gott die Schuld gibt, daß er blind ist, und nicht begreift, wie da die andern Menschen sehen können, da doch er nichts sieht. Doch bei einem Leibesblinden ist solch eine Rede zu entschuldigen, wenn er sich nicht selbst mutwillig geblendet hat; aber bei einem Seelenblinden ist solch eine Rede nicht zu entschuldigen, indem er lange gleich vielen andern hätte sehend werden können, so er die ihm wohlbekannten Mittel dazu treulich gebraucht hätte. – Doch lassen wir nun das; morgen ist auch noch Zeit, über die Mittel zur Erlangung des inneren Lichtes zu reden. Die vier Stunden der noch übrigen Nachtzeit aber wollen wir der Ruhe unseres Leibes widmen!“
GEJ|9|78|10|0|Es fragte nun schleunigst der Wirt, ob Ich in ein eigenes Schlafgemach Mich begeben wolle.
GEJ|9|78|11|0|Sagte Ich: „Wir bleiben hier am Tische; denn Meine Jünger schlafen hier ohnehin schon zum größten Teile, und die Lampen fangen an, zu erlöschen.“
GEJ|9|78|12|0|Mit dem war der Wirt zufrieden.
GEJ|9|78|13|0|Der Pharisäer wollte auch bei uns bleiben; aber der Schriftgelehrte sagte zu ihm: „Komme du mit mir in deine unversehrt gebliebene Wohnung; ich werde diese Nacht bei dir Wohnung nehmen und mit dir noch so manches besprechen!“
GEJ|9|78|14|0|Sagte der Pharisäer: „Ganz gut, – aber mit dem Besprechen wird sich in diesem Reste der Nacht nicht viel machen lassen; denn auch meine Augenlider haben angefangen, schwach zu werden!“
GEJ|9|78|15|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Nun, nun, das tut nichts zur Sache; gehen wir aber dennoch und nehmen die Ruhe! Vielleicht haben wir einen guten Traum zu gewärtigen, der uns mehr sagen kann, als wir uns gegenseitig; denn ich habe bei solchen gemütsaufregenden Gelegenheiten noch allzeit sehr sonderbare Träume gehabt und werde damit auch diesmal sicher nicht verschont werden.“
GEJ|9|78|16|0|Mit dem gingen die beiden und nahmen die Nachtruhe.
GEJ|9|79|1|1|79. — Der Traum des Schriftgelehrten
GEJ|9|79|1|0|Am Morgen, als die Sonne schon über die Berge gestiegen war und Ich und die Jünger wie gewöhnlich uns schon im Freien befanden, erwachten denn auch der Pharisäer und der Schriftgelehrte, wuschen sich nach der strengen Sitte der Juden, und der Pharisäer fragte dann den Schriftgelehrten, ob er wohl einen Traum gehabt hätte.
GEJ|9|79|2|0|Und dieser sagte (der Schriftgelehrte): „Ja, Freund, wie ich es dir vor unserer Ruhenahme gesagt habe; aber es träumte mir nichts als lauter dummes Zeug durcheinander.
GEJ|9|79|3|0|Höre! Ich befand mich zwischen hohen Bergen, und wo ich hinsah, waren lauter Gold- und Silberminen; und ich sah eine Menge Bergleute, die diese Metalle in großen Klumpen aus den Bergen schafften. Da ich aber dieses Metall in einer so übergroßen Menge vor mir sah, so hat es vor mir allen Wert zu verlieren angefangen, und als die Bergleute noch immer mehr und mehr dieser Metalle an das Tageslicht förderten, da ward es mir bange, und ich fing an, einen Ausweg zu suchen. Wo ich aber auch hinkam und einen Ausweg nehmen wollte, da war er mit den größten Klumpen Goldes und Silbers schon derart verrammt, daß es eine Unmöglichkeit war, je darüber ins Freie gelangen zu können.
GEJ|9|79|4|0|Ich wandte mich denn in meiner großen Angst und nahe völligen Verzweiflung an einen Bergmann, der sich in meiner Nähe befand, und bat ihn, daß er mir einen Ausweg aus der Gold- und Silberschlucht zeige.
GEJ|9|79|5|0|Aber der rollte mich mit einer sehr rauhen Stimme an, sagend: ,Da gibt es keinen Ausweg! Wer sich einmal in diese Schlucht verirrt hat, der kommt nicht mehr hinaus; denn wir merken das genau, von woher jemand zu uns herein gelangt, und verrammen ihm den Ausweg, sobald er unsere Schätze zu bewundern angefangen hat. In dieser Schlucht haben schon gar überaus viele Mächtige und Große der Erde ihren Untergang gefunden, und du wirst nicht einer der Letzten sein!‘
GEJ|9|79|6|0|Auf diese sehr drohenden Worte des rauhen Bergmanns, der sich darauf auch alsogleich von mir entfernte, erreichten meine Furcht und Angst den höchsten Grad, so daß ich darob wie ganz besinnungslos zu Boden fiel und in diesem bösen Zustande abermals in einen neuen Traum im Traume verfiel.
GEJ|9|79|7|0|Da kam ein Mann zu mir und fragte mich mit ernster Stimme, was ich an diesem Orte mache.
GEJ|9|79|8|0|Ich aber sagte: ,Wie fragst du mich also, – weiß ich doch nicht, wann, wie und warum ich hierher gekommen bin. Ich habe das ja nie gewollt und befinde mich dennoch hier.‘
GEJ|9|79|9|0|Darauf verschwand der Mann, und ich sah bald darauf ein arges Tier sich mir nahen. Da geriet ich in eine noch größere Angst. Darauf aber sah ich einen Blitz vom Himmel fahren, der traf das böse Tier, dessen Gestalt ich dir nicht beschreiben kann. Darauf fing dasselbe an, sich zu krümmen und zu bäumen und stürzte bald in einen tiefen Abgrund, und mir ward es behaglicher im Gemüte.
GEJ|9|79|10|0|Ich richtete mich auf und eilte von dieser Stelle einem Orte zu, der sich in einer ziemlichen Ferne von mir befand und ein freundliches und einladendes Aussehen hatte. Ich kam bald in die Nähe des Ortes. Da ersah ich gar zierliche Gärten, in denen eine Menge von allerlei mir unbekannten Fruchtbäumen standen, deren Äste und Zweige von den seltsamsten Früchten strotzten.
GEJ|9|79|11|0|In dem einen der Gärten ersah ich auch Weiber und Mägdlein von großer Schönheit, und es fing mich zu gelüsten an, mit ihnen zu reden. Aber mein Gelüsten hatte auch bald ein Ende; denn als mich die Mägdlein und die Weiber ersahen, da fingen sie an zu schreien und flohen vor mir.
GEJ|9|79|12|0|Ich dachte bei mir, warum das?
GEJ|9|79|13|0|Da vernahm ich eine Stimme wie aus irgendeinem Versteck: ,Das ist unser Feind! Fliehet vor ihm, damit er uns nicht auch hier raube unsere Habe und unsere Keuschheit und unsere Unschuld! Ihr, unsere Männer, aber ergreifet und bindet ihn, und werfet ihn in einen Kerker, darin Kröten und Schlangen hausen!‘
GEJ|9|79|14|0|Als ich solches vernahm, da fing ich an zu fliehen über Steine und Stoppeln; ich fiel endlich vor Müdigkeit zu Boden und wurde darauf wach.
GEJ|9|79|15|0|Wahrlich, das war denn doch ein dummer und böser Traum, und ich bin vom Angstschweiß noch ganz naß am ganzen Leibe!
GEJ|9|79|16|0|Was sagst nun du, Freund, zu diesem meinem bösdummen Traum?“
GEJ|9|80|1|1|80. — Die Erklärung des Traumes durch den Pharisäer
GEJ|9|80|1|0|Sagte der Pharisäer: „Freund, dieser von dir mir nun erzählte Traum scheint mir eben nicht so bösdumm zu sein, wie du das meinst, und hat eben für dich nach meinem Urteil eine gar tiefe Lebensbedeutung, die ich dir mit wenigen Worten zeigen könnte!“
GEJ|9|80|2|0|Sagte der Schriftgelehrte: „So tue das; ich will dich recht gerne anhören!“
GEJ|9|80|3|0|Sagte weiter der Pharisäer: „Höre! Die dich so sehr ängstigende Gold- und Silberschlucht, aus der du am Ende keinen Ausweg mehr finden konntest, zeigte dir den Zustand deiner mit lauter Goldgier umpanzerten Seele, die aus eben diesem Zustande keinen Ausweg trotz alles ihres Denkens und Suchens ins Freie der reinen und lebendigen Wahrheit aus Gott mehr finden kann. Die Bergleute, welche du die benannten Metalle in großen Klumpen aus den Bergen schaffen sahst, sind deine eigenen unersättlichen Begierden nach solchen Erdenschätzen. Der Bergmann aber, der zu dir sagte, daß aus dieser Schlucht kein Ausweg mehr führe, und dir auch mit unsanfter Stimme dein sicheres Zugrundegehen verkündete, ist dein eigenes Gewissen, das dich – wie zu einem letzten Mal – allerernstlichst ermahnte, weil du seine sanftere Mahnstimme nicht mehr achten wolltest.
GEJ|9|80|4|0|Hierauf wurde es dir so sehr ängstlich und bange zumute, daß du wie besinnungslos zu Boden fielst. Das ist dir ein Zeichen, so zu verstehen nach meiner Ansicht: Weil du deine Gier zu verachten und zu fliehen begannst und dadurch deine Seele entpanzert hast, so hast du dich deiner alten Liebe und somit deines materiellen Lebens begeben und fielst wie tot zu Boden. Weil du aber das getan hast, so erwachte in dir alsbald ein anderes und schon freieres Leben.
GEJ|9|80|5|0|Der Mann, der da bald zu dir kam und an dich eine ganz gewichtige Frage stellte, die du nicht beantworten konntest, war abermals dein Gewissen, dein jenseitiger Geist aus Gott. Als er sich von dir entfernte, da ersahst du alsbald ein böses Tier, das nichts anderes als deine alte Gier war, die dich trotz deines schon freieren Seelenzustandes in deinem Gemüte verfolgt. Aber weil du vor deiner alten Sünde nun einen Abscheu hast, so ist dir selbst die Rückerinnerung an sie widrig und verächtlich, und du bemühst dich, diesem bösen Tiere zu entfliehen, auf daß es dich nicht abermals ergreife und dich verderbe und töte. Solche deine gerechte Furcht vor deinem bösen Tier ersieht der Himmel und entsendet einen Blitzstrahl der lebendigen Wahrheit aus Gott. Dieser trifft dein böses Tier wohl, das sich darauf wohl noch eine Weile bäumt und krümmt, aber endlich doch in den Abgrund stürzt und in deiner Seele nicht mehr zum Vorschein kommt.
GEJ|9|80|6|0|Nun zeigt sich dir, wie noch in einer Ferne, ein wohnlicher Ort, darob es dir ganz behaglich zumute wird. Du eilst dem Orte zu und in dessen Nähe zu gar schönen und an seltsamen Fruchtbäumen und Früchten reichen Gärten. Der wohnliche Ort ist die in dein Herz zurückgekehrte Ruhe, und die Gärten stellen die neuen Wahrheiten aus Gott dar, an denen du viel Wohlgefallen hast. Aber da sie durch das Tun danach nicht dein Eigentum sind, so erschaust du sie noch wie außer dir, und die Früchte getrauest du dir nicht anzugreifen.
GEJ|9|80|7|0|In einem Garten ersahst du auch gar schöne Weiber und Mägdlein, mit denen du dich besprechen und in eine nähere Bekanntschaft setzen möchtest. Als sie aber, als innerste lebendige Wahrheiten, deiner als eines puren, äußeren Verstandesmenschen ansichtig werden, so fliehen sie vor dir, und du denkst: ,Warum wollen sie mich denn nicht, und warum fliehen sie vor mir?‘ Da erwacht wieder dein Gewissen und zeigt dir, wie arm du an den Werken der Liebe zu Gott und zum Nächsten dastehst, und wie viel Unrecht, das du den armen Witwen und Waisen zugefügt hast, du noch gutzumachen hast, worüber sich aber dein Verstand noch entsetzt.
GEJ|9|80|8|0|Da sagt dir abermals dein Gewissen: ,Ergreifet und bindet ihn – deinen Außenverstand nämlich – und werfet ihn in einen finstern Kerker, darin Schlangen und Kröten hausen!‘ Das will mit andern Worten so viel sagen, als: Du selbst nimm deinen Weltverstand durch den lebendigen Glauben an Gott und Seinen zu uns gekommenen Gesalbten gefangen, und verbanne ihn, und gib ihn der finstern Welt und ihren giftigen Sorgen zurück; denn aus dem Worte Gottes muß ein neuer und rein geistiger Verstand werden, ansonst du in den Ort der wahren und trostreichen Seelenruhe nicht eingehen kannst.
GEJ|9|80|9|0|Da erschrickst du freilich wie von neuem wieder, weil du all dein Leben in deinem Außenverstande zu besitzen wähnst, und fliehst daher noch eine Weile über harte und tote Stoppeln und Steine des Anstoßes. Die Stoppeln und Steine aber sind gleich den Torheiten der Weltweisheit, die dich ermüden und abermals zu Fall bringen. Wohl dir, so du durch diesen im Geiste der vollen Wahrheit aus Gott also wach würdest, wie du nun von deinem guten und für dich sehr bedeutungsvollen Traume ins irdische Leibesleben zurück erwacht bist!
GEJ|9|80|10|0|Siehe, so habe ich die Bedeutung deines Traumes erkannt und sie dir denn auch ohne Rückhalt mitgeteilt! Sie ist aber freilich meinem guten Wahrnehmen nach nicht so ganz auf meinem eigenen Grund und Boden gewachsen; denn es kam mir deutlich vor, als hätte mir ein höherer Geist die Worte ins Herz und in den Mund gelegt. Und ich glaube auch, daß dich der Geist Dessen, dem die Kräfte der Himmel und alle Elemente dieser Erde gehorchen – wie wir das gesehen haben – in einen solchen Traumzustand hat kommen lassen.
GEJ|9|80|11|0|Du aber kannst nun dennoch glauben, was du willst. Ich habe geredet und werde nun auch sogleich den großen Meister aufsuchen gehen und sehen, was Er macht; du aber kannst nun tun, was du willst!“
GEJ|9|80|12|0|Sagte der über diese Traumdeutung ganz erstaunte Schriftgelehrte: „Höre, ich werde das tun, was du tust, – und so gehen wir!“
GEJ|9|81|1|1|81. — Die beiden Templer suchen den Herrn
GEJ|9|81|1|0|Als die beiden aus der Wohnung ins Freie kamen, da sahen sie die große Brandstätte und wie ihre Gefährten tätig waren, um ihre vom Feuer noch nicht zerstörten Schätze zu sammeln und irgend in eine gute Verwahrung zu bringen.
GEJ|9|81|2|0|Einer rief dem Schriftgelehrten zu, sagend (ein Templer): „Kümmerst du dich um das Deinige denn gar nicht?“
GEJ|9|81|3|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ich werde zu dem, was allenfalls mein ist, noch früh genug kommen; und ist von dem Meinen nichts zu finden, so werde ich mich darum auch nicht grämen. Arbeitet ihr nur zu für den Tod; ich aber werde mich nun um eine Arbeit fürs Leben umsehen!“
GEJ|9|81|4|0|Mit diesen Worten begaben sich die beiden weiter.
GEJ|9|81|5|0|Die andern Pharisäer aber sagten unter sich: „Hat der Galiläer etwa auch schon unseren einzigen Schriftgelehrten verrückt gemacht?“
GEJ|9|81|6|0|Dieser achtete aber dessen nicht und begab sich in die Herberge mit dem ganz bekehrten Pharisäer, um da mit Mir reden zu können. Ich aber war mit Meinen Jüngern noch im Freien und daher nicht in der Herberge.
GEJ|9|81|7|0|Da Mich die beiden vermißten, so fragten sie den Wirt, der mit dem Ordnen des großen Speisetisches beschäftigt war, wo Ich Mich befände, oder ob Ich etwa gar den Ort schon verlassen hätte.
GEJ|9|81|8|0|Der Wirt aber sagte: „Der Herr des Lebens ist noch nicht fortgegangen! Er befindet Sich mit Seinen Jüngern irgendwo im Freien; wo aber, das kann ich euch nicht angeben, da Er schon eher diesen Saal verließ, als ich wach wurde. Es hatten aber einige Seiner Jünger Reisebündel bei sich, die ich noch in meiner Verwahrung habe, und das ist ein Zeichen, daß der Herr diesen Ort noch nicht verlassen hat, und ich glaube, daß Er bald wieder zurückkommen wird, indem das Morgenmahl bald vollends bereitet sein wird, darum Er sicher weiß. Gehet aber hinaus, und suchet Ihn auf; denn es lohnt sich da wohl der Mühe, den Herrn des Lebens aufzusuchen! Ich werde das selbst tun, sobald ich mit dem Ordnen dieses Tisches fertig sein werde. Mein geheilter Oberknecht hat das bereits getan.“
GEJ|9|81|9|0|Sagte der Pharisäer: „Was machen denn die zehn Gereinigten? Sind sie noch hier, oder sind sie schon weitergezogen?“
GEJ|9|81|10|0|Sagte der Wirt: „Oh, die sind schon mit dem Anbruch des Tages weitergezogen! Wohin, das wird auch der Herr am besten wissen!“
GEJ|9|81|11|0|Auf diese Worte verließen die beiden eiligst den Saal und gingen, daß sie Mich irgendwo träfen. Sie gingen durch den Markt und fragten einen und den andern Menschen, ob er Mich nicht gesehen habe; aber es wußte ihnen keiner einen Bescheid zu geben.
GEJ|9|81|12|0|Am Ende des Marktes begegnete ihnen ein armes Kind, das eine Waise war. Das fragten sie auch, ob es Mich in Gesellschaft von mehreren Männern nicht irgendwohin habe gehen sehen.
GEJ|9|81|13|0|Und das Kind sagte: „O ja! Seht, dort auf dem Hügel gen Kana zu sitzen die fremden Männer, – und einer muß gar etwas Hohes sein; denn er hat mir die Augen plötzlich geheilt! Ihr wisset es ja, daß ich von Geburt an völlig blind war, und wie mich meine arme Mutter täglich vor des Marktes Tor hinaussetzte, auf daß ich von den Menschen ein Almosen erbettelte!“
GEJ|9|81|14|0|Die beiden beschenkten das arme Kind reichlich und ließen es nun voll Freuden zu seiner Mutter ziehen, die das Kind bald ersah und ihm ganz erstaunt entgegeneilte und es um alles befragte.
GEJ|9|81|15|0|Die beiden aber eilten darauf gleich dem Hügel zu und kamen gerade zu uns, als wir uns vom Boden aufrichteten, um in die Herberge zurückzukehren.
GEJ|9|81|16|0|Als sie bei uns ankamen, da grüßten sie Mich auf das freundlichste und baten Mich, in Meiner Nähe sein zu dürfen.
GEJ|9|81|17|0|Und Ich sagte: „So ihr das wollet, da bleibet! Wir aber werden nun auf einem andern Wege uns in die Herberge begeben und nicht durch den Markt ziehen. Denn Ich habe das blinde Mägdlein sehend gemacht; das wird dieses nun samt ihrer Mutter jedermann erzählen, und wenn wir nun durch den Markt zögen, würde alles Volk sich zu uns drängen, um Mich zu sehen und zu preisen, dem Ich nun vorbeugen will. Und so gehen wir!“
GEJ|9|81|18|0|Auf diese Meine Worte verließen wir eiligst den Hügel und begaben uns schleunigst auf einem kleinen Umwege in die Herberge.
GEJ|9|81|19|0|Als wir in den Saal traten, wollte eben der Wirt Mich auch aufsuchen gehen, da er mit dem Ordnen des Tisches zu Ende gekommen war. Da wir aber ihm zuvorgekommen waren, so bat er Mich um Vergebung, daß er so saumselig gewesen sei. Ich aber beruhigte ihn und sagte, daß er nun das Morgenmahl solle auf den Tisch setzen lassen, was denn auch sogleich geschah. Wir setzten uns zu Tische und nahmen guten Mutes das wohlbereitete Mahl zu uns.
GEJ|9|81|20|0|Während des Mahles ward auch die Heilung des blinden Mägdleins besprochen, worüber sich der Wirt überaus verwunderte und sogleich nach dem armen Mägdlein und nach seiner Mutter jemanden senden wollte. Ich aber riet ihm, das vorderhand des Aufsehens wegen bleibenzulassen; wenn Ich aber aus dem Orte sein werde, dann werde es schon Zeit zur Genüge geben, der Armen zu gedenken. Und der Wirt tat das.
GEJ|9|82|1|1|82. — Das Weinwunder und seine Folgen
GEJ|9|82|1|0|Als der Wirt aber von Mir vernahm, daß Ich den Ort etwa bald verlassen möchte, da ward er traurig und sagte: „O Herr und Meister, Du wirst etwa doch nicht heute noch diesen Ort verlassen?“
GEJ|9|82|2|0|Sagte Ich: „Freund, es gibt noch gar viele Blinde und Taube im Herzen und in der Seele; zu denen muß Ich auch kommen und ihnen helfen. Wie es euch wohl tat, daß Ich zu euch kam, so wird es noch vielen wohl tun, wenn Ich zu ihnen kommen werde. Aber etwelche Stunden werde Ich dennoch in deinem Hause verweilen; und es wird sich in dieser Zeit noch so manches besprechen lassen. Laß uns aber nun noch einen frischen und reinen Wein auf den Tisch setzen!“
GEJ|9|82|3|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, einen frischeren, reineren und besseren Wein besitze ich in allen meinen Kellern nicht! Was wird da zu tun sein?“
GEJ|9|82|4|0|Sagte Ich: „Gehe du in den Keller, der sich unter diesem Saale befindet, da wirst du schon welchen finden!“
GEJ|9|82|5|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, da unter diesem Saale ist wohl ein alter Keller; aber es befinden sich darin weiter nichts als alte, nahezu unbrauchbar gewordene Kellergerätschaften, als Schläuche, Krüge und noch andere Gefäße. Von einem Weine ist darin keine Spur!“
GEJ|9|82|6|0|Sagte Ich: „Darum eben sollst du uns aus diesem Keller einen Wein bringen, auf daß du und alle, die in deinem Hause sich befinden, es noch mehr denn bisher merken sollen, daß derlei Dinge kein Essäer je zu bewirken imstande ist, wie der Schriftgelehrte bei sich noch meint!“
GEJ|9|82|7|0|Hierauf sagte der Wirt: „O Herr und Meister, dieser Meinung ist außer unserem Schriftweisen nun wohl kein Mensch mehr in meinem ganzen Hause! Ich glaube, daß in Dir die Fülle des Geistes Gottes wohnet körperlich! Dein Wille ist Sein Wille, und Dein Wort ist Sein Wort, und es ist darum alles, was Du sagst, eine ewige Wahrheit, Licht, Liebe, Leben und so gut wie ein vollbrachtes Werk. Und so glaube ich denn auch, daß sich nun in diesem alten Keller Wein befindet, und das sicher von der allerbesten Sorte!“
GEJ|9|82|8|0|Sagte Ich: „So gehe denn hinab, und bringe uns einen!“
GEJ|9|82|9|0|Hierauf nahm der Wirt zwei große Krüge, und ebenso auch der Oberknecht, gingen in den besagten Keller und fanden zu ihrem größten Erstaunen alle die alten Schläuche, bei hundertundfünfzig an der Zahl, alle Krüge und andern Gefäße, die sich nun alle in gutem Zustande befanden, voll des besten Weines. Beide kosteten den Wein und fanden ihn über alle Maßen gut und wohlschmeckend. Sie füllten die mitgenommenen vier Krüge und brachten den Wein auf den Tisch und füllten unsere schon leeren Becher.
GEJ|9|82|10|0|Der Pharisäer war der erste, der seinen Becher bis auf den letzten Tropfen leerte und darauf zu seinem Gefährten, der sich nicht recht getraute, einen etwa zauberischen Wunderwein zu trinken, sagte: „Versuche auch du den Wein, auf daß auch du erkennest, daß das Glaubensbekenntnis unseres Wirtes ein wahres ist!“
GEJ|9|82|11|0|Da nahm der Schriftgelehrte denn auch seinen Becher, fing an, den Wein zu kosten, und da er ihm gar zu wohl schmeckte, so leerte auch er seinen Becher bis auf den letzten Tropfen.
GEJ|9|82|12|0|Als er den Becher völlig geleert hatte, da sagte er (der Schriftgelehrte): „Wahrlich, dies ist eines jener Zeichen, das sich auf keine natürliche Art und Weise erklären läßt! Denn aller Art Kranke bloß durch einen überfesten Glauben und unbeugsamen Willen heilen, das ist nach alten Sagen und Traditionen unter den Menschen schon dagewesen; denn es gibt, wenn auch selten, hie und da noch gänzlich unverdorbene Menschen, die eine übergroße und ebenso starke Lebenskraft besitzen. Wenn derlei Menschen auf irgendeinen Kranken durch ihren Glauben und Willen einwirken wollen, so wird der Kranke wie von einem Lebensfeuerstrom durchdrungen und erfüllt und kann dadurch im Augenblick gesund werden, wie man um derlei Heilungen wohl so manches aus den alten Schriften beinahe aller uns bekannten Völker weiß. Also weiß man auch, daß es Menschen gegeben hat, die nach ihrem guten oder bösen Belieben am schönsten und heitersten Tage allerlei herzaubern und auch andere Dinge verrichten konnten, welche einem natürlichen Menschen wunderbar vorkommen mußten. Aber alte, leere Schläuche und andere Gefäße bloß durch den Willen erstens in einen brauchbaren Zustand setzen und sie dann aber auch mit dem reinsten, besten Weine füllen, das ist etwas, wovon alle Chroniken und alten Sagen nichts zu erzählen wissen. Und dieses Zeichen halte denn auch ich für ein übermenschliches, das ohne eine große Fülle wahrer göttlicher Kraft nicht zustande gebracht werden könnte, – und so fange nun denn auch ich an zu glauben, daß Du wahrhaft der Gesalbte Gottes bist!“
GEJ|9|82|13|0|Sagte Ich: „Da tust du wohl daran, so du das glaubst; aber in Mein Reich des Lebens werden die nicht völlig eingehen, die in ihrem Glauben zu Mir sagen werden: ,Herr, Herr und Meister!‘, sondern jene nur, die nach Meiner Lehre handeln und leben werden. Denn Meine Worte, so sie von einem Menschen tatsächlich erfüllt werden, sind Leben und Gotteskraft; aber bei Menschen, die die Worte wohl hören und sie auch im Gedächtnisse behalten, aber nicht danach handeln und leben, sind sie ohne Wirkung zum ewigen Leben der Seele, – wohl aber werden sie ihr gereichen zum Gerichte, das da ist der andere Tod im andern Leben. Ich habe es euch nun gesagt, auf daß sich niemand damit entschuldigen kann, als habe er das nicht gewußt!“
GEJ|9|82|14|0|Sagte darauf der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, wir glauben das nun freilich wohl ganz leicht und sind durch Deine hier gewirkten Zeichen vollends überzeugt, daß Deine Worte volle Wahrheit sind; aber wodurch werden diejenigen von der Wahrheit überzeugt werden, die Deine Lehre von uns vernehmen werden, vor denen wir aber keine Zeichen als eine endgültige Bestätigung der in Deiner Lehre enthaltenen Wahrheit zu wirken werden imstande sein?“
GEJ|9|83|1|1|83. — Vom Baum des Lebens und dem der Erkenntnis
GEJ|9|83|1|0|Sagte Ich: „Erstens bleibt die Wahrheit auch ohne Zeichen eine und dieselbe Wahrheit, und wer nach ihr leben und handeln wird, der wird es schon in sich lebendigst innewerden, daß Meine Lehre Gottes- und nicht Menschenwort ist.
GEJ|9|83|2|0|Und zweitens werden jene, die Meine Lehre vom Reiche Gottes im Menschen an andere übertragen werden und nicht pure Lehrer, sondern auch selbst Täter Meines Willens, der in Meiner Lehre klar enthalten ist, sein werden, in Meinem Namen auch Zeichen, und noch größere denn Ich Selbst, zu wirken imstande sein.
GEJ|9|83|3|0|Aber als pure Lehrer und nicht Selbsttäter Meiner Lehre werden sie keine Zeichen zu wirken imstande sein; denn die Kraft, Zeichen zu wirken, geht nicht vom Verstande, sondern vom lebendigen Glauben und festen Tatwillen aus. Denn der Verstand des Gehirns ist ein totes Weltlicht des Menschen, das wohl niemals in die innersten Lebensregionen des Geistes und seiner Kraft dringen kann; aber der lebendige Glaube im Herzen ist das wahre Lebenslicht der Seele, das in ihr den Geist erweckt und ihn den ganzen Menschen durchdringen macht. Ist der Mensch aber von dem Geiste durchdrungen, so ist er auch durchdrungen von seiner alles vermögenden Kraft; und was dann der lebendige Geist, als ein Wesen mit der Seele, will, das geschieht, und es ist des Wille schon als ein vollbrachtes Werk da.
GEJ|9|83|4|0|Es steht darum auch in der Schrift: Zwei Bäume hat Gott in den Garten des Lebens gesetzt, einen Baum des Lebens und einen Baum der Erkenntnis, und sagte zum Menschen: ,So du nur von dem Baume des Lebens die Früchte essen wirst, so wirst du auch leben; wirst du aber auch vom Baume der Erkenntnis die Früchte essen, bevor sie von Mir für dich gesegnet werden, dann wird der Tod über dich kommen, und du wirst sterben!‘
GEJ|9|83|5|0|Der Mensch aber, da er einen freiesten Willen hatte, ließ sich durch die Schlange seiner Begierde verlocken und aß eher noch auch von dem Baume der Erkenntnis, als er durch Glaubensreife im Herzen des Menschen wäre gesegnet worden, das heißt, er fing an, durch den Gehirnverstand den Geist Gottes und so den Geist des Lebens zu suchen und zu ergründen, und die Folge davon war, daß er sich dadurch von Gott nur stets mehr entfernte, anstatt sich Ihm mehr und mehr zu nahen. Und das war schon der Tod, das heißt der geistige des Menschen, und der ganze Mensch wurde kraftlos und verlor die Herrschaft über alle Dinge in der Naturwelt und ward dann genötigt, mit Hilfe des matten Schimmers seines Gehirnverstandes sich im Schweiße seines Angesichtes sein Nährbrot physisch und noch mehr geistig zu erarbeiten und zu erwerben.
GEJ|9|83|6|0|Und siehe, so haben sich nun die Menschen bis auf diese Zeit von Gott und somit auch vom wahren inneren Leben so weit entfernt, daß sie beinahe an gar keinen Gott mehr glauben und somit auch an gar kein Fortleben der Seele nach dem Abfalle des Leibes. Und die noch mechanisch entweder an einen Gott oder im blindesten Aberglauben an viele Götter, den Heiden gleich, glauben, stellen sich Gott oder die Götter so endlos weit von ihnen entfernt vor, daß es ihnen am Ende unmöglich vorzukommen anfängt, als könnte sich ein Mensch dem von ihm so endlos ferne geglaubten Gott je nahen.
GEJ|9|83|7|0|Und so nun Gott Selbst zu den Menschen in aller Fülle Seiner ewigen Macht und Kraft und mit aller Seiner Liebe und Weisheit körperlich gekommen ist, so erkennen sie das nicht und halten das in ihrer großen Blindheit und Dummheit für unmöglich, während bei Gott doch alle Dinge möglich sind. Und so halten sie Gott Selbst darum, weil Er Sich nun ihnen mit leiblichem Munde und nicht mit Blitz und Donner offenbart, für einen Gotteslästerer und bösen Aufwiegler des Volkes gegen Gott und gegen die Könige der Welt, die sich selbst für Götter halten und sich auch als solche von den Menschen ehren lassen.
GEJ|9|83|8|0|Und siehe, das alles ist eine Folge davon, weil alle Menschen die tote Frucht vom Baume der Erkenntnis lieber gegessen haben als die lebendige und lebengebende vom Baume des Lebens.“
GEJ|9|84|1|1|84. — „Adam, wo bist du?“ — eine wichtige Frage
GEJ|9|84|1|0|(Der Herr): „Die Frage, welche Gott an den Adam stellte, als dieser schon von der verbotenen Frucht gegessen hatte, die also lautete: ,Adam (oder Mensch), wo bist du?‘ dauert noch immer fort und wird auch fortdauern bis ans Ende dieser Welt, solange es irgend Menschen geben wird, die da lieber vom Baume der Erkenntnis als vom Baume des Lebens essen werden.
GEJ|9|84|2|0|Denn der Mensch, der von dem Baume der Erkenntnis ißt, der verliert nur zu bald Gott, sich und sein inneres Leben und weiß nicht mehr, wer er ist, warum er da ist, und was aus ihm werden soll. Da wird voll Angst und Furcht seine Seele und sucht in ihres Leibes Gehirnverstande die beruhigende und tröstliche Antwort auf ihre Frage: ,Mensch, wo bist du?‘ Aber da kommt stets dieselbe untröstliche Antwort: ,Du bist im Gerichte, welches der rechte Tod der Seele ist! Im Schweiße deines Angesichtes erwirb dir dein Brot!‘
GEJ|9|84|3|0|Was sollte denn die Seele im Gehirne finden? Nichts als innehaftende Bilder dieser Welt, die von dem, was des Geistes und des Lebens ist, alle um vieles ferner stehen wie sie selbst. Erkennt die Seele den ihr stets am allernächsten stehenden Geist des Lebens aus Gott nicht, wie wird sie dann erst dessen ihr oft endlos ferner stehenden Geist in den Abbildern der Welt in ihres Leibeskopfes Gehirn erkennen?
GEJ|9|84|4|0|Aus dieser gänzlichen Verkehrtheit geht aber dann auch notwendig von selbst die noch größere Verkehrtheit hervor, in der sich die Seele Gottes Wesen stets entfernter und unerreichbarer vorstellt, und das so lange fort, bis sie dasselbe endlich gänzlich verliert und dann in Epikureismus oder in Zynismus übergeht. [Epikureismus = Genußsucht; Zynismus = bissig-pietätlose Gesinnung.] 
GEJ|9|84|5|0|In diesem Zustande, in welchem sich nun die meisten Priester aller Art und Gattung befinden, und nun zumeist die Pharisäer, die Ältesten und Schriftgelehrten und die Fürsten und Könige samt ihrem großen Anhange, erkennt die Seele keine Wahrheit mehr. Lüge gilt ihr so viel und mehr noch als die reinste Wahrheit, wenn sie aus ihr nur irgendeinen irdischen Vorteil ziehen kann; hindert sie irgendeine Wahrheit daran, so wird sie derselben feind und flieht oder verfolgt sie mit Feuer und Schwert.
GEJ|9|84|6|0|In solchem Zustande der Seele gibt es für sie denn auch keine Sünde mehr, und ein Mensch, dem irgendeine weltliche Macht zu Gebote steht, tut dann, was ihm beliebt, und was seinen Sinnen schmeichelt, und wehe dem irgend Gerechten und in der Lebenswahrheit sich Befindenden, der zu einem solchen Mächtigen hinginge und zu ihm sagte: ,Warum bist du ein Feind der Wahrheit, und warum übst du die schreiendste Ungerechtigkeit unter den Menschen, die auf dieser Erde nichts Minderes sind denn du blinder Tor?‘
GEJ|9|84|7|0|Sehet euch aber nun in der Welt um, ob es sich nicht allenthalben also verhält! Und wer schuldet daran? Ich sage es euch: nichts anderes als das stets zunehmende Essen von dem Baume der Erkenntnis!
GEJ|9|84|8|0|Ich bin nun Selbst in diese Welt zu den sich zu weit vom wahren Ziele des Lebens abgewandten Menschen körperlich gekommen und frage sie abermals: ,Adam, wo bist du?‘, und es weiß Mir keiner zu sagen, wo und wer er ist, – und Ich zeige ihnen nun von neuem wieder den Baum des Lebens und treibe sie an, von seinen Früchten zu essen und sich an ihnen zu sättigen.
GEJ|9|84|9|0|Wahrlich sage Ich euch: Wer von dem Baume des Lebens essen wird, der wird auch zum wahren Leben des Geistes aus Mir gelangen, und es wird ihn dann nimmer hungern und gelüsten, von dem Baume des Todes zu essen! Denn wer sich einmal im Leben des Geistes aus Mir befindet, der befindet sich auch in aller Weisheit desselben; und durch diese wird der Baum der Erkenntnis erst gesegnet, und die Seele wird dann in einem Augenblick mehr erkennen denn durch ihr äußeres und eitles Verstandesforschen in tausend Jahren.
GEJ|9|84|10|0|Wenn ihr euch aber im Zustande des wahren Lebens befinden werdet, so werdet ihr in Meinem Namen auch Zeichen zu wirken imstande sein und also jedermann ein Zeugnis geben können von der Wahrheit Meiner Lehre, so es nötig sein wird. – Hast du, schriftgelehrter Freund, das nun wohl verstanden?“
GEJ|9|85|1|1|85. — Der Herr über Seine Menschwerdung
GEJ|9|85|1|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, Herr und Meister; aber ich stehe nun auch wie völlig vernichtet da vor Dir! Denn was ist der Mensch vor Dir?“
GEJ|9|85|2|0|Sagte Ich: „Da sieh du Meine Jünger an! Die sind schon über zwei Jahre stets um Mich und kennen Mich sicher um gar vieles tiefer denn du nun; aber es ist darum noch keiner vernichtet vor Mir gestanden.
GEJ|9|85|3|0|Es ward wohl Moses gesagt, als er verlangte, Jehovas Angesicht zu schauen: ,Gott kann niemand sehen und dabei erhalten sein Leben‘, das heißt das Leben des Leibes. Damals aber war nur von Gottes ewigem Geiste die Rede, indem Gott in jener Zeit noch kein Fleisch angenommen hatte, weil dazu die Zeit nach Seiner ewigen Ordnung noch nicht da war.
GEJ|9|85|4|0|Nun aber hat nach der Weissagung der Propheten Jehova das Fleisch der Menschen dieser Erde angenommen und dadurch zwischen Sich als dem urewigen Geiste und den Menschen eine Schutzwand gestellt, auf daß sie unbeschadet ihres Lebens Ihn sehen, berühren, hören und sprechen können, und es hat sich da niemand zu fürchten, daß er durch Meine sichtbare Gegenwart irgend vernichtet werde.
GEJ|9|85|5|0|Es war zwischen Mir und euch Menschen wohl eine endlose Kluft, vermöge der sich Mir auch nicht einmal der allervollkommenste Engelsgeist hätte nahen können; aber nun ist über die besagte Kluft eine Brücke gebaut, und diese heißt die Liebe zu Mir von eurer Seite, so wie Ich Meinerseits aus Meiner ewig großen, über alles mächtigen Liebe zu euch Menschen Selbst Mensch mit Fleisch und Blut geworden bin und habe auch eure Schwächen angenommen, auf daß Ich kein ewig ferner Gott, sondern ein vollends naher und leicht erreichbarer Vater, Freund und Bruder sein und nach dem Maße eurer Liebe zu Mir werden und bleiben kann.
GEJ|9|85|6|0|Wenn die Sache zwischen Mir und euch Menschen sich nun aber also verhält und somit ganz anders als zu den Zeiten Mosis, so kann da niemand sagen, daß er irgend von Meiner göttlichen Hoheit und Majestät, die wohl in Mir in aller Fülle wohnt, vernichtet werde, da Ich ja Selbst von ganzem Herzen sanftmütig und demütig und voll der höchsten Geduld und Langmut, Liebe und Erbarmung bin. Und so sei du voll guten Mutes und habe keine eitle Furcht vor Mir, der Ich dich schon gar lange zuvor geliebt habe, als du noch warst!“
GEJ|9|85|7|0|Sagte nun mit mehr Mut und Selbstgefühl der Schriftgelehrte: „Aber Herr und Meister, wie kannst Du mich denn eher geliebt haben, als ich noch war?“
GEJ|9|85|8|0|Sagte Ich: „Ohne Meine Liebe wäre nie weder eine Welt und also auch kein Mensch ins Dasein gekommen. Es ist somit alles, was der endlose Schöpfungsraum faßt, Meine durch Meinen Willen verkörperte Liebe, und somit sicher auch du.
GEJ|9|85|9|0|Meine Liebe aber ist ewig und sonach im Grunde des Grundes auch alles, was aus ihr hervorging, nun hervorgeht und ewig hervorgehen wird.
GEJ|9|85|10|0|Der lebendige Geist im Menschen ist eben Meine ewige Liebe und Weisheit, die alles schafft, ordnet und erhält; und dieser Geist ist der eigentliche wahre und in sich schon ewige Mensch im Menschen, der sich aber nach Meiner ewigen Ordnung in ihm erst mit der Zeit, der Selbständigwerdung halber, mit Seele und Leib umkleidet und so in eine äußerlich beschauliche Form tritt.
GEJ|9|85|11|0|Wenn aber also und unmöglich anders, so wirst du nun wohl einsehen, daß Ich dich ewig lange zuvor geliebt habe, als du noch das warst, was du nun bist! Du bist nun ein von Mir wie losgetrenntes Lebensfünkchen Meiner Liebe und kannst selbst zu einer Mir ähnlichen, großen und selbständigen Liebesflamme werden, dadurch, daß du Mich über alles liebst und deinen dir völlig ähnlichen Nächsten wie dich selbst. Bist du aber das und wirst du Mich denn auch also lieben, so wirst du bald in dir selbst einsehen, wie Ich als die ewige Liebe alles in allem bin und wieder alles in Mir ist. – Verstehest du nun das?“
GEJ|9|86|1|1|86. — Von der wahren Gottesfurcht
GEJ|9|86|1|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Es gemahnet mich leise im Herzen, als verstünde ich das wohl; aber in meinem Kopfe menget sich nun alles bunt durcheinander, und ich sehe es nun ein, daß derlei Dinge nur im Herzen der Seele, aber niemals mit dem Gehirnverstande begriffen werden können. Aber Moses hat befohlen, Gott zu fürchten und Ihn allein allzeit anzubeten! Soll ich Dich nun nicht mehr fürchten und Dich nach der vorgeschriebenen Weise anbeten?“
GEJ|9|86|2|0|Sagte Ich: „Ja, ja, das hat Moses wohl anbefohlen, und es war denn auch wohl recht also; aber in dieser Zeit versteht auch nicht einer mehr, was ,Gott fürchten‘ heißt, und ihr Priester habt den Menschen teils infolge eurer eigenen Blindheit und zum größten Teile aber aus eurer unersättlichen Gewinnsucht ganz falsche und gänzlich verkehrte Begriffe von der Gottesfurcht beigebracht, und so fürchten die noch ein wenig an einen Gott glaubenden schwachen Menschen Gott wie einen bösen, aller Liebe und Erbarmung baren und allerunerbittlichsten Tyrannen und schaudern bei dem Worte und Begriffe ,Gott‘ zurück, weil sie in Ihm nahezu nichts denn einen ewigen Zorn und eine ewige Rache erblicken.
GEJ|9|86|3|0|Es heißt aber auch, daß der Mensch Gott anbeten und über alles lieben soll. Wie kann man aber ein Gottwesen lieben und dadurch auch am wahrsten anbeten, vor dessen Namen man schon ärger erbebt als vor dem Tode?
GEJ|9|86|4|0|Du wirst aus dem nun wohl einsehen, welch einen unwahren und im höchsten Grade verkehrten Begriff ihr und durch euch die andern Menschen von der Gottesfurcht habt.
GEJ|9|86|5|0|Was heißt denn ,Gott fürchten?‘ Gott fürchten heißt: Gott als die ewige, höchste und reinste Liebe über alles lieben und, weil Gott die höchste Wahrheit ist, in der göttlichen Wahrheit verharren und nicht der Lüge der Welt des materiellen Eigennutzes wegen huldigen.
GEJ|9|86|6|0|Wer in allem wahrhaft ist, der hat die wahre Gottesfurcht im Herzen; und wer diese hat, der betet Gott auch allzeit und vollgültig an. Denn wie die Lüge eine größte Verunehrung Gottes ist, so ist die reine und lebendige Wahrheit auch eine allzeitige und höchste Verehrung und wahrste Anbetung Gottes. – Verstehest du nun das?“
GEJ|9|86|7|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, Herr und Meister, das verstehe ich nun für mich wohl und sehe es ein, daß sich diese Sache gar nie anders verhalten kann; aber es wird nun eben nicht so leicht sein, diese Wahrheit auch den andern Menschen begreiflich zu machen, weil sie sich schon zu sehr in allerlei Irrtümern begründet haben und die Lüge für eine Wahrheit halten. Zu dem kommt noch der Tempel mit seinen Vorschriften, was und wie wir vor dem Volke zu reden haben. Und so wird es wohl schwer werden, in der Folge einen rechten Volkslehrer abzugeben. Doch jedem Siege muß ein Kampf vorausgehen! Du als der Herr Selbst hast uns die Wahrheit enthüllt, und Du wirst uns auch behilflich sein im Kampfe gegen die Feinde der Wahrheit, darum wir Dich nun bitten und auch allzeit bitten werden; denn ohne Deine allzeitige Hilfe werden wir nichts vermögen.
GEJ|9|86|8|0|Es fragt sich aber nun, wie wir Dich zu bitten haben, auf daß Du uns erhörest und uns hilfst. So wir Dich nun in Deiner Gegenwart um etwas Rechtes bitten, so erhörst Du denn auch bald und leicht unsere Bitte; aber wie dann, so Du persönlich nicht also gegenwärtig bist wie jetzt? Wie haben wir dann zu bitten?“
GEJ|9|86|9|0|Sagte Ich: „Diese Deine Frage sieht wohl noch ganz pharisäisch aus! So du lebendig an Mich glaubest, so wird dir auch allzeit werden, was du den Vater in Mir in Meinem Namen bitten wirst, und dazu bedarf es Meiner persönlich sichtbaren Gegenwart nicht, da Ich im Geiste überall gegenwärtig bin und alles sehe und höre und um alles vom Größten bis zum Kleinsten auf das allergenaueste und klarste weiß.
GEJ|9|86|10|0|So du denn im Geiste und in der vollen Wahrheit Mich um etwas bitten wirst, so werde Ich dich sicher auch hören und erhören; aber eine Bitte, wie sie mit den Lippen in rätselhaften Worten bei euch gang und gäbe ist, erhöre Ich nicht.
GEJ|9|86|11|0|Weißt du als ein Schriftgelehrter ja doch auch, was Gott durch den Mund eines Propheten zu dem Volke geredet hat, als dieser der damaligen Bedrängnisse wegen sich dahin zu Ihm gewendet hatte, daß Er die Bitten desselben erhören möchte: ,Ich kenne dich und das Volk, das Mich mit den Lippen ehrt und bittet, – sein Herz aber ist ferne von Mir!‘ Sieh, also wird auch von nun an kein pures Lippengebet, und am allerwenigsten ein bezahltes, je erhört werden!
GEJ|9|86|12|0|Wer aber voll lebendigen Glaubens im Herzen Mich um etwas Rechtes bitten wird, dem wird auch werden, um was er gebeten hat.
GEJ|9|86|13|0|Wer aber in Meinem Namen nach Meiner Lehre lebt und handelt der betet wahrhaft ohne Unterlaß, und es wird ihm darum auch allzeit gegeben werden, wessen er bedarf.“
GEJ|9|86|14|0|Sagte der Schriftgelehrte: „O Herr und Meister, ich danke Dir im Herzen für diese Deine trostvolle Belehrung, und ich glaube nun, daß dem recht nach Deinem nun laut ausgesprochenen Willen Bittenden auch das zuteil wird, um was er bittet.“
GEJ|9|87|1|1|87. — Die Übung im Glauben und Vertrauen
GEJ|9|87|1|0|Sagten darauf einige Meiner Jünger: „Herr, es wäre schon alles recht, so der Mensch in dieser Welt keinen Versuchungen zur Begehung einer Sünde ausgesetzt wäre! Wenn der Mensch irgend in einer schwachen Stunde dann doch sehr leicht möglicher Weise eine oder die andere Sünde begeht, so wird er dadurch in seinem Vertrauen und Glauben schon geschwächt; und so er auch die begangene Sünde bereut und irgendeinen durch sie verursachten Schaden völlig gutgemacht hat, so bleibt doch eine Scheu in der Seele, vermöge der er sich nicht so glaubensvoll zu Dir zu wenden getraut, als hätte er nicht gesündigt.
GEJ|9|87|2|0|Was soll dann solch ein Mensch tun, um Dich also um etwas zu bitten, daß er es voll glaubete, daß Du ihn erhören werdest?“
GEJ|9|87|3|0|Sagte Ich: „Der soll wissen, daß Ich erstens kein zorniger und rachgieriger, sondern ein geduldiger und liebevollst sanftmütiger Gott bin, wie das schon durch den Mund der Propheten ist gesagt worden und Ich nun zu allen Sündern rufe: Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und mit Sünden belastet seid; denn Ich will euch alle erquicken!
GEJ|9|87|4|0|Und zweitens sollen sich die Menschen im wahren Beten allzeit üben und darin nicht laß werden; denn ein rechtes und festes Vertrauen wird dem Menschen auch durch eine rechte Übung eigen, die noch stets dem Jünger in was immer für einem Fache zur Meisterschaft verholfen hat.
GEJ|9|87|5|0|Ein mit allen diesirdischen Gütern wohlversehener Mensch verlernt leicht das wahre und glaubensvolle Beten. Kommt endlich einmal eine Not über ihn, so fängt er wohl auch an, durchs Beten bei Gott Hilfe zu suchen; aber er hat bei sich zu wenig Vertrauen dahin, daß er bei Gott werde Erhörung finden, und der Grund liegt offenbar im Mangel an der Übung des lebendig vollen Vertrauens zu Gott.
GEJ|9|87|6|0|Wodurch aber kann der Mensch sein Vertrauen zu Gott wohl besser kräftigen als durch die Übung, bestehend im Beten und Bitten ohne Unterlaß? Worin aber hauptsächlich das Beten und Bitten ohne Unterlaß besteht, habe Ich euch schon gezeigt.“
GEJ|9|87|7|0|Hier sahen die Jünger einander an, und Andreas sagte: „Herr, ich erinnere mich noch gar wohl an das Bild, das Du uns bei einer ähnlichen Gelegenheit zeigtest, in dem von einem unverschämten Bettler in der Nachtzeit die Rede war, dem der Hausherr am Ende doch um die Mitte der Nacht Brot zum Fenster hinaus gab, mehr um vor dem weiteren Jammern und Geilen Ruhe zu haben, als aus wahrer Barmherzigkeit.
GEJ|9|87|8|0|Ich habe so bei mir selbst über dieses etwas sonderbare Bild wohl schon recht oft nachgedacht, konnte es aber mit Deiner höchsten Liebe und Erbarmung noch nicht in eine rechte Vereinigung bringen. Aber nun erst fängt mir die Sache klarer zu werden an, wo Du jetzt von dem Beten und Bitten ohne Unterlaß und auch von der Übung im Glauben und Vertrauen zu Dir geredet hast.
GEJ|9|87|9|0|Durch das Bitten in der Mitternacht ums Brot hast Du sicher wohl auch das Üben im Glauben und Vertrauen zu Dir bezeichnet, indem Du durch den anfangs auch etwas harthörigen Hausvater Dich Selbst und durch den Bettler aber uns Menschen so darstelltest, wie wir vom Beten und Bitten nicht abstehen sollen, wenn wir bei Dir auch nicht alsogleich Erhörung finden.
GEJ|9|87|10|0|Du Selbst willst es also, daß wir Dir durch unser unablässiges Beten und Bitten ordentlich lästig werden müssen, bevor Du uns erhörest, denn dadurch willst Du unser Vertrauen zu Dir in einer steten und weiterschreitenden Übung erhalten, durch die wir endlich zu jener Stärke gelangen können, durch die wir in unseren eigenen Tag des Lebens, welcher da ist Dein Reich in uns, gelangen, im selben jede Hilfe und Kraft als in Deinem Geiste und Willen im Herzen unserer Seele als Deine Kinder selbst tragen und fürder nicht nötig haben sollen, Dir beständig durch Betteln in der Nacht unseres Lebens lästig zu werden. Denn der Mensch muß nun in seiner Lebensnachtschwäche Hilfe suchen; ist er einmal durch Deine Gnade selbst stark und mächtig geworden, so kann er sich selbst helfen! – Herr, habe ich Dein damals aufgestelltes Bild wohl der Wahrheit gemäß verstanden?“
GEJ|9|88|1|1|88. — Die Wirkung des Bittens ohne Unterlaß. Das Gleichnis von der bedrängten Witwe und dem harten Richter (Luk. 18,1-8)
GEJ|9|88|1|0|Sagte Ich: „Du hast das Bild ganz richtig und wohl und wahr aufgefaßt, und es war ganz am rechten Platz, daß du es mit wenigen Worten hier wieder zum Vorschein gebracht hast. Auf daß aber allda ein jeder das von dir angezogene Bild noch klarer verstehe nach dem Urteil der eigenen Vernunft, so will Ich, da uns noch die Zeit günstig ist, euch ein anderes Bild geben, in dem ihr noch klarer ersehen sollet, wie ein rechter Mensch im Beten und Bitten nicht laß werden soll, so er in sich zur wahren Kraft Meines Reiches in sich gelangen will. Und so höret denn! (Luk.18,1)
GEJ|9|88|2|0|Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich auch vor keinem Menschen. (Luk.18,2) Es war aber auch eine Witwe in derselben Stadt; die kam zu ihm und sprach: ,O du gerechter Richter, rette mich vor meinem Widersacher; denn siehe, so und so stehen die Sachen völlig gerecht auf meiner Seite!‘ (Luk.18,3)
GEJ|9|88|3|0|Der gerechte Richter sah das wohl auf den ersten Blick ein; aber er war nicht gelaunt und wollte der Witwe Prozeß nicht annehmen. Die Witwe aber ließ nicht nach, kam zu wiederholten Malen zum Richter und bat ihn auf den Knien, sich ihrer anzunehmen.
GEJ|9|88|4|0|Da dachte der Richter bei sich selbst: ,Was will ich da machen? Ob ich mich schon vor Gott nicht fürchte und auch keinen Menschen scheue, – da mir diese Witwe nun schon so viele Mühe macht, so will ich sie retten, auf daß sie am Ende nicht noch zu öfteren Malen wiederkommt und mich mit ihren Bitten vollends betäubt!‘ (Luk.18,4.5)
GEJ|9|88|5|0|Habt ihr aus diesem Bilde wohl vernommen, was der Richter gesprochen und auch getan hat? Wenn aber schon ein nach dem Gesetze streng gerecht richtender Richter das anhaltende Bitten einer bedrängten Witwe wohl erhört und ihr hilft, sollte dann Gott nicht noch eher Seine Auserwählten retten, die Tag und Nacht zu Ihm rufen, und sollte Er etwa weniger Geduld und Liebe mit und zu ihnen haben, als solches der Richter mit und zu der Witwe hatte? (Luk.18,6.7)
GEJ|9|88|6|0|Wahrlich sage Ich euch, Er wird sie erhören und erretten in Kürze, und das nun in dieser Zeit, wie auch in der fernen, allwann Er als Menschensohn, wie nun, auf diese Erde wiederkommen wird!
GEJ|9|88|7|0|Aber so in jener Zeit des Menschen Sohn in diese Welt wiederkommen wird, meinet ihr wohl, daß Er Glauben finden werde?“ (Luk.18,8)
GEJ|9|88|8|0|Sagte Andreas: „Herr und Meister, da ich schon früher geredet habe, so will ich auch diesmal weiter reden, so Du mir das gestatten wollest!“
GEJ|9|88|9|0|Sagte Ich: „Rede nun du nur immerhin; denn dir ist eigen dazu Vernunft und Mut und Mund!“
GEJ|9|88|10|0|Sagte darauf Andreas: „Was das Bild selbst anbelangt, so besagt es völlig dasselbe, was das von mir ehedem wiedererzählte Bild von dem Hausherrn und von dem Brotbettler in der Nacht besagt hat; nur ist die Stellung Gottes gegenüber den bei Ihm Hilfe suchenden Weltmenschen in ihrer Lebensnachtbedrängnis noch entschiedener bezeichnet als in dem andern von mir wiedererzählten Bilde. Denn da steht Gott gewisserart außer allem Verbande bloß als ein gerechter Richter da, der den Bedrängten wohl allzeit helfen kann, wenn Er das will; Er hilft ihnen aber auch, aber erst dann, wenn sie Ihm durch ihre unaufhörlichen Bitten ordentlich lästig geworden sind.
GEJ|9|88|11|0|Aber auch hier handelt es sich pur um die Übung im Glauben und Vertrauen; ist dieses einmal zu einer gewissen unbeugsamen Kraft gelangt, so ist die Erhörung und die Hilfe auch schon da.
GEJ|9|88|12|0|Der Nachsatz, in dem Du sagtest, daß Gott Seine Auserwählten, die schon in der Kraft des Glaubens und Vertrauens stehen, sicher als ein liebevollster Vater wohl noch eher erhören werde, so sie an ihrem schon erreichten inneren Lebenstage, wie in ihrer noch so dann und wann leicht möglich zurückkehrenden Nacht zu Ihm um Hilfe rufen, stellt Dich nicht mehr als einen schwer erbittlichen Weltrichter, der als Selbstgott einen Gott nicht zu fürchten und ebenso keinen Menschen zu scheuen hat, sondern als den Vater derer dar, die sich schon im inneren Lebenstage befinden. Ich habe die Sache also aufgefaßt und bin der Meinung, mich nicht geirrt zu haben.
GEJ|9|88|13|0|Wir alle aber stehen nun noch nicht schon völlig im inneren Lebenstage, sondern teilweise auch mitunter noch sehr in unserer alten Lebensnacht und haben Dich noch um gar vieles zu bitten, um uns dadurch im Glauben und Vertrauen zu üben und dadurch zu stärken; aber Du hast uns eine sichere und baldige Errettung verheißen, und wir glauben auch ungezweifelt fest, daß jede Deiner Verheißungen in Erfüllung gehen wird.
GEJ|9|88|14|0|Aber Du sagtest uns abermals von einer zweiten Ankunft auf dieser Erde und stelltest am Ende die Frage auf, ob Du dann unter den Menschen auch wohl Glauben finden werdest.
GEJ|9|88|15|0|Nun, diese Frage Dir zu beantworten, steht wohl noch gänzlich und weit außer dem Bereiche dessen, was uns zu erörtern möglich ist, daher ich Dir darauf auch keine Antwort geben kann. Du Selbst aber wirst das wohl am besten wissen, wie es in der noch fernen Zukunft mit dem Glauben der Menschen stehen wird, und so Du es willst, da kannst Du es uns noch näher bezeichnen, als Du uns das bei mehreren andern Gelegenheiten schon bezeichnet hast.“
GEJ|9|88|16|0|Sagte Ich: „Du hast dies heutige Bild auch ganz wahr, wohl und gut aufgefaßt und hast dadurch Meinem Herzen eine rechte Freude gemacht. So ihr alle auch also tuet, da wird die volle Errettung eurer Seelen vom Joche der Materie dieser Welt und ihren Anreizungen auch wahrlich nimmer lange auf sich warten lassen.“
GEJ|9|89|1|1|89. — Der zukünftige Glaubenszustand
GEJ|9|89|1|0|(Der Herr): „Was aber Meine Frage nach dem Stande des Glaubens bei den Menschen in der noch fernen Zukunft betrifft, so des Menschen Sohn wieder auf diese Erde auf die euch schon zu öfteren Malen angezeigte Art und Weise kommen wird, so sage Ich euch, daß Er im ganzen noch weniger lebendigen Glauben finden wird denn jetzt. Denn in jenen Zeiten werden es die Menschen größtenteils durch das unermüdliche Forschen und Rechnen unter den Zweigen und weit ausgebreiteten Ästen des Baumes der Erkenntnis in vielen Wissenschaften und Künsten gar sehr weit bringen und werden mit allen in der Natur der Erde jetzt den Menschen noch ganz verborgenen Kräften Wunderbares zustande bringen und werden auch sagen: ,Sehet, das ist Gott, – sonst gibt es keinen!‘
GEJ|9|89|2|0|Der Glaube dieser Menschen wird demnach so gut wie gar keiner mehr sein. Also bei diesen Menschen werde Ich in Meiner Wiederkunft keinen Glauben mehr finden!
GEJ|9|89|3|0|Ein anderer, auch großer Teil der Menschen aber wird sich in einem noch um vieles dickeren und finsteren abgöttischen Aberglauben befinden, als jetzt alle Heiden auf der ganzen Erde sich befinden. Diese werden ihre Lehrer, Vertreter und Beschützer haben in den dermaligen Großen und Mächtigen der Erde eine geraume Zeit; aber die mit allen Wissenschaften und Künsten wohlausgerüsteten Kinder der Welt werden den finstersten Aberglauben mit aller Gewalt unterdrücken und dadurch die Großen und Mächtigen der Erde in eine übergroße Verlegenheit setzen, weil durch die Wissenschaftler und Künstler aller Art und Gattung das gemeine und lange mit aller Gewalt in aller Blindheit gehaltene Volk einzusehen anfangen wird, daß es nur des Weltruhmes und Wohllebens der Großen und Mächtigen wegen, die selbst keinen Glauben hatten, in der harten Knechtschaft gehalten worden ist. Und so Ich dann kommen werde, so werde Ich auch bei diesen keinen Glauben finden.
GEJ|9|89|4|0|In der Zeit der großen Finsternis würde Ich bei ihnen keinen Glauben finden können, weil sie die dümmsten und allerblindesten Knechte ihrer Beherrscher waren, die bei sich gar wohl einsahen, wozu die gänzlich Blinden gut zu gebrauchen sind, und daß die Sehenden sich das niemals gefallen lassen würden wie die gänzlich Blinden. Sind die Blinden aber einmal durch die Wissenschaftler und Künstler auch sehend geworden, so sind sie Anhänger derer geworden, die sie zum größten Teil von der harten Knechtschaft der Großen und Mächtigen frei gemacht haben; und so Ich da kommen würde und sagen: ,Höret, ihr Völker der Erde, Ich bin nun wieder zu euch gekommen und will euch von neuem zeigen die rechten Wege zum ewigen Leben eurer Seelen!‘, – was werden die jedes Glaubens baren Menschen dazu sagen?
GEJ|9|89|5|0|Sie werden Mir zur Antwort geben: ,Freund, wer du auch seist, laß ab von der alten, verbrauchten und glücklicherweise verrauchten Dummheit, für die seit den Zeiten ihrer ersten Entstehung viele Ströme oft des allerunschuldigsten Blutes geflossen sind! Ist der sogenannte gute Vater im Himmel, den wir nicht kennen und nun auch gar keine Sehnsucht mehr nach Ihm haben, gar ein so großer Blutfreund, so kann Er Sich ja leicht den großen Ozean in Blut umwandeln und sich daran höchlichst ergötzen, aber wir brauchen von solch einer Lebenslehre nichts mehr, die statt des verheißenen Gottesreiches nur die allerbarste Hölle unter die Menschen auf die ohnehin magere Erde gebracht hat. Wir halten uns nun an die Wissenschaften und Künste aller Art und Gattung und leben dabei in Frieden und Ruhe, wenn zuversichtlich auch nur zeitlich; denn uns ist nun ein gewisses zeitliches, aber friedliches und ruhiges Leben um gar vieles lieber als ein durch unzähliges Leiden und durch viele Ströme unschuldig geflossenen Blutes erkaufter und dabei doch in Zweifel gezogener Himmel mit allen seinen schönen Seligkeiten!‘
GEJ|9|89|6|0|Bei solcher Sprache der einstigen Menschen wird Meine Frage, ob Ich bei Meiner Wiederkunft auf die Erde einen Glauben finden werde, wohl sehr zu rechtfertigen sein!
GEJ|9|89|7|0|,Aber‘, saget ihr nun in euch, ,ja, wer wohl wird daran der Schuldträger sein? Etwa die Hölle? Herr, so vertilge sie! Oder etwa die falschen, eigennützigen Propheten, unter deren Deckmantel dann auch bald allerlei Große und Mächtige wie die Pilze aus der feuchten Erde zum Vorschein kommen werden und die Erde mit Krieg nach allen Richtungen überziehen und die Menschen quälen werden? Herr, so laß die falschen Propheten in Deinem Namen niemals aufkommen! Willst Du Selbst es aber also haben, so muß es Dir auch recht sein, wenn Du bei Deiner abermaligen Wiederkunft auf diese Erde unter den Menschen keinen Glauben mehr findest!‘
GEJ|9|89|8|0|Ich aber sage hierzu: Die kurzsichtige Menschenvernunft urteilt da freilich nach ihrer Einsicht ganz richtig, und es läßt sich von der diesweltlich-menschlichen Seite eben nicht gar zu vieles dagegen einwenden; aber Gott, als der Schöpfer und ewige Erhalter aller Dinge und Wesen, hat da wieder ganz andere Ansichten und Pläne mit allem, was Er aus Sich erschaffen hat, – und so weiß Er es auch am allerbesten, warum Er dies und jenes unter den Menschen auf dieser Erde zuläßt.
GEJ|9|89|9|0|Am Ende erst wird aller Aberglaube mit den Waffen der Wissenschaften und der Künste vom Boden der Erde hinweggeräumt werden, wobei aber dennoch kein Mensch in seinem freien Willen nur im geringsten beirrt wird.
GEJ|9|89|10|0|Dadurch wird mit der Zeit wohl eine volle Glaubensleere unter den Menschen sein; aber es wird ein solcher Zustand nur eine höchst kurze Zeit dauern.
GEJ|9|89|11|0|In jener Zeit erst will Ich den alten Baum der Erkenntnis segnen, und es wird durch ihn der Baum des Lebens im Menschen wieder zu seiner alten Kraft gelangen, und so wird es dann nur mehr einen Hirten und eine Herde geben!
GEJ|9|89|12|0|Wer das nun verstanden hat, der wird auch Meine Frage verstehen, ob Ich in jener Zeit wohl einen Glauben, wie jetzt, auf der Erde finden werde. Solch einen Glauben, wie jetzt, werde Ich in jenen künftigen Zeiten wohl sicher nimmer finden, – aber einen andern! Worin er aber bestehen wird, davon könnet ihr euch jetzt wohl keine Vorstellung machen; aber dessenungeachtet wird es dereinst dennoch so kommen, wie Ich es euch nun zum voraus gesagt habe!“
GEJ|9|90|1|1|90. — Von der neuen Zeit
GEJ|9|90|1|0|Sagte nun einer aus der Zahl der sogenannten Judgriechen: „Herr und Meister, wird denn mit Deiner abermaligen Ankunft auf dieser Erde den Menschen auch eine Lehre gegeben werden? Wenn Du ihnen wieder mit dieser Lehre kommen wirst, so werden sie dann ja auch sagen: ,Oh, bleibe uns vom Halse mit dieser Lehre, die so viel Unheil auf der Erde angerichtet hat!‘“
GEJ|9|90|2|0|Sagte Ich: „Freund, die Lehre, die Ich euch nun gebe, ist Gottes Wort und bleibt ewig, und darum werden jene Menschen, von denen hier die Rede ist, auch nur diese Lehre von Mir überkommen, die ihr von Mir überkommen habt; aber in jenen Zeiten wird sie ihnen nicht verhüllt, sondern völlig dem himmlischen und geistigen Sinne nach enthüllt gegeben werden, und darin wird das neue Jerusalem bestehen, das aus den Himmeln auf diese Erde herniederkommen wird. In seinem Lichte wird den Menschen erst klar werden, wie sehr ihre Vorgänger von den falschen Propheten, gleichwie die Juden nun von den Pharisäern, hintergangen und betrogen worden sind.
GEJ|9|90|3|0|Sie werden dann nicht mehr Mir und Meiner Lehre die Schuld an all dem vielen Unheil auf der Erde in die Schuhe schieben, sondern den höchst selbst- und herrschsüchtigen falschen Lehrern und Propheten, die sie schon im Lichte ihrer Wissenschaften und vielen Künste nur zu genau werden erkannt haben, wessen Geistes Kinder sie waren.
GEJ|9|90|4|0|Wenn aber das hellste Licht des neuen Jerusalems über die ganze Erde scheinen wird, dann werden die Lügner und Betrüger völlig enthüllt werden und der Lohn für ihre Arbeit wird ihnen gegeben werden. Je höher von ihnen sich jemand zu stehen dünken wird, desto tiefer wird auch sein Fall sein. Darum hütet euch schon jetzt vor den falschen Propheten! – Habt ihr das nun wohl auch verstanden?“
GEJ|9|90|5|0|Sagten darauf auch Meine anderen Jünger: „Herr und Meister, warum gibst Du uns denn Deine Lehre nicht auch schon enthüllt also, wie Du sie dereinst in der fernen Zukunft den bezeichneten Wissenschaftlern und Künstlern aller Art und Gattung geben wirst? Solch ein neues Jerusalem täte den Menschen jetzt auch not!“
GEJ|9|90|6|0|Sagte Ich: „Ich hätte euch noch gar vieles zu sagen und zu enthüllen, aber ihr alle könntet das noch nicht ertragen; wenn aber der Geist der Wahrheit aus Mir über euch kommen wird, so wird er euch in alle Wahrheit und Weisheit leiten, und ihr werdet euch dann schon völlig im Lichte des neuen Jerusalems befinden.
GEJ|9|90|7|0|Ob ihr aber dann auch imstande sein werdet, das Licht an eure Jünger übergehen zu lassen, das ist eine Frage, die ihr schwer beantworten werdet, vorausgesetzt, daß ihr das begreifet und einsehet, daß erstens aller Unterricht gewisserart an Kinder zu ergehen hat, und daß er ein mehr freier denn ein zwingender sein muß, und zweitens, daß man von niemandem verlangen kann, die Schrift zu lesen, so ihm die Buchstaben unbekannt sind.
GEJ|9|90|8|0|Ihr könnet es nun noch gar nicht ahnen, zu welch großen und vieles umfassenden Wissenschaften und Künsten es dereinst die Menschen bringen werden, und wie sehr dadurch aller Aberglaube unter den Menschen gelichtet werden wird. Wo in der ganzen Welt aber ist nun wohl eine Rede von einer auf den Grundsätzen der wohlberechneten Wahrheit stehenden reinen Wissenschaft, und wo von einer durch solche Wissenschaft berechneten Kunst?
GEJ|9|90|9|0|Wo es nun unter den Menschen auch noch eine Wissenschaft und eine von ihr abgeleitete Kunst gibt, so sind dabei auch stets über drei Vierteile blinder Aberglaube. Auf solch eine faule Frucht von dem noch ungesegneten Baume der Erkenntnis aber läßt sich keine höhere Himmelswahrheit stellen; und wollet ihr sie darauf stellen, so wird darauf eine Frucht zum Vorschein kommen, die man wohl den Drachen zum Fraße vorwerfen, aber nicht den Menschen zur Nahrung geben könnte.
GEJ|9|90|10|0|Und sehet, und merket es wohl! Aus derlei Früchten werden auch die falschen Propheten mit all ihren Irrlehren und falschen Wunderzeichen hervorgehen und mehr denn drei Vierteile der Erde verderben. Denn so man sich bemühen wird, Meine reinste Wahrheitslehre mit den nun unter den Menschen bestehenden, mit allerlei Aberglauben untermengten Wissenschaften und wenig sagenden und leistenden Künsten in der Meinung zu vereinen, daß sie dadurch für die Menschen um so leichter annehmbar würde, so wird man, leicht von selbst verständlich, Meine Lehre stets mehr und mehr verunreinen, und die Wissenschaften und Künste, die voll Aberglauben sind, werden dadurch noch tiefer in die alte Nacht hinabsinken, als sie seit Anbeginn der Menschen jemals gesunken sind. Sie werden am Ende eine Zeitlang bloß nur zu einem Eigentum der falschen Propheten werden, damit diese mit ihrer Hilfe desto leichter und umfangreicher das blindgehaltene Volk für sich gewinnen werden können.
GEJ|9|90|11|0|Aber es wird das nicht also verbleiben; denn zur rechten Zeit werde Ich Menschen erwecken für die reinen Wissenschaften und Künste, und diese werden es den Menschen von den Dächern herab verkünden, wie die Diener Balaams ihre Wunder bewirkt haben. Dadurch wird die reine Wissenschaft in allen Dingen und auch die reinen Künste zu einem unbesiegbaren Vorläufer und Vorkämpfer für Mich gegen den alten Aberglauben werden; und so durch sie der Augiasstall wird gereinigt sein, dann werde Ich ein leichtes und wirksamstes Wiederkommen auf dieser Erde haben. Denn mit der allenthalben reinen Wissenschaft der Menschen wird sich Meine reinste Lebenslehre auch leicht vereinen und so den Menschen ein vollständiges Lebenslicht geben, da eine Reinheit die andere nimmerdar verunreinigen kann, so wie eine sonnenhelle Wahrheit die andere nicht.“
GEJ|9|91|1|1|91. — Die stufenweise Reinigung der Künste und Wissenschaften
GEJ|9|91|1|0|(Der Herr): „Ihr meinet nun freilich wohl bei euch: Was Mir in jener Zeit möglich sein werde, nämlich die Wissenschaft zu reinigen, das könnte Mir wohl jetzt auch möglich sein, und es könnte dadurch die reinste Lehre, vereint mit der reinen Wissenschaft und ihren Kunstschöpfungen, ja sogleich gewisserart Hand in Hand zu den Menschen übergehen, wobei die etwa hie und da auftreten wollenden falschen Propheten sicher keine Geschäfte zur Befriedigung ihrer Selbstsucht machen würden.
GEJ|9|91|2|0|Und Ich sage euch dagegen: Es wäre schon ganz gut also, wenn es so ginge; aber es geht die Sache dennoch nicht also, wie ihr es nun recht gut meinet, – Ich müßte denn den Menschen den freien Willen nehmen und sie mit der Allmacht Meines Willens zu puren Maschinen umgestalten! Was würden aber die Menschen zum ewigen Heile und Leben ihrer Seelen dadurch gewinnen?
GEJ|9|91|3|0|Wisset ihr denn noch nicht, daß alles, was unter dem Mußgesetze steht, das in der Allmacht Meines Willens besteht, an und für sich gerichtet und tot ist? Ich habe euch das doch schon so oft ganz gründlich gezeigt, und ihr kommet alles dessen ungeachtet in euren alten Weltverstand.
GEJ|9|91|4|0|Seht, so Ich nun in dieser Zeit sogleich tausendmal tausend mit der reinsten Wissenschaft in allen Dingen und so auch nach der Wissenschaft völlig durchgebildete Künstler aller Art und Gattung unter den Menschen erweckte, so würden diese von den gegenwärtigen Menschen noch mehr verfolgt werden, als ihr als die baldigen Ausbreiter Meiner Lehre und Meines Namens von den finsteren Weltmenschen werdet verfolgt werden! Denn das Wissen der Menschen, das – wie schon gesagt – mehr denn zu drei Vierteilen mit dem dicksten Aberglauben gemengt ist, und aus dem sich die Menschen ihre materiellen Vorteile verschaffen, ist um vieles schwerer zu reinigen.
GEJ|9|91|5|0|Ich habe bei gar vielen Gelegenheiten die verschiedenen Dinge, Erscheinungen und Vorkommnisse euch und auch anderen Menschen, die einen guten Willen und ein empfängliches Herz hatten, wohl und anschaulich gründlich erklärt, habe vor euren Augen und Ohren den ganzen Sternenhimmel also enthüllt, daß ihr nun wohl wisset, was unsere Sonne, der Mond, die Planeten, und was die zahllos vielen andern Sterne sind, und welch eine Beschaffenheit sie haben, und habe euch mehrere sogar durch die Öffnung der inneren Geistessehe besichtigen lassen; und so besitzet ihr nun in gar vielem schon die reinste Wissenschaft.
GEJ|9|91|6|0|Gehet aber hin, und lehret die blinden Menschen also, wie Ich euch belehrt habe, und ihr werdet es nur zu bald erfahren, wie schwer die Menschen von ihrem alten Wissen und von mystischen Vorurteilen abzuwenden sind!
GEJ|9|91|7|0|Dazu gibt es auch eine Unzahl Menschen, die von ihren selbstsüchtigen Priestern und Beherrschern derart verdummt sind, daß sie solch eine Aufklärung im Wissen als einen niemals verzeihlichen Frevel gegen die Götter ansehen würden und einen Menschen gar übel zurichteten, der sie zu einem Frevel wider ihre Götter verleitete.
GEJ|9|91|8|0|Um bei den Menschen mit der Länge der Zeiten in den Wissenschaften und den aus ihnen hervorgehenden Künsten eine volle Reinigung zu bewirken, muß ihnen zuvor Meine Lehre gepredigt sein, und die vielen Götzen samt ihren Priestern und Tempeln müssen zerstört werden.
GEJ|9|91|9|0|Ist das geschehen und Mein Evangelium, wenn auch durch viele falsche Propheten, den Menschen gepredigt worden, dann auch werden sie fähig, sich nach und nach in den Wissenschaften und Künsten zu reinigen; und diese werden dann ein Blitz sein, der vom Aufgange bis zum Untergange alles hell beleuchtet, was da auf der Erde ist. Unter dem Aufgang aber versteht man das Geistige, unter dem ,Untergang‘ aber alles Naturmäßige.
GEJ|9|91|10|0|So ihr dieses nun verstanden habt, da fraget nicht wieder, ob dies oder jenes nicht schon jetzt möglich wäre!“
GEJ|9|92|1|1|92. — Die Weisheit Mosis und Josuas
GEJ|9|92|1|0|Als die Jünger diese Meine Rede vernommen hatten, und natürlich auch der Wirt, der geheilte Knecht, der Pharisäer und der Schriftgelehrte, da sagte der Schriftgelehrte: „Ich habe aus dieser Deiner Rede, Herr und Meister, entnommen, daß Du Deinen Jüngern nicht nur das große Geheimnis vom Reiche Gottes auf Erden unter den Menschen enthüllt hast, sondern auch das Naturreich dieser Erde, des Mondes, der Sonne und der Sterne, und gabst mir da einen neuen Beweis, daß eben Du in Deinem Geiste der Schöpfer von all dem sein mußt, ansonst Du diese endlos vielen und wundervollen Dinge Deinen Jüngern nicht hättest erklären und ihnen sogar beschaulich machen können.
GEJ|9|92|2|0|Da Du aber Deinen Jüngern das tun mochtest, die doch auch nur Juden und Menschen sind, möchtest Du denn nicht auch uns in aller Kürze diese wunderbaren Dinge in der Art nur ein wenig beleuchten, daß auch wir einen helleren Begriff bekommen, was wir von dem Monde, von der Sonne und von all den Sternen, Finsternissen, von den furchtbaren Kometen und auch von den vielen Flugsternen halten und glauben sollen? Denn in diesen Stücken sind wir nicht um ein Haar besser daran als die Heiden.“
GEJ|9|92|3|0|Sagte Ich: „Warum habt ihr denn das sechste und siebente Buch Mosis verworfen und für unecht erklärt und den sogar mit starken Strafen bedroht, der es zu lesen sich unterfinge? Sieh, in diesen zwei Büchern hat Moses die gesamte Naturschöpfung mit klaren Worten beschrieben!“
GEJ|9|92|4|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister! Ich habe wohl davon einmal reden hören, aber nie nur einen Buchstaben davon zu Gesichte bekommen. Es sollen sich diese Bücher im Tempel zu Jerusalem auch nimmer vorfinden. Darum bitte ich nun Dich, daß Du uns diese Dinge, um die Ich gefragt habe, in möglicher Kürze also beschreiben und erklären möchtest, daß wir dann auch wüßten, was und wie sie beschaffen sind.“
GEJ|9|92|5|0|Auf diese Bitte des Schriftgelehrten beschrieb Ich den vieren in möglichster Kürze die Dinge also, daß sie das wohl verstehen konnten, was Ich erklärt habe.
GEJ|9|92|6|0|Nach dieser Erklärung, die gut bei einer Stunde lang gedauert hatte, fragte Mich der Schriftgelehrte, ob von dem auch die Altväter schon irgendeine Kunde gehabt hätten.
GEJ|9|92|7|0|Sagte Ich: „Allerdings, und das namentlich die Urbewohner Ägyptens! Sowie aber mit der Zeit sich die Menschen stets mehr und durch allerlei Sünden von dem einen, ewig allein wahren Gott entfernten und in das blinde Heidentum übergingen und sich verfinsterten, so ging auch solche Kunde zugrunde, und an ihre Stelle trat eine leere und mit allen Irrtümern erfüllte dichterische Faselei und Phantasterei.
GEJ|9|92|8|0|Und so verlor sich die Erd- und Sternenkunde. Nur bei einigen gar wenigen Weisen in irgendeinem verborgenen Winkel der Erde hielt sie sich noch; aber diese wagten es nicht, damit vor den ganz verfinsterten Menschen an das Tageslicht zu treten. Und so ist diese Kunde so gut wie gänzlich zunichte geworden. Aber in den künftigen Zeiten werden die Menschen schon wieder, und das heller noch denn in der Urzeit, darauf kommen und alles berechnen; und das wird zu dem Blitz gehören, der vom Aufgange bis zum Untergange leuchtet.“
GEJ|9|92|9|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Von wem hatten denn Moses und Aaron solche Kunde?“
GEJ|9|92|10|0|Sagte Ich: „Vom Geiste Gottes! Obschon er als ein angenommener Sohn des Pharao in die ägyptischen Mysterien eingeweiht war und auch von der alten Sternenwissenschaft und Erdkunde so manches kennengelernt hatte, so war aber das dennoch kaum ein trüber Wassertropfen gegen das ganze Meer seiner nachmaligen Erkenntnis, die ihm als dem erwählten Führer des israelitischen Volkes vom Geiste Gottes gegeben worden ist, wodurch er erst ein wahrer Gelehrter aus Gott ward.“
GEJ|9|92|11|0|Sagte abermals der Schriftgelehrte: „Herr und Meister! Josua, als auch ein von Gott erwählter Führer des iraelitischen Volkes ins Gelobte Land, muß von all dem doch auch die genaueste Kunde gehabt haben, was Moses beschrieben hat! Wie konnte er denn zur Sonne vor Jericho sagen: ,Sonne, stehe still, bis ich alle die Feinde schlage!‘, – und die Sonne soll seinem Befehl gehorcht haben? Hätte er das zur Erde gesagt, so hätte das nach dem, was Du uns ehedem erklärt hast, einen wahren Sinn; nun wir von Dir den wahren Sachverhalt vernommen haben, da erscheint der Befehl Josuas an die Sonne als ein Etwas, das offenbar keinen Sinn hat, und es scheint, daß Josua den wahren Sachverhalt doch nicht gekannt hat, so sein Befehl eine naturgemäße Wahrheit hätte werden sollen.“
GEJ|9|92|12|0|Sagte Ich: „Josua hat wohl also gesprochen, aber nicht zur naturmäßigen Sonne, sondern zur Sonne des Geistes, die da bestand in der Lehre Mosis aus Gott. Diese fing im Glauben und Vertrauen des Volkes beim Anblick der großen Übermacht des Feindes stark zu sinken an. Josua hat denn mit seinem kräftigen Ausruf nichts anderes zum verzagten und schon über Hals und Kopf murrenden Volke sagen wollen als: ,Glaubet und vertrauet doch so lange, bis ihr in Kürze den mächtig scheinenden Feind vor euch werdet völlig geschlagen erblicken! Dann möget ihr mit mir das Land, wo Milch und Honig fließt, einnehmen oder wieder in die Wüste zurückkehren!‘
GEJ|9|92|13|0|Dadurch faßte das Volk wieder Mut im vollen Glauben und Vertrauen auf Gott, der da ist, war und sein wird die wahre Sonne der Seele und ihres Geistes im Himmel und auf Erden. Und siehe, diese von Josua angeredete Sonne blieb im Glauben und Vertrauen des Volkes stehen, erleuchtete es und gab ihm Mut, Klugheit und Kraft, und der Feind wurde gänzlich vernichtet bis auf die Hure Rahab, welche den Abgesandten Josuas Barmherzigkeit erwies. – Hast du das nun verstanden?“
GEJ|9|93|1|1|93. — Über die Entsprechungswissenschaft
GEJ|9|93|1|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, Herr und Meister, das haben wir nun alle wohl so ganz verstanden, daß wir es nun einsehen, daß Josua mit seinem großartigsten Ausruf unmöglich einen andern Sinn hat verbinden können; aber warum verstanden wir das denn ehedem nicht?“
GEJ|9|93|2|0|Sagte Ich: „Weil von euch schon vor der babylonischen Gefangenschaft die alte innere Entsprechungswissenschaft gänzlich gewichen ist; denn diese Wissenschaft ist nur jenen Menschen zugänglich und eigen, die im wahren Glauben und Vertrauen an den einen, wahren Gott niemals wankend und schwach geworden sind, Ihn allzeit als den Vater über alles liebten und ihre Nächsten wie sich selbst.
GEJ|9|93|3|0|Denn die besagte Wissenschaft ist ja die innere Schrift und Sprache der Seele und des Geistes in der Seele. Wer diese Sprache verloren hat, der versteht die Schrift unmöglich, und ihre Sprache kommt ihm in seinem toten Weltlichte wie eine Torheit vor; denn die Lebensverhältnisse des Geistes und der Seele sind ganz anderer Art als die des Leibes.
GEJ|9|93|4|0|So ist denn auch das Hören, Sehen, Fühlen, Denken, Reden und die Schrift des Geistes ganz anders beschaffen als hier unter den Menschen in der Naturwelt, und darum kann das, was ein Geist tut und spricht, nur auf dem Wege der alten Entsprechungswissenschaft dem Naturmenschen begreiflich gemacht werden.
GEJ|9|93|5|0|Haben die Menschen diese Wissenschaft durch ihre eigene Schuld verloren, so haben sie sich selbst außer Verkehr mit den Geistern aller Regionen und aller Himmel gestellt und können darum das Geistige in der Schrift nicht mehr fassen und begreifen. Sie lesen die geschriebenen Worte nach dem blind eingelernten Laut des toten Buchstabens und können nicht einmal das begreifen und dessen innewerden, daß der Buchstabe tot ist und niemanden beleben kann, sondern daß nur der innerlich verborgene Sinn es ist, der als selbst Leben alles lebendig macht.
GEJ|9|93|6|0|Wenn ihr nun das begreifet, so trachtet denn auch vor allem, daß das Reich Gottes in euch lebendig und vollauf tätig werde, so werdet ihr auch wieder in die besagte Wissenschaft der Entsprechungen zwischen Materie und Geist gelangen, ohne welche ihr weder Moses noch irgendeinen Propheten je in der Tiefe der lebendigen Wahrheit verstehen könnt und dadurch in euch selbst bemüßigt seid, in Unglauben, in allerlei Zweifel und Sünden zu verfallen. Denn so ein Blinder auf einer Straße, auf der eine Menge Steine liegen, wandelt, wird er es wohl verhüten können, daß er beim Gehen an einen und den andern Stein stößt und dabei gar oft fällt? Und kommt auf des Weges Strecke irgendein Abgrund, wie wird er sich schützen, daß er nicht mit dem nächsten Tritt in denselben stürzt und darin den unvermeidlichen Tod findet?
GEJ|9|93|7|0|Darum trachtet vor allem, daß ihr im Geiste ehest wiedergeboren und sehend werdet, sonst werdet ihr tausend Gefahren, die auf euch lauern und euch zu verschlingen drohen, nicht entgehen!“
GEJ|9|93|8|0|Sagte darauf der Schriftgelehrte: „O Herr und Meister, Deine Weisheit ist unermeßlich, und wir Menschen sind Dir gegenüber blind wie ein Stein! Jetzt erst sehe ich ganz klar ein, worin der Grund des gänzlichen Verfalls im Glauben und Vertrauen auf Gott liegt, und ich sehe es auch ein, daß es in Zukunft mit dieser Deiner Licht- und Lebenslehre genau also gehen wird, wie es nun mit der Lehre Mosis und der Propheten geht, und daß Du im Ernste wieder auf diese Erde zu den Menschen zu kommen durch Deine Liebe und Erbarmung wirst genötigt werden. Es fragt sich nun nur, ob Du wieder so wie diesmal oder vielleicht auf eine andere, nur Dir allein bekannte Weise wiederkommen wirst! Möchtest Du uns das nicht näher andeuten?“
GEJ|9|93|9|0|Sagte Ich: „Ich habe es euch ja ohnehin schon klar zur Genüge gezeigt, wie und auf welche Weise Ich wieder auf diese Erde zu den Menschen kommen werde. Wie magst du Mich um dasselbe wieder fragen?“
GEJ|9|93|10|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Wahr ist es, Herr und Meister, daß Du uns solches schon gesagt hast, – wäre ich nun schon im Besitze der Entsprechungswissenschaft, so hätte ich Deiner Rede Sinn auch ganz verstanden; aber ich bin noch ganz außerhalb dieser Wissenschaft, und es ist mir darum nicht alles klar, was Du über Deine Wiederkunft geredet hast.
GEJ|9|93|11|0|Siehe, es handelt sich nun bei dieser meiner Frage hauptsächlich nur darum, ob Du wieder als ein Mensch mit Fleisch und Blut, wie jetzt, geboren von einem reinen Weibe, oder ungeboren, mehr als Geist und doch auch sichtbarer Mensch, wiederkommen wirst, und wo, und unter welchem Volke!
GEJ|9|93|12|0|Es ist das vor Deiner unergründlichen Weisheit wohl sicher eine sehr vernunftlose Frage von mir; aber ich bin ja nur erst seit ein paar Stunden ein bekehrter Mensch, und es ist mir darum nicht zu verargen, wenn ich Dir noch mit allerlei unvernünftigen Fragen zur Last falle.“
GEJ|9|94|1|1|94. — Die Wiederkunft des Herrn
GEJ|9|94|1|0|Sagte Ich: „Gerade unvernünftig sind deine Fragen nicht, und du hast das volle Recht, danach zu fragen, was dir unbekannt ist; und Mir steht offenbar das Recht zu, dir zu antworten, so und so, wie Ich es für dich und für die andern zweckdienlich finde. Weil du aber nun schon gefragt hast, so will Ich dir denn auch antworten, und so höre denn!
GEJ|9|94|2|0|Ich werde bei Meiner zweiten Wiederkunft nicht mehr aus einem Weibe irgendwo wieder als ein Kind geboren werden; denn dieser Leib bleibt verklärt so wie Ich als Geist in Ewigkeit, und so benötige Ich nimmerdar eines zweiten Leibes in der Art, wie du das gemeint hast.
GEJ|9|94|3|0|Ich aber werde zuerst unsichtbar kommen in den Wolken des Himmels, was so viel sagen will als: Ich werde vorerst Mich den Menschen zu nahen anfangen durch wahrhaftige Seher, Weise und neuerweckte Propheten, und es werden in jener Zeit auch Mägde weissagen und die Jünglinge helle Träume haben, aus denen sie den Menschen Meine Ankunft verkünden werden, und es werden sie viele anhören und sich bessern; aber die Welt wird sie für irrsinnige Schwärmer schelten und ihnen nicht glauben, wie das auch mit den Propheten der Fall war.
GEJ|9|94|4|0|Ebenso werde Ich von Zeit zu Zeit Menschen erwecken, denen Ich alles das, was jetzt bei dieser Meiner Gegenwart ist, geschieht und gesprochen wird, durch ihr Herz in die Feder sagen werde, und es wird dann das einfach Geschriebene auf eine eigene, den dermaligen Menschen wohlbekannte kunstvolle Art in einer ganz kurzen Zeit von einigen Wochen und Tagen in vielen Tausenden gleichlautenden Exemplaren können vervielfacht und so unter die Menschen gebracht werden; und da die Menschen in jener Zeit beinahe durchgängig des Lesens und Schreibens wohl kundig sein werden, so werden sie die neuen Bücher auch selbst wohl lesen und verstehen können.
GEJ|9|94|5|0|Und diese Art der Ausbreitung Meiner neu und rein wiedergegebenen Lehre aus den Himmeln wird dann um vieles schneller und wirksamer zu allen Menschen auf der ganzen Erde gebracht werden können denn so wie jetzt durch die Boten in Meinem Namen von Munde zu Munde.
GEJ|9|94|6|0|Wenn auf diese Art Meine Lehre unter die Menschen, die eines guten Willens und tätigen Glaubens sein werden, gebracht sein wird und zum wenigsten ein Drittel der Menschen davon Kunde haben werden, so werde Ich denn auch hie und da persönlich und leibhaftig sichtbar [im verklärten Geistleibe; vergleiche Ziffer 2.] zu denen kommen, die Mich am meisten lieben und nach Meiner Wiederkunft die größte Sehnsucht und dafür auch den vollen und lebendigen Glauben haben werden.
GEJ|9|94|7|0|Und Ich werde aus ihnen Selbst Gemeinden bilden, denen keine Macht der Welt mehr einen Trotz und Widerstand zu bieten vermögen wird; denn Ich werde ihr Heerführer und ihr ewig unüberwindlicher Held sein und richten alle toten und blinden Weltmenschen. Und also werde Ich die Erde reinigen von ihrem alten Unflate.
GEJ|9|94|8|0|Zur Zeit der neuen Seher und Propheten aber wird eine große Trübsal und Bedrängnis unter den Menschen sein, wie sie auf dieser Erde noch niemals da war; aber sie wird Meiner dermaligen Auserwählten wegen nur eine kurze Zeit dauern, auf daß diese an ihrer Seligwerdung nicht sollen einen Schaden erleiden.
GEJ|9|94|9|0|Doch in diesem Lande, wo Ich nun schon von einem Orte zum andern von den Juden des Tempels wie ein Verbrecher verfolgt werde, und das in jener Zeit von den finstersten Heiden zertreten wird, werde Ich persönlich nicht wieder zuerst auftreten und lehren und trösten die Schwachen. Wohl aber in den Landen eines andern Weltteiles, die nun von den Heiden bewohnt werden, werde Ich ein neues Reich gründen, ein Reich des Friedens, der Eintracht, der Liebe und des fortwährend lebendigen Glaubens, und die Furcht vor dem Tode des Leibes wird nicht mehr sein unter den Menschen, die in Meinem Lichte wandeln und im beständigen Verkehr und Umgang mit den Engeln des Himmels stehen werden. – Da hast du nun eine rechte Antwort auf deine Frage.“
GEJ|9|94|10|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Asien, die alte Wiege der Menschen und der vielen Segnungen Gottes, wird sonach nicht mehr das Glück haben, Dich in Deiner Wiederkunft auf diese Erde zu sehen und zu hören? Das ist wahrlich keine freudige Kunde für diesen Weltteil.“
GEJ|9|94|11|0|Sagte Ich: „Die Erde ist allenthalben Mein, und Ich weiß, woorts Meine Wiederkunft für die ganze Erde am allerwirksamsten sein wird! In jener Zeit aber, in der sich die Menschen von einem Ende der Erde zum andern so schnell, wie da fährt ein Blitz aus der Wolke, werden verständigen können, und in der die Menschen auf ehernen Straßen mit Benutzung der im Feuer und Wasser gebundenen Geister schneller die weitesten Strecken des Erdbodens werden überfahren können, als da der heftigste Sturm von einem Ende der Erde zum andern treibt, und die Schiffe mit Hilfe derselben Kräfte den großen Ozean in einer viel kürzeren Zeit überfahren werden als nun die Römer von Rom aus bis nach Ägypten, da wird die Kunde von Meiner persönlichen Wiederkunft in einer ganz kurzen Zeit leicht über die ganze Erde verbreitet werden können, und also auch nach Asien.
GEJ|9|94|12|0|Aber es fragt sich da wieder: Wird die Kunde bei den blinden und tauben Heiden dieses Weltteils auch Glauben finden?
GEJ|9|94|13|0|Ich meine und sage: Schwerlich eher, als bis es durch ein großes Weltgericht geläutert werden wird!
GEJ|9|94|14|0|Es gibt ein gar großes Land im fernen Westen, das von allen Seiten vom großen Weltozean umflossen ist und nirgends über dem Meere mit der alten Welt zusammenhängt. Von jenem Lande ausgehend, werden die Menschen zuerst große Dinge vernehmen, und diese werden auch im Westen Europas auftauchen, und es wird daraus ein helles Strahlen und Widerstrahlen entstehen. Die Lichter der Himmel werden sich begegnen, erkennen und sich unterstützen.
GEJ|9|94|15|0|Aus diesen Lichtern wird sich die Sonne des Lebens, also das neue, vollkommene Jerusalem, gestalten, und in dieser Sonne werde Ich auf diese Erde wiederkommen. – Und nun mehr denn zur Genüge von dem, was dereinst geschehen wird!“
GEJ|9|94|16|0|Hierauf machten sogar Meine Jünger große Augen und sagten unter sich: „So klar und umständlich hat Er von Seiner einstmaligen Wiederkunft noch nicht geredet! Glücklich werden die Menschen sein, die in jener Zeit dort leben werden, wo Er wiederkommen wird mit aller Fülle Seiner Gnade, – aber überunglücklich jene, die an Ihn nicht glauben werden und etwa, gleichwie nun die Pharisäer, sich gegen Ihn erheben und Ihm nach dem Leben streben, sich wider Ihn setzen und ihr Heidentum schützen wollen. Denen wird Er, wie Er das schon zu öfteren Malen und auf dem Ölberge durch Zeichen am Himmel angezeigt hat, als unerbittlicher Richter entgegenkommen und ihnen geben den Lohn in der Hölle.“
GEJ|9|94|17|0|Sagte Ich: „Ja, ja, da habt ihr nun die Wahrheit geredet! Und Ich sage es euch: Wahrlich, wahrlich, dieser sichtbare Himmel und diese Erde werden in der rechten Länge der Zeiten auch vergehen; aber Meine Worte, die Ich zu euch geredet habe, werden nicht vergehen!“
GEJ|9|95|1|1|95. — Das Mittagsmahl
GEJ|9|95|1|0|Bei diesen unseren Reden aber war es auch in die Nähe des Mittags gekommen, und Ich sagte zu den Jüngern: „Ihr könnet euch nun zur Abreise bereiten; denn wir haben heute noch einen weiten Weg zu machen!“
GEJ|9|95|2|0|Der Wirt aber sagte: „O Herr und Meister, das Mittagsmahl, das nun bald vollends bereitet sein wird, wirst Du mit Deinen Jüngern doch bei mir einnehmen wollen?“
GEJ|9|95|3|0|Darum baten Mich auch der Pharisäer und der Schriftgelehrte.
GEJ|9|95|4|0|Und Ich sagte zum letzteren: „Freund, da sieh hinaus, wie deine Gefährten mit Hilfe vieler gedungener Arbeiter sich dort im Schutte der abgebrannten Synagoge herumtummeln und ihre vorgefundenen Schätze sammeln und in Verwahrung bringen. Wirst du dich nicht auch beteiligen?“
GEJ|9|95|5|0|Sagte der Schriftgelehrte: „O Herr und Meister, ich habe hier den endlos besseren Schatz gefunden und werde mich in der Folge wohlweislich hüten, mich den Weltschätzen zu sehr zu nahen; denn so ich das täte, da könnte an mir das, was ich in dieser Nacht geträumt habe, wohl zur vollen und lebendigen Wahrheit werden. Daher mögen sich die Weltlinge im Brandschutte herumtummeln, wie sie es nur immer wollen, und sollten sie sich auch meinen Teil zueignen; mir ist nun Deine Gegenwart endlos lieber denn alle Schätze der Erde. Daher wolle Du gnädigst doch nur noch über den Mittag hier verweilen!“
GEJ|9|95|6|0|Sagte Ich: „Aus Liebe zu euch, weil auch ihr Mich liebet, will Ich wohl noch über den Mittag hier verweilen! Du aber gedenke nur stets Deines Traumes, und bleibe Deinem Vorsatze getreu, so wirst du bald im helleren Lichte wandeln! Was du aber von deinem irdischen Schatze noch vorfinden wirst, das nimm und verteile alles an die Armen, und Ich werde dir darum einen andern Schatz aus den Himmeln zukommen lassen! Wer in Meinem Namen vieles gibt, dem werde auch Ich vieles geben; wer aber in Meinem Namen alles gibt, dem werde auch Ich alles geben für die Ewigkeit!“
GEJ|9|95|7|0|Auf diese Meine Worte sagten der Wirt und der Pharisäer: „Herr und Meister, warum sagtest Du das denn nicht auch uns?“
GEJ|9|95|8|0|Sagte Ich: „Ihr wisset es ja ohnehin schon, was ihr zu tun habt! Wer den guten Willen hat, der hat auch schon das Werk für sich. So ihr der Armen wegen gute Hauswirte machet, da tut ihr auch so viel, als hättet ihr alles hergegeben, und Mein Segen für euch wird nicht unterm Wege verbleiben. Gedenket vor allem der armen Witwen und Waisen, und Ich werde euer gedenken und euch nicht als Waisen auf dieser Erde belassen, sondern im Geiste bei euch verbleiben fortan! Aber nun sieh, du Wirt, wie es mit dem Mittagsmahle steht!“
GEJ|9|95|9|0|Darauf eilte der Wirt schnell in die Küche und sah nach, wie es mit der Bereitung des Mittagsmahles stehe. Es stand damit ganz gut, und der Wirt beeilte sich denn auch, um den Tisch neu zu decken.
GEJ|9|95|10|0|Ich aber sagte: „Laß das, – diese Schüsseln, die noch vom Morgenmahle her auf dem Tische stehen, sind noch nicht so verunreinigt, daß man aus ihnen die Mittagsspeisen nicht sollte genießen dürfen; was für Mich rein ist, das sei auch für euch rein!“
GEJ|9|95|11|0|Da nahm aber der Wirt dennoch reine Tücher und reinigte die völlig leeren Schüsseln; denn Meine Jünger verstanden sich wohl aufs vollkommene Leeren der Schüsseln. Darauf nahmen der Wirt und seine Diener die gereinigten Schüsseln, gingen damit in die Küche und brachten bald darauf eine Menge der wohlbereiteten Fische, und so auch des Brotes und mehrere Krüge voll des Wunderweines; und wir fingen denn auch sogleich an, das Mahl zu genießen.
GEJ|9|95|12|0|Während des Essens wurde noch über so manches gesprochen, was auch schon bei andern Gelegenheiten besprochen worden ist und daher – nota bene – nicht abermals erzählt zu werden braucht.
GEJ|9|95|13|0|Als wir aber mit dem Mahle zu Ende waren, da kamen ein paar von jenen Pharisäern in den Speisesaal, welche den ganzen Vormittag ihre Schätze aus dem Brandschutte ausgesucht und in sichere Verwahrung gebracht hatten.
GEJ|9|95|14|0|Diese verwunderten sich sehr, als sie den einen Pharisäer und sogar den Schriftgelehrten an unserem Tische ganz wohlgemut speisen sahen, und sagten zum letzteren (die Pharisäer): „Oh, ihr machet es euch ja ganz bequem! Wir arbeiten draußen den ganzen Vormittag, um noch etwas von den durch Feuer zerstörten kostbaren Schätzen aufzufinden und in Verwahrung zu bringen, und ihr lasset euch da um uns ganz unbekümmert wohlgeschehen! Wohin gehört denn solch euer Benehmen?“
GEJ|9|95|15|0|Sagte der Schriftgelehrte, ganz erbost über diese Anrede: „Höret! Erstens haben wir das, was wir unser nennen durften, schon lange ganz in der vollsten Ordnung und sehen nun ganz und gar nicht ein, warum wir euch auch das Eurige hätten aufsuchen und in Ordnung bringen helfen sollen, da auch euch es noch niemals eingefallen ist, uns mit etwas behilflich zu sein. Und zweitens haben wir bei dieser Gelegenheit einen ganz andern Schatz nebenher entdeckt und gefunden, der uns nun ums Endlose lieber ist als all euer zusammengerafftes Gold und Silber; doch von diesem Schatze werdet ihr schwerlich je Besitzer werden. Und drittens haben wir hier einen wahren Lebenswein zum Genießen bekommen, wie eure vielsüffigen Kehlen noch niemals etwas zum Verkosten bekommen haben werden! Und so sind wir beide nun ganz wohl versorgt in allem und jedem und haben euch darob keine Rechnung zu legen. Wenn ihr mich verstanden habt, so könnet ihr euch alsbald wieder dahin zurückwenden, von woher ihr wahrlich ganz unberufenermaßen gekommen seid!“
GEJ|9|95|16|0|Als sich die beiden Pharisäer gegen diese Antwort streng aufzuhalten anfangen wollten, da erhob sich der Wirt, der als ein Samariter und römischer Bürger mit den Pharisäern niemals viel Aufhebens machte, und sagte: „Hier bin in irdischer Beziehung noch ich der Herr, und es ist mir ein jeder friedliche Gast lieb, wert und teuer, ob er nun ein Heide oder ein Jude ist; denn der Heide hat sich nicht selbst zum Heiden und der Jude sich wahrlich nicht selbst zu einem Juden gemacht. Aber wenn mir solche Stänker über die Schwelle meiner Haustür kommen, so braucht es gar nicht zu besonders viel, um mich zum Gebrauche meines alten Hausrechtes zu nötigen! Wollt ihr etwas zu essen und zu trinken, so begebet euch in euer gewöhnliches Speisegemach, und verlanget, was ihr wollet, und es wird euch das Verlangte auch alsbald verabreicht werden. Aber hier habt ihr nichts zu tun, nichts zu reden und nichts zu schaffen; denn dies ist keine jüdische, sondern eine römische Herberge, in der alle Reisenden gleich behandelt und bedient werden.“
GEJ|9|96|1|1|96. — Die Abreise nach Kana
GEJ|9|96|1|0|Als die beiden den Wirt also reden hörten, da machten sie eben nicht viel Gegenbemerkungen mehr, sondern kehrten uns bald den Rücken und begaben sich in ihr Speisegemach, in welchem auch schon ein paar andere auf sie warteten.
GEJ|9|96|2|0|Denen erzählten sie, wie sie vom Schriftgelehrten, und namentlich vom Wirte, behandelt worden seien.
GEJ|9|96|3|0|Ihre Gefährten aber sagten: „Den Wirt kennen wir gar lange schon als den stolzesten und eigensinnigsten, und so machen wir uns denn aus seiner angeborenen Roheit auch nichts. Wir sind nur noch froh, daß wir unsere guten Sachen von Wert zum größten Teil aufgefunden und in gute Verwahrung gebracht haben, und können uns nun ganz wohl geschehen lassen.
GEJ|9|96|4|0|Sonderbar aber ist es immerhin, daß der eine von uns und auch der Schriftgelehrte, die sich am meisten an den Nazaräer gehalten haben, ihre Schätze nach ihrer Aussage ganz unversehrt erhielten, und der Pharisäer Joram sogar seine Wohnung! Auch des Schriftgelehrten Wohnung ist nur insoweit beschädigt, daß die Zimmerdecke hie und da durchgebrannt erscheint; die Tür in sein Wohngemach aber scheint vom Feuer wenig gelitten zu haben, und so werden auch seine Schätze sicher weniger gelitten haben!“
GEJ|9|96|5|0|Sagte ein anderer: „Sei ihm nun schon, wie ihm wolle; in etlichen Monden ist unsere Synagoge schon wieder ganz in der Ordnung, und wir haben zum Leben noch mehr als zur Genüge. Lassen wir uns in unserem gegenwärtigen Vergnügen durch keine Seitenbetrachtungen mehr stören!“
GEJ|9|96|6|0|Darauf verlangten sie Fische und Lammfleisch, ungesäuertes Brot und Wein, den ein echter Jude trinken darf, – was sie denn auch sogleich bekamen und sich dabei ganz unbesorgt wohlgeschehen ließen.
GEJ|9|96|7|0|Wir aber waren mit unserem Mahle auch zu Ende, und der Wirt fragte Mich, ob er den zwei Pharisäern doch vielleicht zuviel gesagt habe.
GEJ|9|96|8|0|Sagte Ich: „Sorge du dich darum nicht; denn die haben einen guten Magen und können viel vertragen, wenn sie dabei nur die Aussicht haben, in ihren Interessen nicht zu kurz zu kommen! Wenn diese beiden, die Ich nun auch schon zu den Meinigen zähle, klug sind, so kann es ihnen gelingen, auch die andern auf ihre Seite zu bringen.
GEJ|9|96|9|0|Aber jetzt ist die Zeit vollends gekommen, wo Ich mit Meinen Jüngern fortziehen muß; denn Ich sehe es, wo Ich bald einzutreffen habe. Werdet aber darum nicht irgend traurig, denn nur dem sichtbaren Leibe nach verlasse Ich euch; aber Meinem allwirkenden Geiste nach bleibe Ich bei euch, so wie bei jedermann, der an Mich glaubt, Mich liebt und nach der empfangenen Lehre lebt und handelt. So ihr irgendeinen Zweifel in euch noch verspüret, so wendet euch im Herzen nur an Mich, und Ich werde die Antwort auf eure Zunge legen. Und so denn bleibet in Mir, und Ich werde in euch bleiben!“
GEJ|9|96|10|0|Hierauf versprachen Mir alle auf das feierlichste, tätigst in Meiner Lehre bis an ihr irdisches Lebensende zu verharren und Mich in ihren Herzen zu behalten und gegen jede Anfeindung und arge Verfolgung zu verteidigen.
GEJ|9|96|11|0|Darauf erhob Ich Mich schnell mit Meinen Jüngern und zog auf der geheimen Straße gen Kana weiter; denn Ich wollte des Aufsehens wegen nicht durch den Markt ziehen, weil das Weib noch immer auf Mich wartete, um in Mir den zu sehen, der ihre Tochter am Morgen sehend gemacht hatte.
GEJ|9|96|12|0|Das Weib hatte sich zwar schon den ganzen Vormittag nach Mir in mehreren Häusern erkundigt, konnte aber nirgends eine rechte Kunde erhalten, und so hatte sie sich mit dem Mägdlein auf die Lauer am Platze aufgestellt, aber natürlich fruchtlos. Der Wirt aber fand das Weib samt dem Mägdlein, nahm beide in sein Haus auf und verpflegte sie bestens. Das Mägdlein diente ihm im Orte als ein triftiger Beweis von dem, was Ich im Orte gewirkt habe; denn die zehn gereinigten Aussätzigen waren schon lange, wie man sagt, über Berg und Tal, und der geheilte Oberknecht des Wirtes konnte, als ein geheilter Gichtkranker, eben für die Weltverständigen auch nicht als ein besonderer Beweis von Meiner Wunderkraft vorgestellt werden, weil es denn doch Fälle gegeben hatte, wo dergleichen Gichtkranke am Ende auch durch gute Arzneien, an denen es damals weniger denn – nota bene – in dieser Zeit gebrach, geheilt wurden.
GEJ|9|96|13|0|Aber ein blindgeborenes Mägdlein, das in der ganzen Gegend als solches nur zu bekannt war, hatte ein viel stärkeres Gewicht; und so war am Ende dieses Mägdlein samt ihrer Mutter dem Wirte, dem Joram und dem Schriftgelehrten als Beweis Meiner göttlichen Macht lieber denn alle die andern Zeichen, von denen sie wohl zu reden, aber keine so handgreiflichen Beweise mehr darzustellen imstande waren.
GEJ|9|96|14|0|Dieses Mägdlein, zugleich sehr schön von Gestalt, hat zehn Jahre später auch noch ein ungewöhnlich großes Erdenglück gemacht. Denn es war dem bekannten Kado in Jericho sein Weib gestorben; er kam in diese Gegend, lernte sie kennen und nahm sie aus Liebe zu Mir zum zweiten Weibe. Und so hat Meine Gnade, dem sie zuteil wird, auch in der diesirdischen Beziehung stets ihre guten Folgen.
GEJ|9|96|15|0|Joram, der zuerst bekehrte Pharisäer und der Schriftgelehrte, der Boz hieß, hatten in kurzer Zeit auch die andern Pharisäer auf ihre gute Seite gebracht, wozu freilich das geheilte Mägdlein und später der Freund Kado sehr vieles beigetragen haben.
GEJ|9|96|16|0|Mit dem wollen wir die kleine Geschichte von diesem Markte denn auch vollends als beendet ansehen und nun wieder zu uns selbst zurückkehren und sehen, wie es uns auf unserer Weiterreise nach Kana ergangen ist!
GEJ|9|97|1|1|Der Herr in Kana.
GEJ|9|97|1|1|97. — In der Herberge zu Kana
GEJ|9|97|1|0|Der Weg von dem nun schon sehr bekannten Markte war ein noch sehr gestreckter. Ein guter Fußgänger hätte ihn kaum in einem vollen Tage zurückgelegt; wir aber benötigten, nach unserer oft stark wunderbaren Art zu reisen, nur drei Stunden dazu. Wir kamen denn gen Abend in Kana an und nahmen Herberge beim selben Wirte, bei dem Ich bei Gelegenheit einer Hochzeit auf die Aufforderung Meiner Gebärerin Maria zum ersten Mal offen das Wasser in Wein verwandelt habe.
GEJ|9|97|2|0|Als der Wirt Meiner ansichtig ward, war er beinahe außer sich vor Freude und gab Mir einen ordentlichen Verweis darob, daß Ich Mich bei ihm schon so lange nicht wieder habe sehen lassen.
GEJ|9|97|3|0|Ich aber sagte zu ihm: „Weil es mit und bei euch allen, die ihr hier zu Hause seid, keine Not gehabt hat, so kam Ich denn auch nicht in diese Gegend; nun ist aber bei euch eine kleine Not eingetreten, und so kam Ich zur rechten Zeit, um euch allen zu helfen.“
GEJ|9|97|4|0|Sagte der Wirt: „O du lieber Herr und Meister, die Not dauert bei mir schon über ein Jahr fort, und ich habe mich schon mehrere Male teils im Herzen an Dich gewendet, und teils habe ich mich bei Deinen Brüdern und bei Deiner gegenwärtig zumeist in Kis weilenden Mutter angelegentlichst nach Dir erkundigt; aber Du schienst die frommen Wünsche meines Herzens nicht zu vernehmen, und von Deinem irgendwoigen Aufenthalte war auch nichts zu vernehmen, und so mußte ich die große Not meines Hauses im Namen des allmächtigen Gottes denn bisher ruhig ertragen. Ich weiß zwar nicht um den Grund, warum ich von Gott dem Herrn so hart heimgesucht worden bin; aber nun bitte ich Dich, daß Du, lieber, guter Heiland, mir helfen möchtest.
GEJ|9|97|5|0|Das Weib ist von der Gicht geplagt, und die Kinder leiden an bösen Fiebern, und zwei meiner besten und treuesten Knechte liegen am bösen Aussatz schon über ein halbes Jahr danieder, und ich muß meine Wirtschaft zum größten Teil um einen teuren Lohn von fremden Arbeitern bestellen lassen. Und das wird doch eine Not sein, besonders da ich selbst auch nicht mehr zu den gesunden Menschen zu zählen bin!
GEJ|9|97|6|0|O Du liebster Herr und Meister, seitdem, als du bei einer hier gefeierten Hochzeit ein erstes Zeichen auf Verlangen Deiner Mutter gewirkt hast, ist es in meinem Hause so groß anders geworden! Wenn Du mir nicht helfen wolltest, so gehe ich in Kürze geistig und auch diesirdisch zugrunde!“
GEJ|9|97|7|0|Sagte Ich: „Das wußte Ich wohl, daß bei dir die Not groß geworden ist, und da Ich dein oftmaliges Flehen um Abhilfe wohl vernommen habe, so kam Ich denn nun auch, wo bei dir die Not einen sehr hohen Grad erreicht hat, um dir die rechte Hilfe zu bringen. Ich hätte auch schon früher zu dir kommen können, aber da fehlte es dir noch sehr am lebendigen Glauben und Vertrauen; als du aber nach Kis zu Kisjonah kamst, da erst bekamst du ein rechtes Licht über Mich und gelangtest auch zum rechten Glauben und Vertrauen auf Mich, und also kam Ich denn auch, um dir alle Hilfe zu bringen. Und so will Ich denn nun, daß da alles, was in deinem Hause krank ist, samt dir so gesund sein soll, als hätte nie jemandem je etwas gefehlt. Gehe nun hin zu allen deinen Kranken, und sage es ihnen!“
GEJ|9|97|8|0|Da eilte der Wirt zu allen und fand sie alle völlig gesund also, daß sie sich von ihren Lagern aufrichteten, frische Kleider anzogen, zu Mir kamen und Mir dankten.
GEJ|9|97|9|0|Da es aber schon sehr stark abenddämmerlich geworden war, so sagte Ich zum vor Freude weinenden Wirte: „Da Deine Hausnot nun beseitigt ist und Ich diese Nacht in deinem Hause bleiben werde, so sehet nun, daß Ich und Meine Jünger ein Nachtmahl bekommen. Laß uns Fische bereiten und dann etwas Brot und Wein auf den Tisch setzen!“
GEJ|9|97|10|0|Als der Wirt solchen Meinen Wunsch vernommen hatte, da ward alles in die freudigste Bewegung gesetzt, um Meinem Wunsche zu entsprechen. Es dauerte kaum eine volle Stunde Zeit, so war das Nachtmahl auch schon bereit, ward auf den Tisch gebracht, und Ich sagte zum Wirte: „Siehe, dort ist noch ein Tisch! Laß nun alle Geheilten sich zu jenem Tische setzen, und sie sollen das essen, was wir essen, jeglicher nach seinem Bedarfe, und sollen auch den Wein trinken und das Brot essen, auf daß sie wieder recht kräftig werden!“
GEJ|9|97|11|0|Als Ich das gesagt hatte, da fielen alle die Geheilten vor Mir auf ihre Knie nieder und sagten: „O Herr, wir sind solch einer Gnade nicht würdig! Daher möchten wir lieber in unserer Stube ein mäßiges Nachtmahl zu uns nehmen an unserem alten Dienstbotentische; aber nicht unser, sondern nur Dein allein heiliger Wille geschehe!“
GEJ|9|97|12|0|Sagte Ich: „Höret, eure gerechte Demut und Bescheidenheit gefällt Mir und frommt eurer Seele; aber dessenungeachtet bleibet ihr hier! Denn ihr habt viel mit Geduld und mit voller Ergebung in den Willen Gottes gelitten und habt euch dadurch als wahre Helden im Glauben und Vertrauen auf Gott erwiesen und seid darum denn auch würdig, als Begnadigte des Herrn in Seiner nächsten Nähe euch zu stärken; und so setzet euch nun nur ganz wohlgemut an jenen Tisch, und esset und trinket, was euch aufgesetzt wird auf den Tisch!“
GEJ|9|97|13|0|Als die Geheilten, mit Ausnahme des Weibes, das in der Küche beschäftigt war, das von Mir vernommen hatten, da erhoben sie sich voll Ehrfurcht vom Boden, dankten Mir und begaben sich ruhig an ihren Tisch, der so wie der unsrige schon mit Speisen, Wein und Brot recht wohl besetzt war. Wir fingen denn darauf auch gleich an, zu essen und den recht reinen und guten Wein zu trinken, und also taten auch die Geheilten.
GEJ|9|97|14|0|Wir aßen und tranken nun ganz wohlgemut, und Meine Jünger gaben recht vieles der wahrlich recht frommen Gesellschaft zum besten, was wir alles auf unseren Kreuz- und Querzügen erlebt hatten. Das vergnügte unsere kleine Gesellschaft außerordentlich, und es ward dabei viel Gemütliches von beiden Seiten gesprochen, und ebenso ward dabei auch viel geweint.
GEJ|9|97|15|0|Aber das gewisserart Bemerkenswerte war das, daß unser nur schon zu bekannter Judas Ischariot auf einmal ganz bedeutende Gegenbemerkungen zu machen anfing.
GEJ|9|98|1|1|98. — Der Wirt und Judas Ischariot
GEJ|9|98|1|0|Der Wirt sagte zu ihm (nota bene, Ich will euch Neusalemiten das ein wenig umständlicher kundtun): „Freund, du bist ein Jünger des Herrn und bist von Profession, insoweit ich dich vermöge deiner stets allerschlechtesten Töpferprodukte nur zu gut kenne, also auch nichts anderes als ein Töpfer! Wie aber du in die Gesellschaft dieses Herrn und Meisters, also so gut wie in die vollendetste Gesellschaft Gottes des Herrn, gekommen bist, darüber würde uns auch der Erzengel Michael selbst die Antwort vollends schuldig bleiben!“
GEJ|9|98|2|0|Sagte Judas Ischariot: „Ja, Freund, du hast recht, gegen mich eine solche Rede zu erheben! Ich bin ein Töpfer wohl, und bin wahrlich nicht unbewandert in der Schrift! Moses und die Propheten habe ich trotz eines Schriftgelehrten im kleinen Finger und weiß es sicher recht wohl, in wessen Gesellschaft ich mich befinde. Ich reise wahrlich nicht mit, um etwas Weltliches zu gewinnen – was bei den obwaltenden Weltverhältnissen doch jedermann gestattet sein sollte –, sondern allein des Erfolges wegen, ob der Prophet Jesajas in seinen Weissagungen wohl keine Unwahrheit geredet und geschrieben hat! Denn auch ich bin, obwohl der Kunst nach ein Töpfer, ein Schriftgelehrter und fand nach meiner stets mehr stillen Beobachtung an diesem wahren Gottmenschen alles als vollkommen wahr bestätigt, was der genannte Prophet und auch die andern Propheten von Ihm geweissagt haben.
GEJ|9|98|3|0|Ich habe aber auch noch ein gutes Gedächtnis und weiß um ein jedes Wort, was eben der Herr wider mich schon bei mehreren Gelegenheiten geweissagt hat. Kurz und gut, – ich bin ein Teufel in der Gesellschaft der Jünger des Herrn, den ich als das auch trotz jedes andern anerkenne; denn die Zeichen, die Er wirkt, hat noch niemals ein natürlicher Mensch gewirkt. So ich aber das gleich allen andern anerkenne und fest glaube, da frage ich: Warum bin ich denn ein Teufel?
GEJ|9|98|4|0|Gut, so ich einer bin, so bin ich einer und muß auch einer sein! Wenn man aber schon einmal etwas sein muß, was man im Grunde nie hat sein wollen, – bin ich an all dem dann wohl Schuldträger? Kurz und gut, die Sache wird mir nun auf einmal zu toll und zu bunt! Ich bin nun schon bei zwei und ein halb Jahren gleich allen andern ein erster Jünger des Herrn, – und ich muß zu einem Teufel der Hölle werden! Aber nein, das geschieht aber nun ganz und gar nicht; denn ich weiß es nun wohl, was auf der ganzen Erde ich zu tun habe, um kein Teufel zu werden.
GEJ|9|98|5|0|Ja, in der Zeit, als der Herr mir ein solches Zeugnis gab, war ich vor Ihm auch sicher das; denn Er allein prüfet der Menschen Herz und Nieren. Er wußte es demnach auch, wie es mit mir stand, und Er wird es auch wissen, wie es nun mit mir steht. So Ich in Seine Gesellschaft nicht tauge, so hat Er auch der Macht in der höchsten Genüge, mich auf der Stelle zu entfernen. Er allein ist der Herr und kann tun, was Er will, und niemand kann zu Ihm sagen: ,Herr, warum tust Du das?‘; aber von einem Menschen, vollends meinesgleichen, lasse ich mich wahrlich ungern zurechtweisen! Denn ein jeder Mensch hat seine Schwächen und hat mit sich zu tun zur Genüge, um in die rechte Ordnung zu gelangen, und soll, solange er noch mit seinen eigenen Schwächen zu kämpfen hat, seinen Nächsten in Ruhe lassen und sich nicht über dessen Fehler lustig machen, nicht ihn vor der Welt verkleinern.
GEJ|9|98|6|0|Ich kenne Moses und die Propheten und kenne nun auch die Lehre des Herrn, in der alles bestätigt wird, was alle die Propheten von Adam, Sehel und Henoch an von Dem, der nun unter uns sitzet, geweissagt haben, – und so denn weiß ich auch, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich möchte nur das wissen, warum ich stets unter uns Jüngern des Herrn als ein letzter zumeist mit unfreundlichen Augen angesehen werde, als wäre ich im vollen Sinne des Wortes ein Teufel unter ihnen!“
GEJ|9|98|7|0|Sagte der Wirt nun: „Freund, du bist nun wohl über mich am meisten nur deshalb erregt worden, weil ich in meinem Frohsinn dich gefragt habe, wie es denn gekommen ist, daß auch du ein bleibender Jünger des Herrn geworden bist! Ich habe dich darum nicht irgend in etwas zurechtweisen wollen und wußte auch von dem durchaus nichts, daß dich der Herr irgendeinmal mit einem Namen bezeichnete, den ich selbst nicht wieder aussprechen will. Ich drückte nur meine Verwunderung darum über dich aus, weil ich dich ehedem in deinem bürgerlichen Handeln und Walten dahin nur zu gut gekannt habe, wie du trotz deiner Schriftgelehrtheit es mit der Haltung der Gebote Gottes eben niemals zu genau und strenge genommen hast.
GEJ|9|98|8|0|Wenn man mit dir redete, da wußtest du wohl alles besser als irgendein anderer; aber so man dich deines oft wohl sehr unlöblichen Handelns wegen befragte, ob du selbst wohl das auch als eine unbestreitbare Wahrheit glaubest, da sagtest du: ,Gott hat nie jemand gesehen, noch gehört Seines Mundes Stimme, aber Menschen von verschiedenen Talenten und Fähigkeiten hat es zu allen Zeiten gegeben; und Moses und alle Propheten waren auch nur Menschen, mit denen wir selbst niemals geredet haben. Was sie gelehrt und aufgezeichnet haben, war gut für ihre Zeiten; aber die Zeiten haben sich bis auf uns herab gewaltig geändert und wir und unsere Bedürfnisse in und mit ihnen, und so taugen für uns denn Moses und die Propheten in gar vielen Stücken nicht mehr. Und wer das aus den selbstgemachten Erfahrungen nicht anerkennt, der betrügt sich selbst, indem er um die Erreichung des einst zu erwartenden Himmels, von dem man nicht die geringste Gewißheit hat, sein Erdenlebensglück mit den Füßen zertritt!‘ Siehe, Freund, daß auch ich noch ein gutes Gedächtnis besitze!
GEJ|9|98|9|0|Ich kenne dich also gar wohl, und deine Lebensgrundsätze sind mir nicht fremd geblieben, und eben das hat denn auch meine Verwunderung über dein Verweilen in dieser allerhöchst geehrtesten Gesellschaft hervorgerufen; denn du warst in deinem Glauben schon ein vollkommener Sadduzäer und hast dir auch die Hundsweisheit der Griechen zu eigen gemacht, von der du oft sagtest, daß sie der Natur des Menschen am meisten zusagen möchte, so man schon als ein Kind nach ihr gebildet werden würde.
GEJ|9|98|10|0|Sage du nun selbst, ob es mich nicht wundernehmen solle, daß auch du ein bleibender Jünger des Herrn geworden bist und dein früheres Geschäft aufgegeben hast, das dir viel Geld eintrug, obschon deine Geschirre niemals die besten waren, – warum, das wirst du als Sachverständiger wohl am besten wissen! Aus dem aber geht doch klar hervor, daß ich niemals die Absicht hatte, dich irgend verkleinern und noch weniger zurechtweisen zu wollen.
GEJ|9|98|11|0|Warum du dich selbst aber stets als einen Letzten unter den Jüngern des Herrn ansiehst und betrachtest, das ist deine Sache; ich merke aber hier wahrlich nicht, daß dir vor den andern Jüngern irgendein minderer Rang zugedacht ist.
GEJ|9|98|12|0|Aber das ist so meine Meinung, daß solche Gedanken nur in eines solchen Menschen Gemüt entstehen können, der, in sich von einem gewissen Hochmutsdünkel getrieben, stets gerne lieber ein Erster und Angesehenster in dem, was er bekleidet, sein möchte, als irgendein Letzter und Untergeordneter. Ein Mensch aber, der schon überglücklich ist, in solch einer Gesellschaft der Letzte der Letzten und der Diener der Diener des Herrn sein zu können, wird sich sicher niemals darüber beklagen und in sich darob auch keine geheime Kränkung empfinden, weil er sich in der Gesellschaft als ein Letzter betrachtet!
GEJ|9|98|13|0|Soweit ich nun den Sinn der Lehre des Herrn erkenne, über die ich mit dem Kisjonah und mit dem Philopold von dem benachbarten Orte Kane an der in unser Land stark einmündenden Landspitze von Samaria vieles gesprochen habe, wie auch erst vor ein paar Wochen mit zwei von Jerusalem ausgesandten Jüngern, die ich in Kapernaum antraf, so ist eben der Sinn der Lehre die vollste Demut, Sanftmut und Selbstverleugnung, ohne welche Gemütseigenschaften keine wahre und reinste Liebe zu Gott und zum Nächsten denkbar ist.
GEJ|9|98|14|0|Ein Mensch aber, der noch durch die Schwächen seiner Nebenmenschen gekränkt und beleidigt werden kann, ist noch nicht auf jenen wahren Lebenspunkt gedrungen, auf dem der Herr von ihm sagen möchte oder könnte: ,Siehe, das ist der Mann nach Meinem Herzen!‘
GEJ|9|98|15|0|Ich habe dir jetzt meine Meinung offen mitgeteilt, und das darum, weil du mich dazu genötigt hast; nun kannst du wieder deine Bemerkungen machen, so du dagegen welche machen kannst!“
GEJ|9|98|16|0|Judas Ischariot fühlte sich durch die höchst kluge Rede des Wirtes sehr getroffen und wußte zuerst nicht, was er ihm hätte entgegnen sollen.
GEJ|9|98|17|0|Nach einer Weile erst sagte er (Judas Ischariot): „Ja, ja, du sollst recht haben; denn wahrlich, du bist in den Geist der Lehre tief eingedrungen! Aber so der Herr zu dir nun sagte: ,Du bist ein Teufel!‘, wie würde dir solch ein Zeugnis aus Seinem Munde schmecken?“
GEJ|9|98|18|0|Sagte der Wirt: „Freund, so der Herr mir ein solches Zeugnis gäbe, so würde ich zu Ihm in meinem Herzen sagen: ,O Herr und Meister des Lebens, ich danke Dir, ganz zerknirscht vor Deiner Herrlichkeit, daß Du mir gezeigt hast, ein wie großer Sünder ich noch vor Dir bin; ich bitte Dich aber, erweise mir die Gnade und Barmherzigkeit und treibe den Teufel des Hochmutes, der Lüge und des Betruges und der schnöden Selbstsucht aus mir, und erfülle mich mit dem Geiste der wahren Demut, Sanftmut, Selbstverleugnung, der wahren Liebe zu Dir und mit uneigennützigster Liebe zum Nächsten!‘ Und ich glaube, daß der Herr mir auch solche Gnade zu erweisen sicher nicht vorenthalten würde, so eine solche Bitte aus dem vollsten Ernste meines Lebens hervorginge.
GEJ|9|98|19|0|Und nun wende ich mich an Dich, o Herr und Meister, Selbst und bitte Dich, mich gnädigst zurechtweisen zu wollen, so ich im Verlaufe dieser meiner Worte etwas Unrechtes gesagt habe!“
GEJ|9|99|1|1|99. — Der Herr über Judas Ischariot
GEJ|9|99|1|0|Sagte Ich voll Freundlichkeit zum Wirte: „Wie hättest du nun etwas Ungerechtes und somit Unrechtes sagen können, da ja Ich dir die Worte in den Mund und ins Herz gelegt habe? Und so hast du dem Jünger nun ganz nach Meinem Sinne und in Meinem Namen die volle Wahrheit unverhüllt ins Gesicht gesagt; wohl ihm, so er sie für sein Leben beherzigen will!
GEJ|9|99|2|0|Oh, Ich weiß es gar wohl, daß er ein Schriftgelehrter ist, und weiß auch um alle seine anderwärtigen Kenntnisse und Erfahrungen, in dem allem er allen Meinen andern Jüngern bei weitem überlegen ist. Aber was nützt ihm alles das, so er nun schon bei zwei und nahe ein halb Jahren mit Mir nur hauptsächlich darum umherzieht, um Mich in allem dem, was Ich rede und tue, scharf zu beobachten, ob er am Ende doch etwas fände, was da nicht mit der Schrift harmoniert. Und in dem findet sein geheimer und somit noch nicht abgelegter Hochmut und somit auch seine Selbst- und irgend mögliche Erwerbsucht stets neue Nahrung, darum er denn auch gleichfort bleibt, wie er ist, und sich von niemand irgend völlig und wahrhaft lebensverbesserlich zurechtweisen läßt; denn er denkt sich immer: ,Was wollt ihr armen und ungelehrten Fischer mich belehren, der ich ein Schriftgelehrter bin?‘
GEJ|9|99|3|0|Ich aber sage: Ein Schriftgelehrter sein ist an und für sich ganz wohl und recht; aber Mir ist ein Mensch, der auch nur weniges aus der Schrift weiß und danach gläubig lebt und tut, um ein gar Großes lieber denn ein Mensch voll Schriftgelehrtheit, der die Schrift nur kritisiert, an sie einen schwachen und am Ende gar keinen Glauben hat und darum auch nicht nach der Schrift lebt und handelt, sondern nur nach dem Rate seiner Weltvernunft.
GEJ|9|99|4|0|Ein Mensch, der einmal von dem Dünkel seines vielen Wissens sich aufgebläht hat, ist so gut wie alle die hochweisen Juden und Pharisäer und Schriftgelehrten in Jerusalem im Geiste blind, und das also, daß er am hellsten Tage den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, ihn daher auch noch immer sucht und inmitten desselben fragt: ,Ja, wo ist denn der Wald, den ich suchte und sehen wollte?‘
GEJ|9|99|5|0|Ist es etwa nicht ebenso in geistiger Beziehung mit dem Menschen, der mitten im Leben zu fragen anfängt, ob er wohl lebt, und worin denn sein Leben besteht?
GEJ|9|99|6|0|Tor! Deine Haut und dein Fleisch und die ganze dir gleiche Außenwelt wird dir das freilich wohl nicht sagen können, weil das alles in sich kein Leben, sondern nur eine Wirkung des Lebens ist! Gehe aber in dein Inneres hinein durch den Glauben, durch die Liebe, durch die Demut, Sanftmut und wahre Selbstverleugnung, und werde dadurch zum Selbstleben mit dem Leben aus Gott in dir, dann wirst du schon erfahren, daß du wahrhaft lebst, und was das Leben ist!
GEJ|9|99|7|0|Warum suchen denn die Menschen das Gold nicht in dem tauben Gestein, sondern dringen an einer Stelle, wo sie Spuren dieses Metalls entdeckten, in das Innere der Berge und sammeln sich darin große Schätze? Tun aber die Menschen das ohne Furcht und Scheu zur Gewinnung der irdischen Schätze, die in sich tot sind und gar vielen auch den Tod bringen, warum tun sie das denn in und mit sich nicht zur Gewinnung des in ihnen verborgenen Lebensgoldes? Haben sie ja doch schon auf ihrer Haut die deutlichsten Spuren des inneren und wahren Lebensgoldes.
GEJ|9|99|8|0|Wer einmal da ist und lebt, sich aber als eine noch unreife Lebensfrucht noch nicht auskennt, wie und warum er da ist und lebt, der stelle sich tätig dem Lichte aus Gott entgegen, lasse sich von ihm kräftig erleuchten und im Herzen erwärmen, so wird er dadurch zur inneren Löse und wahren Lebensreife gelangen. In dieser wird er dann schon wohl erkennbar gewahr werden, wie und warum er da ist und lebt, und was und wer das Leben in ihm ist!“
GEJ|9|100|1|1|100. — Vom rechten Weg zum rechten Ziel. Falsche und rechte Verstandesbildung
GEJ|9|100|1|0|(Der Herr:) „Der Mensch, wie er sich noch so lebensblind und unreif in der Welt bewegt, gleicht einem Weizenhalme, wie dieser aus dem Keime sich zu entwickeln anfängt. So er erst eine Spanne hoch über dem Boden der Erde unter der Einwirkung der Sonne gewachsen ist, so merkt man noch nichts von einer Fruchtähre; aber unter der stets kräftiger werdenden Einwirkung der Sonne wird auch bald die Ähre ersichtlich, wird voller und vollkommener, blüht, setzt das Korn an, und dieses reift am Halme und in den Hülsen der Ähre zur festen und lebentragenden Weizenkornfrucht, die in ihrer Vollreife sich ganz vom Halme und ebenso von der Hülse völlig löst und für sich frei befindet.
GEJ|9|100|2|0|Ist das Korn einmal zur vollen Reife gelangt, dann stirbt der Halm und die Ähre. Warum denn? Weil all sein früheres Außenleben sich in das wahre, innere Fruchtleben im Korne begeben hat, in welchem sich nun auch die Wurzeln und der emporwachsende Halm in jedem Stadium seines Wachsens und Vollkommenerwerdens bis zur vollen Reife nicht nur einfach, sondern gleich unendlichfältig befinden, ansonst ein in die Erde gelegtes Korn nicht wieder alles in stets vervielfachterer Anzahl zum Vorschein bringen könnte, was zum Wachsen und Reifwerden des Weizens erforderlich ist.
GEJ|9|100|3|0|Habt ihr aber auch schon einmal erlebt, daß im starren und kalten Winter unter dem schwachen Lichte der Sonne, des Mondes und aller Sterne ein Weizenhalm aus der Erde bis zu seiner Vollreife samt Ähre und Korn erwachsen ist? Sowenig aber das im Winter möglich ist, sowenig ist auch das möglich, daß ein Mensch unter den zahllos vielen und verschiedenartigen Lichtlein der so hochgepriesenen Weltweisheit je zur wahren, inneren Lebensreife und Löse gelangen kann! Es muß über ihn der Lebenssommer mit dem vorangehenden Frühling kommen, der in dem durch die Tat stets lebendiger werdenden Glauben, wie der alle Früchte zur Vollreife bringende Sommer in der stets mächtiger werdenden Liebe zu Gott und daraus auch zum Nächsten besteht.
GEJ|9|100|4|0|Gott aber, an und in Sich die Liebe, das Licht und das Leben, ist die wahre Sonne alles Lebens. Wer Gott stets inniger liebt in aller Tat nach Seinem geoffenbarten Willen, der dringt in sein Inneres und geht so in den wahren Sommer des Geistes aus Gott über, in welchem er unter dem Liebelebenslichte und unter dessen Lebenswärme zur wahren Lebensreife gelangt.
GEJ|9|100|5|0|So ihr nun das aus Meinem Munde vernehmet, so beachtet es wohl und tuet danach, so werdet ihr zur wahren Lebensreife gelangen! – Habt ihr das nun verstanden, und auch du, Judas Ischariot?“
GEJ|9|100|6|0|Sagte dieser (Judas Ischariot): „Herr und Meister, du hast nun in klaren Bildern geredet, wir haben sie auch verstanden, und jeder weiß es nun noch überzeugender denn zuvor, was er zu tun hat, um in das Reich Gottes in sich zu gelangen; aber es ist dennoch immerhin keine leichte Arbeit, in sich das zur lebendigen Kraft zu bringen, was im Menschen noch ebenso unregsam ruht und schlummert, wie in einem Samenkorn der Keim. Dieses muß erst in ein gutes Erdreich gelegt werden und zuvor völlig absterben, damit der alles bewirkende Geist im Keime erwachen und die ihm eigene Tätigkeit nach der eben auch in ihm wohnenden Intelligenz beginnen kann, ansonst wird aus dem Samenkorn, das in einer Scheune irgend trocken liegt, trotz des schönsten Frühlings und Sommers niemals ein Halm, eine Ähre und ein reifes Korn erwachsen!“
GEJ|9|100|7|0|Sagte Ich: „Gut, so du das der vollen Wahrheit nach weißt, so ziehe du den alten, materiellen Adamsmenschen aus und ziehe den neuen aus Mir an, so wird dann der innere Mensch in dir schon von sich selbst heraus ebenso tätig werden wie der Geist im Keime, wenn das ihn umgebende Korn in der Erde verwest und dadurch als Nahrung und Stärkung in den Keimgeist übergegangen ist!“
GEJ|9|100|8|0|Sagte darauf wieder Judas Ischariot: „Herr und Meister, wie kann man denn den alten Adam ausziehen und dann einen neuen anziehen? Soll man den Fleischleib denn töten, um dadurch zu einem geistigen Leibe zu gelangen?“
GEJ|9|100|9|0|Sagte Ich: „Wie aber kann einer Meiner alten und gelehrtesten Jünger zu einem solch überdummen Urteil gelangen? Wer hat denn davon geredet, daß ein Mensch seinen Leib töten soll, um dann ein rein geistiger Mensch werden zu können? Deine weltlichen Begierden und Gelüste, die im Fleische toben und wüten, unterjoche du mit deinem freien Willen, und trachte nach dem Reiche Gottes in dir nach der euch allen nur schon zu klar bekannten Weise, so hast du dadurch den alten Menschen ausgezogen und einen neuen angezogen.
GEJ|9|100|10|0|Wenn du aber in einem fort noch so geheim bei dir an den äußeren Dingen und ihren Reizen hängen wirst und herumschwärmen in dem engen Bereich deiner irdischen Weisheit und allerlei als ein Blinder erworbener Erfahrungen, so kann es dir schon noch begegnen, daß der böse Geist der Welt dich ganz gefangennehmen wird und du ihm als ein jammervolles Opfer zur Beute wirst mit Leib und Seele.
GEJ|9|100|11|0|Wer durch pure Beobachtungen und nach den Urteilen seines Weltverstandes zur inneren, wahren Weisheit des Geistes aus Gott gelangen will, der irrt groß, gerät auf Abwege, die voll Abgründe sind, in die er in der Nacht seines Geistes nur zu bald und leicht fallen und sich gänzlich zugrunde richten kann.
GEJ|9|100|12|0|Leuchten in der Nacht nicht zahllos viele Lichter am Himmel? Und dennoch kannst du bei ihrer Beleuchtung keine Schrift lesen! Ebenso kann ein Mensch bei all dem Tausendgeflimmer seiner mühevoll errungenen Weltwissenschaften und gemachten Erfahrungen die innere Lebensschrift nicht entziffern.
GEJ|9|100|13|0|Wie man aber am Tage beim Lichte der Sonne jede noch so kleine Schrift wohl lesen kann, so kann ein Mensch, so durch das Tun nach Meinem Worte die innere Lebenssonne in ihm aufgegangen ist, dann auch seine innere, wahre Lebensschrift lesen und verstehen und erkennen die Verhältnisse alles dessen, was in ihm ist und ihn auch nach allen Seiten nach außen hin umgibt.
GEJ|9|100|14|0|Mit dem puren Suchen mit dem mattesten Schimmerlichte des Weltverstandes findet die Seele im Menschen nicht einmal sich selbst – und noch weniger ihr Lebensverbandesverhältnis mit dem Leibe und mit dem Geiste in ihr. Es soll der Mensch wohl den Gehirnverstand ausbilden und vernünftig denken lernen – aber nicht nach der Weise der Welt, sondern nach der Weise der wahren Kinder Gottes, wie das wohl ersichtlich ist bei den frommen Patriarchen und Altvätern –, so wird auch der Gehirnverstand bald und leicht zu jener Lichtstärke gelangen, gegen die alle Weltweisheit eine große Finsternis ist.
GEJ|9|100|15|0|Betrachtet die erste Verstandesbildung zum Beispiel nur eines Samuel und eines David, eines Salomo und noch einer Menge von Menschen! Wo steht unter den noch so Weltgelehrten, sowohl der Juden als der Heiden, einer, der jenen Männern an Weisheit gleichkäme? Beachtet demnach das, was Ich Selbst euch zeige, so wird auch der Gehirnverstand gar wohl in allem erleuchtet werden!“
GEJ|9|101|1|1|101. — Die Ursache der Not auf Erden
GEJ|9|101|1|0|Sagte nun der Wirt: „Herr und Meister, ich danke Dir nicht nur für mich, sondern auch für alle von Dir Geheilten meines Hauses für diese Belehrung, durch die wir in den Stand gesetzt worden sind, uns selbst zu erkennen und also auch das Reich Gottes in uns! Was wir zu tun haben, das wissen wir nun klarer denn jemals zuvor; und weil wir das nun wissen, so werden wir auch danach handeln und uns von der Welt nicht mehr irreführen lassen. Stärke Du mit Deiner Gnade und Liebe unseren Willen, auf daß auch er stets gleichen Schrittes mit unserem Erkennen der Wahrheit aus Dir wandle bis an das lichtvollste Ziel unseres Lebens; denn das Erkennen der noch so lichtvollen Wahrheit genügt nicht, wenn an seiner Seite ein träger und schwacher Wille einhergeht! Der Wille aber ist die Kraft der Liebe in uns; wie diese beschaffen ist, ebenso auch der Wille. Daher stärke, o Herr, in uns denn auch vor allem die Liebe zu Dir und zum Nächsten!“
GEJ|9|101|2|0|Sagte Ich: „Deine Bitte ist eine wahre und gerechte und wird auch die volle Erhörung finden; aber so da ein Mensch um nichtige und törichte Dinge dieser Welt bittet, da wird er bei Mir schwerlich eine volle Erhörung finden. Darum sei du nun voll Trostes; in deinem Handeln wirst du auch die volle Erhörung deiner Bitte finden; und also auch alle, die du in deine Bitte eingeschlossen hast. Denn Mir ist das allzeit wohlgefällig, so da aus purer Liebe jemand zu Mir mit einer gerechten Bitte kommt; diese soll niemals unerhört bleiben. Aber Bitten und Gebete von solchen Menschen, die sich als Gottes Diener hoch ehren und preisen und sich für ihr leeres Bitten und Beten recht unbarmherzig groß und stark bezahlen lassen, werden bei Mir niemals auch nur die geringste Erhörung finden. Denn was ein Mensch seinem Nächsten nicht aus wahrer Liebe tut, sondern nur, um vor der Welt zu glänzen, hat bei Mir keinen Wert.
GEJ|9|101|3|0|So du deinem Nächsten eine Wohltat mit der rechten Hand erweisest, so laß deine Linke nichts davon merken; Gott, der alles noch so Verborgene wohl sieht, wird es dir schon vergelten!
GEJ|9|101|4|0|Wenn jemand sein überflüssiges Geld ausleiht, so leihe er es nicht denen, die ihm dafür große Zinsen bezahlen können, sondern denen, die in einer wahren Not stecken, ohne Zinsen! Und können sie ihm auch das Kapital nicht zurückerstatten, so grolle er darob nicht und pfände die oft ohne ihre Schuld Verarmten nicht, sondern erlasse ihnen in aller Freundlichkeit und wahrer Nächstenliebe, was sie ihm schulden; wahrlich, da werde Ich dem also barmherzigen Gläubiger das Kapital mit hohen Zinsen zurückerstatten und für ihn einen großen Schatz im Himmelreiche gründen, von dem er ewig in Hülle und Fülle zu zehren haben wird.
GEJ|9|101|5|0|Wahrlich, auch ein Trunk frischen Wassers, den eure Liebe einem Durstigen dargereicht hat, wird bei Mir Belohnung finden!
GEJ|9|101|6|0|Wenn die Menschen alle also untereinander lebten und nach dem ihnen schon gar oft geoffenbarten Willen und Rate Gottes täten, so würde auch niemals eine Not und Bedrängnis und Trübsal unter ihnen auf dieser Erde entstehen. Alles Elend bereiten sich die Menschen durch ihren bösen Wuchergeist nur selbst. Zuerst leiden die Kleinen und Armen, dann aber kommt es tausend Male ärger über die Großen und Mächtigen; denn sie sind durch ihren Wuchersinn und durch ihre zu himmelschreiend große Herrschsucht Diebe und Räuber der Völker und haben darum von Mir aus auch zur rechten Zeit den verdienten Lohn zu gewärtigen.
GEJ|9|101|7|0|Sehet euch alle die großen Reiche der euch bekannten Erde an! Wo sind die einst so mächtigen Könige von Babylon, von Ninive und von Griechenland, und die mächtigen Ägypter und ihre Pharaonen? Sie sind verdorret alle; und ebenso wird es auch andern solchen Großreichen in aller Zukunft ergehen, ihres Wuchers und ihrer zu großen Herrschsucht wegen! Denn der zu selbstsüchtige Wucher und die zu große Herrsch- und Glanzsucht der Menschen ist der eigentliche Satan, ein Fürst dieser Welt, die – weil ohne alles Lebenslicht aus den Himmeln – vollkommen die Hölle selbst ist, der es wohl gestattet ist, sich wegen der Probung des freien Willens und seiner Liebe sich bis zu einer gewissen Höhe zu erheben; wird diese Höhe aber überschritten, so kommt das Gericht, und Hölle und Satan werden in den Abgrund des Verderbens gestürzt. Darum bleibet denn alle in Meiner Lehre, und kämpfet mit reiner Liebe, gutem Willen und mit aller Sanftmut und Demut wider die Hölle und wider den Satan, und ihr werdet dafür des ewigen Lebens Siegeskrone überkommen und schon auf dieser Erde ein wahres Gottesreich gründen!
GEJ|9|101|8|0|Ich bin sonach denn auch nicht in diese Welt gekommen, um ihr, wie sie ist, Frieden und Ruhe zu bringen, sondern das Schwert zum Kampfe wider sie, und Ich Selbst bin als die ewige Wahrheit das Schwert! Und dieses Schwert habe Ich auch euch zum Kampfe wider die Hölle und alle ihre tobende Macht gegeben. Fürchtet darum diejenigen nicht, die wohl euren Leib töten, aber der Seele nicht schaden können; so ihr aber schon jemanden fürchtet, so fürchtet Den, dem alle Macht zu eigen ist im Himmel und auf aller Materiewelt, und der allein ein Herr und Meister des Lebens ist und eine mit Sünden erfüllte Seele in den tiefsten Abgrund der Hölle und ihres ewigen Todes verstoßen kann! – Habt ihr das begriffen?“
GEJ|9|101|9|0|Sagten alle: „Ja, Herr und Meister; aber traurig ist, daß wir Menschen in dieser Welt, die ganz sicher schon eine vollkommene Hölle ist, den Himmel erkämpfen müssen! Es ist schon gar oft der Himmel unter den Menschen aufgerichtet gewesen in dieser Welt, währte aber alle Male nur eine kurze Zeit! Nur zu bald machte sich darauf die alte Hölle unter den Menschen breit und machte sie zu Teufeln; nur höchst wenigen in irgendeinem verborgenen Winkel der Erde gelang es, ganz im stillen den Himmel zu erhalten und zu bewahren. Könnte denn das auf dieser Erde nicht anders werden? Wird diese Erde für immerdar ein Erntefeld des Todes und ein ewiges Grab alles dessen, was da atmet und lebt, verbleiben?“
GEJ|9|102|1|1|102. — Die Aufgabe der Menschenseele auf Erden
GEJ|9|102|1|0|Sagte Ich: „Könnte jemand bestehen mit seinem Leibe auf einer Erde, die nicht aus allerlei Materie und ihren Elementen bestünde? Was ist aber alle Materie, und was ihre Elemente? Das ist durch die Allmacht Gottes gerichtetes und festgehaltenes Geistiges, dem aber die Fähigkeit zu einem stets freier werdenden und also auch stets selbständigeren Leben innewohnt!
GEJ|9|102|2|0|Um aber all die zahllos vielen und durch die Weltenmaterie von Gott gleichsam abgetrennten Urgeister in ein vollkommen freies und dem Urgrundleben Gottes ähnlich selbständiges Leben zu überführen, gehört eben diese vielfache Übergangsordnung, wie ihr sie auf allen Punkten der Erde ersehet, und wie Ich sie euch schon vom Kleinsten bis zum Größten ganz sonderheitlich gezeigt habe, unumgänglich dazu.
GEJ|9|102|3|0|Bis zum Menschen sorgt ganz Gottes Liebe, Weisheit und Macht dafür, daß die Entwicklung des in der Weltmaterie gefesteten und gehaltenen Urgeistlebens von Stufe zu Stufe in eine stets größere Vollendung übergehe und sich fortbilde; aber beim Menschen, als dem Schlußstein der Urgeistlebensentwicklung, geht diese Sache dann notwendig anders. Was seinen materiellen Leib anbelangt, so ist dessen Einrichtung auch noch zum allergrößten Teil von der Liebe, Weisheit und Macht Gottes abhängig, – aber nicht so die Entwicklung der Seele und ihres Geistes. Dieser ist gegeben die Vernunft, der Verstand, ein freies Denken, ein vollkommen freier Wille und die Kraft zu handeln, wie sie es für gut und nützlich erkennt.
GEJ|9|102|4|0|Damit aber die Seele wissen kann, wie sie zu handeln hat, um zur endlichen und gottähnlichen materielosen und von allem Gerichte befreiten und also vollends freiesten Lebensselbständigkeit nach der Ablegung des Leibes zu gelangen und vor dem Angesichte Gottes bestehen zu können, so werden ihr von Gott aus die Wege gezeigt, die sie zu wandeln hat, um seligst zum endlichen Lebensziele zu gelangen.
GEJ|9|102|5|0|Es kommt dann auf den wahren Verstand und Willen der Seele selbst an, sich von allen Banden der alten gerichtvollen Materie frei zu machen und sich durch die materiellen Weltgelüste nicht wieder wie von neuem von der Materie gefangennehmen und verschlingen zu lassen.
GEJ|9|102|6|0|In der Materie ist Gottes unbesiegbare ewige Macht gegenwärtig. Sie kann nur durch die Macht Gottes Selbst hie und da nach Bedarf zu einem höheren Zwecke gelöst werden. Darum kann denn auch keine Kreatur anders sein und handeln, als wie sie von der Macht Gottes geformt und gestellt ist. Darum hieß es auch schon bei den alten Weisen, die das Machtverhältnis Gottes in aller materiellen Kreaturen Wesenheit wohl erkannt hatten: ,Erschrecklich ist es für den frei werden sollenden Menschen, wieder in die Machthände Gottes zu gelangen!‘
GEJ|9|102|7|0|,Ja‘, meinet ihr nun in euch, ,wie kann aber der schwache Mensch sich je der allwaltenden Händemacht Gottes irgend entziehen?‘ Das kann ein Mensch, dessen Seele noch in allerlei materiellen Weltgelüsten steckt, freilich wohl nicht und nimmer; aber darum ist dem Menschen ja von Gott aus die große Fähigkeit verliehen, sich selbst der Macht Gottes zu bemächtigen. Hat er sich dieser bemächtigt, dann ist er auch also vollkommen in allem, als wie vollkommen da ist der Vater im Himmel; er ist also selbst zur Macht Gottes geworden, und diese kann und wird sich selbst ewig nimmerdar irgend besiegen, richten und gefangen nehmen.
GEJ|9|102|8|0|Worin aber besteht diese Macht Gottes im Menschen? Diese besteht in der wahren und reinen Liebe zu Gott, in deren alles überbietenden Weisheit und daraus in der rechten Liebe zum Nächsten, und ferner in der Sanftmut und Demut, wie auch in der Selbstverleugnung gegenüber den Reizungen von seiten der Welt. Wer in allem dem stark geworden ist, der hat schon die Macht Gottes in sich, ist durch die Einung des Machtgeistes aus Gott mit der Seele eben mit Gott vollends eins geworden und hat sich dadurch über den Zwang der Zeit und des Raumes und somit auch über alles Gericht und über allen Tod erhoben. Er ist in und aus Gott ein Selbstherr geworden und hat den ,Zorn Gottes‘, welcher da ist dessen allmächtiger und alles vermögender Wille, dessen unbeugsamster Ernst die Feste aller Kreatur in Zeit und Raum ist, ewig ebensowenig mehr zu fürchten, als wie wenig Gott Sich vor Sich Selbst zu fürchten hat, weil der Mensch auf die euch nun klar dargestellte Art mit Gott eins geworden ist.
GEJ|9|102|9|0|So wie nun Ich im Vater und der Vater in Mir ist, so werden auch alle, die nach Meiner Lehre, die da ist Mein Wille, leben werden, in Mir sein und Ich in ihnen!“
GEJ|9|103|1|1|103. — Der Menschen Weg zum Ziel
GEJ|9|103|1|0|Hierauf dankten Mir wieder alle für diese Belehrung.
GEJ|9|103|2|0|Und der Wirt sagte: „O Herr und Meister! Diese Deine Worte haben auf mich einen großen und mein Inneres hellst durchleuchtenden und somit auch bleibenden Eindruck gemacht. Oh, welch eine unermeßliche Tiefe Deiner Liebe und Weisheit liegt darin! Über die wunderbaren Verhältnisse zwischen Gott und den Geschöpfen kann nur der Geist Gottes den Menschen, die auch Seine Geschöpfe sind, solche überklaren und wahrheitsvollsten Aufschlüsse geben, aus denen wir ersehen können, warum Gott den Menschen Seinen Willen geoffenbart hat, und warum sie in aller Tat denselben sozusagen zu ihrem Eigentume machen sollen!
GEJ|9|103|3|0|O Welt, o Welt, wo stehst du mit deiner so hoch gepriesenen Weisheit! O Herr und Meister, wäre es Dir denn nicht möglich, solch ein Licht in den Verstand der Menschen zu legen? So alle das in sich einsehen würden, da würde es bei gar vielen sicher ein Ende mit dem Sündigen haben.“
GEJ|9|103|4|0|Sagte Ich: „Du meinst es wohl recht gut mit den Menschen, aber es wäre das dennoch eine völlig vergebliche Mühe! Ich müßte dem Menschen nur an seinem Willen, der frei sein muß, ansonst der Mensch kein Mensch wäre, einen Zwang antun; täte Ich aber das, so wäre der Mensch schon gerichtet und könnte sich nimmerdar zur selbständigen Lebensfreiheit emporschwingen.
GEJ|9|103|5|0|Mit dem bloßen Erleuchten des Verstandes der Menschen aber würde der guten Sache noch weniger gedient sein, als so sie von außen her durch einen nach Meiner Lehre weise und stark gewordenen Nebenmenschen unterrichtet werden. Glauben aber nun so viele Menschen Mir Selbst nicht, wo Ich vor ihnen neben der Lehregebung auch Zeichen wirke, die bis auf Mich noch nie jemand gewirkt hat, so werden sie ihrem eigenen Verstande noch weniger trauen, durch den allein sie keine Zeichen sich vorzuwirken imstande wären, weil ihr Herz und Wille mit dem, was sie als wahr und gut einsehen würden, nicht so leicht und so bald, wie du das meinst, in einen völligen Einklang kämen. Denn sieht der Mensch auch mit seinem Verstande all das Gute und Wahre ganz klar ein, sein Herz ist dabei aber noch voll von allerlei weltlichen Dingen, so kostet es den Menschen noch gar manchen harten Kampf mit seiner eigenen Welt, bis sie aus dem Herzen und dessen Willen geschafft wird und der Mensch dann auch nur das liebt und will, was er als gut und wahr erkennt.
GEJ|9|103|6|0|Wenn erst die Liebe, der Wille und der von aller Wahrheit erfüllte Verstand in aller Tat eins geworden sind, so ist der Mensch auch in die Wiedergeburt des Geistes aus Gott in seiner Seele eingegangen und ist in den ersten Grad der Macht Gottes in sich getreten und kann in diesem Zustande schon auch Zeichen wirken.
GEJ|9|103|7|0|Aber es kann ein schon von der Welt oft zu sehr erfüllter Mensch in diesen Zustand nicht so bald und so leicht gelangen, wie Ich dir davon den Grund schon gezeigt habe; ohne die Gelangung in diesen Zustand aber bleibt alle pure Verstandeswissenschaft für den Menschen nur das, was alle andere Wissenschaft für ihn ist, und hat für die Vervollkommnung des inneren Menschen einen sehr geringen Wert, ja oft mehr Schaden als Nutzen, und es ist dem Menschen im allgemeinen besser, so er, von allerlei Bedenken und Zweifeln gepeinigt, die Wahrheit des Lebens suchen muß, als so er sie schon gleich einer urplötzlich in seinem Verstande aufgegangenen Sonne hätte, besäße in seiner Liebe und in seinem Willen aber noch lange nicht die dazu erforderliche Kraft, danach zu handeln. Darum müssen beim Menschen Herz und Verstand stets zugleich nach und nach gebildet und gestärkt werden, ansonst kein Mensch irgend recht vorwärts in der Einsicht und im Handeln nach ihr gelangen kann.
GEJ|9|103|8|0|Was nützten dem Menschen zwei männlich starke Arme zu jeglicher Arbeit, so seine Füße von der Gicht gelähmt wären? Und wozu wäre es gut, an einen und denselben Karren zwei Ochsen so anzuspannen, daß da einer nach vorwärts und der andere nach rückwärts zöge? Zu zwei kräftigen Mannesarmen gehören auch zwei gesunde und kräftige Füße, und vor einem Karren müssen die Zugtiere vorne angespannt werden, ansonst es mit der Arbeit und mit dem Fuhrwerk nicht vorwärts gehen kann und wird. Daher ist die Art und Weise, die Menschen zum wirksamen Lichte des Lebens zu führen, schon also am besten, wie Ich nun Selbst das tue und ihr es nach Mir auch nicht anders machen sollet.
GEJ|9|103|9|0|Hast du, Mein Freund, das nun auch so klar verstanden wie Meine frühere Belehrung, mit deren Licht du gleich aller Menschen Verstand erleuchtet haben wolltest?“
GEJ|9|103|10|0|Sagte der Wirt: „O ja, Herr und Meister, es stellt sich da wieder der ewig wahre Grundsatz heraus, demnach ein guter und weiser Vater die Lebensbedürfnisse seiner Kinder besser kennt als die noch in gar vielen Dingen völlig unerfahrenen Kinder. Habe Dank auch für diese großwichtige Belehrung!“
GEJ|9|104|1|1|104. — Der Wanderer vor der Herberge
GEJ|9|104|1|0|Sagte Ich: „Freund, es ist die dritte Stunde der Nacht zu Ende gekommen, und es ist hier die Seele und auch der Leib gesättigt worden; aber draußen auf der Straße haben sich zwei arme Wanderer gelagert, weil sie kein Geld haben, um in dieser Herberge eine Unterkunft suchen zu können. Laß sie hereinbringen, und gib ihnen Brot und Wein und dann ein Nachtlager, nachdem Ich mit ihnen euretwegen werde einige Worte gewechselt haben!“
GEJ|9|104|2|0|Als der Wirt solches von Mir vernahm, da eilte er mit dem Oberknechte sogleich hinaus, fand aber bei den zwei Männern auch ein Weib und ein Kind und sandte den Knecht zu Mir mit der Frage, ob er auch das Weib mit dem Kinde aufnehmen solle.
GEJ|9|104|3|0|Und Ich sagte: „Ein Mann und ein Weib sind ein Leib! Der zweite Mann aber ist des Weibes Bruder; daher soll der Wirt alle aufnehmen!“
GEJ|9|104|4|0|Da ging der Knecht und hinterbrachte das dem Wirte, und dieser führte sie alle ins Zimmer und gab ihnen Brot und Wein.
GEJ|9|104|5|0|Als sich die vier Personen gestärkt hatten, da fragte Ich den Mann, der das Weib und ein Kind, ein Mägdlein von zwölf Jahren, hatte, sagend: „Höre, Freund, du bist deiner Abstammung nach auch ein Jude, bist aber zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft, natürlich in deinen Ureltern, ganz in das ferne Indien mit noch zweihundert Männern, Weibern und Kindern geflohen.
GEJ|9|104|6|0|Über fünfzig Tage lang waren deine Ureltern auf der Reise und fanden endlich in den weit ausgedehnten hohen Bergreihen ein einsames Tal, das reich war an üppigen Wiesen, allerlei ihnen unbekannten Fruchtbäumen und an Ziegen und Gazellenherden. Ebenso fehlte es in dem erwähnten Tale auch nicht an Quellen und Bächen, und ebenso auch nicht an edlen Fischen.
GEJ|9|104|7|0|Eure Ureltern, die sich auf dieser weiten Reise mit allerlei Früchten und Wurzeln ernährt hatten, untersuchten das viele Stunden der Reisezeit lange Tal nach allen Richtungen und fanden alles zum Leben Nötige, nur keine Menschen, noch irgendeine Art Wohnhütte, aus der sie hätten entnehmen können, daß dieses Tal schon irgendwann einmal von Menschen wäre bewohnt worden.
GEJ|9|104|8|0|Nach solcher Untersuchung des Tales sagte eben dein Urvater, der unter den zweihundert Entflohenen ein Ältester war: ,Gott dem Herrn alles Lob und alle Ehre! Auch dieses Tal hat Er gebaut und hat seine Triften bepflanzt mit allerlei Gras, Kräutern und Wurzeln und Bäumen, die vielerlei Früchte tragen, von denen wir schon welche genossen und sie uns nicht geschadet haben. Ebenso ist dieses schöne Tal auch reich an allerlei sanften Tieren, welche keine Furcht vor uns haben, da sie sicher noch niemals weder von Raubtieren und noch weniger von beutesüchtigen Jägern verfolgt worden sind. Wir sind sicher die ersten Menschen, die in dieses Tal gekommen sind.
GEJ|9|104|9|0|Hier wollen wir uns Wohnungen errichten und im vollen Frieden ohne irgendwelche Verfolgung beisammen leben, für den nötigen Lebensunterhalt gemeinschaftlich sorgen und allzeit Gott dem Herrn für die Gnade danken und Ihm allein die Ehre geben, daß Er uns auf eine so wundersame Weise ganz wohlbehalten in dieses schöne Tal geführt hat!
GEJ|9|104|10|0|Als Er einst unsere Väter aus Ägypten durch die Wüste nach Kanaan führte, da kamen gar viele, die Ägypten verlassen hatten, nicht ins Gelobte Land, und die da hineinkamen, hatten zuvor gar viele Kämpfe und Drangsale zu bestehen; wir aber entkamen mit Seiner Hilfe ganz glücklich der gottlosesten Tyrannei des Nebukadnezar und gelangten allesamt gar wohl behalten in das ferne Tal, das nach allen Richtungen hin von unübersteiglich hohen Bergen umfangen ist. Wir selbst kamen nur durch eine sehr schmale und kaum ersteigbare Kluft hierher, die wir leicht so verlegen können, daß auch durch sie kein Mensch mehr zu uns gelangen kann. Dann haben wir keine stolzen und lieblosen Könige der Erde mehr zu fürchten.
GEJ|9|104|11|0|Wir selbst aber wollen und werden vollends die uns wohlbekannten Gebote Gottes unter uns allzeit streng und ohne jemaligen Nachlaß beachten und uns an jedem Tage unseres Lebens dankbarst daran erinnern, daß uns Gott dieses Tal hat auffinden lassen. Wir werden auch die Tage zählen und den siebenten Tag als den Sabbat bestimmen und an demselben Gott alle Ehre geben. Die Arche des Bundes, um deren Aufenthalt wir alle nicht wissen, werden wir wohl in diesem Tale nimmerdar zu Gesichte bekommen; dafür aber wollen wir in unseren Herzen Gott eine neue Lade erbauen durch die Befolgung Seiner heiligen Gebote und werden Ihm in unseren Herzen durch die Liebe zu Ihm ein Opfer darbringen, das Ihm wohlgefälliger sein wird als die Brandopfer jener Priester, die die Propheten steinigten und sich von den Zehnten und reichen Opfern mästeten!‘
GEJ|9|104|12|0|Als dein Urvater solche gute Ansprache an die andern beendet hatte, da fielen alle auf ihr Angesicht zur Erde und lobten Gott bei einer vollen Stunde lang und baten Ihn um Seine fernere Hilfe, Liebe und Gnade.
GEJ|9|104|13|0|Gott aber fand ein rechtes Wohlgefallen an diesen Flüchtigen und gab deinem Urvater die Weisheit, und er erfand dann in diesem Tale viele Dinge, die zum besseren Fortkommen nötig waren. Einige notwendige Werkzeuge und Gerätschaften hatten sie ohnehin mit sich gebracht auf den Rücken ihrer mitgenommenen etlichen Lasttiere, mittels deren sie sich im Anfange zur Notdurft ihre Hütten und Vorratskammern erbauen konnten; alles weitere hatte ihnen der Geist Gottes gezeigt und mit ihrer geringen Mitmühe verschafft.
GEJ|9|104|14|0|In einer kurzen Zeit von etlichen Jahren waren sie schon mit allem ganz wohl versehen, hatten große Herden von den edelsten Gebirgsziegen mit feinster Wolle und Gazellen und Lamas und eine Menge seltsames und zahmes Geflügel und Rehe und Hirsche, die sie alle zu zähmen und zu ihrem Nutzen zu gebrauchen verstanden.
GEJ|9|104|15|0|Und nun seid ihr zu einem Volke angewachsen und seid irdisch wohlhabend geworden; aber ihr habt angefangen, zu sehr auf den irdischen Gewinn zu sehen und habt dadurch schon vieles von eurer inneren Weisheit verloren!
GEJ|9|104|16|0|Ihr werdet aus dem, was Ich euch nun der vollen Wahrheit nach gesagt habe, wohl erkannt haben, daß Mir alle eure Lebensverhältnisse wohlbekannt sind, und Ich könnte euch noch gar viele andere Dinge von eurem Lande und von euren Lebensverhältnissen sagen; aber nun kommt die Reihe an euch, davon zu reden, aus welchem Grunde ihr hierher aus eurem fernen Morgenlande gekommen seid. Redet aber rückhaltlos die reine Wahrheit; denn Meinen Worten werdet ihr entnommen haben, daß man bei Mir mit einer Lüge oder verdeckten Rede nicht auskommen kann!“
GEJ|9|105|1|1|105. — Der Bericht der Indojuden über den Zweck ihrer Reise
GEJ|9|105|1|0|Hierauf öffnete der Verheiratete den Mund und sagte in gut verständlicher hebräischer Sprache: „O Freund, wer hat dich so über unser Land unterrichtet, das bis zur Stunde noch gar wenigen Fremden bekannt ist? Du hast die volle Wahrheit geredet, und es steht mit uns also; aber wie kamst du hinter unsere so tief verborgenen Geheimnisse?“
GEJ|9|105|2|0|Sagte Ich: „Das kümmere euch vorderhand nicht, sondern seid frohen Mutes, und du rede, was Ich von euch verlangt habe!“
GEJ|9|105|3|0|Hierauf öffnete abermals der, welcher verheiratet war, den Mund und sagte (der Indojude): „Lieber, uns noch völlig unbekannter Freund, siehe, wir haben wahrlich ein gesegnetes Gebirgsland, das noch einmal so viele Menschen und Tiere ernähren könnte, als es gegenwärtig ernährt; aber den Eigennutz und die Selbstsucht hat der Satan auch in unser Land verpflanzt! Die Ältesten, sein wollend die Weisen und Leiter des Volkes, haben das Land unter sich geteilt und haben das Volk zu ihren Dienern bestimmt, und so gibt es nun in unserem Lande bei siebenhundert Patriarchen, von denen beinahe ein jeder an zehntausend untergeordnete Diener beiderlei Geschlechts zählt.
GEJ|9|105|4|0|Es gibt aber nun zwischen uns selbst schon einen gegenseitigen Neid und dadurch auch Zwietracht und Verfolgungen und somit auch kleine Kriege; denn da will ein jeder der Weiseste sein und auch der Reichste und Angesehenste, und es ist in unseren Tagen schon mehrere Male nahe daran gewesen, daß das dienende Volk aus den siebenhundert Patriarchen einen Weisesten zum Könige erwählen sollte. Aber das Volk ist noch klug und sagt: ,Gott allein ist unser aller Herr und König! Er hat uns aus der argen Gefangenschaft der Heiden in dies herrliche Land geführt, – sollen wir Ihm auch so ungetreu und ungehorsam werden, wie es Ihm einst unsere Väter zu den Zeiten Samuels, des letzten Richters, geworden sind? Das sei ferne von uns!
GEJ|9|105|5|0|Sollte Gott auch durch den Mund eines Propheten die gerechte Klage über uns also erheben, daß Er mit der Stimme des Donners sagete: ,Siehe, dies Volk hat vor Mir schon so viele der größten Sünden begangen, als wie viel es da gibt des Grases auf der Erde und des Sandes im Meere, und zu allen diesen Sünden fügt es nun noch dadurch die allergrößte hinzu, daß es mit Meiner so väterlich guten und weisen Regierung unzufrieden ist und einen König, wie ihn die Heiden haben, mit allem Ungestüm verlangt!‘ Oh, das sei ferne von uns! Lieber wollen wir euch noch hundert Jahre als gute Arbeiter dienen und euch die unrecht an euch gerissenen großen Gründe um den bedungenen Lohn bearbeiten, als aus euch erwählen einen König!
GEJ|9|105|6|0|Es steht aber auch geschrieben, daß Gott dereinst allen Juden einen König aus den Himmeln herabsenden werde, und unsere Weisen haben schon etwa Seinen Stern entdeckt und sind Ihn nach dem Laufe des Sternes suchen gegangen. Wenn sie wiederkommen werden, da werden wir es schon aus ihrem Munde erfahren, wie es mit der Ankunft des großen Königs aller Juden steht!‘
GEJ|9|105|7|0|Freund, diese Versammlung des Volkes zur Wahl eines Königs aus der Zahl der siebenhundert Patriarchen geschah vor dreißig Jahren nach unserer Zeitrechnung, und das Volk enthielt sich um so mehr bis zur Stunde von einer Königswahl, da nach einem Jahre unsere ausgegangenen sternkundigen Weisen wieder zurückkamen und uns treu und wahr ganz umständlich erzählten, wie und wo sie den neugeborenen König der Juden gefunden haben, und welche unerhörten Wunder aus den Himmeln Seine Geburt und Sein Dasein auf Erden verkündeten und verherrlichten!
GEJ|9|105|8|0|Auf diese Nachricht, an die auch unsere siebenhundert Patriarchen glaubten, obschon einige mit sauren Mienen, unterblieb bis zur Stunde eine irgend erneuerte Königswahl. Es verstrichen aber seit jener Zeit schon mehr denn dreißig Jahre, und es wurden von uns zu verschiedenen Malen Kundschafter hierher gesandt, um zu erfahren, wie es mit dem Könige aller Juden, wo solcher auch auf der Erde immer wohnen möge, stehe. Selbst unsere alten drei Sternkundigen haben sich schon vor etwa ein paar Jahren wieder hierher begeben; ob sie schon wieder mit guter Nachricht heimgekehrt sind, das wissen wir nicht, da unser Wohnland nun um vieles größer ist, als es zur Zeit der ersten Besitznahme war und nun oft schon etliche Jahre dazu erforderlich sind, bis das ganze, nun sehr große und weit auseinander wohnende Volk erfährt, welche Nachrichten von außen her ins Land gebracht worden sind.
GEJ|9|105|9|0|Es mögen daher die drei Weisen schon wieder vielleicht mit den besten Nachrichten nach Hause gekommen sein, so konnten wir dennoch aus dem treu und wahr angeführten Grunde nicht erfahren, was die abermals ausgegangenen drei für Nachrichten ins Land gebracht haben. Zudem hat uns auch die stets wachsende Herrschlust unserer Patriarchen mit allerlei Besorgnis erfüllt, als könnten sie etwa beim Vernehmen guter Nachrichten über den neuen Himmelskönig aller Juden stützig (widerspenstig) geworden sein und den Weisen strenge verboten haben, dem Volke solche Nachricht zu hinterbringen. Und so machten wir uns heimlich auf den weiten Weg, um hier in unserem alten Vaterlande auszukundschaften, wie es hier mit dem neuen Könige steht.
GEJ|9|105|10|0|Unsere Reise war eine beschwerliche, da wir zu wenig Goldes und so auch nur wenig Edelsteine, die bei uns als Tauschmittel gebraucht werden, haben mit uns nehmen können. Wir mußten uns auf dem weiten Wege zum Teil von uns bekannten Wurzeln und zum Teil von der noch hie und da im Gebrauche stehenden Gastfreundschaft der Menschen durchbringen. Aber alle unsere Beschwerden hielten uns nicht zurück, Den suchen zu gehen, der uns – wie es in den Propheten geschrieben steht – von aller Not erretten kann und wird.
GEJ|9|105|11|0|Wir sind nun trotz aller Beschwerden und Entbehrungen in das alte Vaterland der Juden gekommen, das etwa nach vierzig Jahren ihnen zurückgegeben ward, aber nun abermals unter der Herrschaft der Heiden – Römer genannt – steht, und wir hoffen denn nun auch mit großer Zuversicht, daß wir unsere weite Reise nicht vergeblich unternommen und gemacht haben. Gold, Silber und Edelsteine, womit man Könige zu ehren pflegt, haben wir freilich wohl nicht, aber ein aufrichtiges und den großen Himmelskönig aller Juden über und über liebendes Herz, das Er auch nicht zurückstoßen wird; und mit dem wollen wir Ihn ehren und preisen unser Leben lang!
GEJ|9|105|12|0|Aber nun noch etwas, du lieber und überaus weiser und um alles wissender Freund! Ihr seid euer viele in dem Speisezimmer, und scheint mit allen Verhältnissen der Menschen auf der ganzen weiten Erde bestens vertraut zu sein und werdet sicher auch wissen, wo Sich der große König wohnlich befindet. Ist Er in Jerusalem oder in Bethlehem, wo Er nach der Aussage unserer drei Weisen, die auch den Ehrentitel ,Könige‘ in der Sternkunde besitzen, geboren worden ist, oder in irgendeiner andern Stadt des einst so großen und mächtigen Judenreiches anzutreffen, und wie und wann, auf daß wir dahin ziehen schon am morgigen Tage und Ihn aufsuchen?“
GEJ|9|105|13|0|Sagte Ich: „Freund, du hast deinen Weg wahrlich nicht umsonst gemacht, – aber weder in Jerusalem noch in Bethlehem und in einer andern stolzvollen Stadt wirst du Ihn, deinen neuen König der Juden, als bleibend wohnlich finden, da Er stets arm und ganz ohne allen äußeren Weltglanz von einem Orte zum andern zieht und die Menschen erkennen lehrt das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit; aber wo ihr es euch nicht versehet, wird Er sein und euch mit offenen Armen und Herzen aufnehmen!
GEJ|9|105|14|0|Das Ehrenopfer aber, das ihr Ihm darbringen wollet und eigentlich schon dargebracht habt, wird Ihm wahrhaftest lieber sein denn alles, was die Menschen auf der Welt irgend als höchst wertvolle Schätze anerkennen und begierlich an sich zu reißen sich alle Mühe geben! Denn bei Ihm gilt nur ein reines, liebevolles, demütiges und mit aller Sanftmut erfülltes Herz; die Schätze der Welt aber sind vor Ihm ein Greuel und bekommen erst dann einen Wert, wenn sie zu den Zwecken der wahren Nächstenliebe verwendet werden. Wo sie aber als Nahrung für den menschlichen Geiz, für des Menschen Hochmut und Herrschsucht dienen und die Menschen zu Trägheit, Fraß, Völlerei, Hurerei, Raub, Mord und zu noch vielen andern Lastern verleiten, da sind sie auch aller Verdammung werte Greuel vor Ihm, der ein Herr ist über alles im Himmel also wie auf Erden.
GEJ|9|105|15|0|Sein Thron ist die reine Liebe, und Sein alles überstrahlender Glanz ist die ewige und lebendige Wahrheit; wer an Ihn glaubt, Ihn über alles liebt und Seine Gebote hält, dem gibt Er aus Sich das ewige Leben.
GEJ|9|105|16|0|Seht, so ist der neue König der Juden und auch der Heiden beschaffen und läßt Sich von jenen Menschen allzeit gern und sicher finden, die Ihn mit der wahren Liebe in ihrem Herzen suchen! Und da ihr Ihn also suchet, so werdet ihr Ihn auch sicher finden; denn Er Selbst wird euch unversehens entgegenkommen!“
GEJ|9|105|17|0|Sagte der Verheiratete: „O du lieber und sehr weiser Freund! Aus unseren Mienen kannst du lesen, welch eine große Freude du uns mit deiner Aussage und Beschreibung in bezug auf den großen König gemacht hast! Denn also muß Er sein nach der Weissagung der alten Weisen! Du aber mußt schon sehr oft und sehr viel mit Ihm zu tun gehabt haben, weil du Ihn gar so durch und durch zu kennen scheinst! Wie sieht Er denn so von Person gestaltlich aus? Möchtest Du uns nicht davon eine kleine Beschreibung geben?“
GEJ|9|105|18|0|Sagte Ich: „Seht, unser Wirt hat unterdessen für euch etliche gute Fische bereiten lassen! Gehet nun zuvor an euren Tisch, und verzehret sie; darauf erst wollen wir wieder weiterreden!“
GEJ|9|105|19|0|Darauf taten die vier freudig das, was Ich ihnen geraten hatte.
GEJ|9|106|1|1|106. — Der Traum des Mägdleins
GEJ|9|106|1|0|Als die Fische verzehrt waren, da sagte der Wortführer zum Wirte: „O lieber Freund, du hast uns nun eine gute Stärkung für unseren Leib gegeben; aber mit dem Bezahlen wird es schlecht gehen!“
GEJ|9|106|2|0|Sagte der Wirt: „Meine lieben Stammesverwandten, für das habt ihr euch nicht zu sorgen, und so ihr wieder heimkehren werdet, da wird schon auch dafür gesorgt werden, daß ihr eure Rückreise nicht mit leeren Säcken machen werdet; darum seid nun frohen Mutes und habt keine Furcht und keine unnötige Sorge!“
GEJ|9|106|3|0|Sagte darauf das zwölfjährige Mägdlein, das nun, wohlgestärkt mit Speise und Trank, auch Mut zum Reden bekam, zu ihrem Vater: „Höre, du mein Vater, mir hat vor drei Tagen, als wir auch das Glück hatten, einen Menschenfreund im Wirte einer Herberge zu treffen, Wahres geträumt! Du hast zu mir freilich, wie immer, gesagt, daß die Träume der Kinder nichts zu bedeuten haben; aber ich habe im Traum dieses Zimmer gesehen und so auch die über alles freundliche Aufnahme in dieser Herberge. Aber ich habe im Traum noch viel mehr gesehen, was du aber, als ich es dir erzählen wollte, nicht anhören wolltest und mich zu schweigen nötigtest; aber mir kommt es nun hier vor, daß mein Traum ganz in Erfüllung gehen wird!“
GEJ|9|106|4|0|Sagte darauf der Vater zur Tochter: „Nun, was hat dir denn noch Weiteres, das nun hier in Erfüllung gehen solle, geträumt? Hier erlaube ich es dir schon, uns deinen Traum ganz zu erzählen!“
GEJ|9|106|5|0|Sagte das Mägdlein darauf: „Ganz werde ich dir den gehabten hellen Traum nicht erzählen, sondern nur die Hauptsache berühren, und diese besteht darin: Ich sah im Traumgesichte auch jenen großen Tisch und dieselben Männer um den Tisch sitzen. Und siehe, einer von ihnen war eben jener neue Himmelskönig, dessentwegen wir unsere Wanderung hierher unternommen haben! Ich könnte dir Ihn auch zeigen; aber ich habe nun eine Stimme in mir vernommen, die es mir verbot, solches zu tun, und der Stimme muß ich gehorchen! Weil aber alles aus meinem Traume hier in Erfüllung geht, so wird auch vielleicht das noch in Erfüllung gehen, daß wir eben hier Den finden werden, den wir über alles gerne finden möchten!“
GEJ|9|106|6|0|Sagte darauf, ganz überrascht, der Vater: „Mein liebes Kind, es kann wohl etwas Wahres in deinem Traume stecken, – aber deiner Traumaussage sogleich einen unbedingten Glauben schenken, wäre bei einer so hochwichtigen und heiligen Sache doch etwas zu sehr Gewagtes: daher heißt es da mit aller prüfenden Vorsicht zu Werke gehen! Ich werde mich darum wieder an jenen sehr weisen Mann, mit dem ich schon geredet habe und der offenbar ein Prophet ist, wenden; von dem werde ich am ehesten etwas Näheres über den Himmelskönig aller Juden erfahren. Ich habe ihn schon früher um die Personbeschreibung des genannten heiligen Königs gebeten; wenn er mir diese gibt, so wird es dann eben nicht gar zu Schwieriges mehr geben, Ihn ausfindig zu machen und auch zu erkennen!“
GEJ|9|106|7|0|Sagte nun auch das Weib zum Manne: „Höre, du mein Gemahl, das unschuldige und reine Gemüt eines Kindes ist Gott oft näher als das unsrige, das schon durch manche Leidenschaftlichkeit verunlautert worden ist, und sieht und erkennt die Nähe Gottes denn auch oft eher als das unsrige! Im Suchen und Finden sind die Kinder mit ihren scharfen Augen oft um gar vieles geschickter denn wir Alten. Du aber bist in manchen Dingen zu strenge prüfend, und ich habe es schon bei dir mehrere Male erlebt, daß du mit der Zeit das auch als echt und gut anerkannt hast, was wir dir gleich anfangs als echt und gut vorgestellt haben; wer weiß es, ob es dir diesmal nicht auch so ergehen wird!“
GEJ|9|106|8|0|Sagte der Mann: „Diesmal wünschte ich wohl, daß ihr recht haben möchtet! Aber nun gehen wir beiden Männer zu dem Weisen hin und bitten ihn noch einmal um die Personbeschreibung des großen Königs, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf dieser weiten Erde!“
GEJ|9|106|9|0|Auf diese Unterredung, die stets mit halblauten Worten geschah, auf daß sie von uns nicht vernommen würde, standen die zwei Männer auf und begaben sich wieder voll Ehrfurcht zu Mir und baten Mich um die Personbeschreibung des großen Königs.
GEJ|9|106|10|0|Ich aber sagte mit freundlicher Miene zum Verheirateten: „Ihr habt zwar mit ganz leiser Stimme von dem Könige geredet und über den Traum deines Töchterleins geurteilt, und doch habe Ich jede Silbe wohl vernommen. Ihr möchtet von Mir die Personbeschreibung des Königs vernehmen, weil ihr der Meinung seid, durch sie den König, so ihr mit Ihm irgend zusammenkämet, alsbald zu erkennen und Ihm die Ehre zu geben.
GEJ|9|106|11|0|Ich aber sage es euch: Der neue König der Juden muß von denen, die Ihn wahrhaft zu erkennen wünschen, vor allem im Geiste und aller Wahrheit erkannt werden, dann wird auch Seine Person bald und leicht erkennbar werden. Es hatte aber deine Tochter dir aus ihrem Traume vor drei Tagen unweit von Damaskus ja die persönliche Gestalt des Königs beschreiben wollen; warum wolltest du sie denn nicht anhören?“
GEJ|9|106|12|0|Sagte der Mann: „Liebster und sehr weiser Freund, weil bei mir, wie bei meinen Eltern und Voreltern, stets der weise Erziehungsgrundsatz gehandhabt ward, demnach Kinder wohl recht Gutes und Wahres hören, aber nur dann reden sollen, wenn sie um etwas gefragt werden, auf daß sie nicht zu losen Schwätzern werden; denn viel denken und danach handeln ist klüger denn viel schwätzen und dabei wenig tun. Und so wollte denn ich mir auch den Traum von meinem Kinde nicht alsogleich erzählen lassen, um es in der Geduld und Selbstverleugnung zu üben und zu stärken, was besonders dem weiblichen Geschlecht am meisten not tut, das seine Zunge ohnehin schwer zu bändigen imstande ist.“
GEJ|9|106|13|0|Sagte Ich: „Da hast du wohl ganz recht, – aber weil dein Töchterlein ohnehin von einer selten schweigsamen Gemütsbeschaffenheit ist, so hättest du von deiner festen Regel schon auch einmal eine kleine Ausnahme machen können; denn so sittsam und wohl erzogene Kinder stehen der inneren Lebenswahrheit gewöhnlich um vieles näher als jene erwachsenen Leute, die durch ihr unermüdsames Forschen ihr Gehirn mit vieler Weltweisheit so vollgefüllt haben, daß sie am Ende den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen. Bei dir ist das auch so recht stark der Fall; denn du wolltest dem alten Rufe deines Stammes keine Unehre machen, – was dir auch zu keinem Übel anzurechnen ist. Aber das wirst du auch schon selbst bemerkt haben, daß ein zu scharf geschliffenes Messer stets eher schartig wird, denn eines, das zwar ein wenig stumpfer, aber immer noch zur Genüge scharf geschliffen ist! – Aber dem sei nun, wie ihm wolle! Lasse du nun dein Töchterlein hierher kommen, und sie soll sich aus uns Den aussuchen, der ihr im Traum als der neue König der Juden ersichtlich geworden ist!“
GEJ|9|106|14|0|Sagte der Mann, der auf diese Meine Worte ganz verlegen geworden war, so wie auch sein Schwager: „O du liebster und unbegreiflich hochweisester Freund, sollte der heilig große König denn etwa wohl im Ernste unter euch sein?“
GEJ|9|106|15|0|Sagte Ich: „Das wird sich hernach schon zeigen; jetzt aber tue du das, was Ich dir anbefohlen habe!“
GEJ|9|106|16|0|Auf diese Worte ging der Mann hin und führte sein Töchterlein zu Mir.
GEJ|9|107|1|1|107. — Das Mädchen erkennt den Herrn
GEJ|9|107|1|0|Als die Maid mit der ehrfurchtsvollsten Miene vor Mir stand, fragte Ich sie mit aller Freundlichkeit, sagend: „Nun, du Meine liebe Tochter, sage Mir es, welcher von uns bei diesem Tische Dem am meisten gleich schaut, der dir in deinem Traume vor drei Tagen als der große König aller Juden und als ein Herr Himmels und der Erde ersichtlich geworden ist!“
GEJ|9|107|2|0|Sagte die Maid: „O Herr, du setzest mich armes Kind nun wohl auf eine harte Probe!“
GEJ|9|107|3|0|Sagte Ich: „Warum nennest du, Mein liebes Töchterlein, das denn eine harte Probe?“
GEJ|9|107|4|0|Sagte das Töchterlein: „O Herr, wenn mich ein anderer darum gefragt hätte, so hätte ich ihm leicht zu antworten; aber weil gerade Du, der Du eben Selbst Derjenige bist, den ich im Traume als den großen und über alles mächtigen König nicht nur aller Juden, sondern aller Menschen gesehen habe, fragest, so ist mir das schwer zu sagen!
GEJ|9|107|5|0|Aber da ich nun vor Dir, Du allmächtiger Herr und Herrscher von Ewigkeit zu Ewigkeit über alle Himmel und Welten, reden muß, so sage ich denn auch nun offen heraus: Du, o Herr, bist es Selbst! Dich sah ich im Glanze der Sonne! Zahllose Scharen der seligsten Engel umgaben Dich und priesen überhoch Deinen allerherrlichsten Namen.
GEJ|9|107|6|0|Und ich fragte einen Weisen, der in meiner Nähe stand, wie Dein Name wohl laute.
GEJ|9|107|7|0|Und der Weise sagte: ,Den Namen des Allerhöchsten konnte vom ewigen Uranfange an auch kein Engel aussprechen; denn Sein Name ist so unendlich groß wie der unendliche Raum Seiner Schöpfungen, von denen die Erde, die du bewohnst, kaum das ist, was ein winzigstes Stäubchen gegen die ganze, große Erde selbst ist. Aber der ewige Gott, Schöpfer und Vater hat aus übergroßer Liebe zu euch, Seinen Kindern, auf daß ihr euch Ihm vollauf nahen könnet, Selbst euer Fleisch angezogen und hat mit demselben auch einen Namen Sich gegeben, den jeder Mensch dieser Erde und auch jeder Engel fühlen und aussprechen kann; – und dieser heiligste Name lautet: Vater, Liebe, Wahrheit und Leben; als Menschensohn aber heißet Er Jesus!‘
GEJ|9|107|8|0|Auf das sah ich in großen Reihen Sonnen und Erden ohne Zahl und Maß vor Dir vorüberschweben, und alle waren voll der herrlichsten Wesen unseresgleichen und auch anderer wunderbarster Dinge, und wohin Du Dein Auge wandtest in die Tiefen des endlosen Raumes, ersah ich alsbald neue große und wundervollste Schöpfungen ins Dasein treten! O Herr, o Liebe, o Vater, o Du nun mein König Jesus! Wie endlos groß, mächtig und über alles heilig und herrlich bist Du in Dir Selbst von Ewigkeit zu Ewigkeit! Dir ist ewig niemand gleich! Oh, vergib es der Schwäche meiner Zunge, daß sie Dein Lob und Deine Ehre nicht würdiger auszusprechen vermag!“
GEJ|9|107|9|0|Hierauf sank das Mägdlein auf ihre Knie und lobte und pries Mich, vor lauter Liebe weinend, still im Herzen.
GEJ|9|107|10|0|Als ihr Vater, ihr Oheim und auch ihre Mutter das vernahmen, sanken sie auch auf ihre Knie und fingen an, Mich laut anzubeten.
GEJ|9|107|11|0|Ich aber sagte: „Stehet auf, ihr Meine lieben Kinder; denn der Vater will von euch nicht, wie etwa ein Götze von den Heiden, angebetet, sondern allein nur wahrhaft geliebt sein! Denn eurer Liebe zu Ihm wegen hat Er Sich von euch denn auch hier finden lassen! Den ihr suchtet, der bin Ich. Aber nun erhebet euch vom Boden, und seid frohen und heitern Mutes! Setzet euch nun zu diesem Tische, und labet euch mit dem Weine, mit dem Ich eure Becher füllen werde! Du, Töchterchen der lieblichsten Art, setze dich zu Meiner Rechten samt deiner Mutter, ihr beiden Männer aber setzet euch zu Meiner Linken! Es ist noch eine Stunde Zeit bis zur Mitternacht, und wir wollen da noch über gar sehr wichtige Dinge uns besprechen.“
GEJ|9|107|12|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da erhoben sich die vier voll der höchsten Ehrfurcht vom Boden und sagten: „O Du nie begreifbar große Liebe, o Herr, König und Vater Jesus, laß uns an dem kleinen Tische dort wieder unseren früheren Platz einnehmen; denn wir fühlen uns zu unwürdig, nun in deiner vollsten Nähe zu sein!“
GEJ|9|107|13|0|Sagte Ich: „Was Ich einmal gesagt habe, bei dem hat es zu verbleiben! Bin Ich im Geiste denn nicht überall zugegen? Wohin wollt ihr euch wohl verstecken, auf daß euch nicht fände das Licht Meiner Augen? Darum seid nun heitern und frohen Mutes, darum daß Ich Mich von euch habe finden lassen! Denn nun bin auch Ich, wie ihr, ein Mensch mit Fleisch und Blut auf dieser Erde und bin wie ein Freund und Bruder unter euch.“
GEJ|9|107|14|0|Auf dies Mein Zureden setzten sich die vier denn endlich doch zu Mir, und das Mägdlein wandte ihre Augen nicht von Mir ab und ward nahe ganz leuchtend vor lauter Liebe zu Mir, was sogar Meinen Jüngern auffiel.
GEJ|9|107|15|0|Ich aber sagte zum Wirte: „Bringe du vier reine und völlig leere Becher; denn Ich will diesen Meinen vier Freunden von Meinem Weine eine rechte Kräftigung zukommen lassen! Denn sie haben Mir zuliebe viele Tage alle Beschwerden, die arme Menschen auf einer so weiten Reise zu erdulden haben, mit aller Geduld und dabei doch mit einem wahren Heldenmut ertragen, und so sollen sie hier denn dafür entschädigt und belohnt werden!“
GEJ|9|107|16|0|Hierauf ging der Wirt und brachte vier reine und leere Becher und setzte sie vor die vier armen Gäste.
GEJ|9|107|17|0|Als die Becher vor ihnen standen, sagte Ich, das Mägdlein ansehend: „Du, Mein allerliebstes Töchterchen, hast in deinem Traume gesehen, wie im endlosen Raum dort neue Schöpfungen entstanden, wohin das Licht aus Meinen Augen drang, – und nun siehe, Ich werde das Licht aus Meinen Augen in eure bis jetzt noch leeren Becher dringen lassen, und sie werden dann auch sogleich voll des reinsten Weines aus den Himmeln werden! Solchen Wein trinket dann aus Liebe zu Mir, und ihr werdet dadurch zu jener Kraft und Stärke gelangen, die euch den rechten Mut, mit Mir zu reden, geben wird, – und was Ich euch sagen werde, das werdet ihr leicht ertragen und behalten und werdet dann auch imstande sein, Meinen Namen in eurem Lande euren Brüdern zu verkünden.“
GEJ|9|107|18|0|Hierauf besah Ich die leeren Becher, und sie wurden im Augenblick voll des besten und reinsten Weines, worüber sich die vier über und über zu verwundern anfingen.
GEJ|9|107|19|0|Als die vier Becher, nun mit dem besten Weine gefüllt, vor den vieren standen, da sagte Ich zu ihnen: „Habt nun keine Furcht und Scheu, und trinket den neuen, nun für euch geschaffenen Wein! Denn so wie Mein Wort und Wille den ganzen Menschen erweckt und belebt, also auch dieser Wein, der auch gleich ist Mein Wort und Wille; er wird euch erwecken und beleben zum ewigen Leben eurer Seelen! Und so denn trinket!“
GEJ|9|107|20|0|Auf diese Meine Anrede nahmen die vier voll Ehrfurcht die Becher in die Hand und tranken den Wein, da er ihnen zu wohl schmeckte, bis zum letzten Tropfen aus. Als sie den Wein im Leibe hatten, da verließ sie die übertriebene Ehrfurcht vor Mir und wandelte sich in Liebe um, und diese erst gab ihnen den rechten Mut, mit Mir also offen zu reden, als wie offen und zutraulich da reden die Kinder mit ihren Eltern.
GEJ|9|108|1|1|108. — Von der Kraft des Geistes
GEJ|9|108|1|0|Und so denn fragte Mich zuerst das Mägdlein, sagend: „O Herr und Meister und höchster König voll göttlicher Macht und Kraft, wie war es Dir doch möglich, diesen wahren Himmelswein rein aus nichts in den Bechern zu erschaffen, und das so plötzlich, daß man sich nicht versehen konnte, wie er in die Becher kam? Ich weiß wohl, daß der göttlichen Kraft nichts unmöglich ist, und daß Gott alles, was da ist, erschaffen hat und noch gleichfort erschafft; aber bei dem Erschaffen beachtet Gott stets also eine gewisse Ordnung, daß da, um ein vollendetes Ding ins Dasein zu setzen, immer eins dem andern vorangeht und die Hauptsache dann auch immer als eine Folge der oft recht vielen Vorangänge erscheint und auch aller Wahrheit nach ist.
GEJ|9|108|2|0|Ja, der Wein, den die Rebe gibt, ist nicht minder ein Wunder! Aber bei dem Werden des Weines von der Rebe her gibt es gar viele Vorgänge bis zur vollreifen Traube; hier bei der wahren Erschaffung des allerbesten Weines in den Bechern aber gab es keinen Vorgang, sondern Du wolltest, – und die Becher waren schon voll Weines! Wie ist das doch wohl möglich?“
GEJ|9|108|3|0|Sagte Ich: „Höre, du Mein liebes Töchterlein, du bist zwar erst volle zwölf Jahre alt; aber dein Verstand reicht über vierzig Jahre wohlgebildeten Alters! Mit solch einer Frage ist Mir noch kaum jemand zum Vorschein gekommen. Ja, du Mein liebes Töchterlein, die Frage, die du hier gestellt hast, ist wohl recht klar und verständlich, – aber die darauf zu gebende Antwort wird euch offenbar nicht ebenso klar und verständlich vorkommen; aber weil du schon gefragt hast, so sollst du von Mir auch eine Antwort bekommen.
GEJ|9|108|4|0|Siehe, der Wein, der durch die Rebe nach und nach bereitet wird, ist eben ein solches Wunder wie dieser, den Ich für euch hier plötzlich erschaffen habe! Ich könnte gleichfort den Wein und auch alles andere also erschaffen, gleichwie erschaffen wird in der Luft die Wolke und der Regen, und wie Ich nun auch für euch den stärkenden Wein erschaffen habe aus der Luft, in der schon alle Bestandteile, die zum Weine gehören, vorhanden sind gleichwie auch alles, was zur Hervorbringung aller anderen Kreaturen erforderlich ist; aber der Mensch kann das mit seinen Fleischesaugen nicht sehen, sondern der Geist nur kann das sehen, sondern und vereinen, und so denn entweder plötzlich oder – wegen der Probung des menschlichen Verstandes, der Liebe und der Geduld und wegen der Erweckung der Tätigkeit und Hintanhaltung der Trägheit der Menschen – nach und nach auf die euch als natürlich bekannte Weise bewerkstelligen. Immer aber ist es ein und derselbe Geist, der ganz allein nur alles so oder so zu bewirken imstande ist, weil er uranfänglich der Grund von allem ist und auch ewig sein wird; denn alles, was da ist, ist im Grunde des Grundes nur des Geistes Macht, Kraft, Liebe, Weisheit und Wille.
GEJ|9|108|5|0|Auch ein jeder Mensch ist im Besitze solch eines Geistes, der aber erst dann im Menschen wirkend auftritt, wenn er völlig nach dem erkannten Willen Gottes tätig wird und sein Geist auf dem Wege der reinen Liebe zu Gott und daraus zum Nächsten mit der Seele im Menschen sich vereinigt und sie dadurch selbst zur puren Liebe und Willen Gottes wird. Ist das im Menschen vor sich gegangen, dann ist er auch Gott ähnlich und kann auch Dinge bewirken, von deren Grunde kein pur äußerer Menschenverstand sich einen Begriff machen kann.
GEJ|9|108|6|0|Nun aber seid ihr an der Quelle, Gottes Willen zu hören und für euer Leben zu erkennen; wenn ihr danach tätig geworden sein werdet – was von eurem völlig freien Willen abhängt –, so werdet ihr dadurch den allmächtigen Willen Gottes zu dem eurigen machen und durch ihn alles vermögen.
GEJ|9|108|7|0|In dem Willen Gottes aber lebt auch die höchste Weisheit, daher er auch nichts bewirken kann und will, was da wider die Weisheit Gottes wäre. Wer demnach den Willen Gottes sich durch die Taten danach zu eigen gemacht hat, der hat sich auch die Weisheit Gottes zu eigen gemacht, ohne die der Wille nichts zu bewirken imstande wäre; und so ist denn ein Mensch, der dem Willen Gottes gemäß handelt, voll des wahren Lebenslichtes und voll der durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten lebendigen Weisheit. Und siehe nun, du Mein allerliebstes Töchterlein, da hast du nun eine vollgültigst wahre und alles besagende Wahrheit auf deine Mir gegebene Frage; und nun sage Mir, ob du sie auch verstanden hast!“
GEJ|9|108|8|0|Sagte das gar wohl erzogene und gut gebildete Töchterlein: „O Du über alles großer und mächtiger König, Herr und Meister, es kommt mir wohl vor, als hätte ich den rechten Sinn Deiner Worte begriffen; aber in die klare Tiefe dieser nur einem reinsten Geiste wohl begreiflichen Weisheit werde ich erst sicher nur dann zu dringen imstande sein, wenn auch ich es dahin werde gebracht haben, wo meine Seele mit dem Geiste nach Deinem Worte eins sein wird. Dank Dir, o Herr und Meister, für Deine allerweiseste Belehrung!“
GEJ|9|108|9|0|Sagte Ich: „Du hast nun ganz wohl geredet, und Ich sage es dir, daß du eher noch, als du denkst, in den Zustand, den Ich dir als den vollkommenen und Gott ähnlichen gezeigt habe, gelangen wirst; denn du hast schon die rechte Liebe zu Mir und so auch eine rechte Liebe zum Nächsten. Diese Liebe ist das einzige und sicherst wirkende Vereinigungsmittel des Geistes mit der Seele, weil solche Liebe in der Seele schon der eigentliche Geist Gottes ist; laß ihn durch gute Taten stark werden, und du wirst dich dann bald von seiner wunderbaren Macht und Kraft in dir und auch außer dir gar wohl überzeugen.
GEJ|9|108|10|0|Wer Gott mit seinem Verstande zu suchen und zu ergründen strebt, der hat eine mühevolle Arbeit und kommt schwer auch nur um einen Schritt weiter; wer aber Gott sucht mit der Liebe im Herzen, der findet Ihn bald und erreicht leicht das wahre Lebensziel. – Verstehst du das?“
GEJ|9|108|11|0|Sagte das Mägdlein: „O Du großer Herr und Meister, das habe ich nun wohl verstanden; denn es ist in mir nun auf einmal helle geworden, und ich begreife nun auch schon Deine mir gegebene Antwort auf meine Frage um vieles heller denn ehedem. Also begreife ich nun meinen Traum und sehe es ein, daß solchen nur Dein Geist in meiner Seele geschaffen hat, ansonst sie aus sich sicher nicht imstande gewesen wäre, in die ewig nie ermeßbaren Tiefen Deiner Schöpfungen einen so hellen Blick zu tun!“
GEJ|9|108|12|0|Sagte Ich nun zu den Eltern des Mägdleins: „Dieses Kind wird euch noch zu einer Leuchte werden! Aber so sie euch aus Meinem Geiste in ihr so manches kundtun wird, da machet es nicht ebenso, wie vor drei Tagen in der Nähe von Damaskus! Nun aber sollen eure Becher noch einmal gefüllt sein, und ihr sollet sie auch zum zweiten Male leeren!“
GEJ|9|108|13|0|Sagte hierauf das Weib: „O Herr, laß das; denn wir sind nun gesättigt und gestärkt zur Übergenüge!“
GEJ|9|108|14|0|Sagte Ich: „Weib, was geht das dich an, was Ich euch tue! In dem Weine ja, den die Rebe euch bringt, ruht auch ein betäubender und den Menschen verunreinigender Geist, der die Seele nicht erleuchtet, wohl aber verfinstert. Aber in dem Weine, den Ich hier euch aus den Himmeln gebe, liegt der Geist der wahren und lebendigen Liebe und Weisheit; denn er ist eigentlich Mein Wort und Mein Wille. Darum sollet ihr ihn denn auch trinken ohne Furcht und Scheu, auf daß ihr kräftig werdet, in eurem Lande den andern Menschen in Meinem Namen kundzumachen Mein Wort und Meinen Willen!“
GEJ|9|108|15|0|Als Ich dieses gesagt hatte, da baten Mich alle vier, daß Ich die Becher doch noch einmal mit dem Wunderweine füllen möchte. Und Ich besah die Becher, gleichwie ehedem, und sie wurden alsbald voll des besten und reinsten Weines. Darauf behieß Ich die vier, daß sie die Becher leeren sollten; und sie taten das mit aller Lust und Freude.
GEJ|9|108|16|0|Als sie auch diesmal den Wein ausgetrunken hatten, da fingen sie im Herzen an, stets heller und offener zu werden, und der Verheiratete fing an, ganz weise zu reden, so daß sich auch Meine Jünger darob hoch zu wundern anfingen und auch einige (Jünger) unter sich die Bemerkung machten, sagend: „Siehe, diese Indier machte Er mit einem paarmaligen Trunke vom Wunderweine weise und in die ganze Lehre eingeweiht; warum tut Er das nicht auch den andern Menschen?“
GEJ|9|108|17|0|Sagte Ich: „Was kümmert euch das, so Ich tue, was Ich will? Weiß Ich doch für jede Pflanze die geeignete Kost zu verschaffen und jedem Tier die ihm zusagende Nahrung zu geben, so werde Ich wohl auch verstehen, wie Ich einem und dem andern Menschen die geistige Nahrung zu verschaffen und darzureichen habe. Ihr seid stets um Mich und höret und sehet alles; merket es euch aber auch, wie Ich die Menschen behandle, und wie Ich sie je nach der Art ihrer Seele belehre, und tut desgleichen, und ihr werdet gute Wirkung machen! Diese vier aber sind nur bis morgen mittag bei Mir, und sie sollen Mir dennoch zu einem Rüstzeuge werden; darum befähige Ich sie, weil ihre Seelen also tauglich sind, denn auch schneller für solch ein Amt, wie Ich auch die zweiundsiebzig Jünger in Emmaus dazu befähigt habe. – So ihr das nun verstehet, da gebt euch zufrieden!“
GEJ|9|108|18|0|Auf das wurden alle Jünger wieder ruhig. Ich aber belehrte die vier noch weiter vom Reiche Gottes.
GEJ|9|108|19|0|Nachdem Ich die vier vom Reiche Gottes im Menschen auf dieser Erde wohl belehrt und ihnen auch die Wirkungen desselben gezeigt hatte, wie auch, daß Mein Königtum und Reich nicht von dieser Welt ist, dann sagte Ich dem Wirte, daß er den vieren eine Ruhestätte anweisen solle, da es bereits eine Stunde über die Mitte der Nacht geworden war. Der Wirt tat das sogleich, und die vier begaben sich zur Ruhe. Wir aber blieben, wie zu öfteren Malen, an unserem Tische und ruhten allda bis zum Aufgange der Sonne; auch der Wirt ruhte neben uns an einem kleinen Tische.
GEJ|9|108|20|0|Am Morgen war der Wirt nach seiner Gewohnheit schon um eine Stunde vor dem Aufgange auf den Beinen und besorgte alles in seiner Wirtschaft vor dem Aufgange der Sonne; denn es war der Sabbat, an dem mit dem Aufgange der Sonne alle knechtliche Arbeit bis zum Untergange ein Ende hatte. Also ließ er auch das Morgenmahl vor dem Aufgange bereiten, damit es auch vor demselben verzehrt werden solle; denn in dieser Hinsicht war er ein strenger Jude.
GEJ|9|109|1|1|109. — Wahre Sabbatheiligung
GEJ|9|109|1|0|Da Ich aber solche seine Schwäche wohl kannte, so stellte Ich ihn dadurch auf eine Probe, daß Ich bis zum vollen Aufgange der Sonne samt Meinen Jüngern schlief, was dem Wirte sein Sabbatsgewissen zu beunruhigen anfing.
GEJ|9|109|2|0|Nachdem die Sonne vollends aufgegangen war, erhob Ich Mich samt den Jüngern vom Tische und ging ins Freie, wie auch sonst allerorts zumeist.
GEJ|9|109|3|0|Der Wirt aber kam Mir alsogleich nach, grüßte Mich und auch die Jünger ehrerbietigst und fragte Mich, sagend: „O Herr und Meister, was soll nun geschehen? Es ist heute Sabbat! Das Morgenmahl aber ist schon vor dem Aufgange bereitet worden. Wirst Du es wohl auch nun nach dem Aufgange zu Dir nehmen wollen, und soll ich auch den vieren aus Indien am Tage ein Essen darreichen?“
GEJ|9|109|4|0|Sagte Ich: „O du Mein lieber Freund, siehe, du bist sonst in allen Stücken ein recht weiser Mann, aber was da betrifft die Feier des Sabbats, da bist du noch gleich den blinden Pharisäern, die da sich nach dem Buchstaben des Gesetzes richten, aber den Geist desselben noch niemals erkannt haben. So du am Sabbat deine Schafe, Ochsen, Kühe, Kälber, Esel und Ziegen gleich wie an einem Werktage fütterst – was doch auch eine knechtliche Arbeit ist –, warum sollen denn die Menschen fasten? Sind denn die Menschen vor Gott minder denn deine Haustiere? Zudem bin Ich ja heute also wie vor Ewigkeiten auch ein Herr des Sabbats, wie eines jeden andern Tages, der, gleich wie der Sabbat, auch ein Tag des Herrn ist. Sollte Ich denn an einem Sabbat nicht tun gleich wie an jedem andern Tage?
GEJ|9|109|5|0|Wer läßt denn die Sonne aufgehen, wer das Gras wachsen, wer die Winde wehen und die Wolken ziehen? Wer treibt das Wasser in den Quellen, Bächen, Flüssen und Strömen, wer bewegt das Meer von einem Ende der Erde bis zum andern? Wer treibt dein Blut in den Adern und das Herz in der Brust – wohl gemerkt – auch am Sabbat?
GEJ|9|109|6|0|So Ich ruhete an einem Sabbat auch nur einen Augenblick, ginge da nicht die ganze Schöpfung zugrunde?
GEJ|9|109|7|0|Siehe, Werke der wahren Nächstenliebe verrichten, heißt bei Mir wahrhaft Gott und den Menschen dienen, – was sicher höher steht, als mit der Trägheit den Sabbat feiern! Verrichte demnach gute Werke auch am Sabbat, und du wirst dadurch den Sabbat Mir, dem Herrn, am wohlgefälligsten feiern!
GEJ|9|109|8|0|Und nun gehen wir wieder in den Speisesaal und nehmen das Morgenmahl zu uns, und dasselbe sollen auch die vier Indojuden tun, die erst übermorgen ihren Sabbat haben!“
GEJ|9|109|9|0|Als der Wirt diese Meine Worte vernommen hatte, sah er auch sogleich die große Torheit der äußerlichen Sabbatfeier ein und ging und ließ das Morgenmahl auf den Tisch bringen, und wir gingen denn auch in den Speisesaal, setzten uns zu Tische und nahmen ganz wohlgemut das Morgenmahl zu uns.
GEJ|9|109|10|0|Es kamen aber auch die vier Indojuden, und Ich behieß sie, an unserem Tische Platz zu nehmen und mit uns das Morgenmahl zu verzehren, was sie denn auch sogleich mit aller Freude taten; denn sie wußten es nicht, daß in Galiläa, wie auch im ganzen Judenlande, an diesem Tage der Sabbat gefeiert wurde.
GEJ|9|109|11|0|Als wir das Morgenmahl zu uns genommen hatten, da ging der Sabbatrufer durch die Straßen des Städtchens Kana und behieß die Menschen, in die Synagoge zu gehen, groß und klein und jung und alt. Hier erschraken die vier, weil sie nun erfahren hatten, daß dieser Tag der wahre, alte Judensabbat sei und sie nach dem Aufgange ein Morgenmahl zu sich genommen hatten.
GEJ|9|109|12|0|Ich aber sagte: „Ich bin der Herr auch des Sabbats! So Ich euch das wahrlich zu keiner Sünde rechne, warum sollet ihr dann euer Gewissen belästigen (belasten)?“
GEJ|9|109|13|0|Sagte der Mann: „Wir danken Dir, o Herr, für dies Dein unsere Herzen mächtig tröstendes Gnadenwort; denn hätten wir gesündigt nun vor Dir, so hättest Du uns das sicher gesagt und uns zurechtgewiesen. Aber wie ist das vor Dir nun keine Sünde, was nach dem Gesetze Mosis als eine Sünde bezeichnet wurde? Warum hat denn Moses hernach dem Volke solche Gesetze, als von Gott ausgehend, gegeben?“
GEJ|9|109|14|0|Sagte Ich: „Du bist sonst ein recht weiser und in der Schrift Mosis wohlerfahrener Mann, den Buchstaben kennst du wohl, und das Wort ist dir nicht fremd; aber der wahre, alles lebendig machende Geist, der im Worte verborgen ist, ist dir noch fremd, gleichwie er allen Juden schon lange vor der Babylonischen Gefangenschaft fremd geworden ist. Darum hältst du dich auch noch an die tote Baumrinde; aber das lebendige Mark im Innern des Baumes ist dir fremd in seiner Wesenheit und Tätigkeit. Wenn du die alte Rinde eines Baumes irgend verletzest, so wird das dem Leben des Baumes keinen irgend nur im geringsten merklichen Schaden bringen; wenn du aber das Mark eines Baumes verletzest, so wird das eine Sünde gegen des Baumes Leben sein, weil der Baum darauf verdorren und also sterben wird.
GEJ|9|109|15|0|Siehe, die Israeliten sind in Ägypten unter den Pharaonen träge und gleich den Tieren gefräßig geworden und haben den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sehr zu vergessen angefangen und hielten schon große Stücke auf die Götzen der Ägypter; nur wenige noch blieben dem einen, wahren Gott getreu, und diese baten Gott, daß Er Sein Volk aus der harten Knechtschaft und gewissenlosesten Tyrannei der Ägypter erretten möchte. Und Gott tat das durch Moses, wie es dir wohlbekannt ist.
GEJ|9|109|16|0|Moses aber hatte dann durch vierzig Jahre in der Wüste mit der täglich sichtbaren Hilfe Jehovas vollauf zu tun, um das entartete Volk durch weise Lehren, wie durch geeignete Gesetze in den Stand zu erheben, in welchem sich ein Mensch nach der Ordnung Gottes befinden soll. Dazu waren denn für ein entartetes Volk auch Gesetze notwendig, die dem Menschen vorschrieben, wann, was, wieviel und wie oft er an einem Tage essen und trinken solle, und wie sich bekleiden und am Leibe reinigen.
GEJ|9|109|17|0|Ebenso ward durch Moses dem zur Trägheit sehr geneigten Volke, das an jedem Tage nichts tun wollte, nur der siebente Tag zur Feier und Ruhe gegeben, an dem es von den Führern über Gott, Seine Ordnung, über Seinen Willen und Seine Führungen belehrt und vor der Widerspenstigkeit gegen die Gesetze auf das ernstlichste gewarnt worden ist.
GEJ|9|109|18|0|So aber ein Mensch sich die Ordnung Gottes zu eigen gemacht hat und in allem, was da gut, wahr und recht ist, aus seinem freien Willen tätig geworden ist, so kann das für ihn ja keine Sünde sein, wenn er als ein völlig gesunder Mensch sich nicht mehr der Arzneien bedient, deren sich ein Kranker zu bedienen hat. Darum wirst auch du als ein gottesfürchtiger und gerechter Mann dich nicht wider die Sabbatfeier versündigen, wenn du allzeit mäßig auch nach dem Aufgange, zu Mittag und auch, so es dich hungert, vor dem Untergange Speise und Trank zu dir nimmst und deinem Nächsten, wie an einem Werktage, Gutes erweisest. Wie Ich tue, so tue auch du, und du wirst recht tun und leben!
GEJ|9|109|19|0|Was gewinnt denn die Sabbatfeier dadurch, so die Juden oft schon bei drei Stunden vor dem Aufgange der Sonne übermäßig sich vollfressen und vollsaufen, derart, daß sie den ganzen Sabbat über kaum gehen und stehen können und nach dem Untergange wieder zu prassen und zu schwelgen anfangen bis zur Mitte der Nacht, daß sie darauf auch am nächsten Werktage zu keiner Arbeit fähig sind? Wisse! Solch eine Sabbatfeierhaltung ist vor Mir wohl ein Greuel; aber den Sabbat so zu halten, wie Ich es dir nun gezeigt habe, ist Mein Wille und daher Mir denn auch sicher wohlgefällig. Darum denke dir allzeit: Der Buchstabe des Gesetzes tötet; nur der innere Geist der Liebe und Wahrheit macht lebendig.“
GEJ|9|109|20|0|Als der Mann solches von Mir vernommen hatte, dankte er Mir mit den andern dreien für diese Belehrung, und alle wurden vollends heiteren Mutes.
GEJ|9|109|21|0|Es fragte Mich aber darauf der Wirt, ob er mit den Seinen in die Synagoge gehen solle, oder ob er auch daheim bleiben könne.
GEJ|9|109|22|0|Sagte Ich: „Wer ist denn mehr, Ich oder die Synagoge? Laß dein Gesinde hingehen und schicke dem Rabbi ein Opfer, das ihm um vieles lieber ist denn deine Gegenwart, – du aber bleibe daheim; denn es wird bald eine Karawane von Persien hier anlangen und dir viel zu schaffen geben!“
GEJ|9|109|23|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, diese kommt mir heute als an einem Neumondssabbat sehr ungelegen; denn wir Wirte haben ein strenges Gesetz, auf solch einen Sabbat nicht einmal einen Juden, geschweige erst einen Fremden in die Herberge aufzunehmen!“
GEJ|9|109|24|0|Sagte Ich: „Gutes tun auch an einem Sabbat ist recht vor Mir, wie Ich das dir und soeben auch den Indiern gesagt habe, wenn du aber eine eitle Furcht vor dem Obersten der Synagoge hast, so sende durch deinen Oberdiener ein Dispensopfer dem Obersten, und er wird dir die Erlaubnis gern erteilen!“
GEJ|9|109|25|0|Der Wirt tat das, und der Oberdiener brachte ihm sogleich eine Dispenskarte, gültig für drei Sabbate, worüber der Wirt sehr froh war; denn die Karawane brachte ihm den hundertfachen Gewinn von dem, was ihn die Karte gekostet hatte.
GEJ|9|109|26|0|Darauf aber fragte Mich der Wirt, sagend: „Herr und Meister! Ist es aber auch recht von seiten des Obersten der Synagoge, mir gegen ein Dispensopfer zur Schändung des Sabbats – was vor ihm als eine übergroße und strafbarste Sünde gilt, zu gestatten, solche mit meinem ganzen Hause zu begehen, und das ohne irgendeine Besorgnis, als hätte ich dafür je eine Strafe zu befürchten?“
GEJ|9|109|27|0|Sagte Ich: „Freund, so der Oberste die Sabbatschändung im Ernste für eine Sünde hält nach seinem Gewissen aus seinem Glauben, so fällt die Sünde auf seine Rechnung, da er sie ums Geld von andern begehen läßt; hat er aber keinen Glauben und tut vor dem Volke aber dennoch also, als glaubte er fest und ungezweifelt daran, was er nach der Schrift als eine höchst strafbare Sünde zum Scheine zu halten vorgibt und darüber scharfe Strafpredigten hält, so ist er durch die um Geld gegebene Erlaubnis zur Begehung einer Sünde nicht nur ein so oftmaliger Sabbatschänder, als wie vielen er um Geld die Erlaubnis zur Sabbatschändung erteilt hatte, sondern er begeht dadurch noch die viel größere Sünde der Lüge, der Heuchelei und des Geizes, weil er seinen Glauben seiner Habsucht wegen aufgegeben hat.
GEJ|9|109|28|0|Wer aber, wie du nun, eine Erlaubnis zu der sogenannten Entheiligung des Sabbats erhalten hat, der kann um so getroster am Sabbat gute Werke verrichten, weil also den Sabbat zu feiern eben Mein Wille ist!“
GEJ|9|109|29|0|Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da sagte er alsogleich zu seinen Hausleuten, daß sie nun alles herrichten sollten, was zur Bewirtung einer großen Karawane erforderlich ist.
GEJ|9|109|30|0|Und alles verteilte sich zur Arbeit und mit einem desto größeren Eifer, weil der Vortrab der Karawane bereits vor der Herberge ankam.
GEJ|9|110|1|1|110. — Die Karawane aus Persien in der Herberge
GEJ|9|110|1|0|Es merkten aber das einige sehr sabbathalterische Nachbarn, wie des Wirtes Leute so tätig wurden wie an einem Werktage, und kamen darum zum Wirte und sagten: „Du scheinst nicht zu wissen, daß heute ein Neumondssabbat ist?“
GEJ|9|110|2|0|Der Wirt aber sagte: „Kehret ihr vor euren Haustüren; ich habe vor der meinigen schon gekehrt! Da ist vom Obersten der um ein Opfer gelöste Erlaubnisschein, und ihr habt euch um mich weiter nicht zu kümmern!“
GEJ|9|110|3|0|Auf diese Worte gingen die Nachbarn wieder von dannen, und die Hausleute erwarteten die schon durch die Stadt daherziehende Karawane. Als diese mit ihren Kamelen und allerlei Waren vollends in dem großen Hofraum angekommen war und des Wirtes Knechte für die Lasttiere das hinreichende Futter herbeigeschafft hatten, da kam ein Dolmetscher und sagte dem Wirte, welche Speisen er für die angekommenen Handelsleute aus Persien bereiten solle.
GEJ|9|110|4|0|Der Wirt aber sagte: „Was in meiner Macht steht, werde ich euch sicher dienen! Aber du hast etwelche Getränke und etwelche besonderen Speisen verlangt, die mir als einem Juden bisher fremd waren, und ich besitze solche Dinge nicht; aber Fleisch nach unserer Sitte, sehr rein und schmackhaft zubereitet, könnet ihr haben, ein feines Weizenbrot, Honig, Milch und Käse, wie auch sehr edle Fische aus dem nicht ferne von hier liegenden Meere Galiläas.“
GEJ|9|110|5|0|Auf diese Worte entfernte sich der Dolmetscher, ging hinaus zu seinen Herren und gab ihnen kund, womit sie in dieser Herberge bedient werden könnten; und diese stellten sich zufrieden.
GEJ|9|110|6|0|Bald darauf traten sie in einen zweiten, größeren Speisesaal, in dem die Tische und die hinreichende Anzahl Stühle und Bänke schon in der besten Ordnung hergestellt waren. Alle nahmen sogleich Platz und ließen sich sogleich Brot, Wein und Salz geben, was denn auch eiligst herbeigeschafft wurde; und alle lobten den Wein und das Brot und gestanden, noch nie ein so gutes Brot gegessen und einen so feinen und köstlichen Wein getrunken zu haben.
GEJ|9|110|7|0|Der Wirt aber begriff anfangs solches einmündige Lob der vielen persischen Handelsleute selbst nicht und sagte zu Mir: „Herr und Meister, es kamen schon zu gar öfteren Malen derlei Karawanen aus dem fernen Morgenlande hier an und haben wohl alles für gut und billig befunden; aber daß sie meinem Brote und Weine ein gar so außerordentliches Lob erteilt hätten wie diesmal, dessen kann ich mich wahrlich nicht erinnern! Hast Du, o Herr und Meister, denn da schon wieder ein neues Zeichen gewirkt?“
GEJ|9|110|8|0|Sagte Ich, der Ich Mich unter der Zeit mit den vier Indiern, sie über manches belehrend, abgegeben hatte: „Gehe in deine Brotkammer und in deinen Weinkeller, und sieh nach!“
GEJ|9|110|9|0|Da ging der Wirt nachzusehen und fand in der Brotkammer sowie in dem Weinkeller einen großen Vorrat, und sein Weib ebenso daneben auch in der Speisekammer und in den großen Fischbehältern, kam wieder, dankte Mir aus vollem Herzen und sagte darauf: „Aber Herr und Meister, was habe ich denn je so viel Verdienstliches vor Dir getan, daß Du mich nun schon zum zweiten Male einer so großen Gnade für würdig befunden hast?“
GEJ|9|110|10|0|Sagte Ich: „Wer allzeit, dir gleich, gegen Fremde gut, gerecht, billig und erbarmungsvoll handelt und die Armen aufnimmt und vor keinem sein Herz und die Tür seines Hauses verschließt, vor dem verschließe auch Ich Mein Herz nicht, das da ist die wahre Eingangstür ins Himmelreich, das da ist das ewige und seligste Leben der Seele. Und Ich weiß es, daß du allzeit also gehandelt hast. Und so wisse denn auch, daß Ich auch dir gegenüber stets also handeln werde, wie du in Meinem Namen gegen deine Mitbrüder handeln wirst! Und was dir gilt als wohl verheißen aus Meinem Munde und Herzen, das gilt auch jedem zu allen Zeiten der Erde, der dir in allem gleich sein wird.
GEJ|9|110|11|0|Oh, Ich weiß es gar wohl, wie es dir, als einem Wirte einer Herberge, oft sehr knapp mit allen deinen Vorräten ging und dein sonst recht braves Weib dir bittere Vorwürfe darum machte, weil du nach ihrer Ansicht zu billig gegen die Fremden und zu gut und barmherzig gegen die Armen warst! Aber du sagtest: Wer gerecht und billig gegen seine Mitmenschen denkt und handelt, den verläßt Gott niemals; und wer den wahrhaft Armen Barmherzigkeit erweist, der wird auch bei Gott allzeit Erhörung seiner Bitten und also auch Barmherzigkeit finden.
GEJ|9|110|12|0|Und siehe, weil du eben also in deinem Herzen lange zuvor dachtest und nach deinen Kräften auch also handeltest, als du Mich in Meiner Person erkannt hast, so kam Ich denn auch nun schon zum zweiten Male zu dir und erweise dir, was du Mir an den vielen Mitmenschen erwiesen hast; denn was jemand den Armen in Meinem Namen tut und auch gerecht und billig gegen die Fremden ist, das hat er Mir getan, und Ich werde es ihm vergelten hier schon und gar vielfach im andern Leben. Und so wirst du jetzt denn auch leicht begreifen, Wer, und warum, deine Vorräte nun so reichlich gesegnet hat!“
GEJ|9|110|13|0|Als der Wirt das nun aus Meinem Munde erfahren hatte, dankte er Mir abermals und ging hinaus in die Küche und sagte das alles auch seinem geschäftigen Weibe, das denn auch alsbald zu Mir in den Saal kam und Mir dankte für die erwiesenen vielen Gnaden und Erbarmungen.
GEJ|9|110|14|0|Ich aber sagte zum Weibe: „Habe auch du stets das Herz deines Mannes, und du wirst fortan gesund bleiben am Leibe und an der Seele! In der Zukunft soll euch keine Not mehr drücken! Nun aber gehe du wieder an dein Geschäft!“
GEJ|9|110|15|0|Das Weib dankte mir nochmals und begab sich darauf eiligst in die Küche, wo sie viel zu tun hatte.
GEJ|9|111|1|1|111. — Der Herr heut den erkrankten Geschäftsleiter der Kaufleute
GEJ|9|111|1|0|Darauf kamen ein paar Perser mit dem Dolmetscher zu uns und verlangten, mit dem Wirte zu sprechen.
GEJ|9|111|2|0|Der Wirt fragte sie sehr freundlich, was sie für ein Anliegen hätten.
GEJ|9|111|3|0|Und der Dolmetscher sagte: „Lieber Freund, wir sind schon etliche Male hier eingekehrt und haben an dir stets einen gerechten und billigen und sonach auch einen seltenen Menschenfreund gefunden, darum wir dich denn auch diesmal bei unserer Handelsreise nach Tyrus besucht haben. Wir waren mit dir stets zufrieden, und du wirst dich auch nie über uns zu beklagen eine Ursache gehabt haben. Diesmal aber hat uns auf der Reise hierher ein Ungemach irgend nach einem nie erforschbaren Ratschlusse eines Gottes heimgesucht, was uns im Geschäft zum Wohle der Unsrigen daheim recht sehr beirrlich (hinderlich) ist.
GEJ|9|111|4|0|Wir haben zwar an unseren mitgenommenen Schätzen und Waren nichts verloren, aber was im Grunde beinahe schlimmer ist denn irgendein vorerwähnter Verlust, das ist die Erkrankung unseres ersten und besten Geschäftsleiters. Er hat schon ein paar Tage hindurch geklagt, daß er von ungewöhnlichen Schmerzen im Magen und auch im Kopfe von Zeit zu Zeit befallen werde. Als wir uns nun mit deinem Brote und Weine gelabt haben, da haben ihn seine Schmerzen wieder, und zwar diesmal gar bedenklich heftig, ergriffen. Gibt es denn hier keinen Arzt, der unserem Geschäftsleiter helfen könnte? Wahrlich, er soll von uns königlich belohnt werden! Sollte dem guten Manne aber – wie es bei solchen Krankheiten wohl oft der Fall ist – nicht alsbald geholfen werden können, so würden wir dich bitten, unseren leidenden Freund in deiner Pflege hier zu behalten; und so wir in etlichen Tagen wieder hierher kämen – was du als sicherst und wahrst annehmen kannst –, da werden wir dir alles zehnfach erstatten, was du zur Pflege unseres Freundes gebraucht hast.“
GEJ|9|111|5|0|Sagte der Wirt: „Liebe Freunde, dazu hättet ihr wahrlich nicht so viele Worte vonnöten gehabt; denn es soll von mir aus sogleich für alles gesorgt werden. Es befände sich nun wohl ein allererster und bester Arzt in Meinem Hause, der dem kranken Manne plötzlich für immerdar helfen könnte; aber Er verlangt von denen, die bei Ihm Hilfe suchen, einen vollen und zweifellosen Glauben nach unserer alten Judenweise. Ihr aber glaubet nur an gewisse von den Menschen erdichtete Götter, die nie jemandem helfen können, und nicht an den einen, wahren und lebendigen Gott der Juden, der allein allmächtig ist und auch jedermann helfen kann und will, der Ihn darum bittet, und so weiß ich denn auch nicht, ob der erwähnte Arzt in meinem Hause eurem kranken Freunde wohl wird helfen wollen.“
GEJ|9|111|6|0|Sagte der Dolmetscher: „Freund, du irrst dich an uns sehr, wenn du meinst, daß wir noch ebenso Götzendiener sind, wie es die alten Vorfahren unter der babylonischen Herrschaft waren! Den einen und allein wahren Gott der Juden kennen auch wir und verehren Ihn in unseren Herzen still; zum Scheine nur für die blinde Welt betreten wir dann und wann auch noch einen alten Götzentempel und bewundern in ihm die kaum denkbar mögliche Dumm- und Blindheit der Menschen. Und wir baten auch schon oft still in unseren Herzen, daß der eine, allein wahre Gott denn einmal unter uns Morgenländern auch ein wahres Lebenslicht möchte erstehen lassen, da wir ja doch schon lange genug in der dicksten Lebensnacht geschmachtet haben, – was aber freilich nur wir wissen, die wir durch den Handel mit gar vielen Völkern verkehren und uns auf diese Art gar manche und tröstliche Wahrheit zu eigen gemacht haben; aber es war unser Bitten ein vergebliches.
GEJ|9|111|7|0|Einen Blindgeborenen belästigt die eigene ewige Nacht sicher nicht, und er sehnt sich nicht nach dem Lichte, dessen Wert er nicht kennt; aber wer gesehen hat und erblindet ist, dem wird das Licht sicher schmerzlich abgehen, und also auch uns, die wir schon lange sehend geworden sind, so wir daheim wie mit verbundenen Augen einhergehen müssen.
GEJ|9|111|8|0|Aus dem wirst du wohl entnehmen können, daß euer Licht uns nicht fremd ist. Und da du nun das wohl berechnen kannst, daß auch wir Perser eures Glaubens fähig sind, und dein nur auf dem Wege des Glaubens unserem kranken Freunde sicher helfen könnender Arzt daher an uns keinen Anstand zu nehmen hätte, so könntest du ihn wohl an unserer Stelle bitten, daß er sich unseres Freundes erbarmen möchte!“
GEJ|9|111|9|0|Sagte der Wirt: „Es wird schon also sein, wie du es mir nun gesagt hast! Aber der von mir dir angeratene Arzt ist ein gar wundersam scharfsehender Mann; Er sieht in das Innerste der Menschen und erkennt sogar ihre geheimsten Gedanken und weiß es genau, wie jemandes Herz und Gemüt beschaffen ist. Er ist in Seinem Willen aber auch so mächtig, daß demselben sogar alle Elemente und alle Kräfte der Natur gehorchen müssen. Wenn Er euch unter solchen Seinen Eigenschaften anständig ist, so will ich Ihn euch wohl vorstellen!“
GEJ|9|111|10|0|Sagte der Dolmetscher: „Unter solchen Eigenschaften ist er uns allen sicher am alleranständigsten und zugleich am wünschenswertesten, und du kannst ihn uns mit der Versicherung nun getroster vorstellen, daß wir infolge unseres Handels und Wandels keine Furcht vor ihm haben, und daß wir auch alles tun werden, was er von uns verlangen wird!“
GEJ|9|111|11|0|Sagte nun Ich Selbst zum Dolmetscher: „Freunde, es werde dem Wirte die Mühe erspart, euch den alles vermögenden Arzt vorzustellen! Ich Selbst bin es und habe Mich euretwegen hier noch verweilt; denn Ich wußte es schon lange zum voraus, daß ihr Meiner benötigen werdet. Ich habe eure Ankunft dem Wirte auch schon vor einer Stunde darum angezeigt, auf daß ihr heute, als an einem Neumondssabbat sogar, an dem ohne priesterliche Erlaubnis kein Jude etwas tun darf, dennoch die erwünschte Versorgung finden solltet.
GEJ|9|111|12|0|Und so weiß Ich denn auch, daß euer getreuer und wohlerfahrener Geschäftsleiter schon vor drei Tagen in einer schlecht bestellten Herberge in der Nähe des Euphrat sich mit einem schlechten Fisch und mit einem noch schlechteren Wein seinen Magen gar sehr verdorben hat; und hätte Ich nicht darum gewußt, so wie Ich es jetzt weiß, so wäre er darauf auch in Kürze gestorben. Nur Meine euch bis jetzt noch völlig unbekannte Kraft und Macht hat ihn euch bis zur Stunde erhalten und wird ihn, so ihr an Mich und an die Kraft und Macht des einen, allein wahren Gottes der Juden glaubet, ganz wohl und gesund erhalten.“
GEJ|9|111|13|0|Sagte der Dolmetscher: „O du wundersamer Meister der höchsten und ersten Kunst und Wissenschaft auf Erden! Aus deinen Worten haben wir nun in uns die vollste Überzeugung überkommen, daß dir nicht leichtlich etwas unmöglich sein dürfte, – und so glauben wir denn auch fest und ungezweifelt, daß du unserem Freunde sicher und unfehlbar helfen wirst, wenn du das nur willst. Darum bitten wir dich aber auch in unserer trostvollen Überzeugung dahin, daß du unserem Freunde helfen wirst, zum voraus uns gütigst zu bestimmen, welch ein Opfer wir dir dafür zu entrichten haben werden.“
GEJ|9|111|14|0|Sagte Ich: „Das sei ferne von Mir; denn Ich bedarf zu Meinem und Meiner Jünger Lebensunterhalt der menschlichen Opfer nicht und niemals! Gehen wir aber nun zum kranken Freunde von euch, und wir wollen sehen, ob und wie ihm zu helfen ist!“
GEJ|9|111|15|0|Das war den drei Persern wohl das Allererwünschteste, und sie führten Mich hin zu dem Kranken, der sich vor Schmerzen gleich einem halbzertretenen Wurme krümmte und bäumte und um Hilfe oder um den Tod bat.
GEJ|9|111|16|0|Als Ich zu ihm hintrat, legte Ich ihm sogleich die rechte Hand auf die Magengrube, und der arge Krampf verließ ihn auf immer. Er ward denn auch im selben Augenblick so völlig gesund, wie er es zuvor noch niemals war, da er schon von Geburt an an einem schwächlichen Magen litt; aber nun wurde sein Magen auch von seiner alten Schwäche geheilt, und so denn wurde der kranke Mann vollkommen geheilt.
GEJ|9|112|1|1|112. — Der Auftrag des Herrn an die Perser
GEJ|9|112|1|0|Als er nun so vollkommen gesund sich von seinem Lehnstuhle erhob, da trat er voll Freundlichkeit zu Mir hin und sagte (der Geheilte): „O du wundersamster Arzt auf der ganzen Erde, vorerst meinen allergrößten Dank dir und eurem Gott, der dir solch eine wunderbarste Heilkraft in deine Hände gelegt hat, mit der du mich so plötzlich von meinem allerverzweiflungsvollsten Schmerze befreit hast! Und nun verlange von mir all mein vieles Gold und noch andere Kostbarkeiten zum Lohne für deine Kunst und Mühe, und es soll dein sein!“
GEJ|9|112|2|0|Sagte Ich: „Alles dessen benötige Ich nicht und nimmer; denn so Ich das Gold achtete, da hätte Ich dir auch nicht helfen können! Ich sehe nur auf ein treues, Gott über alles und seine Nebenmenschen wie sich selbst liebendes Herz; wo Ich das auch in einem Heiden finde, da helfe Ich denn auch einem jeden, der Meiner Hilfe benötigt. Und so kannst du dein Gold schon zu andern guten und Gott wohlgefälligen Zwecken verwenden, und zwar namentlich zu denen der wahren Nächstenliebe.
GEJ|9|112|3|0|So du aber auf einer Reise bist, da hüte dich dennoch vor den faulen Fischen, und laß dir nur solche zur Speise bereiten, die du zuvor noch frisch und lebendig im reinen Wasser hast herumschwimmen sehen; denn alles faule Fleisch, und ganz besonders das der Fische, ist der leiblichen Gesundheit des Menschen nachteilig. Das merke dir zum Wohle deines Leibes!
GEJ|9|112|4|0|Aber nun sage Ich euch allen noch etwas, das um vieles wichtiger ist denn die volle Gesundheit eures Leibes, und das ist die volle Gesundheit eurer Seelen. Diese aber könnet ihr erhalten und sie zum ewigen Leben behalten, so ihr die euch mehreren wohlbekannten Gesetze, trotzdem ihr auch keine Beschneidung habt, genau befolget. Dadurch werden eure Herzen geistig beschnitten, was vor Gott um gar endlos vieles mehr gilt denn die euch bekannte Beschneidung der Juden, die dabei aber zum größten Teile völlig unbeschnittenen Herzens sind.
GEJ|9|112|5|0|In etwa drei Jahren, von nun an gerechnet, werden Jünger von Mir auch zu euch in euer Land kommen und werden euch verkünden die Ankunft des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit zu allen Menschen auf dieser Erde. Diese nehmet wohl an Meiner Statt auf und glaubet ihren Worten, und ihr werdet dadurch das von euch Besseren schon so lange ersehnte Licht von dem einen, allein wahren Gott und Vater aller Juden und also auch aller Menschen auf dieser Erde überkommen und dadurch auch das ewige Leben eurer Seelen. Dies einzige verlange Ich nun für Mich als Lohn für die eurem treuen Geschäftsleiter erwiesene Liebe.
GEJ|9|112|6|0|So ihr aber in etlichen Tagen nach Tyrus und Sidon kommen werdet, da suchet mit dem alten Oberstatthalter Cyrenius, den ihr auch schon wohl kennet, zusammenzukommen! Dem erzählet, was euch hier begegnet ist, und entrichtet ihm einen Gruß von Mir! Er wird euch dann gar manches über Mich eröffnen; denn er kennt Mich schon von Meiner Kindheit an und liebt Mich mehr denn sein Leben.
GEJ|9|112|7|0|Dort werdet ihr auch einen wundersamen Jüngling antreffen; der wird euch in viele Weisheit erheben, so ihr auf ihn merken werdet! (Es ist das nämlich Raphael, der von Zeit zu Zeit am Hofe des Cyrenius sichtbar weilte.)
GEJ|9|112|8|0|Und nun seid heiteren und frohen Mutes, und gedenket im Herzen im Namen Jehovas der Juden Meiner, und ihr sollet bewahrt werden vor jeglichem Ungemach am Leibe und an der Seele!“
GEJ|9|112|9|0|Hierauf verließ Ich die Perser, nachdem sie Mir zuvor noch mit aller Treue versprochen hatten, daß sie allem dem nachkommen würden, was Ich offenbar nur zu ihrem eigenen größten Lebensvorteile von ihnen mit liebreichen Worten verlangt habe.
GEJ|9|112|10|0|Der Dolmetscher und der Geheilte aber begleiteten Mich und den Wirt noch in unseren kleineren Speisesaal und dankten Mir noch einmal für die ihnen erwiesene Liebe und Gnade, wie sie sich denn auch also ausdrückten.
GEJ|9|112|11|0|Ich aber erwiderte ihnen: „Wie redet ihr denn hier von einer euch erwiesenen Gnade? Wisset ihr denn nicht, daß solche nur die Könige der Erde austeilen nach ihrem Belieben?“
GEJ|9|112|12|0|Sagte der Dolmetscher: „O du lieber Freund, rede nicht von der Gnade eines Königs! Die größte Gnade eines Königs, die er in seinem Übermut dann und wann einem blinden Throngünstling erteilt, ist nicht ein Tautropfen gegen das ganze Meer deiner Gnade, die du uns erwiesen hast. Du, Freund, bist mit deiner gottähnlichen Eigenschaft mehr denn alle noch so stolzen und sich mächtig dünkenden Könige der Erde! Denn du kannst mit deinem Willen und Worte den Kranken die volle Gesundheit wiedergeben; die Könige aber, wenn sie krank werden, können weder sich und noch weniger einem andern Kranken helfen. Verwunden und töten können sie wohl, aber die Verwundeten wieder heilen und gar die Getöteten wiederbeleben, – das können sie nicht! Darum ist auch die größte von einem Könige einem Menschen erwiesene Gnade nicht des Erwähnens wert gegen diese allein wahre Gnade, die du uns erwiesen hast. Denn deiner Gnade wohnte deine Liebe und wahre Erbarmung bei; der Gnade eines Königs der Erde aber geht gewöhnlich der größte Hochmut und die innere Verachtung der armen Menschheit voran. Wehe dem, dem eine große Gnade von einem Könige zuteil wurde! Denn kriecht er darauf nicht beständig wie ein gehorsamster Wurm vor des Königs Majestät, so wird ihm seine Gnade wohl zum größten Unheil. Darum haben wir uns auch noch niemals von der Gnade eines Königs etwas gewünscht; aber dich bitten wir, daß du uns mit deiner wahrsten Gnade niemals verlassen möchtest!“
GEJ|9|112|13|0|Sagte Ich: „So ihr das also betrachtet in eurem Herzen, so wird auch solche Meine von euch erkannte Gnade nimmerdar von euch scheiden. Wer in Meiner Liebe durch seine Liebe bleibt, in dem bleibt auch Meine Liebe durch seine Liebe zu Mir, und somit auch Meine Gnade, die pur in Meiner Liebe besteht.“
GEJ|9|112|14|0|Für diese Meine Zusicherung dankten Mir die beiden noch einmal, verneigten sich tief vor Mir und gingen dann voll des besten Mutes zu ihren Gefährten, die sich unterdessen über Meine Heilart nicht genug verwundern konnten.
GEJ|9|113|1|1|113. — Des Herrn Abreise von Kana
GEJ|9|113|1|0|Als die beiden sich wieder unter ihnen befanden, da ward vieles über Mich geredet und geurteilt; am meisten aber fiel einem von ihnen Meine Uneigennützigkeit auf.
GEJ|9|113|2|0|Aber der Dolmetscher sagte: „Freunde, wem so alles möglich ist wie diesem Wunderarzte, der bedarf wahrlich der Schätze dieser Welt nicht, da er die endlos edleren in seinen gottähnlichen Eigenschaften besitzt! Es ist ja eine bekannte Eigentümlichkeit aller wahrhaft großen und weisen Menschen auf der Erde diese gewesen, daß sie die vergänglichen Güter dieser Welt verachteten. So kann es uns hier auch gar nicht wundernehmen, wenn dieser Mann auch keine Liebe zu den Schätzen dieser Welt hat; ich hätte sie auch nicht im Besitze seiner völlig gottähnlichen Eigenschaften. Aber unser sonst allzeit sehr guter und billiger Wirt, dem wir zunächst diese Bekanntschaft mit dem Wunderarzte zu verdanken haben, soll denn anstatt des höchst uneigennützigen Arztes von uns entschädigt werden!“
GEJ|9|113|3|0|Damit waren alle einverstanden und bestimmten für den Wirt eine Summe von zehn Pfund Goldes und hundert Pfund Silbers über das, was die gewöhnliche Verpflegung – nämlich für den Mann zwei Groschen samt Dienerschaft und Lasttieren – ausmachte.
GEJ|9|113|4|0|Die Karawane blieb aber nur über den Mittag und setzte dann die Reise voll heiteren Mutes und voll der besten Erwartungen nach den Orten ihrer handelsmännischen Bestimmung fort.
GEJ|9|113|5|0|Ich aber sagte zum Wirte: „Ich verweilte nun bei dir eine rechte Zeit, die für Mich und so auch für dich fruchtbar war. Du wirst von den Persern an Meiner Statt wohl bedacht werden; gedenke du dann aber auch in Meinem Namen der wahrhaft Armen, wie du das auch ohne besondere irdische Mittel stets getan hast, und Mein Segen wird nicht von dir weichen!
GEJ|9|113|6|0|So aber die hiesige Priesterschaft dich am Abend nach dem Untergange fragen wird, was für Menschen du beherbergt hast, so kannst du Meinen Namen wohl nennen; und wirst du gefragt, was ich geredet und getan habe, so sage ihnen: ,Nichts als nur Gutes!‘ Werden sie dich weiter fragen, da gib ihnen keinen Aufschluß; denn diese ehebrecherische Art verdient keinen Teil am Reiche Gottes! Das behalte du für dich, für dein Haus und für die Armen im Geiste; denen kannst du bei guter Gelegenheit Mein dir anvertrautes Evangelium predigen, und du wirst so vollkommen in Meinem Namen die Hungrigen speisen, die Dürstenden tränken, die Nackten bekleiden und die Gefangenen erlösen, wofür du in Meinem Reiche dereinst im andern Leben einen großen Lohn finden wirst.
GEJ|9|113|7|0|Ich aber werde nun mit Meinen Jüngern alsogleich abreisen; daher lasse du für uns kein Mittagsmahl bereiten! Sage den Persern aber nicht sogleich, daß Ich abgereist bin, sondern wenn sie sich bei dir nach Mir erkundigen werden, da sage ihnen, daß Ich anderwärts hin zu kranken Menschen gegangen sei! Wohin aber, das kannst du nicht sagen, weil auch Ich dir das nicht sage, weil Ich Meinen Grund dafür habe. Was Ich dir nun gesagt habe, das tue! Im Geiste aber werde Ich bei dir also wie bei jedem segnungsvoll wirkend verbleiben, der nach Meiner Lehre handelt, an Mich glaubt und den Vater in Mir über alles liebt.“
GEJ|9|113|8|0|Als Ich solches zum Wirte geredet hatte, da wollte er seine ganze Familie zusammenberufen, auf daß sie von Mir den Segen nähme und Mir für die Heilung danke.
GEJ|9|113|9|0|Ich aber ließ das nicht zu und sagte: „Wie dereinst im Abraham das ganze israelitische Volk gesegnet wurde, so auch durch dich deine Familie, – und so laß das, was nun nur ein unnötiges Aufsehen erregen würde!“
GEJ|9|113|10|0|Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, gab er sich völlig zufrieden, dankte Mir für alles nochmals, und Ich gab den Jüngern den Wink zum Aufbruch.
GEJ|9|113|11|0|Wir begaben uns denn auch sogleich durch eine Hintertür – um kein Aufsehen zu erregen –, so ganz in aller Stille ins Freie und zogen schnell nach einem Fußsteige in der Richtung gen Kis vorwärts.
GEJ|9|114|1|1|Der Herr in Kis am Galiläischen Meer.
GEJ|9|114|1|1|114. — Die Begegnung des Herrn mit Philopold
GEJ|9|114|1|0|Als wir Kana verließen, da fehlte noch eine und eine halbe Stunde Zeit vom Mittage, und wir gelangten mittels unserer dann- und wannigen Schnellreise gerade bis zum Mittag an das Galiläische Meer, und zwar unfern von der großen Maut, bei der unser Matthäus ehedem als ein Schreiber im Dienste der Römer stand. Von da aus war es denn auch nicht mehr fern bis nach Kis, wo, wie bekannt, auch eine Großmaut sich befand.
GEJ|9|114|2|0|Als wir an das Meer kamen, da ließen wir uns nieder, ruhten eine Zeit von einer Stunde aus und betrachteten die starkgehenden Wellen und Wogen, und es wandelte die Jünger die Lust zu fischen an.
GEJ|9|114|3|0|Und Petrus sagte: „Schade, daß wir nun keine Netze bei uns haben! Da könnten wir bald einen guten Fang machen!“
GEJ|9|114|4|0|Sagte Ich: „Gedenkst du denn heute des Sabbats nicht? Wen es hungert, der mag auch an einem Sabbat fischen, so er sich an dem Vorsabbat keinen Vorrat hat verschaffen können; doch ohne Not soll ein jeder Jude beim alten Gesetze bleiben, auf daß an ihm die Kleinen sich nicht ärgern!
GEJ|9|114|5|0|Gutes tun auch an einem Sabbat ist Meine Lehre und Mein Wille; aber ohne Not an einem Sabbat aus dem Meere Fische fangen, ist weder recht nach dem Gesetz noch nach Meiner Lehre; darum lasset euch die Lust zum Fischen vergehen! Ich aber habe euch zu Menschenfischern gemacht, und so eure Zeit bald kommen wird, da werdet ihr schon auch an den Sabbaten arbeiten können.“
GEJ|9|114|6|0|Als Ich also redete, da kamen etliche Griechen und betrachteten uns von einiger Ferne. Unter sich aber rieten sie, wer wir wären.
GEJ|9|114|7|0|Einige sagten: „Das sind Fischerjuden, die heute ihren Sabbat feiern!“
GEJ|9|114|8|0|Einige aber sagten: „Es können das auch Griechen sein; denn wir sehen ja auch Griechen unter ihnen, die den Sabbat der Juden nicht zu feiern nötig haben, so sie das nicht frei wollen.“
GEJ|9|114|9|0|Auf das faßten sie Mut und gingen auf uns zu.
GEJ|9|114|10|0|Als sie vollends zu uns kamen, fragte uns sogleich einer von ihnen, sagend: „Was machet ihr denn hier an einem Sabbat, an welchem Tage doch die meisten Juden in irgendeiner Synagoge sich zu versammeln pflegen? Oder seid ihr denn Griechen? Warum tragen denn mehrere von euch Judenkleider?“
GEJ|9|114|11|0|Sagte Ich: „Alles das geht euch nichts an; denn ihr seid noch nicht reif, von Mir Worte des Lebens zu vernehmen, und so werde Ich auch nicht vieles mit euch reden!
GEJ|9|114|12|0|Ihr aber seid Diener des Kisjona zu Kis; daher gehet vor uns hin nach Kis, und saget es dem Kisjona, daß der Herr mit Seinen Jüngern zu ihm kommen werde! Kisjona wird es euch dann schon sagen, wer wir sind. Und nun gehet und störet uns nicht fürder in unserer Ruhe und Betrachtung!“
GEJ|9|114|13|0|Auf das wandelte diese Griechen eine Furcht an, und sie verließen uns schnell und eilten ihres Weges vorwärts.
GEJ|9|114|14|0|Als sie uns aus dem Gesichte kamen, da erhoben wir uns denn auch und zogen längs des Ufers vorwärts. In etwa zwei Stunden kamen wir dem Orte Kis in die Nähe. Wir betraten nun, das Ufer verlassend, den breiten Fahrweg, auf dem in einiger Ferne vor uns ein Mann, wie in tiefe Gedanken versunken, langsamen Schrittes wandelte. Er merkte gar nicht, daß wir uns ihm genaht hatten und ging seines Weges vorwärts. Als Ich ganz in seine volle Nähe kam, da erst sah er sich um und erschrak ordentlich, als er uns viele in seiner Nähe bemerkte.
GEJ|9|114|15|0|Ich aber redete ihn an und sagte: „Philopold! Erkennst du Mich denn nun nicht, – und hast doch schon von heute frühmorgens an nichts denn nur an Mich gedacht in deinem Herzen!“
GEJ|9|114|16|0|Hier sah Mich unser Philopold ganz erstaunt an und fiel Mir vor Freuden um den Hals. Anfangs konnte er kaum reden; aber Meine Liebe und Freundlichkeit gab ihm bald den rechten Mut, und wir redeten über vieles bei einer Stunde lang miteinander, worüber auch Meine Jünger eine große Freude hatten und Mir auf Befragen des nun ganz seligen Philopold über manches von Mir dem Philopold Erzählte ein treues Zeugnis gaben.
GEJ|9|114|17|0|Wir blieben an der Stelle, wo Ich den Philopold aus seinem Traume weckte, wohl über eine Stunde Zeit stehen, und unser Philopold kam Mir stets mit neuen Fragen, die Ich ihm gern beantwortete; und wir wären noch länger an der erwähnten Stelle auf dem Wege stehengeblieben, so da nicht der Freund Kisjona, durch die gewissen Griechen von Meiner Ankunft Kunde erhaltend, Mir mit ein paar seiner Freunde mit offenen Armen entgegengeeilt wäre.
GEJ|9|114|18|0|Es versteht sich aber von selbst, welch eine übergroße Freude Ich durch diesen unerwarteten Besuch dem Kisjona gemacht habe, und es ist daher denn nun auch gar nicht nötig, darüber eine weitläufige Beschreibung zu machen. Kurz, wir verließen nun die Stelle und zogen gar guten und seligen Mutes in das große Wohnhaus des Freundes noch gut eine Stunde vor dem Untergange, und Kisjona gab seinen Leuten sogleich die Weisung, für ein allerbestes Abendmahl zu sorgen.
GEJ|9|114|19|0|Es wohnte aber in dieser Zeit auch Meines Leibes Mutter Maria mit dem Joel, einem Sohne Josephs, in Kis, aber in einem ihr von Kisjona eingeräumten Hause; und es fragte Mich Kisjona, ob er sie von Meiner Gegenwart benachrichtigen solle.
GEJ|9|114|20|0|Ich aber sagte zu ihm: „Laß das nun noch; denn Ich Selbst werde mit dir, mit Johannes und Jakobus am Abend zu ihr gehen und sie hierher zum Abendmahle bringen samt ihren Freundinnen. Jetzt aber laß uns vorderhand etwas Brot und Wein geben, da Meine Jünger schon hungrig und durstig sind!“
GEJ|9|114|21|0|Dies geschah denn auch sogleich, und wir labten uns, und Ich erzählte manches von Meinen Reisen und von deren Wirkungen.
GEJ|9|114|22|0|Kisjona und seine Freunde und auch seine Kinder konnten sich nicht genug verwundern über die Wirkungen Meiner Reisen.
GEJ|9|114|23|0|Und unser Philopold sagte immer: „Ja, groß ist der Herr, der Löwe von Juda, und voll Herrlichkeit ist Sein Name! Solches zu bewirken ist nur dem Herrn allein möglich! Die Wahrheit der Himmel, gepredigt den Menschen aus Deinem Munde und bezeugt durch Taten, die nur Gott allein möglich sind, muß ja Steine bekehren und sehend machen!“
GEJ|9|114|24|0|Alle lobten das Wort des Philopold, und Kisjona sagte zu Meinen Jüngern, die das Wort des Philopold auch sehr lobten: „Ja, liebe Freunde, Philopold ist unser aller Lehrer! Er hat uns so manches aufgeklärt, was uns bei all dem, was wir selbst gehört und gesehen haben, wie ein Rätsel vorkam; darum ist er aber auch unser aller geliebter und hochgeachteter Freund und wird als solcher auch verbleiben für immerdar.“
GEJ|9|114|25|0|Sagte Ich: „Darum habe Ich ihn euch denn auch gegeben und erleuchtet, und ihr tut wohl daran, den Weisen aus Kane in Samaria zu behalten in Meinem Namen; in der Folge wird er noch Größeres zu wirken imstande sein, als er bisher gewirkt hat.“
GEJ|9|114|26|0|Im Verlaufe solcher Gespräche sagte zu Mir Petrus: „Herr, als wir heute Kana verließen, da hast Du zuvor die Perser gesegnet und so auch mit Wort und Tat den Wirt und sein ganzes Haus; aber die vier Indojuden scheinst Du wenigstens dem Äußern nach denn doch vergessen zu haben! Sie sind Dir zuliebe doch so weit hergereist!“
GEJ|9|114|27|0|Sagte Ich: „Was geht dich das an? Als wir abzogen, da waren sie nicht gegenwärtig, indem sie sich die Synagoge ansehen gegangen waren. Ich aber habe dennoch bestens für sie gesorgt. Sie sind aber nach dem Mittagsmahl heute dennoch von Kana wieder abgereist und werden in einer Stunde Zeit hier eintreffen, und da wird sich das von dir vermeintlich Versäumte etwa wohl auch noch einbringen lassen, und du kannst darum nun ganz ruhig sein. Zudem sind sie vom Wirte und von den Persern für ihre Heimreise zur Übergenüge reichlich ausgestattet worden, und das alles durch Meine geheime Fürsorge, und das ist mehr wert als ein äußerer Abschiedsgruß!“
GEJ|9|114|28|0|Mit dem war Petrus zufrieden, und es freuten sich alle darauf, diese Familie auch in Kis zu sehen, zu sprechen und bestens zu bewirten.
GEJ|9|114|29|0|Kisjona hatte ihnen sogar sogleich Boten entgegengesandt und bat Mich um die Beschreibung ihres Aussehens. Und Ich gab sie ihm auch mit dem Bemerken, daß sie auf vier Saumrossen daherkommen würden, die ihnen von dem Wirte für die bequemere Heimreise geschenkt wurden.
GEJ|9|114|30|0|Mit dieser Beschreibung sandte nun Kisjona ihnen auf der Straße, die Ich ihm auch anzeigte, zwei Boten entgegen mit der Weisung, sich von dieser Familie keinen Zollpfennig bezahlen zu lassen. Und die Boten gingen sogleich den vieren auf der angezeigten Straße entgegen, die nach einer Stunde Zeit auch ganz wohlbehalten in Kis bei uns anlangten, worüber Kisjona, Philopold, Meine Jünger und auch alle andern Freunde des Kisjona eine große Freude hatten.
GEJ|9|115|1|1|115. — Die Heimat der Indojuden
GEJ|9|115|1|0|Als die vier zu uns in den großen Saal kamen und Mich ersahen, da fielen sie sogleich vor Freuden und vor Liebe Mir zu Füßen und dankten Mir mit Tränen in ihren Augen für alle die großen Segnungen und Wohltaten, die ihnen Meine Liebe hatte zuteil werden lassen. Ich aber behieß sie aufzustehen und Platz zu nehmen an unserem Tische und sich zu laben mit Brot und Wein, was sie denn auch taten.
GEJ|9|115|2|0|Kisjona und unser Philopold fingen gleich an, sich um ihr Wohnland zu erkundigen, und wie man in dasselbe gelangen könnte.
GEJ|9|115|3|0|Und der Mann sagte voll Freundlichkeit: „Unser Land ist wohl sehr ferne von hier, und du würdest es vergeblich suchen; denn bevor man zu jenen überhohen Bergen gelangt, muß man gar viele andere hohe Berge überschreiten der vier großen Ströme wegen, die man hinter sich haben muß, um zu jenen Bergen zu gelangen, von denen unser wahrlich großes Land nach allen Seiten derart umfangen ist, daß es nicht einmal einem Adler möglich ist, sich über ihre noch hoch über alle Wolken hinausragenden Spitzen zu erheben. Man könnte wohl mehr in den Niederungen etwa auch in die Nähe unserer nun heimatlichen Berge gelangen, wenn die Ströme nicht wären, über welche die Menschen noch keine Brücken erbaut haben, und namentlich über die drei letzteren. Nur der Euphrat hat dort, wo er noch schmäler ist, eine Art Brücke, die andern Ströme werden sie schwerlich haben. Wir wenigstens wissen um keine, da wir auch noch niemals ihrem Laufe zu weit nachgeforscht haben. Sowie man denn an einen solchen Strom kommt, so muß man lange denselben beinahe bis zu seinem Ursprunge verfolgen, um da über ihn setzen zu können, und, Freunde, das macht den Weg in unser Land beschwerlich und gestreckt und lange dauernd.
GEJ|9|115|4|0|Und kommt man endlich nach vielen Mühen und Beschwerden in die Nähe unseres Landes, so kannst du ein volles Jahr und noch um vieles länger auch noch umherirren, und du wirst dennoch keinen Eingang finden. Um den weiß nur Jehova allein, und dann derjenige, dem es der Geist Jehovas offenbaren will. Und so sind wir denn auch bis jetzt von keinem Menschen, so viele es deren auf der großen Erde geben mag, aufgefunden worden, – was wir dem Schutze Jehovas zu verdanken haben. Wir selbst aber können – so wir wollen – wohl zu den Menschen, die in den Niederungen hausen, kommen, wann wir wollen, und mit ihnen dann und wann auch einen Tauschhandel treiben; aber sie können nicht zu uns kommen, außer wir selbst würden sie zu uns führen, was wir aber nicht tun und auch niemals tun werden.
GEJ|9|115|5|0|Unser Land ist denn sonach auch ein Geheimnis auf der Erde; und Du, o Herr und Meister, wirst es gnädigst auch fortan also beschützen, daß es von all den gottlosen Feinden niemals aufgefunden wird, und wir werden in unserer alten Treue niemals wankend werden.“
GEJ|9|115|6|0|Und Ich sagte: „Bewahret Meine Liebe, und diese wird bewahren euch und euer Land! Damit ihr aber auch wisset, welch ein Land ihr bewohnet, so will Ich es euch sagen, – und so vernehmet Mich!
GEJ|9|115|7|0|Seht, euer Land ist das alte Eden, in dem Adam und Eva erschaffen worden sind, es aber nach der Sünde verlassen mußten, und es ward bis auf euch auch nie von einem Menschen aufgefunden und bewohnt! Und so wird es auch noch fürderhin von niemand aufgefunden werden, so ihr verharren werdet in Meiner Liebe!“
GEJ|9|115|8|0|Über diese Meine Erklärung entstand ein ordentlicher Jubel, und die vier fingen vor lauter Freude an zu weinen.
GEJ|9|115|9|0|Ich aber beruhigte sie und sagte: „Bildet euch darauf nichts ein; denn Erde bleibt Erde, und Land bleibt Land! Von nun an wird es kein irdisches Eden mehr geben, sondern nur ein Eden im Herzen des Menschen. Nach dem strebet alle, und bewahret es vor dem Feinde, der da heißt Weltsinn; denn der ist die Quelle aller Laster und der Untergang aller menschlichen Glückseligkeit!“
GEJ|9|115|10|0|Alle gaben Mir recht und lobten die Weisheit Gottes in Mir.
GEJ|9|116|1|1|116. — Das Freudenmahl bei Kisjona
GEJ|9|116|1|0|Darauf sagte Ich zu Kisjona: „Freund, nun erst wollen wir zu der Maria gehen! Die Ich früher benannt habe, gehen mit!“
GEJ|9|116|2|0|Auf das erhoben wir uns und gingen zur Maria.
GEJ|9|116|3|0|Als wir bei ihr ankamen, da hatte sie eine große Freude; nur konnte sie nicht umhin, Mir ihr vieles Leid und ihre oft übergroße Sorge zu klagen, die sie um Meinetwillen zu bestehen hatte.
GEJ|9|116|4|0|Ich aber tröstete sie und sagte zu ihr: „So du von Meiner Empfängnis an weißt, warum Ich in diese Welt gekommen bin im Fleische durch deinen Leib, wie kannst du dich dann ängstigen, so Ich den Willen des Vaters, der im Himmel ist, tue? Gehe aber nun mit uns samt allen, die um dich sind; im Hause des Freundes sollst du vieles erfahren, was Ich unter den Menschen gewirkt habe!“
GEJ|9|116|5|0|Da erhob sich Maria mit ihren Freundinnen und dem Joel und folgte Mir, begleitet von Jakobus und Johannes, die sie unterwegs um allerlei befragte, und die ihr die tröstlichsten Auskünfte erteilten.
GEJ|9|116|6|0|Wir kamen nun im Hause Kisjonas an, in dem unterdessen der große Speisesaal und in ihm ein großer Tisch ganz königlich geschmückt ward, und wir erstaunten vollends, wie des Kisjona Leute in einer so kurzen Zeit alles das zu bewerkstelligen vermocht hatten.
GEJ|9|116|7|0|Der Maria gefiel das besonders wohl, und sie fragte Mich, sagend: „Sohn, wie gefällt wohl Dir solch eine Aufmerksamkeit von seiten des lieben Freundes Kisjona?“
GEJ|9|116|8|0|Sagte Ich: „Ich habe nur eine große Freude an seinem Herzen, das rein, gut und edel ist, – aber der Glanz des Goldes, Silbers und der Edelsteine hat keinen Wert vor Mir; weil es aber schon dem Freunde eine Freude macht, Mich auch also zu ehren, so soll ihm seine Freude auch nicht benommen werden!“
GEJ|9|116|9|0|Mit diesen Meinen Worten war Maria denn auch einverstanden, und da die Speisen und der Wein schon auf dem Tische unser harrten, so setzten wir uns in guter Ordnung an den Tisch und fingen an zu essen und zu trinken.
GEJ|9|116|10|0|Maria saß an Meiner Rechten und Joel an Meiner Linken. Gleich an der rechten Seite Marias saßen Kisjona, Philopold, Jakobus und Johannes, und an der linken Seite saßen die vier Indojuden, nach ihnen die Freunde des Kisjona und die Freundinnen Marias; dann kamen Meine Jünger alle, und so war, wie schon gesagt, der große Tisch in bester Ordnung besetzt.
GEJ|9|116|11|0|Wohlbereitete Edelfische aus dem Galiläischen Meere machten den Anfang, von denen Ich etliche verzehrte, und so auch Maria, die sich als eine selbst wohlerfahrene Fischbereiterin nicht genug lobend über die gute Bereitung der Fische aussprechen konnte. Es waren aber noch gebratene Hühner, zwei fette Lämmer und ein ganzes Kalb wohlzubereitet auf dem Tische, und Obst der allerbesten Art und Gattung, an dem allen sich die Jünger und auch die andern Gäste recht viel zugute taten. Ich aber blieb bei den Fischen, obschon Maria meinte, daß Ich denn doch von allem etwas kosten solle.
GEJ|9|116|12|0|Ich aber sagte: „Ein jeglicher esse nach dem Bedürfnisse seines Magens; Ich habe Mich gesättigt an den Fischen, und eines Weiteren bedarf Mein Leib nicht auf dieser Welt. Du aber sieh nicht auf Mich, sondern iß, was dir schmeckt!“
GEJ|9|116|13|0|Darauf nahm die Maria denn auch samt Mir noch einen Fisch und verzehrte ihn mit Brot und etwas Wein. Die vier Fremden aber ließen es sich von allem wohlschmecken, wie auch Meine Jünger; nur die etlichen mit Mir ziehenden Jünger des Johannes taten Mir gleich.
GEJ|9|116|14|0|Kisjona sagte endlich selbst zu Mir: „Herr und Meister, aber warum nimmst Du denn nicht auch von den anderen Speisen etwas Weniges zu Dir? Du weißt es ja, daß bei mir alles frisch, rein und bestens bereitet ist!“
GEJ|9|116|15|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund, kümmere du dich nur um Mich nicht; es ist ja genug, daß Ich für euch alle sorge und wache! Seid denn nun voll frohen Mutes, dieweil Ich unter euch noch sichtbar wandle; es wird aber bald die Zeit kommen, in der Ich nur im Geiste des Glaubens und der Liebe unter euch sein werde, – da werdet ihr dann auch nicht mehr so heiter und froh auf dieser Erde sein und werdet vieles zu erdulden bekommen um Meines Namens willen. Jetzt ist das ganze Gottesreich in Mir bei euch; dann aber werdet ihr es in euch suchen, finden und bewahren müssen. Darum seid denn nun fröhlich und heiter! Ich esse jetzt nur Fische, weil diese am meisten der gegenwärtigen Menschheit in ihrer Erkenntnis gleichen; diese sollen in Mir zum Leben, zum Geistesleben und zu dessen Lichte gelangen!“
GEJ|9|116|16|0|Sagte einer der Freunde Kisjonas: „Aber Herr und Meister, wie kann man Fische mit Menschen vergleichen? Ein Fisch ist und bleibt ja doch das dümmste aller Tiere; ein Wurm, der auf der Erde herumkriecht, scheint schon mehr Verstand zu haben denn der edelste Fisch!“
GEJ|9|116|17|0|Sagte Ich: „Da hast du wohl nicht ganz unrecht; aber dennoch sind die Menschen zum allergrößten Teil nun noch dümmer als die Fische im Wasser.
GEJ|9|116|18|0|Willst du einen reichen Fischfang machen, so fische in der Nacht beim Lichte der Fackeln; daraus wirst du – wenigstens in der natürlichen Hinsicht – entnehmen, daß die Fische sicher nicht lichtscheu sind, da sie sich an der Stelle in großer Anzahl sammeln, wo sie ein Licht gewahr werden.
GEJ|9|116|19|0|Ich aber bin das Licht alles Lichtes und bin das Leben alles Lebens! Sieh aber dir nun die Menschen an, und du wirst erstaunen über die kleine Zahl derer, die Mir in ihrem Herzen gläubig und liebend in ihrem Weltsinnswasser zuschwimmen und sich von Mir ins Reich Gottes fangen lassen! Daher vergleiche Ich nur jene wenigen Menschen mit den Fischen – die Meine liebste Speise sind –, die Mich als das wahre Licht der Welt und als die Sonne der Himmel erkennen und Mir zuschwimmen und sich von Mir zum ewigen Leben fangen lassen. – Verstehest du dieses Bild?“
GEJ|9|116|20|0|Sagte der Freund: „Ja, Herr und Meister, nun verstehe ich das wohl, und Du tust alles nach Deiner unwandelbaren Ordnung, die für jedermann, der Dich mehr denn wir zu beobachten die Gelegenheit hat, auch ein Evangelium ist; aber es gehört da schon ein sehr geweckter Geist dazu, um solch ein Evangelium zu begreifen!“
GEJ|9|116|21|0|Sagte Ich: „Es ist aber alles leicht und sicher zu bewirken, so man nur das rechte Mittel dazu hat und es auch recht anwendet. Ebenso kann ein Mensch denn auch den Geist in sich bald und leicht vollends erwecken, so er das rechte Mittel dazu besitzt und es aber dann auch recht anwendet. Das rechte Mittel aber ist die wahre, reine und tätige Liebe zu Gott und also auch zum Nächsten.
GEJ|9|116|22|0|Wer aber Gott lieben will, der muß ja zuerst glauben, daß es einen Gott gibt, der, als Selbst ganz Liebe, der ewige Urgrund aller Dinge in der ganzen Unendlichkeit ist.
GEJ|9|116|23|0|Wie aber kann ein Mensch zu solch einem Glauben gelangen? Am sichersten durch die Offenbarung, durch das Anhören des Wortes Gottes und durch die Erkenntnis des Willens der ewigen Liebe.
GEJ|9|116|24|0|Hat der Mensch solchen Willen erkannt, so unterordne er seinen Willen ganz dem Willen der ewigen Liebe und höchsten Weisheit in Gott und lasse sich von dem Willen Gottes gleich diesen Fischen als ein wohlzubereitetes Gericht verzehren, so wird er dadurch vom Geiste Gottes ganz durchdrungen werden und aus ihm als eine neue Kreatur hervorgehen zum ewigen Leben.
GEJ|9|116|25|0|Wer das an sich bewerkstelligt, der hat auf dem rechten Wege und durch das rechte Mittel den Geist des Lebens und der Weisheit in sich erweckt und wird dann auch in der Natur der Erde und aller Wesen auf ihr, sowie in Mond, Sonne und Sternen ein wohlverständliches Evangelium finden.
GEJ|9|116|26|0|Willst du, Freund, vollauf geweckten Geistes werden, so befolge Meinen Rat, und es wird dir dann bald alles klar werden, was dir jetzt noch bedenklich und hie und da zweiflig (zweifelhaft) vorkommt!“
GEJ|9|116|27|0|Sagt darauf Maria: „Mein Sohn, welch herrliche Lehren hast Du schon den Menschen gegeben in der Fremde, – uns Heimische aber hast Du noch wenig bedacht!“
GEJ|9|116|28|0|Sagte Ich: „Maria, war Ich nicht von der Kindheit an bis zu Meinem dreißigsten Jahre unter euch Heimischen? Habe Ich nicht gar oft euch über Mich belehrt und Meine Worte auch mit allerlei Zeichen bestätigt? Bin Ich nicht auch nachher nach Nazareth gekommen, habe gelehrt und Zeichen gewirkt? Was aber haben die blinden Heimischen in und um Nazareth gesagt?
GEJ|9|116|29|0|Siehe, ihre Rede war: ,Woher kommt denn dem die Weisheit? Ist er ja doch des Zimmermanns Sohn, den wir kennen; wie konnte aus ihm ein Prophet erstehen?‘
GEJ|9|116|30|0|Und siehe, da die Heimischen also über Mich dachten, urteilten und Mir auch nicht glaubten, so blieb Ich denn auch nicht bei den Heimischen und ging zu den Fremden. Denn Ich sagte es damals und sage es nun abermals: Ein Prophet gilt nirgends weniger denn in seinem Vaterlande und am wenigsten in dem Orte, der ihm, von den Kinderjahren angefangen, zur Wohnstätte gedient hat.
GEJ|9|116|31|0|Die aus den Heimischen aber an Mich geglaubt haben, die sind noch bei Mir und werden auch allenthalben bei Mir verbleiben. Doch in Nazareth werde Ich Selbst nicht mehr lehren und Zeichen wirken; das werden später schon Meine Jünger in Meinem Namen tun.
GEJ|9|116|32|0|Für dich aber habe Ich schon gesorgt für die Zeit und für die Ewigkeit. So Ich wieder dahin zurückkehren werde, von wannen Ich gekommen bin, so werde Ich auch für euch alle eine Wohnung bereiten, in der euch ewig kein Kummer und keine eitle Sorge mehr plagen werden; denn wo Ich sein werde, da werdet auch ihr bei Mir sein, so ihr euch von dieser Welt nicht irgend habt fangen lassen.“
GEJ|9|116|33|0|Auf diese Meine Worte sagte Maria nichts mehr, sondern behielt sie in ihrem Herzen.
GEJ|9|117|1|1|117. — Templer aus Jerusalem suchen den Herrn
GEJ|9|117|1|0|Hierauf kam ein Diener in den Saal und sagte zu Kisjona: „Es sind etliche Templer aus Jerusalem hier angekommen und verlangen Unterkunft. Was sollen wir tun?“
GEJ|9|117|2|0|Als unser Kisjona dieses vernommen hatte, da ward er ganz unwillig und sagte: „Ei, so hat man vor diesen mir überlästigen Menschen doch Tag und Nacht keine Ruhe! Diese Menschen haben nichts zu tun als in einem fort zu reisen von einem Ort zum andern, um den Menschen durch ihren Hochmut, Übermut und durch ihre nie zu sättigende Habgier zur oft unerträglichen Last zu fallen. Herr und Meister, hast denn Du keinen gewaltigen Sturmwind, der diese lästigen Gäste irgend an einen andern Ort hintrüge?“
GEJ|9|117|3|0|Sagte Ich: „Mache du dir aus den fünf Templern nichts, und nimm sie nur auf! Wollen sie zu uns herein, so verwehre ihnen auch das nicht; denn Ich und wir alle haben keine Furcht vor ihnen. Gib ihnen, was sie verlangen, auf daß sie keinen Grund haben sollen, uns zu schmähen! Sie kennen Mich nicht, und wir werden bald so manches von Mir mit ihnen zu reden bekommen. Sie sollen die Wahrheit hören!“
GEJ|9|117|4|0|Als Kisjona solches von Mir vernommen hatte, da ward er williger und sagte zum Diener, daß er sie aufnehmen solle und sie im Hause beherbergen und bewirten nach ihrem Wunsche.
GEJ|9|117|5|0|Da ging der Diener hinaus und sagte ihnen, was ihm sein Herr gesagt hatte.
GEJ|9|117|6|0|Als die Templer das vernahmen, da wurden sie mürrisch und fragten den Diener, was der Wirt denn im Hause gar so Wichtiges zu tun habe, daß er darob vergessen könne, was er den Priestern Gottes schuldig sei.
GEJ|9|117|7|0|Der Diener aber sagte: „Es sind ohnehin schon eine bedeutende Anzahl der fremden Gäste, darunter Griechen in der Herberge, und der Wirt muß ja doch den zuerst angekommenen Gästen die Ehre geben und kann nicht auf die warten, von denen er nicht weiß, ob sie ankommen werden. Kurz, der Wirt, seit er ein römischer Bürger ist, macht unter den Gästen keinen Unterschied mehr. Wem das nicht recht ist, der kann sich eine andere Herberge aufsuchen. Wollt ihr aber hier bleiben, so werdet ihr nach Bedarf auch redlich bedient werden!“
GEJ|9|117|8|0|Nach dem sagte ganz mürrisch ein Pharisäer: „Nun, nun, so führe, du römisch gesinnter Diener deines römischen Maut- Herbergsherrn, uns in das Hauptgastzimmer!“
GEJ|9|117|9|0|Hierauf führte sie der Diener zu uns ins Hauptgastgemach, in welchem an der entgegengesetzten Seite ein Tisch für sie gedeckt wurde.
GEJ|9|117|10|0|Als sie in das Gastzimmer traten, da stand unser Kisjona wohl auf, grüßte sie und führte sie an den für sie gedeckten Tisch.
GEJ|9|117|11|0|Als sie da Platz genommen hatten, fragten sie (die Pharisäer) unseren Freund, wer denn wir wären.
GEJ|9|117|12|0|Sagte Kisjona: „Die römische Polizei übe ich hier aus; es genügt, daß ich die Gäste kenne und für ihre Ehrlichkeit den Römern Bürgschaft zu leisten habe. Wollt ihr diese meine lieben Gäste aber näher kennenlernen, so wendet euch selbst an sie!“
GEJ|9|117|13|0|Als die Templer solche Antwort von Kisjona erhielten, sagten sie darauf nichts Weiteres und ließen sich Brot, Wein und Fische geben; denn sie hatten schon Hunger und Durst, weil sie als an einem Sabbat Reisende seit dem Aufgange weder Speise noch einen Trank zu sich genommen hatten des Volkes wegen; daheim aber hätten sie sich aus dem Neumondssabbat nichts gemacht.
GEJ|9|117|14|0|Maria sagte hier mit einer gewissen Ängstlichkeit zu Mir: „Mein geliebtester Sohn Jesus, wenn diese Deine größten Feinde doch nur Dich nicht erkennen möchten; denn ich habe in Nazareth vom dortigen Obersten um Deinetwillen viele böse Reden und Urteile zu erdulden gehabt und habe mich hauptsächlich hierher in diese Einsamkeit begeben, um vor dem Obersten und seinem Anhange Ruhe zu haben. Diese da ziehen sicher auch darum in unser Land, um über Dich und Dein Wirken von neuem wieder Erkundigungen zu machen. Zwei kommen mir sehr bekannt vor, und ich habe sie schon etliche Male Deinetwegen in Nazareth gesehen.“
GEJ|9|117|15|0|Sagte Ich: „Sei darob völlig unbekümmert, ob sie Mich in der Person erkennen oder nicht; im Geiste wird Mich diese Art erst dann erkennen, wenn Ich über sie Gericht halten werde. Aber dann wird ihr Erkennen ein zu spätes sein und wird ihnen den vollen Untergang bereiten. Jetzt aber essen und trinken auch wir noch; denn wir haben auch noch Fische, Brot und Wein!“
GEJ|9|117|16|0|Mit dem beruhigte sich Maria und nahm noch etwas Speise und Trank zu sich.
GEJ|9|117|17|0|Als die Templer ihre dicken Bäuche gefüllt hatten, da standen die zwei Pharisäer von ihrem Tische auf und begaben sich ganz dreist zu uns hin.
GEJ|9|117|18|0|Und einer, der ein Oberster und auch Schriftgelehrter war, sagte zu uns: „Ihr werdet es uns Gottesdienern schon zugute halten, so wir uns nach unserer alten Sitte zu euch her begeben haben, um von euch sicher so manches Neue zu erfahren. Wer und was wir sind, das erkennt leicht ein jeder von euch; aber auch wir möchten dafür von euch erfahren, von woher ihr gekommen seid, und was ihr da zu tun und zu schaffen habt!“
GEJ|9|117|19|0|Sagte nun Ich: „Obwohl euer Verlangen an uns ein überaus anmaßendes und jede bessere Lebensart hintansetzendes ist, so wollen wir eurem Verlangen dennoch nachkommen, so ihr uns zuvor saget, was denn euch dazu vermocht hat, sogar an einem Neumondssabbat eine Reise zu unternehmen, – da ihr das zu tun jedem andern Juden, der sich bei euch dazu keine Erlaubnis um eine große Summe Geldes erkauft hätte, zu einer großen, kaum vergebbaren Sünde angerechnet haben würdet. Welch ein großwichtiger Grund hat denn euch dazu bestimmen können, den Sabbat zu brechen? Saget ihr uns das zuvor, dann wollen auch wir uns euch näher zu erkennen geben!“
GEJ|9|117|20|0|Sagte etwas betroffen der Schriftgelehrte: „Freund, wir sind Priester und haben nach dem Gottesrate auch an einem Sabbat das volle Recht, im Namen des Tempels zu Jerusalem zu handeln, da wir eigentlich das lebendige Gesetz Mosis selbst sind. Zudem wird es euch nicht fremd sein, wie schon seit einer geraumen Zeit der gewisse Nazaräer, der sich für den verheißenen Messias ausgibt, dabei den Tempel verfolgt, eine neue Sekte stiftet und durch seine Zeichen das Volk groß und klein verführt und von uns abwendig macht. Wir haben davon neue Kunde erhalten, daß er nun wieder bald hier und bald dort auftritt und lehrt, etwa gar außergewöhnliche Zeichen wirkt und allenthalben das Volk gegen den Tempel hetzt; und so denn mußten wir nach dem Gottesrate im Tempel auch den Sabbat benutzen, um zu erfahren, wo sich der Volksverführer befindet, und was er tut. Nun wisset ihr, warum wir auch an einem Sabbat eine Reise unternommen haben, – und so könnet ihr es uns nun auch sagen, woher ihr seid, und welcher Grund euch zur Reise bestimmt hat. Denn ihr seid offenbar auch Reisende, was wir an euren gebräunten Gesichtern und Händen wohl erkennen.“
GEJ|9|117|21|0|Sagte Ich: „Und was sollet ihr dann mit dem Nazaräer machen, so ihr Ihn irgendwo treffen würdet?“
GEJ|9|117|22|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Was machen? Erstens ihn beobachten, dann ihn ergreifen und dem Gerichte überliefern!“
GEJ|9|117|23|0|Sagte nun Kisjona: „So! Und sonst weiter nichts? Wißt ihr aber wohl, daß der Nazaräer ein Freund auch der Römer ist, und daß auch die Heiden an Ihn glauben? Wißt ihr, daß Er alle Kranken bloß durch die Macht Seines Willens heilt, den Elementen gebietet und Tote erweckt? Wenn alles Volk in Ihm den verheißenen Messias erkennt und Ihn liebt und ehrt, warum denn ihr nicht? Seid ihr denn weiser denn Er und mächtiger denn Sein Wille?“
GEJ|9|117|24|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Bist denn auch du schon von dem Nazaräer betöret worden?“
GEJ|9|117|25|0|Sagte Kisjona: „Ich wahrlich nicht; denn ich bin durch Ihn nur weise geworden, da ich erst durch Ihn die Wahrheit und das Leben erkannt habe! Aber ihr seid betört von eurer unersättlichen Habgier und Herrschsucht und seid blind und taub; darum erkennet ihr den Nazaräer nicht und verfolget in eurer Ohnmacht Den, der allmächtig ist.
GEJ|9|117|26|0|Er ist wohl voll der höchsten Geduld und Langmut und läßt Sich von euch gar sehr vieles gefallen; aber bis zum Ende Seiner Geduld mit euch ist nur eine ganz kurze Zeitfrist mehr übrig. Wird diese ehest verronnen sein, dann wehe euch, ihr hartnäckigen Verfolger des größten Freundes der Menschen! Dann wird über euch das Gericht losbrechen, von dem ihr vor einiger Zeit die untrüglichsten Zeichen zur Nachtzeit am Firmament gesehen habt! Ich, Kisjona, nun ein Römer, der keine Furcht vor euch hat, sage euch das ganz unverhohlen.“
GEJ|9|117|27|0|Hierauf wurden die beiden Pharisäer ganz stutzig, und der Schriftgelehrte sagte: „Nun gut, du sollst auch recht haben! Du hast leicht reden über den Wert, über Würde und Charakter des Nazaräers; denn du kennst ihn sicher persönlich und hast mit ihm sicher auch schon zu öfteren Malen zu tun gehabt. Wir aber kennen ihn gar nicht und haben bis jetzt noch nichts mit ihm zu tun gehabt; was wir von ihm wissen, das wissen wir nur durch die nach ihm ausgesandten Kundschafter, und die Nachrichten von allen Orten her stimmen darin vollkommen überein, daß er sich dem Tempel gegenüber stets feindlichst benimmt. Mache uns aber zu wissen, wo wir ihn finden, und wir werden dann selbst mit ihm sprechen, ihm auf den Zahn fühlen und sehen, was an ihm ist!“
GEJ|9|117|28|0|Sagte Kisjona: „Ihr lügt, so ihr saget, daß ihr Ihn persönlich nicht kennet; denn ich selbst weiß es nur zu bestimmt, daß Er schon zu öfteren Malen zu Jerusalem im Tempel das Volk offen gelehrt und Seine Lehre auch durch Zeichen als eine rein göttliche bestätigt hat. Da wurden Heiden bekehrt, – aber ihr Templer habt Steine aufgehoben und wolltet Ihn steinigen! Wenn also – wie könnet ihr da sagen, daß ihr Ihn persönlich nicht kennet?“
GEJ|9|117|29|0|Sagten die beiden: „Davon haben wir wohl reden hören, als wir von Damaskus, wo wir zu tun hatten, nach Hause kamen; aber darum haben wir dennoch nie Gelegenheit gehabt, den so sehr berühmten, aber im Tempel auch über alle die Maßen arg berüchtigten Nazaräer persönlich kennenzulernen. Da wir aber durch unsere Reisen sicher weltläufiger und klüger geworden sind als alle, die da beständig im Tempel sitzen, so hat der große Rat im Tempel uns bald als die tauglichsten Kundschafter gegen guten Lohn dazu erwählt, den Nazaräer irgend auszukundschaften und dem Tempel von seinem Aufenthalt und von seinem Treiben unverzügliche Nachricht zukommen zu lassen. Wir sind zwar in dieser immerhin lästigen Angelegenheit schon mehrere Male vom Tempel ausgesandt worden, waren einige Male sogar in Nazareth und haben dort seine Mutter und Brüder kennengelernt, – aber den, den wir suchten, haben wir bis jetzt noch nicht gesehen! Und so haben wir dir keine Unwahrheit gesagt, so wir dir bekannten, daß wir ihn persönlich nicht kennen und mit ihm noch nie verkehrt haben.
GEJ|9|117|30|0|Mache du uns daher bekannt, wo wir ihn treffen, ihn hören und beobachten können, so werden wir dann schon nach unserer eigenen Erfahrung selbst urteilen können, inwiefern die großen Anschuldigungen von seiten des Tempels gegen ihn wahr oder falsch und böswillig erdichtet sind. Wir sind Schriftgelehrte und wissen alles, was in den Propheten über den kommen sollenden Messias geschrieben steht; daher nehmen wir eine neue Lehre freilich wohl so leichten Kaufes nicht an wie das in der Schrift zumeist unerfahrene und durch die Heiden schon sehr verdorbene Volk.“
GEJ|9|117|31|0|Sagte nun Ich wieder: „Wer schuldet aber daran, daß das Volk in der Schrift nun so schlecht unterwiesen ist? Seht, ihr selbst! Ihr enthaltet dem Volke das Wort Gottes vor und quält es dafür mit euren Satzungen, die das Volk für Gottes Wort annehmen muß. Ist es dann ein Wunder, daß das Volk wider euch Schutz bei den Heiden sucht und ihn auch findet?
GEJ|9|117|32|0|Wenn nun Gott Seine Verheißung erfüllt hat und Sein Gesalbter nun den Menschen wieder das reine Wort lehrt und durch dessen Kraft Wunder wirkt, wie sie auch die Propheten gewirkt haben, – ist das dann wider den Tempel, so der Tempel wäre, wie er nach der Anordnung sein sollte? So ihr Schriftgelehrte seid, da urteilet selbst, wie weit sich der Tempel in seinem Wirken von dem reinen Worte Gottes entfernt hat!
GEJ|9|117|33|0|Ich sage es euch: Die Heiden stehen nun dem Throne Gottes um gar vieles näher denn der Tempel mit seinen überselbst- und herrschsüchtigen Satzungen! Wo ist nun die alte Bundeslade, wo der immergrünende Aaronsstab, wo das Manna, und wo die schon lange von den Motten zernagten Schaubrote?
GEJ|9|117|34|0|Ihr zeiget dem Volke wohl derlei Dinge noch und machet lange Reden darüber, aber euer Inneres sagt es euch laut: ,Wir betrügen das Volk und sind genötigt, es zu betrügen, auf daß es nicht aufstehe, über uns herfalle und uns verderbe!‘
GEJ|9|117|35|0|Und seht, darin liegt denn auch der Hauptgrund, aus dem ihr den von Gott in diese Welt Gesandten mit dem glühendsten Eifer verfolget und Ihn auch ärger fürchtet und hasset als den Tod, der euch nicht verschonen wird!“
GEJ|9|118|1|1|118. — Das Gespräch zwischen den Templern und dem Herrn
GEJ|9|118|1|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Freund, wie weißt du um alles das?“
GEJ|9|118|2|0|Sagte Ich: „Du sagtest zuvor, daß ihr sehr erfahrene und weltläufige Menschen seid. Wo steht es denn geschrieben, daß nicht auch unsereiner sehr erfahren und weltläufig sein sollte? Wie oft habt ihr schon den Fremden um Geld alle Einrichtungen des Tempels gezeigt, – wie hätten sie verschwiegen bleiben sollen?
GEJ|9|118|3|0|Einst durfte in das Allerheiligste nur im äußersten Notfall der Hohepriester treten, und für gewöhnlich nur zwei- bis höchstens viermal im Jahre, – und nun ist das Allerheiligste eine Schaubude für die Fremden um Geld geworden, und im Tempel wird allerlei Handel und großer Betrug getrieben, was nun schon alle Welt weiß. Wie kann es euch denn wundernehmen, so auch unsereiner davon in Kenntnis ist, und daß von allen solchen gotteslästerlichen Dingen und Betrügereien auch der Gesalbte Gottes in der vollsten und hellsten Kenntnis sein wird?
GEJ|9|118|4|0|Ist da der Tempel, gegen den nun geeifert wird aus dem wahren Gottesmunde, wohl noch das, was er zu den Zeiten Salomos war? O mitnichten! Das alte, gottgeweihte Bethaus ist zu einer Räuberhöhle und Mördergrube geworden!
GEJ|9|118|5|0|Seht, also stehen nun schon zu jedermanns Wissenschaft die Dinge des Tempels, und es hat der Gesalbte Gottes nun gar nicht mehr nötig, von ihrer Ruchlosigkeit zum Volke zu reden, um dadurch den Tempel zu verdächtigen und zu entwerten, sondern alles bessere Volk weiß schon lange darum und beklaget sich deshalb bitter bei dem Gesalbten Gottes! Meinet ihr denn, daß Er bei solch bewandten Umständen den Tempel loben und das klagende und weinende Volk verstoßen sollte? Nein, wahrlich nein, das wird Er als der Gerechteste der Gerechten ewig nimmer tun!
GEJ|9|118|6|0|Wenn ihr mit dem euch so sehr verhaßten Nazaräer zusammenkommen würdet und Er genauso zu euch redete, wie Ich nun zu euch geredet habe, – was würdet ihr Ihm wohl erwidern?“
GEJ|9|118|7|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Ja, Freund, da ließe sich, so man bei der Wahrheit zu bleiben genötigt wäre, zugunsten des Tempels wenig erwidern; nur das einzige ist da zu bedenken, daß da nicht wir und gar viele unseresgleichen es sind, die die alten guten und wahren Einrichtungen des Tempels so verkehrt und entstellt haben, wie sie nun verkehrt und entstellt sind, sondern nur die Ersten, Obersten und Mächtigsten im Tempel schon vor langer Zeit. Was können wir Untergeordnete nun wohl anders tun, als uns selbst in das fügen, was uns der Tempel, von dem wir leben, vorschreibt? Wir müssen als gemachte junge Wölfe mit den alten Wölfen heulen, so wir von ihnen nicht wollen zerrissen und aufgefressen werden!
GEJ|9|118|8|0|Die reine Wahrheit predigen und auch nach derselben handeln, wäre das Beste, Schönste und Herrlichste unter den Menschen auf der Erde. Was kann man aber nun machen, wo man sich der Wahrheit willen alle erdenklichen Verfolgungen, Strafen und sogar den Tod am Kreuze bereiten kann? Man muß bei so arg bewandten Umständen selbst zum Verfolger der Wahrheit werden, um leben zu können, da man schon einmal in dieser Welt – ohne es jemals gewollt zu haben – leben muß.
GEJ|9|118|9|0|Gott aber ist allmächtig und ebenso auch höchst weise; Er hat vom Urbeginn an alles gut und weise eingerichtet. Warum ließ Er es denn nach dem Verlaufe der Zeiten zu, daß eben die Menschen, als sicher Seine vorzüglichsten Geschöpfe, nun gar so tief von ihrer ursprünglichen Reinheit und Würde hinabgesunken sind?
GEJ|9|118|10|0|Wenn der Gesalbte Gottes so mächtig ist im Worte, Willen und in der Tat und Ihm alle Elemente gehorchen, so kann Er ja auch mit aller Ihm innewohnenden Macht und Kraft gegen die gegenwärtigen Unfuge des Tempels auftreten und sie völlig vernichten!“
GEJ|9|118|11|0|Sagte Ich: „Du bist ein Schriftgelehrter und urteilst über göttliche Dinge und Einrichtungen noch um vieles finsterer denn ein Blinder von den Farben, die durch das Licht dem Auge ersichtlich werden!
GEJ|9|118|12|0|Der Mensch ist freilich nicht durch seinen eigenen, sondern nur durch den allmächtigen Willen Gottes in diese Welt gesetzt worden; Gott aber als die ewige und reinste Liebe Selbst ist höchst gut und weise und weiß es, warum Er den Menschen erschaffen und zur Probung und Stärkung des ihm gegebenen freien Willens nur auf eine kurze Zeit in diese Welt gestellt hat.
GEJ|9|118|13|0|Damit aber auch der Mensch wohl inne werde, warum er erschaffen und in diese Welt gestellt worden ist, so hat ihm Gott das alles zu allen Zeiten treu geoffenbart und ihm auch solche Lebensgesetze gegeben, durch deren gar leicht mögliche Beachtung er unfehlbar das ihm vorgestellte Ziel erreichen muß.
GEJ|9|118|14|0|Wann aber hat Gott dem Menschen je geboten, von seinem freien Willen den größtmöglichen Mißbrauch zu machen und dadurch sich selbst zu beschädigen?!
GEJ|9|118|15|0|So Gott mit dem Menschen die vollkommenst besten Absichten hat, um ihm den ewig freiesten und somit Ihm gleich seligsten Lebensgenuß zu bereiten, – warum sträubt sich denn der ohnmächtige Mensch, der Gott, dem ewigen Herrn, das Erschaffen nicht verbieten kann, wider solch edelste Absichten Gottes also, als wäre er ein Herr über den weisesten und besten Willen Jehovas? Wenn du in dir fühlst, daß du in dieser Welt leben mußt, – warum fühlst du denn nicht auch mit dankbarem Herzen, warum dich Gott in diese Welt gesetzt hat, da Er dir doch Seinen Willen treuest geoffenbart hat?!
GEJ|9|118|16|0|Wenn der Mensch nun fühlt, welches Übel er sich selbst durch seine hochmutsvolle Widerspenstigkeit gegen den geoffenbarten und wohlerkannten Willen Gottes zugezogen hat und Gott nun Selbst im Menschensohne nach Seiner Voraussage zu der entarteten Menschheit der vollsten Wahrheit nach gekommen ist, um sie mit aller Liebe und größter Geduld auf die alte Bahn des Lebens zu führen und zu bringen – was Er durch Lehre und Taten beweist –, warum verabscheuet ihr Ihn denn und wollet euch von Ihm nicht helfen lassen?
GEJ|9|118|17|0|Daran schuldet sicher nicht Gott, sondern nur ihr selbst durch eure unersättliche Habgier und durch eure wahrhaft satanische Herrschsucht sogar über Gott! Ja, wäre Gott ebenso hart, lieblos und voll Ungeduld, wie ihr es seid, so hätte Er nicht nur mit dem Tempel und seinen bösen Dienern, sondern auch mit dieser ganzen Erde einen völligen Garaus gemacht; aber Er duldet eure Blindheit und eure daraus hervorgehende Bosheit und ermahnt euch alle zur Umkehr auf die lichtvolle Bahn des Lebens.
GEJ|9|118|18|0|Ihr aber wollet das nicht und verharret nicht nur in euren alten Lastern aller Art und Gattung, sondern häufet solche noch von Tag zu Tag dazu und verfolget Gott Selbst, der euch nun helfen will, wohl ersichtlich und erkennbar für jedermann. Ist da etwa wieder Gott daran der Schuldträger, so euch Seine ewige Liebe und Wahrheit zu einem durch eure Blind- und Bosheit strafbaren Ekel geworden ist?!
GEJ|9|118|19|0|Ja, ja, ihr werdet die ewige Wahrheit wohl noch durch eure Gesetze der Lüge an das Kreuz heften; aber dann wird das Maß eurer Bos- und Verstocktheit auch voll werden, und das Gericht wird dann über euch kommen und euch den Lohn geben, den ihr selbst von Gott eurer Bosheit wegen verlanget, und den Er euch infolge Seiner Liebe, Geduld und Erbarmung noch immer vorenthält, weil Er keine Seele, auch die des argen Hohenpriesters nicht, des Verderbens wegen in diese Welt gesetzt hat.
GEJ|9|118|20|0|Seht, also denken wir alle hier! Warum denket denn nicht auch ihr also völlig in der wahren Lebensordnung aus Gott?“
GEJ|9|118|21|0|Auf diese Meine Rede wußte nun der Schriftgelehrte nicht mehr, was er dagegen einwenden könnte. Nach einer Weile sagte er: „Ja, ja, Freund, der du, als sicher von Geburt aus ein Galiläer, von dem berühmten Nazaräer ganz durchdrungen zu sein scheinst, du hast freilich wohl ganz recht; aber was können wir von aller Art Weltgesetzen Abhängige da tun?
GEJ|9|118|22|0|Verlassen wir den Tempel, so werden wir uns den Vögeln gleich den nötigen Lebensunterhalt in aller Welt suchen können; und bleiben wir im Tempel, so müssen wir uns seine Satzungen und Bestimmungen gefallen lassen und müssen wenigstens zum Scheine das tun, was uns zu tun befohlen wird. Die Propheten haben gewiß den ihnen wohlbekannten Willen Gottes allzeit erfüllt, aber ihr Leben in dieser Welt war wahrlich kein beneidenswertes; und dazu haben sie zumeist unter allerlei harten Verfolgungen ihr Leben auf dieser Erde beendet.
GEJ|9|118|23|0|So aber ein Mensch selbst unter den glücklichsten Lebensverhältnissen um gar viele Male übler daran ist als ein Vogel in der Luft, – wie sieht es dann erst mit dem diesirdischen Lebensglück jener Menschen aus, die von den Menschen der Welt verachtet und verfolgt werden?“
GEJ|9|118|24|0|Sagte Ich: „Mit dem Lebensglück der von Gott begeisterten Menschen sieht es immer am allerbesten aus; denn diese wissen es in sich, warum sie in diese Welt gestellt worden sind, und so sie leiden, da wissen sie es klarst, warum. Dann haben sie keine Furcht vor dem Leibestode, weil sie das ewige Leben der Seele schon in aller Klarheit in sich haben, fühlen und sehen und in diesem Leben aber auch die Kraft und Macht des Geistes Gottes in ihnen, durch den sie das ewige Leben und die göttliche Weisheit innehaben.
GEJ|9|118|25|0|Was hat aber dagegen ein in allen Weltwohlgenüssen schwelgender Mensch in sich, wessen wird er am Ende inne? Des Todes, hinter dem sich ihm kein Leben zeigen will, – und Verzweiflung ist am Ende sein Los. Was ist am Ende des Gottbegeisterten diesirdisches Leiden gegen sein seligstes Abscheiden von dieser Welt, und was ist all das kurzzeitige Wohlleben eines Weltmenschen gegen sein unglückseligstes Abscheiden von dieser Welt? Urteile nun selbst, wer von den zwei Menschen in dieser Welt der Glücklichere ist!
GEJ|9|118|26|0|Was verliert der aus Gott weise Mensch denn wohl, so er von den blinden Weltnarren verachtet und irgend verfolgt und am Ende gar getötet wird? Er verliert nicht nur nichts, sondern gewinnt dabei nur, weil er durch seine Geduld mit dem Geiste Gottes nur stets inniger verbunden und somit auch in sich des seligsten, ewigen Lebens aller Wahrheit nach bewußter wird!
GEJ|9|118|27|0|Was gewinnen aber die den aus Gott Weisen verachtenden und verfolgenden Weltlinge? Den ewigen Tod und dessen Gericht! Wenn denn euch der Tempel nichts Besseres bieten kann, so ihr ihm für seine argen Zwecke dienet, als eures Leibes Befriedigung, dann seid ihr wahrlich höchst bedauerliche Menschen, und ein blinder Bettler auf der Straße ist besser daran denn ihr!“
GEJ|9|118|28|0|Als die beiden das von Mir vernommen hatten, wurden sie noch stutziger, und keiner wußte nun mehr, was er Mir hätte erwidern können.
GEJ|9|118|29|0|Der Schriftgelehrte belobte sehr Meinen Verstand, gab Mir in allem recht und sagte am Ende zu Mir: „Freund, ich werde in dieser Nacht mit den andern einen Rat halten, demzufolge wir von dem Verfolgen des Nazaräers sicher gänzlich abstehen werden; aber wir werden dennoch trachten, mit ihm eine persönliche Bekanntschaft zu machen, und was er uns raten wird, das werden wir tun! Denn wir haben nun von euch seine wahrhaft göttliche Weisheit verkostet und sind schon jetzt ganz andere Menschen geworden; welchen Eindruck wird dann erst er selbst auf uns machen! Morgen ein Weiteres davon!“
GEJ|9|118|30|0|Mit dem empfahlen sich die beiden, begaben sich wieder an ihren Tisch und bald darauf zur Ruhe. Wir aber blieben noch eine gute Stunde wach und besprachen uns über diese Meine Verfolger, und Kisjona und die Maria waren überaus froh darob, daß Mich diese Templer nicht erkannt hatten, und daß sie andern Sinnes geworden waren.
GEJ|9|118|31|0|Als die Pharisäer in ihr Schlafgemach kamen, da fingen sie an, sich ganz ernstlich zu beraten, was sie in der Folge tun sollten. Und sie wurden alle einig, mit Mir irgendwo zusammenzukommen und sich von Mir raten zu lassen, welche Lebensrichtung sie in Zukunft einschlagen sollen.
GEJ|9|118|32|0|Wir aber begaben uns auch zur Ruhe, doch nicht in ein eigenes Schlafgemach – mit Ausnahme der Maria, für die Kisjona eigens gesorgt hatte –, sondern blieben, wie zu öfteren Malen, an unserem Tische, der natürlich zuvor abgeräumt wurde.
GEJ|9|119|1|1|119. — Der Herr beruft die drei Erzengel Michael, Gabriel und Raphael
GEJ|9|119|1|0|Am frühen Morgen, der ganz rein war, erhoben wir uns von den guten Ruhestühlen und begaben uns ins Freie, und zwar an das sehr nahe Meeresufer. Kisjona, Philopold und auch die vier Indojuden waren bei uns. Maria aber blieb noch ruhend im Hause und kam erst nahe dem vollen Aufgange der Sonne zu uns heraus, begleitet von Joel.
GEJ|9|119|2|0|Bei dieser Gelegenheit sagte Ich: „Indem Ich diesmal also leiblich, wie jetzt, diese Stelle nicht mehr betreten werde, so sollet ihr mit euren Augen in Erfüllung gehen sehen, wie es von Mir geschrieben steht: ,Und ihr werdet Engel zwischen Himmel und Erde auf- und absteigen sehen, und diese werden Ihm dienen!‘“
GEJ|9|119|3|0|Es hatten solches Meine Jünger wohl schon zu öfteren Malen gesehen; hier aber ließ Ich das geschehen zumeist der vier Indojuden wegen.
GEJ|9|119|4|0|Zuerst berief Ich im Geiste den Michael, der wie ein hellster Blitz vom sichtbaren Himmel zur Erde herabfuhr, daß darob alle gar mächtig erschraken. Michael aber stand in aller Majestät vor Mir, leuchtend mehr denn die Sonne, und es konnte außer Mir niemand seinen Lichtglanz ertragen.
GEJ|9|119|5|0|Ich aber sagte zu ihm: „Johannes, umschatte dich, auf daß dich Meine Freunde anschauen, erkennen und sprechen mögen!“
GEJ|9|119|6|0|Da umschattete er sich und stand voll Liebe und Ehrfurcht vor Mir und sagte (Michael): „Sehet Brüder! Dies ist das Lamm, das die Sünden der Welt von euch hinwegnimmt und euch den Weg bahnt zum ewigen Leben! Glaubet an Ihn und liebet Ihn über alles; denn Er ist der urewige Anfang und das urewige Ende, das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, – außer Ihm gibt es keinen Gott!“
GEJ|9|119|7|0|Als der Engel diese Worte mit gar lieblicher Stimme ausgesprochen hatte, da verneigte er sich tief vor Mir und pries hoch Meinen Namen.
GEJ|9|119|8|0|Da fielen auch alle andern vor Mir nieder und lobten und priesen Mich gleich dem Engel.
GEJ|9|119|9|0|Ich hieß sie alle aufstehen und sagte zu ihnen: „Bleibet in eurer Natürlichkeit; denn Ich bin nun ein Mensch wie ihr und bin durch euren Glauben an Mich und durch eure Liebe zu Mir in euch, wie ihr in Mir! Daher bleibet in eurer Natürlichkeit!“
GEJ|9|119|10|0|Da erhoben sich alle wieder, und Johannes ging zu seinen ehemaligen Jüngern und besprach sich mit ihnen über Dinge, die nach Mir über die Juden und über die Menschen der Erde kommen werden ihres Unglaubens wegen, und er blieb in sichtbarer Menschengestalt als der allen wohlerkennbare Johannes den ganzen Tag unter uns.
GEJ|9|119|11|0|Nach ihm berief Ich den Erzengel Gabriel. Dieser kam gleich wie Michael- Johannes, umschattete sich aber sogleich, gab Mir die Ehre und trat dann zu Maria und besprach sich über seine Sendung mit ihr, und sie ward dabei voll der demutsvollsten Wonne und Seligkeit. Nach dem trat Gabriel, der in der Gestalt und Person des Urvaters Jared erschienen war, auch unter Meine Jünger und besprach sich über die Adamitische Urzeit und über die damaligen Offenbarungen an die Kinder der Höhe und auch an die Kinder der Welt; und er blieb auch bis zum Abend sichtbar unter uns.
GEJ|9|119|12|0|Auf ihn berief Ich den Raphael. Und dieser erschien auch gleich also wie die zwei ersten, umschattete sich, gab Mir die Ehre und trat darauf zu den vier Indojuden in der Gestalt und Person Henochs und besprach sich mit ihnen gar freundlich über Mich, und wie er es war, der sie aus der babylonischen Gefangenschaft auf Mein Geheiß befreite und sie in das Land brachte, das zuvor außer Adam und Eva von keinem Menschen bewohnt worden war.
GEJ|9|119|13|0|Und das Töchterchen war ganz erstaunt über des Raphaels Gestalt und sagte: „O du lieblichster Bote aus den lichtvollen Höhen Gottes! Dich habe ich in meinen hellen Träumen schon gar oft gesehen und auch gesprochen; aber so ich davon zu meinen Eltern reden wollte, da wollten sie es mir nicht gelten lassen und hießen mich eine Traumschwärmerin. Aber jetzt sehen sie dich selbst mit ihren Augen und werden nun wohl glauben, daß ich in den Träumen die volle und lichte Wahrheit geschaut habe!“
GEJ|9|119|14|0|Und die Eltern lobten Mich, daß Ich ihnen eine so fromme Tochter gegeben habe.
GEJ|9|119|15|0|Diese Szene der Ankunft der drei Engel dauerte bei einer Stunde lang.
GEJ|9|119|16|0|Und es fragte Mich Kisjona, beinahe ganz verwirrt vor Freude, sagend: „O Herr und Meister, wie viele solcher Geister mögen wohl in Deinen Himmeln wohnen?“
GEJ|9|119|17|0|Und Ich sagte zu ihm: „O du Mein lieber Freund, die Zahl solcher Geister in Meinem Reiche ist endlos; denn was wäre eine endliche Zahl für einen ewigen und in Seinem Geiste der Liebe und Weisheit unendlichen Gott?! Sieh dir an die für dich zahllos vielen Sterne in einer hellen Nacht – du weißt es schon, was sie sind –; auch auf ihnen werden Menschen gezeugt und geboren! Aus ihnen aber werden auch Geister erweckt zum ewigen Leben und Wirken. Wenn du dich als selbst ein vollendeter Geist in Meinem Reiche befinden wirst, dann wirst du alles selbst sehen, und deiner Seligkeit darob wird nimmerdar ein Ende sein!
GEJ|9|119|18|0|Ich sage es dir: Kein Auge hat es je gesehen, kein Ohr gehört und kein Sinn empfunden, was die im Himmel erwartet, die Gott über alles lieben und Seine Gebote halten!
GEJ|9|119|19|0|Es ist wohl wahr, daß des Menschen Leben von der Geburt an bis zum Abfalle des Leibes von gar vielen Drangsalen und Leiden aller Art behaftet ist; aber so er nach der erkannten Ordnung Gottes lebt und dadurch in sich schon auf dieser Erde das lebenshelle Bewußtsein überkommt, was ihn im andern, wahren Leben erwartet, so wird er alle die oft noch so bitteren Prüfungen, die alle nur zur Erweckung des Geistes Gottes in seiner Seele ihm zugelassen werden, mit aller Geduld und Standhaftigkeit ertragen und dabei vollauf frohen Mutes sein.
GEJ|9|119|20|0|Nimm dir an Mir Selbst ein Beispiel! Ich weiß, welche Leiden Mich auf dieser Erde in kurzer Zeit erwarten; aber Meine übergroße Liebe zu euch Menschen, ja zu euch Meinen Kindern, versüßt sie Mir. So lasset euch denn, ihr Kinder, so manches Leid und so manchen Schmerz, den ihr in diesem Leben zu erdulden bekommet, auch durch die Liebe zu Dem, der in Mir wohnt, versüßen, und ihr werdet dadurch auch, Mir gleich, guten und frohen Mutes und heitern Sinnes sein können!
GEJ|9|119|21|0|Siehe, diese drei Engelsgeister, die heute bis zum Untergange unter uns verweilen werden, haben auf dieser Erde viel zu erdulden gehabt; nun aber sind sie darum überselig und werden ewig nichts mehr zu erleiden überkommen. Ihre größte Seligkeit aber besteht dennoch darin, so sie in Meinem Namen den Menschen auf dieser Erde einen rechten Liebesdienst erweisen können, obschon sie daneben über zahllos viele Sonnen und Erden im endlosen Raume zu gebieten haben.
GEJ|9|119|22|0|Erweiset denn auch ihr schon jetzt auf dieser Erde den Menschen um Meines Namens willen Liebe, und ihr werdet darob auch schon viele Seligkeiten zum Genusse bekommen; denn es ist das Geben um gar vieles seliger als das Nehmen!“
GEJ|9|119|23|0|Als Kisjona solches aus Meinem Munde vernommen hatte, da dankte er Mir für diese Lehre und versprach Mir auf das wärmste, daß er solche Meine Worte in aller Tat über alles beherzigen werde.
GEJ|9|119|24|0|Da aber kam auch ein Diener vom Hause zu uns ans Ufer des Meeres und zeigte uns an, daß das Morgenmahl bereitet sei.
GEJ|9|120|1|1|120. — Die Ansichten der Templer über die drei Erzengel
GEJ|9|120|1|0|Kisjona aber fragte den Diener, was die gestern spät angekommenen Templer machten.
GEJ|9|120|2|0|Und der Diener antwortete: „Sie warten schon im Saale auf dich und auf den Herrn und Meister, um dessen Aufenthalt sie sich bei dir näher erkundigen wollen und also auch bei dem Herrn und Meister Selbst, den sie nicht kennen; sie haben sich auch schon bei uns erkundigt, bekamen aber keine Antwort, und sie fragten uns dann um nichts Weiteres mehr.“
GEJ|9|120|3|0|Kisjona belobte darob den Diener, und wir begaben uns zum Morgenmahle und mit uns auch die drei Geister.
GEJ|9|120|4|0|Als wir in den Saal kamen, da gingen uns sogleich die Templer entgegen, grüßten Mich und den Kisjona und wollten sich alsogleich nach des Nazaräers Aufenthalt zu erkundigen anfangen.
GEJ|9|120|5|0|Kisjona aber sagte: „Nun ist die Zeit des Morgenmahles; nach demselben wollen wir davon reden! So ihr aber nicht zu blind und zu taub seid, so werdet ihr wohl aus unseren Reden entnehmen können, wo sich irgend der große Herr und Meister befindet!“
GEJ|9|120|6|0|Mit dem stellten sich die Templer zufrieden, und wir setzten uns in guter Ordnung an den Tisch, und nun also, daß Gabriel-Jared an der Seite Marias, Michael-Johannes in der Mitte seiner Jünger und Raphael-Henoch in der Mitte der vier Indojuden zu sitzen kamen. Wir fingen an zu essen und auch zu trinken, und es fiel wieder den Fremden sehr auf, daß die drei Geister um das Zehnfache so viel verzehrten, als ein anderer Gast am Tische; am meisten aber fiel das den Templern auf, die uns aufmerksamst von ihrem Tische aus beobachteten, daß die drei scheinbaren Jünglinge gar so viel von den Fischen zu verzehren vermochten.
GEJ|9|120|7|0|Einer von ihnen konnte nicht umhin, an unseren Tisch zu kommen und den Kisjona zu fragen, was denn das für Jünglinge wären, die gar so vieles mit ersichtlicher Hast verzehren können.
GEJ|9|120|8|0|Sagte Kisjona: „Gehet hin, und fraget sie selbst! Mir aber macht ihre große Eßlust nur eine besondere Freude; denn sie dient mir zum Beweis, daß die Fische wohl zubereitet sind, und daß auch mein Wein rein und gut ist, wie auch mein Hausbrot. Fraget, wie gesagt, um ein Weiteres nur die lieben Jünglinge selbst!“
GEJ|9|120|9|0|Da ging der Schriftgelehrte zu Raphael und fragte, was er für ein Landeskind sei, und ob in seinem Geburtslande alle Menschen auch so starke Esser seien.
GEJ|9|120|10|0|Sagte Raphael: „Unser Essen fällt euch wohl auf, – warum ist euch denn unsere Ankunft nicht aufgefallen?“
GEJ|9|120|11|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Wie hätte uns diese auffallen sollen? Denn ihr seid doch ebenso wie die andern in den Saal hereingekommen?“
GEJ|9|120|12|0|Sagte Raphael: „Ihr waret, als wir angekommen sind, auf dem Söller und hattet eure Augen nach dem Meere gerichtet, als ein hellster Blitz aus den Himmeln zur Erde niederfuhr unter die Menschen, die am Ufer standen, und ihr dachtet: ,Oh, das müssen große Sünder vor Gott sein, daß Gott sogar einen Blitz aus dem reinsten Himmel zur ungewöhnlichen Jahreszeit unter sie fahren läßt!‘ Seht, mit dem ersten Blitz, der euch gar in ein gewaltiges Erstaunen und Bedenken gestellt hatte, kam jener Jüngling an, der nun dort gar liebfreundlich an der Seite eines würdigsten Weibes sitzt. Bald fuhr ein zweiter Blitz aus dem Himmel auch unter die Schar jener von euch vermeinten großen Sünder, hatte abermals niemanden beschädigt, und ihr sagtet: ,Gott ermahnt die Sünder!‘ Und sehet, mit dem zweiten Blitz kam jener Jüngling an, der nun dort unter den sieben Männern sitzt, die vor noch gar nicht langer Zeit seine Jünger waren. Und mit dem dritten Blitz bin ich angekommen.
GEJ|9|120|13|0|Unsere Natur ist sonach pur Feuer aus den Himmeln; das Feuer aber verzehrt mehr denn ein Mensch, – und so kann es euch nicht gar zu sehr wundernehmen, daß wir drei Gäste aus den Himmeln mehr verzehren können als ein schwacher Mensch dieser Welt.“
GEJ|9|120|14|0|Als der Schriftgelehrte solches aus dem Munde Raphaels vernommen hatte, da wußte er nicht, was er darauf hätte erwidern sollen, – denn er meinte, daß der Junge ihn zum besten halten wolle; denn er konnte das nicht glauben, was ihm Raphael angegeben hatte. Er besah sich aber die drei darauf genauer, ging wieder zu den Seinigen und erzählte ihnen, was er von einem der drei Jünglinge vernommen hatte.
GEJ|9|120|15|0|Einer von ihnen aber sagte: „Wir wollen abwarten, bis die Kisjona freundliche Gesellschaft das Morgenmahl wird beendet haben; dann wollen wir sie ernstlich um den Aufenthalt des berühmten Nazaräers befragen. Wollen sie uns das kundgeben, so werden wir unverweilt dorthin ziehen, wo er zu treffen sein wird, und werden dann diesen Halbrömern, denen wir zu einem Dorn im Auge geworden sind, den Rücken zuwenden!“
GEJ|9|120|16|0|Ein anderer aber sagte: „Ihr seid zwar schriftgelehrter denn unsereiner, – aber ich glaube durch meinen Scharfblick mehr entdeckt zu haben denn ihr. Mir kommt es nun so vor, als befände sich der berühmte Nazaräer unter dieser Gesellschaft!
GEJ|9|120|17|0|Und einer der drei Jungen hat eine große Ähnlichkeit mit dem Prediger in der Wüste, der ungefähr vor zwei Jahren im Gefängnis des Herodes soll enthauptet worden sein, was wir freilich wohl nicht gar so genau weder der Zeit noch der Tat nach wissen können, weil wir uns damals in Damaskus befanden; aber bevor wir nach der benannten Stadt gekommen sind, habe ich ihn in der kleinen Wüste am Jordan gesehen, wo er lehrte und die zu ihm Bekehrten mit dem Wasser des Flusses taufte und den von ihm Getauften einen neuen Namen gab.
GEJ|9|120|18|0|Er sah damals freilich wohl älter aus und war sehr mager; aber er kann auch nicht enthauptet worden sein – wie man sich die Sache also erzählt –, und Herodes habe, um den Willen der Herodias zu erfüllen, etwa einen jenem Täufer ähnlichen Sklaven enthaupten lassen und habe ihn mit der Weisung freigelassen, sich in einer fremden Kleidung zu den Heiden zu begeben samt seinen Jüngern. Dort wird er sein strenges Leben abgelegt haben, hat sich besser genährt und sieht nun hier ganz jugendlich aus.
GEJ|9|120|19|0|Ist er aber da, so wird der Nazaräer auch nicht ferne von ihm sein; denn er predigte ja in einem fort von der vollen Ankunft des Messias. Bei seiner wahrhaft heidnischen Eßlust aber kann er nun schon um einige Jahre jünger aussehen, als er in der Wüste ausgesehen hat, wo er etwa nichts anderes als Heuschrecken mit wildem Honig aß!“
GEJ|9|120|20|0|Sagte der Schriftgelehrte zum Redner: „Deine Bemerkung ist wahrlich sehr beachtenswert; aber was sagst du denn von den drei Blitzen, die wir alle vom Söller aus gerade in diese Gesellschaft vom Himmel herab haben fahren sehen, die sich damals am Ufer befand und nun um gerade drei Jünglinge zahlreicher sich beim Morgenmahle gütlich tut? Wir haben aber niemanden zur Gesellschaft hinzukommen sehen – außer zuletzt einen einzigen Hausdiener, der die Gesellschaft zum Morgenmahle rief; auch gestern abend haben wir keinen von diesen drei Jungen gesehen. Woher kamen sie zu der Gesellschaft?“
GEJ|9|120|21|0|Sagte der Redner: „Sie können ja schon am frühen Morgen zu ihnen gekommen sein!“
GEJ|9|120|22|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Wenn das der Fall wäre, so hätten uns unsere wachhabenden Diener das sicher angezeigt, weil nach unserer Weisung sie schärfst darauf zu achten hatten, wer da ankommt, und von welcher Seite, und wer aus dem Hause geht, mit wem, und wohin er sich wendet. Es haben aber unsere Diener uns nichts zu sagen gewußt, daß da jemand am frühen Morgen angekommen wäre. Und so sahen sie auch namentlich von den drei Jungen heute frühmorgens keinen aus dem Hause treten und mit der Gesellschaft ans Meeresufer hinausziehen; wohl sahen sie das Weib mit einem Manne beinahe eine Stunde später und, wie schon bemerkt, zuletzt den Hausdiener zu der Gesellschaft hinausziehen. Und es ist somit die sehr bedenkliche Frage, woher diese drei Jünglinge gekommen sind!“
GEJ|9|120|23|0|Sagte der Redner, der die drei Jünglinge vernatürlichen wollte: „Ist es denn nicht möglich, daß diese drei Jungen etwa schon am Ufer die Nacht über verweilten und am Morgen erst von der Gesellschaft alldort angetroffen und aufgenommen worden sind?“
GEJ|9|120|24|0|Sagte darauf abermals der Schriftgelehrte: „Da würden auch unsere Diener etwas bemerkt und uns davon Anzeige gemacht haben; denn drei unserer Diener haben auch das Ufer eures guten Wissens bis dahin bewacht, als diese Gesellschaft sich am frühen Morgen aus dem Hause ans Ufer zu begeben anfing, wo unsere Diener ihr noch begegneten, was wir vom Söller aus mit eigenen Augen sahen. Und so können wir nun denken und reden, was wir wollen, so sind die drei viel verzehren könnenden Jünglinge in jedem Fall eine außerordentliche und geradewegs wunderbare Erscheinung! Denn ich bin sicher auch kein leichtfertig wundergläubiger Mensch; aber die drei nun in jener uns auch etwas rätselhaften Gesellschaft anwesenden Jungen scheinen mir offenbar ein Wunder zu sein. Wer und was nun hinter ihnen steckt, das ist freilich eine ganz andere Frage. Nach dem Mahle werden wir wohl darauf kommen!“
GEJ|9|120|25|0|Auf diese Rede des Schriftgelehrten waren auch die andern mit ihm einverstanden und warteten mit großer Sehnsucht auf das Ende unseres Morgenmahles, das denn auch bald erfolgte.
GEJ|9|121|1|1|121. — Die Erklärung des 13. Kapitels Hesekiel durch den Herrn
GEJ|9|121|1|0|Als wir uns vom Tische erhoben, da kam auch alsogleich der Schriftgelehrte zu uns und sagte zu Mir: „Weiser Freund, gedenke nun deines gestern abend mir gemachten Versprechens!“
GEJ|9|121|2|0|Sagte Ich: „Du bist auf dem rechten Wege wohl, – aber es ist auch das ein Wunder, daß du bei schon so viel empfangenem Lichte noch immer blind bist. Du hast dich gestern abend zwar so halbwegs von der Wahrheit dessen überzeugt, was Ich dir von dem Nazaräer gesagt habe, aber du und deine Gefährten denket bei euch im Herzen dennoch: ,Wir wollen einmal mit dem Nazaräer um jeden Preis persönlich zusammenkommen und wollen ihm da scharf auf den Zahn fühlen. Finden wir an ihm, was wir in Kis über ihn vernommen haben, so wollen wir uns zu ihm halten; finden wir aber das nicht völlig also, so werden wir ungesäumt nach unserem Auftrag an ihn die Hände legen und ihn den Gerichten überantworten.‘
GEJ|9|121|3|0|Ihr gehöret sonach samt dem Hohenpriester und samt allen euren falschen Propheten, als da sind die Ältesten, Schriftgelehrten, Pharisäer und Leviten zu Jerusalem und also auch in den Synagogen allerorten des ganzen Judenlandes, zu eben jenen falschen Propheten, von denen der Herr im Propheten Hesekiel also spricht:
GEJ|9|121|4|0|,Du Menschenkind, weissage wider die Propheten Israels, und sprich zu denen, die aus ihrem eigenen Herzen und Sinne weissagen: Höret des Herrn Wort! Also aber spricht der Herr Herr: Wehe den tollen Propheten, die ihrem eigenen Geiste folgen, da sie doch niemals ein Gesicht hatten und einen Ruf vernommen haben! (Hes.13,1-3)
GEJ|9|121|5|0|O Israel, deine Propheten, an denen du hängst, sind gleich den Füchsen in der Wüste! Sie treten nicht vor ihre Löcher (aus Furcht, gefangen zu werden) und machen sich also auch nicht zu Hürden um das (bedrängte) Haus Israel und stehen nicht im Streite am Tage des Herrn (Probezeit für den wahren Glauben). Ihre vorgeblichen Gesichte sind nichts, und ihre Weissagungen sind eitel Lügen! Sie sprechen wohl ganz dreist: ,Der Herr hat es gesagt!‘ und wissen es doch klar in sich, daß Er sie niemals berufen und gesandt hat, und mühen sich nur darum in wildem Eifer, auf daß sie erhalten ihre Dinge (zu ihrem Weltlebensbesten). (Hes.13,4-6)
GEJ|9|121|6|0|(Saget, ihr falschen Propheten, alle:) Ist es etwa nicht also, daß eure vorgeblichen Gesichte nichts und eure Weissagungen eitel Lügen sind? Und doch sprechet ihr zum Volke: Der Herr hat es gesagt!, – so Ich mit euch nach eurem guten Wissen doch niemals geredet habe! (Hes.13,7)
GEJ|9|121|7|0|Darum spricht der Herr weiter also: Weil ihr dem Volke das prediget, daraus nichts wird, und dem Volke Lügen weissagt, so will Ich Selbst an euch (dem Volke eure List enthüllen), spricht der Herr. Und Meine Hand soll über jene Propheten kommen, die das predigen, daraus nichts wird, und Lügen weissagen! Sie sollen in der Versammlung Meines Volkes nicht sein, in die Zahl des Hauses Israel nicht geschrieben werden, noch in das Land Israel kommen; und ihr sollet erfahren, daß Ich der Herr Herr bin! (Und Meine Hand soll darum über sie kommen,) dieweil sie Mein Volk verführen und zu ihm sagen: ,Der Friede (sei mit dir)!‘ und dennoch kein Friede da ist. (Hes.13,8-10a)
GEJ|9|121|8|0|So das Volk (in Meinem Namen) noch die Wand baut, so kommen sie und übertünchen dieselbe mit ihrem losen Kalk (äußere Scheinfrömmigkeit des irdischen Gewinnes wegen). Sprich zu den Tünchern, die mit ihrem losen Kalke tünchen: Ihre Tünche wird von der Wand bald abfallen; denn es wird ein Platzregen kommen und werden große Hagel fallen, die die Tünche abfallen machen werden, und ein mächtiger Wirbelwind wird sie zerreißen. (Unter ,Platzregen‘ ist zu verstehen das reine Gotteswort, unter ,großem Hagel‘ dessen feste Wahrheit und unter dem ,mächtigen Wirbelwind‘ die Macht der Wahrheit.) Sieh, also wird mit der Tünche auch die verdorbene Wand einfallen! Was gilt es, daß man dann zu euch sagen wird: ,Wo ist nun das, was ihr getüncht habt?‘ (Hes.13,10b-12)
GEJ|9|121|9|0|Also spricht der Herr Herr: Ich werde in einem Wirbelwind alles (Falsche) niederreißen lassen in Meinem Grimme, einen Platzregen senden in Meinem Zorne und große Hagelsteine in Meinem Grimme; die sollen alles umstoßen! Also will Ich die Wand umstoßen und zu Boden werfen, die ihr mit losem Kalk übertüncht habt, und man soll, so sie zertrümmert am Boden liegt, ihren falschen Grund sehen, und ihr falschen Propheten sollet dabei auch umkommen und erfahren, daß Ich der Herr bin! Also will Ich Meinen Grimm an der Wand und an denen auslassen, die sie mit losem Kalk tünchen, und will zu euch sagen: Hier ist weder Wand noch ein Tüncher mehr! Das sind die Propheten Israels, die zu Jerusalem weissagen und predigen vom Frieden, so doch (unter ihnen selbst) kein Friede ist, spricht der Herr Herr. (Hes.13,13-16)
GEJ|9|121|10|0|Und du, Menschenkind (Hesekiel), richte dein Angesicht auch wider die Töchter in deinem Volk, welche auch weissagen in ihrem Herzen, und weissage wider sie und sprich: Also spricht der Herr Herr: Wehe euch, die ihr Kissen machet den Leuten unter die Arme und Pfühle (Polster) unter die Häupter, beides für jung und alt, um ihre Seelen zu fangen, und, so ihr die Seelen gefangen habt unter Meinem Volk, denselben das ewige Leben verheißet! Und also entheiliget ihr Mich im Volke um einer Hand voll Gerste und eines Bissen Brotes willen dadurch, daß ihr die Seelen, statt zum Leben, zum Tode verurteilet, die doch nicht sterben sollen, und verurteilet die zum Leben, die (nach ihrem gottlosen Wandel) doch nicht leben sollten, durch eure Lügen unter Meinem Volke, das gerne Lügen hört. (Hes.13,17-19)
GEJ|9|121|11|0|Darum spricht der Herr Herr: Siehe, Ich will über eure Kissen herfallen (wie ein Löwe), mit denen ihr die Seelen fanget und fälschlich vertröstet! Ich will sie von euren Armen wegreißen und die Seelen, die ihr fälschlich vertröstet und für den Tod gefangen habt, losmachen. Also will Ich auch eure Pfühle (Polster) zerreißen und Mein Volk aus eurer Hand erretten also, daß ihr es nicht mehr fangen sollet, – und also sollet ihr erfahren, daß Ich der Herr bin! Ich will und werde darum das tun, weil ihr die Herzen der Gerechten fälschlich betrübet, die Ich Selbst doch niemals betrübt habe, und stärket aber dafür die Hände der Gottlosen, auf daß sie sich von ihrem bösen Wesen ja nicht bekehren und dadurch zum Leben gelangen mögen. Darum sollet ihr nimmerdar unnütze Lehre predigen noch weissagen! Ich will demnach Mein Volk aus euren Händen reißen, und ihr sollet es erfahren, daß Ich ganz allein nur der Herr bin!‘ (Hes.13,20-23)
GEJ|9|121|12|0|Siehe, Mein Freund, also hat der Herr durch den Mund des Propheten geredet zu den falschen Propheten; und was Er geredet hat, das geht nun vor euren Augen völlig in Erfüllung! Wer in dieser Zeit aber ärger denn jemals zuvor die falschen Propheten sind, das brauche Ich euch nicht noch einmal zu sagen, da Ich sie euch ohnehin schon zur Übergenüge beschrieben habe.
GEJ|9|121|13|0|,Wer aber‘, fraget ihr in euch, ,sind denn dann die gewissen Töchter Israels, die auch fälschlich weissagen und für die Menschen Kissen unter die Arme und Pfühle unter den Kopf machen?‘ Das sind die von euch gezeigten Satzungen, die euch nun nicht mehr allein mit Gerste und Brot, sondern mit allen denkbaren Schätzen reichlichst versehen.
GEJ|9|121|14|0|Auf daß die Menschen ja nicht selbst unter sich die Gesetze des Lebens zu beachten haben, habt ihr es ihnen durch eure Satzungen bequemer gemacht, indem ihr ihnen vorgelogen habt, daß ihr Gesichte gehabt und der Herr Herr es euch geoffenbart habe, daß die Menschen euch lieber größere Opfer darbringen sollen, was Gott um vieles wohlgefälliger wäre denn das eigene, unbequeme Halten der Gesetze, – was euch das von euch blind gemachte und zur Selbsttätigkeit ohnehin stets träge Volk gerne glaubte.
GEJ|9|121|15|0|Dadurch aber habt ihr das Volk von Gott und so auch vom Leben der Seelen aus Ihm abgewendet und die Türen zum Reiche Gottes versperrt, auf daß ja kein Mensch mehr zum ewigen Leben seiner Seele gelange.
GEJ|9|121|16|0|Oder bestehen bei euch nun nicht Satzungen, denen nach sich ein Mensch durch reiche Opfer, dem Tempel natürlich und namentlich dargebracht, für eine bestimmte Anzahl von Jahren für die Zukunft von aller Haltung der Gottesgebote loskaufen kann? Er kann dann lügen, stehlen, rauben, morden, Hurerei treiben, ehebrechen und den Sabbat schänden, wie er nur mag und kann, und er begehe keine Sünde!
GEJ|9|121|17|0|Ist das dann nicht eine elendeste und allerloseste Kalktünche über die von Gott erbaute Wand zum Schutze Seines Volkes, durch welche Tünche am Ende die Wand selbst unnütze geworden ist und mit der Tünche nun niedergerissen und von neuem aufgebaut werden muß?!
GEJ|9|121|18|0|Sind solche eure Lehren und falschen Weissagungen nicht zu vergleichen jenen aus ihren bösen Herzen weissagenden Töchtern, die da sagen: ,Da hast du weiche Kissen zur bequemen Stütze deiner Arme, mit denen du nun wohl ruhen kannst, und dazu sanfte Pfühle für deinen Kopf, auf daß du, statt nach den lästigen Gesetzen mühsam zu denken und zu forschen, was vor Gott und den Menschen recht ist, ohne Sorge schlafen kannst!‘
GEJ|9|121|19|0|Meinst du wohl, Gott hätte es je über Sein Volk kommen lassen, daß es von den Heiden beherrscht würde, wenn es nicht durch die grundfalschen Weissagungen und Lehren und Satzungen derart gottlos geworden wäre, daß es sich schon lange bis auf den letzten Menschen aufgerieben hätte, so das die Heiden durch ihre strengen und klugen Staatsgesetze nicht verhindert hätten?
GEJ|9|121|20|0|Gott aber sah das große Elend des armen und Seiner hie und da doch noch nicht völlig vergessenden Volkes und führte zu seinem Schutze die Heiden in das Gelobte Land, ansonst es zum vollen Opfer eurer selbstsüchtigsten, argen Willkür geworden wäre.
GEJ|9|121|21|0|Wie möget ihr zum Volke sagen, Gott sei viel zu heilig und erhaben, daß Er Sich um das Tun und Treiben der Menschen kümmern möchte. Er gebe darum Seinen Willen nur den höchsten Erzengeln kund, und diese dann auf dem Wege von allerlei Gesichten und inneren Weissagungen nur euch, – und das Volk kann also nur von euch, als den von Gott bestellten Propheten, Seinen Willen vernehmen.
GEJ|9|121|22|0|Ich sage es euch: Ihr seid als Zedern auf Zion faul geworden; darum ist euch nun die Axt an die Wurzel gelegt. Ihr werdet gefällt und im Feuer Meines Grimmes und Zornes zu Asche verbrannt werden, spricht der Herr Herr, der nun Sein Volk erretten will und wird!
GEJ|9|121|23|0|Was aber der Herr aus Seiner höchsteigenen Macht nun tut, das wird Er allzeit tun, wo sich ein Pharisäertum irgend auf dieselbe Weise entfalten wird, wie es sich in Jerusalem entfaltet hat!
GEJ|9|121|24|0|Wie oftmals sind an Jerusalem von Gott aus dem Munde der wahren Propheten Mahnungen gekommen! Was haben aber die Templer getan? Statt sich an die Mahnungen zu kehren, haben sie die Propheten gesteinigt und erwürgt und erklärten dem Volke, daß solche Propheten, die wider den Tempel predigen, Abgesandte des Teufels der Teufel sind und daher von der Erde vertilgt werden müssen.
GEJ|9|121|25|0|Und so habt ihr gar viele Propheten getötet bis auf Zacharias und zuletzt auch durch eure Vermittlung den Johannes, und ihr unschuldig vergossenes Blut wird strafend kommen über euch und eure Kinder bis ans Ende der Zeiten.
GEJ|9|121|26|0|Wie Spreu werdet ihr verweht werden in alle Teile der Welt! Ihr werdet kein Volk mehr sein und als niedrige Sklaven werdet ihr den Heiden, denen das von euch genommene Licht gegeben wird, dienen müssen; und wie die Juden einst das erste Volk der Erde waren, also werden sie bald das letzte und allenthalben verachtetste werden! Denn sie haben an den vielen Propheten, deren Gräber sie nun des Volkes wegen auch mit ihrem losen Kalk übertünchen, noch nicht sattsam gemordet, – sie wollen sich nun auch an den Herrn Selbst machen, Ihn fangen und töten! Aber es wird der Herr auch noch das zulassen, aber nicht zum Heile der falschen Propheten, sondern zu ihrem Gerichte; und also wird Er Selbst sein der mächtige Wirbelwind, der sie alle zerreißen und in alle Pfützen der Erde zerschmeißen wird!
GEJ|9|121|27|0|Und was der Herr mit den Pharisäern tun wird, das wird Er auch tun mit allem euch ähnlich sich irgend entfaltenden Pharisäertum auf der ganzen Erde.
GEJ|9|121|28|0|Ich habe nun sattsam geredet, und nun möget ihr reden und sagen, wie euch die Wahrheit gemundet hat!“
GEJ|9|121|29|0|Sagte darauf der Schriftgelehrte: „Du mein sehr wahrhaftiger und weiser Freund, ich und auch alle meine Gefährten und Diener können dir nicht im geringsten unrecht geben; denn es steht mit dem Tempel nun buchstäblich also, wie du ihn nun vor uns dargestellt hast. Aber was können wir dagegen tun? Es komme über ihn nur das, was der Prophet Hesekiel über ihn geweissagt hat! Aber wir werden, obschon wir darum vom Tempel ausgesandt sind, unsere Hände nimmerdar an den Gesalbten Gottes legen; denn wir haben Ihn nun aus deinem Munde wohl kennengelernt, wollen unserer Weltwürde völlig entsagen und Seiner Lehre folgen, dessen wir dich und alle deine Gefährten wahrheitsgetreust versichern können.
GEJ|9|121|30|0|Aber nun erlaube mir armem Sünder vor dir noch eine ganz schlichte, aber für uns doch höchst bedeutungsvolle Bemerkung zu machen, – und diese besteht darin: Siehe, im Verlaufe deiner wahren Bußpredigt an uns habe ich aus deinem Eifer stets mehr und mehr wahrzunehmen angefangen, daß du entweder ein erster Jünger Dessen, der als Herr Herr zu Hesekiel gesprochen hat, seist, oder du selbst bist es, den zu suchen wir ausgesandt worden sind; und bist du es selbst, da lasse (gestatte) uns, daß wir uns umkleiden, dann bei dir verbleiben und dir nachfolgen!“
GEJ|9|121|31|0|Sagte Ich: „Wenn ihr glaubet, da möget ihr auch bleiben; die Folge aber wird es euch schon zeigen, ob ihr in Mir wohl den Rechten gefunden habt! Am äußeren Menschen aber hängt das Heil nicht, sondern das kommt von dem Geiste der ewigen Liebe und Wahrheit, der im Menschen wohnt.
GEJ|9|121|32|0|Der äußere Mensch wird auch gleich jedem andern Menschen diese Erde verlassen und nicht unter den Menschen verbleiben; aber sein Geist wird verbleiben bis ans Ende der Zeiten.
GEJ|9|121|33|0|Wollet ihr euch an Meinen Geist halten, da bleibet; wollet ihr euch aber an Meine Person halten, da könnet ihr so, wie ihr hierhergekommen seid, wieder von hinnen ziehen!“
GEJ|9|121|34|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Herr Herr und Meister in Deinem Geiste, nicht an Deine Person, sondern nur an Deinen Geist wollen wir uns halten; denn Deine Person dient nur Dir zunächst, so wie jedermann die seinige, – aber Dein Geist kann dienen einem jeden Menschen, der sich richtet nach Ihm!“
GEJ|9|121|35|0|Sagte Ich: „So bleibet, und glaubet! Denn selig ist, der da glaubt und nach der erkannten Wahrheit lebt und handelt.“
GEJ|9|122|1|1|122. — Die Beschaffung griechischer Kleidung für die Templer
GEJ|9|122|1|0|Auf diese Meine Worte waren die vollends bekehrten Templer über die Maßen froh und heiter geworden und wandten sich nun an den Kisjona mit der Bitte, ob er ihnen wohl irgend griechische Kleider verschaffen könne.
GEJ|9|122|2|0|Kisjona aber sagte: „Dies, liebe Freunde, wird nun etwas hart gehen, da wir im Orte keinen Kleidermacher haben; zu Kana gibt es deren wohl, aber dahin werdet ihr nun nicht ziehen wollen?“
GEJ|9|122|3|0|Sagte Ich zu Raphael: „Verschaffe du diesen sieben Templern und ebenso auch ihren Dienern ein griechisches Gewand; denn sie sollen zur Bekehrung der Griechen in Afrika gestärkt werden!“
GEJ|9|122|4|0|Als Ich solches laut zu Raphael gesagt hatte, da trat er zu den Templern und sagte: „Was Der will, der mir befohlen hat, euch ein neues Gewand nach der Art der Griechen in Afrika zu verschaffen, das werde euch! Ich will denn in eine Stadt in Ägypten mich begeben, in der es fertige Gewänder in Übergenüge zu kaufen gibt, und ihr möget euch dann damit bekleiden.“
GEJ|9|122|5|0|Sagten die Templer: „O du holdester und über alles dienstfertiger Jüngling! Da werden wir wohl lange hier zu warten haben, bis du uns die neue Kleidung gar von Ägypten herbringen wirst!“
GEJ|9|122|6|0|Sagte Raphael: „Nach der diesirdisch menschlichen Weise ginge es wohl also; aber da ich kein diesirdischer Mensch mehr bin, so ist mein Gedanke hier und dort, und da ich mein Gedanke selbst bin, so bin ich selbst auch ebenso schnell wie mein Gedanke! Und sieh, ich habe also mein mir vom Herrn für euch anbefohlenes Geschäft denn auch schon beendet, war schon dort und bin auch schon wieder hier! Gehet nun in euer Gemach, und überkleidet euch!“
GEJ|9|122|7|0|Sagte der Schriftgelehrte: „Wie möglich konntest du in Ägypten gewesen sein, da wir dich ja doch nicht einen Augenblick vermißt haben? Das wäre ja doch ein Wunder über alle Wunder!“
GEJ|9|122|8|0|Sagte Raphael: „Für euch sicher, aber nicht also auch für mich! Gehet aber hin, und überzeuget euch; dann erst mögen wir einiges darüber reden!“
GEJ|9|122|9|0|Darauf gingen sie in ihr Gemach und fanden alles, was ihnen unser Raphael angesagt hatte, worüber sie sich über alle die Maßen zu verwundern anfingen.
GEJ|9|122|10|0|Sie kamen darauf bald als Ägypter der Tracht nach wieder zu uns, und so auch ihre Diener, lobten und priesen Mich, und der Schriftgelehrte sagte zu Mir: „Daß Du, o Herr und Meister, eben Derjenige bist, auf den alle Juden warten und hoffen, das brauchen wir nicht mehr zu glauben; denn wir sind davon nun auf das lebendigste überzeugt! Aber nun möchten wir denn auch über die drei Jungen, von denen der eine auf eine so überwunderbare Art uns nun mit Ägyptens Kleidern versah, eine Aufhellung haben! Denn sind sie selige Geister, wie haben sie dann einen uns sicht- und fühlbaren Leib, – und ist ihr Leib gleich dem unsrigen, wie kann er eine so unbegreifbar schnelle Bewegung machen und aus dem fernen Lande Hams (einem Sohne Noahs) die vielen Kleidungsstücke für uns und unsere Diener beschaffen?“
GEJ|9|122|11|0|Sagte Ich: „Meine lieben Freunde, habt ihr denn nicht gelesen, wie es also geschrieben steht in der Schrift, daß zu jener Zeit Engel auf- und niedersteigen werden und Mir und den Menschen sichtbar dienen werden? Und sehet, also ist die Schrift nun denn auch in diesem Stücke erfüllt vor euren Augen!
GEJ|9|122|12|0|Aber so auch das sähe des Tempels hoher Rat, so würde er es doch nicht glauben, auf daß er selig werden möchte; darum wird über ihn auch das kommen, was Hesekiel geweissagt hat.
GEJ|9|122|13|0|Nun aber besprechet euch mit dem Engel, der euch mit neuen Kleidern versah; Ich aber werde nun mit dem Wirte und dessen Freunde Philopold auf eine kurze Zeit Mich ins Freie begeben und also in Meinem Geschäfte eine kleine Ruhe Mir gönnen!“
GEJ|9|122|14|0|Mit dem waren die Templer vollends zufrieden und gesellten sich alsbald zu Raphael, der ihnen, so wie früher einmal auf dem Ölberge, viele Dinge zeigte und auch erklärte.
GEJ|9|122|15|0|Bevor Ich aber mit den zwei Obbenannten den Saal verließ, trat noch die Maria zu Mir und fragte Mich, ob auch sie mit uns gehen solle.
GEJ|9|122|16|0|Ich aber sagte, daß sie nun im Saale bei den Brüdern verweilen möge, wo sie vieles hören und sehen werde.
GEJ|9|122|17|0|Und sie blieb und unterhielt sich mit dem Engel Gabriel über die Lebensgeheimnisse der Himmel.
GEJ|9|122|18|0|Darauf aber trat noch Judas Ischariot zu Mir und fragte Mich, wie lange Ich Mich im ganzen in Kis aufhalten werde.
GEJ|9|122|19|0|Und Ich sagte: „Volle sieben Tage, und da du Mich deshalb darum fragtest, um in der Zeit deine Familie zu besuchen, so kannst du dich schon auf den Weg machen!“
GEJ|9|122|20|0|Als Judas Ischariot das von Mir vernahm, da machte er sich auch sogleich auf den Weg.
GEJ|9|122|21|0|Als dieser Jünger fort war, da sagten die andern Jünger: „Das war ein kluger Geist, der solches ihm eingehaucht hat; und wir sind froh, seiner nur auf etliche Tage los zu sein!“
GEJ|9|122|22|0|Ich fragte aber auch die andern Jünger, ob auch etwa sie ihre Weiber und Kinder besuchen wollten.
GEJ|9|122|23|0|Diese aber sagten (die andern Jünger): „Herr, unsere Weiber und Kinder sind schon von Dir aus bestens versorgt, und so bleiben wir hier, wo wir in jedem Augenblick vieles für Seele und Geist gewinnen können!“
GEJ|9|122|24|0|Sagte Ich: „Also bleibet denn, und so da jemand kommen und nach Mir fragen wird, so belehret ihn, und heißet ihn verharren, bis Ich mit Meinen Freunden wiederkomme!“
GEJ|9|122|25|0|Darauf aber fragten Mich auch noch die vier Indojuden, ob sie um Meinetwillen auch noch länger in Kis verweilen dürften.
GEJ|9|122|26|0|Und Ich sagte: „Solange ihr wollt; wenn das euer Herz verlangt, da tuet ihr wohl daran, so ihr hier verweilet!“
GEJ|9|122|27|0|Auf das erst begab Ich Mich mit den beiden Freunden ins Freie, und wir besprachen uns auf einem kleinen Hügel ganz nahe am Meere Galiläas über verschiedene Dinge auf der Erde und auch in den Gestirnen, und auch über die innere Einrichtung der Erde und ebenso auch der andern Gestirne, woran die beiden Freunde ein großes Wohlgefallen hatten.
GEJ|9|123|1|1|123. — Samariter suchen den Herrn
GEJ|9|123|1|0|Als wir aber bei einer Stunde lang uns auf unserem Hügel unterhalten hatten, da kamen etliche Samariter in den Ort Kis und erkundigten sich bei mehreren Menschen, ob sie nichts von Mir wüßten, wo Ich Mich irgend aufhielte.
GEJ|9|123|2|0|Und einer von den Dienern des Kisjona sagte, daß Ich Mich samt den Jüngern seit gestern abend eben in diesem Orte befände und wahrscheinlich im großen Herrenhause Mich aufhalten dürfte.
GEJ|9|123|3|0|Da wurden die Samariter überfroh und heiter, denn sie hatten schon gar vieles über Mich reden hören, wie auch, daß Ich erst vor wenigen Tagen durch Samaria gezogen sei. Aber sie hatten dennoch nicht das Glück gehabt, Mich irgendwo gesehen und gesprochen zu haben. Sie ließen sich von dem Diener alsogleich ins Haus führen und brannten vor Begierde, Mich endlich einmal zu sehen, zu sprechen und zu hören.
GEJ|9|123|4|0|Als sie in den großen Saal kamen, grüßten sie alle Anwesenden und fragten gleich den Nächstbesten, wo Ich wäre, oder welcher unter ihnen der große Meister in aller Fülle der göttlichen Macht und Kraft wäre.
GEJ|9|123|5|0|Thomas aber, der gefragt wurde, sagte: „Freunde, körperlich befindet Sich in diesem Augenblick der Herr und Meister nicht unter uns, wohl aber im Geiste! Was wollet ihr denn, das Er euch tun soll?“
GEJ|9|123|6|0|Sagten die Samariter: „Freunde, wir haben Seine Lehre und leben und handeln streng nach ihr, und es haben auch schon mehrere unter uns die alles belebende Kraft dieser Lehre in sich gefunden und loben und preisen darum Gott, daß Er Sich nun Seiner Völker gar so augenscheinlich erbarmt habe! Aber es gibt unter uns viele, die da, uns gleich, den großen Meister, dieweil Er noch auf dieser Erde umherwandelt, persönlich sehen und hören möchten; aber sie haben die Gelegenheit und auch die Mittel nicht, Ihm nachzureisen. Daher haben sie uns abgeordnet, Ihn im Namen aller aufzusuchen und Ihm den gebührenden Dank zu überbringen und die Ihm allein gebührende Ehre zu geben. Darum sind wir denn auch hierhergekommen und werden diesen Ort nicht eher verlassen, als bis wir in Ihm Selbst den Herrn und Meister aller Meister werden begrüßt haben!“
GEJ|9|123|7|0|Sagte Thomas: „So geduldet euch denn; es wird so lange nicht dauern, bis Er kommen wird!“
GEJ|9|123|8|0|Darauf setzten sie sich an den Tisch, ließen sich etwas Brot und Wein geben und behorchten die Reden, die unser Raphael mit den sieben Templern und auch mit den vier Indojuden führte, und staunten über die große Weisheit des vermeinten Jünglings.
GEJ|9|123|9|0|Gabriel und Johannes aber besprachen sich mehr still mit den Jüngern. Den Samaritern schmeckte das Brot und der Wein trotz ihrer stets sehr mäßigen Lebensweise gar gut, und sie ließen sich darum mehr Brot und Wein geben, aßen und tranken und wurden dabei voll heiteren Mutes.
GEJ|9|123|10|0|Dabei aber sahen sie, wie Raphael bei Gelegenheit seiner den sieben Templern und den vier Indojuden gegebenen Erklärungen über Verschiedenes auch so manches Wunder wirkte, wie ehedem einmal zu Jerusalem auf dem Ölberge vor Heiden und Juden, wennschon nicht in dem großen Maße, und sie fingen an, sich gegenseitig zu befragen, wer denn doch der Jüngling sei, der da so weise rede wie ein Salomo und Wunder wirke wie ein Moses. Einige meinten, daß er ein Anverwandter, die andern aber, daß er ein bester Jünger von Mir sein werde. Mit dieser geteilten Meinung begnügten sie sich denn auch einstweilen.
GEJ|9|123|11|0|Raphael aber fing an, seiner vorbezeichneten Zuhörerschaft die ganze Erde, den Mond, die Sonne, die andern Planeten, und daneben auch die Kometen, die Fixsterne mit ihren Planeten, das Wesen der Zentralsonnen und am Ende auch der Hülsengloben, deren Unzahl im endlosen Schöpfungsraume, und des Großen Schöpfungsmenschen leichtfaßlich und mit wenigen Worten zu erklären, und versinnlichte seine Erklärungen mit sogleich im Luftraume des Saales geschaffenen Bildern, was natürlich am meisten dazu beitrug, daß die Zuhörer das Erklärte um so leichter und schneller begreifen konnten.
GEJ|9|123|12|0|Aber das war unseren Samaritern für einen puren, vermeintlich besten Jünger von Mir denn doch zu viel, und es stand einer von ihnen vom Tische auf, ging zu Thomas hin und fragte ihn, sagend: „Freund, vergib es mir, daß ich so frei bin, dich zu fragen, was es mit diesem Jünglinge für eine Bewandtnis habe! Wer, was und woher ist er denn? Seines Mundes Rede ist weiser denn die eines Salomo, und er wirkt dabei Wunder wie dereinst Moses in Ägypten und in der Wüste!“
GEJ|9|123|13|0|Sagte darauf Thomas: „Freund, geduldet euch nur, bis der Herr Selbst kommen wird, dann werdet ihr nicht nur über diesen Jüngling ins klare kommen, sondern noch viel Größeres erfahren! Das aber könnet ihr euch wohl vorstellen, daß um den Herrn sich allerlei himmlische erste Mächte und Kräfte sammeln und auf uns Menschen belehrend und belebend einwirken. Denn der Herr ist ja der Mittelpunkt alles Seins, Lebens, aller Macht und Kraft, wie aller Liebe, Wahrheit und Weisheit!
GEJ|9|123|14|0|So ihr an den Herrn glaubet, da werdet ihr es auch einsehen, daß derlei Wesen fort und fort entweder von Zeit zu Zeit sichtbar, für sinnliche Menschen aber, wenn auch nicht allzeit sichtbar, doch fühlbar immer um Ihn sind und auf Seinen Willen horchen; denn sie selbst sind Sein allzeit und ewig wirkender Wille.
GEJ|9|123|15|0|Zudem aber steht es geschrieben: ,In jener Zeit aber werdet ihr die Mächte der Himmel zur Erde herabkommen sehen; die werden Ihm und den Menschen, die eines guten Willens sind, dienen. Sonne, Mond und alle Sterne werden sich beugen vor Seiner Herrlichkeit!‘ Ja, Freund, so uns blinden Menschen nicht diese himmlischen Wesen die Augen öffneten über die zahllosen Wunder der Himmel Gottes, – wer sonst wohl könnte uns da die Augen auftun?
GEJ|9|123|16|0|Wer Gott wahrhaft lieben will, der muß Ihn auch erkennen, wie Er wunderbar ist auch in Seinen Werken. Wir Menschen stehen wohl inmitten von lauter Wundern Gottes, und wir selbst sind dazu noch das größte Wunder; so wir uns aber von der Geburt an betrachten, da finden wir uns schwach, unbehilflich, sprachlos und ohne welche Gedanken. Wenn ein Kind nicht langehin sorgsam gepflegt würde, so würde es um vieles schlimmer mit ihm stehen als selbst mit dem elendsten Tier. Erst durch die Liebsorge der Eltern wird aus dem Kinde ein Mensch.
GEJ|9|123|17|0|Gehe du nun aber auf einen ersten Menschen zurück! Wie möglich wohl wäre er je verständig und voll Vernunft und auch voll anderer und höherer Erkenntnisse geworden, so Gott nicht durch höhere, himmlische Wesen ihn erzogen und Sich ihm geoffenbart hätte? Wenn Gott der Herr nun uns nicht in allen Dingen Selbst belehren und uns zeigen möchte, wie weit wir uns schon von der Wahrheit entfernt haben, so würden die Menschen derart verwildern, daß sie tief unter die Tiere zu stehen kämen.
GEJ|9|123|18|0|Siehe an die gewissen Tempeljuden, die Pharisäer und Schriftgelehrten! Wie waren sie zur Zeit der ersten Richter und auch noch zur Zeit der ersten Könige, – und wie sind sie in dieser Zeit? Sie sind in allen Dingen blind, dumm und dabei voll Hochmutes und jeglicher Bosheit und hassen die, welche aus den Himmeln das Licht des wahren Lebens wiederbringen, und keiner von ihnen glaubt an den Herrn, sondern haßt und verfolgt Ihn nur, wo und wie er es nur immer mag und kann.
GEJ|9|123|19|0|Und siehe, das ist ja schon ein hoher Grad der bösen Entartung und Verwilderung der Menschen! Stehen aber nun die Lehrer des Volkes auf einer so tiefen Stufe der Verwilderung, woher soll dann das Volk eine höhere Weisheit nehmen, so nicht der Herr Selbst Sich seiner erbarmte und es nun erleuchtete in allen Dingen durch Lehren und Zeichen?
GEJ|9|123|20|0|Und so siehst du denn nun diesen Jüngling auch den blinden Menschen durch Worte und wunderbare Zeichen, die zu bewirken ihm im Namen des Herrn wohl gar leicht möglich sind, den gestirnten Himmel erklären, auf daß aus ihren Herzen der finstere und böse Aberglaube verschwinde und der Wahrheit Licht sie erleuchte! Und so du das nun so recht überdenkst, so wirst du über die Wesenheit dieses Jünglings auch bald im klaren stehen!“
GEJ|9|124|1|1|124. — Die Schwierigkeit der Aufklärung des Volkes
GEJ|9|124|1|0|Als der Samariter solches von Thomas vernommen hatte, dankte er ihm für diese Belehrung, ging wieder an seinen Tisch zu seinen Gefährten, die unterdessen ganz Aug und Ohr für das waren, was unser Raphael sprach und wirkte, und sich nicht genug wundern konnten über den finsteren Aberglauben der Menschen, mit und aus welchem sie den Mond, die Sonne und die andern Sterne betrachten und ihren Unsinn auch an andere Menschen übertragen.
GEJ|9|124|2|0|Und der eine von Thomas Unterwiesene sagte: „O ihr meine lieben Freunde! Wir sind doch noch bei der alten Lehre Mosis geblieben und haben des Tempels zu arg gewordene Torheiten mit vollem Grunde verachtet und uns darum von ihm gänzlich losgemacht; aber in diesen Dingen, die nun der Jüngling den Gästen mit leichtfaßlicher Rede erklärt, waren auch wir bis jetzt nicht minder blind als die Templer zu Jerusalem, und wir können darum dem Herrn nicht genug dankbar sein, daß Er es sicher also zugelassen hat, daß wir noch zur rechten Zeit hierher gelangt sind, um diesem wahren Himmelsunterricht beiwohnen zu können und zu dürfen.
GEJ|9|124|3|0|Es soll auch Moses ein eigenes Buch in der Wüste geschrieben haben in wohlverständlicher Rede; aber das soll schon bei Gelegenheit der Babylonischen Gefangenschaft verlorengegangen sein. Und als später die Griechen und die Römer den babylonischen Staat eroberten und verheerten, sollen jene denkwürdigen Bücher auch in die Hände der Sieger geraten sein. Und so besitzen auch wir nichts als nur Bruchstücke der alten Mosaischen Weisheit.
GEJ|9|124|4|0|Aber doch habe ich mehrere Male mit unserem Rabbi über die Gestirne des Himmels gesprochen, und der hat mir so manches gesagt, was er auf dem Wege der mündlichen Überlieferung sich zu eigen gemacht hatte. Und ich habe ihn denn auch mehrere Male dazu gewisserart aufgefordert, daß er über derlei Dinge auch zum Volke reden solle. Aber da meinte er, daß das Volk noch zu tief im Aberglauben stecke, den es ehedem unter den Juden sich zu eigen gemacht habe, und da müßten kräftigere und mächtigere Lehrer kommen, die bei dem Volke den alten Aberglauben vertilgen würden. Wir aber sehen nun den kräftigeren Lehrer auch in diesen Dingen und begreifen nun auch schon ganz gut, was die leuchtenden Körper des endlos weiten Schöpfungsraumes sind, und wozu sie erschaffen wurden. So wir wieder nach Hause kommen werden, da werden wir denn auch ohne Furcht und Scheu zu unseren Nachbarn davon zu reden anfangen, und es soll auf diese Art der alte Aberglaube zugrunde gerichtet werden.“
GEJ|9|124|5|0|Sagte ein anderer darauf: „Bruder, dein Vorsatz ist allerdings gut, und es wäre ein paradiesisches Leben mit den Menschen, so sie alle fern von allem Aberglauben in allen Dingen in der Wahrheit stünden; aber es läßt sich nichts schwerer aus dem Gemüte des Menschen hinwegfegen als eben sein schon in der Kindheit eingesogener Aberglaube, aus dem seine Phantasie mit leichter Mühe allerlei fabelhaft klingende und ergötzliche Trugbilder schafft, und wir werden darum mit unseren Nachbarn auch nicht gar zu leichten Kaufs fertig werden. Wir wollen uns denn nicht eher etwas Ernstliches vornehmen, als bis wir darüber mit dem Herrn Selbst geredet haben werden. Er wird es uns schon sagen, was wir zu tun haben werden. Für jetzt aber geben wir noch auf alles unsere größte Aufmerksamkeit, was der wundersame Junge spricht und tut; denn es ist wahrlich ein seltsames Ding, wie auf des Jungen Wink allerlei leuchtende Kügelchen in des Saales Luftraum entstehen und sich nach allen Richtungen drehen und bewegen!“
GEJ|9|124|6|0|Nach diesen klugen Worten ließ Raphael es geschehen, daß das plastische Abbild der Erde mit dem wohlerkennbaren Mond ganz in die Nähe unserer Samariter kam; und sie betrachteten alles mit der größten Aufmerksamkeit.
GEJ|9|124|7|0|Und der Hauptwortführer sagte: „Also – das ist die wahre Gestalt unserer Erde und die kleinere des Mondes! Nun, die des Mondes ist begreiflicher als die der Erde; denn so die Erde auch ringsum bewohnt ist – also unterhalb wie oberhalb –, wie kann sich das Gewässer an die Feste der Erde halten, und wie Tiere und Menschen unterhalb der Erde, ohne von ihr weg in den ewig tiefen Raum hinabzufallen? Dazu dreht sich die Erde in etwa 25 Stunden um sich, wodurch Tag und Nacht erzeugt werden; da wechselt das Oben und das Unten ja fort und fort miteinander, und es ist da um so schwerer begreiflich, wie das Gewässer und all die andern freien Körper nicht von der Erde hinwegfallen.
GEJ|9|124|8|0|Du, Freund, der du ehedem schon von der Schwierigkeit, den alten Aberglauben im Volke zu vertilgen, geredet hast, hast eben nicht unrecht; denn bis das Volk das begreifen wird, daß unsere Erde also ist und besteht, wie wir sie nun vor uns sehen, da wird es noch gar viele Kämpfe absetzen. Und ich sehe nun den Grund auch recht wohl ein, aus dem unser alter Rabbi – obschon er so manche geheimen Kenntnisse in bezug auf die wahre Gestalt und Wesenheit der Erde hatte, von solchen Dingen mit dem Volke nichts verkehren wollte und stets sagte, über dem Grabe erst werde den würdigen Seelen ein wahres Licht über alles gegeben werden.
GEJ|9|124|9|0|Ich aber möchte nun doch von dem Jungen selbst vernehmen, wie sich das Gewässer und alle die freien Körper nach unten der Erde hin an ihre Feste halten können, ohne von ihr hinwegfallen zu müssen!“
GEJ|9|125|1|1|125. — Die Wichtigkeit der rechten Naturerkenntnis
GEJ|9|125|1|0|Hierauf trat Raphael mit den Pharisäern und den vier Indojuden zu unseren wißbegierigen Samaritern hin und sagte: „Ihr seid lüstern zu begreifen, wie das Gewässer und die freien Körper von der Erde nach unten hin nach eurem Verständnisse nicht von der Erde hinwegfallen können, sondern an ihrer Feste hängen bleiben?
GEJ|9|125|2|0|Sehet euch einmal nur einen Apfel an, der am Baume hängt, und betrachtet, wie ihn oft allerlei Insekten nach unten und oben umkriechen, und er am Morgen nach allen Seiten mit vielen Tausenden von kleinen Tautröpflein umgeben ist! Wer hält denn alles an dem Apfel also, daß weder ein Tierlein noch ein Tautröpflein von ihm wegfällt, außer die Tierlein entfernen sich selbst und die Tröpflein werden am Tage von der warmen Luft verzehrt?
GEJ|9|125|3|0|Oder nimm du einen Apfel und bestäube ihn, und der Staub, der aus lauter für dein Auge sehr verkleinerten freien Körpern besteht, wird nach oben und unten hin ebenso vom Apfel gehalten werden und von selbst sich vom Apfel nicht entfernen! Wirst du den Apfel genießen wollen, so wirst du zuvor mit einiger Mühe ihn vom Staube reinigen müssen.
GEJ|9|125|4|0|Siehe, der Apfel, als ein verhältnismäßig größerer und gediegenerer Körper, hat in sich eine Kraft, die die um vieles kleineren und leichteren Körper also anzieht, daß sie sich nicht von ihm entfernen können, – außer sie werden durch eine verhältnismäßige äußere Kraft von ihm entfernt.
GEJ|9|125|5|0|Was aber ist ein Apfel als Körper gegen den großen Erdkörper? Siehe, dieser hat in sich denn auch eine solche Kraft, infolge deren er das Gewässer, wie auch alle andern freien Körper derart an sich zu ziehen und festzuhalten imstande ist, daß sich auch nicht ein Sonnenstäubchen von ihm entfernen kann! Und diese Kraft wächst mit der Größe und Schwere der Körper und wirkt noch gar weit über deren Oberfläche hinaus, also, daß auch der Mond noch von dieser Erde also festgehalten wird, daß er auf sie herabfallen würde, so er von seiner verhältnismäßigen Schwungkraft, die ihn um die Erde führt, nicht daran gehindert würde.
GEJ|9|125|6|0|Verstehe wohl, was ich euch über die Erde nun erklärt habe; denn wer Gott wahrhaft erkennen will, der muß Ihn auch in der höchst weisen Einrichtung Seiner Werke erkennen.
GEJ|9|125|7|0|Wer aber in der Einrichtung der Werke Gottes lauter falsche und grundfalsche und unwahre Ansichten und Begriffe hat, der kann dabei ja unmöglich je zu einer klaren, richtigen und wahren Erkenntnis Gottes gelangen; wer aber Gott nicht der Wahrheit nach erkennt, der kann Ihn auch nicht wahrhaft lieben, ehren und Seinen Willen ganz erfüllen, und es wird finster in seiner Seele, die sich dann und darum an die Materie zu hängen und zu halten anfängt, weil sie des inneren Wahrheitslichtes bar geworden ist. Und also ist die Unkenntnis in der wahrheitsvollen Einrichtung der Werke Gottes auch allzeit der Grund zur Abgötterei, zum Götzen- und Heidentume gewesen und am Ende zur völligen Gottlosigkeit, wie sie nun unter den meisten Juden, Pharisäern und unter den Heiden besteht.
GEJ|9|125|8|0|Das arme Volk wird mit Gewalt einerseits und allerlei Betrug anderseits in allerlei blindestem Aberglauben erhalten und lebt und handelt nach allerlei falschen Lehren und Satzungen, auf daß sich die trägen und bei sich völlig glaubenslosen Machthaber auf seine Kosten desto mehr ergötzen und mästen können.
GEJ|9|125|9|0|Aber Gott der Herr sieht solchem Unfuge nur eine Zeitlang zu und läßt dabei an die Menschen aber dennoch stets Mahnungen durch eigens geweckte Seher und Weissager ergehen; kehrt sich aber das Volk samt seinen Vorstehern nicht daran, so kommt Er mit Seinem Gerichte und fegt den Unflat von der Erde. Und das geschieht allzeit, wenn sich mit der dicksten Dummheit auch die alle Nächstenliebe hintansetzende selbstsüchtigste Bosheit vollends und nahe allgemein vereinigt hat. Denn solange noch die Dummheit allein waltet, da läßt sie sich durch weise Lehren noch leicht, wenn auch nicht völlig allgemein, ins Licht umgestalten, und Gott hat Geduld mit der puren Dummheit.
GEJ|9|125|10|0|Aber so einmal die volle, ehedem bezeichnete Bosheit sich an die Spitze der dicksten Dummheit gestellt hat und dem Eindringen des ewigen Wahrheits- und Lebenslichtes sich mit allem Trotz und aller Gewalt entgegenstellt, dann hat es mit der Geduld Gottes denn auch ein Ende, und Er kommt mit Seinem Gerichte, – und dann wehe dem Abtrünnigen!
GEJ|9|125|11|0|Darum lernet denn auch allzeit Gott der vollen Wahrheit gemäß erkennen in Seinen Werken also, wie sie sind, und in ihren überweisen Einrichtungen, dann wird unter euch keine Dummheit und noch weniger ihre Bosheit Platz greifen können! Und ich erkläre euch darum nun denn auch die für euch sichtbaren Werke Gottes, auf daß ihr allenthalben ein volles Licht haben sollet. Behaltet und bewahret es getreu, und lasset es vor euren traurigen Brüdern und Schwestern leuchten! Denn so einmal dieses Licht wieder irgend unter den Menschen gemindert wird, da wird das alte Heidentum auch wieder noch ärger erstehen als jemals zuvor. Dieses merket euch alle wohl!“
GEJ|9|125|12|0|Hierauf dankten alle dem Raphael für seine Belehrung; er aber begab sich wieder an seinen früheren Platz und erklärte da allerlei Dinge und Erscheinungen in, auf und über der Erde.
GEJ|9|125|13|0|Die Samariter aber hörten auch mit der größten Aufmerksamkeit seinen Belehrungen zu und hatten eine übergroße Freude daran, daß sie nun Dinge zu verstehen und wohlzubegreifen angefangen haben, die ihnen zuvor so unbegreiflich waren wie der Grund ihres eigenen Lebens.
GEJ|9|125|14|0|Auch Maria hörte die Belehrungen Raphaels mit aller Aufmerksamkeit an und war überaus erbaut über dessen Weisheit; Gabriel und Johannes-Michael aber erklärten ihr und den Jüngern alles noch tiefer und geistiger, als es Raphael seinen Zuhörern tat und auch tun konnte, weil diese in den Dingen des Geistes noch nicht erleuchtet waren.
GEJ|9|125|15|0|Als Raphael bis gen Mittag hin seine Belehrungen beendet hatte, da kamen auch Ich, Kisjona und Philopold wieder ins Haus, und die sieben Pharisäer samt ihren Dienern, die vier Indojuden und auch Meine Jünger jubelten Mir Dank zu, daß Ich es zugelassen hatte, daß sie von den drei Engeln über so große und wichtige Dinge belehrt wurden.
GEJ|9|126|1|1|126. — Die Samariter bewundern die Erscheinung des Herrn
GEJ|9|126|1|0|Als die Samariter an ihrem Tische das alles mit großer Aufmerksamkeit vernommen hatten, da sagte der Hauptredner: „Freunde, das ist also der Herr Selbst, als ein sichtbarer Mensch unter uns Menschen! Welch eine herrliche Gestalt! Welch ein himmlisch-sanftes Liebefeuer leuchtet aus Seinem Auge, welch eine Weisheit strahlt aus Seiner hohen Stirn, und welcher Worte muß Sein herrlicher Mund fähig sein!
GEJ|9|126|2|0|Wenn man nur Seine durchgehends erhabenst herrliche Menschengestalt mit einer rechten Aufmerksamkeit betrachtet, so kann man keinen Augenblick mehr darüber im Zweifel sein, daß in solch einer noch nie dagewesenen edelsten Menschenform ein Geist wohnen müsse, dem alles möglich sein muß, was Er nur immer will. Wer von uns hat wohl den Mut, sich Ihm zu nahen und Ihn anzureden? Ich als ein sündiger Mensch habe ihn nicht – und ihr andern sicher noch weniger!“
GEJ|9|126|3|0|Sagte ein anderer: „Da hast du wohl vollkommen recht geurteilt! So ich auch nicht wüßte, daß Er der Herr ist, so würde mich schon Seine zu erhaben edle Gestalt mit einer so großen Ehrfurcht erfüllen, daß sie meinen Mut lähmte und meine Zunge unbeweglich machte. Darum bleiben wir nun denn auch ganz ruhig an unserem Tische und horchen in der Stille, was Er irgend zu jemandem sagen wird! Ihm allein alle unsere Liebe, alle Ehre und alles Lob!
GEJ|9|126|4|0|Wir wollten Ihn ja auch nur sehen und – so möglich – auch hören; darum sind wir ja auch hierher gewandert! Die von uns allen so sehnlichst erwünschte Gnade ist offenbar durch Seine Zulassung uns zuteil geworden, – was mehr sollten wir nun noch wollen? So wir Ihn auch noch werden reden gehört haben, dann werden wir ganz still an einen Diener unsere Zeche bezahlen und uns darauf sogleich frohen und dankbarsten Herzens und Mutes auf die Rückreise begeben; denn hier wird es mir wenigstens vor lauter Erhabenheit und Heiligkeit ordentlich unheimlich. Ich begreife es nur nicht, wie die andern Menschen sich so ganz in aller Furchtlosigkeit Ihm zu nahen und mit Ihm sogar wie mit einem andern Menschen zu reden getrauen. Da gehört auch mehr als ein menschlicher Mut dazu! Und, soviel ich vernehme, reden sie mit Ihm auch noch über ganz gleichgültige Dinge und Verhältnisse dieser Welt.“
GEJ|9|126|5|0|Sagte wieder der erste: „Freund, das ist aber auch zum Verwundern wahr! Was werden Ihn die Fische und die Lämmer wohl kümmern, wie sie fürs Mittagsmahl zubereitet werden? Und doch reden sie alle davon. Sonderbar! Der Junge hat ehedem uns alle über so wichtige und große Dinge belehrt; da nun aber der Herr Selbst gegenwärtig ist, reden alle von der Zubereitung des Mittagsmahles also, als gäbe es nun nichts Größeres und Wichtigeres mehr, und der Herr bespricht Sich mit dem uns nur zu wohlbekannten Wirte und seiner Gemahlin und mit dem andern Weibe, das ehedem unter den Jüngern saß, sichtlich mit Wohlgefallen darüber. Nun, nun, es muß aber ja auch nicht immer von lauter göttlich erhabenen Dingen geredet sein. Werden sie mit der Mahlbestellung in der Ordnung sein, dann werden schon sicher auch andere Dinge und Sachen zur Sprache kommen.“
GEJ|9|126|6|0|Als wir aber über die qualitative und auch quantitative Bereitung des Mittagsmahles zu Ende waren, da wurde Ich von Kisjona befragt, wie und wann man mit wahrem Vorteile fischen solle.
GEJ|9|126|7|0|Wir setzten uns an den Tisch, ließen uns unterdessen etwas Brot und Wein geben, und Ich belehrte den Kisjona, wann und wie man in einer oder der andern Zeit am vorteilhaftesten diese oder die andere Gattung der verschiedenen Fischarten fangen kann, wie sie aufzubewahren und wie sie für des Leibes Gesundheit am zuträglichsten zuzubereiten und sodann auch zu genießen sind, worüber unser Kisjona eine große Freude hatte.
GEJ|9|126|8|0|Aber unsere Samariter an ihrem in einem Winkel des Saales befindlichen Tische waren darüber unter sich auf Kisjona ordentlich ärgerlich, und einer von ihnen sagte: „Hat aber dieser schon ohnehin über alle die denkbaren Maßen reiche Zöllner und Wirt denn von nichts anderem zu reden, als wie er etwa auf eine noch leichtere und sicherere Weise eben auch noch reicher werden könnte? Und der Herr erklärt ihm das dazu noch auf sehr freundliche und ganz umständliche Weise! Was können wir aber darum? Was dem Herrn wohlgefällig ist, das darf auch uns nicht zuwider werden. Es ist das doch noch ums unbeschreibbare besser, als so es Ihm irgend wohlgefällig ist, einen und den andern Menschen nicht selten mit allerlei bösen Krankheiten zu plagen, über die ein wahrer Jude auch niemals murren, sondern sie in aller möglichen Geduld und in der vollen Ergebung in den Willen Gottes ertragen soll. Kurz, der Herr ist und bleibt einmal der Herr, und alle Menschen sind nichts gegen Ihn!“
GEJ|9|126|9|0|Alle seine Gefährten gaben ihm recht und verhielten sich wieder ganz ruhig und voll Ehrfurcht in ihrem Winkel.
GEJ|9|127|1|1|127. — Über den Genuß von allerlei Fleisch und Früchten
GEJ|9|127|1|0|Darauf befragten Mich die Indojuden, ob es, wie es in ihrem Lande steht, im Notfall nicht auch einem Juden gestattet wäre, das Fleisch auch anderer, auch eben nicht unreiner Tiere, die im Buche Mosis nicht als für Menschen genießbar bezeichnet erscheinen, gut zubereitet zu genießen.
GEJ|9|127|2|0|Und Ich erklärte ihnen das und sagte, daß man im Notfall nahezu aller Tiere Fleisch essen könne, aber ohne Blut und so und so jegliches in seiner Art zubereitet, wie Ich das auch schon bei anderen Gelegenheiten ausführlich gezeigt habe.
GEJ|9|127|3|0|Und Kisjona und die Indojuden waren darüber sehr erfreut, daß Ich in bezug des Fleischessens die alte Satzung Mosis gewisserart aufgehoben habe.
GEJ|9|127|4|0|Den sieben Pharisäern aber kam das doch etwas sonderbar vor, und der Schriftgelehrte sagte: „Herr und Meister, Du allein hast sicher wohl das unbestreitbare Recht, die Gesetze den Menschen zu geben, sie aber nach Deinem Wohlgefallen auch wieder aufzuheben! Aber es steht dennoch auch geschrieben, daß derjenige, der an einem Gesetze rüttle, sich am ganzen Gesetze vergreife; denn ein Gesetz sei die Grundlage des andern Gesetzes und sonach auch aller Gesetze. – Wie soll man hernach das verstehen?“
GEJ|9|127|5|0|Sagte Ich: „So es euch kein Gewissen machte, nahezu alle Satzungen Mosis aufzuheben und an ihre Stelle eure welt- und selbstsüchtigen Gesetze zu stellen – da ihr doch niemals Herr und Meister waret, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden innewohnt –, wie fraget ihr Mich nun darum, ob dadurch am Gesetze nicht gerüttelt werde, so Ich euch anrate und erlaube, im Notfall unter gewissen Zubereitungsbedingungen das Fleisch auch anderer Tiere zu essen, die Moses zu essen den Juden vorenthalten hat?!
GEJ|9|127|6|0|Was durch den Mund unter gerechter und zweckdienlicher Zubereitung in den Menschen zur Stillung seines Hungers kommt, das verunreinigt ihn niemals; aber was zum Munde aus dem Herzen, in Worte oder Gedanken verkleidet, herauskommt – wie Lüge, böser Leumund, Meineid, schmutzige und unzüchtige Reden, Flüche, Lästerungen, Ehrabschneidung, Verleitung zur Hurerei und zum Ehebruch und verführerische Reden zu allerlei Sünden und Lastern –, das verunreinigt wahrhaft den ganzen Menschen. Aber was unter guter und zweckdienlicher Zubereitung als Leibesspeise in den Menschen kommt und auf dem natürlichen Wege auch wieder aus dem Leibe hinausgeschafft wird, das, wie schon gesagt, verunreinigt den Menschen nicht.
GEJ|9|127|7|0|Ich aber habe ja nicht gesagt, daß ihr das tun sollet, sondern nur, daß ihr das im Notfall so und so tun könnet, und habe dadurch keine Satzung Mosis aufgehoben.
GEJ|9|127|8|0|Hat nicht David, der Mann nach dem Herzen Gottes, als es ihn hungerte, die Schaubrote, die außer dem Hohenpriester niemand essen durfte, genommen und sich damit gesättigt? Hatte er dadurch Moses aufgehoben?
GEJ|9|127|9|0|Wollt ihr Meine Jünger sein, so lasset eure Herzen in der Folge nicht mehr von solch aberwitzigen Gedanken beschleichen und am Ende gar vollends gefangennehmen!“
GEJ|9|127|10|0|Als die sieben das von Mir vernommen hatten, sahen sie ihre Blindheit ein, dankten Mir für diese Aufklärung und fragten Mich hinfort um derlei nicht wieder.
GEJ|9|127|11|0|Unsere Samariter, die alles das auch mit der größten Aufmerksamkeit angehört hatten, waren als strenge Mosaisten anfangs unter sich damit auch nicht einverstanden, daß Ich den vier Indojuden das Fleisch auch anderer Tiere, so und so zubereitet, zu essen gestattete; als sie aber Meine Antwort auf die blinde Frage der sieben verkleideten Templer vernahmen, da gaben sie Mir recht und lobten Meine Weisheit unter sich.
GEJ|9|127|12|0|Der Hauptredner sagte darauf: „Nun haben wir es aus Seinem Munde vernommen, was man im Notfall tun kann, ohne dadurch eine Sünde zu begehen; was Er aber zu diesen und jenen Menschen sagt, das gilt auch für uns gleich also wie die Gesetze Mosis, die eigentlich auch nicht nur pur für die Israeliten, sondern für alle Menschen der Erde gegeben worden sind, und nach denen sich auch ein jeder Mensch richten soll, so er davon irgendeine wahre Kunde erhalten hat. Wir aber haben nun aus Seinem Munde vernommen, was ein Mensch in bezug auf seines Leibes Nahrung im Notfall tun kann und darf, und so werden denn auch wir uns danach in der Not zu richten verstehen.
GEJ|9|127|13|0|Freilich wird das unseren Rabbis nicht besonders munden, und sie werden dabei ihre Köpfe schütteln, weil sie lehren, daß ein wahrer Altjude eher vor Hunger verschmachten solle als sich sättigen mit einer unreinen Speise, die nach Moses von Gott nicht gesegnet sei. Aber auf diese Rede des Herrn wird der alte Unsinn der reinsten Vernunft weichen müssen, die eben aus dieser Rede wie eine Morgensonne hervorleuchtet, und ein jeder vernünftige Samariter wird deshalb die Liebe und Weisheit des Herrn preisen sein Leben lang.
GEJ|9|127|14|0|Wenn nun aber nur jemand den Herrn noch fragte, ob man zur Zeit der Not nicht auch die verschiedenen Früchte und Kräuter und Wurzeln, die der Erdboden oft im reichlichsten Maße hervorbringt, unter gewisser Zubereitung essen darf, um damit seinen Hunger zu stillen?“
GEJ|9|127|15|0|Als der Samariter also seinen Wunsch ausgesprochen hatte, da kam es auch dem Kisjona in den Sinn, Mich hinsichtlich der verschiedenen Kräuter und Baum- und Erdfrüchte zu fragen, welche Arten von ihnen, außer den bisher üblichen, im Notfall zur Nahrung der Menschen, und wie zubereitet, verwendet werden könnten.
GEJ|9|127|16|0|Und Ich bestimmte die Kräuter, die Wurzeln und ebenso auch die Früchte der Bäume und so mancher Gesträuche und ebenso auch noch mehrere Hülsenfrüchte und zeigte dazu noch mit klaren Worten, wie alles das anzupflanzen, wie zu sammeln und aufzubewahren ist, und schließlich, wie alles das zubereitet und von den Menschen genossen werden kann, – wofür Mir alle nicht genug danken konnten.
GEJ|9|128|1|1|128. — Das Mahl bei Kisjona
GEJ|9|128|1|0|Da diese Erklärung und Belehrung aber beinahe eine Stunde lang gedauert hatte, so war unterdessen auch das Mittagsmahl bereitet und auf den Tisch gebracht worden, und wir nahmen es frohen Mutes zu uns.
GEJ|9|128|2|0|Es wurden aber auch zur selben Zeit die gleichen wohl zubereiteten Speisen auf den Tisch der Samariter gebracht, und dazu Brot und Wein im rechten Maße.
GEJ|9|128|3|0|Als die Samariter das sahen, da fragten sie die Tischdiener, wer solches angeschafft habe, ohne sie zuvor befragt zu haben, ob sie ein Mittagsmahl, worin bestehend und um welchen Preis, haben wollen; denn sie dürften kaum so viel Geldes bei sich haben, um solch ein köstliches Mahl bezahlen zu können.
GEJ|9|128|4|0|Sagten die Diener: „Wir haben das im Auftrag unseres Dienstherrn getan, und ihr könnet das Mahl ohne alle weitere Sorge verzehren; denn auch ihr werdet hier als freie Gäste gastfreundlich behandelt.“
GEJ|9|128|5|0|Auf das dankten die Samariter laut Mir und dem Kisjona.
GEJ|9|128|6|0|Und er erwiderte ihnen mit aller Freundlichkeit (Kisjona): „Stärket und labet euch frohen Mutes, meine lieben Gastfreunde, ohne alle Sorge!“
GEJ|9|128|7|0|Darauf dankten alle Mir und dem Kisjona noch einmal für eine so große Freundlichkeit, fingen dann an zu essen und zu trinken und wurden bald voll guten und frohen Sinnes und Mutes.
GEJ|9|128|8|0|Während des Mahles ward wenig geredet; als aber das Mahl zu Ende ging und die Samariter an unserem Tische die drei Jungen auch nicht zur Genüge bewundern konnten, wie diese um ein bedeutendes mehr von den Speisen verzehrten denn wir, da sagte ihr Wortmann: „Ihr seid samt mir sehr erstaunt über die große Eßlust der drei Jungen am Tische des Herrn; aber ich habe dabei doch etwas bemerkt, was euch allen vielleicht nicht also auffiel, wie es mir aufgefallen ist. Und seht, das mir sehr Auffallende bestand darin: Ich sah, wie eine jede Speise, welche von den dreien zum Munde geführt wurde, sich schon vor dem Munde derart auflöste und verflüchtigte, daß von ihr auch nicht um einen kleinsten Brosamen groß in den Mund der drei Jungen kam.
GEJ|9|128|9|0|Ich sah das klar und deutlich und vermute, daß die drei Jungen als ganz außerordentliche Geistwesen durch ihre ihnen innewohnende Macht die materielle Leibesspeise eher in ihr geistiges Element verkehren und solches dann erst in sich aufnehmen und es irgend auf eine ihnen eigentümliche Weise mit ihrer Wesenheit vereinen. Denn seht nur hin, wie vor den andern Gästen die abgenagten Lamms- und Kalbsknochen unverzehrt in ihren Speiseschüsselchen liegen; bei den dreien aber merket ihr nichts von derlei, obschon sie mehrere Male große, mit Knochen versehene Stücke sowohl von den Lämmern als auch von den drei wohlgebratenen Kälbern zu ihrem Munde gebracht haben.
GEJ|9|128|10|0|Diese Wahrnehmung an den dreien aber bürgt mir, daß sie keine leiblichen, sondern rein geistige Wesen sein müssen und ihre sichtbaren Leiber nur unseren Augen gegenüber so lange halten, als wie lange das der Herr sicher der Menschen wegen zuläßt und es also haben will. – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|9|128|11|0|Sagte ein anderer: „Ja, ja, da hast du wahrlich eine ganz richtige Bemerkung gemacht, und deine Beurteilung ist denn auch der Sache völlig angemessen. Weil aber diese Sache sich sicher also und nicht anders verhält, so ist es denn auch klar, daß der eine Junge, der uns ehedem den gestirnten Himmel und unsere Erde, sie samt den Sternen wie aus der Luft erschaffend, erklärt und ihre äußere und innere Form und Beschaffenheit gezeigt hat, von der Geisteskraft des Herrn erfüllt, keiner materiellen Kost zur Erhaltung seines unsterblichen Lebens benötigt; wenn er aber schon scheinbar welche vor unseren Augen zu sich nimmt, so verkehrt er solche sofort in sein Geistiges, welches ihm allenfalls dazu dienen kann, um sich uns wie in einem materiellen Leibe zeigen zu können.
GEJ|9|128|12|0|Denn ich bin bei mir schon lange der Meinung, daß alle Materie in sich auch ganz geistig ist und durch die Weisheit und Allmacht Gottes unter allerlei Form ersichtlich und für unsere Außensinne fühlbar wird, und die reinen und aus Gott mächtigen Geister werden die Materie auch sicher nur also der vollen innersten Wahrheit nach sehen, wie und was sie ist, und nicht, wie sie der Blödheit unserer Sinne erscheint.
GEJ|9|128|13|0|Ja, ja, wir leben nun unter lauter Wundern über Wundern, und doch will die Seelenblindheit die Menschen nicht verlassen; neben den größten und lebendigsten Lichtern aus den Himmeln schreitet der finsterste Aber- und auch vollste Unglaube einher, und der Himmel Mächte vermögen ihn nicht zu vernichten! So es aber nun bei den Menschen nicht licht werden will, wo sie die höchsten Wahrheiten und deren Wunder an der Urquelle schauen und prüfen können, wie finster wird es erst dann wieder unter den Menschen werden, so sie von diesen Dingen, die nun vor unseren Augen geschehen, bloß nur von Mund zu Mund Kunde erhalten werden? Werden sie den puren Überlieferungen wohl den festen Glauben schenken, da sie nun dem nicht glauben, was vor ihren Augen ist und geschieht? Darauf setze ich einen schlechten und sehr schwachen Glauben.
GEJ|9|128|14|0|Ja, es wird wohl zu jeder Zeit von Gott erleuchtete Menschen geben, die als Leuchten vor den anderen Menschen einhergehen werden, – werden die vielen Blinden und die Weltweisen ihrer achten? Narren werden sie sie schelten und wo möglich mit aller Hast verfolgen.
GEJ|9|128|15|0|Oh, die Ausbreiter dieser Lehre, die nun wahrlich körperlich aus den Himmeln an uns ergeht, werden keine gute Arbeit haben, auch dann nicht, so sie mit der Macht dieser drei Jungen begabt wären! Denn man wird sie für überspannte Schwindler, dabei für Magier aus der Schule der Essäer und somit auch für Lügner und Betrüger und Volksaufwiegler erklären und sie verfolgen und martern.
GEJ|9|128|16|0|Das ist so meine Ansicht; denn je heller oft an einem Tage die Sonne scheint, desto empfindlich finsterer wird die darauf folgende Nacht, in der finstere Gewitterwolken die Sterne des Himmels dicht überdecken. Doch dem Herrn alles Lob, daß wir würdig waren, den hellsten Tag zu erleben und am selben zu wandeln vor des Herrn Augen!“
GEJ|9|128|17|0|Sagten alle: „Ja, dem Herrn allein alles Lob und alle Ehre darum, und Seine Liebe und Gnade bleibe fortan bei allen Menschen, die eines guten Herzens und Willens sind!“
GEJ|9|129|1|1|129. — Gottesfurcht und Gottesliebe
GEJ|9|129|1|0|Hierauf erhob Ich Mich von Meinem Stuhle und begab Mich an den Tisch der Samariter, die sich auch von ihren Sitzen eiligst erhoben und in tiefster Ehrfurcht zu Mir sagten (die Samariter): „O Herr, Herr! Wir sind Sünder und nicht würdig, daß Du Selbst an unseren Tisch kommest, sprich aber auch nur ein Wort über uns, auf daß wir stark in Deinem Lichte werden!“
GEJ|9|129|2|0|Sagte Ich: „Lasset ab von der zu großen Ehrfurcht vor Mir, und nehmet dafür zu in der rechten und wahren Liebe zu Mir! Denn Gott den Herrn über alles lieben, ist und gilt um ein gar Großes mehr denn Gott über alles fürchten. Eine übertriebene Furcht vor Gott entfernt den Menschen von Gott stets mehr und mehr und ist am Ende das böse Samenkorn, aus dem mit den Zeiten das Heidentum erwächst mit all seinem Götzentum, Aberglauben und am Ende mit dem vollen Unglauben.
GEJ|9|129|3|0|Mit der vollen Liebe aber nähert sich der ganze Mensch Gott stets mehr und mehr, wird vertraulich mit Ihm und sehnt sich nach Ihm und wird somit stets erfüllter mit dem Geiste Gottes; denn die stets zunehmende und zutraulicher werdende Liebe zu Gott ist ja eben der wahre und lebendige Geist Gottes im Menschen und der Geist des ewigen Lebens in der Seele. Darum ist denn auch ein Sünder, der sich aus Liebe zu Gott bekehrt, Gott näher und angenehmer denn neunundneunzig sehr gottesfürchtige Menschen, die sich noch nie an einem Gesetze versündigt und somit als Gerechte der Buße niemals bedurft haben.
GEJ|9|129|4|0|Seht euch ein Kind an, das eine zu große Furcht etwa darum vor seinen Eltern hat, weil sie es seiner kindlichen Ungezogenheit wegen ein paarmal abgestraft haben! Solch ein Kind wird dann seinen Eltern wohl gehorchen, aber nicht so sehr aus Liebe als vielmehr aus Furcht vor einer Strafe, die es zu gewärtigen hätte, so es sich wieder einmal gegen der Eltern Willen versündigte. Die Nähe der Eltern wird solch einem Kinde mit der Zeit auch widrig, und es sucht sich aus solch einer für es unangenehmen Lage dadurch zu befreien, daß es das elterliche Haus verläßt und in der weiten Fremde sein Glück und seine Ruhe und Behaglichkeit sucht, – und es kehrt von da unter Furcht und Zittern reuig erst dann zu den Eltern zurück, so es in der Fremde das Gegenteil von dem gefunden hat, was es zu finden wähnte.
GEJ|9|129|5|0|Dieselben Eltern aber haben noch ein Kind, das sie weniger fürchtet, aber dafür stets mehr und mehr liebt, sich aus einigen Zurechtweisungen wenig macht und seine Fehler demnach nicht aus der stets steigenden Furcht vor der Strenge der Eltern, sondern aus der eigenen stets wachsenden Liebe zu ihnen ablegt und ihren Willen tut.
GEJ|9|129|6|0|Was meinet ihr wohl, welches der beiden Kinder der größere Liebling der Eltern sein wird?“
GEJ|9|129|7|0|Sagte der Wortführer: „Offenbar das, welches weniger Furcht vor den Eltern, aber dafür mehr Liebe und kindliches Vertrauen zu ihnen hat!“
GEJ|9|129|8|0|Sagte Ich: „Du hast da gut geurteilt und Mir eine rechte Antwort gebracht; seid aber darum auch ihr gleich dem Kinde, das seine Eltern mehr liebt denn fürchtet, und liebet demnach Gott als den ewigen Vater aller Menschen mehr, als ihr Ihn als irgendeinen unerbittlichen Richter fürchtet, und ihr werdet dann auch vor Meiner Gegenwart bei euch keine solche Furcht und Scheu mehr haben, wie das bis jetzt bei euch der Fall war!
GEJ|9|129|9|0|Glaubet es Mir, daß Gott auch die sehr furchtsamen Kinder liebt; aber mit dem kindlich furchtlosen Zutrauen zu Ihm hat es da oft seine sehr krummen Wege, ohne welches Zutrauen aber eine Seele nie völlig gottähnlich und selbständig frei in Gott selig werden und auf den besagten krummen Wegen auch schwer dahin gelangen kann. Nur eine große Not kann solche Kinder auf den rechten Rückweg ins Haus der Liebe seiner Eltern bringen.
GEJ|9|129|10|0|Weil aber die Kinder durch die von oben kommenden Züchtigungen anstatt gebessert nur verschlimmert werden, so kommen diese auch nur selten und nur dann, wenn alle Liebeversuche an dem blinden Eigensinn der Menschen gescheitert sind; und Gott hat eben darum allzeit eine so große Geduld mit dem Übermute der Menschen, um sie durch ein beständiges Strafen Sich nicht noch mehr zu entfremden, als sie sich selbst von Ihm entfernen.
GEJ|9|129|11|0|Hat aber Gott einmal die Menschen mit der Zuchtrute in Seiner Hand heimsuchen müssen, so trägt Er ihnen dabei in der andern Hand, wennschon etwas verhüllt, auch Sein Herz entgegen, auf daß sie erkennen mögen, daß Gott der Vater auch mit der Zuchtrute in der Hand ihnen dennoch mit aller Liebe entgegenkommt, gleichwie das nun vor euren Augen der Fall ist.
GEJ|9|129|12|0|Ich sage euch aber noch eines hinzu, und das merket euch alle wohl! Wer bei einer Arbeit zu furchtsam ist wegen einer leicht möglichen Begehung eines Fehlers, durch die der Arbeit in bezug auf ihren Zweck ein Nachteil erwachsen kann, der wird auch nicht selten recht grobe Fehler begehen. Wer aber da arbeitet mit Lust und Liebe ohne eine zu ängstliche Furcht vor der möglichen Begehung eines Fehlers, dem wird die Arbeit auch gut vonstatten gehen, und man wird schwerlich an ihr irgendeinen Fehler von einer Bedeutung entdecken; denn die rechte Liebe mit dem lebendigen Vertrauen ist nicht blind, wie das die heidnischen Weltweisen meinen, sondern sie ist um gar vieles schärfer sehend als der schärfste Weltverstand mit seinem zu ängstlichen Gewissen.
GEJ|9|129|13|0|Hat die Liebe auch hie und da einen Fehler begangen, so macht sie ihn durch sich bald und leicht wieder gut; hat aber der Verstand mit seiner Ängstlichkeit einen Fehler begangen, so verliert er alles Vertrauen zu sich und findet oftmals gar lange hin kein Mittel, durch das sich der Fehler völlig wieder gutmachen ließe.
GEJ|9|129|14|0|Ich will euch aber darum nicht sagen, als solle darob ein Mensch seinen Verstand und sein Gewissen völlig auf die Seite stellen, – das sei ferne; aber sich ganz von dem Verstande und von der zu ängstlichen Furcht vor der Begehung eines Fehlers beherrschen zu lassen und an der viel besseren Wirkung der Liebe und ihres Vertrauens ordentlich verzweifeln, ist doch sicher im hohen Grade blind und albern.
GEJ|9|129|15|0|So ihr nun das richtig begriffen habt, so wird euch Meine Gegenwart auch leicht erträglich sein, und ihr werdet in euch nicht mehr den Wunsch haben, aus lauter Furcht und Scheu vor Mir euch sobald als möglich von hier wieder zu entfernen!“
GEJ|9|129|16|0|Auf diese Meine freundliche Belehrung wurden diese Samariter ganz umgestaltet, dankten Mir für diesen Unterricht und wurden sehr zutraulich.
GEJ|9|129|17|0|Und der Hauptredner sagte: „O Herr und Meister aller Dinge und alles Lebens! Es hat uns wohl nur eine große Liebe zu Dir hierher geführt, da wir vernommen haben, daß man hier oder in Nazareth von Deinem irgendwoigen Aufenthalte am ehesten eine sichere Kunde erhalten könnte, und so sind wir denn in gutem Vertrauen hierher gereist. Nun, statt der erwarteten sicheren Kunde, wo Du Dich irgend aufhalten würdest, trafen wir zu unserer größten Überraschung gleich Dich Selbst, und diese Überraschung hat uns denn auch mit einer übergroßen Furcht vor Deiner endlosesten Herrlichkeit erfüllt. Doch diese unsere sicher nicht unbillige und auch nicht ungerechte Furcht hast Du nun auf einmal in eine zutraulichste Liebe umgestaltet, und somit werden wir auch hier verweilen, solange Du hier verweilen wirst, und auch Dir folgen – so Du es willst –, wohin Du nur immer ziehen wirst; denn auch wir möchten ganz Deine Jünger und Austräger Deines lebendigen Wortes werden.“
GEJ|9|129|18|0|Sagte Ich: „Darum habe Ich es auch also gewollt, daß ihr Mich habt müssen suchen gehen; denn Ich kenne euch gar wohl und also auch euren Geist. Doch nun esset und trinket noch, und dann werden wir ein Weiteres besprechen!“
GEJ|9|129|19|0|Damit waren alle zufrieden, aßen und tranken nun ohne Scheu weiter, und Ich begab Mich wieder auf Meinen Platz.
GEJ|9|130|1|1|130. — Gabriels Zeugnis über Maria
GEJ|9|130|1|0|Als Ich Mich nun wieder auf Meinem Platze unter Meinen Jüngern befand, da lobten diese die Samariter und ihren Eifer.
GEJ|9|130|2|0|Auch die Maria, die gleich dem Joseph eine strenge Jüdin war und noch auf den Tempel hielt – wenn auch in Meiner Zeit nicht mehr so viel wie ehedem –, verwunderte sich über den treuen Altjudensinn und über die Stärke des Glaubens der Samariter und sagte am Ende: „So diese den Tempel bewachten und leiteten – was leider nicht ist –, da würde die alte Lade wieder vom Geiste des Herrn zum Heile Jerusalems und aller Juden erfüllt sein, und die Engel würden die Jungfrauen im Tempel speisen mit himmlischer Kost, wie solches noch geschah vor etlichen dreißig Jahren unter dem frommen Simeon und der greisen Anna, die des Tempels Jungfrauen zu versorgen hatte. Aber seit der Neid der Pharisäer den frommen Zacharias im Tempel, als er kam, Gott die Opfer zu weihen mit Gebet und Rauchwerk, erwürgte, zerfiel die alte Lade, und des Herrn Geist entwich. Wohl hat man eine neue Lade angefertigt, aber des Herrn Geist kehrt nimmer in sie zurück; wohl aber wohnt in ihr der Geist der Lüge, des Betrugs, des Neides, der Scheel- und Schmähsucht, der Hoffart und schnöden Herrschsucht.
GEJ|9|130|3|0|Aber bei den Samaritern, die vom Tempel aus mit vielen Tausenden der gräßlichsten Bannflüche belegt sind, wohnt der Geist des Herrn, wie sich das nun deutlich erwiesen hat, und wird sie, solange sie bleiben werden, wie sie nun sind, nicht verlassen. Ich selbst habe mich ehedem mit ihnen nicht zufriedenstellen können, weil sie sich vom Tempel losgemacht haben; aber von nun an will ich sie zu meinen Freunden zählen, und ihr Garizim steht hoch über dem Tempel Salomos.“
GEJ|9|130|4|0|Alle belobten diese Worte Marias, und es kam ein Samariter zu uns herüber und sagte: „Höret, ihr Freunde des Herrn, wer wohl ist dies liebliche Weib, das nun im hohen Geistessinne geweissagt hat?“
GEJ|9|130|5|0|Und der an Marias Seite sich befindende Gabriel sagte: „Dies ist das Weib, von dem es geschrieben steht: ,Siehe, eine Jungfrau wird uns einen Sohn gebären! Des Name wird Immanuel heißen, und in Ihm wird Gott wahrhaftig mit uns sein!‘
GEJ|9|130|6|0|Siehe nun an den Herrn unter uns – Er ist der Immanuel, also der eine und allein wahre Gott mit uns! Und nun weißt du auch, wer dies Weib ist, gehe hin, und sage es auch deinen Freunden!“
GEJ|9|130|7|0|Da verneigte sich der Samariter, ging zu seinen Gefährten und hinterbrachte ihnen das. Und sie erhoben sich alle, kamen zu uns herüber und begrüßten mit salbungsvoller Rede Maria.
GEJ|9|130|8|0|Maria aber sagte zu ihnen: „Ich war und bin nur eine erwählte Magd des Herrn; und daß ich das ward, was ich bin, das war Sein Wille. Darum preiset nicht mich, sondern gebet allzeit Gott allein die Ehre! Was der Sohn des Allerhöchsten, der Eins ist mit Ihm, sagen wird, das tuet!
GEJ|9|130|9|0|Darauf begrüßten sie Maria noch einmal und dankten Mir und dem Kisjona für das gute Mittagsmahl. Nach der Danksagung erst fragten sie Mich, was sie nun tun sollten.
GEJ|9|130|10|0|Und Ich sagte: „Ruhet nun noch eine kurze Zeit gleich uns, dann werdet ihr es schon vernehmen, was bis an den Abend hin zu tun sein wird!“
GEJ|9|130|11|0|Darauf begaben sie sich wieder an ihren Tisch und besprachen sich über manche Stellen aus den Propheten, in denen des Weibes Erwähnung geschieht, das einen Sohn gebären werde, vor dessen Namen und Macht sich alle Knie beugen werden.
GEJ|9|130|12|0|Nach einer Weile unserer Tischruhe erhob Ich Mich und sagte: „Es ist nicht fein, so ein Mensch einen Tag untätig durchfeiert; darum wollen nun auch wir unsere Ruhe bis zum Abend hin in eine rechte Tätigkeit umgestalten!
GEJ|9|130|13|0|Seht, unseres Freundes Kisjona Fischbehälter sind nun stark gelichtet worden, und so wollen wir uns ans Fischen machen und seine Behälter alle mit den Fischen füllen! Wir wollen uns alle an dieser Arbeit beteiligen!“
GEJ|9|131|1|1|131. — Der reiche Fischfang
GEJ|9|131|1|0|Dem Kisjona war dieser Antrag sehr angenehm, da er wirklich schon einen Mangel, besonders an den edlen Fischen, hatte.
GEJ|9|131|2|0|Aber etliche seiner anwesenden Diener und Knechte sagten: „Es wird sich heute am Tage mit dem Fischen schlecht machen; denn erstens sind die meisten noch im brauchbaren Zustande sich befindenden Fischerbarken und Boote schon vor drei Tagen der Fische wegen irgendwohin übers Meer hinausgefahren, haben beinahe alle zum Fischfange notwendigen Geräte mitgenommen und sind bis zur Stunde noch nicht zurückgekehrt, was wohl begreiflich ist, da es in dieser Zeit stets schlecht zu fischen ist, und zweitens geht nun das Meer stark, und die Fische versenken sich da in die Tiefe und meiden die seichten Uferstellen. Woher werden wir nun brauchbare Schiffe nehmen, mit denen wir uns auf des stark wogenden Wassers Höhe hinauswagen könnten?“
GEJ|9|131|3|0|Sagte Ich: „Was Ich euch sage, das tuet, und wir werden keine vergebliche Arbeit unternommen haben!“
GEJ|9|131|4|0|Auf das erhoben sich alle, auch die Samariter, und wir begaben uns hinaus ans nahe Ufer des Meeres.
GEJ|9|131|5|0|Als wir uns am Ufer befanden, an das starke Wellen schlugen, da sagte zu Mir Kisjona und auch Philopold: „Herr und Meister! Meine Knechte haben in natürlicher Hinsicht doch eine ganz wahre Bemerkung gemacht, – ohne gute Schiffe und ohne taugliche und starke Netze wird sich da auf eine natürliche Weise nichts machen lassen. Dir, o Herr, ist freilich wohl nichts unmöglich, aber uns Menschen ist mit vieler Mühe nur dann etwas zu bewirken möglich, wenn die Gelegenheit und die Umstände dazu günstig und vorhanden sind.“
GEJ|9|131|6|0|Sagte Ich: „Eben darum habe Ich euch bei den zum Fischen ungünstigsten Umständen herausgeführt, um euch die Macht des lebendigen Glaubens zu zeigen. Nehmet die alten Netze, die dort an den Uferzäunen hängen, und besteiget die zwei alten Boote, die sich hier am Ufer befinden, werfet die Netze ins Wasser, und seid gläubig, und wir werden in kurzer Zeit der besten Fische in großer Menge bekommen!“
GEJ|9|131|7|0|Es waren aber die alten Boote bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt, und die Knechte und auch Meine Jünger machten sich ans Ausschöpfen des eingedrungenen Wassers und verstopften mit Lappen einige lecke Stellen, damit die Boote zur Not brauchbar wurden; die Samariter aber machten sich in der Eile über die schadhaften Netze her und besserten sie, so gut es möglich war, aus, und es war auf diese Art zur Not ein Fischgerät hergestellt. Ein Teil der Knechte aber schaffte eine rechte Anzahl von Lägeln [kleines Faß oder Gefäß mit ovalen Boden] herbei, in die die gefangenen Fische hineinzulegen und dann darin in die großen Behälter zu überbringen waren.
GEJ|9|131|8|0|Als sich so alles in der nötigen Ordnung befand, da bestiegen etliche Meiner Jünger mit den Knechten die sonst ziemlich geräumigen Boote, stießen sie ein wenig vom Ufer und senkten das zwischen den beiden Fahrzeugen ausgebreitete Netz ins Wasser, das schon nach wenigen Augenblicken mit den edelsten Fischen derart angefüllt war, daß die Knechte darob erschraken; denn sie konnten das Netz vor lauter Schwere nicht ans Ufer bringen und fingen an, um Hilfe zu rufen. Da stiegen die Samariter ins Wasser, das an der Stelle, wo die Boote standen, kaum etwas über einen halben Mann Tiefe hatte, und halfen den Jüngern und den Knechten, die Fische ans Ufer zu schaffen. Bei hundert Menschen hatten über eine Stunde zu tun, bis alle Fische in die für sie bestimmten Behälter geschafft wurden.
GEJ|9|131|9|0|Als die Fische untergebracht waren, da sagte Ich zu Kisjona, der sich samt Philopold über diesen so überreichen Fang nicht genug verwundern konnte: „Willst du noch einmal das alte Netz mit Fischen aller Art und Gattung, die in dieses Sees Wasser leben, gefüllt haben, so laß das Netz, wie dies erstemal, ins Wasser senken, denn es ist nun die beste Zeit zu fischen! Denn so die Sonne sich dem Untergange zu nahen anfängt, da nahen sich die Fische den Ufern in dieser Zeit und in dieses Sees Wasser.“
GEJ|9|131|10|0|Sagte Kisjona: „O Herr und Meister, ich bin schon mit dem einen Zuge mehr als überaus zufrieden; aber so Du es willst und mit Deiner Gnade den Menschen die Arbeit nicht zu beschwerlich wird, so kann das Netz ja schon noch einmal ausgeworfen werden!“
GEJ|9|131|11|0|Sagten die Knechte, die Jünger und auch die Samariter zu Kisjona: „O du lieber Freund, nicht nur einmal, sondern noch mehrere Male, so es dem Herrn und dir genehm ist, wollen wir das Netz ins Wasser legen; denn mit solchem Gewinn ist die Arbeit wohl der kleinen Mühe wert!“
GEJ|9|131|12|0|Sagte Ich: „Nun denn, so tuet noch einmal, was ihr schon getan habt! So ihr aber werdet den Zug gemacht haben, da sondert die Gattungen also, daß ihr die Raubfische, die ihr diesmal auch ins Netz bekommen werdet, von den edlen Fischen sondert und sie dann in einen eigenen Behälter leget; denn die Raubfische sind ein Schaden der Edelfische, gleichwie die Wölfe ein Schaden sind den Schafen!“
GEJ|9|131|13|0|Sagte Kisjona: „Herr, ich danke Dir für diesen Rat! Bisher hatten meine Knechte und Fischer da keine Sonderung vorgenommen und sagten: ,Was im Meere beisammen lebt, das kann auch im Behälter beisammen leben!‘ Ich habe mich aber davon schon mehrere Male selbst überzeugt, daß die Raubfische mit den sanfteren Edelfischen sich schlecht vertragen, aber meine Leute wollten mir das nicht gelten lassen; da sie es nun aber aus Deinem Munde vernommen haben, so werden sie in der Folge auch das Klügere tun, zu ihrem und zu meinem Nutzen!“
GEJ|9|131|14|0|Sagten alle: „Ja, was der Herr sagt, das wollen wir auch tun; denn nur Er allein kennt und weiß alles aus dem Fundamente!“
GEJ|9|131|15|0|Auf das bestiegen die Jünger und die Knechte abermals die beiden Boote und warfen, wie zuvor, das Netz ins Wasser. In wenigen Augenblicken war es wieder, doch mit verschiedenen Gattungen der Fische, so überfüllt, daß abermals unsere Samariter ins Wasser steigen und das überfüllte Netz den Fischern ans Ufer fördern helfen mußten.
GEJ|9|131|16|0|Als das Netz wieder ans Ufer gebracht ward, da ging es ans Ausheben und Sondern der Fische, deren größerer Teil nun aus Raubfischen bestand, und es wurde ein großer Behälter mit ihnen gefüllt; aber auch die verschiedenen Edelfischgattungen wurden gesondert und jede Gattung in einen eigenen Behälter gebracht.
GEJ|9|131|17|0|Darauf ward das Netz wieder aus dem Wasser genommen und zum Trocknen an den Zaun gehängt, und die beiden Boote wurden am Ufer befestigt. Die Sonne hatte bei dieser Gelegenheit unserer Fischerei den Horizont erreicht, und Kisjona meinte, daß man nun etwa wieder ins Haus sich begeben könnte, da es in dieser Herbstzeit am Wasser infolge der starkwehenden Winde nach dem Untergange der Sonne oft ganz empfindlich kühl werde.
GEJ|9|131|18|0|Sagte Ich: „Freund, sorge du dich darum nicht; denn auch die Wärme und Kühle liegen, wie alles, in Meiner Hand! Wir wollen hier die Rückkunft deiner Schiffe abwarten und sehen, welchen Gewinn sie dir bringen werden.“
GEJ|9|131|19|0|Sagte Kisjona: „Herr und Meister, da erwarte ich wenig; denn am Vorsabbat fuhren sie in der Richtung gen Jesaira ab. Da werden sie wenig gearbeitet haben. Gestern war Sabbat, also ein voller Ruhetag; heute ist der Nachsabbat, auch ein Tag, an dem nicht viel gearbeitet wird. Es müßte daher ein Wunder geschehen sein, so mir meine vierzehn Schiffe irgendeinen Gewinn brächten; zudem sehe ich noch von keiner Seite her ein mir bekanntes Schiff auf dieses Ufer zusteuern.“
GEJ|9|131|20|0|Sagte Ich: „Freund, du denkst zwar ganz folgerichtig; aber es ist dein Denken von Zeit zu Zeit noch stärker denn dein Glaube! Siehe dahin, wo während unseres Fischens die drei Engel sich befanden in der Gesellschaft der Gebärerin Meines Leibes. Siehe, sie wurden unsichtbar mit dem vollen Untergange der Sonne und halfen deine Schiffe mit allerlei guten Fischen füllen. Und ehe du dich sieben Male umsehen wirst, werden deine vierzehn Schiffe sichtbar werden! Ein jedes Schiff wird hundert Fische überbringen.“
GEJ|9|131|21|0|Als Ich dem Kisjona dieses sagte, da kamen in der ersten Dämmerung die Schiffe auch in Sicht, und es dauerte kaum eine halbe Stunde Zeit, so waren die Schiffe auch schon am Ufer.
GEJ|9|131|22|0|Und der Hauptschiffmeister trat sogleich aus dem Schiffe, begrüßte uns und ward über alle die Maßen froh, als er auch Mich in der Gesellschaft ersah; denn er kannte Mich von früher her, und sagte: „Ja, nun ist mir alles klar geworden! Als wir vorgestern die Buchten über Jesaira hinaus als stets die fischreichsten durchsuchten, fanden wir auch nicht einen Fisch, denn ein heftiger Südwind trieb sie in die Tiefe. Kurz, wir haben bis in die späte Nacht mit Hilfe der Fackeln gearbeitet, aber es war alles eine völlig vergebliche Mühe. Gestern war Sabbat, da durften wir nicht arbeiten; aber heute waren wir schon mit dem frühesten Morgen bei der Arbeit und fischten ununterbrochen bei neun Stunden lang, aber auch ganz ohne Erfolg. Als ich sah, daß alle unsere Arbeit und Mühe eine vergebliche war, da gab ich das Zeichen zur Heimfahrt.
GEJ|9|131|23|0|Als wir uns aber auf mein gegebenes Zeichen zur Heimfahrt anzuschicken begannen, da kamen drei herrliche Jünglinge ans Ufer und verlangten von mir, daß ich sie in mein Schiff aufnehme. Ich nahm sie denn auch ohne den geringsten Anstand auf. Als ich sie befragte, wohin sie fahren möchten, da sagten sie: ,Wir sind nicht gekommen, um mit dir irgendwohin über diesen See zu fahren, sondern um euch fischen zu helfen; denn ihr habt nahezu zwei Tage lang gefischt und habt keinen Fang gemacht. Senket daher noch einmal eure Netze ins Wasser, und ihr werdet einen guten Fang machen!‘ Wir taten das, die Arbeit ging gut vonstatten, und in wenigen Augenblicken waren unsere Netze mit den schönsten Fischen aller Art gefüllt!
GEJ|9|131|24|0|Aber wie nun so viele Fische in kurzer Zeit in die Lägel schaffen? Die drei Jungen halfen uns, und ehe wir uns versahen, waren alle Fische in die Lägel gebracht. Darauf aber verschwanden die drei plötzlich, und es kam ein starker Wind und schob unsere Schiffe in der Richtung nach hierher.
GEJ|9|131|25|0|Als ich dies mir wohlbekannte Ufer ersah und auch schon ausnehmen konnte, daß sich eine ziemliche Menge Menschen am selben befanden, da sagte ich zu meinen Schiffern: ,Es muß der große Heiland aus Nazareth sich in Kis befinden, denn die drei Jungen, die uns auf eine so wundersame Art zu den Fischen verhalfen, waren offenbar drei mächtige Geister, die stets zu Seinen Diensten bereit sind. Der große Heiland und Meister aber hat unsern Herrn lieb und wirkte durch Seine dienstbaren Geister ein Zeichen auf seinen Schiffen zu seinem Nutzen!‘
GEJ|9|131|26|0|Als ich nun ans Ufer trat, da ersah ich bald, daß meine Mutmaßung zur Wahrheit geworden ist. Und nun erst danke ich Dir, o Du großer Sohn Gottes und Meister aller Meister, für die uns erwiesene unschätzbare Wohltat. Dir sei unsere und alle Ehre Gott in der Höhe der Höhen!
GEJ|9|131|27|0|Aber nun heißt es, dieweil es noch ziemlich hell ist, die Fische versorgen!“
GEJ|9|131|28|0|Sagte Ich: „Tuet das, bringet sie in die Behälter nach der Gattung und Art: Die etlichen Raubfische lasset nicht unter den Edelfischen, sondern gebet sie in den Behälter, der für sie hergerichtet ist! Dann möget ihr euch zur Ruhe begeben!“
GEJ|9|131|29|0|Als darauf die Diener die Lägel mit den Fischen aus den Schiffen gehoben hatten, da besah sie Kisjona, und er erstaunte überaus über die Anzahl und über die edle Art der Fische, darunter keiner unter fünf Pfund wog.
GEJ|9|131|30|0|Darauf sagte Ich: „Da wir auch diesen Tag zu Nutz und Frommen der Menschen wohl zugebracht haben, so begeben wir uns auch wieder ins Haus, und du, Freund Kisjona, laß uns ein mäßiges Abendmahl bereiten!“
GEJ|9|131|31|0|Darauf begaben wir uns denn auch alsbald ins Haus, und es ward viel über die Begebenheiten des Tages gesprochen.
GEJ|9|132|1|1|132. — Der Herr gibt Missionswinke
GEJ|9|132|1|0|Ich aber redete noch über so manches mit den vier Indojuden, gab ihnen Weisungen, wie sie das, was sie bei Mir gesehen und gehört hatten, auch ihren Landesgefährten fruchtbringend zur Erlangung des ewigen Lebens der Seele mitteilen sollen. Dann legte Ich den beiden Männern die Hände auf und erteilte ihnen die Kraft, in Meinem Namen mittels der Auflegung der Hände die Kranken zu heilen und die Besessenen von den bösen Geistern zu befreien. Die vier dankten mir mit aller Inbrunst für diese Gnade und lobten Meine Güte.
GEJ|9|132|2|0|Es baten Mich aber auch die sieben Templer, daß Ich auch ihnen eine solche Gnade erteilen möchte, auf daß sie im Lande Hams mit Meiner Hilfe die Menschen leichter zur Erkenntnis des einen, allein wahren Gottes und zum Glauben an Mich und Mein Wort fördern könnten.
GEJ|9|132|3|0|Und Ich sagte: „Für euch hat es damit noch Zeit; diese vier aber reisen schon morgen frühest von hier ab, und so erteilte Ich ihnen die Kraft, Kranke zu heilen, denn auch schon heute abend. Zudem sind sie auch schon länger um Mich denn ihr und sind in allem wohl unterrichtet worden, daß sie nun genau wissen, was sie zu tun haben werden, und ihre Seelen sind rein und ohne Sünde, und die ihnen erteilte Kraft bleibt in ihnen; eure Seelen aber sind noch mit so gar manchen Schwächen behaftet, deren ihr durch die wahre Selbstverleugnung erst los werden müsset, ansonst die von Mir euch erteilte Kraft nicht in euch verbleiben würde, – denn ein Gefäß, in dem Meine Gnade verbleiben soll, muß haltbar, fest, gut und rein sein. Ihr aber werdet dazu schon noch in Bälde gelangen, so es in euch und für euch auch an der rechten Zeit sein wird!“
GEJ|9|132|4|0|Mit dem begnügten sich die sieben und dankten Mir für diese Belehrung und Verheißung. Darauf begaben sie sich auf ihre Plätze und nahmen etwas Brot und Wein zu sich. Es kamen aber nun auch die Samariter zu Mir und fragten Mich, ob es geraten wäre, in dieser höchst abergläubischen Zeit den Menschen neben dem Evangelium für Seele und Geist auch das von dem Jünglinge vernommene und wohlbegriffene Evangelium über alle die Dinge und Erscheinungen in der großen Naturwelt ihren Brüdern zu predigen und ihnen ein rechtes Licht zu geben über alle Torheiten, in die sich die Menschen von Zeit zu Zeit immer mehr und mehr versetzt hätten, und zwar namentlich durch das selbst- und habsüchtige Priestertum, das das blinde Volk durch allerlei neu erfundene Trugkünste und durch leere phantastische Reden und Lehren von aller Wahrheit wohl abzubringen verstanden habe.
GEJ|9|132|5|0|Sagte Ich: „Meine lieben Freunde, so ihr in Meinem Namen die Menschen zu lehren und zu bilden anfanget, da saget zuerst: ,Der wahre Friede sei mit euch! Denn das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen!‘
GEJ|9|132|6|0|Dann lehret sie, worin das Reich Gottes besteht, und was ein Mensch zu tun hat, um des Reiches Gottes teilhaftig zu werden schon diesseits und um so mehr jenseits, was ihr alles wohl innehabt, da erstens Ich Selbst und dann auch mehrere von Mir ausgesandte Jünger bei euch Meine Lehre mit klaren Worten schon verkündet haben.
GEJ|9|132|7|0|Habt ihr auf diese Weise die Herzen und Seelen der Menschen geläutert und gereinigt, dann möget ihr ihnen auch die Dinge in der Naturwelt erklären, um ihren Verstand auf den Stand der Urwahrheit zurückzuführen und ihr Gemüt von allem Aberglauben zu reinigen. Denn es ist das um so notwendiger, weil ein Mensch, der die von Gott geschaffenen Werke irrwähnig erkennt, auch Gott niemals richtig erkennen kann, also auch nicht sich selbst und ebensowenig seinen Nächsten.
GEJ|9|132|8|0|Wo es aber an dieser Erkenntnis gebricht, da wird es dann auch an der verlangten wahren Liebe zu Gott und desgleichen an der Liebe zum Nächsten gebrechen. Denn wer da seinen Nächsten nicht liebt, den er doch als ein Wesen seinesgleichen sieht, wie wird der Gott lieben, den er mit den Augen seines Leibes nicht sehen kann?
GEJ|9|132|9|0|Gott kann der Mensch also nur auf dem reinen und wahrheitsvollen Wege der Erkenntnis der geschaffenen Dinge und Seiner liebevollen und weisesten Ordnung in ihnen mit den Augen seines Geistes schauen und dann aber auch über alles lieben; und wer Gott über alles liebt, der erkennt aus solcher Liebe auch sich und seinen Nächsten und wird in ihm ebenso das Ebenmaß Gottes lieben und achten wie in sich selbst.
GEJ|9|132|10|0|Das aber ist eine richtige und wahre Annahme von euch, daß man sorglichst dahin arbeiten solle, daß am Ende aller Aberglaube von den Menschen weiche; denn solange noch irgendein Fünklein Wahnglauben das menschliche Gemüt belastet, ist der Mensch nicht frei und kann aus diesem Fünklein in viele und grobe Irrtümer verfallen. Darum kann nur die vollends reinste Wahrheit den Menschen auch vollends frei und also auch hier und jenseits vollkommen glücklich und selig machen.
GEJ|9|132|11|0|Das Reich Gottes aber, das in Mir in diese Welt gekommen ist, ist eben also die reinste und vollkommenste Wahrheit, wie auch Ich der Weg, die Wahrheit und das Leben Selbst bin, wovon Ich euch doch sicher schon allorts die genügendsten Beweise gegeben habe, und was nun auch schon gar viele Tausende von Menschen, Juden und Heiden, aus allen Weltgegenden wissen und auch fest daran glauben.
GEJ|9|132|12|0|Das merket euch aber auch, daß es stets ein leichteres ist, dem Menschen von irgendeiner Sache eine Kunde im Bereich seines Wissens zu verschaffen denn sein Gemüt zu einem festen und zweifellosen Glauben zu bewegen! Darum sollet ihr auch auf die Gründung des lebendigen Glaubens ein viel größeres Augenmerk haben denn auf ein pures Wissen; denn im Wissen allein ist das Leben nicht, wohl aber im reinen und durch die Werke der Liebe lebendigen Glauben.
GEJ|9|132|13|0|Das noch so reine Wissen ist ein Ablicht der Dinge und ihrer Ordnung aus dieser Welt, die also, wie sie nun ist, vergänglich ist wie alle Dinge in, auf und über ihr; aber die Dinge des Glaubens sind ein wahres Licht aus den Himmeln, sind ein lebendiges Angehör des Gemüts, der Seele und ihres Geistes, sind unsterblich und unvergänglich.
GEJ|9|132|14|0|Ich sage es euch allen: Dieser für euch sichtbare Himmel, bestehend aus Mond, Sonne und all den Sternen, wird dereinst auch vergehen; aber Meine Worte und der an sie glaubt, werden nicht vergehen, sondern ewig bestehen!
GEJ|9|132|15|0|Ich will aber damit nicht sagen, als solltet ihr des lebendigen Glaubens wegen bei den Menschen das, was man reine Wissenschaft nennt, unbeachtet lassen; denn der Mensch kann an etwas nicht eher glauben, als bis er vom selben eine Kunde oder Wissenschaft erhalten hat. Hat der Mensch einmal von einer guten und wahren Sache auch eine reine und verläßlich wahre Kunde und wohldurchprüfte Wissenschaft erhalten, so soll er sich dann nicht mit der puren Wissenschaft begnügen, sondern sie in den lebendigen Glauben aufnehmen und nach ihren Grundsätzen handeln; tut er das, so wird ihm die reine Wissenschaft auch den wahren, lebendigen und unvergänglichen Nutzen bereiten. Darum werdet ihr, die ihr nun Meine Worte mit aller Aufmerksamkeit anhöret, auch erst dann in der Fülle erkennen, daß sie Gottes Worte sind, so ihr vollends danach leben und handeln werdet.
GEJ|9|132|16|0|Ich kenne die Samariter wohl, und Mir sind ihre mannigfachen Vorzüge nicht unbekannt, aber es gibt unter ihnen auch gar manche Irrtümer, in denen sie oft hartnäckiger verharren denn die Heiden bei den ihrigen; darum werdet ihr um Meines Namens und um Meiner Lehre willen auch manchen harten Kampf zu bestehen bekommen. Denn der Menschen Weltverstand begreift die inneren Dinge des Geistes und der lebendigen Wahrheit nicht und hält die für Narren, die ihm davon Kunde bringen, und verfolgt sie denn auch, wo er das nur immer kann. Aber ihr sollet euch nichts daraus machen und die Wahrheit also lehren, wie sie euch von Mir ins Herz und in den Mund gelegt wird, so werdet ihr am Ende für Mein Reich viele und gute Früchte sammeln, und euer Lohn wird dereinst in Meinem Reiche kein kleiner sein!
GEJ|9|132|17|0|Höret ihr selbst aber nicht auf die Drohungen und finsteren Worte eurer Rabbis, die sich auf ihre verborgene Weisheit, an der wenig Vollwahres hängt, überaus viel einbilden, sondern haltet an dem fest, was ihr von Mir vernommen habt, und ihr werdet so manchen Rabbi zu Mir wenden!
GEJ|9|132|18|0|So ihr euch aber nur in irgend etwas von ihnen werdet einschüchtern lassen, da werdet ihr mit eurem besten Willen wenig erheblich Gutes stiften. Mit dem habe Ich euch nun auch alles gesagt, was ihr in Meinem Namen zu tun habt, um Mein Reich auch unter euch segensvoll auszubreiten.
GEJ|9|132|19|0|Ihr werdet aber von der Welt bald so manche Dinge vernehmen. Es wird der Hirte geschlagen werden, und die Schafe werden sich aus Furcht zerstreuen. Dann aber ärgert euch ja nicht an Mir, und werdet nicht kleinmütig und wankenden Glaubens; denn so Ich auch diese Welt leiblich verlassen werde, da werde Ich im Geiste aber dennoch bei den Meinen verbleiben bis ans Ende der Welt und werde Mich denen, die Mich lieben und Meine Gebote halten werden, allzeit treulich Selbst offenbaren.
GEJ|9|132|20|0|Ich werde euch nicht als Waisen in dieser Welt lassen, sondern wo sich auch nur zwei oder drei irgend in Meinem Namen versammeln werden, da werde Ich auch mitten unter ihnen sein; und um was ihr dann den Vater, der in Mir ist, wie Ich auch in Ihm, in Meinem Namen bitten werdet, das wird euch auch gegeben werden.
GEJ|9|132|21|0|Und so denn werde nicht traurig und ängstlich euer Gemüt, so ihr hören werdet, daß Ich als der Herr Selbst Mich von der Welt habe demütigen lassen und auf dem schmalsten und dornigsten Wege aus dieser Welt in Meine Himmel übergegangen bin; denn seht, es muß das ja alles also geschehen, auf daß der argen Welt Maß voll werde und das Gericht, das ihr geweissagt ist, über sie komme.
GEJ|9|132|22|0|Ich aber sage euch nun auch das darum zum voraus, auf daß ihr, wenn ihr davon Kunde erhalten werdet, euch darob nicht entsetzet oder gar über Mich ärgert. Denn so ihr wahrhaft Meine Jünger und Ausbreiter Meines Reiches auf Erden sein wollet, da müsset ihr auch in allem fest und niemals wankend werden.“
GEJ|9|133|1|1|133. — Der Herr entläßt die Indojuden in ihre Heimat
GEJ|9|133|1|0|Als Ich diese Rede an die Samariter beendet hatte, da ward auch das Abendmahl, schon bereitet, in den Schüsseln auf die Tische gesetzt. Da setzten sich die sieben Templer an einen Tisch, der für sie bereitet war, und die Samariter an den in dem einen Winkel des Saales für sie gedeckten, und wir alle nahmen darauf das zumeist in bestens bereiteten Fischen bestehende Mahl zu uns und tranken den Wein.
GEJ|9|133|2|0|Als nach einer Stunde das Mahl verzehrt war und der Wein die Zungen wieder regsamer machte, da kamen auch ein paar Samariter zu Mir und statteten Mir erst mit lauter und gewählter Rede im Namen aller den Dank für die ihnen erteilte Lehre ab. Und der eine fragte Mich darauf, ob sie als Meine Jünger im Notfall in Meinem Namen auch würden etwelche Zeichen wirken können.
GEJ|9|133|3|0|Und Ich sagte zu ihnen: „Das wird erstens von der Stärke eures Glaubens abhängen, und als ein zweites habe Ich euch ja ohnehin schon mehr als handgreiflich klar die vollwahrste Versicherung gegeben, daß euch alles gegeben wird, um was ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet. Was soll Ich euch nun noch für eine andere Versicherung geben?“
GEJ|9|133|4|0|Als die beiden das vernahmen, verneigten sie sich vor Mir und gingen wieder zu ihren Gefährten.
GEJ|9|133|5|0|Bald auf diese Verhandlung, nach der nichts von irgendeiner Bedeutung vorgefallen ist, begaben wir uns zur Ruhe und schliefen bis zum Morgen, diesmal auf guten Ruhebetten.
GEJ|9|133|6|0|Von da an blieb Ich noch sieben Tage in Kis samt Meinen Jüngern. Auch die sieben Pharisäer samt ihren Dienern blieben, und neben ihnen auch die Samariter, und sie wurden von Meinen Jüngern in Meiner Lehre vollkommen unterrichtet; nur die vier Indojuden zogen am frühen Morgen auf einem andern Wege, der um vieles näher war, wieder in ihr Land.
GEJ|9|133|7|0|Auf daß sie aber den Weg nicht verfehlen konnten, so erweckte Ich des Mägdleins weit vorgediehene innere Sehe und sagte, daß sie den dreien zum Führer dienen solle, womit sie auch völlig einverstanden waren, und sie reisten nach eingenommenem Morgenmahle noch vor dem Aufgange der Sonne ab, nachdem sie Mir zuvor für die Lehre und für die erteilte Gnade allerwärmst gedankt hatten und von Kisjona und auch von den sieben Templern, die sehr goldreich waren, reichlich beschenkt worden waren.
GEJ|9|133|8|0|Was aber Ich dann die sieben Tage hindurch in Kis machte, will Ich nur ganz kurz berühren, auf daß in der Erzählung über Mein Tun auf Erden keine Lücke werde.
GEJ|9|133|9|0|Sechs Tage brachte Ich mit Kisjona und Philopold abwechselnd bald in Kane in Samaria (ein Grenzort) und bald in Kis zu, bei welcher Gelegenheit Ich auch die Menschen, die zu uns kamen, belehrte und mehrere Kranke heilte und Mich mit den beiden Begleitern auch über gar manche natürlichen Dinge, sie belehrend, besprach.
GEJ|9|133|10|0|Am siebenten Tage aber stärkte Ich zuerst die sieben Pharisäer samt ihren Dienern, deren ein jeder Pharisäer sieben hatte, und entsandte sie nach Oberägypten über Tyrus, wo sie sich in Meinem Namen bei Cyrenius zu melden hatten, der ihnen einen Geleitbrief gab und ihnen eine Reisegelegenheit zu Wasser nach Ägypten verschaffte.
GEJ|9|133|11|0|Nachdem die Pharisäer also leicht abgefertigt waren, wandte Ich Mich zu den Samaritern, deren Zahl dreißig betrug, stärkte sie und entsandte sie in ihr Land, auf daß sie allen noch Blinden und Tauben die Augen und die Ohren öffnen sollten. Und sie zogen darauf ab.
GEJ|9|133|12|0|Als Ich Mich gen Mittag hin zur Weiterreise anzuschicken begann, da baten Mich Kisjona, unser Philopold und auch die Maria, daß Ich noch bis zum nächsten Morgen verweilen möchte.
GEJ|9|133|13|0|Und Ich sagte: „Der Liebe soll man niemals widerstreben; und so werde Ich zwar nicht bis morgen bei euch verweilen – da Ich vor allem den Willen Dessen, der Mich in diese Welt gesandt hat, erfüllen muß –, aber über den Mittag hin will Ich denn doch noch bei euch verharren, und so denn kannst du, Freund Kisjona, uns noch ein Mittagsmahl bereiten lassen!“
GEJ|9|133|14|0|Das tat Kisjona wohl mit dem größten Vergnügen von der Welt.
GEJ|9|133|15|0|Wir aber setzten uns an den Tisch, nahmen Brot und Wein und stärkten uns.
GEJ|9|134|1|1|134. — Der Herr erzählt Seine Versuchung in der Wüste (Matth.4,1-11)
GEJ|9|134|1|0|Hier fragt Mich der weise Philopold, sagend: „Herr und Meister voll Liebe und Weisheit und Kraft! Wir haben aus Deinem wahrhaftigst göttlichen Munde so vieles von Deinem Wirken vernommen, aber vom ersten Wirken, als Du das irdische Elternhaus verlassen hast, wissen wir gar nichts. Ich habe mich mit Maria, Deines Leibes Mutter, und ebenso mit Joel und auch mit Deinen andern irdischen Leibesbrüdern über Deine ganze Jugendzeit getreulichst besprochen, und was ich vernommen hatte, von Deiner wundersamen Darniederkunft ins Fleisch der Maria angefangen bis zu Deinem dreißigsten Erdenlebensjahre, habe ich getreust ohne allen Zusatz und ohne eine Weglassung in ein Gedenkbuch zusammengeschrieben in griechischer Zunge und Schrift.
GEJ|9|134|2|0|Und so habe ich auch in freilich lauter Bruchsätzen als Nachtrag alles, was ich einmal hier selbst an Deiner Seite erfahren, und was ich von verläßlichen Augen- und Ohrenzeugen auch von vielen anderen Seiten und Orten her erfahren habe, in ein eigenes Buch niedergeschrieben. Aber von Deinem dreißigsten Jahre und vom Tage Deines Abganges aus Nazareth an bis über beinahe drei Monde Zeit hinaus konnte ich von niemand etwas erfahren, wo Du Dich in jener ganz ersten Zeit aufgehalten und was Du gewirkt hast.
GEJ|9|134|3|0|Von jenem Momente an, wo Du von Johannes Dich im Flusse Jordan hast mit Wasser taufen lassen, weiß ich wohl so manches, wie auch von der Berufung Deiner ersten Jünger; aber, wie gesagt, von der vorerwähnten allerersten Zeit konnte ich über Deinen Aufenthalt und über Dein Wirken trotz aller Meiner Bemühungen nicht eine Silbe in Meine Erfahrung bekommen.
GEJ|9|134|4|0|Mir als stillem Aufzeichner Deines gesamten Erdenlebens und Wirkens liegt aber höchst viel daran, daß mir auch aus jener Deiner ersten Lehramtszeit, von der auch Deine alten Jünger nichts zu sagen wissen, über Dein Sein und Wirken etwas bekanntgegeben würde; und das ist wohl niemand anderm möglich denn nur Dir, o Herr und Meister, allein. So es Dir genehm wäre, mir davon so manches zu eröffnen, so wäre mir das eine große und überaus schätzbare Gnade von Dir!“
GEJ|9|134|5|0|Sagte Ich: „Ich kenne deinen guten Eifer um Mich und lobe dich als einen rechten Freund Meines Herzens; doch von jener ersten Zeit, in der Ich vom Geiste des Vaters in Mir in eine Wüste am Jordan geführt worden bin, vierzig Tage hindurch fastete und Mich nur zur Not mit Wurzeln und wildem Honig ernährte, und, als es Mich nach vierzig Tagen solchen Fastens im Leibe sehr zu hungern begann, darum von einem bösen Geiste, einem Teufel ersten Ranges, dreimal versucht worden bin, rede Ich wahrlich nicht gerne näher, als Ich nun schon geredet habe. Und so die Menschen darüber auch Näheres wüßten, so gereichte ihnen solch eine Wissenschaft zu ihrem Seelenheile nicht um ein Haarbreit mehr, als so sie davon auch nichts Näheres wissen.“
GEJ|9|134|6|0|Sagte Philopold: „Aber, o Herr und Meister, wie mochtest Du Dich von einem Erzteufel versuchen lassen, und wie konnte er sich je Dir nur im geringsten nahen? Denn zwischen Dich und einen Teufel ist ja durch Deine Weisheit und Macht eine solche Kluft gestellt, über die kein böser Geist ewig je sollte gelangen können? Wer war denn dieser überkecke böse Geist? O Herr und Meister, weil Du mir nun schon so viel gesagt hast, so sage mir noch etwas mehr und etwas Näheres darüber!“
GEJ|9|134|7|0|Sagte Ich: „Es gibt zwar keine urgeschaffenen Erzteufel in der Art, wie ihr euch dieselben vorstellet, – aber dennoch ist alles der Materiewelt in seinem Urelement ebensoviel wie ein urgeschaffener Erzteufel, und es ist darum eines, ob man da sagt, man werde von der Welt oder von den materiellen Gelüsten des Fleisches versucht, oder man werde von dem und jenem Erzteufel versucht; und wer sich von der Welt und seinem Fleische zu sehr gefangennehmen läßt, dessen Seele ist dann auch ein persönlicher Teufel und lebt im steten Vereine mit den argen, noch ungegorenen Materiegeistern nach dem Tode des Leibes fort, und ihr Streben ist fortan gleich wie ihre Liebe ein böses, und sie sucht denn auch fortan ihre arge Liebe zu befriedigen.
GEJ|9|134|8|0|Diese Art Teufel können freilich wohl über die unermeßliche Kluft zwischen Mir und sich nicht kommen; aber da Ich nun Selbst in diese Welt, die in sich voll Gericht und somit auch voller Teufel ist, gekommen bin, so habe Ich auf eine Zeitlang aus der tiefsten Tiefe Meiner Erbarmungen durch die Annahme des Fleisches eine Brücke über die vorbenannte Kluft erbaut, ohne welche Brücke kein Mensch dieser Erde je zur wahren und vollen Seligkeit gelangen könnte, und es versteht sich von selbst, daß sich auf dieser Brücke Mir ein Teufel gleich wie ein Mensch, wenn er auch noch so böse ist, nahen und in seiner gänzlichen Blindheit Mich auch versuchen und auch auf das grimmigste verfolgen kann, wennschon ohne Wirkung gegen Meine Macht, sondern nur zur steten Vermehrung seines eigenen Verderbens. Das wirst du wohl einsehen?
GEJ|9|134|9|0|Und siehe, Freund, also war es denn auch in jener von dir angeregten Zeit einem Teufel möglich, Mich zu versuchen!
GEJ|9|134|10|0|Damit du aber ein Näheres noch über diesen dir freilich wohl etwas sonderbar klingenden Akt in deine Erfahrung bringst, so will Ich dir denn auch noch in Kürze die Art und Weise der Versuchung anzeigen, – und so höre denn!
GEJ|9|134|11|0|Als Ich einmal bei drei Wochen lang in der Wüste gefastet hatte, um Mich von aller Welt vollends abzuwenden und Meinen Leib mit Mir in allem einstimmiger zu machen, als das in der Zeit sein konnte, in der Ich mit Meinem Nährvater Joseph und seinen Söhnen aus seiner ersten Ehe viel als ein Zimmermann zu verkehren hatte, und es Mich bei Meiner Wüstenwurzelkost und wildem Honig sehr zu hungern begann und Ich wahrlich in Meinem Leibe eine starke Lust, Brot zu essen, gar sehr gewahrte, da trat der Versucher in der Gestalt eines ernsten und weltweisen Magiers vor Mich hin und sagte: ,Herr und Meister, ich kenne Dich, daß Du dem Leibe nach Gottes Sohn bist! Warum quälst Du Dich mit dem Hunger in dieser elenden Wüste, wo Dir doch alle Schätze aller Welten und Himmel zu Gebote stehen?! Willst Du sie aber nicht benutzen, weil Du der elenden Menschen wegen auch ein Mensch werden wolltest, um ihnen als ein Beispiel der höchsten Enthaltsamkeit und Nüchternheit vorzuleuchten, um sie dadurch Dir ähnlicher zu zeihen, so mache, weil Dich hier wohl niemand beobachten kann, aus den vielen Steinen Brot – was Dir wohl möglich ist – und iß Dich einmal ordentlich satt!‘
GEJ|9|134|12|0|Ich aber sagte ganz ernsten Angesichtes: ,Höre, der du es wagst, Mich, deinen Herrn von Ewigkeit, zu versuchen! Mein Leib ist nun auch ein Mensch, versehen mit den Bedürfnissen eines jeden Menschen in dieser Welt; aber wisse und begreife, der Mensch lebt nicht so sehr vom Brote dieser Erde, sondern vielmehr von einem jeglichen Worte, das aus dem Munde Gottes kommt! Auch für euch wäre nun die Übergangsbrücke zum ewigen Leben hergestellt; aber ihr solltet euch lieber nun selbst demütigen und Mich um Vergebung eurer Sünden bitten, und es würde euch geholfen sein!‘
GEJ|9|134|13|0|Auf diese Meine Worte entfernte sich der Versucher auf einige Tage von Mir, als wollte er diese Mahnung beherzigen und sich am Ende danach richten. Aber dem war nicht so; er kam bald abermals zu Mir und sagte: ,Herr und Meister, Du weißt es, daß ich voll Hochmutes und voll Herrschsucht bin; ich will aber von Dir, der Du nun in dieser Wüste Dich Selbst demütigst, die rechte Demut erlernen. Laß Dich darum nun – was uns ein leichtes ist, – auf des Tempels höchste Zinne stellen, und dort will ich mit Dir weiter reden!‘
GEJ|9|134|14|0|Ich aber sagte: ,Von deiner Ohnmacht werde Ich Mich nicht dahin stellen lassen; aber Ich Selbst will es nun so, – und wir befinden uns schon an Ort und Stelle! Und nun kannst du denn auch weiterreden!‘
GEJ|9|134|15|0|Als Ich das zum Versucher sagte, da sprach er zu Mir: ,Herr und Meister! So du dem Leibe nach wahrhaft Gottes Sohn bist, so laß Dich von dieser Höhe hinab in die Tiefe, und Gott wird dann ohnehin Seinen Engeln gebieten, daß sie Dich auf ihren mächtigen Händen tragen werden, auf daß Du mit keinem Gliede an einen Stein stoßest!‘
GEJ|9|134|16|0|Da sagte Ich zum Versucher: ,Du sollst dich wohl vor Mir, deinem Gott und Herrn, demütigen, aber nicht Ich Mich vor dir durch einen Sprung in diese Tiefe hinab! Dadurch kommst du ewig zu keiner Demut und Besserung. Dieser dein Versuch hat dir wahrlich nichts genützt, darum entferne dich!‘
GEJ|9|134|17|0|Darauf verließ Mich der Versucher, und Ich befand Mich, durch Meine Macht getragen, im Augenblick wieder in Meiner Wüste, in der es freilich wohl nicht angenehm zu wohnen war.
GEJ|9|134|18|0|Nach wenigen Tagen aber erschien der Versucher abermals vor Mir, und Ich fragte ihn: ,Was willst du unverbesserlicher Teufel nun zum dritten Male von Mir?‘
GEJ|9|134|19|0|Sagte der Versucher: ,Herr und Meister! Gehe nun mit mir auf einen hohen Berg! Dort will ich die Demut von Dir lernen und mich bessern!‘
GEJ|9|134|20|0|Und Ich ging mit ihm auf einen hohen Berg und sagte: ,Was willst du nun hier von Mir?‘
GEJ|9|134|21|0|Und der Versucher sagte: ,Herr und Meister, demütige Du Dich vorerst vor Mir, und ich will mich dann vor Dir demütigen! Siehe, alle die schönen und reichen Lande will ich Dir geben, so Du vorerst Dich vor mir auf die Knie niederbeugst und mich anbetest!‘
GEJ|9|134|22|0|Da sagte Ich: ,Nun habe Ich von dir genug! Weiche nun von Mir, Satan! Denn es steht geschrieben: ,Du sollst Gott, deinen Herrn, allein anbeten und Ihm dienen und Ihn nicht versuchen!‘‘
GEJ|9|134|23|0|Darauf wich der Versucher für immer von Mir; aber dafür traten viele Legionen Engel aus den Himmeln zu Mir und bedienten Mich.
GEJ|9|134|24|0|Mit dem nahm Ich denn auch Abschied von der Wüste, nahm zuvor schon etwelche Jünger zu Mir und ließ Mich darauf denn auch von Johannes im Flusse Jordan taufen. Von da an nahm Ich dann die andern Jünger, die zumeist Fischer waren, auf und reiste mit ihnen von Ort zu Ort.
GEJ|9|134|25|0|Und mit dem hast du, Freund Philopold, nun denn auch das, was dir abgegangen ist. So Meine alten Jünger sich das auch aufzeichnen wollen, da können sie das auch tun.“ –
GEJ|9|134|26|0|Mein Matthäus hatte sich das auch noch in Kis aufgezeichnet, weil er im Schreiben fertiger war als die andern Jünger, die des Schreibens kundig waren.
GEJ|9|135|1|1|Der Herr in Jesaira
GEJ|9|135|1|1|135. — Die Abreise von Kis nach Jesaira
GEJ|9|135|1|0|Als das alles bald und leicht beendet war, war das Mittagsmahl auch bereitet. Wir nahmen es zu uns und schickten uns darauf gleich zur Abreise an. Kisjona, Maria, Joel und Philopold aber wollten Mich begleiten bis an den Ort, den Ich zunächst zu besuchen willens wäre.
GEJ|9|135|2|0|Und Ich sagte: „So wollen wir zu Schiff nach Jesaira hinsteuern! Was dort zu geschehen hat, das werden wir aus dem freien Willen der dortigen Menschen ersehen. Und nun machen wir uns auf die Abreise!“
GEJ|9|135|3|0|Darauf gingen wir, begleitet von allen Hausleuten Kisjonas, ans Ufer, bestiegen zwei Schiffe und fuhren mit gutem Wind, der den Schiffern das ermüdende Rudern sehr erleichterte, nach Jesaira hin, welchen Ort wir nach ein paar Stunden erreichten.
GEJ|9|135|4|0|Als wir ans Ufer gestiegen waren, da sagte Kisjona zu Mir: „O Herr und Meister, wie es mir vorkommt, so hast Du bei dieser Gelegenheit doch den einen, noch immer sehr weltlich gesinnten Jünger Judas Ischariot verloren! Denn als er fortging, fragte er Dich, wie lange Du bei mir verweilen werdest, auf daß er rechtzeitig wieder zurückkäme; aber er kam nicht, weil er vielleicht irgendein vorteilhaftes Geldgeschäft Dir vorzog?“
GEJ|9|135|5|0|Sagte Ich: „Letzteres ist wohl der Fall, aber er wird uns bald nachkommen. Denn er kam nahezu um eine Stunde später nach Kis, als wir abgefahren sind, und erfuhr, wohin wir gezogen sind, mietete sogleich ein Schiff und wird uns, ehe eine Stunde verrinnen wird, hier einholen. So er aber kommen wird, da machet nicht viel Aufhebens mit ihm, obschon er euch eine Menge wird erzählen wollen. Saget ihm: ,Erspare dir ein unnötiges Reden; denn der Herr weiß um alles!‘ Und er wird dann bald verstummen.“
GEJ|9|135|6|0|Als Ich solches dem Kisjona angesagt hatte, da wurden alle Meine Jünger beinahe unwillig und sagten: „Aber so können wir den lästigen Menschen doch nimmer loswerden!“
GEJ|9|135|7|0|Sagte Ich: „Was Ich ertrage, das ertraget auch ihr! In dieser Welt geht es einmal nicht anders! Der Leib ist der Seele auch eine große und sie oft sehr drückende Bürde; aber sie muß ihn doch ertragen, wenn er, besonders im höheren Alter, noch so gebrechlich wird.
GEJ|9|135|8|0|Sehet an einen noch so sorgfältig gepflegten Weizenacker, ob ihr unter dem Weizen durchaus kein Unkraut finden werdet. Mußte Ich den ersten Versucher in der Wüste ertragen – und erst, als er von Mir völlig wich, traten Engel zu Mir und stärkten Meinen Leib –, also müssen wir nun am Ende Meiner Erdenzeit den zweiten Versucher ertragen.
GEJ|9|135|9|0|Ich habe es euch ja schon einmal bei einer Gelegenheit klar gesagt, wie einer von euch ein Teufel ist, und ihr habt es in euch wohl begriffen, welchen Ich gemeint habe. Aber deshalb sagte Ich zu ihm doch niemals, daß er gehen solle; denn auch der Teufel hat seinen freien Willen, der ihm nicht genommen wird. Will er mit uns ziehen, so ziehe er mit uns; will er aber wegbleiben, so bleibe er auch weg. Wir aber wollen ihn, ob er geht oder bleibt, nicht mit scheelen Augen ansehen.“
GEJ|9|135|10|0|Die Jünger alle beherzigten diese Meine Worte, und wir begaben uns in das Dorf, und zwar zu jenem Wirte, bei dem Ich schon einmal eingekehrt war.
GEJ|9|135|11|0|Als wir uns dem Hause nahten, ersahen und erkannten uns alsbald der Wirt, sein Weib und seine Kinder, und eilten uns entgegen mit großer Freude.
GEJ|9|135|12|0|Als der Wirt vollends zu Mir kam, verneigte er sich tief vor Mir und sagte: „O Du lieber Herr und Meister, wie oft doch habe ich schon nach Dir gefragt und geseufzt und wie oft den sehnlichsten Wunsch gehabt, Dich in meinem Leben als das größte Heil aller biederen Menschen nur noch einmal zu sehen, zu sprechen und in Meinem Hause zu beherbergen; aber es wollte mir solch eine höchste Gnade von Dir nicht zuteil werden. Wie groß nun meine Freude ist darob, daß Du Mich dieser Gnade doch endlich einmal gewürdigt hast, das kann ich mit Worten nicht dartun! Aber da Du, o liebster Herr und Meister, zu mir gekommen, so wirst Du doch auch etliche Tage bei mir verweilen wollen? Ich will ja gerne alles aufbieten, um Dir und allen Deinen sicher überseligen Freunden den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen!“
GEJ|9|135|13|0|Sagte Ich: „Freund, wo Ich Herzen finde wie bei dir, da verweile Ich gern, – dessen kannst du völlig versichert sein; kann Ich aber schon nicht mit Meinem Leibe stets an einem Orte verweilen, so bleibe Ich aber dennoch mit Meinem Geiste stets bei solchen Menschen, die Mich also lieben, wie du Mich liebst! Aber heute und morgen werde Ich dennoch auch mit dem Leibe bei dir bleiben. Aber übermorgen früh muß Ich dennoch weiterziehen; denn es gibt noch viele, die auf Mich harren, daß Ich ihnen helfe. Aber nun lasse für uns alle ein ganz mäßiges Nachtmahl richten, – wozu es aber noch keine Eile hat, da die Sonne noch ziemlich hoch über dem Horizonte steht!“
GEJ|9|135|14|0|Auf diese Meine Worte sagte der Wirt sogleich dem Weibe, was sie zu tun habe.
GEJ|9|135|15|0|Und das Weib dankte Mir für diesen Auftrag, bat Mich aber, ob sie Maria, die das Weib schon lange wohl kannte, sogleich mit ins Haus führen dürfe, weil sie sich gerne über verschiedenes mit ihr besprechen möchte, indem sie schon lange nicht mehr das Glück gehabt habe, die würdigste der Mütter zu sehen und zu sprechen.
GEJ|9|135|16|0|Und Ich sagte: „Liebes Weib, auch die Mutter hat ihren freien Willen, und Ich kann zu ihr nicht sagen: ,Tue das, oder tue jenes!‘ – So sie will, kann sie dir schon die Freude machen; denn was sie tut, ist stets wohlgetan, und Ich habe stets eine größte Freude an dem, was sie will, und was sie tut.“
GEJ|9|135|17|0|Darauf trat das Weib zu Maria und bat sie, ihr diese Freude zu machen, und Maria ging alsbald mit dem Weibe ins Haus und half ihr sorgen für die Bereitung eines besten Nachtmahles.
GEJ|9|135|18|0|Wir aber lagerten uns noch nahe dem Ufer im Grase und sahen einigen Fischern zu, wie sie sich abmühten, Fische zu fangen, aber beinahe keine in ihr Netz bekamen.
GEJ|9|135|19|0|Kisjona bemerkte das auch und sagte zu Mir: „O Herr und Meister, geradeso mag es vorvorgestern, oder eigentlich am Vorsabbat, und gestern als am Nachsabbat unsern Fischern ergangen sein, bis endlich Deine Gnade zu ihnen kam und ihre Netze mit Fischen füllte!“
GEJ|9|135|20|0|Sagte der Wirt: „Ich habe deinen Fischern, lieber, alter Freund, zugesehen und sie auch recht von Herzen bedauert. Aber es kamen endlich drei wunderliebe Jünglinge ans Ufer, und zwar gerade an der Stelle, und verlangten in ein Schiff zu steigen. Da fuhr ein dem Ufer nächststehendes Schiff ans Ufer, nahm die Jünglinge auf und fuhr wieder zu den andern Schiffen. Da aber hießen die drei Jünglinge die Fischer ihre Netze noch einmal ins Wasser senken, und der Erfolg davon war vollends wunderbar. Nun wären für diese Fischer wieder derlei sonderbare Jünglinge eine wünschenswerte Erscheinung! Aber ob die Jünglinge mit deinen Fischern, Freund Kisjona, nach Kis gefahren sind, oder ob sie wie ein Traum verschwunden sind, das weiß ich dir nicht zu sagen. Ich wenigstens habe nach dem Fischfange keinen auf einem oder dem andern Schiffe mehr gesehen. Wer etwa doch die drei Jungen mögen gewesen sein?“
GEJ|9|135|21|0|Sagte Kisjona: „Mein Freund, wo der Herr persönlich gegenwärtig ist, da sind auch Seine himmlischen, mit aller Macht ausgerüsteten Diener nicht ferne! Die drei Jungen waren auch gestern von frühmorgens bis zum Untergange der Sonne bei mir im Hause und haben die Jünger des Herrn und auch andere Menschen, die zu mir gekommen sind und eines guten Willens waren, in allerlei Dingen belehrt. Als sie am Abend sich aber plötzlich bei uns entfernten, da hast du sie sicher auch schon im selben Augenblick hier gesehen, wie sie meinen Fischern zu dem reichen Fange behilflich waren. Und das alles wollte der Herr also! Denn ohne Seinen Willen kann dir kein Haar gekrümmt werden und kein Sperling vom Dache sich erheben und hinwegfliegen.“
GEJ|9|135|22|0|Sagte der Wirt: „Du hast mir nun aus der Seele geredet! Als Ich gestern daheim von den drei Jungen meinen Leuten erzählte, da sagten beinahe alle einstimmig: ,Wenn hie und da seltene Dinge sich zu ereignen und zuzutragen anfangen, dann steht uns eine baldige Heimsuchung des Herrn bevor. Gebe Er uns die Gnade, daß Er uns Seiner Heimsuchung auch für würdig erachten möchte!‘ Und ich sagte am Ende: ,Amen, des Herrn Wille geschehe! Er komme, Er komme bald und erlöse uns von allem Übel!‘ Und siehe, da ist Er nun unter uns!“
GEJ|9|135|23|0|Hier fing der Wirt vor Freude an zu weinen und konnte eine Weile nicht reden. Ich aber stärkte ihn, worauf er wieder zu der natürlichen Gemütsruhe kam und wieder reden konnte.
GEJ|9|136|1|1|136. — Der Herr und der arme Fischer
GEJ|9|136|1|0|Es bemerkten uns aber auch die armseligen Fischer, von denen einer in ein Boot stieg, zu uns herüberfuhr und uns besah, um zu erfahren, wer wir etwa wären. Als er den Wirt unter uns entdeckte, da dachte er sich, daß es seine Bekannten sein würden, forschte nicht weiter nach und wollte zu den Fischern wieder zurückfahren.
GEJ|9|136|2|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, komme du nur vollends zu uns herauf ans Land, und Ich werde dir etwas ganz Besonderes sagen!“
GEJ|9|136|3|0|Da kehrte der Bootsmann wieder um, stieß ans feste Ufer, band das Boot mit einem Strick an einen Uferstock, begab sich festen Mutes zu Mir und fragte Mich, sagend: „Guter Mann, da bin ich! Was ist es denn, das du mir als etwas Besonderes künden willst? Rede, denn lange zu warten habe ich nicht Zeit, da der Tag schon auf die Neige geht und wir den ganzen Tag hindurch noch wenig Fische gefangen haben!“
GEJ|9|136|4|0|Sagte Ich: „So du an Mich glaubtest, da könnte Ich dir und deinen Gefährten zu einem reichen Fange verhelfen! Aber dann solltest du am Morgen zu Mir kommen und Mir nachfolgen!“
GEJ|9|136|5|0|Sagte der Fischer: „Guter Mann, wie sollte ich nun an dich und was von dir glauben? Kann ich mich doch nicht entsinnen, dich jemals irgendwo gesehen zu haben, weiß daher auch nicht, wer du bist. Gib du dich mir zuvor bekannt, und ich werde dir glauben. Ob ich aber am Morgen zu dir kommen und dir dann nachfolgen werde, wohin du ziehen wirst, das steht nicht bei mir, sondern bei denen, für deren Lebensunterhalt ich zu sorgen habe. Also, was ist es nun, was soll ich von dir glauben?“
GEJ|9|136|6|0|Sagte Ich: „Hast du von dem Manne noch nichts reden hören, der in Nazareth aufgestanden ist und nun allen Menschen das ewige Gottesreich überbringt und aus eigener Macht auch allen jenen gibt, die an Ihn glauben und Seine Lehre als ein reinstes und lebendigstes Gotteswort annehmen wollen?“
GEJ|9|136|7|0|Sagte der Bootsmann: „Guter Mann, von dem großen Heilande Jesus aus Nazareth habe ich wohl schon gar vieles gehört und glaube auch an Ihn, obschon ich Ihn noch niemals irgendwo gesehen habe! Bist du es etwa, da sage es mir, und ich will vor dir niederfallen und dich anbeten; denn mit jenem Heilande ist Gott der Herr wie in einer Person sichtbar vereint, wie ich solches also vernommen habe von solchen Menschen, die mit Ihm zu tun hatten und auch Seine Jünger geworden sind.“
GEJ|9|136|8|0|Sagte Ich: „So du also an den Jesus aus Nazareth glaubest, daß in Ihm wohne die Fülle des Geistes Gottes körperlich, da kehre du nun zu deinen Fischern getrost zurück, und werfet noch einmal euer Netz ins Wasser; und so ihr einen reichsten Fang werdet gemacht haben, dann wird dir schon ein Licht in dir aufgehen, aus dem du leicht erkennen wirst, wer Ich bin, und du wirst noch heute zu Mir kommen und dich von Mir mit dem Geiste der Wahrheit und des Lebens taufen lassen. Doch nun forsche nicht weiter, sondern tue, was Ich dir angeraten habe!“
GEJ|9|136|9|0|Auf das verneigte sich der Fischer vor Mir, bestieg schnell sein Boot, fuhr behende zu seinen Gefährten, die sich schon dazu anzuschicken anfingen, ihre Netze einzuziehen, zurück und sagte ihnen, was Ich ihm angeraten habe.
GEJ|9|136|10|0|Da schrien alle laut, so daß wir es am Ufer wohl vernehmen konnten: „Heil Dem, der dir den Rat erteilt hat! Er ist es Selbst, an den wir glauben! Was Er dir riet, das wollen wir tun! Hosianna dem hohen Sohne Davids, der zu unserer Rettung gekommen ist im Namen des Herrn! Und nun Glück auf in Seinem Namen, – werfen wir die Netze aus!“
GEJ|9|136|11|0|Da warfen sie die Netze aus, und diese füllten sich in wenigen Augenblicken mit so vielen Fischen, daß die Netze dieselben kaum fassen konnten, und es hatten die Fischer, bei zwanzig an der Zahl, über eine Stunde zu tun, bis sie alle Fische aus den Netzen in die Lägel überheben konnten.
GEJ|9|136|12|0|Als sie mit der Arbeit fertig waren, da fingen sie an zu jubeln und priesen Gott, der Seinen Namen in dem Sohne Davids so sehr verherrlicht hatte, und fuhren mit dem reichen Fange ihrem dem Orte Jesaira nahe gelegenen kleinen Dorfe zu.
GEJ|9|136|13|0|Als sie mit ihrer reichen Beute daheim anlangten und ihre Angehörigen ersahen, mit welch einer großen Menge von Fischen sie nach Hause gekommen waren, da gab es des Verwunderns kein Ende. Und die Angehörigen sagten: „Höret, so viele und zumeist lauter edle Fische habt ihr selbst in der allergünstigsten Zeit noch niemals gefangen! Da muß an euch von irgendeinem frommen, Gott überaus wohlgefälligen Menschen, wie es deren nun mehrere geben soll, seit der große Heiland aus Nazareth umherzieht und mit göttlicher Kraft und Stimme den Menschen die Wahrheit lehrt, ein Wunder ausgeübt worden sein!“
GEJ|9|136|14|0|Und die Fischer gaben da ihren Angehörigen recht und erzählten ihnen, wie es zugegangen sei; und die Angehörigen fingen darauf auch an, Gott zu loben und zu preisen, daß Er einem Menschen solche Macht gegeben hatte.
GEJ|9|136|15|0|Der Fischer aber, der zuvor in einem Boot zu uns ans Land gekommen war, sagte: „Höret, dieser Mensch Jesus aus Nazareth ist aber nicht wie irgendein Prophet, der nur das reden und tun kann, was ihm von Gottes Geiste gegeben und zugelassen wird, sondern Er ist einer, in dem die Fülle des Geistes und der Kraft und Macht Gottes wohnt körperlich; denn Er spricht nicht den Propheten gleich: ,Der Herr hat zu mir geredet: ,Tue deinen Mund auf und verkünde dem Volke Meinen Willen und rede also zu denen, die Meiner vergessen haben, – und da tue dies und jenes!‘‘ Denn unser Jesus spricht: ,Ich bin der Herr, und ihr alle seid Brüder, und es soll sich keiner über den andern erheben!‘ Und zu den Kranken sagt Er: ,Ich will es, – sei geheilt!‘, und der Kranke wird geheilt in einem Augenblick. Der blind war, sieht klarer denn ein Aar, und der lahm war, springt wie ein Hirsch. Und spricht Er zu einem Toten: ,Stehe auf und wandle!‘, so richtet sich der Tote auf voll neuen Lebens und wandelt voll Heiterkeit und frohen Mutes.
GEJ|9|136|16|0|Und seht, das und vieles mehr noch bezeugen nun Tausende, die das mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen Ohren gehört haben, und ich glaube darum, daß in dem Menschen Jesus aus Nazareth die Fülle des Geistes Gottes wohnt körperlich; aber viele Tausende und abermals Tausende stoßen sich an Seiner sichtbaren Menschheit und heißen Ihn einen großen Propheten aus dem Stamme Davids, der Ihn im Geiste doch selbst seinen Herrn nannte!
GEJ|9|136|17|0|So es aber in der Schrift heißt, daß Gott den Menschen nach Seinem Ebenbilde erschaffen hat und Abraham Gott in der Gestalt eines Mannes sah, wie auch Jakob-Israel, wie sollte sich denn nun ein Mensch an der vollen Mannesgestalt des Herrn Jesus aus Nazareth stoßen und nicht völlig glauben, daß in Ihm ganz derselbe Herr wohnt, der auf Sinai Moses berief und ihm für Israel die Gesetze gab?!
GEJ|9|136|18|0|Da ich aber vollends ungezweifelt glaube, daß es sich mit Jesus aus Nazareth also verhält, so werde ich nun ungesäumt mich aufmachen und eiligen Schrittes nach Jesaira wandeln, wo Er Sich nun persönlich aufhält bei dem Wirte, der euch allen wegen seiner Rechtschaffenheit nur zu wohl bekannt ist. Da will ich zum ersten Male persönlich Ihn noch näher kennenlernen; und so ich wiederkommen werde, da werde ich euch nichts verheimlichen.“
GEJ|9|136|19|0|Sagten noch einige Fischer: „Auch wir wollen Ihn persönlich kennenlernen, – und da wir vom Schiffe aus Ihm mit lautem Rufen das Wort gegeben haben, noch heute abend, statt morgen in der Frühe, auch zu Ihm zu kommen, so gehen auch wir mit dir nach Jesaira hin! Nehmen wir aber etliche der schönsten und besten Edelfische mit, die der Wirt für den Herrn bereiten soll!“
GEJ|9|136|20|0|Dies gefiel allen, und zwölf Fischer, ein jeder mit drei Fischen beschwert, machten sich gleich nach dem vollen Untergange der Sonne in der ersten Dämmerung auf und kamen denn auch leicht und bald nach Jesaira zu uns.
GEJ|9|137|1|1|137. — Die Betrachtungen am Abend
GEJ|9|137|1|0|Als sie bei uns ankamen, waren wir noch im Freien, wo wir uns unterdessen über verschiedene Dinge besprochen hatten.
GEJ|9|137|2|0|Der Bootsmann trat zuerst vor Mich hin, verneigte sich tief und sagte: „O Herr und Meister, vergib es meiner großen Blindheit, daß ich Dich, als Du mich gnädigst ans Ufer zu kommen beriefst, als ich umkehren wollte, nicht alsogleich erkannt habe! Dann vergib mir es auch, daß ich mit etlichen meiner Gefährten schon heute abend und nicht erst morgen in der Frühe, wie Du mich berufen hattest, gekommen bin! Und endlich nimm es uns armen Fischern nicht ungütig auf, daß wir uns nach dem Drange unserer Herzen die Freiheit genommen, für Dich von Deinem großen Segen, den Du uns in dem reichen Fischfange sichtbar erteilt hast, ein freilich nur ganz kleines Opfer darzubringen. Siehe hier die kostbarsten Fische dieses Meeres!“
GEJ|9|137|3|0|Sagte Ich: „Ich habe wohl ein viel größeres Wohlgefallen an euren Herzen denn an den Fischen, die ihr Mir hier zum Opfer gebracht habt; aber wo das Herz mit dem Opfer vereint ist, da ist Mir auch das Opfer angenehm, – und so wollen wir diese Fische an diesem Abende miteinander verzehren. Gebet sie dem Wirte, und er wird schon wissen, wie sie zu bereiten sind!“
GEJ|9|137|4|0|Hierauf berief der Wirt sogleich einige seiner Diener und ließ die Fische in die Küche bringen, über die sich des Wirtes Weib nicht genugsam verwundern konnte. Es sind ihr diese sechsunddreißig Fische auch darum sehr willkommen zugekommen, weil sie in ihren Behältern keine so großen und edlen Fische besaß. Auch die in der Küche mitbeschäftigte Maria hatte eine große Freude an dieser ganz unerwarteten Spende.
GEJ|9|137|5|0|Wir aber hatten uns denn auch vom Rasen aufgerichtet und begaben uns auf einen schönen und geräumigen Söller, der sich auf einem kleinen Hügel am See befand, von dem man eine recht herrliche Aussicht über das Meer und auch über die umliegenden Landschaften genoß.
GEJ|9|137|6|0|Es war nun freilich schon etwas spät am Abend, aber es tat das nichts zur Sache; denn da der Mond sich schon zu drei Vierteilen im Volllichte befand und die Spätdämmerung doch auch noch wirkte, so war die mehr ruhevolle Aussicht noch immer recht wundersam schön zu nennen, und alle lobten den guten Sinn des Wirtes, der auf unserem kleinen Hügel solch einen schönen und geräumigen Söller hatte erbauen lassen.
GEJ|9|137|7|0|Auf diesem Söller betrachteten alle eine Weile die stets ruhiger werdende Natur, und der Bootsmann machte die ganz gute Bemerkung hinzu, sagend: „Wenn der Seelenabend beim Menschen, der einmal in die Lebensjahre geraten ist, von denen er sagt, daß sie ihm nicht gefallen, auch diesem Naturabende gliche, so würde er auch sicher ein Wohlgefallen an ihm haben. Aber das ist beinahe schon gar nie der Fall; denn entweder verlebt der Mensch seine alten Tage in allerlei Kummer, Sorgen, Schwächen, Krankheiten und in der stets zunehmenden Furcht vor dem sicheren Tode des Leibes – für welche Furcht ihm sein schwacher Glaube und die noch schwächere Hoffnung auf ein Fortleben der Seele in irgendeinem Jenseits, das bis jetzt noch niemand der vollen Wahrheit nach kennt, eine höchst matte Bürgschaft bieten –, oder ein Mensch, dem es sein Vermögen erlaubt, stürzt sich in seinen alten Tagen erst so recht mit aller Gier auf allerlei weltliche Vergnügungen, um sich nur die ihm über alles lästige Furcht und Angst vor dem Tode zu verscheuchen. Und haben ihn aber dann dennoch Krankheiten, gegen die kein heilend Kräutlein gewachsen ist, ergriffen, und hat er sein nahes Ende mit Händen zu greifen klar vor sich, so stürmt es in seiner Seele um so gewaltiger, und so ist der Seelenabend des alten Menschen wohl höchst selten, und in unseren Zeiten beinahe schon gar nicht, mit diesem wahrlich wunderherrlichen Naturabend zu vergleichen. O Du lieber Herr und Meister, sage es uns doch, ob es bei den Menschen stets also verbleiben wird!“
GEJ|9|137|8|0|Sagte Ich: „Um den Menschen einen ruhigen Seelenabend zu verschaffen, bin Ich Selbst als der Herr über Leben und Tod in diese Welt gekommen. Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre allzeit lebt und handelt und dadurch das wahre Reich Gottes in sich sucht, wo er es auch ungezweifelt sicher finden wird, dessen Seelenabend auf dieser Erde wird auch ein noch um vieles ruhigerer und herrlicherer werden, als da vor uns zu sehen und zu fühlen ist dieser heutige Naturabend.
GEJ|9|137|9|0|Warum ist denn bei den Menschen ihr Seelenabend so oft ein höchst stürmischer und elender geworden? Weil sich die Menschen von Gott, dem Urquell alles Seins und Lebens und alles Lichtes und aller Wahrheit beinahe völlig entfernt und dafür ihr ganzes Sinnen und Trachten der Welt und ihrer im Gerichte und Tode gehaltenen Materie zugewandt haben.
GEJ|9|137|10|0|So sich die Menschen gleich euch von der Welt völlig wieder abwenden und zu Mir im vollen Glauben und in aller Liebe wieder zurückkehren werden, dann werden sie in Mir den ruhe- und seligkeitsvollen Seelenabend finden; ohne dieses aber wird in der Folge der Seelenabend bei den Menschen noch stürmischer und erschrecklicher werden, als er bisher von jemand ist erlebt und empfunden worden. Denn von nun an werden die Menschen nicht mehr sagen können: ,Wer hat Gott je gesehen und mit Ihm geredet, und wer bürgt uns für die volle Wahrheit dessen, was in der Schrift geschrieben steht?‘; denn Ich Selbst als der Herr rede nun für jedermann wohl erkennbar und sichtbar zu den Menschen und zeige ihnen als die ewige Grundwahrheit aller Wahrheit die Wahrheit des Lebens. Wer diese in sich aufgenommen hat, der wird vor des Leibes Tode wahrlich keine Furcht mehr haben; denn er wird den Tod weder sehen noch fühlen, und müßte er hundert Male dem Leibe nach sterben.“
GEJ|9|137|11|0|Sagte der recht weise Bootsmann: „O Du lieber Herr und Meister, wir danken Dir aus unserem tiefsten Lebensgrunde für diese Deine unsere Herzen gar überaus tröstende Belehrung! An Dich glauben wir, auf Dich hoffen wir, und Dich wollen und werden wir auch über alles lieben. Aber da ich nun einmal schon im Reden bin, so erlaube Du, o Herr und Meister, es mir gnädigst, Dich noch mit einer Frage zu belästigen!“
GEJ|9|137|12|0|Sagte Ich: „Freund, Ich weiß es wohl, was es ist, darum du Mich nun noch fragen willst; aber stelle du an Mich deine Frage dessenungeachtet, der andern wegen, nur laut, offen und frei, auf daß auch sie es vernehmen und auch erkennen mögen, um was es sich handelt!“
GEJ|9|138|1|1|138. — Vom Verkehr mit guten Geistern
GEJ|9|138|1|0|Sagte darauf der Bootsmann: „O lieber Herr und Meister, warum wird es denn nicht zugelassen, daß die Seelen der Verstorbenen wenigstens zu ihren Verwandten – besonders dann, so diese in der Gefahr stehen, von der Welt verschlungen zu werden – in sichtbarer Gestalt kämen und sie vor der Welt warnten und ihnen das Jenseits zeigten, wodurch dann doch der Glaube an das Fortleben der Seele nach des Leibes Tode bei den Menschen ein wahrer, fester und auf Selbsterfahrung begründeter verbliebe und durch ihn dann auch leichter und sicherer an einen Gott, den denn doch nicht, so wie wir nun, ein jeder Mensch zu jeder Zeit sehen und sprechen kann?
GEJ|9|138|2|0|Was nützt es am Ende, dem Menschen von einem künftigen Leben der Seele nach des Leibes Tode zu predigen, so man ihm davon keine wirkliche Überzeugung verschaffen kann?
GEJ|9|138|3|0|Die Priester, die selbst gar wenig oder auch wohl zumeist gar nichts glauben, haben darum schon seit langem zu allerlei Trugkünsten ihre Zuflucht genommen, um das gemeine, blinde Volk darum in einem wahren Aberglauben zu erhalten, damit es nur für sie arbeite und ihnen allerlei Opfer bringe, auf daß sie sich ohne alle irgend beschwerliche Mühe mästen können. Erschiene dem Volke stets ein schon Hinübergegangener und belehrte es über den wahren Sachverhalt, so würde das Priestervolk mit seinen Betrügereien sicher keinen Aberglauben im Volke gründen und ihn erhalten können!“
GEJ|9|138|4|0|Sagte Ich: „Freund, das, was du in deiner Meinung als bestehen sollend wünschest, das ist bei jedem Volke, solange es nach dem allzeit treu geoffenbarten Willen Gottes lebte, immer der Fall gewesen! Aber als die Menschen sich nach und nach von den Gelüsten der Welt und ihres Fleisches zu sehr gefangennehmen ließen, da verfinsterte sich auch ihre geistige Sehe, und die Menschen fingen an, die Ermahnungen aus dem Jenseits zu verachten, zu fürchten und zu fliehen, und verloren denn auch die Fähigkeit, im Wachzustande mit den im großen Jenseits fortlebenden und -wirkenden Seelen zu verkehren; nur in einem hellen Traume wurden bessere Menschen von seligeren Bewohnern des Jenseits besucht und belehrt, und das zum Teil für ihre eigene Person und zum Teil auch für andere Menschen, die sich irgend am Rande eines zu tiefen Verderbensabgrundes befanden und dadurch auch zumeist gerettet wurden.
GEJ|9|138|5|0|Gehe du aber hin zu einem rechten Weltmenschen, und sage ihm, daß dir dieser und jener Geist erschienen ist und zu dir dies und jenes gesprochen hat, – meinst du wohl, der Weltmensch wird dir das glauben? Oh, mitnichten, – verlachen wird er dich und für einen Narren und dummen Schwärmer erklären.
GEJ|9|138|6|0|Als auf dem Sinai dem Moses die Gesetze unter allen Zeichen Meiner vollen Gegenwart gegeben wurden, da tanzte das Volk im Tale um ein goldenes Kalb. Warum achtete es denn Meiner nicht? Siehe, das bewirkte der Weltsinn! Nun bin Ich sichtbar handelnd Selbst in dieser Welt, – warum glaubt das Weltvolk denn nicht an Mich? Siehe, das bewirkt wieder dessen Weltsinn! Und dieser böse Sinn treibt die Priester sogar also an, daß sie Mich verfolgen, ja Mich wie einen gemeinsten Verbrecher sogar ergreifen und töten wollen, wie sie das schon mehrere Male versucht haben!
GEJ|9|138|7|0|Ist dem Zacharias nicht wie allen, die im Tempel waren, sicht- und vernehmbar ein Engel erschienen, als eben Zacharias im Tempel opferte und betete? Und er ward darum erwürgt von den weltsüchtigen Pharisäern! Und so ging es gar vielen Weisen und Propheten, die dem Weltsinne der Menschen entgegentraten mit der lichtvollsten Wahrheit.
GEJ|9|138|8|0|Was du in deiner Frage als einen lobenswerten Wunsch ausgedrückt hast, das ist auch allzeit zugelassen worden, und die einfachen und in ihren Sitten noch reinen und unverdorbenen Menschen der Urzeit sind in allen Dingen ja nur von den reinen Geistern belehrt worden, da sie im beständigen Verkehre mit ihnen standen. Die Geister zeigten den Menschen, die Metalle aus der Erde zu graben und aus ihnen mit Hilfe des Feuers, das zu erzeugen die Geister sie auch lehrten, allerlei nützliche Werkzeuge und Gerätschaften zu machen. Denn von wem anders hätten die an Verständnis den Kindern völlig gleichenden ersten Menschen alles das erlernen sollen als von jenen weisheitsvollen Wesen, denen alles klar ist aus dem Lichte Gottes in ihnen?
GEJ|9|138|9|0|Wem das nicht klar ist, der stelle sich nur ein neugeborenes Kind vor, das von seinen Eltern nur des Leibes Pflege, aber nicht irgendeinen geringsten Anschein von einer Erziehung bekäme, weder von den Eltern noch von irgendeinem andern Menschen. Es wird so wohl aufwachsen, aber im Gebrauche seiner Glieder sogar um vieles dümmer sein als ein von Natur blödestes Tier.
GEJ|9|138|10|0|Denke dir nun aber irgendein abseitiges Land auf dieser Erde, das da bevölkert wäre mit derlei unterrichts- und erziehungslosen Menschen! Sie werden in tausend Jahren aus sich selbst zu beinahe gar keinem Verstande gelangen und nicht einmal irgend eine andere Sprache haben als die Tiere der Wälder und Wüsten, wie es derlei Menschen in dieser Zeit auf der Erde auch gibt und noch lange hin geben wird zu einem Beweise dessen, daß ein Mensch ohne Erziehung und Belehrung aus sich nichts erkennen und erfinden kann.
GEJ|9|138|11|0|So aber die Menschen nun mit allerlei Kenntnissen und Künsten versehen sind – die sie nun freilich voneinander lernen –, da muß es ja doch auch, nach der Vernunft geschlossen, wahr sein, daß sie zum wenigsten in den Anfangsgründen von höheren und in allem verständigen Geistern unterrichtet worden sein müssen.
GEJ|9|138|12|0|Ja, die ersten Menschen, die auch ,die Kinder Gottes‘ genannt wurden, sind denn im Anfange in allem aus den Himmeln unterrichtet worden. Aber die Menschen wurden gewahr, daß sie weise und verständig geworden, und wurden darum eitel, einbilderisch (eingebildet) und hochmütig und dadurch auch stets mehr weltsinnig und selbstsüchtig. Sie benötigten des Unterrichtes aus den Himmeln nicht mehr und fingen an, sich dessen sogar zu schämen, und wurden dem feind, der sie daran erinnerte.
GEJ|9|138|13|0|Sie errichteten selbst Schulen und bestellten sie mit allerlei Lehrern und Priestern, die nach und nach stets mehr und mehr nur auf ihren Weltvorteil bedacht zu werden begannen denn auf den des Volkes, das in seiner Verblendung sie für eine Art Götter zu halten und zu verehren anfing und sie nun noch allerhäufigst also verehrt.
GEJ|9|138|14|0|So das vor aller Welt Augen nun geschieht und der Weltmensch an nichts Reingeistiges mehr glaubt, ist es dann zu verwundern, daß die reinen Geister sich stets seltener bei den weltsinnigen Menschen einfinden? O Freund, die Zulassung ist noch immer die alte, – nur die Menschen sind nicht jene alten, die mit den reinen Geistern der Himmel im steten Verkehr gestanden sind!
GEJ|9|138|15|0|Werden die Menschen nach Meiner Lehre wieder rein und geistig, so werden sie auch wieder in einen näheren Verband und Verkehr mit den Geistern oder Seelen von dieser Erde abgeschiedener Menschen treten; den weltsinnigen Menschen aber kann ein solcher Verkehr ja ohnehin nichts nützen, da sie an ihn nicht glauben und ihn für die Torheit eines Menschen erklären, der es wagt, sie an die Möglichkeit desselben zu erinnern.
GEJ|9|138|16|0|Du selbst aber hast derlei Gesichte und Erscheinungen schon zu mehreren Malen gehabt; haben sie dir aber etwas genützt? Du sagst es in dir: ,Sehr wenig; denn ich selbst glaubte nicht, daß daran etwas Wirkliches und Wahres gewesen wäre, und hielt, den andern Weltmenschen gleich, derlei für die Wirkung einer lebhaften Einbildung und für eine Ausgeburt meiner Phantasie.‘
GEJ|9|138|17|0|So du selbst aber über derlei Vorkommnisse also urteiltest, der du doch ein reinerer Mensch bist, wie sollen darüber dann erst ganz verkehrte und durch und durch weltsinnige Menschen urteilen?
GEJ|9|138|18|0|Es ist demnach von solchen Menschen höchst unsinnig, zu sagen: ,Ja, so zum Beispiel mein verstorbener Vater als ein sichtbarer Geist zurückkäme und mir sagte: ,Siehe, so und so ist es!‘, so würde ich das glauben!‘ Nun kommt aber der Geist des Vaters entweder am Tage oder in der Nacht in einem hellen Traume und belehrt den Sohn. Der Sohn aber hält dann sein Gesicht für ein Produkt seiner eigenen Phantasie und glaubt danach oft noch weniger denn zuvor. Wozu war dann die verlangte Erscheinung des Vaters vom Jenseits herüber gut und dienlich?
GEJ|9|138|19|0|So denn nun die Menschen zum allergrößten Teil beim Abscheiden von dieser Welt einen sehr stürmischen und mit allen Zweifeln durchmengten Seelenabend zu bestehen haben, so schuldet niemand daran als nur sie selbst. – Wenn du, Freund, dieses verstanden hast, so wirst du Mir auch sicher mit keiner solchen Frage mehr kommen!“
GEJ|9|138|20|0|Nach dieser Meiner Rede dankten Mir alle für diese wahre und für jedermann leichtfaßliche Aufklärung über diesen Sachverhalt.
GEJ|9|139|1|1|139. — Erklärungen des Herrn über den Planeten Mars
GEJ|9|139|1|0|Wir betrachteten darauf noch eine Weile die Gegend, und unser Bootsmann, der besonders scharfe Augen hatte, ersah in einiger Ferne ein Schiff unserem Orte zusteuern und fragte mich, sagend: „O Herr und Meister, wen mag dieses Schiff am späten Abend wohl nach diesem Orte bringen?“
GEJ|9|139|2|0|Sagte Ich: „Es bringt einen Meiner Jünger. Aber redet nicht viel mit ihm, so er zu uns kommen wird; denn er ist auch einer, dem ein Pfund gelber Erde, das man Gold nennt, lieber ist denn der ganze Himmel mit den Schätzen des Geistes und des ewigen Lebens!“
GEJ|9|139|3|0|Die Jünger verstanden Mich, und auch unser Kisjona und Philopold; doch der Wirt und die zwölf Fischer verstanden das nicht völlig, was Ich damit hatte andeuten wollen. Aber es fragte Mich niemand um etwas Weiteres, da nun auch ein Diener kam und uns die Nachricht brachte, daß das Abendmahl bereitet sei.
GEJ|9|139|4|0|Wir erhoben uns denn auch sogleich von unseren Sitzen, die im Söller angebracht waren, und begaben uns ins Haus, allwo in einem sehr geräumigen Saale die Speisetische mit Brot, Wein und mit den bestbereiteten Fischen unser harrten. Wir setzten uns denn auch alsbald zu den Tischen und nahmen das Mahl zu uns.
GEJ|9|139|5|0|Als wir uns gestärkt hatten mit Speise und Trank und uns über allerlei nützliche Dinge gegenseitig besprachen, daran auch Maria sehr lebhaft teilnahm, da kam denn auch unser Judas Ischariot zu uns in den Saal und fing an, sich vor Mir zu entschuldigen, daß er nicht eher hätte nachkommen können.
GEJ|9|139|6|0|Sagte Ich: „Was kümmern Mich denn deine Weltgeschäfte! Weißt du denn noch immer nicht, warum Ich in diese Welt gekommen bin? Wer mit der Welt hält und sie liebt, der findet früher oder auch oft um etwas später, doch allzeit sicher den Lohn, den die Welt für ihre Freunde stets in Bereitschaft hat, und dieser Lohn heißt – Tod!
GEJ|9|139|7|0|Mein Reich aber ist nicht von dieser Welt, und wer mit Mir es hält, dem wird nicht der Tod, sondern das ewige Leben in Meinem Reiche zum Lohne werden. Haben nicht die andern Meiner Jünger bis auf etliche wenige auch Weib und Kinder daheim, – und sie blieben dennoch bei Mir des Reiches Gottes wegen! Warum bist denn du zu deiner Familie gegangen, als wäre deine Sorge um sie mehr denn die Meine? Schreibe dir das in dein Weltherz!“
GEJ|9|139|8|0|Diese Meine Worte mundeten dem weltsinnigen Jünger zwar nicht am besten, aber er ermahnte sich dennoch und dankte Mir für die Zurechtweisung; und Ich bedeutete dem Wirte, daß er ihm an einem andern Tische etwas zu essen und zu trinken geben solle. Und der Wirt tat das alsbald, und der Jünger setzte sich und nahm Brot und Wein zu sich; Fische aber bekam er keine mehr, weil keine mehr vorrätig waren und der Jünger sich in Kis mit den Fischen vollgegessen hatte.
GEJ|9|139|9|0|Wir saßen darauf ganz wohlgemut an unserem Tische, und Ich Selbst unterwies die zwölf Fischer in Meiner Lehre vom Reiche Gottes im Menschen und machte ihnen das alles aus der Schrift klar und wohlbegreiflich.
GEJ|9|139|10|0|Als Ich Mich so bei zwei Stunden lang mit den zwölf Fischern beschäftigt hatte und Meine Belehrungen für diesen Tag und Abend schloß, da kam nahe außer Atem ein Diener des Hauses zu uns in den Saal und sagte: „Liebe Herren, ich hatte im Söller zu tun und sah nach der Gegend des Aufganges hin. Da entdeckte ich einen übergroßen Stern, der sich ganz nahe dem Horizont befindet. Sein Licht ist rot wie Blut, dabei aber so stark, daß man es nicht viele Augenblicke lang betrachten kann. Ich habe noch nie einen solchen Stern gesehen. Was wird dieser Stern wohl zu bedeuten haben? Der Herr Heiland aus Nazareth, dessen Weisheit die des Salomo übertreffen soll, wird die Bedeutung des Sternes sicher am besten zu erkennen vermögen.“
GEJ|9|139|11|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund, du bist noch nicht lange Diener in diesem Hause, da du den Herrn Heiland aus Nazareth noch nicht tiefer erkannt hast; aber weil du vorher längere Zeit Diener bei einem Pharisäer zu Kapernaum warst, so ist es auch begreiflich, daß du deinen Herrn Heiland aus Nazareth noch nicht tiefer kennest. Wo ist denn hernach dein Stern, der dich in eine so große Angst versetzt hat?“
GEJ|9|139|12|0|Sagte der Diener, nun etwas verlegen: „Ja, da müßten sich die Herren schon ein wenig hinaus ins Freie bemühen; denn von diesem Saale aus kann man ihn nicht sehen, da seine Fenster sich dem Aufgange gerade entgegengesetzt befinden.“
GEJ|9|139|13|0|Sagte Ich: „So gehen wir denn noch ein wenig ins Freie und wollen da sehen, welch ein Stern dich gar so sehr in Angst versetzt hat!“
GEJ|9|139|14|0|Darauf gingen wir ins Freie und ersahen auch sogleich den roten und großen Stern im Osten, der aber nun, weil er schon höher über dem Horizont sich befand, seine rote Farbe um ein bedeutendes geändert hatte, obwohl sein Licht recht ausnehmend stark war.
GEJ|9|139|15|0|Ich fragte nun alle Anwesenden, die den Stern auch mit etwas scheuen Augen betrachteten: „Nun, was haltet denn ihr von diesem Stern? Kennet ihr ihn, oder kennet ihr ihn nicht? Dir, du Mein Jünger Andreas, sollte dieser Stern doch wahrlich nicht fremd sein, da du doch ein Sternkundiger bist.“
GEJ|9|139|16|0|Sagte Andreas: „Wahrlich, Herr und Meister, das Sternbild, in dem er steht, kenne ich wohl – es ist der Löwe, wie dieses Sternbild schon von alters her also benannt wird –, aber den Stern kenne ich nicht. Die Farbe wohl wäre ähnlich mit der des Planeten Mars, wie er von den Heiden benannt wird; aber die Größe stimmt mit dem benannten Planeten nicht überein.
GEJ|9|139|17|0|Sagte Ich: „Und dennoch ist es eben jener Planet, den du soeben benannt hast. Daß er in diesem Jahre bei weitem größer erscheint als sonst gewöhnlich, rührt daher, weil er sich nun in der möglich größten Nähe der Erde befindet. Es ist euch aber die veränderbare Stellung der sämtlichen Planeten zur Sonne und auch unter sich viele Male bei tauglichen Gelegenheiten genau gezeigt und erklärt worden, und es ward euch gezeigt, wie sich die Planeten, je nachdem sie sich in einer oder der andern Stellung befinden, vermöge ihres Umschwungs um die Sonne gegenseitig um ein bedeutendes nähern und ebenso sich auch voneinander entfernen können, und noch begreift ihr derlei ganz natürliche Erscheinungen nicht und werdet dabei selbst ängstlichen Gemütes, das so in seiner Ängstlichkeit gar leicht für allerlei Aberglauben der Heiden aufnahmefähig wird.
GEJ|9|139|18|0|Seht, dieser Planet befindet sich aus den euch bekanntgegebenen Gründen eben nun, wie schon bemerkt wurde, in der größten Erd- und auch Sonnennähe und sieht aus eben dem Grunde um ein bedeutendes größer aus als in seiner Erdferne, wie denn ein jeder Gegenstand sich in einer größeren Nähe auch sicher größer darstellt und zeigt denn in einer größeren Ferne. – Verstehet ihr nun das?“
GEJ|9|139|19|0|Sagte nun Andreas: „Herr und Meister, nun ist mir und sicher auch allen andern diese Sache schon wieder ganz klar, und wir werden uns künftighin bei ähnlichen Vorkommnissen nicht mehr ängstlichen Gemütes die Köpfe zerbrechen.
GEJ|9|139|20|0|Aber weil uns schon gerade dieses Gestirn ins Freie herausgelockt hat, so möchte ich denn doch auch aus Deinem Munde nur ganz kurz angedeutet vernehmen, wie denn bei diesem Sterne die meisten uns bekannten Völker auf den Glauben gekommen sind, daß er, besonders so er sich, wie nun, wegen seiner Nähe dem Menschenauge größer zeigt, den Krieg unter den Völkern erwecke, darum er auch mit dem Namen des heidnischen Kriegsgottes belegt ist und viele Heiden ihn auch für den Kriegsgott selbst halten und ihn darum auch fürchten.“
GEJ|9|139|21|0|Sagte Ich: „Weißt du denn noch nicht, wie alle die über alle Maßen verschmitzten Priester jedes Volkes, das sie in seiner Blindheit, die auch ein Werk solcher Priester ist, für Diener und Freunde der Götter ansieht, alle außergewöhnlichen Erscheinungen – besonders am Himmel – dazu zu benutzen verstehen, um die Menschen in eine große Furcht und Angst zu versetzen, teils durch ihre Reden und teils durch andere Trugkünste, um sie dadurch zu großen Opfern und anderen Bußwerken zu zwingen? Siehe, auch das ist ein Werk der Priester, aus denen mit der Zeit zumeist auch die Könige der Erde hervorgegangen sind!
GEJ|9|139|22|0|Dies Gestirn hat vermöge seiner starken Atmosphäre als Erdkörper eine etwas rötlichere Färbung als sonst ein Planet mit einer minder starken Atmosphäre, und seine bald größere, bald mindere Lichtstärke bei stets rötlichem Lichte brachte die Priester nur zu bald auf die Idee, ihn vor dem Volke als den Kriegsstern zu bestimmen. Wenn er größer zu sehen war, so wurde dem Volke von kommenden Kriegen gepredigt, und dieses fing an zu opfern.
GEJ|9|139|23|0|Gab es aber unter dem Volke auch hie und da einen Menschen, der dem Volke sagte, daß die Priester es bei dieser Gelegenheit nur ausbeuten wollen und der Stern für sich ein ganz harmloser Planet sei, und das Volk glaubte dem weisen Manne und brachte den Priestern wenig oder gar keine Opfer, so verstanden sich die Priester ganz gut darauf, unter den Völkern Feindschaften zu stiften und sie zum Kriege zu entflammen. Es wurden dann diese auch mit der größten Erbitterung und Grausamkeit geführt. Da lief das Volk dann in Massen zu den Priestern in ihre Tempel und opferte den Göttern, um sie zu besänftigen. Hatten die Priester bei solchen argen Gelegenheiten einen großen Gewinn gemacht, dann suchten sie die Regenten wieder zu besänftigen, und der Krieg hatte dann bald wieder sein Ende erreicht.
GEJ|9|139|24|0|Wenn du das nun verstanden hast, so wirst du nun wohl auch einsehen, wie unser Planet zu der Ehre des Gottes der Kriege gelangt ist. – Lassen wir nun dieses Gestirn und begeben uns wieder ins Haus und darin zur Ruhe!“
GEJ|9|140|1|1|140. — Der mutige Bootsmann
GEJ|9|140|1|0|Als wir uns wieder in unserem Saale befanden, da fragte Mich der Wirt, wo er für Mich ein gutes Ruhebett richten solle.
GEJ|9|140|2|0|Ich aber sagte: „Sieh, Freund, wer da ein Bett haben will, dem gib auch eins; Ich aber werde auf Meinem Stuhle die Nacht hindurch ruhen. Deine Stühle taugen Mir zur Ruhe besser denn ein Bett.“
GEJ|9|140|3|0|Da Ich aber gleich auf Meinem Stuhle die Nachtruhe nahm, da wollten auch Meine Jünger keine Betten, sondern blieben, wie sonst zumeist, neben Mir auf den Stühlen sitzen. Nur Maria und Joel nahmen in einem Nebenzimmer zwei Betten.
GEJ|9|140|4|0|Die zwölf Fischer aber gingen wieder in ihr nahes Dörfchen heim mit der Vornahme, am Morgen für Mich und Meine Jünger wieder – aber eine größere Menge – Fische herbeizuschaffen; denn sie wurden von Meinen Reden und Belehrungen über alle die Maßen erbaut und konnten sich vor lauter Dankgefühl beinahe gar nicht helfen. Den ganzen Weg bis in ihr Dörfchen jubelten sie laut über Mich und konnten daheim ihren Gefährten nicht genug erzählen, welche tiefen und reinst göttlichen Wahrheiten sie aus Meinem Munde vernommen hätten. Ihre Gefährten und Angehörigen aber fragten sie, ob Ich etwa auch noch welche Zeichen und Wunder gewirkt hätte.
GEJ|9|140|5|0|Der Bootsmann aber sagte: „Was Zeichen, was Wunder! Des Herrn Wort und Lehre, als die ewige, lichtvollste und lebendigste Wahrheit aus Seinen ewigen Himmeln, ist schon an und für sich das größte Zeichen und Wunder; denn so wie Er spricht und lehrt, hat noch nie ein Mensch vor Ihm geredet und gesprochen und gelehrt. Ich werde von Ihm morgen noch gar vieles, was mir bis jetzt noch völlig unbekannt ist, kennenlernen; denn wer an Seiner Seite nicht weise und voll des ewigen Seelenlebens wird, der bleibt toter denn ein Mauerstein in Ewigkeit.
GEJ|9|140|6|0|Ich aber werde es mir nun zu einer Hauptaufgabe meines Lebens machen, Seine Ehre, Seine Göttlichkeit und Seinen wahrhaft heiligsten Namen vor aller Welt laut zu bekennen; denn mich hat nun alle Furcht vor der Dummheit und Bosheit aller Weltmenschen gänzlich verlassen. Wer wird vor mir bestehen mit der Lüge, so ich ihm die Wahrheit wie einen brennenden Dornstrauch ins Gesicht schleudere also, wie einst der Hirte David dem Riesen Goliath den Stein in seine stolze Stirne schleuderte und ihn zu Boden warf?
GEJ|9|140|7|0|Wehe dem heuchlerischen Pharisäer, der sich vornehmen sollte, mich eines andern zu belehren; ich werde es ihm sagen und zeigen, auf der wievielten Stufe zur Hölle hinab er steht, und welch ein Lohn dort seiner harrt!“
GEJ|9|140|8|0|Alle seine Gefährten staunten über den Mut des Bootsmannes, sagten aber doch, daß es klüger sein dürfte, im Anfange nicht gleich so viel zu lauten Aufhebens zu machen, um die argen Pharisäer dem Heilande und Seinen Jüngern nicht noch feindlicher zu machen, als sie es ohnehin schon seien.
GEJ|9|140|9|0|Aber der Bootsmann sagte: „Wenn man gegen diese größten Menschen- und Wahrheitsfeinde noch fortan alle Rücksichten aus lauter Furcht vor ihrer Bosheit beachten wird, dann wird es nie licht unter den Menschen auf dieser Erde werden! Darum werde ihnen die Wahrheit mit wahrem Mute offen ins Gesicht geschleudert, und man zeige diesen verschmitzten Feiglingen nur ordentlich, einem Löwen gleich, Zähne und Krallen, und sie werden sich bald in ihre finsteren Löcher zu verkriechen anfangen!“
GEJ|9|140|10|0|Und so in diesem Sinne hatte unser Bootsmann noch eine Weile fort geredet, bis ihn der Schlaf übermannte und er sich dann auch eine kurze Ruhe gönnte. Er war aber am Morgen dennoch als der erste ganz gestärkt auf den Beinen, und sein erster Gedanke war Ich, dem er aus seinem Herzen sein Lob darbrachte und Ihn pries.
GEJ|9|140|11|0|Da er aber sah, daß seine Gefährten noch schliefen, da weckte er sie und sagte zu ihnen (der Bootsmann): „Freunde, beeilen wir uns, damit wir noch vor dem Aufgange mit unseren Fischen eintreffen; denn an diesem Tage gilt es die Gewinnung des ewigen Lebens für unsere Seelen und auch für die Seelen noch vieler anderer Menschen!“
GEJ|9|140|12|0|Alle erhoben sich denn schnell von ihren Ruhestätten, gingen zu den Fischbehältern, hoben bei hundert der schönsten und besten Fische heraus und trugen sie nach Jesaira.
GEJ|9|140|13|0|Diesmal gingen auch die gestern abend zu Hause gebliebenen acht Fischer mit und halfen die Fische nach Jesaira schaffen in Lägeln, die sie auf einen Karren legten, den sie selbst zogen und schoben.
GEJ|9|140|14|0|Als sie leicht und bald in Jesaira ankamen, da schliefen noch die meisten Jünger, nur Ich, Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes, Kisjona, Philopold und der Wirt nebst mehreren seiner Dienstleute waren schon auf den Beinen und besahen im Freien die munteren Szenen des frühen Morgens.
GEJ|9|140|15|0|Als die Fischer Mich ersahen, fingen sie alsogleich an zu jubeln und dankten Mir schon von einiger Ferne, daß Ich sie gewürdigt habe, daß sie Mich sehen und sprechen können auch an diesem Tage.
GEJ|9|140|16|0|Als sie mit ihrem Karren vollends zu uns kamen, baten sie Mich abermals, daß Ich ihr kleines Opfer gnädig und wohlgefällig annehmen möchte.
GEJ|9|140|17|0|Und Ich sagte zu ihnen: „Mein schon gestern bei der gleichen Gelegenheit zu euch gesprochenes Wort gilt auch für heute und fortan in alle Ewigkeit. Übergebet die Fische dem Wirte; er wird schon wissen, wie er sie verwenden wird.“
GEJ|9|140|18|0|Da übergaben sie dem Wirte die Fische, und der Bootsmann bedeutete dem Wirte, daß er mit den Fischen nicht kargen solle; denn ihre Behälter seien noch so überfüllt mit den besten Arten, daß sie hundert Tage lang auf keinen neuen Fang auszugehen nötig haben würden.
GEJ|9|140|19|0|Da übernahmen die Diener des Wirtes die Fische und schafften sie in die große Gastküche, in der sich ein ziemlich großer, aus Zedernholz gezimmerter Fischbehälter befand, den Mein Nährvater Joseph gemacht hatte, schon eher, als Ich geboren ward, welchen Behälter der Wirt darum in großen Ehren hielt, weil ihn sein Vater in dem Jahre anfertigen ließ, als er bald darauf verstarb.
GEJ|9|140|20|0|Des Wirtes Vater aber war ein frommer und überaus biederer Mann und war darum denn auch ein intimer Freund Josephs, und dieser hatte oft eine gute Arbeit bei dem Vater unseres Wirtes und blieb auch des Sohnes Freund, solange er lebte. Darum war Meine Familie dem Wirte auch gleichfort eine sehr liebwerte.
GEJ|9|140|21|0|Nur Ich Selbst war zuvor diesem Hause weniger bekannt und hatte wenig Ansehen, weil Ich stets sehr wortkarg war und nichts aus Mir machte.-
GEJ|9|140|22|0|Dies wenige zur näheren Bekanntschaft mit diesem Hause zu Jesaira, von dem aber, nota bene wie von vielen andern Orten am Galiläischen Meere, schon seit über tausend Jahren keine Spur mehr zu finden ist; denn die vielen Kriege und Völkerzüge, mit denen diese Länder oft heimgesucht wurden, haben alles zerstört und verwüstet. – Und nun wieder zu uns zurück!
GEJ|9|141|1|1|141. — Das Wesen des Jenseits
GEJ|9|141|1|0|Als die Fische untergebracht waren, begab Ich Mich mit den früher benannten Freunden und mit den zwanzig Fischern wieder in unseren schon bekannten Söller, in dem wir den Aufgang der Sonne erwarteten. Der Morgen war vollkommen rein und heiter, weil ein aus dem Süden wehender Wind die Dünste vom Meere und auch von den dasselbe umlagernden Bergen hinwegfegte, und es war darum nach allen Seiten hin eine herrliche Aussicht, welche besonders unsere Fischer nicht genug rühmen konnten.
GEJ|9|141|2|0|Als unser Bootsmann ganz entzückt ward über den herrlichen Anblick der Gegend, sagte er: „O Herr und Meister, wie herrlich und wunderbar sind doch alle Deine Werke! Wer ihrer achtet im reinen Sinne, der hat sicher eine große Lust und Freude an ihnen, und das um so mehr erst dann, so er in sich fühlt, daß sie für seine Seele, die ewig zu leben hat, auch nimmerdar verlorengehen werden. Was sagst denn Du, o lieber Herr und Meister, zu dieser meiner vielleicht noch sehr unreifen Ansicht?“
GEJ|9|141|3|0|Sagte Ich: „Deine Ansicht ist ganz gut und auch wahr; denn eine vollkommene, in Meinem Geiste der Liebe und Wahrheit wiedergeborene Seele wird durch den Abfall ihres Leibes nicht nur nichts verlieren – als ihre Last und Bürde, die sie an diese materielle Welt fesselt –, sondern nur unaussprechbar vieles noch hinzugewinnen. Denn wahrlich sage Ich dir: Kein Fleischesauge hat es je geschaut, kein Ohr gehört, und keines Menschen Sinn je empfunden, was die im großen Jenseits alles für Seligkeiten zu erwarten haben, die Mich lieben und nach Meiner Lehre leben und handeln! Ein mehreres brauche Ich dir nicht zu sagen.“
GEJ|9|141|4|0|Sagte abermals der Bootsmann: „O Du lieber Herr und Meister! Wo wohl befindet sich das große, so überherrliche Jenseits, in das nach des Leibes Tode eine vollkommene Seele aufgenommen wird? Ist es über all den Sternen, oder mitten unter den Sternen, oder in den freien Lufträumen, in denen die lichten Wolken schweben?“
GEJ|9|141|5|0|Sagte Ich: „Mein Freund, du fragst da noch sehr in einer diesseitig menschlichen Weise, was bei dir aber auch noch nicht anders sein kann! Siehe, das große allerseligste Jenseits ist vor allem, als das wahre Gottesreich, inwendig im Menschen, und zwar im Innersten seiner Seele. Von da aus aber ist es dann auch überall über den Sternen den ganzen endlosesten Raum nach allen Richtungen hin, also auch in und unter den Sternen, im freien Luftraume, auf und in dieser Erde, und also auch überall, wo du dir es nur immer denken magst. Denn alles, was du schaust und fühlst auf dieser Welt, das ist entsprechend auch in der Geisterwelt vorhanden, ohnedem nichts Materielles bestehen könnte und würde.
GEJ|9|141|6|0|Denn siehe, diese Erde, der Mond, die Sonne und alle die zahllos vielen Sterne, die auch lauter große Weltkörper sind, auf denen, so wie auf dieser Erde, allerlei Wesen und Geschöpfe leben, sind im Grunde ja auch nur pur Geistiges, weil sie nur der durch den Willen Gottes festgehaltene Ausdruck Seiner Gedanken, Ideen und Anschauungen in Ihm Selbst sind. Würde Gott eine solche Seine Idee aus dem Bereiche Seines Willens stoßen und sie nicht mehr in Seiner Anschauung halten wollen, so wäre sie auch nicht mehr da, was Gott wohl könnte, so Er das in Seiner ewigen Ordnung wollte; aber Gott will, daß alles, wie Er Selbst, ewig fortbestehe, wennschon unter so manchen Veränderungen, die aber von Gott verordnet sind, daß alles aus dem ersten, durch den Willen Gottes hart gehaltenen Zustande, in dem sich alle Materie befindet, in einen freien und wie für sich bestehenden übergehe, der eben der geistige und gottähnliche ist.
GEJ|9|141|7|0|Wenn du im Geiste Gottes in deiner Seele vollendet sein wirst, dann wirst du auch alles das in einem verjüngten Maße in dir selbst zur Beschauung und zum Gebrauche haben, was Gott von Ewigkeit her im endlosest größten Maße in Sich hat. Und so wirst du auch diese Erde, wie sie nun ist, wie sie in allen den früheren Bestandsperioden war und in den künftigen bis an ihr materielles Ende sein wird und darüber ewig hinaus in ihrem unveränderbaren geistigen und reinsten Zustande fortbestehen wird, und ebenso auch den Mond, die Sonne und alle die endlos vielen andern Weltkörper unbeschreibbar klarer schauen und sie auch vom kleinsten bis zum größten verstehen denn nun mit deinen trüben und unvollkommenen Sinnen, die dem Menschen eben darum leiblich trüb und unvollkommen gegeben sind, damit sie ihn zur inneren Denk- und Suchtätigkeit in einem fort nötigen, weil der Seele, die dem Urlichte Gottes verwandt ist, nichts lästiger und unerträglicher ist als die Trübheit und Unbestimmtheit in allem, was sie eben nur durch des Leibes trübe und unvollkommene Sinne wahrnimmt und kaum der Außenrinde nach erkennt.
GEJ|9|141|8|0|Die Seele sehnt sich also in einem fort nach der vollen Wahrheit und denkt und fragt und sucht denn auch ebenso ununterbrochen; und in dieser Seelentätigkeit besteht denn auch das fortwährend wachsende Zunehmen der Erweckung und Stärkung des inneren geistigen Sinnes, sowohl in bezug des Schauens, Hörens und Wahrnehmens, als des Fühlens und Empfindens.
GEJ|9|141|9|0|Würde aber eine Seele sogleich mit dem vollgeweckten inneren Sinne in diese Welt treten, so würde sie denn auch sogleich in eine vollste Trägheit und Untätigkeit versinken, was dann ebensoviel wäre, als hätte sie kein Leben.
GEJ|9|141|10|0|Die Seligkeit des Lebens aber besteht hauptsächlich ja nur in der Tätigkeit, und so ist es der Seele nützlicher, daß sie sich in aller Tätigkeit übe, als daß sie sich gleichfort in aller Klarheit des inneren Wahrnehmens nach allen Richtungen des Lebens hin befände.
GEJ|9|141|11|0|Wenn du dieses alles wohl überdenkst, so wirst du dadurch schon zu einer großen Klarheit in dir gelangen und wirst vieles begreifen, was dir bis jetzt unbegreiflich war.“
GEJ|9|142|1|1|142. — Die Tätigkeit der Seele
GEJ|9|142|1|0|Sagte darauf ein anderer aus der Zahl der Fischer: „O Herr und Meister, Du sagtest, daß es da keiner Seele etwas nütze, so sie gleich bei ihrem Eintritt in diese Welt sich in aller inneren Klarheit befände, weil sie für uns nun wohlbegreiflichermaßen in alle Trägheit und vollste Untätigkeit verfiele; denn so jemand etwas Kostbares verloren hat, da wird er es sicher so lange suchen, bis er es möglicherweise wiederfindet, – und so sucht die Seele denn das durch ihre trüben Außensinne verlorene innere Klarlicht. So sie aber diesen höchsten Lebensschatz wird gefunden haben, wie wird es dann mit ihrer ferneren Tätigkeit aussehen? Denn so ein Mensch das, was er verloren hatte, glücklicherweise wiedergefunden hat, so hat dann sein Suchen und somit seine Tätigkeit doch sicher ein Ende! Und so dürfte dann eine Seele, so sie durch ihre Suchtätigkeit das im Vollmaße gefunden hat, was sie gesucht hatte, dann ja wieder in alle Trägheit und Untätigkeit versinken; wenn aber das, da wäre sie als ein völlig untätiges Wesen ja von neuem wieder wie tot, und das könnte ihr wahrlich zu keiner besonderen Seligkeit dienlich sein. In diesem Stücke, o Herr und Meister, bin ich noch etwas im unklaren.“
GEJ|9|142|2|0|Sagte Ich: „Freund, weil eben im klarsten Schauen und Erkennen die wahre Lebensseligkeit nicht besteht, sondern nur in der stets zu steigernden Liebtätigkeit, darum muß denn auch eine jede Seele sich diese zuvor zum einzigen Lebenselemente machen, ohnedem sie niemals zur inneren Lebensklarheit gelangen kann; denn die Liebtätigkeit ist ein inneres Lebensfeuer, das durch seine stets zunehmende Regewerdung zu einer hell leuchtenden Flamme werden muß.
GEJ|9|142|3|0|Ist aber dieses Lebenselement in der Seele vollwach geworden, so daß die Seele also selbst ganz zu diesem Lebenselement wird – was soviel sagen will als: der ganze Mensch ist im Geiste neu- und also wiedergeboren –, dann bleibt die Seele trotz ihrer inneren Klarheit, die eine Folge der bis auf die möglich höchste Stufe gesteigerten Liebtätigkeit ist, auch stets im möglich höchsten Grade tätig, und ihre Seligkeit und ihre Klarheit steigert sich nach den Graden ihrer Liebtätigkeit und nicht nach den Graden ihrer Klarheit, zu der sie ohne die Liebtätigkeit ohnehin nie und niemals gelangen kann; denn es ist das schon von Ewigkeit her von Gott also verordnet, daß kein Geist und keine Menschenseele ohne eine entsprechende Tätigkeit je zum Lichte gelangen kann.
GEJ|9|142|4|0|Wie erzeugen die Menschen aber auf dieser Materiewelt das Licht? Siehe, sie reiben entweder Holz mit Holz oder Stein mit Stein so lange, bis es Feuerfunken von sich zu geben anfängt! Die Feuerfunken fallen auf leicht entzündbare Gegenstände, die zu bleibender Glut werden. Ist die Glut einmal in einem hinreichenden Maße vorhanden, und kommen mit ihr brennbare Gegenstände – wie Holz, Stroh oder das gewisse schnell entzündbare Harz, mit Schwefel und Naphtha gemengt – in Berührung, so wird alsbald eine helle Flamme emporlodern, und es wird licht werden in ihr selbst und um sie nach allen Richtungen.
GEJ|9|142|5|0|Wäre ohne eine vorangehende Tätigkeit wohl je eine Glut und aus dieser eine leuchtende Flamme, die durch ihre sichtbar regste Bewegung selbst den höchsten Grad der Tätigkeit an den Tag legt, entstanden?
GEJ|9|142|6|0|Siehe, also zeigt es sich schon in der toten Materiewelt, daß zum Feuer- und Lichtmachen eine gewisse Tätigkeit vorangehen muß! Und so muß denn zum Lichte des Lebens der Seele um so mehr eine gewisse Tätigkeit vorangehen; durch diese wird die Liebe erweckt, die da ist das Lebenselement, und aus ihrer gesteigerten Tätigkeit entsteht dann erst das Licht in der Seele, das ist die Weisheit, die sich und alle Dinge aus sich erkennt, beurteilt und ordnet.
GEJ|9|142|7|0|Siehe, Freund, also stehen die Dinge des Lebens der Seele und ihrer inneren Erkennungsklarheit, und du hast demnach nicht zu befürchten, daß je eine selige Seele ihrer gottähnlichen Weisheit zufolge jemals träge und untätig werde, weil eben die Weisheit einer Seele hier und noch mehr jenseits stets die Folge ihrer Tätigkeit ist; würde oder könnte diese je aufhören, so würde bei der Seele auch die Weisheit und die innere Lebensklarheit aufhören. – Hast du dieses nun verstanden?“
GEJ|9|143|1|1|143. — Die Tätigkeit der Geister
GEJ|9|143|1|0|Sagte der Fischer: „Ja, Herr und Meister, nun bin ich darin schon ganz im klaren; aber nun möchte ich denn auch noch hierzu wissen, worin die Tätigkeit einer vollkommenen Seele im großen Jenseits denn wohl hauptsächlich besteht. Auf dieser harten Erde gibt es für die Menschen freilich wohl vieltausenderlei zu tun, so er leben will, – was ist dann aber im großen geistigen Jenseits zu tun? Wird auch dort gepflügt, gesät und geerntet des Lebensunterhaltes wegen?“
GEJ|9|143|2|0|Sagte Ich: „Jawohl, Freund, pflügen, säen und ernten, – aber freilich auf eine andere Art und in einem andern Sinne, als das auf dieser materiellen Welt geschieht.
GEJ|9|143|3|0|Siehe, ohne die große Tätigkeit der Geister, und ganz besonders der vollkommenen, würde auf keiner Erde etwas entstehen! Es würde nicht nur nichts wachsen und kein lebendes Wesen auf dem Boden umherwandeln, sondern es würde auch keine Sonne und keine Erde je entstanden sein und sicher noch weniger fortbestehen.
GEJ|9|143|4|0|Die Menschen pflügen wohl die Erde und streuen den Samen in ihre Furchen; aber den Geistern liegt es ob, das Keimen, das Wachsen und das Reifwerden der Frucht zu bewerkstelligen. Und du wirst aus dem nun wohl erkennen, daß es besonders den vollkommenen Geistern auch für die euch sichtbare Welt, hier auf dieser Erde sowohl als auch auf all den andern Weltkörpern, viel zu schaffen und zu machen gibt, noch mehr aber für die rechte Seelenbildung und Vervollkommnung der Menschen schon diesseits, und um gar vieles mehr erst dann jenseits. Denn es kommen ja ums unvergleichbare stets mehr oft höchst unvollkommene Seelen ins große Jenseits denn der vollkommenen, besonders von dieser Erde. Die unvollkommenen und argen Seelen aber würden diese ganze Erde mit Hilfe der ungegorenen Naturgeister bald derart verderben, daß auf ihr kein Gras, kein Strauch, kein Baum mehr wachsen und kein Tier und kein Mensch mehr bestehen könnte.
GEJ|9|143|5|0|Nur durch die Liebe, Weisheit und Macht der vollkommenen Geister werden die argen und unvollkommenen Seelen im Jenseits daran gehindert, nach und nach fortgebildet und möglicherweise auch von Stufe zu Stufe dem Reiche Gottes nähergebracht.
GEJ|9|143|6|0|Wie die vollkommenen Geister aber das alles bewirken, das läßt sich mit Worten nicht darstellen; wenn ihr aber im Geiste selbst neu- und wiedergeboren sein werdet, dann wird es euch schon klar und wohlverständlich werden, wie die Geister arbeiten und wirken. – Hast du auch das verstanden?“
GEJ|9|143|7|0|Sagte abermals derselbe Fischer: „Ja, Du lieber Herr und Meister, und ich danke Dir für Deine übergroße Geduld mit uns schwachen und noch sehr blöden Menschen! Oh, es wird sicher noch lange hergehen, bis wir, mitten unter lauter Wundern lebend, die Wunder verstehen werden! Wir sehen und genießen das Wasser und wissen nicht im geringsten, was es ist. Ebenso sehen wir auch das Feuer und sein Licht und empfinden dessen Glut und Wärme, wissen aber auch nicht im geringsten, was es ist, und was sein eigentlicher Entstehungsgrund ist. Aber es sei ihm nun, wie da wolle, wir sind nun schon darum über die Maßen froh und heiter, daß wir durch Deine übergroße Gnade und Liebe nun den untrüglichen Weg zur vollen und lebendigen Wahrheit überkommen haben. O Du lieber Herr und Meister, sei uns aber auch mit Deiner Gnade behilflich, daß wir diesen Weg bis ans lichtvolle Ziel zu wandeln niemals müde, schwach und träge werden!“
GEJ|9|143|8|0|Sagte Ich: „Wer da glaubt und den rechten Willen hat, der wird auch das erreichen, nach dem er ernstlich strebt; und so werdet auch ihr das Ziel bald und leicht erreichen, da ihr nun an Meiner Seite schon mehr als den halben Weg eifrigst durchgemacht (zurückgelegt) habt!“
GEJ|9|143|9|0|Als Ich die Fischer mit den Belehrungen vollends zufriedengestellt hatte, da dankten sie Mir abermals, traten zurück und besprachen sich unter sich über das Vernommene und prägten es ihrem Gedächtnisse fest ein.
GEJ|9|144|1|1|144. — Die Bedeutung der Zukunftsweissagungen des Herrn
GEJ|9|144|1|0|Ich aber besprach Mich mit unserem Wirte, mit Philopold und mit Kisjona über so manches, und auch über die Zukunft des ganzen Judenlandes.
GEJ|9|144|2|0|Die Jünger aber, als sie Mich über die sehr düster aussehende Zukunft des Landes reden hörten, sagten unter sich: „So manchmal kennt man sich bei Ihm denn wahrlich doch nicht aus! Wir wollen von Seinen Gleichnissen, denen stets ein tiefer Geistsinn zugrunde liegt und Er sie auch allzeit erklärte, so wir sie nicht verstanden hatten, nichts sagen; aber so Er bei Seiner Lehre, die doch schon im Verlaufe von nur zehn Jahren ein Gemeingut der Menschen werden muß, und die die Menschen zu Lämmern umgestalten kann und wird, immer von einer noch elenderen Zukunft spricht, als wie elend da nun ist die Gegenwart, da weiß man denn doch oft im Ernste nicht, was man sich dabei denken soll.
GEJ|9|144|3|0|Zudem sagte Er auch schon zu öfteren Malen, wie ohne den Willen Gottes niemandem auch nur ein Haar gekrümmt werden und kein Sperling vom Dache fallen könne. Wenn denn ohne Seinen Willen nichts geschehen kann, so kann es ja auch keine böse Zukunft geben ohne Seinen Willen, und das um so weniger, als – wie schon gesagt – die Menschen zu Lämmern umgestaltet werden sollen durch Seine Lehre, die ein lebendiges Gotteswort ist, und die von nichts so sehr und eindringlich spricht als von der Liebe zu Gott und zum Nächsten, also auch von der Demut, Versöhnlichkeit, Selbstverleugnung und von der Barmherzigkeit.
GEJ|9|144|4|0|Wenn die Menschen durch Seine Lehre aber das in der Tat werden müssen, wie das auch in der kurzen Zeit unseres guten Wissens mehrere Tausende geworden sind, wie mag Er da denn immer von einer, wie gesagt, noch um vieles elenderen Zukunft in einem fort weissagen, als je eine vergangene Zeit samt dieser sicher schon ohnehin über alle Maßen elenden Gegenwart war und nun ist? Das begreife, wer es mag und kann; wir begreifen das durchaus nicht!
GEJ|9|144|5|0|Er müßte es nur aus irgendeinem nur Ihm allein bekannten geheimen Grunde Selbst also haben wollen, ansonst ist uns solche Seine Weissagung von einer allerelendesten Zukunft als eine Folge Seiner Lehre, die jetzt in ihrem Entstehen im weiten Asien, im tiefen Ägypten sogar unter den Mohren und auch schon in Europa unter den Römern und Griechen unter vielen Tausenden von Menschen ausgebreitet ist, die an Ihn lebendig glauben und ihre lichtvollste Wahrheit auch stets mit Zeichen zu bestätigen vermögen, unbegreiflich.
GEJ|9|144|6|0|Ja, wenn die von Ihm geweissagten überargen Zukunftszustände die Folge von dieser rein göttlichen Lehre sein sollen und das Reich Gottes unter den Menschen eine solche bedauerlichste Gestalt annehmen wird, dann wäre es ja doch um vieles besser, solche Lehre den Menschen gar nicht zu verkünden, auf daß sie nicht zu noch ärgeren Teufeln werden, als sie es nun ohnehin in der größten Mehrzahl sind!“
GEJ|9|144|7|0|Ich aber hatte solche Reden Meiner Jünger wohl vernommen und sagte zu ihnen: „Wie mögen denn euch Meine Weissagungen über die Zukunft noch ärgern? Habe Ich sie ja doch schon zu öfteren Malen vor euch enthüllt und euch auch getreuest wahr gezeigt, was infolge des freien Willens der Menschen die Ursache der überaus argen Zukunft sein wird, und ihr habt das wohl begriffen, eingesehen und verstanden und habt euch nicht geärgert. Wie seid denn ihr nun darob ärgerlich geworden, und wie möget ihr sagen, daß die Zukunft beim Bekanntwerden Meines Evangeliums nur dann so arg werden könne, wenn Ich sie so arg aus einem nur Mir bekannten Grunde werde haben wollen?
GEJ|9|144|8|0|Oh, oh, wie gar sehr kurzsichtig seid ihr alle noch! Ohne Meinen Willen kann sich wohl freilich kein Haar krümmen auf eines Menschen Haupte, kein Sperling vom Dache fallen und kein Mensch seines Leibes Größe und Gestalt ändern und den Tag nicht länger oder kürzer machen, – denn alle diese Dinge stehen in der unmittelbaren Macht Meines Willens, der auch in allen den zahllos vielen Engeln Meiner ewigen und unendlichen Himmel einer und derselbe ist. Aber hier auf dieser Erde, wo ein jeder Mensch erst die Willensfreiheitsprobe durchzumachen hat, steht es mit der Allmacht Meines Willens in der sittlichen und seelischen Lebenssphäre des Menschen ganz anders, – wie Ich euch solches gar oft schon gezeigt habe!
GEJ|9|144|9|0|Habe Ich denn nicht gesagt: In einer Welt, wo ein Mensch nicht zu einem ärgsten aller Teufel werden kann, da kann er auch zu keinem wahren Kinde Gottes werden?! Denn darum offenbare Ich nun ja Selbst Meinen Willen unmittelbar an euch Menschen, daß ihr ihn zu dem eurigen machen und Mir dadurch in allem vollkommen ähnlich werden könnet.
GEJ|9|144|10|0|Wenn aber also und unmöglich anders – was ihr nun doch schon grundursächlich klar einsehen solltet –, wie mag es euch denn ärgern, so Ich auch für diese unsere Freunde kundgebe, wie es infolge der Verstockt- und Blindheit der Menschen, die sich gleich den vielen Pharisäern nicht zum Lichte des Lebens wenden wollen, sondern dasselbe allenthalben mit aller Wut der Hölle verfolgen, in der Zukunft aussehen wird?!
GEJ|9|144|11|0|Wir haben nun die Lehre vom Reiche Gottes wahrlich unter gar viele Menschen nach weit und breit vom Aufgange bis zum Niedergange und vom Mittag bis gen Mitternacht hin ausgebreitet, und viele sonnen sich schon im Lichte aus den Himmeln, – aber es ist diese erste Ausbreitung dennoch eine sehr vereinzelte und ist ein Eigentum nur kleiner Familien und Gemeinden; sie macht darum auch noch nicht ein zu großes Aufsehen bei all den vielen weltmächtigen und über alles herrschsüchtigen Feinden des Lichtes, und sie haben bis jetzt noch wenig Erhebliches gegen dasselbe unternommen.
GEJ|9|144|12|0|Lasset aber dieses Licht nur allgemeiner werden, daß es die Priester wohl merken mögen, wie ihre Tempel an den gewissen Fest- und großen Opfertagen sich nicht mehr mit Menschen füllen, sondern stets leerer und leerer werden, und ihr werdet es dann schon sehen, mit welcher namenlosen Wut sie sich gegen Meine Lehre und gegen ihre Bekenner erheben werden!
GEJ|9|144|13|0|Meine Lehre in sich ist wohl der wahre Friede einer Seele, die nach ihr lebt und handelt, – ja sie ist der selige Friede des Himmels im ganzen Menschen; aber für die Teufel der Hölle, die in Menschengestalt auf dieser Erde unter den Menschen schalten und walten durch Lüge und Trug, ist sie ein zweischneidiges und flammendes Schwert, ein Krieg und eine größte Verheerung. Darum wird das wahre Reich Gottes auf Erden eine große Gewalt zu erleiden haben, wie es sie auch teilweise schon jetzt erleidet, und die es werden haben wollen, werden es auch mit Gewalt an sich reißen müssen!
GEJ|9|144|14|0|Und sehet, weil solche von Mir vorausgesehenen Kämpfe infolge der Erhaltung des freien Willens der Menschen, der der Arm ihrer Liebe und somit ihres Lebens ist, unvermeidbar sind – weil Wir die nun im Falschen und Bösen sich befindenden Menschen, deren Zahl übergroß ist, der Lehre aus den Himmeln wegen nicht zuvor durch eine Sündflut wollen vom Boden der Erde vertilgen lassen, da eben diese Lehre der Kranken, Tauben und Blinden und mit allerlei Übeln Behafteten und nicht der Gesunden wegen gegeben wird –, so wird es ja auch wohl und leicht begreiflich sein, daß sich mit der Zeit große Kämpfe und Kriege über den Boden der Erde und vor allem und zuerst über das alte Reich der Juden, von dem die Lehre ausgeht, mit so großen Verheerungen ausbreiten werden, daß man nicht mehr wird zu erkennen vermögen, wo eine und die andere Stadt gestanden ist, wo die Weinberge, wo die fruchtbaren Äcker und reichen Obstgärten, Wiesen und Weiden waren. Es wird zu einer Wüste verwandelt werden und wird sich hinfort nimmerdar in ein gelobtes Land umgestalten, in dem dereinst Honig und Milch floß.
GEJ|9|144|15|0|Daß Ich es euch aber zum voraus sage, hat den Grund, daß ihr euch zeitlich genug dagegen rüsten und wohl bewaffnen könnet. Denn so man weiß, wann der Dieb kommt, und was er im Sinne hat, dann ist es ein leichtes, sich ihm zur Wehr zu stellen; aber so man nicht weiß, daß er kommt, und wann und wie, ob am Tage oder ob in der Nacht, da alles in einen tiefen Schlaf versunken ist, dann ist es dem Diebe ein leichtes, ins Haus zu dringen und sich seine Beute zu nehmen. Darum wandelt stets im Lichte des inneren Tages, und bleibet wach in Meiner euch geoffenbarten Wahrheit, so werdet ihr mit dem Feinde den Kampf wohl bestehen können!
GEJ|9|144|16|0|Seid ihr nun auch noch voll Ärgers, daß Ich euch dieses nun sonnenhell gezeigt habe?“
GEJ|9|145|1|1|145. — Die Demut der Arbeiter im Weinberg des Herrn
GEJ|9|145|1|0|Sagte nun Petrus: „O Herr und Meister, wir waren ja auch ehedem nicht ärgerlich, und wir werden um so weniger ärgerlich sein, da wir nun völlig klar einsehen, daß wir das nimmer hintanhalten können, was Du mit aller Deiner Allmacht nicht hintanhalten magst und willst. Was sich aber dennoch wird tun lassen mit Deiner steten Mithilfe, das wird auch geschehen; denn wir wollen für die Wahrheit allzeit mit unserem Leben gegen alle Feinde der Wahrheit einstehen, und bevor ich falle, werden im Notfall tausend Feinde der Wahrheit und des Lebens fallen. Denn wir wollen nicht nur Lehrer in Deinem Namen, sondern auch Helden sein und kämpfen mit Wort und Schwert gegen die Widersacher und Feinde der Wahrheit. Mit Deinem Namen im Herzen und im Schilde besiegen wir die ganze Welt! Verlasse nur Du uns mit Deiner Gnade niemals!“
GEJ|9|145|2|0|Sagte Ich: „So ihr werdet bleiben in Mir, da werde Ich auch bleiben in euch. Ohne Mich aber werdet ihr nichts zu tun imstande sein.
GEJ|9|145|3|0|So ihr aber mit Mir und in Meinem Namen alles werdet getan haben, da saget es in euch: ,Siehe, o Herr, wie wir doch stets als faule und unnütze Knechte in der Bearbeitung Deines Weinbergs vor Dir dastehen!‘ Denn wahrlich: wer sich selbst erhöhen wird, der wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigen wird, der wird erhöht werden!
GEJ|9|145|4|0|Aber dabei sollet ihr doch zu niemandem ,Herr‘ sagen; denn nur einer ist euer Herr und Meister, und Der bin Ich! Also sollet ihr zu niemandem ,Vater‘ sagen; denn nur einer ist euer Vater, – Der im Himmel nämlich! Also sollet ihr auch niemanden gut und heilig nennen; denn nur Gott allein ist gut und heilig!
GEJ|9|145|5|0|Ihr alle aber seid Brüder und Schwestern untereinander. Wer aber unter euch der Erste und meiste sein will, der sei aller Knecht und Diener! Denn in Meinem Reiche ist der Demütigste und Geringste und anscheinend der Letzte eben der Erste und Größte in aller Weisheit und Macht.
GEJ|9|145|6|0|Nun wisset ihr, was ihr zu tun und stets zu beachten habt, um Mich und Meine Kraft und Macht in euch zu erhalten und mit ihr zu wirken; tut denn auch allzeit also, da werdet ihr auch verbleiben in Mir und Ich in euch!“
GEJ|9|145|7|0|Hier trat noch unser Bootsmann zu Mir und sagte: „O Du lieber Herr und Meister, Du sagtest, daß man zu keinem Menschen ,Vater‘ sagen solle, da nur Gott allein der Vater aller Menschen ist! Ich sehe wohl ein, daß Du auch völlig recht hast; nur weiß ich mir nun das im Gesetze Mosis nicht zu deuten, wie man sich das erklären soll, wenn da Moses sagt: ,Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest und es dir wohlergehe auf Erden!‘ Hier nennt Moses, der große und mächtige Prophet Jehovas, den Zeuger der Kinder doch Vater, und so heißt es auch: ,unser Vater Abraham, Isaak und Jakob!‘ Wenn wir als Kinder unseren Zeuger nun Vater nennen, begehen wir nach Deinem hier ausgesprochenen Worte irgend eine Sünde vor Dir, o Herr?“
GEJ|9|145|8|0|Sagte Ich: „Am Worte selbst liegt nichts, sondern nur am inneren Sinn desselben! Darum mögen die Kinder immerhin ihren Zeuger ,Vater‘ und ihre Gebärerin ,Mutter‘ nennen; denn die Kinder können ja nicht fassen des Wortes Geist. Ihr aber fasset nun schon des Wortes inneren Geist und wisset es, daß die ewig allerhöchste und reinste Liebe in Meinem Herzen zu euch Menschen, die Ich zu Meinen Kindern erziehe und erhebe für ewig, der einzig und allein wahre Vater ist. Also, wohl verstanden, Freund, nur unter diesem Geistsinne im Worte sollet ihr zu niemandem ,Vater‘ sagen!
GEJ|9|145|9|0|Merke es dir noch hinzu, daß da ein jedes pur äußere Wort, so wie auch ein Buchstabe für sich, tot ist und niemanden zum Leben erweckt; nur der innere Geist im Worte – ob ausgesprochen oder mit Buchstaben geschrieben – ist es, der da lebendig macht jeden, der nach seinem inneren, lebendigen Sinne denkt, handelt und lebt. Wer aber nur nach dem äußeren Sinne des Wortes glaubt, handelt und lebt, gleich den Pharisäern, der bleibt tot auch gleich also, wie der pure Buchstabe des Wortes an und für sich tot ist. – Das also zu eurer Beruhigung!“
GEJ|9|145|10|0|Die Fischer und alle dankten Mir für diese nachgetragene Erklärung und dachten sehr über alles wohl nach, was Ich ihnen hier am Morgen noch vor dem Aufgange der Sonne mitgeteilt und erklärt habe.
GEJ|9|145|11|0|Da aber nun die Sonne sich in stark rötlicher Färbung über den Horizont zu erheben begann, umlagert von rosig schimmernden Wölkchen – was einen herrlichen Anblick gewährte –, da sagte der Wirt: „Schön und herrlich ist wohl solch ein Morgen anzuschauen; nur schade, daß derlei rosige Morgen beinahe nie auch einen ebenso rosigen Abend zur Folge haben! Man sagt schon von alters her: ,Morgens Rosen, und abends Kot!‘ Herr und Meister, werden uns auch dieses Morgens Rosen für den Abend einen Kot bereiten?“
GEJ|9|145|12|0|Sagte Ich: „Laß du nun, solange Ich bei euch und unter euch weile, der alten Astrologen Sprüche, die dann und wann sich wohl hie und da in der Tat bestätigen; denn Der, der ein Herr des Morgens ist, ist auch ein Herr des Abends! Wenn du dieses verstanden hast, so brauchst du dich vor dem Kote des Abends nicht zu fürchten.“
GEJ|9|145|13|0|Als Ich das dem Wirte gesagt hatte, da ward er froh; denn er war nie ein Freund von einem kotigen Abend.
GEJ|9|146|1|1|146. — Der Herr besucht die armen Fischer der Bucht
GEJ|9|146|1|0|Es kam aber nun auch ein Bote aus dem Hause und zeigte uns an, daß das Morgenmahl unser harre. Da verließen wir den Söller und begaben uns sogleich ins Haus. Allda setzten wir uns in der schon bekannten Ordnung an unseren Tisch, und die zwanzig Fischer an den für sie gedeckten, und wir nahmen da, von dem schönen Morgen gestärkt, gar frohen Mutes das überaus wohlbereitete Morgenmahl zu uns.
GEJ|9|146|2|0|Als wir mit dem Mahle nach einer halben Stunde zu Ende waren, da fragte Mich der Wirt, was Ich von nun an bis zum Mittage hin etwa unternehmen werde.
GEJ|9|146|3|0|Sagte Ich: „Fragen ist frei, aber das Antworten auch! Es liegt zwar nicht immer in Meiner Ordnung, im voraus zu bestimmen, was Ich tun werde; denn das kommt alles auf Den an, der in Mir wohnt, und Ich, als nun auch nur ein Mensch mit Fleisch und Blut und einer unsterblichen Seele, muß horchen auf diesen Geist in Mir. So Er zu Mir sagt: ,Gehe dort und da hin, und tue dies und dies!‘, dann erst weiß es auch Mein Fleisch und Mein Blut. Aber diesmal hat der Vater in Mir schon geredet, und Ich weiß es, was Ich zu tun habe, und kann es euch denn auch wohl mitteilen.
GEJ|9|146|4|0|Siehe, nicht ferne von hier, in der Richtung gen Cäsarea Philippi hin, hat dies Galiläische Meer eine seiner größten Einbuchtungen, welche Einbuchtung aber mit einem größeren Schiffe beinahe gar nicht zu befahren ist; mit kleineren Booten aber kann man bis zu ihren dir noch nicht bekannten ziemlich weit gedehnten Ufern gelangen. Auf diesen Ufern befindet sich, knapp an ein schroffes Gebirge angelehnt, ein kleines Fischerdörfchen, dessen griechische Bewohner sich zumeist von Fischen ernähren und von der Milch einiger Ziegen. Den allfälligen Überfluß ihrer Fische verkaufen sie immer nach Cäsarea Philippi und nehmen dafür Salz, Brot und einige wenige ihnen notwendige Gerätschaften, deren sie zu ihrem kleinen Haushalte und Gewerbe benötigen.
GEJ|9|146|5|0|Ich habe diese Fischer schon einmal besucht, als sie sich noch geistig und physisch in einem gar sehr ärmlichen Zustande befanden; denn geistig gehörten sie zur Schule der griechischen sogenannten Hundsweltweisen, und in physischer Hinsicht bewohnten sie die allerdürftigsten Hütten, die sie sich auf dem wüstesten Steingeröll erbaut haben. Ich aber habe sie bei Gelegenheit Meines Besuches sowohl in der physischen Lage und ganz besonders aber in ihrer geistigen Sphäre sehr emporgerichtet.
GEJ|9|146|6|0|Und siehe, diese dir nun bezeichneten Fischer wollen wir besuchen! Daher verschaffe uns eine rechte Anzahl kleinerer und leichterer Fahrzeuge, mit denen wir dann die Bucht befahren können. In einer Stunde und etwas darüber können wir das besagte Dörfchen leicht erreichen. So es euch genehm ist, da sorget, daß wir bald zur Abfahrt kommen! Ihr werdet mit jenen euch bis jetzt noch unbekannten Fischern eine große Freude haben. Ein paar Stunden nach dem Mittage werden wir uns dann wieder hier in Jesaira befinden.“
GEJ|9|146|7|0|Als Ich dieses zum Wirte gesagt hatte, sagte zu Mir Kisjona: „Herr und Meister, von mir stehen nun ja drei gute Schiffe im Hafen; können denn wir uns nicht derselben bedienen und unserem Wirte, der mit Seefahrzeugen nicht reichlich genug versehen ist, die Mühe ersparen, bei seinen Nachbarn die gehörige Anzahl von kleineren Fahrzeugen aufzubringen?“
GEJ|9|146|8|0|Sagte Ich: „Freund, da, wo das Meer tief ist, werden wir uns ohnehin deiner Schiffe bedienen; aber so dann die seichte und mit vielem Schilf und Röhricht stark bewachsene Bucht kommt, dann werden uns deine Schiffe etwa den erwünschten Dienst nicht mehr zu leisten imstande sein!“
GEJ|9|146|9|0|Sagte Kisjona: „Auch bei jedem meiner Schiffe sind vier kleine Boote angehängt und können im Notfall benutzt werden. Übrigens aber ist mein Glaube an Dich und Deine Macht so stark, daß ich auch nicht im geringsten zweifeln kann, daß wir in Deiner Gegenwart mit meinen Schiffen die seichte Bucht nicht sollten befahren können!“
GEJ|9|146|10|0|Sagte Ich: „Ja, so ihr alle also glaubet, da können wir die kleine Seefahrt mit deinen Schiffen ja versuchen!“
GEJ|9|146|11|0|Als Ich das sagte, da erhoben wir uns und eilten zu den Schiffen Kisjonas, und er befahl seinen anwesenden Schiffern, was sie zu tun hätten. Als diese von dem Befahren der Schilfbucht vernahmen, da zuckten sie mit den Achseln und gaben dadurch zu verstehen, daß es sich da nicht tun werde.
GEJ|9|146|12|0|Wir aber bestiegen dennoch die drei Schiffe und fuhren schnell ab. Maria aber blieb in Jesaira, weil sie vernommen hatte, daß wir ein paar Stunden nach dem Mittage wieder zurückkommen würden, und besprach sich da über vieles mit dem Weibe des Wirtes, das mit dem ersten Weibe Josephs nahe verwandt war.
GEJ|9|146|13|0|Wir aber gelangten nach einer halben Stunde Zeit schon zu der fatalen Bucht, und die Schiffer sagten: „Da heißt es nun die Ruder einziehen und zu den Schubstangen greifen!“
GEJ|9|146|14|0|Sagte Kisjona: „Höret, der Herr ist bei uns, und Er ist mit uns! Was Er euch sagen wird, das tut; denn Seine Macht vermag mehr denn eure Schubstangen!“
GEJ|9|146|15|0|Als die Schiffer solches von Kisjona vernommen hatten, da wandten sie sich an Mich und fragten Mich, was sie nun tun sollten.
GEJ|9|146|16|0|Und Ich sagte: „So wendet denn die Ruder nach rückwärts, und wir wollen sehen, ob ein rechter Wind uns durch das Schilf treiben wird!“
GEJ|9|146|17|0|Da taten die Schiffer, was Ich ihnen geboten hatte, und es kam urplötzlich von Osten her ein sehr starker Wind, trieb große Wogen in die Bucht und trieb mit solchen Wogen auch unsere Schiffe überaus schnell über und durch das Schilf in die Bucht, und wir erreichten so denn auch bald und leicht den Ort unserer Bestimmung, und alle bewunderten die nunmalige Anmut dieses kleinen Dörfchens, das nur Mir und Meinen Altjüngern bekannt war. Wir stiegen da alsbald ans Land und suchten die Bewohner auf.
GEJ|9|146|18|0|Als wir zum ersten Hause kamen, da war niemand zu Hause, und ebenso ging es uns auch bei den andern Häusern; sie waren verschlossen, und es war keine Seele in einem Hause oder in einer Ziegenhütte.
GEJ|9|146|19|0|Da sagten mehrere Jünger unter sich: „Er weiß sonst doch um die geheimsten Gedanken eines Menschen und hat schon zu öfteren Malen die fernste Zukunft vor uns und vielen andern Menschen genau enthüllt; wie wußte Er denn diesmal nicht, daß die Bewohner dieses kleinen Örtchens nicht zu Hause sein würden? Sonderbar, und recht sonderbar! Wußte Er um das wirklich nicht, so hätte Er uns und Sich Selbst diese Seefahrt ersparen können; wußte Er es aber und hatte diese Fahrt nur zu einer Probung unseres Glaubens unternommen, so weiß Er es ja ohnehin, daß wir alle ungezweifelt an Ihn glauben und halten, ansonst wir nicht beinahe dritthalb Jahre lang Ihm allenthalben nachgefolgt wären! Wozu dann eine solche neue Glaubensprobung?“
GEJ|9|146|20|0|Auch unser Kisjona fragte Mich, sagend: „Herr und Meister! Was tun wir nun hier in diesem von seinen Bewohnern vielleicht schon lange verlassenen Örtchen? Besteigen wir wieder unsere Schiffe und fahren nach Jesaira zurück! Denn was sollen wir hier machen?“
GEJ|9|146|21|0|Sagte Ich: „Etwas kleingläubig ist noch ein jeder von euch! Hätte Ich nicht gewußt, daß die Bewohner dieses Örtchens eben nur heute alle daheim sind, weil sie gestern einen guten Fischfang gemacht haben unter Meinem ihnen freilich unbekannten Willen, und einen Teil der Fische morgen auf den Markt nach Cäsarea Philippi, welche Stadt sich wieder so ziemlich erholt hat, bringen wollen, so hätte Ich sie auch nicht irgend vergeblich heimgesucht. Sie sind aber daheim, und wir hätten sie auch in ihren Häusern angetroffen; sie aber haben sich aus Furcht, da sie unsere Schiffe gewahr wurden, in aller Eile in jenen Wald dort gen Mitternacht hin ordentlich verkrochen, weil sie der festen Meinung waren, daß sie von irgend jemandem entdeckt und verraten worden seien und nun Herodische Schiffe ankämen, um sie zu verderben.
GEJ|9|146|22|0|Aber sie haben dort hinter einem Felsen eine Wache mit scharfen Augen aufgestellt, und diese hat nun schon bemerkt, daß wir weder Herodianer noch irgendwelche Pharisäer seien. Und diese Wache verläßt nun schon ihren Platz und wird uns bald so nahe kommen, daß sie sich bestimmter wird überzeugen können, wer wir sind. Darauf wird sie den sich vor uns versteckt habenden Bewohnern dieses Örtchens kundtun, daß wir keine Feinde sind, und die Bewohner werden darauf bald bei uns sein und eine übergroße Freude an den Tag legen, daß Ich sie besucht habe.“
GEJ|9|147|1|1|147. — Die Begrüßung des Herrn durch die Fischer
GEJ|9|147|1|0|Es geschah denn auch bald also, wie Ich es gesagt habe. Es dauerte gar nicht lange, da kamen alle aus ihrem Versteck ins Freie hervor, und Ich berief sie mit lauter Stimme zu Mir.
GEJ|9|147|2|0|Sie erkannten alle sogleich Meine Stimme und schrien: „Das ist ja der große Heiland aus Nazareth, erfüllt mit aller Macht Jehovas! Laßt uns zu Ihm eilen!“
GEJ|9|147|3|0|Sie kamen eiligen Schrittes zu uns und grüßten Mich mit salbungsvollen Reden, mit denen auch ihr Herz vereint war, und dankten Mir für alle Wohltaten, die sie seit Meinem ersten Besuche im reichlichsten Maße genossen haben und noch immer fort genießen. Darauf baten sie Mich, daß Ich auch ferner ihrer und ihrer Kinder gedenken möchte, was Ich ihnen auch zusagte auf so lange hin, als sie in Meiner Lehre gläubig und tätig verharren würden.
GEJ|9|147|4|0|Darauf führten sie uns in ihre Wohnungen und zeigten uns ihre sehr zweckmäßigen Einrichtungen, ihr Fischergerät, ihre Fischbehälter und so auch ihre Herden, bestehend aus Ziegen und Schafen. Auch Hühner hatten sie sich gezüchtet und Enten und Gänse, welche beiden letztgenannten Geflügelgattungen bei ihnen als urstämmlichen Griechen sehr beliebt waren. Ebenso zeigten sie uns auch ihre sehr bedeutenden Bienenhütten, die ihnen vielen überaus guten Honig gaben, den sie in Cäsarea Philippi um ein teures Geld leicht verkaufen konnten. Kurz und gut, dieses ehedem geistig und physisch gar überaus arme Völklein hatte in der Zeit von etwa anderthalb Jahren sich derart erholt, daß es sich nun in einem rechten Wohlstande befand.
GEJ|9|147|5|0|Einer dieser Bewohner war ein Schmied und verstand sich wohl darauf, aus Eisen und auch andern Metallen allerlei nützliche und brauchbare Werkzeuge zu machen. Dieser hatte denn auch bis auf ein paar Spieße und Lanzen, die diesem Völklein bei Meinem ersten Besuche geblieben waren, bei der schon bekannten Gelegenheit diese Werkzeuge zum Verkaufe angeboten. Und diese Waffen kaufte ihnen nun unser Kisjona um ein Pfund Goldes ab nebst noch mehreren andern Werkzeugstücken, die er bei seiner großen Wirtschaft gut verwenden konnte.
GEJ|9|147|6|0|Kisjona bat den Vorsteher dieser kleinen Gemeinde, ihn in Kis zu besuchen, wo sie miteinander verschiedenes zum Vorteile dieses Örtchens besprechen und abmachen würden. Der Vorsteher versprach, das zu tun, und hat es auch bald darauf getan nach seiner Rückkunft von Jesaira, das er diesmal, da ihn der Wirt mit uns dahinzufahren einlud, zum ersten Male hatte kennengelernt. Auch unser Wirt hat nun hier dem Schmied mehrere Werkzeuge abgekauft.
GEJ|9|147|7|0|Nachdem der Vorsteher dem Kisjona, dem Philopold und dem Wirte in Kürze eine Beschreibung gemacht hatte, wie diese Gegend vor Meiner ersten Ankunft ausgesehen hatte, und wie sie durch Mein Wort auf einmal blühend geworden war, da verwunderte sich besonders der Wirt, dem das noch ungewöhnlicher vorkam als den beiden ersteren, die schon größere Zeichen von Mir gesehen hatten.
GEJ|9|147|8|0|Darauf wollten uns die Bewohner mit allerlei bewirten; Ich aber sagte zu ihnen: „Meine lieben Freunde, darum sind wir nicht hierhergekommen, und wir werden uns auch bald wieder auf den Rückweg machen, da Ich so manches in Jesaira noch zu schlichten habe; aber darum bin Ich mit Meinen Jüngern und Freunden nun zu euch gekommen, weil ihr Meine Lehre treust bewahrt habt und zu wahren Edelsteinen Meines Willens geworden seid.
GEJ|9|147|9|0|Weil ihr aber das geworden seid, so ist es auch an der Zeit, euch auch mit andern Menschen bekanntzumachen, die von euch die wahre Festigkeit im Glauben erlernen und erwerben sollen. Da ihr aber auch gute Redner seid, so möget ihr von nun an bei Gelegenheiten von Mir und von Meinem Reiche auf Erden zu andern Menschen reden und ihnen den Weg des Lebens zeigen.
GEJ|9|147|10|0|Wer also nach Meiner Lehre lebt und handelt wie ihr und nicht sagt und bei sich denkt: ,Siehe, diesmal hat der Herr wieder ganz wie ein gewöhnlicher Mensch geredet, darin nicht viel vom Reiche Gottes zu entdecken war!‘, der wird auch das erreichen, was ihr schon erreicht habt und wird auch euch gleich sagen können: ,Nun lebe nicht mehr ich, sondern der Herr lebt in mir!‘
GEJ|9|147|11|0|Darum bleibet denn auch gleichfort, auch in euren Nachkommen, in Meiner Treue, und Ich werde bleiben in euch! Tut denn auch in Meinem Namen, was Ich euch nun angeraten habe, bei einer rechten Gelegenheit, die ihr schon gar leicht und bald erkennen werdet; doch den Schweinen von puren Weltmenschen sollet ihr Meine Perlen nicht vorwerfen!
GEJ|9|147|12|0|Nun aber sage Mir, du Vorsteher dieser kleinen, aber bei Mir doch großen Gemeinde, warum ihr euch denn in des Waldes Dickicht versteckt habt, als ihr des Einlaufens unserer drei Schiffe in diese Bucht gewahr wurdet! Gedachtet ihr denn nicht der Kraft, die euch infolge eures unbeugsam festen Glaubens von Mir gegeben ist?“
GEJ|9|147|13|0|Sagte der Vorsteher: „O Herr und Meister voll der allerhöchsten Gottesmacht und -kraft, siehe, es hat das nun seine ganz eigentümliche Bewandtnis gehabt! Es hatten schon mehrere Male seit Deinem ersten Hiersein größere und kleinere Schiffe versucht, diese stets fischreiche Schilf- und Rohrbucht zu befahren; aber es gelang keinem, auch nur eine Handspanne weit über die Schilfgrenze hereinzudringen, denn mit der Macht Deines lebendigen Wortes und Willens in uns trieben wir alle sogleich weit ins Meer hinaus. Aber diesmal half uns aus einem mir nun sehr wohl begreiflichen Grunde Dein Wort und Wille in unseren Herzen nichts.
GEJ|9|147|14|0|Als wir dieser drei Schiffe ansichtig wurden, verboten wir ihnen auch alsogleich in Deinem Namen das Einlaufen in diese Bucht; aber die Schiffe hielten nicht an, sondern drangen unaufhaltbar tiefer und tiefer in unsere Bucht herein. Da wurde uns allen ernstlich bange, und es blieb uns nichts anderes übrig, als die Flucht zu ergreifen und uns im Dickicht des Waldes zu verbergen und in der großen Höhle, die hinter dem Walde ihren unscheinbaren Eingang hat, sich aber im Innern derart ausbreitet, daß darin viele Tausende von Menschen einen überaus bequemen Raum finden würden.
GEJ|9|147|15|0|Wir stellten aber dennoch eine Wache aus, die uns anzuzeigen hatte, wer aus den drei Schiffen, die der Macht Deines Wortes und Willens in uns nicht gehorchen wollten, ans Land steigen und was er dann machen werde. Die Wache benachrichtigte uns aber sogleich, daß die ans Land Gestiegenen weder Römer noch Herodianer, sondern ganz freundlich aussehende Menschen, bestehend aus Juden und Griechen, seien und keine Miene machten, in unsere Wohnhäuser zu dringen.
GEJ|9|147|16|0|Auf diese Nachricht wurde uns leichter ums Herz, und wir rieten der Wache, sich noch näher zu überzeugen, wer die ans Land Gestiegenen seien. Wir bekamen eine noch bessere Nachricht. Darauf erst wagten wir selbst, ans Licht zu treten, vernahmen da Deinen uns wohlbekannten Ruf und eilten zu Dir, dem Vater und Herrn alles Seins und Lebens.
GEJ|9|147|17|0|Nun wurde es uns freilich klar, warum die drei Schiffe uns nicht gehorchten; denn obwohl Dein Wort und Wille in uns wahrlich wundersamst mächtig ist, so wird er aber die Urmacht Deines höchsteigenen Willens doch ewig nicht erreichen und ihm irgend entgegenwirken können. Und das ist es auch, was wir diesmal sicher wohl zu wenig überdacht haben, und wir haben uns auch zuvor bei Deinem Geiste in uns nicht Rates zur Genüge erholt, ob wir den Schiffen in Deinem Namen hätten gebieten sollen oder nicht. Hätten wir uns diesmal auch also wie bei andern Gelegenheiten des Rates erholt, so wären wir denn auch ins klare gekommen, wen uns die Schiffe bringen; da wir aber das nicht getan haben, so mußten wir das durch unsere Angst und Flucht büßen. – Ist es nicht also, Herr und Meister?“
GEJ|9|147|18|0|Sagte Ich: „Ja, wohl ist es also, und ihr seid durch diese Erfahrung nun wieder um vieles klüger geworden; doch nun mache du, Vorsteher, dich auf, und fahre mit uns nach Jesaira!“
GEJ|9|148|1|1|148. — Liebe, Sanftmut und Geduld sind besser als gerechter Eifer
GEJ|9|148|1|0|Auf diese Worte machte sich der Vorsteher auf, bestieg das Schiff, in dem Ich mit Meinen alten Jüngern und den andern drei Freunden Mich befand, und fuhr dann mit uns nach Jesaira. Wir kamen bald und leicht in den genannten Ort, wo schon ein wohlbereitetes Mittagsmahl auf uns wartete. Es waren nur zwei Stunden Zeit über den Mittag hinaus verstrichen, und so war es noch um die gewöhnliche Zeit, in der wir zu Mittag zu speisen pflegten.
GEJ|9|148|2|0|Unser Vorsteher war ganz erstaunt über das schöne Weizenbrot, und noch mehr über den guten Wein und über die bestbereiteten Edelfische. Nachdem wir das Mahl zu uns genommen hatten, begaben wir uns wieder in unseren schon bekannten Söller, von dem aus unser Vorsteher die sehr schöne Aussicht nicht genugsam loben konnte.
GEJ|9|148|3|0|Als er sich alles nach allen Seiten angesehen hatte, sagte er (der Vorsteher): „Es ist doch sonderbar! Kaum zwei Stunden ist unser kleines Dorf von hier entfernt und liegt am selben Meere, und welch ein Unterschied zwischen hier und dort! Hier strotzt die Gegend von Anmut und reizendster Schönheit, und bei mir sieht es eher schrecklich als irgend anmutig aus. Um unser Dörflein sieht es nun durch Deine Gnade, o Herr, freilich wohl ganz erträglich aus, – aber mit einer das Gemüt so erquickenden Fernsicht hat es seine Not! Unsere wahrlich nicht unbedeutende Bucht ist am Eingange zu beiden Seiten mit einem ziemlich hohen und äußerst schroffen Vorgebirge derart eingeschlossen, daß wir von der Höhe unserer Wohnungen und auch von unserem Hintergebirge, soweit es wegen seiner Schroffheit nur höchst mühsam ersteigbar ist, nicht einmal das hohe Meer, geschweige etwas anderes ersehen können, weil sich das rechte Vorgebirge halbkreisförmig weiter ins große Meer hinaus dehnt und uns die Fernsicht vollends benimmt.
GEJ|9|148|4|0|Aber dafür hat unsere Gegend wieder einen andern Vorzug vor dieser hier. Hier wird man sicher eher zur Weltliebe gewendet als in unserer wahren Wüste; und die Weltliebe taugt schlecht zur Erweckung des göttlichen Geistes im Menschen. Ist dieser einmal erweckt, dann freilich schadet dem Menschen auch der Anblick einer solchen Gegend, wie diese da ist, sicher nicht mehr!“
GEJ|9|148|5|0|Als unser Vorsteher der Bucht sich über diese Gegend wahrlich sehr sinnvoll ausgesprochen hatte, da erkundigte er sich, wer die zwanzig schlichten Männer seien, die auch die Bucht mit uns besucht, aber weder unter sich, noch mit jemand andern bis jetzt ein Wort gesprochen haben. Und Ich beschrieb sie ihm, worüber er eine große Freude hatte.
GEJ|9|148|6|0|Ich berief darauf den Bootsmann, er besprach sich mit ihm und erstaunte über dessen Redekraft und über seinen Ernst und großen Mut.
GEJ|9|148|7|0|Darauf erhob er sich, reichte dem Bootsmanne, wie auch allen seinen Gefährten freundlichst die Hand und sagte (der Vorsteher): „Mit solchen Männern im Bunde lassen sich große Dinge zum Heile der Menschen ausführen. Wahrlich, wer die Menschen dieser Welt noch fürchtet, der ist zur Ausbreitung des Reiches Gottes besonders in dieser Zeit nicht geeignet, wo Gewalt gegen Gewalt gebraucht werden muß, um der Wahrheit die Tore zu öffnen und ihr Eingang zu verschaffen!
GEJ|9|148|8|0|Da heißt es nicht mehr im verborgenen wirken, sondern mit dem Lichte aus den ewigen Himmeln Gottes mutvoll auch den Königen und Fürsten dieser Welt entgegentreten und ihnen zeigen, daß auch sie Menschen sind, die so, wie sie sind, nicht ewig leben werden, sondern im großen Jenseits das Gericht und den ewigen Tod zu erwarten haben. Ja, ja, du hast recht: Wie Feuerbrände muß man den Weltlingen die Wahrheit ins Angesicht schleudern und mit flammendem Schwerte gegen die Priester der Lüge, des finsteren Aberglaubens und Betrugs kämpfen, sonst bleibt die Erde ein stetes Jammertal und Totengrab nicht nur ihres Fleisches, sondern auch ihrer Seelen.“
GEJ|9|148|9|0|Sagte nun Ich: „Ihr habet recht, und Ich lobe euren Eifer; doch merket euch das zu eurem gerechten Eifer noch hinzu: In der Klugheit des menschlichen Geistes liegt stets eine größere Kraft denn in seiner Faust; und wo der gewisse Ernst für sich wenig oder nichts ausrichtet, da wirkt die Liebe und ihre Geduld und Sanftmut Wunder. Der volle Ernst im eigenen Herzen und dessen Mut beherrsche euch selbst; eure Waffe gegenüber den Menschen aber bestehe stets nur in der Liebe, Sanftmut und Geduld, und ihr werdet auf diesem Wege, den Ich Selbst vor den Menschen wandle, mehr ausrichten als mit dem puren Feuereifer und seinem diamantenen Ernste!
GEJ|9|148|10|0|Furcht sollet ihr wahrlich vor den Weltmenschen nicht haben, die in ihrem Grimme wohl euren Leib töten, aber eurer Seele nichts Weiteres mehr anhaben können; fürchten sollet ihr allein nur Den, der ein wahrer Herr über Leben und Tod von Ewigkeit her ist!
GEJ|9|148|11|0|Doch wo ihr sehen werdet, daß ihr mit der Liebe und der rechten Weisheit mit den zu verfinsterten Menschen nichts ausrichten möget, denen kehret den Rücken und ziehet von dannen, und ihr werdet schon wieder Menschen finden, mit denen ihr in Meinem Namen gute Geschäfte machen werdet.
GEJ|9|148|12|0|Bekennen sollet ihr Mich vor allen Menschen, da auch Ich euch bekenne vor Meinem Vater; aber aufdringen sollet ihr Mich den Weltfinsterlingen nicht und ihnen, als den Weltschweinen, auch nicht vorwerfen Meine Perlen! Denn Ich sage es euch: Mein Wort ist nur ein rechter Lebensdünger für den Weizen und Meine Lehre ein wahrer Dünger für des Weinberges edle Reben; aber für das Unkraut der Erde habe Ich keinen Lebensdünger, – denn dieses ist nur da, auf daß es zertreten und verbrannt werde und mit seiner Asche dünge den gemeinen Boden der Erde.
GEJ|9|148|13|0|Wer zum Leben da ist auf der Erde, der soll durch Mein Wort zum Leben erweckt werden; wer aber da ist durch seinen eigenen Willen und Starrsinn für den Tod, der soll auch in den Tod übergehen. Wer auferstehen will zum Leben aus dem Grabe seiner Materie, der erstehe; wer aber fallen will, der falle!
GEJ|9|148|14|0|Den Teufeln das Evangelium predigen, hieße Öl ins Feuer gießen; darum seid denn auch ihr allzeit wohl klug gleich den Schlangen, aber dabei dennoch so sanft wie die Tauben, und ihr werdet so gar sehr tüchtige Arbeiter in Meinem Weinberge des Lebens werden!“
GEJ|9|148|15|0|Als Ich solches zu den Feuereiferern geredet hatte, da wurden sie in ihrem Gemüte ganz umgestimmt und dankten Mir aus ihrem Innersten für diese Belehrung.
GEJ|9|149|1|1|149. — Die Voraussage des Herrn über Sein Ende
GEJ|9|149|1|0|Darauf wurde bis zum Abend hin noch vieles gesprochen über die Erde, ihre Gestalt, über Sonne, Mond und Sterne und über die anderen Erscheinungen in der Naturwelt, worüber alle eine große Freude hatten.
GEJ|9|149|2|0|Und unser Vorstand aus der Bucht sagte: „Dir, o Herr und Meister, alles Lob, alle Ehre, alle Liebe und allen Dank, daß Du auch solches vor uns enthüllt hast und wir nun wissen, wie das große Haus – Erde genannt –, das wir zeitweilig bewohnen, aussieht und beschaffen ist! Denn die Unkenntnis in diesen Dingen war zumeist die Quelle des bösen Aberglaubens und dieser eine nahezu unversiegbare Nährquelle für die faulen und trägen Götzenpriester. Aber es soll nun bald anders werden mit Deiner Hilfe!“
GEJ|9|149|3|0|Hier kam ein Diener und lud uns zum Nachtmahle; denn die Sonne war schon vor ein paar Stunden untergegangen. Wir erhoben uns denn auch sogleich von unseren Plätzen im Söller, begaben uns ins Haus und nahmen das Nachtmahl zu uns.
GEJ|9|149|4|0|Nach dem Nachtmahle blieben wir noch bis gen Mitternacht wach, in welcher Zeit diesmal Mein Johannes auf Mein Geheiß vieles den zwanzig Fischern und dem Buchtvorsteher erklärte. Um die Mitte der Nacht begaben wir uns zur Ruhe und waren vor dem Aufgange dennoch auf den Beinen.
GEJ|9|149|5|0|Die Fischer aber begaben sich nach Hause, kamen jedoch am frühesten Morgen schon wieder mit einer Ladung der besten Fische nach Jesaira, die auch sogleich fürs Morgenmahl zubereitet wurden.
GEJ|9|149|6|0|Ich begab Mich aber, wie gewöhnlich, vor dem Aufgange ins Freie, begleitet von allen, die in diesem Orte bei Mir waren. Im schönen Söller legte Ich den zwanzig Fischern, dem Buchtvorstande, dem Wirte, dem Kisjona und dem Philopold die Hände auf und erfüllte sie mit der Kraft, in Meinem Namen allerlei Kranke zu heilen, und gab ihnen das Recht, Meine Lehre unter den Menschen auszubreiten, und das unter den blinden Juden und Heiden.
GEJ|9|149|7|0|Alle dankten Mir aus dem Innersten ihres Herzens für diese Berufung und begaben sich dann mit Mir zum Morgenmahle.
GEJ|9|149|8|0|Beim Morgenmahle sagte die Maria zu Mir: „Mein allerliebster Sohn, Du hast doch allenthalben so viele Zeichen gewirkt, hier aber hast Du nichts von Deiner wahrsten Gottesmacht merken lassen. Wirke doch auch hier ein Zeichen, bevor Du weiterziehst!“
GEJ|9|149|9|0|Sagte Ich: „Weib, rede mit den Fischern, und sie werden es dir sagen, ob Ich hier kein Zeichen gewirkt habe! Ich bin aber in diese Welt nicht der Zeichen wegen, sondern der Wahrheit und des Lebens der Seele wegen gekommen, auf daß ein jeder, der an den Menschensohn glaubt, das ewige Leben in sich habe.
GEJ|9|149|10|0|Meiner Zeichen wegen wird kein Mensch selig werden, wohl aber ein jeder, der an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt. Zudem habe Ich nun Meinen Freunden die Macht erteilt, den armen und leidenden Menschen Gutes zu erweisen in Meinem Namen, und das ist sicher ein größeres Zeichen, als so Ich nun vor euren Augen eine Welt erschaffen würde!
GEJ|9|149|11|0|Ich werde aber am Ende Meiner Zeit auf dieser Erde, die in der kommenden Osterzeit in Jerusalem sein wird, ein größtes Zeichen für alle Menschen wirken, durch das viele zum ewigen Leben und gar viele aber zum Gerichte und ewigen Tode gelangen werden. Wer sich da an Mir nicht ärgern wird, der wird das Leben der Seele erhalten.“
GEJ|9|149|12|0|Sagte Maria: „Worin wird denn das letzte große Zeichen bestehen, auf daß auch ich nach Jerusalem komme und Dein größtes Zeichen, von Dir gewirkt, anschaue?“
GEJ|9|149|13|0|Sagte Ich: „Weib, du wirst wohl nach Jerusalem kommen und Mein letztes und größtes Zeichen, das Ich wirken werde, anschauen, aber du wirst darob keine Freude, sondern eine große Trauer in deinem reinsten Herzen haben! Ich werde verraten, von den Pharisäern ergriffen und dem Gerichte überantwortet und am Kreuze dem Leibe nach wie ein gemeinster Verbrecher getötet werden; aber am dritten Tage werde Ich aus Meiner eigenen Kraft und Macht wieder auferstehen und kommen zu allen Meinen Freunden und Brüdern und werde ihnen die Macht erteilen, die Sünden den Menschen in Meinem Namen zu vergeben und die Toten zum Leben zu erwecken. Siehe, Weib, darin wird Mein letztes und größtes in Meinem Fleische gewirktes Zeichen bestehen!“
GEJ|9|149|14|0|Sagte die Maria und die andern Freunde mit ihr: „Aber, Herr und Meister, das wirst doch Du nicht über Dich kommen lassen?!“
GEJ|9|149|15|0|Sagte Ich: „Des Vaters Willen in Mir kenne nur Ich, und Meine Seele weiß es, was Ich zu wirken habe! Wer sich an Mir nicht ärgern wird, der wird Mir gleich den Tod überwinden und zum ewigen Leben durchdringen.
GEJ|9|149|16|0|Wer dieses Leibes Leben liebt der Welt wegen, der wird das Leben der Seele verlieren; wer es aber nicht liebt um Meinetwillen, der wird es erhalten für ewig in Meinem Reiche.“
GEJ|9|149|17|0|Auf diese Meine Worte wurden alle Anwesenden betrübt und dachten bei sich, was daraus werden solle.
GEJ|9|149|18|0|Und Ich sagte: „Was betrübet ihr euch darob? Meinet ihr denn, daß Ich euch nach Meines Leibes Tode etwa verlassen werde? Oh, mitnichten! Ich werde dann erst recht bei den Meinen verbleiben bis ans Ende der Zeiten dieser Erde und für jeden, der an Mich glauben wird, offen halten die Tore zum ewigen Leben in Meinen Himmeln. Es werden sich zwar Meine Schafe zerstreuen, so Ich als ihr Hirte geschlagen werde, – aber Ich Selbst werde sie dann wieder sammeln, und es wird dann nur eine Herde und ein Hirte sein für immerdar; die Böcke und die Wölfe in Schafspelzen aber werden ausgeschieden und dem Gerichte und Tode der Materie überliefert werden.“
GEJ|9|149|19|0|Als Ich diese kleine Rede beendet hatte, da ertönte eine Stimme in der Luft des Saales, und die Worte lauteten: „Dieser Jesus mit Fleisch und Blut ist Mein geliebter Sohn, den sollen loben alle Geschlechter der Erde! Er ist der verkörperte Ausdruck Meiner Liebe, Meiner Weisheit und Meines Willens. Ich bin in Ihm und Er in Mir; Wir sind vollends Eins. Wer Ihn sieht und hört, der sieht und hört auch Mich; und wer Meinen Willen tut, der hat in sich das ewige Leben.“
GEJ|9|149|20|0|Auf diese Worte fielen alle vor Mir nieder und wollten Mich anbeten.
GEJ|9|149|21|0|Ich aber sagte zu allen: „Erhebet euch vom Boden; denn an derlei Ehrenbezeigungen habe Ich kein Wohlgefallen, wohl aber an eurer Liebe, und daß ihr treu und tätig verharret in Meiner Lehre!
GEJ|9|149|22|0|Der Friede sei denn mit euch, – doch kein Friede, wie ihn die Welt hat und gibt, sondern der innere Friede des Herzens, der Seele in Meiner Liebe, die da ist das ewige Leben! Amen.“
GEJ|9|149|23|0|Auf diese Meine Worte erhoben sich alle und dankten Mir für diese Tröstung und wurden wieder heiteren Mutes.
GEJ|9|150|1|1|Der Herr in der Gegend von Cäsarea Philippi.
GEJ|9|150|1|1|150. — Die Reise von Kis zu Markus bei Cäsarea Philippi
GEJ|9|150|1|0|Darauf sagte Ich zu Kisjona: „Freund, nun laß deine drei Schiffe abermals zu einer Weiterfahrt sich fertig halten; denn Ich will zum alten Markus, der da in der Nähe der Stadt Cäsarea Philippi wohnt, ziehen und ihn stärken, denn er leidet schon ein halbes Jahr an einem Fieber.“
GEJ|9|150|2|0|Kisjona ließ denn auch sogleich seinen Schiffern sagen, was sie zu tun haben sollen. Und es wurden die Schiffe sofort zur Weiterreise hergerichtet.
GEJ|9|150|3|0|Es fragten Mich auch die zwanzig Fischer, ob einer oder der andere Mich an den angegebenen Ort begleiten dürfte, ebenso auch Maria und Joel und der Vorstand aus der Bucht.
GEJ|9|150|4|0|Und Ich sagte zu den Fischern: „Tut, wie es euch freuet; aber es genügt, so der Bootsmann und noch ein Gefährte als Zeugen mitfahren in die wenigen Orte, die Ich am Meere Galiläas besuchen werde. Also mögen Mich auch Maria und Joel und der Vorstand aus der Bucht begleiten; und so denn machen wir uns auf die Abreise!“
GEJ|9|150|5|0|Es fragte Mich aber auch der Wirt, ob auch er mit seinem ältesten Sohne Mich begleiten solle.
GEJ|9|150|6|0|Sagte Ich: „Auch du hast einen völlig freien Willen; tue demnach, wie es dich verlangt in deinem Herzen!“
GEJ|9|150|7|0|Auf diese Meine Worte machte sich auch der Wirt in aller Eile zur Abreise bereit.
GEJ|9|150|8|0|Wir bestiegen darauf die Schiffe und fuhren in der Richtung gen Cäsarea Philippi ab.
GEJ|9|150|9|0|Als wir schon beinahe eine Stunde Weges auf dem Wasser weitergekommen waren, da kamen uns ein paar Schiffe aus der Gegend Tiberias entgegen und waren stark belastet mit Salz und Getreide; und da ihnen unser für uns gute Wind entgegenwehte, so litten sie Not und fürchteten, daß sie untergehen könnten.
GEJ|9|150|10|0|Sie (die Schiffer) baten uns denn flehentlichst, ob wir ihnen nicht helfen möchten.
GEJ|9|150|11|0|Und Ich sagte: „Warum habt ihr eure beiden Schiffe so stark belastet? Ein anderes Mal lasset euch von der Gewinnsucht nicht so stark betören, und lasset auch euren Nachbarn einen Verdienst zukommen, so werdet ihr mit euren Schiffen keine solche Gefahr und Not zu bestehen bekommen! Dort kommen aber nun ein paar leere Schiffe hierher, auf die überladet die Hälfte eurer Ware, und teilet dann in Kapernaum mit ihnen euren Gewinn, und ihr sollet unbeschädigt daselbst ankommen. Werdet ihr aber in Kapernaum geizig sein, dann möget ihr sehen, wie ihr wieder nach Tiberias zurückkommen werdet!“
GEJ|9|150|12|0|Die Schiffer versprachen Mir das, und die zwei leeren Schiffe kamen herbei, und Ich sagte ihnen, was sie tun sollten gegen den halben Gewinn in Kapernaum; und es geschah alsbald, wie Ich es angeordnet hatte.
GEJ|9|150|13|0|Darauf dankten Mir alle Schiffer auf den vier Schiffen und fuhren dann trotz des Gegenwindes in der Richtung nach Kapernaum weiter.
GEJ|9|150|14|0|Wir aber fuhren auch mit gutem Wind, der unseren Schiffern das Rudern sehr erleichterte, auf den Ort unserer Bestimmung zu, den wir denn bald erreichten.
GEJ|9|150|15|0|Als wir im Orte des Markus ankamen, da fanden wir viele Gäste daselbst, die hier die Heilquellen mit guten Erfolgen benutzten.
GEJ|9|150|16|0|Des Markus Diener kamen denn auch eiligst ans Ufer und bedeuteten uns, daß wir, so wir etwa auch die Heilquellen benutzen möchten, schwer eine Unterkunft finden würden, da alle Räumlichkeiten mit Gästen aus allen Ländern überfüllt seien; zudem liege der Herr krank, und es sei nun schwer, mit ihm zu reden, da gerade heute sein Fiebertag sei.
GEJ|9|150|17|0|Sagte Ich: „Ihr seid neue Diener in diesem Hause und kennet Mich nicht; aber der Besitzer Markus und sein ganzes Haus kennen Mich. Daher gehet hin zu eurem Herrn und saget ihm: Der Herr und Meister ist angekommen mit Seinen Jüngern und mit Seinen Freunden! Er solle sich aus dem Bette machen und zu Mir herauskommen, und er wird von seinem Fieber alsbald geheilt werden. Gehet und hinterbringet ihm das!“
GEJ|9|150|18|0|Da gingen die Diener und sagten das dem Markus und auch dessen Weib und Kindern. Als die das vernahmen, da entstand ein großer Jubel unter ihnen, und alle beeilten sich, um ja so schnell als möglich zu Mir hinauszukommen.
GEJ|9|150|19|0|Als der alte Markus Meiner ansichtig ward, da streckte er seine Arme aus und sprach mit lauter Stimme: „O Herr und Meister voll göttlicher Liebe und Erbarmung, mit welch großer Sehnsucht haben wir alle Dich erwartet, daß Du in unserer Not uns sicher einmal besuchen wirst, wie Du uns das denn auch, als Du hier warst, zu unserem und gar vieler andern Menschen Heil und Wohle versprochen hast. Und da nun meine wahre Not nahe den höchsten Punkt erreicht hat, bist Du denn auch gekommen, um mir und auch meinem schon alten und samt mir schwach und mühselig gewordenen Weibe zu helfen und mein ganzes Haus von neuem zu stärken im Glauben an Dich und an Deine Lehre. Oh, wir alle danken Dir im voraus für die übergroße Gnade, daß Du uns Deines Besuches gewürdigt hast!“
GEJ|9|150|20|0|Sagte Ich: „Ereifere dich, lieber Freund, nicht so sehr; denn du weißt es, daß Ich auch die innere Sprache des Herzens wohl vernehme und auch bestens verstehe! Aber vor allem seid ihr, du und dein Weib, nun völlig gesunden Leibes!
GEJ|9|150|21|0|In der Folge aber esset keinen Fisch mehr, der im Wasser tot geworden ist; einen geschlachteten Fisch aber lasset keine halbe Stunde Zeit ohne Salz und Thymian und Kümmel! Bereitet ihn dann auf die euch bekannte jüdische Art, und ihr werdet von Fiebern aller Art und Gattung verschont bleiben! Dasselbe beachtet auch beim Fleische der Tiere, und esset kein faul werdendes Obst und kein verschimmeltes Brot!“
GEJ|9|150|22|0|Auf diese Meine Worte wurden der alte Markus und dessen Weib und Kinder vollkommen gesund und kräftig, und alle dankten mit vielen Freudentränen in ihren Augen für die Heilung ihres Leibes und für den ihnen erteilten Rat.
GEJ|9|151|1|1|151. — Des Markus Bericht über die Heilerfolge in seinem Bade
GEJ|9|151|1|0|Darauf sagte Ich zu Markus: „Freund, deine neuen, Mich noch nicht kennenden Diener hatten Mir bei Meiner Ankunft bedeutet, daß wir ob deiner vielen Badegäste hier schwer eine Unterkunft finden würden! Was sagst denn da du dazu?“
GEJ|9|151|2|0|Sagte Markus: „O Herr und Meister! Du bei mir keine Unterkunft finden?! Mit Dir dürften noch hundert Male so viele Jünger und Freunde hier anlangen, als das nun der Fall ist, so wollte und könnte ich sie jahrelang bestens beherbergen. Meinen neuen Dienern, deren ich in einer großen Anzahl besitze, schmeckt nur die Arbeit nicht, und so machen sie den neu ankommenden Gästen hinsichtlich der Aufnahme immer Schwierigkeiten; aber wenn die Gäste sie dann mit Geld zum voraus schon beteilen, dann gibt es denn auch bald keinen besondern Unterkunftsmangel mehr. Und das scheint mir auch bei Dir und mit euch der Fall gewesen zu sein.
GEJ|9|151|3|0|Ich werde aber den faulen Dienern darob schon eine ganz gehörige Predigt machen, auf daß sie wissen sollen, was sie für die Folge mit den Gästen zu tun haben, die hier in dieser Anstalt, die nur Du, o Herr und Meister, allein zum Heile der Menschen geschaffen hast, eben vielfach erprobt ihr Leibesheil suchen und daneben auch sehr oft schon ihr Seelenheil gefunden haben; denn ich und Meine Kinder und alten Diener haben es niemals ermangeln lassen, Dich als den wundervollsten Meister dieser Anstalt allen Gästen derart bekanntzugeben, daß sie nur durch den lebendigen Glauben an Dich in dieser Anstalt das wahre Heil ihres Leibes und ihrer Seele finden können.
GEJ|9|151|4|0|Und Heiden und Juden glaubten unseren Worten; die aber nicht glaubten, die gingen auch ebenso aus der Anstalt, wie sie gekommen waren. Und das waren zumeist Pharisäer von Jerusalem und auch aus vielen andern Orten und Gegenden. Sie glaubten nicht, was wir ihnen doch so treu bekanntgaben, schimpften über unsere Predigten, ärgerten sich, weil sie uns, die wir Römer sind, nichts anhaben konnten, und verließen die Anstalt denn auch ebenso, wie sie gekommen waren.
GEJ|9|151|5|0|Es ist aber wahrlich merkwürdig mit diesen Menschen! Sie sahen Hunderte, die hier den vollen Glauben an Dich angenommen haben und darum von allen ihren Übeln und Gebrechen vollkommen geheilt worden sind, und doch sagten sie, das sei ein purer Betrug und eine mehrfache Gotteslästerung, so man nur durch den Glauben an Dich in dieser Anstalt eine Heilung zu erwarten hätte. Wenn da die Heilquellen durch ihre Naturkraft nicht zu heilen vermöchten, die ihnen von Gott verliehen sei, so sei die Heilung durch den Glauben an Dich ein pures Satanswerk; und wer da also geheilt worden sei, der habe seine Seele auch vielfach dem Teufel verschrieben.
GEJ|9|151|6|0|Ich habe mit diesen Menschen aber besonders in diesem Jahre wenig Umstände gemacht. Wenn sie gekommen sind, so nahm ich sie gar nicht mehr auf; und fragten sie um den Grund, da sagte ich zu ihnen das, was meine neuen Diener Dir bei Deiner Ankunft gesagt haben, und sie mußten abziehen.
GEJ|9|151|7|0|Es kam von Kapernaum vor ein paar Monden sogar eine Untersuchung deshalb, weil sich höchstwahrscheinlich die dortigen Pharisäer, Schriftgelehrten und Rabbis samt ihrem Obersten beim römischen Hauptmann beschwert hatten. Aber ich kam dabei – sicher nur mit Deiner Hilfe – ganz gut aus; denn in derselben Zeit hatte sich die Anstalt so sehr mit Römern und Griechen angefüllt, daß es mir wahrlich schwer gekommen wäre, noch einen Menschen in die Anstalt aufzunehmen.
GEJ|9|151|8|0|Die die Untersuchung führenden Römer mußten oben auf dem Dir wohlbekannten Hügel, und zwar im neuen, Dir zur Ehre erbauten großen Söller acht Tage lang die Nachtruhe nehmen. Weil auf diese Art die benannten Judenpriester gegen mich nichts auszurichten vermochten – nach dem römischen Richterspruch ULTRA POSSE NEMO TENETUR [Man verlangte von niemandem mehr, als er vermag.] –, so besuchten sie diese Anstalt gar nicht mehr, und es ist darum denn nun auch kein solches Individuum in dieser Anstalt anwesend, was Dir, o Herr und Meister, sicher nicht unangenehm sein wird.
GEJ|9|151|9|0|Und mit dem habe ich Dir nun alles, was mir das Wichtigste zu sein dünkte, offen Deiner Jünger und Freunde wegen, weil sie nicht Dir gleich allwissend sind, mitgeteilt, und nun wolle Du, o Herr und Meister, meinem Wohnhause mit Deinem Eintritt die segensvollste Gnade erweisen, und es wird sogleich für ein reichliches und gutes Mahl gesorgt werden; an Wein und Brot aber hat es in Meinem Hause ohnehin keinen Mangel.“
GEJ|9|151|10|0|Sagte Ich: „Ich kam darum denn ja auch zu dir, weil Ich ein paar Tage in deinem Hause verweilen will. Doch heute und morgen machet Mich nicht ruchbar bei den hier anwesenden Gästen; sollte Mich ohne euer Zutun jemand erkennen, so werde dann schon Ich mit ihm reden!
GEJ|9|151|11|0|Hier aber siehst du auch die Mutter Meines Leibes. Dein Weib und deine Kinder sollen von ihr gesunde Speisen bereiten lernen. Und nun wollen wir in dein Haus, das du erweitert hast, ziehen und etwas Brot und Wein zu uns nehmen!“
GEJ|9|151|12|0|Darauf gingen wir ins Haus, setzten uns zu den Tischen und nahmen etwas Brot und Wein zu uns. Maria unterhielt sich gleich mit der Familie des Markus, Ich aber machte ihn mit allen, die nun bei Mir waren, und die unser Markus noch nicht kannte, bekannt, und er befragte sie um verschiedenes und erkannte aus ihren Antworten, daß sie von Meinem Geiste durchdrungen waren, und er hatte darob eine große Freude an ihnen und erzählte ihnen vieles von den Zeichen und Begebnissen, die sich bei Meinem ersten Hiersein zugetragen hatten.
GEJ|9|151|13|0|Und es vergingen so ein paar Stunden wie ein paar selige Augenblicke. In dieser Zeit ward denn auch das Mahl bereitet, in den ganz geräumigen Speisesaal gebracht und auf die Tische gesetzt. Wir nahmen es auch sogleich zu uns und begaben uns darauf auf den schon bekannten Hügel und bezogen den neuen Söller, den der Wirt von Jesaira nicht genug bewundern und loben konnte. Es war für alle ein hinreichender Raum und für noch zehnmal so viele, als wie groß da war unsere Anzahl, auch noch darüber.
GEJ|9|151|14|0|Hier fragte Kisjona den Markus, ob dieser Söller sicher auch häufig von Kurgästen besucht werde, und um welche Zeit.
GEJ|9|151|15|0|Sagte Markus: „Du möchtest etwa wohl mit den Fremden hier nicht zusammenkommen? Habe darob keine Sorge! Da sieh nur in den sicher sehr großen Prachtgarten hinab, wie es im selben von Kurgästen wimmelt! Gegen das Meer siehst du mehrere große herrliche Aussichtssöller und in ihnen überall eine Menge Menschen. Die Gäste erheitern sich demnach stets im Garten, und nur selten wirst du jemanden außerhalb des Gartens ersehen. Und dieser Söller auf diesem eben nicht gar niederen Berge wird trotz der herrlichen Aussicht, die man von hier nach allen Richtungen hin genießt, von den Gästen noch seltener besucht; denn so sie als Kranke ankommen, da haben sie keine Lust, auf diesen Berg zu steigen, und sind sie geheilt, so ziehen sie lieber sogleich in ihre Heimat. Und so wird dieser Punkt von den Fremden stets nur sehr selten besucht und dient daher nur mir und den Meinigen zur Erheiterung. Wir sind demnach hier ganz sicher und werden von den Fremden nicht belästigt werden.“
GEJ|9|151|16|0|Damit waren unser Kisjona und auch alle andern zufrieden.
GEJ|9|151|17|0|Alle bewunderten nun die herrliche Aussicht, und Markus beschrieb ihnen alle Orte, Gegenden und Berge und erheiterte sogestaltig über eine Stunde lang die Gesellschaft.
GEJ|9|151|18|0|Auch Ich erklärte mitunter einiges aus der Vorzeit, das sich in dieser Gegend zutrug, und so wurde hier die ganz weit ausgedehnte Gegend topographisch und historisch zergliedert.
GEJ|9|151|19|0|Als sich die Sonne dem Untergange zu nahen anfing, da bemerkten wir ein wohlerkennbar römisches Schiff auf unseren Ort lossteuern, und alle fragten Mich, wen etwa dieses Schiff wohl bringen werde.
GEJ|9|151|20|0|Sagte Ich: „Um das zu bestimmen, braucht man eben nicht allwissend zu sein. Wo ein bekannter Heilort ist, da ziehen auch die Kranken hin. Es sind etliche Griechen und Römer; lasset sie kommen! Denn wer da gläubig ein Heil sucht, der soll es auch finden.
GEJ|9|151|21|0|Nach einer Weile kam das Schiff auch ans Ufer und brachte zehn Römer und sieben Griechen in den Ort, die von den Dienern, die uns ehedem beinahe nicht aufnehmen wollten, dennoch ohne Anstand aufgenommen und sogleich in der Heilanstalt untergebracht wurden.
GEJ|9|151|22|0|Wir aber blieben noch eine volle Stunde der Zeit nach dem Untergange auf dem Berge, und Meine Jünger erzählten dem Markus vieles von Meinen Reisen, Lehren und Taten, an welchen Erzählungen unser Markus und auch alle die andern eine große Freude hatten. Nach der beendeten Erzählung begaben wir uns wieder hinab ins Haus, nahmen ein kleines Abendmahl zu uns und begaben uns dann zur Ruhe.
GEJ|9|152|1|1|152. — Die Frage der Jünger an den Herrn über den Grund Seiner Naturfreude
GEJ|9|152|1|0|Am Morgen vor dem Aufgange befanden wir uns schon wieder im Freien, und zwar am Meeresufer, wo sich auch einige schon mehr geheilte Kurgäste befanden und sich an dem Wogenspiel der weitgedehnten reinen Wasserfläche vergnügten.
GEJ|9|152|2|0|Es fragten Mich aber einige Jünger, sagend: „Herr und Meister, wir bemerken das, seit wir um Dich sind, daß Du stets gut eine Stunde Zeit vor dem Aufgange auch zur Winterszeit Dich ins Freie begibst und Dich gleich uns Menschen an den Erscheinungen der Naturwelt erheiterst. Da Dir aber ohnehin alles erschaulich bekannt ist, was nicht nur auf und in dieser Erde, sondern auch in der ganzen Unendlichkeit ist und geschieht, war und geschehen ist und sein und geschehen wird, so haben wir schon oftmals darüber nachgedacht, wie Du an den Dingen und Erscheinungen auf einem nur kleinen Flecke dieser Erde doch noch irgendein Wohlgefallen haben kannst und magst!“
GEJ|9|152|3|0|Sagte Ich: „Das war einmal wieder eine so recht menschlich blinde Frage von euch! So Ich an den Dingen und Erscheinungen auch in dieser materiellen Natur kein größeres und innigeres Wohlgefallen hätte denn ihr, da würde von dieser ganzen Erde mit allem, was auf ihr, in und über ihr sich befindet, gar sehr bald auch nicht ein Pünktlein mehr irgend sich vorfinden.
GEJ|9|152|4|0|Es ist ja doch alles, was da ist, Meine ewige Liebe verkörpert vor euren Augen; wie sollte Ich dann kein Wohlgefallen an Meiner Liebe haben, die doch von Ewigkeit her Alles in Allem ist?
GEJ|9|152|5|0|Daß Ich Mich aber stets schon am frühen Morgen, wie oft auch bis in den späten Abend, gerne im Freien befinde, das hat seinen doppelten Grund: Denn erstens sollet ihr daraus lernen, wie auch in des Menschen Seele der geistige Morgen ähnlich dem dieser Erde frühzeitig erwachen soll und dann, daß Ich an solch einem frühzeitigen Morgen im Menschen eben auch schon eher, als es in ihm zum vollen Aufgange kommen wird, gegenwärtig sein und Mich an dem stets heller werdenden Lebensmorgen ebenso erfreuen werde, wie Ich Mich vor euch sichtbar und euch zu einem wahren Beispiele an jeglichem Naturmorgen erfreut habe.
GEJ|9|152|6|0|Und zweitens aber sollet ihr aus Meinem steten und frühen Morgenbesuche die Tätigkeit und den rechten Eifer kennenlernen und sollet Mir auch darin gleichen und die Menschen, denen ihr Mein Evangelium predigen werdet, dessen wohl erinnern; denn nur durch den rechten Eifer und durch eine frühe Tätigkeit kann der Mensch zum wahren Reiche Gottes in sich gelangen und es dann auch für ewig behalten.
GEJ|9|152|7|0|Daß Ich aber auch die Abende gerne im Freien zubringe, dadurch zeige Ich euch an, erstens, daß der Mensch auch am Abende seines Erdenlebens tätig sein soll, um zu kräftigen das innere Lebenslicht. Denn wer sich zu früh zur trägen Ruhe begibt und sich in seinem Hause dem sorglosen Schlafe ergibt, der wird es leicht erleben, daß Diebe bei ihm einbrechen und ihn seiner Schätze berauben werden; wer aber lange wach bleibt, dem wird solch ein Unheil so leicht nicht begegnen.
GEJ|9|152|8|0|Der andere und zweite Grund, warum Ich auch die Abende gerne im Freien zubringe, aber besteht in dem: Ihr möget daraus ersehen, daß dann erst am Abend eine freie Ruhe zu einer wahren Seligkeit wird, so man schon vom frühen Morgen an den Tag über bis zum Abend hin vollauf tätig gewesen ist.
GEJ|9|152|9|0|So ihr nun das von Mir euch Gesagte wohl begriffen habt, da bleibet in diesem Lichte, und fraget hinfort nicht so leicht wieder um Dinge, die euch nun doch schon von selbst einleuchtend sein sollten. Habt ihr das wohl verstanden, so tuet auch danach; denn aus dem Verständnisse allein könnet ihr in euch das wahre Reich Gottes nicht wachrufen!“
GEJ|9|152|10|0|Als die Jünger und auch alle die andern das vernommen hatten, da dankten sie Mir für Meine Geduld mit ihnen und baten Mich auch für fernerhin um Geduld.
GEJ|9|152|11|0|Und Ich sagte: „Ein jeder Mensch, der viel Liebe hat, der hat auch viel Geduld; Ich aber habe die meiste, höchste und reinste Liebe zu euch, und so habe Ich mit euch denn auch sicher die größte Geduld. Wer da in Mir verbleibt durch seine Liebe zu Mir, in dem bleibe auch Ich; denn Ich Selbst bin da ja seine Liebe und seine Geduld.“
GEJ|9|152|12|0|Hier nahten sich Mir zwei Kurgäste und fragten den neben Mir stehenden Wirt Markus, wer Ich wäre; denn sie hätten Mich weise reden hören und hielten Mich für einen Weltweisen. – Es waren dies zwei Griechen nach der Lehre des Pythagoras. –
GEJ|9|152|13|0|Markus aber sagte zu ihnen: „Da ist unaussprechbar mehr denn der griechische Weise Pythagoras! Pythagoras konnte keinen Blinden sehend und keinen Tauben hörend machen; Der aber kann das aus Seiner höchsteigenen Macht, und selbst einen Toten kann Er zum Leben erwecken! Und das ist sicher endlos mehr denn Pythagoras.“
GEJ|9|152|14|0|Da wollten die beiden mit Mir zu reden anfangen; aber es kam ein Diener und lud uns zum Morgenmahle. Die beiden aber folgten uns bis zum Hause und harrten, bis Ich wieder aus dem Hause käme; denn sie wollten um jeden Preis Mich näher kennenlernen.
GEJ|9|152|15|0|Diesmal hielten wir uns beim Morgenmahle über eine Stunde Zeit auf, und unseren zwei Griechen wurde die Zeit lang. Ins Haus getrauten sie sich aber doch nicht zu treten, da sie das als welthöfliche Menschen für unschicksam hielten; aber sie befragten bald den einen und bald wieder den andern Diener, ob er Mich nicht näher kenne.
GEJ|9|152|16|0|Die Diener aber hatten von Markus das Gebot erhalten, Mich nicht ruchbar zu machen vor der Zeit, die Ich, so es nötig würde, Selbst bestimmen würde; und so konnten die beiden Griechen sogar um ein den Dienern angebotenes reichliches Trinkgeld über Mich nichts Weiteres erfahren, als was ihnen zuvor Markus gesagt hatte.
GEJ|9|152|17|0|Endlich aber wurde unser Mahl beendet, das diesmal darum etwas länger angedauert hatte, weil unsere Maria mehrere Begebenheiten aus ihrer und auch aus Meiner Jugendzeit erzählt hatte, welche von Matthäus auch in einem besonderen Buch getreu aufgezeichnet wurden.
GEJ|9|153|1|1|153. — Der Herr und die beiden Griechen
GEJ|9|153|1|0|Wir begaben uns denn nun wieder ins Freie, und als Ich noch kaum den einen Fuß über die Türschwelle gesetzt hatte, da verneigten sich die beiden Griechen sogleich tief vor Mir und baten Mich, daß Ich ihnen doch nur etwas wenig Näheres über Mich Selbst kundgeben möchte.
GEJ|9|153|2|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Was soll Ich zu euch über Mich Selbst wohl reden? Denn fürs Wort allein habt ihr als kernfeste Anhänger des Pythagoras und zum Teil auch des Aristoteles keinen Glauben; und wirke Ich ein Zeichen vor euren Augen, so werdet ihr sagen: ,Ah, er ist einer aus der Schule der Essäer!‘ Und so möget ihr das nun wohl von selbst einsehen, daß ein Zeugnis von Mir Selbst über Mich keinen großen und für euch nutzbaren Wert hätte, und es wird darum vorderhand schier klüger sein, vor euch zu schweigen denn etwas zu reden.“
GEJ|9|153|3|0|Sagten die beiden Griechen: „Meister, du hast recht und wahr geredet, und wir haben nun schon aus dem, wie du uns mit wenigen Worten haarscharf charakterisiert hast, nur zu klar ersehen, daß du in des Menschen Inneres überaus helle Blicke richten kannst, und es dürfte selbst einem weltklügsten Weisen sehr schwer werden, sich vor dir nur im geringsten verstellen zu können. Da wir aber dieses schon aus deinen wenigen Worten entnommen haben und darum keinen Grund haben, deinen Worten nicht zu trauen, so kannst du, so es dein Wille ist, uns schon ein mehreres über dich selbst kundtun; denn ein Wort aus dem Munde eines wahrhaft großen Weisen wiegt mehr fürs Leben von vielen tausendmal tausend Menschen denn alle Schätze der Erde, die sie am Ende ihrer Tage nicht zu stärken und zu trösten vermögen.
GEJ|9|153|4|0|Das Wort des Weisen aber wird ein bleibend Angehör des Menschenherzens, und so es in ihm zu dämmern und sehr lebensabendlich zu werden beginnt und er in die Tage kommt, die ihm nicht mehr gefallen, da wird das Wort zu einer Leuchte voll Trostes und der wahren, inneren Lebenskraft und somit eines jeden Menschen wahrster und innigster Freund. Und darum möchten wir von dir denn auch einige Worte über dich selbst aus deinem Munde vernehmen; denn wir sind schon im voraus der vollsten Überzeugung, daß unsere Herzen in deinen Worten einen großen Trost und eine rechte und wahre Stärkung finden werden.“
GEJ|9|153|5|0|Sagte Ich: „So ihr solchen Glaubens seid, da kommet mit uns auf den Berg in den Söller, und wir wollen uns alldort näher besprechen!“
GEJ|9|153|6|0|Sagten die beiden Griechen: „Meister, dieser Felsberg ist zwar nicht hoch, aber er ist sehr steil, und es gehören eine gute Lunge und ziemlich gesunde Füße dazu, um ohne eine erhebliche Anstrengung in den Söller auf dem Berge zu gelangen. Wir sind – dem Gott der Juden alles Lob! – in dieser Anstalt wohl schon auf dem Wege der Besserung, doch mit unserer Brust und mit unseren Füßen will es sich noch nicht so recht machen, und es dürfte uns denn am Ende doch etwas schwer werden, den Söller auf dem Berge oben zu gewinnen. Möchtest du uns denn nicht hier in der Ebene nur eine kurze Zeit widmen, für die wir dir sicher nach unseren Kräften dankbar sein würden?“
GEJ|9|153|7|0|Sagte Ich: „Liebe Freunde, warum Ich nur auf dem Berge mit euch reden will, das weiß Ich allein am besten, und ihr werdet es dann auch wissen. Fürchtet euch darum nicht vor diesem Hügel; denn eure kleine Mühe wird in eine rechte Tröstung verwandelt werden!“
GEJ|9|153|8|0|Auf diese Meine Worte entschlossen sich die beiden Griechen, doch mit uns den Berg zu besteigen, und als wir oben im Söller angekommen waren, verwunderten sich die beiden, daß sie die Höhe mit beinahe gar keiner fühlbaren Mühe und Anstrengung ganz leichten Atems erreicht hatten, und meinten, daß auch dieser Berg, so wie die sicher aus seinem Innern entstammenden Heilquellen, in seiner Ausdünstung sehr heilsam auf den Leib der Menschen wirken werde. Bei ihnen werde solchen Bergen eine Art göttlicher Verehrung erwiesen, und ihre Spitzen würden mit einem oder oft auch mehreren den Göttern geweihten Tempeln geziert; denn die Menschen meinten und glaubten auch, daß solche Berge mit ihren Heilquellen zu öfteren Malen von den unsterblichen Göttern eigens darum besucht und gesegnet worden seien, damit sie der leidenden, sterblichen Menschheit in ihrer Not zum Heile dienten.
GEJ|9|153|9|0|Der eine sagte weiter: „Es wird sich mit der Sache schier anders verhalten; aber der größte Teil der Menschen, die in die Welt hinausgestoßen sind, ohne je von jemandem darin einen Unterricht bekommen zu haben, warum sie da sind, urteilt anders. Der Anblick des Himmels mit der Sonne, dem Monde, mit der Unzahl von Sternen und der Anblick der gesamten Natur der Erde haben sie auf dem Wege der eigenen, stets regen Phantasie auf allerlei übersinnliche Vermutungen gebracht, wozu auch so manche sehr lebhafte Träume, die gewisse Menschen hatten, entschieden mitgewirkt haben, die freilich auch nur eine Folge einer sehr lebhaften Phantasie sein können; und so sind aus den Vermutungen und Träumen Lehren von höheren, übersinnlichen Wesen entstanden, die später von geistreichen Dichtern in allerlei Persönlichkeiten umgestaltet und von geschickten Bildnern den Menschen beschaulich dargestellt wurden.
GEJ|9|153|10|0|Dann gesellten sich geschickte Redner und Magier hinzu, aus denen das gegenwärtige, nahezu unbesiegbare Priestertum mit seinen Tempeln und Orakeln hervorging, das nun nicht mehr der Götter wegen, an die kein Priester mehr glaubt, sondern nur der Könige und Fürsten wegen das gemeine Volk in dem blinden Glauben an die mächtigen Götter erhält, damit sich dieses nicht gegen seine Peiniger erhebe und sie verderbe.
GEJ|9|153|11|0|Aber sei nun an der Göttersache, was da immer wolle, so dünkt mir irgendein noch so blinder Glaube an irgend ein oder auch mehrere höhere Wesen doch immer besser als gar keiner, und es erbaut so ein mit einem Tempel gezierter Berg oder Hügel das menschliche Gemüt immer mehr als irgendeine wüste Flachgegend, an der des Menschen Phantasie sicher wenig Nahrung findet.
GEJ|9|153|12|0|Ich will aber damit das Göttertum vor einem höchst weisen Manne, wie du, hoher Meister, einer bist, zu keiner Realität erheben; aber ich verachte es darum nicht, weil es einer zahllosen Menschenmenge im bittern Leben auf dieser Erde in allen Leiden und endlich sogar im stets qualvollen Moment des Sterbens den erwünschten Trost bietet. Und darin bin ich mit dem weisen Aristoteles ganz einverstanden, ohne dadurch der viel erhabeneren Gotteslehre nur im geringsten nahetreten zu wollen.
GEJ|9|153|13|0|Und so haben ich und mein Freund nun vor euch uns völlig enthüllt, und ich glaube nun, daß auch du, hoher Meister, dich vor uns ein wenig näher enthüllen könntest. Doch nur dein Wille leite dich, so wie auch der unsere uns leitet!
GEJ|9|153|14|0|Siehe, ich will dir aus unserer alten griechischen Weisheit noch eines zu dem bereits Gesagten hinzufügen: Wir sind in unserer Art wahrhafte Weise, weil wir dessen stets eingedenk sind, daß wir bald sterben werden. Wir suchen auf dieser Erde nur noch das einzige Glück zu erreichen, daß uns der Tod kein Erschrecknis, sondern eine wahre Herzenslabung voll Trostes werden solle. Und darum ist uns ein Wort aus dem Munde eines großen Weisen mehr denn alle Schätze der Erde; denn das kann uns auch dann zu einer tröstenden Leuchte in unserem Herzen werden, wenn unser Auge fürs Licht dieser Welt erloschen sein wird.
GEJ|9|153|15|0|Wolle du, hochweiser Meister, demnach uns beiden ein solches Wort zukommen lassen, und du selbst wirst glücklicher sein durch das Bewußtsein, zwei Unglückliche glücklich gemacht zu haben!“
GEJ|9|154|1|1|154. — Das geistige Suchen der Griechen
GEJ|9|154|1|0|Sagte Ich: „Höret, Meine lieben Freunde, euer Wunsch ist ein sehr löblicher wohl, aber dabei dennoch etwas eigennützig; denn als ihr noch junge, gesunde und rüstige Leute waret und nicht, so wie nun in eurem Alter, an einen bitteren Tod dachtet, da war die Welt mit ihren Schätzen euch alles, und ihr trachtetet denn auch nur nach diesen vergänglichen Erdengütern, die ihr denn durch allerlei Handel und Wandel euch in großer Menge gesammelt habt. Daneben habt ihr denn auch allerlei Weltlustbarkeiten nicht verachtet und habt alles mitgemacht und genossen, was die Welt nur immer als vergnüglich und lustreizlich aufzubieten vermochte. In jener Zeit dachtet ihr wenig an irgendeinen Gott oder an irgendeinen Weltweisen und ebensowenig an ein tröstendes und euer Herz stärkendes und erleuchtendes Wort.
GEJ|9|154|2|0|Als ihr aber nahe die fünfzig Jahre Alters zu zählen begannet und eures Leibes Lebenskräfte matter zu werden begannen und ihr gar manchen eurer guten Freunde und Bekannten aus diesem Leben verschwinden sahet, und manchen unter vielen und bitteren Schmerzen und Qualen, da ward es euch ernster im Gemüte, und ihr fragtet euch: ,Wie lange kann es denn mit uns noch dauern? Gibt es nach diesem Leben nach unserer Priester Lehre wohl ein anderes, entweder besseres oder auch noch schlechteres Leben, oder gibt es keines? Wer in der Welt kann uns darüber einen haltbar sicheren Beweis liefern?‘
GEJ|9|154|3|0|Andere, die das Leben nicht von einer so ernsten Seite betrachteten und sich um das leidige Sterben auch weniger kümmerten als ihr, sagten euch: ,Leset den Plato, den Aristoteles, den Pythagoras, da werdet ihr schon ins klare kommen, wie es mit dem jenseitigen Leben aussieht!‘
GEJ|9|154|4|0|Ihr tatet das mit vielem Eifer, aber es wollte in euch dennoch zu keiner Klarheit kommen. Ihr wandtet euch an die Orakel, die euch noch weniger befriedigten. Ihr erfuhret dabei, daß in dieser Hinsicht die wahre Weisheit bei den Essäern und in den Schriften und Büchern der Altjuden daheim sei. Ihr reistet darum nach Essäa und fandet das Gesuchte auch nicht also, wie ihr es zu finden hofftet. Ihr verschafftet euch darauf der Juden Schriften, laset sie durch und durch, konntet aber daraus auch nicht klug werden, weil ihr sie nicht verstehen konntet; nur das habt ihr dabei gewonnen, daß ihr von euren Vielgöttern abkamet und an das mögliche Dasein nur eines Gottes zu halten anfinget.
GEJ|9|154|5|0|Bei solchem eurem Suchen, das nun schon beinahe an die zwanzig Jahre dauert, da ihr schon bei siebzig Lebensjahre zählt, wurdet ihr schwach, mühselig und von allerlei Seelen- und Leibeskrankheiten befallen, habt allerlei Heilanstalten und nun auch diese hier, von der ihr viel Rühmliches vernommen habt, besucht, um da des Leibes Gesundheit insoweit nur wieder zu erreichen, um mit einem heitereren Sinn dem Wesen des Lebens nachforschen zu können.
GEJ|9|154|6|0|Ihr bestieget mit uns auf Mein Anraten nun diesen Berg und fühlet jetzt nach eurem eigenen Geständnisse, daß es euch um vieles wohler ist als ehedem unten in der Ebene. Und weil es euch wohler geworden ist, so möchtet ihr aus Meinem Munde jenes vernehmen, das ihr in eurer stets wachsenden Bedrängnis volle zwanzig Jahre hindurch trotz aller eurer Mühe nicht habt in der vollen Klarheit vernehmen können.
GEJ|9|154|7|0|Ja, wer da sucht mit allem Ernste in seinem Alter, was er in seiner Jugend mit einer viel geringeren Mühe leicht hätte finden können, so ihn die lustvolle Welt und sein Leichtsinn daran nicht gehindert hätten, der soll es auch noch finden, – aber erst dann, wenn er seine Seele von allen materiellen Schlacken und Flecken gereinigt hat!
GEJ|9|154|8|0|Ginge es dem Menschen auch bis in sein möglich höchstes Alter gleichfort so recht jugendlich frisch, munter und heiter, so würde das, was ihr schon vor zwanzig Jahren zu suchen begonnen habt, ihm auch so gleichgültig sein und verbleiben, wie es euch in euren jungen Jahren war; aber das stets mühseliger werdende Alter und damit das stete Näherrücken dem Ende des Leibeslebens nötigt die das Leben liebende Seele, sich um das weitere Wesen eben des Lebens zu kümmern anzufangen und zu fragen hie und da, was es mit dem blinden Volksglauben für eine Bewandtnis habe.
GEJ|9|154|9|0|Die dunklen und zweifelhaften Antworten, die ihr bei ihrem Suchen und Forschen zuteil werden, reinigen sie durch die in ihr erweckte Angst vor dem Leibestode von der sie gefangenhaltenden und blind und taub machenden Weltliebe; sie fängt an, die ihr einst so wohlschmeckenden Güter dieser Welt zu verachten und zu fliehen und reinigt sich eben dadurch von dem, was sie im Gefühle des Gerichtes und des Todes der Materie gefangenhielt.
GEJ|9|154|10|0|Aber würde die Seele ihres Leibes vergängliche Materie durch irgendein Arkanum auch im Alter wieder verjüngen können, so bliebe sie abermals in ihrem wandelnden Grabe ganz vergnügt ruhen und würde sich nicht um ihr eigenes Leben kümmern. Darum aber hat Gott dieses irdische Willensfreiheitsprobeleben aus Seiner ewigen Liebe schon gerade also eingerichtet, daß der Mensch älter, schwächer und mühseliger werden muß, und das besonders jener, der in seiner Jugendzeit zu sehr an der Materie dieser Zeitwelt hing, auf daß sich endlich auch seine so lange vom Tode gefangengehaltene Seele zum sicheren ewigen Leben emporrichten kann.
GEJ|9|154|11|0|Hat sich die Seele so mit der Hilfe ihres ihr verborgenen Schöpfers und Herrn von dem Gerichte der Materie losgemacht und sich durch ihr reges Streben in dem inneren Lebenslichte selbst gefunden, dann ist sie auch ein Herr über ihre Materie und über deren Tod, den sie nicht mehr so fürchtet wie ehedem, geworden und kümmert sich wenig mehr um des Leibes Alter und Schwäche; denn sie selbst ist ja gesund, kräftig und in sich voll Trostes geworden.
GEJ|9|154|12|0|Darin aber besteht auch das, was ihr gesucht und hier denn auch gefunden habt! Denn wer da ernstlich sucht, der soll das Gesuchte auch finden. Wer an die Tür pocht, dem wird sie auch rechtzeitig aufgetan, und dem, der da bittet, wird das Erbetene auch gegeben werden.
GEJ|9|154|13|0|Wie ihr aber das so lange und bange Gesuchte eben nun hier endlich einmal gefunden habt, das wird euch die Folge erst hell und klar machen. Doch nun kommt es abermals an euch, hier offen euch vor uns zu äußern, wie ihr das von Mir euch Gesagte verstanden habt. Denn man kann ein Haus, das man neu aufbaut, nicht eher vollenden, bis der Grund, der das Haus zu tragen hat, seine vollste Festigkeit erreicht hat. So ihr nun wollet, so könnet ihr reden!“
GEJ|9|154|14|0|Hierüber waren die beiden alten Griechen so sehr erstaunt, daß sie gar nicht wußten, womit sie eine Rede hätten beginnen mögen.
GEJ|9|155|1|1|155. — Der Griechen Frage über die Allwissenheit des Herrn
GEJ|9|155|1|0|Nach einer kleinen Weile erst fing der eine also zu reden an und sagte: „O du höchst weiser Meister! Wir haben doch, wie du es uns höchst wahr und richtig dargestellt hast, die leidigen zwanzig Jahre hindurch gar vieles erfahren, – aber selbst die bewährtesten Orakel wußten nichts von unserer Jugend und ebensowenig von unserem Handel und Wandel; du aber, den wir hier zum ersten Male in unserem Leben ganz unvermutet zu Gesichte bekamen, hast unser ganzes Tun und Lassen so ganz der Wahrheit getreu dargestellt, als wärest du von Jugend an schon bei uns gewesen. Wie ist dir denn das doch möglich? Hast du das aus unseren Gesichtern gelesen? Wie, wie war dir das möglich?“
GEJ|9|155|2|0|Sagte Ich: „Bekümmert euch darum jetzt noch nicht; denn sagte Ich es euch auch gerade heraus, so würdet ihr das nicht fassen! So aber in euch euer Geist wacher werden wird, da werdet ihr das schon eben in euch selbst zu begreifen anfangen, wie Mir das gar leicht möglich ist, jedem Menschen offen darzutun, was er von der Geburt an in jedem Augenblick gedacht, gesprochen, gewollt und getan hat; denn vor Mir kann sich niemand verbergen. Aber nun vorderhand nichts Weiteres mehr davon, und ihr möget weiter reden!“
GEJ|9|155|3|0|Sagte darauf der eine Grieche: „Höchst weiser Meister! Wir haben gar manche Schule besucht, wir waren in ganz Ägypten und haben daselbst in den Städten uns um unser Geld alles zeigen lassen und ließen uns auch einweihen in gar manche alte Weisheitsgeheimnisse; aber wir haben in keiner Schule einen Meister gefunden, der da der vollen Wahrheit gemäß hätte von sich sagen können, was du soeben von dir gesagt hast, – und doch bist du dem Ansehen nach auch nur ein Mensch, der einmal auch nur in einer Schule seine Weisheit und geheime Kunst erlernt hat!
GEJ|9|155|4|0|Wo in dieser Welt aber ist diese Schule? Und gibt es auf der ganzen Erde aber eine solche Schule nicht, da müßtest du ja offenbar ein Gott sein, dem allein – was wir nach den verschiedenen Götterlehren von den Fähigkeiten und Eigenschaften der seienden Götter wissen – solche von dir ausgesprochenen Dinge möglich sind.
GEJ|9|155|5|0|Einem Menschen, den man zuvor nie gesehen hat und von dem man auch nicht wissen kann, welchen Namen er führt und in welcher Stadt oder auf welcher Insel oder in welchem Teile eines Festlandes er geboren ist, zu sagen, was er ist, was er hat, wie er gelebt und gehandelt hat, das ist endlos mehr denn alle noch so verborgen gehaltene Magie. Weißt du etwa auch um unsere Namen, um unsere Geburtsstätten und um unsere Weiber und Kinder?“
GEJ|9|155|6|0|Sagte Ich: „So Ich um das eine weiß, da weiß Ich sicher auch um das andere! Aber so Ich eure Namen und eure Geburtsstätten und auch eure Weiber und Kinder euch vorgesagt hätte, da hättet ihr euch dabei gedacht: ,Ja, das kann er leicht wissen aus unseren Reiseschriften, die wir bei unserer Ankunft haben aufweisen müssen, um in dieser Anstalt angenommen zu werden, weil da alles streng nach den Gesetzen Roms behandelt wird!‘
GEJ|9|155|7|0|Aber das, was Ich euch gesagt habe, steht in euren Reiseschriften nicht aufgezeichnet und ist darum sicher um vieles denkwürdiger, als so Ich euch gleich als Meliteer bei euren Namen Polykarp und Eolit begrüßt und euch auch noch hinzugesagt hätte, daß eure noch lebenden Weiber Athenerinnen sind, und daß du, Polykarp, acht Kinder – drei Knaben und fünf Mägdlein – hast und Eolit zwölf – fünf Männlein und sieben Mägdlein. Solches aber steht in euren Reiseschriften, die Ich allenfalls hätte können gelesen haben; aber was Ich euch gesagt habe, das steht nicht in euren Reiseschriften, und so habe Ich es auch nicht wissen können aus euren Schriften, – und dennoch weiß Ich um noch viel anderes, das Ich euch aber jetzt noch nicht sagen will.
GEJ|9|155|8|0|Die Schule aber, in der Ich, nach eurer Denkweise, solches erlernt haben mag, besteht in der ganzen Welt nirgends; denn da bin Ich Selbst der Meister und die Schule.
GEJ|9|155|9|0|Wer es von Mir erlernt und zu Mir in die Schule des Lebens durch den Glauben an den nur einen, allein wahren Gott, durch die Liebe zu Ihm und aus der durch die Liebe zum Nebenmenschen kommt und nach dieser Meiner Lehre dann lebt und handelt, der ist ein rechter Jünger Meiner Schule. Und es ist das eine allein rechte und wahre Schule des Lebens für jeden Menschen, der in diese Schule eintreten und in ihr unwandelbar bis ans Ende seines diesirdischen Lebens verharren will. In dieser Schule allein wird er das jenseitige ewige Leben seiner Seele finden, und der Tod und das Gericht der Materie werden von ihm weichen.
GEJ|9|155|10|0|Wer in diese Meine Schule eintritt und nach ihrer Lehre tut, der wird es denn auch in sich erfahren, wie und warum eben nur Ich der Meister und die Schule Selbst bin.
GEJ|9|155|11|0|Aber in dieser Schule heißt es nicht, halb hin und halb her sein, sondern da heißt es: Trachtet vor allem nur nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, das alles inwendig im Menschen ist und nirgends anderswo außerhalb des Menschen mit einem Schaugepränge, und kümmert und sorget euch nicht um die Dinge und Schätze dieser Welt, die für das Leben der Seele des Menschen keinen Wert haben, weil sie vergänglich sind so wie ein noch so schön strahlender Tautropfen, den schon ein schwacher Wind verweht; denn was ein rechter Jünger Meiner Schule für den zeitlichen Unterhalt seines Leibes benötigt, wird ihm schon als eine freie Hinzugabe beschert werden.
GEJ|9|155|12|0|Sehet an die Vögel in der Luft, die Tiere des Waldes und die der Gewässer! Sie säen nicht und ernten auch nicht, und doch sind sie alle versorgt mit allem, was sie nötig haben. Sorget aber Gott für die Tiere, so wird Er sicher noch um vieles mehr sorgen für die Menschen, die an Ihn glauben und Ihn über alles lieben.
GEJ|9|155|13|0|Also möget ihr auch, euch zu einem Beispiele nehmend, das Gras und die vielen Blumen des Feldes betrachten! Wahrlich, sie sind herrlicher geziert und bekleidet, als es der König Salomo in seiner größten Pracht je war!
GEJ|9|155|14|0|Sorgt aber Gott als der allein wahre Vater aller Menschen schon also für die Gewächse des Feldes, die heute wohl noch stehen, aber am nächsten Tage abgemäht, getrocknet und dann zum Teil in den Öfen verbrannt und zum Teil den Haustieren verfüttert werden, so wird Er wohl um so mehr für Seine Kinder sorgen, daß sie nicht nackt auf der Erde umhergehen müssen; denn ein Mensch, der ein rechter Jünger Meiner Schule ist, wird doch besser sein denn all das Gras und alle die andern Gewächse auf der ganzen Erde?!
GEJ|9|155|15|0|Darum soll sich denn auch ein rechter Jünger Meiner Schule nicht sorgen um den kommenden Tag, was er essen und trinken werde und womit bekleiden seinen Leib; denn das tun wohl die Heiden, die keine Jünger Meiner Schule sind –, für Meine rechten Jünger wird, dessen sie nötigs bedürfen, schon gesorgt werden.
GEJ|9|155|16|0|Und so wisset ihr es nun denn auch, aus welcher Schule Ich Meine Weisheit geschöpft habe. Da um Mich aber ersehet ihr schon eine ziemliche Anzahl Meiner Jünger; sie können es euch auch sagen, daß es sich mit Meiner Meisterschaft und Schule nur so und nicht anders verhält, wie Ich euch das nun gezeigt habe.“
GEJ|9|155|17|0|Hierauf machten die beiden Griechen große Augen, wandten sich an einen Meiner Jünger, und zwar an den Johannes, der ihnen der freundlichste zu sein schien, und fragten ihn, ob sich die Sache, die ihnen nicht völlig klar sei, wohl also verhalte.
GEJ|9|156|1|1|156. — Die Gedanken der Griechen über den allein wahren Gott
GEJ|9|156|1|0|Und Johannes sagte: „Ja, liebe Freunde, die Sache verhält sich genau also, ob sie euch auch nicht völlig klar ist; sie wird euch aber schon noch klarer werden, so ihr selbst in diese Schule in euch durch den Glauben an den einen, allein wahren Gott und durch die reine Liebe zu Ihm und zum Nebenmenschen treten werdet.
GEJ|9|156|2|0|Für diese Schule aber besteht auf der ganzen Erde kein Haus, kein Tempel und keine ägyptische Pyramide; denn sie besteht allein nur im Erkennen der inneren Wahrheit aus Gott und danebst im getreuen Handeln nach der erkannten Wahrheit.
GEJ|9|156|3|0|Ihr aber habt die Wahrheit lange gesucht und habt sie nun denn auch gefunden. Ihr wisset nun, was ein Mensch zu tun hat, um ein rechter Jünger der Schule des inneren Lebens zu werden, zu sein und zu verbleiben; aber das Wissen und Erkennen allein genügt noch lange nicht, um ein Jünger dieser inneren Lebensschule aus Gott im Menschen selbst zu sein, sondern das offene und freiwillige Handeln nach der erkannten Wahrheit macht den Menschen erst zum wahren und rechten Jünger in der eigenen inneren Schule des Lebens.“
GEJ|9|156|4|0|Als die beiden von Johannes dies vernommen hatten, da dachten sie bei sich: „Sonderbar! Der Jünger spricht wie der Meister und sagt auch, daß wir hier die lange gesuchte Wahrheit endlich einmal gefunden hätten. Das ist wahrlich sehr löblich, nur – wir verspüren von dieser Wahrheit noch sehr wenig in uns! Wir sollen aber auch nach ihr handeln, aber wie möglich das, so uns die Wahrheit selbst noch sehr dunkel ist?
GEJ|9|156|5|0|Wir sollen nur an einen und allein wahren Gott glauben, Ihn über alles ganz rein lieben und unsere Nebenmenschen auch. Ja, das wäre eine der schwersten Lebensaufgaben eben nicht, – aber wer und wo ist dieser allein wahre eine Gott?
GEJ|9|156|6|0|Sich so zufällig nur irgend einen, allein wahren Gott denken und an dieses als Einen Gott gedachte Wesen dann aber auch schon ungezweifelt fest glauben, es zugleich über alles lieben und daraus auch seinen Nebenmenschen, das ist ein etwas sonderbares Verlangen. So ein jeder Mensch das tut, da hat dann ja auch ein jeder Mensch seinen eigenen Gott, was dann ebenso viele allein wahre Götter geben müßte, als wie viele Menschen auf der lieben Erde leben, gelebt haben und noch leben werden. Und das wäre ja dann noch ärger denn unser Vielgöttertum; denn wir wissen doch, an was wir uns zu halten haben, und es kann keiner zum andern sagen: ,Siehe, der Zeus oder der Apollo, an den ich glaube und halte, ist besser als der deine!‘
GEJ|9|156|7|0|Bei dieser Lehre aber muß das mit der Zeit zu einem unvermeidlich derartigen Übel unter den Menschen führen, und ein jeder von Natur aus weisere Mensch wird seinem Gott auch offenbar den Vorzug vor dem Gott eines andern, von Natur aus minder begabten Menschen einräumen, und die alten Götterkriege werden wieder zum Vorschein kommen.
GEJ|9|156|8|0|Es muß demnach der eine und allein wahre Gott dem Menschen wie irgend außer ihm seiend mit der größten Bestimmtheit und Klarheit gezeigt werden, und daß nur an diesen Gott alle Menschen zu glauben und Ihn auch über alles rein zu lieben haben, – ansonst ist mit dieser Lehre keinem Menschen für die Dauer gedient.
GEJ|9|156|9|0|Es solle das unsertwegen auch der Gott der Juden sein, an den aber die erfahreneren Juden selbst nicht gar zu fest zu glauben scheinen; aber da heißt es: Licht geben über diesen Gott, sonst ist es auch mit dem Gott der Juden nicht um ein Haar besser als mit unserem Zeus, den wir auch noch nie zu Gesichte bekommen haben!“
GEJ|9|157|1|1|157. — Des Herrn Belehrung über den einen, allein wahren Gott
GEJ|9|157|1|0|Als die beiden Griechen sich noch mit solchen Gedanken beschäftigten, unterbrach Ich sie und sprach also zu ihnen: „Meine Freunde, ihr habt nun auf die Rede Meines Jüngers Johannes ganz sonderbare Gedanken in euch aufkommen lassen! Wenn es also wäre, wie ihr es euch denket, da hättet ihr am Ende auch recht; aber es verhält sich die Sache des Glaubens an nur einen, allein wahren Gott ganz anders, als ihr es euch gedacht habt, und so habet ihr über eben diese Sache sehr unrichtig geurteilt.
GEJ|9|157|2|0|Ihr wollet Licht und volle Klarheit über den Gott der Juden, und das ist ein ganz billiges Verlangen von euch. Ihr aber habt ja die Bücher Mosis gelesen, in denen über das Wesen des einen, allein wahren Gottes alles mit aller Bestimmtheit und großem Lichte geschrieben steht, wer der eine, allein wahre Gott ist, an den allein die Menschen glauben und keine fremden Götter neben Ihm haben sollen.
GEJ|9|157|3|0|Dieser eine und allein wahre Gott hat aber durch Moses am Berge Sinai Sich als Solcher daseiend nicht nur unter großen, allen anwesenden Israeliten sichtbaren Zeichen geoffenbart, sondern Er hat ihnen auch höchst weise Gebote und Vorschriften gegeben, mit deren genauer Beachtung sie ein ganz glückliches Volk sein konnten, da sie dadurch Gott nicht nur als völlig sichtbar vor sich gehabt hätten, zu dem sie als rechte Kinder zu ihrem Vater in allen ihren Anliegen und Nöten frei und offen reden konnten und durften, sondern der ihnen auch den Weg zum ewigen Leben der Seele stets hellst erleuchtete und das große Jenseits mit seinen seligsten Bewohnern beschaulich offen hielt, wofür Tausende von Zeugen reden können noch in dieser sehr verfinsterten Zeit, und wovon gar viele alte Propheten und Seher gesprochen und geschrieben haben.
GEJ|9|157|4|0|Wenn aber also und nicht anders, warum sind sie denn bei so glücklichen Lebensumständen, die sie durch gar viele alleruntrüglichste Erfahrungen als bestbewährt oft selbst erlebt haben, nicht in dem Glauben und in der besten und lebensvollsten Ordnung, Gott über alles als den besten Vater zu lieben, geblieben?
GEJ|9|157|5|0|Seht, das machte die bei gar vielen Menschen stets mehr und mehr überhandnehmende Eigen- und Weltliebe, von der sie sich am Ende durch alle Ermahnungen und auch häufig vorkommende scharfe Züchtigungen nimmer völlig haben abwendig machen lassen.
GEJ|9|157|6|0|Sie versanken aber dadurch denn auch in das alte Gericht der Materie der Welt und ihres geilen Fleisches, verloren das alte, innere Lebenslicht ihrer Seelen so sehr, daß sie nun ihre Seelen nicht mehr von ihrem Fleische unterscheiden können, nicht mehr wissen, was eine Seele ist, und so auch darin ganz im unklaren sind, daß sie eine Seele haben, die ewig leben soll.
GEJ|9|157|7|0|Wer sich aber selbst in seinem edelsten Lebensteile so sehr verloren hat, daß er, als noch lebend und daseiend, nicht mehr wahrzunehmen imstande ist, daß er da ist, wie sollte der das Wesen Gottes erkennen und lebendig an dasselbe glauben, so er selbst in seinem lebendig sein sollenden Teile durch die übermäßigste Liebe zur Welt nahezu völlig tot geworden ist?
GEJ|9|157|8|0|Wie es aber euch ergangen ist, bevor ihr die verlorene alte Wahrheit habt zu suchen angefangen, und wie es euch zum Teile noch ergeht, um noch tausend Male ärger ergeht es nun beinahe zahllos vielen Menschen; und wahrlich, so Ich nicht in diese Welt gekommen wäre, den Menschen von neuem den Weg zum ewigen Leben der Seele zu zeigen, so hätte diesen Weg auch kein Mensch mehr auffinden und selig werden können hier und jenseits!
GEJ|9|157|9|0|Ich Selbst bin darum der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben; wer an Mich glaubt und nach Meinen Worten lebt und handelt, der wird seine Seele vom ewigen Tode und Gerichte der Welt und ihrer Materie erretten.
GEJ|9|157|10|0|Den Willen des einen, allein wahren und ewig aus Seiner Macht lebendigen Gottes und Vaters der Menschen aber könnet ihr aus den Büchern Mosis und der Propheten kennenlernen. So ihr nach den – sage – nur zehn Geboten Mosis genau leben werdet, so wird der Geist Gottes euch durchdringen und euch selbst erleuchten. In solchem Lichte werdet ihr dann den einen und allein wahren Gott nicht nur vollkommen erkennen und Ihn dann auch über alles lieben können, sondern Er wird Sich euch dann auch Selbst offenbaren und euch in alle Weisheit und ihre Macht erheben.
GEJ|9|157|11|0|Dann werdet ihr nicht denken, daß ein jeder Mensch nach Meiner Lehre am Ende seinen eigenen Gott haben würde, so er sich selbst einen denken solle, an den er ungezweifelt glauben und den er auch über alles lieben müsse, so er das ewige Leben seiner Seele erreichen will, sondern da werdet ihr in euch lichtvollst innewerden, daß der Gott, der Sich euch geoffenbart hat, Einer und unwandelbar Derselbe ist, der Sich noch zu allen Zeiten allen jenen Menschen stets treulichst geoffenbart hat, welche völlig nach Seinem Willen gelebt und gehandelt haben.
GEJ|9|157|12|0|So ihr Mich nun besser denn anfangs verstanden habt, so tuet danach; und so es in euch dann licht und helle wird, dann werdet ihr es erst vollkommen einsehen, wie ihr hier bei Mir eben das gefunden habt, was ihr vergeblich mit noch mehreren eurer Gefährten zwanzig Jahre hindurch suchtet und nun hier erst fandet.“
GEJ|9|158|1|1|158. — Die Griechen erkennen den Herrn. Krankheiten, ihr Zweck und ihre Ursachen
GEJ|9|158|1|0|Sagte darauf Polykarp: „Wir sind dir, du überaus weiser Meister, für diese Belehrung überaus dankbar und werden deinen Rat nach allen unsern Kräften auch möglichst genau befolgen, obschon uns Moses in vielen Stücken seiner Schriften schwer verständlich ist. Wir hoffen aber nach deiner uns gemachten Verheißung, dadurch auch in den ganzen Geist der Schriften Mosis und dadurch der andern Propheten einzudringen, so wir nach deinem Rate die einfachen zehn Gebote möglichst genau befolgen werden.
GEJ|9|158|2|0|Doch nun habe du, weisester Meister, nur noch die geduldvolle Güte, uns zu sagen, ob denn auch du auf diesem geistigen Wege zu solcher deiner wahrhaft göttlichen Weisheit und Macht gelangt bist!“
GEJ|9|158|3|0|Sagte Ich: „Als Mensch mit Fleisch und Blut sicher auf keinem andern, weil es ewig nach der göttlichen Ordnung keinen andern gibt und geben kann. Aber Ich, den ihr hier sehet und sprechet, bin es nicht, der euch solchen Rat gegeben hat, sondern es wohnt ein Höherer in aller Fülle der göttlichen Liebe, Weisheit und Macht in Mir, und Der ist es, der nun zu euch eben also geredet hat wie dereinst zu Moses und vielen andern Propheten und Weisen; und das ist auch eben Der, an den allein ihr ungezweifelt glauben und durch euer Handeln nach Seinem euch treu geoffenbarten Willen über alles lieben sollet.
GEJ|9|158|4|0|In Mir ist demnach auch eben Der in diese Welt sichtbar gekommen, den ihr suchtet und dennoch in keiner Schule und in keinem Tempel finden konntet.
GEJ|9|158|5|0|Wie Ich nun aber in Mir Selbst da bin und wirke durch die ganze Unendlichkeit, also werde Ich im Geiste auch in allen sein und wirken, die Meine leichten Gebote halten, an Mich glauben und Mich in der Tat über alles lieben werden.
GEJ|9|158|6|0|Die aber an Mich wohl glauben werden und Herr, Herr! sagen, aber im Tun lau sein werden und nachlässig in der Liebe zum Nächsten, in denen werde Ich nicht wohnen und werde Mich ihnen nicht Selbst offenbaren, und Meine Kraft und Weisheit wird ihre Seele nicht erfüllen. Denn Ich will, daß ein jeder Mensch, dieweil er einen vollkommen freien Willen hat, nach Meinem ihm treu geoffenbarten Willen vorerst in aller Tat danach ganz frei zu Mir kommen soll, und Ich werde sodann auch zu ihm kommen, Mich ihm Selbst offenbaren und ihn dann durch den Heiligen Geist Meiner ewigen und allwaltenden Liebe mit aller Meiner Weisheit und Macht erfüllen. – Also sprach dereinst und spricht auch nun der Herr!“
GEJ|9|158|7|0|Als die beiden diese Worte aus Meinem Munde vernommen hatten, da machten sie ganz verwunderlich große Augen und sagten nach einer Weile tiefen Nachdenkens: „So ganz leise haben wir es uns immer schon gedacht, daß hinter Dir etwas ganz anderes verborgen ist als nur ein überaus weiser Mensch; denn Du hast uns das Selbst dadurch nur zu klar merken lassen, als Du uns unsern ganzen Lebenswandel enthülltest. Nun aber ist uns das durch Deine letzten Worte mehr denn sonnenhell geworden, daß Du trotz Deines Leibes in Dir Selbst völlig ein Gott bist, und zwar eben Derselbe, den wir so lange suchten und bis jetzt nicht finden konnten.
GEJ|9|158|8|0|Da wir Dich aber nun gefunden haben, so wird uns auch keine Macht in aller Welt nicht nur von diesem unserem Glauben, sondern von dieser unserer vollen Überzeugung je mehr abwendig zu machen imstande sein.
GEJ|9|158|9|0|Da Du, Herr, Herr, aber in Dir Selbst eben Derselbe allein wahre, eine Gott bist, an den alle Menschen vollauf glauben und Seinen ihnen treust geoffenbarten Willen in lebendigster Tat erfüllen sollen, so wagen wir denn in unserem vollsten Glauben die alleruntertänigste Bitte an Dich zu richten, daß Du unsere Leiber, solange wir deren zu unserer wahren Seelenvollendung noch bedürfen werden, möglichst gesund machen möchtest! Denn wir glauben nun, daß Dir nichts unmöglich ist.
GEJ|9|158|10|0|Wir verlangen das aber nun nicht etwa als ein Zeichen für die Wahrheit dessen, was wir von Dir glauben, sondern nur darum, weil wir mit einem gesunden Werkzeuge für unsere und auch unserer Gefährten Seelenvollendung sicher tätiger sein könnten als mit einem kranken und schwachen. Denn mit einem kranken Leibe leidet auch die Seele und hat eine geringe Lust zu irgendeiner erhöhteren Tätigkeit.“
GEJ|9|158|11|0|Sagte Ich: „Euch geschehe nach eurem Glauben; aber das merket euch auch zu eurem Glauben hinzu, daß es dem Menschen um seiner Seele willen eben nicht allzeit zuträglich ist, so er völlig gesunden Leibes einherwandelt; denn ist sein Fleisch zu gesund, da wird es auch leicht erregt für allerlei sinnliche Lustreize, in die die Seele dann auch eher mitbegierlich wird, als so ihr Fleisch kränklich und schwach ist, – und so ist eine Leibeskrankheit gewisserart eine Wache vor der Tür des inneren Lebens der Seele.
GEJ|9|158|12|0|Aber nun sollet ihr dennoch völlig gesunden Leibes werden; aber hütet euch, daß ihr bei Gelegenheiten, die bei Griechen sehr häufig vorkommen, nicht wieder in eure alten Sünden und mit ihnen auch in noch ärgere Krankheiten verfallet! Habet darum stets die Gebote Mosis vor Augen, in eurem Herzen und in eurem Willen! Verleugnet euch selbst, und folget dem Geiste Meiner Lehre nach!
GEJ|9|158|13|0|Ich will nicht, daß da jemand mit einem kranken Leibe dies irdische Willensfreiheitsprobeleben durchmachen soll; so aber die Menschen den alten Rat Meiner Liebe und Meiner Ordnung nicht beachten, sondern tun, was sie nicht tun sollen, so sind sie denn auch selbst die Schöpfer aller Übel ihres Leibes und ihrer Seelen.
GEJ|9|158|14|0|Ich aber kann des Leichtsinnes und der selbstverschuldeten Blindheit der Menschen wegen Meine Ordnung, durch die allein der Bestand aller Dinge möglich ist, nicht umkehren. Wer da weiß, daß sein Leib, so er geschlagen oder gestochen wird, einen Schmerz empfindet, sich aber dennoch schlägt und sticht, so ist ja er selbst schuld daran, so sein Leib dabei große Schmerzen empfindet; denn der aberwitzigen Torheit der Menschen wegen werde Ich keine Seele mit einem unempfindlichen Leibe versehen und nicht machen, daß man vom Dache der Schwere wegen nicht auf den Boden herabfallen dürfte. – Das also auch noch zu eurer Danachachtung!“
GEJ|9|159|1|1|159. — Die Ausübung der Nächstenliebe
GEJ|9|159|1|0|Sagten die beiden Griechen: „O Herr Herr, wir danken Dir aus dem innersten Grunde unseres Herzens und Lebens für die so wunderbar plötzliche Heilung unseres Leibes und bitten Dich aber auch, daß Du uns, so wir je infolge unserer leiblichen Gesundheit in was immer für einer Weise könnten schwach werden und uns von einer oder der andern Anreizung der Welt und unseres Fleisches sollten betören lassen, – daß Du uns stets die nötige Kraft erteilen wollest, auf daß wir allen Versuchungen, die über uns kommen könnten, ganz heldenmütig widerstehen mögen; denn das sehen wir nun schon von selbst, daß kein Mensch ohne Deine Hilfe alle auf ihn lauernden Gefahren und Feinde aller Art und Gattung besiegen kann.
GEJ|9|159|2|0|Es ist wohl ein leichtes, einem Feinde, den man sieht, entweder auszuweichen oder ihm mit Waffen in der Hand kräftig und voll Mutes entgegenzutreten und ihn unschädlich zu machen; aber der Mensch hat eine unzählige Menge unsichtbarer Feinde, mit denen nur Du, o Herr, Herr, allein es stets siegreichst aufnehmen kannst. Und wir bitten Dich denn auch darum um Deine Hilfe, wenn irgend ein unsichtbarer Feind sich uns nahen sollte, um uns schädlich zu werden; denn solcher Feinde kann der Mensch nur mit Deiner alles vermögenden Kraft Meister werden.“
GEJ|9|159|3|0|Sagte Ich: „Da habt ihr ganz wahr und richtig geurteilt: Ohne Mich kann niemand etwas wirken zum Heile seiner Seele; und hat er auch alles nach den ihm geoffenbarten Gesetzen wie aus eigener Willenskraft getan, so soll er aber dennoch in sich bekennen, daß er ein fauler und träger Diener war, und soll in allem Guten, das er gewirkt hat, Gott allein die Ehre geben, und Gott wird ihn also denn auch allzeit stärken und kräftigen.
GEJ|9|159|4|0|Wer Gott in allem Guten die Ehre gibt, der ist Ihm wohlgefällig und ein rechter Knecht und Diener nach Seinem Herzen. Den wird Gott nicht verlassen, sondern schirmen mit Seiner Hand, der Gott in seinem Herzen nicht verläßt; wer aber in seinem Herzen Gott verläßt und Seiner wenig oder oft gar nicht achtet, sich selbst ein Herr zu sein dünkt und nach seinem Weltverstande handelt, und so ihm etwas gelungen ist, sich nur dafür ehren läßt und von seiner Klugheit und von seinen edlen Taten spricht, der belohnt sich auch selbst und hat von Gott keinen Lohn zu erwarten. Was ihr denn immer tut, das gut und wahr ist, das tuet in Meinem Namen, und Ich werde mit euch sein und euch stärken und kräftigen!“
GEJ|9|159|5|0|Hierauf dankten Mir die beiden Griechen abermals, auch unser Kisjona, Philopold, der Wirt von Jesaira, der Bootsmann und der Vorsteher aus dem bekannten Fischerdörfchen, und alle Jünger priesen Mich, daß Ich solches den beiden Griechen eröffnet habe.
GEJ|9|159|6|0|Hierauf fragten Mich die beiden, ob sie das, was sie hier allerwunderbarst erlebt hätten, auch ihren Gefährten mitteilen dürften, die mit ihnen in diese Kuranstalt gekommen seien.
GEJ|9|159|7|0|Sagte Ich: „Solange Ich in diesem Orte verweilen werde, sollet ihr von Mir nicht reden und Mich nicht ruchbar machen; aber was ihr von Moses wisset und von den Propheten, besonders von Jesajas und Hesekiel und aus den Psalmen Davids, davon könnet ihr reden mit einem rechten Eifer!
GEJ|9|159|8|0|Ich werde aber vor Meiner Abreise schon Selbst noch die Gäste der Anstalt besuchen und werde an sie eine Einladung machen, ob auch sie ins Gottesreich eingehen wollen. Darauf erst möget ihr weiter mit ihnen reden. Denen ihr in Meinem Namen die Hände auflegen werdet, die werden gesund werden; aber das sollet ihr auch erst dann tun, so Ich zuvor werde die Anstalt besucht haben. Heute aber werde Ich die Anstalt noch nicht besuchen.“
GEJ|9|159|9|0|Darauf erhoben sich die beiden Griechen, dankten Mir nochmals und begaben sich hinab zu ihren Gefährten, die sie schon zu suchen angefangen hatten. Wir aber blieben bis zum vollen Mittag auf dem Berge und besprachen uns über die Wirkungen des Glaubens und der wahren, reinen Liebe zu Gott und zum Nächsten.
GEJ|9|159|10|0|Es fragte Mich aber im Punkte der Nächstenliebe unser Markus, sagend: „Herr und Meister, soll man auch gewissen bekannten Lumpen und Verschwendern, die ihr Vermögen zumeist auf eine ärgerlich sündige Weise vergeudet und verpraßt haben, die Nächstenliebe erweisen, und auch unsern offenbaren Feinden?“
GEJ|9|159|11|0|Sagte Ich: „Ihr sollet in der Erweisung der Nächstenliebe keine Ausnahme machen, sondern jedem Gutes erweisen; denn wer da eine Ausnahme macht, bei dem werde auch Ich allerlei Ausnahmen machen.
GEJ|9|159|12|0|Wenn jemand in einer Not steckt und zu euch kommt, so erweiset ihm die Nächstenliebe entweder geistig oder auch materiell; die geistige Nächstenliebe aber soll der materiellen vorangehen!
GEJ|9|159|13|0|Habt ihr einen Sünder bekehrt, und er steckt in einer irdischen Not, so helfet ihm auch aus dieser. Hat er darauf abermals gesündigt, so ermahnet ihn in Liebe und werdet ihm nicht feind! Denn mit welchem Maße ihr in Meinem Namen ausmessen werdet, mit demselben Maße wird es euch wieder zurückgemessen werden!
GEJ|9|159|14|0|Richtet niemanden, so werdet auch ihr dereinst nicht gerichtet werden. Also verdammet und verfluchet auch niemanden, auf daß dereinst auch ihr nicht verdammt und verflucht werdet!
GEJ|9|159|15|0|Denen, die euch Arges tun, erweiset Gutes und ihr werdet eben dadurch glühende Kohlen über ihre Häupter streuen und sie zu euren Freunden machen. Also segnet auch die, welche euch hassen und fluchen, und sie werden zur Reue gelangen. Vergebet euren Feinden siebenmal siebenundsiebzig Male; werden sie dadurch nicht besser, so könnet ihr die Sache bei einem Weltrichter anzeigen, und der unverbesserliche Feind soll aus der Gemeinde gestoßen werden. Denn wer da unverbesserlich Arges tut, der soll auch gezüchtigt werden, auf daß durch ihn die Nebenmenschen nicht länger geärgert werden.
GEJ|9|159|16|0|Darum seid auch der weltlichen Obrigkeit stets untertan, ob sie mild oder strenge ist; denn sie hätte keine Macht, so sie ihr nicht der vielen unverbesserlichen Sünder wegen von oben verliehen wäre!
GEJ|9|159|17|0|Aber ihr sollet darum nicht klagsüchtig sein und ohne eine dringende Not nicht zu den Weltrichtern laufen; denn was ihr nicht wollet und wünschet, daß es euch begegne, damit verschonet auch eure Nebenmenschen, solange es möglich ist. Nur offenbare Diebe und Räuber und zu arge Hurer und Ehebrecher möget ihr den Gerichten überliefern und imgleichen den, der einen Mord begangen hat. Aber ihr sollet dabei nicht erbost werden, sondern nur tun, was da not tut, alles andere überlasset Mir und den Richtern!
GEJ|9|159|18|0|Siehe, Mein Freund Markus, so ist in diesem Punkte Mein Wille; wer danach tun wird, der wird auch nie einen Mangel Meines Segens haben.“
GEJ|9|159|19|0|Markus und alle dankten Mir für diesen Rat.
GEJ|9|159|20|0|Es kam aber nun ein Diener und zeigte uns an, daß das Mittagsmahl fertig sei, und wir erhoben uns und gingen hinab ins Haus.
GEJ|9|160|1|1|160. — Des griechischen Arztes Erfahrungen und Zeugnis über den Herrn
GEJ|9|160|1|0|Während wir bei Markus das Mittagsmahl einnahmen, besprachen sich die beiden Griechen mit ihren Gefährten; denn als diese nur zu bald ersahen, daß ihre beiden Gefährten ganz vollkommen gesund in die Anstalt kamen, da wurden sie von ihnen befragt, was da mit ihnen vorgegangen sei, daß sie so vollkommen gesund geworden seien.
GEJ|9|160|2|0|Die beiden aber konnten nun selbst beim besten Willen nicht völlig verschweigen, was mit ihnen am Vormittage sich alles zugetragen hatte. Sie machten Mich daher bei ihren Gefährten ruchbar, aber doch so ganz bescheiden und zurückhaltend; denn sie gedachten dessen, was Ich zu ihnen gesagt hatte.
GEJ|9|160|3|0|Sie beschrieben Mich als einen sehr großen Weisen der Juden, der dazu eine außerordentliche Kraft besitze, bloß durch seinen Willen alle Krankheiten so vollkommen zu heilen, daß ein Kranker urplötzlich so gesund werde, wie er zuvor sogar in seiner Jugend es schwerlich je war.
GEJ|9|160|4|0|Als die Gefährten solches und noch einiges über Meine Weisheit vernommen hatten, da wollten auch sie zu Mir gehen und Mich um Heilung ihres Leibes bitten. Aber die beiden Griechen hielten sie davon ab, da sie ihnen kundgaben, daß Ich die Kuranstalt ohnehin vielleicht noch an diesem Nachmittage besuchen würde. Damit stellten sich einstweilen die Gefährten unserer zwei Griechen zufrieden, wollten dabei aber doch von nichts anderem denn nur von Mir reden.
GEJ|9|160|5|0|Einer von ihnen, der selbst in seinem Orte ein sehr geschätzter Arzt war, machte, als er von den beiden Gefährten doch ein etwas Näheres über Mich vernommen hatte, folgende Bemerkung und sagte: „Es fängt mir nun an, über den seltsamen Heiland und Weisen der Juden ein Licht aufzugehen! Er wird sicher derselbe sein, von dem ich in Tyrus und Sidon schon vieles habe reden hören. Auch mehreren von euch wird davon schon mehreres zu Ohren gekommen sein.
GEJ|9|160|6|0|Er sei ein Galiläer aus Nazareth und der Sohn eines Zimmermanns, habe etwa in seinem dreißigsten Lebensjahre die Zimmerei völlig aufgegeben, Jünger an sich gezogen und dann sein Lehr- und Heilamt begonnen. Der Juden Priester aber verfolgen ihn, weil alles Volk zu ihm geht und an ihn glaubt, weil er seine Lehre mit großen Wundertaten und andern großen Zeichen bestätige.
GEJ|9|160|7|0|Einige halten ihn für einen großen Propheten, andere für einen neuen König der Juden, der die Römer aus dem Judenlande treiben werde, – was aber etwa sein Plan nicht sei, da er ein viel größerer Freund der Heiden als der ihres Gottes wenig achtenden Juden sein soll. Noch andere halten ihn etwa für einen reinen Gottessohn und einige für den alten Jehova Selbst, der da aus Seiner Macht Sich mit dem Fleische der Menschen dieser Welt umkleidet habe, um sie über alles zu belehren und aus der langen Nacht aller ihrer Irrtümer zu heben.
GEJ|9|160|8|0|Sei die Sache nun aber, wie sie wolle, so er zu uns kommen wird, da werden wir ihn sicher auch selbst näher kennenlernen, vorausgesetzt, daß er eben derjenige ist, über den ich wahrlich, wie gesagt, schon sehr vieles habe reden hören!“
GEJ|9|160|9|0|Sagten nun auch die andern: „Ja, da hast du wahr und recht gesprochen! Von dem gewissen Galiläer haben auch wir schon zu öfteren Malen die sonderbarsten Dinge erzählen hören, die freilich noch unglaublicher klangen als unsere Göttermythen, weshalb wir denn auch sagten: Wenn es sich mit ihm also verhält, dann ist er offenbar der vollsten Wahrheit nach ein Gott, an den auch wir Griechen und Römer glauben werden!“
GEJ|9|160|10|0|Sagten die beiden schon geheilten Griechen: „Da habt ihr recht und habet uns auf das aufmerksam gemacht, was wir in der letzten Zeit unseres euch bekannten Wahrheitssuchens auch schon ein paar Male vernommen haben, was uns aber in Seiner Gegenwart nicht eingefallen ist, obschon Er uns Selbst darauf hingeleitet hatte; vielleicht wollte Er das Selbst nicht, und so vermochten wir uns des schon ein paar Male Vernommenen denn auch nicht zu erinnern. So Er nun in die Anstalt kommen wird, da soll auch das besprochen werden, obschon nicht unsert-, sondern vielmehr euretwegen!“
GEJ|9|160|11|0|Sagten die Gefährten: „Das, liebe Freunde, wird sich erst bei seiner Gegenwart zeigen, ob sich dazu eine schickliche Gelegenheit bieten wird, und ob er es uns zulassen wird, ihn darum zu befragen. Wir werden froh und ihm im höchsten Grade dankbar sein, so er unsere Leiber heilen wird und besonders unsere Eingeweide, die schon altersschwach und zum Lebensdienste unserer Glieder völlig untauglich geworden sind.
GEJ|9|160|12|0|Ich bin wohl ein Arzt und habe schon gar manchem Leidenden seine Schmerzen gelindert; aber die freilich zumeist selbst verschuldeten Schwächen des Alters heilen unsere Kräuter, Wurzeln, Öle und Heilbäder nimmer so völlig, wie ihr beide von dem Wundermanne geheilt worden seid.
GEJ|9|160|13|0|Ein Mensch aber, der das bloß durch seinen Willen vermag, ist offenbar mehr denn eine zahllose Menschenmenge, die mit ihrem Willen allein nicht einmal den schwächsten Faden einer Spinne zu zerreißen vermag, geschweige zu heilen eines alten und schwachen Menschen Blut und Eingeweide. Ein das vermögender Mensch ist daher den andern Menschen gegenüber ein Gott, und das aus dem sicher höchst vernünftigen Grunde, weil er Dinge zu bewirken vermag, die man sonst nur von den hohen, aber von einem Sterblichen nie geschauten Göttern zu erwarten hätte.
GEJ|9|160|14|0|Man sagt wohl, daß die Götter für uns Menschen stets nur unsichtbar wirken und ihnen eine unzählige Menge von allerlei Naturkräften und dienstbaren Geistern zu Gebote stehen, – aber das müssen die Menschen pur glauben, und noch nie hat jemand hinter den dichten Schleier der ominösen Isis geschaut. Unser Mann aber wirket Göttliches vor unsern Augen und spricht, lehrt und nimmt sogar Jünger an, die von ihm die Kunst, den Göttern gleich zu werden, erlernen, wie auch vielleicht, gleich ihnen unsterblich zu werden. Ein solcher Mann ist dann ja offenbar allen Göttern vorzuziehen, die nie vor eines Menschen Auge da waren und ihm von ihrem Dasein und Wirken ein nur halbwahres Zeugnis gaben.
GEJ|9|160|15|0|Dieser aber ist da und gibt vor aller Menschen Augen Zeugnis der vollsten Wahrheit gemäß, daß Er ein wahrster, lebendiger und wirklich daseiender Gott ist, was wir nicht einmal blind zu glauben nötig haben, weil wir uns davon mit allen unseren Sinnen überzeugen können; und somit erkläre ich Ihn schon bloß darum für einen allein wahren Gott und verwerfe alles andere, sicher nur in der Phantasie und Einbildungskraft der Menschen entstandene Göttertum in das Reich vager und eitler Fabeln, weil Er euch beide nur durch Seinen Willen also gesund gemacht hat, wie ihr zuvor meines langen Wissens wohl niemals waret. Daher sei Ihm schon im voraus von mir alle einem Gott gebührende Ehre erwiesen! Ich freue mich, trotz meines auch schon alten Magen- und Leberleidens, Ihn zu sehen und Ihm mit aller Liebe und tiefster Ehrfurcht entgegenzukommen. Vielleicht wird Er mich auch einer vollen, Ihm gar leicht möglichen Heilung würdigen.“
GEJ|9|161|1|1|161. — Das Bekenntnis des Arztes
GEJ|9|161|1|0|Als der Arzt also von Mir geredet hatte zu den andern Gefährten, die mit Ausnahme der beiden schon geheilten Griechen bei einer oder der andern Behauptung des mit einer ganz reinen Vernunft begabten Arztes denn doch mit den Achseln zuckten, darum Ich sicher wohl wußte, da heilte Ich durch Meinen Willen den Arzt so vollkommen von allen seinen alten Übeln, wie die beiden Griechen zuvor auf dem Berge, was er denn auch augenblicklich wahrnahm und also mit der heitersten Miene von der Welt zu reden begann: „Höret, Freunde, der Mann, den ich vor euch trotz eures manchmaligen Achselzuckens zu einem allein wahren Gott nach meiner Vernunft und vollen Überzeugung erhob, hat – ohne Sich uns gezeigt zu haben – an mir schon das gewünschte Wunder gewirkt! Denn ich fühle mich nun auf einmal so gesund und in allen meinen Leibesteilen so heiter und gestärkt wie nie je zuvor in meinem schon ziemlich langen Leben.
GEJ|9|161|2|0|Das hat mir nun der Mann, der für mich als der völlig allein wahre Gott gilt, und gegen den alles andere ins finstere Reich der Fabeln gehört, getan und hat mir damit mehr als mit tausend neu geschaffenen Sonnen am Firmament bewiesen, daß meine Behauptung eine völlig wahrheitsvolle ist; denn ein Mensch, selbst mit aller Kunst der orakelsprüchigen Magier ausgestattet, hat der Wahrheit nach noch nie in der Ferne jemandes geheime Wünsche erkannt und noch weniger ohne irgendein Medium nach seinem bloßen Willen einem Leidenden so gänzlich geholfen, wie mir nun geholfen worden ist.
GEJ|9|161|3|0|Wollet ihr nun auch noch mit den Achseln zucken, so ich als ein in gar vielen Dingen wohlerfahrener Arzt den großen Mann, ob Er auch dem uns sichtbaren Leibe nach aus Galiläa stammt, als den einen, allein wahren Gott, der uns in allem helfen kann, will und wird, so wir Ihm die Ehre geben, anerkenne und mit vollster Überzeugung für das erkläre, was Er unbestreitbar ist?
GEJ|9|161|4|0|Die kindischen Metamorphosen (Verwandlungen) unserer erdichteten und in Stein, Holz und Erz geformten Götter und Halbgötter könnet ihr wohl glauben – obschon sie noch nie jemandes Bitte erhört und ihm irgend geholfen haben –, aber bei dem Wundermanne machet ihr eine bedenkliche Miene! Warum denn, frage ich?“
GEJ|9|161|5|0|Sagte einer von den Gefährten: „Lieber und uns allen sehr achtbarer Freund, wir kennen dich, daß du ein äußerst biederer Mann bist und für alles Gute, Wahre und Außerordentliche stets den wärmsten Sinn an den Tag gelegt hast, aber wir wissen von dir auch, daß du die Extreme entweder nach unten oder nach oben gern berührst und von der sogenannten goldenen Mittelstraße nur selten Gebrauch machst; bei uns aber heißt es immer: FESTINA LENTE! (Eile mit Weile)
GEJ|9|161|6|0|Wir sind deiner Behauptung gar nicht abgeneigt und sind nun auch der Meinung, daß du in dieser deiner Ansicht dich nicht geirrt haben wirst; aber es ist uns alles das gleich einem Blitze zu schnell gekommen, und wir konnten das mit unserem auch sehr verdorbenen Magen und geschwächten Gedächtnisse auch nicht so schnell verdauen wie du nun mit deiner vollen Gesundheit. Zudem werden wir hier von mehreren Griechen und Römern und von noch viel mehr Juden behorcht; und so wir über das Erlebte, über das wir uns unterdessen auch im stillen sehr freuen können, gleich einen zu lauten Jubel schlagen, so können wir der in sich völlig guten und wahrhaft göttlich wunderbaren Sache leicht mehr schaden als nützen.
GEJ|9|161|7|0|Darum haben wir denn auch über deine vor uns aufgestellte Behauptung eigentlich mit unsern Achseln nicht so sehr bedenklich gezuckt, als vielmehr über deine volleifrige, dann und wann ein wenig zu laut gewordene Stimme, die uns bald zu viele Zuhörer in die Nähe gelockt hätte. Lassen wir zuvor den großen Gottmann erst Selbst zu uns kommen und reden, dann werden schon auch wir lauter reden! Haben wir da nicht auch recht, so wir die stillere Klugheit einem gleich anfänglich etwas zu lauten Lärm vorziehen?“
GEJ|9|161|8|0|Sagte der Arzt mit einer etwas gemäßigteren Stimme: „Freunde, wer einmal, wie ich nun, den einen wahren Gott gefunden und erkannt hat, der soll seine stille Klugheit fein beiseitesetzen und aller Welt offen zeigen den unermeßbar großen Schatz, den er gefunden hat, auf daß auch die Blinden nach dem Lichte des Lebens lüstern werden mögen!
GEJ|9|161|9|0|Weil ich nun von der großen Wahrheit meiner Behauptung mehr als bis in die innerste Faser meines Leibes und Lebens überzeugt bin, so fürchte ich auch keine Welt, keinen Griechen, keinen Römer und noch weniger einen falsch frömmelnden Juden mehr! Hätten sie mir allesamt, die sich hier in dieser neuen Heilanstalt ihrer Krankheiten wegen uns gleich befinden, auf eine so wunderbare Art helfen können, wie mir mein laut und offen bekannter Gott und Herr geholfen hat?
GEJ|9|161|10|0|Hat sich aber nun die Allmacht Seines Willens so offen an mir bestätigt, wieso sollte ich, Seiner Hilfe gewärtig, vor den ohnmächtigen Menschen schweigen? Sollte ich etwa Furcht haben, von einem oder dem andern Menschen wegen meines auf der lebendigsten Erfahrung beruhenden neuen Bekenntnisses zur Rede gestellt zu werden? Wahrlich, darob hätte ich auch vor dem Kaiser keine Furcht!
GEJ|9|161|11|0|Ein Tyrann kann wohl meinen Leib töten, aber der Seele nichts mehr anhaben; Mein Gott aber kann die Toten wieder lebendig machen und hat auch unsere Seelen in Seiner Gewalt, ansonst Er unmöglich im Augenblick um unsere geheimsten Gedanken, Wünsche und Begierden wissen könnte.
GEJ|9|161|12|0|Wer denn einmal den einen, allein wahren und allmächtigen Gott mit Händen zu greifen wahr und klar gefunden hat und die ohnmächtigen Menschen mehr fürchtet als Gott, der ist ein Tor! Wer da eine Furcht hat, der habe sie vor Gott und nie vor den Menschen um seinetwillen!
GEJ|9|161|13|0|Welcher Mensch kann mich denn ergreifen und mir schaden, so mich Gottes allmächtige Hand hält, deckt und schützt?! Lasset alle Furien und alle jüdischen Teufel, so sie irgend sind, über mich kommen, und dazu alle reißenden Tiere, Nattern und Schlangen, – werden sie es wohl mit der Allmacht Gottes aufnehmen können?“
GEJ|9|162|1|1|162. — Die Unterredung zwischen dem römischen Oberrichter und dem griechischen Arzt
GEJ|9|162|1|0|Hier trat ein angesehener Römer, der den Arzt schon eine Zeitlang belauscht hatte, zu unserem Arzte und sagte zu ihm: „Freund, was für einen allein wahren Gott hast denn du gefunden, um dessen Allmacht willen du hier vor deinen bescheideneren Gefährten allen alten Göttern, allen Menschen, allen Furien, Teufeln, den wilden, reißenden Bestien, Nattern und Schlangen und in deiner Idee vielleicht auch den Elementen den Krieg erklärt hast? Du kennst Roms Gesetze und ihre strenge und unerbittliche Handhabung, und ich bin ein römischer Oberrichter und habe meine Leute hier. Was würdest du denn sagen, so ich dich nun trotz der dich schützen sollenden oder mögenden Allmacht deines neuen Gottes dennoch von meinen Schergen ergreifen und in einen bösen Kerker werfen ließe? Daher rechtfertige dich nun über deinen neuen, allein wahren Gott, oder dir soll geschehen, was ich zu dir gesagt habe!“
GEJ|9|162|2|0|Sagte der Arzt, voll der männlichsten Unerschrockenheit: „Hoher Richter, du bist auch als ein Kranker hierhergekommen, nachdem du zuvor schon bei allen Göttern für dein unheilbares Lungenleiden wie auch bei allen Ärzten, sogar bei mir zu Melite, vergeblich Hilfe gesucht hast! Was würdest denn du von einem Menschen, den man sehen und sprechen kann, halten, der in einem Augenblick bloß durch die wunderbare Macht seines Willens sogar von der Ferne dich derart heilte, daß du dich so vollkommen und für bleibend gesund befändest, wie du je zuvor in deiner Jugend warst?
GEJ|9|162|3|0|Würdest du solch einen Menschen auch uns, die wir einander nicht mehr helfen können, etwa gleichstellen und ihn mit deiner römischen Richtermacht bedrohen? Oder würdest du am Ende nicht selbst bei dir sagen: ,Siehe, dieser Mensch vermag, was nur einem Gott, nie aber je einem Menschen möglich ist. Er muß daher in Sich auch vollkommen göttlicher Natur und Wesenheit sein!‘?
GEJ|9|162|4|0|Und sieh, einen solchen Menschen haben wir gefunden! Da stehen zwei, die heute vormittag auf dem Berge von Ihm nur durch Seinen Willen geheilt worden sind. Sie brachten uns solche frohe Kunde, und ich, als ein Arzt zu Melite – wie dir das bekannt sein wird, weil du selbst mich meines weit ausgebreiteten Rufes wegen vor einem Jahr besucht hast, der ich auch die Unheilbarkeit deines alten Übels so gut wie meinen eigenen bösen Zustand wohl erkannt hatte –, faßte auf die bei den beiden Freunden gewonnene Überzeugung hin in mir selbst das vollste Vertrauen zu dem wahrhaften Gottmenschen und bat Ihn, daß Er auch mir also helfen wolle, wie Er den beiden Freunden geholfen hatte, so Er nach Seinem Versprechen etwa noch heute in diese Heilanstalt segenvollst kommen werde.
GEJ|9|162|5|0|Als ich diesen in mir im vollsten Vertrauen auf des Gottmenschen wunderbarste Macht gefaßten Wunsch aber noch kaum vor diesen meinen Orts- und Leidensgefährten laut ausgesprochen hatte, da fuhr es wie ein Blitz durch alle Fibern meines Leibes, – und siehe, ich ward im selben Augenblick so vollkommen gesund, wie ich es zuvor kaum je war!
GEJ|9|162|6|0|Der dir, hoher Richter, von mir nun dargestellte Gottmensch besitzt demnach nicht nur die rein göttliche Eigenschaft, jede Krankheit bloß durch die Allmacht Seines Willens zu heilen, sondern Er weiß auch in der Ferne sogar um das, was du noch so geheim in dir denkst und fühlst und kann dir denn auch aus der größten Ferne helfen.
GEJ|9|162|7|0|Kann dir das auch der Kaiser mit allen seinen tapfersten Legionen oder unser stummer Zeus, Apoll oder ein anderer von dir höchst verehrter Gott? Wenn sie das könnten, da hätten wir in unsern alten und letzten Tagen uns sicher nicht dieser Heilanstalt, von der wir wohl viel Wunderrühmliches vernommen haben, anvertraut. Wir wurden bei allem unserem vielen Bitten und Opfern an unsere Götter nicht um ein Haar besser, im Gegenteil nun schon von Tag zu Tag schlimmer, – und diese so hochgerühmte Anstalt, in der du dich schon sicher länger denn ich befindest, hat nach meiner Erkenntnis deinen Zustand eben noch nicht um ein Wahrnehmbares gebessert!
GEJ|9|162|8|0|So nun mein neuer, nach meiner unerschrockenen Behauptung allein wahrer und nicht von den alten, selbstsüchtigsten und faulsten Priestern erdichtete Gott auch dir plötzlich also helfen würde, wie Er mir geholfen hat, – welche Meinung würdest du über Ihn fassen, und welch eine Sprache sicher aus deinem innersten Gemüte laut durch deinen Mund ausstoßen?“
GEJ|9|162|9|0|Sagte nun der Richter: „Ja, wenn die Sache sich also verhält, dann gewinnt alles ein ganz anderes Gesicht! Ich bin in meinem Amte zu Tyrus und habe auch schon so manches von einem gewissen Wunderheiland, der im Judenlande sein Wesen treibe, vernommen, wie auch, daß er eine ganz neue Gotteslehre unter den Juden ausbreite, einen großen Anhang finde und darum von den Judenpriestern und ihren Obersten allerorts verfolgt werde, daß sie ihm aber dennoch nicht an den Leib kommen können; aber von seiner von dir entschieden dargestellten Göttlichkeit habe ich bis jetzt noch nichts vernommen.
GEJ|9|162|10|0|Doch dem sei nun, wie ihm wolle! Weil er sich in diesem Orte sicher erst seit kurzem aufhält und sogar diese Anstalt besuchen will, so werde ich ihn bei dieser Gelegenheit wohl auch noch näher kennenlernen.
GEJ|9|162|11|0|Von unserem Oberstatthalter Cyrenius und von seinen untergebenen Räten weiß ich wohl, daß sie große Stücke auf ihn halten, – aber ob sie ihn auch für einen Gott anerkennen, darüber ist mir noch nichts zu Ohren gekommen; heimlich kann das schon sein, doch offen werden sie davon nicht reden, sondern nur unter sich.
GEJ|9|162|12|0|Ich möchte daher auch dir als Freund nun raten, mit deiner Behauptung noch etwas geheimhältiger zu sein und dann erst laut davon zu reden, so sich noch ein mehreres über deinen Gott unter den Menschen als wahrhaft göttlicher Art darstellen wird; denn sonst könntest du doch, besonders bei den finsteren Priestern, bedeutende Anstände zu erdulden bekommen.
GEJ|9|162|13|0|Ich bin nun selbst kein Freund mehr der faulen und dabei stets bösen Götterdiener – denn sie haben mich für nichts und wieder nichts um manches Pfund Goldes und um sehr viele Pfunde Silbers gebracht –; aber wehe dem, der es wagte, in ihre alten Wespen-, Hornissen- und Skorpionennester zu stechen! Mehr brauche ich dir nicht zu sagen.“
GEJ|9|162|14|0|Sagte darauf der Arzt, ganz voll glühenden Eifers: „Freunde, mit der sicheren Hilfe meines neuen und allein wahren Gottes getraue ich mir die heilig große und lebendige Wahrheit vor allen Menschen laut auszusprechen, und sie werden mir nicht an den Leib kommen! Diese Überzeugung fühle ich schon jetzt lebendigst in mir, obschon ich noch nicht die Gnade hatte, die Person meines Gottes und Herrn zu sehen; um wie vieles größer wird dann mein Mut werden, so ich Ihn erst selbst werde gesehen und gesprochen haben! Er komme nun bald zu uns!“
GEJ|9|163|1|1|163. — Die Zweifelsfrage des Richters
GEJ|9|163|1|0|Sagte darauf der Richter: „Ich lobe deinen Eifer, und du bist glücklich in deiner erprobten Überzeugung, und so dein Herr und Gott auch mir die Gnade erwiese, die er dir und deinen zwei Gefährten erwiesen hat, da würde sicher auch ich deine Sprache in meinem Munde führen. Aber da wir schon von dieser Sache reden, so muß ich dich dabei noch auf einen Umstand aufmerksam machen.
GEJ|9|163|2|0|Siehe, dein allmächtiger Helfer ist dem Leibe nach denn doch auch ein Mensch, in dem sicher eine große Fülle von einer uns unbegreiflich übernatürlichen Kraft wohnt, wie sie ähnlichermaßen nach der Schrift der Juden, die uns nicht unbekannt ist, einst auch im Menschen Moses, der ein Zuchtsohn (Ziehsohn) eines Pharao war, und dann auch in noch vielen andern Propheten gewohnt hat.
GEJ|9|163|3|0|Alle diese außerordentlichen Menschen haben auch große Dinge und Zeichen gewirkt; aber gestorben sind sie dennoch alle dem Leibe nach. Wohin ihre Seelen gekommen sind, das weiß nun mit überzeugender Bestimmtheit kein lebender Mensch. Man glaubt wohl, und das aus vielen triftigen Vernunftgründen, daß die Seelen besonders großer und tugendhafter Menschen in einem seligsten Geisterreiche ewig fortleben und recht fromme Menschen mit solchen seligsten Seelen auch vielmals verkehrt haben, – nur ich und sicher auch du und noch mehrere deiner Gefährten haben noch keine solche Erfahrung gemacht, und wir müssen uns in dieser Sache bloß mit dem Glauben begnügen.
GEJ|9|163|4|0|Wie, wenn dein neuer Gott und Herr am Ende dem Leibe nach denn doch sterben würde, entweder auf eine gewaltsame Weise unter den rachgierigen Händen seiner vielen Feinde oder auf eine ganz natürliche Art wie ein jeder andere Mensch, – würdest du auch dann noch bei deiner Behauptung stehenbleiben?“
GEJ|9|163|5|0|Sagte der Arzt: „Noch stärker und ernster denn jetzt; denn Sein Leib ist ja sicher nicht Sein mächtigst wirkendes Wesen, sondern nur Sein sicher allenthalben wie daseiend wirkender Geist, der ewig leben muß! Denn lebte Er nicht ewig in gleicher Macht und Kraft, wer hätte Ihm dann einen tauglichen Leib geschaffen, durch den Er nun, für uns blinde Menschen sichtbar, eben also wirken kann, wie Er als ein purer Geist von Ewigkeit her gewirkt hat?
GEJ|9|163|6|0|Daß aber nicht Sein uns sichtbarer Leib, sondern nur Sein Geist wirkt, erklärt sich ja aus dem Umstande von selbst, daß Er mir aus der Ferne ohne die Anwesenheit Seines Leibes geholfen hat. Seine wirkende Kraft und Macht geht daher sicher nicht von Seinem Leibe, sondern nur von Seinem ewigen und überall wie völlig gegenwärtigen Geiste aus.
GEJ|9|163|7|0|Dieser Geist bedarf zu Seinem eigentlich göttlichen Wirken des Leibes nicht; da Er aber Sich dennoch mit einem sichtbaren Leibe umkleidet hat, so tat Er das sicher nur darum, um Sich uns in den Sphären des Geistes völlig blinden Menschen sichtbar, begreiflicher und zugänglicher zu machen und uns Seinen ewigen Willen und dessen endlose Kraft und Macht verständlicher zu offenbaren.
GEJ|9|163|8|0|Hat Er sicher aus purer Liebe zu uns Menschen diesen Zweck nach Seiner endlosen Weisheit wohlberechnet mit uns erreicht, so wird Er des uns nun sichtbaren Leibes auch nicht mehr bedürfen und wird ihn von Sich lassen in der Art und Weise, wie Er es für gut finden wird.
GEJ|9|163|9|0|Ob Er es vielleicht zulassen wird, daß Seine sicher überblinden und verstockten Feinde ihre Hände an Seinen Leib legen mögen, oder ob Er auf eine andere Weise Seinen Leib ablegen wird, das wird an meiner Behauptung nichts ändern. Denn einmal wird Er uns Menschen wieder unsichtbar werden, aber darum doch ebenso ewig fortwirken, wie Er vor Seiner Leibesannahme von Ewigkeit her gewirkt hat; denn ohne Sein Vorsein wäre auch kein anderes Sein denkbar.
GEJ|9|163|10|0|Daß Er aber sicher ein Meister und Herr alles Seins und Lebens ist, das ersehe ich aus dem, daß Er unseres Leibes gesunde und auch kranke Einrichtung bis in die allerkleinste Faser durch und durch allerhellst wohl kennen muß, auf daß Er dann mit der Macht Seines Willens gerade das wieder in einen gesunden und dem Naturleben des Leibes brauchbaren Zustand umgestalten kann, was in uns mit der Zeit schadhaft, krank und unbrauchbar geworden ist, was ich als ein alter und sicher vielfach erfahrener Arzt wohl einsehen muß. Denn wie möglich könnte man einem Kranken ein taugliches Mittel zur Herstellung seiner verlorenen Gesundheit geben, so man zuvor nicht wüßte, was und wo es ihm fehlt?
GEJ|9|163|11|0|Unser Sehen, Wahrnehmen und Beurteilen aber ist und bleibt bei aller unserer Erfahrenheit dennoch nur ein höchst plumpes und zusammenhangloses Stückwerk, weil wir den inneren Zusammenhang unserer physischen Lebensmaschine in ihren zahllos vielen allerkleinsten Teilen unmöglich schauen und beurteilen können und daher denn auch mit all unserm besten Wissen und Willen eine schwere Krankheit selbst mit den kräftigsten und wirksamsten Arzneien nimmer zu beheben imstande sind; denn wir sehen ja den eigentlichen, vielleicht allerkleinsten kranken Punkt in der so überaus kunstvollen Lebensmaschine nicht. Der Schöpfer und ewige Meister der Maschine aber ersieht im Augenblick alles in ihr, weiß somit allergenauest, wo der Fehler steckt, und weiß infolge Seiner ewigen Allweisheit um das rechte Mittel, das in Seinem Geiste vorhanden ist und sein muß, um damit den schadhaften Teil augenblicklich wieder von neuem in die gute Ordnung zu stellen und ihn zu beleben.
GEJ|9|163|12|0|Wenn du, lieber Freund, das so recht durchdacht hast, so wirst du auch einsehen, daß ich von meiner ursprünglichen Behauptung nicht um ein Haarbreit weichen kann und werde, wenn meines Gottes uns nun sichtbarer Leib auch tausend Male sterben würde; denn dessen bin ich nun mehr als von meinem nun überaus gesunden Dasein überzeugt, daß Sein Leib nicht Er Selbst, sondern pur ein Mittel ist, damit Er Sich uns Menschen näher offenbaren kann denn auf eine pur rein geistige Weise. Hätte Er mich etwa mit Seinen Händen berührt, und ich wäre darauf erst gesund geworden, dann würde ich vielleicht auch deine Besorgnis mit dir geteilt haben; aber da ich aus der Ferne – wie ich dir das schon früher gesagt habe – pur nur durch Seinen Geist geheilt worden bin, so bleibt Er auch ohne den Leib ewig Der, der Er von Ewigkeit her war.
GEJ|9|163|13|0|Fasse du solche meine Ansicht als eine volle Wahrheit recht tief in deinem Gemüte auf, und gehe in ein zuversichtliches Vertrauen auf die Allmacht Seines Willens über, bitte Ihn dann auch um die Heilung deines Leibes, und es wird dir werden, was da mir so wundersam geworden ist!“
GEJ|9|163|14|0|Sagte der Richter, ganz erstaunt über des Arztes gediegene Vernunft: „Ich danke dir, lieber Freund, für diese deine Belehrung! Du hast nun mein Gemüt ganz umgewandelt, und ich bin nun schon ganz deiner Ansicht. Oh, wollte dein und nun auch mein allein wahrer Gott auch mir helfen, wie Er dir geholfen hat, so würde ich wohl mein ganzes Leben hindurch Seinen Namen allein preisen und vor jedem Menschen Seine Ehre laut verkünden! O Herr und nun völlig mein allein allmächtiger lebendig wahrster Gott, hilf auch mir von meinem schon lange andauernden bösen Leiden! Dein heiligster Wille heile mich!“
GEJ|9|164|1|1|164. — Die Glaubensheilung des bekehrten Richters
GEJ|9|164|1|0|Als der Richter solches lebendig und voll des festesten und ungezweifelten Vertrauens in sich und auch offen mit dem Munde ausgesprochen hatte, da fuhr es denn auch alsogleich wie ein Blitz durch seine Brust, und er ward sogleich so vollkommen gesund, wie er es zuvor in seinem ganzen Leben nie gewesen war; denn er war schon von Geburt an ein Schwächling, darum er – als der Sohn eines Hauptmanns – sich nicht dem Militärstande widmete, sondern die Gesetze Roms studierte und ein Richter ward.
GEJ|9|164|2|0|Als er nun plötzlich völlig gesund geworden war, da fing er auch laut zu jubeln an und dankte Mir und dann auch dem Arzte, der ihm durch seine unerschrockenen Worte und durch seiner Rede tiefen und lebenswahren Sinn zu solchem Glauben und Vertrauen verhalf.
GEJ|9|164|3|0|Als er sich in lauter Lobpreisungen Meines ihm persönlich noch völlig unbekannten Wesens schon ordentlich erschöpft hatte, da wandte er sich wieder an den Arzt und sagte (der Richter): „O du nun mein liebster Freund, wie soll ich dich nun belohnen für deinen Mut vor mir und für deine wahrlich nicht geringe Mühe, die du mit meiner Blindheit hattest, und wie belohnen auch diese deine beiden Gefährten, die dir zuerst die Kunde von dem persönlichen Hiersein des großen Meisters und von Seiner vollstwahren Göttlichkeit überbracht haben? Saget, ihr beiden lieben Freunde, was sagte Er denn zu euch, was der Mensch tun solle, um sich Seiner Gnade als bleibend zu versichern?“
GEJ|9|164|4|0|Sagte hierauf unser Polykarp: „Er sagte in dieser Hinsicht nichts anderes als: ,Haltet die zehn Gebote Mosis, und liebet also Gott, den Einen und allein Wahren, über alles und eure Nächsten wie euch selbst; tut ihnen, was ihr vernünftig wollen könnet, daß sie das auch euch tun möchten; dann lasset euch nicht von den reizenden Verlockungen der Welt berücken, – so werdet ihr bleiben in Mir und Ich in euch, und ihr werdet also in euch haben das ewige Leben durch Meiner Liebe Geist; denn Ich Selbst bin der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben! Wer an Mich glaubt und Meine Gebote hält, der ist es, der Mich über alles liebt; zu dem werde Ich Selbst kommen, werde Mich ihm offenbaren und ihm geben das ewige Leben!‘ Siehe, darin besteht das Wesentliche Seiner Lehre.
GEJ|9|164|5|0|Wir aber haben noch vieles mit Ihm geredet, und Er hat uns über viele und große Dinge gründlich belehrt, über die wir jetzt ihrer Gedehntheit wegen nicht reden können; aber wir werden dazu schon noch eine rechte Zeit finden.“
GEJ|9|164|6|0|Der Richter und der Arzt dankten dem Polykarp für diese Mitteilung und beschlossen fest, ihr ganzes Leben hindurch danach zu handeln.
GEJ|9|164|7|0|Auf diese zweite Heilung glaubten auch die andern Gefährten nun vollends an Mich und baten Mich auch um die Heilung ihres kranken Fleisches und Blutes, und es ward auch ihnen plötzlich geholfen, worauf es des Jubelns und Preisens Meines Namens, den ihnen auch Polykarp kundgab, beinahe kein Ende war.
GEJ|9|164|8|0|Und es wurden viele Kurgäste darauf aufmerksam und gingen hinzu und fragten, was da denn so etwa ganz Eigentümliches müsse vorgefallen sein, daß sie gar so anhaltend jubelten.
GEJ|9|164|9|0|Der Richter aber sagte: „Fragten wir euch doch nicht, warum ihr nicht jubelt? Solange man krank ist am Leibe und ebenso auch an der Seele, da hat man auch sicher wenig Lust zum Jubeln; so man aber völlig gesund geworden ist am Leibe und an der Seele, dann hat man auch allen Grund zu jubeln!“
GEJ|9|164|10|0|Sagte darauf ein reicher, aber in dieser Anstalt noch wenig geheilter Jude: „Wie seid ihr denn sobald hier auf diesem Flecke gesund geworden?“
GEJ|9|164|11|0|Sagte der Richter: „Es gereicht dir als einem Juden eben zu keiner besonderen Ehre, so du uns Heiden darum fragst! Ihr glaubet ja doch an den einen, allein wahren Gott, und wir haben an Ihn erst wahrhaft zu glauben angefangen und baten Ihn um Seine Hilfe, – und Er zögerte nicht und half uns, und darum jubeln wir unsern Dank eurem Gott entgegen, der nun auch unser Gott ist und bleiben wird. Warum wendest du als ein Jude dich nicht vollgläubig an deinen Gott, daß Er dir auch also helfe, wie Er uns sichtlich geholfen hat?“
GEJ|9|164|12|0|Sagte der Jude ganz betroffen: „Ich habe in der Schrift nichts von dem gelesen, daß unser Gott jemals den unbeschnittenen Heiden geholfen hätte!“
GEJ|9|164|13|0|Sagte der Richter: „Und doch haben auch wir das Leben und alles von Ihm, und Er läßt uns über euch herrschen! Wie ist denn das?“
GEJ|9|164|14|0|Als der Jude solches vernahm und mehrere seiner Stammesgenossen, da fragte er um nichts Weiteres mehr, kehrte sich um und ging von dannen.
GEJ|9|164|15|0|Die Geheilten aber waren darob sehr froh, daß sie auf diese Art die lästigen Gäste losgeworden waren.
GEJ|9|164|16|0|Da Ich aber noch nicht in die Anstalt kam und sie Mich doch mit der größten Sehnsucht schon erwarteten, da beschlossen sie einstimmig, Mich aufsuchen zu gehen, um Mir die Ehre vor allen Menschen zu erweisen, und sie fragten darum einen Diener des Markus, ob Ich Mich noch im Hause des Markus befinde, und ob sie zu Mir kommen dürften.
GEJ|9|164|17|0|Der Diener sagte: „Der Herr und Meister befindet Sich noch im Hause beim Mittagsmahle und erzählt wunderbare Dinge.“
GEJ|9|164|18|0|Ich erzählte nämlich das, was unter diesen Geheilten vor sich gegangen war, und was sie geredet hatten, was aber der Diener, der vorher im Hause uns bediente und darauf von Markus um etwas in die Anstalt gesandt wurde, nicht verstand, darum er den fragenden Geheilten auch keinen Bescheid geben konnte; denn er wußte ja nichts von dem, wie die Griechen aus Melite und wie der römische Richter von Mir durch die Macht Meines Willens geheilt worden waren.
GEJ|9|164|19|0|Er aber sagte zu denen, die ihn fragten, ob sie zu Mir kommen dürften, dennoch (der Diener): „Ich habe hier in der Anstalt für meinen Herrn nur etwas Weniges zu tun, werde dann wieder ins Haus gehen, mich wegen eures Anliegens erkundigen und euch dann sogleich die Antwort des großen Herrn und Meisters überbringen.“
GEJ|9|164|20|0|Mit dem waren die Geheilten zufrieden. Der Diener ging und verrichtete sein Geschäft, kam darauf ins Haus zu uns und hinterbrachte Mir das, um was ihn die Geheilten gefragt hatten.
GEJ|9|164|21|0|Ich aber sagte zu ihm: „Gehe hin, und sage es Meinen Freunden, die dich fragten, ob Ich noch im Hause Mich befinde, und ob sie zu Mir kommen dürften: Wen die Liebe zu Mir führt, der kann allzeit zu Mir kommen, und Ich werde ihn mit der Liebe aufnehmen, die ihn zu Mir geführt hat!“
GEJ|9|164|22|0|Auf diese Meine Worte ging der Diener abermals in die Anstalt und sagte das zu den Geheilten, die sich darauf voll Freude sogleich aufmachten und mit aller Ehrfurcht dem Wohnhause des Markus zueilten.
GEJ|9|165|1|1|165. — Die Ankunft der Geheilten beim Herrn
GEJ|9|165|1|0|Als sie in unseren Speisesaal kamen, da fragten sie gleich die beiden Griechen, wo Ich wäre. Und diese zeigten ihnen sogleich an, welcher der ,Ich‘ ist.
GEJ|9|165|2|0|Als sie nun das wußten, da gingen sie schüchtern zu Mir hin, sahen Mich mit der tiefsten Ehrfurcht an und getrauten sich nicht, Mich anzureden.
GEJ|9|165|3|0|Ich aber sah sie voll Liebe an und sagte zu ihnen in ganz natürlicher Redeweise: „Warum denn nun so schüchtern vor Mir, ihr Meine lieben Freunde? Bin Ich hier denn etwas anderes als dort in der Anstalt, wo Ich im Geiste zu euch kam und euch nach eurem Glauben und Vertrauen von euren Übeln geheilt habe? Fasset Mut, setzet euch zu uns an diesen Tisch, und esset und trinket zuvor nach eurem Bedarf, und stärket dadurch eure Glieder! Hernach erst werden wir ein Weiteres miteinander besprechen!
GEJ|9|165|4|0|Die Geheilten taten das von Mir ihnen Anbefohlene schon mit mehr Mut, weil Meine Liebe ihnen die Furcht vor Mir mehr und mehr benahm. Es waren noch eine Menge bestbereiteter Fische auf dem Tische, und an Brot und Wein hatte es ebenfalls keinen Mangel. Die Geheilten hatten auch schon Hunger und Durst, und es kam ihnen also diese Meine Beheißung sehr erfreulich erwünscht und gut zustatten. Sie aßen und tranken mit vieler Herzenslust und bekamen denn auch immer mehr des wahren kindlichen Zutrauens zu Mir und auch zu Meinen Jüngern.
GEJ|9|165|5|0|Nachdem sie sich nun an unserem Tische nach dem rechten Bedarfe gestärkt hatten, da erst fragte Mich der nun schon am meisten mutig gewordene Grieche Polykarp, sagend: „O Herr und Meister, Du hast auf dem Berge zu uns wohl gesagt, daß Du uns in der Anstalt besuchen werdest, und wir warteten, – Du kamst aber dennoch nicht. Es gibt wohl gar viele sehr Elende darin, denen Dein Besuch wohl zustatten käme!“
GEJ|9|165|6|0|Sagte Ich: „Ob Ich schon nicht mit dem Leibe zu euch kam, so kam Ich aber dennoch mit Meiner Liebe zu euch und half denen, die sich an Mich gläubig und mit vollem Vertrauen gewendet haben, und Ich habe somit Mein euch gegebenes Versprechen erfüllt.
GEJ|9|165|7|0|Der andern wegen aber habe Ich mit Meiner Person in der Anstalt nichts zu suchen; denn die haben schon vieles von Mir gehört und mehrere auch Zeichen von Mir vor ihren Augen wirken sehen, und so sie auch wußten, wo sie Mich hätten finden können, da suchten sie Mich aber dennoch nicht und achteten weder auf die Zeichen und noch weniger auf Meine Worte. Warum sollte nun Ich sie suchen gehen und achten und gedenken ihrer Leiden?!
GEJ|9|165|8|0|Ich aber werde noch etliche Tage hier verweilen; wer Mich suchen wird, der soll Mich auch bald und leicht finden, wie auch ihr Mich bald und leicht gefunden habt.
GEJ|9|165|9|0|Als dieser Mein Freund, der Arzt aus Melite, laut von Mir sprach nach der wahren Vernunft aus den Himmeln, da wurde er von vielen Juden behorcht; aber nur ein Römer – ein Heide – trat näher hinzu und fing an, sich über den neuen Gott mit dem Arzte zu besprechen, und wurde bald seines Glaubens. Die Juden aber hatten aus der Rede des Arztes bald gemerkt, von wem er sprach, kehrten ihm darum denn auch bald den Rücken und achteten nicht weiter seiner durchaus weisen Reden. Warum sollte Ich da ihrer achten?
GEJ|9|165|10|0|Als ihr später Mir alle laut zugejubelt habt, da kam wieder ein blinder Jude, der in Kapernaum ein reicher Kaufmann und Wechsler ist, zu euch, und als ihm der Richter eine rechte Antwort gegeben hatte und er daraus merkte, wem der Jubel galt, da kehrte auch er euch den Rücken und verließ euch. Hat er aber euch verlassen, die ihr mit Meinem Geiste waret, so hat er auch Mich verlassen; wer aber Mich verläßt, den verlasse auch Ich auf so lange, bis er reuig und gläubig sich zu Mir kehrt.“
GEJ|9|166|1|1|166. — Der Herr gibt Verhaltungsmaßregeln für die Geheilten
GEJ|9|166|1|0|(Der Herr:) „Dies aber merket euch alle wohl: So ihr in Meinem Namen irgend versammelt seid – wie ihr es ehedem im Garten der Anstalt waret –, da werde Ich auch stets also, wie ehedem im Garten, wirkend unter euch, bei euch und in euch sein.
GEJ|9|166|2|0|Wer euch hören wird, der wird auch Mich hören, und Ich werde ihm barmherzig sein; und so ihr über einen an Mich haltenden Kranken in Meinem Namen eure Hände auflegen werdet, so wird es besser mit ihm werden.
GEJ|9|166|3|0|Wer euch aufnehmen wird, der hat in euch auch Mich aufgenommen, und Ich werde ihm darum vergeben seine Sünden und ihn segnen zeitlich und ewig. Wer aber euch nicht aufnehmen wird, der wird auch Mich nicht aufnehmen, und seine Sünden werden bleiben in seiner Seele, und ferne von ihm wird Meine Barmherzigkeit sein.
GEJ|9|166|4|0|So ihr aber zu jemandem kommen werdet in Meinem Namen, und er wird euch wohl hören und auch glauben, was ihr ihm von Mir sagen werdet, wird aber nach der Annahme Meiner Lehre aus dem Grunde seines Herzens zu euch nicht sagen: ,Bleibet bei mir, liebe Freunde, und haltet mit mir Mahl!‘, bei dem bleibet auch nicht! Denn wer da hat und gegen euch kargen wird, da ihr doch nicht mit Meinem Worte als dem höchsten Gut für das Leben seiner Seele gekargt habt, da werde auch Ich kargen mit Meinem Segen; denn der Glaube an Mich wird lebendig wirksam durch die Werke der Liebe.
GEJ|9|166|5|0|Wer euch um Meines Namens willen lieben wird, der wird auch Mich lieben, und Ich werde ihn wiederlieben, und Mein Segen wird über ihm sein fortan. Wer euch aber hassen und verfolgen wird, der wird in euch auch Mich hassen und verfolgen; er wird aber da mit seiner Zunge gegen den Stachel löcken und wird sich so mächtig verwunden, daß er an diesen Wunden den Tod und das Verderben seiner Seele finden wird.
GEJ|9|166|6|0|Ihr sollet um Meines Namens und Wortes willen für euch wohl von keinem Menschen weder eine Ehre noch einen Lohn verlangen; doch wer euch verunehren und harten Herzens sein wird gegen euch, der wird also auch sein gegen Mich, und Ich werde auch also sein gegen ihn.
GEJ|9|166|7|0|Was Ich euch umsonst gebe, das gebet wieder umsonst! Was euch aber die Liebe der erleuchteten Menschen bieten wird, das nehmet und danket Mir darum; denn nur Meine Liebe in den Herzen der Menschen wird es euch geben, und so denn verschmähet auch die kleinste Gabe nicht!
GEJ|9|166|8|0|Suchet aber dennoch nirgends einen irdischen Gewinn um Meines Namens und Wortes willen, noch irgendein weltliches Herrscherreich; denn fürs erste ist Mein Reich nicht von dieser Welt, fürs zweite aber würdet ihr mit dem gesuchten und empfangenen irdischen Gewinn und mit einem überkommenen Reiche dieser Welt den Lebenslohn für eure Seele schon empfangen haben und hättet dann von Mir aus im Himmel keinen weiteren zu erwarten.
GEJ|9|166|9|0|Es werden zwar in den späteren Zeiten falsche und herrschsüchtige Propheten in Meinem Namen das ebenso tun, wie es nun tun die Pharisäer und ihre Anhänger, und werden Mich vor den Augen des Volkes ehren mit allerlei Zeremonie und mit Gold, Silber und Edelsteinen; aber Ich werde zu ihnen durch den Mund Meiner durch Meinen Geist Erweckten sagen: Siehe, dies elende Volk ehrt Mich, den Herrn des Lebens, mit dem Kote und mit dem Tode und Gerichte der Materie, – aber sein Herz ist ferne von Mir! Darum werde auch Ich ferne von solch einem Volke sein.
GEJ|9|166|10|0|Darum sollet ihr Mir in der Folge auch nicht irgend Tempel und Altäre erbauen; denn Ich werde nimmerdar wohnen in den von Menschenhänden erbauten Tempeln und werde Mich nicht ehren lassen auf den Altären. Wer Mich liebt und Meine leichten Gebote hält, der ist Mein lebendiger Tempel, und sein Herz, voll Liebe und Geduld, ist der wahre und lebendige und Mir allein wohlgefällige Opferaltar zu Meiner Ehre. Alles andere ist Gericht, Tod und Verderben.
GEJ|9|166|11|0|Ihr wisset, wie nun alle Priester – unsere jüdischen so gut wie eure heidnischen – gewisse äußere Heiligungs- und Reinigungsmittel haben, deren Annahme und Gebrauch sie ihren Bekennern aufdrängen und den mit allen Schrecknissen und ärgsten zeitlichen und ewigen Strafen bedrohen, der den Gebrauch vorbesagter Mittel nicht annehmen und sie als leer und völlig wirkungslos bezeichnen würde. Ich aber sage es euch: Mit all dem soll es bei euch für alle Zukunft sein vollkommenes Abkommen haben, und Ich werde den, der sich auch in Meinem Namen solcher Mittel zur Heiligung und Reinigung bedienen möchte, mit zornigen Augen ansehen. Es genügt, daß ihr den, der Meine Lehre im Herzen angenommen hat, in Meinem Namen taufet und ihm einen Namen der Ordnung wegen gebet, und Ich werde ihn stärken.
GEJ|9|166|12|0|Dann möget ihr auch in Meinem Namen und in Meiner Liebe in euch denen, die an Mich lebendig glauben und Meine Gebote halten, von Zeit zu Zeit, so ihr es habt, Brot und Wein geben zu Meinem Gedächtnisse. Wo ihr ein solches Liebesmahl unter euch halten werdet, da werde auch Ich sein unter euch, bei euch und in euch, wie nun mit Fleisch und Blut; denn das Brot, das eure Liebe zu Mir bieten wird, wird auch gleich sein wie Mein Fleisch und der Wein wie Mein Blut, das bald für viele wird vergossen werden. Wie, das werdet ihr schon vernehmen.
GEJ|9|166|13|0|Das allein genüge euch als ein äußeres Zeichen, das aber nur durch die Liebe einen rechten Wert von Mir überkommen wird.
GEJ|9|166|14|0|Und da Ich euch nun in diesen wichtigen Dingen unterwiesen habe, so wollen wir uns nun wieder vom Tische erheben und uns ins Freie hinaus und zwar auf unseren Berg begeben; dort soll euch noch manches gezeigt und gegeben werden.“
GEJ|9|166|15|0|Auf diese Rede dankten Mir alle, und wir erhoben uns und bestiegen leichten Fußes unseren Berg.
GEJ|9|167|1|1|167. — Des Römers Wehmut bei der schönen Aussicht
GEJ|9|167|1|0|Als wir uns auf dem Berge befanden, da bewunderten die Griechen und der Römer die schöne Gegend.
GEJ|9|167|2|0|Und der Römer sagte: „Wahrlich, so eine nach allen Richtungen hin wunderherrliche Landschaft ist mir noch gar nie vorgekommen! Wenn man auf dieser lieben Erde immer jung, kräftig und gesund bliebe und mit dem Nötigen versorgt, so könnte man an solch einer Gegend auch eine ewige Freude haben.
GEJ|9|167|3|0|Es erfüllt aber das menschliche Gemüt oft mit vieler Wehmut beim Anblick einer so herrlichen Landschaft, so der Mensch sich dabei stets denken muß: Nur noch eine ganz kurze Zeit ist dir diese Freude gegönnt, und du wirst sie dann auf ewig schmerzhaft verlassen müssen. Was aber kann der schwache Mensch da wohl anderes dagegen tun als seufzen, daß er ein oft auch auf dieser Erde sehr schönes und angenehmes Leben so bald gänzlich verlassen muß und nicht mehr schauen und genießen kann die Reize und Schönheiten solch wunderherrlicher Gegenden dieser Erde? Du, o Herr und Meister, willst es einmal also, und der arme und ohnmächtige Mensch muß sich der Allmacht Deines Willens fügen.“
GEJ|9|167|4|0|Sagte Ich: „Freund, nun hat wohl wieder der alte, blinde Römer und Heide aus dir geredet, und du hast trotz deines musterhaft starken und lebendigen Glaubens und Vertrauens an Mich dargetan, daß du in die Geheimnisse des wahren, inneren Seelenlebens noch gar nicht eingeweiht bist!
GEJ|9|167|5|0|Meinst du denn, daß die Seele ohne Hilfe des materiellen Leibes nicht auch die Gegenden dieser Erde werde zu schauen imstande sein, vorausgesetzt, daß sie nach Meiner euch klar gezeigten Ordnung vollendet sein wird und also verlassen wird ihren schweren Leib?
GEJ|9|167|6|0|Wer anders sieht denn jetzt, wennschon unvollkommen, durch die zwei kleinen Fensterlein unter deiner Stirne diese Landschaft als eben nur deine allein lebendige Seele? Der Leib ist ja nur auf eine kurze Zeit ihr als ein Werkzeug gegeben, um sich beim rechten Gebrauche desselben die volle Lebensfreiheit und Selbständigkeit für ewig hin zu bereiten und zu sichern. Was im Leibe fühlt, hört, sieht, riecht, schmeckt, denkt und will, das ist ja das unsterbliche Wesen der Seele und nicht der an und für sich tote Leib, dessen Scheinleben ja nur durch das wahre Leben der Seele bedingt ist.
GEJ|9|167|7|0|Sieht aber deine Seele nun bei aller ihrer Lebensbeschränktheit durch den Leib die schönen Landschaften dieser Erde und empfindet darüber eine rechte Freude schon beim Anblick der alleräußersten Form, so wird sie dann wohl eine noch größere Freude und Wonne empfinden, so sie mit ihren helleren Augen nicht bloß die äußerste Rinde der Wesen und Dinge, sondern das ganze Innere in seiner wundervollsten Verbindung, Wirkung und Bedeutung wird schauen, beurteilen und verstehen können.
GEJ|9|167|8|0|Ja, wer da noch so tief in seinem Fleische vergraben ist, daß seine Seele mit dem sicheren Tode ihres Leibes auch mit in diesen Tod sich gezogen fühlt – was eine Folge ihrer zu großen Welt- und Fleischliebe ist –, dann muß der Mensch freilich so bedauerlich reden, wie du, Freund, nun geredet hast; aber in welchem Menschen die Seele einmal nach Meiner Lehre und nach Meinem Willen frei von den irdischen Schlacken und dadurch vollkommener und vollendeter geworden ist, der wird beim Anblick einer solchen Gegend und Landschaft eine ganz andere und höhere Sprache führen.
GEJ|9|167|9|0|Daß aber ein Naturmensch, wie du bis jetzt noch einer bist – obschon du nun den Herrn und Meister alles Seins und Lebens mit deinen Augen schauen und mit deinen Ohren vernehmen kannst –, beim Anblick einer herrlichen Gegend darob wehmütig gestimmt wird, weil das Gefühl über seine Vergänglichkeit erwacht, so ist das nur sehr heilsam für seine Seele; denn dieses Gefühl ist eben der unsterbliche Geist aus Mir in eines jeden Menschen Seele, ohne den sie kein Leben hätte, der in der Seele ruft: ,Habe die Welt ihrer äußeren Reize wegen nicht lieb; denn sie alle sind dem Tode und der Vergänglichkeit unterworfen! Ermanne dich, und wende ab dein lüstern Auge von dem, was an und für sich nichts ist. Kehre dafür in dein Innerstes, in mich, dein wahres Sein und ewiges Leben zurück, da wirst du nicht nur die tote, alleräußerste Rinde der Dinge und Wesen schauen und erkennen, sondern auch vorzüglich das, was in ihnen ist und wirkt, und wie und warum und zu welchem Endzweck!‘
GEJ|9|167|10|0|Sage du, Freund, Mir nun, so sich die Sache aber nur also und unmöglich anders verhält: Hat der in sich über sein Wesen und Dasein klar gewordene Mensch wohl einen Grund, darob beim Anblick irgendeiner reizenden äußeren Form in sich wehmütig zu werden, weil er einmal den Moderleib ablegen wird?“
GEJ|9|168|1|1|168. — Der Wunsch des Römers
GEJ|9|168|1|0|Sagte darauf der Römer in einer schon um vieles besseren Stimmung seines Gemütes: „O Herr und Meister alles Lebens und Seins, wer in sich in Deiner ewigen Seins- und Lebensklarheit sich befindet und sicher nach dem großen geistigen Jenseits mit derselben alles durchdringenden Lichtmacht schaut wie Du, dem wird der Anblick solch einer schönen Gegend in seinem Gemüte sicher nicht die allergeringste Wehmut hervorrufen; aber unserer menschlichen Kurzsichtigkeit, besonders in den Sphären des inneren Geist- und Seelenlebens, ist solch eine Wehmütigkeit sicher nicht gar zu sehr zu verargen. Denn woher sollte ein in aller Lebensfinsternis geborener und dann großgezogener Mensch wohl Begriffe und Anschauungen über das wahre, innere Lebenswesen der Seele nehmen, da er doch schon von der frühesten Kindheit an mit nichts als nur mit der Materie und ihren mannigfachsten Formen zu tun hatte?
GEJ|9|168|2|0|Nun wird es bei mir sicher auch bald anders werden durch Deine Gnade, Hilfe und große Erbarmung; aber bis jetzt war bei mir Leib und Seele noch so vollkommen eins, daß es mir wie vielen tausend andern völlig unmöglich schien, daß es ohne einen Leib eine für sich bestehende Seele hätte geben können. Denn die in mir denkende Seele stellte ich mir als ein Produkt der Tätigkeit des Herzens, der Lunge und der andern Eingeweide vor; denn so es mit deren Tätigkeit ein Ende hat, so hätte es damit auch ein Ende mit dem Fühlen, Hören, Schauen, Riechen, Schmecken, Wahrnehmen, Denken, Urteilen und Handeln.
GEJ|9|168|3|0|Zudem habe ich selbst noch nie nur im geringsten etwas wahrgenommen, das dem Fortbestande einer Seele nach dem Tode des Leibes nur von ferne gleichgesehen hätte, obschon mir andere Menschen so manches in dieser Beziehung kundgegeben haben. Denn wovon ich mich, als auch ein Mensch, nicht habe selbst überzeugen können, da ging es mir mit dem puren Glauben schlecht, und es ist mir denn auch sicher nicht zu verargen, daß mir der Gedanke an den baldigen Tod besonders beim Anblick einer herrlichen Landschaft, wie diese da ist, stets ein wehmütiges Gefühl in meinem Gemüte erzeugte.
GEJ|9|168|4|0|Hätte ich einen von meinen vielen, schon lange verstorbenen Freunden und Bekannten je zu sehen und zu sprechen vermocht, dann würde ich beim Anblick solch einer herrlichen Landschaft auch nicht von der Wehmut ergriffen worden sein in der Art, wie das bei mir schon seit langem der Fall war, wozu meine von keinem irdischen Arzte mehr heilbare Lungenkrankheit und mein Alter, das mir ohnehin keine langlebige Aussicht mehr gewährte, ihr Wesentliches beitrugen und mich zu einem ordentlichen Feinde des Lebens, der Schönheiten der Natur und der jungen, munteren Jugend machten.
GEJ|9|168|5|0|Jetzt geht es in Deiner sichtbaren Gegenwart, o Herr und Meister, freilich ganz anders; denn nun weiß ich es aus Deinem göttlichen Munde, was es mit dem Menschen nach dem Tode des Leibes für eine Bewandtnis hat, und das hat mir die mich schon so lange gequält habende Furcht und Angst vor dem Tode beinahe gänzlich benommen, wofür ich Dir aus aller Tiefe meines Herzens danke.
GEJ|9|168|6|0|Könnte ich dazu noch jemand von meinen verstorbenen Freunden sehen und sprechen – was Du, o Herr und Meister der Sinnen- und Geisterwelt, sicher bewirken könntest –, so wäre ich in meinem Gemüte sicher auch noch mehr in der Ordnung. Daß es Dir, o Herr und Meister, gar leicht möglich ist, daran habe ich nicht den allergeringsten Zweifel; ob aber das nach Deiner Weisheit und Ordnung auch zulässig ist, das kannst nur Du allein wissen und der Mensch auch, dem Du es gesagt hast. Sollte das auch zulässig sein, so würde ich Dich darum bitten.“
GEJ|9|168|7|0|Sagte Ich: „Freund, es ist das möglich und auch zulässig für solche Menschen, die dafür schon reif geworden sind; denn den im eigenen Geiste schon stark gewordenen Menschen können die noch sehr unlauteren Seelen, so sie sich in dieser Welt zeigen müssen, keinen Schaden zufügen, – wohl aber denen, die in ihrem Geiste noch unreif sind.
GEJ|9|168|8|0|Alle deine von der Sinnenwelt abgeschiedenen Freunde und Bekannten würden dir keine angenehme Erscheinung sein, so Ich sie dir alle zeigen würde; daher will Ich dir nur einige um etwas weniges Bessere vorstellen, und du kannst dich mit ihnen über ihren jenseitigen Zustand selbst besprechen.
GEJ|9|168|9|0|So du das noch ernstlich wünschest, so will Ich dich auf eine kurze Zeit dazu befähigen, und du wirst deine besten Freunde nicht nur sehen und sprechen können, sondern auch sehen, wie ihre Wohn- und Handelswelt aussieht und beschaffen ist.“
GEJ|9|168|10|0|Sagte der Römer: „O Herr und Meister, erweise mir diese Gnade!“
GEJ|9|168|11|0|Sagte Ich: „Also sei es denn, und es geschehe!“
GEJ|9|169|1|1|169. — Der Römer im Gespräch mit seinem verstorbenen Vater
GEJ|9|169|1|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da standen auch schon – nicht nur ihm, sondern auch allen andern Anwesenden sichtbar – vier bewaffnete Römer vor unserem Richter, der sich vor ihnen ganz gewaltig zu fürchten begann, weil sie ihn mit zornglühenden Augen ansahen. Er hatte anfangs auch nicht den Mut, sie anzureden; erst als Ich ihn behieß, die Erschienenen anzureden, da erst fragte er einen, der sein Vater war, ob er nach dem Tode des Leibes wohl im Ernste fortlebe und wie.
GEJ|9|169|2|0|Da sagte der Geist in der seinem Sohne nur zu wohlbekannten kreischenden Stimme: „Aberwitziger Dümmling von einem Sohne, was hast du uns zu stören in unserer Ruhe, in unserer Liebe und in unserem Handeln?!
GEJ|9|169|3|0|Daß wir fortleben und eigentlich noch gar niemals gestorben sind, das siehst du nun ja wohl mit deinen kotvollen Augen. Wir hatten nun soeben einen Großfeldzug vorbereitet und haben Eile, damit dem Feinde zuvorzukommen, und du mußt mich nun hindern, eine so glorreiche Heldentat für meinen Kaiser auszuführen! Ich hätte nun gute Lust, dich, du aberwitziger Bube, mit meinem scharfen Schwert in tausend Stücke zu zerhauen!
GEJ|9|169|4|0|Wäre der dumme Zauberer von Nazareth, dem deine Dummheit eine göttliche Ehre erweist, nicht hinter dir mit seiner Kunst, so wäre dir dein Aberwitz teuer zu stehen gekommen. Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Wenn du zu uns aus deinem Fleischsacke herüberkommen wirst, da sollst du den Lohn für deinen Aberwitz schon bekommen!“
GEJ|9|169|5|0|Sagte ganz kleinmütig unser Römer: „Wie kann ich euch in eurer Ruhe gestört haben, da ihr bei eurem Kriegführen doch keine Ruhe zu haben scheint, und so der Mann da an meiner Seite nur ein dummer Zauberer aus Nazareth ist, warum gehorchet ihr denn Seinem Willen? Seid ihr als Helden denn nicht mächtiger denn Er?“
GEJ|9|169|6|0|Sagte der Geist: „Was verstehst du dummer Aberwitzling von unsern Dingen! Wir tun, was wir wollen und lassen uns von niemandem etwas vorschreiben!“
GEJ|9|169|7|0|Sagte der Richter: „Weil ihr denn gar so mächtig seid, warum verharret ihr denn hier und denket nicht daran, daß euch nun der Feind einen Vorteil abgerungen hat? Glaubet ihr denn nicht, daß es nur einen allmächtigen Gott gibt, gegen dessen Willen ihr mit euren losen Waffen ewig nichts ausrichten werdet?“
GEJ|9|169|8|0|Sagte der Geist: „Glaubst denn du, daß wir vollkommenen Menschen in unserer großen Welt, die keinen Anfang und kein Ende hat, auch noch so blind sind wie ihr Schermäuse und Blindschleichen dieser haselnußgroßen Koterde? Wo hat es außer uns je einen Gott gegeben? Wir sind die Götter, und unser großer Kaiser ist unser Hauptgott, und ich stehe nun auch schon in der Reihe, bald ein Kaiser zu werden; denn bei uns gibt es nun schon eine große Menge Kaiser!“
GEJ|9|169|9|0|Sagte der Richter: „Ja, da kann bei euch am Ende ein jeder Mensch ein Kaiser werden?“
GEJ|9|169|10|0|Sagte der Geist, von Hochmut ganz aufgebläht: „Wisse, du Dümmling, aus dem gemeinen Volke wird nie ein Kaiser; denn das ist nur darum da, daß es im steten Schweiße seines Angesichts für uns arbeite und kämpfe, auf daß aller Ruhm und alles Wohlleben uns allein zum unbestreitbaren Teile werde! Wir geben Gesetze zu unseren Gunsten, und das Volk muß sie bei der schärfsten Ahndung befolgen. Wer aus dem gemeinen Volke sich wider uns auch nur mit einem schiefen Worte vermessen möchte, wird als Hochverräter mit dem Tode bestraft; denn wir allein haben das Recht, alles niederzumachen, was uns nur im geringsten mißfällig erscheint. Wir können auch das gemeine, uns dienstbare Volk zu unserem Vergnügen morden, und es hat uns da kein Weiser zu fragen, ob das recht oder unrecht sei; denn was wir wollen und tun, das allein ist recht, alles dawider aber ein strafbares Verbrechen!“
GEJ|9|169|11|0|Das war unserem Richter nun denn doch schon ein wenig zu viel geworden, und er sagte in einer starken Erregtheit: „O ihr überblinden Seelen, wie endlos weit entfernt seid ihr von der inneren Wahrheit des Lebens! Wie wollet ihr in eurer Welt denn jemand töten, da es bei euch doch unmöglich einen Tod mehr geben kann?“
GEJ|9|169|12|0|Sagte der Geist: „Desto besser! Wenn bei uns eine zerrissene gemeine Seele sich auch wieder zusammenrafft und fortlebt, so kann sie von neuem wieder ergriffen und zerrissen werden!“
GEJ|9|169|13|0|Sagte der Richter: „Wie sieht denn hernach die Herrlichkeit eurer Welt aus?“
GEJ|9|169|14|0|Sagte der Geist: „Dümmling, mache deine Kotaugen auf, und schaue!“
GEJ|9|169|15|0|Da ersah der Römer eine sehr düstere Gegend, in der allerlei Burgen zu sehen waren. Außer diesen Burgen waren eine Menge schmutziger Hütten da, und daneben erschaute er auch eine Menge Menschen, deren Aussehen ein sehr armseliges Gesicht darbot. Ebenso sah er auch Streiter, mit allerlei Waffengattungen ausgerüstet, und in einer weiteren Entfernung bemerkte er auch Feldlager und außerhalb derselben Kämpfe.
GEJ|9|169|16|0|Und er bat Mich, sagend (der Römer): „O Herr und Meister, setze mich wieder in den Zustand, in dem ich keine im Jenseits fortlebenden Seelen sehen werde; denn wenn alle Seelen nach dem Tode ihres Leibes einen solchen Zustand zu erwarten haben, dann wäre es für den Menschen ja um tausend Male besser, so er nie wäre erschaffen und geboren worden!“
GEJ|9|169|17|0|Ich benahm dem Römer darauf sogleich das Vermögen, die untere, schmutzige Welt der unreinen Seelen zu schauen, und fragte ihn, als die stark argen Geister sich jählings entfernt hatten und unsichtbar geworden waren, sagend: „Nun, Freund, hast du deine Verwandten wohl erkannt der Gestalt, der Sprache und dem Charakter nach? Wie gefielen sie dir?“
GEJ|9|169|18|0|Sagten der Römer und auch der Arzt: „O Herr und Meister, das ist doch entsetzlich über entsetzlich!“
GEJ|9|169|19|0|Hierauf redete der Römer allein also weiter: „Erkannt habe ich meinen Vater im Augenblick; denn er war derselbe überstolze Römer, der er bei seinen Leibeslebzeiten war. Wer bei ihm nicht Patrizier war, der galt bei ihm weniger denn ein herumirrender, herrenloser Hund, und ich, als dem Leibe nach ein Schwächling und somit für den ihm über alles erhabenen Kriegsdienst unfähig, war sein Liebling nicht. Aber ich mußte dennoch etwas werden, vor dem alles Volk zittern müsse, und bin darum denn auch nach dem stets etwas aufstandssüchtigen Asien gesetzt worden mit der Weisung, als Oberrichter mit der äußersten Strenge gegen die Übertreter des Gesetzes zu Werke zu gehen, – was ich aber als ein stets mehr oder weniger leidender Mensch dennoch nicht tat; denn ich dachte mir: ,Ihr seid denn doch auch Menschen, wie ich es bin, trotz des unbändigen Hochmutes meiner Anverwandten, und seid geplagt über und über. Ich will wohl urteilen nach Recht und Billigkeit; aber mit einer tyrannischen Strenge sollet ihr von mir nicht geplagt werden!‘ Und ich war darum beim Oberstatthalter stets wohlgelitten.
GEJ|9|169|20|0|Als der Vater noch ein Bürger dieser Welt war und einmal nach Tyrus kam, da fragte er mich mit seiner kreischenden Herrscherstimme, wie viele durch meinen strengen Richterspruch schon enthauptet, und wie viele gekreuzigt worden seien. Und ich gab ihm der vollen Wahrheit gemäß zur Antwort: ,Bis jetzt noch kein Mensch; denn es war glücklicherweise dazu nirgends ein erheblicher Grund vorhanden!‘
GEJ|9|169|21|0|Da sagte er mit ebenso zornglühenden Augen zu mir: ,Du warst, bist und bleibst ein aberwitziger Dümmling! So man das Volk im stets wachsenden Respekt vor dem Gesetz erhalten will, da muß man von Zeit zu Zeit dennoch Exempel statuieren, wenn sich auch niemand gegen das Gesetz vergangen hat. Man nehme bei Mangel an Verbrechern gewaltsam den nächsten besten aus dem gemeinen Volke, dichte ihm ein Verbrechen an, lasse es durch gedungene Zeugen bekräftigen und handle darauf sein strenges und unerbittliches Amt. Dadurch flößt man dem Volke den wahren Respekt vor dem Gesetze ein, und man kann sich dafür beim Kaiser ein großes Lob erwerben.‘
GEJ|9|169|22|0|Und ich sagte darauf: ,Wir haben aber doch vom Kaiser die streng zu beachtende geheime Weisung, keinen Menschen ohne einen hinreichenden Grund mit der zu schroffen Strenge des Gesetzes zu plagen. Ein Krieger und Feldherr mag wohl also zu Werke gehen; aber in der friedliebenden Sphäre des Bürgertums geht das durchaus nicht.‘
GEJ|9|169|23|0|Darauf sagte der Vater unter einem höhnischen Lächeln abermals: ,Du warst, bist und bleibst ein aberwitziger Dümmling!‘, kehrte mir den Rücken und verließ mich mit sichtlicher Hast, und ich habe ihn nachher bis jetzt nicht mehr zu Gesichte bekommen. Ein paar Jahre darauf bekam ich aus Rom die Nachricht, daß er gestorben sei, – und ich konnte wahrlich nicht trauern um ihn!
GEJ|9|169|24|0|Wie er also in seinem Leibesleben war, so ist er noch, nur in seiner Kaiservergötterung um ein bedeutendes ärger!
GEJ|9|169|25|0|O Herr und Meister alles Seins und Lebens! Wird es denn mit solch einer Seele ewig nimmer besser werden? Wird sie nimmerdar zu einem besseren Lichte kommen, – auch das mit ihm haltende Seelenvolk des Jenseits nicht?“
GEJ|9|169|26|0|Sagte Ich mit freundlicher Miene: „Freund, bei Gott sind alle Dinge möglich, wenn sie dem Menschen auf dieser Erde auch noch so unmöglich vorkommen; doch das Wie und Wann wirst du erst dann einsehen, so es dir Mein Geist der ewigen Liebe und Wahrheit in deiner Seele selbst verkünden wird.“
GEJ|9|169|27|0|Mit dem gab sich der Römer zufrieden und fing an, über das Geschaute und über das von Mir Ausgesprochene näher nachzudenken.
GEJ|9|170|1|1|170. — Die Erklärung des Herrn über die jenseitigen Verhältnisse
GEJ|9|170|1|0|Aber nun wandte sich der Arzt von Melite an Mich, sagend: „Herr und Meister, da wir alle ganz das gleiche gesehen und auch vernommen haben, so war diese von Dir zugelassene Erscheinung offenbar eine volle Wahrheit und keine traumartige Erscheinung im wachen Zustande, wie mir solche bei manchen meiner Kranken schon zu öfteren Malen vorgekommen sind, wo besonders in einem Orte fünf Fieberkranke auch ähnliche Wesen in einem und demselben Gemache gesehen haben; aber die von ihnen geschauten Wesen stimmten bei weitem nicht überein – denn es hatte ein jeder Kranke ganz andere gesehen und sie auch in verschiedener Sprache vernommen –, und so schien es mir, daß die von meinen Fieberkranken gesehenen Wesen denen in einem Traume ähnlich waren, die doch sicher nichts anderes sind als nur ein leeres Spiel der höchsteigenen, durch das rascher durch die Adern strömende Blut erhitzten Phantasie.
GEJ|9|170|2|0|Aber bei dieser am hellen Tage durch Deine Zulassung stattgehabten Erscheinung hatte von uns niemand ein Fieber und somit auch keinen schnellen Pulsschlag und keine erhitzte Phantasie, und wir sahen und hörten alle das gleiche, und so denn hatte, wie schon bemerkt, diese Erscheinung eine wahrheitsvolle Realität.
GEJ|9|170|3|0|Aber es fragt sich nun: Ist die von uns allen gleich gesehene überaus düstere und schmutzige Gegend mit all dem, was wir in ihr schauten, doch irgend örtlich noch auf dieser Erde, oder wurde sie uns bloß als zustandsgemäßes Bild – als etwa ein aus der losen Phantasie der von uns geschauten Geister hervorgehendes Traumbild – ersichtlich? Und waren die in dieser Gegend von uns gesehenen andern Geister auch Seelen einst auf dieser Erde gelebt habender Menschen, oder gehören sie auch nur in das Reich der argen Phantasie der von uns in unserer Nähe gesehenen Geister? Denn es hatte mit der Anschauung der jenseitigen Trauergegend das Sonderbare, daß wir durch sie hindurch auch die Gegend dieser Erde ohne einen Anstand schauen konnten, und daneben sahen wir auch ganz klar von Punkt zu Punkt das traurige Jenseits. Und schließlich ergibt sich da von selbst eine Frage, und diese lautet: Sehen die Geister, die wir sahen, auch unsere Erde oder nur ihre Phantasiegegend?“
GEJ|9|170|4|0|Sagte Ich: „Die Geister, die ihr hier sahet, und noch viele Tausende ihresgleichen haben vollkommene Realität. Sie bewohnen jene Burgen und Festen, die ihr in der schmutzig-düstern Gegend geschaut habt. Die Gegend, all die Burgen und Festen, die schmutzigen Hütten, die Zelte, die armseligst aussehenden untertänigen Geister und Feldlager samt ihren Kriegern sind nichts als Ausgeburten ihrer argen Phantasie, besonders die Gegend und ihre Einrichtung. Denn mit den armseligen, von euch geschauten Geistern hat es, so ihr tausend als ein Ganzes euch denken möget, einen tausendsten Teil Realität. Zum größten Teil also gehören sie in den Bereich der argen Trugphantasie der von euch gesehenen Geister und zum tausendsten Teil aber dennoch ungefähr also einer wahren Geistrealität an, wie da auf der Erde euer Schatten auch zu eurer wesenhaften Realität gehört. Der Schatten an und für sich ist wohl durchaus nichts Wesenhaftes, aber er wäre dennoch nicht da, so ihr selbst zuvor nicht da wäret.
GEJ|9|170|5|0|Die von euch gesehenen armseligen Geister sind zum größten Teil wohl auch schon im Jenseits, zum Teil leben sie aber noch leiblich auf dieser Erde; weil aber die von euch gesehenen reellen Geister samt ihresgleichen voll der Eigenliebe, des Hochmutes und der Herrschgier bei ihren Erdlebzeiten mit den vielen Tausenden von untergebenen Menschen herrscherisch zu tun hatten, so sind deren Abbilder oder gewisserart Schattenrisse im Sensorium ihrer Seele so schwachweg haften geblieben.
GEJ|9|170|6|0|Da aber die argen von euch gesehenen Geister samt den noch vielen andern völlig ihresgleichen vom Lichte der vollen Wahrheit kaum ein winzigstes Fünklein in sich haben und somit auch von dem, was außer ihnen der vollen Wahrheit nach ist, nichts sehen und wahrnehmen können – gleichwie auch ein Tiefschlafender von dem nichts sieht und wahrnimmt, was in der Wirklichkeit ihn umgibt –, so sehen sie in ihrem inneren, höchst matten Truglichte nur das, was ihre aus ihrer bösen Eigenliebe entstammende Phantasie mit Hilfe ihrer in ihrem Sensorium haftenden Erinnerung ihnen schafft.
GEJ|9|170|7|0|Dieses Geschaffene aber kann ein jeder vollkommene Geist schauen, und kommt er so dann und wann mit seinem Willen und Schauen aus Meinem Willen und Lichte einem solchen argen Vereine gewisserart nahe oder wendet sich ihm zu, so erkennt er aus seiner ihm sogleich vollends sichtbaren Trug- und Scheingegend augenblicklich, von welcher Art und Beschaffenheit die eigentlichen Realgeister irgendeines Vereines sind, und es können solche Geister ihr inneres Arges denn auch vor den Augen der vollkommenen Geister unmöglich verdecken und verbergen.
GEJ|9|170|8|0|Hier auf dieser Welt wohl kann ein Wolf in einem Schafspelze erscheinen, – aber in der andern Welt wird ihm das laut und offen von den Dächern herab verkündet werden, was er im Innersten seines Hauses denkt, will und tut.
GEJ|9|170|9|0|Weil aber ein jeder vollkommene Geist das kann, so kann er auch mit seiner Weisheit und Macht all dem argen Sinnen und Trachten mit den bestentsprechenden Gegenmitteln wirksam begegnen.
GEJ|9|170|10|0|Ein solcher Verein muß oft je nach der Stärke seiner bösen Eigenliebe bis in den tiefsten Grund des Argtums sinken und sich selbst ordentlich zerstören und wie vernichten; sodann erst ist eine leise Möglichkeit vorhanden, sich nach und nach mehr und mehr wieder zum Lichte der Wahrheit emporzuheben.
GEJ|9|170|11|0|Und so wird es auch den von euch gesehenen Geistern ergehen; wenn es aber welche unter ihnen gibt, die das Eitle ihres Strebens durch allerlei entsprechende, von Mir zugelassene Erscheinlichkeiten einzusehen beginnen, dann werden sie sich auch leichter zum Lichte der Wahrheit erheben.“
GEJ|9|170|12|0|Sagte der Arzt, Mich weiter fragend: „O Herr und Meister, wie möglich kann denn solch ein arger Geist sich selbst ordentlich zerstören und vernichten?“
GEJ|9|170|13|0|Sagte Ich: „So wie sich mit der Zeit alle Materie selbst zerstört und in ihrer nach außen hin erscheinlichen Form vernichtet und sodann in ihr wahres Urelement zurückkehrt.
GEJ|9|170|14|0|Bei diesen Geistern gilt das aus ihrer argen Phantasie Geschaffene als eine feste materielle Realität; sie bleibt als das, was sie zu sein scheint, auch so lange, als des Geistes Erinnerung und die aus ihr entspringende Phantasie durch seine stets wachsenden Leidenschaften nicht einen Bruch und Schaden erleidet. Geschieht das, so ist seine Welt samt ihren Burgen, Festen und Schätzen auch schon dahin.
GEJ|9|170|15|0|Es ist das zu vergleichen mit einem Menschen, der einen ihm über alles wertvollen Schatz an irgendeinem sicheren Orte vergraben hat, welchen Ort er sich wohl gemerkt hat. Da ihn aber die Sorge, daß dieser Schatz dennoch von jemand anderm könnte entdeckt werden, stets mehr und mehr plagt, so verfällt er nach und nach stets mehr in eine Sinnenverwirrung, sein Gedächtnis wird schwächer und schwächer, also auch seine Erinnerung und so denn auch seine Phantasie; er verfällt dabei gar in eine Art Gehirnfieber, das ihm sein ganzes Gedächtnis und seine Erinnerung derart benimmt, daß er seines so treu und gut verborgenen Schatzes nimmer zu gedenken imstande ist. Was ist nun der Schatz für ihn, wohin ist er gekommen? Siehe, er ist für ihn aus dem Dasein gewichen! Und ebenso geht es diesen Geistern mit ihrer Welt.
GEJ|9|170|16|0|So wie ein Mensch mit dem Verluste seines Gedächtnisses und seiner Erinnerung im Grunde alles verloren hat – ob es auch an und für sich da ist –, ebenso verliert auch ein Geist alles, was seine Phantasie aus dem Bereich seiner im Sensorium haften gebliebenen Erinnerung geschaffen hatte, und solch ein Geist steht dann ganz überaus armselig und von allem verlassen da.
GEJ|9|170|17|0|In solch einem Zustande ist es dann erst tunlich, daß irgendein weiser Geist sich auf eine stets geeignetste Weise ihm naht und ihm das Vane (Eitle, Nichtige) und durch den eigenen Freiwillen auch Arge und Böse anschaulich und begreiflich macht und ihn dann unvermerkt nötigt, nach und nach die Wege des Lichtes zu betreten.
GEJ|9|170|18|0|Doch so bald, wie du, Mein Freund, es dir nun vorstellst, gelangt ein solcher Geist wohl nicht zum vollen Lichte; denn sobald ein solcher Geist zu einem derartigen freieren, sich an mehreres rückerinnerlichen Bewußtsein gelangt, so taucht auch seine alte Phantasie auf, und er schafft sich damit auch bald wieder eine Welt, die seiner alten Liebe entspricht, und hat sein Wohlgefallen dabei. Er muß daher abermals um sein sich selbst geschaffenes Paradies kommen und dessen Nichtigkeit gewahr werden, wonach er dann schon wieder auf eine höhere Lichtstufe gestellt werden kann.
GEJ|9|170|19|0|Das aber kommt bei vielen Geistern, wie du sie hier gesehen hast, gar sehr oftmals vor; denn eine verkehrte Liebe, die denn doch trotz aller ihrer Verkehrtheit allein das sich selbst bewußte Leben eines Geistes bedingt, ist auf dem notwendigen Wege der freien Willenswaltung nicht so leicht und so bald, wie du es dir vorstellst, in eine rechte und wahre umzugestalten.“
GEJ|9|171|1|1|171. — Die Führung der Menschenseele zur Vollendung
GEJ|9|171|1|0|(Der Herr:) „Du denkst dir nun freilich wohl und sagst bei dir: ,Ja, der göttlichen Weisheit und Allmacht sollte das doch überaus leicht möglich sein!‘ Ich aber sage dir: So Ich das wollte, da hätte Ich es auch nicht nötig gehabt, je Selbst im Fleische als ein Menschensohn auf diese Erde zu kommen und euch Menschen als ein Lehrer zu unterrichten, und hätte auch in der Vorzeit nicht nötig gehabt, für euch allerlei Weise und Propheten zu erwecken.
GEJ|9|171|2|0|Denn so ihr bloß durch Meine Allmacht zu freiesten, Mir in allem völlig ähnlichen Kindern hättet gestaltet werden können, so hätte Ich das sicher auch getan; aber da ihr als am beständigen Gängelbande Meiner Allmacht nie zu freien, selbständigen und Mir in allem ähnlichen Kindern hättet umgestaltet werden können, sondern stets gleich allen andern materiellen Wesen, als da sind der Lehm, die Luft, das Wasser, Gestein, Metalle, Pflanzen und aller Art Tiere, geblieben wäret – was Ich als der Schöpfer aller Dinge und Wesen sicher am klarsten einsehen werde –, so muß es also sein, wie es ist, und wie es auch also sein muß. Denn – verstehe das wohl! – Götter zu erschaffen ist etwas ganz anderes denn Sonnen, Welten und all die andern Wesen im ganzen endlosen Schöpfungsraume! – Hast du dieses nun wohl begriffen?
GEJ|9|171|3|0|Darum kommt der Mensch nahezu gänzlich ohne alle Kenntnis und Wissenschaft in die Welt und muß in allem unterrichtet werden, während die Tiere schon alles in die Welt mitbringen, dessen sie zur Fristung ihres Lebens benötigen.
GEJ|9|171|4|0|Der Mensch, wie er in diese Welt kommt, wird der Seele nach völlig von der Allmacht Gottes getrennt und ist in allem seinem eigenen Wollen und Erkennen anheimgestellt. Erst so er auf dem Wege des Unterrichts aus dem Munde seiner Eltern und anderer weiser Lehrer zur Erkenntnis Gottes gelangt, sich dann gläubig an Ihn wendet und Ihn um Seine Hilfe und Seinen Beistand anfleht, fängt dann auch von der göttlichen Seite das Einfließen an durch alle Himmel hindurch, und die Seele des Menschen geht in ein stets klareres Erkennen über und aus dem immer mehr und mehr in die Liebe zu Gott; sie ordnet dann ihren Willen dem erkannten Willen Gottes unter und einigt sich also mit dem Geiste Gottes und wird dadurch nach und nach ebenso vollkommen in und durch den Geist Gottes in ihr, wie der göttliche Geist in ihr selbst vollkommen ist, und bleibt dabei dennoch in allem vollkommen frei und selbständig, wie Gott an und für Sich ewig vollkommenst frei und selbständig ist.
GEJ|9|171|5|0|Du meinst nun nach deiner ziemlich geklärten Weltvernunft: Wenn aber eine jede in Mir vollendete Seele in allem also vollkommen wird, wie Ich Selbst vollkommen bin, – kann es da mit der Weile nicht zu einer Art Götterkriegen führen, und wer wird am Ende den Sieg davontragen?
GEJ|9|171|6|0|Siehe, das ist wohl unter ungebildeten und noch oft im höchsten Grade mit allerlei trügerischer Welt- und Eigenliebe behafteten Erdenmenschen denkbar und auch, wie es die Weltchronik nur zu klar beweist, sehr möglich; aber im wahren Gottesreiche ist das weder denkbar und noch um vieles weniger möglich. Denn wer selbst einmal in der vollkommensten Wahrheit aus Gott steht und wohl einsieht, daß ohne sie kein Ding möglich ist, wie sollte der ewig je mit der ewigen Urwahrheit in Gott in einen Streit geraten können?
GEJ|9|171|7|0|Denn wäre es möglich, daß zum Beispiel nur ein Engelsgeist je wider eine urgöttliche Wahrheit in einen Streit geriete, da sie doch sein Wesen ausmacht, so würde er dabei nicht mit Gott, sondern nur mit sich selbst in einen Streit und Kampf geraten und dadurch denn auch niemandem als nur allein sich selbst schaden.
GEJ|9|171|8|0|Hast du das schon je einmal auf dieser Erde erlebt, daß etwa zwei in der Rechenkunst wohlbewanderte Menschen darum in einen Streit geraten sind, weil nach dem in aller Welt angenommenen Zählungssystem zwei völlig gleiche Einheiten und abermals zwei wieder gleiche Einheiten in der Summe vier Einheiten geben? Siehe, in dem sind alle nur einigermaßen rechnungskundigen Menschen vollkommenst einig und werden darob bei nur einiger klarer Vernunft wohl sicher niemals in einen Zank und Krieg geraten; denn sie müssen ja auch des eigenen Vorteils wegen diese Rechnungswahrheit als allenthalben und für alle Zeiten gültig anerkennen.
GEJ|9|171|9|0|Und ebenso geht es mit allen vollendeten Seelen im Reiche Gottes; sie sind alle von ein und derselben Wahrheit durchdrungen, weil sie als Licht ihrer Liebe zu Gott und zum Nächsten entstammt.
GEJ|9|171|10|0|Solange die Menschen unter sich in Zank, Streit, Krieg geraten können, da sind sie noch ferne vom Reiche Gottes und werden nicht eher in dasselbe kommen, als bis sie in aller Geduld, Demut, Sanftmut, wahrer Nächstenliebe unwandelbar groß geworden sind. Sind sie aber einmal das, und gelangen sie dadurch zur Wahrheit aus Gott in sich, dann hat es mit allem Zank, Streit und Krieg ein ewiges Ende, und von deinem Götterkriege kann da denn auch für ewig keine Rede sein. – Verstehst du das wohl?“
GEJ|9|172|1|1|172. — Der Herr beruft Raphael zur Aufklärung über das Wesenhafte des Reiches Gottes
GEJ|9|172|1|0|Sagte der Arzt: „O Herr und Meister, nun ist mir alles klar, und wir danken Dir, daß Du vor uns erstens die Welt der Geister so licht und hell enthüllt hast und wir nun wissen, wie sich das Fortleben der Seelen der weltsüchtigen Menschen im großen Jenseits gestaltet und gestalten muß; und zweitens danken wir Dir, o Herr und Meister, für die Erklärung über den Zustand der vollendeten Geister im Gottesreiche.
GEJ|9|172|2|0|Es wäre freilich wohl auch wünschenswert, einen inneren Blick in das Wesenhafte des Reiches Gottes und seiner schon seligen Bewohner senden zu können; doch weil Deine Gnade und Liebe uns dasselbe ohnehin so klar mit Worten dargestellt hat, daß wir es ordentlich wie mit den Augen schauen konnten, so hielte ich das für eine Vermessenheit, von Dir zu verlangen, uns auch das Jenseits der seligen Geister zu zeigen, – und somit danken wir Dir nochmals hier für die große Gnade, die Du in so überreichem Maße uns hast zukommen lassen.
GEJ|9|172|3|0|Sagte Ich: „Ja, mein Freund, mit dem Zeigen des wesenhaften Gottesreiches, in dem sich schon zahllose seligste Geister seit für euch undenklichen Zeiten und Ewigkeiten befinden, ginge es bei euch allen ohnehin noch nicht, und das so lange nicht, bis das Reich Gottes in euch voll ausgebildet und zur lichten und in euch selbst beschaulichen Wahrheit geworden ist.
GEJ|9|172|4|0|Wird aber das Reich Gottes in euch selbst wesenhaft und voll Tätigkeit nach Meinem euch geoffenbarten Willen werden, dann werdet ihr es auch erschauen und darob eine übergroße Freude haben. Aber da ihr alle – bis auf einen, den Ich oft ermahnt habe, und der von seinem Geize noch nicht ablassen kann –, schon völlig in Meinen Willen eingegangen seid, so will Ich einen schon lange vollendeten seligsten Engelsgeist hierher berufen, und er soll euch über das Wesenhafte des Reiches Gottes die näheren Aufklärungen erteilen!“
GEJ|9|172|5|0|Hierauf rief Ich laut: „Raphael, komme und diene Mir und deinen Brüdern!“
GEJ|9|172|6|0|Als Ich das ausgesprochen hatte, da stand Raphael ernstfreundlichen und vor lauter himmlischer Schönheit ordentlich strahlenden Angesichtes vor Mir und sagte: „Mein Herr und mein Gott! Dein Wille ist mein Sein, mein ewiges Leben und meine Weisheit und Macht und lasse, daß diese Brüder Deinen Willen als Dein Reich in mir erschauen sollen!“
GEJ|9|172|7|0|Als besonders die Griechen und unser Römer des Raphael ansichtig wurden, da verstummten sie ordentlich und konnten sich in ihren Herzen nicht zur Genüge über die gar überaus herrliche Gestalt des Engels verwundern; zudem hatte seine ganz kurze Ansprache voll Geist, Wahrheit und Leben an Mich einen so tiefen Eindruck auf ihre Gemüter gemacht, daß sie sich darüber lange nicht Rates erholen konnten, was sie nun mit diesem vollendeten Geiste anfangen sollten.
GEJ|9|172|8|0|Auch der noch immer anwesende Wirt von Jesaira, der Bootsmann, der Vorsteher des bekannten Fischerdörfchens wurden durch das urplötzliche Auftreten Raphaels im höchsten Grade überrascht, und sie wußten auch nicht, was sie in einer solch überraschenden Zeitkürze aus und mit ihm machen sollten. Denn erstens überraschte sie sein urplötzliches Auftreten und zweitens seine über alle ihre je gehabten Begriffe und Vorstellungen über die größte Schönheit einer Menschengestalt himmelweit hinausragende Anmut.
GEJ|9|172|9|0|Sie alle konnten sich an ihm nicht zu nur einiger Genüge satt sehen, und der Arzt sagte bei sich: „Nein, nein, das ist zur Seligkeit im Reiche Gottes ja an und für sich schon endlos mehr denn zu viel; denn das Anschauen solch einer höchst vollendet schönsten Menschengestalt müßte ja doch jedem Menschen tausend Jahre so bald vergehen lassen, als wie schnell und kurz da währt ein flüchtiger Augenblick!“
GEJ|9|172|10|0|Und solches gedachten bei sich noch mehrere.
GEJ|9|172|11|0|Am Ende nach einer ziemlichen Weile solchen Verwunderns faßte unser Arzt wieder Mut und sagte zu Mir: „Herr, Herr und Meister, hier wäre für ewig gut sein, und ich verlangte für mich nimmerdar eine noch höhere Lebensglückseligkeit! Aber da Du durch Deine endlos große Liebe und Gnade diesen sicher an und für sich schon über alles vollendeten Geist hast wie in flammender Liebe vor uns erscheinen lassen, und er auch vor uns allen laut gesprochen hat, so möchte ich, so das tunlich und zulässig wäre, denn doch auch mit ihm mich über das Wesenhafte des Reiches Gottes besprechen!“
GEJ|9|172|12|0|Sagte Ich: „Darum habe Ich ihn ja berufen! Du kannst nun mit ihm wie mit einem deiner Gefährten sprechen. Gehe hin zu ihm, und rede mit ihm!“
GEJ|9|173|1|1|173. — Das Wesen des Reiches Gottes
GEJ|9|173|1|0|Hierauf ging unser Arzt sehr bedächtigen Schrittes zu Raphael, der sich unterdessen mit Kisjona und Philopold über einiges, die nahe Zukunft betreffend, besprach, machte eine tiefe Verbeugung vor ihm und sagte dann: „Hoher Geist aus den Himmeln und seligster Freund Dessen, der nun als ein Mensch, mit Fleisch und Blut angetan, unter uns weilt und durch Sein Wort und Seine Taten von Sich Selbst zeugt, daß in Ihm der urewige, überweiseste und allmächtige Geist des allein wahren, einen Gottes wohnt, wolle mir denn doch auch etwas über das Wesenhafte des Reiches Gottes kundtun in einer mir noch sehr unvollkommenem Menschen begreiflichen Weise!“
GEJ|9|173|2|0|Sagte Raphael: „Ja, Freund, so verzagten Mutes mußt du nicht vor mir stehen; denn da könnte ich dir eben nicht besonders vieles vom Wesenhaften des Reiches Gottes offenbaren, da eine schüchterne Seele sich eben nicht in dem Zustande befindet, tiefere Wahrheiten in sich aufzunehmen und sie anschaulich zu begreifen zum Nutzen ihres in ihr wach werden sollenden göttlichen Geistes. Fasse also den rechten Mut, betrachte mich als deinen Bruder, der einmal auch das Fleisch dieser Welt getragen hat, und wir werden dann leicht miteinander reden!“
GEJ|9|173|3|0|Auf diese kurze Anrede bekam der Arzt mehr Mut und sagte zu Raphael: „Sieh, nun habe ich schon mehr Mut denn zuvor, als mich dein plötzliches Erscheinen auf des Herrn Ruf gar sehr gewaltig überrascht hatte, und so denn bin ich schon gefaßt, von dir eine rechte Erklärung über das Wesenhafte des Reiches Gottes zu vernehmen; wolle du, hoher und überherrlicher Geist der Himmel des Herrn, sie mir denn zukommen lassen!“
GEJ|9|173|4|0|Sagte darauf Raphael: „Höre also, du mein lieber Freund und Bruder im Namen und in der Liebe des Herrn! Du bist als ein nun geheilter Arzt aus Melite sonst ein schon recht weiser Mann – denn du hast den Herrn in der Heilanstalt, als Er dich auf deine Bitte augenblicklich geheilt hatte, als den einen und allein wahren Gott zuerst und am richtigsten erkannt und bist nun so fest in diesem dein ganzes Wesen durchdringenden Glauben, daß dich gar keine Erscheinung in der ganzen Welt davon abwendig machen könnte, was deiner Seele und deinem Herzen zum großen Lobe gereicht –; da du aber aus deinem ehemaligen Heidentumswuste die allererste und größte Lebenswahrheit so bald erkannt hast, so ist es nun wahrlich etwas seltsam, daß du das Wesenhafte des Reiches Gottes nicht noch eher und leichter erkennest, denn ehedem den Herrn aus Seinem Wirken, ohne Ihn auch je zuvor gesehen und gesprochen zu haben!
GEJ|9|173|5|0|Denn daß du zuvor von einem seltenen Menschen aus Nazareth gehört hast, der sich nun hier befinde und dich ebenso wie – der Sage nach – viele andere auf eine wundersame Weise geheilt haben dürfte, das hat dir noch lange nicht die Überzeugung verschafft, daß hinter Ihm der Herr Selbst daheim sei; aber dein Geist hat dir diese größte und heiligste aller Wahrheiten enthüllt.
GEJ|9|173|6|0|Wo ist denn nun dein Geist, daß er es dir sage: Wie wohl magst du um das Wesenhafte des Reiches Gottes fragen, – wie siehst du nun den Wald vor lauter Bäumen nicht? Ist denn das Wesenhafte des Reiches Gottes vorerst nicht mit den Händen greifbar eben nur dort, wo der Herr Selbst persönlich gegenwärtig ist und wirkt?
GEJ|9|173|7|0|Wenn du vollkommen in des Herrn Willen wirst eingegangen sein und wirst ganz durchdrungen sein von Seinem Geiste, so wirst du das wie am hellsten Tage auch schauen im Reiche Gottes in dir, was du nun gleichwohl noch ganz trübe schaust mit den Augen deines Leibes.
GEJ|9|173|8|0|Siehe und begreife: Alles, was du nun schaust in aller Welt, stellt ja das Wesenhafte des Reiches Gottes dar! Du mußt dir nicht denken, daß das Reich Gottes irgendwo besonders sei. Das Reich Gottes ist überall in der ganzen ewigen Unendlichkeit, und der Mensch, der dessen inne wird aus dem Geiste des Herrn, der hat das Reich Gottes auch in sich und befindet sich, wo er auch immer sein und weilen und handeln mag – ob noch in seinem Leibe oder als Geistmensch in seiner puren Seele –, überall im Reiche Gottes und dessen vollster Wesenhaftigkeit.
GEJ|9|173|9|0|Du bist nun noch in deinem Leibe und ich in meiner lautern Geistmenschwesenheit, und wir beide befinden uns völlig in ein und demselben wesenhaften Reiche Gottes. Der ganz kleine Unterschied besteht darin, daß ich dessen vollkommen für ewig in mir klarst inne bin, du aber noch unvollkommen, darum du denn alle die lange schon seligen reinen Geistbrüder und -schwestern nicht sehen kannst – außer in einem hellen Traum; wenn du aber noch vollkommener wirst denn nun, dann werden sie nicht verdeckt sein vor deinen Augen.
GEJ|9|173|10|0|Daß du nun mich sehen kannst, rührt ja schon auch daher, weil dein Geist schon insoweit in dir erwacht ist, daß er aus einer Ferne in dem Gottmenschen Jesus aus Nazareth den allein wahren, ewigen Geist Gottes erkannt hat; ohnedem könntest du mich eben nicht so leicht sehen und sprechen! – Verstehst du nun das Wesenhafte des Reiches Gottes?“
GEJ|9|173|11|0|Sagte, ganz erstaunt über die klare Weisheit Raphaels, der Arzt: „O du herrlicher, unsterblicher Freund und Bruder! Du hast mir nun eine gewaltige Binde von meinen Augen hinweggetan! Das sieht der Mensch denn doch allzeit am schlechtesten, was ihm ganz knapp vor die Augen gestellt wird. Ich suchte wahrlich das, was ich in der Hand hielt. Ich danke dir für dein mir gegebenes Licht. Laß mich nun ein wenig darüber nachdenken, und wir wollen dann diese Sache noch näher behandeln!“
GEJ|9|173|12|0|Sagte Raphael: „Tue das, und es soll in deiner Seele ganz helle werden!“
GEJ|9|174|1|1|174. — Raphaels Wesenheit
GEJ|9|174|1|0|Auf das ging unser Arzt zu seinen Gefährten und besprach sich auf eine sehr sinnvolle Art über das von Raphael Vernommene von der Wesenhaftigkeit des Reiches Gottes.
GEJ|9|174|2|0|Raphael aber besprach sich abermals mit unserem Kisjona und mit dem Philopold über die künftigen Zustände des Reiches Gottes auf dieser Erde und auch über die Gründe der Zulassung derselben.
GEJ|9|174|3|0|Ich aber hatte Mein Wesen mit dem Römer, der die so plötzliche Erscheinung Raphaels nicht begreifen konnte und ihn anfangs bei sich beinahe für den heidnischen Gott Apollo gehalten hatte, von welch nichtigem Wahnglauben Ich ihn aber bald abbrachte.
GEJ|9|174|4|0|Es wollte sich aber darauf auch der Römer für sich mit Raphael besprechen; doch wollte er dessen Besprechung mit den beiden vorbenannten Freunden nicht stören.
GEJ|9|174|5|0|Als sich aber der Arzt mit seinen Gefährten über das von Raphael Vernommene ganz umfassend ausgesprochen hatte, da faßte er wieder vollen Mut, ging zu Raphael hin und bat ihn um die noch nähere Erleuchtung seiner Seele.
GEJ|9|174|6|0|Und Raphael sagte zu ihm: „Ja, du mein lieber Freund und Bruder, das kann man dir nicht ebenso geben, wie man zur Nachtzeit ein Gemach dadurch erleuchtet, daß man ein Licht im selben anzündet und es dann leuchten läßt für alle, die im Gemache wohnen! Denn solange das angezündete Licht fortdauert, wird das Gemach zur Not wohl erhellt bleiben; so aber das Licht am Öle erlischt, dann wird es im Gemache wieder finster werden. So es aber im Gemache nimmerdar finster werden soll, da gehört mehr dazu, als daß man zur Not nur eine mit wenig Öl gefüllte Lampe anzündet.
GEJ|9|174|7|0|In Gemächern ist das wohl eine schwere Sache; denn die Zeiten, in denen gewisse Weise unter den Menschen es verstanden haben, ein gewisses ewiges, sich nie verzehrendes Licht zu bereiten, sind vorüber, und so können zur Nachtzeit in diesen Zeiten die Gemächer nur dadurch dauernd erleuchtet werden, daß in denselben die Lampen mit vielem Öle gefüllt werden, also, daß ein jedes Licht die ganze Nacht hindurch eine hinreichende Nahrung hat, wozu eine auf Erfahrung beruhende kluge Berechnung erforderlich ist. Und so sollte in dieser finsteren Nachtzeit denn auch ein kluger, um sein Seelenheil besorgter Mensch sich mit recht vielem geistigen Öle versehen, auf daß es bis dahin ausreiche, bis sein innerer geistiger Tag des wahren, ewigen Lebens anbricht, was da ist das gewisse alte, sich nie verzehrende, ewige Licht im Menschen, und er wird also im Gemache dieses seines Erdenlebens stets ein hinreichendes Licht besitzen.
GEJ|9|174|8|0|Das geistige Öl aber besteht erstens in dem Worte des Herrn und daraus in den guten Liebeswerken eben nach dem Worte und Willen des Herrn. Wer mit diesem Öle recht reichlich versehen ist, der befindet sich schon im wesenhaften Reiche Gottes und wird nimmerdar eine Lebensnacht in seiner Seele zu überstehen bekommen.
GEJ|9|174|9|0|Das Licht der vollgefüllten Lebenslampe in seinem diesirdischen Leben aber ist ein voller, lebendiger Glaube, der ihm die Dinge des Reiches Gottes mehr denn zur Genüge erleuchtet. Wer in diesem Lichte verharrt und sich nicht mehr denn zu seinem Leibesleben nötig um die Dinge dieser Welt kümmert, der kommt frühzeitig zum ewigen Lebenslichte in sich, und also denn auch schon diesseits ins ersichtlich wesenhafte Reich Gottes und in seine Kraft und Macht; denn wer da eins ist mit dem Willen Gottes des Herrn, der ist auch eins mit Dessen ewig vollkommenster Weisheit, Freiheit, Selbständigkeit, Macht und Kraft und ist dadurch denn auch für ewig ein wahrstes Gotteskind.
GEJ|9|174|10|0|Siehe, ich bin ein solches, bin es aber nicht erst in der reinen Welt der Geister geworden, sondern noch in meinen Erdenlebzeiten derart, daß die Macht des göttlichen Geistes in mir alles das zu bewirken vermochte, was sie jetzt zu bewirken vermag.
GEJ|9|174|11|0|Ich bin denn auch nicht in der Weise dem Leibe nach gestorben, wie nun alle Menschen sterben, sondern die Macht des göttlichen Geistes in mir löste ihn plötzlich derart völlig auf, daß von ihm auch nicht um ein Sonnenstäubchen groß auf dieser Erde zurückblieb; alles des Leibes ist zu meinem ewigen, unverwüstbaren Kleide geworden, und du siehst mich nun denn auch mit Leib, Seele und Geist.
GEJ|9|174|12|0|So dir das schwer zu glauben wäre, da fühle du mich an, und du wirst einen Menschen mit Fleisch und Bein gewahren, solange ich das will; will ich aber alles wieder ins rein Geistige verwandeln, so wirst du mich zwar auch noch ebenso sehen wie nun, doch nicht mit deinen Fleischesaugen, sondern mit den Augen deiner Seele, die ich dir öffnen kann, wann und auf wie lange ich das will. Tritt denn näher und befühle mich; denn auch diese von dir an mir gemachte Erfahrung gehört in den Bereich der dir von mir gegebenen näheren und stärkeren Beleuchtung der Wesenhaftigkeit des Reiches Gottes!“
GEJ|9|175|1|1|175. — Der Arzt kann sich das Wesen Raphaels nicht erklären
GEJ|9|175|1|0|Hierauf trat der Arzt ganz nahe zu Raphael und befühlte dessen Hände. Als er damit bald fertig war, da sagte er: „Ja, du hochherrlichster und sicher seligster Freund, dein Aussehen ist wahrlich ganz entschieden geistiger Art; denn die unbeschreibbare Zartheit und Weiße der Haut deines Leibes und das Ätherartige deines Faltengewandes sagen es laut, daß derlei noch nie bei einem Menschen ist erlebt und gesehen worden. Aber das Feste und Gediegene deiner von mir nun befühlten Arme hat eben nichts Geistartiges an sich und zeigt, daß du dich, abgesehen von deiner Geistesmacht und -kraft, auch zufolge deiner natürlichen Muskelstärke und Gediegenheit mit so manchem Ringer messen könntest, – und dennoch bist du ein völlig reinster Geist! Wie soll man das verstehen?“
GEJ|9|175|2|0|Sagte Raphael: „Habe nur noch eine kleine Geduld, und du wirst das bald klarer einsehen und begreifen! Befühle mich aber nun noch einmal, und überzeuge dich, ob ich nun auch noch etwas Leibartiges an mir habe, und urteile dann mit der Helle deiner Vernunft und mit der Stärke deines Verstandes!“
GEJ|9|175|3|0|Hierauf befühlte der Arzt abermals Raphaels Hände. Als er sie aber mit seinen Fingern ganz mannskräftig anfaßte, da fühlte er nichts denn nur die Luft; denn seine Finger kamen ungehindert auf die eigene Handfläche und gewahrten nichts Körperliches zwischen ihnen und der Handfläche, und dennoch sah der Arzt den Raphael ebenso vor sich wie zuvor, aber freilich mehr mit den Augen der Seele denn mit denen des Leibes. Als er nun auch diese Erfahrung gemacht hatte, da ward er verlegen und wußte nicht, was er darauf sagen sollte.
GEJ|9|175|4|0|Nach einer kleinen Weile tieferen Nachdenkens erst sagte er nicht so sehr zu Raphael, sondern mehr wie zu sich selbst (der Arzt): „Das sieht ja aus wie Sein und Nichtsein! Einmal ein ganz gediegener Leib und nun – zwar noch die ganz gleiche Gestalt, aber ohne eine nur im geringsten irgend fühlbare Wesenheit! Wie soll die menschliche Vernunft das fassen, und wie selbst der schärfste Menschenverstand das beurteilen? Da bleiben mir Vernunft und Verstand wie angemauert stehen! O du hochherrlicher und seligster Freund, das mußt du mir erklären, sonst wird es bei uns Griechen mit dem klareren und näheren Begreifen der Wesenhaftigkeit des Reiches Gottes eine noch größere Not haben denn zuvor.
GEJ|9|175|5|0|Du bist da, denn ich sehe dich und höre deine helle Stimme, und dennoch bist du für das Gefühl meiner Hände ganz und gar nicht da! So ich dich nun auch mit den Augen meiner Seele mehr als mit denen des Leibes sehe, so habe ich dich aber nun zum zweiten Male doch mit meinen leiblichen Händen befühlt also wie beim ersten Male, wo ich deinen Leib gar wohl wahrnahm. Wie ist das? Oder habe ich dich etwa auch, wie etwa in einem Traume, nur mit den Händen meiner Seele befühlt, was für das Körperhafte etwa auch ebenso nichtig ist wie dem Körperhaften das Seelische oder Geistige? Wenn aber also, da wird es der menschlichen Vernunft schwer, sowohl in der materiellen Körperwelt als auch in der der Geister etwas Wesenhaftes herauszufinden; denn die erste ist so gut wie nichts für die zweite und die zweite dasselbe für die erste, – und doch stehen sie sich als etwas Daseiendes für den Gesichts- und Gehörsinn gegenüber!
GEJ|9|175|6|0|Wie ist das, wer kann das verstehen? Du bist ein Etwas – und dabei aber doch auch gegenüber meinem Tastsinn ein sozusagen reines Nichts; und ebendasselbe muß ich auch dir gegenüber sein, und so sind wir beide ersichtlich und vernehmbar ein Etwas – und dem eigentlichen Lebensgefühle nach dennoch ein vollkommenes Nichts! Was ist das – ein Sein ohne Sein, und ebenso ein Nichtsein ohne Nichtsein?! Freund, das faßt keines Menschen Vernunft, und sein Verstand wird dabei zu einer ehernen Säule, an der die losen Zeitenstürme so lange lecken, bis sie am Ende trotz ihrer Härte dennoch völlig zunichte wird!
GEJ|9|175|7|0|Wer und was sind die Stürme? Keines Menschen Auge hat je ihr eigentliches Wesen geschaut; nur der Tastsinn fühlt ihren flüchtigen Gang. Die Säule aber ist mächtig, ist da für alle Sinne des Menschen. Wie können am Ende die nichtigen Stürme mit dem Laufe der Zeiten ihre Vernichtung bewirken, – warum nicht die für alle Lebenssinne eines Menschen daseiende Säule die Vernichtung der Stürme? Was ist des Menschen Verstand, der die Säulen erfand und sie allen Stürmen zum Trotz aufstellte? Seine Werke überdauern ihn, und er als ihr Schöpfer ist tot und kann den nichtigen Stürmen nimmerdar gebieten, seine festen Werke zu schonen.
GEJ|9|175|8|0|O du mein himmlischer Freund, mit dieser nun an dir gemachten Erfahrung ist uns Menschen zum Begreifen der Wesenhaftigkeit des Reiches Gottes wahrlich schlecht gedient, wenn du selbst uns diese Sache nicht näher und bestimmter aufhellst! Da könnte ich denken bis ans Ende aller Zeiten – so das möglich wäre – und stünde dabei dennoch gleichfort am selben Flecke, wo ich nun stehe. Bist du ein Etwas, oder bist du ein Nichts, oder bin ich dasselbe trotz meines nunmaligen Daseinsgefühles?“
GEJ|9|176|1|1|176. — Über Sein und Nichtsein
GEJ|9|176|1|0|Sagte Raphael: „Ich wußte es ja, daß du hier an mir eine Erfahrung machen wirst, an der deine in dir noch stark haftende griechische Philosophie einen Schiffbruch erleiden wird. Diese muß aus deinem Gemüte, so du das Wesenhafte des Reiches Gottes schon bei deinen Leibeslebzeiten fassen willst!
GEJ|9|176|2|0|Was faselst du von einem Sein und Nichtsein? Es gibt nur ein Sein; aber ein Nichtsein gibt es im ganzen endlosen Schöpfungsraume nimmerdar. Das zeitlich- materielle Dasein ist freilich wohl nur ein Probedasein zur Erreichung des wahren und nimmerdar zerstörbaren Daseins, ist aber in sich dennoch auch nur ein völlig geistiges Dasein, da es an und für sich in der vollsten und allerausgedehntesten Unendlichkeitssphäre unmöglich ein anderes wirkliches und wahres Dasein geben kann.
GEJ|9|176|3|0|Sieh Freund, mit aller deiner griechischen Weltweisheit, – dort sitzt nun der Herr unter uns! Er ganz allein ist das wahre und ewig wirkliche Dasein in Sich Selbst; wir sind nur Seine durch Seinen Willen vom Kleinsten bis zum Größten verwirklichten Ideen und Lichtgedanken.
GEJ|9|176|4|0|Da aber Seine Ideen und Lichtgedanken als die Frucht Seiner ewigen und endlosen Liebe, die Sein Wesen und Sein ist, gleich Ihm unvergänglich und ewig hin unzerstörbar sind, so ist ja unser Dasein auch ein völlig für ewig hin unzerstörbares im reellen geistigen Sein.
GEJ|9|176|5|0|Da aber Seine endlose Weisheit und Seine Liebe aus Seinen Ideen und Gedanken nicht nur für Ihn Selbst schaubare bewegliche Bilder – wenn man so nach menschlicher Weise sagen könnte – wie etwa für Sein vergängliches und gewisserart vorübergehendes Vergnügen geschaffen hatte, sondern daß sie als Ihm – weil aus Ihm – völlig ähnliche und selbständig freie Wesen für ewig bestehen sollen, so sind diese Seine Ideen und Gedanken nicht mit denen der Phantasie eines Menschen als ähnlich zu stellen, sondern sie sind so sicher wahre Realitäten, als Er Selbst die einzige, ewig allein wahre Realität ist.
GEJ|9|176|6|0|Daß Er allen Seinen überendlos vielen Ideen und Gedanken ein zu ihrer Selbständigkeitsfestung gewisses materielles Probedasein gibt, dafür hat Er in Seiner endlosen Weisheit sicherst und wahrst schon den besten und wahrsten Grund; denn welch ein wahrer Meister, der ein großes Kunstwerk errichten will, wird zuvor nicht mit sich in möglichster Klarheit beraten, wie es für dauernd als das zu erhalten sein werde, was es nach dem weisesten Plane, den der Meister in sich faßte, sein soll?
GEJ|9|176|7|0|Es ist also völlig unmöglich, daß da nur ein Pünktlein von dem je vernichtet werden könnte, was einmal da ist, weil alles einmal Daseiende in der endlosesten Fülle der Gedanken und Ideen des Herrn und ewigen Meisters seine unvertilgbare Realität hat. Daß die in der materiellen Welt vorkommenden Formen, Erscheinungen und Wesenhaftigkeiten Veränderungen und scheinbaren Vergänglichkeiten unterliegen, das ist vom Herrn schon ebenso bestimmt wie bei einem weisen Baumeister, der irgend eine große und feste Burg zu erbauen hat. Da wirst du im Anfange des Baues auch eine übergroße Menge von allerlei rohen Bausteinen, Ziegeln, Balken und noch eine große Menge anderer zum Bau erforderlichen Dinge bemerken; aber alle diese für sich einzelnen Dinge werden durch die Anordnung des Baumeisters zuvor noch ganz gewaltigen Veränderungen unterworfen werden, bis sie zum großen Burgbau als tauglich und brauchbar werden verwendet werden können, was du aus dem besagten Bilde gar leicht ersehen und auch begreifen wirst. Und geradeso sind denn auch alle die naturmäßigen Dinge, von denen der Mensch den Schlußstein bildet, ein vorangehendes Baumaterial, aus dem dann erst das Wesenhafte und Unzerstörbare der Geisterwelt hervorgehen muß und wird.
GEJ|9|176|8|0|Oder meinst du wohl, daß der Meister, der den sichtbaren Himmel, diese Erde mit allem, was auf ihr sich vorfindet, und den Menschen aus Sich nach Seiner ewigen Liebe und Weisheit geschaffen hat, auch nur das unansehnlichste Moospflänzchen etwa darum hat werden lassen, auf daß Er, der Ewige, an solch einem Geschöpflein Sich ein paar Augenblicke lang vergnügte, es dann wieder verderben und vergehen ließe, aber dabei sogleich auf einem andern Plätzchen ein gleiches Vergnügungsspiel begänne? O Freund, wie kleinlich doch wäre solch eine Idee!
GEJ|9|176|9|0|Sieh, wenn der Herr auch nur einen kleinsten Seiner schöpferisch göttlichen Gedanken und Ideen irgend völlig vertilgen und vernichten könnte, so würde Er ja offenbar an Seiner endlosesten Vollkommenheit etwas verlieren, – was in sich aber die reinste Unmöglichkeit wäre; denn Er ist dem ewigen Geiste nach eben jene Macht, die den endlosen Schöpfungsraum allerorts mit Seiner allwirkenden Gegenwart erfüllt! Wohin in Ihm Selbst sollte Er dann ein aus Ihm und in Ihm durch Seinen Willen realisiertes und einmal ins selbstische (selbständige) Dasein gestelltes Wesen tun, daß es völlig zunichte werden könnte?
GEJ|9|176|10|0|Wenn du das alles recht aufgefaßt hast, so wirst du dein altes Sein und Nichtsein wohl dahin zu berichtigen verstehen, daß es nur ein Sein, aber ewig nie ein Nichtsein geben könne. Denn gäbe es ein Nichtsein, so müßte es doch irgendwo sein und bestehen; bestünde es aber irgendwo, da wäre es ja doch kein Nichtsein, sondern ein Etwas, das am Ende doch auch da wäre, und du kämst mit aller deiner Weltweisheit vollends um dein Nichtsein.
GEJ|9|176|11|0|Siehe, weil du mir nach deiner Griechenphilosophie hattest etwas erweisen wollen, das unmöglich je zu erweisen ist, so habe ich denn auch derselben Waffe mich bedient und dir damit ein rechtes Licht angezündet. Wirst du es in dir zu einer recht hellen Lebensflamme werden lassen, dann wird dir auch das Wesenhafte des Reiches Gottes in sich, das heißt in seiner rein geistigen Sphäre, wie auch in wohlentsprechender Beziehung und innigster Verbindung sowohl auf dieser Erde als auch in den andern zahllos vielen Erdkörpern, davon du einen allergeringsten Teil als Sterne am sogenannten Firmament erschaust, klar und begreiflich werden. Aber deine alte Griechenphilosophie mußt du ganz aus dir entfernen! Denn in dieser mit Händen zu greifenden Wahrheit wirst du doch sicher auch einen wahreren Trost finden denn in einer Lehre, nach der ein Mensch am Ende seines kurzen Erdenlebens seine Glückseligkeit im vollen Nichtsein erwartet!“
GEJ|9|177|1|1|177. — Die Gegenfrage des Arztes
GEJ|9|177|1|0|Sagte darauf der Arzt voll Staunens über Raphaels Weisheit: „Hochherrlicher Freund, du hast in mir nun nahezu alle meine alten Zweifel getötet, und ich fange an, in meiner Seele lichter und auch lebendiger und mutvoller zu werden, wofür ich dir aus dem Innersten meines Herzens danke und dir auch die Zeit meines ganzen Lebens dankbar verbleiben werde; aber eine Frage in Hinsicht des von dir mir als unmöglich erklärten Nichtseins eines Wesens muß ich dir denn doch noch stellen. Kannst du mir auch diese auf eine ebenso faßliche Art erklären in deiner Antwort, so sind dann alle meine alten Zweifel in bezug auf das für uns kurzsichtige Menschen noch immer denkbare Nichtsein vollends zunichte.
GEJ|9|177|2|0|Die Frage aber lautet: Wo und was waren denn vor der Werdung durch den allmächtigen Willen Gottes alle nun daseienden Wesen? Wo und was war denn ich vor der Zeugung und Geburt? War ich schon irgendwo, und war ich auch ein Etwas? Warum blieb in meiner Seele davon keine Rückerinnerung?
GEJ|9|177|3|0|Ohne eine solche aber betrachte ich nach meinem Verstande ein jedes künftig zu erwartende Dasein ebenso wie ein Vorsein, verglichen mit meinem gegenwärtigen mir klar bewußten Dasein, als ein Nichtdasein; denn bin ich nicht mehr das, was ich war, und wird mir bei einem künftigen Sein alle Rückerinnerung auf ein wie immer geartetes Vorsein gänzlich benommen, dann ist jedes Dasein für mich soviel wie gar kein Dasein.
GEJ|9|177|4|0|So zum Exempel – wie einige unserer vielen Anthropologen der Annahme sind – kann meine nun meinen Leib bewohnende Seele in einem Hirsch oder auch in einem andern Tiere gesteckt haben, alles dessen ich mich aber nicht im geringsten erinnern kann. Da ich aber von solch einem wie immer gearteten Vordaseinszustande auch nicht die allerleiseste Rückerinnerung in diesem meinem nunmaligen Dasein besitze, so ist bei mir ein solches mögliches Vordasein ein rechtes Nichtsein oder, kurz und gut noch anders geurteilt: Der ich nun bin, der war ich noch nie jemals zuvor, und so denn war ich auch nicht.
GEJ|9|177|5|0|Und werde ich in einem künftigen Dasein wieder ganz etwas anderes sein, als ich nun bin, oder wird mir auch alle Erinnerung an dieses Dasein benommen werden, da werde ich auch nicht mehr der sein, der ich nun bin, und somit abermals nicht sein! Denn was nützen einer Kette viele tausend zusammenhängen sollende Glieder, die aber niemals in einen ineinander sich unterstützenden Zusammenhang gebracht werden? Solange sie nicht in einen ineinandergreifenden Zusammenhang gebracht werden, ist kein vorderes Glied für sein nächst nachfolgendes da; so aber das der offenbare Fall ist, dann ist das Dasein der Kette auch ein nichtiges und das eines jeden Gliedes in bezug zum andern Gliede, mit dem es in keinem Verbande steht, ganz desgleichen.
GEJ|9|177|6|0|Siehe, du hochherrlicher Freund, in dieser Frage steckt für den auf dieser Erde armselig im vollen Lebensbewußtsein dahinlebenden, oft hell denkenden und dabei von der Furcht vor einem stets schmerzvollen baldigen Tode gepeinigten Menschen vieles von einer überaus großen Wichtigkeit. Und ich habe dir diese Frage ja nicht im geringsten etwa in der Absicht gegeben, um durch sie deine große Weisheit auf irgendeine harte Probe zu stellen, sondern lediglich nur in der Absicht, um durch deine alles durchsehende Weisheit selbst ins klare zu kommen. Hochherrlicher Freund, wolle du nun reden!“
GEJ|9|178|1|1|178. — Die Notwendigkeit der, Verschleierung der Rückerinnerung
GEJ|9|178|1|0|Sagte Raphael: „Höre, du mein Freund, so du auf das Beispiel vom Bau einer großen und festen Burg so recht viel innere Aufmerksamkeit verwendet hättest, so hättest du kaum nötig gehabt, mir mit dieser Frage zu kommen. Was gehen denn die noch nicht erbaute Burg die sicher vor ihr dagewesenen Materialien an? Laß erst die Burg vollends erbaut werden, dann werden die vorangegangenen Materialien für die ganze Burg schon zu einem wohl erkennbaren Zusammenhang gelangen!
GEJ|9|178|2|0|Würdest du dir aller der Vorzustände bis zu deinem gegenwärtigen Zustande ganz klar bewußt werden, die du der Seele nach in sehr geteilter Weise auf dieser Erde schon durchgemacht hast, so würdest du dadurch in deinem Denken, Urteilen und Wollen derart zerteilt und zerrissen werden, daß es dir unmöglich wäre, jene sittliche Einheit, Kraft und Stärke aus dem Geiste der Liebe Gottes, die nun dein inneres und allein wahres Leben ist und bedingt, in deiner Seele derart aufzunehmen, daß sie eins würde in ihm und durch ihn.
GEJ|9|178|3|0|Wird die Seele aber eins mit ihm, dann wird sie in der Beschauung ihrer selbst schon in jene an alles rückerinnerliche Klarheit gelangen, aus der sie die endlose Liebe und Weisheit jenes einen, großen Baumeisters im seligsten Dankgefühle allerhellst erkennen und ewig bewundern wird; dann wird ihr eine solche von dir schon jetzt verlangte Rückbeschauung zum ewigen Lebensnutzen dienlich sein, während sie dir jetzt gar gewaltig schaden würde.
GEJ|9|178|4|0|Es verfallen die Menschen selbst bei dem vom Herrn verfügten stärksten Verdecktsein der Rückerinnerlichkeit ihrer seelischen Vorzustände nur noch zu leicht und vielfach in die in der Seele, wenn auch noch so verborgen haftenden tierischen Begierden und Leidenschaften, frönen ihren Gelüsten, fallen von Gott ab und tun den Tieren gleich; um wieviel mehr würden sie das werden, so der Herr nicht höchstweisermaßen derlei Rückerinnerlichkeiten soviel als nur immer möglich verdeckt hätte!
GEJ|9|178|5|0|Wie fingen die Israeliten als das erwählte Volk Gottes zu murren und zu toben an, als sie in der Wüste ihre ägyptischen vollen Fleischtöpfe vermißten! Das Manna aus den Himmeln Gottes mundete den in Ägypten schon zu sehr zum Tierischen zurückgekehrten Kindern Abrahams nicht, da doch durch den Genuß des Brotes ihr Leib seelischer und die Seele geistiger hätte werden können und sollen.
GEJ|9|178|6|0|Wenn das durch Moses von der harten Knechtschaft Ägyptens befreite Volk Israel dazu noch die volle Rückerinnerlichkeit an die Seelenwerdungs- und – bildungszustände besessen hätte, – ich sage es dir: solche Menschen würden ärger geworden sein in der wütendsten Gefräßigkeit als alle reißenden Tiere und ärger um vieles denn eure Schweine, die, so sie hungrig werden, ihre Jungen nicht verschonen!
GEJ|9|178|7|0|Wäre aber bei solch einem Zustande der Menschen wohl eine geistige Bildung und nachfolgende Einung einer so zertragenen und zerklüfteten Seele aus ihrem Denken, Erkennen und Wollen mit dem göttlichen Geiste jemals denkbar?
GEJ|9|178|8|0|Du wirst aus dem von mir dir nun der vollsten und handgreiflichsten Wahrheit nach Gezeigten wohl begreifen, daß es dem Menschen, solange er noch auf dieser Erde mit der Einigung mit dem göttlichen Geiste nach dem ihm geoffenbarten Willen Gottes und auch nach der vollen Freiheit seines eigenen Willens und Erkennens zu tun hat, sehr schädlich wäre, so er sich an alle seine Vorzustände des Befindens seiner Seele völlig klar rückerinnern könnte.
GEJ|9|178|9|0|Werde du daher nach dem dir nun wohlbekannten und erkannten Willen des Herrn erst eins mit dem göttlichen Geiste in dir, werde selbst ein vollkommener Baumeister deiner selbst nach dem Willen des Herrn, dann wird es dir auch alsbald zu einem ganz hellen Bewußtsein werden, warum der weise und wohlkundige Erbauer einer großen und festen Burg sein früher unzusammenhängendes Baumaterial verständlich so und so geordnet hat, vom Größten bis zum Kleinsten, und es nachher zusammengefügt und verbunden hat zu einem großen, herrlichen und für ewig dauernden Ganzen.
GEJ|9|178|10|0|Aber solange du in der besagten Baukunst selbst nicht durch und durch erfahren und bestkundig bist, da nützt dir dein noch so scharfes Besichtigen und teilweises Bekritteln eines großen Bauwerkes nichts, sondern es macht dich am Ende in allem irre.“
GEJ|9|179|1|1|179. — Von der Weisheit des Herrn
GEJ|9|179|1|0|(Raphael:) „Du ersiehst bei einem fertigen großen Gebäude zum Beispiel in einer Wand einen Stein und wieder irgendeinen hervorragenden Balken. Da wirst du auch also urteilen und sagen: ,Aber warum hat denn der Baumeister diesen Stein gerade in dieser Wand einmauern und warum jenen Balken dort oben hervorragen lassen? Hätte er den Stein nicht auch ebensogut und wirksam in einer andern Wand verwenden und den Balken auf einen andern Teil hinfügen können?‘
GEJ|9|179|2|0|Und der Baumeister wird zu dir sagen: ,Freund, du urteilst da über meine mir nur zu klar und wohlkundig bewußte Baukunst wie ein Blinder von der Farbe! Siehe, jener dir anstößige Stein muß gerade an der Stelle zum Ganzen und Dauerhaften des Gebäudes eingemauert sein, als wie zweckdienlich deine Augen eben an jener Stelle deines Hauptes sich befinden, die für sie am allerbesten taugt. Und ebenso steht es auch mit dem vorstehenden Balken. Werde zuvor selbst baukundig vom Grunde aus, dann wirst du über ein Gebäude und über seine einzelnen Bestandteile vom ersten bis zum letzten und vom kleinsten bis zum größten ein richtiges und wahres Urteil zu fällen imstande sein!‘
GEJ|9|179|3|0|Was der in der Baukunst wohlkundige Baumeister zu dir auf dein Urteil über das von ihm erbaute Gebäude sagen müßte, dasselbe sage ich dir über dein Urteil über die Vorzustände der Seele bis zu ihrem Vollausbau.
GEJ|9|179|4|0|Du führtest mir, um deine Sache aus deiner griechischen Weisheit so ganz einleuchtend darzustellen, eine Kette vor, deren Ringglieder einzeln für sich wohl da wären; aber da sie miteinander nicht verbunden wären, so sei ein Glied für das andere so gut wie gar nicht da und könne daher auch keine wechselseitige Beziehung haben. Denn wenn ein Glied nicht wohl erkennbar und sicht- und fühlbar an seinem nachkommenden hänge, da habe die ganze lose Kette auch gar keinen Wert und sei so gut wie etwa gar nicht da.
GEJ|9|179|5|0|Ich aber sage dir: Gehe hin zu einem besten Kettenschmied und sieh zu, wie er eine Kette macht! Zuerst werden lauter einzelne Ringe angefertigt; sind diese einmal in der rechten Anzahl da, dann werden sie durch Mittelglieder nach der alten Schmiederegel miteinander verbunden, und zwar also, daß daraus bei der ersten Bindearbeit auch Kettenteile von nur drei Ringgliedern zum Vorschein kommen. Ist diese Arbeit beendet, dann werden die Drei- und abermals Dreigliedteile durch ein siebentes Mittelglied miteinander verbunden, danach die dadurch entstandenen Fünfzehngliedteile abermals durch ein neues Mittelglied, und so fort, bis die ganze, lange Kette fertig wird.
GEJ|9|179|6|0|Wenn auf diese Altschmiedeart die lange Kette vom ersten bis zum letzten Gliede fertig ist, wirst du dann auch noch sagen und fragen, warum der in seiner Kunst wohlbewanderte Schmiedemeister für die anzufertigende lange Kette anfangs nur einzelne, unzusammenhängende Ringglieder gemacht hatte? Oder wirst du nicht vielmehr dir dabei nun denken: ,Der Schmiedemeister hatte ganz recht, so zu arbeiten; denn dadurch überzeugte er sich von der Festigkeit eines jeden einzelnen Gliedes. Ist aber ein jedes Glied für sich fest, so wird nach der Verbindung sicher auch die ganze Kette fest und dauerhaft sein!‘
GEJ|9|179|7|0|Sind die vereinzelten Vorzustände einer Seele auch für deinen Verstand wie unverbunden, so sind sie aber gegenüber dem großen Schmiedemeister dennoch schon als verbunden daseiend. Denn welch ein Schmiedemeister auf der ganzen Erde würde wohl so blöde sein, nur zu seinem sicher höchst einförmigen Vergnügen in einem fort einzelne Kettenringe zu verfertigen, ohne je die Idee und den Willen zu fassen, sie zu einer ganzen, wohlbrauchbaren Kette zu verbinden?
GEJ|9|179|8|0|So aber das sicher der irdische Schmied, dessen Verstand gegen die Weisheit Gottes soviel wie gar nichts ist, schon nicht tut, um wie vieles weniger ist so etwas von dem höchst liebevollen und überweisen Gott zu erwarten! Ein Schmied aber, der blöde und unsinnig wäre, könnte wahrlich auch nicht einen noch so schlechten Ring einer Kette mehr zustande bringen, geschweige eine ganze Kette. Kann aber ein Schmied einzelne Ringe schaffen mit Hilfe seines Verstandes, seiner Kunst und Kraft, da wird er auch eine ganze Kette daraus anzufertigen ebensogut imstande sein, weil er die Einzelringe nur zur Gewinnung der ganzen, wohlbrauchbaren Kette zum voraus angefertigt hat.
GEJ|9|179|9|0|Und es hat denn um so mehr Gott die Einzelvorzustände der Seele des Menschen auch nur zum Behufe ihrer endlichen Vollverbindung zum voraus werden und in ein wie vereinzeltes Dasein treten lassen.
GEJ|9|179|10|0|Wäre Gott aber nicht weise, so wäre Er auch nicht also mächtig, um etwas aus Sich in ein formelles, wie außer Ihm bestehendes Dasein zu rufen. Eine allerhöchste Macht und Kraft aber setzt auch eine höchste und reinste, alleruneigennützigste Liebe und, von ihrem ewig lebendigsten Feuer ausgehend, ein allerhöchstes und lebendigstes Weisheitslicht voraus, und von diesem Lichte kann keine nur einigermaßen geläuterte Menschenvernunft je erwarten, daß sie nur darum allerlei Wesen voll Schwäche und Unbehilflichkeit in ein oft überkurzes Dasein riefe, um sich dadurch eben auch nur ein flüchtiges Vergnügen, gleich den Kindern mit ihren Spielsachen, zu verschaffen; denn in solch einem an und für sich ganz unmöglichen Falle wäre Gott in Seiner Liebe und Weisheit einem Menschen gleich ohnmächtig und könnte kein Wesen durch die Macht Seines Willens in ein wirkliches Dasein rufen.
GEJ|9|179|11|0|Du wirst aus dem ersehen, daß es erstens einen wahren und ewigen, in Sich unwandelbaren Gott geben muß, ohne den kein anderes Wesen denkbar wäre, und zweitens, daß dieser eine und allein wahre Gott die höchstreinste Liebe und so denn auch die höchste Weisheit, von der alle Seine endlos vielen Werke zeugen, sein muß und darum auch über alles mächtig, weil ohnedem nichts erschaffen werden könnte, und drittens: Weil Gott in Sich als die ewige Ordnung unwandelbar ist, so können auch Seine Geschöpfe nach der vorgesehenen Periode ihrer Vollendung, der freilich wohl einige scheinbare Umwandlungen voranzugehen haben, unmöglich anders als gleich Ihm für ewig hin unwandelbar verbleiben.
GEJ|9|179|12|0|Wenn dir das nun noch nicht genügt, so kannst du ewig noch überzeugendere Beweise suchen, und du wirst sie nimmerdar finden! – Hast du alles das von mir dir nun Gesagte aber auch wohl und als lebendig wahr verstanden?“
GEJ|9|180|1|1|180. — Des Arztes und der Jünger Dank für die Belehrung
GEJ|9|180|1|0|Sagte der Arzt: „O du mein hochherrlicher, himmlischer Freund! Nun hast du alle Bedenken und Zweifel ganz rein bis aufs letzte Atom aus mir hinausgefegt, und ich bin nun über alles vollends im klaren, und auch alle meine Gefährten werden es so gut sein wie ich; darum alles Lob dem allein Heiligen unter uns, der uns aus Seiner unermeßlichen Liebe durch dich, einen Bewohner der Himmel, auch die wahre Weisheit aus den Himmeln hat so lichtvoll und für unsern noch blöden Verstand leicht faßlich verkünden lassen!
GEJ|9|180|2|0|Nun ist mir das Wesenhafte des Reiches Gottes, wie vor meine Fleischesaugen gestellt, beschaulich gemacht worden. O wie froh und heiter ist nun meine Seele!“
GEJ|9|180|3|0|Hierauf sagten auch die Jünger zum Arzte: „Freund, nicht nur du allein bist dabei über das Wesenhafte des Reiches Gottes vollends ins klare gekommen, sondern auch wir; denn in dieser Hinsicht waren auch wir noch immer in unserem Gemüte mehr oder weniger umdunstet, obschon wir Übergroßes und zahllos vieles aus der Liebe und Weisheit des Herrn und auch von dir schon vernommen haben. Daher auch von uns aus alle Liebe, alles Lob und alle Ehre allein dem Herrn, der uns allen durch dich hier auf diesem Berge von neuem ein so helles Licht gegeben hat! Mit diesem Lichte aus den Himmeln soll alles, was auf der Erde noch finster ist, voll erleuchtet werden!“
GEJ|9|180|4|0|Sagte Raphael: „Freunde, gut wäre es wohl, wenn das so leicht ginge, wie ihr Erleuchtete es euch nun vorstellet! Die Menschen im allgemeinen sind zu sehr materiell und vertiert geworden, und den Steinen und wilden, reißenden Tieren ist schwer das Evangelium vom Gottesreiche zu predigen.
GEJ|9|180|5|0|Ihr habt nur einen noch ziemlich starken Weltling unter euch, der von Anfang an bei euch war und auch alles gehört und gesehen hat, was ihr gehört und gesehen habt. Für den war meine laute Unterredung mit dem Arzte nicht das, was sie für euch war. Er dachte dabei bei sich: ,Oh, hätte ich dessen Weisheit und Macht, alle Goldberge der Erde wären mein Eigentum!‘
GEJ|9|180|6|0|Darum wird aus den Himmeln auch nur denen das Licht zur Erweckung ihres Geistes gegeben, die es suchen und als ein höchstes Lebensgut auch über alles lieben und hochschätzen; aber die damit nur in der Welt prunken möchten, um sich damit der Erde tote Schätze in Überfülle zu erwerben, für die ist solch ein Licht kein nütze und stürzt sie noch mehr in das alte Gericht der Materie. Darum ist es nicht gut, den Schweinen die Perlen aus den Himmeln vorzuwerfen. Das Reine gebet darum vorerst auch nur den Reinen!
GEJ|9|180|7|0|Wenn ihr die Tiere erst zu Menschen umgestalten werdet, dann gebet ihnen auch eine reine, für Menschen gebührende Kost! Der wahren Menschen aber gibt es nur wenige, und die da noch sind, wohnen im Elend und werden von den Steinmenschen beinahe erdrückt und von den Tiermenschen zertreten.
GEJ|9|180|8|0|Wenn ihr denn den Menschen das Evangelium predigen werdet, so prediget es zuerst den Armen und Elenden; dann erst sehet, wie ihr aus den Steinen und Tieren Menschen bilden werdet! – Dieses zu euch nun Gesagte gehört auch zur Weisheit aus den Himmeln.“
GEJ|9|180|9|0|Unser römischer Richter, der alle die weisen Reden Raphaels mit großer Aufmerksamkeit mit angehört hatte und Ich ihn aber auch geheim innerlich erweckte, so daß er den Sinn solcher Reden hatte fassen können, sagte zu Mir: „O Du Herr und Meister, wie überaus weise ist doch dieser herrliche Himmelsgeist! Ja, so ein Mensch auf dieser Erde es je verstanden hätte, die inneren, geheimen Dinge des Seelenlebens so klar und leichtbegreiflich darzustellen, da wäre doch sicher niemals ein finsterstes Götzentum unter den Menschen emporgekommen; denn nach einer solchen Belehrung und gemachten wundersamsten Erfahrung hätte doch ein jeder noch so einfache Mensch zu denken angefangen und hätte auch alsbald angefangen, aus seinem Glaubenslichte sich selbst nach solch einer Lehre zu bearbeiten und zu richten und wäre also mit Deiner Hilfe denn auch bald und leicht in jene innere Lebensvollendung gekommen, um derentwillen ihn Deine Liebe, Weisheit und Macht erschaffen hat.
GEJ|9|180|10|0|Und – wie man sagt, daß die Beispiele ziehen – es würden darauf die andern Menschen sicher sehr aufmerksam geworden sein und den Vollendeten gefragt haben, wie er zu solch einer gottähnlichen Lebensvollkommenheit gekommen sei.
GEJ|9|180|11|0|Und hätte er ihnen dann mit der Klarheit dieses Geistes, den Du, o Herr, ,Raphael‘ nanntest, die mit Händen zu greifende Wahrheit verkündet, so wären sie sicher auch alsogleich aus allen ihren Lebenskräften in jene Tätigkeit übergegangen, durch die allein auch sie als gleiche Menschen zur wahren Lebensvollendung hätten gelangen müssen.
GEJ|9|180|12|0|Aber so ist meines Wissens wohl noch nie ein Gottes- und Lebenslehrer in solch einer leichtfaßlichen Klarheit vor und unter den Menschen auf dieser Erde aufgetreten wie nun dieser herrliche Geist, und es ist darum denn auch begreiflich, daß mit der Zeit gar so viele Menschen Gott, sich selbst und ihre wahre Lebensbestimmung ganz aus ihrem Erkennungs- und Wahrnehmungskreise verloren haben.
GEJ|9|180|13|0|Ich habe als Richter mich mit allen im Römischen Reich vorhandenen Götter- und Menschenlehren und Gesetzen wohl bekannt gemacht und somit selbstverständlich auch mit der jüdischen Lehre; aber da sind allenthalben Mysterien auf Mysterien gehäuft, die ein natürlicher Mensch, selbst mit klarer Vernunft und scharfem Verstande begabt, unmöglich verstehen und zur praktischen Anwendung für die wahrlich über alles notwendige Bildung seines inneren Seelenlebens begreifen kann. Doch nach solch einer Lehre muß es ja doch jedem Menschen klar werden, was er ist, was aus ihm werden soll, und was er zu tun hat, um das zu werden, wozu ihn Du, o Herr und Meister aller Wesen und Dinge, bestimmt hast. – O Herr und Meister, habe ich hier nicht doch noch nur so einigermaßen richtig geurteilt?“
GEJ|9|181|1|1|181. — Die Haupthindernisse des geistigen Fortschritts
GEJ|9|181|1|0|Sagte Ich: „Ja, du Mein Freund, unter den Menschen deinesgleichen ginge dein Urteil schon an; aber hier geht es nicht gar so wohl an, wie du es meinst!
GEJ|9|181|2|0|Hast du aus dem Munde Raphaels denn nicht vernommen – als sich alle für die von ihm gemachten großen Enthüllungen in bezug auf das Wesenhafte des Reiches Gottes inniglichst bedankt haben –, wie er einem Meiner ältesten Jünger, der schon beim Beginne Meiner Lehrzeit bei Mir war und noch ist, eine wohlverdiente Rüge hat zukommen lassen? Der Jünger hat alles gesehen und gehört, und doch gilt ihm die Welt mehr als alle die vernommenen Wahrheiten!
GEJ|9|181|3|0|Kann er sich über das Unverständliche Meiner Lehre, ob sie aus Meinem höchsteigenen Munde oder aus dem Munde eines Meiner Engel kommt, beklagen? Oh, mitnichten! Er versteht alles; aber wo ist sein irdisch gewinnsüchtiger Wille bereit und fertig zur rein geistigen Tat?
GEJ|9|181|4|0|Wie aber der besagte Jünger beschaffen ist aus seinem freien Willen, ebenso sind viele Tausende beschaffen. Vor wie vielen Menschen habe Ich Selbst gelehrt auf dem offenen Felde, auf den Straßen, in den Städten, Flecken, Häusern, auf dem Meere, auf den Bergen, im Tempel und in den Wüsten und habe dabei, um den Blinden die Augen zu öffnen, stets große, nie erhörte Zeichen gewirkt; gehe hin und forsche nach, wie wenige sich von allen, die Mich gehört und gesehen, wahrhaft bekehrt haben!
GEJ|9|181|5|0|Und siehe, wie es nun ist, also war es und wird es auch in der Folge sein; denn ein jeder Mensch hat frei seine Liebe, seinen Willen und seinen Verstand! So er mit dem Verstande auch die volle Wahrheit begreift, so sieht er aber mit seinen begierlichen Augen dennoch auch die Welt mit ihren vielen Reizen, von denen sich sein Herz nicht trennen kann und mag, weil sie seinem Fleische sicher mehr zusagen als die geistigen, die sein sinnliches Auge nicht schauen und sein Fleisch nicht fühlen kann.
GEJ|9|181|6|0|Dazu ist dem Menschen auch die Trägheit sehr eigen. Er macht sich wohl oft einen guten Vorsatz um den andern; aber so er ihn zur vollen, tatsächlichen Ausführung bringen sollte, dann fängt sein träges und genußgieriges Fleisch an, sich dagegen zu sträuben, und zieht auch die Seele in den Schwerpunkt seiner Trägheit und Sinnlichkeit hinab. Was nützt nun der Seele die Klarheit in den Dingen des Geistes, so sie sich nicht selbst verleugnen und vollernstlich die Wege betreten will, auf denen sie zur vollen Einung mit Meinem Geiste in ihr gelangen könnte?!
GEJ|9|181|7|0|Du denkst dir nun freilich in deinem Herzen und sagest in dir: ,Herr, warum aber umhülltest Du der Menschen Seele mit solch einem Fleische, das für ihre geistige Vollendung nur schlecht taugt?‘
GEJ|9|181|8|0|Ich aber sage dir, daß Ich allein das wohl sicher am allerbesten und klarsten einsehe, wie eine Seele zum Behufe ihres kurzen, diesirdischen Probelebens in ein rechtes Gleichgewicht zwischen die Welt der Materie und jene der reinen Geister zu stellen ist, damit eben dadurch die volle Freiheit ihrer Liebe und ihres Willens bedungen wird.
GEJ|9|181|9|0|Daß für eine jede Seele die Materie ein gewisses Übergewicht haben muß, das ist darum also verordnet, auf daß die Seele dadurch genötigt wird, tätig gegen das kleine Übergewicht der Materie zu werden, um so von der Freiheit ihres Willens den rechten Gebrauch machen zu können; um aber das tun zu können, ist ihr die Lehre zu allen Zeiten klar aus den Himmeln gegeben, welche die Seele in eine vollkommene Freischwebe zwischen Geist und Materie stellt.
GEJ|9|181|10|0|Wenn die Seele sich dann nur einige Mühe geben will, sich tatsächlich ins Geistige zu erheben, da bekommt das Geistige aber auch alsogleich ein mächtiges Übergewicht, und die Seele erhebt sich mit großer Leichtigkeit über das Gewicht der Trägheit der Materie ihres Fleisches und dringt in das Leben des Geistes in ihr.
GEJ|9|181|11|0|Hat sie das mit wenig Mühe getan, so kann ihr dann die Schwere der Materie ihres Fleisches kein Hindernis zum Fortschreiten zur möglich höchsten Lebensvollendung in den Weg legen; und gelangt sie auf dem leichten Wege ihres Fortschreitens auch noch dann und wann auf kleine Steine des Anstoßes, so kostet es sie nur eine höchst geringe Mühe, sie aus dem Wege zu räumen.“
GEJ|9|182|1|1|182. — Der Weg zur Rettung der materiellen Seelen
GEJ|9|182|1|0|(Der Herr:) „Aber wenn eine Seele, so sie die reine Lehre erhalten hat und die Wahrheit auch wohl begreift, sich denkt: ,Ah, nun weiß ich, was ich Rechtens zu meinem Heile zu tun habe; aber bevor ich noch danach völlig tätig werde, will ich denn doch auch von den Reizen und Süßigkeiten dieser Welt, weil sie mir geboten sind, eine kurze Zeit nur genießen; denn da ich nun die Wege zur geistigen Vollendung klar und genau kenne, so wird es ja nicht gerade auf die bestimmte Zeit ankommen, wann ich sie dann vollernstlich betreten will, betrete ich sie, so werde ich dann auch sicher vorwärts kommen!‘ – siehe, Freund, da fängt die Seele an, die Reize und Süßigkeiten der Welt zu verkosten und dann auch bald in vollen Zügen zu genießen und verleiht dadurch der Materie ihres Fleisches ein bedeutendes Übergewicht, das ihre klare Einsicht in die Dinge des Geistes nur sehr schwer und oft auch gar nicht mehr zu überwinden imstande ist.
GEJ|9|182|2|0|Weil sich aber eine solche Seele infolge ihres ersten Aberwitzes nach und nach immer mehr und mehr in die Materie versenkt, so wird auch die ursprüngliche rein geistige Erleuchtung stets matter und matter. Die Seele verfällt in allerlei Zweifel und findet es in ihrer materiellen Trägheit gar nicht mehr so recht der Mühe wert, sich aufzurichten und doch wenigstens auf eine kurze Zeit von nur einigen Tagen oder Wochen einen ernsten, sich selbst verleugnenden Versuch zu machen, um sich zu überzeugen, ob an der aus den Himmeln geoffenbarten Lehre zur Gewinnung des inneren, wahren Lebens denn doch irgend etwas sei.
GEJ|9|182|3|0|Ja, Freund, wenn solch eine durch ihren höchsteigenen Aberwitz einmal träge gewordene Seele dann auch Menschen um sich sieht, die durch ihren anfänglichen Eifer sich zur inneren Lebensvollendung emporgeschwungen haben, so macht das auf sie dennoch keine erhebliche Wirkung und bestimmt sie nicht zur Selbsttätigkeit. Sie läßt sich wohl, wenn sie gerade gut aufgelegt ist, von den geweckten Nebenmenschen die Wunder des Geistigen im Menschen vorerzählen, und es wird in ihr auch dann und wann der Wunsch rege, selbst das zu sein, was die Vollkommenen sind, – aber gleich darauf wirken die schon genossenen und noch zu genießenden Reize dieser Welt gleich so mächtig auf sie ein, daß sie ihnen nicht widerstehen kann, und sie denkt dabei: ,Ja, was Schlechtes tue ich damit denn doch nicht, wenn ich auch nicht sogleich mich völlig umkehre! Dies und jenes will ich in dieser Welt doch noch eher sehen und probieren, und es wird mir dann ja etwa doch noch so viel Zeit übrigbleiben, in die Fußstapfen der Vollendeten zu treten.‘
GEJ|9|182|4|0|Und siehe, also denken, beschließen, simulieren und kalkulieren dann noch mehr die Nachkommen solcher in sich lau und träge gewordenen Menschen, werden im Geiste ganz finster und auch böse, so man sie an das nur erinnert, was sie als Menschen zur Gewinnung der inneren Lebensvollendung tun sollen.
GEJ|9|182|5|0|Und so wächst und wuchert dann von einem Lebensalter der Menschen zum andern das Unkraut der Nacht der Seelen infolge ihrer stets wacher werdenden Weltgenußsucht und zunehmenden Trägheit derart, daß Mir dann nichts anderes übrigbleibt, als solche Menschen mit allerlei Plagen und Gerichten heimzusuchen, um ihnen das Nichtige und Arge ihrer Weltbestrebungen an ihnen selbst fühlbar zu machen.
GEJ|9|182|6|0|Sind sie durch allerlei bitterste Erfahrungen dahin gebracht worden, daß sie selbst einen wahren Ekel vor der Welt und ihren nichtigen Lustreizen zu bekommen anfangen, dann erst ist es wieder, so wie nun, an der Zeit, ihnen durch neue Offenbarungen aus den Himmeln die Wege zum Lichte des Lebens zu zeigen, auf denen dann viele mit allem Eifer wandeln werden; aber noch um vieles mehrere zu tief in die Nacht des Gerichtes und Todes der Welt Versunkene werden dennoch bleiben und alle verfolgen, die sie zum Leben des Geistes werden erwecken wollen, auf so lange hin, bis die über sie zugelassenen Gerichte sie von der Erde, wie die Stürme die Spreu, hinwegfegen werden.
GEJ|9|182|7|0|Ja, Freund, von Mir aus ist das Verhältnis zwischen Geist, Seele und Leib schon bei jedem Menschen ein vollkommen genaust abgewogenes; nur der Aberwitz der Menschen, diese alte Erbsünde, hat das gute Verhältnis zu einem schlechten gemacht.
GEJ|9|182|8|0|Siehe an die alte Sage von eurem Prometheus und seiner selbstgeschaffenen Tochter Pandora! Wer ist denn die Pandora?
GEJ|9|182|9|0|Siehe, es ist das, entsprechend bildlich dargestellt, der Aberwitz und die Neu- und Weltgenußsucht des Menschen, durch die er dann an die harte Materie gefesselt wird! Wenn auch von Zeit zu Zeit ein Adler zu ihm von den Himmeln kommt und ihn gewaltig mahnt, sich von der Materie loszumachen, so fruchtet das wenig; denn kaum ist der Adler auf einige Zeit dahin, so ist in der Seele solch eines Menschen die Leber, als das Symbol seiner Weltgelüste, schon wieder voll angewachsen, und der Himmelsadler kann sie von neuem wieder zu verzehren anfangen. – Verstehst du dieses gute Bild?
GEJ|9|182|10|0|Siehe aber daneben hin, was Moses selbst in einem helleren Bilde von dem ersten Menschenpaare spricht, und du wirst darin ganz dasselbe finden!
GEJ|9|182|11|0|Wenn aber also, siehe, da bin nicht Ich schuld an der Verschlimmerung der Menschen darum, weil Ich in die Seele eine kleine Vorneigung zur Welt legte, ihr aber zugleich auf der andern Seite ein volles Licht aus den Himmeln zukommen ließ, mit dem sie mit leichter Mühe die kleine Vorneigung zur Welt besiegen kann. – Verstehest du, Freund, solches?“
GEJ|9|182|12|0|Auf diese Meine Belehrung, die auch alle andern aufmerksamst angehört hatten, dankte Mir der Römer und auch alle die andern bis auf den einen, dem Mein Zeugnis nicht mundete.
GEJ|9|183|1|1|183. — Die Belehrungen Raphaels
GEJ|9|183|1|0|Auf des Raphaels frühere und auf diese Meine Belehrung trat eine Ruhe ein; denn alle dachten über das Gesehene und Vernommene nach und prägten es so tief als möglich ihrem Gedächtnisse und ganzen Gemüte ein.
GEJ|9|183|2|0|Raphael aber besprach sich wieder mit Philopold und Kisjona über die Urzeit der Erde und über die Veränderungen derselben; denn Philopold war ein guter Erderforscher und hatte aus seinen Beobachtungen schon recht vieles aufgezeichnet und seine Urteile darüber gemacht, und ebenso unser Kisjona. Darum interessierten sich denn auch beide sehr für das, was ihnen Raphael darüber mit großer Klarheit und Leichtigkeit eröffnete.
GEJ|9|183|3|0|Meine Jünger, die derlei schon zu öfteren Malen in großer Klarheit vernommen hatten, gaben freilich wohl eben nicht so sehr acht darauf und besprachen sich darum mehr über das, was sie von Raphael über das Wesenhafte des Reiches Gottes und über den Grund der Verschlimmerung der Menschen auf dieser Erde aus Meinem Munde vernommen hatten. Aber alle die andern, die davon, was Raphael dem Philopold und dem Kisjona erklärte, noch nie etwas Ausführliches und Gründliches vernommen hatten, hörten dem Raphael mit der größten Aufmerksamkeit zu und verwunderten sich über Meine Macht und Weisheit, der Ich solches alles also in der höchsten Ordnung eingerichtet habe.
GEJ|9|183|4|0|Besonders interessierte das den Arzt aus Melite (heutzutage Malta), denn er hatte sich seine Kenntnisse zumeist in Athen, auch in Alexandrien in Ägypten und zu Syrakus auf Sizilien erworben und hatte sich in seiner Jugend viel mit dem Erforschen der Erde und ihrer Kräfte abgegeben. Er hatte zu dem Behufe denn das Ägypten bis zu den Wasserfällen durchreist, ebenso ganz Griechenland, die Gegenden am Pontus und auch am Kaspischen Meere, ebenso auch einen bedeutenden Teil von Arabien und die Küsten Asiens am Mittelmeere, und hätte darum gern mit Raphael in dieser Hinsicht zu reden angefangen; aber da Raphael über alles so im Vorbeigehen sprach, da konnte unser Arzt nicht zu Worte kommen und horchte darum lieber still auf die Erklärungen Raphaels und machte für sich seine Bemerkungen.
GEJ|9|183|5|0|Als aber Raphael von den feuerspeienden Bergen zu reden begann, da konnte sich unser Arzt nicht mehr enthalten, Raphael zu bitten, ob er ihm nicht gestatten möchte, ihn um dies und jenes zu fragen.
GEJ|9|183|6|0|Raphael aber sagte: „Horche du, Freund, nur auf das, was ich alles in Kürze darüber sagen werde, und du wirst auch deine gemachten, dir bis jetzt unerklärlichen Erfahrungen ganz wohl erklärt vernehmen und sie auch verstehen!
GEJ|9|183|7|0|Denn euren Ätna und euren Vesuv kenne ich von ihrem innersten Ursprung an, so wie ich auch deine Gedanken und Fragen schon lange eher genauest kenne, als du sie noch gedacht hast; denn des Herrn Geist und Leben, das mein Alles ist, ist auch in mir allwissend und vollmächtig.“
GEJ|9|183|8|0|Als der Arzt solches von Raphael vernommen hatte, stellte er sich vollkommen zufrieden und horchte auf die weiteren Erklärungen des Engels mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.
GEJ|9|183|9|0|Die Erklärungen aber dauerten über zwei volle Stunden, und alle, die sie mit der rechten Aufmerksamkeit angehört hatten, haben in der kurzen Zeit über das Wesen und über die Beschaffenheit der Erde mehr kennengelernt, als das einem noch so eifrigen Jünger je in einer Hochschule zu Athen oder zu Alexandrien, oder in Syrakus in hundert Jahren möglich gewesen wäre.
GEJ|9|183|10|0|Als Raphael aber solche seine Vorträge beendet hatte, wobei er auch das Verhältnis der Erde und des Mondes zur Sonne, die da vorkommenden Erscheinungen, sowie die andern Planeten und Fixsterne den aufmerksamen Jüngern erklärte, da sagte der Römer zu Mir: „O Herr und Meister, jetzt ist mir wieder ein neues Licht aufgegangen! Unsere höchst unrichtigen und grundfalschen Begriffe von unserer Erde, vom Monde, von der Sonne, von den Planeten, Kometen, Fixsternen und all den andern Erscheinungen am Himmel haben die Menschen ja in den tiefsten, blindesten und sinnlosesten Aberglauben stürzen müssen! Wer hätte sie je von diesem befreien können, so nicht Du Selbst mit Deinen Dienern aus den Himmeln zu uns herabgekommen wärst und uns den wahren und wundervollsten Sachverhalt dieser Deiner großen Dinge gezeigt hättest? Haben denn die Menschen in der Urzeit von all dem nichts gewußt? Und haben sie davon etwas gewußt, so fragt es sich, wie möglich sie von einer so lichtvollen Wahrheit in den allerdicksten und dümmsten Aberglauben haben verfallen können.“
GEJ|9|184|1|1|184. — Über die Aufnahme der Lehre des Herrn
GEJ|9|184|1|0|Sagte Ich: „Gerade auf ganz dieselbe Weise, die Ich dir ehedem gezeigt habe!
GEJ|9|184|2|0|Die ersten Menschen wußten um alles der vollsten Wahrheit gemäß; aber so der Mensch infolge seiner Trägheit, seines Aberwitzes und seiner Sinne Lust seiner Seele nach einmal finster wird nur in einem und dem andern, so wird er dann auch bald finster in allem andern.
GEJ|9|184|3|0|Moses selbst hat für die in Ägypten verfinsterten Israeliten ein eigenes Buch geschrieben in der Weise, wie es euch nun Mein Raphael vorgetragen hat. Das ward geachtet bis zur Zeit der ersten Könige; als aber ihre Nachkommen sich von aller Sinnlichkeit hatten gefangennehmen lassen, da ging auch alle reine Wissenschaft unter ihnen zugrunde, und an ihre Stelle trat das, was du nun unter den Juden in einem oft noch finstereren Grade antriffst denn unter den Heiden.
GEJ|9|184|4|0|Nun ist euch und schon früher zu öfteren Malen den alten Jüngern, wie nebst ihnen auch gar vielen andern Menschen, alles haarklein und auf das gründlichste und handgreiflich klarste gezeigt worden; rechne aber von nun an nur zweihundert Jahre, und du wirst in dieser reinen Wissenssphäre wieder auf den alten Aberglauben kommen.
GEJ|9|184|5|0|Doch aber wird im Verborgenen auch diese Kunde unter denen erhalten werden, die in Meiner Lehre verbleiben werden, und es wird dann eine Zeit kommen, in der diese Wissenschaft, und an ihrer Seite tausend andere, allen alten Aberglauben von Grund aus zerstören wird für immerdar. Es wird aber zuvor noch lange dauernde und harte Kämpfe geben; doch am Ende wird die Wahrheit siegen, und alles Finstere, Falsche und Arge wird in den Abgrund für ewig verdammt werden.
GEJ|9|184|6|0|Du wirst bald Gelegenheit bekommen, mit euren gewissen Erd-, Natur- und Sternkundigen zusammenzukommen, und wirst auch den Versuch machen, ihnen die von dir hier erkannte Wahrheit beizubringen; du wirst aber damit auf harte Steine stoßen. Einige werden darüber wohl nachdenken, aber deshalb doch bei ihrem alten System verbleiben; die andern werden es ohne irgendwelches Bedenken für eine Torheit erklären. Denn zum ungezweifelten, richtigen und wahren Erkennen auch in den Dingen der Naturwelt gehört zum voraus eine geistige Gewecktheit, die Erkenntnis des einen, allein wahren Gottes und so auch die Erkenntnis seiner selbst, aus der der Mensch in sich klar und lebendig inne wird, wer er ist, und warum er da ist.
GEJ|9|184|7|0|Erst so der Mensch in diesen Hauptstücken seines Seins und Lebens im klaren ist und dadurch Mein Geist in seiner Seele licht- und lebenstätig sich zu entfalten und den ganzen Menschen zu durchdringen beginnt, wird der Mensch mit seinem von oben her erleuchteten Verstande auch die Wesenheit und Ordnung in den Dingen der großen und kleinen Naturwelt der vollen und unbestreitbaren Wahrheit nach bald und leicht fassen und von Grund auf begreifen; aber wenn du den Heiden – und haben sie auch alle die hohen Weltweisheitsschulen mit allem Eifer durchgemacht – das, was du von Raphael vernommen hast, vorzupredigen beginnst, so werden sie es nicht begreifen und es als eine Torheit ansehen und verlachen, und die finsteren, über alles selbst- und herrschsüchtigen Priester werden solch eine neue Lehre, weil sie unmöglich für ihren alten Götzen- und Betrugskram paßt, mit aller Hast und Wut verdammen und das Volk gegen sie aufwiegeln.
GEJ|9|184|8|0|Daher heißt es da zuerst das Evangelium vom wahren Reiche Gottes auf Erden unter den Menschen predigen, – und haben sie das angenommen und sind durch den Geist aus Gott gestärkt worden, dann werden sie alle anderen Wahrheiten leicht fassen; denn Mein Geist, den Ich in Fülle über jeden ausgießen werde, der an Mich lebendig glaubt und Mich liebt, wird sie in alle Weisheit und Wahrheit leiten.
GEJ|9|184|9|0|Meinst du wohl, daß du die von Raphael erklärten Dinge auch ohne deinen nun lebendigen Glauben an Mich begriffen hättest? Ich sage dir: Ebensowenig, wie die Steine dieses Berges sie begriffen haben!
GEJ|9|184|10|0|Wo der Grund alles menschlichen Erkennens Lüge und Trug ist, wie sollen aus solchem Grunde andere Wahrheiten erblühen können?
GEJ|9|184|11|0|Wenn du im Zählen die Einheit als die Grundbedingung aller eben nur aus der Summe der Einheiten entstandenen Zahlen nicht kennst, wie möglich wirst du dann die Wahrheit der Zahlen selbst erkennen?“
GEJ|9|185|1|1|185. — Von den falschen und wahren Propheten
GEJ|9|185|1|0|Hier machte der Römer große Augen und sagte: „O Herr und Meister, Du allein bist wahrlich die ewigste Wahrheit und Weisheit Selbst! Nun erst sehe ich es ein, daß beim Unterricht der Menschen stets nach einer gewissen Ordnung vor sich gegangen werden muß, so der Unterricht dem Menschen einen wahren Nutzen für das Leben schaffen soll.“
GEJ|9|185|2|0|Sagte Ich: „Ganz sicher, denn einen Menschen verkehrt zu unterweisen anfangen, heißt ein Haus auf dem Sande aufbauen wollen. Wie wird es sich halten, so da Stürme und starke Regenströme über eben solch ein Haus kommen werden?
GEJ|9|185|3|0|Nur wer seinen Nebenmenschen lehrt in der rechten Ordnung, wie Ich sie dir gezeigt habe, der baut ein Haus auf einem Felsengrund. So über ein solches Haus dann Stürme und Fluten kommen, so werden sie demselben nichts anhaben können, weil es auf einem Felsengrund erbaut ist. Und dieser Felsengrund bin Ich; mit Mir angefangen, werdet ihr alles wohl und bestens vermögen, ohne Mich aber nichts. Das merke du, Mein Freund, dir wohl!
GEJ|9|185|4|0|So da aber jemand ernstlich seinen Nächsten über Mich zu belehren anfangen wird, da soll er nicht bei sich lange überlegen, wie er das etwa am fruchtbarsten beginnen werde. Denn Ich Selbst werde ihm die rechten Worte ins Herz und in den Mund legen.
GEJ|9|185|5|0|Und so ihr nun auch das wisset, so werdet ihr in Meinem Namen beim Unterricht eurer Nebenmenschen nicht einen Fehltritt machen können; wer aber das nicht völlig beachten wird, der wird bald und leicht auf Irrwege geraten, auf denen er sich samt seinem Jünger schwer je völlig zurechtfinden wird.
GEJ|9|185|6|0|Das war allzeit der arge Anfang des falschen und lügenhaften Prophetentums und der Verfinsterung und Verschlimmerung der Menschen. Darum soll nur der seine Nebenmenschen lehren, der es zuvor von Mir in seinem Herzen erlernt hat. Wer aber aus sich nur von dem, was er durch andere Menschen stückweise vernommen hat, auch seine Nebenmenschen gleich einem von Mir Gelehrten wird zu lehren anfangen und auch schreien wird: ,Siehe, hier, da oder dort ist Christus, die von Ewigkeit gesalbte Wahrheit aus Gott!‘, so glaubet ihm nicht; denn das ist schon ein falscher Prophet, der nur eines Ansehens und eines zeitlichen Gewinnes wegen auch einen Propheten spielen will.
GEJ|9|185|7|0|Wer aber einen falschen von einem wahren, von Mir berufenen Propheten und Lehrer mit leichter Mühe erkennen will, der schaue auf seine Werke!
GEJ|9|185|8|0|Alles kann ein Mensch leichter vor den Augen seiner Nebenmenschen verbergen als seine Selbstsucht und seine Gewinngier. Um diese zu befriedigen, wird er nur zu bald und zu ersichtlich kein Mittel unversucht lassen, um zu dem Zwecke zu gelangen, nach dem sein Herz eine unzerstörbare Liebe hat.
GEJ|9|185|9|0|Lasset darum die falschen Propheten niemals zu einer Macht und äußerem Ansehen gelangen! Denn werden sie einmal das irgend erreichen, dann wird es bald wieder höchst finster unter den Menschen aussehen, und ihr werdet gegen sie harte Kämpfe zu bestehen bekommen!“
GEJ|9|185|10|0|Sagte der Römer mit einer bedenklichen Miene: „O Herr und Meister alles Seins und Lebens, das werden wir Menschen wohl schwer zu verhindern imstande sein! So Du, Allmächtiger, das nicht Selbst verhindern wirst, da wird es nur zu bald wimmeln von lauter falschen Propheten auf dieser Erde. Denn das blinde Volk wird schwer oder gar nicht einen Unterschied zwischen einem wahren und falschen Propheten zu machen imstande sein. Wer wird ihm dann sagen und begreiflich machen können, daß seine Lehrer falsche Propheten sind?“
GEJ|9|185|11|0|Sagte Ich: „Freund, Ich werde das Meinige tun, aber ihr müsset auch das Eurige tun! Es hat aber ein jeder Mensch seinen völlig freien Willen, den Ich mit Meiner Allmacht nicht ergreifen und bändigen darf, weil das – wie Ich es euch schon klar und sehr begreiflich gezeigt habe – gegen Meine Ordnung wäre.
GEJ|9|185|12|0|Aber Ich gebe euch ja eben darum in der gezeigten Wahrheit das wirksamste Mittel gegen alles Falschtum in die Hand, mit der ihr unter Meinem Beistande wider die gesamte Lügenbrut der Hölle die festesten Dämme und Wälle erbauen könnet.
GEJ|9|185|13|0|So bald und so leicht aber, wie ihr euch das nun vorstellet, wird das falsche Prophetentum von dieser Erde freilich wohl nicht vertilgt werden können; doch wird am Ende nur einzig und allein die lichte und lebendige Wahrheit siegen! Darum bleibet nur fest und unbeugsam in der Wahrheit; denn sie allein wird nicht nur euch, sondern am Ende auch alle Menschen frei machen vom alten, schweren Joch der Lüge und des Truges! Lasset daher nur ihr euch von keiner noch so hell glänzend scheinenden Lüge mehr berücken, – dann wird alles wohl gehen!
GEJ|9|185|14|0|Ihr seid nun das Salz, als die beste Würze, unter den Menschen auf dieser Erde. So ihr nicht faul und lau werdet, dann wird es mit den geistigen Speisen wohl vonstatten gehen, und die Menschen werden nach ihnen gieren; so ihr aber als das Salz faul und übelschmeckend werdet, womit soll dann die geistige Kost für die Menschen gewürzt werden?
GEJ|9|185|15|0|Tut darum in allem nach Meiner Lehre und nach Meinem euch nun wohl bekanntgegebenen Willen, und es wird euer Salz das Unkraut unter dem Weizen auf dem Acker des Lebens schon ausrotten mit der Zeit mehr und mehr, und ihr selbst werdet darob euch freuen über die Maßen über die Kraft und Macht Meiner Wahrheit unter den Menschen!
GEJ|9|186|1|1|186. — Die Heilung der Kranken aus Joppe
GEJ|9|186|1|0|Als Ich solche Rede beendet hatte, da kam ein Diener des Markus und lud uns zum Mittagsmahle; denn es war schon stark über die Zeit des Mittags geworden.
GEJ|9|186|2|0|Ich aber sagte: „Wer von euch nun hinabgehen will, um sich zu stärken mit irdischer Speise und irdischem Tranke, der gehe und befriedige seinen Leib; Ich Selbst aber werde heute verbleiben bis zum Abend auf diesem Berge. Wer aber bei Mir bleiben wird, den wird es auch weder hungern noch dürsten!
GEJ|9|186|3|0|Es werden aber bald eine Menge hungriger und durstiger Armer aus der Gegend von Joppe hier anlangen, die sollen das für uns bereitete Mahl verzehren. Es werden darunter Krüppel und Lahme an Händen und Füßen und Aussätzige und von bösen Fiebern Gequälte sein; und so sie essen werden von den für uns bereiteten Speisen, wird es besser mit ihnen werden. – Das soll der Diener im Hause also anordnen!“
GEJ|9|186|4|0|Sagte einer der anwesenden Jünger des Johannes: „Herr und Meister, die ankommenden Joppeer haben ja noch keine Kunde von Dir und können ja noch keinen Glauben an Dich und Dein Wort haben, – und dennoch werden sie von Deinem Segen, den Du in die Speisen legen wirst, geheilt. Wie ist das mit dem zu vereinen, so Du immer sagst: ,Dein Glaube hat dir geholfen‘?“
GEJ|9|186|5|0|Sagte Ich: „Wie ist denn das mit dir zu vereinen, daß du, als ein schon alter Jünger, eine so blöde Frage stellen magst? Habe Ich denn nicht schon eine große Anzahl Jünger ausgesandt?
GEJ|9|186|6|0|Zwei von ihnen befinden sich nun in Joppe und predigen den Armen Mein Wort. Sie legten diesen Armen in Meinem Namen wohl auch die Hände auf, und es ward besser mit ihnen; aber die Geheilten fielen wieder in ihre alten Schwächen und Gewohnheitssünden und dadurch denn auch in die alten Leibesübel.
GEJ|9|186|7|0|Sie kehrten sich wieder an die beiden Jünger, daß diese sie heilen möchten. Aber die Jünger sagten: ,So wir euch auch wieder heilen im Namen des Herrn, da werdet ihr von neuem wieder sündigen; darum sagen wir euch: Wirket zuvor eine rechte Buße, und so der Herr es wohl sehen wird, daß ihr euch für immer ernstlich gebessert habt, da wird Er Selbst euch helfen! Erhebet euch und wandert voll Reue, voll Glauben und Vertrauen zu dem Wunderbrunnen an Galiläas Meer, den der Herr Selbst gestellt und gesegnet hat, und ihr werdet Heilung finden; die für euch mühsame Wanderung aber diene euch zur Buße!‘
GEJ|9|186|8|0|Siehe, auf diese ernste Ermahnung machten sich, so schwer es auch ging, die kranken Armen voll Glauben und Vertrauen auf den weiten und beschwerlichen Weg, und das Schiff, das soeben diesem Ufer zusteuert, bringt sie hierher.
GEJ|9|186|9|0|Also kommen sie nicht ohne Glauben, sondern mit einer rechten Fülle des Glaubens hier an, und es soll ihnen denn durch ihren Glauben geholfen werden.
GEJ|9|186|10|0|Du aber stelle in der Folge keine so blöde Frage mehr an Mich; denn derlei Fragen würden dir das Zeugnis geben, daß du noch kein rechtes Salz zur Würzung der Speisen für Seele und Geist der Menschen wärest!“
GEJ|9|186|11|0|Hierauf bat Mich der Jünger um Vergebung und dankte Mir für diese Zurechtweisung.
GEJ|9|186|12|0|Ich aber wandte Mich an den Diener, dem unterdessen unser Markus dahin die Weisungen gab, auf den Berg in rechter Fülle Brot und Wein zu stellen, und sagte: „Die Armen aber sollen im Freien abgespeist werden; denn die Freie ist ihrer Gesundheit zuträglicher denn die Luft und der Dunst des Speisegemachs. Gehe nun und tue, was dir anbefohlen ist!“
GEJ|9|186|13|0|Hierauf ging der Diener und besorgte alles genau.
GEJ|9|186|14|0|Andere Diener brachten bald mehrere Krüge voll Wein und ebenso auch mehrere Laibe Brot.
GEJ|9|186|15|0|Der hinabgesandte Diener aber hieß die ans Land gestiegenen armen Gäste sich an die Tische im Freien lagern, so gut es ging, und ließ sogleich die für uns bestbereiteten Speisen in Hülle und Fülle auf ihre Tische setzen.
GEJ|9|186|16|0|Die Armen aber erschraken darob ordentlich und sagten: „O Freund, bedürftig wären wir solcher Speisen wohl; aber wir sind ja arm und werden sie kaum bezahlen!“
GEJ|9|186|17|0|Sagte der Diener: „Der diese Speisen für euch verordnet hat zu eurer Heilung, der hat sie schon bezahlt; darum esset und trinket ohne weitere Sorge! Aber so ihr gesund werdet, dann verfallet nicht wieder in eure alten Schwächen und Sünden, wie ihr in solche erst vor kurzem in Joppe nach der ersten Heilung durch die zwei Jünger verfallen seid!“
GEJ|9|186|18|0|Als die Armen das vernommen hatten, da erstaunten sie über solch eine Rede des Dieners, und einer fragte ihn, wie er das wissen könne, da seines Wissens jene beiden Jünger, die zu ihnen solches geredet hätten, schon längere Zeit in der Hafenstadt weilten und diese Gegend sicher nicht besucht haben, wo sie ihm so etwas hätten eröffnen können, und da sonst außer den beiden Jüngern des großen Heilandes und ihnen selbst niemand irgend etwas davon wissen könne.
GEJ|9|186|19|0|Sagte der Diener: „Fraget nun darum nicht weiter, sondern esset und trinket, auf daß ihr wieder gesund werdet! So ihr wieder gesund geworden seid, dann wird es sich schon auch darüber reden lassen, wie ich zu solch einer Kunde gelangt bin.“
GEJ|9|186|20|0|Darauf fingen die Armen an, zu essen und auch zu trinken, und als sie sich ordentlich gesättigt hatten, da verließen sie auch ihre Übel; die Aussätzigen wurden rein, die Fiebrigen verließ das Fieber, und die Lahmen und Krüppel wurden gerade und konnten ihre Füße und Hände also gebrauchen, wie das nur einem kräftigen und vollauf gesunden Menschen möglich ist. Da war des Staunens, des Fragens und auch des Lobens nahezu kein Ende. Aber der Diener gab ihnen keine besonders gewichtige Antwort.
GEJ|9|187|1|1|187. — Die Verwunderung des Griechen über das heilsame Mahl
GEJ|9|187|1|0|Einer der Geheilten, der ein Grieche, von der Insel Cypern gebürtig, war, aber sich in Joppe später als ein Fischer angesiedelt hatte und ein sonst sehr erfahrener Mensch war, sagte zum Diener: „Freund, das Land, in dem ich geboren bin und in dem ich nahe gegen dreißig Jahre lang als ein erfahrenster Fischer gelebt und gehandelt habe, heißt Cypern und ist trotz seiner großen Ausdehnung nach allen Richtungen hin vom großen Meere umflossen, ist über alle Maßen fruchtbar, und es ist in allem derart heilsam und gesund, daß es zum Sprichwort geworden ist: ,In unserem Lande kennt man keine Krankheit, und hier stirbt man nicht!‘, aus welchem Grunde aber auch reiche Römer, Griechen, Ägypter und auch Juden sich da um teures Gold Besitzungen ankaufen, sich herrliche Wohnungen erbauen und dann voll heiteren Sinnes in dem herrlichsten Lande leben.
GEJ|9|187|2|0|Ich aber war doch oft Zeuge, wie dahin auch Kranke gekommen sind und von den gesundesten Speisen gegessen und den besten und reinsten Wein getrunken haben; aber sie sind dennoch nicht ebenso gesund geworden wie wir nun hier in diesem eben auch sehr herrlichen Orte.
GEJ|9|187|3|0|Was enthielten denn diese Speisen und der von uns genossene, auch gar köstlich schmeckende Wein, daß wir alle, bei vierzig an der Zahl als mit verschiedenen Übeln Behaftete, auf einmal so plötzlich gesund geworden sind, als hätte uns nie etwas gefehlt?“
GEJ|9|187|4|0|Sagte der Diener: „Weder die Speisen noch der Wein haben euch von euren Übeln geheilt, sondern Dessen Gnade und Wille, dessentwegen euch die beiden Jünger hierher beschieden haben, und an den ihr den vollen Glauben angenommen habt, als die beiden Jünger euch von Ihm gepredigt haben, daß in Ihm wohne die Fülle des Geistes des einen, allein wahren Gottes.
GEJ|9|187|5|0|Also mit Dessen Liebe, Erbarmung, Gnade und Willen waren diese Speisen und der Wein gewürzt, und solche geistige Würze hat euch gesund gemacht. Darum danket Ihm allein darob, und verfallet, als nun wieder völlig geheilte Menschen, nicht wieder in eure alten Schwächen und Sünden, auf daß ihr nicht noch einmal in ärgere Übel geratet, als diese da waren, von denen ihr nun wundersamst geheilt worden seid!“
GEJ|9|187|6|0|Als die Geheilten solche guten Mahnworte von dem Diener vernommen hatten, da gelobten sie auf das heiligste, daß sie dessen bis zum Tode hin auf das ernsteste eingedenk bleiben würden. Nur möchten sie wissen, wohin sie nun ziehen sollten, um den großen Heiland zu treffen, um Ihm Selbst auf den Knien den Ihm allein gebührenden Dank darzubringen.
GEJ|9|187|7|0|Sagte der Diener: „Euch das zu sagen, habe ich keinen Auftrag erhalten. Fasset aber eine rechte Liebe zu Ihm, und da kann es auch schon noch geschehen, daß ihr Ihn auch zu Gesichte bekommen könnet!
GEJ|9|187|8|0|Er läßt Sich von den Menschen nur dann finden und auch sprechen, so sie Ihn in ihrem von der Sünde gereinigten Herzen suchen, und befänden sie sich auch irgendwo am Ende der Welt; denn Er sieht alles, Er kennt alles, und Er weiß selbst um die geheimsten Gedanken eines jeden Menschen, ob er sich auch verberge in irgendeinem fernsten Winkel dieser weiten Erde.
GEJ|9|187|9|0|Tut darum, was ich euch nun gesagt habe, und ich kann euch das auch sagen, da ich Ihn persönlich wohl kenne und für mich, trotzdem ich nur ein Diener dieses Hauses und meines Herrn bin, auch voll Geistes aus der ewigen Wahrheit Seiner Lehre bin.“
GEJ|9|187|10|0|Darauf verließ der Diener die Geheilten und ging seinen andern Geschäften nach.
GEJ|9|188|1|1|188. — Die Geheilten und ihre Schiffer
GEJ|9|188|1|0|Die Geheilten aber erhoben sich darauf von ihren Tischen, gingen ans Meer hin und erzählten alles den noch anwesenden Schiffern, was ihnen da alles widerfuhr.
GEJ|9|188|2|0|Da staunten auch die Schiffer aus der Gegend Tiberias und sagten, daß auch sie schon gar vieles von dem großen Heilande aus Nazareth gehört hätten; aber sie hätten ihn noch nie zu Gesichte bekommen, und so könnten sie auch nicht gleich alles aufs Wort glauben, was sie von dem großen Wunderheilande von andern Menschen vernommen hätten. Aber nun hätten sie einen augenscheinlichsten Beweis vor sich und könnten und wollten denn auch alles andere glauben, was sie von ihm gehört hätten und also denn auch Gott loben über alles, der einem Menschen solch eine Macht gegeben habe; denn so etwas sei seit Menschengedenken noch niemals dagewesen.
GEJ|9|188|3|0|Sagte darauf ein Geheilter: „Da habt ihr wahrlich ganz recht nach euren Begriffen und Erkenntnissen; doch wir haben die Sache in uns ein wenig anders bedacht, und wir werden uns nicht irren. Der Mensch, dem nach eurem Verstande Gott eine so große Macht verliehen hat, darum ihr Ihn als euren Gott loben wollet, scheint eben der Herr Selbst in Seinem Hause zu sein und kann mit Seiner Macht verfügen nach Seinem höchsteigenen Willen, und der Gott, den ihr des Menschen willen loben wollet, scheint in aller Fülle in Ihm Selbst daheim zu sein! Denn nach dem, was wir ganz getreu von Seinen nach Joppe ausgesandten zwei Jüngern vernommen haben, redet Er durchaus nicht in der Weise, wie ehedem die verschiedenen Propheten zum Volke geredet haben – diese sagten allzeit: ,Höre, Volk!‘ oder ,Höre du, König, oder dieser oder jener! – Also spricht der Herr!‘, und dann erst sprach des Herrn Geist aus dem Munde des Propheten –, sondern Er sagt: ,Ich Selbst sage euch, und Ich will es!‘
GEJ|9|188|4|0|Und, Freunde, sobald ein Mensch so redet und spricht und Gott ihn für solch eine für jeden Menschen frevelhafteste Anmaßung nicht vor allen Menschen sichtbar bestraft, so muß solch ein Mensch die Fülle Gottes Selbst in Sich haben und sonach auch Selbst völlig der Herr sein, ansonst es Ihm wahrlich niemals gelingen würde, allen Geistern, Kreaturen und Elementen zu gebieten, und alles gehorcht der unendlichen Macht Seines Willens! Denn wir wissen das aus dem Munde Seiner Jünger, die von gar vielen Zeichen und Wundertaten Augenzeugen waren.
GEJ|9|188|5|0|Und so kommt es uns vor, daß wir es in dem großen Heilande aus Nazareth schon gleich mit Gott Selbst zu tun haben und mit keinem noch so großen Propheten mehr!“
GEJ|9|188|6|0|Sagte darauf ein Schiffer, der in der Schrift so ziemlich bewandert war: „Ihr seid aus Joppe, einer Stadt, die nun mehr von den Heiden denn von den echten und wahren Juden bewohnt wird, und seid darum selbst mehr Heiden als Juden. Was macht es aber den Heiden, ob sie zu ihren mindestens in allem bei zehntausend Göttern wieder einen neuen ganzen oder halben Gott noch hinzutun?
GEJ|9|188|7|0|Bei uns echten und noch wahren Juden aber heißt es schon im ersten Gebote Mosis: ,Ich allein bin dein Gott und Herr; also sollst du nur an Mich als den einen, allein wahren Gott glauben und keine fremden, von den Menschen erdichteten Götter neben Mir haben und verehren!‘
GEJ|9|188|8|0|Seht, also lautet das Gesetz für uns Juden für ewig hin! Wenn aber also, wie könnten wir den Wunderheiland auch als einen zweiten und somit neuen Gott annehmen und ihm die Ehre geben, die wir nur dem einen, allein wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs schuldig sind?
GEJ|9|188|9|0|Wir haben aber alles dessen ungeachtet dennoch eine große Freude an dem Wunderheilande aus Nazareth, darum, weil ihm Gott, als einem uns gleichen Menschen, seiner sicher größten Frömmigkeit wegen solch eine noch nie dagewesene Macht gegeben hat, und loben darum nur den einen, allein wahren Gott, aber nicht den mit einer Fülle der göttlichen Macht begabten Menschen.
GEJ|9|188|10|0|So ihr wahre Juden wäret, da würdet ihr auch wohl dasselbe tun; doch als mehr Heiden denn Juden möget ihr tun, was ihr wollet, denn ihr habet nicht nötig, euch für euren Glauben vor den Pharisäern im Tempel zu Jerusalem zu verantworten!“
GEJ|9|189|1|1|189. — Der geheilte Fischer beweist den Schiffern die Göttlichkeit des Herrn
GEJ|9|189|1|0|Sagte darauf der geheilte Fischer, der aus Cypern gebürtig war: „Obschon ich von der Geburt an ein Heide bin, so kenne ich aber Moses und die Propheten dennoch so gut wie du.
GEJ|9|189|2|0|Steht es nicht im Propheten Jesajas: ,Es ist eine Stimme des Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg, machet auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserem Gott!‘? Und weiter heißt es: ,Der Herr wird Seine Herde weiden wie ein Hirte; Er wird die Lämmer in Seine Arme sammeln und in Seinem Busen tragen und führen die Schafmütter.‘
GEJ|9|189|3|0|Wir sind zwar in Joppe, aber wir haben dennoch aus dem Munde der zwei Jünger wohl erfahren, was sich alles um Jerusalem zugetragen hat.
GEJ|9|189|4|0|Die Stimme des Predigers in der Wüste – war Johannes der Täufer, der Gott auf dem Gefilde eurer Blindheit eine ebene Bahn bereitete, aber dafür durch die Eifersucht der Templer, die den Herodes auf ihre Seite zu bringen verstanden, ins Gefängnis kam und bald darauf enthauptet wurde.
GEJ|9|189|5|0|Dieser Prediger in der Wüste erkannte in dem Heilande aus Nazareth den Herrn, und sein Zeugnis öffnete vielen die Augen. Warum blieben denn die Pharisäer blind und verstockten Herzens? Haben sie nicht auch Moses und die Propheten?
GEJ|9|189|6|0|Wenn der Prophet spricht: ,Der Herr wird Seine Herde (uns Menschen nämlich) weiden wie ein Hirte‘, – und es geschieht das nun unzweifelhaft vor unsern Augen –, ist dieser Hirte, dessen persönliche Ankunft auf diese Erde doch alle Propheten, von Moses angefangen, treu und klar gerade für diese Zeit vorangekündigt haben, dann nicht einer und ganz derselbe Herr und Gott, der Moses auf Sinai die Gebote gab?
GEJ|9|189|7|0|So wir uns denn nun gläubigst gleich den Lämmern um Ihn scharen und Er uns mit aller Liebe Seines Gottherzens, gleich wie ein guter Hirte die Schafmütter, führt – was wir aus Seiner Lehre und aus Seinen Taten nur zu wohl und klar erkennen –, glauben wir da, so wir auch mehr Heiden als Juden sind, etwa an einen andern und fremden Gott als an Den nur, an den allein zu glauben Moses geboten hat? Und tun wir ein Unrecht, so wir Ihm für die uns erwiesene Gnade danken und Ihm allein die Ehre geben?
GEJ|9|189|8|0|Wahrlich, es gereicht euch zu keiner Ehre, so wir als gewesene Heiden das Licht, das zu euch gekommen ist, eher der vollen Wahrheit nach erkennen denn ihr als ein für solch ein Licht nach eurer Schrift erwähltes Volk!“
GEJ|9|189|9|0|Auf diese Rede des Fischers sagten die Schiffer nichts Weiteres mehr; denn sie erkannten, daß der Redner in der Schrift kundiger war denn sie, und wollten sich mit ihm in keinen Wortkampf einlassen. Zugleich aber fingen sie unter sich an zu denken und auch zu reden, daß der Fischer am Ende etwa doch recht haben könnte, und es wurden dabei einige gläubiger, als sie früher waren. Sie lösten darauf bald ihre Schiffe und fuhren nach Tiberias mit dem Versprechen zurück, die vierzig geheilten Joppeer in ein paar Tagen allhier abzuholen, so diese es wünschten.
GEJ|9|189|10|0|Diese (die Geheilten) aber sagten: „Wir danken euch nun für euren guten Willen; wir werden einen andern Weg in unsere Heimat nehmen!“
GEJ|9|189|11|0|Auf das fuhren die Schiffer vollends ab.
GEJ|9|190|1|1|190. — Die Frage des Arztes nach dem Manna in der Wüste
GEJ|9|190|1|0|Unsere Joppeer aber besahen sich die Ufer des Meeres und sprachen beständig von Mir. Sie besahen auch das Badehaus und verwunderten sich höchlichst über dessen große, viele, überaus zweckmäßig eingerichtete Räumlichkeiten und über deren Reinheit, und ebenso besahen sie auch den ganzen großen Garten und rühmten den Badeherrn, den Baumeister und den Gärtner, welche das einmal geschaffen haben mochten. Sie fragten auch einen und den andern Badediener, wie lange diese herrliche Anstalt schon bestehe, wer der Baumeister und von woher er gewesen sei.
GEJ|9|190|2|0|Aber die Diener durften das niemandem sagen, und sie beschieden die Frager mit dem, daß sie das schon vom Badeherrn erfahren würden, so das zu ihrem Heile nötig sein werde.
GEJ|9|190|3|0|Als diese vierzig im Garten schon nahe gen Abend hin alles besehen und sich hoch verwundert hatten, da gingen sie wieder ins Freie und berieten sich wegen einer Nachtherberge; und als sie auf dem Berge mehrerer Zelte und eines großen tempelartigen Söllers ansichtig wurden, da fragten sie einen Diener, der sich in ihrer Nähe befand, ob sie als arme und mittellose Menschen auf dem Berge in den Zelten Nachtherberge nehmen dürften.
GEJ|9|190|4|0|Der Diener aber sagte: „So es Zeit zur Nachtruhe wird, da werdet ihr schon wie ein jeder andere Gast damit bedacht werden; nun aber geduldet euch, bis die Herren, die sich schon beinahe den ganzen Tag auf dem Berge aufhalten und vergnügen, herab ins Haus kommen werden!“
GEJ|9|190|5|0|Damit waren die Geheilten auch wieder zufrieden, begaben sich an ihre Tische, wo sich noch etwas Brot und Wein befand, und stärkten sich damit und besprachen sich abermals besonders über Mich. –
GEJ|9|190|6|0|Was geschah aber währenddem, als die Armen unten nach Meinem Willen behandelt, verpflegt und geheilt wurden, auf dem Berge bei und unter uns?
GEJ|9|190|7|0|Unser Raphael erzählte den Anwesenden alles, was unten vor sich ging, und es ward die Klugheit des Dieners gelobt, wie später auch die des Fischers aus Joppe wegen seines Benehmens gegen die Schiffer von Tiberias. Und die Jünger des Johannes sahen nun noch mehr und heller ein, daß die Joppeer nicht ohne Glauben an Mich von Mir von ihren Übeln geheilt worden sind.
GEJ|9|190|8|0|Als Raphael seine Erzählungen beendet hatte und die Sonne sich schon sehr dem Untergange zu nahen begann, da trat abermals der Arzt von Melite zu Raphael hin und sagte: „Hochherrlicher Freund, seit hier mein Geist durch des Herrn Worte aus deinem Munde stets wacher und heller wird, kommt mir alles, was ich je getan, gesehen und aus den Büchern gelesen habe, so lebhaft in die volle Erinnerung, daß ich nun imstande wäre, dir alle Bücher Mosis, der Propheten und noch gar vieles andere aus den Büchern der Juden von Wort zu Wort herzusagen; und da finde ich nun etwas Sonderbares eben in jener Zeit, als die Israeliten sich in der Wüste aufhielten und sich von dem Manna, das täglich, mit Ausnahme des Sabbats, aus den Himmeln reichlich zur Erde herabfiel, ernähren mußten.
GEJ|9|190|9|0|Daß dieser Mannaregen ein reines Wunder war, daran habe ich nun nicht den allergeringsten Zweifel, und es besteht das, was mir da sonderbar vorkommt, denn auch nicht in dem offenbaren Wunder, sondern in dem, daß da kein einziger Mensch an einem Tage von dem Manna für sich und die Seinen mehr sammeln durfte, als genau nur so viel, wie er nach der Vorschrift für den einen Tag benötigte. Nur am Freitage durfte ein jeder auch für den Sabbat, an dem kein Manna aus den Himmeln kam, sich den vorschriftsmäßigen Vorrat sammeln; wer sich aber an einem andern Tage einen Vorrat auch für den kommenden Tag sammelte, dem ward solcher faul, stinkend und voll Würmer und somit weder für Menschen noch für die Tiere genießbar.
GEJ|9|190|10|0|Nun, in dieser sonderbaren Verordnung Jehovas durch Moses und Aaron finde ich die eigentliche Weisheit des Herrn und ihren Grund nicht heraus. Verhielt sich die Sache wohl in der Tat also, oder ist das nur irgendeine allegorische, hieroglyphenartige Darstellung irgendeiner geheimen, tiefgeistigen Wahrheit, die im Menschen erst dann enthüllt wird, wenn sein Geist vollherrschend in der Seele geworden ist?
GEJ|9|190|11|0|Wenn es aber in der Tat also war, so begreife ich wahrlich nicht, warum sich kein Mensch außer am Freitage für den Sabbat nur und für keinen andern Tag einen Vorrat sammeln durfte. Und so das Manna am Sabbat nicht faul, wurmig und stinkend wurde, – warum ward denn dann ein für einen andern Tag aufgesammelter Vorrat also, wie da beschrieben ist? – Hochherrlicher Freund, möchtest du mir da nicht auch ein rechtes Lichtlein in meiner Seele anzünden?“
GEJ|9|191|1|1|191. — Raphaels Belehrung über die Speisung Israels in der Wüste
GEJ|9|191|1|0|Sagte Raphael: „Ja, du mein Freund, die Sache verhielt sich in der Tat also, und das aus einem höchst weisen Grunde; denn so Gott das in Ägypten ganz in alle schmutzigste Welttümlichkeit versunkene Volk für ein höheres Licht erziehen wollte, da blieb Ihm, nachdem das Volk die Lebensgesetze empfangen hatte, nichts anderes übrig, als es durch volle vierzig Jahre in der kahlen und unfruchtbaren Wüste unter aller möglichen Nüchternheit zu erhalten und so einem höheren Lichte zuzuführen. Dieses Volk hatte sich in Ägypten durch seinen Schachersinn einerseits und anderseits durch allerlei Entbehrungen angewöhnt, sich aufs Sammeln, aufs übermäßige Sparen, dadurch auf die Habsucht und auf den bösen Geiz derart zu verlegen, daß es ein sehr Schweres war, derlei Untugenden und Laster bei ihm völlig zu vertilgen. Betrügen, stehlen, rauben, auch morden, lügen und allerlei Hurerei und Ehebrecherei treiben, namentlich gegen die heidnischen Ägypter, war dem Volke Gottes zur zweiten Natur geworden, trotz aller Mahnungen und Züchtigungen.
GEJ|9|191|2|0|Unter dem bekannten Pharao, der dieses sonst sehr arbeitsame Volk zu gewaltig und zu grausam zu bedrücken und nach allen Richtungen zu verfolgen anfing, gab es den Mahnungen Gottes wieder Gehör und ließ von seinen vielen Untugenden und Lastern bedeutend ab, und Gott erweckte Moses zum Retter dieses Volkes also, wie dir das aus den Büchern bekannt ist.
GEJ|9|191|3|0|Nun kam das Volk in die starre Wüste, wo es keine Äcker, keine Gärten, keine Weiden, keine Milch, kein Brot und keine Fleischtöpfe gab, worüber das Volk sehr betrübt ward und zu klagen und zu murren begann; denn seine mitgenommenen Vorräte waren bald aufgezehrt, und die Fische aus dem Roten Meere reichten nicht aus, um das Volk zu ernähren.
GEJ|9|191|4|0|Da erbarmte sich Gott des Volkes und gab ihm das tägliche Brot aus den Himmeln. Als das Volk solches im reichlichsten Maße aus den Himmeln bekam, da wurde der alte, arge, übertriebene Sammel- und Schachergeist nur zu bald rege; aber Gott gab dem Volke durch Moses sogleich wohlsanktionierte Vorschriften, wie die Nährgabe aus den Himmeln zu sammeln und zu benutzen sei, und wer diese Vorschrift nicht achtete, der ward denn auch alsbald genau nach der Vorschrift gezüchtigt.
GEJ|9|191|5|0|Und siehe, das erstickte den argen Weltsinnsgeist bald im ganzen Volke, denn beim Vorratsammeln des Manna sah da niemals ein Gewinn heraus, und so hielt sich das Volk an die Vorschrift.
GEJ|9|191|6|0|Daß das am Freitag für den Sabbat gesammelte Manna sich auch am Sabbat frisch und wohl erhielt, das war also der Wille des Herrn, um dem Volke, das in Ägypten des Ruhetages im Geiste Gottes völlig vergessen hatte und nicht mehr gedachte, sondern an einem jeden Tage gleichfort sammelte, arbeitete und kaufte und verkaufte, doch den einen Tag in der Woche dahin zu erhalten, daß es sich an demselben aller unnötigen Arbeit enthielte und sich mit Gott und dessen Lehre und Willen beschäftigen solle. Denn ein Volk ohne allen Unterricht in den Sphären des Geistes verkümmert, verwildert nur zu bald unter das Tierreich hinab und ist dann kaum mehr imstande, sich durch die Macht des eigenen Verstandes und Willens zu einem höheren Lichte emporzurichten.
GEJ|9|191|7|0|Wenn du das alles nun miteinander in eine rechte, bloß nur menschlich vernünftige Erwägung ziehst, so wirst du da schon des Herrn Liebe und Weisheit sicherlich hellstrahlend erkennen.
GEJ|9|191|8|0|Es hat aber diese Erscheinung beim israelitischen Volke freilich auch einen tiefst geistigen und himmlischen Sinn.
GEJ|9|191|9|0|Das Brot, das der Herr in der natürlichen Wüste, die aber dabei auch der inneren, geistigen Wüstheit des israelitischen Volkes entsprach, eben für dies Volk zur leiblichen Ernährung aus den Himmeln regnen ließ, entspricht nun dem Herrn Selbst, der nun in die wahre geistige Wüste der Menschen als das lebendige Brot aus den Himmeln herabgekommen ist. Sein Wort, Seine Lehre und Seine Liebetaten sind das wahre, lebendige Brot aus den allerhöchsten Himmeln. Wer von diesem Brote tatsächlich essen wird, der wird nimmerdar sterben der Seele nach, sondern er wird in sich haben das ewige Leben.
GEJ|9|191|10|0|Gar viele, die das alte Manna gegessen haben, sind gestorben, nicht nur dem Leibe, sondern leider auch der Seele nach, und sind bis zur Stunde noch nicht zum Leben auferstanden; die aber dieses lebendige Manna im Geiste der Tat nach essen werden, die sind in sich auch schon zum ewigen Leben auferstanden. Und siehe, das ist der geistige Sinn des einstigen Mannas!
GEJ|9|191|11|0|Das natürliche Manna aber, von dem sich die Israeliten keinen Vorrat sammeln durften, entspricht auch dem, daß sich die Menschen keine solchen Schätze sammeln sollen, welche vom Rost und von den Motten zerstört werden können, sondern nur die Schätze des Sabbats für Seele und Geist, die ewig bleiben. – Verstehest du das nun?“
GEJ|9|191|12|0|Der Arzt bejahte das dankbarst, und alle staunten über diese Rede; denn das verstanden früher auch Meine Jünger nicht.
GEJ|9|192|1|1|192. — Die Erscheinung der Luftspiegelung
GEJ|9|192|1|0|Es meinte nun darauf unser Markus, da die Sonne bereits unter den Horizont zu sinken begann, ob es nicht gewisserart angezeigt wäre, sich nun, da auch in der herbstlichen Jahreszeit die Abende oft kühler werden, hinab ins Haus zu begeben.
GEJ|9|192|2|0|Ich aber sagte: „Freund, dazu ist es noch um wenigstens eine halbe Stunde zu früh. Sorge dich ja nicht, ob für uns ein Abendmahl bereitet wird oder nicht; denn so wir ins Haus zurückkommen werden, da wird schon alles in Ordnung sein!
GEJ|9|192|3|0|Hier auf dem Berge aber wird sich noch etwas zutragen, daß ihr euch darob höchlich verwundern werdet, und es wird das auf euer Herz und eure Seele eine beste Wirkung machen; darum aber heißt es hier noch eine gute halbe Stunde verweilen.
GEJ|9|192|4|0|So die Sonne vollends untergegangen sein wird, so werdet ihr Mich loben und preisen, daß Ich euch solches offenbart habe. Von nun an aber verhaltet euch bis dahin in völliger Ruhe!“
GEJ|9|192|5|0|Darauf wurde alles still und ruhig. Auch den Geistern in der Luft, in der Erde und in den Gewässern wurde von Mir im stillen geboten, sich völlig ruhig zu verhalten. Und so wurde es in der ganzen sichtbaren Natur derart völlig ruhig, daß sich nicht ein noch so leises Lüftchen irgend rührte, kein Vöglein irgend fliegend zu erschauen war und das Wasser des Sees so vollkommen ruhig war, daß man die den großen See umlagernden hohen Berge aus dem Spiegel des Meeres ebenso klar und ungetrübt zu Gesichte bekam wie von der Natur, was alle Anwesenden im hohen Grade entzückte, weil sie solch eine vollkommenste Ruhe des Sees zuvor wohl kaum je gesehen hatten.
GEJ|9|192|6|0|Es hätten Mich gern einige gefragt, was solch eine noch nie erlebte vollkommenste Ruhe in der Natur wohl zu bedeuten habe. Aber weil Ich allen Anwesenden ohne Ausnahme die vollste Ruhe geboten hatte, so getraute sich niemand, seinen Mund zu öffnen. Auch im Hause unten, wie auch in der großen Badeanstalt war alles völlig ruhig geworden, obschon da niemand wußte, was ihn zu solch völlig tatloser Ruhe bewogen hatte. Auch unser Raphael, der sich in Meiner Nähe befand, verhielt sich derart ruhig wie eine Bildsäule.
GEJ|9|192|7|0|Als es vollends dämmerlich zu werden begann und die Sterne nach und nach sichtbar wurden, da fingen in der ganz reinen und vollkommen ruhigen Luft an sich eine Menge bekannter, aber noch mehr unbekannter Gegenden, besonders am westlichen Himmel, zu zeigen. Man ersah, soweit das Auge reichte, die Küste des Mittelmeeres mit allen Ortschaften und Schiffen, und alle bemerkten, daß sich auch das große Mittelmeer in einer vollkommenen Ruhe befand. Ganz am westlichen Rande, wo die Sonne unterging, kam auch das getreue Bild der Sonne in einer sehr geröteten Färbung zum Vorschein, worüber sich alle Anwesenden bei sich höchlichst zu verwundern anfingen. Diese Erscheinungen wurden von Minute zu Minute lebhafter.
GEJ|9|192|8|0|Als sich die Anwesenden schon sattsam diese Erscheinungen besehen hatten, da sagte Ich zu den Jüngern: „Nun urteilet ihr über diese Erscheinung, die zu gewissen Zeiten besonders in Ägypten und im wüsten Arabien sehr häufig zum Vorschein kommt, oft auch am hellen Tage, und die Menschen zu allerlei Aberglauben verleitet!“
GEJ|9|192|9|0|Auf diese Meine Aufforderung sagten die Jünger: „Herr, es sind uns ähnliche Erscheinungen eben nicht völlig fremd; aber was sie so ganz eigentlich der vollen Wahrheit nach sind, und wie und warum sie entstehen, das hat, wie gar vieles andere, noch kein sterblicher Mensch ergründet.
GEJ|9|192|10|0|Hier hast offenbar Du sie entstehen lassen, um uns auch über derlei Dinge die rechte Auskunft zu erteilen, auf daß wir bei derlei Vorkommnissen nicht in der Irre sein sollten; doch wie sie sonst in ähnlicher Weise entstehen, das weißt nur Du und Raphael.
GEJ|9|192|11|0|Die Juden halten sie für prophetische Vorzeichen und für eine bedeutungsvolle und inhaltsschwere Zeichenschrift Jehovas, ähnlich der, die wir vor einiger Zeit auf dem Ölberge in der Nacht zu sehen bekamen.
GEJ|9|192|12|0|Für was sie aber die Heiden halten, davon haben wir noch wenig vernommen, da wir uns mit ihrer Götterlehre nie befaßt haben. Da wir aber nun mehrere völlig bekehrte Heiden unter uns haben, so wollen diese nun auch ihre Ansicht und ihren Glauben über derlei Erscheinungen zum besten geben.“
GEJ|9|192|13|0|Hier traten die am Morgen zuerst den allein wahren Gott suchenden und geheilten zwei Griechen vor Mich hin und sagten: „Herr und Meister! Die Fabel von der großen Hexe Morgana ist zu dumm, als daß wir es wagen könnten, sie hier wiederzugeben; denn wir selbst haben sie schon als Knaben verlacht, und so muß sie uns nun um so dümmer und lächerlicher erscheinen.
GEJ|9|192|14|0|Aber wir hatten auf unseren weiten Reisen nicht nur oftmals die Gelegenheit, solche Erscheinungen – wenn auch nicht immer in dieser Ausdehnung – zu beobachten, sondern auch mit ganz tüchtigen Naturforschern und Weltkundigen darüber zu sprechen, und darunter war einer, der nach unserer Meinung den Nagel so ziemlich auf den Kopf getroffen zu haben scheint.
GEJ|9|192|15|0|Dieser meinte, daß derlei Erscheinungen, so wie tausend andere, einen völlig natürlichen Grund haben und als sichere Vorboten von andern auf sie folgenden Erscheinungen zu betrachten und zu beachten sind, besonders für die Schiffer auf dem Meere und für die Karawanen durch große Sandwüsten. Da sie stets nur bei einer möglich größten Ruhe der auf der Erde lagernden Luft zum Vorschein kommen, so scheine es, als ob die ganze ruhige Luft in der Höhe der Wolkenregion gleich einer vollkommen ruhigen Wasserfläche abspiegelungsfähig würde, und wir bekämen dann von der hochstehenden und ruhigen Luftspiegelfläche von oft weiter Ferne sich da abspiegelnde Gegenden, Orte, Berge, Ströme und eine Menge uns unbekannter Dinge zu Gesichte. Werde aber die Luft – was auf derlei Erscheinungen unausbleiblich zu geschehen pflegt – unruhig, und fingen Winde zu wehen an, dann vergingen auch alsbald derlei Erscheinungen, weil durch die stets heftiger werdende Luftströmung die Luft ihre Ruhe und mit ihr auch die Abspiegelungsfähigkeit gänzlich verlöre.
GEJ|9|192|16|0|Ob nun diese Ansicht unseres Naturkundigen eine vollkommen wahre und richtige ist, das wissen wir nicht der vollen Wahrheit nach zu beurteilen; aber daß sie für den forschenden, helleren Menschenverstand noch als die allerwahrscheinlichste und begreifbarste erscheint, dessen sind wir völlig dadurch überzeugt, weil auf derlei Erscheinungen die Folgen stets sicher eintreffen.
GEJ|9|192|17|0|Zugleich haben wir bei solchen Erscheinungen auch oft das bemerkt, daß die Abbilder auf dem seienden Luftspiegel umgekehrt zu sehen sind, und das bestätigt die Ansicht unseres Naturkundigen noch mehr; denn die Abbilder auf einer vollständig ruhigen Wasserfläche sind ja auch allzeit in einer verkehrten Richtung zu sehen, – warum nicht auch auf einem Luftspiegel?
GEJ|9|192|18|0|Das wäre nun denn auch unsere Ansicht über derlei Erscheinungen. Wer da von uns Jüngern eine bessere besitzt, der wolle sie vor uns aussprechen!“
GEJ|9|193|1|1|193. — Die Gründe der geistigen Überlegenheit der Heiden
GEJ|9|193|1|0|Sagte einer aus der Zahl der bekannten Judgriechen aus Jerusalem, der ehedem ein Schriftgelehrter war: „Eure Ansicht über diese Sache, obschon dem Weltverstande so ziemlich annehmbar vorkommend, scheint mir denn doch ein wenig zu naturgemäß zu sein, da sie jedes geistigen Hintergrundes entbehrt.
GEJ|9|193|2|0|Wir sahen ja auch nicht nur Gegenden, Orte, Berge und das große Meer mit seinen vielen Schiffen, sondern auch die Sonne mit einigen Wölkchen, die um sie schwebten. War denn diese auch nur ein pures Abbild auf dem von euch recht wohlbeschriebenen Luftspiegel?“
GEJ|9|193|3|0|Sagte der eine der beiden Griechen: „Du scheinst ehedem, als der Geist, namens Raphael, uns die Erde, den Mond und die Sonne genau dargestellt hat und so auch alle die Verhältnisse dieser Weltkörper zueinander, eben nicht besonders aufmerksam gewesen zu sein. Vielleicht hast du bei seinen Erklärungen etwa auch einen zu geringen geistigen Hintergrund entdeckt?
GEJ|9|193|4|0|So der Untergang der Sonne, des Mondes und aller Sterne nur dadurch bewirkt wird, daß unsere Erde als eine große Kugel sich in etwa 24 Stunden und etwas darüber von Westen nach Osten um ihre Achse dreht, so muß ja die Sonne scheinbar auch stets tiefer unter unseren sichtbaren Horizont zu stehen kommen. Da aber der Luftspiegel sicher sehr hoch über unseres Westhorizontes Berge zu stehen kommt, so wird er die in solcher Höhe sicher noch um eine Stunde länger sichtbare Sonne als Abbild auf seiner Fläche ebensogut wiedergeben können wie alle andern tiefer liegenden Dinge. – Verstehet ihr solches?“
GEJ|9|193|5|0|Die Judgriechen sahen einander groß an, und der Schriftgelehrte sagte: „Es ist nahezu ärgerlich, daß uns die Heiden nicht nur physisch beherrschen, sondern auch geistig; denn sie überflügeln uns bei allen Gelegenheiten mit ihrem Verstande, mit ihren Kenntnissen und Wissenschaften und vielfachen Erfahrungen hoch, und wir können ihnen keine Gegenrede stellen, die so beschaffen wäre, daß sie uns dieselbe nicht widerlegen könnten.
GEJ|9|193|6|0|Zwar hat weder der Herr noch Raphael über diese Erscheinung eine Erklärung gegeben; aber, wie ich die Sache nun beurteile, so wird der Grieche ganz sicher recht haben!“
GEJ|9|193|7|0|Sagte nun Ich: „Da hast du einmal auch richtig geurteilt, so du dem Griechen sein Recht zuerkennest; denn er hat nach dem, was er selbst von einem helldenkenden Naturkundigen hier angeführt hat, diese Erscheinung ganz richtig beurteilt, und was nach ihr bald folgen wird nach seiner Anzeige, davon werden wir in ein paar Stunden den Beweis bekommen.
GEJ|9|193|8|0|Weißt du als ein Schriftgelehrter denn noch nicht, wie es in der Schrift also geschrieben steht: ,In jener Zeit wird den Juden die Macht und das Licht genommen und den Heiden gegeben werden.‘?
GEJ|9|193|9|0|Und sieh, auf Grund dessen herrschen nun die Heiden über euch und übertreffen euch an Verstand und allen Künsten, Kenntnissen und allerlei Wissenschaften himmelhoch und werden euch, so ihr nicht vollkommen in Meiner Lehre verbleiben und nach ihr leben und handeln werdet, noch mehr und über alle Maßen gänzlich übertreffen und in Staub zertreten das ganze, große Gelobte Land. Das schöne, große Jordantal mit seinen vielen Städten, Flecken und Dörfern wird zu einer Wüste werden, in der neben Dieben und Räubern wilde Tiere wohnen werden.
GEJ|9|193|10|0|Ich bin gekommen in diese Welt und als Selbstjude zu euch Juden, um euch zu retten aus jeglicher Not; zählet aber die Juden, die an Mich glauben, – wie klein und gering ist ihre Zahl gegen die, so Mich hassen und allenthalben verfolgen! Zählet aber nun die Heiden, die von nah und fern stets hierher kommen und mit vieler Freude Meine Lehre annehmen und Mich auch als Den, der Ich bin, bald und leicht anerkennen und Mich gleich über alles lieben!
GEJ|9|193|11|0|Und so liegt es ja auch handgreiflich vor euren Augen, wie und warum die Macht und das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben wird.
GEJ|9|193|12|0|Es wird zwar in der Folge das Licht auch unter den Heiden sehr getrübt und verfinstert werden. Sie werden sich wohl mit großem Pomp Meine Gesalbten nennen und hochpreisen lassen, aber in der Tat werden sie um vieles ärgere Heiden sein als nun die Römer, Griechen und andere Heiden von ganz Europa.
GEJ|9|193|13|0|Doch selbst unter solchen Heiden wird es stets eine Menge geben, die in Meiner Lehre verbleiben werden und sich von der Welt und ihren flüchtigen Reizen nicht blenden und verlocken lassen.
GEJ|9|193|14|0|Zählet aber nun die Juden, wie viele es etwa gibt, die sich von dem Mammon dieser Welt nicht haben verführen und verlocken lassen! In allen Städten Galiläas, Judäas, Palästinas, Kanaans und Samarias und noch anderer Landschaften werdet ihr nicht hundert finden, die von alters her die Wahrheit nach Moses und den Propheten im Herzen und in der Tat befolgt und bewahrt haben. Nur in dieser Zeit hat sich eine größere Anzahl durch Meine Lehre wieder zur alten Wahrheit zurückgewandt, und das zumeist nur aus der Klasse der Armen.
GEJ|9|193|15|0|Vergleiche Ich aber die große Zahl der bekehrten Heiden aus allen Teilen und Gegenden der Erde, so ist diese schon jetzt um tausend Male größer als die der Juden, unter denen Ich in diese Welt kam und nun unter ihnen als ein wahrstes und hellstes Licht umherwandle und sie allenthalben laut rufe, daß sie alle zu Mir kommen sollen.
GEJ|9|193|16|0|Wenn aber nun vor euren Augen und Ohren solches geschieht, wie verwundert ihr euch denn nun in eurem Gemüte geheim, so Ich sage der Wahrheit nach, daß die Macht und das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben werden wird, und daß es am Ende selbst unter den überaus verfinsterten Christheiden dennoch immer viele geben wird, die bei der Urwahrheit verbleiben werden und sich von der Welt nicht also betören lassen?“
GEJ|9|194|1|1|194. — Die Aufnahme der Offenbarungen bei den Juden
GEJ|9|194|1|0|(Der Herr:) „Ja, ja, es wird mit der Zeit wohl noch eine große Finsternis und Trübsal und Not über die Menschen kommen, wie sie zuvor noch niemals also von den Menschen erlebt worden ist; aber in dieser größten Finsternis werden gar viele das wahre Licht suchen und auch finden, und mit diesen werde Ich sein und Gericht halten über alle Menschen der Erde!
GEJ|9|194|2|0|Und so, wie unser Henoch-Raphael nun ein Zeuge ist von dem, was nun geschieht, ebenso werdet auch ihr in jener Zeit Zeugen sein, daß es also geschehen wird, wie Ich es euch nun zum voraus gesagt habe.
GEJ|9|194|3|0|Saget aber ja nicht in euren Herzen, daß es nicht fein sei, dem alten erwählten Volke Gottes die Macht und das Licht zu nehmen und es den Heiden zu geben!
GEJ|9|194|4|0|Ich sage es euch: Niemand nimmt es den Juden und gibt es den Heiden, sondern die Juden selbst stoßen mit dem zu ihnen gekommenen Lichte auch die Macht von sich. Und wenn die Heiden mit allem Eifer annehmen, was die Juden verwerfen und verstoßen, – bin da Ich es, der den Juden Licht und Macht wegnimmt und es den Heiden gibt, oder tun das nun nicht die blinden Juden selbst?
GEJ|9|194|5|0|Ich sage es euch: Es haben die Juden wohl noch die Schrift und halten aus ihr dem blinden Volke auch blinde Predigten von Selbstsucht und ehebrecherischer Unlauterkeit. In der Schrift stehen wohl noch die alten Wahrheiten verdeckt, sie werden aber weder vom Prediger, der kein inneres Licht hat, und noch weniger vom Volke dem Geiste der Wahrheit nach verstanden, und es führt also ein Blinder den andern, und kommen sie an eine Grube, so fallen beide hinein, und es kann keiner dem andern helfen.
GEJ|9|194|6|0|Was nützen demnach nun den Juden Moses und alle die Propheten? Die in ihnen enthaltenen Urwahrheiten sind für sie nicht einmal so viel wert, wie für euch die frühere Erscheinung irgendeinen reellen Wert haben konnte, da sie nur ein flüchtiges und zum größten Teil verkehrtes Luftspiegelabbild von tiefer liegenden Wirklichkeiten war.
GEJ|9|194|7|0|Solch ein ziemlich ähnliches Abbild von den tief liegenden Wahrheiten der Schrift erblicken auf Momente wohl auch noch dann und wann die gegenwärtigen Judenpriester; da aber ihr Herz und Gemüt von all den vielen Weltsorgwinden nur zu bald und zu leicht zerrissen wird, so wird auch der Herzens- und Gemütsspiegel zur Aufnahme für geistige Dinge und Wahrheiten aus der Sphäre des inneren Geistlebens zerrissen und zerstört, und sie können dann die in der Schrift verhüllten Wahrheiten nicht mehr erschauen und erkennen und werfen sich gleich allem Welttaumel in die Arme.
GEJ|9|194|8|0|Sie denken an die gehabten Lichtmomente gar nicht mehr und treiben sich in aller Schwelgerei wieder also weiter durch ihr ganzes Erdenleben fort; und ermahnt man sie, daß sie sich auf dem Wege des Verderbens befinden, so werden sie voll Ärgers, Zorns und verfolgen Den, Der zu ihnen voll Niedrigkeit, Liebe, Sanftmut, Geduld, Demut und voll Güte und Erbarmung gekommen ist.
GEJ|9|194|9|0|Wenn aber also – wie ihr euch selbst schon zu gar öfteren Malen habt überzeugen können –, bin Ich es dann, der solchen Juden die Macht und das Licht nimmt und sie den Heiden gibt, oder tun sie das nicht selbst?
GEJ|9|194|10|0|Wer da sucht, der findet; wer da kommt und bittet, dem wird's gegeben – und wäre er auch ein dreifacher Heide – und so da kommt ein Heide und pocht bei Mir an die Tür, so wird sie ihm aufgetan.
GEJ|9|194|11|0|Und so wird es werden, daß die alten Kinder des Lebenslichtes aus Gott durch ihr eigenes Tun und Treiben in die äußerste Weltfinsternis hinausgestoßen werden, wo sie dann den Wölfen und Schweinen gleich heulen und mit den Zähnen klappern werden; aber die Kinder der Welt, die Heiden nämlich, werden in Mein ewiges Lebensreich aufgenommen werden.
GEJ|9|194|12|0|Wie eine Mutterhenne ihre Küchlein lockt und sie unter ihren Flügeln zu verbergen und zu schützen strebt vor den Feinden, also habe Ich die Kinder Abrahams allzeit mit Meiner Vaterstimme gelockt und wollte sie versammeln unter Meinen Flügeln des Lichtes, der Wahrheit und des ewigen Lebens, und siehe, als Ich redete durch den Mund der Propheten, da sagten sie: ,Wir erkennen wohl aus der Sprache, daß das Jehovas Wort und Stimme ist; aber warum kommt Er nicht Selbst zu uns, wie Er einst zu Abraham, Isaak und Jakob gekommen ist, und redet mit uns, Seinen Kindern?‘
GEJ|9|194|13|0|Darauf geschahen Verheißungen über Verheißungen, daß Ich in dieser Zeit Selbst kommen werde mit aller Meiner Macht und Kraft und Mein ganzes ewiges Lebensreich mit Mir.
GEJ|9|194|14|0|Die geweissagte Zeit ist gekommen und Ich mit ihr, genau nach der Weissagung; warum nehmen sie Mich denn nicht an, warum erkennen sie Mich denn nicht, warum glauben sie nicht an Mich, da Ich doch vor ihren Augen zur Steuer der ewigen Wahrheit aller Weissagung von Meiner persönlichen Ankunft in diese Welt Zeichen wirke, die außer Mir und Meinem Willen niemandem möglich sind?
GEJ|9|194|15|0|Für alle Meine Liebe, Güte, Sanftmut, Demut, Geduld und Erbarmung hassen sie Mich und verfolgen Mich mit aller Hast und Wut!
GEJ|9|194|16|0|Sind das demnach die gepriesenen Kinder des Lichtes? Oh, mitnichten! Das sind nun Kinder der Hölle, und nicht Gott, sondern der Teufel ist ihr Vater.
GEJ|9|194|17|0|Ist es bei solchen Umständen denn von Mir unrecht, so Ich nun die Heiden zu Meinen Kindern mache und die Kinder des Teufels dahin verweise, wo das Reich ihres nunmaligen Vaters und Herrn ist?
GEJ|9|194|18|0|Sage Mir, du Schriftgelehrter, nun, ob Ich da unrecht handle, so Ich die zu argen Juden fahren lasse nach ihrem freien Willen und Ich den Heiden zukommen lasse Macht und Licht!“
GEJ|9|194|19|0|Hierauf sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, wer kann mit Dir rechten? Was Du sprichst, das ist ewig wahr, und was Du tust, ist ewig gut!
GEJ|9|194|20|0|Auch die Heiden stammen von Noah ab wie die Juden. So sie zu Dir nun wieder zurückkehren, so ist das ihr Wohl und Glück, und Du stößest sie nicht von Dir, – und wer sollte da sagen können, daß es nicht recht wäre, so Du sie annimmst anstatt der Kinder des Lichtes, die Dich als Den nicht anerkennen und annehmen wollen, der Du vor uns aller Wahrheit nach bist?!
GEJ|9|194|21|0|O Herr und Meister, vergib mir die Dummheit meiner ehedem ausgesprochenen Worte! Mit Deiner Gnade werden wohl auch wir noch in allen Dingen Deines Reiches einmal vollends ins klare kommen.“
GEJ|9|194|22|0|Sagte Ich: „Das sollet ihr auch; aber verwundern müßt ihr euch selbst darüber, daß nun die Heiden als Kinder der Welt in gar vielen Dingen und Stücken klüger sind denn ihr! – Aber nun nichts Weiteres mehr von dem!
GEJ|9|194|23|0|Die Erscheinung ist nun gänzlich vergangen, und es ist schon ziemlich dunkel geworden; wir wollen uns denn nun auch wieder hinab ins Haus begeben und ein schon bereitetes Abendmahl zu uns nehmen. Die Joppeer harren schon mit vieler Sehnsucht auf uns, und sie sollen auch Kunde von Meiner Gegenwart erhalten. Und so sie diese erhalten werden, da werden sie darob sicher eine größere Freude haben als die Juden zu Jerusalem, so Ich wieder zu ihnen kommen werde. Und so machen wir uns denn nun auf und begeben uns ins Haus hinab!“
GEJ|9|195|1|1|195. — Die Fischer aus Joppe werden vom Herrn zum Mahl geladen
GEJ|9|195|1|0|Hier kam auch ein Diener des Markus, und zwar derselbe, der uns zu Mittag die Einladung zum Mittagsmahle gebracht hatte. Diesen belobte Ich wegen der guten und klugen Behandlung der armen und kranken Joppeer. Er dankte Mir für diese Belobung, und wir machten uns auf den Weg hinab.
GEJ|9|195|2|0|Wir erreichten auch bald das Haus und gingen sogleich in das Gastzimmer; denn es hatte von Westen her ein ziemlich starker Wind zu wehen angefangen, der auch den Joppeern zu arg ging, die sich im Freien, und zwar am Ufer des Sees, aufhielten und mit den anwesenden Schiffern unseres Kisjona Bekanntschaft machten, sich mit ihnen viel über Mich besprachen und von ihnen auch Andeutungen bekamen, daß Ich noch hier verweile und sie Mich zu Gesichte bekommen dürften.
GEJ|9|195|3|0|Als sie wahrnahmen, daß die gewissen Herren vom Berge herab ins Haus gekommen waren, da ging der bekannte Fischer, der geborene Cyperer, sogleich zum Hause hin und fragte einen Diener, ob auch sie ins Haus kommen dürften; denn der Wind am See draußen im Freien werde stets heftiger, kühler und unangenehmer.
GEJ|9|195|4|0|Und der Diener sagte: „Gehe du hinein und rede mit dem Herrn Selbst; Er wird dir schon den rechten Bescheid erteilen.“
GEJ|9|195|5|0|Sagte der Fischer: „Freund, wie ich durch diese offene Tür bemerke, so sitzen viele am großen Speisetisch! Welcher von ihnen ist es wohl?“
GEJ|9|195|6|0|Sagte der Diener: „Gehe du nur hinein und frage auch selbst nach dem Herrn, und du wirst es gleich erfahren, welcher unter den vielen der Herr ist!“
GEJ|9|195|7|0|Hierauf kam der Fischer mit einigem Bangen zu uns ins Speisezimmer, machte vor uns eine tiefe Verbeugung und sagte darauf mit einer entschlossenen Stimme: „Meine hochwertesten Freunde und Herren dieses Ortes, ich möchte in einer Angelegenheit mit dem eigentlichen Oberherrn dieses Ortes ein paar Wörtlein sprechen! Wollet ihr mir armem Joppeer denn nicht gütigst anzeigen, an welchen von euch ich mich wenden soll?“
GEJ|9|195|8|0|Sagte hierauf freundlichst unser Markus: „Ja, du mein Freund, der zeitliche Besitzer und Pfleger dieses Ortes wäre wohl ich; aber der eigentliche und allein wahre Herr und Meister über alles ist der Mann, hier zu meiner rechten Hand sitzend! Von Dem hängt alles ab, was du hier zu erreichen wünschest.“
GEJ|9|195|9|0|Auf diese Worte des Markus trat der Fischer in aller Ehrfurcht zu Mir hin, machte abermals eine tiefe Verbeugung und wollte mit gar zierlichen Worten mit Mir zu reden anfangen.
GEJ|9|195|10|0|Ich aber sagte zu ihm: „Ich weiß es schon, was du Mir sagen und vortragen möchtest. Sieh, dort in der andern Ecke dieses geräumigen Speisezimmers befindet sich noch ein großer Speisetisch und ist bereits mit Wein, Brot und anderen Speisen versehen! Gehe hinaus, führe deine Gefährten alle herein, besetzet den Tisch, und stärket euch mit Speise und Trank! Darauf wird es sich schon zeigen, was in dieser Nacht noch als ein Weiteres zu machen sein wird. Gehe nun und tue das, was Ich dir anbefohlen habe!“
GEJ|9|195|11|0|Hierauf machte der Fischer wieder eine tiefe Verbeugung voll Dankes in seinem Herzen und eilte hinaus zu seinen Gefährten, die schon mit der höchsten Sehnsucht auf seine Rückkehr harrten.
GEJ|9|195|12|0|Als er ihnen das mitteilte, was Ich zu ihm gesagt hatte, da entstand ein großer Jubel unter ihnen, und sie verließen alsbald das Ufer und begaben sich voll Dankes in das Zimmer, machten beim Eintreten tiefe Verbeugungen vor uns, setzten sich darauf sogleich an den für sie gedeckten Tisch und fingen nach der Absingung eines Psalmes recht wacker zu essen und zu trinken an und wurden bald sehr heiteren und fröhlichen Mutes.
GEJ|9|195|13|0|Auch an unserem Tische wurde alles lebhafter, und es fehlte nicht an allerlei Erzählungen von Meinen Taten und Lehren, auf welche die Joppeer stets aufmerksamer wurden und darum untereinander stets weniger Worte wechselten.
GEJ|9|195|14|0|Aus den Worten Meiner Jünger aber merkten die Joppeer bald, daß Ich unter denen sein dürfte.
GEJ|9|195|15|0|Und der Fischer wandte sich an einen Diener und sagte: „Freund, sage es uns doch gefälligst, welcher dort am Herrentische ist wohl der hier nun sicher anwesende große und heilige Meister aus Nazareth, von dem uns in Joppe zwei Seiner von Ihm ausgesandten Jünger gepredigt haben, daß in Ihm wohne die Fülle des Geistes Gottes körperlich und darum alles Seinem Willen gehorche! Wer an Ihn glaube und nach Seiner Lehre lebe und handle, der werde von Ihm das ewige Leben überkommen und in das Himmelreich aufgenommen werden!“
GEJ|9|195|16|0|Sagte der Diener: „Wie fragst du mich darum? Siehe, wir alle haben von unserem Dienstherrn ein Gebot, den Heiligen aus Nazareth vor keinem Gaste ruchbar zu machen, und wir müssen das Gebot halten. Gehe aber hin, und rede mit Dem, der euch hereinkommen hieß auf deine Bitte; Der wird dir die Wahrheit verkünden!“
GEJ|9|195|17|0|Sagte der Fischer und mit ihm mehrere seiner Gefährten: „O Freund, wir danken dir für deine uns gespendeten Worte! Uns ist nun schon alles klar; eben Der, an den wir uns wenden sollten, um die Wahrheit zu vernehmen, ist der Heilige aus Nazareth Selbst! Wir begreifen nun, warum dein alter Dienstherr Ihn uns als den eigentlichen und wahren Herrn über alles angezeigt hat. Darum Ihm allein alle Ehre, alles Lob und alle unsere Liebe und Anbetung!“
GEJ|9|195|18|0|Hierauf sagte der Diener: „So bleibet denn bei dem, was euch euer Geist eingegeben hat!“
GEJ|9|195|19|0|Darauf ging der Diener weiter seinem Geschäft nach, der Fischer aber sagte zu seinen Gefährten: „Freunde und Brüder, da wir nun wohl wissen, daß eben Der der Heilige aus Nazareth es ist, den mir der Inhaber dieser Anstalt als den eigentlichen, wahren Herrn über alles anzeigte, und der uns hereinkommen hieß und uns an diesen Tisch behieß, an dem wir uns nun wohl gesättigt und erquickt haben, so ist auch nur Er es, Dem allein wir nun schon zum zweiten Male unsere vollkommene Heilung von unsern Übeln zu verdanken haben!
GEJ|9|195|20|0|Es ist nun hoch an der Zeit, daß wir Ihm, da wir das unschätzbare Glück hatten, Ihn erstens hier persönlich gegenwärtig seiend zu treffen, und nun auch zu erkennen, nun denn auch mündlich unsern Dank, wie wir ihn in unseren Herzen lebendigst empfinden, darbringen und Ihn dann aber bitten, daß Er uns auch in der Folge bis ans Ende unseres Lebens mit Seiner allmächtigen Gnade und Liebe nicht verlassen möchte; denn all unser Heil hängt von nun an nur von Ihm ab.“
GEJ|9|195|21|0|Mit diesem Vortrage des Fischers waren alle vollkommenst einverstanden, erhoben sich von ihren Sitzen und schickten sich an, vor Mich hinzutreten, um Mir mündlich ihren Dank vorzutragen und dann Mich um das zu bitten, was der Fischer ihnen vorgetragen hatte.
GEJ|9|195|22|0|Ich aber kam ihnen zuvor, erhob Mich von Meinem Sitze, ging zu ihnen hin und sagte zu ihnen: „Seid nun ruhig, Meine Kinder und Freunde, der Dank und die Bitte in euren Herzen genügen Mir, und durch euren Glauben an Mich und durch eure Liebe zu Mir und also auch zu euren Nächsten soll bei Mir für ewig hin auch eure Bitte die vollste Gewährung finden. Setzet euch nun nur wieder an eure Plätze, und seid voll frohen Herzens!
GEJ|9|195|23|0|Es wird sich aber noch vor Mitternacht so manches zu eurer tieferen Belehrung zutragen, was ihr mit vieler Aufmerksamkeit für euch und für viele eurer blinden Brüder treu behalten und bewahren sollet; denn auch ihr könnet in der Folge Verbreiter Meines Namens und Meiner Lehre werden und sein.“
GEJ|9|195|24|0|Hierauf begab Ich Mich wieder auf Meinen Platz, und die Joppeer dankten Mir aus voller Brust nach und konnten Mich nicht genug rühmen und loben darum, daß Ich Selbst an ihren Tisch gekommen war und sie im größten Übermaße getröstet hatte.
GEJ|9|195|25|0|Markus aber gebot den Dienern, noch mehr Brot und Wein an den Tisch der Joppeer zu bringen, was denn auch sogleich geschah, und diese nahmen denn auch von Zeit zu Zeit etwas Wein und Brot zu sich und horchten stets mit der größten Aufmerksamkeit auf alles, was an unserem Tische besprochen wurde.
GEJ|9|195|26|0|Mit der Weile erkannten sie auch die an unserem Tische sich befindende Maria aus den Gesprächen der Jünger als die Mutter Meines Leibes und priesen sie unter sich als die glücklichste aller Mütter auf der ganzen Erde.
GEJ|9|195|27|0|Da ging die Maria zu den Joppeern hin und sagte zu ihnen: „Liebe Freunde, preiset allein nur den Herrn, und tut nach Seinem Willen! Ich bin wohl die Mutter Seines Leibes nach Seinem ewigen Ratschluß; aber Er allein ist der Herr von Ewigkeit, und Ihm allein gehört denn auch alle Ehre, alles Lob und aller Preis in Ewigkeit! Ich für mich aber bin nur Seine Magd und lasse über mich allzeit walten Seinen Willen. Seid darum ruhig, und preiset nur den Herrn allein!“
GEJ|9|195|28|0|Auf diese Worte Marias wurden die Joppeer wieder ruhig, besprachen sich aber dennoch über das, wie diese Mutter schon von ihrer Geburt an überfromm müsse gewesen sein, daß sie solch einer unaussprechbar großen Gnade gewürdigt worden sei.
GEJ|9|196|1|1|196. — Der Sturm und seine Entsprechung
GEJ|9|196|1|0|Als sie sich in solcher Besprechung mehr und mehr erschöpft hatten, da vernahm man von außen her ein stets heftiger werdendes Toben des Windes, und es kamen zwei Schiffer des Kisjona zu uns und fragten, was sie bei solch einem Sturme tun sollten; denn das Meer treibe unerhört mächtige Wogen an das Ufer und drohe sogar – so es noch ärger werde mit dem Sturmwind, der nun plötzlich von Osten her zu wehen begonnen hatte –, sein Gewässer bis in dieses Haus zu treiben. Sie hätten die Schiffe wohl dreifach stärker denn ehedem am Ufer befestigt, hätten sich auch gläubig an Mich gewandt und um Abhilfe gebeten, aber der Sturm werde dennoch immer heftiger.
GEJ|9|196|2|0|Hier bat Mich Kisjona, daß Ich dem Sturme, über den Ich auch der einzige und alleinige Herr und Gebieter sei, gebieten möchte, daß er minder heftig werde und den vielen Uferbewohnern nicht einen zu empfindlichen Schaden zufüge.
GEJ|9|196|3|0|Sagte Ich: „Ich bin wahrlich wohl auch der Herr des Sturmes, und er würde nun nicht also gewaltig wehen, so eben Ich es nicht also haben wollte; warum aber eben Ich das so haben will, das wird euch in einer Stunde schon noch ganz klar werden!
GEJ|9|196|4|0|Laß darum den Sturm nur immerhin seine Pflicht und Schuldigkeit tun; er wird deinen Schiffen keinen Schaden zufügen, und deine Schiffer sollen keine Furcht vor ihm haben, so er auch noch heftiger wird. Des Sees Wasser wird er dennoch nicht weiter als jetzt über die Ufer treiben. Laß aber den Schiffern etwas Brot und Wein geben, und sie werden dann schon mutiger dem Sturm ins Antlitz schauen, als das nun der Fall ist!“
GEJ|9|196|5|0|Das geschah denn auch alsbald, und die beiden Schiffer bekamen etliche Krüge Wein und ebenso auch etliche Laibe Brot und trugen es zu ihren Gefährten, die sich in der am Ufer erbauten Schifferhütte befanden. Als diese eine solche Labung vor sich hatten, da machten sie sich aus dem Sturm auch nicht mehr gar so viel.
GEJ|9|196|6|0|Es fragten sich untereinander alle die Anwesenden, was etwa doch dieser Sturm zu bedeuten habe, und was er bewirken werde.
GEJ|9|196|7|0|Unser Philopold wandte sich sogar an den ganz ruhig am Tische sitzenden Raphael.
GEJ|9|196|8|0|Dieser aber sagte (Raphael): „Freund, so es des Herrn Wille wäre, würde ich es dir wohl sagen; aber das ist nun noch nicht Sein Wille, und so kann ich jetzt deinem Wunsche auch noch nicht entsprechen! In ein paar Stunden Zeit aber wird sich diese Sache vor euren Augen schon von selbst aufzuhellen anfangen.
GEJ|9|196|9|0|Es hatte aber der Grieche bei seiner ganz richtigen Erklärung der Luftspiegelung auf dem Berge ja ohnehin beigesetzt, daß nach derlei seltenen Erscheinungen, die stets einer großen Ruhe der Luft bedürfen, stets und bald bedeutende Stürme sowohl in der Luft als auch im Wasser folgen, – und siehe, er hat da in weltnatürlicher Hinsicht auch vollkommen recht geurteilt, weil er das schon mehrere Male erfahren hat.
GEJ|9|196|10|0|Warum aber urgründlich der Herr derlei Erscheinungen werden und kommen läßt, das ist freilich eine ganz andere Frage, die ich dir aus dem schon gesagten Grunde noch nicht beantworten kann und darf.
GEJ|9|196|11|0|Siehe aber an das Gemüt eines Menschen, das oft in eine völlig sorglose Ruhe versinkt, bei der sich der Mensch ganz glücklich und selig fühlt! Aber je ruhiger, sorgloser, glücklicher und seliger sich ein Mensch irgend eine kurze Zeit lang gefühlt hat, desto stürmischer wird es darauf bald in seinem Gemüte zu werden anfangen, wenn dasselbe anfänglich nur ein wenig durch irgend etwas Unbehagliches in seiner süßen Ruhe gestört worden ist.
GEJ|9|196|12|0|Ein Mensch aber, dessen Gemüt stets mit allerlei Stürmen zu kämpfen hat, macht sich aus abermaligen irgend neu auftauchenden Stürmen wenig und behält leichter seine Fassung und bei allen Vorkommnissen die nötige Ruhe.
GEJ|9|196|13|0|Wäre es heute den ganzen Tag, vom Morgen angefangen bis zum vollen Abend hin, in der ganzen Natur etwas unruhiger hergegangen, als das der besonders naturruhige Fall war, so hätten Kisjonas Schiffer auch keine solche Angst vor den hochgehenden Wogen bekommen. Diese haben sie nun aus ihrer vollen, ganztägigen Ruhe aufgeweckt, und sie wußten sich nicht mehr zu helfen. Jetzt aber ist ihr Gemüt schon mitstürmisch geworden, und sie haben darum nun auch schon beinahe gar keine Angst mehr vor den hochgehenden Wogen.
GEJ|9|196|14|0|Und siehe, Freund, das ist auch eine gute Lehre für alle jene, die sich gerne der gewissen süßen und sorglosen Trägheit ergeben! Wer stets tätig ist, dem genügt leicht eine kleine Ruhe zur Stärkung seines ganzen Wesens; und ist er gestärkt, so sehnt er sich gleich wieder nach der Tätigkeit und findet nur in ihr sein wahres Behagen.
GEJ|9|196|15|0|Wer aber die Tätigkeit scheut und sich nur in einer stets zunehmenden tätigkeitslosen Trägheit glücklich und selig fühlt gleich den vollgemästeten Pharisäern und andern reichen Müßiggängern, der wird in eine völlige Raserei verfallen, so seine ihn so selig stimmende Trägheit nur im geringsten irgend bedroht wird.
GEJ|9|196|16|0|Daher hat der Herr aber auf dieser Erde denn auch allerlei Wesen, Dinge und Erscheinungen verordnet, durch die die trägheitssüchtigen Menschen stets aus ihrer arbeitsscheuen Ruhe aufgerüttelt werden und sie auch erkennen müssen, daß erstens nicht sie – wie sich das die trägen Reichen oft nur zu gewaltig einbilden – die Herren der Welt und all der Wesen und Dinge auf und in ihr sind, sondern der gewisse Jemand Andere, den derlei Menschen freilich nicht kennen und von Ihm auch nicht irgend etwas Wahres erfahren wollen, wie ihr das an den vielen Pharisäern und andern Juden nur zu wohl beobachten könnet.
GEJ|9|196|17|0|Sehet, dieses von mir nun zu euch Gesagte ist einer größeren und tieferen Beachtung wert, als gleich zum voraus zu erfahren, was dieser Sturm zu bedeuten hat!“
GEJ|9|197|1|1|197. — Über die Anwesenheit der Engel bei den Menschen
GEJ|9|197|1|0|Diese gar triftige Rede und Belehrung Raphaels hatten auch die Joppeer mit der größten Aufmerksamkeit angehört, und sie verwunderten sich hoch über des scheinbaren Jünglings Weisheit.
GEJ|9|197|2|0|„Wer muß denn dieser gar herrlich aussehende Jüngling sein?“ fragten einige von ihnen.
GEJ|9|197|3|0|Der Fischer aber sagte: „Wie möget ihr noch also fragen? Hatten nicht die beiden Jünger in Joppe uns genau erzählt, wie sich in der Gesellschaft des Herrn auch ein Jüngling befindet, allen Menschen sichtbar, der nach dem Willen des Herrn große Zeichen und Wundertaten wirkt und den Menschen auch überweise Lehren gibt?
GEJ|9|197|4|0|Dieser Jüngling sei ein Engel, der dem Herrn zu Diensten steht, auf daß die Schrift auch in diesem Punkte erfüllt werde, wo es heiße: ,In jener Zeit aber werdet ihr sehen, wie die Engel Gottes aus den Himmeln zur Erde niedersteigen und dem Herrn und den Menschen dienen werden.‘ Seht, meine lieben Freunde und Gefährten, das haben uns die beiden Jünger treulichst erzählt, und wir überzeugen uns nun persönlich von der Wahrheit dessen vollkommen, was uns die beiden Jünger erzählt haben!
GEJ|9|197|5|0|Es hat dieser Jüngling zwar vor unsern Augen noch kein Zeichen gewirkt, allein wir bedürfen dessen auch nicht, da uns die sehr weise Lehre, die er den etwas zu neugierigen Jüngern und Freunden am Tische des Herrn gegeben hat, genügt, um aus ihr zu erkennen, daß ein Jüngling, aus dessen Munde so viel Wahres und Weises hervorkommen kann, kein gewöhnlicher Mensch, sondern ein gar hoher Geist sein muß. – Kennet ihr euch nun aus, was es mit jenem Jünglinge für eine Bewandtnis hat?“
GEJ|9|197|6|0|Sagten alle: „Ja, Freund, du hast völlig recht; also und nicht anders ist es, und wir danken dir, daß du unserem Gedächtnis zu Hilfe gekommen bist! Die beiden Jünger haben uns so vieles erzählt, daß wir des Jünglings nun gar nicht mehr gedachten; aber nun ist uns schon alles wieder klar.“
GEJ|9|197|7|0|Darauf erhob sich unser Raphael und ging an den Tisch der Joppeer hin, worüber diese in eine kleine Verlegenheit gerieten.
GEJ|9|197|8|0|Er aber beruhigte sie alsbald, indem er mit freundlicher Stimme zu ihnen sagte (Raphael): „Entsetzt euch darum ja nicht vor mir, weil ich auf eure Besprechung über mich nach dem Willen des Herrn zu euch herübergekommen bin; denn wo sich da irgend wahre Freunde des Herrn über das besprechen, was des Geistes der ewigen Liebe und Wahrheit ist, da sind auch stets die Engel des Herrn scharenweise um sie versammelt.
GEJ|9|197|9|0|Ich bin nun wahrlich nicht der einzige, der sich in eurer Nähe befindet, sondern noch gar viele meinesgleichen sind hier. Machet eure Augen nur ein wenig weiter auf, und ihr werdet auf die gnädige Zulassung des Herrn es selbst sehen!“
GEJ|9|197|10|0|Hierauf wurde den Joppeern auf einige Augenblicke die innere Sehe eröffnet und sie erschauten wie in einem Lichtmeere zahllose Scharen von vollkommenen Geistern, und es ertönte von diesen Scharen der Engel Gottes eine mächtige Stimme wie aus einem Munde: „Glücklich, wer den Herrn, so er Ihn erkannt hat, über alles liebt und nach Seinem Worte treu handelt und lebt; denn der ist schon in seinem Fleische uns gleich, und wir sind allzeit bereit, ihm zu dienen in aller Bruderliebe!“
GEJ|9|197|11|0|Hierauf ward den über alles erstaunten Joppeern das Gesicht wieder benommen, da sie es vor zu großer Wonne im Fleische nicht länger hätten ertragen können.
GEJ|9|197|12|0|Als sie die Engel nicht mehr sahen, da sagte der Fischer: „O Freund! War das Wirklichkeit oder nur so eine Art Traum, bewirkt durch deine unbeschreibliche Schönheit? Denn noch nie habe ich eine so reizend schönste Menschengestalt gesehen, wie da ist die deine, die denen glich, die ich nun im Lichte der Himmel auf einige Augenblicke geschaut habe.“
GEJ|9|197|13|0|Sagte Raphael: „Freunde des Herrn, das war kein Traum, sondern die nackteste Wahrheit, dessen ihr ganz versichert sein könnet! So ihr durch euren Glauben und ganz besonders durch die reine Liebe zum Herrn selbst im Geiste vollendeter werdet, dann auch werdet ihr das, was ihr nun geschaut habt, auch fortwährend in einem höheren Licht- und Lebensgrade gar oft und auf eine längere Zeit schauen können; für jetzt aber begnüget euch mit dem, was ihr gesehen und vernommen habt!“
GEJ|9|197|14|0|Sagte darauf der Fischer: „O du herrlicher Freund aus den Himmeln Gottes! Der Mensch lebt zwar schon von der Geburt an unter lauter Wundern, und er selbst ist sich noch eines der größten Wunder; aber weil die zahllos vielen Wunder ihn bleibend umgeben, so hat er sich an sie gewöhnt, achtet ihrer wenig und denkt noch weniger über sie nach, was sie sind und warum, und wer Der ist, der sie stets teils von neuem ins Dasein ruft und andere wieder länger, und wieder andere wie für ewig hin erhält, wie die Erde, ihre Länder, Berge und Ströme, Seen, Meere, den Mond, die Sonne und all die zahllosen Sterne.
GEJ|9|197|15|0|Aber wenn da neue Zeichen und Wunder, wie das jetzt bei der wundervollsten Gegenwart des Herrn der Fall ist, vor den Augen der Menschen geschehen, da bekommen freilich auch die schon altbestehenden Wunderwerke des Herrn als das, was sie sind, wieder den rechten Wert, und die geweckten Menschen achten ihrer und loben und preisen den ewig großen Schöpfer solcher zahllos vielen Wunderwerke. Wir selbst schauen schon jetzt die ganze Natur mit ganz andern Augen an, als das je zuvor einmal der Fall war.
GEJ|9|197|16|0|Heute abend ersahen wir einmal wieder die uns schon bekannten Lufterscheinungen, die wir mit dem Namen Fata Morgana bezeichnen. Wir verstehen freilich nicht, wie und warum solche entstehen. Aber daß auf sie bald Stürme folgen, das wissen wir aus der Erfahrung, und wir hielten sie bis jetzt für Mahnungen des Himmels, daß man sich bei ihrem Erscheinen in Sicherheit begeben soll. Es werden aber solche Erscheinungen sicher auch noch einen andern und tieferen Grund haben. So es für uns not tut, wird der Herr uns auch darüber ein Licht zukommen lassen; und tut es nicht not, so sind wir auch nicht lüstern darauf, – denn von nun an walte über uns nur der Wille des Herrn! Wir danken dir für den Besuch.“
GEJ|9|197|17|0|Hierauf sagte Raphael: „Meine lieben Freunde und Brüder im Herrn, der unser aller Schöpfer und Vater ist von Ewigkeit, ich habe mit euch noch mehreres zu verhandeln, da es sich nun darum handelt, daß der alte, höchst blinde und dumme Aberglaube vollends verschwinde.
GEJ|9|197|18|0|Ihr kennet weder die Erde und noch weniger den Mond, die Sonne und all die andern Sterne. Ich bin darum zu euch herübergekommen, um euch darüber und noch über gar manches andere ein rechtes und wahrstes Licht zu erteilen; denn so jemand in den Dingen und Erscheinungen in der Naturwelt im Falschen steht, so kann er tiefere, geistige Dinge unmöglich je vollkommen fassen und begreifen. Da ihr aber nun auch berufen seid, das Wort und das Lebenslicht an andere Menschen zu übertragen, so will ich euch in die Geheimnisse der sichtbaren Naturwelt einweihen.“
GEJ|9|197|19|0|Über diesen Antrag Raphaels waren die Joppeer über die Maßen froh, und er stellte ihnen des leichteren und schnelleren Begreifens wegen, wie er das auch bei anderer Gelegenheit getan hatte, alles plastisch vor, worüber es am Verwundern und Überverwundern keinen Mangel hatte, und erklärte ihnen mit wenigen Worten alles auf das handgreiflichste. In einer Stunde begriffen die Joppeer alles und lobten Meine Weisheit.
GEJ|9|198|1|1|198. — Der Untergang der herodianischen Sendlinge
GEJ|9|198|1|0|Nach solchem Unterricht kehrte Raphael wieder zu uns zurück, und nun kam es zur Erklärung des noch fortwährenden Sturmes.
GEJ|9|198|2|0|In Tiberias hielten sich viele Herodianer auf, die den Auftrag hatten, auf Mich und Meine Jünger zu fahnden, so sie irgend Meinen Aufenthalt erführen, – und diesen erfuhren sie durch jene heimgekehrten Schiffer, die um die Mittagszeit die Joppeer zu Markus gebracht hatten. Sie hatten darum mehrere Schiffe bemannt und sie gen Abend von Tiberias zu Markus abfahren lassen, um Meiner habhaft zu werden. Es hat aber das Galiläische Meer von der mehr heidnischen denn jüdischen Stadt Tiberias bis an den Ort des Markus sehr steile und felsige Ufer, und man hat zwischen den beiden obbenannten Orten, die doch ziemlich weit voneinander entfernt sind, zur Not kaum drei Plätze, an denen die Fischer mit ihren Booten landen können.
GEJ|9|198|3|0|Daß es den etlichen größeren Schiffen, die mit Herodianern gegen Abend von Tiberias ausgefahren waren, um Meiner habhaft zu werden, bei dem Sturme schlecht erging, kann sich ein jeder leicht von selbst denken; denn gleich bei ihrer Abfahrt von Tiberias ging ein äußerst heftiger Nordwestwind und trieb die Schiffe mit unwiderstehlicher Gewalt an die Ostküste hin, wo sie beim gewaltigen Anprall schon ziemlich beschädigt wurden.
GEJ|9|198|4|0|Die Schiffer hatten nun zu tun, um einige zerbrochene Ruder in einen doch halbwegs brauchbaren Zustand zu setzen, erklärten aber den Herodianern zugleich, in dieser Nacht – so der Wind nicht umschlüge oder sich gänzlich lege, dieses Ufer um keinen Preis mehr zu verlassen.
GEJ|9|198|5|0|So aber die Herodianer selbst ihr Leben wagen wollten, da sollten sie selbst drei der besten Schiffe besteigen, die Ruder selbst in die Hand nehmen und versuchen, ans jenseitige Ufer dem Bade, das sich gut bei drei Stunden Entfernung bei gutem Winde befindet, zuzusteuern. Dazu aber zeigten die Herodianer eben auch keine Lust.
GEJ|9|198|6|0|Als aber bald darauf der Nordwest- in den Ostwind umschlug, da sagten die Herodianer: „Nun, ihr mutlosen Schiffer, der Wind hat sich günstig gewendet! Getraut ihr euch auch jetzt nicht, dem jenseitigen Ufer zuzusteuern?“
GEJ|9|198|7|0|Sagten die Schiffer: „Am Tage, wo man die Gefahren sieht, wäre mit diesem Winde leicht nach dem Bade am jenseitigen Ufer zu steuern; aber in der Nacht ist das trotz der günstigen Wendung des Windes ein Wagstück, und man kann da sehr arg mitgenommen werden. Zudem ist dem Ostwind, so er am Abend ersteht, nicht zu trauen, ob er nicht in einen Orkan übergeht; und dann wehe dem, der sich bei seinem Walten auf dem Wasser befindet!“
GEJ|9|198|8|0|Die Schiffer befestigten ein paar Schiffe für sich am Ufer und sagten zu den Herodianern: „Da stehen die andern und besseren Schiffe zu eurer Benutzung! Fahret nur selbst, wohin ihr Mut und Lust habt; wir greifen in dieser Nacht an kein Ruder mehr! Die euch hier abgetretenen Schiffe sind ein Eigentum der Stadt; so sie mit euch zugrunde gehen, so mag sie Herodes den Bürgern vergüten. Diese zwei Schiffe aber sind unser Eigentum, und wir werden sie keiner weiteren Gefahr aussetzen, und uns selbst noch weniger.
GEJ|9|198|9|0|Zudem wissen wir von allen Seiten her, daß noch alle, die nach dem Nazaräer gefahndet haben, schlecht zu Teile gekommen sind, – und wer weiß es, ob er, der im Bunde mit allen geheimen Mächten und Kräften stehen soll, nicht genau schon um euer Vorhaben weiß und uns den Weg nach dem Bade, wo er sich nun nach der Meinung derer, die wir heute nach dem Bade gebracht haben, etwa aufhalten dürfte – was da sein, aber auch nicht sein kann –, schon ganz vollkommen vereitelt hat, was wir euch schon auch in Tiberias bemerkt haben, und ihr uns darum verlachtet. Und nun stehen wir da und können nicht weiter!“
GEJ|9|198|10|0|Darauf sagte ein Oberster der Herodianer: „Lassen wir doch diese beiden Feiglinge hier sitzen! Es ist eine mondhelle Nacht, und der Wind ist günstig; bei seiner Kraft sind wir in einer Stunde am jenseitigen Ufer, und wir werden im Badeort bald erfahren, wo sich der Nazaräer mit seinen Anhängern aufhält.“
GEJ|9|198|11|0|Hierauf bestiegen sie die fünf Schiffe, die ein Eigentum der Stadt waren, und griffen ganz kräftig an die Ruder. Als sie aus dem Moosicht (Sumpf) in das freie und offene Meer gelangten, da ging der schon früher heftig wehende Ostwind sogleich in den stärksten Orkan über; dieser wühlte das Wasser bald zu berghohen Wogen auf.
GEJ|9|198|12|0|Da sagten am sicheren Ufer die Schiffer: „Oh, da müßte es wunderbar zugehen, so nur eines dieser fünf Schiffe das jenseitige Ufer erreichen wird. Recht geschieht den Narren, wenn sie alle zugrunde gehen! Möglich, daß das Schiff, das den Obersten trägt, weil es gut gezimmert und wohl gedeckt ist, am jenseitigen Ufer irgend scheitert; aber die vier offenen Schiffe versinken ohne Rettung!“
GEJ|9|198|13|0|Und also geschah es auch: Die vier offenen Schiffe mit hundertdreißig herodischen Kriegsknechten verschlang das Meer schon nach einer Viertelstunde Zeit; nur das Schiff des Obersten gelangte nach zwei Stunden Zeit zu uns herüber, und das nur darum, weil Ich es also haben wollte.
GEJ|9|199|1|1|199. — Die Rettung des Obersten
GEJ|9|199|1|0|Als sich eben dieses Schiff unserem Ufer, auf den Wogen wie auf- und niederspringend, zu zeigen begann, da sagte Ich zu den Anwesenden: „So von euch nun jemand ans Ufer gehen will, da wird er den Grund dieses Sturmes sehen, der sich darauf aber auch alsbald legen wird. Vier Schiffe mit hundertdreißig Kriegsknechten hat das Meer verschlungen; nur das eine gedeckte, das den Obersten mit seinen Untergebenen und zehn Kriegsknechten trägt, kommt hier an, und sie werden uns wahrlich nichts anhaben!“
GEJ|9|199|2|0|Als Ich dieses gesagt hatte, da erhoben sich mehrere Jünger, und namentlich die bei Mir seienden Jünger des Johannes, die sich ganz besonders für den Grund des Sturmes interessierten, eilten ans Ufer hinaus und sahen das Schiff schon ziemlich nahe an das Ufer heranschaukeln.
GEJ|9|199|3|0|Es dauerte nicht lange, so ward das Schiff mit einer hochgehenden Woge auch schon ziemlich unsanft an das Ufer geworfen, und die darin Seienden schrien um Hilfe.
GEJ|9|199|4|0|Da kamen des Kisjona Schiffsknechte mit einer Fackel aus ihrer Hütte, hingen das Schiff an einen festen Uferpfahl an und sagten dann zu den im Schiffe Seienden: „Heraus aufs Trockene steigen könnt ihr selbst, so es euch beliebt!“
GEJ|9|199|5|0|Da fragte der Oberste, sagend: „Oh, der arge Sturm hat uns ganz wirr gemacht! Sagt uns doch, wo wir nun sind, und ob sich hier über die Nacht für uns eine Herberge finden läßt; denn im Schiffe, das trotz seiner dichten und guten Deckung denn doch Wasser in seinen inneren Raum bekommen hat, läßt sich nicht eher übernachten, bis es am Tage völlig ausgetrocknet sein wird!“
GEJ|9|199|6|0|Sagte ein erster Schiffer des Kisjona: „Fürs erste seid ihr im Badeorte des alten Römers Markus; was aber die Nachtherberge betrifft, da ist er selbst der Herr! Wir sind selbst nicht hier zu Hause und kennen die Ordnung dieses Hauses nicht.“
GEJ|9|199|7|0|Darauf sagte der Oberste: „Sind denn keine heimischen Diener anwesend?“
GEJ|9|199|8|0|Da sagte ein auch schon anwesender Diener des Markus: „Ihr müsset euch zuvor ausweisen, von woher ihr kommt, wer ihr seid, und was der Zweck eurer Reise hierher ist; oder geht eure Reise am Morgen wieder wo anderorts hin? Wollet oder könnet ihr euch darüber nicht ausweisen, so könnet ihr in eurem Schiffe, so naß es inwendig auch ist, verweilen die ganze Nacht hindurch; und daß von euch nicht jemand aus dem Schiffe komme, dafür werden schon unsere römischen Nachtwachen Sorge tragen!“
GEJ|9|199|9|0|Sagte der Oberste: „So höre, du ziemlich roher Diener deines Herrn! Ich bin ein herodischer Oberster und habe mehrere Unterdiener und zehn Kriegsknechte bei mir; wir kommen eigentlich von Jerusalem, doch zunächst von der Stadt Tiberias her, und der Zweck unserer Reise liegt in dem, daß wir dem Willen unseres Königs zu gehorchen haben.“
GEJ|9|199|10|0|Sagte der Diener: „Ich weiß es wohl, daß der stolze und habgierige Herodes auch diese Landschaft von Rom aus in Pacht hat; doch dieser Ort mit allem, was dazu gehört, bildet eine Ausnahme. Es ist eine für alle Zeit von Rom aus für sich bestehende Taverne, und Herodes hat hier weder etwas zu suchen und noch weniger etwas zu schaffen und zu gebieten, außer er will als ein Kranker zur Heilung seines Leibes für sein Geld das Bad benutzen, das ihm ebenso wie einem jeden andern Menschen zu Diensten steht. Im übrigen aber wird er hier gar nicht angehört, und es wird ihm sogar nicht gestattet, den Boden zu betreten. Wollte er das aber mit Gewalt tun, so würde man ihm mit Gewalt entgegenzutreten verstehen. Euer Gehorsam nach dem Willen eures Herrn und Gebieters geht uns demnach hier nichts an; wollet ihr aber hier durch unsern Ort etwa weiter in einen andern Ort, in dem euer Gebieter herrscht, ziehen, so werde ich unsere Wachen herbeirufen, die euch hier empfangen und über unseres Herrn Gebiet begleiten werden.“
GEJ|9|199|11|0|Sagte der Oberste: „Nein, mein Freund, dessen hat es hier nicht vonnöten; denn wir sind ja eigentlich des Bades wegen hierhergekommen und wären schon um etliche Stunden eher hierher gekommen, so wir nicht mit dem argen Sturme solch eine entsetzliche Not zu bestehen gehabt hätten. Daher nehmet uns nur auf, – wir werden euch keine Ungelegenheiten machen!“
GEJ|9|199|12|0|Sagte der Diener: „Führet ihr Kriegswaffen? So ihr welche führt, so müsset ihr sie zuvor hier zur Verwahrung bis zu eurer Weiterreise abliefern; denn hier dürfen nur Römer Waffen tragen!“
GEJ|9|199|13|0|Sagte der Oberste: „Waffen führen wir allerdings, weil wir dem Kriegerstande angehören; aber so schon hier in diesem Orte also ein Gesetz und eine Sitte besteht, da werden wir uns demselben nicht widersetzen. Ihr möget denn unsere Waffen in eure Verwahrung nehmen, aber dann wohl dafür sorgen, daß wir eine Nachtherberge bekommen!“
GEJ|9|199|14|0|Hierauf berief der Diener sogleich eine gehörige Anzahl wohlbewaffneter Nachtwächter, und als diese da waren, da sagte er zum Obersten: „Nun möget ihr schon ans Land steigen!“
GEJ|9|199|15|0|Da stiegen diese Herodianer denn auch alsbald ans Land, gaben ihre Waffen ab und wurden dann in eine neuerbaute Herbergshütte geführt, in der sich ein Tisch, eine rechte Anzahl Bänke und ebenso auch ganz brauchbare und reine Ruhebetten befanden. Und auf die Frage, ob sie auch etwas zu essen und zu trinken bekommen könnten, sagte der Diener: „Gegen sogleiche Bezahlung nurmehr Brot und Wein; von andern Speisen ist kein Vorrat mehr da!“
GEJ|9|199|16|0|Sagte der Oberste: „So bringet uns denn Brot und Wein in rechter Menge; denn wir alle sind nun voll Hungers und Durstes! Wegen der Bezahlung hat sich da niemand zu sorgen.“
GEJ|9|199|17|0|Da ward ein Licht in die Hütte gebracht und mit demselben auch eine rechte Menge Brot und Wein. Der Oberste bezahlte alles sogleich, worauf der Diener und seine Gehilfen die Hütte verließen und die Herodianer allein ließen, die sich übers Brot und über den Wein hermachten und ein bedeutendes Quantum in wenigen Augenblicken verzehrten.
GEJ|9|200|1|1|200. — Die Vorsätze des Obersten
GEJ|9|200|1|0|Als sich die Herodianer ganz allein fühlten, da sagte der Oberste mit sehr leiser Stimme zu seinen Untergebenen: „Höret! Daß sich morgen ja niemand auch nur mit einer Miene verrate, warum wir eigentlich die wahre Unglücks- und Narrenreise hierher unternommen haben, sondern ein jeder schütze eine Krankheit vor! Wir benutzen dann auf meine Rechnung, die dem Herodes teuer zu stehen kommen wird, ein paar Tage hindurch das Bad und empfehlen uns dann als völlig Geheilte am dritten Tage wieder. Ja, hätten wir die vier Schiffe mit den hundertdreißig tapfersten Kriegern nicht durch den heillosen Seesturm eingebüßt, da hätten wir mit dem Diener und sicher auch erstem Verwalter dieser Anstalt schon eine andere Sprache geführt; aber so sind wir als Schiffbrüchige hier ohne alle Macht und irgendwelche Herrlichkeit, und es heißt darum: schweigen wie eine Mauer von dem eigentlichen Zweck, zu dem wir hierher gekommen sind, – denn die geringste Enthüllung dessen würde uns hier in diesem rein römischen Nest die größten Ungelegenheiten bereiten!
GEJ|9|200|2|0|Die Schiffer aus Tiberias, die am jenseitigen Ufer vernünftigstermaßen geblieben sind, haben uns die reine Wahrheit gesagt; und wie sie es gesagt haben, so ist es uns auch ergangen. Und ich leiste euch nun den heiligsten Eid auf meinen Tod und auf mein Leben, daß ich mich nie mehr zur Fahndung auf den geheimnisvollsten Nazaräer werde gebrauchen lassen und würde mir dafür auch ein ganzes, großes Königtum zum Lohne geboten werden!
GEJ|9|200|3|0|Gegen Feinde, die man sieht und deren Stärke man berechnen kann, ist leicht zu kämpfen; aber gegen einen unsichtbaren Feind, dessen Macht, Kraft und Stärke niemand berechnen kann, soll unser blinder und dummer Herodes nur selbst kämpfen! Wir werden ihm keine Narren mehr abgeben.
GEJ|9|200|4|0|Der Nazaräer soll von uns aus sich zu einem zwölffachen Könige über alle Juden aufwerfen, und wir werden ihm nimmer entgegentreten! Weiser, besser und mächtiger ist er sicher denn unser ganz von Gold und Edelsteinen strotzender Herodes und seine Helfershelfer im Tempel. Das Volk lobt ihn allenthalben und hält hie und da freilich vielleicht zu große Stücke auf ihn; aber sei ihm nun schon, wie ihm wolle, – wir werden von nun an seine Feinde nimmerdar sein, noch je werden!
GEJ|9|200|5|0|Es ist freilich ewig schade für die hundertdreißig Kriegsknechte, die der herodianischen Dummheit zum schmählichen Opfer im Meere ihr Leben eingebüßt haben; aber im ganzen ist es vielleicht doch gut, daß es also gekommen ist. Denn wären wir mit ihnen hier gelandet und hätten auf diesem rein römischen Boden Gewalt zu gebrauchen angefangen, wer weiß, wie es uns erst dann ergangen wäre! Gut sicher in keinem Falle; denn es ist mir eben nicht unbekannt, daß selbst überaus hohe Römer im geheimen übergroße Stücke auf den Nazaräer halten. Kurz und gut, wir wissen nun, wie wir uns hier zu verhalten haben, auf daß wir ja bei niemandem über uns irgendeinen Verdacht wachrufen!
GEJ|9|200|6|0|Sind wir einmal wieder in Jerusalem, so werde schon ich dem Herodes eine Rechnung machen, über die er sich sicher über zehn Jahre lang hinter den Ohren kratzen und kneipen wird! Und würde er mir die Zahlung verweigern, dann trete ich sogleich in eine römische Legion und werde ihm dann als Römer zu erzählen anfangen, so unter vier Augen anfangs, was das sagen will, ohne alle Zustimmung Roms mit seinen Kriegern in ein römisches Gebiet exekutiv einzufallen. Und der alte Fuchs wird uns eher die teure Rechnung bezahlen, als sich von uns an die unerbittlichen Römer verraten lassen! Denn ich weiß es, daß er besonders bei dem Oberpfleger Cyrenius in keinem günstigen Lichte steht.
GEJ|9|200|7|0|Aber nun wäre es gut, so von uns jemand, bevor wir uns noch zur vollen Ruhe begeben, hinaus nachsehen ginge, wie wir etwa bewacht sind, was unser Schiff macht, und ob der Sturm noch forttobt!“
GEJ|9|200|8|0|Sagte einer, der ein Hauptmann war: „Das wäre schon alles recht gut; aber so einen irgendein Wachtmann dann fragt, was man nun im Freien wolle, was soll man ihm dann zur Antwort geben?“
GEJ|9|200|9|0|Sagte der Oberste: „Das ist doch leicht! Man rede die Wahrheit, und man kann ihm auch allenfalls noch bedeuten, daß man gewissen natürlichen Bedürfnissen eines Menschen nicht in einer reinen Herbergshütte schicklichermaßen abhelfen könne, und der Wachtmann wird dagegen sicher nichts einzuwenden haben!“
GEJ|9|201|1|1|201. — Der Herr kommt den Wünschen der Herodianer zuvor
GEJ|9|201|1|0|Darauf ging denn auch der Hauptmann selbst hinaus ins Freie und stieß auch gleich auf einen Wachtmann, der ihn alsogleich fragte, was er nun außerhalb der Hütte suche.
GEJ|9|201|2|0|Der Hauptmann sagte ihm den Grund auch gleich ganz offen, und der Wachtmann ließ ihn weiterhin unbeanstandet.
GEJ|9|201|3|0|Wie voll Staunens kehrte aber der Hauptmann wieder in die Hütte zurück; denn es hatte sich der ganze Sturm derart völlig gelegt, daß der See ganz spiegelruhig sich vor seinen Augen weithin verhielt und das Schiff am Ufer auch nicht die geringste Bewegung von irgendeiner kleinen Woge anzunehmen genötigt war.
GEJ|9|201|4|0|Auf diese Nachricht ward der Oberste ganz heiter gestimmt und sagte: „Es ist nun schade, daß wir keinen Wein und kein Brot mehr haben! Jetzt möchte ich noch ein paar Stunden lang wach bleiben und mit euch mich des Lebens freuen!“
GEJ|9|201|5|0|Sagte der Hauptmann: „Im Herrenhause, wie auch im großen Bade geht noch alles bunt durcheinander! Vielleicht ließe es sich durch unsern eben nicht unfreundlichen Wachtmann doch noch ermöglichen, daß wir noch mehr Brot und Wein gegen unsere sogleich bare Bezahlung erhielten?“
GEJ|9|201|6|0|Sagte der Oberste: „Mache den Versuch!“
GEJ|9|201|7|0|Als der Oberste in der Hütte den Wunsch noch kaum ausgesprochen hatte, da hatte im Hause auch schon Ich dem Markus bedeutet, daß er sogleich in die Hütte noch mehr Wein und Brot, aber von der besten Art, solle schaffen lassen, was denn auch alsogleich geschah; denn bei uns im Hause wurde alles das, was in der Hütte gesprochen und beraten wurde, von Raphael laut wiedergegeben, was eine rechte Heiterkeit erregte.
GEJ|9|201|8|0|Als der Hauptmann gerade schon im Zuge war, aus der Hütte zu treten, um mit dem Wachtmanne wegen noch mehr Brot und Wein zu verhandeln, da trat auch schon ein Diener mit mehreren Gehilfen in die Hütte und überbrachte ihnen doppelt soviel Brot denn das erste Mal und des Weines aber gut dreimal soviel, worüber der Oberste und alle die andern höchlichst erstaunten.
GEJ|9|201|9|0|Der Oberste wollte sogleich bezahlen, doch der Diener sagte: „Dafür ist auch am Morgen Zeit!“
GEJ|9|201|10|0|Darauf entfernte er sich mit seinen Gehilfen sogleich, und die in der Hütte wußten nicht, wie sie daran waren. Einer sah den andern groß an, aber keiner wußte sich zu bescheiden (erklären), durch wessen Veranlassung nun diese zweite und stärkere Sendung von Brot und Wein ins Werk gesetzt worden sei.
GEJ|9|201|11|0|Nach einer Weile Nachdenkens fing der Oberste also zu reden an: „Höret, die Sache fängt sich bei mir ein wenig aufzuklären an! Hier diese zwar recht wohl und fest aus Zedernholz erbaute Hütte hat sicher irgendeine geheime Öffnung, durch welche der Wachtmann die in ihr beherbergten Gäste belauschen kann, was sie miteinander reden. Käme etwas Ungerechtes vor, so würden sie am nächsten Tage ganz gewiß sich über ein jedes unbedachtsam ausgesprochene Wort vor einem Richter sehr strenge zu verantworten haben.
GEJ|9|201|12|0|Wir haben unsere erste Besprechung wohl so leise und kleinlaut gehalten, daß sie von dem Wachtmanne durchaus nicht gehört und auch nicht verstanden werden konnte, weil ich in althebräischer Sprache euch meine gute Meinung mitgeteilt habe; aber den Wunsch nach noch mehr Brot und Wein habe ich in griechischer Zunge ziemlich laut und wohlverständlich ausgesprochen, was der Wachtmann sicher vernommen hat. Dieser hat es sogleich einem Badediener unterbreitet, und der beeilte sich, damit er unserem Wunsche zuvorkäme, was denn auch der Fall war. Daß er uns nun sichtlich besser bedachte denn das erstemal, da wird der Grund etwa darin zu suchen sein: Der Badeherr wird unsere reichen Waffen in den rechten Augenschein genommen und ihren hohen Wert erkannt haben und sagte dann zum Diener, daß er uns sicher schon besser und reichlicher bewirten möge, da wir auch eine reichlichere und bessere Bewirtung zu bezahlen imstande sein würden. Also und nicht anders wird es gewesen sein, und wir brauchen uns darüber den Kopf nicht mehr zu zerbrechen.
GEJ|9|201|13|0|Essen und trinken wir nun auf das Wohl aller guten und wahrhaftigen Menschen und denken über unsere böse Geschichte gar nicht weiter nach! Jehova sei den Seelen der im Meere Ertrunkenen gnädig und barmherzig! Amen.“
GEJ|9|201|14|0|Nach dieser Rede des Obersten, die der Wachtmann wohl vernommen hatte, trat er in die Hütte und sagte mit einer ernstfreundlichen Miene: „Du, Oberster deiner kleinen Schar, also, wie du nun geurteilt hast – was ich wohl vernommen und verstanden habe –, verhält sich die Sache durchaus nicht! Denn ich habe keinen Diener beauftragt, daß er euch mehr Brot und Wein herbeischaffen solle, dessen ihr alle bei einem strengsten Eide aller Wahrheit nach vollkommen versichert sein könnet. Es muß dahinter schon ein ganz anderer Grund stecken.
GEJ|9|201|15|0|Machet euch weiter nichts daraus; denn wir leben hier in einer Gegend, in der die Wunder nichts Seltenes sind, daher dieser Badeort den Namen ,Wunderbad‘ erhalten hat; denn es sei seine Entstehung schon an und für sich eine rein wunderbare gewesen, und so ist auch seine Heilungskraft eine stets wahrlich wunderbare. Seid darum voll guter Dinge; denn dieser Ort ist ein Ort des Heils und nicht des Fluches und seines Gerichtes!“
GEJ|9|202|1|1|202. — Die Unterredung zwischen dem Hauptmann und dem Obersten
GEJ|9|202|1|0|Auf diese unvermutete Versicherung des Wachtmannes, der sich darauf gleich wieder aus der Hütte entfernte, waren unsere Herodianer einesteils sehr befriedigt worden, aber andernteils wurde das Gemüt besonders des Hauptmanns, der ein Grieche war, und ebenso des Obersten, der wohl ein Jude war, über die nach dem kaum ausgesprochenen Wunsche auch schon erfolgte Herbeischaffung von mehr Brot und Wein in eine große Unruhe versetzt.
GEJ|9|202|2|0|Und es sagte nun der Hauptmann: „Wunder, – Wunder sollen in diesem Orte sozusagen ganz an der Tagesordnung sein? Also muß hier eine Art Orakel bestehen, vor dem man nicht einmal mit seinen geheimsten Gedanken derart sicher sein kann, daß sie von irgendeinem Wundermanne einem, der sie gehabt hatte, gleich laut verkündet würden!
GEJ|9|202|3|0|Wenn also – was sehr wahrscheinlich zu sein scheint –, da wird man auch um unsere stille Besprechung wegen der von uns wohl zu beachtenden Klugheit von Wort zu Wort genau wissen, und es wird uns daher unsere einzuhaltende Vorsicht wenig nützen! Denn erkannten die im Herrenhause auf irgendeiner Zaubertafel sogleich unsern Brot- und Weinwunsch, so werden sie auch die erste Besprechung ebenso gut und genau vernommen und auch sehr wohl verstanden haben, und hätten wir sie auch in der altägyptischen Zunge gehalten.
GEJ|9|202|4|0|Das Beste ist dabei noch das, daß wir nichts Feindliches im Schilde geführt haben weder gegen den Nazaräer noch gegen irgendeinen Seiner Anhänger; was aber den Herodes betrifft, da werden sie sicher unserer Meinung sein. Kurz, morgen wird sich diese sonderbare Sache etwa wohl näher von selbst aufklären. Seien wir darum nach der Aussage des Wachtmannes nur guten Mutes; denn dieser Ort sei ja ein Ort des Heils und nicht des Fluches und seines Gerichtes!“
GEJ|9|202|5|0|Sagte darauf der Oberste: „Wenn sich diese Sache also verhält, wie du, Hauptmann, sie nun beurteilt hast, da wird es mit unserer politischen Badnahme auch schon zum voraus seine geweisten Wege haben, und man wird auch um die vier untergegangenen Schiffe, um die ertrunkenen hundertdreißig Kriegsknechte und um den wahren Zweck unserer Hierherkunft schon lange völlig im klaren sein. Wie werden wir uns entschuldigen, so man uns darob zur Rede stellen wird?
GEJ|9|202|6|0|Je mehr ich nun darüber ernstlich nachdenke, desto verwirrter wird es in meinem Gemüte, und es will mir darob weder das sehr gute Brot und ebensowenig der ausgezeichnete Wein so recht munden. – Was meinst denn du, Hauptmann, – was da ein anderer von euch, wie sich da am rätlichsten zu verhalten wäre?“
GEJ|9|202|7|0|Sagte ganz beherzt der Hauptmann: „Das finde ich wieder leichter; denn wissen diese Menschen um alles, so werden sie auch um das wissen, daß wir dem dummen und stolzen Herodes vorher sicher wohlbegründete Vorstellungen gegen seinen starren Willen gemacht haben, ehe wir uns demselben am Ende mit sichtlichem Widerwillen fügten. Haben wir unsere Aufgabe nicht ohnehin so saumselig betrieben, wie es nur immer möglich war? Wir hätten uns auf Kosten des Herodes noch ganz gut ein paar Wochen lang in Tiberias aufhalten können, wenn uns nicht die Fischer und Schiffer durch ihre Erzählung zum Aufbruch genötigt hätten. Denn erstens wollten die Tiberianer uns sicher schon sehr gern loswerden und haben uns durch ihre Erzählungen, die sie vielleicht möglich übertrieben haben, genötigt, unserer ihnen bekannten Pflicht nachzugehen. Und zweitens, so wir das nicht getan hätten, wer weiß es, ob sie nicht alsbald einen Boten an Herodes abgesandt hätten, der uns bei ihm möglichst schwarz gemacht hätte.
GEJ|9|202|8|0|Die Schiffer haben des starken Windes und der herannahenden Nacht wegen freilich unser rasches Unternehmen sicher mehr ihres als unseres Heils willen widerraten; aber wir mußten aus Furcht vor einem Verrat die Mutigen und rasch Handelnden spielen. Wir sind also nicht schuld an unserem Unternehmen, sondern zuerst Herodes und dann die Umstände, unter denen wir uns nun besonders in Tiberias befanden. Ich bin darum nun ganz heiteren Mutes und habe keine Angst vor den Herren und Richtern dieses Ortes, und wäre selbst der Nazaräer anwesend, was mir sogar sehr lieb wäre; denn Er soll ein sehr guter, gerechter und weiser Mann sein, wie ich das vom Volke schon oftmals vernommen habe, und mit solchen Menschen ist bei unserer stets antiherodianischen Gesinnung leicht reden. – Seid ihr alle damit nicht meiner Meinung?“
GEJ|9|202|9|0|Sie gaben dem Hauptmann recht und aßen und tranken darauf recht wohlgemut. Auch der Oberste ward heiterer.
GEJ|9|203|1|1|203. — Des Hauptmanns Wunsch und seine Erfüllung
GEJ|9|203|1|0|Als alle von dem Wein etwas mehr begeistert worden waren und mit allerlei ganz guten Reden über Mich und mit bösen Reden über den Herodes, den sie stets den bösen und dummen Antipas nannten, sich unterhalten hatten, da sagte der Oberste: „Wir sind hier nun alle wie Freunde und Brüder, die wenigen Kriegsknechte nicht ausgenommen, da auch sie ebensogut Menschen sind wie wir und das wahrlich herbe Los auf dem Meere mit uns geteilt und durch ihre angestrengte Tätigkeit zu unserer Rettung vieles beigetragen haben.
GEJ|9|203|2|0|Wir sind nun zwar – Jehova, dem Herrn, alles Lob und alle Ehre! – recht heiter und voll guten Mutes, und ich bin auch der Meinung, daß wir vor einem römischen Richter dieses Ortes ganz gut bestehen werden, – doch gar zu sehr sich von einer guten Hoffnung gefangennehmen zu lassen, scheint jetzt noch nicht so recht an der Zeit zu sein.
GEJ|9|203|3|0|Es wäre daher doch rätlich, so wir uns auch darüber noch näher besprächen, was wir dem Richter, vor den wir morgen sicher gestellt werden, auf seine über unser in dieser Gegend ohne römische Bewilligung immerhin ganz unbefugtes Unternehmen für Antworten geben werden; denn ich traue diesem heutnächtlichen Landfrieden wahrlich noch nicht so völlig trotz der guten Ansicht, die du, mein Freund (d.i. der Hauptmann), ehedem ausgesprochen hast.
GEJ|9|203|4|0|Mir kommt es immer vor, daß wir morgen einen nicht minder argen Sturm – wennschon nicht auf dem Meere – werden zu bestehen haben. Darum würde es uns nun gar nicht schaden, so wir mit noch so ziemlich klarer Vernunft uns darüber beraten möchten, wie wir uns aus dieser fatalen Lage helfen könnten.“
GEJ|9|203|5|0|Sagte der Hauptmann: „Aber, Freund, was kann uns hier eine solche Beratung und Besprechung nützen und helfen? Hast du denn das nicht tiefer beherzigt, daß es drüben im Herrenhause Menschen gibt, die auch unsere geheimsten Gedanken vielleicht schon eher wissen, als wir sie in uns noch gedacht haben?
GEJ|9|203|6|0|Siehe, Menschen, die man morgen vor ein strenges Strafgericht stellen will, traktiert man bei den harten Römern niemals mit derlei Brot und Wein, sondern mit dem elendsten Brote und mit schlechtem Wasser, mit Fesseln und finsteren Kerkern und mit noch andern schauderhaften Dingen; denn gegen Verbrecher kennen die Römer niemals auch nur einen Funken groß von einer Humanität. Darum reden wir nun auch nicht mehr eine Silbe von dem, was wir um keinen Preis der Welt mehr ändern können.
GEJ|9|203|7|0|Mein Wunsch wäre es, mit dem berühmten Nazaräer zusammenzukommen und mit ihm selbst über diese Sache zu reden; er allein könnte uns allen am ehesten helfen! Ich setze all mein Vertrauen auf ihn!“
GEJ|9|203|8|0|Sagte der Oberste: „Ja, das wäre freilich ganz gut, so er in Wahrheit hier nur anwesend wäre! Aber was dann, so er am Ende doch nicht anwesend ist?“
GEJ|9|203|9|0|Sagte der Hauptmann: „Da wird sicher ein anderer, als ein Abgeordneter von ihm, der in seinem Geiste handelt und richtet, unfehlbar anwesend sein. Und mit dem wird sich sicher ein kluges und wahres Wort reden lassen. Darum nun nur möglichst frohen und heiteren Mutes; denn ausgestanden haben wir ja heute doch schon ohnehin zur Übergenüge und im Sturme wahrlich so gut wie zehnmal den Tod erlitten!“
GEJ|9|203|10|0|Als der Hauptmann diese Worte ausgesprochen hatte, da kam, von Mir entsendet, abermals ein Diener des Markus zu den Herodianern, doch diesmal ohne Brot und Wein.
GEJ|9|203|11|0|Als er bei den darob verblüfften Herodianern ankam, sagte er in fragender Weise zu ihnen (ein Diener): „Welcher von euch ist der mutige Hauptmann, der den Namen Leander führt?“
GEJ|9|203|12|0|Sagte der Hauptmann: „Freund, der bin ich! Was gibt es denn nun? Was soll geschehen?“
GEJ|9|203|13|0|Sagte der Diener: „Höre! Der, auf den du dein Vertrauen setzest, und mit Dem du reden möchtest, ist hier und will, daß du zu Ihm kämest und Er mit dir rede! Folge mir darum ins Herrenhaus!“
GEJ|9|203|14|0|Anfangs überraschte diese Einladung den Hauptmann sehr.
GEJ|9|203|15|0|Und der Oberste konnte sich vor lauter Angst nicht helfen und sagte halblaut vor sich hin: „Oh, ich habe es mir wohl gedacht, daß unsere Sache ein arges Ende nehmen werde!“
GEJ|9|203|16|0|Sagte der Diener: „Was ängstigst du dich umsonst vor dem größten und höchsten Wohltäter der Menschen?! Wer an Den glaubt, auf Ihn baut und vertraut, der geht niemals zugrunde! Komme du, Hauptmann Leander, nun mit mir; denn der Herr will nur mit dir reden!“
GEJ|9|204|1|1|204. — Der Hauptmann Leander vor dem Herrn
GEJ|9|204|1|0|Auf diese Worte des Dieners wurde allen leichter ums Herz.
GEJ|9|204|2|0|Und der Hauptmann ging sogleich mit dem Diener in das Herrenhaus, wo ihn derselbe gleich vor Mich hinbrachte und zu ihm sagte: „Siehe, das ist der Herr!“
GEJ|9|204|3|0|Hier verneigte sich der Hauptmann tief vor Mir und sagte: „Herr! Sei nicht nur mir, sondern auch den andern Sündern gnädig und barmherzig! Denn wir waren ja nur blinde und willenlose Knechte des bösen Herodes, weil er uns in seinen Dienst mit vielem Zwange aufnahm, – allein, wir haben heute völlig aufgehört, ihm je wieder zu dienen, und werden auch nach dir ewig nimmerdar fahnden. Ja, wir wollen, so es möglich wäre, von heute und morgen an dir zu Diensten stehen, aber dem argen und dummstolzen Wollüstling Herodes nimmerdar!“
GEJ|9|204|4|0|Sagte Ich: „Leander, Ich vergebe euch eure Sünden! Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt, der wird nicht verlorengehen!
GEJ|9|204|5|0|Meine Lehre aber besteht ganz einfach in dem: Erkenne den einen, allein wahren Gott und Herrn, und also auch Mich, der Ich, als von Ihm aus in diese Welt kommend, Seinen Geist in Mir berge, und liebe den einen Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst, und du wirst in dir das ewige Leben überkommen!
GEJ|9|204|6|0|Wie dir dein Vertrauen den Weg zu Mir eröffnet hat, ebenso wird dir dein Glaube an Mich den Weg zum ewigen Leben eröffnen.
GEJ|9|204|7|0|Du kennst aber auch jene Gesetze, die Gott auf Sinai dem Volke Israel durch Moses gab; diese halte und achte deiner vielen falschen und toten Götter und anderer heidnischen Sitten und Gebräuche nicht, und du kannst in Meinem Reiche Mir zu einem tüchtigen Rüstzeuge werden!“
GEJ|9|204|8|0|Sagte der Hauptmann voll Freuden: „O Herr, wo wirst du dein Reich gründen? Wo ist deine Burg, auf daß ich morgen hinziehe und daselbst als ein tapferster Kriegsknecht dir meinen Dienst anbiete?“
GEJ|9|204|9|0|Sagte Ich: „Höre! Mein Reich, das Ich nun von neuem wieder gründe unter den Menschen auf dieser Erde, ist kein irgend diesirdisches Reich gleich dem eines Königs, dem du gedient hast, und wie es deren noch eine Legion gibt auf der ganzen Erde, sondern Mein Reich ist ein geistiges und ist nicht irgend unter einem Schaugepränge ersichtlich mit den Augen des Fleisches; denn es besteht inwendig im Menschen, und das gläubige, liebe- und vertrauensvolle Herz ohne Hochmut, ohne Neid, Scheelsucht, ohne Lüge und Trug, aber dafür voll Demut, Sanftmut, Geduld und Barmherzigkeit ist die feste und von keiner Macht ewig je zu besiegende Burg, in der Ich als der eine und allein wahre Herr und König alles Seins und Lebens Wohnung halten werde bei jedem Menschen, dessen Herz und Gemüt die erwähnten Eigenschaften besitzen wird.
GEJ|9|204|10|0|Willst du bei Mir Kriegsknechtsdienste nehmen, so mußt du dich in der dir nun gezeigten Burg nach deinem freien Willen nach Meiner Lehre darum voll Glauben, Vertrauen und voll Liebe zu Gott und den Nebenmenschen umsehen!
GEJ|9|204|11|0|Das verstehst du nun freilich noch nicht in einem vollen Wahrheitslichte; glaube, lebe und handle aber nur mit allem Eifer nach dem, was du glaubest, so wird der Geist der ewigen Liebe Gottes in dir erwachen und dich in alle Wahrheit führen, und im Lichte dieser Wahrheit erst wirst du Den erkennen, der solches nun zu dir geredet hat. Und wirst du Den völlig der Wahrheit nach erkannt haben, so wird dir auch alles hell und übersonnenklar werden, was dir jetzt als tief verborgenes Geheimnis erscheint. – Solches verkünde auch deinen Gefährten!“
GEJ|9|204|12|0|Auf diese Meine Rede war der Hauptmann Leander ganz verblüfft und sagte: „O Herr und Meister! So wie Du hat noch nie ein Mensch auf dieser Erde geredet! Ich habe wohl sicher nicht alles in der rechten Tiefe verstanden; aber so viel ist mir aus Deinen Worten klar geworden, daß Du nicht nach einer Krone und nach einem Zepter dieser Welt strebst, sondern danach nur, daß alle Menschen wieder zur alten, schon seit überlange verlorengegangenen Wahrheit des innersten Geistlebens zurückkehren sollen.
GEJ|9|204|13|0|Unsere alten Weisen haben dieses verlorengegangene Reich der vollen und lebendigen Wahrheit wohl mit vielem Eifer gesucht und sind hie und da auch auf ihre Fährten gekommen; aber den ominösen Schleier unserer Isis vermochte auch der weiseste Forscher nicht zu lichten.
GEJ|9|204|14|0|Du, o Herr und Meister, aber bist die wahre Isis Selbst und lichtest den dicken Schleier vor uns Menschen nun, und darin besteht nach meiner Meinung das wahre, geistige Lebensreich, das Du unter uns Menschen auf dieser Erde nun gründest und sein allein wahrer Herr und König bist, in Deinem Geiste warst und fortan auch bleiben wirst. Denn ist die Liebe, die Wahrheit und das Leben eine und dieselbe Kraft, so ist das Leben ebenso unvergänglich und unzerstörbar, wie die Wahrheit an und für sich ewig Wahrheit bleiben muß.
GEJ|9|204|15|0|Insoweit habe ich den Sinn und Geist Deiner an mich unwürdigsten Menschen gerichteten Worte aufgefaßt; ein weitergehendes und tieferdringendes Licht erwarte ich von der Liebe und Gnade Dessen, der der allein rechte und vollstwahre König des inneren, geistigen Lebensreiches ist.
GEJ|9|204|16|0|Aber nun fragt es sich, was wir mit dem argen und überdummen Herodes machen sollen! Wie kann diesem Wollüstlinge je nur beifallen, auf den liebevollsten Wiederbringer der Wahrheit des Lebens aller Menschen mit seiner Ohnmacht zu fahnden?! Oh, des stockblinden Wichtes!“
GEJ|9|204|17|0|Sagte Ich: „Lasset den Herodes gehen und kümmert euch wenig mehr um ihn; denn seine Herrlichkeit wird bald ihr volles Ende erreichen!
GEJ|9|204|18|0|Was aber dein Oberster gegen ihn bezüglich der Vergütung der vier zugrunde gegangenen Schiffe der Bürger von Tiberias auszuführen beschlossen hat, das soll er auch ausführen, und Ich werde ihn unterstützen mit der Macht Meines Willens, und er wird künftighin wenig Kriegsknechte mehr aussenden, die die Wahrheit mit Fesseln belegen und am Ende gar töten und völlig vernichten sollen!“
GEJ|9|204|19|0|Der Hauptmann dankte Mir tief gerührt für diesen Auftrag an den Obersten und versprach Mir auch, daß die Ausführung Meines Wunsches nicht unterm Wege verbleiben werde.
GEJ|9|204|20|0|Darauf aber fragte er Mich auch, was der Oberste wegen der hundertdreißig im Meere zugrunde gegangenen Kriegsknechte, die doch auch Menschen waren und sich gezwungen dem dümmsten Willen des Wüterichs fügen mußten – und das, wie bekannt, um den elendsten Sold – zu unternehmen berechtigt wäre, und das im Namen der hinterlassenen Witwen und Waisen; denn diese Kriegsknechte, die als dem Herodes sehr ergeben und treu auch seine Leibwache bildeten, hatten von ihm die Begünstigung, zu ehelichen gleich einem jeden andern Staatsbürger. Da die Kriegsknechte nun nicht mehr sind, wer wird nun ihre Weiber und Kinder erhalten und ernähren?“
GEJ|9|204|21|0|Sagte Ich: „Die zugrunde gegangenen Kriegsknechte waren gleich abgerichteten Jagdhunden und hatten keine Liebe und Erbarmung gegen Menschen, die sie im Namen Herodis nur zu oft ohne Not und Auftrag quälten, um sich darin einen ansehnlichen Ersatz für ihren kargen Sold zu bereiten, und haben in dieser letzten Zeit die Sache im geheimen schon so arg zu treiben angefangen, daß die von ihnen nur zu oft Bedrängten in eine wahre Verzweiflung gerieten.
GEJ|9|204|22|0|Sie haben durch ihre geheimen Umtriebe, wider die sich niemand bei einem Gerichte zu beklagen getraute aus Furcht, nachher noch ärger gequält zu werden, sich viele Schätze erworben, und ihre Hinterlassenen haben mehr denn du und dein Oberster zu verzehren. Was sie haben, das haben sie wohl verwahrt, und es würde einem Weltrichter schwer möglich sein, sie dessen geständig zu machen, daß sie ein ungerechtes Gut besitzen.
GEJ|9|204|23|0|Aber Herodes soll an den durch seine getreuen Jagdhunde oft stark Bedrängten den Schaden ersetzen, da er es unterlassen hat, seinen Jagdhunden jene strengen Gesetze zu geben, nach denen sie mit den armen Untertanen nicht nach ihrer Willkür hätten verfahren sollen! Dazu war ihm das sogar auch noch recht, so er auch von derlei Umtrieben seiner Jagdhunde von irgendwoher etwas erfahren hat; denn er ersparte dabei ja einen besseren Sold.
GEJ|9|204|24|0|Diese argen Jagdhunde haben denn endlich ihren Lohn bekommen, und Herodes soll den durch sie verübten Schaden nur ersetzen, was der Oberste zu veranlassen schon ganz gut verstehen wird. Und nun kannst du wieder in eure Hütte ziehen, in der du voll Sehnsucht erwartet wirst. Morgen werden wir uns wiedersehen.“
GEJ|9|204|25|0|Der Hauptmann dankte Mir über alle Maßen für Meine Belehrung und Geduld und begab sich dann voll Trostes zu seinen Gefährten und erzählte ihnen alles, was er von Mir vernommen hatte.
GEJ|9|205|1|1|205. — Die gute Erkenntnis und Absicht des Obersten
GEJ|9|205|1|0|Es läßt sich leicht von selbst denken, welch eine Wirkung die Erzählung des Hauptmanns bei dem Obersten und auch bei den andern hervorgebracht hat.
GEJ|9|205|2|0|Am meisten aber machte die Beschreibung der hundertdreißig zugrunde gegangenen Kriegsknechte den Obersten nachdenkend und mißmutig; denn von dieser argen Seite hatte er zuvor diese treuesten Diener des Herodes nicht kennengelernt. Aber er ersah nun aus vielen an ihnen gemachten Beobachtungen doch so manches, was ihm erst auf die Erzählung des Hauptmanns hin hatte aufzufallen angefangen, und sagte denn auch (der Oberste): „Ja, ja, der große, mit Seinem rein göttlichen, alles durchdringenden Geiste erfüllte Nazaräer hat vollkommen recht; denn mir fangen nun eine Menge Dinge, die ich von Zeit zu Zeit an den besagten Kriegsknechten wahrgenommen habe, an, recht augenfällig zu werden. Sie standen von Herodes aus in einem kleinen Solde; nur bei Eintreibungen und Erpressungen der Steuern hatten sie von hundert Groschen einen für sich zu behalten. Ihr geringer Sold und die wenigen Steuergroschen konnten freilich nicht hinreichen, um sich und eine oft recht zahlreiche Familie auch recht anständig zu erhalten!
GEJ|9|205|3|0|Zugleich traf ich nicht selten einen und den andern in den angesehensten Herbergen, in denen sie sich gleich unsereinem ganz vortrefflich bedienen ließen. So sah ich sie auch zu öfteren Malen mit Wechslern und Maklern umgehen; aber es fiel uns allen das nicht auf, weil sie sonst in ihrem Dienste sehr genau und gegen uns und gegen den König sehr getreu waren und man ihnen nichts hatte zur Last legen können. Aber nun klärt sich die schnöde Sache schon auf, und wir begreifen nun so manches, was uns ehedem schon immerhin oft etwas sonderbar vorgekommen ist.
GEJ|9|205|4|0|So habe ich auch zu öfteren Malen hie und da über die starken Bedrückungen des Herodes allerlei Klagen und geheime Verwünschungen vernommen; aber ich und auch ihr und noch viele andere Beamte und Diener des Herodes achteten solcher Klagen nicht, da man wohl weiß, daß da nie ein Mensch am besten gestimmt ist, so er seine Steuern und sonstigen Abgaben dem Herrn, den er stets für einen zweckwidrigen Diener der Trägheit, des geilsten Wohllebens, des Hochmuts, der Lieblosigkeit und noch einer Menge anderer Untugenden ansieht, darbringen muß.
GEJ|9|205|5|0|Aus diesem Grunde kam so etwas auch nie zu irgendeiner Untersuchung, und die Kriegsknechte des Herodes hatten einen freien Spielraum und konnten das Volk, besonders bei oft vorkommenden exekutiven Steuereintreibungen, nach ihrem bösen Belieben handelnd bedrücken, ohne dabei von jemandem beanstandet zu werden. Und ging auch jemand zu einem römischen Richter und beklagte sich wegen der groben, großen und oft unerschwingbaren Bedrückungen des elenden Herodes, so richtete er wenig oder nichts aus; er bekam höchstens den Rat, daß er sich bei (von) Herodes loskaufe und dann ein römischer Bürger werden solle.
GEJ|9|205|6|0|Gar viele Reiche konnten das freilich wohl tun und haben es auch klugermaßen getan; aber was blieb da den Armen sonst zu tun übrig, als sich von Herodes gewissenlosest in einem fort bedrücken zu lassen? Aber es soll diese Sache nun bald anders werden! So wir bald nach Jerusalem zurückkommen werden, da soll dem Könige die Hölle so heiß als nur immer möglich gemacht werden, und er wird zu Ersatzzahlungen auf eine Art genötigt werden, von der er sich noch nie etwas hat träumen lassen!
GEJ|9|205|7|0|Oh, warte nur, du liebloser und überstolzer Wollüstling von einem Könige! Du sollst uns in der Folge mit vor Angst weit offenstehenden Augen kennenlernen und den Grund wohl einsehen, aus dem ich dir oft freundlich widerraten habe, Menschen, die offenbar von einem höheren Geiste von Gott aus begabt sind, zu verfolgen, solange dir dazu kein Auftrag von Rom aus gegeben ward! – Aber er achtete solchen Rat niemals, sondern tat, wie es ihm beliebte; und so soll er denn nun auch bald die Früchte seines Starrsinns zu verkosten bekommen, die ihm sicher nicht süß schmecken werden! Des Herrn und Meisters Geist und Wille wolle mit uns sein und wirken!
GEJ|9|205|8|0|Unser großer Nazaräer ist nach dem, was du, Freund Leander, uns aus Seinen Worten kundgabst, offenbar der aus den Himmeln in diese Welt nun als treu und wahr nach den vielen Verheißungen unserer Propheten gekommene Messias, ausgerüstet mit aller göttlichen Weisheit und Macht, daran ich nun unerschütterlich fest glaube; denn Er hat uns das dadurch ja handgreiflich klar bewiesen, daß Er eben durch die Macht Seiner alles durchschauenden und alles wohlerkennenden Weisheit und durch die rein göttliche Macht Seines Willens den großen Sturm auf dem Meere werden ließ, durch den die gewissen treuen Jagdhunde des Herodes ihren sicher schon lange wohlverdienten Lohn bekommen haben. Ihm darum alle Ehre!
GEJ|9|205|9|0|Wir aber haben auch für uns selbst vieles gutzumachen, was wir an unseren Mitmenschen verbrochen haben, – und wohl uns dann, so Er mit Seiner Liebe und Gnade, die Er uns nun allerunverdientestermaßen so überreichlich hat zukommen lassen, uns nach allen unsern Lebenskräften erfreuen wird und wir Seinen Namen darob hoch loben und preisen immerdar!
GEJ|9|205|10|0|Ihr mit uns durch Seine Gnade geretteten zehn Kriegsknechte aber erwecket auch euer Gewissen, inwieweit es etwa auch mit jenen Lastern stark behaftet ist, um derentwillen sie ihren Untergang im Wasser gefunden haben; bereuet eure Sünden mit dem unerschütterlich festen Vorsatze, allen Menschen, mit denen ihr zu tun gehabt hat, den zugefügten Schaden nach Möglichkeit wieder gutzumachen, auf daß auch ihr Gnade beim Herrn und Meister über alle Dinge in dieser Welt finden möget! Denn das haben wir nun vor unseren Sinnen erlebt, daß Er ein Wesen ist, das mit den blinden Menschen eine übergroße Geduld hat; aber so die Menschen trotz aller Ermahnung in ihrer Bosheit verharren und sich nicht bessern wollen, da bekommt Seine Geduld ihr Ende, und die Strafe folgt darauf unverzüglich.
GEJ|9|205|11|0|Bedenket wohl, was ich als euer Oberster euch nun gesagt und geraten habe; denn gegen die ewig wirkende göttliche Allmacht kann der ohnmächtige Mensch mit seinem Starrsinn nichts ausrichten! Wehe dem, den der gerechte Zorn Gottes ergreift!“
GEJ|9|206|1|1|206. — Die Beratung der Herodianer
GEJ|9|206|1|0|Auf diese Rede des Obersten ermannten sich die zehn und versprachen unter einem festen Eide, den Rat auf das genaueste zu befolgen, obschon sie sich solcher Sünden, welche von den hundertdreißig begangen worden seien, nicht bewußt fühlten, da sie auch in dieser Sphäre dem Herodes nicht zu dienen hatten, indem sie stets nur als Burg- und Palastwachen verwendet worden seien, was der Oberste, der Hauptmann und auch die andern Vorgesetzten sicher auch wohl wissen würden.
GEJ|9|206|2|0|Der Oberste sagte: „Das wissen wir wohl; aber ein jeder Mensch, der einmal einem Herodes dient, ist ein großer Sünder gleich mir. Will er der Gnade des Allerhöchsten, Allwissenden und Allmächtigen teilhaftig werden, so muß er sich von seinen vielen Sünden dadurch völlig reinigen, daß er sie erstens als Sünden gegen den göttlichen Willen erkennt, zweitens sie wahrhaft verabscheut und bereut und drittens sie niemals wieder begeht und den ernstlichsten Willen und Vorsatz faßt, das an den Menschen begangene Unrecht nach Möglichkeit wieder gutzumachen.
GEJ|9|206|3|0|Ich für mich werde das sicher tun, und ich wünsche und rate, daß es ein jeder von uns wohl beherzigen und tun soll; denn der große Herr und Meister hat uns hier eine übergroße Gnade und Erbarmung schon dadurch erwiesen, daß Er uns erstens nicht gleich den andern hat zugrunde gehen lassen in den empörten Wogen des Sees, und zweitens, daß Er uns hier nicht von den strengen Römern hat gefangennehmen und vor ein Gericht auf Leben und Tod stellen lassen, sondern uns eine übergroße Freundlichkeit angedeihen ließ und uns solche sicher für fernerhin nicht vorenthalten wird, so wir alle das tun, was ich nun nach meiner Ansicht euch angeraten habe.“
GEJ|9|206|4|0|Auf diese abermals gute Anrede des Obersten hoben alle ihre Hände auf und schwuren, seine Worte wohl zu beherzigen und danach zu handeln. Und der Oberste war damit zufrieden.
GEJ|9|206|5|0|Der Hauptmann aber machte darauf dennoch folgende Bemerkung, sagend: „Freund, du hast im Verlaufe deiner guten und wahrheitsvollen Anrede an die zehn Kriegsknechte auch diese Bemerkung gemacht, daß ein jeder, der dem Herodes dient, schon an und für sich ein Sünder ist! Und das ist auch vollwahr; denn er will vor Gott und allen Menschen nur Ungerechtes über Ungerechtes. Wer demnach ihm durch seinen ihm mit Eid angelobten treuen Dienst hilft, seine Ungerechtigkeit bei den armen Menschen in Vollzug zu bringen, der sündigt allzeit, sooft er den Willen des gewissenlosesten Wollüstlings in Vollzug bringt. So wir noch fernerhin im Dienste des Herodes verbleiben, da wird es wohl sehr schwer sein, sich vom Sündigen fernzuhalten.
GEJ|9|206|6|0|Meine Meinung wäre demnach diese: So wir einmal den Herodes auf die besprochene Weise werden mürbe und zu starken Vergütungen gebracht haben, da lassen auch wir uns entschädigen und treten dann aus seinen Diensten; denn, wie gesagt, ihm noch fortdienen, hieße auch noch ferner fortsündigen wollen. – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|9|206|7|0|Sagte der Oberste: „Da hast du vollkommen recht, und so wir von ihm werden das erreicht haben, dann werden wir auch das sogleich in Ausführung bringen! Doch darüber werden wir vom Herrn schon morgen auch sicher nähere Weisungen erhalten, und ich bin nun der Meinung, da es schon sicher gen Mitternacht an der Zeit gekommen ist und wir auch sehr müde geworden sind, so sollten wir uns nun im Namen des Herrn und Meisters, der uns so viele Gnade erwiesen hat, zur notwendigen Ruhe unseres Leibes begeben!“
GEJ|9|206|8|0|Damit waren alle einverstanden, und besonders die Kriegsknechte, die während des Sturmes ihre Kräfte tüchtig erschöpft hatten.
GEJ|9|206|9|0|Der Hauptmann aber sagte darauf noch zum Obersten, und so auch zu allen Anwesenden: „Höret, bevor wir uns noch der vollen Leibesruhe überlassen, ist es hier und dann auch allerorts, wo wir uns immer befinden werden, Sitte, Dem, den wir als den Herrn und Meister wohl erkannt haben, in unserem Herzen einen wahren Dank auszusprechen für die übergroße Gnade und Erbarmung, die Er uns hier anstatt einer gerechten Strafe im reichsten Maße hat angedeihen lassen; und so denn sagen wir: O Herr und Meister, der Du erfüllt bist mit der Fülle der göttlichen Liebe, Weisheit, Kraft und Macht! Wir danken Dir für Deine große Huld und Gnade, die Du uns großen Sündern hier anstatt der verdienten Strafe hast angedeihen lassen, und bitten Dich aber auch für alle Folge, daß Du uns mit Deiner Gnade, Liebe und Erbarmung nicht verlassen möchtest; denn von nun an wollen auch wir ganz Dir angehören! Oh, nimm Du, lieber großer Herr und Meister, dem alle Geister, Kräfte und Elemente gehorchen, auch uns zu Untertanen des Reiches auf, das Du nun sicher für ewig auf dieser Erde unter den blinden Menschen gründest, und lasse in der Folge auch keine zu großen Versuchungen über uns kommen, sondern stärke uns mit Deiner Gnade und Erbarmung! Dir allein alle unsere Liebe, Ehre und alles Lob! Dich preise alles, was da ist, lebt und atmet! Dein Name sei geheiligt in uns!“
GEJ|9|206|10|0|Als der Hauptmann diesen Dank und die Bitte ausgesprochen hatte, da belobte ihn der Oberste gar sehr darob und imgleichen auch alle andern, und sie übergaben sich dann der Nachtruhe. Dasselbe taten auch wir im Herrenhause und schliefen wohl bis zum vollen Morgen.
GEJ|9|207|1|1|207. — Der schöne Morgen am Meer
GEJ|9|207|1|0|Ich war, wie allzeit, der erste auf den Beinen; aber auch die Jünger erwachten nahezu gleich mit Mir und gingen mit Mir ins Freie, und zwar an das Ufer des Meeres, über das bei der sich dem Aufgange nahenden Sonne ein stärkender Morgenhauch wehte und der Oberfläche des Wassers eine anmutige Bewegung verschaffte. Auf dem Spiegel des Meeres zeigten sich hie und da ganze Scharen von allerlei schwimmenden Vögeln größerer und kleinerer Art und suchten sich ihr ihnen wohlschmeckendes Morgenmahl.
GEJ|9|207|2|0|Und es sagte zu Mir der auch schon anwesende Römer: „Herr und Meister! Solch ein Morgen in einer so herrlichen Gegend erquickt und stärkt des Menschen Herz und Gemüt über alle Maßen wohl, – aber ich habe dabei nur das ausstellend (beanstandend) zu bemerken, daß eben der Morgen als des Tages schönste und angenehmste Zeit stets am allerkürzesten dauert; denn sowie die liebe Sonne den Horizont überstiegen, so fängt der Tag mit seiner stets zunehmenden langweiligen Einförmigkeit auch schon an und dauert dann bis an den Abend mit wenig Abwechslungen fort. Oh, wenn es auf der Erde doch irgend ein Land gäbe, in dem der Morgen gleichewig fortbestehen würde, so möchte ich in einem solchen leben und mich gleichfort des Lebens freuen! Aber diese unsere kurz andauernden Morgen haben mein Gemüt schon gar oft, statt mit Freude, nur mit einer Art Wehmut erfüllt. O Herr und Meister, gibt es denn auf dieser Erde nirgends ein Land, wo der Morgen wenigstens länger andauert denn hier bei uns?“
GEJ|9|207|3|0|Sagte Ich: „Jetzt hat wohl noch so ein wenig der Heide mit seiner ewigen Aurora aus dir geredet! Hast du denn gestern die Belehrungen Raphaels über die Erde und ihre verschiedenen Erscheinungen nicht vernommen und der notwendigen Wahrheit nach aufgefaßt? Bei der für diese Erde festgesetzten Ordnung kann es ja doch unmöglich irgend ein Land mit einem ewigen Morgen geben!
GEJ|9|207|4|0|Ja, in Meinem Reiche im andern Leben wird es wohl einen ewigen Lebensmorgen geben; worin aber dieser bestehen wird, das könntest du nun auch noch um gar vieles weniger fassen, als du des Raphaels Erklärungen aufgefaßt hast. Willst du aber auf dieser Erde den Morgen länger genießen, so gehe allzeit um ein paar Stunden Zeit früher ins Freie, und du wirst den Morgen über drei Stunden lang genießen können!
GEJ|9|207|5|0|Dazu hat ja auch ein jeder Tag zu jeder Zeit sein Angenehmes und auch Unangenehmes, so auch der Abend, und ebenso die Nacht; es kommt beim Menschen nur darauf an, mit welchen Augen des Gemütes er eine jede Zeit des Tages betrachtet.
GEJ|9|207|6|0|Siehe, es geht nun soeben die Sonne auf, und des Morgens Herrlichkeit dauert noch fort und wird noch über eine Stunde Zeit fortdauern, und du kannst dich daher auch noch der Anmut des Morgens fortfreuen! Dann wird der Morgen allmählich in den vollen Tag übergehen, und du wirst dich am Tage des Lebens ebenso freuen wie nun am jungen Morgen; daher laß auf dieser Erde nur fein die alte Einrichtung unbeanstandet fortwalten, die ganz gut und sehr zweckmäßig ist.
GEJ|9|207|7|0|Wären auf dieser Erde nur auch die Menschen aus ihrem freien Willen heraus so gut, wie da ist die alte Einrichtung der Erde, da gäbe es für viele schon hier einen wahren, geistigen Lebensmorgen, nach dem vor allem ein jeder Mensch streben sollte! – Hast du diese Meine ganz natürliche Rede wohl verstanden?“
GEJ|9|207|8|0|Sagte der Römer: „Ja, hoher Meister und Herr, ich danke Dir für diese Belehrung! Nun freut mich auch der Tag mit seinen oft sehr vielfach abwechselnden Erscheinungen.“
GEJ|9|208|1|1|208. — Eine Besprechung über die Zugvögel
GEJ|9|208|1|0|Auf diese unsere ganz natürliche Besprechung kamen auch unsere Griechen mit dem Arzt aus Melite und alle, die hier anwesend waren, und erfreuten sich des schönen, wenn in dieser Zeit auch oft kühler gewordenen Morgens.
GEJ|9|208|2|0|Der auch noch gleichfort anwesende Wirt von Jesaira und die uns bekannten Bootsmänner besichtigten das gedeckte Schiff, das beim nächtlichen Sturm die nun noch in ihrer Hütte ruhenden Herodianer an unser Ufer brachte, und verwunderten sich höchlich, wie dieses schon ziemlich alte und durchaus nicht zu fest gebaute Schiff samt den andern vieren nicht auch untergegangen sei.
GEJ|9|208|3|0|Und der eine Bootsmann sagte zu dem Wirte: „Freund, dort am Ufer weilt der Retter! Dies Schiff könnte noch zehnmal elender sein, als es ist, und des Herrn Wille hätte es gewiß dennoch gerettet!“
GEJ|9|208|4|0|Der Wirt belobte den Bootsmann und gab ihm recht.
GEJ|9|208|5|0|Kisjona aber fragte den Raphael, was es zu bedeuten habe, daß sich in diesem Herbste gar so viele Wasservögel zumeist an den Ufern eingefunden hätten, und darunter einige Gattungen, die man sonst nur äußerst selten in geringer Anzahl an Galiläas Meer wahrgenommen habe.
GEJ|9|208|6|0|Sagte Raphael: „Freund, das hat weiter gar nichts zu bedeuten, als das, daß zur Zeit ihrer Auswanderung aus den großen Seen und Meeren des hohen Nordens ein ganz anderer als der zu jener Zeit gewöhnliche Wind wehte; und dieser für die Auswanderzeit dieser Vögel ungewöhnliche Wind trägt die Schuld, daß nun dieses Meer mit diesen Tieren reichlicher bevölkert ist denn sonst. Und eine weitere ganz natürliche Folge dieser Erscheinung wird die sein, daß der diesjährige Winter ein ganz gelinder werden wird, – sonst wären diese Vögel wohl weiter gegen den Mittag hin gezogen und hätten sich ihre Winterwohnstätte dort aufgesucht. Es liegt also in dieser ganz natürlichen Erscheinung auch ganz und gar nichts irgend Besonderes und Beachtenswertes.
GEJ|9|208|7|0|Die an diesem Meere häufig wohnenden Griechen, die sich auf den Fang dieser Vögel ganz gut verstehen, werden ihre große Anzahl schon lüften, denn diese Vögel sind für sie wahre Leckerbissen, und sie können auch ihr Gefieder sehr gut gebrauchen und es verwerten. Und da hast du, Freund, nun aber auch schon alles, was diese Vögel betrifft!“
GEJ|9|208|8|0|Sagte Kisjona: „Dürften denn wir Juden nicht auch Jagd auf diese Vögel machen und, gleich den Griechen, sie uns zunutze machen?“
GEJ|9|208|9|0|Sagte Raphael: „O ja, so ihr sie zu fangen und dann als eine Leckerspeise zu bereiten verständet! Aber da ihr der ganz reinen Speisen aller Art noch in einer großen Menge besitzet und euch damit sättigen könnet, so laßt bis zu einer Zeit der Not diese wilden Vögel, gleichwie auch die Schweine, Hasen, Gazellen, Hirsche und noch mehr anderes Wild, nur die ärmeren Griechen für ihre Tische fangen und zum Genusse zubereiten!“
GEJ|9|208|10|0|Mit dem war unser Kisjona ganz vollkommen zufrieden und verlor die Sehnsucht, derlei Vögel für sich zu fangen.
GEJ|9|208|11|0|Als sich all die Anwesenden noch bald über dies und jenes besprachen, da kamen auch unsere Joppeer zu uns ans Ufer, drangen zu Mir hin, verbeugten sich tief vor Mir und dankten Mir mit hoch aufgehobenen Händen für die gestrige Heilung und für die nie erwartet freundliche Aufnahme und
GEJ|9|208|12|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Ihr tut wohl, daß ihr Mir darum danket; doch für die Folge danket Mir ohne äußere Gebärden nur allein im Herzen, und lebet und handelt stets nach Meiner Lehre, und es wird Mir das angenehmer sein als das tiefe Verbeugen, Aufheben der Hände und die vielen lauten Worte! – Habt ihr alle das wohl verstanden?“
GEJ|9|208|13|0|Sagte der Fischer, der in Cypern geboren war: „O Herr und Meister voll göttlicher Kraft, Macht und Weisheit, wir haben Deinen wahren und weisen Rat nun durch Deine Liebe und Gnade wohlverstanden, in unserem Gemüte als Gottesrat angenommen und werden in der Folge auch danach handeln; doch eine Bemerkung erlaube mir, o Herr und Meister, zu unserer Entschuldigung Dir vorzutragen!“
GEJ|9|208|14|0|Sagte Ich: „Also rede und entäußere dich!“
GEJ|9|208|15|0|Sagte der Fischer: „Es ist mehr als wahr, daß ein Mensch, der an Dich, so wie wir, lebendig glaubt, daß Du – obschon als ein uns sichtbarer Mensch mit Fleisch angetan – doch mit dem ewigen Gottgeiste vollkommen ein Wesen und eine und dieselbe Persönlichkeit bist, Dich nur ganz ohne äußere Gebärden bitten und Dir danken kann in der innersten Stille seines Gemüts und Herzens, – und Du wirst seine Bitte wohl vernehmen und auch erhören und an dem stillen, aber geistlebendig wahren Dank Dein Wohlgefallen haben. Aber siehe, wir Menschen sind schon von Kindheit an gewohnt, unsere Bitten und Danksagungen auch mit äußeren Gebärden zu begleiten, um den Menschen, die wir um etwas bitten oder denen wir für eine empfangene Guttat danken, der altüblichen Sitte gemäß das auch äußerlich ersichtlich zu machen, was wir in uns lebendig und wahr fühlen.
GEJ|9|208|16|0|So wir aber gar oft genötigt sind, vor den Menschen, die doch unseresgleichen sind, unsere Knie zu beugen, so glaube ich, daß es sich noch um unaussprechbar vieles mehr schickt, vor dem Herrn von Ewigkeit unsere Knie und unseren ganzen Leib zu beugen; denn es ist ja auch unser Leib nur Sein Werk und ist der Träger der lebendigen Seele, die, so sie zu sehr den Begierden ihres Fleischleibes frönt, verdorben werden kann. So sie aber den Leib ihren hohen inneren, geistigen Bestrebungen anpaßt und ihn mit sich in ihr Geistiges verkehrt, da kann sie dadurch ja doch nicht leichtmöglich irgendeinen Verstoß gegen Deine Ordnung, die da ist die Macht und Kraft Deines ewigen Gottwillens, machen und Dir darum irgend unwohlgefällig werden?“
GEJ|9|209|1|1|209. — Die Gefahren des zeremoniellen Gottesdienstes und Betens
GEJ|9|209|1|0|Sagte Ich: „Freund, du hast nun ganz wohl geredet, und Mein Herz erquickte sich an dem Sinn deiner Worte! Es ist also auch recht, wenn der um etwas bittende und dankende Mensch sich dabei so verhält, wie du es nun dargestellt hast; aber dann sollte der Mensch auch stets völlig in deiner Gesinnung verbleiben, nur auf das Innere allein den wahren Lebenswert legen und das Äußere nur als gewisserart eine Last nach sich ziehen und es seiner inneren Kraft untertan machen, und es wäre also das Bitten, Danken und Verehren, wie gesagt, auch schon ganz recht und gut und Mir wohlgefällig.
GEJ|9|209|2|0|Aber die Menschen bleiben nicht also, wie ihr da vor Mir nun seid, sie fangen nur zu bald an, auf die äußerlichen Gebärden einen größeren Wert zu legen, als sie der inneren Lebenswahrheit nach sollten, und halten das allein wahre Innere in Ermangelung des Äußern für nicht genügend und am Ende gar für wertlos; und es geht mit dieser Sache dann nur zu leicht so weit, daß gewisse, wie eingeweihte und von Gott erwählte und berufene Priester das Volk dahin zu verleiten anfangen, daß es dem gemeinen Menschen genüge, nur das von ihnen vorgeschriebene Äußere zu beachten und es höchst zu verehren, denn das eigene innere, selbst an Gott entweder bittend oder dankend gerichtete Wort sei ohne allen Wert vor Gott und habe keine Wirkung, da Gott daran nicht nur nicht das geringste Wohlgefallen, sondern nur gerechtes Mißfallen habe, da solch ein eigenmächtiges inneres Beten, Bitten und Danken von Gott als eine Frechheit und Gotteslästerung angesehen werde.
GEJ|9|209|3|0|Was kommt da am Ende heraus? Siehe, die Menschen entfernen sich also stets mehr und mehr von Gott, anstatt daß sie sich Ihm stets mehr und mehr im Herzen und in der Liebe und im wahren, lebendigen Glauben und Vertrauen nähern sollen! Die traulich wahre und reine Liebe wird in eine gespenstische Furcht verkehrt und der lebendige Wahrheitsglaube in einen finsteren heidnischen Aberglauben, bei dem sich dann eine träge und jedes Betruges fähige Priesterkaste irdisch sehr wohl befindet, während die sogenannte gemeine Menschheit aber dabei oft ratlos in aller geistigen Not und verzweiflungsvollen Finsternis, Armut und Blindheit schmachtet und dabei auch oft der Leib sich nicht mehr die ihm gedeihliche Nahrung verschaffen kann, weil die wie die Fliegen sich vermehrenden sogenannten von Gott allein berufenen Priester voll Trägheit und Arbeitsscheu dem armen Volke unter allerlei Verheißungen von den jenseitigen himmlischen Freuden und noch häufigeren grellsten Androhungen von ewigen Höllenstrafen, Qualen und Peinen alles ordentlich vom Munde hinwegrauben und damit ihre Bäuche mästen, wie du das nun sowohl bei den Pharisäern wie auch bei allen Heidenpriestern sehen kannst.
GEJ|9|209|4|0|Und siehe, das alles entsteht so nach und nach aus den anfangs freilich sehr unschuldig und sogar sittlich geziemend scheinenden äußeren Bitt-, Dank- und Gebetsgebärdungen, und Gott muß endlich wieder durch den Mund eines neuerweckten Propheten zu den Menschen rufen und schreien: ,Siehe, dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen und eitler und toter Weltzeremonie, – aber sein Herz ist ferne von Mir!‘
GEJ|9|209|5|0|Darum merket euch das, und machet es zu eurer steten Lebensleitschnur: Gott ist in Sich ein Geist, voll Liebe, Wahrheit, Weisheit und Macht unveränderlich von Ewigkeit her und kann daher auch nur im Geiste und in der Wahrheit, die inwendig im Menschen ist, angebetet werden.
GEJ|9|209|6|0|So jemand denn ein Anliegen hat, daß ihm Gott als der allein wahre Schöpfer und Vater aller Menschen und Engel in diesem oder anderem helfen möchte, so gehe er mit seinem Anliegen nicht in einen Tempel oder in eine Synagoge und auch zu keinem Priester, sondern sperre sich in ein Kämmerlein, und besonders in das ganz stille seines Herzens, ein und bete darin zu Gott und bitte Ihn als den liebevollsten Vater um eine rechte Hilfe. Und der Vater, der alles im noch so Verborgenen hört und sieht, wird dem also allein recht und im Geiste der Wahrheit lebendig Bittenden allzeit gerne geben, um was er rechtlich gebeten hat, dessen ihr alle völlig versichert sein könnet. Aber auf eine offen vor den Menschen zur Schau getragene Bitte, wobei oft das Herz sehr wenig empfindet, wird der Vater im Himmel niemals Sein allmächtiges Amen aussprechen.
GEJ|9|209|7|0|Dieses alles verstehet, und merket es euch überaus wohl, und tut auch danach, so ihr eure Nachkommen nicht in ein noch finstereres Heidentum übergehen sehen wollet, als es nun auf dieser Erde allenthalben unter den Menschen zu Hause ist.
GEJ|9|209|8|0|Das gefällige Gebärdenmachen kann wohl vor den eitlen, blinden, stolzen und ehrsüchtigen Menschen als etwas Wertes erscheinen; aber bei Dem, der die ewige Liebe und Wahrheit Selbst ist und allzeit das Innerste und Geistlebendigwahre durchschaut, gilt die Gebärde nicht, sondern allein die lebendige innerste Lebenswahrheit.
GEJ|9|209|9|0|So ihr aber den Vater um etwas bittet, da bittet Ihn nicht so sehr um die Güter dieser Erde, nach denen die blinden und törichten Heiden und auch die Gottes vergessenen Juden und Pharisäer trachten, sondern bittet Ihn vielmehr um die unvergänglichen Schätze für Seele und Geist, und sie werden niemandem vorenthalten werden. Was aber die zum zeitlichen Lebenserhalt nötigen diesirdischen Güter betrifft, so werden sie jedem, der sein Bestreben und Bitten und Suchen nur nach dem Reiche Gottes und nach dessen liebevollster Gerechtigkeit richtet, frei hinzugegeben werden.
GEJ|9|209|10|0|Wer da stark im Geiste und somit im Reiche Gottes geworden ist, der wird auch ein Herr sein über die Dinge der Welt und wird niemals eine große Nährnot für seinen Leib zu erdulden haben; aber besser ist es auch für den im Geiste Erweckten, in den Gütern der Himmel Gottes zu schwelgen, aber dabei sich an den Gütern dieser Erde eine kleine Not gefallen zu lassen. – Das merket euch auch und beachtet es in der Tat!“
GEJ|9|210|1|1|210. — Das Gericht der Hartherzigen im Jenseits
GEJ|9|210|1|0|(Der Herr): „Darum sammelt euch allzeit Schätze, welche die Motten nicht zernagen mögen und der Rost und die Verwesung nicht zerstören können.
GEJ|9|210|2|0|Hütet euch vor den Gütern und Schätzen dieser Welt; denn in ihnen ruht der arge Geist der Versuchung zu allen Sünden!
GEJ|9|210|3|0|So ihr denn zu Gott betet und im Herzen saget: ,Vater im Himmel, führe uns nicht in die Versuchung!‘, so saget, denket und wünschet, daß Er euch nicht mit vielen irdischen Gütern und Schätzen wohl versehe, sondern bittet Ihn nur um das tägliche Brot, und Er wird es euch nicht vorenthalten, da Er es wohl am besten weiß, wessen ihr bedürfet.
GEJ|9|210|4|0|So ihr aber nach Meiner Lehre Gott über alles liebet und darum auch euch untereinander also, wie sicher ein jeder sich selbst liebt und nach allen Richtungen hin für sein Bestes sorgt, so werdet ihr euch untereinander nie über irgendeine Not zu beklagen haben; denn die Not und die Armut unter den Menschen auf dieser Erde erzeugt einzig und allein ihre gegenseitige Lieblosigkeit, – diese aber ist stets die Folge des Un- oder finsteren Aberglaubens. Denn wer den Glauben an den einen, ewig allein wahren Gott nicht hat, – wie sollte er Ihn dann ehren und über alles lieben und aus solcher Liebe seinen Nächsten wie sich selbst?
GEJ|9|210|5|0|Es sieht zwar ein mit irdischen Schätzen bestens versehener Mensch seinen armen Nächsten; aber da er selbst keine Not zu erleiden hat, so sagt er: ,Ich bin versorgt, was gehen mich die andern an! Ein jeder sorge für sich, und er wird nicht Not zu leiden nötig haben!‘
GEJ|9|210|6|0|Ich aber werde dereinst zu einem solchen sagen: ,Warum sorgtest denn du weit über die Gebühr nur für dich und entzogst darum den andern das, was von Mir aus ihnen gebührt hätte? Darum wirst du aber nun in Meinem Reiche verlassen sein und dir alle Armut und Not gefallen lassen müssen!‘
GEJ|9|210|7|0|Und so er sich dann damit entschuldigen wird, daß er an Mich nicht geglaubt habe darum, weil ihm von Mir niemand eine rechte Kunde gebracht habe, so werde Ich aber zu ihm sagen: ,Wer hat denn dir hernach die Kunde gebracht von einem Recht, demnach du die Güter der Erde deinen Nebenmenschen, die ein gleiches Recht auf ihren nötigen Besitz hatten, als Stärkerer entzogen und sie für dich zusammengehäuft hast? Hättest du da nicht nach der rechten Vernunft und nach dem Recht, das vor jedermanns Augen und Ohren die Einrichtung der Erde und ihrer Natur laut verkündet, handeln sollen, da du doch das klar gewahren mußtest, daß die Erde mit ihren Gütern nicht für dich allein, sondern auch für alle andern Menschen da ist und dasein muß?!
GEJ|9|210|8|0|Weil du aber dessen, was dir deine Vernunft eingeben mußte, nicht achtetest, so wird hier in Meinem Reiche auch deiner Seelennot und Armut nicht geachtet werden!
GEJ|9|210|9|0|So du aber sagst, daß du darum an keinen wahren Gott glauben konntest, weil dir von Ihm niemand eine rechte Kunde gebracht habe, da werde Ich dir aber sagen: Siehe, wie du doch ein arger Lügner bist! Meinst du denn, daß jene vom Geiste Gottes wahrhaft erfüllten und wohlerleuchteten Menschen auch gleich den dir gleichen Weltprassern von allen Schätzen und Gütern dieser Erde strotzen? Oh, wie sehr bist du da in der größten Irre!
GEJ|9|210|10|0|Sie kamen als arme und bedürftige Menschen vor die Türe deines Hauses und wollten dir die Kunde von dem einen, allein wahren Gott überbringen, du aber ließest sie nicht vor dich kommen, aus der geizigen Furcht, daß du ihnen dafür etwas geben sollest oder am Ende sogar freiwillig gäbest, so du möglicherweise durch sie zum ungezweifelten Glauben an den einen, allein wahren Gott bekehrt würdest.
GEJ|9|210|11|0|Auf daß du dich aber nicht durch deine mögliche Bekehrung je genötigt fühlen könntest, ihnen also zu geben, so ließest du dich auch lieber gar nicht bekehren und wünschtest dir deines Geizes wegen, keine wahre Kunde von dem einen, allein wahren Gott durch einen von Gottes Geiste erleuchteten Menschen zu erhalten.
GEJ|9|210|12|0|Wenn aber also und nicht anders, – wie entschuldigst du dich nun vor Mir damit, daß du der armen Nebenmenschen darum nicht achten konntest, weil du in deiner Unkunde von Gott keine Verpflichtungen gegen sie gewahrtest! Also hast du im ersten Falle das Recht der Natur, an das doch alle besseren Heiden halten, aus deinem Geize mit Füßen getreten, im zweiten Falle deiner Mir vorgebrachten Entschuldigung aber bist du ein Lügner, und es soll dir hier der Lohn des Geizes und des Lügners zuteil werden, und es soll fortan deiner von Meinen Auserwählten ebenso gedacht sein, wie du in der materiellen Welt eines allein wahren Gottes gedachtest und Ihn über alles liebtest, und also auch deiner Nebenmenschen!‘
GEJ|9|210|13|0|Der Same zur wahren Erkenntnis Gottes und zum lebendigen Glauben an Ihn ist vorerst die Liebe zum Nächsten, und darin auch die reine Liebe zu Gott.
GEJ|9|210|14|0|Wer aber schon ein so hartes Herz hat, daß er seinem ihm wohl sichtbaren armen Nächsten nicht mit Liebe begegnen kann, – wie wird der in seiner verstockten Seelenblindheit Gott lieben können, den er unmöglich sehen und irgend gewahren kann und will?
GEJ|9|210|15|0|Sehet, also wird sich dereinst vor Mir kein unbußfertiger Sünder entschuldigen können, da es einem jeden Menschen von Mir aus gegeben ist, die Wahrheit und ihr Gutes zu erkennen, dem Heiden von der Erkenntnis der vor seinen Augen liegenden Dinge und Verhältnisse im großen Reiche der Natur, und dem Juden auf dem Wege der außerordentlichen Offenbarung!
GEJ|9|210|16|0|Darum sage Ich es euch noch einmal: So ihr den Vater in Mir in Meinem Namen um etwas bittet, da bittet Ihn vor allem nur um die unvergänglichen Schätze des Reiches Gottes, und ihr werdet sie erhalten, und mit ihnen auch das, was euch zum Leben auf dieser Erde not tut!
GEJ|9|210|17|0|Wem aber auch viel von den Erdengütern verliehen worden ist, der verwalte sie nach dem Liebewillen des Vaters, und er wird dann, als ein treuer Verwalter schon auf dieser Welt über nur kleine Dinge, in Meinem Reiche über Großes gestellt werden!“
GEJ|9|210|18|0|Nach dieser Meiner längeren Rede an die Joppeer dankten sie Mir inniglichst, aber nicht mehr sehr mit der Mithilfe der äußeren Gebärden, und es fragte Mich in aller Liebe und Demut der Fischer, ob sie als vollkommen gesunde und kräftige Menschen nicht schon heute die Heimreise antreten sollten.
GEJ|9|210|19|0|Ich aber sagte: „Von Mir aus werdet ihr weder zur Heimreise noch zu einem längeren Hierverweilen genötigt werden; so sich aber nach dem Morgenmahle eine Gelegenheit zur Heimreise bieten kann, so möget ihr sie schon benutzen!“
GEJ|9|210|20|0|Als der Fischer das vernahm, da ward er frohen Mutes; denn er brannte schon vor Begierde, daheim alles zu erzählen, was er und seine Gefährten hier alles erlebt hatten.
GEJ|9|211|1|1|211. — Raphael bei den Herodianern
GEJ|9|211|1|0|Nun kamen aber auch die Herodianer aus ihrer Herbergshütte ins Freie und gingen zu ihrem Schiff, um es zu besichtigen, ob es zur Weiterfahrt wohl noch tauglich und brauchbar sein werde.
GEJ|9|211|2|0|Bevor sie aber noch das Schiff in einen ordentlichen Augenschein nahmen, ersah uns der Hauptmann von dem Schiffsplatze bei zweihundert Schritte entfernt mehr auf einer kleinen Ufererhöhung beisammenstehen und sagte zum Obersten: „Freund, überlassen wir die Schiffsbesichtigung nun nur unsern treuen Kriegsknechten, sie werden die Sache schon auch ohne uns ganz wohl zu beurteilen imstande sein, inwieweit das Schiff brauchbar oder nicht brauchbar sein wird. Wir aber begeben uns zu jener Gesellschaft dort oben am erhöhten Ufer; denn mir kommt es vor, daß sich der große Herr und Meister unter ihr befindet. Ich habe mir gestern am Abend Seinen Anzug wohl gemerkt, und jenen eines wunderschönen Jünglings auch. Sie sind es unfehlbar; darum eilen wir vor allem nun nur hinauf zu ihnen, was die Hauptsache ist, – alles andere wird sich schon nachher ganz wohl schlichten lassen!“
GEJ|9|211|3|0|Als der Hauptmann das noch kaum ausgeredet hatte, da stand auch schon Raphael, den er aus der Ferne als den am Abend bemerkten schönen Jüngling erkannt hatte, ganz knapp vor ihm und vor dem Obersten, und beide erschraken vor dieser so plötzlichen Gegenwart Raphaels; denn sie konnten es wahrlich nicht begreifen, wie er eine Strecke von zweihundert Schritten in einem Augenblick zu ihnen hatte gelangen können. Und sie fingen an, sich sehr vor ihm zu fürchten, so daß sie sich nicht getrauten, ihn zu fragen, wie er so schnell zu ihnen gekommen sei.
GEJ|9|211|4|0|Er aber redete sie an und sagte (Raphael): „Warum fürchtet ihr euch denn vor mir? Ich sehe ja doch nicht fürchterlich aus und habe auch nicht im Sinne, euch nur im geringsten irgendeine Unannehmlichkeit zu bereiten, und so ist eure Furcht vor mir eine eitel törichte! – Sehet ihr das nicht ein?“
GEJ|9|211|5|0|Sagte der Hauptmann: „O du holdester Jüngling, gar so eitel töricht ist unsere sicher sehr zu entschuldigende Furcht vor dir mitnichten, wie du es da meinst! Denn so du dich auch, sehr stark laufend, zu uns in etlichen Augenblicken der Zeit nach begeben hättest, so wäre das eben gerade nichts Überraschendes gewesen; denn ein ganz kerngesunder Jüngling kann bald einem gehetzten Hirsche gleich schnelle Sprünge machen. Aber dort und hier einem Blitze gleich gegenwärtig sein ohne alles Geräusch, das ist denn doch offenbar ein wenig viel! Ich muß es mir nun nur also denken, daß deinem, wie nun auch unserem Herrn und Meister nichts unmöglich ist, und da ist deine überschnelle Hierherkunft zu uns wohl begreiflich; nur möchten wir nun vorerst von dir erfahren, aus welch einem sicher höchst wichtigen Grunde dich der große Herr und Meister so blitzschnell zu uns herab entsandt hat!“
GEJ|9|211|6|0|Sagte Raphael: „Auf daß ich euch hinterbringen soll, daß ihr euch nun nicht sogleich zu Ihm hinaufbegeben sollet! Er wird Sich dann aber Selbst zu euch herabbegeben und euch kundtun, was ihr bei eurer Rückkehr nach Jerusalem in der Herodesangelegenheit zu tun haben sollet, und das will der Herr nur euch allein, ohne dabei seienden Zeugen, sagen.
GEJ|9|211|7|0|Zugleich aber habe ich als ein Diener des Herrn noch etwas zu tun, was denn auch alsbald ins Werk gesetzt wird. Seht, euer Schiff ist durch den starken Anprall an dieses mit Steinen reich versehene Ufer am Boden bedeutend stark beschädigt worden! Säße es hier nicht am seichtesten Punkte dieses Meeres, so wäre es schon lange untergesunken; aber da hier das Meer kaum ein paar Ellen Tiefe hat, so kann das Schiff denn auch nicht tiefer sinken, als es eben schon gesunken ist.
GEJ|9|211|8|0|Sehet aber nun nur eure Kriegsknechte an, wie sie sich mit den ihre Köpfe schüttelnden andern Schiffern beraten, was mit eurem lecken Schiffe zu machen sein wird! Das Wasser ausschöpfen nützt nichts; denn das wäre eine ebenso vergebliche Arbeit, als so jemand einen Bach ausschöpfen wollte. Denn soviel Wasser er aus dem Bache wegnähme, ebensoviel und dann noch um gar vieles mehr flösse ja von neuem wieder nach. Daß es sich aber mit eurem Schiffe also verhält, da kommet nun nur ganz beherzt mit mir und überzeuget euch selbst!“
GEJ|9|212|1|1|212. — Die Wiederherstellung des beschädigten Schiffes durch Raphael
GEJ|9|212|1|0|Darauf gingen der Oberste, der Hauptmann und auch die andern ihnen untergebenen Führer und Leiter mit dem Raphael zum Schiffe hin und fanden es zu ihrem Leidwesen geradeso beschaffen, wie es ihnen zuvor Raphael beschrieben hatte.
GEJ|9|212|2|0|Auch die zehn Kriegsknechte sagten nach der mit ihnen übereinstimmenden Meinung der andern anwesenden Schiffer, zumeist des Kisjona, zum Obersten: „Herr und unser Gebieter, mit diesem Schiffe wird sich etwa vor acht bis zehn Tagen Zeit nichts unternehmen lassen; es muß zuvor ans Land gehoben und von sachkundigen Zimmerleuten wohl untersucht, dann ausgebessert und geprüft werden, sonst ist es nicht ratsam, sich auf demselben in dieser wetterwendischen Zeit auf die Höhe dieses ohnehin stets unruhigen Wassers zu begeben!“
GEJ|9|212|3|0|Als der Oberste und der Hauptmann sich davon überzeugt hatten, da sagte der Hauptmann zu Raphael: „Holdester Freund, du sagtest ehedem, daß du auch darum zu uns so wundereilig gekommen seist, um dieses Schiff wieder in einen für uns gut brauchbaren Zustand zu setzen! Wie wird dir das wohl möglich sein, wo diese alle ihre Köpfe bedenklich schütteln? Mit zwanzig Ochsen wird sich dieses Schiff kaum ans Land herausheben lassen, und wo sind endlich die dazu nötigen Zimmerleute?“
GEJ|9|212|4|0|Sagte Raphael: „Ihr urteilt allen Menschen gleich nach ihrer Ohnmacht; ich aber urteile nach der Macht Gottes in mir, und so werde ich, um dieses Schiff in einen brauchbaren Zustand zu setzen, wahrlich nicht eines längeren Zeitraumes benötigen, als ich desselben benötigte, um von der Gesellschaft des Herrn zu euch herab zu gelangen! Aber diesmal erschreckt nicht so sehr, wie ihr euch zuvor ob meiner Schnellreise zu euch herab erschreckt habt!
GEJ|9|212|5|0|Seht, ich will nun aus dem Willen des Herrn in mir, daß dieses Schiff im schnellsten Augenblick in einen brauchbarsten Zustand umgewandelt werde! Und seht, schon ist euer Schiff in der vollsten Ordnung! Lasset es nun von euren Kriegsknechten und auch von den anderen Schiffern besteigen und untersuchen, und sie werden nicht einen allerkleinsten Fehler weder von außen noch von innen entdecken!“
GEJ|9|212|6|0|Voll des höchsten Staunens wurde das Schiff von allen Seiten untersucht, und es war nirgends nur ein Makelchen zu entdecken. Von innen war es so trocken, als wäre nie auch nur ein Tropfen Wasser in seinen inneren Raum gedrungen, und von außen sah es wie ganz neu und frisch gezimmert aus.
GEJ|9|212|7|0|Da sagten nach der Durchsuchung alle: „Das ist ein Wunder über alle Wunder! Das ist nun ja ein Schiff, auf dem man sich auch dem großen Meere anvertrauen kann!“
GEJ|9|212|8|0|All die Herodianer betrachteten den vermeintlichen Jüngling mit einer stets größeren Aufmerksamkeit und wußten nicht, was sie aus ihm machen sollten.
GEJ|9|212|9|0|Nach einer Weile sagte der Oberste: „Und – gegen – solche Menschen wollte Herodes zu Felde ziehen?! Er, kaum eine Mücke gegen tausend Löwen?“
GEJ|9|212|10|0|Sagte darauf Raphael: „Ja, ja, da hast du eine gute und wahre Bemerkung gemacht! Die Menschen, die kein wahres, inneres Lebenslicht haben, leben in einem Wahnlichte und unternehmen gar oft Dinge und Handlungen, deren Ausführung ebenso unmöglich ist, wie unmöglich ein von der Geburt an Stockblinder von einer Farbe ein Urteil abgeben kann; aber das hindert die vielen Wahnmenschen nicht, irgend etwas rein und völlig Unmögliches ins Werk setzen zu wollen mit allen ihnen zu Gebote stehenden irdischen Mitteln. Und gelingt ihnen das Werk mit einem ersten Versuche nicht, so stehen sie davon doch nicht ab, sondern erneuern die Versuche gleich fort und fort; und haben sie nach oft vielen Versuchen ebensoviel ausgerichtet wie beim ersten, so schreckt sie das ja nicht ab, abermals mit neuen Versuchen aufzutreten, und das so lange fort, bis sie dabei ihren vollen Untergang gefunden haben.
GEJ|9|212|11|0|Nun sollte aber ein solches oft wiederholtes Mißraten von Versuchen doch vielen andern Menschen zu einer guten Belehrung dienen; aber nein, sie denken, hausen und handeln ebenso wahnsinnig fort, wie das ihre stets verunglückten Vorfahren getan haben, und rennen darum in das alte Unglück ihrer wahnsinnigen Vorfahren.
GEJ|9|212|12|0|Allein dem, der etwas selbst will und sich auch von niemand belehren läßt, geschieht nie ein Unrecht. Sein freier Wille, der ihm von Gott aus gegeben ist zu seiner Selbstvollendung, wird mißbraucht und stürzt den Menschen oft nur zu bald in den Abgrund des Elends und Verderbens seiner Vorfahren. Der Mensch weiß es sicher aus vielfacher Erfahrung, daß er zugrunde geht, so er in die Fußstapfen seiner Vorfahren tritt und ihre losen Pfade und selbstsuchtsvollen Wege fortwandelt; aber, wie gesagt, wer sich von der Wahrheit nicht belehren läßt, der ist selbst an seinem unvermeidlichen Untergange schuld.
GEJ|9|212|13|0|Wie es aber noch allen bösen Narren ergangen ist, also wird es auch dem Herodes gar bald ergehen, zum Teile schon in diesem Leben, und um viele tausend Male ärger im großen Jenseits für immer!
GEJ|9|212|14|0|Ich kann euch dessen versichern, da ich das Jenseits gar wohl kenne, und das aus dem leicht begreiflichen Grunde, weil ich schon seit gar lange her ein Bürger des großen Jenseits bin. Daß ich hier unter den Menschen sichtbar wandle, wirke und sie im Namen des Herrn belehre durch Wort und Tat, das ist eine große Gnade des Herrn, der nun Selbst als ein Mensch unter den Menschen wandelt, sie belehrt und ihnen allerorts zeigt die großen Irrsale, in denen sie sich befinden. Mit dem wisset ihr denn nun auch, wer ich bin, und ihr braucht euch nicht gar zu sehr zu verwundern über meine euch freilich unbegreiflichen Taten.“
GEJ|9|213|1|1|213. — Der Herr bei den Herodianern
GEJ|9|213|1|0|Als Raphael solches zu dem Obersten geredet hatte, da stutzte dieser samt seinen Gefährten noch mehr und sagte nach einer Weile etwas schüchtern (der Oberste): „Was, – du bist also ein Geist aus dem Jenseits? – – Wir haben wohl auch von Geistern so dann und wann märchenhafte Dinge erzählen hören, auch in der Schrift wird deren zu öfteren Malen erwähnt; aber ich selbst und mit mir sicher viele tausendmal Tausende haben daran beinahe gar keinen Glauben mehr und auch schon seit langem keinen mehr gehabt, da unter uns sich wohl niemand rühmen kann, je einen Geist gesehen und gesprochen zu haben.
GEJ|9|213|2|0|Es sind zu uns wohl Magier teils aus den Morgenlanden und teils aus Ägypten gekommen, die neben ihren vielen betrugsvollen Künsten im Fache der Zauberei sich auch mit dem Beschwören der Geister abgaben und auch gewisse, stets sehr unheimliche Gestalten vor die Augen der Menschen stellten; aber man wußte nur zu bald, wer hinter diesen Erscheinungen steckte, – und so haben besonders bei den mehr gebildeten und erfahrenen Menschen derlei magische Geisterzitationen (Geisterbeschwörungen) dem Glauben an eine jenseitige Existenz der Geister kaum aussprechbar um gar vieles mehr geschadet als irgend genützt.
GEJ|9|213|3|0|Das gemeine Volk, das nichts versteht, nichts denkt, weil es über derlei Betrügereien der gewinnsüchtigen Magier von niemand jemals eine Aufklärung erhalten hatte und auch nicht erhalten konnte, glaubt freilich noch, daß es Menschen gibt, denen die Macht eigen sei, Geister aus dem Jenseits zu beschwören; doch uns ist solch ein Glaube, obschon wir ihn unter dem gemeinen Volke gerne duldeten und aus gewissen leicht begreiflichen Gründen noch dulden, stets als eine barste Torheit vorgekommen.
GEJ|9|213|4|0|Doch nun sind wir eines andern durch dich, du wahrlich hoher und mächtigster Geist aus dem großen Jenseits, belehrt worden, und wir werden von nun an das Dasein der Geister und auch an die Möglichkeit ihrer Sichtbarwerdung vor den Augen der Menschen vollkommen und ungezweifelt glauben. Daß du kein uns gleicher, natürlicher Mensch seist, das hat uns deine blitzschnelle Ankunft zu uns her schon gezeigt, und darauf noch mehr die so urplötzliche Ausbesserung unseres sehr beschädigten Schiffes; und da du nun selbst uns frei und offen heraus sagtest, wer du bist, so glauben wir das nun um so fester, daß du wahrhaftig ein vollkommener Geist aus dem großen himmlischen Jenseits bist.
GEJ|9|213|5|0|Aber du sagtest unter anderm auch, daß du schon seit gar lange her ein Bürger des großen Jenseits seist! Nach dem müßten wir annehmen, daß du etwa einmal auch als ein Mensch mit Fleisch und Blut irgend auf dieser Erde gelebt hast?“
GEJ|9|213|6|0|Sagte Raphael: „Allerdings, – aber noch viel vor Noah! Mein Name lautete ,Henoch‘; ein Weiteres braucht ihr vorderhand nicht zu wissen. Nun aber kommt der Herr Selbst zu euch herab, und mit Ihm auch Markus, der jetzige Besitzer dieser Badeanstalt. Was der Herr euch sagen wird, das tuet; ich aber kehre nun zu der Gesellschaft des Herrn zurück.“
GEJ|9|213|7|0|Als Raphael solches ausgesprochen hatte, befand er sich auch schon bei der oberen Gesellschaft, was den Obersten und seine Gefährten in ein neues, großes Erstaunen setzte.
GEJ|9|213|8|0|Und der Hauptmann sagte: „Ja, Freunde, das ist mehr denn ein handgreiflicher Beweis, daß der überaus holde Junge ein vollkommener und wahrer Engelsgeist ist; denn nur die vollkommenen Geister können sich etwa den Gedanken gleich schnell bewegen! Aber nun kommt der Herr schon stark in unsere Nähe, und Den heißt es mit der möglichsten Ehrfurcht empfangen!“
GEJ|9|213|9|0|Als Ich gleich darauf mit freundlicher Miene zu ihnen trat, da legten alle ihre Hände kreuzweise über ihre Brust und ließen sich auf ihre Knie nieder.
GEJ|9|213|10|0|Ich aber richtete sogleich freundlichst diese Worte an sie: „Kinder und nun Freunde, richtet euch nur schnell vom Boden empor; denn Ich bin kein Götze und verlange keine äußere gebärdliche Verehrung! Ich habe in eure Herzen geschaut und habe sie als Mir nun ganz wohlgefällig befunden, und eines Weiteren bedarf Ich nicht.“
GEJ|9|213|11|0|Auf diese Meine Anrede erhoben sich alle schnell vom Boden und dankten Mir für die Rettung ihres Lebens und für die Gnade, Liebe und große Freundschaft, die ihnen hier anstatt einer wohlverdienten Strafe zuteil geworden sei; zugleich aber baten sie Mich auch um eine volle Vergebung der Sünde, die sie an Mir hätten begehen sollen.
GEJ|9|213|12|0|Und Ich sagte darauf zu ihnen: „Bleibet bei dem, was ihr euch vorgenommen habt; erkennet in Mir den alleinigen Herrn und Meister, und liebet Gott über alles tatsächlich dadurch, daß ihr eure Nächsten liebet gleich wie euch selbst und gerecht seid gegen jedermann, und es werden euch dadurch alle eure Sünden vergeben sein!
GEJ|9|213|13|0|So ihr aus eurem Antriebe jemandem ein Unrecht zugefügt habt, da machet es – wo das tunlich ist – wieder gut; und ist das irgend nicht mehr tunlich, so tuet andern Armen dafür Gutes, und ihr werdet euch dadurch Schätze sammeln fürs künftige Leben in Meinem ewigen Himmelreiche!
GEJ|9|213|14|0|Darin besteht ganz kurz Meine Lehre an euch Menschen und enthält Moses und alle Propheten. So ihr sie beachten werdet in der Tat, da werdet auch ihr Meine rechten Jünger sein, und Ich werde im Geiste der Macht Meiner Liebe in euren Herzen Wohnung nehmen, euch führen in alle Weisheit und euch geben das ewige Leben; denn Ich allein kann das tun, weil Ich das Licht, der Weg und das Leben Selbst bin!
GEJ|9|213|15|0|Ich bin das Licht der Liebe des Vaters in Mir; wie aber die Liebe das Leben Selbst ist, so ist auch das Licht dasselbe gleiche und eine Leben. Wer demnach an Mich glaubt, daß Ich vom Vater, der die Liebe ist, als ein rechter Sohn oder Licht allzeit ausgehe, der glaubt auch sicher an den ewigen, heiligen Vater, der Mich als ein rechtes und lebendiges Licht in diese Welt gesandt hat, auf daß alle, die an Mich glauben, in sich das ewige Leben haben.
GEJ|9|213|16|0|Glaubet demnach, daß Ich, als das Licht und Leben, also der wahrhaftigste Sohn des ewigen Vaters bin, durch den alles – der Himmel und diese Erde mit allem, was Himmel und Erde und die ganze Unendlichkeit enthält –, gemacht wurde, und lebet und tut allzeit nach Meiner Lehre, und liebet also Gott über alles und euren Nächsten wie euch selbst, und ihr habt dadurch das ewige Leben in euch, und so ihr auch dem Leibe nach einmal sterben werdet, so wird aber eure Seele dennoch im hellsten und vollsten Bewußtsein fortleben und ewig nimmerdar einen Tod sehen, fühlen und schmecken!
GEJ|9|213|17|0|So ihr dieses begriffen habt, da fasset auch in euren Herzen den unbeugsamen Vorsatz, nach diesen Meinen Worten tätig zu werden und zu bleiben!“
GEJ|9|214|1|1|214. — Der Abzug der Gäste in ihre Heimatorte
GEJ|9|214|1|0|Sagte hierauf der Oberste: „O Herr und Meister, das werden wir alle, da wir nun zu klar von dem durchdrungen sind, wer in Dir also zu uns geredet hat, wie noch nie ein Mensch zu seinen Nebenmenschen geredet hat. Du allein bist wahrhaft der Herr Selbst und wirst es auch ewig sein und bleiben!
GEJ|9|214|2|0|Aber nun erlaube, o Herr, es mir gnädigst, Dich zu fragen, was wir mit dem Herodes tun sollen! Ist es recht und Dir wohlgefällig, so wir unser gefaßtes Vorhaben an ihm vollführen zum Besten so vieler Armen und Notleidenden, die er nur zu oft über die Gebühr allerunbarmherzigst bedrückt hat durch seine wahren Häscher und gewissenlosesten Kriegsknechte, wie deren gestern auf den Schiffen untergegangen sind?“
GEJ|9|214|3|0|Sagte Ich: „Was recht ist, das ist auch gut! So ihr aber gegen den schlauen Fuchs etwas unternehmet, da sehet euch zuvor wohl vor, und beratet alles in Meinem Namen gut! Lasset alle Leidenschaft und allen Zorn beiseite, und berechnet jeden Schritt mit voller Klugheit, auf daß niemand euch die Wege verramme und ihr dann mit eurer guten Vornahme in einen wirkungslosen Hintergrund gestellt werdet!
GEJ|9|214|4|0|So ihr in Meinem Namen und nach Meinem Rate handeln werdet, da werdet ihr den Fuchs leicht in die Enge treiben, und er wird eurem gerechten Verlangen nachkommen müssen. Machet sonach die Sache nicht eher ruchbar, als bis ihr alles so werdet eingeleitet haben, daß der Fuchs der ihm gelegten Falle nicht entgehen kann; denn ein Fuchs hat feine Ohren, und man muß ganz leise und geräuschlos schleichen zu seinem Geschleife, um ihm vor demselben eine wirksame Falle aufrichten zu können.
GEJ|9|214|5|0|Also machet auch über Mich und Mein Wirken kein Aufheben, und machet Mich vor dem Fuchse nicht noch ruchbarer, als Ich es ohnehin schon bin, sondern saget, was euch infolge eures blinden Eifers begegnet ist, und daß ihr Mich auf römischem Schutzgebiet angetroffen habt, auf dem ihr wider Mich erstens infolge des Gesetzes und zweitens infolge eurer Schwäche, zu der euch der Sturm verhalf, nichts unternehmen durftet und konntet, worüber euch hier Mein Freund Markus nebst noch vielen andern Zeugen ein gültiges Zeugnis geben werden, und noch eines, die Tiberianer, denen er dann den verursachten Schaden wohl vergüten wird. Von einem weiteren Plane gegen ihn aber lasset ihn nichts merken!
GEJ|9|214|6|0|Und nun noch etwas! Es sind arme und kranke Joppeer der Heilung willen hierher gekommen und auch vollkommen geheilt worden; diese nehmet nach dem eingenommenen Morgenmahle auf euer nun völlig gutes Schiff, und bringet sie nach Tiberias, von wo aus sie dann den Weg in ihre Heimat nehmen werden! Von diesen Joppeern werdet ihr vieles über Mich erfahren, was ihr hier nicht erfahren konntet; das wird eurem Herzen, eurem Glauben und eurer Liebe zu Mir eine große Kraft erteilen.
GEJ|9|214|7|0|In Tiberias könnet ihr ihnen von eurem Überflusse auch ein nötiges Reisegeld zukommen lassen, was euch nicht unvergolten bleiben wird. Was Ich euch nun sagte, das tuet!
GEJ|9|214|8|0|Und nun begeben wir uns zum Morgenmahle! In eurer Herbergshütte werdet ihr schon das für euch bereitete Morgenmahl, eure euch gestern abgenommenen Waffen und die wohlgeschriebenen Zeugnisse für den Herodes antreffen. Und somit seid ihr von uns in allem Frieden, aller Freundschaft und Liebe entlassen!“
GEJ|9|214|9|0|Auf diese Meine Worte dankten Mir die Herodianer wahrhaft aus ihrem tiefsten Herzensgrunde, baten Mich, daß Ich sie nimmerdar mit Meiner Gnade und Liebe verlassen möchte, und begaben sich darauf schleunig in ihre Herbergshütte.
GEJ|9|214|10|0|Ich und unser Markus aber begaben uns in unser Haus, und alle Meine Jünger und alle die andern Anwesenden taten, als sie uns dem Hause zugehen sahen, dasselbe. Wir setzten uns denn auch sogleich an unsere Tische und nahmen das wohlbereitete Morgenmahl zu uns, und desgleichen auch die Joppeer in ihrem schon bekannten Winkel.
GEJ|9|214|11|0|Nach dem Morgenmahle fragte Mich Markus, sagend: „Herr und Meister, wer hat denn den Herodianern in solch unglaubbar kurzer Zeit die Zeugnisse ausgestellt?“
GEJ|9|214|12|0|Sagte Ich, auf unseren Raphael hinweisend: „Kennst du denn Meinen Schnellschreiber nicht?“
GEJ|9|214|13|0|Sagte Markus: „Ja, so ist es! Da ist die Sache freilich leicht abgetan, vor der ich mich schon wahrlich ein wenig gefürchtet hatte, da ich mit dem Schreiben sehr schlecht umgehen kann. Und so bin ich nun sehr froh, daß diese Sache nun bestens abgemacht ist. Nun wird man aber den Joppeern anzeigen müssen, was sie jetzt zu tun haben?“
GEJ|9|214|14|0|Sagte Ich: „Auch das ist nicht nötig! Denn Mein Raphael hat sie schon unterrichtet, was sie nach ihrem Wunsche nach dem Morgenmahle zu tun haben, und sie erheben sich schon von ihrem Tische und werden alsbald bei den Herodianern sein.“
GEJ|9|214|15|0|Sagte Markus, als er die Joppeer sich von ihrem Tische erheben und ohne eine äußerlich ersichtliche Abschiedsnahme und ohne einen laut ausgesprochenen Dank schnell zur Tür hinauseilen sah: „Es ist aber doch auch ein wenig sonderbar von diesen Menschen, daß sie gar so gleichgültig uns verlassen!“
GEJ|9|214|16|0|Sagte Ich: „Hast du denn draußen am Ufer nicht vernommen, welche Lehre Ich ihnen gegeben habe in Hinsicht auf die äußere Gebärdendankbarkeit und über Gebete und Bitten mit den Lippen, und welche Folgen solche Dinge nach sich ziehen?
GEJ|9|214|17|0|Was sie nun taten, war schon ganz recht vor Mir, und es soll euch da ihre nur scheinbare Gleichgültigkeit gegen uns nicht beirren, da sie in ihrem Herzen um so tiefer erbaut von uns geschieden sind und uns keine Mühe gemacht haben.“
GEJ|9|214|18|0|Als Markus solches von Mir vernommen hatte, da war ihm auch gleich alles recht.
GEJ|9|214|19|0|Es traten nun aber auch alle andern Anwesenden zu Mir hin und fragten Mich, ob auch sie sich in ihre Heimat begeben sollten.
GEJ|9|214|20|0|Sagte Ich: „Bis auf Kisjona, Philopold und den römischen Richter mögen sich alle in ihre Heimat begeben und sollen daheim ihren Freunden die treue Kunde überbringen von dem, was sie hier alles gehört und gesehen haben, und also Mein Reich unter den Menschen ausbreiten. An Gelegenheit von hier nach allen Richtungen hin hat es eben hier keinen Mangel. Ich Selbst aber werde noch etliche Tage hier verweilen und Mir einige Ruhe gönnen.“
GEJ|9|214|21|0|Als Ich solches ausgeredet hatte, da kamen der Arzt, die andern geheilten Griechen, der Wirt aus Jesaira, die bekannten Fischer aus seiner Nähe, die etlichen mit hierher gereisten Schilfbuchtfischer, die einmal Kyniker waren, dankten für all das physisch und geistig Empfangene und Genossene und begaben sich darauf in ihre Heimatorte. Ein Teil zog übers Land gen Westen, die andern wurden zu Wasser weiterbefördert. Wir aber blieben noch bei einer Stunde lang im Hause und besprachen uns über so manches Nützliche, Gute und Wahre.
GEJ|10|1|1|1|Der Herr in der Gegend von Cäsarea Philippi.
GEJ|10|1|1|1|1. — Des Römers Vorschlag zur schnellsten Verbreitung der Lehre des Herrn
GEJ|10|1|1|0|Darauf begaben wir uns abermals ins Freie, und zwar an das Ufer, wo wir uns schon am frühen Morgen befanden.
GEJ|10|1|2|0|Als wir allda eine Zeitlang ohne einen Wortwechsel zugebracht hatten, da trat der Römer zu Mir hin und sagte: „Du einzig und allein wahrer Herr und Meister, voll der reinsten Liebe und Weisheit und göttlichen Kraft, mir ist nun ein seltener Gedanke gekommen. Für die Menschen kann es auf dieser Erde doch nichts Beseligenderes, Glücklicheres und somit auch Wünschenswerteres geben, als daß Deine Lehre mit ihrer lebendig wundervollsten Kraft in möglichst kurzer Zeit unter ihnen ausgebreitet würde; und das ginge nach meiner Meinung ja eben nicht allzu schwer.
GEJ|10|1|3|0|Siehe, Du bist allmächtig; ein Gedanke von Dir, erfüllt mit der Allmacht Deines Willens, – und auf der ganzen Erde besteht kein Götzentempel und kein Götzenbild mehr. Sind diese Hauptstützen des alten, finstern und bösen Aberglaubens aus dem Wege geräumt, und das blitzschnell zu gleicher Zeit an allen Orten der Erde, so werden die Menschen sicher darüber erschrecken und darauf bald nachzudenken anfangen, wie und warum solches geschehen ist, und was es zu bedeuten hat.
GEJ|10|1|4|0|Darauf sollen die vielen von Dir und Deinem Reiche gute und wahre Kunde Habenden vor die zum Teil erschreckten und zum Teil staunenden und nach dem Grunde solcher Erscheinung fragenden Menschen hintreten und sie zu lehren anfangen in Deinem Namen, und so sie irgend Kranke finden, sie auch also heilen, wie Deine schon ausgesandten Jünger in Joppe die hier gewesenen Kranken geheilt haben, – und ich meine, daß auf diese außerordentliche Weise Deine Lehre am ehesten und sichersten bei allen Menschen Eingang finden müßte. Die Menschen können das nicht bewirken, weil sie dazu die Mittel nicht besitzen; Du aber hast dazu die Mittel, durch die ein größtes Werk schnell zustande käme. Wäre das denn nicht tunlich, oder stünde das im Widerspruch mit Deiner Weisheit und Ordnung?“
GEJ|10|1|5|0|Sagte Ich: „Ja, Freund, wenn Ich nur so ein purer Mensch wäre und nach deiner Art dächte und urteilte, da ginge solch eine Geschichte schon an; aber Ich sehe und beurteile als ein ewiger Meister alles Seins und Lebens die Sache ganz anders denn du, und so kann Ich in deinen Rat nicht eingehen.
GEJ|10|1|6|0|So Ich alle Götzen samt ihren von den Menschen erbauten Tempeln auf einmal vernichtete, da müßte Ich vorerst ihre Priester vom Boden der Erde rein hinwegfegen; die Priester sind aber auch Menschen, begabt mit freiem Willen und bestimmt, sich selbst zu entfalten und in sich zu gründen das geistige Leben, und es gibt unter den Götzenpriestern denn doch auch eine Menge, die bei sich im geheimen schon lange nach der Wahrheit des jenseitigen Seelenlebens forschen, und es wäre darum nicht fein, sie darob zu vernichten, weil sie Götzenpriester sind.
GEJ|10|1|7|0|Würden aber all die Götzentempel samt den Götzen auf einmal vernichtet werden und die Priester blieben, so würden sie solch eine Erscheinung dem Volke als den Zorn der Götter verkünden und es nur zu bald zu unerschwingbaren und auch grausamen Opfern mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln nötigen. An vielen Orten tun das die Priester ohnehin, so das Volk opferlau wird, daß sie einen oder den andern Tempel in der Nacht zerstören und dann dem Volk den Zorn und die Rache eines beleidigten Gottes laut verkünden, worauf das Volk dann noch finsterer, abergläubischer und unbekehrbarer wird.
GEJ|10|1|8|0|Zudem sind Wunder und allerlei Zeichen kein rechtes und wahres Bekehrungsmittel, besonders für ein im Geiste noch viel zu wenig gewecktes Volk. Sie nehmen den Menschen wohl schnell und leicht gefangen und bestimmen ihn mit unwiderstehlicher Gewalt, das ungezweifelt zu glauben, was ihm zu glauben vorgestellt wird; es gibt aber in dieser Zeit – wie es auch in den Vorzeiten gegeben hat und auch in der Zukunft stets geben wird – besonders unter den Priestern aller Art Magier, die allerlei falsche Wunder und Zeichen wirken. Wo aber hat das Volk die Einsicht und jene helle Beurteilung, die falschen Wunder und Zeichen von den echten und wahren zu unterscheiden?
GEJ|10|1|9|0|So Ich dir die Fähigkeit erteilte, unter den Heiden echte und wahre Zeichen zu wirken, die Priester der Heiden aber wirkten gleich den früheren Essäern dir gegenüber ganz ähnliche falsche Zeichen, wie wirst du da dem blinden Volke beweisen, daß nur deine Zeichen die allein echten sind?“
GEJ|10|1|10|0|Sagte der Römer: „Ja, ja, Herr und Meister, Du hast in allem recht; die lichte Wahrheit allein ist es, durch welche die Menschen mit der Zeit zur wahren inneren Lebensfreiheit gelangen können!
GEJ|10|1|11|0|Von Dir aus vor uns blinden Heiden derartige Zeichen und Wunder zu wirken, die – soviel wir im alten Fache der Magier eine Einsicht haben – von keinem Menschen bewirkt werden können, ist zur vollen Beweisstellung Deiner Göttlichkeit sicher notwendig, und Dir kommt es denn auch zu, neben Deiner Lehre, die an und für sich selbst schon ein größtes Wunder ist, auch andere Zeichen und Wunder zu wirken, auf daß wir desto klarer einsehen, daß Deine Worte nicht Menschen-, sondern Gottesworte sind; aber so Deine heilige Lehre einmal auch von Deinen Jüngern den andern Menschen also gepredigt und gelehrt wird, wie Du sie Deine Jünger gelehrt hast, so wird sie auch als eine reinste und lebensvollste Wahrheit aus den Himmeln angenommen, erkannt und handelnd beachtet werden, und das größte Zeichen und Wunder wird sie selbst dadurch bewirken, so die nach ihr treu handelnden Menschen in sich das erreichen werden, was sie verheißt. Aber freilich wird es lange hergehen, bis diese heilige Lehre unverfälscht zu allen Menschen der Erde gelangen wird. Allein, Du bist der Herr und weißt es am besten, wo, wie und wann ein Volk für Deine Lehre reif sein wird.“
GEJ|10|1|12|0|Sagte Ich: „Ja, Freund, also ist es, und du hast nun richtiger geurteilt denn zuvor mit deiner sogleichen Vernichtung aller Götzen und ihrer Tempel!“
GEJ|10|2|1|1|2. — Mängel einer gesetzmäßigen Ausbreitung des Reiches Gottes
GEJ|10|2|1|0|(Der Herr:) „Wenn du einen Samen in die Erde legst, so bedarf es ja auch einer Zeit, bevor er zu keimen beginnt und nach und nach zu einer vollreifen Frucht wird. Es ist für den Ackersmann freilich wohl eine Sache der Geduld, so er von der Zeit der Aussaat bis zur Zeit der Ernte doch beinahe ein halbes Jahr lang warten muß; es wäre ihm auch sicher lieber, so er heute säte und morgen schon ernten könnte! Und siehe, wie bei Gott alle Dinge möglich sind, so wäre bei Gott auch das leicht möglich zu bewirken; aber dabei sähe es dann mit der geistigen Bildung des Menschen um vieles schlimmer aus denn so! Da würde der gewinnsüchtige Mensch in einem fort säen und ernten; der träge aber würde in die stets größere Trägheit versinken, was sich von selbst leicht einsehen und begreifen läßt. Darum ist die Ordnung, wie sie in allem auf dieser Erde von Gott aus bestimmt ist, dem Menschen gegenüber schon ohnehin die beste und zum Behufe seiner geistigen Entwicklung die zweckmäßigste.
GEJ|10|2|2|0|Was von Zeit zu Zeit schnell entstehen muß, das braucht von der ersten Periode des Entstehungsgrundes bis zu jener des vollen und wirkenden Sachzustandes wahrlich kein halbes Jahr Zeit, zum Beispiel der Wind, der Blitz, der Regen und noch vielerlei derartige Erscheinungen, die, so sie notwendig sind, nach dem Willen Gottes auch sogleich dasein müssen; aber andere Dinge, mit denen sich die Menschen zu beschäftigen haben, haben gleich dem Menschen ihre Zeit, und so auch die Ausbreitung Meiner Lehre, die ausschließlich allein nur für die Menschen von Mir in diese Welt gebracht und gegeben wird in dieser Zeit und ebenso auch in der Zukunft.“
GEJ|10|2|3|0|Sagte darauf der Römer: „O Herr und Meister, das sehe ich nun alles ganz klar ein, daß es auf dieser Erde der Menschen wegen schon recht und richtig alles also sein und bestehen muß, wie es ist und besteht; aber so ich bedenke, daß man nur durch den Glauben an Dich und durch das Handeln nach Deiner Lehre das wahre, ewige Leben seiner Seele gewinnen kann, und daß darum Milliarden von Menschen, die von Dir und Deiner Lehre noch gar lange hin nichts vernehmen werden, an ihren Seelen sicher Schaden erleiden werden, so wird mir deshalb bange in meinem Gemüte, und ich habe nur in dieser alleinigen Hinsicht eine möglichst beschleunigte Ausbreitung Deiner Lehre gewünscht!“
GEJ|10|2|4|0|Sagte Ich: „Solch ein Wunsch an und für sich macht deinem Herzen eine rechte und wahre Ehre und Meinem Herzen eine rechte Freude! Es ist wohl ganz wahr, daß nur Ich allein die Tür zum ewigen Leben der Seele eines jeden Menschen bin; wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt, der überkommt das ewige Leben.
GEJ|10|2|5|0|Du hast aber gestern auf dem Berge ja die Seele deines Vaters und die Seelen mehrerer deiner Bekannten geschaut und sogar gesprochen und sahst auch das lose Treiben von gar vielen im Jenseits. Ich sage es dir, daß auch ihnen das Evangelium von Meinen zahllos vielen Engeln verkündet wird. Die es anhören, annehmen und sich danach richten, werden auch zur Seligkeit gelangen, doch so leicht und so bald nicht wie auf dieser Erde, auf der der Mensch viele und oft recht schwere Kämpfe mit der Welt, mit seinem Fleische und mit noch gar vielen anderen Dingen – wenn auch kurz dauernd – in aller möglichen Geduld, Selbstverleugnung, Sanftmut und Demut durchzukämpfen hat.
GEJ|10|2|6|0|Darum sei dir um niemand im großen Jenseits allzu bange; denn Gottes Liebe und Weisheit und große Erbarmung waltet überall, auch im großen Jenseits. Die sie ergreifen und sich nach ihr fügen und richten werden, die werden nicht verlorengehen; die aber das hier, wie auch jenseits nicht tun werden, bei denen gilt der Satz, wonach demjenigen kein Unrecht geschieht, der das Böse, ihm Schadende selbst will. – Bist du, Freund, mit dieser Meiner ganz klaren Erklärung zufrieden?“
GEJ|10|2|7|0|Sagte der Römer: „Ja, Herr und Meister, mit dieser Erklärung bin ich nun vollkommenst zufrieden; denn sie entspricht allen Anforderungen des vernünftigen Menschengemütes und ist voll rechten Trostes für unsere Seelen; Dir darum alle unsere Liebe, Ehre und Anpreisung jetzt und in alle Ewigkeit!“
GEJ|10|2|8|0|Mit dem war unser Römer denn auch völlig zufrieden und stellte darauf wenig Fragen in dieser Art mehr an Mich.
GEJ|10|3|1|1|3. — Der geheilte römische Richter bekehrt seine Freunde
GEJ|10|3|1|0|Es kam aber darauf ein Diener des Markus zu uns hin, und zwar mit einem Auftrag an den Römer von seiten mehrerer seiner Badefreunde, die sich nach ihm angelegentlich in der großen Bade- und Heilanstalt zu erkundigen angefangen hatten, da er ihnen als nach ihrer Meinung noch Ungeheilter zu lange außerhalb der Badeanstalt geblieben war.
GEJ|10|3|2|0|Hierauf fragte Mich der Römer, was er nun tun solle; denn er wollte Mich in der Anstalt bei den andern Gästen nicht ruchbar machen.
GEJ|10|3|3|0|Ich aber sagte zu ihm: „Was da betrifft deine Freunde und Bekannten, so kannst du mit ihnen wohl im Vertrauen schon von Mir reden und wie du dem Leibe nach gesund geworden bist.
GEJ|10|3|4|0|So sie glauben werden, soll es mit ihnen auch besser werden; so sie aber nicht völlig glauben werden, da wird es mit ihnen auch nicht besser werden. So sie aber werden Mich Selbst zu sehen und zu sprechen verlangen, da mache ihnen eine rechte Gegenvorstellung, bei der dich des Markus Diener wohl unterstützen wird. Verlangen sie aber trotz all dem noch nach Mir, so lasset sie herauskommen; doch vor den Juden, Pharisäern und andern Priestern rede nichts von Mir!
GEJ|10|3|5|0|Und so kannst du nun mit dem Diener dich schon in die Anstalt begeben, auf daß den Gästen deine längere Abwesenheit nicht zu auffällig werde.“
GEJ|10|3|6|0|Auf diese Meine Worte erhob sich der Römer und ging, vom Diener begleitet, in die Anstalt.
GEJ|10|3|7|0|Als er dort angekommen war, da ersahen ihn alsbald seine Freunde und Bekannten, eilten zu ihm hin und bestürmten ihn mit tausend Fragen.
GEJ|10|3|8|0|Er (der geheilte Römer) aber sagte: „So lasset mir doch Zeit, und betrachtet mich zuvor ein wenig aufmerksamer, und saget mir dann, wie ihr mich findet!“
GEJ|10|3|9|0|Hierauf besahen ihn alle möglichst aufmerksam, und ein Römer, auch aus Tyrus, sagte: „Aber beim Zeus, du scheinst ja ganz kerngesund zu sein! Wie bist du denn draußen so völlig gesund geworden, während dein gestriger Gesundheitszustand doch keineswegs irgendeine so baldige und vollkommene Heilung erwarten ließ?
GEJ|10|3|10|0|Hast du im Hause des Markus etwa irgendeinen besseren Arzt gefunden, als da in der Anstalt die drei Ärzte sind, oder noch irgendeine etwa geheim gehaltene neue Heilquelle? Erzähle uns das umständlich, auf daß auch wir hinausgehen und unser Heil finden mögen gleich dir!“
GEJ|10|3|11|0|Hierauf erzählte ihnen der Römer alles, was er gehört, gesehen und erfahren hatte.
GEJ|10|3|12|0|Als aber seine Freunde solches alles vernommen hatten, da zuckten sie mit den Achseln. Und der eine sagte: „Freund, das sind Dinge, die sich beinahe noch schwerer glauben lassen als die Sachen unseres fabelhaften Göttertums!
GEJ|10|3|13|0|Ich habe von dem sonderbaren Wirken und Handeln deines neuen Gottes, der aber doch uns allen gleich ein aus einem Weibe geborener Mensch mit Fleisch und Blut ist und ebensogut wie wir alle sterben wird, auch schon gar manches aus treuer Zeugen Munde vernommen; aber ich konnte mich nicht erwehren, meine alte Überzeugung, die ich aus den Büchern über all die vielen großen und berühmten Menschen gewonnen habe, auch an diesem deinem Gottmenschen von neuem wieder bestätigt zu finden.
GEJ|10|3|14|0|Die Vergöttlichung der großen und in einem oder dem andern Fache berühmten Menschen ist schon eine so uralte Sache, daß man ihren Ursprung gar nicht mehr bestimmen kann, und es ist unter uns das schon seit alters her sprichwörtlich geworden, daß ohne einen göttlichen Anhauch kein großberühmter Mann besteht. Und so ist es nun sicher auch mit deinem neuen Gott, der ein Galiläer sein soll, der ganz gleiche Fall.
GEJ|10|3|15|0|Er ist ein Mensch von entschieden seltenen Talenten und Befähigungen, die er in irgendeiner altberühmten Schule ausgebildet hat, und leistet nun Fabelhaftes und für uns Laien offen Wunderbares, wofür ihm auch alle Ehre gebührt; doch daß er darum vor uns Menschen gleich den uralten Weisen sich auch als ein Gott darstellt, das ist eine eitle Sache, die den recht natürlich vernünftig gebildeten Menschen nie völlig gefallen wird. Ich möchte mich von ihm recht gerne heilen lassen und ihn darum auch nach seinem Verlangen belohnen; aber daß ich ihn für die Heilung gleich als den einen, allein wahren Gott annehmen und verehren soll, das, Freund, geht mir nicht ein, trotz seiner im Ernste reinsten Lehre.
GEJ|10|3|16|0|Wer das, was du von ihm hier uns erzählt hast, als eine ausgemachte Wahrheit glauben kann, gut, der glaube es und lebe und sterbe in solch seinem Glauben so glücklich als möglich; ich für mich aber werde solch ein Glück schwerlich je mit ihm teilen!“
GEJ|10|3|17|0|Sagte der römische Richter: „Ihr seid doch alle gleich mir geweckte Männer von vieler Erfahrung und könntet darum für die Wahrheit aller Wahrheiten schon empfänglicher sein, als ihr eben seid!
GEJ|10|3|18|0|Überall glauben die Menschen an ein oder auch mehrere Gottwesen; aber kein Mensch kann der vollsten Wahrheit nach sagen und behaupten, daß er ein solches Gottwesen je wirkend unter den Menschen gesehen und darüber eine untrügliche Selbsterfahrung sich verschafft habe, wie ich sie mir hier verschafft habe.
GEJ|10|3|19|0|So ihr aber das nun mir nicht glauben möget, daß ein Mensch, dem alle Kräfte und Elemente gehorchen, und dem Genien aus den Himmeln wunderbar zu Diensten stehen, ein Gott ist und unfehlbar sein muß, dann begreife ich es nun erst recht, wie schwer bei den Menschen dieser Erde Seine rein göttliche Lehre Eingang finden wird.
GEJ|10|3|20|0|Habt ihr denn schon je einen noch wahreren Gott gesehen, um nun beurteilen zu können, ob Der, von dem ich euch alles haarklein erzählt habe, was Er Selbst spricht und tut, ein wahrer Gott ist oder nicht? Kurz und gut, ihr könnet nun glauben, was ihr wollt, – ich aber werde bei meinem Glauben verbleiben mein Leben lang und werde dafür das ewige Leben meiner Seele sicher um so wahrer überkommen, da ich es nun in mir lebendigst fühle und es in der Folge noch heller in mir fühlen werde.
GEJ|10|3|21|0|Wer soll und kann denn eher ein wahrer Gott sein: ein erdichteter, wie wir deren leider eine Unzahl haben, die alle tot sind, und von deren keinem noch je eine wunderbare Wirkung an uns Menschen übergegangen ist, oder ein lebendigster Mensch, vor dessen allmächtigstem Wort und Willen sich alle Kräfte der Himmel und dieser Erde allergehorsamst beugen?
GEJ|10|3|22|0|Ich meine da, daß solch ein Mensch der Gott ist, von dem alle die jüdischen und uns nicht unbekannten Weisen geweissagt haben, daß Er in dieser Zeit als der Herr im Fleische und Blute zu den Menschen dieser Erde kommen werde und ihnen das wiedergeben werde, was sie durch ihre Trägheit, Weltliebe und Herrschsucht verloren haben.
GEJ|10|3|23|0|Und dieser Gottmensch ist nun da und lehrt und wirkt den alten Verheißungen völlig gemäß. Wie sollte ich etwa euch zuliebe das zu meinem größten Lebensheile nicht glauben, was ihr aus sehr seichten Gründen nicht glauben könnet? Ich bedaure wahrlich einen jeden, dem nun seine Glaubensaugen nicht zu öffnen sind.“
GEJ|10|3|24|0|Auf diese Worte des Richters wußten die andern nicht, was sie ihm dagegen einwenden sollten; denn er war von Mir im Herzen erleuchtet und stellte ihnen stets die triftigsten Gegenbeweise dar.
GEJ|10|3|25|0|Aber erst am dritten Tage gelang es ihm, sie gläubig zu machen, worauf er sie denn auch nachmittags zu Mir herausbrachte und Ich sie auch geheilt habe. Sie wurden darauf voll Glauben und lobten die Mühe des Richters, daß er auch sie zum größten Lebensheile gebracht hatte. Sie verblieben samt dem Richter noch den ganzen vierten Tag bei Mir und ließen sich in allem unterweisen, wobei unser Raphael wieder recht viel zu tun hatte.
GEJ|10|3|26|0|Am fünften Tage morgens nach dem Morgenmahle reisten sie voll Dank und voll Glauben nach Tyrus und einige nach Sidon ganz gesunden Leibes zu den Ihrigen zurück.
GEJ|10|4|1|1|4. — Perser und Inder werden von Raphael gerettet
GEJ|10|4|1|0|Die fünf Tage hindurch, die Ich zugleich mit den nun bekannten und vollends bekehrten Römern bei Markus zubrachte, geschah nichts von irgendeiner besonderen Erhebung (Bedeutung). Wir machten kleine Bereisungen in der Umgegend, und Ich heilte hie und da einen Kranken, und am zweiten Tage hatte Markus eine große Fischerei auf Mein Wort unternommen und einen überreichen Fang gemacht.
GEJ|10|4|2|0|Am sechsten Tage näherte sich frühmorgens ein Schiff dem Bade. Wir waren vor dem Morgenmahle, wie gewöhnlich, am Ufer des Meeres versammelt und betrachteten die mannigfachen Morgenszenen und Erscheinungen, und Raphael erklärte sie den Jüngern und dem noch anwesenden Kisjona und Philopold, worüber bis auf Judas Ischariot alle eine übergroße Freude hatten.
GEJ|10|4|3|0|Das sich dem Ufer nahende Schiff hatte Perser und sogar etliche Indier an Bord und hatte mit den ziemlich stark gehenden Wogen seine Not. Die Schiffer waren Gadarener und kannten unser stark klippiges Ufer, darum sie denn auch ein paar hundert Schritte vom Ufer entfernt herumlavierten, wo und wie sie sich dem Ufer gefahrloser nahen könnten. Da aber der ziemlich heftige Morgenwind nicht nachließ, so gaben die Schiffer Zeichen ans Ufer herüber, daß sie Not hätten, und verlangten Hilfe.
GEJ|10|4|4|0|Hier fragte Mich Markus, was da zu tun sein werde, so Ich da aus irgendwelchem Grunde kein Wunder wirken wollte.
GEJ|10|4|5|0|Sagte Ich: „Bis wir das Morgenmahl werden zu uns genommen haben, können sich die Perser und Indier mit ihren Tieren und Zauberdingen schon von den Wogen ein wenig ängstigen lassen; so wir dann wieder ans Ufer zurückkehren werden, dann wird es sich schon zeigen, wie dem Schiff zu helfen sein wird.“
GEJ|10|4|6|0|Mit dem war Markus denn auch zufrieden, und wir begaben uns darauf denn auch sogleich ins Haus zum wohlbereiteten Morgenmahle.
GEJ|10|4|7|0|Nach einer Stunde Zeit gingen wir alle wieder ans Ufer und fanden das vorbezeichnete Schiff in der gleichen Not und Bedrängnis. Nun erst gab Ich dem Raphael einen Wink, das Schiff ans Ufer zu befördern. Dieser bestieg nun, um den Ankommenden nicht auffällig zu werden, ein Boot und ruderte rasch hinaus zum großen Schiff.
GEJ|10|4|8|0|Als er dort ankam, da fragten ihn die Schiffer, ganz erstaunt über seinen Mut: „Was willst denn du schwacher Junge hier? Bist du uns zu Hilfe gekommen? Da wird uns wenig geholfen sein; denn du hast ja nicht einmal ein Seil, noch einen Haken in deinem Boot! Womit wirst du da unser starkes und großes Schiff an deinem leichten Boot befestigen und es uns dann über eine sichere Tiefe ans Ufer bringen helfen?“
GEJ|10|4|9|0|Sagte Raphael mit lauter Stimme: „Das wird meine Sache sein! So ihr wollt und euch mir anvertraut, da kann und werde ich euch wohl helfen; so ihr mich aber dazu für zu schwach haltet, dann lasset euch bei diesem starken Wogengang von wem andern helfen!“
GEJ|10|4|10|0|Sagte ein Schiffer: „So zeige uns denn deine Kunst und Stärke, und das sogleich, so wir dich darum bitten; denn sonst müssen wir bald zugrunde gehen!“
GEJ|10|4|11|0|Hier ergriff Raphael einen vom großen Schiff hervorstehenden Balken und zog dasselbe pfeilschnell ans Ufer; und da er dadurch, wie auch durch seinen Willen eine große Masse Wasser gewisserart dem Ufer zuschob, so berührte des Schiffes Boden auch die Seichten des Bodens nicht und erlitt sohin auch keinen Schaden.
GEJ|10|4|12|0|Die Schiffer und die Reisenden konnten nicht zur Genüge erstaunen über die ihnen völlig unbegreifliche Kraft des Jünglings, der mit der Macht der Elemente derart spielend verfuhr, als hätte er es, statt mit dem Meer und dem starken Wind, mit einem an einem Grashalme hängenden Tautropfen und mit einem ganz leisen Morgenhauch zu tun.
GEJ|10|4|13|0|Nachdem sich die Schiffer nun am ruhigen und sicheren Ufer befanden, so belobten sie sehr den Mut, den guten Willen des Jünglings und ganz besonders seine seltene Kraft und Geschicklichkeit in der Anwendung derselben, die für sie alle ans rein Wunderbare reiche, und fragten ihn, wieviel Lohn sie ihm dafür zu geben hätten.
GEJ|10|4|14|0|Raphael aber sagte: „Ich für meine Person bedarf eures Lohnes nicht. So ihr aber irgendeinen noch ärmeren Menschen findet, als ihr selbst es zum größten Teile seid, so erweiset ihm dafür Liebe und Barmherzigkeit!“
GEJ|10|4|15|0|Das machte alle stutzen, und selbst die Fremden sagten: „Wahrlich, das ist ein seltener Jüngling!“
GEJ|10|4|16|0|Diese Begebenheit hatte ein großes Aufsehen gemacht, und alle Diener des Markus kamen ans Ufer, um nachzusehen, was sich da wieder Großes und Unerhörtes ereignet habe.
GEJ|10|4|17|0|Und als die Sache ihnen näher aufgeklärt wurde, sagten alle: „Ja, ja, so der Himmel und die Erde sich durch den Herrn vereinen, dann werden die Wunder beinahe schon zu ganz natürlichen Erscheinungen; wenn aber der Herr Sich einmal wieder hinter alle Sterne zurückbegeben wird, dann wird es wieder einen großen Mangel an derlei großartigen und seltensten Ereignissen auf der Erde unter den Menschen haben!“
GEJ|10|4|18|0|Darauf fingen die Reisenden an, ihre Sachen ans Land zu setzen, und erkundigten sich, wie sie zu Lande ihre Reise weiter bis an das große Meer fortsetzen könnten. Das wurde ihnen denn auch angezeigt, und unser Raphael übernahm auf Meinen Wink die Weiterbeförderung, ohne den Reisenden irgend im geringsten zu verraten, daß er mehr als ein gewöhnlicher Erdenmensch sei. Wohl aber hat er die Reisenden dann in Tyrus darauf aufmerksam gemacht, in wessen Nähe sie sich dort befunden haben, wo er sie auf eine wunderbare Weise gerettet hatte.
GEJ|10|4|19|0|Als die Reisenden das vernommen hatten, da wollten sie wieder umkehren, um Mich Selbst persönlich kennenzulernen, und boten dem Raphael große Summen darum. Da aber verschwand Raphael urplötzlich vor ihren Augen und befand sich wieder bei uns.
GEJ|10|5|1|1|5. — Des Herrn Reise nach Genezareth
GEJ|10|5|1|0|Es war aber nun schon der achte Tag, den Ich mit Meinen Jüngern in der Ruhe bei Markus zugebracht hatte; und es fragten Mich Markus und auch die Jünger, warum Ich denn diese etlichen Tage nahezu in einer völligen Ruhe zugebracht habe, was sie bei Mir noch nicht erlebt hätten.
GEJ|10|5|2|0|Sagte Ich: „Wir haben nun nahe an dritthalb Jahren Tag für Tag ohne Unterlaß gearbeitet, und Meine Lehre ist schon weit und breit ausgebreitet; und es war darum nun denn auch einmal an der Zeit, daß wir hier eine wahre Sabbatruhe hielten, und ihr habt dabei Zeit gewonnen, vieles aufzuzeichnen.
GEJ|10|5|3|0|Aber von jetzt an wird es mit dem Ruhenehmen sein Ende haben. Wir werden nun in die rechte Zeit der großen Stürme kommen, und in kaum einem halben Jahre wird wohl der größte Sturm kommen, der den Hirten schlagen wird, und viele Schafe Seiner Herde werden sich zerstreuen in der Welt und werden um Meines Namens willen verfolgt werden von einem Weltende zum andern! Wenn das aber geschehen wird, dann erst werdet ihr vollends einsehen und erkennen, warum Ich hier nun etliche Tage geruht habe.“
GEJ|10|5|4|0|Diese Meine Rede hatte alle traurig gestimmt, und auch die Maria sagte: „Herr, Dir ist ja alle Macht gegeben auch über den Satan; lasse die Stürme nicht über Deine Stirne kommen!“
GEJ|10|5|5|0|Sagte Ich: „Das sind Dinge, die nur Ich verstehe; darum redet nichts Weiteres mehr darüber! Denn es muß der Tod und das Gericht der Welt und ihrer Materie für ewig überwunden werden!“
GEJ|10|5|6|0|Darauf sagte niemand mehr etwas. Und da Ich das nach dem Mittagsmahle am Tische geredet hatte, so wollte Markus, um Mich heiterer zu machen, noch mehr Wein auftragen lassen.
GEJ|10|5|7|0|Ich aber sagte: „Freund, laß das nun gut sein; wir haben alle zur Genüge!
GEJ|10|5|8|0|Laß aber ein gutes Schiff bereiten, denn in einer Stunde muß Ich nach Genezareth zu Ebal! Wer Mich dahin geleiten will, dem steht es frei. Meine Jünger können mit Kisjona Mich begleiten, der auch mit Maria und Philopold Mich nach Genezareth geleiten soll.“
GEJ|10|5|9|0|Auf diese Worte machten sich alle auf die Füße, und wir fuhren in einer Stunde schon nach Genezareth. Die Fahrt übers Meer Galiläas dauerte bei drei Stunden Zeit, und wir gelangten in die bedeutende, schon bekannte Bucht von Genezareth, die auch den Namen ,See Genezareth‘ führte.
GEJ|10|5|10|0|Also in dieser Bucht angelangt, fanden wir Fischer des Ebal, die gerade mit dem Fischfange für unseren Ebal beschäftigt waren, aber seit frühmorgens wegen des noch immer ziemlich stark wogenden Wassers nur sehr wenige Fische gefangen hatten.
GEJ|10|5|11|0|Als unsere Schiffe in ihre Nähe kamen, da hielten wir ein wenig inne, und Ich fragte die Fischer, ob sie wohl schon einen reichlichen Fang gemacht hätten.
GEJ|10|5|12|0|Diese aber sagten (die Fischer): „Freund, heute sieht es mit unserer Arbeit sehr böse aus! Der See ist seit einigen Tagen sehr unruhig, und da sieht es mit unserer Arbeit stets schlimm und mager aus. Unseres Herrn Fischbehälter sind bereits leer, und er muß sich nun schon Fische von andern Orten herbringen lassen, um die stets vielen Gäste nur einigermaßen befriedigen zu können. So ihr auch nach Genezareth reiset, werdet ihr mit Fischen sehr spärlich bedient werden.“
GEJ|10|5|13|0|Sagte Ich: „Werfet nun eure Netze noch einmal ins Wasser, und ihr sollet mit dem Fange zufrieden sein!“
GEJ|10|5|14|0|Als Ich solches zu den Fischern gesagt hatte, da erkannten Mich mehrere von ihnen und sagten: „Heil uns, und alles Lob und aller Preis Dir! Vergib uns, o Herr und Meister, unsere Blindheit; denn wir hätten Dich wohl beim ersten Anblick erkennen sollen, da Du doch vor einem Jahre ebenfalls unseren Ort mit Deiner heiligen Gegenwart gesegnet hast! Ja, auf Dein uns bekannt allmächtiges Wort werden wir sicher einen reichen Fang machen, und Ebal und sein ganzes Haus werden alsbald erkennen, wer hier der große Fischmeister war!“
GEJ|10|5|15|0|Darauf warfen sie die Netze ins Meer und fingen so viele der besten Fische, daß sie dieselben kaum in ihren Schiffen und Booten unterbringen konnten.
GEJ|10|5|16|0|Als sie mit dieser Arbeit fertig waren, da entstand unter ihnen ein großer, Mich lobpreisender Jubel, und sie fuhren vor uns nach Genezareth, wo sie Ebal mit seinen Leuten am Ufer erwartete, weil er einen reichen Fang sehr wünschte, da er viele Gäste hatte; und er hoffte von diesem Morgen um so entschiedener auf einen reichen Fang, da seine Tochter Jahra einen hellen Traum hatte, in dem sie Mich mit Meinen Jüngern und Freunden hatte auf dem Wasser ankommen sehen, und daß die Fischer darum auch einen gesegneten Fang machen würden.
GEJ|10|5|17|0|Als die Fischer nach einer halben Stunde Zeit am Ufer von Genezareth ankamen und Ebal ersah, welch reichen Fang sie gemacht hatten, da sagte er sogleich mit aufgehobenen Händen: „O meine Tochter, diese fromme Seele hat ein wahres Gesicht gehabt! Das ist ein Segen meines Herrn, meines Gottes! Ihm sei darum alles Lob und aller Preis!“
GEJ|10|5|18|0|Hierauf fragte er die Fischer, ob sie Mich nicht in ihrer Nähe entweder auf einem Schiffe oder an irgendeinem Ufer gesehen hätten.
GEJ|10|5|19|0|Die Schiffer aber zeigten ihm sogleich die sich noch in einiger Ferne auf dem See befindenden Schiffe und sagten: „Siehe, dort kommt Er mit Seinen Jüngern und Freunden! Heil uns und dem ganzen Orte, daß Er uns wieder besucht!“
GEJ|10|5|20|0|Als Ebal das vernommen hatte, berief er sogleich sein Weib, seine Kinder und seine alten und treuen Diener und trug ihnen auf, für den Tisch zu sorgen, und daß der eine neue Speisesaal für Mich und für die mit Mir Kommenden wohl bereitet werde, und daß in denselben nur die kommen dürften, die Ich erwählen werde.
GEJ|10|5|21|0|Auf diese Anordnung Ebals bewegte sich alles in größter Eile, um das in Vollzug zu bringen, was er angeordnet hatte. Er selbst aber bestieg mit der Jahra ein kleineres Schiff und fuhr Mir entgegen; und als er und die Jahra Mich von noch einiger Ferne ersahen und an Meiner Seite die ihnen schon bekannte Mutter Maria, den Raphael, Kisjona, Philopold, Johannes, Petrus, Jakobus und den alten Markus, der Mich auch nach Genezareth geleitete, da hoben sie vor übergroßer Freude die Hände empor und grüßten uns mit den üblichen Zeichen auf das freundlichste. Als sie erst vollends in unsere Nähe kamen, da wollte es mit den liebfreundlichsten Begrüßungen kein Ende nehmen. Beide, Ebal und Jahra, stiegen in unser Schiff und überließen ihr Schiff ihrem Schiffer zur Rückfahrt.
GEJ|10|5|22|0|Es ward da um vieles gefragt, und Ich Selbst erzählte dem Ebal in gedrängtester Kürze die Hauptmomente Meines Wirkens nach der Zeit, als Ich das erste Mal von Markus weiterzog, worüber er und Jahra die größte Freude äußerten.
GEJ|10|5|23|0|Bei dieser Gelegenheit erreichten wir denn auch das Ufer von Genezareth und fanden die Fischer noch in der vollsten Beschäftigung, ihre Fische in die Fischbehälter zu schaffen.
GEJ|10|5|24|0|Hier erst sagte Ebal zu Mir: „O Herr, vergib es mir, daß ich ob meiner wahren Freudetrunkenheit beinahe gänzlich vergessen habe, Dir für das große Geschenk der Fische, an denen ich schon einen großen Mangel litt, alsogleich offen und laut zu danken!“
GEJ|10|5|25|0|Sagte Ich: „Lasse du, Freund Ebal, das nur gut sein; denn du weißt es ja, auf was Ich beim Menschen schaue und horche, und eines andern und weitern bedarf es zwischen uns nicht! Darum sei du nur ganz heitern Mutes, und bleibe fortan so, wie du bis jetzt warst, und du wirst dich auch fortan Meiner Liebe, Gnade und Freundschaft zu erfreuen haben. Jetzt aber begeben wir uns in den neuen Saal, allwo wir noch Weiteres miteinander besprechen werden!“
GEJ|10|6|1|1|6. — Das Mahl bei Ebal
GEJ|10|6|1|0|Darauf verfügten wir uns in den Saal, und alle verwunderten sich über die Größe, Schönheit, Reinlichkeit und Bequemlichkeit dieses Bauwerkes, das von einem griechischen Baumeister ausgeführt ward. Wir nahmen darauf Platz am großen Tische, um den sich ganz bequem bei hundert Gäste lagern konnten, und Ebal ließ sogleich Brot und Wein in rechter Menge herbeischaffen, auf daß wir ein kleines Vormahl halten konnten, bis das eigentliche Hauptmahl bereitet wurde, das aber auch nicht lange auf sich warten ließ. Wir nahmen denn nach dem Wunsche Ebals auch sogleich etwas Brot und Wein zu uns, und es ward bald lebhaft im Saale.
GEJ|10|6|2|0|Unsere Jahra, die abermals kaum von Meiner Seite wegzubringen war, aber besprach sich nun mit der Mutter Maria und mit Raphael. Letzteren fragte sie um manches, was sie in ihren Träumen geschaut und auch vernommen hatte, und er erklärte ihr das freundlichst. Und Maria konnte über die Weisheit Jahras nicht genug staunen und koste sie herzlich. Ebal aber, an Meiner rechten Seite sitzend, erkundigte sich nach den Namen einiger ihm fremden Jünger, die Ich ihm denn auch ansagte.
GEJ|10|6|3|0|Als wir so in aller Freundlichkeit eine kleine Stunde Zeit zugebracht hatten, da brachten die andern Kindern und Diener auch schon das bestbereitete Mahl, und wir fingen denn auch alsbald an, dasselbe zu uns zu nehmen.
GEJ|10|6|4|0|Als die Kinder und Diener Ebals alle Speisen auf den Tisch gebracht hatten, da kamen sie auch zu Mir hin und brachten Mir einen rechten Gruß und Dank darum, daß Ich diesem Orte abermals die Liebe erwies, ihn persönlich zu besuchen. Und Ich legte ihnen die Hände auf und stärkte sie, wofür sie Mir abermals dankten, und wonach sie sich an ihr Geschäft begaben, – denn sie hatten diesmal viele fremde Gäste zu bedienen, die auch hier nun ihrer Gesundheit wegen sich aufhielten; denn seit Meinem ersten Hiersein war das ehedem sehr ungesunde Genezareth umgewandelt worden in einen Heilort, und ganz besonders die von Mir eigens gesegnete Wiese.
GEJ|10|6|5|0|Als wir in einer guten Stunde Zeit das gute Mittagsmahl verzehrt hatten, da fragte Mich Ebal, was Ich am Nachmittag etwa unternehmen werde.
GEJ|10|6|6|0|Sagte Ich: „Mein Freund, es wird sich bald eine gar tüchtige Arbeit für uns darbieten und wird uns bis in die sinkende Nacht hin vieles zu schaffen machen! Du selbst wirst Mich der beendeten Arbeit wegen nicht genug loben können. Doch für jetzt ruhen wir noch eine kleine Zeit hindurch in diesem Speisesaale; denn wir brauchen diesmal die auf uns wartende Arbeit nicht aufzusuchen, – sie wird uns nur zu bald von selbst finden!“
GEJ|10|6|7|0|Nach dem ruhten wir alle am Tische noch so eine halbe Stunde lang, und die Jünger befragten sich untereinander, was es etwa wieder sein werde, das der Herr Selbst eine tüchtige Arbeit bis in die sinkende Nacht hin nenne. Einige meinten, es werde wahrscheinlich wieder eine ärgerliche Pharisäergeschichte zum Vorschein kommen, oder es lauern etwa schon wieder irgend neu ausgesandte Herodianer auf Ihn oder auf die Jünger des Johannes, die dem geilen Fuchs auch ein Dorn im Auge sein sollen.
GEJ|10|6|8|0|Als die Jünger noch also fort untereinander berieten über das Wesen und Worin- Bestehen der von Mir angekündigten tüchtigen Arbeit, da trat ein sehr verlegen aussehender Diener eiligst in den Saal.
GEJ|10|6|9|0|Und Ebal, dem des ihm nur zu wohlbekannten Dieners verlegenes Gesicht gleich auffiel, stand schnell auf, ging zum Diener hin und sagte: „Benjamin, mein alter treuer Diener, was bringst du für üble Kunde mir? Denn aus deinen unsteten Augen lese ich nichts Gutes!“
GEJ|10|6|10|0|Sagte der Diener: „Ebal, du mein Gebieter und Herr, es ist, was mich deucht, zwar eben nicht etwas Arges im Anzuge; aber gerade angenehm wird die Sache weder für dich noch für die anwesenden Gäste sein. Du kennst ja den neuen römischen Hauptmann, der erst vor etlichen Wochen etwa aus der Gegend um Bethlehem hierher versetzt worden ist. Er ist hier sonach ein neuer Besen und will denn auch zur Vergrößerung seines Ansehens auch über alle die Maßen rein kehren. Dieser hat durch seine allsehenden Kundschafter und feinschmeckenden Wachen von der Ankunft dieser hohen Gesellschaft vernommen und ist der Ansicht, es hätte ihm gleich bei der Ankunft dieser Gesellschaft gemeldet werden sollen, wer alles da angekommen sei, woher, warum und wohin man sich dann weiter bewegen werde, und ob sich darüber ein jeder für sich oder einer für alle legitimieren könne.
GEJ|10|6|11|0|Nun, diese Meldung ist bei dieser Gelegenheit sicher ob der großen und allgemeinen Freude über die Ankunft des Heilandes, die wir alle schon lange sehnlichst gewünscht haben, unterblieben, und darum sind bei dem stolzen Römer nun schon gleich alle seine Teufel losgeworden. Er wartet draußen auf dich und will mit dir reden.“
GEJ|10|6|12|0|Als Ebal dieses aus dem Munde des alten Dieners Benjamin vernommen hatte, da ward er ordentlich unwillig und sagte: „Nein, es ist aber in dieser Welt das doch sonderbar, daß es selbst für den ehrlichsten und gottergebensten Menschen nie einen ganz seligen Tag geben kann, an dem nicht so ein recht arger Weltdämon einem sein ohnehin mit allerlei Sorgen behaftetes Leben vergällen möchte!“
GEJ|10|6|13|0|Sagte Ich: „Mein Freund, laß darob fahren deinen Ärger! Wäre diese Welt nicht von Gott zu einer Lebensprobestätte bestimmt, in welcher ein jeder Mensch sich gleichfort bis zu seiner vollen geistigen Wiedergeburt in aller Geduld, Sanftmut, Demut und Liebe zu üben hat auf dem Wege der äußersten Selbstverleugnung, so wäre Ich Selbst nicht zu euch gekommen, um euch in allem mit dem besten und lebenswahrsten Beispiel voranzugehen. Wollen die Menschen dieser Erde Kinder Gottes derart werden für ewig, wie du dir hier an Raphael, den du wohl kennst, ein Beispiel nehmen kannst, so müssen sie sich auch die Mittel, die von Gott verordnet sind zur Erreichung des höchsten Lebenszweckes, in dieser nur kurz dauernden Probelebenszeit in aller Geduld und Ergebung in den Willen des allweisesten Vaters gefallen lassen.
GEJ|10|6|14|0|Gehe denn nur hinaus und verhandle mit dem römischen Hauptmanne, auf daß du der erste bist, der sich von der tüchtigen Arbeit überzeugt, die uns heute bis in die sinkende Nacht bevorsteht!“
GEJ|10|6|15|0|Sagte Ebal: „In Deinem Namen, o Herr und Meister; ich werde es ja gleich erfahren, was da alles herauskommen wird!“
GEJ|10|6|16|0|Hierauf begab er sich eiligst hinaus zum Hauptmanne, der schon in der höchsten römischen Ungeduld mit mehreren seiner Untergebenen auf ihn harrte.
GEJ|10|7|1|1|7. — Die Störung des Mahles durch den römischen Hauptmann und seine Krieger
GEJ|10|7|1|0|Als Ebal vor dem Hauptmanne stand, da herrschte dieser ihn gleich mit zornglühenden Augen folgendermaßen an (der Hauptmann): „Ist das bei dir die Art und Weise, wie meine Gebote hier beachtet werden, und weißt du noch nicht, welche Folgen den Nichtbeachter der Gesetze Roms zu treffen haben?! Warum hast du es diesmal unterlassen, mir von der Ankunft einer bedeutenden Anzahl Fremder alsogleich Anzeige zu machen, auf daß ich durch diese meine Diener mich hätte überzeugen können, ob die Angekommenen hier auf eine bestimmte Zeit Aufnahme finden können und dürfen oder nicht?“
GEJ|10|7|2|0|Sagte hierauf Ebal: „Gestrenger Herr und Gebieter, seit du hier deine Gesetze mit aller von uns Bewohnern dieser Stadt ungewohnten Strenge ausübst, habe ich wegen einer Nichtbeachtung deines Willens von dir noch nie eine Rüge bekommen, und ich habe auch diesmal nicht aus irgendeinem Widerwillen gegen deine stets härter zu ertragenden Anordnungen die von dir verlangte alsogleiche Anzeige der Ankunft nicht irgend von fremden Gästen, sondern von meinen altbekannten und ehrlichst besten Freunden unterlassen, sondern nur infolge meiner höchsten Freude über ihre Ankunft rein vergessen, meiner mir nun wohlbewußten Pflicht nachzukommen, und ich glaube, an dich keine Fehlbitte zu richten, so ich für dies alleinige Mal um eine gnädige Nachsicht dich anflehe.“
GEJ|10|7|3|0|Sagte der Hauptmann: „Das Gesetz kennt da keine Rück- und Nachsicht! Du hast mein Gesetz, ob infolge einer Vergessenheit oder infolge eines Widerwillens gegen dasselbe – was bei mir eins ist –, übertreten und bist sohin denn auch unnachsichtlich strafbar. Die Strafe nur will ich pur in Berücksichtigung dessen, weil du ein erster und angesehenster Bürger dieser Stadt bist, in keine Körper- aber in eine bedeutende Geldstrafe umwandeln; und solltest du meinem gerechten Verlangen nicht nachkommen, so lasse ich dir deine Kinder als Geiseln gefangennehmen, und du wirst so lange nicht zu ihrem Besitze kommen, bis du mir die verlangte Summe bis auf den letzten Stater wirst bezahlt haben! Die Strafe aber beträgt tausend Pfunde Goldes und zehntausend Pfunde Silbers und ist binnen dreier Stunden an mich zu bezahlen! Du weißt nun, was du für dich zu tun hast, und ich bin mit dir zu Ende. Und jetzt geht meine Amtshandlung an deine angekommenen Freunde über, und so führe mich nun alsogleich in deinen neuen Saal!“
GEJ|10|7|4|0|Ebal ward über die rücksichtslose und allerungebührlichste Strafe in Geld, dessen er bei weitem nicht in der geforderten Menge besaß, ganz kleinmütig, vertraute aber dabei gleich lebendigst auf Mich, und daß Ich ihm auch sicher helfen würde, und führte in solchem Vertrauen den Hauptmann und seine finsteren Helfershelfer denn auch sogleich zu uns in den Saal, welchen eben der Hauptmann auch von außen mit seinen Soldaten wohl besetzen ließ.
GEJ|10|7|5|0|Wir waren noch voll heitern Mutes am großen Tische, als der Römer mit einer wahrhaft zornglühenden Herrschermiene in den Saal mit großer Barschheit und Arroganz hereintrat und sogleich mit Heftigkeit die Frage an uns stellte: „Ist ein jeder von euch für sich oder einer Herr für alle, wie das oft bei Reisenden vorkommt?“
GEJ|10|7|6|0|Sagte Ich: „Ich bin für alle ein wahrer und alleiniger Herr! Was willst du von uns noch ein Weiteres über deine ausgesprochene unmenschliche und in keinem römischen Gesetz begründete Geldstrafe für unseren biedersten Freund Ebal? Willst du etwa auch uns mit derlei Strafen belegen?“
GEJ|10|7|7|0|Sagte der Hauptmann: „Die, über die du Herr bist, sind straffrei; du aber, der du vor mir wenig Achtung zu haben scheinst, weil du über meine Strafbemessung ein böses Urteil aussprachst, wirst mir in drei Stunden dieselbe Summe erlegen, die du für deinen Freund Ebal als für zu unmenschlich und in keinem römischen Gesetz begründet gefunden hast! Ich werde euch Juden die Gesetze Roms schon als wohlbegründet zeigen und sehr begreiflich machen! Ich habe geredet, und ihr wisset, was ihr zu tun habt!“
GEJ|10|7|8|0|Sagte Ich: „Was aber dann, so wir deinem allerungerechtesten Verlangen erstens nicht nachkommen können und zweitens auch nicht nachkommen werden? Denn wo steht es geschrieben, daß ein römischer Hauptmann das unbedingte Recht habe, in Freundesland also Erpressungen zu machen wie in den Ländern der Feinde?
GEJ|10|7|9|0|Zeige Mir deine Vollmacht als vom Kaiser selbst ausgehend oder von seinem Oberstatthalter Cyrenius! Hast du solch eine Vollmacht nicht, dann wirst du es mit Einem zu tun bekommen, der eine allerhöchste Vollmacht in Sich vor deinen Augen birgt; und hätte Ich diese nicht, da würde Ich nicht also mit dir reden!
GEJ|10|7|10|0|Du bist zwar hier nun ein stolzer, harter und beinahe nicht mehr erträglicher Gebieter; aber darum sind doch andere über dich, bei denen die von dir zu unmenschlich Bedrückten sicher mehr Gerechtigkeit finden werden denn bei dir. Darum weise Mir deine Instruktionen entweder vom Kaiser selbst oder vom Oberstatthalter vor, sonst werde Ich dir Meine Vollmacht vorweisen!“
GEJ|10|7|11|0|Diese Meine ernsten Worte machten den Hauptmann stutzen, und er sagte nach einer kleinen Weile Nachdenkens (der Hauptmann): „Eine geschriebene Vollmacht habe ich nicht, weil sie in meiner Stellung kein römischer Hauptmann vonnöten hat; ein jeder aber steht unter dem Eid der Treue für den Kaiser und für das ausschließliche Wohl Roms. So ich diese zwei Punkte durch mein Handeln im Auge behalte, kann mich niemand wegen meiner Strenge zu irgendeiner Verantwortung ziehen! Wo hast denn hernach du deine allerhöchste Vollmacht?“
GEJ|10|7|12|0|Sagte Ich: „Verlange du sie nicht vor der Zeit kennenzulernen!“
GEJ|10|7|13|0|Sagte der Hauptmann: „Meinst du denn, ein Römer ist ein furchtsamer Hase, der gleich vor einem schlauen jüdischen Fuchs die Flucht ergreift? O nein, ein Römer ist wie ein Löwe, der auf alle Tiere ohne Scheu und Furcht seine Jagd macht!“
GEJ|10|7|14|0|Hierauf gab er einem seiner Diener einen Wink, und dieser öffnete die Tür, durch die alsbald bei dreißig bis an die Zähne bewaffnete Krieger eindrangen.
GEJ|10|7|15|0|Als diese unseren Tisch in einer gewissen Ordnung umringten, da sagte der Hauptmann mit einer sehr herrischen Stimme: „Siehe, du höchst bevollmächtigter Jude, das ist meine effektive Vollmacht, die euch so lange gefangenhalten wird, bis ihr meiner Forderung Genüge leisten werdet! Kennst du diese Vollmacht?“
GEJ|10|7|16|0|Sagte Ich: „Ja, Mein stolzer und bis jetzt noch sehr blinder Römer samt deinen Helfershelfern und Kriegern, diese deine Vollmacht kenne Ich schon seit gar lange her; aber sie wird dir für diesmal nichts nützen! Denn weil du Mir nun die volle Schärfe deiner Zähne gezeigt hast, so werde auch Ich dir – aber nur so ein Sonnenstäubchen groß von Meiner Allvollmacht zeigen, und es wird dir daraus vollends klar werden, daß nicht du Mein, sondern nur Ich für immerhin dein Herr sein und bleiben werde!
GEJ|10|7|17|0|Siehe, dieses Saales Raum ist hoch und weit, sieben Manneslängen erreichen kaum die Decke, bei zwanzig ist er lang und bei zwölf breit! Ich will aber nun, daß ihr von Meiner inneren Allvollmacht samt euren scharfen Waffen über die halbe Höhe des Saales frei in der Luft schweben sollet, und wir wollen dann sehen, was euch eure scharfe und löwenartige Vollmacht nützen wird; und bis du von deiner ungerechtesten Forderung an Ebal und Mich nicht völlig abstehen wirst, wird dein Fuß keinen festen Boden berühren! Es geschehe, da nun Ich geredet habe!“
GEJ|10|8|1|1|8. — Ein Wunder des Herrn ernüchtert die Römer
GEJ|10|8|1|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da schwebten schon alle in der vorbestimmten Höhe in der Luft des Saales, und da allda jeder allen festen Stützpunkt verlor und mit dem auch das Gleichgewicht, so hingen bald die meisten wegen ihrer heftigen Sträubebewegung kopfüber in der Luft, und ein durch des Saales hohe Fenster durchstreichender Wind in wirbelnder Art trieb sie von einer Wand des Saales zur andern, und keiner konnte dem andern nur die geringste Hilfe leisten. Etliche versuchten, ihre Waffen nach uns herabzuwerfen; aber auch diese blieben in der Luft hängen.
GEJ|10|8|2|0|Als sich der Hauptmann beinahe eine halbe Stunde lang samt seinen Helfern in dieser für ihn unerhörten Stellung befunden hatte, da fragte Ich ihn, sagend: „Was hältst du nun von Meiner Allvollmacht? Findest du nicht, daß der Löwe Judas mächtiger ist als deine scharfe römische Vollmacht, die du auch einen Löwen nanntest, der auf alle Tiere Jagd mache und nicht einem Hasen gleich vor einem schlauen Judenfuchs die Flucht ergreife?“
GEJ|10|8|3|0|Darauf schrie der Hauptmann auf Mich aus der Luft herab: „Ich bitte dich, du Haupt aller Magier oder du als ein Halb- oder Ganzgott, befreie uns aus dieser höchst unerträglichen Lage, und ich will von der ausgesprochenen Strafe ganz abgehen; denn ich sehe nun nur zu klar ein, daß alle Macht selbst des größten Reiches der Erde keinen Wettkampf mit dir eingehen kann! Befreie mich aus dieser höchst jämmerlichen Lage, und ich werde mich nebst dem vollen Nachlasse meiner euch diktierten Strafe um euch weiter auch nicht im geringsten mehr kümmern, von dieser Sache schweigen wie eine ägyptische Pyramide, und ihr könnet in dieser Stadt verweilen, solange ihr wollt, und ich werde niemanden von euch nötigen, diesen Ort zu verlassen!“
GEJ|10|8|4|0|Sagte Ich: „Höre, Ich durchschaue dein Herz und sehe, daß es dir mit deinen Versprechungen noch nicht vollkommen ernst ist; aber da Ich Meine Macht sicher besser kenne als du die deinige, so will Ich denn auch deine Bitte erhören, und es soll dir wieder der Boden der Erde zu einem festen Stützpunkte werden!“
GEJ|10|8|5|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, erhielten alle eine aufrechtstehende Stellung in der Luft und sanken dann ganz gemächlich wieder auf den Boden der Erde, der hier auch den Boden des Saales bildete, herab.
GEJ|10|8|6|0|Als sie wieder festen Fußes waren, da entließ der Hauptmann sogleich seine Kriegsknechte und gab auch den den Saal von außen umgebenden Wachen den Befehl, sich in ihre Wohnhütten und Schanzlagerstätten zu begeben, was denn auch alsogleich geschah; er aber blieb mit zwei seiner ersten Unterführer bei uns im Saale, setzte sich an einen kleinen Nebentisch und ließ sich Brot und Wein geben, und sagte nun zu Ebal (der Hauptmann): „Das kannst du und jener Allmächtige für den vollen Nachlaß uns schon gewähren! Hättest du mir draußen von der Macht dieses sonderbarsten Menschen etwas gesagt, so hätte ich auch sicher menschlichere Forderungen an dich gestellt! Wer hätte es aber auch nur ahnen können, daß sich unter diesen deinen sein sollenden alten Freunden ein den Göttern ähnlich allmächtiger Magier befindet?
GEJ|10|8|7|0|Bei uns Römern gilt das ja für etwas, das inmitten eines heftigsten Kampfes sich als ein Wink der Götter darstellt, und wo der Kampf ein völliges Ende nimmt.
GEJ|10|8|8|0|Ich habe in der Luft deines Saales viel Angst ausgestanden, weshalb ich ordentlich schwach geworden bin, und so will ich mich denn nun auch hier wieder stärken; zweitens aber möchte ich mit dem Wundermanne nun im guten und vollen Ernste zu keines Menschen Schaden eine nähere Bekanntschaft machen, deren er mich wohl etwa würdigen wird, da ich ihm nirgends mehr bedrohlich in den Weg treten werde. Und darum lasse du mir und auch meinen beiden Dienern nun einen besten Wein bringen und etwas Brot und Salz!“
GEJ|10|8|9|0|Ebal ließ das sogleich geschehen, und die drei wurden sogleich bestens versorgt und aßen und tranken. Als sie sich aber von ihrer Angst und Furcht vor Mir beim Weine ein wenig erholt hatten, da fingen sie denn auch lauter und mutiger an zu reden, und der Hauptmann wollte sich schon mehrere Male von seinem Stuhl erheben und zu Mir gehen, um sich mit Mir in ein Gespräch einzulassen; aber seine beiden Diener widerrieten ihm das, indem es nicht rätlich wäre, sich mit den Hauptmagiern eher in ein Gespräch einzulassen, als bis diese es irgend selbst wünschten. Und so blieb der Hauptmann noch ruhig und ließ sich noch mehr Wein bringen.
GEJ|10|9|1|1|9. — Über die Auferstehung des Fleisches
GEJ|10|9|1|0|Da es bei dieser Gelegenheit aber schon gegen die Neige des Tages zu gehen anfing und wir schon lange Zeit unter allerlei nützlichen Besprechungen beim Tische zugebracht hatten, so fragten Mich die Jünger, ob es nicht gut wäre, auf eine Zeitlang ins Freie zu gehen.
GEJ|10|9|2|0|Sagte Ich: „Für heute ist die Arbeit, die noch in ihrem schwierigsten Teile unser harrt, wichtiger als die Freie, die hier in Genezareth nicht viel Anmutiges bietet. Wer von euch aber ins Freie gehen will, dem steht es frei; Ich aber bleibe hier.“
GEJ|10|9|3|0|Als Ich Mich so geäußert hatte, da sagten die Jünger: „Herr, wo Du bleibst, da bleiben auch wir! Denn nur bei Dir ist es allzeit gut; ohne Dich ist allenthalben Gericht, Verderben und der starre Tod.“
GEJ|10|9|4|0|Sagte Ich: „Also bleibet denn, wo das Gottesreich und sein ewiges Geistleben waltet; denn Ich Selbst bin die Wahrheit, das Gottesreich, die Auferstehung und das ewige Leben. Wer an Mich glaubt, der wird das ewige Leben überkommen, da Ich ihn auferwecken werde am jüngsten Tage. Wer in Mir bleibt im Glauben und in der Liebe, in dem bleibe auch Ich; in wem aber Ich bleibe, der hat schon in sich das ewige Leben und wird den Tod niemals sehen, fühlen und schmecken. Also bleibet denn hier bei und durch eure Liebe in Mir!“
GEJ|10|9|5|0|Hier fragte Mich Ebal, sagend: „Herr und Meister, die Juden glauben zum größten Teil an eine Auferstehung auch des Fleisches im Tale Josaphat. Diese Sache kommt mir darum denn doch ein wenig sonderbar vor! Denn erstens wird wohl nur der geringste Teil im Tale Josaphat beerdigt, und zweitens: Was wird denn dann mit jener Menschen Leiber an dem geheimnisvollen Jüngsten Tage geschehen, die von einem Tale Josaphat nie gehört haben und sonach weit woanders verstorben und zum Teil verbrannt und zum Teil vielleicht auch uns Juden gleich in die Erde verscharrt worden sind? Und endlich drittens: Was wird mit jenen am Jüngsten Tage geschehen, die das Meer und andere Gewässer verschlungen haben und oft mehrfach von den wilden Tieren aufgezehrt worden sind? Wann wird der von den Pharisäern oft so überschrecklich beschriebene Jüngste Tag nach unserer Zeitrechnung kommen?
GEJ|10|9|6|0|Herr und Meister, Du siehst, daß diese Dinge der noch so reinen Menschenvernunft nicht eingehen können! Nur der finsterste und nie etwas denkende und prüfende Aberglaube der allergemeinsten und -niedrigsten Juden und auch der Heiden in ihrer Art kann auf solche Ungereimtheiten halten; dem Denker aber schaden sie und benehmen ihm den Glauben an eine rein göttliche Offenbarung, an die Unsterblichkeit der Seele nach dem Tode des Leibes und ebenso an eine einstige Auferstehung des Fleisches an dem gewissen Jüngsten Tage. – Was sollen wir nun davon halten?“
GEJ|10|9|7|0|Sagte Ich: „So, wie es euch die Pharisäer lehren, gar nichts! Denn der Leib, der auf eine kurze Zeit der Seele zu einem nach außen hin handelnden Werkzeuge dient, wird weder im Tale Josaphat noch irgendwo anders auf dieser Erde als das, als was er der Seele hier auf eine kurze Zeit gedient hat, an einem gewissen Jüngsten Tage auferweckt und mit der Seele wieder vereinigt werden.
GEJ|10|9|8|0|Was die Auferstehung des Fleisches der Wahrheit nach betrifft, so sind unter dem Fleische zu verstehen die Werke, welche die Seele mit ihrem Leibe ausgeübt hat.
GEJ|10|9|9|0|Das Tal Josaphat bezeichnet den Zustand der inneren Seelenruhe, so ihr Handeln stets ein gerechtes war. In dieser Ruhe, die von keiner Weltliebe und Begierde und deren Leidenschaft gestört wird, und die einem völlig ruhigen Wasserspiegel zu vergleichen ist, in dem du die Abbilder der fernen und nahen Gegenden ungetrübt erschauen kannst, besteht denn auch schon der Anbeginn des wahren Jüngsten Tages der Seele, ihrer Auferweckung durch Meinen Geist in ihr und zugleich auch ihrer Auferstehung zum ewigen Leben.
GEJ|10|9|10|0|In diesem Zustande ersieht dann die Seele schon die guten Früchte ihrer Werke und fängt an, sich ihrer stets mehr und mehr zu freuen; in diesem Erschauen besteht die wahre Auferstehung des Fleisches.
GEJ|10|9|11|0|Es heißt ja: Ein sterblicher und vergänglicher Leib wird in die Erde gesät, und als ein unsterblicher und unvergänglicher wird er wieder auferstehen. Wenn du das auf deinen materiellen Leib beziehst, da mußt du freilich wohl in eine große Irre geraten; so du das aber auf die guten Werke der Seele, die ihr wahrer Leib sind, beziehst, so gelangst du dadurch zur Wahrheit. Denn siehe, ein jedes gute Werk, das eine Seele mit ihrem Leibe auf dieser Erde ihren Nächsten gegenüber ausgeübt hat, geht auch, wie alles auf dieser Erde, vorüber und stirbt schon nach der Tat; denn wenn du einen Hungrigen gesättigt, einen Durstigen getränkt, einen Nackten bekleidet und einen Gefangenen erlöst hast, da dauert die edle Tat nicht gleichfort, sondern dauert nur die kurze Zeit des Handelns hindurch! Darauf wird sie von dir oftmals vergessen und so auch von dem, dem du sie erwiesen hast, und ist somit zu Grabe getragen und als sterblich und vergänglich in das Erdreich der Vergessenheit gesät; aber an dem dir gezeigten wahren Jüngsten Tage der Seele wird sie als für ewig dauernd von Meinem Geiste in der Seele auferweckt, aber nicht mehr in der Form der vergänglichen irdischen Tat, sondern in der Form der ewig dauernden Frucht.
GEJ|10|9|12|0|Wie wird aber diese dann aussehen? Siehe, die wird jenseits zur herrlichsten, mit allem best- und reichst versehenen Wohngegend für ewig der Seele werden, in der sie höchst selig von einer Vollkommenheit zur andern sich emporschwingen wird!
GEJ|10|9|13|0|Wie demnach die Werke einer Seele hier beschaffen sein werden, so werden sie ihr dereinst als Wohngegenden dienen. Und siehe, darin besteht die wahre Auferstehung des Fleisches! Das glaube und halte; denn also und nimmerdar anders ist es!“
GEJ|10|9|14|0|Sagte Ebal: „Ja, das klingt freilich ganz himmelweit anders, als was die blinden Pharisäer vor dem blinden Volke dahergeschwatzt haben, und damit ist auch die reine Menschenvernunft vollkommem einverstanden, und es geht ihr ein neues, großes Licht auf. Aber von dem Fleische, das der Seele hier gedient hat, wird also auch nicht ein Sonnenstäubchen groß im Jenseits, mit der Seele vereint, zu einem ewigen Leben auferstehen?“
GEJ|10|9|15|0|Sagte Ich: „Als ein Bestandteil der durch Meinen Geist ewig lebenden Seele nicht, da sie selbst zu einem puren Geiste wird ihrem Innern nach! Aber was da betrifft den Umriß ihrer äußeren Form und besonders aber ihre Bekleidung, da werden auch die Seelenätherteile ihres diesirdischen Leibes in geistiger Reinheit mit ihr wieder vereinigt werden, doch von dem groben Organleibe auch nicht ein Atom groß; denn für diesen Leib ist das bestimmt, was für alle andere Materie der Erde bestimmt ist, die auch stets und stets also in bessere Naturgeister aufgelöst wird, so wie sie auch ursprünglich aus viel minder reinen und auf einer sehr untersten Gerichtsstufe stehenden Naturgeistern zusammengefügt wird.
GEJ|10|9|16|0|Die schon die grobe Materie verlassenden Naturgeister können mit der Zeit auch zu Menschenseelen werden; doch ein Näheres in dieser Sphäre wirst du erst dann einsehen, so sich deine Seele in dem gewissen Tale Josaphat befinden wird. Darum nun nichts Weiteres mehr davon!
GEJ|10|9|17|0|Der Hauptmann und seine beiden Diener haben nun wohl deine Fragen und Meine dir gemachten Erklärungen mit großer Aufmerksamkeit angehört, aber nichts von allem verstanden; daher werden sie nun bald mit ihrer Griechenweisheit uns zur Last werden, – und so wollen wir mit aller Geduld ihren Angriff auf uns ein wenig in der Ruhe abwarten!“
GEJ|10|10|1|1|10. — Die philosophischen Fragen des Hauptmanns
GEJ|10|10|1|0|Als Ich solches dem Ebal gesagt hatte, erhob sich auch schon der Hauptmann von seinem Stuhle und bewegte sich mit einem freundlichen Angesicht zu Mir hin. Als er sich bei Mir befand, da sagte er: „Du großer und machtvollster Meister in der geheimnisvollen Sphäre deiner Kunst und Wissenschaft, durch die du dir alle die geheimen Kräfte der Natur vollkommen untertan gemacht hast, ich habe euren Gesprächen mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört und daraus entnommen, daß ihr alle dem jüdischen Gotteskulte angehört, der viel Gutes, aber daneben recht viel Schlechtes enthält, aus dem sich die vielen Mißbräuche eurer Priester in einem noch viel ärgeren Grade nach und nach entwickelt haben als bei uns Heiden, wie wir von euch Rechtgläubigen genannt werden.
GEJ|10|10|2|0|Aber sei es nun, wie es da wolle, du machtvollster Meister scheinst in eurer Gotteslehre viel tiefer eingeweiht zu sein als der sonst auch recht weise Ebal?! Nur begreife ich nicht, was du damit hast sagen wollen, wo du also sprachst, als seiest du allein das Grundprinzip alles Seins, Lebens und Fortbestehens! Du seiest die Wahrheit und das ewige Leben; wer an dich glaube und dich liebe, der werde keinen Tod jemals sehen, fühlen und schmecken. Also seiest du auch derjenige, der die Seelen am Jüngsten Tage zum ewigen Leben auferwecken werde, und dergleichen noch mehreres.
GEJ|10|10|3|0|Ist das nur so deine weise Redeweise, oder bist du selbst der Gewisse oder dasjenige geheimnisvolle Ich, der sich uns Menschen als der Grund alles Seins, Lebens und Bestehens darstellt? Ich bin in der alten Griechenweisheit kein Laie, und du könntest mit mir schon auch reden in deiner Weisheit, die ich nun näher kennenlernen möchte!“
GEJ|10|10|4|0|Sagte Ich: „Setze dich denn an diesen Tisch mit deinen beiden Unterdienern, und wir wollen dann sehen, wie weit ihr zu bringen sein werdet!“
GEJ|10|10|5|0|Hierauf berief der Hauptmann sogleich die beiden Unterdiener an unseren Tisch.
GEJ|10|10|6|0|Und als diese sich bei uns befanden, da sagte Ich zum Hauptmann: „Nun rede offen, was du von Mir erfahren willst! Doch von dem, was Ich ehedem mit dem Freunde Ebal geredet habe, rede nicht; denn das faßt dein Verstand nicht!“
GEJ|10|10|7|0|Als der Hauptmann das vernommen hatte, geriet er in eine Verlegenheit und wußte nicht, um was er Mich so ganz eigentlich hätte fragen sollen. Nach einer Weile Überlegens sagte er: „Vollmächtigster Meister, in welcher mir sicher ganz unbekannten Schule bist denn du gebildet worden?“
GEJ|10|10|8|0|Sagte Ich: „In Meiner höchsteigenen, und das schon von Ewigkeit her; denn ehe noch ein Sein im endlosen Raume sich befand, war Ich Meinem innersten Geiste nach da und erfüllte die ewige Unendlichkeit!“
GEJ|10|10|9|0|Als der Hauptmann das vernahm, sah er Mich groß an und sagte: „Ist dein Innerstes denn größer als dein Äußerstes? Siehe, du redest verworren! Wie sollen wir das verstehen? Was hast du damit sagen wollen?“
GEJ|10|10|10|0|Sagte Ich: „Die volle Wahrheit; aber da in dir bis jetzt noch keine Wahrheit ist, so kannst du diese erste Wahrheit auch nicht verstehen. Höre aber, Ich will dir ein Näheres eröffnen!
GEJ|10|10|11|0|Siehe, im Anfange alles Anfangs und vor dem Sein alles Seins war das Wort! Dies Wort war bei Gott, denn Gott Selbst war das Wort, und alles, was da ist und den endlosen Raum, von dem schon eure Weisen geredet haben, erfüllt, ist durch das Wort geschaffen worden und nichts ohne dasselbe.
GEJ|10|10|12|0|Das ewige Wort hat nun Fleisch angenommen aus Sich und kam nun als ein Mensch zu Seinen Menschen in diese Welt, und die Seinen erkennen es nicht! Und du bist auch ein Mensch und erkennst das ewige Wort in Mir nicht, dieweil du blinden Herzens bist. – Hast du denn der Juden Propheten nicht gelesen?“
GEJ|10|10|13|0|Sagte der Hauptmann: „Wohl habe ich sie, wie vieles andere, gelesen; aber wer kann diese verstehen? Eure Priester verstehen sie nicht; wie sollte ich als ein Römer sie verstehen? Sie schrieben ebenso unverständlich, wie du nun zu mir über dich geredet hast!
GEJ|10|10|14|0|Ich sehe es schon, daß ich mit dir zu keiner Klarheit jemals gelangen werde, und wir fangen, so es dir genehm ist, lieber über andere Dinge zu reden an! Sage mir doch, du sonderbar vollmächtigster Meister, in welchem Lande bist du denn geboren, und welchem Volke gehörst du dem Leibe nach an!?“
GEJ|10|10|15|0|Sagte Ich: „Siehe, – da, neben Mir sitzt Meines Leibes Gebärerin; darüber besprich dich mit ihr!“
GEJ|10|10|16|0|Darauf wandte sich der Hauptmann an die Maria, und diese hat in einer sehr gedehnten Rede ihm alles von ihrer Empfängnis bis zu Meinem zwölften Jahre haarklein erzählt, was es mit Mir für eine stets wunderbare Bewandtnis hatte.
GEJ|10|10|17|0|Diese Erzählung machte die drei Römer sehr stutzig, und sie wußten nun nicht, was sie so ganz eigentlich aus Mir machen sollten. Denn an ihre Götter hatten sie schon lange keinen Glauben mehr, und noch weniger an den Gott der Juden; sie lebten nach Epikur, und eine Gottheit war ihnen ein Unding. Nun aber entdeckten sie in Mir göttliche Eigenschaften, wußten aber nicht, wie sich diese mit einem nach ihrer Meinung nur auch zeitlich lebenden und bestehenden Menschen einen können.
GEJ|10|10|18|0|Es fragte Mich darum der Hauptmann, sagend: „Großer Herr und Meister! Sage mir nun, ob du dem Leibe nach auch sterben oder gleich ewig fortleben wirst?“
GEJ|10|10|19|0|Sagte Ich: „Nur noch eine kurze Zeit, – dann aber werde Ich, wie Ich nun da bin, wieder dorthin zurückkehren, von wannen Ich gekommen bin, und die Meinen werden für ewig bei Mir sein.“
GEJ|10|10|20|0|Sagte der Hauptmann: „Wer sind denn die, welche du die Deinen nennst, und wo ist der Ort, dahin du schon in kurzer Zeit zurückkehren wirst?“
GEJ|10|10|21|0|Sagte Ich: „Die Meinen sind, die an Mich glauben, Mich lieben und Meine Gebote halten; der Ort aber ist nicht einer, wie da sind die Orte auf dieser Erde, sondern er ist das Reich Gottes, das nun von Mir gegründet wird unter den Menschen und in der Menschen Herzen.
GEJ|10|10|22|0|In dieses Reich des wahren, ewigen Lebens aber gelangt man nicht auf den breiten Heerstraßen dieser Welt, sondern auf einem ganz schmalen Pfade nur, und dieser heißt Demut, Geduld, Selbstverleugnung in allen Reizungen, die von dieser Welt ausgehen, und eine volle Ergebung in den Willen des einen, allein wahren Gottes.“
GEJ|10|10|23|0|Sagte der Hauptmann: „Wo kann man denn erfahren, was Gott will, und wie lauten denn deine Gebote, die die Deinen zu halten haben?“
GEJ|10|10|24|0|Sagte Ich: „Mein Wille ist Gottes Wille, und Meine Gebote sind Gottes Gebote. Wer Meinen Willen tut und also Meine Gebote hält, der wandelt auf dem rechten Wege ins Reich Gottes! Tue du desgleichen, so wirst auch du wandeln auf dem rechten Wege ins Reich Gottes!“
GEJ|10|10|25|0|Hierauf erhob sich der Hauptmann vom Stuhl und ging zu einem Meiner Jünger und fragte ihn, was er von Mir halte.
GEJ|10|10|26|0|Dieser aber sagte: „Wir alle halten das von Ihm, was Er dir Selbst sagte! Er ist der Herr, und wir sind Seine Jünger. In Ihm wohnt die Fülle Gottes; außer Ihm gibt es keinen Gott!“
GEJ|10|10|27|0|Bei diesen Worten verließ der Hauptmann den Jünger und begab sich wieder zu Mir.
GEJ|10|11|1|1|11. — Des Hauptmanns Bedenken gegen die Göttlichkeit des Herrn
GEJ|10|11|1|0|Hier setzte sich der Hauptmann wieder auf seinen Stuhl und fragte in römischer Zunge seine beiden Unterdiener, was denn sie nach allem dem, was sie vernommen hätten, über Mich für einer Meinung wären.
GEJ|10|11|2|0|Sagte einer: „Da ist für uns schwer, ein Urteil zu fällen! Von der sonderbaren Macht seines Willens haben wir da oben in der Luft die Erfahrung gemacht, und wir bedürfen keines andern Beweises, daß in diesem Manne eine göttliche Kraft wohnen muß, ansonst er uns sicher nicht ohne alle sichtbaren Mittel hätte in die Luft erheben und dann in derselben halten können. Wir sind aber alle schon zu sehr von dem Glauben an ein allmächtiges Gottwesen abgekommen, da es sich mit unsern Göttern als eine nur zu handgreifliche Nullität vor jedes denkenden Menschen Sinnen und Verstand erweist; und nun sind wir auf einmal an einen reellen Gott in der Gestalt eines Menschen gestoßen und wissen nun nicht, was wir von ihm halten sollen. Ich aber meine: Das läßt sich nicht so mit einem Schlag begreifen.
GEJ|10|11|3|0|Wir aber haben von diesem Manne schon in Bethlehem und auch um Jerusalem vieles vernommen und haben uns gedacht, daß er entweder selbst ein Gott sein könne oder ein selten großer Magier, wie solche etwa aus der Schule der Essäer hervorgehen. Aber das, was wir hier nun selbst erfahren haben, geht sehr weit über unsere früheren Mutmaßungen. Da hört alle Magie auf, und eine ersichtlich göttliche Kraft und Allmacht tritt da unaufhaltsam an ihre Stelle!
GEJ|10|11|4|0|Dazu kommt erstens die treue Erzählung seiner Mutter über seinen leiblichen Eintritt in diese Welt und sein Leben, und daß er nie in irgendeiner Schule etwas zu erlernen nötig hatte, da er schon mit der höchsten Weisheit ausgerüstet in diese Welt gekommen sei, und zweitens, was er nun von sich selbst aussagte, – und ich für mich kann nun wahrlich nicht umhin, ihn im vollen Ernste für das zu halten, als was er sich selbst vor uns, wennschon in einer für uns Römer nicht verständlichen Weise, darstellte, und was auch jener Mann, mit dem du ehedem sprachst, von ihm aussagte. Das ist so meine Meinung, und ich glaube, daß ich mich nicht werde geirrt haben.“
GEJ|10|11|5|0|Sagte der Hauptmann: „Ich will dir im ganzen nicht völlig unrecht geben; aber einige gewichtige Bedenken habe ich dagegen doch im Hintergrunde; löst der Mann mir diese, dann will ich auch deiner Meinung werden und bleiben.“
GEJ|10|11|6|0|Hierauf wandte sich der Hauptmann wieder an Mich und sagte: „Großer Herr und Meister, ich bin nun beinahe daran, Dich für das anzunehmen, als was Dich alle diese Deinen angenommen haben; aber es liegen dagegen dennoch einige bedeutende Bedenken in mir. Sind diese gelöst, so bin auch ich gewonnen.
GEJ|10|11|7|0|Diese meine Bedenken aber bestehen darin: In Dir wohnt also im Ernste die Fülle eines allein wahren Gottes!? Wenn also, – warum ließest Du denn die zahllos vielen Menschen so lange auf Dich warten?
GEJ|10|11|8|0|Du sagst, daß nur die gewissen Deinen, die an Dich glauben, Dich lieben und Deine Gebote halten, das ewige Leben in Deinem Gottesreiche überkommen werden. Wenn also, und wenn durch die Macht Deines ewigen Wortes das alles, was da ist, erschaffen wurde und sicher auch alle Menschen, die jemals leider lebten, ohne Dich zu kennen – was nicht ihre Schuld sein konnte –, was wird dann mit jenen Menschen sein, die Dich nie haben erkennen können? Wie wird es mit ihrem ewigen Seelenleben in Deinem Gottesreiche aussehen? Denn sie konnten an Dich nicht glauben, Dich nicht lieben und auch Deine Gebote nicht halten, weil sie von Dir keine Kunde haben erhalten können.
GEJ|10|11|9|0|Siehe, das sind meine wohlbegründeten Bedenken! Wolle sie mir lösen, und ich will dann auch fest an Dich glauben, Dich lieben mehr denn einer der Deinen und Deine Gebote halten; denn ich bin ein echter Römer und kein Grieche, dessen Treue keine Haltbarkeit hat! Aber ich bin auch ein Mensch, der nicht so leicht etwas annimmt und glaubt, das nicht als eine diamantfeste Wahrheit mir durch unumstößliche Beweise erwiesen wird. Löse mir sonach meine Zweifel!“
GEJ|10|12|1|1|12. — Des Herrn fortwährende Bemühungen um die Menschen
GEJ|10|12|1|0|Sagte Ich: „Freund, du hast wohl so manches durch das Lesen der griechischen Weltweisen dir zu eigen gemacht, doch hinter die Bücher der alten Ägypter bist du niemals gekommen, und von der Schrift der Juden von Moses an hast du ganz flüchtig nur Bruchstücke gelesen und auch diese nie verstanden!
GEJ|10|12|2|0|Siehe, Der nun in Mir mit dir spricht, der sprach auch schon also mit dem ersten Menschenpaare dieser Erde und gab ihm ganz dieselben Gebote, die Ich euch des einen, wahren Gottes und Herrn ganz vergessen habenden Menschen nun wieder gebe; aber die mit einem vollkommen freien Willen begabten Menschen ließen sich nur zu leicht und zu bald von der Welt und ihrem verlockenden Geiste blenden, flohen Gott und taten nach ihren Gelüsten. Dadurch verfinsterten sie ihre Seelen und verstockten ihre Herzen.
GEJ|10|12|3|0|Ich sandte allzeit Boten aus den Himmeln, daß sie belehrten die verblendeten Menschen; nur wenige achteten ihrer, die große Menge wollte nichts von ihnen hören und wissen.
GEJ|10|12|4|0|Ich erweckte von Zeit zu Zeit mit Meinem Geiste Männer und Jünglinge, die das Volk belehrten und sie zur alten Wahrheit zurückzuführen sich alle Mühe gaben. Nur wenige hörten sie an, und noch wenigere kehrten sich danach; die große Menge aber verfolgte sie, quälte sie und tötete sie sogar.
GEJ|10|12|5|0|Ich unterließ es auch nicht, ein zu entartetes Volk mit großen und kleinen Züchtigungen und Gerichten heimzusuchen. Diese besserten aber auch nur wenige auf eine Zeitlang; nur zu bald trat wieder der arge Weltgeist an Meine Stelle.
GEJ|10|12|6|0|Als zur Zeit Mosis dem israelitischen Volke auf Sinai in der Wüste von Mir unter Blitz, Donner und Feuer wieder von neuem Gesetze gegeben wurden, da horchte es anfangs wohl unter Furcht und Zittern auf Meine weithin wohlvernehmbaren Worte, – als aber die Verkündigung eine längere Zeit hindurch währte, da wurde das Volk zum Teil daran gewöhnt und machte sich nicht mehr viel daraus. Zu einem andern Teile aber ward es des anhaltenden Belehrens überdrüssig und bat Mich, daß Ich fürs ganze Volk nur Moses allein Meinen Willen offenbaren solle, – es werde ihn dann schon von ihm vernehmen und befolgen; das Volk aber wolle sich unterdessen von dem Berge Sinai, weil es allda zu furchtbar zugehe, entfernen und in einem weit davon gelegenen Tale seine Wohnhütten aufrichten.
GEJ|10|12|7|0|Es ward das dem Volke nach längerem Flehen gewährt; aber es währte gar nicht lange, als das Volk Meiner und der großen Szenen am Berge Sinai völlig zu vergessen begann, sich aus dem vielen, aus Ägypten mitgenommenen Golde ein Kalb goß, dann um dasselbe tanzte und ihm göttliche Verehrung erwies.
GEJ|10|12|8|0|Ich zeigte solches Moses an, entsandte ihn zum Meiner gar nicht mehr gedenkenden Volke und ließ es gewaltig züchtigen in der Art, wie das Moses darauf genau beschrieben hat.
GEJ|10|12|9|0|Dann kehrte das Volk wohl wieder zu Mir zurück; aber es gab unter ihm stets viele, die sich von allerlei argen Weltgelüsten verleiten ließen, ein und das andere Meiner Gebote zu übertreten und also gegen Meine Anordnungen zu sündigen.
GEJ|10|12|10|0|Es mußten von Moses zeitliche Strafen auf die Übertretung Meiner Gebote und Anordnungen festgesetzt werden, um das Volk in der Ordnung zu erhalten.
GEJ|10|12|11|0|Als das Volk später aus der Wüste in das Gelobte Land geführt wurde und dasselbe wie aus Meiner Hand in Besitz nahm, da ward es durch weise Richter, die mit Mir in stetem Verbande und Verkehr standen, also nahe völlig von Mir Selbst durch eine geraume Zeit hin regiert und ward unter Meiner persönlichen Regierung groß und mächtig, und sein Wohlstand war größer denn der jedes andern Volkes in der Welt.
GEJ|10|12|12|0|Da ward es übermütig und sah auf den Glanz der andern Völker, die von einem Weltkönige tyrannisch beherrscht wurden. Der eitle Weltglanz verblendete es, – es wollte auch glänzen, ward mit Meiner Regierung unzufrieden und verlangte durch den mit Meinem Geiste erfüllten Richter Samuel einen Weltkönig, und es beging so die größte und gröbste aller Sünden.
GEJ|10|12|13|0|Und so fiel es dann stets tiefer, obschon Ich es nie unterlassen habe, es stets durch erweckte und von Meinem Geiste erfüllte Propheten zur Besserung und zur Buße zu ermahnen und ihm die Folgen zu verkünden, die es durch seine Verstocktheit zu gewärtigen haben werde; und also handelte Ich bis jetzt mit diesem Volke und kam nun Selbst, mit Fleisch angetan.
GEJ|10|12|14|0|Sieh aber nun die übergroße Anzahl der Juden an, die, statt Mich anzunehmen und an Mich zu glauben – da Ich doch überall Mich als Den, der Ich sicher bin, durch nie erhörte Wundertaten und Zeichen über jeden Zweifel hinaus bemerkbar mache –, Mich hassen, verfolgen, zu ergreifen und diesen Meinen Leib zu töten trachten!
GEJ|10|12|15|0|Wenn aber für die geistige Bildung der Menschen stets ohne Unterlaß von Mir aus zu allen Zeiten und überall also gesorgt wurde, wie Ich es dir nun in aller Kürze gezeigt habe, – wie magst du als ein mit vieler Vernunft wohlversehener Römer Mich fragen, warum Ich erst jetzt zu euch Menschen kam, um das Reich Gottes, welches da ist ein Reich des ewigen Lebens, bei euch nur wenigen zu gründen!?
GEJ|10|12|16|0|Wandere hin in alle Länder, die dir bekannt sind und deren Bewohner irgend vermöge ihres Herzens nur einigermaßen fähig sind, Meine Lehre anzunehmen, und erkundige dich, ob sie sogar in dieser Zeit ohne Kunde von Meinem Hiersein und Wirken sind!
GEJ|10|12|17|0|In vielen dir noch unbekannten Ländern und Reichen aber haben die besseren Menschen innere Gesichte von dem, was nun hier ist und geschieht. Nur irgend in den verborgensten Winkeln der Erde ganz verwildert lebende, wahre Tiermenschen können keine Kunde von Mir erhalten, weil sie für deren Aufnahme noch lange nicht fähig sind; doch mit der Zeit soll auch für sie gesorgt werden.
GEJ|10|12|18|0|Und so siehst du aus dem, daß deine an Mich gestellte Frage eine ganz eitle war. Willst du Mich aber noch weiter fragen, da frage Mich um bessere Dinge, die dir mehr nützen werden denn das, um was du Mich nun gefragt hast!“
GEJ|10|13|1|1|13. — Der Hauptmann bittet um Aufklärung über das Wesen der Erde
GEJ|10|13|1|0|Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, da ward er sehr nachdenklich und desgleichen auch seine beiden Unterdiener, und es dauerte nun eine Weile, bis jemand am ganzen Tische auch nur ein Wort mit seinem Nachbar zu verkehren begann. Ich Selbst schwieg auch; doch aller Augen und Ohren waren auf Mich gerichtet.
GEJ|10|13|2|0|Endlich unterbrach ein starker Windstoß das Schweigen, und der Hauptmann fragte hastig den Ebal, was das gewesen sei; denn es sei ihm vorgekommen, als hätte es gedonnert. Seine Gefährten wollten auch einen Donner vernommen haben.
GEJ|10|13|3|0|Sagte Ebal: „Hier am Meere und besonders in dieser Bucht gehören in dieser Zeit derlei Erscheinungen zu den seltenen nicht; doch dieser plötzlich entstandene, einem Donner ähnliche Windstoß dürfte infolge der allerhöchsten Anwesenheit des Herrn über alle Dinge im Himmel und auf Erden etwas Höheres zu bedeuten haben! Was aber, das wird eben Er wohl am allerbesten wissen; ich kann dir darüber keinen weiteren Aufschluß geben.“
GEJ|10|13|4|0|Als Ebal solches zu dem Hauptmanne geredet hatte, da wandte sich der Hauptmann gleich wieder, nun ganz voll echt römischen Soldatenmutes, an Mich und sagte: „Höchster Herr und Meister, ich habe Deiner Rede entnommen, daß in Dir wahrlichst der höchste Geist der einzig und allein wahren Gottheit wohnt! Ohne Deinen Willen kann weder im Himmel noch auf dieser Erde etwas geschehen, entstehen, wirken, bestehen und vergehen; und so da etwas geschieht, entsteht, wirkt und besteht, so wird Dir auch in Deinem ewigen Geiste von Ewigkeit der Grund und die Ursache wohlbekannt sein, nach der Du Deine weiseste Absicht realisiert haben willst. Dir wird denn sicher auch dieser Windstoß nichts Fremdes und Unbekanntes sein! Wie ist denn der entstanden, und zu welchem Zweck?“
GEJ|10|13|5|0|Sagte Ich: „Ja, Mein Freund, da wird es noch eine geraume Zeit hergehen, bis du einsehen wirst, von wannen der Wind kommt, wie er entsteht und zu welchem Zweck; denn solange deine Vorstellungen von der Gestalt und von dem Wesen der Erde grundirrig sind, wirst du wohl niemals verstehen können, wie der Wind entsteht, von wannen er kommt, wohin er zieht und warum er entstanden ist.
GEJ|10|13|6|0|Du mußt sonach zuvor den Grund und Boden, der dich trägt, genau kennen; dann erst kannst du auch fragen nach dem Grund der Erscheinungen auf dieser Erde.“
GEJ|10|13|7|0|Sagte der Hauptmann: „Herr und Meister! Wer sollte und könnte mir denn nun außer Dir die wahre Gestalt der Erde enthüllen? Welche Begriffe wir von dieser unserer Erde haben, weißt Du ohnehin; aber ich habe auch mit vielen eurer Schriftgelehrten über das Wesen dieser unserer Erde gesprochen und bekam keine bessere Kunde, im Gegenteil eine noch um vieles unklarere und verworrenere.
GEJ|10|13|8|0|Ich habe auch mit den alles wissenden und vermögenden Essäern über das Wesen der Erde, des Mondes, der Sonne und der Sterne gesprochen, bekam aber eine um kein Haar bessere Aufklärung über alles das, als die ich zuvor hatte.
GEJ|10|13|9|0|Du kannst mir sicher die beste Aufklärung über diese Erde, über den Mond, über die Sonne und auch über die Sterne geben! Ich und meine beiden Gefährten bitten Dich darum! Denn das habe ich schon lange eingesehen, daß unsere Ansicht und unsere alten, uns eingeprägten Begriffe von der Erde, wie von den Gestirnen am Himmel nicht die richtigen sein können, weil sich die mit ihnen im Zusammenhang stehenden Erscheinungen durchaus nicht oder nur schlecht mit allerlei abergläubischen Einschiebungen erklären lassen, durch die aber dem die Wahrheit in allen Dingen suchenden und denkenden Menschen schlecht gedient ist. Wir bitten Dich, Herr und Meister, nochmals darum!“
GEJ|10|13|10|0|Sagte Ich darauf: „Siehe, die Sonne ist bereits im Untergehen, und es wird die Zeit zu kurz sein, um euch nach eurem Verlangen vollends befriedigen zu können!“
GEJ|10|13|11|0|Sagte abermals der Hauptmann: „O Herr und Meister, wenn die Sache nur Dir nicht unangenehm ist, – wir wollen Dich mit der größten Aufmerksamkeit und Ruhe die ganze Nacht hindurch anhören!“
GEJ|10|13|12|0|Sagte Ich: „Nun gut denn also! Seht hier den scheinbaren Jüngling! Dieser ist schon seit gar langem einer Meiner rechten Diener; er möge euch euren Wunsch erfüllen! Aus seiner Tat und Rede werdet ihr Meine Macht in ihm erkennen.“
GEJ|10|13|13|0|Hierauf gab Ich dem Raphael einen Wink, und er erhob sich schnell, trat zu den dreien hin und sagte (Raphael): „Für alle die andern, die hier beim Tische sitzen, braucht diese Sache wohl nicht mehr erklärt zu werden, da sie schon in alles vollends eingeweiht sind; doch für euch will ich das nach dem Willen des Herrn tun. Auf daß wir aber die Sache desto schneller beenden mögen, so begeben wir uns hinaus ins Freie!“
GEJ|10|13|14|0|Hierauf erhoben sich unser Hauptmann und seine beiden Unterdiener vom Tische und gingen mit Raphael hinaus ins Freie mit der gespanntesten Neugierde.
GEJ|10|14|1|1|14. — Raphael als Lehrer der Astronomie
GEJ|10|14|1|0|Im Freien führte sie Raphael auf einen großen, freien Platz am See, der den Römern als Kriegsübungsstätte diente und in der Abendzeit von keinem Menschen mehr betreten ward.
GEJ|10|14|2|0|Auf dieses Platzes Mitte angelangt, sagte Raphael zu den dreien: „Der Weg, durch den jemand zu irgendeiner großen und wichtigen Erkenntnis gelangen will, ist immer ein zweifacher: Der erste ist der lange, langweilige und schwere durch die weitwendigen und nahezu nie enden wollenden und könnenden Erklärungen und Besprechungen; der zweite, kurze und wirksame, ist der durch die Beispiele. Und diesen will und kann ich nun bei euch in Anwendung bringen!“
GEJ|10|14|3|0|Sagte der Hauptmann: „Das wird hier wohl etwas schwer werden, uns von dem Beispiele wirksamer Art zu geben, wovon uns jeder wahre Vorbegriff völlig mangelt.“
GEJ|10|14|4|0|Sagte Raphael: „Das ist meine Sache, weil ich das in meiner vom Herrn mir verliehenen Macht habe, – und so gebet denn wohl acht auf alles, was ihr nun sehen werdet! Ich werde euch vorerst die ganze Erde, das heißt ihre Oberfläche, ganz so, wie sie nun ist, in einer solchen Größe vor eure Augen stellen, daß ihr sie leicht überschauen werdet können.“
GEJ|10|14|5|0|Als Raphael solches ausgesprochen hatte, da schwebte schon ein kleiner, doch bei dritthalb Mannslängen im Durchmesser habender Erdball vor den Augen der über alles erstaunten Römer und war von einem eigenen Lichte so gut erleuchtet, daß man auf seiner Oberfläche trotz der vorgerückten Abenddämmerung alles wohl ausnehmen und das Bekannte auch sogleich als das, was es darstellte, der Lage nach erkennen konnte.
GEJ|10|14|6|0|Der Erdball drehte sich auch um seine Achse, aber wegen des schneller möglichen Überschauens natürlich im Verhältnis bei weitem schneller als die wirkliche Erde. Alle Festlande, nebst einer beinahe zahllosen, verschieden großen Menge Inseln, das gesamte Meer, ebenso auch alle Seen und Ströme und Flüsse und Berge und Täler waren getreu zu ersehen, und das davon den dreien Bekannte ward auch sogleich von ihnen als das erkannt, was es darstellte.
GEJ|10|14|7|0|Als sich die Römer diesen Erdball bei einer Stunde lang alleraufmerksamst angesehen hatten, wobei Raphael ihnen alles mit wenigen Worten verständlich erklärte, und sie so von der Erde denn auch einen vollwahren Begriff bekommen hatten, da sagten alle drei: „Oh, wie blind sind doch noch die Menschen, und welch lächerlich dümmste Begriffe haben sie von der Erde, die sie trägt und nährt!“
GEJ|10|14|8|0|Hierauf sagte Raphael: „Seht, wie ihr durch dieses Beispiel schneller zur richtigen Erkenntnis der gesamten Erde gelangt seid, als so es euch ein Wohlerdkundiger mit langen Reden noch so klar dargestellt hätte, und so werde ich euch nun auch das Verhältnis der Erde zum Mond, zur Sonne und zu den andern Planeten darstellen! Wir wollen nun den Erdball weiter von uns hinauf in die Luft stellen, und in einer verhältnismäßigen Entfernung soll der Mond als ihr Begleiter hier vor euren Augen dargestellt werden.“
GEJ|10|14|9|0|Als Raphael solches ausgesprochen hatte, war der Mond auch schon – aber als ein verhältnismäßig kleiner Ball – vor den staunenden Augen der Römer ins wohl sicht- und leicht erkennbare Dasein gerufen.
GEJ|10|14|10|0|Zuerst ward die der Erde stets zugekehrte Seite von oben bis unten genau in Augenschein genommen und auch insoweit, als nötig war, erklärt, und dann erst die Kehrseite, bei der es an der rechten Erklärung auch nicht mangelte.
GEJ|10|14|11|0|Da sagte der Hauptmann: „Das ist im Verhältnis zu unserer Erde wohl eine traurige Welt! Die nach deiner Erklärung nur auf dieser Seite lebenden Menschen können zu keiner großen Weisheit gelangen, da sie auf einer so kleinen höchst magern Welt nur eine sehr beschränkte Anschauung von dem von Gott Geschaffenen erhalten können, und weil sie durch der Erde völligst ungleiche und unähnliche Tagesordnung auch beinahe keine Zeit gewinnen können, auch nur das Wenige auf dieser kleinen Welt mit Aufmerksamkeit zu betrachten, zu studieren, Vergleiche zu machen und daraus die nötigen Erfahrungen zu ziehen. Sie müssen mit unseren Affen die meiste Ähnlichkeit haben?“
GEJ|10|14|12|0|Sagte Raphael: „Da irrst du dich gewaltig, wenn es für deinen Verstand auch also den Anschein hat! Ich möchte dich nicht mit einem Mondbewohner verkehren lassen; denn da würde deine innere Weisheit sehr den kürzeren zu ziehen bekommen!
GEJ|10|14|13|0|Ihr Menschen dieser Erde habt wohl viele äußere Erfahrungen und also auch viele äußere Erkenntnisse; aber die inneren Lebenserkenntnisse fehlen euch, die unbeschreibbar wichtiger sind denn all der äußere, marktschreierische, eitle Tand.
GEJ|10|14|14|0|Die Mondmenschen aber stehen dafür stark im inneren, beschaulichen Leben, in dem sie auch euch Bewohner dieser Erde gar wohl kennen, aber nur selten ein Wohlgefallen an euch haben, weil ihr durch euer äußeres Sinnen und Trachten euch von der inneren Lebenswahrheit zu weit entfernt habt. Sie sagen von euch, daß ihr tote Seelen seid. Wenn es aber mit den Mondbewohnern also steht, da sind sie sicher auf einer höheren Lebensstufe denn deine Erdaffen.“
GEJ|10|14|15|0|Sagte der Hauptmann: „Wenn die Sache mit den Bewohnern des Mondes sich also verhält, da nehme ich mein Urteil freilich sogleich zurück und bitte sie durch dich viele Male um Vergebung.“
GEJ|10|14|16|0|Sagte Raphael: „Lassen wir das nun gut sein, und kehren wir zu unserer Sache wieder zurück! Wir haben nun nach der Erde den Mond wohl kennengelernt. Wie sieht es aber mit diesen beiden Weltkörpern im Verhältnis zur Sonne aus? Bevor ich euch aber das völlig begreiflich machen kann, muß ich euch in Kürze auch noch mit den euch wenigstens dem Namen nach bekannten Planeten bekannt und vertraut machen.
GEJ|10|14|17|0|Es gibt zwar noch einige Planeten, die als Erdkörper auch zu dieser Sonne, die der Erde Licht und Wärme spendet, gehören und von ihr, gleich dieser Erde, Licht und Wärme erhalten. Aber ich werde mich nur auf die euch dem Namen nach bekannten beschränken und sie euch in ihrer wahren Gestalt einmal sonderheitlich vor Augen stellen. Da ist einmal der Merkur als der der Sonne nächste Erdkörper!“
GEJ|10|14|18|0|Sogleich erblickten die drei Römer diesen Erdkörper und bewunderten seine ziemliche Ähnlichkeit mit so manchem auf unserer Erde, und Raphael ließ es dabei an Erklärungen nicht fehlen.
GEJ|10|14|19|0|Als die drei mit dem Merkur so bald im reinen waren, da kam die Venus an die Reihe, nach ihr der Mars, den die drei anfangs mit einer Art Scheu betrachteten. Da sie aber an ihm, statt ihres Kriegsgottes, auch nur einen der Erde ziemlich ähnlichen Erdkörper ersahen, so wurden sie mit ihm denn auch bald vertraut. Auf den Mars kam in entsprechender Größe der Jupiter mit seinen vier Monden an die Reihe, über den sich die drei Römer nicht genug verwundern konnten. Raphael erklärte ihnen in Kürze das Wichtigste davon, worüber sie seine Weisheit und Macht nicht genug rühmen konnten. Darauf ließ er den Saturn zum Vorschein kommen, der den Römern noch mehr Bewunderung entlockte denn alle die früheren Planeten. Und Raphael hielt sich bei diesem seltenen Erdkörper mit seinen Erklärungen auch länger auf als bei einem der früheren, mit Ausnahme unserer Erde.
GEJ|10|15|1|1|15. — Raphael erklärt die Verhältnisse der Planeten zur Sonne
GEJ|10|15|1|0|Als Raphael alle die genannten Planeten den Römern auf die beschriebene Weise gezeigt hatte, da sagte er weiter zu ihnen: „Es ist nicht genug, daß ihr nun wißt, welch eine ganz andere Bewandtnis es mit diesen Gestirnen hat, als es sich grundirrig bis jetzt in eurer Vorstellung gleichfort aufrechterhielt, sondern ihr müßt auch ganz klar einsehen, in welchem Verhältnis alle die von euch nun geschauten Planeten zur Sonne stehen, und so gebet nun acht!
GEJ|10|15|2|0|Ich werde euch die Sonne in einem ganz kleinen Maßstab vor eure Augen stellen. Zuerst seht hier einen ziemlich großen Ball im Durchmesser von einer Mannslänge mit einem starken weißen Schimmer umflossen; denn es darf dieser die Sonne darstellende Ball nicht mit der vollen Lichtstärke der Sonne umflossen sein, da ihr ihn dann nicht näher besehen könntet, – und so genüge euch zu wissen, daß dieser Ball die Sonne darstellt.
GEJ|10|15|3|0|Seht, dieser diesen Ball umfließende Lichtschimmer ist dieses Weltkörpers eigentümliche Atmosphäre, die ihn nach allen Richtungen hin umgibt! Bei der wirklichen Sonne, die im ganzen bei tausendmal tausend Male größer ist als diese Erde, ist dieser Lichtschimmer um sehr vieles stärker. Gebet aber nun wohl acht, ich werde diese Lichthülle auf einige Augenblicke lang auseinanderteilen, auf daß ihr ersehen möget, wie der eigentliche feste Sonnenkörper aussieht, und auch merken, daß dieser Weltkörper noch für gar viele andere Zwecke vom Herrn aus erschaffen wurde denn nur für den, die andern Weltkörper zu erleuchten und zu erwärmen!“
GEJ|10|15|4|0|Hierauf traten die drei näher zum Ball an die Stelle hin, wo er enthüllt war, betrachteten ihn mit großer Aufmerksamkeit, und Raphael ließ es an leicht begreiflichen Erklärungen nicht fehlen.
GEJ|10|15|5|0|Als die drei in der kurzen Zeit von kaum einer Viertelstunde von der Sonne, ihrer Einrichtung, ihrer Bewohnbarkeit und von ihrer Tätigkeit, Wirkung und ihrem Verhältnis zu den andern Planeten, deren entsprechende Einrichtung sie in gewissen Gürteln wiederfanden, eine ganz richtige Übersicht als wohlbegriffen überkommen hatten, da sagte Raphael: „Nun gebet ganz besonders wohl acht; denn nun kommt für euch Römer die eigentliche Hauptsache! So ihr diese einsehen werdet, dann erst werdet ihr auch von dem Wahnglauben völlig befreit werden, demnach ihr meinet, daß die Erde im Zentrum steht und alles, die Sonne, der Mond und alle die Sterne sich um die Erde bewegen und alle Tage durch ihr Meer, das nach eurer Meinung von einem Ende des Himmels bis zum andern reicht, die Reise machen müssen.
GEJ|10|15|6|0|Da ist unser Sonnenball, und seht, ich werde nun alle euch nun bekannten Planeten in den richtigen verhältnismäßigen Größen und Entfernungen in einer geraden Linie zuerst außerhalb des Sonnenballs hinstellen!“
GEJ|10|15|7|0|Auf das erschauten die Römer zuerst in einer gewissen verhältnismäßigen Entfernung und Größe den Merkur, dann die Venus, so die Erde, und nach und nach die andern Planeten, und sie mußten natürlich eine hübsch weite Strecke längs dem ebenen Seeufer hinwandern, bis sie an den Saturn kamen. Außerdem bemerkten sie noch in einer viel weiteren Entfernung ein paar planetenartige Lichtpunkte, und sie fragten Raphael, was diese zu bedeuten hätten.
GEJ|10|15|8|0|Und Raphael sagte: „Ich habe es euch ja schon gleich im Anfange gesagt, daß es außer den euch namentlich bekannten Planeten noch welche gibt. Allein diese gehen euch nun noch nichts an; in den späteren Zeiten werden sie von gewissen weisen Menschen schon auch noch entdeckt und näher beschrieben werden.
GEJ|10|15|9|0|Ihr sehet ja zwischen dem Mars und Jupiter auch eine Menge Lichtpunkte planetarischer Art. Auch diese gehen euch jetzt noch nichts an; mit der Zeit werden auch diese und vieles andere von den gewissen weisen Menschen entdeckt und näher beschrieben werden. So ihr späterhin auch darüber schon eine nähere Kunde haben wollt, so besprechet euch mit den Jüngern des Herrn; denn diese sind in alle Geheimnisse des sichtbaren Sternenhimmels eingeweiht. Auch zu Kis beim großen Mautpächter Kisjona, der nun hier anwesend ist, werdet ihr einen Griechen, namens Philopold, der nun auch hier ist, leicht finden, der nebst einigen hochgestellten Römern sogar in Rom in alles das eingeweiht ist; von dem könnet ihr vieles lernen.
GEJ|10|15|10|0|Aber nun lassen wir das und kehren zu unserem Sonnenball zurück, auf daß ich euch noch die Bewegungen der verschiedenen Planeten um die Sonne zeige!“
GEJ|10|15|11|0|Hier kehrten die drei mit Raphael wieder zum Sonnenball zurück.
GEJ|10|15|12|0|Raphael stellte ihn so hoch in die Luft, daß alle Planeten um ihn bahnen konnten; er war nebst allen Planeten noch wohl ersichtlich, und die Planeten kreisten um ihn in entsprechenden Verhältnissen, wennschon in kurzer Zeit. Aber Raphael teilte auch die kurze Zeit von einer Stunde so gut ein, daß zum Beispiel der Saturn nur eben eine Stunde zu seiner vollen Umlaufszeit benötigte, und alle die näheren Planeten bewegten sich in genau mathematisch verhältnismäßig kürzeren Zeiträumen, und so auch die Monde um die sie mit sich führenden größeren Planeten, was für die drei Römer ein über die Maßen staunenerregendes Schauspiel abgab, und das um so mehr, weil Raphael ihnen alle diese Bewegungen gründlich und sehr begreiflich erklärte.
GEJ|10|15|13|0|Als der Saturn nach einer Stunde Zeit wieder an die Stelle kam, an der er sich zu bewegen angefangen hatte, da ließ Raphael alles wieder verschwinden und sagte: „Nun bedürfen wir der Beispiele nicht mehr, da sie ihren guten Dienst an euch beendet haben! So ihr diese Sache nun vom wahren Grunde aus wohl versteht und es auch einsehet, daß es nur also und nicht anders sein kann, so wollen wir nun wieder in das Haus des biederen Ebal zurückkehren!“
GEJ|10|15|14|0|Die Römer waren damit zufrieden und gingen nun voll Freuden mit Raphael ins Haus des Ebal, allwo sie uns alle ganz frohen Mutes am Tische beim Nachtmahl antrafen.
GEJ|10|15|15|0|Ihr erstes war, Mir für alles das, was sie nun in einer so kurzen Zeit durch den wunderbaren Jüngling gelernt hatten, zu danken.
GEJ|10|15|16|0|Und Ich sagte zu ihnen: „Nun setzet euch denn auch zu uns, und esset und trinket, und stärket euch, – dann erst wollen wir wieder miteinander reden!“
GEJ|10|15|17|0|Das taten die drei denn auch alsbald und stärkten sich nun mit Fischen, Brot und Wein.
GEJ|10|16|1|1|16. — Die Bedingungen zur Erlangung der Weisheit
GEJ|10|16|1|0|Als wir alle uns leiblich gestärkt hatten, da erkundigte sich der Hauptmann nach Kisjona und Philopold.
GEJ|10|16|2|0|Und Ich sagte zu ihm: „Siehe die Männer hier zu Meiner Rechten; der erste ist Kisjona und der zweite ist Philopold! Du wirst noch oft Gelegenheit haben, mit ihnen zu reden; da Ich aber gar wohl weiß, über was alles du nun mit Philopold sprechen möchtest – wozu aber jetzt die rechte Gelegenheit und Zeit nicht vorhanden ist –, so wolle du dein Vorhaben auf eine andere Zeit verlegen! Für heute hast du gar vieles zur Vertilgung des alten heidnischen Aberglaubens gesehen und gelernt; denke nun nur darüber nach, auf daß es bleibe in deinem Gedächtnisse und in deinem Herzen und du es nicht wieder verlierst, so du in deine Weltdinge und -geschäfte bald wieder zurückkehrst!
GEJ|10|16|3|0|Was du und deine Gefährten nun kennengelernt habt, das kannten auch die Menschen in den alten Zeiten; aber als ihre Nachkommen sich stets mehr mit den Dingen dieser Welt zu beschäftigen anfingen und stolz und herrschsüchtig wurden, da vergaßen sie auch bald der alten Weisheit, achteten ihrer nicht und meinten, daß derlei zu wissen zur Fristung des Lebens nicht nötig sei. Es genüge, so nur gewisse Weise Kunde davon hätten; das Volk solle dafür nur auf seine Herden und auf seine Äcker, Gärten und Wiesen und Tierjagden sehen und sich nicht mit den Dingen am Himmel beschäftigen. Und siehe, dadurch ward das Volk samt seinen Lenkern nicht nur in diesen, sondern auch in andern Dingen dumm, blind und am Ende voll des finstersten Aberglaubens, wie es jetzt noch ist und sich vor der Wahrheit scheut und vor ihrem Lichte flieht!
GEJ|10|16|4|0|Man kann bei aller Weisheit auch Sorge tragen um das, was der Mensch für seinen Leib benötigt; aber um das, was die Seele betrifft und den Geist des Lebens in ihr, soll ein jeder Mensch sich vor allem sorgen und kümmern; denn des Essens, Trinkens und des Hochtuns wegen ist kein Mensch in diese Welt gesetzt worden, sondern daß er lebe nach der in ihm von Gott treu geoffenbarten Ordnung nur für den alleinigen Zweck, den ihm Gott gestellt hat.
GEJ|10|16|5|0|Wenn du denn nun hier wieder zur lange verlorenen Wahrheit in den Dingen des Himmels gelangt bist, so verdaue in deiner Seele das Überkommene; bist du in dem stark geworden, dann kannst du dich bei Philopold um etwas Weiteres bekümmern!“
GEJ|10|16|6|0|Sagte der Hauptmann: „Ja, Herr und Meister, Du hast in allen Dingen recht; ich sehe es nun schon ein, ein wie vieles und Großes ich durch Deine Gnade von dem wundersamen Jünglinge in den Dingen des sichtbaren Himmels überkommen habe! Habe ich alles das in mir erst völlig geordnet und mir das auch durch Zeichnungen, die ich gut zu machen verstehe, für andere zum Unterricht entworfen, dann erst werde ich mich um ein Weiteres bekümmern.“
GEJ|10|16|7|0|Sagte Ich: „Da hast du recht; doch das beste ist, vor allem das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit durch das Leben und Handeln nach Meiner Lehre in sich zu suchen. Wer das in sich gefunden hat, dem wird auch alles andere als eine freie Zugabe treulich werden; denn der Geist im Menschen ist aus Gott, und ist der im Menschen Herr geworden, so lehrt er die Seele in einer Stunde ein um gar vieles mehr, als du auf dieser Erde von noch so weisen Lehrern in tausend Jahren erlernen könntest.
GEJ|10|16|8|0|Mein Raphael, der ein ganz reiner Geist ist – was du Mir glauben und es dir wohl merken kannst –, hat es euch dreien gezeigt, in einer wie kurzen Zeit er euch über Dinge belehrt hat, welche die Menschen mit all ihrem Scharfsinn und mit allem Eifer ihres Suchens, Forschens und Denkens in mehr denn tausend Jahren in dieser Reinheit und Wahrheit nicht erkennen werden. Also kann eine Seele von einem Geiste in einem Augenblick endlos mehr erlernen, als die Menschen unter sich mit ihrem natürlichen Verstande. Dieses beachte auch, und handle danach!“
GEJ|10|16|9|0|Sagte der Hauptmann: „Herr und Meister, die Grundsätze Deiner Lehre sind mir wohlbekannt, daß man erstens an Dich glaube und in Dir auch den einen, allein wahren Gott erkenne, daß man dann auch den erkannten Gott als das beste und vollkommenste ewige Wesen über alles liebe und seinen Nebenmenschen wie sich selbst, und daß man auch die Gebote Mosis beachte und halte.
GEJ|10|16|10|0|Nun, was Deine Anforderung betrifft, so wäre ihr leicht nachzukommen; aber Moses hat eine Menge Gesetze, Vorschriften und Verordnungen gegeben, die erstens schwer zu merken, zu verstehen und so denn auch sicher schwer zu beachten und zu halten sind.
GEJ|10|16|11|0|Muß ein jeder Mensch, der in sich Deinen Geist zur vollen Herrschaft bringen will und also überkommen in sich Dein Reich und dessen volle Gerechtigkeit, auch alle die Gesetze, Vorschriften und Verordnungen halten und treu beachten?“
GEJ|10|16|12|0|Sagte Ich: „So du in Mir den einen, allein wahren Gott erkennst, an Ihn glaubst und Ihn in der Tat über alles liebst und deinen Nebenmenschen wie dich selbst, so erfüllst du damit auch alles, was Moses und alle Propheten gelehrt haben; denn sie sagen mit ihren vielen Worten in bezug auf die Pflichten der Menschen gegen Gott und unter sich nichts anderes, als was Ich dir in den wenigen Worten gesagt habe.
GEJ|10|16|13|0|Aber da heißt es dann, als ein römischer Hauptmann bei irgend unschuldigen Vergehen eines Ebal gegen deine blindeifrigen Verordnungen nicht gleich eigenmächtig eine solche Strafsumme Goldes und Silbers fordern, die mit Ausnahme Jerusalems und des Tempels beinahe ganz Palästina, Samaria und Galiläa nicht aufzubringen imstande wären; denn in solch einem Verlangen läge kein Fünklein von einer Nächstenliebe und einer Gerechtigkeit des Reiches Gottes im Menschen, weil in solch einem Verlangen nicht einmal ein Funke eures römischen Rechtes herausschaut und es dir das Zeugnis gab, daß du in seinen Grundsätzen schlecht bewandert bist!
GEJ|10|16|14|0|So du nach Meiner Lehre leben und handeln willst, so mußt du deine eigenmächtig scharfen Verordnungen für die Zukunft auch gewaltig ändern; denn bei solchen deinen Verordnungen wärest du noch sehr weit entfernt von der wahren Nächstenliebe und somit vom Reiche Gottes, in das dich die nunmalige Kenntnis der Erde, des Mondes, der Sonne und der andern Planeten allein nicht erheben würde. Denn alles, was der große sichtbare Raum deinen Fleischesaugen zur Beschauung darstellt, hat erst dann auch fürs Reich Gottes im Menschen einen Wert, wenn es von ihm aus betrachtet und geistig beleuchtet wird. An und für sich aber hat es als Materie keinen Wert für den ganzen Menschen, sondern nur einen höchst flüchtigen und vergänglichen für den Leib. – Das, Mein Freund, auch zu deiner Danachachtung!“
GEJ|10|16|15|0|Sagte der Hauptmann: „Herr und Meister, ich danke Dir auch für diesen überaus wahren und guten Rat, den ich sicher auch befolgen werde, insoweit es mir nur immer möglich sein wird! Ich werde dem Äußeren nach der Ordnung wegen strenge scheinen müssen, – doch in meinem Herzen wird es anders aussehen, und das wird vor Dir, o Herr und Meister, ja doch nicht gefehlt sein?“
GEJ|10|16|16|0|Sagte Ich: „O mitnichten, aber nur nach dem ordentlichen Gesetze Roms, das sehr viele Milderungen bei gewissen kleinen Vergehen aufzuweisen hat! Ein sanfter Richter in dieser Welt wird in der andern auch von Mir sanft gerichtet werden, und der Barmherzige wird auch bei Mir Barmherzigkeit finden. Kurz, mit welchem Maße du ausmessen wirst, mit demselben Maße wird es dir wieder eingemessen werden!“
GEJ|10|16|17|0|Der Hauptmann merkte sich das, und Ich sagte nun zu allen Anwesenden: „Mit dem ist nun ein schweres Stück Arbeit, auf die Ich euch ehedem noch unter dem Mittagsmahle aufmerksam gemacht habe, gut beendet, und wir zählen drei neue Jünger. Da es nun aber schon ziemlich spät in die Nacht hinein gekommen ist, so wollen wir unseren Gliedern auch wieder die nötige Ruhe gönnen!“
GEJ|10|16|18|0|Hierauf erhob Ich Mich mit etlichen Jüngern und begab Mich in ein anderes Gemach zur Ruhe, und so die Maria mit der Jahra; die andern aber blieben noch und besprachen sich von Mir, Meinen Lehren und Taten.
GEJ|10|17|1|1|17. — Raphael erklärt seine Macht
GEJ|10|17|1|0|Die Gesellschaft, von der sich auch unser Ebal, Kisjona und Philopold nicht getrennt hatten, blieb samt dem auch unter ihr gegenwärtig gebliebenen Raphael nahe bis zum Morgen am Tische, und Mein Jakobus der Größere machte den Hauptredner, da er Mich schon von der Geburt an wohl kannte und am meisten stets um Mich war. Raphael aber erklärte dann wieder, was den andern irgend rätselhaft vorkam.
GEJ|10|17|2|0|Gegen Morgen hin fragte der Hauptmann den Raphael, sagend: „Da wir nun schon so viel Herrliches und Größtwunderbares aus deinem Munde vernommen haben, so wolle nur für uns drei Römer gütigst noch ein wenig erklären, was du für ein eigentliches Wesen bist, und was das für ein Stoff war, aus dem du für uns die Dinge des sichtbaren Himmels so überherrlich mit all dem, was unzählbar auf ihnen sich befindet, formuliert (gebildet) hast!
GEJ|10|17|3|0|Sagte Raphael: „Fürs erste bin ich allem nach ein Mensch wie du, nur mit dem freilich bedeutenden Unterschied, daß ich nun diesen dir sichtbaren Leib in mein rein geistiges Wesen umwandeln kann, und daß ich als ein Mensch mit Fleisch und Blut schon vor nahe viertausend Jahren, noch vor der Noachischen Sündflut, treu Gott dem Herrn ergeben auf dieser Erde viele Jahre hindurch gelebt und gehandelt habe.
GEJ|10|17|4|0|Nun aber bin ich ein Bürger der Himmel Gottes und Sein Diener und Knecht für ewig. Meine Macht ist Gottes Macht; daher vermag ich denn auch alles, was der Geist in mir will. So du nun das weißt, so wirst du auch wissen, aus welchem Stoffe ich die Dinge des sichtbaren Himmels vor euch formuliert (geformt) habe.
GEJ|10|17|5|0|Es gibt keinen andern Stoff in der ganzen Unendlichkeit als den Willen Gottes. Alles, was du siehst, vernimmst, fühlst und durch irgendeinen Sinn wahrnimmst, sind Gedanken Gottes, und so Er will, so sind sie auch schon wesenhaft da.
GEJ|10|17|6|0|Was aber Gott als dem urewigen Geist als in Ihm und durch Ihn möglich ist, das ist dem Geiste Gottes auch im Menschen möglich. Denn Gott Selbst in Sich ist die reinste Liebe, also in Sich auch das reinste Lebensfeuer, dadurch auch das reinste und hellste Licht und somit in Sich die höchste Weisheit und dadurch auch die höchste allwirkende Macht und Kraft.
GEJ|10|17|7|0|Dieser höchsten Macht und Kraft weiseste Ordnung ist das ewige Gesetz, nach dem sich alle Dinge zu richten haben. Dieses Gesetz herrscht auch über den Leib des Menschen; der Seele aber ist ein freier Wille gegeben, und das Gesetz ist ihr geoffenbart, auf daß sie es aufnehme in sich und ihren Willen danach richte, lebe und handle und dadurch zur vollen Gottähnlichkeit gelange, wozu sie bestimmt ist.
GEJ|10|17|8|0|Der Seele aber ist in dieser Bildungswelt nur ein kleinster Teil aus dem göttlichen Ordnungsgesetz zur Beachtung anvertraut; wird sie in diesem kleinen Teil treu sein, so wird sie dann auch über Großes gesetzt werden, – aber eher nicht, als bis sie es in der Beachtung des kleinen, ihr geoffenbarten Ordnungsgesetzteiles zu einer wie völlig eigens angeborenen größten Fertigkeit gebracht hat. Denn ohne dem kann sie in sich ja auch nicht zu dem inneren Bewußtsein ihrer freien Selbständigkeit und sonach auch nicht zur lebendigen Wahrnehmung dessen gelangen, was alles der göttliche Wille in ihr und durch sie vermag.
GEJ|10|17|9|0|Was ich, als auch nur ein Mensch, durch die volle Macht des göttlichen Willens vermag, davon brauche ich dir wohl keine weiteren Beweise zu geben. Wirst du es in der Befolgung des göttlichen Willens, den du hier vollkommen kennengelernt hast, und auch in allen dich weltlich lustreizenden Dingen zu einer vollkommen selbstverleugnenden, großen Fertigkeit bringen, so wirst du in dir selbst schon auch gewahr werden, zu welch einer Macht deine Seele gelangt ist.
GEJ|10|17|10|0|Die Übung in allem aber macht erst den Meister; durch eine zu geringe Übung aber bleibt der Mensch ein ewiger Stümper und kann zu nichts Großem und Außerordentlichem verwendet werden. Oder kannst und wirst du als ein römischer, in der Kriegführungswissenschaft durch und durch bewanderter Hauptmann einem Menschen eher ein wichtiges Amt anvertrauen, als du dich von allen seinen zu dem Amte erforderlichen Kenntnissen überzeugt hast?
GEJ|10|17|11|0|Gott braucht Sich beim Menschen nicht durch allerlei Proben und Prüfungen zu überzeugen, ob er eines großen und wichtigen Amtes wohl auch schon fähig ist; denn Er weiß es allzeit am klarsten, wie weit es eine Seele in der inneren Lebensvollendung gebracht hat. Aber die Seele prüfe sich selbst, inwieweit sie in aller Selbstverleugnung, was die Lustreizdinge dieser Welt betrifft, vorgedrungen ist, und inwieweit sie vollends eins mit dem erwählten und tatsächlich befolgten Willen Gottes geworden ist, ob in ihr noch etwas Stümperhaftes oder wohl schon recht Meisterhaftes sich regt, – und Gott der Herr wird nicht säumen, in ihr Seines Willens Macht offenkundig werden zu lassen.
GEJ|10|17|12|0|Sieh an mehrere der Jünger des Herrn! So sie aus dem in ihnen schon sehr mächtig gewordenen Willen des Herrn etwas wirken wollten, da würde einer oder der andere auch etwas zu bewirken imstande sein, was dir sicher nicht minder wunderbar vorkäme als das, was ich vor euch gewirkt habe; aber ihre rechte Liebe zum Herrn und ihre wahre Demut vor Ihm sagt ihnen: ,Oh, wie gar nichts sind wir als schwache Jünger noch vor Dir!‘ Und daher warten sie noch, bis ihnen der Herr sagen wird: ,Nun gehet hinaus in alle Welt, und lehret allen Menschen Meinen Willen, und wirket in Meinem Namen!‘ Dann werden sie auch, wo es not tun wird, dieselben Zeichen wirken, die nun der Herr Selbst wirkt und auch ich zeitweilig durch des Herrn Willen in mir.
GEJ|10|17|13|0|Die Macht des göttlichen Willens aber wird dem Menschen nicht etwa wie einem Kinde die Milch eingegossen, sondern er muß sie selbst durch seine eigene Willenskraft, die bei jedem Menschen völlig frei ist, wie mit Gewalt an sich ziehen.
GEJ|10|17|14|0|Daß die Sache sich aber also und nicht anders verhält, ist ja leicht aus dem ersichtlich, daß der Herr, dem doch alle Dinge möglich sind, Seine Jünger Selbst gleichfort lehrt und zieht und ihnen zeigt, was sie zu tun haben, um sich Seines Willens als dann ihnen für ewig zu eigen angehörig zu machen.
GEJ|10|17|15|0|Was aber die eigens vom Herrn erwählten Jünger zu tun haben, um in sich zur vollen Gottähnlichkeit zu gelangen, das hat denn auch ein jeder andere Mensch zu tun, so er zu der Macht des göttlichen Willens in seiner Seele gelangen will.
GEJ|10|17|16|0|Ich habe dir nun ganz klar gezeigt, aus welchem Stoff ich euch die Dinge des sichtbaren Himmels geformt habe; ihr aber sehet nun, daß auch ihr mit der Zeit das werdet, was ich nun bin. Das Wie habe ich euch auch gezeigt. – Und nun möget auch ihr euch noch zu einer kurzdauernden Leibesruhe begeben; denn der Morgen wird nicht lange mehr auf sich warten lassen!“
GEJ|10|17|17|0|Nach diesen Worten Raphaels erhoben sich die drei Römer, dankten dem Raphael für diese Belehrung und gingen voll guter Vorsätze nach Hause, wo sie auch alles in der gewünschten Ordnung antrafen; doch alle drei ruhten wenig, da sie im Geiste ihres natürlichen Verstandes noch zu beschäftigt waren und nicht wußten, wie sie es anstellen sollten, um ihr weltliches Amt mit dem zu vereinen, was sie von Mir und auch von Raphael als Meinen Willen vernommen hatten.
GEJ|10|17|18|0|Unter manchem Hin- und Herreden brach der volle Morgen an, und der Hauptmann mußte den Kriegsknechten für diesen Tag Befehle erteilen. Die Kriegsknechte aber verwunderten sich heimlich, daß der sonst so überstrenge Hauptmann an diesem Tage nur ganz sanfte und menschenfreundliche Befehle erteilte, und sie meinten, daß da etwas ganz Besonderes vorgefallen sein müsse. Aber sie ließen weislich ja nicht merken, als wäre ihnen des Hauptmanns Sanftmut aufgefallen; denn ihnen war ein leichter Dienst ja auch lieber als ein schwerer.
GEJ|10|18|1|1|18. — Die Frage des Hauptmanns über das Töten der Tiere
GEJ|10|18|1|0|Am vollen Morgen, noch etwas vor dem Aufgange, war Ich mit einigen Jüngern schon im Freien, und auch Raphael war bei uns. Bald darauf kamen auch alle andern nach; und auch die drei Römer ließen nicht lange auf sich warten.
GEJ|10|18|2|0|Wir befanden uns am Ufer des Sees und sahen dem Spiel der Wogen zu, und die Jünger wuschen mit dem reinen Wasser ihre Füße und Hände. Die drei Römer hätten schon gern um eines und das andere gefragt und hatten sich darum auch gleich in Meine und des Raphaels Nähe begeben.
GEJ|10|18|3|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Der Tag hat nun noch seine vollen zehn Stunden, und in dieser Zeit wird sich noch so manche Frage beantworten lassen; aber nun wollen wir in Ruhe den Morgen genießen!“
GEJ|10|18|4|0|Mit dem waren die drei zufrieden und wuschen ihre Angesichter mit dem Wasser des Sees, damit sie ihre Augen, denen der nächtliche Schlaf ein wenig abging, wieder auffrischten und stärkten.
GEJ|10|18|5|0|Wir verblieben so in voller Ruhe bei einer Stunde lang knapp am Ufer des Sees und begaben uns dann auf eine kleine Anhöhe, die sich gen Mittag hin über den Wasserspiegel erhob. Von dieser Anhöhe aus hatte man eine schöne Aussicht gen Westen hin, und am Ufer, das hier mit vielem Schilf und Röhricht eine ziemlich weite Strecke hin bewachsen war, ersah man einige Wasservögel, die sich aus dem Wasser ihr Morgenmahl suchten und dasselbe auch gierig verzehrten.
GEJ|10|18|6|0|Hier konnte unser Hauptmann nicht mehr schweigen, trat rasch zu Raphael hin und sagte: „Höre, du weiser und mächtiger Bürger einer bessern Welt, als diese Erde es ist! Ich bin sonst mit der oft sehr herrlichen Einrichtung eben dieser unserer Erde in bezug auf ihre gestaltlichen und ihre pflanzlichen Ordnungsverhältnisse sehr zufrieden; allein was da die Tiere betrifft in ihren wechselseitigen Lebens- und Tätigkeitsverhältnissen – durchaus nicht.
GEJ|10|18|7|0|Für alle Pflanzen und Gewächse ist gesorgt, daß sie sich ihre Nahrung aus dem Erdreich, aus dem Wasser, aus der Luft und aus der Wärme des Sonnenlichtes nehmen und so ganz vortrefflich gedeihen; nur die Tiere und zum großen Teil auch wir Menschen sind angewiesen, der Ernährung des Leibes wegen Tiere zu fangen, zu töten und ihr Fleisch zu genießen.
GEJ|10|18|8|0|Und siehe, das verwildert offenbar stets des Menschen Herz und Gemüt, was ich nur zu oft in Rom bei den oft sehr argen Stiergefechten und andern Kämpfen der wilden, reißenden Tiere in den gewissen eigens dazu erbauten und eingerichteten Zwingern beobachtet habe; denn man unterhält ja solche Tierkämpfe in Rom und auch in vielen andern Orten, um besonders bei den Soldaten und bei den Bürgern den kriegs- und mutvollen Kampfsinn stets von neuem anzufachen und zu erhalten.
GEJ|10|18|9|0|Und von wem haben die Menschen das wilde Wesen des Krieges, bei dem von der Liebe zu Gott und von der Liebe zum Nächsten keine Spur anzutreffen ist, gelernt?
GEJ|10|18|10|0|Da, hier sieh hinab ins Wasser! Was haben die armen Fischlein denn verbrochen, daß sie von diesen gefräßigen Wasservögeln oft zu vielen Tausenden aus dem Wasser gefangen und verzehrt werden? Könnten denn all die zahllos verschiedenen Tiergattungen in der Luft, auf der Erde und im Wasser sich nicht sämtlich gleich den zahmen Haustieren von den ebenso zahllos verschiedenen Pflanzenarten ernähren? Müssen denn allerart fleischfressende Raubtiere sich unter den Herden der sanften Tiere ihre Nahrung suchen und dadurch die Menschen zum wilden Kampf auffordern durch ihre von der Macht Gottes ihnen eingepflanzte Grausamkeit?!
GEJ|10|18|11|0|Der Mensch mußte künstliche Waffen erfinden, um gegen die reißenden Bestien kämpfen zu können. Er lernte dabei wohl zu kämpfen, zu töten und zu siegen; hat er aber dabei für die von Gott ihm anbefohlene Veredlung seines Herzens und seines Gemütes wohl etwas gewonnen?
GEJ|10|18|12|0|Und siehe, ich habe über diesen Gegenstand sehr oft nachgedacht und habe noch von keinem weisen Menschen eine nur so halbwegs befriedigende Lösung über dieses wahre Sphinxrätsel erhalten können! Überall hieß es: ,Die weisesten Götter werden es schon wissen, warum sie das alles also zugelassen haben!‘
GEJ|10|18|13|0|Ja, das ist ganz sicher; aber haben die Menschen dabei für ihr Herz und Gemüt wohl etwas gewonnen? Ja, zu jagen, zu kämpfen und Krieg zu führen haben sie wohl gewonnen, dann Gesetze zu geben, zu herrschen und gleich einer Hyäne oft grausam zu sein durch ihre Gerichte gegen jene Menschen, die sich gegen ihre Gesetze versündigten; aber sonst ist aus der Erlernung zu kämpfen, zuerst mit den wilden Tieren und bald darauf auch unter sich, wahrlich nicht viel Gutes zum Vorschein gekommen.
GEJ|10|18|14|0|Du bist weise und mächtig aus dem Geiste Gottes in dir; gib mir denn auch eine rechte Belehrung in dieser mich auch sehr wichtig dünkenden Richtung!“
GEJ|10|19|1|1|19. — Frage nach dem Zweck des Kampfes in der Natur
GEJ|10|19|1|0|Sagte Raphael: „Du hast mir da wohl eine recht wichtige Frage gegeben, und ich könnte sie dir auch sicher bestens beantworten; aber du bist in die Sphäre des rein Geistigen viel zuwenig tief eingedrungen und würdest in dieser Richtung die volle Wahrheit nicht fassen.
GEJ|10|19|2|0|Ich gebe dir aber die Versicherung, daß erstens auch in dieser Richtung die Jünger des Herrn schon lange völlig aufgeklärt sind, wie nebst ihnen auch viele andere Menschen, als Juden und Heiden, und daß zweitens auch du noch in dieser Richtung zu einer hellen Anschauung geführt werden wirst. Es werden sich aber heute schon noch Gelegenheiten ergeben, bei denen du auch in dieser Richtung die Liebe und Weisheit des Herrn wirst loben und preisen können.
GEJ|10|19|3|0|Glaube es mir, daß der Herr eben darum Sich auf diese kleine Anhöhe begeben hat, auf daß du beim Anblick der die kleinen Fischlein verzehrenden Wasservögel mit deinen alten Bedenken über die Liebe, Güte und Weisheit eines wahren Gottwesens zum Vorschein kommen solltest! Du bist damit zum Vorschein gekommen, wie auch ich das schon lange zum voraus gewußt habe, und es wird dir denn auch schon zur rechten Zeit in dieser Richtung ein rechtes Licht erteilt werden.
GEJ|10|19|4|0|Freund, das Leben ist in sich selbst ein Kampf! Wer kann aber als ein guter und frommer Mensch in das höchste und freieste Geistleben übergehen, so er nicht zuvor um dasselbe mit allem Ernste gekämpft hat? Von wem aber soll der Mensch sonst kämpfen lernen – als von den ihn von allen Seiten umgebenden Gefahren? Und diese sind auf dieser Erde vom Herrn eben darum gestellt und zugelassen, auf daß der Mensch sie erkenne und gegen sie den Kampf führe, und das so lange, bis er sie besiege. Doch nun genug von dem; nach dem Morgenmahle ein Weiteres davon!“
GEJ|10|19|5|0|Als unser Raphael solches ausgeredet hatte, da kam auch schon ein Bote und kündigte uns das bereitete Morgenmahl an, worauf wir unsere kleine Anhöhe verließen und uns ins Haus Ebals begaben und das Morgenmahl einnahmen.
GEJ|10|19|6|0|Nach dem Morgenmahl begaben wir uns gleich wieder ins Freie, doch auf eine andere, größere Anhöhe, von der aus man nicht nur die Bucht von Genezareth, sondern auch einen großen Teil des Galiläischen Meeres übersehen konnte. Auf dieser Anhöhe hatten die Römer eine Art Feste, um von da aus alles übersehen zu können, was sich auf dem Meere und in der nicht unbedeutenden Bucht von Genezareth bewegte und als etwas Fremdes sehen ließ, aus welchem Grunde auf dieser Anhöhe auch immer römische Wachen aufgestellt waren und nicht leichtlich jemanden diesen Punkt besuchen ließen, außer es war der Hauptmann selbst oder ein anderer zu befehlen habender Unterdiener bei der diese Anhöhe besuchen wollenden Gesellschaft als Führer zugegen.
GEJ|10|19|7|0|Da nun der Hauptmann selbst nebst seinen zwei Unterbefehlsdienern bei uns war, so hatten wir denn auch nicht den allergeringsten Anstand, von dieser schönen Anhöhe Gebrauch zu machen.
GEJ|10|19|8|0|Es waren da mehrere offene Zelte, mit Bänken wohlversehen, angebracht, die uns der Hauptmann sogleich zur Benutzung einräumte und auch noch ein paar neue Zelte für unseren Gebrauch herrichten ließ.
GEJ|10|19|9|0|Als wir uns in den Zelten gelagert hatten, da herrschte eine Zeitlang Ruhe, und alle betrachteten die Szenen am Meere und in der Bucht.
GEJ|10|19|10|0|Auf einmal ersah der Hauptmann mehrere große Adler vom höheren Gebirge herab den Niederungen der Ufer des Meeres zufliegen und sagte: „Da kommen von der Höhe herab schon wieder beinahe um dieselbe Zeit, wie sonst immer, etliche ungeladene Gäste, um sich an den Gestaden des Meeres ein ihnen wohlschmeckendes Morgenmahl zu holen!
GEJ|10|19|11|0|Die Wasservögel sind zwar auch Raubtiere, die sich von Fischen und allerlei andern Wassertieren ernähren; aber sie sind dabei für unser Gemüt doch sanfteren Aussehens, und ihr Rauben und Morden der unschuldigen Wassertiere macht auf unser Herz und dessen Gefühl keinen so störenden Eindruck, als wenn ein so mächtiger Adler auf einen der vielen Wasservögel aus der Höhe gleich einem Pfeil niederschießt, ihn mit seinen Krallen faßt und ihn dann in die Höhe auf irgendeinen Felsen trägt, dort zerreißt und sein Fleisch verzehrt!“
GEJ|10|19|12|0|Als der Hauptmann noch also seine humanen Betrachtungen machte, da stürzte schon ein Adler in ein Röhricht am Ufer des Meeres nieder und holte sich eine mit Fischen gesättigte große Kropfgans, die natürlich in der Luft, von den scharfen Krallen des Adlers festgehalten, viel Spektakel machte.
GEJ|10|19|13|0|Und es dauerte gar nicht lange, so folgten auch die andern Adler dem Beispiel des ersten nach, was den Römer so in einen ordentlichen Zorn versetzte, daß er zu Mir hintrat und sagte: „O Herr und Meister, hast Du es nicht gesehen oder nicht verhindern wollen, daß die gefräßigen Raubvögel sich an den viel sanfteren Wasservögeln auf eine alles bessere Menschengefühl empörendste Weise vergriffen? Sollen derlei täglich in der Naturwelt zu öfteren Malen vorkommende grauenerregenden Szenen wohl dazu beitragen, das Menschenherz zu sänften und es zur tätigen Nächstenliebe und Barmherzigkeit anzueifern?
GEJ|10|19|14|0|Nein, da bleibe ich bei meinem alten Grundsatze, wie ich solchen aus dem Munde eines alten griechischen Weisen vor etlichen Jahren in Alexandria vernommen habe: ,Die ganze Erde ist ein Raubnest und ein Jammertal für den edlen Menschen; denn alles, was er ansieht und was ihm immer vorkommen mag, ist mit dem ewigen Fluche der Götter belastet. Nichts als ein fortwährendes Entstehen und In- ein-elendes-flüchtiges-Dasein-Treten; ein grausamer Tod ist die stete Folge des Werdens! Und doch soll der am meisten durch sein Dasein gequälte Mensch ein völlig gutes, edles, humanes Leben führen und die stets fluchenden Götter ehren? Wie kann er aber das, so er um sich nichts als ein grausamstes Wüten der gesamten Natur erschaut?! Darum werde auch der Mensch gleich einem Löwen, einem Tiger, einem Adler und räche sich an seinen Nebengeschöpfen – ob Menschen oder Tiere ist gleich – für den auch über ihn ausgegossenen Fluch der Götter; er suche ein König zu werden und genieße das ohnehin kurze Leben den Göttern zum Trotze!‘
GEJ|10|19|15|0|Herr und Meister, ich sage nun ja nicht, daß der griechische Weise damit einen rechten und wahren Grundsatz zum Wohle der Menschen ausgesprochen hat, indem ich bei Dir einen ganz andern Lebensgrundsatz gefunden habe, demgemäß ich auch fortan leben und handeln werde; aber sage Du nun Selbst, ob der ganz natürliche Mensch von einer selbst besten Gemütsanlage – wie solche oft bei noch unmündigen Kindern leicht zu entdecken ist, besonders in einem Lande, in dem es von allerlei Raubtieren wimmelt-, mit einer gesunden Vernunft begabt, am Ende infolge seiner Beobachtungen und Erfahrungen zu einem andern Grundsatze fürs Menschenleben auf dieser Erde gelangen kann!
GEJ|10|19|16|0|Sehen wir hin in die Länder, in denen es von wilden Raubtieren aller Art und Gattung wimmelt und die Menschen, um von ihnen nicht gefressen zu werden, auf sie in einem fort Jagd machen müssen! Wie sind diese Menschen selbst? Wild wie die sie umgebenden Tiere! Sie rauben und morden, und es ist unter ihnen keine Liebe und noch weniger eine gerechte Barmherzigkeit anzutreffen und keine Lust und Neigung zu einer wohlgeordneten, friedlichen Beschäftigung.
GEJ|10|19|17|0|Sehen wir uns dagegen ein Volk an, wie ich eines in Armenien angetroffen habe! In dieses Volkes Lande hatte ein früherer, recht weiser König mit allem Fleiße alle wilden Tiere soviel als möglich ausrotten lassen durch viele und geschickte Jäger – auch der Adler und Geier ward nicht geschont; nur sanfte und nützliche Haustiere durften gehalten werden, und der Ackerbau machte die Hauptbeschäftigung jenes Volkes aus, – und ich sage Dir, o Herr und Meister, ich habe nicht leichtlich auf einem Festlande ein sanfteres und friedlicheres Völklein jemals angetroffen!
GEJ|10|19|18|0|Bei Tage und in der Nacht kann man in jenem Lande alle Wege und Straßen bereisen ohne Furcht, von einem wilden Tier und noch weniger von einem räuberischen Menschen angefallen zu werden. In welches oft noch so einfache Haus man einkehrt, man wird allerfreundlichst aufgenommen und mit allem, was es zur menschlichen Notdurft besitzt, mit aller Liebe und Freundlichkeit bedient.
GEJ|10|19|19|0|Und wem verdankt dieses erwähnten Landes Volk solch eine ausgezeichnete, gute, liebe und sanfte Gemütsbildung? Jenem weisen Könige, der sein Land von all den wilden Raubtieren zu reinigen verstand.
GEJ|10|19|20|0|Dir, o Herr und Meister, wäre es um so leichter möglich, die ganze Erde von allen den wilden Raubtieren zu reinigen, – und die Menschen, die mit keinen Löwen, mit keinen Panthern, Tigern, Hyänen, Bären, Wölfen, Füchsen und noch andern wilden Bestien mehr zu kämpfen hätten, würden bei einigem guten Unterricht bald den oberwähnten Armeniern gleichen!“
GEJ|10|20|1|1|20. — Die Hauptgründe der Mannigfaltigkeit der Schöpfung auf Erden
GEJ|10|20|1|0|Sagte Ich: „Mein Freund, in der natürlichen Weltansicht hast du freilich wohl ganz recht, und es ließe sich dir da wenig einwenden; aber in der rein seelischen und geistigen Beziehung, die dir bis jetzt noch völlig fremd ist, würdest du von Mir etwas verlangen, was ganz wider alle Ordnung auf dieser Erde ginge.
GEJ|10|20|2|0|Siehe, auf einem Weltkörper, auf dem die Menschen die Bestimmung haben, vollendete Gotteskinder zu werden ihrer Seele und ihrem Geiste nach, muß alles also eingerichtet sein, wie es eben auf dieser Erde eingerichtet ist!
GEJ|10|20|3|0|Dein Auge sieht und dein Verstand erkennt freilich nichts anderes als Gericht, Verfolgung, Raub, Mord, Tod, Verwesung und die Vergänglichkeit; aber dem ist nicht also, sondern ganz anders, als was du dir in dieser Sphäre einbildest.
GEJ|10|20|4|0|Erstens ist die Trägheit als ein unvermeidbares Gerichtsanhängsel der Leibesmaterie für die stets wacher und tätiger werden sollende Seele, wodurch sie allein zur vollen Gleichwerdung des Geistes Gottes in ihr und dadurch zur Gottähnlichkeit gelangen kann, ihr größter Feind, und in je wärmeren Ländern die Menschen ihre Wohnungen aufgerichtet haben, desto mehr sind sie von diesem ersten Seelenfeinde bedroht.
GEJ|10|20|5|0|Wären in solchen Ländern nicht allerlei dem Menschen lästige Tiere, und brauchte er nicht um die Nahrung seines Leibes zu sorgen, so würde er sich auch nicht um die Ausbildung der Seelenkräfte sorgen. Er würde bald einem Meerespolypen oder der Wurzel eines Baumes gleichen, die sonst nichts zu tun haben, als durch ihre organomechanische Einrichtung den ihnen entsprechenden Nährstoff aus dem Wasser, aus dem Erdreich und aus der Luft an sich zu saugen.
GEJ|10|20|6|0|Siehe, das ist der erste Grund, warum dem Menschen auf dieser Welt allerlei Wecker zur verschiedenartigen Tätigkeit, zuerst des Leibes und daraus dann auch der Seele – was die Hauptsache ist – geschaffen worden sind!
GEJ|10|20|7|0|Was aber den zweiten Grund betrifft, so kann diesen ein jeder Denker leicht von selbst finden. Stelle dir die Erde als eine ganz einförmige, große Weltkugel vor! Auf ihrem weitgedehnten Boden kämen nur ganz gleiche Bäche, Seen und Meere vor, keine Berge, außer dem Schafe kein anderes Tier, außer der Henne kein Vogel, und außer nur einer überall ganz gleichen Fischgattung kein anderes Wassertier, imgleichen entwachse dem Boden der Erde nur eine Grasart zur Nahrung des Schafes, ebenso nur eine Fruchtgattung zur Nahrung des Menschen und der Henne, dann auch eine Obstbaumart und eine Baumart zum Bau einer dürftigen Wohnhütte, und also bestehe auch nur eine überall gleiche Steinart, und ebenso auch nur eine Metallart, aus der sich die Menschen ein allernotdürftigstes Werkzeug für ihren Haushalt anfertigen könnten.
GEJ|10|20|8|0|Sage es dir selbst, wieweit es auf solch einer Welt die Menschen mit der Erweiterung ihrer Begriffe, Ideen und Phantasien bringen würden und könnten!
GEJ|10|20|9|0|Wie höchst mager es dabei mit der höheren und reiner werden sollenden Vernunft und dem Verstande aussehen würde, das brauche ich dir nicht näher darzutun. Ich mache dich aber auf den sehr geringen seelisch-geistigen Bildungsstand jener auf dieser Erde lebenden Menschen aufmerksam, die solche Gegenden der Erde bewohnen, wo es weit und breit keine Berge gibt, nur hie und da ein einförmiges Gras aus dem Boden wächst nebst anderen mageren und verkümmerten Gesträuchen an den Ufern einiger unansehnlichen Bäche und pfützenartigen Seen.
GEJ|10|20|10|0|Dir sind derlei Gegenden nicht unbekannt. Wie sieht es aber bei deren Bewohnern mit der Kultur des Geistes aus? Siehe, sie sind zum größten Teile ganz verwildert! Warum denn? Weil sie ob Mangels an der zur höheren Bildung der Seele nötigen, möglichst großen Mannigfaltigkeit der sie umgebenden Nebendinge und Geschöpfe zu keiner Erweiterung ihrer Begriffe, Ideen und für die Bildung der Vernunft und des Verstandes fruchtbaren Phantasie gelangen können.
GEJ|10|20|11|0|Sieh dir aber dagegen Menschen an, deren Wohnland mit aller denkbaren Mannigfaltigkeit überreich ausgestattet ist, und du wirst sie auch gebildet finden, wennschon nicht in der Sphäre des innersten Seelen- und Geistlebens, so doch in der Sphäre des äußeren Verstandes, der Vernunft und der Phantasie, was bei einem Menschen doch da sein muß, so er zur höheren Bildung des inneren Seelen- und Geistlebens übergehen will! Denn willst du der herrlichen Aussicht wegen einen Berg besteigen, so muß fürs erste einmal ein Berg da sein, und ist er da, so mußt du beim Ersteigen des Berges dich nicht mit der halben Höhe begnügen – obschon sie dir auch schon eine sehr ausgedehnte Aussicht bietet –, sondern dir darüber hinaus die Mühe nehmen, auch die höchste Spitze zu ersteigen, um von ihr aus auch die vollste Aussicht zu genießen.
GEJ|10|20|12|0|So sollen auch die Menschen, deren Vernunft, Verstand und Phantasie einmal eine reichliche Bildung innehaben, sich nicht mit dieser halben Lebenshöhe begnügen, sondern derselben volle Höhe zu erreichen sich bemühen.
GEJ|10|20|13|0|Was Ich dir damit sagen will, wirst du wohl verstehen. Und da hast du den zweiten Grund, aus dem Gott diese Erde mit einer derartig großen Mannigfaltigkeit an Dingen, Geschöpfen und Erscheinungen ausgestattet hat, von der du bei aller deiner alexandrinischen Bildung bis jetzt kaum die erste Linie des kleinen Alpha kennst.
GEJ|10|21|1|1|21. — Die Seelensubstanz und deren stufenweise Befreiung aus der Materie
GEJ|10|21|1|0|(Der Herr:) „Was aber noch einen dritten Grund, den alle Meine Jünger wohl auch schon kennen, anbelangt, so wirst du ihn in der Folge auch noch genauer kennenlernen, als man ihn dir jetzt für deinen inneren Verstand begreiflich darstellen könnte. Nur so viel kann Ich dir jetzt sagen und andeuten, daß da alles und noch mehr, was diese Erde enthält von ihrem Mittelpunkte an bis weit über ihre höchste Luftregion hinaus, Seelensubstanz ist, doch bis zu einer gewissen Lösezeit in einem mannigfach härter oder milder gerichteten Zustande, darum sie dem fleischlichen Auge des Menschen auf dieser Welt, wie auch seinem Gefühle entweder als ganz tote, härtere oder weichere Materie ersichtlich und fühlbar wird. Dahin gehören einmal alle Steinarten, Mineralien, Erdarten, Wasser, Luft und alle noch ungebundenen Stoffe in ihr.
GEJ|10|21|2|0|Dann kommt alles Pflanzenreich im Wasser und auf der Erde samt seinem Übergang ins Tierreich. In diesem Reich erscheint das Gericht schon milder, und die Seelensubstanz befindet sich schon in der Periode der vollkommeneren Löse, als sie es im früheren harten Gerichtszustande war, und die Sonderung und Einzelbildung in Hinsicht der Intelligenzwerdung eben der früher wie chaotisch gemengten Seelensubstanz in diesem zweiten Reiche ist denn darum auch in einer großen Mannigfaltigkeit sich befindend.
GEJ|10|21|3|0|Aber die Seelensubstanz, so sie wegen der besonderen Intelligenzbildung im zweiten Reich einer großen Sonderung unterworfen sein mußte, muß im dritten Reich der Tiere, das noch um sehr vieles mannigfaltiger ist, wegen der noch vollendeteren Gewinnung der helleren und freieren Einzelintelligenzen zu einer stets größeren Einigung gebracht werden. Und darum vereinen sich da denn auch zahllose Kleintierseelensubstanzteile von verschiedener Art und Gattung in eine größere Tierseele, wie zum Beispiel in die eines größeren Wurmes oder eines Insektes.
GEJ|10|21|4|0|Zahllos viele solche Insektenseelen von eben wieder verschiedener Art und Gattung, so sie ihrer sie bindenden materiellen Hüllen ledig geworden sind, vereinen sich dann wieder in eine Tierseele größerer und vollkommenerer Art, und das also fort bis zu den großen und vollkommenen Tieren teils noch wilder und teils dann sanfter Art; und aus der letzten Einung dieser Tierseelen gehen dann erst die mit allen möglichen Intelligenzbefähigungen wohlversehenen Menschenseelen hervor.
GEJ|10|21|5|0|So ein Mensch in diese Welt geboren wird und wegen seiner vollen Freiwerdung noch einen Leib zu tragen bekommt, so ist das höchst weise von Gott schon also eingerichtet, daß er als eine vollständige Seele sich aller der notwendigen Vorzustände in ihren übergänglichen, aber noch immer gesonderten Beständen ebensowenig erinnern kann und mag, wie dein Auge die kleinen Einzeltropfen des Meeres, aus denen es besteht, sehen und unterscheiden kann. Denn wäre einer Menschenseele das gegeben, so würde sie diese Einung aus so endlos verschiedenen Seelensubstanz- und Intelligenzteilen nicht ertragen, sondern sich selbst allerhastigst aufzulösen trachten, gleichwie sich da auflöst ein Wassertropfen auf glühendem Eisen.
GEJ|10|21|6|0|Um die Seele des Menschen zu erhalten, muß ihr eben durch die Einrichtung ihres sie einschließenden Leibes jede Rückerinnerung völlig benommen werden bis zur Zeit ihrer vollen inneren Einigung mit ihrem Geiste der Liebe aus Gott; denn dieser Geist ist gleichsam der Kitt, durch den alle die endlos verschiedenen Seelenintelligenzteile zu einem ewig unzerstörbaren Ganzwesen gefestet werden, sich in aller Klarheit durchleuchten, erkennen, begreifen und als ein vollendetes, gottähnliches Wesen Gottes Liebe, Weisheit und Macht loben und preisen.“
GEJ|10|22|1|1|22. — Die Zusammensetzung der Menschenseele
GEJ|10|22|1|0|(Der Herr:) „Daß aber eine Menschenseele und entsprechend sogar ihr anfangs höchst unbehilflicher Leib also zusammengefügt sind, kann der tiefer denkende und fühlende Mensch aus gar manchen Erscheinungen an sich wenigstens nicht in zu unklaren Linien zu ahnen imstande sein.
GEJ|10|22|2|0|Nimm die Unzahl der verschiedenartigsten Begriffe und Ideen, die eine Seele von nur einiger Bildung aus sich entwickeln und von denen allen sie sich auch eine Vorstellung – ob mehr oder weniger richtig, ist vorderhand gleich – machen kann, was ihr, wenn sie nicht aus einer Allumfassenheit gewisserart zusammengesetzt wäre, ebensowenig möglich wäre wie einem Ochsen oder Esel, den Plan zum Bau einer königlichen Burg zu zeichnen und sie nach demselben zu erbauen.
GEJ|10|22|3|0|So du aber alle die verschiedenen Tiere sowohl in der Luft – wie allerlei Insekten und Vögel –, also auch die Tiere auf dem festen Erdboden und jene im Wasser betrachtest, so wirst du bei den meisten eine Baufähigkeit entdecken. Siehe an die Bienen und andere diesem Insekt mehr oder weniger ähnliche Lufttierchen; siehe und betrachte die höchst verschieden erbauten Nester der Vögel; siehe an die Ameisen und noch andere Erdinsekten, die Spinne und die Raupen, weiter die Mäuse aller Art und Gattung, den Biber, der sich eine förmliche Hütte erbaut, die Füchse, Wölfe, Bären und noch eine Menge anderer Tiere, wie sie sich ihre Wohnungen für ihre Natur ganz zweckmäßig herstellen und einrichten; weiter betrachte die verschiedenen Tiere im Meere, namentlich die Schaltiere, – und du wirst bei ihnen eine oft selbst den besten Baumeister in großes Erstaunen setzende Baufähigkeit antreffen!
GEJ|10|22|4|0|Nun, ein jedes Tier, vom kleinsten bis zum größten, hat freilich nur eine seiner einfachen Tierseelenintelligenz eigentümliche Baufähigkeit, kennt dazu das Baumaterial und benutzt es in seiner stets gleichförmigen Art und Weise; aber in der Menschenseele sind alle die tierischen Bauintelligenzfähigkeiten in einer Unzahl vorhanden, aus denen sie, wie durch ein stummes Bewußtwerden, auch eine Unzahl Begriffe und Ideen zusammenstellen und so ganz neue und große Formen schaffen kann.
GEJ|10|22|5|0|Und so kann daher der Mensch bei nur einiger Bildung denn auch allerlei Wohnhäuser von höchster Verschiedenheit und zahllos viele andere Dinge aus sich erfinden und sie mit seinem Willen, Verstande und Fleiß auch ins Werk setzen. Könnte er das, so in seiner Seele nicht alle die verschiedenartigsten Fähigkeiten auf dem gezeigten Wege vorhanden wären? Sicher nicht; denn selbst das nach dem Menschen intelligenteste Tier hat keine Phantasie und somit auch keine allumfassende Kompositionsgabe (Gestaltungsgabe).
GEJ|10|22|6|0|Du sagst bei dir nun freilich: ,Ja, warum mußte denn eine Menschenseele auf solch einem langen und langwierigen Wege zu solchen Fähigkeiten gelangen?‘
GEJ|10|22|7|0|Und Ich sage es dir: Der ewig beste und weiseste Baumeister aller Dinge und Wesen weiß es am allerbesten, warum Er auf dieser Erde eben diesen Weg zur Bildung einer vollkommenen Menschenseele eingerichtet hat, und damit kannst du nach Meinem Worte zufrieden sein. Wenn du selbst in dir vollendeter werden wirst, dann wirst du auch den Grund deines langen und langwierigen Weges einsehen.
GEJ|10|22|8|0|Ihr Römer, die Griechen und die Phönizier, wie auch die Ägypter, glaubten an eine Seelenwanderung und glauben an sie noch heutzutage so wie die Perser, Indier, die Sihiniten jenseits der Hochberge im weiten, großen und fernen Osten und noch ein im noch ferneren Osten auf großen Inseln, die vom größten Meere dieser Erde umflossen sind, wohnendes großes Volk, und so noch viele andere Völkerschaften auf der weiten Erde; aber allenthalben ist die den Urvätern der Erde wohlbekannte Wahrheit durch ihre mit der Zeit aufgestandenen habsüchtigen, anfänglichen Volkslehrer und späteren Priester voll Ehrgeiz und voll Herrschgier ganz verunstaltet und völlig verkehrt worden, – denn die wahre Art der Seelenwanderung hätte ihnen keine Opfer und Zinsen getragen, und so ließen sie die Menschenseelen in die Tiere zurückwandern und in den Tieren leiden, von welchen Leiden sie nur Priester um große Opfer befreien konnten.
GEJ|10|23|1|1|23. — Vom Verfall der reinen Lehre
GEJ|10|23|1|0|(Der Herr:) „,Aber‘, sagst du nun in dir, ,wie konnte das schon einmal in der Wahrheit stehende Volk sich so unsinnig von den schlechten und lügenvollsten Priestern verdummen und verblenden lassen?‘
GEJ|10|23|2|0|Ich sage es dir: Nichts leichter als das! Die alten wahren Weisen sind mit der Zeit von dieser Erde abgegangen, und schon bei ihren noch diesirdischen Lebzeiten haben sich gewisse Zauberer und Weissager aufgeworfen, die das, was sie lehrten, mit allerlei durch einen bösen Geist ihnen gezeigten Wundertaten, welche die blinden und in derlei Betrügereien völlig unkundigen Menschen als göttliche Beweise ansahen, bekräftigten; und es war also auf diese Art ein leichtes bei den Menschen, die allenthalben wundersüchtig sind, sie von der alten Wahrheit völlig abwendig zu machen und dahin zu bringen, daß sie alles kernfest glaubten, was die falschen Weisen sie nur immer zu ihrem eigenen Vorteile lehren wollten.
GEJ|10|23|3|0|Viele solcher Magier, aus denen nur zu bald Priester und falsche Propheten hervorgingen, verstanden – und verstehen das noch – zum Beispiel ihrer Worte Stimme so zu stellen, daß sie wie von einer Ferne oder aus einem Baume oder aus einem Tiere kommend von den anwesenden Menschen vernommen ward.
GEJ|10|23|4|0|Sie ahmten von ihnen bekannten, aber schon verstorbenen Menschen den Ton derer Stimme, wie auch den Sprachdialekt, wie aus einem Baume, Steine, Brunnen und so auch aus einem beliebigen Tiere kommend, so täuschend nach, daß jeder Anwesende sagen mußte: ,Ja, das ist die Seele des uns wohlbekannten Verstorbenen, der sonst ein alter, guter, wahrheitsvoller Mensch war! Was muß denn der gegen Gott verbrochen haben, daß seine Seele nun in einem Kamele schmachten und sicher viel leiden muß?‘
GEJ|10|23|5|0|Wer war bei solch einer Frage geschwinder fertig als solch ein seine Stimme verdrehen könnender Magierpriester! Bald vernahmen die geängstigten Zuhörer aus dem Kamele einen Satz, der also lautete: ,Ich wollte starr bei der Lehre der Altväter mit meinem ganzen Hause verharren – und mißachtete darum die neuen von Gott erweckten Weisen und Propheten! Ich habe dadurch gesündigt und bin auf zehn Jahre lang zum unausstehlichen Leiden in dieses Kamel verbannt worden. Glaubet an die neuen Propheten Gottes, und gebet ihnen zur Sühne meiner Sünde aus meinen hinterlassenen Schätzen ein von ihnen verlangtes Opfer; sie werden dann bei Gott für mich Gnade erbitten, und ich werde von meiner großen Qual erlöst und ihr nach eurem Leibestode von ihr befreit sein!‘
GEJ|10|23|6|0|Auf solch eine Antwort des Kamels wird etwa wohl begreiflich sein, wie die blinden Menschen nur zu bald die alte Wahrheit verließen und an die Lehren der falschen Propheten fest zu glauben anfingen.
GEJ|10|23|7|0|Und wie es war, so wird es nach Mir wieder werden, so bei der Ausbreitung Meiner allein vollkommen wahren Lehre nicht alle Vorsicht angewandt wird.
GEJ|10|23|8|0|Und sieh, auf diese Art ist die Vielgötterei und alles Heidentum und der ganz verkehrte Glaube an eure Seelenwanderung und an viele tausend andere gräßliche Dummheiten entstanden!
GEJ|10|23|9|0|Sind von Gott aus auch stets wahre Lehrer unter das einmal geblendete Volk gesandt worden, so haben sie wenig ausgerichtet, – denn der freie Wille muß der Menschenseele dieser Erde unangetastet belassen werden, ohne den ein Mensch zu einem Tiere würde; und so heißt es mit der Menschheit Geduld haben und von ihr wohl den größten Teil in einer andern Welt zu einem besseren Lichte gelangen lassen.
GEJ|10|23|10|0|Doch wehe dereinst allen falschen Lehrern, Priestern und Propheten, welche die alte und reine Wahrheit wohl für sich noch recht gut kennen, sie aber dem Volke ihrer Hab- und Herrschgier wegen hartnäckig stets vorenthalten; sie werden dereinst Meinem Zorngerichte nicht entgehen!
GEJ|10|23|11|0|Auf dieser Erde haben auch sie den freien Willen und können bis zu einer gewissen Zeit auch tun, was sie wollen; aber wenn sie es einmal auch schon auf dieser Erde zu bunt zu treiben anfangen werden, dann werde Ich Selbst wie ein hellster Blitz über die Menschen der Erde Mein ewiges Wahrheitslicht ausgießen in allen Dingen, wie Ich es euch nun Selbst gezeigt und gelehrt habe. Dann werden alle falschen Lehrer, Priester und Propheten zu heulen anfangen und werden suchen, wo sie sich vor Meinen erleuchteten Menschen und vor der Macht Meines Lichtes verbergen könnten. Aber es wird solch ihre Mühe und große Anstrengung eine ganz vergebliche sein; denn sie werden von einem Ende der Erde zum andern von den erleuchteten Völkern gleich wilden und reißenden Tieren mit feurigen Geißeln gehetzt werden und nirgends mehr eine sichere Herberge zu ihrer Aufnahme finden, und ihr Reich und ihre finstere Herrschaft wird für immerdar ein volles Ende finden.
GEJ|10|23|12|0|Da, Freund, hast du nun nebst dem dritten dir gezeigten und für deinen Verstand möglichst klar erklärten Grunde noch manches andere, das nicht nur du, sondern auch alle andern wohl zu beherzigen haben!“
GEJ|10|24|1|1|24. — Des Hauptmanns Vorschlag zur Entlarvung der falschen Propheten
GEJ|10|24|1|0|Hierauf dankte Mir über alle Maßen der Hauptmann für solche Meine Geduld und Mühe und sagte: „O Herr und Meister, wenn mir von all dem, was Du mir nun erklärt hast, auch noch nicht alles, wie etwa einem Deiner Jünger, klar ist, – in den Geist der Wahrheit aber bin ich doch also eingedrungen, daß ich nun diese Erde mit ganz andern Augen ansehe denn jemals zuvor in meinem ganzen Leben!
GEJ|10|24|2|0|Nur das einzige ist mir bei Deiner Erklärung über den Ursprung dessen, wie die neuen Falschlehrer, Priester und Propheten durch allerlei Trugmittel, von deren wahrer Beschaffenheit die laie (unwissende) Menschheit natürlich keine Ahnung haben kann, eben solch ein Volk von der alten und reinen Wahrheit der irdischen Vorteile wegen leicht und bald abwendig machen, beigefallen und in den Sinn gekommen: Wenn solche lumpigen Menschen aus purstem Eigennutze das Volk also zu bearbeiten anfangen, so wäre ein außerordentliches Gegenzeichen aus den Himmeln ja doch ein sicher wirksamstes Mittel, um den Falschlehrern für immer den Mund zu stopfen, – zum Beispiel: So bei dem Falsches redenden Kamele der jenseits fortlebende Geistmensch mit der ernstesten Miene allen wohlerkennbar erschiene und gegen die Falschlehrer für jedermann wohlbegreiflich zeugte, da sollte es denn doch mit allen Furien hergehen, wenn die falschen Propheten noch fürder etwas zu wirken vermöchten bei einem von neuem aus dem Jenseits aufgehellten Volke! – Was sagst Du dazu?“
GEJ|10|24|3|0|Sagte Ich: „Dazu läßt sich einesteils wohl so manches sagen, aber andernteils nur sehr weniges von einer besonderen Bedeutung! Denn siehe, erstens ist auch dein nun Mir vorgeschlagenes Mittel zu allen Zeiten und bei allen Völkern in die mehr oder minder günstige Wirkung gesetzt worden!
GEJ|10|24|4|0|Solange sich ein Volk noch zum größten Teil treu in der alten Wahrheit befand, aber hie und da ein Teil des Volkes von den aufgefundenen Schätzen dieser Erde sehr weltlich zu werden anfing und sich selbst von der Wahrheit mehr und mehr zu entfernen begann, da wirkten Deine Mittel oft recht gut auf zwei, oft auch auf drei Generationen hin; bei der vierten Generation aber, die sich mit dem Haschen nach den Weltschätzen noch mehr zu beschäftigen anfing und eigenwillig in die Weltliebe überging, wurden derlei einmal angewandte Mittel zur Fabel, und nur wenige glaubten noch so halbwegs daran.
GEJ|10|24|5|0|Wurden nun wieder solche Mittel angewandt, so machten sie fürs allgemeine schon wenig Wirkung mehr und wurden von den Vornehmen nur belächelt und verhöhnt, und die Falschwundertäter, die auch für die Säckel der trägen Großen und Vornehmen zu wirken verstanden, hatten schon den Vorteil und Vorzug für sich. Und so ging es durch viele Jahrhunderte durch eigenes Verschulden bei den verschiedenen Völkern stets mehr und mehr abwärts.
GEJ|10|24|6|0|Siehe, nun ist das allerhöchste, von dir Mir vorgeschlagene Mittel zur Vertilgung alles Falschen unter den Menschen in Mir Selbst aus den allerhöchsten Himmeln schon lange wirkend vor den in der alten Wahrheit noch am meisten und reinst bewanderten Juden gegenwärtig und hat mehrere Male zu Jerusalem und in vielen andern Städten und Orten Zeichen gewirkt, die nur Gott allein möglich sind, und gelehrt die allerlichteste Wahrheit aus den Himmeln! Gehe hin und forsche nach, wie viele Menschen sich durch dieses allerhöchste Mittel noch wahrhaft von ihren alten Irrtümern und Sünden bekehrt haben!
GEJ|10|24|7|0|So aber das allerhöchste Mittel bei der notwendigen Belassung des freien Willens der Menschen eine so geringe Wirkung zustande bringt, wie vereinzelt und gering wäre dann erst die Wirkung eines andern Geistes aus dem großen Jenseits!
GEJ|10|24|8|0|Zudem ist das für einen jeden im großen Jenseits schon überseligen Geist eine harte Aufgabe, wieder auf dieser Welt sichtbar erscheinen zu sollen. Will er das frei, so wird es ihm von Mir auch zugelassen; aber bemüßigt wird dazu kein Geist.
GEJ|10|24|9|0|Es ist besonders für einen minder vollendeten Geist nicht minder schwer, aus dem Jenseits in diese Welt – besonders in die Mitte purer Weltmenschen – zurückzukehren, als so du in den Leib deiner Mutter zurückkehren möchtest, der eines jeden Menschen erste und engste Welt war, und wolltest darin etwas ordnen und zurechtbringen. Daraus kannst du so ungefähr das Lebensverhältnis der Geister im großen Jenseits und das der auf dieser engen Erde lebenden Pilgermenschen in einen Vergleich bringen.
GEJ|10|24|10|0|Ein kleiner Kreis hat im großen leicht Raum; aber umgekehrt geht es schwer. Das verstehe auch wohl!“
GEJ|10|24|11|0|Über das dachten alle lange nach, und Ich ruhte.
GEJ|10|24|12|0|Wir blieben auf der gewissen Anhöhe wohl bei zwei Stunden lang über den Mittag. Es ward daselbst noch über gar manches geredet und durch Raphael den Römern auch tatsächlich gezeigt, was nachträglich von dem Hauptmanne und auch von seinen Unterdienern aufgezeichnet worden ist. Wir begaben uns dann wieder ins Haus und nahmen ein Mahl zu uns.
GEJ|10|24|13|0|Den Nachmittag brachte Ich in der Ruhe zu; die Jünger aber hatten von dem Hauptmanne noch allerlei Fragen zur Beantwortung bekommen. Johannes und Matthäus aber haben sich an ihr Schreibgeschäft gemacht und haben von dem bisher Gesehenen und Vernommenen kurze Aufzeichnungen gemacht; auch Mein Jakobus der Ältere hat für sich Notizen gemacht, die er aber erst nach einem Verlaufe von etlichen Jahren in eine Ordnung brachte. Der Hauptmann benutzte auch diese Gelegenheit und machte für sich in griechischer Zunge Aufzeichnungen, die er auch erst späterhin in eine größere Ordnung brachte.
GEJ|10|24|14|0|Ich blieb mit den Jüngern noch bei acht volle Tage in Genezareth, und es sind da noch viele Fremde aus der Gegend von Damaskus und auch andern Städten hingekommen, haben Mich kennengelernt und den Glauben an Mich angenommen.
GEJ|10|24|15|0|Es braucht nicht mehr alles von Wort zu Wort angeführt zu werden, was da sonst noch gelehrt und gewirkt wurde, indem bis nun schon alles erschöpfend gezeigt worden ist, in was und wie die Menschen von Mir und von Raphael, der auch mit Mir die angegebene Zeit lang in Genezareth sichtbar und wirkend verweilte, unterwiesen worden sind. Denn nicht allein in den Dingen des Reiches Gottes auf Erden, sondern auch in allen natürlichen Dingen und ihren Erscheinungen wurden sie ganz hell und der vollen Wahrheit gemäß unterwiesen und ließen dadurch ihren alten Aberglauben fahren, da sie ihre alten Irrtümer wohl einsahen und begriffen.
GEJ|10|24|16|0|Auf diese Weise hatte sich denn auch bald eine ganz bedeutende Gemeinde zu Damaskus in Meinem Namen gebildet, wie auch in andern Orten, und Mein Name ward weithin gepriesen.
GEJ|10|25|1|1|Ein Notabene, gegeben am 11. August 1862
GEJ|10|25|1|1|25. — Über die geistigen Verhältnisse in den nachchristlichen Jahrhunderten bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die geistige Wende durch das einstrahlende Gotteslicht
GEJ|10|25|1|0|Und – nota bene – nun für diese Zeit etwas Aufklärendes!
GEJ|10|25|2|0|Im Verlaufe der Mitteilungen alles dessen, was Ich bei Meinen Leibeszeiten auf dieser Erde im ganzen Reiche der Juden gewirkt und gelehrt habe, ist bis schon nach fünfhundert Jahren Meines Erdenseins – besonders was die Erklärungen der Dinge und Erscheinungen der Naturwelt anbelangt – das meiste teils in Vergessenheit geraten, größtenteils aber mit dem alten Unsinne wieder so vermengt worden, daß da niemand mehr die reine Wahrheit hat herausfinden können.
GEJ|10|25|3|0|Es sind wohl viele ziemlich gleichlautende Aufzeichnungen, die zumeist von den Griechen und Römern bewerkstelligt worden sind, teils in den zehn Städten im langen und weiten Jordantale (darunter aber wohl gut bei sechzig Städte, die alle zu Meiner Zeit und auch vor Mir schon und nach Mir noch bis über die Zeit der Zerstörung Jerusalems und seiner Umgebungen größtenteils von Griechen und Römern bewohnt wurden, zu verstehen sind), teils in Essäa (von dem aber schon vor zwölfhundert Jahren keine Spur mehr anzutreffen war, da dieser Orden von den heidnischen Römerchristen zu sehr verfolgt wurde) und zum großen Teil aber in der großen Bibliothek zu Alexandria aufbewahrt worden.
GEJ|10|25|4|0|Aber betrachte alle die verheerendsten Kriege und die großen Völkerwanderungen, von denen mehr denn halb Asien, der Norden Afrikas und beinahe ganz Europa heimgesucht worden sind, und zwar aus dem Grunde, weil nur zu bald nach Mir – wie solches schon der Prophet Daniel und bald nach Mir Mein Jünger Johannes auf der Insel Patmos in der von Mir ihm gegebenen Offenbarung gezeigt hat – die Menschen, und besonders die Gemeindevorsteher, Meine Lehre, da sie ihnen als die reinste Wahrheit aus den Himmeln zu kleine Zinsen trug, zu verdrehen und mit dem alten Unsinne zu vermengen anfingen.
GEJ|10|25|5|0|Und es hieß da von Mir aus: Gut denn, weil euch der alte, finstere Weltunflat lieber ist als Mein reinstes Gold aus den Himmeln und ihr stets mehr und mehr den Hunden darin gleicht, daß sie zu dem zurückkehren, was sie gespien haben, und auch den Schweinen, die auch wieder mit aller Hast zu der Pfütze zurückrennen, in der sie sich schon oft über alle Maßen beschmutzt haben, so soll euch für lange hin das Gold der Himmel genommen werden, und ihr sollet Mir schmachten in aller Trübsal, Finsternis und Not, und der Tod soll euch wieder ein größter Schreck auf Erden werden!
GEJ|10|25|6|0|Und also ward es denn auch bis zu dieser Zeit. Beinahe alle die Städte und Orte, in denen sich Aufzeichnungen von Meinem vielen Wirken und Lehren häufig vorfanden, sind zerstört und verwüstet worden; nur die Kleinevangelien des Johannes und Matthäus sind noch, der Sittenlehre für die Menschen eines guten Willens wegen, mehr oder weniger sprachrichtig bis jetzt als echte Dokumente über Mein Wirken und Lehren erhalten worden, so auch die Schriften des Lukas und des Markus, insoweit er das von Paulus Vernommene in aller Kürze für sich aufgezeichnet hatte, und imgleichen auch mehrere Briefe der Apostel, von denen aber auch viele verlorengegangen sind, und die Offenbarung Johannis, aber freilich auch mit einigen Sprachunrichtigkeiten, was der Hauptsache für den, der von Mir geführt wird, keinen Eintrag macht.
GEJ|10|25|7|0|Von den andern Lehren, was die Dinge und Erscheinungen und ihre Beschaffenheit betrifft, ist bis auf diese Zeit hie und da ganz im Verborgenen nur weniges verblieben; und wo noch aus der Zeit der Römer und Griechen etwas vorgefunden ward, wurde es von den Klöstern aufgefangen, aber der im Finstern schmachtenden Menschheit auch nie ein Häkchen groß davon verkündet.
GEJ|10|25|8|0|Sonnen- und Mondfinsternisse, Kometen und noch andere ganz natürliche Erscheinungen haben bei ihrer Wahrheitsdarstellung den Priestern nichts eingetragen; man hat sie nur zu bald wieder zu Vorboten und Verkündern der von Mir über die Menschen verhängten Strafen gemacht, damit die dadurch geängstigten Menschen dann zu den Tempeln, die bald wie die Pilze aus der Erde emporgewachsen sind, in großen Scharen wallfahrteten und daselbst reiche und viele Opfer zu den Füßen der Priester niederlegten.
GEJ|10|25|9|0|In den Katakomben Roms und in den Pfaffenburgen Spaniens und Italiens und hie und da auch des deutschen Reiches finden sich noch gar manche sehr gewichtigen Aufzeichnungen aus Meiner Zeit vor; aber die noch jetzt bellendste Hab-, Glanz- und Herrschsucht der Hure Babels läßt davon ja nichts unter die Menschen kommen, und das aus der Furcht und großen Sorge, nun sich gewaltig zu verraten und dann von aller Welt dahin zur strengsten Rechenschaft gezogen zu werden, aus welchem Grunde sie den Menschen so viele Jahrhunderte die Wahrheit vorenthalten habe. Da der schnöde Grund wohl jedem Denker von selbst einleuchtend ist, so ist es hier denn auch wahrlich nicht nötig, ihn noch näher zu beleuchten.
GEJ|10|25|10|0|Wie lange ist es denn seit der Zeit, als man dem Volke die vier Evangelien und die Apostelgeschichte des Lukas, die Briefe der Apostel und die Offenbarung Johannis auf das strengste vorenthalten hat und in mehreren Ländern ihm das noch immer vorenthält?
GEJ|10|25|11|0|Wie sträubte man sich gegen das Licht Meines hellen Wissenschaftsblitzes, der vom Aufgange bis zum Niedergange alles, was auf Erden ist, von neuem hell zu erleuchten anfing, und das schon vor dreihundert Jahren, und dessen Licht nun stets heller und heller leuchtet, und das also, daß in dieser Zeit sogar die geheimsten und verborgensten Gemächer der einst so großen und mächtigen Hure Babels wie am hellsten Tage offen liegen!
GEJ|10|25|12|0|Man fragt mit Recht und sagt: Ja, wie lange wird diese Hure Babels ihr Wesen noch treiben?
GEJ|10|25|13|0|Und Ich sage: Welch eine kleinliche Frage! Siehe an das in aller Welt von Tag zu Tag stets heller und mächtiger werdende Licht Meines Blitzes! Wie kann sich neben den tausend, jetzt nur zu mathematisch erwiesenen und zum Gebrauch für alle Menschen frei und offen stehenden Wahrheiten aus allen Fächern der Wissenschaften und Künste der alte, babylonisch-heidnische, finstere Wunderquark, dessen Betrug bis in die kleinsten Fugen und Falten erleuchtet ist, noch halten?
GEJ|10|25|14|0|Solange noch einige alte und aus der früheren Zeit irgend noch sehr verdummte, abergläubische Weiber und einige gleisnerische, sogenannte Betbrüder noch leben und sich von den Pfaffen einen blauen Dunst vormachen lassen, und solange jene Herrscher noch irgend einige Mittel besitzen, den Thron der Hure Babels zu schirmen, – was aber nur eine ganz kurze Zeit noch andauern kann und wird, da schon dafür gesorgt wird, daß derlei Herrschern die Mittel benommen werden, wie sie schon vielen benommen worden sind, und die nun ohne Land und Volk zusehen müssen, wie ihre alten Arbeiten, Mühen und finsteren Werke in Rauch und Dampf aufgehen!
GEJ|10|25|15|0|Sage: Kann irgend die Nacht auf der Erde ihre Herrschaft ausüben, wo die Sonne bereits schon hoch über dem Horizonte steht? Also ist es auch nun schon auf der Erde! Das Licht ist zu mächtig geworden, und die ehedem aller Finsternis – ihrer Throne und ihres unbeschreibbaren Wohllebens wegen – so sehr huldigenden Machthaber fangen an, in der unbesiegbaren Macht dieses Lichtes ihre große Ohnmacht einzusehen, und müssen nun, so sie bestehen wollen, dem ihnen ehemals so verhaßten Lichte ein freundliches Gesicht zu machen beginnen; und wollen sie wieder so ganz unvermerkt in die alte Finsternis einlenken, so erkennt es das Volk und versagt ihnen den Gehorsam und treibt sie bald in große Verlegenheiten und – wie nun schon viele Beispiele zeigen – auch von ihren Herrscherthronen.
GEJ|10|25|16|0|Meinem Willen läßt sich kein Trotz bieten! Ich lasse zwar den Menschen gleichfort ihren ganz freien Willen im Besonderen; aber im Allgemeinen bin Ich der Herr und nehme keine Rücksicht vor den Mächtigen dieser Erde! Die Zeit des Lichtes ist einmal da und kann durch keine irdische Menschenmacht mehr aufgehalten werden.
GEJ|10|26|1|1|26. — Vom verworfenen Eckstein — seine Zeit ist gekommen — und vom Ende des falschen Prophetentums
GEJ|10|26|1|0|Es ist nun auch die Zeit des gewissen Ecksteines gekommen, den die Bauleute, die von Babel hauptsächlich, verworfen haben. Wer nun an diesen Baustein stoßen wird, der wird sich zerschellen, und über den der Baustein herfallen wird, der wird zermalmt werden, wie es nun bald und sehr bald allen geschehen wird, die den Eckstein hintansetzen und der Hure Babels huldigen wollen. Oh, wie sehr werden die in Kürze heulen und wehklagen; aber der verworfene Eckstein wird ihnen keine Hilfe bringen!
GEJ|10|26|2|0|Ich habe lange mit der größten Geduld dem Spiel der Schweine zugesehen, wie zu Meiner Erdenzeit die Schweinehirten zu Gadara ihren Schweinen; da aber waren zwei Ärgstbesessene in den alten Basaltgräbern, – denn Gadara war eine alte Gräberstadt.
GEJ|10|26|3|0|Wem glichen die zwei mit Ketten und Stricken in den großen, alten Gräbern festgehaltenen Besessenen, die bei Meiner Ankunft die Ketten und Stricke zerrissen, zu Mir liefen und zu Mir sagten: „Was haben wir mit Dir vor der Zeit zu tun?“ Siehe, diese zwei glichen dem gemeinen, alten Welt-Gewinngeiste, in dem eine Legion anderer arger Geister stecken!
GEJ|10|26|4|0|Da aber diese Geister Meinen ernstesten Willen wohl erkannten, so baten sie Mich, ihnen zu gestatten, in die Säue zu fahren, und die zwei wurden frei und lobten Mich, obschon Mich die Gadarener nachher baten, sie zu verlassen, weil sie vor Mir eine große Furcht hatten. Und so werden in der Folge auch der rechte Weltgeist und sein Gewerbefleiß Mich loben, da er durch die Macht Meines Lichtes von der Legion seiner argen Selbstsuchtsgeister befreit worden ist, die wohl in ihre Schweine fuhren, aber mit denselben im Meere auch ihren Untergang fanden.
GEJ|10|26|5|0|Unter die Zahl der Schweine aber gehören alle die ultramontanen Diener der Hure Babels durch ihre schmutzigsten und habsüchtigsten und herrschgierigsten Bestrebungen, die sie durch ihre Konkordate [Vereinbarungen zwischen Staat und Kirche] und Missionen, Brevenv [Päpstliche Schreiben] und Bannflüche nur zu offen und laut kundgaben. Und das war eben schon seit den Zeiten der Herrschaft der Hure Babels über die Völker und ihre Könige der Zustand des Hineinfahrens der Legionen arger Geister in diese obbezeichneten Schweine, die sich darauf in das Meer zu stürzen anfingen, und in eben dieser Zeit am meisten, daher ihr voller Untergang auch ein sicherer ist.
GEJ|10|26|6|0|Das Meer aber ist ihr Starrsinn, in der alten Finsternis zu verharren und das Licht, das Ich in allen Zweigen des Wissens und der Künste nun allen Menschen aus den Himmeln zufließen lasse, nach allen Seiten hin zu verfolgen und zu verfluchen.
GEJ|10|26|7|0|Siehe, das ist das Meer, in das die Schweine von den schon lange in sie gefahrenen argen Geistern getrieben werden, und in dem sie ihren sicheren Untergang finden!
GEJ|10|26|8|0|Sie haben Meinem Urlichte aus den Himmeln eine Grube gegraben, um es darin vor den Augen der Menschen zu verbergen und sie in der Finsternis zu ihrem Weltnutzen zu erhalten; aber Ich machte das Licht frei, und nun stürzen sie in das von ihnen gegrabene Grab, in dem Mein Urhimmelslicht hätte ersticken und verderben sollen.
GEJ|10|26|9|0|So aber das nun vor aller Welt Augen und laut gewordenen Wünschen geschieht, so ist die Frage eitel, wann das geschehen werde.
GEJ|10|26|10|0|Es ist leicht einzusehen, daß so etwas nicht in einem Moment geschehen kann, sowenig die Nacht urplötzlich dem vollen Tage weichen kann, sondern es muß in dieser Welt alles seine Zeit haben, und es kann kein Mensch von noch so großen Talenten und Fähigkeiten in einem Tage ein Gelehrter und ein Künstler werden, und keine Frucht eines Baumes wird plötzlich reif und genießbar. Aber so die Bäume im nahenden Frühjahr einmal saftig werden und die Knospen stark anzuschwellen beginnen, so ist das ja doch ein sicheres Zeichen, daß das warme Frühjahr und der segensreiche Sommer nahe herbeigekommen sind; einige dazwischen sich noch einschleichende Kleinfröste geben da keinen bedenklichen Ausschlag mehr.
GEJ|10|26|11|0|Was der Prophet Hesekiel im 14. Kapitel von der Bestrafung Israels und Jerusalems weissagt, das gilt jetzt allem falschen Prophetentum: es soll, wird und muß ausgerottet werden.
GEJ|10|26|12|0|Worin aber das falsche Prophetentum besteht, und wer die Pharisäer der Jetztzeit sind, das braucht für keinen nur etwas hell denkenden Menschen näher bezeichnet zu werden; denn alle Welt kennt die alten Feinde des Lichtes, der Wahrheit und der Liebe aus Mir.
GEJ|10|26|13|0|So Ich Selbst zu den Aposteln also geredet habe, daß sie niemanden richten, verdammen und verfluchen sollen, auf daß ihnen das nicht von Mir ausgehend widerfahre, – wer hat ihnen denn hernach das Recht erteilt, über die, welche, von Meinem Geiste angetrieben, die reine Wahrheit suchten und noch suchen, zu richten, sie zu verdammen und mit den erschrecklich-fürchterlichsten Bannflüchen zu belegen?! Darum werden sie selbst in jene Grube gestürzt werden, die sie für viele Millionen der unschuldigen Menschen gegraben haben, und es werden darin ihre bösen Werke ebenso ohne alle Rücksicht und Erbarmung gerichtet werden und ihren Lohn überkommen.
GEJ|10|26|14|0|Sieh hin in alle Weltteile, und du wirst finden, wie verhaßt das falsche Prophetentum der Hure Babels beinahe allen nur etwas besseren Völkern der Erde geworden ist, und wie ihre Sendlinge empfangen und geachtet werden! So sicher nicht, wie du das in den der Hure Babels servilen (dienenden) Sudelblättern liesest, sondern ganz anders. Nur bei ganz rohen und wilden Völkern können sie sich noch eine kurze Zeit halten. Wenn sie daselbst aber oft nur zu bald ihre hab- und herrschsüchtigen Tendenzen oder den Wolf unter ihren Schafspelzen merklich und leicht erkennbar sehen lassen, so ist es mit der Wirkung ihrer Sendung auch schon zu Ende, und sie können dann zusehen, wie sie mit heiler Haut davonkommen können.
GEJ|10|26|15|0|Wie oft haben sie schon nach China und Japan, wo es viel Gold, Silber und andere Schätze gibt, ihre kecksten Sendlinge geschickt! Solange diese ihre Schafspelze nicht hintanlegten, waren sie geduldet und hatten recht viele für die vorgebliche Himmelsfriedenslehre an sich gezogen; aber wie sie einmal – wie man zu sagen pflegt – warm wurden und ihnen ihre Schafspelze unleidlich wurden und sie zu meinen anfingen, daß sie nun schon in ihrer wahren, inneren Gestalt könnten zu schalten und zu walten anfangen, da wurden sie denn auch sogleich erkannt in allem, was sie eigentlich möchten, und man ergriff sie und gab ihnen den wohlverdienten Lohn.
GEJ|10|26|16|0|Man sprach sie, so man in Babel die Nachricht von ihrem verdienten argen Lose Kunde erhielt, unter großem Pompe heilig, obschon Ich Selbst sagte und lehrte, daß nur Gott allein heilig ist. Aber Ich kann zu solchen Heiligen nur sagen: ,Ich kenne euch nicht und habe euch nie erkannt; darum weichet von Mir, und suchet euer Heil und euern Lohn nur bei denen, in deren Namen ihr gepredigt und gehandelt habt! Denn in Meinem Namen habt ihr niemals gepredigt und noch weniger gehandelt; denn ihr habt seit eurer Kindheit an niemand einen Akt jener wahren Nächstenliebe, die Ich gelehrt habe, ausgeübt, weil ihr an Mich noch nie geglaubt habt, sondern nur zu eurem Weltnutzen Meinen Namen mißbraucht, und so habt ihr von Mir aus auch keinen Lohn und keine Gnade zu erwarten. Gehet also zu jenen nun, denen ihr gedient habt, und verlanget von ihnen den Lohn!‘
GEJ|10|27|1|1|27. — Die Unmöglichkeit weiterer Religionskriege
GEJ|10|27|1|0|Und also geschieht es nun auch schon in dieser Welt. In der sogenannten heiligen Stadt wimmelt es schon von allerlei heiligen Hungerleidern, und man weiß mit ihnen nicht mehr aus und ein, und wo man ihnen auf dieser Erde noch so ein kleines Paradieschen zuschanzen könnte, da man trotz aller Fluchandrohungen nicht viel über etliche sehr wenige wüste Quadratmeilen hinaus mehr etwas gebieten kann. Denn weder die Könige geweckterer Völker, und noch weniger die Völker selbst lassen sich von der gewissen Seite her etwas gebieten.
GEJ|10|27|2|0|Was bleibt solchen müßigen und hungrigen Heiligen denn nun übrig, als ihrer Heiligkeit den Rücken zu kehren und andere für sie ehedem unheilige Dienste zu suchen und zu nehmen, um als Heilige nicht verhungern zu müssen?
GEJ|10|27|3|0|Du meinst da, daß auf die gegenwärtigen Verhältnisse sicher große Religionskriege folgen werden? Das würde wohl der Fall sein, so der gewisse Mann in Babel noch die einstige Macht über Könige und Völker besäße und der größte Teil der Menschen noch so dumm und finster wäre, wie er noch vor dreihundert Jahren war; aber der gegenwärtige Anhang des alten, einst so mächtigen Babels ist ein sehr kleiner geworden, und die Menschen sind durch Meinen Blitz schon zu aufgeklärt, und es glaubt selbst der einfachste Landmann mit seinem ganzen Hause nicht mehr, daß der Teufel die Dampfmaschinen auf dem Meere und auf dem Lande wegen einer ihm verschriebenen Seele in Bewegung setze, oder daß auf den Drähten der Telegraphen eben auch der Teufel hin- und herspringe und -hüpfe und den Großen und auch Kleinen von fernen Ländern und Orten die erwünschten Nachrichten bringe.
GEJ|10|27|4|0|Wie viele gibt es wohl noch, die ernstlich an die sogenannten Wunderbilder glauben? Wo ist noch ein Land, in dem man noch die sogenannten Taschenkünstler als Zauberer verbrennt und die Leser der Bibel und anderer geistreicher Bücher und Schriften vor ein unerbittliches Inquisitionsgericht zieht und sie bis zum Tode quält? Welcher nur einigermaßen heller gebildete Mensch hält noch etwas auf einen gewissen Sündenablaß, auf alle die leeren und alles Geistes baren sogenannten gottesdienstlichen Zeremonien, aufs Weihwasser, auf den Weihrauch, auf die geweihten Bilder, auf die Glocken und Glöcklein, auf die Wachskerzen, Reliquien, Trauermessen und teuer zu bezahlenden Leichenbegängnisse, auf die Fast- und Normatage und noch auf vieles dergleichen?
GEJ|10|27|5|0|Man macht die Sachen des äußeren, aber auch schon sehr schwach gewordenen Gesetzes wegen wohl noch mit; aber daran glauben tun unter tausend kaum zehn mehr, und diese nicht mehr der Wahrheit nach, wie dies unter der vergangenen, finstersten Aberglaubenszeit leider der lange andauernde Fall war.
GEJ|10|27|6|0|Wenn die Sachen nun aber vor jedermanns Augen also und nicht anders stehen, wie läßt sich da an einen irgend großen und gar allgemeinen Religionskrieg nur von ferne hin denken?
GEJ|10|27|7|0|Der wahren Finsterlinge gibt es zu wenige, um sich wider die vielen Erleuchteten zu erheben, wenn sie das auch gerne möchten; und die Erleuchteten, so sie angegriffen würden, haben schon das sichere Bewußtsein in sich, daß sie stets und allzeit über die wenigen und völlig machtlosen Finsterlinge den Sieg davontragen werden.
GEJ|10|27|8|0|Aber es wird dessenungeachtet zu allerlei Kämpfen und Kleinkriegen zur Demütigung aller jener Machthaber kommen, die sich Meinem Lichte irgend in den Weg stellen werden wollen. Denn von nun an werde Ich mit allen solchen Machthabern keine Geduld und Rücksicht mehr haben. Das kannst du wohl glauben, da Ich Selbst dir solches verkünde.
GEJ|10|27|9|0|Siehe an das Reich, in dem du lebst! Es ist noch aus gewissen leicht zu erratenden Gründen, besonders von der machthaberischen Seite her, stark babylonisch gesinnt. Es soll nun nur alle seine Macht zusammenraffen und seinem ,Heiligen Vater‘ auf den alten Thron helfen, wenn es kann und mag.
GEJ|10|27|10|0|Ja, wenn es noch eine Zeitlang wankt, seinen Völkern das zu gewähren, was von Mir aus Rechtens ist, da doch nach Meinem Worte jeden Menschen die reine Wahrheit, an die er allein zu halten hat, frei machen wird und nun muß, so wird es auch an dem Lose dessen teilnehmen, von dem es bis jetzt sein Heil erwartete! Der zu einer kräftigeren Hilfe allernötigsten Geldkräfte ist es bar; und vertraut es noch auf eine vermeintliche Hilfe von seiten eines sieben Male geweihten Altars und seines wundertätigen Bildes, so wird es auch jeder andern Kraft bald bar werden! Es betrachte nur die Folgen seines finstern Konkordats, und es wird ihm alles Ausland sagen: ,Hast du jenem, uns allen verhaßten Feinde des Lichtes und der Nächstenliebe dich so treu verbunden, so ist mit dir kein Freundschaftsbund mehr zu flechten! Den du so sehr, aller andern deiner alten Freunde vergessend, begünstigt hast, daß du ihm mehr denn deine halbe Macht zum Genusse gabst zu deinem größten Nachteile, der helfe dir nun in deiner Not und Verlassenheit!‘
GEJ|10|27|11|0|Denke selbst nach, ob in deinem Lande die sicher höchst herben Folgen von einer solchen unüberlegten Tat nicht von allen Seiten laut also sprechen! Da heißt es, solch einen Fehler eiligst wieder gutmachen, sonst kommt der böse, todbringende, allgemeine Brand dazu.
GEJ|10|27|12|0|Wo bei einem Hause alle Mittel stark zu fehlen anfangen, um es aufrechtzuerhalten, und seine Freunde und selbst besseren Hausgenossen ihm den Rücken zuwenden und von einer Aufrechterhaltung eines solchen altverwahrlosten Hauses nichts mehr hören und wissen wollen, – wie wird denn dann ein solches Haus noch fernerhin bestehen oder gar in seiner alten Weise noch weiter als ein irgend kräftiges bestehen können?
GEJ|10|27|13|0|Ja, es kann sich kräftigen und von neuem bestandhaft werden; aber dazu gehört erstens ein unbeugsam fester Wille, alles Alte und Morsche hinwegzuschaffen, einen neuen, festen Grund zu legen und mit vielen und guten Bauleuten das ganze Haus schnell mitsamt dem festen Dache herzustellen, auf daß man dann allerorts sehe und sage: Siehe, nun hat dieses ehedem völlig wertlos gewordene Haus wieder einen rechten Wert, und man kann seinen Grundfesten, Gemächern und Dächern trauen!
GEJ|10|27|14|0|Wenn die Sache also in Angriff genommen würde, so würde es an allerlei guten Freunden von außen und noch mehr von innen aus keinen Mangel haben; aber wer wird einem Hause je mehr ein Vertrauen schenken, von dem man nicht mehr weiß, von wem alles der Hausherr sich am Ende Gesetze vorschreiben lassen muß, um noch eine Weile als solcher zu scheinen?
GEJ|10|28|1|1|28. — Die Zukunft der zeremoniellen Kirche
GEJ|10|28|1|0|Was nützt es, einen neuen Lappen Tuches auf einen alten, übermorschen Rock aufzuheften, auf daß er auf der gestopften Stelle die nackte Haut bedecke und vor dem Winde eine Zeitlang schütze; kommt dann aber ein kleiner Sturm nur, so reißt er mit aller Leichtigkeit den neuen Lappen vom alten, morschen Rocke und mit demselben auch noch einen Rockteil. Wer wird dann im Sturm die nackte Haut vor der Kälte schützen? Darum schaffe dir sogleich einen völlig neuen und starken Rock, solange dir noch dazu einige Mittel zu Gebote stehen, und verschwende sie nicht mit der Anschaffung neuer Lappen zur Ausstopfung des alten und übermorschen Rockes, das dir kein nütze ist, – und sollten dann auch irgendwelche Stürme kommen, so werden sie deiner Haut keinen Schaden mehr zuzufügen imstande sein!
GEJ|10|28|2|0|Welcher echte Weinwirt wird denn einen neuen Wein in alte Schläuche tun wollen? Was wird mit diesen Schläuchen geschehen, so der neue Wein in ihnen zu gären anfängt? Er wird sie zerreißen, und der unkluge Weinwirt wird so um die Schläuche und um den Wein kommen. Und ebenso hat ein unkluger Regent, der eine neue Verfassung in eine alte hineinschieben will, dasselbe zu gewärtigen; die eine ist gegenseitig notwendig der andern Untergang, und der Regent kommt dabei um alles: um die Verfassung, ums Land und ums Volk, wie es nun in Europa schon mehrere solche Exempel gibt und bald noch mehrere geben wird.
GEJ|10|28|3|0|Ich sage es dir: Wer mit dem gewissen Manne, der sich fromm nennt, beim steten Dichterwerden Meines Lichtes aus den Himmeln noch fernerhin liebäugeln und schlangenzüngeln wird, der wird bald ganz verlassen und allein dastehen. Denn Ich will einmal ein Ende der lange angedauert habenden Buhlerei Babels. Von nun an soll alles neu und anders werden, und Mein Wort, das Ich zu den Aposteln und gar vielen andern Menschen geredet habe, muß nun in neuer Kraft und Macht erstehen und dann bis ans Ende der Zeiten dieser Erde währen, und alle sollen sich sonnen und wärmen im Lichte Meiner Lehre aus den Himmeln, und es sollen wieder, wie es in der Urzeit war, Meine wahren Bekenner und Liebhaber in einer steten wohlfühlbaren Gemeinschaft mit Meinen Engeln, und also auch mit Mir Selbst stehen von der Wiege an bis zum Grabe.
GEJ|10|28|4|0|Du fragst nun auch, wie es in deinem Lande ergehen werde, so die alten Schläuche durch den neuen hineingezwängten Wein zerrissen und der Wein verschüttet wird. Ich sage es dir: Gleich um tausend Male besser denn nun, wo beinahe kein Mensch, aus Furcht davor, was aus der langen und kostspieligen Zauderei noch all für Elend und Not erwachsen werde, seinem noch so ehrlichen Bruder mehr traut und immer sagt: „Man kann nicht wissen, wie sich die Dinge noch gestalten werden!“
GEJ|10|28|5|0|Im Augenblick solch einer möglichen Schlauchzerplatzerei hören die Großkonsumenten auf, und der Staat wird dafür sorgen, daß denen nichts entzogen wird, die dem Staat und Volke lange treu gedient haben durch ihren Geist und Verstand; aber die mehr denn im ganzen bei einer Viertelmillion Pflastertreter und verdienstlosen Müßiggänger, zumeist aus der Zahl der Pfaffen, werden ihre großen Gehälter und Pensionen nicht mehr erhalten, im Gegenteil zur Zahlung der Staatsschuld strenge verhalten (angehalten) werden, – denn diese wird unter allen Umständen respektiert werden, auf daß kein Bruder wider den andern eine Klage erheben soll.
GEJ|10|28|6|0|Unter allen Umständen stehe nun Ich wieder an der Spitze, und da kann keine Unordnung irgend mehr zum Nachteil derer, die an Mich halten, statthaben. Dieses Jahr aber will Ich mit dem Lande, unter dessen Gesetzen du lebst, noch eine kleine Geduld haben; aber um gar vieles darüber nicht, und so darin auch viele Meiner alten Freunde noch im Leibe und aller ihrer Liebe und Treue wohnten. Die Meinen und die Neuerleuchteten sollen wohl erhalten, all die andern aber gezüchtigt werden.
GEJ|10|28|7|0|Du sagst bei dir nun freilich wieder: „Ja, Herr, es ist schon alles recht also; denn so eine Volksleitung einmal faul und untüchtig geworden ist, da soll das Volk eine andere erhalten, die den materiellen und besonders den geistigen Bedürfnissen desselben entspricht. Doch solange dabei die alten Götzentempel, die man Gotteshäuser oder Kirchen nennt, mit ihren Dienern fortbestehen, ihre Dienste verrichten, den noch vielen blinden Menschen von der über alle Maßen vortrefflichen Wirkung ihrer kirchlichen Gottesdienerei besonders in den Wallfahrtsorten und Klöstern vorpredigen dürfen, da wird eine neue Volksleitung – bestehe sie in einer neuen, günstig bearbeiteten Verfassung oder in einem neuen Regenten – immer in der Gefahr stehen, so nach und nach wieder in die alte Finsternis zu verfallen, und das um so eher dann, wenn die Diener der Tempel angewiesen sind, vom Verdienste ihrer kirchlichen Verrichtungen zu leben. So sie schon als Volkslehrer noch irgendeine Zeit fortzubestehen haben, da bezahle man sie wie jeden andern Staatsdiener; aber für ihren Kirchendienst sollten sie von niemand eine Bezahlung verlangen und annehmen dürfen, so würde dadurch den das Volk aussaugenden, betrügerischen und verfinsternden Umtrieben der Templer sicher eine sehr wirksame Schranke gezogen sein, und mit den Wallfahrten, wundertätigen Bildern und Reliquien und noch vielen andern kirchlichen Mißgeburten und Mißbräuchen hätte es dann sicher bald ein Ende!“
GEJ|10|28|8|0|Darauf sage Ich dir, daß du einesteils ganz richtig und recht geurteilt hast, und es wäre so auf eine Zeitlang auch gut, weil der sogenannte Geistliche sich offenbar mehr mit dem Volksunterricht, für den er bezahlt würde, als mit der ihm nichts mehr tragenden Kirchenzeremonie abgäbe. Aber so er seine Kirchendienste dann ohne Entgelt verrichtete, so würde das blindere Volk anfangen, ihnen einen noch größeren gottesverdienstlichen Wert beizulegen und so von selbst in den alten Aberglauben noch ärger und tiefer verfallen, als das ehedem der Fall war, und der Geistliche würde das, was ihm beim blinden Volk ein großes und pomphaftes Ansehen verschafft, sicher nicht als etwas bei Mir Wertloses, sondern nur als etwas Mir überaus Wohlgefälliges darstellen und das Volk also in seinem alten Aberglauben bestärken und so für die nun ihrem vollen Ende nahende Hochherrschaft der Hure Babels einen neuen Thron schaffen.
GEJ|10|28|9|0|Darum laß die Pfaffen nur treiben das volksaussaugende Spiel; laß das noch blinde Volk nur wallfahrten gehen, teure Messen zahlen; laß es beichten, kirchenlaufen, überteure Kondukte (Geleite) für ihre Verstorbenen machen; laß die Pfaffen erbschleichen und teure Dispensen und Ablässe verkaufen; kurz, laß die Babylonier es noch ärger treiben, dann wird auch der Blindeste bald zur Besinnung kommen und sagen: „Nein, an solch einer Religion muß wahrlich nichts als ein purer Betrug sein, weil eben diejenigen, die am meisten von der reinen Wahrheit der Lehre Christi überzeugt sein und danach handeln sollten, selbst durch ihre Taten zeigen, daß sie selbst auf die ganze Lehre gar nichts halten, an keinen Gott glauben und somit lauter falsche Propheten sind, die für nichts anderes denn nur für ihren Bauch sorgen, die Menschen durch allerlei Trug und, wo der nicht mehr genügt, auch durch eine Art vom Staate ihnen gewährten gesetzlichen Zwang oft um ihr ganzes Hab und Gut bringen und von ihrem wahren Raube keiner durstigen Seele aus Liebe auch nur einen Trunk Wasser darreichen! Darum fort mit allen solchen falschen Propheten; fort mit den reißenden Wölfen in Schafspelzen, und fort mit all dem, womit sie so lange das arme, blinde Volk gequält, betrogen und beraubt haben; fort mit den Tempeln, Altären, Heiligenbildern, Reliquien, Glocken und allen eitlen und keinen geistigen Lebenswert habenden kirchlichen Utensilien! Wir wollen von nun an selbst die ganze Lehre Christi prüfen, sie uns von einem wahren, von Gott erleuchteten Lehrer erklären lassen und dann nach ihr leben und handeln, und der echte Lehrer soll an unserm Tische nicht verhungern und verdursten und soll auch nicht nackt und barfuß einhergehen!“
GEJ|10|29|1|1|29. — Die Zukunft der Staaten Europas und Amerikas
GEJ|10|29|1|0|Und sieh, so geht es nun in dem vor kurzer Zeit noch finsteren Italien zu! Ebenso ist es vor schon vielen Jahren im deutschen Reiche zugegangen, ebenso einst in England und in Nordamerika, das sich eben in dieser Zeit noch mehr von allen Meiner Urlehre widerstrebenden Tendenzen durch harte Kämpfe reinigt. Da sagt man auch häufig: „Aber Herr, wie kannst Du den Sklaven halten wollenden Konföderierten  gegen die ganz menschlich gesinnten Unionisten bedeutende Siege erkämpfen lassen?!“
GEJ|10|29|2|0|Ich aber sage: Bei den Konföderierten ist nicht alles Laster, was ein solches zu sein scheint, und bei den Unionisten nicht alles Tugend; und so ziehen nun beide Teile sich die Splitter und Balken aus den Augen, und einer fegt vor der Tür des andern, was nach Meiner Lehre nicht sein soll.
GEJ|10|29|3|0|Wenn aber ein wie der andere Teil seine eigenen Augen zuvor selbst von den Splittern und Balken befreien und den Mist von seiner Hausflur hinwegschaffen wird, dann werden sich die beiden Parteien bald und leicht verstehen und sich ausgleichen.
GEJ|10|29|4|0|Dergleichen große und auch kleine Zwiste – sowohl zwischen Völkern als auch zwischen einzelnen Menschen – sind allzeit eine Folge der Nichtbeachtung Meiner Lehre, darin bestehend, daß da niemand zu seinem Nachbar sagen soll: „Komme her, daß ich dir deinen Splitter aus dem Auge ziehe!“, der Nachbar aber dann sagt: „Was kümmert dich mein Splitter in meinem Auge, da ich in deinem doch einen ganzen Balken entdecke? Reinige zuvor dein Auge, dann erst kannst du mir mein Auge reinigen helfen!“
GEJ|10|29|5|0|Solche Kämpfe hat es schon gar viele gegeben und wird es noch mehrere geben, so irgend die Menschen nicht völlig in Meine reinste Lehre tatsächlich eingehen werden.
GEJ|10|29|6|0|Doch die Geschichte in Amerika wird nicht gar zu lange mehr dauern. Aber in Südamerika, wo das Babylon noch um gar vieles ärger vertreten ist als nun irgendwo auf der Erde, wird bald ein großes Strafgericht losgelassen werden; denn das Babel muß überall in ein neues Jerusalem umgestaltet werden, und die Schweine der heidnischen Gadarener müssen in dem Grabe ihrer Nacht den Untergang finden.
GEJ|10|29|7|0|Ich meine, nun dir als ein großes NOTABENE (Merkzeichen) für diese Zeit mehr denn zur Genüge gesagt zu haben, und ein jeder, der nur ein wenig an den Fingern zu rechnen versteht, wird es leicht erkennen, wie und warum die Sachen nun eben also stehen müssen, wie sie eben stehen und in Kürze notwendig hervorgehen müssen.
GEJ|10|29|8|0|Nach dem Jahr, Tag und der Stunde aber sollst du Mich deshalb nicht fragen, weil das alles schon vor aller Welt Augen da ist und ein jeder das sehr nahe Ende der Nacht dann doch sicher und bestimmt voraussehen muß, so er am Horizont die von der Sonne hellerleuchteten Wölkchen erschaut.
GEJ|10|29|9|0|Die Menschen, die mit irgendeiner Macht versehen sind, sollen nur versuchen, im Frühjahr dem Grase und all den Kräutern, Sträuchern und Bäumen das Neuaufwachsen, das Treiben, Grünen und Blühen verbieten und verhindern zu wollen, dem Winde gebieten und dem freien Blitz den Weg vorschreiben, und sie werden sich bald überzeugen, wie groß ihre Ohnmacht infolge ihrer Blödheit ist.
GEJ|10|29|10|0|Was Ich einmal sage und will, das geschieht so bestimmt und gewiß, als die Sonne an einem jeden Morgen aufgehen und am Abend untergehen muß. Mehr brauche Ich dir wohl nicht zu sagen, obwohl Ich noch eine Frage in bezug auf Frankreich in deinem Gemüte sehe, dahin gerichtet, wie sich dieses nun sehr erdmächtige Reich im Verhältnis der gegenwärtigen, allgemeinen Lichtströmung verhalten wird. Und Ich sage es dir: Meinem Willen entgegen sicher schwer und unmöglich!
GEJ|10|30|1|1|30. — Die Ordnung der Entwicklung
GEJ|10|30|1|0|Daß es (Frankreich) aber nun sich noch pro forma zu einem Schutze von Babylon hinstellt, im Grunde bei sich doch ein Feind desselben ist, ist ja auch ganz recht; denn dadurch hält es andere noch sehr babylonisch gesinnte Staaten und ihre Gebieter ab, mit ihrer Gesamtmacht der alten Nacht wieder auf den hohen Thron zu helfen und dann ihre Völker mehr noch denn je zuvor zu knechten. Denn von einem freien, guten Willen gegen die Völker ist bei den alten Machthabern noch sehr verzweifelt wenig vorhanden. Was sie nun zugunsten der Völker tun, dazu drängen die Umstände. Könnten sie diese durch irgendein für sie günstiges Mittel sich vom Halse schaffen, so würden sie ihren Völkern gleich andere, und das sehr traurige Lieder vorzusingen anfangen, und die Menschen müßten von neuem nach den alten spanischen Inquisitionspfeifen zu tanzen anfangen, was sich sicher niemand mehr wünschen wird.
GEJ|10|30|2|0|Alle die gegenwärtigen, noch zwischen schlecht und gut schwebenden Verhältnisse aber mit einem Schlag vernichten, hieße Länder und Völker verwüsten. Es muß darum auf dieser Welt alles seine gewisse Zeit haben und durchmachen. Bis der neue Mostwein nicht ganz gehörig ausgegoren und also durch seine eigene Tätigkeit alles Unreine von sich geschafft hat, wird er kein reiner und geistiger Wein.
GEJ|10|30|3|0|Wer sich eine neue und gute Wohnung erbauen will, der darf die alte nicht eher auf einmal völlig zerstören, als bis er die neue Wohnung sich erbaut hat; denn zerstört er alsogleich die alte, wo wird er dann wohnen, und wer wird ihn schützen gegen allerlei Ungemach während der Zeit des Baues einer neuen Wohnung? Es ist denn klüger, einen alten, noch so zerlumpten und verflickten Rock so lange zu tragen zur Not, bis ein neuer fertig ist, als nackt umherzugehen. Und so muß nach Meiner besten Ordnung stets eines aus dem Früheren hervorgehen, so es eine Dauer und Festigkeit haben soll.
GEJ|10|30|4|0|In der Zeit, als Ich auf der Erde Meine Lehre den Menschen gab, da war das Heidentum nach allen Seiten hin weit über die ganze Erde ausgebreitet unter allerlei Formen und Gestaltungen, und Meine Lehre war nur ein heller Morgenstern in der großen Heidennacht. Der Morgenstern wurde bald und leicht von dem dichtesten Nachtgewölk der Heiden so gänzlich verdeckt, daß die Menschen nur hie und da mit Mühe seinen wahren Stand erraten konnten. Einige sagten: „Siehe da!“, und andere: „Siehe dort!“ Und es geschah, daß sie andere Sterne für den Morgenstern ansahen und hoch verehrten. Und so hatte das damals so großmächtige Heidentum ein leichtes zu tun, um den Morgenstern mit sich zu verschmelzen und zu vereinen und sich so dem Volke, das nach dem Morgensterne fragte, von dem es häufig reden gehört hatte, als der allein rechte, alte Morgenstern darzustellen.
GEJ|10|30|5|0|Der also umwölkte und verunstaltete Morgenstern wirkt vor dem blinden Volke auch Wunderzeichen unter dem nur veränderten Namen des Zeus in den Meinen, und das Volk war zufrieden, und das alte Heidentum blieb mit sehr geringen Abänderungen. Aber Meine Lehre blieb dennoch auch trotz aller Verfolgungen bei wenigen unversehrt und wohl erhalten. Der edle Same, der auf ein gutes Erdreich fiel, schlug gute und feste Wurzeln, trieb und trug gute Früchte, wennschon im Verborgenen, von den Blindaugen der Hure Babels unbemerkt.
GEJ|10|30|6|0|Aus dem Morgenstern ward eine Sonne, die nun vollends aufgeht, und das Gewölk des Heidentums wird diese Sonne nimmermehr derart zu verdecken vermögen, daß selbst ein Schwachsichtiger den Tag für die Nacht halten könnte.
GEJ|10|30|7|0|Das Licht Meines Blitzes ist mächtig geworden und wird von der Heidennacht nimmerdar verdrängt werden. Wie, das habe Ich in diesem Notabene klar gezeigt.
GEJ|10|30|8|0|Und so will Ich denn dieses Heft mit dem auch schließen, daß Ich jeden Meiner Freunde in aller Meiner Liebe ermahne, dieses nicht nur zu lesen, sondern es wohl zu beherzigen und zu glauben, daß Ich es bin, der Ich Meinen Freunden solches aus Meiner freien Gnade eröffnet habe zum Troste des Herzens und zur Erleuchtung des Seelenverstandes, und dafür nichts verlange als allein eure rechte Liebe und also auch den lebendigen Glauben.
GEJ|10|30|9|0|Wer Meinem irdisch stets armen und nun schon alten Knechte dafür etwas Besonderes tun kann und will aus Liebe zu Mir, dem werde Ich es in Kürze vielfach vergelten, Amen! Das sage Ich, der Herr, das ewige Leben und die Wahrheit.
GEJ|10|30|10|0|Und nun im nächsten Heft wieder zur Sache des Evangeliums zurück! Einen halben Tag halten wir uns noch in Genezareth auf, dann wollen wir die zehn Städte kurz durchwandern.
GEJ|10|31|1|1|31. — Die Zweifel der Anhänger des Herrn
GEJ|10|31|1|0|Wie im früheren Heft angezeigt, blieb Ich noch einen halben Tag von frühmorgens bis über eine Stunde über den Mittag in Genezareth.
GEJ|10|31|2|0|In dieser Zeit segnete Ich Meine besonders hier noch anwesenden Freunde, den alten Markus, den Kisjona, den Philopold und also auch die Maria, die mit dem Kisjona und Philopold zuerst nach Kis sich begab, dort eine Zeitlang verblieb und sich auch wieder nach Nazareth begab, wo sie den etlichen Brüdern alles erzählte, was sie über Mein Lehren und Wirken vernommen, selbst gesehen und erlebt hatte, worüber sich die Brüder sehr wunderten, wie auch noch andere alte Bekannte und Freunde Josephs, Mariens und der drei Brüder, die daheim Zimmerleute waren und das Haus versorgten.
GEJ|10|31|3|0|Aber bei allem Glauben an Mich zuckten doch mehrere mit den Achseln und sagten: „Er tut wahrlich große Dinge, und Seine Lehre ist vollkommenst wahr, rein und gut; aber so Er Sich mit den Templern zu Jerusalem zu weit gegen sie zeugend einläßt und mit aller Seiner göttlichen Kraft und Macht gegen sie auftritt, so geht Er unter; denn ihre Gesinnungen gegen Ihn und Seinen sicher schon weit ausgebreiteten Anhang sind allseits, wie wir vernahmen, von allerunversöhnlich bösester Art.
GEJ|10|31|4|0|Unter den Heiden hat Er wohl schon viele und vollgläubig beste Freunde und Anhänger, doch unter den Juden nur sehr wenige, und selbst diese halten Ihn zumeist für einen großen Propheten und wollen von einem Gottessohn eben nicht viel hören und wissen, obschon bei und mit Ihm noch alles in Erfüllung ging, was die Propheten über Ihn geweissagt haben.
GEJ|10|31|5|0|Nun darf es einmal mit Ihm dahin kommen, daß er das arge Los mit Johannes dem Täufer leicht möglich zu teilen bekäme, da werden die bis jetzt wenigen an Ihn haltenden Juden gleich wieder umkehren und sich aus großer Furcht vor dem Tempel wieder zu den Pharisäern wenden und ihnen Seine bisherigen Anhänger verfolgen helfen.
GEJ|10|31|6|0|Bis jetzt hat Er Sich wohl noch allenthalben behauptet und hat allen, die Ihn verfolgten, auf das kräftigste zu begegnen verstanden, und wir hoffen und glauben auch fest, daß Er mittels Seiner göttlichen Natur und Wesenheit das begonnene Werk ganz gut nach der Macht der göttlichen Weisheit, mit der Er erfüllt ist, und ohne eine weitere Störung vollenden wird. Aber die Welt ist falsch und arg, und ihre Kinder sind finster und sehr böse und haben bis jetzt noch immer verstanden und verstehen das auch sicher jetzt, alles, was Gott durch die Propheten für die Menschen noch so wahr, gut und weise geoffenbart hat, zu verkehren und in ihr eigenes Böse derart zu verwandeln, daß dann selbst die von Natur aus besseren und helleren Menschen das alte Reingöttlich- Wahre und – Gute aus dem vielen Falschen und Schlechten nicht mehr haben herausfinden können und darum in dem Falschen und Argen der Welt haben verharren müssen.
GEJ|10|31|7|0|Nun, unser göttlicher Bruder Jesus hat die schon altarge Finsternis und große Bosheit der Pharisäer und ihrer treuen Anhänger wohl allerkräftigst zu beleuchten angefangen, also, daß auch die Heiden schon zu vielen Hunderten sich an Seinem Lichte sonnen und wärmen; aber darum ist die denkbare Möglichkeit noch immer in dieser Welt vorhanden, die dem gerechten Eifer unseres Bruders ein trauriges Ende setzen kann.“
GEJ|10|31|8|0|Mit dieser Rede waren viele einverstanden, – Maria und etliche ihrer Freunde und Freundinnen aber nicht.
GEJ|10|31|9|0|Und einer sagte: „Höret, so Er Selbst das wollen und zulassen wird, so kann das wohl geschehen, daß die Argen sich an Seinem Leibe werden vergreifen können, aber sicher nicht zu ihrem etwa vermeinten Vorteile, sondern zu ihrem Untergange, wie man derlei von dem Messias in den alten und jüngeren Propheten ganz klar angedeutet findet! Darum sorgen wir uns nun nicht eitel und vergeblich um Ihn; denn Er weiß es am besten und hellsten, was Er zum wahren Wohle aller Menschen zu tun hat. Wir wollen und werden allzeit und unter allen Umständen an Ihn glauben und Ihn als den Sohn Gottes tiefst verehren.“
GEJ|10|31|10|0|Damit waren alle zufrieden und redeten nachher noch vieles von Meinen Lehren und Taten, wodurch dann in Nazareth viele an Mich wahrer und fester zu glauben anfingen, als das zuvor der Fall war, da ja selbst Meine daheimgebliebenen drei Brüder auf Mich nicht das hielten, was sie wohl hätten halten können, darum Ich denn solchen Unglaubens wegen Nazareth eben nicht so oft besuchte und seinen Bewohnern, als sie fragten, woher Mir, dem ihnen wohlbekannten Sohne des Zimmermanns Joseph, solche Weisheit und Macht käme, auch sagte: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande! Darauf zog Ich mit Meinen Jüngern von dannen und kam persönlich auch nicht wieder nach Nazareth.
GEJ|10|31|11|0|Aber nach dieser Besprechung mit der Maria über Mich wurde der Glaube an Mich fester, und es fingen viele an, Mich als den verheißenen und in Meiner Person auch in diese Welt gekommenen Messias und Sohn Davids zu loben und zu preisen.
GEJ|10|32|1|1|32. — Das Gebet des Herrn
GEJ|10|32|1|0|In Genezareth aber, wie schon bemerkt, blieb Ich, als Ich die anfangs wohl erwähnten Freunde gesegnet entlassen hatte, nicht länger mehr, sondern erhob Mich mit Meinen Jüngern und zog eine Strecke weit, von Ebal, der Jahra und den drei bekannten Römern geleitet, auf der Heerstraße in die zehn oder eigentlich sechzig Städte, die teils im Jordantale selbst und teils auf den dasselbe nahe und weiter umgebenden Bergen und Hügeln zerstreut lagen.
GEJ|10|32|2|0|Als Ich außerhalb Genezareth mit allen, die mit Mir waren, eine erste, ziemlich bedeutende und freie Anhöhe erreicht hatte, da wandte Ich Mich an die, welche Mich begleitet hatten, und sagte zu ihnen: „Ihr habt Mich bisher begleitet aus großer Liebe, da ihr wohl wisset und glaubet, wer in Mir bei euch war, und wem ihr das Geleit gegeben habt. Bleibet fortan also in Meiner Liebe, und Ich werde in eben dieser Liebe auch fortan in euch, bei euch und unter euch verbleiben, und um was ihr in dieser Welt den Vater in Mir bitten werdet, das wird euch denn auch gegeben werden. Nur bittet nicht um eitle Dinge dieser Welt, sondern um die ewigen Schätze des Reiches Gottes; denn alles andere, was ihr zum Leben in dieser Welt benötigt, wird euch schon ohnehin gegeben werden!“
GEJ|10|32|3|0|Hierauf sagte der Hauptmann: „Herr und Meister, wie sollen wir bitten, daß wir Dir wohlgefällig und somit auch nicht vergeblich Dich um etwas Rechtes bitten könnten? Denn es kann ein Mensch auf dieser Welt in gar mannigfache Bedrängnisse gelangen und kann sich da mit einer rechten Bitte um Abhilfe nur an Dich wenden. Wie aber soll er da bitten und beten?“
GEJ|10|32|4|0|Sagte Ich: „In jeder Not und Drangsal bittet mit natürlicher Sprache im Herzen zu Mir, und ihr werdet nicht vergeblich bitten!
GEJ|10|32|5|0|So ihr aber Mich um etwas bittet, da machet nicht viele Worte und durchaus keine Zeremonie, sondern bittet also ganz still im geheimen Liebeskämmerlein eures Herzens:
GEJ|10|32|6|0|Unser lieber Vater, der Du im Himmel wohnst, Dein Name werde allzeit und ewig geheiligt! Dein Reich des Lebens, des Lichtes und der Wahrheit komme zu uns und bleibe bei uns! Dein allein heiliger und gerechtester Wille geschehe auf dieser Erde unter uns Menschen also, wie in Deinen Himmeln unter Deinen vollendeten Engeln! Auf dieser Erde aber gib uns das tägliche Brot! Vergib uns unsere Sünden und Schwächen, wie auch wir sie denen allzeit vergeben werden, die gegen uns gesündigt haben! Lasse nicht Versuchungen über uns kommen, denen wir nicht widerstehen könnten, und befreie uns also von allem Übel, in das ein Mensch infolge einer zu mächtigen Versuchung dieser Welt und ihres argen Geistes geraten kann; denn Dein, o Vater im Himmel, ist alle Macht, alle Kraft, alle Stärke und alle Herrlichkeit, und alle Himmel sind voll derselben von Ewigkeit zu Ewigkeit! –
GEJ|10|32|7|0|Siehe, du Mein Freund, also soll ein jeder bitten in seinem Herzen, und seine Bitte wird erhört werden, so es ihm mit derselben völlig ernst ist, – doch nicht pur mit dem Munde, sondern wahr und lebendig im Herzen! Denn Gott in Sich ist ein purster Geist und muß denn auch im Geiste und dessen vollster und ernstester Wahrheit angebetet werden.
GEJ|10|32|8|0|Wenn du das nun einsiehst und begreifst, da tue denn auch danach und du wirst leben, wie auch ein jeder, der also tun wird!“
GEJ|10|32|9|0|Auf diese Meine kurze Rede dankten Mir alle, und Ich segnete sie nochmals, entließ den bisher noch immer sichtbaren Raphael, der wie ein mächtiger Blitz in den ewigen Raum emporzuckte, worüber die noch anwesenden Römer erschraken und lange emporschauten, ob sie seiner Gestalt irgend ansichtig werden könnten, was aber nun nicht mehr möglich war.
GEJ|10|32|10|0|Darauf aber entließ Ich auch die Mich auf diese Anhöhe begleitet Habenden und zog mit Meinen Jüngern auf der Anhöhe, von der aus eine fruchtbare Hochebene ihren Anfang nahm, eben die Hochebene entlang weiter, und wir erreichten auf derselben in ein paar Stunden eine kleine, alte Stadt, deren Einwohner zumeist aus Griechen und Römern bestanden; und etliche wenige ganz herabgekommene und verkümmerte Juden lebten auch unter den Heiden und hatten für sich eine kleine Herberge, die ihnen zur Not auch als Synagoge diente.
GEJ|10|33|1|1|Der Herr in der Bergstadt Pella
GEJ|10|33|1|1|33. — Der Herr beim Wirt in Pella
GEJ|10|33|1|0|Bei dieser Herberge hielten wir an, und es kam der Wirt uns mit der Entschuldigung entgegen, daß er uns nicht aufnehmen könne; denn fürs erste würde seine Herberge uns gar nicht fassen, und fürs zweite sei er nur mit sehr wenigen Mundvorräten versehen, die für uns nicht genügen würden. Aber in der Mitte der Stadt befinde sich eine griechische Herberge, die mit allem versehen sei, und daselbst wir eine gute Aufnahme finden könnten.
GEJ|10|33|2|0|Sagte Ich: „Darum habe ich schon lange eher gewußt, als du noch geboren worden bist; Ich aber bin nun nicht der Heiden, sondern nur der Juden wegen hierher gekommen, und so Mich diese durchaus schon nicht aufnehmen wollen, dann werde Ich schon wissen, was Mir zu tun übrigbleiben wird. Laß uns denn sehen den Raum deiner Herberge und deiner Synagoge!“
GEJ|10|33|3|0|Da sah Mich der Wirt groß an und sagte: „Freund, mit wem habe ich denn in dir zu tun, daß du mit mir ordentlich gebieterisch sprichst?“
GEJ|10|33|4|0|Sagte Ich: „Wüßtest du, wer Ich bin, da würdest du zu Mir sagen: ,Herr, ich habe einen gichtbrüchigen Sohn, an dem schon viele Ärzte ihre Kunst versucht haben, und ich bin dabei arm geworden, und der Sohn leidet täglich größere Schmerzen! Hilf Du meinem Sohn, denn Dir ist alles möglich!‘ Du weißt aber das nicht, und darum habe Ich es dir nun gesagt.“
GEJ|10|33|5|0|Als der Wirt solches aus Meinem Munde vernommen hatte, da dachte er bei sich: „Wie weiß dieser Fremde, den unsere Bergstadt Pella noch nie gesehen hat, um meinen gichtbrüchigen Sohn, und daß sein Leiden von Tag zu Tag ärger wird?“
GEJ|10|33|6|0|Darauf erst wandte er sich zu Mir und sagte (der Wirt): „Herr, daß du kein gewöhnlicher Mensch bist, das habe ich nun gar wohl wahrgenommen; und ist es dir möglich, meinen Sohn zu heilen, so werde auch ich trotz aller meiner Dürftigkeit alles aufbieten, um mich dir und deinen Gefährten dankbar zu erweisen!“
GEJ|10|33|7|0|Sagte Ich: „So führe Mich hinein zu deinem Sohn, und es soll besser mit ihm werden!“
GEJ|10|33|8|0|Da führte mich der Wirt in das Gemach des kranken Sohnes, allwo sich um den Jammernden und Klagenden seine Mutter und seine Geschwister trauernd befanden und Gott baten, daß Er den Kranken doch endlich einmal von seinen Leiden befreien möchte.
GEJ|10|33|9|0|Da sagte der Wirt zu den Seinen: „Klaget nicht weiter, denn sehet, da ist ein fremder Arzt, der meinem Sohne helfen kann und wird, und ich glaube fest, daß Ihm allein das wohl möglich ist!“
GEJ|10|33|10|0|Sagten die Traurigen: „Wenn diesem Arzte das möglich ist, so hat Gott der Herr unsere Gebete erhört!“
GEJ|10|33|11|0|Sagte Ich: „Ja, ja, Er hat sie erhört, und Ich sage nun aus Meiner eigenen Macht, die Mir innewohnt: Du Gichtbrüchiger, Ich will es, werde du gesund, und sündige in der Folge nicht mehr; denn durch dein geheimes Sündigen bist du zu deinem Leiden gekommen!“
GEJ|10|33|12|0|Auf diese Meine Worte ward der Sohn im Augenblick vollkommen gesund, und Ich sagte, daß er das Lager verlassen und daß ihm die Mutter ein Essen bereiten solle, doch frisch und rein. Das geschah denn auch sogleich, und der Wirt und sein geheilter Sohn wußten nicht, wie sie Mir fürs erste gebührend danken oder gar Mich anbeten sollten.
GEJ|10|33|13|0|Ich aber sagte: „Zerbrecht euch über die Art, wie ihr euch gegen Mich dankbar erweisen sollt, nicht den Kopf und das Herz; denn Ich sehe nur aufs Herz allein und weiß nun, was in ihnen vorgeht! Aber nun laß Mich sehen deine Herberge und die kleine Synagoge!“
GEJ|10|33|14|0|Hier sträubte sich der Wirt nicht mehr, Meinem Wunsche Gewährung zu leisten, und führte Mich in die Gemächer der Herberge, die für uns am Ende doch Raum genug boten.
GEJ|10|34|1|1|34. — Der Herr in der Schule zu Pella
GEJ|10|34|1|0|Darauf führte er uns in die Synagoge, in der durch einen alten Rabbi etliche Judenkinder in der Schrift einen matten Unterricht erhielten.
GEJ|10|34|2|0|Und Ich sagte zum Rabbi: „Freund, auf diese Art wirst du aus diesen Kleinen eher Heiden denn Juden heranbilden! So du in der Schrift selbst schlecht bewandert bist, was sollen dann die Kinder von dir lernen? Laß das Lehren stehen, und tue etwas anderes, auf daß ein besserer Lehrer deine Stelle einnehme und bekleide!“
GEJ|10|34|3|0|Sagte der Rabbi voll Ärger: „Freund, ich bin hier von der Gemeinde zum Rabbi erwählt! Diese ist mit mir zufrieden, und du als ein Fremder hast dich da nicht zu bekümmern, wie ich die Jungen unterweise. Wir leben hier unter Heiden, und ich muß darum nebst unserer Schrift meine Schüler auch der Römer und Griechen Sitten und Gebräuche kennen lehren, an ihnen das Gute auch lobend anerkennen, auf daß sie mich nicht irgend zur Verantwortung ziehen mögen. Wir sind einmal in diese Welt gestellt und müssen nebst Gott, der uns kein Manna aus den Himmeln mehr regnen läßt, auch der Welt dienen, so wir von ihr leben wollen.“
GEJ|10|34|4|0|Sagte Ich: „Weil die Juden, dir gleich, Gottes stets mehr und mehr vergessen haben und schon damals der Welt zu dienen angefangen haben, als Er noch das Manna vom Himmel regnen ließ, so ließ aber Gott auch sie in die harte Knechtschaft der Welt geraten und sich im Schweiße ihres Angesichtes ein mageres Brot erwerben. Und weil nun eben die Juden Gott gegenüber treuloser geworden sind als die Heiden, so wird ihnen auch das wenige Licht, das sie noch haben, genommen und den Heiden gegeben werden.
GEJ|10|34|5|0|Wie kannst du denn ein Gott wohlgefälliger Rabbi sein, der du heute für die Judenkinder jüdisch und morgen für die Heidenkinder in eben dieser Synagoge heidnisch lehrst und dich dafür bezahlen läßt?“
GEJ|10|34|6|0|Sagte der Rabbi, der Mich für einen kleinen Propheten zu halten anfing, weil Ich ihm Dinge vorhielt, um die Ich sonst als ein purer und fremder Mensch nach seiner Meinung denn etwa doch nicht sollte wissen können: „Gott gebe mir also zu leben, ohne daß ich hier nötig habe, auch den Heiden ums Brot zu kommen, und ich werde meinen Heidendienst sogleich fahren lassen!“
GEJ|10|34|7|0|Sagte Ich: „Freund, du warst vor noch zehn Jahren zu Ephraim ein sehr wohlhabender Mann als Jude und hattest zu essen und zu trinken in aller Fülle. Warum hast du es denn schon damals mit den Heiden mehr denn mit den Juden gehalten?
GEJ|10|34|8|0|Siehe, weil du das damals ohne Not getan hast, darum hat dich Gott sinken und als einen Heidenrabbi in diese Heidenstadt kommen lassen! Daß du nun danebst auch seit ein paar Jahren ein Judenrabbi geworden bist, das haben eben deine dir freundlichen Heiden und nicht die armen, hier lebenden Juden bewirkt und haben den früheren rein jüdischen Rabbi aus dieser Stadt geschafft.
GEJ|10|34|9|0|Ich aber sage es dir, daß es in der Folge nicht mehr also gehen kann! Werde du ein ganzer Jude, wie du einst einer warst, sonst wirst du in wenigen Tagen aus dieser Stadt geschafft werden, und ein Würdigerer wird deine Stelle einnehmen; denn Ich bin gekommen, um diese Stadt zu fegen, auf daß sie, wenn etwa schon in fünfzig Jahren das finstere Jerusalem von den Römern bis auf den letzten Grundstein wird zerstört werden, für alle, die Ich die Meinen nennen werde, ein sicherer Zufluchtsort werden möge! Bedenke das nun wohl, was Ich dir jetzt gesagt habe; denn Ich habe die Macht von oben dazu, dir solches zu sagen!“
GEJ|10|34|10|0|Hierauf wollte der Rabbi noch etwas erwidern; aber der Wirt zog ihn zur Seite und sagte ihm, was Ich an seinem Sohne getan habe. Da sagte der Rabbi kein Wort mehr, ließ die Schüler aus der Synagoge nach Hause gehen und entfernte sich aus der Synagoge, besuchte schnell des Wirtes völlig geheilten Sohn, worüber er in großes Erstaunen geriet, und eilte darauf in alle ihm bekannten Juden- und Heidenhäuser und erzählte, was sich in der Judenherberge ereignet habe, worauf bald viele zu der Herberge kamen, um sich selbst zu überzeugen, was sich da ereignet hatte.
GEJ|10|35|1|1|35. — Das Abendmahl in der Herberge
GEJ|10|35|1|0|Als nun viele den ihnen wohlbekannten, ehemals so sehr kranken und nun völlig geheilten Wirtssohn ersahen, da ergriff sogar die Heiden eine Furcht vor Mir also, daß sie sich nicht getrauten, nach Mir zu forschen.
GEJ|10|35|2|0|Und sogar ein römischer Hauptmann sagte: „Hinter diesem Arzte und seinen Gefährten müssen höhere Wesen stecken; denn uns Menschen ist so etwas ohne alle Arznei niemals möglich zu bewerkstelligen gewesen!“
GEJ|10|35|3|0|Ich befand Mich mit den Jüngern schon in der Herberge, und es hatte Mich denn auch an diesem Tage, der sich ohnehin schon sehr dem Abend zuzuneigen begann, keiner von den vielen zu der Herberge Herbeigekommenen zu Gesichte bekommen.
GEJ|10|35|4|0|Als sich die Menschen wieder voll Verwunderung und auch teilweiser Furcht vor Mir in ihre Häuser begeben hatten, da kam der Wirt zu uns und sagte zu Mir: „O du großer Herr und Meister, es wäre nun schon alles herrlich, gut und recht, wenn ich nur für euch alle einen genügenden Mundvorrat besäße! Wein habe ich gar keinen, aber ich werde in die griechische Herberge um einen schicken! Etwas Weizen- und Gerstenbrot habe ich wohl, und ebenso auch etwas geräuchertes Schaffleisch; so ihr damit für heute euch begnügen wollt, so wird es mich hoch erfreuen. Für morgen soll schon nach allen Meinen Kräften besser gesorgt sein.“
GEJ|10|35|5|0|Sagte Ich: „Freund, des Essens und Trinkens wegen sind wir nicht hierher gekommen; aber was du hast, damit werden wir uns auch begnügen. Des Weines wegen aber mache du dir keine Sorgen und unnötige Unkosten, sondern gehe in deinen Keller, und du sollst deine leeren Schläuche mit Wein gefüllt finden. Denn Der deinen Sohn zu heilen vermochte, der vermag auch deine leeren Schläuche mit Wein voll zu füllen. Gehe denn nun mit deinen Kindern in deinen Keller, und bringe uns mehrere Krüge voll Weines!“
GEJ|10|35|6|0|Der Wirt, voll gläubigsten Staunens, ergriff gleich mehrere Krüge, reinigte sie, berief dann alle seine Kinder und auch sein Weib und sagte ihnen, was Ich zu ihm gesagt hatte. Da ging es mit eiligsten Schritten in den Keller, und wie staunten alle, als sie die ehemals leeren Schläuche voll des besten Weines antrafen.
GEJ|10|35|7|0|Die Krüge wurden denn auch sogleich gefüllt und zu uns gebracht, und der Wirt samt seinem Weibe und seinen Kindern wußten abermals nicht, wie sie Mir dafür genügend danken könnten. Das Wunder achteten sie nun darum an sich für geringer als Meinen Willen, daß Ich sie also sehr habe beglücken wollen; denn sie zweifelten schon nach der Heilung des Sohnes nicht im geringsten an dem, daß Mir alles möglich sei, was Ich nur wollen möge.
GEJ|10|35|8|0|Ich aber sagte zu ihnen, was Ich ihnen nach der Heilung des Sohnes gesagt hatte, daß Ich nur auf die Herzen achte; und sie gingen nun voll Freude hinaus.
GEJ|10|35|9|0|Und das Weib sagte zum Manne: „Du, das muß ein großer Prophet sein! Vielleicht ist das gar der Prophet Elias, der einst wiederkommen soll? Darum müssen wir ihn denn auch mit der höchsten Achtung und Ehrerbietigkeit bedienen!“
GEJ|10|35|10|0|Sagte der Wirt: „Sorget nun für den Tisch! Ob Elias oder gar noch etwas Höheres, – am Ende gar der verheißene Messias Selbst, das ist nun vorderhand gleich; nun heißt es sehen, diese wunderbaren Gäste zufriedenzustellen!“
GEJ|10|35|11|0|Da griff alles zur Bereitung der Speisen, und der Wirt brachte uns Brot und bat uns, dasselbe genießen zu wollen, was wir denn auch taten. Bald darauf wurden die recht wohlbereiteten Speisen auf den Tisch gebracht, und auch mehrere Lampen, durch die das Speisezimmer ganz gut erleuchtet wurde.
GEJ|10|35|12|0|Wir nahmen die Speisen zu uns, und die Jünger besprachen sich über die Geschichte der Israeliten in der ersten Zeit ihres Einzuges aus der Wüste in diese Länder und über die Kriege, die sie mit den Moabitern und später mit den Philistern zu bestehen hatten, und der Wirt erzählte auch so manches ihm Bekannte von der Entstehung der alten Stadt Pella und von den Schicksalen, die sie schon zu bestehen gehabt hatte. Ich aber ruhte und sprach wenig.
GEJ|10|35|13|0|Also vergingen ein paar Stunden, und Ich sagte dann zum Wirte, der Mir ein gutes Ruhebett antrug: „Laß das, – wir bleiben hier am Tische und werden allda unsere Nachtruhe nehmen!“
GEJ|10|35|14|0|Das war dem Wirte eben nicht unlieb, indem er mit Ruhebetten nur ganz schwach versehen war. Er selbst aber wollte uns nicht verlassen und blieb denn auch die ganze Nacht hindurch bei uns am Tische. Die Nacht ging ganz ruhig vorüber, und es ward niemand in der Ruhe gestört.
GEJ|10|36|1|1|36. — Der Herr und der römische Hauptmann
GEJ|10|36|1|0|Am Morgen früh war der Wirt der erste auf den Füßen und ordnete alles zur Bereitung eines guten Morgenmahles an, worauf sein Weib und seine Kinder und seine andern Diener und Mägde in volle Tätigkeit gesetzt wurden. Wir erhoben uns aber auch gleich darauf von unseren Ruhestühlen und Bänken am Tische und begaben uns ein wenig ins Freie; denn man genoß von dieser Stadt aus eine recht herrliche Aussicht über einen großen Teil des schönen Jordantales und über die weite und breite und noch sehr fruchtbare Hochebene.
GEJ|10|36|2|0|Dieser Morgen verlief aber doch nicht so ruhig wie die Nacht; denn als wir wieder ins Haus zum Morgenmahle zurückkehrten, da fanden wir vor dem Hause schon viel Volkes, das zumeist aus Heiden bestand. Der schon erwähnte Hauptmann mit noch einigen seiner Untergebenen fehlte auch nicht und ebenso auch der alte Rabbi.
GEJ|10|36|3|0|Alle diese erkundigten sich emsig nach dem Wunder der Heilung des gichtbrüchigen Sohnes, welches die Befragten also erzählten, wie es vor sich gegangen ist, worüber alle über alle die Maßen erstaunten.
GEJ|10|36|4|0|Und der Hauptmann sagte darauf mit ganz ernster Miene: „Wisset ihr was?! Ein Mensch, der solche Dinge ohne alle Beihilfe irgend äußerer Mittel zustande zu bringen vermag, ist ein Gott und kein Mensch mehr! Ich habe auch schon zu mehreren Malen von gewissen Zauberern Wunder wirken sehen, – aber da bin ich bald dahintergekommen, wie sie solche Wunder wirkten; wer aber kommt da auf eine Spur, wie dieser Mensch den Kranken geheilt hat?“
GEJ|10|36|5|0|Einige meinten wohl, daß ich mit andern Magiern das gemein hätte, daß auch Ich eine recht zahlreiche Begleitung bei Mir habe und man denn doch am Ende nicht wissen könne zu welchem eigentlichen Zweck.
GEJ|10|36|6|0|Der Hauptmann aber blieb bei seiner Behauptung, ließ sich nicht irremachen und sagte: „Seine Begleiter werden wohl nie vermögen, Sein Wort und Seinen Willen zu stärken; denn bei der Heilung eines solchen Kranken, wie der Sohn des Judenwirtes es war, kann durch eine gewisse Verabredung oder durch ein geheimes Einverständnis niemals etwas bewirkt werden. Wir könnten alle hier dahin einverstanden sein, unseren Willen fest dahin zu richten, daß meine auch schon über drei volle Jahre an einer unheilbaren Krankheit daniederliegende älteste Tochter gesund werde, und wir werden damit nichts ausrichten; wird aber dieser Mann das ganz allein wollen, so wird meine Tochter sicher alsbald ebenso gesund werden, wie da gesund geworden ist dieses Wirtes Sohn!“
GEJ|10|36|7|0|Also besprachen sich vor dem Hause des Wirtes die Menschen über Mich, während Ich Mich mit den Jüngern schon beim Morgenmahle befand; denn wir kehrten von der vom Volke nicht bemerkten Rückseite ins Haus, und die Hausleute und Kinder des Wirtes aber hatten von ihm den Auftrag, Meine Anwesenheit nicht zu verraten, außer es erhielte jemand von Mir Selbst einen Auftrag dazu. Also durften sie auch von der wunderbaren Weinkreirung nichts reden zum Volke.
GEJ|10|36|8|0|Als wir mit dem Morgenmahle zu Ende waren, da sagte Ich zum Wirte: „Nun laß du den Hauptmann mit seinen Untergebenen, den alten Rabbi und den griechischen Herbergswirt zu uns hereinkommen, und Ich werde mit ihnen reden!“
GEJ|10|36|9|0|Darauf eilte der Wirt schnell hinaus und hinterbrachte das den Genannten.
GEJ|10|36|10|0|Diese folgten auch sogleich dem Ruf, und als sie sich bei uns im Zimmer befanden, da fragte der Hauptmann sogleich den Wirt nach Mir.
GEJ|10|36|11|0|Und der Wirt führte ihn zu Mir und sagte: „Vor Dem, der auf diesem einzelnen Stuhle sitzet, werde ich allzeit meine Knie beugen!“
GEJ|10|36|12|0|Sagte darauf der Hauptmann: „Auch ich, mein Freund!“
GEJ|10|36|13|0|Hierauf machte der Hauptmann eine tiefe Verbeugung vor Mir und sagte darauf: „Großer Meister, ein nie erhörtes Wunder hast Du allein in diesem Hause gewirkt und mir dadurch ein Zeugnis gegeben, daß Du kein Mensch unseresgleichen, sondern vollwahr ein Gott sein mußt! So Du aber das unfehlbar bist, da erweise uns die große Gnade und sage uns, wie wir denn mit unseren verschiedenen Glaubenssachen daran sind!
GEJ|10|36|14|0|Ich habe alles durchgeprüft: unsere Vielgötterlehre, die Meinungen der altägyptischen, der griechischen und unserer römischen Weltweisen. Dann habe ich auch der Juden Eingottlehre, alle ihre Propheten und Weisen genau durchforscht, die wohl schwer zu verstehen sind und großenteils aber auch gar nicht, weil sie eine zu phantastische, oft ganz unzusammenhängende Sprache führen und Bilder aufstellen, die wohl sie mögen verstanden und begriffen haben, aber außer ihnen wohl sicher sehr wenige. Ebenso habe ich auch mit vielen aus den fernsten Morgenländern in Hinsicht der übersinnlichen Dinge, über ihre Götterbegriffe und über das wie geartete Fortleben der Menschenseele nach dem Tode gesprochen, wie auch mit den Menschen im Süd- und Nordwesten Europas.
GEJ|10|36|15|0|Was aber habe ich daraus gefunden? Ich sage es offen: Alles andere, – aber nur das nicht, was ich suchte, nämlich eine mich überzeugende und mir begreifliche Wahrheit.
GEJ|10|36|16|0|Der Glaube an ein oder auch mehrere unsichtbare Gottwesen ist wohl allenthalben vorhanden, – aber wie verschieden! Es ist nicht nötig, hier den nahezu endlosen Wust aller der transzendenten Phantasien der Menschen in bezug ihres Gott- und Seelenfortlebens nach dem Leibestode anzuführen, sondern es handelt sich hier nur um die wahre Lebensfrage: In welcher Lehre ist die Wahrheit? Haben alle die verschiedenen Vielgötterglauber recht, oder die Eingottglauber?
GEJ|10|36|17|0|Wenn wir unsere römischen Rechtsgesetze betrachten, die sicher nahe durchaus gut und somit für den Fortbestand der Menschen- und sogar Völkergesellschaften wohl die tauglichsten sind, so scheint denn auch unsere freilich schon sehr verunstaltete Vielgötterlehre, die am Ende doch den Grund zu unseren weisen und möglich gerechtesten Staatsgesetzen bildete, noch immer am meisten zu beachten zu sein. Aber die jüdische Eingottlehre, die mit der urägyptischen viel Ähnlichkeit besitzt, scheint dennoch der großen Lebenswahrheit um vieles näher zu stehen, obschon sie nun unter den Juden um vieles verunstalteter ist denn die unsrige; denn man betrachte nur mit einigem Scharfblick das höchst gott- und gewissenlose Tun und Treiben der Judenpriester in Jerusalem, und man wird es um gar vieles dümmer und ärger finden und anerkennen müssen denn das unserer vielgestaltigen und verschiedenartigen Priester.
GEJ|10|36|18|0|Du göttlicher Wundertäter wirst mir da sicher mit wenigen Worten das rechte Wahrheitslicht zu geben imstande sein!“
GEJ|10|36|19|0|Sagte Ich: „Mein Freund Pellagius und Hauptmann von dieser und drei andern Städten, als von Abila, Golan und Aphek! Ich kam hauptsächlich nur deinetwegen hierher, da Ich wohl wußte, daß du schon seit beinahe dreißig Jahren die Wahrheit eifrig suchtest, sie aber doch nicht zu finden imstande warst.
GEJ|10|36|20|0|Weil du aber die Wahrheit also suchtest wie gar wenige deines Volkes und Ranges, so bin Ich als die ewige Urwahrheit Selbst zu dir gekommen, und du hast in Mir auch schon die vollste, hellste und reinste Wahrheit gefunden, und Mein Licht wird dich also durch und durch erleuchten, daß du selbst noch zur Leuchte für viele andere werden wirst.
GEJ|10|36|21|0|Aber deine älteste Tochter Veronika ist krank, und es kann ihr kein Arzt helfen; so du glaubest und wünschest, da soll es besser mit ihr werden!“
GEJ|10|36|22|0|Sagte der Hauptmann, ganz zerknirscht vor Freude: „Ja, Herr und Meister voll göttlicher Kraft, ich glaube das, wie vielleicht nur wenige im ganzen Judenreiche, und wünschte der Tochter Heilung auch sicher, als ihr Vater, mehr denn aus allen meinen Lebenskräften; aber ich bin ja gar nicht würdig, daß Du Heiligster unter meines Heidenhauses Dach trätest und heiltest daselbst meine dem Tode schon ganz nahe stehende Tochter.
GEJ|10|36|23|0|Daß ich aber Deinen Worten sicher den vollsten Glauben leihe, beweist schon das, daß ich mich gar nicht verwundert habe, als du als ein Fremder, der diese Gegend noch nie besucht hat, um Meinen Namen wußtest, den ich ehrenhalber von dieser Stadt erhielt, und um mein Regiment über die drei noch von Dir genannten Städte und nun auch um den Namen meiner kranken Tochter wußtest; denn mein Gemüt sagte es mir ja, daß Du ein Gott bist und Dir alles möglich ist. Ich glaube denn auch, daß meine Tochter sicher gesund wird, so Du über sie nur ein Wort sprichst!“
GEJ|10|36|24|0|Sagte Ich: „Wahrlich, solch einen Glauben habe Ich im Volke Israel nicht gefunden! Und so geschehe dir denn auch nach deinem Glauben! Sende nun nach Hause, und laß deine nun schon gesunde Tochter hierher bringen, auf daß sie sich stärke mit diesem Weine und Brote!“
GEJ|10|37|1|1|37. — Die geheilte Veronika dankt dem Herrn
GEJ|10|37|1|0|Als der Hauptmann solches vernommen hatte aus Meinem Munde, da ward er überheiter und froh und entsandte sogleich einen seiner Unterdiener nach seinem Hause. Und dieser fand die Tochter zwar wohl im Krankenbette, aber so vollkommen gesund, daß sie als ganz frisch, munter und kerngesund aussehend und auch seiend das Bett verlassen wollte; nur ihre Mutter hielt sie davon zurück, weil sie der Meinung war, daß dieses plötzliche Gesundwerden ein gewisses letztes Auflodern der Lebenskräfte sei, auf das dann eine ebenso plötzliche volle Abspannung sämtlicher Lebenskräfte erfolge und mit ihr auch der sichere Tod.
GEJ|10|37|2|0|Aber der Unterdiener erzählte der Mutter von der ebenso plötzlichen Heilung des Judenwirtssohnes, und wie dieser nun ganz kräftig und gesund sei, und daß derselbe wunderbar mächtige Arzt, der des Wirtes Sohn ohne alle Arznei, sondern allein durch sein Wort geheilt habe, auf die glaubensvolle Bitte des Hauptmanns vor wenigen Augenblicken Zeit denn auch durch sein unbegreiflich allmächtiges Wort die Tochter von allen ihren Leiden geheilt habe.
GEJ|10|37|3|0|Die Mutter solle das glauben, die völlig gesunde Tochter das Bett verlassen lassen und sie sogleich zu dem Judenwirte bringen, allwo eben der wunderbare Arzt mit mehreren seiner Gefährten und auch der Hauptmann weilen. Die Tochter solle dort zu ihrer noch größeren Stärkung einen Wein und auch Speise nehmen.
GEJ|10|37|4|0|Auf diese Besprechung ließ die Mutter die Veronika das Bett verlassen.
GEJ|10|37|5|0|Diese tat das pfeilschnell und kleidete sich so zierlich wie möglich; denn sie wollte vor Mir so rein und geschmückt erscheinen, als so sie zu einem Könige zu kommen hätte.
GEJ|10|37|6|0|Als sie nun ganz gekleidet und geschmückt war, nahm sie auch einen schönsten Goldbecher mit sich, um ihn Mir zu verehren.
GEJ|10|37|7|0|Also kam sie denn auch, geleitet von der Mutter und von dem Unterdiener, zu uns, und ihre erste Frage war (Veronika): „Wo ist mein Heiland, mein Gott und mein Herr?“
GEJ|10|37|8|0|Sagte Ich: „Ich bin es! Hierher komme und stärke dein Herz mit dem Weine und Brote, das Ich aus den Himmeln auf diesen Tisch gesetzt habe!“
GEJ|10|37|9|0|Als Veronika solches von Mir vernommen hatte, da fiel sie vor Mir auf die Knie nieder und sagte: „O Du mein guter, lieber und göttlicher Heiland, wie kann ich, eine arme, sündige Heidin, Dir für Deine mir erwiesene übergroße und nieverdiente Gnade danken, daß mein Dank Deinem göttlichen Herzen wohlgefällig werden möchte?“
GEJ|10|37|10|0|Sagte Ich: „Erhebe dich nur und setze dich zu Mir, und trink und iß – denn dadurch werden noch kräftiger dein Herz und deine Seele –; dann wollen wir in aller Liebe und Zärtlichkeit der Himmel über die Mir allein wohlgefällige Art des Dankes reden.“
GEJ|10|37|11|0|Hierauf erhob sich die nun überaus schöne Veronika, stellte vor Mich den Goldbecher und sagte voll Rührung und dabei aber doch mit einem römischen Wahrheitsernst: „O Du Herrlichster aller Herrlichen, Du Herr aller Herren, Du König aller Könige, Du Gott aller Götter, verschmähe dieses mein Kleinod nicht! Ich weiß und fühle es in meiner Seele, daß es Deiner zu unwürdig ist; aber gedenke, daß es Dir ein Dich liebendes und nur von Dir geheiltes Herz reicht, und verschmähe es darum nicht!“
GEJ|10|37|12|0|Sagte Ich: „Ja, was Mir von solch einem Herzen dargereicht wird, das wird von Mir auch angenommen, und Ich werde nun aus diesem Kelch den Wein trinken; und da hast du denn Meinen Becher, aus dem Ich getrunken habe, und trinke den Wein daraus!“
GEJ|10|37|13|0|Da nahm die Veronika Meinen nur irdenen Becher, trank daraus und sagte darauf: „Oh, um wie viele Königreiche ist dieser Becher mehr wert als der, den ich Dir zu weihen mich unterfangen habe; denn ich fühle es nun, nachdem ich getrunken habe aus diesem Becher, daß ich nicht nur den stärkendsten Wein für den Leib, sondern auch die Kraft des ewigen Lebens meiner Seele mit getrunken habe!
GEJ|10|37|14|0|O trinket doch alle mit mir aus diesem Becher, die ihr noch zweifelt am ewigen Leben eurer Seele, und ihr werdet zum ewigen Leben gestärkt werden!“
GEJ|10|37|15|0|Hier schenkte sie den Becher voll ein und reichte ihn ihrem Vater, der bisher noch nichts von unserem Weine gekostet hatte, und er leerte ihn ganz, küßte darauf den Becher und stellte ihn, Mir dankend, wieder vor die Tochter.
GEJ|10|37|16|0|Der Hauptmann konnte sich nicht genug verwundern über die außerordentliche Güte des Weines und sagte auch, daß er nun wahrzunehmen anfange, daß er eine Seele habe, die in sich eine ewige Lebensfortdauer fühle, und daß er darob im höchsten Grade froh sei. Darauf tranken auch sein Weib, seine Unterdiener und am Ende der griechische Heidenwirt.
GEJ|10|37|17|0|Als dieser den Wein verkostet hatte, da fragte er sogleich den Judenwirt, sagend (der Griechenwirt): „Woher hast du diesen Wein bezogen? Denn solange ich lebe und nun selbst Wirt bin, habe ich nie einen solchen Wein gekostet! Ich habe für besondere Gäste, so sie es wünschen, doch auch ganz gute Weine in meinem Keller und habe dir schon zu öfteren Malen damit ausgeholfen, und du kannst es sagen, daß ich dir niemals mit etwas Schlechtem aufgewartet habe. Aber solchen Wein habe ich niemals besessen! Woher hast du ihn bezogen? Sage es mir, damit auch ich mir einen verschaffe!“
GEJ|10|37|18|0|Sagte der Judenwirt: „Freund, das wird dir schwer möglich werden; denn derlei Wein wächst auf der ganzen Erde nicht! Hast du denn nicht vernommen, was der große Wunderheiland zu der Tochter unseres gerechten Hauptmannes gesagt hat, woher dieser Wein gekommen ist? Siehe, aus den Himmeln Gottes, aber nicht etwa eures Phantasiegottes Bacchus, sondern aus den Himmeln unseres einen und allein wahren Gottes, dessen Gesandter eben dieser erhabene Wunderheiland höchst sicher und gewiß ist! Also ist es und nicht anders, und es wird dir schwer werden, um dein Geld von dieser Gegend einen solchen Wein dir zu verschaffen!“
GEJ|10|37|19|0|Sagte der Griechenwirt: „Wie bist denn dann du dazu gekommen?“
GEJ|10|37|20|0|Sagte der Judenwirt: „Da mußt du nicht mich, sondern den großen Meister fragen, dem alle Dinge möglich zu sein scheinen, und von dem ich nun auch das glaube, was der Hauptmann und seine Tochter ausgesprochen haben. Mit dem Meister also rede; denn ich als ein schwacher Mensch noch voll geistiger Blind- und Torheit weiß nichts und verstehe nichts!“
GEJ|10|37|21|0|Auf das schwieg der Griechenwirt.
GEJ|10|38|1|1|38. — Des Herrn Ermahnung an den Rabbi
GEJ|10|38|1|0|Aber der alte Rabbi, der es bis jetzt noch nicht gewagt hatte, von dem Wein etwas zu kosten, trat zu Mir hin und bat Mich um die Erlaubnis, von dem Wunderweine auch kosten zu dürfen.
GEJ|10|38|2|0|Und Ich sagte: „Du bist zwar mehr Heide als alle andern Heiden, ohne zu bedenken, daß niemand zweien Herren, die sich gegenseitig Feinde sind, wohl dienen kann, da er im geheimen des einen oder des andern Feind sein muß und dabei aber doch jedem das tun muß, was von ihm verlangt wird. Oder kann jemand Gott und dem Mammon der Welt zugleich dienen? Und doch hast du schon seit langem das getan! Darum ändere dein Herz, und trinke von dem Wein der Wahrheit, auf daß es hell in deiner Seele werde!“
GEJ|10|38|3|0|Hierauf nahm der Rabbi auch einen Becher voll Weines und leerte ihn bis auf den Boden.
GEJ|10|38|4|0|Als er den Wein in sich hatte, da brach auch er in ein großes Loben des Weines und Meiner Macht aus und sagte zum Schlusse seines Lobes, den noch einmal gefüllten Becher hoch schwingend (der Rabbi): „Ja, Du bist schon Der, auf den alle Juden und auch die Heiden so lange vergeblich harrten. Darum Heil Dir, dem Sohne Davids, und Heil auch allen Menschen der Erde durch Dich! Ehre Gott in der Höhe und Dir, Seinem Sohne!“
GEJ|10|38|5|0|Sagte Ich: „Deine Rede war nun gut; aber so du noch einmal auch Heil den hohen Göttern Roms schreien wirst, so wird der Tod nicht ferne von dir sein! Aller Menschen, ob sie Juden oder Heiden sind, der Wahrheit nach Freund sein, ist gut und recht, und es ist also auch Mein Wille – denn auch Ich lasse Meine Sonne über Juden und Heiden im gleichen Maße scheinen und leuchten –; aber Menschen, die in der alten Blindheit schmachten, in ihrem Irrwahne noch bestärken, anstatt sie auf den Weg des Urlichtes zu leiten, aus wahrer, reiner und uneigennütziger Nächstenliebe, ist schlechter denn ein Dieb und Straßenräuber sein. Das merke dir, du alter Doppellehrer, der du den Juden den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs oft mit einem glühenden Eifer lehrtest, gleich darauf in die Schule der Heiden gingest und vor ihnen den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs herunter- und lächerlich machtest! Sei entweder ein vollkommener Jude, oder werde ein Heide, so du im Heidentum für deine chamäleonartige Seele eine größere Beruhigung findest!“
GEJ|10|38|6|0|Sagte der Rabbi: „Herr, sei mir größtem Sünder vor Dir gnädig und barmherzig, und vergib mir meine vielen und großen Sünden!“
GEJ|10|38|7|0|Sagte Ich: „Von Mir aus sind sie dir vergeben; aber siehe auch, daß sie dir auch von den Menschen vergeben werden, denen du des Verdienstes wegen an ihren Seelen viel geschadet hast!“
GEJ|10|38|8|0|Hierauf sagte der Hauptmann zu Mir: „Herr, ich werde für ihn die Sache gutmachen, und er selbst wird nun wohl begriffen haben, was er für die Folge zu tun haben wird! Ich aber meine nun, daß wir für die Folge keinen Heidenpriester mehr vonnöten haben werden. Ob aber unsere Kinder von heidnischen oder jüdischen Lehrern im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden, so wird das wohl eines sein, und es kann daher dieser Rabbi auch noch ferner unsere Kinder in diesen drei Stücken unterrichten; was aber die Gotteslehre anlangt, so werde schon ich dafür bestens sorgen, daß sich unser altes Vielgöttertum ehest in ein Eingottum umgestalten wird. Aber nun bitte ich Dich, Du göttlicher Meister und Herr und von nun an unser Gott, daß Du uns, bis jetzt noch Heiden, den rechten Weg zeigen möchtest, den wir in der Folge zu wandeln haben sollen; denn bis jetzt stecken wir noch in der alten Finsternis.“
GEJ|10|38|9|0|Hierauf begann Ich vom Reiche Gottes auf Erden zu predigen und belehrte diese Heiden in allem also, wie Ich das andernorts getan habe.
GEJ|10|38|10|0|Die Belehrung dauerte volle sieben Stunden, also nahe an drei Stunden über den Mittag, und alle glaubten an Mich, auch die, welche außerhalb des Hauses waren, da sie Meine Worte durch die offenen Fenster vernahmen.
GEJ|10|38|11|0|Als Ich die Predigt beendet hatte, da ward erst das Mittagsmahl aufgetragen, an dem auch die teilnehmen mußten, die außerhalb des Hauses gläubig geworden waren.
GEJ|10|39|1|1|39. — Die Bewohner von Pella werden von den Jüngern und dem Herrn belehrt
GEJ|10|39|1|0|Nach dem Mahle aber, das über eine Stunde gedauert hatte, ging Ich mit dem Hauptmann in der Stadt umher und machte alle Kranken gesund, und es folgte Mir stets mehr Volkes nach. Meine Jünger aber blieben in der Herberge und lehrten die Juden.
GEJ|10|39|2|0|Bis gen Abend kehrte Ich mit dem Hauptmanne wieder in die Herberge zurück, in der die Jünger noch vollauf mit den Juden zu tun hatten, die Mich am Ende doch für den verheißenen Messias zu halten anfingen, aber dabei doch nicht begreifen konnten, warum Ich in einer solchen Unscheinbarkeit in diese Welt gekommen sei, da doch der große König David also von Mir geredet habe: ,Machet die Tore weit und die Türen hoch, damit der König der Ehren einziehe! Wer aber ist dieser König der Ehren? Es ist der Herr Jehova Zebaoth!‘
GEJ|10|39|3|0|Sie, die Juden von Pella, aber wüßten nicht, daß bei Meiner Ankunft in diese Welt irgend in einer Stadt ein Tor sei erweitert und eine Tür erhöht worden.
GEJ|10|39|4|0|Meine Lehre und Meine Zeichen, die Ich wirkte, stimmten wohl mit dem überein, was besonders der Prophet Jesajas und der Prophet Hesekiel von dem verheißenen Messias geweissagt haben; aber Mein Auftreten unter den Menschen in dieser Welt stimme nicht mit dem völlig zusammen, was die Propheten von dem Messias geweissagt haben. Und so hatten die Jünger ihre Not mit den Juden.
GEJ|10|39|5|0|Als Ich mit dem Hauptmanne, seinen Unterdienern, mit seinem Weibe und seiner geheilten Tochter, wie auch mit dem geheilten Sohne des Wirtes in das Zimmer trat, da wurden die Juden still und betrachteten Mich, ob sie in Meiner Person wohl etwas Außerordentliches erblicken könnten.
GEJ|10|39|6|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Der Friede sei mit euch! Das, was ihr an Mir suchet und finden möchtet, kommt nicht und niemals mit einem äußeren Schaugepränge, sondern es befindet sich inwendig im Menschen.
GEJ|10|39|7|0|Ja, es hätten die Juden bei Meiner Ankunft in diese Welt wohl sollen die Tore in ihre Herzen breit und die Türen in ihre Seelen hoch machen; aber sie achteten der Aufforderung Davids schon seit gar langem nicht mehr. Darum kamen sie denn auch in die babylonische Gefangenschaft und sind zu Sklaven der Heiden geworden, aus welcher Sklaverei sie nimmerdar erlöst werden, so sie in ihrem alten Starrsinn verharren.
GEJ|10|39|8|0|Da stehen aber die Heiden; diese haben wohl die Tore zu ihren Herzen bei Meinem Erscheinen sogleich sehr erweitert und die Türen in ihre Seelen erhöht bis hoch über alle Sterne hinaus. Darum wird denn auch den Juden das Licht genommen und den Heiden gegeben werden!“
GEJ|10|39|9|0|Als Ich solches zu den Juden geredet hatte, da ärgerten sich einige darob; aber die Heiden erhoben ein großes Lob über Mich.
GEJ|10|39|10|0|Und der Hauptmann sagte darauf ganz laut zu den Juden: „Was weilet und forschet ihr noch da, so ihr bei all dem, was der Herr hier vor uns gewirkt hat, noch nicht glauben könnet?! Ziehet euch zurück in eure finsteren Kammern, und bleibet in eurer alten Nacht aller Zweifel, und verstellet uns den ohnehin ganz engen Zimmerraum nicht!“
GEJ|10|39|11|0|Auf diese sehr gebieterisch klingenden Worte des Hauptmanns zogen sich die mehr ungläubigen Juden hinaus ins Freie; die mehr Gläubigen aber blieben und wollten sich noch über dies und jenes mit den Jüngern besprechen.
GEJ|10|39|12|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Die volle Wahrheit habt ihr vernommen aus dem Munde Meiner Jünger, und eine noch andere und weitere Wahrheit gibt es nicht; glaubt und tut danach, so werdet auch ihr schon noch breiter und höher erleuchtet werden in euren Herzen und in euren Seelen!
GEJ|10|39|13|0|Draußen bei den Heiden aber forschet nach, wie viele von ihnen Ich heute nachmittag gesund gemacht habe und wie viele befreit von allen ihren Leiden, auf daß ihr durch die Heiden erleuchtet werdet, und nicht die Heiden durch euch! Es ging das Licht zwar wohl von den Juden aus, – aber die Heiden ersahen und erkannten es eher denn die Juden; und so wird ihnen das Licht auch bleiben, und die Juden werden es von ihnen nehmen müssen, so sie es werden haben wollen. Gehet denn nun auch ihr hinaus und lasset euch von den Heiden erleuchten!“
GEJ|10|39|14|0|Als die mehr gläubigen Juden das aus Meinem Munde vernommen hatten, da gingen sie sogleich ins Freie hinaus zu den jubelnden Heiden und vernahmen, wie diese den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs in Mir hoch lobten und priesen, und erstaunten nicht wenig, als sie das aus dem Munde der Heiden und ihrer geheilten Kranken vernahmen. Da wurden auch die meisten Juden gläubig, gingen nach Hause und besprachen sich über alles, was sie zuvor schon von den Jüngern vernommen hatten, und was Ich zu ihnen gesagt hatte, und die Lobworte der Heiden hatten ihre Herzen sehr erweitert und die Gedanken ihrer Seelen erhöht, und sie fingen an zu begreifen, was David mit seinem Psalm angedeutet hatte.
GEJ|10|39|15|0|Wir aber nahmen das wohlbereitete Abendmahl zu uns und besprachen uns auch über gar manches, was an diesem Nachmittag alles geschehen war.
GEJ|10|40|1|1|40. — Der Herr betrachtet mit dem Hauptmann auf einem Hügel den anbrechenden Morgen
GEJ|10|40|1|0|Nach dem Mahle dankten Mir der Hauptmann, das Weib und die Tochter Veronika für alles, was sie durch Mich erreicht hatten.
GEJ|10|40|2|0|Ich aber sagte: „Euer Glaube hat euch geholfen zu einem Teil, und zum andern Teil Ich durch euren Glauben und durch eure schnell entbrannte Liebe zu Mir und dadurch auch zu Dem, der in Mir wohnt und den ihr dann noch heller werdet kennenlernen, so Mein Geist der ewigen Wahrheit und Weisheit in Kürze über euch wird ausgegossen werden. Doch nun gehet auch ihr nach Hause und ruhet bis zum Morgen; dann aber kommet wieder hierher, und wir werden noch so manches unter uns besprechen!“
GEJ|10|40|3|0|Darauf erhoben sich der Hauptmann und alle, die bei ihm waren, und begaben sich, Mir alle Ehre gebend, in ihre Wohnungen und besprachen sich auch einige Stunden lang in die Nacht hinein über alles, was am Tage vorgefallen war.
GEJ|10|40|4|0|Der alte Rabbi und der griechische Wirt aber blieben noch bis gen Mitternacht bei uns und besprachen sich in einer Ecke des Zimmers über den Unglauben der etlichen Juden, die der Wahrheit doch am allernächsten sein sollten.
GEJ|10|40|5|0|Und es sagte zum Schlusse der Rabbi: „Da bestätigt sich auch der Prophetenspruch: ,Den Weltweisen und Verständigen bleibt es verborgen, und den unmündigen Kindern wird es geoffenbart!‘ Die alten Kinder des Lichtes saßen immer bei vollen Schüsseln des Lichtbrotes aus den Himmeln und durften nicht Hunger leiden; aber weil sie eben nie Hunger und Durst leiden durften, so vergaßen sie den hohen Wert der Speisen aus den Himmeln und kehrten sich zu den eklen Speisen der Welt, wie auch ich selbst das leider getan habe.
GEJ|10|40|6|0|Aber die lichthungrigen Heiden merkten das, wie die erwählten Kinder des Lichtes ihrer Himmelskost den Rücken stets mehr und mehr zuzukehren begannen, und kamen und bemächtigten sich der vollen Schüsseln; sie lasen mit vielem Eifer unsere Bücher und sättigten sich also schon zum voraus mit unserem Brote aus den Himmeln, und so sind sie nun um vieles kräftiger als wir und erkannten den Herrn denn auch um vieles leichter und bestimmter als wir. Aber Er wird auch von uns Juden erkannt werden.“
GEJ|10|40|7|0|Der Juden- wie auch der Griechenwirt gaben dem Rabbi recht und begaben sich darauf auch zur Ruhe.
GEJ|10|40|8|0|Ich aber ruhte mit den Jüngern auch diese Nacht am Speisetische bis zum Morgen.
GEJ|10|40|9|0|Am Morgen erhob Ich Mich vom Tische und ließ die Jünger ruhen. Ich begab Mich schnell ins Freie, und zwar außerhalb des entgegengesetzten Endes dieser Stadt. Im Hause wußte niemand, wohin Ich Mich begeben hatte.
GEJ|10|40|10|0|Nur ein Diener des Hauptmanns bemerkte Mich durch die Stadt wandeln und hinterbrachte das schnell dem schon wachen Hauptmanne. Dieser kleidete sich schnellst an und eilte Mir nach in der Richtung, die ihm der Diener angezeigt hatte.
GEJ|10|40|11|0|Als er das vorangezeigte Ende der Stadt erreichte, ersah er Mich auf einem Hügel. Schnell stieg er auf den Hügel zu Mir hinan.
GEJ|10|40|12|0|Als er bei Mir war, verbeugte er sich tief vor Mir und fragte Mich, was Mich irgend bewogen haben mochte, ohne einen Jünger auf dieses Ostende der Stadt Pella einen Morgengang zu machen.
GEJ|10|40|13|0|Sagte Ich: „Habe du nun nur eine kleine Geduld, und du wirst es hernach schon erfahren! Lassen wir nun zuvor die Sonne über den Horizont kommen, dann werde Ich es dir offenbaren, warum Ich diesen Punkt für diesen Morgen erwählt habe!“
GEJ|10|40|14|0|Auf das lagerten wir uns auf einem glatten Basaltblock, von dem aus wir in aller Ruhe die Szenen des Morgens beobachten konnten.
GEJ|10|40|15|0|Goldumsäumte Wölkchen schwebten über dem Horizont, der, von unserem Platze aus geschaut, sehr wenige Berge von irgendeiner bemerkbaren Höhe aufzuweisen hatte, da sich das Land von unserer Stadt teilweise gegen die fernen Euphrat-Wüsten abzuflachen begann; aber es war da der Aufgang der Sonne eben um so schöner, weil sie wie aus einer Tiefe in blutroter Farbe emporstieg und gen Westen hin die hohen Bergkuppen zu färben begann, was auch der Hauptmann als ein herrliches Schauspiel der Natur sehr lobte.
GEJ|10|40|16|0|Nur fragte er Mich, wie denn auch Ich, dem alle die endlos größeren Schönheiten der Himmel in jedem Augenblick zu Gebote stünden, an diesen irdischen Naturschönheiten ein Wohlgefallen haben könne.
GEJ|10|40|17|0|Da sagte Ich zu ihm: „Freund, so der Meister Selbst an Seinen Werken kein Wohlgefallen hätte, wer sollte es dann haben? Oder meinst du, daß der Meister alle diese Werke geschaffen hätte, so Er sicher schon gar lange vor ihrer Entstehung sie im Geiste klarst gesehen habend, nicht an ihnen ein überaus großes Wohlgefallen gehabt hätte? So du aber siehst, daß Ich ein Wohlgefallen an dieser Morgenszene habe, so wird dir nun der Grund davon wohl einleuchtend sein?“
GEJ|10|40|18|0|Sagte der Hauptmann: „Siehe, o Herr und Meister, so ich nun Deine Antwort erwäge, die doch klarer als ein reinster Wassertropfen ist, da nimmt es mich nun über meine eigene Dummheit wunder, daß so etwas nicht von selbst mir in meinen sonst doch eben nicht zu sehr verschlagenen Sinn hatte kommen können, da ich ja doch nicht nur fest glaube, sondern auch überzeugend weiß, wen ich in Dir vor mir zu haben die unermeßbar höchste Gnade habe!“
GEJ|10|40|19|0|Sagte Ich: „Mache dir darum nichts daraus; denn es ist von Mir aus das in dieser Welt schon also eingerichtet, daß alles erst so nach und nach sich ganz entfalten und entwickeln muß! Siehe die Entstehung des Tages, siehe die Entwicklung der Pflanzen, der Tiere und endlich um so mehr des Menschen, und du wirst es auch leicht begreifen, aus welchem Grunde dir beim ersten Eintritt in Mein Reich noch nicht alles so klar sein kann, wie es dir einmal später werden wird, wenn Mein Geist in dir sich mehr und mehr ausbreiten wird und du in einem Augenblick mehr fassen und klarer begreifen wirst, als du das bis jetzt in einem jahrelangen Denken vermochtest! Also darob magst du nun schon ganz ruhig sein, da du dich schon auf dem besten Wege befindest! Und so betrachten wir nun noch weiter die Szenen des schönen Morgens!“
GEJ|10|41|1|1|41. — Die Jünger suchen den Herrn
GEJ|10|41|1|0|Wir betrachteten darauf die mannigfachen Erscheinungen des Morgens, und Ich erklärte sie dem Hauptmanne, der darob nicht genug dankbar erstaunen konnte, weil in ihm denn doch noch so manches alte Mythische des phantasiereichen Heidentums aus seiner frühesten Jugend steckte, das er nicht in einem Augenblick völlig loswerden konnte.
GEJ|10|41|2|0|Wie ging es aber unterdessen an diesem Morgen in unserer Judenherberge zu?
GEJ|10|41|3|0|Als Meine Jünger bei ihrem Wachwerden Mich vermißten, und imgleichen auch der Wirt mit seiner Familie, da wurde allen bange, und sie rieten hin und her, wohin und warum Ich diesen Morgen möge ganz allein gegangen sein.
GEJ|10|41|4|0|Petrus sagte: „Ihr wisset es ja ohnehin, daß Er an einem jeden Morgen, solange wir bei Ihm sind, stets vor dem Aufgange ins Freie zu gehen pflegt. Er wird zur rechten Zeit schon wiederkehren; seien wir darum um Ihn nicht ängstlich besorgt!“
GEJ|10|41|5|0|Sagte darauf Jakobus: „Da hast du zwar wohl recht; aber das weiß ich auch besser denn ein jeder von euch, da ich ja doch schon von Seiner Kindheit an stets um Ihn war und mich mit Ihm abgab, daß Er Sich oft gerne Selbst vor denen, die Seine Lieblinge sind, auf eine kurze Zeit verbirgt und dann das gern sieht, so sie Ihn recht emsig suchen, Ihn dann auch irgend finden und eine große Freude darob äußern, so sie Ihn wiedergefunden haben! Und so sollten wir Ihn denn auch diesmal suchen gehen, und das mit einem lebendigen Eifer!“
GEJ|10|41|6|0|Hier wollte auch Judas Ischariot eine Bemerkung gegenteiligen Sinnes machen; aber da fiel ihm gleich Johannes scharf in die Rede, sagend: „Du warst, bist und bleibst ein Jünger von Ihm, der noch nicht einen Funken des Geistes der Wahrheit in sich aufgenommen hat, bist zumeist ein eingebildeter Weiser und lügst dich dabei selbst und viele andere an; darum tust du am besten, wenn du schweigst und die reden läßt, die in Seinem Geiste reden wollen und durch Seine Gnade auch können!“
GEJ|10|41|7|0|Darauf sagte der zurechtgewiesene Jünger nichts mehr und ging für sich ins Freie, wo er einige Juden antraf, die ihn fragten, ob Ich im Hause wäre, und was Ich täte.
GEJ|10|41|8|0|Der Jünger aber sagte: „Gehet hin und suchet Ihn selbst; denn mir ist kein Gebot gegeben, jemandem irgend etwas über Ihn zu sagen!“
GEJ|10|41|9|0|Mit dem ging der Jünger weiter und besah sich die alte Stadt, deren Häuser zumeist aus schwarzen Basaltstücken erbaut waren, da in dieser Gegend sich wenig Bauholz vorfand.
GEJ|10|41|10|0|Die im Hause gebliebenen Jünger aber berieten unter sich noch weiter, was sie tun sollten. Am Ende stimmten alle mit Jakobus überein und wollten Mich suchen gehen.
GEJ|10|41|11|0|Da aber kam ein Diener des Hauptmanns, – doch nicht der, welcher Mich am frühen Morgen hatte vor dem Hause des Hauptmanns vorübergehen sehen, sondern einer, der von der Tochter abgesandt war, auf daß er sich nach Mir und nach dem Hauptmanne zu erkundigen habe, ob er bei Mir wäre, da er sich so früh und so eilig aus dem Hause begeben hatte. Aber dieser Diener konnte von den Jüngern auch nichts erfahren.
GEJ|10|41|12|0|Da aber sagte Jakobus: „He, mir fuhr es nun wie ein Blitz durch die Seele! Weil der Hauptmann sich so früh aus dem Hause begeben, so hat er irgend den Herrn gehen sehen und ist Ihm nachgefolgt! Irgendein Diener wird es schon wissen, in welcher Richtung er sich von seinem Hause entfernt hat. Gehen wir dahin, und uns wird gute Kunde zuteil werden!“
GEJ|10|41|13|0|Auf diese Worte des Jakobus erhoben sich alle und gingen zum Hause des Hauptmanns und trafen da bald den wachehaltenden Diener, der ihnen die Auskunft erteilte, in welcher Richtung er Mich und dann auch den Hauptmann hatte gehen sehen.
GEJ|10|41|14|0|Als die Jünger, und mit ihnen auch der Wirt, das erfahren hatten, da eilten sie in der gleichen Richtung vorwärts und kamen denn auch bald an die Stelle außerhalb der Stadt, an der Ich Mich mit dem Hauptmanne befand.
GEJ|10|41|15|0|Aber da Ich und der Hauptmann auf einem Basaltblock saßen, dessen hintere Wand uns verbarg, so entdeckten uns die Suchenden nicht so bald.
GEJ|10|41|16|0|Aber Jakobus sagte: „Gehen wir nur auf diese steinige Anhöhe hinauf, von der man sicher weithin sehen kann, und wir werden von da sicher den Herrn irgendwo wandeln sehen!“
GEJ|10|41|17|0|Da gingen alle auf die Anhöhe und ersahen Mich und den Hauptmann denn auch alsbald, als sie auf die volle Anhöhe kamen.
GEJ|10|41|18|0|Alle wurden überfroh, daß sie Mich gefunden hatten; nur Simon Juda trat zu Mir hin und sagte mit freundlicher Miene: „Aber Herr und Meister, siehe, wir waren voll Angst und Traurigkeit, da wir nicht wußten, wohin Du diesen Morgen Dich gewendet hast! Wenn Du uns doch nur davon einen Wink gegeben hättest, so wären wir ja gleich, wie allzeit, mit Dir gegangen und hätten nicht nötig gehabt, uns um Dich zu ängstigen. Wir bitten Dich darum, daß Du uns dies in dieser uns fremden Gegend nicht mehr antun wollest; willst Du aber schon nach Deiner Weisheit allein irgendwohin gehen, da sage es uns, daß wir allein zu bleiben haben, und wir werden Deinem heiligen Willen sicher niemals widerstreben! Denn siehe, wir lieben Dich über alles, und es wird uns darum bange, so wir nur einige Augenblicke lang nicht wissen, wo Du bist, und was Du tust!“
GEJ|10|41|19|0|Sagte Ich: „Nun, nun, Ich hätte es euch schon gesagt, so Ich nicht vorausgewußt hätte, daß ihr Mich suchen und auch sicher finden werdet! Zudem aber hat es keinem von euch geschadet, daß Ich eure Liebe zu Mir von neuem wieder gestärkt habe. Ich aber hatte mit diesem neuen Freund allein zu tun und bin darum denn auch allein hierher gewandelt.
GEJ|10|41|20|0|Diese Stadt und ihre Umgebung wird zur Zeit der großen Demütigung Jerusalems denen, die an Mich glauben werden, zu einem Zufluchtsort werden, wie Ich euch das schon angedeutet habe, und es muß darum schon jetzt zu einer festen Gemeinde in Meinem Namen hier durch eben diesen Freund, der über viele Heiden zu gebieten hat, ein rechter Grund gelegt werden. Und mit dem wisset ihr nun auch, warum Ich mit dem Hauptmanne ganz allein sein wollte.
GEJ|10|41|21|0|So euch aber nun Meine Abwesenheit von nur wenigen Augenblicken so ängstlich gemacht hat, was werdet ihr dann machen, so Ich euch Meinem Leibe nach auf eine längere Zeit verlassen werde?“
GEJ|10|41|22|0|Sagte abermals Simon Juda: „Herr und Meister, wir wissen es schon, was Du uns damit sagen willst! So es also nach Deinem Ratschlusse sein muß, da werden wir in der Hoffnung, daß alles andere, was Du uns davon geoffenbart hast, auch in die sichere Erfüllung gehen wird, solche Deine für uns höchst traurige Abwesenheit wohl ertragen müssen. Daß aber auch nicht einer von uns diese Zeit in Bälde wünscht, das liesest Du Selbst in unseren Herzen! Doch immer geschehe nur Dein Wille!“
GEJ|10|42|1|1|42. — Der Hauptmann tröstet die Jünger
GEJ|10|42|1|0|Hier sagte der Hauptmann, dem Ich auch ehedem gesagt hatte, was Mir bald in Jerusalem begegnen werde, und daß er sich, so er davon hören werde, daran nicht stoßen solle: „Freunde, auch ich weiß um das, was eure Herzen traurig stimmt! Aber so dies das einzige Mittel ist, die alte Halsstarrigkeit vieler Ungläubiger Jerusalems zu brechen und sie sehend und gläubig zu machen, so kann ich nicht umhin, unsern Herrn und Meister und Gott um so mehr zu loben, zu preisen und zu lieben; denn so etwas kann nur die höchste und reinste Liebe Gottes sich von ihren Geschöpfen gefallen lassen, – unserer menschlichen Liebe wäre das nie möglich.
GEJ|10|42|2|0|Zudem wird der Herr nach drei Tagen wieder unter uns sein und uns erfüllen mit Seinem Machtgeiste und also bleiben bei den Seinen bis ans Ende dieser Erde; und so meine ich, daß wir uns über alles zu freuen Ursache haben, was Er zum möglichen Heile aller Menschen verordnet und über Sich kommen läßt. Denn die Narren, die voll Blindheit sind, können sich in ihrer tollen Wut wohl am Leibe des Herrn vergreifen und ihn auch töten, so Er das Selbst, durch Seine Liebe zu uns Menschen genötigt, zur Besserung der Blinden zuläßt; aber wer wird denn die ewige, allmächtige Gottheit in Seinem Leibe zu töten vermögen?! Diese wird ihren erhabensten Leib wieder beleben, und am dritten Tage wird Er also wie jetzt wieder bei uns sein, daß wir alle uns über alle die Maßen zu freuen haben.
GEJ|10|42|3|0|Freunde, könnte ich darüber nur den allergeringsten Zweifel in mir aufkommen lassen, so ständen auf meine Veranlassung, da ich als ein Hauptmann ersten und obersten Ranges, mit aller Vollmacht aus Rom wohlversehen dastehe, schon in ein paar Wochen hunderttausend der tapfersten Krieger vor den Mauern Jerusalems, und in wenigen Wochen sollte kein Stein über dem andern befestigt angetroffen werden. Aber weil der Herr zuvor in der gottlosesten Stadt noch das größte Wunderzeichen wirken will, so ist für die Zerstörung der bösen Stadt noch immer Zeit genug; denn so sich die Menschen auf dies größte vom Herrn gewirkte Zeichen in ihrem argen, aber dennoch freien Willen und ihrer Welt- und Selbstliebe zufolge dennoch nicht bekehren sollten – was auch möglich ist –, so werden dann wir Römer kommen und ihnen mit dem Schwert ein ganz anderes Evangelium vom Reiche des Teufels und aller seiner Furien vorpredigen!
GEJ|10|42|4|0|Da wird es nicht mehr heißen: ,Der Friede sei mit euch!‘, sondern: ,Der Tod komme über euch, weil ihr die Zeit, in welcher Gott der Herr Selbst euch persönlich heimgesucht hat, nicht habt erkennen wollen!‘
GEJ|10|42|5|0|Wir aber seien darum nun heiter und fröhlich; denn alles, was der Herr will, tut oder zuläßt, ist über alle unsere Begriffe endlos weit hinaus gut! Und wir können nun ganz heitern Mutes uns nach Hause begeben und ein sicher bestbereitetes Morgenmahl zu uns nehmen, so es Dir, o Herr, genehm ist?“
GEJ|10|42|6|0|Sagte Ich: „Allerdings, denn unseres Wirtes Diener haben alles aufgeboten, um ein bestes Morgenmahl für uns zu bereiten; auch dein Weib und deine Tochter haben sich bald nach dem Abzuge der Jünger zu des Wirtes Weib begeben, um dort von Mir Kunde zu erhalten, und haben sich an der Bereitung des Morgenmahles sehr eifrig beteiligt. Und so können wir nun schon aufbrechen und uns gemach in die Herberge begeben; aber wir wollen uns außerhalb der Stadt auf einem kleinen Umweg dahin begeben, auf daß wir in der Stadt nicht zu viele Menschen auf uns aufmerksam machen und sie uns dann massenhaft folgen!“
GEJ|10|42|7|0|Das war dem Hauptmann ganz recht, und wir betraten den vorgeschlagenen Weg.
GEJ|10|42|8|0|Auf dem Wege erst verwunderten sich die Jünger über die Weisheit des Hauptmanns, und Simon Juda sagte: „Das hat ihm auch nicht sein Fleisch und Blut gegeben, sondern der Herr, – aber auf einmal mehr als uns, seitdem wir um Ihn sind; der Herr aber wird es schon wissen, warum!“
GEJ|10|42|9|0|Sagte Ich: „Weil dieser Mir auf einmal mit mehr entgegengekommen ist denn ihr, seitdem ihr um Mich seid! Aber so nach Meiner Verklärung Mein Geist eure Herzen erfüllen wird, da werdet schon auch ihr in alle Weisheit geleitet werden!“
GEJ|10|42|10|0|Mit dem waren denn Meine Jünger auch zufrieden und wurden alle heiteren Gemütes; denn die Rede des Hauptmanns hatte auf sie einen guten Eindruck gemacht, der dann eine längere Zeit bei ihnen anhielt, aber freilich nach und nach an seiner Stärke wieder verlor.
GEJ|10|42|11|0|Wir erreichten nun unsere Herberge, vor der sich der Jünger Judas Ischariot mit einigen Juden unterhielt. Als er unser ansichtig wurde, da begab er sich ins Haus und ließ die Juden stehen; denn der Geruch der Speisen hatte ihn schon zu sehr angezogen.
GEJ|10|42|12|0|Es wollten aber auch die etlichen Juden ins Haus treten; da aber sagte der Wirt: „Freunde, den beschränkten Raum meiner Herberge kennet ihr; darum bleibet vorderhand hier im Vorhofe, und so ihr etwas haben wollt, so wird es euch schon zugemittelt werden! Haben wir das Morgenmahl verzehrt, so wird es dann schon noch eine Zeit geben, in der ihr euer Anliegen vorbringen könnt; doch während des Mahles laßt uns in Ruhe!“
GEJ|10|42|13|0|Auf das blieben die Juden im Vorhofe und ließen sich gegen Bezahlung von sechs Pfennig etwas Brot und Wein geben.
GEJ|10|43|1|1|43. — Das Frühstück der Veronika
GEJ|10|43|1|0|Wir aber gingen in das Speisezimmer, in welchem Mir des Hauptmanns Tochter mit der größten Freundlichkeit entgegenkam und Mir dankte für die Gnade, daß sie noch einmal würdig sei, Mich zu sehen und Mir die von ihr bereiteten Speisen zum Genusse vorzusetzen.
GEJ|10|43|2|0|Ich belobte sie und setzte Mich zum Tische, und die Tochter setzte Mir in einer goldenen Schüssel mehrere bestbereitete Fische vor und ein weißestes Weizenbrot und den Goldbecher voll Weines. Für die andern aber ward ein ganzes Kalb gebraten und in mehreren Schüsseln vor die Jünger gesetzt.
GEJ|10|43|3|0|Für den Hauptmann, für die auch anwesenden Unterdiener und für das Weib und die Tochter aber ward nach der Römer Sitte gekochtes Rindfleisch samt der sehr würzig duftenden Brühe aufgetragen. Und allen schmeckte das Morgenmahl überaus gut, und mit dem Wein und Brot wurde nicht gespart.
GEJ|10|43|4|0|Mich fragte die Veronika, ob Mir die von ihr bereiteten Fische wohl schmeckten.
GEJ|10|43|5|0|Und Ich sagte: „Siehe her, ob Ich etwas in der Schüssel gelassen habe! Eine jede Speise schmeckt Mir wohl, die Mir die Liebe der Menschen bereitet; und du hast für Mich diese Fische edelster Sorte aus dem Galiläischen Meere mit dem Feuer deiner Liebe bereitet, und sie haben Mir darum denn auch überaus wohl geschmeckt!
GEJ|10|43|6|0|Ich hätte zwar nicht nötig, bei euch Menschen die Kost für Meinen Leib zu nehmen; aber Ich nehme sie dennoch aus Liebe zu ihnen. Denn sie können Mir ja nichts geben, was Ich ihnen nicht zuvor gegeben habe; aber so sie es Mir mit wahrer Liebe wiedergeben, was Ich ihnen zuvor gegeben habe, so nehme Ich es auch also mit aller Liebe und rechten Herzensfreude an, als hätten sie es Mir wie von ihrem Eigentume dargebracht.
GEJ|10|43|7|0|Das gilt aber auch, so du Mir zuliebe einem armen Menschen etwas gibst; denn was jemand aus wahrer Liebe zu Mir und daraus auch zum Nächsten eben einem Bedürftigen tut, das nehme Ich ganz also, als hätte er es Mir Selbst getan, und Ich werde es ihm vergelten hier und jenseits.
GEJ|10|43|8|0|Diese Meine Worte merke dir recht wohl und tue danach, so wirst du stets Meiner vollen Liebe gewärtig sein! Aber du hast ja auch einmal derlei Fische sehr gerne gegessen; warum hast denn du heute nicht auch für dich welche bereitet?“
GEJ|10|43|9|0|Sagte die Veronika etwas verlegen: „Ja, Herr und Meister, ich hätte das schon getan; aber es fanden sich in unseren Fischbehältern keine mehr vor, und selbst diese Dir dargebrachten vier müssen durch ein Wunder hineingekommen sein! Denn unser Speisediener sagte mir das selbst, als ich ihn um Fische fragte, und er meinte, daß gar keine darin sein würden; da er aber dennoch nachsehen ging und diese Fische darin fand, da auch eben sagte er: ,Wahrlich, das ist ein Wunder; denn ein paar Monde lang sind schon keine Fische mehr darin zu sehen oder wahrzunehmen gewesen!‘ Und ich glaube das dem Diener, da ich ihn noch nie bei einer Lüge ertappt habe; und so sind diese Fische wahrlich auch ein Wunder, und ich habe Dir, o Herr, demnach wahrlich auch nur das gegeben, was Du mir zuvor gegeben hast!“
GEJ|10|43|10|0|Sagte Ich: „Meine liebe Veronika, es mag sich mit deinen Fischen schon also verhalten zum Teil, wie du nun glaubst; denn Meine Gabe sind sie in jedem Fall, wenn auch hier eben keine gar so wunderbare, wie du das behauptet hast. Euer Fischbehälter ist schon sehr alt und hat mehrere Winkel, in denen sich derlei Fische ganz wohl auf eine längere Zeit verstecken können und dann zu einer gewissen Zeit wieder zum Vorschein kommen, was denn auch mit deinen Fischen der Fall war; aber daß sie sich eben bis auf diesen Tag verkrochen haben und sie niemand finden konnte, das war so Mein Wille.
GEJ|10|43|11|0|So du aber eine Liebhaberin von derlei Fischen bist, da sende einen Diener zu eurem Fischbehälter, und es werden sich sicher noch welche vorfinden! Und haben sich welche vorgefunden, so bereite du sie zum Mittagsmahl für Mich, dich und auch für die andern! Wir werden alle genug haben.“
GEJ|10|44|1|1|44. — Die große Bedeutung der Lehre des Herrn gegenüber Seinen Taten
GEJ|10|44|1|0|Als die Veronika, der Hauptmann und sein Weib und seine Unterdiener solches von Mir vernommen hatten, da gingen sie, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schnell zu dem sich in der Nähe neben einer Brunnquelle – die auf dem Grunde des Wirtes sich befand – befindlichen Fischbehälter, den der Hauptmann in Pacht hatte, da der Wirt ohnehin nie mit Fischen versehen war, und fanden den ganzen Fischbehälter voll der edelsten Fische.
GEJ|10|44|2|0|Voll Staunens kamen alle bald wieder zurück und sagten: „O Herr und Meister in Deinem Geiste schon von Ewigkeit! Das ist wohl ein ganzes Wunder, und wir alle sehen es jetzt klar ein, daß kein Mensch auf der ganzen Erde Dir etwas geben kann, das er zuvor nicht von Dir erhalten hätte. Dir allen Dank für diese Gabe, wie auch für jede andere; denn Du allein bist wunderbarst der ewige Geber aller Gaben, und wir nur zu oft undankbarsten Menschen sind die Hauptempfänger! Darum Dir allein alle Ehre, alles Lob, aller Preis und alle unsere Liebe!“
GEJ|10|44|3|0|Sagte Ich: „Nun, nun, es ist schon ganz gut und recht also; machet davon vor den Menschen aber dennoch keinen Lärm!“
GEJ|10|44|4|0|Sagte der Hauptmann: „Herr, wir werden niemals gegen Deinen Willen etwas tun und unternehmen; doch das erlaube mir, daß ich davon an viele meiner Freunde in Rom einen Geheimbrief senden kann, – denn solche Dinge sollen vor den mir bekannten helleren Menschen nicht verborgen bleiben!“
GEJ|10|44|5|0|Sagte Ich: „Freund, für Rom ist schon gesorgt, und dein Freund Agrikola, nebst mehreren seiner Gefährten, kennt Mich noch um vieles besser denn du nun; aber für diese dir untergebene Gemeinde magst du wohl in Meinem Namen sorgen, und Mein Lohn für dich wird nicht unterm Wege verbleiben!
GEJ|10|44|6|0|Redet aber auch da nicht zuviel von Meinen besonders gewirkten Zeichen, aber dafür desto mehr von Meiner Lehre, durch welche alle Menschen zum ewigen Leben in Meinem Reiche berufen sind! Denn durch Meine Wundertaten allein wird niemand selig, sondern nur, so er an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und tut.
GEJ|10|44|7|0|Durch Meine Zeichen kann ein Mensch wohl zum Glauben an Mich genötigt werden – was für seine Seele von keinem großen Nutzen ist –, wer Mich aber aus Meinen Worten erkennt, an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt aus seinem ungezwungenen, völlig freien Willen, der steht in Meinem Reiche um vieles höher als der, welcher durch Meine Zeichen zum Glauben an Mich und Meine Lehre ist gezogen worden. Das merket euch wohl und machet kein zu großes Aufheben von Meinen Zeichen!
GEJ|10|44|8|0|In dem der Geist der Wahrheit vorherrschend ist, der wird die Wahrheit Meiner Worte auch ohne irgendwelche äußeren Zeichen erkennen und wird in dieser Wahrheit vollends frei werden und alle Knechtung von sich weisen.
GEJ|10|44|9|0|Meine Lehre wird bleiben und ewig nimmerdar vergehen; aber alle Zeichen, die Ich gewirkt habe und noch wirken werde, werden nur mit der Zeit gleich also wie eine andere geschichtliche Erzählung sich zum größten Teil von Mund zu Mund mit manchen Umgestaltungen und Verfälschungen hie und da erhalten und in der späteren Zeit bei den aufgeklärteren Menschen wenig oder auch gar keinen Glauben finden. Doch aus der reinsten Wahrheit Meiner Lehre werden die Menschen auch in den spätesten Zeiten leicht innewerden, wer Der war, der sie den Menschen gegeben hat. Darum machet auch nun schon nicht zu viel Aufhebens von Meinen Taten, außer von jenen Meiner Liebe!“
GEJ|10|44|10|0|Das machte eine gute Wirkung bei den Römern, die sonst wohl auf die Zeichen und Wunder die größten Stücke hielten, aber durch diese Meine Belehrung zu einer ganz anderen und besseren Ansicht gekommen sind.
GEJ|10|45|1|1|45. — Die Einwände des Unterführers (Dieners)
GEJ|10|45|1|0|Ein Unterdiener, auch ein gelehrter Römer, sagte dennoch nach einer Weile tieferen Nachdenkens: „Herr und Meister, Ich sehe die Wahrheit Deines uns hier erteilten, weisesten Rates wohl ein, kann aber doch nicht umhin, hier eine kleine Gegenbemerkung zu machen!
GEJ|10|45|2|0|Wenn man bei der Weiterverbreitung Deiner Lehre von Deinen Zeichen und Taten, die zu bewirken nur einem Gott möglich sind, kein Aufheben machen soll, so erscheinst Du dem gewöhnlich nur natürlich denkenden Menschen auch nur als ein wohl recht weiser Volkslehrer, der aus den besten Vernunftgründen schöpfend den Nebenmenschen auch die besten Lehren gibt, ohne darum ein Gott zu sein. Denn es hat ja unter allen uns bekannten Völkern, besonders in den lange schon vergangenen Zeiten, gar sehr weise Lehrer gegeben, welche die Menschen in allerlei nützlichen Dingen unterrichtet und ihnen auch die Begriffe von einem Gott beigebracht haben, die mit der Zeit freilich sehr verunstaltet worden sind.
GEJ|10|45|3|0|Diese Lehrer sind sicher auch von Deinem Geiste für ihr Amt unterwiesen worden, aber sie waren darum doch nicht Du unmittelbar Selbst, und so war es denn auch leicht möglich, daß ihre Lehren nicht als ein lebendiges Gotteswort betrachtet worden sind, sondern nur für aus der Erfahrung und aufmerksamen Beobachtung der Natur und ihrer wechselweisen Erscheinungen vieler Menschen durch viele Jahrhunderte als ein weises Menschenwort angesehen und zum Nutzen der Menschen ins praktische Leben so oder so aufgenommen wurden.
GEJ|10|45|4|0|Der Bergmann lernte die Metalle kennen und bearbeiten; der Landmann fing an, die Felder mit Getreide anzubauen; der Gärtner veredelte die Obstbäume, die Reben und noch andere Früchte und heilsame Kräuter; der Hirte fing auf eine geordnete Weise an, seine Herden zu pflegen; man fing an, bessere Wohnhäuser und am Ende große Städte zu erbauen, und fing auch an, den Leib stets zweckmäßiger zu bekleiden.
GEJ|10|45|5|0|Und alle diese Lebensvorteile und viel anderes hatten die Menschen einzelnen urweisen Lehrern zu verdanken, und wir selbst sind ihnen sicher auch noch vielen Dank schuldig, indem wir ohne sie noch jenen höchst rauhen und ganz überbarbarisch wilden Skythenhorden glichen, die mit ihren wilden Tierherden in den Erdhöhlen und alten, hohlen Bäumen wohnen, keine eigentliche Sprache haben, sondern den Tieren des Waldes gleich heulen und von einer Gottheit keinerlei Begriff haben und ebenso nicht von einer sonstigen Bildung.
GEJ|10|45|6|0|Bei diesen Völkern ist sicher noch nie ein weiser Lehrer aufgestanden, weshalb sie sich denn auch noch in einem Zustande befinden, der sich von dem der wilden Tiere des Waldes wenig unterscheidet. Wenn unter ihnen auch einmal ein oder mehrere weise Lehrer aufstehen werden, so werden sie auch nach und nach zu einer höheren Menschenbildungsstufe gelangen; aber wenn so ein Lehrer für sein Volk auch noch so weise Lebensgrundsätze aufstellen und dadurch sein Volk erheben wird, – wird er darum Dir gleich ein allein wahrer Gott sein, und wird er vermögen, bloß durch seinen Willen und durch sein lebendiges Wort Kranke zu heilen, leere Schläuche mit dem besten Weine und die Teiche mit Fischen zu füllen in einem Augenblick?!
GEJ|10|45|7|0|Es ist daher nun ein himmelhoch großer Unterschied, ob die Menschen von einem erweckten Menschenlehrer oder – wie es nun hier der augenscheinlichste und handgreiflichste Fall ist – unmittelbar von Gott Selbst über alles belehrt werden!
GEJ|10|45|8|0|Darum sollten aber die Menschen nach meiner menschlich vernünftigen Ansicht nicht nur allein Deine allerweiseste und wahrheitsvollste Lehre überkommen, sondern auch erfahren, daß diese Lehre nicht aus dem Munde eines weisen Menschen, wie in den Urzeiten, sondern unmittelbar aus dem Munde Gottes kam, der nach Seinem ewigen Ratschlusse die Menschennatur und -gestalt körperlich annahm, aber dabei durch diese nur Gott allein möglichen Taten, für welche Tausende von Zeugen bürgen können, mehr als handgreiflich klar bewies, daß er kein Mensch, sondern der vollsten und unbezweifeltsten Wahrheit nach der allein eine Gott Selbst war!
GEJ|10|45|9|0|Um den blinden Menschen, die von der eigentlichen Lebenswahrheit noch lange nicht einen leisesten Begriff haben, das begreiflich und anschaulich zu machen, kann und darf man Deine Wundertaten nicht verschweigen, sondern muß sie auch treu und wahr, wie, wo und bei welchen Gelegenheiten sie von Dir gewirkt worden sind, den Menschen mit der Heilslehre verkünden.
GEJ|10|45|10|0|Ich will gerade auch nicht behaupten, daß man gar alles den Menschen überliefern soll, was Du gewirkt hast an den vielen Orten, die Deine göttlichen Füße betreten und besucht haben; aber der Haupttaten darf nicht vergessen werden!
GEJ|10|45|11|0|Ob die gar späteren Menschen sie auch vielleicht nur als pure fromme historische Mythen betrachten werden, so macht das nach meiner Ansicht eben nicht viel der Wahrheit der Lehre Nachteiliges aus. Denn wer in der Lehre die Göttlichkeit Deiner Person herausfinden wird, dem werden Deine Taten auch als wahr und wohlbegreiflich vorkommen; wer aber Deine Lehre Deiner vor uns gewirkten Taten wegen, weil sie ihm etwa zu unglaublich vorkämen, nicht annehmen wird, der wird auch ohne die Wissenschaft (Kenntnis) von Deinen Taten die Lebenswahrheit in Deiner Lehre ebensowenig finden, wie sie bis jetzt die Templer zu Jerusalem und die Pharisäer an andern Orten gefunden haben! – Herr und Meister, habe ich recht oder nicht?“
GEJ|10|46|1|1|46. — Die Bedeutung der Wahrheit
GEJ|10|46|1|0|Sagte Ich: „Du hättest hier nicht so viele Worte zu machen brauchen, und Ich hätte den guten Willen und den reinen Sinn deiner ganz klaren Vernunft auch verstanden. Aber weil du schon einmal geredet hast, so ist es auch gut der andern wegen, weil du ganz gut geredet hast!
GEJ|10|46|2|0|Ich sagte ja auch nicht, daß der, welcher Meine Lehre irgend andern Menschen verkünden wird, Meiner Taten gar keine Erwähnung machen soll, aber nur solle davon nicht ein zu großes Aufheben gemacht werden, und dann sollen nur jene Taten vorzugsweise erwähnt werden, die Ich aus purer Liebe den Menschen erwiesen habe als ein Arzt und Helfer in der größten Not eines oder auch mehrerer Menschen.
GEJ|10|46|3|0|Von jenen Taten aber, die Ich – zwar auch aus Liebe zu den Menschen – gewirkt habe, um sie schneller von der Wahrheit Meiner Lehre zu überzeugen –, was nur in dieser Zeit besonders not tut, nicht aber in den künftigen Zeiten, in denen Mein Wort schon für und aus sich Zeichen wirken wird –, soll eben kein Aufheben gemacht werden. Denn das würde die Menschen bald mehr nach allerlei Wundern sehnsüchtig und lüstern machen, als nach der wahren Lebenswirkung Meiner Lehre im Menschen; und wundersüchtige Menschen sind dann auch durch falsche Wunder, die von falschen Lehrern und Propheten verübt werden, sicher um vieles eher und leichter von der eigentlichen und inneren Lebenswahrheit abwendig zu machen denn jene, die alles scharf prüfen und nur das Gute und Wahre für sich behalten.
GEJ|10|46|4|0|Ich werde allen, die an der Wahrheit Meiner Lehre ungezweifelt und tatsächlich festhalten, schon ohnehin die Macht geben, in Meinem Namen allerlei Zeichen der reinen Liebe zu wirken, und es wird demnach Mein Wort schon von selbst Wunder wirken, was zur Ausbreitung Meiner Lehre sicher dienlicher sein wird, als so ihr alle die vielen tausend von Mir gewirkten Zeichen den Menschen vorerzählen möchtet.
GEJ|10|46|5|0|Aber so euch aus dem lebendigen Geiste Meines Wortes die Gabe, Zeichen zu wirken, zuteil wird, so sollet ihr es auch nicht zu offen und zu bunt damit treiben, denn dadurch würdet ihr der guten Sache der Wahrheit Meiner Lehre bei weitem mehr schaden als nützen. Denn alles Aufgedrungene und Aufgenötigte erweckt Meinen Geist in der Seele nicht oder hie und da nur so teilweise.
GEJ|10|46|6|0|Nur die freie, selbst erwählte und unaufgezwungene Wahrheit, die das eigentliche Licht und Leben Meines Liebegeistes in der Menschenseele ist, vermag das. Darum vor den Menschen, die nach der Wahrheit dürsten, nur so wenig Wunder als möglich, wollt ihr nicht halbtote Glaubenspuppen aus ihnen bilden!
GEJ|10|46|7|0|Habt ihr aber schon vor den mehr in allerlei Weltwissenschaften erfahrenen Menschen ein oder das andere Zeichen gewirkt, so versäumet es niemals, ihnen auch den Grund des Gelingens zu zeigen, auf daß dadurch auch ihr Glaube an Mich ein lebendiger werde! Der Grund aber bin allzeit nur Ich, ohne den keiner etwas Wahres zu bewirken vermag.
GEJ|10|46|8|0|Wie aber den Menschen von einem schon helleren Geiste und kräftigeren Willen das zu erklären ist, darüber braucht keiner von euch sich den Kopf zu zerbrechen; denn wenn jemand von euch dessen benötigen wird, da wird es ihm schon auch von Wort zu Wort in den Mund gelegt werden! Denn die Mich lieben und Meine Gebote halten werden, zu denen werde Ich im Geiste aller Wahrheit Selbst kommen und Mich ihnen offenbaren. Die werden es dann schon von Mir Selbst erfahren, was Ich alles in dieser Zeit gelehrt und gewirkt habe.
GEJ|10|46|9|0|Denn wolltet ihr nun das alles in die Bücher schreiben mit allen Umständen und Seitenbegebnissen, so würdet ihr dazu auf hundert Jahre lang mehr denn tausend Schreiber benötigen; und so dann alles in beinahe zahllos viele und große Bücher aufgezeichnet wäre, wer würde sie da alle durchlesen und dabei aber auch gleich nach Meiner Lehre tun können, die er aus den vielen Büchern selbst in mehreren hundert Jahren kaum flüchtig durchlesen könnte? Aus dem werdet ihr nun alle wohl einsehen, warum ihr aus Meinen gewirkten vielen Zeichen kein großes Aufheben machen sollet! Die Wahrheit wird schon für sich wirken.
GEJ|10|46|10|0|Habt ihr dieses nun verstanden, so lasset uns ins Freie gehen, und Ich werde euch stärken und dann sagen, was heute noch alles zu geschehen hat!“
GEJ|10|46|11|0|Hier lobten alle Meine Weisheit, erhoben sich samt Mir vom Tische und gingen mit Mir ins Freie auf einen Hügel in der Nähe der Stadt Pella.
GEJ|10|47|1|1|47. — Des Hauptmanns Pellagius Frage über Besessenheit
GEJ|10|47|1|0|Als wir uns allesamt auf dem schon besagten Hügel befanden, von dem aus man einen Teil des Galiläischen Meeres sowie auch die Städte Abila, Golan und Aphek übersehen konnte, da legte Ich allen Anwesenden die Hände auf und erteilte ihnen die Macht, durch das Auflegen der Hände in Meinem Namen allerlei Kranke zu heilen und aus den Besessenen die bösen Geister auszutreiben.
GEJ|10|47|2|0|Auf diese Handlung fragte Mich der Hauptmann, sagend: „Herr und Meister, ich habe schon zu mehreren Malen Menschen gesehen und beobachtet, die sich ganz absonderlich benahmen und gebärdeten. Eine Zeitlang waren sie ganz ruhig, und befragte ich sie um dies und jenes, so gaben sie ganz vernünftige Antworten, und man merkte nichts von irgendeiner geistigen Verrücktheit. Aber auf einmal wurden sie von irgendeiner unsichtbaren Macht ergriffen, verzerrten ihr ganzes Wesen, fingen an zu toben und arteten aus in allerlei gräßliche Lästerungen gegen selbst die allbekannt besten Menschen und gegen die Götter oder über den einen Gott der Juden und gegen die Propheten, schlugen sich jämmerlich mit den Fäusten, und wollte man sie mit Gewalt bändigen, so brachen sie in eine schaudererregende Lache aus, und wer auf sie die Hand legte, der kam schlecht zu Teile.
GEJ|10|47|3|0|In der von hier eben nicht weit entfernten alten Gräberstadt Gadara kannte ich zwei, mit denen eine ganze römische Legion wenig oder nichts auszurichten vermochte. Sie hielten sich in den alten Gräbern auf und waren den Reisenden und auch den Einheimischen eine große Plage. Fing man sie und band sie mit Ketten und Stricken, so half das nichts; denn so sie von der geheimen Macht ergriffen wurden, da zerrissen sie selbst die stärksten Ketten und Stricke in einem Moment, schlugen sich und auch die andern, die sich ihnen zu nahen wagten, und so sie mit Soldaten umfangen wurden, da wurden diese mit Steinen derart beworfen, daß sie nicht schnell genug die Flucht ergreifen konnten, um nicht auf das furchtbarste verstümmelt zu werden. Und schoß man mit scharfen Pfeilen aus der Ferne nach ihnen, so lachten sie; denn selbst die besten und geübtesten Bogenschützen brachten keinen Pfeil in ihre Nähe.
GEJ|10|47|4|0|Das waren doch sicher von sehr bösen Dämonen besessene Menschen? Wer und was sind diese Dämonen, und warum wird es zugelassen, daß die an sich oft allerharmlosesten Menschen, ja mitunter sogar unschuldige Kinder von ihnen gequält werden?“
GEJ|10|47|5|0|Sagte Ich: „Von allem dem, danach du fragst, sind Meine Jünger und auch schon mehrere deiner Freunde in Rom und auch andernorts völlig unterwiesen, und du wirst darüber auch noch zur rechten Zeit ins klare kommen. Es genüge dir vorderhand nun, daß von Mir auch dir die Macht erteilt ist, derlei arge Geister aus den Menschen zu treiben durch die Macht und Kraft, die in Meinem Namen waltet; das aber, darum du Mich nun gefragt hast, wirst du von denen zunächst erfahren, die von dir geheilt werden, und vieles kannst du von Meinen Jüngern, die Zeugen waren, als Ich die Besessenen in Gadara geheilt habe, erfahren.“
GEJ|10|47|6|0|Als der Hauptmann solches von Mir erfahren hatte, da dankte er Mir für die Stärkung, gleichwie auch alle die andern bis auf den Judas Ischariot, der nicht auf diesen Hügel mit uns gezogen war, sondern sich unterdessen in der Stadt herumtrieb, um sich bei allen denen, die Ich geheilt hatte, ein sogenanntes Trinkgeld zu erbetteln, – eine Beschäftigung, die bei ihm nichts Neues oder Seltenes war; denn er war und blieb ein ordentlicher Dieb und Mäkler. Es erkundigte sich auch weiter niemand um ihn, und er ging auch niemandem ab.
GEJ|10|48|1|1|48. — Zwei Besessene werden zum Herrn gebracht
GEJ|10|48|1|0|Als Mir alle vielfach ihren Dank für die ihnen erteilte Kraft und Macht abgestattet hatten, da kamen ein paar Bürger aus der Stadt zu uns auf den Hügel. Der eine war der bekannte griechische Wirt, und der andere, sein Nachbar, war ein Römer und seiner Profession nach ein Schmied, der sich auch dann und wann mit der Heilung kranker Tiere und zuweilen auch kranker Menschen, besonders der Halbnarren und der mit der Epilepsie Behafteten, mitunter heilbringend abgab.
GEJ|10|48|2|0|Gerade an diesem Morgen hatte man aus der nahen Stadt Abila zwei nach des Schmiedes Meinung mit der dreifachen Epilepsie behaftete, noch junge Menschen zwischen zwanzig und nahe dreißig Jahren Alter in die Herberge des Griechen gebracht, um sie dort von dem Schmied heilen zu lassen. Der Schmied versuchte auch sogleich seine Mittel; aber sie fruchteten nichts, und die beiden fingen darauf erst recht zu toben an und stießen gegen den Schmied und auch gegen den Wirt die schmählichsten Lästerungen aus und drohten, ihnen zu schaden in allem ihrem Handeln und an Leib und Leben.
GEJ|10|48|3|0|Da sagte der ganz durch und durch erschrockene Wirt zum Schmied: „Der große Herr und Meister, der mit aller göttlichen Kraft und Macht erfüllt sein muß, ansonst Er gestern nachmittag nicht so viele mit den sonst unheilbarsten Krankheiten behaftete Menschen vollkommen geheilt hätte, wird sicher noch hier sein; gehen wir Ihn aufsuchen! In der Judenherberge werden wir Ihn wohl erfragen.“
GEJ|10|48|4|0|Darauf eilten sie zur Judenherberge, fragten nach Mir, und es ward ihnen gesagt und gezeigt, wo Ich Mich aufhalte. Von da kamen sie denn auch sehr eiligen Schrittes zu Mir und erzählten Mir alles, was sich an diesem Morgen bei ihnen zugetragen hatte.
GEJ|10|48|5|0|Und Ich sagte zu ihnen: „Das sind keine von der Epilepsie Befallene, sondern das sind zwei gar arg besessene Menschen; in dem einen befinden sich fünf arge Geister und in dem andern, welcher der ältere ist, gar siebzehn. Bringet sie hierher, und es soll ihnen hier geholfen werden!“
GEJ|10|48|6|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, das wird etwas schwer halten; denn die beiden sind ganz entsetzlich unbändig und so stark, daß keinen von ihnen zwanzig starke Menschen festhalten können und sie auch niemanden an sich herankommen lassen!“
GEJ|10|48|7|0|Sagte Ich: „Wie sie von Abila zu euch gebracht worden sind von ihren Leuten, ebenso werden sie von denselben Leuten auch hierher gebracht werden können. Darum gehet und bringet sie hierher!“
GEJ|10|48|8|0|Auf das gingen der Wirt und der Schmied gleich wieder nach Hause und hinterbrachten das sogleich denen, welche die beiden Besessenen von Abila nach Pella gebracht hatten; und diese versuchten, die beiden Besessenen zu Mir zu bringen.
GEJ|10|48|9|0|Aber diese wollten anfangs nicht, und mehrere wohlunterscheidbare Stimmen ließen sich aus dem Munde der beiden also vernehmen: „Was haben wir mit dem Sohn des allerhöchsten Gottes zu tun? Sollen wir uns vor der Zeit von der Macht Seines Willens und Wortes quälen lassen?“
GEJ|10|48|10|0|Sagte aber nun der Wirt: „So ihr durchaus nicht gehen wollt, so werdet ihr durch Seine Allmacht wohl dazu genötigt werden, und euer Widerstreben wird euch kein nütze sein!“
GEJ|10|48|11|0|Da schrien alle Argen aus den zweien: „Das wissen wir wohl, daß wir der Macht Seines Willens nimmerdar widerstreben können; aber Trotz bieten wollen wir demselben, so lange, als es nur immer möglich sein wird!“
GEJ|10|48|12|0|Sagte der Wirt nun: „Höret, ihr argen Geister, die ihr euch erfrecht, dem allmächtigen Willen des Herrn zu trotzen; jetzt will es der Herr und ihr erhebet euch und gehet!“
GEJ|10|48|13|0|Als der Wirt diese Worte, mit denen Ich ihm fühlbar als mit Meinem Willen den seinen unterstützt habe, ausgesprochen hatte, da erhoben sich die beiden und ließen sich von ihren Leuten, die dem Wirte und dem Schmied folgten, gleich ohne alles Sträuben zu Mir hinführen.
GEJ|10|49|1|1|49. — Pellagius heilt einen Besessenen
GEJ|10|49|1|0|Als sie bei Mir ankamen, da sagte der Wirt: „Herr und Meister von Ewigkeit, hier sind die beiden! Es hatte seine Not mit ihnen, sie hierher zu bringen; nur der Macht Deines Willens konnten sie nicht widerstreben.“
GEJ|10|49|2|0|Sagte Ich: „Es ist gut, daß sie hier sind, auf daß ihr den Unterschied zwischen den sogenannten Narren, den Epileptikern und den wirklich von argen Geistern Besessenen einmal ordentlich kennenlernt.
GEJ|10|49|3|0|Diese aber gehören zu den schon sehr arg Besessenen und können von seiten der Menschen nur durch Beten und vieles Fasten von den sie besitzenden wahren Philistergeistern befreit werden; doch hier hat es weder des Betens noch des Fastens vonnöten.
GEJ|10|49|4|0|Den Jüngeren, der nur mit fünf Geistern behaftet ist, kann ein jeder von euch, die ihr von Mir gestärkt worden seid, von seinen Geistern befreien; doch den Älteren, der mit siebzehn Geistern besessen ist, würde von euch ohne Meinen besonderen Machtwillen niemand von seiner argen Inwohnerschaft zu befreien vermögen, weil für diesen Zweck euer aller Glaube noch zu wenig der wahr göttlich lebendigen Kraft innehat. Diese wird euch erst dann werden, wenn ihr von Meinem Geiste völlig durchdrungen sein werdet, – was bei euch nun noch nicht der Fall ist.
GEJ|10|49|5|0|Ich aber bestimme nun dich, Freund Pellagius, für den Jüngeren. Lege ihm in Meinem Namen deine Hände auf und sage: Im Namen Jesu, des Herrn, gebiete ich euch, aus diesem Menschen uns allen sichtbar zu fahren, und zwar in der Gestalt, die euch eigen ist aus eurer alten hartnäckigen Bosheit!
GEJ|10|49|6|0|So du, Freund, das tun wirst, da werden die fünf Dämonen alsogleich aus dem Menschen, ihn für immer verlassend, herausfahren. Gehe denn hin und tue das!“
GEJ|10|49|7|0|Da ging der Hauptmann hin zu dem Besessenen und tat das, was und wie Ich es ihm angeraten hatte; und es fuhren die fünf argen Geister in der Gestalt von fünf dampfartigen und mit Fledermausflügeln versehenen Schlangen aus dem Menschen und flogen eine Zeitlang über unseren Häuptern umher.
GEJ|10|49|8|0|Und es ward eine Stimme, von den Geistern ausgehend, von uns allen, also lautend, ganz klar vernommen: „Herr, Du Allmächtiger, wann wird denn für uns hart Gefangene eine Erlösung tagen?“
GEJ|10|49|9|0|Sagte Ich: „Wenn euer Wille ein anderer wird! So auch ihr Geister die Wahrheit kennt und euch das Licht des Lebens nicht fremd ist, – warum bleibt ihr denn schon seit tausend Jahren nach dieser Erdzeit an der alten Lüge und ihren Werken starren Eigenwillens hängen? Ändert euren Willen und flehet Den, der ein Herr über alles von Ewigkeit her ist und auch fortan ewig sein wird, um Gnade und Erbarmen an, so wird auch für euch die Erlösung tagen!“
GEJ|10|49|10|0|Sagten die Geister: „Herr, wir wollen das; aber gib Du uns einen andern und bessern Willen, und erweise uns also Deine Gnade und Erbarmung! Erlöse uns von dem alten Übel der Lüge und ihrer Werke; denn auch wir sind Nachkommen Abrahams, wenngleich von Esau abstammend!“
GEJ|10|49|11|0|Sagte Ich: „Wie ihr selbst wollet, also geschehe euch! Nun begebet euch wieder dahin, wohin euch eure Liebe und euer Wille treibt!“
GEJ|10|49|12|0|Sagten die Geister: „Herr, wir verspüren in uns nun weder eine Liebe noch irgendeinen Willen! Darum laß Du mit uns geschehen nach Deinem Willen und nach Deiner Gnade; denn wir sind unseres Willens und unserer Liebe satt und müde geworden!“
GEJ|10|49|13|0|Sagte Ich: „So erhebet euch in jene Region dieser Erde, in der euch reinere Brüder weiterführen werden!“
GEJ|10|49|14|0|Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da bekamen die fünf Geister Menschengestalten, wie aus lichteren Wasserdünsten geformt, ergriffen sich und entschwebten darauf in der Gestalt eines stets durchsichtiger werdenden und dann bald ganz verschwindenden und nicht mehr sichtbaren Lämmerwölkchens.
GEJ|10|49|15|0|Der von seinen fünf Plagegeistern Befreite aber kam zu Mir hin und sagte: „O Herr und Meister, vor allem danke ich Dir, daß Du mich von meiner großen Qual befreit hast; dann aber bekenne ich als ein Heide, daß ich von nun an an keinen unserer vielen Götter glauben und ihn verehren werde, sondern Du allein bist der Gott aller Götter, Menschen und aller Kreatur dieser Erde, und alle Dämonen müssen ihre Knie beugen vor Deinem Namen! Darum Dir allein ewig alle Ehre, alle Liebe und alles Lob!
GEJ|10|49|16|0|Und was ich nun laut ausgesprochen habe, das beschwöre ich auch vor allen Menschen und vor allen Göttern, an denen noch zahllos viele Menschen festhalten und ihnen opfern, die aber nichts sind und keine Macht und keine Gewalt besitzen.
GEJ|10|49|17|0|Sollte es aber noch irgendeinen höheren Gott geben, gegen den ich mich nun durch dies mein offenstes Bekenntnis irgend versündigt habe, so schleudere er einen Blitz aus den Himmeln nach mir und töte mich!“
GEJ|10|49|18|0|Seine Leute, die noch Heiden waren, erschraken über den Schwur des jungen Menschen und erwarteten, daß der Zeus das sehr übel aufnehmen und den Befreiten sicher mit einem Blitz aus dem Himmel verderben werde.
GEJ|10|49|19|0|Aber da kein Blitz kommen wollte, so sagte der junge Mensch zu seinen Leuten: „Warum erwartet ihr eine Strafe von dorther, von woher keine zu erwarten ist, da es keinen Zeus und noch weniger einen Blitz in seiner Macht und Hand gibt und nie gegeben hat?
GEJ|10|49|20|0|Sehet, Der hier, vor dem ich dankbar knie, ist der wahre und allmächtige Zeus! So Er sagen würde, daß nun sogleich tausendmal tausend Blitze aus den Wolken oder aus dem reinsten Himmel zur Erde niederfahren sollen, so werden sie auch niederfahren und verderben, was Er zum Verderben bestimmt hat.“
GEJ|10|49|21|0|Sagte Ich zum Befreiten: „Stehe auf, Mein Sohn, und bleibe bei deinem neuen Glauben, und du wirst nimmerdar zu einem Schaden kommen! Aber lasset uns auch deinen Bruder von seinen siebzehn Plagegeistern befreien!“
GEJ|10|50|1|1|50. — Der Herr treibt siebzehn Geister aus einem Besessenen
GEJ|10|50|1|0|Als Ich das sagte, befiel die anwesenden Heiden eine Furcht und große Angst; denn sie hatten schon vor den fünf Geistern einen großen Respekt bekommen.
GEJ|10|50|2|0|Ich aber erhob Mich schnell von Meinem Platze, trat zum Besessenen hin und sagte mit aufgehobener Hand: „Ich will es, und so fahret, allen Anwesenden sichtbar, aus den Eingeweiden dieses Menschen, den zu besitzen und zu plagen ihr kein Recht habt!“
GEJ|10|50|3|0|Da rissen sie den Menschen noch ein paar Male, daß er darob zu Boden fiel, sich aber alsbald wieder erhob, als die Arggeister in der Gestalt von kleinen, schwarzen Krokodilen ausfuhren.
GEJ|10|50|4|0|Diese sahen viel dichter aus, konnten sich nicht in die Luft erheben, sondern krochen am Boden umher, richteten endlich gegen Mich ihre Rachen und kreischten Mich also grimmig an (die Geister): „Was haben wir mit Dir zu tun? Wir kennen Dich nicht, haben auf der Erde nie wider Deine Gesetze, die nie da waren, handeln können! Nach welchem Recht willst Du uns nun züchtigen? Warum hast Du uns mit Deiner Übermacht aus dieser unserer Wohnung getrieben, die wir schwer erobert haben?“
GEJ|10|50|5|0|Sagte Ich: „Waret ihr nicht Zeugen, als Ich auf dem Berge Sinai die Gesetze gab? Wer trieb euch damals an, Mir zu trotzen, Meiner zu spotten, euch aus Gold ein Kalb zu machen und es dann an Meiner Statt anzubeten? Ihr waret eben die Haupträdelsführer und habt viel Volkes beredet und es von Mir abwendig gemacht; wie saget ihr nun, daß Ich euch völlig fremd und unbekannt sei und euch auch niemals Gesetze gegeben hätte, nach denen Ich nun mit Recht euch zu gebieten hätte?!
GEJ|10|50|6|0|Was euch damals widerfuhr, als Moses zu euch hinab ins Tal kam und im gerechten Zorneifer die steinernen Gesetzestafeln zerschlug, das widerfahre euch auch jetzt. Darum hebet euch von hier; denn für euch wird noch lange keine Erlösung tagen!“
GEJ|10|50|7|0|Darauf fingen sie an, von uns über die Steilen des Hügels jählings hinabzukriechen in einen sumpfigen und mit allerlei Unkraut dichtbewachsenen Graben und machten ein Geheul und wildes Gekrächze.
GEJ|10|50|8|0|Da sagte der Hauptmann zu Mir: „O Herr und Meister, dieser Graben wird allen Bewohnern dieses Ortes zu einem Unheil werden, so Du ihn nicht von diesen siebzehn Argdämonen reinigen wirst; denn vor diesen wahren Bestialgeistern habe selbst ich mich zu fürchten angefangen! Darum wolle Du sie nicht in diesem Graben weilen lassen!“
GEJ|10|50|9|0|Sagte Ich: „Wartet nur ein wenig, bis Ich mit dem Geheilten fertig bin, dann werden wir schon sehen, wie sich dieser Graben reinigen lassen wird!“
GEJ|10|50|10|0|Hierauf fiel auch der zweite Geheilte vor Mir auf seine Knie nieder, dankte Mir für die Heilung von seiner mehrjährigen Plage und machte dann das gleiche Glaubensbekenntnis, das sein Bruder zuvor gemacht hatte, und bat Mich darauf, daß Ich der Bitte des Hauptmanns eingedenk bleiben möchte; denn auch er könne nun nicht ohne Grauen in diesen schmutzigen Graben hinabschauen.
GEJ|10|50|11|0|Sagte Ich: „Nur eine kleine Weile der rechten Geduld noch; denn wir wollen zuvor noch sehen, ob da nicht einer der siebzehn Geister in einer andern Gestalt zurückkehrt und mit Mir zu rechten anfängt! Denn auch diese Geister haben einen noch völlig freien Willen.“
GEJ|10|50|12|0|Sagte der Hauptmann: „Herr und Meister, woher kommt es denn, daß diese Geister in der Gestalt mir bekannter, ganz abscheulicher Tiere uns ersichtlich wurden? Die ersten fünf haben freilich wohl ihre Gestalt am Ende geändert; aber die siebzehn blieben, wie sie uns ersichtlich wurden, in ihrer gar grauenhaft häßlichen Gestalt und entfernten sich von hier auch in derselben Gestalt. Woher kommt es also, daß solche Geister in solcher Gestalt den Menschen ersichtlich werden?“
GEJ|10|51|1|1|51. — Das Wesen der fünf zuerst ausgetriebenen Geister
GEJ|10|51|1|0|Sagte Ich: „Weil diese Gestalt ihrer inneren bösen Gierliebe entspricht! Die geflügelte Schlange entspricht zwar einem gewissen Grade der weltlichen Klugheit und kann mit der feinen Kriegslist eines Feldherrn verglichen werden; aber so du diese Klugheit näher betrachtest, so wirst du in ihr sehr wenig Nächstenliebe, aber an ihrer Statt ungeheuer viel Selbstsucht, Herrschgier und zügellosesten Hochmut entdecken. Und sieh, diese innere Seelenbeschaffenheit erscheint in Meinem allerhöchsten Wahrheitslichte eben in einer solchen Gestalt, die ihr vollkommen entspricht!
GEJ|10|51|2|0|Denke du dir eine geflügelte Schlange, wie es deren in Mittel- und Südafrika noch hier und da welche in der Natur gibt und es zur Zeit der Philister in sehr heißen Jahren auch hierzulande gegeben hat! Es ist schon schwer, mit einer ungeflügelten Schlange – ihrer geheimen List wegen – einen Kampf aufzunehmen, und es ist die Flucht vor ihr für den gewöhnlichen Menschen noch immer das beste Mittel, ihrer List zu begegnen.
GEJ|10|51|3|0|Bei der geflügelten aber hilft gar oft auch die Flucht nichts, sondern nur ein ehernes Gewand und ein scharfes Schwert in der Hand eines wohlgeübten Kämpfers. Und dieses eherne Gewand ist hier Meine Liebekraft in euch, und das scharfe Schwert ist hier Mein Wort, und die alles zu besiegen vermögende Wahrheit Meines Wortes ist der wohlgeübte Kämpfer und ein wahrer Held aller Helden.
GEJ|10|51|4|0|Aus dem kannst du nun schon entnehmen, warum die ersten fünf Geister hier vor Mir in der Gestalt geflügelter Schlangen erscheinen mußten; denn sie waren zur Zeit der Kriege der Juden mit ihnen gar sehr verschmitzte Feldherren und hatten nichts als ihren eigenen Nutzen, Gewinn und Ruhm vor Augen; denn ein jeder trachtete, für sich ein Königreich zu gründen.
GEJ|10|51|5|0|Der Mensch, den sie nun einige Jahre lang geplagt haben, ist ein Abkömmling ihres Geschlechtes; sie fanden in ihm ein großes Feldherrntalent noch im tiefen Schlummer, beschlichen darum seine Eingeweide, um dieses besagte Talent, durch das sie ihn mit der Zeit gar auf den Thron Roms zu bringen wähnten, in ihm zu wecken, was ihnen aber nicht gelingen konnte, weil sie durch ihr Gebaren mit seinem Leibe die in der Seele schlummernden Fähigkeiten nur schwächten, aber nicht belebten.
GEJ|10|51|6|0|Man ließ ihnen zu, ihren Willen an dem Menschen zu versuchen, um sie selbst zu der Überzeugung zu bringen, daß ihr Vorhaben ein eitel törichtes und nach ihrer finsteren List ein unausführbares ist.
GEJ|10|51|7|0|Da sie es darob in dieser letzteren Zeit aber mit dem Menschen in ihrem Grimme zu arg haben zu treiben angefangen, so war es denn auch an der Zeit, ihn von ihnen völlig zu befreien.
GEJ|10|51|8|0|Und es war das alles wohl vorgesehen und gut für diesen Menschen und auch für die fünf Geister; denn der Mensch hat auf diesem Wege Mich und mit Mir das ewige Leben seiner Seele gefunden, und die fünf Geister sind bei dieser Gelegenheit von der alten Torheit ihrer nichtigen und nie zu realisierenden Gier geheilt worden und haben den Weg in die Demutschulen der schon besseren Geister betreten. – Da hast du nun in Kürze alles, was die fünf ersten Geister betrifft.“
GEJ|10|52|1|1|52. — Die Geschichte der siebzehn Geister
GEJ|10|52|1|0|(Der Herr:) „Was aber da betrifft die Gestaltung der siebzehn Geister, so entspricht diese der nie zu sättigenden Freßgier eben der Tiere, in deren Gestalt sie hier ersichtlich werden mußten.
GEJ|10|52|2|0|Als Ich auf dem Berge Sinai dem Moses unter Blitz, Donner, Feuer und Rauch für das israelitische Volk zunächst die Gesetze diktierte, da verlangte Moses auf Mein Geheiß von dem gefräßigen Volk unter Hinweisung auf Meine Gegenwart eine gerechte Nüchternheit, auf daß ihre Seelen aufnahmefähiger für die Wahrheiten wären, die ihnen vom Berge herab verkündet würden.
GEJ|10|52|3|0|Das Volk aber bat Moses und durch ihn auch Mich, daß es wegen der großen Furcht und Angst ob des beständigen Blitzens, Donnerns und ob des Feuers und Rauches sich vom Berge in ein fernes Tal hin zurückziehen dürfe; es werde sich allda ganz nüchtern verhalten, und Moses mit seinem Bruder Aaron möchten allein mit Mir die große Sache abmachen.
GEJ|10|52|4|0|Auf ein längeres Bitten und Drängen des einen großen Volksteiles ward die Gewährung dessen Verlangens erteilt. Der große Teil des Volkes zog sich denn auch sogleich mit allen seinen Habseligkeiten in ein vom Berge ziemlich weit entlegenes Tal. Einige Wochen hielt er sich wohl so ziemlich dem Verlangen des Moses entsprechend. Da aber Moses verzog, so fing das Volk an, seiner und Meiner zu vergessen, schlachtete Kälber und Schafe und hielt Mahlzeiten über Mahlzeiten.
GEJ|10|52|5|0|Da trat einer von diesen siebzehn auf und verlockte das Volk; denn er goß mit Hilfe der andern ein goldenes Kalb, lud das Volk zusammen, und sagte: ,Das ist unsere Hauptkost, und ihr verdanken wir das Leben in dieser mageren Wüste, in der unsere Herden nur mit Mühe kaum ihr hinreichendes Futter finden! Dieses kostbare Symbol lasset uns hoch verehren und anbeten! Bestellet nun Mahlzeiten über Mahlzeiten, und lasset uns um dieses Symbol fröhlich und heiter sein! Dann erwählet uns zu euren Heerführern, und wir werden euch eher in ein fettes Land zu führen imstande sein denn der unser ganz vergessen habende Moses mit seiner Lade! Wir haben es in Ägypten von den schlauen Krokodilen erlernt, wie man zu verfahren hat, um für sich eine gute Beute zu erjagen; darum folget uns, und es wird uns an fetten Mahlzeiten nicht fehlen!‘
GEJ|10|52|6|0|Und siehe, viele ließen sich verleiten, daß sie taten, was diese Haupträdelsführer ihnen anrieten!
GEJ|10|52|7|0|Ich aber ließ Moses zu ihnen kommen, als eine Menge um das goldene Kalb tanzte. Er geriet, von Mir angetrieben, in einen gerechten Zorneifer, zerbrach die steinernen Gesetzestafeln, und es kamen gleich darauf geflügelte Schlangen also, als wären sie glühend, welches dem gerechten Zorneifer Mosis entsprach, bissen die Abtrünnigen, und wer da gebissen ward, der mußte sterben. Darunter befanden sich denn auch vorzüglich unsere siebzehn Geister, die mit der Schlauheit und Gefräßigkeit der Krokodile sich fette Länder und fette Braten erjagen wollten, – aus welchem Grunde sie denn auch hier noch in dieser ihrem Charakter entsprechenden Gestalt erscheinen mußten.
GEJ|10|52|8|0|Dieser Mensch stammt zwar nicht von einem der siebzehn ab; aber er war schon von seiner Kindheit an ans viele Essen gewöhnt und ist dadurch später zu einem wahren Vielfraße geworden, und diese seine arge Beschaffenheit hatte den siebzehn argen Geistern den Eingang in seine Eingeweide verschafft.
GEJ|10|52|9|0|Aber er hat dabei gewonnen. Da sie seinen Leib anfangs zu noch mehr Fraß antrieben, so verlor sein Magen bald die Verdauungskraft, und der Mensch konnte darauf beinahe nichts mehr verzehren, so daß man sich zu wundern begann, wie er nahezu ohne alle Speise leben könne. Dadurch aber verlor er denn auch seine Vielfraßgier, und seine Seele ward dadurch geistiger und in sich kräftiger; und da nun sowohl sein Leib und noch mehr seine Seele in eine rechte Ordnung kam, so war es auch an der rechten Zeit, auch ihn von seinen Plagegeistern zu befreien.
GEJ|10|52|10|0|Zugleich aber hatte dies Doppelbesessensein noch einen andern großen Nutzen, und das namentlich für die beinahe um allen Glauben gekommenen Abiläer; denn sie waren zumeist der Lehre des Diogenes zugetan, also Stoiker in hohem Grade, und glaubten an kein Fortleben der Menschenseele nach des Leibes Tode.
GEJ|10|52|11|0|Nun, dies Doppelbesessensein hat denn bei manchem schon den Glauben an das Fortleben der Seele nach dem Leibestode wenn auch nicht ganz, aber doch so gut zur Hälfte wachgerufen, und es wird nun durch die von beiden Besessenen und von ihren Leuten erlebte und gesehene Erscheinung ein leichtes sein, die Bewohner Abilas von ihrem schon stark verrosteten Stoizismus ganz zu befreien.
GEJ|10|52|12|0|Und so geschieht in dieser Welt als von Mir zugelassen nichts, das da nicht zum Heile der Menschen dienen könnte, was du, Mein Freund, und auch die andern hier Anwesenden mit dir gar wohl einsehen werden.
GEJ|10|52|13|0|Da du jetzt auch weißt, wie du mit den siebzehn Geistern daran bist, so wollen wir nun warten, ob einer von ihnen zurückkehren wird.“
GEJ|10|53|1|1|53. — Die Ermahnung des Herrn an den Anführer der ausgetriebenen Geister
GEJ|10|53|1|0|Als Ich diese ziemlich lange, alles erklärende Rede in bezug auf das Besessensein beendet hatte, wofür Mir alle inbrünstigst dankten, da erhob sich aus dem schon bekannten Graben auf einmal ein schwarzer Nebel – dem ähnlich, der oft dem Kamin eines Töpfers entsteigt – und zog sich zu uns herauf und kam bald völlig in unsere Nähe.
GEJ|10|53|2|0|Als er sich uns auf zehn Schritte genaht hatte, da sagte Ich sehr laut: „Bis daher und nicht weiter! Entschleiere dich, und zeige dich in deiner Form!“
GEJ|10|53|3|0|Da ward aus dem schwarzen Nebel alsbald eine äußerst rauhe Mannsgestalt, sichtbar allen, die da waren. Die Gestalt aber war auch ganz so braunschwarz wie die eines Mohren und hielt auf dem Arm ein goldenes Kalb, als wollte sie damit anzeigen, daß das noch ihr Gott und ihre Liebe sei.
GEJ|10|53|4|0|Ich aber ließ einen gewaltigen Blitz in der Gestalt einer geflügelten Schlange mit starkem Gekrache aus dem Himmel herabfahren; der traf das goldene Kalb und vernichtete es in einem Nu.
GEJ|10|53|5|0|Da fing die Gestalt an, sich zu regen und zu krümmen und brachte am Ende die Worte heraus: „Herr, warum läßt Du uns nicht ungestört das genießen, was unsere Liebe will? Haben wir Dich doch niemals ersucht, daß Du uns erschaffen und dann nach Deinem Wohlgefallen Tausende von Jahren und ganze Ewigkeiten lang quälen sollst! Hast Du uns aber ohne unser Wollen einmal erschaffen und uns auch eine Liebe und einen freien Willen eingehaucht, – warum strafst Du uns denn, so wir nach unserer Liebe und nach unserem Willen handeln?“
GEJ|10|53|6|0|Sagte Ich abermals mit sehr lauter Stimme: „Wer in der ganzen ewigen Unendlichkeit kann Mir, dem alleinigen Herrn voll aller Macht und Kraft, denn vorschreiben, was Ich tun soll? Nur Meine ewige Liebe schreibt es Mir vor, was da zu geschehen hat, und Meine ewige und endloseste Weisheit ist der Handlanger und Ordner der Allmacht Meines Willens!
GEJ|10|53|7|0|Ich habe euch durch Meinen gerechten Knecht Moses aus der harten Knechtschaft Ägyptens erlöst, als ihr eure Erstlinge habt töten müssen; Ich habe euch in der Wüste ernährt, und es hat niemand Hunger und Durst gelitten – außer einigen von euch, die sich im Lande der Greuel zu sehr der für die Menschenseelen höchst verderblichen Völlerei ergeben haben. Diesen riet Ich Nüchternheit an zum Heile ihres Leibes, und besonders zum Heile ihrer Seele.
GEJ|10|53|8|0|Warum verlangtet ihr, die Ich zu Meinen Kindern umgestalten wollte am Berge der Erkenntnis, euch von Mir zu entfernen? Weil ihr euch unter Meinem Lichte nicht zu schwelgen getrautet! Ihr habt euch dann entfernt, um zu schwelgen und an Meiner Vaterstatt ein totes, von euren Händen verfertigtes goldenes Kalb anzubeten!
GEJ|10|53|9|0|Wer hat euch denn diesen Sinn in eure Liebe gehaucht? Ich wahrlich nicht, sondern ihr selbst durch euren freien Willen, ohne den ihr Tiere wäret und euch nie zu Meinen Kindern heranbilden könntet!
GEJ|10|53|10|0|Seid ihr durch euren freien Willen von Mir abgefallen, – warum erhebt ihr euch denn nicht wieder durch euren immer noch freien Willen abermals zu Mir?
GEJ|10|53|11|0|Ihr meint, daß Ich euch da quäle? Oh, mitnichten! Ein jeder Teufel quält sich selbst durch seine Verkehrt- und Verstocktheit, so er mit derselben Meiner weisesten Ordnung widerstrebt und sie nach seiner bösen Liebe umzugestalten wähnt.
GEJ|10|53|12|0|Ich bleibe ewig ein und derselbe unveränderliche Herr über alle Sinnen- und Geisterwelt. Mit der reinen Liebe zu Mir und aus der zum Nächsten kann ein jeder Mensch und Geist mit Mir alles ausrichten und von Mir auch alles haben, aber mit einer Art Gewalt oder Trotz ewig nichts; denn Ich bin der Gewaltigste aller Gewaltigen und der Mächtigste aller Mächtigen.
GEJ|10|53|13|0|Aber Ich bin auch der Sanfteste aller Sanften, der Beste aller Guten und der Barmherzigste aller Barmherzigen. Wer in der wahren, reuigen Liebe zu Mir kommt und Mich um Erbarmung bittet, dem werde Ich sie nicht vorenthalten. Wer sich aber, so er Mich erkannt hat, gegen Mich auflehnt, der wird ewig zu keiner Erlösung gelangen, sondern sich selbst nur in ein stets größeres Elend stürzen.
GEJ|10|53|14|0|Das bedenke ein jeder arge Geist, ein jeder Teufel! Der Herr bin Ich, und außer Mir gibt es keinen mehr! Und nun hebe dich von hinnen!“
GEJ|10|53|15|0|Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da verschwand der Geist alsbald, und bald darauf ersah man aus dem Graben eben siebzehn dunkle Nebelbündel sich erheben, die von einem Winde dem Norden zugetrieben wurden.
GEJ|10|53|16|0|Und Ich sagte zum Hauptmanne: „Siehe, nun ist auch euer Wunsch erfüllt; denn die siebzehn dunklen Nebelbündel waren die siebzehn argen Geister. Der aber hier war, hat den andern sechzehn das gesagt, was er hier vernommen, und sie faßten den Entschluß, diese Regionen für immer zu verlassen und in den Wüsten des Nordens sich zu beraten, was sie tun werden. Denn in diesen Regionen würden sie durch ein gewisses entsprechendes Einfließen zu sehr von den Dingen dieser Welt erregt und können nicht in sich eingehen, sich beschauen und in ihrer sündhaftigsten Häßlichkeit erschauen. Es wird also auch bei diesen siebzehn Geistern noch eine Besserung eintreten; aber es wird unterdessen auf dieser Erde der Sommer noch gar oft den Winter zu verdrängen bekommen!“
GEJ|10|54|1|1|54. — Über die Gefahren beim Genuß unreiner Speisen
GEJ|10|54|1|0|Sagte der Hauptmann: „O Herr und Meister, sage es uns doch auch, wo sich derlei Geister auf dieser Erde zumeist aufzuhalten pflegen, auf daß wir solche unheimlichen Orte und Gegenden leichter meiden können! Denn wenn man in solche Gegenden kommt und hat irgend etwas Verwandtes mit solch einem Arggeiste, so kann es leicht geschehen, daß man von ihm beschlichen und am Ende gar in wahrlich nicht wünschenswerten Besitz genommen und geschädigt wird!“
GEJ|10|54|2|0|Sagte Ich: „Freund, davor hat sich niemand zu fürchten, der an Mich lebendig glaubt und Mich liebt durch die Werke eben Meiner Liebe in ihm! Aber solche Menschen, die noch tief in allerlei heidnischem Aberglauben stehen, haben sich allerorts und in aller Zeit vor derlei Geistern zu fürchten und sind auch stets mehr oder weniger von ihnen entweder umgeben oder gar besessen; denn alle die unlauteren Leidenschaften der Menschen werden von solchen Geistern erregt und beeinflußt, die einst selbst von gleichen unlauteren Leidenschaften ihr ganzes Leben hindurch beherrscht waren und ihnen mit Lust und Gier frönten.
GEJ|10|54|3|0|Solche unlauteren Geister – teils solche, die schon einmal im Fleische in dieser Welt gelebt haben, größtenteils aber solche Naturgeister, die noch niemals in ein Menschenfleisch eingezeugt worden sind – gibt es allenthalben: in der Luft, auf und in der Erde, im Wasser und im Feuer, in den Steinen, Metallen, Pflanzen, Tieren und auch im Blut und Fleisch der Menschen; darum sollen die Menschen auch nicht das Fleisch erstickter und unreiner Tiere essen.
GEJ|10|54|4|0|Im Notfall kann zwar auch das Fleisch von unreinen Tieren gegessen werden; aber es muß zuvor wohl gereinigt, mit Salz und guten Kräutern gebeizt, am Feuer getrocknet und darauf mit guten Kräutern geräuchert werden, auf daß es von den unreinen Geistern befreit werde.
GEJ|10|54|5|0|Das Fleisch der Raubtiere aber ist für die Menschen auch bei aller der von Mir euch angeratenen Vorsicht schädlich, weil aus demselben die unreinen Geister niemals völlig entfernt werden können.
GEJ|10|54|6|0|Ebenso sollen die Menschen auch nicht das Wasser aus unreinen Quellen trinken und sollen ihre Brunnen rein halten, wie das alles auch Moses aus Mir den Israeliten streng anbefohlen hat.
GEJ|10|54|7|0|Wer nach der Weisung Mosis dem Leibe nach leben wird, der wird sich vor der Besitzergreifung von seiten der argen und unlauteren Geister allzeit und allenthalben verwahren, und das um so sicherer, so er lebendig an Mich und Meine väterliche Fürsorge glaubt und alles in Meinem Namen anfängt, tut und beendet. Ohne das aber ist er in jedem Augenblick tausend Gefahren aller Art und Gattung leider durch seine eigene Trägheit, Unwissenheit und Dummheit ausgesetzt.
GEJ|10|54|8|0|So Ich nicht durch Meine Engel die Menschen, die schon von Natur aus eines besseren Sinnes und Willens sind, beschützen ließe, da würde es wohl wenig unbesessene Menschen auf dieser Erde geben! Aber darauf sollen sich die Menschen nicht allzusehr verlassen, weil Meine Engel dem Willen der Menschen keine Zügel anlegen. – Das demnach auch zu eurer Beachtung!“
GEJ|10|54|9|0|Als Ich das beendet hatte, da dankten Mir alle und priesen Meine Weisheit und Macht, und die Abiläer baten Mich, daß Ich auch ihre Stadt besuchen möchte; denn sie würden Mich daselbst ankündigen.
GEJ|10|54|10|0|Sagte Ich: „Das könnet ihr immerhin tun – doch die Zeit und die Stunde bestimme Ich nicht, wann Ich zu euch kommen werde; aber Ich werde dennoch auch zu euch kommen! Nun möget ihr euch wieder auf den Heimweg begeben! Nehmet aber zuvor bei eurem Wirte etwas Brot und Wein zu euch; das Fleisch der Schweine aber esset nicht, bevor ihr es nicht nach Meinem Rate werdet zubereitet haben!“
GEJ|10|54|11|0|Auf das dankten sie Mir noch einmal und begaben sich darauf mit dem griechischen Wirte und dem Schmied in die Stadt.
GEJ|10|54|12|0|Wir aber verweilten noch eine Zeitlang auf dem Hügel, und der Hauptmann und auch die andern Römer befragten Mich noch um mancherlei, und Ich hellte sie über ihre Zweifel auf.
GEJ|10|54|13|0|Es kam sogestaltig auch der volle Mittag heran, und es kam ein Bote von unserem Wirt, der bei uns weilte, auf den Hügel und lud uns zum Mittagsmahl. Und wir erhoben uns und folgten dem Boten.
GEJ|10|55|1|1|Der Herr in Abila
GEJ|10|55|1|1|55. — Die Reise nach Abila
GEJ|10|55|1|0|Als wir bei unserem Wirte ankamen, da standen vor des Hauses Flur eine Menge Menschen, die Mich nochmals sehen und sprechen wollten, indem sie von Meinen Taten wohl selbst Zeugen waren und von Meinen Lehren auch schon so manches vernommen hatten.
GEJ|10|55|2|0|Ich aber verwies sie an den Hauptmann Pellagius und sagte ihnen, daß sie von ihm Meine Lehre vollständig erhalten würden.
GEJ|10|55|3|0|Und der Hauptmann gelobte ihnen, daß er sie in allem unterweisen werde.
GEJ|10|55|4|0|Die Menschen waren damit zufrieden, zerstreuten sich nach und nach, und wir gingen ins Haus, wo das Mittagsmahl schon auf dem Tische stand. Wir nahmen das Mahl zu uns und waren dabei voll guter Dinge.
GEJ|10|55|5|0|Als wir das Mahl bald beendet hatten und Ich allen Anwesenden ankündigte, daß Ich in einer Stunde Zeit mit Meinen Jüngern nach Abila ziehen würde, da bat Mich der Hauptmann, ihm zu gestatten, Mich in diese Stadt und auch in die andern Orte und Städte, die unter seinem Kommando stünden, mit seinen Unterdienern und mit der Veronika geleiten zu dürfen.
GEJ|10|55|6|0|Und Ich gestattete ihm das, worüber er eine große Freude hatte und sogleich Anstalten zur Abreise machte.
GEJ|10|55|7|0|Nach einer Stunde Zeit verließen wir das Haus des Wirtes, der Mich mit seinem geheilten Sohne auch noch eine weite Strecke aus der Stadt hinaus begleitete, sowie auch der Griechenwirt und der bekannte Schmied und Tierarzt.
GEJ|10|55|8|0|Als Ich außerhalb der Stadt von den vieren Abschied nahm, da erteilte Ich auch dem Schmied die Macht, böse Geister aus den Menschen zu schaffen, wofür er Mich nicht genug loben und preisen konnte.
GEJ|10|55|9|0|Darauf zogen wir ziemlich raschen Schrittes auf einer guten Heerstraße nach Abila und erreichten diese nicht unbedeutende Stadt eine Stunde vor dem Untergange der Sonne.
GEJ|10|55|10|0|Auch diese Stadt war zumeist von Heiden bewohnt. Nur zehn jüdische Familien hatten in dieser Stadt ein sehr untergeordnetes Unterkommen und mußten den Heiden dienen und von ihnen leben. Alle zehn Familien hatten nur ein uraltes und ruinenartiges Haus zu bewohnen; sie hatten daher in dieser Stadt auch keine eigene Herberge und keine Synagoge.
GEJ|10|55|11|0|Als wir uns der Stadt nahten, da sagte Ich zum Hauptmann: „Gehe du mit den Deinen nun voraus in die Stadt, und lasse die zehn Judenfamilien wissen, daß Ich zu ihnen kommen und bei ihnen übernachten werde! Alles andere wird sich dann schon nachher von selbst geben.“
GEJ|10|55|12|0|Als der Hauptmann das von Mir vernommen hatte, da begab er sich mit den Seinen alsogleich eiligst voraus und ging auch sogleich zu den Juden und sagte ihnen, was sie zu erwarten hätten.
GEJ|10|55|13|0|Die bettelarmen Juden aber sagten zum Hauptmann: „O hoher Gebieter im Namen des Kaisers! Es wäre das schon wohl gut und recht; aber wo sollen die über vierzig in diesem zerfallenen Haus ein genügendes Unterkommen finden? Alte, zerfallene Zimmer wären wohl noch zur Genüge da; aber wer mag darin wohnen? Kröten, Nattern, Salamander und Skorpione gibt es zur Übergenüge darin, und da kann man ja doch keinen Menschen hineintun. Was aber unsere Zimmer betrifft, da haben ja wir kaum hinreichenden Raum zur Wohnung, besonders zur Nachtzeit, und es wäre schwer, noch etliche Menschen neben uns anständig zu beherbergen. Von einer Bewirtung aber könnte schon gar keine Rede sein, da wir selbst mehr denn bettelarm sind.
GEJ|10|55|14|0|Und so wolle du den großen Herrn und Meister, von dessen wunderbaren Taten wir schon vernommen haben, davon abwendig machen, bei uns ein Nachtlager suchen und nehmen zu wollen, da es ja in dieser Stadt mehrere wohlbestellte Herbergen gibt.“
GEJ|10|55|15|0|Da sagte der Hauptmann: „Ich werde Ihm eure mir wohlbekannte Not schon schildern; aber ich weiß es auch schon zum voraus, daß ich Ihn von Seinem Vorhaben nicht abwendig machen werde, – denn was Er einmal beschließt und sagt, das geschieht! Er wird auch um euren Notstand und um euer Elend schon lange wissen und kommt sicher nur eben deshalb zu euch, um euch zu helfen und den wahren Trost zu bringen, aber nicht, um euch zu plagen und in große Sorgen zu versetzen. Darum kommet Seinem Willen nur freundlichst entgegen, und ihr werdet bei Ihm Gnade und eine große Liebe und Erbarmung finden!“
GEJ|10|55|16|0|Sagte der Älteste dieses Hauses: „Ja, ja, er komme nur, wie es ihm beliebt! So er dasein wird, da wird er sich wohl von allem selbst überzeugen, wie es mit uns steht. Wir sind sicher alle darob höchst erfreut, daß er zu uns kommen will; aber wir sind darum traurig, daß wir ihm für solch eine Gnade kein Gegenopfer darbringen können!“
GEJ|10|55|17|0|Während der Hauptmann sich noch mit dem Ältesten besprach, kam Ich mit den Jüngern auch schon vor das Judenhaus, das wie eine zerklüftete alte Burg auf einer Anhöhe außerhalb der Stadtmauer sich befand.
GEJ|10|55|18|0|Der Hauptmann bemerkte Mich sogleich, eilte Mir entgegen und wollte Mir zu erzählen anfangen, wie es mit dem Judenhause und mit seinen Einwohnern stehe.
GEJ|10|55|19|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, erspare dir die Rede, da Ich ja schon lange um gar alles weiß! Ich bin aber ja – wie du es zuvor ganz richtig diesen Menschen bemerkt hast – eben darum zu ihnen gekommen, weil Ich gar wohl weiß, wie es mit ihrem Hause und mit ihnen selbst steht. Darum laß uns sogleich zu dem Ältesten gehen!“
GEJ|10|56|1|1|56. — Der Herr in der Wohnung der zehn Judenfamilien
GEJ|10|56|1|0|Ich ging denn, vom Hauptmanne geleitet, zu dem Ältesten des Hauses, um den sich noch einige besorgte Familienväter befanden, die uns betrachteten, um zu sehen, was wir tun würden, so wir diese alte Ruine näher kennenlernen.
GEJ|10|56|2|0|Als Ich zum Ältesten kam, sagte er (der Älteste): „Willkommen, Herr und Meister, bist du uns allen wohl; aber das, was wir dir für solche deine uns erwiesene große Gnade tun können, das wird dir sicher nicht willkommen sein! Siehe unser Wohnhaus an, und unsere Kleider werden es dir sicher, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren, schon von selbst zeigen, wie es mit uns in allem steht!“
GEJ|10|56|3|0|Sagte Ich: „Der Friede sei mit euch! Wie es mit euch steht, das weiß Ich wohl, – aber ihr seid auch zum großen Teil selbst schuld an eurem Elend; denn durch die Trägheit und durch nahe gar kein Vertrauen auf Gott, den alleinigen Herrn und Geber aller guten Gaben, kommt kein Mensch auf einen grünen Zweig auf dieser Erde.
GEJ|10|56|4|0|Solange ihr noch Mittel und Kräfte hattet, da tatet ihr nichts zur Ausbesserung eures alten Hauses, ließet auch Jehova einen guten Herrn sein und machtet euch mit der blinden Lehre der griechischen Weisen vertraut, durch die ihr dann erst ums Vielfache elender geworden seid, als ihr je zuvor einmal waret.
GEJ|10|56|5|0|Nun aber seid ihr gar zu Sklaven der Heiden geworden und müsset euch von ihnen für schwere Arbeiten ein karges Brot mehr erbetteln, als daß ihr zu ihnen sagen könntet: ,Wir haben es uns ja im Schweiße unseres Angesichtes verdient!‘ Denn es ist schwer, denen zu dienen, die an keinen Gott und kein Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes und somit auch an keine Wiedervergeltung im großen Jenseits glauben und somit auch keine Nächstenliebe haben und sogar Feinde des eigenen Lebens sind.
GEJ|10|56|6|0|Nun, in eurer größten Not habt ihr angefangen, des alten Jehova zu gedenken und bei Ihm Hilfe zu erflehen, und das hat Mich denn auch bewogen, zu euch zu kommen und euch zu helfen im Angesicht der vielen, gar zu stockblinden Heiden, die auch ihres Diogenes wegen den Glauben an ihre Götter haben fahren lassen, auf daß auch sie merken, daß der alte Gott noch lebt und denen hilft, die an Ihn glauben, Seine Gebote halten und von Ihm die rechte Hilfe im wahren und ungezweifelten Vertrauen erwarten.
GEJ|10|56|7|0|Lasset Mich sehen euer altes, mehr denn halbverfallenes Haus, und wir wollen sehen, ob sich im selben wird übernachten lassen, und ob das Schadhafte auszubessern sein wird! Dann wollen wir eure Speisekammern prüfen, wieviel Vorrat sich darin noch vorfindet!“
GEJ|10|56|8|0|Sagte der Älteste: „O großer Herr und Meister! Dieses Haus hat einmal wohl sicher sehr viele große und kleinere Gemächer gehabt; aber auf uns sind nur kaum sieben gekommen, und selbst diese sind schon sehr schadhaft. Alle andern sind voll Geschmeißes aller Art und Gattung und für Menschen zum größten Teil gar nicht mehr begehbar. Unsere Speisekammern sind fürs erste auch in dem elendsten Zustande. Nur eine ist noch halb brauchbar; aber selbst diese eine ist leer bis auf etliche verschimmelte Brotkrumen. Gehen wir aber nach deinem Willen dennoch nachsehen, auf daß du, o großer Herr und Meister, es auch mit deinen Augen schaust, wie wir Abkömmlinge des Gad und Ruben in ihrem Lande nun bestellt sind!“
GEJ|10|56|9|0|Hierauf begingen wir alle Gemächer des großen Hauses, und es sah alles so aus, wie es der Älteste beschrieben hatte.
GEJ|10|56|10|0|Als wir uns aber im äußersten und letzten Gemach befanden, da sagte Ich: „Nun sollst du die Macht Gottes in Mir, auch einem Menschensohne dem Fleische nach, kennenlernen! Siehe, über Mauertrümmer, Säulenstücke, Dorngestrüpp und allerlei Geschmeiß sind wir bis zu diesem Gemach vorgedrungen, und durch königlich gezierte, wohlgeschmückte und mit allem versehene Gemächer werden wir unseren Rückzug machen, in denen sich wohl übernachten lassen wird. Ich will es, und also sei es!“
GEJ|10|56|11|0|Als Ich dieses also ausgesprochen hatte, war das ganze Haus schon umgewandelt, und als wir darauf alle Zimmer und Gemächer durchzogen, da war auch nicht ein schadhaftes irgend mehr zu entdecken.
GEJ|10|56|12|0|Und die Juden dieses Hauses schlugen die Hände über dem Haupte zusammen und schrien vor freudigster Verwunderung: „Das kann nur Dem möglich sein, der Himmel und Erde erschaffen hat; darum Dir, o großer Gott, alles Lob, der Du dem Menschen eine solche Macht gegeben hast!“
GEJ|10|56|13|0|Darauf besuchten wir die Speisekammern, die auch mit allem angefüllt waren, was die Menschen zur Stillung ihres Hungers und Durstes vonnöten haben. Da war die Verwunderung noch größer, und sie konnten lange vor lauter Staunen nicht reden.
GEJ|10|57|1|1|57. — Des Ältesten Zeugnis vom Herrn
GEJ|10|57|1|0|Nach einer Weile sprach der Älteste folgende Worte aus: „Nein, nein, nein, – das ist unerhört! Moses und Elias, als die zwei größten Propheten, haben Großes geleistet, ja Größeres, als ein Mensch vom reinsten Verstande je zu fassen und zu begreifen imstande ist und selbst das gläubigste Gemüt kaum mehr glauben kann! Aber was sind alle jene Wundertaten, die von den genannten zwei Propheten gewirkt wurden nach dem Willen Jehovas, von dessen Machtgeiste sie erfüllt waren, gegen dieses Wunderwerk?! Alle Propheten, die großen wie die kleinen, sagten: ,Der Herr will es, und der Herr spricht also!‘, Du, o großer Herr, aber sagtest: ,Ich will es, und es sei!‘ Und es ward im Augenblick, was Du wolltest! Daher bist Du mehr denn Moses und Elias!
GEJ|10|57|2|0|Dein Ich ist der Herr Selbst in aller Fülle, und ich als ein Greis habe nun in Dir mein Heil gesehen und möchte nun sagen: O Herr, Herr, lasse Deinen alten Diener im Frieden ins große Jenseits übergehen! Denn Du bist der Verheißene aus Dir Selbst! Dein ewiger Geist sprach aus dem Munde der Propheten und weissagte von Deiner Darniederkunft, und Du als die ewige Wahrheit und Treue Selbst hast Dein Wort gehalten und bist, mit Fleisch und Blut angetan, zu uns sündigen Menschen gekommen, um uns von neuem wieder aufzurichten, die Juden sowohl als auch die Heiden, die auch Kinder Noahs sind und einst mit den Vorabrahamiten ein Volk unter dem großen Großkönige und Höchstpriester Melchisedek von Salem ausmachten. Daher alle Ehre und alles Lob Dir allein, Du Herr, Herr, Herr!“
GEJ|10|57|3|0|Sagte Ich: „Nun, nun, es ist schon gut und wahr also! Daß euer gesunkener Glaube durch diese Meine Tat auf einmal wieder aufgerichtet wurde, ist wohl sehr begreiflich, wie auch, daß ihr Mich alsbald erkannt habt; aber ihr müsset in der Folge diesen euren Glauben erst durch die Werke der wahren Nächstenliebe lebendig machen, ansonst er für das Leben eurer Seele keinen Wert hätte vor Mir. Denn Ich bin nur durch Meine übergroße Liebe zu euch Menschen gekommen, und so könnet ihr Menschen auch nur wieder durch die Liebe zu Mir und zum Nächsten zu Mir und also zum ewigen Leben eurer Seelen als Meine rechten Kinder gelangen, was ihr euch wohl zu merken habt!
GEJ|10|57|4|0|Der Glaube an Mich ist wohl ein lebendiges Licht aus den Himmeln, aber erst durch die Werke der Liebe. Wie aber ein Licht, das in der Nacht leuchtet, erlischt, so es nicht durch ein stets erneuertes Hinzutun des Öles genährt wird, ebenso erlischt auch der anfangs noch so ungezweifelte Glaube ohne die steten Werke der Liebe.
GEJ|10|57|5|0|Ich habe durch dieses Mir leicht mögliche Wunderwerk nicht nur euren völlig gefallenen Glauben in eurer Seele aufgerichtet, sondern auch eure Liebe zu Mir angefacht; aus dem Lichte dieser wahren und ewigen Lebensflamme habt ihr denn auch bald und leicht erkannt, wer in Mir zu euch gekommen ist.
GEJ|10|57|6|0|Weil ihr aber das alsbald und ohne viele Mühe und Predigt erkannt habt, so tut nun auch danach, daß ihr und eure Nachkommen durch die Werke der Liebe in Meinem Namen verbleibet im lebendigen Glauben!“
GEJ|10|57|7|0|Sagte der Älteste: „O Herr, Herr, dieses Werk wird in dieser Gegend der sechzig Städte ein größtes Aufsehen erregen, sowohl bei den wenigen Juden, wie auch bei den vielen Heiden sowohl dieser Stadt, als mit der Zeit auch in den andern Städten. Wenn die Menschen von allen Seiten hierher kommen und sehen werden, daß unser schon so lange verfallenes Haus auf einmal in eine wahre königliche Burg umgewandelt worden ist, und werden uns fragen, wie das vor sich gegangen ist, – was werden wir ihnen dann zur Antwort geben können?“
GEJ|10|57|8|0|Sagte Ich: „Darum sorget euch nicht; denn so ihr vor den Menschen von dieser Tat und von Mir zu reden genötigt seid, dann wird es euch schon in den Mund gelegt werden, was ihr zu reden habt! Die gar zu Zudringlichen aber verweiset an den Hauptmann und an seine Unterdiener, die alle das Werk mit angesehen haben, – da werden sie schon die rechte Aufklärung erhalten; denn diese kennen Mich gar wohl schon und wissen, wie Mir nichts unmöglich ist.“
GEJ|10|58|1|1|58. — Die Entsprechung der Erneuerung der Burgruine
GEJ|10|58|1|0|(Der Herr:) „Auf daß aber auch ihr wisset, warum Ich nun diese alte, verfallene Burg, in der einst Könige wohnten, wieder aufgerichtet und wie ganz neu aufgebaut habe, so achtet nun auf das, was Ich euch noch sagen werde:
GEJ|10|58|2|0|Fürs erste entspricht diese Neuherstellung dieser alten Königsburg der nun durch Mich allerorts neuen Herrichtung des alten, ganz verfallenen Glaubens an den einen, allein wahren Gott.
GEJ|10|58|3|0|Es sind von der alten Glaubensburg wohl auch noch einige verwitterte, zerklüftete und zerfallene Wahrheitsüberreste vorhanden; aber sie taugen nicht mehr zu einer Lebenswohnung Meiner Liebe und Erbarmung für die Seelen Meiner Kinder, wie sie waren zu den Zeiten des Königs von Salem, sondern nur zur Wohnung solcher, die da in ihrem Gemüte vollends gleichen dem Geschmeiß, das schon lange diese Burg vielfach und vielgestaltig bewohnt hat.
GEJ|10|58|4|0|Die Burg war sonach ein treues Abbild von dem, wie es nun mit dem Glauben an Gott und mit der Haltung Seiner Gesetze aussieht, und das namentlich in und um Jerusalem.
GEJ|10|58|5|0|Ich aber werde diese Stadt und alles, was zu ihr hält, so da keine Besserung und Umkehr zu Mir ins volle Werk kommen wird, noch ärger heimsuchen, als Ich zu den Zeiten Lots Sodom und Gomorra heimgesucht habe; und da mache Ich euch auf den zweiten Grund, aus dem Ich diese Burg nun aufgerichtet und wie ganz neu aufgebaut und mit allem versehen habe, ganz besonders aufmerksam!
GEJ|10|58|6|0|So da Mein Gericht wird kommen über die Gottlosen zu Jerusalem und seiner weiten Umgebung und Meine wenigen Treuen die Flucht ergreifen werden, dann werden sie auch hierher kommen. Da nehmet sie auf, und machet dadurch vollends lebendig den in euch nun neu erweckten Glauben durch die Werke der Liebe in Meinem Namen!
GEJ|10|58|7|0|Das Gericht, das über die Stadt Jerusalem wird zugelassen werden, werdet ihr alten Leute dieses Ortes wohl im Fleische nicht erleben, aber die Jüngeren von euch und deren Kinder werden es erleben. Wenn aber dieses geschehen wird, da gedenket dessen, was Ich euch jetzt gesagt habe!“
GEJ|10|58|8|0|Hier sagte in tiefster Ehrfurcht der Älteste zu Mir: „O Herr, Herr! Groß und überherrlich ist Dein Name! Wir haben vor etlichen Monden in der Nacht eine höchst sonderbare Lichterscheinung am Firmament geschaut, deren Bilder uns mit großer Furcht und Angst erfüllt haben. Anfangs tauchten große Feuersäulen auf und reichten dem Anscheine nach bis zu den Sternen. Die Säulen einten sich auf eine sonderbare Weise, erhoben sich, und wir dachten, als wir von ihnen nichts mehr sahen, daß das eine zwar seltene Feuererscheinung, dabei aber dennoch natürlicher Art sei. Aber bald darauf ward glühend der ganze Himmel. Wir ersahen die Stadt Salomos und große Kriegsheere, die diese Stadt belagerten und endlich völlig samt dem Tempel verheerten.
GEJ|10|58|9|0|Später, schon mehr gen Morgen, war abermals eine Lichterscheinung stark gegen Westen hin ersichtlich. Was diese darstellte, konnte niemand von uns entziffern. Aber die Mittelerscheinung hatte eine starke Ähnlichkeit mit dem, was Du, o Herr, Herr, uns nun über Jerusalem verkündet hast. Hatte sie nicht Bezug auf Deine nunmalige Weissagung?“
GEJ|10|58|10|0|Sagte Ich: „Jawohl, Mein Freund, doch nun wollen wir nichts Weiteres davon reden! Dafür aber sorget nun für ein Nachtmahl, für alles andere habe schon Ich gesorgt!“
GEJ|10|58|11|0|Sagte der Älteste zu Mir: „Herr, Herr! Unser irdischer Gebieter, der weise Hauptmann möchte uns jemanden, der des Kochens kundig wäre, besorgen; denn wir haben schon seit vielen Jahren nichts mehr gekocht, haben auch kein Feuer und in dieser Gegend auch kein Brennholz für den Herd. Es ist darum für uns in dreifacher Hinsicht beinahe unmöglich, für Dich und für die, welche mit Dir sind, ein gekochtes Nachtmahl herzustellen, obschon alle die großen und kleinen Speisekammern von allerlei Vorräten durch Deine Gnade überfüllt sind. Es wird durch Deine Gnade auch fürs Brennholz und fürs Feuer wohl gesorgt worden sein; aber was nützt das, so wir alle des Kochens und Speisebereitens völlig unkundig sind?“
GEJ|10|58|12|0|Sagte Ich: „Alter Mann, deine Ehrlichkeit gefällt Mir, denn du hast in der Hinsicht eurer Kochkunde die volle Wahrheit geredet. Der Hauptmann aber hat schon seine Tochter und ein paar seiner Unterdiener beordert, daß sie mit einigen deiner Leute in der großen Küche, in der sich auch ein Fischbehälter befindet, der nun voller Fische ist, für uns und euch alle ein gutes Nachtmahl bereiten.“
GEJ|10|59|1|1|59. — Die Burg Melchisedeks
GEJ|10|59|1|0|(Der Herr:) „In dieser Burg aber befindet sich ja auch ein großer, aus Basaltsteinen gemauerter Keller! Hast du diesen noch niemals entdeckt und gesehen?“
GEJ|10|59|2|0|Sagte der Alte und ein paar seiner nächstalten Vettern: „Ja, es soll wohl einmal ein Keller voll des besten Weines bestanden haben, und es sollen in ihm auch andere Schätze irgend verborgen sein, doch niemand von uns hat es je gewagt, sich in die unterirdischen Höhlen zu begeben und in ihnen zwischen allerlei bösem Tiergeschmeiß und andern bösen Mächten Nachsuchungen zu veranstalten, und so weiß denn auch niemand den wahren und rechten Eingang in den besagten Keller. Wo und wie kann man in denselben gelangen? Er wird durch Deine Macht nun auch, wie alles andere, sich in der besten Zustandsordnung befinden?“
GEJ|10|59|3|0|Sagte Ich: „So ihr es glaubet, sicher; aber da von euch niemand den Eingang in denselben kennt, so folget Mir, und Ich werde euch in den Keller führen!“
GEJ|10|59|4|0|Darauf folgten Mir der Alte und noch zehn seiner Leute mit einer angezündeten Wachsfackel, die wir in der großen Küche, wo deren viele vorrätig waren, nahmen und sie daselbst auch anzündeten. Von der besagten Großküche führte ein Säulengang zu einem großen Tor, das aus einer Basaltplatte angefertigt war. Ich zeigte, wie dieses Tor ganz leicht zu öffnen sei, und Ich Selbst öffnete das große und schwere Tor. Als das Tor geöffnet war, da ward alsbald eine breite Treppe ersichtlich, über die man ganz gut in den sehr weitläufig großen Keller gelangen konnte.
GEJ|10|59|5|0|Als wir uns in diesem Keller befanden, über den diese armen Juden abermals nicht zur Genüge erstaunen konnten, da fanden wir denn auch eine große Menge von großen und kleinen Steingefäßen und auch eine noch größere Menge von steinernen, tönernen, silbernen und auch goldenen Trinkgeschirren, worüber die armen Juden nun freilich große Augen machten und nicht wußten, ob auch diese Dinge von Mir wunderbar erschaffen worden seien, oder ob sie ihrem Ansehen nach aus der Urzeit herrührten.
GEJ|10|59|6|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Dies alles, was wir da gefunden haben, rührt noch aus den Zeiten des großen Königs und Hohenpriesters von Salem her. Dies war auf dieser Erde Seine Burg, die, so wie die Berge mit ihren oft sehr wunderbaren Grotten und Höhlen, nicht von Menschenhänden, sondern durch dieselbe Macht, durch die sie nun wieder wie neu aufgebaut wurde, hergestellt ward. Denn Ich allein bin der wahre König von Salem und Hohepriester Melchisedek in Ewigkeit!
GEJ|10|59|7|0|Aber nun nehmt die Krüge in eure Hände, und füllet sie mit Wein, von dem ihr in den großen Gefäßen einen übergroßen Vorrat habt!“
GEJ|10|59|8|0|Nun nahmen die armen Juden wohl voll Freuden die Trinkgeschirre, aber sie wußten nicht, wie sie den Wein aus den großen steinernen Gefäßen, die ganz hermetisch mit schweren und glatten Steinplatten verdeckt waren, herausheben sollten.
GEJ|10|59|9|0|Da zeigte Ich ihnen zuunterst der Gefäße eine mit einem Zapfen zugestopfte, etwas hervorspringende Öffnung, zog den Zapfen leicht aus der Öffnung, und es floß alsbald reichlich ein alter und bester Wein heraus in die untergehaltenen Trinkgeschirre; denn sein höchst würzhafter Geruch verkündete es gleich allen Anwesenden, unter denen sich auch der Hauptmann mit einem seiner Unterdiener befand, daß man es hier mit einem alten und besten Weine zu tun hatte.
GEJ|10|59|10|0|Als die Trinkgeschirre alle gefüllt und nach und nach in den großen Speisesaal auf die Tische gestellt waren und die Weinaufträger wieder zu uns, die wir noch im Keller weilten, kamen, da sagte Ich zum Alten: „Siehe, dieser Wein ist zwar auch von Trauben, welche in diesem Lande gewachsen sind, gepreßt, – aber er ist beinahe ebenso alt wie diese Burg! Es ist dies ein Zehntwein, den alle die Könige, über die der König von Salem herrschte, Ihm zum Opfer brachten, und mußte bis jetzt erhalten werden, auf daß Ich nun, als ganz derselbe König, vom selben alten Zehntweine trinke mit allen denen, die an Mich glauben und Mir folgen.
GEJ|10|59|11|0|Solange diese Burg in Meinem Namen bestehen wird, wird auch der Wein nicht versiegen; aber dennoch wird in dreihundert Jahren nach Meiner Auffahrt durch die Macht unserer Widersacher diese Burg und ein großer Teil dieser Stadt derart zerstört werden, daß man nicht mehr erkennen wird, wo sie nun steht. Es macht das aber nichts; denn Ich erbaue Mir nun eine neue Burg in den Herzen, die da, wie sie einmal gegründet ist, nimmerdar wird zerstört werden können.
GEJ|10|59|12|0|Diese alten Denkmale aber sind dann auch gut weg, auf daß die Menschen mit ihnen keine Abgötterei treiben können. Aber nahe an dreihundert Jahre nach Meiner Auffahrt wird die Burg noch halten und dieser Wein nicht versiegen und werden den aus Jerusalem hierher Geflüchteten zur Unterkunft und Stärkung dienen.“
GEJ|10|60|1|1|60. — Aus der Zeit des Königs von Salem
GEJ|10|60|1|0|Hier fragte voll der höchsten Ehrfurcht der Alte: „Herr, Herr, wie man liest, so war der geheimnisvolle König von Salem ja bald nach dem schon da, als Noah aus der Arche stieg und das Erdreich zu bebauen anfing. Seine Kinder konnten sich in einer kurzen Zeit ja doch nicht so gewaltig vermehrt haben, daß es zur Zeit des Königs von Salem auf der Erde schon eine so große Menge von andern Kleinkönigen sollte gegeben haben, die Ihm den Zehnt zum Opfer brachten? Diese Sache lautet, wie vieles in unseren Büchern, sehr mystisch und kann mit unserem Verstande wohl nicht begriffen werden.
GEJ|10|60|2|0|Dann sprachst Du von Deiner Auffahrt! Was ist das? Wohin wirst Du fahren, und wann? Herr, Herr, erkläre uns das ein wenig näher, auf daß wir es endlich auch unseren Nachkommen erklären können in Deinem Geiste der Wahrheit, der Liebe und des Lebens und sie es uns glauben, daß Du, o Herr, Herr, Selbst es warst, der uns solche seltsamen Dinge geoffenbart hat!“
GEJ|10|60|3|0|Sagte Ich: „Was die Zeit des Königs von Salem betrifft, so war Er schon ewig vor aller Kreatur da und somit auch eher als Noah. Was aber die Erdzeit, in der Er Selbst in der Gestalt und Persönlichkeit eines Engels aus den Himmeln die Menschen von Sich Selbst und über ihre Bestimmung unterwies, anbelangt, so war Er zwar schon während der Lebzeit des Noah von Zeit zu Zeit da und redete mit ihm, doch ein eigentliches König- und Hohepriestertum ward erst ein paar Hunderte von Erdjahren nach Noahs Aussteigung aus der Arche errichtet, welche Zeit noch Noah selbst und seine drei Söhne erlebten. Und in dieser Zeit war die Erde schon wieder stark bevölkert, und die vielen Stammväter von kleinen Völkern führten den Namen König, brachten alljährlich ihre Opfer nach Salem und wurden von dem König unterwiesen.
GEJ|10|60|4|0|Aber als sich dann die Völker mehr auf der weiten Erde ausgebreitet hatten, vergaßen sie des Königs der Könige und fingen an, sich von Ihm zu trennen; auch die, die in Seiner Nähe wohnten, zogen nicht mehr nach Salem. Da verließ der König auch die Burg und besuchte nur selten noch wenige Ihm treu gebliebene Patriarchen, wie zum Beispiel Abraham, Isaak und Jakob, und später alle die großen und kleinen Propheten und nun im Fleische und Blute auch euch.
GEJ|10|60|5|0|Was aber Meine Auffahrt betrifft, so hat diese eine doppelte Bedeutung. Die erste wird von nun an kein Jahr auf sich warten lassen; die zweite aber wird in jedem Menschen, der an Mich lebendig glaubt, dadurch bewerkstelligt werden, daß der Geist Meiner Liebe in seinem Herzen auferstehen und des Menschen Verstand in alle Weisheit der Himmel leiten wird.
GEJ|10|60|6|0|Meine persönliche Auffahrt aber wird bald nach dem geschehen, wenn dieser Mein Leib drei Tage nach der Tötung durch die Hände der Feinde Gottes wieder wird aus dem Grabe auferstehen und also in Mein Gottwesen übergehen.
GEJ|10|60|7|0|Wie ihr aber gehört habt, daß dereinst Elias sichtbar wie in einem feurigen Wagen sich gen Himmel erhoben hat, also werde auch Ich Mich sichtbar vielen Meiner Freunde vom materiellen Boden dieser Erde zum sichtbaren Himmel empor erheben und werde fortan nicht so wie jetzt persönlich sichtbar unter allen Menschen – guten und bösen – umherwandeln und sie lehren, sondern nur unter denen im Geiste wohl vernehmbar und zu öfteren Malen auch sichtbar wandeln und sie lehren und führen, die an Mich glauben, Mich über alles und den Nächsten wie sich selbst lieben werden. Denn in solcher Menschen Herzen werde Ich Mir die besagte neue Burg erbauen und werde in derselben Meine Wohnung nehmen.“
GEJ|10|61|1|1|61. — Das Abendmahl in dem alten Speisesaal
GEJ|10|61|1|0|(Der Herr:) „Bei denen Ich aber wohnen werde, die werden Mich denn auch wohl wahrnehmen, und Ich werde sie Selbst lehren und führen, und so werden Meine rechten Liebhaber allzeit von Mir belehrt und geführt werden und werden in sich haben das ewige Leben. Aber die sich von Mir entfernen werden, wie in der Altzeit sich die Könige aus purer Weltliebe von dem König von Salem entfernt haben und Ihm nicht mehr darbrachten, was sie Ihm hätten darbringen sollen, deren Herzensburgen werden auch von Mir verlassen werden. Und wie dann zu den Zeiten des Königs von Salem, als Er diese Burg mit allen Engeln, die Ihm dienten, verließ und unter den Völkern und ihren Königen nur zu bald allerlei Zwietracht, Neid, Mißgunst und dadurch auch Kriege entstanden, also wird es in der Folge auch unter jenen sein, deren Herzensburgen Ich verlassen werde. Da wird sich erheben ein Volk wider das andere und es zu unterjochen trachten.
GEJ|10|61|2|0|Darum, wer in Meiner Lehre und Liebe verbleiben wird, in dem werde auch Ich verbleiben, und wahrlich, aus seinen Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen, und wer von solchem Wasser trinken wird, den wird es nimmerdar dürsten in Ewigkeit!
GEJ|10|61|3|0|Meine Lehre und die göttliche Weisheit in ihr aber ist das wahre, lebendige Wasser. Wer davon trinken wird, dessen Seele wird bald mit aller Weisheit erfüllt und für ewig gesättigt werden, und es wird sie dann nimmerdar dürsten und hungern nach einer höheren Wahrheit und Weisheit.
GEJ|10|61|4|0|Und so habe Ich nun dir, du Mein alter Jude, das erklärt, was dir ehedem dunkel und unerklärbar schien! Aber glaube nun ja nicht, als seist du jetzt schon in alle Wahrheit und Weisheit eingeführt worden; das wird dir erst dann zuteil werden, wenn Ich im Geiste aller Wahrheit und Weisheit auch in deinem Herzen werde auferstanden und dann in deiner Seele Lebenshimmel werde aufgefahren sein.
GEJ|10|61|5|0|Und nun wollen wir aus diesem Keller uns entfernen und uns in den Speisesaal begeben; denn das Abendmahl ist schon bereitet, und wir wollen es zu uns nehmen und damit stärken unsere Glieder.“
GEJ|10|61|6|0|Auf diese Meine Worte begaben wir uns aus dem Keller und kamen bald in den großen Speisesaal, der mit hundert Lampen bestens erleuchtet und vor kurzem noch eine derartige Ruine war, daß es wohl niemand merken konnte, daß da jemals ein großer Speisesaal bestanden hatte.
GEJ|10|61|7|0|Zwei große steinerne Tische, auf festen Säulen ruhend, waren im Saale in der besten Ordnung aufgestellt und mit feinstem Byssus zierlich überdeckt, und um jeden der beiden Tische waren eine rechte Anzahl ganz bequemer Stühle gestellt, und beide Tische waren mit den bestbereiteten Fischen, mit Brot und Wein bestbestellt.
GEJ|10|61|8|0|Wir setzten uns denn auch an den Tisch, der für uns gedeckt war, und die Inhaber und Bewohner dieser Burg setzten sich an den zweiten Tisch, der für sie bestellt war, und wir alle aßen und tranken mit rechtem Maß und Ziel.
GEJ|10|61|9|0|Während des Essens ward über so manches gesprochen, und der Hauptmann fragte Mich, wie er es am nächsten Tage mit den Römern und Griechen anfangen solle, so sie dieses Wunders sicher nur zu bald würden gewahr werden. Denn es werde da ein Fragen werden, wie man ein ähnliches noch kaum jemals erlebt habe.
GEJ|10|61|10|0|Sagte Ich: „Wer da kommen wird, dem saget die Wahrheit; aber das saget ihm auch, daß er alles bei sich behalten und nicht in die nächsten Städte und Orte laufen und Mich vor der Zeit ruchbar machen soll!
GEJ|10|61|11|0|Auf daß aber dieses Wunder nicht so bald als ein solches auch von außen her erkannt werde, so sieht diese Burg dem Außen nach wenig verändert aus, sondern nur im Innern; und so machet denn auch ihr vor der Zeit nicht viel Aufhebens von dieser Meiner Tat! Ich aber werde morgen schon Selbst noch einige der besseren Heiden besuchen und werde Mich eine Stunde der Zeit nach dem Mittag von hier etwa nach Golan mit den Jüngern begeben, dahin Mich auch du begleiten kannst.
GEJ|10|61|12|0|In einer Zeit aber, wenn du wieder hierher kommen wirst, kannst du Mein Wort diesen Heiden bekanntgeben, und dann diene dir zu einem Zeugnisse dies Mein gewirktes Wunderzeichen, auf daß sie erkennen mögen Den, der es gewirkt hat, und dann leben und handeln nach Seinem Willen!“
GEJ|10|61|13|0|Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, gelobte er, daß er sich in allem streng nach Meinem Willen verhalten werde.
GEJ|10|62|1|1|62. — Der Lärm vor dem Judenhaus
GEJ|10|62|1|0|Als wir alle noch am Tische saßen, da entstand draußen auf der Straße ein Lärm. Mehrere Arbeiter kehrten von ihrem Tagewerk nach Hause, sahen – was sonst bei diesen armen Juden nahe wohl niemals der Fall war – eben ihr Haus wohl erleuchtet und wollten nachsehen, was es in dieser Ruine gäbe, und riefen darum die ihnen bekannten Juden, daß sie zu ihnen herauskommen sollten und ihnen sagen, was da vorgefallen sei, darum die schlechten Gemächer gar so hell und festlich erleuchtet seien.
GEJ|10|62|2|0|Ich aber sagte zum Hauptmann: „Gehe du nun hinaus zu diesen Lärmmachern! Sie werden dich alsbald erkennen und werden daraus auch sogleich innewerden, warum dies Haus nun also erleuchtet ist; und sie werden sich darauf auch gleich ganz ruhig verhalten, sich nach Hause begeben und nicht mehr fragen, warum dies Judenhaus nun so beleuchtet ist.“
GEJ|10|62|3|0|Der Hauptmann tat das in Begleitung eines seiner Unterdiener.
GEJ|10|62|4|0|Als er zu den Lärmern kam, sagte er ganz laut und voll Ernstes zu ihnen (der Hauptmann): „Was wollt ihr von den armen Juden, so ich mit ihnen zu tun habe und noch ein viel größerer Machthaber? Soll ich mir euretwegen in dieser Nachtzeit das Innere dieses Hauses etwa nicht erleuchten lassen?!“
GEJ|10|62|5|0|Als die Arbeiter, die den Hauptmann sogleich erkannt hatten, solches vernommen hatten, da entschuldigten sie sich, daß sie das nicht gewußt hätten, baten ihn um Vergebung und gingen darauf ganz ruhig nach Hause. Doch ihren Leuten erzählten sie sogleich, was sie gesehen und erfahren hatten, und es entstand darauf viel Denkens und gegenseitigen Fragens und Vermutens, was etwa doch das zu bedeuten habe, daß der Hauptmann mit noch einem höheren Machthaber in dem elendsten Hause der Juden eingekehrt sei. Aber es getraute sich doch niemand aus der Stadt zum Hause der Juden hinzukommen, um nachzusehen, was es darin gäbe, und wir hatten Ruhe die ganze Nacht hindurch.
GEJ|10|62|6|0|Als der Hauptmann mit seinem Unterdiener wieder zu uns kam, da erzählte er, wie er es gemacht hatte, und daß das gut gewirkt habe; nur fürchte er, schon am frühen Morgen von den sehr klagesüchtigen Griechen überlaufen zu werden, und wünsche, daß auch dies soviel als möglich verhütet werden möchte.
GEJ|10|62|7|0|Sagte Ich: „Des sei du unbesorgt! Es wird sich auch morgen ein Mittel finden lassen, um die Neugierigen von diesem Hause fernhalten zu können. Da es nun aber schon ziemlich spät in der Nacht geworden ist, so wollen wir uns zur Ruhe begeben! Ich aber bleibe hier am Tische ruhen; wer aber ein Bett wünscht, der gehe in die vielen Ruhegemächer, und er wird dort der Ruhebetten in einer großen Anzahl antreffen!“
GEJ|10|62|8|0|Alle aber, die an Meinem Tische sich befanden, zogen es vor, Mir gleich am Tische zu verbleiben bis zum Morgen; nur die Juden blieben nicht an ihrem Tische, sondern begaben sich in ihre alten Zimmer, die aber nun auch ganz umgestaltet waren. Wir ließen die Lampen die ganze Nacht fort brennen und die Gemächer beleuchten, auf daß sich irgendwelche Neugierige zu fürchten anfingen, die es doch ganz leise gewagt hatten, sich in der Nacht dem Hause der Juden zu nähern, um etwa so nur aus einer gewissen Ferne zu erlauschen, was in dem Hause vor sich gehen möge. Aber als sie der Lichter gewahr wurden, da getrauten sie sich nicht dem Hause zu nahen, aus Furcht, entweder vom Hauptmann selbst oder von einem seiner Diener entdeckt und darauf bestraft zu werden.
GEJ|10|63|1|1|63. — Die wahre Sabbatheiligung
GEJ|10|63|1|0|Wir alle ruhten sonach ungestört bis zum Morgen eines Sabbats, der aber bei diesen Juden von keinem besonderen Belange war, da sie beinahe schon mehr heidnisch denn jüdisch gesinnt waren. Es kam aber dennoch schon am frühen Morgen der Älteste zu Mir und fragte Mich, ob Ich und Meine Jünger streng auf den Sabbat hielten, da er von Moses aus als streng zu heiligender Tag des Herrn bestimmt ward.
GEJ|10|63|2|0|Sagte Ich: „Den Sabbat heiligen nach der Einsetzung Mosis ist für einen jeden Juden recht und gut; aber von nun an ist ein jeder Tag ein Tag des Herrn, und wer an jedem Tage nach Meiner Lehre seinem Nächsten Gutes tut, der heiligt wahrhaft den Sabbat. Und so brauchet ihr heute, als an einem Sabbat, euch nicht anders zu verhalten als an einem jeden andern Tage!
GEJ|10|63|3|0|Der Mensch hat am Sabbat für seinen Leib dieselben Bedürfnisse wie an jedem andern Tage und soll sie nach Möglichkeit auch ebenso befriedigen. Nur von einer schweren, knechtlichen Gewinnsarbeit soll er sich enthalten. So er aber dadurch einem oder mehreren seiner Nächsten einen Nutzen erweisen kann, so wird dadurch der Sabbat nicht entheiligt, so er seine Hände auch einer noch so schweren Knechtsarbeit leiht, und Ich werde ihn dafür segnen; aber so da keine solche Gelegenheit sich ergibt, so ist es gut, sich an einem Sabbat auszuruhen und sich in seinem Gemüte mit den Dingen des Geistes zu beschäftigen. Denn bei der schweren Werktagsarbeit ist die Seele nicht sehr geeignet, über Tiefgeistiges in sich Betrachtungen zu machen und sich zu Gott zu erheben; und Moses hat also den Sabbat dazu verordnet.
GEJ|10|63|4|0|Aber daß man an einem Sabbat nach dem Aufgange der Sonne und ebenso auch vor dem Untergange derselben nichts essen und trinken und auch niemandem eine leibliche Wohltat erweisen sollte, wie das die Pharisäer in Jerusalem und auch in den andern Orten in den Synagogen lehren, das ist ein Unsinn, der den Lehrern das Zeugnis gibt, daß sie die Lehre Mosis niemals verstanden und für sich beachtet und dadurch die höchste und größte Verkehrtheit des Geistes der Lehre Mosis und der Propheten unter den Juden an den Tag gefördert haben. Darum tuet ihr heute also, wie ihr getan habt, und ihr werdet den Sabbat vor Mir nicht entheiligen!
GEJ|10|63|5|0|Nur den Heiden braucht ihr weder heute noch an einem andern Tage um den schnödesten Sold einen gemeinsten Dienst zu erweisen; so sie aber auch Meine Lehre annehmen und auch euch als ihre Nächsten ansehen und behandeln werden, so möget ihr ihnen auch in aller Liebe und brüderlichen Freundschaft allerlei gute Dienste erweisen, auf daß Friede und Einigkeit unter euch herrsche. In dem habt ihr nun alles, was da anbelangt die wahre Heiligung des Sabbats.
GEJ|10|63|6|0|Es sagen aber ja sogar die weiseren Heiden, daß es vorzüglicher sei – so Umstände es verlangen –, einem Nebenmenschen zu dienen, als in einen Tempel zu gehen und darin einem Gott zu dienen, der des Menschendienstes nicht bedarf. Und so bedarf der allein wahre Gott des Dienstes der Menschen für sich wohl niemals; aber dessen bedarf Er, daß die Menschen aus Liebe zu Ihm und aus der gleichen Liebe untereinander sich gute Dienste erweisen.
GEJ|10|63|7|0|Denn die Liebe ist der wahre Lebensdünger für die Seele zum ewigen Leben, und Gott hat ja darum die Menschen erschaffen, daß sie in das ewige Leben übergehen sollen. Und so ist der wahre, Mir allein wohlgefällige Gottesdienst eben hauptsächlich darin bestehend, daß die Menschen sich untereinander in Meiner Liebe dienen; und so das der Mir wohlgefälligste Gottesdienst ist, so wird durch ihn der Sabbat sicher niemals entheiligt.
GEJ|10|63|8|0|Steht es ja doch durch einen Propheten geschrieben in der Zeit, als die Juden zu sehr angefangen haben, alles – so wie nun die Pharisäer – auf die äußere Zeremonie zu halten: ,Siehe, dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen, aber sein Herz ist ferne von Mir!‘
GEJ|10|63|9|0|Dienet Mir also von nun an nur im Herzen, und lasset ab von der toten Zeremonie, und ihr werdet so an jedem Tage Mir wohlgefälligst den Sabbat heiligen! – Hast du das nun wohl verstanden?“
GEJ|10|63|10|0|Sagte der Jude: „Ja, o Herr, Herr, und darum werden wir den Sabbat denn auch nach Deinem Sinne heiligen!“
GEJ|10|63|11|0|Hierauf begab sich der Alte sogleich zu den Seinigen, erklärte ihnen, wie Ich den Sabbat will geheiligt haben, womit alle vollkommen einverstanden waren und sich dann auch bald an die Bereitung des Morgenmahles machten, wobei ihnen wieder die Veronika gute Dienste leistete.
GEJ|10|64|1|1|64. — Die Frage der Belehrung der abergläubischen Heiden
GEJ|10|64|1|0|Wir aber begaben uns ins Freie auf einen noch höheren Hügel außerhalb dieser Burg, als der da war, auf dem die Burg stand, und hatten da eine sehr herrliche Aussicht nach allen Seiten hin. Man übersah von da auch einen großen Teil des Jordantales – und anderseits gen Osten in den fernen Ebenen des Euphrat –, eine große Menge Gebirge und umliegende Orte. Von hier aus konnte man bis gen Jerusalem sehen; aber diesmal war diese Gegend ganz in dicke Morgennebel gehüllt, und so konnte man von den Orten Judäas nichts ausnehmen.
GEJ|10|64|2|0|Und der Hauptmann bemerkte: „Herr und Meister, der dicke Nebel über den Orten und Gefilden Judäas scheint mir sehr jenes Volk zu charakterisieren, dessen Herz und Verstand von einem noch dichteren Nebel umlagert ist als der, der nun ihre Gefilde vor unseren Blicken verbirgt?“
GEJ|10|64|3|0|Sagte Ich: „Ja, Freund, also ist es auch; darum werden auch viele in dem dichtesten Nebel ihrer Irrtümer und daraus hervorgehenden Sünden aller Art und Gattung den Tod finden. Doch lassen wir nun derlei Betrachtungen beiseite und wenden unsere Augen dem Aufgange der Sonne zu; denn es wird heute wieder ein herrlicher Aufgang zu sehen sein! Darum wollen wir alle nun ein wenig ruhen und den Aufgang der Sonne genießen!“
GEJ|10|64|4|0|Darauf wurden alle ruhig und weideten sich an den schönen, stets wechselnden Szenen des Morgens; denn in dieser Gegend ist der Morgen stets ein um vieles herrlicherer, ob der großen Ferne gen Osten hin, in der besonders viele Meteore seltener Art vor dem Aufgange der Sonne sich zu entwickeln pflegen, wovon der Grund in dem weitgehenden vulkanischen Boden in der natürlichen Hinsicht zu suchen ist. Die abergläubischen Heiden und Völker jener Gegenden hielten derlei Erscheinungen für die halbgöttischen Begleiter der Göttin Aurora, die dem Apoll stets den Weg bahne.
GEJ|10|64|5|0|Es war denn nun auch an der Zeit, den Heiden solchen Wahnglauben zu benehmen und ihnen den wahren Grund von derlei Erscheinungen zu zeigen und verständlich zu erklären, was Ich hier dem Hauptmanne und seinen Unterdienern denn auch tat, und sie auch den Grund einzusehen anfingen, warum Ich sie eigentlich auf diesen Hügel frühmorgens geführt habe.
GEJ|10|64|6|0|Als sie in allem dem unterrichtet waren und sie Mir dafür auch sehr dankten, bemerkte ein erster Unterdiener des Hauptmanns: „Es dürfte am Ende doch schwerhalten, besonders das gemeine Volk, das nach der Heidenpriesterlehre in jeder Wolke, in jedem Dunstgebilde, beim Aufsteigen des Küchenrauches, beim Verbrennen und Mehr- oder Minderknistern des Holzes nichts als Geister und Gnomen aller Art und Gattung sieht und von ihrem Verhalten und Bewegen Glück oder Unglück erwartet, von seinem Aberglauben abwendig zu machen!
GEJ|10|64|7|0|Denn am Ende liegt all den vielen Erscheinungen, die oft ganz seltener Art sind, etwas Geistiges zugrunde, weil ohne einen innersten und somit ersten Entstehungsgrund von was immer für einer Erscheinung nichts in ein äußeres ersichtliches Dasein treten kann. Und diesen ersten Grund haben die alten Weisen, um ihn dem Volke begreiflich und anschaulich zu machen, entsprechend personifiziert, welche Entsprechung nun freilich nur sehr wenige mehr verstehen und dafür die Erscheinung selbst für den innersten und ersten Geistgrund halten. Und es ist also schwer, derlei Menschen dahin überzeugend zu belehren, daß das, was sie sehen, nicht das ist, was sie sehen und für was sie es halten, sondern – so und so – eine notwendige Außenerscheinung von einer innersten, ersten und einem fleischlichen Auge niemals sichtbaren Ursache.
GEJ|10|64|8|0|Nun ergibt sich aber noch eine andere Frage, und diese besteht darin, ob es am Ende nicht besser ist, derlei Menschen nicht auf einmal von ihrem Aberglauben abwendig zu machen, weil sie dadurch das Gehabte zwar verlieren, aber das dafür zu Erhaltende nicht so bald in voller überzeugender Klarheit erreichen können und dadurch, wie es schon bei vielen Griechen und Römern der Fall war, nur zu leicht in den allerdicksten und höchst schwer ausrottbaren Materialismus übergehen, an dem die Bewohner eben dieser Stadt ohnehin wahrlich keinen Mangel haben. – Herr und Meister, was sagst denn Du dazu?“
GEJ|10|65|1|1|65. — Über die Art der Belehrung
GEJ|10|65|1|0|Sagte Ich: „Ich kann dir nichts anderes sagen, als was Ich euch und Meinen Jüngern gesagt habe: Lehret sie vor allem den einen, allein wahren Gott erkennen und Sein Reich der ewigen Liebe und Wahrheit, und lehret sie durch euer Beispiel handeln nach der Lehre, die ihr von Mir empfangen habt! Sie werden dann schon durch Meinen Geist in ihnen in alle Wahrheit und Weisheit erhoben werden.
GEJ|10|65|2|0|Daß es bei allen Erscheinungen sowohl auf der ganzen Erde und also auch beim Menschen einen innersten und geistig- lebendigen Grund gibt, das habe Ich euch in Pella hinreichend klar gezeigt. Aber es ist darum nicht nötig, mit dem gleich anfangs die Menschen bekannt und vertraut zu machen, sondern nur mit der Hauptsache, die ihr wohl kennt; hat diese Wurzeln geschlagen, so wird sich alles andere ganz leicht wie von selbst bewerkstelligen lassen.
GEJ|10|65|3|0|Überhaupt sollt ihr euch besonders im Anfange nicht mit den Erklärungen der Erscheinungen in der Naturwelt abgeben – erstens, weil ihr selbst darin noch nicht völlig im klaren seid, und zweitens, weil von der Erkenntnis derselben das eigentlich wahre Lebensheil einer Menschenseele nicht abhängt –, sondern lehret die Menschen nur lebendig an Mich glauben und leben und handeln nach Meinem euch bekannten Willen; alles andere und Weitere werde dann schon Ich Selbst besorgen! Denn wer Meine Gebote hält und Mich wahrhaft in der Tat über alles liebt, zu dem werde Ich Selbst kommen und Mich ihm in allem offenbaren nach dem Maße seiner Aufnahmefähigkeit.
GEJ|10|65|4|0|Denn die Talente sind von Mir aus an die Menschen darum verschieden verteilt, auf daß ein jeder seinem Nächsten nach dem ihm eigenen Talent in der von Mir gebotenen Nächstenliebe dienen kann. Darum habt ihr vorderhand für die Entwicklung der Sondertalente bei den Menschen weniger zu sorgen, sondern nur für die Hauptlehre, die ihr von Mir empfangen habt; alles andere – wie schon gesagt – werde schon Ich besorgen.“
GEJ|10|65|5|0|Als der Unterdiener solches von Mir vernommen hatte, dankte er Mir und fragte Mich über derlei um nichts Weiteres mehr.
GEJ|10|65|6|0|Bei dieser belehrenden Gelegenheit aber war die Sonne auch schon vollends über den Horizont gestiegen, und es kam ein Bote aus dem Hause, uns anzuzeigen, daß das Morgenmahl bereitet sei. Da erhoben wir uns und begaben uns hinab in das Haus.
GEJ|10|65|7|0|Als wir beim Hause anlangten, da war es von mehreren Bürgern dieser Stadt ordentlich belagert; denn sie hatten vernommen, daß der Hauptmann die Nacht hindurch in dem Hause der Juden zu tun gehabt habe, und hätten von einem Einwohner dieses Hauses gegen einen Lohn gern erfahren, was es da denn eigentlich gegeben habe. Als sie aber den Hauptmann und seine Diener schon von einiger Ferne ersahen und erkannten, da hoben sie ihre förmliche Hausbelagerung sogleich auf, zogen sich etwas zurück, und wir konnten unbeirrt in das Haus gehen.
GEJ|10|65|8|0|Im Hause nahmen wir bald das wohlbereitete Morgenmahl zu uns, und es kümmerte sich niemand besonders um die das Haus beobachtenden Bürger dieser Stadt.
GEJ|10|65|9|0|Es kam aber bald darauf der Bürgeroberste dieser Stadt, um dem Hauptmanne seine Aufwartung zu machen.
GEJ|10|65|10|0|Als er sich durch einen seiner mitgenommenen Diener melden ließ, da fragte Mich der Hauptmann, ob er ihn vorlassen solle oder nicht.
GEJ|10|65|11|0|Und Ich sagte: „Diesen lasse du nur zu uns kommen; denn auch er soll Mir zu einem Rüstzeuge werden!“
GEJ|10|66|1|1|66. — Der Bürgeroberste von Abila
GEJ|10|66|1|0|Nach dem ließ der Hauptmann den Bürgerobersten vor und fragte ihn gleich beim Eintritt in unseren großen und prachtvoll ausgestatteten Speisesaal, was er wünsche.
GEJ|10|66|2|0|Der Bürgeroberste aber, ein Mann von vielem Verstand und vielfacher Erfahrung, dem zuvor dieses Judenhaus nur zu gut bekannt war von außen wie von innen, sagte voll Staunens: „Hoher Gebieter im Namen des großmächtigsten Kaisers zu Rom, der größten und mächtigsten Stadt der ganzen Welt! Da ich vernahm, daß du dich hier sicher sehr dringender Amtsgeschäfte halber befindest, so ist es doch nichts mehr und nichts minder als meine beschworene heilige Pflicht, dir meine Aufwartung zu machen und dich in aller Ergebung zu fragen, ob du nicht irgend meines Dienstes benötigst. Und so bin ich denn nun auch voll Staunens hier vor dir und meine nun schon zum voraus, daß du meines Dienstes kaum benötigen wirst; denn du vermochtest im geheimen den armen Juden ihr völlig zerklüftetes Haus in einen wahren Palast umzugestalten, ohne mich davon nur einmal in Kenntnis gesetzt zu haben und meine Hilfe anzusprechen, – und so werde ich auch diesmal dir ganz überflüssig sein. Kannst du mich aber doch zu etwas brauchen, so stehe ich dir selbst mit meinem Leben zu Diensten!“
GEJ|10|66|3|0|Sagte der Hauptmann: „Bleibe du nun nur hier; denn diesmal wirst du mir noch in gar manchem zu dienen haben! Aber setze dich vorerst, und trinke einen Becher des ältesten und besten Weines, der, von uralter Zeit herstammend, in einem ganz verschüttet gewesenen Keller in ganz reinen steinernen Gefäßen wohlerhalten vorgefunden worden ist!“
GEJ|10|66|4|0|Der Bürgeroberste setzte sich sogleich zum Hauptmanne hin, ergriff den Becher und kostete zuerst den Wein; als er aber von dessen Güte vollends überzeugt wurde, da trank er den Wein aus dem Becher in kräftigeren Zügen und sagte: „Ich habe doch auch schon so manchen Tropfen der besten mir bekannten Weine gekostet; aber über diesen ist noch nie einer über meine Lippen geflossen! O Hauptmann, du anerkannt großer Mann in allem und auch ein Held ohnegleichen, den viele seiner Taten wegen loben und rühmen, aber hier vergib es mir, eine kleine Bemerkung zu machen: So das pur dein Werk ist, so bist du auch schon mehr ein Gott denn ein Mensch! Denn diese alte, äußerst weitläufige Burg sicher in einer kurzen Zeit ohne mein Wissen so königlich herzustellen, kann nur Göttern, aber nie den noch so tätigen und einsichtsvollen Menschen möglich sein; denn selbst die besten und kundigsten Bauleute hätten mit der Herstellung solch einer Ruine sicher über zehn Jahre vollauf zu tun gehabt!“
GEJ|10|66|5|0|Sagte der Hauptmann: „Deine Bemerkung ist ganz richtig, – nur findet sie auf mich keine Anwendung! Auf wen aber, das wirst du bald vernehmen und mir darauf dann erst zu Diensten stehen; aber nun trinke!“
GEJ|10|66|6|0|Hierauf ließ sich der Bürgeroberste noch einmal seinen Becher füllen und trank ihn zur Ehre des wunderbaren, mit wahrer Götterkraft begabten Wiederherstellers dieser alten Burg bis auf den letzten Tropfen aus. Darauf sagte er: „Nun aber, hoher Gebieter, möchte ich – so es dir genehm wäre – mich von der ganzen Burg, die einst, nach der sehr weitläufigen Ruine zu schließen, sehr viele Gemächer haben mußte, überzeugen, ob sich alles in dem gleich guten Bauzustande befindet wie dieser große Speisesaal, der ehedem von aller Art Tiergeschmeiß bewohnt war!“
GEJ|10|66|7|0|Sagte der Hauptmann: „Das können wir allerdings tun, wenn es dem Einen unter uns, den du bis jetzt noch nicht kennst, genehm ist!“
GEJ|10|66|8|0|Sagte Ich: „Dem ist es schon ganz genehm also; denn die Heiden und besonders so starre Stoiker, wie dieser Bürgeroberste einer ist, können nur durch große Zeichen zum Glauben an den einen, allein wahren Gott und Herrn Himmels und der Erde von Ewigkeit, dem alle Dinge möglich sind, und der allein aus Sich durch Sein Wort alles erschaffen und gestaltet hat, wieder bekehrt werden.“
GEJ|10|67|1|1|67. — Der Hauptmann belehrt den Bürgerobersten über den Herrn.
GEJ|10|67|1|0|Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da erhoben wir uns alle vom Tische, durchzogen alle die großen und kleinen Gemächer, auch den übergroßen Keller, und der Bürgeroberste ward dabei so voll Staunens und Verwunderns, daß er sich vor lauter Ehrfurcht kaum zu reden getraute.
GEJ|10|67|2|0|Als wir nach ein paar Stunden Zeit abermals in den großen Speisesaal zurückgekehrt waren und uns um den Tisch gelagert hatten, da erst sagte er (der Bürgeroberste): „Nun erst glaube ich, daß es einen Gott von Ewigkeit her gibt, und zwar nur Den, an den die Juden – aber auch nur ganz schwach – noch glauben und Ihn von Zeit zu Zeit anbeten und Ihm zur Ehre einen Tag in der Woche feiern. Denn derlei zu bewirken kann nur Dem allein möglich sein, der den weiten Himmel und diese Erde, deren Ende auch kein Mensch ergründet hat, aus Sich durch Sein ewiges Machtwort erbaut und mit zahllos vielen und mannigfachen Pflanzen, Tieren und Menschen bebaut, geziert, belebt und bevölkert hat. O Hauptmann, lehre du mich diesen Gott näher kennen!“
GEJ|10|67|3|0|Sagte der Hauptmann: „Da sieh den Mann, der zu meiner Rechten sitzt und mit meiner Tochter, die Er in Pella wunderbar von einer bösesten Krankheit geheilt hat, Sich bespricht! Mehr brauche ich dir vorderhand nicht zu sagen; nachderhand aber wirst du schon ein Näheres und Umständlicheres erfahren!“
GEJ|10|67|4|0|Hierauf fing der Bürgeroberste Mich scharf zu betrachten an und sagte dann mit leiser Stimme zum Hauptmann: „Er ist dem Ansehen nach auch ein Mensch und der Tracht nach ein Jude aus Galiläa; aber er muß ein äußerst frommer und dem großen Gott der Juden völlig ergebener Mann sein, daß ihn der große Gott zu solch einer nie erhörten Macht erhoben hat, wie das in der früheren Zeit auch andere sehr fromme Juden sollen erfahren haben!“
GEJ|10|67|5|0|Sagte der Hauptmann: „Du hast zum Teil wohl recht, aber ganz noch lange nicht. Aber mit der Zeit wird dir noch alles klar werden!“
GEJ|10|67|6|0|Hierauf kehrte Ich mich zum Hauptmann und sagte: „Nun kannst du ihn schon näher unterweisen; denn er wird es fassen.“
GEJ|10|67|7|0|Da fing der Hauptmann zum Staunen sogar Meiner Jünger den Bürgerobersten über Mich zu belehren an, und dieser begriff und faßte alles, und es blieb kein Zweifel mehr in seiner Seele.
GEJ|10|67|8|0|Als der Bürgeroberste nun wohl einsah, mit wem er es in Mir zu tun hatte, da stand er auf, ging voll Ehrfurcht zu Mir hin und sagte voll ergebenen Mutes: „Herr, Herr, Du allein bist es, an den ich von nun an ungezweifelt und lebendig mit meinem ganzen Hause glauben werde! Aber sage es auch Du mir, was ich tun soll, auf daß mein Glaube auch in die Herzen der andern Menschen übergehen möchte in kürzester Zeit! Denn es ist mein Gemüt schon einmal also beschaffen, daß ich mit dem, was mich überglücklich und seligst zufrieden macht, auch gleich alle andern Menschen ebenso glücklich und zufrieden machen möchte, was aber mit unseren schwachen Menschenkräften freilich nur zu oft nicht so schnell geht, wie wir es wünschen und haben möchten. Dir, o Herr, Herr, sind ja alle Mittel und Wege schon von Ewigkeit her klarst bekannt, und so kannst auch nur Du sie mir anzeigen!“
GEJ|10|68|1|1|68. — Liebe und Geduld, die beiden Haupttugenden des Menschen.
GEJ|10|68|1|0|Sagte Ich: „Liebe und Geduld sind die zwei größten Dinge zu allem in dieser Welt, wie auch in der ewigen Unendlichkeit. An der Liebe fehlt es dir wahrlich nicht, darum Ich Mich auch von dir habe finden und bald erkennen lassen; aber an der rechten, mit der Liebe im vollen Einklang stehen sollenden Geduld fehlt es dir noch.
GEJ|10|68|2|0|Siehe, tue denn heute in Meinem Namen nur soviel, als dir möglich ist, und es wird dir dann der nächste Tag schon sagen, was du zur Erreichung eines edlen Zweckes ferner zu tun haben wirst! Denn siehe, in dieser Meiner übergroßen, für euch Menschen bestimmten Welt läßt sich nichts übers Knie also brechen wie ein altes, morsches Stück Holz! Denn ginge das also, da hätte Ich wohl niemals Fleisch und Blut angenommen, wäre nie als Mensch zu euch Menschen gekommen und würde euch nicht in den Dingen Meines Reiches gewisserart mit aller Mühe und übergroßer Geduld Selbst unterweisen.
GEJ|10|68|3|0|Ein jeder Mensch hat seinen vollkommen freien Willen, und dieser muß vor allem geachtet und berücksichtigt werden. Es wäre daher nicht am besten, besonders die Menschen, die sich mit der Lehre der Stoiker noch nicht absonderlich befaßt haben, gleich auf dieses von Mir gewirkte große Wundertatszeichen hinzuweisen, sondern sie sollen über Mein Dasein, das im Geiste keinen Anfang und kein Ende hat, das heißt über den einen, allein wahren Gott belehrt werden; dann werde ihnen Sein Wille bekanntgemacht, und der Mensch, der ihn erfüllt, hat das rechte Ziel erreicht.
GEJ|10|68|4|0|Und nehmen die Menschen das ohne einen äußeren Zwang – ob er ein physischer oder moralischer sei – an und fangen an, nach solcher Lehre ernstlich zu handeln, dann möget ihr mit ihnen auch von Meinen besonderen Zeichen und von Meiner Allgegenwart mit ihnen zu reden anfangen, und das wird sie stärken im Glauben und im Tun nach demselben.
GEJ|10|68|5|0|Doch die starren Stoiker könnet ihr schon mit den von Mir gewirkten Zeichen zu bekehren anfangen; denn die Verächter des Lebens und Wünscher des Todes und des Nichtseins halten schon einen heftigeren Stoß aus, ohne dadurch in der Freiheit ihres Willens einen Schaden zu erleiden.
GEJ|10|68|6|0|Machet jedoch nicht gleich ein großes Gerede von diesem Zeichen; denn es wohnen ohnehin in dieser Stadt zwei Menschen, die Ich in Pella geheilt habe, wovon der Hauptmann und seine Unterdiener das Nähere gar wohl kennen, und diese beiden Geheilten werden Mir schon ein rechtes Zeugnis geben! Dann erst könnet ihr auch von dem zu reden anfangen, was hier geschehen ist.
GEJ|10|68|7|0|Also tuet das, was Ich nun gesagt habe, mit aller Liebe und Geduld, und ihr werdet so in Meinem Namen zu einer reichen Menschenernte für Mein Lebensreich gelangen!
GEJ|10|68|8|0|Denn sehet, der Herr eines Weinberges hatte zwei Arbeiter in seinen Weinberg bestellt und versprach einem jeden den ganz gleichen, sehr ansehnlichen Lohn. Da teilten die beiden gedungenen Arbeiter den Weinberg unter sich ab zu gleichen Teilen.
GEJ|10|68|9|0|Der eine der Arbeiter wollte sich vor dem Herrn sehr eifrig und tätig erweisen, um von ihm etwa einen guten Nachlohn zu erhalten, und arbeitete ohne Rast und Ruhe. Er war mit seiner Arbeit denn auch bald zu Ende; aber diese fiel ob der großen und geduldlosen Hast denn auch zum größten Teile sehr schluderig aus, und der Weinberg gab dem Herrn eine magere Ernte.
GEJ|10|68|10|0|Der zweite Arbeiter aber ließ sich Zeit, überlegte bei jeder Rebe wohl, wie sie zu behandeln sei, auf daß sie dem Herrn eine reiche Frucht brächte. Er hatte mit seinem Teil denn auch länger zu tun als sein Mitarbeiter; aber als es zur Ernte kam, da war sein Teil übervoll mit den schönsten Trauben.
GEJ|10|68|11|0|Als der Herr des Weinberges dann die Lese hielt, da belobte er den zweiten Arbeiter sehr und gab ihm den Nachlohn; dem ersten Arbeiter, der mit zu großer Hast arbeitete, gab er keinen Nachlohn, da derselbe in dem Weinberg eher einen Schaden denn irgendeinen Nutzen bewirkte.
GEJ|10|68|12|0|Das bedenket auch, so ihr in Meinem Menschenlebensweinberg einen wahren Nutzen bewerkstelligen wollt!
GEJ|10|68|13|0|Die Menschen sind die Reben und sind nach ihrer verschiedenen Art und Natur denn auch verschieden zu behandeln; tut denn also, wie Ich es euch nun gezeigt habe, und ihr werdet gute Früchte ernten und einen besten Lohn überkommen in Meinem Reiche!
GEJ|10|68|14|0|Lehret die Menschen vor allem nur die Wahrheit, und ihr werdet sie frei machen in allem, das ihre Seelen gefangen hält, und ihr selbst werdet dabei die Wonne der größten Freiheit in euren Herzen empfinden und genießen!“
GEJ|10|69|1|1|69. — Das Mittagsmahl und der Abschied des Herrn
GEJ|10|69|1|0|Für diese Belehrung dankten Mir alle, und der Bürgeroberste erhob sich darauf vom Tische und wollte hinausgehen, da er sah, daß der Älteste seinen Leuten befahl, die Mittagsspeisen bald auf den Tisch zu bringen. Ich aber behieß ihn zu bleiben und mit uns zu halten das Mittagsmahl; und er blieb und hielt mit uns das Mahl.
GEJ|10|69|2|0|Und als er die edlen Fische ersah, da fragte er den Hauptmann, ob und wann er diese Fische etwa aus Genezareth oder Gadara diesen Juden verschaffte.
GEJ|10|69|3|0|Der Hauptmann aber sagte: „Freund, nicht ich, sondern auch nur ganz allein der Herr, dem – wie du dich heute schon zur Genüge überzeugt hast – alles zu bewirken möglich ist, – und so sind diese Fische auch ein Zeichen Seiner göttlichen Macht und Herrlichkeit! Iß sie, und stärke dich damit am Leibe und im Herzen der Seele!“
GEJ|10|69|4|0|Hierauf nahm der Bürgeroberste einen Fisch und verzehrte ihn bald, da er ihm gar überaus wohl mundete; doch einen zweiten nahm er nicht mehr, da er sich schon mit dem einen Fisch vollkommen gestärkt fühlte.
GEJ|10|69|5|0|Es ward aber während des Mahles noch gar manches über die Erscheinungen und Dinge in der Naturwelt besprochen, und der Bürgeroberste hatte darüber eine große Freude.
GEJ|10|69|6|0|Es kam auch die Rede auf die Träume, und Ich Selbst erklärte ihnen die innere Welt der Träume und zeigte ihnen dabei die in der Seele noch unentfaltete gottähnliche schöpferische Kraft, die durch das treue Handeln nach Meiner Lehre ihre höchste Ausbildung und Vollendung erreichen kann.
GEJ|10|69|7|0|Auch darüber hatte der Grieche, wie auch der Hauptmann, eine große Freude und sagte: „Oh, wie gar nichts wissen doch die Menschen allesamt, und wie gar nichts sind sie gegen Dich, o Herr, Herr!“
GEJ|10|69|8|0|Sagte Ich: „Darum bin Ich zu euch in diese Welt gekommen, um euch den Weg zu zeigen, auf dem fortwandelnd ihr eben jene Vollendung in allem erreichen sollet, die Ich von Ewigkeit her besitze unveränderlich und unwandelbar. Ich bin Alles in Allem, und alles ist in Mir und aus Mir! Und also sollet auch ihr als Meine Kinder mit Mir sein!
GEJ|10|69|9|0|Ich sage es euch: Kein Auge hat es je gesehen, kein Ohr vernommen, in keines Menschen Sinn ist es je gekommen, welche Seligkeiten für die bereitet sind, die Mich lieben und Meine Gebote treulichst halten! Seid darum nüchtern und in allem Guten und Wahren eifrig und in aller Liebe und Geduld tätig, auf daß Mein Geist in euch erwache und erstehe und euch zeige im klarsten Licht die innere Gotteswelt in eurer Seele Herzen; denn in dem ist eine für den Außenmenschen unentdeckte seligkeitsvollste Unendlichkeit verborgen, und niemand außer Mir kennt den Weg dahin! Ich aber zeigte euch diesen Weg; darum wandelt auf ihm, auf daß ihr in die Gotteswelt in euch selbst gelangen möget!“
GEJ|10|69|10|0|Nach diesen Meinen Worten sagte der Grieche: „Das ist wohl eine innere tiefste Weisheit; aber ich habe sie nicht völlig begreifen können, da ich sicher noch in allem ein ganz äußerer Mensch bin. Ich werde daher trachten, diesen äußeren Menschen nach und nach ganz auszuziehen, um dadurch den inneren stets klarer begreifen zu können. O Herr, Herr, Du aber sei und bleibe mir behilflich in dieser schweren Arbeit! Denn nur mit Deiner Hilfe kann der für sich arme und schwache Mensch alles erreichen, ohne sie aber ewig nichts als den Tod, den ein jeder Mensch einmal zu erleiden haben wird, – ein Los, das wahrlich nicht geeignet ist, den tiefer denkenden Menschen heiter und fröhlich zu stimmen, darum uns Diogenianer auch niemals jemand mit einer heiteren Miene hat einhergehen sehen.
GEJ|10|69|11|0|Aber von nun an, da ich den Schöpfer und Herrn des Lebens und aller Dinge Selbst gesehen und gesprochen und aus Seinem Munde überzeugend vernommen habe, daß es für den Menschen ewig keinen Tod gibt, so bin ich nun denn auch ganz heiter geworden in meinem Herzen. O Herr, Herr, erhalte mich in dieser Heiterkeit; denn ein trauriger Mensch kann keine Lust zu einer guten Arbeit haben!“
GEJ|10|69|12|0|Sagte Ich: „So ihr das Eurige tun werdet, da werde Ich schon auch das Meinige tun! Doch wünschet euch nicht zu viel Lebensheiterkeit, solange ihr noch im Fleische wandelt; denn durch sie verirrt sich die Seele leicht ins Weltliche und Materielle und findet dann den rechten Weg zum Leben sehr schwer mehr in der rechten Vollkommenheit.
GEJ|10|69|13|0|Ertraget denn Freud und Leid mit der rechten Geduld und vollen Ergebung in Meinen Willen, so werdet ihr dereinst in Meinem Reiche mit der Krone des Lebens geschmückt werden!
GEJ|10|69|14|0|Nun aber ist für diesen Ort Meine Zeit auch herbeigekommen, und Ich werde euch nun verlassen und Mich in einen anderen Ort begeben, in dem es auch viele Tote gibt, die Ich zum Leben erwecken will. Dir, Hauptmann, aber steht es nun frei, Mich nach Golan zu begleiten.“
GEJ|10|69|15|0|Sagte der Hauptmann: „O Herr und Meister, ich möchte Dich, so es Dir genehm wäre, wohl noch weiter begleiten – denn ich hätte nun in dieser Herbstzeit auch Muße dazu; doch in die Orte, die unter meiner Macht stehen, begleite ich Dich in jedem Falle, da ich sie ja ohnehin in Augenschein zu nehmen habe. Also gehen auch meine Unterdiener mit, wie auch meine Tochter, und wir können uns denn schon auf den Weg machen!“
GEJ|10|69|16|0|Hier kamen auch die Juden dieses Hauses und dankten Mir mit dem gerührtesten Gemüte für die Wundergnaden, die Ich ihnen erwiesen hatte, und baten Mich, daß Ich sie auch fernerhin mit Meiner Hilfe in irgendeiner Not nicht verlassen möchte.
GEJ|10|69|17|0|Ich versprach ihnen denn auch, im Geiste bei ihnen zu verbleiben, so sie in Meiner Lehre verbleiben würden, und der Hauptmann versprach ihnen auch, daß er sie schützen werde, und ebenso auch der Bürgeroberste.
GEJ|10|70|1|1|Der Herr in Golan
GEJ|10|70|1|1|70. — Die Ankunft in Golan.
GEJ|10|70|1|0|Als das alles also abgemacht war, erhoben wir uns vom Tische und begaben uns auf den Weg nach Golan. Wir machten aber einen kleinen Umweg außerhalb der Stadt, um in der Stadt nicht ein unnötiges Aufsehen zu erregen, auf welchem Wege uns denn auch der Bürgeroberste begleitete; denn auch er wollte den vielen, auf ihn wartenden Fragern vorderhand ausweichen. Am andern Ende der Stadt, auf dem Wege nach Golan, hatte der Oberste einen alten Freund; diesen besuchte er, trennte sich also von uns, und wir zogen ruhig unseren Weg weiter.
GEJ|10|70|2|0|Der Weg von Abila nach Golan ist ziemlich beschwerlich, und wir kamen erst gegen Abend in den benannten Ort. Als wir da vor das Tor der Stadt kamen, da begegneten uns mehrere Juden, die zwar wohl in der Stadt wohnten, aber da sie des Sabbats wegen noch keinen Ausgang gemacht hatten, weil sie nach strenger Satzung erst nach dem Untergange solches tun durften, so benutzten sie diese Zeit dazu.
GEJ|10|70|3|0|Als sie uns ankommen sahen und uns als Juden erkannten, da ging sogleich ein Ältester auf uns zu und fragte uns, woher wir gekommen seien, und ob wir nicht wüßten, daß ein wahrer Jude den Sabbat nicht entheiligen solle, auch nicht durch einen nötig zu machenden Weg im Freien, solange die Sonne am Himmel steht und leuchtet.
GEJ|10|70|4|0|Hier trat der Hauptmann dem Ältesten entgegen und sagte mit ernster Stimme: „Es sind hier nicht nur Juden, sondern es sind auch wir machthabenden Römer bei und unter ihnen; uns aber gehen eure Gesetze nichts an, und so wir es wollen und für notwendig erachten, da müssen auch die blöden Juden an einem Sabbat das tun, was wir wollen, und ihr habt kein Recht, einen eurer Glaubensgenossen in unserer Gesellschaft anzuhalten und zu fragen, warum er dies oder jenes an einem eurer Sabbate tue oder nicht tue. Denn hier und noch weithin bin ich der Gebieter im Namen des Kaisers und habe das scharfe Schwert der Gerechtigkeit in meiner Hand! Wer wider dasselbe zu handeln sich unterfängt – ob Jude, Grieche oder Römer, ob an einem Sabbat oder an einem andern Tage, das ist eins –, der wird dessen Schärfe zu verkosten bekommen!“
GEJ|10|70|5|0|Als die Juden, den Hauptmann wohlerkennend, solch eine Anrede aus seinem Munde vernahmen, da erschraken sie sehr und baten ihn mit der Entschuldigung um Vergebung, daß sie ihn unter den ankommenden Juden und etwelchen Griechen nicht gesehen und so denn auch nicht erkannt hätten; denn hätten sie ihn gesehen und erkannt, so hätten sie die Juden, weil sie am Sabbat eine Reise gemacht haben, sicher nicht angehalten und befragt; denn auch sie seien stets treue Untertanen der Römer und hätten eine hohe Achtung vor ihren weisen Gesetzen.
GEJ|10|70|6|0|Sagte nun der Hauptmann: „Diesmal ist es euch vergeben; aber künftighin fraget mir ja auch an einem Sabbat zugereiste Juden nicht mehr, warum sie solchen Tag nicht auf eine gebührende Art und Weise feiern! Denn werdet ihr das noch einmal aus eurem blinden Eifer tun, so werde ich euch darum zu züchtigen verstehen; und nun ziehet weiter, oder kehret wieder in eure schmutzvollen Wohnhäuser zurück!“
GEJ|10|70|7|0|Auf das machten die Juden eine tiefe Verbeugung vor dem Hauptmanne und zogen sich ganz behende in die Stadt zurück; denn sie meinten bei sich, daß in kurzer Zeit dem Hauptmanne bei hundert Soldaten folgen dürften, denen sie nicht begegnen wollten, und so fanden sie es für ratsamer, sich wieder in ihre Wohnhäuser zurückzubegeben.
GEJ|10|70|8|0|Als diese Juden sich in ihre Wohnhäuser verkrochen, da fragte Mich der Hauptmann, wo Ich in dieser Stadt die Nachtherberge nehmen werde.
GEJ|10|70|9|0|Sagte Ich: „Freund, am andern Ende dieser Stadt befindet sich eine Judenherberge; dahin werden wir uns begeben und die Nacht über denn auch verbleiben. Der morgige Tag wird uns schon bringen, was da Weiteres zu tun sein wird. Und so denn begeben wir uns zu der genannten Judenherberge!“
GEJ|10|70|10|0|Wir zogen bei schon ziemlicher Dämmerung durch die ganz bedeutende Stadt und erreichten denn auch bald die angezeigte Herberge.
GEJ|10|70|11|0|Als wir vor dieser Herberge, die freilich eben nicht sehr ansehnlich war, anlangten und stehenblieben, da kam alsbald der Wirt an die Hausflur und fragte uns, was wir da wünschten.
GEJ|10|70|12|0|Da sagte Ich: „So da Reisende vor einer Herberge abends anlangen, so wollen sie für die Nacht eine Unterkunft haben; und das wünschen denn hier auch wir.“
GEJ|10|70|13|0|Sagte der Wirt: „Freund, ihr seid euer sicher bei vierzig an der Zahl, und für so viele wird sich in meinem Hause wohl schwer ein nur halbwegs genügender Raum finden lassen! Da weiter oben ist eine große Griechenherberge; in der könnet ihr eine ganz gute und bequeme Aufnahme finden. Zudem habe ich leider auch ein krankes Weib, das mit der Küche umzugehen versteht, was meine beiden Töchter, die heute auch etwas unwohl sind, auch im ganz gesunden Zustande noch lange nicht vermögen, weil ihnen dazu die nötige Kraft und Kenntnis mangelt. Ich kann euch daher nur eine sehr magere Unterkunft bieten, während ihr in der oberen Herberge alles haben könnt, dessen ihr bedürfet.“
GEJ|10|70|14|0|Sagte Ich: „Das weiß Ich auch, und das schon seit lange her; Ich will aber eben darum in deiner Herberge übernachten, auf daß du von uns erhalten und haben sollst, dessen du bedarfst. Laß uns bei dir Herberge nehmen!“
GEJ|10|70|15|0|Als der Wirt das vernahm, da sagte er: „Ja, so ihr euch mit meiner in jeder Hinsicht höchst mager bestellten Herberge begnügen wollt, da könnet ihr immerhin eintreten und euch die innere Bestellung dieser meiner Herberge ansehen; gefällt sie euch, so möget ihr denn auch bleiben! Etwas Wein und Brot kann ich euch schon noch bieten, und etliche Tische, mit zum größten Teil Steinbänken umstellt; aber mit Ruhestätten wird es sehr mager aussehen.“
GEJ|10|70|16|0|Auf das traten wir sogleich in das Herbergshaus, allwo wir ein ziemlich geräumiges Speisezimmer antrafen und ebenso auch viele Tische, Stühle und Bänke, daß wir alle so ziemlich bequem Platz hatten.
GEJ|10|70|17|0|Der Wirt ließ alsbald Lichter in den Speisesaal bringen und erstaunte nicht wenig, als er unter uns auch den ihm sehr wohlbekannten Hauptmann Pellagius ersah. Er fing nun an, sich noch mehr mit seiner Armut zu entschuldigen, womit er solchen Gästen nur sehr schlecht würde dienen können, und zugleich sei heute auch der Sabbat zu halten gewesen, an dem es den Juden nicht gestattet sei, sich für den Abend nach Gebühr vorzubereiten.
GEJ|10|70|18|0|Der Hauptmann aber beruhigte ihn und sagte: „So ich hier so gut und bequem als möglich eine Herberge hätte haben wollen, so hätte ich die mir stets zur Verfügung stehende Burg benutzen können; aber da mir an dieser Gesellschaft endlos mehr gelegen ist als an all dem eitlen und vergänglichen Weltprunk, so bleibe auch ich mit dieser meiner Tochter und diesen meinen ersten Unterdienern bei dir. Und ich bleibe auch darum bei dir, weil der eine wahre Herr und Meister, der mir alles in allem ist, schon vor der Stadt den Wunsch laut ausgesprochen hat, heute eben in dieser deiner Herberge zu übernachten.
GEJ|10|70|19|0|Wer aber solcher Herr und Meister so ganz eigentlich ist, das wirst du schon noch näher erfahren und dadurch auch dein Heil finden und bewahren für dich und für dein ganzes Haus. Aber nun laß uns etwas Brot und Wein auf die Tische bringen!“
GEJ|10|70|20|0|Hier berief der Wirt sogleich seine eben nicht zahlreiche Dienerschaft und gebot ihr, Brot, Salz und Wein auf die Tische zu setzen, was denn auch alsogleich bewerkstelligt wurde.
GEJ|10|70|21|0|Wir nahmen denn auch gleich etwas Brot und Wein zu uns, und der Wirt selbst, der ein ganz ehrwürdiges Aussehen hatte und auch sonst ein rechtlicher Mann war, beteiligte sich an dem dargereichten Abendmahl.
GEJ|10|71|1|1|71. — Die Heilung des kranken Weibes und der beiden Töchter des Wirtes durch den Herrn
GEJ|10|71|1|0|Nachdem wir uns so mit Brot und Wein ganz zur Genüge erquickt hatten und unser Wirt redemutiger geworden war, da wandte er sich an Mich und sagte: „Du scheinst mir allem untrüglichen Anscheine nach ebenderselbe Herr und Meister zu sein, bei dem nach den Worten unseres Hauptmannes und Gebieters ich und mein ganzes Haus ein Heil finden und dann auch für immer behalten und bewahren werden. Wie soll das zugehen? Du scheinst deiner Tracht nach ein Galiläer zu sein; wie und worin bist du denn ein Herr und ein Meister?“
GEJ|10|71|2|0|Sagte Ich: „Lasse du nun dein krankes Weib hierher bringen und ebenso auch deine beiden kränklichen Töchter, und Ich werde sie heilen also, wie Ich des Hauptmanns Tochter, die du hier an seiner Seite sitzen siehst, geheilt habe. Und so Ich dein Weib und deine Töchter nicht heile, da heilt sie kein Arzt in der ganzen Welt! Darum tue nun nach Meinem Worte, und du wirst die Kraft und Herrlichkeit Gottes im Menschen, der Ich es bin, erschauen!“
GEJ|10|71|3|0|Sagte der Wirt: „Ich bin zwar ein fester Jude und halte das Gesetz; aber – aufrichtig gesagt – im eigentlichen Glauben bin ich schon etwas schwach geworden, und das aus zwei Gründen: Erstens haben unsere Propheten zum Vorteil der Juden allerlei Dinge geweissagt, und also auch von einem Messias, der da kommen werde mit großer Macht und Herrlichkeit und aufrichten unser zerfallenes und verwüstetes Reich für alle Zeiten der Zeiten! Aber es ist bis jetzt von all den Weissagungen noch ganz blutwenig eingetroffen, – und so schon etwas eingetroffen ist, da ist sicher nur das Schlimme eingetroffen, und das Gute wird wohl bis ans Ende der Zeiten auf sich warten lassen! Und bei solchen auf der Erfahrung beruhenden mißlichen Umständen ist es wohl schwer, im Glauben fest zu verbleiben.
GEJ|10|71|4|0|Und zweitens müssen wir Juden unter den Heiden leben und mit ihnen verkehren, und die haben zumeist gar keinen Glauben und verlachen uns, so wir mit ihnen über unseren allein wahren einen Gott zu reden anfangen; denn diese Heiden sind zum größten Teil Weltweise, glauben an ihre Götter nicht, wie auch nicht an die Unsterblichkeit der Seelen, und beweisen von all den alten Glaubensdingen mit geschickter Rede die volle Nichtigkeit. Bei ihnen gibt es also keinen Gott, sondern nur allerlei Kräfte in der Natur. Diese schaffen nach gewissen, ihnen zugrunde liegenden Gesetzen in einem fort und zerstören wieder über kurz oder lang, was sie geschaffen haben.
GEJ|10|71|5|0|Und so siehst du, lieber Herr und Meister, daß es mit unserem alten Glauben sehr am Rande ist; aber diesmal will ich dennoch fest glauben, daß du mein Weib und meine beiden Töchter sicher heilen wirst, und es soll alsogleich das kranke Weib samt den Töchtern hierhergebracht werden!“
GEJ|10|71|6|0|Hierauf brachten bald die Diener des Wirtes das Weib im Bette vor Mich in den Speisesaal, und die beiden Töchter kamen von selbst, geleitet vom Wirte, der sie in Meine Nähe stellte und dann zu den dreien sagte (der Wirt): „Seht, das ist der Herr und Meister, der euch heilen wird sicher auf eine wundersame und uns unbegreifliche Weise; glaubet, und bittet ihn darum!“
GEJ|10|71|7|0|Das Weib und die beiden Töchter taten das auf eine sehr rührende Art, und Ich sagte darauf: „Euer Glaube helfe euch, und Ich will es! Stehet denn auf und wandelt!“
GEJ|10|71|8|0|In dem Augenblick empfand das Weib, wie auch die beiden Töchter, daß sie vollkommen gesund und gestärkt waren, und das Weib verließ das Bett, versuchte zu gehen und fühlte in keinem Gliede irgendeinen Schmerz und ebensowenig irgendeine Schwäche, was auch die beiden Töchter taten und dasselbe wie ihre Mutter empfanden.
GEJ|10|71|9|0|Alle drei kamen denn auch sogleich zu Mir, dankten Mir auf das innigste für die Heilung, was auch der Wirt tat, der sich über diese wundervolle Heilart nicht genug verwundern konnte.
GEJ|10|72|1|1|72. — Der Wirt und sein Weib staunen über die Wundermacht des Herrn
GEJ|10|72|1|0|Nach einer Weile aber sagte er zum Weibe und zu den beiden Töchtern (der Wirt): „Da ihr nun von diesem Wunderherrn und Meister geheilt worden seid, so zeiget eure schuldigste Dankbarkeit denn auch auf eine werktätige Art! Gehet in die Küche und bereitet für alle ein besseres Mahl, als das ich ihnen bieten konnte! Das Beste in der Speisekammer nehmt und bereitet es wohl!“
GEJ|10|72|2|0|Die drei gingen mit den andern Dienern freudigst ans anbefohlene Werk.
GEJ|10|72|3|0|Ich aber sagte zum Wirte: „Freund, diese Mühe hättest du den Geheilten schon ersparen können, denn uns genügt ja das ganz gute Brot und der auch recht gute Wein; aber weil sich die drei mit aller Freude ans Werk des Kochens und Bratens gemacht haben, so sollen sie es auch vollbringen!“
GEJ|10|72|4|0|Als Ich das noch kaum ausgesprochen hatte, da kam das Weib voll Freude wieder in den Speisesaal und sagte zum Wirte: „Aber was ist denn während meiner halbjährigen harten Krankheit alles ohne mein Wissen geschehen? Die große und die kleine Speisekammer strotzen von Speisen aller guten Art! Da gibt es in großer Masse Linsen, Bohnen, Mehl, Öl, Früchte der Bäume, große Trauben, des Honigs mehrere der größten Töpfe, getrocknete und geräucherte Fische und die Brotkörbe sind voll der schönsten Brotlaibe; und ebenso strotzt die kleinere Speisekammer von Milch, Butter, Käse und völlig frischen Eiern, wie noch von andern Dingen, von Salz, guten Kräutern und Wurzeln. Wann ist denn das alles in die Speisekammern gekommen? Ich fragte die Kinder und die Diener, und sie konnten mir keinen Aufschluß geben, meinten aber, daß du allein das schon wissen werdest. Wie, wie ist denn das zugegangen?“
GEJ|10|72|5|0|Der Wirt geriet darob selbst wieder ins größte Staunen und sagte: „Wenn es in den Speisekammern also bestellt aussieht, so fange ich an, die alten Wunder von neuem wieder zu glauben, und der Mannaregen und der Wachtelfall ist keine Dichtung, sondern Wahrheit! Ich meine, dieser Herr und Meister, der dich geheilt hat, wird wohl am ehesten wissen, wer unsere Speisekammern gefüllt hat; denn der Meister, dem es möglich ist, Kranke bloß durch sein Wort zu heilen, dem dürften wohl auch andere Dinge zu bewirken möglich sein!“
GEJ|10|72|6|0|Darauf ging auch der Wirt nachsehen, wie es in seinen Speisekammern aussähe, und fand alles also, wie das ihm zuvor sein Weib berichtet hatte, und sagte: „Dieser Mensch muß von einer seltenen Abkunft sein! Er ist entweder ein großer Prophet, oder er ist irgendein mit den geheimen Naturkräften innigst vertrauter Magier, der entweder in Ägypten oder irgendwo anders seine Wissenschaft sich zu eigen gemacht hat.“
GEJ|10|72|7|0|Sagte das Weib: „Als er mich heilte, da sah ich aus seinem Haupte ein hellstes Licht ausgehen, und sein ganzes Wesen war mit einem Lichtschimmer umgeben, – und das wird bei einem Magier schwerlich je der Fall sein! Hinter diesem Menschen und vielleicht auch hinter denen, die mit ihm sind, wird etwas außerordentlich Großes und Erhabenes verborgen sein; am Ende ist er – wer kann es wissen – gar der dem Messias vorangehende Prophet Elias, – oder er ist etwa gar schon der Messias Selbst!“
GEJ|10|72|8|0|Sagte der Wirt: „Da magst du eben nicht ganz unrecht haben; denn wer das bloß durch die Macht seines Willens bewirken kann, der muß mit dem ewigen Geiste Gottes stark erfüllt sein. Daß das alles auf eine übernatürlich- wunderbare Weise da hereingekommen ist, das ist klar vor unseren Augen, und wir können dem großen Meister nur auf das innigste danken. Doch sehet zu, daß bald ein gutes und reichliches Mahl bereitet werde!“
GEJ|10|72|9|0|Darauf ward in der Küche alles tätig, und der Wirt kam voll tiefen Nachdenkens wieder zu uns in den Speisesaal.
GEJ|10|73|1|1|73. — Das Wesen des Reiches Gottes
GEJ|10|73|1|0|Als er wieder bei uns war, da betrachtete er Mich eine Weile vom Kopfe bis zu den Füßen und sagte dann (der Wirt): „Mein Weib wird wohl recht haben; denn Du, o Herr und Meister, bist entweder der dem verheißenen Messias vorangehen sollende Prophet Elias, wie das in der Schrift geschrieben steht, oder Du bist am Ende schon der große Messias Selbst! Denn so Er kommt, da wird Er auch keine größeren Zeichen zu wirken imstande sein! Wem das zu bewirken möglich ist, was nur Gott allein möglich ist, in dem muß alle Fülle des Geistes Gottes wohnen. Dein Leib, o Herr und Meister, ist zwar eben auch gleich dem eines Menschen, aber Deine Seele ist voll der göttlichen Kraft und Macht; darum sei diese Kraft und Macht in Deiner Seele über alles hoch gelobt und gepriesen!“
GEJ|10|73|2|0|Sagte darauf Ich: „Wohl dir und deinem Hause, daß ihr solches an Mir erkannt habt; doch selig werden nur jene werden, die den Willen des Vaters im Himmel, der Mich in diese Welt gesandt hat, tun und erfüllen.
GEJ|10|73|3|0|Ich und der Vater aber sind Eins. Wer Mich sieht und hört, der sieht und hört auch den Vater; ohne Mich aber kann niemand den Vater sehen und hören. Wer denn an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt, der wird von Mir das ewige Leben überkommen!“
GEJ|10|73|4|0|Sagte der Wirt, voll der höchsten Achtung und Ehrfurcht vor Mir: „Wie lautet denn Deine Lehre? Was muß man tun, um von Dir das ewige Leben zu überkommen?“
GEJ|10|73|5|0|Sagte Ich: „Wer nun an Mich glaubt und an Mir kein Ärgernis nimmt und dazu die Gebote hält, die Moses gegeben hat, der hat schon das ewige Leben in sich; denn Ich gebe euch kein anderes Gesetz, als es Moses eben auch nur von Mir empfangen und den Menschen gegeben hat.
GEJ|10|73|6|0|Erkenne und liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst, so erfüllst du das ganze Gesetz und dadurch den Willen Dessen, der nun mit dir spricht! Die Folge davon wird sich in deiner Seele zeigen. – Verstehst du das?“
GEJ|10|73|7|0|Sagte der Wirt: „Ja, o Herr und Meister, und ich habe bei aller Schwäche Meines Glaubens das Gesetz Mosis dennoch stets treu beachtet und werde es von nun an noch treuer beachten; aber da es auch geschrieben steht, daß der Messias ein wahres Gottesreich auf dieser Erde gründen werde, das fürder kein Ende nehmen wird, so fragt es sich: Wie, wo und wann? Wird Dein Thron zu Jerusalem oder irgend anderswo aufgestellt werden, und wann wird das geschehen?“
GEJ|10|73|8|0|Sagte Ich: „Mein Reich, das Ich nun gründe unter den Menschen auf dieser Erde, ist kein Weltreich, sondern ein Gottesreich ohne alles Weltgepränge, hat nichts Äußeres, sondern ist inwendig im Menschen, und Meine Stadt, Meine feste Stadt und Meine Wohnburg in ihr ist ein reines, Mich über alles liebendes Herz. Siehe, also verhält es sich mit der Gründung Meines Reiches auf dieser Erde!
GEJ|10|73|9|0|Alle aber, die auf die Neugründung eines Reiches Gottes auf Erden mit einem äußeren Schaugepränge harren werden, werden sich in ihrer blinden Hoffnung sehr irren und täuschen; denn ein solches wird auf der Erde niemals gegründet in der lebendigen Wahrheit aus und in Mir.
GEJ|10|73|10|0|Falsche Propheten werden das wohl tun unter Führung Meines Namens; doch Ich werde in solch einem Reiche niemals wohnen und thronen. Siehe, also steht es der vollsten Wahrheit nach mit der Gründung Meines Reiches auf dieser Erde! – Hast du das verstanden?“
GEJ|10|73|11|0|Sagte der Wirt: „Ja, o Herr und Meister, nun habe ich auch das verstanden! Aber das werden gar viele, die an der Welt hängen, nicht verstehen und werden warten auf ein äußeres großes Weltreich; aber da ein solches nach Deinem nun ausgesprochenen Worte niemals der Wahrheit nach auf der Erde statthaben wird, so werden auch viele in der alten gericht- und todvollen Blindheit verbleiben.
GEJ|10|73|12|0|Du, o Herr, aber wolle auch den Blinden gnädig und barmherzig sein, und uns aber, die wir die Wahrheit erkannt haben, verlasse nicht, sondern erhalte uns in der lebendigen Wahrheit Deines Reiches auf dieser Erde, auf daß wir stets nach Deinem Willen leben und handeln können!“
GEJ|10|73|13|0|Sagte Ich: „Das war eine rechte Bitte, und sie wird nicht unerhört und ungewährt bleiben. – Nun aber kommt das schon bereitete Nachtmahl, und wir wollen es zu uns nehmen!“
GEJ|10|74|1|1|74. — Die Belehrung des Wirtes und des Hauptmanns
GEJ|10|74|1|0|Hier öffneten die Diener die Tür und brachten die wohlbereiteten Speisen auf die Tische, und dazu auch noch mehr Brot und Wein, und wir nahmen denn auch das Mahl zu uns; auch der Wirt erquickte sich an unserem Tische, und sein Weib und seine Kinder, die an einem andern Tische saßen, aßen und tranken auch mit einer großen Freude und wendeten ihre Augen nicht von Mir ab.
GEJ|10|74|2|0|Nach dem eingenommenen Mahle aber kamen das Weib und die Kinder zu Mir und dankten Mir für die Gnade, die Ich ihnen erwiesen habe.
GEJ|10|74|3|0|Einige Jünger aber wurden bei sich ob des langen Dankens von seiten des Weibes und der Kinder ein wenig unwillig und bedeuteten ihnen, daß sie nun schon zur Genüge gedankt hätten.
GEJ|10|74|4|0|Ich aber merkte das wohl und sagte zu den ungeduldigen Jüngern: „Wie oft habe Ich vor euch Zeichen gewirkt, und wie oft habt ihr an Meinem Tische euch gesättigt; aber Ich habe von euch noch wenig offenen Dank bekommen. Also lasset denn diesen Kindern ihre Freude! Wahrlich, Mir ist das dankbare Lallen eines Kindes um gar vieles lieber, als viele weise Worte aus dem Munde eines Gelehrten, an denen sich wohl der Verstand ergötzt, aber das Herz dabei wenig gewinnt. Wahrlich sage Ich euch: Wer Mich nicht bekennt vor der Welt, den werde Ich auch nicht bekennen vor dem Vater im Himmel! Darum lasset diesen Kindern ihre Freude!“
GEJ|10|74|5|0|Als die Jünger solche Rüge von Mir vernommen hatten, da ermahnten sie sich und ließen den Kindern ihre Freude, und Ich belobte die Kinder, legte ihnen Meine Hände auf und entließ sie dann. Da ging das Weib mit den Kindern wieder in die Küche, wo sie für den kommenden Tag so manches vorzubereiten hatten.
GEJ|10|74|6|0|Ich aber habe den Wirt noch bis in die Mitte der Nacht über verschiedene Dinge unterrichtet, die auch der Hauptmann und seine Unterdiener samt der Veronika mit der größten Aufmerksamkeit anhörten.
GEJ|10|74|7|0|Und der Hauptmann sagte: „Herr, ich habe Dich vernommen in Pella und in Abila und behielt alles wohl, was ich von Dir vernommen und gesehen habe; doch muß ich hier offen gestehen, daß Du nun mit dem Wirte höchst klar über Dinge gesprochen hast, die mir ganz fremd und neu sind, und ich kann Dir, o Du lieber Herr und Meister, darum nicht zur Genüge danken; denn nun sehe ich um gar vieles tiefer in die Geheimnisse Deiner endlos großen Schöpfung vom Kleinsten bis zum unergründbar Großen, als ich ehedem gesehen habe.“
GEJ|10|74|8|0|Sagte Ich: „Ja, du Mein lieber Freund, Ich hätte dir und allen diesen Meinen Jüngern noch gar vieles zu sagen und zu eröffnen, aber ihr würdet das nun noch nicht ertragen und fassen; aber so Ich euch den ewigen Geist der Wahrheit senden werde und er durchdringen wird eure Seelen, so werdet ihr dadurch in alle Weisheit erhoben werden.
GEJ|10|74|9|0|Daß Ich nun aber mit unserem Wirte über so manches habe reden können, das dir fremd und neu vorkommen mußte, davon liegt der Grund darin, weil eben dieser Wirt in der Schrift zwar ganz wohlbewandert ist, aber nicht ebenso im reinen Verständnisse derselben. Dir ist aus der Schrift der Juden zwar auch vieles, doch nicht also wie diesem Wirte, bekannt; und so denn habe Ich mit ihm auch über Dinge reden können, die dir fremd und neu sein mußten. So du die gesamte Schrift, bis nahe an diese Tage reichend, wirst mit der rechten Aufmerksamkeit durchgelesen haben, da wirst du noch gar vieles finden, das dir sehr neu und fremd vorkommen wird. Da wirst du forschen mit dem Verstande, aber den Sinn der inneren verborgenen Wahrheit nicht finden und erkennen. Aber mit dem Geiste, den Ich auch dir senden werde, wirst du den inneren Sinn wohl erkennen.
GEJ|10|74|10|0|So du aber über die Dinge in der Naturwelt noch einen tieferen Aufschluß haben willst, da besuche deinen Amtsgefährten in Genezareth, so wirst du vieles von ihm vernehmen, das dir bis jetzt auch noch fremd ist; denn Ich unterweise die Menschen stets nach ihrer Aufnahmefähigkeit und nach dem, worüber sie schon ehedem selbst oft nachgedacht haben, aber trotz aller ihrer Mühe zu keiner Wahrheit gelangen konnten. Und so denn kommt es, daß Ich allenthalben mit etwas wie Neuem und Fremdem zum Vorschein komme; aber es ist darum dennoch kein eigentlich völlig Fremdes und Neues, sondern ein schon Daseiendes, aber von den Menschen noch nicht Erkanntes und Begriffenes.“
GEJ|10|74|11|0|Dieses begriff nun der Hauptmann und auch alle andern, die mit dem Hauptmanne nebst Meinen Jüngern hier anwesend waren. Die Jünger selbst aber verstanden es auch erst jetzt tiefer, warum Ich an den verschiedenen Orten nebst der freilich immer gleichen Hauptlehre auch über verschiedene Dinge die Menschen also belehrt habe, wie sie das haben fassen können, und für was sie ein Bedürfnis mehr oder weniger hatten.
GEJ|10|75|1|1|75. — Die Ankündigung eines nahen Sturmes
GEJ|10|75|1|0|Als Ich auch mit dem Hauptmanne diese alles wohl erklärende Rede beendet hatte, da sagte der Wirt zu Mir: „Herr und Meister, die halbe Nacht haben wir nun für mein Haus überaus segensvoll durchgewacht; aber so da nun jemand von all den Anwesenden sich zur Ruhe begeben möchte, so bitte ich Dich, o Herr, es mir nur anzudeuten, und ich werde sogleich das Möglichste aufbieten, um Deinem Wunsche nachzukommen.“
GEJ|10|75|2|0|Sagte Ich: „Freund, laß du das nun nur gut sein; wir bleiben wie gewöhnlich am Tische die Nacht hindurch ruhen. Willst du dich zu einer bequemeren Ruhe begeben, so steht dir das offenbar frei; wir aber bleiben hier.
GEJ|10|75|3|0|Es wird aber hier geraten sein, diese Nacht sich nicht zu sehr dem Schlafe zu weihen, sondern sich mehr wach zu halten; denn es wird in einer kleinen Stunde Zeit unser Wachsein sich als notwendig und klug erweisen. Diese Gegend ist in dieser Zeit zumeist bedeutenden Stürmen und Erderbebungen ausgesetzt, und es wird derlei eben bald herbeikommen, und da ist es rätlich, wach zu verbleiben und zu beobachten, welche Richtung der Sturm nehmen wird!“
GEJ|10|75|4|0|Sagte der Wirt: „Aber Herr und Meister voll der göttlichen Weisheit und Macht! Du bist ja auch ein Herr über alle die böse Macht, die stets von den argen Teufeln der Hölle ausgeht oder zum wenigsten von ihnen sehr und gar oft sichtbar unterstützt wird. Dich kostet es ja nur ein allmächtiges Wort, und es kann kein Sturm kommen!“
GEJ|10|75|5|0|Sagte Ich: „Da hast du in einer Hinsicht recht geredet, aber das nur insoweit, als wieweit da reicht deine Kenntnis in den Dingen der Naturwelt.
GEJ|10|75|6|0|Es ist schon wahr, daß derlei Stürme mitunter auch von den Teufeln unterstützt werden; aber das kann die göttliche Liebe und Weisheit nicht behindern, den Natursturm losbrechen zu lassen. Denn in der Erde ruhen noch zahllos viele Naturgeister, die mit der Zeit alle zur Erlösung zu gelangen haben, und da diese Gegend ganz besonders reich an derlei rohen Naturgeistern aller Art und Gattung ist, so ist es auch ganz in der Ordnung, die zur Löse reif gewordenen Naturgeister zur Erstehung in ein etwas freieres Sein losbrechen zu lassen; und es ist offenbar besser, derlei Geister in kleineren Abteilungen zum Ausbruch kommen zu lassen, als sie eine längere Zeit zurückzuhalten, wo dann auf einmal viele Abteilungen zum Durchbruch kommen und übergroße Verheerungen anrichten müssen, wie das auf dieser Erde schon hie und da der Fall war, wo derlei Geister nach längerem Zurückhalten bei ihrem endlichen Durchbruch ganze Länder derart verwüsteten, daß sie noch jetzt als Wüsten da sind, in denen nichts wächst und noch lange nichts wachsen wird.
GEJ|10|75|7|0|Aus dem kannst du nun schon entnehmen, warum Ich den ehedem angezeigten Sturm losbrechen lassen muß. Es hat sich hier wohl niemand vor ihm zu fürchten, doch ist es besser, wach zu verbleiben während eines Sturmes, als in einem Bette zu schlafen.“
GEJ|10|75|8|0|Der Wirt stellte sich mit dieser Erklärung zufrieden.
GEJ|10|75|9|0|Aber der Jünger Simon Juda sagte zu Mir: „Herr und Meister, Du sagtest hier, daß es besser sei, während eines Sturmes zu wachen denn zu schlafen in einem Bett, und Du schliefst einmal, als wir uns während eines großen Sturmes auf dem Galiläischen Meere befanden, im sehr gewaltig schwankenden Schiffe, so daß wir Dich zu wecken genötigt waren, auf daß wir nicht zugrunde gingen. Du wurdest denn auch sogleich wach, bedrohtest des Sturmes Ungetüm, und es schwieg alsbald der Orkan, und auf des Meeres Fläche bewegte sich keine Woge, und die Schiffer und etliche andere Menschen, die mit uns im Schiffe waren, verwunderten sich und sagten unter sich, ihre Augen auf Dich gerichtet habend: ,Siehe, wer mag dieser sein, daß ihm Wind und Meer gehorchen?‘
GEJ|10|75|10|0|Ich sehe es wohl ein, daß es um vieles geratener ist, während eines Sturmes zu wachen; aber das sehe ich bis jetzt noch nicht völlig ein, warum Du damals gerade während des ärgst wütenden Sturmes geschlafen hast!“
GEJ|10|75|11|0|Sagte Ich: „Ich schlief damals, um für euch selbst euren noch etwas schwachen Glauben auf eine kleine Probe zu stellen und ihn dadurch zu stärken. Dazu sagte Ich nun zum Wirte auch nicht, daß es nun eben auch für Mich geratener wäre, während des Sturmes, der nun bald losgehen wird, zu wachen als einzuschlafen; denn Ich bin es nicht, dem Mein Rat zur Richtschnur seines Lebens und Seins gelten soll, sondern nur für euch Menschen gebe Ich allerlei Rat und Lehre, auf daß ihr euch danach richten und in allem vollkommen werden möget. Ich könnte daher auch nun, so Ich's wollte, beim Beginn des Sturmes und bis zum Ende desselben Mich dem Schlafe ergeben, da Ich für Mich den Rat nicht gegeben habe; aber um eurer Kleinmütigkeit wegen werde auch Ich mit euch wachen.“
GEJ|10|75|12|0|Als Simon Juda solches aus Meinem Munde vernommen hatte, da fragte er Mich um nichts Weiteres mehr; denn er und auch alle die andern verstanden es nun wohl, was Ich zu ihnen gesagt hatte, und alle harrten nun mit großer Gespanntheit auf den Ausbruch des Sturmes.
GEJ|10|75|13|0|Der Wirt, der in sich trotz Meiner Gegenwart denn doch immer ängstlicher wurde, sagte zu Mir: „O Herr und Meister, sollte ich etwa nicht auch die in meinem Hause wecken, die nun sicher schon schlafen werden?“
GEJ|10|75|14|0|Sagte Ich: „Laß das; denn es genügt hier, daß wir wach sind! Es wird aber der Sturm schon an und für sich die Bewohner dieser Stadt wachrufen und sie aus ihren Häusern ins Freie treiben, und wir werden bei dieser Gelegenheit noch so manches zu tun bekommen.“
GEJ|10|76|1|1|76. — Die Sturmnacht
GEJ|10|76|1|0|Als Ich diese Worte noch kaum ausgesprochen hatte, da kam auch schon ein erster mächtiger Windstoß, worauf sich auch gleich ein leichtes Beben des Erdbodens verspüren ließ.
GEJ|10|76|2|0|Darauf erhob sich ein großes Sausen und Brausen, wie aus einer Entfernung von einer halben Stunde Weges vernehmbar, das von Augenblick zu Augenblick an Heftigkeit zunahm. Nur zu bald kam es in die volle Nähe der Stadt und weckte durch sein gewaltiges Geheule, Gerassel, Gepolter und Gekrache gar viele Bewohner dieser Stadt, die sich aus ihren Wohnhäusern auf die Straßen und Plätze der Stadt begaben aus großer Furcht, in ihren Häusern, die zusammenzustürzen drohten, begraben zu werden.
GEJ|10|76|3|0|Viele eilten trotz des tobenden Orkans, heulend vor großer Angst und Furcht, auf das offene Feld. Als aber der Wind stets heftiger ward, da kamen mehrere wieder in die Stadt und sagten es ihren Nachbarn, daß auf dem offenen Felde noch um vieles schlechter zu bestehen sei denn in der Stadt irgend hinter festen Mauern.
GEJ|10|76|4|0|Viele, die an unserer Herberge vorübereilten, verwunderten sich über unseren Mut und unsere Standhaftigkeit, und ein paar Nachbarn der Herberge kamen zu uns in den Speisesaal und riefen dem Wirte zu, sich auch ins Freie zu begeben, die Erde bebe von Zeit zu Zeit ganz gewaltig, daß es zu befürchten sei, daß bald ein Haus um das andere einstürzen werde. Denn es müßten alle jüdischen Teufel und heidnischen Furien losgeworden sein, ansonst es nicht zu begreifen wäre, wie nach einem so ruhigen Tage eine solche Sturmnacht sich hätte einstellen können.
GEJ|10|76|5|0|Sagte der Wirt: „Liebe Nachbarn, mein Haus ist schon sehr alt und hat schon viele solcher Proben durchgemacht, und so wird es auch hoffentlich noch diese ohne Schaden bestehen! Ich vertraue auf meinen Gott und Herrn, der allmächtig und voll Liebe ist, und der wird meinem Hause durch eure losgewordenen Teufel und Furien kein Leid zufügen lassen.“
GEJ|10|76|6|0|Sagten die beiden Nachbarn: „Ah, höre mir auf mit allen Göttern, ob's nun jüdische oder heidnische sind! Was haben sie denn davon, so sie für nichts und wieder nichts die arme, schwache Menschheit in der Nacht so quälen? Wir Römer haben alle Götter angerufen, und etliche Priester machen ein großes Geplärr, ebenso schreien auch die Juden dieser Stadt in ihrer Synagoge zu ihrem Jehova um Hilfe, Hilfe, Hilfe; aber der Sturm und das starke Beben des Erdbodens hören nicht auf, sondern werden von einem Moment zum andern nur noch stets ärger. Da heißt es: Mensch, hilf dir selbst, so gut, so viel und so weit du das vermagst; denn die Götter hören nicht auf dein Flehen und schauen nicht auf deine Angst und Not!“
GEJ|10|76|7|0|Sagte der Wirt: „Freunde, bei solch einer Schwäche eures Glaubens und Vertrauens auf einen Gott bleibt euch freilich wohl nichts übrig, als euch selbst zu helfen, so gut es nur immer gehen mag; mir aber hat mein allein wahrer Gott und Herr treust angezeigt, daß dieser Sturm in dieser Nacht aus wohlweisen Gründen über diese Gegend kommen werde, und daß ich vor ihm keine Angst haben solle, – und seht, wie es mir angezeigt worden ist, also ist es auch gekommen, und ich habe darum denn auch keine Angst!
GEJ|10|76|8|0|Ihr führt doch stets euren stolzen Mutspruch: SI TOTUS ILLABATUR ORBIS, IMPAVIDUM FERIENT RUINAE! ["Wenn die ganze Erde in Trümmer ginge, so werden sie über mich als einen Unerschrockenen fallen."] im Munde! Wo zeigt sich nun in euch die Wahrheit desselben?
GEJ|10|76|9|0|Ich aber als ein gläubiger und auf meinen allein wahren und lebendigen Gott vertrauender und bauender Jude habe mich mit solch einem Mute noch niemals gebrüstet, sondern lebe dafür stets nur in der gerechten Gottesfurcht, – und seht, diese gibt mir nun mehr Mut und rechte Fassung als euer hochtrabender Mutspruch. Tätet ihr wie ich, so hättet auch ihr ganz ruhig in euren Häusern verbleiben können!“
GEJ|10|76|10|0|Sagten die beiden: „Freund, du hast im Grunde recht, – doch wir können nichts dafür, daß wir nicht deines Glaubens sind; doch was deinen Glauben betrifft, davon wollen wir morgen ein näheres Wort miteinander reden, so wir's Leben erhalten!“
GEJ|10|76|11|0|Es merkten die beiden beim schon schwach gewordenen Lampenlicht in unserem Saale auch die andern Gäste und wollten den Wirt fragen, wer die Gäste wären; aber ihre Weiber und Kinder riefen vor der Hausflur nach ihnen ob ihrer Furcht und Angst, und die beiden gingen wieder hinaus auf die Straße und besahen ihre Häuser, ob sie noch keinen Schaden gelitten hätten. Es war derlei beim schwachen Mondlicht zwar nicht zu entdecken, aber sie getrauten sich dennoch nicht in die Häuser, da der Erdboden von Zeit zu Zeit noch immer sehr fühlbar erbebte.
GEJ|10|76|12|0|Der Wirt aber fragte Mich, wie lange der Sturm noch andauern werde.
GEJ|10|76|13|0|Und Ich sagte zu ihm: „Noch eine Stunde, und es wird durch ihn diesmal niemandem ein Schaden angerichtet werden! Du aber hast zu deinen Nachbarn ein rechtes Wort geredet, und sie werden morgen auch zu uns aufgenommen werden. Nun aber dürfen wir schon bis zum Morgen ruhen, und der Morgen wird uns schon eine rechte Arbeit geben.“
GEJ|10|76|14|0|Darauf schliefen bald alle ein und ruhten bis zum Morgen, der diesmal trübe war.
GEJ|10|77|1|1|77. — Im Freien nach dem Sturm
GEJ|10|77|1|0|Als wir am Morgen vollkommen gestärkt erwachten und die Jünger sahen, daß wir einmal an einem ganz trüben Morgen erwacht waren, da fragten sie Mich, ob Ich auch diesen Morgen im Freien zubringen werde.
GEJ|10|77|2|0|Ich aber sagte: „Wir haben doch schon zu öfteren Malen ebenso trübe Morgen und trübe Tage durchgemacht, und Ich bin dennoch ins Freie gegangen mit euch; also können wir auch diesen Morgen auf eine Stunde im Freien zubringen. Ich will für die allen Glaubens baren Heiden eben durch diesen Trübmorgen ein Zeichen wirken, auf daß sie dadurch leichter zum Glauben an einen, allein wahren Gott bekehrt werden mögen, und so werden wir uns nun denn wohl auch an diesem Morgen ins Freie begeben. Wer von euch aber im Hause verbleiben will, der bleibe!“
GEJ|10|77|3|0|Da sagten alle: „Herr, wir lassen nicht ab von Dir; wir gehen, dahin Du gehst, und wollen stets um Dich sein!“
GEJ|10|77|4|0|Sagte Ich: „So erhebet euch denn, und wir gehen ins Freie!“
GEJ|10|77|5|0|Auf diesen Meinen Ruf erhoben sich alle, auch der Wirt, und wir machten uns bereit, ins Freie zu gehen, und als der Wirt das Morgenmahl angeordnet hatte, traten wir ins Freie auf die breite Straße, die an der Herberge vorüberführte.
GEJ|10|77|6|0|Als wir uns im Freien auf der Straße befanden, da sahen wir eine Menge Volkes auf der breiten Straße gelagert; denn es hatten sich die Menschen nicht getraut, die Nacht in den Häusern zuzubringen.
GEJ|10|77|7|0|Es hatte der das ziemlich starke Erdbeben begleitende Sturm wohl zu wüten völlig aufgehört; aber alle befürchteten eine Wiederholung desselben und getrauten sich nicht in ihre Wohnhäuser zurückzukehren und brachten darum die Nacht im Freien zu.
GEJ|10|77|8|0|Als wir denn auf der Straße uns befanden, da trafen wir auch die beiden Nachbarn des Wirtes, die uns in ihrer großen Angst in der Nacht, als der Sturm am ärgsten wütete, besuchten, aber infolge der ziemlichen Dunkelheit im Speisesaale nicht erkennen konnten.
GEJ|10|77|9|0|Als sie den Wirt und an seiner Seite aber auch den ihnen wohlbekannten Hauptmann ersahen, gingen sie auf den Wirt und den Hauptmann zu, grüßten vor allem den Hauptmann und seine Unterdiener und beglückwünschten ihn, daß er diese Nacht, ohne einen Schaden erlitten zu haben, durchgemacht hätte.
GEJ|10|77|10|0|Der Hauptmann erwiderte den Morgengruß und fragte die beiden, ob auch sie, gleich den andern Bewohnern dieses Ortes, die Nacht im Freien zugebracht hätten.
GEJ|10|77|11|0|Die beiden aber antworteten und sagten: „Hoher Gebieter! Dazu hatten wir anfangs den Mut nicht! Bis zum Ausbruch des Sturmes waren wir freilich wohl in unsern Häusern; aber als der Erdboden zu beben begann, da verließen wir, so wie beinahe alle andern Bürger dieser Stadt, unsere Häuser und suchten im Freien Schutz für unser und unserer Angehörigen Leben.
GEJ|10|77|12|0|Wären unsere alten Häuser aus Holz erbaut, so wie die meisten Häuser Galiläas, Judäas und noch anderer Holzreichtumsländer, da hätte uns der Sturm mitsamt dem Erdbeben nicht ins Freie getrieben; aber da unsere Häuser von den hiesigen, leicht zerbrechbaren Steinen erbaut sind und bei einem starken Erdbeben leicht zusammenstürzen können, so ist es selbstverständlich sehr rätlich, bei solchen Erzkalamitäten so schnell als möglich die Häuser zu verlassen und sich ins Freie zu begeben.“
GEJ|10|77|13|0|Sagte der Hauptmann: „Was ist denn hernach mit dem Schutze der Götter, auf die doch die meisten aus der Zahl der Griechen und Römer so Großes halten?
GEJ|10|77|14|0|Seht, ich habe mich unter dem Schutze eines Gottes, im vollsten Glauben und Vertrauen auf Ihn, in dieser Judenherberge ganz wohl ohne alle Furcht und Angst befunden! Hättet ihr einen solchen Glauben und ein solches Vertrauen, so wäret auch ihr sicher ohne alle Furcht und Angst, als könnte euch ein Ungemach begegnen, in euren Häusern geblieben, von denen ihr obendrauf noch wisset, daß sie schon gar vielen und vielleicht noch größeren Stürmen getrotzt haben. Gegen solch eine Angst und Furcht schützen nur ein fester Glaube und ein lebendiges Vertrauen auf den einen wahren, allmächtigen, überweisen, überguten, allwissenden und allsehenden Gott. Wer einen solchen Glauben und ein solches Vertrauen nicht hat, der ist bei allen stürmischen Erscheinungen, die auf dem Erdboden stets vorkommen, aller Qual und Pein ausgesetzt und der größten dann, wenn seine letzte Stunde unvermeidbar vor der Tür ist! – Begreifet ihr das?“
GEJ|10|78|1|1|78. — Des Hauptmanns Rede vom rechten Gottsuchen
GEJ|10|78|1|0|Sagte der eine der beiden: „Hoher Gebieter, wir sehen, daß du wahrlich mehr als vollkommen recht hast, und glücklich und selig ist ein jeder Mensch zu preisen, der deines festen Glaubens und deines lebendigen Vertrauens fähig ist; denn der erträgt alles Ungemach, das ihm auf dieser Erde irgend begegnen kann, sicher ganz leicht und ist stets voll Trostes in seinem Gemüte!
GEJ|10|78|2|0|Aber woher sollen wir solch einen Glauben und solch ein Vertrauen nehmen? Siehe, da oben auf dem breitesten Teil unserer Hauptstraße lagern unsere ersten Zeus- und Apollopriester, und unweit von ihnen ein paar Rabbis der Juden! Unsere Priester zeigen uns durch ihr Benehmen, wie wenig sie zu ihrem eigenen Heil auf die Götter halten, und ebenso zeigen auch die Judenpriester ihres einen und allein wahren Gottes, daß ihr Glaube und ihr Vertrauen auf Ihn nicht um ein Haar besser ist als das unserer Priester.
GEJ|10|78|3|0|Oh, sobald alle Gefahr vor einem allfälligen Nachsturm vorüber sein wird, da werden sie gleich auftreten und von den deshalb erzürnten Göttern scharf zu predigen anfangen, weil wir zu schwachen Glaubens an sie sind und ihnen viel zuwenig opfern; und so wir in unserem Unglauben und in der Vorenthaltung reicher Opfer in die Tempel der Götter verharren würden, so würden die Götter noch zorniger werden und dieses ganze Land zur Wüste machen!
GEJ|10|78|4|0|Also werden sie vielleicht heute noch in ihren Tempeln zu heulen anfangen und hätten schon angefangen, so ihnen ein heiterer Morgen angedeutet hätte, daß da keine Wiederkehr des Sturmes zu besorgen sei; aber der sehr trübe und noch sehr unheimlich aussehende Morgen hält sie noch davon ab.
GEJ|10|78|5|0|Und desgleichen verhalten sich auch die etlichen Judengottespriester. Sie würden auch schon in ihrer Synagoge laut buß- und opferpredigen, wenn der sehr trübe und unheilvolle Morgen sie nicht davon abhielte, in ihre Synagoge zu treten und sicher nur zu ihrem Besten zu heulen anzufangen.
GEJ|10|78|6|0|Siehe, hoher Gebieter, wir sehen die schon sehr alt gewordenen Betrügereien unserer, wie der Judenpriester nur zu klar ein und erfahren es auch bei jeder nur ein wenig gefährlichen Gelegenheit, wie eben die Priester die ersten beim Fluchtergreifen sind und dadurch auch an den Tag legen, wie wenig Glauben und Vertrauen sie zu den von ihnen so hoch gepriesenen Göttern besitzen! So aber bei einem Kriegsheere einmal die Heerführer die Flucht vor dem Feinde ergreifen, – woher sollen dann ihre Krieger den Mut nehmen? So aber die Götter, beim Lichte des Verstandes betrachtet, für die Priester so gut wie gar nichts sind, – was sollen und was können sie dann für uns sein?
GEJ|10|78|7|0|Und so, hoher Gebieter, ist es für uns wohl sehr schwer, ja geradezu unmöglich, zu einem festen Glauben und Vertrauen an unsere Götter und ebensowenig an den einen Gott der Juden zu gelangen, und es ist uns daher unser alter Wahlspruch nicht zu verargen, laut dem sich ein jeder Mensch selbst helfen soll; und kann er das nicht, so lassen ihn die Götter und ebenso auch seine Nebenmenschen im Stich.
GEJ|10|78|8|0|Aber du, hoher Gebieter, hast ein gutes und wahres Wort zu uns geredet, und es muß am Ende denn doch einen solchen Gott geben, wie du Ihn uns bezeichnet hast! Aber wo ist Der? Wie kann man der Wahrheit gemäß den Weg zu Ihm finden?“
GEJ|10|78|9|0|Sagte der Hauptmann: „Das ist für einen Weltmenschen freilich nicht so leicht, wie sich das so mancher Weltkluge denken mag und sagt: ,So es einen oder irgend mehrere Götter gibt, so müssen sie sich von uns Menschen auf eine leichte Art finden lassen, so sie von uns erkannt und verehrt werden wollen, wie das alle Priester den Menschen allenthalben zur strengsten Pflicht machen; und lassen sich die Götter von den Menschen nicht bald und leicht finden, so wollen sie entweder gar nicht erkannt und verehrt sein, oder sie bestehen gar nicht, und da ist alles Suchen eine vergebliche Mühe!‘
GEJ|10|78|10|0|Ich aber sage es euch, daß dem nicht also ist! Denn erstens gibt es von Ewigkeit her nur einen, allein wahren Gott, und dieser Gott will von uns Menschen gesucht, gefunden, erkannt und durch die strenge Haltung Seiner Gebote, die Er zu unserem Heile gab, verehrt werden; und zweitens, weil es eben einen Gott gibt, den ein nur etwas tiefer forschender Mensch aus Seinen Werken schon ganz wohl wahrnehmen kann, so soll der Mensch voll wahrer Liebgier diesen Gott denn auch eifrigst suchen, aber nicht von heute bis morgen den leichtsinnigen Kindern gleich, sondern von Tag zu Tag mit stets zunehmendem Eifer und Fleiß und mit einer in der Liebe zu Ihm wachsenden Sehnsucht, und Gott wird sich von solch einem Sucher schon ebenso finden lassen, wie Er Sich von mir und schon von gar vielen hat finden lassen.
GEJ|10|78|11|0|Und hat Er Sich von einem oder auch mehreren Menschen, die Ihn auf eine rechte Art suchten, finden lassen, dann wird Er solchen treuen Suchern schon kundtun, was sie nach Seinem allerweisesten Willen fürder zu tun und wie sie zu leben haben, um in Seiner Liebe und Gnade zu verbleiben und von Ihm zum ewigen Leben der Seele erweckt zu werden.
GEJ|10|78|12|0|Ein solcher Mensch wird dann auch in seinem wahrhaft lebendigen Glauben und Vertrauen bei allen noch so gefahrdrohenden Vorkommnissen auf dieser materiellen Lebensprüfungswelt nicht schwach und wankend werden, sondern er wird alles in aller Geduld und in voller Ergebung in den ihm bekannten göttlichen Willen ohne viel Furcht und Angst ertragen und am Ende Gott für alles danken, weil er einsehen wird, daß Gott alle die Vorkommnisse in dieser Welt nur zum wahren Besten der Menschen verordnet hat. Wer denn Gott also gefunden hat, der hat wohl sicher seines Lebens höchsten und allerwertvollsten Schatz gefunden!
GEJ|10|78|13|0|Und weil das wohl der allerhöchste und wertvollste Menschenlebensschatz ist – was ihr nun wohl einsehen werdet –, so lohnt es sich wohl sicher der Mühe, solch einen Schatz auch mit dem höchsten Eifer und Ernst so lange zu suchen, bis man ihn gefunden hat.
GEJ|10|78|14|0|Wie mühen sich die Menschen ab im Jagen und Suchen nach irdischen, vergänglichen Schätzen und Gütern! Einer bohrt in die Berge, um Gold, Silber und Edelsteine zu finden; der andere taucht in die Tiefe des Meeres, um etwelche Perlen zu finden; ein dritter befährt auf einem gebrechlichen Schiffe das weite stürmische Meer, um in einem fremden Lande seine heimatliche Ware um einige wenige Pfennige teurer an den Mann zu bringen, – und so treibt der eine dies und der andere jenes, und es ist dabei keinem die Mühe zu sauer, wenn er durch sie nur irgendeinen vergänglichen Lebensvorteil erhaschen kann. Warum will man sich denn nicht auch im Aufsuchen des allerhöchsten Lebensschatzes diese Mühe nehmen, da man doch weiß, daß ihn zu allen Zeiten die Menschen, die ihn mit einem wahren Eifer suchten, auch treu und wahrhaft gefunden haben?“
GEJ|10|79|1|1|79. — Die guten Vorsätze des Nachbarn
GEJ|10|79|1|0|Sagte abermals der eine der beiden Nachbarn: „Ja, hoher Gebieter, du hast ganz vollkommen recht in deiner ganzen, liebevollen Rede, die ein wahrer Leitfaden zum Aufsuchen des allerhöchsten Lebensschatzes ist, und wir werden diesen auch danach zu suchen anfangen, indem sich schon jetzt eine gewisse Zuversicht in uns dahin kundgibt, daß wir nicht vergeblich suchen werden.
GEJ|10|79|2|0|Aber bis jetzt war das noch nie möglich; denn auf der einen Seite saßen uns unsere Priester im Genick, und auf der andern hatten wir die Gelegenheit, das Judentum zu beobachten und fanden mit höchst wenig Theosophie einen noch größeren Wust des Aberglaubens aller Art und Gattung denn bei uns. Wir haben daher den Mittelweg eingeschlagen, beobachteten die Natur, fanden in ihr Gesetze und lebten für uns nach ihnen, obschon wir das Äußere unseres Götterkults der Staatsgesetze wegen, freilich stets nur mit einem Widerwillen, mitmachten.
GEJ|10|79|3|0|Also war es denn für uns, wie für viele andere, die ganz unseres Sinnes sind, wie gesagt, bis jetzt völlig unmöglich, den allerhöchsten und wertvollsten Lebensschatz irgend zu suchen anzufangen. Was man nicht zu suchen anfangen kann, weil einem alle dazu erforderlichen Mittel fehlen, das kann man auch niemals finden.
GEJ|10|79|4|0|Jetzt aber haben wir durch deine große Güte und wahre Gnade ein Mittel, das sicher ganz untrüglich ist, erhalten und werden nach desselben Weisung auch den höchsten Lebensschatz zu suchen anfangen und nicht eher rasten, bis wir ihn werden gefunden haben; denn da lohnt es sich der Mühe, solch einen Schatz zu suchen, von dessen Besitz das ewige Fortleben der Seele abhängt.“
GEJ|10|79|5|0|Sagte nun Ich: „Wisset: Ein vollkommen ernstlicher Wille zu einer Arbeit, durch die ein höchster und wahrhaft allerbester Lebenszweck erzielt werden kann, ist an und für sich schon so gut wie das Werk selbst; denn das vollendete Werk in seiner vollsten Ausdehnung folgt auf den einmal gefaßten Willen um so rascher, je ernster der Wille dessen ist, der ein Werk zu realisieren beginnt. Euer Hauptmann hat euch schon den rechten Weg gezeigt und die rechten Mittel an die Hand gegeben.“
GEJ|10|79|6|0|Sagte der frühere Redner: „Freund, du scheinst auch schon den allerhöchsten Lebensschatz gefunden zu haben, da du ganz im Sinne unseres hohen Gebieters sprichst! Du bist deiner Kleidung nach ein Galiläer; auch die andern sind mehr Galiläer denn Judäer, und von den Galiläern wissen wir, daß sie keine besonderen Glaubenshelden sind. Allein, es macht das nichts; denn es kann ja auch unter den Galiläern Menschen geben, die den Weg zum Aufsuchen des allerhöchsten Lebensschatzes entdeckt, ihn zu suchen angefangen und auch gefunden haben. Wir haben denn eine große Freude an euch; denn da ihr alle in dieser wahren Schreckensnacht habt mögen in einem leicht zerstörbaren Hause übernachten, so dient uns das als ein Beweis, daß auch ihr, gleich unserm hohen Gebieter, den einen, allein wahren Gott gefunden habt, der euch wohl in allen Gefahren bestens beschützen kann.“
GEJ|10|79|7|0|Sagte Ich: „Da hast du nun richtig geurteilt; aber hier auf diesem Platze können wir nicht viel Weiteres davon reden, da sich das Volk um uns stets mehr und mehr anzusammeln beginnt, – denn es hat den Hauptmann bemerkt und ist darum voll Neugier, was er hier am frühen Morgen etwa anordnen werde. Darum begeben wir uns außerhalb der Stadt auf einen freien Platz, von dem aus man eine bedeutende Fernsicht hat! Daselbst wird sich über unseren Gegenstand ein mehreres sprechen lassen.“
GEJ|10|79|8|0|Das war den beiden Nachbarn recht, und sie gingen samt ihren Angehörigen mit uns aus der Stadt hinaus, allwo ein ziemlicher Hügel sich befand, auf dem eine alte Ruine lag, die einst den Philistern als eine Feste diente.
GEJ|10|80|1|1|80. — Die Nachwehen des Sturmes und Erdbebens
GEJ|10|80|1|0|Als wir auf dem besagten Hügel uns befanden, da sahen wir gen Osten, in der Ferne von etlichen Stunden Weges, an mehreren Stellen Rauch dem Erdboden entsteigen, und hie und da schlug auch eine Flamme empor, aber nur auf Momente, und hielt nicht an also wie der Rauch.
GEJ|10|80|2|0|Wir betrachteten diese Naturszene eine Zeitlang.
GEJ|10|80|3|0|Als wir uns daran gewisserart satt geschaut hatten, da trat der Hauptmann zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, siehe, die gewissen Naturgeister haben noch keine Ruhe, und nach meiner schon zu öfteren Malen gemachten Erfahrung dauern die Rauch- und Feuerszenen nach einem solchen Sturm, wie wir ihn in dieser Nacht erlebt haben, oft noch mehrere Tage und öfter gar etliche Wochen, und man merkt dabei auch von Zeit zu Zeit recht wohl wahrnehmbare Erdschwebungen, die durchaus nicht geeignet sind, irgendein schwaches Menschengemüt heiter zu stimmen. Warum müssen denn die gewissen Nachwehen eines Hauptsturmes so lange fortdauern?“
GEJ|10|80|4|0|Sagte Ich: „Freund, du hast in Pella, wo du eigentlich residierst, einen ziemlich bedeutenden Fischteich, den du mit vielen Kosten hast anlegen lassen! So du in diesem Teiche gute und gesunde Fische ziehen willst, so mußt du ihn von Zeit zu Zeit von seinem Schlamme reinigen lassen. Zu dem Behufe aber mußt du ihn zuvor völlig entwässern lassen. Wenn der Hauptschlauch (Hauptrinne) des Teiches geöffnet wird, so stürzt anfangs auch das Wasser gar gewaltig aus dem Teiche durch den geöffneten Abzugsschlauch; nach und nach aber fließt es gemächlicher, und gegen das Ende siehst du das Wasser nur mehr tropfenweise aus dem Schlauche rinnen, und du kannst dann schon mit der Reinigung deines Teiches anfangen. Ja, warum hast denn du bei deinem Teiche nicht einen derartigen Entwässerungsschlauch angebracht, bei dessen Öffnung des Teiches Gesamtwasser in einem Moment entweichen könnte?
GEJ|10|80|5|0|Siehe, Freund, es geschieht denn alles in der Welt in einer gewissen weiligen (zeitlichen) Ordnung, und nichts kann ohne diese geschehen; und geschieht schon hie und da etwas nicht völlig in der guten weiligen Ordnung, so hat das stets eine verhältnismäßige Zerstörung zur Folge.
GEJ|10|80|6|0|Beachtet aber schon ihr kurzsichtigen Menschen eine gewisse Ordnung bei euren Handlungen und Arbeiten zur sicheren Erreichung derjenigen Zwecke, die ihr euch vorgesteckt habt, und saget, daß eine schnelle und schluderige Arbeit zu nichts tauge, – sollte Gott als der ewige Werkmeister Seiner großen Werke etwa minder weise und klug sein denn ihr Menschen? Laß daher nur alles also geschehen, wie es eben geschieht, und es ist schon recht also!“
GEJ|10|80|7|0|Mit dem begnügte sich der Hauptmann und dankte Mir für diese Belehrung.
GEJ|10|80|8|0|Es hatten aber diese Meine Worte auch die beiden Nachbarn unseres Wirtes mit großer Aufmerksamkeit angehört und sagten zum Wirte: „Du, dieser Galiläer scheint noch um vieles weiser zu sein denn unser Hauptmann! Wir verstanden zwar nicht, um was es sich da eigentlich gehandelt hat, aber so viel ist uns da klar geworden, daß dem Hauptmanne, der den einen, allein wahren Gott sicher gar wohl kennt, diese lästige Naturszene etwas zu lange dauert; doch dieser Galiläer hat ihm durch ein gar köstliches Beispiel die Ordnung gezeigt, die Gott bei all Seinem Handeln stets beachtet und warum. Und siehe, der Hauptmann dankte dem weisen Galiläer sehr für diese Belehrung!
GEJ|10|80|9|0|Was aber muß dieser Galiläer etwa doch Weiteres noch sein? Denn unser Hauptmann, obschon sonst ein überaus guter und rechtlicher Mann, sagt nicht leichtlich zu jemandem und schon am allerwenigsten zu einem Juden ,Herr und Meister‘! Wie gibt er denn diesem solch eine Ehre?“
GEJ|10|80|10|0|sagte der Wirt: „Das sehet ihr nun freilich noch gar nicht ein; aber es wird wahrscheinlich nun ehestens ein Moment kommen, in dem ihr das einsehen werdet.“
GEJ|10|80|11|0|Diese Worte machten die beiden Nachbarn des Wirtes noch um vieles neugieriger, wer und was Ich denn eigentlich wäre. Aber sie getrauten sich weder den Hauptmann und noch weniger Mich darum zu fragen.
GEJ|10|80|12|0|Es begann aber ein ziemlich heftiger Wind von Osten her zu wehen, und es währte nicht lange, so bekamen wir den stark nach Schwefel und Erdpech riechenden Rauch zu verkosten, und der Hauptmann, seine Tochter und seine Unterdiener, wie auch einige Meiner Jünger, denen der Rauch widrig war, baten Mich, daß Ich solchem Winde gebieten möchte, den bösen Schwefel- und Erdpechdampf auf eine andere Seite zu tragen, wo es keine Menschen gäbe, oder wir möchten uns in die Herberge zurückziehen, um hier nicht zu ersticken.
GEJ|10|80|13|0|Sagte Ich: „Da sehet nur gegen die Stadt zurück, wie sich eine Masse von Neugierigen herausdrängt, um da zu schauen und zu lauschen, was wir hier täten! Und voran haben sich die Heidenpriester und auch die beiden Rabbis und mit ihnen einige Juden, die uns bei unserer Ankunft anhielten, gestellt; diese sind mir widriger denn dieser von Osten hergetriebene Schwefel- und Erdpechdampf.
GEJ|10|80|14|0|Darum eben habe Ich den Wind kommen lassen, auf daß er die lästigen Horcher und Lauscher uns vom Halse schaffe. Sehet, wie sie sich schon umzukehren und wieder in die Stadt zurückzuziehen anfangen, da sie befürchten, daß die Sache noch ärger werden könnte! Sie werden sich auch zum größten Teil in der Stadt in ihre Häuser begeben, und wir haben dann einen freieren Spielraum für unser Tun.“
GEJ|10|80|15|0|Es umstanden aber den Hügel auch einige Bewohner der Stadt, die gleich mit uns herausgezogen waren, und der Hauptmann wollte ihnen durch einen Unterdiener scharf andeuten lassen, daß auch sie sich in die Stadt zurückziehen sollten.
GEJ|10|80|16|0|Ich aber sagte zum Hauptmanne: „Das sind bessere Seelen; die sollen als Zeugen für die andern nur hier verbleiben!“
GEJ|10|80|17|0|Das war denn auch dem Hauptmann ganz recht, und die den Hügel unten Umlagernden blieben.
GEJ|10|80|18|0|Aber die beiden Nachbarn unseres Wirtes wurden nun immer stutziger und sagten zu ihm: „Höre du, Freund, das ist ja doch ein höchst sonderbarer Mann! Dem Winde hat er gewisserart geboten, den bösriechenden Dampf von Osten hierher zu treiben, auf daß er die lästigen, ordentlich haufenweise zu uns herausströmenden Gäste zurücktreibe; und als nun der Hauptmann auch die um diesen Hügel lagernden uns wohlbekannt zwar armen, aber wirklich ehrlichen Seelen abschaffen wollte, so ließ das dieser Mann nicht angehen, und der sonst niemals nachgiebige Hauptmann gehorchte ihm aufs Wort!
GEJ|10|80|19|0|Zugleich kennt er schon von weitem den Charakter der Menschen und behält die Guten und treibt wunderbar von sich die uns auch nur zu gut bekannten argen Menschen, die außer sich selbst noch niemandem je eine Wohltat erwiesen haben.
GEJ|10|80|20|0|Wahrlich, ein sonderbarer Mann, dieser Galiläer! Der muß Gott freilich wohl noch um vieles besser und näher kennen denn unser sonst überaus weiser Hauptmann. Na, wir sind doch höchst neugierig, was da noch herauskommen wird!“
GEJ|10|80|21|0|Sagte der Wirt: „Denket an das, was euch dieser Mann in der Stadt außerhalb der Herberge gesagt hat, und ihr werdet den Punkt, auf dem ihr euch nun befindet, bald näher und heller kennenlernen!“
GEJ|10|81|1|1|81. — Der Nachbarn Rede über die Macht des Galiläers
GEJ|10|81|1|0|Bei dieser Gelegenheit hatten sich auch alle, welche eine böse Neugierde aus der Stadt zu uns heraustrieb, wieder in die Stadt begeben.
GEJ|10|81|2|0|Als so die Gegend gereinigt war, da gebot Ich mit lauter Stimme, so daß es die den Hügel Umgebenden wohl verstehen konnten, dem Winde, daß er die Schwefel- und Erdpechdünste nicht mehr zu uns herüber, sondern von uns hinweg nach den Wüsteneien des Euphrat tragen solle.
GEJ|10|81|3|0|Und alsbald schlug der Wind um, und wir waren in wenigen Augenblicken von den Dünsten befreit.
GEJ|10|81|4|0|Als die beiden Nachbarn des Wirtes das merkten, da sagten sie zum Wirte: „Nun ist es ja doch klar, daß dieser Mann mit einem wahren Gott in einem intimsten Verbande stehen muß und sich Dessen allerhöchster Macht bedienen kann, wann er will. Das ist nun über auch nur den kleinsten Zweifel hinaus vollkommen wahr; aber wie, wo und wodurch kann ein Mensch zu einem solchen Verbande gelangen?
GEJ|10|81|5|0|Ihr Juden habt denn am Ende doch recht, daß ihr nur an einen Gott glaubet; denn dieser eine Gott wird schon der allein wahre sein, der durch die Macht Seines allweisesten Willens alles erschaffen hat, was wir mit unseren Augen sehen und mit den andern Sinnen wahrnehmen können.
GEJ|10|81|6|0|Aber wie kommt es denn, daß ihr Juden selbst euch so wenig bestrebt, diesen euren allein wahren Gott näher zu erkennen und eure Handlungen nach Seinem euch bekannt sein sollenden Willen also einzurichten, daß auch ihr mit Ihm in einen solchen Verband kämet, wie dieser höchst zu verehrende Galiläer, als auch ein Jude, gekommen ist?
GEJ|10|81|7|0|So ihr die Wege zur Erreichung dieses unschätzbaren Zieles, eines Schatzes aller Schätze, wohl kennet und euch doch nicht bestrebt, ihn euch zu eigen zu machen, sondern oft noch mehr nach den vergänglichen, toten Schätzen dieser Erde jaget denn wir blinden Heiden, da seid ihr sehr zu bedauernde Toren.
GEJ|10|81|8|0|Wir wollen dich nicht zu der Reihe der Juden zählen, wie wir sie in unserer Stadt haben und nur zu gut kennen, – aber das wissen wir auch von dir, daß du in dem, was euren allein wahren Eingott betrifft, eben auch nicht ohne alle Zweifel dastandest; das beste an dir war, daß du keinen Gleisner machtest gleich den andern deines Stammes.
GEJ|10|81|9|0|Aber sonderbar ist es von den andern Juden, und ganz besonders von ihren Priestern, die da tun und predigen, als hinge es schon pur von ihnen ab, was Gott tun dürfe, – und dennoch vermögen sie ebensowenig wie unsere Priester irgend etwas zu bewirken, was da einer rein göttlichen Macht gleichsähe.
GEJ|10|81|10|0|Das, freundlicher Nachbar, ist uns nun um so mehr ein Rätsel, da wir an diesem Galiläer selbst uns überzeugt haben, daß er mit dem einen, allein wahren Gott in einem engsten und innigsten Machtverbande sich befindet, ansonst ihm nicht der Wind also gehorchte wie ein Krieger seinem Feldherrn!“
GEJ|10|81|11|0|Sagte nun der Wirt: „Freunde, ihr habt vollkommen recht, in eurem Staunen über die Macht Gottes in einem fort also zu reden und zu fragen über unsere jüdische Tor- und Blindheit; aber so wir nun miteinander reden, da schweigen die andern, die von der wahren Sache mehr zu reden verstehen denn wir, und das ist auch nicht weise gehandelt! Darum wollen wir über alles das ein anderes Mal reden und nun den andern reden und handeln lassen.“
GEJ|10|81|12|0|Mit dieser Bemerkung des Wirtes waren die beiden Nachbarn auch vollkommen einverstanden und fragten um nichts Weiteres mehr, sondern warteten, bis Ich irgend etwas reden und tun würde.
GEJ|10|81|13|0|Es sagte aber der Hauptmann zu Mir: „Herr und Meister, siehe, die Menschen da unten um den Hügel wissen nicht, was sie nun anfangen und was sie von Dir halten sollen! Wäre es nicht an der Zeit, so ich einen meiner Leute hinabsendete und er sie ein wenig aufklärte?“
GEJ|10|81|14|0|Sagte Ich: „Laß du das nun nur noch gut sein! Ich werde zuvor noch ein Zeichen wirken, und wir werden uns dann wieder in die Herberge begeben. Diese Menschen werden dann auch zu den Ihrigen in die Stadt zurückkehren und ihnen mit einem großen Eifer erzählen, was sie gehört und gesehen haben, und es wird dadurch unter ihnen ein großes Hin- und -Herdenken, -forschen und -raten entstehen, und dann wird es auch an der Zeit sein, ihnen nach und nach stets mehr und mehr zu zeigen, wer Derjenige war, dem die Elemente gehorchten.
GEJ|10|81|15|0|Nun aber will Ich den sehr trüben Morgen völlig heiter machen und die hie und da noch tätigen Naturgeister zur Ruhe weisen; denn bis jetzt sind deren zur rechten Genüge zur Löse gekommen.“
GEJ|10|81|16|0|Hierauf gebot Ich den Dünsten auf der Erde und den dichten Wolken in der Luft, zu weichen und die Sonne scheinen und leuchten zu lassen.
GEJ|10|81|17|0|Und alsbald geschah, wie Ich es geboten hatte. Es ward sogleich der schönste und heiterste Morgen, und man genoß weithin eine ungetrübte Fernsicht.
GEJ|10|81|18|0|Aber aus den in der Nacht entstandenen Spalten und Ritzen des Erdbodens schossen hie und da – freilich in einer ziemlichen Entfernung von uns – noch immer Flammen empor, die trotz des plötzlich heiter gewordenen Morgens den unten um den Hügel weilenden und staunenden Heiden eben nicht am besten gefielen.
GEJ|10|81|19|0|In einer kleinen halben Stunde Zeit aber gebot Ich auch diesen Feuergeistern, sich vollends zur Ruhe zu begeben; und sie erloschen, und es war, wohin die Menschen auch ihre Augen wendeten, keine Flamme, aus dem Boden der Erde aufschießend, weder in der Nähe noch in der Ferne mehr zu entdecken. Auch der Wind legte sich, und der Erdboden war, so weit das Auge reichte, wie allerreinst ausgefegt.
GEJ|10|82|1|1|82. — Die Rückkehr zur Herberge
GEJ|10|82|1|0|Jetzt ging das Verwundern erst vollends an, und die Heiden unten um den Hügel fingen an, sich zu befragen, wer und was Ich wäre, woher Ich gekommen sei, und was der Hauptmann zu Mir wäre, da Ich doch kein Römergewand trüge!
GEJ|10|82|2|0|Einige, die mit der Gotteslehre der Juden vertrauter waren denn ihre Nachbarn, hielten Mich für einen Propheten; denn diese Art von Halbgottmenschen hätten auch derlei gewirkt. Andere hielten Mich für einen in jüdischer Tracht verkleideten größten Magier. Wieder andere bestritten das, da sie an Mir keine Magierzeichen und in Meinen Händen keinen Zauberstab entdeckten. Noch andere hielten Mich für einen Halbgott in Menschengestalt, der sich dem allzeit streng gerechten Hauptmanne offenbarte und nun zur Beglaubigung dessen diese keinem Menschen möglichen Zeichen wirkte.
GEJ|10|82|3|0|Und so gab es unter diesen Menschen noch eine Menge Meinungen über Mich; aber keiner von ihnen getraute sich, auf den Hügel zu uns zu kommen und allda jemanden zu fragen, wer Ich wäre. Wir aber fingen an, uns von unseren etwas unförmigen Steinsitzen zu erheben und uns zum Rückzuge in die Herberge anzuschicken.
GEJ|10|82|4|0|Als die um den Hügel noch weilenden und allerlei ratenden Heiden das merkten, da überfiel sie eine Furcht vor Mir, und sie zogen eiligen Schrittes vor uns in die Stadt und begaben sich denn auch alsogleich in ihre Wohnungen, in denen ihre Angehörigen schon auf sie warteten. Daß es darin des Fragens und Erzählens nahe kein Ende nehmen wollte, das läßt sich leicht von selbst denken.
GEJ|10|82|5|0|Als die besagten Heiden sich in der Stadt befanden, da verließen auch wir den Hügel und begaben uns gemächlichen Schrittes in unsere Herberge, in der schon das wohlbereitete Morgenmahl unser harrte.
GEJ|10|82|6|0|Als wir in die Stadt kamen, da fanden wir die Heidenpriester schon in der vollsten Tätigkeit, den Menschen zu sagen, wie sie es nur ihnen zu verdanken hätten, daß diese Stadt vor dem Untergang bewahrt wurde und der des frühen Morgens noch so schrecklich und gefahrdrohend aussehende werdende Tag auf einmal durch die durch ihre priesterlichen geheimen Bitten und Gelöbnisse besänftigten Götter in einen herrlichen und jedes Menschen Gemüt erfreuenden urplötzlich verwandelt worden sei, – wogegen sich die Bewohner dieser und auch der andern Städte aber auch ohne Säumens mit allem Eifer bemühen sollten, die Tempel mit den reichlichsten Opfern wohl auszustatten.
GEJ|10|82|7|0|Nicht minder bemühten sich auch die beiden Judenpriester, in ihrer Synagoge die Juden zu bearbeiten. Aber weder die Heiden noch die Juden zeigten eine große Willfährigkeit, das zu tun, was die Priester von ihnen verlangten.
GEJ|10|82|8|0|Wir harrten noch eine kleine Weile vor der Herberge und sahen dem Treiben der Priester und des Volkes zu, und die beiden Nachbarn unseres Wirtes sagten: „Hatten wir unrecht, so wir schon ehedem zum voraus sagten, was die Priester, die selbst gar keinen Glauben haben, tun werden, wenn der Tag sich derart aufheitern würde, daß man keinen Nachsturm mehr zu befürchten hätte? Der Tag hat sich durch die Wundermacht des mit offenbar göttlicher Macht begabten Galiläers auf ja und nein völlig aufgeheitert, und wir sind kaum in die Stadt hereingekommen und trafen die während des Sturmes in der Nacht so überaus furchtsamen und allen Glaubens und Vertrauens auf eine göttliche Hilfe baren Priester schon in der größten selbstsüchtigen Tätigkeit!
GEJ|10|82|9|0|So aber eben die, welche auf dieser Erde die Vertreter der Götter – ob mehrerer oder bloß des einen, allein wahren, was vorderhand eins ist – sein wollen, bei einer Gefahr, in der sie sich am meisten glaubensstark zeigen sollten, die ersten beim Durchgehen und Davonlaufen sind, – wie soll da ein nur ein wenig heller denkender Mensch ihren Worten bei schönem und ruhigem Wetter irgendeinen Glauben schenken?
GEJ|10|82|10|0|Wir sehen es nur zu klar ein, daß da niemand anders als eben nur die Priester durch ihre übermäßige Herrsch- und Habsucht das Volk notwendig um allen wahren Glauben und um jedes lebendige Vertrauen auf ein allwaltendes und allmächtiges Gottwesen gebracht haben.
GEJ|10|82|11|0|Steht aber das arme Volk einmal völlig glaubens- und vertrauenslos da, – wer soll es dann wieder in den wahren Glauben und in das alte Vertrauen auf eine übersinnliche göttliche Hilfe zu heben vermögen?
GEJ|10|82|12|0|Menschen ist das nicht leicht oder schon gar nicht möglich, sondern da müssen die – ob einer oder viele – Götter die Hände ans Werk legen; denn nur durch große Zeichen können ganz blinde Menschen wieder in den Glauben und ins Vertrauen auf eine Hilfe von einer Gottheit gesetzt werden.
GEJ|10|82|13|0|Daß ihr euch in dieser Nacht von keiner Angst und keiner Furcht vor einer Gefahr in der Herberge habt aus dem Hause treiben lassen, das begreifen wir auch erst jetzt klar; denn wer solch einen Menschen in seinem Hause beherbergt, dem alle Elemente auf einen Wink gehorchen, weil er voll göttlicher Kraft und Macht ist, da ist es leicht, zu glauben und zu vertrauen. Aber auf wen hätten denn wir glauben und vertrauen sollen? Etwa auf unsere etlichen halbzerbrochenen steinernen Götterstatuen, auf unsere Hauslaren oder auf die aus der höchsten Großangst und Furcht zuerst aus ihren Wohnhäusern und Tempeln entlaufenen Priester, die dann ihren Schutz auf dem Platze suchten und um gar keinen Preis mehr in einen Tempel hineinzubringen gewesen wären?
GEJ|10|82|14|0|Wir suchten denn auch im Freien Schutz, weil ihn unsere Göttervorsteller auch lieber da suchten, wo ihn die Natur dem Menschen noch am ehesten gewährt und finden läßt.
GEJ|10|82|15|0|Aber es sollte dieser Großmeister in der wahren Gottesmacht und -weisheit diesen großschreienden Priestern auch den Meister zeigen, dann ginge es bei uns bald ganz anders mit dem wahren Glauben und Vertrauen auf den einen, allein wahren, lebendigen Gott; auch die beiden Judenpriester würden sich bald eines andern besinnen und vielleicht wieder zum alten Glauben der ersten Väter zurückkehren.“
GEJ|10|82|16|0|Sagte Ich nun zu den beiden Nachbarn: „Gehet nun mit eurer Familie in unsere Herberge und haltet mit uns das Morgenmahl! Diese Priester aber lasset nur ihr Geheul forttreiben; denn von den Reichen werden sie wenig der gewünschten Opfer erhalten, und die Armen, die bei uns um den Hügel waren, werden es ihnen schon zu erzählen wissen, wie Der ausgesehen hat, dem die ganze Natur der Erde gehorchte, und es wird sich dann schon noch der Zeit zur Genüge ergeben, in der ihnen ihr Handwerk gelegt wird!“
GEJ|10|82|17|0|Damit waren die beiden Nachbarn sehr zufrieden, beriefen ihre Familien, begaben sich mit uns in die Herberge und nahmen auch ganz voll guten und heiteren Mutes mit uns das reichlich und wohlbereitete Morgenmahl ein.
GEJ|10|83|1|1|83. — Die Frage des Hauptmanns nach seinem Verhalten den Priestern gegenüber
GEJ|10|83|1|0|Als der gute Wein erst ihre Zungen mehr und mehr gelöst hatte, da waren sie auch um so aufgelegter zu reden und brachten Dinge zum Vorschein, über die sich selbst Meine ersten Jünger hoch zu verwundern anfingen.
GEJ|10|83|2|0|Während aber die beiden recht viele gute Dinge besprachen, da kam auch einer der beiden Rabbis zu uns in den Speisesaal und machte unseren Wirt darauf eindringlich aufmerksam, daß auch er, als ein Jude, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ein Opfer darbringen solle, weil Er Sich durch das fromme Gebet seiner beiden Diener in dieser alten Stadt Golan habe bewegen lassen, sein Hab und Gut vor der Zerstörung zu bewahren.
GEJ|10|83|3|0|Dieser Vortrag des Rabbis machte einen der beiden Nachbarn ordentlich zum Aufspringen ärgerlich, und er erhob sich denn auch schnell von seinem Sitze, ging auf den kecken Rabbi los und sagte (ein Nachbar des Wirtes): „Freund, hat denn keiner von euren alten Weisen und Propheten bei irgendeiner Gelegenheit einmal geweissagt, wann die Zeit kommen wird, in der kein lügenhafter und zur Arbeit träger Priester mehr geduldet werden wird?
GEJ|10|83|4|0|Schämst du, als ein Priester, dich denn im Ernste nicht, hier uns der Wahrheit beflissenen Menschen mit einer allerdicksten Lüge ins Gesicht zu kommen?
GEJ|10|83|5|0|Wann und wo hast du zu eurem Gott gebetet um die Erhaltung der Habe und des Gutes dieses meines ehrenwertesten Nachbars und Freundes?
GEJ|10|83|6|0|Siehe, wir haben dich und deinen dir ganz gleichen Kollegen in der Nacht voll Furcht und Angst auf dem großen Platze heulend und zähneklappernd gesehen, und ihr beide hattet euch einen Punkt ausgesucht, der euch am sichersten zu sein dünkte!
GEJ|10|83|7|0|Warum seid ihr denn nicht in eurer Synagoge geblieben, wo ihr doch selbst saget, daß euer Gott alldort euer Gebet erhöre? Habt ihr an der starken Mauer am freien Platze für das Wohl eures Volkes gebetet?
GEJ|10|83|8|0|Oh, wir kennen euch ebenso klar und gut wie unsere eigenen Götterdiener und sagen: Nichts da mehr für euch! Sieh, daß du weiterkommst, sonst dürfte dich ein gar Gewaltiger unter uns weiterkommen lassen!“
GEJ|10|83|9|0|Hier wurde der Rabbi des Hauptmanns ansichtig, sagte kein Wort mehr und verließ schnell unsere Herberge.
GEJ|10|83|10|0|Und der Nachbar sagte darauf: „Dem einen, allein wahren Gott der wahren Juden alles Lob, – einen der allerschmutzigsten Gottesleugner sind wir losgeworden!“
GEJ|10|83|11|0|Sagte der Hauptmann: „Ja, ja, der hat sich wie ein Dieb davongemacht, und sein Kollege wird es bleiben lassen, uns zu besuchen; aber unsere Heidenpriester, die es schon schier werden erfahren haben, daß ich mich hier befinde, werden mich schwerlich unbesucht lassen. So diese kommen, – wie werde ich, als ein römischer Hauptmann, mich zu benehmen haben? Denn ich sollte im Namen des Kaisers der Beschützer der Priester sein; wie aber soll ich das nun, wo ich den einen, wahren, lebendigen Gott habe kennengelernt, Ihn über alles liebe und unser irrwähniges und alles schändlichen Betruges übervolles Vielgötter- und deren Priestertum über alles verachte und hasse?“
GEJ|10|83|12|0|Sagte Ich: „Nicht also, Mein Freund! Siehe, auch die Priester eurer Götter, die freilich nie irgend in der Wirklichkeit ein Dasein hatten, sondern pur der Phantasie der Menschen, die über ihre Nebenmenschen herrschen wollten, entsprungen sind, sind in dieser Zeit um vieles minder an dem Dasein des finsteren Heidentumes schuldig anzunehmen als die, welche im Anfange, als die Menschen noch an den einen, wahren Gott vollauf glaubten, das Heidentum zu predigen und die Menschen durch falsche Zeichen stets ausgiebiger und zahlreicher zu diesem zu bekehren anfingen!
GEJ|10|83|13|0|Sie glauben an ihre Götter selbst nicht, erhalten aber das Volk darum dennoch im alten Aberglauben, erstens, auf daß sie bei ihm ihren Broterwerb finden, zweitens, weil sie die Wahrheit nicht haben, und drittens, weil sie auch durch die Staatsgesetze dazu verhalten (verpflichtet) sind und durch ihren einem Oberpriester geleisteten Eid auf den Namen Pantheon, in dem alle eure Götter begriffen sind.
GEJ|10|83|14|0|So aber eure Priester also bestellt sind, da wirst du sicher wohl einsehen, daß sie nicht so sehr zu hassen als zu bedauern sind. Daher versuche du, auch sie auf den Weg der Wahrheit zu bringen, und haben sie diesen betreten, so sorge für sie, daß sie eine andere Beschäftigung erhalten! Dem Kaiser ist Jude oder Heide eines, so er ihm nur gibt, was sein ist, – und so hast du vom Kaiser aus nichts zu besorgen (befürchten), als würde er dich je zu einer Verantwortung ziehen wegen einiger zum wahren und in Gott lebendigen Judentum übergetretenen Priester des Zeus und des Apollo.
GEJ|10|83|15|0|Zudem sind die ersten Machthaber in diesem Weltteile in ihrem Herzen schon seit vielen Jahren durch Mich zum lebendigen Judentum übergegangen, so der Oberstatthalter Cyrenius, sein jüngster Bruder Kornelius, in Rom der Staatsmann Agrikola und mehrere an seiner Seite, freilich erst seit einem halben Jahre und etwas darüber.
GEJ|10|83|16|0|Da diese dir nun genannten Männer nebst noch gar vielen andern vom Kaiser aus noch keine Unbill zu erdulden bekamen, so wirst auch du um so mehr von solcher nichts zu befürchten haben, da Ich dich, so du Mir treu bleibst, Meines besonderen Schutzes versichere und dir auch die Fähigkeit erteilt habe, in Meinem Namen die Kranken zu heilen und die Besessenen von ihren Plagegeistern zu befreien. Und eines mehreren bedarfst du vorderhand nicht.“
GEJ|10|83|17|0|Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, ward er überselig vor großer Freude in seinem Herzen und sagte zu Mir: „Herr meines Seins und Lebens! Dir allein alles Lob, alle Ehre und allen Dank für die so große, von mir niemals verdiente Gnade, Dein Wille werde von uns allen also wie von Deinen Engeln im Himmel vollzogen, und Dein heiligster Name werde allzeit hochgelobt und gepriesen!“
GEJ|10|84|1|1|84. — Die Bedeutung der Liebe
GEJ|10|84|1|0|Diese Worte des Hauptmanns setzten die beiden Nachbarn ins höchste Staunen, und sie sagten zum Hauptmann: „Hoher Gebieter an der Stelle des großen Kaisers, auch wir danken nun dir und auch unserem biedern Nachbar, daß ihr in uns das bestätigt habt, was wir uns schon am Hügel draußen heimlich gedacht haben, aber nicht laut auszusprechen getrauten! Dieser Mann, den wir seiner Kleidung wegen einen Galiläer nannten, ist der eine, allein wahre Gott nicht nur der Juden, sondern aller Menschen und aller Kreatur! Ihm allein sind untertan alle Mächte und Kräfte der Erde, und der Mond, die Sonne und alle die Sterne loben und preisen Seine ewige Weisheit und Macht. Er ist in Sich der ewige Urgeist, und Gott hat den blinden Menschen auf dieser Erde zuliebe Sich als ein vollkommenster Mensch gezeigt, um uns zu zeigen, daß nur Er allein der Herr von Ewigkeit ist über alles, was die Erde und alle Himmel fassen, die ebenso wie diese Erde Sein Werk sind.
GEJ|10|84|2|0|Oh, wie endlos glücklich sind wir nun, daß wir Ihn nun in unserer Gestalt sehen und erkennen können! Nun sollen unsere Priester nur kommen, und wir werden ihnen den Zeus zeigen!“
GEJ|10|84|3|0|Hierauf fielen die beiden Nachbarn vor Mir auf die Knie nieder und wollten Mich anbeten; Ich aber hieß sie aufstehen und hören auf Meine Rede. Sie taten das, und Ich lehrte sie bis zum Mittage Meinen Willen und erklärte ihnen viele andere Dinge. Und sie wurden zu Meinen Dienern.
GEJ|10|84|4|0|Als Ich die beiden Nachbarn unseres Wirtes in allem wohl belehrt hatte, was vorderhand zu ihrem Seelenheile notwendig war und sie das auch wohl verstanden hatten, da dankten sie Mir aus dem innersten Grunde ihres Herzens, und der eine, der am besten zu reden verstand, sagte: „Wahrlich, bei solch einer Belehrung über Gott, dessen Fülle in Dir, o Herr und Meister, wohnt, und über die Bestimmung der Menschen auf dieser Erde, deren wahre Form und Beschaffenheit Du uns überklar beschrieben hast, hätte es für uns keiner so großen Zeichen, die Du hier gewirkt hast, bedurft, und wir hätten Dich aus dem puren Worte erkannt; denn wir nahmen es in uns nur zu bald wahr, daß jegliches Deiner Worte lebendig ist und in uns wie ein Feuer aus den Himmeln alles, was tot war, durchströmte und belebte, und das wirkte auf uns bei weitem mehr und heller überzeugend denn die Zeichen, die, wenn auch noch so außerordentlich und selten, am Ende denn doch eine Ähnlichkeit mit jenen haben, welche von so manchen Magiern und Priestern durch sicher ganz natürliche, aber uns unbekannte Mittel und Kräfte gewirkt wurden und dem freien Willen und dem Verstande der Menschen allzeit um vieles mehr geschadet denn je irgendwo und -wann genützt haben.
GEJ|10|84|5|0|Aber dennoch danken wir Dir, o Herr und Meister, auch für die hier gewirkten großen Zeichen und auch für den schönen, heiteren Tag, der uns durch Deine göttliche Macht zuteil geworden ist; denn die von Dir hier gewirkten Zeichen werden auf unsere stockblinden entweder Abergläuber oder stoischen Allen-Glauben-Verwerfer erst in der Folge, wenn sie von uns werden bearbeitet werden, eine nachhaltig beste Wirkung machen.
GEJ|10|84|6|0|Wir sind nun der Zeugen zur Genüge hier, haben auch Mut, nun mit allen Mächten der Nacht und Finsternis unter den Menschen in den Kampf zu treten und auch zu siegen in Deinem Namen, und Du, o Herr und Meister, dem alle Mächte und Kräfte aller Himmel und dieser Erde untertan sind, wirst uns im Kampfe für die lebendige Wahrheit, die wir aus Deinem heiligen Munde vernommen haben, sicher nicht verlassen!“
GEJ|10|84|7|0|Sagte Ich: „Dessen könnet ihr, als nun Meine lieben Freunde, völlig versichert sein, und Ich erteile nun auch euch die Macht, die Kranken durch das Auflegen eurer Hände in Meinem Namen zu heilen, mit welch einer Krankheit sie auch behaftet sein möchten, und die bösen Geister aus den von ihnen Besessenen zu treiben. Und also von Mir ausgerüstet, könnet ihr euch schon – doch stets behutsam und klug – mit der Macht der Lüge und des schwarzen Truges in den Kampf begeben, und die Palme des Sieges wird nicht unterm Wege verbleiben.
GEJ|10|84|8|0|Doch alles, was ihr tut und tun werdet in Meinem Namen, das tut aus Liebe, um die Liebe im Herzen derer zu wecken und zu beleben, die ihr für Mein Reich gewonnen habt.
GEJ|10|84|9|0|Ist deren Liebe in ihren Herzen kräftig und voll Lebens geworden, und werden sie euch irgend Gegenliebe erweisen wollen, so lasset das mit freudigem Herzen auch angehen; denn nur die mächtige Liebe und Gegenliebe beleben sich und erzeugen ein vollkommenes, neues Leben!
GEJ|10|84|10|0|Doch im Anfang müsset ihr, als die zuerst mit der rechten Liebe aus Mir Erfüllten, auch nur mit dieser Liebe zu wirken beginnen! Denn so da jemand, der sich ein rechtes Weib nehmen möchte, sich um die Hand einer Jungfrau bewirbt, zu den Eltern hingeht und seinen Wunsch ausspricht, aber dabei die Jungfrau wie auch ihre Eltern nichts von einer Liebe merken läßt, sondern nur gleich sich um die Größe und um den Wert ihrer Schätze erkundigt, – wird der wohl die Liebe der Jungfrau und ihrer Eltern je für sich gewinnen? Ich meine, daß er dabei schlecht zum erwünschten Ziele gelangen wird. Denn wer die Liebe nicht hat, der wird auch schwer eine Gegenliebe finden. Wer aber mit aller Liebe die Gegenliebe sucht, der wird sie auch finden; und hat er sie gefunden, so wende er sich von ihr nicht ab, so sie ihm mit aller Freude werktätig entgegenkommt.
GEJ|10|84|11|0|Seht und nehmt euch alle an Mir ein rechtes Exempel! Ich kam ungerufen aus purer Liebe zu euch hierher und erwies euch sofort auch alle Liebe, ohne irgend von jemand ein Entgelt zu verlangen; da ihr Mich aber erkannt habt und Mir nun mit aller Liebe entgegenkommt, so nehme Ich solche eure Liebe auch mit freudigem Herzen auf und verschmähe es nicht, an eurem Tische mit Meinen Jüngern zu essen und zu trinken. Und würde Ich das nicht tun, möchte das freudig stimmen eure Herzen? Sicher nicht, und so denn erweiset den Menschen zuerst Liebe ohne Entgelt; so euch dann die Menschen mit aller Liebe wieder entgegenkommen, da nehmet – aber allzeit mit Ziel und Maß – von ihnen, was sie euch bieten!
GEJ|10|84|12|0|Werdet ihr also handeln, so werdet ihr auch bald Mein Reich auf dieser Erde unter den Menschen in Hülle und Fülle ausgebreitet und keine Not zu erleiden haben.
GEJ|10|84|13|0|Wie aber Hochmut, Zorn, Neid, Geiz, Habsucht und dergleichen Laster mehr auch dasselbe bei den andern Menschen hervorrufen, so auch ruft die wahre, uneigennützige Liebe sich selbst bei den andern Menschen hervor; darum tuet alles aus Liebe, und ihr werdet dadurch den Samen der Liebe in die Herzen der andern Menschen säen, der für sie und für euch bald zu einer segensreichsten Ernte wird schon hier, und um so mehr dann erst jenseits im andern und ewigen Leben der Seele durch Meinen Liebegeist in ihr!“
GEJ|10|84|14|0|Diese Meine Rede begriffen alle wohl und gelobten sie auch im Geiste der vollen Wahrheit zu erfüllen.
GEJ|10|85|1|1|85. — Die Heidenpriester verteidigen ihr Verhalten in der Sturmnacht
GEJ|10|85|1|0|Als sie sich voll Freude über diese Meine Lehrrede unter sich besprachen, da kamen ein paar der ersten Heidenpriester in unsere Herberge, um den Hauptmann zu begrüßen, dessen Gegenwart sie von jenen Ärmeren erfahren hatten, die am Morgen unseren Hügel umlagert hatten; hauptsächlich aber kamen sie eigentlich darum in unsere Herberge, um den Mann in galiläischer Tracht selbst näher kennenzulernen, von dem sie durch den Mund der bekannten Ärmeren erfahren hatten, daß am trüben Morgen die mächtigen Elemente seinem Worte und Willen gehorcht hatten.
GEJ|10|85|2|0|Als sie in den Speisesaal traten, da machten sie sogleich eine tiefe Verbeugung vor dem Hauptmann und sagten (die Priester): „Vergib uns, du hoher Gebieter im Namen des großen und mächtigen Kaisers durch die Allmacht der Götter und ihrer vornehmsten Diener aus der Zahl der Menschen, die sie dazu durch ihren unsichtbar wirkenden Willen erwählt und gemacht haben! Hast du auch für uns irgendein neues Gebot aus der großen Kaiser- und Götterstadt Rom, so wolle es uns gnädigst bekanntmachen, wie und wann es dir am geeignetsten dünkt, auf daß wir uns danach richten können!“
GEJ|10|85|3|0|Sagte der Hauptmann: „Diesmal habe ich kein neues Gebot, weder für euch noch irgend fürs Volk; denn unsere Gesetze sind fest gestellt, und es ist bis jetzt kein neues hinzugekommen. Aber es ist mir etwas von euch zu Ohren gekommen, was meinem Gemüte keine Freude macht.
GEJ|10|85|4|0|Warum betrügt und belügt ihr denn das Volk und wollet dadurch zu eurem Leibesbesten von ihm Opfer erpressen, weil ihr vorgebt, daß es nur euch zu verdanken habe, daß die erzürnten Götter in dieser Nacht die Stadt und die ganze Umgegend nicht zu einer Wüste gemacht hätten, und daß sich der trübe und noch unheilschwangere Morgen plötzlich in einen heiteren Tag umgewandelt habe? Solches prediget ihr ganz keck vor dem Volke, das euch doch selbst während des Sturmes und Erdbebens zuerst aus euren Tempeln und Wohnungen hat fliehen und im Freien Schutz suchen sehen! Heißt das den Glauben beim Volk aufrichten – oder denselben vernichten?
GEJ|10|85|5|0|Wenn das Volk bei solchen Gelegenheiten eben bei den mutigst und gläubigst sein sollenden Priestern, die sich doch stets als treue Diener und Freunde der Götter loben und rühmen lassen, nichts als die höchste Angst, Furcht und eine vollste Vertrauens- und Glaubenslosigkeit entdeckt, – wie soll es dann, wenn die Gefahr vorüber ist, den Worten solcher Priester – wie ihr euch schon etwa zu öfteren Malen erwiesen haben sollet – noch etwas glauben, von denen es nur zu gut aus der Erfahrung weiß, daß sie selbst nicht einen Funken irgendeines Glaubens und Vertrauens an eine höhere Göttermacht besitzen? Und wie können solche Priester dann vors Volk treten und es auf eine derbste und frechste Art zu belügen anfangen?“
GEJ|10|85|6|0|Sagte darauf einer der beiden Heidenpriester: „Vergib mir, du hoher Gebieter; in dieser unserer Sphäre hast du nicht völlig richtig geurteilt! Es ist schon wahr, daß ein Priester bei so manchen gefahrvollen Gelegenheiten stets den größten Mut und ein überaus festes Vertrauen auf die mögliche %Hilfe der hohen Götter vor dem zaghaften Volke an den Tag zu legen hat, um ihm Mut einzuflößen und in seinem Gemüte den Glauben und ein festes Vertrauen zu wecken; aber bei außerordentlich gefahrvollen Gelegenheiten soll auch der Priester vor dem Volke zeigen, daß auch er die Götter fürchtet, so sie durch das gewaltige Toben der Elemente den Menschen ihren Zorn offenbaren.
GEJ|10|85|7|0|Ein Priester ist wohl ein Vermittler zwischen den Göttern und den Menschen, doch ein Herr gleich den unsterblichen Göttern ist er nicht und wird es niemals sein; denn sterben muß auch der Priester, gleich wie ein jeder Mensch, und so hat auch er die Götter zu fürchten.
GEJ|10|85|8|0|Solange die Götter nur durch Blitz, Donner, starke Winde, gewaltige Regen, Hagel, Schnee und große Kälte zur ungewöhnlichen Zeit, in der sie den Früchten der Erde schadet, den Menschen anzeigen, daß sie da und allmächtig sind, da kann der Priester schon noch mit einem größeren Mute vor dem geängsteten Volke auftreten, es trösten und stärken und den Glauben und das Vertrauen beleben und erhalten; aber so die Götter manchmal in die Grundfesten der Erde, dieselben erschütternd, mit ihrer Macht eingreifen und das Unterste nach oben zu kehren drohen, da hat auch der Glaube des Priesters samt dem Boden der Erde zu wanken das Recht.
GEJ|10|85|9|0|Er kann bei sich immerhin durch Gebete und durch allerlei taugliche Gelübde die Götter zu besänftigen trachten, aber dabei auch an den Tag legen, daß auch er nur ein schwacher Mensch ist und die Götter allzeit zu fürchten hat.
GEJ|10|85|10|0|Siehe, du hoher Gebieter, weil sich die Sache also verhält, so taten wir in dieser wahren Schreckensnacht denn wohl nicht unrecht, daß auch wir in der Tat unsere gerechte Furcht vor der Allmacht der Götter dem Volke zeigten! Da aber die erzürnten Götter sich von uns Priestern wieder haben besänftigen lassen wegen der ihnen gemachten Gelübde, so ist es nun aber an der Zeit, das Volk davon in Kenntnis zu setzen, was es samt uns zu tun hat, um den von uns Priestern den Göttern gemachten treuen Gelöbnissen ohne Rückhalt und irgendwelche strafbare Säumnis vollends nachzukommen, ansonst bei einer künftigen Gelegenheit, in der die Götter noch erzürnter sich zu zeigen anfangen könnten, eine Besänftigung derselben sehr schwer mehr zu erhoffen wäre. Denn nur sieben Male haben die Götter eine Geduld mit den Hauptschwächen der Menschen; doch ein achtes Mal findet man schwerlich mehr eine Nachsicht und Geduld bei ihnen.
GEJ|10|85|11|0|Und da wir solches nun dem Volke eindringlich bekanntmachen, so handeln wir sicher ganz gut und gerecht vor den Göttern und vor den Menschen, die noch irgendwelchen Glauben und einen guten Willen besitzen, und es kann nicht gesagt werden, daß wir dadurch das Volk in dem Glauben und Vertrauen an die Götter schwächen.
GEJ|10|85|12|0|Und ich meine, daß ich unser Handeln mit dieser meiner kurzen Darstellung vor dir, hoher Gebieter, mehr denn zur vollen Genüge gerechtfertigt habe. Ich habe geredet!“
GEJ|10|86|1|1|86. — Der Hauptmann belehrt die Priester über die Nichtigkeit des Götzendienstes
GEJ|10|86|1|0|Sagte darauf der Hauptmann: „Geredet hast du nun wohl ganz gut, und es hatte deine Rede einen ganz vernünftigen Sinn; aber sie hat vor mir dennoch nur einen höchst geringen Wert, weil ihr Sinn und die Wahrheit in dir sehr weit voneinander entfernt sind. Denn siehe, fürs erste hast du selbst nicht einen Funken Glauben und Vertrauen an die Götter, was ich dir sowie allen deinen Kollegen auf das handgreiflichste aus meinen vielen Erfahrungen wohl beweisen könnte, – und weil du selbst keinen Glauben an irgendeinen Gott hast, so ist fürs zweite deine Rede vor mir nichts als ein eitel leeres Wortgepränge und hat keinen Wert vor mir.
GEJ|10|86|2|0|Ich sage dir aber nun das nicht deshalb, um dich und deine Kollegen eures Benehmens wegen irgend strafen zu wollen; aber das sage und bedeute ich dir damit, daß ihr mit allem eurem weise scheinenden Geschrei vor dem Volke, dessen besserer Teil euch schon lange haarklein durchschaut hat, eine schlechte Wirkung erzielen werdet, besonders in dieser Zeit, in der sich unter den Juden die hellste Wahrheit über das Dasein nur eines allein wahren Gottes und über die Art, wie man Ihn verehren soll, und über die Bestimmung des Menschen zur höchsten Evidenz [Unmittelbare und vollständige Einsichtigkeit, Deutlichkeit und Gewißheit.] auszubreiten anfängt und bereits gar viele der besseren Heiden sich zu dem neuen Glauben der Juden wenden und in ihm einen wahren Trost und eine best- und festest gegründete Beruhigung finden.
GEJ|10|86|3|0|So ihr davon sicher auch schon Kunde erhalten habt, – warum habt ihr euch davon noch keine Überzeugung zu verschaffen gesucht, und warum verharret ihr hartnäckig vor dem Volke bei dem, was ihr selbst noch nie geglaubt habt, es aber dennoch das Volk glauben machen wollt durch euer leeres Geschrei?
GEJ|10|86|4|0|So ihr in euch von der Nichtigkeit unseres Göttertums überzeugt seid und an sie keinen Glauben habt, so suchet zuerst für euch selbst die Wahrheit; und habt ihr sie irgend gefunden, so enthaltet sie dem nur nach der vollen Wahrheit dürstenden Volke nicht vor, und ihr werdet euch dadurch dem Volke und dem Staat sicher nützlicher erweisen denn durch euer leeres Geschrei!
GEJ|10|86|5|0|Machet aus den Götzentempeln Unterkunftswohnungen für eure Armen und Kranken, und kehret auch den Fremden nicht den Rücken, und ihr werdet dadurch die wahre und lebensvolle Gnade bei dem einen, allein wahren Gott finden, die euch sicher mehr nützen wird denn alle die toten Erdschätze, die ihr durch euer unsinniges Geschrei bei allen solchen Gelegenheiten, wie die diesnächtliche war, vom Volke erpreßt habt!“
GEJ|10|86|6|0|Sagte hierauf der Heidenpriester: „Hoher Gebieter, du hast nun vollkommen die Wahrheit gesprochen, und es steht mit uns denn auch gerade also; aber wohin sollen wir uns wenden, um jene lebendige Wahrheit zu finden, die uns und auch dem Volke mehr nützen würde als der Besitz aller Schätze der ganzen Erde? Und was sollen wir, so wir diese Wahrheit gefunden und danach auch das Volk belehrt und bekehrt haben würden, unseren Oberpriestern dann erwidern, so sie uns zur Verantwortung zögen darob, daß wir das Volk von dem, was sie lehren und haben wollen, abwendig machen und es zum reinen Judentum bekehren?“
GEJ|10|86|7|0|Sagte der Hauptmann: „Wohin ihr euch zu wenden habt, um die reine und lebendige Wahrheit und den einen, allein wahren Gott kennenzulernen und also auch Seinen Willen, da kann ich euch den allerkürzesten Weg zeigen.
GEJ|10|86|8|0|Seht, hier mir zur Rechten sitzend ist der Mann, der euch die reinste Wahrheit in aller Fülle zeigen kann, und Er ist auch in Sich eben Derjenige Selbst, dem alle Kräfte und Mächte der Himmel und dieser Erde gehorchen! Werdet ihr das erkennen und wohl einsehen, da wird es euch schon von selbst klar werden, was ihr denen zu sagen habt, die euch danach fragen würden, warum ihr, samt dem euch anvertrauten Volke, zum wahren Judentum übergetreten seid.
GEJ|10|86|9|0|Übrigens sind wir Römer in bezug der verschiedenen Götterlehren ja ohnehin sehr duldsam und verwehren niemand seine Art und Weise, in der er sich irgendeine Gottheit vorstellt und an sie glaubt und auf sie vertraut, was ihr ebensogut wisset wie ich; denn haben die Römer auch viele Völker in Asien, Afrika und Europa besiegt und zu Untertanen Roms gemacht, so haben sie ihnen doch ihre Götterkunde stets unangetastet gelassen und haben den fremden Göttern auch in Rom Tempel errichtet. Es ist also Rom in dieser Hinsicht duldsam, und ihr habt daher nichts zu befürchten, und hier in Asien um so weniger, indem da ja ohnehin das Judentum als Gotteslehre herrschend ist.
GEJ|10|86|10|0|Ich habe euch nun den Weg zur reinen und lebendigen Wahrheit gezeigt, und ihr könnet nun tun, wie es euch beliebt.“
GEJ|10|87|1|1|87. — Die Befragung der Priester durch ihre Kollegen
GEJ|10|87|1|0|Auf diese Rede des Hauptmanns besahen Mich die beiden Priester vom Haupte bis zu den Füßen, und der eine fragte Mich, sagend: „Wer bist du denn, da dir unser Gebieter vor uns ein Zeugnis geben mochte, das man wahrlich nur einem Gott geben kann? Rede du selbst von dir, und wir wollen dir glauben, was du auch reden wirst!
GEJ|10|87|2|0|Bist du etwa eben derjenige, von dem uns draußen unsere Armen erzählten, daß er den Winden, den Wolken und dem Feuer gebot vom Hügel Talba, und sie gehorchten ihm?“
GEJ|10|87|3|0|Sagte Ich: „Ja, ebenderselbe bin Ich! Das Zeugnis des Hauptmanns ist wahr, haltet euch an dasselbe, – alles andere, was euch und eurem Volke not tut, werdet ihr von diesem Wirte und seinen beiden Nachbarn erfahren.
GEJ|10|87|4|0|Werdet ihr vollgläubig danach handeln, so werdet ihr in euch das ewige Leben erwecken und es dann auch für ewig behalten. Denn Ich Selbst – obwohl vor euren Augen seiend ein Menschensohn – bin der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben. Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre vollkommen tut, der wird leben der Seele nach ewig, so er auch stürbe dem Leibe nach viele Male.
GEJ|10|87|5|0|Wie aber Meine Lehre lautet – ganz kurz und für jedermann leicht faßlich –, das werdet ihr schon von denen erfahren, die Ich euch angezeigt habe. Und so denn möget ihr nun schon wieder zu euren Kollegen hinausgehen und ihnen sagen, was ihr vernommen habt! Sie sollen vom Volke zur Versöhnung der nichtigen Götter keine Opfer mehr erpressen; denn so sie das forttun, dann werde Ich den Mächten der Erde noch einmal den freien Lauf lassen, und sie mögen dann zusehen, wie es ihnen ergehen wird!“
GEJ|10|87|6|0|Als die beiden Heidenpriester das von Mir vernommen hatten, sagten sie kein Wort mehr, sondern verneigten sich tief vor Mir und auch vor dem Hauptmann und begaben sich schnell hinaus auf die breite Straße zu ihren Kollegen, die dem Volke noch allerlei Wundermärchen über die Götter erzählten und so manchen Pfennig bekamen.
GEJ|10|87|7|0|Als die beiden hinauskamen, ersahen sie ihre Gefährten, gingen auf sie zu und fragten sie voll Neugier, was sie beim Hauptmann ausgerichtet hätten, und was es mit Mir für eine Bewandtnis habe.
GEJ|10|87|8|0|Die beiden aber sagten: „Ihr, unsere lieben Freunde, hört! Die Sache ist von höchster Wichtigkeit, und wir werden später in unserer Wohnung ausführlich davon reden; doch hier auf der offenen Straße ist kein Ort, über derlei Dinge zu reden.
GEJ|10|87|9|0|Der Mann jedoch, von dem uns die Armen erzählten, daß Ihm alle Mächte, Kräfte und Elemente der Erde gehorchen, scheint mehr denn ein purer Mensch zu sein! Und Dieser hat ganz entschieden zu uns gesagt, daß wir von unserem Sühnopfersammeln für die Götter, die nichts seien, sogleich abstehen sollen, ansonst wir von Ihm noch etwas Ärgeres würden zu erleiden bekommen, als was wir in dieser Nacht zu erleiden hatten. Daher stehen wir von unserer Sammlerei denn auch alsogleich ab und begeben uns in unsere Burg; dort werden wir beraten, was da fürder zu tun sein wird! Denn es muß an der Sache des höchst sonderbaren Menschen im vollsten Ernste vieles gelegen sein, ansonst unser Hauptmann, der alles wohl zu prüfen versteht, eben diesem Manne nicht so sehr huldigen und Ihm ein Zeugnis vor uns geben würde, das man nur einem klar und wohl erkannten Gott geben kann. Doch hier nichts Weiteres mehr von dieser Sache!“
GEJ|10|87|10|0|Auf diese Worte der beiden Priester wurden alle in hohem Grade betroffen, ließen das Sammeln und begaben sich in ihre Burg, und einige der ersten Bürger dieser Stadt begleiteten sie in großer Spannung.
GEJ|10|87|11|0|Als sie in der Burg anlangten, die mit allerlei Götzenstatuen geziert war, da bestieg der eine der beiden, die bei Mir in der Herberge waren, die Rednerbühne und sagte: „Wollet mich denn nun vernehmen! Ich werde euch in der möglichen Kürze das mitteilen, was ich in der Judenherberge von unserem weisen Hauptmanne und dann aber hauptsächlich von dem sonderbaren Mann vernommen habe, das wir uns alle im hohen Grade zu Gemüte zu nehmen haben; denn ein Mensch, dem alle Mächte und Kräfte der Himmel und der Erde gehorchen, ist sicher mehr, größer und beachtenswerter denn alle unsere Götter, von denen niemand von uns mit irgendeiner überzeugenden Bestimmtheit sagen kann, daß sie jemals waren oder jetzt in der Wirklichkeit irgend sind außer in den Tempeln, gemacht von Menschenhänden.
GEJ|10|87|12|0|Niemand hat irgend erlebt, daß einer unserer vielen Götter ein wahres Wunder gewirkt hätte. Was da vor dem blinden Volke als ein Wunder gewirkt ward unter der Anrufung eines oder des andern Gottes, das hat nicht der angerufene Gott, sondern – wie wir es wohl wissen – nur der in der Magierkunst wohlbewanderte Priester durch die ihm zu Gebote stehenden Mittel bewirkt; ohne solche Mittel aber hat noch niemals, zum wenigsten unseres guten Wissens, selbst der Pontifex maximus [Oberster Priester in Rom] in Rom ein Wunder gewirkt.
GEJ|10|87|13|0|So aber dieser Mensch, von dem ich rede, ohne alle irgend begreifbaren Mittel, sondern nur durch Sein Wort und durch Seinen Willen allen Mächten der Himmel und der Erde gebietet und sie Ihm gehorchen, so ist solch ein Mensch ganz allein ein wahrer Gott, und alles, das wir mit dem Worte Gott bezeichnen, ist nichts als eine Ausgeburt der menschlichen Phantasie und ist fürderhin von keinem denkenden und die Wahrheit suchenden Menschen als ein wirklich irgend seiendes Etwas anzunehmen.
GEJ|10|87|14|0|Das ist eine notwendige Einleitung zu dem, was ich euch zu sagen und zu erzählen versprochen habe. Bevor ich euch aber das mitteile, was ich vom Hauptmanne und dann von dem Gottmanne vernommen habe, wollet ihr euch äußern, was ihr von eben diesem Gottmanne haltet!“
GEJ|10|87|15|0|Sagten alle: „Rede du nur weiter und erzähle uns, was du vom Hauptmann und ganz besonders aber von dem Gottmanne vernommen hast; denn von all dem, wovon du überzeugt bist, daß es eine volle Wahrheit ist, sind auch wir überzeugt, daß es eine volle und vollkommene Wahrheit ist! Daher gehe du nur gleich zu der Hauptsache über; wir werden dich mit der größten Aufmerksamkeit anhören!“
GEJ|10|88|1|1|88. — Der Entschluß der Priester
GEJ|10|88|1|0|Hierauf fing der Redner das Versprochene ganz ausführlich zu erzählen an, was er vom Hauptmanne und von Mir vernommen hatte, und alle wurden voll des höchsten Staunens schon während des Erzählens; und als der Redner alles genau wiedergegeben hatte, was er in der Herberge vernommen und was er auch selbst mit dem Hauptmanne und auch mit Mir geredet hatte, da sagten alle: „Wenn also, dann bleibt uns wohl freilich nichts anderes übrig, als völlig zu glauben, daß der Gottmann wahrlich ein lebendiger Gott ist, neben dem kein anderes Wesen als ein Gott anzunehmen und zu verehren ist; und so wir Seine Lehre und durch sie auch Seinen Willen aus dem Munde des Hauptmanns oder aus dem Munde eines andern Kundigen vernehmen werden, so werden wir das zu unserem Lebensgesetze machen und werden danach dann strenge handeln.
GEJ|10|88|2|0|Doch unsere Götterlehren und Mythen samt den Statuen und Bildern werden wir für immer hinwegschaffen und auch unsere Kinder in der neuen Lehre unterweisen; ihr Priester aber werdet vor allem dafür sorgen, daß diese neue Lehre von jedermann vernommen, wohl verstanden und in ihrem gesetzlichen Teil strenge beachtet wird.
GEJ|10|88|3|0|Aber nun wird es an der Zeit sein, daß wir alle hingehen und dem Gottmanne unsere erste, Ihm allein gebührende, möglich höchste Verehrung darbringen und mit ihr auch den Dank für die von uns nie verdiente Gnade, die Er uns dadurch erwiesen hat, daß Er zu uns kam und Sich uns sichtbar wohl zu erkennen gab.“
GEJ|10|88|4|0|Mit diesem Antrag waren alle vollkommen einverstanden, verließen die Priesterburg, begaben sich zu unserer Herberge und wollten auch gleich in dieselbe eintreten.
GEJ|10|88|5|0|Da aber der Hauptmann das von Mir erfuhr – wie auch alle, die in der Herberge sich befanden –, was in der Priesterburg verhandelt worden war, so fragte er Mich, ob die Kommenden wohl in die Herberge, wo der Raum ein beschränkter sei, eingelassen werden sollten, oder ob man ihnen bedeuten solle, daß sie draußen warten sollen, bis es Mir genehm wäre, zu ihnen hinauszukommen.
GEJ|10|88|6|0|Ich aber sagte: „Lasset sie alle zu Mir kommen, die da mühselig und mit allerlei Nacht belastet sind, und Ich will sie alle erquicken! Die zu Mir wollen, denen soll die Tür aufgetan werden, und sie werden in Mir Den finden, den sie lange vergeblich suchten und mit aller ihrer Weltweisheit nicht finden konnten. Wo Ich bin, da gibt es auch Raum für jeden, der Mich liebt und sucht.“
GEJ|10|88|7|0|Als der Hauptmann solches von Mir vernahm, da ging er selbst zur Tür und öffnete sie, als die Angekommenen schon vor der Türe harrten und unter sich berieten, wer von ihnen zuerst in die Herberge treten solle; denn als die bewußten Angekommenen zu der Herberge kamen mit dem Vorsatz, alsogleich in die Herberge einzutreten, befiel sie eine kleine Angst, und es getraute sich keiner, zuerst die Tür zu öffnen.
GEJ|10|88|8|0|Als aber der Hauptmann selbst die Tür geöffnet hatte, da verneigten sich die Angekommenen vor ihm, und die beiden Priester fragten ihn, ob sie in die Herberge gehen dürften, um Mir zu geben die Ehre und den Dank für die Gnade, daß Ich auch zu ihnen in diese alte und sehr abgelegene Stadt gekommen sei und Mich von den blinden Menschen habe als der eine, allein wahre Gott erkennen lassen.
GEJ|10|88|9|0|Sagte der Hauptmann: „Der Herr hat ein Wohlgefallen an euch, da Er um euer aller Beschluß, den ihr in der Halle gefaßt habt, gar wohl weiß, und so möget ihr nun wohl in die Herberge eintreten!“
GEJ|10|88|10|0|Auf diese Antwort des Hauptmanns traten alle mit der höchsten Ehrfurcht in den Speisesaal, verneigten sich tiefst vor Mir, und die beiden Priester hielten eine wohlgeordnete Anrede an Mich und beendeten sie mit dem Dank, den sie alle Mir, schuldigst sich dünkend, darbringen wollten.
GEJ|10|88|11|0|Als sie ihre Rede beendet hatten, da erhob Ich Mich, segnete sie und sagte: „Wohl jedem, der zu Mir kommt und Mich erkennt wie ihr nun! Denn wer Mich erkennt, der hat schon ein Licht dazu überkommen von Mir, daß er Mich erkennen und dann an Mich lebendig glauben kann.
GEJ|10|88|12|0|Aber es ist dies Licht nun bei euch nur ein kleines Flämmchen in eurer Seele; so ihr aber erst Meine Lehre und mit ihr auch Meinen Willen werdet überkommen haben und werdet danach handeln und leben, so wird euer nunmaliges kleines Licht zu einer Sonne werden, und ihr werdet dann erst in die volle Wahrheit alles Lebens und Seins gelangen und in euch selbst erwecken das ewige Leben.
GEJ|10|88|13|0|Der Wirt hier aber wird euch geben die Lehre, die er von Mir erhalten hat, und seine beiden Nachbarn und seine Leute werden für euch rechte Zeugen sein und euch vieles sagen, das ihr nun noch nicht wisset; so ihr aber solches wissen werdet, dann erst werdet ihr über Mich vollends ins klare kommen.
GEJ|10|88|14|0|Nun aber setzet euch an einen Tisch und nehmet zu euch etwas Brot und Wein, und stärket eure Glieder; darauf wollen wir noch einiges miteinander besprechen und anordnen.“
GEJ|10|88|15|0|Darauf setzten sich die Heidenpriester mit etwelchen ersten Bürgern dieser Stadt an einen noch unbesetzten Tisch, und es ward ihnen alsbald Brot und Wein dargereicht, und sie aßen und tranken ganz wohlgemut; denn sie hatten schon Hunger und Durst.
GEJ|10|89|1|1|89. — Der Dank der Priester
GEJ|10|89|1|0|Als der Wein ihnen die Zungen regsamer gemacht hatte, da fingen sie untereinander an, über allerlei ihnen bekannte Weise aus der Vorzeit zu reden und zu urteilen, und waren bald dieser und bald wieder einer andern Meinung. Am Ende kamen sie denn auch auf die jüdischen Weisen und Propheten, und der erste Priester wußte vieles von Moses und Jesajas, die er für die zwei größten Weisen der Juden hielt; nur gefiel ihm die oft zu verhüllte Sprache nicht, und er meinte, daß das überhaupt ein Fehler der meisten alten Weisen wäre, daß sie selten ganz klar und offen vor dem Volke geredet und geschrieben hätten, und daß gar viele Irrtümer eben dadurch ins Volk übergegangen seien, was bei einer klaren und unverhüllten Redeweise niemals hätte stattfinden können.
GEJ|10|89|2|0|Als sie noch also untereinander redeten, gab Ich dem Jakobus M. einen Wink, daß er den irrig Urteilenden eine rechte Aufhellung geben solle; denn dieser Jünger war in dem Fache schon ganz wohl bewandert und verstand die Entsprechungen zwischen den geistigen und natürlichen Dingen wohl.
GEJ|10|89|3|0|Er ging darum zu den Priestern der Heiden hin, grüßte sie und fing an, ihnen die Gründe kundzugeben, warum Moses und also auch die andern Weisen und Propheten nur so wie sie gerade geredet und geschrieben haben und nicht anders haben reden und schreiben können.
GEJ|10|89|4|0|Die Priester und auch die Bürger hatten das bald aufgefaßt und recht wohl begriffen und lobten daher sehr den Jünger und gaben Mir die Ehre und einen rechten Dank, daß Ich auch einem Menschen eine so tiefe Einsicht in die rein göttlichen Dinge gegeben habe.
GEJ|10|89|5|0|Darauf ging der Jünger wieder an seinen Platz, und die Heidenpriester und die bei ihnen seienden Bürger urteilten nun ganz anders über die Rede- und Schreibweise der alten Weisen und brachten viele gute Dinge zum Vorschein, über die sich auch unser Hauptmann recht sehr verwunderte, sich auch zu ihnen begab und mit ihnen zu reden begann und ihnen auch so manches, was er von Mir wußte, ganz offen kundgab, worüber die Heidenpriester und anwesenden Bürger eine größte Freude an den Tag legten.
GEJ|10|89|6|0|Es ward ihnen vom Hauptmanne auch die wahre Gestalt der Erde, die Art ihrer Bewegung und ihre Größe, sowie auch der Mond, die Sonne, die Planeten und die andern Gestirne in Kürze so faßlich als möglich dargestellt, und die Unterrichteten hatten darüber eine große Freude.
GEJ|10|89|7|0|Und einer sagte: „Wenn sicher also und nicht anders, in wie vielen Irrtümern sind da eine Unzahl von Menschen noch tiefst begraben, und wann wird es bei ihnen auch darin licht und helle werden?“
GEJ|10|89|8|0|Und der Hauptmann sagte: „Freunde, das überlassen wir allein dem Herrn; denn Er allein weiß es am allerbesten, in welcher Zeit Er einem Volke in allen Dingen ein größeres Licht zu geben hat! Von nun an aber wird das rechte und hellste Licht nach Seinem Willen schon in der Eile unter die Menschen, die eines guten Willens sind, verbreitet werden, und wir selbst werden bei diesem Geschäft unsere Hände nicht in den Schoß der Trägheit legen!“
GEJ|10|89|9|0|Sagten alle: „Wahrlich, das werden wir nimmer; denn nun wissen wir es in aller Wahrheit, was wir zu tun haben, und für wen und warum!
GEJ|10|89|10|0|O der langen Geistesnacht, die schon unsere Urväter und nun auch uns mit ehernen Banden gefangenhielt! Dem Herrn und allein wahren Gott ohne Anfang und Ende, in dem alle Mächte und Kräfte vereint sind, alle Ehre, alles Lob und allen Dank, daß Er Sich so tief herabgewürdigt hat, Selbst Fleisch und Blut anzuziehen, um uns aus der alten Nacht des Todes zu erlösen! Denn ein Mensch, der in allen Dingen und Erscheinungen, die ihn umgeben, in der größten Irre und vollsten Geistesblindheit sich befindet, ist am Ende, beim rechten Lichte betrachtet, ja um vieles ärger daran als jedes Tier und ist so gut wie tot anzusehen.
GEJ|10|89|11|0|Aber wenn er im Geiste erweckt wird, dann erst wird er lebendig und steht mit seiner reinen Gotteserkenntnis und -liebe hoch erhaben über aller andern materiellen Kreatur.
GEJ|10|89|12|0|Bis jetzt war unser Leben nur ein eitler Traum, in dem der Träumende wohl auch ein verworrenes Dasein fühlt, sich aber von nichts eine wahre Rechenschaft geben kann, daher auch nichts einsieht und der Wahrheit nach begreift.
GEJ|10|89|13|0|Aber unser Traumzustand hat nun durch die Gnade des Herrn ein Ende genommen, wir sind wach geworden und leben nun in der Wirklichkeit. Und welch eine Seligkeit ist da das Leben, in dem man zum vollen Bewußtsein gelangt, daß man wirklich und wahrhaft lebt und das Leben auch nicht mehr verlieren kann, so man in Dem verbleibt in der rechten Liebe, der ewig das Urleben alles Lebens Selbst ist ohne Anfang und Ende. Oh, wie glücklich fühlen wir uns schon jetzt in der vollen Gegenwart Gottes, des ewigen Herrn über alle Dinge, obschon uns noch des Leibes Schwere und Gericht drückt; wie endlos glücklich aber werden wir uns erst dann fühlen, so uns der Herr bald auch von dieser Bürde erlösen wird!
GEJ|10|89|14|0|Doch zuvor sollen noch möglichst viele unserer armen Mitbrüder durch uns auch zum Leben des Geistes aus ihrem Todesschlaf und eitlen Traum erweckt werden; denn was uns nun gar so selig gemacht hat, das soll in der Folge gar viele tausendmal Tausende von Menschen durch unsere Mühe ebenso selig machen!“
GEJ|10|89|15|0|Auf diese gute Rede wurde der Redner selbst ganz gerührt und konnte vor Tränen nicht mehr weiterreden.
GEJ|10|90|1|1|90. — Vom Verhalten der wahren Jünger des Herrn
GEJ|10|90|1|0|Hier erhob denn auch Ich Mich von Meinem Stuhl, trat mit freundlicher Miene hin zu den Heidenpriestern und etlichen Bürgern dieser Stadt und sagte: „Höret, so ihr in Meinem Namen Mein Licht und Reich mit der rechten und uneigennützigen Nächstenliebe unter euren noch in tiefer Finsternis schmachtenden Brüdern und Schwestern ausbreiten werdet, desto erleuchteter und lebensvollkommener werdet ihr selbst werden, und es werden euch dann erst Dinge eröffnet werden, von denen ihr jetzt noch keine Ahnung habt und auch nicht haben könnt!
GEJ|10|90|2|0|Bleibet aber fortan diesem eurem Vorsatz getreu, und lasset ihn nicht verdrängen von den Anreizungen dieser Welt, so werdet ihr bleiben in Mir und Ich in euch!
GEJ|10|90|3|0|Suchet die Welt zuerst in euch zu besiegen, und es wird dann für euch auch ein leichtes sein, sie auch in euren Brüdern zu besiegen! Es kann niemand seinem Nächsten etwas geben, das er zuvor nicht selbst besitzt. Wer in seinem Bruder die Liebe erwecken will, der muß mit der Liebe ihm entgegenkommen, und wer in seinem Nebenmenschen die Demut erzeugen will, der muß mit der Demut zu ihm kommen. So erzeugt die Sanftmut wieder Sanftmut, die Geduld die Geduld, die Güte die Güte, die Barmherzigkeit die Barmherzigkeit.
GEJ|10|90|4|0|Nehmet euch alle an Mir ein Beispiel! Ich bin der Herr über alles im Himmel und auf Erden, in Mir ist alle Macht, Gewalt und Kraft, und dennoch bin Ich von ganzem Herzen voll Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld, Güte und Barmherzigkeit. Seid ihr alle desgleichen, und man wird daraus wohl erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!
GEJ|10|90|5|0|Liebet euch untereinander als Brüder, und erweiset euch Gutes! Keiner erhebe sich über den andern und wolle ein Erster sein; denn Ich allein bin der Herr, – ihr alle aber seid pur Brüder. In Meinem Reiche wird nur der ein Erster sein, der ein Geringster und stets bereit ist, in allem Guten und Wahren seinen Brüdern zu dienen.
GEJ|10|90|6|0|In der Hölle dies- und jenseits, als im Reiche der Teufel und aller bösen Geister, ist der hochmütigste, stolzeste, selbst- und herrschsüchtigste Geist der Erste zur Qual der Niedereren und Kleineren, und zwar aus dem Grunde, damit die andern mehr oder weniger in einer Art Demut, im Gehorsam und in der Untertänigkeit erhalten werden; aber in Meinem Reiche ist es nicht also, sondern wie Ich es euch nun gesagt habe.
GEJ|10|90|7|0|Seht hin auf die Großen dieser Welt, die auf den Thronen sitzen und über die Völker herrschen! Wer darf sich ihnen anders als nur mit der tiefsten Untertänigkeit nahen? Würde es jemand wagen, sich einem Herrscher gebieterisch zu nahen, – was würde wohl sein Los sein?
GEJ|10|90|8|0|Seht, ebenso ist die Ordnung auch in der Hölle bestellt; aber unter euch, Meinen Jüngern, soll es nicht also sein, sondern so nur, wie Ich es euch gezeigt habe!
GEJ|10|90|9|0|Die Großen der Welt lassen sich lange bitten, bis sie jemand irgendeine Wohltat im Wege der außerordentlichen Gnade erweisen; aber ihr sollet euch zur Erweisung einer Wohltat von einem eurer Nächsten nicht zuvor bitten lassen. Denn nur Gott, den wahren Herrn und Vater von Ewigkeit, möget ihr um all die guten Dinge bitten, und sie werden euch zukommen; aber Brüder sollen sich untereinander nicht bitten lassen.
GEJ|10|90|10|0|So aber ein demütiger, armer Bruder seinen reicheren um etwas bittet, da soll der Reichere es ihm ja nicht vorenthalten, ihm das zu tun, um was der Ärmere ihn gebeten hat; denn eine Herzenshärte erzeugt die andere, und Mein Reich ist nicht in ihr.
GEJ|10|90|11|0|Was nützte es dem Menschen, in sich zu sagen und zu bekennen: ,Herr, Herr, Gott Himmels und der Erde, ich glaube ungezweifelt, daß Du der einzige und ewig allein wahre, allweiseste und allmächtige Schöpfer aller Sinnen- und Geisterwelten bist, und daß alles, was da lebt, denkt und will, nur aus Dir lebt, denkt und will!‘?
GEJ|10|90|12|0|Ich sage es euch, daß das niemandem zum wahren Heile seiner Seele etwas nützen würde, sondern nur dem wird ein solcher Glaube wahrhaft zum Heile seiner Seele nützen, der das mit aller Freude tut, was Ich zu tun ihm anbefohlen habe; denn ein freundlicher und fertiger Täter Meines Willens tut mit dem wenigen, was er tun kann, zehnfach mehr als derjenige, der sich lange bitten läßt und dann mit der Liebestat an seinem Nächsten sich rühmt und brüstet.
GEJ|10|90|13|0|Wie ihr es nun aus Meinem Munde vernommen habt, also tuet es auch, und ihr werdet dadurch erst in euch lebendigst innewerden, daß Meine Worte wahrhaft Gottes Worte sind, und ihr werdet dadurch Meinen Geist in euch erwecken, und der wird euch in alle Weisheit der Himmel leiten, euch zum ewigen Leben reinigen und euch zu wahren Gotteskindern machen.
GEJ|10|90|14|0|Und nun wisset ihr zur Erreichung des ewigen Lebens eurer Seele vorderhand zur Genüge; ein noch Weiteres werdet ihr – wie es euch schon gesagt worden ist – von diesem Wirte und dessen beiden Nachbarn erfahren, und das Vollkommenste aber dann erst durch Meinen Liebegeist in euch. – Habt ihr alle das wohl auch verstanden?“
GEJ|10|91|1|1|Der Herr in Aphek
GEJ|10|91|1|1|91. — Die Abreise nach Aphek
GEJ|10|91|1|0|Sagte der Redner: „O Du Herr und Meister von Ewigkeit! Verstanden haben wir das sicher alle wohl und gut, denn Du hast ja in reiner, uns wohlverständlicher Sprache zu uns geredet; aber das sehen wir auch ein, daß wir noch sehr weit vom rechten Lebensziel entfernt sind, und daß wir noch manchen Kampf mit uns selbst und mit den andern Menschen dieser Welt werden zu bestehen bekommen!“
GEJ|10|91|2|0|Sagte Ich: „Da hast du ganz richtig und recht geredet; denn um Meines Namens willen werdet ihr von der Welt viele Verfolgungen und Verlästerungen zu erdulden bekommen. Aber da verliert die Geduld und den Mut nicht, und kämpft mit aller Liebe und Sanftmut gegen die Feinde der Wahrheit und des Lichtes aus den Himmeln, und ihr werdet euch die Krone des Sieges erringen!
GEJ|10|91|3|0|Stehet nur von der rechten Liebe in eurem Herzen niemals ab; denn sie erduldet alles und siegt am Ende über alles! So ihr in der Liebe mit Mir handeln und wandeln werdet, so werdet ihr auf Schlangen und Salamandern und Skorpionen einhergehen können, und ihre Giftbisse werden euch keinen Schaden verursachen können; und so man euch Gift zu trinken bieten wird, da wird es nicht krank machen eure Eingeweide. Und Ich, der Herr, sage dazu: Amen, also sei es und bleibe es für jeden, der wahrhaft in Meiner Liebe verbleiben wird!
GEJ|10|91|4|0|Aber wer neben Meiner Liebe auch mit der Welt von Zeit zu Zeit mecheln (liebäugeln) wird, der auch wird vor all dem Schaden der Weltgifte nicht gesichert sein.
GEJ|10|91|5|0|Wer Mich aber wahrhaft lieben und Meine leichten Gebote halten wird, zu dem werde Ich, wenn er es im Herzen nur immer ganz lebendig wünschen und verlangen wird, kommen und werde Mich ihm offenbaren und ihm geben allerlei Kraft und Macht, zu kämpfen wider alle die argen Geister der Welt und der Hölle, und sie werden ihm nicht zu schaden vermögen. Und nun wisset ihr noch näher, wie ihr mit Mir daran seid!
GEJ|10|91|6|0|Wer Mich nicht verlassen wird, den werde auch Ich nicht verlassen; und wer mit Mir wider die Welt und die Hölle kämpfen wird, der wird auch des Sieges sicher sein.“
GEJ|10|91|7|0|Als Ich dieses zu den Heidenpriestern geredet hatte, da dankten sie Mir alle voll Inbrunst in ihren Herzen für solch eine Belehrung und mit ihr engst verbundene Verheißung, erhoben sich von ihren Sitzen und wollten in ihre Burg gehen, um da alles zu veranstalten anzufangen, um Meine Lehre und Mich unter den Heiden würdevoll zu verkünden.
GEJ|10|91|8|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Freunde, was ihr nun schon tun wollt, dazu hat es morgen der Zeit zur Übergenüge; für jetzt aber bleibet noch hier und haltet mit uns das Mittagsmahl, und stärket euch damit!
GEJ|10|91|9|0|Nach dem Mahle aber werde Ich Selbst mit Meinen Jüngern und mit eurem Hauptmann von hier weiterziehen, und ihr könnet euch dann mit dem Wirte und mit seinen beiden Nachbarn über Mich weiter besprechen und Vorkehrungen treffen, wie ihr etwa morgen schon über Mich mit den Bewohnern dieser Stadt und ihrer Umgebung werdet zu verkehren haben.“
GEJ|10|91|10|0|Als die Heidenpriester und die etlichen ersten Bürger solches von Mir vernommen hatten, da dankten sie abermals für diesen Antrag, setzten sich wieder an ihren Tisch, auf den gleich darauf wohlbereitete Speisen und Brot und Wein in rechter Menge aufgesetzt wurden, sowie auch zugleich auf die andern Tische. Und Ich setzte Mich denn auch an unseren Tisch, und wir alle nahmen frohen Gemütes das Mahl zu uns.
GEJ|10|91|11|0|Nach dem Mahle aber erhob Ich Mich mit den Jüngern sogleich, und ebenso auch der Hauptmann mit seiner Tochter, die sich während der Zeit, als wir mit den Heidenpriestern zu tun hatten, in der Küche befand und sich an der Bereitung des Mittagsmahles sehr tätig beteiligte.
GEJ|10|91|12|0|Der Wirt führte Mir noch einmal sein Weib, seine Kinder und auch seine Dienerschaft vor und bat Mich um Meinen Segen, und Ich segnete alle, die im Hause sich befanden, auch die Heidenpriester und die etlichen Bürger und selbstverständlich auch die beiden Nachbarn mit ihrer gesamten Familie, wofür Mir alle mit dem gerührtesten Gemüte dankten.
GEJ|10|91|13|0|Darauf sagte Ich zum Hauptmanne: „Wir ziehen nun nach Aphek, aber nicht nach der Heeresstraße, sondern einem Fußsteige entlang, auf daß wir kein Aufsehen bei den Bewohnern machen, die sich an der Straße angesiedelt haben.“
GEJ|10|91|14|0|Das war dem Hauptmanne recht, und wir verließen sogestaltig Golan und erreichten gegen Abend die Bergstadt Aphek.
GEJ|10|92|1|1|92. — Beim römischen Wirt in Aphek
GEJ|10|92|1|0|Der Weg von Golan nach Aphek war ein ziemlich beschwerlicher, weil wir da einen tiefen Graben, der ins Jordantal einmündete, zu übersteigen hatten, was uns eine Zeit von nahe ein paar Stunden kostete.
GEJ|10|92|2|0|Als wir uns aber gegen Abend der Bergstadt Aphek nahten, da fragte Mich der Hauptmann, sagend: „Herr und Meister! Wo werden wir denn in dieser Stadt die Nachtruhe nehmen? Denn in dieser Stadt gibt es meines guten Wissens gar keine Judenherberge und ebenso auch keine sonstigen Judenbürger; einige jüdische Dienstboten dürften zerstreut darin anzutreffen sein, – aber, wie gesagt, keine ansässigen Juden. Ich habe auch in dieser Stadt eine wohleingerichtete Wohnburg; so es Dir wohlgefiele, möchtest Du da nicht in der besagten Burg die Nachtruhe nehmen?“
GEJ|10|92|3|0|Sagte Ich: „Eine Burg hast du wohl, und sie ist versehen mit allerlei Ruhebetten, Tischen, Bänken und Stühlen, – aber deine Speisekammern sind leer; also hast du auch keinen Wein und kein Brot und Salz. Wir aber sind müde geworden – und namentlich die schon ziemlich alten Jünger bis auf einige wenige, die in Meinen Jahren stehen – und alle sollten mit etwas Speise und Trank gestärkt werden. Wird das in deiner Wohnburg wohl möglich sein?
GEJ|10|92|4|0|Ich weiß aber, daß du dir nun denkst und in dir sagst: „,Herr, Dir ist alles möglich!‘“ Da hast du wohl recht; aber wir ziehen nicht in diese Stadt, um nur auszuruhen und mit wundersamer Speise unsere müden Glieder zu stärken, sondern um Mein Lebensreich auch auch hier unter den Heiden auszubereiten.
GEJ|10|92|5|0|Wir werden daher deine Wohnburg nicht beziehen, sondern in der Mitte der Stadt in einer Römerherberge Unterkunft suchen und auch nehmen. Dort werden sich alsbald seltsame Gelegenheiten bieten, Mein Reich unter den Heiden auszubreiten.“
GEJ|10|92|6|0|Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, da war er sogleich mit Mir völlig einverstanden; nur machte er die Bemerkung, daß der bezeichnete Herbergswirt ein stockfester Heide sei, und daß es in seinem sonst wohl sehr geräumigen Hause von allen möglichen Götzenbildern derart wimmele, daß man es eher ein förmliches Pantheon [ein allen Göttern geweihter Tempel] denn eine Herberge nennen könnte. Auch seien in dieser Herberge stets mehrere Heidenpriester zugegen und machten sich darin breit.
GEJ|10|92|7|0|Sagte Ich: „Sieh, eben darum habe Ich diese Herberge erwählt für unsere Unterkunft, und es wird sich darin vieles bewirken und bewerkstelligen lassen! Darum gehen wir nun nur raschen Schrittes dahin, auf daß wir in derselben Aufnahme finden mögen!“
GEJ|10|92|8|0|Darauf gingen wir raschen Schrittes der Stadt zu und erreichten sie noch vor der Torsperre.
GEJ|10|92|9|0|Als wir ans Tor kamen, stand da eine römische Wache und hielt uns an.
GEJ|10|92|10|0|Da aber trat der Hauptmann vor und verlangte den, der über die Wachen zu befehlen hatte; als dieser kam, da erkannte er alsbald den Hauptmann und befahl der Wache, uns ungehindert in die Stadt einziehen zu lassen, da solches der Hauptmann von ihm verlangt hatte.
GEJ|10|92|11|0|Wir kamen bei schon ziemlicher Dunkelheit vor die schon bezeichnete Herberge, und der Hauptmann sandte sogleich einen Unterdiener in die Herberge, der dem Wirte zu sagen hatte, sich alsbald zu uns heraus zu begeben, was denn auch sogleich geschah.
GEJ|10|92|12|0|Als der Wirt zu uns kam, da fragte ihn der Hauptmann, ob wir bei ihm eine gute Unterkunft haben könnten.
GEJ|10|92|13|0|Sagte der Wirt: „So gut ich's habe, will ich sie euch geben; doch mit der nötigen Bedienung für die Gäste, die mit dir, hoher Gebieter, kommen, wird es für diesmal freilich ganz schwach aussehen, denn mehr denn zwei Dritteile liegen krank danieder. Die große Angst, die sie in der vorigen Nacht während des heftigen Sturmes und Erdbebens zu bestehen hatten, und die Furcht vor einer Wiederkehr von solch einer Kalamität hat besonders meine weibliche Dienerschaft völlig dienstuntauglich gemacht.
GEJ|10|92|14|0|Es haben sich wohl unsere Priester alle Mühe gegeben, meine Leute teils durch Reden und teils auch durch andere Mittel zu heilen, aber bis jetzt war alles vergeblich. Die Zeit wird sicher noch der beste Arzt meiner kranken Diener und Dienerinnen werden.
GEJ|10|92|15|0|Wir alle haben erst vor einer Stunde es gewagt, ins Haus zu treten; denn die ganze halbe Nacht befanden wir uns im Freien, aus begreiflicher Furcht vor dem sehr leicht möglichen Einsturz unserer Häuser. Denn wenn die aufeinandergelegten Steine einmal ganz gewaltig zu klaffen und zu klappern anfangen, dann ist es auch schon die höchste Zeit, sich aus den Häusern ins Freie zu begeben.
GEJ|10|92|16|0|Ich sage es in aller Untertänigkeit dir, du hoher Gebieter, daß jetzt noch mehr als drei Vierteile der Bewohner dieser Stadt sich im Freien befinden, und so auch mehrere meiner bravsten Diener und Dienerinnen; nur wenige haben den Mut gehabt, sich mit mir und meiner Familie erst vor einer Stunde ins Haus zu begeben. Und so sieht es mit schon bereiteten Speisen bei mir für heute sehr schlimm aus; aber mit Brot, Salz und Wein kann ich euch schon aufwarten.
GEJ|10|92|17|0|Ja, hoher Gebieter, diese Nacht hat mir einen großen Schaden zugefügt! Aber was vermag der schwache und sterbliche Mensch gegen die Allmacht der unsterblichen Götter und ihrer Elemente!
GEJ|10|92|18|0|Die Priester – ich sollte es zwar freilich nicht sagen – haben durch ihre Buß- und Opferreden vor dem ohnehin schon überaus verzagten Volke zu der großen Wirrnis dieses Tages wohl sehr vieles beigetragen. Jetzt, gegen Ende des Tages, haben sie ihre Lyren freilich wohl mit besseren Saiten zu beziehen angefangen; aber es fruchtet das wenig, weil das Volk noch immer die Götter als viel zuwenig versöhnt wähnt und somit eine Wiederkehr der schrecklichen Kalamität befürchtet.
GEJ|10|92|19|0|Und daran schulden auch wieder unsere äußerst habgierigen Priester, die dem Volke laut vorpredigten, daß die Götter, so sie einmal derart über die losen Menschen erzürnt sind, daß darob die Grundfesten der Erde sich zu erschüttern anfangen, nicht mit geringen Opfern zu besänftigen seien. Sie gäben auf die Bitten der Priester wohl auf eine kurze Zeit nach; wenn aber das Volk dann auf die Mahnworte der von den Göttern inspirierten Diener irgend zu wenig achtet und nicht alsbald beinahe mit seiner ganzen Habe herbeieilt und sie vor die Füße der Stellvertreter aller Götter niederlegt, und ganz besonders möglichst viel Gold und Silber, so werden die Götter noch zorniger denn ehedem und lassen dem Volke dann ums Hundertfache ärger ihren Zorn fühlen.
GEJ|10|92|20|0|Nun, unsere Bergstadt ist zum größten Teil arm, und die Menschen konnten den Anforderungen der Priester bei weitem nicht nachkommen, befürchten darum eine Wiederkehr der großen Kalamität und sind um keinen Preis der Welt in die Stadt hereinzubringen.
GEJ|10|92|21|0|Also stehen bei uns die Sachen, und du, hoher Gebieter, wirst es einsehen, aus welchem Grunde ich dich und deine sicher auch hohe Gesellschaft in dieser Nacht nur sehr karg und mager werde zu bewirten imstande sein.
GEJ|10|92|22|0|Tretet denn wohlgefällig in dies mein großes Haus, und wir werden schon sehen, was sich im selben noch alles wird tun lassen!“
GEJ|10|93|1|1|93. — Die Gedanken des Wirtes über den Herrn
GEJ|10|93|1|0|Auf diese ganz triftige Entschuldigungsrede des Wirtes gingen wir ins Haus und wurden sogleich in den größten und am zierlichsten eingerichteten Saal geführt, der bis jetzt nur ganz spärlich mit einer Lampe erleuchtet war, aber alsogleich besser und mit mehreren Lampen genügend erleuchtet wurde.
GEJ|10|93|2|0|Nun bemerkte der Wirt, daß wir in der Gesellschaft des Hauptmanns bis auf sein Gefolge alle Juden waren. Er fragte darum den Hauptmann, wie es käme, daß er, als sonst bekannt nicht ein besonderer Freund der Juden, nun in ihrer Gesellschaft eine Bereisung, und zu Fuß auch noch dazu, mache. Und wie werde er, als ein Römerwirt, der den Juden ein Greuel ist, nun diese zufriedenzustellen imstande sein?
GEJ|10|93|3|0|Sagte der Hauptmann: „Kümmere du dich jetzt um nichts anderes, als daß du uns bringest Brot, Salz und Wein in rechter Menge; dann wird sich dir alles andere schon wie von selbst zu enthüllen anfangen.“
GEJ|10|93|4|0|Da ward sogleich Brot, Salz und Wein in rechter und genügender Menge herbeigeschafft. Wir setzten uns an einen großen Tisch, der ganz aus Stein angefertigt war, und nahmen etwas Brot mit Salz zu uns und tranken darauf den Wein.
GEJ|10|93|5|0|Es fiel aber dem Wirte auf, daß des Hauptmanns Tochter Mir, als Ich zu trinken begehrte, sogleich den Mir in Pella kredenzten goldenen Becher, mit Wein gefüllt, vorsetzte und Ich denselben auch an Meinen Mund führte und daraus trank, während alle andern Anwesenden den Wein aus tönernen Krügen tranken.
GEJ|10|93|6|0|Der Wirt und auch ein paar seiner Diener betrachteten Mich aus einer kleinen Ferne vom Kopfe bis zu den Füßen und wußten nicht, was sie aus Mir machen sollten.
GEJ|10|93|7|0|Der Wirt sagte bei sich: „Der muß etwas Hohes sein, ansonst ihm unser Hauptmann nicht also huldigen würde!“
GEJ|10|93|8|0|Als wir uns alle mit Brot und Wein hinreichend gestärkt hatten, da sagte Ich zum Wirte: „Siehe, du Wirt, deinem Hause ist ein großes Heil widerfahren! Ihr meisten Römer und Griechen seid nicht unbewandert in den Schriften der Juden, und daß ihnen und durch sie auch euch Heiden ein Messias von dem einen, allein wahren Gott, dem Schöpfer Himmels und der Erde und alles dessen, was auf ihr, in ihr und über ihr war, ist und sein wird, schon vom Anbeginn der Menschen durch den Mund der Propheten ist verheißen worden! Und siehe, dieser verheißene Messias bin Ich und bin denn nun auch zu euch Heiden gekommen, um auch unter euch das Reich Gottes zu gründen und auszubreiten!
GEJ|10|93|9|0|Ich bin aus den Himmeln von Gott dem Vater gesandt, und der Vater, der Mich gesandt hat, ist die ewige Liebe, und Mein Herz ist ihr Thron; sie ist in Mir und Ich in ihr. In Mir wohnt demnach denn auch alle Macht, Kraft und Gewalt über alles im Himmel und auf Erden; Ich bin das Leben, das Licht, der Weg und die ewige Wahrheit Selbst.
GEJ|10|93|10|0|Wer an Mich glaubt, Mich mehr denn alles in der Welt liebt und nach Meiner Lehre lebt und handelt und seinen Nebenmenschen liebt wie sich selbst, der wird von Mir das ewige Leben überkommen, und Ich werde ihn erwecken am Jüngsten Tage.
GEJ|10|93|11|0|Du hast Mich ehedem betrachtet vom Kopfe bis zu den Füßen und sagtest bei dir selbst: ,Hinter diesem Menschen muß etwas Hohes verborgen sein, ansonst ihm unser Hauptmann nicht also huldigen würde!‘ Und siehe, du hattest recht geurteilt!
GEJ|10|93|12|0|Auf daß du dich aber auch überzeugen magst, daß es sich mit Mir auch also verhält, wie Ich es dir gesagt habe, so lasse nun alle Kranken in deinem Hause zu Mir hierher bringen, und Ich werde sie gesund machen! – Glaubst du das wohl?“
GEJ|10|93|13|0|Sagte der Wirt: „Herr, Herr, Deine Worte drangen tief in meine Seele und riefen in ihr ein früher nie gefühltes Leben wach, und es muß demnach alles wahr sein, was Du zu mir gesagt hast! Ich glaube denn auch ungezweifelt, daß Du alle meine Kranken sicher heilen wirst.“
GEJ|10|93|14|0|Hierauf wurden die vielen Kranken in unseren großen Speisesaal gebracht. Darunter waren etliche von bösen Fiebern geplagt, einige von der Fallsucht, andere von der Gicht, und einer war ein Blinder, und zwei hatten durch die Angst während des Erdbebens Stimme und Sprache verloren.
GEJ|10|94|1|1|94. — Der Herr hellt die Kranken in der Herberge
GEJ|10|94|1|0|Als in der Zeit von einer halben Stunde alle Kranken, bei dreißig an der Zahl, in den Saal geschafft worden waren, da sagte der Wirt: „Siehe, o Herr, Herr, da sind nun die Kranken meines Hauses! So Du sie heilen willst, so tue Du das, und mein ganzes Haus wird an Dich glauben und Dich über alle die Maßen ehren und lieben!“
GEJ|10|94|2|0|Sagte Ich: „So geschehe ihnen denn nach deinem Glauben!“
GEJ|10|94|3|0|Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da wurden plötzlich alle so vollkommen gesund, als hätte ihnen niemals irgend etwas gefehlt.
GEJ|10|94|4|0|Es wollte aber darauf das Loben und Preisen Meines Wesens kein Ende nehmen, und die Geheilten hielten Mich für einen Gott nach ihrer Heidenlehre und baten Mich, auf den Knien liegend, es ihnen gnädigst kundtun zu wollen, ob Ich etwa gar der Jupiter selbst oder ein anderer Gott wäre, auf daß sie dann solch einem Gott stets die größte Ehre und Dankbarkeit bezeigen könnten.
GEJ|10|94|5|0|Ich aber sagte: „Ich bin weder der Jupiter noch irgendein anderer aus der Reihe eurer Götter, die nie waren, nicht sind und auch nie sein werden!
GEJ|10|94|6|0|Gehet aber nun alle in eure Gemächer, und nehmet Speise und etwas Wein zu euch und stärket eure Glieder! Alles Weitere, was ihr von Mir zu glauben und zu halten haben werdet, wird euch schon morgen verkündet werden!“
GEJ|10|94|7|0|Darauf begaben sich die Geheilten sogleich in ihre Gemächer, und etliche gingen auch zu etwelchen Priestern, die in einem andern Saale dieser Herberge beisammen waren und noch immer untereinander berieten, wie sie vom Volke noch größere Opfer erpressen könnten, und sagten es ihnen, wie sie von einem Manne, welcher der Tracht nach ein Jude sei, aber durch sein Wort und Willen so gewirkt habe, wie ein wahrer lebendiger Gott, wunderbar geheilt worden seien.
GEJ|10|94|8|0|Als die Priester solches über Mich vernommen hatten und sahen, daß die ihnen wohlbekannten Kranken nun völlig geheilt vor ihnen sich befanden, da wußten sie nicht, was da zu tun sein werde.
GEJ|10|94|9|0|Einer aus der Zahl der Priester sagte: „Gehen wir selbst hin zu dem sonderbaren Menschen, und es wird sich wohl zeigen, was sich hinter ihm verbirgt; denn das dumme Volk kann über derlei Dinge nicht urteilen! Doch nur einer von uns gehe zuerst hin und fühle dem Wundermanne auf den Zahn und sage es uns dann, was es mit ihm für eine Bewandtnis hat! Am Ende ist er einer aus der Zahl der Essäer, die in aller Zauberei bestbewandert sind!“
GEJ|10|94|10|0|Darauf begab sich einer, und zwar ein in vielen Künsten und Wissenschaften wohlbewanderter Römer, zu uns in den großen Speisesaal, grüßte den Hauptmann und fragte darauf gleich nach Mir.
GEJ|10|94|11|0|Da sagte zu ihm der Hauptmann so ganz barsch: „Hier an meiner rechten Seite sitzt Derjenige, dessen Namen wir nicht würdig sind auszusprechen!“
GEJ|10|94|12|0|Als der Priester solches vernommen hatte, ward er weniger keck, wandte sich an Mich und sagte: „Vergib es mir, daß ich mir die Freiheit nehme, dich in aller Ehrfurcht und Bescheidenheit zu fragen, wie es dir möglich war, ohne alle Mittel die Kranken zu heilen! Ich verstehe auch so manches und besitze viele Erfahrung und weiß es denn auch zu beurteilen, was einem Menschen, der mit den geheimen Kräften der Natur wohlvertraut ist, zu bewirken möglich sein kann. Ohne gewisse geheime Mittel hat meines Wissens noch kein Magier und kein Priester irgendein Wunder, das nur den Göttern möglich wäre – so sie irgend in der Wahrheit und Wirklichkeit bestünden –, je gewirkt; bei dir scheint es aber dennoch der Fall zu sein, daß du bloß durch dein Wort und deinen Willen Taten zu vollführen vermagst, und benötigst dazu keines Mediums?
GEJ|10|94|13|0|Wie aber gelangtest du zu solch einer Willenskraft, und wie könnte auch ein anderer Mensch dazu gelangen? Denn daß es bei den Menschen in Hinsicht der Willensmacht große Unterschiede gibt, ist gewiß, und es ist solches daraus zu schließen, daß ein Mensch, der schon von Natur aus einen starken Willen besitzt, es bei einer rechten Bildung seines Willens am Ende zu einer erstaunlichen Kraft bringen müßte, besonders, so er auch mit all den geheimen Kräften, Mächten und Gewalten der großen Natur in voller Vertrautheit stünde.
GEJ|10|94|14|0|Aber wo und wie kann man zu solch einer Ausbildung seines Willens gelangen? Wo und wie bist du zu solch einer nahe noch nie dagewesenen Willensmacht gelangt?“
GEJ|10|95|1|1|95. — Der Herr erzählt den Bildungsgang des Priesters
GEJ|10|95|1|0|Sagte Ich: „Du hast ja auch der Juden Schriften durchstudiert, und das einmal schon in Rom und um fünf Jahre später, als du nach Oberägypten als Priester des Zeus, des Mars, der Minerva und des Merkur unter Kaiser Augustus bist beordert worden, zu Theben, wo du dich auch in die alten Mysterien hast einweihen lassen.
GEJ|10|95|2|0|Von Moses an hast du besonders den vier großen Propheten deine Aufmerksamkeit gewidmet; da sie dir aber trotz deines Lesens und Grübelns unverständlich geblieben sind, so hast du dich abermals um fünf Jahre später, als du als Volks- und Militärpriester hierher bist übersetzt worden, geheim an einen jüdischen Schriftgelehrten gewandt und verlangtest von ihm die Aufhellung dessen, was dir dunkel war. Da aber der Schriftgelehrte sie dir nicht zu geben vermochte, so schobst du der Juden Schrift ebenso zur Seite, wie du eure Schriften schon lange vorher zur Seite geschoben hattest.
GEJ|10|95|3|0|Aber da du der Juden Schrift dennoch stets im Gedächtnis behalten hast, so müssen dir ja doch die Taten des Moses, Aaron, des Josua, des Elias und der andern Propheten gezeigt haben, daß diese Menschen nur durch die Hilfe des einen, allein wahren Gottes der Juden solche Dinge und Taten zu bewirken imstande waren, die auf der ganzen Erde bei keinem Volke je gewirkt worden sind.
GEJ|10|95|4|0|Wenn du Mich nun auch also wirken siehst, so werde Ich sicher auch durch und mit Gott wirken. Saget ihr Römer denn nicht selbst, daß es ohne einen göttlichen Anhauch keinen großen Weisen gäbe? Und so werde auch Ich von dem einen, allein wahren Gott der Juden schier sehr angehaucht sein!“
GEJ|10|95|5|0|Sagte der Priester: „Ja, ja, du magst da schon ganz recht haben, und du bist in die Mysterien eurer Schriften sicher tiefer eingeweiht denn jener weise tuende Schriftgelehrte, von dem ich ein rechtes Licht zu erhalten suchte und den ich am Ende noch als der Weisere verließ.
GEJ|10|95|6|0|Aber da du mich früher ebensowenig irgend hast sehen und kennenlernen können, als ich dich je zuvor irgend gesehen und gekannt habe, – wie ist dir mein geheimes Streben durch eine ziemlich große Reihe von Jahren also bekannt, als hätte ich selbst dir das erst vor kurzem irgend eröffnet? Denn du müßtest es nur von mir erfahren haben, was ich im geheimen tat und nach was ich strebte, da ich als ein Priester wohl niemals jemandem das verriet, was ich für meine höchsteigene Beruhigung tat und unternahm!
GEJ|10|95|7|0|Wie also weißt du, als für mich ein totaler Fremdling, das, was ich in Rom, dann Theben und endlich hier in Asien tat?“
GEJ|10|95|8|0|Sagte Ich: „Siehe, auch solches vermag Ich durch die Hilfe des einen, allein wahren Gottes der Juden, der allmächtig und auch allwissend ist von Ewigkeit, ohne Anfang und ohne Ende!“
GEJ|10|95|9|0|Sagte der Priester: „Ich will dir das nicht in Abrede stellen, und du wirst nun wie ehedem schon ganz recht haben; aber sonderbar ist es von eurem einen und nach deiner Aussage allein wahren Gott dennoch, daß Er Sich nur höchst selten von einem Juden also finden und sogar gebrauchen läßt, wie nun von dir!
GEJ|10|95|10|0|Ich gestehe es aufrichtig, daß ich für mich an die eine wie die andere Gottheit sehr wenig glaube und vertraue; denn je mehr man sie mit dem möglichsten Eifer sucht, desto mehr entfernt man sich auch von ihr, und es ist dem Menschen wahrlich nützlicher und dienlicher, den Schleier der Isis niemals zu lüften zu versuchen, als durch solch ein eitles Mühen sich in den finstersten Abgrund aller erdenklichen Zweifel zu stürzen. Besser ist es, gleich den Affen blind und dumm zu bleiben, als nach einer oder nach der andern Gottheit zu forschen, die wahrscheinlich sonst nirgends als in der Phantasie solcher Menschen bestand und noch besteht, die über die andern herrschen wollten.
GEJ|10|95|11|0|Du magst aber deine Gottheit wohl irgend gefunden haben; doch wie und wo, das wirst du ebensogut für dich behalten, wie es die Alten für sich behalten haben und haben dann ihre Lehre über einen oder auch mehrere Götter in ein solches Dunkel gehüllt, das von keiner Sonne je mehr erhellt werden kann.
GEJ|10|95|12|0|Warum hat denn mir, der ich doch auch ein Mensch bin und mich schon von meiner Jugend an gesehnt habe, nur einmal einer Gottheit näherzukommen, sich bis jetzt, wo ich schon an die siebzig von Jahren stehe, noch immer keine Gottheit genaht und mich mit irgendeiner besonderen Fähigkeit angehaucht, und warum außer dir, du wundersamer Freund, auch allen mir bekannten Juden nicht? Darum, Freund, halte ich auf alle Götter für mich wenig; das andere kannst du dir wohl selbst denken!“
GEJ|10|96|1|1|96. — Die Belehrung des Herrn über den Verfall der Menschheit
GEJ|10|96|1|0|Sagte darauf Ich zum Heidenpriester: „Du hast in deiner Rede an Mich eben nicht völlig unrichtig bemerkt, daß gewisse Gottheiten pur aus der Phantasie solcher Menschen entstanden sind, die über ihre Mitmenschen herrschen wollten, welche für sie arbeiten und streiten sollen, damit die herrschenden Menschen überaus wohl leben und sich vergnügen könnten.
GEJ|10|96|2|0|Aber siehe, im Anfange der Zeit der Menschen auf dieser Erde war es nicht also! Da kannte den einen, allein wahren Gott jeder Mensch, und es sind viele tausendmal Tausende von Ihm belehrt, geführt und beschützt worden. Es ward jedermann urgründlich gezeigt, daß er sich von all den Reizungen freiwillig nicht solle gefangennehmen lassen, weil sie die Seele in das Gericht der Materie und in ihren Tod hinabziehen und für alles Göttliche und Reingeistige taub, blind und fühllos machen.
GEJ|10|96|3|0|Allein, weil Gott jedem Menschen die vollste Freiheit des Willens gab, Seinen Rat zu befolgen oder dem Zuge der Welt zu folgen, so ließen sich nur zu bald viele Menschen von der Welt betören und blenden und verloren dadurch Gott aus dem Gesichte, weil durch die böse Liebe der Welt ihre innere Sehe völlig geblendet worden war.
GEJ|10|96|4|0|Und siehe, als ein großer Teil der Menschen von der Welt geblendet worden war und dadurch den allein wahren Gott völlig aus dem Gesichte verlor, da erst fingen die blinden Menschen an, sich allerlei Götter zu machen, die eben diesen blinden Weltmenschen – die Gott, um sie von der Welt rückwendig zu machen, mit allerlei Plagen heimsuchte – gegen Entrichtung von allerei Opfern und durch die Bitten der Priester – aus denen nur zu bald stolze Herrscher entstanden – helfen möchten in ihrer großen Not.
GEJ|10|96|5|0|Aber es ward ihnen nicht geholfen; denn der eine, allein wahre Gott konnte und durfte ihnen darum nicht helfen, auf daß sie nicht noch bestärkt in ihrer Verblendung und in ihrer Gottlosigkeit werden sollten. Denn hätte ihnen Gott nach der Anrufung ihrer falschen und völlig nichtigen Götter die gewünschte Hilfe gegeben, so wäre diese erst ein rechter Triumph für die habgierigen und über alles herrschsüchtigen Priester gewesen, und der, dem geholfen worden wäre, hätte an der Darbringung der Opfer sich erschöpft, auf daß die Priester und die Götter ihm ja nimmerdar feind werden möchten.
GEJ|10|96|6|0|Und siehe, weil die Juden, als das erwählte Volk Gottes – weil seine Väter am längsten sich aus Liebe zu Ihm von der Welt nicht haben betören und blenden lassen wollen –, mit der Zeit sich auch von dem allein wahren Gott abgewandt und sich gleich den Heiden zur Welt gewendet haben, so sind sie auch taub und blind geworden, und das nun ärger denn die Heiden; denn diese haben das Verlorene doch wieder zu suchen angefangen, und viele von ihnen haben es auch schon völlig wiedergefunden.
GEJ|10|96|7|0|Aber den allermeisten Hauptjuden ist es noch nicht eingefallen, das Verlorene, die ewige Wahrheit, zu suchen; sie befinden sich in ihrer Lebensnacht ganz behaglich. Obgleich sie bei sich wohl fühlen, daß sie gottlos sind, so wollen sie aber der reichen Opfer wegen davon das Volk nichts merken lassen und sind die bittersten Feinde gegen den, der dem Volke ein rechtes Licht gäbe, ihm den rechten Weg zu Gott zeigte und Ihn wirkungsvoll suchen und auch sicher finden hülfe.
GEJ|10|96|8|0|Es wird aber darum solchen Juden denn auch noch das bißchen Licht, das sie irgend, ganz verkümmert, noch haben, genommen und den Heiden, die sich nach demselben lebendig sehnen, gegeben werden.“
GEJ|10|97|1|1|97. — Das rechte Gottsuchen
GEJ|10|97|1|0|(Der Herr:) „Du sagtest auch, daß du bei dir selbst auf gar keine Gottheit irgend mehr achtest, dieweil du irgendeine wahre Gottheit schon so lange gesucht hast und sich dir aber trotz deines eifrigsten Suchens doch noch keine irgend von ferne nur genaht habe.
GEJ|10|97|2|0|Du hast freilich für dich wohl schon lange eifrigst eine rechte Gottheit gesucht, und es ist dir noch keine zu Gesicht gekommen; aber du mußt auch bedenken, daß du die wahre Gottheit nur ganz einseitig und egoistisch gesucht hast. Du wolltest nur für dich, als ein großer Lebensfreund, gesichert sein, daß es eine wahre Gottheit gibt und des Menschen Seele nach dem Leibestode für ewig fortlebe; aber das Volk solle in der alten Dummheit und vollen Blindheit schmachten und euch Priestern opfern wie zuvor!
GEJ|10|97|3|0|Bei dem einen, allein wahren Gott aber hat der Priester nicht den allergeringsten Vorzug vor einem noch so nichtig scheinenden Menschen aus dem Volke. Bei Gott gibt es keine Ranggrade für die Menschen; vor Ihm stehen Kaiser und Bettler auf ein und derselben Stufe. Nur der hat bei Gott einen Vorzug, der Ihn der vollen Wahrheit nach erkennt, dann über alles liebt, seinen Nebenmenschen wie sich selbst, und die Gebote Gottes, wie sie dem Moses gegeben worden sind, beachtet, in allem demütig ist und von niemandem etwas Ungerechtes wider die Ordnung und wider den Willen Gottes verlangt, weder mit Gewalt noch mit List; denn alle solche Tat ist vor Gott ein Greuel.
GEJ|10|97|4|0|Ihr Priester aber habt allzeit das Volk derbst belogen und betrogen, und so wirst du es nun wohl einsehen, warum Sich die eine und allein wahre Gottheit von euch, trotz alles eures Suchens, nicht hat wollen finden lassen; denn Sie sah es nur zu klar, daß ihr das Volk aus lauter Weltrücksichten dennoch hättet in der alten Finsternis belassen, wie das auch bei vielen Priestern Ägyptens der Fall war.
GEJ|10|97|5|0|Diese wußten es wohl, wie sie mit dem einen, allein wahren Gott daran waren, aber das gemeine Volk mußte glauben, was sie ihm zum Glauben vorstellten; und da die Priester also handelten, so hat Gott sie auch mit Blindheit geschlagen, – und in dieser Blindheit befindet ihr euch noch und werdet euch noch lange hin befinden, so ihr nicht von der Welt ablasset und nach dem rechten und nach allen Richtungen hin vollwahren Grunde Gott, Sein Geistreich und dessen reinste Gerechtigkeit suchet.
GEJ|10|97|6|0|Wer Gott nicht in aller Liebe, Sanftmut, Demut, Geduld und vollster Selbstverleugnung sucht, der findet Ihn, als das höchste Lebensgut, nicht; und wer Gott nicht also sucht und findet, der hat von Ihm auch eine außerordentliche Hilfe nicht zu erwarten.
GEJ|10|97|7|0|Gott sorgt in Seiner unermeßlichen Liebe zwar für alle Menschen also, wie Er auch sorgt für alle Kreatur im endlos großen Allgemeinen nach Seiner ewigen, unwandelbaren Ordnung; aber besonders und außerordentlich sorgt Er Sich nur um jene, die Ihn wahrhaft erkannt haben, Seinen ihnen geoffenbarten Willen tun und Ihn also wahrhaft in aller Tat über alles lieben.
GEJ|10|97|8|0|Du hast wahrlich den einen, allein wahren Gott lange mit vielem Eifer gesucht; aber frage dich nun selbst, ob du jemals Gott also gesucht hast, wie Ich es dir nun gezeigt habe.
GEJ|10|97|9|0|Ich sage es dir: Nicht der, der da spricht: ,Herr, Herr, wo bist Du? So ich als Dein Geschöpf Dich suche und zu Dir rufe aus der finstern Tiefe meiner Lebensnacht, warum lässest Du Dich nicht finden, und warum antwortest Du mir nicht und sagst: ,Hier bin Ich!‘?‘, wird Gott den Herrn finden und zu Ihm kommen, sondern nur der, der Gott also sucht, wie Ich es dir nun gezeigt habe.
GEJ|10|97|10|0|Siehe, du hast Moses und die Propheten gelesen und hast den Willen Gottes an die Menschen in den dir wohlbekannten zehn Geboten klar ausgesprochen gefunden, und diese Gebote gefielen dir also wohl, daß du bei dir gar oftmals sagtest: ,Wahrlich, weisere und für das wahre Glück und Wohl aller Menschen tauglichere und besorgtere Gesetze gibt es in aller Welt nicht, und man kann es füglich annehmen, daß sie im Ernste von einem Gottwesen herstammen!‘
GEJ|10|97|11|0|Da du aber bei dir also reden konntest, – warum fiel es dir dabei nicht auch einmal in den Sinn, diese Gesetze bei dir selbst in die Tat übergehen zu lassen? Hättest du das getan, so hättest du Gott auch schon gefunden; aber da fandst du allerlei Weltgründe, solche Gesetze zwar wohl zu bewundern, aber nicht in die Tat übergehen zu lassen.
GEJ|10|97|12|0|Laß aber von nun an diese Gesetze bei dir zur Tat werden, und vergüte jedem nach Möglichkeit das, was du an ihm Übles begangen hast, und fasse dazu vorderhand einen festen Willen, und du wirst Den, welchen du so lange vergeblich gesucht hast, bald und leicht finden!“
GEJ|10|98|1|1|98. — Der Herr veranschaulicht das rechte Gottsuchen
GEJ|10|98|1|0|Sagte auf diese Meine Rede der Priester: „Du wahrhaft großweiser und gottbegeisterter Meister, ich besitze ein großes Vermögen, – genügt es, so ich drei Vierteile davon zu Wohltaten an die verwende, die nach den Gesetzen Mosis, die ich von nun an alle befolgen will und werde, durch mich zu irgendeinem Schaden gekommen sind, und mit dem einen Vierteile aber andere Werke der Nächstenliebe bis zu meinem Lebensende ausübe?“
GEJ|10|98|2|0|Sagte Ich: „Freund, das genügt mehr denn vollkommen; denn siehe, Gott in Sich ist die ewig reinste und purste Liebe!
GEJ|10|98|3|0|So es aber einen Menschen gibt, der da sich nehmen möchte ein Weib, da er eines Weibes benötigt, aber er hat keine Liebe und sucht das Weib auch nicht mit der Liebe, sondern mit dem trocknen Weltverstande nur, – meinst du wohl, daß so ein Mensch jemals ein rechtes Weib voll Liebe zu ihm finden wird? Eine Törin, ja, die nicht den Menschen, sondern nur sein Gold ehelicht, um es dann mit andern zu vergeuden, wird er finden, aber ein Weib voll Liebe zu ihm nicht! Wer sonach aber ein Weib voll Liebe finden will, der muß es auch mit Liebe suchen.
GEJ|10|98|4|0|Wer demnach aber Gott, als die reinste Liebe, suchen und finden will, der muß Ihn auch in der reinsten Liebe im eigenen Herzen, an der keine noch so geringfügig scheinende schmutzige Weltliebe klebt, suchen; und sucht er Ihn also, so wird er Ihn auch allersicherst finden.
GEJ|10|98|5|0|Als du noch ein junger Mann warst, da hattest du das Glück, einer sehr schönen und sehr reichen Tochter eines Patriziers zu gefallen, und du hattest auch eine mächtige Liebe zu ihr und hättest sie auch zum Weibe erhalten, so deine wohl recht mächtige Liebe zu ihr ganz rein gewesen wäre; weil aber die benannte Tochter, die man damals eine Perle Roms nannte, dich eben sehr liebte, ohne daß du davon mehr, als nötig war, merken konntest, so war es ihr auch darum zu tun, sich auf geheimen, dir unbekannten Wegen von deiner Liebe zu ihr genaue Kunde zu verschaffen, und sie fand bald, daß du auch noch andere Maiden hattest, denen du auch dein Herz offen hieltest.
GEJ|10|98|6|0|Als die Perle Roms des inne ward, da wandte sie sich bald von dir ab und gab dir kein Zeichen mehr, daß sie dich liebte, und wandte so denn auch ihr Angesicht von dir ab.
GEJ|10|98|7|0|Da wurdest du freilich sehr traurig und machtest noch manche eitlen Versuche, sie dir wieder geneigt zu machen, und es hätte dir das auch gelingen können; aber du konntest deiner Leidenschaft der Liebe zu den andern nicht völlig, dich selbst verleugnend, ledig werden und verlorst dadurch die Perle ganz.
GEJ|10|98|8|0|Und siehe, so ungefähr steht es auch bei Gott als der ewig reinsten Liebe! Nur mit der reinsten und makellosesten Liebe kannst und wirst du Ihn finden, sehen und preisen und von Ihm überkommen das ewige Leben.
GEJ|10|98|9|0|Es ist für den, dessen Herz voll von allerlei weltlichen Dingen ist, freilich wohl schwer, sich von ihnen zu reinigen; aber ein fester Wille ist ein tüchtiger Arbeiter und macht das, was dir heute noch unmöglich dünkt, für morgen leicht und für noch weiterhin immer leichter und leichter ausführbar.
GEJ|10|98|10|0|Frage dich nun aber selbst in deinem Gemüte, ob du das auch gehörig verstanden hast, was Ich dir nun erklärt habe!“
GEJ|10|99|1|1|99. — Der Priester will sein weltliches Leben rechtfertigen
GEJ|10|99|1|0|Sagte der Priester: „Du wahrlich übermenschlich weiser Meister, ich habe dich wohl verstanden und sehe nun noch mehr ein denn zuvor, daß dir ein wahrhaft daseiender, lebendiger Gott sehr stark helfen muß, da es dir sonst allerunmöglichst sein müßte, von meinen Jünglingsverhältnissen eine so genaueste Kunde zu haben, wie sie in ganz Rom aber auch gar kein Mensch je besessen hat und noch um vieles weniger jetzt irgend besitzt!
GEJ|10|99|2|0|Du hast in allem, was du zu mir sagtest, vollkommen recht, und ich könnte sagen: Nicht du als ein Mensch mir gleich, sondern ein Gott hat aus dir nun geredet.
GEJ|10|99|3|0|Aber bedenke du alle unsere menschlichen und daneben die uns mit ehernen Mußketten fesselnden Staatsverhältnisse, die wir nun lebenden Priester sicher nicht geschaffen haben!
GEJ|10|99|4|0|Ein jeder Mensch, der ohne sein Wissen und Wollen in diese Welt gekommen ist und schon gleich nach der Geburt genährt werden muß, um das höchst fatale Leben zu erhalten und nach den starren Gesetzen der Natur ein kräftiger Mensch zu werden, ist, nach der Vernunft beurteilt, ein ärmstes Wesen.
GEJ|10|99|5|0|Ist man einmal so weit im Wachstum gediehen, daß man den Tag von der Nacht und das Rot vom Grün unterscheiden kann, so wird von seiten der Eltern mit der Erziehung, die sich kein Kind bestimmen kann, emsigst begonnen.
GEJ|10|99|6|0|Ist man durchs viele Lernen endlich ein gebildeter Mann geworden, so heißt es dann, sich einen Stand wählen, in welchem man sich für sein ganzes Leben seinen Unterhalt verschaffen kann. Man möchte aber in der Welt nicht schlecht, sondern so gut als möglich leben, weil man schon überhaupt einmal leben muß, und so wählt man sich denn auch nach seinen Fähigkeiten vernünftigermaßen einen Stand, in dem man unter den Fesseln der Staatsgewalt noch am freiesten und auch am besten leben kann. Und das war für mich der Priesterstand; ich ward Priester, gleichviel, ob das, dem ich vorstand, auf den Grund der Lüge und des Volksbetruges oder auf den irgendeiner Wahrheit gestellt war, – kurz, ich mußte laut den Staatsgesetzen sein, was ich nun noch bin.
GEJ|10|99|7|0|Die Welt und die eigene möglichst beste Versorgung war denn doch schon von der Kindheit an das Allernächste, um das man sich vor allem zu kümmern hatte. Dazu erwachten in mir natürlich bald noch andere Bedürfnisse aller Art und Gattung, und da man die Mittel dazu besaß, um auch diese Bedürfnisse – freilich stets nur auf dem staatsgesetzlichen Wege – zu befriedigen, so befriedigte man sie denn auch nach Möglichkeit, und es erschien da keine Gottheit irgend aus dem Himmel oder aus der Erde, die da gesagt hätte: ,Höre, du Priester, du lebst und handelst da gänzlich wider Meinen Willen und wider Meine Ordnung! Lebe in der Folge so und so, ansonst Ich dich auf das gewaltigste züchtigen werde!‘
GEJ|10|99|8|0|Daß man unter solchen Lebensverhältnissen im Herzen und Gemüt nur mit der materiellen, unreinen und ungeistigen Liebe erfüllt worden ist, da man dagegen von nichts rein Geistigem und Göttlichem ist angeregt worden, so blieb man dem Außen nach zum mindesten denn auch, wie man bleiben konnte und am Ende laut den Staatsgesetzen auch bleiben mußte, obschon man nach und nach sich innerlich stets mehr und mehr, besonders im vorgerückteren Alter, zu fragen anfing: Ja, ist aber da auch nur ein Fünklein Wahrheit darin, dem du vorstehst, und das du pflegst? Alles, was ich lehre und tue, ist offenbar selbstverständlich Lüge und Trug. Gibt es denn keine Urwahrheit mehr auf der ganzen Erde?
GEJ|10|99|9|0|Ich forschte, suchte und forschte und suchte gleichfort nahe bis jetzt – und fand nichts! Wie hätte ich einer wahren Gottheit je mit der reinsten Liebe entgegenkommen können, die sich mir niemals hatte auf irgendeine Weise offenbaren wollen? Was nicht da ist, das kann man auch nicht lieben, ob nun ein Gott oder irgendein anderer durch die Einbildung der Menschen höchst werter Gegenstand.
GEJ|10|99|10|0|Und siehe nun, du höchst weiser Meister, kann ich nun dafür, daß ich am Ende denn doch das lieben mußte, was für mich als mein Lebensvergnügen erreichbar da war; denn die Bilder seiner eigenen Phantasie lieben, heißt nach der natürlich reinen Vernunft: ein Narr sein!
GEJ|10|99|11|0|So ich denn den einen, allein wahren und lebendigen Gott schon seit langem über alles hätte lieben sollen und die vor jedermanns Sinnen daseienden Annehmlichkeiten der Welt verachten und fliehen, so hätte sich mir entweder ein solcher Gott offenbaren sollen, oder meine Phantasie hätte mir in aller Lebensglut einen schaffen sollen; es geschah aber weder das eine noch das andere, und so war es denn auch selbstverständlich, daß man die Welt und ihre die Menschheit nährenden und ergötzenden Schätze und Güter, für deren Genuß man geboren und erzogen worden ist, nicht einem Wesen, das für mich gar nicht und nirgends da war, nachsetzen konnte.
GEJ|10|99|12|0|Aber sei es nun, wie es wolle, – ich bin wahrlich noch voll Welt in meinem Herzen; heute, in diesem Augenblick, offenbare sich mir eine allein wahre Gottheit und verlange, was ich tun soll, und alle meine alte Welt ist auf einmal aus mir verbannt!
GEJ|10|99|13|0|Hätte mir die gewisse Perle von Rom nur einmal eine gewisse Zusicherung gegeben, daß sie mein werde, so ich dies oder jenes tue oder unterlasse, – und ich wäre schon der Mann gewesen, dem kein Opfer zu schwer geworden wäre! Aber da so etwas nicht stattgefunden hat, so blieb ich denn auch bei dem, was für mich leichter erreichbar war.
GEJ|10|99|14|0|Ich sehe und weiß es gar wohl, daß alle Menschen, die ich kennengelernt habe, schon seit Menschengedenken in einer großen Trübsal und Wirrnis leben und endlich auch oft verzweiflungsvoll sterben; aber was nützt dieses Sehen und Wissen, so da niemand kommt, der ihnen die volle Wahrheit zeigt?
GEJ|10|99|15|0|Siehe, du weisester Meister, du hast wahrlich in allem, was du mir gesagt hast, vollkommen recht; aber auch ich habe nach der menschlichen Vernunft nicht unrecht! Können denn die armen Menschen darum, daß sie in aller Blindheit in diese Welt geboren worden sind und sich in aller Lüge und allem Trug haben erziehen lassen müssen? – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|10|100|1|1|100. — Die früheren Offenbarungen des Herrn dem Priester gegenüber
GEJ|10|100|1|0|Sagte Ich: „Du hast wohl in mancher Hinsicht recht, aber im ganzen dennoch völlig unrecht; denn du beschuldigst die Gottheit der Fahrlässigkeit und vollen Gleichgültigkeit gegen die Menschen, – und das, Freund, ist nicht wahr, wenn es deiner Vernunft auch also vorkommt!
GEJ|10|100|2|0|Gott hat Sich den Menschen allzeit geoffenbart, und so auch dir schon in Rom, und noch deutlicher in Theben, und du hast einmal, als du am Ufer des Nils dich befandest, eine laute Stimme also vernommen: ,Lies Moses, und lebe nach den Gesetzen, die darin geschrieben sind, und du wirst finden, was du suchst!‘
GEJ|10|100|3|0|Darauf fingst du wieder an, Moses und auch die andern Propheten zu lesen; aber nach den Gesetzen zu leben und zu handeln, hast du aus allerlei Gründen dennoch unterlassen.
GEJ|10|100|4|0|Ein Jahr darauf kamst du abermals an dieselbe Stelle des Stroms, vernahmst abermals die gleiche Stimme und dachtest lange darüber nach. Aber zum Handeln kamst du dennoch nicht; denn fürs erste warst du ja ein römischer Priester und wolltest deiner Idee nach nicht den Gesetzen Roms zuwiderhandeln, weil dir daraus ein weltlicher Nachteil hätte erwachsen können, obschon du wohl wußtest, daß es eben nicht verboten war, daß ein Priester auch an den Gott der Juden halten (glauben) dürfe, und fürs zweite kam dir das Handeln nach den Gesetzen Mosis zu unbequem vor, und die von dir klar vernommene Stimme hieltest du am Ende doch nur für einen leicht möglichen Sinnentrug und dachtest dir, so an dieser Stimme etwas Wahres sei, da werde sie sich wohl zu öfteren Malen vernehmen lassen.
GEJ|10|100|5|0|Und so hattest du darauf wohl noch fortgeforscht und gesucht, aber zum Handeln kamst du nicht und glichest einem Baumeister, der einen Bauplan um den andern macht; aber so es zum Ins-Werk-Setzen des Bauplanes kommen soll, da läßt er sich von der Mühe und den Unkosten abschrecken und es kommt zu keinem Bau.
GEJ|10|100|6|0|Freund, das Denken, Sinnen, Urteilen, Forschen und Suchen ist keine Tat, sondern pur nur eine Vornahme zur Tat, – da aber das Leben selbst keine Vornahme zum Tatleben, sondern das Tat- und Wirkungsleben selbst ist, so muß die Lebensvornahme auch zur Lebenstat werden, so man durch sie das Gesuchte erreichen will.
GEJ|10|100|7|0|Du hast zwar dann und wann wohl etwas getan, aber das war zu wenig, um deiner inneren Gesinnung eine andere Richtung zu geben, und so bliebst du stets auf einem und demselben Fleck stehen; nun erst hast du zum ersten Male einen völlig festen Willen gefaßt, ein völlig anderer Mensch zu werden, und zwar nach dem dir von Mir bekanntgegebenen Willen des einen, allein wahren Gottes der Juden, und so wirst du auch das finden in der Fülle der Wahrheit, was du so lange vergeblich gesucht hast.
GEJ|10|100|8|0|Du hast es aber eigentlich schon gefunden; nur bist du jetzt noch einem Menschen zu vergleichen, der mitten in einem dichten Walde eben den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht.“
GEJ|10|100|9|0|Sagte der Priester: „Höre, du wahrlich weisester Meister, wie soll ich das verstehen und nehmen?“
GEJ|10|100|10|0|Sagte Ich: „Siehe her! Da steht ein leerer Becher, Ich aber will es, daß er voll Weines werde, und du sollst von diesem Weine trinken! Da nimm ihn hin und trinke, und beurteile dann, ob das auch einem Magier zu bewirken möglich ist!“
GEJ|10|100|11|0|Als der Priester das sah und den Wein, der den allerwürzhaftesten Geschmack hatte, kostete, da sah er Mich groß an und sagte: „Du wahrlich gottähnlichst weisester Meister, das ist von einem Menschen noch nie bewirkt worden! Du mußt mit dem allein wahren Gott der Juden in einem gar mächtigen Verbande stehen; denn dein Wille und der Wille deines Gottes scheinen schon völlig geeint zu sein.
GEJ|10|100|12|0|Der Becher war doch vollkommen leer, und du hast ihn bloß durch deinen Willen, und das mit einem so auserlesenen besten Weine voll angefüllt, wie ich einen ähnlichen, der den Namen VINUM OLYMPICUM hatte, nur ein einziges Mal in Rom beim obersten Priester gekostet habe.
GEJ|10|100|13|0|Weil dir das möglich war, so wird dir noch gar vieles andere möglich sein! Wer es mit der Freundschaft der Gottheit so weit wie du gebracht hat, dem ist es am Ende freilich auch möglich, sich völlig unsterblich zu machen.
GEJ|10|100|14|0|Ja, wäre ich auch als ein Jude in diese Welt gekommen, so hätte ich es vielleicht auch auf eine hohe Stufe in der Einung mit Gott bringen können – denn am Willen und am Fleiß hätte es bei mir keinen Mangel gehabt –; aber als ein Heide, in aller Nacht in diese Welt kommend, konnte ich den rechten Weg niemals finden, und so blieb ich denn auch in der stets gleichen Nacht haften und konnte bis jetzt zu keinem Wahrheitslichte gelangen. Doch von nun an soll es anders werden!
GEJ|10|100|15|0|Nun aber erlaube mir, daß ich zu meinen Kollegen gehe und es auch ihnen mitteile, was ich hier erfahren habe; denn auch sie fühlen gleich mir, was ihnen abgeht.“
GEJ|10|100|16|0|Sagte Ich: „So gehe denn hin, und rede die Wahrheit!“
GEJ|10|101|1|1|101. — Des Hauptmanns Bedenken über die Naturschönheiten
GEJ|10|101|1|0|Darauf ging der Priester hin zu seinen Kollegen, die schon mit brennender Sehnsucht auf seine Rückkehr harrten. Als er zu seinen Kollegen kam, da erzählte er ihnen alles, was er gesehen und erfahren hatte, und diese wurden voll Staunens.
GEJ|10|101|2|0|Und einer von ihnen, ein alter Grieche, sagte: „Was braucht es da noch ein Weiteres? Der Mensch ist ein Gott, und wir wollen das tun, was Er angeordnet hat, und wir werden leben.“
GEJ|10|101|3|0|Und so wurden an diesem Abend die Heidenpriester zu Meinen Jüngern in der Stadt Aphek und gaben Mir am nächsten Tage ihr Bekenntnis und ihre Gelübde ab.
GEJ|10|101|4|0|Wir aber begaben uns zur Ruhe nach dem Abgange des Priesters und ruhten wohl bis zum Morgen.
GEJ|10|101|5|0|Wie allzeit so auch diesmal befand Ich Mich mit Meinen Jüngern und mit dem Hauptmanne schon eine volle Stunde vor dem Aufgange im Freien; und da es ein ganz heiterer Morgen war, so genossen wir von einer Anhöhe außerhalb der Bergstadt eine überaus schöne Fernsicht und so manche überraschend schöne Morgennaturszene.
GEJ|10|101|6|0|Als der Hauptmann und auch unser Wirt an Meiner Seite die schöne Natur ganz entzückt bewunderten, da sagte nach einer Weile des seligen Bewunderns der Hauptmann zu Mir: „Herr und Meister, es ist den Menschen kaum zu verargen, daß sie nach und nach weltliebig und am Ende gar abgöttisch (gottlos) geworden sind; denn was der Mensch mit all seinen Sinnen wahrnimmt in seinem offenbar anfänglichen Naturzustande, das nimmt ihn auch mit einer oft unwiderstehlichen Macht gefangen, und alle noch so geistigen Lehren und Reden können ihn von den Fesseln, die ihm die zahllosen Reize der Welt angelegt haben, nicht von heute bis morgen ablösen. Wie heute der Morgen mit zahllosen Reizen geschmückt ist, so war es sicher auch schon zahllose Male. Und daß beim Anblick solcher Schönheiten die Menschen in allerlei seltene (seltsame) Phantasien geraten sind, ist mir nun ganz leicht begreiflich; und daß sie sich in dieselben stets mehr und mehr vertieft und in ihnen begründet haben, das bewirkte ebenfalls die zu schöne und stets wechselvollste Szenerie der Natur.
GEJ|10|101|7|0|Bis ein Mensch sich ganz von allen Anreizungen der Welt abziehen kann, dazu gehört schon ein höchster Grad der heldenmütigsten Selbstverleugnung.
GEJ|10|101|8|0|Ich denke es mir nun, daß Menschen, die nicht in gar zu reizend schönen Gegenden der Erde wohnen und leben, für rein geistige und somit übersinnliche Wahrheiten empfänglicher sein dürften als Menschen, die da Bewohner eines zu schönen Landes sind.
GEJ|10|101|9|0|Ich betrachte da nur das alte, höchst traurig aussehende Ägypten. Solange es die Menschen durch ihren Fleiß noch nicht kultiviert hatten, da gab es darin geistig geweckte Menschen in großer Menge; sowie aber der Fleiß der Menschen die sterile Natur dieses großen Landes sehr zu verschönern angefangen hatte, da verlor sich ihr geistiger Sinn auch stets mehr und mehr, und der naturmäßige gewann nur zu bald die Oberhand, und es entstanden allerlei Bilder und aus ihnen allerlei Götter, und der Geist des Menschen, als sein größtes Lebensgut, verlor sich ganz, und Moses selbst mußte das zu versinnlichte Volk Israel bei vierzig Jahre lang in der unwirtlichsten und naturunschönsten Wüste festhalten, um es fürs innere Gottgeistige empfänglich zu machen.
GEJ|10|101|10|0|Und so bin ich denn der Meinung, daß diese Erde zum großen Teil für die geistige Bildung der Menschen denn doch viel zu reizend und schön ist.
GEJ|10|101|11|0|Mir gefällt dieser Morgen freilich wohl unbeschreiblich gut; aber ich fühle es auch, welchen bezaubernd mächtigen Eindruck er auf ein gesundes, junges Gemüt ausüben muß.“
GEJ|10|101|12|0|Sagte Ich: „Du hast schon recht zu einem Teil, aber zum andern nicht! Denn so Ich die Menschen dieser Erde nicht also gestellt hätte, daß sie sich selbst infolge ihres freien Willens, ihrer Vernunft und ihres Verstandes zu bilden hätten und zu suchen Meinen Geist in sich, so hätte Ich sie ja als Polypen irgend im finstersten Abgrunde des Meeres können ruhen lassen. Aber so kann das nicht sein, da der Mensch ein völlig freies Wesen ist und sich selbst zu bilden hat.
GEJ|10|101|13|0|Siehe, diese ganze, große und schöne Weltnatur ist demnach für die Selbstbildung des Menschen höchst notwendig; denn ohne sie würde es mit seinem Denken, Fühlen und Empfinden ganz mager aussehen, und er würde sich nicht viel über das Reich der Tiere erheben! Da aber die Erde so überaus mannigfach mit allen Kreaturen ausgestattet ist, so muß der Mensch sie einmal mit verwunderndem Wohlgefallen zu betrachten anfangen, und aus solchem Betrachten und Vergleichen der verschiedenen Dinge durch alle Reiche der Natur dieser Erde und so auch des steten Wechsels der Tages- und Jahreszeiten und auch der Gestirne am Himmel, geht der Mensch notgedrungen in ein stets tieferes Denken über und fängt dabei denn auch an, den Urgrund des Daseins so zahllos vieler Dinge zu suchen und zu erforschen. Und ist der Mensch durch die Eigentätigkeit einmal so weit gekommen, so komme auch Ich ihm entgegen und offenbare Mich ihm stets mehr und mehr und klarer und klarer.
GEJ|10|101|14|0|Darum, Mein Freund, ist es schon ganz recht also, daß diese Erde, auf der die Menschen berufen sind, Gottes Kinder zu werden, eben in allem so schön und höchst mannigfaltig ausgestattet ist!
GEJ|10|101|15|0|Aber freilich soll der Mensch nicht mit zu viel Liebe diese schöne Welt erfassen und mit all seinen Sinnen an ihr hängen; denn dadurch wird er materiell in seiner Seele und entfernt sich von dem, was er anstreben soll, stets mehr und mehr und wird blind, finster und böse in diesem kurzen Willensfreiheitsprobeleben.
GEJ|10|101|16|0|Wie schwer aber dann solche Menschen auf die rechte Bahn des Lebens zu bringen sind, das lehrt die Erfahrung aller Zeiten, und du selbst hast darin schon gar viele Erfahrungen gemacht und wirst noch viele machen.
GEJ|10|101|17|0|Nun aber kommen etwelche Priester mit dem einen, der gestern von Mir belehrt worden ist, zu uns heraus und wollen sehen und erfahren, was denn so ganz eigentlich an Mir ist, denn der von Mir schon Belehrte hat ihnen ein Lichtlein angezündet und sie zu einem tiefen Nachdenken genötigt. Lassen wir denn die Sucher zu uns kommen und auch finden, was sie suchen, nämlich die Wahrheit des Lebens!“
GEJ|10|102|1|1|102. — Die Bitte und das Versprechen der Priester
GEJ|10|102|1|0|Als Ich solches mit dem Hauptmann geredet hatte, da kamen auch schon die Priester vollends zu uns und grüßten uns auf das freundlichste.
GEJ|10|102|2|0|Darauf sagte der von Mir schon Belehrte zu seinen Gefährten: „Sehet, hier steht der große und erhabenste Wundermann, nach dessen Willen sich alles gehorsamst fügen muß, und in dessen Rede die tiefste Wahrheit und Weisheit waltet! Darum sei ihm von uns denn auch alle Ehre, aller Preis und alles Lob dargebracht!“
GEJ|10|102|3|0|Sagte Ich: „Freunde, Ich bin nicht in diese Welt gekommen, um Mich von den Menschen ehren, preisen und loben zu lassen, sondern darum, daß alle Menschen durch Mich und in Mir Den wiederfinden und erkennen sollen, den sie durch ihre eigene Schuld verloren und gänzlich verkannt haben, und daß sie erkennen sollen Seinen Willen und handeln und leben nach demselben. Wer Mich denn wahrhaft ehren, preisen und loben will, der nehme Meine Lehre an und handle und lebe nach ihr!
GEJ|10|102|4|0|Aber solange ihr eure ehernen, steinernen und hölzernen Götzen verehret, werdet ihr zum wahren Lebenslicht aus Gott nicht gelangen, Ihn in Mir nicht erkennen und sonach auch keinen Teil an Seinem Reiche haben, das in Mir aus den Himmeln nun auf diese Erde gekommen ist.“
GEJ|10|102|5|0|Hierauf sagte einer, der noch sehr an der Vielgötterei hing: „Es wäre alles recht nach deinem Worte, und wir würden für uns mit unsern Göttern auch bald fertig werden; aber was wird dann das Volk tun und was sagen zu uns, die wir es waren, die mit aller Redekraft und auch mit allerlei Zeichen eben dem Volke die Götter als daseiend und wirkend anpriesen und es zur Verehrung derselben antrieben? Das Volk hängt noch sehr an dem, was es von Kindheit an sich zu eigen gemacht hat, und es wird wohl schwer werden, ihm das Gehabte völlig zu nehmen und dann dafür etwas anderes und Besseres zu geben.“
GEJ|10|102|6|0|Sagte Ich: „Das hängt alles von eurem Willen ab! Die Wahrheit begreift sogar ein Kind eher denn etwas, das falsch und somit eine Lüge ist; also wird ein erwachsener Mensch die Wahrheit sicher wohl noch um so eher begreifen und sie sich mit Liebe aneignen. Es kommt daher jetzt nur auf euren Willen an, und dann wird euch schon Mein Wille helfen, ein rechtes Werk in Meinem Namen zustande zu bringen.
GEJ|10|102|7|0|Doch einen Zwang von Mir aus erwartet nicht; denn von Mir aus hat ein jeder Mensch einen vollkommen freien Willen und kann tun, wie es ihm beliebt. Doch wehe dereinst dem, der die Wahrheit wohl erkannte, sie aber dennoch der Weltvorteile wegen von sich verbannte, nicht nach ihren Grundsätzen gehandelt, sondern sie am Ende noch verfolgt hat mit Feuer und Schwert. Wahrlich, für den wäre es besser, so ihm ein Mühlstein an den Hals gehängt und er dort in ein Meer versenkt würde, da es am tiefsten ist!
GEJ|10|102|8|0|Daß an euren Göttern samt ihren durch Menschenhände erzeugten Abbildern nichts ist, und in der Weise, wie ihr sie betrachtet, tausend Male nichts, das ist klar; denn was da noch auf dem Wege der alten Entsprechungen irgendeinen inneren, geistig lebendigen Sinn hatte, das ist schon seit gar lange her in den dicksten und finstersten Unsinn und so denn auch in eine barste Lüge verwandelt worden.
GEJ|10|102|9|0|So Ich euch nun die volle Wahrheit über das Dasein des einen, allein wahren Gottes wiederbringe und euch Seinen Willen bekanntgebe, so lasset denn auch ab von euren völlig nichtigen Götzen und schaffet hinweg ihre Abbilder, – nehmet die Wahrheit an!
GEJ|10|102|10|0|Und habt ihr sie angenommen, dann gebet sie auch denen, die schon lange nach ihr sehr hungern und dürsten, und sie werden euch darum nicht zu Feinden werden, sondern zu wahren Freunden nur; denn da sie euch nicht verfolgt haben, wo ihr ihnen lauter Arges erwiesen habt, so werden sie euch sicher um so weniger verfolgen, wenn ihr ihnen Gutes für ihr diesirdisches, und noch mehr für ihr jenseitiges Leben erweisen werdet in Meinem Namen.
GEJ|10|102|11|0|Wie Ich aber heiße, und wer Ich so ganz eigentlich bin, das werdet ihr alle leicht und bald erfahren.“
GEJ|10|102|12|0|Hierauf sagte einer der Heidenpriester: „Höre, du wundersamer Meister in der Kraft deines Willens und Wortes! Du hast gestern bald nach deiner Ankunft in unserer Herberge dem Wirte alle seine Kranken geheilt, von welcher Tat wir bald volle Kunde erhielten, und wir nun auch des Glaubens sind, daß so etwas zu bewirken nur mit der sichern Hilfe eines wahren Gottwesens möglich ist. Daß du aber solch einer Mithilfe auch stets gewärtig sein wirst, das läßt sich von selbst denken und am Ende auch begreifen; weil aber das sicher der Fall bei dir ist, so möchten wir nun auch hier von dir ein Zeichen von der Macht deines Wortes und Willens gewirkt sehen! So auch wir darin einen Beweis haben, da wollen wir noch heute alle unsere Götter zerstören und im Tempel des Zeus dem einen, allein wahren Gott der Juden nach der Weise Mosis und Aarons ein Opfer darbringen.“
GEJ|10|102|13|0|Sagte Ich: „Eines solchen Opfers bedarf nun der eine, allein wahre Gott nicht nur der Juden, sondern aller Menschen, aller Kreaturen und Dinge wahrlich nimmer. In allen jenen Opfern war in der inneren, rein geistigen Entsprechung nur Ich Selbst vorgebildet und das Gottesreich, das Ich nun nicht fürs Fleisch und Blut, sondern für die Seelen und für den Geist der Menschen auf dieser Erde gründe.
GEJ|10|102|14|0|So Ich nun aber Selbst vor jedermanns Augen hier unter euch Menschen umherwandle, so ist die Schrift denn auch erfüllt, und es bedarf da keines Weitern mehr, das Mich in Mir entsprechender Weise vorbilden sollte.
GEJ|10|102|15|0|Das neue, Mir wohlgefällige Opfer aber bestehe einzig und allein nur darin für alle Zukunft, daß ihr Menschen an Mich glaubt, Gott über alles in Mir liebt und eure Nebenmenschen wie euch selbst durch Haltung Meiner Gebote.
GEJ|10|102|16|0|Ihr sollet Mir keine Tempel von Holz, Steinen und von Gold und Silber erbauen und Mich darin ehren durch allerlei eitle, nichtige Zeremonie, an der Ich nie ein Wohlgefallen hatte und nie haben werde; der rechte Tempel, darin ihr Mich ehren sollt, sei euer Mich liebendes Herz! Wer Mir im Herzen durch die Werke der Liebe zu Mir und zu seinem Nächsten opfern wird, dessen Opferung wird bei Mir allein einen Wert haben, und Ich werde ihn belohnen mit dem ewigen und seligsten Leben in Meinen Himmeln.
GEJ|10|102|17|0|Also sollet ihr auch Mir zu Ehren keinen Festtag und tatlosen Feiertag einsetzen; denn ein jeder Tag ist Mein, und ihr sollet an jedem Tage Meiner gedenken und in Meinem Namen Gutes tun.
GEJ|10|102|18|0|So ihr aber Mich um etwas bittet, so sperret euch in ein Kämmerlein und bittet im Verborgenen, und Ich werde erhören eure Bitte, – also spricht der Herr Gott Zebaoth zu euch Menschen.
GEJ|10|102|19|0|Also hinweg mit all den Tempeln, Götzen, mit all den Festtagen und mit all der nichtigen und wertlosesten Zeremonie; aber dafür errichtet wahre, Mir wohlgefällige Tempel in euren Herzen, und bringet Mir Opfer der reinen uneigennützigen Liebe! Machet gut den Schaden, der durch euch den armen, blinden und zumeist eben nur durch euch belogenen und betrogenen Menschen ist zugefügt worden, und ihr werdet der Gnade Gottes gewärtig werden!“
GEJ|10|103|1|1|103. — Das Entsprechungswunder für die bekehrten Priester
GEJ|10|103|1|0|(Der Herr:) „Ihr habt Mich um die Wirkung eines Zeichens gebeten, und Ich will euch denn auch eines vor euren Augen wirken; aber des Zeichens wegen werdet ihr nicht selig werden, sondern nur eures Glaubens an Mich und des Lebens nach Meiner Lehre wegen!
GEJ|10|103|2|0|Sehet, hier auf diesem Hügel, der ganz kahl und öde ist, steht noch ein alter, aber schon seit mehr denn dreißig Jahren dürrer Feigenbaum! In jener Zeit entlud sich hier ein mächtiges Gewitter, der Regen fiel in Strömen von den Wolken zur Erde nieder und riß das ohnehin spärliche Erdreich vom steinigen Boden hinweg, und so verdorrten denn auch bald Gras und Bäume, weil sie nicht mehr genährt werden konnten.
GEJ|10|103|3|0|Seht, es steht mit diesem Hügel sowie mit der ziemlich gedehnten Umgegend und so auch mit diesem Baume, wie es mit eurer Erkenntnis des einen, allein wahren Gottes steht! Wie aber für den Menschen ohne die wahre, innere Erkenntnis des einen, allein wahren, lebendigen Gottes alles tot, wüste und öde ist und sein muß und er, da er keine Nahrung für Seele und Geist finden kann, verdorrt und verkümmert, weil der Weltsinnssturm von ihm das ihn nährende und belebende Erdreich, welches da ist das lebendige Gotteswort, hinweggeschwemmt hatte, so verdorrte dieser Baum und um ihn alles Gras und kann nicht zum Leben kommen aus sich, weil da kein Erdreich sich vorfindet, sondern nur durch Gottes Macht, die da schaffen kann ein neues Erdreich, erfüllt mit dem, was zum Pflanzenleben nötig ist. Und so denn will Ich, daß diese ganze Gegend, so wie dieser Hügel vorerst, mit fruchtbarer Erde bei zwei volle Ellen hoch überdeckt werde! – Es geschehe!“
GEJ|10|103|4|0|Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da war die ganze Gegend und ebenso auch der Hügel mit dem sichtlich fruchtbarsten Erdreich überdeckt, worüber sich die Heidenpriester also tief verwundernd entsetzten, daß sie zu beben anfingen und der eine, schon am Abend vorher Unterwiesene laut ausrief: „Ja, Den ich so lange vergeblich gesucht habe, ist hier gefunden! Du, o Herr, groß, heilig und über alles mächtig, bist wahrlich Selbst eben Derjenige, von dem Du sprachst, daß ich Ihn noch finden werde! Denn nur ein Gott kann ein wüstes Land durch Sein Wort in einem Moment mit dem fruchtbarsten Erdreich bedecken; für die Menschen ist das unmöglich!
GEJ|10|103|5|0|Heil uns, daß wir Dich endlich einmal ganz so gefunden haben, wie wir Dich schon lange zu finden gewünscht haben! Nun ist der verhängnisvolle Isisschleier vor unsern Augen mit einem Schlag gelüftet. Oh, alle Ehre und alle Liebe Dir allein, Du ewig großer, allein wahrer Gott und Herr!
GEJ|10|103|6|0|Oh, vergib uns unsere vielen Sünden, die wir in unserer zu großen Blindheit gegen Dich und so denn auch gegen unsere Nebenmenschen begangen haben! Wir wollen und werden von nun an aber nach Möglichkeit mit Deiner über alles mächtigen Hilfe alles wieder gutmachen, was wir jemals Übles angerichtet haben; sei Du uns gnädig und barmherzig, und verstoße uns Sünder nicht zu weit von Dir, Du unser Gott und unser Herr!“
GEJ|10|103|7|0|Sagte Ich: „Du hast nun wohlgeredet, doch dein Fleisch und dein Blut hat dir das nicht eingegeben, sondern der Geist Meines von dir aufgenommenen Wortes in dein Gemüt. Auch du bist nun mit geistig fruchtbarer Erde also überdeckt worden wie dieser Hügel und diese sehr gedehnte Umgegend, und was in dir wüst und öde war und keine Frucht zum Leben hervorbringen konnte, wird allenthalben zu grünen beginnen und eine reichliche Frucht in aller Mannigfaltigkeit zur wahren Nahrung und vollen Sättigung der Seele für ihr ewiges Leben hervorbringen.
GEJ|10|103|8|0|Darum bleibe du tätig nach deinem Vorsatze, und du wirst zum Leben für viele ehest ebenso erblühen, wie nun dieser Hügel und die ganze Umgegend durch Mein Wort ergrünen und erblühen werden, und wirst als ein im Geiste der Lebenswahrheit bis jetzt tot gewesener Mensch eben also auch nur durch Mein Wort, das du als ein lebendiges Gotteswort in dir an- und aufgenommen hast, zur wahren Lebensfruchtbringung vollends belebt werden, wie nun vor euer aller Augen dieser durch volle dreißig Jahre dürre und tote Feigenbaum, von dem nur noch der Stamm nebst einigen stärkeren Wurzeln und Ästen hier ersichtlich ist.
GEJ|10|103|9|0|Ich will denn nun, daß dieser Hügel mit der ganzen Umgegend ergrüne und zur reichlichen Fruchtbringung erblühe und dieser alte und morsche Feigenbaum wieder lebendig werde und Früchte erzeuge zum Genusse für Menschen und Vöglein des Himmels! Es sei!“
GEJ|10|103|10|0|Auf diese Meine Worte ergrünte und erblühte der Hügel und die ganze Umgegend, und der Feigenbaum ward voll Blätter und Blüten und auch mit vielen neuen Ästen und Wurzeln versehen.
GEJ|10|104|1|1|104. — Des Jüngers Andreas Rede von den Werken und Worten des Herrn
GEJ|10|104|1|0|Das machte unsere Heidenpriester vor lauter Verwunderung über Verwunderung ganz stumm; denn sie merkten es jetzt erst ganz klar, wen sie in Mir vor sich hatten.
GEJ|10|104|2|0|Auch unser Wirt, der auch bei uns war, wurde, obschon er am Abend das große Heilungszeichen von Mir gewirkt sah und höchst bewunderte, auf dies Morgenzeichen erst ganz dahin überzeugt, daß Ich nicht wie irgendein großer Prophet erfüllt mit dem Geiste aus Gott, sondern ganz selbständig aus eigener Macht und Kraft handle und wirke und sagte darum denn auch zum Hauptmanne, der mit den Seinen selbst voll des höchsten Staunens dastand: „Hoher Gebieter, dieser Mann ist kein Mensch, der mit der Hilfe des einen, allein wahren Gottes der Juden solche nie erhörten Zeichen wirkt, sondern in Ihm wohnt die ganze, ewig endlose Fülle der Gottheit sichtbar vor uns körperlich! Denn Er sagte: ,Ich will es!‘ und nicht: ,Gott hat also zu Mir geredet, und dies und jenes, daß es geschehe und werde‘!“
GEJ|10|104|3|0|Sagte der Hauptmann zum Wirte: „Freund, das weiß ich schon von Pella aus, dahin Er kam und auch also lehrte und große Zeichen wirkte wie hier; doch ein solches Zeichen wie dieses habe ich selbst noch nicht gesehen, obschon diesem ähnliche mehrere, die mir nur zu klar und zu laut sagten: ,Siehe, das ist wundersamstermaßen der Herr Selbst!‘
GEJ|10|104|4|0|Er sagt freilich wohl: ,Ich bin vom Vater in diese Welt gesandt!‘, doch Er ist eben Derjenige, der Sich Selbst durch Seine Liebe zu uns Menschen in diese Welt gesandt hat, um uns fürderhin kein unsichtbarer und unbegreiflicher Gott und Vater, sondern ein wohl sichtbarer und begreiflicher zu sein, und daß wir in der Folge lebendig glauben können, daß eben Er ein allein wahrer Gott ist und es außer Ihm keinen andern Gott und Herrn gibt und geben kann.
GEJ|10|104|5|0|In Ihm wohnt das Ursein alles Seins, die Urkraft aller Kräfte, die Urmacht aller Mächte, das klarste Seiner- Selbst-Bewußtsein alles Bewußtseins aller Kreaturen in der ganzen ewigen Unendlichkeit, die erfüllt ist von Seinen Werken, und also wohnt in Ihm denn auch die höchste und nie erforschbare Weisheit. Und siehe, dieses alles glaube ich nicht nur, wie ein Mensch gewöhnlich irgendeine vernommene Wahrheit zu glauben pflegt, aber neben solchem Glauben mit seinem Verstande doch noch nachforscht und grübelt, ob die vernommene große Wahrheit wohl auch in allen ihren teilweisen Beziehungen völlig wahr sei, und wie man sich davon vollkommen überzeugen könne, sondern ich bin von all dem vollkommenst und lebendigst überzeugt und bin bereit, für solch meine vollste und lebendigste Überzeugung mein Leben hinzugeben!“
GEJ|10|104|6|0|Sagte der Wirt: „Hoher Gebieter, so tief wie du kann ich in dies hochheiligste Geheimnis noch nicht eingeweiht sein; aber ich glaube nun alles ungezweifelt, was du nun ausgesprochen hast, und hoffe, daß auch mir und meinem ganzen Hause von all dem die lebendigste Überzeugung werden wird! Darum alle Ehre und Liebe nun dem einen, sichtbaren Gott vor uns!“
GEJ|10|104|7|0|Ebenso wie der Hauptmann und der Wirt besprachen sich auch die Priester und auch die Jünger untereinander.
GEJ|10|104|8|0|Und ein Priester ging zu einem Jünger hin und befragte ihn, ob Ich solche Zeichen schon zu öfteren Malen gewirkt hätte.
GEJ|10|104|9|0|Sagte der Jünger: „Ziehe hin in alle Orte von ganz Galiläa, von Judäa, von Samaria und noch andern Ländern im Süden und Norden und von Osten nach Westen, und forsche, und man wird dir sagen und zeigen, was der Herr gewirkt hat!
GEJ|10|104|10|0|Zeichen, wie dieses hier, sind viele gewirkt worden, und es sind alle Länder, die wir mit Ihm durchwandert haben, voll von Seinen Taten und voll von Seiner Ehre; denn Er ist es, der Seinesgleichen nicht hat weder im Himmel noch auf Erden. Aber Er will es nicht, daß wir viel reden von den großen Zeichen, die Er zur Bekräftigung der Wahrheit Seiner euch nun schon in den Hauptteilen bekannten Lehre gewirkt hat. Denn die Zeichen werden veralten und mit der Zeit also vergehen, wie auf dieser Welt alles vergänglich und wandelbar ist, und so man nach vielen Jahren davon reden wird, so werden die Menschen es nicht glauben und nicht fassen; aber Seine Worte werden nicht vergehen, sondern ewig als die Wahrheit aller Wahrheit bleiben in allen Himmeln und auf der ganzen Erde und in der großen Welt der Geister!
GEJ|10|104|11|0|Er will demnach nur, daß dieses von Ihm aus den Himmeln in diese Welt gebrachte Lebenswort allen Menschen gepredigt werde und sie an Ihn den lebendigen Glauben überkommen durch das Handeln nach dem Worte.
GEJ|10|104|12|0|Werden die Menschen das, so werden sie durch Ihn schon also geweckt und gestärkt werden, daß sie in Seinem Namen selbst Zeichen wirken werden, wie auch wir schon in Seinem Namen gar manche Zeichen gewirkt haben, indem wir allerlei Kranken die Hände auflegten und sie darauf vollkommen gesund geworden sind. Euch selbst wird dieses Zeichen erst dann zum Nutzen werden, so ihr nach Seiner Lehre leben und handeln werdet.
GEJ|10|104|13|0|Es ist aber ein solches Zeichen wohl als ein übergroßes Wunder anzusehen, so die Menschen, die davon persönlich Zeugen waren, über die Wesenheit des Zeichenwirkers noch nicht hinlänglich im klaren waren; haben aber die Menschen den Zeichenwirker einmal in Seiner Wesenheit erkannt, dann ist das gewirkte Zeichen an und für sich kein Wunder mehr, denn sie sehen es ja ein, daß Gott, dem ewig Allmächtigen, kein Ding unmöglich ist.
GEJ|10|104|14|0|Was ist diese Erde denn anders als des Herrn Wort und Wille aus Seiner Liebe und Weisheit? Was sind der Mond, die Sonne und alle die zahllosen Sterne mit all dem, was sie tragen und fassen, indem sie – wie wir es genauest wissen – auch Weltkörper sind, und die meisten, die wir mit unseren Augen erschauen können, ums unvergleichbare größer denn diese Erde, die uns trägt und nährt?
GEJ|10|104|15|0|So es Gott dem Herrn von Ewigkeit aber sicher möglich ist, solche großen Werke auch nur durch Seinen Willen entweder augenblicklich oder nach Seiner Liebe und Weisheit in gewissen Zeitperioden ins Dasein zu rufen, so ist es Ihm ja auch ebenso leicht möglich, durch Sein Wort und Seinen Willen einen kleinen Fleck der kahlen Erde mit fettem Erdreich zu überdecken und dasselbe nach seiner Art also zu befruchten, wie es die Beschaffenheit des Landes erfordert nach der von Ihm festgestellten Ordnung.
GEJ|10|104|16|0|Wenn ihr sonst sehr verständigen und mit vielen Erfahrungen wohlversehenen Römer das ganz leicht einsehen und begreifen könnt, so werdet ihr es auch einsehen und begreifen, daß die nun vom Herrn gewirkten Zeichen nicht die Hauptsache für uns Menschen sind, sondern Sein Wort und Seine Lehre, die uns den Weg zum ewigen Leben zeigt. Das Wort aus dem Munde Gottes ist demnach für uns alles in allem, und wir werden sein und leben durch dasselbe ewig und dort sein, wo Er ist, und wirken durch Sein Wort und durch Seinen Willen in uns.“
GEJ|10|104|17|0|Als der Priester solches von dem Jünger vernommen hatte, da sagte er: „Freund, du bist in der rechten Weisheit aus Gott schon weit vorgedrungen, und mich nimmt es nun nicht wunder, daß ihr alten Jünger des Herrn euch nach dem gewirkten, unerhört großen Wunderzeichen um vieles gleichgültiger benommen habt als wir Heiden! Aber was du mir nun gesagt hast, werde ich eben also behalten, als hätte es mir der Herr Selbst gesagt, und ich danke dir für deine Freundschaft und Geduld.“
GEJ|10|104|18|0|Darauf ging der Priester wieder zu seinen Kollegen und besprach sich mit ihnen über das, was er von dem Jünger, der Andreas hieß, vernommen hatte.
GEJ|10|105|1|1|105. — Das wunderbare Morgenmahl
GEJ|10|105|1|0|Es kam aber nun ein Bote aus der Stadt, um uns anzuzeigen, daß das Morgenmahl bereitet sei; er konnte aber vor lauter Staunen über die ganz verwandelte Gegend kaum zum Reden kommen. Ich aber sagte dem Wirte, warum dieser Mensch, ein auch von Mir geheilter Diener des Hauses, zu uns gekommen sei, und wir begaben uns darauf sogleich in die Stadt. Die Priester folgten uns auf dem Fuße nach in die Stadt, da sie die in ihnen zu Mir erwachte Liebe mit aller Gewalt an Mich zog.
GEJ|10|105|2|0|Als wir alle in das Haus des Wirtes kamen und uns auch sogleich zu Tische setzten, da sagte der eine Hauptpriester, als er Mich das Morgenmahl zu Mir nehmen sah, zu Mir: „O Herr, Du Allmächtiger und Höchstweiser! Das ist auch ein Wunder, daß Du eine irdische Kost zu Dir nehmen magst, da doch alles, was auf dieser Erde Nährstoff heißt, auch ein Werk Deines Wortes und Willens ist! Du könntest auch hier sagen: ,Es werde der Tisch mit Speise und Trank aus den Himmeln in aller Reinheit besetzt!‘, und es würde geschehen, was Du wolltest! Denn siehe, unsere heidnische Kost ist vor den Augen eines streng mosaischen Juden unrein, und dennoch genießest Du samt Deinen Jüngern sie mit aller Lust!“
GEJ|10|105|3|0|Sagte Ich: „Siehe, für den Reinen ist alles rein, und so denn sicher auch für Mich! Wo Ich Menschen treffe, die voll guten Willens und dadurch auch schon zum größten Teil eines reinen Herzens sind, da ist auch ihre Kost rein; denn Ich Selbst reinige sie für alle, und es wird durch sie niemand verunreinigt.
GEJ|10|105|4|0|Weil du aber schon glaubst, daß Ich durch Mein Wort und Meinen Willen einen Tisch mit reiner Speise und reinem Trank aus den Himmeln decken und bestellen könnte, so setzet euch an den nächsten Tisch, und es soll geschehen nach deinem Glauben!
GEJ|10|105|5|0|So aber der Tisch mit Speise und Trank angefüllt sein wird, da esset und trinket ohne Furcht und Scheu; denn solche Speise und solch ein Trank wird euch stärken und sehr mutig machen im Kampf gegen den Fürsten der Nacht und der Lüge und des Truges vor Heiden und Juden!“
GEJ|10|105|6|0|Hierauf setzten sich alle die Priester an den bezeichneten Tisch, der im Augenblick mit dem feinsten Byssus bedeckt und mit dem erforderlichen Eßzeuge wohlversehen war. Aber die Schüsseln standen noch leer vor den erstaunten Gästen, und in den Kristallbechern blinkte noch kein Wein, und Ich sagte zu den Priestern: „Sehet, euer Tisch wäre nun schon bestellt mit der reinsten Speise und mit dem reinsten Wein aus den Himmeln, was ihr zwar mit euren Augen noch nicht sehet und auch nicht mit der Zunge schmecket; aber es ist alles dennoch schon da!
GEJ|10|105|7|0|Ich will aber nun, daß sich das Geistige umkleide mit der Materie, und ihr sehet nun schon allerlei Speise und den besten Wein, und so möget ihr nun davon essen und den Wein trinken!“
GEJ|10|105|8|0|Nun war es bei den Priestern völlig aus, und sie erschöpften sich vor lauter Lobpreisung und Ehrung Meines Namens.
GEJ|10|105|9|0|Darauf fingen sie an zu essen und konnten den Wohlgeschmack der Speisen, die alle nach römischer Art bereitet waren, nicht genug loben und fanden auch den Wein so überaus vortrefflich, daß sie alle bezeugten, einen solchen Wein noch niemals gekostet zu haben.
GEJ|10|105|10|0|Unser Wirt ward denn auch sehr begierig, von der wunderbaren Kost auf dem Tische der Priester etwas zu verkosten.
GEJ|10|105|11|0|Ich aber sagte zu ihm: „Freund, sei danach nicht lüstern; denn was du an unserem Tische genießest, hat einen und denselben Ursprung, den gleichen Geschmack und dieselbe Wirkung, – denn auch diese Speisen sind Mein Wort und Mein Wille.“
GEJ|10|105|12|0|Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da stand er von seiner Neugier ab und war also ganz zufrieden.
GEJ|10|106|1|1|106. — Von der Beseitigung des Heidentums
GEJ|10|106|1|0|Als wir und also auch die römischen Priester uns mit dem Morgenmahle zur Genüge gestärkt hatten, da dankten Mir die Priester laut für dies wunderbare Mahl und sagten darauf: „O Du allmächtiger Herr und allein wahrer Gott, wir alle glauben nun ungezweifelt an Dich und haben auch den allerfestesten Willen gefaßt, die andern Heiden zu solchem Glauben zu bekehren; aber wir sehen es auch ein, daß das keine leichte Arbeit sein wird, weil besonders das gemeine Volk noch sehr an den heidnischen Göttern hängt und ihre Bildnisse anbetet und verehrt.
GEJ|10|106|2|0|Es wird hier in dieser Stadt wohl nicht leichtlich ein Haus sich vorfinden, das da nicht voll gefüllt wäre mit den Hauslaren [Schutzgeister des Hauses] und tausend andern Ganz- und Halbgöttern, zu denen teilweise auch die Hauslaren gehören, so sie als Namenspatrone einer oder der andern Familie angehören und als solche denn auch verehrt werden.
GEJ|10|106|3|0|Nun, alle diese Bilder des finsteren Heidentums auf einmal durch unsere Reden und Lehren über Dich hinwegzuschaffen, wird uns wohl sauer werden; Dir, o Herr, Herr, aber wäre das ein leichtestes, denn Du darfst ja nur wollen und in der ganzen Stadt sind alle die nichtigen Götterbilder, aus welchem Stoffe sie auch angefertigt bestehen, mit einem Mal nicht mehr vorhanden, und wir hätten also eine leichtere Arbeit, das Volk auf den rechten Licht- und Lebensweg zu bringen.“
GEJ|10|106|4|0|Sagte Ich: „Das könnte Ich wohl allerdings tun, aber dadurch würde eure Arbeit für Mich und Mein Reich auf dieser Erde nicht erleichtert, sondern nur sehr erschwert werden; denn ein ganz verstocktes und über alle Maßen verfinstertes Gemüt und der freie Wille der Menschen läßt sich durch neue Zeichen und Wunderwerke nicht so leicht brechen, wie ihr es meinet. Denn so Meine Zeichen, die Ich zu Jerusalem gewirkt habe, das vermöchten, da wären alle Pharisäer und Schriftgelehrten samt dem Hohenpriester schon bei Mir und wären Meine Jünger; aber sie sind zu verfinstert und verstockt und hassen und verfolgen Mich allwegs als einen Volksaufwiegler und – verführer.
GEJ|10|106|5|0|Ich könnte auch den Tempel und ihr Trugzeug in einem Augenblick zunichte machen; doch das würde die Finstern und Verstockten nicht im geringsten bessern, sondern sie noch hartnäckiger in ihrer großen Bosheit machen. Und so denn lasse Ich den Tempel noch eine Zeitlang stehen und dahin kommen den Stolz und die Herrschsucht seiner Einwohner und seiner Verehrer, daß sie sich setzen werden wider Rom, und das wird das Ende Jerusalems, seines Tempels und seiner Einwohner sein.
GEJ|10|106|6|0|Also lasset auch ihr bei den sonst gutmütigen Bewohnern dieser Stadt und ihrer Umgegend das Alte so lange bestehen, bis sie selbst durch euer Licht aus Mir dahin erleuchtet werden, das Nichtige ihrer Götzenbilder einzusehen, und die Erleuchteten werden dann schon selbst zu der Vernichtung all der alten Trugwerke euch ihre Hände leihen. Denn es genügt vorderhand, daß das Götzentum in den Gemütern der Menschen zerstört und vernichtet wird; ist das bewerkstelligt, so ergibt sich alles andere schon von selbst.
GEJ|10|106|7|0|Doch vorher mit der Vernichtung der alten Glaubensmonumente beginnen und dann erst mit dem neuen Lichte die höchst betroffenen und erschütterten Gemüter und Herzen aufhellen zu wollen, wäre dem gleich, der sein altes Haus völlig abreißen und zerstören ließe, ehe er für sich einen Plan machte, wie das neue Haus aussehen solle.
GEJ|10|106|8|0|Wo wird er unterdessen wohnen, bis das neue Haus fertig ist? Hat er aber das neue Haus erbaut, so wird er dann ein leichtes haben, das alte niederzureißen und es aus dem Dasein zu schaffen.
GEJ|10|106|9|0|So Ich nun in einem Moment durch die Macht Meines Wortes und Willens alle eure Götzenbilder zerstörte, so würde das noch an diesem Tage einen Volksaufstand unvermeidbar hervorrufen, den ihr schwer dämpfen würdet, wenn ihr auch noch so laut und so scharf vom großen Zorn der beleidigten Götter in allen Gassen und Straßen zu predigen anfinget; denn das Volk würde endlich ganz erbost zu fragen anfangen, wodurch es sich bei seiner immerwährend gleichen Opferwilligkeit und Tugend bei den Göttern also versündigt habe, daß diese sogar ihre Abbilder, die es stets in hohen Ehren hielt, von ihm genommen haben.
GEJ|10|106|10|0|Am Ende würde das Volk euch eurer ihm wohlbekannten Habsucht bezichtigen, und die Menschen würden sagen: ,Höret, ihr Priester, das haben nicht die Götter, sondern das habt ihr getan! Schaffet uns die Götter her, oder ihr werdet zur Beute unseres gerechten Zorns!‘
GEJ|10|106|11|0|Und sehet, unter solchen Verhältnissen würdet ihr Meine Lehre und den Glauben an Mich unter den Heiden schwer ausbreiten können!
GEJ|10|106|12|0|Darum bauet zuvor ein neues Haus für sie, und sie werden euch dann selbst helfen, das alte völlig zu zerstören; was aber die Götzen in euren Wohnungen betrifft, die zumeist aus edlen Metallen, wie Gold und Silber, angefertigt sind, die schmelzet zusammen, verkaufet das Metall, und verteilet das Geld unter die Armen, die euch dann sicher nicht verachten werden.
GEJ|10|106|13|0|Mein Reich, das Ich nun auf dieser Erde gründe, ist ein Reich des Friedens und nicht ein Reich der Zwietracht, der Verfolgung und des Krieges; und so sollet ihr es auch im Frieden unter den Menschen ausbreiten und euch dabei keines Schwertes bedienen!
GEJ|10|106|14|0|Wenn aber diese Meine Lehre einmal durchs Schwert unter die Völker ausgebreitet zu werden begonnen wird, dann wird es bald sehr elend auf dieser Erde aussehen. Das Blut wird in Strömen fließen, und alle Meere werden eine traurige Färbung annehmen. Darum seid ihr alle nun friedsame Arbeiter in Meinem Namen, und vermeidet allen Zank und Hader! Wirket allein durch Meine Liebe in euren Herzen; denn in der Liebe liegt die größte Kraft und Macht verborgen!
GEJ|10|106|15|0|Denket, daß euer Heidentum zwar wohl ein alter, morscher und lebloser Baum ist, – aber er hat dennoch so viele noch feste Holzteile und nahezu versteinerte Wurzeln, daß er sich mit einem Axthieb nicht sogleich fällen läßt; doch mit der Zeit, rechten Klugheit, Geduld und Ausharrung wird er den vielen Axthieben dennoch weichen müssen. Die scharfe Axt, die Ich euch nun gebe, aber heißt Wahrheit; dieser wird am Ende dennoch jeder noch so finstere und harte Widerstand weichen müssen.
GEJ|10|106|16|0|Also ist da Mein Wille; diesem nach handelt, und ihr werdet für Mein Reich goldene Früchte ernten durch Meine Liebe in euch!“
GEJ|10|107|1|1|107. — Über die Nächstenliebe
GEJ|10|107|1|0|Als die Priester eine solche Weisung von Mir erhielten, wurden sie ganz frohen Mutes, dankten Mir dafür, erhoben sich von ihrem Tische bis auf den einen, der eine Art Oberpriester war, und gingen in ihr Gemach, das, wie schon bekanntgegeben, sich dermalen auch im Hause des Wirts, das da groß und überaus fest gebaut war, befand, und hielten untereinander Rat, wie sie diese Sache anfangen würden, damit sie möglichst ruhig und gut vonstatten gehe.
GEJ|10|107|2|0|Der eine bei uns verbliebene Priester aber besprach sich mit dem Hauptmanne wegen des Verkaufs der goldenen und silbernen Gottheiten, weil sie hier keine Gelegenheit hätten, derlei erst zu schmelzen und dann als Metall zu verkaufen; auch befände sich in der ganzen weiten Umgegend kein Goldschmied, der solche Metalle ankaufen und dann nach seinem Belieben verwenden könnte.
GEJ|10|107|3|0|Und der Hauptmann sagte: „Ich werde euch alles tun, was dem Herrn und Meister über alles recht sein wird, – aber Er wolle Sich gnädigst zuvor darüber aussprechen, was da vollends recht wäre; denn unser Wollen soll von nun an nur Sein Wollen in uns sein!“
GEJ|10|107|4|0|Hierauf sagte Ich: „Da tuet ihr selbst nach eurem Gutdünken; die Hauptsache ist, daß der Erlös den Armen zugute kommt auf eine zweckdienliche Art und Weise, was ihr wohl durch Meinen Geist in euch zu beurteilen imstande sein werdet.
GEJ|10|107|5|0|Machet womöglich alles gut, was ihr – wie Ich das schon einmal bemerkt habe – irgend Übles angerichtet habt, und ihr werdet dadurch Meiner Gnade in eurer Seele gewärtig werden! Wo ihr aber irgend an einem Menschen ein begangenes Unrecht nicht wiedergutmachen könnt, da habt doch den guten Willen dazu, und wendet euch vollgläubig im Herzen an Mich, und Ich werde eure rechte Bitte nicht unerhört lassen!
GEJ|10|107|6|0|Aber das sei auch euch allen gesagt, daß der nicht in Mein Reich eingehen wird, der nicht den auch noch so geringen Schaden, den er jemandem zugefügt hat, wiedergutgemacht hat! Denn was ihr nicht wollt, daß man euch tue, das tut auch eurem Nächsten nicht!
GEJ|10|107|7|0|Wenn aber euch jemand einen Schaden zufügt und also an euch sich versündigt, den ermahnet mit aller Sanftmut, und vergebet es ihm! Bessert er sich, so wird das euch zugute kommen; bessert er sich aber nicht, so verdammt ihn darob nicht, sondern wendet euch da wieder an Mich in eurem Herzen, und Ich werde eure gerechte Bitte auch da wahrlich nicht unerhört lassen!
GEJ|10|107|8|0|Tut alles, was ihr tut, in aller Liebe in Meinem Namen, und ihr werdet dadurch zu Kindern Gottes und zu Erben des Himmelreiches werden, und eure Seligkeit wird nimmerdar ein Ende haben, sondern ewig fortdauern!
GEJ|10|107|9|0|So ihr alle das wohl verstanden habt, da tuet vor allem selbst danach, und lehret auch eure Nebenmenschen danach handeln; denn dadurch werdet ihr am meisten Mein Reich, das nicht von dieser Welt ist, unter den Menschen ausbreiten, wofür euch einst ein großer Lohn in Meinem Reiche zuteil werden wird, – denn was Ich euch verheiße, ist und bleibt ewige Wahrheit!“
GEJ|10|107|10|0|Hierauf sagte der Hauptmann: „Herr und Meister! Ich sehe die ewig große Wahrheit aller Deiner Worte und Lehren sicher ein und fühle es auch lebendig in mir, daß es unter den Menschen also sein sollte, wie Du es uns gezeigt hast; aber es gibt unter den Menschen dennoch gar viele Bösewichte, wie Diebe, Räuber, Mörder, Ehebrecher, Knaben- und Mädchenschänder, sowohl unter den Juden wie unter den Heiden, und wir haben da gar strenge Gesetze, derlei Verbrecher unnachsichtlich mit aller Strenge zum abschreckenden Beispiel für die andere Menschheit zu bestrafen.
GEJ|10|107|11|0|Nun, solch ein Verbrecher ist doch auch unser Nebenmensch und könnte sich vielleicht mit der Zeit auch noch bessern, so man ihm das Leben ließe und ihn belehrte über das, was da allein gut, wahr und recht ist und so man auch die geringeren Verbrecher, statt sie in lange andauernde Kerkerhaft zu werfen, in eine gute Schule gäbe und sie die Wahrheit lehrte.
GEJ|10|107|12|0|Doch solange wir unsere unerbittlichen Gesetze haben, kann dieser mein Wunsch auch nur ein frommer Wunsch bleiben; denn so ich selbst irgendeines Verbrechens könnte schuldig gemacht werden, da wäre es mir ja doch auch lieber, so man nach meinem frommen Wunsche mit mir verfahren möchte, als daß man mich verdamme ohne alle Liebe und Schonung.
GEJ|10|107|13|0|Aber bei den Richtern heißt es niemals: ,Was ihr nicht wollt, daß man es euch tue, das tut auch euren Nächsten – also unsern Nebenmenschen – nicht!‘, sondern da heißt es: ,Ich verurteile dich nach dem Gesetz!‘, und es ist dabei von einer Liebe und Erbarmung aber auch nicht eine allergeringste Spur.
GEJ|10|107|14|0|Nun aber bin ich selbst ein oberster Richter in diesem Bereich, das Du, o Herr und Meister, wohl kennst, und habe gar manchen Verbrecher in die Kerker legen müssen! Soll ich nun auch diesen statt der Strenge des Gesetzes die Liebe erweisen?“
GEJ|10|107|15|0|Sagte Ich: „Daran wirst du, wo es tunlich ist, sicher sehr wohl tun! Wer da die Gefangenen leiblich und geistig befreit von den Fesseln des Teufels, der soll auch befreit werden von den Banden des ewigen Todes!
GEJ|10|107|16|0|Wer ein Richter ist und ein sanftes und gerechtes Gericht führt über verblendete Menschen, der wird dereinst auch von Mir also gerichtet werden. Mit welchem Maß ihr ausmesset, mit demselben Maß wird euch wieder zurückgemessen werden!
GEJ|10|107|17|0|Wer da barmherzig ist, der wird auch bei Mir Barmherzigkeit finden; wer aber da ist ein strenger Richter, der wird auch an Mir einen sehr strengen Richter finden, – denn gerade jene Strenge, mit der er seine Nebenmenschen gerichtet hat, wird dereinst sein eigener Richter sein!
GEJ|10|107|18|0|Ein jeder Mensch trägt also seinen dereinstigen Richter schon in sich. Das zu deiner Richtschnur, Mein Freund Pellagius!“
GEJ|10|107|19|0|Mit dem war er denn auch vollkommen zufrieden, und wir begaben uns darauf wieder ins Freie, doch auf eine andere Seite der Stadt Aphek.
GEJ|10|108|1|1|108. — Des Herrn Verheißung und Mahnung
GEJ|10|108|1|0|Der Hügel, auf dem wir uns am Morgen befanden, lag gen Osten von der Stadt aus; der Teil außerhalb der Stadt, nach dem wir uns nun nach dem Morgenmahle begaben, lag aber gen Westen und war ein noch höherer Hügel. Dieser Hügel war ehedem auch völlig kahl; doch am Morgen wurde auch er mit fettem Erdreich bedeckt und mit allerlei Gras und andern wohlriechenden Kräutern reichlichst ausgestattet.
GEJ|10|108|2|0|Als wir zu diesem Hügel kamen, da verwunderten sich alle, und der Wirt und der römische Priester sagten: „Da betrachte ein Mensch, wie weit doch reicht in aller Fülle die göttliche Kraft und Macht! Daß der Osten von der Stadt aus durch Dein Machtwort, o Herr, ergrünte, das sahen wir morgens; aber daß Du, o Herr, auch unseres noch rauheren und kahleren Westens mit Deiner Macht gedachtest, dafür sei Dir nun abermals unser Dank dargebracht!
GEJ|10|108|3|0|Dieser Teil außerhalb dieser unserer Stadt, von dem aus man auch eine schöne und weite Aussicht gen Westen und Süden hin genießt, ward von uns Bürgern dieser Stadt wegen seiner zu unerquicklichen Kahlheit nur sehr selten besucht, und in der hier sehr heißen Sommerzeit schon gar niemals; denn sein schwarzes Gestein ward von den Sonnenstrahlen stets so sehr erhitzt, daß man es gar nicht betreten konnte.
GEJ|10|108|4|0|Nun ist denn durch Deine übergroße Güte und Gnade, o Herr, auch dieser ödeste und wüsteste Teil außerhalb unserer sonst ganz bedeutenden Stadt in ein fruchtbares Land umgewandelt worden, und unsere nun sehr schwachen Herden, die wir nur in den tieferen Tälern erhalten konnten, werden hier in diesen höher gelegenen Gegenden ein reichlichstes Futter finden und sich auch bald sehr vermehren können, und wir werden dadurch den Armen und auch den Fremden mehr Wohltaten, als das bis jetzt möglich war, zu erweisen vermögen.
GEJ|10|108|5|0|O Herr und Meister von Ewigkeit ohne Anfang und Ende! Es ist nun die ganze weite Umgegend dieser Stadt durch Deine Gnade in ein wahres Elysium umgestaltet worden, und es gewährt ihr Beschauen uns eine große Freude; doch um eines wollen wir Dich noch für diese Gegend bitten.
GEJ|10|108|6|0|Siehe, diese ganze weite Gegend ist sehr wasserarm und hat nur sehr wenige gute Wasserquellen! Dir aber ist ja alles möglich! Wie wäre es denn, so Du sie auch mit mehreren guten und reinen Quellen versehen möchtest?“
GEJ|10|108|7|0|Sagte Ich: „Auch das soll und wird euch werden zur rechten Zeit; doch für jetzt will Ich nur auf diesem Hügel für dich, du unser Wirt, da dieser Hügel sich in deinem Besitze befindet, eben auf diesem Hügel eine ganz reichliche Wasserquelle entstehen lassen, die diese ganze Stadt genügend mit Wasser wird versehen können. Was aber diese ganze weite Umgegend betrifft, so werden sich im Winter, der nicht lange auf sich warten lassen wird, schon von selbst Quellen bilden und diese Gegend bewässern.
GEJ|10|108|8|0|Sehet aber zu, daß ihr im Glauben an Mich und in der Liebe zu Mir und zu euren Nächsten nicht versieget und trocken werdet in euren Herzen; denn so das bei euch oder bei euren Nachkommen einträte, dann würden auch diese Quellen versiegen, und die ganze weite Umgegend würde öder werden, als sie bisher war.
GEJ|10|108|9|0|Es war aber diese Gegend, als sie in den Zeiten Josuas und der Richter den Israeliten gegeben wurde, ebenso fruchtbar bestellt, wie sie nun ist, und blieb auch unter den ersten Königen Israels eben also; als aber später Neid, Mißgunst, Verfolgung und Kriege unter den Stämmen Israels sich einstellten und die Juden von Mir abfielen und Meiner stets mehr und mehr zu vergessen anfingen, da ließ Ich auch durch große Gewitter und Stürme diese Gegenden weithin verwüsten, und aller Fleiß der Menschen, die sich hier ansiedelten, vermochte dieses Gefilde nicht mehr zu befruchten.
GEJ|10|108|10|0|Nun habe Ich diese Gegend zu einer fruchtbaren umgestaltet, und da zuoberst dieses Hügels ersehet ihr auch schon eine reichliche Quelle hervorspringen, deren Wasser euer Fleiß zu sammeln und an die rechten Stellen zu leiten verstehen wird; aber bleibet in eurer Mir angelobten Liebe, und fallet nicht ab im Glauben an Mich, so werde auch Ich mit Meinen Segnungen bei euch verbleiben!
GEJ|10|108|11|0|Um was ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird euch denn auch gegeben werden, und wo auch nur zwei oder drei von euch in Meinem Namen vollgläubig sich versammeln werden, da werde Ich im Geiste Meiner Liebe, Macht und Kraft mitten unter euch sein. Um was ihr dann volltrauig bitten werdet, werde Ich euch denn auch geben, so das, um was ihr bittet, fürs Heil eurer Seelen gedeihlich ist.
GEJ|10|108|12|0|Würdet ihr aber um eitle Dinge dieser Welt bitten, so werden sie euch nicht gegeben werden, gleichwie auch ihr einem Kinde, so es euch noch so bitten würde, kein scharfes Messer zum Spielen in die Hände geben werdet, aus dem Grunde, da ihr es wohl wisset, daß sich eure Kinder mit dem scharfen Messer nur zu bald und zu sicher beschädigen würden.
GEJ|10|108|13|0|Ihr seid aber nun in den geistigen Dingen auch noch mehr oder weniger unerfahren, und Ich allein weiß es am allerbesten, was euch not tut zur Erreichung des ewigen Lebens. Darum suchet nur vor allem Mein Reich und seine Gerechtigkeit, alles andere wird euch schon hinzugegeben werden; denn Ich weiß es allzeit und ewig, wessen ihr bedürfet.
GEJ|10|108|14|0|So ihr Mich in der Folge aber schon um eines oder anderes bitten werdet, da bittet Mich um etwas Gerechtes, Gutes und Wahres!“
GEJ|10|109|1|1|109. — Die Allmacht des Herrn und ihre Einschränkung
GEJ|10|109|1|0|Sagte der Wirt: „O Herr, es war das, da ich und der Priester Dich um die Bewässerung dieser Gegend gebeten haben, doch wohl nichts Ungerechtes, Ungutes und Unwahres?“
GEJ|10|109|2|0|Sagte Ich: „Nun, durchaus nicht; aber so ihr Mich fürder um pur diesirdische Dinge bitten würdet, so wäre das dann nach Meiner Ordnung eben nicht zu sehr gerecht, gut und wahr, weil zu große irdische Vorteile stets Nachteile für die Seele sind.
GEJ|10|109|3|0|Ich aber bin nicht gekommen zum Nutzen des Leibes, sondern zum Nutzen der Seele des Menschen nur bin Ich in diese Welt gekommen; darum sollt ihr Mich auch vor allem nur um das bitten, was eurer Seele zum wahren, ewig währenden Nutzen gereicht. Denn was nützte es dem Menschen, so er gewinnen möchte alle die toten Schätze dieser Welt, an seiner Seele aber dadurch sicher den größten Schaden erlitte? Wie wird er diese wohl retten können vom Tode und Gerichte der Weltmaterie?
GEJ|10|109|4|0|Ihr saget in euch nun wohl: ,Herr, bei Dir sind alle Dinge gar wohl möglich, und auch die Materie dieser Erde ist Dein Werk!‘ Da habt ihr wohl recht, – aber dennoch sage Ich es euch, daß Mir eben beim Menschen nicht alles möglich ist und möglich sein darf; denn wäre Mir beim Menschen alles möglich, so hätte Ich es niemals nötig gehabt, zu euch in diese Welt als Selbst ein vollkommenster Mensch zu kommen und euch zu belehren mit Meinem höchsteigenen Munde.
GEJ|10|109|5|0|Denn darum habe Ich dem Menschen den freien Willen gegeben und seinem Verstande gezeigt Wahres und Gutes und daneben Falsches und Böses, auf daß er sich selbst prüfe, richte und bilde, und daß er eben infolgedessen erst ein Mensch und kein von Meiner Macht gehaltenes und gerichtetes Tier ist, das nach Meinem Mußgesetze also tun muß, wie es in dasselbe gelegt ist, und somit in sich keine Freiheit, Selbstbestimmung und keine ihm anheimgestellte Selbständigkeit hat.
GEJ|10|109|6|0|Der Mensch aber hat außer seinem Leibe kein Mußgesetz von Mir, sondern ein ganz freies Gesetz in seinem Willen und einen völlig unbeschränkten Verstand, mit dem er alles erforschen, prüfen, begreifen und behalten und dann zu seiner Handlungsrichtschnur nehmen kann, was er als wahr und gut erkannt hat.
GEJ|10|109|7|0|Darum prüfet auch ihr alles, und das, was ihr als wahr und gut erfunden habt, behaltet und handelt und lebt danach, und ihr werdet dadurch euch zu wahren, Mir allzeit und ewig lieben Kindern bilden und gleich Mir frei und selbständig werden!
GEJ|10|109|8|0|Wenn ihr dadurch Meinen euch nun bekannten Willen werdet völlig zu dem eigenen gemacht haben und also auch stark im lebendigen Glauben an Mich werdet geworden sein, dann wird auch euch alle Kreatur, gleichwie Mir Selbst, untertänig sein, und ihr werdet euch gegen Meine ewige Ordnung, welche der Grund alles Werdens, Seins und Bestehens ist, nimmerdar verstoßen und versündigen können. Darin aber wird dann auch bestehen das wahre und allerseligste ewige Leben eurer Seele, und wo Ich sein werde, da werdet auch ihr als Meine lieben Kinder bei Mir sein und wirken gleich Mir.
GEJ|10|109|9|0|Auf daß der Mensch aber zu solch einer höchsten Seligkeit gelangen kann, muß er zufolge seines vollkommen freien Willens und unbeschränkten Verstandes und seiner Vernunft sich nach Meinem ihm bekanntgegebenen Willen selbst richten, bestimmen und bilden, und Ich kann und darf mit Meiner Allmacht nicht ergreifen seinen freien Willen und ihn zum Handeln wie eine andere, noch gerichtete Kreatur zwingen, was ihr alle nun vom wahrsten Grunde aus wohl einsehen werdet.
GEJ|10|109|10|0|Und so ist in der Art, wie ihr es euch irrig vorgestellt habt, Mir bei dem Menschen nicht alles möglich, weil Ich mit Meiner Allmacht in die volle Freiheit des Menschenwillens nicht eingreifen kann, so der Mensch als ein Mensch nach Meiner ewigen und unwandelbaren Ordnung werden und bleiben soll für ewig.
GEJ|10|109|11|0|So ihr das nun wohl begriffen haben werdet, da wird es euch auch leicht und bald vollends klar und sehr einleuchtend werden, um was ihr Mich vor allem zu bitten haben werdet, und so ihr Mich um etwas Rechtes volltrauig werdet gebeten haben, da wird es euch auch gegeben werden im rechten Maße. Bittet sonach vor allem stets um das, was zum wahren Wohle eurer Seele dienlich ist, und sehr selten und wenig um das, was eurem Leibe dienlich ist!
GEJ|10|109|12|0|Mit dem aber will Ich gar nicht gesagt haben, als dürftet ihr in euren Leibesnöten nicht zu Mir um Hilfe flehen. Ja, Ich sage es euch noch hinzu, daß ihr, so ihr euren Nächsten aus Liebe zu Mir und in Meinem Namen leibliche Wohltaten erweisen werdet, dafür mit geistigen Gütern zum Wohle für eure Seelen reichlichst werdet belohnt werden, und daß euch, so ihr durch die Werke der Liebe im lebendigen Glauben an Mich verbleiben werdet, von Mir die Kraft erteilt wird, die Kranken durch die Auflegung eurer Hände zu heilen und die von argen Geistern Besessenen, deren es besonders in dieser Zeit viele gibt, von solcher Quälerei zu befreien.
GEJ|10|109|13|0|Doch solches werdet ihr nur im vollsten und lebendigst festen Glauben an Mich zu bewirken imstande sein. Kurz, mit Mir werdet ihr alles vermögen, ohne Mich aber nichts! Darum bleibet gleichfort durch die Liebe und durch den Glauben in Mir, und Ich werde also bleiben mit Meiner Liebe, Wahrheit, Macht und Kraft in euch!“
GEJ|10|110|1|1|110. — Die Frage des Hauptmanns nach der Hölle
GEJ|10|110|1|0|Nach dieser längeren Rede dankten Mir alle, daß Ich sie mit so vieler Geduld über so großwichtige Dinge belehrt habe, und versprachen es Mir auf das festeste, solche Lehre alsogleich ins Leben treten zu lassen, und sollte es dabei auch so manchen Kampf kosten.
GEJ|10|110|2|0|„Denn jede gute und große Sache fürs Leben der Menschen“, sagten sie, „kann nicht ohne Mühe und manchen Kampf erreicht werden; hier aber handelt es sich um die Erreichung des höchsten Lebensgutes der Menschen, und so heißt es da auch: um so weniger Mühen, Arbeiten und Kämpfe scheuen.
GEJ|10|110|3|0|Wir Römer aber sind keine kampfscheuen Menschen und haben keine Furcht vor einem Feinde, und so werden wir auch in kurzer Zeit so manchen Sieg zuerst über unsere eigenen Schwächen, die unsere nächsten und oft die hartnäckigsten Feinde sind, und sodann auch und leicht über die andern Feinde außer uns erringen, so Du, o Herr, uns mit Deiner Gnade auch dann nicht verlassen wirst, so wir als noch diesirdische Menschen irgendwann leicht noch in einem oder dem andern Lebenspunkte fehlen und fallen würden.
GEJ|10|110|4|0|Lasse Du aber nur nicht zu große Versuchungen über uns kommen, darum wir Dich hier bitten in der freudigsten Hoffnung, daß Du solche Bitte nicht unerhört lassen wirst!“
GEJ|10|110|5|0|Sagte Ich: „Sehet, diese Erde und der ganze sichtbare Himmel mit allem, was er faßt, werden vergehen, aber Meine Worte und Meine Verheißungen werden ewig nicht vergehen! Ich werde eure gerechten Bitten auch niemals unerhört lassen; doch in dieser Zeit braucht das Reich Gottes Gewalt, und nur die werden es besitzen in der Fülle, die es mit Gewalt an sich reißen werden. Daher wird dessen volle Erreichung auch sicher noch gar manchen inneren und äußeren Kampf kosten.
GEJ|10|110|6|0|Doch fürchtet euch nicht vor jenen Feinden, die wohl den Leib des Menschen töten, aber der Seele keinen Schaden zufügen können; so ihr aber jemanden fürchtet, da fürchtet Gott, der die arge Seele in die Hölle verstoßen kann!“
GEJ|10|110|7|0|Hier trat der Hauptmann vor und sagte: „O Herr und Meister, da Du nun von der Hölle, von der die Juden glauben, daß darin die bösen Seelen von den ärgsten Teufeln ewig gemartert werden, und auch die Heiden solch einen Schreckensort unter dem Namen Orkus, auch Tartarus, bekennen, – Erwähnung machtest, so sage es uns nun auch für unser Verständnis mit genügender Helle, was es denn mit der Hölle für eine Bewandtnis hat, wo sie ist, und wer nach dem Leibestode in diesen Schreckensort kommt!
GEJ|10|110|8|0|Denn so wir nun in höchst klarer Weise aus Deinem Munde vernommen haben, was für Seligkeiten jene Menschen zu gewärtigen haben, die nach Deiner Lehre leben und handeln werden, so meine ich, daß es nicht minder nötig sein dürfte, auch mit dem Schreckenslos derjenigen etwas näher bekannt zu werden; die auf dieser Welt entschieden und unverbesserlich Deine Widersacher und Feinde sind, auf daß wir ihnen auch sagen und zeigen können, wie, wo und was sie dafür jenseits zu erwarten haben, um sie dadurch möglicherweise leichter von ihrer bösen Verkehrtheit abzuwenden und für Dein Reich zu gewinnen.“
GEJ|10|110|9|0|Sagte Ich: „Mein Freund, du hast wohl recht, Mich also zu fragen; aber es ist jetzt noch schwer, davon etwas dir ganz Verständliches zu sagen, weil dein innerster Liebelebensgeist noch nicht völlig in deine Seele übergegangen ist. Doch so viel, als es dir und auch den übrigen verständlich sein kann, will Ich dir schon sagen, und so höre denn, und merke es wohl!
GEJ|10|110|10|0|Siehe, wie der Himmel allenthalben ist, wo es gute und Mir liebe und wohlgefällige Menschen gibt, so ist auch die Hölle überall, wo es Gottesverächter, Feinde alles Guten und Wahren, Lügner, Betrüger, arge Diebe, Räuber, Mörder, Geizige, weltehrsüchtige Herrschgier und arge, lieblose Hurer und Ehebrecher gibt.
GEJ|10|110|11|0|Willst du wissen, wie es in einer solchen Hölle aussieht, so betrachte nur das Gemüt, die arge Liebe und den bösesten Willen eines solchen Menschen, in dem die Hölle waltet, und du wirst daraus leicht innewerden, wie es in der Hölle, die eben ein Werk von derlei Menschen ist, aussieht!
GEJ|10|110|12|0|In der Hölle will ein jeder der Erste, der höchste und unumschränkteste Herrscher und Gebieter sein, die höchste Gewalt und Macht haben, alles besitzen, und alle sollen ihm gehorchen und für ihn arbeiten um den schlechtesten Lohn.
GEJ|10|110|13|0|Von einer solch einen bösesten Unsinn und solch eine ärgste Blind- und Torheit erleuchtenden Wahrheit kann da selbstverständlich noch weniger eine Rede sein denn auf dieser Welt, wo irgendein herrschsüchtigster Tyrann sich auch nimmerdar durch eine allerlichteste Wahrheit über sein Unrecht, das er auf die grausamste Weise den Menschen zugefügt hatte, also wird bekehren lassen, daß er seinen goldnen Thron verließe und dann hinginge und eine rechte Buße übte, sein Unrecht einsähe und sein an so vielen Menschen verübtes Unrecht nach Möglichkeit wieder gutzumachen trachtete.
GEJ|10|110|14|0|Versuche du, einen solchen Wüterich zu bekehren, und du wirst dich nur zu bald überzeugen, wie er dir begegnen wird!“
GEJ|10|111|1|1|111. — Der Zweck der Zerstörung der äußeren Formen
GEJ|10|111|1|0|(Der Herr:) „Wo man aber selbst mit dem hellsten Lichte der Wahrheit nichts auszurichten vermag, mit was anderem sollte man derlei Menschen bekehren können, ohne daß man ihren freien Willen mit der Allmacht gefangennähme, was aber nicht anders geschehen kann, als daß man solch einem Menschen seine ganz verkehrte böse Eigenliebe völlig wegnähme. Einem Menschen solche seine Liebe hinwegnehmen aber hieße soviel, als den ganzen Menschen vollends töten und vernichten, was aber nach der ewigen und unwandelbaren Ordnung darum nicht angehen kann, weil alles, vom Kleinsten bis zum Größten – ob nach eurem Menschenverstande gut oder böse – sowenig vernichtbar ist wie Gott als die urewige Kraft und Macht und Seine Liebe und Weisheit Selbst, aus der alles sein Dasein hat.
GEJ|10|111|2|0|Übergänge vom Unvollkommenen zum Vollkommenen sind gar wohl möglich, weil Gott dadurch Seinen großen Gedanken und Ideen – um nach Menschenweise zu reden – eine freie Selbständigkeit verschaffen will; aber die Übergänge sind keine Vernichtungen, sondern nur erscheinliche Zerstörungen im Gebiete des äußersten Naturmäßigen. Nur die materiellen Formen, in denen das geistige Lebenskraftwesen eine Zeitlang von der allgemeinsten göttlichen Geistwesenheit als gewisserart abgetrennt und abgeschieden rastend verborgen ist, sind zerstörbar, aber ihr inneres Wesen nimmerdar.
GEJ|10|111|3|0|Und diese äußeren Formen müssen darum der Erscheinlichkeit nach zerstörbar sein, weil ohne sie eine geistige Vervollkommnung in Hinsicht auf die freie, individuelle Selbständigwerdung eines Wesens völlig unmöglich wäre. Denn was anderes wohl ist für euch als nun auch noch in einer letzten materiellen Form steckende Menschen die sicht- und wahrnehmbare Kreatur, als Meine durch Meinen Willen für eine gewisse Zeit dauernd festgehaltenen Gedanken und Ideen, die Ich, so es nötig ist, ändern kann, wie und wann Ich es nach Meiner Liebe und Weisheit will?
GEJ|10|111|4|0|Ich tue das aber ja nicht etwa aus einer Art Laune, um Mir dadurch ein gewisses Herrschervergnügen nach menschlicher Weise zu verschaffen, sondern Ich tue das aus ewiger Notwendigkeit nach Meiner ewig weisesten Liebeordnung, um Meinen Gedanken und Ideen eine vollste und freieste und individuell wesenhafte Selbständigkeit zu verschaffen. Wäre das auf einem andern Wege – den es nicht gibt, noch geben kann, was ihr nun freilich noch nicht völlig einsehen und begreifen könnt – möglich, so würde Ich ihn dem, den ihr als langweilig und gewisserart mühsam betrachtet, sicher vorgezogen haben; aber es ist und bleibt der euch bekannte Weg nur der allein mögliche und somit auch der allein wahrste und beste, weil durch ihn allein nur Meine Absichten vollkommen erreicht werden können.
GEJ|10|111|5|0|Wenn nun die Menschen auf dieser Erde sich solche Meine Ordnung nicht wollen gefallen lassen und nach ihrem Verstand und freien Willen sich eine andere und vermeintlich bessere und vernünftigere Ordnung schaffen wollen – was gar überhäufig hier- und jenseits der Fall ist –, so müssen sie es sich selbst zuschreiben, wenn sie dadurch in einen, statt bessern, nur immer schlimmeren Lebens- und Seinszustand gelangen und sich am Ende so weit verrennen und verarbeiten, daß ihnen nur auf – leider – keine andere Weise mehr beizukommen ist als durch die Empfindung aller erdenklichen Qualzustände, die sie sich selbst bereitet haben; und derartige Empfindungen dauern dann so lange fort, bis eine Seele in sich zu gehen anfängt und stets mehr und mehr einsieht, daß sie durch das Sichsträuben gegen Meine Ordnung sich ihren Zustand ewig nie verbessern, sondern nur verschlimmern muß.
GEJ|10|111|6|0|Siehe, du Mein Freund Pellagius, ein solch freiwillig fortgesetztes Streben wider Meine Ordnung ist denn auch die eigentliche Hölle mit all ihrem Finstern, Bösen, Argen und sicher unbeschreibbar Qualvollen!“
GEJ|10|112|1|1|112. — Der Zweck der Krankheiten
GEJ|10|112|1|0|(Der Herr:) „Betrachte du abermals einen Menschen auf dieser Welt, der eine ganz kernfeste Leibesgesundheit besitzt! Weil der Mensch aber eben gar so gesund ist, so mißbraucht er diese durch allerlei seine Sinne ergötzende unmäßige Genüsse und unnötige Kraftanstrengungen.
GEJ|10|112|2|0|Es kommen wohl recht erfahrene Menschen zu ihm und sagen: ,Freund, Freund, mißbrauche nicht so sehr deine Gesundheit, – denn die ist durch eine solche unnatürliche und unvernünftige Lebensweise bald und leicht dahin; und ist sie einmal dahin, so bringt sie dir kein Arzt und keine Arznei völlig wieder, und du bleibst dann ein siecher und sehr leidender Mensch dein Leben lang!‘ – Der gesunde Mensch aber kehrt sich nicht danach, sondern tut nach wie zuvor.
GEJ|10|112|3|0|Nach etlichen Jahren aber verfällt er in eine recht arge Leibeskrankheit und wird anfangs ganz toll über diese ihm über alles lästige Krankheit. Er läßt Ärzte kommen, und diesen gelingt es, ihn wieder zu heilen, wenn auch nicht vollkommen, so doch ganz erträglich. Die Ärzte sagen ihm aber nach der Heilung ganz ernstlich: ,Freund, sei nun vernünftig, und verfalle nicht in deine alte Lebensweise, ansonst verfällst du abermals in eine noch um vieles ärgere Krankheit, denn diese jetzt war, aus der wir dich mit genauester Not gerettet haben, und es wird dir dann schwerer zu helfen sein denn diesmal!‘
GEJ|10|112|4|0|Der Geheilte beachtet diesen Rat wohl eine Zeitlang; aber dann wandelt ihn wieder von neuem die Begierde an. Er fängt wieder an, unordentlich zu leben; und ob er auch schon ganz bedeutende Mahnungen zum abermaligen starken Krankwerden verspürt, so kehrt er sich dennoch nicht daran und sündigt fort gegen seine schon ohnehin sehr geschwächte Natur.
GEJ|10|112|5|0|Er verfällt denn auch notwendig in eine noch ärgere Krankheit und bekommt unsägliche Schmerzen. Die Ärzte kommen abermals und versuchen ihn zu heilen. Aber diesmal will es ihnen nicht so bald gelingen, und sie ermahnen ihn zur Geduld; denn da er ihren Rat nicht befolgt hatte, so muß er es sich nun selbst zuschreiben, daß er durch seinen alten Leichtsinn in ein viel ärgeres und länger währendes Übel verfallen ist.
GEJ|10|112|6|0|Dieser Mensch muß nun über ein Jahr hindurch leiden und wird ganz schwach und voll Zagens; aber nach einem Jahre wird es wiederum etwas besser mit ihm, und er schwört nun bei allem, was ihm heilig ist, den Rat der Ärzte und auch anderer kluger und erfahrener Menschen niemals mehr in den Wind zu schlagen.
GEJ|10|112|7|0|Ja, diese zweite, sehr bittere Erfahrung hat den Menschen schon um ein bedeutendes klüger und behutsamer gemacht, und er kommt wieder zu Kräften. Wie er aber wieder sich ganz wohl fühlt, so denkt er bei sich: ,Ei, wenn ich ein einziges Mal nur mir eine alte Freude gönne, so wird mir das doch sicher nichts machen!‘ Er tut das wohl nur einmal und kommt dabei wohl noch mit heiler Haut davon. Aber weil er diesmal mit heiler Haut davongekommen ist, so denkt er sich abermals: ,Nun, weil mir das nichts gemacht hat, so wird es mir ein zweites und drittes Mal auch sicher nichts machen!‘ Und er sündigt ein zweites, drittes und auch viertes Mal.
GEJ|10|112|8|0|Und siehe, die alte Krankheit wirft ihn abermals auf etliche Jahre derart ins Bett, daß ihm kein Arzt mehr so wie das erste und zweite Mal zu helfen vermag.
GEJ|10|112|9|0|Nach vier langen Jahren bittersten Leidens wird es ihm mehr durch die Angewöhnung ans Leiden denn durch die Arzneien leichter, und er sieht es erst jetzt ein, daß all sein großes Leiden eine Gnade Gottes war, durch die er von all seinem Leichtsinn ist insoweit geheilt worden, daß er dadurch doch seine Seele reiner und Gott wohlgefälliger hat zeihen (heranbilden) können; denn durch die Leiden des Leibes wird die Seele des Menschen demütiger, geduldiger und ernster und gewinnt an der Kraft, um der Sinne des Fleisches Meister zu werden.“
GEJ|10|113|1|1|113. — Über die Schwierigkeiten der Umkehr verirrter Seelen im Jenseits
GEJ|10|113|1|0|(Der Herr:) „Und siehe, wie dieses dir nun gezeigten Menschen Seele durch große Leiden und Schmerzen, die er durch sein unordentliches Leben sich selbst bereitet hatte, nüchtern, geduldig, bescheiden, reiner und zum Wirken für ihr inneres Leben kräftiger, ernster und tiefer in sich eingehender geworden ist, also werden auch die Seelen im großen Jenseits durch allerlei Leiden, Widerwärtigkeiten und auch Schmerzen, die sie sich aber nur selbst bereiten, mit der Weile geläutert, und zwar dadurch, daß sie selbst einen rechten Widerwillen gegen ihr unordentliches Handeln und Treiben bekommen, es in sich stets tiefer und tiefer zu verabscheuen beginnen, also ihre Liebe, ihren Willen und also denn auch ihr Denken und Trachten völlig ändern, in sich als in ihren wahren Lebensgeist eingehen und so nach und nach wie von Stufe zu Stufe in ein helleres und glücklicheres Sein übergehen.
GEJ|10|113|2|0|Doch im großen Jenseits geht das schwerer und mühsamer als auf dieser Welt, und es wird bei gar vielen zu tief wider Meine Ordnung gesunkenen Seelen wohl einer für dich undenkbar langen Zeitenfolge benötigen, bis sie in sich den Weg in Meine ewige und unwandelbare Ordnung werden gefunden haben.
GEJ|10|113|3|0|Auf dieser Erde hat ein jeder Mensch einen festen Boden, hat vor sich eine Menge guter und schlechter Wege und hat um sich allerlei Ratgeber, Führer und Lehrer; er kann sich da bei nur einigem Prüfen leicht für alles Gute entscheiden und so denn auch seine Liebe und seinen Willen ändern und also denn in allem seinem Handeln nach Meiner ihm stets klarer werdenden Ordnung vollkommener und vollkommener werden; aber im andern Leben hat des Menschen Seele nichts als nur sich selbst und ist die Schöpferin ihrer Welt, ähnlich wie in einem Traume.
GEJ|10|113|4|0|In solch einer Welt kann es denn auch keine andern Wege geben, als die sich eine Seele aus ihrer Liebe, aus ihrem Willen und aus ihrer Phantasie gebahnt hat.
GEJ|10|113|5|0|Ist ihre Liebe und ihr Wille nach Meiner Ordnung gut und gerecht, wenn auch nur zum größeren Teil, dann wird solch eine Seele auch bald nach einigen bitteren Erfahrungen, die sie auf einem oder dem andern unordentlichen Wege wird gemacht haben, freilich eher und leichter sich für die ordentlichen Wege entscheiden, auf ihnen vorwärtsschreiten und also denn auch von ihrem Phantasie- und Traumsein in ein wahres und reelles Sein übergehen, in welchem ihr alles im stets helleren Lichte verständlich und begreiflich wird, was ihr früher niemals in den Sinn hatte kommen können.
GEJ|10|113|6|0|Und solch eine schon aus ihrem eigenen Besseren lauterer gewordene Seele kommt dann freilich bald und leicht vorwärts. Aber dagegen eine Seele, auf deren aus ihrer unordentlichen Liebe und aus ihrem ebenso unordentlichen Eigenwillen entsprungenen Traum- und Argphantasiewelt es oft kaum einen halben Ordnungsweg gibt und geben kann, wird es dann sicher höchst schwer haben, sich in sich zu entschließen, auf dem kaum merkbaren halbordentlichen Wege nach langen Zeiten auf nur einen ganz ordentlichen Weg, der zum wahren Lichte des Lebens führt, sich zu begeben und auf demselben, mit noch gar manchen Hindernissen kämpfend, in Meine volle Ordnung emporzukommen.
GEJ|10|113|7|0|Wie wird es dann erst einer Seele in der andern Welt ergehen, die auch nicht einen halben oder viertel Weg aus Meiner Ordnung hat und so denn auch keinen wird finden können? Siehe, das ist dann schon die eigentliche Hölle!
GEJ|10|113|8|0|Eine solche Seele wird alle ihre oft zahllos vielen bösen Wege auf ihrer finsteren Traum- und Phantasiewelt betreten und zur Herrschaft auch über Mich sich emporschwingen wollen.
GEJ|10|113|9|0|Da sie dadurch aber nicht nur nichts erreichen, sondern nur immer mehr und mehr verlieren wird, so wird sie denn auch stets zorniger, grimmiger und in immer größerer Wut rachgieriger, aber dabei auch stets finsterer und ohnmächtiger.
GEJ|10|113|10|0|Nun denke dir die zahllos vielen unordentlichsten Argwege in der tollen Phantasiewelt einer solchen Seele! Wann wird sie diese alle durchgemacht haben, bis sie in sich dahin gelangen wird, daß sie nur so halbwegs wird zu ahnen anfangen, daß all ihr Trachten, Streben und Mühen eine eitle Torheit war, und dann in ihr ein gewisses Sehnen dahin wach und rege wird, in der Folge lieber zu gehorchen, als über alles selbst zu herrschen?!“
GEJ|10|114|1|1|114. — Der vergebliche Erziehungsversuch an einem Tyrannen
GEJ|10|114|1|0|(Der Herr:) „Gehe hin zu dem dir ehedem gezeigten herrschsüchtigsten Tyrannen, in dessen Sinnen, Trachten und Streben nichts anderes liegt, als die ganze Welt zu erobern, alle andern Regenten zu seinen niedrigsten Sklaven zu machen und sich von allen Völkern der Erde als ein über alles gebietender Gott ehren und anbeten zu lassen, sammle dir ein mächtiges Kriegsheer, überfalle seine Länder, nimm ihm alle seine Städte und Burgen weg, nimm ihn endlich selbst gefangen, und sage dann zu ihm: ,Siehe, du stolzester und höchst übermütiger Tor von einem Könige, der du die ganze Welt erobern wolltest und zu Sklaven machen all die andern Herrscher der Völker, – nun bist du in meiner Gewalt und mußt dich fügen nach meinem Willen! Ich will aber nicht hart sein gegen dich, sondern ich will dir Gnade für Recht angedeihen lassen, so du dich in deinem Gemüte selbst demütigst und ein solcher Mensch wirst, der allen seinen Nebenmenschen wohl will und das an ihnen so unerhört oft begangene Unrecht gutmachen will. Ich werde dich zwar in mein Gewahrsam nehmen und dich beobachten nach allen Richtungen deines Sinnens und Trachtens. Werde ich dich als völlig geändert finden, so wird es in Meiner Macht und gutem Willen stehen, dich wieder in dein Reich zu führen und dich auf den wahren Regententhron zu setzen zum Wohle, aber nimmer zum Wehe der Völker, die unter deiner Tyrannei geschmachtet haben!‘
GEJ|10|114|2|0|Und siehe, du Mein Freund Pellagius, nun weiter! Dein Gefangener wird dir darauf verheißen, alles zu tun, was du ihm nur immer vorschreiben wirst, weil du ihm dafür sein Reich und seinen Thron wieder zurückzugeben versprachst. Aber meinst du, daß er sich in seinem Gemüte deshalb völlig ändern wird? Zum Scheine ja, aber in der Wahrheit sicher nicht; denn setze du ihn wieder auf den Thron, und all sein Trachten wird im geheimen dahin gerichtet sein, sich an dir zu rächen. Denn einen hochmütigsten und stolzesten König also zu demütigen, daß er vom höchsten Thronglanze tief unter den Bettelstab kommt, heißt aus ihm erst einen ganz vollendeten Teufel machen, dem dann im Reiche der ewigen Finsternis nahe nimmer zu helfen ist.
GEJ|10|114|3|0|Ein solcher Mensch, ob er nun ein König oder ein Sklave und ganz vom höchsten Zorn und von der unversöhnlichsten Rachgier erfüllt ist, ist nicht zu bekehren und zu bessern. Am besten ist es, derlei Menschen entweder mit aller Geduld zu ertragen und bei Gelegenheit sie zu ermahnen, gleichwie Ich Selbst das getan habe durch den Mund Meiner vielen Propheten.
GEJ|10|114|4|0|Kehren sie sich – wie gewöhnlich – nicht daran, so lasse man einige sehr empfindliche Züchtigungen über sie kommen, bei denen ihnen zum wenigsten halb einleuchtend wird, daß sie daran selbst die Schuld tragen; ändern sie sich aber dennoch nicht, dann fege man sie völlig von der Erde hinweg, was aber freilich nur allzeit Mir zukommt, weil nur Ich es allzeit am klarsten einsehe, wann eines solchen Menschen Greuelmaß voll ist.
GEJ|10|114|5|0|So du über dies von Mir über das Wesen der Hölle Gesagte und Gezeigte recht in dir nachdenkst, so wird es dir schon klar werden, was die eigentliche Hölle ist, wie beschaffen und wo sie ist.
GEJ|10|114|6|0|Wie der gute und nach dem Willen Gottes tugendhafte und fromme Mensch den Himmel als das Reich Gottes in sich trägt unverwüstbar, also trägt auch der entschiedene Gegner der Ordnung Gottes die Hölle unverwüstbar in sich; denn sie ist ja seine Liebe und sein unbeugsamer Wille und somit auch sein Leben. – Hast du das nun wohl verstanden?“
GEJ|10|115|1|1|115. — Eine Verheißung des Herrn über die Letzte Zeit
GEJ|10|115|1|0|Sagte nun Pellagius: „Ja, o Herr und Meister, wir alle danken dir für dieses Licht, das freilich nicht geeignet ist, ein besseres Menschenherz heiter zu stimmen. Aber es ist dennoch auch gut also, daß sich der Böse selbst richtet, verdammt und vom Guten vollends für immerdar absondert.
GEJ|10|115|2|0|Doch so man hier zu solchen Menschen sichtbar gar mächtige Engelsgeister aus den Himmeln sendete, die ihnen ihr Unrecht so recht klar zeigten und ihre Sendung auch durch große Zeichen bestätigten, da sollte es sich ja doch um alles in der Welt handeln, daß sie nicht in sich gingen und sich bekehrten!“
GEJ|10|115|3|0|Sagte Ich: „Ja, du Mein Freund, es macht deinem Herzen eine große Ehre, daß du also denkst; doch der Wunsch, den du nun ausgesprochen hast, ist von Mir auf dieser Welt, wie zuweilen in der andern, schon gar oft ins Werk gesetzt worden und war für die noch immer Rettbaren auch stets von der besten und oft sehr nachhaltigen Wirkung, doch für die schon ganz verstockt Argen von gar keiner.
GEJ|10|115|4|0|Siehe die Geschichte von Sodom und Gomorra! Da kamen wahrlich Engel aus den Himmeln zu Lot, – und was richteten sie aus? Lies, und du wirst es finden! Lies, was zu Noahs Zeiten geschah! Wer, außer Noah mit den Seinen, kehrte sich daran? Was tat Moses vor dem Tyrannen Pharao, – und dieser ward nur immer erboster und böser und ließ nicht nach, Moses und die Israeliten auf das ärgste so lange zu verfolgen, bis das Meer ihn samt seinem Heere verschlang! Sieh an die Geschichte von Jericho! Da geschahen unter Josua große Zeichen, und außer einer Hure kehrte sich niemand daran! Lies dann die Geschichte aller großen und kleinen Propheten und du wirst es finden, wie wenig sie bei den eigentlichen verstockten Sündern wider die Ordnung Gottes bewirkt haben!
GEJ|10|115|5|0|Lassen wir aber alles das, was auf dieser Erde die Zeit verschlungen hat, sondern betrachten wir die große und nie dagewesene Jetztzeit!
GEJ|10|115|6|0|Siehe an Meine Jünger! Wer sind sie? Arme Fischer zumeist! Es sind von Jerusalem wohl auch einige hier, die Mir nun schon eine geraume Zeit nachfolgen. Wo aber sind die eigentlichen Großgebieter dieser Stadt, die doch auch Meine Worte vernommen haben, und wo Ich als der Herr Selbst im Geleite eines der größten Engel aus den Himmeln vor ihren Augen die größten Zeichen gewirkt habe und der Engel selbst an Meiner Seite?
GEJ|10|115|7|0|Was aber hatte das alles gewirkt? Siehe, daß sie Mich nun über Hals und Kopf mit der größten Hast verfolgen und Mich zu töten suchen!
GEJ|10|115|8|0|Ich werde am Ende auch noch das – wie Ich dir das schon angezeigt habe – an Mir, das heißt an diesem Meinem Leibe geschehen lassen und werde am dritten Tage wieder auferstehen und zu allen Meinen Freunden kommen und sie trösten und stärken, – und die Verstockten werden sich dennoch nicht daran kehren, sondern mit gleicher Hast verfolgen auch Meine Freunde, und das so lange, bis das Maß ihrer Greuel voll wird und Ich sie von der Erde hinwegfegen werde.
GEJ|10|115|9|0|Ich werde aber fürderhin bis ans Ende der Welt Meine Boten senden aus den Himmeln, auf daß von den argen Kindern dieser Welt Mein Wort nicht vertilgt und zu sehr verunglimpft werde; aber auch diese werden um Meines Namens willen verfolgt werden, mehr oder weniger, bis zur Zeit, da Ich wiederkommen werde wie ein Blitz, der vom Aufgange bis zum Untergange alles hellst erleuchten wird, was auf Erden ist und gut oder böse wirkt.
GEJ|10|115|10|0|In jener Zeit werde Ich eine größte Sichtung über den ganzen Erdboden ergehen lassen, und nur die Guten und Reinen werden erhalten werden.
GEJ|10|115|11|0|Aus dem kannst du nun wohl entnehmen, daß Ich deinem ausgesprochenen Wunsche seit dem Urbeginn der Menschen stets getreuest nachgekommen bin, jetzt sicher außerordentlich nachkomme, und also auch bis ans Ende der Zeiten dieser Welt nachkommen werde; aber der Wille des Menschen wird dennoch stets frei bleiben, und ein jeder Mensch wird in jeder Zeit die Fleischlebensprobe durchzumachen haben und wird sich in all den Begierden und Gelüsten des Fleisches möglichst selbst verleugnen und in allem demütig und geduldig sein müssen, um so Mein Reich in sich wahrhaft zu pflegen und zu vollenden. Denn ein jeder, der zu Mir wird kommen wollen, der wird auch so vollkommen sein müssen, wie da Ich Selbst vollkommen bin; damit er aber das auch werden kann, darum bin Ich Selbst leibhaftig in diese Welt zu euch gekommen und zeige euch allen den Weg dazu.
GEJ|10|115|12|0|Lasset euch denn nicht betören und verblenden von der Welt, ihrer Materie und von den Gelüsten eures Fleisches, auf daß in euch nicht wach werde das Gericht der Welt, ihrer Materie und eures Fleisches und dadurch denn auch die eigentliche Hölle, die der wahre, zweite Tod der Seele ist.“
GEJ|10|116|1|1|116. — Die geistige Umgebung des Herrn
GEJ|10|116|1|0|Diese Meine Worte machten einen tiefen Eindruck in die Seele der anwesenden Römer, und alle sagten bei sich: „Ja, ja, Er hat in allen Dingen recht, und wir Menschen sind Sein vollster Ernst und kein Scherz und Spielzeug Seiner göttlichen Macht!“
GEJ|10|116|2|0|Darauf sagte der Hauptmann wieder zu Mir: „Herr und Meister über alles! Du hast im Verlaufe Deiner göttlich inhaltschweren Rede auch davon gesprochen, daß mit Dir auch eine längere Zeit hindurch einer der vollkommensten Engel der Himmel für alle Menschen sichtbar umhergewandelt sei und habe von Dir treust und wahrst bezeugt, daß in Dir eben Der in diese Welt zu den Menschen gekommen ist, der durch den Mund der Propheten schon seit gar langem verheißen war, wie auch wir Heiden davon seit lange her Kunde hatten. Wäre es denn nun nicht mehr tunlich, daß Du, o Herr und Meister, auch uns einen Engel aus Deinen Himmeln hierher beriefest, er uns erscheine und wir ihn sähen?“
GEJ|10|116|3|0|Sagte Ich: „O allerdings, – obwohl die Erscheinung eines Engels euren Glauben an Mich nicht noch fester machen wird, als er ohnehin schon ist!
GEJ|10|116|4|0|Ich brauche solch einen Engel aber nicht aus irgendeinem fernen Himmel nach deinem Denken hierher zu berufen; denn wo Ich bin, da ist auch schon der allerhöchste Himmel mit den zahllosen Engelscharen, die Mich umgeben immerdar.
GEJ|10|116|5|0|Ich will denn eure Augen einige Augenblicke lang auftun, und ihr sollet sehen Meine Umgebung! Und so denn geschehe Mein Wille!“
GEJ|10|116|6|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da ersahen alle, wie in weiten Kreisen, wie auf lichten Wolken stehend, sitzend und kniend, unzählig viele Engel sich befanden, die alle ihre Blicke nach Mir richteten und Mich lobten und priesen.
GEJ|10|116|7|0|Diese Erscheinung betäubte die Römer, und sie baten Mich, daß Ich vor ihren noch zu unwürdigen Augen die Himmel wieder verschließen möchte. Und Ich verschloß denn auch sogleich ihre innere Sehe, und sie sahen denn auch keine Engel auf den lichten Wolken mehr; aber den Raphael ersahen sie an Meiner Seite in der schon bekannten Jünglingsgestalt, wie mit Fleisch und Blut angetan.
GEJ|10|116|8|0|Und der Hauptmann fragte Mich voll Staunens über die große Anmut dieses Jünglings, wer er wäre, und woher er nun so plötzlich gekommen sei.
GEJ|10|116|9|0|Sagte Ich: „Das ist ebenderselbe Engel, der nach Meinem Willen längere Zeit, so es zur höheren Weckung des Glaubens nötig war, stets um Mich also sichtbar, wie nun, war und die Menschen belehrte und auch große Zeichen wirkte. So ihr wollt, da könnet ihr selbst mit ihm wie mit Mir reden.“
GEJ|10|116|10|0|Da trat der Hauptmann zu Raphael hin und fragte ihn, ob er wohl immer um Mich sei, um Mir zu dienen.
GEJ|10|116|11|0|Sagte Raphael: „Der Herr bedarf unseres Dienens nicht; aber dennoch dienen wir Ihm in aller Liebe darin, daß wir euch Menschen dienen nach Seinem Willen und euch beschützen vor zu argen Nachstellungen der Hölle.
GEJ|10|116|12|0|Je mehr wir im Namen des Herrn zu tun bekommen, sowohl auf dieser Erde als auch noch auf zahllos vielen andern Erden im endlosesten Schöpfungsraume, desto glücklicher und seliger sind wir. Tuet auch ihr desgleichen, und ihr werdet das werden und vermögen, was ich bin und vermag!“
GEJ|10|116|13|0|Darauf sagte der Hauptmann: „Was du bist, das weiß ich bereits; doch was du vermagst, das weiß ich noch nicht.“
GEJ|10|116|14|0|Sagte der Engel: „Was der Herr Selbst vermag, das vermag auch ich. Aus mir selbst vermag ich wohl auch ebensowenig wie du; aber aus dem Willen des Herrn, der mein ganzes Wesen erfüllt und ausmacht, vermag auch ich alles. Mache auch du des Herrn Willen völlig zu dem deinen, so wirst auch du das vermögen, was ich vermag!“
GEJ|10|116|15|0|Hierauf verschwand Raphael plötzlich, und der Hauptmann beherzigte tief seine wenigen Worte.
GEJ|10|116|16|0|Darauf aber kam ein Bote von der Herberge und lud uns zum Mittagsmahle, und wir begaben uns denn auch sogleich in dieselbe, in der das bereitete Mahl unser harrte.
GEJ|10|117|1|1|117. — Die Bürger von Aphek bewundern die jetzt fruchtbare Gegend
GEJ|10|117|1|0|Als wir in der Herberge das ganz wohlbereitete Mittagsmahl zu uns genommen hatten, an dem auch die in der Herberge zurückgebliebenen andern Heidenpriester teilnahmen, da kamen denn auch mehrere andere erste Bürger dieser Stadt in die Herberge, die von Mir noch nichts wußten.
GEJ|10|117|2|0|Und einer von ihnen sagte voll Staunens zum Wirte (ein Bürger): „Weißt du noch nicht, daß die ganze weite Gegend um unsere Stadt grünend und blühend geworden ist? Sollte das eine Wirkung des Erdbebens sein, oder haben sich die Götter über diese Gegend erbarmt infolge der Bitten unserer Priester und unserer ihnen willig dargebrachten Opfer? Das ist im Ernste kein Scherz, sondern ein vollkommenster Ernst!“
GEJ|10|117|3|0|Sagte der Wirt: „Da bringt ihr uns keine neue Kunde; denn auch wir wissen sehr darum und sind darob über alle Maßen froh! Wir wissen aber noch um ein mehreres, denn ihr da wisset. Gehet hinaus auf meinen Hügel, der gegen Abend außerhalb der Mauer unserer Stadt liegt, und ihr werdet dort eine neue, überreichliche Wasserquelle finden, aus der unsere ganze große Stadt mehr als genügend wird mit dem besten Wasser versehen werden können! Wir werden denn auch so bald, als es tunlich sein wird, alles aufbieten und das Wasser in die Stadt leiten und damit unsere bereits schon völlig trocken gewordenen Zisternen füllen und werden an keiner Wassernot zu leiden haben und werden auch nicht mehr Not haben, unsere Herden in den tiefen Schluchten und Tälern ihr mageres Futter suchen zu lassen. Gehet nun nur hinaus und überzeuget euch selbst!“
GEJ|10|117|4|0|Als die Bürger das von unserem Wirte vernommen hatten, da verneigten sie sich vor dem Hauptmanne, den sie wohl kannten, und begaben sich alle sogleich an die besagte Stelle.
GEJ|10|117|5|0|Und als sie die reiche Quelle alsbald antrafen, da konnten sie sich nicht genug verwundern, und einer, der noch ziemlich stark auf die heidnischen Götter hielt, sagte: „Höret, da müssen wir uns vor allem mit den Priestern beraten, und zwar dahin, daß in möglich kürzester Zeit auf diesem Hügel dem Gott Neptun ein Tempel erbaut werde aus Dank für seine uns nun erwiesene so große Gnade und Wohltat, und daß zur größeren Ehre dieses Gottes auch ein eigener Neptunpriester von uns unterhalten werde, dem wir in der Nähe dieser Quelle denn auch eine stattliche Wohnung erbauen wollen und werden!“
GEJ|10|117|6|0|Sagte ein anderer: „Wir werden alles tun, was unsere Priester anordnen werden; denn nur sie allein wissen es, was da zu machen sein wird. Wir wissen das nicht; darum werden wir nach unsern Kräften das tun, was sie im Namen der Götter anordnen werden.“
GEJ|10|117|7|0|Mit dem waren alle einverstanden, gingen in die Stadt und zeigten das auch vielen andern Bürgern an. Denn es wußte noch kein Mensch in der ganzen Stadt um dies Wunder, erstens, weil es ohnehin erst kaum einige Stunden lang bestand, und zweitens, weil der Punkt der Stadt wegen seiner schon bekanntgegebenen Sterilität durchaus kein besuchter war.
GEJ|10|117|8|0|Als so denn auch die andern Bürger von dieser Quelle Kunde erhielten, da lief alles, jung und alt, an den Ort des Wunders und betrachtete es beinahe bis gen Abend hin, und wir blieben dadurch von den Zudringlichen verschont und konnten dadurch denn auch unbeirrt leicht und bald nach dem Mittagsmahle Anstalten zur Weiterreise treffen.
GEJ|10|117|9|0|Bevor Ich mit Meinen Jüngern diesen Ort verließ, sagte Ich dem Hauptmanne und auch den Priestern, was die Bürger an der Quelle miteinander geredet hatten, und daß die Priester nun wohl wissen würden, was sie zu tun haben werden, auf daß das Heidentum nicht noch tiefere Wurzeln schlage, als es bei diesen Heiden nun bei dieser Gelegenheit geschlagen hatte.
GEJ|10|117|10|0|Da sagte der Hauptmann: „Das, o Herr und Meister, werden wir mit Deiner sicher steten Mithilfe wohl zu verhüten verstehen! In weltlicher Hinsicht bin ich hier allein der Gebieter und unterstehe allein dem Obersten Kornelius, der gegenwärtig in Kapernaum residiert, und dem Oberstatthalter Cyrenius, der gewöhnlich zu Tyrus und zeitweilig auch in Sidon daheim ist.
GEJ|10|117|11|0|Da diese meine Vorgesetzten Dich, o Herr und Meister, auch gar wohl kennen und für Deine heiligste Lebenssache für uns Menschen im höchsten Grade eingenommen sind und uns daher im Verbreiten Deiner Lehre nicht hinderlich sein werden, so werden wir denn auch bei unserer Arbeit zum höchsten Wohle der Menschen auf sehr wenig Widerstände zu stoßen zu befürchten haben.“
GEJ|10|117|12|0|Sagte Ich: „Ohne diese wird die Arbeit für Mein Reich zwar nicht vor sich gehen; aber so ihr an allerlei kleine und dann und wann auch größere Übelstände stoßen werdet, da verlieret den Mut, das Vertrauen auf Mich und den Glauben an Mich nicht, und ihr werdet nicht vergeblich gearbeitet haben. Denn – wie Ich es euch schon gesagt habe – in dieser Zeit, in der die Macht der Hölle auf dieser Erde unter den Menschen übergroß geworden ist, braucht Mein Reich Gewalt und große Mühe, und nur die werden es zu eigen besitzen, die es mit Gewalt an sich reißen werden.
GEJ|10|117|13|0|Es werden demnach auch über euch noch allerlei Prüfungen und Versuchungen kommen; wenn sie aber kommen werden, dann denket, daß Ich euch das zum voraus verkündet habe.
GEJ|10|117|14|0|Seid dann mutig und kämpfet weise und stets mit aller Liebe gegen das Heranstürmen der Welt in euch und auch außer euch, und ihr werdet mit Meiner steten Hilfe für eure Arbeit des Himmels goldene Früchte im reichlichsten Maße ernten, und eure Freude darob wird eine große und unvergängliche sein.
GEJ|10|117|15|0|Ein jeder tüchtige Arbeiter ist auch seines Lohnes wert, und je schwerer und mühevoller die Arbeit ist, eines desto größeren und ausgezeichneteren Lohnes ist auch der Arbeiter wert, – was ihr wohl einsehet. Doch wer nicht mehr arbeiten will, weil ihm die Mühe zu groß dünkt, der hat auch keinen Lohn zu gewärtigen und soll denn auch nicht essen, sondern Hunger leiden.
GEJ|10|117|16|0|So aber schon der leibliche Hunger schmerzt, um so schmerzhafter wird dann erst der geistige Hunger sein für jeden, der schon einmal vom Brote aus den Himmeln gegessen hat, sich aber dann keine weitere Mühe gab, daß ihm ein großer Vorrat von diesem Brot zuteil werde und seine Seele dann von dem Vorrate lebe für ewig.
GEJ|10|117|17|0|Das wahre Brot und der wahre Trank aus den Himmeln aber bin Ich in der ewigen Wahrheit alles dessen, was Ich euch gelehrt habe.
GEJ|10|117|18|0|Ihr habt zwar von diesem Brot und Wein einen großen Vorrat überkommen; sehet aber nun selbst wohl zu, daß er bei euch keine Verminderung erleide! Um dem kräftig vorzubeugen, seid denn gleichfort tätig in Meinem Namen! Meine Liebe stärke und Meine Weisheit führe euch!“
GEJ|10|117|19|0|Nach dieser Meiner Rede erhoben wir uns alle, und alle dankten Mir unter vielen Tränen für die Belehrungen und für all die andern ihnen erwiesenen Wohltaten.
GEJ|10|118|1|1|118. — Die Abreise des Herrn von Aphek
GEJ|10|118|1|0|Nach diesen vielen Dankesbezeigungen fragte Mich der Hauptmann, ob er Mich noch weiterhin in einen nächsten Ort geleiten dürfe.
GEJ|10|118|2|0|Sagte Ich: „Freund Pellagius, du hast bisher zur Genüge getan, und so auch alle, die mit dir waren; nun wirke du nur wieder in deinem Bezirk und in deinem Amte, und also auch in dem, in welchem Ich dich nun bestellt habe!
GEJ|10|118|3|0|So du nach Pella zurückkommen wirst, wirst du auch viel Arbeit finden. Ich aber werde nun mit Meinen Jüngern allein Meine Reise fortsetzen, und wir werden uns andernorts wohl sicher zurechtfinden; und so verbleibe du noch ein paar Tage hier und unterstütze diese Priester bei ihrer anfänglich schweren Arbeit für Mein Reich, – dann aber begib dich nach Pella!
GEJ|10|118|4|0|So aber da bald Fremde und auch Juden zu euch kommen, da machet nicht zu viel Aufhebens von Meinen Taten, und machet Mich nicht vor der Zeit unnötigerweise ruchbar!“
GEJ|10|118|5|0|Als Ich diese Worte an den Hauptmann ausgesprochen hatte, da gab Ich den Jüngern einen Wink, die Herberge zu verlassen und gen Aufgang fortzuziehen und Mich außerhalb der Stadt zu erwarten.
GEJ|10|118|6|0|Darauf nahmen die Jünger, was sie mit sich hatten, und gingen voraus – bis auf den Johannes, der bei Mir blieb und dann mit Mir auch den andern Jüngern nachzog.
GEJ|10|118|7|0|Ich aber blieb der Veronika wegen noch eine kurze Zeit von etwa einer Viertelstunde zurück und tröstete sie, weil sie bei Meiner Abreise voll Traurigkeit geworden war.
GEJ|10|118|8|0|Als die Veronika bald heiteren Mutes geworden war, da verließ denn auch Ich die Herberge und begab Mich, nur vom Hauptmann und Meinem Jünger Johannes begleitet, den vorangegangenen Jüngern nach.
GEJ|10|118|9|0|An dem Hügel, den wir am Morgen besuchten, erwarteten sie Mich, und als Ich da ankam, nahm der Hauptmann von Mir Abschied und begab sich zu den Seinen in die Stadt; wir aber zogen auch ganz behende vorwärts, und zwar in der Richtung gen Osten in eine andere Stadt, an deren Namen nicht viel gelegen ist.
GEJ|10|118|10|0|Es wird hier mancher fragen, was Meine Lehre bei den Heiden in Aphek mit der Zeit für eine Wirkung gemacht habe, und wie und wie lange es herging, bis diese Heiden völlig zum Glauben an Mich übergingen. Da sei es in möglichster Kürze gesagt, daß schon im Verlaufe von kaum einem Jahre es in dieser ganzen Stadt und auch in deren ziemlich weiter Umgebung keinen daselbst hausenden Heiden mehr gab.
GEJ|10|118|11|0|Anfangs gab es freilich wohl bedeutende Gegenbestrebungen; aber weil das Volk von den Priestern und zeitweilig auch vom Hauptmanne selbst ganz wohl belehrt wurde, so sah es auch bald und leicht die alten Irrtümer ein und fand sich höchst beglückt in der Erkenntnis der reinen Wahrheit, und Ich ermangelte sicher nicht, jedem treuen Bekenner Meiner Lehre durch Wort und Tat Meine Kraft zu erteilen.
GEJ|10|118|12|0|Nach Meiner Auferstehung besuchte Ich auch besonders diese Orte und gab ihnen den vollsten Trost und eine rechte Kraft, in Meinem Namen zu wirken.
GEJ|10|118|13|0|Zur Zeit der großen Bedrängnis in Jerusalem und in ganz Judäa diente auch die Stadt Aphek den flüchtigen Juden, die völlig in Meiner Lehre standen, zu einer Zufluchtsstätte, und alle, die dahin kamen, fanden eine gute Aufnahme.
GEJ|10|118|14|0|Der Hauptmann aber stiftete mit der Zeit selbst eine Gemeinde so ganz ohne ein Weltaufsehen, die später, als er von Mir heimberufen wurde, auch seinen Namen führte.
GEJ|10|118|15|0|Er selbst aber lebte nach Meiner Auffahrt noch bei dreißig Jahre und ward zum Obersten über alle die zehn großen Städte ernannt, zwischen denen sich noch eine Menge kleinerer Städte befanden, die alle zu den zehn Städten gerechnet wurden.
GEJ|10|118|16|0|Das ist sonach in aller Kürze eine Übersicht, und zwar also zu nehmen, wie es sich mit der Zeit mit Meiner Lehre in diesen Städten und Orten verhielt.
GEJ|10|119|1|1|Der Herr auf dem Wege nach Bethsaida
GEJ|10|119|1|1|119. — Das Zusammentreffen mit der Karawane aus Damaskus.
GEJ|10|119|1|0|Und nun wollen wir wieder zu uns selbst zurückkehren und sehen – aber auch in möglichster Kürze –, wie es uns über Aphek hinaus erging.
GEJ|10|119|2|0|Als wir uns etwa bei zwei Stunden Weges von der vorbenannten Stadt weit weg befanden, da begegnete uns eine ganz große Handelskarawane, die aus Damaskus nach den Küstenstädten zog, um daselbst ihre Waren an den Mann zu bringen.
GEJ|10|119|3|0|Als diese Karawane aber anstatt in der ihr nur zu wohlbekannten wüsten Gegend sich nun in einer ganz blühend gesegneten befand, da kannte sie sich nicht aus und war der Meinung, den Weg verfehlt zu haben.
GEJ|10|119|4|0|Als wir mit der Karawane zusammenkamen, da trat der Karawanenführer zu Mir, weil Ich voranging und die Jünger Mir nachfolgten, und fragte Mich, sagend: „Guter Freund, siehe, wir sind Handelsleute aus Damaskus und ziehen alljährlich zweimal den Küstenstädten zu, weil wir daselbst unsere Waren leicht und gut verkaufen können! Wir haben allzeit unsern Weg über Aphek, Golan, Abila, Pella und Genezareth genommen und kennen sonach den Weg sicher gar wohl. Bis hierher können wir den Weg unmöglich verfehlt haben und müßten uns nun schon also in der Nähe der Stadt Aphek befinden, daß wir sie in ein paar Stunden erreichen müßten. Wir kennen aber die Wüste, in der sich die alte Stadt befindet; diese hatte hier, wo die Straße ganz holpericht wird und zwischen diesen schwarzen Basaltfelsen sich durchzuwinden beginnt, ihren Anfang genommen, und wir wußten dann, daß wir uns in der Nähe unserer Bleibestation über die Nacht befinden.
GEJ|10|119|5|0|Aber da sieh, – hier ist von einer Wüste keine Spur mehr! Alles ist grün, und am Wege stehen Gruppen von Fruchtbäumen aller Art, – und vor kaum einem halben Jahre, als wir auch dieses Weges zogen, sah man kaum hie und da ganz verkümmert irgendein Dorngesträuch! Wir müssen also unsern schon altbekannten Weg denn doch einmal verfehlt haben und wissen nun nicht, wo wir uns befinden und wohin wir uns wenden sollen, um wieder auf den rechten Weg zu gelangen. Ihr aber werdet da sicher ortskundig sein und die Güte und Freundschaft haben, uns das Rechte zu sagen.“
GEJ|10|119|6|0|Sagte Ich: „So ihr diesen Weg schon gar oft gemacht habt und er bis zu dieser Stelle kein verfehlter war, so wird er auch von hier weiter noch der rechte sein, indem wir selbst nun auf diesem Wege gerade von Aphek herkommen!“
GEJ|10|119|7|0|Sagte der Karawanenführer: „Jawohl, jawohl, du guter Freund kannst schon ganz recht haben; denn die Lage der ganzen Gegend scheint denn doch die uns sehr wohlbekannte zu sein! Aber es gibt dennoch Gegenden, die sich der Gestaltung nach wie Zwillinge ähneln, aber dabei doch ganz andere sind, wie man längs des Euphrat derlei Gegenden häufig antrifft.
GEJ|10|119|8|0|Aber ich glaube deiner Aussage, daß wir uns hier schon auf dem ganz rechten Weg nach Aphek hin befinden. Was aber haben die Bürger der Stadt getan, daß sie in so kurzer Zeit die ganz bedeutend große Wüste, in deren Mitte sich die Stadt mit nur wenigen und kleinen Fruchtgärten befand, in ein so üppiges und blühendes Land umgestaltet haben? Woher haben sie das sicher sehr fette Erdreich genommen, um das weithin ganz kahle Gestein zu überkleiden, und mit welchen Mitteln haben sie es herbeigeschafft?“
GEJ|10|119|9|0|Wir kennen die Apheker wohl und wissen es, daß sie zu solch einer Arbeit bei weitem nicht die erforderlichen Mittel und ebenso auch nicht die genügenden Arbeitskräfte besitzen; und so das die Gegend um Aphek ist – daran ich nun nicht mehr zweifeln will –, so muß es da wahrlich nicht mit natürlichen Dingen zugegangen sein.
GEJ|10|119|10|0|Wären die Apheker irgend altfromme Juden, wie es deren etwelche noch in Damaskus gibt, so könnte man sich denken, daß da irgendein großer Prophet, etwa gleich dem Moses oder Elias, aufgestanden sei, und diese Wüste wunderbar mit Erdreich und darauf mit aller Art Pflanzen und Fruchtbäumen versehen habe. Aber so sind eben die Apheker ganz stockfeste Heiden und bekannte Feinde der Juden, und denen hätte ein Moses oder ein Elias im Namen und in der Kraft Jehovas eine solche Wohltat sicher nicht erwiesen, sondern hätte ihnen schier nur das getan, was Moses dem verstockten Pharao angetan hat und Elias den gewissen Götzenpriestern.
GEJ|10|119|11|0|Und so ist die Umwandlung dieser bedeutend großen Gegend ein wahres Rätsel, und wir müssen uns stets mehr und mehr darüber verwundern. Unser Verstand ist da wahrlich zu kurz und zu blöde, um das zu bestimmen, was da vor sich gegangen sein muß. Vergib uns, daß wir euch als auch Reisende über die Gebühr lange an dieser Stelle aufgehalten haben!
GEJ|10|119|12|0|Nur eines erlaube, du lieber und sehr gefälliger Freund, mir noch, nämlich dir noch mit einer Frage lästig zu fallen, und diese besteht darin: Habt ihr diese Gegend zuvor niemals besucht, als sie noch eine vollkommene Wüste war? Denn mir kommt es sonderbar vor, daß euch nun das ganz und gar nicht zu befremden scheint, daß sie nun ein fruchtbarstes Land ist.“
GEJ|10|120|1|1|120. — Des Herrn Worte an die Karawane
GEJ|10|120|1|0|Sagte Ich: „So ihr bald nach Aphek kommen werdet, alldort werdet ihr schon das Nähere über die Umwandlung dieser ehemaligen Wüste in ein fruchtbares Land erfahren. Wir alle wissen wohl auch sehr klar, wie das vor sich gegangen ist, und kennen den mächtigen Grund dieser Umgestaltung. Aber der Tag neigt sich für uns und für euch, und es ist keine Zeit mehr, hier euch das zu enthüllen.
GEJ|10|120|2|0|Doch das lasset euch gesagt sein: Hätte sich Pharao auf die Mahnungen Mosis also von seinem Götzentum bekehrt, wie sich die Apheker zum reinsten und wahrsten Judentum bekehrt haben, so hätte er die bekannten Plagen nicht auferlegt bekommen, und alle Wüsten Ägyptens hätten zu grünen angefangen.
GEJ|10|120|3|0|Die Apheker aber haben sich zu dem einen und allein wahren Gott bekehrt, wovon ihr euch in der großen Herberge bald überzeugen werdet, und sind sonach als ein alter, verdorrter Zweig vom Stamme Abrahams wieder vollkommen lebensgrün geworden. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs aber ist noch ganz Derselbe, wie Er war von Ewigkeit her – und Ihm sind alle Dinge möglich!
GEJ|10|120|4|0|Dem es möglich war, die ganze Erde und alle Kreatur durch Seinen Willen ins Dasein zu rufen, dem wird es wohl auch möglich sein, eine so kleine Wüste mit fettem Erdreich wohl zu versehen und mit Pflanzen und allerlei Fruchtbäumen. Da auch ihr Juden seid, so werdet ihr den Sinn dieser Meiner Worte wohl auch begreifen können?
GEJ|10|120|5|0|Freilich ist euer Judentum auch schon zum meisten Teil ein Welttum geworden, und die Altbegebenheiten, von denen ihr aus der Schrift noch eine halbe Kunde habt, sind für euch auch in das Reich der frommen Fabeln verbannt worden; aber dem ist dennoch nicht also, wie es euch euer Weltverstand eingibt, sondern ganz außerordentlich bedeutend anders!
GEJ|10|120|6|0|In euren pur weltlichen Dingen, mit denen der innere Geist in keinem Verbande steht, mag auch euer Weltverstand richten und entscheiden; aber in den göttlichen Dingen richtet und entscheidet nur ein lebendiger Glaube an Gott und die reine Liebe zu Ihm und aus der zum Nächsten.“
GEJ|10|120|7|0|Sagte der Führer: „Wahrlich, Freund, du bist auch noch ein echter Altjude, wie es auch bei uns noch einige wenige gibt; aber trotz ihres festen Glaubens sieht es um unsere große Stadt dennoch zumeist sehr unfruchtbar aus, und der gute Jehova scheint sich um uns Damasker nicht besonders zu kümmern!“
GEJ|10|120|8|0|Sagte Ich: „Er kümmert sich um euch gerade also, wie ihr euch um Ihn kümmert!“
GEJ|10|120|9|0|Sagte der Führer: „Wir senden doch alljährlich unsere vorgeschriebenen Opfer nach Jerusalem in den Tempel, und dieser ist mit uns zufrieden!“
GEJ|10|120|10|0|Sagte Ich: „Das tut ihr zwar wohl und ehret Gott mit euren Lippen und Rindern, aber eure Herzen sind ferne von Ihm!
GEJ|10|120|11|0|Es grünt in euch die wahre, durch Moses und durch die Propheten verkündete Liebe zu Ihm nicht, und es ist in euch ebenso wie im Tempel zu Jerusalem sehr wüste und dürre geworden, und so ist es auch um eure Stadt wüste und dürre, und ihr werdet mit all eurer Hände Mühe die Wüsten um Damaskus nimmer in völlig fruchtbare Ländereien umgestalten. Ihr braucht das auch nicht, da ihr mit aller Welt Handel treibt und eure Stadt mit Brot und allerlei Weltschätzen wohl versehet, euch dadurch aber auch von Gott stets mehr entfernt, anstatt daß ihr, als wahre Juden, euch Ihm stets mehr und mehr nähern solltet in eurem Gemüte.
GEJ|10|120|12|0|So ihr selbst aber schon so klug, weise und mächtig geworden seid, für euren Unterhalt bestens zu sorgen, da hat dann Gott der Herr denn auch wahrlich nicht nötig, Sich um euch irgend besonders zu kümmern.
GEJ|10|120|13|0|Ziehet aber nun nur nach Aphek; dort werdet vielleicht auch ihr in eurem Gemüte etwas grüner zu werden anfangen, als ihr es bis jetzt waret, und es wird euch dann eine blühend gewordene Wüste nicht mehr glauben machen, als hättet ihr den rechten Weg verloren!
GEJ|10|120|14|0|Wer in sich nicht auf dem rechten Wege ist, der ist auch in dieser Welt nirgends auf dem rechten Wege.“
GEJ|10|120|15|0|Als der Führer diese Worte aus Meinem Munde vernommen hatte, da sagte er: „Vergib es mir, daß ich euch so lange aufgehalten habe! Aber ich und die ganze große Karawane haben dabei sehr vieles gewonnen. Du bist ein großer und seltener Schriftgelehrter von echtem altem Schrot und Korn; wenn du zu uns nach Damaskus kämest, da würde es in und um die Stadt bald zu grünen und zu blühen anfangen. Aber bei uns sieht es mit der Schriftgelehrtheit sehr schlecht aus, und darum ist denn auch der Glaube lau; denn wo es keine rechten Lehrer gibt, da kann es auch keine rechten Jünger geben. Ich danke dir aber nun im Namen der ganzen Karawane für deine mir geschenkte Geduld und Mühe; komme einmal zu uns nach Damaskus, und du sollst von uns bestens aufgenommen werden!“
GEJ|10|120|16|0|Sagte Ich: „Ich Selbst in dieser Person, die nun mit dir redet, werde nach Damaskus schwerlich also, wie Ich nun da bin, kommen; aber daß von Mir ein rechter Jünger dahin in Kürze entsendet werden wird, des könnet ihr versichert sein!“
GEJ|10|120|17|0|Als Ich dieses zu dem Führer gesagt hatte, da dankte er nochmals für Meine ihm erwiesene Gefälligkeit. Die ganze Karawane bewegte sich dann weiter, und Ich zog mit Meinen Jüngern denn auch schnell weiter.
GEJ|10|121|1|1|121. — Des Herrn Einkehr in einer Herberge bei Bethsaida
GEJ|10|121|1|0|Wir gelangten noch vor dem Untergange in einen Ort unweit von Bethsaida, in und in der Nähe dieser Stadt Ich schon früher einmal lehrte und Zeichen wirkte.
GEJ|10|121|2|0|Die Bewohner dieses Ortes waren zumeist Hirten und Fischer; denn alle die nun benannten Orte, die Ich von Genezareth aus durchzog, befanden sich wie in einem großen Halbkreis mehr oder weniger in der Nähe des Galiläischen Meeres und längs dem Ausfluß des Jordans aus demselben.
GEJ|10|121|3|0|Allein an der Lage dieser Städte und auch ihren Namen liegt wenig, sondern alles nur zuallermeist an dem, was Ich gelehrt, und dann auch an dem, was Ich getan habe, welch letzteres aber – nota bene – bis zu dieser Zeit freilich zum größten Teil völlig in Vergessenheit geriet, während so manches, noch von Mund zu Mund sich fortpflanzend, so entstellt wurde, daß an ihm aber auch nicht ein wahres Jota mehr kleben blieb, daran aber denn auch wenig oder gar nichts gelegen ist, denn, wie gesagt, die Haupt- und Lebenssache liegt nur an der treu erhaltenen Lehre als der Wahrheit aller Wahrheit. –
GEJ|10|121|4|0|In dem kleinen Ort, den wir, wie schon gesagt, noch vor dem Untergange der Sonne erreicht hatten, fanden wir bei den zumeist ganz armen Bewohnern eine recht freundliche Aufnahme.
GEJ|10|121|5|0|Es war allda wohl auch eine kleine Herberge, in der es aber höchst ärmlich an allem, was eine Herberge haben sollte, aussah.
GEJ|10|121|6|0|Von Brot und Wein war da gar keine Rede; getrocknete Fische, gewisse Wurzeln, getrocknete Feigen, Kürbisse, Haselnüsse und Schafskäse war alles, was man da haben konnte.
GEJ|10|121|7|0|Der Wirt, ein Grieche, aber ein ganz guter und geduldiger Mensch, hatte eine ziemlich zahlreiche Familie, darunter auch drei Söhne, von denen ein jeder über zwanzig Jahre zählte. Diese drei zogen allwöchentlich zum von diesem Orte schon bei einer kleinen Tagereise entlegenen Meere Galiläas, fingen da Fische und brachten sie treulich nach Hause.
GEJ|10|121|8|0|Diesmal waren sie denn auch, um Fische zu bekommen, schon vor zwei Tagen vom Hause abgegangen, aber noch nicht, wie sonst gewöhnlich, gegen Abend des dritten Tages nach ihrer Abreise zurückgekehrt, und es waren darum der Wirt, sein Weib und auch die andern Kinder dieses Wirtes voll Angst und Sorge, daß etwa den dreien etwas Übles begegnet sei.
GEJ|10|121|9|0|Der Wirt klagte Mir auch gleich seine Not und entschuldigte sich auch in der Hinsicht, daß er uns für diesen Abend außer mit etwas Käse und Schafs- und Ziegenmilch nichts zu bieten haben würde, so die drei Söhne nicht mit einer Ladung Fische bald nach Hause kämen.
GEJ|10|122|1|1|122. — Der Herr enthüllt dem Wirt die Ursache des Ausbleibens seiner Söhne
GEJ|10|122|1|0|Da vertröstete Ich den Wirt und sagte: „Sei darob nicht ängstlich! Deine drei Söhne werden über Bethsaida in einer kleinen Stunde hier mit einer reichen Ladung eintreffen; denn sie haben diesmal so viele Fische gefangen, daß sie samt ihren drei Lasttieren dieselben mit der knappsten Not und Mühe weiterzubefördern imstande sind. Allein in Bethsaida haben sie bei einem Bekannten zwei Lasttiere entliehen, und so geht die Weiterbeförderung der vielen und guten Fische nun schon schneller vorwärts.“
GEJ|10|122|2|0|Sagte der Wirt, der am Judentume hing: „Wollte es der Gott der Juden, daß du die Wahrheit geredet hättest!“
GEJ|10|122|3|0|Sagte Ich: „Freund, wüßte Ich darum nicht für ganz bestimmt, daß es also ist, so hätte Ich dir das auch nicht gesagt; denn bei Mir geht die Wahrheit über alles, und von jeglicher Lüge bin Ich der größte Feind!“
GEJ|10|122|4|0|Sagte der Wirt, der sich über Meine Bestimmtheit zu wundern begann: „Freund, bist du denn ein jüdischer Seher, daß du um Dinge so ganz bestimmt zu wissen scheinst, von denen du auf dem natürlichen Wege kaum eine Kunde haben dürftest? Denn ihr kommet über Aphek hierher, welche Stadt schon ziemlich weit über der Ausmündung des Jordans aus dem Meere auf den das große Jordantal begrenzenden Bergen liegt; Bethsaida aber liegt noch an den Bergen, deren gedehnte Ausläufer die Ufer des Meeres selbst bilden, – und so kannst du selbstverständlich auf dem natürlichen Wege durchaus nicht wissen, wie es meinen heimkehrenden Söhnen ergeht.
GEJ|10|122|5|0|Da du mich aber über ihr Befinden mit aller Bestimmtheit in Kenntnis setztest, so mußt du ein Seher sein; weil du aber das bist, so sage mir zu meiner noch größeren Beruhigung, wie viele Schafe und Ziegen ich besitze!“
GEJ|10|122|6|0|Sagte Ich: „Freund, so du Mich kenntest, da würde Ich zu dir sagen: Es ist nicht fein, daß du Mich zu versuchen dich getraust! Aber da du Mich bis jetzt noch nicht kennst, so will Ich dir deine Frage wohl beantworten.
GEJ|10|122|7|0|Siehe denn, du besitzest dreißig Schafe, darunter zwei Männlein und somit achtundzwanzig Weiblein, von denen dir aber nur vierzehn Milch geben, die andern vierzehn aber nicht; die Ursache davon ist dir als einem Hauswirt wohl bekannt. Und siehe, gerade also verhält es sich mit deinen Ziegen! Bist du nun wohl überzeugter, daß Ich es auch wohl wissen kann, wie sich deine drei Söhne befinden?“
GEJ|10|122|8|0|Sagte der Wirt: „Ja, Freund, nun glaube ich deinen Worten ungezweifelt, und was du mir immer sagen wirst, das werde ich glauben; denn nun bin ich vollkommenst überzeugt, daß du wahrhaft ein Seher und somit auch ein Weiser der Juden bist!
GEJ|10|122|9|0|Siehe, ich und auch meine wenigen Nachbarn sind erst vor etwa dreißig Jahren hierher gekommen und haben uns mit Bewilligung des römischen Gerichts hier angesiedelt, weil dieser alte Ort gänzlich menschenleer war und somit auch keine Besitzer hatte weit und breit herum.
GEJ|10|122|10|0|Vor etwa fünfzig bis sechzig Jahren sollen hier noch etliche sehr verarmte Juden gehaust haben; da sie aber dem harten Boden bis auf einiges Wurzelwerk nichts abgewinnen konnten, so verließen sie diesen Ort ganz und sollen sich irgendwo am Meere Galiläas angesiedelt haben. Was da weiter mit ihnen geschah, das wird der Gott der Juden schier am allerbesten wissen.
GEJ|10|122|11|0|Wir aber waren und sind noch Griechen und kamen von Tyrus, wo wir Fischerei trieben und uns dabei ein kleines Vermögen erwarben. Wir hätten uns auch gern in einer besseren Gegend angesiedelt; aber dazu hatten wir zu wenig des dazu erforderlichen Vermögens. Mit unserem Fleiß haben wir diesen Boden teilweise doch also hergerichtet, daß er uns nun, wenn auch nur karg, ernährt.
GEJ|10|122|12|0|Wir machten in Bethsaida aber bald Bekanntschaft mit einem alten, sehr weisen Juden, der dabei aber auch ein sehr wohlhabender Mann war und uns so manche Wohltat erwies.
GEJ|10|122|13|0|Dieser Jude erzählte uns, wie dieses nun so verödete Land einst zu den gesegnetsten gehörte. Aber als die Juden von ihrem alten und allein wahren Gott nach und nach und stets mehr und mehr abfielen und Seiner zu vergessen anfingen, da zog Er auch Seine Segnungen von diesem Boden zurück, ließ große Gewitterstürme kommen, durch welche das fette Erdreich von diesen Berggegenden hinweggeschwemmt wurde, und was noch irgend von den Stürmen verschont blieb, das wurde durch oftmalige und langwierige Kriege verwüstet. Und so ward diese dereinst so übergesegnete Gegend zu einer förmlichen Wüste und würde als solche auch verbleiben, solange die Menschen sich nicht vollkommen zu Gott wieder bekehren würden.
GEJ|10|122|14|0|Für die Heiden sei da wenig Gutes zu erwarten; denn ihre Götter, die pure Phantasiebilder der Menschen und sonst nichts seien, könnten ihnen nicht helfen, und den einen, allein wahren und allmächtigen Gott der Juden erkennten sie nicht und könnten auch nicht an Ihn glauben, Seine überweisen Gebote halten und Ihn also volltrauig, wie gute Kinder ihren Vater, um Seine Hilfe und Gnade bitten. Weil solches bei den Heiden aber nicht statthaben könne, so könnten sie sich wohl selbst denken, daß bei ihnen von den außerordentlichen Segnungen keine Rede sein kann.“
GEJ|10|123|1|1|123. — Der Glaube und das Vertrauen des Wirtes
GEJ|10|123|1|0|(Der Wirt): „Als uns der Alte solche Eröffnungen machte, da fragte ich ihn einmal, also sagend: ,Freund, wir Griechen, die wir bei euch Juden als gottlose Heiden verschrien sind, halten nicht so besonders große Dinge auf unsere Götter und haben uns schon in Tyrus in die Gotteslehre der Juden einweihen lassen und beachten auch nach Möglichkeit das mosaische Gesetz, mit der alleinigen Ausnahme der etwas lästigen Beschneidung, in der wir wahrlich wenig wahren Heiles für die Menschen ersahen!‘
GEJ|10|123|2|0|Der Alte sagte darauf denn auch, daß an der Beschneidung eben nur dann für die geborenen Juden etwas gelegen sei, wenn sie die Gebote Gottes genau hielten. Für die Heiden aber genüge vor Gott, wenn sie von ihrem Götzentum abstehen, an den allein wahren Gott ungezweifelt glauben, Seine zehn Gebote halten, Ihn über alles lieben und die Nebenmenschen wie sich selbst; Gott verlange von den Heiden keine andern Opfer als die der wahren Liebe im Herzen.
GEJ|10|123|3|0|Als ich und noch einige meiner Nachbarn solche wahrhaft sehr weise Lehre von dem Alten vernommen hatten, da beschlossen wir, im Glauben und in der Tat vollkommen Juden zu sein, aber für die Welt Griechen zu verbleiben, um nicht Untertanen der höchst eigennützigen, herrschsüchtigen und unbarmherzigen Oberpriester zu werden, die sich wohl darauf unendlich viel einbilden, daß sie das sind, was zu sein sie den Juden vorpredigen, – aber so man sie beim rechten Lichte betrachtet, da stellt es sich nur zu klar heraus, daß sie eben diejenigen sind, welche die Gebote Gottes durch ihr Tun ordentlich mit Füßen treten.
GEJ|10|123|4|0|Und so wirst du, als selbst ein weiser Jude, uns Griechen sicher nicht unrecht geben, daß wir also sind, wie ich es dir nun dargestellt habe; ihr brauchet euch vor uns nun freilich armen Griechen nicht zu scheuen, – denn wir sind auch Juden!“
GEJ|10|123|5|0|Sagte Ich: „Daß ihr dem Glauben und der Tat nach Juden seid, das wußte Ich und bin darum auch zu euch gekommen, um euch den rechten Trost zu bringen und euren Glauben noch mehr zu kräftigen.
GEJ|10|123|6|0|Aber da ihr schon seit einer ziemlich geraumen Zeit an den einen, allein wahren Gott der Juden glaubet, Ihn lobet, ehret und preiset und auch nach Seinen Geboten lebt und handelt, so wird Gott euch in eurem Haushalte ja auch schon zu öfteren Malen so recht sichtlich gesegnet haben und hat dadurch euren Glauben sicher belohnt?“
GEJ|10|123|7|0|Sagte der Wirt: „Höre, du lieber und weiser Freund, von irgendwelchen schon von weitem ersichtlichen Segnungen war bei uns freilich trotz unseres festesten Glaubens noch keine besondere Rede; aber es tut das auch nichts zur Sache, und unser Glaube an Ihn ist darum nicht schwächer geworden. Doch sind wir auch nicht ohne Segnung geblieben; denn wir hatten, wenn auch noch so knapp bemessen, dennoch immer das Nötige und brauchten nie besonders fühlbar Hunger und Durst zu leiden, nicht nackt umherzugehen und ohne Wohnung zu sein.
GEJ|10|123|8|0|Unsere kleinen Herden blieben gesund und versahen uns hinreichend mit Milch und Käse, und unsere kleinen Gärten, die wir freilich wohl recht emsig pflegten, brachten für unsere kleinen Bedürfnisse mehr denn genügend der Segnungen Gottes zum Vorschein, und es hat uns noch kein Mißjahr getroffen.
GEJ|10|123|9|0|Daß dann und wann vorüberziehende Stürme uns auch nicht völlig verschont haben, das läßt sich leicht von selbst denken; doch haben wir dabei nicht gemurrt, denn wir dachten dabei: ,Gott hat von neuem wieder unsern Glauben, unsere Liebe und Treue und unsere Geduld einer kleinen Prüfung unterzogen und wird uns den durch einen Sturm verursachten Schaden durch einen andern Segen ersetzen‘, – was denn auch immer der Fall war, und auch unsere Gärten erblühten, freilich durch unsern Fleiß, von neuem wieder und brachten das, was wir benötigten.
GEJ|10|123|10|0|Auch muß ich noch das hinzufügen, daß diese Gegend von besonders starken Gewittern nur höchst selten heimgesucht wird; und so sie schon dann und wann mehr auf den Höhen losbrechen, so verspüren wir in diesem unserem Orte davon weniger denn auf den Vollhöhen, weil eben dieser Ort sich, wie ihr sehet, in einer Vertiefung unseres Hochlandes befindet.
GEJ|10|123|11|0|Und so sind wir mit den Segnungen unseres lieben Herrn und Gottes denn auch stets zufrieden, und solche unsere Zufriedenheit ist denn ja auch eine wahre Segnung Gottes. Denn was würde es uns wohl nützen, alles einem Könige gleich zu besitzen, und Gott würde uns aber mit einer nagenden Unzufriedenheit, die nur zu bald die Brücke zu allerlei großen Lastern werden kann, strafen? Würde das unser Glück vermehren?
GEJ|10|123|12|0|Und so siehe, du lieber Freund, wenn es bei uns auch äußerlich noch so armselig und verlassen aussieht und man meinen könnte, Gott stehe uns mit Seinen Segnungen ferne, so ist dem aber dennoch nicht also; denn bei uns gelten die inneren und äußerlich selten sichtbaren Segnungen um gar vieles mehr, als wenn unsere Gegend ein wahres Eden wäre und uns die gebratenen Wachteln von selbst in den Mund flögen.
GEJ|10|123|13|0|Freund, wem Gott die goldne Zufriedenheit und eine rechte Geduld verleiht, dem hat Er mehr gegeben, als so Er ihm seines Glaubens und seiner Treue und Tugend wegen ein ganzes Königreich mit unermeßlichen Schätzen geschenkt hätte!
GEJ|10|123|14|0|Wenn du, lieber und sicher auch sehr weiser Freund, das so recht lebendig betrachtest, so wirst du es auch einsehen, daß wir nicht ohne Segnungen Gottes dastehen! – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|10|124|1|1|124. — Des Herrn Frage nach dem Messias
GEJ|10|124|1|0|Sagte Ich, dem Wirte Meine Hand darreichend: „Freund, solch einen Glauben und solch einen reinen Sinn habe Ich in ganz Israel nicht angetroffen; darum aber wird es auch kommen, daß das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben werden wird.
GEJ|10|124|2|0|Du und auch deine Nachbarn seid schon vollkommen auf dem ganz rechten Wege, und Ich bin darum zu euch gekommen, um bei und in euch die Segnungen Gottes zu vermehren und euch auch zu zeigen, daß euer Glaube und eure Treue vor Gott vollkommen gut, wahr und gerecht war. Doch lassen wir nun das, denn wir werden davon heute und morgen schon noch weiter sprechen!
GEJ|10|124|3|0|Hast du, Mein lieber Freund, aber von dem noch nicht besonders viel vernommen, daß die Juden den ihnen verheißenen Messias erwarten, und wann dieser kommen soll?“
GEJ|10|124|4|0|Sagte der Wirt: „Mir hat davon der Alte in Bethsaida vieles aus den Propheten vorgelesen und zur Not auch erklärt; aber ich meine, daß der verheißene Messias, der nichts weniger als Gott der Herr Selbst sein werde, zu den Juden, wie sie nun besonders in Jerusalem und auch in vielen andern Orten daheim sind, deren Herz nicht mehr an Gott, sondern nur an den Schätzen und Gütern dieser Welt hängt, schwerlich kommen wird. Und so Er auch käme, da werden sie Ihn doch nicht erkennen; denn Er wird sicher nicht in weltlicher Pracht kommen, sondern so, wie Er will, daß alle Menschen auf dieser Welt in aller Demut, Liebe und Geduld einhergehen sollen, und da werden Ihn die überhochmütigen Juden, und ganz besonders die hohen Priester, die von Gold und Edelsteinen strotzen, sicher nicht als den rechten Messias annehmen.
GEJ|10|124|5|0|Wir aber haben unsern wahren Messias schon in unseren Herzen, und die Ihn da nicht haben, die werden wohl schier vergeblich auf Ihn in ihren mit Gold verbrämten Gewändern warten.“
GEJ|10|124|6|0|Sagte Ich: „Da hast du auch wieder ganz richtig und wahr geurteilt, und es ist das tatsächlich nun also; doch siehe, dort kommen nun deine drei Söhne mit Fischen schwer belastet! Sende ihnen ein paar Nachbarn entgegen, daß sie ihnen die Bürde ein wenig erleichtern!“
GEJ|10|124|7|0|Das vernahmen sogleich ein paar anwesende Nachbarn und eilten den Ankommenden entgegen, und in wenigen Augenblicken waren sie zur großen Freude des ganzen Ortes da, und alle konnten sich nicht zur Genüge verwundern über die Menge der Fische und lobten und priesen Gott den Herrn darum.
GEJ|10|124|8|0|Und der Wirt sagte: „Sehet, wie sichtbar uns nun Gott gesegnet hat; darum Ihm allein alle Ehre!“
GEJ|10|124|9|0|Auf diese ganz ergreifende Szene wurden sogleich die Fische versorgt.
GEJ|10|124|10|0|Im ganzen Ort hatte nur der Wirt einen Quellbrunnen und einen kleinen, aus Stein einst mühsam gehauenen Teich, der von dem Brunnen sein Wasser erhielt und den kleinen Herden dieses Ortes zur Tränke diente.
GEJ|10|124|11|0|Wenn die Fischer vom Galiläischen Meere dann und wann noch lebende Fische nach Hause brachten, so wurden sie in diesen Teich eingesetzt; war aber das besonders in der Sommerzeit nicht der Fall, so wurden die Fische sogleich aufgemacht, gereinigt, gut eingesalzen, dann sogleich über einen eigenen Herd zum Trocknen aufgehängt, indem man auf dem Herd ein mäßiges Feuer anmachte und die ganze Nacht unterhielt. Denn das Beste bei diesem Orte war, daß sich in seiner Nähe ein ziemlich wohlerhaltener kleiner Zypressen- und Myrtenwald befand, der dem Ort das nötige Brennholz lieferte, und so konnten die Bewohner denn auch ihre Fische und auch anderes Fleisch nach ihrer ganz guten Art trocknen und für eine längere Zeit zu ihrem Gebrauch aufbewahren.
GEJ|10|124|12|0|Doch diesmal war diese Arbeit nicht nötig, da auch nicht ein Fisch trotz der den ganzen Tag andauernden Reise tot war, obschon die Fische nicht in den Lägeln, sondern in Säcken nach Hause geschafft werden mußten.
GEJ|10|124|13|0|Darüber fingen denn auch alle sich hoch zu verwundern an und brachten die Fische in den kleinen Teich, in welchem sie alsbald ganz munter umherzuschwimmen begannen. Einen kleinen Teil behielt der Wirt im Hause, um für uns ein Nachtmahl zu bereiten.
GEJ|10|124|14|0|Da es abends schon ziemlich kühl geworden, so begaben wir uns ins Haus des Wirtes, das ein Zimmer hatte, in dem für uns alle hinreichend Raum war.
GEJ|10|125|1|1|125. — Des Herrn Zeugnis von Sich
GEJ|10|125|1|0|Als wir uns im Hause, und zwar in dessen geräumigstem Zimmer, an einem Tische, der von Steinen ganz zweckmäßig zusammengefügt war, gelagert hatten und der Wirt und einige seiner Nachbarn neben uns Platz nahmen, da sagte der Wirt zu Mir: „Höre, du wahrlich um alles ganz wunderbar wissender Freund, deine Weisheit ist von keiner gewöhnlichen Art, denn dir scheint nichts unbekannt zu sein!
GEJ|10|125|2|0|Du bist ein Jude aus Galiläa, und da wir alle, wie ich schon früher vor dir dargetan habe, in den Schriften und Lehren der Juden nicht unbewandert sind, so ist irgendwo einmal gesagt, daß aus Galiläa kein Prophet komme, und dennoch bist du ein gar großer Prophet! Denn wärest du es nicht, wie wohl hättest du wissen können, daß meine drei ältesten Söhne, um Fische zu fangen, nach dem überfischreichen Meere Galiläas ausgezogen sind, und daß sie gen Abend, als heute, mit einem reichen Fange heimkehren werden?
GEJ|10|125|3|0|Und das war alles richtig und wahr also, wie du es zum voraus angegeben hast; um aber so etwas aller Wahrheit gemäß angeben zu können, muß man ein großer Seher und Prophet sein, – und du bist doch ein Galiläer, aus dem Lande, aus dem niemals ein Prophet erstehen soll! Wie ist demnach dieses zu nehmen und zu verstehen?“
GEJ|10|125|4|0|Sagte Ich: „Freund, Ich lebte wohl die meiste Zeit in Galiläa, doch bin Ich aus Galiläa nicht geboren, sondern aus Bethlehem und bin am achten Tage nach Meiner Geburt im Tempel zu Jerusalem beschnitten worden nach der Vorschrift. Aus diesem Grunde könnte Ich dann wohl ein Prophet sein!
GEJ|10|125|5|0|Aber Ich bin dennoch kein Prophet, sondern eben Derjenige, von dem die Propheten geweissagt haben, daß Er kommen werde, um zu erlösen alle, die an Ihn glauben werden, von den Banden des alten Truges, von der Nacht der Sünde, des Gerichtes, der Hölle und ihres ewigen Todes.
GEJ|10|125|6|0|Ich bin also der Herr und Meister Selbst und kein Diener, bin aber nun doch in dieser Welt, um allen Menschen, die eines guten Sinnes und Willens sind, mit Meiner Liebe, Weisheit und Macht zu dienen und ihnen zu geben das ewige Leben; denn wahrlich sage Ich euch: Alle, die an Mich glauben und völlig nach Meiner Lehre leben und handeln werden, die werden den Tod nicht sehen, fühlen und schmecken, sondern nach dem Abfalle ihres Leibes werden sie in einem Augenblick verwandelt werden und bei Mir im Paradiese sein, und ihrer Seligkeit wird fürder kein Ende sein.
GEJ|10|125|7|0|Und so weißt du, Mein Freund, es nun ganz offen aus Meinem Munde, wen du in Mir in deinem Hause beherbergest!
GEJ|10|125|8|0|Die aber mit Mir kamen, sind Meine Jünger – bis auf einen, der nach der Welt seine Augen richtet, obschon er wohl weiß und auch fest glaubt, wer Ich bin und was Ich schon alles gelehrt und getan habe. – Was sagst du nun dazu?“
GEJ|10|125|9|0|Sagte der Wirt: „Herr und Meister, was soll, was könnte ich als ein armer, sündiger Mensch dazu sagen? Du bist der Herr aller Dinge und unseres Lebens, sei uns armen Sündern denn auch gnädig und barmherzig!
GEJ|10|125|10|0|Da Du uns unbeschnittenen Juden schon einmal die Gnade erwiesen hast, uns in unserer Einschicht (Einsamkeit) zu besuchen, so hoffen wir, daß Du mit Deiner Gnade auch bei uns verbleiben und segnen wirst uns und unsere Kinder!“
GEJ|10|125|11|0|Sagte Ich: „Daran sollet ihr keinen Mangel jemals haben; so ihr bleibet im Glauben an Mich und in der Liebe zu Mir, so werde Ich auch bleiben mit aller Meiner Gnade bei euch.
GEJ|10|125|12|0|Und nun, Meine Freunde, von etwas anderem, und zwar von eurem Mir nur zu wohlbekannten Dürftigkeitszustand!
GEJ|10|125|13|0|Ihr habt weder Brot noch Wein und bedienet euch anstatt des Brotes eurer Schaf- und Ziegenkäse und eurer getrockneten Fische.
GEJ|10|125|14|0|Ich werde aber euer zumeist ödes und wüstes Ländlein in ein fruchtbares umwandeln, und ihr werdet in der Zukunft Gerste, Korn und den schönsten Weizen ernten und euch daraus ein gutes Brot bereiten können; vorderhand aber sollen eure Speicher mit den ausgesprochenen drei Getreidearten und eure Speisekammern mehr denn zur Genüge mit gutem Brot versehen sein.
GEJ|10|125|15|0|Also möget ihr an geeigneten Stellen in der Folge auch Weinreben anpflanzen, und sie werden euch Wein zur Genüge bringen.
GEJ|10|125|16|0|Für jetzt aber füllet ihr eure leeren Gefäße und Schläuche mit reinem Wasser! Es soll nach Meinem Willen dasselbe zu Wein werden, und ihr werdet daraus alsogleich erkennen, daß Ich ob eures Glaubens und eurer rechten Liebe zu Mir mit Meiner Gnade, Liebe und mit Meinem Segen bei euch bin und auch bei euch verbleiben werde. Denn Ich habe bei euch einen Glauben angetroffen wie nirgends unter den Juden, wie Ich davon schon Erwähnung machte, bevor ihr noch wußtet, mit wem ihr es in Mir zu tun habt. Und nun gehet und tut, was Ich zu euch gesagt habe!“
GEJ|10|126|1|1|126. — Die Fischmahlzeit
GEJ|10|126|1|0|Hierauf erhoben sich der Wirt und alle die anwesenden Nachbarn, gingen und taten, was Ich ihnen angeraten hatte. Da sie selbst und alle ihre Angehörigen sogleich die Hände an die Arbeit legten, so dauerte es auch nicht lange, bis alle ihre leeren Gefäße und Schläuche mit reinem Wasser vollgefüllt waren. Und als dies der Fall war, da kosteten sie alsbald das Wasser und wurden darob voll Staunens, als sie sogleich den besten Wein in den Mund bekamen; und alle priesen Gottes Macht in Mir.
GEJ|10|126|2|0|Es ward also der ganze arme Ort mit Brot, Getreide, Mehl und Wein bestens versehen.
GEJ|10|126|3|0|Nachdem alle den Wein gekostet hatten, gingen sie in ihre Speicher und in ihre Speisekammern und fanden eine gerechte Menge Getreide, Mehl und Brot, und der Wirt fand in seinen Speisekammern auch noch eine gerechte Menge von Hülsenfrüchten, von denen er selbst ein besonderer Freund war.
GEJ|10|126|4|0|Nach einer kleinen Stunde Zeit kamen alle wieder zu Mir und wollten Mir über Hals und Kopf für alles zu danken anfangen.
GEJ|10|126|5|0|Ich aber sagte ganz freundlichen Angesichtes: „Lasset das Mir gar nicht angenehme Danken mit dem Munde; denn euer Herzensdank ist Mir lieber als das Hohelied Salomonis, gesungen von ganz Israel mit stummem Herzen! Gehet aber nun, und bringet auf den Tisch Brot und Wein in gerechter Menge, und wir wollen uns stärken!“
GEJ|10|126|6|0|Da ging der Wirt mit seinen drei schon bekannten Söhnen und brachte sogleich eine hinreichende Menge Brot und Wein, und wir alle aßen und tranken und stärkten unsere von der ziemlich weiten Reise müde gewordenen Glieder. Auch die drei Söhne, die von der Reise auch sehr müde und auch hungrig und durstig geworden waren, griffen wacker nach dem ihnen über alles wohlschmeckenden Brote und ließen sich den Wein auch wohlschmecken.
GEJ|10|126|7|0|Als wir uns aber mit dem Brot und Wein gestärkt hatten, da kamen auch das Weib und ein paar Töchter des Wirtes, und das Weib sagte, daß sie bereits eine gerechte Menge Fische nach der griechischen Art zubereitet habe, und fragte, ob sie dieselben auf den Tisch bringen dürfe.
GEJ|10|126|8|0|Sagte Ich: „Habe keine Scheu vor uns Juden! Wir haben schon zu mehreren Malen Griechen- und Römerkost zu uns genommen und sind darob nicht unrein geworden; denn was nach Bedarf und mit rechtem Ziel und als eine für den Menschen seit alters her anerkannte und möglichst rein bereitete Speise zum Munde in den Magen hineinkommt, das verunreinigt den Menschen nicht, doch was zum Munde aus dem Herzen herauskommt, wie Lästerung, Ehrabschneidung, arger Leumund und allerlei Lüge, unflätige Reden und allerlei Schelterei, das verunreinigt wohl den ganzen Menschen. Darum bringe du, Weib, deine nach griechischer Art bereiteten Fische nur ohne Scheu auf den Tisch, und wir werden sie schon verzehren!“
GEJ|10|126|9|0|Darauf begab sich die Wirtin sogleich in die Küche und brachte mehrere Schüsseln voll Fische auf den Tisch, und die andern Kinder brachten das nötige Eßgerät, natürlich von ganz einfacher Art, wie es die armen Bewohner dieses kleinen Ortes haben konnten.
GEJ|10|126|10|0|Ich nahm denn auch alsogleich einen Fisch auf einen tönernen Teller vor Mich hin, zerteilte ihn und verzehrte ihn. Dasselbe taten auch Meine Altjünger.
GEJ|10|126|11|0|Aber die bekannten Judgriechen aus Jerusalem und die etlichen Johannesjünger, die mit Mir waren, getrauten sich doch nicht, die Griechenfische zu essen; und es fragte Mich der Wirt, ob diese denn wohl gar so strenge Mosaisten seien. Sie würden ja doch schon gar wohl wissen, wer Ich sei!
GEJ|10|126|12|0|Sagte Ich: „Das wissen sie wohl und sind auch gar so strenge Mosaisten nicht; aber es steckt noch so manche altverrostete Gewohnheit in ihnen, und so essen sie die Fische, so sie völlig nach griechischer Art bereitet sind, nicht. Doch lassen wir sie nur recht hungrig werden, und sie werden auch derlei Fische mit großer Gier verzehren.
GEJ|10|126|13|0|Ich bin nun ein wahrer Bräutigam, und diese sind Meine Bräute und Meine Hochzeitsleute. Solange Ich bei ihnen bin, haben sie noch nie gefastet und irgend Hunger und Durst gelitten; wenn aber Ich als der Bräutigam von ihnen werde genommen werden, dann werden sie auch gar oft fasten müssen und Hunger und Durst zu erleiden bekommen. Und wenn sie dann zu euch kommen werden, dann werden ihnen eure Fische gar wohl schmecken.“
GEJ|10|127|1|1|127. — Die geistige Allgegenwart des Herrn und die Führungen Seiner Gnade
GEJ|10|127|1|0|Als die Johannesjünger und auch die Jerusalemer solches von Mir vernommen hatten, da griffen sie dennoch nach den Fischen und aßen sie und fanden, daß sie ganz gut waren; und als sie die Fische bald völlig verzehrt hatten, da dankten sie Mir für Meine Worte und sagten auch, daß in ihnen trotz des überschwenglichen Lichtes, das sie von Mir empfangen hätten, noch so mancher altpharisäische Kot stecke, dessen sie noch nicht völlig loswerden könnten.
GEJ|10|127|2|0|Sagte Ich: „Ihr werdet all des alten Kotes in euch schon loswerden, wenn Ich bald nicht mehr leiblich unter euch sein werde. Ihr habt euch an Meine Person schon zu sehr gewöhnt und kennet Mich, und Ich bin für euch keine so außerordentliche Erscheinung mehr; aber so Ich nicht mehr in dieser Meiner sicht- und wohlfühlbaren Person unter euch sein werde, dann werdet ihr voll Traurigkeit werden und auch erst vollkommener einzusehen anfangen, wer Ich war, bin, und ewig sein werde.
GEJ|10|127|3|0|Ich werde in Meiner Person, doch nur geistig, wohl auch bei euch sein, doch nicht mehr sichtbar euren Fleischesaugen, sondern nur eurem Herzen durch die rechte und wahre Liebe zu Mir.“
GEJ|10|127|4|0|Diese Meine Worte machten Meine Jünger tiefsinnig und nachdenkend; aber es getraute sich keiner von ihnen, Mich um etwas Weiteres mehr zu fragen.
GEJ|10|127|5|0|Der Wirt aber, nun schon ganz begeistert von dem guten Weine, sagte zu Mir: „O Herr und Meister, ich weiß es gar wohl, daß Du mit dieser Deiner übergeheiligten Person nicht bis ans Ende unserer diesirdischen Zeit bei uns verbleiben wirst, so wie Du nun auch nicht mit Deiner Person unsere Speicher mit Getreide, unsere Speisekammern mit Brot, Mehl und andern Früchten reichlichst angefüllt und also auch das Wasser nicht in Wein verwandelt hast, sondern allein durch Deine göttliche Willensmacht! Und so denn fühleten wir uns in unserer noch starken Sündhaftigkeit auch viel zu unwürdig, Deine Person stets in unserer Mitte zu haben; aber nur mit Deiner Gnade, mit Deiner Liebe und mit Deinen Segnungen verlaß uns nicht, o Herr und Meister!
GEJ|10|127|6|0|Wir waren Heiden und fingen an, Dich, den einen und allein wahren Gott, in den Büchern und Schriften der Juden zu suchen, und fanden bald, daß nur der Gott der Juden der allein lebendig wahre sein kann.
GEJ|10|127|7|0|Wir faßten Vertrauen zu Ihm, hielten Seine Gebote so gut, als es uns nur immer möglich war, und seht, wir wurden bald inne, daß der Gott der Juden unser gar fühlbar zu gedenken anfing! Er gab uns den Sinn, unser Fischergeschäft zu verlassen und uns hier in dieser Einsamkeit anzusiedeln.
GEJ|10|127|8|0|Wir fanden hier sicher keine Weltreichtümer und kein buntes Menschengetümmel, wie das in den Städten der Fall ist, in denen nichts als Handel über Handel, Betrug, Lüge und Heuchelei getrieben wird und die Habsucht alle Menschen von Gott dem alleinigen Herrn abwendet und man sich Tag und Nacht durcheinander treibt, reibt, betrügt und verfolgt; aber wir fanden dennoch das, was wir zur Fristung unseres Lebens bedurften, vor allem aber fanden wir Ruhe des Gemüts und auch eine gute Gelegenheit, uns mit dem einen, allein wahren Gott der Juden stets vertrauter zu machen, Seine Gebote gewissenhafter zu halten und unsere Kinder in Seiner geoffenbarten Ordnung zu erziehen.
GEJ|10|127|9|0|Da wir solches taten, so hat uns Gott denn nun auch persönlich in Dir, o Herr und Meister, heimgesucht und uns den Lohn für unser besseres Streben überbracht und hat uns alle mehr denn handgreiflich überzeugt, daß unser Streben kein vergebliches war.
GEJ|10|127|10|0|Da Du, o Herr und Meister, uns aber schon insoweit gnädig warst, daß Du unsere stets größere Sehnsucht nach Dir befriedigt hast und persönlich zu uns gekommen bist zu einer Zeit, da wir es wohl nicht erwarten konnten, so hoffen wir alle nun nach Deinem heiligen Worte mit aller Zuversicht, daß Du uns mit Deiner Gnade, Liebe und Segnung auch nimmerdar verlassen wirst, da wir Deinen uns wohlbekannten Willen von nun an sicher noch um gar vieles getreuer beachten werden, als das bisher der Fall war und sein konnte.
GEJ|10|127|11|0|Wir werden freilich auch trauern, so Du uns sicher in Kürze mit Deiner heiligen Persönlichkeit verlassen wirst; aber noch mehr müßten wir trauern, so Du uns auch mit Deiner Gnade verlassen würdest, was Du sicher nicht tun wirst, so wir durch unser Tun und Handeln und durch unsere Liebe zu Dir und auch zu unseren Nebenmenschen unverwandt bei Dir verbleiben werden.
GEJ|10|127|12|0|Lasse, o Herr, aber nicht zu große Prüfungen über uns kommen, in denen einer oder der andere von uns schwach werden könnte im Glauben an Dich und in der Liebe zu Dir! Dein heiliger Wille bleibe bei uns und wirke in uns allzeit bis an das Ende unserer Tage, und dann jenseits ewig!“
GEJ|10|127|13|0|Sagte Ich: „Oh, wer also, wie du nun, zu Mir beten wird, nicht nur mit dem Munde, sondern auch im Herzen, dessen Gebet wird bei Mir auch allzeit die vollste Erhörung finden! – Doch nun wieder von etwas anderem!“
GEJ|10|128|1|1|128. — Vom Verbreiten der Lehre des Herrn und vom Segnen
GEJ|10|128|1|0|(Der Herr:) „Siehe, du Wirt, und auch ihr andern Bewohner dieses Ortes, ihr seid nun zwar vollends fest in Meiner Lehre unterwiesen, da ihr das in euch lebendig einsehet, daß alle Gesetze und auch alle Propheten in dem enthalten sind, daß der Mensch den einmal wohlerkannten Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll! Wer das tut, der erfüllt Meinen allzeit den Menschen geoffenbarten Willen vollkommen, und es wird dadurch auch Mein Geist in ihm seine Seele erwecken und in alle Weisheit leiten, wie ihr alle das bald in euch erfahren werdet.
GEJ|10|128|2|0|Aber es handelt sich hier noch um etwas, und das besteht in dem, daß auch alle andern Menschen in dieser Lehre also unterrichtet werden sollten, um nach ihrem Geiste denken, wollen, handeln und leben zu können; denn so ein Mensch von einer Lehre nichts kennt, so kann er sie auch nicht zur Richtschnur seines Denkens, Wollens, Handelns und Lebens machen.
GEJ|10|128|3|0|Es ist aber das eben keine leichte Sache, Menschen, die sich in allerlei Irrtümern begründet haben, und jene, die aus den Irrtümern irdische Vorteile zu gewinnen verstehen, zu der reinsten Wahrheitslehre aus den Himmeln zu bekehren, indem ein jeder Mensch einen vollkommen freien Willen hat und sonach denn auch allzeit denken, glauben, wollen, handeln und leben kann, wie er will, und sich dann sicher am allerschwersten von seinen großen Irrtümern abwendig machen läßt, so ihm diese, wie schon bemerkt, große irdische Vorteile bieten.
GEJ|10|128|4|0|Bedenket aber nun, wie viele Menschen auf der ganzen Erde nun noch in den größten Irrtümern leben und in der tiefsten Geistesfinsternis wandeln! Wäre es da denn nicht für jene Menschen, die nun von Mir aus ins höchste Lebenswahrheitslicht gesetzt worden sind, sehr zu wünschen, daß so bald als möglich auch alle die in den alten, kaum denkbar vielen Irrtümern sich befindenden Menschen sich in dem Lichte befinden möchten, in dem ihr alle euch nun schon befindet?
GEJ|10|128|5|0|Ich sehe es in euren Herzen, daß ihr solchen Wunsch in euch ganz lebendig heget; aber wie das anfangen, um diesen von Mir vor euch ausgesprochenen und von euch lebendig gefühlten Wunsch ins Werk zu setzen? Etwa sogleich sich auf den Weg machen und allenthalben Meine Lehre predigen und also den Menschen Mein Licht aus den Himmeln überbringen?
GEJ|10|128|6|0|Ja, Meine lieben Freunde, das wäre schon alles recht, wenn sich solch einer Unternehmung, besonders in dieser Zeit, in der sich die ganze Hölle mit ihrer Macht und ihrem argen Einfluß über die ganze Erde gelagert hat, nicht zu große Hindernisse in den Weg stellten; denn fürs erste ist die Erde zu groß, und ein Mensch hätte schon bei tausend Jahre zu tun, um nur das ganze Asien, Europa und nur einen Teil von Afrika derart zu durchwandern, daß er an allen Punkten und Orten, wo Menschen leben, Meine Lehre hinbrächte und die Menschen für sie gewönne.
GEJ|10|128|7|0|Doch saget ihr nun in euch: ,Ja, für einen Menschen wäre das sicher völlig unmöglich, so er auch mit keinem andern Hindernis zu kämpfen hätte als mit der Größe und Weite der Erde; aber was einem Menschen nicht möglich ist, das kann bei nur diesem einen Hindernis doch vielen erleuchteten Menschen möglich sein! Man sende sie nach allen Richtungen aus, und es werden so nicht tausend Jahre erforderlich sein, bis das Lebenslicht zu allen Menschen gebracht würde!‘
GEJ|10|128|8|0|Ich sage es euch, daß ihr ganz richtig gerechnet habt, so man auf der Erde nur mit diesem Hindernis zu kämpfen hätte, das an und für sich ein rein natürliches und durchaus kein höllisches ist.
GEJ|10|128|9|0|Aber wie den Hindernissen der Hölle begegnen, wie die beinahe zahllos vielen Priester, die bei ihren Völkern und Königen in größtem und gefürchtetstem, nahezu übergöttlichen Ansehen stehen und durch ihre Zauberkünste und durch ihre Irrlehren sich schon seit gar langer Zeit unermeßliche Weltreichtümer und dadurch auch eine übergroße Weltmacht erworben haben, zum Lichte der ewigen Wahrheit aus den Himmeln bekehren?
GEJ|10|128|10|0|Seht, das wäre auf dem von Mir nun des wahren Heiles der Menschen wegen gezeigten, ganz natürlichen Wege Mir Selbst ebenso unmöglich, wie das jedem von euch selbst bei dem allerbesten und ernstesten Willen unmöglich wäre!
GEJ|10|128|11|0|Mit Meiner Allmacht wirken, aber hieße alle diese Menschen so gut wie völlig zunichte machen und aus ihnen Tiere zeihen. Denn die Tiere brauchen für ihr gerichtetes Naturleben keinen Unterricht, sondern sie handeln alle nach dem Trieb, den Meine Weisheit und Macht in ihnen nach ihrer Art und Gattung erweckt und aufrechterhält, und sind darum keiner wahren, aus ihnen hervorgehenden Lebensvervollkommnung fähig; nur gewisse Haustiere können durch den Verstand und festen Willen des Menschen dahin über ihren Naturstand gezogen werden, daß sie ihm dann die bekannten, ganz groben und untergeordnetsten Dienste erweisen können.
GEJ|10|128|12|0|So Ich nun alle die in den tausendmal tausend Irrtümern stehenden Menschen auch also behandeln würde, – was Unterschieds wäre da hernach wohl zwischen ihnen und den Tieren?
GEJ|10|128|13|0|Was sonach tun, um allen Menschen die Lehre, die Ich nun Selbst von neuem aus Meinen Himmeln zu euch besseren Menschen brachte, zu verkünden, und das mit der besten Wirkung?
GEJ|10|128|14|0|Da heißt es, Zeit und Geduld niemals außer acht lassen und dabei aber auch stets den festen Willen haben, bei jeder schicklichen Gelegenheit vor den Menschen, welches Glaubens sie auch immer sein mögen, Meinen Namen zu bekennen und ihnen Meinen Willen bekanntzugeben. Denn wer Mich ohne Scheu und Furcht bekennen wird vor den Menschen, in der Absicht, sie zu erleuchten für ihr ewiges Heil, den werde auch Ich bekennen im Himmel vor dem Throne des Vaters, welcher da ist die ewige und reinste Liebe in Mir.
GEJ|10|128|15|0|Seht, auf diesem Wege, der aus dem weiten Morgenland nach den vielen Abendländern führt, ziehen das Jahr hindurch gar viele Menschen hin und her! Sie haben bei euch wohl nur selten – außer Wasser – etwas genommen und sind von hier nach Aphek gezogen; so aber nun auch euer Ländlein durch Meine Segnung euch weit über euren Hausbedarf allerlei Früchte tragen wird und auch eure Herden zahlreicher werden, dann werdet auch ihr gar manchen Wanderer ganz wohl beherbergen können! Und so er euch sicher fragen wird, wie denn diese ihm wohlbekannt so wüste Gegend in eine so blühende und reiche umgestaltet worden ist, da benutzet die Gelegenheit und zeiget dem noch blinden Wanderer das Licht der Wahrheit aus den Himmeln, und nennet vor ihm Meinen Namen!
GEJ|10|128|16|0|Und so er euer Licht annehmen und eures Glaubens werden wird, dann segnet ihn in Meinem Namen, und er wird dessen alsbald gewärtig werden und wird dann in seinem Lande bald viele seiner Freunde, Bekannten und Verwandten zu seinem Glauben bekehren und dadurch einen guten Vorläufer für jene Verkünder Meiner Lehre machen, die Ich zur rechten Zeit dahin entsenden werde!
GEJ|10|128|17|0|Werden Leute aus Bethsaida und auch andern Orten zu euch kommen und euch fragen, wann und auf welche Art euer Ländlein so blühend geworden ist, da tuet dasselbe, das Ich euch riet mit den Fremden zu tun; die da leicht voll Glaubens werden, die segnet denn auch in Meinem Namen, und sie sollen des Segens innewerden!
GEJ|10|128|18|0|Der Segen aber bestehe darin, daß ihr den gläubig Gewordenen die Hände aufleget und in eurem festen Vertrauen auf Mich und im lebendigen Glauben an Mich ihnen saget: ,Gott der Herr, der im Menschensohne Jesus zu uns gekommen ist und durch die Macht Seines Wortes und Willens bezeugte, daß Er der verheißene Messias ist, sei mit euch und durch Ihn der Friede den Menschen auf Erden, die an Ihn glauben, Seine Gebote halten und eines guten Willens sind!‘
GEJ|10|128|19|0|So ihr das über die Bekehrten werdet ausgesprochen haben, so werden sie des Segens von Mir alsbald innewerden und auch sicher eure wahren Freunde werden, – doch denen, die nur so halbgläubig geworden sind, tut das erst, so sie mit der Zeit auch voll Glaubens wurden; denn ein halber Glaube taugt für den Empfang Meines Segens nicht!
GEJ|10|128|20|0|Und nun abermals von noch etwas anderem!“
GEJ|10|129|1|1|129. — Der Herr erklärt das Weltall zwecks Bekämpfung des Aberglaubens
GEJ|10|129|1|0|(Der Herr:) „Seht, ein kleiner Irrtum auch in den Dingen dieser Welt, das heißt dieser Erde, sowie auch der verschiedenen Gestirne des Himmels, zieht notwendig auch nur zu bald eine Menge anderer Irrtümer und Falschheiten nach sich!
GEJ|10|129|2|0|Wollt ihr selbst nicht wieder in die alten Irrtümer und in allerlei finsteren Aberglauben der Zeichendeuterei auf dieser Erde und jener Falschseher verfallen, die der Menschen Geschick aus den Sternen lesen, so müsset ihr auch der vollen Wahrheit nach wissen, wie die Erde gestaltlich beschaffen und wie groß sie ist, und wie da entsteht Tag und Nacht.
GEJ|10|129|3|0|Ebenso müsset ihr denn auch wissen, was der Mond, was die Sonne und was die zahllos vielen andern Sterne sind! Denn eure Vorstellung von der Erde, von dem, wie da wird Tag und Nacht, vom Monde, von der Sonne, von den Planeten und von den Fixsternen und ihren Bewegungen, von den Finsternissen, von den Kometen und noch andern Erscheinungen am Himmel und in der Luft wie im Wasser ist bisher grundfalsch und ist nicht ein wahres Jota daran.
GEJ|10|129|4|0|Ich will euch denn auch in diesen natürlichen Dingen ein wahres Licht geben. Aber es geht das ohne gewisse anschauliche Behelfe freilich nicht gut vonstatten, und so werde Ich für euch solche Behelfe aus Meiner alles vermögenden Macht nun schon herbeischaffen und euch dann zeigen die Gestalt der Erde, ihre Bewegung, ebenso den Mond, die Sonne, die Wandelsterne, ebenso auch die Fixsterne, und wieder also auch die andern Erscheinungen am Himmel, in der Luft, im Wasser und auf und in der Erde. Gebet denn nun alle wohl acht auf das, was ihr sehen werdet, und wie euch all die Dinge erklärt werden!“
GEJ|10|129|5|0|Hierauf rief Ich, wie andernorts schon zu öfteren Malen, einen ganz natürlichen Erdglobus in einer solchen Größe ins Dasein, daß auf seiner Oberfläche im natürlich wohl nur kleinsten Maßstabe alles vorkam, was sich als größeres Objekt auf derselben befindet, und Ich erklärte ihnen alles auf eine ganz kurze und möglichst leichtfaßliche Weise.
GEJ|10|129|6|0|Wie Ich das mit der Erde tat, also tat Ich es auch mit all den andern Weltkörpern, zeigte das Wesen der Fixsterne, der Zentralsonnen, nebstbei auch das Wesen der Hülsengloben, und so denn auch die Kometen und all die andern vorerwähnten Erscheinungen.
GEJ|10|129|7|0|Die Erklärung dauerte aber wohl gut ein paar Stunden über die Mitte der Nacht hinaus, und weil Ich es also veranstaltete, daß ihr Geist in ihre Seele, soviel es nötig war, übertrat, so begriffen alle das Erklärte wohl und konnten nicht genug erstaunen über die endloseste Größe Meiner Weisheit und Meiner Macht.
GEJ|10|129|8|0|Und der Wirt sagte nach einer Weile seines Staunens: „Ja, Du großer Herr und Meister in Deinem Gottgeiste von Ewigkeit, dieses alles kann nur Der kennen und es uns schwachen Kindern dieser Erde auch zeigen und erklären, der von all dem der ewige Werkmeister ist und auch als solcher fortan ewig verbleiben wird! Alles, was wir Dir für diese Deine uns so wunderbar erwiesene Gnade zum Dank darbringen könnten, wäre ja noch weniger als vollkommen nichts!
GEJ|10|129|9|0|Ja, wenn ich nun meine vorigen Begriffe von der Erde und von all den Gestirnen am Himmel mit dem nun Vernommenen vergleiche, so kann ich mich im Grunde auch nur sehr verwundern, wie es den Menschen möglich war, von all dem sich so grundirrige Begriffe zu machen! Moses und auch die andern großen Weisen der Juden, die sich Gottes Volk nannten, mußten nebst vieler andern Weisheit, in der sie von Gott aus stets wohl unterwiesen waren, ja auch in dem, was Du, o Herr und Meister, uns nun gezeigt hast, irgendwelche besseren und wahreren Begriffe und Kenntnisse gehabt haben, und doch findet sich darin eben unter den Juden eine wahrlich nahezu noch größere Unkunde vor als unter den Römern und Griechen, die in dieser Sphäre ihre Kenntnisse von den alten Ägyptern nahmen, die darin denn doch so manches verstanden, obschon sie auch die Sonne für einen Planeten hielten, der sich um die Erde bewegt.“
GEJ|10|130|1|1|130. — Von der ägyptischen Astrologie und andern Irrtümern
GEJ|10|130|1|0|Sagte Ich: „Freund, die alten Ägypter wußten um das alles zum größten Teil, und so wußten es auch Moses und viele andere Weise, und Moses hatte darüber ein großes Buch geschrieben, das sich bis in die Zeiten der Könige erhielt. Aber dem Priestertum, das nach den irdischen Gütern jagte, trug solche Kenntnis viel zuwenig ein; daher griff es nach der ägyptischen Astrologie und prophezeite den blinden Menschen daraus allerlei Gutes und Schlechtes und ließ sich dafür so gut, als es nur möglich war, bezahlen.
GEJ|10|130|2|0|Daß das, was sie den Menschen aus den Sternen weissagten, zumeist in Erfüllung ging, dafür wußten sie durch ihre geheimen Umtriebe schon zu sorgen. Wem sie etwas Gutes prophezeiten, der zahlte ohnehin gerne mehr, als sie von ihm verlangten, – und wem sie etwas Schlechtes prophezeiten, der mußte sich dann an die Priester wenden, daß sie sich für ihn zu Gott wendeten und für ihn Besseres erbäten. Dafür mußte er aber dann auch die verlangten Opfer bringen, und es waren also die Priester nie im Nachteil, ob sie jemandem Gutes oder Schlechtes weissagten; das Schlechte aber kam viel häufiger zum Vorschein als das Gute, weil es ihnen mehr Gewinn abwarf als das Gute.
GEJ|10|130|3|0|Aus dem könnet ihr nun ganz leicht ersehen, aus welchem Grunde mit der Zeit eben die Priester zumeist die Naturwahrheiten in Falschheiten und Lügen verwandelten. Denn da dachten sie, daß daran wenig liege, ob ein Mensch dies oder jenes von den Gestirnen glaube, denn hinkommen und sich selbst überzeugen, ob die Sachen so oder anders sich verhalten, wäre ja doch nicht möglich.
GEJ|10|130|4|0|Wenn er nur an einen Gott glaube und Seine Gebote halte, so tue er zur Genüge; was die Gestalt der Erde betreffe und die Gestirne des Himmels, da sei es ihm besser, so er davon keine gegründete Wahrheitskunde besitze.
GEJ|10|130|5|0|Aber sie bedachten nicht in ihrer Weltblindheit, wie ein kleiner Irrtum den Menschen nur zu bald und zu leicht zu einem größeren und aus dem dann auch zu einer großen Menge von allerlei Irrtümern und Falschheiten verleitet.
GEJ|10|130|6|0|Und daß dies nun bei allen Völkern der Fall ist, das lehrt euch nun eure gute Kunde, die ihr von allen Seiten her über den blinden Zustand der Menschen besitzet.
GEJ|10|130|7|0|So die Menschen einmal über alle ihnen sichtbaren Dinge dieser Welt eine wahrheitsvolle Kunde haben werden, dann werden ihnen die gold- und schätzegierigen Priester nicht mehr ihre alten Dummheiten als glaubbare Wahrheiten darstellen können, und mit der alten und bösen Priesternacht wird es sein Ende nehmen.“
GEJ|10|130|8|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, das sehe ich nun wohl ganz klar ein; aber ich sehe auch die große Schwierigkeit nicht minder klar ein, die sich von selbst darstellen wird, so wir einen und den andern in diesen alten Irrtümern begründeten Menschen in diesen natürlichen Dingen der vollen Wahrheit nach werden zu unterrichten anfangen. Denn fürs erste werden wir ihm das ohne die geeigneten Mittel, die Du aus Deiner Gottmacht leicht herbeischaffen konntest, nur sehr schwer und unvollkommen versinnlichen können, und fürs zweite wird ein jeder Laie uns fragen, woher wir solche Kunde hätten.
GEJ|10|130|9|0|Wir werden da freilich nicht ermangeln, uns auf Dich zu berufen; aber es wird auch so manches vorausgehen müssen, bis er das begreifen wird, wer Du bist!
GEJ|10|130|10|0|Mit der Zeit werden sich freilich in Deinem allerheiligsten Namen gar große Dinge bewerkstelligen lassen; aber in gar zu kurzer Zeit wird sich nicht besonders vieles machen lassen.
GEJ|10|130|11|0|Wohl werden wir alles mögliche aufbieten und den Menschen die getreueste Kunde geben, was sich hier alles zugetragen hat, und was wir gesehen und vernommen haben, und wir sind auch schon zum voraus überzeugt, daß unsere Mühe keine vergebliche sein wird; doch wird es darunter auch sicher so manche geben, die uns nicht glauben werden.
GEJ|10|130|12|0|Allein, das alles soll uns dennoch nicht im geringsten beirren, Dich den andern Menschen, woher sie auch zu uns kommen sollen, als den alleinig wahren Gott, Herrn und Schöpfer Himmels und der Erde zu verkünden.
GEJ|10|130|13|0|Aber nur noch eines, Herr und Meister! Wolltest Du uns denn nicht so welche bleibenden Behelfe aus Deiner Macht herbeischaffen, mittels deren wir den andern Menschen das leichter versinnlichen könnten, wie sich alle die großen Weltdinge der Wahrheit nach verhalten, über die wir von Dir eine so überhelle Aufklärung erhalten haben?“
GEJ|10|130|14|0|Sagte Ich: „O ja, nichts leichter als das, – doch in der Art nicht, wie Ich sie für euch hergestellt habe, aber wie aus Ton zum Aufbewahren, und das im freilich noch kleineren Maßstabe, als Ich es für euch in einer ganz natürlichen Weise dargestellt habe; das andere muß dann euer Verstand und eure Weisheit hinzufügen.“
GEJ|10|131|1|1|131. — Die Notwendigkeit der Vorsicht beim Lehren
GEJ|10|131|1|0|(Der Herr:) „Gebet aber allzeit acht, daß nicht irgendwelche Feinde der Wahrheit zu euch kommen als reißende Wölfe in Schafspelzen und euch unter allerlei Gelöbnissen derlei Behelfe entleihen und sie euch dann nicht wieder zurückstellen, auf daß eben das, was ihr die Menschen lehret, nicht zu weit unter die Menschen komme und den Priestern ihre Wahrsagerei dann nichts mehr eintrüge!
GEJ|10|131|2|0|Denn so ihr lehren werdet, daß Ich der rechte Messias sei, so wird das besonders den Juden in Jerusalem und auch euren Priestern nicht gar zu besonders viel machen; denn sie werden sagen: ,Die Heiden mögen glauben, was sie wollen, wir zu Jerusalem aber bleiben, wie wir sind, und lassen uns von den Heiden nichts vorpredigen!‘
GEJ|10|131|3|0|Und eure Priester werden sagen: ,Das sind noch ganz brauchbare Menschen für uns, die noch ganz lebhaft an einen oder den andern Gott glauben; denn es ist uns schon ohnehin ein ganzes Heer von nichts mehr glaubenden Weltweisen über alle unsere Köpfe gewachsen, und so müssen wir froh sein, noch irgend an eine Gottheit glaubende Menschen anzutreffen, weil wir sie um gar vieles besser brauchen können als alle die hochtrabenden Weltweisen, die uns keine Opfer mehr verabfolgen wollen.‘
GEJ|10|131|4|0|Aber so ihr die wahre Gestalt der Erde nebst allen Erscheinungen – die in ihrer Nähe, die auf ihr und auch weit außer ihr –, ebenso den Mond, die Sonne, die Planeten und die andern Sterne auf eine sehr begreifliche Weise den Menschen werdet zu erklären anfangen und die verschiedenen Priester, die nun zumeist von der Wahrsagerei leben, davon Kunde erhalten werden, so werdet ihr mit ihnen eure Not haben.
GEJ|10|131|5|0|Darum seid da vorsichtig, und unterrichtet in solchen Dingen nur solche Menschen, die voraus schon überfest im Glauben an Mich und in der Liebe zu Mir geworden sind, und saget ihnen dann dasselbe, was Ich euch jetzt gesagt habe; und die es beachten werden, die werden bequemen Weges wandeln.
GEJ|10|131|6|0|Ich sage es euch: Bis das, was Ich nun von den natürlichen Dingen dieser Welt kundgemacht habe, in die große Menschenmasse übergehen wird, werden mehr denn tausend Erdjahre verstreichen.
GEJ|10|131|7|0|Es hängt zwar von all dem des Menschen ewiges Leben nicht ab, denn das wird ihm durch seinen Glauben an den einen allein wahren Gott und durch die treue Erfüllung Seines Willens zuteil, – doch ist es für den Menschen von großem Nutzen, und das für Seele und Geist, so er nebstbei auch von all dem alten Aberglauben gereinigt wird und Gott dadurch immer heller und klarer erkennt und Ihn dadurch auch sicher stets mehr und mehr lieben wird.“
GEJ|10|131|8|0|Auf diese Meine Rede sagten alle: „Wir können noch so gut und uns völlig richtig dünkend eine Sache darstellen, – allein Du, o Herr und Meister, hast am Ende doch ganz allein nur vollkommen recht in allem! Wir sehen es nun schon ganz vollkommen ein, daß es mit der Verbreitung dieser Naturlehre, weil sie zu sehr in die irdischen Vorteile der Priester eingreift, seine sehr fraglichen Wege haben wird, und wir werden uns auch nicht irgend über die Maßen beeilen, sie jedem nächstbesten Menschen aufzudrängen; aber dennoch bitten wir Dich, uns zu dem Behufe mit den nötigen Behelfen zu versehen, auf daß wir bei einer guten Gelegenheit auch in diesem Fache Deinen Namen höchst verherrlichen können.“
GEJ|10|131|9|0|Darauf sagte Ich zum Wirte: „Siehe, du hast in diesem deinem Hause nun wohl nur sehr wenig geeigneten Raumes, in welchem man derlei Dinge ganz zweckdienlich unterbringen könnte. Es bleibt Mir demnach auf eure gute Bitte nichts übrig, als deinem Hause eine solche Räumlichkeit anzufügen, in der die früher besprochenen Erklärungsbehelfe ordentlich und zweckdienlich untergebracht und zur rechten Zeit von euch in Meinem Namen gebraucht werden können.
GEJ|10|131|10|0|Ich habe denn das nun auch bereits schon ins Werk gesetzt, und so gehen wir denn nun durch das anstoßende kleine Gemach, und aus demselben werden wir durch eine offene Tür in das besagte neue Gemach gelangen, in dem sich schon alles vorfinden wird, was ihr zu den gewissen Erklärungen benötigen werdet!“
GEJ|10|131|11|0|Darauf erhoben sich, bis auf einige Meiner alten Jünger, die schon voll Schlafes waren, alle, jung und alt, und gingen mit Mir, anzustaunen das neue Wunder.
GEJ|10|131|12|0|Als wir in das gewisserart astronomische und geologische Gemach kamen, das wohl an vier Male so groß war als unser Speisezimmer, da war es völlig aus bei den Bewohnern dieses Ortes. Ich aber zeigte und erklärte dem Wirte die Behelfe, und er begriff alles sogleich und fand alles im höchsten Grade zweckdienlich.
GEJ|10|131|13|0|Unter vielen Lobpreisungen Meiner Macht, Liebe und Weisheit kehrten wir wieder in unser Gemach zurück, und der Wirt fragte Mich, ob er Mir irgendein gutes Lager für die paar Stunden der noch andauernden Nacht bereiten solle.
GEJ|10|131|14|0|Sagte Ich: „Lasse du das; denn Ich bleibe hier am Tische, so wie auch Meine Jünger alle hier am Tische ruhen! Es fängt der Morgen ohnehin schon zu grauen an, und wir werden keiner langen Nachtruhe benötigen.“
GEJ|10|131|15|0|Damit war der Wirt zufrieden und setzte sich auch an den Tisch; seine Nachbarn aber begaben sich in ihre Wohnungen und versuchten einzuschlafen; aber ihre Seelen waren noch zu erregt, und so sah es bei ihnen mit dem Schlafe schlecht aus.
GEJ|10|132|1|1|132. — Die gesegnete Landschaft
GEJ|10|132|1|0|Am Morgen, noch mehr denn eine Stunde vor dem Aufgange, kamen einige schon vor die Tür unseres Wirtes, der auch nicht einschlafen konnte – obschon er zu dem Behufe noch einige Schlucke Weines zu sich genommen hatte –, und als der Wirt seine Nachbarn gar leicht an ihren Stimmen erkannte, erhob er sich denn auch ganz sachte vom Tische und ging hinaus, um zu erfahren, was denn seine Nachbarn schon so früh am Morgen vor seines Hauses Tür machten.
GEJ|10|132|2|0|Als er hinauskam, da schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte (der Wirt): „Aber hört, wo sind wir denn nun? Mein Haus ist wohl noch das alte; aber die Gegend ist ganz fremd! Da gibt es kein kahles Gestein mehr, alles ist grün und blühend! Und da oben auf dem Steinhügel, auf dem noch nie eine noch so elende Distelstaude zum Vorschein kam, steht ein ganzer Wald voll der üppigsten Fruchtbäume, die in dieser vorgerückten Herbstzeit dazu noch voll reifer Früchte sind! Ich ginge nun wahrlich gern hinauf, um mich davon völlig zu überzeugen; aber es ist das alles ein heiliges Wunderwerk des Herrn, und wir werden erst dann Gebrauch davon machen, wenn Er an unserer Seite uns von all dem den Gebrauch einräumen wird.“
GEJ|10|132|3|0|Damit waren auch alle seine Nachbarn unter großer Rührung ihres Gemütes einverstanden.
GEJ|10|132|4|0|Sie gingen aber ums Haus herum, um alle Punkte ihres Ländleins zu besichtigen, und als sie nach den verschiedenen Richtungen ihres Ländleins ein wahres Eden entdeckten, da konnten sie vor lauter Lobpreisungen Meines Namens gar nicht zu Ende kommen.
GEJ|10|132|5|0|Endlich kam Ich Selbst noch vor dem vollen Aufgange zu ihnen hinaus, und sie fielen alle auf die Knie und dankten Mir für solch eine Segnung.
GEJ|10|132|6|0|Ich aber beruhigte sie alle bald und riet ihnen, mit Mir auf den ehemaligen Steinhügel zu gehen und den Aufgang der Sonne zu betrachten und da sich auch in der großen Natur zu überzeugen, daß Meine nächtliche Erklärung vollste Wahrheit sei.
GEJ|10|132|7|0|Wir bestiegen den Hügel, der, vom Hause aus gemessen, bei dreihundert Handspannen höher war als der Punkt, auf dem das Haus stand.
GEJ|10|132|8|0|Von diesem ganz freien Hügel genoß man eine weite Fernsicht besonders gen Osten und konnte auch die Mauern von Bethsaida noch recht gut ausnehmen. Auch in die Gegend von Aphek konnte man sehen, doch wegen der ziemlichen Entfernung von etlichen Stunden Weges nicht viel ausnehmen.
GEJ|10|132|9|0|Der Wirt aber betrachtete zuerst die vielen und pur edlen Fruchtbäume seines Hügels, auf dem wir uns befanden.
GEJ|10|132|10|0|Und als er mit diesem für ihn seligen Betrachten zu Ende war und die Sonne sich schon sehr dem Aufgange nahte, da kehrte auch er seine Augen voll Aufmerksamkeit dem Aufgange der Sonne zu und sagte, als die Sonne über den niederen Horizont emporzusteigen begann: „Nun sehe ich es klar, daß die große Sonne wahrlich steht und nur die sich von Westen nach Osten drehende Erde ihre Länder und Orte unter die stillstehende Sonne hinschiebt!“
GEJ|10|132|11|0|Und was der Wirt gewahrte, das gewahrten auch seine Nachbarn, und alle waren höchst erfreut darob, daß sie solches auch nun selbst an der großen Natur wahrgenommen hatten.
GEJ|10|132|12|0|Als wir so bei einer Stunde lang die Morgenszene betrachteten, da kamen schon einige Wanderer von Morgen her auf der Heerstraße, die nach Damaskus und noch weiter bis nach Persien führte. Diese Wanderer, kleine Kaufleute, die allerlei hölzernes und auch tönernes Küchengerät auf ihrem Rücken zum Verkaufe herumtrugen, waren aus der Gegend von Damaskus.
GEJ|10|132|13|0|Als sie an unseren kleinen Ort kamen, den sie wohl kannten, weil sie auch alljährlich zwei bis drei Male diesen Weg begingen und in den zehn, eigentlich bei sechzig Städten für ihre Ware, die sie sehr billig zum Verkaufe anboten, sichere Abnehmer fanden, da blieben sie stehen, und einer fragte den andern, ob dies wohl der Ort wäre, in dem sie dann und wann auch ein kleines Geschäft gemacht hätten.
GEJ|10|132|14|0|Da sie vor kaum einem halben Jahre sich auch in dieser Gegend befanden, allwann sie noch ganz kahl war, so begriffen sie nicht, wie diese unbemittelten Einwohner dies ihr zum größten Teil kahles Ländlein in einer so kurzen Zeit derart zu kultivieren vermochten, was selbst die reichsten Menschen kaum in zehn Jahren beim größten Fleiß zu bewirken imstande wären.
GEJ|10|132|15|0|Einer von ihnen, der ein Jude nach altem Schlage war, sagte zu seinen Gefährten: „So diese Gegend dieselbe ist, als die wir sie kennen, so muß da ein offenbarstes Wunder geschehen sein! Es steht in einem Propheten, daß dieses Land noch einmal grünen werde, und zwar zur Zeit der Ankunft des verheißenen Messias. Man hört, daß in Galiläa ein Mann aus dem Stamme Davids solle erstanden sein und treibe wunderbare Dinge.
GEJ|10|132|16|0|Allein, es ist in dieser Zeit auf derlei Wunderdinge nicht viel zu halten, da wir von allen Seiten von Wundertätern in großen Massen ordentlich belagert sind. Denn solange nur Juden diese Länder bis weit über Damaskus hinaus innehatten, da hatten bei ihnen die fremden Magier keinen Zutritt; aber seit das alles den Römern gehört, da dürfen sie von allen Seiten hereindringen und ihre Zaubereien ausüben, und mitunter – wie wir uns schon mehrere Male selbst überzeugt haben – bewirken sie im Ernste erstaunliche Dinge.
GEJ|10|132|17|0|Am Ende sind etwa vor kurzem auch hier solche Magier durchgezogen und haben diesen armen Menschen eine außerordentliche Wohltat erwiesen. In Damaskus hatten ja auch vor ein paar Jahren etliche Magier einem Reichen ein Stück ganz kahlen Feldes in wenigen Tagen in eine grüne Wiese verwandelt.“
GEJ|10|132|18|0|Sagten die andern: „Nun ja, es mag auch hier etwas Ähnliches vorgefallen sein! So wir wiederkehren werden, werden wir wohl etwas Näheres erfahren!“
GEJ|10|132|19|0|Auf das zogen sie weiter gen Aphek hin.
GEJ|10|132|20|0|Ich aber sagte das dem Wirte, was diese Leute unter sich geredet hatten, und sagte weiter hinzu: „Wenn diese in die Nähe von Aphek kommen werden, da werden sie sich noch weniger auskennen denn hier, wo sie sind; denn um Aphek ist in stundenweitem Umkreise das geschehen, was hier in eurem Ländlein geschah. Wenn diese Leute wiederkehren werden, dann werdet ihr leicht mit ihnen zu reden haben; denn sie werden in der benannten Stadt über ihren Mann aus Galiläa schon diejenigen Aufklärungen bekommen, daß sie ihn nicht mehr mit den heidnischen Zauberern verwechseln werden.“
GEJ|10|132|21|0|Nachdem kosteten wir mehrere Früchte auf dem Hügel, die allen vortrefflich schmeckten, und begaben uns darauf wieder in die Herberge, allwo schon ein wohlbereitetes Morgenmahl auf uns wartete.
GEJ|10|133|1|1|133. — Die zweite Aussendung der Jünger
GEJ|10|133|1|0|Als wir in die Herberge kamen, da waren alle Jünger auch schon auf den Beinen und baten Mich um Vergebung, daß sie diesen Morgen verschlafen hatten.
GEJ|10|133|2|0|Ich aber sagte: „Seid ruhig, denn Ich habe es ja also gewollt!“
GEJ|10|133|3|0|Darauf wurden alle ruhig, setzten sich zum Tische und nahmen mit Mir das wohlbereitete Morgenmahl zu sich. Diesmal schmeckten allen der Griechen Fische.
GEJ|10|133|4|0|Nach dem Morgenmahle aber sagte Ich zu den Jüngern: „Nur einmal im Anfange Meines Lehramtes habe Ich euch ausgesandt vor Mir hin, daß ihr ausginget, um in manchen Orten und Städten den Menschen von Mir und Meinem Reiche Kunde zu bringen, und erteilte euch die Macht, durchs Händeauflegen in Meinem Namen die Kranken zu heilen und die Teufel und bösen Geister, von denen so manche Menschen besessen sind, auszutreiben; und ihr ginget auf eine kurze Zeit, und ihr wisset, wo und wann Ich euch wieder zu Mir brachte. Und sehet, jene Voraussendung war von nachhaltig guter Wirkung.
GEJ|10|133|5|0|Wir befinden uns nun in der großen Landschaft Hauran, die beinahe vom Ursprung des Jordans bis zu dessen Mündung ins Tote Meer das sehr gebirgige östliche Ufer bildet. In dieser einst über alle Maßen gesegneten Landschaft liegen die zehn großen Städte, von denen wir nun in einer kurzen Zeit einige mit der besten Wirkung durchgemacht (bearbeitet)  haben.
GEJ|10|133|6|0|Aber es gibt noch viele, die wir zu durchwandern haben; denn von den zehn Großstädten haben wir erst drei – als Pella, Abila und Golan – besucht (denn Aphek gehört zu den Kleinstädten), und es bleiben uns demnach noch sieben Großstädte und eine große Menge Kleinstädte und andere Orte übrig, und Meine Zeit geht ihrem Ende zu.
GEJ|10|133|7|0|Ich habe aber nun bei gut zweieinhalb Jahre nahe ganz allein ohne Ruhe und Rast gearbeitet und will nun hier in diesem Meinem Lieblingsorte eine Rast von sieben Tagen nehmen.
GEJ|10|133|8|0|Johannes, Jakobus der Größere und Matthäus, unser Schreiber, sollen bei Mir verbleiben; ihr andern aber teilt euch in zwei Gruppen! Die eine ziehe nach Hippos, einer Kleinstadt – nicht ferner von Aphek gelegen denn dieser kleine Ort –, und die zweite begebe sich nach Edrei, auch mehr eine Klein- denn Großstadt, die von hier zwischen Morgen und Mittag liegt und in etlichen Stunden leicht erreicht werden kann!
GEJ|10|133|9|0|In diesen beiden Städten werdet ihr zuallermeist nur Griechen und auch Römer antreffen. In jeder dieser Städte gibt es mehrere Herbergen; in welcher man euch aufnehmen wird, in der bleibet auch, und was man euch aufsetzen wird auf den Tisch, das esset und trinket!
GEJ|10|133|10|0|So ihr recht in Meinem Namen handeln werdet, so werdet ihr allenthalben wohl aufgenommen sein. Wo ihr aber in einer Herberge einkehret, da saget: ,Der Friede sei mit euch! Wir sind gekommen, euch das große Lebenslicht aus den Himmeln des einen, allein wahren Gottes zu verkünden und Ihn Selbst euch kennen zu lehren. Die ihr an Ihn glauben werdet, sollet Seine göttliche Kraft an uns von Ihm Ausgesendeten erfahren.‘
GEJ|10|133|11|0|Wo man euch nach solch einer Anrede aufnehmen wird, da bleibet und verkündet dem Hause Meinen Namen und Meine Lehre.
GEJ|10|133|12|0|Ihr werdet in den beiden Städten und auch in etlichen kleinen Nebenorten aber eine Menge Kranker finden; die heilet, und ihr werdet in Meinem Namen eine reiche Ernte machen! Lasset euch aber ja von niemand für eure Mühe mit Geld bezahlen; denn solange Ich auf dieser Erde im Leibe bin, werdet ihr für euer Leben des Geldes nicht bedürfen. So euch aber jemand aus purer Liebe etwas darreichen würde, das möget ihr wohl annehmen, so es auch Geld wäre; denn es gibt allenthalben Arme, denen ihr es wiedergeben könnt!
GEJ|10|133|13|0|Nach sieben Tagen aber sollet ihr wieder hier eintreffen, allwann wir dann weiterziehen werden! Ihr wisset nun, was ihr zu tun habt, und somit könnet ihr euch schon auf den Weg machen!“
GEJ|10|134|1|1|134. — Die Organisation der Jünger des Herrn
GEJ|10|134|1|0|Als die Jünger solches vernommen hatten, da sagte zu Mir Simon Juda: „Herr und Meister, da wir uns nun in zwei Gruppen teilen, soll denn nicht eine jede Gruppe einen Vorsteher haben?“
GEJ|10|134|2|0|Sagte Ich: „Wann hat denn die reinste Liebe und die vollste und klarste Wahrheit aus den Himmeln eines Vorstehers benötigt?
GEJ|10|134|3|0|Die Liebe, wie die Wahrheit in ihrer höchsten Reinheit und Vollendung ist ja eben in sich auch alsosehr das Allerhöchste in sich selbst, daß sich darüber nichts noch Höheres denken und begreifen läßt!
GEJ|10|134|4|0|Ist aber solch eine Liebe und Wahrheit aus Mir in jedem von euch, die Ich nun in Meinem Namen aussende, – wer von euch will oder möchte dann seinem Bruder einen Vorsteher abgeben? Wie willst du dir da eine Vorstehung anmaßen, so du sagst und lebendig glaubst, daß nur Ich der Herr bin, – alle die andern aber sagen und glauben ganz dasselbe? Wer von euch will bei solch einer Annahme und bei solch einem Glauben ein Erster sein?
GEJ|10|134|5|0|Wenn ein guter Rechner sagt und beweist, daß drei ganz gleiche Dinge und wieder ebenso drei ganz gleiche Dinge sechs solche ganz gleichen Dinge ausmachen, und ein zweiter und dritter, vierter, hundertster ebenso guter Rechner sagen und beweisen ganz dasselbe, – Frage: Wer von ihnen soll da wohl der Vorzüglichere sein, und wen von ihnen sollten die hundert gleich guten Rechner zu einem eitlen Vorsteher über sich erwählen, und warum?
GEJ|10|134|6|0|Siehe, Ich ganz allein bin der Herr! Ihr alle untereinander aber seid ganz gleiche Brüder, und es soll keiner mehr noch minder sein; denn eine jede noch so geringe Vorsteherei erweckt im Gemüte des Vorstehers die satanische Herrschgier und wird denn auch nur zu bald zum Verderber der reinen Liebe und der lebensvollen Wahrheit aus ihr, wie es sich gleich im Anfange des Königtums nur zu klar erwiesen hat und sich nun im Tempel zu Jerusalem mehr und noch klarer erweist.
GEJ|10|134|7|0|Wer von euch denn aber schon durchaus ein Erster Meiner Jünger sein will, der sei ein Letzter und Geringster von ihnen und sei ihrer aller Knecht und Diener! Denn also besteht die Ordnung in Meinen Himmeln unter Meinen Engeln!
GEJ|10|134|8|0|Wahrlich, Ich sage es euch: Alle, die sich auf dieser Erde in einem andern Sinne werden zu Vorstehern berufen lassen, werden jenseits einen schweren Stand überkommen! Denn die schwerste Lebensaufgabe für einen Hochmütigen – was am Ende nahe ein jeder Vorsteher wird – ist die Demütigung seines Gemütes.
GEJ|10|134|9|0|Darum bleibet alle völlig gleiche Brüder, und keiner wolle vor dem andern einen noch so geringen Vorzug haben; und alle Menschen werden daraus, daß ihr euch untereinander als wahre, vollkommen gleichberechtigte Brüder liebt und achtet, ersehen und erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid.
GEJ|10|134|10|0|So ihr das nun der vollsten Wahrheit nach begriffen und aufgefaßt habt, so ziehet nun hin und tut nach Meinem Willen!“
GEJ|10|134|11|0|Als die Jünger solchen Bescheid von Mir vernommen hatten, da dankten sie Mir dafür und begaben sich sogleich auf den Weg und haben in den sieben Tagen in den benannten Orten viele Heiden samt ihren Priestern zu Mir bekehrt.
GEJ|10|134|12|0|Nur mit dem Judas Ischariot hatten die nach Edrei Gezogenen einige Anstände wegen seiner unverbesserlichen Schmutzerei (Geldgier); aber da sich bei der nach Edrei gezogenen Gruppe auch unser Thomas befand, so ist ihm sein schmutziges Bestreben bald gelegt worden; und die ganze Aussendung hat gute Früchte getragen.
GEJ|10|134|13|0|Was aber habe denn Ich mit den drei bei Mir gebliebenen Jüngern und mit den Bewohnern dieses kleinen Ortes die sieben Tage hindurch getan?
GEJ|10|134|14|0|Im ganzen nahm Ich hier – wie schon zum voraus bemerkt – eine Rast für Meines Leibes Glieder, die auch aus Fleisch und Blut bestanden; aber dennoch vergingen diese sieben Tage nicht gar so in einer vollen Untätigkeit, wie sich das etwa jemand vorstellen möchte.
GEJ|10|135|1|1|135. — Der Fischteich des Wirts
GEJ|10|135|1|0|An diesem Tage, gleich nach dem Abgang der ausgesandten Jünger, beging Ich mit den drei Jüngern und mit den Bewohnern dieses Ortes ihr Ländlein, das sie als ihr von den Römern aus bestimmtes Eigentum ansehen durften und für das sie dem Herodes, der auch hier ein Pachtkönig über die Juden war, keinen Tribut zu entrichten hatten.
GEJ|10|135|2|0|Als wir in ein paar Stunden Zeit das Ländlein ganz leicht und sehr gemächlich durchwanderten, da sagte zu Mir der Wirt: „Herr und Meister, siehe, das über die Grenzen dieses unseres Besitztums weitgedehnte Land, das ganz wüste ist und unseres guten Wissens gar keine Besitzer Stunden weithin hat, bringt keinem Menschen einen nur allergeringsten Nutzen! So wir es mit unserem Fleiß mit der Zeit über unsere Grenzen hinaus kultivierten und benutzten, würden wir dadurch fehlen?“
GEJ|10|135|3|0|Sagte Ich: „Nicht im geringsten! Was ihr durch euren Fleiß kultiviert, das könnet ihr auch benutzen, und es wird euch deshalb kein Mensch zur Rede stellen. Aber es wird euch das viel Arbeit und Mühe kosten, und ihr werdet von den kahlen Steinen eine magere Ernte haben.
GEJ|10|135|4|0|Ich werde aber schon noch etwas tun für euch auch in dieser Hinsicht; doch vorderhand begnüget euch nur mit dem, was ich für euch gesegnet habe!
GEJ|10|135|5|0|Es werden schon in einer jüngsten Zeit eine Menge Reisende bei euch einkehren und werden euch ganz wohlhabend machen, und ihr werdet dann dies euer Ländlein recht weit über seine nunmaligen Grenzen fruchtbar machen können, und eure Nachkommen werden darauf die nötige Nahrung finden; doch vorderhand denket noch nicht allzusehr daran!“
GEJ|10|135|6|0|Mit diesem Bescheid waren alle zufrieden, und wir begaben uns zu dem schon bekannten kleinen Fischteich, in dem es von Fischen wimmelte, woran die Bewohner alle eine große Freude hatten, obschon der Teich nur dem Wirte gehörte; denn obwohl alle Einwohner dieses Ortes eine Art Kommune bildeten und ein gemeinschaftliches Leben führten, so waren aber dennoch ihre Gründe nach den Gesetzen Roms abgemarkt, und ein jeder hatte seinen wohl ausgemessenen Anteil.
GEJ|10|135|7|0|Der Fischteich, wie auch der Brunnen waren im Besitze des Wirtes. Das Wasser war wohl zum Gebrauch für den ganzen Ort bestimmt, doch der kleine Teich nicht, und so denn auch die Fische nicht, die er faßte. Freilich hatte sich dieser Teich wohl nur selten eines Vorrates erfreut, aber diesmal hatte er einen großen Vorrat.
GEJ|10|135|8|0|Und Ich sagte darum am Teiche: „Weil nur durch Meine Macht und Meinen Willen erstens die große Menge der edlen Fische im Meere Galiläas gefangen, zweitens vollkommen frisch und gesund in den Säcken hierher gebracht worden sind, und drittens, da sich diese Fische in diesem Teiche auch gleichfort reichlichst vermehren und gleichfort erhalten werden und den ganzen Ort reichlich versehen sollen, so soll von nun an denn auch ein jedes Haus aus diesem Teiche Fische zu nehmen berechtigt sein, so viele es nach rechtem Ausmaße bedarf. Auf daß aber die Fische mit der Zeit, so sie sich sehr vermehren werden, auch den gehörigen Raum finden sollen, so wollen wir diesen Teich im gerechten und entsprechenden Maße vergrößern!“
GEJ|10|135|9|0|Als Ich diese Worte noch kaum ausgesprochen hatte, da hatte der ehemals ganz kleine Teich auch schon die geziemende Ausdehnung, und alle Einwohner priesen Mich und lobten Gottes Macht in Mir.
GEJ|10|135|10|0|Von dem Teiche kehrten wir wieder in die Herberge zurück, da es schon über die Mittagszeit geworden war, und besprachen uns da über gar manche Dinge und Verhältnisse im Leben der Menschen auf dieser Erde, nahmen bei dieser Gelegenheit auch ein kleines Mittagsmahl zu uns und begaben uns nach demselben wieder ins Freie, wo es sich besonders auf dem bekannten Hügel ganz wohl ruhen ließ.
GEJ|10|135|11|0|Auf diesem Hügel ruhten wir bei drei Stunden lang.
GEJ|10|135|12|0|Als sich die Sonne dem Untergange zu nahen begann, da entdeckte der Wirt, daß sich auf dem Wege von Bethsaida her einige Menschen dem kleinen Orte nahten, alle Augenblicke stehenblieben, die Gegend betrachteten und sicher nicht wußten, wie sie daran waren. Aber sie gingen dennoch dem Orte zu und erkannten ihn an den ihnen wohlbekannten ärmlichen Wohnhäusern. Sie gelangten nun denn vor die Herberge und erkundigten sich nach dem Wirt.
GEJ|10|135|13|0|Als der Wirt das von Mir vernahm, da fragte er Mich, was er nun tun solle; denn er werde da mit tausend Fragen belästigt werden, und er wisse nicht, was er ihnen für Antworten geben solle.
GEJ|10|135|14|0|Sagte Ich: „Gehe du nun nur hinab zu ihnen, und da sie dir wohlbekannte Juden sind, so magst du ihnen schon sagen, was nun für eine Zeit ist und was nun alles in der Welt geschieht; und Ich werde dann mit diesen Meinen drei Jüngern ins Haus hinabkommen und mit den dreien reden!“
GEJ|10|136|1|1|136. — Der Wirt belehrt die Gäste über die Umänderung des Landes
GEJ|10|136|1|0|Als der Wirt dieses von Mir vernommen hatte, da eilte er mit seinen Nachbarn in sein Haus hinab und bewillkommte die drei Angekommenen.
GEJ|10|136|2|0|Diese überfielen ihn sogleich mit einer Menge Fragen über den Grund der so erstaunlichen Veränderung dieses Ortes, und wie er in einer so kurzen Zeit in einen so blühenden Kulturstand erhoben worden sei.
GEJ|10|136|3|0|Und der Wirt sagte: „So ich euch das allein sagen würde, daß dieser Ort durch ein wahres Gotteswunder in einen solchen Kulturstand erhoben worden ist, so würdet ihr mir das wohl schwerlich glauben; aber da stehen alle meine Nachbarn und da meine Kinder und mein Weib, und alle mögen dafür als Zeugen einstehen! Derlei dürfte sich auf dieser Erde unter den Menschen wohl überaus selten und in dieser Weise wohl noch kaum je ereignet haben; aber es war auf dieser Erde auch noch nie eine solche Zeit, wie diese nun ist, in der der verheißene Messias wahrhaft zu uns Menschen als Selbst Mensch mit Fleisch und Blut gekommen ist.
GEJ|10|136|4|0|Die große Verheißung ist zwar nur den Juden, aber daneben auch allen Menschen auf der ganzen Erde gegeben worden, und somit auch uns Heiden, die wir uns nun dennoch im Glauben von euch Juden schon eine geraume Zeit befinden.
GEJ|10|136|5|0|Und seht und hört: Dieser nun in diese Welt aus den höchsten Himmeln herniedergekommene Messias, der wahrhaft Gott und Mensch zugleich ist, ist auch zu uns gekommen und hat Sich über unsere geistige und daneben auch über unsere leibliche Armut erbarmt und hat unsere Wüste gesegnet und sie in ein fruchtbares Ländlein umgewandelt durch Seinen allmächtigen Willen.
GEJ|10|136|6|0|Also hat Er uns auch mit allem reichlichst versehen, was der Mensch zur Ernährung und Stärkung seines Leibes benötigt; dazu hat er uns auch mit dem Wesen unserer Erde, mit den Erscheinungen in ihr, auf ihrer Oberfläche und in der sie umgebenden Luft und mit dem gesamten gestirnten Himmel auf das anschaulichste und für den Verstand begreiflichste vertraut gemacht, und hat uns auf diese Art von all dem alten, finsteren Aberglauben der Heiden und Juden erlöst.
GEJ|10|136|7|0|Doch darüber können wir mit euch nicht ein Näheres jetzt schon sprechen, weil auch in euch Juden noch eine zu große Menge des alten Aberglaubens steckt; doch bei einer nächsten Gelegenheit werden wir mit euch schon auch noch darauf zu sprechen kommen.
GEJ|10|136|8|0|Mit dem habe ich euch nun ganz vollkommenst der Wahrheit getreu kundgetan, auf welche Art diese unsere kleine Gegend auf einmal so blühend reich geworden ist, und es stehen vor euch die Zeugen in hinreichender Anzahl; so ihr sie befragen wollt, werden sie euch dasselbe sagen!“
GEJ|10|136|9|0|Sagte einer der Juden, der ein Ältester und Schriftgelehrter in Bethsaida war und mit dem unser Wirt schon zu öfteren Malen gesprochen hatte: „Ja, wir müssen euch glauben, daß es sich mit der Kultivierung eures Ortes und Ländleins also verhält, wie du es uns soeben kundgemacht hast, weil das auf eine natürliche Weise bei der Sterilität dieses Bodens wohl nicht denkbar wäre. Denn woher hättet ihr das fruchtbare Erdreich genommen, um dieses zum größten Teil kahle Steinländlein zu überdecken, das im ganzen – was euren Anteil betrifft – doch über tausend Morgen ausmachen wird, und woher hättet ihr die große Menge von allerlei Fruchtbäumen genommen und sie hier so angepflanzt, daß sie nun also groß und voller Früchte dastehen, als wären sie schon vor dreißig Jahren hier angepflanzt worden?
GEJ|10|136|10|0|Das ist demnach ein vollkommenes Gotteswunder, worüber sich kein Zweifel erheben kann, und wir wollen denn auch glauben, daß der Mensch, der dieses unerhörte Wunder hier für euch gewirkt hat, ganz sicher entweder der verheißene Messias Selbst oder zum mindesten ein großer Prophet ist; aber wann war er denn bei euch, und eine wie lange Zeit brauchte er dazu, um dies euer Ländlein also zu segnen, und wohin ist er von euch gegangen?“
GEJ|10|136|11|0|Sagte der Wirt: „Freunde, gestern gen Abend hin ist Er mit Seinen Jüngern hier angekommen! Die meisten Seiner Jünger hat Er vorausgesandt zur Verkündung Seiner Lehre; Er Selbst mit drei Seiner Jünger aber weilet noch hier und wird noch bei sieben Tage lang hier verweilen. Mit dem habe ich euch sicher noch mehr kundgegeben, als ihr von mir habt erfahren wollen.
GEJ|10|136|12|0|Er wird sogleich Selbst erscheinen, und ihr könnet dann mit Ihm Selbst alles Weitere besprechen und verhandeln!“
GEJ|10|137|1|1|137. — Die Erkenntnis der Gäste
GEJ|10|137|1|0|Als die drei Juden solches vom Wirte vernommen hatten, da wurden sie ganz verlegen und wußten nicht, was sie nun darauf sagen und tun sollten, ob bleiben oder weitergehen.
GEJ|10|137|2|0|Nach einer kleinen Weile erst fragte der Älteste den Wirt, der eben beschäftigt war, den dreien Brot und Wein zu geben: „Wie sieht er denn aus, auf daß wir ihn alsbald, so er kommt, begrüßen können?“
GEJ|10|137|3|0|Sagte der Wirt: „Da nehmet nun Brot und Wein zu euch, und so Er hier eintreten wird, werdet ihr es nicht schwer haben, Ihn bald zu erkennen! Haben wir Heiden Ihn gar bald erkannt, so werdet ihr echte und alte Juden Ihn wohl noch eher zu erkennen vermögen!“
GEJ|10|137|4|0|Hierauf nahmen die drei sogleich Brot und Wein zu sich und fanden beides rein und gar vortrefflich, und sie fragten den Wirt, woher er Brot und Wein erhalten habe, da sie wohl wüßten, daß er ihnen zuvor noch nie mit dergleichen habe aufwarten können.
GEJ|10|137|5|0|Sagte der Wirt: „Ich habe es euch ja schon zuvor gesagt, daß uns eben der Messias mit allem auch für den Leib reichlichst versehen hat. Dem es möglich ist, eine Wüste mit Seinem Willen erblühen zu lassen, dem wird es wohl auch möglich sein, uns als jene Armen, die wir uns schon lange nach Ihm sehnten, mit Brot und Wein zu versehen! Ihr genießet nun ein wahres Brot aus den Himmeln und also auch den Wein, der auch keine Frucht dieser Erde ist!“
GEJ|10|137|6|0|Als die drei Juden auch das vernommen hatten, da sagte der Älteste: „Moses hat in der Wüste auch von Gott das Manna für die Israeliten erhalten, und der Fels, an den er mit seinem Hirtenstabe schlug, gab alsbald ein süßes und reinstes Trinkwasser; doch solch ein Brot und solch einen Wein bekam Moses nicht aus der Hand Jehovas, und die Wüste wollte auch nicht grünen in den ganzen vierzig Jahren für Israel und seine mageren Herden. Da ist demnach offenbar mehr als Moses, Aaron, Josua, Elias und all die andern Propheten!“
GEJ|10|137|7|0|Als der Älteste solches von sich gab, da trat Ich mit den drei Jüngern denn auch in die Herberge und sagte zu den dreien: „Der Friede sei mit euch! Lasset euch nicht beirren durch uns, sondern esset und trinket und stärket euch mit dem Weine; denn solch ein Brot und solch einen Wein habt ihr in Bethsaida und in Gadara nicht!“
GEJ|10|137|8|0|Als Ich solche Worte an die drei ausgesprochen hatte, da erhoben sie sich sogleich von ihren Sitzen, verneigten sich tiefst vor Mir und sagten: „Herr! Du bist es, dem alles möglich ist, und Du bist auch der verheißene große Messias, der neue große König der Juden, der ein Reich gründen wird, das kein Feind uns bis ans Ende der Welt je mehr zu entreißen imstande sein wird! Darum Heil Dir, dem großen Sohne Davids!“
GEJ|10|137|9|0|Sagte Ich: „Ein endlos großes Reich gründe Ich wohl, aber kein diesirdisches, sondern ein wahres Gottesreich für Seele und Geist des Menschen, das ewig bestehen wird; in ihm werden alle das ewige Leben haben, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben werden.
GEJ|10|137|10|0|Ihr verstehet die Schrift wohl dem Buchstaben nach, aber dem innersten Geiste der Wahrheit nach habt ihr sie noch nie verstanden, so ihr da meinet, daß Ich als der verheißene und nun in diese Welt gekommene Messias als der ewige Sohn des ewigen Vaters auf dieser Erde für die Juden ein unvergängliches Reich gründen werde, wo doch alles samt dieser Erde zeitlich und vergänglich ist. Denn nicht nur diese ganze Erde, sondern auch der ganze euch sichtbare Himmel wird vergehen; wie sollte dann auf dieser Erde für die Juden ein ewig dauerndes Reich gegründet werden können? Darum stärket euch nun, auf daß ihr den inneren Geist der Schrift fassen und begreifen möget!“
GEJ|10|137|11|0|Nach diesen Meinen Worten sahen die drei einander groß an, und der Älteste sagte: „Höret, das klingt ganz anders als im Tempel zu Jerusalem! An was sollen wir uns halten? Im Tempel sitzen und lehren auf den Stühlen Mosis und Aarons die Pharisäer, Schriftgelehrten um den Hohenpriester und lesen und erklären vor dem Volke die Schrift ganz nach dem Buchstaben; aber auf ihr Wort und nach ihrem Willen ergrünet keine Wüste, und kein kahles Gestein wird mit fruchtbarem Erdreich überdeckt.
GEJ|10|137|12|0|Dieser Meister lehrt ganz anders und zeigt, daß wir die Schrift dem Geiste nach noch nie verstanden haben, und Sein Ausspruch ist dem des Tempels schnurstracks entgegen, – aber auf Sein Wort und Seinen Willen erblüht die Wüste, und ihr Gestein ist mit fetter Erde überdeckt in rechtem Maße; also muß denn auch nur in Ihm die volle Wahrheit zu suchen sein!
GEJ|10|137|13|0|Wir wollen darum denn auch bei diesem Meister bleiben und dem Tempel für alle Zeiten den Rücken zuwenden, und so trinken wir auf das Wohl aller, die das schon getan haben, was wir nun erst tun!“
GEJ|10|137|14|0|Hierauf erhoben die drei ihre Becher und leerten sie bis auf den letzten Tropfen.
GEJ|10|138|1|1|138. — Das Bekenntnis des Ältesten
GEJ|10|138|1|0|Als sie nun ganz voll heiteren Sinnes geworden waren, da wandte sich der Älteste wieder an Mich und sagte: „Herr und Meister aus des Himmels höchsten Höhen! Du wirst doch auch schon Jerusalem besucht haben? Haben Dich die im Tempel auch also erkannt wie wir hier? Was sagten sie über Dein Erscheinen in dieser Welt?“
GEJ|10|138|2|0|Sagte Ich: „Die große und überselbstsüchtige Blindheit der Juden in Jerusalem wird das Gotteslicht nicht erkennen und auch keinen Anteil an ihm haben; denn es wird den Juden das Licht genommen und den Heiden gegeben werden.
GEJ|10|138|3|0|Ich habe schon mehrere Male im Tempel gelehrt und Wunder gewirkt, und von all denen, die sich groß dünken und von jedermann hochpreisen lassen, glaubte niemand an Mich; und so geschieht es denn nun auch zum Zeugnisse über sie, daß Mein Licht ihnen genommen und den Heiden in großem Maße gegeben wird, wie solches denn auch über sie geschrieben steht.
GEJ|10|138|4|0|Sehet diese Heiden an, und redet auch mit den vielen Heiden anderer Orte und Städte, und fraget sie, was sie von Mir halten. Wahrlich, es soll euch unter ihnen viel Lichtes werden!
GEJ|10|138|5|0|Gehet aber nach Jerusalem und in viele andere Judenstädte und -orte, und ihr werdet euch über die schnödesten Urteile über Mich nicht genug verwundern können! Und doch habe Ich allenthalben die gleiche reinste Lebenswahrheit gelehrt und große Zeichen gewirkt. Was soll Ich nun mit dieser Unart von Juden tun?“
GEJ|10|138|6|0|Sagte der Älteste: „Herr und Meister, tue mit ihnen das, was Du mit den Sodomitern getan hast!“
GEJ|10|138|7|0|Sagte Ich: „Jetzt noch nicht; denn es gibt noch etwelche Gerechte in solchen Städten und Orten; aber es wird das nicht lange mehr währen, weil diese wenigen Gerechten um Meines Namens und Meiner Lehre willen von den blinden und übermütigst stolzen Weltlingen derart werden verfolgt werden, daß sich am Ende auch nicht ein Gerechter in Meinem Lichte in solch einer Stadt wird aufhalten können, und dann wird ihr Maß voll sein, und es wird ihr noch um vieles ärger ergehen, als es dereinst Sodom und Gomorra ergangen ist. Doch lassen wir nun das und reden wir von etwas anderem!
GEJ|10|138|8|0|Saget es Mir, ob euch von Mir und Meinem Wirken noch nichts zu Ohren gekommen ist! Denn vor ein paar Jahren war Ich auch in der Nähe von Gadara und habe daselbst die beiden Argbesessenen von ihren vielen bösen Geistern befreit, die sich dann einer Herde Schweine bemächtigten und sich mit ihnen in das Meer stürzten. Und habt ihr nicht vernommen, wie Ich einmal in der Nähe von Bethsaida in einer Wüste mehrere Tausende von Menschen mit nur wenigen Broten und Fischen derart gespeist habe, daß nach der Speisung mehrere Körbe von dem, was sie nicht verzehren konnten, erübrigt worden sind?“
GEJ|10|138|9|0|Sagte der Älteste: „Ja, Herr und Meister, davon haben wir alle wohl gar vieles reden hören und hielten den Wundertäter, der ein Nazaräer und zwar des Zimmermannes Joseph – den ich persönlich recht wohl gekannt habe – Sohn gewesen sei, für einen Magier, der seine Wunder etwa bei den berüchtigten Essäern erlernt habe und Jesus heiße.
GEJ|10|138|10|0|Damals hatte das blinde Volk also geurteilt, und wir konnten uns denn auch nicht leichtlich etwas anderes denken; denn was konnten wir uns wohl von dem Sohne eines Zimmermanns aus Nazareth anderes denken, als daß er ein recht gewandter Magier sein werde, die Lehre der Altjuden kenne und sich vor dem leicht täuschbaren Volke als ein Prophet produziere, um es für seine nur ihm bewußten Zwecke an sich zu ziehen?
GEJ|10|138|11|0|Wären wir von jenen Deinen Taten selbst Zeugen gewesen, so hätten wir über Dich – und so Du auch zehnmal der Sohn Josephs gewesen wärest – auch sicher ganz anders geurteilt!
GEJ|10|138|12|0|Doch nun sind wir selbst Zeugen von Deiner Tat, die keinem Essäer, sondern nur einem Gott zu bewirken möglich ist, und Du kannst nun als Mensch der Sohn Josephs, des Zimmermannes aus Nazareth sein – wie Du es auch sein wirst –, so beirrt das unsern Glauben an Dich nicht im geringsten und Du bist und bleibst für uns der verheißene Messias!
GEJ|10|138|13|0|Nimm uns dies unser Bekenntnis nicht für ungnädig auf, und enthalte uns Deinen Segen nicht vor!“
GEJ|10|139|1|1|139. — Die Frage nach dem Nächsten
GEJ|10|139|1|0|Sagte Ich: „Dafür wird euch euer lebendiger Glaube an Mich beschützen; und so ihr euren Glauben an Mich durch die Werke der wahren Nächstenliebe erweisen werdet, dann auch werdet ihr es in euch selbst vollends innewerden, daß Ich wahrhaft der verheißene Messias bin, und ihr werdet dann in den Propheten nachlesen und durch Mich alles erfüllt und an Mir alles bestätigt finden, was in der Schrift von Mir geschrieben steht.“
GEJ|10|139|2|0|Sagte der Älteste: „Herr und Meister, die Nächstenliebe den Menschen erweisen, wäre schon ganz recht, wenn man so recht klar wüßte, wer so ganz wahrhaft unser Nächster ist!“
GEJ|10|139|3|0|Sagte Ich: „Euer Nächster ist ein jeder Mensch, ob Freund oder Feind, so er eurer Hilfe in was immer für einer guten, den Geboten Gottes gemäßen Art bedarf; es versteht sich aber von selbst, daß ihr dem, der Handlungen wider Gottes Gebote begeht, dazu nicht behilflich sein, sondern ihn davon abhalten sollet. So ihr das tut, dann übet ihr auch die Nächstenliebe aus, und euer Lohn im Himmel wird groß sein.
GEJ|10|139|4|0|So Arme zu euch kommen und euch ihre Not klagen, so helfet ihnen nach eurer Kraft und nach eurem Vermögen; denn was ihr den Armen tut, das werde Ich also ansehen, als hättet ihr es Mir getan, und Ich werde es euch vergelten schon hier und noch mehr dereinst in Meinem Reiche für ewig dauernd.
GEJ|10|139|5|0|So ein oder der andere wahrhafte Jünger und Prophet in Meinem Namen zu euch kommen wird, den nehmet auf, höret ihn und erweiset ihm Liebe; denn dadurch habt ihr Mich aufgenommen und werdet darob auch eines Propheten Lohnes gewürdigt werden.
GEJ|10|139|6|0|Doch es werden in Meinem Namen gar bald auch eine Menge falscher Propheten aufstehen, das Volk lehren für ihren Sack und werden es berücken durch falsche Zeichen, die sie werden von den Magiern erlernt haben. Derlei falsche Lehrer und Propheten, so sie auch laut schreien werden: ,Seht, hier oder dort ist der Messias, der Gesalbte Gottes!‘, nehmet nicht auf, sondern zeiget es ihnen mit Liebe und Ernst, daß sie wider Mich sind und handeln. Werden sie euch hören und von ihrer Falschheit abstehen, dann möget ihr sie denn auch als Freunde ansehen und behandeln; werden sie euch aber nicht anhören und sich nicht bekehren, dann treibet sie aus der Gemeinde!
GEJ|10|139|7|0|Einen falschen Lehrer und Propheten werdet ihr leicht aus seinen selbstsüchtigen und eigenliebigen Werken und Taten erkennen; denn von den Disteln erntet man keine Feigen und von den Dornen keine Trauben.
GEJ|10|139|8|0|Seid denn stets voll Liebe, Sanftmut, Demut, Erbarmung und Gerechtigkeit und Wahrheit gegen jedermann, und Ich werde desgleichen sein gegen euch! Werdet nicht harthörig und hartherzig gegen die Stimme der Armut, sowohl dem Geiste als auch dem Leibe nach, und Ich werde imgleichen es auch nicht sein gegen euch, so ihr in irgendeiner Not eure Stimme zu Mir erheben werdet. Mit dem Maße ihr ausmessen werdet, mit demselben Maße wird es euch wieder zurückgemessen werden.
GEJ|10|139|9|0|So ihr aber Meines besten Wissens schon ein großes Erdenvermögen besitzet und es nur denen um gute Zinsen darleihet, die es euch in einer bestimmten Zeit wieder zurückerstatten können, so habt ihr dadurch wohl auch eine Art Nächstenliebe ausgeübt, – doch bei Mir kommt derlei Nächstenliebe, die euch mit den guten Zinsen selbst belohnt, in keine Vergeltsrechnung. Aber so ihr euer Vermögen auch ohne Zinsen den Armen leihet, von denen ihr es wissen könnet, daß sie es euch nicht leichtlich wieder zurückerstatten werden können, da werde Ich der Zinsenbezahler und Rückerstatter eures Vermögens sein, und niemand wird bei Mir zu kurz kommen!
GEJ|10|139|10|0|Da sehet nun diese arm gewesenen Bewohner dieses Ortes an! Sie selbst hatten allzeit nur ganz kümmerlich zu leben; so aber irgend Arme und Notleidende zu ihnen kamen, so wurden solche aufgenommen und nach Möglichkeit ohne alles Entgelt verpflegt. Ich aber wußte wohl darum und kam, als der beste Vergelter, nun zur rechten Zeit zu ihnen, und keiner von ihnen wird sagen, daß Ich entweder zu früh oder zu spät gekommen bin. Tut also desgleichen, und Ich werde auch euer Vergelter sein zur rechten Zeit!“
GEJ|10|140|1|1|140. — Das Gleichnis vom Gutsherrn
GEJ|10|140|1|0|(Der Herr:) „Die Pharisäer, diese Wucherer, die ihr vieles Gold und Silber stets für hohe Zinsen an andere große Makler und Wucherer sicher darzuleihen verstehen und ihre hohen Zinsen dann mit Huren und meineidigen Ehebrecherinnen vergeuden und arg verprassen, so aber Arme und Notleidende zu ihnen kommen, zu ihnen sagen: ,Wendet euch zu Gott, der wird euch schon helfen; denn wir sind selbst arm und müssen betteln!‘, – werden vor Mir dereinst schlecht bestehen!
GEJ|10|140|2|0|Solche falschen Gottesdiener, die dem Volke wohl auch von der Gottes- und Nächstenliebe predigen, aber sie selbst noch niemals ausgeübt haben, stehen vor Mir als die ärgsten Sünder und Verbrecher da und werden dafür jenseits auch ihren Lohn bei dem Fürsten der Hölle finden, dem sie gedient haben. Denn derlei Hurer, Ehebrecher, Wucherer, Prasser und hierdurch die wahrsten Gotteslästerer werden in Mein Reich nicht eingehen; darum richtet euch nicht nach ihrem Beispiel!
GEJ|10|140|3|0|Wer von euch kann da zu seinem Nächsten sagen: ,Wende du dich in deiner Not an Gott, den du über alles zu lieben hast, Er wird dir helfen!‘, – so er doch selbst an Gott nicht glaubt und Ihn um so weniger über alles liebt!
GEJ|10|140|4|0|Wer da schon seinen notleidenden Nächsten nicht liebt, den er doch sieht, wie wird er dann Gott über alles lieben, den er nicht sieht? Gottesliebe von seiten des Menschen ist bedingt durch die Liebe zum Nächsten. Wer da sagt, daß es zur Seligkeit genüge, nur Gott allein über alles zu lieben, dabei aber vor seinem armen Nächsten Herz und Tür verschließt, der ist in größter Irre! Denn die Liebe zu Gott ist ohne die Liebe zum Nächsten ewig nicht denkbar und auch nicht möglich. Darum liebet eure Nächsten, weil sie, gleich wie ihr, Gottes Kinder sind, und ihr werdet dadurch auch Gott über alles lieben!
GEJ|10|140|5|0|Seht, es war ein gar reicher Gutsmann, der eine Menge Güter hatte, und ein jeder, der bei ihm bedienstet war, hatte ein gutes Leben. Dieser Gutsmann hatte aber auch viele Kinder, die er liebte und sie, damit sie wohlerfahrene Menschen würden, in die Weltschulen hinausgab.
GEJ|10|140|6|0|Er gab ihnen aber nur das Nötigste mit in die Weltschulen, auf daß sie sich nicht übernähmen, träge würden und dann zur Verwaltung seiner Güter untauglich werden könnten.
GEJ|10|140|7|0|Diesen Kindern ging es denn in den Weltschulen nicht am besten, und sie mußten sich oft recht kümmerlich durchbringen und nicht selten um ein Almosen die fremden Menschen angehen.
GEJ|10|140|8|0|Einige der angegangenen Fremden sagten: ,Ei, ihr habt ja einen überreichen Vater! Gehet nur den an, er wird euch schon helfen!‘ und gaben den Kindern nichts.
GEJ|10|140|9|0|Einige wenige andere aber dachten sich in ihren milderen Herzen: ,Wir wissen es wohl, daß dieser Kinder Vater sehr reich ist und seinen hier studierenden Kindern wohl helfen könnte, so er etwa dagegen nicht gar weise Gründe hätte, – aber die Kinder leiden unter uns einmal sichtlich Not, und wir wollen ihnen helfen, so gut wir es vermögen.‘ Also gedacht, und also auch getan!
GEJ|10|140|10|0|Nach einiger Zeit aber kam der überreiche Gutsmann selbst in jene fremde Weltstadt, in der seine Kinder die verschiedenen Kenntnisse und Erfahrungen sich zu eigen zu machen hatten, und erkundigte sich um alles, wer da seinen Kindern Liebe erwiesen hatte.
GEJ|10|140|11|0|Und seht, die Kinder führten den Vater allenthalben hin, wo ihnen Liebe erwiesen worden war, und der Vater belohnte die Wohltäter seiner Kinder hundertfältig und nahm die ersten Wohltäter auf seine Güter und hielt sie seinen Kindern gleich.
GEJ|10|140|12|0|Seht, hier vor euch stehet in Mir der Gutsmann! Die Armen in dieser Welt sind wahrhaft Meine Kinder allenthalben; die Reichen aber sind zumeist Kinder dieser Welt.
GEJ|10|140|13|0|Ich lasse Meine Kinder, auf daß sie sich nicht übernehmen sollen, in dieser harten, aber für sie dennoch überaus heilsamen Lebensschule denn auch Not leiden und in ihrer Not vor die Reichen der Welt kommen; was diese Meinen Kindern tun, das werde Ich auch ihnen tun und werde sie belohnen vielfach schon hier und endlosfach in Meinem Reiche.
GEJ|10|140|14|0|Wer demnach der Kinder Liebe hat durch seine Liebe zu den Kindern, der hat auch des Vaters Liebe sicher sich erworben und den ewigen Lohn mit ihr. – Verstehet ihr nun, was ,Gott über alles lieben‘ heißt?“
GEJ|10|141|1|1|141. — Des Herrn Voraussage über Seinen Tod und Seine Auferstehung
GEJ|10|141|1|0|Sagte der Älteste: „O Herr und Meister und wahrster Vater der Menschen, ja, nun verstehe ich es zum ersten Male, was ,Gott über alles lieben‘ heißt.
GEJ|10|141|2|0|Wer Seine Kinder wahrhaft liebt und erkennet des Vaters Weisheit, der liebt Gott als den allein wahren Vater aller Menschen über alles; und so ist denn die wahre Nächstenliebe die höchste Lebenstugend in dieser Welt, und wir werden uns bestreben, sie allenthalben nach allen unsern Kräften zu üben.“
GEJ|10|141|3|0|Nach diesen Worten des Ältesten kam das Weib des Wirtes mit der Anzeige, daß das Abendmahl bereitet sei. Der Wirt aber fragte Mich, ob er auf den Tisch, der noch nicht gedeckt war, die gebratenen Fische bringen lassen solle.
GEJ|10|141|4|0|Sagte Ich: „Als Ich in der Wüste einige Tausende mit wenig Brot und Fischen sättigte, fand sich kein gedeckter Tisch vor; so man Brot und Wein auf einem ungedeckten Tische verzehren kann, warum denn nicht auch etwelche gebratene Fische? Darum laß du die Fische nun nur auf diesen ungedeckten Tisch setzen, und wir werden sie verzehren!“
GEJ|10|141|5|0|Ich aber hatte das der drei Juden wegen also angeordnet, weil diese noch sehr viel auf einen mit ganz reinem Tuche gedeckten Tisch hielten; denn nach ihrem Gesetz könne ein Jude, der eine warme Speise von einem nicht mit reinem Tuche gedeckten Tische zu sich nehme, verunreinigt werden.
GEJ|10|141|6|0|Es sahen Mich die drei denn auch also bei sich ganz geheim fragend an: „Wie, hältst Du nicht mehr an alle die Vorschriften Mosis?“
GEJ|10|141|7|0|Ich aber sagte: „Was denket ihr euch denn? Hatten die Israeliten in der Wüste, als sie Manna aßen, auch mit reinen Tüchern gedeckte Tische?“
GEJ|10|141|8|0|Sagte der Älteste: „Herr und Meister, das hatten sie sicher nicht!“
GEJ|10|141|9|0|Sagte Ich: „Nun, so können auch wir auf den ungedeckten Tisch gesetzte Fische verzehren! Was für Mich rein ist, das sei auch für euch rein! Es heißt ja auch, daß man das Brot nicht mit ungewaschenen Händen essen solle, und dennoch habt ihr zuvor vor Mir das Brot mit ungewaschenen Händen in euren Mund geführt und seid darum eben vor Mir dennoch rein geblieben! Seid ihr aber vor Mir rein, wer sollte euch dann der Unreinheit zeihen? Etwa ein blinder Pharisäer im Tempel zu Jerusalem? Lasse du, Wirt, die Fische nur hereinbringen, und wir werden sie verzehren und dabei rein verbleiben!“
GEJ|10|141|10|0|Mit diesem Meinem Bescheid waren die drei Juden denn auch vollkommen zufrieden und aßen mit uns die Fische ohne alles weitere Bedenken.
GEJ|10|141|11|0|Diese drei Juden blieben hernach noch drei volle Tage bei Mir, und Ich und auch die drei bei Mir gebliebenen Jünger haben ihnen gar vieles aus der Schrift, und namentlich, was die Schöpfung, die Propheten Jesajas und Hesekiel betrifft, wohl erklärt und sie auch in den natürlichen Dingen dieser Erde ins rechte Licht gesetzt.
GEJ|10|141|12|0|Am vierten Tage aber zogen sie nach Meinem Rat nach Aphek, um sich auch dort selbst zu überzeugen, was Ich dort für die gläubig gewordenen Heiden getan habe. Bevor sie aber noch von Mir Abschied nahmen, fragte Mich der Älteste, ob sie nicht auch nach Jerusalem ziehen sollten, um daselbst den blinden Templern die Augen über Mich zu öffnen.
GEJ|10|141|13|0|Sagte Ich: „Das lasset bleiben; denn so sie Mich Selbst nicht hören und Mir nicht glauben trotz der vielen Zeichen, die Ich vor ihren Augen gewirkt habe, so werden sie euch noch weniger hören und euren Worten glauben, – wohl aber würden sie euch ins Gefängnis werfen und euch züchtigen lassen! Darum lasset das, und bleibet, wo ihr seid, und prediget Mein Evangelium bei schicklicher Gelegenheit den Heiden, und gebet ihnen das Licht der Wahrheit, das Ich euch gegeben habe; doch setzet nichts hinzu und nehmet auch nichts hinweg!
GEJ|10|141|14|0|Umsonst habe Ich es euch gegeben, und also gebet es wieder jedem, den es danach hungert und dürstet; doch den puren Weltschweinen von Menschen sollet ihr diese Perlen nicht vorwerfen!
GEJ|10|141|15|0|Ich werde aber gegen Ostern Selbst noch einmal nach Jerusalem gehen, und es wird da mit Mir geschehen, was Ich euch aus den Propheten umständlich erklärt habe; und so ihr davon hören werdet, da ärgert euch nicht, und denket, daß Ich euch das zum voraus verkündet habe, und daß dadurch auch das letzte Häkchen der Schrift erfüllt wird.
GEJ|10|141|16|0|So Ich aber am dritten Tage wieder auferstehen werde vom Tode des Leibes, dann werde Ich auch zu euch, so wie Ich nun da vor euch stehe, wiederkommen und werde euch stärken mit Meinem Geiste.
GEJ|10|141|17|0|Wir werden uns also nur eine kurze Zeit nicht sehen und dann wiedersehen zu eurem Troste!“
GEJ|10|141|18|0|Darauf segnete Ich die drei Altjuden, und sie zogen gen Aphek, wie Ich das schon zuvor angezeigt habe.
GEJ|10|141|19|0|Es versteht sich von selbst, daß diese drei, als sie in die Nähe der Stadt kamen, sich stets mehr und mehr über das große Zeichen zu verwundern anfingen, und als sie erst vollends in die Stadt und in dieselbe Herberge kamen und von dem Wirte auch mit der größten Freundlichkeit aufgenommen wurden, da wollte es sowohl von seiten der drei, wie von seiten des Wirtes und aller, die bei ihm waren und sich einfanden, des Lobens und Preisens Meines Namens kein Ende nehmen.
GEJ|10|141|20|0|Was machte denn Ich die noch etlichen Tage in unserem lieben kleinen Orte?
GEJ|10|141|21|0|Es kamen an jedem Tage Reisende und kehrten beim Wirte ein und erkundigten sich emsig, wie diese Gegend so sehr blühend hatte gemacht werden können. Etwelchen ward es wohl angedeutet, doch den meisten nicht; denn diese Reisenden waren zumeist Handelsleute, die für derlei geistige Dinge keinen Sinn hatten, und so nahm sich von uns denn auch niemand die Mühe, derlei pure Weltmenschen in die Wahrheiten des Lebens einzuweihen, und die Bewohner dieses Ortes sahen es auch ein, daß man den Weltschweinen die Perlen nicht zum gemeinen Fraße vorwerfen solle.
GEJ|10|141|22|0|Es kam der siebente Tag, und Meine ausgesandten Jünger kamen gen Abend alle wieder voll guter Dinge in diesen Ort zu Mir und konnten nicht genug erzählen, wie sie in Meinem Namen zum größten Teil gute Geschäfte gemacht hatten.
GEJ|10|141|23|0|Und Ich sagte: „Daß Mir euer Wirken bekannt ist, das wisset ihr, und ihr seid denn auch eures Lohnes, Meine Jünger zu sein, wert; doch nun sollet ihr ruhen und euch stärken mit Speise und Trank!“
GEJ|10|141|24|0|Es ward denn auch sogleich Wein und Brot gebracht und dann auch Fische.
GEJ|10|141|25|0|Nach dem Abendmahle aber begaben sich die zurückgekehrten Jünger alsbald zur Ruhe; Ich aber blieb mit dem Wirte und den drei bei Mir gebliebenen Jüngern bis zum Morgen wach.
GEJ|10|142|1|1|Der Herr in zwei weiteren Städten
GEJ|10|142|1|1|142. — Auf der Weiterreise
GEJ|10|142|1|0|Am Morgen aber machten wir uns auf die Weiterreise, nachdem Ich zuvor den ganzen Ort gesegnet hatte.
GEJ|10|142|2|0|Der Wirt und mehrere Bewohner geleiteten uns dankbarst eine recht weite Strecke und kehrten dann wieder nach Hause, und wir zogen in eine von diesem Orte bei einer Tagereise entfernte Stadt, die wir erst am Abend erreichten, und wurden in einer alten Herberge ganz wohl aufgenommen.
GEJ|10|142|3|0|In der vorangezeigten Stadt, die auch zumeist von Heiden bewohnt war, blieb Ich mit den Jüngern auch etliche Tage lang und belehrte die Menschen über das Reich Gottes auf dieser Erde wie in den vorigen Städten und Orten und bekräftigte Meine Lehre durch taugliche und den Menschen nützende Zeichen.
GEJ|10|142|4|0|Auch hier wurden die meisten Heidenpriester zum Judentum bekehrt, und mit ihnen viele andere Menschen; nur mit einigen in dieser Stadt wohnenden Juden, die im Glauben der Sadduzäer standen, ging es nicht so gut vonstatten wie mit vielen Heiden, die in dieser ganz bedeutenden Stadt lebten und Handel trieben.
GEJ|10|142|5|0|Nach einigen Tagen verließen wir unter Meinen Segnungen an einem Morgen auch wieder diese Stadt und zogen nach einer andern, mehr gen Mittag hin, und erreichten sie auch bis gen Abend.
GEJ|10|142|6|0|Auf halbem Wege wurden einige Jünger hungrig und durstig, denn es gab auf diesem verlassenen Wege auch nur alte, verlassene Zisternen und ein paar ebenso verlassene Herbergen, die von einigen ganz armen Hirten bewohnt waren, die uns außer etwas Käse und Milch nichts zu bieten hatten.
GEJ|10|142|7|0|Da baten Mich die Jünger auf halbem Wege, daß Ich nun auch für sie ein Zeichen zu ihrer Leibesstärkung wirken solle.
GEJ|10|142|8|0|Ich aber sagte: „Das könnte Ich wohl tun, so es ganz streng nötig wäre; kann aber Ich nun ein wenig fasten, warum denn ihr nicht? Wir werden in dem Orte, den wir in einigen Stunden erreichen werden, viel zu tun bekommen, und es ist gut, daß wir nüchterner als sonstwo dahin gelangen. Im Orte wird sich schon für euren Leib eine mäßige Stärkung vorfinden lassen!“
GEJ|10|142|9|0|Mit dem gaben sich die Jünger zufrieden.
GEJ|10|143|1|1|143. — Der Herr in der armen Herberge der Basaltstadt
GEJ|10|143|1|0|Wir zogen dann ganz ruhig unseren Weg weiter, erreichten die Stadt noch eine Stunde vor dem Untergange und wurden allda von einem Altjuden, der hier eine Herberge besaß, ganz gut aufgenommen und bekamen auch alsbald Brot und etwas Wein, den die Bewohner dieser Stadt selbst aus wildwachsenden Weintrauben sich zu bereiten verstanden, und der zum Löschen des Durstes auch ganz taugte.
GEJ|10|143|2|0|Der Wirt merkte es einigen Jüngern wohl an, daß ihnen der Wein eben nicht besonders munde, und sagte darum denn auch: „Meine lieben Freunde, ich merke es wohl, daß euch unser Wein nicht am besten mundet; aber ich kann euch dennoch keinen andern bieten, als wie diese unsere magere Gegend ihn hergibt. Bessere Weine hierherbringen zu lassen, dazu fehlen uns die Mittel, und so danken wir dem Herrn, daß Er uns mit einem solchen Wein versehen hat, mit dem wir unsern Durst in den heißen Tagen des Sommers besser löschen können als jene in den großen Städten, die da den besten Wein nur trinken, um ihrem verzärtelten Gaumen eine große Lust zu machen. Wir in dieser unserer von Jerusalem schon sehr fern gelegenen Stadt leben nicht nach Art der wollüstigen Prasser, sondern nach der Art armer Hirten und sind dabei gesünder und zufriedener denn die Reichen in den großen Weltstädten, die den ganzen Tag nachsinnen, wie sie am üppigsten schwelgen könnten, aber an Gott zu denken und Ihm allein die Ehre zu geben keine Zeit haben. Trinket daher nur diesen unsern Wein; er wird euch wahrlich nicht schaden!“
GEJ|10|143|3|0|Als die Jünger das von unserem Wirte vernahmen, da belobten sie seine alte Gottestreue, aßen darauf mit Lust das Gerstenbrot und tranken mit vieler Freude den Wein, der freilich etwas sauer war.
GEJ|10|143|4|0|Als wir uns also bald gestärkt hatten, da fragte uns der Wirt, ob wir etwa auch von irgendwoher kommende Handelsleute wären, und mit was wir Handel trieben, und wie lange wir etwelcher Geschäfte wegen hier zu verweilen willens wären.
GEJ|10|143|5|0|Sagte Ich: „Freund, wir sind fürwahr eine Art Handelsleute, handeln aber mit einer Ware, die du zwar jetzt mit deinen Augen nicht sehen kannst, daher du auch meinen kannst, daß Ich Mir einen Scherz mit dir erlaube; doch dem ist nicht so, sondern wahrlich ganz also, wie Ich es dir gesagt habe!
GEJ|10|143|6|0|Meine Ware ist im Ernste unsichtbar und hat doch den höchsten Wert für jeden Menschen, der sie von Mir mit einem gläubig reinen Herzen und Willen annehmen will.
GEJ|10|143|7|0|Auf daß du aber merken magst, worin allenfalls Meine unsichtbare Ware besteht, so laß nun jenen deiner Söhne, der blind und lahm ist, zu Mir hereinbringen, und Ich werde ihn sehend und gerade machen in einem Augenblick!“
GEJ|10|143|8|0|Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da sagte er: „Also bist du ein Heiland, und Kranke gesund machen ist deine unsichtbare Ware? Ja, so das mit dir und deinen Gefährten der Fall ist, da wirst du bei uns freilich wohl die besten Geschäfte machen; denn an allerlei Kranken, denen unsere Ärzte nicht helfen können, hat es bei uns keinen Mangel. Sogleich will ich selbst meinen blinden und lahmen Sohn hierher bringen!“
GEJ|10|143|9|0|Darauf ging der Wirt und brachte den verlangten Sohn und stellte ihn vor Mich hin.
GEJ|10|143|10|0|Als dieser auf einem Bett sich vor Mir befand, da fragte Ich ihn, ob er sehend und unlahm sein möchte.
GEJ|10|143|11|0|Sagte der Sohn: „Meister, so dir das möglich sein sollte – woran ich nicht zweifle –, so erweise mir solche deine Gnade!“
GEJ|10|143|12|0|Sagte Ich: „So will Ich denn, daß du in diesem Augenblick sehend und gerade werdest!“
GEJ|10|143|13|0|Als Ich solches ausgesprochen hatte, da war der Sohn auch schon sehend und am ganzen Leibe völlig gerade.
GEJ|10|143|14|0|Und der Wirt, seine Hände über seine Brust schlagend, sagte: „Nein, das ist keine gewöhnliche Heilart! Du mußt das durch den Geist Jehovas bewirkt haben und mußt demnach ein großer Prophet sein.“
GEJ|10|143|15|0|Bemerkte darauf der geheilte Sohn, der in der Schrift und besonders in den Propheten wohlbewandert war, sagend: „Vater, soviel mir aus den Propheten bekannt ist, die auch von Zeit zu Zeit Wunder gewirkt haben, so haben diese niemals gesagt: ,Ich will es, daß dieses oder jenes geschehe!‘, sondern allzeit: ,Der Herr sagt es, und Sein Wille ist es, daß dies und jenes geschehe und folgen werde, so das Volk Israel von seinen Sünden nicht abstehen wird!‘ Dieser Heiland aber hat gesagt: ,Ich will es, daß du sehend und gerade werdest!‘, und sieh, ich ward im Augenblick sehend und gerade an allen meinen Gliedern, deren gänzliche Lahmheit mich schon mehrere Jahre und teilweise schon von Kindheit an geplagt hat!
GEJ|10|143|16|0|So dieser Heiland aber alles das durch die Macht seines Wortes und Willens zu bewirken imstande ist, da muß er offenbar mehr als ein Prophet sein.
GEJ|10|143|17|0|Seine nunmalige Wundertat erinnert mich sehr an die bedeutungsvollen Worte eines Propheten, der aus dem Geiste Jehovas also geredet hat: ,So der große Held, der Löwe aus Juda, der König der Könige, der Herr aller Heerscharen in diese Welt kommen wird, so werden die Blinden sehend werden, die Tauben hörend, die Krummen gerade, und der Lahme wird einherspringen wie ein Hirsch, und solches alles wird Er tun aus Seiner Macht und wird gründen ein Reich, das kein Ende nehmen wird.‘
GEJ|10|143|18|0|Nun, das stimmt ganz mit der Handlungs- und Redeweise dieses Wunderheilandes zusammen, und ich werde mich nicht irren, so ich behaupte, daß hinter Ihm der so oft verheißene und von allen wahren Juden mit der größten Sehnsucht erwartete Erlöser daheim ist.
GEJ|10|143|19|0|Mich hat schon Seine erste Ansprache, als ich noch blind und lahm im Bette mich befand, also erweckt, daß ich nicht mehr zweifeln konnte, daß Er mich heilen werde, und so zweifle ich auch jetzt nicht mehr, daß Er der Verheißene ist; und da Er zu uns gekommen ist, so ist unserem Hause und also auch dem ganzen Ort ein größtes Heil widerfahren. Die Folge aber wird es zeigen, ob ich mich geirrt habe.“
GEJ|10|143|20|0|Sagte der Wirt, als der Vater des Geheilten: „Mein Sohn, du könntest da wohl sehr recht haben; denn auch ich bin geheim in mir auf diesen Gedanken gekommen! Doch wir wollen da dennoch nicht zu vorschnell urteilen; denn dieser gute Wunderheiland wird es uns sicher nicht vorenthalten, über Sich Selbst einen näheren und vollwahren Aufschluß zu geben!“
GEJ|10|143|21|0|Sagte Ich: „Das werde Ich auch tun, und ihr werdet euch dessen hoch erfreuen, doch nun siehe du, Wirt, in deiner Speisekammer nach, ob du nicht etwelche Fische vorrätig hast! Diese sollst du nach eurer Art zurichten lassen und sie uns auf den Tisch setzen; und du und dein Sohn sollet euch auch damit sättigen!“
GEJ|10|143|22|0|Als der Wirt solchen Meinen Wunsch vernommen hatte, ward er ordentlich traurig und sagte: „O Du wundersamster Heiland! Derlei haben wir schon seit gar langem entbehren müssen; denn bis zum Meere Galiläas ist es von hier zu weit, und also auch bis zum Strome Jordan, und bis zum Euphrat hin nicht minder. Unsere zwei kleinen Bäche, deren spärliches Wasser wir für unsere Haustiere in einem Teiche ansammeln lassen, sind zur Haltung für Fische nicht tauglich, und so haben wir in dieser Stadt, aufrichtig gesagt, auch nicht einen Fisch.
GEJ|10|143|23|0|In den früheren Zeiten sollen sich auch in der Nähe dieser Stadt ein paar recht große Teiche mit süßem Wasser befunden haben und sehr reich an Fischen gewesen sein. Allein infolge der oftmaligen Erderschütterungen, von welchen diese Gegend alljährlich heimgesucht wird, sind die erwähnten Teiche um ihr Wasser gekommen und somit auch um ihre Fische, und wir haben darum nun weit und breit von hier keine Fische, und ich werde demnach nun Deinem Wunsche nicht nachkommen können.“
GEJ|10|143|24|0|Sagte Ich: „Aber du hast im großen Hofraum deines Hauses doch einen Brunnen, der Süßwasser enthält, und daneben einen ganz bedeutenden förmlichen Teich, der in den Stein des Bodens gehauen ist und das Wasser wohl hält. Warum züchtest du darin keine Fische?“
GEJ|10|143|25|0|Sagte der Wirt: „Daß Dir in meiner Haushaltung schon gleich alles bestbekannt ist, das habe ich schon aus dem entnommen, daß Du gleich bei Deinem Eintritt in dies mein Haus um die Krankheit meines Sohnes wußtest; und ebenso verhält es sich auch mit dem Brunnen und steinernen Teich, der allerdings eine Menge Fische fassen könnte. Aber woher die Fische nehmen und sie in den Teich setzen? Nach allen Seiten ist es zu weit, um lebendige und völlig gesunde und frische Fische hierher zu bringen und sie zur Fortzucht in den Teich zu legen. Da das offenbar eine vergebliche Mühe wäre, so blieb mein Teich denn auch gleichfort ohne Fische – und somit denn auch aus leicht begreiflichen Gründen meine Speisekammer!“
GEJ|10|143|26|0|Sagte Ich: „So du glauben kannst, da gehe dennoch in deine Speisekammer nachsehen, und es werden sich sicher so viele Fische schon geschlachtet und gereinigt vorfinden, daß sie für diesen Abend genügen werden; und für die Folge wird dein Teich stets eine rechte Menge von edlen Fischen besitzen!“
GEJ|10|143|27|0|Hierauf machte der Wirt ganz verwundert große Augen und ging nachzusehen, wie es mit den Fischen stünde.
GEJ|10|144|1|1|144. — Das Fischwunder
GEJ|10|144|1|0|Als er mit seinem Weibe und mit etlichen seiner andern Kinder in die Speisekammer trat, da fand er zu seinem größten Erstaunen einen ganzen Korb voll schon ganz gereinigter Fische von der besten und edelsten Art und befahl denn auch seinem Weibe und seinen in der Küche bewanderten Kindern, diese Fische bestens zuzubereiten.
GEJ|10|144|2|0|Sein Weib wußte freilich nicht, was sie zu diesem Wunder sagen sollte.
GEJ|10|144|3|0|Der Wirt aber sagte: „Denket nun darüber nicht viel nach; denn dem Manne Gottes, dem es möglich war, meinen Sohn, den alle Heilkundigen schon lange für unheilbar erklärt haben, bloß durch Sein Wort und Seinen Willen vollkommen gesund zu machen, dem ist es sicher auch möglich, uns diese Fische auf eine wunderbare Art in unsere Speisekammer gestellt zu haben. Machet euch nun an die Arbeit, und seht, daß ihr bald fertig werdet; alles andere wird euch schon später bekanntgemacht werden!“
GEJ|10|144|4|0|Darauf machten sich das Weib und die Kinder an die Bereitung der Fische, und der Wirt kam voll Dankbarkeit wieder zu uns.
GEJ|10|144|5|0|Und Ich sagte zu ihm: „Nun, wie sieht es mit den Fischen aus?“
GEJ|10|144|6|0|Sagte der Wirt: „Wundersamster Meister, es ist schon alles in der vollsten Ordnung; aber diese Fische sind doch sicher aus keinem Wasser dieser Erde, sondern sie sind von Dir neu erschaffen! Ich sehe nun, daß mein von Dir geheilter Sohn ehedem völlig recht hatte, so er Dich für den großen Verheißenen erklärte; und so bist Du Deinem inneren Geiste nach wahrlich kein Diener irgendeines Höheren über Dich, sondern mit dem Allerhöchsten gleich Selbst ein Herr, der Seinesgleichen nicht hat, weder auf dieser Erde noch in den Himmeln.
GEJ|10|144|7|0|Du bist demnach mit Gott ein und dasselbe Wesen Deinem Geiste nach; daß Du aber nun als ein Mensch unter uns wandelst, das ist also sicher auch nur Dein Wille, – denn Dir kann nichts unmöglich sein!
GEJ|10|144|8|0|Es heißt freilich wohl im Moses, daß Gott niemand sehen und dabei leben kann; aber es wird dieser Spruch sicher auch einen andern Sinn haben. Denn es hatte der Vater Abraham Gott gesehen und gesprochen und verlor dabei das Leben nicht, ebenso der Vater Jakob und noch viele andere, die uns aus der Schrift bekannt sind und lebten; selbst Moses sah den Rücken Jehovas und behielt das Leben, und wir sehen nun Dich und behalten auch das Leben.
GEJ|10|144|9|0|Ich bin der Meinung, daß der Mensch Gott nur in Seinem unendlichen und ewigen Ursein nicht und niemals wird schauen können und behalten das Leben; denn das, was endlich ist, kann das Unendliche niemals mit einem Sinne begreifen, noch die Ewigkeit ermessen. – Habe ich als ein Altjude da recht oder nicht?“
GEJ|10|144|10|0|Sagte Ich: „Du hast nun schon ganz recht und wahr geurteilt, obschon auch einem jeden Menschen, der nach den Geboten Gottes handelt und lebt, das ewige Leben treu und wahr verheißen ist.
GEJ|10|144|11|0|Siehe, solange der Mensch auf dieser Erde in Zeit und Raum lebt, kann er das Ewige und Unendliche des Geistes freilich wohl niemals weder mit seinem Verstande und noch weniger mit einem äußeren Leibessinne erfassen und begreifen; aber so der Geist Gottes, der pur Liebe ist, des Menschen geläuterte Seele völlig durchdringt und also der eigentliche Mensch, welcher die Seele ist, ganz durchleuchtet und mit dem ewigen Leben belebt wird, so wird er mit Gott eins und dringt dann auch in die endlosen und ewigen Tiefen Gottes und kann sie begreifen, und das ist das Verständnis dessen, wo es heißt, daß ein vollkommener Mensch in seinem Geiste Gott schauen wird von Angesicht zu Angesicht.
GEJ|10|144|12|0|Doch nun lassen wir das; denn es kommen bereits die schon bereiteten Fische, mit denen wir unseren Leib stärken wollen und werden!“
GEJ|10|144|13|0|Als Ich das noch kaum ausgesprochen hatte, da brachte des Wirtes Weib und seine andern Kinder schon auf mehreren Schüsseln die recht wohlbereiteten Fische herein; dann legten die Kinder behende vor jeden Gast eine kleine irdene Schüssel, hölzerne Gabeln und beinerne Messer nach der Sitte dieses Ortes, und ein jeder von uns nahm sich einen Fisch, auch der Wirt und sein geheilter Sohn, und es wurden diese Fische denn auch bald verzehrt, und ein jeder wurde vollkommen mit warmer Speise gesättigt.
GEJ|10|144|14|0|Als die Fische verzehrt waren, von jedem so viele, als er deren nur verzehren konnte, so blieben aber auf den großen Schüsseln dennoch mehrere übrig, und der Wirt fragte Mich, ob er diese Fische für den Morgen aufbewahren solle.
GEJ|10|144|15|0|Ich aber sagte: „Die diese Fische bereitet haben, sollen sie völlig verzehren – denn ein jeder Arbeiter ist auch seines Lohnes wert –, und so berufe dein Weib und deine andern Kinder, und laß den Tisch abräumen, und sage ihnen, daß sie dann in der Küche das, was da übriggeblieben ist, verzehren sollen!“
GEJ|10|144|16|0|Dies tat der Wirt, und der Tisch ward abgeräumt.
GEJ|10|145|1|1|145. — Die Wirtin und ihre Dienstboten
GEJ|10|145|1|0|Als das Weib und die andern Kinder das getan und auch vernommen hatten, daß sie die übriggebliebenen Fische in der Küche verzehren sollten, da wurden sie sehr froh, da sie alle ganz bedeutend hungrig waren.
GEJ|10|145|2|0|Als sie die Fische aber zu essen anfingen, kamen auch etliche Diener und Mägde in die Küche, um darin ihr Abendbrot zu erhalten und es zu verzehren. Diese fingen denn auch sogleich an, sich hoch zu verwundern, und fragten die Wirtin, woher sie denn in dieser Gegend die Fische bekommen habe.
GEJ|10|145|3|0|Die Wirtin aber sagte: „Es sind Fremde angekommen und haben diese Fische selbst herbeigeschafft; mehr kann ich euch nicht sagen. Da nehmet aber euer Abendbrot, und da der Fische noch zur Genüge vorhanden sind, so will ich eurer erprobten Haustreue wegen einem jeden von euch etwas von diesen Fischen hinzugeben.“
GEJ|10|145|4|0|Das tat die Wirtin, und es bekam ein jeder von den zwanzig Hausdienern, bestehend aus Knechten und Mägden, so viel, daß sie es kaum aufzehren konnten.
GEJ|10|145|5|0|Sie konnten sich darob denn auch nicht genug verwundern und sagten (die Hausdiener): „Es muß ein besonderer Segen Jehovas dabei obwalten; denn nur kleine Stücke von den Fischen hast du, Wirtin, uns zum Brote hinzugegeben, und wir konnten das Stück vom Fisch, das sich stets zu vergrößern schien, kaum verzehren, so gut es uns auch schmeckte!“
GEJ|10|145|6|0|Sagte die Wirtin: „Also bleibet denn auch stets treu dem Hause in aller Zucht und Gottesfurcht, und Jehovas Segen wird in allem stets bei uns verbleiben!“
GEJ|10|145|7|0|Auf diese ganz gute Bemerkung der Wirtin verließen die Hausdiener und Dienerinnen die Küche und begaben sich zur Ruhe; denn alle hatten an diesem Tage viel gearbeitet und waren müde geworden.
GEJ|10|145|8|0|Darauf kam die Wirtin in unser Zimmer und erzählte uns von der wunderbaren Vermehrung der Fischstücke, die sie unter die Hausdienerschaft ihres Fleißes wegen verteilt hatte.
GEJ|10|145|9|0|Der Wirt aber sagte: „Höre, du mein stets frommes und gottergebenes Weib: Dem, der allmächtig ist, ist nichts unmöglich, uns Menschen aber bleibt nichts übrig, als den Allmächtigen stets zu bewundern, zu loben, zu lieben und zu preisen und Seine Gebote zu halten! Gott vermag alles aus Sich, der Mensch und auch der Engel aber nichts ohne Gott.
GEJ|10|145|10|0|Siehe, weil unser Haus stets an Gott hielt und nach Möglichkeit unter den vielen Heiden die alte Treue bewahrte im Herzen und in der Tat, so hat Er unser denn auch gedacht und ist wundersam in diesem Heilande sichtbar zu uns gekommen und hat gar mächtig erquickt unsere Seelen! So bleiben wir denn, wie wir waren, und handeln stets gerecht nach den uns wohlbekannten Geboten Gottes, und Er wird auch fürder mit Seiner Gnade, Liebe, Milde und Erbarmung bei uns verbleiben!“
GEJ|10|145|11|0|Sagte darauf Ich: „Du bist noch ein echter Jude aus der alten Zeit Samuels und bist darum denn auch erleuchtet, wie es ein Jude sein soll; aber du hast dennoch einen kleinen Fehler, und der besteht darin, daß du gegen Fremde, die da nicht Juden sind, sehr verschlossen und nicht freundlich bist und heimlich ein Feind der Heiden, also, daß du sie alle vertilgen möchtest, so dir das irgend möglich wäre.
GEJ|10|145|12|0|Ich weiß es wohl, daß du also bist in deinem wahren Eifer für eine Wahrheit aus Gott, und weil derlei bei den alten, wahren Juden auch stets vorkam, wo sie aufgefordert wurden, wider die Feinde des Volkes Gottes das Schwert zu ziehen. Aber das soll nun nicht mehr also sein, und es soll auch allen Heiden Mein Evangelium – darin die Gründung des Reiches Gottes auf dieser Erde zur Beseligung aller Menschen besteht – gepredigt werden. Denn es werden Zeiten kommen und sind schon da, in denen gar viele Heiden Gott näher stehen werden denn gar viele Juden, die Gott mit ihren Lippen loben und preisen, ihre Herzen aber von Ihm sehr ferne sind.
GEJ|10|145|13|0|Siehe, nun suchen gar viele Heiden die Wahrheit, die einst die wahren Kinder Gottes besaßen von Adam an bis in diese Zeit, und so sie diese Wahrheit finden, so erkennen sie solche alsbald, nehmen sie mit dem willigsten Herzen an und werden voll lebendigsten Glaubens! Und das ist ja auch Mein Wille, spricht der Herr, daß auch die Heiden, die so lange ohne ihre Schuld in der dicksten Finsternis des dümmsten Aberglaubens schmachteten unter den Tyrannen und deren herrsch- und wohllebenssüchtigen Priestern, durch den Glauben an den einen, allein wahren Gott sollen selig werden.“
GEJ|10|146|1|1|146. — Über die Liebe gegen Andersgläubige
GEJ|10|146|1|0|(Der Herr:) „Siehe, als Ich vor nahe dreiunddreißig Jahren zu Bethlehem in einem Schafstalle von einer reinsten und frömmsten Jungfrau namens Maria, einer einzigen Tochter des Joachim und der alten Anna, die stets im Tempel zu des frommen Simeon Zeiten zu tun hatten, bin in diese Welt geboren worden, da waren es eben die Heiden, die es zuerst schon von weiter Ferne erkannt hatten, daß in Mir etwas Außerordentliches in diese Welt gekommen ist, brachten Mir allerlei Opfer – Gold, Weihrauch und Myrrhen –, und die mächtigsten Gewaltträger Roms in Judäa und über alle römischen Länder in Asien und auch in Afrika erwiesen Mir alle Liebe und leisteten Mir allen Vorschub, besonders bei der traurigen Gelegenheit, als der alte Herodes, dem es zu Ohren gekommen war, daß in Mir den Juden ein mächtigster König geboren worden sei, alle männlichen Kinder von der Geburt an bis ins zwölfte Lebensjahr hatte ermorden lassen wollen; denn Meine irdische Mutter und Mein Nährvater Joseph mit seinen fünf Söhnen, die ihm aus einer früheren Ehe zuteil geworden waren, mußten sich mit Mir nach Ägypten flüchten, und der römische Hauptmann Kornelius und sein Bruder Cyrenius haben Mir bei dieser Flucht viel Liebe erwiesen und sorgten für eine gute Unterkunft in einem fremden Lande.
GEJ|10|146|2|0|Und siehe, das taten Mir die von den Juden so sehr gehaßten Heiden, während die Juden, das heißt die mächtigen, Mich aus dieser Welt schaffen wollten, aus Furcht, daß sie ihres von Rom aus gepachteten Thrones durch Mich in der Zeit Meiner Großjährigkeit könnten verlustig werden.
GEJ|10|146|3|0|Wenn denn also, da ist es ja doch sicher auch in der vollsten Ordnung, daß nun von Mir, wie auch von einem jeden wahren Juden aus, den Heiden dieselbe Liebe bezeigt werde, die sie Mir schon von Meiner Kindheit an bezeigt haben; und Ich habe nun im Verlaufe von über zwei und einem halben Jahre bei den Heiden weit und breit bei Meinen Lehrreisen stets mehr Glauben und Liebe gefunden als bei den Juden, die Mich für einen falschen Propheten, Betrüger, Volksaufwiegler und für einen mit dem Satan im Bunde stehenden Zauberer halten und vor dem Volke Mich als so etwas seiend erklären und Mir gleichfort, je mehr die gemeinen Juden an Mich glauben, nach dem Leben streben.
GEJ|10|146|4|0|Ich sage dir es aber auch, daß eben darum den Juden das Licht der ewigen Wahrheit genommen und den Heiden gegeben werden wird. Die Juden aber werden zerstreut werden in alle Welt und werden nimmerdar ein eigenes Land besitzen, sondern als verhaßte Sklaven unter den Königen heidnischer Völker alle Schmach und Verfolgung zu ertragen haben zum bleibenden Zeugnis ihres Unglaubens und ihrer gänzlichen Lieblosigkeit. Sie werden den verheißenen Messias wohl immer erwarten, aber vergebens; denn Der bin Ich und sonst keiner mehr in Ewigkeit.
GEJ|10|146|5|0|Und siehe, darum mußt auch du gegen die Heiden deine alte Gesinnung völlig ändern, und sie werden dadurch deine Freunde werden und leicht in deinen wahren Glauben eingehen; denn die meisten glauben an ihre Götter ohnehin nicht mehr, sondern halten sich an die Lehren ihrer Weltweisen und sind dadurch gar sehr scharfsinnige Denker und Redner, und du wirst durch sie gar manches überkommen, das du bei ihnen schwerlich je gesucht haben würdest.
GEJ|10|146|6|0|Menschen aber, die in den Weltdingen klug und scharfsinnig sind, die werden es auch bald und leicht in den Dingen des Geistes und seiner Weisheits- und Lebenstiefen; es kommt nur darauf an, wie man sie behandelt.
GEJ|10|146|7|0|Wer da bei ihnen gleich mit dem Schwert und mit den Knitteln des alten Hasses dreinzuhauen anfängt, der wird bei ihnen auch sicher schlechte Geschäfte machen; wer aber zu ihnen kommt mit aller Sanftmut und Liebe, den werden sie bald auf ihren Händen tragen und ihm auch alle Gegenliebe erweisen.
GEJ|10|146|8|0|Siehe, das ist demnach dein Fehler bis jetzt gewesen, den du in der Folge abzulegen hast, so du Mir gleich ein vollkommener Jude und vollendeter Mensch werden willst!
GEJ|10|146|9|0|Läßt denn Gott Seine Sonne nicht über die Heiden so gut wie über die Juden leuchten, was du doch alle Tage gar wohl bemerkt haben wirst? Macht aber da Gott, der Herr über alle Dinge in der Welt und in den Himmeln keinen Unterschied, so soll auch ein wahrer Jude darin Gott, der sein ewiger Vater ist, völlig ähnlich zu werden trachten.
GEJ|10|146|10|0|Du brauchst ihnen darum aber nicht bei einem etwaigen Bau eines Götzentempels behilflich zu sein – denn das wäre keine wahre Nächstenliebe und hätte vor Mir auch keinen Wert –; aber die Heiden mit aller Freundlichkeit von allen ihren alten Irrtümern befreien und ihnen geben das alte Wahrheitslicht, das hat vor Mir einen übergroßen Wert.
GEJ|10|146|11|0|Imgleichen auch, so da kommt ein armer Heide vor deine Tür und fleht dich an um ein Almosen und du enthältst es ihm darum vor, weil er ein Heide ist, so hast du dadurch vor Mir nichts Verdienstliches fürs ewige Leben getan; so du dich aber auch des armen, hungrigen und durstigen Heiden erbarmst und gibst ihm, dessen er bedarf, so hast du vor Mir ein Mir sehr wohlgefälliges Werk der wahren Nächstenliebe getan, und Ich werde es dir vergelten hier schon hundertfach und dereinst jenseits unendlichfältig. Denn die wahre Nächstenliebe im Herzen eines Menschen – ob Jude oder Heide ist gleich – ist das einzige, wahrhaft geistige Lebenselement, durch das alle Sinnenwelt und auch alle Himmel in der Bestandsordnung erhalten werden. So ein Mensch die wahre Nächstenliebe hat und übt, so lebt er dadurch auch in der rechten Ordnung Gottes und gründet in sich das ewige Leben seiner Seele.
GEJ|10|146|12|0|Habe du von nun an denn auch die wahre Nächstenliebe gegen Heiden so gut wie gegen Juden, und du wirst erweckt werden durch Meines Geistes Kraft zum ewigen Leben und wirst eindringen in Meine Gottheitstiefen und wirst dadurch denn in Mir auch wahrhaft lieben deinen Gott über alles, – und das ist alles, was Ich von den Menschen zur Gewinnung des ewigen Lebens verlange. Wer da solche Liebe hat, der hat vor Mir keine Sünde und braucht nicht der Juden lange und leere und vor Mir wertloseste Gebete, keine Fasten und keine Bußwerke in Sack und Asche zu wirken. – Hast du das wohl verstanden?“
GEJ|10|147|1|1|147. — Von der Zulassung der Mißstände und des Verfalls unter den Menschen
GEJ|10|147|1|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, ich habe Dich völlig verstanden und bin nun vollends im klaren, mit wem ich es nun in Dir zu tun habe! Mein durch Deine Gnade und Macht geheilter Sohn hat Dich gleich nach der wunderbaren Heilung vollkommenst wahr beurteilt und Dich als Den erkannt, der Du über jeden Zweifel hinaus auch bist.
GEJ|10|147|2|0|Meinen alten Fehler werde ich denn von nun an auch gänzlich ablegen und mein Verhalten gegen Juden und Heiden genau nach Deinem heiligst wahren Rate einrichten.
GEJ|10|147|3|0|Es ist für unsereinen nur das einzige schwer zu begreifen, warum denn auf dieser Erde das ganz Gute und Wahre stets von dem Bösen und Falschen oft völlig unterdrückt und unterjocht werden muß und erst dann, aber stets spärlich, wieder zum Vorschein kommt, wenn das Böse und Falsche sich notgedrungen selbst das spitze Schwert aus Verzweiflung an die Brust zu setzen beginnt.
GEJ|10|147|4|0|Wievielmal tausendmal Tausende von Menschen schmachten in der größten Not, Finsternis und mehrfacher Verzweiflung, können sich nicht helfen und jammern ihr ganzes Leben hindurch! Wir wenigen in der Urwahrheit noch stehenden Menschen können sie nur tiefst bemitleiden, aber ihnen auch selbst bei dem besten Willen nicht helfen. Ja, einen Hungrigen können wir mit unserem kleinen Überfluß wohl sättigen, einen Durstigen tränken und einen Nackten bekleiden, ebenso im Notfall einem Trauernden einen magern Trost geben, – da ist es mit aller unserer Hilfe auch schon zu Ende!
GEJ|10|147|5|0|Du, o Herr und Meister, dem sicher aller Menschen Not auf dieser Erde nur zu klar bekannt ist, könntest allein aller geistigen und auch leiblichen Not aller Menschen ebenso schnell abhelfen, wie Du meinem Sohne von all seinem Leiden abgeholfen hast; aber das eben geschieht von Dir aus – wie uns die Schrift selbst lehrt – nur höchst selten.
GEJ|10|147|6|0|O Herr und Meister, warum muß denn das also sein auf dieser Erde? Sind denn im Ernste die meisten Menschen von Dir bestimmt zum Falle und nur ganz wenige zur Auferstehung?“
GEJ|10|147|7|0|Sagte Ich: „Das sei ferne, – auch nicht ein Mensch ist von Mir aus bestimmt zum Falle; aber da ein jeder Mensch erst durch seinen von Mir ihm gegebenen völlig freien Willen ein wahrer Mensch ist und sich selbst in dem ihm von Mir aus allzeit treu geoffenbarten Guten und Wahren zu üben, zu prüfen und zu bestimmen hat, so geschieht es, daß die Menschen sich von den Anreizungen der Welt, in der das Reich des Satans verborgen waltet, nur zu bald gefangennehmen lassen, Mich nach und nach trotz aller Meiner fortwährenden Mahnungen vergessen, Meine Gebote in den Wind schlagen und sie am Ende mit Füßen treten, von der Nächstenliebe in alle Selbstsucht übergehen, in aller guten Tätigkeit träge werden und in solcher Trägheit nur danach zu sinnen anfangen, wie sie es anstellen sollen, daß alle andern Menschen für sie arbeiten und ihnen blindlings gehorchen.
GEJ|10|147|8|0|In solchem Sinnen verfallen sie bald auf allerlei Trugkünste, üben solche vor ihren neugierigen Mitmenschen aus und offerieren sich ihnen nur zu bald durch allerlei falsche Zauberwunder und durch mystische Worte als von der Gottheit begeisterte Propheten.
GEJ|10|147|9|0|Die andern Menschen fangen dann an, solchen Müßiggängern zu glauben, sie für eine Art höherer Wesen zu halten, und fühlen sich glücklich, sich ihnen öfter nahen zu können und ihnen allerlei Opfer darzubringen, und bitten die Betrüger am Ende sogar, daß diese sie in ihren Schutz nehmen möchten.
GEJ|10|147|10|0|Und siehe, unter solchen Umständen haben die Betrüger ihren Zweck auch schon erreicht; sie werden durch ihr Nichtstun und durch ihre Trugkünste mächtiger und mächtiger, verkehren Meine Offenbarungen zu ihrem Vorteil, werden Herren ihrer geblendeten Mitmenschen und geben ihnen Gesetze, nach denen die Mitmenschen am Ende nur für sie zu arbeiten und im Notfall auch all ihr Gut, Blut und Leben für ihre Tyrannen einzusetzen und auch dahinzugeben haben.
GEJ|10|147|11|0|Bei solchen Anfängen aber wird das Volk von Mir stets durch wahrhaft von Mir im Geiste geweckte Propheten gemahnt und gewarnt, wie das zu den Zeiten Samuels geschah, als das Judenvolk auch einen König haben wollte, also, wie ihn die es umgebenden heidnischen Völker hatten.“
GEJ|10|148|1|1|148. — Die Ursachen der Krankheit des Wirtssohnes
GEJ|10|148|1|0|(Der Herr:) „Lies den Samuel und das Buch der Richter, und du wirst es finden, wie sehr Ich das Judenvolk auf das augenscheinlichste und eindringlichste vor einem Könige gewarnt habe! Was haben aber am Ende alle Meine vielen Warnungen gefruchtet? Ich sage es dir: Gar nichts! Das Volk wollte einmal einen König, und es ward ihm denn auch einer gegeben als eine gerechte Strafe für seinen unverbesserlichen Starrsinn.
GEJ|10|148|2|0|Könntest du Mir da auch den Vorwurf machen, als hätte Ich dem Volke nicht helfen wollen und habe es lieber zum Falle kommen lassen? Das wirst du nun wohl einsehen, daß das von Mir aus niemals der Fall war und sein konnte. Dem selbst Wollenden geschieht kein Unrecht, und wer auf Meine vielen Mahnungen nicht achtet und nur den Gelüsten der Welt und seines Fleisches frönt, da kann Ich wahrlich nicht dafür, so er sich und auch seine Nebenmenschen ins Verderben stürzt, so diese seinem Beispiel folgen.
GEJ|10|148|3|0|Bin Ich nun nicht Selbst persönlich in dieser Welt, lehre die blinden Menschen und wirke Zeichen, die außer Mir niemandem möglich sind? Gehe aber hin nach Jerusalem und in viele andere Städte, sowohl in Judäa als auch in Galiläa, und frage die Großjuden, was sie von Mir halten!
GEJ|10|148|4|0|Siehe, fangen und töten wollen sie Mich, weil Ich ihnen ihre vielen und allergröbsten und größten Sünden vorhalte! Sie wollen ihren Weltsinn nicht fahren lassen und ihre Weltehre und unbegrenztes Wohlleben.
GEJ|10|148|5|0|Sage, bin Ich da schuld, daß diese Großjuden unverbesserlich sind? Du meinst freilich, daß Ich sie alle in einem Augenblick verderben und vernichten könnte. Das könnte Ich wohl; aber auch die Abtrünnigen sind Meine Kinder, und Meine Liebe hat Geduld mit ihnen und wartet gleichfort, ob sich von ihnen am Ende doch noch einer und der andere zu Mir zurückwende.
GEJ|10|148|6|0|So wirst du nun wohl einsehen, daß Ich, als die höchste Liebe und Geduld, solches nicht tue, auf daß sich am Ende, wenn das große Strafgericht über ihn kommen wird, niemand damit entschuldigen kann, als hätte Ich ihm zu wenig Liebe und Geduld erwiesen.
GEJ|10|148|7|0|Ich sage es dir: So Jerusalem gleichfort in seinem Argen verharrt und darin, statt abzunehmen, nur zunimmt, so werden von nun an keine vollen fünfzig Jahre vergehen, und es wird ihm und dem ganzen Lande noch um vieles ärger ergehen, als es einst Sodom und Gomorra ergangen ist.“
GEJ|10|148|8|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, nun sehe ich es ganz klar ein, daß Du allein höchst weise bist und in allem recht hast; die Menschen sind allzeit selbst schuld an allen Übeln, von denen sie körperlich und seelisch heimgesucht werden.
GEJ|10|148|9|0|Doch wer war denn daran schuld, daß dieser mein Sohn, der stets von der frühesten Jugend an mein allergeratenster und frömmster war, blind und lahm geworden ist?“
GEJ|10|148|10|0|Sagte Ich: „Siehe, Freund, da wirkten drei Hauptumstände zusammen! Der erste Umstand war deine zu große Vorliebe für ihn. So er nur ein wenig von irgendeinem kleinen Kopfübel bedroht war, so mußten gleich alle die bekannten Ärzte zu ihm kommen, um ihn zu heilen. Diese haben ihm durch ihre stärksten Mittel einen ziemlich heftigen Kopfkatarrh in die Augen getrieben, und der Sohn ward blind.
GEJ|10|148|11|0|Zweiter Umstand: Als der Sohn blind geworden war, da wollten die Ärzte ihn wieder sehend machen, gebrauchten innerlich und äußerlich starke, aber ganz verkehrte Mittel, und dein Sohn ward dadurch denn auch bald am ganzen Leibe lahm.
GEJ|10|148|12|0|Dritter Umstand: Ich wußte wohl auch darum und ließ es zu, daß dir solches begegne, und zwar aus dem folgenden Grunde: Zum ersten hast du dann auch deinen andern Kindern eine größere Liebe bezeigt und hast sie alle besser zu erziehen angefangen. Zum zweiten hast du angefangen einzusehen, daß ein rechter Jude auch bei den leiblichen Übeln stets mehr auf Gott denn auf die zumeist blinden und unwissenden Weltärzte sein Vertrauen setzen solle; denn wo kein Arzt mehr helfen kann, da kann noch Gott allein gar wohl helfen. Und zum dritten ließ Ich das auch darum zu, weil Ich wohl wußte, daß Ich zu dir kommen werde, um dir in der Heilung deines Sohnes ein Zeichen zu geben, daß Ich der Herr bin und Mir nichts unmöglich ist.
GEJ|10|148|13|0|Aus dem wirst du nun wohl einsehen, was da alles schuld war, daß dein Sohn auf eine Zeitlang blind und lahm geworden ist.
GEJ|10|148|14|0|Es gibt zwar wohl noch einen dir für jetzt noch völlig unbegreiflichen, geheimen, innern, geistigen Grund, der dir aber erst im andern Leben klar werden wird. Das magst du aber nun aus Meinem Munde für dich und deinen Sohn vernehmen, daß weder du selbst, noch dieser dein Sohn der Seele nach von dieser Erde, sondern von oben her, das heißt von einer andern im endlos weiten Himmelsraume, abstammt. Denn alles, was sich dir am weiten und tiefen Himmel als ein bleibendes Gestirn zeigt, ist Weltkörper über Weltkörper, und keiner ist ohne euch ähnliche vernünftige Menschenwesen; doch Meine Kinder trägt nur diese Erde.
GEJ|10|148|15|0|Doch frage Mich darüber um nichts Weiteres mehr. So du im Geiste vollendet sein wirst, wird sich deine innere Sehe auch in diesem zu einer größeren Klarheit erheben.“
GEJ|10|149|1|1|149. — Die zwei Fremden aus Ninive
GEJ|10|149|1|0|Als Ich solches zum stets mehr staunenden Wirte gesagt hatte, da wollte er noch etwas reden; aber es kamen soeben zwei Fremde an die Tür der Herberge, pochten an dieselbe und verlangten Einlaß.
GEJ|10|149|2|0|Der Wirt fragte Mich alsogleich, was er da tun solle.
GEJ|10|149|3|0|Sagte Ich: „Frage dein Herz nach dem Grundsatze der wahren Nächstenliebe, und es wird dir alsbald sagen, was du zu tun hast!“
GEJ|10|149|4|0|Der Wirt aber gedachte gleich dessen, was Ich ihm in einer längeren Rede gesagt hatte, und was sein alter Fehler war, stand sogleich vom Tische auf und ließ die beiden Fremden in die Herberge.
GEJ|10|149|5|0|Als die beiden zu uns ins Zimmer traten, da befragte sie der Wirt, woher sie gekommen seien, und was sie wünschten.
GEJ|10|149|6|0|Der eine der beiden, der zur Not etwas Hebräisch reden konnte, sagte: „O Freund, wir kommen von gar weit her! So es dir bekannt ist, wo dereinst das übergroße und mächtige Ninive stand, und noch zwei gute Tagereisen hinter der benannten Stadt sind wir elend über elend zu Hause.
GEJ|10|149|7|0|Wir waren unserem Tyrannen von einem Könige einige Silberstücke an der uns frechstermaßen aufgebürdeten Steuer schuldig, und in der uns gewährten Frist von nur sieben Tagen konnten wir diese Summe nirgends aufbringen. Wir baten um Gnade und Geduld; aber alles vergebens. Man gab uns zur Antwort: Wird nur einem eine Gnade erteilt, so wird zur Steuerzahlungszeit bald alles Volk, um Gnade flehend, vor den Thron des Königs kommen. Daher keine Gnade! Und man griff gleich nach allem, was wir besaßen, und schonte unsere Weiber und Kinder nicht, sondern ergriff sie und führte sie in die Gefangenschaft. Auf unser vieles Flehen gab man uns endlich eine Bettelfrist von drei Monden, in welcher Zeit wir uns die verlangten Silberstücke zu erwerben und sie an die Kasse des Königs zu überbringen hätten; könnten wir das nicht, so würden unsere Weiber und Kinder an indische Sklavenhändler verkauft, und wir blieben des Landes verwiesen.
GEJ|10|149|8|0|Siehe, du glücklicher Untertan der weisen Herrscher Roms, so geht es uns nun unter unserem Tyrannen, der außer sich und seinen vielen Hofleuten niemand für einen Menschen betrachtet; und wir haben darum diese weite Wanderung unternommen, um bei euch sicher besseren Mitmenschen uns unsere Silberstücke zu erbitten, damit in unser Land getrost wieder heimzukehren und unsere Weiber und Kinder aus der harten Gefangenschaft zu befreien. Mit dem weißt du, glücklicher Wirt, nun aber auch schon alles, woher wir sind, und was wir wünschen und suchen.“
GEJ|10|149|9|0|Sagte der Wirt: „Wenn ihr sonst kein Anliegen habt, so kann euch da bald aus eurer Not geholfen werden! Aber nun fragt es sich noch weiter, und das besteht darin, ob ihr hungrig und durstig seid!“
GEJ|10|149|10|0|Sagte der eine: „Beides zugleich; denn wir kommen heute schon aus der Gegend des Euphrat her und haben auf dem Wege weder etwas zu essen, noch etwas zu trinken bekommen. Unsere Wasserflaschen, die wir am frühesten Morgen mit Euphratwasser gefüllt haben, haben wir bis gen Mittag hin geleert und bisher kein Wasser mehr irgend erspähen können.“
GEJ|10|149|11|0|Der Wirt bedauerte die beiden Fremden sehr, erhob sich schnell und brachte ihnen Salz, Brot und Wein, hieß die Fremden sich sogleich an einen Tisch setzen und sich stärken mit Brot und Wein.
GEJ|10|149|12|0|Mit den dankbarsten Blicken nach oben gerichtet, griffen die beiden sogleich nach dem Brote und also auch nach dem Weine und labten und stärkten sich.
GEJ|10|149|13|0|Der Wirt aber fragte Mich, zu was für einer Gotteslehre sich etwa die beiden bekennten.
GEJ|10|149|14|0|Und Ich sagte zu ihm: „Freund, für diese beiden ist für diesen Moment die Zeit noch nicht da, daß Ich mit ihnen zu verhandeln anfinge! Daher verhandle nun nur noch du allein; Ich werde dann schon auch hinzukommen!“
GEJ|10|150|1|1|150. — Die religiösen Zustände in der Heimat der zwei Fremden
GEJ|10|150|1|0|Darauf fragte der Wirt die beiden, als diese sich schon gesättigt hatten, was für Gottheiten in ihrem Lande verehrt und angebetet würden.
GEJ|10|150|2|0|Sagte der eine: „O lieber Freund, bei uns gibt es gar keine irgend bestimmte Gottheit; denn unsere Priester sind untereinander in steter Fehde stehend, und es hat beinahe schon ein jeder für sich seinen eigenen Gott, läßt ihn Wunder wirken und schreit nur von seines Gottes Macht und Herrlichkeit. Der König aber kümmert sich wenig darum; denn er hält nur Gold, Silber und Edelsteine für seine Götter, – alle andern Götter gehen ihn nichts an!
GEJ|10|150|3|0|Wir beide aber gehören noch dem Judenstamme an, der seit der gewissen Gefangenschaft unter dem Könige Nebukadnezar sich hie und da in unserem Lande angesiedelt hat, und so sind wir geheim noch Mosaiten, aber freilich ohne Schrift, ohne Bundeslade und ohne Tempel. Der Himmel mit seinen Sternen ist uns alles.
GEJ|10|150|4|0|Wir glauben an den Gott, den Moses unseren Vätern zeigte, und halten noch den Sabbat und die sonstigen Gebote; aber der alte Jehova scheint unser nicht gar zu besonders mehr zu gedenken.“
GEJ|10|150|5|0|Sagte der Wirt: „Auch ich bin ein Jude und kann euch versichern, daß der alte Jehova sehr euer gedachte, da Er euch in eurer Großnot eben hierher geführt hat. Morgen wird euch diese Sache schier vollends klar werden; für heute aber möget ihr euch ausruhen und euch noch stärken mit Brot und Wein!“
GEJ|10|150|6|0|(Anmerkung) Als der Wirt die zwei Fremden beruhigt hatte, indem er ihnen die Versicherung gab – nebst noch mehr Brot und Wein zu ihrer Stärkung –, daß sie am kommenden Morgen in allem zufriedengestellt würden, kam er wieder an unseren Tisch zurück und konnte seine Verwunderung über das, was er von den beiden Fremden über die Priester und den König ihres Landes vernommen hatte, nicht genug ausdrücken.
GEJ|10|150|7|0|Ich aber sagte zu ihm: „Laß das gut sein, – denn auch unter den Griechen, Römern und Juden geht es in dieser Zeit nicht besser; auch ihnen dienen ihre Götter zu nichts anderem, als durch sie mit Hilfe von allerlei Zaubereien soviel als möglich zu blenden und das Volk nach allen seinen Kräften opferwillig zu machen. Sie haben zwar kein IUS GLADII [Schwertrecht] und kein IUS POTIORIS ET FORTIORIS [Recht des Bevorzugten und des Stärkeren], aber die gegenwärtigen Beherrscher der Völker sehen es gern, so die Priester das Volk recht blind und abergläubisch machen, damit sie, die Könige nämlich, das Volk leichter zum Gehorsam zwingen können und nicht dazu eine große Anzahl der kostspieligen Krieger benötigen.
GEJ|10|150|8|0|Um die eigentliche Wesenheit Gottes kümmert sich ein Völkerbeherrscher äußerst wenig oder gar nicht. Er macht dann und wann äußerlich die vorgeschriebenen Zeremonien wohl mit, um das Volk glauben zu machen, wie hoch er selbst dessen Götter verehre; bei sich selbst aber ist und bleibt er – was das Weltleben betrifft – ein Epikureer und – was seinen Glauben betrifft – entweder ein Kyniker oder Sadduzäer, die an ein Fortleben der Seele nach dem Tode nicht glauben. Und wie der Beherrscher für sich denkt, so denken auch besonders die hohen Priester.
GEJ|10|150|9|0|Will er mit irgendeinem seiner Nachbarn einen Krieg anfangen, so wissen die hohen Priester schon, wie sie zum voraus seine Völker zu bearbeiten haben, damit diese durch die Unterpriester bearbeitet werden, daß der bevorstehende Krieg von dem Willen der Götter ausgeht und der König, als der Repräsentant seiner Völker vor den Göttern, nicht umhin kann, ihrem durch die hohen Priester kundgegebenen Willen auf das eifrigste nachzukommen.
GEJ|10|150|10|0|Dadurch werden die Völker nach der Elle breitgeschlagen, werden willig und eifrig, die von dem König benötigte Kriegsbeisteuer zu bezahlen, und machen sich selbst eine übergroße Ehre daraus, so sie noch bei guten Kräften sind, mit den Waffen in der Hand den Krieg mitzumachen.
GEJ|10|150|11|0|Siehe du, Mein lieber Wirt, so geht es nun nicht nur in dem Lande, von welchem unsere beiden Fremden in ihrer großen Not gekommen sind, sondern auf der ganzen Erde zu, und es wird noch eine sehr lange Zeit erforderlich sein, bis die Völker zu der Einsicht gelangen werden, daß sie seit den Zeiten Mosis und der auf ihn folgenden Richter Menschenlasttiere der Großen und Mächtigen waren, sind und noch lange sein werden.“
GEJ|10|151|1|1|151. — Von den Gerichten Gottes und ihren Wirkungen
GEJ|10|151|1|0|(Der Herr:) „Du denkst dir nun freilich – wie es sich schon einige in Meiner Gegenwart gedacht haben –, Ich hätte ja die Macht, solch einem Weltunfug einen für alle Zeiten wirksamsten Strich durch seine Rechnungen zu machen! Da hast du freilich wohl recht; aber da müßte fürs erste dem Menschen, der ohne Unterschied seiner Geburt und seines Standes zur Kindschaft Gottes berufen ist, der freie Wille gänzlich benommen werden, und anstatt der freien Vernunft und des Verstandes müßte die Menschenseele gleich der Seele der Tiere mit einem Instinkt versehen werden, wonach dann ein jeder Mensch nichts anderes mehr zu tun imstande wäre, als wozu ihn sein Instinkt antriebe, – und fürs zweite müßte Ich auch die ganze Erde überaus bedeutend umändern und auf ihr bloß das Futter für derlei Instinktmenschen, wie für die andern Tiere, wachsen lassen. Dazu müßte Ich noch fürs dritte darum gar viele Pflanzen und Tiergattungen völlig eingehen lassen; denn wozu wären sie, so sie eben darum notwendig dasein müssen, damit sich aus ihrer nahezu endlos langen Stufenreihe die völlig freie Menschenseele zu entwickeln hätte?
GEJ|10|151|2|0|Du siehst daraus, indem du noch ein tüchtiger Mosaist bist, daß es auf dieser Erde nun nicht anders zugehen kann; und ginge es besser zu, als es eben jetzt geht, so hätte Ich noch lange nicht nötig gehabt, Selbst als ein Mensch auf diese Erde zu kommen, um wenigstens bei denjenigen Menschen, bei denen noch ein besserer Sinn aus der früheren Zeit der Propheten übriggeblieben ist, den alten Glauben lebendig zu machen und auch die andern Menschen durch sie zu überweisen (überzeugen), daß die Weissagungen der Propheten nicht also wie die falschen Götzenlehrer ihre Schriften und Weissagungen aus der Luft gegriffen haben.
GEJ|10|151|3|0|Das ganze Menschengeschlecht auf dieser Erde aber wird noch mehr denn ein paar tausend Jahre vonnöten haben, um in ein reineres Licht überzugehen.
GEJ|10|151|4|0|Du weißt, daß nach der noachischen Flut die wenigen übriggebliebenen Menschen auf ziemlich lange hin einen besseren Weg des Lichtes gewandelt sind; aber die Welt und ihre Materie, in welcher der eigentliche Satan steckt, hat sie bald wieder an sich gezogen, und schon unter Abrahams Zeiten hat die Gottlosigkeit der Menschen einen ganz bedeutenden Fortschritt gemacht. Zähle alle die Gerichte auf, durch welche Ich derlei Völker auf das empfindlichste und schärfste heimgesucht habe!
GEJ|10|151|5|0|Wie lange dauerte aber die Wirkung eines solchen Gerichts? Im allgemeinen höchstens drei bis vier Menschenleben hindurch, und es ging darauf gleich wieder zu wie früher und noch um vieles ärger! Ein Sodom und Gomorra, ein Babylon und ein Ninive wären jetzt nahezu als ein Paradies gegen Jerusalem, gegen viele andere Städte des einstigen Gelobten Landes und auch gegen viele Städte der Heiden anzusehen.
GEJ|10|151|6|0|Es wird auch über alle diese Städte in jüngster Zeit ein Gericht ums andere kommen; aber die Wirkung desselben wird den vorangegangenen Gerichten ganz gleichkommen. Auf eine Zeitlang werden sich viele Menschen bessern und bekehren und Buße tun; sowie sie sich aber dadurch werden in einen diesirdisch besten Zustand versetzt fühlen, so wird sich bald wieder bei ihnen der Müßiggang einstellen, und die Pfiffigeren werden sich von den weniger Pfiffigen wieder um allerlei Scheinlohn bedienen zu lassen anfangen.
GEJ|10|151|7|0|Und sind die Menschen einmal auf diesem Punkte angelangt, so fängt unter ihnen auch die Verfinsterung in ihren Gemütern wieder an; die Sonne des Lebens geht unter, und die volle Nacht geht auf der entgegengesetzten Seite siegreich auf und einher, und es dauert dann lange wieder, bis ein neuer Tag zu werden anfängt.
GEJ|10|151|8|0|Und so magst du, Mein lieber Wirt und Freund, für dich und dein ganzes Haus dich mit dem begnügen, was Ich dir jetzt über den gegenwärtigen Stand der Menschen gesagt habe.
GEJ|10|151|9|0|Bei guter Gelegenheit kannst du das auch deinen bewährten Freunden mitteilen und sie ermahnen zur Geduld und zur Ausharrung in Meinem Namen, und sie auch versichern Meiner Liebe und Gnade, und daß es bald lichter und besser aussehen wird, sowohl unter vielen Juden als auch unter den Heiden.“
GEJ|10|152|1|1|152. — Die Wirkung der Verbreitung des Evangeliums. Von der Wiederkunft des Herrn
GEJ|10|152|1|0|Mit dieser Meiner Erklärung war der Wirt vollkommen zufrieden und einverstanden.
GEJ|10|152|2|0|Doch einige Meiner Jünger, besonders die bei Mir anwesenden etlichen Jünger des Johannes, sagten: „Herr, wenn das immer so zugehen wird, wie es seit Noahs Zeiten bis auf uns zugegangen ist, dann ist diese Erde ja vielmehr eine Pflanzschule für die Hölle als für den Himmel! Denn was wird es da nützen, den Völkern das Evangelium zu predigen, um sie zur wahren Buße oder Umkehr von ihrer alten Finsternis in Dein Lebenslicht zu bekehren, so der Satan gleich darauf wieder sein altes Spiel fortsetzen wird, woran nicht zu zweifeln ist?
GEJ|10|152|3|0|Denn neben uns als Deinen wahren Jüngern werden sich nur zu bald eine große Menge falscher Lehrer und Propheten erheben und aus Dir machen, was sie wollen, und die Menschen werden sich, wie zu allen Zeiten, von ihnen durch allerlei Trugkünste und Zauberwunder derart überlisten lassen, daß neben und unter ihnen wir, Deine wahren Jünger, nicht des Lebens sicher sein werden.
GEJ|10|152|4|0|Was wird Deine gegenwärtige Darniederkunft im allgemeinen den Menschen nützen? Wenige werden wohl unter Furcht und Zittern auf Deinen Namen halten und im Verborgenen nach Deiner Lehre auch leben und handeln, – aber wehe ihnen in dieser Welt, wenn sie als solche von den andern werden erkannt werden! Da wird die Verfolgung nahe so lange kein Ende nehmen, als bis die kleine Zahl Deiner rechten Bekenner von dem Boden dieser Erde hinweggefegt sein wird!
GEJ|10|152|5|0|Haben die Israeliten sich in Deiner Gegenwart ein goldenes Kalb machen mögen und haben es verehrt und gepriesen, – um wieviel mehr die gegenwärtig ganz verstockten Menschen und Sünder jeder Art und Gattung! Herr, haben wir recht oder nicht?“
GEJ|10|152|6|0|Sagte Ich: „Einesteils ja, – aber andernteils nicht; denn von nun an werde Ich Meine wahren Bekenner bis ans Ende der Zeiten schon derart zu beschützen und zu erhalten verstehen, daß ihnen die Macht des Satans wenig oder nichts wird anhaben können.
GEJ|10|152|7|0|Sehet aber ihr zu, daß ihr nach Mir untereinander nicht uneins werdet, da Ich auch euch den freien Willen und die freie Erkenntnis belassen muß! Werdet ihr aber uneins, und wird der eine dies und der andere jenes als vorzüglich anpreisen, so werdet ihr selbst den ersten Grundstein zum falschen Prophetentum legen und mannigfache Spaltungen in Meiner euch gepredigten Lehre verursachen.“
GEJ|10|152|8|0|Sagten wieder die Jünger: „Herr, das wird von uns aus nimmer geschehen, indem wir Zeugen von Deiner Lehre und Deinen Taten sind!“
GEJ|10|152|9|0|Sagte Ich: „Das seid ihr zwar wohl, aber es wird dennoch von nun an kein Jahr vergehen, und ihr werdet euch über Mich ärgern, Mich verleugnen und verraten! Wahrlich sage Ich euch weiter: So Ich als euer Hirte in Kürze geschlagen werde, da werdet ihr als Meine Schafe euch zerstreuen. Ich werde euch nach Meiner Auferstehung wohl wieder sammeln und euch, mit allem versehen, in die Welt hinaussenden, um allen Menschen Mein Evangelium von der Ankunft des Reiches Gottes auf dieser Erde zu predigen, und ihr werdet viele Anhänger bekommen, – aber aus diesen Anhängern werden sich bald Nachfolger erheben und in eure Fußstapfen begeben und werden lehren, wie ihr auch, in Meinem Namen.
GEJ|10|152|10|0|Die Berufenen werden nichts verderben, aber desto mehr viele Unberufene neben den Berufenen, und da wird sich bald Zank und Hader unter ihnen erheben, und ein jeder wird vorgeben, daß er die volle und reine Wahrheit lehre, und Meine Lehre wird bald gleichen einem Aase, das die Adler schon von ferne riechen, zum selben hinfliegen und es zur Sättigung ihres Leibes bis auf die Knochen aufzehren.
GEJ|10|152|11|0|Das Gerippe wird dann freilich noch bleiben, aber nur wenige, durch Meinen Geist Weise, werden in sich erkennen, wie das Fleisch, mit dem einst die Knochen bekleidet waren, der Wahrheit nach ausgesehen hat. Der größte Teil aber wird an dem Gerippe noch so lange nagen, bis er dabei verhungern wird.
GEJ|10|152|12|0|Da wird es dann freilich auf dem Erdboden viel Zankens und Zähneknirschens geben, und die Menschen, die so lange in der Finsternis waren, werden den schmutzigen Irrlichtern in ihrer Nacht nachrennen, in der Meinung, ein rechtes Licht zu überkommen; allein das vielfache Erlöschen solcher Irrlichter wird sie nach und nach in sich selbst zu der Überzeugung führen, daß sie die Betrogenen sind.
GEJ|10|152|13|0|Und sehet, dann werde Ich wiederkommen wie ein hellster Blitz, der vom Aufgange bis zum Niedergange leuchtet und alles erhellt, was in, auf und über der Erde ist; und dann wird die Zeit kommen, in der die falschen Lehrer und Propheten mit den von dem Blitze erleuchteten Menschen nichts mehr ausrichten werden!“
GEJ|10|153|1|1|153. — Die Frage der Auferweckung der Gläubigen am Jüngsten Tage
GEJ|10|153|1|0|Sagte darauf Simon Juda, auch Petrus genannt: „Herr! Du hast zu uns zu öfteren Malen gesagt, daß nur jener Mensch, der an Dich lebendig glaubt und nach Deiner Lehre lebt und handelt, das ewige Leben überkommen wird, und Du ihn auferwecken wirst am Jüngsten Tage! Siehe, Herr, das sind aus Deinem Munde zwei Verheißungen, über die ich selbst trotz Deiner mannigfachen Erklärungen noch nicht völlig klar werden kann.
GEJ|10|153|2|0|Was wird es denn mit den zahllos vielen Menschen für ein Ende nehmen, die von Dir noch lange nichts hören und vernehmen werden? Sind diese nun bloß darum auf der Erde, damit sie durch ihre Leiber den weiten Boden ebendieser Erde für ein allfällig noch besseres Menschengeschlecht düngen?
GEJ|10|153|3|0|Denn bei diesen Menschen kann selbstverständlich keine Auferweckung durch Dich an irgendeinem Jüngsten Tage statthaben, indem sie – ohne ihre Schuld – an Dich unmöglich glauben und nach Deiner Lehre leben können; und dann ist ein Jüngster Tag, an dem Du alle Lebendigen und Toten erwecken willst, immer etwas sehr Hartes und Rätselhaftes in Deiner Lehre, trotz der so manchen Erläuterungen, die Du schon teilweise darüber gegeben hast. Denn bald hat er das Gesicht eines irgendwann einmal kommenden allgemeinen Tages, bald wieder das Gesicht eines speziellen für jeden ins große Jenseits übertretenden Menschen.
GEJ|10|153|4|0|Sei ihm aber, wie ihm wolle, so begreife ich doch nicht, wozu noch eine abermalige Auferweckung für die ohnehin Lebendigen in Deinem Namen notwendig ist.
GEJ|10|153|5|0|Für die eigentlichen Toten dünkte mir eine Auferweckung als notwendig; aber wann und wofür sollen sie nach der Auferweckung noch mehr tot werden, als sie vor derselben waren? Oder soll ihnen erst nach solch einer Auferweckung Dein Evangelium gepredigt werden?
GEJ|10|153|6|0|Siehe, o Herr, darüber gib Du uns endlich eine vollgültige Erklärung, auf daß wir nicht immer heimlich der Meinung sein müssen, Du habest unter tausend Menschen nur einen fürs ewige Leben und die Neunhundertneunundneunzig für den ewigen Tod erschaffen!“
GEJ|10|153|7|0|Und Ich sagte darauf: „Höre, du Mein Simon Juda! Ich meine, daß du in diesem Punkte deines fortwährenden Zweifelns selbst im Vollbesitze Meines Geistes nie klar werden wirst! Habe Ich euch doch schon einige Male gesagt, daß Ich euch noch gar manches und gar vieles zu sagen hätte, – aber ihr könntet es jetzt noch nicht ertragen, das heißt mit eurem Verstande begreifen und verstehen; darum werde Ich euch Meinen Geist senden und über euch ausgießen, der wird euch erst in alle Wahrheit und Weisheit leiten!
GEJ|10|153|8|0|Ich darf jetzt vor euch nur ein bißchen mit Meiner Lehre nach oben ausgreifen, und ihr saget: ,Nun hast Du schon wieder Deinen Mund in Gleichnissen und Bildern aufgetan!‘, daß ihr sie nicht zu verstehen vermöget, und nennet darum Meine Lehre hart. ,Wer kann sie fassen und begreifen?‘
GEJ|10|153|9|0|Wißt ihr denn nicht, daß ihr nun in Beziehung auf Meine Lehre gleich den kleinen, unmündigen Kindern seid, die man mit Milch speist, weil sie noch keine harte und kräftige Speise zu sich zu nehmen und zu verdauen imstande sind?
GEJ|10|153|10|0|So ihr nach Mir ausgehen werdet, zu verbreiten unter den Menschen Mein Evangelium, so werdet ihr dasselbe tun, was Ich nun tue mit euch und mit andern Menschen, mit denen wir zusammenkommen.
GEJ|10|153|11|0|Oder wie gefiele es euch denn, so in einer Knabenschule irgendein hochweiser Schriftgelehrter aufträte und anfinge, Vorträge über die verborgensten Stellen der Propheten vor seiner jungen und schwachen Zuhörerschaft zu halten, – was natürlich keiner seiner Zuhörer verstehen könnte? Müßte der hochweise Schriftgelehrte es sich am Ende nicht gefallen lassen, daß ihm seine Zuhörer zurufen würden und sagen: ,Hochgelehrter und weiser Freund, lehre uns doch zum voraus lieber lesen, zur Not schreiben und rechnen; dann erst siehe du, ob wir von deiner hohen Weisheit etwas begreifen können oder nicht!‘?
GEJ|10|153|12|0|Und sehet, eine solche Zurechtweisung müßte Ich Mir von euch selbst gefallen lassen, so Ich im rein himmlischen Lichte euch Mein Evangelium vortrüge! Denn verstehet ihr schon Dinge dieser Welt nicht, die ihr im Notfalle doch mit den Händen greifen könnet, wie würdet ihr erst dann etwas begreifen, so Ich über vollkommen jenseitige und himmlische Dinge mit euch sprechen würde?“
GEJ|10|154|1|1|154. — Der Herr begründet Seine Gnade
GEJ|10|154|1|0|(Der Herr:) „Das aber, worüber du, Mein Simon Juda, Mich soeben gefragt hast, ist eben zuallermeist vom Jenseits herübergenommen, und du magst es trotz Meiner mannigfachen Erläuterungen nicht völlig auf den Grund verstehen und beschuldigst Mich heimlich dadurch einer Art Ungerechtigkeit und tyrannenmäßiger Grausamkeit, was eben nicht gar fein von dir ist, und das darum um so weniger, weil du nun wohl schon weißt, wer Ich bin, und daß Ich sicher nur aus Liebe zu euch Menschen und nicht aus Zorn und Rache euer irdisches Fleisch angenommen habe, um Mich euch Selbst persönlich in aller Meiner Tiefe und Größe offenbaren zu können, ohne Mich des Mundes eines oder des andern Propheten bedienen zu müssen, um Meinen Willen euch Menschen kundzutun.
GEJ|10|154|2|0|Meinst du denn nicht, daß Ich noch um vieles besser die Anzahl jener Menschen auf Erden kenne, die von Mir noch nie etwas haben erfahren können, jetzt nicht erfahren und noch lange nichts erfahren werden? Wie könnte Ich denn sie darum richten und verdammen, so sie ohne ihre Schuld an Mich nicht glauben können, da Ich doch, selbst unter den vielen Juden, die Mich gehört und wirken gesehen haben, noch niemanden gerichtet und verdammt habe, – außer einige wenige dem Fleische nach, die mit frechster Hast und Gier uns ergreifen und töten wollten? Wie sollte Ich dann die Unwissenden und Unschuldigen richten und verdammen?!
GEJ|10|154|3|0|Es besteht aber kein Volk auf der ganzen Erde, als von Adam abstammend, das nicht aus der Urzeit her noch eine Art Überrest von der den Urvätern geoffenbarten Lehre über den einen und wahren Gott besäße. Daß diesen einen und wahren Gott späterhin die Priester und die Weltherrscher sehr verdeckt haben aus lauter weltlichem Eigennutz und an Seine Stelle dann allerlei Götzen gesetzt haben, an die das Volk glaubte und ihnen auch opferte, ist bekannt.
GEJ|10|154|4|0|Und siehe: Wenn das Volk gewissenhaft nach diesen allerlei Lehren lebt und handelt, so hat es keine oder wenig Sünde vor Mir! Es lebt wohl in der Finsternis von allerlei Irrtümern, aber so ihre Seelen nach jenseits gelangen werden und alles alldort von Mir erleuchtet finden, so wird es ihnen ebenso ergehen wie einem allhier, der in der Nacht einen Weg zu gehen hatte und auf dem Wege auf allerlei Gegenstände geriet, die er bald für Menschen, für Tiere und bald wieder für etwas anderes hielt, nur für das nicht, was sie eigentlich waren und noch sind.
GEJ|10|154|5|0|Lassen wir aber diesen nächtlichen Wanderer am hellen Tage denselben Weg machen, und er wird seine in der Nacht wunderlichen Erscheinungen sicher nur als das ansehen, was sie wirklich sind, und unmöglich für etwas anderes und wird sich am Ende selbst auslachen, wie er so dumm hat sein können, irgendeinen Baumstrunk für einen allfälligen Straßenräuber und einen auf dem Wege liegenden Stein für eine Hyäne zu halten!
GEJ|10|154|6|0|Aus dem wirst du aber leicht entnehmen, daß dergleichen Seelen im großen Jenseits sich in Meinem Lichte des Lebens um gar vieles eher und leichter zurechtfinden werden als diejenigen Seelen, die von Mir treue Kunde haben und leicht sehen und begreifen können, daß Ich das Licht, das Leben und die Wahrheit bin, – aber ihr Weltsinn und ihr böser Wille läßt ihnen das nicht zu.
GEJ|10|154|7|0|Lassen wir diese nach jenseits kommen, und sie werden dort das ihnen schon hier so verächtliche Licht des Lebens und der Wahrheit noch mehr fliehen und verachten denn hier!
GEJ|10|154|8|0|Habe Ich dann unrecht, so Ich sage: ,Ich werde auch diese geistig Toten, so sie aus dem Fleische dieser Welt treten werden, auferwecken und sie richten und sie ihren Lohn für ihre Taten finden lassen!‘?
GEJ|10|154|9|0|Ich werde sie sicher nicht persönlich richten; aber die ewige Wahrheit, die auch in ihnen ist, die sie aber über die Maßen anfeinden, wird sie richten und vor Meinem Angesichte in die Flucht treiben. Wird dafür Mir eine Schuld beizumessen sein?
GEJ|10|154|10|0|Sagen nicht schon die weiseren Gesetze der Römer: ,VOLENTI NON FIT INIURIA!‘? ["Dem Wollenden geschieht kein Unrecht!"] Oder sollte Ich etwa aus einer Art Liebe zu solchen Meinen Widersachern Mein ewiges Lebens- und Wahrheitslicht von Mir tun und das Kleid der Lüge und des Betruges anziehen? Das wird hoffentlich von euch doch etwa niemand wünschen? Aber selbst für derlei durch sich selbst verworfene Seelen habe Ich euch zwei tröstende Dinge gesagt, einmal in dem Gleichnis vom verlorenen Sohn und dann in dem, als Ich bei einer ähnlichen fraglichen Gelegenheit zu euch gesagt habe, daß es in Meines Vaters Hause sehr viele Wohnungen, – um Mich aber hier deutlicher auszudrücken – sehr viele Lehr- und Korrektionsanstalten gibt, in denen selbst die auf dieser Welt verworfensten Menschenteufel bekehrt und gebessert werden können.
GEJ|10|154|11|0|Ich meine, aus dem wirst du, Simon Juda, wohl so ziemlich klar sehen können, wie das zu verstehen ist, worüber Ich mit euch schon so oft gesprochen habe.“
GEJ|10|155|1|1|155. — Der Begriff der Ewigkeit
GEJ|10|155|1|0|(Der Herr:) „Daß Ich aber mit euch noch nie von einem allgemeinen Erweckungs- und Gerichtstage gesprochen habe, dessen werdet ihr euch alle wohl zu erinnern wissen, – wohl aber von einem speziellen jüngsten Tage für einen jeden Menschen, und das in dem Augenblick, in dem seine Seele die fleischlich-irdische Probehülle verlassen wird. Aber freilich wird diese Erweckung nicht jedem zum sofortigen ewigen Leben verhelfen, sondern auch umgekehrt zum ewigen Tode, wobei aber wohl zu bemerken ist, daß ihr das Wort ,ewig‘ nicht als eine endlos fortdauernde Zeit betrachtet, so wie auch die Unendlichkeit Meines Schöpfungsraumes sich nicht ausschließlich auf diesen Raum bezieht, der freilich wohl nirgends einen Anfang und ein Ende hat gleichwie Gott Selbst, von dem dieser Raum ausgeht und allenthalben erfüllt ist mit den Werken Seiner Liebe, Weisheit und der Macht Seines Willens nach allen Richtungen hin.
GEJ|10|155|2|0|Die Ewigkeit entspricht wohl der Zeitendauer in den materiellen Welten; aber jenseits im Geiste ist sie das, was hier die Zeit ist. Aber es ist damit durchaus nicht gesagt, daß in ihr keine Veränderung statthaben sollte, sondern nur das ist damit angezeigt, daß die Wahrheit und das Leben ewig und unveränderlich gleich ist, und das Falsche und Unwahre bleibt denn als Gegensatz zu dem ewigen Wahrheitslichte und Leben demnach auch ewig, ohne daß ein Wesen dadurch auch gezwungen wäre, ewig in diesem Widersatze zu verbleiben. Denn ihr wißt, daß Gott als die ewige Liebe, Weisheit, Macht und Kraft auch ewig nie müßig sein kann und sein wird, sondern daß Er aus Sich ewig fort Schöpfungen hervorrufen und somit Seine Gedanken verkörpern und sie aus Seiner Liebe und Weisheit zur einstigen Selbständigkeit leiten wird, wozu in der Ewigkeit Zeit genug und im endlosen Raum Platz genug vorhanden ist.
GEJ|10|155|3|0|Und solange irgendeine Schöpfung bestehen wird, wird zur göttlich reinsten Geistheit sich auch ein materieller schöpferischer Gegenstand vorfinden, der gewisserart der reinen Gottheit gegenüber den finsteren Lebensprobe- Gegenstand bildet, womit aber nicht gesagt ist, daß dieser finstere Gegenstand für die ganze Ewigkeit hin finster und böse verbleiben solle, so wenig, als diese ganze Erde und der für euch sichtbare Himmel mit seinen Sternen ewig also verbleiben werden, wie ihr das alles jetzt seht, sondern er wird vergehen und mit den Zeiten der Zeiten gänzlich aufgelöst werden, und an seine Stelle wird eine neue Schöpfung treten. Darum sage Ich zu euch schon jetzt: Sehet, Ich mache alles neu, und ihr alle werdet noch Meine neuen Schöpfungsgehilfen sein!
GEJ|10|155|4|0|Ihr seid zwar hier nun sowohl zeitlich als räumlich begrenzt; aber dennoch fasset ihr Ewiges und Unendliches in euch, was ihr freilich jetzt noch nicht ganz begreift, aber einmal vollends begreifen werdet, wie dergleichen auch ein noch so kleines Sandkörnchen in sich faßt. Denn versuche einer von euch, der des Rechnens kundig ist, ein Sandkörnchen zu teilen, und er sage Mir dann, wann er mit der Teilung fertig wird! Ich meine, daß einem jeden noch so Rechnungskundigen solch eine Arbeit etwas zu langweilig werden dürfte, weil er mit ihr ewig nie zu Ende käme. Wie aber selbst in dem kleinsten Ding die Unendlichkeit vorhanden ist, so auch die Ewigkeit.
GEJ|10|155|5|0|So Ich denn von der Ewigkeit und Unendlichkeit rede, so müßt ihr das auch in dem rechten Sinne verstehen, – nicht aber, wie es euch euer kurzsichtiger Weltverstand eingibt.
GEJ|10|155|6|0|Sehet, hiermit habe Ich euch nun eine männliche und festere Kost gegeben, weil Ich wohl sehe, daß einige von euch schon mehr oder weniger die Fähigkeit besitzen, solch eine Kost zu verdauen!
GEJ|10|155|7|0|Wenn ihr aber in Meinem Namen in die Welt hinausgehen und den Völkern Mein Evangelium predigen werdet, so werdet ihr es auch in einer Milchspeise den Kindern vorzusetzen haben. Denn so ihr mit solchen Lehren den Anfang machen würdet, da würden euch die Menschen als Irrsinnige ansehen und euch gar nicht anhören, was ihr lehren und sprechen würdet, darum ihr euch aber auch gar nicht zu kümmern habt; denn es wird euch allzeit in den Mund gelegt werden, wie und was ihr zu reden habt. Alles andere wird dann schon Mein Geist bei allen tun, die durch euch Meinen Geist überkommen und in ihm wiedergeboren werden. Und darin wird denn auch das Wahrzeichen bestehen, daß Meine Worte nicht aus dem Munde eines Menschen, sondern aus dem Munde Gottes zu euch gekommen sind. Und nun, Mein Simon Juda, bist du jetzt erleuchteter denn zuvor?“
GEJ|10|156|1|1|156. — Über das Letzte Gericht
GEJ|10|156|1|0|Sagte Simon Juda: „Herr und Meister, diesmal habe ich alles das, was Du nun erklärt hast, mit größter Klarheit begriffen, besser als je irgendwann zuvor; aber das muß ich auch hinzugestehen, daß mich Deine zu große Weisheit beinahe erdrückt hätte. Dir ist es wohl ein leichtes, über derlei unendlich große Dinge noch leichter zu reden als ein Hausherr über sein Hausgerät, aber unser irdischer Verstand, der empfindet dabei die ganze Last Deiner endlosen Allwissenheit und seiner allernichtigsten Unwissenheit.
GEJ|10|156|2|0|O Herr! Du wirst eine große Masse Deines ewigen Lichtgeistes über uns ausgießen müssen, bis wir nur das verstehen werden, was Du bis jetzt uns alles geoffenbart hast! Ich danke Dir für Deine so große Gnade, die Du uns nun erweisest; aber das sehe ich doch ein, daß wir nicht imstande sein werden, alle die großen Geheimnisse, die Du uns schon aus der Naturwelt, und daneben jene noch größeren aus dem Geisterreiche, geoffenbart hast, auch unseren Jüngern wiederzugeben.“
GEJ|10|156|3|0|Sagte Ich: „Ist vorderhand auch gar nicht notwendig, sondern das wird schon Mein Geist bei vielen tun, die Ich dazu berufen werde. Für die Kinder der Jetztzeit aber ist es genug, daß die Menschen an Mich glauben, daß Ich diesem Meinem Fleische nach von Gott, dem Vater, ausgegangen bin, und daß ein jeder Mensch durch solch einen Glauben zur wahren Erkenntnis Gottes, zur wahren Liebe zu Ihm und zum Nächsten und dadurch auch zum ewigen Leben übergehen wird.
GEJ|10|156|4|0|Und so werdet ihr in dem die Posaune sein, welche alle hören werden, auch die, die in den Gräbern sind, und die das Meer ihrer endlos vielen Torheiten und Sünden wegen gefangenhält, und sie werden aus den Gräbern hervorgehen, und auch die, die das Meer gefangengehalten, werden frei werden und angetan werden mit dem Kleide des Lebens.
GEJ|10|156|5|0|Denn wer da erweckt wird durch die Posaune, der wird nicht erweckt zum Tode, sondern zum Leben; wer aber den Schall der Posaune nicht wird hören wollen, der wird auch nicht erweckt werden, sondern verbleiben in der Nacht seines Grabes und in der Gefangenschaft des Meeres bis zur Zeit, in der diese ganze Erde aufgelöst wird durchs Feuer. Denn wie zu der Zeit Noahs werden sie freien und sich freien lassen und sich gar nicht kümmern um die Stimme Meiner Erweckten; diese werde Ich aber dann gleich in einem Augenblick von dieser Erde entrücken und jene mit allen ihren Lieblingen dem alles zerstörenden Feuer preisgeben, zu dessen Entstehung die dermaligen unbußfertigen Weltmenschen selbst das allermeiste beitragen werden.
GEJ|10|156|6|0|Und sehet, das wird ein letztes Gericht auf dieser Erde sein, zu dem kleine Anfänge bald nach euch werden gemacht werden! Zudem aber müsset ihr freilich nicht denken, daß solch ein Feuer alsogleich an allen Orten und Punkten der Erde zugleich hervorbrechen wird, sondern gleich nur so nach und nach, auf daß den Menschen noch immer zur Besserung Zeit und Raum gegeben wird.
GEJ|10|156|7|0|Es entsteht in euch freilich geheim wieder die Frage, was es darauf mit solchen unbändigen Seelen für eine Bewandtnis haben werde. Da denket aber nur daran, was Ich euch soeben gesagt habe, daß es in Meines Vaters Hause viele Wohnungen und Korrektionsanstalten gibt, und ihr werdet daraus leicht innewerden, was da fürderhin mit solchen Seelen geschehen wird!
GEJ|10|156|8|0|Jedoch, was Ich euch nun gesagt habe, das behaltet bei euch; denn die Menschen, wie sie jetzt sind, können solches nicht fassen und begreifen! Darum haben die Juden, als sie zu den Zeiten der Könige stets finsterer und halsstarriger geworden sind, die letzten drei euch schon bekanntgegebenen Bücher nimmer verstehen mögen und haben sie als apokryph (unecht) beseitigt.
GEJ|10|156|9|0|Die euch bekannten Essäer haben sich derselben aber noch zur rechten Zeit zu bemächtigen gewußt und sich daraus auch viele irdische Vorteile bereitet, was freilich in Meinem Willen ebensowenig gelegen war, als es je in Meinem Willen hat gelegen sein können, daß die Menschen mit Hilfe aller der Fähigkeiten, die Ich ihnen gegeben habe, sich in alle Wucht der Sünden begeben und Meiner gänzlich vergessen sollten. Aber dessenungeachtet haben sich die Menschen mit allerlei guten und schlechten Erfahrungen bereichert und sind dann zu verschiedenen Zeiten dennoch wieder zu Mir zurückgekehrt und haben sich dadurch Wege zur Besserung und zum Lichte bereitet. Und so wird auch durch die Essäer noch ein rechtes Licht unter viele Menschen kommen.“
GEJ|10|157|1|1|157. — Der Herr gibt Johannes und Matthäus Winke für ihre Aufzeichnungen
GEJ|10|157|1|0|Sagte darauf Mein Johannes: „Soll ich mir von dem, worüber Du uns heute also gnädig belehrt hast, in meine Pergamentblätter etwas notieren oder nicht? Es könnte solches wenigstens für die Nachwelt von Nutzen sein!“
GEJ|10|157|2|0|Sagte Ich: „Lasse das gut sein; denn in jener Zeit, so es notwendig sein wird, werde Ich solche Dinge schon durch den Mund neuerweckter Knechte, Seher und Propheten den Menschen, die eines guten Willens sind, offenbaren lassen, in dieser Zeit aber werden die von Mir Erweckten und in Meinem Geiste Wiedergeborenen schon ohnehin in alle ihnen notwendige Wahrheit und Weisheit geleitet werden.
GEJ|10|157|3|0|Du wirst aber über das Wichtigste Meines Lehramtes auf dieser Erde in dem von dir geschriebenen und bleibenden Evangelium noch hinzu über die außerordentlichen Lehren und Taten anführen, daß du von ihnen nichts anderes sagst, als daß Ich noch gar vieles gelehrt und getan habe, was nicht in diesem Buche geschrieben steht; und würde man solches auch in Büchern aufschreiben, so würde sie die Welt, das heißt die Menschen, nicht fassen (Joh.20,30; 21,25). Und das ist genug.
GEJ|10|157|4|0|Daß Ich Mich aber übrigens demjenigen, der an Mich glaubt, Mich liebt und Meine Gebote eben der Liebe hält, Selbst offenbaren werde – was du schon vor längerer Zeit niedergeschrieben hast –, das genüge einem jeden, der in Meinem Namen getauft und gestärkt wird durch Meinen Geist aus den Himmeln!“
GEJ|10|157|5|0|Als Ich solchen Bescheid dem Johannes gegeben hatte, war er damit vollkommen zufrieden; aber der auch anwesende Evangelist und Schreiber Matthäus sagte: „Herr, ich habe ja auch mit allem Fleiß über Deine Lehren und Taten eine Menge Notate gesammelt, und Du sagst nicht, daß sie auch bleiben werden!“
GEJ|10|157|6|0|Sagte Ich: „Auch deine Notate werden bleiben! Jedoch die, die du mit deiner eigenen Hand gezeichnet hast, werden zwar irgendwo als Schrift auch verbleiben, aber den Menschen, wo sie verbleiben, werden sie wenig nützen; ein anderer aber, der in deinem Namen schreiben wird, wird dich ersetzen, und seine Schrift wird bleiben. Und somit kannst auch du zufrieden und beruhigt sein.
GEJ|10|157|7|0|Weil es nun aber schon spät in der Nacht geworden ist, so wollen wir uns einiger Ruhe überlassen, und der morgige Tag wird das Seinige schon wieder mit sich bringen!“
GEJ|10|157|8|0|Der Wirt erhob sich voll der tiefsten Achtung vor Mir und wollte uns alle in ein Schlafgemach führen.
GEJ|10|157|9|0|Ich aber sagte: „Das tue du den zwei Pilgern; wir aber bleiben die Nacht hindurch wie jetzt an diesem Tische.“
GEJ|10|157|10|0|Der Wirt stellte sich damit zufrieden und brachte die beiden Fremden, die sich über Meine von ihnen unverstandenen Reden dennoch nicht genug verwundern konnten, in ihr Schlafgemach, und sie freuten sich schon auf den kommenden Tag, Mich und Meine Gesellschaft näher kennenzulernen, und dankten in ihrem Schlafgemach dem Wirte für seine Gastfreundschaft.
GEJ|10|157|11|0|Wir ruhten darauf wie gewöhnlich bis zum Aufgange der Sonne, zu welcher Zeit wir uns dann sämtlich vom Tische erhoben und ins Freie gingen.
GEJ|10|157|12|0|Einige hundert Schritte außerhalb der Stadt befand sich eine ziemliche Anhöhe, etwa bei hundert Fuß hoch über das ohnehin hohe Landesniveau, und von dieser Höhe hatte man einen gar herrlichen und weitgedehnten Blick über die großen Ebenen des Euphrat, und gegen Westen hin übersah man einen bedeutenden Teil des Jordantales bis zum Toten Meere hin, einen Teil von Jerusalem, Bethlehem und noch eine Menge Ortschaften bis an den Libanon hin.
GEJ|10|157|13|0|Der Wirt fehlte nicht, uns auf diese Anhöhe zu begleiten, und fing uns da zu erklären an, was man gegen Osten alles sieht, gegen Mittag, gegen Westen und gegen Norden; denn er war in der Hinsicht recht sehr ortskundig, und Meine Jünger unterhielten sich mit ihm.
GEJ|10|158|1|1|158. — Das Historische der Basaltstadt und ihrer Umgebung
GEJ|10|158|1|0|Als er aber am Ende auch behaupten wollte, daß die Anhöhe, auf der wir uns befanden, eben der Berg Nebo sei, auf dem Moses verwandelt wurde, da sagte Ich zu ihm: „Da, Mein lieber Freund, gehst du mit deiner Ortskenntnis etwas zu weit; denn die Gegend des Berges Nebo, von welchem aus man auch die duftige Gegend von Jericho ganz übersehen kann, liegt noch eine kleine Tagereise gegen Süden zu entfernt. Da du aber schon so ortskundig bist, so sage Mir auch, wer der Erbauer dieser von dir bewohnten schwarzen Basaltstadt ist! Kennst du seinen Namen?“
GEJ|10|158|2|0|Sagte der Wirt: „Herr und Meister, in der Chronik bin ich schlecht bewandert; aber so ich mich nicht irre, so dürften diese Stadt wohl die Gaditer erbaut haben! Denn von da an weiter nördlich hin soll das Land dem Stamme Gad zugehört haben, und weiter südlich mit einem Teil des glücklichen Arabien bis an den Strom Euphrat hinauf soll alles dem Stamme Ruben gehört haben. Die Grenzmarken dieser beiden Länder jedoch sollen in der bösen Zeit der Könige sehr verrückt worden sein, und man weiß jetzt nicht mehr genau, wie weit der Stamm Ruben das Land innehatte und wie weit der Stamm Gad. Wir halten diese unsere Stadt noch für ein Werk dieses Stammes.“
GEJ|10|158|3|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund, da hast du dich nahezu um tausend Jahre geirrt, denn der Erbauer dieser und noch mehrerer anderer Städte war Edon, der noch vor der Zeit Abrahams lebte und diese Ländereien samt einem bedeutenden Teil des glücklichen Arabien bis an den Euphrat hinab und bis weit über Damaskus mit einem großen Teil des heutigen Syrien innehatte, und somit ist diese Stadt, samt mehreren andern Städten von Edon und seinen Nachkommen erbaut und ist eben um nicht gar zu viele Jahre jünger als Babylon.
GEJ|10|158|4|0|Siehe, Mein Lieber, wir stehen nun auf dem Hügel, auf dem Abraham und Edon standen und Gott im Glauben ihres Herzens ein Opfer darbrachten und die Grenzen ihrer Ländereien abmachten. Alles nach Westen hin gehörte, soweit das Auge reicht, dem Abraham und das Land nach Osten hin bis an den Euphrat gehörte Edon und seinen Nachkommen, die sich später mit den Nachkommen Abrahams zum größten Teil vereinigt haben. Und siehe, so weißt du nun, wer der Erbauer dieser schwarzen Städte war, die so fest erbaut sind, daß man ihnen von jetzt an in mehr denn tausend Jahren den alles zerstörenden Zahn der Zeiten eben nicht besonders stark ankennen (ansehen) wird.
GEJ|10|158|5|0|Aber ihre Bevölkerung wird mit der Zeit sehr vermindert werden und sehr verarmt sein; denn jetzt ist dieses Land noch fruchtbar, aber dann wird es zu einer Wüste werden, und ärmliche Hirtenvölker werden nur in der nassen Winterszeit für ihre mageren Herden ein spärliches Futter antreffen und nicht heiklig (wählerisch) sein, bald die eine, bald die andere dieser vielen Städte eine Zeitlang zu bewohnen.
GEJ|10|158|6|0|Und doch soll diese jetzt schon sehr wüste Gegend bis an den Euphrat hinab wieder grünen und den Menschen, die eines guten Willens sein werden in Meinem Namen, eine gesegnete Wohnstätte abgeben!“
GEJ|10|158|7|0|Sagte darauf der Wirt: „Ja, Herr und Meister! Eine gleiche Weissagung habe ich auch im Propheten Jesajas gelesen! Aber wann wird diese Zeit kommen? Davon steht im Propheten nichts! Weißt Du, o Herr und Meister, mir eine bestimmtere Zeit anzugeben?“
GEJ|10|158|8|0|Sagte Ich: „Jahr, Tag und Stunde wohl nicht – denn das hängt von dem Wandel der Menschen ab, wann sie sich wieder von ihren Weltkönigen lostrennen werden und sich unter Meine Herrschaft wie zu den Zeiten Mosis und der Richter begeben –; das sage Ich dir aber dennoch als etwas Bestimmtes, daß bis dahin nicht viel über zweitausend Erdjahre vergehen werden.
GEJ|10|158|9|0|Doch in dem jetzt noch sehr wüsten Erdteil, den ihr Europa nennt, und dessen Völker nun über euch herrschen, wird der glückliche Zustand eher erfolgen; denn in diesem alten Weltteil gibt es noch eine große Menge – wohlverstanden – sehr harter Steine, die sich nicht so bald und so leicht in ein fruchtbares Land werden umgestalten lassen. Die harten Steine aber entsprechen den ebenso harten Herzen der Menschen, die auch schwer zu fruchtbaren Äckern zur Aufnahme Meines Wortes werden umgewandelt werden können.
GEJ|10|158|10|0|Ich sage dir: Eher, als ein Zehntel der Menschen dieses alten großen Erdteils sich im Vollsegen Meiner Lehre befinden wird, wird der schlechteste Teil von Europa in Meiner Lehre gesegneter sein, als in diesem alten Erdteil der kleinste und beste; denn da wird es noch viel Feuers benötigen, bis die übervielen Menschen dieses Erdteils sich wirksam in den Strahlen Meiner Lebenssonne befinden und zum ewigen Leben erwärmen werden.“
GEJ|10|158|11|0|Sagte der Wirt: „O Herr, da sieht es für uns noch sehr traurig aus! Darum hat der große Prophet über die Zeit der Wiederkehr des glücklichen Zustandes gleichwohl nichts Bestimmtes angeben können?“
GEJ|10|158|12|0|Sagte Ich: „Ja, ja, Mein lieber Freund, siehe, dort im sehr fernen Osten geht die Sonne viel früher auf denn in dem weit entlegenen Westen; aber darum wird gerade dort, wo die Sonne um vieles früher aufgeht, auch um vieles früher Nacht, und die bleibt dann so lange, bis die Sonne wieder aufgeht. Es ist dies ein für dich begreifliches naturmäßiges Bild nur, – hinter dem aber steckt auch das geistige.
GEJ|10|158|13|0|In Mir ist die geistige Sonne für euch auch zuerst und am frühesten aufgegangen; aber dafür wird sie auch für euch am frühesten untergehen. Wenn sie aber wieder aufgehen wird, so wird sie zu euch nicht etwa vom Westen her aufgehen, sondern abermals von einem von hier aus sehr tief gelegenen Osten; denn bei Mir geschieht alles in einer gewissen Ordnung, und wider diese Ordnung geschieht nichts, weder materiell noch geistig.
GEJ|10|158|14|0|Jetzt verstehst du die Sache noch nicht, aber es wird bald die Zeit kommen, in der du sie verstehen wirst.“
GEJ|10|159|1|1|159. — Vom Wesen der Sonne
GEJ|10|159|1|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, ich meine, ganz in das volle Verständnis dessen, was Dein Mund ausspricht, wird selbst ein weisester Engel-Seraph in Ewigkeit nicht gelangen! Aber um etwas Besonderes muß ich Dich bei dieser Gelegenheit doch fragen, weil die Sonne heute gar so rein und herrlich aufgeht, wie man sie sonst in dieser Gegend gegen Osten hin wegen der vielen Dünste, die sich in dieser unabsehbaren Ebene in einem fort entwickeln, nur sehr selten aufgehen sieht: Ist die Sonne ein Feuer für sich, dessen Flammen die Erde erleuchten, und zwar in einem so starken Grade, daß man auf der Erde niemals solch ein mächtiges Licht bereiten und irgend schauen kann?
GEJ|10|159|2|0|Ihre außerordentliche Wärme, die sie uns auch mit dem Lichte zusendet, läßt uns vermuten, daß sie ein äußerst heftiges Feuer sein muß; aber da sie im Winter ebenso leuchtet wie jetzt und wir von der Hitze ihres sein sollenden Feuers nur sehr wenig wahrnehmen, so sind einige der Meinung, daß sie im Grunde doch kein eigentliches Feuer sein dürfte. Wir bilden aber hier eine Gemeinschaft, bestehend zumeist aus Römern, Juden, Griechen, Arabern und Ägyptern, und da gibt es verschiedene Meinungen, und doch kann man aus keiner nur im geringsten klug werden.“
GEJ|10|159|3|0|Sagte Ich: „Da würdet ihr auch noch lange nicht klug werden, weil ihr alle seit alters her mit der dicksten Nacht des Aberglaubens umlagert seid! Wer das begreifen will, der wisse, daß der Auf- und Untergang der Sonne nur ein scheinbarer ist; denn was euch Tag und Nacht verschafft, rührt von der Umdrehung der Erde her, die kein Kreis – wie ihr es meint –, sondern eine ganz respektable große Kugel ist, und so ist der Tag und die Nacht nichts als eine Folge solch einer Umdrehung der Erdkugel, zu welcher Umdrehung die Erde eine Zeit von ungefähr 24 eurer Stunden benötigt.
GEJ|10|159|4|0|Wie aber die Erde nicht ein Kreis, sondern eine Kugel ist, so ist es auch die Sonne, nur um tausendmal tausend Male größer als diese Erde. Daß sie euch so klein, wie ihr sie sehet, erscheint, ist die Ursache ihrer sehr großen Entfernung von dieser Erde. Wenn Ich dir auch die Zahl der Stunden angäbe, die sie von der Erde entfernt ist, so würdest du dir doch keinen rechten Begriff von der Entfernung machen können, weil du in dem Zahlengebäude nach der altarabischen Weise zu wenig bewandert bist. Denke dir aber eine Entfernung von nahezu 44 Millionen Stunden – welche Zahlgröße dir schon ein paar hier lebende Araber verdolmetschen werden –, und du wirst dir dann schon einen kleinen Begriff machen können, in welcher Entfernung die Sonne von der Erde absteht und nicht um die Erde geht, um Tag und Nacht zu bewirken, oder sich nach der Römer und Griechen Aberglauben täglich in das große Meer versenkt, um sich darin gewisserart zu baden und abzuwaschen, damit sie dann wieder in voller Lichtkraft den Erdkreis erleuchten kann.
GEJ|10|159|5|0|Die Erde aber geht wohl um die Sonne in ungefähr 365 Tagen, und diese zweite Bewegung der Erde verschafft euch ein Jahr mit seinem Frühling, Sommer, Herbst und Winter.
GEJ|10|159|6|0|Die Sonne ist aber an und für sich kein Feuer, sondern das, was ihr als Licht erseht, ist das Strahlen ihrer atmosphärischen Oberfläche, das durch den Umschwung der Sonne selbst wieder um ihre eigene Achse, und mehr noch durch ihre außerordentlich schnelle Bewegung um eine von ihr noch viel weiter entfernte Mittelsonne bewirkt wird. Durch solche Bewegungen der Sonne im weiten Ätherraum wird auf ihrer atmosphärischen Oberfläche eine außerordentlich große elektrische Wirkung bewerkstelligt, und ihr Lichtglanz ist daher in einem sehr erhöhten Grade dasselbe, was das Leuchten eures Blitzes ist, nur mit dem Unterschied, daß auf der Luftoberfläche der Sonne die außerordentliche Entwicklung des Blitzes eine ununterbrochene ist, während auf dieser Erde sich der Blitz nur hie und da durch größere Reibung der Luftteile in einem sehr geringen Grade entwickelt und daher allzeit nur höchst kurze Zeit leuchtet.
GEJ|10|159|7|0|Es gibt aber auch schon Gegenden auf dieser Erde und gewisse Punkte, über denen sich der Blitzstoff in einem viel mächtigeren Grade entwickelt und dadurch diese Punkte auch mit seinem Lichte stundenlang ganz gewaltig erhellt.
GEJ|10|159|8|0|Wer sich davon überzeugen will, der reise in jene Mittelgegenden Afrikas, wo dieses Erdteils höchste und sehr weitgedehnte Gebirge sich erheben, und er wird alldort von dergleichen elektrischen Erscheinungen hinreichend viele zu sehen bekommen. Aber es wird ihm beim Betrachten dieser Erscheinungen noch übler zumute werden, als so über diese Gegenden sich oft größere elektrische Stürme erheben und die Menschen dann vor der Unzahl der Blitze und ihrem Gekrache sich lieber in die tiefsten und finstersten Keller verschließen, als der gefährlichen, oft zahllos vielen Blitze Leuchten im Freien zu bewundern.
GEJ|10|159|9|0|Ja, Freund, nicht alle Naturerscheinungen auf dieser selbst kleinen Erde sind geeignet, dem Menschen ein solches Vertrauen zu entlocken, daß er sie guten Mutes ohne Furcht und Zagen ertragen und beobachten könnte!
GEJ|10|159|10|0|Geht es aber schon dann und wann auf dieser kleinen Erde in ihren Naturerscheinlichkeiten für euch Menschen ein wenig exzentrisch (merkwürdig) vor sich, um wieviel mehr auf einem so großen Weltkörper, wie es die Sonne ist.
GEJ|10|159|11|0|Im Geiste werdet ihr das einmal alles mit der größten Freude und mit dem größten Behagen betrachten können; aber für euer Fleisch tut sich das nicht.
GEJ|10|159|12|0|Damit habe ich dir nun gesagt, was es mit dem Leuchten der Sonne für eine Bewandtnis hat, und habe dir dadurch ein kleines Fünklein Lichtes gegeben; doch was du jetzt in der Vollkommenheit noch lange nicht begreifen wirst, das werden in tausend und etlichen hundert Jahren Meine Kinder in Europa und noch viel weiterhin an den Fingern auszurechnen imstande sein, und es wird das sehr viel zur Minderung und am Ende gar Vernichtung des alten, bärenpelzmäßigen Aberglaubens beitragen. Für euch aber genügt jetzt, daß ihr an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt; alles andere wird euch zur rechten Zeit schon hinzugegeben werden.“
GEJ|10|159|13|0|Hierauf dankte Mir der Wirt sehr für diese Meine ihn im höchsten Grade überraschende Erklärung und sagte zu Mir, daß sie sehr mit einem von ihm einmal gehabten Traumgesichte übereinstimme, in welchem Traume er durch den Geist des Propheten Elias, von dessen nächsten Verwandten auch er abstamme, ein Bild gesehen habe, das mit dem übereinstimme, was Ich, der Herr, ihm soeben jetzt gesagt habe.
GEJ|10|159|14|0|„In diesem Traum“, sagte der Wirt weiter, „kam es mir vor, daß ich mich hoch entrückt über der Erde befand und diese nicht als einen Kreis, sondern als eine große Kugel unter meinen Füßen erblickte. Und ich fragte darauf den Geist des Elias, was dieses zu bedeuten habe.
GEJ|10|159|15|0|Und er sagte: Das wirst du von Dem erfahren, der vor mir war und ewig sein wird!
GEJ|10|159|16|0|Darauf ward ich wieder wach und befand mich in Joppe, wo ich geboren ward; denn hier in dieser Stadt befinde ich mich erst seit zwanzig Jahren.“
GEJ|10|159|17|0|Als der Wirt noch solches erzählte, kam ein Bote und lud uns zum Morgenmahle, und wir verließen unseren Berg und begaben uns in das Haus unseres überaus freundlichen Wirtes.
GEJ|10|160|1|1|160. — Des Herrn Voraussage über die Aufnahme der Fremden bei ihrem König
GEJ|10|160|1|0|Als wir uns am Tische befanden, da kamen auch die beiden Fremden zum Vorschein und setzten sich ganz schüchtern zu ihrem einsamen kleinen Tische. Ich aber berief sie, daß sie sich nun nur an unseren Tisch setzen sollten und mit uns halten das Morgenmahl, was die beiden denn auch alsobald taten, obschon mit jener Schüchternheit, die der Armut wider ihren Willen eigen ist.
GEJ|10|160|2|0|Doch Ich flößte ihnen bald Mut und Trost ein, worauf sie zutraulicher und gesprächiger wurden und uns viel erzählten von ihrem König und von ihren Priestern.
GEJ|10|160|3|0|Ich aber sagte: „Für eure Priester wird bald die letzte Stunde schlagen; euer gegenwärtiger König aber wird für euch noch ein guter Mann werden, so er nach wenigen Jahren von Mir Kunde erhalten wird. So ihr aber von hier wieder in euer Land kommen und eurem König den Tribut entrichten werdet, nicht nur einfach, sondern zehnfach, so er es annehmen will, da wird er freundlich werden zu euch und wird euch fragen, wie ihr zu so viel Goldes und Silbers gekommen seid. Da erzählet ihm in aller Bescheidenheit, wie weit ihr über den Euphrat herübergekommen seid, was ihr gesehen und gehört habt, und wie ihr zu eurem Gelde gekommen seid!
GEJ|10|160|4|0|Er wird euch dann zu sich nehmen und sich mit euch gerne besprechen über Abraham, über Moses und die andern Propheten, und besonders über Mich, indem Ich eben Derjenige bin – wennschon im Fleische und Blute –, von dem alle Propheten geweissagt haben, und Ich werde in kurzer Zeit Boten zu ihm entsenden, die ihm alles im klarsten Lichte zeigen werden, was sie von Mir gesehen und gehört haben. Und so die Boten kommen werden in jene Stadt, in der euer König residiert, werden sie zuerst zu euch kommen, und ihr werdet sie zu eurem Könige hinführen.“
GEJ|10|160|5|0|Darauf ward das Morgenmahl bald eingenommen, und Ich sagte zu ihnen: „Nun möget ihr euch getrost erheben und auf die Heimreise machen; draußen vor dem Hause werdet ihr alles antreffen, dessen ihr zu eurer Heimreise bedürfet!“
GEJ|10|160|6|0|Da dankten die beiden, erhoben sich vom Tische, machten bald einen Blick durch die Tür auf die Gasse, was es für sie zur Heimreise etwa allda Neues gäbe; denn da ihnen im Zimmer niemand eine Gabe in die Hand gedrückt hatte, so waren sie etwas kleingläubig, und waren daher neugierig, was sie auf der Gasse antreffen würden.
GEJ|10|160|7|0|Als sie aber auf die Gasse kamen, fanden sie sechs Kamele, darunter waren vier mit Gold und Silber schwer beladen, und zwei waren für sie bereitet, um sie in ihre Heimat zu bringen, und auch mit so viel Gold versehen, daß sich die beiden bis in ihre Heimat ganz gut ernähren konnten.
GEJ|10|160|8|0|Obschon aber der Weg in ihre Heimat ziemlich weit entlegen und hie und da von räuberischen Beduinen unsicher war, so kamen die beiden dennoch ohne allen Anstand ganz wohlbehalten in ihre Heimat und taten daselbst auch alsbald das, was Ich ihnen angeraten hatte, worauf der König sehr freundlich mit ihnen wurde, sie zu seinen Sachwaltern machte und ihnen ihre Weiber und Kinder, mit prächtigen Kleidern angetan, wohlbehalten zurückgab.
GEJ|10|161|1|1|161. — Die Ausbreitung der Lehre des Herrn in Babylon
GEJ|10|161|1|0|Bei diesem Könige ist einige Jahre darauf der Apostel Matthäus mit seinem Begleiter bei seiner Reise nach Indien sehr gut aufgenommen worden und hielt sich ein ganzes Jahr bei ihm auf.
GEJ|10|161|2|0|Als dieser aber weiter nach Indien reisen wollte mit seinem Begleiter, da gab ihm der König ein sicheres Geleit bis an die Grenzen seines Reiches, und so war dieser Apostel einer der ersten Zeugen von Mir bei diesem Könige und wollte in der Stadt, die damals noch Babylon hieß – obschon das alte Babylon ziemlich weit weg von dieser Stadt einen großen Schutthaufen bildete –, Bekehrungen machen unter den Heiden, die zumeist Balamsdiener waren.
GEJ|10|161|3|0|Der König aber widerriet ihm solches und sagte: „Es ist genug, daß ich und mein Hofstaat wissen und einsehen, was wir zu glauben haben, und wie wir mit diesem Glauben daran sind; für das Weitere werden schon ich und mein Sohn sorgen, – denn ich möchte euch nicht der grenzenlosen Wut meiner Priester preisgeben. Wenn diese aber nach und nach werden ausgestorben sein und ich dafür sorgen werde, daß nach ihnen keine Stellvertreter mehr kommen, da wird sich mit dem Volke leichter verhandeln lassen.“
GEJ|10|161|4|0|Mit dieser Äußerung des Königs waren die beiden Apostel zufrieden und kümmerten sich nicht mehr darum, Meine Lehre unter den Völkern dieses Königs auszubreiten.
GEJ|10|161|5|0|Sieben Jahre später aber kam ohnehin Petrus mit seinem Sohne Markus zu diesem König, ward ebenfalls überaus gut aufgenommen und machte auch dem Könige Vorstellungen, wenigstens die Stadt mit Meiner Lehre nach und nach bekannt zu machen.
GEJ|10|161|6|0|Der König, der den Petrus wie auch den Markus sehr lieb hatte, widerriet solches dem Petrus, indem er wohl wußte, von welchem Geiste seine Baalspriester beseelt waren, und sagte eigens zu Petrus: „Siehe, wir leben hier in einem Lande, das besonders weiter gegen Osten hin, bis an den großen Strom Ganges, von allerlei wilden und reißenden Bestien strotzt und nicht minder von allerlei giftigem Unkraut! Wo aber Gott der Herr solche Tiere und Giftpflanzen in großer Menge werden läßt, da ist sicher sowohl der Erdboden, als auch besonders die Luft, überfüllt von bösen Geistern und Teufeln, und diese rennen umher wie hungrige und brüllende Löwen, Tiger, Panther und Hyänen und suchen, ob sie wen aus der Klasse der Menschen fänden, um ihn zu verschlingen.
GEJ|10|161|7|0|Die vorbenannten Bestien sind grimmig und sehr böse, und man kann nur mit großer Gefahr auf sie Jagd machen; aber noch tausend Male böser sind meine Baalspriester, denn von denen hat ein jeder wenigstens tausend Teufel in sich, und es kann ihnen nicht leichtlich jemand anders wirksam opponieren als nur ich mit meiner äußersten Strenge und meinen Soldaten, die aber zum größten Teil Juden, Griechen und Römer sind, indem ich als König selbst nur ein Vasall Roms bin, was euch beiden bekannt sein wird, da das römische Reich bis an den Ganges reicht, nach welchem erst das große indische Reich anfängt, dessen Grenzen von uns aus aber noch niemand kennt.“
GEJ|10|161|8|0|Dieser Rat des Königs gefiel zwar Petrus wohl, aber er fühlte doch heimlich einen Drang, mit einigen und andern Bürgern dieser Stadt von Meiner Lehre und Meinem Reiche Unterredungen zu halten, wovon natürlich auch bald die Priester Kunde erhielten und dem Petrus auch durch ihre Boten den Antrag machten, auch sie mit solch einer beseligenden Lehre bekannt zu machen.
GEJ|10|161|9|0|Petrus ließ sich zwar längere Zeit dazu nicht verleiten, besonders da ihn sein Sohn und Gehilfe Markus ernstlich davor warnte und auch immer sagte: „Laß du hier dem Könige für unsere Sache die Waltung, und wir werden nicht wider den Willen des Herrn walten, so wir hier den Rat des Königs befolgen!“
GEJ|10|161|10|0|Petrus aber ging nach ein paar Jahren dennoch einmal hinaus außer die Stadt, gleichsam lustwandeln, und fand alldort mehrere Bettler und Kranke. Die Armen beteilte er und die Kranken heilte er durch die ihm innewohnende Kraft Meines Geistes.
GEJ|10|161|11|0|Bei diesem Wunderwerke kamen auch mehrere Baalspriester hinzu, erkannten Petrus und baten ihn sehr inbrünstig, sich mit ihnen ein wenig fürbaß und landeinwärts zu begeben.
GEJ|10|161|12|0|Und er gab ihren vielen Bitten und treuen Versicherungen dadurch und darum Gehör, weil sie ihm angaben, daß in einem sehr nahe gelegenen Orte sich eine Menge Kranker befänden, die kein Arzt zu heilen imstande sei, und so er auch diese heilen werde, so würden auch sie und alle andern Priester seine Lehre annehmen und ihre Tempel mit eigener Hand zerstören.
GEJ|10|161|13|0|Auf diese Rede ging Petrus mit diesen Priestern und gelangte mit ihnen nach einer Stunde Weges richtig an einen Ort, in dem es eine Menge Fieberkranke und Besessene gab, die er alle heilte und auch sogar einen Toten zum Leben erweckte.
GEJ|10|161|14|0|Die Geheilten aber fingen an, Petrus zu loben, und sagten: „Dieser muß von dem wahrhaften Gott gesandt sein, ansonst es ihm nicht möglich wäre, solches an uns bloß durch sein Wort zu bewirken, was alle unsere so vielen Götter noch niemals zu bewirken imstande waren.“
GEJ|10|161|15|0|Das machte aber die den Petrus begleitenden Priester über alle Maßen grimmig. Sie zwangen ihn freundlich, aber nur dem Außen nach, mit ihnen noch einen kleinen Ort zu besuchen, zu dem hin man durch einen Myrten- und Rosenwald gelangen konnte. In diesem Walde ergriffen sie Petrus, zogen ihm seine Kleider aus, erschlugen ihn und hängten ihn dann bei den Füßen an einen dürren Myrtenbaum, an den sie zuunterst einen Querbaum befestigten und an diesen seine Hände mit Stricken banden, ließen ihn daselbst also hängen und zogen sich dann auf einem andern Wege in die Stadt zurück.
GEJ|10|161|16|0|Da aber Petrus dem Könige zu lange ausblieb, so ließ er ihn allenthalben suchen, sowohl in als auch außerhalb der Stadt, und es gelang ihm erst am zweiten Tage, den Petrus in dem Myrtenwalde, tot und sehr übel zugerichtet, zu finden.
GEJ|10|161|17|0|Dabei wurde er aber auch von den Geheilten benachrichtigt, daß die Priester der Stadt ihn in aller Freundlichkeit zu ihnen gebracht und er sie wunderbar gesund gemacht hätte und dazu auch einen Toten wieder zum Leben erweckt. Dazu käme aber noch, daß er dann mit den Priestern weiter fürbaß und landeinwärts gezogen sei.
GEJ|10|161|18|0|Der König war darüber sehr traurig, ließ Petrus mit königlichen Ehren in der königlichen Gruft beerdigen und ließ auch den Myrtenbaum in seine Gruft bringen.
GEJ|10|161|19|0|Aber den über zweitausend Priestern in dieser Stadt ging es darauf schlecht. Der König verschonte nicht einen einzigen und ließ sie durch seine Soldaten alle töten und dann in mehr denn vierhundert Wagen weit hinaus in eine Wüste führen, wo er sie aus den Wagen werfen ließ und sie dann daselbst den vielen wilden Bestien zum Fraße dienten.
GEJ|10|161|20|0|Der Jünger Markus aber begann dann mit Hilfe des Königs und unserer bekannten beiden Sachwalter die Menschen beinahe der ganzen Stadt zu Meiner Lehre zu bekehren, und es dauerte lange nicht ein Jahr, da war die ganze Stadt segensvollst zu Meiner Lehre bekehrt und durch sie bald darauf nahe auch das ganze Land.
GEJ|10|161|21|0|(Ich gebe euch hiermit, euch Meinen jüngsten Jüngern, bei dieser Gelegenheit die Wissenschaft von dem, wo und wie der erste Apostel für diese Welt geendet hat; also nicht in Rom, noch weniger in Jerusalem, sondern in der neuen Stadt Babylon, die späterhin den sarazenischen Namen Bagdad erhielt.)
GEJ|10|161|22|0|Solches erzählte Ich aber bei unserem Wirte in der euch bekannten Stadt nicht etwa den Jüngern, sondern allein nur euch in dieser Zeit, und wir können nun wieder unsere frühere Stellung, noch am Tische des Wirtes sitzend, einnehmen.
GEJ|10|162|1|1|162. — Der Herr segnet die wüste Gegend der räuberischen Hirten
GEJ|10|162|1|0|Der Wirt bat Mich, ob Ich nicht noch etliche Tage bei ihm verweilen möchte.
GEJ|10|162|2|0|Ich aber sagte zu ihm: „Ich werde im Geiste, so du an Mich glaubst, Mich gleichfort liebst und nach Meiner Lehre lebst und handelst, stets bei dir bleiben, aber mit Meinem Fleische werde Ich nicht lange mehr auf dieser Erde verweilen; denn Meine Zeit naht sich ihrem Ende, und Ich habe noch vieles zu tun in andern Städten und Ortschaften, und somit werde Ich Mich mit diesen Meinen Jüngern denn auch sogleich gegen Süden hin auf die Weiterreise begeben.“
GEJ|10|162|3|0|Darauf brachte der Wirt noch frischen Wein und Brot; wir nahmen davon etwas zu uns, erhoben uns dann vom Tische und schickten uns zur Weiterreise an.
GEJ|10|162|4|0|Als Ich den Wirt und sein ganzes Haus gesegnet hatte, dankten Mir der Wirt und das ganze Haus, und der Wirt selbst begleitete uns noch bei zwei Stunden weit fürbaß, bei welcher Gelegenheit Ich ihm noch so manches Lebensgeheimnis enthüllte, wodurch er höchst getröstet war.
GEJ|10|162|5|0|Er kehrte dann wieder nach Hause, und wir zogen noch eine gute halbe Tagereise weiter gegen Süden, und zwar über einen sehr wüsten und öden Boden, auf dem wir nur wenige Hirten mit ihren mageren Herden antrafen, die uns zuliefen, um von uns entweder ein Almosen zu erbitten oder im schlimmeren Fall auch zu ertrotzen.
GEJ|10|162|6|0|Meine Jünger aber, die zusammen eine ganz bedeutende Menschenzahl ausmachten, bedrohten sie und hießen sie zurückweichen, ansonst ihnen etwas Übles begegnen werde, vor welcher Drohung aber die zusammengelaufenen Hirten, bei dreißig an der Zahl, eben auch nicht die zufriedenste Miene machten und anfingen, zu schimpfen und über sie loszuziehen, was einige der arabischen Zunge kundige Jünger verstanden, und sie – selbst Mein Johannes und der Apostel Petrus – sagten zu Mir (die Jünger): „Herr, hast Du für dieses elende Gesindel keine Blitze und kein Feuer mehr? Laß doch so wie über die Sodomiten Blitze und Feuer regnen über dieses böse Raubgesindel!“
GEJ|10|162|7|0|Und Ich sagte zu den Jüngern: „Altoran, das heißt o ihr Kinder des Donners und des Zornes! Sollte Ich diese Armen noch mehr strafen, als sie ohnehin schon gestraft sind? Tut ihnen lieber Gutes, statt daß ihr sie arg bedrohet, und sie werden euch gleich ein besseres Zeugnis und eine bessere Rede geben!“
GEJ|10|162|8|0|Darauf ließ Ich die Hirten zu Mir kommen und sagte zu ihnen: „Sehet, ihr armen Benutzer dieser wüsten Gegend, Gold und Silber tragen wir nicht bei uns, und Ich als der Herr am allerwenigsten; und so wir euch auch mit Silber und Gold beschenkten, so würde euch das in dieser weitgedehnten Wüste wenig nützen! Ich kann euch aber etwas anderes tun, das euch nützen wird. Sehet, ihr habt samt euren Herden wenig Nährfutter und nahezu auch kein Wasser! Ich aber habe die Macht, diese eure Gegend zu segnen, und ihr werdet alsbald mitsamt euren Herden keinen Mangel zu leiden haben. So euch das recht ist, so will Ich's auch tun.“
GEJ|10|162|9|0|Sagten alle die Hirten: „Herr und Meister, so Dir das möglich ist, daran wir nicht zweifeln, darum Du es gesagt hast, so wird uns das ums unaussprechliche lieber sein, als so Du alle diese Steinklumpen in Gold und Silber verwandeln würdest, wir aber mitten unter solchen Schätzen samt unseren Herden dem Hungertode preisgegeben wären.“
GEJ|10|162|10|0|Auf diese Worte der Hirten hob Ich die Hände auf, dankte und segnete die Gegend, und alsbald hatte weithin die ganze Gegend des Grases und auch der Quellen in einer gerechten Menge, und die Hütten der Hirten wurden mit Brot und Salz versehen.
GEJ|10|162|11|0|Als die Hirten das ersahen, fielen sie vor Mir nieder, priesen Mich über die Maßen und sagten, daß Ich kein Mensch, sondern ein Gott sei; denn solches zu bewirken sei weder Moses, dessen Namen sie kannten, noch seinen Nachfolgern möglich gewesen.
GEJ|10|162|12|0|Sie brachten uns darauf Milch und Brot, und wir alle nahmen etwas davon, setzten unseren Weg unter vielen Lobpreisungen von seiten dieser Hirten wieder weiter fort und vernahmen noch weithin das laute Frohlocken dieser beglückten Hirten.
GEJ|10|162|13|0|Und Ich sagte auf dem Wege zu Meinen Jüngern: „Urteilet nun selbst, was da besser ist: Gutes tun denen, die einem Übles tun wollen, oder Böses mit Bösem vergelten? Darum sollt ihr in der Zukunft eure Feinde lieben und sie segnen, und denen Gutes tun, die euch Übles tun wollen, so werdet ihr glühende Kohlen über ihren Häuptern sammeln und euch dadurch viele Freunde machen!
GEJ|10|162|14|0|Tuet in allem, wie Ich es tue, und ihr werdet auf euren Wegen in Meinem Namen mit wenigen Steinen des Anstoßes zu tun haben! Aber wehe, wenn ihr denen, die drohend gegen euch auftreten, auch drohend begegnet und sie gleich mit Strafen belegen wollt! Da werdet ihr viel Ungemach auf der Erde zu erleiden haben! Liebe erzeugt allzeit wieder Liebe, – Zorn und Strafe aber wieder Zorn und Rache!“
GEJ|10|162|15|0|Dieses schrieben sich die Jünger ins Herz und gelobten Mir, solches auch bis an ihr Lebensende zu beachten.
GEJ|10|162|16|0|Und Ich sagte zu ihnen: „Die meisten von euch werden das wohl tun, aber Ich sehe auch einige unter euch, die trotz dieses Meines Rates bei widrigen Gelegenheiten dennoch der Drohung und Bestrafung sich bedienen werden; sie werden aber dadurch niemals eine gute Frucht zu einer vollkommenen Reife bringen.“
GEJ|10|163|1|1|Der Herr in der Stadt am Nebo
GEJ|10|163|1|1|163. — Der Herr und die Pharisäer vor dem Stadttor
GEJ|10|163|1|0|Während solcher Meiner Belehrung kamen wir denn wieder einer alten, zumeist von Römern, aber auch von Griechen und Juden bewohnten Stadt in die Nähe, und da wollte – wie man zu sagen pflegt – das Glück oder Unglück, wie man es nennen will, daß wir zuerst mit mehreren Juden und darunter mit einigen Pharisäern zusammentrafen.
GEJ|10|163|2|0|Und die Pharisäer erkannten Mich und sagten zu den Juden: „Sehet, da kommt sicher mit seinen Jüngern eben derjenige Nazaräer, der beim letzten Fest mehrere sogenannte Wunder wirkte, die er wahrscheinlich in der Schule der Essäer erlernt hat, dann im Tempel das Volk lehrte und sich für älter ausgab als Abraham und noch manches andere mehr!
GEJ|10|163|3|0|Es ging ihm damals sehr knapp, daß er nicht völlig gesteinigt worden ist; denn wir wurden dadurch sehr aufgeregt, da wir es einsahen, daß er sich vorgenommen hatte, uns vor dem Volke als Blödsinnige hinzustellen.
GEJ|10|163|4|0|Zugleich behauptete er überall, daß er Gottes Sohn sei, und seine Jünger und auch viel Volkes glauben ihm das. Er hält aber dabei nichts auf den Sabbat, ist ein Fresser und Vollsäufer und geht mit Zöllnern und Sündern um; uns aber, die wir an den Satzungen Mosis halten, schmäht er allenthalben und vertröstet uns bei jeder Gelegenheit mit der ewigen Verdammnis.
GEJ|10|163|5|0|Daß wir einem solchen Menschen nicht freund sein können, ist begreiflich, zudem wir nur zu gut wissen, wo er her ist, wer seine Eltern und seine Brüder und Schwestern sind.
GEJ|10|163|6|0|Er ist dabei aber durchaus kein Narr; denn er versteht sich sehr wohl darauf, durch seine Reden und Wunderwerke die Heiden – als Römer und Griechen – für sich zu gewinnen, um dann mit ihrer Hilfe uns zu stürzen. Aber dies sein Vorhaben wird ihm nicht gelingen! Gar zu oft darf er nicht nach Jerusalem kommen, sonst werden wir ihm seine Gottessohnschaft auf eine Weise austreiben, die ihm wahrlich nicht gefallen wird.
GEJ|10|163|7|0|Er treibt sein Unwesen nun hier in diesen Heidenstädten sicher auch nur in dieser Absicht, um ihre Einwohner soviel als möglich gegen uns zu hetzen. Er wird aber damit schlechte Geschäfte machen, denn Jerusalem wird Jerusalem bleiben, wenn auch tausend derartige Gottessöhne, wie er einer ist, dagegen wären.“
GEJ|10|163|8|0|Diese letzten Reden und Worte konnten auch schon Meine Jünger völlig vernehmen, da wir in der Zeit der Gesellschaft schon sehr nahe gekommen waren, und hielten sich auf über Mich, wie Ich solches doch dulden und vertragen könne.
GEJ|10|163|9|0|Ich aber sagte zu den Jüngern: „So es euch denn schon gar so ärgert, daß diese Mir ein gar so arges Zeugnis geben, da gehet hin und verbindet einem jeden den Mund, auf daß er nicht weiterreden kann! Ich meine, das würde euch eine sonderbar schwere Arbeit werden; leichter für uns ist es aber in jedem Falle, an ihnen ganz stumm vorüberzugehen.
GEJ|10|163|10|0|Lassen wir die Hunde bellen; denn solange sie bellen, beißen sie nicht! Werden sie uns aber anfallen beim Vorübergehen und beißen wollen, da werden wir ihnen dann wohl auch zeigen, daß unser Mund nicht ohne Zähne ist und unsere Hände nicht ohne Nägel!“
GEJ|10|163|11|0|Solche Meine Worte beruhigten Meine Jünger zum größten Teil, aber in ihrem Innern kochte es dennoch, so daß einige nahe Lust bekamen, diesen Juden und etlichen Pharisäern auch etwas zu sagen, das ihnen eben nicht gar zu lieb gewesen wäre; sie ermannten sich aber dennoch und folgten Meinem Beispiel.
GEJ|10|163|12|0|Wir kamen bald ganz zu ihnen und sahen gar nicht hin nach dem Platze, wo sie standen, und gingen an ihnen ganz still vorüber.
GEJ|10|163|13|0|Diese Juden und Pharisäer aber trieb die Neugierde, zu sehen und zu beobachten, was wir etwa in dieser Stadt machen würden. Bevor wir aber das Stadttor erreichten, kamen uns zwei Pharisäer beschleunigten Schrittes, gerade am Tor in die Stadt uns den Weg vertreten wollend, entgegen.
GEJ|10|163|14|0|Und einer, der Dismas hieß, fragte Mich ganz barsch, was Ich hier in dieser Stadt zu tun hätte, ob Ich in ihr verbleiben oder bloß durchreisen werde.
GEJ|10|163|15|0|Und Ich sagte zu ihm: „Bist du denn ein Stadtrichter hier, dem allein es zukommt, die Reisenden zu erforschen, was sie in diese Stadt geführt hat, und sich ihre Reisebriefe vorweisen zu lassen?“
GEJ|10|163|16|0|Da sprach dieser Pharisäer: „Ich bin kein Stadtrichter, aber ich bin nun ein Oberster der Judengemeinde hier und habe als solcher auch das Recht, die Reisenden zu befragen, zu welchem Zwecke sie in diese Stadt gekommen sind, – und dich und deine Gesellschaft schon ganz besonders, weil ich dich von Jerusalem aus kenne und nur zu wohl weiß, daß du unser Freund nicht bist und auf unsere alten Satzungen nichts hältst, weil wir das nicht annehmen können und wollen, was zu sein du vor uns und dem Volke nur schon zu oft laut vorgebracht hast.
GEJ|10|163|17|0|Wir wissen wohl, daß du viel verstehst und weise reden kannst und imstande bist, Zeichen zu wirken, die alle Menschen ins höchste Erstaunen setzen; aber du bist dabei unser Feind und suchst uns zu verderben, die wir am alten Gesetze halten. Siehe aber zu, ob dir am Ende deine Absicht gelingen wird; denn deine von den Essäern erlernten Wunderzeichen werden bald durchschaut werden, und es wird sich dann schon zeigen, was du weiter vermögen wirst!
GEJ|10|163|18|0|Die Heiden magst du wohl damit betören, aber uns alte Nachkommen Abrahams nicht. So du aber schon wirklich etwas Göttliches vermagst, so wirke nun vor uns ein Zeichen, und wir wollen glauben, daß du mehr vermagst denn alle Essäer und andere Zauberer der Erde, und daß du wirklich erfüllt bist mit dem Geiste Gottes!“
GEJ|10|163|19|0|Sagte Ich: „Ich habe vor euch der großartigsten Zeichen schon in großer Menge gewirkt, die nie ein Mensch auf dieser Erde gewirkt hat, und ihr sagtet, daß Mir dazu Beelzebub als der Teufel Oberster behilflich sei. So ihr solch eines Glaubens seid und mit solch einem Glauben auch eure Vorfahren die alten Propheten beinahe alle gesteinigt und getötet haben, weil sie auch von ihnen behaupteten, daß sie den Teufel hätten und mit seiner Hilfe weissagten und Zeichen täten, – wie sollte da in euch ein Licht sein, um die Wahrheit Meiner Lehre und Meiner Taten zu erkennen?
GEJ|10|163|20|0|Ihr habt den Beelzebub zu eurem Vater und lehret und handelt nach seiner Eingebung, was Ich nur zu wohl erkenne. Ich kam aber darum zu öfteren Malen zu euch, um euch aus seinen Fesseln zu befreien; aber euch gefällt es besser, Diener des Teufels zu verbleiben, als Diener des einen und allein wahren Gottes zu werden, den ihr nicht kennt und noch nie erkannt habt. Und so bleibet denn bei eurem Dienste; Ich aber werde verbleiben bei dem Meinen und werde in aller Bälde offenbar machen vor aller Welt Augen, wer ihr seid, und wer Ich bin. Und nun laßt uns gehen, und gehabt euch wohl im Namen dessen, dem ihr dienet!“
GEJ|10|163|21|0|Diese Meine Worte beleidigten diese Pharisäer in einem so außerordentlich hohen Grade, daß sie Mich samt Meinen Jüngern alsogleich auf das Stadtrichteramt führen wollten.
GEJ|10|163|22|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Der Herr bin Ich und werde tun, was Ich will; sehet aber zu, daß ihr nicht eher denn Ich mit dem Stadtrichteramte dieser Stadt zu tun bekommen werdet!
GEJ|10|163|23|0|Ich kam mit Meinen Jüngern ganz still zu euch und wollte niemandem von euch auch nur mit einem einzigen Worte oder einer Miene zur Last fallen, obschon Ich schon aus einer ziemlichen Ferne vernahm, welch lose Reden ihr über Mich untereinander geführt habt, und hätte somit das Recht gehabt, euch zur Rede zu stellen, wer euch hier in der Fremde berechtigt hat, über Mich Bemerkungen zu machen, die Mir und keinem Meiner Jünger gefallen konnten. Und so sage Ich euch nun noch einmal, daß Ich der Herr bin und die Macht habe, diese Stadt zu betreten und Mich daran von euch nicht hindern zu lassen; sollte euch das nicht genügen, und wollt ihr bei eurem Vorhaben verbleiben, so werde Ich demselben wirksam entgegenzutreten imstande sein!“
GEJ|10|163|24|0|Auf diese Meine Worte sagte Dismas, dem die Sache doch etwas zu Herzen ging, zu seinem überaus hartnäckigen Gefährten: „Lassen wir diese in Gottes Namen ziehen! Wir aber kehren einfach zu unserer Gesellschaft wieder zurück; denn ich will mit derlei Menschen, die im Besitze geheimer Kräfte sind, weiter nichts zu tun haben! Handeln sie wider den Willen Gottes, so wird Gott sie schon zur rechten Zeit zu ihrer Züchtigung zu vernichten verstehen; sollten sie aber dennoch etwa irgend nach dem Willen des Allmächtigen handeln, so werden wir gegen sie nichts auszurichten imstande sein.“
GEJ|10|163|25|0|Der Gefährte des Dismas aber wollte sich nicht daran kehren, sondern berief die andern langsam hinterdrein Gehenden, daß sie ihm zu Hilfe kommen und mit ihm Mich und Meine Jünger auf das Stadtrichteramt bringen sollten.
GEJ|10|163|26|0|Und Ich sagte: „Bis hierher und nicht weiter mit eurem Beelzebubsgrimme gegen Mich und Meine Jünger! Ich werde euch bis zum morgigen Tage Wächter stellen, die euch bei keinem Tore in diese Stadt hineinlassen werden; und in diesen Wächtern soll auch das Zeichen, das ihr von Mir verlangtet, bestehen, und ihr werdet daraus hoffentlich erkennen, daß Ich vollkommen der Wahrheit nach ein Herr über alle Kreatur auf dieser Erde bin und auch noch ein Herr unendlich weiter hinaus, als ihr je zu denken vermöget. Ich will, und so geschehe es!“
GEJ|10|163|27|0|In diesem Augenblick standen schon vierzehn große und grimmige Löwen vor den uns nachfolgenden Juden, und einer von ihnen packte den hartnäckigen Gefährten des Dismas und trug ihn zu seinen Gefährten zurück.
GEJ|10|163|28|0|Dismas aber fiel vor Mir nieder und bat Mich, seiner zu verschonen, indem er für sich über Mich einer ganz andern Meinung sei, und daß er schon zu öfteren Malen, soviel als es möglich war, zu Meinen Gunsten habe Worte fallen lassen im Hohen Rate; aber es hieß das Öl ins Feuer gießen und am Ende notgedrungen mit den Hunden zu bellen. Jetzt sollten diese seine halsstarrigen Gefährten den Löwen etwas vorbellen, und diese würden sich schwerlich fürchten vor ihrem Gebell.
GEJ|10|163|29|0|Und Ich sagte zu ihm: „Ziehe vor uns in die Stadt, und führe uns in eine rechtschaffene Herberge; dann magst du dich zum Stadtrichter Titus begeben und ihm sagen, daß Ich in jener Herberge auf ihn warte.“
GEJ|10|163|30|0|Dismas dankte Mir, stand auf und führte uns alsogleich in eine naheliegende Herberge in dieser Stadt.
GEJ|10|164|1|1|164. — Das Weinwunder in der römischen Herberge
GEJ|10|164|1|0|Als wir daselbst eintraten, kam uns alsbald der Herbergsbesitzer, ein Römer dem ganzen Wesen nach, sehr höflich entgegen, hieß uns Platz nehmen und fragte uns, was wir wünschten.
GEJ|10|164|2|0|Ich sagte zu ihm: „Es ist zwar schon der Tag in die Nähe des Untergangs der Sonne gerückt, und wir haben außer etwas Brot seit heute morgen nichts zu uns genommen, – dennoch ist es aber für ein Abendmahl noch etwas zu früh; daher magst du uns wohl vorderhand etwas Brot und Wein auf den Tisch setzen!“
GEJ|10|164|3|0|Sagte der Wirt: „Meine lieben Freunde, Brot besitze ich wohl, so auch geräuchertes Schweine- und Schaffleisch, auch Milch habe ich noch im Vorrat, – aber Geflügel, Fische und Wein sind in dieser Stadt nur selten anzutreffen und sind sehr kostspielige Dinge auf dem Tische der Reisenden; denn von hier aus bis in das tiefe Jordantal hinab ist es erstens sehr weit, und die wenigen Fußsteige von hier bis dahin sind äußerst beschwerlich, und so sind wir außerstande, uns von den gesegneten Westländern etwas Billiges und Genußbares zu verschaffen. Unser Boden aber ist, wie ihr es auf eurem Wege selbst werdet bemerkt haben, nur sehr wenig fruchtbar aus Mangel an Erdreich und aus Mangel an Wasser. Unsere noch wasserhaltigen Stadtbrunnen sind Zisternen, und ein Quellwasser ist von hier weit entfernt. Bis man nicht in das Gebiet der Arnonquellen kommt, sieht man nicht leichtlich irgendwo ein Quellwasser, und diese sind von hier noch weit entfernt. Ich werde euch darum Brot und Milch vorsetzen.“
GEJ|10|164|4|0|Sagte Ich zum Wirte: „Anstatt der Milch gib uns lieber Wasser aus deiner Zisterne!“
GEJ|10|164|5|0|Und der Wirt tat das nach Meinem Wunsche und brachte einen großen steinernen Krug voll frischen Wassers aus der Zisterne und setzte uns ein paar Laibe Gerstenbrot zum Genusse auf den Tisch, indem er sagte: „Diese einzige Getreidegattung gerät hier noch ziemlich reichlich, aber der Weizen gerät hier sehr schwer. Denn sät man ihn noch so frühzeitig in der Winterzeit, so verdorrt er im bald darauf kommenden Frühjahre, schon ehe er reif wird. Darum müssen wir den Weizen für unseren besonderen Gebrauch aus Damaskus beziehen, welche Stadt von hier sehr entlegen ist, oder wir müssen uns den Weizen gar aus Babylonien verschaffen, das von hier aber noch entfernter ist als Damaskus. Aber Gerste haben wir selbst zur Genüge, und sie ist nebst der Milch und dem Fleische unser Hauptnahrungszweig. Daher müßt ihr euch schon mit dem begnügen, was ich euch aufzuwarten imstande bin!“
GEJ|10|164|6|0|Sagte Ich: „Alles ist gut, was von Gott gesegnet ist!“
GEJ|10|164|7|0|Sagte der Wirt: „Ich habe es wohl gleich gemerkt, daß ihr Juden seid, weil ihr nach dem bei uns guten Schweinefleisch mir ein Verlangen nicht zu erkennen gabt, – ich meine aber, so es irgendeinen rechten Gott gibt, so hat er auch das Schweinefleisch gesegnet und nicht bloß das Hühner-, Schaf-, Ziegen- und Rindfleisch! Ich aber bin ein ehrlicher Römer und halte die Gesetze Roms, die ich für ganz gut finde, obschon sie nur Menschen und keine Götter zu ihrem Verfasser haben.
GEJ|10|164|8|0|Was nützen denn einem Menschen auch gewisse Göttergesetze, die stets in einer dunklen und unverständlichen Sprache geschrieben sind und von den Priestern nach ihrer Willkür und nach ihrem Eigennutz ausgelegt werden? Daher mögen die Götter für sich Gesetze geben, soviel sie wollen; wir durch die Erfahrung klug gewordenen Menschen werden und haben uns schon Gesetze gegeben, die wir verstehen und auch befolgen können. Unsere Hauptgötter aber sind gute und fruchtbare Jahre und jene Elementarkräfte, die sie bewirkt haben; und jetzt wünsche ich, daß euch unser Brot und unser Wasser wohl schmecke und behage!“
GEJ|10|164|9|0|Sagte Ich: „Lieber Wirt, setze du jedem einzelnen von uns auch einen Trinkbecher vor, woran du keinen Mangel haben wirst!“
GEJ|10|164|10|0|Darauf setzte uns der Wirt so viele irdene Trinkbecher vor, als wir unser am Tische saßen.
GEJ|10|164|11|0|Ich aber sagte zum Wirte noch: „Nimm auch für dich noch einen Becher, und trinke mit uns!“
GEJ|10|164|12|0|Und der Wirt tat das in der Meinung, er müsse sein Wasser zuerst trinken, auf daß er uns Mut mache, damit auch wir uns dasselbe zu trinken getrauten. Er schenkte sich seinen Becher darum auch zuerst voll ein und fing an zu trinken; aber nach dem ersten Schluck setzte er sogleich freudig ab und sagte voll Staunens: „Was ist denn aber das, meine lieben Herren Gäste? Ich habe euch ja nur Wasser gebracht, und jetzt, als ich es kostete, ist es unstreitig der beste Wein, wie ich einen solchen nur einmal auf der Insel Cypern getrunken habe.“
GEJ|10|164|13|0|Sagte Ich zum Wirte, nachdem Ich Mir auch Meinen Becher vollschenkte: „Trinke du nur zu, gleich uns allen; denn wo du den Wein hergenommen hast, da wirst du wohl noch einen weiteren Vorrat haben!“
GEJ|10|164|14|0|Sagte der Wirt: „O ja, meine lieben Herren Gäste, meine Zisterne ist noch über die Hälfte voll Wassers, und so die lauter solchen Wein statt Wasser enthält, so haben wir über ein Jahr des Weines zur Genüge! Aber da ist ein Wunder geschehen, und ich glaube nun zum ersten Male an Wunderdinge, obschon ich sonst von meiner Kindheit an an derlei nie geglaubt habe, trotzdem ich in meinen Jugendjahren oft genug von gewissen Priestern und Zauberern allerlei Wunder habe wirken sehen; denn mein Vater war selbst in solchen Künsten bewandert und hat mir über alles eine rechte Aufklärung gegeben, und ich faßte dadurch als ein ehrlicher, wohlerzogener Römer einen gerechten Unglauben und Widerwillen gegen alle Wundertäterei und Zauberei. Aber mit dem Wasser meiner Zisterne ist ein Wunder geschehen! Wie aber und durch wen, das kümmert mich nun nicht; mit der Zeit wird man etwa wohl daraufkommen, weil es ein gutes und kein böses Wunder ist.“
GEJ|10|165|1|1|165. — Die Besprechung des Weinwunders
GEJ|10|165|1|0|Während der Wirt noch so seine höchst römisch gescheiten Bemerkungen machte, kam auch schon unser Dismas mit dem Oberstadtrichter daher, führte ihn zu Mir hin und sagte zu ihm: „Dies ist der nämliche Herr, der dich zu sehen und zu sprechen wünscht!“
GEJ|10|165|2|0|Und Ich sagte zum Wirte: „Setze noch zwei Stühle und zwei Trinkbecher hierher; denn darum bin Ich eigentlich in diese Stadt gekommen, um vor allem diesen beiden einen vollgültigen Beweis Meiner Herrlichkeit zu liefern!“
GEJ|10|165|3|0|Der Wirt tat das alsogleich, und Ich füllte aus dem steinernen Kruge beider Becher voll und hieß sie trinken.
GEJ|10|165|4|0|Beide setzten die Becher an und sagten: „O Wirt, wo hast denn du diesen Wein her? Das ist ja eine außerordentliche Erscheinung, daß man bei dir einmal einen Wein bekommt, und den besten Kaiserwein von der Insel Cypern auch noch dazu! Sage uns, woher hast du ihn denn bezogen?“
GEJ|10|165|5|0|Sagte der Wirt, etwas verlegen: „Meine Herren, glaubet es oder glaubet es nicht, – aber ich rede offen die Wahrheit und sage: Aus meiner Hauszisterne! Diese Herren Gäste verlangten statt Milch Wasser, und ich holte dasselbe aus meiner Zisterne und stellte es mit eigenen Händen auf den Tisch, und niemand rührte zuvor den Krug an, als bis ich mir meinen Becher aus diesem Kruge vollgefüllt hatte; wie ich aber den Becher an meinen Mund brachte, so war dessen Inhalt kein Wasser, sondern wie ihr ihn selbst gekostet habt, der allerbeste und kostspieligste Cypernwein. Ihr wißt aber, daß ich kein Wundergläubiger bin, – aber das halte ich für ein vollkommenes Wunder!“
GEJ|10|165|6|0|Sagte darauf der Oberstadtrichter: „Laß mich mit dir mit dem Kruge zur Zisterne gehen und gleich draußen das Wasser kosten, und es wird sich gleich zeigen, ob du eine so wunderbare Zisterne besitzest!“
GEJ|10|165|7|0|Darauf nahm der Wirt den ohnedies schon leer gewordenen Wasserkrug und eilte mit dem Oberstadtrichter hinaus zu der Zisterne, die sich im Hofe der Herberge befand.
GEJ|10|165|8|0|Der Oberstadtrichter schöpfte mit höchsteigener Hand das Wasser und kostete es sogleich bei der Zisterne und fand, daß es wieder der gleiche Wein war.
GEJ|10|165|9|0|Mit Freuden brachte er den Krug mit eigener Hand in unser geräumiges Gastzimmer, setzte ihn auf den Tisch und sagte laut: „Das ist wahrlich ein offenbares Wunder, wie ein ähnliches noch nie unter den Menschen dieser Erde ist erlebt worden! Ein solches Wunder kann wohl einem Gott zu bewirken möglich sein, aber einem Menschen niemals.“
GEJ|10|165|10|0|Dismas, der von dem Weine nun bereits einen zweiten Becher geleert hatte und dabei ganz frohen und heiteren Mutes wurde, teilte auch die Meinung des Wirtes und des Oberstadtrichters und sagte: „Was haben die andern starrsinnigen Tempelnarren nun davon, daß sie diesem wirklichen Herrn der Herrlichkeit Gottes mit ihrer finstersten, rohen Grobheit begegnet sind? Dort, vor dem Tore draußen, werden sie, von vierzehn Löwen bewacht, vor Angst und Schrecken ordentlich Blut zu schwitzen anfangen müssen, während wir hier frohen und heiteren Mutes den besten Cypernwein aus des Kaisers Weinbergen trinken, von dem ich sonst in meinem Leben nur ein einziges Mal etwas Weniges zum Verkosten bekam, hier ihn aber nun gleich becherweise trinken kann.
GEJ|10|165|11|0|Daher sage und bekenne auch ich, daß Derjenige, der mit Seiner Willenskraft jene vierzehn Löwen vor dem Stadttore draußen in Blitzesschnelle herbeirufen konnte und nun das Zisternenwasser ebenso schnell in den besten cyprischen Kaiserwein zu verwandeln imstande war, kein gewöhnlicher Mensch ist, sondern es wohnt wahrlich die Fülle des göttlichen Geistes in Ihm! Und dieses Zeugnis, das ich jetzt ausgesprochen habe, wird mit mir denn auch zu Grabe gehen; und ich begreife nun auch alle Deine andern Wunderwerke, die Du, o Herr, in Jerusalem und auch in andern Orten gewirkt hast!
GEJ|10|165|12|0|Aber diese da draußen vor dem Tore werden das schwerlich je begreifen; vielleicht werden ihnen die vierzehn Löwen die Nacht hindurch ihre sie beherrschenden Teufel austreiben, und sie werden dann für die göttliche Wahrheit zugänglicher sein denn heute. Du aber bist der Herr und kannst tun, was Du willst!“
GEJ|10|166|1|1|166. — Die Befreiung und Bekehrung der vor dem Stadttor von Löwen bewachten Pharisäer
GEJ|10|166|1|0|Auf diese Rede ward der Oberstadtrichter erst auf die Wache außerhalb des Stadttores neugierig, und er bat Mich, Ich möchte ihn hinausbegleiten, da er sich vor den Löwen sehr fürchte.
GEJ|10|166|2|0|Ich aber sagte zu ihm: „Gehe du mit Dismas ganz getrost bis zum Stadttore hin, und es wird keines dieser Tiere dir etwas zuleide tun!“
GEJ|10|166|3|0|Auf das faßte der Oberstadtrichter samt dem Dismas das vollste Vertrauen und ging mit ihm ganz mutvoll bis an das Stadttor!
GEJ|10|166|4|0|Da baten ihn die von den vierzehn Löwen Bewachten, er möchte sie von dieser entsetzlichen Plage befreien.
GEJ|10|166|5|0|Und der Oberstadtrichter sagte: „Wendet euch an den Herrn, den ihr zuvor so greulich verlästert habt; denn nur allein bei Ihm steht es, euch von dieser Plage zu befreien!“
GEJ|10|166|6|0|Und die Juden samt den etlichen Pharisäern schrien: „So bittet ihr für uns, daß Er Sich unser erbarme, und wir wollen an Ihn glauben!“
GEJ|10|166|7|0|Da kamen die beiden alsbald zurück und hinterbrachten Mir das.
GEJ|10|166|8|0|Und Ich sagte: „Also vergeltet denn auch ihr niemals Böses mit Bösem, und die vor dem Stadttore sollen von ihrer Plage befreit sein!“
GEJ|10|166|9|0|In dem Augenblick wichen die grimmigen Wächter, und die Bewachten kamen voll Glaubens zu uns und wurden auch bald mit dem Zisternenwasser gestärkt.
GEJ|10|166|10|0|Als sich die Juden und etlichen Pharisäer an einem andern Tische, nicht ferne von uns sitzend, mit dem Zisternenwasser gestärkt hatten, da stand eben derjenige grimmigste Pharisäer auf, der zuvor mit Dismas Mir den Weg in die Stadt verwehren wollte, und sagte: „Herr und Meister! Jetzt glaube auch ich, daß Du wirklich Derjenige bist, auf den alle Juden und auch Heiden so lange vergeblich gewartet haben!
GEJ|10|166|11|0|Wärest Du in der Art erschienen, wie Dich die meisten Propheten, von Moses angefangen, verkündet haben, so hätten wir auch nie einen Anstand genommen, Dir mit vollem Glauben entgegenzukommen; aber Du kamst in einer Weise in diese Welt, von der man am wenigsten vermuten konnte, Du seist der verheißene Messias der Juden und durch sie auch aller Menschen auf Erden.
GEJ|10|166|12|0|Denn es kannte Deine Abstammung nahezu ein jeder Mensch von Jerusalem, indem er Deinen Vater und Deine Mutter, wie auch Deine Brüder, nur zu gut gekannt hatte; denn wie oft ergab es sich, daß Dein Vater als ein allgemein bekannter geschickter Zimmermann und Schreiner zugleich bei uns in Jerusalem zu tun hatte und Du Selbst nicht selten mit ihm und Deinen Brüdern als Zimmermann mitarbeitetest. Auf einmal bist Du, als der gleiche Zimmermann, in der Mitte mehrerer Jünger als Volkslehrer aufgetreten und hast in Jerusalem gelehrt und ein scharfes Zeugnis wider uns gegeben, – daher es Dir auch begreiflich sein wird, daß unser Haß in dem Maße gegen Dich steigen mußte, als Du bei Deinem jedesmaligen Erscheinen in Jerusalem uns bei dem Volke bloßstelltest und wider uns das Zeugnis gabst, daß wir nicht Diener Gottes, den wir nicht kenneten, sondern nur reißende Wölfe in Schafspelzen und somit Diener des Beelzebub seien und das Volk nicht zum Lichte und somit auch nicht in den Himmel lassen, und wir selbst auch nicht hinein wollten, und dergleichen uns verkleinernde Zeugnisse noch eine Menge, die wir entweder mit eigenen Ohren gehört haben oder uns von andern treulich berichtet wurden.
GEJ|10|166|13|0|Aus dem muß ein jeder denkende Mensch es einsehen, daß wir Dir nie haben freundlich begegnen können und unser Haß gegen Dich sich um so mehr steigern mußte, weil Dein Schmähen über uns sich stets steigerte.
GEJ|10|166|14|0|Du hast zudem noch außerordentliche Wunder gewirkt und dadurch das Volk von uns leicht vollends abwendig gemacht und unsere Einnahmen in den dritthalb (zweieinhalb) Jahren im ganzen mehr denn um zweitausend Pfunde Goldes verringert, und machtest das Volk glauben, daß Du der Sohn des einen lebendigen Gottes bist, wodurch Du dem alten Gesetze Mosis zu unserem größten Ärgernis den allergewaltigsten Stoß versetzt hast, wo es heißt: ,Ich allein bin euer Gott und euer Herr, an den ihr zu glauben, auf Ihn zu bauen und Ihm zu vertrauen habt. Außer Mir gibt es keinen Gott; darum sollt ihr auch keine andern Götter neben Mir haben!‘
GEJ|10|166|15|0|Nun hast Du aber gesagt, daß Du Gottes Sohn seist, und daß der allein wahre Gott im Himmel Dein Vater sei, den Du allein gesehen hast und ihn kennest, sonst aber kein Mensch, – wir Diener des Tempels schon am allerwenigsten.
GEJ|10|166|16|0|Dabei hat aber David von der Ankunft des Messias bei weitem anders gesprochen, als wie Deine Ankunft geschehen ist, indem er sagte: ,Machet die Türen breit und die Tore hoch, auf daß der König der Ehren bei euch einziehe! Wer ist aber dieser König? Es ist Jehova Zebaoth!‘
GEJ|10|166|17|0|Nun wirst Du daraus mit natürlichem Menschenverstande wohl einsehen und begreifen, daß Du in Deiner Zimmermannsstellung in Galiläa nicht als der König der Ehren, trotz aller Deiner Schriftweisheit, angesehen werden konntest, ja nicht einmal als ein Prophet, da es doch ausdrücklich geschrieben steht, daß aus Galiläa nie ein Prophet aufsteht!
GEJ|10|166|18|0|Herr, vergib es mir, daß ich Dir nun ganz freimütig und offenherzig den Grund dargestellt habe, warum Du bei den allermeisten und vielen Pharisäern, Hohenpriestern, Leviten und auch andern Juden, die mit dem Tempel halten, also verhaßt bist, und warum Du auch selbst durch Deine außerordentlichsten Wundertaten nicht nur keinen guten Eindruck gemacht, sondern sie dadurch nur stets mehr und mehr gegen Dich aufgereizt hast, zu denen auch ich ehedem gehörte und gleich meinen Amtsgefährten der Meinung war, daß Du Deine Wundertäterei bei den uns über alles verhaßten Essäern erlernt hast und mit ihrer Hilfe uns zugrunde richten und den Essäern ein weites Wirkungsfeld einräumen willst, – und das aus dem Grunde, weil die Römer, als unsere Herren und stets Feinde, es mit dieser Sekte halten, ihnen alle erdenklichen Privilegien und Vorteile zukommen lassen, weil sie eben diese Essäer zu allen ihren beherrschenden Zwecken bestens und wirksamst gebrauchen können.
GEJ|10|166|19|0|Wir aber wissen, wie die Essäer ihre Wunder wirken, und haben ihnen selbst so manches heimlich abgelernt und konnten darum Deinen Wunderwerken nie hold und freundlich werden, weil wir Ähnliches auch bei ihnen wirken gesehen haben. Denn in unserer – sozusagen – blinden Wut haben wir uns gar nie die Zeit nehmen wollen, um zwischen Deinen und der Essäer Taten eine kritische Parallele zu ziehen, und ich gestehe es offen, daß mir hier zum ersten Male in dieser alten Heidenstadt ein rechtes Licht über Dich aufgegangen ist.
GEJ|10|166|20|0|Die zwei Zeichen, die Du hier gewirkt hast, stellen Deine vor diesen gewirkten erst in ein rechtes Licht, drücken alle andern Wunderzeichen in ein völliges Nichts zurück und stellen Dich vor unsern Augen im vollen Ernste als Den dar, als welchen zu uns zu kommen Dich David angekündigt hat. Denn fürs erste – es gibt in dieser ganzen Gegend keine Löwen, da diese Tiere zumeist nur in Afrika zu Hause sind und sich höchst selten eine solche Bestie nach Arabien herüber verläuft und bald wieder zurückkehrt, so sie in der weitgedehnten Wüste keinen Fraß findet; auf Deinen Wink aber standen gleich vierzehn solcher Bestien vor uns! Dieses würde auch ganz schwerlich geschehen, wenn solche Bestien auch hierlands haufenweise zu Hause wären. Du mußt sie also, als ein Herr aller Kreatur, wirklich nur erschaffen haben!
GEJ|10|166|21|0|Und ist Dir das möglich, so ist Dir auch leicht möglich gewesen, fürs zweite dieses Wirtes Zisternenwasser in den besten Cyperer Kaiserwein zu verwandeln, von dem ich nur einmal – bei einer Tafel unseres Königs Herodes – einen kleinen Becher voll zu kosten bekam.
GEJ|10|166|22|0|Ob Du meinen Namen weißt, kennst oder nicht, das ist mir gleich; sicher wirst Du ihn aber auch kennen. Aber ich gebe Dir hier die Versicherung, daß ich samt allen diesen meinen Gefährten wider Dich nimmerdar irgend in einem Hohen Rate unsere Stimme erheben werde. Wir werden zwar den andern vielen nicht den Mund stopfen können, da wir uns dazu viel zu ohnmächtig fühlen; aber – wie gesagt – wir werden im Herzen stets an Dich glauben, und geschehe, was da wolle! Aber wie gesagt, gegen Dich soll nie mehr eine Stimme, von unserem Munde ausgehend, laut werden!“
GEJ|10|167|1|1|167. — Die Voraussage des Herrn an Barnabas
GEJ|10|167|1|0|Nach dieser ziemlich langen Entschuldigungsrede des Pharisäers, der Barnabas hieß, sagte Ich: „Deine Entschuldigung und dein gegenwärtiges Bekenntnis nehme Ich für gültig an und vergebe dir alle deine Sünden; wem Ich aber die Sünden vergebe, dem sind sie wahrhaft vergeben im Himmel wie auf Erden.
GEJ|10|167|2|0|Du wirst Mir noch einmal ein guter Arbeiter in Meinem Weinberge werden und wirst um Meines Namens willen viel auszustehen bekommen. Wenn aber dieses über dich kommen wird, das Ich dir jetzt zum voraus verkündigt habe, da wirst du dessen wohl gedenken; aber bleibe ohne Furcht, denn Ich werde dich nicht allein lassen!
GEJ|10|167|3|0|In diesen Tagen aber leidet das Himmelreich große Gewalt; die es nicht mit Gewalt an sich reißen, werden es auch nicht einnehmen.
GEJ|10|167|4|0|Die Zeit ist nur noch eine kurze, in der Ich unter den Menschen in dieser Welt Mich also wie jetzt befinden und wirken werde; dann werde Ich auf eine für diese Welt höchst unangenehme und traurige Weise verklärt werden und werde dann erst für alle, die an Mich glauben, ein ewiges Lebensreich gründen, darin Ich wohnen werde, und alle die Meinen werden sein, da Ich bin.
GEJ|10|167|5|0|Glaube Mir, daß wer an Mich glaubt, nach Meiner Lehre lebt und handelt und Mich liebt über alles und seinen Nebenmenschen wie sich selbst, schon diesseits das ewige Leben überkommen und nimmerdar sterben wird, auch dann nicht, so es möglich wäre, daß er dem Leibe nach stürbe hundertmal; denn seine Seele wird mit Meinem Geiste in ihr – wie auch Ich aus eigener Macht und Kraft gleichfort leben werde, so auch dieser irdische Leib von Mir genommen wird – gleichfort leben und überselig sein und herrschen mit Mir in Ewigkeit!“
GEJ|10|167|6|0|Mit dieser Meiner Verheißung waren alle zufrieden und glaubten darauf.
GEJ|10|167|7|0|Da es aber schon Abend geworden war, so fragte Mich der Wirt, ob es nicht schon Zeit wäre, ein ordentliches Abendmahl zu bereiten.
GEJ|10|167|8|0|Sagte Ich: „Das liebste Abendmahl ist Mir dieses, daß Ich alle diese aus Meinem Stamme, die verloren waren, wiedergefunden und gewonnen habe; frage aber die andern, was sie essen mögen!“
GEJ|10|167|9|0|Barnabas aber erhob sich und sagte: „O Herr und Meister, auch für uns besteht das beste Abendmahl in dem, daß Du zu uns gekommen bist und wir Dich als Den erkannt haben, der Du bist! Übrigens haben wir des Brotes und des Weines zur Genüge. Was bedarf es da noch einer andern Leibesspeise?“
GEJ|10|167|10|0|Ich aber sagte dennoch zum Wirte: „So gehe denn hinaus in deine Speisekammer und sieh nach, was du für uns Juden genießbar findest! Laß es wohl zubereiten, und setze es dann für uns auf den Tisch!“
GEJ|10|167|11|0|Und der Wirt ging hinaus und fand auf einem für Speisen hingerichteten großen Tische eine gerechte Menge schon aufgemachter und wohlgereinigter Fische, worüber er, sein Weib und seine Kinder vor lauter Staunen die Hände über dem Kopfe zusammenschlugen.
GEJ|10|167|12|0|Der Wirt kam voll Freuden alsbald wieder zu uns zurück und sagte: „Meine lieben Herren Gäste, ein drittes Wunder! Ihr wißt, wie schwer in unserer Gegend Fische zu haben sind, und sehet, mein großer Speisenzubereitungstisch in der Speisekammer ist derart voll von ganz frischen, aber schon gereinigten edelsten Fischen, daß wir alle damit über drei Tage zur Übergenüge haben; sie dürfen nur zubereitet werden – was ich bereits schon angeordnet habe –, und wir werden mit einer allerseltensten Speise gesättigt werden.“
GEJ|10|167|13|0|Da sagte Barnabas und auch Dismas: „Bei Gott sind alle Dinge möglich, und uns nimmt es nun dessen gar nicht mehr wunder, indem wir Den unter uns haben, dem kein Ding unmöglich ist. Denn Dem es möglich war, alle die Meere, Seen und Flüsse mit allerlei Fischen und anderem Getier zu bevölkern, dem ist es auch möglich, aus Sich allenthalben so viele Fische hervorzurufen, als Er nur immer will; und wir bekennen nun, daß in diesem Menschen Jesus aus Nazareth in Galiläa die Fülle der Gottheit körperlich wohnt! Und wer da anders glaubt, der ist noch ferne von der Wahrheit.“
GEJ|10|167|14|0|Sagte Ich: „Bleibet bei dem Glauben, und lasset euch in eurem Innern von niemand betören; denn durch solch einen Glauben an Mich werdet ihr vor Mir gerechtfertigt stehen, und Ich werde euch geben das ewige Leben und euch erwecken am Jüngsten Tage!“
GEJ|10|167|15|0|Mit diesen Meinen Worten waren sie zufrieden.
GEJ|10|168|1|1|168. — Das Glaubensbekenntnis des Oberstadtrichters
GEJ|10|168|1|0|Aber nun erhob sich der Oberstadtrichter, der an unserem Tische neben Mir saß, und sagte: „Herr und Meister, Du weißt, daß ich ein Römer bin, und das ein in aller Wissenschaft wohlbewanderter, ansonst man mich nicht zum Oberstadtrichter einer der größten Gemeinden gesetzt hätte, die sich auf dem Berge Auran befindet. Weil ich mich aber eben schon von Kindheit an auf allerlei Kenntnisse und Wissenschaften habe verlegen müssen, damit ich nach strengen abgelegten Prüfungen das habe werden können, was ich nun bin, und noch immer mehr werden kann, so ist es gewisserart von selbst begreiflich, daß ich schon in meiner frühesten Jugend das völlig Leere und Nichtige unseres Göttertums zur Genüge habe kennen und verachten gelernt, und ein weiser Mann, ob Grieche oder Römer, war mir um viele tausend Male lieber als alle unsere ägyptischen, griechischen und römischen Halb- und Ganzgötter.
GEJ|10|168|2|0|Schon der große Kaiser Augustus hat dazu sehr viel beigetragen, dieses alte Götzentum nach Möglichkeit auszurotten, und hat dafür die rechten Wissenschaften selbst hochgeehrt und wohl verstanden, sich mit wissenschaftlichen Männern aus allen Ländern an seinem Hofe in Rom zu umgeben und den bekannten Dichter Ovid, der zur selben Zeit eine Art Götterlehre unter dem Namen ,Metamorphosen‘ geschrieben hat – zu welcher Arbeit ihn heimlich gegen gute Bezahlung die Priester veranlaßt hatten-, lebenslänglich von Rom verbannt.
GEJ|10|168|3|0|Und wie Augustus gesinnt war, so war auch sein Nachkomme gesinnt, unter dem ich geboren und erzogen wurde, und ich habe auch eben wegen meiner dem Kaiser wohlgefälligen antigöttischen Gesinnung in meiner Jugend schon eine solche namhafte Stellung, in der ich mich befinde, überkommen und zähle jetzt noch nicht einmal dreißig Jahre.
GEJ|10|168|4|0|Aber mit dem Hinwegwerfen aller unserer Götzen habe ich auch den Glauben der Unsterblichkeit der menschlichen Seele nach dem Tode – und ich meinte mit vollem Rechte – hinweggeworfen.
GEJ|10|168|5|0|Ich wurde darum zwar kein Epikureer dem Leben nach, aber desto mehr dem Glauben nach, der sich bei mir nicht nur durch das Lesen der Bücher vieler Weltweiser, sondern durch meine vielfache Erfahrung bis zur völligen Klarheit herausgebildet hatte.
GEJ|10|168|6|0|Ja, ich habe auch die Werke eines Sokrates und Plato mit vieler Aufmerksamkeit gelesen; aber ihre Beweise für das Fortleben der menschlichen Seele sind mit ihnen selbst verstummt, indem sie in der ganzen bekannten Natur keinen Widerhall fanden. Wäre es anders, so müßten diese immerhin hochschätzbaren Autoren ihrer Ideen, als in einer andern Welt fortlebend, ein sicheres Kennzeichen gegeben haben, daß sie eben nicht gestorben und vergangen sind, welches Zeichen für uns suchende und denkende Menschen sicher von großer Wichtigkeit gewesen wäre; denn ich meine, eine nach dem Tode fortlebende Seele sollte sich doch auch wenigstens um das bekümmern, daß ihre in ihrem Leibe hervorgebrachten geistigen Werke bei uns noch diesseits lebenden Menschen eine wünschenswerte Wirkung hervorbrächten.
GEJ|10|168|7|0|Allein diese großen, von aller Welt hochgeachteten Männer sind nach dem Gesetze der Weltnatur gestorben, und nach ihrem Leibestode haben sie nie auch nur ein leisestes Zeichen gegeben, daß das wahr sei, was sie gelehrt und behauptet haben! Aber desto mehr und sprechendere Beweise stellen sich jedem Menschen zu jeder Stunde des Tages dar für das Nichtfortbestehen des Lebens der Seele nach dem Tode des Leibes; denn was wir ansehen, besteht nur eine gewisse Zeit hindurch, ob etwas länger oder kürzer, das ist im Grunde eins.
GEJ|10|168|8|0|Was einmal gestorben und vergangen ist, das ist gestorben und vergangen und kommt als ganz dasselbe niemals wieder zum Vorschein. Eine Pflanze, die gestorben, verdorrt und verwest ist, düngt wohl den Erdboden; aber sie selbst kommt als ganz dieselbe niemals wieder zum Vorschein, und der da sagte, daß die Toten stumm sind und kein Lebenszeichen mehr von sich geben, hatte recht, und auch der hatte recht, der da sagte, daß alles Verstorbene noch aus den Gräbern der Verwesung die bedeutungsvollen Worte zuruft: ,Wir waren, wir sind vergangen und werden fürder nimmer sein – außer ein diese Erde auf eine kurze Zeit düngendes und vermehrendes Atom.‘
GEJ|10|168|9|0|Ich habe mich mit dieser der Wahrheit nach mit Händen zu greifenden Anschauung derart vertraut gemacht, daß ich nun nicht mehr die allerleiseste Furcht vor dem Tode besitze, sondern mich nur mehr nach ihm sehne; denn mein gegenwärtiges Bewußtsein sagt mir, daß hinter diesem meinem Dasein Ewigkeiten um Ewigkeiten vergangen sind, und ich habe nie ein Leid und eine Traurigkeit darum in mir empfunden, daß ich nicht ein fortwährender Augenzeuge der endlos langen Zeitläufe war.
GEJ|10|168|10|0|Das Schicksal und die Kräfte der Natur haben mich aber dennoch in ein mir selbst bewußtes Dasein gerufen, davon ich nie die Ursache und den Zweck erfahren konnte. Wahrscheinlich haben sie sich mit mir, so wie mit andern Geschöpfen, einen momentanen Bewunderer ihres Seins und Wirkens darstellen (schaffen) wollen. Aber was habe am Ende ich und was haben sie davon? Ist der Bewunderer nicht mehr, so ist mit ihm auch alles andere nicht mehr; denn ob eine Welt oder zahllose Welten mit ihren Wundern bestehen, für den bestehen sie nicht mehr und haben auch so gut wie niemals bestanden, der entweder selbst nie da war oder fürder nimmer dasein wird.
GEJ|10|168|11|0|Aus dem Grunde verachte ich das, was ich auf der Welt gefunden habe, zwar ganz und gar nicht; aber ich achte es auch so gut wie etwas ganz Nichtiges und Wertloses. Meinen größten Wert aber setze ich in das wirkliche, reelle, vollkommene Nichtsein; denn bin ich nicht, so denke ich auch nicht, will nichts und schaffe nichts, habe kein Bewußtsein, weder ein gutes noch ein schlechtes, und bleibe dadurch in Ewigkeit niemandes Schuldner, habe keine Gesetze zu beachten und keine Strafgerichte weder von seiten der Menschen, noch weniger von der Seite der nichtigen Götter zu befürchten.
GEJ|10|168|12|0|Siehe, Du außerordentlicher Herr und Meister, das war schon, von frühen Jahren angefangen, mein, wie auch meiner Eltern vollwahres Glaubensbekenntnis, zu dem wir aus der überall gleichsprechenden Natur die unwidersprechbaren Gründe und Beweise überkommen haben! Wer diese Grundsätze in seinem kurzen Wirkungsleben vollkommen beachtet, der wird auch ein ehrlicher Mensch bis zu seiner letzten Stunde verbleiben; denn er weiß, daß er ein vollkommenes Nichts ist, und weiß dann auch, daß alles ihn Umgebende mit ihm das gleiche Los teilt.
GEJ|10|168|13|0|Als ich mit solch meinen Glaubensgrundsätzen zu den Juden herüberkam, sie beten und Buße wirken sah, da mußte ich sie wahrlich bedauern, daß sie so kurzsichtig sind und allerlei ihre Gemüter entweder schwach beglückender, aber wohl dafür meist überstark verstörender Aberglaube bei ihnen wie unter den Heiden zu Hause sein müsse, dessen Schöpferin sicher, so wie bei allen Völkern der Erde, die Priesterschaft sein werde, die sich von den Menschen für ihren erfundenen Betrug wohl bedienen und ernähren läßt und sich dabei um ein anderwärtiges Heil der Menschen nicht im geringsten kümmert und sich dabei denkt: ,Hat euch einmal der Tod gefressen, dann habt ihr samt uns für ewig von allem zur Genüge!‘
GEJ|10|168|14|0|Ich wollte mich mit dem aber dennoch nicht begnügen und verschaffte mir der Juden Bücher, las sie mit vieler Aufmerksamkeit durch und muß offen gestehen, daß sie mir zu mystisch und unverständlich vorkamen. Das Beste an ihnen war, daß in ihnen nur von einem Gott die Rede ist, der sehr gut und gerecht sei; aber an verschiedenen Androhungen der jenseits zu erwartenden ewigen Strafen hat es ebensowenig einen Mangel wie in der uralten Mythenlehre der Ägypter, Griechen und Römer. Und ich legte die Bücher zur Seite und sagte auch: Ihr seid ebenso ein Werk der schwachen Menschen dieser Erde wie unsere Götzen, Götter und die vielen Bücher über sie, an denen die große Bibliothek zu Alexandria einen übergroßen Reichtum aufzuweisen hat.
GEJ|10|168|15|0|Großer Herr und Meister, das war bis zur Stunde mein Glaube; doch soeben jetzt in Deiner Gegenwart fühle ich zum ersten Male in mir – und zwar durch Deine Taten und wenigen Worte angeregt –, daß ich mich dennoch in einem Irrglauben befinde, und bitte Dich darum, Du wollest mir ein rechtes Licht geben, besonders über den Punkt, was Du mit Deiner Auferweckung zum ewigen Leben an einem gewissen Jüngsten Tage der vollsten Wahrheit nach gemeint hast!“
GEJ|10|169|1|1|169. — Die materialistische Kritik des Oberstadtrichters an der Entwicklung des Menschen
GEJ|10|169|1|0|Sagte Ich: „Derlei Gläubige, wie du einer bist, habe Ich schon viele bekehrt, denn sie sind Mir um vieles lieber als die Irr- und Abergläubigen, – und so werde Ich auch mit dir leicht und bald zurechtkommen. Doch jetzt kommen die Fische! Nach dem Abendmahl werde Ich mit dir darüber ein Weiteres sprechen.“
GEJ|10|169|2|0|Als Ich solches zu dem Oberstadtrichter gesprochen hatte, da wurden auch schon die Fische, bestens bereitet, in mehreren größeren Steinschüsseln in das Gastzimmer gebracht, nebst allem Tischgerät, das zum leichteren Verzehren solch eines Abendmahles nötig ist. Wir nahmen alsbald jeder einen Fisch auf den Teller und verzehrten ihn auch bald, da er ganz nach Judenart bereitet war und man beim Essen mit dem Auslesen der Gräten nichts zu tun hatte.
GEJ|10|169|3|0|Dem Oberstadtrichter schmeckte der Fisch so gut, daß er sich noch einen auf den Teller legte. Und als er auch diesen verzehrte, sagte er (der Oberstadtrichter): „Großer Herr und Meister, das Leben hat doch auch etwas Angenehmes, was der Tod selbstverständlich nicht haben kann, und das Angenehme besteht darin, daß man dann und wann das Glück hat, unter guten und weisen Freunden sich zu befinden und zweitens bei appetitvollem Magen mit einer wohlschmeckenden Speise und darauf mit einem Becher wohlschmeckendsten Weines sich zu stärken.
GEJ|10|169|4|0|Ja, unter solchen Umständen möchte der Mensch freilich lieber ewig fortleben, als sich nach einem kurzen Dasein von einem allzeit elenden und schmerzhaften Tode erwürgen zu lassen, in welcher Hinsicht ich mit der gesamten Natur und ihren stets gleich wirkenden Kräften noch niemals einverstanden war und sein konnte.
GEJ|10|169|5|0|Weil der Mensch schon einmal sterben muß, so könnte er ja auch auf eine angenehme und sein ganzes Wesen süß entzückende Weise sterben; aber nein, er muß für das bißchen zumeist sehr kummervolle Dasein am Ende noch auf das unbarmherzigste und schmählichste gemartert werden, bis er endlich von seiten irgendeines allwaltenden Schicksals der hohen Gnade gewürdigt wird, für alle ewigen Zeiten zu sein aufzuhören.
GEJ|10|169|6|0|Diese Einrichtung in der sonst so wundervollen Natur ist wahrlich ein Etwas, das jedem biederdenkenden Menschen als im höchsten Grade widerwärtig, verächtlich und verwerflich erscheinen muß, sogar dem, der irgendwie noch nach einem wohlverwahrten Aberglauben in seinem Fleische an eine ewige Lebensfortdauer seiner armen Seele glaubt; es wäre ihm gewiß auch lieber, einen angenehmeren Abschied von dieser jammervollen Welt zu nehmen, als einen solchen, wie er gewöhnlich besteht!“
GEJ|10|169|7|0|Sagte Ich: „So bist du ein scharfer Schöpfungskritiker und mit der Einrichtung aller bestehenden Lebensverhältnisse auf dieser Erde gar nicht zufrieden? Was ist dir denn nebst dem, was du schon bekrittelt hast, noch nicht recht?“
GEJ|10|169|8|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Aber, großer Herr und Meister, wenn ich da alles bekritteln wollte, was mir mit dem besten Rechtsgrunde in der Einrichtung dieser Welt nie möglich als recht und billig erscheinen kann, da hätte ich ein ganzes Jahr lang zu reden! Aber ich will mich als Rechtsfreund ganz kurz fassen und nur einige Hauptsachen berühren; alles andere läßt sich dann ohnehin von selbst denken.
GEJ|10|169|9|0|Siehe einmal die elende Geburt des Menschen, der gewisserart als Krone der schöpferischen Eigenschaften der Naturkräfte besteht! Warum ist denn seine Geburt und sein Auftreten in der Welt nicht wenigstens ein derartiges wie das der Tiere und namentlich der Vögel in der Luft, die wenige Tage nach ihrem Auftreten in dieser Naturwelt schon zum vollen Gebrauch ihrer Lebenskräfte gelangen und sich derselben nahezu bis an ihr Ende zu erfreuen haben?
GEJ|10|169|10|0|Aber nein, der Mensch muß elender als jegliches Tier in diese Welt gelangen, nackt, ohne Kräfte, unbehilflich wie irgendein auf dem Wege liegender Stein!
GEJ|10|169|11|0|So seine Eltern nicht durch eine Art instinktmäßige Liebe gezwungen wären, den neuen Weltbürger so lange zu pflegen, bis er nur das Glück hat, so eine Art Halbmensch zu werden, so wäre es um das Dasein und Fortbestehen eines jeden in diese Welt geborenen Menschen derart geschehen, daß er nach der Geburt nicht zwei Tage lang das Leben fristen könnte.
GEJ|10|169|12|0|Ich will aber da noch die Pflege eines neugeborenen Kindes von seiten seiner Eltern ein, zwei bis drei Jahre lang mir gefallen lassen; aber oft über zwölf, ja manchmal über zwanzig Jahre hinaus, bis das Kind durch alle Sorgfalt seiner Eltern dahin gebracht wird, sich endlich in der Welt selbst fortbringen zu können, ist wahrlich zu viel und auch zu dumm und macht der schöpferischen Eigenschaft der wirkenden Naturkräfte unmöglich eine Ehre, sondern in allem das Gegenteil.
GEJ|10|169|13|0|Hat sie den Menschen keine bessere Entstehung zu verleihen vermocht, so hätte sie mit der Hervorbringung derselben wohl für ewige Zeiten daheimbleiben können; denn dadurch hat sie sich wenig Lob bei der gebildeten Menschheit auf der Welt erworben. Ich will aber diesen großen Unfug der schöpferischen Natur nun nicht gar zu großartig beanstanden.
GEJ|10|169|14|0|Hat diese Natur schon einmal um jeden Preis auf dieser Erde in der Gestalt des Menschen ein denkendes und seiner selbst bewußtes Wesen haben wollen, aus dem Grunde, damit dieses Wesen seinen Schöpfer erkenne, Ihn lobe und Ihm die Ehre gäbe, so hätte sie oder dieser Schöpfer für den Menschen einen solchen Bestandspunkt festsetzen sollen, in welchem der Mensch es in seinem Denken wenigstens so weit wie ich gebracht hätte; dann hätte er in eine unzerstörbare Festigkeit eintreten sollen und in dieser also weise, stark und gesund fortbestehen, gleichwie auch die Erde in allen ihren Hauptteilen wenig verändert fortbesteht, und so der Mond, die Sonne und die andern Sterne.
GEJ|10|169|15|0|Aber nein, der Mensch erreicht zwar etwa nach dreißig oder längstens vierzig Jahren wohl einen ähnlichen Standpunkt – wenn überhaupt seine ursprünglichen Lebenskräfte danach eingerichtet sind, was aber zu einer Seltenheit gehört, da beinahe die meisten Menschen glücklicherweise schon als Kinder wieder dahin zurückkehren, woher sie gekommen sind. Der in allem stark gewordene Mensch fängt aber bald nach seinem obersten Lebensstandpunkte mehr oder weniger zu siechen an, und hat er das Glück, etwa gar siebzig, achtzig oder neunzig Jahre alt zu werden, so ist er darum nicht zu beneiden; denn solch ein Alter ist kein Leben mehr, sondern nur eine stets kompliziertere Krankheit, die ihn nach und nach, so wie jeden andern Menschen, zum Tode und zum Nichtsein befördert.
GEJ|10|169|16|0|Wozu das? Wie kann einer irgend schöpferischen, weisen Kraft das als gut, gerecht und zweckdienlich vorkommen, was doch jede nur einigermaßen geweckte menschliche Vernunft als unweise und unzweckmäßig verwerfen und als etwas Böses, Arges und Rechtswidriges verdammen muß?
GEJ|10|169|17|0|Mein lieber großer Herr und Meister, das ist mein Hauptgrund, auf dem bauend ich auch jeden andern Schöpfungs- und Hervorbringungsgrund der schöpferischen Natur im gleichen Maße als verwerflich und als völlig unweise erklären muß, und ich muß noch am Ende diejenigen Menschen loben, die sich in einen allerfinstersten Aberglauben haben hineinlullen lassen; denn sie finden in demselben einen seligen Vergeltungsgrund für alle ihre auf dieser Welt ausgestandenen bitteren Leiden.
GEJ|10|169|18|0|Aber selbst diese nach dem Leibestode zu erwartende Seligkeit ist unter derartige Zwang- und Trugschrauben gestellt, daß einem ehrlichen Menschen über die Bedingungen, wie man zu einer solchen Seligkeit gelangen kann, das Hören und Sehen vergeht, weil dabei die Möglichkeit des Nichterlangens eine überaus breite Straße bildet, die Möglichkeit des Erlangens aber auf einen so steilen, schmalen und dornigen Pfad gestellt ist, daß man am Ende schon lieber gar nicht selig werden wollte, als sich das lebenslange Emporklimmen unter allen Torturen und Foltern des Lebens gefallen zu lassen.
GEJ|10|169|19|0|Und jetzt, Herr und Meister, habe ich ausgeredet in meiner echt römischen und stadtrichterlichen Weise, und nun wolle Du die Güte haben, mir etwas Besseres zu sagen, als ich Dir zu sagen imstande war!“
GEJ|10|170|1|1|170. — Einige Denkfragen des Herrn an den Oberstadtrichter
GEJ|10|170|1|0|Sagte Ich: „Ja, Mein lieber Oberstadtrichter! Du hast als Weltrichter ganz wohl gesprochen, und die Sache kann einem bloß weltklugen Menschen, wie du einer bist, auch nicht anders erscheinen und vorkommen als dir! Aber dessenungeachtet bist du in der Hinsicht, was das Leben der Menschen und aller andern Kreatur betrifft, in einer ungeheuer dicken Irre.
GEJ|10|170|2|0|Nach dem Schein zu urteilen, der aber allzeit trügt, hättest du freilich wohl recht, aber nach der inneren Lebenswahrheit durchaus nicht; denn alles, was du auf der Welt schon als lebend erblickst, ist in der Sphäre seines Lebens tausendmal unzerstörbarer als alles, was du dir als unzerstörbar denken kannst.
GEJ|10|170|3|0|Dein Hauptgrundsatz geht auf das hinaus, daß du der Seele eines Menschen nach dem Abfalle ihres Leibes kein Fortbestehen mehr einräumst.
GEJ|10|170|4|0|In diesem Punkte könnte Ich dich mit einer einzigen Erscheinung aus dem Gebiet des Jenseits in einen ganz entgegengesetzten Glauben versetzen; allein dazu haben wir noch Zeit, – Ich will dich vorerst auf einem andern Wege zu einer ganz andern Überzeugung bringen!
GEJ|10|170|5|0|Ich werde dir nur ganz kurze Fragen stellen, die du leicht beantworten wirst, und eben solche deine Antworten werden dich bald zu einer andern Ansicht über die Weisheit des Schöpfers bringen, und du wirst dann selbst über deine gegenwärtigen Urteile zu lachen anfangen müssen.
GEJ|10|170|6|0|Sage Mir, Mein lieber Freund, hast du je in deinem Leben schon einmal gesehen und erlebt, daß so ein rechter Haupttrottel von einem Menschen, der kaum reden kann und noch viel weniger schreiben, rechnen und zeichnen – daß ein solcher Mensch wohl imstande ist, einen Plan zu entwerfen, nach dem eine alle Welt ins Erstaunen setzende kaiserliche Burg unter seiner persönlichen Leitung erbaut werden könnte?
GEJ|10|170|7|0|Du sagst in dir: ,Nein, der Baumeister muß mit allen Kenntnissen dazu wohl ausgerüstet sein, ohne welche er unmöglich eine großartige kaiserliche Burg herzustellen imstande ist!‘
GEJ|10|170|8|0|Siehe, Freund, hieraus mußt du zu dem Schlusse kommen, daß derjenige Mensch oder Gott unmöglich dümmer sein kann wie ein solcher Trottel, dessen Ich Erwähnung machte, ob er eine kaiserliche Burg zu erbauen imstande sei!
GEJ|10|170|9|0|Eine großartige kaiserliche Burg ist zwar auch ein staunenswürdiges Werk und macht seinem Meister sicher Ehre; meinst du aber nicht, daß die Erbauung einer ganzen Welt, wie es die Erde ist, noch sehr bedeutend mehr Weisheit und Kraft erfordert als die einer noch so majestätisch kunstvollen kaiserlichen Burg?
GEJ|10|170|10|0|Du sprichst abermals in dir: ,Allerdings!‘ Heiße die Kraft, wie sie wolle, die eine ganze Welt wie die Erde ins Dasein gesetzt hat mit allem, was auf ihr, über ihr und in ihr ist, so muß sie im vollen Bewußtsein ihrer schöpferischen Kraft und durchgreifenden Erkenntnis bestanden haben und noch immer fortbestehen, indem ohne ihr Fortbestehen ihr Werk, so wie das eines Menschen, nur zu bald zu einer vollkommenen Ruine werden müßte.
GEJ|10|170|11|0|Hat aber diese schöpferische Kraft im vollsten Großbesitz ihrer Weisheit ein so großartiges Werk hervorbringen können, so wird sie wohl nicht minder weise gewesen sein bei der Hervorbringung der scheinbar kleinen Werke auf einem solchen Weltkörper. Oder hast du schon einmal gesehen, daß das, was in sich vollkommen tot und nicht ist, ein Leben außer sich ins Dasein rufen kann?
GEJ|10|170|12|0|Du sprichst: ,Nein, so etwas ist undenkbar und sogar logisch unmöglich!‘
GEJ|10|170|13|0|Gut, sage Ich dir; meinst du wohl, daß dazu weniger erforderlich ist, um den kleinsten Wurm ins Dasein und Leben zu rufen, als eine ganze Erde, den Mond und die Sonne?
GEJ|10|170|14|0|Ich sage es dir: So du das einfachste Würmchen ins Lebensdasein zu rufen imstande bist, da bist du auch ebensogut imstande, eine ganze Erde, den Mond und die Sonne, sowie die andern Gestirne ins Dasein zu rufen! Denn die sichtbare, körperliche Lebensmaschine eines noch so unbedeutenden Würmchens ist in ihrem organischen Bau so kunstvoll, daß du dir darüber nicht den allerleisesten Begriff machen kannst; und wäre diese äußere Lebensmaschine nicht so kunstvoll und weise eingerichtet, wie könnte man in dieselbe ein substantielles Seelchen setzen und dieses sich dann der Lebensmaschine zu seiner weiteren Entwicklung bedienen?
GEJ|10|170|15|0|Und wenn derjenige, der das Würmchen ins Dasein ruft, nicht selbst ein vollkommenster Herr aller Kräfte und alles Lebens wäre, – wie könnte er eine solche Maschine beleben? Und so er selbst nicht nur ein Herr aller Kräfte und alles Lebens, sondern unbedingt das ewige Leben selbst wäre, – wie könnte er das Würmchen selbst beleben?“
GEJ|10|171|1|1|171. — Über das Wirken der Kräfte
GEJ|10|171|1|0|(Der Herr): „Hast du schon in deinem Leben je einmal eine wirkende Kraft gesehen?
GEJ|10|171|2|0|Du sagst: ,Mitnichten! Die Kräfte sieht und fühlt man zwar immer wirken, – aber sie selbst zu sehen, ist noch niemandem geglückt. Wir sehen wohl, daß große Stürme und Orkane eine große Gewalt ausüben, – worin aber diese Kraft und Gewalt besteht, das wissen wir nicht. Es muß uns Menschen auch eine gewisse Kraft an den Boden der Erde fesseln, ansonst könnten wir uns ja auch, wo wir nur wollten, ohne Anstand frei in die Luft erheben, – was aber nicht der Fall ist, wie uns die tägliche Erfahrung lehrt. Diese Kraft wirkt in einem fort; aber noch keines Menschen Auge hat je gesehen, wie sie aussieht, und wie sie wirkt.‘
GEJ|10|171|3|0|Gut; nun weiter frage Ich dich, ob du schon je einen Träger gesehen hast, der das Licht von der Sonne bis zu dieser Erde herabbringt! Oder hast du schon das Band gesehen, mit welchem die Weltkörper derart miteinander verbunden sind, daß sie sich gleichfort in den gleichen Distanzen um ihre größeren Weltkörper bewegen müssen? Oder hast du schon einmal jene Kräfte gesehen, welche in den Pflanzen wie in den Tieren wirken und allerlei produzieren?
GEJ|10|171|4|0|Siehe, das sind dir alles weltfremde Dinge, lauter Fragen, die du dir an der Seite deiner Rechtsphilosophie schon lange hättest geben können, und auf die du vielleicht auch schon irgendeine viel gescheitere Antwort bekommen hättest, denn auf deine philosophisch kritischen Rechtswitzeleien!
GEJ|10|171|5|0|Siehe, keine noch so kunstvoll konstruierte Lebensmaschine kann aus mehrfachen Gründen für eine ewige Dauer geschaffen werden; denn solche dauerhaften materiellen Lebensmaschinen erschaffen, hieße für den Schöpfer, Sich Selbst in unendlich viele Teile zerteilen, nach und nach schwächer und schwächer werden und sich des weiteren Schöpfens unfähig machen!
GEJ|10|171|6|0|So Er aber eine Lebensmaschine nur zu dem Behufe schafft, auf daß sich ein Funke Seines Urlebens für die eigene gottähnliche Freiheit und Selbständigkeit stärke und festige, dann die Lebensmaschine ablege und sich durch die Liebe und Weisheit in ihm vollkommen einige, so geht dadurch von dem urschöpferischen Grundleben nicht nur nichts verloren, sondern der Schöpfer und das Geschöpf gewinnen dadurch Unendliches, für dich jetzt freilich Unbegreifbares.
GEJ|10|171|7|0|Wenn du aber in deiner Seele in dem wahren Geiste Gottes wiedergeboren wirst, so wird dir das klarwerden, wie die Liebe Gottes durch die Liebe Ihrer Kinder zu Ihr in Sich stets mächtiger wird, und ebenso auch die Liebe Gottes in den Kindern.
GEJ|10|171|8|0|Gott aber war von Ewigkeit ein reinster und vollkommenster Geist und kann daher nichts anderes wollen, als daß mit der Zeit alle Seine Geschöpfe auf den vom Schöpfer vorgesehenen Wegen wieder das werden, was Er Selbst ist, – nur mit dem Unterschied, daß sie vor ihrer gewisserart materiellen Ins-Dasein- Rufung nichts anderes waren als pure große Gedanken und Ideen des Schöpfers, die Er dann mit den Zeiten der Zeiten mit der Macht Seines Willens gewisserart wie außer Sich als für sich bestehend hinausstellte und ihnen eine Umhülsung gab, innerhalb welcher sie sich nach und nach selbst mehr und mehr beschauen und erkennen mußten und den Sinn für die Selbständigkeit und für die Freiheit in sich durch Meine sie dennoch noch immer durchdringende Kraft erkeimen lassen mußten.
GEJ|10|171|9|0|Freund, wenn solch ein Keim nicht auch in dir bestünde – von dem du als äußerer Sinnenmensch freilich wohl nichts weißt –, so würdest du dem Schöpfer deine Vorwürfe nicht gemacht haben; denn nur der unzerstörbare Lebenssinn in dir hat dich, dir unbewußt, dazu aufgefordert, und Ich bin darum auch hauptsächlich deinetwegen in diese Gegend gekommen, um dir mit Wort und Tat zu zeigen, wie weit und tief du dich noch hinter dem Lebens- und Lichtpfeiler befindest! Und nun haben wir vorderhand gegenseitig an den Worten zur Genüge und wollen deinetwegen auch zu einigen Tatsachen übergehen.“
GEJ|10|172|1|1|172. — Der Verkehr mit den Jenseitigen. Die innere geistige Sehe.
GEJ|10|172|1|0|(Der Herr): „Du hast behauptet, daß man mit den Menschen, die einmal verstorben sind, keine Rücksprache mehr führen könne; allein da bist du sehr irrig daran.
GEJ|10|172|2|0|Menschen deiner Art ist das wohl nicht leicht möglich; denn sie sind von Anbeginn zu diesweltlich gebildet, haben mit allem möglichen wohl ihre natürliche Seh- und Begriffskraft geschärft, aber dadurch auch in den Hintergrund gestellt ihre innere geistige Sehe. Denn es geht ihnen mit dieser inneren geistigen Sehe ungefähr ebenso wie einem Menschen, der an seinem Hause gläserne Fensterscheiben angebracht hat. Er befindet sich aber außerhalb des Hauses und vernimmt auf einmal ein tüchtiges Geräusch im Hause. Er eilt demnach zu einem Fenster hin und will in das Innere des Hauses sehen; aber trotz aller seiner Anstrengung kann er nahezu gar nichts entdecken, denn des Tages Widerschein aus den Fensterscheiben hindert ihn daran. Wenn er denn weiter die Ursache des inneren Geräusches erfahren will, so bleibt ihm nichts anderes übrig, als das Haustor und alle Nebentüren aufzumachen und hineinzugehen, um nachzusehen, was die Ursache des Geräusches war; oder er muß eine Fensterscheibe durchstoßen, und tut es sich mit einer nicht, auch mehrere, um dann ins Haus wirkungsvoller hineinsehen zu können, was etwa das Geräusch verursacht habe.
GEJ|10|172|3|0|Hätte sich der betreffende Hausherr im Moment des vernommenen Geräusches statt außerhalb des Hauses im Hause selbst befunden, so wäre er auch eher und leichter auf den Grund des vernommenen Geräusches gekommen; da er sich aber außerhalb befand, so konnte er in dem Augenblick nicht gegenwärtig sein, als das Geräusch geschah, sondern erst später, und das in jeder Beziehung unvollkommener, weil die Ursache samt der Wirkung sich schon verloren hatte. Er mußte dann lange alle Winkel im Innern des Hauses mühsam durchsuchen und am Ende ein zerbrochenes Geschirr finden, von dem er dann mutmaßen mußte, daß es durch irgendeine Bewegung von der Höhe hinab auf den Boden gestürzt sei, dabei zerbrach und den Lärm verursachte. Aber dennoch hat er selbst über diese Annahme keine volle Gewißheit, weil das zerbrochen gefundene Geschirr wohl auch schon früher hatte zerbrochen werden können, – daher seine Annahme dessenungeachtet keine Gewißheit, sondern nur eine Vermutung ist, und das alles bloß darum, weil er im Moment des vernommenen Geräusches sich nicht innerhalb, sondern außerhalb seines Hauses befand.
GEJ|10|172|4|0|Und siehe, durch dieses Bild will Ich dich darauf aufmerksam machen, wie ein Mensch, der bloß äußerlich verstandesmäßig gebildet ist, von dem, was in ihm geistig vor sich geht, entweder gar nichts oder nur sehr weniges und Unbestimmtes vernehmen und begreifen kann!
GEJ|10|172|5|0|Der Leib ist der Seele Haus und der Geist in ihr dazu von Gott aus gegeben, daß er die Seele in allem unterweise und erwecke, was da geistig ist, und sie mit demselben auch in Verkehr setze.
GEJ|10|172|6|0|Wie kann aber der Geist das, wenn die Seele im Vollbesitze ihres freien Willens sich zuallermeist nur außerhalb des Hauses befindet und sich erquickt und erlabt am Weltlichte? Durch dieses aber wird sie derart geblendet und betäubt, daß sie dann nichts mehr sieht und wahrnimmt, was in ihrem Hause vor sich geht.
GEJ|10|172|7|0|Mit der Zeit, so sie etwas gemahnt, will sie sich freilich in ihrem Hause umsehen und wird sehr bekümmert um dasselbe; sie findet es schon hie und da schadhaft, will es ausbessern und haltbar machen und vereinigt sich dann endlich selbst mit der Materie ihres inneren und äußeren Wohnhauses.
GEJ|10|172|8|0|Sie sucht dann freilich den Geist in ihrem Hause, der sie durch einen dann und wann veranstalteten Lärm im Wohnhause zu sich ins Haus rufen wollte; aber oft überhörte sie solchen Lärm vor lauter Weltgetümmel. Dann und wann machte sie wohl einen flüchtigen Blick in das Innere ihres Hauses, fand aber nur weniges und Unzuverläßliches und kehrte sich dann bald wieder nach einer kleinen Untersuchung nach außen, wo es ihr besser gefiel als in den dunklen Gemächern ihres Hauses, in denen sie darum nichts Entschiedenes mehr auffinden konnte, weil ihre Sehe vom Außenlicht zu geblendet und ihr inneres Vernehmvermögen von dem lauten Weltgetümmel zu übertäubt war.
GEJ|10|172|9|0|Da gibt es aber hie und da, den Kindern ähnlich, furchtsame Seelen, die sich vor dem Weltlicht und dem Weltgetümmel fürchten. Diese bleiben dann lieber im Hause und unterhalten sich mit dem, was sich im Hause befindet. Geschieht nun ein Lärm, so können sie gar wohl von innen nach außen durch die durch ein äußeres Licht ungeblendeten Fensterscheiben schauen und bald und leicht dahinterkommen, was den Lärm verursacht hat, und können von mancherlei, was auch im Hause geschieht, sicher richtiger und eher innewerden als diejenigen, die sich außerhalb des Hauses befinden.
GEJ|10|172|10|0|Also ist das geistige Seh- und Hörvermögen stets innerhalb des Menschen und nie außerhalb in seinen weltlichen Sinnen. Wenn du demnach mit einer oder der andern Seele dich besprechen und sie sehen möchtest, so kann das nur in dir, nie aber außer dir bewerkstelligt werden.
GEJ|10|172|11|0|Wärest du mehr in dir zu Hause geblieben, so hättest du schon lange dieselben Lebenserfahrungen gemacht wie gar viele andere, die dir davon wohl erzählten, deren Erzählung du aber stets für eine leichtgläubige Selbsttäuschung erklärtest, und du hast dich dadurch auch stets mehr und mehr nur außer deinem Hause aufgehalten und nur sehr selten einen flüchtigen Blick in dasselbe geworfen, wo es dich denn allzeit mehr und mehr geärgert hat, weil du infolge der Überblendung deiner inneren Sehe durch das äußere Weltverstandeslicht immer weniger und schlechter ausnehmen konntest, was sich in deinem Lebenshause vorfand, und du hast dich dadurch selbst gestraft, indem du mit deinem äußeren Weltlicht den ewigen Tod und das ewige Nichtsein als die größte Wohltat für ein einmal in ein selbstbewußtes Dasein gerufenes Wesen ansahst und noch ansiehst.
GEJ|10|172|12|0|Siehe aber, Ich habe als ein wahrer Herr des Lebens die Gabe, dich in dein Inneres zurückzuführen und auf einige Momente deine innere Sehe zu stärken, und du wirst dich dann alsogleich überzeugen, was es mit dem Fortbestehen der Seele nach ihres Leibes Tod für eine Bewandtnis hat!
GEJ|10|172|13|0|Sage Mir, wen aus deiner früheren Zeit du nun sehen und sprechen willst, und er wird im Augenblick kommen und dir Rede und Antwort geben, und du wirst ihn auch als den erkennen, als den du ihn bei seinen Lebzeiten gekannt hast!“
GEJ|10|173|1|1|173. — Eine Geistererscheinung
GEJ|10|173|1|0|Und der Oberstadtrichter sagte: „So lasse mich meinen Vater sehen und sprechen, der schon vor zwölf Jahren verstorben ist und ich um ihn auch sehr viel getrauert habe, weil er mir ein überaus lieber und biederer Vater war!“
GEJ|10|173|2|0|Sagte Ich zum Oberstadtrichter: „Dir geschehe nach deinem Wunsche!“
GEJ|10|173|3|0|Und siehe da, in demselben Augenblick stand der Vater des Oberstadtrichters, allen Anwesenden sichtbar, im Gastzimmer.
GEJ|10|173|4|0|Und der Sohn erkannte ihn auch alsogleich und sagte zu ihm: „Also lebst du wirklich nach dem Tode deines Leibes fort?“
GEJ|10|173|5|0|Sagte der Vater: „Du glaubst wohl nun, weil ich dir also zu erscheinen durch die Macht Dessen, der bei dir ist, genötigt worden bin, und du siehst mich nun, weil dir Dieser deine innere Sehe eröffnet hat; warum glaubtest denn du deiner noch lebenden Mutter und deinen drei Geschwistern nicht, die mich bald nach meinem Hintritt gesehen und gesprochen haben und ich ihnen mit kurzen Worten eröffnete, daß es mit dem Leben der Seele nach dem Tode des Leibes ganz anders aussieht, als die Menschen in diesem kurzen Erdenleben davon, so oder so, urteilen?
GEJ|10|173|6|0|Am übelsten für diese kurze Lebenszeit sind diejenigen daran, die an ein Fortleben der Seele nach dem Abfalle des Leibes gar nicht glauben; denn sie behalten den Glauben, den sie von hier mitgenommen haben, jenseits noch lange fort und erwarten noch immer die ewige Vernichtung, die aber nimmer erfolgen kann und will.
GEJ|10|173|7|0|Und infolge solch ihres Irrglaubens sind sie auch faul und träge, für ihr jenseitiges Weiterkommen etwas zu unternehmen, und so leben sie jenseits noch – wie ich solches schon erfahren habe – oft ein paar tausend Jahre hindurch und lassen sich von ihrem unsinnigen Glauben selbst durch die lichtesten Geister nicht abwendig machen. Siehe daher du, mein Sohn, zu, daß du nicht in einem solchen Irrglauben aus der Welt scheidest!“
GEJ|10|173|8|0|Hierauf sagte der Oberstadtrichter: „Wahrlich, Vater, du bist es! Denn du hast nun dieselben Worte zu mir gesprochen, welche du zu der Mutter und meinen Geschwistern gesprochen hast, die ich mir denn auch aufgezeichnet habe und noch als ein Heiligtum bei mir aufbewahre, obschon ich an sie bis jetzt nur einen kleinen Glauben hatte. Ich wollte dich auch selbst sehen und sprechen; aber mir wollte dieses Glück nicht zuteil werden.“
GEJ|10|173|9|0|Darauf sagte zu ihm der Vater: „Wie hätte denn dieses auch geschehen können? Denn wie oft ich auch zu dir kam, warst du nie zu Hause und hattest immer zu tun in der Außenwelt und ihrem Lichte, und da ist es für uns unmöglich, jemandem zu erscheinen und ihn zu belehren; denn wir sind nun in unserem Sein nicht mehr die Erscheinung, bewirkt durch eine andere Kraft, und sind demnach die Kraft selbst, die innerlich in allen Elementen wirkt, die der sinnliche Mensch wohl erschauen kann, – aber die wirkende Kraft, als das eigentliche, wahre Sein in sich selbst, kann ein äußerer, dir gleicher Weltmensch ebensowenig erschauen wie jede andere in der materiellen Welt wirkende Kraft, – er müßte denn nur in sein wahres Sein in sich zurückkehren, dadurch seine innere Sehe erschließen, und er würde dann auch des wahren Seins der wirkenden Kräfte gewahr werden, sie in ihrem wahren Sein beschauen und sich mit ihnen auch in Verkehr setzen können!“
GEJ|10|174|1|1|174. — Erlebnisse im Jenseits
GEJ|10|174|1|0|Hierauf fragte der Oberstadtrichter den Vater: „Wo ist denn der Ort, wo du dich aufhältst, und wie sieht er aus?“
GEJ|10|174|2|0|Sagte der Vater: „In unserem Reiche gibt es gar keinen Ort, von dem man sagen könnte: ,Siehe hier, oder dort ist er, und so sieht er aus, und so ist er beschaffen!‘; denn bei uns ist ein jeder der Ort, den er bewohnt, für sich selbst, und das Aussehen und die Beschaffenheit des Ortes entspricht in allem und jedem der inneren Beschaffenheit des Menschen.
GEJ|10|174|3|0|Ich bin nun nach irdischer Rechnung doch schon eine solche Zeit drüben, in der man doch etwas Besonderes sehen und erfahren kann; aber ich habe bis jetzt noch nichts gesehen, was dem irgend gleichkäme, was man in dieser Welt vom Jenseits geglaubt, gemeint und gefabelt hat. Ich suchte den Fluß Styx und seinen Schiffer Charon und fand keines von beiden. Ich hatte schon eine Weile Tartarusangst vor einer Furie oder vor den drei unerbittlichen Richtern Minos, Äakus und Rhadamantus – allein, nichts von allem dem! Ich wollte das Elysium aufsuchen, ging weit und breit wie in einer großen Sandsteppe umher, und siehe, es wollte sich auch kein Elysium finden lassen, – kurz, ich sah und fand außer mir nichts und niemanden außer mich selbst und den sehr lockeren Boden, auf dem ich mich befand.
GEJ|10|174|4|0|Etwa nach ein paar Jahren meines Suchens – nach diesirdischer Zeitrechnung –, in welcher Zeit ich noch immer diese endlose Sandsteppe nach allen Richtungen hin durchzog, entdeckte ich in einer ziemlich bedeutenden Ferne endlich doch jemanden, der sich ganz in demselben Zustande zu befinden schien, in dem ich mich befand. Ich ging schnellen Schrittes auf diesen Jemand zu und war bald vollends bei ihm.
GEJ|10|174|5|0|Als ich zu ihm kam, fragte ich ihn sogleich, sagend: ,Du scheinst dich eben auch in einem mir ähnlichen Zustande zu befinden! Unter den Füßen nichts als eine unendlich fortzudauern scheinende Fläche Sandes, über dem Haupte ein mehr dunkel- als lichtgraues Genebel, und man sieht sonst nichts als sich selbst und seine in den Sand eingedrückten Tritte. Es geht auch kein Wind, und von einem Wasser oder einem andern Objekte ist gar keine Rede. Bei zwei Jahre irdischer Rechnung irre ich in dieser Sandwüste umher und finde auch nichts, davon man sich sättigen und einen allfälligen Durst stillen könnte. Ich weiß, daß ich das Zeitliche verlassen habe und als eine wahrlich arme Seele in dieser Wüste umherwandere, was mir schon wirklich im höchsten Grade unangenehm ist. Ich habe mir die größte Mühe gegeben, hier in dieser sein sollenden Geister- oder Seelenwelt alles das aufzusuchen und aufzufinden, an das ich in der Welt so halbwegs geglaubt habe, aber nichts von allem - - -.
GEJ|10|174|6|0|Du bist nun nach zwei Jahren die erste mir ähnliche Erscheinung. Weißt du mir vielleicht zu sagen, was man hier tun und anfangen soll, um denn doch endlich einmal einen Ort zu finden, in welchem so halbwegs zu bestehen wäre? Denn ich bin des Suchens in dieser weiten Sandsteppe schon müde geworden und habe wahrlich keine Lust mehr, weitere Schritte vor- und rückwärts zu machen!‘
GEJ|10|174|7|0|Darauf sagte der mir ähnlich Scheinende und sich in gleichen Zuständen Befindende: ,Ja, mein Freund, wie dir, so geht es gar zahllos vielen in diesem Reiche, die das, was du suchst, schon viele Jahrhunderte lang suchen! Wenn du hier etwas finden willst, so mußt du es nicht so anstellen, wie auf der materiellen Welt, in der man alles nur außer sich sucht. Wer hier das tut, der findet ewig nichts! Denn hier gibt es außer ihm keinen Ort und keine Gegend mehr, und würde er diese auch auf allen Punkten des unendlichen Raumes irgend finden wollen.
GEJ|10|174|8|0|Du mußt also mit deinen Sinnen, mit deinem Trachten und Wollen in dich selbst zurückgehen und in dir selbst zu suchen, zu denken und zu formen anfangen, dann erst wirst du einen Ort finden, der deinem Denken, Formen, Wollen und deiner Liebe entsprechen wird! Daher tue, als sähest du diese Sandsteppe nicht, wie auch nicht das Graugenebel über dir, sondern begib dich in die Phantasie deines inneren Gemütes, so wird sich vor dir bald alles anders gestalten! Ich habe mich darum von dir finden lassen, um dir solches zu verkünden.‘
GEJ|10|174|9|0|Auf diese Worte verließ mich der Jemand plötzlich wieder und ließ mich auf meiner Sandsteppe stehen. Ich beherzigte seine Worte und fing an, in mich zu gehen und so recht lebhaft zu denken, und zeichnete mir in meiner Phantasie so gut es ging eine Gegend und einen Ort, – und siehe da, es währte gar nicht lange und ich ersah bald meine Phantasie vor mir tatsächlich ausgebreitet.
GEJ|10|174|10|0|Sie bestand in einem Tal, das von einem Bache durchfurcht war. Links und rechts befanden sich Wiesen und auch Bäume und Sträucher, und in einiger Entfernung entdeckte ich auch einen Ort, bestehend aus niedrigen Bauernhütten, worauf es mir vorkam, daß ich diesem Orte näherkommen sollte.
GEJ|10|174|11|0|Ich dachte mir aber: ,So ich wieder werde zu gehen anfangen, da werde ich am Ende alles wieder verlieren, was ich mir mühsam geschaffen habe! Ich werde dafür versuchen, mir in meiner nächsten Nähe nur eine solche Hütte zu formen, – diese will ich dann recht gern für immer bewohnen und behalten!‘
GEJ|10|174|12|0|Ich dachte mir so etwas, und die Hütte stand auch bald da, umgeben mit einem Garten voller Obstbäume, womit ich vollkommen zufrieden war.
GEJ|10|174|13|0|Ich ging denn in die Hütte, um gewisserart in mir selbst zu erfahren, was sich da weiterhin ergeben werde. Als ich in die Hütte kam, fand ich sie vollkommen leer und fing wieder an, noch tiefer in mich zu gehen und zu denken, worauf bald aller Art Gerätschaften in dieser Hütte sich mir darzustellen anfingen: Stühle, Bänke, Tische und auch ein Ruhebett, ganz so, wie ich es mir gedacht hatte.
GEJ|10|174|14|0|Und ich dachte weiter: ,Der Tisch wäre nun da; aber es gibt auf ihm noch kein Brot und keinen Wein und sonstige Speisen!‘
GEJ|10|174|15|0|Wie ich daran lebhaft zu denken anfing, da befand sich auch bald des Brotes und Weines zur Genüge auf dem Tisch, und ich machte bei diesem Anblick nicht viel Säumens, griff bald nach dem Brote und so auch nach dem Weine, denn ich war schon sehr hungrig und durstig, – und siehe, ich fand mich bald darauf sehr gestärkt, und mit meinem Denken und Phantasieren fing es an, viel lebhafter und kräftiger zu gehen!“
GEJ|10|175|1|1|175. — Führungen im Jenseits
GEJ|10|175|1|0|(Der Vater): „Ich trat darauf wieder aus meiner Hütte und fand alles noch so wie früher. Da dachte ich mir aber: ,Es wäre alles recht also; aber ich bin und bleibe dennoch allein! Wenn ich nur jenen früheren Freund mir jetzt herbeiwünschen könnte, damit ich ihm meinen Dank abstatten könnte für seinen mir gegebenen guten Rat!‘ – und sah bei diesem Wunsche nach jenem schon vorher erwähnten entfernten Orte hin, und sah, wie sich bald darauf von jenem Ort mehrere Menschen in der Richtung zu mir zu bewegen anfingen.
GEJ|10|175|2|0|Sie kamen bald in meine Nähe, und unter ihnen erkannte ich auch bald jenen Freund, der mir in der früheren Sandwüste den guten Rat erteilt hatte, und er sagte zu mir: ,Nun erwecke du in dir recht lebendig das Gefühl der Liebe, des Mitleids, der Erbarmung und des Wohltuns, und es werden bald mehrere zu dir kommen, denen es jetzt noch so geht, wie es dir ergangen ist! Teile dann mit ihnen dein Lebensbrot und deinen Lebenswein, und sie werden bald darauf deine glücklicheren Nachbarn werden! Die aber von dir nichts annehmen werden wollen, die lasse du nach ihrem Willen wieder weiterziehen und einen Ort und ein Unterkommen suchen, und es wird ihnen fürder geradeso ergehen, wie es dir ergangen ist bei deinem Suchen! Du aber bleibe von nun an fortwährend wachsend in der Liebe, in der Erbarmung und in der lebendigen Sehnsucht, den armen Blinden nach Möglichkeit Gutes zu erweisen; dadurch wirst du selbst fort und fort reicher und dadurch auch glücklicher werden!‘
GEJ|10|175|3|0|Darauf kehrten die mich in meiner Einsamkeit Besuchenden wieder zurück, und ich befolgte abermals meines noch unbekannten Freundes weiteren Rat. Und siehe, es kam bald darauf eine recht große Menge dürftiger Seelen zu mir, und ich fragte sie, ob sie etwas sähen und wahrnähmen.
GEJ|10|175|4|0|Und sie antworteten: ,Bis jetzt noch nichts als unter unseren Füßen eine endlose Sandsteppe und über uns ein graues Genebel!‘
GEJ|10|175|5|0|Ich aber ging in meine Hütte und brachte ihnen Brot und Wein.
GEJ|10|175|6|0|Einige von ihnen ersahen alsbald das Brot und den Wein, als ich zu ihnen sagte: ,Da habt ihr Brot und Wein, und stärket euch!‘
GEJ|10|175|7|0|Viele andere aber merkten es nicht, da sie in sich der Meinung waren, ich treibe mit ihnen etwa einen mutwilligen Scherz, und zogen wieder weiter.
GEJ|10|175|8|0|Die aber Brot und Wein nahmen, ersahen auch alsbald meine Hütte und die ganze schöne Landschaft und blieben bei mir, und ich unterwies sie in der Weise, wie ich selbst unterwiesen worden war, und bald ward meine früher einsame Hütte mit einer Menge anderer wohleingerichteter Hütten umgeben, und ich fand und kam dadurch zu meinem ersten Orte und zu meiner ersten Gesellschaft und blieb so lange daselbst, bis ich mein Inneres durch die Liebe zu meinem Nächsten stets mehr und mehr erweitert hatte.
GEJ|10|175|9|0|Nach solcher Erweiterung erweiterte sich auch bald die Gegend, wurde lebhafter und schöner und ich in ihr stets glücklicher und erleuchteter; und je mehr sich das innere Licht in mir ausbreitete und mir etwas vorstellte, so war es auch schon bald da.
GEJ|10|175|10|0|In solchem Zustande fing ich auch an, meiner in der Welt zurückgelassenen Angehörigen zu gedenken und mich ihnen mitzuteilen, daß es nach dem Abfalle des Leibes ein unverwüstbares Fortleben der Seele gibt.
GEJ|10|175|11|0|Und siehe, bald darauf kamen deine Mutter und etliche Geschwister zu mir, und ich konnte mich ihnen ebenso mitteilen, wie nun dir! Sie glaubten meinen Worten, teilten dir solches auch mit, was aber bei dir bis jetzt keinen Glauben fand, indem du zu sehr mit allem deinem Denken, Lieben und Wollen dich in die starre und tote Außenwelt begeben hast.
GEJ|10|175|12|0|Schließlich mache ich dir noch diese Bemerkung, daß eben derjenige gute Freund, der mir in der Wüste zuerst den guten Rat erteilte, diesem Herrn, an dessen Seite du sitzest, in der Physiognomie sehr ähnlich sieht, und ich in mir bei Seinem ersten Anblick eine lichte Idee entstehen sah, daß Er der Herr von dieser und auch von unserer Welt sei. Ich rede zwar nun mit dir, – aber nicht als in einem andern Ort, sondern nur in dem, den ich bewohne, und du kannst daraus für dich den Schluß machen, daß ich es nicht notwendig habe, um mit jemandem in dieser Welt zu verkehren, meinen Ort zu verlassen, – sondern wo ich bin und rede, da ist auch der Ort mit mir.
GEJ|10|175|13|0|Übrigens mache ich dich nun noch darauf aufmerksam, daß du auf der Außenwelt, deiner Seele nach, nun auch auf lauter Sand einherwandelst und über dir, das heißt in deinem Verstande, nichts hast als dunkelgraues Genebel.
GEJ|10|175|14|0|Diese Erde aber, und was du auf ihr und über ihr siehst, ist auch nur ein von einem allerhöchsten Geiste aus geschaffener Ort, geradeso, wie im kleinen Maßstabe mein kleiner Ort von mir aus geschaffen ist.
GEJ|10|175|15|0|Die Liebe des großen Geistes, Seine überaus hellen Lichtgedanken, Sein allmächtiges Wollen und Seine große Barmherzigkeit sind die Urelemente, aus denen Er solche wunderbaren Orte herstellt und sie auch erhält, solange Er will. Du siehst demnach in dieser Welt nichts anderes als einen solchen Ort, der aus dem großen Geiste in einer gewissen Ordnung ins Dasein gesetzt wurde; für deine Seele aber bleibt er nur so lange ersichtlich und ein Etwas, solange deine Seele noch mit einer Materie umhülst ist.
GEJ|10|175|16|0|Wird dir diese Umhülsung genommen, dann bist du ohne Ort, ohne irgendeinen festen Boden und ohne ein bestimmtes Licht über dir, – außer du hast schon in dieser Welt den Weg in dein Inneres gefunden. Dann geht es jenseits freilich anders; denn da kommt alles, der Ort und was dir nötig ist, schon mit dir herüber, und du brauchst da nicht erst jenseits durch einen Freund zu erfahren, wie man jenseits bei uns zu einem Wohnorte und zu einer Gesellschaft gelangt. – Das merke dir, du mein Sohn!“
GEJ|10|175|17|0|Hier wollte der Sohn noch weiter mit seinem Vater sprechen.
GEJ|10|175|18|0|Dieser aber sagte noch im Scheiden (der Vater): „Um alles andere, um was du noch weiter wissen willst, wende dich im Herzen an Den, der neben dir sitzt; denn Ihm sind alle Dinge bekannt, auf dieser Welt und in der unsrigen!“
GEJ|10|175|19|0|Auf diese Worte verschwand der Geist.
GEJ|10|176|1|1|176. — Die Frage nach der Hölle und ihren Geistern
GEJ|10|176|1|0|Und Ich wandte Mich nun an den Oberstadtrichter und sagte: „War das der Geist deines Vaters oder nicht?“
GEJ|10|176|2|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Großer Herr und Meister, er war es so gewiß und sicher, als ich gewiß und sicher sein irdischer Sohn bin, und er kann kein Phantom meiner eigenen Phantasie gewesen sein; denn ein solches Phantom hätte nicht also weise mit mir reden können, und das über Dinge, die mir bis jetzt so fremd waren wie das, was sich unterhalb unserer Erde befindet. Und ich glaube von nun an vollkommen an ein unverwüstbares Fortbestehen der Seele nach dem Abfalle des Leibes!
GEJ|10|176|3|0|Nur eines kam mir etwas sonderbar vor, und das bestand in dem, daß mein Vater, solange er sich drüben befindet, weder mit den bösen Geistern der Heiden und noch weniger mit irgendeinem Teufel der Juden zusammengekommen ist. Es ist doch überall die Rede, daß die Argen jenseits auch fortbestehen und in einem fort nur Böses zu bewirken beabsichtigen in ihrem unauslöschbaren Grimm. Wie sieht es denn dann mit den Orten dieser bösen Geister aus? Und warum konnte mein Vater jenseits noch keinen zu Gesicht bekommen?“
GEJ|10|176|4|0|Sagte Ich: „Kümmere du dich um das wenig oder gar nicht! Die bösen Geister, die man Teufel nennt, kehren am Ende auch in sich, aber sie finden nichts als lauter Erzböses, was eigentlich ihre Liebe ist. Aus dieser erschaffen sie sich auch Orte, die mit ihrem inneren Charakter die vollkommenste Ähnlichkeit haben, sondern sich nach und nach – nach dem Grade ihrer Bosheit – in gewisse Vereine ab und suchen jedermann zu schaden. Wenn sie gerade auf dieser Erde ähnliche Charaktere unter den Menschen verspüren, so finden sie auch bald Wege, sich denselben beinahe auf dieselbe Weise zu nähern, wie sich dir dein Vater genaht hat, nehmen dann das Fleisch zuerst in Besitz und erfüllen es mit allem, was man nur arg und böse nennen kann.
GEJ|10|176|5|0|Am Anfang treten sie sachte auf und suchen die Seele in das Fleisch zu ziehen. Ist das geschehen, so ist die Seele für alles Rechte, Reine, Gute und Wahre auch schon so gut wie verloren. Und Ich bin eben darum in diese Welt Selbst im Fleische gekommen, um diesem alten Unfug für alle jene ein wirksamstes Ende zu setzen, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben und handeln werden, – denn siehe, Ich ganz allein bin der Herr über alles in der Welt und über alles im Reiche der Geister! Glaube das, und du wirst leben!“
GEJ|10|176|6|0|Darauf dankte der Oberstadtrichter für diese Meine Belehrung, setzte aber als ein feiner Verstandeskritiker diese Frage am Schlusse hinzu: „Aber, Herr und Meister, wie hast Du denn solch einem Unfug zusehen können, ohne ihm schon überlange her ein wirksamstes Ende zu machen?“
GEJ|10|176|7|0|Sagte Ich: „Das, was du wünschest, ist von Mir aus auch immer geschehen, und es ging noch nie ein nur einigermaßen guter Mensch verloren; für das aber, was jetzt geschieht, war auf dieser Erde die Menschheit noch zu jung und ist gegenwärtig noch lange nicht in der rechten Reife.
GEJ|10|176|8|0|Doch Ich habe Mich der wenigen Guten wegen dieser Welt erbarmt und will für sie Selbst jenseits ein Reich gründen, in welchem sie ewig bei Mir sein und mit Mir herrschen sollen.
GEJ|10|176|9|0|So wie dein Vater befinden sich im großen Jenseits schon zahllos viele der besseren Juden- und Heidengeister; wenn Ich aber in Kürze in Mein ewiges Ursein zurückkehren werde, dann wird auch all diesen besseren Juden und Heiden im Jenseits der rechte Weg zum vollkommenen, ewigen Leben gezeigt werden. Allen Bösen aber wird es auch ewig freistehen, sich entweder zu bessern und die Wege des Lichtes zu betreten oder in ihrem Bösen zu verbleiben und sich von ihm quälen zu lassen für ewig hin; denn was sie selbst wollen, darin widerfährt ihnen kein Unrecht.
GEJ|10|176|10|0|Und so wird jenseits des Guten Lohn Gutes sein, des Bösen aber Böses, und ein jeder wird nach der Ablegung seines Leibes sich befinden in seinem Jüngsten Tage, und Ich werde einen jeden auferwecken und ihm den Lohn geben aus ihm selbst, wie er war, gut oder böse.
GEJ|10|176|11|0|Und damit hast du aber auch schon alle deine an Mich gestellten Fragen mehr als zur Genüge beantwortet, und wollte Ich dir auch noch tiefere Antworten geben, so würdest du sie dennoch nicht verstehen; denn ihr seid allzumal noch Kinder in eurer Seele und könnet eine feste, männliche Kost noch nicht vertragen. Daher müsset ihr vorerst auch mit der Milch gespeist werden; wenn ihr aber einmal durch diese Speise hinreichend gekräftigt sein werdet, dann werdet ihr auch eine kräftigere Speise aus dem Himmel zu vertragen wohl imstande sein.“
GEJ|10|177|1|1|177. — Die Götzenbilder im Hause des Wirts
GEJ|10|177|1|0|Auf diese Meine Worte fingen alle – sogar auch Meine Apostel – an, Mich sehr zu loben, und sagten: „Nun, o Herr, hast Du über verborgene Dinge wieder einmal ganz klar und vernehmlich gesprochen, und wir erfuhren ein rechtes Licht über das Fortleben der Seele nach des Leibes Tode, und wie dasselbe beschaffen ist, und alles, was in dieser Art ist und besteht, kann nur durch dich, o Herr, allein ins klare Licht gestellt werden, und dafür sei Dir unser aller innerster Herzensdank laut und lebendig ausgesprochen!“
GEJ|10|177|2|0|Und Ich sagte darauf: „Und nun denn esset und trinket noch, was da auf dem Tische ist; dann wollen wir uns zur Ruhe begeben und sehen, was der morgige Tag uns zuführen wird!“
GEJ|10|177|3|0|Darauf aßen und tranken alle und besprachen sich über Mich viel untereinander. Ich aber aß und trank nichts mehr und ruhte gleichsam von der Tagesmühe. Gegen Mitternacht hin fingen auch die andern an schläfrig zu werden, und der Oberstadtrichter, die Pharisäer und die Juden begaben sich in ihre Wohnungen nach Hause. Ich aber blieb wie gewöhnlich mit Meinen Jüngern die Nacht hindurch am Tische sitzen.
GEJ|10|177|4|0|Und der Oberstadtrichter sagte beim Fortgehen dem Wirte, daß er sich ja nicht von weitem unterstehen sollte, uns irgendeine Zeche abzuverlangen; denn er selbst werde dem Wirte die Zeche bezahlen für alle.
GEJ|10|177|5|0|Der Wirt aber sagte: „Herr Oberstadtrichter! In diesem Punkte hast du mir ganz leicht zu gebieten, – denn bei dieser Zeche bin nur ich der Schuldner, und alle die Gäste sind meine Gläubiger; denn so sie mir das anrechnen wollten, was sie mir getan haben, so würde ich eine schöne Summe Geldes an sie zu bezahlen haben. Daher sei du unbesorgt, denn bei dieser Gelegenheit bin ich kein Wirt, sondern ein Mensch und, dir gleich, ein lebendigster Freund alles Guten und Wahren und Außerordentlichen. Morgen sehen wir uns wieder!“
GEJ|10|177|6|0|Darauf trennten sie sich, und unser Wirt begab sich auch zur Ruhe, obschon er, bevor ihm der Schlaf kam, noch vieles über die Erscheinung des vergangenen Abends mit seinem Weibe und seinen Kindern gesprochen hatte.
GEJ|10|177|7|0|Sein Weib aber sowie die Kinder waren noch ganz Heiden von echtem Schrot und Korn, und ihr Schlafgemach war, wo es nur ein Plätzchen gab, ganz voll von römischen und griechischen Statuettchen, teils aus Holz, teils aus Stein, teils aus Erz geformt.
GEJ|10|177|8|0|Und der Wirt sagte zu ihr: „Höre du, mein sonst braves und treues Weib! Nachdem wir das Glück hatten, den wirklichen, einen und allein wahren Gott leibhaftig und persönlich kennengelernt zu haben, so werden wir morgen Hand an diese Götzen legen und sie samt und sämtlich vertilgen; denn sie haben uns nie etwas genützt und werden uns künftighin noch weniger je etwas nützen.“
GEJ|10|177|9|0|Als der Wirt solches zu seinem Weibe gesprochen hatte, wollte sie anfangs nicht einwilligen; aber sein ältester Sohn, der ein Freigeist war, sagte ganz laut: „Vater, das hätte ich mit dir schon lange getan, – allein, der Weiber Glaube ist gar hartnäckig wie ein Stein und läßt kein vernünftiges Wort mit sich reden, obschon sie einsehen sollten, daß alle diese Götzen fürs erste nichts als tote Materie sind, und daß sie fürs zweite noch so schlecht und elend geformt sind, daß sie dem menschlichen Kunstgeiste eine barste Schande machen; denn solch eine Diana von Ephesus sieht ja doch nicht anders aus als wie ein ausgetrockneter Frosch, und aus dem Jupiter kann man machen, was man will!
GEJ|10|177|10|0|Ich laß mir diese Figuren noch gefallen, so sie Werke wirklicher Künstler sind; aber diese Figuren, die der Mutter Schlafgemach zieren, sind zumeist Werke von griechischen Hirten, die neben ihren Viehherden dergleichen Figuren entweder aus Holz, Lehm, weichen Steinen oder aus Blei formen, sie dann von den Priestern weihen lassen und endlich große Kisten damit vollpacken und sie den gewissen Bilderkrämern um einen wahren Schandpreis zum Weiterverkauf übergeben. Diese kommen dann in unsere Gegenden, und unsere Weiber haben in ihrer dummen Pietät Geldes genug, um den Krämern so einen elenden Quark abzukaufen. Dafür muß dann aber wieder die Küche leiden, und es wird alles magerer und schlechter auf den Tisch gesetzt, und die fremden Gäste haben dann wahrlich keinen Grund, sich für eine gute und fette Bewirtung zu bedanken. Daher lieber etwas mehr Fett und Öl für die Gäste am Tisch, als zuviel solcher närrischer und lächerlicher Götter ins Schlafgemach!
GEJ|10|177|11|0|Auf den Apollo, der in halber Lebensgröße sich in einem Winkel des Gastzimmers befindet und schon derart schwarz und verschmiert ist, daß es einem ehrlichen Menschen ekeln muß, solch eine Figur anzusehen, habe ich es schon lange scharf abgesehen gehabt, und morgen werde ich dieser elenden Figur einen Garaus machen!“
GEJ|10|177|12|0|Sagte die Mutter, halb erschrocken über den Vorsatz ihres Sohnes: „Ja, ja, gib aber Obacht, daß dich hier nicht der Priester des Apollo ersieht und dich dann als SACRILEGUS bestraft!“
GEJ|10|177|13|0|Sagte der Sohn: „Ich habe gar keine Furcht mehr vor ihm! Denn Der uns wunderbarermaßen mit Wein und Fischen versah und auch imstande war, denjenigen Juden und ihren Priestern, die Ihm den Weg in die Stadt herein verwehren wollten, augenblicklich vierzehn grimmige Löwen entgegenzustellen, die ich mit eigenen Augen gesehen habe, der wird wohl auch imstande sein, mich vor dem überdummen Apollopriester in Schutz zu nehmen, und das um so sicherer, weil unser Oberstadtrichter kein Freund von unseren Göttern und deren Priestern ist.
GEJ|10|177|14|0|Dieser unser Apollopriester ist aber auch in seinem Verstandeswesen so dumm als möglich und weiß sonst nichts zu erzählen als alte, schon über tausend Male abgedroschene Götterfabeln, frißt dabei wie ein Wolf und säuft wie ein Ochs, besonders wenn er sich von irgendwoher einen Wein verschaffen kann. In diesem besteht seine apollinische Weisheit; und vor solch einem Menschen sollte ich eine Furcht und einen Respekt haben? Wahrlich, da müßte ich mich dann schämen, selbst ein Mensch und dazu auch noch ein Römer zu sein!“
GEJ|10|177|15|0|Sagte der Wirt, ganz zufrieden mit seinem Sohn: „Sei jetzt nur ruhig; morgen wird sich schon zeigen, was sich alles wird machen lassen! Lassen wir nun alles Dem über, der heute in unserem Hause ruht! Er wird schon alles recht machen.“
GEJ|10|177|16|0|Darauf ward es denn auch ruhig in des Wirtes Schlafgemach bis zum Morgen, an dem der Wirt einer der ersten war, der da aufwachte und sich sogleich zu uns ins Gastzimmer begab.
GEJ|10|178|1|1|178. — Auf dem Berge Nebo
GEJ|10|178|1|0|Und da er Mich auch schon wach fand, so fragte er (der Wirt) Mich auch gleich mit aller Liebe und Achtung, was Ich für den Morgen alles benötigen werde, und ob Ich eines wohlriechenden Wassers zum Waschen benötige.
GEJ|10|178|2|0|Sagte Ich: „Erspare dir diese Mühe, denn so Ich Mich waschen will, kann Ich allenthalben des frischesten Wassers zur Genüge haben! Es ist aber in der Nähe dieser Stadt ein aus den Zeiten des Propheten Moses berühmter und bekannter Berg, den Ich noch vor dem Aufgange der Sonne besteigen will. In der althebräischen Sprache heißt er ,Nebo‘, ihr aber heißet ihn ,mons Mosis‘. Daher bestelle du das Morgenmahl nicht zu frühe, denn Ich will Mich daselbst bei drei Stunden aufhalten!“
GEJ|10|178|3|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, es wird pünktlich alles nach Deinem Willen geschehen; aber gestatte es auch mir und meinem ältesten Sohn, daß wir mit Dir diesen besonders für die Juden denkwürdigen Berg besuchen dürfen, denn er ist von hier aus gar nicht weit gelegen; in einer kleinen halben Stunde Zeit erreichen wir seine volle Höhe mit Leichtigkeit.“
GEJ|10|178|4|0|Ich gestattete dem Wirte das, und er ging und verordnete, wie sein Weib und die andern Kinder die Küche zu besorgen haben.
GEJ|10|178|5|0|Als er zurückkam, waren auch die Jünger schon wach, und der Oberstadtrichter und die beiden Pharisäer Dismas und Barnabas standen auch schon vor der Tür der Herberge und wollten eintreten; aber Ich war auch schon bei der Tür, um mit den Meinen, dem Wirte und seinem Sohne den Berg Mosis zu besteigen.
GEJ|10|178|6|0|Der Oberstadtrichter und die beiden benannten Pharisäer erbaten sich, Mich allerfreundlichst auf diesen zu begleiten, und wir traten denn auch alsogleich unsere Reise an und befanden uns in einer kleinen halben Stunde Zeit schon auf der Vollhöhe dieses Berges, den der Oberstadtrichter zu seinem Vergnügen mit Bänken zum Sitzen recht wohl versehen hatte. Die Bänke bestanden freilich zumeist aus Basaltblöcken; aber sie waren zu dem ganz tauglich, zu dem sie verwendet wurden. Zugleich hatte er das Plateau dieses Berges, das ziemlich geräumig war, mit Rosensträuchern und andern würzhaften Bäumchen besetzt, und es war somit sehr anmutig, sich auf dieser von unserer Stadtseite aus leicht besteigbaren Anhöhe vor dem Sonnenaufgange zu befinden und solchen dort zu erwarten.
GEJ|10|178|7|0|Von dieser Stadtseite aus erhob sich der Berg kaum etwas über hundert Ellen [eine Elle = 60-80 cm], hatte aber dafür gegen das Jordantal einen sehr steilen Abfall von etwas mehr denn zweitausend Ellen und sah daher vom Jordantale aus einem ganz ansehnlichen Berge ähnlich; allein von Osten her war er nur ein Hügel, wie es dergleichen Hügel längs des Aurangebietes mehrere gibt.
GEJ|10|178|8|0|Wir befanden uns nun auf dem Hügel oder Mosisberge und sahen über die unübersehbare Euphratebene und Wüste, welche, so weit das Auge reichte, vollkommen rein war.
GEJ|10|178|9|0|So war auch der Süden rein, und man sah die aus der Bibel euch bekannten Berge, wie den Hor, auf dem Moses, von Aaron und dessen Sohn Eleazer unterstützt, für den Sieg der Israeliten gegen die feindlichen Amalekiter bitten mußte. Wenn er die Hände sinken ließ, so siegten die Amalekiter; hob er die Hände wieder in die Höhe, so siegten die Israeliten. Dann sah man auf den Berg Hur, auf welchem Aaron starb, und im tiefen Hintergrunde ersah man auch die Spitze des hohen Sinai und seines nächsten Nachbarn Horeb.
GEJ|10|178|10|0|Gegen Westen aber war es sehr neblig; nur hie und da ragten die hohen Spitzen des Libanon über die Nebel empor, und von den nördlichen Bergen sah man auch nur die Spitze des Hermon, an dem der Jordan entspringt.
GEJ|10|178|11|0|Allein in der Ebene des Jordantales war vor lauter Nebeln nichts zu entdecken, was der Oberstadtrichter sehr bedauerlich fand, worauf Ich ihm aber die Bemerkung machte, daß er sich nur ein paar Stunden gedulden solle. Die Sonne werde diesen Nebeln schon den Weg weiter bahnen und diese Jordangegend auch von den argen Dünsten freimachen. „Wir wollen aber jetzt nicht diese Gegend, sondern jene des Aufgangs betrachten.“
GEJ|10|178|12|0|Hier sagte der Pharisäer Dismas zu Mir: „O Herr und Meister, ist dieser Berg, auf dem wir uns nun befinden, wohl derselbe, von dem aus der große Prophet Moses vor den Augen derer, die ihn begleitet haben, mit Zurücklassung seines Leibes wie eine Lichtflamme gegen die Himmel auffahrend, verschwand, worauf dann, wie die Schrift sagt, von der einen Seite der Erzengel Michael, von der andern Seite aber Satan als der Oberste der Teufel erschien und drei Tage lang um den Leib Mosis mit dem Erzengel focht und stritt und zum größten Überfluß auch noch über den Erzengel siegte und mit dem Leichname Mosis verschwand?
GEJ|10|178|13|0|Wozu eigentlich dieses gut war, darüber schwieg und schweigt bis jetzt noch alle unsere jüdische Weisheit, und selbst die vielen und großen Propheten haben uns darüber keinen Aufschluß gegeben. Unsere Kabbalisten haben daher auch die ganze Sache für apokryph (unsicheren Ursprungs) erklärt und halten sie für eine Fabel; aber manche alten Araberstämme erklären sie für wahr. – Was sagst denn Du, o Herr, dazu?“
GEJ|10|178|14|0|Hier sagte statt Meiner der Oberstadtrichter: „Was liegt denn eigentlich daran, so der Geist Mosis dennoch unter euch lebt und gerettet ist? Der Leib ist ohnedies nur eine Hülse des menschlichen Geistes, und es liegt dann wenig daran, ob sie der Satan oder ein anderer Geist an sich gezogen hat. Ich hätte an der Stelle des Erzengels dem Satan schon früher die Freude gelassen, wenn es ihn nach dem Leichname Mosis schon gar so gehungert hatte!“
GEJ|10|178|15|0|Sagte Ich darauf zu den Pharisäern: „Der Oberstadtrichter hat euch eine ganz gute Antwort gegeben; denn Ich, der Herr alles Lebens, habe dem Moses für sein sündiges Fleisch schon lange ein anderes verschafft, und Satan hätte keine Gewalt über des Moses Leib gehabt, so Moses in seiner früheren Zeit in seinem Fleische nie eine Sünde begangen hätte. Da er aber auch gesündigt hatte dem Fleische nach, obgleich seine Seele und sein Geist rein aus den Himmeln herstammten, so wollte Satan von dem Seinen an Moses auch Besitz ergreifen, wobei er aber nicht nur nichts gewann, sondern für seine Macht nahezu alles verlor und von jenem Zeitpunkte an keinem sterblichen Menschen auf der ganzen Erde mehr erscheinen durfte, was seinem Wirken einen überaus großen Schaden brachte; denn von jener Zeit an fielen gar viele Heiden zu der Lehre Mosis, und das große Orakel zu Dodona, als ein Hauptverführungswerk des Satans an die Menschen dieser Erde, ward zerstört und durfte dann nimmer wieder errichtet werden. Auch das viel jüngere Orakel zu Delphi fiel bald nach dem Falle einer Stadt Troja und ward darauf nimmer völlig wiederaufgerichtet. – Aber nun wollen wir uns mit derlei Dingen nicht weiter mehr befassen; denn sie haben für das Innere des Menschen keinen Wert!
GEJ|10|178|16|0|Das Beste ist, Gott, den einen und allein wahren, erkennen und über alles lieben und seinen Nächsten wie sich selbst.
GEJ|10|178|17|0|Jetzt wird die Sonne sogleich aufgehen, und ihr werdet da so manches ersehen, was euch befremden wird!“
GEJ|10|179|1|1|179. — Der sonderbare Sonnenaufgang
GEJ|10|179|1|0|Im selben Augenblick ersah man schon eine Sonne, aber ziemlich hoch über dem Horizonte stehen, die ganz der eigentlichen Sonne glich.
GEJ|10|179|2|0|Und der Oberstadtrichter fragte Mich, sagend: „Herr und Meister, wie hat denn die Sonne diesmal so schnell den Horizont übersteigen können, daß wir davon nichts merkten, bis sie uns schon in einer ziemlichen Sehhöhe erschien? Und doch sehen wir kein Gewölk, das die Sonne hätte hindern können, uns gleich beim Aufgange ersichtlich zu werden!“
GEJ|10|179|3|0|Sagte Ich: „Das ist aber auch keine wirkliche Sonne, sondern ein Abbild von der noch unter dem Horizonte stehenden Sonne im Spiegel einer völlig ruhig gewordenen Luftschicht; diese Sonne wird aber bald vergehen, wenn die wirkliche aufgeht.
GEJ|10|179|4|0|Siehe, dieses Sonnenbild gleicht dem naturmäßigen Verstandeslicht der Menschen, welches auch bald vergehen wird, so in Mir auch bald für sie die wahre Sonne des Lebens aufgehen wird und zu einem kleinen Teil schon aufgegangen ist!“
GEJ|10|179|5|0|Sagte darauf der Pharisäer Dismas: „Ich bin der Meinung, daß unsere jetzt leuchtende Sonne noch trügerischer ist denn dieses Scheinsonnenlicht im Osten, und ich will keinen schlechten Propheten machen, aber dennoch sage ich: für uns wird auch die Scheinsonne bald vergehen, und die rechte Sonne des Geistes und des Lebens wird für die Heiden aufgehen!“
GEJ|10|179|6|0|Sagte Ich: „Ja, da magst du wohl recht haben, – wie es denn auch geschrieben steht, daß Ich Mein Licht von den Juden nehmen werde und werde es geben den Heiden.
GEJ|10|179|7|0|Darum sage Ich dir, daß Ich denn auch aufheben werde den alten Bund und das alte Testament und gründen werde ein neues sowohl für die Juden, wie auch für alle Völker der Erde nach der Ordnung Melchisedeks, der ein König war aller Könige und ein Oberpriester aller Oberpriester, daher ihm auch alle Könige und Patriarchen der Erde den Zehnt geben mußten, selbst Abraham nicht ausgenommen.
GEJ|10|179|8|0|Und dieser Melchisedek, von der Zeit Noahs angefangen bis über Abraham hinaus, mit dem der Bund gemacht wurde durch die ihm gemachte große Verheißung, war Ich, und nun bin Ich wieder da als Derselbe, aber nicht, um den alten Bund zu befestigen und aufrechtzuerhalten, sondern einen neuen Bund zu machen mit allen Menschen, und Ich werde dann auch bleiben für ewig ein König und Herr und ein Oberpriester in der vollsten Ordnung Melchisedeks.
GEJ|10|179|9|0|Die alten Oberpriester mußten opfern der Tiere Blut zur Tilgung ihrer Sünden; es war aber dies nur ein Vorbild dessen, was nun bald in einer andern Weise geschehen wird. Denn die alten Oberpriester mußten auch für ihre Sünden opfern, und dann für die Sünden des Volkes, und blieben dabei aber doch in ihren Sünden, ansonst Ich Mein Volk nicht volle vierzig Jahre unter allen Drangsalen in der Wüste gelassen hätte.
GEJ|10|179|10|0|Aaron und Moses opferten wohl alle Jahre nach der Vorschrift, aber es half das weder ihnen noch dem Volke, welches in seinen Sünden verharrte; Ich aber werde nur einmal für alle Menschen Mich Selbst opfern, und die an Mich glauben werden, die werden auch gerecht und rein werden vor Mir, und es soll an ihnen keine Sünde mehr befunden werden. Und nun wisset ihr, wie ihr mit Mir stehet!
GEJ|10|179|11|0|Moses mußte auf diesem Berge den Tod noch sehen, fühlen und schmecken und rief denn auch in seinen letzten Zeiten auf dem Punkte, wo Ich jetzt sitze, aus: ,Herr, Du hast einen Bund mit uns gemacht wider den Tod und wider die Sünde, und siehe, ich muß hier sterben, ohne das Gelobte Land des Lebens mit meinen Füßen betreten zu dürfen!‘
GEJ|10|179|12|0|Und eine Stimme erscholl über ihm: ,Du wirst leben, aber nicht aus dem Gesetze des alten, sondern aus der Gnade Meines neuen Bundes, den Ich mit den Völkern der Erde schließen werde!‘
GEJ|10|179|13|0|Da ward Moses aufgelöst und ward aufgenommen, nicht durch sein Verdienst, sondern durch Meine Gnade.
GEJ|10|179|14|0|Und auf eben diesem Punkte nun sage Ich zu euch, Juden und Heiden, daß Ich mit euch einen neuen Bund schon jetzt schließe und noch mehr schließen werde, was ihr alle in jüngster Zeit erleben werdet. Die aufgehende Sonne aber soll Mir nun vor euch das Zeugnis geben, daß Ich nun nicht Eitles aus Mir zu euch geredet habe!“
GEJ|10|179|15|0|Im Augenblick ging die Sonne auf, und über ihr stand eine Lichtschrift: ,Ehre und Preis dem einen, allein wahren Gott in der Höhe der Höhen und in der Tiefe der Tiefen!‘, und unter der Sonne: ,Melchisedek, der wahre König der Könige und Oberpriester aller Oberpriester und der allein wahre Vater Seiner Kinder im Himmel und auf dieser Erde!‘
GEJ|10|180|1|1|180. — Die Entartung der jüdischen Lehre
GEJ|10|180|1|0|Als alle die Anwesenden diese höchst bedeutungsvolle Inschrift gelesen hatten, da waren sie über die Maßen überrascht und erstaunt, besonders aber die drei Römer und die etlichen Pharisäer.
GEJ|10|180|2|0|Denn es kamen noch einige dem Dismas und Barnabas nach und sagten selbst: „Ja, ja, wunderbar anzusehen und wahr, was da geschrieben steht! Der alte Bund mit Abraham ist zu Ende und hat keine Geltung und keine Wirkung mehr; denn wir wissen es ja alle, daß die Wirkung der Lade des Bundes schon nahe vor dreißig Jahren so gut wie gänzlich aufgehört hat, – nur dem Simon und Zacharias war sie noch in ihrer gewöhnlichen Kraft bekannt. Der Stab Aarons grünte nicht mehr, und die sieben Schaubrote wurden von den Motten zu Staub zernagt. Nur die beiden steinernen Tafeln blieben noch; aber ihre Schrift wurde von Jahr zu Jahr unleserlicher, und es war daher notwendig, die ganze alte Bundeslade mit Ausnahme ihres Goldes und der beiden großen Cherubim schon vor zwanzig Jahren zu kassieren und dafür eine neue von gleichem Holze von einem der ersten und besten Schreiner anfertigen zu lassen, sie nach der Form der alten mit dem Golde zu beschlagen, die beiden Cherube auf sie wieder hinaufzustellen; und in der Mitte der Lade, aus der die Rauchsäule aufstieg oder zu Zeiten auch eine Feuersäule, mußte sie also eingerichtet werden, daß man entweder frisch angefachte Kohlen hineinlegen und dann Weihrauch und anderes wohlriechendes Harz daraufgeben kann, damit eine Rauchsäule gebildet wird, welche aber das Allerheiligste derart nach allen Seiten anfüllt, daß man darin kaum bestehen kann, und die Feuersäule muß mit dem angezündeten Naphtha bewerkstelligt werden.
GEJ|10|180|3|0|Der damalige Hohepriester war freilich der Meinung, es werde mit der neu aufgerichteten Bundeslade ebenso gehen, wie es mit dem neu aufgebauten Tempel nach der babylonischen Gefangenschaft gegangen ist; aber er hatte sich sehr geirrt. Denn mit der neuen Bundeslade ging es gar nicht mehr, – daher sich die späteren Hohenpriester auch gar nichts mehr daraus machten, von den Römern und Griechen gegen ein erlegtes Opfer das Allerheiligste ebenso besichtigen zu lassen wie irgend etwas anderes; denn es geschah niemandem in der Nähe der neuen Bundeslade irgendein Leid.
GEJ|10|180|4|0|Wir Pharisäer und Schriftgelehrten sind darüber denn auch lange schon im klaren, daß es mit dem alten Bunde vollends zu Ende ist; allein das Volk muß man denn doch, solange es geht, im alten Glauben erhalten, und besonders darum, weil man ihm dafür keinen besseren Glauben geben kann, und zweitens, damit dem Tempel mit seinen Dienern die Einnahmen bleiben, ohne welche weder der Tempel noch seine Diener weiter fortbestehen könnten.
GEJ|10|180|5|0|Und darin liegt auch der Hauptgrund, aus welchem eben dieser Herr und Meister, der vor uns als der allein wahre Stifter eines ewigen, neuen Bundes nun erkannt worden ist, von den Templern gar so sehr gehaßt wird; denn die Templer sehen wohl ein, daß Seine Lehre voll göttlicher Kraft ist, aber sie wissen es auch nur zu gut, daß es mit ihnen völlig aus ist, sobald sie selbst an dieser neuen Lehre halten und ihr vollen Eingang beim Volke verschaffen.
GEJ|10|180|6|0|Es wird ihnen aber das – was sie recht gut einsehen – für die Folge sehr wenig nützen, da es bereits viele im Volke wissen, daß die alte Bundeslade ihre Kraft verloren hat und die neue keine andere Kraft besitzt, als die ihr die Menschen durch ihre plumpe Kunst verleihen.
GEJ|10|180|7|0|Wir aber selbst noch mit dem Tempel in Verbindung Stehenden können weder pro noch contra etwas tun, sondern wir wollen in beseligender Hoffnung abwarten, was dieser allein wahre Herr Himmels und der Erde tun wird, und wollen für die Zukunft im vollsten Glauben an Ihn und in aller Liebe zu Ihm verharren. Daß Er das Beste und Zweckmäßigste verordnen wird, dessen sind wir alle lebendigst überzeugt.“
GEJ|10|180|8|0|Nach diesen Worten sagte der Oberstadtrichter: „Ich gehöre auch zu denen, die die neue Bundeslade im Tempel gesehen haben und dabei die Überzeugung gewannen, daß an dem Gottglauben der Juden ebensowenig gelegen ist wie an dem Götterglauben der Heiden. Diese sind wenigstens geschickter in allerlei Zauberei und können dem blinden Volke noch lange hin einen wirksamen blauen Dunst vormachen; aber mit der Rauch- und Feuersäule im Allerheiligsten im Tempel zu Jerusalem hat es seine größte Not, und die Priester des Tempels tun gut für sich, so sie dem blinden Volke noch weiszumachen trachten, daß die alte mosaische Bundeslade noch in ihrer vollen Wirksamkeit ist. Wird aber das Volk einmal erfahren, daß das schon lange nicht mehr der Fall ist, dann können die Priester zu Jerusalem eiligst das Weite suchen, sonst werden sie beim Volke nicht die besten Tage erleben.“
GEJ|10|180|9|0|Hierauf wandte er sich an Mich und sagte: „Herr und Meister, der Du uns nun mehr denn zur Genüge handgreifliche Beweise von Deiner Göttlichkeit gegeben hast, sage mir, ob ich nun recht geredet habe oder nicht?“
GEJ|10|180|10|0|Sagte Ich: „Vollkommen; denn kein Betrug kann sich für lange hin halten, gleichwie auch die Nacht nicht, so die Sonne einmal aufgegangen ist.
GEJ|10|180|11|0|Daß der Tempel samt seinen Dienern und samt der ganzen Stadt Jerusalem schon in jüngster Zeit völlig für alle Zeiten der Zeiten zugrunde gehen wird, dessen kannst du vollkommen versichert sein; nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben! Nur um das einzige können die Juden von Jerusalem bitten, daß ihre große Flucht nicht im vollsten Winter oder an einem Sabbat geschehe; denn da würde es ihnen noch viel jämmerlicher ergehen denn zu einer besseren Jahreszeit oder an einem Werktage.“
GEJ|10|180|12|0|Als Ich dieses ausgesprochen hatte, verging die Schrift über und unter der Sonne, und die Nebel im Jordantale fingen an, sich zu verflüchtigen, weil die Sonne mit ihren Strahlen die Gegenden des Gelobten Landes zu bescheinen anfing.
GEJ|10|180|13|0|Der Oberstadtrichter machte die Bemerkung: „Es ist schade, daß die Jerusalemer die Sonne mit der Ober- und Unterschrift nicht zu erschauen vermochten; denn das hätte sie doch ganz außerordentlich nachdenkend über eine solche Erscheinung machen müssen!“
GEJ|10|180|14|0|Ich aber sagte: „Eben darum, daß sie solches nicht sehen sollten, ließ Ich es zu, daß alle diese Gegenden des Jordans ein dichter Nebel zuhüllen mußte; denn die an der Finsternis Freude haben, sollen von ihr auch ihren Lohn ernten!“
GEJ|10|180|15|0|Bei dieser Gelegenheit ersah man eine flüchtige Gazelle, wie sie von einem Schakal verfolgt wurde. In kurzer Zeit hatte der Schakal die Gazelle eingeholt und sich an ihr sein Morgenmahl bereitet, und hatte, etwa fünfhundert Schritte von uns entfernt, eben nicht lange zu tun, mit seinem erjagten Morgenmahle fertig zu werden. Darauf begab er sich ganz langsam weiter gegen Süden hin, um sich irgendwo vielleicht noch ein Mittagsmahl zu erjagen.
GEJ|10|180|16|0|Aber da flog ziemlich hoch in der Luft ein arabischer Riesenaar, der ersah aus seiner Höhe bald den schleichenden Schakal, stieß aus seiner Höhe pfeilschnell auf ihn nieder und trug ihn trotz allen Sträubens hoch in die Luft empor. Dann ließ er ihn eben auf eine Stelle fallen, die weithin sehr steinig war. Begreiflicherweise gab das dem Schakal den Tod, und der Adler sank bald herab und überzeugte sich, daß der Schakal wirklich tot war, nahm ihn abermals in seine Krallen und flog mit ihm südwärts zu einem günstigen Punkt, an dem dann der Schakal samt seiner aufgezehrten Gazelle dem Riesenaar zum Frühstück dienen mußte.
GEJ|10|180|17|0|Nach dieser kurzen Szene sagte der Oberstadtrichter: „Herr und Meister, diese Art gegenseitiger Verzehrungsszenen unter den Tieren und die schweren Krankheiten vor dem Tode eines Menschen waren mir immer – bei der weise sein sollenden Einrichtung irgend eines oder auch mehrerer Götter – ein stets unweiser und grausamer Anblick. Du wirst zwar schon wissen, warum alles das so ist und sein muß; aber unsereiner kann sich selbst beim besten Willen doch keine klare Vorstellung davon machen!“
GEJ|10|180|18|0|Sagte Ich: „Darüber wird dir schon noch die Klarheit kommen! Nach dem Morgenmahle wird sich schon eine Gelegenheit finden, davon zu reden; jetzt aber wollen wir auf einen Augenblick noch Moses sehen und auch den Engel, der um seinen Leichnam stritt.“
GEJ|10|180|19|0|Als Ich dieses gesagt hatte, standen Moses und der Erzengel Michael vor Mir, verneigten sich vor Mir und lobten und priesen Meinen Namen. Darauf verschwanden sie, und wir erhoben uns und begaben uns in die Stadt, allwo schon das Morgenmahl auf uns wartete.
GEJ|10|181|1|1|181. — Die Vernichtung der Hausgötter in der Herberge
GEJ|10|181|1|0|Als wir in das Haus unseres Wirtes, und zwar in das Gastzimmer kamen, setzten wir uns an den Tisch und die Pharisäer und etlichen Juden an ihren Nebentisch, und sogleich wurden die Fische wohlzubereitet in gerechter Menge auf den Tisch gesetzt, und es kam Brot und Wein dazu. Wir nahmen die Fische und alles übrige und verzehrten es.
GEJ|10|181|2|0|Nach dem Morgenmahle blieben wir aber gleichfort am Tische sitzen; denn Ich Selbst wollte nicht, daß wir untertags uns unnötigerweise zuviel im Freien sehen lassen, weil es in dieser Stadt noch recht viele Erzheiden gab, die große Stücke auf ihre Tempel und Götzen hielten.
GEJ|10|181|3|0|Hier trat der Sohn des Wirtes zu Mir und erzählte Mir, daß seine Mutter ihr ganzes Schlafgemach mit lauter Götzenbildern angestopft habe, und daß sich auch in diesem Speisezimmer ein überaus schlecht geformter Apollo befinde, dessen Gestalt gegen das, was sie vorstellen sollte, für jedermann nur das Gegenteil bewirken müsse, und er möchte darum diesen Apollo und auch die Götzen seiner Mutter hinweggeschafft haben.
GEJ|10|181|4|0|(Der Sohn): „Denn nachdem wir Dich, o Herr, haben kennengelernt, taugen diese Götzen nicht mehr für dieses Haus.“
GEJ|10|181|5|0|Sagte Ich: „Du hast einen guten Sinn, Mein lieber Sohn, – aber so du da selbst Hand anlegst, kannst du damit Anstände bekommen und viele Feindschaft bei euren noch blinden Nachbarn; Ich will dich aber unterstützen, und dieser Apollo und die andern Götzen werden gleich zunichte sein. Gehe hin in den Winkel, ob du noch einen Apollo findest, und dann magst du dich ins Gemach deiner Mutter begeben, und du wirst auch keinen Götzen mehr finden!“
GEJ|10|181|6|0|Hier stand der Junge gleich auf und ging in den Winkel hin, in dem bisher der Apollo stand, und er fand von ihm keine Spur mehr. Darauf begab er sich in das Schlafgemach seiner Mutter, und alle die vielen hundert Götzen waren auch nicht mehr da, was er voll Freuden seiner Mutter, die in der Küche zu tun hatte, alsogleich erzählte, worüber diese etwas erschrak und zum Sohne sagte:
GEJ|10|181|7|0|(Die Mutter): „Mein lieber Sohn, es ist schon alles ganz recht; aber bedenke du unsere Nachbarn! Was werden diese zu uns sagen, so sie bei einem Besuch in unserem ganzen Hause kein Götterbild mehr finden?“
GEJ|10|181|8|0|Sagte der Sohn: „Da laß nur mich mit ihnen reden, und ich werde es ihnen sagen, daß Derjenige Herr und Meister, der in unserem Hause so große Zeichen gewirkt hat, alle deine Götzen mit einem Gedanken vernichtet hat, und dann werden sie nichts mehr sagen können. Zugleich haben wir auch unsern gestrengen und gerechten Oberstadtrichter für uns, und da werden sich die Nachbarn wohlweislich hüten, gegen diesen ihre Mißfallensstimme zu erheben.“
GEJ|10|181|9|0|Mit dieser Belehrung war seine Mutter denn auch zufrieden und kam darauf samt dem Sohne zu Mir ins Gastzimmer und dankte Mir dafür, daß Ich sie auf eine so wunderbare Weise von etwas erlöst habe, an das sie bei sich selbst ohnehin nie gar besonders viel gehalten (geglaubt) habe.
GEJ|10|181|10|0|Ich aber sagte zu ihr: „Gehe du in dein Schlafgemach, und an der Stelle deiner früheren vielen Götzen wirst du etwas anderes finden, das dir lieber sein wird!“
GEJ|10|181|11|0|Darauf ging sie abermals in ihr Schlafgemach und besichtigte es, und sie fand an der Stelle, wo sie ihre meisten Götter aufgestellt hatte, eine Kiste aus schwarzem Ebenholz angefertigt und mit Schloß und Riegel versehen. Sie machte die Kiste auf und fand sie voll römischer Silbermünzen, die einen bedeutenden Wert hatten.
GEJ|10|181|12|0|Sie kam aber bald wieder zurück und erzählte das vor allen, besonders ihrem Mann und ihrem Sohne.
GEJ|10|181|13|0|Und der Wirt sagte: „Das ist zu unserem wirtschaftlichen Gebrauch freilich um vieles mehr wert als alle deine früheren Götzenbilder; den größten Wert aber hat jedoch nur immer das Wort, das wir von diesem Herrn und Meister überkommen haben und vielleicht, so wir würdig sind, noch mehreres überkommen werden. Daher lassen wir jetzt deine Silbermünzen ruhen und bitten diesen Herrn und Meister, daß Er unser Herz und unser Gemüt mit solchen geistigen Gold- und Silbermünzen wohl versehen möchte, die wir bald im andern Leben gebrauchen werden!“
GEJ|10|181|14|0|Darauf dankte das Weib und begab sich wieder in ihre Küche und zu ihren Wirtschaftsleuten, ordnete da an, was für den ganzen Tag hin zu beachten sei und zu geschehen habe.
GEJ|10|181|15|0|Darauf aber sagte gleich der Oberstadtrichter zu Mir: „O Du übergroßer Herr und Meister von Ewigkeit! Da Du mir heute morgen auf dem Berge Nebo versprochen hast, noch zwei Fragen beantworten zu wollen, die ich Dir schon gestellt habe – und zwar die eine schon gestern abend und die zweite heute morgen auf dem Berge Nebo bei der Gelegenheit, als ein Schakal eine arme Gazelle erjagte, sie zerriß und auffraß und bald darauf selbst durch einen Riesenaar dasselbe Schicksal zu erleiden hatte –, so wolle Du die Gnade haben, mir ein näheres Licht zu geben!“
GEJ|10|182|1|1|182. — Die Ursachen der Leibeskrankheiten
GEJ|10|182|1|0|Sagte Ich: „Was deine gestrige Frage betrifft, nämlich das oft langwierige und schwere Kranksein vor dem Leibestode, wie auch den zumeist sehr frühen Tod der Kinder, so ist solches von Mir aus nur eine Zulassung zur Besserung der Menschen, aber darum keine irgend aus Meiner Willensallmacht hervorgehende Bestimmung.
GEJ|10|182|2|0|Siehe, die Urmenschen, die in der gleichen, ihnen durch Meinen Geist gezeigten Ordnung und Einfachheit geblieben sind, wußten von keiner dem Leibestode vorangehenden Krankheit etwas; sie erreichten zumeist ein sehr hohes Alter, wurden nie krank und schliefen am Ende ganz ruhig ein, und ihre Seele empfand dabei keine Schmerzen und keine Todesangst.
GEJ|10|182|3|0|Ihre Nahrung war aber auch immer eine gleiche, und nicht heute so und morgen anders. Zumeist lebten sie von Milch, Brot und guten und reifen Baumfrüchten; ein solches Gericht war ihr ganzes Leben hindurch ihre Leibesnahrung, und zur Stillung ihres Durstes diente das frische Quellwasser.
GEJ|10|182|4|0|Aus diesem Grunde waren ihre Leibesnerven stets von denselben guten und unschädlichen Seelensubstanzen ernährt, und es konnte sich keine böse, unreine und somit schädliche Seelensubstanz in den Leib hineinschmuggeln; daher blieben diese Menschen stets gleich kräftig und gesund, sowohl geistig als auch leiblich.
GEJ|10|182|5|0|Aber besehet jetzt in dieser Zeit und auch schon in den viel früheren Zeiten die vielen tausend allerartigen Leckerbissen, mit denen die Menschen ihre Mägen und Bäuche füllen, und es wird dir gleich klarwerden, welch eine Unzahl von allerlei ungegorenen, somit unreinen, bösen und schädlichen Substanzen bei solcher Gelegenheit oft den ganzen menschlichen Leib in Besitz nehmen und ihn nach und nach stets mehr zu martern und zu quälen anfangen! Denn solche verschiedenartigen Substanzen geraten dann in einem Menschenleibe in einen beständigen Kampf, den er nur dadurch auf eine Zeitlang zu beschwichtigen vermag, daß er zu allerlei aus der Erfahrung bekannten Kräutern und Wurzeln seine Zuflucht nimmt und mit ihrer Hilfe die Neigung der inneren Seelensubstanz zur Revolution stillt.
GEJ|10|182|6|0|Aber solch eine Gesundheit ist nie von einer Dauer, besonders bei dem alten Menschen, – er müßte denn auf längere Zeit hin zur ganz einfachen Leibesernährung seine Zuflucht nehmen, was aber gewöhnlich nicht geschieht. Denn die meisten Menschen, so sie dem Leibe nach wieder durch eine glücklich gewählte Medizin nur erträglich gesünder werden, bekommen bald wieder Lust zu ihren alten Leckereien, werden darauf kränker, als sie ehedem waren, fangen an zu siechen und nehmen gewöhnlich ein sehr schmerzliches Ende.
GEJ|10|182|7|0|Siehe, darum hat auch Moses den aus der harten Knechtschaft Ägyptens erlösten Israeliten den Speisezettel vorgeschrieben! Die streng nach demselben lebten, blieben gesund bis in ihr hohes Alter; aber gar viele sehnten sich nur zu bald nach ihren ägyptischen Fleischtöpfen, und die Folge war, daß sie darauf bald krank, schwach und mühselig wurden und unter allerlei Leibeskrankheiten ihr diesirdisches Leben beschließen mußten.
GEJ|10|182|8|0|Und eine noch größere Betrübnis in dieser Hinsicht stellt sich bei den Kindern heraus.
GEJ|10|182|9|0|Erstens haben schon die Eltern früher nach links und rechts hin gesündigt und ihren Leib dadurch mit einer großen Anzahl von bösen und schädlichen Seelensubstanzen angefüllt, und das Kind war somit von einem sündigen Vater in den Leib einer noch sündigeren Mutter hinein gezeugt. Frage: Wie soll aus einem solchen Leibe ein gesundes Kind hervorgehen?
GEJ|10|182|10|0|Und zweitens ist die Mutter in ihrer Schwangerschaft am meisten lüstern nach allerlei Leckereien, und ihre Angehörigen wissen ihr keinen besseren Dienst zu erweisen, als nach Möglichkeit dem Verlangen des schwangeren Weibes nachzukommen.
GEJ|10|182|11|0|Bei dieser Gelegenheit bekommt das Kind den zweiten Stoß in seiner Gesundheit. Es ist nicht genug, daß es schon völlig krank aus dem Mutterleibe kam, sondern es muß darauf gleich mit einer noch schlechteren Muttermilch genährt werden. In dem besteht dann der zweite, noch gewaltigere Stoß in die Grundfeste der Gesundheit eines Kindes.
GEJ|10|182|12|0|Ist ein Kind aus diesen zwei Gesundheitsstößen noch so glücklich als möglich mit allerlei Arzneimitteln sozusagen mit heiler Haut davongekommen, dann kommt noch ein dritter Gesundheitsstoß. Das Kind wird natürlich größer, neckischer und für seine Umgebung liebenswürdiger. Da wird es dann bald über alle Maßen verzärtelt und mit allerlei Naschereien versehen; denn solche dummen Eltern können ihrem Zärtling nichts versagen. Was aber ist die Folge davon? Daß das Kind sich dadurch schon frühzeitig den Magen und die nötigen Verdauungswerkzeuge derart verdirbt und schwächt, daß es dann bald in allerlei Leibeskrankheiten verfällt und auch bald stirbt.
GEJ|10|182|13|0|Manche Kinder sterben schon im Mutterleibe, eine bei weitem größere Anzahl bald nach der Geburt in zwei bis drei Jahren, die meisten aber von vier bis zwölf. Die aber dann noch in ein reiferes Alter gelangen, müssen erstens gescheite und vernünftige Eltern haben und ein keusches und diätes Leben führen, sich nicht erzürnen und ärgern. So können sie zu einer noch ganz guten und erträglichen Gesundheit gelangen und auch sechzig – siebzig – achtzig Jahre und darüber alt werden; aber dann ist ihr Alter selbst schon so gut wie eine Krankheit, die immerwährend noch als eine Folge vom Mutterleibe und zumeist aber auch von den Jugendsünden herrührt.
GEJ|10|182|14|0|Aus dieser kurzen Darstellung ersiehst du, daß Ich durchaus nicht und nie der Urheber der menschlichen Leibeskrankheiten war, sondern die Menschen selbst, und zwar von dem Zeitpunkte an, als sie leichtsinnig und mutwillig genug Meine ihnen allzeit gegebenen Gebote und Regeln stets mehr und mehr zu verlassen anfingen und ihrem Verstande und ihrem Willen folgten, der durch die bösen Geister, die sich in der Luft, der Erde und im Wasser aufhalten, stets mehr und mehr verfinstert und verwirrt wurde.
GEJ|10|182|15|0|Die Alten wußten recht gut, daß die Nacht im Freien nicht der Menschen Freund ist; aber dennoch führten sie ihre großen Spekulationen in der Nacht aus. Jede solcher übermäßigen Spekulationen ist aber gleich einer Dieberei und Mörderei, die – wie dir wohlbekannt – zumeist in der Nacht ausgeübt wird.
GEJ|10|182|16|0|Die Erde ist groß genug, um noch tausendmal so viele Menschen zu ernähren, als jetzt Menschen auf der Erde leben; aber die Habsucht, der Geiz und die Spekulationssucht hat die Ländereien abgegrenzt und abgemarkt, und die am meisten Reichen, Geizigen und Mächtigen haben oft die größten und besten Ländereien zu ihrem Eigentum gemacht und jeden verfolgt, der sich da widersetzen wollte. Und so kam es, daß mancher Mensch um hunderttausendmal der besten Ländereien mehr besitzt, als er zum Unterhalt seiner selbst und seines Hauses vonnöten hätte.
GEJ|10|182|17|0|Dafür mußten dann wieder viele Hunderttausende sich an die Meeresküsten begeben und sich ihre schlechte und ungesunde Nahrung aus dem Meere verschaffen. Dadurch ward die Schiffahrt erfunden, und die Menschen umschifften nach weit und breit die Ufer des Meeres und jagten keck den Schätzen und Reichtümern nach, welche das Meer in sich barg; und so leben heutzutage ganze große Völker am Meere und aus dem Meere, was alles bei den ersten Menschen der Erde nicht der Fall war.
GEJ|10|182|18|0|Wenn aber also – wie die Erfahrung lehrt –, wie kann ein nur einigermaßen vernünftiger und verständiger Mensch noch von ferne hin denken, daß die in dieser Zeit über alle die Maßen aus der früheren Ordnung getretenen Völker ebenso gesund sein und bleiben sollten wie diejenigen ersten Menschen der Erde, die schon vom Mutterleibe an niemals aus dieser Ordnung getreten sind?
GEJ|10|182|19|0|Die gegenwärtige Krankheit vor dem Leibestode der Menschen ist demnach nichts anderes als die Folge der nahe gänzlichen Verlassung der alten Ordnung, ist aber auch zugleich ein Hüter der in manchen Menschen noch gesunden Seele, auf daß diese sich dann nach und nach aus ihrem schlechten Fleische zurückzieht, sich dadurch den Fesseln der bösen Seelesubstanzen ihres Leibes entwindet und, wenn diese ihr zu arg zu wirtschaften anfangen, sich mit Hilfe ihres besseren jenseitigen Geistes noch rechtzeitig aus ihrem Leibe für immer entfernt und darauf ewig nimmer nur den allerentferntesten Wunsch hat, sich je wieder in einen Leib zu begeben, – außer, sie ist schon als völlig böse aus dem Leibe getreten und sucht dann, um sich am Fleische recht bitter rächen zu können, in das Fleisch eines auf der Erde noch lebenden Menschen zu dringen und dasselbe auf die grausamste und unbarmherzigste Weise zu quälen, was ihr schon häufig gesehen und erlebt habt an den von bösen Geistern besessenen Menschen.
GEJ|10|182|20|0|Und mit dem, Mein Freund, habe Ich dir deine gestrige Frage sicher zur Übergenüge klar beantwortet. Wir wollen sonach die heutige Gazellenjagd und dergleichen mehr ein wenig näher in Augenschein nehmen!“
GEJ|10|183|1|1|183. — Der Kampf in der Natur
GEJ|10|183|1|0|(Der Herr:) „Du kannst auf der ganzen Erde hin und her gehen und du wirst der äußeren Erscheinung nach nichts als lauter Erzfeindschaft unter den Kreaturen finden.
GEJ|10|183|2|0|Betrachte nur einmal die Sonne, die doch sicher die größte Wohltäterin für die Erde und alle Kreaturen ist; denn durch ihr Licht und ihre Wärme fängt alles an, sich neu zu beleben und wächst und wird stark. Das Pflanzenreich entsprießt wie neu dem Boden der Erde, bringt Frucht in der Ordnung seiner Art, und die Bäume werden saftig, treiben Knospen, Blätter, Blüten, und ihnen folgt die nach und nach reifende Frucht.
GEJ|10|183|3|0|Eine zahllose Menge der mannigfachsten Art von geflügelten Insekten haben Eier gelegt, der Sonne Licht und ihre Wärme brüten sie aus und erfüllen die Luft mit zahllosen kleinen und größeren Kreaturen.
GEJ|10|183|4|0|So geht es mit den Vögeln, mit den Fischen im Wasser und zahllos anderem Getier in diesem Element, und selbst die andern Tiere und die Menschen haben die größte Freude an der Sonne, und sie ist somit, was Ich gesagt habe, wohl sicher die größte Wohltäterin der Erde und ihrer Kreaturen, – aber auch zugleich die größte Feindin der Erde und ihrer Kreaturen.
GEJ|10|183|5|0|Denn siehe, es geht (dauert) gar nicht lange und die Sonne hat alles auf dem Erdboden ins Leben gerufen; sie nimmt dann zu an Licht und Wärme, und das in einem solchen Grade, daß sie im Sommer alles wieder tötet, was sie im Winter und Frühjahr geschaffen hat.
GEJ|10|183|6|0|Eure Gegend hier ist selbst ein Beispiel davon. In der zweiten Hälfte des Winters bis zur ersten Hälfte des Frühjahres grünt alles, und eure Gegend sieht wie ein Paradies aus. Was ist sie jetzt? Kaum im halben Herbst eine Steppe, in der man nur höchst selten irgend etwas Grünes noch findet. Alles ist verdorrt und ausgestorben.
GEJ|10|183|7|0|Begib dich aber erst nach Afrika hinein, oder in die südlichsten Teile Arabiens, und du wirst viele Tagereisen weit zu machen haben, ohne irgend etwas Lebendes anzutreffen; denn die Hitze der Sonne tötet alles, was sie allenfalls in einem Winter noch zum Vorschein gebracht hatte.
GEJ|10|183|8|0|In den sogenannten gemäßigten Erdgürteln geht es noch am löblichsten zu; aber dafür dauern dort die Winterzeiten um vieles länger denn hier, und Pflanzen und Tiere gedeihen nicht mehr in solch üppiger Fülle wie in diesen warmen Erdstrichen. Und so wirst du allenthalben auf der Erde finden, daß die Sonne einesteils die größte Wohltäterin der Erde, andernteils aber wieder ihre größte Feindin ist.
GEJ|10|183|9|0|Selbst das Meer, das unter den hauptheißen Gürteln liegt, ist, wenn die Sonne ihre größte Kraft entwickelt, sehr wenig von Fischen und andern Meerestieren belebt; diese flüchten sich dann entweder mehr gegen Norden oder mehr gegen Süden, je nachdem die Sonne entweder mehr auf der einen oder auf der andern Hälfte ihre größte Hitzkraft entfaltet.
GEJ|10|183|10|0|Und siehe, in welchem Verhältnis die Sonne zur Erde steht, in demselben Verhältnis befinden sich alle die Kreaturen auf Erden gegenseitig mehr oder weniger!
GEJ|10|183|11|0|So ist dies zum Beispiel schon unter den Elementen der Fall. Ist das Wasser nach der Sonne nicht einer der größten Wohltäter auf der Erde? Wünscht sich nicht ein jeder Landmann, dessen Äcker, Wiesen und Gärten trocken werden, einen segenvollen Regen? Und so dieser kommt, jauchzt gewisserart alle Kreatur voll Freuden auf!
GEJ|10|183|12|0|Lassen wir aber statt eines segensvollen Regens heftige Wolkenbrüche auf Wolkenbrüche kommen, und niemand auf der ganzen Erde wird deren Nützlichkeit loben; denn sie zerstören durch ihre mächtigen Fluten alles, was ihnen unterkommt, und hinterlassen dann weit gedehnt einen wüsten Boden, welchem der Menschenfleiß oft nach Jahrhunderten bei aller Anstrengung keine Nutzbarkeit mehr abgewinnen kann.
GEJ|10|183|13|0|Ebenso sind die verschiedenen Winde überaus große Wohltäter für den Boden der Erde und für die physische Gesundheit aller Kreaturen. Arten sie aber in große Stürme und Orkane aus, da stiften sie wenig Nutzen, sondern nur Schaden, das heißt vom Gesichtspunkt eurer menschlichen Vernunft aus betrachtet, weil diese die vehementen Erscheinungen in ihrem Wirken zu einem großartigen nützlichen Zwecke hin nicht zu beurteilen imstande ist.
GEJ|10|183|14|0|Also geht es auch unter den Pflanzen, unter denen es viele edle gibt, aber noch mehr unedle, die ihr mit dem Worte ,Unkraut‘ bezeichnet. So jemand einen reinen Acker hat zur Aussaat des Weizens und der Gerste, so werden diese zwei edlen Getreidegattungen auch rein und wohl gut gedeihen; so aber ein Feind käme und säte ihm zur Nachtzeit eine Menge Unkrautsamen auf seinen Weizen- und Gerstenacker, und das Unkraut ginge dann zwischen dem edlen Getreide auf, so wird es dasselbe bald erdrücken und ersticken.
GEJ|10|183|15|0|Es gibt überhaupt Pflanzengattungen, die keine andere Pflanze emporkommen lassen, wenn sie sich irgendeines größeren oder kleineren Landstriches ordentlich bemächtigt haben.
GEJ|10|183|16|0|Und ebenso hast du jetzt dasselbe auch im Reiche der Tiere vor dir. Eines dient dem andern dem Fleische nach zum Fraße und zur Nahrung, und der Mensch, als seinem Fleische nach selbst tierischer Art, ist und bleibt das größte Raubtier. Denn eine Gazelle, ein Schaf flüchten, so sie einen Wolf, Bären, Löwen, Tiger und dergleichen reißende Tiere mehr in ihre Nähe kommen sehen; der Mensch aber, so er mit allerlei durch seinen Verstand erfundenen Waffen versehen ist, ergreift die Flucht vor solchen bösen Tieren nicht, sondern macht nur gierig Jagd auf sie, um sich ihres Pelzwerks zu bemächtigen und mitunter auch ihr Fleisch in einen wohlschmeckenden Braten am Feuer umzuwandeln.“
GEJ|10|184|1|1|184. — Der Zweck des Kampfes in der Natur
GEJ|10|184|1|0|(Der Herr:) „Deine Frage besteht aber eigentlich darin: warum Ich solche Feindseligkeiten auf einem Weltkörper, wie diese Erde einer ist, zulasse. Und Ich sage dir darauf, daß es außer dieser Erde eine zahllose Menge von viel größeren Erdkörpern gibt, und du wirst auf ihnen entweder gar keine oder nur höchst wenige der diesirdischen Feindseligkeiten unter den Kreaturen antreffen.
GEJ|10|184|2|0|Ja, warum denn das gerade auf dieser Erde? Und Ich sage dir: Weil eben die Menschen dieser Erde ihrer Seele und ihrem Geiste nach also gestellt sind, daß sie Kinder Gottes werden können, wodurch sie dann eben dasselbe vermögen, was Ich Selbst vermag, darum es denn auch schon zu den Alten ist gesagt worden durch den Mund der Propheten: ,Ihr seid Meine Kinder und somit Götter, wie Ich, als euer Vater, Gott bin!‘
GEJ|10|184|3|0|Um aber eine Seele so zu stellen, so muß sie, wie man zu sagen pflegt, nach einer langen Reihe von Jahren aus einer Unzahl von Seelenpartikeln aus dem Reiche aller Kreaturen auf dieser Erde gewisserart zusammengefügt werden, und es ist dieses Zusammenfügen der oft endlos vielen Kreaturseelen eben das, was die alten Weisen, die davon wohl Kenntnis hatten, die ,Wanderung der Seelen‘ nannten.
GEJ|10|184|4|0|Die äußeren materiellen Formen der Kreaturen verzehren sich wohl gegenseitig, dadurch aber werden viele in den Kreaturen wohnende Seelen frei, und es vereinigen sich die gleichartigen und werden in eine nächste, höhere Stufe wieder in eine materielle Form eingezeugt, und so fort bis zum Menschen.
GEJ|10|184|5|0|Und wie es mit der Seele geht, so geht es auch mit ihrem jenseitigen Geiste, der der eigentliche Erwecker, Fortführer, Bildner und Erhalter der Seelen ist bis zur Menschenseele, die dann erst in ihre volle Freiheitssphäre tritt und sich selbst in der moralischen Hinsicht weiter fortzubilden imstande ist.
GEJ|10|184|6|0|Wenn die Seele sich bis zu einem gewissen Grade der geistigen Vollkommenheit durch sich selbst erhoben hat, dann erst vereinigt sich ihr jenseitiger Licht- und Liebegeist mit ihr, und der ganze Mensch beginnt von da an, Gott in allem ähnlicher und ähnlicher zu werden; und wird dann der Leib von der Seele genommen, so ist sie dann schon ein vollkommen gottähnliches Wesen und kann aus sich heraus alles ins Dasein rufen und auch weise erhalten.
GEJ|10|184|7|0|Das, was Ich dir jetzt gesagt habe, findet aber nur auf dieser Erde statt und auf keinem andern Weltkörper sonst in solch überschwenglicher Fülle wie eben auf dieser Erde, und wer Verstand hat, der verstehe es aus dem Grunde: Weil diese Erde eben Meinem Herzen entspricht, Ich Selbst aber auch nur ein Herz und nicht mehrere Herzen besitze, so kann es auch nur einen Weltkörper geben, von Mir aus gestellt, der Meinem Herzen und zwar dessen innerstem Lebenspunkte völlig entspricht.
GEJ|10|184|8|0|Das wirst du nun freilich nicht ganz klar einsehen, und wollte Ich das deinem Verstande möglichst klarmachen, so hätten wir über tausend Jahre lang zu tun, bis du Meine innere Weisheit nur ein wenig heller zu verstehen anfingst.
GEJ|10|184|9|0|Wenn aber du eins wirst mit Meinem Geiste in deiner Seele, so wirst du auch in einem Augenblick mehr einsehen und begreifen, als du jetzt selbst auf dem Wege des mühsamsten Forschens in tausend Jahren begreifen und einsehen würdest.
GEJ|10|184|10|0|Und jetzt, weil Ich gerade da bin und Mir alle Dinge möglich sind, will Ich dir zeigen, was aus der heutigen, von dir gesehenen und beobachteten Jagd in seelischer Hinsicht geworden ist.“
GEJ|10|185|1|1|185. — Das Beispiel einer Tierseelenvereinigung
GEJ|10|185|1|0|(Der Herr:) „Du hast noch gesehen, wie der Riesenaar sich am Ende des schon mit der Gazelle gesättigten Schakals bemächtigt hat, mit ihm in die Höhe flog und ihn dann auf einen steinigen Boden herabfallen ließ, bei welcher Gelegenheit dieses Raubtier auch seinen sicheren Tod fand, darauf aber von dem Aar wieder ergriffen und weit nach Süden hin getragen wurde, wo der Aar zwischen den Steinfelsen sein Nest und Domizil hatte. Dort mit seiner Beute angekommen, ließ er sie abermals, da sie ihm schon etwas zu schwer wurde, von einer ziemlichen Höhe hinabfallen.
GEJ|10|185|2|0|Die Beute aber prallte gegen eine Felsenwand und fiel in eine ziemlich tiefe Talschlucht hinab. In dieser Talschlucht weideten arabische Hirten ihre spärlichen Herden und ersahen bald, wie sich der Riesenaar, als ein diesen Hirten bekannter Feind ihrer Herden, stets mehr und mehr in die Tiefe herabsenkte, um seine ihm zu tief ins Tal hinabgefallene Beute zu holen.
GEJ|10|185|3|0|Als die Hirten solches merkten, spannten sie sogleich ihre Bogen und zielten nach dem sich stets tiefer herabsenkenden Aar, und als er nach ihrer Berechnung tief genug herunter kam, schossen sie ihre Bogen mit den scharfen Pfeilen los, – und siehe, der Aar ward von drei Hirten wohl getroffen, fiel tot in die Talschlucht und ward als eine ordentliche Siegestrophäe von den Hirten in Empfang genommen. Der arme Schakal mit seiner Gazelle aber liegt noch zwischen den niederen Felsen, in die er hinabgefallen ist, und wird erst nach einiger Zeit von andern Raubvögeln verzehrt werden.
GEJ|10|185|4|0|Und nun sieh her! Da vor der Tür steht schon eine Menschengestalt, wie die eines Kindes, und wartet, bei einer nächsten Zeugung in den Leib einer Mutter aufgenommen zu werden. Und hinter dieser Seelenerscheinung siehst du eine Lichtgestalt; das ist schon dieser Seele jenseitiger Geist, der dafür Sorge tragen wird, daß diese – gegenwärtig noch – Naturseele bei der allernächsten Gelegenheit in einem Mutterleibe versorgt wird.
GEJ|10|185|5|0|Und nun hast du auch das gesehen, wie aus den letzten drei, schon vollkommenen Tierstufen – freilich mit vielen tausend Vorangängen – eine Menschenseele zum Vorschein gekommen ist.
GEJ|10|185|6|0|Es wird davon ein männliches Kind zur Welt geboren werden, aus dem, so es wohl erzogen wird, ein großer Mann werden kann. Das Gemütliche (Gemütvolle) der Gazelle wird sein Herz regieren, das Schlaue des Schakals seine Vernunft und das Kräftige des Riesenaars seinen Verstand, seinen Mut und seinen Willen. Sein Hauptcharakter wird ein kriegerischer sein, den er aber durch sein Gemüt und durch seine Klugheit mäßigen und also ein sehr brauchbarer Mensch in was immer für einem Stande werden kann. Wird er aber ein Krieger, so wird er zwar auch durch seinen Mut Glück haben, aber ebenfalls eine Beute der andern kriegerischen Waffen werden.
GEJ|10|185|7|0|Damit du das Kind aber gleich von der Geburt an beobachten kannst, so wird dein irdischer Nachbar schon im nächsten Jahre als sein Vater auftreten können.
GEJ|10|185|8|0|Und nun weißt du alles, und Ich habe dir nun etwas gesagt und gezeigt, was Ich bis jetzt noch keinem Menschen in der Art gesagt und gezeigt habe. – Aber nun nehmen wir wieder etwas Brot und Wein und stärken uns nach dieser ziemlich lang anhaltenden Erklärung!“
GEJ|10|186|1|1|186. — Die scheinbare Begünstigung der Heiden durch den Herrn
GEJ|10|186|1|0|Dieser Mein Rat wurde auch sogleich befolgt. Wir nahmen alle wieder Brot und Wein zu uns, und die anwesenden Pharisäer sagten: „Nun glauben wir erst ganz, daß Du der Herr und der wahrhaftige Christus bist! Denn derlei Geheimnisse in der großen Natur können nur Dir allein und sonst keinem Menschen auf der ganzen Erde bekannt sein.“
GEJ|10|186|2|0|Und darauf sagten Meine Jünger: „Herr und Meister! Ähnliches hast Du uns hie und da auch schon vor den Menschen gezeigt, aber uns selbst hast Du eigentlich noch nie auf solche Naturgeheimnisse tiefer aufmerksam gemacht und sie uns auch nicht also erklärt; merkwürdig bleibt es von Dir aus immer, daß Du unter den Heiden viel offener sprichst als unter uns Juden!“
GEJ|10|186|3|0|Sagte Ich: „Seid ihr denn noch so kurzsichtig und begreifet den Grund davon nicht? Wann seid ihr von eurer Geburt an naturkundige Menschen geworden? Ihr forschtet nie über eine oder die andere Erscheinung nach, ließet sie gehen, wie sie gekommen ist, und es war euch ganz gleichgültig, ob am Ende ein Wolf ein Schaf zerreißt und auffrißt oder am Ende gar ein mutiger Widder einen Wolf niederstößt und ihm entweder den Garaus macht oder ihn jählings in die Flucht treibt.
GEJ|10|186|4|0|Ihr seid wohl allzeit recht eifrige Befolger des Gesetzes Mosis gewesen, aber um die Gesetze in der Natur habt ihr euch selten oder nahezu gar nie gekümmert, und Ich wußte darum wohl, in was Ich euch zuerst zu unterweisen und ins rechte Licht zu führen habe; alles andere, was euch not tut, werdet ihr bei Gelegenheit bei Mir schon nach und nach in Erfahrung bringen.
GEJ|10|186|5|0|Es ging manchem von euch anfangs schwer und bedenklich, Mich für mehr als einen Propheten zu halten. Da es euch aber nun klargeworden ist – obschon nicht allen von euch im gleichen Maße –, daß Ich der wahrhaftige Messias bin, so ist es auch für euch an die Zeit gekommen, daß ihr so manches andere aus dem Gebiete der Natur der Erde auch näher erklärt und enthüllt bekommt; aber gründlich verstehen und einsehen werdet ihr alles das auch erst dann, so ihr von Meinem Geiste erfüllt sein werdet.
GEJ|10|186|6|0|Aber dann werdet ihr es auch einsehen, daß man mit derlei Erklärungen in dieser noch stockfinsteren Zeit nicht auftreten kann, namentlich unter den Juden, die bis jetzt – besonders von dem Sinne des ersten Buches Mosis – noch keinen Dunst von einem Verständnisse haben und die Decke Mosis noch immer ihre innere Sehe verhüllt.
GEJ|10|186|7|0|Daher werdet ihr auch genug getan haben, so ihr eure Brüder zum Glauben an Mich erwecket; alles andere, insoweit es not ist, wird dann schon Mein Geist in ihnen bewirken.
GEJ|10|186|8|0|Die Römer aber sind naturkundige Menschen, haben viele Erfahrungen und Beobachtungen gemacht; ihnen sind daher auch derlei Erscheinungen und andere mehr aus dem Gebiete der Natur zu erklären, und sie begreifen es auch und haben mehr Licht denn ihr, und Ich sage euch noch hinzu, daß bald das Hauptlicht den starrsinnigen Juden genommen und in Überfülle den Heiden gegeben werden wird.“
GEJ|10|186|9|0|Sagte darauf ein Jünger des Johannes: „Herr und Meister! Das ist eine Rede aus Deinem heiligen Munde, die uns Juden nicht fröhlich, sondern nur traurig stimmen kann; denn wir sind nach der Schrift denn doch das erwählte Volk Gottes, und Du bist Selbst aus uns hervorgegangen. Nun sollen uns die Heiden vorgezogen und wir gewisserart zerstreut werden unter alle Völker der Erde und kein Land und kein Haus mehr besitzen, und mit dem Nachfolger des Königs David wird es da wohl seine geweisten Wege haben!“
GEJ|10|187|1|1|187. — Die Liebe des Herrn zum Judenvolk
GEJ|10|187|1|0|Sagte Ich: „Mein Freund, da redest und urteilst du wohl noch wie ein Blinder! Die Juden waren ja das erwählte Volk Gottes, – haben sie sich aber auch danach benommen, um das zu sein und zu verbleiben, wozu sie seit Abrahams Zeiten her berufen waren? Sie hielten wohl dem Äußern nach ganz trocken das Gesetz und priesen Gott mit ihren Lippen, aber ihre Herzen blieben verstockt und ferne von Gott.
GEJ|10|187|2|0|Sie sind durch den Mund vieler Propheten und anderer weiser Lehrer zahllose Male ermahnt worden, wie sie sich gegen Gott verhalten sollen; haben sie aber diese Mahnungen nur im geringsten erfüllt?
GEJ|10|187|3|0|Sie waren unter sich in einem beständigen Streit und führten Krieg um den Besitz irdischer Güter. Einmal bestrafte Ich sie hierfür mit der babylonischen Gefangenschaft, und zwar durch das Schwert des allerheidnischsten Königs Nebukadnezar, und beließ sie daselbst, damit sie sich bessern sollten, durch vierzig volle Jahre in aller Schmach und Not, ließ sie aber dennoch nicht ohne Propheten und Lehrer.
GEJ|10|187|4|0|Als sie sich wieder zu bessern anfingen, da ließ Ich es wieder geschehen, daß sie in ihr Land zurückziehen durften und wieder aufbauen die Stadt Jerusalem und den Tempel, und sie wurden wieder ein angesehenes Volk.
GEJ|10|187|5|0|Allein, wie es ihnen wieder gutzugehen angefangen hatte, vergaßen sie nach und nach wieder Meiner, hörten auf die Propheten und Lehrer nicht, sondern verfolgten sie und steinigten mehrere von ihnen.
GEJ|10|187|6|0|Als Ich sah, daß das Judenvolk wieder Meiner Mahnungen nicht mehr zu achten begann, da erweckte Ich die Römer; und sie kamen mit einem mächtigen Kriegsheer und eroberten nicht nur das Gelobte Land, sondern noch weit mehr von Asien dazu und stellten harte Pachtkönige über die Juden und auch andere Völker, beließen ihnen aber dennoch ihre Schriften und ihren Gottesdienst.
GEJ|10|187|7|0|Nun kam Ich endlich Selbst, kam zu öfteren Malen nach Jerusalem, lehrte im Tempel und wollte das Volk als Vater, gleich wie eine Henne ihre Küchlein, unter die Flügel Meiner Liebe, Macht und Weisheit in Schutz nehmen. Allein, was haben Mein Erscheinen, Meine Lehre und Meine Taten bewirkt bis jetzt? Nichts anderes, als daß man Mich von Tag zu Tag mehr haßt, nach allen Richtungen hin verfolgt und Mich vollen Ernstes dem Leibe nach zu töten sucht, – was denn auch den Juden in kurzer Zeit gelingen soll, damit das durch die Schrift ihnen angedrohte Gericht an ihnen in Erfüllung gehe.
GEJ|10|187|8|0|Der alte Bund wird zu sein aufhören, wie das auch schon der Prophet Daniel geweissagt hat, und es wird ein neuer Bund errichtet werden, unter dem auch alle Heiden zu Erben und Besitzern des Reiches Gottes werden. Denn die Römer haben schon einmal das Gelobte Land erobert, aber darin nichts zerstört; kurze Zeit nach Mir werden es wieder die Römer erobern und aber auch derart zerstören, daß von den vielen Städten – Jerusalem nicht ausgenommen – nicht ein Stein auf dem andern verbleiben wird, und man wird kurze Zeit darauf nicht einmal mehr zu bestimmen imstande sein, auf welchem Punkte die eine oder die andere Stadt gestanden ist.
GEJ|10|187|9|0|Wenn Ich denn nun hier gesagt habe, daß das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben wird, – tat Ich da unrecht? Oder gehe du hin und bekehre Mir alle Juden, daß sie an Mich glauben, und Ich will mit dem letzten Gerichte für sie innehalten, den alten Bund erneuern und ihn auch fürderhin bis ans Ende der Zeiten erhalten.
GEJ|10|187|10|0|Siehe aber zu, wie es dir bei solch einem Unternehmen ergehen wird! Ich sage dir: noch um vieles ärger, als es ergangen ist deinem Lehrer Johannes, der in der Wüste die Werke der Buße predigte zur Vergebung der Sünden, aber bald darauf von Herodes ins Gefängnis geworfen wurde, der ihn hernach auf Verlangen des ehebrecherischen Weibes Herodias enthaupten ließ.
GEJ|10|187|11|0|Meinst du wohl, daß es dir besser ergehen möchte, so du nun in Meinem Namen die hohen und stolzen Juden von ihren Sünden zu bekehren und ihnen ihre zahllos vielen Laster vorzuhalten anfingst?
GEJ|10|187|12|0|Wenn du dieses mit nur einigen Funken Lichtes in deinem Verstande betrachtest, so wirst du doch einsehen, daß dieses Volkes Sündenmaß voll geworden ist, gleichwie das Sündenmaß der Hanochiten zu den Zeiten Noahs voll geworden ist, worauf dann die Flut kam und alle Feinde Gottes verschlang.
GEJ|10|187|13|0|Oder sind die Juden zu Jerusalem nun etwa Freunde Gottes, so sie keinen andern Sinn haben, als eben in Mir Gott, ihren Herrn und Vater, zu fangen und zu töten? Sollte man solch ein Volk noch weiter bestehen lassen?
GEJ|10|187|14|0|Siehe, das geht nicht der vielen andern Auserwählten willen, darum Ich denn auch die Zeit bis zum Untergange Jerusalems und seines Volkes sehr abkürzen will und kommen lassen das Gericht!“
GEJ|10|188|1|1|188. — Von falschen Christussen, falschen Propheten und falschen Wundern. Verhaltenswinke für die Jünger
GEJ|10|188|1|0|(Der Herr:) „Ja, es werden viele Juden auch an Mich glauben, und es glauben schon viele; aber es wird gar nicht lange dauern, so werden sich unter ihnen eine Menge erheben, und ein jeder wird von Mir ein anderes Evangelium schreiben und predigen, wie das schon gar jetzt an vielen Orten der Fall ist, wodurch dann viele falsche Christusse entstehen werden. Denn diese falschen Ausbreiter Meiner Lehre werden zu ihren Jüngern sagen: ,Sehet, das ist der wahre Christus, – was ich wohl wissen muß, da ich Sein Augenzeuge war!‘ Und ein anderer wird von seinem Christus dasselbe behaupten.
GEJ|10|188|2|0|Und so werden diese falschen Propheten bald auch unter den Heiden eine große Verwirrung anrichten, weil sie fürs erste als Juden leichter Glauben finden werden als irgend von Mir erweckte Heiden, und werden unter dem Titel ,in Meinem Namen‘ auch falsche Wunder und Zeichen tun und dadurch denn auch viele Menschen verführen und sie für ihre falschen Christusse eingenommen machen.
GEJ|10|188|3|0|Ich sage euch das darum nun, daß ihr es dann wissen könnet, so ihr selbst noch auf solche falschen Propheten stoßen werdet, und ihnen dann nicht glaubet, was sie lehren, sondern in Meinem Namen wider sie zeuget und das Volk vor ihnen warnet, die falschen Propheten selbst aber strafet und sie von der Ausbreitung Meiner Lehre abhaltet.
GEJ|10|188|4|0|So ihr in diesem Geschäfte lau sein werdet, da werdet ihr gleichen einem Salze, das faul und unnütz geworden ist. Ist aber das Salz faul und unnütz geworden, womit soll man dann die Speisen würzen? Darum lehret die Völker vor allem, daß sie sich vor den falschen Propheten hüten sollen und nicht glauben ihren Worten noch ihren Zeichen!
GEJ|10|188|5|0|Ihr selbst aber werdet nicht uneins, weder im Wort noch in der Tat, – sondern gebet alles also den Menschen wieder in voller, sich in nichts widersprechender Wahrheit, – wie ihr es von Mir überkommen und bei Mir gesehen habt! Denn so ihr untereinander uneins werdet und der eine dieses und ein anderer etwas anderes reden wird, so werdet ihr dadurch selbst den unheilvollen Samen der Zwietracht in Meine Lehre legen und euch dafür bei Mir wenig Lobes und Lohnes zu erfreuen haben. Am meisten aber wird man euch als Meine echten Jünger dadurch erkennen, daß ihr euch untereinander liebet, wie auch Ich euch stets geliebt habe, und niemals in einen Zank und Hader verfallet, wie das bei den falschen Propheten nur zu bald der Fall sein wird, bei denen ein von ihnen gepredigter Christus den andern unter allerlei Fluch und Verdammnis verfolgen wird, wodurch Meine euch gegebene Lehre ebenso wird zerbrochen werden müssen wie in kurzer Zeit Jerusalem und andere Städte, da kein Stein auf dem andern ganz gelassen wird.
GEJ|10|188|6|0|Ich werde aber Meine Lehre schon auch ganz rein bis an das Ende der Zeiten zu erhalten verstehen. Aber wehe mit der Zeit allen Widerchristen! Sie sollen nicht viel länger ihr Unwesen treiben, als die Juden seit Mosis Zeiten bis auf Mich herab ihr Unwesen mit Mir getrieben haben, und Ich werde sie mit einem Weltgericht heimsuchen, das noch ärger sein wird denn das zur Zeit Noahs, Sodoms und Gomorras und vieler anderer Städte und Völker mehr bis auf diese Zeit.
GEJ|10|188|7|0|Bei den Meinigen aber werde Ich gleichfort verbleiben bis ans Ende der Zeiten und werde unterschiedlich zu ihnen kommen, bald hier und bald dort; und werde Selbst ihr Lehrer sein in allen Dingen, – denn Ich werde dann auch kommen wie ein Blitz, der vom Aufgange bis zum Untergange leuchtet und alles erhellt, was auf der Erde finster und dunkel war.
GEJ|10|188|8|0|Und siehe, das große Licht dieses Blitzes wird sie, die Widersacher nämlich, also zerstören, wie das Licht des Blitzes die Krebse tötet, so es sie irgend überscheint! Es besteht darin eine Entsprechung mit solchen Menschen, die den Fortschritt in Meinem Lichte scheuen und sich gleichfort gleich den Israeliten nach den vollen Fleischtöpfen des finstern Ägyptens zurücksehnen. Und so hat der Krebs, der vorzüglich in Ägypten daheim ist, denn auch diese Eigenschaft, daß er gewöhnlich im finstern Schlamme seine Nahrung sucht; und so er noch von Zeit zu Zeit ans Licht hervorkriecht, da macht er alsbald wieder eine rückgängige Bewegung und sucht wieder seinen finstern Schlamm auf.
GEJ|10|188|9|0|Und sage Mir: Gleichen die heutigen Juden im Gelobten Lande nicht noch vollkommen jenen durch Moses aus Ägypten befreiten Israeliten, die sich in der Wüste, statt sich vorwärtszubewegen, um ins Gelobte Land zu gelangen, nur nach den ägyptischen Fleischtöpfen zurücksehnten und darum Moses schmähten, daß er sie aus Ägypten geführt hatte, wo es ihnen so gut ergangen sei? Sind derlei Menschen nicht zu vergleichen den häßlichen Schlammtieren, die das Licht des Blitzes nicht ertragen können und sich ihres Fraßes wegen stets nach rückwärts statt nach vorwärts bewegen?
GEJ|10|188|10|0|Und Ich habe daher auch zu ihrem endlichen Gerichte das vorgesehen und bestimmt, daß sie am Ende alle umkommen sollen durch das Feuer und Licht Meines Blitzes.
GEJ|10|188|11|0|Und so wird das in Erfüllung gehen, was Ich euch schon einmal bei einer Gelegenheit gesagt habe, daß Ich am Ende die Erde von ihrem Unrate durchs Feuer werde reinigen lassen.
GEJ|10|188|12|0|Damit meine Ich dir mehr als zur Übergenüge den Grund gezeigt zu haben, warum das Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben wird.
GEJ|10|188|13|0|Es werden zwar die Juden für sich unter den Heiden noch fortbestehen unter allen Völkern der Erde und werden noch auf einen Messias hoffen, der aber nicht mehr kommen wird, und sie werden darum fortwährend gleichen den Tieren, wie da sind die Hunde und die Schweine; denn ein Hund kehrt immer zu dem zurück, was er gespien hat, und ein Schwein zu der Sumpflake, in der es sich gebadet und beschmutzt hat.
GEJ|10|188|14|0|Und die dreifache Decke vor dem Antlitze Mosis wird vor ihren Augen hängenbleiben, indem sie das helle Licht der Himmel nicht ertragen und darum den inneren Sinn der Schriften Mosis und der Propheten nie erfassen und begreifen werden.
GEJ|10|188|15|0|Bist du mit dieser Meiner wohlgegründeten Erklärung nun wohl zufrieden?“
GEJ|10|188|16|0|Sagte der Jünger des Johannes: „O Herr und Meister, ich muß wohl damit zufrieden sein, da ich es jetzt wohl nur zu klar einsehe, daß es gerade also ist und auch in der Folge sein wird, wie Du das hier nun in aller Klarheit uns allen geoffenbart hast.
GEJ|10|188|17|0|Oh, wer kann dafür, daß die Menschen ihren freien Willen so sehr mißbrauchen und sich lieber am Gängelband der Teufel herumführen und verführen lassen, als zu folgen Deinem Rate, der sie in alle Freiheit erheben möchte und ihnen geben das ewige Leben in Deinem Reiche!
GEJ|10|188|18|0|Allein ich hoffe, daß Dir, o Herr und Meister, noch gar viele Mittel übrigbleiben werden, um mit den Zeiten der Zeiten auch aus den Krebsen Menschen hervorzurufen, die Dich erkennen werden; denn darum hast Du sie denn doch nicht auf diese Welt kommen lassen, auf daß sie für ewig hin auch ihren Seelen nach also Krebse verbleiben sollen?“
GEJ|10|188|19|0|Sagte Ich: „Was für die langen Zeiten der Zukunft vorbehalten ist, das liegt im Rate Meiner Liebe und Weisheit verborgen; die Zeiten aber werden noch lange dauern, bis die letzte der Sonnen verglühen wird. Die Menschen werden sehen viele Sterne am Himmel verlöschen und wieder andere an ihre Stelle treten, – aber die eigentlichen Krebse werden noch nicht viel von ihrer häßlichen Gestalt dabei verloren haben. Doch bei Mir sind tausend Erdenjahre wie ein Augenblick; was die eine lange dauernde Zeit nicht zu bewirken vermag, das vermag vielleicht eine nächste oder tausendste Zeitperiode.
GEJ|10|188|20|0|Wer da will, daß ihm geholfen werde, dem soll auch in Kürze geholfen werden; wer aber in seinem Starrsinne beharren will, der verharre, solange es ihm beliebt, – und will er darin ewig verharren, so steht es ihm auch frei! Denn auch das innere Materielle der Erde, wie auch das der endlos vielen andern Weltkörper, braucht seine Erhaltungsnahrung, und es wird gar entsetzlich lange hergehen (dauern), bis ein inneres Erdatom wieder bis auf die Oberfläche der Erde heraufgelangen wird.
GEJ|10|188|21|0|Dieses wirst du zwar nicht verstehen, was Ich damit sagen will: Der verlorene Sohn ist wohl schon auf der Umkehr, aber es wird noch nahe endlos lange Zeiten vonnöten haben, bis er vollends in das alte Vaterhaus zurückgelangen wird.
GEJ|10|188|22|0|Im kleinen Maßstabe gleicht freilich jeder Sünder einem verlorenen Sohn, über dessen wahre Rückkehr größere Freude sein wird als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
GEJ|10|188|23|0|Aber das Wort, das Ich zu euch rede, gilt nicht allein nur für diese Erde, sondern entsprechenderweise für die ganze Unendlichkeit; denn Meine Worte sind nicht Menschenworte, sondern Gottesworte, werden auch von den zahllosen Myriaden von Engeln vernommen und von einem Ende Meiner endlos vielen Schöpfungen zum andern als wirksam getragen.
GEJ|10|188|24|0|Dieses verstehest du auch nicht; wenn du aber im Geiste wiedergeboren sein wirst, so wirst du auch in die endlose Tiefe Meiner Erbarmungen schauen können. Vorderhand aber begnüge dich mit dem, was du vernommen hast; denn Ähnliches, wie Ich jetzt zu euch geredet habe, werde Ich in dieser Welt nicht vieles mehr reden! Darum behaltet das bei und in euch bis zur Zeit eurer inneren Erleuchtung, nach der auch ihr mit den Verständigen und Erleuchteten werdet reden können von allem, was ihr von Mir vernommen habt; aber vor den Unverständigen haltet das inne, und werfet den Schweinen Meine Perlen nicht zum Fraße vor!“
GEJ|10|188|25|0|Dieses behielten die Jünger bei sich, hielten sich bei der Ausbreitung Meiner Lehre auch daran und haben auch besonders den Juden wenig anderes von Mir geoffenbart als besonders Mein Leiden und Sterben und Meine Auferstehung, und daß Ich demnach wahrhaftig der Messias war. Aber selbst über diese letzten Begebenheiten waren sie nicht völlig einig miteinander, – was schon aus dem hervorgeht, daß auf die Nachricht der Weiber über Meine Auferstehung – besonders die der Magdalena – einige der Jünger glaubten, andere wieder nicht und hielten die Aussage der Weiber für ein Märchen, bis Ich ihnen Selbst persönlich erschien und noch da Meine Not hatte, sie völlig zu überzeugen, daß Ich auferstanden sei. Ich habe zwar den Jüngern eben bei dieser Gelegenheit gesagt, daß sie sich vor allem vor dem Uneinswerden hüten sollen; aber es ging bei ihnen und unter ihnen ebenso zu wie auch bei andern Menschen: Ihr Geist war willig, aber ihr Fleisch schwach.
GEJ|10|189|1|1|189. — Die Schwierigkeiten des Lehramtes
GEJ|10|189|1|0|Als wir so noch am Tische beisammensaßen und Brot und Wein zu uns nahmen, da sagte Barnabas, der ein Pharisäer war, wie ihr wißt: „Herr und Meister, so Du auch mich für würdig halten würdest, Deine Lehre unter den Menschen auszubreiten, so würde ich nicht ein Wort von Deiner Lehre hinwegnehmen und auch nicht eines dazusetzen!“
GEJ|10|189|2|0|Sagte Ich: „Du bist zwar ein Jude und hast es durch dein bedeutendes Vermögen dahin gebracht, daß du ein Pharisäer geworden bist, indem du nachweisen konntest, daß du aus dem Stamme Levi bist; du bist aber unter den Griechen erzogen worden und hast dir dadurch auch viel griechischen Starrsinn angeeignet und wirst dich auf die Länge der Zeit mit einem andern Meiner Jünger eben nicht am besten vertragen mögen. Ich werde euch allen aber etwas sagen, und so höret Mich denn an!
GEJ|10|189|3|0|Ein wahrer Weiterverbreiter Meiner Lehre muß sein wie ein äußerst erfahrener, gefügiger und überaus geschickter Arzt.
GEJ|10|189|4|0|Ein Arzt aber kommt zum Beispiel in einen Ort, dahin er gerufen wird zu vielen Kranken, die da behaftet sind mit Gicht und allerlei Fiebern. Nun denkt sich der Arzt: ,Derlei Kranke habe ich schon viele behandelt und ihnen mit diesen oder jenen Arzneien geholfen, und diese Kranken hier leiden an denselben Krankheiten; ich werde ihnen daher dieselben Arzneien geben, und sie werden gesund werden!‘ Und der Arzt tut das – und sehet, die Kranken werden, statt besser, immer schlimmer auf seine Arzneien, verlieren das Vertrauen zu ihm und suchen sich einen andern Arzt! Der Arzt wird darüber ärgerlich und sagt bei sich: ,Diese meine Arzneien haben schon so vielen geholfen; warum denn gerade diesen nicht?‘ und zieht ärgerlich nach Hause.
GEJ|10|189|5|0|Und es kam bald der zweitgerufene Arzt. Er war aber klüger als der erste, erkundigte sich zuvor, wie der Kranke gelebt hatte, was für Speisen er zu sich genommen, und von welchen Krankheiten er schon von Jugend auf geplagt ward. Und so erkundigte er sich noch um Verschiedenes, um das sich ein weiser Arzt zu erkundigen hat, und richtete demnach auch seine Arzneien ein: für einen Kranken das, für einen andern wieder ganz etwas anderes. Und sehet, der Arzt, der sich diese Mühe nahm, heilte bald im ganzen Orte die Kranken, da er es verstand, seine Arzneien nach den verschiedenen Naturen und Eigenschaften seiner Kranken einzurichten (zu wählen).
GEJ|10|189|6|0|Und wie ein Arzt nur auf diese Weise – so es nicht gar zu spät an der Zeit ist – glückliche Heilungen an den Kranken bewerkstelligen kann, ebenalso auch ein wahrer Seelenarzt bei den vielen seelenkranken Menschen auf dieser Welt, von denen eine Seele leichtgläubig, eine andere hartgläubig, eine andere hochmütig, eine andere geizig, selbstsüchtig und dergleichen noch vieles mehr ist. Kommt nun der Seelenarzt zu solchen Seelen und fängt alsogleich an, ganz steinstarr seine von Mir überkommene Lehre solchen verschiedenartigen Seelen vorzupredigen, so wird er damit wenig Nutzen stiften.
GEJ|10|189|7|0|Wer da nicht versteht, mit den Weinenden zu weinen, mit den Lachenden zu lachen, mit den Heiteren selbst heiter und mit den Ernsten selbst ernst zu sein, der ist noch nicht geschickt zur Ausbreitung Meines Reiches auf Erden und gleicht in dieser Hinsicht einem Landmanne, der beim Aufackern eines Feldes wohl seine Hände an den Pflug legt, aber seine Blicke immer hinter sich richtet, um zu sehen, wie sich die Furchen legen; dabei vergißt er aber den Pflug, der seitwärts ging wegen Mangels rechter Aufmerksamkeit des Pflügers, und diesem bleibt dann nichts übrig, als den Pflug zurückzuziehen bis an die Stelle, wo er noch geradeaus ging, um daselbst wieder von neuem anzufangen zu pflügen.
GEJ|10|189|8|0|Und so ist es mit den Lehrern, die alle Menschen – welchen Charakters und von welchen Natureigenschaften sie auch immer sein mögen – auf ganz eine und dieselbe Art in was immer unterrichten wollen. Einige von diesen Menschen werden etwas von diesem Unterrichte fassen, weil der Unterricht gerade für ihre Fähigkeiten getaugt hatte; die andern aber werden, unwissend und ungeschickter als sie vorher waren, den Lehrer verlassen.
GEJ|10|189|9|0|Und so ist denn auch hier bei der Ausbreitung Meiner Lehre wohl darauf zu sehen, von welcher Beschaffenheit diejenigen sind, denen ihr Meine Lehre vorprediget, ansonst ihr wenig Nutzen stiften werdet.
GEJ|10|189|10|0|Der Leichtgläubige wird bald alles glauben, – besonders, wenn ihr die Lehre noch mit irgendeinem Wunderzeichen bekräftigt; aber dabei denket euch das: Wer gar zu leicht etwas Neues annimmt, der läßt es auch ebenso leicht wieder fahren, als wie leicht er es angenommen hat, besonders so ihn eine Versuchung dazu nötigt. Mit einem Hartgläubigen werdet ihr zwar viel mehr Arbeit haben, – aber habt ihr ihn einmal gewonnen, so wird er auch bei dem verbleiben, was er angenommen hat. Darum müßt ihr euch bei ihm auch mehr Mühe nehmen als bei den Leichtgläubigen. Diesen aber trauet nicht, weil sie so gern und ohne viel Mühe eure Lehre angenommen haben. Denn so ihr wieder zu ihnen kommen werdet, werden sich vielleicht kaum die Hälfte noch bei eurer Lehre halten (befinden), die andere Hälfte aber zu ihrem alten, faulen Glauben zurückkehren oder irgendeinem andern falschen Propheten anhangen.
GEJ|10|189|11|0|Darum seid zwar vollkommen einig in dem, was Meine Lehre betrifft, – aber was den Vortrag betrifft, so sehet euch die Menschen zuvor an, welches Geistes Kinder sie sind, und fanget danach erst an, ihnen Mein Evangelium zu predigen, und ihr werdet da allenthalben gute Wirkungen hervorbringen!
GEJ|10|189|12|0|Gedenket dabei auch des alten römischen Sprichwortes, nach welchem aus einem höchst plumpen und faulen Holzklotze keine Gottheit geformt werden kann, und daß die sanfte und furchtsame Taube noch niemals einen Aar aus ihren Eiern gehecket hat! Daher seid denn auch – was Ich euch schon öfter gesagt habe – klug wie die Schlangen, dabei aber dennoch voll Sanftmut gleich den Tauben!
GEJ|10|189|13|0|Das Lehramt ist eines der schwersten Ämter; aber wohl dem, der ein solches Amt tüchtig zu verwalten versteht!“
GEJ|10|189|14|0|Hierauf sagte Barnabas: „O Herr und Meister, Du hast nun nur zu offen die reinste Wahrheit gesprochen; denn auch ich war zuvor ein Lehrer und habe es erfahren, wie schwer mit den verschiedenartigen Menschen umzugehen ist. Daher werde ich auch diesen Deinen Rat über alles wohl beherzigen und ihn zur Tat werden lassen.“
GEJ|10|189|15|0|Sagte Ich: „Das wirst du wohl; aber du wirst auch einer der ersten sein, der bei einer Gelegenheit mit einem eben von Mir erwählten Jünger hart übereinanderkommen wird, und ihr werdet euch trennen auf eine längere Zeit hin. Ich sage dir nicht, wann, bei welcher Gelegenheit und mit welchem Jünger; wenn es aber geschehen wird, so wirst du dich dessen erinnern, was Ich dir soeben gesagt habe.“
GEJ|10|189|16|0|Sagte darauf Barnabas: „Herr und Meister, da Du solches schon zum voraus weißt, so sollte es Dir ja auch möglich sein, solch einem unliebsamen Vorkommnis schon im voraus die rechten Hindernisse in den Weg zu stellen!“
GEJ|10|189|17|0|Sagte Ich: „Die allerfreiesten Menschen auf der ganzen Erde seid ihr, Meine Jünger, nun, und eben euch will Ich durchaus auch nicht die leiseste Fessel, von seiten Meiner Allmacht ausgehend, anlegen; denn so Ich euch in die Welt sende, daß ihr die andern Menschen von den Fesseln der harten Knechtschaft unter dem Gesetze befreien sollet in Meinem Namen, – wie sollte Ich euch dann als gefesselte Knechte hinaussenden? So Ich das täte, da würde es mit der Freimachung und Erlösung bei den Menschen sehr schlimm aussehen; denn in dem Falle würde ihnen ein neues, schwereres Joch auferlegt werden, denn da war das alte, und Meine Herniederkunft wäre kein nütze.
GEJ|10|189|18|0|Ich erwecke euch aber zu Aposteln und Propheten des neuen und nicht mehr alten Bundes und mache euch dadurch zu den ersten Erlösten auf dieser Erde, auf daß durch euch diese Meine Erlösung auf alle Menschen übergehe in rechter Art und Weise und in der vollkommensten Ordnung Meiner ewigen Liebe, Weisheit und Macht. – Hast du, Barnabas, solches verstanden?“
GEJ|10|189|19|0|Barnabas sagte, daß er dieses wohl verstanden habe, und alle sagten das gleiche.
GEJ|10|189|20|0|Und Ich sagte zu ihnen: „So bleibet denn in Mir, so werde Ich bei euch verbleiben bis ans Ende der Zeiten und werde einen jeden von euch erwecken an seinem jüngsten Tage in Meinem Reiche!“
GEJ|10|190|1|1|190. — Der Apollopriester erkundigt sich nach dem Herrn
GEJ|10|190|1|0|Als Ich dieses ausgesprochen hatte, ließ sich der Apollopriester mit noch zwei andern heidnischen Priestern durch einen Boten beim Wirte anmelden, daß er kommen werde, um zu sehen, wie der unter seinem Dache sich befinden sollende Gott der Juden aussähe.
GEJ|10|190|2|0|Wir sagten dem Boten, daß hier eine öffentliche Herberge sei und es einem jeden freistehe, einzutreten.
GEJ|10|190|3|0|Es war aber die Nachricht zu diesem Apollopriester und seinen noch zwei ihm untergebenen Priestern durch das Gesinde des Wirtes gekommen, daß ein Gott der Juden sich bei dem Wirte befinde und viele nie dagewesene und unerhörte Wunder wirke.
GEJ|10|190|4|0|Der Bote ging eilig hinaus und benachrichtigte die drei Heidenpriester mit dem, daß sie frei eintreten könnten, so sie wollten.
GEJ|10|190|5|0|Die Priester machten darauf nicht viel Säumens und traten bald zu uns in das Gastzimmer.
GEJ|10|190|6|0|Und der Apollopriester wandte sich sogleich an den Oberstadtrichter und sagte: „Durch meinen Gott Apollo erleuchteter Oberstadtrichter, sage mir an, welcher unter diesen vielen Juden, die am Tische sitzen, der wunderwirkende Gott der Juden ist, auf daß auch ich mich vor ihm verbeuge und ihm die Ehre bezeige; denn wir Priester der Götter Ägyptens, Griechenlands und Roms verstehen auch die Götter anderer Völker zu ehren, in dem Maße, als sie es verdienen!“
GEJ|10|190|7|0|Der Oberstadtrichter sah Mich gewisserart fragend an, ob er diesem eingebildeten Oberpriester des Apollo eine Antwort geben solle oder nicht.
GEJ|10|190|8|0|Ich aber winkte ihm, daß er ihm zuvor einen vollen Becher Weines kredenzen solle und sagen, es sei das Wasser aus der Zisterne des Wirtes.
GEJ|10|190|9|0|Und der Oberstadtrichter verstand diesen Meinen Wink und sagte zu dem eigentümlich blöde aussehenden Apollopriester: „Da, neben uns befindet sich noch ein kleiner, leerer Tisch; setzet euch nieder! Und da sind zugleich drei Becher, gefüllt mit dem Zisternenwasser des Wirtes, und löschet euch zuvor den Durst mit diesem besten Wasser in unserer ganzen Stadt!“
GEJ|10|190|10|0|Sogleich wurden den dreien drei volle Becher vorgesetzt, und der Apollopriester, der zwar kein besonderer Freund des Wassers war, verkostete es dennoch und fand, daß es nicht Wasser, sondern der beste Cypernwein wäre, der nur an den Tafeln der Kaiser getrunken wird. Er trank seinen Becher auch bald bis auf den letzten Tropfen aus, und seinem Beispiel folgten auch seine zwei Unterpriester.
GEJ|10|190|11|0|Als der Apollopriester den Becher geleert hatte, sagte er voll Staunens: „Was, das soll des Wirtes Zisternenwasser sein? Das ist ja einer der besten Weine von der Insel Cypern! Wo hat noch je eine Zisterne solch ein Wasser gehabt? Das ist nicht möglich, ihr haltet mich zum besten!“
GEJ|10|190|12|0|Sagte der Oberstadtrichter: „So laß dich vom Wirte selbst zu der Zisterne hinausgeleiten, und schöpfe selbst und trinke; dann komme wieder und sage, ob man dich zum besten gehalten hat! Für so unsinnig und blöde aber wirst du den Wirt ja doch nicht halten, daß er sich aus Cypern um ein übergroßes Geld mehrere hundert Schläuche des besten Weines habe bringen lassen und ihn dann aus den Schläuchen in die Zisterne gegossen habe!“
GEJ|10|190|13|0|Hierauf erhob sich der Apollopriester alsogleich, und der Wirt geleitete ihn mit seinen zwei Unterpriestern hinaus an die Zisterne, gab dem Oberpriester den Schöpfeimer in die Hand und sagte: „Schöpfe dir nun selbst das Wasser, und verkoste es dann!“
GEJ|10|190|14|0|Der Apollopriester tat das sogleich und fand, daß es nicht Wasser, sondern der beste Wein war. Desgleichen taten auch seine zwei Unterpriester und fanden dasselbe und rieten dem Wirte, daß er solch ein köstliches Wasser nicht also in der Zisterne belassen, sondern damit viele Schläuche füllen und es aufbewahren solle für vornehme Gäste, die es ihm gern teuer bezahlen würden.
GEJ|10|190|15|0|Sagte der Wirt: „Dazu habe ich von Dem, der das Wasser in meiner Zisterne in den köstlichsten Wein verwandelte, kein Gebot und keine Befugnis überkommen, und so soll es auch also bleiben, wie es ist!“
GEJ|10|190|16|0|Darauf konnten ihm die Priester nichts einwenden und begaben sich mit dem Wirte wieder zu uns ins Gastzimmer.
GEJ|10|190|17|0|Als sie wieder ihre früheren Plätze einnahmen, da sagte der Apollopriester mit einem gewissen Pathos zum Oberstadtrichter: „Herr, so etwas ist von allen unsern Göttern, von Jupiter angefangen bis auf die geringste Quellennymphe herab, noch nie erhört worden, und wir haben mit vielen Hunderten der ersten Magier schon zu tun gehabt, und sie vermochten manches Wunderbare zu bewirken, – aber Wasser in Wein zu verwandeln, ist noch keinem in den Sinn gekommen! Ich bitte dich darum, mir nun anzuzeigen, welchem in dieser ziemlich zahlreichen Gesellschaft ich meine tiefste Hochachtung und Ehrfurcht zu bezeigen habe!“
GEJ|10|190|18|0|Hierauf sagte der Oberstadtrichter mit Meiner Erlaubnis: „Der an meiner rechten Hand sitzet, ist der Herr aller Herrlichkeit, der Meister aller Meister und der Gott aller Götter!“
GEJ|10|190|19|0|Als der Apollopriester solches vernommen hatte, da sagte er: „Da wäre er ja das sogar allen Göttern unerforschliche Fatum, von dem sie selbst, so wie die Sonne, der Mond und alle Sterne und der ganze Erdkreis mit allem, was er faßt und trägt, abhängen, und es steht, glaube ich, auch in einem alten ägyptischen Buche geschrieben, daß diese unerforschliche Gottheit – das Fatum nämlich – sich einst den Göttern und auch den Menschen dieser Erde näher offenbaren werde.
GEJ|10|190|20|0|Ich habe heute beim Aufgange der Sonne, wie gewöhnlich, dem Gott Apollo meine Morgenbegrüßung für alle Menschen dargebracht, war aber dabei im höchsten Grade überrascht, als ich zwei Sonnen hintereinander aufgehen sah. Aber noch mehr überrascht war ich, als ich über und unter der zweiten Sonne ganz deutlich geschriebene Worte entdeckte, die ich aber dennoch nicht lesen konnte, weil sie mit hebräischen Buchstaben geschrieben waren, und somit noch weniger verstehen ihren Sinn.
GEJ|10|190|21|0|Aber das dachte ich mir wohl, daß so etwas eine ganz außerordentliche Bedeutung haben müsse. Und als ich mich später hin und her erkundigte, ob außer mir noch jemand diesen sonderbaren Sonnenaufgang beobachtet hätte, da kam ich dabei auch zu den Leuten dieser Herberge, und diese wußten es mir zu sagen, daß gestern gen Abend hin wahrhaftig der Gott der Juden im Geleite mehrerer Diener hier eingekehrt sei und noch hier verweile. So Du, o Herr, Meister und Gott, eben der nämliche bist, so vergib es mir, daß auch ich – obschon ein Heidenpriester – Dir hier meine vollste Hochachtung und Ehrerbietung bezeige, und ich bitte Dich um Deine göttliche Erlaubnis, Dir in unserer Stadt auf dem erhabensten Punkte einen Tempel errichten zu dürfen, um Dich darin zu allen Zeiten allerhöchst zu verehren!“
GEJ|10|191|1|1|191. — Wahre Gottesverehrung und Götzendienst
GEJ|10|191|1|0|Sagte Ich: „Das lasse du bleiben; denn Mein Tempel ist allwegs (überall), besonders aber im Herzen der Menschen, die an Mich glauben, Mich über alles lieben und Meine Gebote halten!
GEJ|10|191|2|0|Beschaue dir die ganze Erde mit allem, was sie trägt und faßt, und also auch das Firmament! Siehe, das ist auch alles Mein Tempel, den Ich Selbst erbaut habe; darum benötige Ich keines Tempels, verfertigt von Menschenhänden. Wenn du aber an Mich glaubst, daß Ich der Herr bin, so wende dich ab von deinen Götzen und deinen Tempeln, die von Menschenhänden gemacht sind! So aber schon jene Menschen, die die Götter mit ihren Händen verfertigt und ihnen dann Tempel erbaut haben, in denen sie Opfer darbrachten und den Menschen, die auch Opfer darbrachten, allerlei Vorteile versprachen, nicht so viel Macht besaßen, auch nur ein allerschlechtestes Moospflänzchen aus der Erde erwachsen zu lassen, – was sollen denn dann ihre Götter und Tempel, die sie verfertigt haben, für eine Macht besitzen?
GEJ|10|191|3|0|Die Priester wohl besitzen eine schlechte Macht, nämlich die des Betruges und jene zur Erzeugung des finstersten Aberglaubens in den Gemütern der Menschen, welche Macht herrührt vom Obersten der Teufel, der auf seinen geheimen Wegen die Herzen aller Menschen zu verfinstern versteht, um mit ihnen dann zu bereichern und zu vergrößern sein Reich.
GEJ|10|191|4|0|Aber wehe denen, die es wohl wissen, daß an dem, was sie die Menschen lehren, nichts ist, aber die Menschen doch in die Finsternis leiten, damit diese im Schweiße ihres Angesichts für sie arbeiten und ihnen durch die abverlangten Opfer ein überaus gutes diesweltliches, mühe- und sorgenloses Leben verschaffen!
GEJ|10|191|5|0|Ich sage euch aber, daß Ich Mich der armen, verführten Menschen wohl erbarmen werde, aber der Verführer nimmerdar; denn sie wissen, was sie tun, – die andern aber wissen es nicht.
GEJ|10|191|6|0|Du selbst hast noch nie im Ernste an einen deiner Götter geglaubt, hast aber dennoch die andern Menschen gezwungen, an das zu glauben, was du schon seit langem für eine pure Fabel der Alten gehalten hast.
GEJ|10|191|7|0|Wenn du dich vor dem Untergange retten willst, so kehre du allen deinen Göttern den Rücken, belehre deine von dir betrogenen Menschen über den einen, wahren Gott der Juden, so kannst auch du dereinst teilhaben an Meinem Reiche, das nicht von dieser Welt ist, sondern von der jenseitigen geistigen, von der du in dir keine Kunde besitzest!“
GEJ|10|191|8|0|Sagte hierauf der Apollopriester: „O Herr, Meister und Gott, das wird für uns eine schwere Arbeit werden! Denn die Menschen sind noch zu sehr von dem alten Wahn durchdrungen, daß es mit unsern Göttern eine volle Realität habe; und werden wir dagegenzulehren anfangen, so werden wir uns in die Gefahr begeben, von dem Volke verfolgt und mißhandelt zu werden.“
GEJ|10|191|9|0|Sagte Ich: „So ihr selbst an Mich glaubet, so wird euch dieser Glaube die Kraft erteilen, daß ihr auch das Unmögliche leicht werdet möglich machen können!“
GEJ|10|191|10|0|Sagte der Apollopriester: „Wir haben jetzt gesehen, daß Deinem Willen nichts unmöglich ist; so du willst, kannst du unsere Göttertempel in einem Augenblick zunichte machen. Wir sind dann beim Volke außer Verantwortung und können dann um so leichter von Dir zum Volke zu reden anfangen. Denn an Zeugen über das, was Du bist, fehlt es hier nicht; unser Oberstadtrichter ist einmal schon ein vollgültigster Zeuge, dann der Wirt und sein Hausgesinde und auch jene Juden dort.“
GEJ|10|191|11|0|Sagte Ich: „Das ginge zwar wohl, – aber es ist besser, daß ihr das Volk vorher bei guten Gelegenheiten von Mir belehret und das Volk dann selbst Hände an die Tempel und ihre sie umgebenden Haine legt, die an und für sich schon mehr ein dürres Gestrüpp denn ansehnliche Haine sind.“
GEJ|10|191|12|0|Sagte darauf der Apollopriester: „Meister, Herr und Gott!“
GEJ|10|191|13|0|Nach diesem Ausrufe sagte Ich zu ihm: „So du mit Mir sprichst, so nenne Mich bloß Herr und Meister; Gott aber nenne Mich erst dann, so du in dir selbst innewirst, was die Gottheit ist. Und nun kannst du weiterreden!“
GEJ|10|191|14|0|Und der Apollopriester redete, sagend: „Wie sind aber alle diese Götter entstanden? Ich will von den kleinen, Neben- und Halbgöttern nichts reden, wie auch von den weiblichen Gottheiten nichts; aber hinter den männlichen Hauptgottheiten, die schon die unseres Gedenkens ältesten Ägypter verehrt haben, muß denn doch etwas gelegen sein, – denn gar so aus nichts können diese Götter nicht in das Verständnis der Menschen gekommen sein! Dir, o Herr und Meister, wird das gewiß vom tiefsten Grunde aus bekannt sein!“
GEJ|10|192|1|1|192. — Die Entstehung des Götzentums
GEJ|10|192|1|0|Sagte Ich: „Die Ureinwohner Ägyptens, als Nachkömmlinge Noahs, haben auch die Erkenntnis des einen, allein wahren Gottes in dieses Land gebracht und haben den allein wahren Gott über siebenhundert Jahre lang verehrt, und es besteht noch ein aus einem großen Granitfelsen gemeißelter Tempel, den vier aufeinanderfolgende Haupthirten zur Verehrung des allein wahren Gottes errichtet haben.
GEJ|10|192|2|0|Im tiefsten Hintergrunde dieses Tempels hat man eine bedeutungsvolle Inschrift in die Steinwand gemeißelt, und zwar mit den wenigen Worten Ja bu sim bil, – was soviel heißt als: Ich war, bin, und werde sein!
GEJ|10|192|3|0|Und so nach diesem Begriffe von der Gottheit verehrten die Ureinwohner, gleichwie Abraham in diesem Lande, den einen und nur ganz allein wahren Gott, und der Geist Gottes war mit ihnen und lehrte sie große Dinge.
GEJ|10|192|4|0|Aber später fingen diese vom Gottesgeiste belehrten Ureinwohner an, über das Wesen der Gottheit tiefer nachzudenken, und das um so tiefer, je mehr sie mit den Kräften der Natur sich vertraut machten.
GEJ|10|192|5|0|Eine jede solche von ihnen erkannte Kraft wurde als eine eigentümliche Eigenschaft der einen Urkraft in der Gottheit dargestellt. Um das Volk über das leichter zu belehren, fing man an, diese aus der einen Gottheit ausfließenden Kräfte mittels entsprechender Bilder dem Volke anschaulicher zu machen, und sagte zum Volke darum auch, daß eine jede solche Kraft, als von dem einen und allein wahren Gott ausgehend, ebenfalls heilig und der göttlichen Verehrung würdig sei.
GEJ|10|192|6|0|Man stellte Lehrer auf und errichtete auch Schulen, und es ward dann in den Schulen anfänglich zwar wohl von der Haupturgottheit gelehrt, aber hauptsächlich ging dann die Lehre auf die göttlichen Sonderkraftausflüsse über, und es wurden dann bald darauf für jede Kraft wieder eigene Lehrer und Schulen errichtet, die ein jeder Schüler vorerst durchzustudieren hatte, bis er erst nach abgelegten Prüfungen in die Hauptschule aufgenommen wurde.
GEJ|10|192|7|0|Mit der Zeit wurden diese Lehrer Priester der einzelnen göttlichen Kräfte oder Eigenschaften, und ein jeder solcher Priester wußte dem am besten vorzustehen, was er zu lehren hatte.
GEJ|10|192|8|0|Als aber das Volk mit der Zeit sehr anwuchs, da wurden die anfangs nur wenigen Schulen zu wenig. Man erbaute dann mehrere Schulen und Tempel und versah die Tempel mit den entsprechenden Gotteskraftbildern und entdeckte auch fort und fort mehrere einzelne Kraftausflüsse aus der einen Gottheit, errichtete ebenfalls wieder kleinere Schulen und versah die Tempel mit neuen, entsprechenden Gottheiten als entsprechenden Bildern aus der einen, allein wahren Gottheit und stellte am Ende für die Lehrer und Priester bequeme Lehren auf, danach es genüge, nur eine solche Kraft, die irgend in einem Tempel vorgestellt war, als göttlich anzuerkennen und zu verehren; denn dadurch erkenne und verehre man auch die Urhauptgottheit nach allen ihren Einzelkraft- und – wirkungsausflüssen.
GEJ|10|192|9|0|Dadurch aber blieb die eigentliche Haupterkenntnis der einen und allein wahren Gottheit nur noch unter den stets träger und herrschsüchtiger werdenden Priestern. Das Volk aber wurde je nach seiner Arbeit nur zur Anerkennung und Verehrung der vielen Einzelkraftausflüsse der einen Gottheit angehalten, und nur wenigen wurde es mehr gestattet, sich in den hohen Schulen in die tieferen Geheimnisse einweihen zu lassen.
GEJ|10|192|10|0|Es kamen denn auch Fremde von allen Seiten nach Ägypten und begehrten, in die Weisheit der Ägypter eingeweiht zu werden. Allein die Ägypter, das heißt die Priester, führten sie wohl von Tempel zu Tempel und von Schule zu Schule, belehrten sie aber nur über die mit der einen Hauptgottheit in Entsprechung stehenden Bilder in den Tempeln. Die Fremden nahmen mit einiger Lehre auch die vielen Bilder, die sie um Geld haben konnten, in ihre Heimatländer und erbauten ihnen auch Tempel und Schulen, die sie mit Lehrern und Priestern versahen.
GEJ|10|192|11|0|Und siehe, so entstand dann das Götzentum und die Bilderverehrung, und die Menschen wurden in den Glauben geführt, alles getan zu haben, wenn sie nur ein oder auch mehrere solche Bilder, die ihnen in ihren Tempeln vorgestellt wurden, wahrhaft verehrten und ihnen nach ihren Kräften fleißig Opfer darbrächten!
GEJ|10|192|12|0|Die eine und allein wahre Gottheit hat man unter einer gewissen Furcht und Scheu als das unerbittliche Schicksal verehrt, und die Griechen haben diesem Fatum sogar einen Tempel errichtet, und zwar unter der Benennung: ,Dem allein allen Menschen gänzlich unbekannten Gott geweiht‘. In diesem Tempel war denn auch gar kein Bild aufgerichtet, sondern nur ein Kreis, der mit dem ,Schleier der Isis‘ bedeckt war, hinter den niemand blicken konnte und durfte.
GEJ|10|192|13|0|Und da hast du nun in diesen Meinen wenigen Worten eine vollkommene Erklärung, was hinter den vielen heidnischen Götzenbildern steckt.“
GEJ|10|193|1|1|193. — Die Entstehung der Apolloverehrung
GEJ|10|193|1|0|(Der Herr:) „Du nennst dich Apollopriester und weißt nicht einmal, welch eine Einzelkraft bei den Urägyptern, als von Gott ausfließend, durch Apollo dargestellt wurde.
GEJ|10|193|2|0|Siehe, schon bei den ersten Bewohnern dieses Landes ward das Bedürfnis nach einer bestimmteren Zeiteinteilung stets fühlbarer; denn sie sahen wohl, daß die Zeit Tag und Nacht gleich fortfließe und sich selbst durch die Dauer des Tages und der Nacht abteile!
GEJ|10|193|3|0|Der Tag für sich teilte sich zwar auch ab, dadurch, daß die Sonne im halben Tage ihre größte Höhe erreicht; aber mit der Nacht ging es ihnen schwerer. Gewisse Gestirne dienten ihnen wohl zu einem Anhaltspunkte; aber sie merkten nur zu bald, daß die Sterne nicht gleich auf- und untergehen. Und so war es mit der Zeiteinteilung in der Nacht schwerer als mit der am Tage.
GEJ|10|193|4|0|Zuerst errichtete man hohe Säulen auf ziemlich großen Ebenen und beobachtete den Gang ihres Schattens, bezeichnete mit Steinen den Aufgang und den Untergang, und von diesen zwei Punkten machte man dann auf der Linie des Schattens kleinere Abteilungen, und zwar nach der Zeitdauer, die ein Mensch mit gemäßigten Schritten zur Begehung einer gewissen Strecke benötigte.
GEJ|10|193|5|0|Eine solche Strecke wurde dann ein ,Feldweg‘ genannt und machte so ziemlich den vierten Teil einer gegenwärtigen Stunde aus. Die Zeit der Feldwege bezeichnete man mit kleinen Steinen, die Zeit von vier Feldwegen mit größeren Steinen; die Hauptsäule in der Mitte bildete den Mittag, von der aus natürlich nach dem Stande der Sonne leichtbegreiflichermaßen auch mehrere Reihen von solchen Steinen wegen der Zeitmessung gelegt wurden.
GEJ|10|193|6|0|Man nannte diese Zeitmesser auf den Feldern ,Sa-pollo‘, das heißt, fürs Feld, und man wählte diesen Ausdruck deswegen, um für die Hirten und andern Feldarbeiter die Zeit zu bestimmen.
GEJ|10|193|7|0|Man zierte aber solch eine Säule bald auch mit einem Bilde, das in einer Hand die Sonne, aus glühendem Erz verfertigt, hielt, welche von seiten des Feldzeitmaßhüters mit einem Hammer auf einem langen Stabe angeschlagen werden mußte, und zwar mit so viel Schlägen, als der Schatten vom Aufgange her Stunden abgegangen war.
GEJ|10|193|8|0|Daraus erkannten die Hirten und die Feldarbeiter, um welche Zeit es war, und was sie in derselben zu tun hatten.
GEJ|10|193|9|0|Daß man später das Feldbild in noch mannigfacherer Gestalt auf die Säule setzte, um dadurch für die Menschen den Flug der Zeit noch mehr zu versinnlichen, versteht sich von selbst.
GEJ|10|193|10|0|Mit der Zeit war man mit diesem Feldzeitmaßinstrument, mit dem man aber doch in der Nacht keine Zeit messen konnte, nicht mehr zufrieden, widmete den Gestirnen eine stets intensivere Aufmerksamkeit und erfand die euch bekannten zwölf Sternbilder und gab ihnen Namen nach den in Ägypten von Monat zu Monat eintretenden, ganz natürlichen Erscheinungen – worunter auch vier menschliche Namen vorkamen: der Wassermann, die Zwillinge, der Schütze und die Jungfrau – und nannte die Sternbilder zusammen den Tierkreis.
GEJ|10|193|11|0|Je mehr man diesen Gestirnen Aufmerksamkeit schenkte, desto genauer fing man auch an, die Zeit der Nacht einzuteilen, und errichtete in der Stadt Diadeira (Diathira) einen großartigen, aus künstlich behauenen Steinen zusammengefügten Tierkreis, der noch heutzutage besteht und von allen Sternkundigen als ein großes Kunstwerk bewundert wird.
GEJ|10|193|12|0|Aus dieser Meiner kurzen Erklärung wirst du nun ganz leicht einsehen und erkennen, wie dein Gott Apollo ursprünglich entstanden ist, und warum ihn später die Menschen zum Gott der Sonne und auch zum Gott mehrerer anderer Künste und Wissenschaften machten, und so wirst du auch einsehen, daß es in der Wirklichkeit nie einen Gott Apollo gegeben hat; aber weil die Zeit von den Alten auch als ein Hauptausfluß einer göttlichen Kraft anerkannt wurde, so ward auch das Bild unter die zwölf Hauptgötter verlegt, welche zwölf Hauptgötter an und für sich nichts anderes waren als die von den Menschen erkannten zwölf Hauptausflüsse der einen urgöttlichen Kraft.
GEJ|10|193|13|0|Aus dem kannst du nun schon schließen, wie hernach die vielen andern Götter und Götzen entstanden sind, und du wirst nun auch wissen, wie du deine blinden Heiden zu belehren hast, daß sie zu Mir, dem einen und allein wahren Urgottwesen und Sein alles Seins und Leben alles Lebens wieder zurückkehren mögen.“
GEJ|10|194|1|1|194. — Des Herrn Mahnung zur Liebe und Geduld in der Ausbreitung Seiner Lehre
GEJ|10|194|1|0|Hierauf sagte der Apollopriester: „O Herr und Meister, wie unbeschreibbar blind und töricht wir Heiden bis jetzt noch waren! Es liegt die Sache nun so klar vor mir, als so ich selbst in der Urzeit der Ägypter gelebt und mit gehandelt und gewirkt hätte; aber es ist mir die Sache auch klar, daß es einer großen Mühe und Arbeit benötigen wird, um die vielen Heiden in die Sphäre des Lichtes der Wahrheit zu erheben.
GEJ|10|194|2|0|In meinem kleinen Kreis werde ich mir wohl alle mögliche Mühe nehmen und hoffe, mein Völklein bald in Ordnung zu haben; aber der Heiden Länder und Völker sind weit auf der Erde verstreut; da wird es denn auch einer viel längeren Zeit und gar vieler mutiger Lehrer vonnöten haben, bis sie mit dem Niederreißen der vielen Götzentempel fertig werden.
GEJ|10|194|3|0|Aber auf Deine Mithilfe vertrauend, wird sich nach längeren Zeitläufen die Sache etwa wohl geben; denn das Beste bei unserer heidnischen Götterlehre ist, daß sie von seiten der Regierung den Menschen nicht mit Zwang auferlegt ist, und es steht einem jeden echten Römer frei, zu glauben, was er will, oder auch nicht zu glauben, sondern nach der Lehre der Weltweisen, deren die Griechen und Römer viele aufzuweisen haben, zu leben und zu handeln.
GEJ|10|194|4|0|Es genügt der Regierung, daß man ein treuer Staatsbürger ist und sich ihre klugen Staatsgesetze wohl gefallen läßt; aber um den Glauben an diesen oder einen andern Gott kümmert sich die Regierung wenig oder gar nicht und läßt einem jeden den freien Willen.
GEJ|10|194|5|0|Ob ich ein Kyniker, ein Pythagoreer, ein Platoniker, ein Aristotelianer oder ein Epikureer bin und so handle, so steht mir das alles frei, wie auch die Lehre des Moses bei uns Römern noch nie zu den vom Staate aus verpönten Lehren gehört hat; und so meine ich, daß Deine Lehre, o Herr und Meister, bei den vielen besseren Heiden eher Eingang finden wird, als bei so manchen Juden, die ihre eigene Lehre selbst nicht verstehen, von den wirkenden Kräften der Natur auch keine Kenntnis besitzen und das, was sie darin besitzen, von den Heiden entlehnt haben.
GEJ|10|194|6|0|Und so meine ich, daß den Naturkundigen Dein Evangelium zu predigen um vieles fruchtbarer sein wird als jenen Menschen, die bis jetzt noch nicht wissen, warum das Wasser von der Höhe stets der tiefsten Gegend am Meere zufließt, und warum ein Stein von der Höhe in die Tiefe hinabfällt und nicht umgekehrt. Das wissen aber wir Römer, wennschon nicht urgründlich, aber in der Hauptsache doch! Ich danke Dir, o Herr und Meister, für Deine so weise Belehrung!“
GEJ|10|194|7|0|Sagte hierauf der Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, ich habe bei dieser Gelegenheit auch ungeheuer viel gewonnen und werde für die rechte Bekehrung der Heiden auch wissen, was ich zu tun habe!“
GEJ|10|194|8|0|Und Ich sagte zu ihm: „Was ihr aber tut in Meinem Namen, das tuet in aller Liebe und Geduld; denn mit dem Schwerte in der Hand sollet ihr den Menschen Mein Evangelium nicht predigen! Ich meine aber, daß es gar vielen Menschen überaus willkommen sein wird, von ihrer langen, tiefen Finsternis in das hellste Licht des Lebens versetzt zu werden.
GEJ|10|194|9|0|Nehmet euch an Mir ein Beispiel, daß auch Ich hier unter euch voll Liebe und Geduld bin und niemandem auch nur ein hartes Wort gegeben habe und niemanden zum Glauben an Mich zwang, außer durch die wenigen Liebewunderzeichen, die Ich vor euch gewirkt habe. Derlei Zeichen aber werdet ihr auch selbst in Meinem Namen tun können; aber so ihr das werdet tun können, da seid so sparsam als möglich damit!
GEJ|10|194|10|0|Die alten griechischen, ägyptischen und römischen Weisen haben gar keine Zeichen gewirkt und haben dennoch eine Menge Anhänger bekommen; und so ist es besser für jedermann, so er Meine Lehre annimmt nach der Kraft der Wahrheit, die in ihr überschwenglich reich vorhanden ist, als so er die Lehre erst dann annimmt, so er zuvor durch mehrere Wunderzeichen genötigt worden ist. Denn Ich sage es euch: Der Buchstabe, wie auch jedes andere Zeichen, belebt den Geist des Menschen nicht, sondern nur der Geist der Wahrheit im Worte macht alles lebendig!
GEJ|10|194|11|0|Ich könnte vor euren Augen noch eine Menge der seltensten Zeichen wirken; aber es ist besser für euch, so ihr beim Worte bleibet, das Ich zu euch geredet habe.
GEJ|10|194|12|0|Meine ganze Lehre aber besteht ganz kurz in dem: Erkennet und liebet in Mir den Geist des einen und allein wahren Gottes über alles, – ihr als Brüder untereinander aber liebet euch also in Meinem Namen, wie da jeder liebt sich selbst! Eines weiteren bedürfet ihr nicht; denn aus dem werdet ihr durch Meinen Geist ohnehin in alle Wahrheit und Weisheit aus Mir erhoben werden.
GEJ|10|194|13|0|Ich werde zwar diesem Meinem Leibe nach bald diese Welt verlassen, aber in der Kraft Meines Geistes dennoch bei euch verbleiben bis ans Ende der Zeiten der Welt; und um was ihr den Vater, das ist die ewige Liebe in Mir, in Meinem Namen bitten werdet, das wird euch auch gegeben werden.
GEJ|10|194|14|0|Doch um diesirdische Dinge sollt ihr euch nicht viel Kummer und Sorge machen; denn Ich weiß, wessen ihr eurem Leibe nach bedürfet.
GEJ|10|194|15|0|Suchet daher vor allem Mein Reich in der Liebe zu Mir und zu euch selbst untereinander; alles andere wird euch frei hinzugegeben werden!“
GEJ|10|195|1|1|195. — Die Allgegenwart und Allmacht des Herrn. Vom Wesen der Seele und vom Vorgang des Sehens
GEJ|10|195|1|0|Hier dankten Mir alle voll Inbrunst für diese Belehrung.
GEJ|10|195|2|0|Und der Oberstadtrichter sagte: „Jetzt erst erkenne ich ganz und vollkommen, daß Du wahrhaft der Herr und Schöpfer aller materiellen und geistigen Welt bist! Ich hätte Dich wohl noch fragen mögen, wie es Dir möglich ist, auch in der Ferne durch die Macht Deines Willens zu wirken, während Du persönlich nun doch nur unter uns gegenwärtig bist.“
GEJ|10|195|3|0|Sagte Ich: „Dieser Mein Leib, der so wie der eurige aus Fleisch und Blut besteht und eigentlich dasjenige an Mir ist, was man den Sohn Gottes nennt, ist freilich bei euch nun hier und zu gleicher Zeit nirgend anderswo; aber die von Mir ausgehende Kraft des Gottesgeistes erfüllt die ganze Unendlichkeit und wirkt nach dem Grundwillen in Mir, und zwar in dem Augenblick, wo von Mir das ,Werde‘ ausgesprochen wird, was Ich freilich nicht laut auszusprechen vonnöten habe, sondern nur in Meinem Innersten. Und so ist alles, was du siehst, im Grunde des Grundes nichts anderes als Mein fester und unwandelbarer Wille.
GEJ|10|195|4|0|Diese Eigenschaft, von der dir schon der Geist deines Vaters eine ganz ordentliche (verläßliche) Kunde gegeben hat, haben auch alle reineren Geister – und ganz besonders Meine Engel, die Mir stets zu dienen in der vollsten Bereitschaft stehen – in einem vollkommeneren Grade als die minderen und noch unvollkommeneren Geister.
GEJ|10|195|5|0|Dieses kannst du nun freilich noch nicht vollkommen verstehen und einsehen, weil die Welt deine Seele noch gefangenhält; wenn aber deine Seele frei wird durch Meinen Geist in ihr, so wird diese dir nun sichtbare Welt für dich vergehen, das heißt, du wirst sie allzeit noch schauen können, so du das wollen wirst, aber ihre für dich jetzt allenthalben harte Materie und die in ihr wohnenden Kräfte werden dir nach keiner Seite hin irgend den geringsten Widerstand mehr bieten können. Du aber wirst dir aus deinem Innern selbst eine Welt erschaffen können, die für dich, solange dein Wille sie wird halten wollen, eine ebenso vollkommene Wohnunterlage bilden wird, wie da nun diese Meine Erde für deinen Leib eine Wohn- und Tätigkeitsunterlage bildet.
GEJ|10|195|6|0|Ein kleines Bild kann ich dir zeigen, wenn du dessen nach rechter Weise achtest, so wird dir das begreiflicher, was ich dir soeben gesagt habe. Du hast zum Beispiel in der Nacht einen so recht lebhaften Traum. Du bist in diesem Traume bei vollkommenem Bewußtsein und wirst dabei stets vollkommen inne, daß nur du es bist, der da träumt, und kein anderer an deiner Statt. Du hattest aber noch nie einen Traum, in welchem du keine Gegend, in der du dich befunden hast, gesehen hättest, wie auch Menschen, mit denen du oft Zwiesprache führtest, und das stets nach deiner Erkenntnis und Denkungsweise.
GEJ|10|195|7|0|Wo ist denn diese Gegend, in der du dich im Traume befunden hast, und wo und wer waren denn die Menschen, mit denen du gesprochen hast oder sonst etwas zu tun hattest? Siehe, nirgends anders – als in dir selbst!
GEJ|10|195|8|0|Wenn sich deine Seele im Leibesschlafe auf eine kurze Zeit zum größten Teil von den Leibesbanden frei fühlt, so kann sie nicht umhin, das in ihr Zugrundeliegende in der Form, wie es in ihr liegt, auch wie außer sich zu erblicken; und sei es dann, was es wolle, so sieht es die Seele in der vollen Wirklichkeit vor sich und ist dann ebenso in ihrer Gegend zu Hause wie im wachen Zustande auf dieser Erde.
GEJ|10|195|9|0|Daß sie aber auch mit Menschen im Traume zusammenkommen kann, und zwar teilweise mit noch lebenden und teilweise mit solchen, die schon verstorben sind, hat darin seinen Grund, weil eines jeden Menschen Seele gewisserart im kleinsten Maßstabe alle Menschen, die je auf der Erde gelebt haben, jetzt leben und noch leben werden, und so auch die ganze Geisterwelt abbildlich in sich faßt, gleich also wie ein Spiegel die äußeren Bilder in sich aufnimmt, ohne daß diese Bilder irgend Wirklichkeiten sind. Freilich ist der Spiegel nur ein sehr matter Vergleich, weil er an und für sich tot ist und daher nur die toten Formen der ihm gegenüberstehenden Dinge repräsentieren kann.
GEJ|10|195|10|0|Die Seele ist aber ein lebendiger Spiegel; daher kann sie die in ihr haftenden Bilder beleben und mit ihnen also umgehen und handeln, als wären sie reelle Wirklichkeit, und hat dabei den unberechenbaren Vorteil, daß sie sich durch diese in ihr belebten Bilder auch mit der leichtesten Mühe mit den wirklichen Bildern in Verkehr setzen kann.
GEJ|10|195|11|0|Solange die Seele zwar in dieser Welt noch lebt, bleibt in ihr dieses Vermögen noch unvollkommen, und sie weiß am Ende selbst nicht, was sie damit machen soll; wenn sie aber einmal von dieser Welt gänzlich befreit ist, so wird sie dessen schon in einem immer höheren Grade innewerden, was sie mit diesem Vermögen zu tun hat.
GEJ|10|195|12|0|Sie gleicht nun in der Hinsicht einem jungen Erben, der von seinem Vater viele Güter übernommen hat und im Anfange auch nicht weiß, erstens, wie die Güter aussehen, und zweitens, wozu er sie verwenden soll. Aber mit der Zeit wird er alle seine Güter kennenlernen und auch zur Erkenntnis gelangen, wozu sie zu verwenden sind, und was er zu tun hat, um sie alle sich zunutze zu machen.
GEJ|10|195|13|0|Und eben also wird es einer jeden nur einigermaßen vollkommeneren Seele ergehen, daß sie nach und nach stets mehr und mehr innewird, was in ihr zugrunde liegt, und wie sie das in ihr zugrunde Liegende zu verwenden hat.
GEJ|10|195|14|0|Du siehst aber mit deinen fleischlichen Augen die Gegenden und die Menschen dieser Erde, sowie auch alle andern toten und lebendigen Objekte, als wären sie wirklich außer dir; allein Ich sage es dir, daß alles das, was du siehst, du nur in dir selbst siehst. Deine Seele hat nur mit den Abbildern der äußeren Wirklichkeiten, die außer ihr sind, zu tun und nicht mit den Wirklichkeiten selbst. Erst dein Tastsinn hat mit den Wirklichkeiten zu tun.
GEJ|10|195|15|0|Du siehst in der Entfernung ein Gebirge; du siehst aber nicht das Gebirge selbst, sondern nur desselben Abbild durch dein fleischliches Auge, welches also eingerichtet ist, daß es die großen Wirklichkeitsbilder – oder Dinge, so du es lieber willst – in einem sehr verjüngten (verkleinerten) Maßstabe in sich aufnehmen und sie durch eine außerordentlich kunstvolle Leibeseinrichtung sogleich der Seele zur Beschauung vorstellen kann.
GEJ|10|195|16|0|Der Leib selbst sieht nichts, und würde der Leib etwas für sich sehen können, so benötigte sein Auge nicht einer so kunstvollen Einrichtung. Diese ist also nur der Seele wegen und nicht des Leibes selbst wegen da. Denn würdest du die Wirklichkeiten, wie sie aus Mir Selbst herausgestellt sind, in ihrer wahren Größe beschauen können, so würdest du mit einem kaum faustgroßen Steine in tausend Jahren nicht fertig werden; denn du würdest auf seiner Oberfläche allein schon so außerordentliche Wunderseltenheiten erschauen, von denen du dich in vielen Jahren nicht trennen könntest.
GEJ|10|195|17|0|In der Folge der Zeiten werden die Menschen eine Art Augenwaffen entdecken, durch die sie selbst die kleinsten Dinge in einem sehr vergrößerten Maße erblicken werden und sich darob über Meine Macht und Weisheit nicht genug werden verwundern können; sie werden es aber dennoch nie dahin bringen, einen noch so kleinen Gegenstand in jener wirklichen Größe zu erschauen, in der er von Mir ins Dasein gesetzt ist.
GEJ|10|195|18|0|Die kleinsten Tierchen, die dein Auge kaum erblickt, werden sie zwar durch derlei Waffen in einer solchen riesigen Größe erschauen können, wie du mit deinem Auge nun ein an und für sich wirklich großes Tier erschauen kannst; aber würden sie auch selbst das kleinste Tierchen in der riesigen Größe eines Elefanten erblicken, so wäre solch eine Vergrößerung doch noch nahezu ein völliges Nichts gegen die wirkliche und wahre Größe eines solchen Tierchens, in der es von Mir in die Welt hinausgestellt worden ist.
GEJ|10|195|19|0|Ich habe dir dieses darum gesagt, auf daß du leichter einsiehst, daß die Seele nichts außer sich, sondern alles nur in sich zur Beschauung bekommt, und zwar in dem Maße, wie sie es am leichtesten überschauen kann.
GEJ|10|195|20|0|So die Seele einmal mit ihrem Geiste vereinigt sein wird, so wird sie alles, so es sie freuen wird, in der wahren Größe beschauen können; doch sage Ich dir auch, daß selbst die vollkommensten Engel im Himmel davor eine ordentliche Scheu haben, die von Mir geschaffenen Dinge in ihrer wahren Größe zu beschauen und zu erkennen dabei Meine ewige und unendliche Überwiegenheit (Überlegenheit) in allem, was sie schauen, fühlen, denken und begreifen können. – Hast du, Mein lieber Freund, von dem dir Gesagten etwas verstanden?“
GEJ|10|196|1|1|196. — Ein Bild von der geistigen Entwicklung des Menschen
GEJ|10|196|1|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Herr und Meister, mir kommt es vor, als hätte sich in mir alles auszudehnen angefangen, und ich erschaue die große Wahrheit solcher Deiner Belehrungen wie die Gegenstände dieser Erde wie in einem Morgendämmerlichte; aber da liegt noch viel Nebel in den tieferen Regionen, und ich werde denn wohl warten müssen, bis des Geistes Sonne in mir aufgehen wird. Daß in Dir eine unendliche Größe selbst in dem Kleinsten Deiner Kreaturen vorhanden sein muß, das beweist mehr als hinreichend Deine Belehrung; denn keines Menschen Phantasie und Einbildungskraft könnte sich je so hoch und so tief schwingen, um uns Menschen solche Bilder vorzustellen, die nur aus der endlosen Weisheit und Machtfülle des einen und allein wahren Schöpfers aller Dinge ihren Ursprung nehmen können.“
GEJ|10|196|2|0|Hierauf sagten alle Anwesenden: „Herr und Meister, wir fühlen uns wie ganz vernichtet vor Deiner Größe, die Du uns durch Deine Worte nur so ein wenig und für Dich wohl mit der größten Leichtigkeit gezeigt hast! Was wird aus uns erst werden, so wir Dich in der Folge stets vollkommener werden kennenlernen?!“
GEJ|10|196|3|0|Sagte Ich: „Es wird aus euch das, was aus einem Senfkörnlein wird, das ein ganz kleiner Same ist, so es ins befruchtende und belebende Erdreich gelegt wird. Es wird bald darauf erwachsen zur Größe eines förmlichen Baumes, unter dessen Zweigen sogar die Vögel des Himmels ihre Wohnung nehmen werden. Und dieses Senfkörnlein wird sich dann in seiner Frucht nach und nach auch bis ins Unendliche zu vermehren imstande sein, eine Eigenschaft, die nicht nur dem Senfkörnlein, sondern auch allen andern Samenkörnern innewohnt.
GEJ|10|196|4|0|Ihr seid zwar jetzt auch noch ganz einfache Samenkörner. Meine an euch gerichtete Lehre ist das wohlgedüngte Erdreich, in das Ich euch Selbst säe, und so ihr die Lebenskraft aus dieser Lehre begierig in euch aufnehmet, so werdet ihr auch in Meinem Reiche eine endlos reichhaltige Frucht bringen; denn kein Auge hat es je gesehen, kein Ohr gehört und kein Sinn empfunden, was die in Meinem Reiche zu erwarten haben, die an Mich glauben, Mich lieben und Meine leichten Gebote halten.
GEJ|10|196|5|0|Doch nun ist es auch schon um die Mitte des Tages geworden, und unsere Leiber bedürfen auch einer Stärkung. Daher siehe du, Mein lieber Wirt, daß wir des Weines und Brotes und auch der Fische in rechter Menge zum Genusse bekommen; denn nach dem Mittagsmahle werde Ich mit Meinen Jüngern euch wieder verlassen und Mich weiterhin begeben!“
GEJ|10|196|6|0|Auf diese Meine Worte war alles, was Ich verlangte, bald da, und wir hielten wohlgemut unser gutes Mittagsmahl.
GEJ|10|196|7|0|Nach dem Mittagsmahle, das etwa eine Stunde andauerte, baten Mich der Wirt und der Oberstadtrichter, sowie auch die drei Apollopriester, die zwei Pharisäer und andern etlichen Juden, die hier anwesend waren, daß Ich noch bis zum nächsten Morgen unter ihnen verweilen möchte.
GEJ|10|196|8|0|Ich aber fragte Meine Jünger und sagte: „So ihr wollet, da können wir schon bis zum Morgen hier verweilen!“
GEJ|10|196|9|0|Sagten die Jünger: „O Herr, Du weißt es ja ohnehin, daß uns alles recht ist, was Dir recht ist, und so bleiben wir nach dem Wunsche dieser Deiner neuen lieben Freunde hier; denn es ist schon ohnehin mehr denn eine Stunde nach dem Mittage, und wir dürften etwa kaum von da weiter gegen Süden einen Ort mehr erreichen.“
GEJ|10|196|10|0|Sagte darauf der Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, in dieser Hinsicht haben Deine Jünger wahr gesprochen; denn von hier bis zur nächsten Stadt, die von hier stark südöstlich liegt an den Quellen des Arnonbaches, ist mehr denn eine gute Tagereise, und zwischen hier und dort bestehen hie und da nur einzelne, äußerst dürftige Hirtenhütten.“
GEJ|10|196|11|0|Sagte Ich: „Was die Entfernung betrifft, so wäre es Mir wohl möglich, samt Meinen Jüngern jene Stadt zu erreichen; aber da ihr in euren Herzen wünschet, Mich noch bis zum Morgen unter euch zu haben, so will Ich denn auch eurem Wunsche und Willen nachkommen, und Ich bleibe denn bis zum Morgen bei euch.
GEJ|10|196|12|0|Es ist aber der Nachmittag ganz schön und rein; daher lasset uns diese Tageszeit im Freien zubringen, und zwar abermals auf dem Berge Nebo! Und so wollen wir uns denn auch alsbald dahin begeben!“
GEJ|10|197|1|1|197. — Vom Auf- und Absteigen der Engel
GEJ|10|197|1|0|Auf diese Meine Worte leerte noch ein jeder seinen Becher Wein, worauf wir uns alle wohlgemut erhoben und uns auf den vorbenannten Berg begaben, auf welchem – wie euch schon bekannt – Moses, Mein erster großer Prophet, gestorben ist.
GEJ|10|197|2|0|In einer kleinen halben Stunde befanden wir uns schon auf dem Berge, auf dem es jetzt viel lieblicher aussah als am Morgen; denn es war nun auch der ganze Westen rein und von allem Genebel frei, und man übersah das ganze Jordantal samt einem bedeutenden Teil des Toten Meeres und die ganze Strecke des Libanongebirges nebst natürlich einer ungemein großen Menge von Städten, Flecken und Dörfern, sowie auch die alte Davidstadt Bethlehem und weiter oberhalb Jerusalem.
GEJ|10|197|3|0|Es ward bei einer Stunde lang viel über die Geschichte des Gelobten Landes gesprochen, und wie es sicher eines der gesegnetsten Länder der ganzen Erdoberfläche sein dürfte.
GEJ|10|197|4|0|Am Ende sagte Ich: „Ja, ihr habt recht, aber es wird in kurzer Zeit in diesem Lande ganz anders aussehen! Einige von euch und eure Kinder werden es dem Leibe nach erleben, daß dieses irdische Paradies der Juden zu einer Wüste gemacht werden wird; denn weil dieses Volk die Zeit seiner großen Heimsuchung nicht erkannt hat und auch nicht hat erkennen wollen, so wird auf die große Zeit der Gnade bald eine andere Zeit des Gerichtes kommen, und viele Juden werden vertrieben werden, hinaus in die ganze Welt, und viele werden auch in diese sechzig alten Städte zu euch herauf flüchten.
GEJ|10|197|5|0|Die ihr finden werdet, daß sie eines guten Willens sind, die behaltet und gebet ihnen Unterkunft; die Starrsinnigen aber lasset weiterziehen! Ich werde dafür diese eure Gegend in weitem Umkreise segnen und zu einer fruchtbaren umgestalten, daß ihr große Herden werdet halten können und viel Gerste und auch Weizen bauen; auch Reben werdet ihr züchten können und daraus eine gerechte Menge guten Weines ernten.“
GEJ|10|197|6|0|Sagte darauf der Pharisäer Barnabas: „Nach Deinem Worte, o Herr und Meister, wird der alte Prophet wohl recht haben, der da sagte: ,Die Gegend Auran wird zwar von den Heiden zertreten werden; aber wenn der Herr der Herrlichkeit sie mit Seinen Füßen betreten wird, da wird sie wieder ergrünen und zu einem fruchtbaren Lande werden.‘“
GEJ|10|197|7|0|Sagte Ich: „Ja, ja, das soll sie, aber allgemein dennoch nicht, – denn bis dieses weite Aurangebiet gänzlich wieder zum fruchtbaren Lande wird, wird es wohl noch einer sehr langen Zeit bedürfen; doch auf einige hundert Jahre hin soll dieses Hochland an jenen Punkten in weiten Umkreisen fruchtbar sein, die Ich besucht, und wo Ich auch fruchtbare Menschenherzen angetroffen habe. Wenn aber die Herzen der Menschen werden wieder hart und trocken werden, dann wird auch diese Gegend bald dasselbe Aussehen bekommen wie die Menschenherzen.“
GEJ|10|197|8|0|Hierauf sagte der Pharisäer Dismas: „O Herr und Meister, ich habe auch in der Schrift gelesen, daß da Du auf Erden sein werdest, so werden die Himmel offen stehen und Deine Engel werden auf und nieder schweben und Dir dienen. Wie sollen wir das verstehen?“
GEJ|10|197|9|0|Sagte Ich: „Ich meine, daß das für euch nun um so weniger unverständlich sein dürfte, indem ihr heute morgen eben auf dieser Stelle Moses und einen Engel an seiner Seite selbst gesehen habt. Übrigens hat diese Stelle des Propheten auch einen anderen Sinn, und der eigentlich der allein vollkommen wahre ist.
GEJ|10|197|10|0|Sehet, das Himmelreich, welches das eigentliche Reich Gottes ist, besteht für den Menschen nicht irgend in einem äußeren Schaugepränge, sondern es ist inwendig im Menschen, und die Menschen, die eben dieses Reich Gottes in sich aufgenommen haben – das Ich Selbst zu ihnen gebracht habe –, sind in ihren von Liebe zu Mir und zum Nächsten erfüllten Herzen erstens der Himmel selbst, der nun offen stehet, und zweitens die Engel selbst, die zwischen Mir und ihnen auf und nieder steigen und Mir in ihrer Liebe dienen!
GEJ|10|197|11|0|Denn das, was ihr Himmel nennet, das ist an und für sich kein Himmel, sondern durch und durch Welt, und ist geschaffen von Mir aus für die Zeit des Freiheitsprüfungsbestandes der Menschen; wenn ihr aber eure eigene Welt samt dem Fleische werdet abgelegt haben, so wird diese äußere, euch jetzt sichtbare Welt für euch so gut wie gar nicht mehr da sein, und ihr werdet Bewohner einer ganz anderen Welt werden, die Ich für euch nicht von Mir aus oder von euch selbst aus erschaffen habe, sondern die für euch aus euch selbst erschaffen sein wird, und zwar für jeden nach der Art seiner Liebe zu Mir und zum Nächsten, wie du, Mein lieber Freund und Stadtoberrichter, gestern am Abend hier aus dem Munde deines schon vor zehn Jahren verstorbenen Vaters, den Ich dir habe erscheinen lassen, vernommen hast.“
GEJ|10|198|1|1|198. — Das Erscheinen der Engel
GEJ|10|198|1|0|(Der Herr:) „Auf daß ihr aber doch sehet, daß Ich Mich auch von Meinen Engeln, die in Meinem Himmel wohnen – welcher Himmel die ganze Unendlichkeit durchdringt –, kann bedienen lassen, wann Ich will, so will Ich denn euch davon eine Probe geben. Sehet, Ich will, daß nun mehrere erste Engel hier erscheinen sollen, und Ich werde aus ihrer Zahl einen berufen, daß er auf eine kurze Zeit hin Mir zu eurem Besten dienen soll, – denn Ich für Mich Selbst bedarf weder eines Engels noch eines Menschen Dienst. Und so will Ich denn, daß alsogleich eine gerechte Menge Engel uns umstehen sollen!“
GEJ|10|198|2|0|Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da waren wir schon von allen Seiten von einer ganzen Legion Engel, teils mit weißen, teils mit blauen, teils mit roten Gewändern angetan, umgeben.
GEJ|10|198|3|0|Als besonders die etlichen vormaligen Heiden und auch die etwelchen Juden und Pharisäer der vielen Engel ansichtig wurden, da legten sie ihre Hände auf ihre Brust und getrauten sich vor lauter Ehrfurcht vor Mir und den vielen Engeln nichts zu reden.
GEJ|10|198|4|0|Einige Engel aber traten zu ihnen und sagten: „Liebe Freunde und Brüder, warum fürchtet ihr euch denn vor uns? Sehen wir denn gar so erschrecklich aus?“
GEJ|10|198|5|0|Sagte der Oberstadtrichter: „O liebe Freunde aus den Himmeln Gottes, das eben wohl nicht, sondern gerade das Gegenteil, so daß ich bekennen muß, noch nie von solch herrlichen Menschengestalten je geträumt zu haben! Der Herr, der unter uns weilt, ist offenbar auch euer Herr, ansonst ihr Seinem Willen nicht so plötzlich gehorcht hättet; denn ich hätte mit meinem Willen euch wohl zeit meines Lebens rufen können, und es wäre höchstwahrscheinlich auch nicht einer von euch mir erschienen. Aber eben darum ist und bleibt der Herr der Herr und ist dadurch auch Alles in Allem, und Seinem Willen sind Himmel und Erde untertan; nur die große Blindheit der Menschen kann es nicht und will es auch nicht erkennen, welch eine große Gnade der Herr ihr in dieser Zeit erwiesen hat.“
GEJ|10|198|6|0|Hier trat ein Engel näher zum Oberstadtrichter – es war der euch schon bekannte Erzengel Raphael – und sagte zum Oberstadtrichter: „Du hast recht und wahr gesprochen, – aber was jetzt noch nicht ist, das wird mit der Zeit stets mehr und mehr werden; denn glaube es mir, daß wir – wie du uns hier siehst – und noch zahllos viele unseresgleichen mehr niemals müßig waren, und in dieser Zeit um so weniger!
GEJ|10|198|7|0|Wir bereisen die ganze Erde und prüfen der Menschen Herzen, ob sie irgend fähig sind, des Herrn lebendig machende Gnade in sich aufzunehmen, und finden wir derlei Herzen, so stärken wir sie, und so des Herrn Wort zu ihnen gelangt, da wird es auch bald mit vieler Freude vollgläubig aufgenommen.
GEJ|10|198|8|0|So war ich denn auch schon zuvor bei euch und habe euch nach des Herrn Willen gestärkt, und als der Herr nun Selbst zu euch kam, so habt ihr Ihn denn auch bald und leicht erkannt.
GEJ|10|198|9|0|Wir brauchen uns bei dieser Arbeit dem Menschen nicht zu zeigen, indem wir die Macht und Kraft vom Herrn besitzen, dem Menschen so zu nützen, daß dabei des Menschen freier Wille keinen Zwang und Schaden erleidet. Nun aber habt ihr den Herrn erkannt und in eure Herzen aufgenommen, und so übt unser euch sichtbares Erscheinen auf euer ganzes Gemüt auch keinen Zwang mehr aus, und ihr könnet mit uns reden, so wie mit euch selbst untereinander.“
GEJ|10|198|10|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Liebster und erhabenster Freund aus den Himmeln Gottes, so ich etwa in der Folge zu irgend etwas Wichtigem im Namen des Herrn deine sichtbare Gegenwart benötigen würde, und ich riefe dich, mir zu erscheinen, würdest du da mir wohl auch erscheinen?“
GEJ|10|198|11|0|Sagte Raphael: „So es nötig wäre im Namen des Herrn – allzeit, wenn du mich rufen würdest; aber ich würde nur dir erscheinen, und deinen Nebenmenschen erst dann, so ihnen mein Erscheinen keinen Glaubenszwang mehr verursachen möchte. Und was ich dir nun gesagt habe, auf das kannst du dich wohl verlassen, – und daß ich dir in gar mannigfachen Dingen dienen kann, davon sollst du mich noch heute und in der folgenden Nacht durch die Zulassung des Herrn so manche Probe zeigen sehen.“
GEJ|10|198|12|0|Hierauf trat Raphael wieder zurück, und Ich fragte Selbst den Oberstadtrichter und die andern, ob sie sich nun an der Gegenwart der vielen Engel zur Genüge gesättigt hätten.
GEJ|10|198|13|0|Und sie sagten alle: „Herr, Dein Wille geschehe; denn wir haben uns alle nun überzeugt, daß die Propheten nicht ein Häkchen groß über Dich vergeblich geweissagt haben! Jedes Wort über Dich ist bis jetzt noch sogar buchstäblich wahr in Erfüllung gegangen!“
GEJ|10|198|14|0|Hierauf sagte Ich zuerst zum Erzengel Raphael: „Du bleibst sichtbar so lange bei uns, bis Ich dir den Wink geben werde, dich nach Meinem Willen irgendwo andershin zu begeben.“
GEJ|10|198|15|0|Und Raphael dankte Mir für diesen Beruf (Berufung).
GEJ|10|198|16|0|Und Ich sagte darauf zu den andern vielen Engeln: „Ihr aber begebet euch wieder dahin, wo Mein Wille und Meine Weisheit für euch eine Arbeit bestimmt hat!“
GEJ|10|198|17|0|Darauf verschwanden plötzlich alle die andern Engel.
GEJ|10|199|1|1|199. — Über das Wirken der Engel
GEJ|10|199|1|0|Raphael aber blieb und bekleidete sich plötzlich mit einem dunkelgrauen Rock, und seine Füße waren versehen mit Schuhen. Sein Haupt wurde bedeckt mit einem jüdischen Hute, der wie gewöhnlich aus Seide oder Kamelhaaren in einer beliebigen, gewöhnlich aber lichteren Farbe verfertigt war. Und so konnte seine Gestalt niemandem mehr auffallen.
GEJ|10|199|2|0|Und Ich sagte zum Oberstadtrichter: „Gehe hin, reiche ihm die Hand, grüße ihn als Freund und Bruder, und überzeuge dich, daß nun auch er Fleisch, Haut und Knochen hat!“
GEJ|10|199|3|0|Der Oberstadtrichter tat sogleich, was Ich ihm geraten hatte, und konnte sich nicht genug verwundern, daß nun dieser Engelsgeist sich in der Wirklichkeit ganz als ein vollkommener Erdenmensch unter ihnen befinde. Er bat Raphael denn auch, sich ganz in seine Nähe zu begeben, was Raphael auch sogleich tat, indem er neben ihm auf einer Rasenbank Platz nahm.
GEJ|10|199|4|0|Hier kam auch der Apollopriester zu Raphael hin, grüßte ihn und sagte: „Du wirst an mir zwar keine große Freude haben, da ich seit langem schon ein Götzenpriester war, – nun habe auch ich den einen und allein wahren Gott und Herrn wohl erkannt und werde in der Folge dahin arbeiten, daß das ganze Götzentum, soweit es sich in meinem Bereiche befindet, so bald als möglich zunichte wird.“
GEJ|10|199|5|0|Sagte zu ihm Raphael: „Und ich werde dir helfen und dich mit meiner Kraft unterstützen, so es dir irgend an derselben gebrechen sollte, dessen du ganz versichert sein kannst; denn auch bei dir war ich schon zuvor, ehe du den Herrn noch erkanntest, und habe dein Herz gefügig gemacht, und ich werde später wieder mit dir sein und für dich unter deinen Heiden einen Vorarbeiter machen. Denn glaube es mir, daß wir da nicht müßig sind, wo der Herr Selbst Seine Hände ans Werk legt, und wir vollkommenen Engelsgeister sind da gewisserart gleichwie die Finger an der Hand des Herrn, – die Finger aber sind sicher jederzeit bei jedermann tätig, solange er mit seinen Händen eine Arbeit unternimmt. Verlaß dich denn auf des Herrn Verheißung, und ich werde dich nicht im Stiche lassen! Glaubst du das?“
GEJ|10|199|6|0|Hierauf sagte der Oberstadtrichter: „Vermagst du auch alles – das versteht sich von selbst: mit der Zulassung des Herrn! –, was der Herr Selbst vermag?“
GEJ|10|199|7|0|Sagte Raphael: „Mein lieber Freund und Bruder, das war wohl noch eine sehr menschliche Frage aus deinem Munde! Wir alle, Engel des Himmels, vermögen aus uns ebensowenig wie ihr Menschen auf Erden etwas zu bewirken; aber ich habe dir ja schon gesagt, daß wir gewisserart die Finger an Seiner Hand sind und die Auswirker Seines Willens, und wir sind eben dadurch als durch nichts beschränkte freie Wesen selbst Ausflüsse der göttlichen Kraft und vermögen daher denn auch alles zu bewerkstelligen, was diese Kraft uns offenbart und in uns will, und es ist dann das, was wir bewerkstelligen, nicht unser, sondern allein nur des Herrn Werk.
GEJ|10|199|8|0|Wir sind zwar vollkommen selbständig und in allem ebenso vollkommen frei; da aber die größte Vollständigkeit einzig und allein nur in der Weisheit und im Willen des Herrn besteht, so versteht sich das schon von selbst, daß sowohl der Mensch als auch ganz besonders ein Engelsgeist, der im Grunde auch nur ein Mensch ist, sich eben dadurch in der stets größeren Selbständigkeit und Freiheit befindet, je mehr er sich von der Weisheit und von dem Willen des Herrn zu eigen gemacht hat. Ich kann dir damit sogar mit einem irdischen Beispiele dienen, – und so siehe:
GEJ|10|199|9|0|Du bist hier ein hoch angesehener Oberstadtrichter und hast nicht nur über diese eine Stadt, sondern über noch vierzehn Städte deine dir vom Kaiser verliehene Gewalt, sogar über Leben und Tod der Menschen, ganz frei und ohne alle Verantwortung auszuüben; ja, wie bist du denn zu dieser bedeutenden irdischen Gewalt gekommen?
GEJ|10|199|10|0|Siehe, ich werde es dir erklären! Du hast durch deine Rechtsstudien bei den strengen Prüfungen in Rom vollends an den Tag gelegt, daß du dir des Kaisers Willen, den du durch die Gesetze genau hast kennengelernt, derart zu eigen gemacht hast, daß du deinen eigenen Willen dem Willen des Kaisers vollkommen untergeordnet hast, wodurch du denn auch ein ganz neuer Mensch geworden bist, der du zu Anfang deiner Studien nicht warst. Und weil du dir hernach des Kaisers Gesetz, und also auch seinen Willen, lebendig eingeprägt hast, daß dein alter, scheinbar freier Wille durch den neuen Kaiserwillen in dir völlig in unauflösbare Fesseln und Ketten gelegt wurde, so hast du dabei nicht nur nichts verloren, sondern nur außerordentlich vieles gewonnen; denn mit deinem eigenen, alten Willen wärest du für immerhin ein Sklave des kaiserlichen Willens geblieben. Da du aber des Kaisers Willen zu dem deinigen gemacht hast, so bist du dadurch selbst vollkommen frei geworden und kannst nun tun, was du willst, und du unterliegst keiner Verantwortung; und sollte sich jemand deinem Willen nicht fügen wollen, so hast du vom Kaiser aus das IUS GLADII (Schwertrecht) in deiner Hand und kannst die Widerspenstigen zum Gehorsam treiben durch des Kaisers Macht und Gewalt.
GEJ|10|199|11|0|Und siehe, je mehr du dich bestreben wirst, des Kaisers Willen auf das allergenaueste zu erfüllen – wovon der Kaiser in kurzer Zeit in Kenntnis gesetzt werden kann –, ein desto höheres und im Wirkungskreise viel ausgedehnteres Amt wird dir vom Kaiser verliehen werden, in welchem Amte du noch um vieles freier wirst handeln können als jetzt; und so kannst du dich noch gleichfort höher und höher derart hinaufschwingen, daß du am Ende selbst an den Hof des Kaisers gezogen wirst und von dort aus gebietest und handelst also, als wärest du schon nahezu der Kaiser selbst. Frage dich aber nun selbst, wie du zu einer solchen Machthöhe gelangt bist, – und die Antwort wird in dir selbst unmöglich eine andere sein als die also lautende: ,Ich habe meinen alten Menschenwillen derart gänzlich verleugnet, daß von ihm nichts übriggeblieben ist als das einzige, daß ich eben durch den alten Willen mich auf das fleißigste bestrebt habe, mir des Kaisers Willen vollkommen zu eigen zu machen.‘
GEJ|10|199|12|0|Und siehe nun, geradeso geht es uns vollkommensten Engelsgeistern! Wir haben auch unseren eigenen, allerfreiesten Willen; aber der ist dessenungeachtet unendlich beschränkter als der allerfreieste Wille des Herrn Selbst.
GEJ|10|199|13|0|Und je mehr wir uns dann des Herrn Willen also vollkommen aneignen, als wäre er unser eigenster Wille selbst, desto mehr freie Macht, Kraft und Gewalt wird uns dadurch vollkommen zu eigen, und wir können denn auch alles das bewirken und hervorbringen, was der Herr Selbst bewirkt und hervorbringen kann.
GEJ|10|199|14|0|Aber du wirst es nun auch selbst einsehen, daß nicht wir es sind, die das vermögen, sondern nur der Herr in uns und durch uns.
GEJ|10|199|15|0|So jemand in deinem Bezirk jemanden beraubt und ermordet hat und wird dann gefangen und vor dich gebracht, so wirst du ihn richten und auch töten lassen, und du hast dabei recht gehandelt, weil du nach dem Willen des Kaisers gehandelt hast, und bist dabei so gut wie der Kaiser selbst EX LEGE [außerhalb des Gesetzes, an kein Gesetz gebunden]; der Räuber und Mörder aber hat nach seinem eigenen Willen gehandelt und ist dadurch zugrunde gegangen.
GEJ|10|199|16|0|Verstehst du nun, wie auch wir Engelsgeister die Macht und Gewalt besitzen, alles das frei und ohne alle Verantwortung zu tun, was der Herr Selbst tut?“
GEJ|10|200|1|1|200. — Eine Probe der Macht Raphaels
GEJ|10|200|1|0|Sagte hierauf der Oberstadtrichter: „Höre, du mein himmlisch überweiser Freund, du hast mir nun durch deine Erklärung die Sache so klar gemacht, daß mir darüber wohl mein ganzes Leben hindurch keine weitere Frage übrigbleiben kann und wird, und aus deiner Weisheit, die der Weisheit des Herrn völlig ähnlich ist, erkenne ich auch, daß dir alles möglich ist, was dem Herrn Selbst möglich ist! Daher wird mir deine Hilfe mit Zulassung des Herrn bei jeder meiner Arbeit in Seinem Namen überaus wohl zustatten kommen.“
GEJ|10|200|2|0|Sagte hierauf Ich zum Oberstadtrichter: „Nun, du Mein lieber Freund, wie gefällt dir Mein himmlischer Diener?“
GEJ|10|200|3|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Herr und Meister, er spricht ganz so, als wenn Du Selbst aus ihm heraus reden möchtest, und daraus erkenne ich denn überklar, daß er ein hoher Diener Deiner endlosen göttlichen Herrlichkeit und Majestät sein muß, und ich glaube denn auch ungezweifelt, daß er alles zu bewerkstelligen imstande ist durch Deine Weisheit und Deinen Willen in ihm, was Du Selbst zu bewirken und zu bewerkstelligen imstande bist – das heißt nach meiner menschlichen Weise beurteilt –; daß aber Deine Weisheit und Dein Wille sicher noch endlos tiefer und weiter um sich greifen werden, als da selbst der lichteste Verstand aller Deiner Engelsgeister erschauen und begreifen kann, dessen bin ich in mir auch vollkommen überzeugt!“
GEJ|10|200|4|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund, das hat dir dein Fleisch nicht eingegeben, sondern dein jenseitiger Geist aus Mir; daher bestrebe du dich, dir auch Meinen Willen also zu eigen zu machen, wie du dir des Kaisers Willen zu eigen gemacht hast, und du wirst dann auch bald und leicht stets vollkommener eins werden mit deinem jenseitigen Geiste aus Mir, welcher da ist Meine Liebe, Weisheit und Macht, und du wirst dann auch also wirken können, wie dieser Engelsgeist – der ,Raphael‘ heißt – zu wirken imstande ist! Was er aber alles imstande ist zu vollbringen, davon hast du jetzt freilich noch keine noch so matt schimmernde Idee; aber einige Proben werden dich darüber schon belehren.
GEJ|10|200|5|0|Verlange du nun von ihm selbst – aber vernünftigermaßen –, was für ein Zeichen er vor euer aller Augen wirken soll, um euch allen einen Begriff zu verschaffen, was Meine Macht und Mein Wille durch ihn vermag, und er wird nicht sparen (zögern), dir und euch allen damit zu dienen!“
GEJ|10|200|6|0|Sagte darauf der Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, ich komme mir jetzt auf einmal in eurer Mitte so blöde und dumm vor, daß ich nun wahrlich nicht weiß, was für ein vernünftiges Zeichen ich mir von ihm erbitten solle! Da wäre es wohl besser, Du, o Herr und Meister, würdest ihm Selbst allergnädigst anzeigen, was er zur Erhellung unserer Begriffe über seine Macht bewirken möchte!“
GEJ|10|200|7|0|Sagte Ich darauf: „O nein, mein Freund, das geht nicht an; denn dieser Mein Raphael ist ohnehin mit allem erfüllt, was Ich will und mag! Aber Ich ziehe darum Meinen besonderen Willen und Meine Macht zurück, auf daß er allein aus seinem ihm zu eigen gemachten Reichtum aus Mir wollen und wirken kann, wie er will und mag, auf daß du dadurch erst recht erkennest, was Mein Reich in allen Engeln und auch in den Menschen ganz frei wie aus sich selbständig zu bewirken imstande ist, ohne daß Ich dabei notwendig habe, alle Meine zahllosen Engelsgeister und auch die Menschen auf dieser Erde am Gängelbande Meines allmächtigen Willens zu führen; und so denn erwähle dir frei etwas, das dir gut dünkt, und sage es ihm, und er wird auch alsogleich ins Werk setzen, was du willst!“
GEJ|10|200|8|0|Hier schwieg der Oberstadtrichter eine kleine Weile, rieb sich mit einer Hand seine Stirn und mit der andern kratzte er sich ein wenig hinter den Ohren, da er in sich noch nicht völlig einig werden konnte, mit was für einer so recht vernünftigen Petition er vor Mir und dem Raphael zum Vorschein kommen sollte. Endlich fiel ihm ein, daß Ich ihm versprochen hatte – noch im Hause des Wirtes –, daß diese an allem arme Steppengegend ergrünen und hervorbringen werde viel Gras, Getreide, Fruchtbäume und sogar den Weinstock, und er zeigte solches wörtlich dem Raphael an.
GEJ|10|200|9|0|Und Raphael klopfte ihm freundlich auf die Achsel und sagte: „Mein lieber Freund und Bruder, damit hast du an mich ein wahrhaft allervernünftigstes Verlangen gestellt, und es soll deinem Verlangen auch alsbald Genüge geleistet werden!“
GEJ|10|200|10|0|Sagte darauf der Oberstadtrichter, der sein Auge vom Angesichte Raphaels nicht abwenden konnte: „Nein, nein, mein lieber himmlischer Freund, es muß das ja nicht alsogleich geschehen; ich bin schon damit zufrieden, wenn es nur so nach und nach geschieht unter Mitwirkung unseres armseligen menschlichen Fleißes.“
GEJ|10|200|11|0|Sagte darauf Raphael: „Hast du das, lieber Freund und Bruder, nie gehört, daß derjenige, der um etwas gebeten wird, doppelt und mehrfach gibt, wenn er alsogleich gibt, als so er dem, der ihn um etwas gebeten hat, das erst nach und nach nach seiner Muße und Gelegenheit zukommen läßt?“
GEJ|10|200|12|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Das ist freilich wohl wahr, und wir Römer haben in unserem bürgerlichen Gesetz auch einen ganz ähnlichen Ausspruch, aber er wird freilich nicht immer also ins Werk gesetzt.“
GEJ|10|200|13|0|Sagte darauf Raphael: „Lieber Freund und Bruder, das ist wohl bei den Bürgern dieser Welt also gang und gäbe, weil euer Wille selbst und die Kraft, denselben in Vollzug zu bringen, noch mit vielen Schwächen behaftet ist; für uns Bürger der Himmel des Herrn aber ist das nicht mehr der Fall, sondern was wir wünschen und wollen, das ist auch schon im Augenblick in seiner möglichst höchsten Vollendung da. Und nun erhebe dich, und beschaue dir diese Gegend ein wenig, und sie wird dich von der Wahrheit dessen vollkommenst überzeugen, was ich nun zu dir gesagt habe!“
GEJ|10|201|1|1|201. — Die veränderte Gegend am Berge Nebo
GEJ|10|201|1|0|Hierauf erhob sich der Oberstadtrichter und richtete seine Blicke nach der Gegend, nach weit und breit hin und erkannte sie nicht mehr; denn er ersah eine große Menge der üppigsten, vollreifen Getreidefelder, daneben nahezu unabsehbar weit hinausreichende, mit dichtem Gras bewachsene Wiesen und um die Stadt herum große Gärten, die da von den edelsten Obstbäumen strotzten. Auch der Berg Nebo, auf dem wir uns befanden, war ganz grün geworden und ringsum bewachsen mit den herrlichsten Feigenbäumen und Weinreben. Ebenso ersah er auch etwas unterhalb der Stadt einen bedeutend großen Teich, von dem aus sich mehrere Bächlein in verschiedenen Richtungen hin ergossen.
GEJ|10|201|2|0|Als der Oberstadtrichter samt den andern alles dessen ansichtig wurde, schlug er samt dem Wirte, den drei Apollopriestern und auch den etlichen Pharisäern und Juden die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte: „O Herr, das ist nahe wie unendlich zuviel, und es übersteigt wahrlich alle meine Begriffe! Was werden die Menschen, die in dieser Stadt und in deren ziemlich weit ausgedehntem Bezirke wohnen, zu dieser Erscheinung sagen? Sie können sich unmöglich etwas anderes denken, als daß alles das irgendein barmherzig gewordener Gott bewirkt habe durch die Bitte irgendeines seiner Priester; aber ich werde alles dieses Volk davon schon in der kürzesten Zeit in Kenntnis setzen, wie und wodurch dieses alles so geworden ist.
GEJ|10|201|3|0|Aber nun bitte ich Dich, o Herr, weder für mich noch für diese ganze Gegend irgend ein zweites Zeichen mehr zu wirken; denn es hat mich dieses schon neben meinem höchsten Erstaunen zugleich auch in eine außerordentliche Verlegenheit gesetzt, und es wird sich darüber schon wahrscheinlich noch heute und morgen ein Fragen von allen Seiten erheben, daß man darüber nicht genug taugliche Antworten wird zu geben imstande sein!“
GEJ|10|201|4|0|Sagte Ich: „Es wird das freilich wohl der Fall sein; aber Ich werde auch dafür sorgen, daß es euch an den rechten Antworten nicht fehlen wird, und alles Volk dieser weitgedehnten Gegend wird froh und dankbar nach Hause ziehen und einzusammeln anfangen, was auf eines jedem Grunde erwachsen ist. Aber dessen magst du mit Hilfe deiner vielen Unterdiener wohl auch dir zu einem Gesetze machen, dem Volke ernst ans Herz zu legen, daß es davon kein Geschrei und keinen Lärm mache, weil es sich dadurch aus der weit entfernteren Gegend viele habsüchtige Neider an den Hals ziehen würde und am Ende zu den Waffen greifen müßte, um die neidischen Feinde von den gesegneten Grenzen dieses Landstriches fernzuhalten.
GEJ|10|201|5|0|Also sollet auch ihr, Meine Jünger und ihr Juden, dort unter den Juden im Gelobten Lande kein Aufhebens davon machen; denn viele würden es euch nicht glauben, sondern euch nur verlachen und verfolgen. Und viele der andern schwachen Juden würden es euch wohl glauben, und durch euch auch an Mich; aber solch ein Glaube hätte für sie keinen festen Halt, da sie ihn erstens durch ihre eigenen Zusätze nur zu bald nach der Art alles Aberglaubens vergrößern würden, und fürs zweite würde solch eine Weiterverbreitung, weil sie zu sehr nach dem alten Aberglauben den Geruch hätte, nur einen sehr zweifelhaften Glauben bewirken, indem man mit der Zeit sagen würde, so man später in diese Gegend käme, um sich von dem Wunder zu überzeugen, – daß das auch ein rechter Fleiß und Eifer der Menschen habe bewirken können.
GEJ|10|201|6|0|Doch späterhin möget ihr davon jenen Menschen wohl eine kluge Erwähnung machen, die schon vollkommen Meine Lehre angenommen haben und durch sie in Mein Reich eingegangen sind. Diese werden es euch glauben, aber dabei auch sagen: ,Ja, was sollte dem Allmächtigen denn unmöglich sein? Haben wir Ihn, so haben wir durch Ihn auch alles!‘
GEJ|10|201|7|0|Darum bleibet zum voraus (zunächst) nur bei der Lehre, und nachher möget ihr erst auf Meine Zeichen übergehen, die mit der Folge der Zeiten, so wahr sie auch sind, doch immerhin wenig Glauben finden werden; denn der Verstand der Menschen wird so lange solche Dinge bekritteln, als wie lange er in ihren Urentstehungsgrund nicht eingeweiht werden kann, welche Einweihung bei gar vielen nicht diesseits, sondern erst jenseits wird vor sich gehen können.
GEJ|10|201|8|0|Diesen Meinen Rat befolget, und ihr werdet dadurch guten und ebenen Weges vorwärtskommen, ansonst ihr mit vielen Steinen des Anstoßes zu tun bekommen dürftet! Gut ist demnach gut, aber besser ist auch ewig besser, und am besten ist das, was Ich euch sage.“
GEJ|10|201|9|0|Hierauf gaben Mir alle das Wort, diesen Rat auf das treueste zu befolgen, und der Oberstadtrichter fragte Mich, ob er darüber auch den Kaiser benachrichtigen solle.
GEJ|10|201|10|0|Und Ich sagte zu ihm: „Den Kaiser laß einstweilen beiseite, aber nach einem Jahre kannst du davon Meinen Freund Agrikola in Rom benachrichtigen, und er wird es zu deinem Vorteile zur rechten Zeit schon auch an den Kaiser überbringen! Für jetzt aber genügt es, deinen Bezirk allein zu unterweisen; und sollte ein Nachbar aus den nördlich von hier gelegenen Städten zu dir kommen, so wird er dir das selbst sagen, wer das bewirkt hat. Den Hauptmann Pellagius magst du davon benachrichtigen; denn er ist auch in militärischer Beziehung über diese Stadt gestellt und kennt Mich!“
GEJ|10|202|1|1|202. — Raphaels Beweis seiner Schnelligkeit
GEJ|10|202|1|0|Hierauf fragte Ich den Oberstadtrichter, ob er daheim bei seiner Mutter nicht irgend etwas besäße, das er gerne hier hätte.
GEJ|10|202|2|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Ja – wohl, Herr und Meister –, aber das ist schon zur Zeit, als ich noch in Rom war, derart verlegt worden, daß wir es trotz unseres fleißigsten Suchens nicht wieder haben auffinden können! Es ist nämlich unser alter Patrizierbrief, noch aus der Zeit des Julius Cäsar, in einer goldenen Kapsel. An diesem läge mir sehr viel, nicht so sehr meinet-, als vielmehr meiner jüngeren Geschwister wegen.“
GEJ|10|202|3|0|Und Raphael sagte, neben ihm sitzend: „Da siehe her, hier ist dein alter Patrizierbrief! Besieh ihn wohl, ob er der rechte ist!“
GEJ|10|202|4|0|Der Oberstadtrichter, über alle Maßen erstaunt, öffnete die Kapsel und fand in derselben zusammengerollt seinen ihm nur zu gut bekannten Patrizierbrief und fragte den Raphael: „Ja, wie war dir das möglich?“
GEJ|10|202|5|0|Und Raphael sagte: „Siehe, unsere Eigenschaft besteht unter anderm auch darin, daß wir uns in einem Augenblick von einem Ort zum andern und von da wieder zurück bewegen können, und so war ich denn in diesem Augenblick auch in Rom und bin nun wieder da.“
GEJ|10|202|6|0|Fragte der Oberstadtrichter abermals den Raphael: „Wenn ich die Kapsel und auch den darin liegenden Patrizierbrief nicht so wohl kennte, so würde ich glauben, daß du ihn durch deine Macht ebenso erschaffen hast, wie du diese Gegend in einem Augenblick in den blühendsten Zustand versetztest; aber so muß ich diesen Glauben ob der Echtheit dieser Kapsel und dieses Briefes völlig aufgeben.
GEJ|10|202|7|0|Du hast mir freilich gesagt, daß ihr vollkommenen Engelsgeister auch diese Eigenschaft besitzt, euch in einem Augenblick von einem Ort bis zu einem andern und von dort wieder zurückzubewegen. Das glaube ich nun auch; aber du warst nicht einen Augenblick abwesend von hier, und so bin ich der Meinung, du hast irgendeinen andern in deiner Nähe seienden dienstbaren Engelsgeist nach Rom entsendet, der dir auch schnell genug diese Kapsel überbringen konnte.“
GEJ|10|202|8|0|Sagte Raphael: „O nein, mein lieber Freund, ich war es wirklich selbst; denn siehe, die Zeit kann auch so wie alles andere, was den Raum betrifft, in höchst kurze Abschnitte eingeteilt werden, und zwar also, daß der Zeitraum, den du einen Augenblick nennst, in eine endlose Reihe von noch kürzeren Zeiträumen eingeteilt werden kann! Für dich und dein Auffassungsvermögen ist solch ein Zeiträumchen freilich soviel wie gar nichts, aber nicht also auch für uns vollkommene Engelsgeister; denn ich vermag mich in einem solch kürzesten Zeiträumchen zahllose Male von hier aus in die größte Entfernung hin- und zurückzubewegen, und du wirst es nie merken, daß ich in der Zeit auch nur einen Augenblick abwesend war, und die auf dem entferntesten Punkte, dahin ich mich bewegte, werden meine Gegenwart so wenig vermissen wie du! Kennst du die Schnelligkeit des Gedankens?“
GEJ|10|202|9|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Ja, mein lieber himmlischer Freund, einen kleinen Begriff habe ich davon, und zwar vorzüglich aus der Lehre des weisen Plato!“
GEJ|10|202|10|0|Sagte darauf wieder Raphael: „Wie heißt der entfernteste Ort, den du gewisserart persönlich kennst?“
GEJ|10|202|11|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Britannien! Denn bis dahin habe ich einmal eine Reise mit meinem damals noch lebenden Vater gemacht, und zwar zu Wasser, welche Reise hin und wieder zurück nach Rom über zwei volle Jahre gedauert hat.“
GEJ|10|202|12|0|Sagte Raphael: „In welcher Zeit aber kannst du dich mit deinen Gedanken dahin begeben?“
GEJ|10|202|13|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Ja, lieber Freund, in einem Augenblick bin ich dort und hier auch zugleich, und ich meine, wenn ich mich noch tausendmal so weit bewegen müßte in Gedanken, so würde ich dazu auch nicht einer längeren Zeit bedürfen.“
GEJ|10|202|14|0|Sagte darauf Raphael: „Siehe, mein lieber Freund und Bruder, die Eigenschaft, die du in deinen Gedanken besitzest, dieselbe Eigenschaft besitzen wir vollkommenen Geister in einem freilich viel vollkommeneren Grade im Reiche Gottes in der Wirklichkeit, und du wirst dieselbe Eigenschaft als ein reiner und freier Geist im Reiche Gottes ebenfalls, gleich mir, besitzen.
GEJ|10|202|15|0|Ja, mein lieber Freund, das Reich Gottes ist nach allen Seiten hin von einer endlosen Ausdehnung! Könnten wir vollkommenen Geister uns nicht schneller bewegen, als ihr Menschen euch bewegt auf dieser Erde, da sähe es mit der Ausrichtung des Willens des Herrn in den entferntesten Punkten Seiner Schöpfungen sehr mißlich aus, – aber da die Zeit und der Raum uns vollkommenen Geistern gar kein Hindernis bieten können, so kann auch die Ordnung des Herrn in der ganzen Unendlichkeit niemals die allergeringste Störung erleiden. – Verstehst du dieses, mein lieber Freund und Bruder?“
GEJ|10|202|16|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Ein wenig besser wohl denn früher; jedoch in die volle Tiefe dieses Bewegungsgeheimnisses werde ich mich wohl noch lange nicht zu versetzen imstande sein!“
GEJ|10|203|1|1|203. — Der leuchtende Stein von der Sonne
GEJ|10|203|1|0|Sagte darauf Raphael: „Siehe, du mein lieber Freund und Bruder, nach der Sonne hin, die jetzt schon stark im Westen steht! Wie weit meinst du wohl, daß dies Gestirn von hier entfernt ist? Ich weiß aber, daß du dieses nicht weißt, und so ich dir die Entfernung nach eurem irdischen Feldwegmaßstabe ansagte, so würdest du die Zahl nicht verstehen, weil dir das arabische Zahlengebäude nicht bekannt ist und mit euren römischen Zahlen sich eine so große Zahl nicht ausdrücken läßt. Aber das weißt du wohl, wie schnell ein abgeschossener Pfeil den Weg von 50-100 Schritten zurücklegt; er wird dazu nicht viel über vier Augenblicke benötigen, und es ist somit der Flug eines Pfeiles die dir bekannte schnellste Bewegung auf der Erde. Und siehe, ein von der Erde nach der Sonne abgeschossener Pfeil, so er so weit fortfliegen könnte und die Anziehungskraft der Erde ihn daran nicht hinderte, würde zu solch einer Reise, von hier bis zur Sonne nämlich, einer Zeit von nahezu fünfzig Jahren benötigen, bis er eben in der Sonne ankäme!
GEJ|10|203|2|0|Daß ein Mensch mit seinen Füßen wohl mehrere Hunderte von Jahren vonnöten hätte, versteht sich von selbst. Und was meinst du denn, eine wie lange Zeit ich dazu benötigen würde, um von hier in die Sonne und wieder zurückzugelangen?“
GEJ|10|203|3|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Ja, mein lieber himmlischer Freund, wie ich es jetzt einsehe, so wirst du zu dieser Reise auch nicht längerer Zeit bedürfen, denn von hier nach Rom und zurück.“
GEJ|10|203|4|0|Sagte Raphael: „Da hast du recht geantwortet, – und siehe, während ich eben nun mit dir rede, war ich auch schon in der Sonne und wieder zurück! Zum Beweise dessen brachte ich dir auch ein kleines Angedenken aus der Sonne mit.“
GEJ|10|203|5|0|Hierauf fuhr Raphael mit seiner Hand in seines Rockes Tasche, zog einen nahezu der Sonne gleich leuchtenden Stein hervor und zeigte ihn dem Oberstadtrichter mit den Worten: „Siehe, derlei Steine gibt es auf der Erde nicht; aber auf dem großen Sonnenweltkörper, besonders in dessen Mittelgürtel, den du dereinst auch näher kennenlernen wirst, gibt es solche Steine in verschiedener Größe in übergroßer Menge!
GEJ|10|203|6|0|Die Bewohner dieses großen Weltkörpers benutzen derlei Steine zur Beleuchtung ihrer inneren dunklen Gemächer; denn der eigentliche Sonnenkörper ist eigentlich auch nur dunkel. Das Licht der Sonne, das du siehst, entwickelt sich auf ihrer atmosphärischen Oberfläche und wirkt in seiner Vollkraft nur nach außen hin und nach dem eigentlichen festen Sonnenkörper kaum etwas stärker, als wie stark beleuchtet du die Oberfläche dieser Erde ersiehst.
GEJ|10|203|7|0|Daher nimm du auch diesen Stein, und du wirst dir mit ihm durch zehn Jahre noch zur Nachtzeit deine Gemächer wohl erleuchten können; aber nach zehn Jahren wird sich sein Licht mehr und mehr verlieren. Willst du ihn aber zum Beleuchtungsdienste länger gebrauchen, so setze ihn am Tage immer den Sonnenstrahlen aus; er wird sich mit ihnen sättigen und dir die Nacht hindurch statt einer noch so guten Lampe den Beleuchtungsdienst leisten. Aber nach hundert Jahren, so dieser Stein von der Säure der Erdluft zu sehr durchdrungen sein wird, dann wird er zum Beleuchtungsdienste auch völlig untauglich werden.“
GEJ|10|203|8|0|Darauf nahm der Oberstadtrichter den Stein mit vieler Ehrfurcht und Danksagung an, wickelte ihn in ein reines Tuch und steckte ihn in seines Rockes Tasche.
GEJ|10|203|9|0|Es sahen aber das natürlich auch Meine Jünger und beneideten heimlich die Römer, sagten bei sich: „Wir sind doch schon so lange bei Ihm, – aber für uns hat Er solche Wunder nie gewirkt. Sooft Er nur irgend unter die Römer kam, da wirkte Er stets Seine größten Wundertaten, und wir konnten sie erst unter den Heiden sehen, denen Er sie auch Selbst oder durch den Engel Raphael erklären konnte! Als Ihn aber einst in der Nähe von Jerusalem der uns allen bekannte fromme Nikodemus nach dem Aussehen des Reiches Gottes fragte, da gab Er ihm zur Antwort: ,Bis du nicht im Geiste wiedergeboren wirst, kannst du die Dinge des Himmels nicht begreifen; denn du begreifst die Dinge dieser Erde nicht, die du doch siehst, wie wirst du himmlische Dinge begreifen, die du nicht siehst?‘ Warum sagte Er das nicht auch den Heiden, und warum gerade den Juden?“
GEJ|10|203|10|0|Und so murrten die Jünger heimlich untereinander, und Ich erhob Mich da zu den Jüngern hin und sagte: „Was murret ihr da heimlich untereinander? Lasse Ich euch nicht Zeugen sein alles dessen, was Ich unter den Heiden tue, und habe Ich euch nicht erst vor ein paar Tagen den Grund gesagt, warum Ich den Heiden mehr zeigen und erklären kann denn euch?
GEJ|10|203|11|0|Ihr seid, was die Wissenschaft in den Naturdingen anbetrifft, nicht im geringsten bewandert; die Römer aber haben darin eine Menge sehr tüchtiger Kenntnisse und können die Verhältnisse der Dinge in der Natur gar wohl unterscheiden. Das alles fehlt euch Juden, und das schon seit der Zeit der ersten Richter, die die Verhältnisse in der Natur auch kannten, und zwar aus den zwei Büchern Mosis, die ihr verworfen habt und habt euch dafür eine Kabbala geschaffen, deren Inhalt schlechter ist als der Inhalt eines jeden heidnischen Philosophen. Euch aber wehre Ich nicht, derlei höhere Erklärungen mit anzuhören und derlei Taten mit anzusehen. Wie lange werde Ich denn euch noch ertragen müssen, bis ihr verständiger werdet?“
GEJ|10|203|12|0|Sagte Simon Juda: „O Herr und Meister, habe nur Geduld mit uns; wir sehen es schon wieder ein, daß wir vor Dir wieder einmal gesündigt haben!“
GEJ|10|203|13|0|Sagte Ich: „Es ist schon wieder gut; aber in der Zukunft lasset derlei Gemurre unter euch!“
GEJ|10|203|14|0|Dies schrieben sich die Jünger ins Herz und wurden darauf viel bescheidener und gelassener bei jeder Gelegenheit, und Ich kehrte von ihnen wieder zum Oberstadtrichter und Raphael zurück.
GEJ|10|204|1|1|204. — Die Tierwunder Raphaels
GEJ|10|204|1|0|Es war darauf über mehr natürliche Dinge die Rede und im Verlaufe solcher Unterredung bemerkte unser Wirt, daß jetzt diese Gegend in weitem Umkreis wohl den herrlichsten Graswuchs wie nicht leicht auf einem andern Punkte der Erde aufzuweisen habe, – aber die Herden der Bewohner dieser Stadt und der Umgegend seien sehr klein, und man könnte jetzt die Herden wohl ums Hundertfache vermehren, so würden sie des Futters noch in Überfülle finden.
GEJ|10|204|2|0|Sagte darauf Ich: „Es könnten zwar wohl eure Herden ebenso wunderbar vermehrt werden wie alles andere, aber es würde das für die Menschen noch auffallender sein als alles andere; denn es würde ein jeder, der jetzt zehn Schafe auf der Weide hat, überaus große Augen machen, wenn sein Hirte statt zehn Schafe gleich tausend nach Hause brächte, die der Besitzer der Schafe auch nicht einmal unterbringen könnte, indem sein Schafstall höchstens für zwanzig Schafe Raum hat. Darum suchet euch Schafe und andere Tiere in gerechter Anzahl anzukaufen; in zwei Jahren, von jetzt an gerechnet, werden sie sich schon in einer rechten Weise vermehren! Das Getreide, wenn ihr es eingeerntet haben werdet, werdet ihr leicht aufbewahren können – denn dazu habt ihr des Raumes genug –; aber mit dem Haustierstande ginge es euch schlecht, – und so lassen wir es bei dem, was nun da ist, bewendet sein!
GEJ|10|204|3|0|Den einen bedeutend großen Teich sehet ihr von hier aus; aber es sind in der ganzen Umgegend noch sechs, durch welche die ganze Gegend zur Genüge bewässert werden kann. In ihren Tiefen werdet ihr auch eine rechte Menge Fische finden, welche die Bewohner dieser Stadt und der Umgegend zu ihrer Notdurft nutzen können; die Fische des Teiches aber, den wir von hier aus sehen, sollen ein Eigentum des Oberstadtrichters, des Wirtes, der Apollopriester und der einigen Juden sein, und so hat jeder von euch von Mir Benannten das Recht, den vierten Teil des Teiches zu fischen, aber keiner im Übermaß, sondern nach seinem Bedarf, damit niemand durch die größere Habsucht des andern benachteiligt werde. Die Fische in dem Teiche aber sind eine ganz edle Gattung, durch die das Wasser des Teiches nie verunreinigt wird.“
GEJ|10|204|4|0|Die vier Parteien dankten Mir darauf für dieses Geschenk und beteuerten auch, daß sie dies Gebot in der Hinsicht auf das genaueste halten würden, und der Oberstadtrichter werde auch für die gleiche Ordnung bei den andern Teichen sorgen und sie auch aufrechterhalten.
GEJ|10|204|5|0|Als sich mehrere noch untereinander über dieses Wunder besprachen, wie es denn möglich gewesen sei, die Teiche gleich mit den Fischen zu bevölkern, da stand Raphael auf und sagte zum Oberstadtrichter und zum Wirte: „Das ist ebenso leicht möglich dem allmächtigen Willen des Herrn in uns, wie eine Wüste im Augenblick grünen zu machen; denn es ist einerlei, Tiere was immer für einer Gattung augenblicklich ins fertige Dasein zu rufen oder zahllose Gräser, Pflanzen, Getreidesorten und Fruchtbäume.
GEJ|10|204|6|0|Denn was ein Geist aus dem Willen des Herrn in sich denkt und will, daß es da sei, das ist auch schon da; aber freilich ist das Denken eines reinen Engelsgeistes ein bei weitem anderes als das Denken eines Menschen.
GEJ|10|204|7|0|Der Mensch kann sich nur die äußeren Formen denken und vorstellen und darüber allerlei Phantasien machen; aber was die Formen inwendig vom Kleinsten bis zum Größten enthalten, und wie sie gebaut sein müssen, um lebensfähig zu werden, das kann sich kein Mensch denken und darauf seinen Willen dahin richten, daß durch seines Willens Geist die Formen belebt und tätig werden. Das kann aber ein vollkommener Engelsgeist, und in einem geringeren Grade auch ein eben noch nicht so vollkommener.
GEJ|10|204|8|0|Es ist darunter – um mit dir irdisch zu reden, mein lieber Oberstadtrichter – nahezu derselbe Unterschied wie zwischen einem nach allen Regeln der Kunst ausgebildeten Bildner und einem andern Menschen, der zur Not wohl auch aus einem Stück Holz ein höchst ungeschicktes Bild zu schnitzen imstande ist; aber welch ein Unterschied zwischen solch einem Bilde und dem aus der Hand eines vollendeten Künstlers!
GEJ|10|204|9|0|Gibt es aber schon auf dieser Erde gar mannigfache Grade in der Bildung der Menschen, um wieviel mehr ist das erst im Reiche der Geister der Fall!
GEJ|10|204|10|0|Siehe, ein Elefant ist gegenwärtig wohl das größte, aber zugleich auch das intelligenteste Tier auf der Erde und kann bei rechter Bildung von seiten der Menschen zu allerlei knechtlichen Arbeiten brauchbar werden, und es gab eine Zeit, in welcher diese Tiergattung auch diese Gegend bewohnte.
GEJ|10|204|11|0|Da aber mit der Zeit diese Gegenden ob des vielen Unfuges der Menschen stets unfruchtbarer geworden sind, so zog sich dieses Tier weiter gegen Süden in jene Gegenden, wo es für sich den rechten Futterreichtum fand; aber diese Gegenden haben infolge der Auswanderung dieses Tieres gar viele bedeutende irdische Vorteile eingebüßt.
GEJ|10|204|12|0|So du, mein lieber Freund und Bruder und Oberstadtrichter, es aber wünschest, so kann ich dir im Augenblick mit einem Männchen und Weibchen dienen, und für diese wirst du schon des Futters genug finden, – und siehe nun hinab in die Gegend des Teiches, und du wirst alldort schon ein Männchen und ein Weibchen erblicken!
GEJ|10|204|13|0|Entsende später deine Knechte mit etlichen Brotlaiben dahin, und sie werden den Knechten folgen in den Stall, der dein eigen ist und für diese Tiere hinreichenden Raum hat! Mähe dann das Gras auf deinem großen Wiesenanteile ab, und laß es trocken werden und darauf in Büschen zusammenbinden; dann sollen die Knechte mit den beiden Tieren hinausgehen, und die Tiere selbst werden das Heu in deine Scheuer bringen, und so wirst du sie nach und nach noch zu verschiedenen andern Arbeiten abrichten können.“
GEJ|10|204|14|0|Der Oberstadtrichter dankte dem Raphael für dieses wunderbare Geschenk und sagte: „Mit dem Abrichten dieser Tiere verstehen sich ein paar Knechte von mir sehr wohl, denn sie haben derlei Tiere aus Indien sogar nach Rom gebracht, und der Kaiser behielt sie eine Zeitlang für die Pflege dieser Tiere; dann kamen sie zu meinem Vater in Dienst und sind auch hier meine treuesten Diener.“
GEJ|10|205|1|1|205. — Die verwunderten Diener fangen und zähmen die Elefanten
GEJ|10|205|1|0|Nach diesem Gespräch ging die Sonne unter, und wir erhoben uns und begaben uns wieder in die Stadt zu unserem Wirte.
GEJ|10|205|2|0|Wir kamen denn bald wieder in unsere Gaststube, und auch Raphael mit uns, und als wir uns zum Tische setzten, fragte Mich der Wirt, ob er für den seltenen Gast Raphael auch ein Gedeck solle richten lassen.
GEJ|10|205|3|0|Und Ich sagte: „Allerdings; denn nun ist auch er für diese Zeit mit einem Leibe umhüllt, der aus der Luft dieser Erde entnommen ist, und bedarf ebensogut auch einer irdischen Stärkung wie Ich der Herr Selbst. Die zu sich genommene Speise wird in ihm freilich auf eine ganz andere Weise verwandelt als bei einem natürlichen Menschen; aber das tut nichts zur Sache. Er wird sonach mit uns ebensogut Speise und Trank zu sich nehmen wie wir selbst, nur um ein ziemlich bedeutendes mehr als wir, worauf du dich im voraus gefaßt zu machen hast. Nun laß aber sogleich Brot und Wein auf den Tisch setzen, und später erst die Fische und ein wohlzubereitetes gebratenes Lamm!“
GEJ|10|205|4|0|Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, mit einem Lamm wird es mir etwas schlecht gehen, da ich keines mehr besitze! Wohl aber habe ich bei dreißig Schafe; von denen kann ich, so sie der Hirte schon nach Hause getrieben hat, das jüngste sogleich schlachten lassen.“
GEJ|10|205|5|0|Sagte darauf Ich: „Mache dir darob keine unnötige Sorge! In der Küche wirst du ein schon geschlachtetes und zum Braten ganz wohl hergerichtetes Lamm finden, und es soll darob von deinen dreißig Schafen keines geschlachtet werden; denn sie sind bis auf das Männlein alle trächtig und werden in ein paar Wochen deine Schafherde ums doppelte vergrößern.“
GEJ|10|205|6|0|Hierauf besorgte der Wirt sogleich das Brot und den Wein und ging darauf in die Küche, um sich das zum Braten bereitete Lamm zu besehen. Er verwunderte sich zwar darob nicht gar so groß mehr, da er schon die andern Wunderwerke gesehen hatte und ihm daher auch dieses ganz begreiflich vorkam; aber desto mehr verwunderte sich seine Küchendienerschaft samt seinem Weibe, das sich, während wir uns auf dem Berge aufhielten, in dem an das Gasthaus stoßenden, mäßigen Küchengarten aufhielt, um für die am Abend zu bereitenden Fische wohlriechende Kräuter zu sammeln, und darob ordentlich erschrak, als vor ihren Augen der sonst mager aussehende Küchengarten plötzlich von neuem ergrünte und an allem fürs Haus Nötigen einen Überfluß darbot.
GEJ|10|205|7|0|Das Weib konnte dem Wirte nicht genug erzählen, wie es ihr bei dieser Begebenheit ganz sonderbar zumute geworden sei; mit der Zeit aber habe sie daran gedacht, daß dies niemand anders bewirkt habe als der anwesende wunderbare Gast, den auch sie nun samt ihrem ganzen Hausgesinde für einen wahren Gott ansehen und verehren werde, und das um so mehr, weil auch die drei Apollopriester sich diesem Gott unterworfen hätten. Darauf ging es gleich an die Bereitung der Fische und das Braten des Lammes.
GEJ|10|205|8|0|Während wir uns in unserem Speisezimmer stärkten, kamen die beiden schon oben auf dem Berge benannten treuen Diener des Oberstadtrichters zu uns, fast außer Atem, und fingen an zu erzählen, was sie alles gesehen und erlebt hatten. Am meisten wunderten sie sich über den plötzlich entstandenen großen Teich an der Stelle, auf der sich früher nur eine kleine, periodische Quelle befand.
GEJ|10|205|9|0|Und der eine der Diener sagte zum Oberstadtrichter: „Und, o gestrengster Herr, Herr, – welch ein großes Wunder noch: In der Nähe des Teiches grasen zwei vollkommen ausgewachsene Elefanten! Diese beiden Tiere mußten wohl ob Mangels an Futter einer persischen oder gar indischen Karawane durchgegangen sein, um sich allhier zu sättigen, wo durch ein Gotteswunder die Gegend in den üppigsten Wuchs aller Pflanzen-, Gras- und Baumgattungen übergegangen ist. Die Tiere weiden gerade auf dem Wiesenteil, welcher dir gehört, und du hättest demnach ein Recht, diese zwei seltenen und kostspieligen Tiere für dich in Besitz zu nehmen. Wir beide aber verstehen uns – wie es dir bekannt ist – gar wohl darauf, uns solcher Tiere zu bemächtigen. So du willst, werden wir hingehen und sie bald mit leichter Mühe in deinem großen Stalle unterbringen; und sind sie daselbst einmal untergebracht, so wird es da schon unsere Sorge sein, daß sie uns nimmer durchgehen werden.“
GEJ|10|205|10|0|Sagte darauf der Oberstadtrichter: „Tut das, und ich werde euch dafür schon zu belohnen verstehen!“
GEJ|10|205|11|0|Darauf versahen sich die beiden Diener gleich im Gasthause mit mehreren Laiben Gerstenbrotes und gingen eilig voll Freude hinaus, wo die beiden Tiere grasten. Als sie in die Nähe der Tiere kamen, redeten sie dieselben nach ihrer Weise an. Die Tiere wurden aufmerksam, der Geruch des Brotes zog sie in die Nähe der Diener, und diese reichten den beiden Tieren sogleich Stücke von den Brotlaiben und zogen darauf in die Stadt, während sie auf dem Wege, der eben nicht ein langer war, von Zeit zu Zeit den beiden Tieren ein Stück Brot reichten. Und bald ersahen wir aus unserem Gastzimmer durch die offenen Fenster, wie die zwei riesigen Elefanten den zwei Dienern des Oberstadtrichters gleich zahmen Lämmern auf dem Fuße folgten, und die beiden Diener brachten sie auch so in den großen Stall unter der Verwunderung ihrer vielen Mitdiener und Knechte und so manchen Stadtbürgers. Im Stalle versahen sie die Tiere sogleich mit einer rechten Menge Futter und Wasser.
GEJ|10|205|12|0|Und diese beiden Tiere blieben alsogleich im Stalle und ließen sich von den beiden Dienern bedienen; aber die andern Diener durften sich noch nicht in die Nähe der beiden Tiere wagen, was aber späterhin auch ermöglicht worden ist.
GEJ|10|205|13|0|Fünf Jahre darauf machte unser Oberstadtrichter, als er vom Kaiser durch die Verwendung des Hauptmanns Pellagius und des Oberstatthalters Cyrenius eine viel höhere Stellung in der großen Stadt Damaskus erhielt, allwo er die Christen sehr in Schutz nahm und ihnen, soviel es möglich war, bedeutende Vorteile zukommen ließ, dem Kaiser mit diesen zwei Tieren, samt den zwei Dienern, ein Geschenk, worüber der Kaiser eine große Freude hatte und aus Dankbarkeit ihn auch mit der Oberherrlichkeit dieser Stadt, in der er so viel Gutes gewirkt habe, für ihn sowohl als für seine Nachkommen völlig zu eigen belehnte.
GEJ|10|205|14|0|Das habe Ich nun nur so nebenbei erzählt.
GEJ|10|206|1|1|206. — Der Grund der Seligkeit der vollkommenen Geister
GEJ|10|206|1|0|Wir machten uns dann über unser Abendmahl her, das alsbald bereitet werden konnte, und waren dabei voll guter und heiterer Dinge, und Meine Jünger wußten viel zu erzählen von all den Orten und Städten, von Meinen Lehren und Taten. Auch Raphael bekam aus dem Munde Meiner Jünger ein gutes Zeugnis; denn es ward auch von seinem Tun und Wirken an Meiner Seite gar vieles gesprochen.
GEJ|10|206|2|0|Und der Römer und Oberstadtrichter, wie auch der Wirt und dessen Sohn, die zwei Pharisäer und etlichen Juden, unterhielten sich dabei so gut, daß der Oberstadtrichter sagte: „O Herr und Meister! Wenn ich es wenigstens für meinen Teil auf dieser Erde gleichfort so haben könnte wie jetzt in Deiner Gesellschaft und in der Gesellschaft Deines himmlischen Dieners, so leistete ich gleich auf die sicher bei weitem noch größeren Seligkeiten Deiner Himmel Verzicht; denn ich halte nun das für den höchsten Himmel, in Deiner allernächsten Nähe mich zu befinden und mit Dir Zwiesprache führen zu können.
GEJ|10|206|3|0|Wenn man Dich Selbst hat, da braucht man die Dinge der Natur gar nicht weiter näher kennenzulernen; denn man weiß es ja ohnehin, daß sie alle vom Kleinsten bis zum Größten, vom Ersten bis zum Letzten und vom Alpha bis zum Omega nur Deine festgehaltenen Gedanken und Ideen sind, belebt durch Deinen Willen und durch Deinen Geist.“
GEJ|10|206|4|0|Sagte Ich: „Du hast ganz recht und wahr gesprochen, und es ist das auch im Himmel aller vollkommensten Geister höchste Seligkeit, so sie bei Mir sich aufhalten, mit Mir reden und Umgang pflegen können.
GEJ|10|206|5|0|Aber diese übergroße Seligkeit rührt denn eigentlich doch nicht von Meiner ganz einfachen und schlichten Persönlichkeit her, der Ich ebensogut ein Mensch bin wie Du und als Geist ebenso ein Geist wie dieser Urerzengel Raphael, sondern die Hauptseligkeit der vollkommenen Geister liegt darin, daß sie Meine endlosen Vollkommenheiten aus Meinen endlos vielen Werken ohne Zahl und Maß stets vollkommener, lichter und tiefer erkennen.
GEJ|10|206|6|0|Siehe, Freund, es geht das ungefähr also, wie es schon zuweilen auf dieser Erde bei Menschen zugeht, die für höhere Künste und Wissenschaften einen rechten Sinn haben und dafür eingenommen sind! Du hättest zum Beispiel von einem großen Baukünstler und Bildner gehört, daß seine Werke bei allen Menschen die größte Bewunderung erhalten. Als du solches hörtest, da hatte dich auch die Lust angewandelt, den großen Künstler selbst persönlich kennenzulernen, und weil dir die Mittel zur Reise nicht ermangelten, so machtest du dich auch bald auf und begabst dich in jenes ferne Land hin, in welchem sich der Künstler aufhielt und seine Werke in großartigem Maßstabe auf- und ausführte.
GEJ|10|206|7|0|Du erlangst nach einer Zeit deiner Reise den Ort, wo sich der Künstler aufhält, und kommst alldort auch mit leichter Mühe bald mit dem Künstler zusammen, von dem du dir während deiner Reise allerlei großartige Vorstellungen machtest, darunter auch die, daß er als Mensch unter den anderen Menschen auch durch eine besonders erhabene Gestalt sich erkenntlich mache. Wie du aber an seinem Orte mit ihm zusammenkommst, da findest du den Künstler als einen ganz schlichten und einfachen Menschen, dessen Persönlichkeit nicht im geringsten merken läßt, was er in seinem Innern birgt. Du unterhältst dich dann mit ihm sehr freundlich, denkst dir aber dabei dennoch heimlich: ,Es ist kaum möglich, daß in dieser höchst einfachen und schlichten Persönlichkeit eine solche schöpferische Größe vorhanden sein soll, von der du so ungeheuer Großartiges dir sogar von den allerverständigsten Menschen hast erzählen lassen!‘ Aber du bist dennoch ganz glücklich, dieweil du in dir die Überzeugung hast, daß du mit dem größten Baukünstler und Bildner in Gesellschaft dich befindest und dich mit ihm über allerlei besprechen kannst, was er geschaffen hat.
GEJ|10|206|8|0|Endlich aber sagt der Künstler zu dir: ,Weil du dir schon die Mühe genommen hast, mich aufzusuchen und mich persönlich kennenzulernen, so will ich dich denn auch von diesem meinem Wohnorte, der nur weniges von mir aufzuweisen hat, in eine von hier nicht ferne, sehr große Stadt führen, in der du Gelegenheit in Übergenüge finden wirst, dich an meinen Werken zu ergötzen!‘
GEJ|10|206|9|0|Du gehst darauf voll der brennendsten Neugierde an der Seite deines dir sehr freundlich gewordenen Künstlers hin, der dir auf der ganzen Reise noch immer als ein ganz einfacher und schlichter Mensch vorkommt. Wie du aber immer mehr näher und näher mit dem großen Künstler dich der großen Stadt näherst und schon in einer noch ziemlichen Ferne die großartigsten Gebäude, Tempel, Paläste und Burgen zu erschauen anfängst, da fängt sich auch deine Phantasie über den dich begleitenden Künstler ebenso zu vergrößern an, wie sich seine Werke in jener Stadt stets mehr und mehr zu vergrößern anfangen, je mehr du dich der Stadt näherst. Seine persönliche Schlichtheit fängt an zu schwinden in dem Grade, als dir seine innere, geistige Größe durch seine Werke immer klarer vor die Augen gestellt wird.
GEJ|10|206|10|0|Nun kommst du erst ganz in die Stadt, und ein Bauwunder nach dem andern, stets größer, kunstvoller und kühner, macht dich vor Verwunderung ordentlich sprachlos, und deine Bewunderung über den dich begleitenden Künstler wird auch dadurch noch hinzu außerordentlich erhöht, so du ersiehst, wie in dieser großen Stadt alle Menschen, groß und klein, ihn auf das allerfreundlichste und ehrfurchtsvollste begrüßen.
GEJ|10|206|11|0|Sag du, mein lieber Freund, Mir nun, ob deine früheren Begriffe bei der Betrachtung seiner großen Werke eben über den Künstler selbst nicht ganz anderer und für dein Gemüt viel beseligenderer Art geworden sind!“
GEJ|10|207|1|1|207. — Von der Unfaßbarkeit der Schöpfung
GEJ|10|207|1|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Ja, Herr und Meister, Du hast ein gar überaus treffendes Bild gewählt, das ich – freilich nicht in dem großartigen Maßstabe – selbst in meiner Jugend erlebt habe; denn ich habe mit meinem damals noch lebenden Vater die nördlicheren Teile des eigentlichen Römerreichsgebietes bereist und kam in die Gegend von Venetien. Da sah ich ein großartiges Palastgebäude, nach allen Regeln der Kunst seiner Vollendung nahe, und mich wandelte auch sehr die Begierde an, den kühnen Baumeister persönlich kennenzulernen.
GEJ|10|207|2|0|Ich gelangte darauf mit meinem Vater bald in seine Wohnung und in seine bildnerische Werkstätte und kam mit dem Baumeister selbst in Begleitung meines Vaters bald zusammen. Er war aber auch ein ganz schlichter und einfacher Mann, ein geborener Grieche von der kleinen Insel Rhodos, dem man es von weitem gar nicht angesehen hätte, daß er die Fähigkeit besäße, die Finger an seiner Hand in der Ordnung abzuzählen; aber so man mit ihm zu reden anfing, da merkte man es wohl sogleich, daß er neben der alten Rechenkunst des Euklid noch mehrere andere Künste und Wissenschaften in sich unter ein Dach gebracht hatte, und ich bekam dann vor diesem großen Baumeister und Bildner wahrlich eine großartigste Hochachtung.
GEJ|10|207|3|0|Aber nur weiß ich jetzt noch nicht, o Herr und Meister, was Du mit diesem vortrefflich gewählten Bilde in bezug auf Dich so ganz eigentlich hast sagen wollen!“
GEJ|10|207|4|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund und Bruder, nichts anderes als das, daß nun deine vermeinte große Seligkeit in Meiner und des Erzengels Raphael Gesellschaft noch nicht den höchsten Grad erlangt hat und diesen erst dann erlangen wird, wenn du alle Meine Bauten und Schöpfungen stets näher und tiefer wirst kennenlernen! Du weißt zwar nun wohl, daß in Mir die großartigste schöpferische Eigenschaft zu Hause ist, und du machst dir von derselben einen dir möglich größten Begriff, seit du die etlichen Zeichen von Mir hast wirken sehen; du wirst dir sicher aber einen ganz anderen Begriff machen, wenn dein innerer Gesichtskreis über Mich durch die tiefere Betrachtung Meiner Werke um ein überaus Großes erweitert und erhöht werden wird. Denn dann wird dir erst das wahrhaft Göttliche in Mir in einem stets höheren Licht erscheinen, obschon im allerhöchsten Finallichte, das Ich Selbst in Meinem Innern bin, ewig niemals, und das darum, weil das jedem aus Mir geschaffenen Geiste selbst in seiner höchst möglichen Vollendung unmöglich ist.
GEJ|10|207|5|0|Du denkst dir jetzt freilich und sagst in dir: ,Wieso denn? Da bleibt ja der höchste und vollendete Geist dennoch ein ewiges Nichts vor Dir!‘
GEJ|10|207|6|0|Ja, Ich sage dir, da hast du recht: Mir ist wohl alles möglich, aber ein zweites, Mir gleich vollkommenes Ich kann Ich nicht erschaffen, so wie auch keinen zweiten unendlichen Raum und keine zweite ewig dauernde Zeit, und so kann denn auch der vollkommenste Engelsgeist ebensowenig je die endliche Vollstärke des Lichtes in Mir, noch die Grenzen des unendlichen Raumes je erreichen und die Stunden der unendlichen Zeitdauer zählen. Er kann sich über diese drei Dinge wohl immer weiter hinaus gedehnte Begriffe machen, aber an ein Ende derselben dennoch ewig niemals gelangen.
GEJ|10|207|7|0|Du siehst die Lichtstärke der Sonne und hältst ihr Licht schon für das stärkste, was dein Begriff fassen kann, – wie wäre es denn, so Ich dir statt der einen Sonne gleich tausend Sonnen von gleicher Größe und Lichtstärke ans Firmament stellte? Würde da das Licht nicht auch ums tausendfache verstärkt auf diese Erde fallen?“
GEJ|10|207|8|0|Sagte der Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, tue du nur das nicht; denn wir haben besonders im Sommer an dem Licht der einen Sonne zur Übergenüge! Wenn erst tausend Sonnen am Firmamente leuchteten, so würden alle Geschöpfe auf dieser Erde in kürzester Zeit verbrennen und nach ihnen auch die ganze große Erde selbst. Denn ich habe schon einmal gesehen, und zwar zu Alexandrien, was durch einen arkadischen Hohlspiegel das Licht der Sonne zu bewirken vermag, – und es wird mittels dieses einen Spiegels nur die eine Sonne etwa ums 10-20fache vergrößert und bewirkt im Brennpunkte schon eine derartig verheerende Wirkung, daß sie alles in Brand setzt; jetzt denke man sich erst die Wirkung von tausend Sonnen!“
GEJ|10|207|9|0|Sagte Ich: „Nun ja, da hast du recht, und die Erde hat an der einen Sonne zur Übergenüge genug; Ich wollte dich aber dadurch nur darauf aufmerksam machen, daß sogar das Naturlicht bis ins Unendliche potenziert werden kann, – um wieviel mehr erst das geistige Licht! Darum heißt es auch im Moses, daß kein geschaffenes Wesen Gott in Seiner inneren Wirklichkeit schauen und dabei das Leben erhalten kann.“
GEJ|10|207|10|0|Sagte der Oberstadtrichter: „O Herr und Meister! Nun wird es mir ordentlich bange in Deiner Gegenwart, denn ich fühle stets mehr und mehr meine vollste Nichtigkeit und Dein vollstes Alles in Allem, und Plato hatte recht, als er sagte: ,Ich habe im Gesichte den Saum des Kleides Gottes gesehen, es war alles in Licht verwandelt, und ich fand mich darin wie völlig in nichts aufgelöst; nur die Liebe zur Gottheit behielt mir noch das Bewußtsein!‘“
GEJ|10|207|11|0|Sagte Ich: „Da hatte dieser Weltweise recht, – aber für seine Zeit; von nun an aber wird es mit dieser Sache anders stehen! Denn darum habe Ich Mich Selbst mit einem Leibe umgeben, damit Ich euch künftighin nicht mehr als ein unbegreiflicher und unschaubarer Gott erscheine, sondern als ein Mensch, mit dem ihr ebenso wie mit euch selbst reden und verkehren könnet, und habe euch dadurch nicht nur zu Meinen vollkommen ebenbildlichen Kindern, sondern auch zu Meinen wahren Freunden und Brüdern gemacht.
GEJ|10|207|12|0|Mit dieser Bescherung von Meiner Seite aus werdet ihr wohl alle zufrieden sein, und es wird euch nicht genieren, so ihr es einsehet, daß Ich in Meinen ewigen, göttlichen Eigenschaften niemals erreichbar bin.
GEJ|10|207|13|0|Aber jetzt kommt das gebratene Lamm, und wir wollen uns mit dem beschäftigen und alles andere unterdessen beiseite setzen!“
GEJ|10|208|1|1|208. — Die wunderbare Speisung in der Herberge
GEJ|10|208|1|0|Das Lamm wurde in ebenso viele Teile geteilt, als der Gäste beim Tische saßen, und es fielen die Teile selbstverständlich etwas knapp aus.
GEJ|10|208|2|0|Und der Wirt selbst bemerkte die Sache und fragte Mich, sagend: „Herr und Meister, dies eine Lamm ist offenbar zu wenig für die bedeutende Anzahl von Gästen! Wie wäre es denn, wenn ich in der Schnelligkeit noch zwei oder drei Lämmer herrichten ließe? Denn wie ich es bemerkt habe, so ist das eine Lamm für den wunderbaren Gast Raphael allein kaum genügend!“
GEJ|10|208|3|0|Sagte Ich: „Lasse du das gut sein; denn Ich habe schon, wie es Meine Jünger wohl wissen, mit sehr wenigen Broten und noch wenigeren Fischen mehrere Tausende von Menschen derart gesättigt, daß sie alle zur Übergenüge satt wurden und nach dem Mahle immer noch mehrere Körbe voll von den übriggebliebenen Stücken Brotes aufgesammelt wurden, – und so werden wir an diesem einen Lamme mehr als genug haben!“
GEJ|10|208|4|0|Sagte der Wirt: „Was Dir, o Herr und Meister, recht ist, das ist sicher auch mir recht; allzeit geschehe nur Dein Wille!“
GEJ|10|208|5|0|Darauf setzte sich auch der Wirt – wie immer – zu uns an den Tisch, getraute sich aber dennoch nichts für sich von dem Lamme zu nehmen, weil er fürchtete, es könne für die andern doch etwas zu wenig ausfallen.
GEJ|10|208|6|0|Da nahm Ich ein Stück aus der großen Schüssel und legte es auf seinen Teller und sagte dabei zu ihm: „Freund, glaube, was Ich dir gesagt habe! Wir werden das Lamm noch nicht derart aufgezehrt haben, daß wir bis zur Übergenüge dabei satt werden, und es wird am Ende noch für dein ganzes Hausgesinde zur Übergenüge übrigbleiben.“
GEJ|10|208|7|0|Darauf wurden alle Gäste mit dem geteilten Lamm versehen und aßen davon nach den Bedürfnissen ihres Magens, und je mehr sie aßen, desto mehr erblickten sie auf ihrem Speiseteller vorrätig liegen; am Ende blieb bei allen so viel übrig, daß die übriggebliebenen Stücke in der großen Schüssel, in der das Lamm auf den Tisch gesetzt wurde, nicht mehr Platz fanden, und es mußte noch eine zweite, ebenso große Schüssel hereingebracht werden, damit in derselben noch die andern Stücke Platz fanden und vom Tische in die Küche überbracht werden konnten. Darauf wurden die beiden Schüsseln zurückgetragen, und des Wirtes Weib mit ihren etlichen Töchtern und andern Küchendienerinnen konnten sich abermals nicht genug verwundern, wie das eine gebratene Lamm so viele Überbleibsel hatte abgeben können; sie dankten alle auch Mir und aßen darauf von den übriggebliebenen Stücken, und es blieben von diesen auch für den nächsten Tag eine ganze Schüssel voll übrig.
GEJ|10|208|8|0|Als wir nach dem genossenen Lamm noch bei unseren vollen Bechern Weines an den Tischen saßen, da fragte Mich der Oberstadtrichter und sagte: „O Herr und Meister, ich begreife nun schon so ziemlich, wie es Dir möglich ist, und auch dem Raphael durch Dich, eine ganz wüste Gegend in eine an allen Früchten und Gewächsen reiche zu verwandeln und für mich zwei Elefanten und – wie es gestern am Abend der Fall war – für die etlichen Juden und Pharisäer vierzehn grimmigste Löwen als Wächter hinzustellen, so wie es mir eben nicht so unklar ist, wie es Dir möglich ist, das Zisternenwasser alsogleich in den besten Cypernwein zu verwandeln; denn das alles sind Dinge, die Deiner Allmacht leicht möglich sind.
GEJ|10|208|9|0|Denn ich dachte dabei also: Du darfst es Dir nur denken und darauf mit Deinem Willen sagen: ,Es sei!‘, und es ist schon da, was Du durch Deinen Willen als schon vollendet ins Dasein gerufen hast; denn das alles mußtest Du ja damals auch tun, als Du die ganze Erde aus Dir ins Dasein gerufen hast und mit ihr nach und nach auch alles, was in ihr, auf ihr und über ihr da ist. Und als alles, was Du auf der Erde haben wolltest, schon fertig und vollendet da war, so war es Dir ein ebenso Leichtes, in alle Pflanzen, Tiere und Menschen die Fortzeugungs- und Vermehrungsfähigkeit jeder Art Deiner belebten Geschöpfe zu legen.
GEJ|10|208|10|0|Aber mit diesem Lamm verhält es sich ganz anders. Es war nur ein Lamm und schon wohlzubereitet und gebraten auf den Tisch gebracht, und bei der Teilung zeigte es sich klar, daß die Stücke aller Gäste offenbar ganz klein ausfallen mußten. Als man aber das kleine Stück an den Mund brachte, da konnte man mit demselben nicht mehr fertig werden; denn es wuchs sichtbar in der Hand des Essenden.
GEJ|10|208|11|0|Wie konnte denn das schon an und für sich – tote und durch Braten in seinem Organismus ganz zerstörte Lamm in einem gleichfort gut genießbaren Zustande sich derart vergrößern, wie sich da vergrößert eine junge Zeder von Jahr zu Jahr, bis sie zu einem riesigen Baume wird?
GEJ|10|208|12|0|Bei der Zeder ist das nicht zu verwundern – denn sie hat ihr Pflanzennaturleben, und ihr innerer Organismus ist also eingerichtet –; aber der Organismus eines gebratenen Lammes kann nach meiner Meinung doch nahezu unmöglich mehr die Eigenschaft besitzen, von innen aus zu wachsen und sich zu vergrößern. Da aber dieses Lamm, von dem wir genossen haben, sich doch alsosehr vergrößert hat, daß wir es unmöglich ganz hätten aufzuzehren vermocht, so muß ich offenbar gestehen, daß ich diese Deine Wundertat durchaus nicht verstehe.“
GEJ|10|208|13|0|Sagte Ich: „Siehe, lieber Freund, diese Meine Jünger sind schon so lange bei Mir und haben derlei außerordentliche Speisenvermehrungen schon zu öfteren Malen gesehen; aber sie sind Juden, und es ist keinem von ihnen auch nur ein einziges Mal eingefallen, Mich darüber besonders zu befragen! Und sie befragten Mich darum nicht, weil sie in ihrer noch mannigfachen echt jüdischen Blindheit keinen Unterschied zwischen dem einen oder dem andern Wunder, das Ich gewirkt habe, zu finden imstande waren; aber ihr scharfsinnigen Römer findet in Meinen Wundertaten einen richtigen Unterschied, der für die Schärfe eures Verstandes würdig ist, weiter besprochen zu werden.“
GEJ|10|208|14|0|Sagte einer Meiner Jünger, namens Philippus, der sonst nicht leicht seinen Mund auftat: „O Herr und Meister, wir hätten Dich schon so manches Mal bei Gelegenheiten über dies oder jenes näher befragt und haben das auch manchmal getan, aber wir kamen bei Dir noch nie ohne einen Verweis davon, und so ließen wir in der Folge lieber die andern fragen, und wir hörten dann zu, was Du darüber sagen wirst, und so kamen wir in gar vielen Stücken auch hinters große Licht von Dir und hatten dabei keinen Verweis von Dir zu erwarten!“
GEJ|10|208|15|0|Sagte Ich: „So ihr Mich um derlei Dinge gefragt hättet, so wäret ihr auch bei Mir ohne Verweis gleich allen andern Menschen durchgekommen; aber so fragtet ihr Mich immer um etwas, was Ich euch ohnehin schon mehrere Male erklärt hatte, und habt Mir dadurch die für euch etwas unliebsame Gegenfrage abgenötigt: ,Wie lange werde Ich euch noch ertragen müssen, bis ihr verständig werdet?‘
GEJ|10|208|16|0|Aber hier sehet, diesen Römern habe Ich nicht notwendig, eine solche Gegenfrage zu stellen, denn ihr Scharfsinn findet alles auf, worin irgendein Unterschied zwischen einer und der andern Tat von Mir bewirkt liegt! Habe Ich doch damals auch eine Speisenvermehrung im großartigsten Maßstabe bewerkstelligt, als Ich mehrere Tausende Menschen mit wenigen Broten und Fischen zur Übergenüge gesättigt habe und habe vor euren Augen auch eine Menge solcher Taten geleistet, die dieser unser Römer unter die mehr natürlichen und begreiflichen zählen würde. Und doch habt ihr damals nicht gesagt: ,Herr und Meister, uns kommt es begreiflich vor, daß Du unsere Netze schon mehrere Male mit Fischen gefüllt hast, ganze wüste Gegenden in fruchtbare verwandelt, und bei der Hochzeit zu Kana in Galiläa und auch an vielen andern Orten das Wasser in Wein verwandeltest; aber wie konntest Du die an und für sich toten Brote und Fische alsosehr verwandeln, daß sich viele Tausende davon zur Genüge sättigen konnten?‘
GEJ|10|208|17|0|Siehe, du Mein lieber Freund Philippus, hättet ihr Mich damals darum gefragt, so wäret ihr auch ganz sicher ohne Verweis von Mir durchgekommen; aber ihr habt Mich um nichts gefragt! Denn ihr macht keinen Unterschied zwischen Meinen Taten und werfet sie alle in einen Sack; aber unser Freund hier, ein echter Römer von reinstem Wasser, hat mit seines Verstandes Scharfsinn einen richtigen Unterschied gefunden, und Ich werde ihm diesen auch erklären, ohne ihm wegen seiner Frage einen euch lästig scheinenden Verweis zu geben!“
GEJ|10|209|1|1|209. — Der Ernährungsvorgang im menschlichen Körper
GEJ|10|209|1|0|(Der Herr:) „Mein lieber Freund und Oberstadtrichter, Ich will dir auf deine Frage, die aus Deinem Munde ganz scharfsinnig gegeben wurde, auch eine helle und scharfsinnige Antwort erteilen.
GEJ|10|209|2|0|Siehe, dem Anscheine nach hat es zwischen den von Mir ausgeübten Wundertaten wohl einen recht fühlbaren Unterschied, aber im Grunde des Grundes gar nicht. Siehe, alles, was du genießest und zur Stärkung und Belebung deines Leibes in deinen Magen aufnimmst, ist nicht gar so tot, wie Du es glaubst! Es hat drei Teile: erstens den materiellen, den du siehst und fühlst, und von dem du, so die Speise wohlbereitet ist, in deinem Munde einen Wohlgeschmack verspürst und zuvor schon auch mit deiner Nase den Wohlgeruch der Speise in dich einhauchst. Siehe, diese Stücke gehören zur Belebung deines Leibes!
GEJ|10|209|3|0|Wenn zweitens die Speisen in den Magen gelangen, so werden sie dort gewisserart zum zweiten Male gekocht, und es entwickeln sich dabei zwei Hauptbestandteile, von denen der eine als der gröbere zur Ernährung des Leibes, seiner Glieder und Muskeln dient, der andere durch das Blut, das von diesen beiden Bestandteilen herrührt, überall hingeleitet wird, wo der Leib einer Nahrung und Stärkung bedarf.
GEJ|10|209|4|0|Sind diese beiden Bestandteile in dem oberen Magen von dem, was du gegessen hast, gehörig ausgeschieden und in den Leib hinausgeleitet, so bekommst du Durst, und du nimmst Trank zu dir. Dadurch kommt die Speise in den unteren, kleineren Magen, der in zwölf Fächer abgeteilt ist. In diesem wird auf dem Wege eines eigenen Gärungsprozesses der ätherische Stoff aus den kleinen Zellen der zu dir genommenen Speisen abgesondert und dient zur Belebung der Nerven, daher du ihn auch den Nervengeist nennen kannst.
GEJ|10|209|5|0|Das ganz außerordentlich fein Ätherische, das wir Substanz nennen wollen, wird durch die Milz auf einem ganz geheimen Wege ins Herz geleitet und geht vom Herzen aus als völlig geläutert in die Seele des Menschen über, und so zieht die Seele von jeder in dich aufgenommenen Nahrung auch das ihr Verwandte an sich und wird dadurch in allen ihren dem Leibe ganz ähnlichen Einzelbestandteilen genährt und gestärkt.
GEJ|10|209|6|0|Das kannst du daraus recht leicht entnehmen, daß deine Reden und Urteile, wenn du hungrig und durstig bist, ein holperichtes und unzusammenhängendes Gedanken- und Ideengewebe sind; hast du aber zuvor eine reine und gute Kost und auch einen reinen und guten Wein genossen, so werden deine Reden und Urteile auch in kürzester Zeit einen ganz andern Charakter annehmen, und das bewirkt die Mitsättigung und -stärkung der Seele. Würdest du aber lange Zeit keine Speise und keinen Trank zu dir nehmen, so würde es dir mit deinem Denken, Reden und Urteilen bald sehr kümmerlich ergehen.
GEJ|10|209|7|0|Haben die Speisen einmal das Wichtige an den Leib, an dessen Nerven und an dessen Seele abgegeben, so wird dann das eigentlich Unlautere der zu sich genommenen Belebungsmaterie durch die zwei natürlichen Gänge aus dem Leibe hinausgeschafft. Ist aber ein Mensch in jeder Hinsicht ein Schwelger geworden und hat sich seinen Bauch zu seinem Abgott gemacht, so kann die zu sich genommene Speise, wie auch der zu viele in den Magen hineingegossene Wein, in den beiden dir bekanntgegebenen Magen nicht völlig mehr abgesondert werden, und es gehen dadurch noch viele unausgeschiedene Leibes-, Nerven- und Seelenbelebungsteile in den großen Bauch, in die Gedärme und andernteils durch die Leber und Milz in den Urinsack über, bewirken daselbst abermals Gärungen, aus denen sich mit der Zeit für den Leib allerlei Krankheiten entwickeln und die Seele träge, stumpf und gefühllos machen.
GEJ|10|209|8|0|Aus diesen bösen Stoffen geht aber dann oft noch ein anderes Übel hervor. Wenn nämlich die argen, noch ungegorenen Naturgeister aus dem Dunstkreise eines solchen Menschen gar wohl merken, daß sich in seinem Bauche und auch in seinem Unterleib schon eine Menge ihnen verwandter Naturgeister angesammelt haben, so dringen diese bald in den Leib solch eines Menschen und vereinigen sich mit ihnen gattungsähnlichen Geistern im Leibe.
GEJ|10|209|9|0|Ist dieser Akt vor sich gegangen, so sieht es mit solch einem Menschen schon sehr übel aus. Es bemächtigen sich bald nicht nur seines Leibes eine Menge schwer- und unheilbarer Krankheiten, sondern auch seiner Seele, die dadurch, als in sich sehr geschwächt und träge gemacht, sich nimmer wehren kann, stets mehr und mehr in ihr sinnliches und leidendes Fleisch überzugehen.
GEJ|10|209|10|0|Um das gänzliche Materiellwerden der Seele zu verhindern, ist und gibt es da kein anderes Mittel als die großen Krankheiten des Leibes selbst. Solch ein Mensch verliert dann alle Eßlust und sucht durch Arzneien den alten Unrat aus dem Leibe zu schaffen. Es gelingt hie und da wohl eine Art Heilung, aber niemals vollständig, und ein solcher Mensch darf sich nur ein wenig vergessen, so hat er schon wieder seine früheren Plagegeister belebt, und sein zweiter leidender Zustand ist dann gewöhnlich ärger als sein erster.
GEJ|10|209|11|0|Aber es ist alles das nicht der einzige schlimme Zustand, welchen sich der Mensch durch seine Freß- und Saufgier zugezogen hat; es kommt noch ein dritter, viel ärgerer dazu, und der besteht in dem sogenannten Besessensein von einem oder mehreren wirklich bösen Geistern, die kürzer oder länger vorher in der Wirklichkeit im Leibe eines oder des andern Menschen ihre Lebensfreiheitsprobe durchgemacht haben.
GEJ|10|209|12|0|Von diesem dritten Übel kann kein irdischer Arzt den Menschen mehr befreien, sondern allein Ich und der auch, der von Mir aus die Kraft und Macht überkommen hat.“
GEJ|10|210|1|1|210. — Die wichtigsten Nahrungsmittel für den Menschen
GEJ|10|210|1|0|(Der Herr:) „Will daher ein Mensch dem Leibe und der Seele nach vollkommen gesund bleiben, so soll er von Kindheit an mäßig mit einer reinen Speise ernährt werden.
GEJ|10|210|2|0|Sehet Mich an! Ich bin dem Leibe nach auch ein Mensch, esse und trinke aber nur stets ein und dieselbe Speise und stille Meinen Durst mit ebenfalls einem reinen, guten und gesunden Wein, – aber allzeit mit dem gerechten Maß und Ziel; und was Ich jetzt genieße vor deinen Augen, das genoß Ich schon in Meinen Kinderjahren, desgleichen auch die meisten dieser Meiner Jünger, die nahe sämtlich Fischer waren und von den Fischen lebten.
GEJ|10|210|3|0|Für den Überfluß der gefangenen Fische bekamen sie Geld und kauften sich dafür die nötige Kleidung, Brot, Salz und auch Wein, den sie mäßig mit Wasser genossen; und frage sie, ob je einer von ihnen irgendwann von einer Krankheit geplagt worden ist bis auf den einen, den Ich dir nicht näher bezeichnen will.
GEJ|10|210|4|0|Ich sage es dir: Wenn die Menschen bei der ihnen durch den Propheten Moses angezeigten Kost verblieben wären, so hätten bei ihnen die Ärzte mit ihren Arzneien nie etwas zu tun bekommen; aber so haben sie angefangen, gleich den Heiden nach der Weise der Epikureer ihren Leib mit hunderterlei sogenannten Leckerspeisen vollzustopfen und sind dadurch in kurzer Zeit in allerlei Krankheiten verfallen.
GEJ|10|210|5|0|Fische von guter Art, die sich in reinen Gewässern aufhalten, sind in der Art Zubereitung, in welcher wir sie genossen haben, die allergesündeste Kost für den menschlichen Leib.
GEJ|10|210|6|0|Wo aber derlei Fische nicht zu haben sind, da ist das Weizen- und Gerstenbrot an und für sich die gesündeste Nahrung des Menschen, so wie auch die Milch von gesunden Kühen, Ziegen und Schafen. Unter den Hülsenfrüchten nehmen die Linsen den ersten Rang ein, wie auch zur Bereitung des Muses (Brei) der große persische Maisweizen. Fleisch ist nur von einigen Hühnern und Tauben, dann vom gesunden und reinen Rind, so wie auch von Ziegen und Schafen im vollkommen blutlosen Zustande, entweder gebraten oder gekocht, als Speise zu genießen; das gebratene aber ist dem gekochten vorzuziehen.
GEJ|10|210|7|0|Das Blut der Tiere aber soll von niemandem genossen werden.
GEJ|10|210|8|0|Das jetzt von Mir dir Vorgesagte (Aufgezählte) ist und bleibt für den Menschen die einfachste, reinste und gesündeste Kost; alles andere – besonders im Übermaß genossen – ist für den Menschen schädlich, besonders wenn es zuvor nicht jene Zurichtung bekommt, durch die das Bösnaturgeistartige völlig ausgeschieden wird.“
GEJ|10|210|9|0|Hier fragte Mich der Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, was ist es denn mit den vielen überaus wohlschmeckenden Obst- und Wurzelgattungen für ein Fall?“
GEJ|10|210|10|0|Sagte Ich: „Das genießbare Obst muß erstens vollkommen reif sein. In solchem Zustand kann man es dann auch mäßig genießen; es ist aber dennoch im gekochten, gebratenen oder gedörrten Zustande gesünder als in seinem rohen, weil durch das Sieden, Braten und Dörren die schlechten und noch ungegorenen Naturlebensgeister hinausgeschafft werden. Und dasselbe ist auch mit den Wurzeln der Fall.
GEJ|10|210|11|0|Du kennst das Obst und die Wurzeln, die für den Menschen zum Genuß geeignet sind; die hungrigen und freßgierigen Menschen aber begnügen sich nicht mit dem, sondern erfinden in einem fort noch eine große Menge Nährmittel, sowohl aus dem Pflanzen- als auch aus dem Tierreich, und die Folge davon sind die stets mehr und mehr zunehmenden, verschiedenartigsten Leibeskrankheiten.
GEJ|10|210|12|0|Aus dem aber, was Ich dir nun gesagt habe, kannst du mit leichter Mühe selbst urteilen, daß es Mir im Grunde des Grundes eines und dasselbe ist, durch Meinen Willen entweder ein Ackerfeld mit einer oder der andern Getreidegattung zu versehen oder deine Getreidekästen mit schon reifem Getreide zu füllen oder vor dich hin, wie vor jeden andern, ein fertiges Brot zu stellen und es auch zu vermehren, so es not täte. Und ebenso ist es mit allerlei Fleisch der Fall; denn so Ich lebendige Tiere erschaffen kann, da wird es Mir wohl auch nicht unmöglich sein, ihr Fleisch zu erschaffen, es auch zuzubereiten und auch im zubereiteten Zustand es nach Bedarf zu vermehren.“
GEJ|10|211|1|1|211. — Der Herr als allmächtiger Schöpfer
GEJ|10|211|1|0|(Der Herr:) „Denn siehe, in der Urzeit der Zeiten erschuf Ich nur eine, für deine Begriffe unermeßlich große Sonne, – und sieh nur zur Nachtzeit an das Firmament, und du wirst es mit lauter Sternen übersät erblicken! Und siehe, alle diese Sterne, mit Ausnahme der dir bekannten wenigen Wandelsterne, sind auch Sonnen, um die sich Erdkörper, wie diese Erde da ist, bewegen!
GEJ|10|211|2|0|Zu diesen Sternen aber, die du in der Nacht am Firmamente siehst, mußt du dir in einem übergroßen Raumgebiet noch mehr als tausendmal tausendmal so viele hinzudenken, und siehe, alle diese für dich unzählbar vielen Sonnen und andern Erdkörper sind mit den Zeiten der Zeiten aus der einen urgeschaffenen großen Sonne hervorgegangen, – freilich nicht schon als vollkommen reif und fertig, sondern gleich wie Samenkörner aus der Ähre eines Halmes im Besitze der Weiterpflanzungsfähigkeit!
GEJ|10|211|3|0|Jetzt frage Ich dich aber: Wer hat denn für die weitere Ausbildung und Herstellung der großen Weltkörper den Vermehrungsstoff hergegeben?“
GEJ|10|211|4|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Wer sonst wohl als Du, o Herr und Meister?“
GEJ|10|211|5|0|Sagte Ich zu ihm: „So dir, Mein lieber Freund, das begreiflich ist, so wirst du wohl auch einsehen, daß es Mir ebenso möglich sein muß, einen etwas zu klein ausgefallenen Lammbraten auf unserem Tische eben auf dieselbe Art zu vermehren und zu vergrößern, wie es Mir möglich war, mit den Zeiten der Zeiten aus der einen, übergroßen Ursonne die zahllos vielen andern Sonnen und Erdkörper ins sichtbare Dasein hinauszustellen und sie in ihrer Art kräftig und tätig auf ihren Punkten aufzustellen.
GEJ|10|211|6|0|Siehe, ein Stein ist für dich ein völlig totes Ding; und so du einen Stein hier hättest, so könnte Ich ihn dir entweder bis ins Ungeheure alsogleich vergrößern oder aber auch den größten Stein alsogleich derart auflösen, daß von ihm für deine irdischen Sinne nichts dabliebe, oder Ich könnte ihn auch augenblicklich verwandeln in ein fruchtbares Erdreich.
GEJ|10|211|7|0|Und es ist demnach einerlei, ob Ich auf irgendeinem Weltkörper erst so nach einer gewissen Ordnung alles nach und nach herstelle oder in einem Augenblick urplötzlich, so es irgend nötig ist.
GEJ|10|211|8|0|Daß aber auf den Weltkörpern alles so nach und nach und wie eines aus dem andern ins Dasein tritt, davon liegt der Grund vorzüglich in Meiner Liebe, Geduld und Sanftmut zu den Menschen, erstens vorzüglich auf dieser Erde, dann aber auch zu jenen, die auf andern Weltkörpern wohnen und ihre Lebensfreiheitsprobe durchmachen. Denn siehe, der ganze ewig-unendliche Raum ist Mein eigentliches Wohnhaus, und in diesem Wohnhause gibt es denn auch gar unendlich viele Wohnungen, die du einmal in Meinem Reiche erst näher kennenlernen wirst.
GEJ|10|211|9|0|Ist dir, Mein lieber Freund, nun begreiflich, wie es Mir möglich war, den Lammbraten zu vergrößern und zu vermehren?“
GEJ|10|211|10|0|Sagte der Oberstadtrichter, völlig zerknirscht in seinem Gemüte: „O Herr und Meister, begreiflicher ist mir das alles freilich wohl denn zuvor, aber ich fühle mich vor Deiner zu unendlichen Größe und Erhabenheit wie nahe gänzlich vernichtet. Ich empfinde es wohl, daß ich noch bin, aber ich empfinde daneben auch, daß ich gegen Dich so gut wie nichts bin!“
GEJ|10|211|11|0|Sagte Ich: „Und doch bist du, so wie jeder andere Mensch, aus Mir und durch Mich eben auch unendlich und ewig! Willst du noch mehr sein? Wie aber das, dessen wirst du erst durch Meinen in dir wach gewordenen Geist innewerden!“
GEJ|10|212|1|1|212. — Des Petrus Bekenntnis. Das Gleichnis vom Sämann
GEJ|10|212|1|0|Als Ich diese Belehrung vollendet hatte, da erhob sich Simon Juda, genannt Petrus, und sagte: „Herr, auch wir alle danken Dir für diese großartige Belehrung; denn jetzt fühle ich erst in der vollen Tiefe meines Gemütes, daß Du Deinem Leibe nach der Sohn Gottes bist und bist denn auch wahrhaft Christus, von dem die Propheten, von Moses angefangen, vielfach geweissagt haben, aber auch schon vor Moses, von Abraham angefangen, die erleuchteten Urerzgroßväter der Menschen. Ich wüßte nun wahrhaftig nicht mehr, mit welch einer noch weiteren Frage ich Dir zur Last fallen könnte; denn es scheint mir nun alles klar, wie in einem großartigsten Bilde vor den Augen zu schweben.“
GEJ|10|212|2|0|Sagte Ich darauf: „Simon Juda, du hast recht gesprochen, weil es also ist; aber dennoch wirst du samt den andern Schafen die Flucht ergreifen, wenn der Hirte geschlagen wird; denn der Mensch muß zuvor gar manche Probe seines Glaubens an den Tag legen, bevor er als ein Vollendeter seinem Meister ähnlich wird. Daher gedenke dieser Meiner Worte, daß auch für dich noch der Fall eintreten wird, wo du Mich aus Furcht vor der Welt völlig verleugnen wirst! Du wirst dann wohl wieder umkehren und deinen schwachen Glauben stärken, – aber aus dir selber nicht, sondern aus Meinem Geiste in dir, der dich ordentlich bei den Haaren dazu ziehen wird!“
GEJ|10|212|3|0|Sagte darauf Simon Juda: „Herr und Meister, es ist aber doch sonderbar von Dir, daß Du uns, die wir doch schon von Anfang bei Dir waren und alles Dir zuliebe verlassen haben – als unsere Äcker, Häuser, Weiber und Kinder –, nie etwas so recht Gutes voraussagen kannst!“
GEJ|10|212|4|0|Sagte Ich: „So Ich euch nur für diese Welt geschaffen und berufen hätte, so könnte Ich euch auch nur weltlich Gutes vorhersagen; da Ich euch aber nur für Mich und für Mein Reich jenseits berufen habe, – was kümmert es dich denn, so Ich dir, als für diese Welt geltend, nichts Gutes und Angenehmes vorhersagen kann? Denn du weißt es ja, daß die eigentliche arge und finstere Welt nur das liebt und beglückt, was so ist, wie sie selbst ist; was aber nicht also ist, das verfolgt und verdammt sie.
GEJ|10|212|5|0|Ihr seid aber ebenso wie Ich nicht von dieser Welt, sondern von oben her, – somit verfolgt und haßt uns die Welt denn auch; und weil es so und nicht anders ist, so kann Ich dir, Mein lieber Simon Juda, von seiten dieser Welt auch nichts anderes weissagen als das nur, was Ich euch allzeit gleich geweissagt habe! Verstehst du dieses wohl?“
GEJ|10|212|6|0|Sagte darauf Simon Juda: „O Herr und Meister, ich verstehe es wohl, aber es geht mir dabei nicht viel anders als dem Freunde Oberstadtrichter, – man wird von Deiner unendlichen Vollkommenheit und persönlichen Gegenwart ganz vernichtet!
GEJ|10|212|7|0|Aber weil ich schon einmal im Reden bin, so möchte ich Dich um eine nähere Aufklärung über ein von Dir uns einmal in der Nähe von Besetha erzähltes Gleichnis vom Reiche Gottes bitten. Du hast uns damals zwar eine Erklärung gegeben, die ganz gut (verständlich) war, – aber mit dem Bilde selbst konnte ich mich, selbst mit meinem besten Willen, nie so ganz recht einverstehen (zurechtfinden).
GEJ|10|212|8|0|Das Bild oder Gleichnis aber lautete, daß nämlich das Reich Gottes, welches auch gleich ist das Himmelreich, einem Sämanne gleicht, der ausging, um Weizen auf seinen Acker zu säen. Als er aber säte, da fiel ein Teil auf Wege und Straßen, der wurde zum Teil bald zertreten und zum Teil von den Vögeln aufgezehrt, ging demnach denn auch nicht auf und brachte keine Frucht. Ein Teil aber fiel auf Felsen und Steine, der ging wohl auf, solange er eine Feuchtigkeit hatte, aber diese verlor sich bald, und somit hatte der Same keine weitere Nahrung, verdorrte und brachte auch keine Frucht. Ein Teil des Weizensamens aber fiel unter Dornen und Gestrüpp, ging zwar auf, ward aber von den Dornen und dem Gestrüppwerk bald überwachsen, erstickte und brachte somit auch keine Frucht. Nur ein Teil fiel auf gutes Erdreich und brachte hundertfältige Frucht.
GEJ|10|212|9|0|Das, o Herr und Meister, war das Bild, nach dessen Erzählung – als wir dich fragten: ,Wo und wieso denn?‘ – Du uns sagtest: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, – den andern aber nicht, wie es denn auch in der Schrift geschrieben steht: ,Sie werden sehen und doch nichts sehen, hören und nichts vernehmen und verstehen!‘
GEJ|10|212|10|0|Darauf erklärtest Du uns das Bild, und wir alle waren mit der Erklärung überaus zufrieden, aber nur mit dem Bilde selbst noch bis jetzt nicht vollkommen.
GEJ|10|212|11|0|Wenn Du, o Herr und Meister, uns hast darunter verstanden haben wollen, die wir von Dir aus dazu bestimmt sind, Deine Lehre, welche ist das eigentliche Reich Gottes auf Erden, unter den Menschen auszubreiten, und eben uns als den Sämann darstelltest, so hätte Dein Bild seine volle Richtigkeit; aber wenn Du Dich Selbst als den Sämann darstelltest, so kommt mir das Bild immerwährend etwas sonderbar vor, weil ich mir keinen recht klugen Sämann vorstellen kann, der drei Teile seines edlen Weizens dorthin aussät, wo ihn doch die Erfahrung schon seit überlangen Zeiten her lehren mußte, daß Wege und Straßen, Felsen und Steine, Dornen und Gestrüpp durchaus nicht geeignet sind, daß man sie mit dem edlen Weizen besäete, weil er auf solchen Plätzen nie eine Frucht bringen kann, – und so klug wird der Sämann auch sein, daß er sich zur Aussaat seines reinen Weizens zuvor auch einen tauglichen Acker herrichten wird, auf den er seinen Weizen aussät, auf daß er ihm dann hundertfältige Frucht abwerfe.
GEJ|10|212|12|0|Du, o Herr und Meister, aber bist als Sämann unendlich weiser, als wir alle je werden werden, und so kommt es mir immer vor, daß ich eine bedeutende Sünde begehe, so ich Dich für einen so unklugen Sämann hielte; hast Du aber uns, Deine Jünger, als den unklugen Sämann dargestellt, dann, wie gesagt, ist Dein Bild vollkommen gut, – denn in uns steckt noch viel Unklugheit und Unwissenheit.
GEJ|10|212|13|0|Zudem hast Du uns schon zu öfteren Malen gewarnt, daß wir Deine Perlen, die auch sind gleich dem reinsten Weizen und somit auch gleich dem Reiche Gottes, nicht den Schweinen vorwerfen sollen, und ich meine, daß Du mit jenem Bilde auch hast sagen wollen, daß wir Deinen Weizen auf Wegen und Straßen, auf Felsen und Steinen und unter Dornen und Gestrüpp nicht aussäen sollen, weil er da keine Früchte tragen wird. Herr und Meister, habe ich auf diese Weise mir Dein Gleichnis richtig aufgehellt?“
GEJ|10|213|1|1|213. — Über das Predigen des Evangeliums aller Kreatur
GEJ|10|213|1|0|Sagte Ich: „Nun endlich fängt doch Mein Geist in euch an rege zu werden! Denn so ihr ein stärkeres Gedächtnis hättet, als ihr es habt, da würdet ihr euch auch dessen erinnern, daß Ich Selbst euch dieses Bild nachher bei einer guten Gelegenheit dahin erklärt habe, daß ihr bei der Verbreitung Meiner Lehre nicht gleich sein sollet jenem unklugen Sämann, der den Weizen auch auf Straßen, Steine und Gestrüpp aussäte, sondern gleich dem klugen Sämann, der den Weizen über ein gutes Erdreich aussäte. Siehe, Ich sagte zu euch einmal schon, daß ihr in alle Welt hinausgehen und Mein Evangelium aller Kreatur predigen sollet! Sage Mir, du Simon Juda, wie hast du denn dieses verstanden?“
GEJ|10|213|2|0|Sagte Simon Juda: „O Herr und Meister, Du hast mir mit dieser Deiner heiligen Frage einen gewaltigen Stein von meiner Brust gewälzt. Denn diese Deine Berufung an uns hat in mir wenigstens den lächerlichen Gedanken zuwege gebracht, daß Du damit etwa ernstlich wolltest, daß wir späterhin nicht nur den tauglichen Menschen, die eigentlich ein gutes Ackerfeld darstellen, sondern auch den Bergen, Wäldern, Seen und Flüssen, allen Vögeln und allen die Luft belebenden Tieren, allen Tieren auf der Erde und sogar allen Fischen im Wasser Dein Evangelium vorpredigen sollen; denn Kreatur ist einmal alles, was von Dir geschaffen ist, und so wir Dein Evangelium in der ganzen Welt aller Kreatur vorpredigen sollen, so hat mein Verstand dabei doch unmöglich etwas anderes denken können, als das buchstäblich ins Werk zu setzen, was Du uns aufgetragen hast.
GEJ|10|213|3|0|Ob wir bei dieser Arbeit, besonders mit den reißenden Bestien der Wüste, mit heiler Haut davongekommen wären, ist nicht als sicher anzunehmen. Dein Wille ist freilich der Herr über alles, und so wir das nach Deinem Willen auch buchstäblich tun würden, da hätten wir von der Grimmigkeit und Wut solcher Tiere vielleicht weniger zu befürchten als von dem Hochmut und Eigennutz der Weltmenschen; aber mit der Sprache, die auch solchen Kreaturen verständlich wäre, würde es uns offenbar sehr schlecht gehen!
GEJ|10|213|4|0|Es soll zwar im großen Indien im Ernste Menschen geben, die mit den Tieren reden können; aber mir ist darüber noch nichts Näheres zu Gesichte gekommen, und somit kann man solch eine Sage glauben oder nicht. Das letztere ist meiner Meinung nach auch das Klügste!“
GEJ|10|213|5|0|Sagte Ich: „Nun siehe, du Simon Juda, jetzt wird dir das Bild von dem Sämann, auf dich und euch alle bezogen, in Hinsicht seiner Unklugheit etwa doch noch klarer sein als früher; denn wenn du Meine bildliche Aufforderung, Mein Evangelium aller Meiner Kreatur zu predigen, also verstanden hast, wie du es soeben ausgesprochen, so hast du dir damit schon selbst das Zeugnis gegeben, daß es mit der Klugheit deiner Sämannschaft eben noch nicht gar zu weit her ist.
GEJ|10|213|6|0|Und doch habe Ich damit an euch eine ganz richtige und wahre Aufforderung gemacht. Denn siehe, so ihr Mein Evangelium den rechten Menschen prediget, so werden diese dadurch in allen Dingen weise und mächtig werden durch Meinen Geist in ihnen, und sie werden mit solcher Meiner Kraft dann auch die minder geeigneten Menschen für Meine Lehre eingenommen machen!
GEJ|10|213|7|0|Ich habe aber den Menschen auf diese Erde gestellt, daß er ein Herrscher und Herr sei über alle Kreatur, – was er aber schon seit gar lange nicht mehr ist und muß sich umgekehrt von der Kreatur der Erde beherrschen lassen; wird er aber durch Meinen Geist wieder das, was er sein sollte, so wird er wieder ein Herr und Beherrscher aller Kreatur werden und sich dieselbe dienst- und nutzbar zu machen imstande sein.
GEJ|10|213|8|0|Wenn aber der Mensch das wird bewirken können, wird dann das nicht soviel heißen als: Mein Evangelium ist aller Kreatur gepredigt worden? Denn so du mit Meiner Macht in dir einem Löwen, einem Tiger oder einem Bären gebieten kannst, daß er sich dahin begebe, wo sein Ort ist – wie du schon von Mir aus zu öfteren Malen gesehen hast –, so wird es dir dabei doch auch klar sein, daß Mein Wort und Wille aller Kreatur verständlich ist.
GEJ|10|213|9|0|Habe Ich euch nicht schon zu öfteren Malen gesagt, daß ihr, so ihr einen rechten und ungezweifelten Glauben hättet, sogar zu einem Berge sagen könntet: ,Hebe dich und stürze dich ins Meer!‘, und es würde geschehen, was ihr ausgesprochen habt? So aber schon den Bergen Mein Wort in euch verständlich ist, so wird es auch sicher aller andern Kreatur verständlich sein; aber dazu gehört freilich zum voraus eine wahre Sämannsklugheit!
GEJ|10|213|10|0|Und so wirst du, Mein lieber Simon Juda, nun das Bild des Sämanns wohl klarer begreifen, als es bis jetzt der Fall war! Hast du etwa noch etwas, das du ebenfalls auch also verstehst, wie du Meine Aufforderung, Mein Evangelium aller Kreatur vorzupredigen, verstanden hast, so komme damit zum Vorschein!“
GEJ|10|214|1|1|214. — Die Bilder vom Augenausreißen, Händeabhacken und vom Essen und Trinken des Fleisches und Blutes des Herrn
GEJ|10|214|1|0|Sagte Simon Juda: „Herr und Meister, es gäbe wohl noch so etwas, und zwar aus der Zeit Deiner berühmten Bergpredigt; aber ich schäme mich – aufrichtig gesagt – das hervorzubringen, weil dadurch meine Dummheit einen Grad stärker beleuchtet werden wird!“
GEJ|10|214|2|0|Sagte Ich: „Nun, was habe Ich denn in der Bergpredigt gesagt, das du noch immer nicht gehörig in deinem Gemüte verdaut hast?“
GEJ|10|214|3|0|Sagte darauf Simon Juda, so etwas kleinlaut: „Ach, es ist dort die Rede gewesen von der Augenausreißerei und Händeabhackerei, so einen das eine oder das andere ärgern sollte; denn es wäre besser, einäugig und einhändig in den Himmel aufgenommen zu werden, als zweiäugig und zweihändig in die Hölle hinabzufahren.
GEJ|10|214|4|0|Ich weiß, o Herr und Meister, es wohl, daß Du das nur geistig gemeint hast, – aber wir haben trotz Deiner an uns gerichteten Beleuchtung das Geistige noch nie so recht in der Tiefe erfassen können und blieben dabei denn doch gut zu dreiviertelteile am immerhin etwas sonderbar klingenden Buchstabensinn hängen und begriffen aber dabei dennoch wirklich nicht, wie man es bei einem das Auge ärgerlichen Falle anfangen solle, das Auge gerade herauszureißen; mit dem Blenden des Auges wäre es in jeder Hinsicht bequemer. Mit dem Abhauen einer Hand ginge es in den meisten Fällen vielleicht noch mißlicher vor sich; denn fürs erste hätte man nicht immer eine scharfe Hacke bei sich, und fürs zweite ginge es besonders mir beim Abhacken der Hand schlecht, wenn ich etwa meine rechte Hand abhacken sollte, da ich mit meiner linken Hand zu diesem Geschäfte wahrlich sehr ungeschickt bin.
GEJ|10|214|5|0|Ich weiß zwar wohl, o Herr und Meister, daß ich hiermit etwas sehr Dummes und des Auslachens Würdiges zum Vorschein gebracht habe, – aber was nützt das, daß Du solches in Deiner Bergpredigt ausgesprochen hast und ich es im wahren geistigen Sinne nicht habe verstehen können, wie Deine Predigt zu Kapernaum, in der Du auch ausdrücklich befohlen hast, Dein Fleisch zu essen und Dein Blut zu trinken, ohnedem man nicht das ewige Leben überkommen und in Dein Reich eingehen könne?
GEJ|10|214|6|0|Dieses Gleichnis aber hat uns der scharfsinnige Wirt aufgeklärt, welche Aufklärung Du Selbst für gut und wahr bestätigt hast, und wir alle waren damit vollkommen zufrieden; aber mit der besprochenen Leibesverstümmelung will es uns noch nicht so gut gehen, und so wir jene Bergpredigt weiter unters Volk verbreiten, so könnte es wahrlich hie und da so schwache Menschen geben, die solch eine Belehrung buchstäblich ins Werk zu setzen vermöchten, und der weisere Teil der Menschen würde dann solch eine Lehre für grausam und unweise erklären, und wir würden damit nicht viele gute Früchte zustande bringen.
GEJ|10|214|7|0|Es könnte sich am Ende treffen, daß dadurch eine ganze schwache Gemeinde einäugig und einhändig würde und gar zu blind fromme Eltern etwa eine solche Verstümmelung aus Vorsicht an ihren Kindern vornähmen, damit sie später von dem einen Auge oder der einen Hand nicht geärgert werden möchten!“
GEJ|10|214|8|0|Sagte Ich darauf zu Simon Juda: „In dieser Hinsicht wende du dich an Meinen lieben Johannes, der das Bild schon gleich nach der Bergpredigt in seiner geistigen Wahrheit zu erklären vermochte, und du wirst dann schon auch klar einsehen, daß Ich damit keine leibliche Verstümmelung anbefohlen habe, sondern nur die strenge Überwachung des stets freien Willens des Menschen und seines Verstandes! Verstehst du das?“
GEJ|10|214|9|0|Sagte nun Simon Juda: „O Herr und Meister, Du hast mir mit Deinen zwei letzten Worten die Sache völlig erklärt, und ich kann darum den Bruder Johannes ruhen lassen; denn daß der Verstand des Menschen der Seele Auge ist und der Wille die handelnde Hand, liegt mir nun ganz klar vor den Augen.
GEJ|10|214|10|0|Nun hat aber der Mensch zwei Augen und zwei Hände und hat somit entsprechend auch zwei Verstande und zwei Willen, nämlich einen guten und schlechten Verstand und somit auch einen guten und schlechten Willen.
GEJ|10|214|11|0|Wenn der schlechte Verstand den guten ärgert, so erkenne man das und verabschiede den schlechten für immer, und desgleichen tue man auch mit dem Willen, und dann ist es freilich besser, mit dem guten Verstande und Willen sicher ins Himmelreich einzugehen, als mit beiden Verstanden und Willen versehen in die Hölle zu fahren. Denn ich halte nun dafür, daß ein Mensch, der sich je nach den Umständen der Liebe zur Welt bald von seinem schlechten Verstande und von seinem schlechten Willen und bald wieder von seinem guten Verstande und guten Willen zu allerlei Handlungen verleiten läßt, schon auf dieser Welt ein Erzteufel ist. Denn ein anderer Mensch, der infolge seiner ursprünglichen Erziehung nur einen schlechten Verstand und einen schlechten Willen hat und sonach auch nicht anders als schlecht handeln kann, ist im Grunde des Grundes kein eigentlich böser, sondern vielmehr ein dummer Teufel, für den man noch zu Dir die Bitte emporrichten kann: ,Herr, vergib ihm und mache ihn besser; denn bis jetzt hat er noch nie gewußt, was er getan hat!‘ O Herr und Meister, sage es mir gnädigst, ob ich nun gut und recht geurteilt habe!“
GEJ|10|214|12|0|Sagte Ich zu Simon Juda: „Du hast nun vollkommen gut und recht geurteilt; aber das wirst du auch dabei bemerkt haben, daß dir solch ein Urteil dein Fleisch nicht gegeben hat, sondern nur Mein Geist in dir! Darum suche auch du deines Weltverstandes und Weltwillens vollkommen loszuwerden, so wird des Geistes himmlisches Verständnis und die Kraft des himmlischen Wollens vollkommen dir zu eigen werden!
GEJ|10|214|13|0|Hast du nun noch etwas aus dem Bereiche Meiner an die Menschheit ergangenen Belehrungen, so laß es hören; denn heute bin Ich in der Stimmung, für euch alles euch krumm Scheinende gerade zu machen!“
GEJ|10|215|1|1|215. — Die rechte Anwendung des Gebotes der Nächstenliebe
GEJ|10|215|1|0|Sagte darauf Simon Juda: „Ja, Herr und Meister: Es gäbe wohl noch so manches, das sich in meinem Verständnisse nicht so ganz geradlinig gestalten will; aber ich denke mir: weil das mir bis jetzt am meisten ungerade Scheinende mit solch einer Leichtigkeit gerade geworden ist, so werden sich mit der Zeit die weniger krummen Linien meines Verstandes von selbst in völlig gerade umgestalten.“
GEJ|10|215|2|0|Sagte Ich: „So fahre nur hervor mit dem, was dir irgend noch etwas ungerade vorkommt!“
GEJ|10|215|3|0|Sagte Simon Juda: „Herr, ich will das schon tun, aber eben nicht gar zu gern, weil ich mich dadurch vor den andern Jüngern enthülle, daß ich in manchen Stücken vielleicht blöder bin als sie; aber weil Du es schon wünschest, so will ich denn auch reden und mich selbst demütigen vor allen meinen Gefährten!
GEJ|10|215|4|0|Siehe, bei der Gelegenheit, als Du uns und das Volk von der Liebe zu Gott und von der Liebe zum Nächsten belehrtest, da gabst Du auch an, daß man sogar die Erzfeinde lieben solle, und daß man segnen solle diejenigen, die einem fluchen, und Gutes tun denjenigen, die einem Böses tun, und daß man dem, der einem eine Ohrfeige gibt, noch die andere Backe hinhalten sollte, statt ihm eine Ohrfeige zurückzugeben.
GEJ|10|215|5|0|Ich sehe es wohl ein, daß in diesem Verhalten die von Dir gelehrte und zur Ausübung anbefohlene Nächstenliebe die wahre, himmlische Form einnimmt, – denn so wir den Menschen alles das tun sollen, das wir wünschen und wollen, daß sie in ähnlichen Fällen auch uns täten, so ist dadurch das freilich wohl auch völlig gerechtfertigt, daß man sogar seine Feinde lieben soll, für die beten, die einem fluchen, und denen Gutes tun, die einem Böses tun; aber da kommt mir doch so manches noch ungerade vor, und das darum, weil in diesen Fällen die Notwehr ganz beiseite gesetzt ist. Man kann wohl dieses beachten gegen Menschen, die es in ihrer Bosheit gegen einen andern Menschen nicht zu weit treiben, aber gegen Menschen, die gegen ihre Nebenmenschen beharrlich zu wahren Erzteufeln geworden sind, sollte da solche Deine göttliche Lehre irgendeine kleine Ausnahmeabänderung finden.
GEJ|10|215|6|0|Ich will von der Ohrfeige nicht reden, und es würde mir gerade nichts machen, dem, der mir bei irgendeiner Gelegenheit eine mäßige Ohrfeige versetzt hat, am Ende, so er Lust hätte, mir noch eine zu geben, auch die andere Backe hinzuhalten, damit dann Friede und Einigkeit zwischen uns würde; aber was dann, so mein Gegner mich mit seiner ersten Ohrfeige schon beinahe halbtot geschlagen hat? Soll ich in dem Fall nicht lieber zu einer Gegenwehr schreiten, so mir diese in einer Art irgend möglich wäre, als mich von solch einem zornigen Riesen Simson ganz totschlagen lassen?
GEJ|10|215|7|0|Ich meine, o Herr und Meister, daß in dieser von Dir aufgestellten Lehre über die Nächstenliebe – freilich nur nach dem Urteil meines Weltverstandes – auch noch so manch Krummliniges vorhanden ist, das sich von unserem geradlinigen Gemütsmagen nicht gar zu leicht verdauen läßt. Ich weiß zwar nicht, ob ich klug oder unklug geredet habe; aber weil ich denn doch glaube, daß mein diesweltlicher Verstand besserer Natur sein muß, ohne die ich Dich schwerlich als den Herrn und Meister je erkannt hätte, so bin ich denn auch der Meinung, daß eben diese bessere Natur meines Verstandes auch derlei kleine Krummheiten erkennt.“
GEJ|10|215|8|0|Sagte Ich: „Du hast eine ganz gute und richtige Frage gestellt; aber Ich muß dir auch immer dagegen die Bemerkung machen, daß du zwar wohl einen recht scharfen Verstand hast, aber dafür – woran dein vorgerückteres Alter schuldet – ein schwächeres Gedächtnis, und so erinnerst du dich an so manches nicht mehr, das Ich bei so verschiedenen Gelegenheiten zur Erklärung der wahren Nächstenliebe den Menschen hinzugetan habe.
GEJ|10|215|9|0|Das ist an und für sich schon ganz klar, daß man einem erzbösen Menschen durch eine zu große Gegenfreundschaft nicht noch mehr Gelegenheit verschaffen soll, daß er dadurch in seiner Bosheit wachse und noch immer ärger werde, als er vorher war.
GEJ|10|215|10|0|In diesem Fall wäre eine fortgesetzte Nachsicht nichts anderes als eine wahre Hilfeleistung für des Feindes überwachsende (zunehmende) Bosheit; dafür aber habe Ich in dieser Welt zu allen Zeiten strenge Richter aufgestellt und ihnen das Recht erteilt, die zu schlecht und böse gewordenen Menschen, nachdem sie es verdient haben, zu züchtigen und zu strafen, und habe euch darum auch dieses Gebot gegeben, daß ihr der weltlichen Obrigkeit untertan sein sollt, ob sie sanft oder strenge ist.
GEJ|10|215|11|0|Wer demnach einen so argen Feind besitzt, der gehe zum Weltrichter hin und zeige ihm solches an, und dieser wird dem schon erzböse Gewordenen seine Bosheit austreiben.
GEJ|10|215|12|0|Geht das mit puren körperlichen Züchtigungen nicht, so geht es am Ende wirksam durch das Schwert. Und so ist es auch der Fall mit der Ohrfeige. Erhältst du sie von einem minder bösen Menschen, den eine plötzliche Aufwallung seines Gemütes dazu verleitet hatte, so wehre dich nicht, auf daß er dadurch, daß du ihm mit keiner Ohrfeige entgegenkommst, besänftigt wird, und ihr werdet darauf leicht ohne Weltrichter wieder zu guten Freunden werden.
GEJ|10|215|13|0|Aber so dir jemand mit einer mörderischen Ohrfeige in voller Wut entgegenkommt, so hast du auch ein volles Recht, dich zur Gegenwehr zu stellen; und siehe, wenn die Sache nicht also wäre, so hätte Ich zu euch nicht gesagt, daß ihr auch den Staub von euren Füßen über jene Menschen in einem Orte schütteln sollet, die euch nicht nur nicht aufnehmen, sondern euch dazu noch verhöhnen und mit allerlei Verfolgung bedrohen.
GEJ|10|215|14|0|Oh, sei du dessen sicher, daß Ich mit Meiner Predigt von der Nächstenliebe die Macht und Gewalt des Schwertes nicht im geringsten aufgehoben habe, wohl aber auf so lange hin gemildert, als die Feindseligkeit unter den Menschen nicht jenen Grad erreicht hat, den man mit vollem Recht den höllischen nennen kann!
GEJ|10|215|15|0|Bei den Alten nach dem Gesetze Mosis und der meisten alten Richter hieß es wohl: ,Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn!‘, aber da soll es bei euch nicht also sein, daß man derlei Gesetze zu buchstäblich nimmt, und daß man seinem Feinde nicht öfter denn siebenmal vergeben solle, wovon Ich euch zu öfteren Malen auch eine Erklärung gegeben habe, und die ihr auch wohl begriffen habt!
GEJ|10|215|16|0|Aber, wie gesagt, dadurch habe Ich das Gesetz Mosis, der Richter und Propheten nicht aufgehoben, sondern nur gemildert; denn diese nahmen das Gesetz zu buchstäblich und straften auch den mit gleicher Strenge, der oft sehr viel mehr zufällig als infolge seines bösen Willens seinen Nebenmenschen irgend eine oder die andere Beschädigung zugefügt hatte.
GEJ|10|215|17|0|Die Folge davon, daß sich die Richter zu strenge nach dem Gesetze hielten, war denn auch, daß das Volk zur Zeit Samuels, des letzten Richters in Israel, von Mir einen König verlangte, weil es unter ihm eine mildere Handhabung der Gesetze erhoffte als unter den Richtern. Es täuschte sich das Volk zwar, besonders mit dem König Saul, der es noch viel ärger züchtigte als die früheren Richter; aber unter David und auch Salomo ging es wohl menschlicher her als unter den Richtern.
GEJ|10|215|18|0|Aber unter den späteren Königen, besonders als das Reich unter mehrere Könige verteilt wurde, ging es dann um noch vieles ärger zu als unter den Richtern. Und als es am Ende gar zu schlecht zu gehen anfing, da blieb denn auch nichts anderes übrig, als alle Juden und auch viele andere ihrer nachbarlichen Völkerschaften, mit denen die Juden in beständiger Fehde standen, der vereinten Macht Roms zu übergeben, weil Rom in weltlicher Hinsicht die besten, weisesten und zweckmäßigsten Gesetze hatte. Und siehe, dann ging es unter den Juden, wie auch unter den andern Nachbarvölkern sogleich in voller Ruhe und Ordnung her!
GEJ|10|215|19|0|So aber nun die Juden sich nach und nach immer mehr werden zu erheben anfangen und die Priester der Juden der Römer Gesetze werden als gotteslästerlich immer mehr und mehr zu bezeichnen anfangen und jene besseren Juden darum verdammen, weil sie der Römer Freunde sind, so werden die Römer sich wieder erheben und mit großer Macht in dieses Reich eindringen und es also zerstören, daß da kein Stein auf dem andern ungebrochen bleiben wird. Und die Juden selbst werden darauf in alle Teile der Welt hinausgetrieben werden, und dann wird es auch geschehen, was Ich euch schon vorausgesagt habe, daß die Juden bitten sollen, daß diese ihre Fluchtzeit nicht im Winter und auch nicht an einem Sabbat sich ergebe; denn da würde es ihnen noch schlechter ergehen denn zu einer andern Jahreszeit und an irgendeinem Werktage. Besonders schwer wird diese Flucht den schwangeren Weibern werden.
GEJ|10|215|20|0|In der Zeit werden auch zwei Juden in einem Bette schlafen; der eine, als ein bekannter Römerfreund, wird behalten und der hartnäckige Jude verworfen werden. Und so werden auch zwei andere in einer Mühle mahlen; da wird auch aus dem gleichen Grunde der eine behalten, der andere verworfen sein. Wer da auf einem Felde arbeiten wird, der kehre um seines Rockes willen ja nicht wieder in sein Haus zurück, und wer auf seinem Hause ein Dach ausbessern wird, der steige auch nicht wieder ins Haus vom Dache, um aus seinem Hause etwas zu holen, sondern springe lieber vom Dach zur Erde und suche durch die Flucht zu retten sein Leben! Denn so er ins Haus hinabsteigt, so wird er sein Leben sicher verlieren; springt er aber vom Dache, so kann er im günstigen Falle sein Leben noch erhalten und sich retten durch die Flucht.
GEJ|10|215|21|0|Siehe, du Mein lieber Simon Juda, solches habe Ich euch alles schon zu öfteren Malen vorhergesagt, wie auch vielen andern Juden und Pharisäern, und Ich meine, daß du in allem dem keine krummen Linien finden wirst!“
GEJ|10|216|1|1|216. — Vom ungetreuen Haushalter
GEJ|10|216|1|0|Sagte Simon Juda: „O Herr und Meister, in diesem Stücke durchaus nicht mehr, aber es gäbe noch so ein paar andere Stücklein, mit denen ich noch nicht so ganz ins reine kommen kann; ich hoffe aber von Deiner Liebe und Gnade, daß sich auch diese beiden kleinen Stücklein so gewisserart von selbst ausgleichen werden!“
GEJ|10|216|2|0|Sagte Ich: „So nenne Mir wenigstens die beiden Stücklein!“
GEJ|10|216|3|0|Sagte Simon Juda: „Ach, o Herr und Meister, es zahlt sich fast gar nicht aus, aber weil Du es schon also haben willst, so bestehen sie in Deinem Lobe des ungetreuen Haushalters und in dem Verwerfen des Mahlzeitgastes, darum, daß er kein Festkleid anhatte! Denn da kommen zwei unbegreifliche Dinge vor: erstens, wie und wo diejenigen Gäste, welche von den Dienern des Gastgebers an den Zäunen und Gassen stehend aufgefangen und zum Gastmahl hineingeschoben wurden, mit den erforderlichen Festkleidern versehen worden sind, und fürs zweite, wieso der eine arme Teufel, der auch von den Dienern des Gastgebers zum Gastmahle getrieben ward, hinausgeworfen werden mußte, weil er kein Festkleid anhatte. Siehe, o Herr und Meister, dieser Hinausgeworfene und Dein Lob über den ungerechten Haushalter sind für mich noch so ein paar krumme Linien, die ich noch nicht gerade zu machen imstande war!“
GEJ|10|216|4|0|Sagte Ich: „Habe Ich damals nicht zu euch gesagt: ,Tut auch ihr desgleichen wie der ungerechte Haushalter, und sammelt euch Freunde durch den ungerechten Mammon, so werden sie euch dereinst, so ihr noch wohnungslos sein solltet, in ihre himmlischen Wohnungen aufnehmen!‘?
GEJ|10|216|5|0|Damit du, Simon Juda, dieses aber richtig verstehst, so höre Mich an, aber mit beiden Ohren zugleich, damit das nicht bei dem andern Ohr wieder hinausgeht, was das eine aufgenommen hat, und dadurch in deinem Herzen haften bleibt! Siehe, ein jeder irdisch reiche Mensch, der viel mehr Güter und Geldes besitzt, als solche notwendig wären zu seinem irdischen Lebensunterhalt, ist Mir gegenüber, der Ich der alleinige wahre Gutsherr bin, stets mehr oder weniger ein ungerechter Haushalter, und die Güter, die er sein nennt, sind zusammengenommen ein ungerechter Mammon.
GEJ|10|216|6|0|So er aber wenigstens dann mit seinen ungerechten Reichtümern reichlich der Armen gedenkt, so ihm die Natur seiner Krankheiten, die Meine Amtsboten sind, klar und deutlich sagt: ,Der Herr dieser Güter hat vieles wider dich in bezug auf dein ungerechtes Gebaren, und du wirst fürder nicht mehr Haushalter sein!‘, dann wird er sich durch die vielen beteilten Armen Freunde machen, und so er dann bald darauf nackt und verlassen zu ihnen in Mein Reich hinüberkommen wird, so werden sie sich seiner erbarmen und ihm sein gutes Werk an ihnen reichlich vergelten.
GEJ|10|216|7|0|Denn siehe, als Ich die Welt erschaffen habe, da habe Ich keine Grenzsteine gesetzt, die Erde nicht mit dem Faden abgemessen und somit auch nicht gesagt: ,Siehe, dieser Teil gehört dem, ein anderer dem andern!‘, sondern Ich habe die ganze Erde zu einem Gemeingut für alle Menschen gemacht. Erst mit der Zeit hat der Geiz, die Habgier und Herrschlust der Menschen angefangen, die Erde abzumessen und mit Gewalt zu bestimmen: ,Dieser große Teil des Landes gehört mir, und wer mir dienen und arbeiten will, der soll auch ein kleines Stück Land gewisserart in Pacht bekommen; dessenungeachtet aber bleibe ich der Herr des ganzen großen Stück Landes!‘
GEJ|10|216|8|0|Und siehe, das war die erste sogenannte patriarchalische Verfassung unter den Menschen, – und so ungerecht sie auch an und für sich war, so war sie dabei aber dennoch die beste und gerechteste; denn war wie gewöhnlich der Patriarch ein guter und gottesfürchtiger Mann, so hatten es an seiner Seite seine Untertanen oder Kleinpachtbesitzer ebenfalls auch gut, denn er sorgte für das gemeinsame Wohl des großen Stück Landes.
GEJ|10|216|9|0|Er besaß freilich für seine Person und sein Haus viele tausend Male mehr, als er benötigte, und war somit auch ein ungerechter Haushalter, – aber er verwendete seinen ungerechten Mammon zu lauter guten und Mir wohlgefälligen Zwecken und machte sich dadurch aus seinen Untertanen eine große Menge Freunde nach Meinem Willen und Wohlgefallen, und Ich mußte ihm ebenfalls Mein Wohlgefallen und Mein Lob zukommen lassen.“
GEJ|10|217|1|1|217. — Die Erklärung der Gleichnisse vom ungerechten Haushalter und vom königlichen Gastmahl
GEJ|10|217|1|0|(Der Herr:) „Also war der Patriarch Abraham, der ein Besitzer des ganzen Gelobten Landes war, ebenfalls ein ungerechter Haushalter; aber ihr werdet gehört haben, daß er in dem von ihm bewohnten Orte zu Salem stets einen großen Tisch aufgerichtet hatte, an dem tagtäglich mehrere Tausende von Armen und dürftigen Menschen gesättigt wurden, und es ward dann zum Sprichwort, daß diejenigen zu den Glückseligen gehören, die das Glück haben, am Tische Abrahams zu speisen.
GEJ|10|217|2|0|Und sehet, darum war Abraham Mein Liebling, und Ich habe ihn und sein ganzes Haus vielfach gesegnet, – was ihr aus dem entnehmen könnt, daß Abraham als ein erster und größter Freund des Königs der Könige und des Priesters der Priester, der ohne Anfang und Ende war und Melchisedek hieß, demselben selbst den Zehnt gab und unter den vielen damaligen Königen allein das Glück und das Recht hatte, sich dem Wohnsitze des Melchisedek zu nähern, und Dieser aber einmal Selbst zu ihm kam in Begleitung zweier Engel und ihm voraussagte, daß sein betagtes Weib Sara ihm einen Sohn zur Welt bringen werde, was Abraham denn auch allerfestest glaubte!
GEJ|10|217|3|0|Aber zugleich offenbarte Melchisedek, daß die Städte Sodom und Gomorra untergehen würden, und weiter weissagte Er ihm, daß aus seinem Stamme endlich Er Selbst als Mensch, mit Leib und Blut angetan, zur wahren Beglückseligung aller Menschen hervorgehen werde.
GEJ|10|217|4|0|Lassen wir aber nun den Abraham und den Melchisedek, denn der Letztere sitzet in Meiner Person nun unter euch, und der alte Patriarch Abraham ist im Geiste nicht ferne von Ihm! Wenden wir uns zu einem andern ungerechten Haushalter, der nun in der Nähe von Jerusalem lebt, und in dessen Hause wir uns in Bälde befinden werden! Sehet, es ist unser Lazarus, ein Sohn Simons, des Aussätzigen, den Ich aber, ihm unbewußt, schon in Meinem zwölften Jahre, bevor Ich noch Jerusalem besuchte, mit Meinem Willen geheilt habe, und das darum, weil er in aller Rechtschaffenheit mit seinem großen, ungerechten Mammon vielen Tausenden, woher sie auch immer kommen mochten, große Wohltaten erwies, so wie nun auch sein Sohn Lazarus!
GEJ|10|217|5|0|Ihr wißt, was er alles getan hat, als wir zu mehreren Malen in seiner Stadt in seinem Hause beherbergt wurden, und sehet, wer den ungerechten Mammon auf diese Weise verwendet, der macht sich doch sicher gar viele und allerbeste Freunde in Meinem Reiche, – ist auch Mir wohlgefällig, und so er sterben wird, werde Ich ihn alsbald wieder auferwecken ins Leben, daß er fürder ewig nimmer sterben wird, und sein Übergang von dieser in die andere Welt wird sein, wie dereinst der Meines lieben Henoch war, der nun hier als ein wahrer Erzengel an Meiner Seite sitzet.
GEJ|10|217|6|0|Mit dem, Mein lieber Juda, meine Ich dir nun übersonnenklar gezeigt zu haben, wohin Mein Lob an den ungerechten Haushalter abzielt, und Ich habe dadurch in dir die eine krumme Linie zu einer geraden gemacht.
GEJ|10|217|7|0|Jetzt kommt es noch auf den von Meinem Gastmahle wegen des unfestlichen Kleides Hinausgeworfenen, von dir benannten ,armen Teufel‘ an.
GEJ|10|217|8|0|Siehe, daß die Geladenen nicht erschienen sind und sich wegen ihrer Weltgeschäfte haben entschuldigen lassen – siehe, das sind lauter solche sehr ungerechte Haushalter, die aber von Mir aus kein Lob verdienen; die anderen, später Geladenen auf den Gassen, Straßen und an den Zäunen sind aber solche, die, wenn irdisch auch arm, innerlich durch ihr gerechtes Leben nach Meinem Gesetze dennoch festlich gekleidet sind.
GEJ|10|217|9|0|Der eine, der aber auch zu Meinem Gastmahle kam, stellte durch seine Persönlichkeit das starre Pharisäertum dar und nahm denn auch Platz an Meinem Gasttische. Als Ich aber Selber kam, wie es nun vor euch allen der Fall ist, da erkannte Ich, Mein lieber Simon Juda, daß dieser dein ,armer Teufel‘ kein festliches Gewand anhatte, und Ich habe darum Meinen Dienern befohlen, ihn zu ergreifen und in die äußerste Finsternis hinauszuwerfen.
GEJ|10|217|10|0|Und siehe, dieses Gastmahl gebe Ich soeben jetzt, – seit der Zeit, als Ich als Führer und Lehrer der Menschen in dieser Welt aufgetreten bin, und du wirst es auch schon zu öfteren Malen bemerkt haben, daß sich bei gar verschiedenen Gelegenheiten derlei Gäste zu Meiner Tafel drängten, die Ich durch Mein Wort auch allzeit zur Tür hinauswerfen ließ, – und warum denn? Weil sie eben kein festliches Kleid anhatten! Verstehst du, Simon Juda, nun, was Ich mit dem unfestlich gekleideten Gaste an Meinem Gastmahlstische habe anzeigen wollen?“
GEJ|10|217|11|0|Sagte Simon Juda: „Ja, Herr und Meister, ich verstehe das nun mehr als sonnenklar und sage aber auch hinzu, daß sich am Tische Deines Gastmahles sicher noch zu sehr öfteren Malen solche Gäste einfinden werden, die kein festliches Gewand anhaben, und ich meine, es wäre an der Zeit, solche Gäste alsbald von dem Mahlzeitstische zu entfernen.“
GEJ|10|217|12|0|Sagte Ich: „Allerdings, doch auf dieser Welt wird sich das wohl nicht immer ausführen lassen! Ich will euch dafür ein anderes Sämannsbild aufstellen, nach dem ihr euch in der Folge zu richten habt, und so höret!“
GEJ|10|218|1|1|218. — Das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen
GEJ|10|218|1|0|(Der Herr:) „Es war ein Hausherr, der hatte viele Weinberge, Wiesen, Gärten und Äcker. Er bekam aber einen überaus edlen und reinen Weizen von seinem Vater und sagte darauf zu seinen Knechten: ,Gehet hin und reiniget mir einen großen Acker auf das sorgfältigste, auf daß, so ich den reinsten und edelsten Weizen auf den Acker säe, mir kein Unkraut dazwischen aufgehe!‘
GEJ|10|218|2|0|Die Knechte taten das, und der Weizen wurde auf den gereinigten Acker reichlich gesät; und er ging bald auf, und der Herr des Ackers hatte eine rechte Freude, daß er zwischen dem aufgegangenen Weizen kein Unkraut bemerkte.
GEJ|10|218|3|0|Doch nach einer Zeit, als der Weizen schon hoch emporgewachsen war, daß er in die Ähren zu schlagen anfangen konnte, siehe, da kamen auf einmal die Knechte zum Hausherrn und sagten: ,Herr, wir haben den Acker gereinigt und nach deinem Willen den reinsten Weizen in denselben gesät, und er ging auch rein auf, worüber du selbst eine große Freude hattest; aber siehe, nun, da der Weizen schon bald in die Ähren schlagen sollte, schießt auf einmal eine Menge Unkraut zwischen dem Weizen hervor! So du willst, wollen wir hingehen und das Unkraut ausjäten!‘
GEJ|10|218|4|0|Sagte darauf der Herr des Ackers: ,Lasset das nun gut sein, auf daß ihr durch eure Arbeit nicht auch dem bereits hoch aufgegangenen edlen Weizen schadet; denn ich weiß es schon, daß mir solches ein Feind getan hat! Lasset daher alles bis zur Reife kommen, den Weizen samt dem Unkraut! Mit der Zeit der Reife des Weizens werde ich durch euch, meine Diener, den Weizen sammeln lassen und bringen in meine Scheune, – darauf aber dann erst auch das viele Unkraut zusammenbinden lassen in Bündel, bis es dürre wird; dann wollen wir es zur weiteren Reinigung des Ackers anzünden und verbrennen!‘
GEJ|10|218|5|0|Sehet, das ist das Bild, aus dem ihr lernen sollt, was ihr in bezug auf das Unkraut auf Meinem Lebensacker zu tun habt!
GEJ|10|218|6|0|Der edle Weizen stellt jene Menschen dar, die bei Meiner Gastmahlstafel ein rechtes Festkleid anhaben, das Unkraut aber stellt insgesamt jenen Gast dar, der kein hochzeitliches Festgewand anhatte. Er bediente sich zwar auch so lange der auf den Tisch gesetzten Speisen, bis der scharfsichtige Gastgeber selbst ins Gastzimmer kam, – was das Reifwerden des edlen Weizens und des Unkrautes bezeichnet.
GEJ|10|218|7|0|Die festlich geschmückten Gäste werden behalten, und der unfestlich gekleidete wird in das Zornfeuer des Gastgebers hinausgeworfen werden, und er wird dann dazu dienen müssen, daß durch sein Verbrennen er den verunreinigten Acker am Ende selbst reinigen wird.
GEJ|10|218|8|0|Ihr werdet darum auf dieser Welt noch auf gar viele unfestlich gekleidete Gäste kommen (treffen) und gar viel Unkraut unter dem reinen Weizen aufwuchern sehen; aber ereifert euch darum nicht allzusehr, und lasset alles zur Reife kommen, – und wartet ab, bis der große Gastgeber Selbst kommen wird! Dann wird mit Ihm auch die gehörige Ausscheidezeit kommen, und es wird einem jeden das zum Lohne werden, nach dem seine gute oder böse Liebe gestrebt hat. Denn in Meinem Hause gibt es zwar sehr viele beseligende Wohnungen, aber daneben auch sehr viele Kerker, und die Meine vielen Kerker den beseligenden Wohnungen vorziehen und sie zu bewohnen trachten, die sollen denn auch das haben, was sie wünschen, und wir werden sie nicht und niemals durch was immer für eine Gewalt aus denselben herausziehen und durch sie dann unsere reinsten Himmelswohnungen verunreinigen. Würden sie sich aber selbst eines Besseren bedenken, so sollen ihnen darin auch keine Schranken gesetzt werden. – Verstehet ihr nun alles das?“
GEJ|10|219|1|1|219. — Die Kennzeichen eines falschen Propheten
GEJ|10|219|1|0|Sagte Simon Juda: „O Herr und Meister, ich verstehe das nun alles so hell und klar, daß es mir vorkommt, als wäre es unmöglich, die Sache noch klarer zu verstehen! Doch muß ich das auch offen hinzubekennen, daß uns, Deinen ersten Jüngern, ein solches Verständnis wohl leichter ist, weil wir durch deine Gnade und Liebe bei den vielen Gelegenheiten große und ähnliche Erklärungen vernommen haben; aber es wird das so manche Schwierigkeiten haben, derlei Wahrheiten auch vielen andern, noch in der Finsternis wandelnden Menschen ebenso klarzumachen, als wie klar wir sie nun selbst einsehen, und es wird, o Herr und Meister, mit so mancher Deiner ganz einfach ausgesprochenen Lehren nicht viel besser gehen als mit den gar vielen Lehren aus dem Munde der Propheten, besonders der Propheten Daniel und Hesekiel, und den Lehren, die der Weisheit Salomos entstammen. Denn je öfter man sie liest, oder je öfter man sich dieselben vorlesen läßt, desto weniger versteht man sie!
GEJ|10|219|2|0|Und so einen ähnlichen Charakter hat auch Deine Lehre, besonders dort, wo Du in Gleichnissen und Bildern sprichst. Wir verstehen jetzt Deine Gleichnisse und Bilder wohl; aber viele Tausende und abermals Tausende, die nach uns kommen, werden Deine Lehre auch annehmen, werden aber die Gleichnisse und Bilder nicht verstehen und ihnen höchstwahrscheinlich nur zu oft einen falschen Sinn beilegen, und so wird denn Deine so reine und wahre Lehre vielfach zerklüftet werden. Was sollen wir aber tun, um diesem Übel zu begegnen?“
GEJ|10|219|3|0|Sagte Ich: „Sagte Ich euch nicht, daß es euch, als den von Mir erwählten Jüngern und Mir nachfolgenden Volkslehrern, gegeben ist, die Geheimnisse Meines Reiches zu verstehen? Denn ein jeder Lehrer und Meister muß offenbar mehr kennen und verstehen als sein Jünger, sonst könnte er kein Lehrer und Meister sein!
GEJ|10|219|4|0|Es würde, so der Meister nicht klüger wäre denn der Jünger, also gehen und stehen, wie wenn ein Blinder den andern führte, so lange, bis eine Grube da wäre, in die dann beide zugleich hineinfallen würden; darum sind nur wenige auserwählt, wennschon viele berufen.
GEJ|10|219|5|0|Sie sollen anfangs nur mit der ganz einfachen Milch Meiner Lehre genährt werden; werden sie dann männlich und kräftig, da kann man ihnen denn schon auch eine männlichere und kraftvollere Kost verabfolgen. Daher habt auch vor allem darauf acht, daß sich nicht irgend nur bloß Berufene erheben und zum Volke sagen: ,Auch wir gehören zu den Auserwählten!‘, um dasselbe dann zu belehren um irdischer Vorteile willen; denn da würde auch ein Blinder den andern führen!
GEJ|10|219|6|0|Wer aber unter den Menschen ein Erwählter ist, das werdet ihr daraus erkennen, daß er von Meinem Geiste gleich wie auch ihr erfüllt ist und eine wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten predigen wird.
GEJ|10|219|7|0|Predigt er aber, gleichwie da im Tempel predigen die Pharisäer, so ist er auch ein von den Pharisäern Erwählter und ist gleich ihnen von dieser Welt und gleich ihnen ein Teufel; denn wer da nicht durch die wahre Liebe und Weisheit aus Mir sammelt, der zerstreut und ist ein Falschlehrer und stürzt die Menschen in den Aberglauben, aus dem sie dann auch, besonders so die Menschen älter geworden sind und sich in die Finsternis des Aberglaubens so recht fest hineingewachsen haben, alle Engel des Himmels nicht mehr in die Sphäre der reinen Wahrheit bringen können, durch die sie dann frei würden in allen Dingen. Und Ich sage es euch, daß da alle Übel leichter von einem Menschen zu entfernen sind als ein Aberglaube, denn bei jedem andern Übel ist die Seele des Menschen nur teilweise gefangen, aber durch den finsteren Aberglauben ganz!
GEJ|10|219|8|0|Darum, wie Ich euch schon einmal gesagt habe, daß sogar noch zu eurer Lebenszeit eine Menge falscher Lehrer und Propheten und mit ihnen auch eine Menge falscher Christusse aufstehen, das Volk belehren und sagen werden: ,Siehe, hier ist Christus!‘ oder ,Dort ist Er!‘ oder ,Er wohnt in den Tempeln!‘ oder ,in den Kammern!‘, so saget es solchem Volke, daß es mit solcher Lehre betrogen sei!
GEJ|10|219|9|0|Und welches Volk sich nach euch kehren wird, dem leget eure Hände auf, und taufet es in Meinem Namen! Ich werde über sie Meinen Geist ausgießen, und sie werden die Wahrheit erkennen und dann die falschen Propheten und die falschen Christusse selbst aus der Gemeinde schaffen.
GEJ|10|219|10|0|Werden aber irgend die verführten Menschen euch nicht hören wollen und euch noch verfolgen ihrem falschen Lehrer und Propheten zuliebe, dann wendet euch von ihnen ab und ziehet weiter, wohin euch Mein Geist ziehen wird! Alles andere aber überlasset Mir; denn Ich werde zur rechten Zeit solche falschen Lehrer und Propheten schon mit Meinen Gerichten heimzusuchen verstehen, und jenseits soll es solchen falschen Lehrern und Propheten also ergehen wie dem Gaste bei Meinem Festmahle, der kein hochzeitliches Kleid anhatte, und die von ihnen finster gemachten Seelen werden ihre bittersten Verfolger sein!
GEJ|10|219|11|0|Es ist genug, so Meine Lehre nur unter wenigen rein erhalten wird, und dafür wird zu allen Zeiten gesorgt sein. Aber der Janhagel (Pöbel) der Weltmenschen soll sich bis ans Ende fortwälzen und baden in seinem alten Kote und Morast, und da gilt wieder Mein Gebot an euch, demzufolge ihr Meine Perlen nicht den Schweinen vorwerfen sollt.
GEJ|10|220|1|1|220. — Über die Wundertätigkeit
GEJ|10|220|1|0|(Der Herr:) „Es solle wohl Mein Evangelium über die ganze Erde ausgebreitet werden, aber dabei lege Ich keinem wahren Lehrer und Propheten die Pflicht auf, daß durch sie alle Menschen zum Vollichte der Wahrheit aus Mir gebracht werden sollen, – es genügt, daß die reine Lehre dem besseren und vollkommeneren Menschen erteilt wird und das Recht, diese, soviel als möglich ist, auch unter die andern Menschen zu verbreiten. Wohl denen, die sie annehmen werden! Aber das wird kein noch so vollkommener Lehrer und Prophet zuwege bringen, daß auf den Dornen die Trauben und auf den Disteln die Feigen wachsen werden.
GEJ|10|220|2|0|Ich bin doch der Herr Selbst, und ihr wißt, daß Mir nichts unmöglich ist, – aber die Menschen dieser Erde, solange Ich ihnen den vollkommen freien Willen belassen muß, kann selbst Ich nicht bei aller Meiner Liebe und Meinem besten Willen in die Sphäre Meines ewigen Wahrheitslichtes erheben. Was Ich aber Selbst nicht kann und vermag, das werdet ihr um so weniger können und vermögen.
GEJ|10|220|3|0|Es dünket euch freilich, es sollte Mir auch so etwas durch ein großartigst gewirktes Wunder möglich sein, und Ich sage euch, daß ihr teilweise wohl recht habt, – aber im ganzen gar nicht! Denn ein Wunder wirkt wohl örtlich, und das besonders zur Zeit, wenn es gewirkt worden ist, – an andern Orten muß davon schon erzählt werden, und es werden dann wohl einige daran glauben, die andern aber werden sagen: ,Wenn dort das Wunder zur Erweckung des Glaubens gewirkt worden ist, – warum denn bei uns nicht?‘ Und für die Folge der Zeiten wird ein noch so großartig gewirktes Wunder wie eine andere geschehene Sache um so weniger geglaubt, je mehr Aufhebens davon gemacht wird, geht somit in den Bereich der geschichtlichen Märchen und Fabeln über und dient bei der überwiegenden Leichtgläubigkeit der Menschen mehr zur Bekräftigung ihres andersartigen Aberglaubens und dient daher nicht zur Erweckung des wahren Lichtes im Herzen des Menschen.
GEJ|10|220|4|0|Die Menschen unterscheiden da gar nicht ein wirklich wahres Wunder von einem falschen, betrachten beide für etwas Außerordentliches und lassen sich dadurch zum Glauben zwingen.
GEJ|10|220|5|0|Darum sollet auch ihr so wenig als möglich irgendein Wunder wirken, außer kranke Menschen heilen durch die Auflegung eurer Hände und die Menschen, die vollgläubig geworden sind, taufen, damit sie den Geist der Wahrheit in sich aufnehmen.
GEJ|10|220|6|0|Darum haltet ihr euch vor allem nur an die reine Wahrheit; denn diese allein macht den Menschen vollkommen frei; alles andere hinterläßt in seinem Gemüte einen stets mehr oder weniger haftenden Zwang, dessen er nicht leicht los wird. Ein Zwangsglaube aber ist zumeist um vieles schlechter als gar kein Glaube.
GEJ|10|220|7|0|Die Stoiker, größtenteils aus der Lehre des Griechen Diogenes hervorgehend, glauben an gar nichts, und Ich sage euch, daß sie Mir als Menschen um vieles lieber sind als jene dummen, blindgläubigen Juden, die da noch heutzutage des Glaubens sind, daß der Tempelmist ihre Äcker, Gärten, Wiesen und Weinberge belebe und sie fruchtbar mache, und daß derjenige Gott einen viel wohlgefälligeren Dienst erweise, der sein Geld als Opfer in den Gotteskasten im Tempel zu Jerusalem lege, als so er dasselbe Geld einem andern armen Menschen darreichte, dem damit auf längere Zeit geholfen wäre. Daher prediget nur die Wahrheit vor allem und seid seltsam im Wunderwirken!“
GEJ|10|220|8|0|Sagte hierauf endlich einmal Mein Johannes: „Herr und Meister, was mich betrifft, so werde ich mit der Wundertätigkeit mich sehr wenig abgeben; denn ich habe es jetzt klar eingesehen, daß das Zeichenwirken dem Menschen eben nicht so viel nützt wie das Wort allein.
GEJ|10|220|9|0|Wen das wahre Wort nicht frei macht, den wird das Zeichen noch weniger frei machen. Es haben zwar die Zeichen schon auch ihr entschieden Gutes, wenn sie von Dir aus gewirkt werden, indem Du allein am besten zu berechnen imstande bist, wo ein Zeichen zu wirken nötig ist, und wie es beschaffen sein muß; aber wir, Deine Jünger, werden das nie vollkommen verstehen, solange unsere Seelen mit diesem Fleische umhüllt sind, und somit bin ich der Meinung, daß es besser ist, beim alleinigen Worte zu bleiben, das sich dann durch seinen Wahrheitsinhalt von selbst kräftigen wird und keiner Nebenbekräftigung bedarf, wie denn das auch bei unserer Rechenkunst mit Händen zu greifen verständlich gemacht werden kann.
GEJ|10|220|10|0|Soll ich vor dem, dem ich beigebracht habe, daß zwei und noch einmal zwei genau vier ausmachen, etwa auch noch ein Zeichen wirken, das ihm diese Rechenwahrheit bekräftigen soll? Ich meine, daß das unnötig wäre; und so ist denn auch Deine höchst einfache Lehre in sich selbst gleich wie eine rechenkünstlerische Wahrheit, die ein jeder Mensch, so er nur einen Funken guten Willens besitzt, auf ein einzigmaliges Hören einsehen, verstehen und begreifen muß.
GEJ|10|220|11|0|Denn es liegt dazu schon in jedem Menschen ein innerer Drang, erstens Den zu suchen, der die Welt und alles, was auf ihr ist, erschaffen hat, indem ein solcher Mensch wohl einsieht, daß der Schöpfer aller dieser großen Dinge höchst weise, höchst mächtig und auch höchst gut sein muß, und daß der Mensch, der Ihn also nur erkennt, Ihn schon über alles achten und lieben muß, und daß er darauf auch seine Nebenmenschen als ein ihm gleiches wunderbarstes Gotteswerk ebenso achten und lieben muß wie sich selbst. Das sind zwei mathematische Wahrheiten, wider die niemand einen Zweifel erheben kann. Und dann kommt zweitens, daß der Mensch, der solches klar begreift, daß Gottes Macht und Weisheit alle diese Dinge erschaffen hat, darauf auch einsehen muß, daß Gott derlei Wunderdinge nicht darum ins Dasein gerufen hat, daß sie von heute bis morgen gewisserart zum Zeitvertreib des Schöpfers da seien, sondern daß selbst das kleinste Seiner Werke für ewig hin eine stets höhere Bestimmung in sich trägt.
GEJ|10|220|12|0|Ich meine, diese Wahrheit wird einem jeden Menschen auch ohne eine Zeichenwirkerei begreiflich sein; es kommt nur darauf an, wie man es ihm vorträgt.
GEJ|10|220|13|0|Ja, zum Beispiel, irgend Kranke zu heilen, auch einen oder den andern Besessenen von seinen Plagegeistern zu befreien, also dadurch seinen Nebenmenschen Gutes erweisen, sind auch Werke der Liebe, aber sie sollen nicht deswegen gewirkt werden, damit die Wahrheit durch sie bekräftigt werde, sondern aus Liebe!
GEJ|10|220|14|0|Herr und Meister, habe ich mit diesen meinen schlichten Worten recht oder vielleicht auch nicht völlig recht gesprochen?“
GEJ|10|221|1|1|221. — Von der Bekehrung durch Wunder
GEJ|10|221|1|0|Sagte Ich: „Mein lieber Johannes, du hast vollkommen wahr und richtig gesprochen, und es soll also auch Meine Lehre den andern Menschen überbracht werden, so wird sie auch bleibend gute Frucht tragen, – wird sie aber den Menschen mit zu vielen Wunderzeichen aufgedrungen werden, so wird sie gleichen einer notreifen Frucht, die selten einen wahren, inneren Gehalt hat und sich für die Folge schlecht aufbewahren läßt.
GEJ|10|221|2|0|Denn alles Notreife hat wenig inneren Geist und geht bald und leicht in Fäulnis und in Verwesung über, – denn was bald und leicht bewirkt werden kann, gleicht auch demjenigen Bauherrn, der sein Haus im Tale mit geringen Unkosten auf Sand gebaut hat, das, als Stürme und Wolkenbrüche kamen, denselben keinen Widerstand leisten konnte, sondern ward niedergerissen. Und ebenso geht es mit der Lehre vom Reiche Gottes, welche mit Hilfe der vielen Zeichen und Wunder den Menschen gepredigt und aufgedrungen wurde.
GEJ|10|221|3|0|Ja, die Menschen nehmen die Lehre auch leicht und bald an; wenn aber mit der Zeit Versuchungen und Prüfungen über sie kommen, so wissen sie dann den Versuchungen nichts entgegenzustellen – das heißt jenen Menschen, die sie mit einer andern und falschen Lehre versuchen – als eben nur die erlebten Wunderzeichen. Wirken nun die Versucher als falsche Lehrer und Propheten ihre falschen Wunder vor den Augen solcher notreifen Christen, so haben diese notreifen Christen gar nichts, wodurch sie die innere Wahrheit Meiner Lehre bekräftigen könnten, fallen dann ab und gehen zu den falschen Lehrern und Propheten über.
GEJ|10|221|4|0|Denn derlei Menschen, weil sie in sich noch nicht die Wahrheit begreifen, sind gleich einem Schilfrohr, das sich vom Winde nach allen Seiten hin beugen läßt.
GEJ|10|221|5|0|Mit den Eichen und Zedern aber können die Winde kein solches Spiel treiben. Den Eichen und Zedern aber gleichen nur jene Menschen, die durch die pure Wahrheit Meiner Lehre zu Mir bekehrt worden sind. Vor denen mögen die falschen Lehrer und Propheten ihr tausendfaches Windspiel treiben, und sie werden sich nicht beugen, denn die Kraft der inneren Wahrheit ist mächtiger denn alle andern Kräfte auf der ganzen Erde.
GEJ|10|221|6|0|Wer von euch bei der Verbreitung Meiner Lehre sich das zum Grundsatze machen wird, der wird wahrlich demjenigen Sämanne gleichen, der den Weizen nur in einen guten Acker säte und bald darauf eine hundertfache Ernte hatte; wer aber diesen Lehrgrundsatz nicht oder weniger beachten wird, der wird seinen Weizen auch auf Wege und Straßen, auf Steine und Felsen und zwischen die Dornen und Disteln aussäen und wird von seiner Arbeit und Mühe eine schlechte Ernte haben.
GEJ|10|221|7|0|Also sollet ihr auch von den Wundertaten, die Ich gewirkt habe, nicht viel Aufhebens machen, aber dafür lieber den Menschen recht klar vor Augen stellen die Wunder und Zeichen, die Ich vor jedermanns Augen tagtäglich wirke, und ihr werdet dadurch um vieles bessere und reichlichere Früchte ernten, als so ihr den Menschen in aller Länge und Breite Meine Wundertaten vorerzählt. Denn werden die Menschen einsehen, daß Ich der Herr und der Meister von Ewigkeit in allen Dingen bin, so werden sie etwa wohl auch einsehen, daß Mir während Meines leiblichen Daseins eben auch nichts unmöglich zu bewirken war.
GEJ|10|221|8|0|Wer dieses versteht, der handle auch danach, und er wird gute Früchte Mir verschaffen! Doch sage Ich euch nun auch, daß es noch einige unter Meinen Jüngern gibt, die das nicht also verstehen wie Mein Jünger Johannes. Darum wird auch sein Wort sich halten bis ans Ende der Zeiten, aber nicht also auch jedes anderen Jüngers Wort, besonders dessen nicht, der seinen Mund zu sehr im Weitererzählen über Meine Wundertaten auftun wird.“
GEJ|10|221|9|0|Diese Meine Rede, so wie die frühere des Johannes mundeten zwar einigen andern hier anwesenden Jüngern nicht besonders, aber es getraute sich dennoch keiner etwas dagegen einzuwenden.
GEJ|10|222|1|1|222. — Notreife und vollreife Seelen
GEJ|10|222|1|0|Es erhob sich aber hierauf der Oberstadtrichter und sagte: „O Herr und Meister, ich, der Wirt und sein ganzes Hausgesinde, wie auch diese drei Apollopriester und jene zwei Pharisäer und Juden sind vorderhand wohl zuerst durch Deine hier gewirkten Zeichen zum Glauben an Dich bekehrt worden, obschon ich in mir nun selbst überzeugt bin, daß mir Deine vielfachen Belehrungen um vieles mehr genutzt haben als Deine Zeichen; aber kurz und gut, wir sind zuerst dennoch nur durch Deine Zeichen auf Dich aufmerksam gemacht worden, und es war dann auch mit uns bald und leicht zu reden, weil wir einsahen, daß derlei Zeichen kein Mensch auf der ganzen Erde zu bewirken imstande ist.
GEJ|10|222|2|0|Sollen wir aber nun deshalb, weil wir zuerst durch Deine Zeichen zum Glauben an Dich erhoben wurden, auch in die Klasse der notreifen Früchte gehören, und sollte es wohl möglich sein, daß darum auch uns ein von irgendwoher kommender anderer, falscher Lehrer und Prophet durch seine allfälligen, ebenfalls falschen Wunder und Zeichen von unserem Glauben an Dich abwendig machen könnte?
GEJ|10|222|3|0|Von mir kann ich das behaupten, daß es solch einem falschen Lehrer und Propheten nimmer gelingen würde, indem ich alle die falschen Wunderzeichen ihrer Natur nach nur zu wohl kenne; denn ich habe derlei Magier, deren Geschäft es war, sich mit allerlei Wundern abzugeben, nur zu häufig gesehen und bin in ihre Wundertätigkeitsgeheimnisse eingedrungen, was für mich im Grunde sehr gut war, weil ich dadurch alles Aberglaubens ledig geworden bin und mich dadurch dann mit einer desto größeren Vorliebe zu den Werken der alten Weltweisen gewendet habe.
GEJ|10|222|4|0|Da Du aber hier Zeichen gewirkt hast – sowie auch Dein Diener Raphael –, die auf jedem natürlichen Wege unmöglich sind, so habe ich in Dir denn auch den einen und allein wahren Gott in aller Seiner Allmachtsfülle gefunden und glaube nun an Dich fester, als wie fest da ist ein Diamant, und bin aber nun noch mehr von der Kraft der Wahrheit in Deinem Worte in meinem Innern im Glauben an Dich gestärkt denn durch die zwingende Macht Deiner Zeichen, indem Du mir und allen die Gnade erwiesen hast, die Art und Weise, wie Du Deine Zeichen bewirken kannst, überaus hell zu erklären; aber es fragt sich nun dessenungeachtet, ob ich und auch die andern von hier zu den notreifen Früchten gehören.
GEJ|10|222|5|0|Sagte Ich: „Mitnichten, Mein lieber Freund, denn ein gewirktes Zeichen ist nur für den gewisserart eine Notreifwerdung, der auf das gewirkte Zeichen alsogleich gläubig geworden ist und sich darauf um nichts Weiteres mehr bekümmert hat. Siehe, das war aber bei dir durchaus nicht der Fall, denn du bist Mir auch nach Meinem gewirkten Zeichen mit ganz kuriosen Einwürfen gekommen, und Ich habe dann mit Meinem Worte sogar eine rechte Not gehabt, dich auf den rechten Weg zu setzen, was wahrlich keine leichte Aufgabe war; denn du hast sogar dann noch, als du in dir schon an Mich glaubtest, eine scharfe Kritik über Mein Verhalten zu allen Geschöpfen, und so auch besonders zu den Menschen auf dieser Erde, Mir an den Hals geworfen, und hätte Ich mit der Wahrheit Meiner Rede nicht auf das kräftigste zu begegnen verstanden, so hätten dich alle Meine gewirkten Zeichen nicht dahin gebracht, daß du an Mich völlig geglaubt hättest. Du bist daher vielmehr durch die Kraft der Wahrheit in Meiner Rede zum wahren Glauben an Mich erhoben worden, und Meine vor- und nachher gewirkten Zeichen hast du da nicht mehr als eine Kräftigung deines Glaubens an Mich angenommen, sondern nur als eine dir und dieser Stadt erwiesene Wohltat, deren Bewirkungsmöglichkeit du nun selbst so gut einsiehst wie Ich und Raphael – und in der kurzen Folge noch besser einsehen wirst.
GEJ|10|222|6|0|Was aber ein Mensch in seinem Herzen und Geiste, gewisserart von Faser zu Faser analysiert, einsieht und begreift, das dient für ihn nicht mehr zu einer Glaubensnötigung, sondern nur zur Vollkräftigung seines Geistes in ihm, und er gehört darum nicht mehr in die Klasse der notreif gewordenen Früchte, sondern schon in die Klasse der vollreif gewordenen. Denn Ich sage es dir: Ein jeder Mensch, der in seinem Leben irgend eine Wahrheit vernimmt, aber ihre inneren Grundelemente noch nicht näher kennt, an die vernommene Wahrheit aber doch glaubt, ohne sich weiter um die inneren Elemente zu kümmern, der gehört noch sehr zu einer unreifen Frucht; wer aber über die vernommene Wahrheit so lange allerlei Zweifel in sich aufkommen läßt, bis er hinter alle ihre Grundelemente gekommen ist, der gehört wahrlich zu keiner notreifen, sondern zu einer vollreifen Frucht.
GEJ|10|222|7|0|Denn Mir gegenüber muß ein Mensch entweder ganz kalt sein oder schon ganz heiß in seinem Herzen, so er von Mir angenommen werden will, – denn die Lauen sollen von Mir so lange ferne gehalten werden, bis sie entweder kalt oder heiß werden. Ein entschiedener Charakter ist Mir tausend Male lieber als tausend Unentschiedene; denn diese Unentschiedenen gleichen den rohen Töpfen auf der Drehscheibe eines Töpfers, die so lange zu nichts zu gebrauchen und zu verwenden sind, bis sie im Feuer gehärtet worden sind. Und so müssen auch diese lauen Menschen zuvor durch allerlei Prüfungs- und Versuchungsfeuer gehen, bis sie für Mich und Mein Reich geschickt und tauglich werden.
GEJ|10|222|8|0|Ich meine, dir nun damit alles gesagt zu haben, was zu deiner und euer aller Beruhigung vollkommen dienen kann. Ich könnte dir zwar noch so manches darüber sagen, aber wozu? Wer die Wahrheit einer kurzen Rede vollkommen einsieht, für den ist eine längere Belehrungsrede überflüssig; wer aber die Wahrheit einer kurzen Belehrungsrede nicht einsieht, der wird dieselbe noch weniger einsehen in einer langen Belehrungsrede. – Bist du mit dieser Meiner Belehrung einverstanden und zufrieden?“
GEJ|10|222|9|0|Sagte der Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, – überaus, und ich möchte sagen, tausend Male mehr als vollkommen, und es bleibt mir und uns allen nichts anderes übrig, als Dir aus dem tiefsten Grunde unserer Herzen bis an unser diesirdisches Lebensende zu danken. Du, o Herr und Meister, – Du hast durch diese Deine uns erwiesene Gnade Dir in unseren Herzen einen Tempel erbaut, den alle Macht der Welt nimmer zu zerstören imstande sein wird; bewahre aber auch diesen Deinen Tempel vor zu großen Versuchungsstürmen!“
GEJ|10|222|10|0|Sagte Ich: „Um was ihr bitten werdet, das wird euch auch gegeben werden!
GEJ|10|222|11|0|Nun ist es aber schon gegen die Mitte der Nacht geworden, und so wollen wir denn auch unserem Leibe eine kurze Ruhe gönnen; am Morgen früh werden wir uns noch vor Meiner Abreise sehen und sprechen.“
GEJ|10|222|12|0|Darauf begaben wir uns alle zur Ruhe.
GEJ|10|223|1|1|223. — Judas Ischariot
GEJ|10|223|1|0|Früh am Morgen befand sich alles schon auf den Füßen, und Ich ebenfalls mit Meinen Jüngern, und der Wirt hatte sein Weib und seine Küchendienerschaft auch schon frühzeitig in Bewegung gesetzt, um für uns ein Morgenmahl zu bereiten.
GEJ|10|223|2|0|Ich begab Mich aber sogleich mit Johannes, Petrus und Jakobus ins Freie, und zwar wieder auf den schon bekannten Berg Nebo. Die andern Jünger hatten noch mit ihren Anzügen und mit dem Waschen zu tun; auch waren ihre Haare in Unordnung, und sie mußten sie zurechtbringen.
GEJ|10|223|3|0|Der Wirt selbst und sein Sohn aber kamen Mir bald nach, – so auch der Oberstadtrichter, diesmal mit seinem Weibe und Kindern, die eben noch nicht sehr groß und sehr alt waren. Auch die drei Apollopriester ließen nicht lange auf sich warten. Kurze Zeit darauf kamen auch die andern Jünger, mit Ausnahme des Judas Ischariot; denn dieser hatte sich lieber in der Stadt herumgetrieben und den Bürgern die Wohltat Meiner Wunderwerke so recht angepriesen, die ihn dann mit mehr oder weniger Geld beschenkten, das er in seinen Beutel schob, worauf er dann in die Herberge ging und sich sogleich noch eine volle Stunde vor dem Morgenmahle Brot und Wein vorsetzen ließ.
GEJ|10|223|4|0|Der Wirt fragte Mich zwar auf dem Berge, was es mit dem einen Jünger für eine Bewandtnis habe, daß er diesmal nicht anwesend sei.
GEJ|10|223|5|0|Und Ich sagte zum Wirte: „Laß ihn abwesend sein; denn Mir ist sein Abwesendsein lieber als sein Anwesendsein, und mehr brauche Ich dir nicht zu sagen!“
GEJ|10|223|6|0|Nun fragte Mich der Oberstadtrichter, sagend: „O Herr und Meister, wie ist jener Mensch in die Zahl Deiner Jünger aufgenommen worden? Denn siehe, ich frage Dich nicht umsonst; dieser Mensch ist mir bei meinem richterlichen Scharfblick sogleich aufgefallen, weil er niemandem gerade ins Gesicht schauen konnte und auch bei Deinen überaus göttlichen Reden und Vorträgen ganz teilnahmslos finster vor sich hinblickte und mit keiner Miene irgendein Erstaunen oder irgendeinen Beifall zu erkennen gab! Auch gab er kein Wort von sich, damit man doch wenigstens hätte wissen können, welches Redeorgan er besitzt, während doch alle Deine andern Jünger hin und wieder redeten, teils mit Dir Selbst, zum Teil auch untereinander. Kurz, ich muß Dir sagen, daß mir dieser Dein Jünger durchaus nicht gefällt. Wenn ich einen solchen unter meinen vielen Dienern hätte, so hätte ich ihm schon lange den Laufzettel gegeben. Von welcher Stadt ist er denn gebürtig?“
GEJ|10|223|7|0|Sagte Ich: „Er ist ein Galiläer und seiner Profession nach ein Töpfer. Er ist unter allen Meinen Jüngern der schriftkundigste und als irgend ein Lehrer voll Redeschwunges; aber er ist dabei auch voll Geldgeizes, und das ist der eigentliche Teufel in ihm, dessen er nicht loswerden wird, – denn jede Gattung von Teufeln und bösen Geistern, so sie eines Menschen Herz einmal gefangengenommen haben, sind leichter aus dem Menschen zu schaffen als der Geizteufel.
GEJ|10|223|8|0|Denn in einem jeden andern argen Geiste sind noch Fünklein von einer Nächstenliebe anzutreffen, aber bei einem Geizteufel nicht; darum ist er auch der hartnäckigste und durchdringt den ganzen Menschen so, bis dieser ihm ganz ähnlich wird, und er kann ihn dann zu den allerschändlichsten Taten am besten gebrauchen. Darum hüte sich ein jeder vor allem vor dem Geiz; denn ein jeder Sünder wird leichter und eher in das Reich Gottes eingehen denn ein Geizhals!“
GEJ|10|223|9|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Wenn Dein Jünger von dieser Art ist und Du doch allmächtig bist, schaffe ihn von Dir! Denn was hat ein solcher Mensch in Deiner Gesellschaft zu tun?“
GEJ|10|223|10|0|Sagte Ich: „Eben darum, weil Ich der Herr und allmächtig bin, muß Ich – besonders auf dieser Erde, welche eine Pflanzschule für Meine Kinder ist – auch die Teufel ebensogut dulden wie die Engel; denn niemand kann ohne den vollkommensten freien Willen Mein Kind werden, und dem Teufel selbst ist der Weg zur Umkehr nicht völlig abgesperrt. Und somit wirst du auch einsehen, daß Ich einen Jünger, an dem Ich sonst gar kein Wohlgefallen habe, so lange in Meiner Nähe dulde, als er selbst in derselben verbleiben will; will er sich aber heute von Mir entfernen, so wird ihm von niemandem aus Meiner Gesellschaft der Weg vertreten werden.
GEJ|10|223|11|0|Übrigens, so er sich nicht ändert, wird er in Kürze schon seinen Lohn finden. Doch lassen wir jetzt den abwesenden Jünger; denn es gibt ja noch andere Dinge, die wir zu besprechen haben!
GEJ|10|223|12|0|Nach dem Morgenmahle werde Ich ohnehin alsogleich fortreisen und Mich in die Gegend hin begeben, wo der altbekannte Bach Arnon seinen Ursprung nimmt. Denn von hier sind die Wege ins Jordantal hinab sehr böse und beschwerlich; aber durch das Arnontal führt ein noch ziemlich guter Weg, der aber späterhin auch zu einem sehr beschwerlichen werden wird.
GEJ|10|223|13|0|Ich aber habe noch manches zu tun im Jordantal, und es wird sich noch eine kurze Zeit verziehen, bis Ich hinauf nach Jerusalem komme!“
GEJ|10|224|1|1|224. — Die Warnung des Herrn vor Trägheit
GEJ|10|224|1|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Herr und Meister! Dir sind offenbar alle Wege und Stege auf der Erde bekannter denn mir, doch weiß ich, daß man auch von dieser Stadt aus – aber mehr in nördlicher Richtung – hinab ins Jordantal gelangen kann auf einem noch so ziemlich passierbaren Fußsteige!“
GEJ|10|224|2|0|Sagte Ich: „Mein Freund, das weiß Ich wohl, aber Ich weiß noch viel anderes, was du nicht weißt, – und unter dem vielen anderen Meines Wissens befindet sich auch das, daß Ich weiß, welchen Weg Ich zu nehmen habe, welchen Ort zu besuchen, und in welcher Zeit Ich in dem zu besuchenden Orte einzutreffen habe; denn bei Mir geht es nicht wie hie und da bei den Menschen, die da bei einer bevorstehenden Arbeit sagen: ,Siehe da, die Arbeit muß ja nicht gerade am heutigen Tage vorgenommen werden; es wird sich wohl morgen oder auch übermorgen noch eine Zeit dazu finden!‘
GEJ|10|224|3|0|Ich aber sage: Was ihr heute wohl tun könnet, das sollet ihr nicht auf den andern Tag verschieben. Denn so ein Hungriger und Durstiger zu euch käme und möchte euch bitten um etwas Speise und Trank, ihr aber würdet sagen: ,So komme du morgen, denn heute haben wir keine Zeit dazu, dich zu bedienen!‘, meinst du wohl, daß dem Armen damit gedient sein wird? Und gehört eine solche Verlegung einer Wohltuenszeit auch in die Sphäre Meiner euch gepredigten Nächstenliebe?
GEJ|10|224|4|0|Gehört aber dieses nicht zur Nächstenliebe, so gehört auch überhaupt das Verlegen einer Arbeit auf den nächsten Tag, die man gar wohl um den einen Tag früher hätte verrichten können, nicht zur Nächstenliebe, sondern es gehört ein solches Verlegen der Arbeit in die Klasse der Trägheit der Menschen, – und die Trägheit ist allzeit der Anfang zu allerlei Sünden und Lastern. Denn ein allzeit gleich tätiger Mensch in rechten und guten Dingen wird wenig Muße finden, eine oder die andere Sünde zu begehen; aber der träge Mensch wird stets mehr und mehr in seiner Trägheit nachzudenken anfangen, womit er sich seine Langeweile, die aus seiner Untätigkeit entsprungen ist, vertreiben könnte. Und da ein jeder Mensch fortwährend sowohl von guten als auch von bösen Geistern umgeben ist, so versteht sich das von selbst, daß sich die bösen Geister eher einen Zugang zu einem trägen Menschen verschaffen können denn zu einem tätigen; und haben sich diese bösen Geister einmal den Zugang zu einem Menschen verschafft, so verstricken sie sein Gemüt auch bald mit allerlei unnützer Phantasie und ziehen ihn stets mehr und mehr in ihre schmutzigen und finsteren Sphären hinab.
GEJ|10|224|5|0|Da ihr das nun wisset, so verschiebet eine Arbeit nicht auf den nächsten Tag, die ihr gar wohl heute ausüben könnt!“
GEJ|10|224|6|0|Sagte darauf der Oberstadtrichter: „Aber, Herr und Meister, ich danke Dir auch für diese Belehrung, denn ich habe daraus entnommen, daß ich auch als Heide nicht unrecht hatte, solche Deine Belehrung schon seit geraumer Zeit zu einem ersten meiner Lebensgrundsätze zu machen, und auch ein jeder Diener bei mir hat diesen Lebensgrundsatz auf das strengste zu befolgen, und so haben wir in unserer Amtssphäre auch niemals etwelche lästigen Arbeitsrückstände!“
GEJ|10|224|7|0|Sagte Ich: „Ja, ja, Ich kenne eure römischen Gesetze; die sind gut, und wer sie beachtet, fährt in der Welt nicht schlecht! – Aber nun naht sich die Sonne ihrem Aufgange, und wir wollen ihr unsere Aufmerksamkeit widmen!“
GEJ|10|224|8|0|Darauf fing alles an, die lichten Wölkchen im Osten zu betrachten, die ein ganz rosenrotes Aussehen hatten und stets glänzender und glänzender wurden, was allen, besonders den drei Apollopriestern, so wohl gefiel, daß sie bald in die Lobsprüche des Gottes Apollo übergegangen wären; aber sie ermahnten sich bald und fingen an, Mich zu preisen, und sagten, daß Ich der eigentliche, wahre, ewige Apollo sei, der die Sonne auf- und untergehen lasse, so wie auch den Mond und alle die andern Sterne.
GEJ|10|224|9|0|Ich aber sagte zu ihnen: „Meine lieben Freunde, Ich heiße nur ,Herr und Meister‘, und so verschonet Mich mit dem Namen ,Apollo‘; denn was dieser zu bedeuten hat, habe Ich euch schon gestern ganz gründlich erklärt!“
GEJ|10|224|10|0|Damit waren die drei Apollopriester zufrieden und dankten Mir für diese Zurechtweisung.
GEJ|10|225|1|1|225. — Über die Sparsamkeit
GEJ|10|225|1|0|Es fragte Mich aber hierauf der Wirt: „Herr und Meister, wie sieht es denn mit der gepriesenen Tugend der Sparsamkeit aus, die auch zu den Hauptlebensgrundsätzen der Römer gehört? Denn es heißt: ,Wer in der Jugend spart, der braucht im Alter nicht zu darben!‘, und dieser Lebensgrundsatz ist auch bei den Juden beinahe häufiger als unter den Römern anzutreffen.“
GEJ|10|225|2|0|Sagte Ich darauf: „Bei den Römern aber gibt es auch noch einen anderen Lebensgrundsatz, und der lautet: ,In medio beati!‘ oder: ,Golden ist die Mittelstraße!‘ Ich sage dir, daß eine rechte Sparsamkeit so lange eine Tugend ist, als sie sich nicht zu einem sehr hohen Grade versteigt, und solange nicht einer oder der andere Nebenmensch an der Seite eines zu Sparsamen mehr oder weniger benachteiligt wird; denn wenn bei der Sparsamkeit der letztere Fall eintritt, so hört sie auf, eine Tugend zu sein, geht leicht in den Geiz über und wird somit ein Laster.
GEJ|10|225|3|0|Daher ist mir so mancher, freilich nicht übertrieben mit seinen Gütern verschwenderische Mensch lieber als ein zu sparsamer; denn der verschwenderische Mensch läßt auch seinen Nebenmenschen etwas zukommen, und das Schlimme an ihm ist nur die oft zu unkluge Verschwendung seiner Erdengüter; denn dadurch stiftet er nichts Gutes, sondern mehr Schlimmes.
GEJ|10|225|4|0|Der sehr sparsame Mensch aber läßt am Ende schon gar niemandem mehr etwas Gutes zukommen, scharrt alles für sich zusammen unter dem Titel, daß man für sein Haus und seine Familie sorgen müsse. Ich aber sage dir: Das Feuer deiner Liebe zu deiner Familie sei gleich einem Lichte, das man in der Nacht anzündet; aber deine Liebe zu den Kindern anderer, armer Eltern sei gleich wie ein großer Feuerbrand, durch den weithin eine große Gegend erleuchtet wird!
GEJ|10|225|5|0|Wer das von Mir nun Ausgesprochene bei seiner haushälterischen Sparsamkeit beachtet, der wird von Mir aus in allem Glück und Segen in der Fülle haben, und solch ein Glück und solch ein Segen werden auch fortan bei seinem Hause und bei seiner Familie verbleiben, – wer aber diesen Meinen ausgesprochenen Lebensgrundsatz nicht beachten wird, der wird es erleben, daß seine Kinder und Angehörigen das von ihm mühsam Ersparte nur zu bald und zumeist auf die liederlichste Weise vergeuden werden und darauf bald mit allerlei Not und Elend zu kämpfen bekommen. Daher tue du alles nach Meiner Lehre klug und weise, und bedenke bei allem wohl die Folgen und das Ende deiner Handlung!“
GEJ|10|225|6|0|Sagte darauf der Wirt: „O Herr und Meister, ich danke Dir aus dem tiefsten Grunde meines Herzens für diese höchst weise Belehrung, und ich habe über sie um so mehr Freude, weil sie auch schon aus meiner Jugendzeit teilweise zu meinen Lebensgrundsätzen gehörte und für die Folge noch immer mehr und mehr gehören wird.“
GEJ|10|225|7|0|Sagte hierauf auch der Oberstadtrichter: „Herr und Meister, das werde auch ich mir tief ins Herz einprägen und werde das auch befolgen, daß meine Liebe zu diesem meinem Weibe und meinen Kindern zu einem wahren Lichte werden soll; aber mit meiner Liebe zu den Kindern anderer, armer Eltern will ich eine ganze Stadt in Flammen setzen, und das Licht des Brandes soll alles weit und breit hin erhellen! – Ist es also recht, Herr und Meister?“
GEJ|10|225|8|0|Sagte Ich: „Das wirst du aus deinem Handeln nach Meinem Worte gar wohl erkennen; darum handle und lebe!“
GEJ|10|226|1|1|226. — Ein Morgengruß der Kraniche. Von der Außenlebenssphäre (Aura)
GEJ|10|226|1|0|Als Ich dieses ausgeredet hatte, da flog ein großer Zug Kraniche in der Luft von Westen her in der Richtung gegen Osten, und zwar in die Sumpfgegenden des Stromes Euphrat.
GEJ|10|226|2|0|Als der ganze Zug aber gerade über uns ziemlich hoch in der Luft schwebte, da machte er gewisserart halt und fing in mannigfachen Kreisen an, sich unserem Standpunkte zu nähern.
GEJ|10|226|3|0|Da sagte der Oberstadtrichter: „Herr und Meister, das bedeutet, daß wir bald eine andere Witterung bekommen werden! Was sagst Du, o Herr und Meister, zu dieser Annahme?“
GEJ|10|226|4|0|Sagte Ich: „Also hat es der Glaube des Volkes aus der Erfahrung wohl herausgebracht; aber ob Kraniche oder keine Kraniche, so versteht es sich schon von selbst, daß in der Zeit des Spätherbstes, auf den unaufhaltsam der Winter folgt, sich die Witterung auch über etwas kürzer oder länger ändern wird. Allein für dieses Jahr soll die Witterung noch etwas längerhin also verbleiben, wie sie jetzt ist.
GEJ|10|226|5|0|Die Kraniche, die da über uns kreisen, sind diesmal keine Witterungsveränderungspropheten, sondern ihre Seelen gewahren es auch, in wessen Nähe sie sich befinden, und sie bezeigen nun Dem eine Art Ehre und bringen Ihm gewisserart einen Morgengruß, weil sie in sich gewahr werden, daß Er auch ihr Schöpfer ist.
GEJ|10|226|6|0|Sehet, ein Hund, der seinen Herrn wohl kennt und ihm sehr zugetan ist, gewahrt auch die Nähe seines Herrn, läuft ihm zu und bezeigt ihm durch allerlei Sprünge, Mienen und Schmeicheleien, daß er seinen Herrn liebhat und ihn wohl erkennt; einem Fremden aber läuft er nicht zu, und nähert sich einer seinem Herrn, so wird er vom Hunde ganz grimmig angefallen, und er folgt da niemandes Stimme als nur der seines Herrn. Wer sagt aber das dem Hunde, daß der eine Mensch sein Herr ist, und ein anderer nicht?
GEJ|10|226|7|0|Siehe, Mein lieber Freund Oberstadtrichter, das erkennt nicht das Fleisch des Hundes, sondern die schon auf einer etwas höheren Stufe der Intelligenz stehende Seele des Hundes! Wie aber?
GEJ|10|226|8|0|Sehet, der Mensch sowohl als auch die Tiere besitzen nach außen hin eine sie umgebende, zum Leben notwendige und mit ihrer Seele sehr verwandte Sphäre. Manche Menschen, die ganz einfach leben, nehmen oft auf Stunden lange hin wahr, daß sich ein ihnen bekannt gewesener, lange abwesender Freund ihnen nähert, und können sogar die Zeit bestimmen, in welcher dieser Freund bei ihnen eintreffen wird.
GEJ|10|226|9|0|Die Tiere besitzen oft in einem noch schärferen Grade das Vermögen, irgend etwas ihnen Feindliches oder Freundliches aus einer noch bedeutenden Entfernung zu wittern und wahrzunehmen. Hunde und Katzen haben dieses Vermögen in einem besonders hohen Grade. Daher magst du einen deiner Haushunde einige Tagereisen weit von dir entfernen lassen, allwo er dann freigelassen werden soll, und er wird in kurzer Zeit ohne alle Erd- und Wegkunde zu dir zurückkehren. Wer zeigt ihm denn den Weg, und nach was richtet er sich, daß er wieder zu dir kommt?
GEJ|10|226|10|0|Fürs erste zeigt ihm das deine weithin reichende Außenlebenssphäre, die er durch sein starkes Witterungsvermögen gar wohl als die deinige erkennt, obschon sie von zahllos vielen anderen durchkreuzt wird. Und zweitens: Was treibt ihn hernach zu dir? Nichts anderes als seine instinktmäßige Liebe und Treue zu dir. Daß er aber den Weg nicht verfehlt und gar wohl erkennt, ob er sich dir stets mehr und mehr nähert, das erkennt er aus dem stets minder oder mehr Dichterwerden der von dir gewisserart ausstrahlenden Außenlebenssphäre.
GEJ|10|226|11|0|Denn es verhält sich mit dieser, freilich in mehr seelischer Beziehung nur, wie mit dem Ausstrahlen eines Lichtes. Wo das Licht selbst sich befindet, da ist die Lichtausstrahlung auch am dichtesten, und je weiter und weiter vom Lichte entfernt, wird auch die Lichtausstrahlung immer dünner und schwächer, und in einer großen Entfernung wird man von einem angezündeten Lichte wohl kaum mehr etwas merken; besonders ein Mensch, der nicht ein sehr scharfes Auge hat, wird von der Ausstrahlung nichts mehr merken, wohl aber der, welcher ein scharfes Auge besitzt.
GEJ|10|226|12|0|Und so merken auch Menschen und Tiere in weite Entfernung hin die Ausstrahlungen sowohl ihnen befreundeter Menschen als auch von Tieren um so mehr, ein je schärferes Witterungsvermögen sie besitzen.
GEJ|10|226|13|0|Und siehe, Ich bin aber der Herr aller Kreatur in der ganzen Unendlichkeit und somit sicher auch der dieser Erde, – und siehe, so bezeigen Mir diese Kraniche, wie Ich dir schon gesagt habe, einen Morgengruß! Und damit du es bestätigt siehst, werden sich die Kraniche ganz in unserer nächsten Nähe befinden, und auf Meinen Wink werden sie sich dann in den Teich begeben, den Ich gestern für dich durch Meinen Raphael geschaffen habe, und werden dort auch ein Morgenmahl nehmen und sich mit einem Wasservorrat versehen, der zu ihrem Weiterfluge notwendig ist.“
GEJ|10|226|14|0|Als Ich dieses kaum ausgesprochen hatte, siehe, da ließen sich bei dreihundertvierzig Kraniche zur Erde nieder und bildeten um uns gewisserart ein Spalier und sahen nach Mir hin. Bald darauf winkte Ich diesen Tieren mit der Hand gegen den Teich hin, und sie erhoben sich und befanden sich alsbald im Teiche und zeigten durch ihr Geflüster, daß sie eine große Freude hatten über die für sie im Teiche vorhandene Kost und auch über das reine Wasser, mit dem sie sich ihre inneren Wasserbeutel füllten.
GEJ|10|226|15|0|Alle betrachteten dieses Naturspiel mit großem Wohlgefallen und priesen Meine Liebe, Weisheit und Macht.
GEJ|10|227|1|1|227. — Die Wasseraufnahme der Vögel
GEJ|10|227|1|0|Darauf fragte Mich der Oberstadtrichter: „O Herr und Meister, der Du in allen Dingen allerhöchst kundig bist, wie brauchen denn diese Vögel das Wasser zu ihrem Weiterfluge? Denn meines Wissens habe ich wohl allzeit bemerkt, daß die Vögel im Verhältnis zu ihrer Größe zehnmal mehr Wasser zu sich nehmen als ein anderes Tier, und doch lassen sie keinen Urin von sich; ich wenigstens habe es noch nie bemerkt, daß irgendein Vogel gepißt hätte, und Du hast nun gesagt, daß diese Vögel des Wassers zum Weiterfluge sehr benötigen, während ich der Meinung war, daß das Wasser sie samt der zu sich genommenen Nahrung nur mehr beschweren und somit ihren Weiterflug beschwerlicher machen werde!“
GEJ|10|227|2|0|Sagte Ich: „Ja siehe, du Mein Freund, der Meister Seiner Werke muß auch am allerbesten wissen, was sie zu ihrer zeitweiligen Erhaltung benötigen, und wie ihre Körper eingerichtet sein müssen, damit sie das verrichten können, wozu sie bestimmt sind. Über das aber, wie ein Vogel des Wassers zum Fliegen benötigt, wende dich an Meinen, wie du siehst, noch anwesenden Raphael!“
GEJ|10|227|3|0|Auf diese Worte wandte sich der Oberstadtrichter an den Raphael und bat ihn, daß er ihm darüber eine kleine Erklärung geben möchte.
GEJ|10|227|4|0|Und Raphael sagte: „Das will ich dir recht gern und in möglichster Kürze tun. Siehe, so ihr ein Lamm oder eine Ziege, ein Kalb oder auch einen Ochsen schlachtet, so nehmet ihr seine Eingeweide heraus – das heißt seinen Magen, seine Gedärme und seine Urinblase –, reinigt alle Teile in eurer Weise und blaset sie dann auf, damit sie aus- und inwendig trocken werden! Die größeren dieser Hohlorgane gebraucht ihr zu kleineren Schläuchen und Säcken, und die kleineren gebraucht ihr auch zur Aufbewahrung von allerlei Samenkörnern und noch andern kleinen Dingen.
GEJ|10|227|5|0|So du nun eine solche ausgetrocknete Urinblase oder auch einen andern Schlauch hier besäßest, so würde ich dir um so leichter zeigen, wie die Vögel zum Fliegen sich des Wassers bedienen müssen; aber ich werde schon dafür sorgen, daß zu meiner Erklärung die nötigen Hilfsmittel zu Gebote stehen werden! Und siehe, da haben wir schon einen ziemlich großen, mit Wasser gefüllten Schlauch, und in diesen Schlauch wollen wir nun einige Ingredienzien hineintun, welche die Eigenschaft in sich haben, den Kohlen- und Sauerstoff im Wasser in sich zu saugen, den reinen Wasserstoff aber frei zu machen. Und da sind auch schon die Ingredienzien, die dir sicher bekannt sind; es ist etwas Eisen, Schwefel, Kalk, Salz und Kohle.
GEJ|10|227|6|0|Nun gebe ich diese in das Wasser, – sie befinden sich nun schon im Wasser, und du vernimmst auch sogleich ein eigentümliches Sausen und Brausen im Schlauche. Nun nehmen wir eine trockene Blase her; wir werden sie mit dem leicht aufsteigenden Wasserstoff füllen, – und siehe, die eine Blase ist schon gefüllt! Nimm sie in deine Hand unten bei der Mündung, und du wirst es sogleich verspüren, wie sie nach oben zieht; und jetzt laß du sie los, und beobachte, was sie machen wird!“
GEJ|10|227|7|0|Der Oberstadtrichter tat das, und die Blase stieg alsbald überaus rasch zu einer solchen Höhe in die Luft empor, daß sie von niemandem mehr erschaut werden konnte; imgleichen ward darauf eine andere, größere Blase gefüllt und mit einem Baumzweige an der Mündung behängt, ward darauf losgelassen und flog sogleich mit gleicher Raschheit in die Höhe.
GEJ|10|227|8|0|Darauf wurden bei zwölf Blasen mit dem noch vorrätigen Wasserstoff gefüllt und an einen etwas größeren und schwereren Baumzweig gehängt, mit dem sie ebenfalls in aller Raschheit in die Höhe flogen.
GEJ|10|227|9|0|Als das Experiment beendet war, sagte Raphael zum Oberstadtrichter: „Hast du nun schon so einen kleinen Begriff, warum die Vögel sich des Wassers hauptsächlich zum Fliegen bedienen?“
GEJ|10|227|10|0|Sagte der Oberstadtrichter: „Es geht mir nun schon so ein kleines Lichtlein auf; aber das Wie, – wie sich die Vögel des Wassers zum Fliegen bedienen, ist mir natürlich noch unklar.“
GEJ|10|227|11|0|Sagte Raphael: „Siehe, jeder Vogel ist inwendig so eingerichtet, daß er von dem zu sich genommenen Wasservorrat ebensoviel des reinsten Wasserstoffes, der an und für sich eine äußerst leichte und feine Luftart ist, erzeugt, als er zum Fliegen notwendig hat, – was er aus dem Gefühle seines Instinkts auf ein Haar zu berechnen vermag. Mit diesem feinen Wasserstoff füllt er in einem Augenblick alle seine größeren und kleineren Federkiele und Knochenröhren und wird darauf so leicht wie ein Menschenhaar, welches kleine Gewicht er dann mit seinem Flügelpaare immer leicht besiegt und sich dann in die Höhe erheben kann nach seinem Belieben.
GEJ|10|227|12|0|Wenn du dieses nun so recht beachtest, so wirst du auch leicht einsehen, auf welche Art das Fliegen bei allen jenen Tiergattungen ermöglicht wird, die sich von der Erde nach ihrem Belieben in die Luft erheben können.
GEJ|10|228|1|1|228. — Über das Fliegen der Menschen
GEJ|10|228|1|0|Sagte darauf der Oberstadtrichter: „Das verstehe ich nun ganz gut, aber woher nehmen diese Tiere die zur Scheidung des Wasserstoffes – wie du sagtest – von seinem Sauerstoffe nötigen Ingredienzien her? Denn das Eisen, der Kalk, der Schwefel, das Salz und die Kohle sind doch nicht überall schon vorrätig vorhanden?“
GEJ|10|228|2|0|Sagte darauf Raphael: „Mein lieber Freund, auf der ganzen Erdoberfläche zerstreut um viele tausendmal tausend Male mehr, als alle Vögel auf der Erde in vielen tausend Jahren zu ihrem Fliegen benötigen! Die Vögel sind für sich ganz gute Mineralogen, gleichwie die Wurzeln und Äste der Bäume und Pflanzen überaus scharfsinnige und intelligente Lebensstoffkundige sind; wären sie das nicht, so würden nicht so viele Arten von Bäumen und Pflanzen auf dem Erdboden wachsen, und die Vögel würden auch nicht fliegen können. Du siehst daraus, daß ein jedes Tier, wie auch eine jede Pflanze das ihr Dienliche überaus scharf erkennt und es dann auch zu benutzen versteht.
GEJ|10|228|3|0|Betrachte einmal ein Ei! Seine Schale ist Kalk und sein innerer Gehalt, was den materiellen Teil anbelangt, besteht auch noch aus etwas Kalk, Salz, Kohle, Eisen und Schwefel. Das Wieviel von jedem kennt ein jeder Vogel genau für sich, wie auch, wo er es zu bekommen hat; denn dazu hat auch der Vogel, so wie ein jedes andere Tier und der Mensch selbst die fünf Sinneswerkzeuge, und die Pflanze hat ihre Fühlfäden sowohl an der Wurzel als auch an den Ästen. Und ich bin nun der Meinung, dir diese für Menschen schwer begreifliche Sache in aller Kürze möglichst klar gezeigt zu haben.“
GEJ|10|228|4|0|Sagte darauf der Oberstadtrichter: „Höre, du mein himmlischer Freund, so die Menschen um die Verhältnisse, das ist, um das eigentliche Wieviel von jedem der fünf Ingredienzien wüßten, so könnten sie am Ende große Schläuche mit dem Wasserstoff füllen und dann mittels so mancher mechanischer Behilfsbeigaben sich auch in die Luft erheben und gleich den Vögeln umherfliegen!“
GEJ|10|228|5|0|Sagte darauf Raphael: „Was nun nicht ist, kann dereinst noch werden! Vorderhand ist es aber um vieles besser für den Menschen, daß er leiblich nicht fliegen kann; denn könnte er auch das, so würde er bald zum größten Raubtiere auf der Erdoberfläche werden, und er würde der Kultur des Erdbodens nimmer gedenken.
GEJ|10|228|6|0|Besser ist es daher für den Menschen, so seine Seele geistig recht flügge wird, der Mensch aber seinem Leibe nach schön fein auf dem Boden der Erde verbleibt, für den er auch die leibliche Einrichtung hat. Der Mensch kommt mit seinen Füßen noch weit genug und gar oft nur zu weit; und kommt er mit seinen Füßen nicht schnell genug fort, so hat er dazu der tauglichen Tiere in Genüge, die schnellfüßiger sind als er und ihn nach einiger Abrichtung in sehr abgekürzter Zeit von einem Orte zum andern bringen können, und er kann sich auch Schiffe bauen, mittels denen er über das Meer wie auf trockenem Lande fahren kann. In der späteren Zeitenfolge aber werden die Menschen noch eine Menge Transportmittel erfinden, die mit großer Schnelligkeit von einem Ort zum andern dahinbrausen werden.
GEJ|10|228|7|0|Und jetzt weißt du, lieber Freund, von allem mehr, als du brauchst. Ich habe dir darum nun alles dieses gezeigt, auf daß du leichter erkennst, daß der Herr wahrhaft der allervollkommenste und unerreichbarste Meister in allen Seinen geschaffenen Dingen ist, und das hat dir vor allem not getan!“
GEJ|10|228|8|0|Hierauf dankte der Oberstadtrichter Mir und dem Raphael mit aller Inbrunst seines Herzens und sagte darauf: „Wahrlich, von Dir, o Herr, kann man in einer Stunde mehr lernen als sonst selbst von dem allergescheitesten Menschen durch sein ganzes Leben mit allem Fleiß; denn bei den Menschen heißt es immer: ,Bis daher, und dann aber auch um kein Haar mehr weiter!‘, bei Dir aber heißt es: ,Bis daher, und nachher noch immer bis ins Unendliche vorwärts!‘, denn Deine Weisheit, o Herr und Meister, hat keine Grenzen.
GEJ|10|228|9|0|Wir alle sind Dir für alle die uns erwiesenen rein göttlichen Gnaden auch über alle die Maßen dankbar und werden Dir auch bis ans Ende unseres diesirdischen Lebens nimmer zu danken aufhören. Herr und Meister, vergib Du uns nur unsere Schwachheit und unsere Sünden!“
GEJ|10|228|10|0|Sagte Ich: „Euch sind sie auch vergeben; doch in der Folge müßt ihr euch selbst hüten vor der Sünde!
GEJ|10|228|11|0|Nun aber wollen wir uns von hier aufmachen, in der Kürze das Morgenmahl zu uns nehmen und dann uns zur Weiterreise anschicken!“
GEJ|10|228|12|0|Darauf begaben wir uns sogleich in die Herberge, nahmen das Morgenmahl ein, und während desselben wurden noch so manche Besprechungen geführt, welche wiederzugeben Ich hier für nicht notwendig finde, weil über derlei schon ohnehin zu öfteren Malen Besprechungen vorgekommen sind.
GEJ|10|228|13|0|Nach dem kurz dauernden Morgenmahle erhob Ich Mich mit Meinen Jüngern schnell, segnete des Wirtes Haus, den Oberstadtrichter und alle, die da waren, und wir traten dann sogleich unsere Reise an.
GEJ|10|228|14|0|Der Wirt, dessen Sohn und der Oberstadtrichter begleiteten uns bei zwei Stunden Weges und verwunderten sich über die Maßen, daß sie noch immerfort ihr Land in einem guten Kulturzustande fanden.
GEJ|10|228|15|0|Am Ende der Begleitung dankten Mir alle noch einmal und kehrten dann zurück. Bei dieser Gelegenheit verschwand auch Raphael wieder, da Ich seiner nicht mehr vonnöten hatte.
GEJ|10|229|1|1|Der Herr im Jordantal
GEJ|10|229|1|1|229. — Der Herr mit den Seinen im Jordantal
GEJ|10|229|1|0|Ich aber ging mit Meinen Jüngern schnell vorwärts und gelangte gegen Mittag in einen kleinen Ort, der von lauter arabischen, armen Hirten bewohnt war.
GEJ|10|229|2|0|Es war zwar in diesem Orte keine Herberge, doch war da ein gewisser Oberhirte, dessen Hütte etwas besser bestellt war als die der andern, kleineren Unterhirten.
GEJ|10|229|3|0|Dieser Oberhirte fragte uns in seiner Sprache, wohin wir gingen, indem er sagte, daß von hier aus sich eine ziemlich lange Strecke kein Ort mehr befinde, und so wir uns stärken wollten, so möchten wir das bei ihm tun, da wir vor der Nacht nicht leichtlich wohin an einen Ort kommen könnten, in welchem wir etwas zu essen und trinken bekommen könnten.
GEJ|10|229|4|0|Sagte Ich zu ihm: „Du hast wohlgetan, daß du also in deinem Herzen für uns dachtest, und Ich nehme deinen guten Willen fürs Werk an; wir müssen aber heute noch ins Jordantal gelangen, und somit können wir uns hier gar nicht länger aufhalten.
GEJ|10|229|5|0|Sagte darauf der Oberhirte: „Wenn ihr in das Jordantal hinabkommen wollt, so führt gerade von dieser meiner Hütte ein am meisten bequemer Steig ins Tal hinab! Denn hier befindet sich die erste Quelle des Arnonbaches, und sie fällt nicht stark ab; der Weg ist daher ganz gut zu begehen, während die andern Quellen, die zusammen den Arnon ausmachen, äußerst steil abfallen und die äußerst schmalen Stege für den Wanderer sehr beschwerlich sind.“
GEJ|10|229|6|0|Sagte Ich: „Auch für diesen Rat sollst du belohnt werden, – doch weder mit Gold, Silber und Edelsteinen, sondern mit etwas anderm, was dir nützlicher sein wird als das tote, glänzende Zeug, nach dem die Menschen so sehr gieren. Siehe, dieses Landstück, das du und deine Nachbarn bewohnen, soll fruchtbar werden, und deine Herden sollen sich vermehren, auf daß du daraus erkennen wirst, daß Ich, der Ich dir das sage, mehr bin als ein gewöhnlicher Mensch!
GEJ|10|229|7|0|Reise du bei Gelegenheit in die Stadt am Nebo, und die Einwohner werden es dir sagen, wer Ich war, jetzt bin und für immer sein werde!“
GEJ|10|229|8|0|Darauf sah Mich der Oberhirte groß an und bat Mich um die Erlaubnis, Mich ins Jordantal hinabbegleiten zu dürfen, da er sehr wegkundig sei.
GEJ|10|229|9|0|Sagte Ich: „Darum hast du nicht notwendig, uns zu begleiten, indem Ich Selbst aller Wege auf dem ganzen Erdboden allerbestens kundig bin; aber deiner Freundlichkeit wegen magst du Mich schon einige Zeitlang begleiten!“
GEJ|10|229|10|0|Darauf setzten wir unsere Reise fort, und der Oberhirte dieses Ortes ging voran und führte uns einen recht guten Weg nahe ganz ins Jordantal hinab, allwo wir uns dann trennten und Ich mit Meinen Jüngern Mich im Jordantal ganz eiligen Schrittes nordwärts begab.
GEJ|10|229|11|0|Wir erreichten erst bei drei Stunden nach dem Untergange einen kleinen Ort, in welchem sich auch eine Herberge befand; und als wir zu der Herberge kamen, pochten wir an die Eingangstür derselben.
GEJ|10|229|12|0|Der Wirt kam darauf an ein offenes Fenster und fragte etwas mürrisch, was wir so spät in der Nacht wollten.
GEJ|10|229|13|0|Und Ich sagte: „Ein Meister der Herberge ist gesetzlich bemüßigt, zu jeder Stunde, auch in der Nacht, Reisende aufzunehmen und zu beherbergen!“
GEJ|10|229|14|0|Als der Wirt solches von Mir vernahm, ward er der Meinung, daß Ich etwa so ein römischer Richter sei, schloß die Tür auf, machte Licht, und wir gingen in die Herberge.
GEJ|10|229|15|0|Als wir in der ziemlich geräumigen Herberge unsere Plätze nahmen, da fragte uns der Wirt, ob wir auch etwas essen und trinken wollten.
GEJ|10|229|16|0|Sagte Ich: „Wir haben seit dem Morgen weder etwas gegessen noch getrunken; somit wirst du auch einsehen, daß wir bedürftig sind, irgendeine Nahrung zu uns zu nehmen! Du hast Brot und Wein, und das genügt.“
GEJ|10|229|17|0|Sagte der Wirt: „Ich habe auch Fleisch und Fische, wollt ihr davon etwas genießen, so kann ich es bereiten lassen; denn meine die Küche besorgenden Mägde haben sich noch nicht schlafen gelegt.“
GEJ|10|229|18|0|Sagte Ich zum Wirte: „Dein Fleisch, indem du ein Grieche bist, taugt für uns Juden nicht; denn der Schweine und der Esel Fleisch genießen wir nicht, und deine Fische aus dem Jordan sind schon bei fünf Tage alt und tot, und derlei Fische genießen wir auch nicht. Daher bringe uns nur einen ordentlichen Wein und Brot!“
GEJ|10|229|19|0|Darauf nahm der Wirt seinen Krug, ging, um den Wein zu holen, und sein Weib brachte uns Brot. Ich nahm den eben nicht gar zu großen Laib Brotes, brach ihn in Stücke und teilte diese unter die Jünger aus und behielt auch ein Stück für Mich.
GEJ|10|229|20|0|Nun kam auch der Wirt mit dem Weine, setzte vor jeglichen von uns einen Trinkbecher und füllte ihn mit Wein, der aber eben nicht von der besten Qualität war.
GEJ|10|229|21|0|Und Ich sagte zu ihm: „Du hast noch einen besseren Wein; warum hast du uns deinen schlechtesten aufgesetzt?“
GEJ|10|229|22|0|Sagte der Wirt: „Den besseren behalte ich für Römer und Griechen; für euch Juden aber ist der hinreichend gut genug! Denn alle Juden sind schlechte Zahler; darum muß man als Wirt sehen, wie man mit ihnen noch am besten darauskommt.“
GEJ|10|229|23|0|Sagte Ich darauf zum Wirte: „So nimm denn einen andern Krug und fülle ihn mit Wasser, und setze uns das Wasser vor!“
GEJ|10|229|24|0|Sagte der Wirt: „Das kann ich schon tun.“
GEJ|10|229|25|0|Der Wirt ging, brachte uns einen großen Krug voll Wassers und setzte auch noch eine für uns genügende Anzahl Trinkbecher auf den Tisch und sagte etwas mürrisch: „So euch mein Wein nicht schmeckt, so trinket in Neptuns Namen Wasser!“
GEJ|10|229|26|0|Ich aber segnete das Wasser und machte es zum Weine, wie Ich schon öfter getan hatte. Dann wurden damit unsere zweiten Becher gefüllt, und wir tranken und stärkten uns.
GEJ|10|229|27|0|Der Wirt bemerkte aber, daß uns das Wasser ganz gut schmeckte, und sagte: „Sonderbar, daß euch mein schlechtes Wasser besser zu schmecken scheint als mein Wein; denn unser Wasser ist darum nicht gut, weil wir eigentlich kein Quellwasser besitzen, sondern uns mit dem Jordanwasser begnügen müssen, das hier in der Nähe des Toten Meeres kein gutes Wasser mehr den Durstigen bietet!“
GEJ|10|230|1|1|230. — Der ungefällige Wirt
GEJ|10|230|1|0|Ich reichte dem Wirte darauf einen Becher voll des Wassers, und er verwunderte sich über alle Maßen, daß er statt des Wassers einen außerordentlich wohlschmeckenden Wein in den Mund bekam, und sagte darauf: „Soviel ich merke, seid ihr Magier und Hexenmeister; mit solchen Menschen ist nicht gut umgehen!“
GEJ|10|230|2|0|Sagte Ich zu ihm: „Mit Magiern unserer Art magst du wohl auskommen, aber mit Magiern, die dir bekannt sind, nicht so leicht; denn diese haben böse Absichten und sind voll Betruges. Ich aber bin die Wahrheit Selbst, und jede Art des Betruges ist endlos ferne von Mir. In der Folge wirst du das noch klarer einsehen als jetzt; aber nun bringe uns mehr Brot!“
GEJ|10|230|3|0|Sagte der Wirt: „Ich besitze nur einen Laib noch, und den brauche ich morgen für meine Leute, und meine Nachbarn schlafen alle, daß ich hinginge und bei ihnen einen Laib Brotes entleihete!“
GEJ|10|230|4|0|Hierauf segnete Ich die noch etlichen Stücke Brot auf unserem Tische, und wir hatten alsbald Brot in Übergenüge, und es blieb davon noch so viel übrig, daß der Wirt von den übriggebliebenen Stücken einen ganzen großen Korb anfüllen konnte.
GEJ|10|230|5|0|Dieses Wunderwerk machte ihn stutzen, und er sagte, das Wasser in den Wein verkehren, sei nicht etwas gar so Unbekanntes, denn er wisse, daß etwas Ähnliches auch die Bacchuspriester zustande gebracht hätten; aber die Vermehrung des Brotes stehe bei ihm höher. Denn wo etwas sei, könne ein Mensch, der die Geheimnisse kennt, schon etwas machen, – aber wo nichts sei, etwas schaffen, das scheine ihm göttlicher Art zu sein; denn das vermöchten nur die Götter, aber die Menschen nie und niemals!
GEJ|10|230|6|0|Sagte Ich zum Wirte: „Du bist zwar ein Grieche und hast auch mehrere Städte Griechenlands bereist; aber um die Wahrheiten, die hie und da doch noch unter den Menschen waltend zerstreut sind, hast du dich eben nicht gar zu sehr bekümmert, und als Wirt gehörst du zu den gefälligsten nicht! Du bist zwar sehr habsüchtig, aber dessenungeachtet hast du dir noch wenig Vermögen erworben. Wenn es heute nicht so spät an der Zeit gewesen wäre, hätte Ich es wohl vermieden, in deinem Hause zuzusprechen (einzukehren).“
GEJ|10|230|7|0|Sagte darauf der Wirt: „Höre, du mein sonderbarer Freund und Gast! Ich wäre dir schon auch artiger entgegengekommen, aber es war dein Benehmen gegen mich auch ein wenig von einer abstoßenden Art. Denn ich habe euch Fleisch und Fische angetragen; du aber hast darüber eine Bemerkung gemacht, die mich nicht freuen konnte. Ich konnte zwar nicht erraten, woher du wußtest, daß meine Fische nicht frisch sind, und daß ich euch auch nur Schweinefleisch aufzuwarten hätte. Deine Bemerkung war zwar richtig, aber ich mußte mich darob doch ärgern; denn das wirst du einsehen, daß sich kein Mensch – sei es ein Jude, Grieche oder Römer – gern beschimpfen läßt. Ich erkenne es jetzt wohl, daß du etwas Außerordentliches sein mußt – dein ganzes Wesen scheint von einem höheren Geiste beseelt zu sein –, aber dessenungeachtet kann ich dir in der späten Nachtzeit nur das bieten, was ich besitze. Mein einziger Fehler, den ich dir gegenüber begangen habe, wird wohl der sein, daß ich euch nicht den besten Wein aus meinem Keller vorgesetzt habe; aber diesen Fehler kann ich ja gutmachen und will dir sogleich einen Krug von meinem allerbesten Wein auf den Tisch bringen.“
GEJ|10|230|8|0|Sagte Ich: „Alles dessen ist nicht vonnöten; denn so Ich es wollte, müßten der ganze Jordan und das Tote Meer sich im Augenblick in den besten Wein verwandeln! Aber wir haben nun des Brotes und Weines zur Genüge, und somit kannst du mit uns halten und brauchst deinem Keller keinen Nachteil zu bringen!“
GEJ|10|230|9|0|Darauf setzte sich der Wirt zu uns, nahm Brot und Meinen Wein, aß und trank und ward darauf recht guten Mutes und bat Mich dabei mehrere Male um Vergebung, daß er Mir nicht mit der gehörigen Artigkeit entgegengekommen sei, indem er meine, daß Ich ein weiser Mann sei und als solcher wohl wissen werde, daß man die Unwissenheit keinem Menschen zu einem außerordentlichen Fehler anrechnen kann.
GEJ|10|230|10|0|Sagte darauf Ich: „Nun, nun, es ist schon alles wieder gut! Iß und trink, und sei heiteren Mutes; denn am morgigen Tage wirst du Mich viel unlieber weiterziehen lassen, als du Mich heute mit diesen Meinen Begleitern aufgenommen hast!“
GEJ|10|230|11|0|Darauf nahm auch Ich ein Stück Brot, bestreute es mit Salz, aß es und trank auch den Wein dazu. Meine Jünger taten das gleiche, wie auch der Wirt.
GEJ|10|231|1|1|231. — Der Herr meldet dem Wirt eine Karawane an
GEJ|10|231|1|0|Es kamen aber auch das Weib und zwei seiner Töchter zu uns ins Gastzimmer, und das Weib fragte den Wirt, sagend: „Werden diese Gäste denn keine warmen Speisen nehmen, keine Fische und kein Fleisch?“
GEJ|10|231|2|0|Sagte der Wirt: „So sie das gewünscht hätten, hätte ich es dir schon gesagt; diese Gäste begnügen sich mit Brot und Wein, und somit kannst du mit deinen Kindern dich schon zur Ruhe begeben!“
GEJ|10|231|3|0|Sagte die Wirtin: „Wir werden in dieser Nacht nicht eben gar zu viel ruhen dürfen; denn wir haben nur noch zwei Laibe Brotes, und es sind, wie ich sehe, viele Gäste hier, und die werden morgen mit den zwei Laiben Brotes nicht auskommen.“
GEJ|10|231|4|0|Sagte der Wirt: „Da macht euch denn an eure Arbeit, und sehet, daß wir morgen ein gutes Brot haben!“
GEJ|10|231|5|0|Darauf aber sagte Ich: „Lasset unsertwegen das Brotbacken stehen; denn solange wir hier verweilen, werden wir am Brote keinen Mangel haben! Nimm aber etliche Stücke Brot vom Tische und gib sie deinem Weibe und deinen zwei Töchtern, und fülle auch drei Becher mit Meinem Wein und gib ihnen zu trinken!“
GEJ|10|231|6|0|Das geschah denn auch, und das Weib und die beiden Töchter konnten sich über die Güte des Weines nicht genug verwundern und fragten den Wirt, woher er denn den Wein genommen habe; denn sie wüßten nichts von einem gar so guten Wein in des Wirtes Keller.
GEJ|10|231|7|0|Der Wirt aber sagte: „Davon wollen wir morgen reden, – die Gäste haben den Wein mitgebracht; gehet aber hinaus und saget es meinen Knechten, daß sie für den morgigen Tag frische Fische herbeischaffen sollen!“
GEJ|10|231|8|0|Als das Weib und die Töchter das vernahmen, dankten sie für den Wein, wie auch für das Brot, nur konnte das Weib nicht recht begreifen, wo wir so viel Brot hergenommen hatten, indem der ganze große Tisch noch voll Brotes war, und das Weib meinte, ob der Wirt etwa das Brot von einem Nachbar entliehen habe.
GEJ|10|231|9|0|Der Wirt aber sagte: „Das geht dich gar nichts an, – morgen wirst du es schon erfahren; für heute aber tue das, was ich dir gesagt habe!“
GEJ|10|231|10|0|Darauf verließ uns das Weib mit ihren beiden Töchtern, und wir hatten Ruhe vor einem weiteren Weibergefrage.
GEJ|10|231|11|0|Als der Wirt durch den Wein so recht gemütlich geworden war, da fragte er Mich, woher Ich mit Meinen Gefährten gekommen sei, und wohin Ich etwa weiterreisen werde.
GEJ|10|231|12|0|Und Ich sagte zu ihm: „Auch davon sollst du morgen mehreres erfahren; soviel aber magst du wissen, daß Ich von oben her gekommen bin und nun nach dem Jordantale bis in die Nähe von Jerusalem hinaufziehen werde.“
GEJ|10|231|13|0|Der Wirt war mit diesem Bescheid zufrieden und fragte Mich, ob Ich Mich mit Meinen Gefährten bald zur Ruhe begeben werde.
GEJ|10|231|14|0|Sagte Ich: „Deine Stühle um den Tisch herum sind äußerst bequem, und wir bleiben sonach alle bei diesem Tische sitzen und werden so auch unsere Nachtruhe nehmen!“
GEJ|10|231|15|0|Sagte der Wirt: „Wie ihr es wünschet, sollt ihr es auch haben! Ich besitze aber auch ganz gute Ruhebetten; ziehet ihr aber diese Stühle vor, so ist mir auch das recht.“
GEJ|10|231|16|0|Sagte Ich zu ihm: „Ich weiß wohl, daß du auch Ruhebetten besitzest, und das in rechter Menge; aber du wirst diese Ruhebetten heute noch brauchen, – denn in einer Stunde wird eine kleine Karawane über Jericho herüberkommen und wird ebenfalls Herberge bei dir nehmen. Du magst dich daher vorsehen; denn Ich sage dir keine Unwahrheit.“
GEJ|10|231|17|0|Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da begab er sich schnell in die Küche und hinterbrachte das seinem Weibe, und das Weib geriet darüber in eine ordentliche Verzweiflung wegen des Brotmangels.
GEJ|10|231|18|0|Der Wirt aber kam bald zurück und sagte Mir, daß sein Weib in eine große Verlegenheit gekommen sei, da sie nur noch zwei Laibe Brotes im Vorrate habe.
GEJ|10|231|19|0|Ich aber sagte zum Wirte: „So gehe denn hinaus in deine Brotkammer und sieh nach, ob du nicht mehr als zwei Laibe Brotes im Vorrat hast!“
GEJ|10|231|20|0|Da ging der Wirt schleunigst hinaus, denn er ahnte, daß Ich etwa seine zwei Laibe ebenso vermehrt habe wie das Brot auf dem Tische. Und als er in die Brotkammer kam, fand er dieselbe voll angefüllt mit dem besten Brote.
GEJ|10|231|21|0|Solches zeigte er sogleich seinem Weibe an, das vor lauter Erstaunen die Hände über dem Kopfe zusammenschlug und den Wirt fragte, was Ich denn für ein Mensch wäre, daß Ich aus nichts so viele Laibe Brotes in einem Augenblick herschaffen könne, und ob es wohl geheuer sein werde, solch ein hergezaubertes Brot zu essen.
GEJ|10|231|22|0|Sagte der Wirt: „Hast du doch schon zuvor im Zimmer vom gleichen Brote gegessen samt den zwei Töchtern, und es hat euch das Brot nicht geschadet, sowenig wie mir und den sonderbaren Gästen, die alle das wundersame Brot aßen und noch essen; daher sei du ganz unbesorgt! Gehet aber in das anstoßende zweite große Gastzimmer und richtet daselbst alles in die Ordnung für die bald ankommenden Gäste; zündet Lichter an, auf daß die Ankommenden sogleich in ein wohlerleuchtetes Gastzimmer treten können! Wenn sie sich werden an die Tische gesetzt haben, dann bedienet sie ordentlich; denn ich werde mich nicht mit den Neuankommenden viel abgeben können, da ich bei den ersten Gästen verbleibe und sie nötigenfalls auch bediene!“
GEJ|10|232|1|1|232. — Des Wirtes Urteil über die Juden
GEJ|10|232|1|0|Hierauf kam der Wirt wieder zu uns, fiel vor Mir auf die Knie nieder und sagte: „O du edler Menschenfreund, du weilst noch kaum eine Stunde hier und hast mich schon zu deinem Schuldner gemacht! Du mußt ein großer Prophet unter den Juden sein, die dich aber sicher nicht erkennen; denn nach meiner Beurteilung sind die Juden, besonders in ihren Städten, das schlechteste Volk, und soviel ich weiß, so verfolgen besonders ihre über alle Maßen stolzen Priester alle die großen Männer, die unter ihnen aufgestanden sind, und halten einen jeden gemeinen Juden, der sich mit einem Römer oder Griechen abgibt, für einen Sünder, – aber der Griechen und Römer Gold verachten sie nicht, was mir nur zu wohl bekannt ist!“
GEJ|10|232|2|0|Sagte Ich: „Darum habe Ich dir gesagt, als du Mich fragtest, von wo Ich hergekommen sei: von oben. Du verstehst zwar dieses noch nicht, wirst es aber schon noch verstehen; aber dieses verbrämte Priestergeschlecht in den meisten Städten und Märkten dieses einst so gelobten Landes ist eine Schlangenbrut und ein Natterngezücht und ist nicht von oben her, sondern Ich sage es dir: von unten! Verstehst du, was das heißt: von unten!?“
GEJ|10|232|3|0|Sagte der Wirt: „Liebster Freund und vielleicht der allermerkwürdigste Mann, der mit seinen Füßen je den schmutzigen Boden dieser Erde betreten hat, mir geht jetzt so ein kleines Lichtlein auf: du bist einer der größten Propheten aus deinem Volke! Aber als Freund rate ich dir, ja nicht nach Jerusalem hinaufzugehen; denn du wirst es wohl selbst am besten wissen: ein schlechteres Menschenpack gibt es auf der ganzen Erdoberfläche nicht, als eben diese Jerusalemer sind samt ihren Priestern und ihrem Pachtkönige Herodes, von dem wir Griechen nicht begreifen können, wie die sonst so weisen Römer an solch einen Menschen haben ein Reich, wie dieses Judäa ist, verpachten können.
GEJ|10|232|4|0|Siehe, ich bin ein Makedonier und habe Gelegenheit gehabt, mich in der großen Bücherkammer von Alexandria umzusehen! Ich wählte darauf den Militärstand und kam in den verschiedenen kleinen und größeren Feldzügen sogar bis nach Indien, darauf nach Afrika bis an die Herkulessäulen, und in Europa kam ich so weit, daß ich vor lauter Eis beinahe erstarrt wäre, und Britannien habe ich ebenfalls betreten, und zwar von Gallien aus, – aber, lieber Freund, ich versichere dir, daß ich nirgends so ein Hundevolk angetroffen habe wie in Jerusalem.
GEJ|10|232|5|0|Siehe, von hier aus kann ein mäßiger Fußgänger in drei Stunden bis ans Ufer des Toten Meeres gelangen! Von diesem Meere sagt man, daß es einst durch die Macht des großen Gottes der Juden mittels eines Feuerregens aus den Himmeln und infolge eines ungeheuer großen Erdbebens zehn Städte verschlungen habe samt Menschen und Tieren; aber ich möchte alles darauf wetten, daß jene unglücklichen, im Toten Meere begrabenen Menschen doch unmöglich schlechter haben sein können als das über alle Maßen stolze und hochtrabende Volk von Jerusalem.
GEJ|10|232|6|0|Laß du die Götter heruntersteigen vom Olymp oder den großen Gott der Juden aus seinen Himmeln, und ich stehe dir dafür, daß die Jerusalemer ihn anpissen und am Ende gar steinigen werden!
GEJ|10|232|7|0|Ich bin ein grauer Kriegsmann, aber ich bin allzeit ein Freund von großen und außerordentlichen Männern gewesen, obschon ich eigentlich nie ein besonderer Götterverehrer war; aber jeder große Mann war für mich gewisserart ein Gott.
GEJ|10|232|8|0|Aber mit wem soll ich diese Jerusalemer vergleichen? Als Soldaten sind sie die schlechtesten, – als Menschen sind sie aber noch um tausendmal schlechter! Daher wirst du mir auch gehörig vergeben können, daß ich mich gleich nach deiner Ankunft hier über die Juden sicher nicht am besten habe äußern können. Denn ich kannte dich vorher nicht näher, hielt dich auch so halbwegs für einen Jerusalemer; allein du hast mir durch deine Worte und deine Taten bewiesen, daß du ein ganz anderer bist.
GEJ|10|232|9|0|Siehe, dieser Ort besteht aus ungefähr siebzig Insassen, lauter Griechen! Ein einziger Jude hat einmal auch einen Anteil besessen, dem wir aber seinen Anteil um einen ziemlich hohen Preis darum abgekauft haben, damit wir in unserem kleinen Orte völlig judenfrei wurden, und wir leben jetzt in größter Eintracht untereinander; solange aber der Jude unter uns war, verstand er alles durcheinanderzubringen.
GEJ|10|232|10|0|Wir treiben Schaf-, Rinder- und Schweinezucht. Die letztere gedeiht hier besonders gut in der Nähe des Jordans und gewährt uns einen ganz bedeutenden Ertrag. Um die Schweine aber vor den Raubtieren zu schützen, benötigen wir auch eine bedeutende Anzahl von sogenannten Schweinehunden. Ich selbst besitze deren vierzehn an der Zahl, – aber ich versichere dir, mein edelster, wunderbarer Freund: der schlechteste meiner Schweinehunde ist um vieles besser als die Jerusalemer! Ich will gerade nicht alle Jerusalemer damit meinen – denn es mag ja auch irgendeinen bessern und edlern darunter geben –, aber mir ward das Glück nicht zuteil, je mit einem solchen zusammenzukommen, und somit warne ich dich als ein welterfahrener Mensch vor Jerusalem und seinen Bewohnern.“
GEJ|10|232|11|0|Sagte Ich: „Morgen wollen wir mehreres darüber sprechen, und Ich sage dir, daß du nicht unrecht hast; aber jetzt wird die von Mir angesagte Karawane sogleich ankommen, und du siehe, daß du sie beherbergen wirst!“
GEJ|10|233|1|1|233. — Weitere Urteile des Wirtes über die Juden
GEJ|10|233|1|0|Der Wirt ging vors Haus, um zu sehen, ob die Karawane ankomme, und richtig brauchte er nicht lange zu warten, so kam auch die Karawane, auf Kamelen und Eseln reitend, an, und es waren auch des Wirtes Knechte bei der Hand, um die Kamele und Esel zu versorgen samt dem Packwerk, mit dem sie beladen waren.
GEJ|10|233|2|0|Die Menschen aber traten ins Haus, und der Wirt führte sie sogleich ins zweite Zimmer und sagte zu ihnen: „Hier sind schon die Diener; was ihr wünschet, mit dem werdet ihr auch bedient werden!“
GEJ|10|233|3|0|Dann begab sich der Wirt sogleich wieder zu uns heraus und sagte zu Mir: „O du mein wundersamer, liebster Freund! Mit diesen jetzt angekommenen Gästen werde ich mich nicht soviel abgeben; denn ich habe sie gleich erkannt, da sie Kaufleute aus Jerusalem sind, in deren Gesellschaft sich auch drei Leviten befinden, die auch Handel treiben.
GEJ|10|233|4|0|Sagte Ich: „Ich hätte dir das schon im voraus sagen können; aber es wäre dir das nicht angenehm gewesen. Da du aber jetzt weißt, mit wem du es zu tun hast, so wirst du auch wissen, wie du mit diesen Menschen umzugehen hast, um mit ihnen möglichst gut auszukommen.“
GEJ|10|233|5|0|Sagte der Wirt: „Die können auch meine noch vorrätigen Fische verzehren, die gerade nicht schlecht sind, weil sie gleich nach dem Fange gebraten und gut gesalzen worden sind; dann haben sie Brot und Wein, und damit werden sie sich schon begnügen müssen. Ich besitze wohl auch geräuchertes Schaf- und Ziegenfleisch; wenn sie es haben wollen, kann auch davon für sie etwas zubereitet werden, obschon die Juden das geräucherte Fleisch nicht genießen, besonders wenn sie unter sich sind, – wenn sie aber zu uns Heiden kommen und so recht hungrig sind, da essen sie alles, gleich was wir ihnen vorsetzen mögen.“
GEJ|10|233|6|0|Sagte Ich: „Das werden sie auch jetzt tun, und du hast wohl daran getan, daß du sie in ein anderes Zimmer gesteckt hast!“
GEJ|10|233|7|0|Der Wirt ging nun in die Küche und sagte es seinem Weibe, was sie den neu angekommenen Gästen zu geben habe.
GEJ|10|233|8|0|Das Weib aber hatte schon ihre Fische auf einem Rost über die Kohlen gelegt und war mit der Herrichtung beschäftigt.
GEJ|10|233|9|0|Es kam aber einer dieser Gäste in unser Zimmer, um mit dem Wirte zu reden, ob er keinen besseren Wein habe.
GEJ|10|233|10|0|Sagte der Wirt: „Hier in der Nähe des Toten Meeres wächst kein besserer, und so müßt ihr euch schon mit dem begnügen.“
GEJ|10|233|11|0|Der Gast aber bemerkte, daß Jericho auch in der Nähe des Toten Meeres liege, und doch hätten sie dort einen vortrefflichen Wein zu trinken bekommen.
GEJ|10|233|12|0|Sagte der Wirt: „Dieser Ort hier ist kein Jericho, und wir haben auch nicht das Vermögen dazu, unsere Keller mit dem vortrefflichen Cypernweine zu versehen! Daher müssen wir uns schon mit dem begnügen, was unser kleines Landstückchen uns als Ernte bescheidet (beschert)!“
GEJ|10|233|13|0|Als der Gast einsah, daß er mit dem Wirte nichts ausrichten konnte, da begab er sich wieder zu seinen Gefährten in sein Gastzimmer.
GEJ|10|233|14|0|Nachdem dieser sich wieder bei seinen Gefährten befand, da sagte der Wirt zu Mir: „Ich habe schon besseren Wein, und es tut mir nun leid, daß ich ihn dir und deinen Gefährten aus demselben Grunde vorenthalten habe, aus dem ich ihn nun diesen zweiten angekommenen Gästen vorenthalte. Aber dies versteht sich leicht von selbst, – denn ich hielt auch euch für Juden; daß ich aber mit den Juden durchaus kein Freund sein kann, davon habe ich euch den Grund dargetan. Aber ich habe von eurer Seite nur zu bald erkannt, daß ihr wohl dem Äußern nach dem Judengeschlechte angehöret; aber euer Inneres scheint weit erhaben zu sein über das gegenwärtige Judentum.
GEJ|10|233|15|0|Ah, die alten Juden noch unter der Zeit ihrer Richter waren ganz andere Menschen, als diese nun sind! Ich bin auch ein wenig bewandert im Altertume der Juden; aber die gegenwärtigen Juden sind schlechter als schlecht! Sie geizen nur nach irdischen Schätzen und irdischem Ansehen und lassen dabei ihren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs samt den alten Propheten – wie man zu sagen pflegt – ganz gute Wesen sein; aber ich bin der Meinung, daß auch nicht einer von den besonders hohen Jerusalemern mehr an einen Gott oder an einen Propheten glaubt. Ich gehöre zwar auch nicht zu jenen Menschen, die irgend zu besonders an eine oder die andere Gottheit glauben, aber ich habe immer vor der Wahrheit jener Weisen Ägyptens und Griechenlands die gerechte Hochachtung, weil ich durch solche Wahrheit erst zu einem Menschen geworden bin.
GEJ|10|233|16|0|Ich habe mich zwar auch schon dann und wann mit euren Propheten abgegeben, aber sie dann wieder auf die Seite gelegt, weil sie mir zu unverständlich waren; denn der althebräischen Sprache, und noch weniger ihrer Schrift, bin ich weniger mächtig als der griechischen Sprache, in der ich geboren bin. In diese meine Muttersprache aber sind diese hebräischen Werke noch nicht übersetzt, sondern nur bruchstückweise in die römische, und somit ist es begreiflich, daß ich in der altjüdischen Weisheit überaus schwach bewandert bin.
GEJ|10|233|17|0|Nur eines ist mir – soviel ich verstanden habe – aufgefallen, und das besteht darin, daß die Juden auf irgendeinen neuen König hoffen, der mit großer Macht und Kraft kommen und für die Juden ein großes, mächtiges und unbesiegbares Reich gründen wird. Aber ich bin der Meinung, daß dieser von den Juden erhoffte König noch sehr lange wird auf sich warten lassen, und sie werden sich die römische Oberherrschaft auch noch so hübsch lange hin gefallen lassen müssen.
GEJ|10|233|18|0|Es wäre auch ewig schade, so sich irgend aus dem tiefen Asien heraus ein weiser und mächtiger Held erheben möchte, um das Judengesindel von der römischen Oberherrschaft zu befreien. Ich weiß zwar nicht, ob ich recht habe oder nicht, – aber meine Vernunft, die ich den griechischen Weisen zu verdanken habe, wie auch mein so ziemlich aufgehellter Verstand sagen es mir, daß ich über dieses Volk ein rechtes Urteil fälle!
GEJ|10|233|19|0|du, lieber Freund, bist offenbar weiser als ich und wirst mir hoffentlich nicht völlig unrecht geben; denn wie ich schon ehedem bemerkt habe, so ist dieses Volk ganz dazu geeignet, jedes dasselbe beherrschende Oberhaupt am Ende vom Throne zu stürzen und es zu steinigen! Und ich habe dich daher auch aufmerksam gemacht, ja nicht nach Jerusalem zu gehen und dich mit deiner wunderbaren Weise erkenntlich zu machen; denn dieses Volk zu Jerusalem kann niemanden brauchen, der irgend ersichtlich weiser wäre als dieses hochmütige Volk selbst.
GEJ|10|234|1|1|234. — Der Herr zeugt von Sich und Seiner Sendung
GEJ|10|234|1|0|Sagte Ich zum Wirte: „Du hast wohl ganz recht in deinem Urteil, aber du mußt auch bedenken, daß du im andern Gastzimmer Jerusalemer zu Gästen hast, und ob dich nicht einer geheim behorcht und dir dann allerlei Anstände und Verdrießlichkeiten macht!“
GEJ|10|234|2|0|Sagte der Wirt: „Dessen sei du, lieber, wundersamer Freund, völlig unbesorgt, denn die meisten Jerusalemer von Stand und Ansehen kennen mich schon und wissen recht gut, daß ein römischer Krieger vor ihnen keine Furcht hat! Ich habe ihnen schon ganz andere Wahrheiten ins Gesicht geschleudert, und sie mußten sie einstecken, da sie wohl wußten, mit wem sie es in mir zu tun hatten. Und somit werde ich vor diesen etlichen zwanzig Juden auch keine Furcht an den Tag legen, denn ich besitze noch mein Schwert, mit welchem ich mich getraue, hundert von diesen Jerusalemischen Feiglingen jählings in die Flucht zu schlagen!“
GEJ|10|234|3|0|Sagte Ich: „Ich kenne wohl die Biederkeit, Gerechtigkeit und den Mut der Römer, wie auch die beinahe schon bis an das Unbegrenzte reichende Falschheit der Juden, namentlich der Templer zu Jerusalem, – aber dennoch bleiben die letzteren das erwählte Volk des allein wahren Gottes, an den ihr Römer auch glaubet, da ihr diesem allein wahren Gott einen Tempel erbaut habt und habt ihm den Namen gegeben: der Tempel des unbekannten Gottes. Dennoch aber bleibt, wie gesagt, das jüdische Volk das von diesem allein wahren Gott schon von Uranbeginn der Menschheit dieser Erde erwählte Volk Gottes.
GEJ|10|234|4|0|Aber das sage Ich dir auch, daß dieser Titel diesem Volke bald genommen werden wird und wird gegeben werden euch Heiden. Dieses jetzt so groß und hochmütig tuende Volk wird in alle Welt zerstreut werden, und es wird kein Land und keinen König aus seinem Stamme besitzen bis ans Ende der Zeiten.
GEJ|10|234|5|0|Ich weiß, daß Mich dieses Volk über alles haßt und verfolgt, und dennoch werde Ich nach Jerusalem hinaufziehen müssen und werde Mich ihrem großen Haß und Zorn gegen Mich nimmer entziehen können und wollen, und das Opfer, das durch Mich dargebracht wird, wird für alle Menschen der Erde das Tor in das Reich Gottes auftun.
GEJ|10|234|6|0|Bis jetzt herrschte noch immer der alte Tod und die Sünde, durch die der Tod in die Welt gekommen ist, durch das Gesetz, das zu allen Zeiten dem Menschen gegeben wurde; nach Meinem Opfer aber wird herrschen das Leben durch die Lehre Dessen, der geopfert wird, durch die vollste Freiheit des Glaubens.
GEJ|10|234|7|0|Jedermann, der da die Wahrheit suchen wird, wird da dieselbe leicht und sicher finden und wird dadurch in sich haben das freieste, ewige Leben.
GEJ|10|234|8|0|Ich bin einer der Ersten, der diese Lehre in die Welt gebracht hat. Ich kam zu den Meinigen, aber diese haben Mich nicht erkannt und haben Mich nicht aufgenommen, sondern sie verfolgen Mich noch allenthalben auf allen Wegen und Stegen, – daher werde Ich aber auch Mein Angesicht von ihnen abwenden und euch Heiden zuwenden.
GEJ|10|234|9|0|Du bist ein Heide, und Ich bin ein Jude, – dennoch bin Ich bei dir eingekehrt mit Meiner ganzen Jüngerschar, und wie du weißt, habe Ich dir nur Gutes getan, und was Ich dir getan habe, das habe Ich schon vielen deines Stammes getan und werde es fortan tun bis ans Ende der Zeiten!“
GEJ|10|234|10|0|Sagte darauf der Wirt: „Aus diesen deinen Worten, wundersamer Meister, weht ein sonderbarer Geist, und es kommt mir so vor, daß du bei weitem mehr bist als irgendein Prophet des jüdischen Volkes, von denen ich auch schon viel Großes gelesen habe! Auch diese Propheten wirkten mehr oder weniger Wunderzeichen; doch von der Art, wie du sie gewirkt hast, habe ich nie etwas gehört. Auch fehlte ihnen dein Wort, denn so wie du redest, sprach auch nicht einer von ihnen. Die zwei größten der altjüdischen Propheten waren offenbar Moses und Elias. Sie brachten eine große Lehre aus dem Geiste Gottes in ihnen unter die Menschen in diese Welt und wirkten auch Zeichen, die groß waren; allein gegen dich erscheinen sie doch nur als ganz kleine Menschen, die ihren Nebenmenschen das gegeben haben, was sie selbst empfangen haben.
GEJ|10|234|11|0|Bei dir scheint es aber ganz anders zu sein; denn du sprichst wie aus dir selbst und handelst wie aus ganz eigener, in dir wohnender Kraft und Macht. Die andern Propheten mußten bitten ums Wort und um die Machtgabe zur Tat, – du brauchst nicht zu bitten, sondern handelst wie ein Herr, der niemanden zu bitten braucht, daß ihm ein höheres Gottwesen das Wort einhauche und ihn stärke zur Tat.
GEJ|10|234|12|0|Siehe, du wundersamer Meister, ich als ein viel erfahrener, alter römischer Krieger habe diese Bemerkung (Beobachtung) an dir gemacht, und ich glaube, daß ich mich in meinem Urteil über dich nicht im geringsten getäuscht habe; ich möchte darum von dir selbst aus deinem Munde vernehmen, was du über dich selbst aussagst!“
GEJ|10|234|13|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund, dazu ist der morgige Tag bestimmt; du wirst Mich dann näher kennenlernen, sowie auch deine Nachbarn! Ich will aber heute in dieser Hinsicht nichts reden wegen der Pharisäer und andern Juden, die in dem Nebengastzimmer gegenwärtig sich noch mit Brot, Wein und andern Speisen ihre Bäuche voll anstopfen, die so ganz eigentlich ihre Götter sind; denn keiner von ihnen glaubt mehr an den allein wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, und weil sie an Den nicht glauben, so glauben sie auch Moses und den Propheten nicht, und an Mich nun um so weniger! Daher tun wir nun am besten, daß wir noch Wein nehmen, Brot und etwas Fleisch, jeder nach seinem Bedürfnis, und so wir schon dazwischen etwas reden, so reden wir mehr über so manche anderen Dinge und lassen das, was Mich betrifft, für heute beiseite!“
GEJ|10|234|14|0|Mit dem war der Wirt einverstanden und füllte unsere Becher mit Wein, und wir nahmen darauf wieder etwas Brot und etwas Fleisch und tranken dazu den Wein.
GEJ|10|235|1|1|235. — Die Entstehung des Toten Meeres
GEJ|10|235|1|0|Während solcher unserer leibstärkenden Beschäftigung fragte Mich dennoch wieder der Wirt, ob Ich ihm nichts Näheres über die sonderbare Natur des Toten Meeres sagen könnte, und ob es wohl wahr sei, daß an seiner Stelle in der alten Zeit mehrere Städte bestanden hätten, die dann durch eine sonderbare Fügung in die Tiefe der Erde eingesunken seien und an deren Stelle sich dann dieses Tote Meer gebildet habe.
GEJ|10|235|2|0|Sagte Ich: „Du hast ein richtiges Thema gewählt, und es hat dieser bedeutend große See seit jener Zeit den Namen ,Totes Meer‘ erhalten, weil in seinem Grunde zwei große Städte, Sodom und Gomorra, und noch sieben andere, kleinere Städte samt allen ihren Bewohnern und Tieren begraben liegen.
GEJ|10|235|3|0|Zu jener Zeit hatte der Jordan eine ganz andere Richtung und ergoß sich in das wirkliche Meer, und zwar in den Arabischen Meerbusen, der auch das ,Rote Meer‘ genannt wird. Aber in der Zeit Abrahams und Lots geschah diese Katastrophe durch den Willen des einen, allein wahren und allmächtigen Gottes, und das Stromgebiet des Jordans selbst hat eine tiefere Einsenkung bekommen, als sie zuvor war; und so ergießt sich der Strom Jordan nicht mehr in den Arabischen Meerbusen, sondern in das Tote Meer.
GEJ|10|235|4|0|Wenn du oder jemand anders mit einem gehörigen (geeigneten) Schiff die Ufer dieses Meeres befahren würdest zu einer Zeit, in welcher der See keine Dämpfe von sich gibt, so würdest du noch etwelche Überreste der kleineren Städte unter dem Spiegel des Wassers erblicken; aber wie gesagt, die Ufer dieses Sees dürfen nur dann befahren werden, wenn sich auf der Oberfläche des Wassers kein Dunst zeigt.“
GEJ|10|235|5|0|Sagte der Wirt: „Also ist doch wahr, was der Prophet Moses über die Entstehung dieses Meeres in seinen Büchern spricht! Es haben mir wohl schon mehrere Reisende, die dieses Meer auf verschiedenen Punkten bereist haben, erzählt, daß sie von den hohen und steilen Ufern, welche diesen See umgeben, ein gewisses Mauerwerk wollen gesehen haben; ich selbst aber habe bis jetzt noch nie mit den Umgebungen des Toten Meeres irgend etwas zu tun gehabt. Was sollte man da auch zu tun bekommen? Denn so weit das Auge reicht, erblickt man nichts als hohe Felsenklippen, die gegen den See hin sehr steil abfallen und so tot – das heißt, ohne irgendeine Bewachsung – sind wie der See selbst, in welchem man nicht einmal beim Einfalle des Jordans einen Fisch mehr zu entdecken imstande ist.
GEJ|10|235|6|0|Es sollen nur sehr wenige Stellen sein, wo man mit vieler Mühe hinab bis zum Wasserspiegel gelangen kann, der gleichfort einen starken Schwefelgeruch von sich lassen soll, und somit habe ich denn auch nie eine besondere Lust gehabt, die Natur dieses toten Meeres näher zu besichtigen. Jäger bin ich keiner, und sonst wüßte ich nicht, warum ich als ein alter Mann mich der Gefahr aussetzen sollte, die steilen Klippenufer dieses Sees zu besteigen, die mitunter eine ziemliche Höhe haben; die Flachufer aber, an denen man sich dem See leichter nähern kann, liegen ein paar Tagereisen weit von hier und gehören schon zum steinigen Arabien. Und somit glaube ich lieber deiner Aussage in der Ruhe, denn ich bin kein Freund des Todes, und somit auch nicht des Toten Meeres. Ich hatte Gelegenheit, das wirkliche, große Meer zu befahren und zu genießen, das mir Anstände genug gemacht hat, und somit wird dieses Tote Meer von mir schon verschont bleiben!
GEJ|10|235|7|0|Was war aber eigentlich die Ursache, aus der der allein wahre, große Gott diese Städte hat in die Tiefe der Erde versinken lassen?“
GEJ|10|235|8|0|Sagte Ich: „Nichts anderes als der Ungehorsam gegen den allein wahren, großen Gott, der dieses Volk zu öfteren Malen sehr ernstlich gemahnt hatte, von seiner großen Sündhaftigkeit abzulassen und seine sündige Wohnstätte zu verlassen, weil das Ganze auf einem tief in der Erde lagernden Schwefellager gelegen war und die Gottheit wohl wußte, wann es sich entzünden wird.
GEJ|10|235|9|0|Allein das Volk blieb in seiner großen Sündhaftigkeit, bei Hurerei und Schwelgerei aller Gattung, und achtete der göttlichen Mahnung nicht, bis auf den Lot und seine kleine Familie. Und siehe, es kam in dem ganzen, weiten Umkreis des Toten Meeres zu den gewaltigsten Feuerausbrüchen, so wie du sie schon in der Gegend Italiens und Siziliens gesehen hast, und das ganze Firmament war voll Feuers, so daß dasselbe über alle die Städte in einem dichtesten Regen herabzustürzen anfing, bestehend in brennenden Schwefel- und Erdpechklumpen.
GEJ|10|235|10|0|Diese Feuerszene dauerte über vierzehn Tage lang. Dadurch wurde unter der leichten Erddecke dieses Landstückes ein hohler Raum gebildet, und das Land stürzte mit allem, was es trug, in die feurige Tiefe hinab, die erst nach und nach mit dem Wasser des Jordans und einiger kleiner Bäche ausgefüllt wurde. Wäre das nicht geschehen, so wäre auch das ganze Jordantal in den inneren Brand geraten und eingesunken; denn auch dieses ganze Tal ruht auf Schwefel und Erdpech. Und somit habe Ich dir jetzt in der Kürze alles natürlich enthüllt, was du im Moses in weiterer Umfassung gelesen hast!“
GEJ|10|236|1|1|236. — Die Entstehung des Kaspischen Meeres
GEJ|10|236|1|0|(Der Herr:) „So du dich nach dem Jordantale aufwärts begeben würdest und gingest sogar über das Gebirge von Kleinasien, da würdest du an einen sehr großen See kommen, den ihr Römer MARE CASPIUM nennt. Dieser überaus große See ist zu den Zeiten Noahs oder, wenn du es leichter begreifen kannst, zu den Zeiten Deukalions auf eine gleiche Art entstanden wie das Tote Meer, nur mit dem Unterschied, daß im Toten Meere eigentlich nur neun Städte begraben liegen, im MARE CASPIUM aber bei fünfhundert samt der damaligen überaus großen Stadt Hanoch.
GEJ|10|236|2|0|Siehe, Mein lieber Freund, du wirst zwar sagen: ,Warum hat denn dieses Gott zugelassen, daß vertilgt ward beinahe das ganze Volk der Erde?‘!
GEJ|10|236|3|0|Ich sage dir aber dagegen: Gott hat die Menschen, besonders damals die Hanochiten, bei fünfhundert Jahre lang durch geweckte Propheten und sogar durch Engel aus den Himmeln belehren und ermahnen lassen, daß sie dies und jenes nicht tun und namentlich die Berge der Erde in Ruhe lassen sollten; allein ihr starrer Sinn und ihr übergroßer Hochmut hat der Ermahnungen nicht geachtet.
GEJ|10|236|4|0|Die Hanochiten hatten eine Art Sprengkörner erfunden, machten in die Berge tiefe Löcher, füllten diese mit den Sprengkörnern und zündeten sie mittels fortlaufender Brandfäden an. Die Sprengkörner explodierten und zerrissen die Berge. Die Hanochiten wußten aber nicht, daß unter den Bergen sich oft überaus große und tiefe Wasserbehälter befinden. Die zerstörten Berge, da sie keinen Halt hatten, stürzten dann bald in diese großen und tiefen Bassins hinab und trieben dafür große Massen Wasser auf die Oberfläche der Erde. Andernteils wurden bei dieser Feuertätigkeit auch die in den Bergen vorhandenen Schwefel-, Kohlen- und Pechlager brennend, machten dann auch in der Ebene großartige Feuerausbrüche, wodurch dann das Erdreich samt allem, was auf ihm stand, versank und an seiner Stelle dann ein Meer entstand.
GEJ|10|236|5|0|Es ist leicht begreiflich, daß bei dieser Gelegenheit eine übergroße Masse Wasser aus dem Innern der Erde hervortreten mußte, und mit dem Wasser auch eine große Dunst- und Wolkenmasse, die sich in eine gewisse Höhe erhob und als wolkenbruchartiger Regen, über zwölf Monate lang andauernd, herabstürzte, was im höchsten Grade notwendig war, weil sonst im Verlauf von mehreren Jahren die ganze Oberfläche der Erde in Brand geraten wäre; denn bei zweitausend Klaftern Tiefe, und manchmal viel weniger, gibt es Brennmaterialien zur Übergenüge, so Schwefel, Erdpech und Erdkohle, wie auch hie und da ganz überaus große Naphthabassins.
GEJ|10|236|6|0|Daher wirst du, mein lieber Freund, auch einsehen, daß in jener Zeit eine der allergrößten Überschwemmungen der Erde, das heißt des größten Teils von Asien, im höchsten Grade notwendig war; denn sonst würde nun der größte Teil der Erde eine Wüste sein, wie auch das nun der Fall ist von dem Mare Caspium aus bis nahe ans östliche Ende von Asien durch eine Strecke von zweitausend Stunden in der Länge und bei fünfhundert Stunden im Durchschnitt in der Breite.
GEJ|10|236|7|0|Gott der Herr aber sorgte dafür, daß die Erde nicht zerstört werden solle, damit die Menschen nicht um ihr Schulhaus kommen, in welchem sie für das ewige Leben durchgeschult werden, – denn wer nicht die Schule des Lebens im Fleische auf dieser Erde durchgemacht hat, der kann nicht zur Kindschaft Gottes gelangen, sondern bleibt ewig auf der geschöpflichen Stufe der Tiere.
GEJ|10|236|8|0|Daher ist, wie selbst begreiflich, die Erhaltung dieser Erde als des Schulhauses zur Erwerbung der Kindschaft Gottes allerhöchst notwendig. Dies wirst du zwar jetzt noch nicht ganz verstehen, jedoch wir werden morgen wieder auf dieses Thema kommen, und dann wirst du es verstehen!“
GEJ|10|236|9|0|Sagte der Wirt: „Mein lieber, freundlichster, wundersamer Meister! Es geht in mir jetzt etwas vor wie in einem, der frühmorgens ausgeht und dem die ersten Strahlen der Morgendämmerung den Weg zu erleuchten anfangen. Wir haben unter den Römern ein uraltes Sprichwort, welches also lautet: ,Es besteht und bestand auf der ganzen Erde kein großer und weiser Mann ohne einen göttlichen Anhauch!‘; du aber scheinst sogar von der Gottheit der Allerangehauchteste zu sein, was soviel sagen will als: In dir wohnt die ganze Fülle der wahren Gottheit körperlich!“
GEJ|10|236|10|0|Sagte Ich: „Dieses hat dir dein Fleisch nicht gegeben, sondern dein Geist! – Jedoch heute wollen wir auch über dieses Thema nichts Weiteres reden; denn diese Pharisäer fangen an, einer um den andern ihre Ohren zu spitzen, weil sie uns reden hören. Daher rede du wieder von etwas anderem, was gleichgültiger Natur ist!
GEJ|10|237|1|1|237. — Die Frage des Wirtes nach dem Grund der Zerstörung Babylons und Ninives
GEJ|10|237|1|0|Hier dachte der Wirt eine Zeitlang nach und sagte endlich: „Mein lieber, wundersamer Freund, der Du erfüllt bist mit aller Kraft und Macht aus der allein wahren Gottheit! Weil Du durch Deinen Willen alles schaffen kannst, was Du willst, gib mir doch einen kleinen Aufschluß, warum es der Gott der Juden, den ihr für den einen und allein wahren haltet, zugelassen hat, daß Städte wie Babylon und Ninive derart zerstört wurden, daß man jetzt nicht einmal mehr bestimmen kann, wo sie gestanden sind!
GEJ|10|237|2|0|Warum hat denn da die Gottheit zugelassen, daß solche Werke des menschlichen Fleißes vernichtet wurden. Es ist wohl wahr, daß auch diese Menschen als Bewohner dieser Städte nicht viel weniger werden gesündigt haben als die Sodomiter, – aber was ist denn eigentlich die Sünde?
GEJ|10|237|3|0|Sie ist nichts anderes als eine Handlungsweise gegen irgend bestehende Gesetze, von denen ein jeder Mensch in einem Lande entweder gar keine oder nur eine schwache Kenntnis besitzt, und es ist auch ganz in der Ordnung, daß ein Volk der notwendigen bürgerlichen Ordnung wegen Gesetze haben muß.
GEJ|10|237|4|0|Zu den Gesetzen gehört aber auch die entsprechende Erziehung, – aber in welchen Händen steht oft die Erziehung! Wer ist der erste Erzieher der Kinder? Es sind das die Eltern, die zum größten Teil, mit Ausnahme der Sprache und einigen Erfahrungen, ebenso dumm sind wie ihre neugeborenen Kinder; die Kinder aber wachsen auf ohne alle Kenntnis, Wissenschaft und Erfahrung.
GEJ|10|237|5|0|Im Staate bestehen zwar Gesetze, von denen aber so aufgewachsene Kinder nichts wissen, und das ist der Fall in den Städten wie auf dem Lande, und in den Städten oft noch mehr als auf dem Lande.
GEJ|10|237|6|0|Nun aber sind dergleichen Menschen mit sehr vielen Leidenschaften, wenig Vernunft und wenig Verstand behaftet; jene Leidenschaften üben daher die größte Kraft über sie aus, und derlei Menschen frönen dann ihren Leidenschaften und sündigen wider die bestehenden Gesetze, von denen sie keine Kenntnis haben.
GEJ|10|237|7|0|Je länger solch ein Volk besteht, desto dümmer wird es, und desto mehr wird gesündigt, und die Machthaber eines solchen Volkes, so wie die Priester, leben dann stets zufriedener, je dümmer das Volk wird, und niemand kümmert sich um die Erziehung der Menschheit, auch die allmächtige Gottheit nicht; wenn aber solche Menschheit sich einmal so recht zu Tode gesündigt hat, so läßt dann die Gottheit Gerichte von unten und von oben kommen.
GEJ|10|237|8|0|Wäre es denn nicht noch weiser, wenn die Gottheit schon beim Entstehen eines solchen Volkes die gleiche mächtige Sorge für eine zweckmäßige Erziehung des Menschen tragen würde, derzufolge die Menschen wüßten, woran sie sind, und woran sie dann auch zu bleiben hätten?
GEJ|10|237|9|0|So aber sieht man nichts als das ewige Strafen auf der Erde, und die vom Gottesgeiste begabten Lehrer kommen erst dann, wenn die Menschen schon so arg geworden, daß sie nicht mehr zu bessern sind.
GEJ|10|237|10|0|Daß derlei Menschen dann ausarten, auf dem Lande wie in den Städten, ist selbstverständlich und bedarf keiner weiteren Erläuterung, und der von Gott begeisterte Prophet und Lehrer kann mit einem so verdummten Volke keine Wunder mehr wirken. Höchst wenige bessere Menschen werden ihn anhören und seine Lehre annehmen; der allergrößte Teil der Menschen aber wird ihn ergreifen und töten.
GEJ|10|237|11|0|Siehe, Du mein lieber, wundersamer Freund, da kann ich denken, wie ich will, und ich finde eine solche Vernachlässigung in der Erziehung der Menschen, die von einer höchst weisen und mächtigen Gottheit zugelassen wird, nicht völlig in der Ordnung! Ihre Gesetze mögen immerhin höchst weise sein; was nützt aber das, so die Menschheit im allgemeinen nie zu ihrer intensiven Kenntnis gelangt?
GEJ|10|237|12|0|Warum ist denn im römischen Staat mehr Ordnung als überall? Weil die römische Regierung dafür sorgt, daß ihre sehr weisen Gesetze jedem Römer bekanntgemacht werden, und das so lange, bis er eine Prüfung ablegen muß, in der er bezeugt, daß er die nötige Kenntnis der Staatsgesetze hat. Denn man bekommt erst dann das römische Bürgerrecht, so man sich bei den Prüfungen ausweist – in den Städten sowohl als auf dem Lande –, daß man die nötigen Gesetzeskenntnisse innehat.
GEJ|10|237|13|0|Das sollte nach meiner Ansicht auch bei allen andern Völkern eingeführt sein; aber so läßt man sowohl von der göttlichen als auch staatlichen Seite zu, daß die Völker oft unter das Tierreich verwildern, darauf nicht anders als nach ihren Leidenschaften handeln können und statt besser immer schlechter und noch finsterer werden und dann Sünden und Verbrechen ohne Zahl und Maß begehen. Und wenn sie in solcher Lebensweise den höchsten Kulminationspunkt erreicht haben, so kommen dann die Strafen von oben und von unten, und es werden dann Städte und Völker aus dem Dasein vertilgt. Mit dieser Erziehungsweise der Menschen bin ich durchaus nicht einverstanden!
GEJ|10|237|14|0|Daher fragte ich, warum es die Gottheit zugelassen hat, daß Städte, wie Babylon und Ninive, so ganz aus dem Dasein verschwunden sind. Die Menschen müssen zwar ohnedies sterben, ohne zu wissen, was ihnen der Tod beschert hat; aber die Wohnorte und der durch die Menschen kultivierte Erdboden haben doch nichts verschuldet, daß sie samt der sündigen Menschheit aus dem Dasein haben verschwinden müssen!
GEJ|10|237|15|0|Wenn nun wieder ein Volk auf die Welt kommt, so muß es von vorne wieder anfangen, sich Wohnungen zu erbauen und den Landboden zu kultivieren, und bei dieser Arbeit hat solch ein Volk auch wieder keine Ruhe, sondern es wird in einem fort mit allerlei Feinden von oben und von unten bedroht, auf daß es sich ja in der wahren, reinen Sittlichkeit und Tugend nie völlig entfalten kann.
GEJ|10|237|16|0|Wir Römer hier in diesem Flecken, zumeist aus lauter alten Kriegern bestehend, haben uns soweit, als es dem Menschen überhaupt möglich ist, entfaltet und haben auch unseren Kindern eine solche Erziehung gegeben, daß sie in unserer Weise lange fortleben können, vielleicht Jahrhunderte hindurch, so uns wer dafür gutsteht, daß dies unser kleines Landfleckchen nicht von was immer für Feinden bedroht und zerstört wird, – was die allmächtige Gottheit wohl verhindern könnte, so sie es wollte, aber sicher nicht verhindern wird!
GEJ|10|237|17|0|Und so wirst Du, lieber, wundersamer Freund, mit Deiner viel tieferen Weisheit, als die meinige ist, wohl einsehen, daß es auf dieser mageren Erde wohl recht verzweifelt schwer ist, ein rechter Mensch zu sein. Es wäre dies zwar eben nicht zu schwer, so von der allmächtigen Seite eines wahren Gottes dafür gesorgt würde, daß alle Menschen rechte Menschen wären! Aber so läßt die Gottheit zu, daß die Menschen sich schon lange zuvor bis auf den Grund verderben; dann erst erweckt sie unter solch einem Volke mehrere weise Lehrer und Propheten, und diese sollen das Volk zur alten Sittenreinheit und Tugend zurückführen, wie solches auch aus der Urgeschichte des jüdischen Volkes zu ersehen ist.
GEJ|10|237|18|0|Als das israelitische Volk unter der Herrschaft der Pharaonen schon recht entsittlicht war, da erst erweckte die Gottheit einen Moses, der es von allen seinen Sünden und Unarten befreien sollte. Ich aber frage: Warum hat denn die Gottheit nicht früher einen weisen Moses im israelitischen Volke erweckt, als dasselbe noch besser und gefügiger war?
GEJ|10|237|19|0|Siehe, Du mein lieber, wundersamer Freund, ich und auch meine Nachbarn haben darüber oft nachgedacht und miteinander gesprochen; aber keiner von uns konnte auf diese Frage eine nagelfeste und wahre Antwort geben. Darum habe ich diese Frage mit allen Bedenken nun Dir vorgetragen und bin der zuversichtlichen Meinung, daß Du mir darauf eine rechte Belehrung wirst geben können.
GEJ|10|238|1|1|238. — Die Trägheitspest
GEJ|10|238|1|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund, du hast hier eine ganz gute und richtige Frage gestellt; aber eines hast du dabei vergessen, und das besteht darin, daß Gott auf dieser Erde weder die Erde selbst, noch alles, was sie enthält, für eine ewige Dauer erschaffen hat und auch nicht hat erschaffen wollen und können!
GEJ|10|238|2|0|Auf dieser Erde ist alles veränderlich und vergänglich, und sie ist nur der Übergangspunkt aus dem Urgerichte und Tode zum wahren, ewigen beständigen Leben.
GEJ|10|238|3|0|Die Gottheit könnte freilich mit ihrer Allmacht dahin wirken, daß der Mensch gleich den Pflanzen und den Tieren in einer gewissen Ordnung bestehen müßte, – allein dann wäre der Mensch nicht mehr Mensch; denn er hätte von selbst weder eine Vernunft noch einen Verstand, noch einen freien Willen. Da aber die Gottheit dieses nicht wollte aus den höchst weisesten Gründen, so gab sie dem Menschen Vernunft, Verstand und freien Willen, dadurch auch die Fähigkeit der Gottähnlichkeit darin, sich geistig selbst zu bilden und zu vollenden.
GEJ|10|238|4|0|Daß die Menschheit in der Erziehung vernachlässigt worden ist, für die aber die Gottheit schon uranfänglich allerbestens gesorgt hat, daran schuldet die Trägheit der Menschen. Wenn es noch jetzt unter den Menschen gleich dir und deinen Nachbarn biedere und rechtliche Menschen gibt, – warum sind denn nicht alle so wie ihr? Weil sie träge sind! Darum hat die Gottheit auch solche großen Städte vertilgen lassen, weil in ihnen die Trägheit und durch sie die Entsittlichung aller Art überhandzunehmen angefangen hatte.
GEJ|10|238|5|0|Wären die Städte und ihre Bewohner wie ihr geblieben, so hätte die Gottheit keine Feinde wider sie gesandt, sondern sie erhalten. Daß sie aber vertilgt worden sind, hatte den Grund, damit durch ihre Trägheitspest am Ende nicht alles Volk der Erde verpestet und verdorben würde.
GEJ|10|238|6|0|An weisen Lehrern unter diesen Völkern hat es aber die Gottheit zu keiner Zeit ermangeln lassen, und durch sie sind auch noch viele in diesen Städten lebende bessere Menschen gerettet worden; aber die zu trägen mußten am Ende samt ihren Wohnungen hinweggeräumt werden.
GEJ|10|238|7|0|Eine weise Regierung, die auf eine gute Ordnung durch ihre Gesetze etwas hält, wird den mutwilligen Übertreter des Gesetzes sicher auch zur Rechenschaft und Züchtigung ziehen, – soll denn die Gottheit, wenn sie auch noch so gut und langmütig ist, irgendein zu sehr entartetes Volk nicht auch züchtigen und es mit der gerechten Rute aufwecken aus der zu großen Trägheit und es hinlenken zur Tätigkeit?
GEJ|10|238|8|0|Du wirst dieses wohl einsehen, daß es notwendig ist; beherzige vor allem des Menschen vollkommen freien Willen, gegen den die Gottheit nicht hemmend auftreten kann, so wirst du alles in deiner ziemlich gedehnten Frage verstehen und einsehen! Denn siehe, auf einer Erde, auf welcher ein Mensch nicht in alle größten Laster versinken kann durch seinen freien Willen, durch seine Vernunft und durch seinen Verstand, kann sich der Mensch auch nicht bis zur höchsten und gottähnlichen Tugend erheben!
GEJ|10|238|9|0|Wenn du dieses in dir ein wenig überdenkst, so wirst du über alle deine Fragepunkte heller werden –, denn siehe: Tiere, Bäume und Pflanzen zu erschaffen und zu erziehen, ist für die Gottheit ein leichtes, aber nicht ein so leichtes ist die Erziehung der Menschen; die kann sie nur belehren, aber ihnen keinen inneren Zwang antun! Verstehest du dieses?“
GEJ|10|238|10|0|Sagte der Wirt: „In der Hauptsache bin ich jetzt schon im reinen; aber es gibt freilich noch eine ziemliche Menge kleiner Nebendinge, über die man nicht sogleich ins klare kommen kann.“
GEJ|10|238|11|0|Sagte darauf Ich ganz kurz: „Mein Freund, wer einmal in der Hauptsache ins klare kommen kann, der wird es auch in den Nebendingen werden! Morgen werden wir aber davon noch weiter sprechen, Mein lieber Freund, denn es ist jetzt nicht die Zeit, davon weiter zu reden, weil die Pharisäer ihre Ohren wieder an die Wand legen und sie in Mir und in dir ein paar Weise vermuten. So werden wir noch morgen unsere Not mit ihnen haben; darum sollst du nun über etwas ganz Gleichgültiges deinen Mund auftun, und wir wollen darüber eine Zwiesprache führen!“
GEJ|10|238|12|0|Sagte der Wirt: „Mein lieber, wundersamer Freund, es ist wahrlich recht schwer, gerade dann, wenn man es möchte, etwas so recht Gleichgültiges zum Vorschein zu bringen. Wir Römer sind überhaupt mehr nachdenkender, ernster und forschender Natur, und es kostet uns wahrlich mehr Mühe, etwas ganz Gleichgültiges ans Tageslicht zu fördern als etwas Ernstes, mit der wahren Würde eines Römers zu Vereinbarendes. Weil Du es aber einmal so haben willst, so will ich versuchen, ob ich nicht etwas aus mir hervorbringe, daran wahrlich nicht viel gelegen ist, ob so oder so.
GEJ|10|239|1|1|239. — Eine Kritik der mosaischen Speisevorschriften
GEJ|10|239|1|0|(Der Wirt:) „Warum essen denn die Juden kein Schweinefleisch, das doch offenbar besser ist als das Hammelfleisch? Warum hat ihnen solches Moses untersagt? Wir Römer verstehen es, uns das Fleisch der Schweine wohl zuzubereiten, essen es, und wir werden älter als die Juden.
GEJ|10|239|2|0|Ich meine, mit diesem Verbot hat sich der gute Moses mit diesem Volke einen Witz gemacht. Er, ein in alle ägyptischen Geheimnisse eingeweihter Mann, hat es wohl eingesehen, daß seine Stammesgenossen in Ägypten lauter Schweine geworden sind, und wir Römer machen uns darüber lustig und sagen: Moses hat eingesehen, daß dieses Volk bis in die größte Tiefe der Tiefen der Unflätigkeit herabgesunken ist, und damit es nicht noch unflätiger würde, solle es das Schweinefleisch nicht essen, weil es ohnehin schon unflätiger war als das unflätigste Schwein selbst. Und ich meine, daß da Moses ganz recht hatte; denn dieses Volk in Ägypten hatte keinen andern Sinn als den, in einem fort zu fressen. Es war am Ende schon gar kein Tier mehr vor seiner Freßgier sicher.
GEJ|10|239|3|0|Moses aber hatte doch als selbst Jude Erbarmen mit diesem Volk und hatte alles angeordnet, um dieses Volk zur früheren Gesundheit und Nüchternheit zurückzuführen; denn er, als ein in allen ägyptischen Wissenschaften und Geheimnissen eingeweihter Mann, verstand sich wohl darauf, was er zu tun hatte, um sein in jeder Hinsicht ganz herabgekommenes Volk in jeder Beziehung zu retten, machte demnach auch eine Vorschrift, was es essen und nicht essen dürfe.
GEJ|10|239|4|0|In Ägypten war, wie schon früher bemerkt, kein Tier vor ihrer Freßgier sicher, alle Vögelgattungen der Luft, alle Tiergattungen auf der Erde und alle Tiergattungen des Meeres waren nicht sicher, während die alten Israeliten und auch die alten Ägypter nichts zu sich nahmen als nur das Fleisch der Kühe, Kälber, Ochsen und Stiere, der Hühner, der Lämmer und Ziegen, einige Gattungen der besten Fische, Brot und Wein, und sie blieben vollkommen gesund dabei. Würden die alten Ägypter und auch die alten Hebräer so wie wir Römer es gewußt haben, wie man das Schweinefleisch herzurichten hat, damit es der leiblichen Gesundheit nicht schadet – und so auch das Fleisch verschiedener anderer Vögel und auch Tiere, wie da sind Hirsche, Rehe, Gazellen und Hasen –, so würden sie auch gesund dabei geblieben sein, so wie wir.
GEJ|10|239|5|0|Allein Moses war der Erziehung nach ein Ägypter und hatte denn auch bei seinem Volke, nachdem er es aus den Krallen des Pharao gerettet hatte, den Speisezettel eingeführt, der beim Hofe des Pharao, an dem er gelebt hatte und erzogen wurde, gang und gäbe war. Er hatte zwar diesem Speisezettel – unter uns gesagt, mein lieber, wundersamer Freund – einen divinativen (göttlichen) Anstrich gegeben, weil er selbst mit der Gottheit in einer innigsten Verbindung gestanden habe, und sagte sogar, daß ein Mensch sich verunreinige auch in seiner Seele, der eine andere Speise zu sich nähme, als die er vorgeschrieben habe. Das hat er wohl deswegen getan, um sein Volk desto beharrlicher in der Nüchternheit zu erhalten; er hatte aber dennoch danach in der arabischen Wüste über vierzig Jahre zu tun, bis er es dahin durchgeschult hatte, daß es nur bei diesen ihm vorgeschriebenen Speisen stehenblieb.
GEJ|10|239|6|0|Aber er hatte damit wahrlich nicht viel gewonnen, wie wir Römer es beurteilen; denn er hatte es zu sehr und zu strenge an die Haltung der äußeren Normen gewöhnt und in den Glauben versenkt, daß man vor einer höchst reinen, lieben und allmächtigen Gottheit schon völlig genug getan habe, wenn man nur die äußeren Gesetze beachtet, – und ich muß Dir offenbar sagen, mein lieber, wundersamer Freund, daß er seinem Volke dadurch keine ganze, sondern nur eine halbe Wohltat erwiesen hat.
GEJ|10|239|7|0|Das Beste waren die Gesetze, die er gegeben hat, durch die er das Volk wieder mit seinem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bekannt gemacht hat.
GEJ|10|239|8|0|Was aber den sogenannten Speisezettel sowie die uralte, wieder aufgefrischte Beschneidung betrifft, so hat er nach meiner Ansicht damit eben nicht das Beste gewirkt; allein er hatte im ganzen einen guten Willen und hat sich bei diesem Volke als sein Befreier sicher ein ewiges Denkmal gegründet. Hätte er aber sein Volk mit der Weisheit der alten Ägypter mehr bekannt gemacht, als er es getan hat, so hätte er dadurch einen besseren Zweck bei seinem Volke erreicht als mit dem Verbot, das wohlzubereitete Schweinefleisch zu genießen.
GEJ|10|239|9|0|Und das scheint, wie es mir vorkommt, auch die Ursache gewesen zu sein, daß dieses israelitische Volk, wie in dieser gegenwärtigen Zeit, gar so tief herabgesunken ist. Was würdest denn Du, wundersamer Meister, hinsichtlich dessen, was ein Mensch genießen oder nicht genießen darf, den Menschen für einen Rat erteilen?“
GEJ|10|240|1|1|240. — Ernährungswinke. Die Mängel der Prophetengesetze
GEJ|10|240|1|0|Sagte Ich: „Gerade den, den du nun ausgesprochen hast! Was zum Munde hineingeht, so es frisch und gut zubereitet ist, verunreinigt den Menschen nicht und schadet bei mäßigem Genuß auch seiner Gesundheit niemals; nur von dem Fleische der erstickten Tiere, wie es bei manchen Heiden gebräuchlich ist, soll der Mensch nichts genießen, weil im Blute der Tiere gewisse ungegorene Naturgeister walten, die für die menschliche Natur so gut wie Gift sind und daher auch das Blut beim Menschen verunreinigen, ihn nur zu bald krank und zu seinen Geschäften unfähig machen.
GEJ|10|240|2|0|Siehe, der Wein, so er ausgegoren ist und sich von aller Unreinigkeit gereinigt hat, ist für jedermann zu seiner leiblichen Stärkung innerlich wie äußerlich bestens zu empfehlen! So aber jemand den neuen Most trinkt, aus dem die unlauteren Naturgeister noch nicht entwichen sind durch den Akt der Gärung, so ist dies Getränk für den Menschen schädlich; daher soll man nur einen alten und reinen Wein trinken und den Most so lange stehen lassen, bis er sich gehörig gereinigt hat und zum wenigsten zwei bis drei Jahre alt geworden ist.
GEJ|10|240|3|0|Daß Moses bei seinem Volke gewisse Fehler begangen hat, so wie auch sein Bruder Aaron, das weiß Ich sehr wohl; daher kamen auch beide nicht ins Gelobte Land. Aaron kam bis an den Berg Hor, durfte das Gelobte Land sehen, dann sich auf den Berg niederlegen und sterben. Moses kam auf den Berg Nebo, sah auch das Gelobte Land und mußte darauf sterben. Du, Mein lieber Freund, kennst beide Berge, weil sie in deiner Nähe sind!
GEJ|10|240|4|0|Moses hatte, wie gesagt, mit vieler Weisheit besonders den Stamm Levi, der beständig um ihn war, bereichert; die andern Stämme aber ließ er mehr in der Roheit und beherrschte das Volk mitunter sogar tyrannisch, ohne daß ihm dazu die Gottheit gerade Gebote gegeben hätte, und dafür hat er denn auch von der Gottheit eben nicht gar zu selten Zurechtweisungen bekommen.
GEJ|10|240|5|0|Es war aber dasselbe auch mit allen andern Propheten der Fall; denn nicht einer von ihnen hatte eine so rechte Freude an seinem Berufe, und die Gottheit mußte stets mit allerlei Mitteln als Korrektor hinter ihnen stehen und sie zur Tat förmlich zwingen. Aber siehe, es ist das in dieser Welt schon so gang und gäbe, aus dem Grunde, weil die Gottheit selbst dem weisesten Propheten den freiesten Willen, seine Liebe, seine Vernunft und seinen Verstand nicht wegnehmen kann und darf; denn sonst würde er zu einem toten Werkzeuge herabgestimmt werden.
GEJ|10|240|6|0|Die Gottheit zwingt den Propheten zwar mit ihrem allmächtigen Geiste in jenen Momenten seiner Tätigkeit, die Gott von ihm fordert, streng nach dem Willen der göttlichen Weisheit zu reden, zu schreiben und zu handeln, – aber darauf läßt sie ihn wieder ganz frei, und er kann dann tun und handeln, wie er will, und bei dieser Gelegenheit kann dann der Prophet auch Fehler begehen gleich wie ein jeder andere Mensch. – Hast du dieses verstanden, Mein lieber Freund?“
GEJ|10|241|1|1|241. — Die Unvollkommenheit des menschlichen Wissens
GEJ|10|241|1|0|Sagte der Wirt: „Ja, Du wundersamer Meister, diese Deine kurze Antwort auf meine ziemlich gedehnte Frage war mir verständlicher denn die frühere; aber ich muß mich auch dabei eines Spruches der alten Weisen erinnern, demnach unter der Sonne nichts Vollkommenes existiert, alles menschliche Erfahren, Wissen und Erkennen ein Stückwerk ist, und daß eben derjenige, der es durch seinen Fleiß dahin gebracht hat, vieles zu wissen, am Ende einsehen wird, daß der Mensch, so er auch alles gelernt, gesehen und erfahren hat, erst dann am weisesten wird, so er zu der Einsicht gekommen ist, daß er eigentlich gar nichts weiß, – denn alles weiß nur ein göttlicher Geist, der Mensch aber nur so viel, als ihm dieser Geist, gewisserart ihn anhauchend, mitteilen will.
GEJ|10|241|2|0|Es ist aber auch zu einer tieferen Ausbildung des Menschen sein Leben viel zuviel veränderbar und zu kurz. Ist der Mensch noch jung und kräftig, so ist er mit allerlei Leidenschaften behaftet, mit guten und schlechten, denen er frönt und sich daher sehr schwer zu einem reineren Lichte aus dem Geiste Gottes erheben kann; unter tausend vielleicht kaum einer, der davon eine Ausnahme macht. Endlich wird der Mensch älter und kommt zu einer etwas geläuterten Ansicht; allein da wird er schon oft kränklich, müde und träge, hält sich bloß an die äußeren Gesetze und Formen und läßt dabei den göttlichen Geist ein gutes Wesen sein. Er erreicht, wenn es gut geht, sechzig, siebzig, auch achtzig Jahre; aber in diesen alten Tagen denkt er schon immer an den Tod, wird mutlos und kraftlos, und ein intensives Sich- Beschäftigen mit dem Geiste Gottes ist ihm oft gar nicht mehr möglich.
GEJ|10|241|3|0|Und so steht es mit der wahren Weisheit unter den Menschen immer schlecht, und das aus den früher angeführten drei Gründen. Ja, wenn ein Mensch in der wahren Manneskraft zum wenigsten dreihundert Jahre alt werden könnte, so stünde es mit der wahren Weisheit unter den Menschen auch sicher besser als jetzt; aber so kann er infolge seiner kurzen Lebenszeit hie und da etwas erhaschen, aber das Erhaschte nie in einen vollkommenen Zusammenhang bringen, weil ihm dazu die nötige Lebenszeit mangelt.
GEJ|10|241|4|0|Zu Alexandrien besteht eine der größten Büchersammlungen, in denen eine große Menge in allen Fächern des menschlichen Erfahrens und Wissens aufgezeichnet ist. Wo befindet sich aber ein Mensch, der so lange lebte, daß er diese Bücher nur einmal in seinem Leben durchlesen möchte? Und so müssen wir besseren Menschen uns denn stets mit unserem alten Spruche: SAPIENTI PAUCA SUFFICIT begnügen und vertrösten, und ich bin der Meinung, daß sich mit diesem Grundsatze auch alle noch so großen Weisen dieser Erde haben begnügen und vertrösten müssen.
GEJ|10|241|5|0|Ich habe als Krieger doch gar viele Länder der Erde durchwandert, bin aber nirgends an irgendein Ende gekommen und habe auch nichts von allem verstanden, was ich gesehen habe. Ich habe mir wohl Erfahrungen und Bilder in meinem Gedächtnisse gesammelt, aber was nützen sie mir, wenn ich nicht verstehe, was sie sind, wie sie entstanden sind und zu welchem Zweck?
GEJ|10|241|6|0|Daß gewisse gute Früchte zum Essen sind, daß in manchen Kräutern eine heilsame Kraft waltet, und daß das Gras zur Nahrung für jene Tiere dient, die wir die grasfressenden nennen, daß das Holz zur Feuerung, wie auch zum Bau der Häuser und Hütten dienlich ist, das wissen die Menschen aus der Erfahrung; aber viel weiter darüber hinaus wissen die Menschen im allgemeinen sicher nicht! Und somit erscheinen mir die Menschen auch stets als die beklagenswertesten Geschöpfe einer allmächtigen Gottheit, ob sie nun in der tiefsten Nacht ihres Aberglaubens leben oder als höchst gefeierte Weise auf dem Erdboden umherwandeln, indem sie alle zusammen nicht wissen, warum sie eigentlich auf diese Erde ohne ihr Wissen und Wollen gesetzt worden sind, – und ich meine, Du Selbst als ein überaus weiser und wundersamer Meister wirst mir da nicht unrecht geben!
GEJ|10|241|7|0|Daß es nach dem Abfalle des Leibes mit der Seele des Menschen irgendein Fortkommen und Fortbestehen haben müsse, darin sind alle Weisen der Erde, die ich kennengelernt habe, einig; aber wie geartet dieses sei, darüber besteht bis jetzt noch keine Einigung.
GEJ|10|241|8|0|Du wirst sicher in diesem Punkte auch vielleicht eine der weisesten Ansichten innehaben; aber wenn man damit die Ansichten aller andern Weisen vergleichen wird, so wird sie sich mit den Ansichten der andern Weisen nicht vereinigen lassen. – Habe ich recht oder nicht?“
GEJ|10|242|1|1|242. — Die Toleranz der Römer
GEJ|10|242|1|0|Sagte Ich: „Mein lieber Freund, in der weltlichen Anschauungsweise der Menschen hast du vollkommen recht, aber in der geistigen durchaus nicht; denn für den Geist gibt es nur eine alleinige Wahrheit, und diese besteht darin: den einen, wahren Gott erkennen, Ihn über alles lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. Dies ist besser als alle diese Wissenschaft der Erde, und dazu ist das Menschenleben immer lang und gut genug.
GEJ|10|242|2|0|Wer in diese eine Wahrheit eingeweiht wird durch den Geist der Liebe in seinem Herzen aus Gott, der wird auch in kürzester Zeit mehr Weisheit und Wissenschaft in sich besitzen als alle Büchersammlungen auf der ganzen Erde, wofür Ich dir bürgen kann. Aber heute ist nicht die Zeit dazu, um dich in dieser Sphäre weiterzuführen; morgen aber sollst du in allem, besonders aber in dieser Sphäre, näher eingeweiht werden, – und wirst du in dieser Sphäre vollends eingeweiht sein, so wirst du um wenig andere Dinge mehr zu fragen haben!“
GEJ|10|242|3|0|Während Ich und der römische Wirt solches miteinander besprachen, machte ein Pharisäer die Tür auf und trat ins Zimmer, trat sogleich an unseren Tisch und sagte: „Meine Freunde, es fehlen noch eine und eine halbe Stunde nach unserer Sanduhr bis zur Mitternacht, und da wir euer Gespräch vernommen haben über Moses und die Propheten und über noch allerlei andere Dinge, und wir Pharisäer auch wissen, daß die Römer nicht selten sehr gescheite und erfahrene Menschen sind und unsere jüdischen Geschichten nicht selten besser verstehen als wir selber, so habe ich mir die Freiheit genommen, zu euch hereinzugehen, um hier mit euch auch hie und da ein Wörtchen zu reden. Ihr könntet mich zwar einer besonderen Keckheit beschuldigen; aber ich weiß, daß die Römer artige Menschen sind und auch einen Pharisäer reden lassen werden, wenigstens fragend, wenn auch nicht belehrend!“
GEJ|10|242|4|0|Das war dieses Pharisäers Rede.
GEJ|10|242|5|0|Sagte der Wirt: „Wir Römer hören alles an, was jemand hervorbringt – vorausgesetzt wir merken, daß in seiner Rede Geist und Verstand vorhanden ist –, und sind auch eines jeden Menschen Freunde, der es überhaupt mit uns sowie auch mit allen andern Menschen redlich meint, und er hat in unserer Gesellschaft auch das Recht zu reden, ob er ein Grieche, Jude, Araber, Perser oder Indier ist.
GEJ|10|242|6|0|Aber eure Begriffe zu Jerusalem über den wahren Wert und über die wahre Würde der Menschen sind von den unsrigen oft himmelhoch verschieden; denn ihr haltet alle Menschen, die nicht euch gleich Erzjuden sind, für von eurem Gott verachtete Sünder. Wir Römer sind von solch einem Grundsatze überaus weit entfernt; denn bei uns heißt es: ,Lebe ehrbar, gib jedem das Seinige, und beschädige niemanden!‘ – In dieser Denkungs- und Handlungsweise ist uns demnach jeder Mensch gleich, aus welcher Gegend der Erde, ob nah oder fern, er auch her sei. Wir halten niemanden für einen Sünder, außer Diebe, Räuber und Mörder und den auch, der mutwillig wider das Gesetz handelt.
GEJ|10|242|7|0|Was übrigens aber den Glauben an irgendeinen Gott betrifft, so lassen wir jeden Menschen bei seinem Glauben, ob im selben Wahrheit oder Lüge daheim ist, – denn jeder Mensch soll seines Glaubens leben, sterben und selig sein; alles andere überlassen wir denjenigen Mächten, die die Erde, die Sonne, den Mond und alle andern Gestirne geschaffen haben, und wider solche unsere Grundsätze hat noch nie ein weiser Mann eine Stimme gegen uns erhoben.
GEJ|10|242|8|0|Wir sind wohl allgemein bekannt als ein kriegerisches und äußerst tapferes Volk, und das römische Zepter gebietet jetzt mehr denn über halb Europa, halb Afrika und halb Asien; aber wir sind niemals mit unseren Waffen wider ein Volk ausgezogen, das uns in Ruhe gelassen hat. Aber so ein Volk uns zu bedrohen sich unterfangen hatte und Störungen bei uns in unserer Ruhe und Ordnung anzurichten begann, – über solch ein Volk fielen wir her mit einem wahren Löwenmut, besiegten es und machten es uns untertänig und zinsbar, so wie euch Juden und andere asiatische Völkerschaften bis an die Grenzen des großen Indien; aber was ihre Gottesverehrungen anbelangt, so haben wir sie alle, wie auch euch Juden, bei ihren Lehren belassen, und haben sogar in Rom, wie auch in Athen, Tempel für ihre Götter erbaut, was ihr Juden nicht getan habt.
GEJ|10|242|9|0|Wir können mit unserer großen Toleranz auch gefehlt haben; aber mir kommt es immer vor, daß auch unsere Toleranz in dieser Hinsicht in das Gebiet unseres Grundsatzes gehört, demzufolge man jedem das Seinige leisten und lassen soll. Alles, was darüber hinausgeht, soll einer höheren, göttlichen Weisheit anheimgestellt sein und verbleiben.
GEJ|10|242|10|0|Bist du, Jerusalemer, mit dieser meiner Ansicht einverstanden, so kannst du in unserer Gesellschaft reden, wie es dir gefällt; denn wir Römer sind für jede echte Wahrheit und Weisheit zugänglicher als jedes andere Volk der Erde, und bei uns wird ein wahrhaft weiser und verständiger Mensch gleich geachtet, ohne Unterschied des Glaubens in den transzendental-psychischen Sphären.“
GEJ|10|242|11|0|Sagte darauf der Pharisäer: „Mein lieber, freundlicher Wirt, ich habe schon mit so manchem Römer auch gesprochen, – aber ein freierer und vernünftigerer als du ist mir noch nicht untergekommen! Aber was möchtest du über unsere, in dieser Zeit sehr bedrohte Glaubenssache sagen?
GEJ|10|242|12|0|Es ist nämlich in Galiläa ein Mann aufgestanden, der sich bereits nahe an drei Jahre herumtreibt und überaus schmählich über uns drauflospredigt, dabei auch gewisse Zeichen nach Art der Essäer wirkt und alles Volk zu seiner Lehre bekehrt, indem er sich für einen Sohn Gottes ausgibt und etwa sogar aus der Schrift klar beweist, daß er der verheißene Messias sei. Und wir wissen nun nicht, was wir anfangen sollen.“
GEJ|10|243|1|1|243. — Die schlechten Absichten der Pharisäer
GEJ|10|243|1|0|Sagte darauf der Wirt: „Ich habe von diesem Manne auch schon reden hören, und er würde mir die höchste Freude machen, so er zu mir käme; denn ist er weiser und in allen Dingen kundiger als unsereiner, so kann ich von ihm gar vieles lernen; ist er das nicht, so höre ich ihn an und lasse ihn dann gehen, so wie er gekommen ist, und werde ihm höchstens sagen: Freund, wenn du nicht weiser bist, so kannst du mit deiner Lehre fein zu Hause bleiben und mit der Arbeit deiner Hände dich ehrlich ernähren! Aber wie ich gehört habe, so soll dein Galiläer, obschon ein Jude, überaus weise und wundermächtig sein, und er würde mich sehr beglücken, so er zu mir käme.
GEJ|10|243|2|0|Es sind bei mir schon gar viele Weise eingekehrt und haben nebst ihrer Weisheit auch so manche staunenswerte Wundermächtigkeit besessen, und siehe, da sitzt neben mir gleich ein erst heute aus dem Morgenlande angekommener Weiser mit Seiner hier am Tische sitzenden Gesellschaft! Ich habe Ihn freundlichst aufgenommen und will Ihn so lange beherbergen, als Er bei mir bleiben will. Tut ihr mit eurem Galiläer desgleichen, und er wird euch sicher dann nimmer schädlich sein! So ihr ihn aber verfolget und haßt, so wird er auch euch verfolgen, was ich auch ganz vollkommen recht finde. Ich bin aber im voraus überzeugt, daß er uns Römer nicht verfolgen wird, weil wir derlei erweckte Menschen hochachten und lieben. Hast du dieses verstanden, mein lieber Freund? Tue danach, so wirst du keine Feinde haben!“
GEJ|10|243|3|0|Sagte darauf der Pharisäer: „Auch wir Jerusalemer sind keine Feinde von hochgelehrten und gebildeten Männern, aber solche Gelehrte und Weise können wir durchaus nicht brauchen, die uns um unser Brot und Einkommen bringen wollen; denn es ist sogar auch ein römischer Grundsatz, daß man selbst leben, aber auch andere leben lassen solle.
GEJ|10|243|4|0|Wenn uns aber ein Weiser entgegentritt und verdächtigt uns beim ganzen Volke, so können wir solch eine Handlungsweise eines solchen Weisen nicht mit gleichgültigen Augen ansehen, und das schon besonders nicht, weil sich dieser Weise, soviel ich gehört habe, für einen Gottessohn ausgibt, dabei allerlei Kranke heilt und mit seinen Wundertaten das ganze Volk an sich zieht.
GEJ|10|243|5|0|Er soll zu öfteren Malen in Jerusalem gewesen sein und im Tempel gelehrt haben, und viele Tausende sind durch seine Reden und Taten von uns abgefallen und haben sich nach seiner Lehre gerichtet.
GEJ|10|243|6|0|Nun, derlei Sachen können wir Jerusalemer doch nicht mit gleichgültigen Augen ansehen! So er aber sagt, daß er ein Gottessohn sei, so widerspricht er offenbar unserer mosaischen Einheitgotteslehre; denn in unserem Gesetz heißt es: ,Du sollst nur an den allein wahren Gott glauben und neben Mir keine fremden Götter haben!‘ So aber er ein Gottessohn ist, da haben wir offenbar zwei Götter. Was sollen wir dann mit einer solchen Lehre machen, die unserer alten mosaischen Lehre widerspricht?
GEJ|10|243|7|0|Ihr Römer habt uns doch bei unserem alten Glauben gelassen, – der will ihn uns aber nehmen, und so haben wir einen Grund, ihn zu verfolgen.
GEJ|10|243|8|0|Es ist übrigens möglich, daß er wirklich ein neu aufgestandener großer Prophet ist, was unter den Juden zu öfteren Malen der Fall war, daß die Gottheit Männer im Geiste erweckt hat, die dem Volke voraussagten, was ihm bevorstehe, so es die Gesetze Gottes vernachlässige. Also sind dem Volke Verheißungen gemacht worden, so es zu dem alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zurückkehre, daß Gott besonders dem jüdischen Volke einmal einen Messias senden werde und es befreien von allerlei Knechtschaft und harter Bedrängnis.
GEJ|10|243|9|0|Das benutzt aber dieser Weise aus Galiläa auch und gibt sich für den verheißenen Messias aus, ist aber dabei aus Nazareth in Galiläa geboren, eines Zimmermanns Sohn, und wir wissen, daß er mit seinem bereits verstorbenen Vater und seinen Brüdern in dieser Sphäre etwa bei fünfzehn Jahre lang gearbeitet hat. Woher er übrigens seine Weisheit genommen hat und die Kraft, Wunder zu wirken, darüber können wir nichts Entschiedenes in Erfahrung bringen.
GEJ|10|243|10|0|Siehe, du mein lieber, freundlicher Wirt, darin liegen so die Hauptgründe, aus denen wir den Galiläer verfolgen! Denn wer uns zugrunde richten will, den wollen auch wir zugrunde richten, da wir am Ende doch stärker sind als er mit seinem ganzen Anhange.“
GEJ|10|244|1|1|244. - Die Kritik des Wirtes über die jüdische Priesterschaft
GEJ|10|244|1|0|Sagte darauf der Wirt: »Du hast zwar nicht übel geredet, aber ich muß dir hingegen doch die Bemerkung machen, daß wir reinen Römer als von euch bezeichnete Heiden von euch Jerusalemischen Priestern nie etwas besonders Gutes gehört haben! Denn ihr seid voll Hochmutes, voll Selbst- und Herrschsucht und verfolget jeden Menschen, der es wagt, euch mit der reinen Wahrheit unter das Gesicht zu treten, und ich bin sehr der Meinung, daß eure Propheten, die ihr selbst gesteinigt habt, weil sie euch die Wahrheit sagten, nicht unrecht hatten, euch ob eurer nicht sehr löblichen Eigenschaften den Untergang zu prophezeien.
GEJ|10|244|2|0|Denn vieles, was sie über euch zum voraus gesagt haben, ist meines Wissens eingetroffen, und ihr habt noch so manches zu erwarten, und das wird auch eintreffen. Denn euer Gotteskult besteht bloß darin, daß ihr einen Tempel habt, wohl ausgestattet mit allerlei Köstlichkeiten, einen Opferaltar und ein sogenanntes Allerheiligstes, versehen mit der sogenannten Bundeslade, die noch von Moses und Aaron herrühren soll, während ihr aber die alte hinwegschafftet und eine neue dahin gebracht habt, die ohne Kraft und Wirkung sein soll, was gar viele Römer wissen. Da frage ich als ein wahrheitsliebender Römer: Warum bleibet ihr denn nicht bei der Wahrheit und betrügt und belügt dafür das Volk, treibt es mit Gewalt in die Finsternis eines baren Aberglaubens, während ihr doch selbst nicht ein Jota davon glaubt, was ihr das Volk lehret?
GEJ|10|244|3|0|Wäre es denn nicht vernünftiger von eurer Seite, daß ihr, so ihr wahrgenommen habt, daß die alte Bundeslade die Kraft verloren hat, dem Volke gesagt hättet: "Unser Gott hat Seine Gnade von uns unserer vielen Sünden wegen genommen; daher tun wir alle eine rechte Buße und bitten Gott so lange, bis Er Sich in Seiner Gnade wieder unser erbarmt!"? Aber siehe, das habt ihr nicht getan; des weltlichen Wohllebens und der Weltehre wegen habt ihr lieber das Volk betrogen, als daß ihr euch samt dem Volke lieber wieder zu eurem Gott zurückgewendet hättet!
GEJ|10|244|4|0|Siehe, das ist bei uns Römern nicht der Fall! Es gibt zwar auch bei uns eine große Menge allerlei Aberglauben; aber ein wahrer Römer hält sich an die Wahrheit, und so er irgendeinen Menschen gefunden hat, der in allerlei Wahrheit tiefbewandert und eingeweiht ist, so nimmt er ihn freundlich auf und bereichert sich selbst mit den geistigen Schätzen des wahrheits- und weisheitsvollen Mannes.
GEJ|10|244|5|0|Die geistigen Schätze sind ja doch ums unvergleichbare mehr wert als die materiellen; denn alle materiellen Schätze sind vergänglich und verwesbar, doch die geistigen dauern fort und fort und schaffen Gutes unter den Menschen, und das Gute und Wahre soll sich daher unter den Menschen stets in steigender Progression (Zunahme) erhalten, solange diese Erde von Menschen bewohnt bleiben wird.
GEJ|10|244|6|0|So aber sich irgend menschliche Gesellschaften bilden, die sich aus Hochmut, Herrschsucht, Selbstsucht sowie auch aus Trägheit dem Guten und dem Wahren mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln entgegenstellen, so ist es leicht begreiflich, wie solche Menschen und das ihnen anhängende Volk von Tag zu Tag tiefer in die Finsternis herabsinken und jene von einer Gottheit erweckten Männer verfolgen, die es wagen, ihnen mit der Wahrheit entgegenzutreten, - und wie es mir vorkommt, so ist das bei euch Juden nicht jetzt erst, sondern seit gar lange her der wirklich sehr bedauerliche Fall gewesen, daß ihr alle jene Männer verfolgt habt, die bei euch die alten göttlichen Wahrheiten wieder haben einführen wollen.
GEJ|10|244|7|0|Wären wir Römer nicht so mächtig, wie wir sind, so hätte uns euer Hochmut und eure Herrschsucht schon lange aus dem Lande getrieben! Aber wir sind gegenwärtig ein großes und tapferes Volk, halten auch euren Moses und eure Propheten in Ehren; aber vor euch haben wir keine Furcht und verachten das an euch, was schon lange zu verachten war. Und ich will euch sagen, daß wir euch und eurem betrügerischen Spiel nicht mehr lange zusehen werden, und so wir wiederkommen werden, mit den Waffen in der Hand, da wird es euch nimmer so glimpflich ergehen, wie es euch damals ergangen ist, als wir zum ersten Mal in euer Land gedrungen sind und euch uns unterworfen haben.
GEJ|10|244|8|0|Denn so wir wiederkommen werden, so werden wir eurer Städte und Synagogen nicht also schonen, wie wir derselben früher geschont haben; daher erteile ich dir den Rat, weise und wahrheitsvolle Männer nicht zu verfolgen, sondern sie liebreich aufzunehmen, sie zu hören und sich dann danach zu richten, und wir werden dann leicht eines gleichen Sinnes werden.
GEJ|10|244|9|0|Ich wäre auf diesen Galiläer äußerst begierig und gäbe mein halbes Vermögen darum, so er mir die Ehre gäbe, diese meine Herberge zu besuchen! Und so bin ich denn der Meinung, daß ihr Jerusalemer desgleichen tun solltet, und es wäre für euch sicher besser, so ihr meines Sinnes und meines Wunsches wäret, den weisen Galiläer freundlichst aufnähmet, ihn anhören möchtet, dann aber auch tun, was er euch Gutes und Wahres gesagt hätte. Und ich sage dir, mein lieber Freund: Alles Gute und Wahre belohnt sich am Ende von selbst; das Gegenteil aber straft sich auch von selbst!
GEJ|10|244|10|0|Siehe, das sind so meine Ansichten, die ich mir durch meine vielen Reisen in unserem römischen Kaiserreich gesammelt habe! Bleibe du denn auch bei dieser meiner Ansicht und Bestrebung, so wirst du besser fahren, als so du bei deiner starren Verfolgungssucht verharrest und darin gegen jedermann, der mit deiner Ansicht darum unmöglich einverstanden sein kann, weil sie an und für sich grundfalsch ist, verbleibst und die weisen Männer, wo sie auch immer her seien, verfolgst, so wie sie auch beinahe alle deine Gefährten und Kollegen verfolgen! - Bist du mit mir einverstanden oder nicht?«
GEJ|10|244|11|0|Sagte der Pharisäer darauf ganz verlegen: »Mein lieber Wirt, du magst von deinem Standpunkte aus ganz recht haben: Die Wahrheit und das Gute soll man vor allem suchen, - aber wo ist es daheim? Am Ende ist und bleibt der Mensch doch immer auf irgendeinen Glauben beschränkt, und euren Isisschleier hat noch niemand gelüftet! Und so sind wir der Meinung, daß es besser sei, ein Volk bei einem systematisierten Glauben zu belassen - ob er in seinen Sätzen viel oder wenig Wahres enthält -, als es zu sehr mit neuen Wahrheiten bekannt machen zu lassen, die es am Ende doch nicht völlig fassen kann, dabei aber doch den alten Glauben verläßt und dann die alten Vorsteher des Glaubens zu hassen und zu verfolgen anfängt.«
GEJ|10|244|12|0|Sagte der Wirt: »Da bist du grundirrig daran! Wenn kein Mensch mehr die Wahrheit suchen wird, so geht alles Bestehende auf dieser Erde in eine Art Fäulnis und Verwesung über ....«
GEJ|10|244|0|0|(Mit diesen Worten bricht das Diktat Jesu, so weit es durch Lorber gegeben wurde, am 19. Juli 1864 ab. Jakob Lorber, der schon seit längerer Zeit kränkelte, verstarb am 23. August 1864.)
